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-The Project Gutenberg eBook of 3½ Monate Fabrik-Arbeiterin, by Minna
-Wettstein-Adelt
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: 3½ Monate Fabrik-Arbeiterin
-
-Author: Minna Wettstein-Adelt
-
-Release Date: October 19, 2021 [eBook #66573]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This file was produced from images
- generously made available by The Internet Archive)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN ***
-
-
-
-
- 3½
- Monate
- Fabrik-Arbeiterin.
-
- Von
-
- Frau Dr. Minna Wettstein-Adelt.
-
- [Illustration]
-
- Berlin 1893.
- Verlag von J. Leiser
- =N.O.= Barnimstraße 20.
-
-
-
- Meinem geliebten Mann, Herrn =Dr. jur.= _Oscar Wettstein_, gewidmet in
- herzlichem Dankgefühl für seine selbstlose Unterstützung in meinem
- Unternehmen.
-
- Die Verfasserin.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- Vorwort 1
-
- Einleitung 5
-
- 1. Kapitel. Die materielle Lage der Arbeiterinnen 8
-
- 2. " Nahrung und Kleidung der Arbeiterin 13
-
- 3. " Arbeit, Beruf, Vergangenheit 18
-
- 4. " Sittliche Zustände 24
-
- 5. " Sparsamkeit und Ehrlichkeit 35
-
- 6. " Die Ehe 42
-
- 7. " Die Stellung des Mädchens 48
-
- 8. " Seßhaftigkeit und Versicherung 52
-
- 9. " Wohnungen und Schlafstellen 56
-
- 10. " Religion 68
-
- 11. " Sozialdemokratie und Frauenfrage 71
-
- 12. " Vergnügungen 80
-
- 13. " Die Hausindustrie 88
-
- 14. " Stellenlos 91
-
- 15. " Verschiedenes 102
-
- Betrachtungen 106
-
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Meine nachstehenden Mitteilungen sind einem andern Motiv entsprungen, denn
-man annehmen wird; sie sollen lediglich ein Beitrag zur Frauenfrage sein,
-sie sollen die Bewegung auch in den unteren Schichten fördern.
-
-Als eifrige Kämpferin für unser gutes Recht habe ich vielfach Gelegenheit
-gehabt zu sehen, daß fast alle deutschen Frauen unter den Kämpferinnen,
-auch die tüchtigsten, die Kirche am Turm anfangen zu bauen, d. h., sie
-berücksichtigen bei ihrem Streben immer nur das Frauenstudium und die
-Gleichberechtigung mit dem Mann, ohne in die unteren Kreise hinabzusteigen,
-um die Frauen dort kennen zu lernen. _Auch ich will Gleichberechtigung
-mit dem Mann_; aber so lange Tausend und aber Tausend von Frauen in Elend,
-Knechtschaft und Verrohung schmachten, muß erst diesen geholfen werden,
-ehe man die _verhältnißmäßig_ noch gut dastehenden Oberen unterstützt.
-
-In meinen Bestrebungen hat mir, zwar indirekt, aber dennoch als
-Bahnbrecher, Paul Göhre, der Verfasser von »3 Monate Fabrikarbeiter
-und Handwerksbursche«, Verlag von Grunow, Leipzig, den Weg gewiesen; ihm
-verdanke ich die Idee, er war mein Pionier. Sobald der Plan in mir gereift
-war, gleich Göhre als Arbeiterin unter Arbeiterinnen zu leben, machte ich
-mich ans Werk, um ihn auszuführen. Da für mich -- in Berlin -- Spandau
-die nächste Fabrikstadt ist, so wandte ich mich an die Direktion der
-fiskalischen Betriebe, an eine Gewehr- und eine Pulverfabrik, mit der
-Bitte, mir daselbst Arbeit zu geben; allein mein Verlangen, ebenso ein
-Gesuch an den Herrn Kriegsminister, blieb unberücksichtigt. Aus welchen
-Gründen mir der Eintritt in jene Betriebe nicht gestattet wurde, kann
-ich nicht begreifen; daß die fiskalischen Betriebe irgend etwas in der
-Behandlung ihrer Arbeiterinnen zu verheimlichen hätten, kann ich mir nicht
-denken.
-
-Ich erhielt endlich, nach langen Bemühungen, Arbeit in einer Berliner
-Fabrik; allein dort konnte ich nicht das gewünschte Material finden, mir
-war es um eine _typische_ Arbeiterbevölkerung zu thun.
-
-Herrn Louis Gr. (Inhaber der Firma Gebrüder Gr.), dem Besitzer eines
-großen Strumpf- und Trikotagengeschäftes in der Königstraße, den ich
-als seine Kundin kennen und schätzen gelernt hatte, vertraute ich mich an,
-weil ich wußte, daß dieser Herr mit den größten Chemnitzer Fabriken
-in Geschäftsverbindung steht, und mir infolge dessen wohl ein Unterkommen
-vermitteln würde. Ich hatte mich nicht geirrt. In Herrn Grs. Empfehlungen
-hatte ich ein »Sesam, öffne Dich!« gefunden, das mir den Eintritt in
-die meisten Chemnitzer Fabriken verschaffte, sodaß ich nur zu wählen
-brauchte.
-
-Ich habe, im Gegensatze zu Paul Göhre, in vier Fabriken verschiedener
-Branchen gearbeitet, sowie in einer Fabrik auf dem Lande, um die
-Landarbeiterbevölkerung und die Hausindustrie kennen zu lernen.
-
-Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich jede Minute des Tages zur
-Arbeit verwandte, daß ich meine Gedanken beständig koncentrierte, um
-möglichst viel zu erfahren. Ich bin Abend um Abend, Sonntag um Sonntag mit
-meinen Arbeits-Genossinnen zusammengewesen, ich habe mit ihnen fast alle
-Vergnügungs- und Tanzlokale besucht.
-
-Trotzdem aber bitte ich, meine Betrachtungen nicht als ein _apodiktisches_
-Urteil über die Arbeiterinnen anzusehen; ich werde versuchen, stets
-objektiv zu bleiben, alles so zu schildern, wie ich es _vielfach, nicht nur
-hie und da_, gefunden habe, und bemerke noch, daß ich hier _nur_ von der
-sächsischen Arbeiterin spreche.
-
-Wenn auch mein Buch einen Sturm von Entrüstung bei denen hervorrufen wird,
-die seinerzeit Göhres Werk angriffen als »ein feiges Sicheinschleichen in
-das Vertrauen des harmlosen Arbeiters«, so bin ich doch getrost; ich
-habe jene _schweren_ Monate _nur zum Wohle meiner leidenden
-Geschlechtsgenossinnen_ durchgemacht. Ich allein kann es beurteilen, was
-ich in jenen Verhältnissen, die mir bis dahin gänzlich fremd gewesen,
-gelitten, wie bitter schwer es mir oft wurde, den traurigen Vergnügungen
-nachzugehen.
-
-Ich allein weiß es, wie manche Nacht ich vor Erschöpfung, vor
-übergroßer Ermüdung nicht einschlafen konnte, wie ich bei der schweren
-körperlichen Maschinenarbeit oft glaubte zusammenzubrechen.
-
-Nur die aufopfernde, treue Pflege meines Mannes, der mir als Beschützer
-stets in angemessener Entfernung folgte, nur sein aufmunternder Zuspruch,
-sein Anspornen, schützten mich oft vor der Rückkehr; ihm verdanke ich es,
-daß ich das Unternehmen bis ans Ende ausführte.
-
-Heute, wo ich diese Blätter hinaussenden kann in die Welt, erfüllt mich
-nur die reine Freude nach gethaner Arbeit, der lebhafte Wunsch, daß meine
-Mühe nicht umsonst gewesen sei.
-
-An meine gleichgestellten Mitschwestern aber richte ich die dringende
-Bitte: Erseht aus dem, was ich anführe, _wo_ Hilfe am dringendsten Not
-thut, laßt Euch diese Zeilen ein Wegweiser sein, um vorzudringen im Dunkel
-des Elendes, der teilweisen Verkommenheit jener Kreise. Ihr, die Ihr im
-Luxus und im Reichthum schwelgt, helft jenen, die das gleiche Recht auf die
-Lebensgenüsse haben, als Ihr, die aber oft ein Dasein führen, das eines
-Menschen unwürdig ist. Macht Euch auf und thut einmal _wirklich_ Gutes,
-das mehr Segen bringen wird, denn Bazare und Wohlthätigkeitskonzerte!
-Denn:
-
- »Nur der erringt sich Freiheit wie das Leben,
- Der täglich sie erobern muß!«
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Schon von Berlin aus hatte ich in einer der größten Chemnitzer
-Strumpffabriken Arbeit gefunden; nur der Besitzer und der Direktor des
-Betriebes wußten, wer ich war.
-
-An einem schönen Frühlingsmorgen machte ich mich zum ersten Mal, als
-Arbeiterin gekleidet, auf den Weg zur Fabrik. Hochklopfenden Herzens betrat
-ich die Comtoirräume, dem jungen Mann, der herablassend nach meinem Begehr
-frug, antwortend, ich sei vom Direktor als Arbeiterin engagiert worden. Der
-alsbald hinzugerufene Direktor führte mich durch mehrere Zwischengebäude
-in einen Saal im ersten Stockwerk der Hinterfront, wo die Hefterinnen
-beschäftigt sind.
-
-Ich wurde vom Aufseher, einem großen, hageren, aber noch ganz jungen
-Manne, an einen Tisch gewiesen, an welchem etwa fünfzehn Mädchen saßen
-und Herrensocken hefteten; der einen derselben wurde ich als Lehrmädchen
-übergeben. Meine Lehrmeisterin war äußerst wortkarg; sobald sie sah,
-daß ich ordentlich nähte, kümmerte sie sich nicht mehr um mich. Ich
-ließ die Dinge einfach an mich herantreten, weil ich nicht wußte, wie ich
-mich zu benehmen hatte.
-
-Mir gegenüber saß ein bildhübsches Mädchen -- übrigens die Hübscheste
-aus der ganzen Fabrik -- aber mit unsagbar frechem Gesichtsausdruck.
-Sie war die erste, die das Wort an mich richtete; sie frug mich, wie ich
-heiße, woher ich sei, wo ich wohne, was ich bis jetzt gearbeitet. Ich
-hatte mir ein Märchen schon vorher zusammengestellt. Als sie hörten, ich
-sei bis jetzt Putzmacherin gewesen, drängte sich jede freundschaftlich an
-mich, eine jede hatte einen Hut, den sie modernisiert haben wollte.
-Dieser Umstand hat mir Zutritt in alle Arbeiterfamilien verschafft, da ich
-manchmal an einem Abend zu vier oder fünf Mädchen ging, ihnen ihre
-Hüte ausputzte und dabei Einblick in ihre intimste Häuslichkeit gewinnen
-konnte.
-
-Schon nach Ablauf eines Vormittags hatte mir eine jede an unserm Tisch ihre
-Lebensgeschichte erzählt, alle Details über ihren Schatz gegeben. In der
-Mittagspause saßen wir bereits einträchtig zusammen; und die Freundschaft
-wurde noch größer, als ich für die ganze Corona zwei Flaschen Bier
-kommen ließ.
-
-Meine Arbeit war hier eine sehr leichte und angenehme, die Mädchen
-durchwegs reinlich, selbst hübsch gekleidet, der Ton ein derb-fröhlicher,
-ohne die Würze jener Roheiten und schamlosen Zoten, wie ich sie in allen
-anderen Fabriken noch hören mußte. Ich fand die ganze Art des Verkehrs
-der Arbeiterinnen untereinander und mit den Vorgesetzten _besser_
-und _höflicher_, denn man ihn in den Ateliers von Schneiderinnen,
-Weißnäherinnen und Putzmacherinnen zu finden gewohnt ist.
-
-Glücklicher Weise erging es mir in der _ersten_ Fabrik so gut, denn
-wenn ich gewußt hätte, was ich in den anderen Fabriken an Roheit und
-Gemeinheit in den Kauf nehmen mußte, wer weiß, ob ich die Flinte nicht
-doch noch ins Korn geworfen hätte.
-
-Ich habe aber, und das will ich gleich zu Anfang betonen, gefunden, daß,
-_je gröber und schwerer die Arbeit, je roher auch die Menschen waren_.
-Alle die Mädchen, mit denen ich in Handschuh- und Strumpffabriken
-arbeitete, _waren grundverschieden im Benehmen, wie in der Kleidung
-gegenüber denjenigen, die Maschinenarbeit verrichteten_.
-
-Die Krone der Verkörperung aller sittlichen Roheit aber fand ich bei den
-Arbeiterinnen in Spinnereien; solch unglaubliche Dinge, wie ich sie dort
-erlebt und gehört habe, hatte ich bis jetzt nicht für möglich gehalten.
-
-Die zweite Fabrik in die ich eintrat, war eine Weberei, wo die Mädchen
-ausschließlich an Maschinen, und zwar an großen, schweren Maschinen
-arbeiteten. Hier, wie auch in den beiden Spinnereien, in die ich nachher
-kam, fand ich die eigentliche typische Fabrikarbeiterin mit allen den
-schlechten Seiten, die man ihr im Volksmund anhängt. Die Landarbeiterinnen
-waren wieder grundverschieden von den letzteren, es war eine eigene Spezies
-mit dem lockeren Sittenbegriff der Spinnereiarbeiterinnen und dem besseren
-Benehmen und der besseren Kleidung der Strumpfarbeiterin. Auch diejenigen,
-die die Hausindustrie vertreten, sind wieder ganz besondere Klassen von
-Arbeiterinnen, umsomehr als es lediglich Familienmütter, überhaupt
-verheiratete Frauen sind.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Die materielle Lage der Arbeiterinnen.
-
-
-Auch hier muß ich betonen, daß ich im Gegensatz zu Göhre, nicht in
-_einer_ Fabrik und noch weniger in _einem_ Saal gearbeitet habe; so oft
-ich die Arbeiterinnen der einen Abteilung gründlich kannte und von ihnen
-nichts Weiteres zu »lernen« war, verständigte ich den Direktor, der mich
-alsbald in einer anderen Abteilung unterbrachte. So kam es, daß ich in
-3½ Monaten mehr sah und hörte, als andere Arbeiterinnen in einem Jahre
-erfahren würden.
-
-Fast alle meine Arbeitsgenossinnen waren aus Chemnitz gebürtig oder doch
-wenigstens aus Sachsen; in der ganzen langen Zeit fand ich _nicht eine_,
-die aus einer andern Provinz Deutschlands stammte. Deswegen auch betonte
-ich in meinem Vorwort, daß ich _nur von der sächsischen Arbeiterin_
-spreche.
-
-Ich fand ganze Familien in derselben Fabrik, den Vater als
-Maschinenmeister, Portier oder Hausknecht, Söhne und Töchter, Neffen,
-Nichten und Tanten als Fabrikarbeiter.
-
-Am schlechtesten wurden die Frauen in der Strumpffabrik gezahlt, wo man
-überall auf Accord arbeitete. Hier verdienten die Hefterinnen z. B.
-wöchentlich 5-6 Mark im Durchschnitt, und wenn viel sogenannte Brechwaare
-(Strümpfe, die zusammengefaltet, nicht zusammengeheftet werden) in einer
-Woche hergestellt wurden, so verdienten wir wöchentlich 2,50-3 Mark.
-Natürlicher Weise saßen wir dann stundenlang müßig da; die meisten
-aber schienen für solche Fälle gewappnet zu sein, denn sie führten
-eine Handarbeit bei sich, meist Häkeleien oder Spitzen in schmutzigstem
-Zustande.
-
-In der großen Saison sollen aber die tüchtigen Hefterinnen bis zu 9 Mark
-pro Woche verdienen. Für 10 Dutzend Strümpfe erhielten wir 19 Pfennige;
-wer am frechsten war und den aus der Appretur kommenden Mädchen die
-meisten Strümpfe abnahm, hatte immer Arbeit. An meinem Tische z. B. gab
-es ein bleiches, mageres, eben erst aus der Schule entlassenes Mädchen,
-das wegen seiner Habgier allgemein verhaßt war; sie hatte immer einige
-Dutzend Strümpfe vor sich liegen, von denen sie aber auch nicht ein
-Dutzend den andern abgetreten hätte; und doch vernaschte diese ihren
-halben Verdienst. Eine junge Wittwe dagegen, die unmittelbar neben mir saß
-und zwei kleine Kinder zu Hause hatte, trat mir oft ein oder zwei Dutzend
-ihrer Strümpfe ab, weil sie glaubte, ich sei in großer Not.
-
-An einem Mittwoch Nachmittag kam der Aufseher an unsern Tisch und erklärte
-uns in dürren Worten, wir seien für diese Woche entlassen, da nur
-Brechware in Arbeit sei. Ach, welcher Jammer herrschte da! Die meisten
-hatten erst 60 Pfennige bis zu 1,20 Mark verdient und sollten ihre 4
-bis 6 Mark Kostgeld wöchentlich entrichten. Besonders jene Wittwe war
-äußerst unglücklich; sie hatte seit vierzehn Tagen nur Kommisbrot und
-schwarzen, bitteren Kaffee genossen, der den Namen Kaffee mit Unrecht
-führte, und nun fehlte ihr selbst dies.
-
-Auch ich spielte die Niedergeschlagene, so gut ich konnte; und da will ich
-gleich einer kleinen rührenden Episode gedenken, die ich an jenem Tage
-erlebte. Die Mädchen in den andern Sälen hatten von der Entlassung der
-Hefterinnen gehört und standen nun gruppenweise beisammen, über die
-schlechten Zeiten schimpfend, die auch ihnen den Erwerb nehmen konnten. Als
-ich an ihnen vorüber die Treppe hinunterging, rief mich die eine, ein mir
-bis dahin gänzlich fremdes Mädchen, an: »Sie sind wohl jetzt auch
-in Not?« meinte sie teilnehmend; »Sie haben gewiß Ihr letztes Geld
-ausgegeben, um hierher zu kommen, und nun finden Sie nicht einmal
-Verdienst, das ist hart! Ich habe selber nicht viel, aber etwas kann
-ich Ihnen schon borgen, vielleicht giebt Ihnen eine andere auch noch was
-dazu.« Damit griff sie in ihre Kleidertasche und reichte mir -- einen
-Nickel! Ich war sprachlos vor Rührung und nahm nur stumm das Geldstück,
-das ich ihr am nächsten Zahltag wieder zurückgab. --
-
-Gleich darauf traf ich im Hofe mit einer anderen Hefterin zusammen, die
-mir den Vorschlag machte, mit ihr zu gehen und uns auf Zeitungsinserate
-hin Arbeit zu suchen. Ich willigte nur zu gern ein; allein in beiden
-Strumpfgeschäften, wo wir anfrugen, erhielt ich -- glücklicherweise --
-abschlägigen Bescheid, während meine Begleiterin im zweiten Geschäft zur
-Aushülfe angenommen wurde.
-
-Die Hefterinnen waren diejenigen, die am schlechtesten standen; die
-übrigen: Sortiererinnen, Wäscherinnen und Stopferinnen verdienten im
-Durchschnitt 8 Mark in der Woche, die Mädchen, die in der Appretur
-beschäftigt waren, bis zu 10 Mark; das war aber das höchste und selten
-anzutreffende, da die Arbeiterinnen in der Appretur meist jahrelang dort
-arbeiten müssen, ehe sie diesen Lohn erhalten. Allgemein aber wurde auf
-Akkord gearbeitet, was die Fleißigen lebhaft befürworteten, die Faulen
-murrend in den Kauf nahmen.
-
-Unter diesen Umständen natürlich herrschte eine ewige Borgerei unter den
-Mädchen; mehr als 15 Pfennige aber verborgte keine. In vielen Fällen
-verborgten sie auch ihr Mittag- oder Vesperbrot, d. h. wer zu viel
-hatte, borgte einer andern Brot oder Kartoffeln, wofür diese am nächsten
-Zahltage 3 bis 7 Pfennige entrichtete.
-
-In der Weberei, in welcher ich Beschäftigung gefunden hatte, herrschte
-erst seit kurzer Zeit das System der Akkordarbeit; es schien bei allen
-lebhaften Beifall zu finden, weil die Mädchen dadurch bedeutend mehr
-verdienen konnten; merkwürdigerweise waren eben diese rohen und
-frechen Weberinnen ganz bedeutend fleißiger, denn die gesitteteren
-Handarbeiterinnen.
-
-Es wurde dort an jedem Dienstag ausgezahlt, immer aber nur für die
-vollendete Arbeit, d. h. für den Ballen gewebten Stoffes, der meist eine
-Länge von 3, 9 oder 12 Metern hat. Fehlte auch nur ¼ Meter am fertigen
-Ballen, so mußte die Arbeiterin bis zum nächsten Zahltag warten.
-Hierüber herrschte Erbitterung, zeitweise sogar offene Rebellion; dann
-gingen die Kecksten zum Aufseher, und wenn dieses nichts fruchtete,
-zum Direktor, dem sie schimpfend und schreiend ihre Sache vortrugen.
-Gewöhnlich wurde ihnen dann mit Kündigung gedroht, sie gingen murrend zur
-Arbeit zurück -- und alles blieb beim alten! An einen Streik dachten sie
-gar nicht; so oft ich auch den Wütendsten zu streiken vorschlug, es war
-nichts mit ihnen zu machen. Sie knirschten in ihrem Joch, aber sie hatten
-nicht den Mut, offen vorzugehen.
-
-_Und das eben mache ich den arbeitenden und erwerbenden Frauen Deutschlands
-zum schweren Vorwurf, daß sie sich alles bieten lassen, daß sie
-wohl einzeln, nicht aber alle vereint offen gegen unhaltbare Zustände
-auftreten. Und doch macht nur die Einigkeit stark._
-
-In den Webereien verdienten die Mädchen durchschnittlich 10 bis 12 Mark
-pro Woche, ja, meine Nachbarin auf der Webemaschine, die außerordentlich
-geschickt und fleißig war, verdiente bis zu 18 Mark wöchentlich. Sie
-webte gewöhnlich Teppiche von 1 Meter Breite nach türkischem Muster, und
-davon im Tage 4 bis 5 Meter, je nach der Einfachheit des Musters. Sie war
-aber auch stets die letzte, die den Saal verließ und die erste, die wieder
-arbeitete. Die Landarbeiterinnen sind merklich besser daran, denn die
-andern; fast alle Mädchen nehmen hier 10 bis 18 Mark pro Woche ein
-und geben gewöhnlich den Eltern 2 Mark Kostgeld. Die meisten dieser
-Arbeiterfamilien besitzen ein eigenes Häuschen, aus 2 Stuben, 1 Kammer
-und 1 Küche bestehend; so fällt die Sorge für den teuren Mietszins weg
-und erleichtert wesentlich das Budget des Haushaltes.
-
-Die Hausarbeiterinnen sind gewöhnlich Handschuhstepperinnen, die bei 6-
-bis 8stündiger Arbeit 2 bis 8 Mark verdienen. Meist sind es Frauen, die
-schon als Mädchen in der Fabrik gearbeitet haben und nun, durch eine
-Horde hungriger Kinder zum Erwerben wieder gezwungen sind. Fleißige Frauen
-unterhalten den Haushalt oft auf diese Weise zur Hälfte, ja im Winter,
-wenn die Männer zeitweise arbeitslos sind, vollständig allein.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Nahrung und Kleidung der Arbeiterin.
-
-
-Wir hatten in allen Fabriken einen sogenannten Speisesaal, einen großen,
-im Souterrain gelegenen feuchtkalten Raum mit nackten Wänden und
-Steinboden, in dem eine Reihe der primitivsten hölzernen Bänke vor
-ebensolchen Tischen standen. Im Hintergrunde dieses »Saales« steht ein
-riesiger alter Herd, auf dem eine meist sehr unappetitlich aussehende Frau
-den Arbeiterinnen das von Hause mitgebrachte Essen wärmt. Die meisten
-bleiben über Mittag in der Fabrik, nur wenige der verheirateten Frauen,
-wohl solche mit kleinen Kindern, eilen heim, um Punkt 1 Uhr abgehetzt und
-weniger erholt als _vor_ der Mittagspause an die Arbeit zu gehen.
-
-Kaum ertönt die Fabrikuhr in ihren so heiß ersehnten zwölf Schlägen, so
-wird wie durch einen Zauberschlag alles still; mit einem letzten keuchenden
-Aufpusten stehen die Maschinen und die Triebräder unbeweglich da. In den
-ersten Tagen erschrak ich jedesmal von der Stille, die im Saale herrscht,
-nach jenem nervenzerrüttendem sechsstündigen Gerassel, Gepolter und
-Geschrei.
-
-Dann eilen alle hinab, um ihr Essen zuerst aus dem heißen Herd heraus zu
-erbeuten; bei schönem, sonnigen Wetter setzten wir uns zur Mittagsmahlzeit
-in den Hof, auf den Erdboden, auf eine Wagendeichsel, eine alte Tonne oder
-Kiste, kurzum auf das, was uns gerade erreichbar war.
-
-Der Hauptkontingent hatte nichts weiter, denn einen Topf Kartoffeln oder
-Reisbrei mit, etliche hatten Nudeln, Graupen oder Erbsen; _Fleisch habe ich
-in der ganzen Zeit auch nicht bei einer einzigen gesehen_. Diejenigen, die
-den größten Luxus trieben, aßen zu ihren Kartoffeln zwei Eier oder einen
-Häring, aber auch dies nur am Zahltag. Ein sehr beliebtes Essen bildete
-ferner trockenes Kommisbrot und eine saure Gurke; die Mädchen verzehrten
-unglaubliche Quantitäten dieses Brotes und teilten die Gurke gewöhnlich
-so ein, daß sie noch zur Vesper langte; auch wurde viel Kartoffelsalat
-gegessen, der keine weiteren Zuthaten aufweisen konnte, denn Essig und
-Zwiebeln. Als Getränk figurirte Milch, Buttermilch und Kaffee, ein
-gräulich riechender grünlicher Aufguß von Cichorie. In den letzten Tagen
-_vor der Löhnung_ wurde zur Mittagsnahrung _vielfach_ nur solcher Kaffee
-mit Kommisbrot genossen, auf das die meisten ungeheure Quantitäten Salz
-streuten.
-
-Merkwürdig aber ist es, daß die meisten ihr Brot lieber trocken essen,
-ehe sie Schmalz darauf streichen, wie es doch in den besten Berliner
-Bürgerkreisen Sitte ist. Wenn sie das Geld zur Butter nicht erschwingen
-können, so essen sie ihr Brot, wie schon erwähnt, mit Salz oder Zucker
-bestreut. Bei solcher Nahrungsweise und bei der schweren Arbeit ist es
-nicht zu verwundern, daß die Mädchen in der Frühstücks- und in der
-Vesperpause die gleiche Menge Brot verzehren, wie Mittags.
-
-Ich habe auch in Arbeiterfamilien gegessen; die Nahrungsweise war die
-gleiche, wie im Fabriksaal bei den Mädchen, womöglich wurde sie noch
-hastiger, mürrischer und unzufriedener eingenommen, je mehr Kinder
-vorhanden waren, die nicht genug bekommen konnten.
-
-In den sogenannten Arbeiterkneipen fand ich _niemals_ eine Arbeiterin, nur
-arbeitsloses, verkommenes weibliches Gesindel.
-
-Auch in der städtischen Speiseanstalt, wohin ich öfter ging, waren sehr
-wenig Arbeiterinnen zu finden, größtentheils Hausiererinnen, Bettlerinnen
-und Landstreicherinnen. Es herrscht unter den Frauen eine Art Schamgefühl,
-das städtische Speisehaus zu betreten, trotzdem dort die besten
-männlichen Arbeiter gern verkehren.
-
-Man erhält daselbst für 10 Pfennige eine Schüssel Graupen oder Erbsen,
-ungefähr 1 Liter im Inhalt, für 15 Pfennige ein Stück Corned beef
-dazu, für 20 Pfennige außerdem einen Teller Suppe. Die Portionen sind
-außerordentlich reich bemessen, werden aber von den Besuchern unglaublich
-schnell verschlungen.
-
-_Keine Arbeiterin bekennt sich zum Vegetarismus, sie würden alle gern
-Fleisch essen, wenn sie die Mittel dazu hätten._
-
-Ich habe das mit Genugthuung beobachtet; denn wenn die Arbeitenden zur
-Mittagsmahlzeit eine Fleischquantität bekämen, derjenigen der Soldaten
-gleich, so würden sie nicht _beständig_ so hungrig sein, immer bereit,
-neue Berge von Brot und Kartoffeln zu verzehren.
-
-Vielfach holen die Arbeiterfrauen, deren Männer zur Mittagszeit nach Hause
-kommen, in den Hotels sogenannte Abfälle, meist noch recht gute Fleisch-
-und Geflügelreste, mit Kartoffeln und Sauce vermengt, die sie gleich
-gewärmt erhalten, und direkt zum Arbeitsplatz des Mannes tragen, wo sich
-inzwischen auch die Kinder eingefunden haben. Diese Art der Mittagsmahlzeit
-hat insofern ihr Gutes, als die Leute Fleisch bekommen, zusammen speisen
-können und die ganze Familie beisammen ist.
-
-Dabei muß ich aber hervorheben, daß die Arbeiterinnen bedeutend besser
-essen _könnten_, wenn sie nicht alles an ihre Kleidung wenden würden,
-aber sie verzichten lieber auf jede menschenwürdige Nahrung, um sich einen
-modernen Hut, ein hübsches Kleid oder einen Sonnenschirm zu kaufen, ja, am
-Sonntag tragen die meisten Glacéhandschuhe!
-
-Während der Woche sind sie ganz einfach gekleidet, Rock und Bluse,
-Sonntags aber unterscheidet man sie größtentheils in nichts von den
-Bürgermädchen, da sie dann auch ein ganz anderes Benehmen zur Schau
-tragen, denn in der Woche. Sie sehen auf gutes Schuhwerk, leider aber gar
-nicht auf gute Wäsche. Sehr viele besitzen überhaupt nur zwei Hemden,
-wovon das eine immer in der Wäsche ist, während sie das andere tragen.
-
-Es fiel mir ferner auf, daß sie nicht viel auf Schmuck geben, dafür aber
-um so mehr auf Haarpfeile und Kämme; so manche, die ich näher kannte,
-aß sich die ganze Woche hindurch nicht satt, um sich einen Haarpfeil aus
-Aluminium kaufen zu können. Selbstverständlich darf man hier den Mädchen
-weder mit Vorwürfen, noch mit Indignation oder stummem Mitleid über ihre
-Dummheit entgegentreten; _hier ist allein thatkräftige Aufklärung am
-Platze_.
-
-In den Handschuh- und Strumpffabriken kommen und gehen die Mädchen in
-derselben Kleidung, die sie während der Arbeit tragen; in den Webereien
-jedoch, wo Staub und Schmutz regieren, ziehen sich die Mädchen
-vollständig um; Röcke, Taillen, Schürzen und Schuhe werden gewechselt,
-um die Haare schlingen sie ein Tuch. Obgleich die Bestimmung in jeder
-Fabrikordung aufgenommen ist, daß die Arbeiterinnen sich _nur_ im
-»Garderobenzimmer« anziehen dürfen, thun es die Wenigsten. Mit der
-größten Ungeniertheit entkleiden sich viele bis aufs Hemd, über ihre
-eigene Kleidung Witze machend.
-
-Schon um ½12 und um ½6 Uhr fängt eine jede an, Toilette zu machen; jede
-einzelne ist im Besitz eines Spiegels und eines Kammes. Die Mädchen geben
-alle sehr viel auf die Frisur, vor Feierabend kämmen sie ihr Haar, stecken
-es vor dem Spiegel sorgfältig auf und harren, meist mit dem Körbchen in
-der Hand, des Glockenschlages sechs; gewöhnlich sind sie schon zum Thor
-hinaus, wenn die Maschinen anfangen still zu stehen. Kommt zufällig der
-Aufseher oder der Direktor noch durch die Räume, so huschen sie schnell
-an ihre Maschinen und heucheln die Fleißigen; dieser aber kennt seine
-Getreuen und ohne Verweis geht es selten ab.
-
-Ich kam im Anfang in meiner gewöhnlichen Arbeitertracht zur Fabrik, aber
-schon am ersten Abend hatte ich wunde Füße, dermaßen strengte mich
-das Stehen vor den Maschinen an; Pantoffeln sind hier einfach
-unentbehrlich. --
-
-Im höchsten Grade überrascht aber war ich bei meinem Eintritt in die
-Fabrik auf dem Lande. Die Mädchen sind hier gut, ja teilweise so hübsch
-und adrett gekleidet, daß die Städterinnen nimmer einen Vergleich mit
-jenen aushalten könnten. Abgesehen von den hübschen, oft zartfarbigen
-Blousen, von den gutgearbeiteten, modernen Röcken, den kleinen
-Schürzchen, haben die meisten fein frisierte Haare und Locken-Devants,
-Kämme und Spangen, ja, _viele tragen zur Taille passende Schleifen im
-Haar_.
-
-Auch ihr Benehmen ist ein viel besseres, denn das der Chemnitzerinnen, der
-Ton ein feinerer; es machte mir den Eindruck, als sei ich mit einer Schar
-Ballettänzerinnen zusammen, die arm aber doch gutgekleidet sind und
-frivole, wenn auch nicht roh gemeine Witze machen. Einen besseren Vergleich
-konnte ich nicht finden.
-
-Überhaupt bildete die Unterhaltung der Landmädchen eine Kette von
-pikanten Abenteuern, zweideutigen Witzen, wie sie in den Kasinos der
-Herren Lieutenants Mode sind, und von Abenteuern der Kameradinnen, die sich
-durchwegs im Gebiet des Zweideutigen bewegten.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Arbeit, Beruf, Vergangenheit.
-
-
-Die Arbeiterinnen in allen Fabriken, in denen ich war, hatten entweder
-vom 14. Jahre an in der Fabrik gearbeitet, das waren die tüchtigen,
-ordentlichen Mädchen, oder es waren entlassene Dienstmädchen; eine andere
-Vergangenheit hatten die wenigsten.
-
-Diejenigen, die früher gedient hatten, waren meist durch unsittlichen
-Lebenswandel, Faulheit oder andere schlechte Eigenschaften zur Fabrikarbeit
-gelangt, die ihnen, wenn auch ein elenderes, so doch ein freieres Leben
-gestaltete; _sie lieferten das Heer der verkommenen, rohen Arbeiterinnen_.
-Diejenigen, die, ich möchte sagen aus traditionellen Arbeiterfamilien
-stammten, arbeiteten sich oftmals auf, so daß sie eine Art Carriere
-machten; sie fingen in der niedrigsten Stellung an und endeten schließlich
-als Directrice mit Monatsbesoldung von 100 bis 120 Mark. Dann spielen
-sie die Damen, behandeln ihre früheren Kolleginnen herablassend und
-hochmütig, und scheinen durch nichts an ihre frühere »Niedrigkeit«
-erinnert werden zu können. Im allgemeinen herrscht zwischen den beiden
-Parteien offene Feindschaft; die echte Arbeiterin sieht das frühere
-Dienstmädchen größtenteils als eine verkommene Existenz an, über die
-sie sich erhaben fühlt. Das Dienstmädchen wieder hat beständig die
-»feinen« Leute im Mund, bei denen sie gedient und durch welche sie alles
-besser wissen will, was »feine« Leute thun. Aus diesem Grunde kam es
-öfters zu Streitigkeiten, ja, selbst zu Thätlichkeiten.
-
-Die Maschinenarbeiterinnen sehen mit gewisser Geringschätzung auf die
-Strumpf- und Handarbeiterinnen herab; sie sehen in ihnen mehr Näherinnen
-und Stopferinnen, denn richtige Arbeiterinnen. Diese wieder reden
-verächtlich von der Maschinenarbeiterin, die die schwere und schmutzige
-Arbeit verrichten muß; selbst wenn sie Stellung in einer Weberei fänden,
-sie würden sie nicht annehmen.
-
-Thatsache aber ist es, daß die Strumpf- und Handschuharbeiterinnen bei
-weitem nicht so viel und so schwer zu schaffen haben, als die andern, daß
-sie bequemer und fauler sind und lieber wochenlang stellenlos bleiben, denn
-eine andere Arbeit annehmen.
-
-In den Strumpf- und Handschuhfabriken arbeiteten wir in schönen, luftigen
-und hellen Sälen; jede hatte ihren Tisch und ihren Platz, die Arbeit war
-leicht, teilweise sogar unterhaltend. Wir unterhielten und neckten uns,
-die Zeit verging schnell und, den Verhältnissen angemessen, angenehm. Ganz
-anders aber ist es in den Webereien. Hier arbeiten die Mädchen elf Stunden
-täglich in einer Staubatmosphäre, die mir am dritten Tage meines dortigen
-Aufenthaltes einen tüchtigen Lungenkatarrh verschaffte; kleine Flocken von
-der aufgedrehten Wolle füllen die Luft, setzen sich auf Kleider und Haare,
-fliegen in Nase und Mund; die Maschinen müssen alle 2 Stunden abgekehrt
-werden; der Staub wird von den Mädchen eingeatmet, da sie die Fenster
-nicht öffnen dürfen. Dazu kommt der fürchterliche, nervenzerrüttende
-Lärm der rasselnden Maschinen, daß der Sprecher sein eigenes Wort nicht
-hört. Wer nicht in den höchsten Tönen schreit, kann sich nicht mit
-seiner Nachbarin verständigen. Die Mädchen haben aber auch durchweg
-schreiende, nervösmachende Stimmen; selbst wenn im Saale alles still
-wird, nach Feierabend, auf den Straßen, zu Hause, nie sprechen sie ruhig
-zusammen wie andere Leute, ihre Unterhaltung ist ein ewiges Geschrei, das
-bei Uneingeweihten den Eindruck hervorruft, als stritten sie miteinander.
-
-Es ist wirklich ein Wunder, daß so manche der Mädchen noch so blühend
-und frisch aussehen, daß sie noch Lust haben, während der Arbeit laut zu
-singen, und zwar _innige Volkslieder_.
-
-Mit unglaublicher Keckheit greifen die Mädchen mitten ins Getriebe der
-Maschinen, holen das blitzschnell hervorschießende Schiffchen heraus und
-legen ebenso schnell das volle Schiff hinein; Unglücksfälle kamen, so
-lange ich dort war, nicht vor und sollen auch seit Menschengedenken nicht
-vorgekommen sein.
-
-Viele jener Mädchen arbeiten mit Lust an der Sache, besonders solche, die
-kleinere Teppiche oder einzelne abgepaßte Vorhänge weben und den Fortgang
-des vollendeten Musters verfolgen können. Ihre Maschine lieben sie, wie
-man einen treuen Hund liebt; sie putzen sie glänzend rein, binden an die
-Seitenbarren bunte Bänder, Heiligenbildchen und allerlei Flitterkram, den
-sie während des Sommers auf dem Schützenplatz vom Schatze bekommen haben.
-
-Die Mädchen arbeiten schwer, sehr schwer, so manche erzählte mir, wie
-sie in den ersten vier Wochen ihrer Arbeitszeit zusammengebrochen ist vor
-Anstrengung, wie die meisten monatelang an Lungen- und Halskrankheiten
-leiden, bis sie den Staub gewöhnt sind. Dazu kommt die schlechte,
-erbärmliche Nahrung, die kurzen Ruhestunden in Räumen, die den Namen
-»Wohnung« nicht verdienen -- und trotz allem bleiben die Mädchen
-fröhlich, gesund, munter, lebenslustig!
-
-Ich habe das immer mit Bewunderung gesehen; _ich_ hätte das nicht auf die
-Dauer ausgehalten. Ich konnte meistenteils von Morgens bis Abends nichts zu
-mir nehmen, denn Kaffee; erst am Abend eilte ich, zu Tode erschöpft, ins
-Hotel, um mit Mühe und Not etwas kräftige Nahrung zu genießen. Ich fand
-das Leben jener Mädchen so entsetzlich traurig, so monoton, Jahr aus, Jahr
-ein dasselbe Einerlei, dieselbe Arbeit bei schlechtem Lohn, das gleiche
-schlechte Essen -- und doch die zähe Zuversicht zum Leben, die Freudigkeit
-auf die Zukunft!
-
-Es durfte keine daran denken, bei heftigem Kopf- oder Zahnweh die
-Arbeit einzustellen und sich auszuruhen, auch nicht eine viertel Stunde
-Verspätung wurde geduldet, wollte sich die Betreffende nicht einen sehr
-empfindlichen Strafabzug am Wochenlohn gefallen lassen.
-
-_Hier sollten sie einmal eingreifen ins volle Menschenleben, jene Gegner,
-die da behaupten, die »schwachen« Frauen könnten nichts leisten und
-würden niemals andauernd und hingebend einen Beruf erfüllen! Hier werden
-ihre Behauptungen glänzend zu Schanden! Oder gelten diese überhaupt nur
-für die Berufe, wo die Konkurrenz der Frau dem Manne gefährlich werden
-kann?_ --
-
-Man unterschätze aber auch nicht die Arbeit der Teppichweberinnen,
-_sie ist nichts weniger, denn eintönig und schablonenhaft_. Bei den
-komplizierten türkischen Mustern muß die Weberin die Sekunde erfassen, wo
-die Spulen in verschiedenen Farben gewechselt werden, _sie muß denken und
-kombinieren, berechnen und aufpassen und alle ihre Gedanken konzentrieren.
-Diese Arbeit erfordert weit mehr Gedankenarbeit und Pflichtbewußtsein,
-denn die Häkelarbeiten und Stickereien, die Hunderte von Mädchen der
-besseren Kreise Jahr aus, Jahr ein anfertigen in Erwartung des erlösenden
-Ritters._ --
-
-In den meisten Fabriken fängt die Arbeit um ½7 Uhr an, von 8-8½ Uhr
-ist Frühstücks-, von 12-1 Uhr Mittagspause; um 4 Uhr wird 20-30 Minuten
-Vesperpause gehalten, um dann bis zum Feierabend um 7 Uhr zu arbeiten.
-Sonnabends ½6 Uhr wird die Arbeit eingestellt, um den Arbeiterinnen bis
-6 Uhr Zeit zu lassen ihre Maschinen gründlich zu reinigen und zu ölen;
-am Montage wird eine halbe Stunde später angetreten, wohl weil die
-Mädchen durchwegs Katzenjammer vom Sonntag her haben.
-
-Wie ich schon erwähnte, sind Unglücksfälle eine Seltenheit, _Unfälle
-bei der Arbeit_ dagegen sehr häufig. So passierte es meiner Nachbarin,
-daß ihr infolge zu schwachen Andrückens der Spule in das Schiff, dieses
-im vollsten Betriebe heraussprang und sämtliche Fäden, die Grundlage zum
-Teppich, zerriß; sie war zu Schadenersatz verpflichtet, d. h. sie mußte
-sämtliche Fäden wieder anknüpfen, eine Arbeit, die sie _drei volle_ Tage
-in Anspruch nahm und wofür sie keinen Lohn erhielt. Ihre Verzweiflung war
-eine grenzenlose, alle Mädchen, die im gleichen Saale beschäftigt waren,
-sprangen herbei und halfen der fassungslos Schluchzenden. Ein ander Mal
-zerbrach die eine die Feder ihres Betriebes; durch die freundliche Hilfe
-des Aufsehers aber wurde der Schaden repariert, ehe der Direktor ihn
-bemerkt hatte. Auch die Handschuh- und Strumpfarbeiterinnen müssen
-manchmal Schadenersatz zahlen, doch ist dies hier ein selten vorkommender
-Fall, da ruinierte Sachen sich leicht unter der guten Ware verbergen
-lassen.
-
-Was jedoch an Fabrikeigenthum ruiniert wird, ist unglaublich; die
-Spulerinnen ruinieren täglich eine Menge Wollsträhnen; sobald ein Strang
-sich ein klein wenig verwickelt hat, werfen sie ihn in den Lumpen- und
-Abfallsack, der an jeder Maschine hängt, und greifen zu einem neuen
-Strang. Auch die Tricotarbeiterinnen verschneiden eine Masse schönen
-Stoffes, der dann einfach beseitigt wird. So kam es kürzlich in einer
-Chemnitzer Weberei vor, daß die Aborte der Fabrik durch hineingeworfene
-Spulen verstopft waren, und die Landwirte den Inhalt als Dung
-zurückwiesen, _weil er zu viel Tricotstoff enthielt_. Eine einzige dortige
-Fabrik verkaufte im vorigen Jahre allein für 15.000 Mark Lumpen, die,
-wenn die Stoffe nicht leichtsinnig verschnitten würden, kaum auf die halbe
-Höhe des Preises kämen. Leider muß ich gestehen, daß sehr viele
-der Mädchen mit einer schlecht unterdrückten Schadenfreude das
-Fabrikeigenthum ruinieren, und daß das nicht die Anfängerinnen, sondern
-mehr die besseren Arbeiterinnen, teilweise die Directricen sind. Als ich
-anfangs jeden Stoff- und Wollfetzen ausnutzen wollte, wurde ich mit
-Schimpf und Spott als »fabrikfreundlich« verlacht und von der jeweiligen
-Directrice sogar grob angefahren; wie zuckte es mir oft in den Fingern,
-wenn ich ein Stück Tricotstoff nutzlos zerschneiden mußte, aus dem man
-einem dreijährigen Kinde ein Unterkleid hätte anfertigen können!
-
-Und hier komme ich auf das, was ich schon häufig in Aufsätzen und
-Artikeln betonte: _wenn Mädchen mit guter Bildung, aus guter Familie und
-mit disciplinarischem Ordnungssinn eine passende Ausbildung fänden,
-die sie befähigt, die Stellung einer Fabrikdirectrice oder Inspektorin
-anzunehmen, es würde nicht allein einer Menge stickender und häkelnder
-Mädchen, elend verkümmernder Gesellschafterinnen und Erzieherinnen
-geholfen, sondern die Fabrikanten selber hätten in jenen Damen wirkliche
-Stützen. Dann würde vielleicht der schmachvolle Zustand aufhören, daß
-Männer Frauen beaufsichtigen, leiten, auszahlen -- und unterdrücken._ Das
-ist es eben, was meine Genossinnen im Kampfe um Gleichberechtigung von Mann
-und Frau vergessen: _daß die Frau der oberen Stände nicht frei werden
-kann, so lange die Frau der unteren Kreise durch Männer geleitet,
-befehligt und »beaufsichtigt« wird_! --
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Sittliche Zustände.
-
-
-Ich habe in Bezug auf die Sittlichkeit in vielen Punkten gerade das
-Gegenteil von dem gefunden, was Göhre fand. Ich halte hauptsächlich seine
-Behauptung von der freien Liebe der Männer, der notwendigen Treue aber
-der Frauen, für unrichtig. Gerade die Sittenzustände habe ich auf das
-eingehendste studiert, weil sie mir das wichtigste Kapitel erschienen.
-
-Wenn von Treue der Frauen und Liebesfreiheit der Männer gesprochen wird,
-so ist damit selbstverständlich das verheiratete Contingent gemeint; fast
-überall -- und ich habe _genaue_ Informationen angestellt -- bleiben sich
-Mann und Frau _beide_ in der Ehe treu oder _ein jedes_ geht seiner Wege.
-Daß es natürlich auch Ausnahmen giebt, will ich nicht bestreiten, aber
-diese sind thatsächlich so selten, daß sie kaum der Erwähnung bedürfen.
-
-Die Frauen bringen häufig ein uneheliches Kind mit in die Ehe, oft auch
-zwei; fast immer aber sind es Kinder desjenigen, den sie heiraten. Die
-Mädchen erzählen in der Fabrik ganz harmlos von ihrem Kinde, wenn es ein
-Zähnchen bekommen hat oder krank ist; teilnehmend hören die anderen zu,
-es fiele keiner ein, darin eine Unsittlichkeit zu sehen. Man verkehrt zwar
-nicht mehr gern mit jenen männerlosen Müttern, aber _lediglich deswegen,
-weil die Mütter unehelicher Kinder, und seien sie noch so jung, ernster,
-weniger vergnügungs- und putzsüchtig sind und einen Hang zum solideren
-Leben zeigen_. Sonntags gehen sie vielfach mit dem nett geputzten Kinde und
-dem Schatze spazieren, stolz sieht ihnen von der Hausthür aus die Mutter
-nach.
-
-Die Arbeiterinnen leben vielfach im Concubinat mit Arbeitern; so war die
-eine in unserm Saal drei Jahre mit einem Webermeister in Dresden, ein Jahr
-mit einem Heizer in Zwickau und zur Zeit ein halbes Jahr mit einem Spinner
-in Chemnitz vereint; Kinder waren jedoch nicht vorhanden.
-
-Ebenso frei und derb, wie die Arbeiterinnen in der Liebe sind, zeigen sie
-_tiefe und ernste Empörung für jede gewerbsmäßig betriebene Unzucht_,
-und ganz speziell für solche Mädchen, die sich an »feine Herren«
-vergeben. Der Schatz schenkt ihnen Garderobe, Schmuck, Wäsche, _bezahlen
-aber lassen sie sich ihre Liebe nicht, es muß bei freiwilligen Geschenken
-bleiben_.
-
-Hierin liegt ein Zeichen, daß diese Leute den geschlechtlichen _freien_
-Verkehr _aus Liebe_ nicht für unsittlich, sondern für _natürlich_
-halten, für _Befriedigung eines Naturtriebes, der nie zum Erwerb
-herabsinken darf_.
-
-Ich kannte eine, die bis vor kurzem bei einem Arzt gedient hatte, wegen
-nächtlichen Umhertreibens mit Soldaten jedoch entlassen worden war; sie
-war stets hübsch gekleidet, trug echte silberne Schmucksachen und aß
-besser, denn alle anderen. Auch auf Accordarbeit angestellt, kam es
-ihr nicht darauf an, ein oder zwei Tage zu fehlen, sie arbeitete mit
-sichtlicher Nonchalance. Es war mir gleich am ersten Tage aufgefallen, daß
-alle mehr oder minder grob mit jener Blonden waren; sie tranken nicht aus
-dem gleichen Krug mit ihr und wollten nie etwas von deren Speisen, trotzdem
-gerade diese immer reichlich damit versehen war. Ich frug meine Nachbarin
-nach der Ursache dieses sonderbaren Benehmens. »Ach,« meinte sie
-geringschätzend, »die Lydia ist ein Lumpenmensch, die geht mit
-Lieutenants, der ist's nicht ums Arbeiten zu thun!«
-
-_Ueberhaupt herrschte eine allgemeine Abneigung gegen das Militär, ganz
-speziell gegen gemeine Soldaten und Lieutenants_; was dazwischen liegt,
-wird weniger scheel angesehen, _weil die Möglichkeit vorliegt, von einem
-Unteroffizier oder Sergeanten geheiratet zu werden_.
-
-Geradezu fanatisch aber ist ihr Haß gegen »Tintenwischer«, wie sie
-_Schreiber_ und _in Bureaux arbeitende Kaufleute_ nennen.
-
-Ich erinnere mich, daß uns eines Morgens eine ältere, etwa 30jährige
-Arbeiterin eine zündende Moralpredigt hielt und mit den Worten schloß:
-»Aber das sag' ich Euch, ein ordentliches Fabrikmädel weiß, was sie sich
-schuldig ist, die giebt sich mit keinem solch verdammten Tintenschlecker
-ab; nicht einmal aufgucken müßt Ihr, wenn Ihr sie auf der Straße seht,
-Eure Röcke müßt Ihr zusammenhalten, damit Ihr nicht Tinte von den
-Lausbuben d'ran bekommt. Waschen thun sie sich nicht, die Tinte schleckern
-die Hungerleider von ihren Pfoten, aber einen Klemmer tragen sie doch. Ich
-sag's Euch, lieber den schmutzigsten, schwärzesten Arbeiter, als solch
-einen niederträchtigen Faullenzer und Schleicher!«
-
-Ich konnte die Abneigung jener Mädchen gegen die jungen Kaufleute recht
-wohl begreifen, ja, _so lange ich Arbeiterin war, teilte ich sie voll und
-ganz. Ich mache jenen Leuten hier den Vorwurf, daß sie größtenteils
-Schuld an der Demoralisation der Arbeiterinnen sind und daß sie, wenn
-die Arbeiterin ihnen nicht zu Willen sein will, diese durch Intrigue,
-heimtückische Verleumdung beim Direktor, boshafte Unterdrückung und
-Chikanen_ #der Sozialdemokratie in die Arme treiben#, _umsomehr, als das
-gesamte sozialdemokratische männliche Fabrikpersonal die Mädchen besser,
-höflicher und menschenwürdiger behandelt_, als es die anderen thun.
-
-Am fünften oder sechsten Tage meiner Arbeit in einer der Fabriken kam
-es vor, daß eine der Directricen eine Unregelmäßigkeit im Notieren
-der fertigen Ware gemacht hatte; alsbald erschien ein Angestellter des
-Comptoirs, einer der besseren Buchhalter, um die Sache zu untersuchen. Er
-war ein großer, wohlgenährter Mann anfangs der Dreißiger, mit rotblondem
-Haar und kühn aufgewirbeltem »Lieutenantsschnurrbart«, mit goldenem
-Zwicker und goldener Uhrkette. Seine glasigen, wasserblauen Augen musterten
-mit »Kennerblick« jedes einzelne Mädchen auf empörend freche Weise;
-er mußte aber auch, was ich zu meiner Freude bemerkte, so manche nichts
-weniger denn schmeichelhafte Bemerkung über seine Person in den Kauf
-nehmen.
-
-Als er an meinem Platz angelangt war, blieb er stehen, stemmte die Hände
-in die Seiten und betrachtete mich auf das eingehendste; ich fühlte, wie
-mir das Blut heiß zu Kopfe stieg, ich bebte. Plötzlich drehte er sich um
-und sagte in befehlendem Tone zur Directrice: »Suchen Sie in Ihrem Buche
-nach, wie es mit dem Fehlen der Sachen steht, und schicken Sie mir dann den
-Bescheid durch dieses Mädel ins Comptoir.« Damit deutete er auf mich und
-ging.
-
-Nun brach's von allen Seiten los, Arbeiterinnen und Directricen hielten mit
-der Arbeit inne, eine jede erging sich in lebhaften Beschimpfungen über
-den Buchhalter.
-
-»Na,« sagte mir die eine, »der hat jetzt ein Auge auf Sie geworfen,
-der wird's Ihnen unten schon sagen, was er will. Aber haben Sie nur keine
-Angst, sagen Sie ihm, daß Sie eine ordentliche Arbeiterin und keine
-Ladenmamsell sind, daß Sie so einen, wie er ist, alle Tag' bekämen und
-daß Sie mit Ihrem Schatz spazieren gehen wollen, nicht aber nur zu ihm in
-die Wohnung kommen. So hat er's jeder gemacht, die neu hierher kam und die
-nicht gerade ausschaut, wie eine Nachteule!«
-
-Ich stimmte lebhaft bei und erging mich in allerlei Erörterungen, was ich
-ihm alles sagen würde.
-
-»Was,« schrie eine erbost dazwischen, »so fein berlinisch dürfen Sie
-nicht sein! Mir hat er's auch 'mal so gemacht! Sauhund, verdammter, hab'
-ich ihm g'sagt, paß auf, daß ich dich Nachts nicht mal erwisch! Aber dem
-Direktor hat er doch nichts gesagt!«
-
-»Und mir,« rief eine hübsche Brünette, »mir hat er fünfzig Pfennig
-geben wollen! Ich hab' sie aber hingelegt und hab' ihm g'sagt, daß es mir
-auch ohne ihn zu 'ner Bemme langt!«
-
-Mir war bei der ganzen Sache nichts weniger denn angenehm zu Mut, es war
-mir zu peinlich, mit jenem Menschen mich einlassen zu müssen; ich machte
-mich auf gemeine Zumutungen gefaßt und traute mir selber nicht recht, daß
-ich nicht doch aus der Rolle fallen und grob werden würde.
-
-Eine halbe Stunde später trat ich ins Comptoir; der Blonde saß vor einem
-Schreibtisch, sah sich nur flüchtig um und kommandierte: »Kommen Sie
-'mal her!« Ich trat näher; er kniff mich leicht in die Wange und sagte
-herablassend: »Sie hatten wohl noch keinen Schatz, daß Sie so erröten;
-ich will es einmal mit Ihnen probieren, Sie können mein Schatz werden. Sie
-können mich Sonntag Nachmittag um 2 Uhr in meiner Wohnung, S--straße,
-besuchen; wir machen dann einen Ausflug nach der Pelzmühle. Sie können
-doch Nachts von Hause wegbleiben?«
-
-Ich bejahte.
-
-»Gut,« meinte er, »dann kommen Sie pünktlich, ziehen Sie sich hübsch
-an, wenn möglich eine etwas _dekolletierte Taille_. Wo wohnen Sie denn?«
-
-Ich nannte, bebend vor Zorn und kaum fähig, länger stehen zu bleiben,
-irgend einen Straßennamen, der mir einfiel.
-
-»Um Himmels Willen, das ist ja verrückt weit,« sagte er ärgerlich,
-»da müssen Sie in meine Nähe ziehen, ich werde dafür sorgen. Gehen Sie
-jetzt, aber sagen Sie den andern nichts davon, _die sind neidisch_.«
-
-Er wollte mich um die Taille fassen, aber ich war schon zur Thür hinaus;
-draußen lehnte ich mich an die Wand, Thränen traten mir in die Augen vor
-Scham und Zorn.
-
-Ganz geschäftsmäßig hatte er die Sache behandelt, er _frug_ nicht
-einmal, ob ich sein Schatz werden _wolle_, er beorderte mich einfach zu
-sich, wie eine Sklavin.
-
-Es tobte in mir, ich zitterte an allen Gliedern, es war mir unmöglich,
-gleich hinauf zu gehen; schließlich schlich ich in den Hof und setzte mich
-auf einen Schutthaufen. Wenn _er_ da drinnen geahnt hätte, wie ich hier
-mit geballten Fäusten saß, in ohnmächtigem Zorn, nur darauf sinnend,
-_wie_ ich mich rächen könne an ihm im Namen aller meiner Genossinnen. Ich
-ahnte damals nicht, daß ich ihm zurückgeben würde mit Zinseszinsen, was
-er mir gethan; hoffentlich zehrt er an dieser Erinnerung!
-
-Als ich mich endlich aufraffte und wieder den Arbeitssaal betrat, wurde ich
-mit lautem Hurra empfangen.
-
-»Na,« spöttelte die eine, »Sie sind aber lange geblieben, Sie haben
-wohl gleich einen Abstecher in seine Wohnung gemacht!«
-
-Ich erzählte ihnen den Sachverhalt.
-
-»Der Lump, der Hund, der erbärmliche Tropf!« hieß es an allen Ecken
-und Enden. »Hätten Sie ihm ins Gesicht gespuckt,« rief ein rabiater
-bisheriger Küchendragoner, »der Kerl meint, jede thät sich die
-Finger darnach lecken, wenn er einem 'nen Schmatz giebt mit seiner
-Lieutenantsschnauz! Reservelieutenant ist er wohl auch!«
-
-Und nun ging's wieder über das Militär und die Kaufleute los in
-unglaublichen Ausdrücken der Wut und Geringschätzung. Man denke sich nun
-ein armes, alleinstehendes Fabrikmädchen, das in die Hände eines solchen
-Schurken gegeben ist! Folgt sie ihm _nicht_, so kann sie sicher sein, in
-wenigen Tagen durch Intriguen so zu leiden, daß sie gehen _muß_, wird
-sie nicht gleich entlassen. Wo sollen jene Mädchen die moralische
-Kraft hernehmen, um mit mutiger Stirn dem Elenden zu widerstehen? _Wer
-unterstützt sie, wenn sie aus Moral brotlos geworden sind?_ Der Staat
-sicherlich nicht!
-
-Man spricht so viel, hauptsächlich die Gegner der Frauenbewegung, daß die
-Frau von der Natur aus schon unter den Schutz des Mannes gestellt sei.
-O, über dies heuchlerische Glaubensdogma des männlichen Schutzes! Wer
-schützt die armen Fabrikmädchen vor Ausbeutung, Überanstrengung und
-vor der Willkür ihrer Vorgesetzten? Hier mögen sie einmal antreten, jene
-heldenhaften Cavaliere, jene Männer, die da der Frau als dem »schwachen
-Geschlecht« ihren »männlichen Schutz« angedeihen lassen wollen, die es
-aber nur dann thun, wenn die Frau hübsch, jung und _reich_ ist, mit einem
-Wort, wenn ihr »Schutz« ihnen die Möglichkeit bietet, eine »gute«
-Partie zu machen! Merkwürdig, daß die Herren Theologen, die ihren
-Nächsten lieben wollen wie sich selbst, nicht _hier reformierend_
-eingreifen, statt für die Negerkinder in Afrika zu wirken. »Warum in die
-Ferne schweifen, sieh', das »Schlechte« ist so nah!« --
-
-Ein ähnliches Abenteuer hatte ich in der letzten Fabrik, in der ich
-arbeitete; dort war ein junger Prokurist, _der wußte, wer ich war_ und
-infolge dessen freundlicher mit mir war, als mit den anderen Mädchen. Am
-dritten Tage frugen mich ein paar in der Mittagspause: »Haben Sie schon
-Kost und Logis?« Ich verneinte. »Na,« meinten sie dann, »der X. ist ja
-so freundlich mit Ihnen, der wird Sie wahrscheinlich in seinem möblierten
-Zimmer aufnehmen, dann sparen Sie viel, denn dem kommts auf ein paar Mark
-nicht an.«
-
-Sie waren darüber auch nicht etwa empört, sondern ganz traurig, daß
-ihnen nicht dies »Glück« zu Teil wurde; _und das waren Arbeiterinnen auf
-dem Lande_. --
-
-Ein jedes Mädchen, sei es nun lahm oder hinkend, hat einen Schatz, schon
-mit sechzehn Jahren gewöhnlich; wer keinen Schatz hat, muß ganz unsagbar
-häßlich sein oder irgend ein körperliches Gebrechen aufweisen, das
-ihm dies verbietet; sonst sind Mädchen »ohne Anhang« ein Ding der
-Unmöglichkeit.
-
-_Treue in der Liebe ist ihnen ein unbekannter Begriff_; ist der Schatz
-beim Militär, verreist oder längere Zeit krank, so nehmen sie flugs einen
-anderen.
-
-Sie sehen eben im Schatz nur den Begleiter zu Vergnügungen, zum Tanz, den
-Beschützer und vor allem -- denjenigen, der ihnen Schmuck, Bänder und
-andere Dinge schenkt und bei allen Vergnügungen für sie zahlen muß.
-
-An Heirat von Seiten des Schatzes denken sie gar nicht, trotzdem dies oft
-vorkommt.
-
-So rief es allgemeines Erstaunen hervor, daß einer der Inspektoren eine
-Arbeiterin heiratete, kurze Zeit ehe er Vater werden sollte; man sah dabei
-in ihm weniger den Ehrenmann, als den Gutmütigen. --
-
-Bei den Handarbeiterinnen wurden selten rohe, d. h. gemeine Witze gemacht;
-es waren mehr derbe Scherze, die auf naive Art angebracht wurden.
-
-In den Webereien hingegen überboten sich die Arbeiterinnen in schamlosen,
-wahrhaft bestialisch rohen Witzen und Erzählungen, wie ich zuvor in meinem
-ganzen Leben nichts ähnliches gehört hatte.
-
-Größtenteils waren diese Vorkommnisse derart, daß sie nicht
-wiederzugeben sind; und wer hier am cynischsten und schmutzigsten war,
-_das waren die verheirateten Frauen_. Neben mir saß eine etwa 30jährige,
-kinderlose Frau, die so unglaublich verkommen war, daß sie, sobald ihr
-etwas von Seiten ihrer Gefährtinnen nicht paßte, aufstand, ihre Röcke
-emporschlug und einen gewissen Körperteil zeigte, während sie dazu ganz
-unglaubliche Redensarten führte.
-
-Dieses Vorkommnis war noch eines der alleranständigsten! Ich fand hier
-eine sittliche Verkommenheit und Roheit, die nicht zu beschreiben ist, die
-meisten dieser Mädchen schienen jedes Schamgefühles bar.
-
-Alle die, in denen ein besserer Funke steckt, halten es hier nicht lange
-aus, gewöhnlich kehren sie in Dienste zurück oder sie suchen andere
-Arbeit.
-
-Man kann sich ein Bild von der Sittlichkeit der Mädchen aus folgendem
-Vorkommnis machen.
-
-Mir war an einem der Tage nicht ganz wohl und suchte ich mehrere Male die
-Retirade auf. Als ich zum dritten Mal eintreten will, stürmt eine der
-Directricen auf mich zu, reißt mich am Arm herum und fährt mich an: »Sie
-S..... Sie, was haben Sie den ganzen Tag auf dem Abort zu thun, Sie haben
-wohl von Ihrem Schatz von gestern noch nicht genug!« (Der vorhergehende
-Tag war ein Sonntag gewesen.)
-
-Wenn ich je in meinem Leben vollständig jede Geistesgegenwart verloren
-habe, so war es da; ich starrte die Person entsetzt an und war so
-vollständig verblüfft, daß ich mich nicht vom Fleck rühren konnte. Ich
-hatte nur ein Gefühl unsäglichen Ekels vor der Directrice, die sich nicht
-entblödete, _als Mädchen_, vor allen umstehenden Arbeitern, _so etwas_ zu
-sagen.
-
-Dies passierte mir am letzten Tage meiner Arbeiterinnenzeit, gerade da, als
-ich glaubte, alles was es an Gemeinheit und Verkommenheit giebt, erlebt zu
-haben. Ich danke dem Himmel, daß es nicht am ersten Tage war!
-
-Auf dem Lande waren die Arbeiterinnen wieder manierlicher und keineswegs
-roh, was ich auch wieder in Einklang bringe mit meiner Behauptung, daß die
-Maschinenarbeit verrohend und entsittlichend wirkt, die Handarbeiterinnen
-jedoch immer sanfter, _äußerlich_ wenigstens gesitteter bleiben. --
-
-Ich hatte, um mir das Vertrauen und die Zuneigung der Mädchen zu erwerben,
-ab und zu zwei zu irgend einer Volksbelustigung eingeladen. Die Mädchen
-benahmen sich nett, unauffällig und ruhig, waren in Essen und Trinken
-bescheiden und dankten mir jedesmal herzlich. Sie drängten sich vielfach
-an mich, um eingeladen zu werden; hinterher aber erfuhr ich, daß sie
-sich geäußert hatten: »Die Hertzog (Minna Hertzog war mein Name als
-Arbeiterin) muß einen reichen Schatz bei den Lieutenants haben oder sie
-geht mit allen; wenn wir das wüßten, gingen wir nicht mehr mit ihr!«
-Auch nur annähernd die Wahrheit aber ahnte keine einzige. -- Schon der
-Umstand, daß ich eine Uhr besaß, war in ihren Augen ein Beweis für meine
-zweifelhafte Moral.
-
-Sie hatten sich natürlich sofort darnach erkundigt, ob ich einen Schatz
-besitze.
-
-»Ich hatte einen,« erklärte ich.
-
-»Ach, bei den Soldaten?« frug eine Neugierige.
-
-»Nein,« meinte ich, um als Gattin eines =Doctor juris= wenigstens in der
-»Branche« zu bleiben, »er war Gerichtsschreiber.«
-
-Aber da kam ich gut an.
-
-»Uh,« schrieen alle, »ein Federfuchser, ein geschniegelter Laffe! Na,
-da nimmt's uns nicht Wunder, daß Sie auch so die Feine spielen! Wollen Sie
-sich hier keinen neuen Schatz suchen?«
-
-Ich bejahte ziemlich unsicher, weil ich nicht wußte, ob und wie sie das
-aufnehmen würden. Aber das schien ihnen zu passen; eine jede hatte in
-ihrer Verwandtschaft einen Bruder, Vetter oder Schwager, der »schatzlos«
-war, der zu mir »prächtig« paßte, mit dem ich schon auskommen würde,
-der nicht knauserte u. s. w., und den sie mir nun in der verlockendsten
-Weise beschrieben, mir seine Vorzüge schilderten und sich freuten, daß
-ich ihnen bald so »nahe« treten würde.
-
-Eine Frau, eben jene Witwe, von der ich schon zu Anfang meiner Broschüre
-sprach, hatte einen Bruder, der Schönfärber war, und den ich schon oft
-bei ihr gesehen und gesprochen hatte. Den schlug sie mir nun auch vor
-und fügte hinzu: »Gleich, wie er Sie das erste Mal sah, meinte er, Sie
-könnten sein Schatz werden. Und mein Bruder ist kein solcher, der Sie
-sitzen läßt, er hat noch kein Mädel gehabt, und wenn Sie es schlau
-anfangen, heiratet er Sie vielleicht.« Dann erzählte sie mir von seinem
-Einkommen, von seiner Solidität, und schien zuletzt schon die Gewißheit
-zu haben, daß ich ihre Schwägerin würde.
-
-Arme Frau! Diejenige, die einmal Deine Schwägerin wird, erwartet wohl ein
-gleich elendes Dasein, wie das Deine! --
-
-Teilweise wurde ich auch gefragt, ob ich ein Kind habe; ich hatte es
-immer verneint, bis zu meinem Aufenthalt in der letzten Fabrik, wo ich der
-Wahrheit gemäß von meinem dreijährigen Töchterchen berichtete. Als ich
-angab, daß es in Kost sei, waren die meisten sehr ungehalten darüber;
-eine gute Mutter, sagten sie, behielte ihr Kind bei sich, und wenn sie es
-auch nur am Abend zu Gesicht bekäme. Gerade bei einem unehelichen Kinde,
-wo der Vater fehle, müsse man es doch erst recht bei sich behalten. --
-
-An der einen Fabrik, in der ich arbeitete, hatten wir die Kaserne als
-nächsten Nachbarn; natürlich war die Mannschaft immer bereit, uns ihre
-Aufmerksamkeiten zuzuwenden, trotzdem meine Genossinnen sie gar nicht
-beachteten; gewöhnlich fiel unsere Frühstückspause mit irgend
-einer Pause in der Kaserne zusammen. Die Soldaten, und noch mehr die
-Unteroffiziere, standen dann am Gitter mit einigen irgendwo erbeuteten
-Nelken oder anderen Blumen in der Hand, die sie derjenigen reichten,
-die ihnen am besten gefiel; so bot mir einmal drei Tage nacheinander ein
-schwarzlockiger Unteroffizier Nelken an, die ich ebenso oft zurückwies.
-Es war mir äußerst unangenehm, in den Leuten den Glauben zu erwecken, als
-könnten sie mit der Zeit von mir Begünstigungen erfahren; ich wies sie
-deswegen ab, so oft es von vornherein anging, ohne den Argwohn der Mädchen
-zu erregen.
-
-Am Abend desselben Tages suchte mich eines der Mädchen aus der Appretur
-auf und bat mich, ihr doch den Unteroffizier abzutreten, falls ich ihn
-nicht wolle; ihr bisheriger Schatz sei jetzt in Dresden Soldat und sie
-möchte doch gern bis zum nächsten Schützenfest einen neuen Begleiter
-haben. Ich habe sie auch Tags darauf dem Unteroffizier »vorgestellt«,
-aber seit der Zeit ließ er sich nicht mehr blicken. --
-
-Im allgemeinen aber will ich auch hier wiederholen: man muß die
-Arbeiterinnen nicht alle auf einen Haufen werfen, man muß sie streng, _je
-nach ihrem Beruf_, trennen. _Hier giebt es keine goldene Mittelstraße, nur
-entweder grenzenlose sittliche Verkommenheit oder ein Benehmen, das bei
-dem Mangel an Bildung und gutem Umgang der Mädchen geradezu
-bewunderungswürdig anständig zu nennen ist._
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Sparsamkeit und Ehrlichkeit.
-
-
-»Sparen bringt ein goldnes Alter«, heißt ein altes Sprüchwort; wenn wir
-dies auf die Fabrikarbeiter anwenden wollten, so müßten diese in
-ihren alten Tagen durchwegs betteln gehen; denn sie kennen den Begriff
-Sparsamkeit überhaupt nicht.
-
-Die Mädchen leben eigentlich nur für den Sonntag, sie sparen sich die
-ganze Woche alles Notwendige am Essen ab, um sich ein hübsches Kleid zu
-kaufen, sie essen lieber die ganze Woche trocknes Brot, um des Sonntags
-Bier zu trinken.
-
-Trotzdem sprechen sie mit großer Begeisterung vom Sparen, sie wollen alle
-einmal damit anfangen, aber keine einzige führt es aus. Sie haben auch
-nicht den geringsten häuslichen Sinn, sie leben in den Tag hinein,
-unbekümmert um das, was die Zukunft ihnen bringen wird; haben sie Geld, so
-geben sie aus, haben sie keins, so hungern sie.
-
-Der Sonntag ist für sie ein Tag des Geldausgebens, mit einem Spaziergang
-ins Feld hinaus würden sie sich in keinem Fall begnügen. So kam ich
-einmal zu einer sehr armen Arbeiterfamilie, von der ich genau wußte, daß
-sie seit Wochen kein Fleisch gekostet hatten; es war herrliches Maiwetter,
-ich frug den Mann erstaunt, weshalb sie nicht alle ausgingen.
-
-»Pah,« meinte er, »wir haben kein Geld! Ehe ich mit Frau und Kindern vor
-_einem_ Glase Bier sitze, bleibe ich zu Hause. Die Kinder wollen trinken,
-man kriegt Durst vom Weg, am Automaten wollen sie auch nicht vorüber, ohne
-einen Nickel hineingeworfen zu haben; wenn man nur Luft kneipen will, kann
-man zu Hause bleiben, da hat man 's ebenso!«
-
-Und triumphierend ob dieser philosophischen Weisheit, sah er sich in dem
-engen, übelriechenden, feuchten Hof um.
-
-Auch bei den Mädchen ist es Norm, daß sie lieber zu Hause bleiben, als
-nur spazieren zu gehen.
-
-Es ist natürlich kein Wunder, daß die Mädchen, wenn sie in die Ehe
-treten, schlechte Hausfrauen werden; sie konnten sich als Mädchen mit
-ihrem Verdienst nicht genug thun, wie viel weniger erst, wenn sie für
-andere mitsorgen sollen!
-
-_Es ist dies ein großes, wichtiges Kapitel in der Frauenbewegung_, die
-Mädchen jener Kreise, die am schnellsten, häufigsten und in größter
-Armut heiraten, zur Sparsamkeit, zur Ordnung und zur Häuslichkeit
-anzuhalten; hier müßten überall, nicht nur vereinzelt, Abendschulen
-gegründet werden, in denen die Mädchen in allen häuslichen Arbeiten
-unterrichtet werden und wo sie vor allem bei sparsamer Einteilung
-ordentlich kochen lernen; denn nirgends hängt der eheliche Frieden so
-sehr vom Magen des Mannes ab, als gerade in jenen Kreisen; man bedenke nur
-einmal, _wie_ die verheirateten Arbeiter oft essen, lediglich durch die
-völlige Kochunkenntnis der Frauen, die dem Manne, der elf Stunden schwer
-gearbeitet hat, einen halbgaren Brei ohne Salz und Schmalz vorsetzt, den
-der wohlgenährte Hofhund der Fabrik verschmähen würde.
-
-Die guten, sparsamen Familienväter rauchen Pfeifen aus
-Billigkeitsrücksichten; wer weniger darauf sieht, raucht Cigarren, meist
-zu 3 Pfennige pro Stück, was trotzdem aber die Haushaltungskasse stark in
-Anspruch nimmt.
-
-Der Mann behält in den meisten Fällen 2-3 Mark vom Wochenlohn für sich
-zurück, d. h. er deckt damit seine Bedürfnisse an Bier und Cigarren. In
-diesen Kreisen ist _das Rauchen_ ein _sozialer Schaden_; es hemmt zuweilen
-den Aufschwung einer ganzen Familie.
-
-So unglaublich das auch klingen mag, so will ich es hier doch durch ein
-kleines Beispiel beweisen.
-
-In einer Familie, wo das dritte Kind eingetroffen war, sollte für die
-beiden größeren ein gemeinsames Bett angeschafft werden zum Preise
-(Bettgestell mit allem Bettzeug) von Mk. 12. Allein die Mittel langten
-nicht, trotzdem der Händler wöchentliche Abzahlung von nur Mk. 3
-beanspruchte. _Der Mann aber rauchte auf Abzahlung Cigarren, wofür er
-wöchentlich Mk. 2 (!!) brauchte._
-
-»Aber so rauchen Sie doch einmal den dritten Teil von dem, was Sie
-rauchen, oder Pfeifen,« riet ich dem Manne. »Dann könnten Sie ganz gut
-jede Woche 2 Mark abzahlen, wenn Sie obendrein nur Wasser und kein Bier
-trinken!«
-
-Der Mann liebte seine Kinder, wie wenige Arbeiter, aber das Rauchen konnte
-er doch nicht lassen -- und das Bett wurde nicht gekauft. Kurze Zeit darauf
-bekam das älteste Kind Diphteritis, dann das jüngste, _das die Krankheit
-erhalten hatte, weil es in demselben Bett mit den anderen liegen mußte_.
-Beide Kinder starben, nur das mittelste konnte erhalten bleiben; jetzt
-hat es sein eigenes Bettchen, das die Geschwister ihm eingeräumt, die nun
-unter der Erde schlafen. Der Mann aber, dem der Arzt wiederholt zum Vorwurf
-machte, daß die Kinder bei Isolierung hätten gerettet werden können, hat
-sich aus Schmerz hierüber dem Trunk ergeben; jetzt, wo es zu spät ist,
-raucht er nicht mehr. --
-
-Ein anderes Mal forderte mich eine Witwe auf, ihr beim Einkauf von
-Kinderkleidern behülflich zu sein; sie wollte für ihre drei Kinder
-Tricotkleider kaufen, die ersten bunten nach der Trauer um den Vater.
-Sie wählte im Geschäfte hübsche, geschmackvolle Kleider zu 6 Mark pro
-Stück für die beiden größeren, zu 5 Mark für das kleinere Kind.
-
-Die Frau selbst, die ich ganz flüchtig durch eine andere Arbeiterin
-kannte, schien mir nicht arm zu sein; sie trug ein hübsches schwarzes
-Kleid, Handschuhe und einen recht netten Strohhut mit schwarzer
-Perlengarnitur; selbstverständlich war das ihre Sonntagstoilette. Ich
-wußte, daß sie in einer Fabrik arbeitete, aber ich hielt sie für eine
-der bestangestellten Frauen.
-
-Nachdem wir die Kleider gekauft, zählte sie ihr Geld und sagte dann:
-»Na, es langt gerade noch zu einem Hut für mich, am nächsten Sonntag ist
-Pfingsten, da will ich doch die Trauer ablegen!«
-
-Wir kauften eine Hutform und Band und Spitzen zur Garnitur; sie bat mich
-(es war überall herumgekommen, daß ich Putzmacherin sei), mit ihr nach
-Hause zu kommen und ihr den Hut gleich zu garnieren.
-
-Als wir daselbst angelangt waren, fanden wir das jüngste Kind heulend in
-seinem Bettchen, die beiden ältesten balgten sich am Fußboden herum. Das
-erste Begrüßungswort der Kinder war: »Mutter, eine Bemme, wir haben so
-Hunger!« Die Frau verteilte trockenes Kommisbrot unter die Kinder, langte
-dann in ihre Tasche und sagte: »Ach, ich hab' nur noch sieben Pfennige,
-geh', Gustel, und hole Zichorie, daß wir Kaffee machen können.«
-
-Dann wandte sie sich an mich: »Ich hab' eben die ganze Woche wenig
-verdient; mein Bruder, der wohlhabend ist, schenkte mir zwanzig Mark, _da
-mußte ich doch erst die Kinder und mich ordentlich kleiden_. Die Leute
-reden gleich, lieber hungere ich und kleide mich und die Kinder gut.«
-
-Sie zeigte mir den Kleidervorrat ihrer Kinder, alles hübsche Tricot- und
-Sommerkleider, Trauerhütchen und schwarze Mäntel. Ich hätte ihr mit der
-gleichen Quantität Kleider _meines_ Töchterchens nicht aufwarten
-können; die ältesten, sechsjährigen Zwillingsmädchen hatten fünf noch
-vollkommen intakte Stoffkleider und ebenso viele aus Kattun. Das jüngste
-Kind war schon weniger reich bedacht, hatte aber immer noch im Ueberfluß
-Garderobe. Die Frau verdiente wirklich Prügel, die Kinder hatten mehr denn
-auf zwei Jahre hinaus Kleider, sie kaufte ihnen neue, und sie hatten nichts
-zu essen! Und was sah ich noch alles! Kein Fädchen Zwirn war im Hause, ich
-mußte erst Zwirn holen, ehe ich den Hut garnieren konnte. Die Lampe war
-ungefüllt, Petroleum nicht vorhanden, der Cylinder zerschlagen. _Es
-fehlte an allem, was selbst für primitivste Verhältnisse notwendig ist_,
-während Unnötiges reichlich vorhanden war. Dieselbe Frau saß zu Hause
-und häkelte kleine Kragen für die Kinder, während diese hungernd nach
-einem Teller Suppe lechzten. _Und diese Zustände habe ich nicht einmal,
-sondern oft getroffen._
-
-Eine solche Verschwendung mit dem Erworbenen, ein solches trauriges in den
-Tag hinein leben zeitigt mehr oder minder die Unehrlichkeit, wenn nicht gar
-direkten Diebstahl. Wo nichts ist, soll etwas hinkommen, die Gelegenheit
-ist vielleicht günstig, warum lassen, was auch andere thun -- so kommt es,
-daß das Stehlen in kleinem Maßstabe bei den Arbeiterinnen =en vogue= ist,
-und ganz speziell _bei den verheirateten Frauen_.
-
-Ein Diebstahl von solch kleinen Dingen gilt nicht als Schande, man stiehlt
-offen vor den anderen Mädchen, denn sie klatschen nicht und spielen nicht
-die Verräterin. Es wurde massenhaft Garn gestohlen, immer in kleinen
-Docken; die Frauen verstricken es zu Strümpfen, die sie oft in zehnerlei
-Farben tragen. Auch das Heftgarn und die Heftseide werden von den
-Hefterinnen zu Privatarbeiten verwendet, sie häkeln bunte Spitzen davon,
-die sie in ihre Sonntagskleider heften.
-
-In einer der Handschuhfabriken auf dem Lande wurden sehr oft Handschuhe
-entwendet, bald seidene Damen- oder Ballhandschuhe, schwarze oder
-Tricothandschuhe, vor allem aber _Militärhandschuhe_; man glaube aber
-nicht, daß diese Handschuhe dem jeweiligen Schatze der Diebin zu gute
-kommen. Im Dorfe wohnt eine Frau, die den Mädchen die gestohlenen
-Handschuhe, gleichviel welcher Farbe, welcher Qualität und welcher
-Größe, zum »Honorar« von 20 Pfennig pro Paar abnimmt; sie selber
-fährt alle Monate einmal nach Chemnitz, wo sie die Handschuhe in
-Soldatenkneipen losschlägt, da die Marssöhne auch ihrer Begleiterin
-ein Paar dedizieren; sie verkauft sie _weit_ unter dem Ladenpreis,
-macht wahrscheinlich aber doch ein gutes Geschäft dabei. Dieser
-»guten Geschäftsverbindung« können sich nur die Zuschneiderinnen,
-Sortiererinnen und solche Arbeiterinnen erfreuen, die die fertigen
-Handschuhe in die Hände bekommen.
-
-Am meisten aber geben sich die Mädchen mit dem Stehlen von Eßwaren
-ab; sie trinken einander den Kaffee weg, sie leeren die Suppentöpfe der
-Nachbarin, sie entwenden ihr das Brot und sie verzehren diese gemausten
-Dinge meist _auf der Retirade_.
-
-Eines Morgens bemerkte ich gleich beim Eintritt in den Saal, daß ich
-weniger liebenswürdig als sonst empfangen wurde; im Laufe des Vormittags
-erfuhr ich denn, daß man der einen mit unglaublicher Dreistigkeit den Topf
-Kartoffeln gestohlen hatte, den sie zur Mittagsmahlzeit verzehren wollte;
-am empörtesten war man darüber, daß die Diebin den leeren Topf nicht
-zurückgebracht, sondern ihn entweder vernichtet oder als Beute mitgenommen
-hatte. _Der Verdacht hatte sich auf mich gelenkt!!!_ Die Diebin wurde
-indes noch am selben Tage entdeckt, als sie, wohl von Furcht gepeinigt, den
-leeren und sorgfältig gereinigten Topf wieder an Ort und Stelle brachte.
-Die Bestohlene machte der Diebin keinerlei Vorwürfe; allein diese wurde
-von den 500 Fabrikmädchen mit solchem Spott überschüttet, daß diese
-Strafe mich die härteste dünkte, die man ihr hätte auferlegen können.
-Am anderen Tag erschien die Diebin nicht mehr in der Fabrik, sie hatte an
-einem anderen Ort Arbeit gesucht.
-
-Diese Art der _moralischen Lynchjustiz_ wurde fast durchwegs ausgeführt;
-mir persönlich wäre sie schrecklicher gewesen, denn Knutenhiebe; sie
-erstreckte sich nicht auf einen Tag, sondern auf Wochen hinaus. Es ist
-unglaublich, wo diese ungebildeten Mädchen diese Art feinen Nadelstiche
-herhaben, diese moralischen Hiebe, die die Gequälte zur Raserei treiben
-müssen. Ich glaube, _daß diese unbewußte Grausamkeit in Verbindung zu
-bringen ist mit dem Mutterwitz, den die meisten von ihnen besitzen_.
-
-Hinterher gestand man mir freimütig, daß man mich für die Diebin
-gehalten, weil ich »neu« sei und suchte mich dann durch größte
-Liebenswürdigkeit für das zugefügte Unrecht zu entschädigen.
-
-Die meisten Familien hatten Schulden, die aber größtenteils am Lohntage
-ganz oder zur Hälfte beglichen wurden; ich habe nur sehr wenige gefunden,
-die in längerem Rückstand mit der Miete zum Beispiel blieben, wenn nicht
-Unglücksfälle in der Familie eine außergewöhnliche Not zeitigten.
-_Wer aber in diesen Kreisen ins Schulden machen gerät, ist rettungslos
-verloren._
-
-Die Mädchen haben auch untereinander eine gewaltige Scheu vor dem
-Geldborgen; sie thun dies nur, wie ich schon erwähnte, im Betrage bis
-zu 15 Pfennigen, weil sie hier allein wissen, daß sie in der Lage sind,
-diese Summe am Zahltag mühelos zurückzuerstatten.
-
-Man ersieht daraus, _daß die Mädchen, wenn sie durch praktischen
-Anschauungsunterricht von dem Muß des Sparens überzeugt würden, sehr
-wohl sparsame Frauen werden könnten. Wie soll aber ein ungepfropfter Baum
-edle Früchte tragen?_
-
-Eines habe ich unter den Arbeiterinnen mit Genugthuung bemerkt: die
-Enthaltsamkeit und die Gleichgültigkeit gegen alle Spirituosen; wenn
-ich vorher bemerkte, daß die Mädchen lieber während der ganzen Woche
-trockenes Brot essen, um am Sonntage Bier trinken zu können, so geschieht
-dies keineswegs aus Liebe zum Bier, sondern im Glauben, daß, _wer nicht
-ganz ordinär sein will_, in einem Gartenlokal Bier vor sich stehen haben
-müsse; so oft ich auch mit den Mädchen zusammen war, und so sehr ich
-sie auch zum Trinken animierte, mehr denn ein Glas Lagerbier trank keine.
-Schnapstrinkerinnen waren überhaupt, so lange die Anwesenden sich erinnern
-konnten, in der Fabrik nicht beschäftigt.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Die Ehe.
-
-
-Wenn man die Ehe im allgemeinen als ein Lotteriespiel betrachtet, so muß
-man sie in den Kreisen der Fabrikbevölkerung ein Hazardspiel nennen.
-
-Die Männer, die des Alleinseins müde, ihren Schatz heiraten, wagen viel;
-entweder, sie finden das, was sie erhofften, oder sie kommen ins Elend, aus
-dem es kein Entrinnen mehr giebt. Die Ehen sind größtenteils Gegensätze;
-entweder wird die Frau geachtet und gut behandelt, oder sie wird als
-Lasttier, als Arbeitssklavin, als Mittel zur Befriedigung geschlechtlicher
-Genüsse angesehen.
-
-In kinderlosen und mit einem oder zwei Kindern gesegneten Ehen, herrschen
-gewöhnlich schlichte, aber geregelte Verhältnisse, _eheliche Einigkeit_.
-_Wo viel Kinder sind, herrscht meist Unfriede, Elend, Schmutz und Not,
-Untreue von Seiten des Mannes ist hier viel häufiger._
-
-Man kann dreist behaupten, _daß mehr als drei Kinder in einer Familie,
-Schuld zum Ruin derselben sind. Leider aber, und ich werde es immer
-wieder tief beklagen, herrscht keinerlei Verständnis für eine geregelte,
-beschränkte Kindererzeugung; hier würde der Segen ein unberechenbarer
-sein, wenn man die Leute darauf hinführen könnte, daß nicht die
-Quantität, sondern die Qualität der Nachkommen für die Menschheit von
-Bedeutung ist, daß ein oder zwei Kinder in geistiger und körperlicher
-Beziehung gesund, mehr Wert haben, denn zehn elende Geschöpfe und
-Krüppel._
-
-Die schwangeren Frauen arbeiten vielfach bis zum letzten Tage vor ihrer
-Niederkunft in der Fabrik, in entsetzlicher Luft und bei schwerer Arbeit;
-eine normal gesunde Frau setzt hier täglich -- in Anbetracht der elenden
-Nahrung -- einen Teil ihrer Lebenskraft zu; _wo soll da eine Frau Kraft und
-Lebensstoff für ein zweites Wesen sammeln, das womöglich das sechste oder
-achte der Reihenfolge ist?_
-
-Beim ersten Kinde und auch beim zweiten, wenn die vernünftige Zeit von
-3-4 Jahren dazwischen liegt, _pflegen_ sich die Arbeiterfrauen, d. h. sie
-besuchen nicht die Fabrik, gehen an die Luft und bringen infolge dessen ein
-kräftigeres und intelligenteres Kind zur Welt; sie können ihnen die Brust
-reichen, sie können es pflegen und hüten und ihm wirklich _Mutter_ sein.
-Beim dritten, günstigen Falls beim vierten Kinde aber tritt die Not leise
-in die Familien, die Arbeit des Mannes ernährt nicht mehr alle, die
-Frau muß mitverdienen, und erst recht, wenn ein weiteres Menschenkind zu
-erwarten ist. Die allgemeine Nahrung wird, je reichlicher sie sein muß,
-je schlechter, an Säugen des Weltbürgers kann die Frau nicht denken,
-sie muß, kaum genesen, von neuem in die Fabrik eilen, um zu erwerben; der
-Säugling liegt indessen zu Hause im Schmutz, den Lutschpfropfen im Munde,
-während die anderen noch nicht schulpflichtigen Kinder auf der Straße
-ihre »Erziehung« finden. _Zwei auch drei Kinder können jene unteren
-Klassen pflegen und erziehen, was darüber ist, liefert in den weitaus
-meisten Fällen Proletariat und Dummköpfe._
-
-Die Ärzte aber trifft hier der Vorwurf, daß sie es sind, die der
-vernünftigen Beschränkung der Kindererzeugung im Wege stehen. _Oder
-halten sie es vielleicht für sittlicher, bei Geburt eines Kindes
-die Hoffnung auszusprechen, daß es nicht lange lebe, daß es durch
-erbärmliche Pflege thatsächlich bald stirbt und die Familie schädigt,
-als daß wenige, aber kräftige Kinder erzeugt werden, die mit Freuden
-begrüßt und gut gezogen werden?_
-
-Hier richte ich eine Anfrage an die Gegner unserer Bestrebungen, die da
-behaupten, _die Frau sei zur Gattin und Mutter bestimmt und gehöre ins
-Haus, sie könne nur so ihre natürliche Pflichten erfüllen. Warum
-sorgen diese Schreier nicht dafür, daß die Arbeitergattinnen ihre
-»natürlichen« Pflichten auf natürliche Weise erfüllen können und
-in ihren vier Wänden bleiben, statt die unnatürliche, schwere
-Maschinenarbeit zu verrichten?_
-
-Oder haben die Frauen nur dann _natürliche Pflichten als Gattin und
-Mutter, wenn sie befähigt sind, den Männern Konkurrenz zu machen_?
-
-Diese Frauen blieben so gern im Hause um ihre »natürlichen« Pflichten
-zu erfüllen, warum verhilft ihnen der Trotz jener weisen,
-menschenfreundlichen Gegner nicht dazu?
-
-Und der Staat, der die Gesetze schafft, die Schmach und Unterdrückung
-für die Frau bedeuten, die sie zum Kindergebärapparat macht, _warum
-hilft dieser Staat_ der Frau nicht bei Ausübung ihrer »natürlichen«
-Pflichten?
-
-Oder teilt der Staat die Ansicht Balzacs, die zu den Gesetzen, die die Frau
-unterjochen, passen dürfte: »=Ne vous inquiétez en rien des murmures de
-la femme, de ses cris, de ses douleurs; la nature l'a faite à notre usage
-et pour tout porter: enfants, chagrins, coups et peines de l'homme.=«
-
-Ich spreche hier mit Bebel, dem ich voll und ganz zustimme, wenn er sagt:
-»Der Maßstab für die Kultur eines Volkes ist die Stellung, welche die
-Frau daselbst einnimmt.« _Wie muß aber dann der deutsche Kulturzustand
-sein?_ --
-
-Ich habe übrigens bei _vielen_ Mädchen in der Fabrik den Ausspruch
-gehört, daß sie nicht heiraten mögen, aus Angst, viel Kinder zu
-bekommen.
-
-_Die Sozialdemokratinnen sind unter den Arbeiterinnen die Einzigen, die
-vernünftigere Kinderproduktion kennen_; in deren Haushaltungen herrscht
-auch durchwegs bessere Wohlhabenheit, Ordnung, Reinlichkeit und vor allem
-innigere eheliche Gemeinschaft. Am Abend stehen die Frauen mit den Männern
-vor den Hausthüren und unterhalten sich über politische und andere
-Tagesereignisse, während die nichtsozialdemokratischen Männer vielfach
-die Kneipen aufsuchen und die Frauen zu Hause bleiben müssen. Auch sind
-die Kinder der Sozialdemokraten besser erzogen, folgsamer und gesitteter.
-In diesen Schichten, d. h. in den guten Ehen, ist eheliche Untreue ein
-unbekanntes Ding, die höheren Kreise könnten sich daran ein Beispiel
-nehmen.
-
-Die Kinder lieben fast alle mehr den Vater, denn die Mutter; jene sind auch
-liebevoller mit ihnen als die Mutter, die sie den ganzen Tag um sich hat
-und oft die Geduld verliert. Der Abend vereinigt gewöhnlich Vater und
-Kinder; das Wirtshauslaufen des Bürgerstandes z. B. wird vom Arbeiter
-nicht stark nachgeahmt. Es fiel mir auch auf, daß in den Chemnitzer
-Arbeitervierteln wenig Kneipen bestehen, und daß die wenigen am Abend
-schlecht besucht sind, meist von Aufsehern, Inspektoren oder ledigen
-Arbeitern.
-
-Kinderlose Frauen arbeiten fast ausnahmslos in einer Fabrik; die Wohnung
-wird jedoch immer in der Nähe der Fabrik des Mannes, nicht der Frau
-gewählt.
-
-Auch darin findet man wieder einen merkwürdigen Beweis für die
-»körperliche Unfähigkeit« des schwachen Geschlechtes, das in Strapazen
-_das_ aushalten kann, was, wie es scheint, für den Mann zu viel wäre.
-
-Vielfach heiraten die Leute ohne die geringsten Mittel, sie kaufen Wäsche
-und Möbel auf Abzahlung; stellen sich keine Kinder ein oder nur ein bis
-zwei, so ist die Existenz der Leute gesichert; sie zahlen die Schulden
-ab, fangen dann mit dem Sparen an und können einem gesicherten Alter
-entgegensehen. Wo natürlich jedes Jahr ein Kind in den Kauf genommen wird,
-vergrößern sich die Schulden, die halb bezahlten Sachen werden womöglich
-heimlich verkauft und der Untergang der Familie ist fertig. Ich kannte
-Familien, die jede in ihrer Art diese These zur Wahrheit machten. Die
-Mädchen sind im allgemeinen bei weitem nicht so versessen aufs Heiraten
-als die Töchter des Mittelstandes; sie wissen, daß es ihnen in der Ehe
-größtenteils schlechter, selten aber besser geht. Sie sind mit ihrem
-Schatz zufrieden, ihre Arbeit ist leichter, als sie als Frau werden
-arbeiten müssen, wo ihnen der aufmerksame, geduldige Schatz in Gestalt
-eines herrschsüchtigen Mannes entgegentritt.
-
-Die Witwen dagegen brennen aufs Heiraten, sie lassen kein Mittel
-unversucht, je mehr Kinder sie haben; ich kannte eine, die sich das
-Notwendigste am Munde absparte, um allwöchentlich ein _Heiratsgesuch_
-in die Zeitung setzen zu können. Überhaupt sind _die Witwen für das
-»Heiraten durch die Presse« sehr eingenommen_.
-
-Es kamen auch Fälle vor, wo die Frau zwei uneheliche Kinder verschiedener
-Väter mit in die Ehe brachte; in dieser blieb sie kinderlos. Mann und
-Frau pflegten die absonderlichen »Geschwister« rührend, es hätte keiner
-geahnt, daß der Mann von keinem der Vater war.
-
-Entgegengesetzte Fälle sind natürlich häufiger, hauptsächlich da, wo
-eheliche Kinder vorhanden. --
-
-Im ganzen genommen aber halte ich die Ehe in diesen Kreisen für
-sittlicher, denn diejenige der höchsten Gesellschaftskreise, wo die Frau
-Geldsack, Repräsentantin und Gebärerin eines Stammhalters sein muß,
-_weiter aber auch nichts_. --
-
-Was die Stellung der Frau als Herrin im Haushalt anbelangt, so kann sie
-meist nach Gutdünken einkaufen, schalten und walten. Sie ist vom Manne
-weniger unterjocht, als die Frau des Kleinbürgers, die sich oft keinen
-Weg erlaubt, ohne den Mann um Rat zu fragen. Aber auch hier herrscht, wie
-überall in Europa den Frauen gegenüber, das Motto: =Vae victis!=
-
-Merkwürdig ist noch das Vorkommnis, daß in den meisten Familien, wo mehr
-als sechs Kinder sind, eine Stiefmutter zu finden ist; man könnte
-hier beinahe die These aufstellen, daß die Frauen dieser Kreise
-durchschnittlich sechs Kinder auf die Welt bringen können, ehe ihre
-Kräfte erschöpft und sie dem Tode verfallen sind, ein Triumph für den
-Philosophen Eduard von Hartmann, der da behauptet, _die ganze Frauenfrage
-sei gelöst, wenn die Frauen mehr Kinder zur Welt brächten, weil sie dann
-schneller sterben, und einer andern zur Ehe Platz machen würden_. _Er
-hat Recht_; würden die Frauen im _allgemeinen_ so viel Kinder zur Welt
-bringen, als sie, unbekümmert um die Qualität derselben, gebären
-könnten, so würden sie schneller sterben. -- _Gott sei Dank, daß es
-aber noch Frauen giebt, und glücklicher Weise viele, die nicht Sklavinnen,
-sondern Herrinnen ihres Körpers sind!_
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-Die Stellung des Mädchens.
-
-
-Das vielgeschmähte Fabrikmädchen ist in mancher Beziehung, verglichen mit
-den Töchtern des Mittelstandes, zu beneiden, denn es erfreut sich eines
-Gutes, das jene nicht besitzt: _der Freiheit_.
-
-Die Mädchen, die sich ihr Brod seit dem 14. Jahre selbst verdienen, sind
-wenig von den Eltern abhängig; sie zahlen ihr regelmäßiges Kostgeld,
-das für die Eltern meist mit kleinem Gewinn verbunden ist, und leben im
-übrigen unbekümmert um diese.
-
-Viele der Töchter helfen in den Abendstunden beim Waschen der Wäsche,
-beim Reinigen der Zimmer u. s. w.; allein das sind die ganz gutmütigen
-oder diejenigen, die in friedlichen Familienverhältnissen leben.
-
-Ich habe auch nie gefunden, daß die Mädchen durch diese Selbständigkeit
-Schaden an Körper und Seele genommen hätten, _wenigstens nicht mehr, als
-es auch unter Egide der Eltern geschehen wäre_. Ich fand, daß dadurch
-die Energie und das ganze Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit, die sich
-selbst erhält, gehoben wird, daß die Mädchen weniger unselbständig
-und weniger blasiert sind, als die bei der Mutter sitzenden »besseren«
-Mädchen, deren »Erlöser« stündlich erwartet wird.
-
-Gott sei Dank, daß man unter jenen Arbeiterinnen nicht auch noch ein Heer
-von Dornröschen findet, die von Rosenduft und Morgentau zu leben glauben,
-deren einzige Arbeit spinnwebenartige Stickereien sind, und die da von
-dem Bedauernswerten, der sie in Hymens Tempel einführt, erwarten, daß er
-ihren Fuß auf Blumen setze und sie über alle irdischen Dinge hinwegtrage
-auf seinen starken »Ritterarmen«. Von solcher »Poesie« des zu
-erwartenden Freiers wissen jene Mädchen nichts; im Gegenteil, sie fassen
-die Ehe keineswegs als einen glücklichen Tausch mit ihrer Mädchenzeit
-auf, sie haben zu viel traurige Beispiele vor Augen. Ich kannte mehrere,
-deren Schätze sie jederzeit geheiratet hätten, gutgestellte, fleißige
-Mädchen mit 12 Mark Wochenlohn. »Ach,« sagten sie, »wir sind noch zu
-jung zum Heiraten, wir warten noch ein paar Jahre, in Sorgen und Krankheit
-kommt man früh genug.«
-
-Ich freute mich dieser gesunden Philosophie, die so manches Mädchen
-vor Elend und Jammer bewahrt hat; trotzdem aber machte ich sie darauf
-aufmerksam, daß der Schatz ihnen auf diese Weise untreu würde.
-
-»Na,« meinten sie, »dann ist auch nicht viel verloren, dann wäre er so
-wie so kein guter Mann geworden; wir finden schon wieder einen anderen.«
-
-Thatsache aber ist es, daß die meisten dieser »Bräutigame« wirklich auf
-ihr Mädchen warten und 8-10 Jahre lang »verlobt« bleiben; sehr viele
-unserer 24jährigen Arbeiterinnen hatten schon seit ihrem 16. Jahre
-denselben Schatz, heiraten aber wollten sie immer noch nicht.
-
-Viele der Mädchen sind jahrelang bleichsüchtig und unterleibsleidend; die
-Arbeiterinnen in sitzenden Stellungen laborieren fast durchwegs am Magen,
-auf fünf kommen immer vier, die am chronischen Magenkatarrh, Beschwerden,
-immerwährende Verstopfung und Bruststichen leiden. Es kam fast täglich
-vor, daß die eine oder die andere auf eine halbe Stunde entlassen wurde,
-um zum Arzt zu gehen.
-
-Die Maschinenarbeiterinnen sind selten bleichsüchtig und magenkrank;
-dafür altern sie aber -- wahrscheinlich durch die angestrengte Thätigkeit
--- sehr schnell, ihre Gesichtsfarbe ist schmutzig grau, ihr Gang schlaff
-und müde, fast durchweg sind sie sehr mager, während ich bei den Strumpf-
-und Handschuharbeiterinnen wahre Monstra an Beleibtheit fand.
-
-Traurig, sehr traurig aber sieht es mit der wirtschaftlichen Ausbildung
-der Mädchen aus; _sie haben davon meist keinen Begriff_. Wenn die Mädchen
-heiraten, so treten sie in diesen wichtigen Lebensabschnitt ein, ohne
-die geringsten Vorkenntnisse _der gerade in diesen Kreisen so notwendigen
-hauswirtschaftlichen Kenntnisse_; in allen andern Schichten der
-Bevölkerung kann die Frau durch eine Dienstmagd ihre Unkenntnis ersetzen,
-oder sie braucht nicht _derart_ mit dem Pfennige zu rechnen und kann eher
-einmal etwas verderben. _In Arbeiterkreisen hängt das Wohl der ganzen
-Familie von der Frau ab_, denn da wird der Vers zur vollsten Wahrheit
-»..... Ist der Mann auch noch so fleißig Und die Frau ist liederlich,
-Geht die Wirtschaft hinter sich.«
-
-_Die praktische und sittliche Forderung aber richtet sich an die vorbauende
-und rettende Wohlthätigkeit_: Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe
-nimmer fertig bebauen kann, hier gilt das Wirken nicht für die Stunde, es
-erhält das körperliche und sittliche Wohl Tausender, _es ist eine Arbeit,
-die dem Staat zu gute kommt, es ist ein Wirken für die Nation_.
-
-_Die Erziehung der weiblichen Jugend bringt, je nach der Art, wie sie
-betrieben, der Gesamtheit Vorwärtskommen oder Untergang._ Wenn wir
-dem Arbeiterstande tüchtige Frauen und Mütter geben, so wird sich die
-moralische Stellung des Mannes bessern, er wird ein brauchbareres Glied
-der menschlichen Gesellschaft werden, als er es je an der Seite einer
-schlechten Frau werden könnte.
-
-Es existiert eine große Zahl von Fortbildungs- und Haushaltungsschulen,
-von Arbeiterinnenheimen und Arbeiterinnenasylen; aber alle diese
-Einrichtungen der Menschenliebe erreichen noch nicht das Gewünschte,
-erfüllen noch nicht voll und ganz ihren Zweck. So lange die Mädchen
-zum Besuch einer solchen Anstalt gezwungen werden, können wir nicht
-segensreich wirken; _wir müssen vorerst moralisch auf die Mädchen
-einwirken, wir müssen in ihnen die Überzeugung wecken, daß sie
-selber sich ihr Glück und ihre materielle Besserstellung schaffen durch
-hauswirtschaftliche Kenntnisse_.
-
-Die Frauen der höheren Stände, die gebildeten Frauen, die Kämpferinnen
-für Frauenrecht und Frauenwürde müssen dafür eintreten, sie sind die
-Berufenen, Segen zu bringen in jene Kreise.
-
-Ich kann hier den ganzen Ernst dieser Frage nicht eingehend hervorheben, es
-würde mich in Gebiete drängen, die nicht hierher gehören. Aber ehe ich
-dies Kapitel schließe, möchte ich noch einmal die dringende Bitte an alle
-edlen Menschen richten: Helft diese Zustände bessern, wartet nicht ab,
-bis die Sozialdemokratie euch den Weg versperrt hat, denkt daran, daß die
-Ausbildung der weiblichen Jugend eine hohe Pflicht der Gemeinschaft ist,
-dazu angethan, das Familienleben der unteren Stände auf feste Grundbahnen
-zu lenken, die Heiligkeit des häuslichen Herdes zu sichern!
-
-Vergeßt nicht, daß die mangelhafte häusliche Erziehung die Mädchen der
-Prostitution in die Arme treibt, daß ihr euch durch strenges Abschließen
-von jenen Kreisen _versündigt_. _Die überhand nehmende Prostitution ist
-der Ruin des Familienlebens, der Ruin der Generationen, der Felsen, an
-dem jeder Fortschritt der Frau, an dem die Würde des ganzen Geschlechtes
-strandet!_
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Seßhaftigkeit und Versicherung.
-
-
-Ich hatte mich bemüht, so schlecht deutsch zu sprechen als möglich;
-trotzdem aber hatten sie aus meinem Deutsch den Berliner »Ton«
-herausgehört, den ich mir angewöhnt habe.
-
-Sobald die Arbeiterinnen vernahmen, daß ich direkt von Berlin nach
-Chemnitz gekommen sei, bildete ich den Mittelpunkt ihres Interesses.
-
-Berlin! Für sie ein Eldorado, das Ziel ihrer Wünsche, und dennoch eine
-Stadt ohne Zucht und Sitte, von der sie glauben, man würde am hellen
-Tage auf offener Straße ermordet, ohne daß ein Hahn darnach kräht. Die
-Mädchen hatten mit großem Interesse die Chronik der in diesem Frühjahr
-gerade in Berlin sehr zahlreichen Morde gelesen und -- schnell fertig war
-die Jugend mit dem Wort!
-
-Ich wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, wie es in Berlin aussehe,
-was man treibe, _was der Kaiser mache und ob ich ihn schon gesehen_.
-Dabei sprechen sie ausnahmslos mit nicht näher zu beschreibendem Tone
-absichtlich stets vom »deutschen Kaiser«, während sie ostentativ »unser
-König« von Sachsens Herrscher sagen. Es ließe sich hier gar vieles
-sagen, aber ich will mir lieber die Finger nicht verbrennen. --
-
-Unter den soliden tüchtigen Arbeiterinnen gilt der Grundsatz: Bleibe im
-Land und nähre dich redlich. Unter dem »im Land bleiben« verstehen sie
-aber immer Sachsen, meist sogar nur Chemnitz. Der größte Teil von ihnen
-ist nie über Chemnitz hinausgekommen; diejenigen die in Dresden gewesen
-waren, erzählten mit bewundernswerter Unverschämtheit von den Beschwerden
-und Gefahren dieser »großen Reise«, während die minder Glücklichen,
-die noch keine Reise gethan, andächtig zuhörten, und sich Dinge aufbinden
-ließen, die ein zehnjähriges Berliner Kind nicht glauben würde.
-Die gewesenen Dienstmädchen hingegen hatten nur _ein_ Ziel vor Augen:
-möglichst bald in Berlin eine Stellung zu erhalten. Ich mußte ihnen
-Berliner Stellenvermittlerinnen nennen, an die sie noch am selben Tage
-schrieben. In Chemnitz erhalten die Dienstmädchen sehr wenig Lohn, d. h.
-mit Berliner Löhnen verglichen. Gute und tüchtige Mädchen für alles
-bekommen 7-8 Mark pro Monat, während in Berlin 17-18jährige Mädchen
-schon 15 Mark pro Monat erhalten. Dieser geringe Lohn und der Umstand,
-daß die Mädchen häufig in den Familien wenig und schlecht zu essen
-bekommen, ist mit ein wesentliches Motiv, warum die Mädchen alle in die
-Fabrik gehen.
-
-Ich wurde auch eingehend nach hübschen Herren gefragt, ob es weniger
-Mädchen als Herren in Berlin gäbe, und ob die Chancen, recht bald einen
-Schatz zu bekommen, gut seien. Ich habe sehr viele dieser Abenteuerlustigen
-im Verdacht, daß sie nicht der gute Lohn und eine gute Stellung, sondern
-ganz andere Dinge nach Berlin lockten.
-
-Und das bestätigt von neuem meine Aussage im vorhergehenden Kapitel. Jene
-Mädchen sind jeder häuslichen Arbeit fremd, sie sprechen ein schlechtes,
-sächsisches Deutsch, so daß keine Berliner Familie sie als Kindermädchen
-engagieren würde und _für andere Stellen taugen sie absolut nichts_.
-Ihre hochgeschraubten Erwartungen veranlassen sie jedoch, keine Stelle
-als gewöhnliches Aushülfsmädchen zu nehmen, sie werden stellenlos in
-Erwartung der »prächtigen« Stelle, das ungewohnte, glänzende Berliner
-Leben lockt und winkt, Bekanntschaften sind schnell gemacht und nach
-wenigen Wochen schon zieht der größte Teil dieser Mädchen als
-Prostituierte durch Berlins Straßen.
-
-Man wundert sich über die fürchterliche Menge öffentlicher Dirnen, die
-in Berlin leben; man wundert sich, daß die Zahl von 40.000 überschritten
-ist, aber man forscht nicht nach den Ursachen, _man philosophiert, aber man
-handelt nicht_.
-
-Man denkt nicht daran, daß ein großer Teil jener Fabrikmädchen, die in
-Berlin Stellung suchen durch Mangel an hauswirtschaftlichen Kenntnissen der
-Prostitution in die Arme getrieben werden _müssen_. Man sehe einmal die
-Statistik an, die uns zeigt, daß der größte Teil der öffentlichen
-Mädchen aus bisherigen Näherinnen, Dienstmädchen und Fabrikmädchen
-besteht.
-
-Im Anfange finden diese stellenlosen Mädchen in Berlin einen »Schatz«,
-irgend einen Herrn Lieutenant oder Referendar, der mit ihnen zu Kroll geht,
-sie frei hält -- und verführt. Das Sittlichkeitsgefühl im Mädchen, das
-durch das Fabrikleben wohl _an Sitten, nicht aber an Sittlichkeit_ gewöhnt
-ist, empört sich nicht allzusehr gegen diese Art des männlichen Schutzes;
-zudem ist es geblendet durch die Wunderdinge irgend eines Tingeltangels,
-den es gesehen, und das der schlaue Verführer je nach dem Grad der
-Naivität seiner Begünstigten, recht raffiniert wählt, _so geblendet_,
-daß ihm ein Leben, das täglich solche Freuden gewährt, als das
-Herrlichste dünkt. Der erste »Schatz« geht ein-, zwei-, auch dreimal mit
-ihr aus; sie findet einen andern, ihm folgt der dritte, und schließlich
-ist sie so abgestumpft gegen jedes Schamgefühl, daß sie sich nicht mehr
-suchen läßt, _sie sucht_.
-
-_Das sind die Resultate des heuchlerischen Satzes des männlichen Schutzes,
-den sie einem anständig bleibenden Mädchen nicht angedeihen lassen
-wollen._ --
-
-Die Fabrikarbeiterinnen sind merkwürdige Egoistinnen; sie gewähren
-ihrem Körper nicht das geringste an Schonung oder Kräftigung, aber
-sie schmücken ihn, wie einen Götzen. Dieser originelle Geiz für das
-Wohlbefinden der eignen Persönlichkeit äußert sich auch der Alters- und
-Invaliditätsversicherung gegenüber. Sie sind so naiv, zu glauben, der
-Fabrikbesitzer sei verpflichtet, für sie zu zahlen, da sie ja bei ihm ihre
-Gesundheit ruinieren; dem reichen Fabrikanten käme es nicht darauf an,
-meinen sie, ihnen aber thun die wenigen Pfennige jede Woche sehr weh.
-Sie denken nicht daran, diese wenigen Pfennige an irgend einem dummen
-Schmuckgegenstand oder an einem schädlichen Vergnügen abzusparen.
-
-Nur ganz wenige waren mit der Versicherungs-Einrichtung einverstanden, sie
-sprachen sogar davon, wie von einer Erbschaft. _Begeisterung aber fand ich
-bei keiner einzigen_; diese Mädchen leben, wie ich schon gesagt, so sehr
-für den Augenblick, daß sie keine Zeit finden, an die Zukunft zu
-denken. In einer der Fabriken, in der ich weilte, war der Besitzer ein
-herzensguter, menschenfreundlicher Mann, der sich persönlich nach dem
-Ergehen der einzelnen Mädchen erkundigte. Mit leuchtenden Augen erzählten
-alle von seiner Güte, und wie sie bei ganz geringem Lohn lieber hier
-blieben, denn bei hohem Lohn bei anderen zu arbeiten.
-
-Ich hörte auch später thatsächlich diese Fabrik von den andern
-Fabrikmädchen als eine Art Elysium nennen, mit dem Stoßseufzer: »Hätten
-wir's nur auch so!«
-
-Dieser Fabrikherr _borgte_ seinen Arbeiterinnen öfters das Geld zur
-Versicherung, d. h. er ließ es ihnen am Lohn abziehen oder vorausgeben,
-sodaß das Auszahlen der wenigen Pfennige den Mädchen weniger schwer fiel.
-Leider aber sind die Arbeiterinnen sich nicht bewußt, wie segensreich die
-Einrichtung dieser Versicherungen für sie ist; sie sehen sie als eine Art
-_moderner staatlicher Unterdrückung an, weil sie im Glauben leben, der
-Staat verbrauche das Geld in der Erwartung, daß die Mädchen das Alter
-nicht erreichen, wo sie es ausgezahlt bekommen sollten_.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Wohnungen und Schlafstellen.
-
-
-»Sage mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist!« bin ich immer
-versucht zu rufen. Ach, aber wenn man dies auf die Arbeiterinnen anwenden
-würde, so dürften sie größtenteils nicht mehr Menschen genannt werden.
-
-Bei den meisten meiner Gefährtinnen wohnte die ganze Familie in einer
-Stube und einer Kammer, günstigsten Falls in zwei Stuben. Die Leute ziehen
-bei ihrer Verheiratung in solch kleine Wohnung, die dann langen mag; kommen
-aber die Kinder, so scheuen sie die Kosten und Mühen des Umzugs, um
-eine größere Wohnung aufzusuchen, ja, meistens müssen sie wegen der
-Mehrausgaben für die Kinder auf Beschränkung des Mietzinses, statt auf
-Vergrößerung der Wohnung sehen.
-
-Die nach Berliner Art gebauten Mietskasernen liefern ein Heer von
-Wohnungen, die der bescheidenste Mensch schon kaum mehr »Wohnungen«
-nennen würde; oft wohnen bis zu 35 Familien in solch einem Hause der
-Vorstadt. Die Arbeiterinnen, die in den umliegenden Dörfern wohnen, haben
-freundliche, bessere Wohnungen, meist im eigenen Häuschen.
-
-Die meisten Mädchen wohnten bei ihren Eltern, die wenigsten in
-Schlafstellen. Ich will gleich hier bemerken, daß ich die Wohnräume
-meiner Genossinnen in der wärmeren Jahreszeit sah; ich glaube, daß es im
-Winter bei ungenügender Ventilation und Dunst der Kohlen in diesen Räumen
-noch viel schrecklicher sein muß.
-
-Es ist sehr zu bedauern, daß die ärmsten Arbeiterfamilien auf eine »gute
-Stube« halten, daß sie lieber sechs bis acht Personen in einer Kammer
-schlafen, um die geräumige und luftige Stube nicht mit Betten zu
-verunstalten. So kommt es, daß das Mißverhältnis zwischen der Enge des
-Raumes und der Anzahl seiner Bewohner ein himmelschreiendes ist, daß die
-Kinder in diesen Räumen verkommen _müssen_, daß die Erwachsenen keinen
-erquickenden Schlaf finden und Morgens elender und geschwächter aufstehen,
-denn sie sich Abends niedergelegt haben.
-
-Fast durchwegs zeigte das bessere Zimmer kleinbürgerlichen Komfort,
-ein Sopha, ein hübsches Nähtischchen, Spiegel mit Konsole und allerlei
-unnütze kleine Dinge, als da sind Deckchen, Gipsfiguren, Stehrahmen und
-Truhen. Die Schlafkammer dagegen sah meist einer Trödelkammer ähnlich;
-abgesehen von den elenden Betten mit schlechten Strohsäcken, die einen
-widerwärtigen Geruch verbreiteten, lag in einer Ecke die schmutzige
-Wäsche der ganzen Familie, Windeln der Kinder, daneben Kartoffel- und
-Zwiebelvorräte, Kochgeschirr, Flaschen, Besen und Lampen; auf einem
-Tischchen steht übrig gebliebenes Essen, Milch, Kaffee und Brot, daneben
-Kämme und Seife und allerlei Denkbares und Undenkbares. _Ich habe bei
-keiner der gewöhnlichen Arbeiterfamilien eine Küche gesehen, man kocht
-in der Schlafkammer, wenn diese nicht ganz dunkel und zu eng ist_, sonst in
-der Stube; aber hierzu entschließen sich die wenigsten gern.
-
-Gewöhnlich schläft der Vater mit zwei Söhnen, die Mutter mit zwei
-Töchtern _in einem Bett_, oder Vater und Mutter mit einem Kinde
-und die übrigen Kinder zusammen je in einem Bett; auf die
-Geschlechtsangehörigkeit wird wenig Rücksicht genommen. Jungen schlafen
-mit Mädchen, erwachsene Schwestern mit erwachsenen Brüdern -- aber
-natürlich, die Polizei kann nichts drein reden, denn es ist eben alles
-»Familie«.
-
-Und in all' dem Elend ist dies immer noch die rosigste Seite des
-Bildes, selbst wenn sechs Personen in einem Raume schlafen; erst da, wo
-Schlafburschen oder Schlafmädchen gehalten werden, fängt die grenzenlose
-sittliche Verkommenheit aller Familienverhältnisse an. Wohl hat die
-Polizei das Halten von Schlafleuten beider Geschlechter verboten; aber dies
-Verbot ist dehnbar, und wenn ein lediger »Schwager« in der Familie ist,
-so kann man doch ruhig ein oder zwei Schlafmädchen nehmen.
-
-Eine Witwe mit zwei Kindern z. B. bewohnte eine einzige große und ganz
-hübsche Stube mit Aussicht nach den Feldern; Sopha, Konsolspiegel und
-Wanduhr fehlten nicht. Oben im vierten Stockwerk der Mietskaserne hatte sie
-noch Zutritt in eine Bodenkammer mit schräg abfallendem Dach, mit
-Balken und einem einzigen winzigen Fensterchen. _Hier schliefen die drei
-Personen_, die Mutter in einem ordentlichen Bett, _das eine der Kinder in
-einer langen Kiste, das andere auf dem Fußboden zwischen Kiste und Bett_.
-Die Luft war hier entsetzlich, die Hitze unerträglich, wie in einem
-Photographenatelier, _der Raum so eng, daß die Frau auf ihr Bett stieg,
-um die Kinder zu betten, und von ihrem Bette aus erst die Thür schließen
-konnte. Währenddem stand das geräumige Zimmer im Erdgeschoß leer, nur um
-eine gute Stube zu haben._
-
-Ähnliches habe ich _oft_ gesehen; das tollste jedoch an
-»Familienwohnungen«, was ich sah, war die Behausung einer
-Webereiarbeiterin; das Mädchen bewohnte mit einer Tante, der »Herrin
-des Hauses«, zwei Stuben und eine Dachkammer. In der Dachkammer, die
-womöglich noch fürchterlicher aussah, als die vorher beschriebene,
-schlief die Tante nebst 14jährigem Sohn auf einem Strohsack. Die
-Webereiarbeiterin schlief im hinteren Zimmer auf einem Feldbett, in einem
-ebensolchen lagen zwei andere Schlafmädchen, eine 60jährige Sortiererin
-und eine 15jährige Wäscherin. In dem Vorderzimmer, das man passieren
-mußte, um in die Schlafkammer der Mädchen zu kommen, schlief auf dem
-Sopha ein Bruder der Tante und in einer #Hängematte# (!!!), die vom
-Fenster zur Thür gespannt wurde, ein Bruder der Nichte; dieser zahlte
-wöchentlich 2 Mark Schlafgeld mit der Vergünstigung, seinen Koffer mit
-Effekten im Zimmer aufzustellen. Der Sophaschläfer zahlte 2,80 Mark,
-jedoch _ohne Koffer_; ich habe mir nie erklären können, _wo_ diese Leute
-ihre Sachen lassen.
-
-Eine alte Frau, die halb taub und lahm war, hatte eine Wohnung von Stube
-und Kammer inne; in letzterer, die stockdunkel war, schlief sie, in der
-Stube lagen nächtlich vier Personen auf Strohsäcken, zwei Dienstmänner
-und zwei Fabriklehrlinge. Diese vier »Herren« durften sich jedoch nicht
-vor ½9 Uhr abends einstellen und mußten die Schlafstelle wieder um
-½6 Uhr morgens verlassen. Triumphierend erzählte mir die alte Frau, daß
-die Lehrlinge anfangs am Sonntage länger schliefen; da habe sie dieselben
-so lange gekitzelt, bis sie aufgestanden seien; für den Sonntag Vormittag
-vermietete sie das Vorderzimmer einer Wahrsagerin, die dafür monatlich
-3 Mark bezahlt, die Alte sorgt ihr für Kundschaft und bekommt dann
-Tantièmen.
-
-Einige meiner Gefährtinnen und speziell die auf dem Lande wohnten ganz
-hübsch; Vater und Mutter schliefen dann mit dem jüngsten Kinde in einem
-Zimmer, die übrigen Töchter in einer und die Söhne in der anderen
-Kammer.
-
-_Die Art, wie die Mädchen schliefen, zeigte sich in ihrem ganzen Wesen,
-im Benehmen, wie in der Kleidung._ Die Schlafgängerinnen und jene, die in
-erbärmlichen Klausen mit anderen zusammenschliefen, waren roh, schamlos
-und körperlich schmutzig, oft mit Ungeziefer behaftet. Die Mädchen, die
-bei den Eltern oder als einzige Fremde bei einer Verwandten wohnen, sind
-gesitteter, manierlicher, reinlicher.
-
-Bei ersteren findet man nicht viel von der vielbesprochenen »edlen
-Weiblichkeit«, von ihrer Stellung als »Hüterin der Ehre und Sitte, als
-Trägerin des Schönen, des Guten, der _Ideale_!« Es ist ein sonderbares
-Ding um die Logik unserer männlichen Gegner! Sie weisen die Frau zurück,
-wenn sie ins öffentliche Leben treten will, sie sagen ihr, um sie
-einzulullen gar süße Worte von Frauenanmut und Frauenberuf, von dem
-unvergleichlichen, schönen Wirken in der Familie, das ihr der Mann
-durch Verehrung und Achtung vergilt. Diese Paradoxe suche ich nicht zu
-widerlegen; ich sage einfach: _je mehr die Frau im Hause arbeitet, je mehr
-sie Kinder gebiert und wäscht und kocht, je mehr isoliert sie sich vom
-Mann, je mehr sucht er Geselligkeiten außer dem Hause, je mehr wird sie
-ihm Magd und Geschlechtswerkzeug, je mehr mißachtet er sie_.
-
-Wir Anhängerinnen der Frauenbewegung sind in unserm Vorgehen konsequenter,
-denn unsere Gegner; _wir_ legen uns Opfer auf, um für unsere Ideeen zu
-wirken; _wir_ gründen Vereine, richten Unterrichtskurse, Schulen und Heime
-für alleinstehende Mädchen ein, alles aus eigenen, freiwillig gespendeten
-Mitteln.
-
-Warum thun unsere Gegner nichts für _ihre_ Bestrebungen, _warum bauen sie
-jenen Arbeiterinnen, die da verkommen in Unweiblichkeit und Unmoral_, warum
-bauen sie ihnen nicht gemeinsame Wohnhäuser, wo die »edle Weiblichkeit«
-nicht gefährdet wird, wo die Mädchen sich mit »echt weiblichen
-Arbeiten« beschäftigen und »mit schamhafter Sitte in ihrer Hütte«
-bleiben?
-
-_Warum arbeiten die Herren Gegner nur mit dem Munde, nicht mit der That?
-Warum sind wir unweibliche Frauen diejenigen, die Arbeiterinnenschulen und
-Heime gründen, die Kochkurse und Flickstunden den Armen verschaffen?_
-
-Warum suchen denn die »weiblichen« Frauen, deren größtes Vergnügen
-ein Kaffeeklatsch ist, warum suchen _sie_ nicht die Wohnungen der
-Arbeiterinnen, der Verkommenen auf, um ihnen vorzuleuchten als Muster
-tugendhafter Weiblichkeit, als »verehrte und geliebte Gattin« eines sie
-hochschätzenden Gatten? _Wir_ unweiblichen Geschöpfe können das doch
-nicht!
-
-Warum tragen die »Pflegerinnen der Kindheit«, die »Samariterinnen«, die
-»sanften Gattinnen mit den Taubenaugen«, warum tragen sie nicht Hygiene,
-Lehren zur Erziehung der Kinder und die edle Kochkunst in die Wohnungen
-jener Unwissenden?
-
-Oder ist auch solches Wirken unweiblich und in der Theorie Sache der
-Männer, nur in der Praxis Frauenpflicht?
-
-Ja, ja, es ist ein eigen Ding um die Logik! --
-
-Um das Schlafstellenunwesen gründlich zu studieren, bin ich während fünf
-Tagen, von Morgens bis Abends, Trepp auf, Trepp ab, in allen Teilen von
-Chemnitz, auf Wohnungs- resp. Schlafstellensuche gewesen.
-
-Ich möchte hier gleich all' den Damen der Gesellschaft, die sich »mit
-Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volke abwenden«,
-raten, doch auch einmal solch eine Wanderung anzutreten; vielleicht daß
-sie ihr parfümiertes Taschentuch dann öfters gebrauchen werden, um ihren
-aristokratisch-weiblichen »Ekel« zu verbergen.
-
-Ich will, um das Chaos der schrecklichen Dinge, die ich da gesehen, in
-meinem Kopfe zu ordnen, meine Wanderung von Anfang bis zu Ende
-erzählen, dabei aber nur die besten und die schlechtesten Schlafstellen
-berücksichtigen.
-
-Ich hatte, um recht krasse Zustände kennen zu lernen, ein Inserat
-erlassen, wonach »eine arme und hier gänzlich fremde Arbeiterin eine
-Schlafstelle suchte«. Fast alle Offerten, die ich erhielt, trugen auf
-einem Fetzen Papier nur Angabe der Straße und Hausnummer; von den 17
-Antworten, die auf mein Gesuch einliefen, waren nur zwei ausführlich, und
-die will ich hier wortgetreu wiedergeben:
-
- 1.
-
- Wir haben ein logi für sie, es ist eine schöne kamer im driten
- stock aber nich sehr haiß, aber weil wier fünf Kinter haben und eine
- schlaafstehle abgeben könen möchten sie doch komen um sie anzusehn,
- das der preis ist 2 Mark für die Woche mit dem kafee und wäsche
- können sie hir waschen. Mannsleute haben wier nich in der wohnung
- allens für uns allein. Es grüßt sie
-
- Frau .......
-
- 2.
-
- Vorgestern hat meine schlafgengerin gekündigt und sie ist mit einem
- hern gegangen und in das Zimer gekomen was ich nicht leide, weil ich
- mit meine Frau und Kindern drin schlafe. Ich hab ihr gekündigt Sie
- können kommen, es kostet 1,50 für 7 Tage und eine kaffeschänke ist
- nebenan, ein früstük kostet 10 fennige.
-
- Alexander ........
-
- Maschinist.
-
-Ich suchte diese beiden »Schriftkundigen« zuerst auf, ich war wirklich
-gespannt, ihre Bekanntschaft zu machen. Die erste Schlafstelle befand sich
-im Erdgeschoß, in einer kleinen, halbzerfallenen Hütte, die jedenfalls
-bald abgerissen werden mußte; der kellerartige Raum hatte steinernen
-Fußboden und ungetünchte Wände. Unmittelbar über dem verhältnismäßig
-guten Bett hing ein Spinnennetz, eine große, graue Mauerspinne glotzte
-mich feindselig an, als fürchte sie, daß ich ihr das Bewohnerrecht des
-Raumes streitig machen könne. Ich sollte in dieser Behausung mit der Frau
-und dem 4jährigen Töchterchen schlafen, der Mann, die vier Jungen und der
-Vater des Mannes schliefen im Vorraum. Das Ganze war noch nicht eins der
-schlimmsten Logis, denn die Leute hielten keine weiteren Schlafleute, die
-fünf Kinder sahen nett und manierlich aus, Vater und Mutter machten einen
-guten, wenn auch sehr gedrückten Eindruck. Ich merkte gar bald heraus,
-daß ihnen 2 Mark pro Woche außerordentlich viel ausmachen würden. So
-mietete ich denn die Schlafstelle, die ich im voraus bezahlte; sie haben
-mich aber nie wiedergesehen.
-
-Die zweite Schlafstelle war in jeder Beziehung ein Gegenstück zu
-der ersten. Sie befand sich im vierten Stock einer fürchterlichen
-Mietskaserne; aus allen Zimmern der Stockwerke, die ich passieren mußte,
-ertönte Kindergeschrei, Flüche und Gekeife von gellenden Weiberstimmen.
-Windeln und elende Frauenunterkleider hingen zum Trocknen vor jedem
-Fenster, ein entsetzlicher Zwiebel- und Essensgeruch erfüllte das Haus.
-Es war gerade Mittagszeit, die Arbeiter und Arbeiterinnen kehrten eben
-zurück, einer nach dem andern verschwand hinter den Thüren. Ich klopfte
-an _die_ Thür, die den Namen des Briefes trug; wüstes Stimmengeschrei
-tönte mir entgegen, ein sechsjähriger Bengel riß die Thür auf, im
-Hintergrund erschien die Frau. Sie wußte gleich, was ich wollte, ich trat
-ein; das Gemach, in dem ich stand, war klein, viereckig, an den Wänden
-standen drei Betten, in der Mitte des Zimmers ein Tisch, an dem fünf
-Männer saßen, die aus einer gemeinsamen großen Blechschüssel
-löffelten. Wohin ich blickte, lagen, standen, saßen und schliefen Kinder,
-Kinder in allen Größen, Knaben und Mädchen, eines verlumpter als das
-andere.
-
-_Und in diesem Raume bot man mir an, mit Mann, Frau und zehn Kindern zu
-schlafen, von denen das älteste etwa acht Jahre, das jüngste ein halbes
-alt sein konnte_; zwei Zwillingspärchen kauerten am Fußboden, das eine
-mit blödsinnigem Gesichtsausdruck, das andere verwachsen.
-
-Die Männer, Kostgänger zum Mittagstisch, betrachteten mich schon als die
-Ihre, mit zweideutigen Witzen und dummen Redensarten suchten sie mich
-zu fesseln; die Frau, die wieder schwanger war, bot einen ekelerregenden
-Anblick, wie sie mit kurzem Rock, Nachtjacke und bloßen Füßen ein
-zustimmendes, freches Gejohle ausstieß, so oft einer der Männer eine
-recht gemeine Zote ausließ. Ich blieb etwa fünf Minuten, schien mit der
-Schlafstelle einverstanden zu sein, benutzte aber den ersten unbewachten
-Moment, um die Thür zu öffnen und hinunter zu eilen; ich hatte zum ersten
-Male Angst. Ich dankte Gott, als ich wohlbehalten unten bei meinem Manne
-anlangte, der mich überall hin in angemessener Entfernung begleitete; ich
-glaubte unter jenem Gesindel beinahe einer Hülfe zu bedürfen.
-
-Ich sah in den nächsten Tagen noch eine große Anzahl Schlafstellen, teils
-in Bodenverschlägen, kellerartigen Räumen oder in Zimmern, bevölkert von
-4-10 Personen, die mehr oder minder vertiert waren, und wo speziell die
-Frauen Unglaubliches an Gemeinheit und Roheit leisteten. Die Preise der
-Schlafstellen variierten zwischen 1-3 Mark wöchentlich, inklusive Kaffee.
-Manchmal fand ich auch winzig kleine Stübchen mit Tisch, Bett und Stuhl,
-in denen die Bewohnerin sich kaum drehen und wenden konnte, die aber
-reinlich und nett aussahen; blühende Blumen vor dem Fenster, weiße
-Vorhänge, kleine Bildchen und Statuetten verliehen diesem Stübchen etwas
-anmutendes. Solch ein Zimmerchen bezahlte man mit 6-8 Mark monatlich;
-meist wurde es von Näherinnen oder Ladenmädchen bewohnt. Die es
-vermieteten, waren kleine Beamten, Zug- und Lokomotivführer, Schutzleute
-und Aufseher; man sah dem ganzen Heim das Walten des früheren
-Dienstmädchens aus feinen Häusern an, das gewohnt war, Ordnung zu halten.
-
-Auch in den Arbeiterfamilien, wo die Frau Dienstmädchen gewesen ist
-und nie in der Fabrik gearbeitet hat, fand ich Reinlichkeit, Ordnung,
-Schönheitssinn, mehr ein Nachahmen bürgerlicher Kreise; Schlafstellen
-vergaben diese Familien in den seltensten Fällen.
-
-Von einer originellen Schlafstelle will ich noch berichten.
-
-In einem der Arbeiterviertel, draußen bei der Zschopauerstraße, von
-wo ich mehrere Offerten erhalten hatte, zeigte mir eine Frau die zu
-vermietende Schlafstelle, die 1 Mark pro Woche kosten sollte.
-
-Die Frau öffnete eine Wandthür im Korridor, deutete in den dunklen
-Schrank und sagte: »Das is hier!« Ich sah hinein; sobald sich meine Augen
-an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß eine Kommode in dem Raume
-stand.
-
-»Ja, was denn?« stammelte ich in höchstem Erstaunen.
-
-»Na,« meinte die Frau, »das ist eine Bettkommode, die wird am Abend
-ausgezogen bis in den Korridor hinein!«
-
-Ich war starr; bis zur Mitte der Brust lag man also im dunklen Wandschrank,
-die übrigen Körperteile schliefen im Korridor. Es war zu naiv köstlich,
-ich konnte mich des Lachens kaum erwehren.
-
-Jeder, der den Korridor passierte, sah natürlich den Schläfer; und wenn
-auch vielleicht nur zwei Familien Zutritt zu diesem Gang hatten, so konnte
-man immerhin nicht wissen, wer da alles aus- und einging.
-
-Als ich der Frau von vornherein meine Abneigung gegen solch einen
-Schlafraum kund that (ich habe die Leute niemals im Glauben gelassen,
-daß ich mieten wolle), sagte sie wütend spöttisch: »Ja, wenn Sie Ihren
-Schatz im Hotel empfangen wollen, dann müssen Sie eben nicht nach einer
-Schlafstelle suchen!« --
-
-Nach allem, was ich gesehen, muß ich sagen, daß es ein Wunder zu nennen
-wäre, wenn die Mädchen, die in solchen Räumen wohnen und schlafen,
-sittlich und moralisch wären. Vom frühesten Kindesalter an wird das
-Schamgefühl in der jungen Seele systematisch zu grunde gerichtet, der
-Geschlechtsunterschied nicht mehr inne gehalten. Jung verheiratete Leute
-schlafen mit Burschen und Mädchen in einem Raum, Frauen bringen Kinder zur
-Welt im gleichen Zimmer, wo junge Lehrlinge wohnen.
-
-Es kommen Dinge vor, die hier nicht wiederzugeben sind, Scenen, die nicht
-mehr gemein, sondern bestialisch zu nennen sind.
-
-Unsere Gegner befürchten die schrecklichsten Zustände, wenn Männer und
-Frauen in gemeinsamen Hörsälen studieren; sie glauben, oder, was mir
-richtiger scheint, _sie wollen glauben_, daß dann jedes Schamgefühl im
-Mädchen ersterbe, _ersterben müsse_, trotz der hohen Bildung, die es
-erhalten, und die immer ein Schutzmantel gegen Immoralität ist; ich
-möchte sagen: _Bildung, tiefes, reiches Wissen bedingt Sittlichkeit!_
-
-Warum aber fürchtet das Heer der Gegner nicht das ewige Zusammensein und
-Zusammenleben jener Kreise, wo die Bildung ein unbekannter Begriff und der
-Mensch eher zum Laster geneigt ist, denn bei sittlichgebildeten Menschen?
-Hier wird das Zusammensein der beiden Geschlechter verhängnisvoll, _weil
-sie hier keine gemeinsamen höheren Interessen haben, weil sie hier nichts
-zusammenführt, denn Sinnlichkeit_!
-
-Oder ist die männliche deutsche Jugend so verkommen, daß sie mit
-keinem anständigen Mädchen mehr anständig verkehren kann, schützt die
-_akademische Bildung, die Erziehung unter Ägide einer echt weiblichen
-Mutter_ die jungen Männer so wenig, daß sie im Mädchen nicht mehr die
-»edle Weiblichkeit« erkennen, sondern nur das Werkzeug zur Befriedigung
-geschlechtlicher Ausschweifungen?
-
-Gewiss, wenn man die jungen Herren Corpsstudenten, die in Zucht und Sitte
-bis zum 20. Jahre zu Hause aufgewachsen sind, mit den vom 14. Jahre an
-oft elternlosen, immer aber ihr Brot allein verdienenden Fabrikarbeitern
-vergleicht, so sind diese tausendmal moralischer und tausendmal weniger
-verdammenswert!
-
-Und mit den jungen Mädchen der höheren Stände, die nie von Mutters
-Schürze wegkommen, ist es noch viel schlimmer.
-
-Jene Fabrikmädchen, die da in erbärmlicher Wohnung vegetieren, die
-sich ihr Brot bitter schwer erwerben müssen, die nichts denn Rohheit
-und Verkommenheit bei ihrer Umgebung sehen, denen niemand von den
-»hohen Zielen« der Frau »als Hüterin der Ideale« spricht, sind zu
-entschuldigen, wenn sie nichts Höheres kennen, als die Befriedigung
-tierischer Triebe, die Sucht, ihr elendes Dasein in traurigen Vergnügungen
-zu ertränken.
-
-Sie kennen kaum den Begriff der sorgenden Elternliebe, des
-Dornröschendaseins, das alles wie durch Zauberhände, in Wirklichkeit
-aber durch das Portemonnaie der Eltern, vorgelegt bekommt, das die kleinen
-Hände nur zu feinen, niedlichen Arbeiten =vulgo= Spielereien hat, das von
-Vergnügen zu Vergnügen jagt, genau mit denselben unsittlichen Gedanken
-im »jungfräulichen« Herzen, wie die Arbeiterin sie -- natürlicher und
-deswegen moralischer -- dem Schatz gegenüber empfindet.
-
-Spekulieren sie nicht ebenso auf die Sinnlichkeit der Männer, jene
-ehrbaren Töchter, die mit entblößten Armen, Nacken und Schultern zum
-Balle eilen, wie jede Straßendirne? Diese will den Mann auf Augenblicke
-fesseln, jene auf Lebenszeit, der Unterschied ist gering.
-
-Die Fabrikmädchen _lassen sich_ verführen ohne geschminkte Heuchelei, die
-feinen Dämchen aber _verführen selber_, d. h. sie reizen den Mann durch
-Ball- und Toilettenkünste bis zu einem gewissen Grad; wenn sie wissen,
-daß er ins Netz rennt, ziehen sie sich ins Schneckenhaus zurück und
-spielen das »keusche Gretchen«.
-
-Sagen das die vielen »Gedankensplitter« und »Goldkörner« nicht
-hinreichend deutlich, die sich alle darauf beziehen, die heutige deutsche
-Frau in »origineller« Weise zu besingen? Ich wähle hier einige Aperçus
-des Dichters Georg von Schulpe, die augenblicklich in den »Salons«
-beliebte Ware sind.
-
-»Die tausend feinen Fäden der Coquetterie, mit denen ein schönes Weib
-die Männer umgarnt, können sich leicht in eherne Fesseln verwandeln.«
-
-»Die Sirenen der antiken Sage suchten ihre Männer durch ihren Gesang, die
-Zaubermacht ihrer Stimme zu bestricken, die modernen Sirenen vermögen
-dies durch ein beredtes Schweigen, einen vielsagenden Blick ihrer Augen zu
-erzielen.«
-
-»Die Eitelkeit ist die gefährlichste Krankheit der Frauen, ihre Krisis
-ist die Gefallsucht, ihr Ende zumeist der sittliche Tod.«
-
-»Ist eine Frau gefallsüchtig, so fällt sie auch in den meisten
-Fällen.«
-
-»Liebe und Eitelkeit sind die Gottheiten der Frauen, doch oft opfern sie
-ihre Liebe der Eitelkeit zuliebe.«
-
-»Am Weibe ist alles Zweck und Berechnung, und doch fällt es so manchmal
-aus seiner Rolle, und gerade diese unberechnete Berechnung ist's, die ihm
-den höchsten Zauber verleiht.«
-
-»Die Frauen haben einen scharfen Blick, die Männer zu durchschauen und
-eine geschickte Hand, sie einzufädeln.« --
-
-Der Dichter dieser »schönen« Sprüche hat seine Modelle dazu doch
-jedenfalls aus den _feinen Kreisen_ genommen. Wie müßten jene Frauen, die
-bei gutem Familienleben so verkommen können, wie die modernen Dichter sie
-uns schildern, erst werden, wenn sie durch Schicksalsschläge in die Lage
-der Fabrikmädchen kämen? --
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Religion.
-
-
-Mit der Religion standen die Arbeiterinnen auf sehr gespanntem Fuße.
-Pfaffen, Kirche und Beten sind ihnen ein Gräuel, sie meinen, _wer viel
-betet und in die Kirche läuft, muß ein schlechtes Gewissen haben_. Es ist
-auch seltsam, daß sie den Geiz stets mit der Frömmigkeit in Zusammenhang
-bringen und den Wahn haben, wer fromm sei, müsse geizig und wer geizig,
-fromm sein. _Sie glauben wohl an Gott, aber als an ein notwendiges Uebel.
-Es ist dasselbe Verhältnis, wie zu ihrem Schullehrer, sie fürchten Gott,
-aber sie glauben sich ihm entzogen, wenn sie einmal konfirmiert sind._ Bis
-zur Konfirmation hüten sie sich vor dem Bösen, ich glaube, sie würden
-sich vor einem Diebstahl fürchten; nach der Konfirmation aber ist alles
-wie weggeweht, sie fluchen und lästern Gott und kichern im Hintergrunde:
-»Ha, Du wütender Gott, was willst Du thun, wir sind konfirmiert, Du hast
-uns nichts mehr zu sagen!«
-
-_Das Benehmen der Geistlichen selber ist aber größtenteils Schuld an
-diesen Zuständen._ Ich habe in Familien verkehrt, wo konfirmierte und
-nichtkonfirmierte Töchter vorhanden waren. Wenn der Prediger die Familie
-besuchte, was allerdings sehr selten vorkam, so verkehrte er freundlich und
-»väterlich« mit den jüngeren, salbungsvoll predigend mit den großen
-Mädchen. Er tadelte, wenn sie noch so anständig waren, alles an ihnen,
-ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Benehmen, ja, selbst ihr Gesicht. So
-hörte ich ihn einmal in einer Familie, wo die 16jährige Tochter einen
-durchaus tadellosen Lebenswandel führte, zu derselben sagen: »Ja, mein
-Kind, Du bist hübsch und blühend nach außen, aber häßlich und trocken
-im Innern. Der Herr aber sieht nur ins Herz, ihm wäre es wohlgefälliger,
-wenn Du, statt Dir Stirnlocken zu drehen, Deine Seele vom Erdenschmutze
-rein hieltest!«
-
-Das Mädchen war tief empört, es schmähte den Pfarrer und die Kirche
-und räsonnierte sehr richtig: »Der sieht auch nur den Splitter in unserm
-Auge, nicht aber den Balken im Auge seiner Tochter.«
-
-Ich hörte überhaupt öfters Aussprüche, wie:
-
-»Na, wenn Gott gütig und barmherzig ist, warum hat er dann Freude daran,
-daß Tausende armer Bettler leiden, daß im Winter so viele verhungern und
-erfrieren, daß es so viel grausig verkrüppelte Menschen giebt?«
-
-Oder: »Wenn Christus ein uneheliches Kind der Maria war, warum schmäht
-man uns, wenn wir ein Kind haben, ohne verheiratet zu sein?«
-
-Am meisten spotteten sie über das biblische »Wen der Herr lieb hat,
-den züchtigt er!« Sie wollten lieber von Gott gehaßt werden, denn
-Schicksalsschläge als Beweise der göttlichen Liebe annehmen.
-
-Wir sprachen auch manchmal über die Bibel; ich wurde dann eifrigst
-befragt, ob die Berliner viel in der Bibel lesen, die wären doch so
-schlau, die wüßten schon, was an der Bibel sei.
-
-Ich gab ihnen offen und ehrlich meine Anschauungen zum besten, wonach die
-Bibel eine alte Chronik sei, mit ebenso viel rührend schönen, als für
-den Menschenverstand schädlichen Stellen. Dies schien ihnen sehr zu
-gefallen, denn während der Mittagspause kam ich an mehreren Gruppen von
-Mädchen vorüber, die über das Thema diskutierten und sich zustimmend zu
-meiner Äußerung verhielten.
-
-Die Gültigkeit einer Ehe hingegen hängt in ihren Augen vom Wort des
-Pastors ab; ich suchte die Mädchen auszuforschen, was sie von einer
-Ehe, nur auf dem Standesamt geschlossen, denken. Sie halten eine Ehe ohne
-kirchliche Weihe überhaupt für nicht legitim; einige meinten naiv: »Na,
-dann sind die beiden ja gar nicht verheiratet, dann können sie ja jeden
-Tag auseinander.« Hier spricht aber nicht Religiosität aus dem Urteil,
-_sondern das Festhalten an althergebrachten Sitten_.
-
-Merkwürdiger Weise hegen fast alle diese Mädchen eine große Hochachtung
-vor barmherzigen Schwestern; sie achten sie weit höher, denn den Pfarrer,
-schelten jene niemals Heuchlerinnen und Scheinheilige, wie sie es diesem
-gegenüber thun. Ich glaube nach allem, daß die religiösen Schwestern die
-einzigen sind, die unbegrenzte Macht über jene Mädchen erlangen könnten.
-
-Ich habe aber auch von Seiten der Schwestern das Gegenteil bemerkt in
-der Ausübung der Nächstenliebe, wie von den Geistlichen. Wo jene zur
-Krankenpflege oder aus anderen Motiven in Arbeiterfamilien verkehren, sind
-sie freundlich, gütig, geduldig; ich kannte Mädchen, die, wenn sie ein
-neues Kleid oder einen etwas frech aussehenden Hut trugen, mit dem Schatz
-am Pfarrhause vorbeizogen, recht laut lachten und lose Reden führten,
-_um den Pfarrer zu ärgern_. Von _den selben_ weiß ich mit voller
-Bestimmtheit, daß sie, als eine barmherzige Schwester in ihrem Hause
-thätig war, ihr Haar einfacher kämmten und jeden Schmuck wegließen, um
-die Achtung der Schwester nicht einzubüßen.
-
-_Und auch hierin liegt ein Stück Frauenfrage, ein glücklicher Beweis,
-daß Frauen auf Frauen einwirken können, wo Männer nutzlos arbeiten; daß
-die Ansicht so vieler Gegner, wonach eine Frau vor einer andern Frau keine
-Achtung habe, sondern sich nur der physischen Gewalt beuge, eine irrige
-ist._
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-Sozialdemokratie und Frauenfrage.
-
-
-Es ist ein sonderbares Ding um die Sozialdemokratie der Arbeiterinnen!
-
- »..... ich finde nicht die Spur
- Von einem Geist, und alles ist Dressur!«
-
-Wohl nannten sich fast alle Mädchen, mit denen ich zusammen war,
-»Sozialdemokratinnen«, aber wenn man der Sache auf den Grund ging, so
-waren sie es nur, weil ihre Väter, Brüder oder Schätze Sozialdemokraten
-sind, _in ganz verschwindend seltenen Fällen aus Überzeugung_.
-Diejenigen, die wirklich Kenntnis von den Lehren der Sozialdemokratie
-besaßen, sind die verheirateten Frauen, die durch ihre Männer in den
-Strudel der Agitation hineingezogen werden und auf diese Weise zuletzt
-selber mitwirken. Sie sind, je nachdem _wie_ sie die sozialdemokratische
-Richtung auffassen, entweder _umsichtig_ und _verhältnismäßig gebildet_
-oder _roh und verkommen, aller menschlichen Gesetze spottend_.
-
-Ich brachte die Rede wiederholt auf Bebels Buch: »Die Frau und der
-Sozialismus«, _allein die wenigsten unter ihnen kannten es, sie hatten
-kaum eine Ahnung von dessen Existenz. Sie wissen nichts von Verbesserung
-des Frauenloses, von Zukunftsstaat und Zukunftsträumen, von Liebknecht und
-den sozialdemokratischen Führern._
-
-Ihre ganze Sozialdemokratie besteht darin, daß sie das Recht auf
-Arbeit vertreten, daß sie mehr verdienen möchten und neidisch auf alle
-Gutgestellten sind. Dieser »Neid auf Gutgestellte« umfaßt aber nur den
-Kaufmannsstand, Fabrikbesitzer, Geschäftsleute, seltener Beamten; sie
-sympathisieren mit Offiziersfrauen, von denen sie mit freundlichem Mitleid
-sprechen.
-
-»Ach,« hieß es da, »die armen Offiziersfrauen, die haben größtenteils
-nur ein altes Kleid anzuziehen; das Geld langt zu nichts, sie können sich
-nie richtig satt essen, weil sie Gesellschaften geben müssen.«
-
-Es war dies kein ironisches Kritisieren, sondern aufrichtige Teilnahme für
-jene Damen. Ich glaube, daß diese Ansicht durch Dienstmädchen verbreitet
-worden ist, die in armen Offiziersfamilien gedient hatten, wo allerdings
-Schmalhans recht oft Küchenmeister sein mag.
-
-Die Mädchen haben auch nicht den geringsten Sinn für Tagesinteressen und
-öffentliche Fragen; sie lesen wohl Zeitungen, aber nur die Lokalberichte
-über Mordthaten; hatte die eine einen recht grausigen Mordfall in einer
-Zeitung entdeckt, so brachte sie das Blatt mit zur Fabrik, las es laut vor,
-die gräßlichsten Stellen laut betonend. Es wirkte äußerst komisch, als
-einmal eines der Mädchen nach Beendigung der Lektüre ausrief: »_Aber war
-das ein schöner Mord!_« Dabei standen ihr selber die Haare zu Berge.
-
-Das Aufseherpersonal besteht durchwegs aus Sozialdemokraten; sie behandeln
-die Arbeiterinnen durchaus nett und freundlich. Jedoch bemerkte ich, daß
-mancher dieser Männer _die_ Mädchen bevorzugte, deren Väter oder
-Brüder Gesinnungsgenossen von ihm waren, während er Töchter konservativ
-gesinnter Väter oftmals ungerecht behandelte.
-
-_Durch die bestehenden Verhältnisse werden die Mädchen zur
-Sozialdemokratie getrieben; der Tag wird kommen, wo eine Arbeiterin
-gleichbedeutend sein wird mit einer Sozialdemokratin._ Manche Mutter, die
-in der Zeit ihrer Ehe Muße gefunden hatte, über sozialdemokratische Ideen
-nachzudenken, kleidete ihre Töchter mit Vorliebe in rot, oder ließ sie,
-wenn sie größer wurden, rote Hutgarnitur und rote Schleifen tragen; hier
-artete die Liebe zur Sozialdemokratie in Fanatismus aus.
-
-Am interessantesten waren die Dinge und Meinungen, die ich über den
-deutschen Kaiser hörte; es wurde viel über ihn gesprochen, weil die
-Mädchen in der Auffassung leben, daß in Berlin ein jeder von jedem
-Schritt des Kaisers unterrichtet sei und ich doch »viel erzählen«
-könne. Selbstverständlich handelt es sich dabei nur um interne
-Angelegenheiten des Kaiserlichen Familienlebens; sie wollten wissen,
-_wie_ das Kaiserliche Paar zusammen lebt, wie viele Kleider und Hüte die
-Kaiserin hat, ob die Prinzen gut erzogen seien und anderes.
-
-Wir haben uns manche Stunde über dies Thema unterhalten, leider kann ich
-hier aber auf die Einzelheiten nicht eingehen. In den Wohnungen hingen
-allenthalben fürchterliche Öldruckbilder des sächsischen Regentenpaares,
-aber nur höchst selten das Bild des Kaisers, _das der Kaiserin sah ich
-nie_.
-
-Die Mädchen scheinen auch keinen rechten Begriff von Majestätsbeleidigung
-zu haben; ich erschrak oft, mit welcher Kühnheit sie allerlei Dinge
-aussagten, die ihnen die Freiheit auf lange hätten rauben können.
-
-Auch hier fand ich ganz konträre Punkte zu Göhres Ansicht, welcher sagt,
-daß die Arbeiter sich vor Majestätsbeleidigungen hüten, weil keiner
-dem andern traue, daß der Kaiser ihnen eine sympathische, volkstümliche
-Gestalt sei.
-
-Ich fand immer, _daß sie den deutschen Kaiser nicht als zu ihrer Heimath
-zugehörig anerkennen_, daß er für sie ein fremder Herrscher ist, der
-ihren König unterdrücken will, daß sie den Haß gegen die Preußen
-auch auf den Kaiser übertragen. -- Die Landarbeiterinnen sind
-durchwegs Sozialdemokratinnen mit bedeutend gründlicherer Kenntnis der
-sozialdemokratischen Lehren, als ich sie bei allen Stadtmädchen fand.
-
-Hier üben die Frauen auch Einfluß aus auf die politische Wahl der
-Männer, hauptsächlich insofern, als Familienväter vieler Kinder
-diejenigen wählen, die gegen die Kornzölle stimmen. Ich kannte eine
-Arbeiterfamilie, die wöchentlich 81 Pfund Brot verzehrte; die Frau hetzte
-beständig ihren Mann, »ja am nächsten Wahltage einen »besseren« zu
-wählen, dann würde das Brot doch gewiß billiger.«
-
-Der Hauptgroll aber richtete sich gegen die Bäcker, die, trotz
-Zollermäßigung in den neuen Handelsverträgen, den Preis des Brotes nicht
-herabsetzten. Bei Familien, die 81 Pfund Brot wöchentlich verzehren,
-wäre eine Herabsetzung der Brotpreise natürlicher Weise von großer
-Bedeutung für das Haushaltungsbudget. Sonst aber fand ich keinerlei
-politische Ansicht bei den Frauen, weder Interessen, noch Verständnis
-dafür.
-
-Die Mädchen besuchen sehr selten sozialdemokratische Versammlungen, selbst
-die verheirateten Frauen sind dort nicht oft gesehene Gäste. Ich
-muß leider eingestehen, _daß die Arbeiterinnen überhaupt sehr wenig
-Kenntnisse der öffentlichen Vorgänge besitzen, und auch gar kein
-Interesse dafür zeigen_. --
-
-Etwas besser stand es schon mit ihren Ansichten über die Frauenfrage. Nur
-will ich hier gleich betonen, _daß sie keine Ahnung von der Agitation der
-Kämpferinnen für Frauenrechte haben, daß sie unsere Forderungen nicht
-kennen, weder von Frauenstudium noch Mädchengymnasien einen Begriff haben
-und auch nicht erwarten, daß die Stellung der Frau je anders würde. Aus
-diesen Gründen bedaure ich, daß die Sozialdemokratie unter den weiblichen
-Arbeitern nicht tiefer eingedrungen ist, sie allein würde den Mädchen
-Interesse an Bildung und Menschenrechten geben._ Ebenso lebhaft bedaure
-ich, daß das Bebelsche Buch unter den Mädchen so wenig bekannt ist;
-ich sage das, trotzdem die darin vertretenen Anschauungen nicht immer
-die meinen sind; sie geben aber den unwissenden Arbeiterinnen wenigstens
-Aufklärung über die Stellung der Frau im Leben und regen sie an zu
-ernsterem Denken. Das wäre eine Vorarbeit zu unseren Bestrebungen.
-
-Ich habe meine Gesinnungsgenossinnen so oft klagen hören, daß es tausend
-und abertausend Frauen giebt, die keine Ahnung von dem Wirken von unserer
-Seite haben; wir agitieren durch Wandervorträge und Zweigvereine, die wir
-in allen Städten zu gründen suchen, allein stets kommt der Gewinn, den
-uns diese Arbeit bringt, den oberen Kreisen zu gute. Ich glaube, daß
-die meisten Damen es geradezu lächerlich finden würden, wenn man davon
-spräche, den Arbeiterinnen Vorträge über die Frauenfrage zu halten. So
-lange man die Thätigkeit aber auf seinesgleichen, auf gebildete Kreise
-ausstreckt, auf Frauen, die der »guten Gesellschaft« angehören, _so
-lange ist alles Wirken Spielerei_. Jedweder Baumeister baut lieber den
-schlanken Turm der Kirche, denn im Schlamme des Grundwassers das Fundament
-zu legen; aber wenn dieses nicht gelegt wird, dann stürzt der stolze Turm
-zusammen.
-
-Für die Mädchen der unteren Stände giebt es noch weniger Berufsarten,
-als für die Töchter des Mittelstandes.
-
-Wollen sie nicht dienen, so erwartet sie die Fabrikarbeit, und wollen sie
-auch dieses nicht, dann harrt ihrer -- _die Prostitution_! Die Prostitution
-ist der Ruin des Frauengeschlechtes, die Prostitution ist einer der
-Hauptfaktoren, durch den eine »Frauenbewegung« entstanden ist. So lange
-wir das immer dicker und üppiger werdende Reptil der Prostitution ruhig
-wachsen lassen, nützt alle Arbeit nichts, sie bleibt fruchtlos. Und um die
-Prostitution auf das allerniedrigste Maß zu beschränken, müssen wir in
-erster Linie _die_ Mädchen haben und besser stellen, die das Heer jener
-Jammergeschöpfe liefern.
-
-Ein neuerer Schriftsteller sagt uns: »Wir fehlen schlimmer und
-barbarischer, als jene Nationen, bei welchen dem Manne mehrere Frauen
-erlaubt sind und welche die Frau rein als lebende Ware betrachten; denn bei
-solchen Völkern werden die Frauen wenigstens mit Obdach, mit Nahrung und
-Kleidung versorgt, sie werden verpflegt wie das Vieh. In einem solchen
-System liegt Konsequenz. Allein in Deutschland werden die Frauen wie das
-Vieh betrachtet, ohne daß wir nur wenigstens für sie sorgen, wie für das
-Vieh. Wir nehmen den schlimmsten Teil der Barbarei und den schlimmsten Teil
-der Civilisation und verarbeiten beide zu einem heterogenen Ganzen. Wir
-erziehen unsere Frauen zur Abhängigkeit und lassen sie dann ohne irgend
-jemand, von dem sie abhängen könnten. Sie haben niemand und nichts,
-worauf sie sich stützen können, und so stürzen sie nieder.«
-
-Ein anderer Schriftsteller sagt: »Darüber, daß die Löhne der weiblichen
-Arbeiter zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse nicht ausreichen, herrscht
-nur eine Stimme. Eine große Zahl von Arbeiterinnen arbeitet vom frühesten
-Morgen bis in die späte Nacht hinein mit Aufopferung ihrer Gesundheit;
-aber sie sind dennoch nicht im stande, sich so viel zu erarbeiten, um ihre
-wichtigen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Was sollen diese beginnen,
-um das herbeizuschaffen, was nötig ist, um den ihre Existenz bedrohenden
-Abgang an ihrem Verdienst zu ersetzen? ... Wollten diese Armen tugendhaft
-bleiben, so müßten sie einen so hohen Grad von moralischer Kraft
-besitzen, der es ermöglichte, der langsamen Aufzehrung ihrer Lebenskräfte
-ganz apathisch zusehen zu können. Da aber die Liebe zum Leben selbst
-des Bettlers Brust so mächtig beseelt, daß er eher die Moral als seine
-Existenz hinopfert, so kann es nicht überraschen, wenn auch diese so
-hartbedrängten Mädchen ihre sozusagen unfreiwillige Preisgebung einer
-sichern materiellen Vernichtung vorziehen. Was ist mehr zu beklagen, jene
-sozialen Einrichtungen, durch die es so weit gekommen, daß die Löhne
-der Arbeiterinnen deren Bedürfnisse nicht mehr decken, oder die
-Charakterschwäche der Mädchen, die es nicht zuläßt, in ihren
-Marterkammern langsam dahinzusiechen, um als Tugendheldinnen zu sterben?«
-
-Sicherlich das erste! Die Prostitution ist das Werk der Männer, der
-Gesetzesgeber, es sind ihre Prinzipien, die sich hier verkörpert finden,
-es sind die Opfer ihres Egoismusses, die Opfer des =vae victis=!
-
-Es ist eine anerkannte Thatsache, daß von einer eigentlichen Prostitution
-in der Schweiz z. B. keine Rede sein kann, daß Heere von öffentlichen
-Frauen, die die Straßen bevölkern, dort ein unbekanntes Ding sind. Und
-merkwürdig, so hoch und so selbständig, wie die Schweizerin, steht keine
-Frau Europas da; denn von der glücklichen Amerikanerin wollen wir hier
-nicht reden. Aber die Herren Gegner wollen das nicht sehen, _sie sehen nur
-das, was ihnen beliebt, das ist ihre Konsequenz_.
-
-Fördern die Herren Fabrik-Ärzte vielleicht die »edle Weiblichkeit«,
-sie, die die Mädchen oft in der schändlichsten Weise behandeln, und doch
-in Todesangst den immer zahlreicher auftretenden Ärztinnen entgegensehen?
-
-Eine unserer Hefterinnen, ein anständiges, nettes, 16jähriges Mädchen,
-litt an Bleichsucht und allgemeiner Körperschwäche; sie war eines Tages
-zum Kassenarzt gegangen, wohin ich sie begleitete. Ich wartete vor der
-Hausthür auf sie; als sie zurückkam, weinte sie bitterlich, sie zitterte
-an allen Gliedern vor Ärger und schluchzte: »Der Lump, zu dem gehe ich
-nicht mehr!« Ich frug sie, was denn los sei. »Na,« meinte sie, »ich
-sagte ihm, ich hätte öfters Schwindelanfälle und heftiges Erbrechen, und
-da sagte er nur: »Na, ja, Sie sind schwanger, das wird vergehen, gehen Sie
-nur wieder. Haben Sie _einen oder mehrere Schätze_?«
-
-»Ich habe _keinen_,« hatte sie erwidert.
-
-»Das sagt jede,« antwortete der Arzt, »schwanger sind Sie doch, 's ist
-schon gut!«
-
-Und ohne das tiefverletzte und gekränkte Mädchen zu untersuchen, entließ
-er sie.
-
-Und _das_ darf der »ritterliche Mann«, der »Beschützer des Weibes«
-einer Vertreterin des »Humanen«, einer »Trägerin der Sittlichkeit«
-sagen? Wer hilft hier dem Mädchen, wer rächt diese Beleidigung? Dem
-vornehmen Fräulein, das in gleicher Lage zum gleichen Arzte käme und
-bei dem diese Vermutung vielleicht berechtigt wäre, würde so etwas nicht
-geboten; da würden freundliche Ratschläge und liebevolle Teilnahme auf
-sie herabregnen. Weltbeherrscher, dein Name ist Geld!
-
-Ich erzählte den Mädchen, daß in Berlin mehrere Frauenärztinnen mit
-außerordentlichem Erfolg praktizieren und daß überall in den großen
-Städten Medizinerinnen auftreten.
-
-_Von dieser Thatsache waren alle entzückt!_
-
-»Ach,« riefen mehrere, »dann würden wir uns, wenn wir nicht wohl
-sind, nicht noch lange herumplagen, sondern gleich zur Doktorin gehen, da
-brauchte man sich doch nicht Gemeinheiten sagen lassen!«
-
-_Und das sagten Mädchen, die von Frauenstudium und von der Frauenbewegung
-keine Ahnung haben._
-
-Die Mädchen laufen sehr viel zur Hebamme, nur um dem peinlichen Fall zu
-entgehen, den Arzt zu konsultieren; für allerlei kleine Beschwerden
-und Übelstände holen sie den Rat der »weisen Frau« ein; diese macht
-vorzügliche Geschäfte, sie hilft den Kranken durch kleine Volksmittel,
-durch Massage und Wasser, und hat auf diese Weise immer zu thun, meist
-zwar für Krankheiten, die mit ihrem wahren Berufe nichts gemein haben.
-Natürlicher Weise entstehen sehr oft ernstliche Schäden durch diese
-»Behandlungsweise«, die der Arzt dann wieder gut zu machen hat.
-
-Auch hierin liegt wieder eine _tiefgehende Bestätigung, daß
-Frauenärztinnen ein Ding der Notwendigkeit sind, eine natürliche
-sittlich-notwendige Institution_.
-
-Der Bildungsgang der Mädchen ist leider ein trauriger, sie lesen alle
-ziemlich geläufig, allein die meisten können kaum mehr schreiben, und vor
-allem, nicht Geschriebenes lesen.
-
-Ich mußte den Krankenschein der einen einmal vorlesen, nachdem er in 10-12
-Händen war und keine ihn entziffern konnte. Ich warf nur einen Blick
-auf das Papier, auf dem in deutlichster und klarster Schrift stand: Wegen
-Magenbeschwerden auf zwei Tage zu entlassen.
-
-Von _der_ Zeit an, stand ich im Rufe großer Gelehrsamkeit, ich wurde mit
-allerlei Fragen behelligt, ich sollte Briefe schreiben und Briefe vorlesen;
-ich hätte es vielleicht noch weit gebracht, wenn nicht der Abschied vor
-der Thür gestanden wäre. --
-
-Ich glaube, daß das Feld für die Ärztin unter jenen Mädchen ein leicht
-zu bebauendes ist, denn von Aberglauben, von Vorliebe für Besprecherinnen
-und Blutstillerinnen habe ich nichts gefunden; es steckt mehr
-natürlich-philosophische Anschauung in den Köpfen der Arbeiterinnen, als
-man meinen sollte.
-
-Und deshalb warne ich hier nochmals: Rennt nicht am Veilchen vorüber,
-dessen Duft euch sicher ist, wenn ihr es findet, um einer Rose nachzujagen,
-die sich, in der Nähe betrachtet, vielleicht als Heckenrose erzeigt!
-Baut keine leichte Brücke über den tiefen Abgrund der Unwissenheit und
-Immoralität, um hinüber zu gelangen in Blumengefilde; ihr müßt über
-_jene_ Brücke immer wieder zurückgehen. Füllt aber den Abgrund mit
-guter, fetter Erde, daß Blumen darauf sprießen und ihr darüber hinweg
-wandelt in die duftende Blumenpracht hinein, kaum mehr dran denkend, was
-einst hier für Grauen die Nacht bedeckte! --
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-Vergnügungen.
-
-
-Ob ich Recht daran thue, dies Kapitel »Vergnügungen« zu nennen? Nein,
-ich finde, daß es passender und zutreffender wäre, wenn ich sagen würde:
-Betäubungen, um das elende Leben der Woche zu vergessen, Betäubungen,
-die stark narkotisch auf Sittlichkeit und Tugend, auf Menschenwürde und
-Menschenehre wirken!
-
-Ich kann ruhig behaupten, daß ich alle Chemnitzer Lokale, in denen
-Arbeiterinnen verkehren, besucht habe. Von eigentlichen Arbeiter-Lokalen
-kann jedoch keine Rede sein; man findet männliches und weibliches
-Fabrikpersonal in jedem Lokal, auf jedem Tanzboden, sie gehen unter in der
-Menge der Besucher, sie sind an nichts kenntlich.
-
-Im allgemeinen herrscht unter den Arbeiterinnen bei weitem nicht jene
-Liebe zum Tanz, wie unter den Mädchen des Mittelstandes; es gab sehr viele
-gerade unter den Maschinenarbeiterinnen, die vom Tanz nicht viel wissen
-wollten, die da sagen, daß der Tanz ihnen nur auf unnütze Weise ihre
-Kräfte raube, ungesund sei und sie in den ersten Wochentagen bei weitem
-nicht die gleiche Arbeit verrichten könnten, als wenn sie Sonntags vorher
-nicht getanzt hatten.
-
-Ich freute mich aufrichtig darüber und suchte ihre teilweise Abneigung
-gegen den Tanz nach besten Kräften zu schüren.
-
-Ich habe alle Tanzböden von Chemnitz und Umgegend besucht, meinem
-Prinzip getreu aber nie getanzt; ich fand die Fabrikarbeiterinnen viel
-zugänglicher den Lehren gegen das Tanzen, die ich ihnen aufbaute, als alle
-besseren Mädchen.
-
-Hingegen haben die Arbeiterinnen durchwegs eine große Vorliebe für
-Theater, Cirkus und Tingeltangel; ihr liebster Vergnügungsort ist der
-Schützenplatz, wo sie eine reiche Auswahl der verschiedensten Genüsse
-finden, Carussel, Affentheater, Würfel-, Schlangen- und Zaubererbuden,
-Tingeltangel und Messeresser.
-
-Das beste Lokal, das ich kannte, war das »Colosseum« in Kappel; es war
-ein fein eingerichtetes Konzerthaus mit vorzüglicher Militärkapelle,
-und am Nachmittag nur von ganz gutem Publikum besucht. Nach Beendigung
-des Konzerts war Ball, bei welchem das Publikum sich bedenklich zu mischen
-anfing. Man sah ehrbare Beamtenfamilien mit erwachsenen Töchtern, die die
-Mutter lebhaft zum »Männerfang auf Lebenszeit« anhielt, allein gekommene
-Ladenmädchen, andere mit ihrem »Liebsten«, Lieutenants in Civil,
-=Commis-voyageur=, aber auch Dirnen in feinen Balltoiletten; ich halte das
-Lokal überhaupt für kein solches, in welchem Arbeiterinnen verkehren;
-die Mädchen, die dort _allein_ verkehren, treiben einen ganz anderen
-»Beruf.«
-
-Im grellsten Gegensatz zu diesem Etablissement steht die »Kaiserkrone«,
-ein Lokal, in welchem das schlimmste Gesindel verkehrt. Der Tanzsaal
-befindet sich im ersten Stockwerk eines düstern Gebäudes; in dem elenden
-Stück Hof, den man zu passieren hat, um zur Treppe zu gelangen, steht
-ein altes verschnapstes Weib und bietet aus einem ekelhaft aussehenden
-Kinderwagen, der ihr als Buffet dient, ihre zweifelhaften Speisen an. Die
-Treppe selber ist schmal, schmutzig und winklig, mit ausgetretenen Stufen;
-die Eingangsthür zum Saal niedrig und klein. Es ist kein Wunder, daß bei
-Keilereien, die hier des öfteren vorkommen, stets einige der Streitenden
-halb todt geschlagen werden, daß ein großer Teil mit Wunden »versehen«
-heimkehrt. Auf der engen Treppe, in dem winkligen, dunklen Gange ist ein
-Flüchten unmöglich, wer hier die Wut Mehrerer auf sich lenkt, ist so gut
-wie verloren.
-
-Von allen meinen Mitarbeiterinnen, mit denen ich über die »Kaiserkrone«
-sprach, verkehrte auch nicht eine dort; sie äußerten sich durchwegs
-mit Ekel und Abscheu über dies Lokal, die meisten erklärten, »da gehen
-anständige Mädels nicht hin«.
-
-Ich habe die »Kaiserkrone« drei Mal besucht in Gesellschaft meines
-als Arbeiter verkleideten Mannes. Meist befanden sich dort cirka
-40-50 Mädchen, verkommene Dienstmädchen, der gemeinste Auswurf der
-Fabrikarbeiterinnen und zum größten Teil Soldatendirnen. Das männliche
-Element bestand durchwegs aus Soldaten eines Infanterie-Regiments, die
-wenigen Civilisten, die anwesend waren, schienen mir die Zuhälter der
-Dirnen zu sein.
-
-Ich habe in meinem ganzen Leben keine so bestialisch rohen, gemeinen, jeder
-Menschlichkeit baren Mädchen gesehen, wie hier, Gesichter, die das Laster
-verzerrt hatte, schmutzige Frauenzimmer, deren oft elende Kleidung roch,
-mit ungekämmtem Haar und einem Benehmen, das der Wahnsinn ihnen diktieren
-muß. In der unglaublichsten, nicht wiederzugebenden Weise rempeln sie
-die Soldaten an, die sich ihrer kaum erwehren können, vollführen sie vor
-aller Augen die unsittlichsten Dinge.
-
-Es lag über dem ganzen Saal eine Atmosphäre des Schmutzes, des
-grenzenlosen Lasters, der Bestialität, die den sittlichen Menschen zur
-Verzweiflung bringt. Die Frauenzimmer, die dort verkehren, sind überhaupt
-keine Menschen mehr, es sind Reptilien, Pestbeulen des öffentlichen
-Lebens. Ich sah so manchen blühenden und hübschen jungen Soldaten,
-den die schmutzigsten und teilweise verlumptesten Frauenzimmer, die alle
-zwischen 30-40 Jahre sein mochten, in ihre Mitte nahmen und so lange
-bearbeiteten, bis er mit ihnen verschwand.
-
-Es ist eine Nachlässigkeit des Staates, der Militärbehörden, daß sie
-derartige Lokale nicht verbieten, und dem moralischen Morde Hunderter ruhig
-zusehen.
-
-Was nützt es, die Soldaten am Morgen auf Kommando in die Kirche zu
-führen, wie eine Herde Schafe zur Tränke, um sie am Nachmittage dem
-erbärmlichsten Laster ruhig zu überlassen? Was nützt es, daß der
-Soldat zur Reinlichkeit und zur Ordnung mit militärischer »Disciplin«
-angehalten wird, wenn er am Nachmittage ungewarnt und unbehindert Elend,
-Gift und Pestilenz holen darf?
-
-Warum sieht die allwissende Polizei den Bettler, der halb verhungert ein
-Almosen erbittet, aber nicht jene Lasterhöhlen, wo das Volk sich den
-Untergang holt, wo die Söhne des »sittlichen« Deutschlands die Seuche
-herholen, die sich weiter und weiter ins Volk frißt? Man fängt die arme
-Streichholzverkäuferin auf der Straße gar bald ab, aber man läßt jene
-giftigen Spinnen der menschlichen Gesellschaft ruhig weiter vegetieren in
-ihrem Netz, trotzdem ein jeder ihrer Stiche zur Blutvergiftung führt.
-
-Man philosophiert, wie gesagt, über alle diese Dinge, aber man handelt
-nicht; man begnügt sich mit dem heuchlerischen Grundsatz: »Was mich
-nichts angeht, rühr' ich nicht an«, man forscht den Ursachen nicht
-nach, die die Vertreterinnen der »Ideale« zu den niedrigsten
-Geschöpfen gemacht haben! _Die Prostitution ist ja immer noch das einzige
-Ableitungsrohr, um der Arbeitsnot und dem Mangel an weiblichen Berufsarten
-abzuhelfen und einzulenken in andere Wege._
-
-Ich sprach kürzlich mit einem sehr vornehmen _konservativen_ Herrn, der
-selber Vater von zwei Töchtern ist. »_Das thut ja nichts_,« meinte er
-menschenfreundlich, »_daß die Löhne für weibliche Arbeiter so gering
-sind; die Frau findet immer Mittel und Wege, um sich durch einen Schatz das
-notwendigste geben zu lassen, dumm genug, wenn sie einen wählt, der nichts
-hat! Der Mann aber kann das nicht, darum muß er mehr verdienen als die
-Frau!_«
-
-Und ein anderer Menschenfreund, ein Apotheker, der nebenbei Millionär ist
-und seine 6 älteren Töchter mit 18 Jahren durchschnittlich verheiratet
-hatte, sagte mir: »Ich kann gar nicht begreifen, warum man eine
-Frauenfrage für nötig hält und behauptet, den Frauen stünden nicht
-genug Berufe offen. Ich habe sieben Töchter und habe mir nie Sorge
-gemacht, um für sie Berufsarten herauszufinden; ich habe sechs Mädchen
-verheiratet und hoffe, daß auch die jüngste einen Mann finden wird, ohne
-einen Beruf ergreifen zu müssen.«
-
-Man weiß nicht, soll man darüber lachen oder empört sein, ich glaube,
-die Millionen haben den Mann so dumm gemacht!
-
-Aber so ist es, die Frauenfrage ist eine Ausgeburt verrückter Köpfe und
-die Prostitution ein weiblicher Beruf! Man lernt immer wieder Neues! --
-
-Ich besuchte auch öfters die »Linde«, ein großes Tanz-Etablissement
-anständigster Art; hier verkehrten ausschließlich Fabrikmädchen und
-Fabrikarbeiter, einige Unteroffiziere und geringe Kaufleute.
-
-Der Ton war anständig, die Mädchen saßen ruhig an den Tischen und
-unterhielten sich, ab und zu einen Tanz machend, wozu sie ihr Kavalier
-unter einer Verbeugung abholte und ebenso höflich zurückführte. Die
-Mädchen tanzen hübsch, selbst graziös, es kam nie zu wilden Hopsereien,
-wie es in Bauernschenken vorkommt; es wurde sehr wenig getrunken, ich fand
-hier, wie auch im »Bellevue«, daß die Arbeiterinnen häufiger sogar
-Kaffee als Bier tranken. In beiden Lokalitäten war, wie gesagt, das
-Arbeiterelement stark vertreten, Militär dagegen kaum anzutreffen.
-
-An einem der Sonntage hatte ich in der »Linde« ein neben mir sitzendes
-Mädchen beobachtet, das »herrenlos« hingekommen war und fremd zu sein
-schien. Sie sah furchtbar dumm aus, wagte kaum, um sich zu sehen und schien
-noch keinen Schatz besessen zu haben. Es dauerte nicht sehr lange, bis ein
-»Herr« sich zu ihr setzte, ihr ein Glas Bier kommen ließ und sie in den
-Bann seiner Beredsamkeit zog. Ich verlor sie aus den Augen und hatte nur
-noch bemerken können, daß sie dem Verführer schon viel freundlicher
-antwortete und auf dem besten Wege war, mit ihm »gut Freund« zu sein.
-
-Am Sonntage darauf besuchte ich das »Elysium«, ich traf dort jenes
-Mädchen, das wieder allein an einem Tisch saß. Heute blickte sie schon
-viel kühner um sich, sie lachte jeden an, der sie ansah; sie trug eine
-Korallenkette, rosa Schleifen an der Brust und im heute gelockten Haar,
-das vor 8 Tagen einfach gescheitelt war. Sie hatte jedenfalls an dem einen
-Nachmittage viel »gelernt«, sie war auf dem besten Wege, abwärts zu
-kommen. An jenem Nachmittage tanzte, scherzte und sprach sie mit mehreren,
-ließ sich auch von verschiedenen Seiten Bier bezahlen.
-
-Ich hatte die Geschichte schon beinahe vergessen, als ich 3 Wochen später
-das »Colosseum« besuchte und zu meinem größten Erstaunen jenes Mädchen
-am Arme eines Herrn (zweifellos ein Referendar oder Lieutenant in Civil,
-da er Schmisse hatte) sah, fein gekleidet, mit Talmischmuck überladen, das
-Haar kurz geschnitten, das Gesicht bemalt. =Sapienti sat!= Sie war
-»klug« gewesen und hatte in Folge dessen schnell Carrière gemacht, eine
-»dümmere« wäre nicht so schnell »gestiegen«. --
-
-Mehrere aus der Fabrik hatten mir geraten, da ich keinen Schatz besaß, das
-»Elysium« aufzusuchen, es sei dies ein Lokal, in welchem man leicht und
-schnell Bekanntschaften machen könne. So biß ich denn in diesen sauren
-Apfel und begab mich ins »Elysium«; mein Mann saß an einem Nebentisch
-hinter einem Pfeiler. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich von einem
-Herrn angesprochen wurde, der mich frug, ob ich auf meinen Schatz warte;
-ich verneinte. »Dann können wir gleich beisammen bleiben,« fuhr er fort,
-»ich habe Geld, ich kann was draufgehen lassen.« Er hatte eine goldene
-Uhr mit schwerer goldener Kette, feingepflegte weiße Hände und trug einen
-goldenen Zwicker. Ich hielt ihn für einen höheren Beamten, vielleicht
-einen Assessor, trotzdem er mir versicherte, er sei Aufseher in einer
-Fabrik. Wir gehörten jedenfalls beide in die gleichen Gesellschaftskreise,
-glücklicher Weise ahnte mein Kavalier nicht, daß ich ihn erkannte.
-
-Auch die übrigen Herren, die mich in den Pausen behelligten, schienen
-keineswegs Arbeiter zu sein, sondern sogenannte »feine« Leute. Ich merkte
-daher bald, daß die »leicht zu machenden Bekanntschaften« sich nicht auf
-die Arbeiterkreise bezogen, sondern von anderer Seite zu ganz anderem Zweck
-gesucht wurden. -- Ueberhaupt ist die »Sitte des Attakierens« unter den
-Arbeitern bei weitem nicht bekannt und beliebt, wie unter den Studenten und
-sonstigen jungen Herren. Man macht seine Bekanntschaft in der Fabrik,
-bei Freundinnen oder bei anderen festlichen Anlässen in einem Lokal;
-gewöhnlich werden die Schätzelosen von Bekannten mit Kavalieren versorgt,
-eine weniger gesuchte Art der Bekanntschaft.
-
-Auf dem Schützenfest, das glücklicher Weise in die Zeit meines Chemnitzer
-Aufenthaltes fiel, fand ich die Arbeiterinnen aller Fabriken, in denen
-ich gewesen, vertreten. Sie zeigten ein besonderes Interesse für
-eine Tingeltangelbude, in welcher vier gemein und verkommen aussehende
-Frauenzimmer in kurzen Tricotkleidern die abscheulichsten Zoten sangen.
-
-Trotz der Vorliebe für derartige Vergnügungen besprachen sie in
-vernünftigster Weise das Leben jener Tingeltangelsängerinnen und
-erklärten einmütig, mit keiner einzigen tauschen zu wollen.
-
-Sie verspielen sehr viel Geld an den Würfelbuden; es geht ihnen wie den
-Hazardspielern; wenn sie für den Einsatz von 10 Pfennig einen Gegenstand
-zu 50 Pfennig gewonnen haben, so würfeln sie fiebernd weiter, immer in
-der Hoffnung, noch weiteres zu gewinnen; zuletzt haben sie ihren Gewinn
-doppelt so hoch bezahlt, als sie in einem Laden für den gleichen
-Gegenstand gegeben hätten.
-
-Die meisten der Mädchen spielen in Lotterien, und wenn der Einsatz auch
-nicht hoch ist, so ist der Verlust von 2 oder 3 Mark allmonatlich für
-sie doch kein geringer Schaden. Sie hoffen alle auf das große Los oder
-wenigstens auf einen Gewinn, der es ihnen ermöglicht, von ihrem Gelde
-zu leben. Ich kannte alte Frauen, die angestellt waren zur Reinigung der
-Fabrikräume, frühere Arbeiterinnen, die seit 30 Jahren in der Lotterie
-spielten, die sich alles am Munde absparten und die Hoffnung auf den
-großen Gewinn doch nicht fahren ließen.
-
-Wenn ich die Vergnügungen der Arbeiterinnen im Geiste resumiere und in
-Vergleich ziehe mit der Arbeitszeit der ganzen Woche, so muß ich betonen:
-_daß die Vergnügungssucht der Mädchen aus dem Volk bei weitem nicht so
-entwickelt, blasiert und doch anspruchsvoll ist, wie bei den Mädchen
-der besseren Kreise, und daß diese sich absolut nicht »mit Ekel von der
-häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volk« abzuwenden brauchen_.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
-Die Hausindustrie.
-
-
-»Wenn ich überhaupt die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben
-der Familie hoch anschlage, so gilt das besonders für den Arbeiterstand.
-Während in den höheren Ständen noch andere veredelnde Einflüsse und
-Motive sich geltend machen können und müssen, so ist bei dem Arbeiter
-die Frau fast ausschließlich die Hüterin der _Sittlichkeit_ und des
-_Gemütslebens_.«
-
-Dies ungefähr waren die Worte, die =Dr.= Brinkmann in seinem Vortrage
-in Konstanz »Die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben
-der Familie« aussprach. Ich führe diese Worte hier an, weil ich die
-Hausindustrie mit ganz anderen Augen betrachte, als die Arbeit in der
-Fabrik, weil sie den Frauen die Möglichkeit giebt im Hause zu bleiben und
-die Kinder ständig zu bewachen.
-
-Die Vertreterinnen der Hausindustrie sind fast durchwegs auf dem Lande zu
-finden, und, wie ich schon erwähnte, unter den verheirateten Frauen.
-
-In den dürftigen, ländlichen Wohnungen herrscht Reinlichkeit, d. h.
-immer im Verhältnis zur Reinlichkeit der Stadtarbeiter gesprochen. Im
-großen Wohnraum dieser kleinen Häuser arbeiten die Frauen an ihrer
-Nähmaschine, die eine den ganzen Tag, andere nur am Nachmittag, wieder
-andere bloß in den Pausen, die ihnen das Besorgen der Haushaltung und
-der Kinder läßt; doch sind diese Arbeiterinnen seltener, weil die
-Näherinnen, die größtenteils feine Ware in Arbeit bekommen, rein
-gekleidet sein und mit reinen Händen die zartfarbenen Handschuhe
-behandeln müssen. Ein Fortspringen vom Kochtopf oder einer schmutzigen
-Küchenarbeit, um womöglich einen Handschuh zu steppen, ist deswegen ein
-Ding der Unmöglichkeit. Gewöhnlich richten sich die Frauen nach einem
-festen Tagesprogramm, wonach sie Morgens und Nachmittags gewisse Stunden
-hindurch an der Maschine und die übrige Zeit im Haushalte arbeiten.
-
-Ich fand den Unterschied zwischen den Wohnungen der Hausarbeiterinnen
-und der Fabrikarbeiterinnen bedeutend, und dieser Unterschied in der
-Wohnlichkeit trat, je nach der Kinderzahl, mehr oder minder deutlich
-hervor. Die Frauen haben es hier auch leichter, Ordnung zu halten, da sie
-im Platz bei weitem nicht beschränkt sind, wie die Stadtfrauen. In den
-kleinen Arbeiterhäuschen sind die Schlafkammern hell und luftig, die
-Eltern schlafen mit den kleinsten Kindern in der einen, die größeren
-Kinder in der anderen Kammer zusammen. Der Unterschied der Geschlechter
-wird mehr gewahrt als in der Stadt, wo die teuren Wohnungspreise Familien
-zum Halten von Schlafburschen treiben. Die Kinder sind durchweg blühend
-und dick, sie tummeln sich von früh bis Abends auf der Wiese, laufen mit
-den Hunden um die Wette und balgen sich mit den Katzen herum. Sie
-werden auch in der Kleidung reinlicher gehalten; in großen Städten mit
-starkbevölkerten Mietskasernen ist der Trockenraum immer in Anspruch
-genommen, das Wäschewaschen wird zum Ereignis, das in regelmäßigen
-Pausen wiederkehren muß, und wo infolge dessen mit der Wäsche gespart
-wird.
-
-Alle diese kleinen Punkte wirken jedoch äußerst intensiv auf das
-Familienleben; der Mann findet Mittags beim Heimkommen das einfache Mahl
-fertig auf dem Tisch, er kann sich ruhig noch ein halbes Stündchen legen,
-neu gestärkt und in guter Stimmung geht er wieder zur Fabrik zurück, um
-am Abend Erholung im reinlichen Heim zu finden, bei einer Frau, die sich
-nicht abgearbeitet und abgehetzt hat und nicht ärgerlich, aufgeregt und
-gereizt ist. Der Familienvater bleibt zu Hause in Mitten der Kinder, die
-Frau sitzt dabei an der schnurrenden Nähmaschine, -- ein friedliches
-Familienbild, wie es sich das abgehetzte Stadtarbeiterpaar kaum denken
-kann.
-
-Der Mann fühlt hier die Annehmlichkeiten des Familienlebens, er sieht in
-den Kindern nicht eine Last, die ihm durch die Ehe entstanden, in der
-Frau nicht nur ein Wesen, das er versorgen und für das er arbeiten soll,
-sondern er fühlt, daß er nach allen Schicksalsstürmen hier allein
-geborgen ist, und daß die Ehelosigkeit ein Zustand der Unvollkommenheit
-ist.
-
-Dies bessere Zusammenleben wirkt nicht allein günstig auf die
-Kindererziehung, sein Segen fällt in erster Linie auf die Frauen selber
-zurück, die sich nicht als gequälte Lasttiere und Dienstmägde des Mannes
-fühlen, sondern als Mitarbeiterin in der Familie.
-
-Und deswegen betonte ich zu Anfang dieses Kapitels, daß die Hausindustrie
-unsern Bestrebungen günstig ist, weil sie uns einen leichter zu
-bearbeitenden Boden verbietet.
-
-Die Frauen tragen dergestalt _viel_ dazu bei, daß Sittlichkeit und
-Familienliebe im Hause walten, sie sind es, die dem den ganzen Tag in der
-Fabrik arbeitenden Manne _das Gemüt erhalten_. Und wenn es auch tief
-zu beklagen ist, daß sich diese armen Frauen nicht voll und ganz ihren
-Pflichten als Gattin und Mutter widmen können, so ist der Vorteil, im
-eignen Hause arbeiten zu können, statt den ganzen Tag, fern von den
-Kindern zu weilen, doch ein unberechenbarer.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
-Stellenlos.
-
-
-Stellenlos! Ein kleines Wort, daß das Elend so vieler kennzeichnet,
-das uns bange, traurige Geschichten erzählt von Not, Verzweiflung und
-Selbstmord! Ich habe bis dahin viel vom Elend stellenloser Lehrerinnen,
-Gouvernanten und ähnlichen »besseren Dienstboten« gehört, vielfach
-erfahren, daß stellenlose Verkäuferinnen, Näherinnen und Putzmacherinnen
-in die Arme des Lasters gefallen sind, ich habe vom Selbstmord stellen- und
-heimatloser Dienstmädchen gehört -- aber sie alle repräsentieren noch
-nicht die Vertreterinnen des Elendes, dem die stellenlose Fabrikarbeiterin
-entgegensieht.
-
-Ich habe meine Mitteilungen nicht vom Hörensagen oder aus dem Munde meiner
-Genossinnen erhalten; was ich mitteile, _habe ich selber erlebt, es deckt
-sich mit dem, was mir die andern erzählten_.
-
-Eines Morgens, nachdem ich den Fabriken Lebewohl gesagt und mir so viel
-Kenntnisse gesammelt hatte, um mich eventuell als Arbeiterin dieser oder
-jener Branche auszugeben, machte ich mich auf den Weg »um Stellung zu
-suchen«.
-
-Ich ging zuerst in das Nachweisbureau einer Frauen-Stiftung, der dort
-waltenden Vorsteherin mitteilend, ich sei Hefterin. Sie behandelte mich
-von oben herab, nichts weniger, denn in Menschenliebe redend, gab mir kaum
-Antwort und frug mich nur sofort, ob ich im Heim Obdach nehmen wolle bis
-ich Stellung gefunden; ich verneinte. Sie würdigte mich kaum mehr einer
-Antwort, wies mich in die Parterre-Lokalitäten, wo ich »Näheres«
-erfahren würde und rauschte durch eine Seitenthür hinaus. Etwas
-verblüfft setzte ich mich unten an einen der Tische; das große Lokal
-glich täuschend einer Wirtsstube, abgesehen davon, daß an den Wänden
-Sprüche standen, als da sind: »Kommet her zu mir, die ihr mühselig und
-beladen seid, ich will euch erquicken.«
-
-»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.«
-
-»Was ihr einem der Geringsten unter euch gethan, das habt ihr mir
-gethan.«
-
-Ich beschwichtigte mein bang klopfendes Herz durch die Hoffnung, daß die
-Besitzerinnen dieser Räume nach den schönen Sprüchen handeln und mich
-als der »Geringsten einer« mit Rat und Hülfe unterstützen würden.
-
-Der Saal war leer, ich erquickte mich an der wohlthuenden Kühle, die in
-dem Raum herrschte, ohne von den auf jeden Tisch ostentativ hingelegten
-Bibeln Gebrauch zu machen.
-
-Nach ungefähr einer halben Stunde erschien eine Persönlichkeit in
-absurder Kleidung, halb nonnenhaft und halb der einer Pfarrköchin
-gleichend; sie hatte auch dasselbe Heuchlergesicht jener und frug mich
-sanft aber unfreundlich, was ich trinken wolle.
-
-»Nichts,« erwiderte ich, in Vorahnung dessen, das da kommen sollte.
-
-»Sind Sie hier in Logis?« frug sie; ich verneinte.
-
-»Dann dürfen Sie hier nicht bleiben, ohne etwas zu nehmen,« entgegnete
-sie, vollständig aus der frommen Tonart fallend und ganz »Dragoner«
-werdend. Sie hätte mich jedenfalls aus lauter Habgier hinausgeschmissen,
-wenn ich nicht endlich doch Zuflucht zu einer Tasse Kaffee genommen hätte.
-Als ich den sehr bedenklich nach Mocca duftenden Trank schlürfte, wagte
-ich die schüchterne Frage, ob sie nichts von Stellen wisse, für die ich
-mich allenfalls melden könnte.
-
-»Nu nee,« schnurrte sie.
-
-»Aber die Dame oben sagte, hier unten erhielte ich Auskunft,« wagte ich
-schüchtern zu bemerken.
-
-»Die Dame?« frug sie gedehnt. »Das gnädige Fräulein wollen Sie sagen!
-Aber jetzt haben wir nur Stellungen für Dienstmädchen, und auch die
-bekommen erst die Mädchen, die hier in Logis sind.«
-
-Ich wagte darauf hinzuweisen, daß doch das Haus eine religiöse
-Stiftung sei, und daß über der Thür stände: »Asyl für Obdach- und
-Stellenlose,« oder so ähnlich.
-
-»Na,« fuhr sie mich wütend an, »jeder, die herkommt, können wir nicht
-Stellung besorgen; der Herr Pfarrer muß uns Mädchen empfehlen.«
-
-»Wo wohnt denn der Herr Pfarrer?« frug ich hartnäckig.
-
-Sie gab mir, ärgerlich über meine Impertinenz, die Adresse zweier
-Geistlichen an, die ich sofort aufsuchte.
-
-Der eine der Gottesmänner hielt Mittagruhe, das schnippische Mädchen
-erklärte mir, sie wisse überhaupt nicht, wann der Herr Pfarrer für
-»Arme« zu sprechen sei.
-
-Der zweite war glücklicher Weise huldvoll geneigt, mich zu empfangen; er
-blieb gelassen würdevoll in einem Lehnstuhl sitzen, rieb sich die fetten
-Hände und hatte auf alle meine Bemerkungen nur ein salbungsvolles »So,
-so« bereit.
-
-Als ich in meinem Bericht geendet, erklärte er mir: »Es ist eine schwere
-Zeit für _uns Fromme_ gekommen, wir sollen Stellungen besorgen und können
-es doch nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, Leute zu empfehlen, die wir
-nicht kennen. Ich kann Ihnen leider heute gar keine Auskunft über etwaige
-Stellungen geben; bleiben Sie aber tugendhaft, so wird der Herr Sie
-beschützen; der die Lilien auf dem Felde kleidet, der wird auch Sie
-ernähren und kleiden. Gehen Sie mit Gott, meine Tochter, und sollten Sie
-wieder eines guten Rates bedürftig sein, dann kommen Sie getrost zu mir,
-ich schicke keinen Hülfesuchenden von meiner Schwelle.«
-
-Damit war ich entlassen. Ich weiß nicht, ist derjenige, der die Armen
-_nicht_ empfangen will, oder derjenige, der sie _so_ empfängt und
-_unterstützt_ der größere Pharisäer? --
-
-Ziemlich deprimiert suchte ich eine fürchterlich verkommen aussehende
-Herberge für Arbeitslose auf. Der niedrige, halbdunkle Raum, in welchem
-einige schmutzige Tische und ein paar wacklige Stühle standen, war von
-Tabaksqualm erfüllt, daß man mit den Blicken die dicke Wolkenschicht kaum
-durchdringen konnte. Ich setzte mich zu zwei nicht gerade sehr einladend
-aussehenden Frauenspersonen, deren jede aus einer Blechschüssel Suppe
-aß. Sie musterten mich mißtrauisch von der Seite und flüsterten leise
-zusammen; die ältere mochte 35, die jüngere 30 Jahre zählen. Als sie
-ihre Suppe ausgelöffelt und sich erhoben hatten, um fortzugehen, nahm ich
-meinen ganzen Mut zusammen, zupfte die eine am Ärmel und frug: »Wissen
-Sie nicht, wo man Arbeit bekommt?« Wider Erwarten freundlich, setzten sie
-sich wieder hin, und die eine meinte: »Nee, wir suchen selber Arbeit, wir
-wollen eben zu S.... gehen, dort sucht man Arbeiterinnen. Was sind Sie?«
-
-»Hefterin«, war meine Antwort.
-
-Da stellte es sich heraus, daß sie auch Hefterinnen waren; nun hatte ich
-leichtes Spiel. Ich ließ Bier kommen und machte ihnen dann das Anerbieten,
-gemeinsam auf Arbeitsuche zu gehen, worin sie einwilligten. Beide waren
-seit cirka 14 Tagen stellenlos, die eine, weil die Fabrik keine Arbeit
-mehr hatte, die andere, weil sie krank gewesen war.
-
-Wir suchten mehrere Fabriken auf, natürlicher Weise nur solche, in denen
-ich noch nicht gearbeitet hatte.
-
-In der ersten wurde uns kurz der Bescheid, daß neues Personal nicht
-angenommen werden könne. Im zweiten Etablissement ging es uns schlechter;
-wir hatten das Thor der Fabrik kaum passiert, als ein dicker Portier auf
-uns zuschoß und uns anfauchte: »Was wollt Ihr hier, Arbeit giebts
-nicht, raus, raus!« Dabei klopfte er wohlgefällig den Staub von seiner
-livreeartigen Kleidung.
-
-»Na, wir wollen doch mal im Comtoir fragen«, sagte eine meiner
-Begleiterinnen.
-
-»Nichts, nichts«, schrie der erboste Cerberus, »'s wär' noch schöner,
-wenn alles Lumpengesindel ins Comtoir rennen würde. Macht, daß Ihr
-fortkommt!«
-
-Und wir gingen, die beiden Frauen niedergeschlagen und hoffnungslos, ich um
-eine Erfahrung reicher.
-
-In den meisten anderen Fabriken wurde uns kurz erklärt, daß wir keine
-Arbeit bekommen könnten, ohne daß man uns jedoch grob behandelt hätte.
-Aber wo wir auch hinkamen, hörten wir die gleiche Klage, es wurden eher
-Arbeiterinnen entlassen, denn angenommen.
-
-Die eine der beiden Frauen hatte zwei uneheliche Kinder, für die sie
-sorgen mußte, die andere wohnte in Schlafstelle, die sie schon seit einer
-Woche schuldig geblieben war, und wo man ihr bereits mit Zurückhaltung
-ihrer Effekten gedroht hatte. Ich machte beiden den Vorschlag, uns um
-Stellungen als Dienstmädchen zu bewerben; aber da kam ich schön an.
-Lieber wollten beide hungern und ihre Sachen verkaufen, denn sich in
-Tyrannei begeben; ich glaube, daß sie zu verkommen waren, um sich in einer
-geregelten Häuslichkeit wohlzufühlen. Ich verließ sie und suchte eine
-mir von den Mädchen empfohlene Vermieterin auf; diese Frau sollte unter
-der Hand Stellung, speziell in Fabriken vermitteln.
-
-Die Frau wohnte im vierten Stock einer jammervollen Mietskaserne; auf einem
-Papierstreifen, der an der Zimmerthür klebte, stand: Frau Mehlig, Wittwe.
-Ich klopfte an; nach einigen Minuten öffnete man die Thür, in der Spalte
-wurde ein Frauenkopf sichtbar, eine sanfte Stimme frug: »Zu wem wollen
-Sie?« »Zu Ihnen«, entgegnete ich. Ich habe später erfahren, daß das
-die Antwort war, die man geben mußte, um Eintritt zu der Wahrsagerin
--- das war sie nämlich -- zu erhalten; durch Zufall hatte ich die Form
-gewählt.
-
-Die Stube, in die ich trat, war einfach aber gut möbliert, Heiligengebilde
-hingen an den Wänden, über dem Sopha prangte ein Christuskopf aus Gips.
-Weiße Vorhänge, mit zierlichen roten Schleifen zusammengerafft, blühende
-Blumen vor den Fenstern und ein Kanarienvogel im blanken Messingbauer,
-gaben dem Stübchen jenes Behagliche, Lauschige, wie ich es immer nur in
-der Behausung der vielgeschmähten alten Jungfern fand.
-
-Die Bewohnerin dieses Raumes verriegelte von innen die Thür und holte dann
-ein Spiel Karten vor.
-
-»Ich komme nicht deswegen,« sagte ich, auf die Karten deutend, »ich
-wollte gern eine Stellung in einer Fabrik haben.« Ihr »Ach so« klang
-merkwürdig verändert, daß ich mir nicht klar werden konnte, ob es
-Enttäuschung oder Genugthuung ausdrücken sollte. Sie sann eine Weile nach
-und meinte dann:
-
-»Ja, können Sie mir auch zuerst zwei Mark »Antrittsgeld« zahlen?«
-
-Ich holte zwei Mark aus meiner Tasche und legte sie auf den Tisch. Die
-»Dame« lächelte liebevoll, nahm aber schleunigst die zwei Mark zu sich!
-Nach einer Weile sagte sie freundlichst: »Ja, mein gutes Kind, ich wüßte
-schon Arbeit für Sie, aber da muß ich erst einen Brief schreiben.« Sie
-holte Papier heraus und malte eine halbe Stunde lang die fürchterlichsten
-Hieroglyphen darauf; dann couvertierte und _versiegelte_ sie den Brief und
-übergab ihn mir geheimnisvoll.
-
-»Gehen Sie damit zu Herrn M...., er ist Aufseher in der S.'schen Fabrik;
-geben Sie ihm den Brief ab und warten Sie auf Antwort; aber passen Sie auf,
-daß es keiner merkt.«
-
-Ich hatte Tags darauf jenen Aufseher, einen verkommen und verschmitzt
-aussehenden rothaarigen Menschen, aufgesucht, und ihm den Brief
-überreicht. Er las ihn, schmunzelte, las ihn nochmals und bemusterte mich
-dann von Kopf zu Füßen.
-
-»S' ist gut,« ließ er sich endlich hören, »sagen Sie der Frau M., die
-Stelle sei lila!«
-
-Ich merkte sofort, daß das »lila« sich auf irgend eine Gaunerei bezog,
-allein ich spielte die freudig Hoffende und ging nochmals zu meiner
-»Stellenbesorgerin«. Auf das »lila« hin, bewirtete sie mich mit einer
-Tasse Kaffee und einer »Butterbemme« und rückte dann, während ich
-tafelte, mit ihrem famosen Anerbieten heraus. _Ich sollte ihr, wenn ich
-die Stellung erhielt, den ganzen Wochenlohn der ersten Woche geben und
-dem Aufseher den der zweiten Woche._ Ich ging darauf ein und bezahlte
-ihr vorläufig die Hälfte jenes ersten Wochenlohnes, den sie mit 3 Mark
-berechnete. Als ich dann zum Aufseher zurückkam und ihm sagte, daß Alles
-in Ordnung sei, teilte er mir das Nähere über die Art der Stellung mit.
-Darnach sollte _ich täglich den großen Fabrikhof kehren, wofür ich
-wöchentlich 2 Mark erhalten sollte_. Man denke sich in die Lage eines
-armen, alleinstehenden und im Orte vollkommen fremden Mädchens (wofür
-sie mich hielten), wenn es in den christlichen Hospizen solche liebevolle
-Unterstützung findet, _wo_ muß es dann Rat und Hülfe suchen und finden,
-wenn es in die Hände von Gaunern fällt? Es verwickelt sich so tief in die
-Netze solcher Räuberinnen, daß es zuletzt selbst einsieht, daß es auf
-anständige Art und durch anständigen Erwerb nicht los kommen kann, _es
-muß sich prostituieren_. --
-
-An jenem Tage besuchte ich noch ein »Café«, unter den Arbeiterinnen die
-»Ruhehalle« spottweise genannt. Dort versammelte sich gewöhnlich das
-arbeitscheue Gesindel und die stellenlose Armut. An dem Tage, an dem ich
-das Lokal besuchte, fand ich nur fünf Gäste vor, drei Frauenspersonen
-und zwei Männer. Der eine, ein Mann in mittleren Jahren, in hübschem,
-hellgrauem Anzug, hohem Filzhut und braunen Glacéhandschuhen, schien
-ein stellenloser Buchhalter zu sein; er aß mit Heißhunger eine Portion
-elenden, übelriechenden Käse.
-
-Der andere, ein junger Arbeiter mit ausgesprochener Banditen-Erscheinung,
-saß vor einem Glase Schnaps und las ein sozialdemokratisches
-Arbeiterblatt. Dann und wann stieß er wilde Flüche gegen die Regierung
-und gegen die Gesetze aus, stampfte dazu mit dem Fuße und nahm einen
-Schluck aus seinem Schnapsglas.
-
-Zwei der Frauenspersonen saßen zusammen in der dunkelsten Ecke des Raumes,
-beide arm aber sauber gekleidet, beide strickend. Sie waren jedenfalls
-obdachlos und hatten vor dem strömenden Regen Schutz gesucht in jenem
-Lokal. Man sah ihnen den Hunger am Gesicht an, und obgleich beide das
-dreißigste Jahr schwerlich überschritten haben mochten, waren es doch
-alte verblühte Frauen. Ich setzte mich zu den beiden, bestellte Kaffee
-und stieß ab und zu einen tiefen Seufzer aus; als dies unberücksichtigt
-blieb, holte ich aus meiner Tasche einige Münzen hervor, die ich vor mich
-auf den Tisch legte und sorgenvoll zählte. »Na«, wandte ich mich dann an
-die eine, »wissen Sie vielleicht, was ein Butterbrot kostet?«
-
-»Sechs Pfennige«, murmelte sie tonlos.
-
-»Dann langts noch«, meinte ich leichthin, »ich habe noch
-siebenundzwanzig Pfennige.« Die Frauen sahen habgierig nach dem Gelde.
-»Ja«, sagte die ältere, »wenn wir nur noch so viel hätten! Uns langts
-nicht mal zu 'ner trockenen Bemme!«
-
-»Sind Sie denn arbeitslos?« frug ich.
-
-»Vier Wochen schon«, entgegnete sie. »Eine Schlafstelle habe ich auch
-nicht mehr, meine Sachen hab' ich verkauft, denn ich mußte jede Nacht
-zwanzig Pfennige im Schlafsaal zahlen; und man muß doch auch etwas essen,
-wenns auch nur trockenes Brot ist, das Geld geht doch fort!«
-
-»Was sind Sie denn«, frug ich, »und warum haben Sie keine Arbeit?«
-
-»Wir sind Falzerinnen«, entgegnete nun die andere, »wir wurden
-entlassen, weils nicht genug Arbeit gab; wir laufen den ganzen Tag nach
-Arbeit rum, aber jetzt haben wir's aufgegeben, Arbeit finden wir doch
-nicht und vom Herumlaufen bekommt man nur größeren Hunger. Ich hatte
-eine Aufwartestelle auf acht Tage, aber dann fand der Herr eine jüngere,
-hübschere, da hab' ich gehen müssen. Ich hab' alles versucht, um Arbeit
-zu finden, aber man kommt in vier Wochen zu sehr herunter, wenn man jede
-Nacht in einer anderen Herberge schlafen muß; man kann die Wäsche nicht
-wechseln und sich kaum waschen, da will einen schließlich keiner!«
-
-Die andere hatte einen ganz ähnlichen Roman zu erzählen, nur daß sie
-noch hinzufügte: »Ich wart' noch ein paar Tage, wenn's dann nicht besser
-wird, gehe ich zu den böhmischen Maurern, die nehmen einen mit in die
-Schlafstelle und geben einem noch zwanzig Pfennige! Jetzt hab' ich noch
-nicht den Mut dazu, denn 's ist doch nicht leicht, so »Eine« zu werden,
-wenn man sich immer sein Brot ordentlich verdient hat. Aber schließlich
-thut man's aus Verzweiflung; und ist das erste Mal überwunden, dann geht's
-schon leichter.« Sie stützte ihren Kopf in die Hand und schien sich
-durch ihre Mitteilsamkeit Mut zusprechen zu wollen zu ihrem schrecklichen
-Vorhaben. Ich ließ jeder eine Portion des elenden Käses kommen, so
-leid es mir that, ihnen nichts besseres geben zu können. Wären sie
-mißtrauisch geworden, so hätte die Mitteilsamkeit schnell abgenommen.
-Heute vielleicht treiben sich die beiden in der »Kaiserkrone« herum und
-spielen die frechsten, weil sie die hungrigsten sind. --
-
-Das sind die Früchte der Humanität, die lebenden Beweise für das
-»segensreiche« Wirken jener »christlichen« Asyle für Obdachlose,
-die wohl Geld genug haben, um eine Vorsteherin in schwarzer Seidenrobe zu
-erhalten, aber nicht genug, um armen, verkommenen Stellenlosen einen Teller
-Suppe zu reichen!
-
-Ihr Heuchler und Pharisäer, was schmäht Ihr die wenigen ideal schönen
-Stellen der Bibel durch Profanation, indem Ihr sie an _Eure_ Wände
-schreibt?! Werft das Maskengewand von Euch und malt an Eure Wände:
-»Hier werden Frömmler und Heuchler aufgenommen oder solche, die uns Geld
-einbringen.«
-
-Vielleicht würden dann die meisten, die sich als Ende des Liedes
-der Prostitution in die Arme werfen, lieber das sanfte Antlitz der
-scheinheiligen Frömmigkeit wählen! Die heuchlerische Frömmigkeit ist gar
-oft ein Kapital, das gute Zinsen trägt! So kannte ich in Berlin mehrere
-Fabrikarbeiterinnen, die, so oft sie stellenlos waren, mit »heiligem«
-Eifer die Versammlungen der Methodisten besuchten, weil die wirklich
-Frommen sie unterstützten und ihnen auch Arbeit verschafften; sobald die
-Mädchen Verdienst gefunden hatten, ließen sie die braven Methodisten
-brave Menschen sein.
-
-Der Haß gegen die Geistlichen hat aber unter den Chemnitzer Arbeiterinnen
-zu tief Wurzel gefaßt, als daß sie sich so leicht und schnell unter deren
-Banner flüchten würden; die Geistlichen und jene »christlichen Vereine«
-thun _zu wenig_, um sich dem offen gegen sie arbeitenden Haß auszusetzen,
-_zu viel_, um die Mädchen heranzuziehen.
-
-Die stellenlose Erzieherin kann immer noch eine Stelle als Kinder- oder
-Stubenmädchen, als Bonne oder Schreiberin nehmen, ehe sie der Verzweiflung
-in die Arme fällt. Die stellenlose Arbeiterin jedoch ist, findet sie nicht
-bald wieder Beschäftigung, rettungslos verloren, mag es so oder so
-kommen. Ihr ist die Möglichkeit benommen, irgend einen anderen Posten zu
-bekleiden, selbst wenn sie außer ihrer Branche arbeiten will -- sie kann
-es nicht! Sie ist einseitig und mechanisch für ihr Fach herangedrechselt
-worden, sie hat sich in guten Zeiten um andere Arbeiten nicht bekümmert
-und auch aus Zeitmangel nicht bekümmern können -- sehe sie nun, wie
-sie durchkommt. Ob sie sich schändet, ob sie stiehlt, ob sie trügt,
-sie fällt der Polizei eines Tages doch in die Hände, die sie, das
-arbeitslose, aber _anständige_ Mädchen, so gern übersah.
-
-Es giebt auch für jene armen Verlassenen keine andere Art der
-Stellensuche, als die, von Haus zu Haus, von Fabrik zu Fabrik zu gehen und
-um Arbeit zu bitten. Ein Mädchen, das im Elternhause lebt, kann diese Art
-der unfreiwilligen Spaziergänge schon eine Zeitlang aushalten, es
-findet immer wieder Obdach und die notdürftigste Nahrung; aber die
-alleinstehenden Frauen haben nur zwei Wege, die sie ans Ziel führen:
-_moralischer Tod_ oder _leiblicher Tod_!
-
-Und es wird so bald nicht anders werden! So lange die Männer die Frauen
-unterdrücken, so lange männliches Aufsichtspersonal in Fabriken die Macht
-und das Recht hat, die Arbeiterinnen, die ihnen aus irgend welchen Gründen
-nicht passen, zu entlassen, so lange die Frau in sich selber keinen
-Schutz findet -- so lange wird alles beim Alten bleiben! Durch Liebe und
-Menschenfreundlichkeit werden wir hier nicht durchdringen, hier gilt nur
-energisches Handeln, gemeinsames Vorgehen _aller_ Frauen gegen die Gesetze,
-die das Weib in seiner geistigen und moralischen Freiheit unterdrücken und
-zu einem hülflosen und haltlosen Wesen machen, ohne ihm Hülfe und Halt
-zu gewähren. Im deutschen Reiche sind gegen 130.000 verheiratete Frauen
-in Fabriken und Fabrikateliers beschäftigt, die alle das gleiche elende
-Dasein führen und von denen täglich eine Anzahl durch ihr Elend der
-Prostitution in die Arme läuft!
-
-An die Frauen aber wende ich mich hier ganz besonders, an alle edel
-denkenden und edel handelnden Frauen, an alle Mütter und Töchter
-geliebter Eltern, an alle die Glücklichen, die in Sitte und Wohlhabenheit
-leben können! Vor allem aber _an alle die tausend und tausend Frauen,
-die ihr Leben auf der Chaiselongue, den Hauptstraßen, in Theaterlogen,
-Gesellschaften, Bällen und Konzerten verbringen, an jene weiblichen
-»Blumen«, die Treibhaus- und Giftpflanzen unseres Geschlechtes_, an sie
-wende ich mich mit dem Aufruf: Wacht auf aus Euerem jammervollen Dasein,
-reißt Euch los von den vergiftenden Abenteuern der Boudoirs, aus der
-ekelhaften, entnervenden Parfumatmosphäre, die Euch umgiebt, steigt hinab
-in die Sphäre der Armut und der Arbeit, und seht Euch um, wie es dort
-steht! Dann werdet Ihr vielleicht doch noch erkennen, daß Euere jetzige
-Existenz schmachvoll ist, daß Ihr nicht über den Haremsfrauen steht und
-daß die Gesetze Eueres Vaterlandes daran arbeiten, Euch festzuhalten
-im geistigen Elend und in geistiger Knechtschaft! Vielleicht, daß
-das Ehrgefühl, daß der göttliche Funke in Euch erwacht und Ihr
-zusammentretet, um mit vereinten Kräften Euer Joch zu brechen! Dann kommt
-sicherlich der Tag, wo die deutsche Frau zu anderen Frauen nicht mehr
-hinauf-, sondern herabsehen kann! --
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel.
-
-Verschiedenes.
-
-
-Ich will unter dem Titel »Verschiedenes« einige Beobachtungen, die
-ich machte, wiedergeben, warne jedoch davor, diese Betrachtungen
-als Durchschnittserscheinungen anzusehen; ich fand die nachfolgend
-beschriebenen Fälle sehr häufig vor, schreibe sie aber nur dem Zufall zu.
-
-Die einzige unter den angeführten Beobachtungen, die ich nicht dem Zufall
-zuschreibe, sondern die ich als Folge der Überanstrengung in der
-Arbeit betrachte, ist die enorm _häufig auftretende Kurzsichtigkeit der
-Mädchen_. Speziell unter den Handarbeiterinnen tragen in jedem Saal eine
-große Zahl der Arbeiterinnen Brillen, und zwar, wie ich mich überzeugt
-habe, sehr scharfe Brillen. Ich glaube, daß der Grund zu diesem Übel in
-den Wintertagen gelegt wird, wo die Mädchen bei ungenügender Beleuchtung
-die feinen Nadeln einzufädeln haben und wo die Augen, durch die unruhig
-blendende Farbe der Strümpfe, fortwährend zu Thränen gereizt werden.
-
-Beinahe ebenso häufig als die Kurzsichtigen sind die Lahmen und Hinkenden
-vertreten. Gleich am ersten Tage fiel mir dies auf; so manche der hübschen
-Mädchen haben eine gebrochene Hüfte, die wenigsten tragen an einem
-angeborenen Leiden. Ich führe dies darauf zurück, daß die meisten
-Mütter jener Mädchen arme Fabrikarbeiterinnen waren, ihre Kinder nicht
-beaufsichtigen konnten und diese sich auf der Straße durch Unglücksfälle
-die Verkrüppelung zuzogen; die Mädchen, die ich darnach frug,
-bestätigten mir meine Vermutungen.
-
-Das Schrecklichste jedoch von allen derartigen Gebrechen und Verletzungen
-trifft die verheirateten Frauen, und zwar diejenigen, die an den Formen
-arbeiten. Wie ich in einem Kapitel schon erwähnte, werden die Strümpfe
-über Holzformen gezogen, gegen die die Arbeiterin sich mit aller Kraft
-stemmen muß. _Die Folge hiervon sind regelmäßig wiedereintretende
-Fehlgeburten._ Ja, es teilten mir sogar einige im Vertrauen mit, daß
-sie, sobald sie in schwangeren Zustand kommen, mit Vorliebe jene Arbeit
-acceptieren, »um alles los zu werden«.
-
-Neuerdings sollen die Fabrikanten aber nur die kräftigsten Mädchen
-hierzu verwenden, jede Frau, die nicht vollkommen normal aussieht, wird
-zurückgewiesen; ich glaube aber nicht, daß das Hülfe schaffen wird. Ich
-befürchte eher, daß viele der Frauen ihren Zustand durch allerlei Künste
-so lange als möglich zu verbergen trachten werden und das Unglück auf
-diese Weise noch verschlimmern. --
-
-_Leider_ sind die Mädchen größtenteils nicht naschhaft; ich sage
-»leider«, weil die Naschhaftigkeit ein weit größeres Laster vertreiben
-würde, das _des Essens von Kaffeebohnen_.
-
-Es giebt Mädchen unter den Arbeiterinnen, vor denen man erschrickt, die
-den Stempel des Todes im Antlitz tragen, mit weißer Gesichtsfarbe und
-tiefliegenden Augen, wie wandelnde Leichen, die sich ruinieren und
-elend machen um elender Kaffeebohnen willen. Solche Koffeïnsüchtigen
-verbrauchen ihren halben Lohn für dieses Gift, sie haben größtenteils
-einen ruinierten Magen und bedürfen kaum der festen Nahrung. Eine
-meiner Nachbarinnen kaufte sich jeden Morgen eine Düte frischgebrannter
-Kaffeebohnen, am Nachmittage hatte sie alle verzehrt und sehnte sich nach
-»neuen«. Ich glaube kaum, daß man diese Unglücklichen retten kann, denn
-sie sind jeder Selbstbeherrschung und Energie bar, sie sind weit schwerer
-zu kurieren, denn Cocaïnsüchtige. --
-
-Im allgemeinen sind die Mädchen äußerst peinlich in ihren Sachen, sie
-gehen nie mit zerrissenen Kleidungsstücken einher. So manche hatte einen
-ganz verflickten Rock oder eine mit zweierlei Stoff ausgebesserte Taille
-an, nur um nicht mit zerrissenen Sachen zur Fabrik zu kommen. Man sollte
-glauben, daß diese Liebe zur Ordnung auch die Liebe zur Reinlichkeit
-zeitigt; allein damit ist's, was den eignen Körper anbetrifft, nicht
-von weit her. Sie kennen die Wohlthat des Bades nicht, höchstens aus den
-heißen Sommertagen; im Winter scheint ihnen das Baden ein Ding des Luxus
-zu sein, ja, _sogar eine Dummheit_! So sagte mir einmal die eine: »Ich
-bade vom September bis zum nächsten Juni nicht mehr!«
-
-Baden ist halbes Leben für jeden gesunden und normal arbeitenden Menschen.
-Wie viel nötiger aber wird es für diejenigen, die in einer Atmosphäre
-des Staubes und Schmutzes leben, in schlechtriechenden Betten und dumpfen
-Kammern schlafen! So manche Krankheit der Arbeiterinnen entsteht ja durch
-Unreinlichkeit!
-
-In erster Linie würden städtische Armenbäder hier am Platze sein,
-die Fabrikbesitzer müßten die Mädchen zweimal wöchentlich zum Bade
-schicken, was die Mädchen vielleicht im Anfang mit Widerstreben, sehr bald
-aber mit Freuden thun würden. --
-
-Zum Schlusse will ich noch mein in einem vorhergehenden Kapitel gegebenes
-Versprechen erfüllen, und jenem »liebenswürdigen« Buchhalter
-ein Gedenkblatt sichern. Wie ich schon mitteilte, habe ich ihm seine
-»Freundlichkeit« reichlich vergolten.
-
-Der Besitzer der Fabrik hatte ihm, nachdem ich die Fabrik verlassen,
-mitgeteilt, daß eine Dame als Arbeiterin daselbst gearbeitet hätte. Als
-ich vom Besitzer Abschied nehmen wollte, empfing mich jener Buchhalter, der
-Prokura für die Firma besaß, und bei den Besuchen zugegen war. Er nahm
-meine Karte, las den Namen, sah mich an, lächelte, stammelte, stotterte,
-wurde blutrot und bald bleich -- und verschwand plötzlich, ohne nochmals
-zum Vorschein zu kommen! Ihn hatte eine Strafe getroffen, wie er sie
-wohl nicht erwartet hatte! Ich hoffe, daß diese eine Lehre meinen
-Nachfolgerinnen, d. h. den »echten« Arbeiterinnen, die er mit seiner
-Huld wird beglücken wollen, zum Segen gereichen wird, denn ich bin der
-Überzeugung, daß er auf einige Zeit genug haben wird, denn: »gebrannte
-Kinder scheuen das Feuer!«
-
-
-
-
-Schlußbetrachtungen.
-
-
-Aus meinen in Vorstehendem Mitgeteilten wird man -- wenn man irgend einen
-Funken göttlicher Nächstenliebe in der Brust trägt -- ersehen, daß die
-Zustände unter der weiblichen Fabrikarbeiterschaft, und stehe es auch nur
-mit derjenigen Sachsens dergestalt, unhaltbare sind, daß Änderung und
-Abhülfe dringend Not thut. Aber diese Änderung wird nicht durch stille
-Seufzer, durch mitleidiges Jammern oder durch Ströme im Verborgenen
-geweinter Thränen herbeigeführt!
-
-Zur Befreiung der Negersklaven entbrannten ganze Weltteile in erbittertem
-Kampf, die kirchliche Reformation erschütterte alle europäischen Staaten!
-_Soll Befreiung weißer weiblicher Sklaven möglich sein, so muß der
-Kampf die Frauen aller Weltteile erfassen_; das weibliche Geschlecht muß
-einmütig dastehen, fest und unerschütterlich, um die Freiheit kämpfend
-und ringend, nicht aber sie als Gnadengeschenk erbittend. Die Frauen sollen
-nicht erbitten, was ihr Recht ist, sie sollen fordern, kämpfen!
-
-Wohl giebt es heute schon eine große Anzahl hervorragender Frauen, die in
-Wort und That eintreten für ihre unglücklichen Mitschwestern, die deren
-Erniedrigung und deren Elend zu lindern suchen! Aber was könnten jene thun
-im Gegensatz zu der ungeheuren Zahl _der_ Frauen, die dahin vegetieren,
-murrend und knirschend in ihrem Joch, aber zu feige, um es zu sprengen, um
-sich die Hände wund zu reißen an den Ketten!
-
-Kann man es dem Manne verdenken, daß er nicht helfend eintritt für ein
-anderes Geschlecht, das scheinbar ruhig sein schmachvolles Los trägt? _An
-den Frauen ist es, die Initiative zu ergreifen_, an denjenigen, die der
-Sonnenschein des Hauses sind, die Liebe empfangen und Liebe spenden, an
-ihnen ist es, ihre Mitschwestern wachzurütteln aus ihrer Verkommenheit!
-
-Wir leben in einer Zeit, wo der Materialismus, die Selbstsucht und die
-Begehrlichkeit in allen Schichten der Bevölkerung auf den Höhepunkt
-gestiegen ist. In den unteren Kreisen gährt es, die Unzufriedenheit
-zeitigt die krassesten Auswüchse -- der Tag der Frauenrebellion wird
-kommen! Er wird kommen und er muß kommen! Aber, wenn er kommt, als
-Ausgeburt überreizter Köpfe, wird er zur zügellosen Meuterei, wird er
-dem Menschengeschlechte zum Verderben, nicht aber zum Segen gereichen! Dann
-werden jene Frauen zu Megären werden, zu jenen Gestalten, wie sie uns die
-französische Revolution brachte! Dann wird unser Geschlecht nicht gehoben,
-sondern korrumpiert werden! --
-
-Tretet darum ein, ihr Mitschwestern in die Aktion mit allen Mitteln, die
-Euch zu Gebote stehen, arbeitet an der Hebung unseres Geschlechtes mit
-vollen Kräften, denn wollt Ihr den Sieg, so dürft Ihr den Kampf nicht
-scheuen!
-
-Wirkt mit, es gilt hygienische Maßregeln in jene Kreise zu
-tragen, veranstaltet Sammlungen, um Volksbäder, um Kochkurse, um
-Belehrungsanstalten zu gründen, Ihr thut besser daran, als Strümpfe für
-Negerkinder zu stricken! Nur in einem gesunden Körper kann ein gesunder
-Geist, kann Arbeitslust und Energie wohnen, und zur Gesundheit bedarf es
-guter Nahrung, vernünftiger Lebensweise und der Reinlichkeit!
-
-Tragt Aufklärung in die elenden Räume jener Beklagenswerten, die da
-wohnen wie Tiere in einem Stall, aber Geld genug erübrigen, um nach der
-Mode gekleidet zu gehen!
-
-Wirkt mit gutem Beispiele, ihr oberen Zehntausend, und vergesset bei all
-Eurem Wirken nicht, daß Ihr nicht aus Sport und Launen reformieren sollt,
-sondern aus selbstloser Nächstenliebe, die nicht ruht und nicht rastet,
-wenn sie Unglücklichen helfen kann!
-
-Und Ihr könnt es, Ihr werdet es thun! Den hochgesinnten Frauen, die
-vorangehen im Kampf für wahre Weiblichkeit und Weibeswürde, folgt langsam
-aber stetig ein Haufe bisher Gleichgültiger. Wer einmal erwacht ist aus
-dem Winterschlafe der Gleichgültigkeit für moralisches und körperliches
-Wohlergehen Anderer, wer in den Reihen der Kämpferinnen für Weibeswürde
-gestanden hat, der kehrt nimmer um, den erfaßt und hält die Ueberzeugung
-fest, daß wir kämpfen müssen, um siegen zu können, und daß der Sieg
-uns sicher ist, der dem Menschengeschlecht Segen bringen soll!
-
-
-Druck von _H. Ginzel_, _Berlin_ =W.=, Yorkstraße 43.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie "Mietszins" -- "Mietzins,
-"Roheit" -- "Rohheit", "Überzeugung" -- "Ueberzeugung", jedoch mit
-folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 13:
- im Original "was uns gerade erreichbar war"
- geändert in "was uns gerade erreichbar war."
-
- Seite 13:
- im Original "Der Hauptkontigent hatte nichts weiter"
- geändert in "Der Hauptkontingent hatte nichts weiter"
-
- Seite 44:
- im Original "wenn er sagt: Der Maßstab für die Kultur"
- geändert in "wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur"
-
- Seite 50:
- im Original "Hier ist ein Feld, daß die Menschenliebe"
- geändert in "Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe"
-
- Seite 66:
- im Original "auf Augenblicke fesseln jene auf Lebenszeit"
- geändert in "auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit"
-
- Seite 68:
- im Original "sind ihnen ein Gräuel. sie meinen"
- geändert in "sind ihnen ein Gräuel, sie meinen"
-
- Seite 97:
- im Original "drei Frauenspersonen und zwei Männner"
- geändert in "drei Frauenspersonen und zwei Männer" ]
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN ***
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