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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: 3½ Monate Fabrik-Arbeiterin - -Author: Minna Wettstein-Adelt - -Release Date: October 19, 2021 [eBook #66573] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This file was produced from images - generously made available by The Internet Archive) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN *** - - - - - 3½ - Monate - Fabrik-Arbeiterin. - - Von - - Frau Dr. Minna Wettstein-Adelt. - - [Illustration] - - Berlin 1893. - Verlag von J. Leiser - =N.O.= Barnimstraße 20. - - - - Meinem geliebten Mann, Herrn =Dr. jur.= _Oscar Wettstein_, gewidmet in - herzlichem Dankgefühl für seine selbstlose Unterstützung in meinem - Unternehmen. - - Die Verfasserin. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - - Vorwort 1 - - Einleitung 5 - - 1. Kapitel. Die materielle Lage der Arbeiterinnen 8 - - 2. " Nahrung und Kleidung der Arbeiterin 13 - - 3. " Arbeit, Beruf, Vergangenheit 18 - - 4. " Sittliche Zustände 24 - - 5. " Sparsamkeit und Ehrlichkeit 35 - - 6. " Die Ehe 42 - - 7. " Die Stellung des Mädchens 48 - - 8. " Seßhaftigkeit und Versicherung 52 - - 9. " Wohnungen und Schlafstellen 56 - - 10. " Religion 68 - - 11. " Sozialdemokratie und Frauenfrage 71 - - 12. " Vergnügungen 80 - - 13. " Die Hausindustrie 88 - - 14. " Stellenlos 91 - - 15. " Verschiedenes 102 - - Betrachtungen 106 - - - - - -Vorwort. - - -Meine nachstehenden Mitteilungen sind einem andern Motiv entsprungen, denn -man annehmen wird; sie sollen lediglich ein Beitrag zur Frauenfrage sein, -sie sollen die Bewegung auch in den unteren Schichten fördern. - -Als eifrige Kämpferin für unser gutes Recht habe ich vielfach Gelegenheit -gehabt zu sehen, daß fast alle deutschen Frauen unter den Kämpferinnen, -auch die tüchtigsten, die Kirche am Turm anfangen zu bauen, d. h., sie -berücksichtigen bei ihrem Streben immer nur das Frauenstudium und die -Gleichberechtigung mit dem Mann, ohne in die unteren Kreise hinabzusteigen, -um die Frauen dort kennen zu lernen. _Auch ich will Gleichberechtigung -mit dem Mann_; aber so lange Tausend und aber Tausend von Frauen in Elend, -Knechtschaft und Verrohung schmachten, muß erst diesen geholfen werden, -ehe man die _verhältnißmäßig_ noch gut dastehenden Oberen unterstützt. - -In meinen Bestrebungen hat mir, zwar indirekt, aber dennoch als -Bahnbrecher, Paul Göhre, der Verfasser von »3 Monate Fabrikarbeiter -und Handwerksbursche«, Verlag von Grunow, Leipzig, den Weg gewiesen; ihm -verdanke ich die Idee, er war mein Pionier. Sobald der Plan in mir gereift -war, gleich Göhre als Arbeiterin unter Arbeiterinnen zu leben, machte ich -mich ans Werk, um ihn auszuführen. Da für mich -- in Berlin -- Spandau -die nächste Fabrikstadt ist, so wandte ich mich an die Direktion der -fiskalischen Betriebe, an eine Gewehr- und eine Pulverfabrik, mit der -Bitte, mir daselbst Arbeit zu geben; allein mein Verlangen, ebenso ein -Gesuch an den Herrn Kriegsminister, blieb unberücksichtigt. Aus welchen -Gründen mir der Eintritt in jene Betriebe nicht gestattet wurde, kann -ich nicht begreifen; daß die fiskalischen Betriebe irgend etwas in der -Behandlung ihrer Arbeiterinnen zu verheimlichen hätten, kann ich mir nicht -denken. - -Ich erhielt endlich, nach langen Bemühungen, Arbeit in einer Berliner -Fabrik; allein dort konnte ich nicht das gewünschte Material finden, mir -war es um eine _typische_ Arbeiterbevölkerung zu thun. - -Herrn Louis Gr. (Inhaber der Firma Gebrüder Gr.), dem Besitzer eines -großen Strumpf- und Trikotagengeschäftes in der Königstraße, den ich -als seine Kundin kennen und schätzen gelernt hatte, vertraute ich mich an, -weil ich wußte, daß dieser Herr mit den größten Chemnitzer Fabriken -in Geschäftsverbindung steht, und mir infolge dessen wohl ein Unterkommen -vermitteln würde. Ich hatte mich nicht geirrt. In Herrn Grs. Empfehlungen -hatte ich ein »Sesam, öffne Dich!« gefunden, das mir den Eintritt in -die meisten Chemnitzer Fabriken verschaffte, sodaß ich nur zu wählen -brauchte. - -Ich habe, im Gegensatze zu Paul Göhre, in vier Fabriken verschiedener -Branchen gearbeitet, sowie in einer Fabrik auf dem Lande, um die -Landarbeiterbevölkerung und die Hausindustrie kennen zu lernen. - -Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich jede Minute des Tages zur -Arbeit verwandte, daß ich meine Gedanken beständig koncentrierte, um -möglichst viel zu erfahren. Ich bin Abend um Abend, Sonntag um Sonntag mit -meinen Arbeits-Genossinnen zusammengewesen, ich habe mit ihnen fast alle -Vergnügungs- und Tanzlokale besucht. - -Trotzdem aber bitte ich, meine Betrachtungen nicht als ein _apodiktisches_ -Urteil über die Arbeiterinnen anzusehen; ich werde versuchen, stets -objektiv zu bleiben, alles so zu schildern, wie ich es _vielfach, nicht nur -hie und da_, gefunden habe, und bemerke noch, daß ich hier _nur_ von der -sächsischen Arbeiterin spreche. - -Wenn auch mein Buch einen Sturm von Entrüstung bei denen hervorrufen wird, -die seinerzeit Göhres Werk angriffen als »ein feiges Sicheinschleichen in -das Vertrauen des harmlosen Arbeiters«, so bin ich doch getrost; ich -habe jene _schweren_ Monate _nur zum Wohle meiner leidenden -Geschlechtsgenossinnen_ durchgemacht. Ich allein kann es beurteilen, was -ich in jenen Verhältnissen, die mir bis dahin gänzlich fremd gewesen, -gelitten, wie bitter schwer es mir oft wurde, den traurigen Vergnügungen -nachzugehen. - -Ich allein weiß es, wie manche Nacht ich vor Erschöpfung, vor -übergroßer Ermüdung nicht einschlafen konnte, wie ich bei der schweren -körperlichen Maschinenarbeit oft glaubte zusammenzubrechen. - -Nur die aufopfernde, treue Pflege meines Mannes, der mir als Beschützer -stets in angemessener Entfernung folgte, nur sein aufmunternder Zuspruch, -sein Anspornen, schützten mich oft vor der Rückkehr; ihm verdanke ich es, -daß ich das Unternehmen bis ans Ende ausführte. - -Heute, wo ich diese Blätter hinaussenden kann in die Welt, erfüllt mich -nur die reine Freude nach gethaner Arbeit, der lebhafte Wunsch, daß meine -Mühe nicht umsonst gewesen sei. - -An meine gleichgestellten Mitschwestern aber richte ich die dringende -Bitte: Erseht aus dem, was ich anführe, _wo_ Hilfe am dringendsten Not -thut, laßt Euch diese Zeilen ein Wegweiser sein, um vorzudringen im Dunkel -des Elendes, der teilweisen Verkommenheit jener Kreise. Ihr, die Ihr im -Luxus und im Reichthum schwelgt, helft jenen, die das gleiche Recht auf die -Lebensgenüsse haben, als Ihr, die aber oft ein Dasein führen, das eines -Menschen unwürdig ist. Macht Euch auf und thut einmal _wirklich_ Gutes, -das mehr Segen bringen wird, denn Bazare und Wohlthätigkeitskonzerte! -Denn: - - »Nur der erringt sich Freiheit wie das Leben, - Der täglich sie erobern muß!« - - - - -Einleitung. - - -Schon von Berlin aus hatte ich in einer der größten Chemnitzer -Strumpffabriken Arbeit gefunden; nur der Besitzer und der Direktor des -Betriebes wußten, wer ich war. - -An einem schönen Frühlingsmorgen machte ich mich zum ersten Mal, als -Arbeiterin gekleidet, auf den Weg zur Fabrik. Hochklopfenden Herzens betrat -ich die Comtoirräume, dem jungen Mann, der herablassend nach meinem Begehr -frug, antwortend, ich sei vom Direktor als Arbeiterin engagiert worden. Der -alsbald hinzugerufene Direktor führte mich durch mehrere Zwischengebäude -in einen Saal im ersten Stockwerk der Hinterfront, wo die Hefterinnen -beschäftigt sind. - -Ich wurde vom Aufseher, einem großen, hageren, aber noch ganz jungen -Manne, an einen Tisch gewiesen, an welchem etwa fünfzehn Mädchen saßen -und Herrensocken hefteten; der einen derselben wurde ich als Lehrmädchen -übergeben. Meine Lehrmeisterin war äußerst wortkarg; sobald sie sah, -daß ich ordentlich nähte, kümmerte sie sich nicht mehr um mich. Ich -ließ die Dinge einfach an mich herantreten, weil ich nicht wußte, wie ich -mich zu benehmen hatte. - -Mir gegenüber saß ein bildhübsches Mädchen -- übrigens die Hübscheste -aus der ganzen Fabrik -- aber mit unsagbar frechem Gesichtsausdruck. -Sie war die erste, die das Wort an mich richtete; sie frug mich, wie ich -heiße, woher ich sei, wo ich wohne, was ich bis jetzt gearbeitet. Ich -hatte mir ein Märchen schon vorher zusammengestellt. Als sie hörten, ich -sei bis jetzt Putzmacherin gewesen, drängte sich jede freundschaftlich an -mich, eine jede hatte einen Hut, den sie modernisiert haben wollte. -Dieser Umstand hat mir Zutritt in alle Arbeiterfamilien verschafft, da ich -manchmal an einem Abend zu vier oder fünf Mädchen ging, ihnen ihre -Hüte ausputzte und dabei Einblick in ihre intimste Häuslichkeit gewinnen -konnte. - -Schon nach Ablauf eines Vormittags hatte mir eine jede an unserm Tisch ihre -Lebensgeschichte erzählt, alle Details über ihren Schatz gegeben. In der -Mittagspause saßen wir bereits einträchtig zusammen; und die Freundschaft -wurde noch größer, als ich für die ganze Corona zwei Flaschen Bier -kommen ließ. - -Meine Arbeit war hier eine sehr leichte und angenehme, die Mädchen -durchwegs reinlich, selbst hübsch gekleidet, der Ton ein derb-fröhlicher, -ohne die Würze jener Roheiten und schamlosen Zoten, wie ich sie in allen -anderen Fabriken noch hören mußte. Ich fand die ganze Art des Verkehrs -der Arbeiterinnen untereinander und mit den Vorgesetzten _besser_ -und _höflicher_, denn man ihn in den Ateliers von Schneiderinnen, -Weißnäherinnen und Putzmacherinnen zu finden gewohnt ist. - -Glücklicher Weise erging es mir in der _ersten_ Fabrik so gut, denn -wenn ich gewußt hätte, was ich in den anderen Fabriken an Roheit und -Gemeinheit in den Kauf nehmen mußte, wer weiß, ob ich die Flinte nicht -doch noch ins Korn geworfen hätte. - -Ich habe aber, und das will ich gleich zu Anfang betonen, gefunden, daß, -_je gröber und schwerer die Arbeit, je roher auch die Menschen waren_. -Alle die Mädchen, mit denen ich in Handschuh- und Strumpffabriken -arbeitete, _waren grundverschieden im Benehmen, wie in der Kleidung -gegenüber denjenigen, die Maschinenarbeit verrichteten_. - -Die Krone der Verkörperung aller sittlichen Roheit aber fand ich bei den -Arbeiterinnen in Spinnereien; solch unglaubliche Dinge, wie ich sie dort -erlebt und gehört habe, hatte ich bis jetzt nicht für möglich gehalten. - -Die zweite Fabrik in die ich eintrat, war eine Weberei, wo die Mädchen -ausschließlich an Maschinen, und zwar an großen, schweren Maschinen -arbeiteten. Hier, wie auch in den beiden Spinnereien, in die ich nachher -kam, fand ich die eigentliche typische Fabrikarbeiterin mit allen den -schlechten Seiten, die man ihr im Volksmund anhängt. Die Landarbeiterinnen -waren wieder grundverschieden von den letzteren, es war eine eigene Spezies -mit dem lockeren Sittenbegriff der Spinnereiarbeiterinnen und dem besseren -Benehmen und der besseren Kleidung der Strumpfarbeiterin. Auch diejenigen, -die die Hausindustrie vertreten, sind wieder ganz besondere Klassen von -Arbeiterinnen, umsomehr als es lediglich Familienmütter, überhaupt -verheiratete Frauen sind. - - - - -Erstes Kapitel. - -Die materielle Lage der Arbeiterinnen. - - -Auch hier muß ich betonen, daß ich im Gegensatz zu Göhre, nicht in -_einer_ Fabrik und noch weniger in _einem_ Saal gearbeitet habe; so oft -ich die Arbeiterinnen der einen Abteilung gründlich kannte und von ihnen -nichts Weiteres zu »lernen« war, verständigte ich den Direktor, der mich -alsbald in einer anderen Abteilung unterbrachte. So kam es, daß ich in -3½ Monaten mehr sah und hörte, als andere Arbeiterinnen in einem Jahre -erfahren würden. - -Fast alle meine Arbeitsgenossinnen waren aus Chemnitz gebürtig oder doch -wenigstens aus Sachsen; in der ganzen langen Zeit fand ich _nicht eine_, -die aus einer andern Provinz Deutschlands stammte. Deswegen auch betonte -ich in meinem Vorwort, daß ich _nur von der sächsischen Arbeiterin_ -spreche. - -Ich fand ganze Familien in derselben Fabrik, den Vater als -Maschinenmeister, Portier oder Hausknecht, Söhne und Töchter, Neffen, -Nichten und Tanten als Fabrikarbeiter. - -Am schlechtesten wurden die Frauen in der Strumpffabrik gezahlt, wo man -überall auf Accord arbeitete. Hier verdienten die Hefterinnen z. B. -wöchentlich 5-6 Mark im Durchschnitt, und wenn viel sogenannte Brechwaare -(Strümpfe, die zusammengefaltet, nicht zusammengeheftet werden) in einer -Woche hergestellt wurden, so verdienten wir wöchentlich 2,50-3 Mark. -Natürlicher Weise saßen wir dann stundenlang müßig da; die meisten -aber schienen für solche Fälle gewappnet zu sein, denn sie führten -eine Handarbeit bei sich, meist Häkeleien oder Spitzen in schmutzigstem -Zustande. - -In der großen Saison sollen aber die tüchtigen Hefterinnen bis zu 9 Mark -pro Woche verdienen. Für 10 Dutzend Strümpfe erhielten wir 19 Pfennige; -wer am frechsten war und den aus der Appretur kommenden Mädchen die -meisten Strümpfe abnahm, hatte immer Arbeit. An meinem Tische z. B. gab -es ein bleiches, mageres, eben erst aus der Schule entlassenes Mädchen, -das wegen seiner Habgier allgemein verhaßt war; sie hatte immer einige -Dutzend Strümpfe vor sich liegen, von denen sie aber auch nicht ein -Dutzend den andern abgetreten hätte; und doch vernaschte diese ihren -halben Verdienst. Eine junge Wittwe dagegen, die unmittelbar neben mir saß -und zwei kleine Kinder zu Hause hatte, trat mir oft ein oder zwei Dutzend -ihrer Strümpfe ab, weil sie glaubte, ich sei in großer Not. - -An einem Mittwoch Nachmittag kam der Aufseher an unsern Tisch und erklärte -uns in dürren Worten, wir seien für diese Woche entlassen, da nur -Brechware in Arbeit sei. Ach, welcher Jammer herrschte da! Die meisten -hatten erst 60 Pfennige bis zu 1,20 Mark verdient und sollten ihre 4 -bis 6 Mark Kostgeld wöchentlich entrichten. Besonders jene Wittwe war -äußerst unglücklich; sie hatte seit vierzehn Tagen nur Kommisbrot und -schwarzen, bitteren Kaffee genossen, der den Namen Kaffee mit Unrecht -führte, und nun fehlte ihr selbst dies. - -Auch ich spielte die Niedergeschlagene, so gut ich konnte; und da will ich -gleich einer kleinen rührenden Episode gedenken, die ich an jenem Tage -erlebte. Die Mädchen in den andern Sälen hatten von der Entlassung der -Hefterinnen gehört und standen nun gruppenweise beisammen, über die -schlechten Zeiten schimpfend, die auch ihnen den Erwerb nehmen konnten. Als -ich an ihnen vorüber die Treppe hinunterging, rief mich die eine, ein mir -bis dahin gänzlich fremdes Mädchen, an: »Sie sind wohl jetzt auch -in Not?« meinte sie teilnehmend; »Sie haben gewiß Ihr letztes Geld -ausgegeben, um hierher zu kommen, und nun finden Sie nicht einmal -Verdienst, das ist hart! Ich habe selber nicht viel, aber etwas kann -ich Ihnen schon borgen, vielleicht giebt Ihnen eine andere auch noch was -dazu.« Damit griff sie in ihre Kleidertasche und reichte mir -- einen -Nickel! Ich war sprachlos vor Rührung und nahm nur stumm das Geldstück, -das ich ihr am nächsten Zahltag wieder zurückgab. -- - -Gleich darauf traf ich im Hofe mit einer anderen Hefterin zusammen, die -mir den Vorschlag machte, mit ihr zu gehen und uns auf Zeitungsinserate -hin Arbeit zu suchen. Ich willigte nur zu gern ein; allein in beiden -Strumpfgeschäften, wo wir anfrugen, erhielt ich -- glücklicherweise -- -abschlägigen Bescheid, während meine Begleiterin im zweiten Geschäft zur -Aushülfe angenommen wurde. - -Die Hefterinnen waren diejenigen, die am schlechtesten standen; die -übrigen: Sortiererinnen, Wäscherinnen und Stopferinnen verdienten im -Durchschnitt 8 Mark in der Woche, die Mädchen, die in der Appretur -beschäftigt waren, bis zu 10 Mark; das war aber das höchste und selten -anzutreffende, da die Arbeiterinnen in der Appretur meist jahrelang dort -arbeiten müssen, ehe sie diesen Lohn erhalten. Allgemein aber wurde auf -Akkord gearbeitet, was die Fleißigen lebhaft befürworteten, die Faulen -murrend in den Kauf nahmen. - -Unter diesen Umständen natürlich herrschte eine ewige Borgerei unter den -Mädchen; mehr als 15 Pfennige aber verborgte keine. In vielen Fällen -verborgten sie auch ihr Mittag- oder Vesperbrot, d. h. wer zu viel -hatte, borgte einer andern Brot oder Kartoffeln, wofür diese am nächsten -Zahltage 3 bis 7 Pfennige entrichtete. - -In der Weberei, in welcher ich Beschäftigung gefunden hatte, herrschte -erst seit kurzer Zeit das System der Akkordarbeit; es schien bei allen -lebhaften Beifall zu finden, weil die Mädchen dadurch bedeutend mehr -verdienen konnten; merkwürdigerweise waren eben diese rohen und -frechen Weberinnen ganz bedeutend fleißiger, denn die gesitteteren -Handarbeiterinnen. - -Es wurde dort an jedem Dienstag ausgezahlt, immer aber nur für die -vollendete Arbeit, d. h. für den Ballen gewebten Stoffes, der meist eine -Länge von 3, 9 oder 12 Metern hat. Fehlte auch nur ¼ Meter am fertigen -Ballen, so mußte die Arbeiterin bis zum nächsten Zahltag warten. -Hierüber herrschte Erbitterung, zeitweise sogar offene Rebellion; dann -gingen die Kecksten zum Aufseher, und wenn dieses nichts fruchtete, -zum Direktor, dem sie schimpfend und schreiend ihre Sache vortrugen. -Gewöhnlich wurde ihnen dann mit Kündigung gedroht, sie gingen murrend zur -Arbeit zurück -- und alles blieb beim alten! An einen Streik dachten sie -gar nicht; so oft ich auch den Wütendsten zu streiken vorschlug, es war -nichts mit ihnen zu machen. Sie knirschten in ihrem Joch, aber sie hatten -nicht den Mut, offen vorzugehen. - -_Und das eben mache ich den arbeitenden und erwerbenden Frauen Deutschlands -zum schweren Vorwurf, daß sie sich alles bieten lassen, daß sie -wohl einzeln, nicht aber alle vereint offen gegen unhaltbare Zustände -auftreten. Und doch macht nur die Einigkeit stark._ - -In den Webereien verdienten die Mädchen durchschnittlich 10 bis 12 Mark -pro Woche, ja, meine Nachbarin auf der Webemaschine, die außerordentlich -geschickt und fleißig war, verdiente bis zu 18 Mark wöchentlich. Sie -webte gewöhnlich Teppiche von 1 Meter Breite nach türkischem Muster, und -davon im Tage 4 bis 5 Meter, je nach der Einfachheit des Musters. Sie war -aber auch stets die letzte, die den Saal verließ und die erste, die wieder -arbeitete. Die Landarbeiterinnen sind merklich besser daran, denn die -andern; fast alle Mädchen nehmen hier 10 bis 18 Mark pro Woche ein -und geben gewöhnlich den Eltern 2 Mark Kostgeld. Die meisten dieser -Arbeiterfamilien besitzen ein eigenes Häuschen, aus 2 Stuben, 1 Kammer -und 1 Küche bestehend; so fällt die Sorge für den teuren Mietszins weg -und erleichtert wesentlich das Budget des Haushaltes. - -Die Hausarbeiterinnen sind gewöhnlich Handschuhstepperinnen, die bei 6- -bis 8stündiger Arbeit 2 bis 8 Mark verdienen. Meist sind es Frauen, die -schon als Mädchen in der Fabrik gearbeitet haben und nun, durch eine -Horde hungriger Kinder zum Erwerben wieder gezwungen sind. Fleißige Frauen -unterhalten den Haushalt oft auf diese Weise zur Hälfte, ja im Winter, -wenn die Männer zeitweise arbeitslos sind, vollständig allein. - - - - -Zweites Kapitel. - -Nahrung und Kleidung der Arbeiterin. - - -Wir hatten in allen Fabriken einen sogenannten Speisesaal, einen großen, -im Souterrain gelegenen feuchtkalten Raum mit nackten Wänden und -Steinboden, in dem eine Reihe der primitivsten hölzernen Bänke vor -ebensolchen Tischen standen. Im Hintergrunde dieses »Saales« steht ein -riesiger alter Herd, auf dem eine meist sehr unappetitlich aussehende Frau -den Arbeiterinnen das von Hause mitgebrachte Essen wärmt. Die meisten -bleiben über Mittag in der Fabrik, nur wenige der verheirateten Frauen, -wohl solche mit kleinen Kindern, eilen heim, um Punkt 1 Uhr abgehetzt und -weniger erholt als _vor_ der Mittagspause an die Arbeit zu gehen. - -Kaum ertönt die Fabrikuhr in ihren so heiß ersehnten zwölf Schlägen, so -wird wie durch einen Zauberschlag alles still; mit einem letzten keuchenden -Aufpusten stehen die Maschinen und die Triebräder unbeweglich da. In den -ersten Tagen erschrak ich jedesmal von der Stille, die im Saale herrscht, -nach jenem nervenzerrüttendem sechsstündigen Gerassel, Gepolter und -Geschrei. - -Dann eilen alle hinab, um ihr Essen zuerst aus dem heißen Herd heraus zu -erbeuten; bei schönem, sonnigen Wetter setzten wir uns zur Mittagsmahlzeit -in den Hof, auf den Erdboden, auf eine Wagendeichsel, eine alte Tonne oder -Kiste, kurzum auf das, was uns gerade erreichbar war. - -Der Hauptkontingent hatte nichts weiter, denn einen Topf Kartoffeln oder -Reisbrei mit, etliche hatten Nudeln, Graupen oder Erbsen; _Fleisch habe ich -in der ganzen Zeit auch nicht bei einer einzigen gesehen_. Diejenigen, die -den größten Luxus trieben, aßen zu ihren Kartoffeln zwei Eier oder einen -Häring, aber auch dies nur am Zahltag. Ein sehr beliebtes Essen bildete -ferner trockenes Kommisbrot und eine saure Gurke; die Mädchen verzehrten -unglaubliche Quantitäten dieses Brotes und teilten die Gurke gewöhnlich -so ein, daß sie noch zur Vesper langte; auch wurde viel Kartoffelsalat -gegessen, der keine weiteren Zuthaten aufweisen konnte, denn Essig und -Zwiebeln. Als Getränk figurirte Milch, Buttermilch und Kaffee, ein -gräulich riechender grünlicher Aufguß von Cichorie. In den letzten Tagen -_vor der Löhnung_ wurde zur Mittagsnahrung _vielfach_ nur solcher Kaffee -mit Kommisbrot genossen, auf das die meisten ungeheure Quantitäten Salz -streuten. - -Merkwürdig aber ist es, daß die meisten ihr Brot lieber trocken essen, -ehe sie Schmalz darauf streichen, wie es doch in den besten Berliner -Bürgerkreisen Sitte ist. Wenn sie das Geld zur Butter nicht erschwingen -können, so essen sie ihr Brot, wie schon erwähnt, mit Salz oder Zucker -bestreut. Bei solcher Nahrungsweise und bei der schweren Arbeit ist es -nicht zu verwundern, daß die Mädchen in der Frühstücks- und in der -Vesperpause die gleiche Menge Brot verzehren, wie Mittags. - -Ich habe auch in Arbeiterfamilien gegessen; die Nahrungsweise war die -gleiche, wie im Fabriksaal bei den Mädchen, womöglich wurde sie noch -hastiger, mürrischer und unzufriedener eingenommen, je mehr Kinder -vorhanden waren, die nicht genug bekommen konnten. - -In den sogenannten Arbeiterkneipen fand ich _niemals_ eine Arbeiterin, nur -arbeitsloses, verkommenes weibliches Gesindel. - -Auch in der städtischen Speiseanstalt, wohin ich öfter ging, waren sehr -wenig Arbeiterinnen zu finden, größtentheils Hausiererinnen, Bettlerinnen -und Landstreicherinnen. Es herrscht unter den Frauen eine Art Schamgefühl, -das städtische Speisehaus zu betreten, trotzdem dort die besten -männlichen Arbeiter gern verkehren. - -Man erhält daselbst für 10 Pfennige eine Schüssel Graupen oder Erbsen, -ungefähr 1 Liter im Inhalt, für 15 Pfennige ein Stück Corned beef -dazu, für 20 Pfennige außerdem einen Teller Suppe. Die Portionen sind -außerordentlich reich bemessen, werden aber von den Besuchern unglaublich -schnell verschlungen. - -_Keine Arbeiterin bekennt sich zum Vegetarismus, sie würden alle gern -Fleisch essen, wenn sie die Mittel dazu hätten._ - -Ich habe das mit Genugthuung beobachtet; denn wenn die Arbeitenden zur -Mittagsmahlzeit eine Fleischquantität bekämen, derjenigen der Soldaten -gleich, so würden sie nicht _beständig_ so hungrig sein, immer bereit, -neue Berge von Brot und Kartoffeln zu verzehren. - -Vielfach holen die Arbeiterfrauen, deren Männer zur Mittagszeit nach Hause -kommen, in den Hotels sogenannte Abfälle, meist noch recht gute Fleisch- -und Geflügelreste, mit Kartoffeln und Sauce vermengt, die sie gleich -gewärmt erhalten, und direkt zum Arbeitsplatz des Mannes tragen, wo sich -inzwischen auch die Kinder eingefunden haben. Diese Art der Mittagsmahlzeit -hat insofern ihr Gutes, als die Leute Fleisch bekommen, zusammen speisen -können und die ganze Familie beisammen ist. - -Dabei muß ich aber hervorheben, daß die Arbeiterinnen bedeutend besser -essen _könnten_, wenn sie nicht alles an ihre Kleidung wenden würden, -aber sie verzichten lieber auf jede menschenwürdige Nahrung, um sich einen -modernen Hut, ein hübsches Kleid oder einen Sonnenschirm zu kaufen, ja, am -Sonntag tragen die meisten Glacéhandschuhe! - -Während der Woche sind sie ganz einfach gekleidet, Rock und Bluse, -Sonntags aber unterscheidet man sie größtentheils in nichts von den -Bürgermädchen, da sie dann auch ein ganz anderes Benehmen zur Schau -tragen, denn in der Woche. Sie sehen auf gutes Schuhwerk, leider aber gar -nicht auf gute Wäsche. Sehr viele besitzen überhaupt nur zwei Hemden, -wovon das eine immer in der Wäsche ist, während sie das andere tragen. - -Es fiel mir ferner auf, daß sie nicht viel auf Schmuck geben, dafür aber -um so mehr auf Haarpfeile und Kämme; so manche, die ich näher kannte, -aß sich die ganze Woche hindurch nicht satt, um sich einen Haarpfeil aus -Aluminium kaufen zu können. Selbstverständlich darf man hier den Mädchen -weder mit Vorwürfen, noch mit Indignation oder stummem Mitleid über ihre -Dummheit entgegentreten; _hier ist allein thatkräftige Aufklärung am -Platze_. - -In den Handschuh- und Strumpffabriken kommen und gehen die Mädchen in -derselben Kleidung, die sie während der Arbeit tragen; in den Webereien -jedoch, wo Staub und Schmutz regieren, ziehen sich die Mädchen -vollständig um; Röcke, Taillen, Schürzen und Schuhe werden gewechselt, -um die Haare schlingen sie ein Tuch. Obgleich die Bestimmung in jeder -Fabrikordung aufgenommen ist, daß die Arbeiterinnen sich _nur_ im -»Garderobenzimmer« anziehen dürfen, thun es die Wenigsten. Mit der -größten Ungeniertheit entkleiden sich viele bis aufs Hemd, über ihre -eigene Kleidung Witze machend. - -Schon um ½12 und um ½6 Uhr fängt eine jede an, Toilette zu machen; jede -einzelne ist im Besitz eines Spiegels und eines Kammes. Die Mädchen geben -alle sehr viel auf die Frisur, vor Feierabend kämmen sie ihr Haar, stecken -es vor dem Spiegel sorgfältig auf und harren, meist mit dem Körbchen in -der Hand, des Glockenschlages sechs; gewöhnlich sind sie schon zum Thor -hinaus, wenn die Maschinen anfangen still zu stehen. Kommt zufällig der -Aufseher oder der Direktor noch durch die Räume, so huschen sie schnell -an ihre Maschinen und heucheln die Fleißigen; dieser aber kennt seine -Getreuen und ohne Verweis geht es selten ab. - -Ich kam im Anfang in meiner gewöhnlichen Arbeitertracht zur Fabrik, aber -schon am ersten Abend hatte ich wunde Füße, dermaßen strengte mich -das Stehen vor den Maschinen an; Pantoffeln sind hier einfach -unentbehrlich. -- - -Im höchsten Grade überrascht aber war ich bei meinem Eintritt in die -Fabrik auf dem Lande. Die Mädchen sind hier gut, ja teilweise so hübsch -und adrett gekleidet, daß die Städterinnen nimmer einen Vergleich mit -jenen aushalten könnten. Abgesehen von den hübschen, oft zartfarbigen -Blousen, von den gutgearbeiteten, modernen Röcken, den kleinen -Schürzchen, haben die meisten fein frisierte Haare und Locken-Devants, -Kämme und Spangen, ja, _viele tragen zur Taille passende Schleifen im -Haar_. - -Auch ihr Benehmen ist ein viel besseres, denn das der Chemnitzerinnen, der -Ton ein feinerer; es machte mir den Eindruck, als sei ich mit einer Schar -Ballettänzerinnen zusammen, die arm aber doch gutgekleidet sind und -frivole, wenn auch nicht roh gemeine Witze machen. Einen besseren Vergleich -konnte ich nicht finden. - -Überhaupt bildete die Unterhaltung der Landmädchen eine Kette von -pikanten Abenteuern, zweideutigen Witzen, wie sie in den Kasinos der -Herren Lieutenants Mode sind, und von Abenteuern der Kameradinnen, die sich -durchwegs im Gebiet des Zweideutigen bewegten. - - - - -Drittes Kapitel. - -Arbeit, Beruf, Vergangenheit. - - -Die Arbeiterinnen in allen Fabriken, in denen ich war, hatten entweder -vom 14. Jahre an in der Fabrik gearbeitet, das waren die tüchtigen, -ordentlichen Mädchen, oder es waren entlassene Dienstmädchen; eine andere -Vergangenheit hatten die wenigsten. - -Diejenigen, die früher gedient hatten, waren meist durch unsittlichen -Lebenswandel, Faulheit oder andere schlechte Eigenschaften zur Fabrikarbeit -gelangt, die ihnen, wenn auch ein elenderes, so doch ein freieres Leben -gestaltete; _sie lieferten das Heer der verkommenen, rohen Arbeiterinnen_. -Diejenigen, die, ich möchte sagen aus traditionellen Arbeiterfamilien -stammten, arbeiteten sich oftmals auf, so daß sie eine Art Carriere -machten; sie fingen in der niedrigsten Stellung an und endeten schließlich -als Directrice mit Monatsbesoldung von 100 bis 120 Mark. Dann spielen -sie die Damen, behandeln ihre früheren Kolleginnen herablassend und -hochmütig, und scheinen durch nichts an ihre frühere »Niedrigkeit« -erinnert werden zu können. Im allgemeinen herrscht zwischen den beiden -Parteien offene Feindschaft; die echte Arbeiterin sieht das frühere -Dienstmädchen größtenteils als eine verkommene Existenz an, über die -sie sich erhaben fühlt. Das Dienstmädchen wieder hat beständig die -»feinen« Leute im Mund, bei denen sie gedient und durch welche sie alles -besser wissen will, was »feine« Leute thun. Aus diesem Grunde kam es -öfters zu Streitigkeiten, ja, selbst zu Thätlichkeiten. - -Die Maschinenarbeiterinnen sehen mit gewisser Geringschätzung auf die -Strumpf- und Handarbeiterinnen herab; sie sehen in ihnen mehr Näherinnen -und Stopferinnen, denn richtige Arbeiterinnen. Diese wieder reden -verächtlich von der Maschinenarbeiterin, die die schwere und schmutzige -Arbeit verrichten muß; selbst wenn sie Stellung in einer Weberei fänden, -sie würden sie nicht annehmen. - -Thatsache aber ist es, daß die Strumpf- und Handschuharbeiterinnen bei -weitem nicht so viel und so schwer zu schaffen haben, als die andern, daß -sie bequemer und fauler sind und lieber wochenlang stellenlos bleiben, denn -eine andere Arbeit annehmen. - -In den Strumpf- und Handschuhfabriken arbeiteten wir in schönen, luftigen -und hellen Sälen; jede hatte ihren Tisch und ihren Platz, die Arbeit war -leicht, teilweise sogar unterhaltend. Wir unterhielten und neckten uns, -die Zeit verging schnell und, den Verhältnissen angemessen, angenehm. Ganz -anders aber ist es in den Webereien. Hier arbeiten die Mädchen elf Stunden -täglich in einer Staubatmosphäre, die mir am dritten Tage meines dortigen -Aufenthaltes einen tüchtigen Lungenkatarrh verschaffte; kleine Flocken von -der aufgedrehten Wolle füllen die Luft, setzen sich auf Kleider und Haare, -fliegen in Nase und Mund; die Maschinen müssen alle 2 Stunden abgekehrt -werden; der Staub wird von den Mädchen eingeatmet, da sie die Fenster -nicht öffnen dürfen. Dazu kommt der fürchterliche, nervenzerrüttende -Lärm der rasselnden Maschinen, daß der Sprecher sein eigenes Wort nicht -hört. Wer nicht in den höchsten Tönen schreit, kann sich nicht mit -seiner Nachbarin verständigen. Die Mädchen haben aber auch durchweg -schreiende, nervösmachende Stimmen; selbst wenn im Saale alles still -wird, nach Feierabend, auf den Straßen, zu Hause, nie sprechen sie ruhig -zusammen wie andere Leute, ihre Unterhaltung ist ein ewiges Geschrei, das -bei Uneingeweihten den Eindruck hervorruft, als stritten sie miteinander. - -Es ist wirklich ein Wunder, daß so manche der Mädchen noch so blühend -und frisch aussehen, daß sie noch Lust haben, während der Arbeit laut zu -singen, und zwar _innige Volkslieder_. - -Mit unglaublicher Keckheit greifen die Mädchen mitten ins Getriebe der -Maschinen, holen das blitzschnell hervorschießende Schiffchen heraus und -legen ebenso schnell das volle Schiff hinein; Unglücksfälle kamen, so -lange ich dort war, nicht vor und sollen auch seit Menschengedenken nicht -vorgekommen sein. - -Viele jener Mädchen arbeiten mit Lust an der Sache, besonders solche, die -kleinere Teppiche oder einzelne abgepaßte Vorhänge weben und den Fortgang -des vollendeten Musters verfolgen können. Ihre Maschine lieben sie, wie -man einen treuen Hund liebt; sie putzen sie glänzend rein, binden an die -Seitenbarren bunte Bänder, Heiligenbildchen und allerlei Flitterkram, den -sie während des Sommers auf dem Schützenplatz vom Schatze bekommen haben. - -Die Mädchen arbeiten schwer, sehr schwer, so manche erzählte mir, wie -sie in den ersten vier Wochen ihrer Arbeitszeit zusammengebrochen ist vor -Anstrengung, wie die meisten monatelang an Lungen- und Halskrankheiten -leiden, bis sie den Staub gewöhnt sind. Dazu kommt die schlechte, -erbärmliche Nahrung, die kurzen Ruhestunden in Räumen, die den Namen -»Wohnung« nicht verdienen -- und trotz allem bleiben die Mädchen -fröhlich, gesund, munter, lebenslustig! - -Ich habe das immer mit Bewunderung gesehen; _ich_ hätte das nicht auf die -Dauer ausgehalten. Ich konnte meistenteils von Morgens bis Abends nichts zu -mir nehmen, denn Kaffee; erst am Abend eilte ich, zu Tode erschöpft, ins -Hotel, um mit Mühe und Not etwas kräftige Nahrung zu genießen. Ich fand -das Leben jener Mädchen so entsetzlich traurig, so monoton, Jahr aus, Jahr -ein dasselbe Einerlei, dieselbe Arbeit bei schlechtem Lohn, das gleiche -schlechte Essen -- und doch die zähe Zuversicht zum Leben, die Freudigkeit -auf die Zukunft! - -Es durfte keine daran denken, bei heftigem Kopf- oder Zahnweh die -Arbeit einzustellen und sich auszuruhen, auch nicht eine viertel Stunde -Verspätung wurde geduldet, wollte sich die Betreffende nicht einen sehr -empfindlichen Strafabzug am Wochenlohn gefallen lassen. - -_Hier sollten sie einmal eingreifen ins volle Menschenleben, jene Gegner, -die da behaupten, die »schwachen« Frauen könnten nichts leisten und -würden niemals andauernd und hingebend einen Beruf erfüllen! Hier werden -ihre Behauptungen glänzend zu Schanden! Oder gelten diese überhaupt nur -für die Berufe, wo die Konkurrenz der Frau dem Manne gefährlich werden -kann?_ -- - -Man unterschätze aber auch nicht die Arbeit der Teppichweberinnen, -_sie ist nichts weniger, denn eintönig und schablonenhaft_. Bei den -komplizierten türkischen Mustern muß die Weberin die Sekunde erfassen, wo -die Spulen in verschiedenen Farben gewechselt werden, _sie muß denken und -kombinieren, berechnen und aufpassen und alle ihre Gedanken konzentrieren. -Diese Arbeit erfordert weit mehr Gedankenarbeit und Pflichtbewußtsein, -denn die Häkelarbeiten und Stickereien, die Hunderte von Mädchen der -besseren Kreise Jahr aus, Jahr ein anfertigen in Erwartung des erlösenden -Ritters._ -- - -In den meisten Fabriken fängt die Arbeit um ½7 Uhr an, von 8-8½ Uhr -ist Frühstücks-, von 12-1 Uhr Mittagspause; um 4 Uhr wird 20-30 Minuten -Vesperpause gehalten, um dann bis zum Feierabend um 7 Uhr zu arbeiten. -Sonnabends ½6 Uhr wird die Arbeit eingestellt, um den Arbeiterinnen bis -6 Uhr Zeit zu lassen ihre Maschinen gründlich zu reinigen und zu ölen; -am Montage wird eine halbe Stunde später angetreten, wohl weil die -Mädchen durchwegs Katzenjammer vom Sonntag her haben. - -Wie ich schon erwähnte, sind Unglücksfälle eine Seltenheit, _Unfälle -bei der Arbeit_ dagegen sehr häufig. So passierte es meiner Nachbarin, -daß ihr infolge zu schwachen Andrückens der Spule in das Schiff, dieses -im vollsten Betriebe heraussprang und sämtliche Fäden, die Grundlage zum -Teppich, zerriß; sie war zu Schadenersatz verpflichtet, d. h. sie mußte -sämtliche Fäden wieder anknüpfen, eine Arbeit, die sie _drei volle_ Tage -in Anspruch nahm und wofür sie keinen Lohn erhielt. Ihre Verzweiflung war -eine grenzenlose, alle Mädchen, die im gleichen Saale beschäftigt waren, -sprangen herbei und halfen der fassungslos Schluchzenden. Ein ander Mal -zerbrach die eine die Feder ihres Betriebes; durch die freundliche Hilfe -des Aufsehers aber wurde der Schaden repariert, ehe der Direktor ihn -bemerkt hatte. Auch die Handschuh- und Strumpfarbeiterinnen müssen -manchmal Schadenersatz zahlen, doch ist dies hier ein selten vorkommender -Fall, da ruinierte Sachen sich leicht unter der guten Ware verbergen -lassen. - -Was jedoch an Fabrikeigenthum ruiniert wird, ist unglaublich; die -Spulerinnen ruinieren täglich eine Menge Wollsträhnen; sobald ein Strang -sich ein klein wenig verwickelt hat, werfen sie ihn in den Lumpen- und -Abfallsack, der an jeder Maschine hängt, und greifen zu einem neuen -Strang. Auch die Tricotarbeiterinnen verschneiden eine Masse schönen -Stoffes, der dann einfach beseitigt wird. So kam es kürzlich in einer -Chemnitzer Weberei vor, daß die Aborte der Fabrik durch hineingeworfene -Spulen verstopft waren, und die Landwirte den Inhalt als Dung -zurückwiesen, _weil er zu viel Tricotstoff enthielt_. Eine einzige dortige -Fabrik verkaufte im vorigen Jahre allein für 15.000 Mark Lumpen, die, -wenn die Stoffe nicht leichtsinnig verschnitten würden, kaum auf die halbe -Höhe des Preises kämen. Leider muß ich gestehen, daß sehr viele -der Mädchen mit einer schlecht unterdrückten Schadenfreude das -Fabrikeigenthum ruinieren, und daß das nicht die Anfängerinnen, sondern -mehr die besseren Arbeiterinnen, teilweise die Directricen sind. Als ich -anfangs jeden Stoff- und Wollfetzen ausnutzen wollte, wurde ich mit -Schimpf und Spott als »fabrikfreundlich« verlacht und von der jeweiligen -Directrice sogar grob angefahren; wie zuckte es mir oft in den Fingern, -wenn ich ein Stück Tricotstoff nutzlos zerschneiden mußte, aus dem man -einem dreijährigen Kinde ein Unterkleid hätte anfertigen können! - -Und hier komme ich auf das, was ich schon häufig in Aufsätzen und -Artikeln betonte: _wenn Mädchen mit guter Bildung, aus guter Familie und -mit disciplinarischem Ordnungssinn eine passende Ausbildung fänden, -die sie befähigt, die Stellung einer Fabrikdirectrice oder Inspektorin -anzunehmen, es würde nicht allein einer Menge stickender und häkelnder -Mädchen, elend verkümmernder Gesellschafterinnen und Erzieherinnen -geholfen, sondern die Fabrikanten selber hätten in jenen Damen wirkliche -Stützen. Dann würde vielleicht der schmachvolle Zustand aufhören, daß -Männer Frauen beaufsichtigen, leiten, auszahlen -- und unterdrücken._ Das -ist es eben, was meine Genossinnen im Kampfe um Gleichberechtigung von Mann -und Frau vergessen: _daß die Frau der oberen Stände nicht frei werden -kann, so lange die Frau der unteren Kreise durch Männer geleitet, -befehligt und »beaufsichtigt« wird_! -- - - - - -Viertes Kapitel. - -Sittliche Zustände. - - -Ich habe in Bezug auf die Sittlichkeit in vielen Punkten gerade das -Gegenteil von dem gefunden, was Göhre fand. Ich halte hauptsächlich seine -Behauptung von der freien Liebe der Männer, der notwendigen Treue aber -der Frauen, für unrichtig. Gerade die Sittenzustände habe ich auf das -eingehendste studiert, weil sie mir das wichtigste Kapitel erschienen. - -Wenn von Treue der Frauen und Liebesfreiheit der Männer gesprochen wird, -so ist damit selbstverständlich das verheiratete Contingent gemeint; fast -überall -- und ich habe _genaue_ Informationen angestellt -- bleiben sich -Mann und Frau _beide_ in der Ehe treu oder _ein jedes_ geht seiner Wege. -Daß es natürlich auch Ausnahmen giebt, will ich nicht bestreiten, aber -diese sind thatsächlich so selten, daß sie kaum der Erwähnung bedürfen. - -Die Frauen bringen häufig ein uneheliches Kind mit in die Ehe, oft auch -zwei; fast immer aber sind es Kinder desjenigen, den sie heiraten. Die -Mädchen erzählen in der Fabrik ganz harmlos von ihrem Kinde, wenn es ein -Zähnchen bekommen hat oder krank ist; teilnehmend hören die anderen zu, -es fiele keiner ein, darin eine Unsittlichkeit zu sehen. Man verkehrt zwar -nicht mehr gern mit jenen männerlosen Müttern, aber _lediglich deswegen, -weil die Mütter unehelicher Kinder, und seien sie noch so jung, ernster, -weniger vergnügungs- und putzsüchtig sind und einen Hang zum solideren -Leben zeigen_. Sonntags gehen sie vielfach mit dem nett geputzten Kinde und -dem Schatze spazieren, stolz sieht ihnen von der Hausthür aus die Mutter -nach. - -Die Arbeiterinnen leben vielfach im Concubinat mit Arbeitern; so war die -eine in unserm Saal drei Jahre mit einem Webermeister in Dresden, ein Jahr -mit einem Heizer in Zwickau und zur Zeit ein halbes Jahr mit einem Spinner -in Chemnitz vereint; Kinder waren jedoch nicht vorhanden. - -Ebenso frei und derb, wie die Arbeiterinnen in der Liebe sind, zeigen sie -_tiefe und ernste Empörung für jede gewerbsmäßig betriebene Unzucht_, -und ganz speziell für solche Mädchen, die sich an »feine Herren« -vergeben. Der Schatz schenkt ihnen Garderobe, Schmuck, Wäsche, _bezahlen -aber lassen sie sich ihre Liebe nicht, es muß bei freiwilligen Geschenken -bleiben_. - -Hierin liegt ein Zeichen, daß diese Leute den geschlechtlichen _freien_ -Verkehr _aus Liebe_ nicht für unsittlich, sondern für _natürlich_ -halten, für _Befriedigung eines Naturtriebes, der nie zum Erwerb -herabsinken darf_. - -Ich kannte eine, die bis vor kurzem bei einem Arzt gedient hatte, wegen -nächtlichen Umhertreibens mit Soldaten jedoch entlassen worden war; sie -war stets hübsch gekleidet, trug echte silberne Schmucksachen und aß -besser, denn alle anderen. Auch auf Accordarbeit angestellt, kam es -ihr nicht darauf an, ein oder zwei Tage zu fehlen, sie arbeitete mit -sichtlicher Nonchalance. Es war mir gleich am ersten Tage aufgefallen, daß -alle mehr oder minder grob mit jener Blonden waren; sie tranken nicht aus -dem gleichen Krug mit ihr und wollten nie etwas von deren Speisen, trotzdem -gerade diese immer reichlich damit versehen war. Ich frug meine Nachbarin -nach der Ursache dieses sonderbaren Benehmens. »Ach,« meinte sie -geringschätzend, »die Lydia ist ein Lumpenmensch, die geht mit -Lieutenants, der ist's nicht ums Arbeiten zu thun!« - -_Ueberhaupt herrschte eine allgemeine Abneigung gegen das Militär, ganz -speziell gegen gemeine Soldaten und Lieutenants_; was dazwischen liegt, -wird weniger scheel angesehen, _weil die Möglichkeit vorliegt, von einem -Unteroffizier oder Sergeanten geheiratet zu werden_. - -Geradezu fanatisch aber ist ihr Haß gegen »Tintenwischer«, wie sie -_Schreiber_ und _in Bureaux arbeitende Kaufleute_ nennen. - -Ich erinnere mich, daß uns eines Morgens eine ältere, etwa 30jährige -Arbeiterin eine zündende Moralpredigt hielt und mit den Worten schloß: -»Aber das sag' ich Euch, ein ordentliches Fabrikmädel weiß, was sie sich -schuldig ist, die giebt sich mit keinem solch verdammten Tintenschlecker -ab; nicht einmal aufgucken müßt Ihr, wenn Ihr sie auf der Straße seht, -Eure Röcke müßt Ihr zusammenhalten, damit Ihr nicht Tinte von den -Lausbuben d'ran bekommt. Waschen thun sie sich nicht, die Tinte schleckern -die Hungerleider von ihren Pfoten, aber einen Klemmer tragen sie doch. Ich -sag's Euch, lieber den schmutzigsten, schwärzesten Arbeiter, als solch -einen niederträchtigen Faullenzer und Schleicher!« - -Ich konnte die Abneigung jener Mädchen gegen die jungen Kaufleute recht -wohl begreifen, ja, _so lange ich Arbeiterin war, teilte ich sie voll und -ganz. Ich mache jenen Leuten hier den Vorwurf, daß sie größtenteils -Schuld an der Demoralisation der Arbeiterinnen sind und daß sie, wenn -die Arbeiterin ihnen nicht zu Willen sein will, diese durch Intrigue, -heimtückische Verleumdung beim Direktor, boshafte Unterdrückung und -Chikanen_ #der Sozialdemokratie in die Arme treiben#, _umsomehr, als das -gesamte sozialdemokratische männliche Fabrikpersonal die Mädchen besser, -höflicher und menschenwürdiger behandelt_, als es die anderen thun. - -Am fünften oder sechsten Tage meiner Arbeit in einer der Fabriken kam -es vor, daß eine der Directricen eine Unregelmäßigkeit im Notieren -der fertigen Ware gemacht hatte; alsbald erschien ein Angestellter des -Comptoirs, einer der besseren Buchhalter, um die Sache zu untersuchen. Er -war ein großer, wohlgenährter Mann anfangs der Dreißiger, mit rotblondem -Haar und kühn aufgewirbeltem »Lieutenantsschnurrbart«, mit goldenem -Zwicker und goldener Uhrkette. Seine glasigen, wasserblauen Augen musterten -mit »Kennerblick« jedes einzelne Mädchen auf empörend freche Weise; -er mußte aber auch, was ich zu meiner Freude bemerkte, so manche nichts -weniger denn schmeichelhafte Bemerkung über seine Person in den Kauf -nehmen. - -Als er an meinem Platz angelangt war, blieb er stehen, stemmte die Hände -in die Seiten und betrachtete mich auf das eingehendste; ich fühlte, wie -mir das Blut heiß zu Kopfe stieg, ich bebte. Plötzlich drehte er sich um -und sagte in befehlendem Tone zur Directrice: »Suchen Sie in Ihrem Buche -nach, wie es mit dem Fehlen der Sachen steht, und schicken Sie mir dann den -Bescheid durch dieses Mädel ins Comptoir.« Damit deutete er auf mich und -ging. - -Nun brach's von allen Seiten los, Arbeiterinnen und Directricen hielten mit -der Arbeit inne, eine jede erging sich in lebhaften Beschimpfungen über -den Buchhalter. - -»Na,« sagte mir die eine, »der hat jetzt ein Auge auf Sie geworfen, -der wird's Ihnen unten schon sagen, was er will. Aber haben Sie nur keine -Angst, sagen Sie ihm, daß Sie eine ordentliche Arbeiterin und keine -Ladenmamsell sind, daß Sie so einen, wie er ist, alle Tag' bekämen und -daß Sie mit Ihrem Schatz spazieren gehen wollen, nicht aber nur zu ihm in -die Wohnung kommen. So hat er's jeder gemacht, die neu hierher kam und die -nicht gerade ausschaut, wie eine Nachteule!« - -Ich stimmte lebhaft bei und erging mich in allerlei Erörterungen, was ich -ihm alles sagen würde. - -»Was,« schrie eine erbost dazwischen, »so fein berlinisch dürfen Sie -nicht sein! Mir hat er's auch 'mal so gemacht! Sauhund, verdammter, hab' -ich ihm g'sagt, paß auf, daß ich dich Nachts nicht mal erwisch! Aber dem -Direktor hat er doch nichts gesagt!« - -»Und mir,« rief eine hübsche Brünette, »mir hat er fünfzig Pfennig -geben wollen! Ich hab' sie aber hingelegt und hab' ihm g'sagt, daß es mir -auch ohne ihn zu 'ner Bemme langt!« - -Mir war bei der ganzen Sache nichts weniger denn angenehm zu Mut, es war -mir zu peinlich, mit jenem Menschen mich einlassen zu müssen; ich machte -mich auf gemeine Zumutungen gefaßt und traute mir selber nicht recht, daß -ich nicht doch aus der Rolle fallen und grob werden würde. - -Eine halbe Stunde später trat ich ins Comptoir; der Blonde saß vor einem -Schreibtisch, sah sich nur flüchtig um und kommandierte: »Kommen Sie -'mal her!« Ich trat näher; er kniff mich leicht in die Wange und sagte -herablassend: »Sie hatten wohl noch keinen Schatz, daß Sie so erröten; -ich will es einmal mit Ihnen probieren, Sie können mein Schatz werden. Sie -können mich Sonntag Nachmittag um 2 Uhr in meiner Wohnung, S--straße, -besuchen; wir machen dann einen Ausflug nach der Pelzmühle. Sie können -doch Nachts von Hause wegbleiben?« - -Ich bejahte. - -»Gut,« meinte er, »dann kommen Sie pünktlich, ziehen Sie sich hübsch -an, wenn möglich eine etwas _dekolletierte Taille_. Wo wohnen Sie denn?« - -Ich nannte, bebend vor Zorn und kaum fähig, länger stehen zu bleiben, -irgend einen Straßennamen, der mir einfiel. - -»Um Himmels Willen, das ist ja verrückt weit,« sagte er ärgerlich, -»da müssen Sie in meine Nähe ziehen, ich werde dafür sorgen. Gehen Sie -jetzt, aber sagen Sie den andern nichts davon, _die sind neidisch_.« - -Er wollte mich um die Taille fassen, aber ich war schon zur Thür hinaus; -draußen lehnte ich mich an die Wand, Thränen traten mir in die Augen vor -Scham und Zorn. - -Ganz geschäftsmäßig hatte er die Sache behandelt, er _frug_ nicht -einmal, ob ich sein Schatz werden _wolle_, er beorderte mich einfach zu -sich, wie eine Sklavin. - -Es tobte in mir, ich zitterte an allen Gliedern, es war mir unmöglich, -gleich hinauf zu gehen; schließlich schlich ich in den Hof und setzte mich -auf einen Schutthaufen. Wenn _er_ da drinnen geahnt hätte, wie ich hier -mit geballten Fäusten saß, in ohnmächtigem Zorn, nur darauf sinnend, -_wie_ ich mich rächen könne an ihm im Namen aller meiner Genossinnen. Ich -ahnte damals nicht, daß ich ihm zurückgeben würde mit Zinseszinsen, was -er mir gethan; hoffentlich zehrt er an dieser Erinnerung! - -Als ich mich endlich aufraffte und wieder den Arbeitssaal betrat, wurde ich -mit lautem Hurra empfangen. - -»Na,« spöttelte die eine, »Sie sind aber lange geblieben, Sie haben -wohl gleich einen Abstecher in seine Wohnung gemacht!« - -Ich erzählte ihnen den Sachverhalt. - -»Der Lump, der Hund, der erbärmliche Tropf!« hieß es an allen Ecken -und Enden. »Hätten Sie ihm ins Gesicht gespuckt,« rief ein rabiater -bisheriger Küchendragoner, »der Kerl meint, jede thät sich die -Finger darnach lecken, wenn er einem 'nen Schmatz giebt mit seiner -Lieutenantsschnauz! Reservelieutenant ist er wohl auch!« - -Und nun ging's wieder über das Militär und die Kaufleute los in -unglaublichen Ausdrücken der Wut und Geringschätzung. Man denke sich nun -ein armes, alleinstehendes Fabrikmädchen, das in die Hände eines solchen -Schurken gegeben ist! Folgt sie ihm _nicht_, so kann sie sicher sein, in -wenigen Tagen durch Intriguen so zu leiden, daß sie gehen _muß_, wird -sie nicht gleich entlassen. Wo sollen jene Mädchen die moralische -Kraft hernehmen, um mit mutiger Stirn dem Elenden zu widerstehen? _Wer -unterstützt sie, wenn sie aus Moral brotlos geworden sind?_ Der Staat -sicherlich nicht! - -Man spricht so viel, hauptsächlich die Gegner der Frauenbewegung, daß die -Frau von der Natur aus schon unter den Schutz des Mannes gestellt sei. -O, über dies heuchlerische Glaubensdogma des männlichen Schutzes! Wer -schützt die armen Fabrikmädchen vor Ausbeutung, Überanstrengung und -vor der Willkür ihrer Vorgesetzten? Hier mögen sie einmal antreten, jene -heldenhaften Cavaliere, jene Männer, die da der Frau als dem »schwachen -Geschlecht« ihren »männlichen Schutz« angedeihen lassen wollen, die es -aber nur dann thun, wenn die Frau hübsch, jung und _reich_ ist, mit einem -Wort, wenn ihr »Schutz« ihnen die Möglichkeit bietet, eine »gute« -Partie zu machen! Merkwürdig, daß die Herren Theologen, die ihren -Nächsten lieben wollen wie sich selbst, nicht _hier reformierend_ -eingreifen, statt für die Negerkinder in Afrika zu wirken. »Warum in die -Ferne schweifen, sieh', das »Schlechte« ist so nah!« -- - -Ein ähnliches Abenteuer hatte ich in der letzten Fabrik, in der ich -arbeitete; dort war ein junger Prokurist, _der wußte, wer ich war_ und -infolge dessen freundlicher mit mir war, als mit den anderen Mädchen. Am -dritten Tage frugen mich ein paar in der Mittagspause: »Haben Sie schon -Kost und Logis?« Ich verneinte. »Na,« meinten sie dann, »der X. ist ja -so freundlich mit Ihnen, der wird Sie wahrscheinlich in seinem möblierten -Zimmer aufnehmen, dann sparen Sie viel, denn dem kommts auf ein paar Mark -nicht an.« - -Sie waren darüber auch nicht etwa empört, sondern ganz traurig, daß -ihnen nicht dies »Glück« zu Teil wurde; _und das waren Arbeiterinnen auf -dem Lande_. -- - -Ein jedes Mädchen, sei es nun lahm oder hinkend, hat einen Schatz, schon -mit sechzehn Jahren gewöhnlich; wer keinen Schatz hat, muß ganz unsagbar -häßlich sein oder irgend ein körperliches Gebrechen aufweisen, das -ihm dies verbietet; sonst sind Mädchen »ohne Anhang« ein Ding der -Unmöglichkeit. - -_Treue in der Liebe ist ihnen ein unbekannter Begriff_; ist der Schatz -beim Militär, verreist oder längere Zeit krank, so nehmen sie flugs einen -anderen. - -Sie sehen eben im Schatz nur den Begleiter zu Vergnügungen, zum Tanz, den -Beschützer und vor allem -- denjenigen, der ihnen Schmuck, Bänder und -andere Dinge schenkt und bei allen Vergnügungen für sie zahlen muß. - -An Heirat von Seiten des Schatzes denken sie gar nicht, trotzdem dies oft -vorkommt. - -So rief es allgemeines Erstaunen hervor, daß einer der Inspektoren eine -Arbeiterin heiratete, kurze Zeit ehe er Vater werden sollte; man sah dabei -in ihm weniger den Ehrenmann, als den Gutmütigen. -- - -Bei den Handarbeiterinnen wurden selten rohe, d. h. gemeine Witze gemacht; -es waren mehr derbe Scherze, die auf naive Art angebracht wurden. - -In den Webereien hingegen überboten sich die Arbeiterinnen in schamlosen, -wahrhaft bestialisch rohen Witzen und Erzählungen, wie ich zuvor in meinem -ganzen Leben nichts ähnliches gehört hatte. - -Größtenteils waren diese Vorkommnisse derart, daß sie nicht -wiederzugeben sind; und wer hier am cynischsten und schmutzigsten war, -_das waren die verheirateten Frauen_. Neben mir saß eine etwa 30jährige, -kinderlose Frau, die so unglaublich verkommen war, daß sie, sobald ihr -etwas von Seiten ihrer Gefährtinnen nicht paßte, aufstand, ihre Röcke -emporschlug und einen gewissen Körperteil zeigte, während sie dazu ganz -unglaubliche Redensarten führte. - -Dieses Vorkommnis war noch eines der alleranständigsten! Ich fand hier -eine sittliche Verkommenheit und Roheit, die nicht zu beschreiben ist, die -meisten dieser Mädchen schienen jedes Schamgefühles bar. - -Alle die, in denen ein besserer Funke steckt, halten es hier nicht lange -aus, gewöhnlich kehren sie in Dienste zurück oder sie suchen andere -Arbeit. - -Man kann sich ein Bild von der Sittlichkeit der Mädchen aus folgendem -Vorkommnis machen. - -Mir war an einem der Tage nicht ganz wohl und suchte ich mehrere Male die -Retirade auf. Als ich zum dritten Mal eintreten will, stürmt eine der -Directricen auf mich zu, reißt mich am Arm herum und fährt mich an: »Sie -S..... Sie, was haben Sie den ganzen Tag auf dem Abort zu thun, Sie haben -wohl von Ihrem Schatz von gestern noch nicht genug!« (Der vorhergehende -Tag war ein Sonntag gewesen.) - -Wenn ich je in meinem Leben vollständig jede Geistesgegenwart verloren -habe, so war es da; ich starrte die Person entsetzt an und war so -vollständig verblüfft, daß ich mich nicht vom Fleck rühren konnte. Ich -hatte nur ein Gefühl unsäglichen Ekels vor der Directrice, die sich nicht -entblödete, _als Mädchen_, vor allen umstehenden Arbeitern, _so etwas_ zu -sagen. - -Dies passierte mir am letzten Tage meiner Arbeiterinnenzeit, gerade da, als -ich glaubte, alles was es an Gemeinheit und Verkommenheit giebt, erlebt zu -haben. Ich danke dem Himmel, daß es nicht am ersten Tage war! - -Auf dem Lande waren die Arbeiterinnen wieder manierlicher und keineswegs -roh, was ich auch wieder in Einklang bringe mit meiner Behauptung, daß die -Maschinenarbeit verrohend und entsittlichend wirkt, die Handarbeiterinnen -jedoch immer sanfter, _äußerlich_ wenigstens gesitteter bleiben. -- - -Ich hatte, um mir das Vertrauen und die Zuneigung der Mädchen zu erwerben, -ab und zu zwei zu irgend einer Volksbelustigung eingeladen. Die Mädchen -benahmen sich nett, unauffällig und ruhig, waren in Essen und Trinken -bescheiden und dankten mir jedesmal herzlich. Sie drängten sich vielfach -an mich, um eingeladen zu werden; hinterher aber erfuhr ich, daß sie -sich geäußert hatten: »Die Hertzog (Minna Hertzog war mein Name als -Arbeiterin) muß einen reichen Schatz bei den Lieutenants haben oder sie -geht mit allen; wenn wir das wüßten, gingen wir nicht mehr mit ihr!« -Auch nur annähernd die Wahrheit aber ahnte keine einzige. -- Schon der -Umstand, daß ich eine Uhr besaß, war in ihren Augen ein Beweis für meine -zweifelhafte Moral. - -Sie hatten sich natürlich sofort darnach erkundigt, ob ich einen Schatz -besitze. - -»Ich hatte einen,« erklärte ich. - -»Ach, bei den Soldaten?« frug eine Neugierige. - -»Nein,« meinte ich, um als Gattin eines =Doctor juris= wenigstens in der -»Branche« zu bleiben, »er war Gerichtsschreiber.« - -Aber da kam ich gut an. - -»Uh,« schrieen alle, »ein Federfuchser, ein geschniegelter Laffe! Na, -da nimmt's uns nicht Wunder, daß Sie auch so die Feine spielen! Wollen Sie -sich hier keinen neuen Schatz suchen?« - -Ich bejahte ziemlich unsicher, weil ich nicht wußte, ob und wie sie das -aufnehmen würden. Aber das schien ihnen zu passen; eine jede hatte in -ihrer Verwandtschaft einen Bruder, Vetter oder Schwager, der »schatzlos« -war, der zu mir »prächtig« paßte, mit dem ich schon auskommen würde, -der nicht knauserte u. s. w., und den sie mir nun in der verlockendsten -Weise beschrieben, mir seine Vorzüge schilderten und sich freuten, daß -ich ihnen bald so »nahe« treten würde. - -Eine Frau, eben jene Witwe, von der ich schon zu Anfang meiner Broschüre -sprach, hatte einen Bruder, der Schönfärber war, und den ich schon oft -bei ihr gesehen und gesprochen hatte. Den schlug sie mir nun auch vor -und fügte hinzu: »Gleich, wie er Sie das erste Mal sah, meinte er, Sie -könnten sein Schatz werden. Und mein Bruder ist kein solcher, der Sie -sitzen läßt, er hat noch kein Mädel gehabt, und wenn Sie es schlau -anfangen, heiratet er Sie vielleicht.« Dann erzählte sie mir von seinem -Einkommen, von seiner Solidität, und schien zuletzt schon die Gewißheit -zu haben, daß ich ihre Schwägerin würde. - -Arme Frau! Diejenige, die einmal Deine Schwägerin wird, erwartet wohl ein -gleich elendes Dasein, wie das Deine! -- - -Teilweise wurde ich auch gefragt, ob ich ein Kind habe; ich hatte es -immer verneint, bis zu meinem Aufenthalt in der letzten Fabrik, wo ich der -Wahrheit gemäß von meinem dreijährigen Töchterchen berichtete. Als ich -angab, daß es in Kost sei, waren die meisten sehr ungehalten darüber; -eine gute Mutter, sagten sie, behielte ihr Kind bei sich, und wenn sie es -auch nur am Abend zu Gesicht bekäme. Gerade bei einem unehelichen Kinde, -wo der Vater fehle, müsse man es doch erst recht bei sich behalten. -- - -An der einen Fabrik, in der ich arbeitete, hatten wir die Kaserne als -nächsten Nachbarn; natürlich war die Mannschaft immer bereit, uns ihre -Aufmerksamkeiten zuzuwenden, trotzdem meine Genossinnen sie gar nicht -beachteten; gewöhnlich fiel unsere Frühstückspause mit irgend -einer Pause in der Kaserne zusammen. Die Soldaten, und noch mehr die -Unteroffiziere, standen dann am Gitter mit einigen irgendwo erbeuteten -Nelken oder anderen Blumen in der Hand, die sie derjenigen reichten, -die ihnen am besten gefiel; so bot mir einmal drei Tage nacheinander ein -schwarzlockiger Unteroffizier Nelken an, die ich ebenso oft zurückwies. -Es war mir äußerst unangenehm, in den Leuten den Glauben zu erwecken, als -könnten sie mit der Zeit von mir Begünstigungen erfahren; ich wies sie -deswegen ab, so oft es von vornherein anging, ohne den Argwohn der Mädchen -zu erregen. - -Am Abend desselben Tages suchte mich eines der Mädchen aus der Appretur -auf und bat mich, ihr doch den Unteroffizier abzutreten, falls ich ihn -nicht wolle; ihr bisheriger Schatz sei jetzt in Dresden Soldat und sie -möchte doch gern bis zum nächsten Schützenfest einen neuen Begleiter -haben. Ich habe sie auch Tags darauf dem Unteroffizier »vorgestellt«, -aber seit der Zeit ließ er sich nicht mehr blicken. -- - -Im allgemeinen aber will ich auch hier wiederholen: man muß die -Arbeiterinnen nicht alle auf einen Haufen werfen, man muß sie streng, _je -nach ihrem Beruf_, trennen. _Hier giebt es keine goldene Mittelstraße, nur -entweder grenzenlose sittliche Verkommenheit oder ein Benehmen, das bei -dem Mangel an Bildung und gutem Umgang der Mädchen geradezu -bewunderungswürdig anständig zu nennen ist._ - - - - -Fünftes Kapitel. - -Sparsamkeit und Ehrlichkeit. - - -»Sparen bringt ein goldnes Alter«, heißt ein altes Sprüchwort; wenn wir -dies auf die Fabrikarbeiter anwenden wollten, so müßten diese in -ihren alten Tagen durchwegs betteln gehen; denn sie kennen den Begriff -Sparsamkeit überhaupt nicht. - -Die Mädchen leben eigentlich nur für den Sonntag, sie sparen sich die -ganze Woche alles Notwendige am Essen ab, um sich ein hübsches Kleid zu -kaufen, sie essen lieber die ganze Woche trocknes Brot, um des Sonntags -Bier zu trinken. - -Trotzdem sprechen sie mit großer Begeisterung vom Sparen, sie wollen alle -einmal damit anfangen, aber keine einzige führt es aus. Sie haben auch -nicht den geringsten häuslichen Sinn, sie leben in den Tag hinein, -unbekümmert um das, was die Zukunft ihnen bringen wird; haben sie Geld, so -geben sie aus, haben sie keins, so hungern sie. - -Der Sonntag ist für sie ein Tag des Geldausgebens, mit einem Spaziergang -ins Feld hinaus würden sie sich in keinem Fall begnügen. So kam ich -einmal zu einer sehr armen Arbeiterfamilie, von der ich genau wußte, daß -sie seit Wochen kein Fleisch gekostet hatten; es war herrliches Maiwetter, -ich frug den Mann erstaunt, weshalb sie nicht alle ausgingen. - -»Pah,« meinte er, »wir haben kein Geld! Ehe ich mit Frau und Kindern vor -_einem_ Glase Bier sitze, bleibe ich zu Hause. Die Kinder wollen trinken, -man kriegt Durst vom Weg, am Automaten wollen sie auch nicht vorüber, ohne -einen Nickel hineingeworfen zu haben; wenn man nur Luft kneipen will, kann -man zu Hause bleiben, da hat man 's ebenso!« - -Und triumphierend ob dieser philosophischen Weisheit, sah er sich in dem -engen, übelriechenden, feuchten Hof um. - -Auch bei den Mädchen ist es Norm, daß sie lieber zu Hause bleiben, als -nur spazieren zu gehen. - -Es ist natürlich kein Wunder, daß die Mädchen, wenn sie in die Ehe -treten, schlechte Hausfrauen werden; sie konnten sich als Mädchen mit -ihrem Verdienst nicht genug thun, wie viel weniger erst, wenn sie für -andere mitsorgen sollen! - -_Es ist dies ein großes, wichtiges Kapitel in der Frauenbewegung_, die -Mädchen jener Kreise, die am schnellsten, häufigsten und in größter -Armut heiraten, zur Sparsamkeit, zur Ordnung und zur Häuslichkeit -anzuhalten; hier müßten überall, nicht nur vereinzelt, Abendschulen -gegründet werden, in denen die Mädchen in allen häuslichen Arbeiten -unterrichtet werden und wo sie vor allem bei sparsamer Einteilung -ordentlich kochen lernen; denn nirgends hängt der eheliche Frieden so -sehr vom Magen des Mannes ab, als gerade in jenen Kreisen; man bedenke nur -einmal, _wie_ die verheirateten Arbeiter oft essen, lediglich durch die -völlige Kochunkenntnis der Frauen, die dem Manne, der elf Stunden schwer -gearbeitet hat, einen halbgaren Brei ohne Salz und Schmalz vorsetzt, den -der wohlgenährte Hofhund der Fabrik verschmähen würde. - -Die guten, sparsamen Familienväter rauchen Pfeifen aus -Billigkeitsrücksichten; wer weniger darauf sieht, raucht Cigarren, meist -zu 3 Pfennige pro Stück, was trotzdem aber die Haushaltungskasse stark in -Anspruch nimmt. - -Der Mann behält in den meisten Fällen 2-3 Mark vom Wochenlohn für sich -zurück, d. h. er deckt damit seine Bedürfnisse an Bier und Cigarren. In -diesen Kreisen ist _das Rauchen_ ein _sozialer Schaden_; es hemmt zuweilen -den Aufschwung einer ganzen Familie. - -So unglaublich das auch klingen mag, so will ich es hier doch durch ein -kleines Beispiel beweisen. - -In einer Familie, wo das dritte Kind eingetroffen war, sollte für die -beiden größeren ein gemeinsames Bett angeschafft werden zum Preise -(Bettgestell mit allem Bettzeug) von Mk. 12. Allein die Mittel langten -nicht, trotzdem der Händler wöchentliche Abzahlung von nur Mk. 3 -beanspruchte. _Der Mann aber rauchte auf Abzahlung Cigarren, wofür er -wöchentlich Mk. 2 (!!) brauchte._ - -»Aber so rauchen Sie doch einmal den dritten Teil von dem, was Sie -rauchen, oder Pfeifen,« riet ich dem Manne. »Dann könnten Sie ganz gut -jede Woche 2 Mark abzahlen, wenn Sie obendrein nur Wasser und kein Bier -trinken!« - -Der Mann liebte seine Kinder, wie wenige Arbeiter, aber das Rauchen konnte -er doch nicht lassen -- und das Bett wurde nicht gekauft. Kurze Zeit darauf -bekam das älteste Kind Diphteritis, dann das jüngste, _das die Krankheit -erhalten hatte, weil es in demselben Bett mit den anderen liegen mußte_. -Beide Kinder starben, nur das mittelste konnte erhalten bleiben; jetzt -hat es sein eigenes Bettchen, das die Geschwister ihm eingeräumt, die nun -unter der Erde schlafen. Der Mann aber, dem der Arzt wiederholt zum Vorwurf -machte, daß die Kinder bei Isolierung hätten gerettet werden können, hat -sich aus Schmerz hierüber dem Trunk ergeben; jetzt, wo es zu spät ist, -raucht er nicht mehr. -- - -Ein anderes Mal forderte mich eine Witwe auf, ihr beim Einkauf von -Kinderkleidern behülflich zu sein; sie wollte für ihre drei Kinder -Tricotkleider kaufen, die ersten bunten nach der Trauer um den Vater. -Sie wählte im Geschäfte hübsche, geschmackvolle Kleider zu 6 Mark pro -Stück für die beiden größeren, zu 5 Mark für das kleinere Kind. - -Die Frau selbst, die ich ganz flüchtig durch eine andere Arbeiterin -kannte, schien mir nicht arm zu sein; sie trug ein hübsches schwarzes -Kleid, Handschuhe und einen recht netten Strohhut mit schwarzer -Perlengarnitur; selbstverständlich war das ihre Sonntagstoilette. Ich -wußte, daß sie in einer Fabrik arbeitete, aber ich hielt sie für eine -der bestangestellten Frauen. - -Nachdem wir die Kleider gekauft, zählte sie ihr Geld und sagte dann: -»Na, es langt gerade noch zu einem Hut für mich, am nächsten Sonntag ist -Pfingsten, da will ich doch die Trauer ablegen!« - -Wir kauften eine Hutform und Band und Spitzen zur Garnitur; sie bat mich -(es war überall herumgekommen, daß ich Putzmacherin sei), mit ihr nach -Hause zu kommen und ihr den Hut gleich zu garnieren. - -Als wir daselbst angelangt waren, fanden wir das jüngste Kind heulend in -seinem Bettchen, die beiden ältesten balgten sich am Fußboden herum. Das -erste Begrüßungswort der Kinder war: »Mutter, eine Bemme, wir haben so -Hunger!« Die Frau verteilte trockenes Kommisbrot unter die Kinder, langte -dann in ihre Tasche und sagte: »Ach, ich hab' nur noch sieben Pfennige, -geh', Gustel, und hole Zichorie, daß wir Kaffee machen können.« - -Dann wandte sie sich an mich: »Ich hab' eben die ganze Woche wenig -verdient; mein Bruder, der wohlhabend ist, schenkte mir zwanzig Mark, _da -mußte ich doch erst die Kinder und mich ordentlich kleiden_. Die Leute -reden gleich, lieber hungere ich und kleide mich und die Kinder gut.« - -Sie zeigte mir den Kleidervorrat ihrer Kinder, alles hübsche Tricot- und -Sommerkleider, Trauerhütchen und schwarze Mäntel. Ich hätte ihr mit der -gleichen Quantität Kleider _meines_ Töchterchens nicht aufwarten -können; die ältesten, sechsjährigen Zwillingsmädchen hatten fünf noch -vollkommen intakte Stoffkleider und ebenso viele aus Kattun. Das jüngste -Kind war schon weniger reich bedacht, hatte aber immer noch im Ueberfluß -Garderobe. Die Frau verdiente wirklich Prügel, die Kinder hatten mehr denn -auf zwei Jahre hinaus Kleider, sie kaufte ihnen neue, und sie hatten nichts -zu essen! Und was sah ich noch alles! Kein Fädchen Zwirn war im Hause, ich -mußte erst Zwirn holen, ehe ich den Hut garnieren konnte. Die Lampe war -ungefüllt, Petroleum nicht vorhanden, der Cylinder zerschlagen. _Es -fehlte an allem, was selbst für primitivste Verhältnisse notwendig ist_, -während Unnötiges reichlich vorhanden war. Dieselbe Frau saß zu Hause -und häkelte kleine Kragen für die Kinder, während diese hungernd nach -einem Teller Suppe lechzten. _Und diese Zustände habe ich nicht einmal, -sondern oft getroffen._ - -Eine solche Verschwendung mit dem Erworbenen, ein solches trauriges in den -Tag hinein leben zeitigt mehr oder minder die Unehrlichkeit, wenn nicht gar -direkten Diebstahl. Wo nichts ist, soll etwas hinkommen, die Gelegenheit -ist vielleicht günstig, warum lassen, was auch andere thun -- so kommt es, -daß das Stehlen in kleinem Maßstabe bei den Arbeiterinnen =en vogue= ist, -und ganz speziell _bei den verheirateten Frauen_. - -Ein Diebstahl von solch kleinen Dingen gilt nicht als Schande, man stiehlt -offen vor den anderen Mädchen, denn sie klatschen nicht und spielen nicht -die Verräterin. Es wurde massenhaft Garn gestohlen, immer in kleinen -Docken; die Frauen verstricken es zu Strümpfen, die sie oft in zehnerlei -Farben tragen. Auch das Heftgarn und die Heftseide werden von den -Hefterinnen zu Privatarbeiten verwendet, sie häkeln bunte Spitzen davon, -die sie in ihre Sonntagskleider heften. - -In einer der Handschuhfabriken auf dem Lande wurden sehr oft Handschuhe -entwendet, bald seidene Damen- oder Ballhandschuhe, schwarze oder -Tricothandschuhe, vor allem aber _Militärhandschuhe_; man glaube aber -nicht, daß diese Handschuhe dem jeweiligen Schatze der Diebin zu gute -kommen. Im Dorfe wohnt eine Frau, die den Mädchen die gestohlenen -Handschuhe, gleichviel welcher Farbe, welcher Qualität und welcher -Größe, zum »Honorar« von 20 Pfennig pro Paar abnimmt; sie selber -fährt alle Monate einmal nach Chemnitz, wo sie die Handschuhe in -Soldatenkneipen losschlägt, da die Marssöhne auch ihrer Begleiterin -ein Paar dedizieren; sie verkauft sie _weit_ unter dem Ladenpreis, -macht wahrscheinlich aber doch ein gutes Geschäft dabei. Dieser -»guten Geschäftsverbindung« können sich nur die Zuschneiderinnen, -Sortiererinnen und solche Arbeiterinnen erfreuen, die die fertigen -Handschuhe in die Hände bekommen. - -Am meisten aber geben sich die Mädchen mit dem Stehlen von Eßwaren -ab; sie trinken einander den Kaffee weg, sie leeren die Suppentöpfe der -Nachbarin, sie entwenden ihr das Brot und sie verzehren diese gemausten -Dinge meist _auf der Retirade_. - -Eines Morgens bemerkte ich gleich beim Eintritt in den Saal, daß ich -weniger liebenswürdig als sonst empfangen wurde; im Laufe des Vormittags -erfuhr ich denn, daß man der einen mit unglaublicher Dreistigkeit den Topf -Kartoffeln gestohlen hatte, den sie zur Mittagsmahlzeit verzehren wollte; -am empörtesten war man darüber, daß die Diebin den leeren Topf nicht -zurückgebracht, sondern ihn entweder vernichtet oder als Beute mitgenommen -hatte. _Der Verdacht hatte sich auf mich gelenkt!!!_ Die Diebin wurde -indes noch am selben Tage entdeckt, als sie, wohl von Furcht gepeinigt, den -leeren und sorgfältig gereinigten Topf wieder an Ort und Stelle brachte. -Die Bestohlene machte der Diebin keinerlei Vorwürfe; allein diese wurde -von den 500 Fabrikmädchen mit solchem Spott überschüttet, daß diese -Strafe mich die härteste dünkte, die man ihr hätte auferlegen können. -Am anderen Tag erschien die Diebin nicht mehr in der Fabrik, sie hatte an -einem anderen Ort Arbeit gesucht. - -Diese Art der _moralischen Lynchjustiz_ wurde fast durchwegs ausgeführt; -mir persönlich wäre sie schrecklicher gewesen, denn Knutenhiebe; sie -erstreckte sich nicht auf einen Tag, sondern auf Wochen hinaus. Es ist -unglaublich, wo diese ungebildeten Mädchen diese Art feinen Nadelstiche -herhaben, diese moralischen Hiebe, die die Gequälte zur Raserei treiben -müssen. Ich glaube, _daß diese unbewußte Grausamkeit in Verbindung zu -bringen ist mit dem Mutterwitz, den die meisten von ihnen besitzen_. - -Hinterher gestand man mir freimütig, daß man mich für die Diebin -gehalten, weil ich »neu« sei und suchte mich dann durch größte -Liebenswürdigkeit für das zugefügte Unrecht zu entschädigen. - -Die meisten Familien hatten Schulden, die aber größtenteils am Lohntage -ganz oder zur Hälfte beglichen wurden; ich habe nur sehr wenige gefunden, -die in längerem Rückstand mit der Miete zum Beispiel blieben, wenn nicht -Unglücksfälle in der Familie eine außergewöhnliche Not zeitigten. -_Wer aber in diesen Kreisen ins Schulden machen gerät, ist rettungslos -verloren._ - -Die Mädchen haben auch untereinander eine gewaltige Scheu vor dem -Geldborgen; sie thun dies nur, wie ich schon erwähnte, im Betrage bis -zu 15 Pfennigen, weil sie hier allein wissen, daß sie in der Lage sind, -diese Summe am Zahltag mühelos zurückzuerstatten. - -Man ersieht daraus, _daß die Mädchen, wenn sie durch praktischen -Anschauungsunterricht von dem Muß des Sparens überzeugt würden, sehr -wohl sparsame Frauen werden könnten. Wie soll aber ein ungepfropfter Baum -edle Früchte tragen?_ - -Eines habe ich unter den Arbeiterinnen mit Genugthuung bemerkt: die -Enthaltsamkeit und die Gleichgültigkeit gegen alle Spirituosen; wenn -ich vorher bemerkte, daß die Mädchen lieber während der ganzen Woche -trockenes Brot essen, um am Sonntage Bier trinken zu können, so geschieht -dies keineswegs aus Liebe zum Bier, sondern im Glauben, daß, _wer nicht -ganz ordinär sein will_, in einem Gartenlokal Bier vor sich stehen haben -müsse; so oft ich auch mit den Mädchen zusammen war, und so sehr ich -sie auch zum Trinken animierte, mehr denn ein Glas Lagerbier trank keine. -Schnapstrinkerinnen waren überhaupt, so lange die Anwesenden sich erinnern -konnten, in der Fabrik nicht beschäftigt. - - - - -Sechstes Kapitel. - -Die Ehe. - - -Wenn man die Ehe im allgemeinen als ein Lotteriespiel betrachtet, so muß -man sie in den Kreisen der Fabrikbevölkerung ein Hazardspiel nennen. - -Die Männer, die des Alleinseins müde, ihren Schatz heiraten, wagen viel; -entweder, sie finden das, was sie erhofften, oder sie kommen ins Elend, aus -dem es kein Entrinnen mehr giebt. Die Ehen sind größtenteils Gegensätze; -entweder wird die Frau geachtet und gut behandelt, oder sie wird als -Lasttier, als Arbeitssklavin, als Mittel zur Befriedigung geschlechtlicher -Genüsse angesehen. - -In kinderlosen und mit einem oder zwei Kindern gesegneten Ehen, herrschen -gewöhnlich schlichte, aber geregelte Verhältnisse, _eheliche Einigkeit_. -_Wo viel Kinder sind, herrscht meist Unfriede, Elend, Schmutz und Not, -Untreue von Seiten des Mannes ist hier viel häufiger._ - -Man kann dreist behaupten, _daß mehr als drei Kinder in einer Familie, -Schuld zum Ruin derselben sind. Leider aber, und ich werde es immer -wieder tief beklagen, herrscht keinerlei Verständnis für eine geregelte, -beschränkte Kindererzeugung; hier würde der Segen ein unberechenbarer -sein, wenn man die Leute darauf hinführen könnte, daß nicht die -Quantität, sondern die Qualität der Nachkommen für die Menschheit von -Bedeutung ist, daß ein oder zwei Kinder in geistiger und körperlicher -Beziehung gesund, mehr Wert haben, denn zehn elende Geschöpfe und -Krüppel._ - -Die schwangeren Frauen arbeiten vielfach bis zum letzten Tage vor ihrer -Niederkunft in der Fabrik, in entsetzlicher Luft und bei schwerer Arbeit; -eine normal gesunde Frau setzt hier täglich -- in Anbetracht der elenden -Nahrung -- einen Teil ihrer Lebenskraft zu; _wo soll da eine Frau Kraft und -Lebensstoff für ein zweites Wesen sammeln, das womöglich das sechste oder -achte der Reihenfolge ist?_ - -Beim ersten Kinde und auch beim zweiten, wenn die vernünftige Zeit von -3-4 Jahren dazwischen liegt, _pflegen_ sich die Arbeiterfrauen, d. h. sie -besuchen nicht die Fabrik, gehen an die Luft und bringen infolge dessen ein -kräftigeres und intelligenteres Kind zur Welt; sie können ihnen die Brust -reichen, sie können es pflegen und hüten und ihm wirklich _Mutter_ sein. -Beim dritten, günstigen Falls beim vierten Kinde aber tritt die Not leise -in die Familien, die Arbeit des Mannes ernährt nicht mehr alle, die -Frau muß mitverdienen, und erst recht, wenn ein weiteres Menschenkind zu -erwarten ist. Die allgemeine Nahrung wird, je reichlicher sie sein muß, -je schlechter, an Säugen des Weltbürgers kann die Frau nicht denken, -sie muß, kaum genesen, von neuem in die Fabrik eilen, um zu erwerben; der -Säugling liegt indessen zu Hause im Schmutz, den Lutschpfropfen im Munde, -während die anderen noch nicht schulpflichtigen Kinder auf der Straße -ihre »Erziehung« finden. _Zwei auch drei Kinder können jene unteren -Klassen pflegen und erziehen, was darüber ist, liefert in den weitaus -meisten Fällen Proletariat und Dummköpfe._ - -Die Ärzte aber trifft hier der Vorwurf, daß sie es sind, die der -vernünftigen Beschränkung der Kindererzeugung im Wege stehen. _Oder -halten sie es vielleicht für sittlicher, bei Geburt eines Kindes -die Hoffnung auszusprechen, daß es nicht lange lebe, daß es durch -erbärmliche Pflege thatsächlich bald stirbt und die Familie schädigt, -als daß wenige, aber kräftige Kinder erzeugt werden, die mit Freuden -begrüßt und gut gezogen werden?_ - -Hier richte ich eine Anfrage an die Gegner unserer Bestrebungen, die da -behaupten, _die Frau sei zur Gattin und Mutter bestimmt und gehöre ins -Haus, sie könne nur so ihre natürliche Pflichten erfüllen. Warum -sorgen diese Schreier nicht dafür, daß die Arbeitergattinnen ihre -»natürlichen« Pflichten auf natürliche Weise erfüllen können und -in ihren vier Wänden bleiben, statt die unnatürliche, schwere -Maschinenarbeit zu verrichten?_ - -Oder haben die Frauen nur dann _natürliche Pflichten als Gattin und -Mutter, wenn sie befähigt sind, den Männern Konkurrenz zu machen_? - -Diese Frauen blieben so gern im Hause um ihre »natürlichen« Pflichten -zu erfüllen, warum verhilft ihnen der Trotz jener weisen, -menschenfreundlichen Gegner nicht dazu? - -Und der Staat, der die Gesetze schafft, die Schmach und Unterdrückung -für die Frau bedeuten, die sie zum Kindergebärapparat macht, _warum -hilft dieser Staat_ der Frau nicht bei Ausübung ihrer »natürlichen« -Pflichten? - -Oder teilt der Staat die Ansicht Balzacs, die zu den Gesetzen, die die Frau -unterjochen, passen dürfte: »=Ne vous inquiétez en rien des murmures de -la femme, de ses cris, de ses douleurs; la nature l'a faite à notre usage -et pour tout porter: enfants, chagrins, coups et peines de l'homme.=« - -Ich spreche hier mit Bebel, dem ich voll und ganz zustimme, wenn er sagt: -»Der Maßstab für die Kultur eines Volkes ist die Stellung, welche die -Frau daselbst einnimmt.« _Wie muß aber dann der deutsche Kulturzustand -sein?_ -- - -Ich habe übrigens bei _vielen_ Mädchen in der Fabrik den Ausspruch -gehört, daß sie nicht heiraten mögen, aus Angst, viel Kinder zu -bekommen. - -_Die Sozialdemokratinnen sind unter den Arbeiterinnen die Einzigen, die -vernünftigere Kinderproduktion kennen_; in deren Haushaltungen herrscht -auch durchwegs bessere Wohlhabenheit, Ordnung, Reinlichkeit und vor allem -innigere eheliche Gemeinschaft. Am Abend stehen die Frauen mit den Männern -vor den Hausthüren und unterhalten sich über politische und andere -Tagesereignisse, während die nichtsozialdemokratischen Männer vielfach -die Kneipen aufsuchen und die Frauen zu Hause bleiben müssen. Auch sind -die Kinder der Sozialdemokraten besser erzogen, folgsamer und gesitteter. -In diesen Schichten, d. h. in den guten Ehen, ist eheliche Untreue ein -unbekanntes Ding, die höheren Kreise könnten sich daran ein Beispiel -nehmen. - -Die Kinder lieben fast alle mehr den Vater, denn die Mutter; jene sind auch -liebevoller mit ihnen als die Mutter, die sie den ganzen Tag um sich hat -und oft die Geduld verliert. Der Abend vereinigt gewöhnlich Vater und -Kinder; das Wirtshauslaufen des Bürgerstandes z. B. wird vom Arbeiter -nicht stark nachgeahmt. Es fiel mir auch auf, daß in den Chemnitzer -Arbeitervierteln wenig Kneipen bestehen, und daß die wenigen am Abend -schlecht besucht sind, meist von Aufsehern, Inspektoren oder ledigen -Arbeitern. - -Kinderlose Frauen arbeiten fast ausnahmslos in einer Fabrik; die Wohnung -wird jedoch immer in der Nähe der Fabrik des Mannes, nicht der Frau -gewählt. - -Auch darin findet man wieder einen merkwürdigen Beweis für die -»körperliche Unfähigkeit« des schwachen Geschlechtes, das in Strapazen -_das_ aushalten kann, was, wie es scheint, für den Mann zu viel wäre. - -Vielfach heiraten die Leute ohne die geringsten Mittel, sie kaufen Wäsche -und Möbel auf Abzahlung; stellen sich keine Kinder ein oder nur ein bis -zwei, so ist die Existenz der Leute gesichert; sie zahlen die Schulden -ab, fangen dann mit dem Sparen an und können einem gesicherten Alter -entgegensehen. Wo natürlich jedes Jahr ein Kind in den Kauf genommen wird, -vergrößern sich die Schulden, die halb bezahlten Sachen werden womöglich -heimlich verkauft und der Untergang der Familie ist fertig. Ich kannte -Familien, die jede in ihrer Art diese These zur Wahrheit machten. Die -Mädchen sind im allgemeinen bei weitem nicht so versessen aufs Heiraten -als die Töchter des Mittelstandes; sie wissen, daß es ihnen in der Ehe -größtenteils schlechter, selten aber besser geht. Sie sind mit ihrem -Schatz zufrieden, ihre Arbeit ist leichter, als sie als Frau werden -arbeiten müssen, wo ihnen der aufmerksame, geduldige Schatz in Gestalt -eines herrschsüchtigen Mannes entgegentritt. - -Die Witwen dagegen brennen aufs Heiraten, sie lassen kein Mittel -unversucht, je mehr Kinder sie haben; ich kannte eine, die sich das -Notwendigste am Munde absparte, um allwöchentlich ein _Heiratsgesuch_ -in die Zeitung setzen zu können. Überhaupt sind _die Witwen für das -»Heiraten durch die Presse« sehr eingenommen_. - -Es kamen auch Fälle vor, wo die Frau zwei uneheliche Kinder verschiedener -Väter mit in die Ehe brachte; in dieser blieb sie kinderlos. Mann und -Frau pflegten die absonderlichen »Geschwister« rührend, es hätte keiner -geahnt, daß der Mann von keinem der Vater war. - -Entgegengesetzte Fälle sind natürlich häufiger, hauptsächlich da, wo -eheliche Kinder vorhanden. -- - -Im ganzen genommen aber halte ich die Ehe in diesen Kreisen für -sittlicher, denn diejenige der höchsten Gesellschaftskreise, wo die Frau -Geldsack, Repräsentantin und Gebärerin eines Stammhalters sein muß, -_weiter aber auch nichts_. -- - -Was die Stellung der Frau als Herrin im Haushalt anbelangt, so kann sie -meist nach Gutdünken einkaufen, schalten und walten. Sie ist vom Manne -weniger unterjocht, als die Frau des Kleinbürgers, die sich oft keinen -Weg erlaubt, ohne den Mann um Rat zu fragen. Aber auch hier herrscht, wie -überall in Europa den Frauen gegenüber, das Motto: =Vae victis!= - -Merkwürdig ist noch das Vorkommnis, daß in den meisten Familien, wo mehr -als sechs Kinder sind, eine Stiefmutter zu finden ist; man könnte -hier beinahe die These aufstellen, daß die Frauen dieser Kreise -durchschnittlich sechs Kinder auf die Welt bringen können, ehe ihre -Kräfte erschöpft und sie dem Tode verfallen sind, ein Triumph für den -Philosophen Eduard von Hartmann, der da behauptet, _die ganze Frauenfrage -sei gelöst, wenn die Frauen mehr Kinder zur Welt brächten, weil sie dann -schneller sterben, und einer andern zur Ehe Platz machen würden_. _Er -hat Recht_; würden die Frauen im _allgemeinen_ so viel Kinder zur Welt -bringen, als sie, unbekümmert um die Qualität derselben, gebären -könnten, so würden sie schneller sterben. -- _Gott sei Dank, daß es -aber noch Frauen giebt, und glücklicher Weise viele, die nicht Sklavinnen, -sondern Herrinnen ihres Körpers sind!_ - - - - -Siebentes Kapitel. - -Die Stellung des Mädchens. - - -Das vielgeschmähte Fabrikmädchen ist in mancher Beziehung, verglichen mit -den Töchtern des Mittelstandes, zu beneiden, denn es erfreut sich eines -Gutes, das jene nicht besitzt: _der Freiheit_. - -Die Mädchen, die sich ihr Brod seit dem 14. Jahre selbst verdienen, sind -wenig von den Eltern abhängig; sie zahlen ihr regelmäßiges Kostgeld, -das für die Eltern meist mit kleinem Gewinn verbunden ist, und leben im -übrigen unbekümmert um diese. - -Viele der Töchter helfen in den Abendstunden beim Waschen der Wäsche, -beim Reinigen der Zimmer u. s. w.; allein das sind die ganz gutmütigen -oder diejenigen, die in friedlichen Familienverhältnissen leben. - -Ich habe auch nie gefunden, daß die Mädchen durch diese Selbständigkeit -Schaden an Körper und Seele genommen hätten, _wenigstens nicht mehr, als -es auch unter Egide der Eltern geschehen wäre_. Ich fand, daß dadurch -die Energie und das ganze Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit, die sich -selbst erhält, gehoben wird, daß die Mädchen weniger unselbständig -und weniger blasiert sind, als die bei der Mutter sitzenden »besseren« -Mädchen, deren »Erlöser« stündlich erwartet wird. - -Gott sei Dank, daß man unter jenen Arbeiterinnen nicht auch noch ein Heer -von Dornröschen findet, die von Rosenduft und Morgentau zu leben glauben, -deren einzige Arbeit spinnwebenartige Stickereien sind, und die da von -dem Bedauernswerten, der sie in Hymens Tempel einführt, erwarten, daß er -ihren Fuß auf Blumen setze und sie über alle irdischen Dinge hinwegtrage -auf seinen starken »Ritterarmen«. Von solcher »Poesie« des zu -erwartenden Freiers wissen jene Mädchen nichts; im Gegenteil, sie fassen -die Ehe keineswegs als einen glücklichen Tausch mit ihrer Mädchenzeit -auf, sie haben zu viel traurige Beispiele vor Augen. Ich kannte mehrere, -deren Schätze sie jederzeit geheiratet hätten, gutgestellte, fleißige -Mädchen mit 12 Mark Wochenlohn. »Ach,« sagten sie, »wir sind noch zu -jung zum Heiraten, wir warten noch ein paar Jahre, in Sorgen und Krankheit -kommt man früh genug.« - -Ich freute mich dieser gesunden Philosophie, die so manches Mädchen -vor Elend und Jammer bewahrt hat; trotzdem aber machte ich sie darauf -aufmerksam, daß der Schatz ihnen auf diese Weise untreu würde. - -»Na,« meinten sie, »dann ist auch nicht viel verloren, dann wäre er so -wie so kein guter Mann geworden; wir finden schon wieder einen anderen.« - -Thatsache aber ist es, daß die meisten dieser »Bräutigame« wirklich auf -ihr Mädchen warten und 8-10 Jahre lang »verlobt« bleiben; sehr viele -unserer 24jährigen Arbeiterinnen hatten schon seit ihrem 16. Jahre -denselben Schatz, heiraten aber wollten sie immer noch nicht. - -Viele der Mädchen sind jahrelang bleichsüchtig und unterleibsleidend; die -Arbeiterinnen in sitzenden Stellungen laborieren fast durchwegs am Magen, -auf fünf kommen immer vier, die am chronischen Magenkatarrh, Beschwerden, -immerwährende Verstopfung und Bruststichen leiden. Es kam fast täglich -vor, daß die eine oder die andere auf eine halbe Stunde entlassen wurde, -um zum Arzt zu gehen. - -Die Maschinenarbeiterinnen sind selten bleichsüchtig und magenkrank; -dafür altern sie aber -- wahrscheinlich durch die angestrengte Thätigkeit --- sehr schnell, ihre Gesichtsfarbe ist schmutzig grau, ihr Gang schlaff -und müde, fast durchweg sind sie sehr mager, während ich bei den Strumpf- -und Handschuharbeiterinnen wahre Monstra an Beleibtheit fand. - -Traurig, sehr traurig aber sieht es mit der wirtschaftlichen Ausbildung -der Mädchen aus; _sie haben davon meist keinen Begriff_. Wenn die Mädchen -heiraten, so treten sie in diesen wichtigen Lebensabschnitt ein, ohne -die geringsten Vorkenntnisse _der gerade in diesen Kreisen so notwendigen -hauswirtschaftlichen Kenntnisse_; in allen andern Schichten der -Bevölkerung kann die Frau durch eine Dienstmagd ihre Unkenntnis ersetzen, -oder sie braucht nicht _derart_ mit dem Pfennige zu rechnen und kann eher -einmal etwas verderben. _In Arbeiterkreisen hängt das Wohl der ganzen -Familie von der Frau ab_, denn da wird der Vers zur vollsten Wahrheit -»..... Ist der Mann auch noch so fleißig Und die Frau ist liederlich, -Geht die Wirtschaft hinter sich.« - -_Die praktische und sittliche Forderung aber richtet sich an die vorbauende -und rettende Wohlthätigkeit_: Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe -nimmer fertig bebauen kann, hier gilt das Wirken nicht für die Stunde, es -erhält das körperliche und sittliche Wohl Tausender, _es ist eine Arbeit, -die dem Staat zu gute kommt, es ist ein Wirken für die Nation_. - -_Die Erziehung der weiblichen Jugend bringt, je nach der Art, wie sie -betrieben, der Gesamtheit Vorwärtskommen oder Untergang._ Wenn wir -dem Arbeiterstande tüchtige Frauen und Mütter geben, so wird sich die -moralische Stellung des Mannes bessern, er wird ein brauchbareres Glied -der menschlichen Gesellschaft werden, als er es je an der Seite einer -schlechten Frau werden könnte. - -Es existiert eine große Zahl von Fortbildungs- und Haushaltungsschulen, -von Arbeiterinnenheimen und Arbeiterinnenasylen; aber alle diese -Einrichtungen der Menschenliebe erreichen noch nicht das Gewünschte, -erfüllen noch nicht voll und ganz ihren Zweck. So lange die Mädchen -zum Besuch einer solchen Anstalt gezwungen werden, können wir nicht -segensreich wirken; _wir müssen vorerst moralisch auf die Mädchen -einwirken, wir müssen in ihnen die Überzeugung wecken, daß sie -selber sich ihr Glück und ihre materielle Besserstellung schaffen durch -hauswirtschaftliche Kenntnisse_. - -Die Frauen der höheren Stände, die gebildeten Frauen, die Kämpferinnen -für Frauenrecht und Frauenwürde müssen dafür eintreten, sie sind die -Berufenen, Segen zu bringen in jene Kreise. - -Ich kann hier den ganzen Ernst dieser Frage nicht eingehend hervorheben, es -würde mich in Gebiete drängen, die nicht hierher gehören. Aber ehe ich -dies Kapitel schließe, möchte ich noch einmal die dringende Bitte an alle -edlen Menschen richten: Helft diese Zustände bessern, wartet nicht ab, -bis die Sozialdemokratie euch den Weg versperrt hat, denkt daran, daß die -Ausbildung der weiblichen Jugend eine hohe Pflicht der Gemeinschaft ist, -dazu angethan, das Familienleben der unteren Stände auf feste Grundbahnen -zu lenken, die Heiligkeit des häuslichen Herdes zu sichern! - -Vergeßt nicht, daß die mangelhafte häusliche Erziehung die Mädchen der -Prostitution in die Arme treibt, daß ihr euch durch strenges Abschließen -von jenen Kreisen _versündigt_. _Die überhand nehmende Prostitution ist -der Ruin des Familienlebens, der Ruin der Generationen, der Felsen, an -dem jeder Fortschritt der Frau, an dem die Würde des ganzen Geschlechtes -strandet!_ - - - - -Achtes Kapitel. - -Seßhaftigkeit und Versicherung. - - -Ich hatte mich bemüht, so schlecht deutsch zu sprechen als möglich; -trotzdem aber hatten sie aus meinem Deutsch den Berliner »Ton« -herausgehört, den ich mir angewöhnt habe. - -Sobald die Arbeiterinnen vernahmen, daß ich direkt von Berlin nach -Chemnitz gekommen sei, bildete ich den Mittelpunkt ihres Interesses. - -Berlin! Für sie ein Eldorado, das Ziel ihrer Wünsche, und dennoch eine -Stadt ohne Zucht und Sitte, von der sie glauben, man würde am hellen -Tage auf offener Straße ermordet, ohne daß ein Hahn darnach kräht. Die -Mädchen hatten mit großem Interesse die Chronik der in diesem Frühjahr -gerade in Berlin sehr zahlreichen Morde gelesen und -- schnell fertig war -die Jugend mit dem Wort! - -Ich wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, wie es in Berlin aussehe, -was man treibe, _was der Kaiser mache und ob ich ihn schon gesehen_. -Dabei sprechen sie ausnahmslos mit nicht näher zu beschreibendem Tone -absichtlich stets vom »deutschen Kaiser«, während sie ostentativ »unser -König« von Sachsens Herrscher sagen. Es ließe sich hier gar vieles -sagen, aber ich will mir lieber die Finger nicht verbrennen. -- - -Unter den soliden tüchtigen Arbeiterinnen gilt der Grundsatz: Bleibe im -Land und nähre dich redlich. Unter dem »im Land bleiben« verstehen sie -aber immer Sachsen, meist sogar nur Chemnitz. Der größte Teil von ihnen -ist nie über Chemnitz hinausgekommen; diejenigen die in Dresden gewesen -waren, erzählten mit bewundernswerter Unverschämtheit von den Beschwerden -und Gefahren dieser »großen Reise«, während die minder Glücklichen, -die noch keine Reise gethan, andächtig zuhörten, und sich Dinge aufbinden -ließen, die ein zehnjähriges Berliner Kind nicht glauben würde. -Die gewesenen Dienstmädchen hingegen hatten nur _ein_ Ziel vor Augen: -möglichst bald in Berlin eine Stellung zu erhalten. Ich mußte ihnen -Berliner Stellenvermittlerinnen nennen, an die sie noch am selben Tage -schrieben. In Chemnitz erhalten die Dienstmädchen sehr wenig Lohn, d. h. -mit Berliner Löhnen verglichen. Gute und tüchtige Mädchen für alles -bekommen 7-8 Mark pro Monat, während in Berlin 17-18jährige Mädchen -schon 15 Mark pro Monat erhalten. Dieser geringe Lohn und der Umstand, -daß die Mädchen häufig in den Familien wenig und schlecht zu essen -bekommen, ist mit ein wesentliches Motiv, warum die Mädchen alle in die -Fabrik gehen. - -Ich wurde auch eingehend nach hübschen Herren gefragt, ob es weniger -Mädchen als Herren in Berlin gäbe, und ob die Chancen, recht bald einen -Schatz zu bekommen, gut seien. Ich habe sehr viele dieser Abenteuerlustigen -im Verdacht, daß sie nicht der gute Lohn und eine gute Stellung, sondern -ganz andere Dinge nach Berlin lockten. - -Und das bestätigt von neuem meine Aussage im vorhergehenden Kapitel. Jene -Mädchen sind jeder häuslichen Arbeit fremd, sie sprechen ein schlechtes, -sächsisches Deutsch, so daß keine Berliner Familie sie als Kindermädchen -engagieren würde und _für andere Stellen taugen sie absolut nichts_. -Ihre hochgeschraubten Erwartungen veranlassen sie jedoch, keine Stelle -als gewöhnliches Aushülfsmädchen zu nehmen, sie werden stellenlos in -Erwartung der »prächtigen« Stelle, das ungewohnte, glänzende Berliner -Leben lockt und winkt, Bekanntschaften sind schnell gemacht und nach -wenigen Wochen schon zieht der größte Teil dieser Mädchen als -Prostituierte durch Berlins Straßen. - -Man wundert sich über die fürchterliche Menge öffentlicher Dirnen, die -in Berlin leben; man wundert sich, daß die Zahl von 40.000 überschritten -ist, aber man forscht nicht nach den Ursachen, _man philosophiert, aber man -handelt nicht_. - -Man denkt nicht daran, daß ein großer Teil jener Fabrikmädchen, die in -Berlin Stellung suchen durch Mangel an hauswirtschaftlichen Kenntnissen der -Prostitution in die Arme getrieben werden _müssen_. Man sehe einmal die -Statistik an, die uns zeigt, daß der größte Teil der öffentlichen -Mädchen aus bisherigen Näherinnen, Dienstmädchen und Fabrikmädchen -besteht. - -Im Anfange finden diese stellenlosen Mädchen in Berlin einen »Schatz«, -irgend einen Herrn Lieutenant oder Referendar, der mit ihnen zu Kroll geht, -sie frei hält -- und verführt. Das Sittlichkeitsgefühl im Mädchen, das -durch das Fabrikleben wohl _an Sitten, nicht aber an Sittlichkeit_ gewöhnt -ist, empört sich nicht allzusehr gegen diese Art des männlichen Schutzes; -zudem ist es geblendet durch die Wunderdinge irgend eines Tingeltangels, -den es gesehen, und das der schlaue Verführer je nach dem Grad der -Naivität seiner Begünstigten, recht raffiniert wählt, _so geblendet_, -daß ihm ein Leben, das täglich solche Freuden gewährt, als das -Herrlichste dünkt. Der erste »Schatz« geht ein-, zwei-, auch dreimal mit -ihr aus; sie findet einen andern, ihm folgt der dritte, und schließlich -ist sie so abgestumpft gegen jedes Schamgefühl, daß sie sich nicht mehr -suchen läßt, _sie sucht_. - -_Das sind die Resultate des heuchlerischen Satzes des männlichen Schutzes, -den sie einem anständig bleibenden Mädchen nicht angedeihen lassen -wollen._ -- - -Die Fabrikarbeiterinnen sind merkwürdige Egoistinnen; sie gewähren -ihrem Körper nicht das geringste an Schonung oder Kräftigung, aber -sie schmücken ihn, wie einen Götzen. Dieser originelle Geiz für das -Wohlbefinden der eignen Persönlichkeit äußert sich auch der Alters- und -Invaliditätsversicherung gegenüber. Sie sind so naiv, zu glauben, der -Fabrikbesitzer sei verpflichtet, für sie zu zahlen, da sie ja bei ihm ihre -Gesundheit ruinieren; dem reichen Fabrikanten käme es nicht darauf an, -meinen sie, ihnen aber thun die wenigen Pfennige jede Woche sehr weh. -Sie denken nicht daran, diese wenigen Pfennige an irgend einem dummen -Schmuckgegenstand oder an einem schädlichen Vergnügen abzusparen. - -Nur ganz wenige waren mit der Versicherungs-Einrichtung einverstanden, sie -sprachen sogar davon, wie von einer Erbschaft. _Begeisterung aber fand ich -bei keiner einzigen_; diese Mädchen leben, wie ich schon gesagt, so sehr -für den Augenblick, daß sie keine Zeit finden, an die Zukunft zu -denken. In einer der Fabriken, in der ich weilte, war der Besitzer ein -herzensguter, menschenfreundlicher Mann, der sich persönlich nach dem -Ergehen der einzelnen Mädchen erkundigte. Mit leuchtenden Augen erzählten -alle von seiner Güte, und wie sie bei ganz geringem Lohn lieber hier -blieben, denn bei hohem Lohn bei anderen zu arbeiten. - -Ich hörte auch später thatsächlich diese Fabrik von den andern -Fabrikmädchen als eine Art Elysium nennen, mit dem Stoßseufzer: »Hätten -wir's nur auch so!« - -Dieser Fabrikherr _borgte_ seinen Arbeiterinnen öfters das Geld zur -Versicherung, d. h. er ließ es ihnen am Lohn abziehen oder vorausgeben, -sodaß das Auszahlen der wenigen Pfennige den Mädchen weniger schwer fiel. -Leider aber sind die Arbeiterinnen sich nicht bewußt, wie segensreich die -Einrichtung dieser Versicherungen für sie ist; sie sehen sie als eine Art -_moderner staatlicher Unterdrückung an, weil sie im Glauben leben, der -Staat verbrauche das Geld in der Erwartung, daß die Mädchen das Alter -nicht erreichen, wo sie es ausgezahlt bekommen sollten_. - - - - -Neuntes Kapitel. - -Wohnungen und Schlafstellen. - - -»Sage mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist!« bin ich immer -versucht zu rufen. Ach, aber wenn man dies auf die Arbeiterinnen anwenden -würde, so dürften sie größtenteils nicht mehr Menschen genannt werden. - -Bei den meisten meiner Gefährtinnen wohnte die ganze Familie in einer -Stube und einer Kammer, günstigsten Falls in zwei Stuben. Die Leute ziehen -bei ihrer Verheiratung in solch kleine Wohnung, die dann langen mag; kommen -aber die Kinder, so scheuen sie die Kosten und Mühen des Umzugs, um -eine größere Wohnung aufzusuchen, ja, meistens müssen sie wegen der -Mehrausgaben für die Kinder auf Beschränkung des Mietzinses, statt auf -Vergrößerung der Wohnung sehen. - -Die nach Berliner Art gebauten Mietskasernen liefern ein Heer von -Wohnungen, die der bescheidenste Mensch schon kaum mehr »Wohnungen« -nennen würde; oft wohnen bis zu 35 Familien in solch einem Hause der -Vorstadt. Die Arbeiterinnen, die in den umliegenden Dörfern wohnen, haben -freundliche, bessere Wohnungen, meist im eigenen Häuschen. - -Die meisten Mädchen wohnten bei ihren Eltern, die wenigsten in -Schlafstellen. Ich will gleich hier bemerken, daß ich die Wohnräume -meiner Genossinnen in der wärmeren Jahreszeit sah; ich glaube, daß es im -Winter bei ungenügender Ventilation und Dunst der Kohlen in diesen Räumen -noch viel schrecklicher sein muß. - -Es ist sehr zu bedauern, daß die ärmsten Arbeiterfamilien auf eine »gute -Stube« halten, daß sie lieber sechs bis acht Personen in einer Kammer -schlafen, um die geräumige und luftige Stube nicht mit Betten zu -verunstalten. So kommt es, daß das Mißverhältnis zwischen der Enge des -Raumes und der Anzahl seiner Bewohner ein himmelschreiendes ist, daß die -Kinder in diesen Räumen verkommen _müssen_, daß die Erwachsenen keinen -erquickenden Schlaf finden und Morgens elender und geschwächter aufstehen, -denn sie sich Abends niedergelegt haben. - -Fast durchwegs zeigte das bessere Zimmer kleinbürgerlichen Komfort, -ein Sopha, ein hübsches Nähtischchen, Spiegel mit Konsole und allerlei -unnütze kleine Dinge, als da sind Deckchen, Gipsfiguren, Stehrahmen und -Truhen. Die Schlafkammer dagegen sah meist einer Trödelkammer ähnlich; -abgesehen von den elenden Betten mit schlechten Strohsäcken, die einen -widerwärtigen Geruch verbreiteten, lag in einer Ecke die schmutzige -Wäsche der ganzen Familie, Windeln der Kinder, daneben Kartoffel- und -Zwiebelvorräte, Kochgeschirr, Flaschen, Besen und Lampen; auf einem -Tischchen steht übrig gebliebenes Essen, Milch, Kaffee und Brot, daneben -Kämme und Seife und allerlei Denkbares und Undenkbares. _Ich habe bei -keiner der gewöhnlichen Arbeiterfamilien eine Küche gesehen, man kocht -in der Schlafkammer, wenn diese nicht ganz dunkel und zu eng ist_, sonst in -der Stube; aber hierzu entschließen sich die wenigsten gern. - -Gewöhnlich schläft der Vater mit zwei Söhnen, die Mutter mit zwei -Töchtern _in einem Bett_, oder Vater und Mutter mit einem Kinde -und die übrigen Kinder zusammen je in einem Bett; auf die -Geschlechtsangehörigkeit wird wenig Rücksicht genommen. Jungen schlafen -mit Mädchen, erwachsene Schwestern mit erwachsenen Brüdern -- aber -natürlich, die Polizei kann nichts drein reden, denn es ist eben alles -»Familie«. - -Und in all' dem Elend ist dies immer noch die rosigste Seite des -Bildes, selbst wenn sechs Personen in einem Raume schlafen; erst da, wo -Schlafburschen oder Schlafmädchen gehalten werden, fängt die grenzenlose -sittliche Verkommenheit aller Familienverhältnisse an. Wohl hat die -Polizei das Halten von Schlafleuten beider Geschlechter verboten; aber dies -Verbot ist dehnbar, und wenn ein lediger »Schwager« in der Familie ist, -so kann man doch ruhig ein oder zwei Schlafmädchen nehmen. - -Eine Witwe mit zwei Kindern z. B. bewohnte eine einzige große und ganz -hübsche Stube mit Aussicht nach den Feldern; Sopha, Konsolspiegel und -Wanduhr fehlten nicht. Oben im vierten Stockwerk der Mietskaserne hatte sie -noch Zutritt in eine Bodenkammer mit schräg abfallendem Dach, mit -Balken und einem einzigen winzigen Fensterchen. _Hier schliefen die drei -Personen_, die Mutter in einem ordentlichen Bett, _das eine der Kinder in -einer langen Kiste, das andere auf dem Fußboden zwischen Kiste und Bett_. -Die Luft war hier entsetzlich, die Hitze unerträglich, wie in einem -Photographenatelier, _der Raum so eng, daß die Frau auf ihr Bett stieg, -um die Kinder zu betten, und von ihrem Bette aus erst die Thür schließen -konnte. Währenddem stand das geräumige Zimmer im Erdgeschoß leer, nur um -eine gute Stube zu haben._ - -Ähnliches habe ich _oft_ gesehen; das tollste jedoch an -»Familienwohnungen«, was ich sah, war die Behausung einer -Webereiarbeiterin; das Mädchen bewohnte mit einer Tante, der »Herrin -des Hauses«, zwei Stuben und eine Dachkammer. In der Dachkammer, die -womöglich noch fürchterlicher aussah, als die vorher beschriebene, -schlief die Tante nebst 14jährigem Sohn auf einem Strohsack. Die -Webereiarbeiterin schlief im hinteren Zimmer auf einem Feldbett, in einem -ebensolchen lagen zwei andere Schlafmädchen, eine 60jährige Sortiererin -und eine 15jährige Wäscherin. In dem Vorderzimmer, das man passieren -mußte, um in die Schlafkammer der Mädchen zu kommen, schlief auf dem -Sopha ein Bruder der Tante und in einer #Hängematte# (!!!), die vom -Fenster zur Thür gespannt wurde, ein Bruder der Nichte; dieser zahlte -wöchentlich 2 Mark Schlafgeld mit der Vergünstigung, seinen Koffer mit -Effekten im Zimmer aufzustellen. Der Sophaschläfer zahlte 2,80 Mark, -jedoch _ohne Koffer_; ich habe mir nie erklären können, _wo_ diese Leute -ihre Sachen lassen. - -Eine alte Frau, die halb taub und lahm war, hatte eine Wohnung von Stube -und Kammer inne; in letzterer, die stockdunkel war, schlief sie, in der -Stube lagen nächtlich vier Personen auf Strohsäcken, zwei Dienstmänner -und zwei Fabriklehrlinge. Diese vier »Herren« durften sich jedoch nicht -vor ½9 Uhr abends einstellen und mußten die Schlafstelle wieder um -½6 Uhr morgens verlassen. Triumphierend erzählte mir die alte Frau, daß -die Lehrlinge anfangs am Sonntage länger schliefen; da habe sie dieselben -so lange gekitzelt, bis sie aufgestanden seien; für den Sonntag Vormittag -vermietete sie das Vorderzimmer einer Wahrsagerin, die dafür monatlich -3 Mark bezahlt, die Alte sorgt ihr für Kundschaft und bekommt dann -Tantièmen. - -Einige meiner Gefährtinnen und speziell die auf dem Lande wohnten ganz -hübsch; Vater und Mutter schliefen dann mit dem jüngsten Kinde in einem -Zimmer, die übrigen Töchter in einer und die Söhne in der anderen -Kammer. - -_Die Art, wie die Mädchen schliefen, zeigte sich in ihrem ganzen Wesen, -im Benehmen, wie in der Kleidung._ Die Schlafgängerinnen und jene, die in -erbärmlichen Klausen mit anderen zusammenschliefen, waren roh, schamlos -und körperlich schmutzig, oft mit Ungeziefer behaftet. Die Mädchen, die -bei den Eltern oder als einzige Fremde bei einer Verwandten wohnen, sind -gesitteter, manierlicher, reinlicher. - -Bei ersteren findet man nicht viel von der vielbesprochenen »edlen -Weiblichkeit«, von ihrer Stellung als »Hüterin der Ehre und Sitte, als -Trägerin des Schönen, des Guten, der _Ideale_!« Es ist ein sonderbares -Ding um die Logik unserer männlichen Gegner! Sie weisen die Frau zurück, -wenn sie ins öffentliche Leben treten will, sie sagen ihr, um sie -einzulullen gar süße Worte von Frauenanmut und Frauenberuf, von dem -unvergleichlichen, schönen Wirken in der Familie, das ihr der Mann -durch Verehrung und Achtung vergilt. Diese Paradoxe suche ich nicht zu -widerlegen; ich sage einfach: _je mehr die Frau im Hause arbeitet, je mehr -sie Kinder gebiert und wäscht und kocht, je mehr isoliert sie sich vom -Mann, je mehr sucht er Geselligkeiten außer dem Hause, je mehr wird sie -ihm Magd und Geschlechtswerkzeug, je mehr mißachtet er sie_. - -Wir Anhängerinnen der Frauenbewegung sind in unserm Vorgehen konsequenter, -denn unsere Gegner; _wir_ legen uns Opfer auf, um für unsere Ideeen zu -wirken; _wir_ gründen Vereine, richten Unterrichtskurse, Schulen und Heime -für alleinstehende Mädchen ein, alles aus eigenen, freiwillig gespendeten -Mitteln. - -Warum thun unsere Gegner nichts für _ihre_ Bestrebungen, _warum bauen sie -jenen Arbeiterinnen, die da verkommen in Unweiblichkeit und Unmoral_, warum -bauen sie ihnen nicht gemeinsame Wohnhäuser, wo die »edle Weiblichkeit« -nicht gefährdet wird, wo die Mädchen sich mit »echt weiblichen -Arbeiten« beschäftigen und »mit schamhafter Sitte in ihrer Hütte« -bleiben? - -_Warum arbeiten die Herren Gegner nur mit dem Munde, nicht mit der That? -Warum sind wir unweibliche Frauen diejenigen, die Arbeiterinnenschulen und -Heime gründen, die Kochkurse und Flickstunden den Armen verschaffen?_ - -Warum suchen denn die »weiblichen« Frauen, deren größtes Vergnügen -ein Kaffeeklatsch ist, warum suchen _sie_ nicht die Wohnungen der -Arbeiterinnen, der Verkommenen auf, um ihnen vorzuleuchten als Muster -tugendhafter Weiblichkeit, als »verehrte und geliebte Gattin« eines sie -hochschätzenden Gatten? _Wir_ unweiblichen Geschöpfe können das doch -nicht! - -Warum tragen die »Pflegerinnen der Kindheit«, die »Samariterinnen«, die -»sanften Gattinnen mit den Taubenaugen«, warum tragen sie nicht Hygiene, -Lehren zur Erziehung der Kinder und die edle Kochkunst in die Wohnungen -jener Unwissenden? - -Oder ist auch solches Wirken unweiblich und in der Theorie Sache der -Männer, nur in der Praxis Frauenpflicht? - -Ja, ja, es ist ein eigen Ding um die Logik! -- - -Um das Schlafstellenunwesen gründlich zu studieren, bin ich während fünf -Tagen, von Morgens bis Abends, Trepp auf, Trepp ab, in allen Teilen von -Chemnitz, auf Wohnungs- resp. Schlafstellensuche gewesen. - -Ich möchte hier gleich all' den Damen der Gesellschaft, die sich »mit -Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volke abwenden«, -raten, doch auch einmal solch eine Wanderung anzutreten; vielleicht daß -sie ihr parfümiertes Taschentuch dann öfters gebrauchen werden, um ihren -aristokratisch-weiblichen »Ekel« zu verbergen. - -Ich will, um das Chaos der schrecklichen Dinge, die ich da gesehen, in -meinem Kopfe zu ordnen, meine Wanderung von Anfang bis zu Ende -erzählen, dabei aber nur die besten und die schlechtesten Schlafstellen -berücksichtigen. - -Ich hatte, um recht krasse Zustände kennen zu lernen, ein Inserat -erlassen, wonach »eine arme und hier gänzlich fremde Arbeiterin eine -Schlafstelle suchte«. Fast alle Offerten, die ich erhielt, trugen auf -einem Fetzen Papier nur Angabe der Straße und Hausnummer; von den 17 -Antworten, die auf mein Gesuch einliefen, waren nur zwei ausführlich, und -die will ich hier wortgetreu wiedergeben: - - 1. - - Wir haben ein logi für sie, es ist eine schöne kamer im driten - stock aber nich sehr haiß, aber weil wier fünf Kinter haben und eine - schlaafstehle abgeben könen möchten sie doch komen um sie anzusehn, - das der preis ist 2 Mark für die Woche mit dem kafee und wäsche - können sie hir waschen. Mannsleute haben wier nich in der wohnung - allens für uns allein. Es grüßt sie - - Frau ....... - - 2. - - Vorgestern hat meine schlafgengerin gekündigt und sie ist mit einem - hern gegangen und in das Zimer gekomen was ich nicht leide, weil ich - mit meine Frau und Kindern drin schlafe. Ich hab ihr gekündigt Sie - können kommen, es kostet 1,50 für 7 Tage und eine kaffeschänke ist - nebenan, ein früstük kostet 10 fennige. - - Alexander ........ - - Maschinist. - -Ich suchte diese beiden »Schriftkundigen« zuerst auf, ich war wirklich -gespannt, ihre Bekanntschaft zu machen. Die erste Schlafstelle befand sich -im Erdgeschoß, in einer kleinen, halbzerfallenen Hütte, die jedenfalls -bald abgerissen werden mußte; der kellerartige Raum hatte steinernen -Fußboden und ungetünchte Wände. Unmittelbar über dem verhältnismäßig -guten Bett hing ein Spinnennetz, eine große, graue Mauerspinne glotzte -mich feindselig an, als fürchte sie, daß ich ihr das Bewohnerrecht des -Raumes streitig machen könne. Ich sollte in dieser Behausung mit der Frau -und dem 4jährigen Töchterchen schlafen, der Mann, die vier Jungen und der -Vater des Mannes schliefen im Vorraum. Das Ganze war noch nicht eins der -schlimmsten Logis, denn die Leute hielten keine weiteren Schlafleute, die -fünf Kinder sahen nett und manierlich aus, Vater und Mutter machten einen -guten, wenn auch sehr gedrückten Eindruck. Ich merkte gar bald heraus, -daß ihnen 2 Mark pro Woche außerordentlich viel ausmachen würden. So -mietete ich denn die Schlafstelle, die ich im voraus bezahlte; sie haben -mich aber nie wiedergesehen. - -Die zweite Schlafstelle war in jeder Beziehung ein Gegenstück zu -der ersten. Sie befand sich im vierten Stock einer fürchterlichen -Mietskaserne; aus allen Zimmern der Stockwerke, die ich passieren mußte, -ertönte Kindergeschrei, Flüche und Gekeife von gellenden Weiberstimmen. -Windeln und elende Frauenunterkleider hingen zum Trocknen vor jedem -Fenster, ein entsetzlicher Zwiebel- und Essensgeruch erfüllte das Haus. -Es war gerade Mittagszeit, die Arbeiter und Arbeiterinnen kehrten eben -zurück, einer nach dem andern verschwand hinter den Thüren. Ich klopfte -an _die_ Thür, die den Namen des Briefes trug; wüstes Stimmengeschrei -tönte mir entgegen, ein sechsjähriger Bengel riß die Thür auf, im -Hintergrund erschien die Frau. Sie wußte gleich, was ich wollte, ich trat -ein; das Gemach, in dem ich stand, war klein, viereckig, an den Wänden -standen drei Betten, in der Mitte des Zimmers ein Tisch, an dem fünf -Männer saßen, die aus einer gemeinsamen großen Blechschüssel -löffelten. Wohin ich blickte, lagen, standen, saßen und schliefen Kinder, -Kinder in allen Größen, Knaben und Mädchen, eines verlumpter als das -andere. - -_Und in diesem Raume bot man mir an, mit Mann, Frau und zehn Kindern zu -schlafen, von denen das älteste etwa acht Jahre, das jüngste ein halbes -alt sein konnte_; zwei Zwillingspärchen kauerten am Fußboden, das eine -mit blödsinnigem Gesichtsausdruck, das andere verwachsen. - -Die Männer, Kostgänger zum Mittagstisch, betrachteten mich schon als die -Ihre, mit zweideutigen Witzen und dummen Redensarten suchten sie mich -zu fesseln; die Frau, die wieder schwanger war, bot einen ekelerregenden -Anblick, wie sie mit kurzem Rock, Nachtjacke und bloßen Füßen ein -zustimmendes, freches Gejohle ausstieß, so oft einer der Männer eine -recht gemeine Zote ausließ. Ich blieb etwa fünf Minuten, schien mit der -Schlafstelle einverstanden zu sein, benutzte aber den ersten unbewachten -Moment, um die Thür zu öffnen und hinunter zu eilen; ich hatte zum ersten -Male Angst. Ich dankte Gott, als ich wohlbehalten unten bei meinem Manne -anlangte, der mich überall hin in angemessener Entfernung begleitete; ich -glaubte unter jenem Gesindel beinahe einer Hülfe zu bedürfen. - -Ich sah in den nächsten Tagen noch eine große Anzahl Schlafstellen, teils -in Bodenverschlägen, kellerartigen Räumen oder in Zimmern, bevölkert von -4-10 Personen, die mehr oder minder vertiert waren, und wo speziell die -Frauen Unglaubliches an Gemeinheit und Roheit leisteten. Die Preise der -Schlafstellen variierten zwischen 1-3 Mark wöchentlich, inklusive Kaffee. -Manchmal fand ich auch winzig kleine Stübchen mit Tisch, Bett und Stuhl, -in denen die Bewohnerin sich kaum drehen und wenden konnte, die aber -reinlich und nett aussahen; blühende Blumen vor dem Fenster, weiße -Vorhänge, kleine Bildchen und Statuetten verliehen diesem Stübchen etwas -anmutendes. Solch ein Zimmerchen bezahlte man mit 6-8 Mark monatlich; -meist wurde es von Näherinnen oder Ladenmädchen bewohnt. Die es -vermieteten, waren kleine Beamten, Zug- und Lokomotivführer, Schutzleute -und Aufseher; man sah dem ganzen Heim das Walten des früheren -Dienstmädchens aus feinen Häusern an, das gewohnt war, Ordnung zu halten. - -Auch in den Arbeiterfamilien, wo die Frau Dienstmädchen gewesen ist -und nie in der Fabrik gearbeitet hat, fand ich Reinlichkeit, Ordnung, -Schönheitssinn, mehr ein Nachahmen bürgerlicher Kreise; Schlafstellen -vergaben diese Familien in den seltensten Fällen. - -Von einer originellen Schlafstelle will ich noch berichten. - -In einem der Arbeiterviertel, draußen bei der Zschopauerstraße, von -wo ich mehrere Offerten erhalten hatte, zeigte mir eine Frau die zu -vermietende Schlafstelle, die 1 Mark pro Woche kosten sollte. - -Die Frau öffnete eine Wandthür im Korridor, deutete in den dunklen -Schrank und sagte: »Das is hier!« Ich sah hinein; sobald sich meine Augen -an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß eine Kommode in dem Raume -stand. - -»Ja, was denn?« stammelte ich in höchstem Erstaunen. - -»Na,« meinte die Frau, »das ist eine Bettkommode, die wird am Abend -ausgezogen bis in den Korridor hinein!« - -Ich war starr; bis zur Mitte der Brust lag man also im dunklen Wandschrank, -die übrigen Körperteile schliefen im Korridor. Es war zu naiv köstlich, -ich konnte mich des Lachens kaum erwehren. - -Jeder, der den Korridor passierte, sah natürlich den Schläfer; und wenn -auch vielleicht nur zwei Familien Zutritt zu diesem Gang hatten, so konnte -man immerhin nicht wissen, wer da alles aus- und einging. - -Als ich der Frau von vornherein meine Abneigung gegen solch einen -Schlafraum kund that (ich habe die Leute niemals im Glauben gelassen, -daß ich mieten wolle), sagte sie wütend spöttisch: »Ja, wenn Sie Ihren -Schatz im Hotel empfangen wollen, dann müssen Sie eben nicht nach einer -Schlafstelle suchen!« -- - -Nach allem, was ich gesehen, muß ich sagen, daß es ein Wunder zu nennen -wäre, wenn die Mädchen, die in solchen Räumen wohnen und schlafen, -sittlich und moralisch wären. Vom frühesten Kindesalter an wird das -Schamgefühl in der jungen Seele systematisch zu grunde gerichtet, der -Geschlechtsunterschied nicht mehr inne gehalten. Jung verheiratete Leute -schlafen mit Burschen und Mädchen in einem Raum, Frauen bringen Kinder zur -Welt im gleichen Zimmer, wo junge Lehrlinge wohnen. - -Es kommen Dinge vor, die hier nicht wiederzugeben sind, Scenen, die nicht -mehr gemein, sondern bestialisch zu nennen sind. - -Unsere Gegner befürchten die schrecklichsten Zustände, wenn Männer und -Frauen in gemeinsamen Hörsälen studieren; sie glauben, oder, was mir -richtiger scheint, _sie wollen glauben_, daß dann jedes Schamgefühl im -Mädchen ersterbe, _ersterben müsse_, trotz der hohen Bildung, die es -erhalten, und die immer ein Schutzmantel gegen Immoralität ist; ich -möchte sagen: _Bildung, tiefes, reiches Wissen bedingt Sittlichkeit!_ - -Warum aber fürchtet das Heer der Gegner nicht das ewige Zusammensein und -Zusammenleben jener Kreise, wo die Bildung ein unbekannter Begriff und der -Mensch eher zum Laster geneigt ist, denn bei sittlichgebildeten Menschen? -Hier wird das Zusammensein der beiden Geschlechter verhängnisvoll, _weil -sie hier keine gemeinsamen höheren Interessen haben, weil sie hier nichts -zusammenführt, denn Sinnlichkeit_! - -Oder ist die männliche deutsche Jugend so verkommen, daß sie mit -keinem anständigen Mädchen mehr anständig verkehren kann, schützt die -_akademische Bildung, die Erziehung unter Ägide einer echt weiblichen -Mutter_ die jungen Männer so wenig, daß sie im Mädchen nicht mehr die -»edle Weiblichkeit« erkennen, sondern nur das Werkzeug zur Befriedigung -geschlechtlicher Ausschweifungen? - -Gewiss, wenn man die jungen Herren Corpsstudenten, die in Zucht und Sitte -bis zum 20. Jahre zu Hause aufgewachsen sind, mit den vom 14. Jahre an -oft elternlosen, immer aber ihr Brot allein verdienenden Fabrikarbeitern -vergleicht, so sind diese tausendmal moralischer und tausendmal weniger -verdammenswert! - -Und mit den jungen Mädchen der höheren Stände, die nie von Mutters -Schürze wegkommen, ist es noch viel schlimmer. - -Jene Fabrikmädchen, die da in erbärmlicher Wohnung vegetieren, die -sich ihr Brot bitter schwer erwerben müssen, die nichts denn Rohheit -und Verkommenheit bei ihrer Umgebung sehen, denen niemand von den -»hohen Zielen« der Frau »als Hüterin der Ideale« spricht, sind zu -entschuldigen, wenn sie nichts Höheres kennen, als die Befriedigung -tierischer Triebe, die Sucht, ihr elendes Dasein in traurigen Vergnügungen -zu ertränken. - -Sie kennen kaum den Begriff der sorgenden Elternliebe, des -Dornröschendaseins, das alles wie durch Zauberhände, in Wirklichkeit -aber durch das Portemonnaie der Eltern, vorgelegt bekommt, das die kleinen -Hände nur zu feinen, niedlichen Arbeiten =vulgo= Spielereien hat, das von -Vergnügen zu Vergnügen jagt, genau mit denselben unsittlichen Gedanken -im »jungfräulichen« Herzen, wie die Arbeiterin sie -- natürlicher und -deswegen moralischer -- dem Schatz gegenüber empfindet. - -Spekulieren sie nicht ebenso auf die Sinnlichkeit der Männer, jene -ehrbaren Töchter, die mit entblößten Armen, Nacken und Schultern zum -Balle eilen, wie jede Straßendirne? Diese will den Mann auf Augenblicke -fesseln, jene auf Lebenszeit, der Unterschied ist gering. - -Die Fabrikmädchen _lassen sich_ verführen ohne geschminkte Heuchelei, die -feinen Dämchen aber _verführen selber_, d. h. sie reizen den Mann durch -Ball- und Toilettenkünste bis zu einem gewissen Grad; wenn sie wissen, -daß er ins Netz rennt, ziehen sie sich ins Schneckenhaus zurück und -spielen das »keusche Gretchen«. - -Sagen das die vielen »Gedankensplitter« und »Goldkörner« nicht -hinreichend deutlich, die sich alle darauf beziehen, die heutige deutsche -Frau in »origineller« Weise zu besingen? Ich wähle hier einige Aperçus -des Dichters Georg von Schulpe, die augenblicklich in den »Salons« -beliebte Ware sind. - -»Die tausend feinen Fäden der Coquetterie, mit denen ein schönes Weib -die Männer umgarnt, können sich leicht in eherne Fesseln verwandeln.« - -»Die Sirenen der antiken Sage suchten ihre Männer durch ihren Gesang, die -Zaubermacht ihrer Stimme zu bestricken, die modernen Sirenen vermögen -dies durch ein beredtes Schweigen, einen vielsagenden Blick ihrer Augen zu -erzielen.« - -»Die Eitelkeit ist die gefährlichste Krankheit der Frauen, ihre Krisis -ist die Gefallsucht, ihr Ende zumeist der sittliche Tod.« - -»Ist eine Frau gefallsüchtig, so fällt sie auch in den meisten -Fällen.« - -»Liebe und Eitelkeit sind die Gottheiten der Frauen, doch oft opfern sie -ihre Liebe der Eitelkeit zuliebe.« - -»Am Weibe ist alles Zweck und Berechnung, und doch fällt es so manchmal -aus seiner Rolle, und gerade diese unberechnete Berechnung ist's, die ihm -den höchsten Zauber verleiht.« - -»Die Frauen haben einen scharfen Blick, die Männer zu durchschauen und -eine geschickte Hand, sie einzufädeln.« -- - -Der Dichter dieser »schönen« Sprüche hat seine Modelle dazu doch -jedenfalls aus den _feinen Kreisen_ genommen. Wie müßten jene Frauen, die -bei gutem Familienleben so verkommen können, wie die modernen Dichter sie -uns schildern, erst werden, wenn sie durch Schicksalsschläge in die Lage -der Fabrikmädchen kämen? -- - - - - -Zehntes Kapitel. - -Religion. - - -Mit der Religion standen die Arbeiterinnen auf sehr gespanntem Fuße. -Pfaffen, Kirche und Beten sind ihnen ein Gräuel, sie meinen, _wer viel -betet und in die Kirche läuft, muß ein schlechtes Gewissen haben_. Es ist -auch seltsam, daß sie den Geiz stets mit der Frömmigkeit in Zusammenhang -bringen und den Wahn haben, wer fromm sei, müsse geizig und wer geizig, -fromm sein. _Sie glauben wohl an Gott, aber als an ein notwendiges Uebel. -Es ist dasselbe Verhältnis, wie zu ihrem Schullehrer, sie fürchten Gott, -aber sie glauben sich ihm entzogen, wenn sie einmal konfirmiert sind._ Bis -zur Konfirmation hüten sie sich vor dem Bösen, ich glaube, sie würden -sich vor einem Diebstahl fürchten; nach der Konfirmation aber ist alles -wie weggeweht, sie fluchen und lästern Gott und kichern im Hintergrunde: -»Ha, Du wütender Gott, was willst Du thun, wir sind konfirmiert, Du hast -uns nichts mehr zu sagen!« - -_Das Benehmen der Geistlichen selber ist aber größtenteils Schuld an -diesen Zuständen._ Ich habe in Familien verkehrt, wo konfirmierte und -nichtkonfirmierte Töchter vorhanden waren. Wenn der Prediger die Familie -besuchte, was allerdings sehr selten vorkam, so verkehrte er freundlich und -»väterlich« mit den jüngeren, salbungsvoll predigend mit den großen -Mädchen. Er tadelte, wenn sie noch so anständig waren, alles an ihnen, -ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Benehmen, ja, selbst ihr Gesicht. So -hörte ich ihn einmal in einer Familie, wo die 16jährige Tochter einen -durchaus tadellosen Lebenswandel führte, zu derselben sagen: »Ja, mein -Kind, Du bist hübsch und blühend nach außen, aber häßlich und trocken -im Innern. Der Herr aber sieht nur ins Herz, ihm wäre es wohlgefälliger, -wenn Du, statt Dir Stirnlocken zu drehen, Deine Seele vom Erdenschmutze -rein hieltest!« - -Das Mädchen war tief empört, es schmähte den Pfarrer und die Kirche -und räsonnierte sehr richtig: »Der sieht auch nur den Splitter in unserm -Auge, nicht aber den Balken im Auge seiner Tochter.« - -Ich hörte überhaupt öfters Aussprüche, wie: - -»Na, wenn Gott gütig und barmherzig ist, warum hat er dann Freude daran, -daß Tausende armer Bettler leiden, daß im Winter so viele verhungern und -erfrieren, daß es so viel grausig verkrüppelte Menschen giebt?« - -Oder: »Wenn Christus ein uneheliches Kind der Maria war, warum schmäht -man uns, wenn wir ein Kind haben, ohne verheiratet zu sein?« - -Am meisten spotteten sie über das biblische »Wen der Herr lieb hat, -den züchtigt er!« Sie wollten lieber von Gott gehaßt werden, denn -Schicksalsschläge als Beweise der göttlichen Liebe annehmen. - -Wir sprachen auch manchmal über die Bibel; ich wurde dann eifrigst -befragt, ob die Berliner viel in der Bibel lesen, die wären doch so -schlau, die wüßten schon, was an der Bibel sei. - -Ich gab ihnen offen und ehrlich meine Anschauungen zum besten, wonach die -Bibel eine alte Chronik sei, mit ebenso viel rührend schönen, als für -den Menschenverstand schädlichen Stellen. Dies schien ihnen sehr zu -gefallen, denn während der Mittagspause kam ich an mehreren Gruppen von -Mädchen vorüber, die über das Thema diskutierten und sich zustimmend zu -meiner Äußerung verhielten. - -Die Gültigkeit einer Ehe hingegen hängt in ihren Augen vom Wort des -Pastors ab; ich suchte die Mädchen auszuforschen, was sie von einer -Ehe, nur auf dem Standesamt geschlossen, denken. Sie halten eine Ehe ohne -kirchliche Weihe überhaupt für nicht legitim; einige meinten naiv: »Na, -dann sind die beiden ja gar nicht verheiratet, dann können sie ja jeden -Tag auseinander.« Hier spricht aber nicht Religiosität aus dem Urteil, -_sondern das Festhalten an althergebrachten Sitten_. - -Merkwürdiger Weise hegen fast alle diese Mädchen eine große Hochachtung -vor barmherzigen Schwestern; sie achten sie weit höher, denn den Pfarrer, -schelten jene niemals Heuchlerinnen und Scheinheilige, wie sie es diesem -gegenüber thun. Ich glaube nach allem, daß die religiösen Schwestern die -einzigen sind, die unbegrenzte Macht über jene Mädchen erlangen könnten. - -Ich habe aber auch von Seiten der Schwestern das Gegenteil bemerkt in -der Ausübung der Nächstenliebe, wie von den Geistlichen. Wo jene zur -Krankenpflege oder aus anderen Motiven in Arbeiterfamilien verkehren, sind -sie freundlich, gütig, geduldig; ich kannte Mädchen, die, wenn sie ein -neues Kleid oder einen etwas frech aussehenden Hut trugen, mit dem Schatz -am Pfarrhause vorbeizogen, recht laut lachten und lose Reden führten, -_um den Pfarrer zu ärgern_. Von _den selben_ weiß ich mit voller -Bestimmtheit, daß sie, als eine barmherzige Schwester in ihrem Hause -thätig war, ihr Haar einfacher kämmten und jeden Schmuck wegließen, um -die Achtung der Schwester nicht einzubüßen. - -_Und auch hierin liegt ein Stück Frauenfrage, ein glücklicher Beweis, -daß Frauen auf Frauen einwirken können, wo Männer nutzlos arbeiten; daß -die Ansicht so vieler Gegner, wonach eine Frau vor einer andern Frau keine -Achtung habe, sondern sich nur der physischen Gewalt beuge, eine irrige -ist._ - - - - -Elftes Kapitel. - -Sozialdemokratie und Frauenfrage. - - -Es ist ein sonderbares Ding um die Sozialdemokratie der Arbeiterinnen! - - »..... ich finde nicht die Spur - Von einem Geist, und alles ist Dressur!« - -Wohl nannten sich fast alle Mädchen, mit denen ich zusammen war, -»Sozialdemokratinnen«, aber wenn man der Sache auf den Grund ging, so -waren sie es nur, weil ihre Väter, Brüder oder Schätze Sozialdemokraten -sind, _in ganz verschwindend seltenen Fällen aus Überzeugung_. -Diejenigen, die wirklich Kenntnis von den Lehren der Sozialdemokratie -besaßen, sind die verheirateten Frauen, die durch ihre Männer in den -Strudel der Agitation hineingezogen werden und auf diese Weise zuletzt -selber mitwirken. Sie sind, je nachdem _wie_ sie die sozialdemokratische -Richtung auffassen, entweder _umsichtig_ und _verhältnismäßig gebildet_ -oder _roh und verkommen, aller menschlichen Gesetze spottend_. - -Ich brachte die Rede wiederholt auf Bebels Buch: »Die Frau und der -Sozialismus«, _allein die wenigsten unter ihnen kannten es, sie hatten -kaum eine Ahnung von dessen Existenz. Sie wissen nichts von Verbesserung -des Frauenloses, von Zukunftsstaat und Zukunftsträumen, von Liebknecht und -den sozialdemokratischen Führern._ - -Ihre ganze Sozialdemokratie besteht darin, daß sie das Recht auf -Arbeit vertreten, daß sie mehr verdienen möchten und neidisch auf alle -Gutgestellten sind. Dieser »Neid auf Gutgestellte« umfaßt aber nur den -Kaufmannsstand, Fabrikbesitzer, Geschäftsleute, seltener Beamten; sie -sympathisieren mit Offiziersfrauen, von denen sie mit freundlichem Mitleid -sprechen. - -»Ach,« hieß es da, »die armen Offiziersfrauen, die haben größtenteils -nur ein altes Kleid anzuziehen; das Geld langt zu nichts, sie können sich -nie richtig satt essen, weil sie Gesellschaften geben müssen.« - -Es war dies kein ironisches Kritisieren, sondern aufrichtige Teilnahme für -jene Damen. Ich glaube, daß diese Ansicht durch Dienstmädchen verbreitet -worden ist, die in armen Offiziersfamilien gedient hatten, wo allerdings -Schmalhans recht oft Küchenmeister sein mag. - -Die Mädchen haben auch nicht den geringsten Sinn für Tagesinteressen und -öffentliche Fragen; sie lesen wohl Zeitungen, aber nur die Lokalberichte -über Mordthaten; hatte die eine einen recht grausigen Mordfall in einer -Zeitung entdeckt, so brachte sie das Blatt mit zur Fabrik, las es laut vor, -die gräßlichsten Stellen laut betonend. Es wirkte äußerst komisch, als -einmal eines der Mädchen nach Beendigung der Lektüre ausrief: »_Aber war -das ein schöner Mord!_« Dabei standen ihr selber die Haare zu Berge. - -Das Aufseherpersonal besteht durchwegs aus Sozialdemokraten; sie behandeln -die Arbeiterinnen durchaus nett und freundlich. Jedoch bemerkte ich, daß -mancher dieser Männer _die_ Mädchen bevorzugte, deren Väter oder -Brüder Gesinnungsgenossen von ihm waren, während er Töchter konservativ -gesinnter Väter oftmals ungerecht behandelte. - -_Durch die bestehenden Verhältnisse werden die Mädchen zur -Sozialdemokratie getrieben; der Tag wird kommen, wo eine Arbeiterin -gleichbedeutend sein wird mit einer Sozialdemokratin._ Manche Mutter, die -in der Zeit ihrer Ehe Muße gefunden hatte, über sozialdemokratische Ideen -nachzudenken, kleidete ihre Töchter mit Vorliebe in rot, oder ließ sie, -wenn sie größer wurden, rote Hutgarnitur und rote Schleifen tragen; hier -artete die Liebe zur Sozialdemokratie in Fanatismus aus. - -Am interessantesten waren die Dinge und Meinungen, die ich über den -deutschen Kaiser hörte; es wurde viel über ihn gesprochen, weil die -Mädchen in der Auffassung leben, daß in Berlin ein jeder von jedem -Schritt des Kaisers unterrichtet sei und ich doch »viel erzählen« -könne. Selbstverständlich handelt es sich dabei nur um interne -Angelegenheiten des Kaiserlichen Familienlebens; sie wollten wissen, -_wie_ das Kaiserliche Paar zusammen lebt, wie viele Kleider und Hüte die -Kaiserin hat, ob die Prinzen gut erzogen seien und anderes. - -Wir haben uns manche Stunde über dies Thema unterhalten, leider kann ich -hier aber auf die Einzelheiten nicht eingehen. In den Wohnungen hingen -allenthalben fürchterliche Öldruckbilder des sächsischen Regentenpaares, -aber nur höchst selten das Bild des Kaisers, _das der Kaiserin sah ich -nie_. - -Die Mädchen scheinen auch keinen rechten Begriff von Majestätsbeleidigung -zu haben; ich erschrak oft, mit welcher Kühnheit sie allerlei Dinge -aussagten, die ihnen die Freiheit auf lange hätten rauben können. - -Auch hier fand ich ganz konträre Punkte zu Göhres Ansicht, welcher sagt, -daß die Arbeiter sich vor Majestätsbeleidigungen hüten, weil keiner -dem andern traue, daß der Kaiser ihnen eine sympathische, volkstümliche -Gestalt sei. - -Ich fand immer, _daß sie den deutschen Kaiser nicht als zu ihrer Heimath -zugehörig anerkennen_, daß er für sie ein fremder Herrscher ist, der -ihren König unterdrücken will, daß sie den Haß gegen die Preußen -auch auf den Kaiser übertragen. -- Die Landarbeiterinnen sind -durchwegs Sozialdemokratinnen mit bedeutend gründlicherer Kenntnis der -sozialdemokratischen Lehren, als ich sie bei allen Stadtmädchen fand. - -Hier üben die Frauen auch Einfluß aus auf die politische Wahl der -Männer, hauptsächlich insofern, als Familienväter vieler Kinder -diejenigen wählen, die gegen die Kornzölle stimmen. Ich kannte eine -Arbeiterfamilie, die wöchentlich 81 Pfund Brot verzehrte; die Frau hetzte -beständig ihren Mann, »ja am nächsten Wahltage einen »besseren« zu -wählen, dann würde das Brot doch gewiß billiger.« - -Der Hauptgroll aber richtete sich gegen die Bäcker, die, trotz -Zollermäßigung in den neuen Handelsverträgen, den Preis des Brotes nicht -herabsetzten. Bei Familien, die 81 Pfund Brot wöchentlich verzehren, -wäre eine Herabsetzung der Brotpreise natürlicher Weise von großer -Bedeutung für das Haushaltungsbudget. Sonst aber fand ich keinerlei -politische Ansicht bei den Frauen, weder Interessen, noch Verständnis -dafür. - -Die Mädchen besuchen sehr selten sozialdemokratische Versammlungen, selbst -die verheirateten Frauen sind dort nicht oft gesehene Gäste. Ich -muß leider eingestehen, _daß die Arbeiterinnen überhaupt sehr wenig -Kenntnisse der öffentlichen Vorgänge besitzen, und auch gar kein -Interesse dafür zeigen_. -- - -Etwas besser stand es schon mit ihren Ansichten über die Frauenfrage. Nur -will ich hier gleich betonen, _daß sie keine Ahnung von der Agitation der -Kämpferinnen für Frauenrechte haben, daß sie unsere Forderungen nicht -kennen, weder von Frauenstudium noch Mädchengymnasien einen Begriff haben -und auch nicht erwarten, daß die Stellung der Frau je anders würde. Aus -diesen Gründen bedaure ich, daß die Sozialdemokratie unter den weiblichen -Arbeitern nicht tiefer eingedrungen ist, sie allein würde den Mädchen -Interesse an Bildung und Menschenrechten geben._ Ebenso lebhaft bedaure -ich, daß das Bebelsche Buch unter den Mädchen so wenig bekannt ist; -ich sage das, trotzdem die darin vertretenen Anschauungen nicht immer -die meinen sind; sie geben aber den unwissenden Arbeiterinnen wenigstens -Aufklärung über die Stellung der Frau im Leben und regen sie an zu -ernsterem Denken. Das wäre eine Vorarbeit zu unseren Bestrebungen. - -Ich habe meine Gesinnungsgenossinnen so oft klagen hören, daß es tausend -und abertausend Frauen giebt, die keine Ahnung von dem Wirken von unserer -Seite haben; wir agitieren durch Wandervorträge und Zweigvereine, die wir -in allen Städten zu gründen suchen, allein stets kommt der Gewinn, den -uns diese Arbeit bringt, den oberen Kreisen zu gute. Ich glaube, daß -die meisten Damen es geradezu lächerlich finden würden, wenn man davon -spräche, den Arbeiterinnen Vorträge über die Frauenfrage zu halten. So -lange man die Thätigkeit aber auf seinesgleichen, auf gebildete Kreise -ausstreckt, auf Frauen, die der »guten Gesellschaft« angehören, _so -lange ist alles Wirken Spielerei_. Jedweder Baumeister baut lieber den -schlanken Turm der Kirche, denn im Schlamme des Grundwassers das Fundament -zu legen; aber wenn dieses nicht gelegt wird, dann stürzt der stolze Turm -zusammen. - -Für die Mädchen der unteren Stände giebt es noch weniger Berufsarten, -als für die Töchter des Mittelstandes. - -Wollen sie nicht dienen, so erwartet sie die Fabrikarbeit, und wollen sie -auch dieses nicht, dann harrt ihrer -- _die Prostitution_! Die Prostitution -ist der Ruin des Frauengeschlechtes, die Prostitution ist einer der -Hauptfaktoren, durch den eine »Frauenbewegung« entstanden ist. So lange -wir das immer dicker und üppiger werdende Reptil der Prostitution ruhig -wachsen lassen, nützt alle Arbeit nichts, sie bleibt fruchtlos. Und um die -Prostitution auf das allerniedrigste Maß zu beschränken, müssen wir in -erster Linie _die_ Mädchen haben und besser stellen, die das Heer jener -Jammergeschöpfe liefern. - -Ein neuerer Schriftsteller sagt uns: »Wir fehlen schlimmer und -barbarischer, als jene Nationen, bei welchen dem Manne mehrere Frauen -erlaubt sind und welche die Frau rein als lebende Ware betrachten; denn bei -solchen Völkern werden die Frauen wenigstens mit Obdach, mit Nahrung und -Kleidung versorgt, sie werden verpflegt wie das Vieh. In einem solchen -System liegt Konsequenz. Allein in Deutschland werden die Frauen wie das -Vieh betrachtet, ohne daß wir nur wenigstens für sie sorgen, wie für das -Vieh. Wir nehmen den schlimmsten Teil der Barbarei und den schlimmsten Teil -der Civilisation und verarbeiten beide zu einem heterogenen Ganzen. Wir -erziehen unsere Frauen zur Abhängigkeit und lassen sie dann ohne irgend -jemand, von dem sie abhängen könnten. Sie haben niemand und nichts, -worauf sie sich stützen können, und so stürzen sie nieder.« - -Ein anderer Schriftsteller sagt: »Darüber, daß die Löhne der weiblichen -Arbeiter zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse nicht ausreichen, herrscht -nur eine Stimme. Eine große Zahl von Arbeiterinnen arbeitet vom frühesten -Morgen bis in die späte Nacht hinein mit Aufopferung ihrer Gesundheit; -aber sie sind dennoch nicht im stande, sich so viel zu erarbeiten, um ihre -wichtigen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Was sollen diese beginnen, -um das herbeizuschaffen, was nötig ist, um den ihre Existenz bedrohenden -Abgang an ihrem Verdienst zu ersetzen? ... Wollten diese Armen tugendhaft -bleiben, so müßten sie einen so hohen Grad von moralischer Kraft -besitzen, der es ermöglichte, der langsamen Aufzehrung ihrer Lebenskräfte -ganz apathisch zusehen zu können. Da aber die Liebe zum Leben selbst -des Bettlers Brust so mächtig beseelt, daß er eher die Moral als seine -Existenz hinopfert, so kann es nicht überraschen, wenn auch diese so -hartbedrängten Mädchen ihre sozusagen unfreiwillige Preisgebung einer -sichern materiellen Vernichtung vorziehen. Was ist mehr zu beklagen, jene -sozialen Einrichtungen, durch die es so weit gekommen, daß die Löhne -der Arbeiterinnen deren Bedürfnisse nicht mehr decken, oder die -Charakterschwäche der Mädchen, die es nicht zuläßt, in ihren -Marterkammern langsam dahinzusiechen, um als Tugendheldinnen zu sterben?« - -Sicherlich das erste! Die Prostitution ist das Werk der Männer, der -Gesetzesgeber, es sind ihre Prinzipien, die sich hier verkörpert finden, -es sind die Opfer ihres Egoismusses, die Opfer des =vae victis=! - -Es ist eine anerkannte Thatsache, daß von einer eigentlichen Prostitution -in der Schweiz z. B. keine Rede sein kann, daß Heere von öffentlichen -Frauen, die die Straßen bevölkern, dort ein unbekanntes Ding sind. Und -merkwürdig, so hoch und so selbständig, wie die Schweizerin, steht keine -Frau Europas da; denn von der glücklichen Amerikanerin wollen wir hier -nicht reden. Aber die Herren Gegner wollen das nicht sehen, _sie sehen nur -das, was ihnen beliebt, das ist ihre Konsequenz_. - -Fördern die Herren Fabrik-Ärzte vielleicht die »edle Weiblichkeit«, -sie, die die Mädchen oft in der schändlichsten Weise behandeln, und doch -in Todesangst den immer zahlreicher auftretenden Ärztinnen entgegensehen? - -Eine unserer Hefterinnen, ein anständiges, nettes, 16jähriges Mädchen, -litt an Bleichsucht und allgemeiner Körperschwäche; sie war eines Tages -zum Kassenarzt gegangen, wohin ich sie begleitete. Ich wartete vor der -Hausthür auf sie; als sie zurückkam, weinte sie bitterlich, sie zitterte -an allen Gliedern vor Ärger und schluchzte: »Der Lump, zu dem gehe ich -nicht mehr!« Ich frug sie, was denn los sei. »Na,« meinte sie, »ich -sagte ihm, ich hätte öfters Schwindelanfälle und heftiges Erbrechen, und -da sagte er nur: »Na, ja, Sie sind schwanger, das wird vergehen, gehen Sie -nur wieder. Haben Sie _einen oder mehrere Schätze_?« - -»Ich habe _keinen_,« hatte sie erwidert. - -»Das sagt jede,« antwortete der Arzt, »schwanger sind Sie doch, 's ist -schon gut!« - -Und ohne das tiefverletzte und gekränkte Mädchen zu untersuchen, entließ -er sie. - -Und _das_ darf der »ritterliche Mann«, der »Beschützer des Weibes« -einer Vertreterin des »Humanen«, einer »Trägerin der Sittlichkeit« -sagen? Wer hilft hier dem Mädchen, wer rächt diese Beleidigung? Dem -vornehmen Fräulein, das in gleicher Lage zum gleichen Arzte käme und -bei dem diese Vermutung vielleicht berechtigt wäre, würde so etwas nicht -geboten; da würden freundliche Ratschläge und liebevolle Teilnahme auf -sie herabregnen. Weltbeherrscher, dein Name ist Geld! - -Ich erzählte den Mädchen, daß in Berlin mehrere Frauenärztinnen mit -außerordentlichem Erfolg praktizieren und daß überall in den großen -Städten Medizinerinnen auftreten. - -_Von dieser Thatsache waren alle entzückt!_ - -»Ach,« riefen mehrere, »dann würden wir uns, wenn wir nicht wohl -sind, nicht noch lange herumplagen, sondern gleich zur Doktorin gehen, da -brauchte man sich doch nicht Gemeinheiten sagen lassen!« - -_Und das sagten Mädchen, die von Frauenstudium und von der Frauenbewegung -keine Ahnung haben._ - -Die Mädchen laufen sehr viel zur Hebamme, nur um dem peinlichen Fall zu -entgehen, den Arzt zu konsultieren; für allerlei kleine Beschwerden -und Übelstände holen sie den Rat der »weisen Frau« ein; diese macht -vorzügliche Geschäfte, sie hilft den Kranken durch kleine Volksmittel, -durch Massage und Wasser, und hat auf diese Weise immer zu thun, meist -zwar für Krankheiten, die mit ihrem wahren Berufe nichts gemein haben. -Natürlicher Weise entstehen sehr oft ernstliche Schäden durch diese -»Behandlungsweise«, die der Arzt dann wieder gut zu machen hat. - -Auch hierin liegt wieder eine _tiefgehende Bestätigung, daß -Frauenärztinnen ein Ding der Notwendigkeit sind, eine natürliche -sittlich-notwendige Institution_. - -Der Bildungsgang der Mädchen ist leider ein trauriger, sie lesen alle -ziemlich geläufig, allein die meisten können kaum mehr schreiben, und vor -allem, nicht Geschriebenes lesen. - -Ich mußte den Krankenschein der einen einmal vorlesen, nachdem er in 10-12 -Händen war und keine ihn entziffern konnte. Ich warf nur einen Blick -auf das Papier, auf dem in deutlichster und klarster Schrift stand: Wegen -Magenbeschwerden auf zwei Tage zu entlassen. - -Von _der_ Zeit an, stand ich im Rufe großer Gelehrsamkeit, ich wurde mit -allerlei Fragen behelligt, ich sollte Briefe schreiben und Briefe vorlesen; -ich hätte es vielleicht noch weit gebracht, wenn nicht der Abschied vor -der Thür gestanden wäre. -- - -Ich glaube, daß das Feld für die Ärztin unter jenen Mädchen ein leicht -zu bebauendes ist, denn von Aberglauben, von Vorliebe für Besprecherinnen -und Blutstillerinnen habe ich nichts gefunden; es steckt mehr -natürlich-philosophische Anschauung in den Köpfen der Arbeiterinnen, als -man meinen sollte. - -Und deshalb warne ich hier nochmals: Rennt nicht am Veilchen vorüber, -dessen Duft euch sicher ist, wenn ihr es findet, um einer Rose nachzujagen, -die sich, in der Nähe betrachtet, vielleicht als Heckenrose erzeigt! -Baut keine leichte Brücke über den tiefen Abgrund der Unwissenheit und -Immoralität, um hinüber zu gelangen in Blumengefilde; ihr müßt über -_jene_ Brücke immer wieder zurückgehen. Füllt aber den Abgrund mit -guter, fetter Erde, daß Blumen darauf sprießen und ihr darüber hinweg -wandelt in die duftende Blumenpracht hinein, kaum mehr dran denkend, was -einst hier für Grauen die Nacht bedeckte! -- - - - - -Zwölftes Kapitel. - -Vergnügungen. - - -Ob ich Recht daran thue, dies Kapitel »Vergnügungen« zu nennen? Nein, -ich finde, daß es passender und zutreffender wäre, wenn ich sagen würde: -Betäubungen, um das elende Leben der Woche zu vergessen, Betäubungen, -die stark narkotisch auf Sittlichkeit und Tugend, auf Menschenwürde und -Menschenehre wirken! - -Ich kann ruhig behaupten, daß ich alle Chemnitzer Lokale, in denen -Arbeiterinnen verkehren, besucht habe. Von eigentlichen Arbeiter-Lokalen -kann jedoch keine Rede sein; man findet männliches und weibliches -Fabrikpersonal in jedem Lokal, auf jedem Tanzboden, sie gehen unter in der -Menge der Besucher, sie sind an nichts kenntlich. - -Im allgemeinen herrscht unter den Arbeiterinnen bei weitem nicht jene -Liebe zum Tanz, wie unter den Mädchen des Mittelstandes; es gab sehr viele -gerade unter den Maschinenarbeiterinnen, die vom Tanz nicht viel wissen -wollten, die da sagen, daß der Tanz ihnen nur auf unnütze Weise ihre -Kräfte raube, ungesund sei und sie in den ersten Wochentagen bei weitem -nicht die gleiche Arbeit verrichten könnten, als wenn sie Sonntags vorher -nicht getanzt hatten. - -Ich freute mich aufrichtig darüber und suchte ihre teilweise Abneigung -gegen den Tanz nach besten Kräften zu schüren. - -Ich habe alle Tanzböden von Chemnitz und Umgegend besucht, meinem -Prinzip getreu aber nie getanzt; ich fand die Fabrikarbeiterinnen viel -zugänglicher den Lehren gegen das Tanzen, die ich ihnen aufbaute, als alle -besseren Mädchen. - -Hingegen haben die Arbeiterinnen durchwegs eine große Vorliebe für -Theater, Cirkus und Tingeltangel; ihr liebster Vergnügungsort ist der -Schützenplatz, wo sie eine reiche Auswahl der verschiedensten Genüsse -finden, Carussel, Affentheater, Würfel-, Schlangen- und Zaubererbuden, -Tingeltangel und Messeresser. - -Das beste Lokal, das ich kannte, war das »Colosseum« in Kappel; es war -ein fein eingerichtetes Konzerthaus mit vorzüglicher Militärkapelle, -und am Nachmittag nur von ganz gutem Publikum besucht. Nach Beendigung -des Konzerts war Ball, bei welchem das Publikum sich bedenklich zu mischen -anfing. Man sah ehrbare Beamtenfamilien mit erwachsenen Töchtern, die die -Mutter lebhaft zum »Männerfang auf Lebenszeit« anhielt, allein gekommene -Ladenmädchen, andere mit ihrem »Liebsten«, Lieutenants in Civil, -=Commis-voyageur=, aber auch Dirnen in feinen Balltoiletten; ich halte das -Lokal überhaupt für kein solches, in welchem Arbeiterinnen verkehren; -die Mädchen, die dort _allein_ verkehren, treiben einen ganz anderen -»Beruf.« - -Im grellsten Gegensatz zu diesem Etablissement steht die »Kaiserkrone«, -ein Lokal, in welchem das schlimmste Gesindel verkehrt. Der Tanzsaal -befindet sich im ersten Stockwerk eines düstern Gebäudes; in dem elenden -Stück Hof, den man zu passieren hat, um zur Treppe zu gelangen, steht -ein altes verschnapstes Weib und bietet aus einem ekelhaft aussehenden -Kinderwagen, der ihr als Buffet dient, ihre zweifelhaften Speisen an. Die -Treppe selber ist schmal, schmutzig und winklig, mit ausgetretenen Stufen; -die Eingangsthür zum Saal niedrig und klein. Es ist kein Wunder, daß bei -Keilereien, die hier des öfteren vorkommen, stets einige der Streitenden -halb todt geschlagen werden, daß ein großer Teil mit Wunden »versehen« -heimkehrt. Auf der engen Treppe, in dem winkligen, dunklen Gange ist ein -Flüchten unmöglich, wer hier die Wut Mehrerer auf sich lenkt, ist so gut -wie verloren. - -Von allen meinen Mitarbeiterinnen, mit denen ich über die »Kaiserkrone« -sprach, verkehrte auch nicht eine dort; sie äußerten sich durchwegs -mit Ekel und Abscheu über dies Lokal, die meisten erklärten, »da gehen -anständige Mädels nicht hin«. - -Ich habe die »Kaiserkrone« drei Mal besucht in Gesellschaft meines -als Arbeiter verkleideten Mannes. Meist befanden sich dort cirka -40-50 Mädchen, verkommene Dienstmädchen, der gemeinste Auswurf der -Fabrikarbeiterinnen und zum größten Teil Soldatendirnen. Das männliche -Element bestand durchwegs aus Soldaten eines Infanterie-Regiments, die -wenigen Civilisten, die anwesend waren, schienen mir die Zuhälter der -Dirnen zu sein. - -Ich habe in meinem ganzen Leben keine so bestialisch rohen, gemeinen, jeder -Menschlichkeit baren Mädchen gesehen, wie hier, Gesichter, die das Laster -verzerrt hatte, schmutzige Frauenzimmer, deren oft elende Kleidung roch, -mit ungekämmtem Haar und einem Benehmen, das der Wahnsinn ihnen diktieren -muß. In der unglaublichsten, nicht wiederzugebenden Weise rempeln sie -die Soldaten an, die sich ihrer kaum erwehren können, vollführen sie vor -aller Augen die unsittlichsten Dinge. - -Es lag über dem ganzen Saal eine Atmosphäre des Schmutzes, des -grenzenlosen Lasters, der Bestialität, die den sittlichen Menschen zur -Verzweiflung bringt. Die Frauenzimmer, die dort verkehren, sind überhaupt -keine Menschen mehr, es sind Reptilien, Pestbeulen des öffentlichen -Lebens. Ich sah so manchen blühenden und hübschen jungen Soldaten, -den die schmutzigsten und teilweise verlumptesten Frauenzimmer, die alle -zwischen 30-40 Jahre sein mochten, in ihre Mitte nahmen und so lange -bearbeiteten, bis er mit ihnen verschwand. - -Es ist eine Nachlässigkeit des Staates, der Militärbehörden, daß sie -derartige Lokale nicht verbieten, und dem moralischen Morde Hunderter ruhig -zusehen. - -Was nützt es, die Soldaten am Morgen auf Kommando in die Kirche zu -führen, wie eine Herde Schafe zur Tränke, um sie am Nachmittage dem -erbärmlichsten Laster ruhig zu überlassen? Was nützt es, daß der -Soldat zur Reinlichkeit und zur Ordnung mit militärischer »Disciplin« -angehalten wird, wenn er am Nachmittage ungewarnt und unbehindert Elend, -Gift und Pestilenz holen darf? - -Warum sieht die allwissende Polizei den Bettler, der halb verhungert ein -Almosen erbittet, aber nicht jene Lasterhöhlen, wo das Volk sich den -Untergang holt, wo die Söhne des »sittlichen« Deutschlands die Seuche -herholen, die sich weiter und weiter ins Volk frißt? Man fängt die arme -Streichholzverkäuferin auf der Straße gar bald ab, aber man läßt jene -giftigen Spinnen der menschlichen Gesellschaft ruhig weiter vegetieren in -ihrem Netz, trotzdem ein jeder ihrer Stiche zur Blutvergiftung führt. - -Man philosophiert, wie gesagt, über alle diese Dinge, aber man handelt -nicht; man begnügt sich mit dem heuchlerischen Grundsatz: »Was mich -nichts angeht, rühr' ich nicht an«, man forscht den Ursachen nicht -nach, die die Vertreterinnen der »Ideale« zu den niedrigsten -Geschöpfen gemacht haben! _Die Prostitution ist ja immer noch das einzige -Ableitungsrohr, um der Arbeitsnot und dem Mangel an weiblichen Berufsarten -abzuhelfen und einzulenken in andere Wege._ - -Ich sprach kürzlich mit einem sehr vornehmen _konservativen_ Herrn, der -selber Vater von zwei Töchtern ist. »_Das thut ja nichts_,« meinte er -menschenfreundlich, »_daß die Löhne für weibliche Arbeiter so gering -sind; die Frau findet immer Mittel und Wege, um sich durch einen Schatz das -notwendigste geben zu lassen, dumm genug, wenn sie einen wählt, der nichts -hat! Der Mann aber kann das nicht, darum muß er mehr verdienen als die -Frau!_« - -Und ein anderer Menschenfreund, ein Apotheker, der nebenbei Millionär ist -und seine 6 älteren Töchter mit 18 Jahren durchschnittlich verheiratet -hatte, sagte mir: »Ich kann gar nicht begreifen, warum man eine -Frauenfrage für nötig hält und behauptet, den Frauen stünden nicht -genug Berufe offen. Ich habe sieben Töchter und habe mir nie Sorge -gemacht, um für sie Berufsarten herauszufinden; ich habe sechs Mädchen -verheiratet und hoffe, daß auch die jüngste einen Mann finden wird, ohne -einen Beruf ergreifen zu müssen.« - -Man weiß nicht, soll man darüber lachen oder empört sein, ich glaube, -die Millionen haben den Mann so dumm gemacht! - -Aber so ist es, die Frauenfrage ist eine Ausgeburt verrückter Köpfe und -die Prostitution ein weiblicher Beruf! Man lernt immer wieder Neues! -- - -Ich besuchte auch öfters die »Linde«, ein großes Tanz-Etablissement -anständigster Art; hier verkehrten ausschließlich Fabrikmädchen und -Fabrikarbeiter, einige Unteroffiziere und geringe Kaufleute. - -Der Ton war anständig, die Mädchen saßen ruhig an den Tischen und -unterhielten sich, ab und zu einen Tanz machend, wozu sie ihr Kavalier -unter einer Verbeugung abholte und ebenso höflich zurückführte. Die -Mädchen tanzen hübsch, selbst graziös, es kam nie zu wilden Hopsereien, -wie es in Bauernschenken vorkommt; es wurde sehr wenig getrunken, ich fand -hier, wie auch im »Bellevue«, daß die Arbeiterinnen häufiger sogar -Kaffee als Bier tranken. In beiden Lokalitäten war, wie gesagt, das -Arbeiterelement stark vertreten, Militär dagegen kaum anzutreffen. - -An einem der Sonntage hatte ich in der »Linde« ein neben mir sitzendes -Mädchen beobachtet, das »herrenlos« hingekommen war und fremd zu sein -schien. Sie sah furchtbar dumm aus, wagte kaum, um sich zu sehen und schien -noch keinen Schatz besessen zu haben. Es dauerte nicht sehr lange, bis ein -»Herr« sich zu ihr setzte, ihr ein Glas Bier kommen ließ und sie in den -Bann seiner Beredsamkeit zog. Ich verlor sie aus den Augen und hatte nur -noch bemerken können, daß sie dem Verführer schon viel freundlicher -antwortete und auf dem besten Wege war, mit ihm »gut Freund« zu sein. - -Am Sonntage darauf besuchte ich das »Elysium«, ich traf dort jenes -Mädchen, das wieder allein an einem Tisch saß. Heute blickte sie schon -viel kühner um sich, sie lachte jeden an, der sie ansah; sie trug eine -Korallenkette, rosa Schleifen an der Brust und im heute gelockten Haar, -das vor 8 Tagen einfach gescheitelt war. Sie hatte jedenfalls an dem einen -Nachmittage viel »gelernt«, sie war auf dem besten Wege, abwärts zu -kommen. An jenem Nachmittage tanzte, scherzte und sprach sie mit mehreren, -ließ sich auch von verschiedenen Seiten Bier bezahlen. - -Ich hatte die Geschichte schon beinahe vergessen, als ich 3 Wochen später -das »Colosseum« besuchte und zu meinem größten Erstaunen jenes Mädchen -am Arme eines Herrn (zweifellos ein Referendar oder Lieutenant in Civil, -da er Schmisse hatte) sah, fein gekleidet, mit Talmischmuck überladen, das -Haar kurz geschnitten, das Gesicht bemalt. =Sapienti sat!= Sie war -»klug« gewesen und hatte in Folge dessen schnell Carrière gemacht, eine -»dümmere« wäre nicht so schnell »gestiegen«. -- - -Mehrere aus der Fabrik hatten mir geraten, da ich keinen Schatz besaß, das -»Elysium« aufzusuchen, es sei dies ein Lokal, in welchem man leicht und -schnell Bekanntschaften machen könne. So biß ich denn in diesen sauren -Apfel und begab mich ins »Elysium«; mein Mann saß an einem Nebentisch -hinter einem Pfeiler. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich von einem -Herrn angesprochen wurde, der mich frug, ob ich auf meinen Schatz warte; -ich verneinte. »Dann können wir gleich beisammen bleiben,« fuhr er fort, -»ich habe Geld, ich kann was draufgehen lassen.« Er hatte eine goldene -Uhr mit schwerer goldener Kette, feingepflegte weiße Hände und trug einen -goldenen Zwicker. Ich hielt ihn für einen höheren Beamten, vielleicht -einen Assessor, trotzdem er mir versicherte, er sei Aufseher in einer -Fabrik. Wir gehörten jedenfalls beide in die gleichen Gesellschaftskreise, -glücklicher Weise ahnte mein Kavalier nicht, daß ich ihn erkannte. - -Auch die übrigen Herren, die mich in den Pausen behelligten, schienen -keineswegs Arbeiter zu sein, sondern sogenannte »feine« Leute. Ich merkte -daher bald, daß die »leicht zu machenden Bekanntschaften« sich nicht auf -die Arbeiterkreise bezogen, sondern von anderer Seite zu ganz anderem Zweck -gesucht wurden. -- Ueberhaupt ist die »Sitte des Attakierens« unter den -Arbeitern bei weitem nicht bekannt und beliebt, wie unter den Studenten und -sonstigen jungen Herren. Man macht seine Bekanntschaft in der Fabrik, -bei Freundinnen oder bei anderen festlichen Anlässen in einem Lokal; -gewöhnlich werden die Schätzelosen von Bekannten mit Kavalieren versorgt, -eine weniger gesuchte Art der Bekanntschaft. - -Auf dem Schützenfest, das glücklicher Weise in die Zeit meines Chemnitzer -Aufenthaltes fiel, fand ich die Arbeiterinnen aller Fabriken, in denen -ich gewesen, vertreten. Sie zeigten ein besonderes Interesse für -eine Tingeltangelbude, in welcher vier gemein und verkommen aussehende -Frauenzimmer in kurzen Tricotkleidern die abscheulichsten Zoten sangen. - -Trotz der Vorliebe für derartige Vergnügungen besprachen sie in -vernünftigster Weise das Leben jener Tingeltangelsängerinnen und -erklärten einmütig, mit keiner einzigen tauschen zu wollen. - -Sie verspielen sehr viel Geld an den Würfelbuden; es geht ihnen wie den -Hazardspielern; wenn sie für den Einsatz von 10 Pfennig einen Gegenstand -zu 50 Pfennig gewonnen haben, so würfeln sie fiebernd weiter, immer in -der Hoffnung, noch weiteres zu gewinnen; zuletzt haben sie ihren Gewinn -doppelt so hoch bezahlt, als sie in einem Laden für den gleichen -Gegenstand gegeben hätten. - -Die meisten der Mädchen spielen in Lotterien, und wenn der Einsatz auch -nicht hoch ist, so ist der Verlust von 2 oder 3 Mark allmonatlich für -sie doch kein geringer Schaden. Sie hoffen alle auf das große Los oder -wenigstens auf einen Gewinn, der es ihnen ermöglicht, von ihrem Gelde -zu leben. Ich kannte alte Frauen, die angestellt waren zur Reinigung der -Fabrikräume, frühere Arbeiterinnen, die seit 30 Jahren in der Lotterie -spielten, die sich alles am Munde absparten und die Hoffnung auf den -großen Gewinn doch nicht fahren ließen. - -Wenn ich die Vergnügungen der Arbeiterinnen im Geiste resumiere und in -Vergleich ziehe mit der Arbeitszeit der ganzen Woche, so muß ich betonen: -_daß die Vergnügungssucht der Mädchen aus dem Volk bei weitem nicht so -entwickelt, blasiert und doch anspruchsvoll ist, wie bei den Mädchen -der besseren Kreise, und daß diese sich absolut nicht »mit Ekel von der -häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volk« abzuwenden brauchen_. - - - - -Dreizehntes Kapitel. - -Die Hausindustrie. - - -»Wenn ich überhaupt die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben -der Familie hoch anschlage, so gilt das besonders für den Arbeiterstand. -Während in den höheren Ständen noch andere veredelnde Einflüsse und -Motive sich geltend machen können und müssen, so ist bei dem Arbeiter -die Frau fast ausschließlich die Hüterin der _Sittlichkeit_ und des -_Gemütslebens_.« - -Dies ungefähr waren die Worte, die =Dr.= Brinkmann in seinem Vortrage -in Konstanz »Die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben -der Familie« aussprach. Ich führe diese Worte hier an, weil ich die -Hausindustrie mit ganz anderen Augen betrachte, als die Arbeit in der -Fabrik, weil sie den Frauen die Möglichkeit giebt im Hause zu bleiben und -die Kinder ständig zu bewachen. - -Die Vertreterinnen der Hausindustrie sind fast durchwegs auf dem Lande zu -finden, und, wie ich schon erwähnte, unter den verheirateten Frauen. - -In den dürftigen, ländlichen Wohnungen herrscht Reinlichkeit, d. h. -immer im Verhältnis zur Reinlichkeit der Stadtarbeiter gesprochen. Im -großen Wohnraum dieser kleinen Häuser arbeiten die Frauen an ihrer -Nähmaschine, die eine den ganzen Tag, andere nur am Nachmittag, wieder -andere bloß in den Pausen, die ihnen das Besorgen der Haushaltung und -der Kinder läßt; doch sind diese Arbeiterinnen seltener, weil die -Näherinnen, die größtenteils feine Ware in Arbeit bekommen, rein -gekleidet sein und mit reinen Händen die zartfarbenen Handschuhe -behandeln müssen. Ein Fortspringen vom Kochtopf oder einer schmutzigen -Küchenarbeit, um womöglich einen Handschuh zu steppen, ist deswegen ein -Ding der Unmöglichkeit. Gewöhnlich richten sich die Frauen nach einem -festen Tagesprogramm, wonach sie Morgens und Nachmittags gewisse Stunden -hindurch an der Maschine und die übrige Zeit im Haushalte arbeiten. - -Ich fand den Unterschied zwischen den Wohnungen der Hausarbeiterinnen -und der Fabrikarbeiterinnen bedeutend, und dieser Unterschied in der -Wohnlichkeit trat, je nach der Kinderzahl, mehr oder minder deutlich -hervor. Die Frauen haben es hier auch leichter, Ordnung zu halten, da sie -im Platz bei weitem nicht beschränkt sind, wie die Stadtfrauen. In den -kleinen Arbeiterhäuschen sind die Schlafkammern hell und luftig, die -Eltern schlafen mit den kleinsten Kindern in der einen, die größeren -Kinder in der anderen Kammer zusammen. Der Unterschied der Geschlechter -wird mehr gewahrt als in der Stadt, wo die teuren Wohnungspreise Familien -zum Halten von Schlafburschen treiben. Die Kinder sind durchweg blühend -und dick, sie tummeln sich von früh bis Abends auf der Wiese, laufen mit -den Hunden um die Wette und balgen sich mit den Katzen herum. Sie -werden auch in der Kleidung reinlicher gehalten; in großen Städten mit -starkbevölkerten Mietskasernen ist der Trockenraum immer in Anspruch -genommen, das Wäschewaschen wird zum Ereignis, das in regelmäßigen -Pausen wiederkehren muß, und wo infolge dessen mit der Wäsche gespart -wird. - -Alle diese kleinen Punkte wirken jedoch äußerst intensiv auf das -Familienleben; der Mann findet Mittags beim Heimkommen das einfache Mahl -fertig auf dem Tisch, er kann sich ruhig noch ein halbes Stündchen legen, -neu gestärkt und in guter Stimmung geht er wieder zur Fabrik zurück, um -am Abend Erholung im reinlichen Heim zu finden, bei einer Frau, die sich -nicht abgearbeitet und abgehetzt hat und nicht ärgerlich, aufgeregt und -gereizt ist. Der Familienvater bleibt zu Hause in Mitten der Kinder, die -Frau sitzt dabei an der schnurrenden Nähmaschine, -- ein friedliches -Familienbild, wie es sich das abgehetzte Stadtarbeiterpaar kaum denken -kann. - -Der Mann fühlt hier die Annehmlichkeiten des Familienlebens, er sieht in -den Kindern nicht eine Last, die ihm durch die Ehe entstanden, in der -Frau nicht nur ein Wesen, das er versorgen und für das er arbeiten soll, -sondern er fühlt, daß er nach allen Schicksalsstürmen hier allein -geborgen ist, und daß die Ehelosigkeit ein Zustand der Unvollkommenheit -ist. - -Dies bessere Zusammenleben wirkt nicht allein günstig auf die -Kindererziehung, sein Segen fällt in erster Linie auf die Frauen selber -zurück, die sich nicht als gequälte Lasttiere und Dienstmägde des Mannes -fühlen, sondern als Mitarbeiterin in der Familie. - -Und deswegen betonte ich zu Anfang dieses Kapitels, daß die Hausindustrie -unsern Bestrebungen günstig ist, weil sie uns einen leichter zu -bearbeitenden Boden verbietet. - -Die Frauen tragen dergestalt _viel_ dazu bei, daß Sittlichkeit und -Familienliebe im Hause walten, sie sind es, die dem den ganzen Tag in der -Fabrik arbeitenden Manne _das Gemüt erhalten_. Und wenn es auch tief -zu beklagen ist, daß sich diese armen Frauen nicht voll und ganz ihren -Pflichten als Gattin und Mutter widmen können, so ist der Vorteil, im -eignen Hause arbeiten zu können, statt den ganzen Tag, fern von den -Kindern zu weilen, doch ein unberechenbarer. - - - - -Vierzehntes Kapitel. - -Stellenlos. - - -Stellenlos! Ein kleines Wort, daß das Elend so vieler kennzeichnet, -das uns bange, traurige Geschichten erzählt von Not, Verzweiflung und -Selbstmord! Ich habe bis dahin viel vom Elend stellenloser Lehrerinnen, -Gouvernanten und ähnlichen »besseren Dienstboten« gehört, vielfach -erfahren, daß stellenlose Verkäuferinnen, Näherinnen und Putzmacherinnen -in die Arme des Lasters gefallen sind, ich habe vom Selbstmord stellen- und -heimatloser Dienstmädchen gehört -- aber sie alle repräsentieren noch -nicht die Vertreterinnen des Elendes, dem die stellenlose Fabrikarbeiterin -entgegensieht. - -Ich habe meine Mitteilungen nicht vom Hörensagen oder aus dem Munde meiner -Genossinnen erhalten; was ich mitteile, _habe ich selber erlebt, es deckt -sich mit dem, was mir die andern erzählten_. - -Eines Morgens, nachdem ich den Fabriken Lebewohl gesagt und mir so viel -Kenntnisse gesammelt hatte, um mich eventuell als Arbeiterin dieser oder -jener Branche auszugeben, machte ich mich auf den Weg »um Stellung zu -suchen«. - -Ich ging zuerst in das Nachweisbureau einer Frauen-Stiftung, der dort -waltenden Vorsteherin mitteilend, ich sei Hefterin. Sie behandelte mich -von oben herab, nichts weniger, denn in Menschenliebe redend, gab mir kaum -Antwort und frug mich nur sofort, ob ich im Heim Obdach nehmen wolle bis -ich Stellung gefunden; ich verneinte. Sie würdigte mich kaum mehr einer -Antwort, wies mich in die Parterre-Lokalitäten, wo ich »Näheres« -erfahren würde und rauschte durch eine Seitenthür hinaus. Etwas -verblüfft setzte ich mich unten an einen der Tische; das große Lokal -glich täuschend einer Wirtsstube, abgesehen davon, daß an den Wänden -Sprüche standen, als da sind: »Kommet her zu mir, die ihr mühselig und -beladen seid, ich will euch erquicken.« - -»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.« - -»Was ihr einem der Geringsten unter euch gethan, das habt ihr mir -gethan.« - -Ich beschwichtigte mein bang klopfendes Herz durch die Hoffnung, daß die -Besitzerinnen dieser Räume nach den schönen Sprüchen handeln und mich -als der »Geringsten einer« mit Rat und Hülfe unterstützen würden. - -Der Saal war leer, ich erquickte mich an der wohlthuenden Kühle, die in -dem Raum herrschte, ohne von den auf jeden Tisch ostentativ hingelegten -Bibeln Gebrauch zu machen. - -Nach ungefähr einer halben Stunde erschien eine Persönlichkeit in -absurder Kleidung, halb nonnenhaft und halb der einer Pfarrköchin -gleichend; sie hatte auch dasselbe Heuchlergesicht jener und frug mich -sanft aber unfreundlich, was ich trinken wolle. - -»Nichts,« erwiderte ich, in Vorahnung dessen, das da kommen sollte. - -»Sind Sie hier in Logis?« frug sie; ich verneinte. - -»Dann dürfen Sie hier nicht bleiben, ohne etwas zu nehmen,« entgegnete -sie, vollständig aus der frommen Tonart fallend und ganz »Dragoner« -werdend. Sie hätte mich jedenfalls aus lauter Habgier hinausgeschmissen, -wenn ich nicht endlich doch Zuflucht zu einer Tasse Kaffee genommen hätte. -Als ich den sehr bedenklich nach Mocca duftenden Trank schlürfte, wagte -ich die schüchterne Frage, ob sie nichts von Stellen wisse, für die ich -mich allenfalls melden könnte. - -»Nu nee,« schnurrte sie. - -»Aber die Dame oben sagte, hier unten erhielte ich Auskunft,« wagte ich -schüchtern zu bemerken. - -»Die Dame?« frug sie gedehnt. »Das gnädige Fräulein wollen Sie sagen! -Aber jetzt haben wir nur Stellungen für Dienstmädchen, und auch die -bekommen erst die Mädchen, die hier in Logis sind.« - -Ich wagte darauf hinzuweisen, daß doch das Haus eine religiöse -Stiftung sei, und daß über der Thür stände: »Asyl für Obdach- und -Stellenlose,« oder so ähnlich. - -»Na,« fuhr sie mich wütend an, »jeder, die herkommt, können wir nicht -Stellung besorgen; der Herr Pfarrer muß uns Mädchen empfehlen.« - -»Wo wohnt denn der Herr Pfarrer?« frug ich hartnäckig. - -Sie gab mir, ärgerlich über meine Impertinenz, die Adresse zweier -Geistlichen an, die ich sofort aufsuchte. - -Der eine der Gottesmänner hielt Mittagruhe, das schnippische Mädchen -erklärte mir, sie wisse überhaupt nicht, wann der Herr Pfarrer für -»Arme« zu sprechen sei. - -Der zweite war glücklicher Weise huldvoll geneigt, mich zu empfangen; er -blieb gelassen würdevoll in einem Lehnstuhl sitzen, rieb sich die fetten -Hände und hatte auf alle meine Bemerkungen nur ein salbungsvolles »So, -so« bereit. - -Als ich in meinem Bericht geendet, erklärte er mir: »Es ist eine schwere -Zeit für _uns Fromme_ gekommen, wir sollen Stellungen besorgen und können -es doch nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, Leute zu empfehlen, die wir -nicht kennen. Ich kann Ihnen leider heute gar keine Auskunft über etwaige -Stellungen geben; bleiben Sie aber tugendhaft, so wird der Herr Sie -beschützen; der die Lilien auf dem Felde kleidet, der wird auch Sie -ernähren und kleiden. Gehen Sie mit Gott, meine Tochter, und sollten Sie -wieder eines guten Rates bedürftig sein, dann kommen Sie getrost zu mir, -ich schicke keinen Hülfesuchenden von meiner Schwelle.« - -Damit war ich entlassen. Ich weiß nicht, ist derjenige, der die Armen -_nicht_ empfangen will, oder derjenige, der sie _so_ empfängt und -_unterstützt_ der größere Pharisäer? -- - -Ziemlich deprimiert suchte ich eine fürchterlich verkommen aussehende -Herberge für Arbeitslose auf. Der niedrige, halbdunkle Raum, in welchem -einige schmutzige Tische und ein paar wacklige Stühle standen, war von -Tabaksqualm erfüllt, daß man mit den Blicken die dicke Wolkenschicht kaum -durchdringen konnte. Ich setzte mich zu zwei nicht gerade sehr einladend -aussehenden Frauenspersonen, deren jede aus einer Blechschüssel Suppe -aß. Sie musterten mich mißtrauisch von der Seite und flüsterten leise -zusammen; die ältere mochte 35, die jüngere 30 Jahre zählen. Als sie -ihre Suppe ausgelöffelt und sich erhoben hatten, um fortzugehen, nahm ich -meinen ganzen Mut zusammen, zupfte die eine am Ärmel und frug: »Wissen -Sie nicht, wo man Arbeit bekommt?« Wider Erwarten freundlich, setzten sie -sich wieder hin, und die eine meinte: »Nee, wir suchen selber Arbeit, wir -wollen eben zu S.... gehen, dort sucht man Arbeiterinnen. Was sind Sie?« - -»Hefterin«, war meine Antwort. - -Da stellte es sich heraus, daß sie auch Hefterinnen waren; nun hatte ich -leichtes Spiel. Ich ließ Bier kommen und machte ihnen dann das Anerbieten, -gemeinsam auf Arbeitsuche zu gehen, worin sie einwilligten. Beide waren -seit cirka 14 Tagen stellenlos, die eine, weil die Fabrik keine Arbeit -mehr hatte, die andere, weil sie krank gewesen war. - -Wir suchten mehrere Fabriken auf, natürlicher Weise nur solche, in denen -ich noch nicht gearbeitet hatte. - -In der ersten wurde uns kurz der Bescheid, daß neues Personal nicht -angenommen werden könne. Im zweiten Etablissement ging es uns schlechter; -wir hatten das Thor der Fabrik kaum passiert, als ein dicker Portier auf -uns zuschoß und uns anfauchte: »Was wollt Ihr hier, Arbeit giebts -nicht, raus, raus!« Dabei klopfte er wohlgefällig den Staub von seiner -livreeartigen Kleidung. - -»Na, wir wollen doch mal im Comtoir fragen«, sagte eine meiner -Begleiterinnen. - -»Nichts, nichts«, schrie der erboste Cerberus, »'s wär' noch schöner, -wenn alles Lumpengesindel ins Comtoir rennen würde. Macht, daß Ihr -fortkommt!« - -Und wir gingen, die beiden Frauen niedergeschlagen und hoffnungslos, ich um -eine Erfahrung reicher. - -In den meisten anderen Fabriken wurde uns kurz erklärt, daß wir keine -Arbeit bekommen könnten, ohne daß man uns jedoch grob behandelt hätte. -Aber wo wir auch hinkamen, hörten wir die gleiche Klage, es wurden eher -Arbeiterinnen entlassen, denn angenommen. - -Die eine der beiden Frauen hatte zwei uneheliche Kinder, für die sie -sorgen mußte, die andere wohnte in Schlafstelle, die sie schon seit einer -Woche schuldig geblieben war, und wo man ihr bereits mit Zurückhaltung -ihrer Effekten gedroht hatte. Ich machte beiden den Vorschlag, uns um -Stellungen als Dienstmädchen zu bewerben; aber da kam ich schön an. -Lieber wollten beide hungern und ihre Sachen verkaufen, denn sich in -Tyrannei begeben; ich glaube, daß sie zu verkommen waren, um sich in einer -geregelten Häuslichkeit wohlzufühlen. Ich verließ sie und suchte eine -mir von den Mädchen empfohlene Vermieterin auf; diese Frau sollte unter -der Hand Stellung, speziell in Fabriken vermitteln. - -Die Frau wohnte im vierten Stock einer jammervollen Mietskaserne; auf einem -Papierstreifen, der an der Zimmerthür klebte, stand: Frau Mehlig, Wittwe. -Ich klopfte an; nach einigen Minuten öffnete man die Thür, in der Spalte -wurde ein Frauenkopf sichtbar, eine sanfte Stimme frug: »Zu wem wollen -Sie?« »Zu Ihnen«, entgegnete ich. Ich habe später erfahren, daß das -die Antwort war, die man geben mußte, um Eintritt zu der Wahrsagerin --- das war sie nämlich -- zu erhalten; durch Zufall hatte ich die Form -gewählt. - -Die Stube, in die ich trat, war einfach aber gut möbliert, Heiligengebilde -hingen an den Wänden, über dem Sopha prangte ein Christuskopf aus Gips. -Weiße Vorhänge, mit zierlichen roten Schleifen zusammengerafft, blühende -Blumen vor den Fenstern und ein Kanarienvogel im blanken Messingbauer, -gaben dem Stübchen jenes Behagliche, Lauschige, wie ich es immer nur in -der Behausung der vielgeschmähten alten Jungfern fand. - -Die Bewohnerin dieses Raumes verriegelte von innen die Thür und holte dann -ein Spiel Karten vor. - -»Ich komme nicht deswegen,« sagte ich, auf die Karten deutend, »ich -wollte gern eine Stellung in einer Fabrik haben.« Ihr »Ach so« klang -merkwürdig verändert, daß ich mir nicht klar werden konnte, ob es -Enttäuschung oder Genugthuung ausdrücken sollte. Sie sann eine Weile nach -und meinte dann: - -»Ja, können Sie mir auch zuerst zwei Mark »Antrittsgeld« zahlen?« - -Ich holte zwei Mark aus meiner Tasche und legte sie auf den Tisch. Die -»Dame« lächelte liebevoll, nahm aber schleunigst die zwei Mark zu sich! -Nach einer Weile sagte sie freundlichst: »Ja, mein gutes Kind, ich wüßte -schon Arbeit für Sie, aber da muß ich erst einen Brief schreiben.« Sie -holte Papier heraus und malte eine halbe Stunde lang die fürchterlichsten -Hieroglyphen darauf; dann couvertierte und _versiegelte_ sie den Brief und -übergab ihn mir geheimnisvoll. - -»Gehen Sie damit zu Herrn M...., er ist Aufseher in der S.'schen Fabrik; -geben Sie ihm den Brief ab und warten Sie auf Antwort; aber passen Sie auf, -daß es keiner merkt.« - -Ich hatte Tags darauf jenen Aufseher, einen verkommen und verschmitzt -aussehenden rothaarigen Menschen, aufgesucht, und ihm den Brief -überreicht. Er las ihn, schmunzelte, las ihn nochmals und bemusterte mich -dann von Kopf zu Füßen. - -»S' ist gut,« ließ er sich endlich hören, »sagen Sie der Frau M., die -Stelle sei lila!« - -Ich merkte sofort, daß das »lila« sich auf irgend eine Gaunerei bezog, -allein ich spielte die freudig Hoffende und ging nochmals zu meiner -»Stellenbesorgerin«. Auf das »lila« hin, bewirtete sie mich mit einer -Tasse Kaffee und einer »Butterbemme« und rückte dann, während ich -tafelte, mit ihrem famosen Anerbieten heraus. _Ich sollte ihr, wenn ich -die Stellung erhielt, den ganzen Wochenlohn der ersten Woche geben und -dem Aufseher den der zweiten Woche._ Ich ging darauf ein und bezahlte -ihr vorläufig die Hälfte jenes ersten Wochenlohnes, den sie mit 3 Mark -berechnete. Als ich dann zum Aufseher zurückkam und ihm sagte, daß Alles -in Ordnung sei, teilte er mir das Nähere über die Art der Stellung mit. -Darnach sollte _ich täglich den großen Fabrikhof kehren, wofür ich -wöchentlich 2 Mark erhalten sollte_. Man denke sich in die Lage eines -armen, alleinstehenden und im Orte vollkommen fremden Mädchens (wofür -sie mich hielten), wenn es in den christlichen Hospizen solche liebevolle -Unterstützung findet, _wo_ muß es dann Rat und Hülfe suchen und finden, -wenn es in die Hände von Gaunern fällt? Es verwickelt sich so tief in die -Netze solcher Räuberinnen, daß es zuletzt selbst einsieht, daß es auf -anständige Art und durch anständigen Erwerb nicht los kommen kann, _es -muß sich prostituieren_. -- - -An jenem Tage besuchte ich noch ein »Café«, unter den Arbeiterinnen die -»Ruhehalle« spottweise genannt. Dort versammelte sich gewöhnlich das -arbeitscheue Gesindel und die stellenlose Armut. An dem Tage, an dem ich -das Lokal besuchte, fand ich nur fünf Gäste vor, drei Frauenspersonen -und zwei Männer. Der eine, ein Mann in mittleren Jahren, in hübschem, -hellgrauem Anzug, hohem Filzhut und braunen Glacéhandschuhen, schien -ein stellenloser Buchhalter zu sein; er aß mit Heißhunger eine Portion -elenden, übelriechenden Käse. - -Der andere, ein junger Arbeiter mit ausgesprochener Banditen-Erscheinung, -saß vor einem Glase Schnaps und las ein sozialdemokratisches -Arbeiterblatt. Dann und wann stieß er wilde Flüche gegen die Regierung -und gegen die Gesetze aus, stampfte dazu mit dem Fuße und nahm einen -Schluck aus seinem Schnapsglas. - -Zwei der Frauenspersonen saßen zusammen in der dunkelsten Ecke des Raumes, -beide arm aber sauber gekleidet, beide strickend. Sie waren jedenfalls -obdachlos und hatten vor dem strömenden Regen Schutz gesucht in jenem -Lokal. Man sah ihnen den Hunger am Gesicht an, und obgleich beide das -dreißigste Jahr schwerlich überschritten haben mochten, waren es doch -alte verblühte Frauen. Ich setzte mich zu den beiden, bestellte Kaffee -und stieß ab und zu einen tiefen Seufzer aus; als dies unberücksichtigt -blieb, holte ich aus meiner Tasche einige Münzen hervor, die ich vor mich -auf den Tisch legte und sorgenvoll zählte. »Na«, wandte ich mich dann an -die eine, »wissen Sie vielleicht, was ein Butterbrot kostet?« - -»Sechs Pfennige«, murmelte sie tonlos. - -»Dann langts noch«, meinte ich leichthin, »ich habe noch -siebenundzwanzig Pfennige.« Die Frauen sahen habgierig nach dem Gelde. -»Ja«, sagte die ältere, »wenn wir nur noch so viel hätten! Uns langts -nicht mal zu 'ner trockenen Bemme!« - -»Sind Sie denn arbeitslos?« frug ich. - -»Vier Wochen schon«, entgegnete sie. »Eine Schlafstelle habe ich auch -nicht mehr, meine Sachen hab' ich verkauft, denn ich mußte jede Nacht -zwanzig Pfennige im Schlafsaal zahlen; und man muß doch auch etwas essen, -wenns auch nur trockenes Brot ist, das Geld geht doch fort!« - -»Was sind Sie denn«, frug ich, »und warum haben Sie keine Arbeit?« - -»Wir sind Falzerinnen«, entgegnete nun die andere, »wir wurden -entlassen, weils nicht genug Arbeit gab; wir laufen den ganzen Tag nach -Arbeit rum, aber jetzt haben wir's aufgegeben, Arbeit finden wir doch -nicht und vom Herumlaufen bekommt man nur größeren Hunger. Ich hatte -eine Aufwartestelle auf acht Tage, aber dann fand der Herr eine jüngere, -hübschere, da hab' ich gehen müssen. Ich hab' alles versucht, um Arbeit -zu finden, aber man kommt in vier Wochen zu sehr herunter, wenn man jede -Nacht in einer anderen Herberge schlafen muß; man kann die Wäsche nicht -wechseln und sich kaum waschen, da will einen schließlich keiner!« - -Die andere hatte einen ganz ähnlichen Roman zu erzählen, nur daß sie -noch hinzufügte: »Ich wart' noch ein paar Tage, wenn's dann nicht besser -wird, gehe ich zu den böhmischen Maurern, die nehmen einen mit in die -Schlafstelle und geben einem noch zwanzig Pfennige! Jetzt hab' ich noch -nicht den Mut dazu, denn 's ist doch nicht leicht, so »Eine« zu werden, -wenn man sich immer sein Brot ordentlich verdient hat. Aber schließlich -thut man's aus Verzweiflung; und ist das erste Mal überwunden, dann geht's -schon leichter.« Sie stützte ihren Kopf in die Hand und schien sich -durch ihre Mitteilsamkeit Mut zusprechen zu wollen zu ihrem schrecklichen -Vorhaben. Ich ließ jeder eine Portion des elenden Käses kommen, so -leid es mir that, ihnen nichts besseres geben zu können. Wären sie -mißtrauisch geworden, so hätte die Mitteilsamkeit schnell abgenommen. -Heute vielleicht treiben sich die beiden in der »Kaiserkrone« herum und -spielen die frechsten, weil sie die hungrigsten sind. -- - -Das sind die Früchte der Humanität, die lebenden Beweise für das -»segensreiche« Wirken jener »christlichen« Asyle für Obdachlose, -die wohl Geld genug haben, um eine Vorsteherin in schwarzer Seidenrobe zu -erhalten, aber nicht genug, um armen, verkommenen Stellenlosen einen Teller -Suppe zu reichen! - -Ihr Heuchler und Pharisäer, was schmäht Ihr die wenigen ideal schönen -Stellen der Bibel durch Profanation, indem Ihr sie an _Eure_ Wände -schreibt?! Werft das Maskengewand von Euch und malt an Eure Wände: -»Hier werden Frömmler und Heuchler aufgenommen oder solche, die uns Geld -einbringen.« - -Vielleicht würden dann die meisten, die sich als Ende des Liedes -der Prostitution in die Arme werfen, lieber das sanfte Antlitz der -scheinheiligen Frömmigkeit wählen! Die heuchlerische Frömmigkeit ist gar -oft ein Kapital, das gute Zinsen trägt! So kannte ich in Berlin mehrere -Fabrikarbeiterinnen, die, so oft sie stellenlos waren, mit »heiligem« -Eifer die Versammlungen der Methodisten besuchten, weil die wirklich -Frommen sie unterstützten und ihnen auch Arbeit verschafften; sobald die -Mädchen Verdienst gefunden hatten, ließen sie die braven Methodisten -brave Menschen sein. - -Der Haß gegen die Geistlichen hat aber unter den Chemnitzer Arbeiterinnen -zu tief Wurzel gefaßt, als daß sie sich so leicht und schnell unter deren -Banner flüchten würden; die Geistlichen und jene »christlichen Vereine« -thun _zu wenig_, um sich dem offen gegen sie arbeitenden Haß auszusetzen, -_zu viel_, um die Mädchen heranzuziehen. - -Die stellenlose Erzieherin kann immer noch eine Stelle als Kinder- oder -Stubenmädchen, als Bonne oder Schreiberin nehmen, ehe sie der Verzweiflung -in die Arme fällt. Die stellenlose Arbeiterin jedoch ist, findet sie nicht -bald wieder Beschäftigung, rettungslos verloren, mag es so oder so -kommen. Ihr ist die Möglichkeit benommen, irgend einen anderen Posten zu -bekleiden, selbst wenn sie außer ihrer Branche arbeiten will -- sie kann -es nicht! Sie ist einseitig und mechanisch für ihr Fach herangedrechselt -worden, sie hat sich in guten Zeiten um andere Arbeiten nicht bekümmert -und auch aus Zeitmangel nicht bekümmern können -- sehe sie nun, wie -sie durchkommt. Ob sie sich schändet, ob sie stiehlt, ob sie trügt, -sie fällt der Polizei eines Tages doch in die Hände, die sie, das -arbeitslose, aber _anständige_ Mädchen, so gern übersah. - -Es giebt auch für jene armen Verlassenen keine andere Art der -Stellensuche, als die, von Haus zu Haus, von Fabrik zu Fabrik zu gehen und -um Arbeit zu bitten. Ein Mädchen, das im Elternhause lebt, kann diese Art -der unfreiwilligen Spaziergänge schon eine Zeitlang aushalten, es -findet immer wieder Obdach und die notdürftigste Nahrung; aber die -alleinstehenden Frauen haben nur zwei Wege, die sie ans Ziel führen: -_moralischer Tod_ oder _leiblicher Tod_! - -Und es wird so bald nicht anders werden! So lange die Männer die Frauen -unterdrücken, so lange männliches Aufsichtspersonal in Fabriken die Macht -und das Recht hat, die Arbeiterinnen, die ihnen aus irgend welchen Gründen -nicht passen, zu entlassen, so lange die Frau in sich selber keinen -Schutz findet -- so lange wird alles beim Alten bleiben! Durch Liebe und -Menschenfreundlichkeit werden wir hier nicht durchdringen, hier gilt nur -energisches Handeln, gemeinsames Vorgehen _aller_ Frauen gegen die Gesetze, -die das Weib in seiner geistigen und moralischen Freiheit unterdrücken und -zu einem hülflosen und haltlosen Wesen machen, ohne ihm Hülfe und Halt -zu gewähren. Im deutschen Reiche sind gegen 130.000 verheiratete Frauen -in Fabriken und Fabrikateliers beschäftigt, die alle das gleiche elende -Dasein führen und von denen täglich eine Anzahl durch ihr Elend der -Prostitution in die Arme läuft! - -An die Frauen aber wende ich mich hier ganz besonders, an alle edel -denkenden und edel handelnden Frauen, an alle Mütter und Töchter -geliebter Eltern, an alle die Glücklichen, die in Sitte und Wohlhabenheit -leben können! Vor allem aber _an alle die tausend und tausend Frauen, -die ihr Leben auf der Chaiselongue, den Hauptstraßen, in Theaterlogen, -Gesellschaften, Bällen und Konzerten verbringen, an jene weiblichen -»Blumen«, die Treibhaus- und Giftpflanzen unseres Geschlechtes_, an sie -wende ich mich mit dem Aufruf: Wacht auf aus Euerem jammervollen Dasein, -reißt Euch los von den vergiftenden Abenteuern der Boudoirs, aus der -ekelhaften, entnervenden Parfumatmosphäre, die Euch umgiebt, steigt hinab -in die Sphäre der Armut und der Arbeit, und seht Euch um, wie es dort -steht! Dann werdet Ihr vielleicht doch noch erkennen, daß Euere jetzige -Existenz schmachvoll ist, daß Ihr nicht über den Haremsfrauen steht und -daß die Gesetze Eueres Vaterlandes daran arbeiten, Euch festzuhalten -im geistigen Elend und in geistiger Knechtschaft! Vielleicht, daß -das Ehrgefühl, daß der göttliche Funke in Euch erwacht und Ihr -zusammentretet, um mit vereinten Kräften Euer Joch zu brechen! Dann kommt -sicherlich der Tag, wo die deutsche Frau zu anderen Frauen nicht mehr -hinauf-, sondern herabsehen kann! -- - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - -Verschiedenes. - - -Ich will unter dem Titel »Verschiedenes« einige Beobachtungen, die -ich machte, wiedergeben, warne jedoch davor, diese Betrachtungen -als Durchschnittserscheinungen anzusehen; ich fand die nachfolgend -beschriebenen Fälle sehr häufig vor, schreibe sie aber nur dem Zufall zu. - -Die einzige unter den angeführten Beobachtungen, die ich nicht dem Zufall -zuschreibe, sondern die ich als Folge der Überanstrengung in der -Arbeit betrachte, ist die enorm _häufig auftretende Kurzsichtigkeit der -Mädchen_. Speziell unter den Handarbeiterinnen tragen in jedem Saal eine -große Zahl der Arbeiterinnen Brillen, und zwar, wie ich mich überzeugt -habe, sehr scharfe Brillen. Ich glaube, daß der Grund zu diesem Übel in -den Wintertagen gelegt wird, wo die Mädchen bei ungenügender Beleuchtung -die feinen Nadeln einzufädeln haben und wo die Augen, durch die unruhig -blendende Farbe der Strümpfe, fortwährend zu Thränen gereizt werden. - -Beinahe ebenso häufig als die Kurzsichtigen sind die Lahmen und Hinkenden -vertreten. Gleich am ersten Tage fiel mir dies auf; so manche der hübschen -Mädchen haben eine gebrochene Hüfte, die wenigsten tragen an einem -angeborenen Leiden. Ich führe dies darauf zurück, daß die meisten -Mütter jener Mädchen arme Fabrikarbeiterinnen waren, ihre Kinder nicht -beaufsichtigen konnten und diese sich auf der Straße durch Unglücksfälle -die Verkrüppelung zuzogen; die Mädchen, die ich darnach frug, -bestätigten mir meine Vermutungen. - -Das Schrecklichste jedoch von allen derartigen Gebrechen und Verletzungen -trifft die verheirateten Frauen, und zwar diejenigen, die an den Formen -arbeiten. Wie ich in einem Kapitel schon erwähnte, werden die Strümpfe -über Holzformen gezogen, gegen die die Arbeiterin sich mit aller Kraft -stemmen muß. _Die Folge hiervon sind regelmäßig wiedereintretende -Fehlgeburten._ Ja, es teilten mir sogar einige im Vertrauen mit, daß -sie, sobald sie in schwangeren Zustand kommen, mit Vorliebe jene Arbeit -acceptieren, »um alles los zu werden«. - -Neuerdings sollen die Fabrikanten aber nur die kräftigsten Mädchen -hierzu verwenden, jede Frau, die nicht vollkommen normal aussieht, wird -zurückgewiesen; ich glaube aber nicht, daß das Hülfe schaffen wird. Ich -befürchte eher, daß viele der Frauen ihren Zustand durch allerlei Künste -so lange als möglich zu verbergen trachten werden und das Unglück auf -diese Weise noch verschlimmern. -- - -_Leider_ sind die Mädchen größtenteils nicht naschhaft; ich sage -»leider«, weil die Naschhaftigkeit ein weit größeres Laster vertreiben -würde, das _des Essens von Kaffeebohnen_. - -Es giebt Mädchen unter den Arbeiterinnen, vor denen man erschrickt, die -den Stempel des Todes im Antlitz tragen, mit weißer Gesichtsfarbe und -tiefliegenden Augen, wie wandelnde Leichen, die sich ruinieren und -elend machen um elender Kaffeebohnen willen. Solche Koffeïnsüchtigen -verbrauchen ihren halben Lohn für dieses Gift, sie haben größtenteils -einen ruinierten Magen und bedürfen kaum der festen Nahrung. Eine -meiner Nachbarinnen kaufte sich jeden Morgen eine Düte frischgebrannter -Kaffeebohnen, am Nachmittage hatte sie alle verzehrt und sehnte sich nach -»neuen«. Ich glaube kaum, daß man diese Unglücklichen retten kann, denn -sie sind jeder Selbstbeherrschung und Energie bar, sie sind weit schwerer -zu kurieren, denn Cocaïnsüchtige. -- - -Im allgemeinen sind die Mädchen äußerst peinlich in ihren Sachen, sie -gehen nie mit zerrissenen Kleidungsstücken einher. So manche hatte einen -ganz verflickten Rock oder eine mit zweierlei Stoff ausgebesserte Taille -an, nur um nicht mit zerrissenen Sachen zur Fabrik zu kommen. Man sollte -glauben, daß diese Liebe zur Ordnung auch die Liebe zur Reinlichkeit -zeitigt; allein damit ist's, was den eignen Körper anbetrifft, nicht -von weit her. Sie kennen die Wohlthat des Bades nicht, höchstens aus den -heißen Sommertagen; im Winter scheint ihnen das Baden ein Ding des Luxus -zu sein, ja, _sogar eine Dummheit_! So sagte mir einmal die eine: »Ich -bade vom September bis zum nächsten Juni nicht mehr!« - -Baden ist halbes Leben für jeden gesunden und normal arbeitenden Menschen. -Wie viel nötiger aber wird es für diejenigen, die in einer Atmosphäre -des Staubes und Schmutzes leben, in schlechtriechenden Betten und dumpfen -Kammern schlafen! So manche Krankheit der Arbeiterinnen entsteht ja durch -Unreinlichkeit! - -In erster Linie würden städtische Armenbäder hier am Platze sein, -die Fabrikbesitzer müßten die Mädchen zweimal wöchentlich zum Bade -schicken, was die Mädchen vielleicht im Anfang mit Widerstreben, sehr bald -aber mit Freuden thun würden. -- - -Zum Schlusse will ich noch mein in einem vorhergehenden Kapitel gegebenes -Versprechen erfüllen, und jenem »liebenswürdigen« Buchhalter -ein Gedenkblatt sichern. Wie ich schon mitteilte, habe ich ihm seine -»Freundlichkeit« reichlich vergolten. - -Der Besitzer der Fabrik hatte ihm, nachdem ich die Fabrik verlassen, -mitgeteilt, daß eine Dame als Arbeiterin daselbst gearbeitet hätte. Als -ich vom Besitzer Abschied nehmen wollte, empfing mich jener Buchhalter, der -Prokura für die Firma besaß, und bei den Besuchen zugegen war. Er nahm -meine Karte, las den Namen, sah mich an, lächelte, stammelte, stotterte, -wurde blutrot und bald bleich -- und verschwand plötzlich, ohne nochmals -zum Vorschein zu kommen! Ihn hatte eine Strafe getroffen, wie er sie -wohl nicht erwartet hatte! Ich hoffe, daß diese eine Lehre meinen -Nachfolgerinnen, d. h. den »echten« Arbeiterinnen, die er mit seiner -Huld wird beglücken wollen, zum Segen gereichen wird, denn ich bin der -Überzeugung, daß er auf einige Zeit genug haben wird, denn: »gebrannte -Kinder scheuen das Feuer!« - - - - -Schlußbetrachtungen. - - -Aus meinen in Vorstehendem Mitgeteilten wird man -- wenn man irgend einen -Funken göttlicher Nächstenliebe in der Brust trägt -- ersehen, daß die -Zustände unter der weiblichen Fabrikarbeiterschaft, und stehe es auch nur -mit derjenigen Sachsens dergestalt, unhaltbare sind, daß Änderung und -Abhülfe dringend Not thut. Aber diese Änderung wird nicht durch stille -Seufzer, durch mitleidiges Jammern oder durch Ströme im Verborgenen -geweinter Thränen herbeigeführt! - -Zur Befreiung der Negersklaven entbrannten ganze Weltteile in erbittertem -Kampf, die kirchliche Reformation erschütterte alle europäischen Staaten! -_Soll Befreiung weißer weiblicher Sklaven möglich sein, so muß der -Kampf die Frauen aller Weltteile erfassen_; das weibliche Geschlecht muß -einmütig dastehen, fest und unerschütterlich, um die Freiheit kämpfend -und ringend, nicht aber sie als Gnadengeschenk erbittend. Die Frauen sollen -nicht erbitten, was ihr Recht ist, sie sollen fordern, kämpfen! - -Wohl giebt es heute schon eine große Anzahl hervorragender Frauen, die in -Wort und That eintreten für ihre unglücklichen Mitschwestern, die deren -Erniedrigung und deren Elend zu lindern suchen! Aber was könnten jene thun -im Gegensatz zu der ungeheuren Zahl _der_ Frauen, die dahin vegetieren, -murrend und knirschend in ihrem Joch, aber zu feige, um es zu sprengen, um -sich die Hände wund zu reißen an den Ketten! - -Kann man es dem Manne verdenken, daß er nicht helfend eintritt für ein -anderes Geschlecht, das scheinbar ruhig sein schmachvolles Los trägt? _An -den Frauen ist es, die Initiative zu ergreifen_, an denjenigen, die der -Sonnenschein des Hauses sind, die Liebe empfangen und Liebe spenden, an -ihnen ist es, ihre Mitschwestern wachzurütteln aus ihrer Verkommenheit! - -Wir leben in einer Zeit, wo der Materialismus, die Selbstsucht und die -Begehrlichkeit in allen Schichten der Bevölkerung auf den Höhepunkt -gestiegen ist. In den unteren Kreisen gährt es, die Unzufriedenheit -zeitigt die krassesten Auswüchse -- der Tag der Frauenrebellion wird -kommen! Er wird kommen und er muß kommen! Aber, wenn er kommt, als -Ausgeburt überreizter Köpfe, wird er zur zügellosen Meuterei, wird er -dem Menschengeschlechte zum Verderben, nicht aber zum Segen gereichen! Dann -werden jene Frauen zu Megären werden, zu jenen Gestalten, wie sie uns die -französische Revolution brachte! Dann wird unser Geschlecht nicht gehoben, -sondern korrumpiert werden! -- - -Tretet darum ein, ihr Mitschwestern in die Aktion mit allen Mitteln, die -Euch zu Gebote stehen, arbeitet an der Hebung unseres Geschlechtes mit -vollen Kräften, denn wollt Ihr den Sieg, so dürft Ihr den Kampf nicht -scheuen! - -Wirkt mit, es gilt hygienische Maßregeln in jene Kreise zu -tragen, veranstaltet Sammlungen, um Volksbäder, um Kochkurse, um -Belehrungsanstalten zu gründen, Ihr thut besser daran, als Strümpfe für -Negerkinder zu stricken! Nur in einem gesunden Körper kann ein gesunder -Geist, kann Arbeitslust und Energie wohnen, und zur Gesundheit bedarf es -guter Nahrung, vernünftiger Lebensweise und der Reinlichkeit! - -Tragt Aufklärung in die elenden Räume jener Beklagenswerten, die da -wohnen wie Tiere in einem Stall, aber Geld genug erübrigen, um nach der -Mode gekleidet zu gehen! - -Wirkt mit gutem Beispiele, ihr oberen Zehntausend, und vergesset bei all -Eurem Wirken nicht, daß Ihr nicht aus Sport und Launen reformieren sollt, -sondern aus selbstloser Nächstenliebe, die nicht ruht und nicht rastet, -wenn sie Unglücklichen helfen kann! - -Und Ihr könnt es, Ihr werdet es thun! Den hochgesinnten Frauen, die -vorangehen im Kampf für wahre Weiblichkeit und Weibeswürde, folgt langsam -aber stetig ein Haufe bisher Gleichgültiger. Wer einmal erwacht ist aus -dem Winterschlafe der Gleichgültigkeit für moralisches und körperliches -Wohlergehen Anderer, wer in den Reihen der Kämpferinnen für Weibeswürde -gestanden hat, der kehrt nimmer um, den erfaßt und hält die Ueberzeugung -fest, daß wir kämpfen müssen, um siegen zu können, und daß der Sieg -uns sicher ist, der dem Menschengeschlecht Segen bringen soll! - - -Druck von _H. Ginzel_, _Berlin_ =W.=, Yorkstraße 43. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie "Mietszins" -- "Mietzins, -"Roheit" -- "Rohheit", "Überzeugung" -- "Ueberzeugung", jedoch mit -folgenden Ausnahmen, - - Seite 13: - im Original "was uns gerade erreichbar war" - geändert in "was uns gerade erreichbar war." - - Seite 13: - im Original "Der Hauptkontigent hatte nichts weiter" - geändert in "Der Hauptkontingent hatte nichts weiter" - - Seite 44: - im Original "wenn er sagt: Der Maßstab für die Kultur" - geändert in "wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur" - - Seite 50: - im Original "Hier ist ein Feld, daß die Menschenliebe" - geändert in "Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe" - - Seite 66: - im Original "auf Augenblicke fesseln jene auf Lebenszeit" - geändert in "auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit" - - Seite 68: - im Original "sind ihnen ein Gräuel. sie meinen" - geändert in "sind ihnen ein Gräuel, sie meinen" - - Seite 97: - im Original "drei Frauenspersonen und zwei Männner" - geändert in "drei Frauenspersonen und zwei Männer" ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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