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-The Project Gutenberg eBook of Anspruchslose Geschichten, by Pauline Hann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Anspruchslose Geschichten
-
-Author: Pauline Hann
-
-Release Date: October 17, 2021 [eBook #66553]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This book was produced from images made
- available by the Universitätsbibliothek Leipzig.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN ***
-
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-
-
- ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN
-
- VON
-
- P. HANN
-
- [Illustration]
-
- LEIPZIG 1891
-
- A. G. LIEBESKIND.
-
-
- Druck von W. Drugulin in Leipzig.
-
-
-
-
-INHALT.
-
-
- Seite.
-
- Sein bedeutender Freund 1
-
- Kein Schwan 29
-
- Ein Aprilscherz 51
-
- Beim Ehestiften 87
-
- Im Herbst 113
-
- Brennende Liebe 145
-
- Ein Unglücksmensch 169
-
- Unkraut am Wege 189
-
- Herbstblätter 211
-
- Schwiegermütterchen 255
-
- Das Pflegetöchterchen 281
-
-
-
-
-SEIN BEDEUTENDER FREUND.
-
-
-Wie Alles auf dieser mangelhaften Welt, hat ein bedeutender Freund eine
-Licht- und eine Schattenseite; aber Rudolf Müller sollte von rechtswegen
-heute bloss die erstere anerkennen: Aus der Ferne schallt abgedämpfter
-Walzerklang, das Rascheln und Knistern seidener Ballkleider herüber, --
-und er tanzt nicht. Im Nebenzimmer rufen begeisterte Skatbrüder ihr Grand
-Solo mit Matadoren aus, -- und er kann eine Karte von der anderen
-kaum unterscheiden. Die grosse Gesellschaft, in die er, Dank seiner
-Verwandtschaft mit der Hausfrau, gerieth, würde ihm die unverfälschtesten
-Tantalusqualen bereiten, wenn er seinen bedeutenden Freund nicht hätte.
-Diesem allein, und nicht etwa den eigenen bestechenden Eigenschaften, --
-Niemand sollte das besser wissen als Rudolf Müller selbst, -- verdankt er
-es, dass er mit der schönsten, liebenswürdigsten Dame der Gesellschaft,
--- nein, der Welt! -- in einem Glaskasten plaudern darf, der auf den
-stolzen Titel Wintergarten Anspruch erhebt und mit Palmen, Gummibäumen
-und blühenden Azaleen so vollgestopft ist, dass ausser dem Bänkchen,
-auf welchem Else Friedjung sitzt, und einer Handbreit Raum, auf welcher er
-steht, kein Platz für etwaige Eindringlinge wäre. Seit dreiviertel Jahren
-betet er die junge Dame an, aber leider aus gemessener Entfernung, denn
-für einen mit dem Laster der Bescheidenheit behafteten Menschen giebt es
-keine Möglichkeit, sich durch die dreifache Reihe von schwarzen Fräcken
-durchzuwinden, die beständig das schöne, lebhafte Millionärskind
-umschliesst, wie die Midgardsschlange die Weltesche. Aber vor etwa einer
-halben Stunde hat ihm seine Cousine zugeraunt:
-
-»Else Friedjung wünscht, Dich kennen zu lernen, Du Glückspilz, versteht
-Du, sie wünscht es.«
-
-Ob er versteht! Wenn er sich noch nicht die Karte »ami de Beethoven«
-drucken liess, so liegt dies bloss daran, dass er noch ein Weilchen warten
-will, bis ausser dem niedlichen Einacter, der vor etwa vierzehn Tagen im
-Hoftheater aufgeführt wurde, auch noch die anderen unsterblichen Werke
-erschienen sind, mit welchen sein bedeutender Freund heute oder morgen, bis
-er in der richtigen Stimmung dazu ist, die Welt aus den Angeln heben und
-sämmtliche Classiker, Romantiker und moderne Theaterdichter in das Nichts
-zurückschleudern wird.
-
-Das schöne Mädchen wies ihm auf der eng beschriebenen Tanzkarte eine
-leere Stelle. »Ich habe den Walzer für Sie aufgespart, Herr Müller«,
-sagte sie liebenswürdig.
-
-Er ballte die Faust, -- in Gedanken natürlich, -- gegen den Tanzmeister,
-der ihn als hoffnungslosen Fall aufgegeben; aber Elsen Friedjung stand der
-Sinn nicht nach Tanzen. In all ihrer Anmuth, die dem armen Jungen den Kopf
-vollständig verdreht hat, erhob sie sich, legte die Hand auf seinen
-Arm und liess sich von ihm in die Tropenlandschaft führen. Selbst das
-tugendhafteste Mauerblümchen entdeckte nichts Ungehöriges darin; ein
-heimliches Zwiegespräch mit Rudolf Müller gehört zu den Dingen, die Jede
-begreift und Jede entschuldigt. Es ist nicht die geringste Gefahr dabei;
-nicht dass er etwa abschreckend hässlich, oder unerlaubt dumm wäre, oder
-auf dem grossen Theater eine allzu verächtliche Lampenputzerrolle
-spielte, -- verständige Papas unverständiger Töchter schätzen ihn als
-tüchtigen, aufstrebenden Kaufmann, -- aber sein bedeutender Freund, der
-einen Schatten wie der Kölner Dom wirft, lässt ihn pygmäenhaft klein, ja
-zu Zeiten mit freiem Auge gar nicht wahrnehmbar erscheinen.
-
-Else Friedjung liess die Stäbe ihres Fächers durch die Finger gleiten und
-heftete die Augen auf dieses Spiel.
-
-»Ich höre, Sie sind mit Doctor Engelbert Holstein näher befreundet«,
-fing sie in leichter Verlegenheit an.
-
-Rudolf knickte innerlich zusammen. Die leise Hoffnung, die ihn trotz aller
-Erfahrungen umschmeichelt, liess ihre Flügel kläglich hängen und er
-bereitete sich für die Antworten vor, die er, zum beliebigem Gebrauch bei
-jedem Tête-à-tête auswendig gelernt:
-
-»Wir wohnen beisammen.« (Und eine recht vernünftige Theilung der Arbeit
-besorgen sie dabei, der Bedeutende bestrahlt mit seinem Ruhm das elegante
-Junggesellenheim nahe dem Thiergarten, und Rudolf Müller bezahlt es; doch
-diese intimen Details gehören nicht hierher.) »Er wird kommenden November
-24 Jahre alt.«
-
-»Sein Geburtstag fällt sechs Tage später als der Schiller's« (Die
-gestickten Schreibmappen, Federwischer, Cigarrentaschen, die diese
-Enthüllung in die Welt gesetzt, lassen sich kaum zählen.) »Er ist
-vollständig unverheirathet.«
-
-Dann eine Verbeugung, und der junge Mann weiss, dass er aus den Gedanken
-seiner schönen Nachbarin fortgewischt ist, wie eine Null mit dem Schwamm
-von einer Rechentafel.
-
-Aber Else Friedjung ist ein geistreiches Mädchen; sie bringt doch
-wenigstens einige Abwechselung in das grausame Spiel.
-
-»Doctor Holsteins Name auf dem Theaterzettel rief mir eine Begebenheit,
-einen kleinen Roman, eigentlich nur den Anfang eines solchen, in's
-Gedächtniss zurück. -- Meine Freundin, -- meine beste Freundin erlebte
-ihn vor einem Menschenalter, es sind gewiss sieben Jahre her.« Rudolf
-richtete sich erwartungsvoll auf.
-
-»Ich kann mit einigen Aenderungen die Eingangszeilen unseres besten
-deutschen Romans wiederholen: Westerode ist eine Stadt mit etlichen tausend
-Einwohnern, einem Gymnasium -- und einer Heilquelle. Die etlichen Einwohner
-und das Gymnasium besitzt sie schon seit längerer Zeit, die Heilquelle
-wurde erst vor einem Jahrzehnt entdeckt.« Sie unterbrach sich, denn er
-machte eine Bewegung.
-
-»Sie sprechen von meiner Vaterstadt,« sagte er, »ich bitte mit
-aufgehobenen Händen, verfahren Sie glimpflich mit ihrem Curort-Ehrgeiz.«
-
-»Ihre Vaterstadt? Dann ist die Freundschaft zwischen Ihnen und dem Doctor
-wohl schon auf den Schulbänken geschlossen worden?«
-
-Rudolf verbeugte sich bestätigend. Immer sein bedeutender Freund! Er ist
-ihm so anhänglich wie -- er weiss selber keinen passenderen Vergleich
--- wie ein treuer, oft geprügelter Pudel, aber selbst ein solcher
-kennt Augenblicke, in welchen sein Herz ins Spiel kommt und er bei dem
-weissgelockten Gegenstand seiner Neigung etwas für sich selber vorstellen
-möchte.
-
-»Ich habe Sie von Ihrer Erzählung durch meinen unzeitigen Einwurf
-abgelenkt,« murmelte er.
-
-»O, ganz recht. Die Heilquelle trotzte zwar bisher standhaft jedem
-Analysirungsversuch, -- so viel darf ich doch sagen, ohne ihr heimathliches
-Weltbad zu beleidigen? -- dennoch wirkte sie Wunder in Reclamen und
-ärztlichen Anpreisungen. Meine Freundin, damals ein Backfisch mit
-etwas blässlichen Wangen, sollte, begleitet von einer ältlichen,
-unverheiratheten und etwas verschrobenen Erzieherin, das Wunderwasser
-trinken.«
-
-Ihr Zuhörer sah auf, als schiesse ihm eine Erinnerung -- aber keine
-sonderlich freudige -- durch den Sinn.
-
-»Es schmeckte abscheulich. So oft es unbemerkt geschehen konnte, goss
-sie es aus. Dessenungeachtet wirkte die Cur. Entweder war die Quelle so
-heilkräftig, dass man schon durch die Betrachtung des Geländers, das sie
-umgab, Farbe und Rundung der Wangen bekam, oder waren es die prächtigen
-Buchenwälder, die förmlich zum Thore der Stadt hereinwuchsen. Meine
-Freundin mochte das Letztere glauben und lief den grössten Theil des Tages
-auf den weltbadmässig gebahnten, mit Bänken besäeten Waldpfaden herum.
-Es war eine so schöne Abwechselung nach der vielstündigen Marter vor
-dem Piano und den Schulbüchern, die bisher ihre Tage ausgefüllt. Niemand
-störte sie; es stand ihr frei, sich als unumschränkte Besitzerin all'
-der Herrlichkeit zu betrachten, die, steil aufsteigend, das Städtchen
-umschliesst. Das übrige Curpublikum sammt der Ureinwohnerschaft steckte
-träge in Hausgärten oder auf Veranden, ihre Gouvernante im verdunkelten
-Zimmer, denn die gute Antoniette besass eine Leidenschaft, mit welcher
-ihre Pflichttreue einen aussichtslosen Kampf führte, sie dehnte ihr
-Mittagsschläfchen bis zum Abend aus, wenn Niemand sie weckte; und meiner
-Freundin war der Schlaf heiliger als Macbeth. Dreist erstreckte sie in
-drückender Nachmittagshitze ihre Spaziergänge immer tiefer in den Wald
-hinein. Da begegnete ihr einmal das Verhängniss in Gestalt eines jungen,
-hübschen Menschen mit flatternden Locken und blitzenden Augen. Er sass auf
-einer Bank, ein Notizbuch auf den Knieen, die Rechte schrieb eifrig, die
-Linke scandirte auf der Holzlehne. Bei dem plötzlichen Auftauchen meiner
-Freundin fuhr er in die Höhe, starrte sie an und lief spornstreichs den
-Berg hinab. Sie folgte ihm mit den Blicken. Wie er, musste, ihrer Ansicht
-nach, der junge Goethe in Frankfurt ausgesehen haben, nur blieb es freilich
-fraglich, ob er auch die scharlachrothe Burschenmütze sorgfältig mit
-einem schwarzen Ueberzug bedeckt hätte, bevor er in die Strassen der Stadt
-einbog, wie es der junge Mann that.«
-
-»Unser Director,« warf ihr Zuhörer erklärend ein, »verfolgte das
-Burschenspielen im Gymnasium mit draconischer Strenge. Und Engelbert musste
-sich besonders hüten, dass Missfallen unseres Schulmonarchen zu erregen.«
-
-»Meine Freundin traf ihn nun fast täglich im Walde, aber ihr
-fünfzehnjähriges Gewissen bohrte und nagte. Sie weckte Fräulein
-Antoniette am hellen Nachmittage. Die gute Seele schleppte sich keuchend
-die Waldhügel hinauf, bis zur ersten Bank, von welcher man gerade auf den
-Marktplatz hinuntersah. Dann empfahl sie ihren Geist dem Herrn, sank auf
-den Hochsitz und entschlief. Meine Freundin las im »Ekkehard«. Da, als
-sie zufällig aufblickt, steht, kaum zwanzig Schritte von ihr entfernt, ihr
-junger Goethe im vollen Glanz der unbezogenen Burschenkappe, einen
-Strauss poetischer Waldblümelein in den Händen und einen gewissen
-Was-frage-ich-um-die-Welt-Ausdruck im Gesicht, der ihr anzeigte, dass
-es heute mit gegenseitigem Anstarren, Rothwerden und Grüssen nicht sein
-Bewenden haben werde. Statt ihre regelmässig und laut athmende Begleiterin
--- ruchlose Menschen hätten behauptet, sie schnarche -- zu wecken, that
-sie das Unvernünftigste, was sie begehen konnte, sie lief davon. In
-einigen Secunden hatte er sie eingeholt, ihr die Blumen überreicht
-und einen Strom sehr lauter, aber dennoch unverständlicher Bitten und
-Beschwörungen über sie ergossen. Bei ruhiger Rückerinnerung würdigt
-dies meine Freundin als den Ausfluss grünster Jugendlichkeit, damals
-jedoch erschien es ihr hochbedeutsam, erschütternd, sie bis zu den
-Regionen der langen Kleider und vollbeschriebenen Tanzkarten emportragend.
-Er drückte ihre Hände, dass sich die Stengel des Strausses ihren
-Handflächen einpressten und sie eher ein schmerzliches, denn ein
-beseligtes Gesicht zog. Plötzlich stürzte Antoniette, zum Bewusstsein und
-zu ihrer Verantwortlichkeit erweckt, herbei, riss das unflügge Nestkücken
-aus dem Griff des Falken, und wenn Worte und Blicke die Wirkung der Blitze
-hätten, so wäre er ohne Zweifel todt zu Boden gestreckt worden. In den
-Augen des alten Fräuleins schwoll die Kinderei zu einem ungeheuren Frevel,
-zu einem Vergehen gegen die Moral an; sie drohte mit Gericht und Polizei.
-Aber lag es an ihrem fragwürdigen Deutsch oder an den von Schlaf und
-Bestürzung übermässig gerötheten Zügen und den rollenden Augen, --
-ihr Zögling biss sich krampfhaft auf die Lippen, der junge Goethe, weniger
-vorsichtig, lachte ihr helllaut in's Gesicht, wodurch sich ihr Grimm
-selbstverständlich nicht verringerte. Nach einem Blick auf das junge
-Mädchen, der einen ganzen Band lyrischer Gedichte ersetzte, drehte er sich
-um und ging. Die Nachblickenden sahen ihn im Hause des Kaufmanns auf
-dem Markte verschwinden. Es war ihre letzte persönliche Begegnung, denn
-Fräulein Antoinette bewachte ihren Schützling wie ein geschwänzter
-Schatzhüter der Sage. Nur ein glühendes Gedicht von ansehnlicher
-Ausdehnung, Engelbert Holstein unterzeichnet, gelangte durch einen
-Liebesboten, dessen Hauptkennzeichen Wasserscheu, durchstossene Ellbogen
-und vorwitzig in die Sonne hinausguckende Zehen waren, in die Hände meiner
-Freundin. Sie verwahrte es sorgfältig, Fräulein Antoinette hat nie etwas
-davon erfahren. Kaum eine Woche später verliessen sie das Weltbad. -- Sie
-können sich vorstellen, wie überrascht und stolz meine Freundin war,
-als ihr jugendlicher Bewunderer sich plötzlich als Mann von Bedeutung
-entpuppte, von dem alle Welt spricht, dem man eine glänzende Zukunft
-vorhersagt.«
-
-Das Gesicht des jungen Mannes trug einen sonderbaren Ausdruck.
-
-»Wollen Sie mir erlauben, Ihrer rührenden Historie einen ganz
-unerwarteten Schluss anzufügen?« fragte er lachend, »Ueberraschungen
-sollen zwar den Werth eines literarischen Kunstwerkes nicht erhöhen, aber
--- arme Leute kochen mit Wasser.«
-
-Else Friedjung blickte ihn verwundert an.
-
-»Fräulein Antoinette klagte die erlittene Insulte der Badeverwaltung, den
-städtischen Behörden, dem Schulmonarchen und der Himmel weiss wem noch.
-Sie hatte den Frevler im Kaufmannshaus verschwinden gesehen. Hier hebt das
-tragische Verhängniss an, das Factum, das dem griechischen Trauerspiel zu
-so hoher Wirkung verhalf und vom modernen Fürwitz sammt den Göttern
-aus der Flugmaschine in die dramatische Rumpelkammer verwiesen wird: das
-Kaufmannshaus beherbergte ständig nur einen Gymnasiasten mit je nach
-den Verhältnissen scharlachfarbener oder schwarzbezogener Mütze.
-Freund Engelbert stellte sich nur strichweise ein; an jenem denkwürdigen
-Nachmittage kam er, um mir etwas Immenses von seiner Leidenschaft, von
-Drachen und lieblichen Waldfräulein zu berichten. Ich lauschte mit
-offenem Munde, nicht ahnend, was die Götter über mein schuldloses Haupt
-verhängt: Ein gewaltiger Aufruhr erhob sich. Ich hatte nicht nur den
-untadelhaften Ruf unseres Gymnasiums durch eine sittenlose Ausschreitung
-befleckt, ich schädigte auch den aufstrebenden Curort, wie der Mehlthau
-die grünen Bäume. »Wenn junge Galgenvögel die Curgäste im Walde
-straflos überfallen dürfen -- denn bis zum Überfall war man, Dank
-Fräulein Antoinettens Beleuchtung des Ereignisses, gediehen, -- dann
-werden sie der Heilquelle den Rücken kehren, und Westerode bleibt bis an's
-Ende aller Dinge eine Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.«
-Als die Wogen sich legten, fand ich mich auf den Strand geworfen: Unter
-einem beträchtlichen Aufwand von Jüngsten-Gerichtposaunen war ich aus dem
-Gymnasium gestossen worden, damit nahm meine etwaige gelehrte Laufbahn ein
-vorzeitiges Ende. Wenn Sie ahnten, mein Fräulein, was für ein grosser
-Mann in der Knospe geknickt ward! Meine Mutter behauptete es, und sie
-musste es wissen, denn Niemand kannte mich genauer als sie. Ich erzeugte
-in meiner Dachkammer Schwefelwasserstoff und ähnliche Parfüms in einem
-Alter, wo andere Knaben einander die Stirnen voll Beulen schlagen. Wehe
-Liebig! prophezeite meine Mutter. Ich verwendete den Spiritus aus ihrem
-Schnellsieder und ihre Einmachgläser für alle Arten von Reptilien,
-fing Schmetterlinge, lief in der ärgsten Sonnenhitze mit einer grünen
-Blechbüchse herum, um Pflanzen mit Wurzeln und Erdreich auszureissen;
-nur Uebelwollende konnten leugnen, dass in mir die Keime zum Naturforscher
-lagen. Ich sammelte rostige Messer, grünspanbezogene Kupfermünzen, auf
-meiner Dachkammer fand eine zerschlagene Ofenfigur, der unvermeidliche
-Knabe mit dem Muschelkorbe, einen geehrten Platz, der künftige Archäologe
-war fertig. Und als ich in wilder Knabenzeit die Ruchlosigkeit beging,
-einer Katze den Schwanz abzuschneiden, erklärte meine Mutter, dies sei die
-liebste Beschäftigung aller grossen Chirurgen in ihrer Kindheit gewesen.
-Und nun sollte ich, ein so vielerlei versprechender Jüngling, lange
-Zahlenreihen addiren und meines Vaters Kunden Schnupftabak und Rosinen
-verkaufen. Es war herzbrechend.«
-
-Das wohlwollend-überlegene Lächeln, mit dem Else gleich allen jungen
-Damen seiner Bekanntschaft ihm gegenübergesessen, war schon seit einer
-Weile von ihren Lippen gewichen. Sie blickte ihn an, als hätte ein
-geschickter Taschenspieler die dunkle, unscheinbare Gestalt verschwinden
-lassen und an ihrer Statt einen anderen Rudolf Müller in bengalischer
-Beleuchtung, mit ganz ungeahnten Tugenden und Vorzügen ausgerüstet, auf
-die Handbreit Raum zwischen Palmen und Azaleen hingestellt.
-
-»Und wo blieb Ihr Freund?« fragte sie mit zusammengezogenen Brauen,
-eine rothe Zornwelle im reizenden Gesicht. »Wie konnte er Sie, den
-Unschuldigen, die Last tragen lassen! Es ist abscheulich! Ich hatte eine
-hohe Meinung von ihm, aber jetzt verachte ich ihn. Sobald ich nach Hause
-komme, verbrenne ich sein Gedicht!«
-
-Rudolf blickte sie betreten an. Auf diese Wendung war er nicht gefasst
-gewesen. Dass man an einen bedeutenden Menschen denselben Massstab legen
-könnte, wie an gewöhnliche Muttersöhne, war ihm nicht eingefallen.
-»Judas Ischarioth!« flüsterte er sich zu. »Verurtheilen Sie ihn
-nicht!« bat er und setzte sich in seiner Rathlosigkeit zu ihr auf das
-Bänkchen, das wirklich nur für zwei schlanke Menschen Raum bot. »Seine
-Laufbahn stand auf dem Spiel, und bei ihm handelte es sich um mehr, als
-bei solch einem Dutzendmenschen, wie ich bin. An seinen Schöpfungen werden
-sich noch Tausende erfreuen, wenn von mir längst keine Spur mehr vorhanden
-sein wird.«
-
-»Ich glaube nicht mehr an seine Zukunft,« versetzte Else mit der Energie
-einer bekehrten Heidin, die soeben ihren Thongötzen in Stücke zerschlagen
-hat, »ein charakterloser, schwacher Mann wird nie ein grosser Mann. Auch
-ist mir unverständlich, wie die Ungnade einer kleinen Stadt und selbst
-die Ausschliessung aus ihrer Schule seine Laufbahn zu zerstören vermocht
-hätte.«
-
-»Wenn Sie sein Gemüth, das jede Widerwärtigkeit niederdrückt, und seine
-Verhältnisse kennten, dann würden Sie begreifen, dass es sich wirklich
-um seine Zukunft handelte,« erwiderte Rudolf, Angstschweiss auf der Stirn.
-»Weitläufige Verwandte hatten murrend und widerwillig die Schnüre ihres
-Beutels geöffnet, um ihn studieren zu lassen. Der Skandal, der seine
-Ausschliessung begleitet hätte, wäre ihnen ein willkommener Anlass
-gewesen, ihm ihre Unterstützung zu entziehen. Mit dieser schlossen sich
-vor ihm die Thore der Universität, die Grundlagen wissenschaftlicher
-Schulung, ohne welche sein Schaffen dilettantisch bleiben musste.«
-
-Aber Else, statt sich zu der Höhe seiner Auffassung aufzuschwingen, hielt
-eigensinnig an ihrer Meinung fest.
-
-»Selbstsüchtig Ihre Zukunftspläne zu zerstören, o, es war feige, es war
-schlecht!«
-
-»Mein theueres Fräulein,« rief der junge Mann und rückte so nahe an sie
-heran, dass die Blattpflanzen, die sich als spanische Wand zwischen ihnen
-und dem Nebenzimmer erhoben, als Segen der Vorsehung erschienen. »Sie
-fassen die Geschichte viel zu tragisch auf. Das Unglück für Menschheit,
-Vaterland und mich selber ist wahrlich zu ertragen, wenn statt eines
-mässig begabten Doctors ein an Erfolgen nicht ganz armer Kaufmann in der
-Welt herumläuft.«
-
-»Davon spreche ich nicht. Glauben Sie etwa, dass ich Ihren Beruf gering
-schätze?« vertheidigte sich Else eifrig, »mein Papa war auch Kaufmann
-und lehrte mich, seinen Stand hochhalten. Vielleicht schlug Antoinettens
-Bosheit -- ich werde ihr nächstens meine Meinung sagen! -- Ihnen sogar zum
-Glück aus; aber das entschuldigt ihren Freund nicht. Sie müssen in ihrem
-heimathlichen Neste -- verzeihen Sie, im Weltbad Westerode -- wie der
-verlorene Sohn angesehen worden sein.«
-
-»Was schadete mir das? Ich hörte Predigten von unerlaubter Länge, sah
-wolkenverhängte Gesichter, bekam etliche Wochen Zimmerarrest; es hat mir,
-wie Sie sehen, den Humor nicht verdorben.«
-
-»Es war im Sommer, und der Wald so nahe,« sagte Else bedauernd.
-
-»Vergessen Sie nicht, dass auf meine Dachstube erhabene Gefühle zu Besuch
-kamen: Ich schützte meinen Freund, siehe die Bürgschaft; ich erlitt
-unverschuldetes Uebel, siehe die christlichen Märtyrer; ich fiel als Opfer
-für das Gedeihen meiner Vaterstadt, ein -- allerdings etwas passiver --
-Curtius. -- Ihr Antheil ist mir unendlich werthvoll, werthvoller als Sie
-denken, doch nein, Sie wissen ohne Zweifel, dass Sie mir die Verkörperung
-alles Schönen, Liebenswürdigen, Begehrenswerthen sind -- allen Mädchen
-sagt es ihr Seherblick, wenn sie sich ein Männerherz unterjochten --,
-aber so glücklich mich Ihre Theilnahme auch macht, meine kleinen Leiden
-von damals verdienen sie nicht.« Er stockte; mit leiser Stimme hub er
-wieder an. »Der Gedanke, dass ich das Herrlichste, was mir das Leben
-gewähren könnte, Ihre Freundschaft, dem Ausnützen einer von mir selbst
-geschaffenen Gelegenheit, einer Indiscretion verdanken sollte, wäre mir
-unerträglich.«
-
-Sie sah ihn mit seltsam schimmernden Augen an.
-
-»Es ist zwar gegen alle Lehren Antoinettens, aber zuweilen überfällt
-mich ein förmlich krankhafter Drang, die Wahrheit herauszusagen und so
-mögen Sie denn nur wissen« -- sie erhob sich schnell, der Walzer
-war längst zu Ende, ihre Tänzer traten suchend in die Thüre des
-Spielzimmers. Zurückgewendet sprach sie hastig, über und über
-erglühend, »mir ist es nicht viel anders gegangen als dem glücklichen
-Sohne des Kiss, ich bin ausgezogen, um Kunde von einem _bedeutenden_ Mann
-zu hören, und fand einen _echten_ Mann. Ich bin ein Sonntagskind, wissen
-Sie das?«
-
-Damit war sie entschlüpft; er blickte ihr nach und machte das närrisch
-beseligte Gesicht, das jeder Sterbliche nur einmal im Leben zieht.
-
-Das Zwiegespräch unter Palmen hatte selbst für ein Tête-à-tête mit
-dem Freunde eines bedeutenden Mannes zu lange gedauert, um nicht Anlass
-zu verschiedenartigen Randbemerkungen über den Fächer hinüber zu geben.
-Aber die Gesellschaft gewöhnte sich durch zahlreiche Wiederholungen daran,
-Herrn Rudolf Müller mit Fräulein Else Friedjung in allerhand Ecken und
-Winkeln der Ballsäle erschöpfende, tiefe und für Fernstehende nicht
-allzu interessante Gespräche führen zu sehen. Man wollte bemerken, dass
-er dem abnehmenden Monde glich, wenn sie nicht da war und dass sich eine
-Wolke der Verstimmung auf ihre Stirn lagerte, wenn er fehlte. Zuletzt
-verschwanden sie wochenlang spurlos aus ihrem Bekanntenkreise, und als die
-Lösung in Gestalt weisser Kärtchen erschien, bildete sie nicht einmal das
-bekannte Neuntagswunder. -- Rudolf verdankt seine Braut eigentlich doch nur
-seinem bedeutenden Freunde. Als dieser dem schönen Mädchen vorgestellt
-wurde, erkannte er in ihr seine »unvergessliche« Jugendliebe, über deren
-Verlust ihn alle später besungenen Vertreterinnen edler Weiblichkeit nur
-scheinbar getröstet hatten. Sie war das Weib seiner Träume, das Rudolf
-ihm geraubt. Selbstverständlich kann ihm Niemand die Ueberzeugung nehmen,
-dass er eine Schlange an seinem Busen gehegt habe, schnöde missbraucht
-und verrathen worden sei. Rudolf Müller mag nur zusehen, wie er mit der
-Nachwelt, die Engelberts Tagebücher lesen wird, zurecht kommt! Ich gebe
-seine Sache verloren!
-
-
-
-
-KEIN SCHWAN.
-
-
-»Was hilft vortreffliches Beispiel, tadellose Erziehung, wenn der
-angeborene Hang den Menschen in den Schlamm hinabzieht!« schrie Fräulein
-Möller, die Vorsteherin des berühmten Damenpensionats in Dresden, roth
-vor Zorn, aber selbst im höchsten Affect die Gewohnheit, in Sentenzen zu
-sprechen, beibehaltend. »Ein hässliches Mädchen zu hüten, ist schwerer,
-als alle Herkulesarbeiten zusammen«, (Fräulein Müller hat übrigens
-noch keine probirt), »denn die Stummen wollen am meisten sprechen, und die
-Tauben machen die lauteste Musik.«
-
-Das war ein Strafgericht! Der bewusste Feuerregen, der sich über Sodom und
-Gomorrha ergoss, muss dagegen ein angenehmes Nachmittagsvergnügen gewesen
-sein.
-
-Die Mädchen aus der obersten Klasse blickten schaudernd auf einen
-schwarzen Punkt.
-
-Der schwarze Punkt war ich!
-
-Ich habe niemals besondere Lust gehabt, der Urkraft (von der Professor
-Henkel so dunkel und gelehrt zu reden wusste, dass uns nach jedem Vortrag
-in der Naturkunde eine Hammerschmiede in den Köpfen arbeitete) in ihre
-Töpfe zu gucken, aber was sie eigentlich im Sinne gehabt, welchen Zweck
-sie verfolgt, als sie den erwähnten schwarzen Punkt in der obersten Klasse
-des Pensionats geschaffen, das möchte ich gar zu gern wissen. Sie muss
-keinen Zierrath beabsichtigt haben, sonst hätte sie mich mit irgend
-einer Eigenschaft ausgerüstet, die den Augen des Beschauers wohlgefällig
-erscheint, keine Säule an ihrem Bau, sonst hätte ich nicht seit meiner
-frühesten Kindheit das Bewusstsein vollständiger Ueberflüssigkeit mit
-mir herumgetragen. Wenn ich heute die Augen schloss, dann wurde keine
-Wimper nass, keine stecknadelkopfgrosse Lücke entstand, nein, ich war zu
-keiner stützenden Säule bestimmt, denn ich war keinem Menschen auf Erden
-unentbehrlich. Halt, doch Einem! Und das bringt mich wieder in meine Klasse
-und in das Strafgericht zurück.
-
-Hätte ich zärtliche Eltern gehabt, wie die anderen Mädchen, oder wäre
-ich hübsch und liebenswürdig gewesen, dann hätte Fräulein Möller mir
-eine Privatvorlesung im Allerheiligsten ihres Arbeitskabinets gehalten,
-und die ganze Klasse hätte sich nicht an den Weisheitssprüchen erbauen
-dürfen. Das Pensionat war zwar ob seiner Tugend und Sittenstrenge
-berühmt, aber durch die Thürritzen hatte der Klatsch doch die Kunde von
-Lieutenantsbriefen und darauf folgenden Thränen und Sentenzen in Fräulein
-Möller's Privatgemach getragen. Aber zwischen Julie von Minkwitz und mir
-war ein kleiner Unterschied. Als sie in die Schule eintrat, bat man um
-Nachsicht und Güte für das liebe Mädchen, während meine Mama nur von
-vulgären Neigungen sprach, die mir angeboren und streng im Zaum zu halten
-seien.
-
-Meine Pflegeeltern haben viel für mich gethan, sie liessen mir eine
-Erziehung geben, als wäre ich wirklich eine der ihrigen und bestimmt,
-mit anmuthigem Flügelschlag durch ihre vornehmen Gesellschaftskreise zu
-schweben. Aber als ich in das berühmte Pensionat kam, hatte ich, damals
-noch ein halbes Kind, die Ueberzeugung, ich werde aus dem Hause entfernt,
-damit Robert und Lili nicht von meinen vulgären Neigungen angesteckt
-würden. Da diese mir angeboren waren, liessen sie sich nicht ausrotten,
-trotz der heilsamen Strenge, die angewendet ward. Dafür waren aber auch
-der ehemalige Kutscher und die ehemalige Kammerjungfer von Papa und Mama
-mein Vater und meine Mutter. Sie starben beide während einer Epidemie; ich
-kann mich ihrer kaum erinnern, denn ich zählte erst vier Jahre, als mich
-das unersetzliche Unglück traf. Unersetzlich -- wiewohl Papa und Mama, die
-in kinderloser Ehe lebten und längst daran gedacht hatten, eine Waise an
-Kindesstatt anzunehmen, mich in ihr leeres grosses Haus nahmen. Auch an ihr
-Herz? Vielleicht. Ich habe nur dunkle Erinnerungen an die ersten Jahre im
-Hause meiner Pflegeeltern. Aber mir schwebt vor, als habe Mama mit
-ihren eigenen weissen, feinen Händen mich zuweilen in schöne gestickte
-Kleidchen gehüllt und sei am Abend, wenn sie keine Gesellschaft hatte, an
-mein Bett getreten, um mich ein kurzes Kindergebet zu lehren. Und Papa hob
-mich im Sommer, den wir stets auf seiner Besitzung an der Elbe
-verlebten, in die Zweige der Kirschbäume empor, damit ich mir mit meinen
-Kinderhänden -- sie waren leider immer von ansehnlicher Grösse -- die
-rothen Herzkirschen pflücke. Ich vermuthe, dass ich mich damals von
-anderen Kindern wenig unterschied. Vielleicht hatten die häufigen
-Lobsprüche, die ich erhielt, ein gewisses kindliches Pharisäerthum in mir
-grossgezogen. Mit ausgesprochenem Grauen betrachtete ich den schmutzigen
-wilden Burschen des Pächters. Der Knabe war nur etwa fünf Jahre älter
-als ich und kam täglich mit zerrissenen Kleidern und zerschlagenem Gesicht
-nach Hause, so dass seine Mutter kläglich prophezeite: »Wenn der Junge
-erwachsen ist, läuft er ohne Nase in der Welt umher.«
-
-Meine angeborenen Neigungen schlummerten noch unentdeckt in meiner Brust.
-Sie haben sich erst später entwickelt. Und ich kann mit Bestimmtheit
-angeben, wenn das geschah.
-
-Papa und Mama waren überselig. Der Erbe, den sie nicht mehr erhofft, lag
-schreiend in seiner Wiege. Das ganze Haus ging auf den Zehenspitzen. Die
-Dienstleute hatten anderes zu thun, als sich um mich zu kümmern, die sie
-wohl stets im Stillen als in die Gesindestube gehörig betrachtet hatten.
-Es war im Sommer. Hinter Papas Schlösschen zog sich der grosse Park, von
-einer alten Steinmauer umschlossen, hin. Daran stiess die Pächterwohnung
-mit den Wirthschaftsgebäuden. Im Park war es langweilig. Ich reckte
-mich auf den Zehen empor und klinkte ein Seitenpförtchen auf, um auf
-Entdeckungen auszuziehen. Ich brauchte nicht in die Ferne zu schweifen, das
-Gute in Gestalt eines Ententümpels lag vor mir, und Balthasar (er heisst
-wirklich Balthasar, möglicherweise verschärft dies sein Vergehen in
-Fräulein Möllers Augen) warf Steine in das grünlich schmutzige
-Wasser. Vor einigen Wochen hätte ich vermuthlich mein weisses Kleidchen
-zusammengenommen und wäre mit dem stillen Gedanken: »wohl mir, dass ich
-nicht bin wie dieser,« aus der vulgären Welt, in der Hühner scharrten,
-Gänse gackerten und Enten auf schmutzigem Tümpel schwammen, in die
-vornehme Abgeschlossenheit des Parks zurückgewichen; aber man liess mich
-nun viel allein, und ich langweilte mich. Und so trat ich näher und sagte:
-
-»Du, das kann ich auch.«
-
-Der schmutzige Bursche starrte mich verdutzt an, aber ich imponirte ihm
-nicht lange, denn als ich den ersten Stein warf und er mit einem Plumps
-versank, ohne wie die Wurfgeschosse Balthasars über das Wasser Kreise
-ziehend, hinzutanzen, lachte er mich aus. Doch zeigte er mir gleich darauf
-die Handgriffe. Das Wasser spritzte nach jedem Wurf hoch auf, und als
-mich nach geraumer Zeit der Gärtner entdeckte und das verirrte Schäflein
-heimgeleitete, triefte ich von Nässe. Die Folge davon war ein heftiger
-Schnupfen, der mir die Augen thränen, die Nase aufschwellen, das ganze
-Gesicht, wie Papa (leise zu Mama aber von mir dennoch gehört) bemerkte,
-dem seines ehemaligen Kutschers ähnlich machte. Mama gerieth in
-Todesangst, ich könnte meine Erkältung dem »Kinde« mittheilen und
-so blieb ich aus ihrer und Roberts Nähe wochenlang streng verbannt. Ich
-müsste lügen, wenn ich behauptete, ich hätte meine Acht besonders schwer
-empfunden; denn in diese Zeit fielen meine Herumstreifereien mit meinem
-neuen Freunde, der mich zu Haselbüschen führte und mir zeigte, wie
-man die Nüsse mit den Zähnen aufbiss. Seit damals war ich vulgär. Je
-grösser Robert wurde, desto schlimmer trat meine Erbsünde zu Tage. Ich
-steckte beständig mit Balthasar zusammen und wurde einmal im Kuhstall
-ertappt, das anderemal aus den höchsten Zweigen eines Birnbaumes
-herabgeholt. Balthasar war ein rührend treuer Kamerad. Das prächtige
-Obst, das er in Papas Garten gemaust, theilte er gewissenhaft mit mir, und
-(wer zweifelt noch, dass ich das vernichtende Urtheil meiner Pflegeeltern
-verdiente!) es schmeckte hundertmal besser in einem Winkel der Scheune, als
-von den Krystallschalen an der Tafel.
-
-Mama und Papa, die meinen unpassenden Verkehr missbilligend bemerkten,
-hofften, der Winter werde ihm ein Ende bereiten. Unterbrochen wurde die
-Freundschaft, aber jedes Frühjahr knüpfte sie fester. Damals wusste ich
-mir keine Rechenschaft darüber zu geben, was mich zu Balthasar und seinen
-braven, tüchtigen Eltern hinzog, aber heute ist mir's klar, dass es nicht
-bloss die ererbte Vorliebe für vulgäre Gesellschaft war, sondern die
-Thatsache, dass ich jenseits der Gartenmauer etwas galt und gut gelitten
-war, während ich dieseits kalt übersehen oder getadelt wurde. Allerdings
-als zwei Jahre nach Robert die kleine zarte Lilli zur Welt kam, besserte
-man nicht mehr an mir herum und liess mich treiben, was mir gefiel, bis
-ich alle Grenzen des Erlaubten überstieg. Ich zählte vierzehn Jahre und
-sollte bei Lilli's Gouvernante die Lücken in meiner Bildung ausfüllen.
-Statt dessen lief ich tagaus tagein zur Pächtersfrau hinüber. Sie war
-einsam; ihr Abgott Balthasar befand sich auf einer landwirthschaftlichen
-Schule. Ich ging ihr in Küche und Maierei zur Hand, butterte, streute dem
-Geflügel das Futter, knetete und buck ordinäres schwarzes Brod. Wurde
-ich entdeckt, dann sah ich ein, dass mein Vergehen zum Himmel schrie.
-Ueberhaupt war ich in Gegenwart von Papa, Mama, Robert und Lilli meist in
-so bussfertiger, zerknirschter Armensündenstimmung, dass es mich gar nicht
-Wunder nahm, wenn mich alle für feige, unaufrichtig, lakaienhaft hielten.
-Die geringschätzigen Bemerkungen, die kalten Blicke daheim drückten mein
-Selbstgefühl herab, ich begann, mich für einen dunkeln Flecken auf dem
-sonnigen Familienbilde zu halten, für eine Art von Schlagschatten, der
-die Vortrefflichkeit und feine Ausführung der anderen Schöpfungswerke
-gebührend hervorhob, sich aber nichtsdestoweniger ziemlich überflüssig
-dünkte. Die Andern mochten dasselbe finden; ich wurde Fräulein Möller
-ausgeliefert. Sie sollte den letzten Versuch machen, mein ererbtes Uebel
-zu kuriren. Seit zwei Jahren bin ich nicht einmal in den Ferien nach Hause
-gekommen. In der ersten Sommervacanz, während ich mit meinem baumlangen
-Kameraden Pflanzen und Steine suchte, kam Miss Burton, Lilli's Gouvernante,
-auf die Idee, ein geheimes Einverständniss bestehe zwischen mir und dem
-lieben, langen, unbeholfenen Jungen. Und so erfloss das Verbot meiner
-Heimkehr, und während die anderen Mädchen in die Berge, an die See in den
-Sonnenschein hinauszogen, sass ich wie ein Sträfling hinter den Mauern des
-verstaubten Pensionsgartens. Nächstes Jahr durfte ich wohl Papa und Mama
-besuchen, denn (ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten, wiewohl die
-ganze Klasse mich spöttisch betrachtete) Balthasar sollte nicht mehr
-als Schlange im Paradies lauern. Der Bruder seiner Mutter war kinderlos
-verstorben und hatte ihm ein hübsches Gut in Pommern hinterlassen. Er
-hatte es mir geschrieben und mich gefragt, wann er mich sehen könne. Mama
-und Papa, welchen er einen Abschiedsbesuch gemacht, hätten ihm die Bitte,
-mir vor seiner Abreise die Hand drücken zu dürfen, rundweg abgeschlagen.
-Ich dürfe meine Studien nicht unterbrechen. Du lieber Gott, als ob
-nicht Hopfen und Malz an meiner Wasserfarbenmalerei, meinen Chopin'schen
-Nocturno's und Stickereien in Seide und Chenille verloren wären.
-
-Dieser Brief, der erste heimliche Brief in meinem achtzehnjährigen Leben,
-fiel einer Aufseherin in die Hände, und ich hörte Sentenzen vor der
-ganzen Klasse über mein unpassendes Benehmen. Zuletzt wurde mir verboten,
-das Haus zu verlassen. Wie ein Häuflein Unglück sass ich in meinem Zimmer
-und bekam zu meiner übrigen Schönheit vom Weinen rothe geschwollene
-Augen.
-
-Vermuthlich verdankte ich es meiner vulgären Neigung, dass ich unter all
-den Gewerbsleuten der Schule warme Freunde hatte.
-
-Meine Antwort an Balthasar hatte die Bäckerstochter bestellt, und nun
-wartete er ohne Zweifel in dem windschiefen Gartenhäuschen an der Mauer,
-in welches er sich, dank seinen früh erworbenen Kletterkünsten, leicht
-genug hinaufzuschwingen vermochte. Ich aber war gefangen, und wenn auch
-nicht in Banden, so doch durch eine gut und sicher verschlossene Thüre von
-der Aussenwelt getrennt, denn zu diesem äussersten Mittel hatte Fräulein
-Möller gegriffen, da ich mich nicht dazu verstehen wollte, meinen Verzicht
-auf eine Zusammenkunft mit meinem Jugendfreunde zu versprechen.
-
-Mein Zimmer lag eine Treppe hoch, aber das Haus war niedrig, und unter
-meinem Fenster befanden sich ein paar kümmerliche Blumenbeete. Ich würde
-weich fallen. Natürlich würden die zerdrückten Blumen meinen Frevel
-morgen aller Welt verkünden, aber ich war in einer Stimmung, so
-verzweifelt und aufgeregt, dass mich keine Bedenken abhielten. Mit
-Balthasar ging meine glückliche Kinderzeit von mir. Ohne Abschied liess
-ich den einzigen Menschen, der mich an's Herz geschlossen, nicht von dannen
-ziehen.
-
-In minder verlockender Gestalt ist wohl noch nie eine junge Dame bei einer
-heimlichen Zusammenkunft erschienen. Die weiche, von Regen getränkte
-Erde des Gartens hatte sich in rührender Anhänglichkeit meinem Kleide
-mitgetheilt, ich hinkte, denn ich hatte mir bei dem Sprung den Fuss
-verstaucht, und zum Ueberfluss fing ich noch laut zu weinen an, als bei dem
-Schein einer Laterne, die in dem Gässchen hinter dem Gartenzaun brannte,
-mein Jugendfreund in dem windschiefen Gartenhäuschen vor mir auftauchte.
-
-Er hatte mit seiner grossen, ehrlichen Rechten meine Hand gefasst und
-begann mir mit der Linken unbeholfen das Haar zu glätten. Und da ich
-dadurch nicht beruhigt ward, wollte er mich an sich ziehen. Aber ich machte
-mich los.
-
-»Wir wollen nicht den geringsten Anlass zum Tadel geben. Wenn wir auch
-gezwungen sind, auf heimlichen Wegen zu gehen, so wollen wir uns doch
-benehmen, als wären Mama, Papa und Institutsvorsteherin zugegen.« Damit
-setzte ich mich auf die eine Seite des wackeligen Tisches und wies ihm den
-Platz mir gegenüber an.
-
-»Doch wenn ich deine Hand nicht in meinen ungeschlachten Fingern halten
-kann, Jenni, dann weiss ich nicht recht, wie ich anfangen soll,« sagte
-mein langer Freund hilflos. Die freundliche Strassenlaterne fiel ihm gerade
-auf das Gesicht. Was für ehrliche, treue Augen er hatte und wie warm Einem
-um's Herz wurde, wenn man in sie hineinsah! Ich gab ihm meine Hand, und nun
-begann er:
-
-»Du weisst wohl, dass ich ein Gut geerbt habe, Jenni, keine Herrschaft,
-aber ein ganz stattliches Bauerngut.« Dabei drückte er mir die Hand; aber
-da ich nicht wusste, wo er hinaus wollte (vielleicht wusste ich's auch und
-behielt es blos für mich), so wünschte ich ihm blos Glück. Es werde ihm
-gut thun für sich selber, auf seinem eigenen Grund und Boden zu arbeiten.
-
-»Hm,« sagte er, stockte und fing mit einiger Anstrengung wieder an: »Zu
-solch' einer Farm gehört eine hübsche, junge Frau, Jenni.«
-
-Das überraschte mich. Seine Mutter war ja noch so rüstig und würde ihm
-gewiss mit Freuden haushalten.
-
-Aber ich wurde feuerroth, als ich diese passende Bemerkung murmelte und
-segnete die Strassenlaterne, in deren Schatten ich sass.
-
-Er schüttelte den Kopf. Die Alten wollten nicht mehr wirthschaften. Sie
-hatten sich ein hübsches Sümmchen erspart und gedachten sich im Hause des
-Sohnes zur Ruhe zu setzen.
-
-Und dann meinte er mit einem verlegenen Lachen, er wisse auch schon von
-einer Frau. Die Frage sei nur, ob ihr das Loos, das er ihr bieten könne,
-glänzend genug sei, sie habe bessere Aussichten. Aber ein treueres Herz
-fände sie sicher niemals und wärmere Liebe auch nicht.
-
-Dabei blickte er mich so bittend an, und in seinem Gesicht lag solch' eine
-Sorge wegen der glänzenden Aussichten, dass ich ein Stück Holz hätte
-sein müssen, um länger an mich zu halten.
-
-»Kein glücklicheres Loos kann es geben, als an Deiner Seite, Balthasar!«
-rief ich.
-
-Und da zog er mich an sein treues Herz. Am liebsten hätte er mich, wie ich
-ging und stand über die Gartenmauer und zu seinen Eltern getragen, um alle
-Förmlichkeiten abzuschneiden. Aber ich konnte ihm den Gang zu Papa und
-Mama nicht ersparen, wenn er ihm auch vielleicht schlimmer erschien, als
-der Marsch in einem Kugelregen.
-
-Er erzählte mir später, er hätte nie längere Gesichter gesehen als die
-ihren, nachdem er um meine Hand anhielt und, ihrem »Nein« zuvorkommend
-erklärte, wir seien einig.
-
-»Mein Gott, wir können doch unser Adoptivkind nicht mit dem Sohn unseres
-Pächters verheirathen,« rief Mama, »was würde die Welt dazu sagen! Es
-würde heissen, wir hätten sie abgeschüttelt, weil wir nun eigene Kinder
-haben!« Und Papa hatte mit der schneidenden Ironie, mit der er mich so oft
-verwundet, eingeworfen:
-
-»Lass' die Leute die Köpfe schütteln. Wir können ihnen antworten: Art
-lässt nicht von Art, und eine Ente wird durch das beste Beispiel, die
-sorgfältigste Erziehung nicht zum Schwan!«
-
-Und so sitze ich im Tümpel. Im Ganzen ist mein Leben gar nicht übel, und
-ich tauschte nicht für die Welt den Schwanenteich zurück. Wenn ich
-jetzt zuweilen in den Spiegel blicke und mir ein frisches, gerundetes,
-glückliches Gesicht entgegengrüsst, dann möchte ich schier glauben, die
-Urkraft habe mich Anfangs doch zum Zierrath bestimmt und sei nur auf halbem
-Wege stehen geblieben. Aber Balthasar, der arme, verblendete Mann, hält
-mich thatsächlich für etwas ganz Kostbares und trägt mich auf starken,
-treuen Händen durch das Leben; und das ist eigentlich mehr, als solch' ein
-armselig graues Entlein beanspruchen darf.
-
-
-
-
-EIN APRILSCHERZ.
-
-
-Das Schelmen-Triumvirat nannte uns zur Zeit, als wir unsern wilden Hafer
-säeten, die Volksstimme in unsrer Künstlerstadt. Zweien von uns, dem
-Genremaler Karl Schönborn und meiner Wenigkeit, that sie damit entschieden
-zu viel Ehre an; wir waren keine ebenbürtigen Genossen, wir waren nur
-die Handlanger des dritten und spielten die Rolle Sancho Pansas, der ganz
-deutlich sieht wohin die Tollheit seines Meisters führt, und der ihm
-doch durch dick und dünn folgt. Ja, Ruppert Ahlfeld war unser Meister im
-Ersinnen toller Possen; wehe dem Menschenkind, das er sich zur Zielscheibe
-erkoren! Da war vor etlichen Jahren ein Jüngling von äusserst frommer
-Gemüthsart und tugendhaftem Wandel in unsern Bereiche aufgetaucht, den
-Blasengel hiessen wir ihn, wegen seines rundlichen, rosigen Gesichts und
-des goldblonden Gelocks, das ihm wie ein Glorienschein um den Kopf starrte;
-auf ihn stiess unser Anführer wie ein Fischadler auf einen fetten
-Karpfen nieder. Es hiess, Hugo Lichtner habe sich mit einem steinreichen
-Verwandten, der ihn zu seinem Erben machen wollte, entzweit, weil er um
-jeden Preis Stillleben malen musste. Ich bitte Sie -- Stillleben! Wenn
-es Konradins Tod, oder Orest an der Leiche Klytemnestras, oder Judith und
-Holofernes gewesen wären, an welche Rupert in jugendlichem Grössenwahn
-beispiellos viel Farbe und Leinwand verschwendete, das hätte diesem
-Respeckt eingeflösst, aber sich enterben lassen, um grüne Gurken, einen
-Teller Trauben, ein Glas mit Goldfischen abzukonterfeien, das konnte er,
-der sich als Vertreter der grossen Kunst fühlte, dem armen Jungen nicht
-verzeihen. Für Lichtner hatte der erste April bald 365 Tage; kaum war
-er mit Mühe und Not einer Schlinge entronnen, dann stolperte er mit dem
-arglosesten, vertrauendsten Lächeln von der Welt in die zweite hinein.
-
-»Kinder,« erklärte Rupert mit dem salbungsvollen Ton, den er zuweilen
-annahm, »wenn es uns gelingt, ihm die himmelblaue Binde über den Augen zu
-lockern, dann haben wir ein grosses Werk vollbracht und verdienen, dass auf
-unsern dereinstigen Grabsteinen die Worte »Wohlthäter der menschlichen
-Rasse« eingemeisselt werden.«
-
-Aber unsre Bemühungen erschienen nicht von dem kleinsten Erfolg gekrönt,
-der Blasengel blieb leichtgläubig und arglos, als wäre er erst gestern
-aus den Wolken auf die sündige Erde niedergeflattert.
-
-Einmal hatte er uns im Atelier aufgesucht, nachdem sich Professor P., unter
-dessen Anleitung unser Triumvirat damals arbeitete, in sein Allerheiligstes
-zurückgezogen. Da ging die Thür auf, und ein kleiner, abscheulicher
-Seidenpintsch sprang uns kläffend an die Beine. Jeder von uns wäre
-mit Vergnügen bereit gewesen dem Köter einen herzhaften Fusstritt zu
-versetzen, allein hinter ihm raschelte ein seidenes Frauenkleid, eine
-wunderhübsche, junge Dame mit blitzenden Zigeuneraugen, Wangen eines
-Pfirsichs und einem bezaubernden Stumpfnäschen kam in das Atelier, als
-hätte sie der Aprilwind hereingeweht, und statt des Fusstritts bückte
-sich jeder herab, um den Rücken des Scheusals zu tätscheln, das uns zum
-Dank dafür nach den Fingern schnappte.
-
-»Ich wünsche, den Professor zu sprechen,« sagte das Fräulein mit einem
-Lächeln, das selbst einen Stein erwärmt hätte, »mein Name ist Ilona
-Balogh, Porträtmalerin aus Pest.«
-
-Wir wussten schon von ihr. In den paar Tagen, die sie in unsrer Stadt
-verweilte, hatte sie der jüngeren Künstlerschaft (vielleicht auch der
-älteren, doch, davon schweigt des Sängers Höflichkeit) soweit sie in
-ihre Nähe gerathen, durch ihre Schönheit und ihre pikanten Einfälle die
-Köpfe verwirrt. -- Dienstbeflissen stoben wir auseinander. Rupert schob
-ihr den pomphaftesten der Krönungssessel hin, ich breitete dem gräulichen
-Vierfüssler einen kostbaren, persischen Teppich unter, Karl Schönborn
-pochte an des Meisters Thür, -- wie ich vermuthe nicht ohne Herzklopfen,
-da dieser, wenn er sich zurückgezogen, eine Störung nicht allzu
-freundlich willkommen hiess -- nur Hugo Lichtner stand wie ein gemeisselter
-Engel da und starrte mit verzückten Augen auf die junge Dame.
-
-Fräulein Ilona bemerkte es -- sie hätte sonst auch stockblind sein
-müssen -- und rückte ihren Stuhl, um sich dem Bereich seiner Blicke zu
-entziehen; doch auch jetzt mochte sie die hypnotisirten Augen auf sich
-gerichtet fühlen, denn sie schürzte die Lippen wie in gutmüthigem Spott.
-
-Ich war wüthend. War dies unsre grüne Unschuld, unser keuscher Joseph,
-den wir trotz aller mephistophelischen Versuchung, und trotzdem die
-hübsche Nanni in unsrer Künstlerkneipe sich mehr als nöthig in der
-Nähe des seraphischen Blondkopfs zu schaffen machte, nie zu der geringsten
-Aufmerksamkeit gegen das schöne Geschlecht bewegen konnten? Fräulein
-Balogh musste annehmen, das die Czikos auf ihrer Pussta mehr Lebensart
-besassen, als ihre jungen Künstlerkollegen. Ein vergnügtes Grinsen, das
-sich über Ruperts Gesicht zog, dämpfte meinen Aerger. Was hatte er wohl
-wieder ausgeheckt, um Hugo das Leben zu verleiden? Soeben war der Professor
-in die Thür getreten und geleitete den gut empfohlenen Gast in sein
-Privatkabinett.
-
-»Habt ihr bemerkt, wie sie den Posaunenengel angesehen hat, so --
-ergriffen, möchte ich es nennen?« fragte Rupert. Sein Augenblinzeln, dem
-bei mir, dem neben ihm Stehenden, ein leiser Stoss mit dem Fusse nachhalf,
-erleuchtete uns augenblicklich.
-
-»Ja wohl, ja wohl, in ihren Augen lag so etwas wie eine widerstandslos
-schmelzende Lawine,« versetzte Schönborn, angelegentlich seinen Vollbart
-streichend.
-
-»Als sie dem Professor folgte, hat sie noch einmal den Kopf sehnsüchtig
-nach Hugo zurückgewendet,« fügte er hinzu, um hinter meinen
-phantasiebegabten Genossen nicht ganz und gar zurückzubleiben.
-
-»Glücklicher Mensch, er hat das schönste Mädchen der Stadt im Sturm
-erobert!« rief unser Führer.
-
-»Nein; glaubt ihr wirklich, glaubt ihr, sie habe mich auch nur bemerkt?«
-fragte Hugo in naiver Freude, mit seinem erröthenden Gesicht noch mehr
-als sonst einem Blasengel ähnlich, der seine Posaune für einen Moment
-absetzt.
-
-»Glauben?« versetzte Rupert entrüstet, »Mensch, man hat doch Augen im
-Kopfe! Wenn das nicht ein Fall von Liebe auf den ersten Blick ist, dann
-kannst du mich für blind wie Hiob erklären.«
-
-»Aber wie kam sie nur dazu, gerade mir, dem Unbedeutensten von euch,
-Aufmerksamkeit zu schenken?«
-
-Rupert zuckte die Achsel.
-
-»In dem elementaren Zuge von einem Herzen zum andern liegt gewöhnlich
-etwas Unbegreifliches,« predigte er. In seinem Munde nahmen sich die
-Lehren überlegener Weisheit stets ausserordentlich wirkungsvoll aus.
-»Aber höre mein Sohn, bilde dir nicht ein, dass du die Hände in
-den Schooss legen und dich wie ein vom Dach fallender Sperling auf die
-göttliche Vorsehung verlassen kannst. Die drinnen ist nicht die hübsche
-Nanni.«
-
-»Erlaube mir die Bemerkung, dass ich es sehr geschmacklos finde, beide in
-einem Atem zu nennen,« warf Hugo mit ungewohnter Hitze ein.
-
-»Ilona Balogh ist die Tochter eines romantischen Volkes, sie
-erwartet gewiss ein ritterliches Werben, etwas mittelalterlich
-troubadourmässiges,« dozierte Ahlfeld. »Ulrich von Liechtenstein,
-natürlich etwas den veränderten Zeitläufen angepasst, ohne zerschnittene
-Lippe und Verkleidung als Frau Venus (letztere würde die prosaische
-Polizei von heute gar nicht erlauben), das dürfte das angemessene sein, du
-verstehst mich doch?«
-
-Unser armer Blasengel gab sich alle Mühe, aber zuletzt schüttelte er den
-Kopf; er verstand ihn nicht.
-
-»Du schickst ihr jeden Tag Blumen und Gedichte; wenn du die letzteren
-nicht zu stande bringst, helfen wir dir alle drei dabei; -- auch giebt
-es immer bei den Antiquaren alte, vergessene Schmöker voll lyrischer
-Empfindungen, die man, ohne ertappt zu werden, abschreiben kann. -- Zur
-Besorgung derselben an deine Dame kannst du den Sohn meiner Hauswirthin
-verwenden, den anstelligsten kleinen Taugenichts, der je Stiefel auf unserm
-Pflaster zerriss.«
-
-Gegen den vorgeschlagenen Betrug verwahrte sich das arme Opfer unsrer
-Ruchlosigkeit, aber mit den übrigen Vorschriften erklärte er sich
-einverstanden; ja er dankte seinem Mentor noch, weil dieser seiner
-Unerfahrenheit in Liebessachen so brüderlich zu Hilfe kam.
-
-»Du zeigst dich ihr so oft als möglich mit deinem verführerischen
-Seraphslächeln und dem fascinierenden Blick, der sie vorhin so
-widerstandslos gefangen nahm, aber, höre mein Sohn, hüte dich, ihr durch
-ein Wort deine Gefühle zu verraten, bevor sie dir selbst die Erlaubniss
-dazu giebt.«
-
-Dies erschien zwar bei Hugos Schüchternheit ohnehin ziemlich
-selbstverständlich, aber unser Freund wünschte sicher zu gehen.
-
-»Die Frauen dieser interessanten Nation muss man sehr vorsichtig
-behandeln,« fuhr er mit tiefsinnigem Kopfschütteln fort. »Ein wüthend
-Weib und eine Ungarin« nennt sie Grillparzer in einem Athem, und
-er als nächster Nachbar muss sie doch gekannt haben. Ein
-unüberlegt-vertrauliches Wort, und wenn sie in Liebe für dich verginge,
-so würde sie dir doch wie eine beleidigte Königin den Rücken wenden.«
-
-Die Wiederholung unsrer angenehmen Erfahrungen mit dem Seidenpintsch,
-dem seine schöne Herrin auf dem Fusse folgte, unterbrach weitere
-Betrachtungen. Als sie sich mit leichtem Kopfnicken von uns verabschiedete,
-unterliess sie es nicht, dem Blondkopf einen schalkhaften Blick zuzuwerfen,
-der Hugo bis unter die Haarwurzeln erröthen machte.
-
-Lächerlicher hat sich nie ein liebeskranker Minnesänger benommen, als
-unser Blasengel unter dem Einfluss seiner brüderlichen Rathgeber. Rupert
-hatte, den günstigen Zufall ausnützend, dass das Gärtchen seiner
-Hauswirthin an das zu Fräulein Baloghs Wohnung gehörige stiess, Zutritt
-bei ihr zu erlangen gewusst, obschon sie sonst nicht viel Verkehr mit dem
-jungen Künstlervolk pflog. Er that dies, wie er versicherte, nur um
-Hugos willen, damit er ihn auf das genaueste über ihre Liebhabereien und
-Antipathien zu unterrichten vermochte. Diese waren etwas veränderlich;
-das blonde Bärtchen, das unserm Opfer fast gleichzeitig mit seiner Liebe
-aufgesprosst war, musste sich die einschneidendsten Veränderungen gefallen
-lassen, denn einmal schwärmte Ilona für vollbärtige Germanenköpfe,
-das nächstemal stellte Heinrich der Vierte ihr Ideal von männlicher
-Schönheit vor; bald konnte nur ein Mann mit dem aufgewichsten Schnurrbart
-ihrer engeren Landsleute Gnade vor ihren Augen finden; dann wieder zwang
-Hugo eine ihrer bizarren Launen, sich mit ausrasiertem Schnurrbart und
-zwei fragwürdigen Kotelettes einem amerikanischen Geschäftsreisenden
-so ähnlich zu machen, als es einem Blasengel nur immer möglich ist. Die
-Kopfbedeckungen, Halsbinden und Sammtröcke, die er um jene Zeit trug,
-lockten zuweilen die Gassenbuben auf seine Fährte. Aber das alles waren
-verhältnissmässig leichte Opfer, die er seiner Herzensdame brachte; als
-aber das Sommerfest der Künstler herankam und sein Gesicht von süssen
-Wiedersehnshoffnungen zu leuchten begann, da zog ihn sein Peiniger bei
-Seite: »Fräulein Ilona wünscht nicht, das du mit ihr tanzest, die Leute
-könnten errathen, was es für ein Bewandniss mit ihrem Herzen habe.«
-
-Und nun stand er die ganze Nacht wie ein Säulenheiliger in der Ecke und
-sah zu, wie sich die Geliebte mit jungen Männern -- auch mit Rupert --
-im Tanze drehte. Allerdings blieb der Lohn für seine Enthaltsamkeit nicht
-aus. Eine dunkle Haarlocke, die, wenn nicht auf Ilonas, so doch auf einem
-andern Kopfe gewachsen, eine Schleife von der Farbe, wie sie das schöne
-Mädchen auf dem Feste getragen, etliche zwischen Fliesspapier gepresste
-Wiesenblümelein wurden von demselben zuverlässigen Liebesboten, der seine
-Bouquets abzuliefern hatte, in seine Hände gespielt. Dass wir drei die
-krampfhaftesten Zuckungen durchzumachen hatten, als wir ihn dann verklärt,
-als schwebe er auf Wolken, herumgehen sahen, kann uns wohl niemand
-verübeln. Uebrigens fühlten Karl und ich zuweilen leise Gewissensbisse.
-Ohne unser Schüren wäre Hugos Leidenschaft vielleicht aus Mangel
-an Nahrung zu einem unschädlichen Häuflein glimmender Kohlen
-zusammengefallen, während sie jetzt lichterloh aufbrannte. Aber unser
-Hauptmann mochte von einem dramatischen Abschluss mit Enthüllungen nichts
-hören. Er hatte selber zu tief in Ilonas schöne Augen geblickt, und nun
-bereitete es ihm ein boshaftes Vergnügen, die heilige Einfalt zu quälen,
-die sich vermass, ihre Wünsche auf denselben Gegenstand zu richten, wie
-Ahlfeld selber. Da verschwand unser Blasengel eines Tags spurlos aus unserm
-Kreise und aus der Stadt.
-
-Wiewohl ich über die Gefühle von Strassenräubern nicht sonderlich
-genau unterrichtet bin, möchte ich behaupten, dass sie mit meinen und
-Schönborns viel Verwandtes hatten. Wir setzten voraus, Hugo habe erfahren,
-welche Narrenrolle wir ihn spielen liessen und sich, aus allen erträumten
-Himmeln gestürzt, ein Leids angethan. Selbst Rupert ging merkwürdig
-kleinlaut herum. Aber als nach vielen Wochen Hugo mit einem Trauerflor um
-den Hut wieder in der Glorie eines Vollbärtchens und mit schärfer und
-bestimmter umrissenen Zügen unter uns auftauchte, erwachte der alte
-Adam sogleich wieder in ihm, und er rief dem Eintretenden entgegen:
-»Landstreicher, wo hast du gesteckt? Ilona hat sich nicht wenig um dich
-geängstigt; kein Tag verging, an dem sie nicht wenigstens über den
-Gartenzaun hinüber nach dir fragte.«
-
-»Ich wurde zu meinem todtkranken Onkel berufen und vermochte, wie ihr euch
-vorstellen könnt, an seinem Sterbebette nichts andres zu denken, als dass
-der alte Mann mir viel gutes erwies, und dass ich ihm zum Danke dafür die
-grösste Enttäuschung seines Lebens bereitet habe.«
-
-»Hoffentlich wurde bei deinem Erscheinen das bewusste gemästete Kalb
-geschlachtet?« fragte Karl.
-
-»Zu Festlichkeiten waren die Umstände nicht angethan; aber der verlorene
-Sohn wurde mit offenen Armen aufgenommen.«
-
-»Trotz deiner Grünzeugbilder?« spottete Rupert. »Dein Onkel war viel zu
-nachsichtig; ich hätte es nicht über mich gebracht.«
-
-»Die Grünzeugbilder (übrigens waren es diesmal zwei Fruchtstücke)
-bahnten die Aussöhnung an,« versetzte Hugo triumphierend, »sie wurden in
-meiner Heimath ausgestellt, und mein Onkel las im Lokalblättchen allerhand
-Erbauliches von einem »vielversprechenden Sohn der Vaterstadt, dem Neffen
-eines unsrer angesehensten Mitbürger.« Das Zureden alter Freunde that das
-übrige. Vor seinem Tode hat er mir sogar das Zugeständniss gemacht, dass
-nicht jeder von Mutter Natur so glücklich begabt sein könne, um eine
-Zündhölzchenfabrik mit Erfolg leiten zu können, und dass es auf dieser
-unvollkommenen Welt auch »Phantasten« (nämlich Maler, Musiker, Dichter
-u. s. f.) geben müsse.«
-
-»Und so bist du vermuthlich ein herzloser Kapitalist geworden?« fragte
-Ahlfeld mit einem Stirnrunzeln; (er war keiner).
-
-»Mein armer Onkel hat mich zum Erben eines sehr bedeutenden Vermögens
-eingesetzt,« war die Antwort.
-
-»Was wird Fräulein Balogh dazu sagen?« warf Schönborn aus alter
-Gewohnheit, sie im Gespräch mit dem Blasengel unaufhörlich zu erwähnen,
-ein.
-
-»Dies zu erfahren, ist, wie ich fürchte, heute schon zu spät. Ich werde
-morgen meinen Besuch bei ihr machen.«
-
-Er zog seine Uhr heraus, und so mochten ihm die verblüfften Blicke
-entgehen, die unser in diesem Augenblick nicht gerade sehr siegreiches
-Triumvirat wechselte.
-
-»Mensch, du gedenkst doch nicht selbst ihr Haus zu betreten?« stammelte
-Rupert, nach Atem schnappend, »willst du gegen ihr ausdrückliches Verbot
-handeln?«
-
-Aber das war nicht mehr der alte Blasengel, der in unsern Händen biegsam
-wie weiches Wachs gewesen. Nicht, dass er uns misstraute; aber der ererbte
-Reichthum schien ihm eine bedeutende Sicherheit verliehen zu haben.
-
-»Dieses Verbot kann nicht für immer Giltigkeit haben,« versetzte er,
-»ich muss endlich in meiner Herzenssache selber handeln; es geht nicht an,
-immer meine Freunde für mich eintreten zu lassen; denkt ihr nicht auch?«
-
-Wir dachten im diesem Augenblick nichts anders, als dass eine Versenkung
-unter unsern Füssen eine angenehme Sache wäre.
-
-»Es ist kein Geheimniss für euch, wie wir mit einander stehen,« sagte er
-roth werdend.
-
-»Ja gewiss, aber überlege doch« --
-
-»Ueberlegen?« er blickte Rupert befremdet an. »Solange ich ein armer
-Teufel war, hielt ich es, so schwer es mir auch wurde, für meine Pflicht,
-abseits zu stehen. Das ist nun anders geworden, ich vermag ihr ein
-gesichertes, behagliches Loos zu bieten, kann ihre Wünsche, soweit sie die
-Annehmlichkeiten des Lebens betreffen, erfüllen;« seine Augen blickten
-dabei glückselig ins weite, als sähe er seine Geliebte wie eine Rose ins
-weichste Moos gebettet. -- »Da Ilona keine herzlose Kokette ist, hoffe
-ich, dass sie meine ehrliche Werbung annehmen wird, die sie nach allem nur
-erwarten muss.«
-
-Schönborn und mir brach der Angstschweiss aus den Poren. Wir wechselten
-einen rathlosen Blick; sollten wir ihm sogleich das Spiel, das wir mit ihm
-getrieben, enthüllen? Aber Rupert kam uns zuvor.
-
-»Das heisst männlich gesprochen,« rief er und schlug ihm auf die
-Schulter, »gehe zu ihr, wirb und lass dir von ihren Lippen dein Glück
-verkünden; wir enthalten uns von jetzt ab jeder Einmischung.«
-
-»Das wird die würdige Krönung unsres Spasses sein,« sagte Rupert
-händereibend, als sich Lichtner bald darauf verabschiedet hatte,
-vermuthlich um von dem Glück zu träumen, das ihm ja so sicher war. »Aus
-ihrem eigenen Munde soll er hören, was für ein lächerlicher Narr er
-gewesen ist. Ich will sie sogleich einweihen.«
-
-Er schien Ilonas ziemlich sicher zu sein, dennoch rief ich erschrocken:
-»Was fällt dir ein? Wie kannst du sie darüber aufklären, welche Rolle
-wir sie in der Komödie spielen liessen?«
-
-»Sei ruhig; in der Beschränkung zeigt sich euch der Meister. _Ihre_
-heimliche tiefe Liebe werde ich mit einem mystischen Schleier zu verhüllen
-wissen, nur von ihm soll die Rede sein. Mir ist's als hörte ich sie jetzt
-schon bei dem Bericht helllaut auflachen.«
-
-»Und du meinst, sie wird ihre Mitwirkung dazu leihen, den Blasengel aus
-allen seinen Himmeln zu reissen?«
-
-»Wenn ich sie bitte, gewiss.« Damit war er schon zur Thür hinaus.
-
-»Ehe denn der Hahn kräht, wird es einen Abtrünnigen in unserm
-Junggesellentrio geben,« sagte Schönborn, der sich mit Vorliebe auf
-Weissagungen verlegt, wiewohl er das merkwürdige Unglück hat, sie nie
-eintreffen zu sehen, »ich wette, der arme Hugo wird morgen von der
-Anzeige empfangen werden: Rupert Ahlfeld, Ilona Balogh empfehlen sich als
-Verlobte.«
-
-»Ich wollte, wir hätten die Geschichte hinter uns,« murrte ich
-verdrossen, »eigentlich haben wir uns gegen Lichtner schmählich benommen.
-Ich lasse mich von Rupert zu keinem dummen Streich mehr verleiten.«
-
-Ein weiser Entschluss, den ich sehr oft fasste, aber unter dem Einfluss
-unsres Führers stets wieder vergass.
-
-Als Rupert zu uns zurückkehrte, sah er zu unsrer Verwunderung alles
-eher denn befriedigt aus. Er schleuderte seinen Hut in eine Ecke mit der
-Bewegung eines Menschen, der, soll er nicht ersticken, seinem Aerger an
-einem unschuldigen Gegenstande Luft machen muss, und warf sich mürrisch
-auf einen Stuhl.
-
-»Die Weiber haben keinen Sinn für Humor,« brach er aus, »und Ilona ist
-in dieser Hinsicht von der Natur noch kärglicher bedacht worden, als ihre
-Schwestern. Glaubt ihr, sie habe die Lippen nur einmal zu einem Lächeln
-verzogen, als ich ihr die himmelschreienden Dummheiten ihres Troubadours
-schilderte?«
-
-»Hast du ihr erzählt, dass er sich wochenlang mit Häring, Wurst und
-Kartoffeln vergnügt hat, damit die hübsche Nanni in unsrer Kneipe jeden
-Morgen die prachtvollsten, rothen Zentifolien auf ihre Kammer trage?«
-fragte Schönborn, der sich nicht vorstellen konnte, dass unser famoser
-Spass ungewürdigt blieb, und der es deshalb vorzog, das Darstellungstalent
-unsres Freundes anzuzweifeln.
-
-»Du kannst dir denken, dass ich es mir nicht entgehen liess; und was für
-Farben ich auftrug! Stünden sie mir so für die Leinwand zu Gebote, dann
-würde ich Makarts Ruhm in einem halben Jahr verdunkeln. Lerne einer die
-Frauen aus! Statt den dummen Tropf auszulachen, schien sie Mitleid für
-ihn zu fühlen. Es machte mir den Eindruck, als wäre ihr seine stumme
-Huldigung nicht entgangen.«
-
-»Dass wir darauf nicht verfielen!« sagte ich verblüfft, »die Stadt
-sprach davon, wie konnte ihr allein sein Minnedienst verborgen bleiben!«
-
-»Und nun ärgerte es sie vermuthlich, dass die Toggenburgerei nicht so
-ganz spontan war. Sie gab mir ein Pröbchen ihres Pusztentemperaments, dass
-sich mir in der Erinnerung daran die Haare sträuben. Für solche elende
-Possen sei der Name eines schutzlosen Mädchens zu gut, rief sie, als sie
-hörte, ich habe ihn zu seinen Narrheiten mit der Vorspiegelung bestimmt,
-er entspreche durch dieselben ihren Wünschen. Mein Benehmen sei
-unritterlich, eines Gentleman unwürdig gewesen; was sie über euch, meine
-Gehilfen, gesagt, will ich lieber verschweigen.«
-
-»Also will sie nichts von der Rolle wissen, die du ihr zugetheilt?«
-fragte ich, nicht sonderlich bekümmert; mir sagte die Pointe unsres
-Spasses nicht so zu, wie Rupert, der seit der Rückkehr unsers Blasengels
-eine seltsame Gereiztheit gegen ihn verrieth.
-
-»Das hat sie mir zu meinem Erstaunen doch nicht abgeschlagen,« entgegnete
-er, »sie will ihn morgen Nachmittag empfangen und die nöthige Aufklärung
-geben; entweder fürchtet sie, dieselbe könne aus unsrem Munde nicht
-schonend genug ausfallen, oder die Freude am Komödiespielen ist, trotz
-allen Mitleids für ihren Getreuen denn doch in ihr erwacht.«
-
-»Schade, dass wir der Entwicklung des Knotens nicht ungesehen beiwohnen
-können,« meinte Karl, »der Ring des Gyges wäre jetzt gar nicht übel.«
-
-»Es ist noch die Frage, ob wir nicht ohne diesen zurecht kommen,« warf
-Rupert hin; doch selbst er wurde ein wenig verlegen. »Bei schönem Wetter
-hält sich Fräulein Balogh meist im Garten auf und empfängt auch dort
-ihre Gäste.«
-
-»Und da belauerst du sie ohne Zweifel in euerem Gartenhause an der
-Mauer! Höre Ahlfeld, du bist ein noch grösserer Thunichtgut, als ich
-vermuthet,« rief Karl bewundernd.
-
-Wie die drei Verschworenen aus einer Operette steckten wir am nächsten
-Nachmittage in dem windschiefen Gartenhäuschen, dessen Dielen zu unsrem
-Aerger bei jeder Bewegung verrätherisch knarrten. Wir konnten das
-Schlachtfeld genau übersehen. Kaum zehn Schritte von uns entfernt sass
-Fräulein Ilona mit einer Handarbeit unter einem Kastanienbaume; sie war
-um einen Schatten blässer als gewöhnlich und sah für einen Aprilspass
-ungemein ernsthaft aus. Ueber den Kiespfad kam der Blasengel mit einem
-Gesicht heran, das den lieben Herrgott zu fragen schien »was kostet deine
-Welt?« Das Fräulein hielt wie in grosser Befangenheit die Augen auf die
-Arbeit gesenkt, die Röthe, die auf ihrem Gesichte kam und ging, hätte
-jeden glauben machen können, ein wirklich verliebtes Mägdlein erblicke
-den Erkorenen ihres Herzens.
-
-»An ihr ist eine grosse Schauspielerin verloren gegangen,« flüsterte
-Rupert entzückt.
-
-»Sie spielt zu gut,« murrte ich, »sein Sturz aus der Höhe wird
-fürchterlich sein.«
-
-Darüber entgingen uns die ersten Worte der Begrüssung. Das Pärlein sass
-nebeneinander auf einer Gartenbank. Die Sonne machte sich das Vergnügen,
-ihnen goldene Funken auf das Haar zu streuen, hie und da fiel tanzend
-ein Blatt vom Baume herab; das sah sehr hübsch und friedlich und für
-Maleraugen ganz anziehend aus, aber mir bereitete der Anblick keinen
-Genuss, denn ich -- eine ins männliche übertragene Kassandra -- sah das
-Unheil unter dem Kastanienbaum brauen.
-
-»Ich bin glücklich, dass Sie mir diese Unterredung gewähren, Fräulein
-Ilona,« begann Hugo, bei weitem nicht so zaghaft, wie ich vorausgesetzt;
-(wir hatten es uns ja auch angelegen sein lassen, ihm durch die
-deutlichsten Beweise ihrer Neigung die Flügel zu steifen).
-
-»Warum hätte ich Ihre Bitte abschlagen sollen?« erwiderte sie, »freue
-ich mich doch selber, Ihnen endlich meinen Dank für die schönen Blumen
-aussprechen zu können, mit welchen Sie mich jeden Morgen überraschten.«
-
-Wir sahen einander starr an; -- welche Idee, für Blumen zu danken, die sie
-nie bekommen!
-
-»Wer hat es Ihnen verrathen, dass volle, rothe Rosen meine Lieblinge
-sind?«
-
-»Ich dachte an Ihre Landsmännin, die heilige Elisabeth«, sagte er
-vergnügt.
-
-»Und ich konnte zum Danke dafür, dass Sie der Fremden in Ihrer Stadt so
-viel anheimelnd Freundliches erwiesen, nichts für Sie thun.«
-
-»Nichts?« fragte er vorwurfsvoll und fuhr unwillkürlich mit der Hand
-nach der Brusttasche, in welcher der gekaufte Haarsträhn samt Bändern
-und Blümelein ohne Zweifel wohlgeborgen ruhte. Mit Falkenaugen folgte sie
-seiner Bewegung.
-
-»O, ich vergass; was war es nur? eine Haarlocke, eine Schleife und
-dergleichen, nicht wahr?«
-
-Wir konnten von unsrem Versteck aus beobachten, wie sich dunkle Röthe
-über ihr Gesicht ergoss und sie die Hand in den Kleiderfalten zu einer
-Faust ballte. Das galt uns. Diesen Theil der Historie hatte Rupert nicht
-für gut befunden, ihr zu enthüllen.
-
-»Ilona, wissen Sie, welche Deutung ich Ihren Andenken gab?«
-
-»Ich weiss es; wenn ein Mädchen, ohne Einspruch zu erheben, sich die
-stumme und doch so beredte Huldigung eines Mannes gefallen lässt, wenn sie
-monatelang seine Blumen annimmt und ihn sogar durch kleine Liebespfänder
-aufmuntert, dann ist sie entweder eine Gefallsüchtige und nicht werth,
-dass ein Mann einen Gedanken an sie verschwende, oder --«
-
-»Oder?« jubelte Hugo, »sprich es aus, Geliebte!«
-
-»Oder sie erwidert seine Neigung.«
-
-»Das geht zu weit«, murmelte Rupert zu meinem Erstaunen in lebhafter
-Unruhe, »es ist eine unnütze Grausamkeit, so auf seine Einbildung
-einzugehen.«
-
-Hugo hatte sich der Hand Ilonas bemächtigt, doch sie entzog sie ihm.
-»Noch nicht«, sagte sie und richtete sich hoch auf.
-
-Jetzt kam ohne Zweifel die Katastrophe heran. Ich bekenne, dass mir das
-Herz bänglich an die Rippen klopfte. Der arme Blasengel sah förmlich
-rührend in seinem Glück aus.
-
-»Die Zeichen haben Sie betrogen, die Blumen wurden an eine falsche Adresse
-befördert, die Liebespfänder von schalen Possenreissern (unsre verdutzten
-Gesichter bei diesem Ehrentitel hätte ich selber malen mögen) in Ihre
-Hände gespielt; das Ganze war nur ein Aprilscherz.«
-
-Wir durften beruhigt aufatmen, die auszeichnende Inschrift auf den
-Grabmonumenten war uns gewiss; das Gesicht des Blasengels erschien grau und
-hart wie ein Stein.
-
-»Ein Aprilscherz? Und dazu gaben _Sie_ sich her?« Geringschätzung und
-Empörung stritten in seinen Mienen.
-
-Wir hörten deutlich, dass der leichte Ton, in dem sie antwortete,
-erzwungen war.
-
-»Mein Gott, was soll ein armes Mädchen thun, wenn es zu seinem guten
-Recht kommen will? Sitte und Herkommen stellen sich in Wehr und Waffen
-gegen sie auf, sobald sie ein wenig ihre eigene Vorsehung spielen möchte;
-so muss sie es denn mit Freude begrüssen, wenn andre -- und wären es
-auch nur läppische Clowns -- es für sie thun. Blicken Sie mich nicht so
-strafend an, Herr Lichtner, ich habe Ihnen manches zu beichten, wozu ich
-eigentlich der Aufmunterung bedarf! -- Auf Schritt und Tritt haben mich
-seit Monaten ein paar treue, blaue Augen verfolgt. Sie hefteten sich im
-Tanzsaal auf mich, während ich mich im Kreise drehte; sie begleiteten
-mich auf meinen Spaziergängen, ja selbst in den Bildergalerien sah ich
-sie unverwandt auf mich gerichtet und bald las ich in ihnen wie in einem an
-mich gerichteten Briefe. Der Inhalt war sehr hübsch, vielleicht ein wenig
-zu schwärmerisch für unsre kühle kluge Zeit, aber welches Mädchen
-liesse sich nicht mit Freuden wie eine Heilige aus dem Kalender, statt wie
-das gewöhnliche Menschenkind, das sie ist, bewundern! Aber wo blieb das
-lebendige Wort? »Warum kommt er nicht und spricht mich an?« fragte ich
-mich oft, »So viele gleichgiltige platte Gesellen drängen sich mir auf,
-weil ihnen meine Unterhaltung behagt, oder mein Gesicht gefällt, nur
-der einzige, der wirklich warm für mich empfindet, hält sich abseits.«
-Zuweilen grollte ich Ihnen, manchmal fasste ich tolle Pläne, die sich nie
-verwirklichen liessen, um Sie aus den Ecken hervorzulocken, in welche
-Sie sich wie eine Fledermaus verbargen. Bis mir endlich eine Rolle in der
-hässlichen Posse zugetheilt ward und mit ihr die Gewissheit, den stummen
-Mund einmal sprechen zu hören. Sind Sie mir noch böse, dass ich sie
-übernahm?«
-
-»Ihnen Ilona? Nein, ich bin es nur mir selber. Was für ein alberner Narr
-bin ich gewesen! Wie müssen Sie über den veralteten Minnewerber gelacht
-haben!«
-
-»Gelacht? nein; vielleicht im stillen gelächelt. Und auch das nur im
-Anfang. Später fühlte ich mich gerührt und beschämt. Wie Schuppen fiel
-es mir von den Augen, dass mir vor vielen Würdigeren ein grosses Glück
-zugefallen, dass für mich das schöne Wort Wahrheit und mir die Liebe, die
-das ihrige nicht fordert, zu Theil geworden.«
-
-»Sie stellen mich zu hoch«, rief Lichtner, »denn ich kam, um zu fordern,
-um Sie zu fordern. Ich bin nicht so genügsam und selbstlos wie Sie denken,
-ich strecke meine Hand gierig nach dem höchsten Glück aus, das mir das
-Leben gewähren kann.«
-
-»Und warum kamen Sie erst heute?« entgegnete sie mit einem
-Triumphlächeln. »Weil Sie nun das Weib Ihrer Liebe in Purpur und
-köstliches Linnen hüllen können, als wäre es die Königin von Saba.
-Dieselbe sorgende, opferwillige Liebe spricht heute aus Ihrem Kommen, wie
-ehemals aus Ihrem Fernbleiben. Sie wandelten diesmal auf einem Irrweg,
-denn ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich an Wohlstand und Komfort
-verschenken; -- wären Sie enterbt, ohne andre Aussichten, als Ihr Talent
-und Fleiss sie Ihnen eröffnen, zu mir gekommen, ich hätte Ihnen genau
-so wie heute zugerufen: Hugo, wenn Sie mich eitles, oberflächliches
-Geschöpf, das Ihre grosse, aufopfernde Liebe nicht verdient, an Ihr Herz
-nehmen wollen, so bin ich die Ihre!«
-
-Stockend, im ganzen Gesicht erglühend, sprach sie die letzten Worte.
-Selbst einem in irdischen Dingen äusserst unbewanderten Blasengel musste
-dies als der geeignetste Zeitpunkt erscheinen, sie stürmisch in die Arme
-zu schliessen. Für uns hingegen erwies es sich als passend und angemessen,
-dem Tête-à-tête endlich die wünschenswerthe Einsamkeit zu verschaffen.
-Rupert lief wüthend wie ein angeschossener Eber davon (auf Monate hinaus
-allen Spässen so feind, wie der griesgrämigste Schulmeister). Wir zwei
-folgten ihm und trotz aller Freundschaft für ihn winkten wir einander
-behaglich zu. Es erweist sich stets als im hohen Grade befriedigend für
-die unbetheiligten Zuschauer (und als solche fühlten wir uns trotz
-unsrer schwächlichen Vorschubleistung der Posse), wenn die Tugend an der
-gutbesetzten Tafel Platz nimmt.
-
-»Das war ein zweischneidiger Aprilscherz«, raunte ich Schönborn ins Ohr.
-
-»O, ich habe von allem Anfang an vorausgesehen, dass es so kommen werde!«
-
-Das einzigemal in seinem Leben hatte er eine Prophezeiung für sich
-behalten, und die ist in Erfüllung gegangen.
-
-
-
-
-BEIM EHESTIFTEN.
-
-
-_Mütterlich_ hiess das Losungswort. Deshalb setzte sich Adele Mühlenbruch
-vor dem Spiegel ein schwarzes Wittwenhäubchen mit weisser Krause auf, Aber
-es sah auf dem blonden lockigen Scheitel, über dem jungen übermüthigen
-Gesicht so wenig passend aus, dass ihr Töchterchen von ihrem Platz im
-Erker, wo sie Blumen auf einen Porzellanteller malte, aufstand, wobei man
-entdecken konnte, dass sie um mehr als Kopfeslänge die Mama überragte,
-das Häubchen abnahm und es, ohne ein Wort zu verlieren, in die Schachtel
-zurückwarf.
-
-»Gestatte mir die Bemerkung, dass du dir gegen deine Mutter zu viel
-herausnimmst,« sprach Adele, »hätte ich mir das erlaubt, dann wäre ich
-zu Heulen und Zähneklappern in einer finsteren Kammer verurtheilt worden,
-aber« -- ein tiefer Seufzer aus beladener Brust -- »die Kinder entarten
-mit jedem Jahre mehr.«
-
-Sophie stellte sich vor sie hin und blickte, sie konnte nicht anders, auf
-sie hinunter.
-
-»Willst du mir gefälligst sagen, weshalb du dich auf einmal so
-matronenhaft zustutzest? Die Trauerzeit ist längst um, welchen Zweck
-soll also der dunkle Kopfputz haben, der dir mindestens zehn Lebensjahre
-zulegt?«
-
-Die ehrwürdige Mama wurde roth wie ein Schulmädchen, das sich beim
-Kirschenstehlen ertappen liess.
-
-»Das ist _mein_ Geheimniss,« sagte sie endlich mit einem kläglichen
-Versuch, ihre mütterliche Würde aufrecht zu erhalten.
-
-»Es ist bei Weitem nicht so undurchdringlich, wie du dir einbildest.«
-
-»Nun, so will ich dir es gerade heraussagen. Ich habe es satt, beständig
-Anspielungen über die Jugendlichheit meines Anzugs zu hören, während du
-herumgehst, als hättest du zwanzig Jahre im Kleiderschrank gehangen. Die
-Leute sprechen darüber mit gewohnter Nachsicht und Menschenliebe. Gestern
-liess mich erst die Tante des Runkelrübenbarons fast ohne jede Verbindung
-die zwei Bemerkungen hören: ›Wie schlicht und nonnenhaft Fräulein
-Sophie immer erscheint!‹ und ›Sie, gnädige Frau, wetteifern mit den
-Saligen Fräulein, die nie altern.‹ Ich will keine Stiefmutter aus dem
-Volksmärchen vorstellen!« Dabei setzte sie ihr niedliches Füsschen mit
-grosser Entschiedenheit auf den parquettirten Boden. »Wenn du nicht heute
-im hellen Kleid mit mindestens einem Dutzend himmelblauer oder rosenrother
-Schleifen bei Tische erscheinst, dann setze ich nicht nur den Greuel
-aus der Schachtel auf, ich hülle mich auch noch in irgend eine ganz
-unmögliche härene oder sackleinene Kutte.«
-
-»Das wäre unverantwortlich gegen unseren Gast. Es würde ihn an die
-Antwerpener Kathedrale erinnern, die den Andächtigen gratis offen steht,
-nur bleibt das Schönste darin, Ruben's Kreuzabnahme, hinter grünen
-Vorhängen versteckt.« Dabei strich Sophie patronisirend über den
-lockigen Scheitel.
-
-Mama verlor beinahe die Geduld, obschon sie Sophiens unkindliches Benehmen
-gewohnt sein sollte. Seit jeher wurde sie von dem sehr energischen
-Fräulein wie ein unflügges Nestkücken behandelt. Das rührte davon her,
-dass Adele sich im Pensionat unter die wissenschaftlichen Fittiche ihrer
-Busenfreundin zu flüchten pflegte, so oft ihr die höhere weibliche
-Bildung, Schliemann's Ausgrabungen, die Algebra, das Nibelungenlied
-Augenblicke des Strauchelns bereiteten.
-
-Aber Alles zur rechten Zeit! Wenn man im Stillen den Plan ausgeheckt hat,
-seine Tochter zu verheirathen, dann kann man unmöglich Geschmack daran
-finden, sich von ihr beschützen und bevormunden zu lassen. Schmollend
-stellte sich die junge Wittwe an's Fenster. Sophie betrachtete sie eine
-Weile mit dem Wohlgefallen eines Künstlers an seinem gelungenen Werk.
-
-»Kleine Mama, ich glaube, dass du noch hübscher geworden bist, seit du
-mich hierher begleitet und mein alter grämlicher Herr Papa (mit dem
-ich mir das Zusammenleben als eine Art von Pönitenz für die lustige
-Pensionszeit vorgestellt) so gescheidt war, sich auf den ersten Blick in
-dich zu verlieben.«
-
-Frau Mühlenbruch bewahrte ihrem abgeschiedenen Gemahl, der die blutarme
-Offizierswaise vor der drohenden Stiftsdamenlaufbahn bewahrt, eine dankbare
-Erinnerung, aber die Wahrheit zu gestehen, auf den Tag, da die Posaune des
-jüngsten Gerichts die durch den Tod getrennten Ehepaare für ewige
-Zeiten zusammenfügen wird, freute sie sich nur mässig: Ein kleinlicherer
-Haustyrann als der verstorbene Commerzienrath hat wohl selten die Bühne
-des Lebens beschritten. So drückte sie denn bei dieser Mahnung an ihn das
-Taschentuch nicht gerührt an die Augen, sondern versetzte, vollständig
-mit ihrer Beschützerin ausgesöhnt:
-
-»Damals hast du ohne eine Spur von Selbstsucht Kranz und Schleier in
-meinen Haaren befestigt; es ist nichts als billig --«. Dabei brach sie
-ab, biss sich auf die Lippen und wandte ihr purpurrothes Gesicht wieder der
-kahlen Lindenallee zu, die von dem Schlösschen zum Bahnhof führte.
-
-Sophiens Gesicht überflog ein Lächeln.
-
-»Zur Diplomatin bist du nicht geboren, liebes Kind,« murmelte sie
-unhörbar.
-
-Woher Frau Adele eigentlich den Muth nahm, dem Himmel in's Handwerk
-zu pfuschen, ist schwer zu sagen. Der junge Mann, dessen künftige
-Glückseligkeit sie zu begründen dachte, hätte vermuthlich einen weiten
-Bogen um das Schlösschen gemacht, wenn er eine Ahnung von ihren Plänen
-gehabt, denn obschon kein Frauenhasser, hatte Robert v. Eichberg bisher
-nicht die leiseste Sehnsucht nach ehelichem Glück zur Schau getragen.
-Dem früheren flotten Reiteroffizier und jetzigen reichen Gutsherrn auf
-Eichberg wären sonst ohne Zweifel die Thüren, an die er gepocht hätte,
-bereitwillig aufgemacht worden. Er war ein entfernter Vetter von Adele,
-doch hatte sie ihn seit ihren Kinderjahren nicht gesehen. Damals ein
-tölpelhafter, derber Junge, der sich im Hause ihres Vaters auf den
-künftigen Feldmarschall vorbereitete, hatte er seine Mussestunden damit
-ausgefüllt, das kleine Mädchen zu hänseln und zu ärgern. Doch
-schien sie alle Frevelthaten gegen ihr Kätzchen und ihren Kanarienvogel
-grossmüthig vergeben und vergessen zu haben. Wäre er eine Patentmedicin
-gegen alle erdenklichen Uebel und sie die Erfinderin derselben gewesen,
-sie hätte ihn nicht begeisterter loben können. Er besass so viel
-Herzensgüte! Gleich nachdem er die Verwaltung von Eichberg angetreten,
-hatte er aus seinen Privatmitteln die Dorfschule umgebaut. Ihn zeichnete
-solch ein reger Familiensinn aus, was man auch schon daran zu erkennen
-vermochte, dass er, nachdem er sein Bäschen seit mehr als zwölf
-Jahren nicht gesehen, ihr urplötzlich seinen Besuch -- von einer
-landwirthschaftlichen Ausstellung auf weitem Umweg heimfahrend --
-ankündigte; aber ausser diesem Beweis hatte er auch noch eine alte
-Tante, die in kümmerlichen Verhältnissen lebte, sorgenfrei gestellt, die
-Erziehung ihrer Söhne aus seiner Tasche bestritten; kurz, wenn man der
-eifrigen Sprecherin glauben wollte, dann wird das Jahrhundert zu Ende
-gehen, ohne einen zweiten Menschen, der ihm gleicht, hervorzubringen.
-
-»Die von dir geschilderten Charakterzüge berechtigen allerdings zu den
-besten Hoffnungen,« versetzte Sophie mit undurchdringlichem Gesicht;
-nur um ihre Mundwinkel zuckte der Schalk. Die Mama fiel ihr ohne jeden
-sichtbaren Anlass um den Hals. Doch hätte sich ihre Befriedigung
-vermuthlich weniger stürmisch geäussert, wenn sie Sophiens Gedanken
-gelesen, denn diese sehr scharfblickende Dame hatte über den
-angekündigten Besuch ihre eigene, von der Mamas sehr abweichende Meinung.
-
-»Papas Testament soll ihm nach dem vollen Wortlaut bei erster Gelegenheit
-als Erfrischung vorgesetzt werden,« sagte sie für sich, während ein
-nicht allzu freundschaftlicher Blick dem staubumwirbelten Wagen, der in
-diesem Moment die Lindenallee herauffuhr, entgegenflog.
-
-Zweifle Einer an der Stimme des Blutes! Ohne sich zu besinnen, eilte der
-junge staatliche Mann auf Adele zu, wiewohl ihre kleine zierliche Gestalt
-von der imposanten Stieftochter förmlich beschattet wurde, und drückte
-und schüttelte ihr die Hände mit so ehrlicher Freude im Gesicht, dass
-selbst die eherne Sophie ein wenig zu schmelzen anfing. Herr Robert von
-Eichberg machte übrigens durch sein Auftreten einen Eindruck, als eigne
-er sich eher für die Rolle eines Naturburschen, als für die eines glatten
-Hofmannes. Dass sich noch eine zweite Dame im Zimmer befand, schien ihn
-gar nicht zu kümmern. Frau Adele, als stellvertretende Vorsehung, hätte
-gewünscht, dass er vor der majestätischen Erscheinung Sophiens geblendet
-stehen und seine unbedeutende Cousine im vierten oder fünften Glied
-vollständig übersehen solle. Statt dessen blickte er sie, die ehrwürdige
-Matrone, mit einem naiven Vergnügen an, etwa wie ein kleiner Junge den
-lichterbesteckten Christbaum. Aber sie wollte ihm die Augen öffnen!
-
-»Robert,« sagte sie mit Nachdruck, »dies ist meine Tochter Sophie.«
-Da aber verfiel der Vetter in seine alte Kinderkrankheit. Er brach in ein
-schallendes Gelächter aus. Adele zog befremdet die Augenbrauen in die
-Höhe.
-
-»Entschuldigen Sie meine unzeitige Heiterkeit,« sagte Robert und fing von
-Neuem zu lachen an, »aber der mütterliche Beschützerton, Cousinechen,
-klingt in Ihrem Munde zu komisch;« vertraulich wandte er sich an Sophie,
-»sie ist wohl sehr streng, die ehrwürdige Mama, und wenn Sie nicht auf
-den Wink gehorchen, setzt es Fasten und Hausarrest?«
-
-Aber der freundschaftlichen Anrede antwortete kein Echo.
-
-»Ich bin neugierig, wie oft du mich noch durch die Betonung deiner
-Autorität vor Fremden lächerlich machen wirst!« sagte das Fräulein
-in weinerlichem Ton zu Adele, »und du willst keine Stiefmutter aus dem
-Märchen vorstellen!«
-
-Mama war verblüfft. Herr Robert aber bildete sich in tiefer
-Menschenkenntniss ein unfehlbares Urtheil über die junge Dame.
-
-»Das ist eine unangenehme Person,« dachte er.
-
-Man setzte sich, Fräulein Sophie in gemessener Entfernung von den
-Anderen, als gehöre sie nicht zu ihnen. Darüber hätte sich schier ein
-erleichtertes Aufathmen der Brust des jungen Mannes entrungen. Doch war
-sie leider nicht so vertieft in ihre Porzellanmalerei, um nicht von Zeit
-zu Zeit eine boshafte oder schulmeisternde Bemerkung in das Gespräch
-einzuwerfen. Als Adele wissen wollte, wie es bei der Ausstellung
-zugegangen, klang es ätzend vom Fenster herüber:
-
-»Ohne Zweifel wie immer. Du hättest dir deine Frage füglich ersparen
-können. Ausstellungen sind nur dazu da, damit die Herren Landwirthe Madame
-Cliquot bereichern und den Klatsch der Gegend austauschen können.«
-
-»Sie ist das reine unverfälschte Scheidewasser,« sagte Rudolf für sich
-und warf einen scheuen Blick in den Erker hinüber, »das Dasein, das meine
-arme kleine Cousine in Gesellschaft ihrer Stieftochter führt, muss Alles
-eher, denn erquicklich sein.«
-
-Frau Adele seufzte. Was für Sorgen bereiten Einem doch die Kinder,
-besonders wenn sie erwachsen sind! Von Rechtswegen hätte sie sich
-es verschwören sollen, je wieder Pläne zum Heil der Undankbaren zu
-schmieden, denn ohne ein Wort der Entschuldigung entwich sie plötzlich
-aus dem Zimmer, als sich der Gast, freilich nicht allzu rücksichtsvoll,
-in Jugenderinnerungen vertiefte. Aber Frau Mühlenbruch befand sich auf
-der Höhe ihrer Aufgabe. Wie ein Cicerone von Uebung und Beruf wies sie dem
-Vetter alle Schätze ihres Hauses, Vasen und Decorationsteller, die
-Sophie bemalt, Kreidezeichnungen und Aquarellbilder, das Werk ihrer
-Künstlerhände, Makartbouquets, die nur sie so geschmackvoll zu ordnen
-verstand, Kissen, Decken und Stuhlbezüge, die sie gestickt.
-
-»Da, Barbar, wirf dich vor solchen das Leben verschönernden Talenten
-bewundernd auf die Knie,« schien ihre Triumphmiene zu fordern. Aber Robert
-traf nicht einmal mit guten Vorsätzen Anstalten dazu. Ihm kam der
-Gedanke, um wie viel angenehmer die Wanderung durch Galerien und
-Raritätensammlungen wäre, wenn statt des näselnden Leiertons der Führer
-solch' eine wohlklingende, einschmeichelnde Stimme bei den Erklärungen
-erschallte. Und als sie verstummte, bemerkte er wie erwachend:
-
-»Es muss Ihnen manche Annehmlichkeit bieten, dass eine so viel ältere
-Freundin Ihnen Gesellschaft leistet und das Haus ausschmückt.«
-
-»Viel älter?« sie blickte ihn strafend an, »Sophie zählt kaum zwei
-Jahre mehr als ich.«
-
-»O, ich behaupte nicht, dass sie alt aussehe; nur Sie, Cousinechen, sind
-ganz unbegreiflich jung geblieben.«
-
-Sie war böse auf sich, aber sie musste lächeln. Vetter Robert hatte so
-eine ungeschminkte ehrliche Art, seine Bewunderung auszudrücken. Wenn es
-ihr gelänge, dieselbe an die richtige Adresse zu leiten, so könnte Sophie
-in allen Erdtheilen keinen liebenswürdigeren Gatten finden.
-
-Getreu dem mütterlichen Gebot erschien Fräulein Mühlenbruch bei
-Tische wirklich mit einem wohlgezählten Dutzend himmelblauer Schleifen
-geschmückt. Aber die heimtückische junge Dame hatte sie in äusserst
-merkwürdiger Weise vertheilt. An beiden Schultern standen zwei himmelblaue
-Henkel in die Höhe, das nicht eben üppige braune Haar wurde von einem
-Bandknoten zusammengehalten, dessen Enden bei jeder Bewegung um den Kopf
-flatterten (»wie bei einer überlebensgross gerathenen Confirmandin,«
-dachte Mama entsetzt), kurz, wenn sie einige Jahre Studium darauf
-verwendet, eine Caricatur aus sich zu machen, so hätte es ihr nicht besser
-gelingen können. Doch sollte die Arglistige nicht straflos ausgehen. Als
-der Kaffee aufgetragen wurde, stiess sie plötzlich einen Schreckensruf aus
-und verschwand, wie von Furien gejagt, aus dem Zimmer.
-
-Adele blickte erstaunt auf. Durch die hohen Glasfenster sah sie eine lange,
-magere Gestalt auf das Schloss zuschreiten. Sollte diese Sophie in die
-Flucht getrieben haben? Sonst hielt sie mit musterhafter Geduld dem Manne,
-ihrem Gutsnachbar, stille, selbst wenn er auf sein Steckenpferd, die
-Runkelrüben, kam; sie lauschte seinen Erklärungen über eine neue Dresch-
-oder Säemaschine mit der Miene einer begeisterten Adeptin, während
-Mama sich meist zurückzog, da sie in der Nähe des Barons Hellmer von
-Schlafsucht befallen wurde; warum entschlüpfte das unberechenbare Mädchen
-heute bei seinem Erscheinen? Aber zu weiterem Nachdenken war keine Zeit;
-der neue Gast trat ein. Er nahm die angebotene Tasse Kaffee an und blickte
-suchend umher.
-
-»Ich hoffe, Fräulein Sophie befindet sich wohl?«
-
-Frau Mühlenbruch war in Verlegenheit. Glücklicher Weise trat das
-unbotmässige Töchterchen bald wieder ein, wie gewöhnlich einfach und
-dunkel gekleidet, das Haar in einen Knoten aufgesteckt, die Verkörperung
-ruhiger Vernunft und kühler Klugheit. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem
-Runkelrübenbaron zuwendete, blieb der Mama nichts übrig, als sich Robert
-zu widmen. Vielleicht wäre es nicht unumgänglich nöthig gewesen, dabei
-so leuchtende Augen und geröthete Wangen zu bekommen, doch entschädigte
-sie Sophie gewissenhaft. Als diese mit Baron Hellmer durch den Park und
-über die nun kahlen Felder schritt, Verbesserungen in der Wirthschaft
-besprechend, folgte sie mit Eichberg und verbreitete sich wie vorhin über
-die künstlerischen, nun über die praktischen Vorzüge Sophiens. Um das
-lichte Bild im breitkrämpigen Hut und wasserdichten Stiefelchen mit seinem
-Hintergrund nahrhafter Thätigkeit besser hervortreten zu lassen, malte
-Adele sich selber mit Tusch. Im Schaukelstuhl, eine Novelle von Heyse in
-der Hand, verträume sie die Zeit, während Sophie in Regen und Sonnenbrand
-die Wirthschaft leite.
-
-Es war ihr erster Versuch im Ehestiften, sonst hätte sie sich vielleicht
-gesagt, dass Robert, wenn er auch ein wenig verbauert sein mochte, sich
-doch lieber von zierlichen Goldkäferpantöffelchen, als von schweren
-Wasserstiefeln regieren lassen wollte und trotz seiner Ueberzeugung vom
-Nutzen des Düngers nicht wünschte, dass ihm dieser aus den Kleidern
-seiner schöneren Hälfte entgegenschlüge.
-
-Immerhin bildete die gemeinsame Beschäftigung eine Brücke zwischen Sophie
-und dem jungen Mann. Ihre bewaffnete Neutralität wäre ohnehin nicht
-aufrecht zu erhalten gewesen, da Robert, ohne sich lange bitten zu lassen,
-seinen Besuch auf mehrere Tage ausdehnte. Fräulein Mühlenbruch liess
-sich herbei, mit ihrer gewohnten kühlen Ruhe zu antworten, wenn er sie
-anredete; sie mieden einander nicht mehr auffällig und pflogen zuweilen
-sogar längere Zwiegespräche. Frau Adele begann zu glauben, dass ihr
-geheimer Plan der Verwirklichung entgegenreife. Aber sie machte nun die
-Erfahrung, dass das erreichte Ziel bei Weitem nicht so verlockend ist, als
-man, es erstrebend, gedacht. Ihr Lachen bekam in den letzten Tagen einen
-etwas erzwungenen Klang, ihre Augen einen Ausdruck der Ermüdung, fast, als
-hätte sie Nachts wenig Schlaf gefunden. Und während Sophie heiterer und
-lebhafter wurde, je länger Robert auf dem Schlösschen verweilte, erschien
-die junge Frau stiller und gedrückter. Dennoch behielt sie vor den Zweien
-ziemlich tapfer die Maske der zufriedenen, in dem Glück der Kinder das
-ihre findenden Mama bei, aber als sie allein in ihrem Zimmer sass und
-den Vetter mit Sophie im eifrigen Gespräch über die Kieswege des Parkes
-wandern sah, hielt sie die Verstellung für überflüssig und liess
-die Betrübniss, die sie empfand, sich ganz deutlich auf ihrem Gesicht
-spiegeln. Denn unten verhandelte man Wichtiges, Entscheidendes. Robert
-legte seine Hand mehr als einmal betheuernd auf die Brust, und Sophie
-antwortete mit ihrem freundlichsten Lächeln. Frau Adele denkt im Stillen,
-die Beiden werden eine Ehe führen, um welche sie alle Engel im Himmel
-beneiden können. Das Glück, das sie gestiftet, verleitet sie zu
-Vergleichen; aber das Zusammenleben mit dem grämlichen Herrn Mühlenbruch
-erscheint dabei nicht in seiner günstigsten Beleuchtung.
-
-Das Pärlein unten trennt sich mit einem Händedruck, dessen Wärme sie
-durch alle Mauern zu verspüren glaubt, Robert schreitet dem Schlösschen
-zu, seine Schritte nähern sich ihrer Thüre. Sie weiss, weshalb er kommt.
-Ihre Finger greifen nach der Wittwenhaube, aber was soll ihr in diesem
-ernsten Augenblick der Mummenschanz? Sie wird mit äusserlicher Fassung
-ihren mütterlichen Segen zu der Verbindung aussprechen, die sie
-herbeigeführt. Wie ihr dabei zu Muthe ist, das soll kein Lebender
-erfahren. Wäre es nur vorüber, hätten die zwei Glücklichen ihrem
-einsamen Wittwensitz bereits den Rücken gewendet!
-
-Einige Minuten später tanzen alle Kunstwerke, die Sophiens Hände
-geschaffen, im Kreise um die junge Frau herum und nehmen Ständer und
-Tischchen mit. Als sie sich wieder auf ihre Plätze verfügten, befand sich
-Adele an Robert's Brust. Und nun erfuhr sie, dass er um ihretwillen die
-Fahrt in das Schlösschen angetreten, ein gelieferter Mann, noch bevor er
-kam. Vor etlichen Wochen hat er auf dem Bahnhof in Hannover (wo Adele,
-wie sie sich jetzt erinnert, eine Freundin besucht) ein Billet für
-eine fremde, rathlos im Gedränge stehende Dame gelöst. Sie hatte den
-hülfreichen Mann schleunigst vergessen -- solche kleine Ritterdienste
-mochten ihr oft genug erwiesen worden sein. Ihm aber hatten es ihre
-übermüthigen braunen Augen angethan; er spürte ihr nach, erfuhr, dass
-es sein eigenes Bäschen sei, das ihn bezaubert, und so hatte er sich
-aufgemacht, sein Glück zu suchen.
-
-Adele befreite sich plötzlich aus seinen Armen.
-
-»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus,« sagte sie stockend und wurde
-feuerroth, »wenn ich mich nochmals verheirathe, fällt das ganze
-Mühlenbruch'sche Vermögen an Sophie.«
-
-Ein tiefer Athemzug hob seine breite ehrliche Brust.
-
-»Ich weiss es« (Fräulein Sophie hatte ihn erst vor einer Viertelstunde
-mit dem Testament bekannt gemacht), »aber, Liebchen, eine kleine warme
-Kirchenmaus hat mir seit jeher mehr Sympathie eingeflösst, als ein kalter
-klebriger Goldfisch.«
-
-Sophie kam herein und wünschte mit freudigem Gesicht den Verlobten Glück.
-
-»Kleine Mama,« flüsterte sie lachend Adelen in's Ohr, »für einen
-ersten Versuch ist dir das Ehestiften nicht schlecht gelungen.«
-
-Frau Mühlenbruch zeigte eine zerknirschte Miene. »Ich wollte meine
-mütterliche Pflicht gegen dich erfüllen,« sprach sie leise, dem Weinen
-nahe.
-
-»Das war vollständig überflüssig; ich bin schon seit drei Wochen mit
-Helmer verlobt. Ich habe nur gewartet, bis ich dich versorgt und aufgehoben
-weiss, denn dich, unmündiges Kind, allein auf Juliusruhe zurück zu
-lassen, erschien mir als Grausamkeit.«
-
-
-
-
-IM HERBST.
-
-
-Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben?
-Wenn man es recht bedenkt, nein, denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse
-zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit,
-die Zeit der Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang zum gefürchteten,
-ertragsarmen Sommer, der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche
-ist, in welcher sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzt. Und er wusste
-gut genug, dass all der beglückende Unsinn: Nachtigallenschlag, Rosenduft,
-eine kleine Hütte im Grünen, braune Augen und blonde Locken nichts für
-ihn seien. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon
-gelassen, was insofern nicht schwer war, als er, vom frühen Morgen bis zum
-späten Abend rastlos umherlaufend, um unartige Bengel in die Mysterien der
-Dur- und Mollscalen einzuweihen, nicht mehr von der Versuchung, glücklich
-zu sein, empfand, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und
-Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten eingeschlagen hätte.
-Aber da war das Schicksal boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem
-Präsentirbrett sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne die geringste
-Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in welcher
-sich obendrein eine Thüre befand, die sehr mangelhaft von einer Seite
-durch ein Clavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen
-Fähnchen behängten Kleiderschragen verbarricadirt war. Am Abend pflegte
-Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von
-Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervor zu holen,
-ohne praktischen Nutzen, da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen
-Fingerübungen hatten, weit überflügelten. Als er nun einmal wieder ein
-paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob
-sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer eine helle,
-frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etuden tapfer mit, die Läufe
-selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen
-Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in
-den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu oft, denn als man ihm noch die
-dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die
-Claviatur erreiche, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den
-Klimperkasten fest.
-
-Das Interesse an der Nachbarschaft hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja
-zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom
-»Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden muss, um ihn eine Stunde
-lang festzuhalten, schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte, regten
-sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als
-sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich an's Fenster, zum erstenmal im
-Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? das ist kein Wort; hübsch
-ist am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber nicht Jede hat solch ein
-pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt,
-solche lustig in die Stirn fallende Locken, so ein rosiges Gesicht.
-Die Augen kann er nicht sehen, aber sicher blitzen sie in Uebermuth und
-Lebensfreude. Frau Lechleitner bringt ihm die obligate Cichorienbrühe
-herein, und er getraut sich, in unbefangener Weise die Worte hinzuwerfen:
-»Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleusse
-ist geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr
-Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit, aufnehmen, man weiss ja, was dabei
-»herausschaut«. Aber die Franzi kennt sie schon von klein auf, hat ihr
-manchen Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden
-monatlicher Pension war, und die »Zimmerherrn« sind so unverlässlich,
-womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben will,
-der pünktlich wie eine Uhr ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's Mutter
-war ihre beste Freundin und ihren Vater hätte sie einmal heirathen
-sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die
-Siebenbrunnerwiese spazieren ging.
-
-»Das haben Sie mir schon erzählt!« ruft Leonhard verzweifelnd aus.
-
-»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut mit
-einander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi
-schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.«
-
-Frau Lechleitner wird nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu
-rühmen. Vor ihm steigt dräuend das Bild einer mit tausend Spitzen und
-Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem
-pharisäischen Tugendstolze alleinstehender braver Mädchen. Und er weiss
-nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen
-soll, mit welcher ihn die Hauswirthin, die Anwesenheit der hübschen
-Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überrascht.
-
-Ziemlich trübselig erwartet er, in die Ecke des alten Sophas gedrückt,
-sein Schicksal. Die Thür geht auf, lachend und schwatzend und ein wenig
-verlegen kommt die sanglustige Nachbarin herein. Sie ist keine Jungfrau in
-Wehr und Waffen, sondern ein herziges kleines Ding voll drolliger Einfälle
-und -- gerade nur zur Würze -- etwas schnippisch. Nach den ersten paar
-Minuten erscheint ihm die versessene Sophaecke als das behaglichste
-Plätzchen der Welt. Als er die ungeheuere Tasse Kaffee, die ihm
-die Hausfrau reicht, über das Tischtuch und Franziskas neues Kleid
-ausschüttet, weiss sie das Unglück mikroskopisch klein zu machen;
-natürlich lassen sich die Flecken entfernen, wird das Kleid gewaschen wie
-neu aussehen! Wie sich ihm das schüchterne Herz in der Brust dehnt, wie
-seine blauen Augen, das einzige Anziehende in dem unjugendlichen Gesicht,
-zu leuchten anfangen! Heute scheint die Sonne ganz anders als sonst,
-Frühling, Frühling! zwitschern die Spatzen auf der Strasse. -- In seiner
-Stube entlockt er dem Flügel stürmische, jauchzende Weisen, stürmisch
-und jauchzend singt die Spottdrossel nebenan, und Frühling, Frühling!
-klingt es aus den Tönen.
-
-Durfte Leonhard Gruber einen Frühling haben? In den Händen hielt er
-einen Brief; mit leisem Bangen, wegen dessen er sich herzlos und unkindlich
-schalt, öffnete er ihn. Oft kamen Episteln von derselben Hand, sie sind
-mit Klagen über Einschränkungen erfüllt, wie Luise noch immer im alten
-Kleide gehe, Lina einen Mantel brauchte, wie trostlos das Geschick einer
-Witwe und armer Waisen sei, die ihres Ernährers beraubt worden. Drei
-Viertheile von Leonhard's Verdienst wandern nach Mureck, seit Jahren hat er
-keine Oper, kein gutes Concert besuchen können, im Winter trägt er dünne
-und im Sommer dicke Kleider, wie sich das bei armen Teufeln trifft, aber
-so oft er ein solches Schreiben liest, erscheint er sich wie ein schwarzer
-Missethäter.
-
-Diesmal jedoch enthält es eine Freudenbotschaft. Das heisst, einem Anderen
-würde sie vielleicht nicht so sehr verheissungsvoll klingen, da sie ihm
-zunächst noch mehr Entbehrungen auferlegen wird. Aber mein Leonhard Gruber
-verspricht sich leicht einen schönen Tag, so oft ein winziges Stückchen
-blauen Himmels durch graue Wolken bricht: der zweite Sohn des alten
-Organisten wird, Dank dem adeligen Schlossherrn von Mureck, der Leonhard's
-musikalische Ausbildung ermöglichte, einen Stiftplatz am Wiener
-Conservatorium erhalten. Was dem älteren Bruder versagt geblieben, soll
-dem jüngeren zu Theil werden. Leonhard wird ihm jeden Stein aus dem Weg
-räumen, damit er sich ungehindert der anspruchsvollen Frau Musica widmen
-könne, aber wenn nun Karl ein berühmter Künstler geworden, dann kann er
-die Sorge für die Familie übernehmen.
-
-Und dann verlobte sich Leonhard. Warten? Ob es Franzi recht ist! so hat sie
-es stets geträumt, wenn in ihrem Köpfchen der Gedanke an ein eigenes Haus
-aufgetaucht. Stück für Stück zum Bau des Nestes herbeitragen, bis es
-gezimmert und ausgepolstert ist, das muss ungleich hübscher sein, als in
-ein von Tischler und Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen.
-
-Daheim waren sie Anfangs geneigt, es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass
-er sich mit vermessenen Gedanken an einen eigenen Herd trug, aber da an die
-Ausführung nicht gegangen werden sollte, bevor Karl eine feste Stelle in
-der Welt errungen, gab die Mutter in Gnaden ihre Einwilligung.
-
-Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine Lehrer knüpften hohe Erwartungen an
-ihn, aber dem genialen Burschen gebrach es an einer Kleinigkeit, es war
-ihm nicht ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, dem Leben. Das Glück
-heftete sich Anfangs an seine Fersen. Er hatte kaum den Schulstaub
-abgeschüttelt, da lud ihn der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen,
-zu einer Abendgesellschaft ein. Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge
-Künstler kam in Mode. Aber die Mutter wandte sich nicht an ihn um Hülfe
-in ihren endlosen Nöthen, denn uneröffnet lag ein ganzer Stoss von
-Familienbriefen auf seinem Clavier. Während der Schülertage hatte er Bett
-und Tisch des Bruders getheilt, aber die kleine, schlecht beheizbare
-Stube im entlegenen Vorstadthaus war kein passender Aufenthalt für
-einen gefeierten Virtuosen. Auch verdarb ihm das lästige Mitsingen im
-Nebenzimmer -- ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs Jahren klang es
-freilich nicht mehr -- jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, machte
-ihm das Leben zur Qual. Er miethete sich ein passendes Künstlerheim an
-der Ringstrasse. So kirchenstill es in den Augenblicken, da er mit der Muse
-Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, so laut liebte er seine Gesellschaft
-in den vielen Erholungsstunden. Er besass eine Leidenschaft für alle
-schäumenden Getränke, und die Gasflammen einer Wirthsstube lockten ihn
-wie eine Motte an.
-
-Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann liess er sich wie in seiner Schulzeit
-vom älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich dieser beileibe keine
-Vorstellungen erlauben, sonst liess sich der Virtuose Monate lang nicht
-blicken. Und Leonhard, gutmüthig, schwach und unaufhörlich von der Furcht
-gequält, er erfülle schlecht das Versprechen, das er dem sterbenden Vater
-gegeben, suchte ihn dann wohl zuerst auf und gab gute Worte.
-
-Franziska, der in letzter Zeit zuweilen der Gedanke gekommen, dass man auch
-Pflichten gegen sich selber habe, vernahm es denn auch ohne das leiseste
-Bedauern -- wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren Bräutigam ihren
-Gefühlen keinen beredten Ausdruck lieh --, dass Meister Karl, eine
-ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor Thau und Tage aus Wien entwischt
-war. Es geschah ihm dadurch kein Leid, im Gegentheil, jetzt erst befand
-er sich in seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde einer der modernen
-Landstreicher, die herrlich und in Freuden, von Bierquelle zum Weinborn
-pilgernd, leben, wenn ihnen ein insipides Getränk, das Wasser, bis in den
-Mund reicht, unter Aufzählung ihrer Titel und Orden »ein einziges Concert
-auf der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten und dem geschmeichelten
-Localpatriotismus so viel erpressen, um ihren Kahn eine Weile flott zu
-erhalten.
-
-Monate lang ging Leonhard niedergedrückt, eine Beute heftiger
-Gewissensbisse umher. Es war sträflicher Leichtsinn gewesen, ein
-blühendes, junges Leben an das seine, das er Anderen verpfändet hat,
-zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, in das der Wind gefahren, lagen seine
-Hoffnungen auf dem Boden.
-
-»Wir müssen eben warten,« tröstete ihn Franzi, aber es klang anders
-als vor Jahren, da sie im Warten die eigentliche Würze ihres Brautstandes
-gesehen. »Wie könnte mir einfallen, Dich von Deiner Pflicht abwendig zu
-machen!« Leonhard's Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; ein
-anderer Bruder theilte sie. Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, des
-Herrn Pfarrers von Mureck, sollte er einige Jahre Theologie studiren, dann
-war ihm ein Pfarramt gewiss. Das Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne
-auf dieses künftige Glück: Natürlich wird das Pfarrhaus im Grünen
-liegen, Weinlaub daran emporklettern, ein Garten voll Aepfel- und
-Birnbäumen es umschliessen -- Franzi wässert schon jetzt der Mund nach
-den saftigen Früchten --, man kann nicht allein darin hausen, Mutter
-und Schwester werden zum Seelenhirten ziehen. Wenn Ignaz es erlaubt, warum
-sollte er nicht? sein ältester Bruder theilt ja auch jeden Bissen mit ihm,
-dann kommt Leonhard mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn seine Schüler
-auf das Land geflohen sind, zur Erholung zu ihm hinaus. O, es wird herrlich
-sein, frische, stählende Bergluft Wochen, Monate lang einzuathmen.
-Franziska ist nun 26 Jahre alt und sehr praktisch. Ihre Augen haben viel
-von ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die Lippen, statt zu lachen,
-schliessen sich oft fest auf einander. Aber wenn sie in glücklichen
-Träumen schwelgt, dann zeigen sich die Grübchen in Wange und Kinn, und
-ein rosiger Hauch färbt ihr Gesicht.
-
-»Niemand würde sie für älter als zwanzig halten,« meint bewundernd
-Leonhard. Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken einstimmt, nimmt ihn
-nicht Wunder. Was kümmert sich so ein angehender geistlicher Herr um
-Frauenschönheit? Aber freilich, etwas zugänglicher für Freud' und Leid
-der Menschen um ihn dürfte er sein! Wird er doch einmal seiner Gemeinde
-in Freud' und Leid beizustehen haben. Aber er gehört zu der neuen Schule
-kirchlicher Streiter, ist hohlwangig und blass und hat ein düsteres Licht
-in seinen Augen. Wenn Leonhard und Franziska Lustschlösser aufthürmen,
-wirft er verächtliche Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen versucht
-er es, sie auf das Reich Gottes hinzulenken; leider vergeblich. Franzi,
-wie die Meisten ihrer Landsmänninnen, hat nicht das geringste Talent zur
-Asketin, und wie Leonhard's Anlagen auch beschaffen sein mögen, an der
-Seite seiner Braut, die er nun bald heimzuführen hofft, denkt er nicht an
-Weltentsagung.
-
-Er war Enttäuschungen so gewohnt, dass er nicht zusammenbrach, als sein
-Bruder, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, in einen Mönchsorden
-der strengsten Regel eintrat und schwere Klosterpforten zwischen sich und
-die Welt, die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, schob. In Mureck waren
-sie fromm genug, nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja noch immer der
-Aelteste; »einen gar braven Buben«, nennt ihn Frau Gruber, aber sie ist
-doch stolzer auf den geistlichen Sohn, der es zu hohen Würden bringen
-wird, da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen wusste.
-
-Franziska wurde todtenbleich, als dieser Blitz ihre Lustschlösser
-zertrümmerte.
-
-»Wir werden nie einander angehören!« rief sie und brach in Thränen aus.
-Wenn er sie verlor, dann schwand jede Freude aus seinem armseligen Leben,
-er wurde ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der Strasse. Aber konnte
-er ihr zumuthen, noch länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast
-aussichtslosen Neigung zu opfern. Das erste Wort, mit dem er sie,
-Verzweiflung in der Stimme, frei gab, brachte sie zu sich.
-
-»Mein Leonhard, wir warten geduldig auf einander, wie bisher«; aber es
-war nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, als sie hinzusetzte: »Es
-sei denn, Du möchtest mich nicht mehr.«
-
-Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. Wieder arbeiteten sie Jahre lang
-neben einander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. Franziska wusste, dass
-sie verblühte. Sie baute keine Zukunftspläne mehr und gab sich Mühe,
-so rührend genügsam wie ihr Bräutigam zu werden, dessen Gesicht
-sich verklärte, wenn er einen Sonntag Nachmittag mit ihr im Wienerwald
-verbringen durfte.
-
-Da griff der Zufall plötzlich in ihr Leben umgestaltend ein. Leonhard
-ging mit elastischen Schritten umher und summte die Melodien, die, wenn
-günstigere Sterne über ihm gewaltet, vielleicht den Weg in die Welt
-gefunden hätten.
-
-Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, wie ein Schiffbrüchiger auf
-fremdem, unwirthlichem Strand in Amerika gelandet. Ach, da war kein Wirth,
-der borgen wollte, kein Concertsaal, der sich öffnete, so lange ihm der
-Wind durch die Taschen pfiff. Um nicht zu verhungern, sah er sich nach
-Schülern um und da er in der That glänzend spielte, eine unverlegene
-Zunge besass und mit einem Hoftitel aus einem kunstsinnigen deutschen
-Herzogthum die Leute zu blenden vermochte, fehlt es ihm bald nicht an gut
-bezahlten Clavierstunden. Nach einigen Monaten trat er öffentlich auf und
-fand Beifall. Das Unterrichten erschien ihm nun wieder als eines so grossen
-Pianisten wenig würdig. Auch plante er eine Kunstreise nach dem Westen.
-Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, Leonhard könnte seine Lectionen
-übernehmen. Das Reisegeld schickte er nicht, er hätte seines ältesten
-Bruders Zartgefühl verletzen können, freilich dauerte es nun einige Zeit,
-bis es zusammengespart war; zu lange für Karl's Ungeduld. Als Leonhard
-nach thränenreichem Abschied von den Seinen in New-York landete, da war
-der Virtuose bereits nach Californien abgereist, und seine Stunden gab
-ein Anderer. Und der Ankömmling, der nicht mehr in den Jahren war und
-vielleicht nie die nöthige rücksichtslose Energie besessen hatte, um sich
-in der Fremde einen Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne Mittel, ohne
-Freunde, von der Heimkehr abgeschnitten in der ungeheueren Stadt, die
-Hunderte solcher ungeschickter armer Teufel verschlingt, ohne dass nur
-das Kräuseln der Oberfläche, wie ihn ein Stein auf dem Wasserspiegel
-hervorruft, die Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. Er besass nicht
-seines Bruders siegesgewisses Auftreten, konnte nicht wie dieser durch
-seinen Künstlerruhm verblüffen. Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm
-Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte nicht um seinetwillen, denn er
-hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, schon früher erlernt. Aber was
-sollte aus Mutter und Schwestern werden, welche er, im Vertrauen auf
-Karl's Versprechungen, den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert, was
-aus Joseph, dem jüngsten Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel
-sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. Wenn er Franziska's gedachte,
-überwältigte ihn der Jammer völlig. Welch ein Lohn für ihr geduldiges
-Ausharren, ihre Aufopferung! Er sandte keine Nachricht von seiner
-Bedrängniss an die Angehörigen heim. Sie konnten ihm nicht helfen und
-hatten an der eigenen Last genug zu tragen.
-
-Er vergass, dass es nichts Unersetzliches auf Erden gibt. Mutter und
-Geschwister staunten, dass der stets so zuverlässige Aelteste sie im
-Stiche liess. Aber von der Nothwendigkeit gedrängt, suchten sie bei ihren
-eigenen Hülfsquellen Zuflucht. Joseph gab Stunden, wie Leonhard es gethan
-und schickte kleine Beträge nach Hause, die Schwester verwerthete allerlei
-Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Aelteste entschloss sich, dem greisen
-Pfarrer die Wirthschaft zu führen. Franziska allerdings litt; sie glaubte
-sich von ihm vergessen. Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst versuchend,
-irgendwo festen Fuss zu fassen.
-
-Die New-Yorker Zeitungen brachten eines Tages eine jener Notizen, die, kurz
-und dürr, dennoch mehr als bändelange Schilderungen irdischen Jammers
-geeignet sind, die Herzen zu erschüttern. Ein Polizist hatte einen
-bewusstlosen und wie er, Dank des häufigen Vorkommens solcher Zufälle,
-glaubte, betrunkenen Mann vom Strassenpflaster aufgelesen und über Nacht
-auf der Polizeistation mit dem verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt.
-Vor dem Richter stellte sich heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der
-Bruder eines in New-York geschätzten Künstlers, hatte keinen Tropfen
-geistigen Getränkes zu sich genommen, sondern war zusammengebrochen, weil
-er seit mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen. Das Mitleid verschaffte
-Leonhard die ersten Stunden in New-York. Was man auch an den plötzlich
-reich gewordenen Amerikanern zu tadeln finden mag, die schlechte
-Eigenschaft der Emporkömmlinge, die Kargheit im Kleinen neben der
-prahlerischen Vergeudung im Grossen besitzen sie nur ausnahmsweise; sie
-lassen die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten in ihren Geschäften, die
-Dienstleute im Hause nicht darben. Leonhard sah sein Schifflein bald auf
-ruhiger Fluth dahingleiten.
-
-Lachend und weinend zu gleicher Zeit hielt Franzi den Brief in der Hand,
-der ihr von der günstigen Wendung in seinem Geschick Kunde gab. Bald
-sollten sie einander angehören. Lärmten die Sperlinge nicht wie
-ehemals, sang und klang es nicht in ihr, um sie? Aber es dauert nur wenige
-Augenblicke. Ihre Seele hat die luftigen Schwingen eingebüsst, mit welchen
-sie sich einst in ein glückliches Traumland erheben konnte.
-
-»Was wird wohl diesmal zwischen uns treten?« fragt sie sich bitter, der
-Glanz in den Augen erlischt, und sie zieht wieder die Nadel durch ihre
-Arbeit, die hoffnungs- und erfolglos ist, wie die der Danaïden.
-
-Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem Charakter dem ältesten Bruder
-glich, war Schullehrer in Mureck geworden und wollte Leonhard's Stelle
-bei der Familie vertreten. Selbst die Mutter, welche die trübseligen
-Verhältnisse zu einem beständig heischenden und niemals befriedigten
-Wesen gemacht, schrieb, wenn auch ein Zuschuss stets willkommen sei, so
-möge ihr Aeltester nun auch einmal an sich denken.
-
-Leonhard's Schüler schütteln verwundert die Köpfe. Hätte nicht jeder
-deutsche Professor das unveräusserliche Vorrecht, wunderlich zu sein, sie
-würden ihn für verrückt erklären. Er geht umher, als führten die
-Engel über seinem Haupte ein Conzert auf. Während die kleinen ungelenken
-Fingerchen neben ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlocken, lächelt er
-stillselig vor sich hin, statt, wie recht und billig, wüthend zu werden.
-Er sieht beinahe gross aus, so dehnt und streckt sich sein kleines
-Persönchen vor innerem Wohlgefühl: Er rüstet das Nest für sein Weib,
-kein Tag vergeht, an dem er nicht mit einem Pack unter dem Arm die steile
-Holztreppe zur künftigen Residenz emporklimmen würde. Noch besteht der
-Brauch, wohl aus den Ansiedlertagen, da Einer auf den Beistand des Anderen
-angewiesen war, dass man Freunden das Haus einrichten hilft. Die Eltern
-seiner Schüler wissen, er erwarte die Braut aus Deutschland (unter welchem
-Namen ganz Europa, mit Ausnahme Grossbritanniens und Irrlands, begriffen
-wird), die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, gestickten Deckchen,
-Porzellanfiguren, Bilder -- an welchen freilich der Rahmen das
-Hervorragendste ist --, die ihm in's Haus strömen, würden ein Museum
-füllen. Jedenfalls wird man in der neuen Wohnung äusserst massvoll im
-Gebrauch seiner Gliedmassen sein müssen, und Franzi wird als Herrin
-all der Schätze gerade keine Sinecure inne haben, wenn sie dieselben in
-halbwegs staubfreiem Zustand erhalten will. Stunden lang steht Leonhard, in
-Bewunderung versunken, vor den Herrlichkeiten. Aber ein Geräth vergass er,
-vergassen seine Freunde. Am Tage, bevor das Schiff mit seiner Braut, das
-glückhafte Schiff, im Hafen einläuft, kauft er den Pfeilerspiegel für
-die Vorderstube.
-
-Vom Dock führt er sie zum Friedensrichter, der die beiden geduldigen und
-getreuen Menschen für das Leben zusammengiebt. Leonhard hat sein Nest in
-einer neugierigen, schwatzhaften Strasse gebaut; man braucht nicht viel
-Phantasie, um sich in eine Kleinstadt im deutschen Vaterland versetzt zu
-fühlen. Rechts und links drücken die Nachbarinnen die Gesichter an die
-Fenster, um das Paar vorüberschreiten zu sehen. Sie geben sich keine
-Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die Monate langen Vorbereitungen,
-das verklärte Gesicht liessen sie einen anderen Siegespreis vermuthen.
-
-»Die alte Jungfer hätte er nicht zu importiren gebraucht,« sagten sie,
-»so etwas findet sich auch noch unter dem Sternenbanner.«
-
-Franzi hat es glücklicherweise nicht gehört, es hätte einen grauen Flor
-über ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erscheint sie nicht so glücklich,
-wie man vermuthen sollte. Während Leonhard wie von Flügeln getragen
-einhergeht, schlägt sie die Augen zu Boden.
-
-Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard hatte, weil die Blumen spärlich
-wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen farbigen Herbstblättern
-angefüllt, sie sahen wie leuchtend rothe, goldgelbe und broncefarbige
-Blüthen aus. Franzi konnte nicht umhin, einen Ausruf des Entzückens bei
-dem Anblick ihrer Wohnung auszustossen. Der Klang der Schelle hatte ihren
-Gatten von ihr fortgerufen. Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft
-nahm sie ein Figürchen um das andere in die Hand, bewundernd beugte sie
-sich über die Stickereien, den Teppich, die Geräthe. Zuletzt trat sie vor
-den Spiegel. Und nun verwandelte sich der Ausdruck ihrer Züge, sie brach
-in Thränen aus.
-
-Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten der Wunderdinge die Franzi von
-ehemals mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen, Goldglanz auf dem Haar und
-schalkhaftes Leuchten im Auge, zu erblicken. Aber aus dem Spiegel trat
-ihr ein Schatten ihres alten Selbst mit traurigen Augen und einem Gesicht
-entgegen, aus dem selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge der
-Resignation, des unaufhörlichen Verzichtens nicht zu verwischen vermocht
-hatte. Geheimnissvoll vor sich hinlächelnd trat Leonhard wieder ein. Da
-er sie weinen sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann eilte er auf sie
-zu; wenn sie Heimweh fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen Herzen
-überwinden. Aber sie machte sich heftig los.
-
-»Müssen wir uns nicht schämen, uns wie andere neuvermählte Paare zu
-gehaben? Schnee liegt auf unserem Scheitel, Furchen ziehen sich durch
-unsere Züge.«
-
-Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass sie sich verändert. Für ihn war
-sie die Franzi geblieben, um die er in ihrem Lenz geworben. Und auch jetzt,
-nachdem sie ihm die Binde von den Augen gerissen, meinte er, es gäbe kein
-schöneres, kein anziehenderes Weib in der Welt. Er sah sie mit den Augen
-der Erinnerung.
-
-»Können wir denn noch glücklich werden?« fragte sie, »vermagst Du mein
-verblühtes Gesicht noch zu lieben?«
-
-Er eilte vor die Thür und trug mit Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb
-von ungeheurem Umfang, gefüllt mit herrlichen, frischen Blüthen, herein;
-eine Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum Einzug in das Haus gesendet.
-
-Leonhard wies auf die prächtigen Rosen, auf Nelken und Heliotrop.
-
-»Es ist Herbst,« sagte er, »die Luft ist rauh, und Nebel füllt die
-Strassen. Aber furchtlos strecken sie die feinen duftenden Köpfchen in
-die Luft hinaus und freuen sich der Stunden, in welchen die Sonne ihnen
-scheint.«
-
-»Und wie lange dauert es,« warf sie herbe ein, »dann kommt der erste
-Frost und vergilbt ihre Blätter.«
-
-»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen doch sehen, ob wir ihn mit unseren
-warmen Herzen nicht überwinden. Wir wollen unseren Frühling dankbar
-feiern, obschon er uns spät im Jahre gekommen.«
-
-Er schloss sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund.
-
-
-
-
-BRENNENDE LIEBE.
-
-
-Vielleicht halten Sie mich für unbescheiden, aber wahrhaftig, ich half
-einem tiefgefühlten Bedürfniss ab, als ich geboren wurde, aufwuchs und
-zum Ruhm meiner Vaterstadt unter die Kannibalen ging. Natürlich nicht,
-um bei ihnen zu bleiben, sondern um mit 85 Kisten voll staubiger
-Merkwürdigkeiten, Schädeln, Amuletten, Pflanzenwurzeln, Pfeilen,
-Bogen, Lanzen und ferner mit einem Vorrathe an Notizen und Tagebüchern
-heimzukehren, der das Herz jedes Händlers in Makulatur mit den frohesten
-Erwartungen erfüllt hätte.
-
-Meine Vaterstadt hatte sich schon seit längerer Zeit sehnsüchtig nach
-einem grossen Sohne umgethan, zu dessen Ehren man wieder einmal in dem
-altberühmten Rathskeller ein ansehnliches Festessen unter Pauken-
-und Drommetenschall abhalten konnte. Leider war in der ehemaligen
-Reichsunmittelbaren eine gewisse Dürre eingetreten, sie hatte alle ihre
-grossen Söhne unter prachtvollen Denkmälern begraben, und der Nachwuchs
-zeigte das richtige Militärmass nicht mehr. Da trat ich denn aufopfernd in
-die Bresche. Der Wahrheit die Ehre! Das Essen war unübertrefflich, und der
-Wein liess nichts zu wünschen übrig. Rechts und links schlugen mir »der
-opferwillige, selbstlose Diener der Wissenschaft«, »der erleuchtete
-Erforscher dunkler Erdtheile«, der »hervorragendste jetztlebende Sohn«
-und so weiter an die Ohren, und als sich nach leiser Zwiesprache mit mir
-der Oberbürgermeister erhob und den Anwesenden verkündete, ich
-hätte meine 85 Kisten der geliebten Vaterstadt zum Geschenk gemacht
-(selbstverständlich unter den bescheidenen Bedingungen, dass sie für
-ewige Zeiten ungetheilt blieben, in den hellsten Sälen des neuen Museums
-aufgestellt würden und als Karl-Wittmann-Stiftung auf die Nachwelt
-übergingen), da stieg die Begeisterung auf den Siedepunkt, und ich genoss
-fortan die süssen Früchte der Popularität, die darin bestehen, dass
-jener Theil der hoffnungsvollen Jugend, der den Gebrauch der Taschentücher
-standhaft verschmäht, auf der Strasse mit den Fingern auf mich deutete,
-und die jungen Damen der Stadt, sobald sie meiner ansichtig wurden,
-angelegentlich die Auslagen studirten, um, wenn ich vorübergegangen war,
-sich umzudrehen und mir nachzublicken. Aber die Götter sind neidisch. Sie
-vergassen nicht, einen Tropfen Gift in meinen Freudenbecher zu mischen. Und
-was für einen Tropfen! Er war ausgiebig genug, um ein ganzes Fass süssen
-Weines in eitel Wermuth und Galle zu verwandeln. Es lebte eine Person in
-der Stadt, die meine Verdienste um Mit- und Nachwelt gering schätzte, die
-meinen Ruhm nicht anerkannte und trotz meiner allgemeinen Beliebtheit kalt
-wie ein Eiszapfen blieb, und diese Person war meine Braut; denn ich habe
-eine Braut und zwar eine sogenannte Familienbraut.
-
-Aus Spielgefährten und Jugendfreunden wurden wir, Dank unseren
-vortrefflichen Mamas, im Handumdrehen Braut und Bräutigam ohne die
-geringste Ungewissheit, den leisesten Zweifel, ohne irgend ein Hangen und
-Bangen in schwebender Pein. Meine junge Weisheit beschloss, die stehenden
-Gewässer unserer Neigung durch eine längere Entfernung aufzurühren,
-damit etwas von dem Idealzustande der Liebe, ein Bischen Sehnsucht und
-Leidenschaft auch auf unser Theil komme. Auch führte ich den auf mich
-entfallenden Part des Programms gewissenhaft durch. Einmal von Helene
-getrennt, zog ich jeden Augenblick ihre Photographie heraus und machte ihr
-die süssesten Augen, zweimal im Tage setzte ich mich hin, um gefühlvolle
-Episteln an sie zu richten (leider dürften sie dieselbe nicht erreicht
-haben, denn ich bin ein schlechter Briefschreiber, und aus den acht Seiten
-langen Liebesbotschaften wurden meist kleine Zettelchen, die ihr die
-erfreuliche Kunde meines Wohlbefindens zutrugen), und als den »bekannten
-Naturforscher« bei seinem Landen in Hamburg eine kleine Festlichkeit
-erwartete, riss er sich mitten in der Nacht und mit ziemlich schwerem
-Kopf aus dem Kreise seiner Verehrer los, um am nächsten Morgen in seiner
-Vaterstadt und bei Helene einzutreffen.
-
-Ich hätte ruhig im Hotel schlafen können. Zur Begrüssung streckte
-mir meine Braut ein paar Fingerspitzen entgegen, als ich voll
-Wiedersehensfreude auf sie zueilte.
-
-»Sehr erfreut, den Herrn Doctor bei uns zu sehen,« sagte sie und
-verbeugte sich tief und spöttisch. Wir waren allein, nichts hinderte
-uns, die lang aufgespeicherte Sehnsucht von Lippe zu Lippe ausströmen zu
-lassen. Und nun dieser Empfang! Die Arme sanken mir herab, mein Gesicht
-verlängerte sich.
-
-»Das Willkommen für deinen Verlobten leidet jedenfalls nicht
-an Ueberschwänglichkeit,« sagte ich trocken, nachdem ich meine
-Enttäuschung, so gut es ging, niedergekämpft.
-
-»Wer das nicht hoch genug zu schätzende Glück hat, einen so
-vernünftigen Bräutigam sein eigen zu nennen, darf sich nicht durch
-Sentimentalität lächerlich machen,« versetzte sie.
-
-»Helene, ich bin durchaus nicht vernünftig,« betheuerte ich mit
-Ueberzeugung. »Ich glaube, seit den Tagen von Hero und Leander hat
-kein verliebter Narr so ungeduldig die salzige Fluth durchmessen und so
-erleichtert das Gestade berührt, wie ich.«
-
-Eine Steinfigur wäre gerührt worden. Meine theuere Braut jedoch rief
-spöttisch an mir vorüber in die Luft hinaus:
-
-»Der Unglückliche! Bittere Noth zwang ihn, seiner Heimath den Rücken zu
-kehren und das harte Brot -- den Schiffszwieback -- der Fremde zu essen.«
-
-Wenn mich etwas aufregen kann, so ist es dieses Sprechen zu einem
-abwesenden Dritten. Ich würde es als einen Scheidungsgrund ansehen, sollte
-meine Frau ihre Gardinenpredigten in diesem Stile halten. Allein diesmal
-blieb ich gelassen, denn es galt mein Schifflein durch eine etwas
-gefährliche Stromschnelle hindurchzurudern.
-
-»Bedenke, Kind, man hat doch auch Pflichten gegen das Allgemeine. Wenn ich
-meinen verehrten Mitbürgern keine Veranlassung zu einem Bankett gebe,
-dann erkranken sie möglicherweise am verhaltenen Jubelfieber, und meine
-Unterlassungssünde endet in einem Massenmorde.«
-
-»Bilde dir nicht ein, sie haben auf dich gewartet,« entgegnete Helene;
-ihr Ton klang geringschätzig, aber sie wandte sich direct an mich, und
-das war ein Fortschritt. »Hätten dich die Wilden mit dem Holzbeile
-erschlagen, dann wäre vielleicht das Erlöschen der Pest vor 400
-Jahren gefeiert worden, oder der Westfälische Friede, oder sonst eine
-erfreuliche, wenn auch schon etwas angejahrte Begebenheit. Ich kenne unsere
-würdigen Stadtpapas; wenn ein guter Jahrgang im Rathskeller lagert, dann
-begehen sie Jubiläen bei dem geringfügigsten Anlass.«
-
-Und dieses Wesen, das meine Bedeutung für das Gemeinwohl also
-abzuschwächen, ja ganz zu vernichten suchte, sollte das Weib meines Busens
-werden! Ich hoffe, dass mir Jedermann die Berechtigung zugestehen wird,
-entrüstet zu sein.
-
-»Helenchen, äussere deine Ketzerei nicht vor fremden Ohren. Männlein
-und Weiblein in unserer Stadt stimmen darin überein, dass meine
-Sammlungen ungeheuer werthvoll sind und meine Tagebücher der Wissenschaft
-ausserordentliche Dienste leisten werden. Man soll sein Urtheil freilich
-nicht nach dem der Menge bilden, aber es trüge dir doch einen etwas
-unerwünschten Ruf der Originalität ein, wenn du, meine Braut, die
-Einzige wärest, die meiner Forschungsreise nicht die geringste Wichtigkeit
-beimissest.«
-
-Sie blickte anklagend zur Zimmerdecke empor.
-
-»Ich messe ihr keine Wichtigkeit bei, ich, die ich ihr die trostlosesten,
-unerquicklichsten Jahre meines Lebens verdanke!«
-
-Ich grollte Helenen nicht länger, ich fand sie bezaubernd und wollte
-auf sie zueilen, aber sie verschanzte sich hinter einem Stuhl, die Augen
-blitzend, die Lippen trotzig aufgeworfen, eine Walküre -- freilich eine
-aus Meissener Porzellan.
-
-»Du liessest dich von deiner Abenteuerlust in die Fremde locken, und ich
-bin hier geblieben, eine lächerliche Figur, über die alle Freundinnen
-spotten, eine Braut, deren Bräutigam die Flucht ergriffen!«
-
-»Helene, welch' ein Gedanke!« rief ich schaudernd. »Glücklicherweise
-glaubst du selber nicht an ihn. Weisst du doch zu genau, dass ich schon
-als grüner Junge im Gymnasium in dir mein Ideal verehrte und dich mit sehr
-kunstreichen Strophen im altgriechischen Versmass ansang. Sie haben mich
-manchen Schweisstropfen gekostet, und du, Kobold, nahmst sie mit schnöder
-Gleichgültigkeit entgegen.«
-
-»Du hast dich zu entschädigen gewusst: Ich musste geduldig zu Hause
-warten, bis es dem Herrn Naturforscher« (nicht möglich, den Hohn zu
-beschreiben, der diesen Titel begleitete) »gefiel, zurückzukehren,
-nachdem er in der Fremde hinlänglichen Zeitvertreib gefunden.«
-
-»Wenn du wüsstest, wie viel Ungemach und Entbehrungen ich ertragen,
-welche Gefahren ich überstanden,« warf ich gefühlvoll ein, »du würdest
-nicht so sprechen.«
-
-»Man sieht dir nichts davon an. Ich hatte im Stillen gehofft, du werdest
-abgebrannt und zur Mumie ausgetrocknet zurückkommen; leider bleiben die
-erfüllten Wünsche stets hinter unseren Erwartungen zurück.«
-
-»Ich darf darüber nicht klagen; die meinen wurden weit übertroffen. Dass
-mich meine Braut, nachdem wir zwei Jahre von einander getrennt gewesen,
-mit der Klage empfangen werde, ich sähe nicht genug mumienhaft aus,
-übersteigt selbst meine unwahrscheinlichsten Träume.«
-
-»In diesen zwei Jahren haben Julie Marschall und Karoline Holzwart zehn
-Bälle mitgemacht, einige Dutzend Cotillonbouquets nach Hause getragen und
-sich von einer Unzahl Lieutenants, der Assessoren und Referendare gar nicht
-zu erwähnen, den Hof machen lassen. Und ich habe zu Hause einen langen
-Aschermittwoch gehalten, denn meine unnatürliche Mutter erklärte, es
-passe sich nicht für eine Braut, deren Verlobter abwesend sei, Bälle
-zu besuchen; und meine künftige Schwiegermama rief vorwurfsvoll und mit
-Wassertropfen an den Wimpern: »Du willst tanzen, während Karl vielleicht
-in Todesgefahr schwebt!«
-
-»Die beiden Frauen haben ein wenig Zärtlichkeit für mich, während
-du, kleine Selbstsüchtige, nur an dich und deine banalen Vergnügungen
-denkst.«
-
-»Du hättest unter die Advokaten gehen sollen,« warf sie schneidend hin,
-»es ist ein alter Kniff dieser Herren, einer Anklage zuvorzukommen, indem
-sie dieselbe umkehren. Ich selbstsüchtig? _ich_ habe einem jungen Mädchen
-nicht die paar Jahre ihres Frühlings vergällt, indem ich sie band und mir
-die Freiheit sicherte, ich nicht!«
-
-»Helene, höre mich an!«
-
-Aber sie liess sich nicht unterbrechen.
-
-»Ist das Experiment nach Wunsch ausgefallen? Hat sich das kleine Mädchen
-nach dem gnädigen Herrn gesehnt und um seinetwillen abgehärmt?«
-
-Ich stand diesem übernatürlichen Scharfsinn starr gegenüber. Plötzlich
-blendete mich ein grelles Licht.
-
-»Helene, sei aufrichtig,« bat ich, »dein eisiger Empfang drängt mir die
-Frage auf: hat mich ein Anderer aus deiner Neigung verdrängt?«
-
-Sie sah mich nicht an, sondern blickte angelegentlich zum Fenster hinaus,
-vielleicht dauerte sie meine verstörte Miene; endlich wandte sie mir ein
-purpurrothes Gesicht zu.
-
-»Du hast es errathen,« sagte sie, »ich liebe einen Anderen!«
-
-Leichten Tones fuhr sie fort: »Zwei Jahre sind ja eine Ewigkeit; auch
-hätten die Menschenfresser Geschmack an dir finden können.«
-
-Dabei blitzten ihre spitzen, weissen Zähne, als könne sie sich nichts
-Willkommeneres denken. Die Naturgeschichte hat Recht, unter den Raubthieren
-ist das Weibchen der grausamere Theil. Mauna Loa war, gegen mich gehalten,
-zahm wie ein Ofenfeuer, aber ich brachte leidlich die Miene überlegener
-Ironie zu Stande.
-
-»Der Name des Glücklichen ist wohl noch ein Geheimniss?«
-
-»Er heisst, wie mein Ideal heissen muss, Edgar.«
-
-»Edgar? sehr abgeschmackt, und die italienische Oper ist aus der Mode.«
-
-Meine Worte ärgerten sie (und das war ja auch ihr Zweck; es wäre mir eine
-Wollust gewesen, sie zu peinigen, so wüthend und -- das Wort muss heraus
--- unglücklich fühlte ich mich). Sie holte ein Notenheft, auf welchem ein
-Strauss knallrother Blumen prangte und hielt es mir triumphirend vor die
-Augen. »Brennende Liebe«, Walzer von Edgar Nothnagel, seiner Schülerin,
-Fräulein Helene Stubenkammer hochachtungsvoll zugeeignet.
-
-»Damit kann ich freilich nicht wetteifern,« sagte ich bitter und griff
-nach meinem Hut.
-
-Eine Gewohnheit aus früheren, schöneren Tagen hing meine treulose Braut
-noch immer an; wenn sie mich genug gequält zu haben glaubte, legte sie ein
-Pflästerchen auf meine Wunde.
-
-»Willst du gehen, ohne Mama begrüsst zu haben?«
-
-»Ich werde telegraphisch meine Ueberfahrt nach Afrika belegen, denn
-diesmal ist es mir wirklich ein Bedürfniss, die Flucht zu ergreifen.« Ich
-wollte meinen Verlobungsring abziehen, aber er sass zu fest, und so musste
-ich auf den effectvollen Abgang verzichten. Die Scharte einigermassen
-auszuwetzen murmelte ich gleichgültig: »O, ich vergass; -- meine besten
-Glückwünsche, Fräulein Stubenkammer.«
-
-»Ich weiss nicht, ob ich sie annehmen darf,« versetzte Helene in
-äusserster Betrübniss, »Mama wird von dem armen Künstler nichts wissen
-wollen.«
-
-Ich bin kein Mann des Gefühls, das sich in Worten äussert. Aus Scham,
-die Welt errathen zu lassen, dass ich eigentlich eine gute Dosis
-Weichmüthigkeit in mir beherberge, hänge ich meinen Aeusserungen gewisse
-kleine Narrenschellen an, die ihren Zweck dann auch vortrefflich erreichen,
-zu vortrefflich, denn nicht nur die lieben gleichgültigen Nebenmenschen,
-auch meine Braut werden von der Ueberzeugung beherrscht, bei mir gehe keine
-Empfindung tief genug, um sich nicht mit einem Witzwort abschütteln zu
-lassen.
-
-Sie hatte vermuthlich nicht die leiseste Ahnung, dass der Spötter, dem
-nichts heilig zu sein schien, der seine Gefühle durch das Scheidewasser
-der Ironie zu zersetzen pflegte, den Riss zwischen uns genau so
-schmerzlich -- möglicher Weise noch schmerzlicher -- empfand, als es der
-sentimentalste aller Edgars, der je in stillen Mitternächten den Mond
-angeseufzt, vermocht hätte. Oder wenn ihr mein Gesicht den Zustand meines
-Innern enthüllte, so schien es sie nicht sonderlich zu rühren -- mit
-leisem Lächeln sah sie mich meinen Abschied nehmen.
-
-Während ich bei hellklingenden Gläsern zum hervorragendsten jetztlebenden
-Sohn proclamirt wurde, focht ich einen schweren Kampf mit meinem Ich aus.
-Ich muss bekennen, dass ich dasselbe bisher gehätschelt und in jeder Weise
-bevorzugt hatte. Deshalb wehrte es sich nun auf das Heftigste gegen das
-erste Opfer, das von ihm gefordert wurde. Das Wesen zu verlieren, mit dem
-es sich in jeder Faser verwachsen glaubte, das es zum Mittelpunkt seiner
-Pläne und Luftschlösser gemacht, erschien ihm ganz einfach unmöglich.
-Zuletzt lag es jedoch besiegt auf der Erde.
-
-Ich trat in das Stubenkammer'sche Wohnzimmer, ein spartanischer Held, der
-sich in unser Zeitalter hinübergerettet. Meine Mutter und die Hausfrau
-waren unzertrennliche Freundinnen; sie waren auch jetzt beisammen,
-wahrscheinlich beschäftigt, ein modernes Paradies aus decorirtem
-Tafelgeschirr, Silberbestecken, ungezählten Dutzenden von Bett- und
-Tischwäsche für ihre Sprösslinge aufzubauen. Helene sass am Fenster, ein
-wenig blässer als sonst, aber wunderhübsch wie immer. Sie warf mir einen
-prüfenden Blick zu, aber als sie meine entschlossene Miene sah, die etwas
-von dem Todesmuth der Legionen zeigte, wandte sie den Kopf ab.
-
-Wie ein Sprenggeschoss fiel meine Mittheilung, dass ich in einer Woche
-eine lange, eine _mehrjährige_ Reise, wie ich mit einem Blick auf Helene
-nachdrücklich hervorhob, antreten werde, in den friedlichen Familienkreis.
-Die beiden würdigen Damen starrten mich fassungslos an. Helene stand auf
-und näherte sich ihnen.
-
-»Ihr seht, er will mich nicht,« sagte die kleine Teufelin lachend, »die
-Forschungsreise ist nur ein Vorwand.«
-
-Mama, die es ist, und Mama, die es werden sollte, warfen mir wüthende
-Blicke zu; was mich betrifft, ich hätte nie gedacht, dass der kategorische
-Imperativ einen so wenig süssen Kern in sich birgt.
-
-»Das ist nun mein Lohn dafür, dass ich 24 Monate und zwei Wochen lang
-wie eine Nonne gelebt,« fuhr Helene fort.
-
-Ich bin nur ein Mensch und daher nicht ohne Galle: »Ein Nonnenleben,
-das durch Musik und süsse Musiker Abwechselung erhielt, muss nicht
-übermässig hart zu ertragen gewesen sein,« sagte ich boshaft.
-
-Die beiden Mamas tauschten erschrockene Blicke, ich hörte die künftige
-etwas vom heissen Klima und dem Aequator murmeln.
-
-Nachdem ich meinem Aerger Luft gemacht, schämte ich mich. In Edelmuth und
-Selbstlosigkeit hatte ich Helenen, die den Zorn ihrer Mutter zu fürchten
-schien, die Bahn ebnen gewollt, und nun liess ich mich so fortreissen.
-»Tante Stubenkammer,« sagte ich, »durch meine Entfernung soll ein etwas
-verwickelter Knoten gelöst werden. Helene liebt mich nicht; sie hat ihr
-Herz einem Anderen geschenkt. Dass ich tief unglücklich darüber bin und
-ein einsames trübseliges Leben vor mir sehe, kann ich nicht verhehlen.
-Aber die Rücksicht auf mich soll Helene nicht hindern, mit ihrem Edgar
-glücklich zu werden.«
-
-Mama hatte längst ihr Taschentuch an die Augen gedrückt, aber Mama
-Stubenkammer war aus härterem Stoff gemacht.
-
-»Helene, darf ich dich um eine Erklärung bitten!« sprach sie streng.
-
-»Liebe Mama, für eine Frau von deinem feinen Verständniss bedarf es
-deren wohl kaum: Karl ist eifersüchtig und das -- wie lächerlich! -- auf
-meinen alten ehrlichen Klavierlehrer.«
-
-Die Strenge der Mutter kehrte sich gegen mich.
-
-»Karl, das ist beleidigend, der Mann hat Frau und Kind.«
-
-»Und widmet meiner Braut seine ›Brennende Liebe‹.«
-
-»Es sollte zuerst ein Marsch ›Vergissmeinnicht‹ sein, aber Karoline
-Holzwart capricirte sich auf ihn,« erläuterte meine Braut gleichmüthig,
-»und die Chrysanthemumpolka war mir zu fade. Herr Nothnagel arbeitet
-nämlich den Erfurter Blumenkatalog durch; die Titel für seine
-Kompositionen bereiteten ihm früher grosse Schwierigkeiten. Da verfiel ich
-auf diesen Ausweg, und zum Dank dafür widmete er mir eine schöne
-rothe Sorte Pelargonien; ich kann nichts dafür, dass die Gärtner sie
-›Brennende Liebe‹ getauft haben.«
-
-»Helene,« schrie ich und eilte glückselig auf meine Peinigerin zu. Ein
-Geräusch wie der Flügelschlag mächtiger Albatrosse machte uns stutzig.
-Aber es waren nur die Mamas, die -- ihrer Meinung nach: geräuschlos -- aus
-dem Zimmer huschten.
-
-
-
-
-EIN UNGLÜCKSMENSCH.
-
-
-Klaus Henning hatte die bestimmte Vorahnung, dass ein Unglück passiren
-würde; und er hatte sie nicht zum ersten Male. Er unterschied sich
-ausserdem von anderen, mit einer weissagenden Stimme in der Brust
-begnadeten Sterblichen dadurch, dass seine Ahnungen immer eintrafen. Das
-eine Mal, als er eine Prophetenstimme in seinem Inneren vernahm, ging er
-durch die Friedrichstrasse, stolperte gegen ein Schaufenster und musste,
-mit zerschnittenem Gesichte und verletzten Händen, Schadenersatz leisten.
-Das andere Mal wollte er mit einem allerliebsten Fräulein auf der
-Rousseauinsel Schlittschuh laufen und riss sie mit sich zu Boden. Bei
-dieser Gelegenheit fuhr ihm ein fremder Schlittschuh über die Finger, sie
-für mehrere Monate gebrauchsunfähig machend. Und da das neue Kleid seiner
-Dame etliche klaffende Risse bekam (was sie schwerer zu treffen schien,
-als seine Verwundung, die ihn anfänglich vier Finger zu kosten drohte),
-so wurde sie von diesem Zeitpunkte ab seine Todfeindin. Kurz, es war sehr
-leicht, seine abergläubische Angst zu verspotten, aber so oft sich das
-bewusste dunkle Gefühl in seinem Inneren regte (und das geschah fast
-jedesmal, bevor er sich unter die Menschen mischte), gab es Schaden für
-die Zeitgenossen und Spott für ihn.
-
-Seine Hauswirthin sah ihn denn auch nur ungern den Reisekoffer packen.
-
-»Wollen Sie wirklich fort, Herr Henning?« seufzte sie, »denken Sie an
-mich, Sie kommen nicht mit heiler Haut nach Hause.«
-
-Er wusste, dass sie Recht habe, aber die Hitze war unerträglich, er
-schmachtete nach einem Wellenbade, und da ihm die Geschäftsstille Ferien
-vergönnte, wollte er einen kurzen Aufenthalt an der See nehmen. Jeder
-minder Erfahrene hätte sich eingebildet, die schwarzen Ahnungen seien
-erfüllt, als sein neuer Reiseanzug, gleich nachdem er das Haus verlassen,
-von oben bis unten mit Oelfarbe bespritzt wurde, die ein nachlässiger
-Anstreicher von seiner Leiter herabträufeln liess, oder als ihm der
-Eisenbahnzug davonfuhr und er nun mehrere Stunden zu warten hatte. Er aber
-kannte den Kobold besser, der sein Spiel mit ihm trieb, als dass er gehofft
-hätte, mit solchen Kleinigkeiten loszukommen. Auch als er unmittelbar nach
-der Abfahrt mächtige Rauchsäulen aus der Richtung, wo sein Farbenmagazin
-lag, aufsteigen sah, erfüllte ihn noch immer nicht die beruhigende
-Ueberzeugung, seinen Zoll entrichtet zu haben, denn bei näherer
-Ueberlegung erschien es ihm äusserst unwahrscheinlich, dass sein Geschäft
-abbrannte, während er nicht dabei war, um sich schwere Verletzungen
-zu holen. Aeusserst unwahrscheinlich, eigentlich nach seinen bisherigen
-Erfahrungen vollkommen undenkbar. Vom Augenblicke an, wo er die
-Thüre seines Waarenlagers hinter sich zuschloss, konnte die
-Versicherungsgesellschaft ruhig schlafen.
-
-Er wollte sich in Sassnitz nicht unter die Badegäste mischen, konnte er
-doch sicher darauf rechnen, das erste Glas Rothwein, das er zum Munde zu
-führen gedachte, über das Kleid seiner Nachbarin, oder wenigstens über
-das Tischtuch auszugiessen, jeden Stuhl mit nervenerschütterndem Gepolter
-umzuwerfen, seinen Hut vor aller Augen in's Wasser fliegen zu sehen und
-was solcher kleiner Zwischenfälle mehr sind, die an und für sich
-sehr geringfügig erscheinen, ihn aber zum Gegenstande des allgemeinen
-Gelächters machen mussten.
-
-Im vergangenen Spätherbste hatte er einige Tage in einem Gasthause
-ausserhalb des Curorts verlebt, dessen Wirthin im Sommer eine kleine
-Colonie von Städtern beherbergte. Damals waren die letzten Fremden,
-erschreckt durch ein paar rauhe stürmische Tage, geflohen, und so
-verknüpfte sich ihm mit dem Aufenthalte in dem bescheidenen Häuschen am
-Strande die Vorstellung von erquickender Ruhe und Geräuschlosigkeit.
-Auch schien der Kobold, der ihn verfolgte, an der Grenze von Fleming's
-Herrschaftsbezirk die Waffen zu strecken. Klaus ging mit den Haussöhnen
-fischen und brachte Beute heim, was ihm nie vorher widerfahren, er kreuzte
-in einer Nussschale von Segelboot die Küste entlang und sah es nicht
-einmal den Kiel nach oben wenden, er ruderte stundenlang in einem Nachen
-und brach kein Ruder. Nach diesem stillen Hafen der Glückseligkeit
-richtete er nun seine Schritte. Ach, das war nicht mehr das erträumte
-Paradies!
-
-Auf dem Vorplatze, der, mit spärlichem Grün bedeckt, sich vor dem Hause
-hinzog, spielte eine Gesellschaft junger Leute Croquet, vom Wasser her
-erschallten laute Kinderstimmen, auf der Holzbank im Schatten des Hauses
-sassen behäbige Matronen. Henning hatte die Absicht, bei diesem Anblicke
-umzukehren und sich ungesehen davonzuschleichen, aber die Wirthin kam mit
-ausgestreckten Händen auf ihn zu und rief:
-
-»Das Haus ist zwar gesteckt voll, aber für Sie schaffen wir doch noch
-Raum.«
-
-Er wollte murmeln, dass er nur einen Tag bleiben und dann seinen Stab
-weiter zu setzen gedenke; da fiel sein Blick auf ein junges Mädchen, die
-soeben ihren Ball mit dem Hammer so unglücklich getroffen, dass er, statt
-durch den Draht, gegen seine Füsse fuhr. Purpurroth kam sie auf ihn zu
-und bat um Entschuldigung. Sie hatte ein Gesicht, wie es die Natur nur
-in besonders guter Laune zu bilden pflegt, die zartesten Farben, die
-treuherzigsten blauen Augen und das Haar, das sie, wohl nach einem
-Wellenbade, gelöst trug, von glänzendem Blond. Und dann behielt er seine
-Bemerkungen für sich, liess Frau Fleming für sein Obdach sorgen und
-schwang den Hammer, ohne zu besorgen, dass seine Bälle einem Mitmenschen
-das Lebenslicht ausblasen würden. Auch bei Tische vergass er alle seine
-Ahnungen, er zitterte nicht vor dem Bratensafte, er reichte Fräulein
-Mathilde eine Tasse Thee, ohne sie zu verbrühen, kurz, er benahm sich, als
-wäre er nie ein Unglücksmensch gewesen.
-
-Freilich fing sein Elend noch am selben Abend wieder an. Die Hausfrau
-erzählte, um ihren Liebling vom vorigen Jahre her in das günstigste
-Licht zu setzen, dass er das Segelboot wie ein alter Matrose zu handhaben
-verstehe. Die Damen versicherten, nichts gewähre ihnen ein solches
-Vergnügen wie eine Bootfahrt, die Herren kündigten ihm ihre Begleitung
-für den nächsten Tag an, Mathilde, die ihn jeden Augenblick mehr
-entzückte, sagte nichts, aber sie richtete ihre schönen blauen Augen
-bittend auf ihn. Ihm brach der Angstschweiss aus allen Poren; war er
-ausersehen, der Mörder all' dieser braven Leute zu werden? Klaus war
-kein Salonmatrose, er hatte seine Knabenjahre in der Nähe von Bremerhaven
-verlebt und ein Boot zu regieren beinahe so früh wie das Abc erlernt. Auch
-ist das Segeln Alles eher denn eine Kunst -- wenn das Fahrzeug etwas taugt,
-aber der Flemingsche Krondiamant besass etliche Flecken. Und was hilft alle
-Geschicklichkeit gegen die Tücke eines Koboldes! Der junge Mann ging nicht
-mit der Begeisterung, welche die Gesellschaft erwartet haben mochte, auf
-die vorgeschlagene Segelpartie ein. Vergeblich nannte man ihn von da an
-nicht anders als »Capitän«; er bestand darauf, dass, wer nicht schwimmen
-könne, auf dem Festlande bleiben müsse. Die Aengstlichen sahen hierin
-einen Beweis, dass er sich nicht sicher fühle und standen sogleich ab.
-Mathilde bekannte seufzend, sie könne seine Bedingung nicht erfüllen und
-müsse daher verzichten. Es wäre ihm das auserlesenste Vergnügen gewesen,
-sie über die Wellen zu fahren, aber er unterdrückte seinen Wunsch, indem
-er sich vorsagte, es sei gleichbedeutend mit kaltüberlegtem Morde, sie zu
-einer Wasserfahrt mit einem Unglücksmenschen zu bewegen.
-
-Nur zwei Herren waren verwegen genug, sich seiner Führung anzuvertrauen.
-Es stellte ohne Zweifel eine Probefahrt vor. Klaus bestand sein Examen
-glänzend. Er fing zu hoffen an, der Tückebold habe auch diesmal vor Frau
-Fleming's Königreich Halt gemacht. Sein Selbstvertrauen wuchs; denn als
-man landete, waren seine zwei Prüfungscommissäre des Lobes voll für
-seine nautischen Künste. Da lud er Mathilde zu einer Segelfahrt für
-den nächsten Morgen ein. Ein ältlicher, gutmüthiger Herr, der erst vor
-einigen Stunden angekommen war, stand neben ihr; Mathilde machte ihn, ihren
-Papa, mit dem jungen Manne bekannt, und nun verlebte dieser mit den zwei
-liebenswürdigen Menschen einen Abend, der ihm unvergesslich bleiben wird.
-Am nächsten Tage vertrauten sich ausser Vater und Tochter noch einige
-der Sommergäste seiner Führung an. Auch diesmal verlief die Expedition
-prächtig. Auf dem Lande war es erstickend heiss gewesen, nun wehte es die
-Gesellschaft kühl und belebend an, und eine leichte Brise trug das Boot
-wie auf Schwingen über das Wasser. Alle versicherten, nie angenehmere
-Stunden verlebt zu haben, und, was ihm werthvoller erschien, Mathilde
-drückte ihm dankbar, mit vor Vergnügen leuchtenden Augen, die Hand. Da
-versuchte er die Götter und versprach ihr eine Wiederholung.
-
-Es war ein glorreicher, glückverheissender Tag. Da man in Frau Fleming's
-Herrschergebiet eine einschnürende Etikette nicht kannte, ging das
-Pärlein allein an's Ufer. So gut wie Klaus es sich vorgestellt, sollte
-es ihm freilich nicht werden. Die Insassen des Hauses hielten zwar ihr
-Nachmittagsschläfchen, aber die liebenswürdigen Commissäre, die diesmal
-vermuthlich seine Geduld wie zuvor seine seemännischen Fähigkeiten
-prüfen wollten, kamen eilfertig herbei, um ihren Antheil am Vergnügen zu
-beanspruchen. Da sie ihn sozusagen entdeckt hatten, bewahrten sie ihm ein
-gewisses gönnerhaftes Wohlwollen, das er jedoch in jenem Augenblicke nicht
-voll zu schätzen verstand. Allein sie störten nicht, sie tauschten ihre
-Bemerkungen, machten sich beim Steuer unnütz oder starrten in's Wasser.
-Klaus konnte ungehindert mit seiner Herzensdame flüstern. Vielleicht hatte
-er sich zu tief in die blauen Augen versenkt, vielleicht hatten ihn die
-zwei Probefahrten übersicher gemacht, am wahrscheinlichsten jedoch ist,
-dass sein Kobold dessen überdrüssig war, unbeschäftigt im Winkel
-zu stehen, und dass er im Augenblicke, wo er den Unglücksmenschen am
-härtesten treffen konnte, hervorsprang.
-
-Das Boot war nicht so leicht zu regieren, wie sonst, die Brise wehte
-scharf, mehr als einmal schlug das Wasser, Alle durchnässend, hinein. Und
-Klaus war zerstreut, er hatte Mathilde in ihren Gummimantel gewickelt, und
-als sie ihm zum Danke die Hand reichte, sie länger als vernünftig in der
-seinen behalten. Er hielt sie noch, als der Boden unter ihnen wich, die
-kalte, salzige Flut auf sie einströmte und das Bootkiel oben vor ihnen
-trieb. Ein plötzlicher Windstoss musste es getroffen und zum Kentern
-gebracht haben. Sie sanken, doch verliess den Unglücksmenschen die
-Besinnung nicht, er legte den linken Arm um Mathilde und brachte sie nach
-oben.
-
-Sie war die Selbstbeherrschung in Person; sie klammerte sich nicht an ihn,
-seine Bewegungen hemmend, und so gelang es ihm nach einiger Anstrengung,
-den Kiel seines Bootes zu erreichen und einen Stützpunkt für sich und
-seinen schönen Schützling zu gewinnen. Die beiden Genossen sah er rüstig
-und unversehrt zur Küste schwimmen. Sie war nicht fern, aber bei der
-starken Strömung zum Meere wäre jeder Versuch, sie mit Mathilde im Arme
-zu erreichen, aussichtslos gewesen. Zahlreiche Boote kreuzten das Wasser,
-entweder nahm eines derselben sie auf, oder die beiden Geretteten lösten
-am Strande, der förmlich auf Rufweite vor ihnen lag, ein Ruderboot und
-kamen den Genossen zu Hilfe. Wenn Klaus nur bis dahin aushalten konnte,
-wenn nur sein Arm, der steif wie der eines Todten wurde, das junge Mädchen
-über dem Wasser erhielt! Blass und mit geschlossenen Augen lag sie an
-seiner Brust. Eine förmlich wahnsinnige Reue ergriff ihn. Wusste er
-nicht voraus, das Alles, was er anfasste, zu Schaden kam? Wie hatte er
-so verwegen, nein so verrucht sein können, dieses holde Geschöpf, das
-einzige Kind und das einzige Glück ihres Vaters mit sich in's Unglück zu
-reissen? Sein Selbstvorwurf machte sich in der wildesten Weise Luft.
-
-So vergingen endlose Minuten. Das Boot trieb in's Meer hinaus, und in
-muthloser Verzweiflung gab Klaus seinen Schützling und sich verloren. Da
-hörte er lauten, ermunternden Zuruf, warme Hände streckten sich nach ihm
-und Mathilden aus, und im nächsten Augenblicke lagen die wasserdichten
-Planken einer Barke, die eine Gesellschaft Badegäste von der Stubbenkammer
-nach Sassnitz heimführte, zwischen ihnen und den heimtückischen Wellen.
-Das junge Mädchen war ohnmächtig geworden. Als sie, von den Damen, die im
-Boote waren, umringt, die Augen aufschlug, suchte sie ihren Begleiter mit
-den Augen; er las Zutrauen, ja Dankbarkeit -- Dankbarkeit für ihn, der sie
-beinahe getödtet hätte! -- in ihnen und konnte den Blick nicht ertragen.
-
-Sie fanden Frau Fleming's Königreich in vollem Aufruhre. Die beiden
-Commissäre waren vor einer Weile angekommen, und wenn sie zu Mathildens
-Rettung keinen Finger gerührt, so zeigten sie sich jetzt dafür eifrig
-beflissen, ihren Vater in die peinigendste Unruhe zu stürzen. Als sie nun
-in Hüllen, die ihr die Damen in der Barke aufgedrängt hatten, den Strand
-betrat, richtete sich, wie begreiflich, die allgemeine Aufmerksamkeit
-auf sie. Ihr Papa drückte sie stürmisch an sich, dann wollte jede der
-Hausgenossinnen sie mit einem Kusse begrüssen, zuletzt drängten
-sich händeschüttelnd die Herren heran, Niemand eifriger als die zwei
-Commissäre.
-
-Klaus schlich sich unbeobachtet in sein Zimmer. Die Anderen hatten wohl
-geahnt, das er ein Unglücksmensch sei, denn sie hatten sich -- so schien
-es ihm -- ängstlich von ihm fern gehalten. Er wechselte seine nassen
-Kleider, packte das Köfferchen, und nachdem er die Adresse auf dasselbe
-befestigt und den Betrag, den er Frau Fleming schuldete, auf den Tisch
-gelegt, drückte er sich, sachte wie ein Spitzbube, aus dem Hause und fuhr
-in die Glühhitze zurück.
-
-Seine Hauswirthin war sehr erstaunt, ihn ohne äussere Verletzung
-wiederzusehen. Wie tief es diesmal nach innen ging, ahnte sie nicht.
-Ein trübseliger Geselle ging er seinem Tagewerke nach, Abends sass
-er missmuthig unter den paar verstäubten, kläglichen Büschen des
-Hausgärtchens, ein Buch in der Hand, in dem er nicht las. Da schlug einmal
-ein Gruss an sein Ohr. Vor ihm stand ein ältlicher, behäbiger Herr mit
-gutmüthigem Gesicht. Klaus springt, wie von einer Feder emporgeschnellt,
-von der Bank auf, es war Mathildens Vater.
-
-»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu, »es soll Ihnen nicht gelingen, sich
-meinem Danke zu entziehen. Wenn Sie auch heimlich wie ein flüchtiges Reh
-entwischten, Ihr Reisekoffer verrieth mir, wo ich den Lebensretter
-meiner Tochter zu suchen habe.« Ihren Lebensretter! Dabei drückt er dem
-Sprachlosen die Hand, und seine ehrliche Stimme zittert in unterdrückter
-Bewegung. »Was wäre aus ihr, was wäre aus mir geworden, wenn Sie auch so
-selbstsüchtig wie die beiden Anderen, nur auf Rettung des eigenen
-Lebens bedacht, ans Land geschwommen wären? Ohne Sie wäre ich heute ein
-einsamer, gebrochener Mann! Es giebt noch Helden im bürgerlichen Leben!«
-
-Klaus suchte abzuwehren. Er sprach von dem Unrecht, das er begangen, er,
-ein Unglücksmensch, als er Mathilden zur Segelfahrt einlud. Aber es kam
-nicht viel Zusammenhängendes über seine Lippen. Für etwas gepriesen
-zu werden, für das er den härtesten Tadel zu verdienen geglaubt, von
-Mathildens Vater in die Wolken emporgehoben, ein Held genannt zu werden,
-das betäubte ihn, als hätte er jungen Wein getrunken.
-
-»Ich weiss, dass nur Ihr Zartgefühl Sie veranlasste, sich unserem Danke
-zu entziehen,« fuhr Herr Hilgendorf fort, »allein ganz recht war es
-nicht: Mathilde ist untröstlich, weil Sie verschwanden, ohne zu hören,
-wie tief sie sich Ihnen für Ihre Aufopferung verpflichtet fühlt. Und ich
-glaube beinahe, dass ich sie nicht eher zufrieden sehen werde, als bis ich
-ihren Lebensretter mit Güte oder Gewalt in mein Haus geführt, damit sie
-den versäumten Dank nachhole.« Aber es bedurfte keiner Gewalt. Klaus
-ging gutwillig mit Herrn Hilgendorf. Mathilde kam ihm mit strahlenden Augen
-entgegen. Es war spät Abend, als er, ein seliger Mensch, das gastliche
-Haus verliess, nicht ohne versprochen zu haben, bald, sehr bald, schon am
-nächsten Tage wiederzukommen. Und zuletzt glaubte er gar nicht mehr daran,
-dass er ein Unglücksmensch sei; nein, er hielt sich für ein richtiges
-Sonntagskind, denn in der Ecke hinter dem Flügel hat ihm Mathilde gestern
-auf seine Frage geantwortet, dass sie keinem Menschen auf der Welt so gut
-sei, wie ihm.
-
-
-
-
-UNKRAUT AM WEGE.
-
-
-Das Dorf lag in vollster Sonnengluth da. Bäume und Büsche am Wegrande
-liessen ihre welken, bestaubten Blätter hängen, die Hunde lagen vor den
-Häusern, die lechzenden Zungen hervorgestreckt, keuchend, aber zu träge,
-einen schattigen Winkel aufzusuchen; langsam, wie weltmüde Philosophen,
-zogen Enten und Gänse ihre Kreise auf dem grünlichen Tümpel. Sonst
-keine Spur von Leben auf der Dorfstrasse. Die Kinder schwitzten noch in der
-Schule, die Erwachsenen waren beim Heumachen. Nur ein halbwüchsiges
-Ding mit zerzausten Haaren, einem braungebrannten schmutzigen Gesicht, in
-welchem ein paar wilde schwarze Augen flackerten, einem Zigeunermädchen
-ähnlicher als dem Sprössling des ehrbaren Kreuzwirthes, schlich sich
-geräuschlos wie ein Marder rückwärts längs der Gärten hin, in welchen
-die Kirschbäume gerade voll saftiger Früchte standen. Manche waren so
-unvorsichtig, ihre Aeste über die Zäune oder sehr nahe an denselben
-hängen zu lassen. Auf die schwang sie sich mit der Flinkheit einer Katze
-und hielt ihren Schmaus, schonungslos ganze Zweige knickend, aus den
-schönsten Zwillingskirschen Ohrgehänge bildend, bis sie noch schönere
-erspähte und den bisherigen Schmuck in den Magen wandern liess. Sehr
-unparteiisch verfuhr sie bei ihren Beutezügen. Sie brandschatzte ebenso
-des Pfarrers Stolz, die seltenen spanischen Weichseln, wie des Schullehrers
-Amarellen, des Küsters schwarze und ihres Vaters, zum Verkaufe bestimmten,
-weissrothe Herzkirschen. Zuweilen schlug ein Hund an, dann machte sie sich
-schnell aus dem Staube, und da aus den alten Zäunen mancher Brettnagel
-hervorstand, wurden in ihren noch guten Rock zahlreiche Kreuz- und
-Querrisse gezogen. Dies verursachte ihr keinen Kummer. Die Stiefmutter
-daheim führte eine flinke rastlose Nadel, und nachdem Cenz etliche
-fruchtlose Rebellionsversuche der guten Frau niedergeschlagen, war es ihr
-vollständig gelungen, dieselbe nicht nur für die Gastwirthschaft, den
-Haushalt und ihre eigenen, noch sehr kleinen Kinder, sondern auch für die
-Drohne arbeiten zu lassen, die sie als etwas fragwürdiges Glücks- und
-Friedenspfand mit erheirathet hatte.
-
-Im Hofe des Kreuzwirthshauses, unter einem schattigen Nussbaume, sass der
-Herr Pfarrer vor einem Krüglein Bier. Die rundliche, gutmüthig aussehende
-Wirthin stand neben ihm.
-
-»Man hat halt sei' Kreuz mit denen Kindern«, beantwortete sie soeben eine
-Frage des alten Herrn, »besunders wann's net einmal die eig'nen san.«
-
-»Die Crescenz hat doch sonst so gute Anlagen«, meinte kopfschüttelnd
-der Geistliche, »der Schullehrer war immer des Lobes voll über ihren
-Lerneifer; freilich sonst steckt sie voll Teufeleien, und jetzt verwildert
-sie mit jedem Tage mehr. Ich fürchte, Ihr werdet nicht viel Freude an ihr
-erleben.«
-
-»Es is halt an recht's Unkräutl am Weg, Hochwürden«, seufzte die
-Wirthin, »nixnutz und schnappig (schnippisch); thun will's gar nix und is
-doch schon sei vierzehn Jahr alt. Auf d' Kleinen könnt's doch schon a bisl
-schauen, wenn i in der Kuchl z'schaffen hab. Aber na, alle Arbeit bleibt
-mir, und sie stravanzt den ganzen Tag im Dorf herum, zerrissen und
-schlampet, dass i mi schamen muss.«
-
-»Ihr habt die Ruthe zu sehr gespart, gute Frau.«
-
-Die Wirthin setzte sich ihm gegenüber auf die Bank.
-
-»Wahr ist's, Hochwürden, aber mei Schuld ist's net. Damals wie mi'
-der Kreuzwirth in's Haus bracht hat als seine Zweite, da hab' i anfangen
-woll'n, s' Madel zu zieh'n, und da hat sie si gegen mi g'stellt wie a wilde
-Katz', hat gekratzt und gebissen, und i hab halt zugehauen, kommt mei Mann
-derzu, krebsroth in' Gesicht, »Du«, schreit er mi an, »Hand von der
-Butten, i will ka solche Stiefmutter- und Stiefkindg'schichten im Haus
-hab'n, du lasst's in Ruh, und sie lasst di in Ruh; und dass i kane Hetzerei
-hinüber und herüber hör'!« Na, und da hab' i's dann aufwachsen lassen,
-wie an Unkräutl', dass es an Fried'n im Haus gibt, und so ist's denn a an
-Unkräutl worden.«
-
-Cenz war es mittlerweile müde geworden, die Bäume zu plündern und
-schlenderte längs des kleinen Baches unter den Weiden hin, für die Augen
-eines gewöhnlichen Menschenkindes keine sonderlich fesselnde Erscheinung.
-Aber Künstler besitzen zuweilen einen ganz absonderlichen Geschmack. Zwei
-Maleraugen verfolgten ihre flinken Bewegungen schon seit einer guten Weile,
-ohne dass sie den jungen Menschen mit dem breitkrämpigen Hute beachtet
-hätte, der im Schatten der Weiden vor seiner Staffelei sass und den
-wundervollen Ausblick auf den Schneeberg, der sich ihm von dem Plätzchen
-unter den Weiden bot, auf der Leinwand festzuhalten suchte. Maler waren
-keine seltenen Gäste im Dorfe, das sie als erste Haltestelle vor ihrem
-Aufstieg in's Gebirge zu benutzen pflegten, und dessen urwüchsige
-Bewohner manches Skizzenbüchlein füllten. Und so sah Cenz auch viel mehr
-geschmeichelt als befremdet darein, als der junge Künstler, der sich
-auf der Suche nach so ziemlich Allem, was dieser Titel rechtfertigt,
-nach Erfolg, einem Namen und einem passenden Vorwurf für sein erstes
-Ausstellungsbild befand, sie plötzlich anrief.
-
-»Heh, kleiner Wildling, bleib' in derselben Stellung, in der du dich
-befindest, ich möchte dich in mein Buch hineinzeichnen.«
-
-Sie wurde feuerroth und murmelte etwas von ihrem Sonntagsstaat, und dass
-sie in einer Viertelstunde zurück sein könne. Aber davon wollte er nichts
-wissen. Er fand ihren Schmutz und die Risse im Röckchen malerisch.
-
-»Saubere Dirndln kann ich genug haben,« sagte er, »ich brauche gerade so
-eine Staubdistel, wie du bist. Was hast du denn vorhin angestellt? Steine
-nach Sperlingen geworfen; ich habe es wohl gesehen; das ist ein hübscher
-Zeitvertreib für ein Mädchen.«
-
-Sie machte ihr trotzigstes Gesicht, und das wollte er haben; so passte es
-für die Skizze des jungen Wildlings.
-
-»Die Spatzen fressen die Kirschen auf«, vertheidigte sie sich, ohne ihr
-Gewissen darüber zu beschweren, dass eine sehr grosse Schaar diebischer
-Vögel keinen solchen Ausfall in der Kirschenernte verursacht hätte, wie
-sie selber.
-
-»Du hast Dich wohl um Deine schönen Ohrgehänge gefürchtet, wie? Behalte
-sie nur an, die kommen auch in mein Buch«, sprach Fritz Teubner, eifrig
-zeichnend.
-
-In Crescenz hatte sich bisher sehr wenig Mädcheneitelkeit und Zierlichkeit
-geregt. Jetzt aber standen die Risse in dem Kleide, die beschmutzten,
-zerkratzten Hände, die blaugefärbten Lippen als wahre Schrecken vor
-ihr. In die grosse Stadt und auf die Leinwand kommt doch Edelfräulein und
-Bauernmädchen gern in vortheilhaftester Gestalt, und wie sah sie aus! Sie
-war mit ihrem Vater einmal in Wien und in der Kunstausstellung gewesen, sie
-hatte Bilder gesehen, auch Bauernbilder, aber wie schmuck und ordentlich
-erschienen die! Cenz schwur allerhand theuere Eide, dass kein Malerauge sie
-jemals wieder in solch' einem Aufzuge erblicken solle. Am wenigsten das des
-jungen Künstlers, das es ihr angethan hat. Er spricht mit ihr so lustig
-und so freundlich, als kenne er sie schon seit Jahren.
-
-»Wie alt bist du eigentlich, Cenz?« fragte er, denn ihren Namen hat sie
-ihm schon gesagt.
-
-»Vierzehn Jahre.«
-
-Er macht grosse Augen; sie ist klein und schwächlich für ihr Alter. Aber
-was ihn befremdet, ist doch nur, dass bei der ihm wohlbekannten Ausnutzung
-der Menschenkraft beim Landvolk, dieses halbwüchsige Ding so ohne jede
-Beschäftigung herumstreift. Er hält sie für ein verwahrlostes Kind aus
-armseligem Hause, das merkt Crescenz wohl, denn sie ist nicht dumm. Als
-er nun auf seine Frage erfährt, dass sie das älteste Kind des reichen,
-ansehnlichen Kreuzwirths ist, schüttelt er den Kopf. Das Mädchen fügt
-wie beiläufig hinzu, dass sie eine Stiefmutter habe, und dies scheint ihm
-Alles zu erklären. In dem jungen Unkraut aber steigt siedendheisse Reue
-auf. Sie weiss, dass die arme brave Frau nicht aufhört, die Hände zu
-rühren, damit die Erscheinung ihrer Stieftochter ihr keine Schande mache.
-Auch sehen die jüngeren Geschwister meist schmuck genug aus, da, wenn
-Crescenz's Beispiel verführend auf sie wirkt, der Mutter Hand flink genug
-ist, sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Nur die Stieftochter,
-des Vaters Liebling, geht bei allen Missethaten straflos aus. Fritz ist
-fertig und lässt sie die Skizze sehen. Sie schreit auf. So also stellt sie
-sich den Mitlebenden -- und auch dem jungen, hübschen Künstler -- dar.
-Man könnte sie für eine Landstreicherin halten. Schier möchte sie
-weinen, aber sie schluckt die Thränen tapfer hinunter.
-
-»Bleibst, bleiben S' noch länger im Dorf?«
-
-Fritz schüttelt den Kopf.
-
-»Morgen geht's weiter ins Steirische hinein; warum fragst du?«
-
-Wieder kommt etwas Undeutliches von einem Sonntagsgewand über Cenz's
-Lippen.
-
-Der Maler lacht:
-
-»Kann sein, dass ich beim Abstieg noch einmal hier vorspreche, kann sein,
-erst auf's Jahr. Dann male ich dich in grossem Staat. Ich habe eine Ahnung,
-Cenz, dass du mir Glück bringen wirst.«
-
-Er sah sich nicht getäuscht. »Unkraut am Wege,« das Bild der kleinen
-Landstreicherin, das er in Oel ausgeführt, wurde in die Ausstellung
-aufgenommen und trug ihm Lob, Geld und Aufträge ein. Cenz wartete derweil
-daheim, dass er wiederkommen und sein Versprechen erfüllen werde. Es war
-ihr eigentlich weniger um das Bild, als um eine Ehrenerklärung in seinen
-Augen zu thun. Da sie nicht wissen konnte, wann er sie überraschen werde,
-trug sie sich der Vorsicht halber so nett und sauber als möglich. Keine
-Streifzüge über Zäune nach verbotenem Obst, kein Herumklettern und
-Herumstreifen in der Sonnengluth mehr. Sie hatte ihm gesagt, dass sie dem
-Kreuzwirth gehöre, im Kreuzwirthshaus wird er sie suchen und finden. So
-hat es sich von selbst gemacht, dass sie sich mehr in der Nähe des Hauses
-hält und anfängt, ihrer Mutter in der Wirthschaft an die Hand zu gehen.
-Die schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Cenz nach dem Abschied
-vom Maler heimkam, aber sie hat seitdem keine Veranlassung zu einer
-Wiederholung dieser Geberde des Entsetzens gefunden, es wäre denn, sie
-thäte es, um ihr Erstaunen über die Veränderung in dem Wesen ihres
-Stiefkinds auszudrücken. Der Sommer geht vorüber, aber Fritz Teubner nahm
-längst den Abstieg auf einer anderen Seite und sitzt in Wien eifrig über
-seinem Ausstellungsbild. Zuweilen erwachen in Cenz die Regungen der alten
-Ungeberdigkeit, aber nach etlichen leisen Ausbrüchen kämpft sie dieselben
-nieder. Der Winter ist lang und das Stillsitzen eine harte Aufgabe für
-Cenz, aber sie hilft der Mutter beim Nähen und Flicken, und Sonntags
-bedient sie flink die durstigen Bauern und die paar versprengten Städter,
-die selbst in Schnee und Frost der Leidenschaft, Berge zu besteigen,
-fröhnen. Endlich kommt der Sommer, und Cenz blickt voll Zuversicht
-vorwärts. Sie hat, wie manche lang im Wachsthum zurückgebliebene Pflanze,
-plötzlich in die Höhe zu schiessen angefangen, sie wird gross und
-hübsch, und alle die alten Kleider mit den unverwischbaren Spuren ihrer
-Kletterkünste müssen für die kleinen Schwestern übernäht werden. Sie
-selber geht in schmucken neuen Gewändern, und wäre nicht der eine und
-der andere der Gäste in der Ausstellung gewesen und hätte sie im goldenen
-Rahmen sammt der Aufschrift gesehen, ihr alter Spottnamen wäre ganz und
-gar in Vergessenheit gerathen. Aber wehe dem, der ihn in ihrer Hörweite
-brauchte, das Zünglein hatte keine Veränderung durchgemacht.
-
-Auch dieser Sommer verging und noch ein Winter, ohne dass Fritz Teubner
-sein Wort wahr gemacht. Cenz war ein erwachsenes Mädchen geworden, und die
-jungen Burschen fingen an, sie mit sehr freundlichen Augen anzusehen.
-Ihr schnippisches Wesen und ihr hübsches Gesicht schien es besonders dem
-reichen Erben des Thalhofbauern angethan zu haben, er sass so oft und so
-lange als möglich im Kreuzwirthshaus, spielte mit Cenz' Vater Karten und
-machte sich der Wirthin angenehm; bei dem jungen Mädchen selbst machte
-er jedoch keine Fortschritte. Wieder waren die Kirschen reif geworden, und
-Cenz trug einen Korb voll aus dem Garten in's Haus, da sah sie unter dem
-Nussbaum einen jungen Menschen mit einem breitrandigen Hute sitzen und
-musste den Korb hinstellen, sonst wäre er ihren Händen entfallen.
-
-»Grüss Gott, Herr Teubner,« sprach sie, jedoch mit ganz ruhiger Stimme.
-Er sah auf, zweifelnd, staunend, wie Einer, der seinen Augen misstraut.
-
-»Ja, bist du das wirklich? Die kleine schwarze Cenz? Aber das ist
-unmöglich!«
-
-»Ja, aus Kindern werden Leut',« lachte sie.
-
-»Die Augen und die blitzenden Zähne sind es noch, aber sonst muss dich
-eine gute Fee umgetauscht haben.«
-
-»War ich denn gar so an Schrecken?« fragte sie mit dörflicher
-Coquetterie.
-
-»Für mich nicht, im Gegentheil, aber für die Sperlinge, die Obstbäume
-und für deine Mutter musst du so etwas gewesen sein. Für mich warst du
-alles Gute in Person; dass ich dir begegnet bin, muss ich ein wahres Glück
-nennen.«
-
-Sie wurde hochroth. Zum Glück rief die Mutter aus dem Hause:
-
-»Cenz, Cenz, wo steckt denn das Madel?«
-
-Sie lief hinein. Im Verschlag neben der Mutter sass der Thalhofer Franz.
-
-»Cenz, siehst du aber bildsauber aus,« sprach er.
-
-»Das geht dich gar nix an«, sagte sie, füllte einen Krug mit Bier und
-eilte, ohne von ihrem Verehrer weiter Notiz zu nehmen, in den Hof hinaus.
-
-»So; und wie ist's Ihnen denn alleweil ergangen, Herr Teubner?« fragte
-sie und setzte sich auf die Bank ihm gegenüber. Er konnte sich von seinem
-Erstaunen kaum erholen. So ruhig waren ihre Bewegungen geworden, so ohne
-jede bäurische Ungelenkigkeit, und doch wieder völlig des ehemaligen
-dreisten Wesens ermangelnd.
-
-»Gut, sehr gut sogar«, sagte er, »ich erzählte dir schon, dass du mir
-Glück gebracht hast. Seit ich dein Bild gemalt, habe ich alle Hände voll
-zu thun gehabt.«
-
-»Sie haben g'wiss viel schöne Damen g'malen?« fragte sie mit einer
-Regung der Eifersucht.
-
-»Du meinst ja wohl Damen im Sonntagsputz?« versetzte er, sich der eiteln
-Regung der Kleinen erinnernd. »Da fällt mir ein, wann willst du mir denn
-in deinem besten Staat sitzen?«
-
-»Auf der Stell', i kleid' mi nur um«, sprach sie und verschwand im Hause,
-klugerweise aber, ohne das Gastzimmer zu betreten; aus dem Flur führte
-die Treppe in ihr Zimmerchen. Die Fragen des Thalhofers wären unbequem
-gewesen. Nach einer Weile kam sie wieder, mit einer Näherei in der Hand.
-
-»Blitz, siehst Du sauber aus!« rief Teubner, die Künstleraugen voll
-ehrlicher Bewunderung auf ihr verweilen lassend. »Ich bin sicher, die
-»Haiderose« wird ebenso viel Erfolg haben, wie -- wie dein früheres
-Conterfei. Vielleicht verhilft sie mir zu all' den übrigen guten Dingen,
-die ich mir noch für's Leben wünsche. Dem »Unkraut am Wege« verdanke
-ich ein schönes Atelier, freundliche Kritiken und dass ich mit etlichen
-Münzen in der Tasche klimpern kann. Und wenn das Glück mir wohl will,
-dann«, er brach ab und blickte auf einen einfachen Ring an seinem Finger.
-»Was hast Du?« fragte er auf einmal aufsehend.
-
-»I' hab mi g'stochen«, sagte sie mit völlig veränderter Stimme, die
-Nadel war ihr bei einer heftigen Bewegung in den Finger gefahren, ein
-Blutstropfen fiel herunter, sie seufzte tief auf. Fritz Teubner schüttelte
-den Kopf über das wehleidige Bauernmädchen, das ganz verstört über
-einen Nadelstich erschien. Da war die kleine zarte Nachbarin, deren Ring er
-am Finger trug, standhafter. Tagaus, tagein handhabt sie die Nadel bis
-zu einem gewissen glücklichen Tage, den Cenz's Bild näher rücken soll.
-Eifrig führt der Maler den Stift.
-
-Der Thalhofer Franz tritt zu der Gruppe im Hofe.
-
-»Madel, was hast?« fragt er erschrocken, »Du wirst doch net krank wer'n.
-Lass Dir rathen und geh in's Haus. Bei derer Hitz'n ist's net gut draussen
-sein.«
-
-Merkwürdig wohl thut ihr seine Sorge, und dankbar sieht sie den ehrlichen
-hübschen Jungen an.
-
-»Mir is nix«, sagte sie, »aber i denk', i lass, wenn's Ihnen recht is,
-das Sitzen auf ein ander Mal.« Fritz ist's zufrieden. Er hat denn auch im
-Lauf der Tage, während er im Dorfwirthshaus sein Quartier aufgeschlagen,
-das Bild vollendet. Mit Crescenz schloss er gute Freundschaft; sie hat die
-ganz ausführliche Geschichte von der kleinen hübschen Nachbarin, von dem
-Ring und wie und wann er ihn bekommen, aus seinem Munde gehört. Wie
-tief sie diese Geschichte ergriff, hat er nicht erfahren. Das Unkraut war
-übrigens ein tapferes Mädchen geworden und wusste seine aussichtslose und
-ein wenig lächerliche Neigung zu bekämpfen. Als ein Jahr nachher Fritz
-Teubner mit seiner jungen Frau in das Dorf zur Sommerfrische kam, ging
-es gerade hoch her im Kreuzwirthshaus. Das hübscheste Mädchen im Orte,
-Crescenz Hellgruber, feierte ihren Verspruch mit dem jungen Thalhofer.
-»Man soll si nix verreden«, sagte die Wirthin zum Pfarrer, »jetzt hab'
-i an dem Unkräutl doch mei Freud erlebt. So brav ist's worden, dass i mir
-wünsch, meine Madeln sollen ihr nachgerathen.«
-
-
-
-
-HERBSTBLÄTTER.
-
-
-Ich kann ihn nun selber tragen! bemühen Sie sich nicht weiter! Die alte
-Frau nahm dem Mädchen den kleinen, mit Koth und Blut beschmutzten
-Knaben ab und sich mit kurzem Kopfnicken, ja ohne ein Wort des Dankes
-verabschiedend, ging sie in ihr Haus hinein. Verblüfft blieb die
-Nachbarin, ein junges, nettgekleidetes Mädchen, mit einem zarten
-schüchternen Gesicht vor der Thüre stehen. Warum wurde sie so ohne alle
-Förmlichkeit entlassen? Das alte, zahnlose Mütterchen hatte es geduldet,
-dass sie ihr den schweren Jungen die ganze, ziemlich lange Strecke von der
-Pferdebahn bis zum Hause mehr trug als führte. Freilich hätte sie den
-Liebesdienst auch nicht abzulehnen vermocht, selbst wenn sie Lust dazu
-gehabt hätte. Der Schrecken war ihr in die alten Glieder gefahren, als das
-wilde Kerlchen, noch bevor sie das Zeichen zum Halten gegeben, vom Wagen
-sprang, hinfiel und sich das Gesicht aufschlug. Und als das junge Mädchen,
-das an derselben Strassenecke abstieg, den kleinen Unband, ohne ein Wort zu
-sprechen, auf den Arm nahm, war sie ihr wortlos gefolgt; aber die Blicke,
-die sie auf die junge Helferin heftete, zeugten von Allem eher als
-von Erkenntlichkeit und Wohlwollen, und der Abschied war entschieden
-unhöflich. Merkwürdigerweise hatte sich das Büblein ohne Widerrede von
-der Fremden tragen lassen, während es sich oft aus den Armen der alten
-Frau sträubend loswand, was das Mädchen vom Fenster aus beobachtet.
-So war es vermuthlich grossmütterliche Eifersucht, was die Greisin so
-ablehnend erscheinen liess. Eine andere Erklärung konnte Johanna Stirner
-dem sonderbaren Benehmen nicht geben.
-
-Frau und Kind waren ihr nicht ganz fremd, obschon sie ihre Namen nicht
-wusste. Seit etwa vier Wochen hatte sie das einfenstrige Gassenzimmerchen
-dem Hause der Alten gegenüber gemiethet. Sie war eine Kleidermacherin,
-eine Waise, die sich seit dem Tode ihrer Eltern tapfer und ehrlich durch's
-Leben schlug. Erst hatte sie Stunden gegeben, aber das Schneidern wurde
-besser bezahlt. Ihre Arbeit ernährte sie und gestattete ihr den Genuss
-eines der feineren Vergnügen, an die sie in ihrem wohlhabenden Elternhaus
-gewöhnt gewesen, den Besuch eines Theaters oder Conzerts oder den eines
-befreundeten Hauses, das sich nicht von ihr zurückgezogen, als sie den
-Kampf um's Dasein selbständig aufnehmen musste. Ihre Beschäftigung zwang
-sie, nahe dem Fenster zu sitzen, und während die flinken Hände in das
-feine Zeug stachen, hatte ihr Geist Zeit zum Beobachten und Nachdenken.
-
-Unwillkürlich formte sie sich die Lebensgeschichte zu den Gesichtern, die
-sie in den Fenstern oder auf der Strasse sah. Das alte Paar ihr gegenüber,
-das die wärmende Herbstsonne suchte und in ihrem Schein an je einem
-Fenster im ersten Stockwerk sass, musste schwere Verluste erlitten haben.
-Sicher war es das verbitternde Unglück, das ihnen die herben Linien in
-die Gesichter gezogen, wahrscheinlich der Verlust ihrer Lieben. Das junge
-Mädchen glaubte zuerst, sie ständen ganz allein, aber bald sah sie einen
-wilden kleinen Jungen, der nicht mehr als vier Jahre zählen mochte, in der
-Stube herumstürmen und das Oberste zu unterst kehren. Die Alten liessen
-ihm wohl zu viel eigenen Willen, denn es kam vor, dass sich der Wildfang
-auf das Fenstersims setzte und die kleinen Beinchen in die Strasse
-hinabbaumeln lies. Das sah lebensgefährlich aus, aber wenn es ihm die
-Grosseltern wehrten, so bemerkte man keine Wirkung davon. Sie sprachen auf
-ihn ein, und er blieb unbekümmert auf seiner Warte, bis ihm ein anderer
-Einfall durch das Gehirn schoss, er in die Stube zurückkletterte, um
-nach ein paar Minuten auf der Strasse unter den wilden, zerlumpten Rangen
-aufzutauchen. Sie waren älter als er, aber das hinderte ihn nicht, wie ein
-kleiner trotziger Kampfhahn auf sie einzudringen. Putzig genug sah er
-aus, wenn er mit seinen Fäusten auf die grossen Bengel loshämmerte,
-unbekümmert darum, wohin sie ihrerseits mit ihren Armen trafen. Wenn er
-hinab kam, war er sauber und trug gute Kleider, aber eine halbe Stunde
-unter seinen Widersachern sah ihn voll Staub und Schmutz und den Anzug in
-Fetzen.
-
-Fräulein Johanna konnte sich nicht enthalten, dem prächtigen
-dunkeläugigen Burschen die zerzausten Locken zu streicheln, oder ihm einen
-Apfel, ein Stückchen Backwerk zuzustecken, wenn sie an ihm vorbeikam.
-Das arme Mädchen ahnte wenig, welchen Missdeutungen sie sich durch ihre
-harmlose Freundlichkeit aussetzte.
-
-»Wieder Eine!« sagte die zahnlose Alte und winkte bedeutungsvoll zu ihrem
-würdigen Gemahl hinüber.
-
-»Sie speculirt,« pflichtete er bei, »dem Kind schmeichelt sie und meint
-jemand Andern. Nun, wir sind auch noch da!«
-
-Da Johanna Abends vom Fenster abrückte und zufällig die ersten Sonntage
-bei ihren Freundinnen eingeladen war, wusste sie gar nicht, dass die
-interessante Familie über der Strasse noch ein Mitglied zähle; um wie
-viel weniger konnte ihr einfallen, dass man ihr niedrige, eigennützige
-Pläne auf dasselbe beimesse. Sie wohnte schon eine geraume Zeit in ihrem
-Stübchen, bis sie einmal zufällig Abends an das Fenster trat und drüben
-einen noch jungen Mann mit einem sehr ernsthaften Gesicht bemerkte. Die
-leidenschaftliche Innigkeit, mit der er das Kind liebkoste, fiel ihr auf.
-Dann unterhielt sie der Kampf, der in der Regel mit aufgeweckten und nicht
-sonderlich lenksamen Kindern ausgefochten werden muss, der Kampf um das
-Zubettgehen. Das Kerlchen lief lachend und schreiend vor der Grossmutter
-davon, diese mochte bitten und drohen, das sah man an ihren Mienen, aber
-ohne einen Eindruck zu erzielen. Zuletzt machte der junge Mann der Komödie
-ein Ende, indem er das Kind in den Arm nahm und aus der Stube trug. Ohne
-sich zu sträuben, liess es der kleine Junge geschehen, ja er drückte
-vergnügt lachend sein Gesicht an das bärtige; -- das war offenbar sein
-Papa, der Knabe nicht, wie sie vermuthet, doppelt verwaist. Dann hat sie
-auch den jungen Mann hie und da beobachtet; wenn er das Kind nicht bei sich
-hatte, wurde sein Gesicht trostlos, abgespannt, das eines Menschen, dem das
-Leben nicht leicht fällt. Dem war gewiss mit seiner Frau das beste Theil
-gestorben, und das Beisammensein mit den alten Leuten, die seine Eltern
-nicht sind, darauf möchte das Mädchen wetten, bietet ihm vermuthlich
-keinen vollwichtigen Ersatz für das, was er verloren. Allabendlich setzt
-er sich mit ihnen zum Kartenspiel nieder, aber aus der Entfernung kann sie
-sehen, dass diese Art Zeitvertreib von ihm als eine einmal übernommene und
-ohne Widerstand ausgeführte Pflicht statt als Vergnügen betrachtet wird.
-Bleierne Langweile, unzerstörbare Gleichgültigkeit haftet bei Gewinn wie
-Verlust in seinen Zügen, während es in den alten Gesichtern gierig oder
-enttäuscht aufzuckt und der volle Spieleifer aus ihren hastigen Bewegungen
-spricht. -- Wenn sich das Paar endlich zu Ruhe begeben, dann wandert der
-Mann noch lange rastlos in dem Wohnzimmer herum; Johanna stellt sich vor,
-dass es einst das Glück seiner jungen Ehe umschlossen, und nun von all
-den Geistern todter Freuden für ihn bevölkert ist. Eine spuckhafte
-Gesellschaft! Kein Wunder, dass sich seine Stirn furcht und das Gesicht
-den Ausdruck müder Resignation trägt. Der Mann dauert sie; und sie weiss
-nicht einmal, wie sehr er zu bedauern ist.
-
-Seit drei Jahren steht das alte Paar zwischen ihm und jeder erwachenden
-Regung von Lebenslust. Ihnen ist mit ihrem einzigen Kind Alles gestorben;
-sie könnten es nicht begreifen, wenn es bei dem jungen Mann anders wäre.
-Ein eifersüchtiger Liebhaber könnte nicht ängstlicher seine Herzensdame
-bewachen, als die beiden Greise ihren Schwiegersohn. Es ist eine
-böse Welt, voller Fallstricke. Ihr Alter und ihr Missgeschick hat sie
-argwöhnisch gemacht. Am Ende ist es doch nur Liebe, wenn auch eine
-verzerrte, missartete, die ihr sonst unverantwortliches Beginnen diktirt;
-sie können sich nicht darein finden, eine Andere die Stelle einnehmen zu
-sehen, die ihr einziges Kind ausgefüllt. Und sie zittern für Ivo, ihr
-Enkelkind, dem eine Fremde nicht die Zärtlichkeit entgegen trüge, die er
-bei ihnen findet. Wo könnte der kleine Schelm, der kaum ein Jahr zählte,
-als ihm die Mutter starb, besser aufgehoben sein, als bei den Grosseltern?
-Die alte Frau hat manche Nacht bei dem Kleinen durchwachen müssen, die
-Last und Plage, die solch ein junges Menschenkind verursacht, war für ihre
-Jahre nichts Geringes. Ivo's Vater wäre ein verhärteter Bösewicht, wenn
-er der grossen Opfer nicht dankbar gedächte und die kleinen Schrullen
-übersähe. Dass sie in jeder Frauengestalt, die in seinem Gesichtskreis
-auftauchte, eine gewissenlose Glücksjägerin witterten, dass sie und ihr
-Mann nicht müde werden konnten, ihn zu warnen und über die unlauteren
-Beweggründe für jedes freundliche Wort, an ihn gerichtet, für jede
-Liebkosung, die der schöne kleine Bursche empfing, aufzuklären,
-erschien ihm allerdings nicht gerade als ein Beweis von liebenswürdiger
-Gemüthsart, auch trug es nicht dazu bei, ihm das Zusammenleben mit ihnen
-besonders erfreulich zu gestalten. Aber um ihn handelte es sich nicht,
-ihn hielt sein Beruf den ganzen Tag vom Hause fern; wenn er sein Kind
-treu behütet wusste, so hatte er wohl alles erreicht, was ihm sein armes,
-verstörtes Leben noch zu bieten vermochte. Diese nimmermüde Sorgfalt,
-die keine andere Hand dem Knaben widmen würde, war ein Dogma. In der Obhut
-seiner Grosseltern konnte ihm nichts geschehen, es war unmöglich bei ihrer
-unausgesetzten Wachsamkeit! Und nun hatte sich der Junge blutig geschlagen,
-als er mit der Grossmama aus dem Park heimfuhr, und um ihr keinen Tropfen
-in diesem bittern Kelch zu ersparen, musste eine Fremde ihm zu Hilfe eilen,
-nein, keine Fremde, eine Harpye, die schon seit Wochen darauf lauerte,
-über den gedeckten Tisch herzufallen, die vermuthlich das einfenstrige
-Zimmer nur um ihrer versteckten Pläne willen gemiethet und mit geübter
-Hand Zug um Zug auf ihrem Schachbrett gethan. Schon sah die Alte ihren
-leichtgetäuschten Schwiegersohn in den Banden einer berechnenden Frau, Ivo
-bei Seite geschoben und rauh angefahren, da griff sie denn nach dem ersten
-Ausweg, der sich ihr offenbarte, sie hiess den Jungen über den Vorfall
-schweigen. Papa würde sehr böse werden, wenn er erführe, dass Ivo vom
-Wagen abgesprungen, bevor dieser hielt, schärfte sie ihm ein und blickte
-höhnisch zu der Nachbarin hinüber, die nun wieder emsig arbeitend beim
-Fenster sass, um sich durch ihren Fleiss »ein gutes Bild einzulegen.«
-Für diesmal war ihr das Spiel verdorben. Die Alte hätte kein schlechteres
-Mittel ergreifen können; und wäre nicht schon eine so lange Zeit
-verstrichen, seit sie ihr eigenes Kind erzog, sie wäre sicher nicht darauf
-verfallen. Ivo war, wie die meisten lebhaften, aufgeweckten Kinder kein
-Grübler; er hätte bis zum Abend den Hautriss sammt dem Pflaster darüber,
-das zarte Mädchengesicht, das sich über ihn gebeugt, das mitleidige
-»Hast Du Schmerzen, Du armer Schelm?« vollkommen vergessen, wenn das
-Verbot nicht gewesen wäre. Das erhielt den ganzen Vorfall frisch in seinem
-Gedächtniss, und verlieh ihm eine tiefe Bedeutung. Und als Papa am Abend
-gleich beim Kommen, das Pflaster auf der Stirn bemerkend, auf seine
-Frage von Grossmama die Antwort erhielt, Ivo habe sich an der Tischkante
-gestossen, wurden die Augen des Kindes sehr gross. Grossmama hatte gelogen,
-ein guter Theil ihrer Autorität war für immer dahin. Hartnäckiger als
-sonst wehrte sich der Kleine gegen sie, als sie ihn zu Bett bringen wollte.
-Aber hartnäckiger als sonst, bestand sie heute auf ihrem Willen; es war
-nicht rathsam, Vater und Kind an diesem Abend sich selber zu überlassen.
-Aber als sie Ivo trotz seines Sträubens ergriff, schrie er: »Lass mich,
-oder ich sage dem Papa, dass ich vom Wagen gefallen bin!«
-
-Ihr fielen die Hände vor Schreck in den Schooss, und ohne Widerstand
-duldete sie es, dass der Teufelsjunge sich von Papa emporheben und aus
-dem Zimmer tragen liess. Erst nach einer Weile folgte sie ihnen, um ihrem
-Schwiegersohn beim Auskleiden des kleinen Prinzen zu helfen, aber der lag
-schon im Bett, mit beiden Händchen um den Hals des Vaters, der seinen Kopf
-auf das Kissen neben den des Kindes gelegt; es war wie gewöhnlich; kein
-Anzeichen, dass der Range geplaudert und alle Mühe umsonst gewesen.
-Beruhigt zog sie sich zurück. Sie ahnte nicht, was ihr der nächste Morgen
-bringen würde.
-
-Es war ein Sonntag, ein schöner, milder Frühlingstag. Grossmama sah
-kein Arges darin, dass ihr Schwiegersohn bat, dem Kinde sein bestes Kleid
-anzulegen. Vermuthlich führte er ihn, wie er es fast jeden Sonntag that,
-in den Park spazieren. -- Als der junge Mann und das Kind der Thüre
-zuschritten, wandte sich der Erstere nochmals um: »Ich hoffe, Grossmama,
-wir werden zur rechten Zeit zurück sein, doch sollten wir uns, wider
-Erwarten, verspäten, dann nehmt das Essen ohne uns ein. Ich beabsichtige,
-mit Ivo einen Besuch zu machen.«
-
-Einen Besuch? Seit dem Tode, nein schon seit der Erkrankung seiner Frau
-hatte er nicht daran gedacht, ein fremdes Haus zu betreten, fing er auf
-einmal an, der Aussenwelt Interesse abzugewinnen? Der Alten erschien dies
-wie eine Beeinträchtigung ihrer todten Tochter.
-
-»Wohin willst Du mit Ivo gehen?« fragte sie und wischte dem Kinde über
-das ohnehin blanke Gesichtchen; sie hatte kein Recht zu der Frage, aber
-ihre Wissbegier trug manchmal den Sieg über ihre Klugheit davon.
-
-»Selbstverständlich zu dem jungen Mädchen, das meinem Kinde Beistand
-geleistet. Es war nicht recht, Grossmama, dass Du mir den Vorfall
-verheimlicht. Die junge Dame müsste uns für Leute ohne Lebensart
-und Erziehung halten, wenn wir ihr nicht einmal unseren Dank dafür
-aussprächen, dass sie den schweren Jungen bis zum Hause trug.«
-
-Nun lag ihm schon an der Meinung einer wildfremden Näherin. Grossmama war
-wüthend.
-
-»Ich hatte es vergessen,« sagte sie, mühselig eine gleichgültige Miene
-behauptend, »gedankt habe ich ihr für die kleine Mühe übrigens schon
-gestern. Sie wird wohl wissen, weshalb sie sich sie nahm. Wäre mein armes
-Kind noch am Leben, dann hätte die drüben gewiss keine Hand nach Ivo
-ausgestreckt.«
-
-»Ja,« schnarrte Grosspapa von seinem Sitz am Fenster dazwischen, »sich
-selbst sein Brod verdienen, das ist ein unangenehmes Geschäft für eine
-junge Dame, viel besser, man setzt sich in ein wohleingerichtetes Haus
-hinein, selbst wenn man so ein lästiges Anhängsel,« er wies auf Ivo,
-»mit in Kauf nehmen muss.«
-
-»Da stösst man dann in alle Ecken«, wehklagte seine Gemahlin, »ich habe
-es nicht einmal, nein Dutzendmal mit angesehen. Wenn ein Kind den Vater
-verliert, so ist es traurig, aber mit der Mutter büsst es alles, alles
-ein.« Beschwörend streckte sie die Hände nach ihrem wie auf Kohlen
-stehenden Schwiegersohn aus.
-
-»Franz, wenn Du dem Knaben eine Stiefmutter giebst, sieh' nicht auf Jugend
-und Schönheit, sieh' nur, ob sie ein Herz zu dem Kind fassen kann!«
-
-»Ich weiss nicht, was Dir einfällt, Grossmama,« sagte der junge Mann
-unwirsch, »ich denke nicht daran, mich wieder zu verheirathen. Mein Sohn
-ist bei Euch gut aufgehoben, und ich kann doch nie wieder so glücklich
-werden, wie ich es mit Marie gewesen.«
-
-Das war eine Beruhigung für die Alten, aber Franz ging ärgerlich, aus
-seiner gewöhnlichen Gelassenheit aufgerüttelt, davon. Die Beschwörungen
-und Prophezeihungen wickelten ihn in einen grauen dicken Nebel ein, durch
-welchen er die Welt in ziemlich trübseligem Licht erblickte. Zuletzt that
-es ihm leid, dass er so bestimmt seine Absicht angekündigt, der Nachbarin
-in Person zu danken. Was sollte ihm der Verkehr mit einer Fremden? Er war
-durch sein Unglück an Einsamkeit gewöhnt, fühlte sich am wohlsten allein
-oder in der Gesellschaft seines Kindes. Die Alten hatten nicht Unrecht,
-er that am besten, wenn er sein leckes Lebensschifflein abseits von den
-anderen Seefahrern lenkte, die unter vollem Segel hinglitten und vom Leben
-noch Glück und erfüllte Verheissungen erwarteten. Vielleicht hatten sie
-auch recht mit ihren Warnungen; sie kennen die Nachbarin seit längerer
-Zeit, haben sie beobachtet, während er sie noch kaum bemerkte.
-
-Ivo hat heute nicht viel Vergnügen von seinem vor sich hingrübelnden
-Papa. Aber er verlangt von dem traurigen Mann nicht, dass er sich so
-unausgesetzt mit ihm beschäftige, wie es die Grosseltern thun, die ihn
-mit ihren Lehren und ihrer Beaufsichtigung gar oft langweilen. Er ist schon
-zufrieden, wenn er mit seinem Papa sein, neben ihm hergehen kann, vergebens
-bemüht, seine Schritte den weitausgreifenden anzupassen. Im Park setzt
-sich Franz auf eine Bank, der Kleine befriedigt an seine Seite. Nach einer
-Weile wird er des Stillsitzens überdrüssig und beginnt, die schönen
-gelbfarbigen und purpurrothen Blätter aufzulesen, die der Herbst auf den
-Rasen verstreut. Ein ganz unterhaltendes Geschäft, und wenn man die minder
-schönen immer wieder gegen besser gefärbte vertauschte, mag es auch für
-eine geraume Zeit vorhalten.
-
-Der Vater trifft Anstalten, sich von seinem Sitz zu erheben und blickt nach
-dem Knaben aus. Beide Hände voll mit seiner prächtigen Beute eilt er auf
-ihn zu. Franz ist soeben zu dem Entschluss gekommen, es sei am besten, nach
-Hause zu gehen und der Fremden einige Zeilen des Dankes zu schreiben, denn
-er ist des Verkehrs mit Frauen vollkommen entwöhnt, und die Worte der
-Alten haben, ohne dass er es sich gestehen mag, ihren Einfluss auf ihn
-nicht verfehlt. Da sagt Ivo:
-
-»Die rothen und gelben Blumen bringe ich alle dem schönen, grossen
-Mädchen, das mich nach Hause getragen hat. Die wird sich freuen!«
-
-Es war feuchtkalt in den Zimmern. Die Sonne schien plötzlich ihre
-ganze Macht eingebüsst zu haben. Grossmama sass, in einen dicken Shawl
-gewickelt, am Fenster und blickte ingrimmig zu der Nachbarin hinüber. Was
-sie sah, war aber auch wirklich geeignet, ihrem Verdacht Nahrung zu geben,
-und ihr am Nebenfenster gleich einer grossen grauen Spinne lauernder
-Gemahl, ein heimtückischer Greis, der sich freute, für seine geringe
-Meinung von der Menschheit im Allgemeinen an besondern Fällen eine
-Bekräftigung zu finden, verstand es trefflich, durch gelegentliche
-boshafte Bemerkungen, wie »wenn sie das Kind mit ihrer Zärtlichkeit nur
-nicht erdrückt!« oder »Franz scheint sich gar nicht von drüben trennen
-zu können,« das Feuer zu schüren. Franz war ein ungelenker, steifer
-Geselle, seit er sich in seinem Umgang auf die zwei alten Leute
-beschränkte. Er hatte sich auf den Sessel gesetzt, den ihm die Nachbarin
-angeboten, und nachdem er, unbeholfen genug, seinen Dank für die
-geleistete Hülfe ausgesprochen, versank er in ein bedrückendes
-Stillschweigen. Das junge Mädchen war zu schüchtern, um es zu
-unterbrechen. Im Hause ihrer Eltern, mit dem Rückhalt, den ihr deren
-gesicherte Lebensstellung gewährt, war sie heiter, lebhaft und gewandt
-gewesen; seit sie sich allein durch's Leben schlagen und und von
-hochmüthigen Kunden manche Demüthigung hinnehmen musste, war sie
-gedrückt, zurückhaltend, und nur wenn sie freundlichem Entgegenkommen
-begegnete, schaute sie auf, und ihre ehemalige liebenswürdige
-Gesprächigkeit trat zu Tage. Beide hatten im ersten Augenblick nicht den
-günstigsten Eindruck von einander empfangen; Johanna hielt ihren Gast für
-hochmüthig, -- (das arme Kind war seit den trüben Erfahrungen, die sie
-gemacht, nur zu geneigt, diese Eigenschaft bei ihren lieben Nächsten
-vorauszusetzen) -- er dachte, sie wäre eine hübsche geist- und leblose
-Kaminfigur und blickte sehnsüchtig nach der Thür, im Stillen die
-Augenblicke zählend, bis er sich ohne Verstoss gegen die Schicklichkeit
-wieder empfehlen konnte. Nur Ivo fühlte sich wie zu Hause. Ihn würde
-der Glanz und die Hoheit eines Königshofes vermuthlich auch nicht im
-Geringsten eingeschüchtert haben. Uebrigens kam er nicht mit leeren
-Händen, das musste ihm jedenfalls einen freundlichen Empfang sichern.
-
-»Da«, sagte er mit grosser Wichtigkeit, die gelben und rothen Blätter,
-die er auf dem Wege durch krampfhaftes Festhalten um ihre natürliche Form
-gebracht, Johannaen darreichend, »das alles gehört Dir. Freust Du Dich?«
-
-Es war wie eine Erlösung, die frische, helle, sorglose Kinderstimme in das
-drückende Schweigen hineinklingen zu hören. Kein Wunder, dass Johanna
-den kleinen Jungen umfasste, herzlich abküsste und auf den Schooss nahm.
-Weggewischt war alle Verlegenheit und Zurückhaltung, das junge bildschöne
-Kind, das sich so eng an sie schmiegte, dessen warmen Athem sie an ihrer
-Wange spürte, wusste nichts von Ueberhebung, wollte nicht verletzen.
-Mochte der steife Patron auf dem Sessel drüben mit sich zurechtkommen,
-wie er wollte, sie hatte ihren Zeitvertreib. Und nun kam sie ins Plaudern.
-Jedes Wort verrieth das Mädchen von Bildung und Verstand, das sich in
-gemüthvoller Herzlichkeit zu dem Fassungsvermögen des kleinen Burschen
-herablässt. Ihr silbernes Fingerhütchen, das sie selbst heute nicht
-abgelegt, da sie trotz des Sonntags ein Kleid anzufertigen hatte, wurde
-nun ein undurchdringlicher Panzer, die spitzen Nadeln, Lanzen und Spiesse,
-jeder Finger ein wackerer Ritter. Welch ein Turnier entwickelte sich zu
-Gunsten Ivo's, der vor Spannung und Entzücken den Athem anhielt. Mit
-grossen Augen sah Franz die Umwandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen,
-seit sie das Kind auf dem Schooss hielt. Von dem kleinen Medium konnte er
-ja auch Nutzen ziehen. Und nun entwickelte sich das anmuthige Spiel,
-das die Grossmama und ihren würdigen Gemahl mit so berechtigtem Unmuth
-erfüllte. Sobald Ivo von Johanna's Schooss herabgeklettert und irgend
-eine fabelhafte Herrlichkeit auf dem Kamin des Parlors, der Johanna's
-Hauswirthen gehörte, zu bewundern, hielt sein Papa ihn an und begann
-ihm die Haare zurecht zu streichen, einmal in die Stirn und dann zur
-Abwechslung aus der Stirn. Dabei sprach er durch ihn zu der Nachbarin.
-
-»Du darfst das Fräulein nicht so belästigen, Ivo.« Natürlich
-versicherte sie, er mache ihr keine Mühe. Dann erklärte ihm sein Papa auf
-das Nachdrücklichste, sie sei zu gütig gegen ihn, und er verdiene so viel
-Nachsicht und Freundlichkeit nicht. Darauf zog sie ihn wieder zu sich, um
-den eiteln kleinen Burschen, der vor Freude hochroth im Gesicht wurde, ein
-dunkelblaues Band, das ihr von der Näherei übrig geblieben, als Cravatte
-um den Hals zu knüpfen. Das erinnerte ihn an die Zeit, da Ivo's Mutter
-kein grösseres Vergnügen gekannt, als das winzige Kind mit Schleifen und
-Bändern herauszuputzen. Das eine seiner Händchen haltend, sprach er von
-jenen schönen Tagen, sie fasste das andere und war ganz Mitleid für das
-Kind. Ivo hielt prachtvoll still in seiner Blitzableiterrolle, die den
-Beiden über ihre Verlegenheit hinweghalf. Er liess sich von Johanna die
-Bilder in der »Gartenlaube« erklären und zeigte dann jedes dem Vater
-hinüber, eine sehr drollige Erläuterung in seiner Manier dazugebend.
-Und unvermerkt verstrich die Zeit. Hüben und drüben gab es mit jedem
-Viertelstündchen mürrischere Gesichter. Ivo's Grosseltern warteten,
-trotzdem ihre Essensstunde bereits vorüber war, mit der Sonntagstafel;
-dasselbe thaten Johanna's Hauswirthe. Aber beide erschöpften sich dabei
-nicht gerade in Segenswünschen für die Schuldtragenden.
-
-Endlich als die Hausfrau ihr ältestes Töchterchen mit der Botschaft
-hereinschickte, die Familie könne nicht länger warten, erhob sich Franz,
-erstaunt und erschrocken über die ungebührliche Länge seines ersten
-Besuchs; aber das junge Mädchen war nun in die Freuden und Leiden seines
-Lebens eingeweiht, sie wusste von seinem kurzen Glück und der langen
-trostlosen Zeit, die demselben gefolgt. Auch sie hatte mit ihren
-Mittheilungen nicht gegeizt. Beiden war es ein seltener Genuss, einmal zu
-einem wirklich theilnehmenden Ohr von dem eigenen Schicksal zu sprechen,
-und er kannte nun ihr Elternhaus, ihre friedliche sorglose Kindheit und die
-harten Schläge, die sie betroffen, als wäre er ein alter Freund. Sprechen
-wir nicht von der Sonntagstafel. Hüben wie drüben hätte sie den Beiden
-eigentlich durch die missmuthigen Gesichter am Tisch vergällt werden
-müssen, aber sie bemerkten nichts davon. Beide waren in Gedanken noch
-immer bei dem angenehmen Stündchen, Beiden schien's, als sei ihnen etwas
-von ihrem alten Leben zurückgekehrt. Ivo vollends war unausstehlich. Wäre
-dies dem verwöhnten Enkelchen gegenüber nicht gar so unmöglich gewesen,
-die Grosseltern hätten ihm vermuthlich mehr als einmal barsch Schweigen
-geboten. Er wurde nicht müde, von der Tante zu sprechen; alles, was er
-drüben gesehen, war viel schöner als daheim, Grossmutter besass nur
-einen gewöhnlichen Fingerhut und nichts anderes, ihr Kuchen hielt keinen
-Vergleich mit dem aus, den ihm Johanna gegeben, und eine solche Cravatte
-wie die, welche sie ihm umgebunden, fand sich im ganzen Hause nicht vor.
-
-Auch fiel seine Begeisterung nicht so schnell in todte Asche zusammen, wie
-es sonst bei Kindern der Fall ist. Sobald ihn die Grossmama des Morgens
-angekleidet, wand er sich geschmeidig wie ein Aal aus ihren Händen,
-polterte die Treppe hinab und winkte ihr nach einigen Augenblicken,
-ahnungslos über ihren Verdruss vom Fenster gegenüber lachend zu. Selbst
-die betrübende Thatsache, dass er bei der neuen Tante artiger sein musste,
-als daheim, dass die enge Stube mit dem angehäuften Nähgeräth seinem
-Umhertollen nur ein sehr begrenztes Gebiet gestattete, dass er die
-Nähereien nicht verwirren und mit der Scheere dem Aufputz und den Stoffen
-nicht nahe kommen durfte, wirkte nicht abkühlend auf seinen Enthusiasmus.
-Der rauhe Wind mochte ihm den Aufenthalt auf der Strasse verleiden, und
-ehe er sich bei den Grosseltern langweilte, die in der That in ihrer
-mürrischen Verbitterung nichts mit dem quecksilbernen Jungen anzufangen
-wussten, trug er, mit so viel Geduld, als er aufzutreiben vermochte, die
-ungewohnten Zügel. Es wurde ihm nicht allzu schwer gemacht. Während
-Johanna flink die Finger rührte, bevölkerte sie für ihn das enge
-Stübchen mit all den trauten Gestalten des deutschen Märchen- und
-Sagenschatzes; er lauschte ihr in athemloser Spannung und verfiel nur
-selten auf eine seiner kleinen Teufeleien. War es jedoch einmal der Fall
-und sprach ihm Johanna ernst und eindringlich in's Gewissen, dann senkte
-er bussfertig den Lockenkopf und versprach volle Besserung. Selbst daheim
-hätten die Grosseltern eine gewisse Milderung seiner wilden Sitten
-bemerken müssen, wenn sie dazu geneigt gewesen wären. Aber wenn Johanna
-sich mit dem Kinde Mühe nahm, so legte sie nur Fallstricke, um dessen
-verblendeten Vater zu fangen. Grossmama nahm sich kein Blättchen vor den
-Mund, sie hielt mit ihrer Meinung über die Sirene nicht zurück; freilich
-erzielte sie mit ihren Anklagen ein gar sonderbares Resultat. Immer
-häufiger richteten sich Franzens Blicke auf das Fenster gegenüber, immer
-heller wurde seine Miene, immer mehr verschwand der Trübsinn aus seinem
-Blick. Sonst hatte ihm nichts solchen Verdruss erregt, als wenn er Abends
-beim Nachhausekommen den Knaben nicht vorfand; jetzt schien es ihm ein
-besonderes Vergnügen zu machen, ihn von drüben abzuholen und dabei eine
-Viertelstunde mit der Nachbarin zu verplaudern. Grossmama ging den ganzen
-Tag wie ein drohendes Gewitter herum, und ihr Gemahl glich mehr als je
-einer grossen grauen Spinne, die auf eine unschuldige Fliege lauert.
-Zuletzt lief sie ihnen ahnungslos in's Garn. Ivo hatte sich erkältet
-und musste das Bett hüten. Mit der Hartnäckigkeit eines kranken Kindes
-verlangte er seine Tante Johanna. Grossmama schleppte ihm Spielzeug und
-Näschereien in's Bett, aber nichts vermochte seine Gedanken abzulenken.
-Papa war früher als sonst aus seinem Geschäft gekommen und hörte noch
-vor der Zimmerthür das Kind nach der Tante verlangen.
-
-»Warum habt Ihr sie nicht gebeten, herüberzukommen?« fragte er arglos,
-»Fräulein Stirner ist die Gefälligkeit selbst und Ivo ihr besonderer
-Liebling. Sie wäre ohne Bedenken an sein Bettchen geeilt.«
-
-»Das glaube ich,« versetzte Grosspapa, »an Bedenken scheint die junge
-Dame überhaupt nicht zu kränken.«
-
-Und »Ivo ihr Liebling,« rief höhnisch seine bessere Hälfte, »solche
-berechnende Geschöpfe haben für Niemand eine Neigung als für sich
-selbst.«
-
-Dem jungen Mann schwoll die Zornader auf der Stirn, aber er hielt an sich.
-
-»Möchtet Ihr nicht, wenn schon nicht aus Rücksicht für mich, so
-doch Euer graues Haar bedenkend, etwas weniger gehässig von einem
-Wesen sprechen, das unserem Kinde bisher nichts als die selbstloseste
-Freundlichkeit erwiesen? Nein, spottet nicht,« -- kam er, als sie sprechen
-wollten, ihnen zuvor, »Ihr werdet mich sonst dadurch zu einen Schritt
-veranlassen, vor dem Ihr mich bewahren wollt!«
-
-So hatte er noch nie gesprochen. Wenn sie ihn auch verdächtigten, er habe
-ihre todte Marie bereits vergessen, so hatte er bisher doch jeden Gedanken,
-ihr eine Nachfolgerin zu geben, kurz von der Hand gewiesen, bestürzt zogen
-sich die Verschworenen in die Wohnstube zurück, den Vater bei dem Kinde
-lassend. Er hätte, wenn er horchen gewollt, sie murren und grollen
-und Pläne schmieden hören können, aber jedenfalls flösste ihm Ivo's
-Geplauder, in welchem das junge, blasse Mädchen von drüben beständig
-wiederkehrte, theils wegen des Gegenstandes, theils wegen des Sprechers
-mehr Interesse ein. Am nächsten Morgen hielt er das widerspenstige Kind
-durch das Versprechen, heute werde die Tante gewiss kommen und sich freuen,
-ihn so folgsam zu sehen, im Bettchen fest. Bevor er das Haus verliess,
-theilte er den Alten mit, er wolle die Nachbarin herüberbitten. »Ich
-brauche Euch wohl nicht zu erinnern, dass ich meines Sohnes beste Freundin
-in meinem Hause mit aller Rücksicht behandelt sehen will,« sagte er
-beim Abschied. Die Grossmama nickte mit dem Kopf, aber nicht wie zur
-Bestätigung seiner Rede, sondern zu einer, die sie sich selber hielt. In
-gemeinverständliches Deutsch übersetzt, mochte es bedeuten: »O warte
-nur, Du sollst sehen, wie ich mich vor Deinen lächerlichen Drohungen
-fürchte!« Und Grosspapa goss nach seiner lieblichen Gewohnheit Oel in's
-Feuer. »Geh doch in die Küche, Kuchen backen für den seltenen Gast!
-Und vergiss die guten Tassen nicht, die Marie zur Hochzeit bekam. Unsere
-glatten, weissen sind nicht vornehm genug für die Nähmamsell!«
-
-Sie sahen noch, wie Franz über die Strasse ging, drüben die Klingel
-zog und in das Haus trat. Grossmama hatte Furcht, er werde das Geschäft
-versäumen, aber so verhängnissvoll war der Einfluss von »der drüben«
-doch noch nicht geworden; nach ein paar Minuten trat er wieder auf die
-Strasse hinaus, allerdings mehr aus dem Grunde, weil er das junge Mädchen
-vor ganzen Bergen von Arbeit überrascht, als weil ihn sein geschäftliches
-Gewissen aus ihrer Nähe vertrieben. Sie wollte die erste freie Minute
-benutzen, um nach dem kranken Ivo zu sehen. Sie hatte so besorgt nach
-ihm gefragt und wirklich erleichtert aufgeathmet, als sie erfuhr, seine
-Krankheit sei unbedenklich; ob wohl Grossmama auch darin Zeichen von
-Berechnung zu entdecken vermöchte, fragte sich der junge Mann lächelnd.
-
-Mit einem Freudengeschrei, das ihm gleich darauf einen tüchtigen
-Hustenanfall zuzog, begrüsste der Knabe seinen Gast. Bei seinem Entzücken
-übersah sie zuerst den kühlen Empfang, den ihr die beiden Alten zukommen
-liessen. Auch als sie sich über das geringe Vergnügen, das ihr Kommen
-in ihnen erregte, nicht länger täuschen konnte, war sie billig genug,
-einzusehen, dass Ivo, der um ihretwillen die Grosseltern in der letzten
-Zeit ziemlich vernachlässigt, ein wenig Eifersucht begreiflich machte.
-Unbehaglich wurde ihr nur zu Muthe, als wirklich die bemalten Tassen zum
-Vorschein kamen und die beiden Alten sich mit säuerlichen Gesichtern zu
-dem an Ivo's Bett gerückten Tisch niedersetzten. O, es entstanden keine
-solchen Pausen, wie bei dem ersten Besuch, den Franz ihr gemacht! Grossmama
-sprach unaufhörlich auf den Gast ein, und wenn sie, um Athem zu schöpfen,
-innehielt, dann fiel der alte Mann mit seiner krächzenden Stimme ein und
-machte irgend eine Bemerkung, die sich wie mit Widerhaken in Johannas Seele
-verfing. Ein ausgezeichnetes, ein exemplarisches Paar! Wovon konnte sie
-die Fremde unterhalten, wenn nicht von ihrer todten Tochter, die solch ein
-Musterbild aller Tugenden gewesen: »ganz anders als die Mädchen, die man
-jetzt sieht, und die nur für den Putz und das Geldhinauswerfen geschaffen
-sind«, schnarrte der Alte mit einem Blick auf Johannas neumodischen, in
-Feierabendstunden mühselig zusammengeschneiderten Anzug dazwischen, dann
-wieder Grossmama: »Was war Marie für eine Hausfrau, wie behaglich, wie
-angenehm wusste sie es ihrem Manne zu machen, und wie hingen die Beiden
-auch aneinander!« So ging es in einem Zug fort. Die Geschichte von
-Franzens Glück, die sie einmal aus seinem Mund vernommen, musste sie nun
-noch einmal hören, aber von den Lippen der Alten klang sie schier wie ein
-Vorwurf gegen ihn. Wie durfte er sich unterfangen, noch einmal lachen und
-fröhlich sein zu wollen. Grossmama erliess ihr nichts; sie musste auch die
-ganze Krankheit und das Ende Maries mitmachen, Franzens Verzweiflung und
-das Versprechen, das er, wenn auch nicht gerade in Worten, geleistet, ihr
-nie eine Nachfolgerin zu geben. Warum erzählte sie ihr dies, warum warf
-der tückische Greis höhnisch darein: »Und an dieser Thatsache werden
-alle mannstollen Glücksjägerinnen nichts ändern!« Ihr zog sich das Herz
-zusammen. Ein ungeheures Mitleid mit Franz, dessen Hausgenossen, dessen
-einziger Verkehr mit der Welt sie waren, überkam sie. Die beiden Alten
-erinnerten sie, wenn sie sich so gegenübersassen mit den nickenden
-boshaften Köpfen, an zwei chinesische Götzen. Sie wäre um Ivo's Willen
-noch gern geblieben, aber das Pärchen ward ihr unheimlich, und sie erhob
-sich. Doch so leichten Kaufes liessen die Alten sie nicht los. Sie musste
-sich noch all die Opfer erzählen lassen, die sie für den Enkel gebracht,
-sie musste sich noch in kaum nichtzuverstehender Weise andeuten lassen,
-dass man die Motive ihrer Freundlichkeit gegen das Kind, und warum sie es
-den Grosseltern so häufig entziehe, ganz wohl verstehe. Kein Wort wurde
-gesagt, dass sie als offenkundige Beschuldigung oder Unhöflichkeit deuten
-konnte. Nun ja, solch ein Kind lernt bei jungen Leuten leicht die alten
-vergessen: oder mit der biedersten Miene von der Welt »der kleine Ivo muss
-es entgelten, dass sein Papa eine gute Partie ist, was schleppt er nicht an
-Bändern und Süssigkeiten in's Haus!«
-
-Johanna hatte ihm wiederholt erlaubt, sich die glänzenden Flitter, die ihm
-gefielen und die keinen Werth mehr hatten, nach Hause zu nehmen, auch einen
-und den andern Leckerbissen liess sie dem kleinen Naschmäulchen zukommen.
-Kaum konnte sie ihre Thränen zurückhalten, aber als sie auf ihre Stube
-gelangte, weinte sie lange und schmerzlich. Die Alten hatten in einer
-Hinsicht Recht; Franz war ihr nicht gleichgültig geblieben; wie wäre
-dies auch möglich gewesen, da er der Erste war, der dem alleinstehenden,
-verlassenen Mädchen mit menschlichem Antheil entgegen gekommen! Auch das
-Kind hatte sich ihr in's Herz gestohlen. Kaum wusste sie, ob sie den
-Vater um des Kindes willen, oder das Kind wegen seines Vaters liebe. Aber
-eigennützige Berechnung, ja selbst der Gedanke, er könne sie einmal als
-seine Frau, als Mutter seines Kindes in das verwaiste Haus führen, waren
-ihr fremd geblieben. Was half ihr aber ihr reines Bewusstsein, wenn die
-bösen Alten, ja wenn vielleicht er selbst sie für eine selbstsüchtige
-Männerjägerin hielten. Sie hatte ihre Thränen kaum getrocknet, als
-ihre vierschrötige Hauswirthin an die Thüre klopfte, um sich über die
-Unordnung zu beklagen, welche die herumfliegenden Fädchen und Läppchen
-von Johannas Schneiderei im Hause verursachten. Sie kam ihr eben
-recht. Fort aus der Strasse, fort aus dem Hause, wo sie eine solche
-Verdächtigung, so bitteres Leid erfahren! Das war das Einzige, was ihr
-nach den Hornissenstichen des würdigen Paares übrig blieb. Sie kündigte.
-
-Kaum hatte die Hauswirthin das Zimmer verlassen, fing sie ihre Sachen zu
-packen an. Mit höhnischem Winken und Deuten sahen sie die Alten drüben
-bei dem Geschäft; aber es wurde ihnen etwas weniger behaglich zu Muthe,
-als Franz, auch heute früher als gewöhnlich heimkehrend, gleichfalls den
-offenen Koffer und das geschäftig hin- und hereilende Mädchen sah. Ivo
-hatte sich beklagt, die Tante sei so schnell fortgegangen, er habe ihr
-nicht einmal einen Kuss geben können. Und Franz wusste, dass die Alten
-irgend eine Miene gegraben. Er nahm seinen Hut und eilte, ohne ein Wort
-zu sprechen, hinüber. Johanna hatte die Herbstblätter, die sie mit Wachs
-überzogen, und in eine Vase gestellt, von dem Kaminsims herabgenommen. Sie
-wollte sie wegwerfen; aber das Kind hatte ihr eine Freude machen wollen; es
-konnte nichts dafür, dass sie ihr vergiftet worden war. Sie wollte sie
-in den Koffer legen zum Andenken, dass sie glücklich gewesen und zwei
-Menschen von Herzen lieb gehabt. Da hörte sie Tritte auf der Treppe,
-die ihr das Blut in's Gesicht jagten, ein Pochen an der Thür, das ihr
-»Herein« zittern, kaum vernehmlich klingen liess. Franz trat ein. Mit
-einem Blick hatte er die Sachlage erfasst.
-
-»Ich habe von drüben recht gesehen,« sagte er traurig, »Sie wollen uns
-entfliehen, meinem armen Knaben und mir?« -- Sie wollte etwas antworten,
-aber da hatte er schon ihre Hand gefasst, und der wortkarge Mensch wurde
-förmlich beredsam:
-
-»Gehen Sie nicht von uns, Johanna! Sie haben mich wieder das Leben
-schätzen, meinen Knaben die vorsorglich lenkende Mutterhand kennen
-gelehrt. Bleiben Sie bei uns!«
-
-Sie stand fassungslos.
-
-»Ivo's Grosseltern haben mir die Deutung gegeben, wie die Welt von meinem
-harmlosen Verkehr mit Ihnen und Ihrem Kinde denkt,« sagte sie bitter. Sie
-wies auf die zusammengerollten Blätter. »Sehen Sie, so ist mein Inneres.
-Vor einer Stunde war noch alles frisch und grün, aber nun hat die Welt
-einen Herbstschleier angelegt, und ich fürchte, ich könnte nicht mehr
-unbefangen mit Ihnen sprechen, es ist zu Vieles in mir welk und dürr
-geworden.«
-
-»Vergessen Sie, dass die alten Leute Sie beleidigt; sie sind grämlich,
-durch den Tod ihres einzigen Kindes verbittert. Aber sie werden meiner Frau
-die Achtung nicht versagen, und mit der Zeit, Johanna, gewinnst Du auch
-ihre Zuneigung. Ich war nicht besser als sie, da ich Dich kennen lernte,
-und bin durch Dich verwandelt worden. So wird es, so muss es ihnen auch
-ergehen.« Er fasste ihre Hand mit den Herbstblättern, die raschelnd,
-dürr zu Boden fielen, sie selber sank, erglühend wie eine Mairose, an
-seine Brust.
-
-
-
-
-SCHWIEGERMÜTTERCHEN.
-
-
-Mama Hellmer hatte nur eine Sorge in ihrem sonst recht angenehmen und
-behaglichen Leben (freilich eine Sorge, so gewaltig und alles verschlingend
-wie der Leviathan); sie fürchtete, ihr grosser gutmüthiger Junge mit
-dem Pudelkopf, ihr grösster Stolz und ihre einzige Freude, werde sich die
-Finger oder auch die ganze Hand verbrennen, wenn er an's Freien ging.
-
-Zu ihrer Entschuldigung sei hier bemerkt, dass sie sehr unglücklich
-verheirathet gewesen war, dass ihr Mann, ein ganz auserlesener Taugenichts,
-ihr alles erdenkliche Herzeleid zugefügt hatte.
-
-Das lag nun weit hinter ihr; sie hatte manches Jahr vom frühen Morgen bis
-in die dunkle Nacht hinein unermüdlich gearbeitet, genäht, gestrickt, in
-allen erdenklichen Künsten und Wissenschaften unterrichtet und sich
-mit ihrem Jungen tapfer durch's Leben geschlagen. Ja, durch eine Kette
-unendlicher Opfer hatte sie es sogar vermocht, ihm eine Erziehung geben zu
-können, wie sie selbst manchem Sohn aus wohlhabendem Hause versagt blieb.
-Nun hatte er ihr schon seit manchem Jahr alle Mühe und Plage abgenommen
-und sie in eine behagliche, sauber und zierlich wie ein Puppenheim
-ausgestattete Wohnung hineingesetzt. Was er ihr verdankte, wusste er genau;
-er wusste, dass er ohne ihre Entschlossenheit und Aufopferung vermuthlich
-ein zerlumpter, schmutziger kleiner Vagabund, ein ungebildeter, vielleicht
-verkommener Bursche geworden wäre, und ein innigeres Verhältniss als
-zwischen diesem Sohn und dieser Mutter konnte man sich kaum vorstellen. Den
-weiblichen Nachbarn -- besonders den verheiratheten -- traten Thränen der
-Rührung in die Augen, wenn sie jeden Nachmittag bei hübschem Wetter Mama
-Hellmer am Arme ihres stattlichen Sohnes spazieren gehen sahen. Die
-Bank, in welcher Eduard Hellmer eine Vertrauensstellung einnahm, schloss
-frühzeitig, aber er hätte vielleicht eher seine vortheilhafte Stelle
-aufgegeben, als Mama die ihr vom Arzte verordnete Bewegung in der frischen
-Luft allein machen lassen. In Papierdüten trug er ihr Blumen und Obst nach
-Hause, als wäre sie, wie die unverheiratheten Nachbarinnen, den Mund ein
-wenig verziehend, bemerkten, eine junge Dame, der er sein Herz zu Füssen
-gelegt. -- Und wie sorgsam er den Shawl um ihre Schultern legte, wenn ein
-rauhes Lüftchen sie anblies, wie beflissen er den Kopf zu ihrem Munde
-hinabneigte, damit ihm im Strassenlärm kein Wörtchen, das sie sprach,
-verloren ging. Ja, Frau Hellmer war eine beneidenswerthe glückliche
-Mutter, trotz der grossen Sorge, die der Sohn ihr, freilich ohne es
-zu wissen und zu wollen, verursachte. Eduard besass zu seinen übrigen
-Tugenden leider auch noch ein leichtempfängliches Herz. Es klopfte hie
-und da ganz vernehmlich für irgend ein anmuthiges Mädchenbild, das ihm in
-seinem Gesangsverein oder in Mama's Bekanntenkreise begegnete, und er wäre
-vermuthlich blindlings in das Unglück seines ganzen Lebens hineingerannt,
-wenn Mama nicht die bestconstruirte Dampffeuerspritze in den Schatten
-zu stellen und die aufflackernde Gluth durch einen mit voller Kraft
-geschleuderten kalten Wasserstrahl zu dämpfen gewusst hätte.
-
-Edith Bogart? O gewiss, sie ist ein schönes Mädchen; Mama könnte sich
-nicht beifallen lassen, dies zu bestreiten; sie ist witzig, lebhaft, mit
-nicht gewöhnlichem Geist begabt; Frau Hellmer kann es beurtheilen,
-denn sie war ja einmal des Kindes Lehrerin gewesen. Himmel! welch' ein
-jähzorniges, heimtückisches Temperament die Kleine besass! Erinnerte sich
-Eduard nicht mehr, wie Mama einmal ihr bestes Kleid von einer Scheere kreuz
-und quer zerschnitten heimgebracht hatte? Es war Edith's boshafter
-Racheakt für eine ihr ertheilte Strafe. »Und Du weisst, Eduard, was die
-Anschaffung eines neuen Kleides damals für mich bedeutete,« setzte Frau
-Hellmer hinzu. Natürlich wusste er es und küsste ihr gerührt die Hand.
-Lili Felder? Das Bild eines deutschen Gretchens? Ja gewiss, aber nur die
-schwache Copie eines solchen. Mit dem Wesen des ächten Gretchen könnte
-man es nicht recht in Einklang bringen, dass sie die schwache, kränkliche
-Mutter sich mit dem Haushalt, den jüngeren Kindern und Fräulein Lili's
-weit über ihre Verhältnisse glänzenden Putz abquälen liess und mit
-einem neuen Roman den Tag verbrachte. Die unverheiratheten Nachbarinnen
-fingen an, die Thränen der Rührung dem Sohne allein zu widmen, der in
-unverminderter Ehrerbietung die alte Frau am Arme führte, wiewohl sie --
-das lag ja klar zu Tage -- ihm das Glück seines Lebens zerstörte. Alle
-Welt fing an, der besorgten Mutter masslose Herrschsucht unterzuschieben;
-sie wolle die erste Stelle im Hause um keinen Preis einer Anderen abtreten,
-sie wolle unumschränkt im Herzen des Sohnes herrschen. Vielleicht
-lauerten, ihr unbewusst, derartige Motive in ihrer Seele, aber ihr
-Hauptgrund war doch nur die geradezu abergläubische Besorgniss, ihr Eduard
-werde, ebenso wie sie einst, unglücklich in der Ehe sein. Der Spruch
-vom Hammer und Amboss schien ihr, Dank ihren trüben Erfahrungen, auf
-verheirathete Menschenpaare besonders zu passen. Dass Eduard zum Hammer
-nicht die mindeste Anlage besass, stand fest, folglich hiess es durch
-Anwendung von sehr viel kaltem Wasser ihn vor dem Ambossschicksal so lange
-als möglich zu bewahren. Die Feuerspritze arbeitete mit vollem Erfolge, so
-lange es sich bei Eduard nur um leicht vergängliche Eindrücke handelte,
-aber als sein Stündlein wirklich schlug, da machte Mama betrübende
-Erfahrungen. Das Schlimmste war, dass sie sich selber nicht von aller
-Schuld freisprechen konnte, denn sie hatte die allerliebste kleine
-Zündbüchse in die Nähe der Pulverkammer getragen. Als Hannchen
-Stubenhofer, mit deren Mutter sie in einer Provinzstadt zur Schule
-gegangen, in die Residenz kam, ohne vorerst zu wissen, wohin sie den
-kleinen Kopf sammt der dazu gehörigen reichen blonden Zopfkrone legen
-solle, lud Frau Hellmer sie zu sich ins Haus; und als nach einigen Wochen
-das flinke geschickte Ding Arbeit gefunden und seine eigene Wohnung aufnahm
-(an der Thüre die verlockende Tafel »Erster Klasse Toiletten« tragend),
-da bestand die alte Dame darauf, dass sie die Sonntage vom Morgen bis
-zum Abend bei ihren Landsleuten, mit welchen sie auch noch eine entfernte
-Verwandtschaft verband, zubringe.
-
-Das Hannchen war ein sehr merkwürdiges Stück Menschheit; es ging nie,
-sondern tanzte, sprach nie einen Satz, ohne ihn mit einem sehr angenehm
-klingenden Gelächter einzuleiten und abzuschliessen. Mama Hellmer musste
-mehr als einmal den Kopf dabei schütteln. Wenn man es recht bedachte,
-hatte Fräulein Hannchen nicht viel mehr Ursache lustig zu sein, als sie
-selber einst gehabt. Auch sie stand in jungen Jahren schutzlos und auf sich
-selbst angewiesen da, nachdem sie Kindheit und erste Jugend in behaglichen
-Verhältnissen verbracht. Hannchen war eine elternlose Waise, schon dieses
-hätte sie nach Frau Hellmer's Ansicht bestimmen müssen, in Sack und Asche
-einherzugehen, sie musste sich allein durch's Leben schlagen, was sie wie
-einen ganz hübschen Zeitvertreib zu betrachten schien. Allerdings glückte
-ihr Alles, sie hatte die Finger einer Fee. Wenn Frau Hellmer sie ernsthaft
-an die Thatsache erinnerte, dass sie arm sei, warf sie den blonden Kopf
-zurück, lachte und meinte: »Was thut das? ich werde mir heute oder morgen
-ein Vermögen erwerben.« -- Und Mama, die es nicht verstand, wie man
-widrige Verhältnisse mit so vergnügtem, sorglosem Gesicht bekämpfen
-könne, hiess sie im Stillen leichtsinnig und begann, sich ernstlichen
-Besorgnissen um ihre Zukunft hinzugeben. Sie glaubte es der entfernten
-Basenschaft schuldig zu sein, wenn sie die Augen über Hannchen »offen
-hielt«, was sie um so leichter thun konnte, als diese gerade über der
-Strasse bei einem kinderlosen Ehepaar ein Zimmer gemiethet hatte. Frau
-Hellmer kannte jede Kundin, die drüben aus- und einging, sie führte Buch
-über die Besuche, die Hannchen in ihrer freien Zeit erhielt und wusste
-genau anzugeben, wann und mit wem sie das Haus verlassen hatte. Aber zur
-Erwerbung so nützlicher Kenntnisse braucht man Zeit, viel Zeit, und Mama
-war genöthigt, ihren Eduard und seine etwaigen Herzensverstrickungen
-ausser Acht zu lassen. Und als ihr endlich die Augen aufgingen, da war es
-beinahe zu spät. Er fing bereits an, nachzusinnen, ob das Puppenheim
-für eine junge Frau geräumig genug sei; sein Gesicht war in eitel
-Glückseligkeit getaucht, wenn der Sonntag kam und Hannchen die Base
-besuchte; er schritt hinter ihr her, wenn sie in ihrer lebhaften Weise
-durch die ganze Wohnung lief, -- einen ziemlich lächerlichen Eindruck
-gewährend, da er ebenso verliebt wie unbeholfen erschien --; wenn sie
-sang, dann horchte er begeistert und applaudirte, als gälte es der Patti,
-und wenn sie etwas Lustiges sagte, lachte er, bis sein Gesicht bläulich
-wurde. Und was das Schlimmste war, er schien vollständig mit Taubheit
-geschlagen, als Mama wie absichtslos bemerkte, es sei zu arg, dass Hannchen
-statt für ihre alten Tage, für Krankheit oder andere Unglücksfälle zu
-sparen, was sie verdiente, auf sich hing. Er nahm seinen Hut und ging zu
-Hannchen hinüber, als diese durch die plötzliche Unfreundlichkeit ihrer
-sonst so gütigen Freundin abgeschreckt, am nächsten Sonntag zu Hause
-blieb. Und von ihrer Sternwarte aus konnte Mama beobachten, wie die zwei
-drüben in vergnügtester Stimmung nebeneinandersassen, Mama und die ganze
-übrige Welt auch nicht mit der Spur einer Erinnerung bedenkend. Da galt
-es, rasch und entschieden einzugreifen. Nie vorher war Frau Hellmer so
-überzeugt von der Heilsamkeit der Abschreckungstheorie gewesen, wie
-diesmal. War nicht auch bei ihrem verstorbenen Gatten der Hauptfehler, aus
-dem alle übrigen riesengross herauswuchsen, ein gedankenloser Leichtsinn,
-eine Vergnügungssucht, die nach den Mitteln der Befriedigung nicht fragte,
-gewesen? Sollte ihr trübseliges Loos sich an dem Sohne wiederholen?
-Nicht, solange sie es abzuwenden vermochte. Glücklicherweise gab ihr das
-unbesonnene Hannchen selber die Mittel zur Vernichtung in die Hand. Mama
-hatte, trotzdem die frühere wohlwollende Gesinnung gegen das Mädchen
-ziemlich feindseligen Gefühlen Platz gemacht, ihren Beobachtungsposten
-nicht verlassen; freilich war ein kleiner Unterschied gegen ehemals zu
-bemerken. Bisher hatte sie Hannchen überwacht, jetzt -- so ungern wir
-das Wort gebrauchen, es muss heraus, -- jetzt belauerte sie dieselbe.
-Natürlich Alles in der besten Absicht, wie sie sich wiederholt
-versicherte, aus einem Pflichtgefühl, das selbst der Mutter der Gracchen
-Achtung abgenöthigt hätte. Bald hatte sie genug erspäht.
-
-»Wer war der junge Mensch, mit dem Du vorgestern Abend ausgingst, und in
-dessen Gesellschaft Du erst nach Mitternacht, lachend und schwatzend, dass
-die ganze Strasse aus dem Schlaf auffuhr, heimkamst?« fragte sie, als
-Hannchen mit einem Gesicht, dessen sich alle drei Höllenrichter zusammen
-nicht zu schämen gehabt hatten. Das Mädchen machte heute wieder seinen
-Sonntagsbesuch bei der ersten Freundin, die sie in der Fremde gefunden,
-vermuthlich durch Eduards Versicherungen überzeugt, dass der eisige
-Empfang auf irgend welchem häuslichen Aerger beruht und durchaus nichts
-mit ihr zu schaffen gehabt hatte. Mamas kühle Begrüssung in ihrer eigenen
-Wärme übersehend, hatte sie mit dem Haussohn sogleich ein lustiges
-Scharmützel angefangen. Wie eine Bombe rollte die Frage dazwischen, und
-vor Schrecken -- Mama erklärte ihrem Sohne nachher aus Schuldbewusstsein
--- wurde sie roth und verlegen.
-
-»Haben wir Dich aufgeweckt, Tante?« sagte sie bedauernd, nachdem sie
-sich gefasst. Frau Hellmer hatte zu erwähnen vergessen, dass sie gar nicht
-geschlafen, sondern beobachtend am Fenster die Zeit verbracht hatte; und
-so war es begreiflich, dass Hannchen versicherte: »es thut mir aufrichtig
-leid; aber Karl Sohmer ist solch ein drolliger Kauz, dass man lachen muss,
-sobald er zu sprechen anfängt, und wenn die Todesstrafe darauf stünde.«
-
-»Karl Sohmer? ich habe diesen Namen nie gehört.«
-
-»Ich auch nicht, bis vor, lass sehen, vor sechs Tagen. Letzten Dienstag
-kam er meinem Hauswirth, dessen Neffe er ist, wie vom Himmel herabgeweht
-in's Haus; er lebt in Texas und hält sich nur zu Besuch hier auf.«
-
-»Erlaube mir!« rief Frau Hellmer mit um so ausgesprochenerem Entsetzen,
-als sie bemerkte, das Gesicht ihres Sohnes habe sich bedenklich in die
-Länge gezogen, »nach so kurzer Bekanntschaft gehst Du mit diesem Texaner
-aus! Ich verstehe die heutige Jugend nicht.«
-
-»Er lud mich in die Oper ein, und ich konnte wohl nicht nein sagen, es
-hätte meine Hauswirthe verletzt,« erklärte Hannchen ziemlich gedrückt,
-aber während des Sprechens lachte sie wieder und rief eifrig, »ich bin
-auch übrigens froh, dass ich die Einladung annahm, denn ich habe mich
-köstlich unterhalten und zehre an der Erinnerung, während ich über
-meiner Arbeit gebückt sitze.«
-
-»Du hörst es,« sagte Mama's Miene ihrem Abgott, der sehr blass und sehr
-ärgerlich dasass. Er war verliebt genug und seines Erfolges bei Hannchen
-nicht sicher genug, um gewaltig eifersüchtig zu sein. Uebrigens hatte Mama
-noch lange nicht ihr ganzes Pulver verschossen.
-
-»Der junge Mann scheint aus Deiner liebenswürdigen Bereitwilligkeit die
-Ueberzeugung geschöpft zu haben, dass seine Gesellschaft Dir sehr angenehm
-ist, was mich auch gar nicht Wunder nimmt. -- So oft ich an's Fenster trete
-und zu Dir hinüberblicke, was ich aus Antheil an Dir häufig thue, sehe
-ich ihn in Deinem Arbeitszimmer, schwatzend wie eine Elster.«
-
-»Er ist solch ein drolliger Kauz!« meinte lachend und erröthend das
-Hannchen, »er möchte mir weismachen, dass gerade so ein wichtiges
-Persönchen, wie ich, dem Staate Texas zu seiner Vollkommenheit fehle.«
-
-»Der junge Mann ist sehr dreist,« brauste Eduard auf.
-
-»O, wer denkt daran, Karl Sohmer ernst zu nehmen!« versetzte sie, »er
-ist ein sehr unterhaltender Gesellschafter, und ich freue mich auf den Ball
-morgen Abend, zu dem er mich geladen. Ich gehe mit der Hauswirthin.«
-
-Sie kam nicht weiter. Das war Wasser auf Mama Hellmers Mühle; und die
-würdige Dame übertraf sich selber. Die Posaune des jüngsten Gerichtes
-kann unmöglich strafender und drohender klingen, als ihre Stimme, während
-sie über gedankenlose Coquetterie und Vergnügungssucht loszog, die
-ganze Existenzen zerpflückt, Menschen für ihre Lebensdauer elend macht.
-Hannchen, die vor der alten würdigen Frau einen ungeheuren Respekt hatte,
-war Anfangs zerknirscht wie eine wirkliche Sünderin; sie warf Eduard einen
-hilfesuchenden Blick zu, aber er hatte eine Bemerkung Mamas, sie würde
-nie einwilligen, mit dem Leichtsinn unter einem Dach zu wohnen, dahin
-aufgefasst, dass sie ihn vor die Wahl zwischen sich und dass Mädchen
-stelle, und so blieb er stumm, die Stirn gerunzelt, seinen Bart kauend,
-sitzen, und vermied es, die Missethäterin anzusehen. Zuletzt erwachte auch
-in ihr der Trotz: Sie habe Niemandem Rechenschaft abzulegen; sie werde
-ihr junges Leben geniessen und den Ball morgen Abend erst recht besuchen,
-erklärte sie. Als man sich an diesem Tage trennte, sah Mama erhitzt, aber
-sehr befriedigt, ihr Sohn gleichfalls erhitzt, aber sehr niedergeschlagen
-aus; was Hannchen betrifft, so hatte sie verweinte Augen, aber einen sehr
-entschiedenen Zug im Gesichte, der auch aus ihrer Erklärung sprach, dass
-sie das Haus nie wieder betreten werde. Am nächsten Abend sahen Mutter und
-Sohn sie mit dem Fremden zu Balle gehen, und Mama beglückwünschte sich zu
-ihrer Entschiedenheit. Dann aber verliess sie das Haus nicht mehr; aber als
-der Monat zu Ende ging, verschwand sie ganz und gar aus der Strasse. Durch
-Bekannte, für welche sie arbeitete, erfuhr Frau Hellmer, dass der junge
-Texaner allein abgereist sei und Hannchen eine Wohnung in einer entfernten
-Strasse gemiethet hatte. Es war klar, sie wollte ihnen nicht mehr
-begegnen. Mama athmete auf, sie hatte ihren kostbaren Sohn wieder zum
-ausschliesslichen Besitz. Aber es war nicht mehr der alte, leichtvergnügte
-Sohn; ein wortkarger, stiller Mann, dessen Züge sich täglicher fester
-ausprägten; ein Mann, der ass und trank und schlief und seinen Geschäften
-nachging, ohne an etwas Vergnügen zu finden, ging er neben ihr her. Er sah
-aus, als wäre ihm der Schmelz von den Flügeln gewischt worden. Er wusste,
-dass Mama dem Mädchen bitter Unrecht gethan; er wusste, dass er ohne
-sie nicht glücklich werden konnte. Aber war es möglich, sich mit einer
-solchen Mutter wegen seines eigenen Glücks zu entzweien? Alle Opfer, die
-sie für ihn gebracht, standen deutlich vor seinem Geist; und so liess
-er, ohne einen Versuch zur Versöhnung zu machen, Hannchen aus seinem
-Gesichtskreis verschwinden.
-
-Mama war Anfangs zornig darüber, dass er den Verlust so schwer empfand.
-Sie, die sonst eifersüchtig jede Annäherung zwischen ihm und den jungen
-Damen der Nachbarschaft vereitelt, lud selber nun oft Gesellschaft zu sich.
-Aber so oft Eduard es vermochte, entzog er sich dem Vergnügen durch
-die Flucht, und liess er sich einmal durch Ueberredung ins Besuchszimmer
-locken, dann sass er stumm und unbehaglich da und schien aufzuathmen, wenn
-die Gäste sich entfernten. Frau Hellmer war sehr stolz gewesen, dass sie
-ihn wieder einmal vor dem Elend seines Lebens bewahrt, aber nachgerade fing
-sie an der Weisheit und dem Erfolg ihrer That zu zweifeln an. Was half es,
-wenn sie für die Möglichkeit seines Unglücks, das eine leichtsinnige,
-vergnügungstolle Frau auf ihn herabbeschworen hätte, die Gewissheit
-desselben eintauschte. Er klagte nie und machte ihr keine Vorwürfe, aber
-dass er unglücklich war, konnte ihr jeder Blick und sein blasses,
-ernstes Gesicht sagen. Und da fasste sie nach langem hartem Kampf einen
-heldenmüthigen Entschluss. Der nächste Tag sah sie neben Hannchen
-Stubenhofer in deren Zimmer sitzen, (auch nicht mehr das Hannchen von
-ehemals, denn es fing keinen Satz mit Lachen mehr an und endete ihn auch
-nicht damit). Im Ganzen sah sie wie das richtige Gegenstück zu Herrn
-Eduard Hellmer aus. Da wurde es Mama viel leichter, zu sagen, weshalb sie
-gekommen. Aber Hannchen schüttelte den Kopf:
-
-»Ich habe auch meinen Stolz, wenn ich auch nur ein armes Mädchen bin.
-Ich bin in Ihrem Hause beleidigt worden, nun setze ich keinen Fuss mehr
-hinein.«
-
-Mama war enttäuscht; sie hatte sich es schön ausgemalt, wie sie ihrem
-Sohn mittheilen wolle, es sei ein seltener Gast da; wie sie sodann die
-Thüre des Besuchszimmers öffnen, ihn allein eintreten lassen und erst
-nach einer gut gemessenen Viertelstunde mit zum Segnen erhobenen Händen
-nachfolgen werde. Hannchens Eigensinn verdarb den feinen Plan.
-
-Da steckte sich Mama denn hinter eine ältliche Landsmännin und
-Busenfreundin, in deren Hause das Mädchen in der nächsten Zeit
-beschäftigt war. Hannchen nahm, um alter Freundschaft willen, eine
-Ausnahmsstellung in dem Hause ein; nach der Arbeit verbrachte sie
-gewöhnlich den Abend als gleichberechtigtes Glied im Kreise der Familie.
-Allerdings fiel es ihr auf, dass man nach dem Abendessen sich in die Stube
-begab, von der sonst der Spruch galt: »Ziehe deine Schuhe ab, denn die
-Stelle ist heilig.« Doch hatte sie kaum Zeit gefunden, sich zu verwundern,
-da klingelte es, und herein rauschte Mama Hellmer, gefolgt von ihrem, durch
-die feinsten diplomatischen Künste zum Mitkommen veranlassten Sohn. Frau
-Hellmer, die sehr anregend sprechen konnte, wenn sie sich die Mühe dazu
-nahm, fesselte nicht nur die Freundin, sondern auch noch deren Töchter und
-den Hausherrn. Hannchen hörte nicht zu, und Eduard wusste vermuthlich von
-früher her, um was es sich handelte. Er stand ziemlich linkisch vor dem
-jungen Mädchen, das bei seinem Erscheinen Miene gemacht, zu entweichen;
-doch las sie in seinen Augen eine so herzliche Bitte und hörte aus seinem
-Munde so viele gute, versöhnende Worte, dass sie den Fluchtplan aufgab.
-Den ganzen Abend sah man die zwei sehr eifrige Gespräche führen, doch
-vernahm Niemand etwas davon, denn sie klangen sehr leise und schienen nur
-für das nachbarliche Ohr berechnet.
-
-Mama Hellmer hat vor Kurzem die Schlüssel, das Abzeichen ihrer absoluten
-Herrschermacht, sowie die Oberhoheit über die sehr unbotmässige Vasallin,
-welche die Kochtöpfe zu überwachen und den Besen zu schwingen hat,
-der jungen Herrin des Hauses abgetreten. Wollte ich behaupten, dass die
-unerfahrene Frau Hellmer das Regiment zur vollen Zufriedenheit der alten,
-weisen, unfehlbaren Frau Hellmer führt, so würde man mich beschuldigen,
-dass ich die Grenzen poetischer Freiheit übersteige und Unwahrscheinliches
-berichte. Aber Hannchen hat solch einen eingewurzelten Respekt vor Mama,
-fragt sie so häufig um Rath und, was mehr ist, befolgt denselben auch,
-dass Schwiegermütterchen, von dem die ganze Nachbarschaft vermuthete,
-es werde aus langer Herrschergewohnheit den Frieden des jungen Haushalts
-gefährden, ein viel angenehmeres, zufriedeneres und leichter zu
-behandelndes Schwiegermütterchen geworden ist, als man es sonst von ihren
-Schwestern behauptet.
-
-
-
-
-DAS PFLEGETÖCHTERCHEN.
-
-
-Die Leute haben nie begreifen können, was mich zu dem Alten hinzog,
-nachdem sie ihn Alle als unverbesserlich aufgegeben. Sie meinten, ich
-hätte mich noch entschiedener, als die ganze Welt von ihm lossagen
-sollen, denn sein Einfluss hatte es verschuldet, dass ich in meinen
-Jünglingsjahren auf Abwege gerieth, das heisst den bequemen Drehstuhl in
-meines Vaters Comptoir aufgab und Farben zu verschmieren anfing. Als ich
-mit Conrad Stürmer bekannt wurde, hatte er längst aufgehört, seine
-Kunst, in der er einst Bedeutendes geleistet, auszuüben; er bildete
-Schüler heran, oder wie die nachsichtigen Mitmenschen behaupteten, er
-lockte thörichte Jungen aus ihrer gesicherten Lebensbahn, unter der
-Vorspiegelung, Talent in ihnen entdeckt zu haben, um sie auszubeuten.
-Ich wusste, dass man ihm mit diesem Verdacht Unrecht that; er war ein
-Enthusiast, ungemein leicht begeistert und in jedem Pfennig-Kerzlein
-einen künftigen leuchtenden Stern sehend. Allerdings hat er ziemlich
-viel Unglück angestiftet, aber böse Absicht lag ihm fern. Ich hatte ihn
-liebgewonnen, und blieb ihm anhänglich, auch nachdem ich erkannt, dass er
-sich und mich getäuscht, als er in meinen dilettantischen Versuchen den
-künftigen Meister sah. Mit dieser Erkenntniss war für mich, der von einer
-ganzen Ahnen-Reihe ehrsamer Kaufleute eine gewisse nüchterne Besonnenheit
-geerbt (vielleicht war es gerade diese, die Stürmers entzückte
-Prophezeiungen kläglich vereitelt), der Weg klar vorgezeichnet, den
-ich einzuschlagen hatte. Die Motte wartete nicht, bis sie vollständig
-verbrannte; mit nur leicht angesengten Flügeln kehrte sie reuig zurück.
-Aber daheim schlachtete man kein gemästetes Kalb für den verlorenen Sohn;
-mein Vater grollte, weil ich dem Paradies des Drehstuhls eigenmächtig den
-Rücken gekehrt, und nachdem ich dieses unsühnbare Verbrechen begangen,
-nicht als gefeierter Künstler heimgekommen war; mein jüngerer Bruder, der
-mittlerweile meine Stelle eingenommen, konnte nicht einsehn, warum er mir
-dieselbe nun wieder einräumen sollte, die ganze ungeheure Edlinger'sche
-Basen- und Vetterschaft sah mich mit mitleidiger Geringschätzung an, als
-sei ich vor der Zeit zur Ruine geworden, und -- was mir zumeist an's Herz
-griff -- meine gute Mutter, deren Liebling ich war, litt darunter, mich
-von der stolzen, für mich erträumten Höhe so kläglich herabgestürzt
-zu sehen. Da fasste ich denn eines Tages einen kühnen Entschluss und,
-die Brücken hinter mir verbrennend, wanderte ich aus, nun erst recht ein
-verlorener Sohn, der nur dann auf Vergebung und freundliche Aufnahme im
-Vaterhause rechnen konnte, wenn er, ein Mann des Erfolges, zurückkehrte.
-
-Ich hatte ungewöhnliches Glück gehabt; schon nach zwei Jahren konnte ich
-nach Hause schreiben, dass ich mein sicheres Auskommen gefunden, nach vier
-Jahren, dass ich mich selbständig gemacht, und wieder nach einiger Zeit,
-dass das Haus Edlinger in der neuen Welt Aussicht habe, auf eine gleiche
-Stufe mit dem in der alten zu gelangen. So verstrichen zwölf Jahre in
-harter aber erfolgreicher Arbeit. Ich durfte mir einen Feiertag und die
-Genugthuung vergönnen, als Sieger auf dem Schauplatz meiner Niederlage
-einzuziehen. Ich packte meinen Koffer und fuhr zu Besuch in die alte
-Heimath.
-
-Mein Empfang im Vaterhause liess nichts zu wünschen übrig. Mein
-Mütterchen erschien förmlich verjüngt in ihrer Wiedersehensfreude, Papa
-nahm mich mit offenen Armen auf, einen dicken Strich durch meine alten
-Sünden ziehend; ja ich glaubte, er rechnete mir sie nun als Verdienst an,
-denn sie verschafften ihm die Genugthuung, sagen zu können »ein Edlinger
-dringt durch, auch wenn er ohne Beschützer und Mittel seine Laufbahn
-beginnt.« Hans, mein Bruder, fühlte Respekt vor dem »selfmade man«,
-Vettern und Basen waren stolz auf die überseeische Rarität. Und in meiner
-Glorie durfte ich es mir erlauben, nach meinem alten Freunde auszuspähen,
-ohne dass mein Beginnen mehr als ein Kopfschütteln der Verwunderung erregt
-hätte.
-
-Es war ein trauriges Wiedersehn. Der alte Mann mit dem Kinderherzen
-war furchtbar gealtert. Ich hatte ihn nie in behaglichen Verhältnissen
-gekannt, jetzt aber schien er bettelarm; denn selbst die letzte spärliche
-Quelle seines Einkommens, die ihm von seinen langhaarigen Jüngern
-geflossen, war versiegt; Konrad Stürmer war krank und gebrochen, er
-vermochte keinem noch so eiteln jungen Burschen mehr das Vertrauen
-einzuflössen, dass er ihn zu einem Lenbach oder Defregger machen werde.
-Für die kleinen Unterstützungen, die ich ihm von New York aus zuzuwenden
-vermochte, dankte er weinend. Ich erschrak; früher hatte er dergleichen
-als selbstverständlich angesehen, als einen Zoll, den der Jünger
-seinem Meister zu entrichten hat. Ich fasste ihn schärfer in's Auge, und
-entdeckte nun erst, dass er ein schwer kranker Mann sei, vielleicht nur
-noch Wochen zu leben habe. Hart und trocken drang der Husten aus seiner
-eingefallenen Brust, scharfumgrenzte rothe Flecken standen auf den
-hageren Wangen. Er ahnte nichts davon; er theilte mir, nachdem die mich so
-befremdenden Ausdrücke seiner Erkenntlichkeit verklungen waren, mit,
-dass er nicht lange mein Schuldner bleiben, sondern demnächst »die
-Oberösterreichische Kirchweih«, die ich vor mehr als zwölf Jahren
-angefangen, zwischen all den andern Entwürfen in seinem Atelier gesehen,
-vollenden, mich bezahlen und mit Pepi nach dem Süden ziehen werde. Ich
-stutzte. Trotzdem wir vor Jahren täglich mit einander umgegangen, war ich
-nie in seiner Wohnung gewesen. Das Atelier lag entfernt von derselben;
-die guten Nebenmenschen behaupteten, er besitze eine brave, hartarbeitende
-Frau, die das Haus erhalte, während er sich in der Kneipe herumtreibe.
-Ich bemerkte nun auch einen schwarzen Flor um seinen zerdrückten Hut und
-drückte ihm mein Beileid aus. Die Thränen strömten ihm aus den Augen;
-er rief: »sie war eine brave, eine edle Frau; sie hätte ein besseres Loos
-verdient. Ihr ganzes Unglück war, dass sie ihr Herz an einen Unwürdigen,
-einen Elenden, einen Schurken gehängt.« Vergeblich suchte ich ihn zu
-beschwichtigen, die Reue über sein verfehltes Leben, das Leid, das er auf
-seine Gefährtin herabbeschworen, brachen mit elementarer Gewalt aus ihm
-hervor; erst ein erstickender Hustenanfall liess ihn verstummen. Aber die
-alte Zuversicht kehrte nicht zurück; »wenn ich das Bild nicht vollende,
-was wird aus Pepi werden!« stöhnte er. Nichts leichter zu beantworten,
-als dies. Der Bursche konnte mein Schüler werden, wie ich der seines Papas
-gewesen, nur hoffte ich etwas mehr Erfolg mit ihm zu erzielen, als dieser
-mit mir. Ich wollte ihn mit mir nach Amerika nehmen und in mein Geschäft
-eintreten lassen. Von ihm allein sollte es abhängen, ob er es vorwärts
-brächte. Konrad Stürmer war zu erschöpft, als dass ich ihm sogleich
-meine ausführlichen Pläne für seinen Sprössling hätte darlegen
-können. Ich verschob dies für eine spätere günstigere Gelegenheit, und
-erklärte ihm nur, dass ich mich Pepis mit Rath und That annehmen werde.
-
-Er dankte mir nicht mit Worten, aber mit einem Druck der Hand. Mir
-schien's, als sei ein schweres Gewicht von seiner Brust gefallen; er
-vermochte nun sogar ein Glas guten Rheinweins, ehemals seine grösste
-Liebhaberei, -- das bisher unberührt vor ihm gestanden, zu leeren. Wir
-hatten uns in unserer ehemaligen Künstlerkneipe zusammengefunden. Als er
-sich zum Abschied erhob, übermannte ihn die Schwäche von Neuem. Ich rief
-einen Wagen herbei und begleitete ihn zu seinem Hause in einer abgelegenen,
-ärmlichen Strasse. Dann half ich ihm die vielen Treppen erklimmen,
-klingelte -- und machte, als geöffnet wurde, das erstaunteste
-Gesicht meines Lebens. Vor mir stand ein kleines, blasses Mädchen in
-Trauerkleidern. Pepi Stürmer hatte nach süddeutschem Sprachgebrauch
-ebensogut Josef wie Josefine heissen können. Es war das Letztere, und mein
-Lehrling, Gehilfe und künftiger Partner versank, noch bevor er entstanden
-war.
-
-Wenige Wochen später wurde Carl Stürmer begraben, und ich trat die
-Vormundschaft über seine Waise an. Es bedurfte der ganzen Autorität
-des amerikanischen Edlinger, um ihn bei diesem Anlass nicht wieder als
-sentimentalen Narren in Misscredit zu bringen. Aber ich setzte meinen
-Willen durch; eine arme Tante von mir nahm das Mädchen gegen Vergütung
-bei sich auf, und ich reiste, vollständig beruhigt über ihr Wohlergehen,
-ab. Ich dachte in den nächsten Jahren nicht allzu oft an sie, pünktlich
-beantwortete ich ihre Briefe, und als ich wieder zum Besuch in meine
-Heimath kam, war es nicht, weil mich ein besonderes Verlangen nach meinem
-Pflegetöchterchen erfasst, sondern weil ich einen sehnlichen Wunsch meiner
-Mutter erfüllen wollte.
-
-»Paul,« sagte meine Tante und schüttelte dazu das ehrwürdige Haupt
-mit dem hochragenden Kopfputz, um dessentwillen ich sie in ruchlosen
-Flegeljahren »das Trauerpferd« getauft, »Du wirst nicht alles so finden,
-wie Du es erwartet,« mit Nachdruck, -- »wie Du das Recht gehabt, zu
-erwarten.«
-
-Die Wahrheit zu gestehen, blieb ich vollkommen ungerührt von diesen
-Kassandratönen. Die verehrte Dame liebte eine gewisse graue Beleuchtung
-aller täglichen Vorkommnisse und ich hatte eine Ahnung, dass die
-tragischen Andeutungen mich auf das Hinscheiden ihres asthmatischen Mopses
-vorbereiten sollten, dem ich schon längst ein friedliches Ende nicht blos
-vergönnt, sondern von ganzem Herzen gewünscht hatte. So liess ich
-sie denn seufzen und den Kopf schütteln und bemerkte: »Wo bleibt denn
-Josefine?«
-
-Das Seufzen verstärkte sich zu einem Stöhnen. »Ich habe sie unter einem
-Vorwand entfernt, um Dich, Unglücklichen, vorzubereiten; denn eben bei
-Pepi wirst Du nicht alles so finden«, und so weiter, wie bekannt.
-
-»Nun, Kinder sind dazu da, um ihren würdigen Papas Enttäuschungen
-zu bereiten. Pflegekinder werden vermuthlich keine Ausnahme machen,«
-versetzte ich noch immer gelassen, »ist die Kleine nicht so hübsch
-geworden, wie sie vor vier Jahren versprochen?«
-
-»Hübsch?« rief die Tante, »sie ist aussergewöhnlich, sie ist unerlaubt
-schön«, damit schob sie mir eine grosse Photographie hin, »urtheile
-selbst.«
-
-Ja, da war es freilich mit dem Urtheilen vorbei.
-
-»Aber liebe Tante,« sagte ich und starrte unverwandt auf das Bild, um in
-dem wundervollen Gesicht nach den Zügen des mageren verweinten Backfischs
-zu spähen, den ich vor vier Jahren in seinem dürftigen Trauerkleidchen
-aus dem Hause meines ehemaligen Lehrers in das meiner Tante geführt,
-»darin kann ich nun kein so ungeheures Unglück sehen.«
-
-»Dieser Meinung sind auch andere,« erwiderte das alte Fräulein spitz,
-»darunter Alle, die in dieser Stadt Schnurrbärte tragen.«
-
-»Hm,« murmelte ich betroffen und legte die Photographie aus der Hand,
-nicht ohne noch einen langen Blick auf sie zu heften -- das Hexlein hatte
-es mir angethan -- »ich dachte, Du habest mit ihr sehr zurückgezogen
-gelebt.«
-
-»Das habe ich auch, das Kind ist ausser in meine Kaffeekränzchen -- an
-welchen es merkwürdigerweise nicht einmal Geschmack fand -- (ich stattete
-ihr im Stillen meinen Glückwunsch darüber ab) nicht in Gesellschaft
-gekommen.«
-
-»Nun also,« sagte ich erleichtert, »da werden wohl die Schnurrbärte in
-gebührender Entfernung geblieben sein.«
-
-»Du bestimmtest ja, dass lauter Fachlehrer Pepi's Unterricht vollenden
-sollten, -- Du hattest Dir ja alle Gouvernantenweisheit verbeten,« sagte
-die Tante, die in ihrer Jugend Erzieherin gewesen sein muss, erbost, »nun,
-die Folgen konnte jeder vernünftige Mensch voraussehen.« Ich dankte mit
-einer Verbeugung für das in ihrer Rede verhüllte Compliment.
-
-»Das Kind hat ohnehin das Menschenmögliche geleistet. Dem Zeichenlehrer
-und dem deutschen Professor versicherte sie, ohne Einwilligung ihres
-Vormunds und Wohlthäters werde sie sich nie vermählen.«
-
-»Sehr vernünftig«, warf ich ein; meine gute Laune begann
-zurückzukehren.
-
-»Aber, mein lieber Neffe, man darf nicht Unmögliches fordern. Wenn
-der interessanteste, junge Musiker der Stadt, für den alle Mädchen
-schwärmen, mir seine Liebe gewidmet hätte, ich weiss nicht, ob ich kalt
-geblieben wäre.«
-
-Ich konnte ein stilles Bedauern nicht unterdrücken, dass er nicht sie auf
-die Probe gestellt.
-
-In diesem Augenblick öffnete Pepi die Thür und kam mit glückseligem
-Gesicht auf mich zu. Plötzlich blieb sie, erröthend, in höchster
-Verwirrung stehen. Der Kleinen hatte ich vermuthlich als gesetzter,
-ältlicher Herr vorgeschwebt, das erwachsene Fräulein aber sah, dass
-ich mit meinen 37 Jahren mir es noch entschieden verbitten durfte, mit
-Methusalem in einem Athem genannt zu werden, und statt mir in die Arme zu
-fliegen, wie sie ohne Zweifel beabsichtigt, reichte sie mir nur die Hand
-zum Willkommen. Aber sie fasste sich bald, setzte sich neben mich auf das
-Sofa und plauderte.
-
-Wovon wir sprachen? ich könnte kein Wort davon wiederholen. Ich weiss
-nur, dass der Nachmittag, der Abend wie im Fluge verstrichen, und dass
-wir beide, als die altmodische Stutzuhr zehn schlug, ganz erschrocken
-auffuhren. Meine gute Mutter zeigte ein wenig Unzufriedenheit, weil ich sie
-vernachlässigte. Aber leider gab ich ihr fortan noch manchen Anlass zur
-Beschwerde, denn sobald ich vom Hause abkommen konnte, eilte ich zu Pepi.
-Vergebens hielt ich mir die Thorheit vor, mein Herz an ein Mädchen zu
-hängen, das einen Andern liebte, meine Leidenschaft wuchs mit jedem Tage.
-Noch hatte ich den interessanten Musiker nicht gesehen. Die Tante theilte
-mir mit, er sei auf einer Concertreise begriffen. Nach seiner Rückkehr
-sollte ohne Zweifel die Verlobung gefeiert und der Herr Vormund und
-Pflegevater zu dem schönen Fest gebührenderweise eingeladen werden. Pepi
-erwähnte seiner nie, wiewohl sie mir sonst mit kindlicher Offenheit über
-Alles, was ihr Leben betraf, Aufschluss gab. Wie wünschte ich von ganzem
-Herzen, der junge Mann möge mir dergestalt missfallen, dass ich als
-gewissenhafter Vormund mein Veto gegen ihre Verbindung mit ihm einlegen
-müsste. Aber nein, als er sich mir endlich vorstellte, fand ich nichts
-besonders Tadelnswerthes an ihm. Vielleicht war der hübsche Junge ein
-wenig eitel, aber das war dem »interessanten Musiker, für den alle
-Mädchen schwärmten«, nicht allzu schwer anzurechnen, vielleicht zeigte
-er hie und da eine leise Anlage, das Leben leicht zu nehmen, die seine
-Gattin mit einer Wiederholung des Looses bedrohen mochte, wie es ihrer
-Mutter zu Theil geworden; aber seinem Charakter wurde das beste Zeugniss
-ausgestellt; auf Ahnungen und Besorgnisse hin, die vielleicht nur meinen
-eigensüchtigen Wünschen ihr Entstehen verdankten, konnte ich ihn nicht
-abweisen.
-
-Ich wollte mein Opfer nicht halb bringen. Mit einer Miene, die, wie ich
-hoffte, Josephinen nicht allzudeutlich verrieth, was es mich kostete, sagte
-ich ihr, dass Fritz Hillmann bei mir um sie geworben habe. Sie wurde blass.
-»Wenn Sie es wünschen, Vormund, wenn Sie es für gut halten,« stammelte
-sie. Da konnte ich mich nicht zurückhalten.
-
-»Ich es wünschen, ich, dem der einzige Preis, den ich vom Leben
-ersehnte, entrissen wird! Nein, Pepi, wenn ich meine Einwilligung zu Deiner
-Verbindung mit einem Andern gebe, so geschieht es unter hoffnungslosen
-Schmerzen, in dem Bewusstsein, dass ich damit das Siegel auf ein einsames,
-unerquickliches Leben drücke. Es ist eigensüchtig, dass ich es Dir sage,
-ich weiss es, ich hätte mein Opfer schweigend bringen sollen; aber, Pepi,
-ich bin kein Held, der seine Wunden stumm verbirgt.«
-
-Ihr wunderschönes Gesicht leuchtete von Glück. Sie trat auf mich zu und
-sprach:
-
-»Ich hatte mich selbst nicht gekannt; erst seit Du kamst, weiss ich, dass
-ich nur einen Mann lieben kann, Dich, Paul.«
-
-Ich zog nicht allein über das Meer.
-
-
-
-
-Novellen.
-
-
-~Gesammelte Schriften von Heinr. Seidel.~
-
-à Band M. 3.-- brosch., M. 4.-- geb. mit Goldschn.
-
- Bd. I. #Leberecht Hühnchen, Jorinde und
- andere Geschichten.# 6. Tausend.
-
- Bd. II. #Vorstadtgeschichten.# 6. Tausend.
-
- Bd. III. #Neues von Leberecht Hühnchen
- und anderen Sonderlingen.# 5. Taus.
-
- Bd. IV. #Geschichten und Skizzen aus der
- Heimat.# Der II. Aufl. 3. Tausend.
-
- Bd. V. #Die goldene Zeit.# 3. Tausend.
-
- Bd. VI. #Ein Skizzenbuch.# 3. Tausend.
-
- Bd. VIII. #Leberecht Hühnchen als Grossvater.#
- 3. Tausend.
-
- Bd. XI. #Sonderbare Geschichten.#
-
-
-~Maximilian Schmidt Gesammelte Werke.~
-
-11 Bde. à Band M. 3.-- brosch., M. 3.50 geb.
-
-
- #Am Küstensaum.# Nov. v. #Th. Justus#. M. 5.--.
-
- #Aus vergangnen Tagen.# Novellen von
- #Th. Justus#. M. 4.--.
-
- #Feldspath.# Drei Erzählungen aus Hessen
- von #E. Mentzel#. M. 3.--.
-
- #Der heilige Amor.# Nov. v. #J. Proelss#. M. 2.--.
-
- #Ut Sloss un Kathen.# Erzähl. in niederd.
- Mundart von #F. Stillfried#. M. 3.--.
-
-
-~Von H. Grasberger.~
-
- #Aus der ewigen Stadt.# Röm. Nov. M. 6.--.
-
- #Allerlei Deutsames.# Bilder u. Gesch. M. 4.--.
-
- #Auf heimatlichem Boden.# Erzähl. M. 6.--.
-
-
-~Von R. Baumbach.~
-
- #Es war einmal.# 9. Tausend. M. 2.80.
-
- #Erzählungen u. Märchen.# 8. Taus. M. 2.--.
-
- #Sommermärchen.# 19. Tausend. M. 3.--.
-
-
- #Liebesmärchen# von E. Ertl. M. 4.--.
- (mit 71 Photogravüren und 22 Heliotypien.)
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Antiqua gesetzt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Kursiv~, #fett#.
-
-Im Originalbuch tragen die Kapitel und das Inhaltsverzeichnis jeweils zu
-Beginn und Ende einfachen floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription
-verzichtet wurde.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 18:
- im Original "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium."
- geändert in "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.«"
-
- Seite 55:
- im Original "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm"
- geändert in "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm,"
-
- Seite 60:
- im Original "dich wie ein ein vom Dach fallender Sperling"
- geändert in "dich wie ein vom Dach fallender Sperling"
-
- Seite 60:
- im Original "etwas mittelalterlich troubadourmässiges« dozierte"
- geändert in "etwas mittelalterlich troubadourmässiges,« dozierte"
-
- Seite 63:
- im Original "bis unter die Haarwurzeln eröthen machte"
- geändert in "bis unter die Haarwurzeln erröthen machte"
-
- Seite 68:
- im Original "vielversprechenden Sohn der Vatertadt"
- geändert in "vielversprechenden Sohn der Vaterstadt"
-
- Seite 80:
- im Original "sich dunkle Röte über ihr Gesicht ergoss"
- geändert in "sich dunkle Röthe über ihr Gesicht ergoss"
-
- Seite 186:
- im Original "»Ausreisser«! ruft dieser ihm zu"
- geändert in "»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu"
-
- Seite 205:
- im Original "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd"
- geändert in "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd."
-
- Seite 235:
- im Original "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivos"
- geändert in "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivo's"
-
- Seite 238:
- im Original "Beiden schiens, als sei ihnen etwas"
- geändert in "Beiden schien's, als sei ihnen etwas"
-
- Seite 286:
- im Original "Mein Mütterchen erchien förmlich verjüngt"
- geändert in "Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt"
-
- Seite 288:
- im Original "Er ahnte nichst davon"
- geändert in "Er ahnte nichts davon" ]
-
-
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
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-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
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