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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Anspruchslose Geschichten - -Author: Pauline Hann - -Release Date: October 17, 2021 [eBook #66553] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This book was produced from images made - available by the Universitätsbibliothek Leipzig.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN *** - - - - - ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN - - VON - - P. HANN - - [Illustration] - - LEIPZIG 1891 - - A. G. LIEBESKIND. - - - Druck von W. Drugulin in Leipzig. - - - - -INHALT. - - - Seite. - - Sein bedeutender Freund 1 - - Kein Schwan 29 - - Ein Aprilscherz 51 - - Beim Ehestiften 87 - - Im Herbst 113 - - Brennende Liebe 145 - - Ein Unglücksmensch 169 - - Unkraut am Wege 189 - - Herbstblätter 211 - - Schwiegermütterchen 255 - - Das Pflegetöchterchen 281 - - - - -SEIN BEDEUTENDER FREUND. - - -Wie Alles auf dieser mangelhaften Welt, hat ein bedeutender Freund eine -Licht- und eine Schattenseite; aber Rudolf Müller sollte von rechtswegen -heute bloss die erstere anerkennen: Aus der Ferne schallt abgedämpfter -Walzerklang, das Rascheln und Knistern seidener Ballkleider herüber, -- -und er tanzt nicht. Im Nebenzimmer rufen begeisterte Skatbrüder ihr Grand -Solo mit Matadoren aus, -- und er kann eine Karte von der anderen -kaum unterscheiden. Die grosse Gesellschaft, in die er, Dank seiner -Verwandtschaft mit der Hausfrau, gerieth, würde ihm die unverfälschtesten -Tantalusqualen bereiten, wenn er seinen bedeutenden Freund nicht hätte. -Diesem allein, und nicht etwa den eigenen bestechenden Eigenschaften, -- -Niemand sollte das besser wissen als Rudolf Müller selbst, -- verdankt er -es, dass er mit der schönsten, liebenswürdigsten Dame der Gesellschaft, --- nein, der Welt! -- in einem Glaskasten plaudern darf, der auf den -stolzen Titel Wintergarten Anspruch erhebt und mit Palmen, Gummibäumen -und blühenden Azaleen so vollgestopft ist, dass ausser dem Bänkchen, -auf welchem Else Friedjung sitzt, und einer Handbreit Raum, auf welcher er -steht, kein Platz für etwaige Eindringlinge wäre. Seit dreiviertel Jahren -betet er die junge Dame an, aber leider aus gemessener Entfernung, denn -für einen mit dem Laster der Bescheidenheit behafteten Menschen giebt es -keine Möglichkeit, sich durch die dreifache Reihe von schwarzen Fräcken -durchzuwinden, die beständig das schöne, lebhafte Millionärskind -umschliesst, wie die Midgardsschlange die Weltesche. Aber vor etwa einer -halben Stunde hat ihm seine Cousine zugeraunt: - -»Else Friedjung wünscht, Dich kennen zu lernen, Du Glückspilz, versteht -Du, sie wünscht es.« - -Ob er versteht! Wenn er sich noch nicht die Karte »ami de Beethoven« -drucken liess, so liegt dies bloss daran, dass er noch ein Weilchen warten -will, bis ausser dem niedlichen Einacter, der vor etwa vierzehn Tagen im -Hoftheater aufgeführt wurde, auch noch die anderen unsterblichen Werke -erschienen sind, mit welchen sein bedeutender Freund heute oder morgen, bis -er in der richtigen Stimmung dazu ist, die Welt aus den Angeln heben und -sämmtliche Classiker, Romantiker und moderne Theaterdichter in das Nichts -zurückschleudern wird. - -Das schöne Mädchen wies ihm auf der eng beschriebenen Tanzkarte eine -leere Stelle. »Ich habe den Walzer für Sie aufgespart, Herr Müller«, -sagte sie liebenswürdig. - -Er ballte die Faust, -- in Gedanken natürlich, -- gegen den Tanzmeister, -der ihn als hoffnungslosen Fall aufgegeben; aber Elsen Friedjung stand der -Sinn nicht nach Tanzen. In all ihrer Anmuth, die dem armen Jungen den Kopf -vollständig verdreht hat, erhob sie sich, legte die Hand auf seinen -Arm und liess sich von ihm in die Tropenlandschaft führen. Selbst das -tugendhafteste Mauerblümchen entdeckte nichts Ungehöriges darin; ein -heimliches Zwiegespräch mit Rudolf Müller gehört zu den Dingen, die Jede -begreift und Jede entschuldigt. Es ist nicht die geringste Gefahr dabei; -nicht dass er etwa abschreckend hässlich, oder unerlaubt dumm wäre, oder -auf dem grossen Theater eine allzu verächtliche Lampenputzerrolle -spielte, -- verständige Papas unverständiger Töchter schätzen ihn als -tüchtigen, aufstrebenden Kaufmann, -- aber sein bedeutender Freund, der -einen Schatten wie der Kölner Dom wirft, lässt ihn pygmäenhaft klein, ja -zu Zeiten mit freiem Auge gar nicht wahrnehmbar erscheinen. - -Else Friedjung liess die Stäbe ihres Fächers durch die Finger gleiten und -heftete die Augen auf dieses Spiel. - -»Ich höre, Sie sind mit Doctor Engelbert Holstein näher befreundet«, -fing sie in leichter Verlegenheit an. - -Rudolf knickte innerlich zusammen. Die leise Hoffnung, die ihn trotz aller -Erfahrungen umschmeichelt, liess ihre Flügel kläglich hängen und er -bereitete sich für die Antworten vor, die er, zum beliebigem Gebrauch bei -jedem Tête-à-tête auswendig gelernt: - -»Wir wohnen beisammen.« (Und eine recht vernünftige Theilung der Arbeit -besorgen sie dabei, der Bedeutende bestrahlt mit seinem Ruhm das elegante -Junggesellenheim nahe dem Thiergarten, und Rudolf Müller bezahlt es; doch -diese intimen Details gehören nicht hierher.) »Er wird kommenden November -24 Jahre alt.« - -»Sein Geburtstag fällt sechs Tage später als der Schiller's« (Die -gestickten Schreibmappen, Federwischer, Cigarrentaschen, die diese -Enthüllung in die Welt gesetzt, lassen sich kaum zählen.) »Er ist -vollständig unverheirathet.« - -Dann eine Verbeugung, und der junge Mann weiss, dass er aus den Gedanken -seiner schönen Nachbarin fortgewischt ist, wie eine Null mit dem Schwamm -von einer Rechentafel. - -Aber Else Friedjung ist ein geistreiches Mädchen; sie bringt doch -wenigstens einige Abwechselung in das grausame Spiel. - -»Doctor Holsteins Name auf dem Theaterzettel rief mir eine Begebenheit, -einen kleinen Roman, eigentlich nur den Anfang eines solchen, in's -Gedächtniss zurück. -- Meine Freundin, -- meine beste Freundin erlebte -ihn vor einem Menschenalter, es sind gewiss sieben Jahre her.« Rudolf -richtete sich erwartungsvoll auf. - -»Ich kann mit einigen Aenderungen die Eingangszeilen unseres besten -deutschen Romans wiederholen: Westerode ist eine Stadt mit etlichen tausend -Einwohnern, einem Gymnasium -- und einer Heilquelle. Die etlichen Einwohner -und das Gymnasium besitzt sie schon seit längerer Zeit, die Heilquelle -wurde erst vor einem Jahrzehnt entdeckt.« Sie unterbrach sich, denn er -machte eine Bewegung. - -»Sie sprechen von meiner Vaterstadt,« sagte er, »ich bitte mit -aufgehobenen Händen, verfahren Sie glimpflich mit ihrem Curort-Ehrgeiz.« - -»Ihre Vaterstadt? Dann ist die Freundschaft zwischen Ihnen und dem Doctor -wohl schon auf den Schulbänken geschlossen worden?« - -Rudolf verbeugte sich bestätigend. Immer sein bedeutender Freund! Er ist -ihm so anhänglich wie -- er weiss selber keinen passenderen Vergleich --- wie ein treuer, oft geprügelter Pudel, aber selbst ein solcher -kennt Augenblicke, in welchen sein Herz ins Spiel kommt und er bei dem -weissgelockten Gegenstand seiner Neigung etwas für sich selber vorstellen -möchte. - -»Ich habe Sie von Ihrer Erzählung durch meinen unzeitigen Einwurf -abgelenkt,« murmelte er. - -»O, ganz recht. Die Heilquelle trotzte zwar bisher standhaft jedem -Analysirungsversuch, -- so viel darf ich doch sagen, ohne ihr heimathliches -Weltbad zu beleidigen? -- dennoch wirkte sie Wunder in Reclamen und -ärztlichen Anpreisungen. Meine Freundin, damals ein Backfisch mit -etwas blässlichen Wangen, sollte, begleitet von einer ältlichen, -unverheiratheten und etwas verschrobenen Erzieherin, das Wunderwasser -trinken.« - -Ihr Zuhörer sah auf, als schiesse ihm eine Erinnerung -- aber keine -sonderlich freudige -- durch den Sinn. - -»Es schmeckte abscheulich. So oft es unbemerkt geschehen konnte, goss -sie es aus. Dessenungeachtet wirkte die Cur. Entweder war die Quelle so -heilkräftig, dass man schon durch die Betrachtung des Geländers, das sie -umgab, Farbe und Rundung der Wangen bekam, oder waren es die prächtigen -Buchenwälder, die förmlich zum Thore der Stadt hereinwuchsen. Meine -Freundin mochte das Letztere glauben und lief den grössten Theil des Tages -auf den weltbadmässig gebahnten, mit Bänken besäeten Waldpfaden herum. -Es war eine so schöne Abwechselung nach der vielstündigen Marter vor -dem Piano und den Schulbüchern, die bisher ihre Tage ausgefüllt. Niemand -störte sie; es stand ihr frei, sich als unumschränkte Besitzerin all' -der Herrlichkeit zu betrachten, die, steil aufsteigend, das Städtchen -umschliesst. Das übrige Curpublikum sammt der Ureinwohnerschaft steckte -träge in Hausgärten oder auf Veranden, ihre Gouvernante im verdunkelten -Zimmer, denn die gute Antoniette besass eine Leidenschaft, mit welcher -ihre Pflichttreue einen aussichtslosen Kampf führte, sie dehnte ihr -Mittagsschläfchen bis zum Abend aus, wenn Niemand sie weckte; und meiner -Freundin war der Schlaf heiliger als Macbeth. Dreist erstreckte sie in -drückender Nachmittagshitze ihre Spaziergänge immer tiefer in den Wald -hinein. Da begegnete ihr einmal das Verhängniss in Gestalt eines jungen, -hübschen Menschen mit flatternden Locken und blitzenden Augen. Er sass auf -einer Bank, ein Notizbuch auf den Knieen, die Rechte schrieb eifrig, die -Linke scandirte auf der Holzlehne. Bei dem plötzlichen Auftauchen meiner -Freundin fuhr er in die Höhe, starrte sie an und lief spornstreichs den -Berg hinab. Sie folgte ihm mit den Blicken. Wie er, musste, ihrer Ansicht -nach, der junge Goethe in Frankfurt ausgesehen haben, nur blieb es freilich -fraglich, ob er auch die scharlachrothe Burschenmütze sorgfältig mit -einem schwarzen Ueberzug bedeckt hätte, bevor er in die Strassen der Stadt -einbog, wie es der junge Mann that.« - -»Unser Director,« warf ihr Zuhörer erklärend ein, »verfolgte das -Burschenspielen im Gymnasium mit draconischer Strenge. Und Engelbert musste -sich besonders hüten, dass Missfallen unseres Schulmonarchen zu erregen.« - -»Meine Freundin traf ihn nun fast täglich im Walde, aber ihr -fünfzehnjähriges Gewissen bohrte und nagte. Sie weckte Fräulein -Antoniette am hellen Nachmittage. Die gute Seele schleppte sich keuchend -die Waldhügel hinauf, bis zur ersten Bank, von welcher man gerade auf den -Marktplatz hinuntersah. Dann empfahl sie ihren Geist dem Herrn, sank auf -den Hochsitz und entschlief. Meine Freundin las im »Ekkehard«. Da, als -sie zufällig aufblickt, steht, kaum zwanzig Schritte von ihr entfernt, ihr -junger Goethe im vollen Glanz der unbezogenen Burschenkappe, einen -Strauss poetischer Waldblümelein in den Händen und einen gewissen -Was-frage-ich-um-die-Welt-Ausdruck im Gesicht, der ihr anzeigte, dass -es heute mit gegenseitigem Anstarren, Rothwerden und Grüssen nicht sein -Bewenden haben werde. Statt ihre regelmässig und laut athmende Begleiterin --- ruchlose Menschen hätten behauptet, sie schnarche -- zu wecken, that -sie das Unvernünftigste, was sie begehen konnte, sie lief davon. In -einigen Secunden hatte er sie eingeholt, ihr die Blumen überreicht -und einen Strom sehr lauter, aber dennoch unverständlicher Bitten und -Beschwörungen über sie ergossen. Bei ruhiger Rückerinnerung würdigt -dies meine Freundin als den Ausfluss grünster Jugendlichkeit, damals -jedoch erschien es ihr hochbedeutsam, erschütternd, sie bis zu den -Regionen der langen Kleider und vollbeschriebenen Tanzkarten emportragend. -Er drückte ihre Hände, dass sich die Stengel des Strausses ihren -Handflächen einpressten und sie eher ein schmerzliches, denn ein -beseligtes Gesicht zog. Plötzlich stürzte Antoniette, zum Bewusstsein und -zu ihrer Verantwortlichkeit erweckt, herbei, riss das unflügge Nestkücken -aus dem Griff des Falken, und wenn Worte und Blicke die Wirkung der Blitze -hätten, so wäre er ohne Zweifel todt zu Boden gestreckt worden. In den -Augen des alten Fräuleins schwoll die Kinderei zu einem ungeheuren Frevel, -zu einem Vergehen gegen die Moral an; sie drohte mit Gericht und Polizei. -Aber lag es an ihrem fragwürdigen Deutsch oder an den von Schlaf und -Bestürzung übermässig gerötheten Zügen und den rollenden Augen, -- -ihr Zögling biss sich krampfhaft auf die Lippen, der junge Goethe, weniger -vorsichtig, lachte ihr helllaut in's Gesicht, wodurch sich ihr Grimm -selbstverständlich nicht verringerte. Nach einem Blick auf das junge -Mädchen, der einen ganzen Band lyrischer Gedichte ersetzte, drehte er sich -um und ging. Die Nachblickenden sahen ihn im Hause des Kaufmanns auf -dem Markte verschwinden. Es war ihre letzte persönliche Begegnung, denn -Fräulein Antoinette bewachte ihren Schützling wie ein geschwänzter -Schatzhüter der Sage. Nur ein glühendes Gedicht von ansehnlicher -Ausdehnung, Engelbert Holstein unterzeichnet, gelangte durch einen -Liebesboten, dessen Hauptkennzeichen Wasserscheu, durchstossene Ellbogen -und vorwitzig in die Sonne hinausguckende Zehen waren, in die Hände meiner -Freundin. Sie verwahrte es sorgfältig, Fräulein Antoinette hat nie etwas -davon erfahren. Kaum eine Woche später verliessen sie das Weltbad. -- Sie -können sich vorstellen, wie überrascht und stolz meine Freundin war, -als ihr jugendlicher Bewunderer sich plötzlich als Mann von Bedeutung -entpuppte, von dem alle Welt spricht, dem man eine glänzende Zukunft -vorhersagt.« - -Das Gesicht des jungen Mannes trug einen sonderbaren Ausdruck. - -»Wollen Sie mir erlauben, Ihrer rührenden Historie einen ganz -unerwarteten Schluss anzufügen?« fragte er lachend, »Ueberraschungen -sollen zwar den Werth eines literarischen Kunstwerkes nicht erhöhen, aber --- arme Leute kochen mit Wasser.« - -Else Friedjung blickte ihn verwundert an. - -»Fräulein Antoinette klagte die erlittene Insulte der Badeverwaltung, den -städtischen Behörden, dem Schulmonarchen und der Himmel weiss wem noch. -Sie hatte den Frevler im Kaufmannshaus verschwinden gesehen. Hier hebt das -tragische Verhängniss an, das Factum, das dem griechischen Trauerspiel zu -so hoher Wirkung verhalf und vom modernen Fürwitz sammt den Göttern -aus der Flugmaschine in die dramatische Rumpelkammer verwiesen wird: das -Kaufmannshaus beherbergte ständig nur einen Gymnasiasten mit je nach -den Verhältnissen scharlachfarbener oder schwarzbezogener Mütze. -Freund Engelbert stellte sich nur strichweise ein; an jenem denkwürdigen -Nachmittage kam er, um mir etwas Immenses von seiner Leidenschaft, von -Drachen und lieblichen Waldfräulein zu berichten. Ich lauschte mit -offenem Munde, nicht ahnend, was die Götter über mein schuldloses Haupt -verhängt: Ein gewaltiger Aufruhr erhob sich. Ich hatte nicht nur den -untadelhaften Ruf unseres Gymnasiums durch eine sittenlose Ausschreitung -befleckt, ich schädigte auch den aufstrebenden Curort, wie der Mehlthau -die grünen Bäume. »Wenn junge Galgenvögel die Curgäste im Walde -straflos überfallen dürfen -- denn bis zum Überfall war man, Dank -Fräulein Antoinettens Beleuchtung des Ereignisses, gediehen, -- dann -werden sie der Heilquelle den Rücken kehren, und Westerode bleibt bis an's -Ende aller Dinge eine Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.« -Als die Wogen sich legten, fand ich mich auf den Strand geworfen: Unter -einem beträchtlichen Aufwand von Jüngsten-Gerichtposaunen war ich aus dem -Gymnasium gestossen worden, damit nahm meine etwaige gelehrte Laufbahn ein -vorzeitiges Ende. Wenn Sie ahnten, mein Fräulein, was für ein grosser -Mann in der Knospe geknickt ward! Meine Mutter behauptete es, und sie -musste es wissen, denn Niemand kannte mich genauer als sie. Ich erzeugte -in meiner Dachkammer Schwefelwasserstoff und ähnliche Parfüms in einem -Alter, wo andere Knaben einander die Stirnen voll Beulen schlagen. Wehe -Liebig! prophezeite meine Mutter. Ich verwendete den Spiritus aus ihrem -Schnellsieder und ihre Einmachgläser für alle Arten von Reptilien, -fing Schmetterlinge, lief in der ärgsten Sonnenhitze mit einer grünen -Blechbüchse herum, um Pflanzen mit Wurzeln und Erdreich auszureissen; -nur Uebelwollende konnten leugnen, dass in mir die Keime zum Naturforscher -lagen. Ich sammelte rostige Messer, grünspanbezogene Kupfermünzen, auf -meiner Dachkammer fand eine zerschlagene Ofenfigur, der unvermeidliche -Knabe mit dem Muschelkorbe, einen geehrten Platz, der künftige Archäologe -war fertig. Und als ich in wilder Knabenzeit die Ruchlosigkeit beging, -einer Katze den Schwanz abzuschneiden, erklärte meine Mutter, dies sei die -liebste Beschäftigung aller grossen Chirurgen in ihrer Kindheit gewesen. -Und nun sollte ich, ein so vielerlei versprechender Jüngling, lange -Zahlenreihen addiren und meines Vaters Kunden Schnupftabak und Rosinen -verkaufen. Es war herzbrechend.« - -Das wohlwollend-überlegene Lächeln, mit dem Else gleich allen jungen -Damen seiner Bekanntschaft ihm gegenübergesessen, war schon seit einer -Weile von ihren Lippen gewichen. Sie blickte ihn an, als hätte ein -geschickter Taschenspieler die dunkle, unscheinbare Gestalt verschwinden -lassen und an ihrer Statt einen anderen Rudolf Müller in bengalischer -Beleuchtung, mit ganz ungeahnten Tugenden und Vorzügen ausgerüstet, auf -die Handbreit Raum zwischen Palmen und Azaleen hingestellt. - -»Und wo blieb Ihr Freund?« fragte sie mit zusammengezogenen Brauen, -eine rothe Zornwelle im reizenden Gesicht. »Wie konnte er Sie, den -Unschuldigen, die Last tragen lassen! Es ist abscheulich! Ich hatte eine -hohe Meinung von ihm, aber jetzt verachte ich ihn. Sobald ich nach Hause -komme, verbrenne ich sein Gedicht!« - -Rudolf blickte sie betreten an. Auf diese Wendung war er nicht gefasst -gewesen. Dass man an einen bedeutenden Menschen denselben Massstab legen -könnte, wie an gewöhnliche Muttersöhne, war ihm nicht eingefallen. -»Judas Ischarioth!« flüsterte er sich zu. »Verurtheilen Sie ihn -nicht!« bat er und setzte sich in seiner Rathlosigkeit zu ihr auf das -Bänkchen, das wirklich nur für zwei schlanke Menschen Raum bot. »Seine -Laufbahn stand auf dem Spiel, und bei ihm handelte es sich um mehr, als -bei solch einem Dutzendmenschen, wie ich bin. An seinen Schöpfungen werden -sich noch Tausende erfreuen, wenn von mir längst keine Spur mehr vorhanden -sein wird.« - -»Ich glaube nicht mehr an seine Zukunft,« versetzte Else mit der Energie -einer bekehrten Heidin, die soeben ihren Thongötzen in Stücke zerschlagen -hat, »ein charakterloser, schwacher Mann wird nie ein grosser Mann. Auch -ist mir unverständlich, wie die Ungnade einer kleinen Stadt und selbst -die Ausschliessung aus ihrer Schule seine Laufbahn zu zerstören vermocht -hätte.« - -»Wenn Sie sein Gemüth, das jede Widerwärtigkeit niederdrückt, und seine -Verhältnisse kennten, dann würden Sie begreifen, dass es sich wirklich -um seine Zukunft handelte,« erwiderte Rudolf, Angstschweiss auf der Stirn. -»Weitläufige Verwandte hatten murrend und widerwillig die Schnüre ihres -Beutels geöffnet, um ihn studieren zu lassen. Der Skandal, der seine -Ausschliessung begleitet hätte, wäre ihnen ein willkommener Anlass -gewesen, ihm ihre Unterstützung zu entziehen. Mit dieser schlossen sich -vor ihm die Thore der Universität, die Grundlagen wissenschaftlicher -Schulung, ohne welche sein Schaffen dilettantisch bleiben musste.« - -Aber Else, statt sich zu der Höhe seiner Auffassung aufzuschwingen, hielt -eigensinnig an ihrer Meinung fest. - -»Selbstsüchtig Ihre Zukunftspläne zu zerstören, o, es war feige, es war -schlecht!« - -»Mein theueres Fräulein,« rief der junge Mann und rückte so nahe an sie -heran, dass die Blattpflanzen, die sich als spanische Wand zwischen ihnen -und dem Nebenzimmer erhoben, als Segen der Vorsehung erschienen. »Sie -fassen die Geschichte viel zu tragisch auf. Das Unglück für Menschheit, -Vaterland und mich selber ist wahrlich zu ertragen, wenn statt eines -mässig begabten Doctors ein an Erfolgen nicht ganz armer Kaufmann in der -Welt herumläuft.« - -»Davon spreche ich nicht. Glauben Sie etwa, dass ich Ihren Beruf gering -schätze?« vertheidigte sich Else eifrig, »mein Papa war auch Kaufmann -und lehrte mich, seinen Stand hochhalten. Vielleicht schlug Antoinettens -Bosheit -- ich werde ihr nächstens meine Meinung sagen! -- Ihnen sogar zum -Glück aus; aber das entschuldigt ihren Freund nicht. Sie müssen in ihrem -heimathlichen Neste -- verzeihen Sie, im Weltbad Westerode -- wie der -verlorene Sohn angesehen worden sein.« - -»Was schadete mir das? Ich hörte Predigten von unerlaubter Länge, sah -wolkenverhängte Gesichter, bekam etliche Wochen Zimmerarrest; es hat mir, -wie Sie sehen, den Humor nicht verdorben.« - -»Es war im Sommer, und der Wald so nahe,« sagte Else bedauernd. - -»Vergessen Sie nicht, dass auf meine Dachstube erhabene Gefühle zu Besuch -kamen: Ich schützte meinen Freund, siehe die Bürgschaft; ich erlitt -unverschuldetes Uebel, siehe die christlichen Märtyrer; ich fiel als Opfer -für das Gedeihen meiner Vaterstadt, ein -- allerdings etwas passiver -- -Curtius. -- Ihr Antheil ist mir unendlich werthvoll, werthvoller als Sie -denken, doch nein, Sie wissen ohne Zweifel, dass Sie mir die Verkörperung -alles Schönen, Liebenswürdigen, Begehrenswerthen sind -- allen Mädchen -sagt es ihr Seherblick, wenn sie sich ein Männerherz unterjochten --, -aber so glücklich mich Ihre Theilnahme auch macht, meine kleinen Leiden -von damals verdienen sie nicht.« Er stockte; mit leiser Stimme hub er -wieder an. »Der Gedanke, dass ich das Herrlichste, was mir das Leben -gewähren könnte, Ihre Freundschaft, dem Ausnützen einer von mir selbst -geschaffenen Gelegenheit, einer Indiscretion verdanken sollte, wäre mir -unerträglich.« - -Sie sah ihn mit seltsam schimmernden Augen an. - -»Es ist zwar gegen alle Lehren Antoinettens, aber zuweilen überfällt -mich ein förmlich krankhafter Drang, die Wahrheit herauszusagen und so -mögen Sie denn nur wissen« -- sie erhob sich schnell, der Walzer -war längst zu Ende, ihre Tänzer traten suchend in die Thüre des -Spielzimmers. Zurückgewendet sprach sie hastig, über und über -erglühend, »mir ist es nicht viel anders gegangen als dem glücklichen -Sohne des Kiss, ich bin ausgezogen, um Kunde von einem _bedeutenden_ Mann -zu hören, und fand einen _echten_ Mann. Ich bin ein Sonntagskind, wissen -Sie das?« - -Damit war sie entschlüpft; er blickte ihr nach und machte das närrisch -beseligte Gesicht, das jeder Sterbliche nur einmal im Leben zieht. - -Das Zwiegespräch unter Palmen hatte selbst für ein Tête-à-tête mit -dem Freunde eines bedeutenden Mannes zu lange gedauert, um nicht Anlass -zu verschiedenartigen Randbemerkungen über den Fächer hinüber zu geben. -Aber die Gesellschaft gewöhnte sich durch zahlreiche Wiederholungen daran, -Herrn Rudolf Müller mit Fräulein Else Friedjung in allerhand Ecken und -Winkeln der Ballsäle erschöpfende, tiefe und für Fernstehende nicht -allzu interessante Gespräche führen zu sehen. Man wollte bemerken, dass -er dem abnehmenden Monde glich, wenn sie nicht da war und dass sich eine -Wolke der Verstimmung auf ihre Stirn lagerte, wenn er fehlte. Zuletzt -verschwanden sie wochenlang spurlos aus ihrem Bekanntenkreise, und als die -Lösung in Gestalt weisser Kärtchen erschien, bildete sie nicht einmal das -bekannte Neuntagswunder. -- Rudolf verdankt seine Braut eigentlich doch nur -seinem bedeutenden Freunde. Als dieser dem schönen Mädchen vorgestellt -wurde, erkannte er in ihr seine »unvergessliche« Jugendliebe, über deren -Verlust ihn alle später besungenen Vertreterinnen edler Weiblichkeit nur -scheinbar getröstet hatten. Sie war das Weib seiner Träume, das Rudolf -ihm geraubt. Selbstverständlich kann ihm Niemand die Ueberzeugung nehmen, -dass er eine Schlange an seinem Busen gehegt habe, schnöde missbraucht -und verrathen worden sei. Rudolf Müller mag nur zusehen, wie er mit der -Nachwelt, die Engelberts Tagebücher lesen wird, zurecht kommt! Ich gebe -seine Sache verloren! - - - - -KEIN SCHWAN. - - -»Was hilft vortreffliches Beispiel, tadellose Erziehung, wenn der -angeborene Hang den Menschen in den Schlamm hinabzieht!« schrie Fräulein -Möller, die Vorsteherin des berühmten Damenpensionats in Dresden, roth -vor Zorn, aber selbst im höchsten Affect die Gewohnheit, in Sentenzen zu -sprechen, beibehaltend. »Ein hässliches Mädchen zu hüten, ist schwerer, -als alle Herkulesarbeiten zusammen«, (Fräulein Müller hat übrigens -noch keine probirt), »denn die Stummen wollen am meisten sprechen, und die -Tauben machen die lauteste Musik.« - -Das war ein Strafgericht! Der bewusste Feuerregen, der sich über Sodom und -Gomorrha ergoss, muss dagegen ein angenehmes Nachmittagsvergnügen gewesen -sein. - -Die Mädchen aus der obersten Klasse blickten schaudernd auf einen -schwarzen Punkt. - -Der schwarze Punkt war ich! - -Ich habe niemals besondere Lust gehabt, der Urkraft (von der Professor -Henkel so dunkel und gelehrt zu reden wusste, dass uns nach jedem Vortrag -in der Naturkunde eine Hammerschmiede in den Köpfen arbeitete) in ihre -Töpfe zu gucken, aber was sie eigentlich im Sinne gehabt, welchen Zweck -sie verfolgt, als sie den erwähnten schwarzen Punkt in der obersten Klasse -des Pensionats geschaffen, das möchte ich gar zu gern wissen. Sie muss -keinen Zierrath beabsichtigt haben, sonst hätte sie mich mit irgend -einer Eigenschaft ausgerüstet, die den Augen des Beschauers wohlgefällig -erscheint, keine Säule an ihrem Bau, sonst hätte ich nicht seit meiner -frühesten Kindheit das Bewusstsein vollständiger Ueberflüssigkeit mit -mir herumgetragen. Wenn ich heute die Augen schloss, dann wurde keine -Wimper nass, keine stecknadelkopfgrosse Lücke entstand, nein, ich war zu -keiner stützenden Säule bestimmt, denn ich war keinem Menschen auf Erden -unentbehrlich. Halt, doch Einem! Und das bringt mich wieder in meine Klasse -und in das Strafgericht zurück. - -Hätte ich zärtliche Eltern gehabt, wie die anderen Mädchen, oder wäre -ich hübsch und liebenswürdig gewesen, dann hätte Fräulein Möller mir -eine Privatvorlesung im Allerheiligsten ihres Arbeitskabinets gehalten, -und die ganze Klasse hätte sich nicht an den Weisheitssprüchen erbauen -dürfen. Das Pensionat war zwar ob seiner Tugend und Sittenstrenge -berühmt, aber durch die Thürritzen hatte der Klatsch doch die Kunde von -Lieutenantsbriefen und darauf folgenden Thränen und Sentenzen in Fräulein -Möller's Privatgemach getragen. Aber zwischen Julie von Minkwitz und mir -war ein kleiner Unterschied. Als sie in die Schule eintrat, bat man um -Nachsicht und Güte für das liebe Mädchen, während meine Mama nur von -vulgären Neigungen sprach, die mir angeboren und streng im Zaum zu halten -seien. - -Meine Pflegeeltern haben viel für mich gethan, sie liessen mir eine -Erziehung geben, als wäre ich wirklich eine der ihrigen und bestimmt, -mit anmuthigem Flügelschlag durch ihre vornehmen Gesellschaftskreise zu -schweben. Aber als ich in das berühmte Pensionat kam, hatte ich, damals -noch ein halbes Kind, die Ueberzeugung, ich werde aus dem Hause entfernt, -damit Robert und Lili nicht von meinen vulgären Neigungen angesteckt -würden. Da diese mir angeboren waren, liessen sie sich nicht ausrotten, -trotz der heilsamen Strenge, die angewendet ward. Dafür waren aber auch -der ehemalige Kutscher und die ehemalige Kammerjungfer von Papa und Mama -mein Vater und meine Mutter. Sie starben beide während einer Epidemie; ich -kann mich ihrer kaum erinnern, denn ich zählte erst vier Jahre, als mich -das unersetzliche Unglück traf. Unersetzlich -- wiewohl Papa und Mama, die -in kinderloser Ehe lebten und längst daran gedacht hatten, eine Waise an -Kindesstatt anzunehmen, mich in ihr leeres grosses Haus nahmen. Auch an ihr -Herz? Vielleicht. Ich habe nur dunkle Erinnerungen an die ersten Jahre im -Hause meiner Pflegeeltern. Aber mir schwebt vor, als habe Mama mit -ihren eigenen weissen, feinen Händen mich zuweilen in schöne gestickte -Kleidchen gehüllt und sei am Abend, wenn sie keine Gesellschaft hatte, an -mein Bett getreten, um mich ein kurzes Kindergebet zu lehren. Und Papa hob -mich im Sommer, den wir stets auf seiner Besitzung an der Elbe -verlebten, in die Zweige der Kirschbäume empor, damit ich mir mit meinen -Kinderhänden -- sie waren leider immer von ansehnlicher Grösse -- die -rothen Herzkirschen pflücke. Ich vermuthe, dass ich mich damals von -anderen Kindern wenig unterschied. Vielleicht hatten die häufigen -Lobsprüche, die ich erhielt, ein gewisses kindliches Pharisäerthum in mir -grossgezogen. Mit ausgesprochenem Grauen betrachtete ich den schmutzigen -wilden Burschen des Pächters. Der Knabe war nur etwa fünf Jahre älter -als ich und kam täglich mit zerrissenen Kleidern und zerschlagenem Gesicht -nach Hause, so dass seine Mutter kläglich prophezeite: »Wenn der Junge -erwachsen ist, läuft er ohne Nase in der Welt umher.« - -Meine angeborenen Neigungen schlummerten noch unentdeckt in meiner Brust. -Sie haben sich erst später entwickelt. Und ich kann mit Bestimmtheit -angeben, wenn das geschah. - -Papa und Mama waren überselig. Der Erbe, den sie nicht mehr erhofft, lag -schreiend in seiner Wiege. Das ganze Haus ging auf den Zehenspitzen. Die -Dienstleute hatten anderes zu thun, als sich um mich zu kümmern, die sie -wohl stets im Stillen als in die Gesindestube gehörig betrachtet hatten. -Es war im Sommer. Hinter Papas Schlösschen zog sich der grosse Park, von -einer alten Steinmauer umschlossen, hin. Daran stiess die Pächterwohnung -mit den Wirthschaftsgebäuden. Im Park war es langweilig. Ich reckte -mich auf den Zehen empor und klinkte ein Seitenpförtchen auf, um auf -Entdeckungen auszuziehen. Ich brauchte nicht in die Ferne zu schweifen, das -Gute in Gestalt eines Ententümpels lag vor mir, und Balthasar (er heisst -wirklich Balthasar, möglicherweise verschärft dies sein Vergehen in -Fräulein Möllers Augen) warf Steine in das grünlich schmutzige -Wasser. Vor einigen Wochen hätte ich vermuthlich mein weisses Kleidchen -zusammengenommen und wäre mit dem stillen Gedanken: »wohl mir, dass ich -nicht bin wie dieser,« aus der vulgären Welt, in der Hühner scharrten, -Gänse gackerten und Enten auf schmutzigem Tümpel schwammen, in die -vornehme Abgeschlossenheit des Parks zurückgewichen; aber man liess mich -nun viel allein, und ich langweilte mich. Und so trat ich näher und sagte: - -»Du, das kann ich auch.« - -Der schmutzige Bursche starrte mich verdutzt an, aber ich imponirte ihm -nicht lange, denn als ich den ersten Stein warf und er mit einem Plumps -versank, ohne wie die Wurfgeschosse Balthasars über das Wasser Kreise -ziehend, hinzutanzen, lachte er mich aus. Doch zeigte er mir gleich darauf -die Handgriffe. Das Wasser spritzte nach jedem Wurf hoch auf, und als -mich nach geraumer Zeit der Gärtner entdeckte und das verirrte Schäflein -heimgeleitete, triefte ich von Nässe. Die Folge davon war ein heftiger -Schnupfen, der mir die Augen thränen, die Nase aufschwellen, das ganze -Gesicht, wie Papa (leise zu Mama aber von mir dennoch gehört) bemerkte, -dem seines ehemaligen Kutschers ähnlich machte. Mama gerieth in -Todesangst, ich könnte meine Erkältung dem »Kinde« mittheilen und -so blieb ich aus ihrer und Roberts Nähe wochenlang streng verbannt. Ich -müsste lügen, wenn ich behauptete, ich hätte meine Acht besonders schwer -empfunden; denn in diese Zeit fielen meine Herumstreifereien mit meinem -neuen Freunde, der mich zu Haselbüschen führte und mir zeigte, wie -man die Nüsse mit den Zähnen aufbiss. Seit damals war ich vulgär. Je -grösser Robert wurde, desto schlimmer trat meine Erbsünde zu Tage. Ich -steckte beständig mit Balthasar zusammen und wurde einmal im Kuhstall -ertappt, das anderemal aus den höchsten Zweigen eines Birnbaumes -herabgeholt. Balthasar war ein rührend treuer Kamerad. Das prächtige -Obst, das er in Papas Garten gemaust, theilte er gewissenhaft mit mir, und -(wer zweifelt noch, dass ich das vernichtende Urtheil meiner Pflegeeltern -verdiente!) es schmeckte hundertmal besser in einem Winkel der Scheune, als -von den Krystallschalen an der Tafel. - -Mama und Papa, die meinen unpassenden Verkehr missbilligend bemerkten, -hofften, der Winter werde ihm ein Ende bereiten. Unterbrochen wurde die -Freundschaft, aber jedes Frühjahr knüpfte sie fester. Damals wusste ich -mir keine Rechenschaft darüber zu geben, was mich zu Balthasar und seinen -braven, tüchtigen Eltern hinzog, aber heute ist mir's klar, dass es nicht -bloss die ererbte Vorliebe für vulgäre Gesellschaft war, sondern die -Thatsache, dass ich jenseits der Gartenmauer etwas galt und gut gelitten -war, während ich dieseits kalt übersehen oder getadelt wurde. Allerdings -als zwei Jahre nach Robert die kleine zarte Lilli zur Welt kam, besserte -man nicht mehr an mir herum und liess mich treiben, was mir gefiel, bis -ich alle Grenzen des Erlaubten überstieg. Ich zählte vierzehn Jahre und -sollte bei Lilli's Gouvernante die Lücken in meiner Bildung ausfüllen. -Statt dessen lief ich tagaus tagein zur Pächtersfrau hinüber. Sie war -einsam; ihr Abgott Balthasar befand sich auf einer landwirthschaftlichen -Schule. Ich ging ihr in Küche und Maierei zur Hand, butterte, streute dem -Geflügel das Futter, knetete und buck ordinäres schwarzes Brod. Wurde -ich entdeckt, dann sah ich ein, dass mein Vergehen zum Himmel schrie. -Ueberhaupt war ich in Gegenwart von Papa, Mama, Robert und Lilli meist in -so bussfertiger, zerknirschter Armensündenstimmung, dass es mich gar nicht -Wunder nahm, wenn mich alle für feige, unaufrichtig, lakaienhaft hielten. -Die geringschätzigen Bemerkungen, die kalten Blicke daheim drückten mein -Selbstgefühl herab, ich begann, mich für einen dunkeln Flecken auf dem -sonnigen Familienbilde zu halten, für eine Art von Schlagschatten, der -die Vortrefflichkeit und feine Ausführung der anderen Schöpfungswerke -gebührend hervorhob, sich aber nichtsdestoweniger ziemlich überflüssig -dünkte. Die Andern mochten dasselbe finden; ich wurde Fräulein Möller -ausgeliefert. Sie sollte den letzten Versuch machen, mein ererbtes Uebel -zu kuriren. Seit zwei Jahren bin ich nicht einmal in den Ferien nach Hause -gekommen. In der ersten Sommervacanz, während ich mit meinem baumlangen -Kameraden Pflanzen und Steine suchte, kam Miss Burton, Lilli's Gouvernante, -auf die Idee, ein geheimes Einverständniss bestehe zwischen mir und dem -lieben, langen, unbeholfenen Jungen. Und so erfloss das Verbot meiner -Heimkehr, und während die anderen Mädchen in die Berge, an die See in den -Sonnenschein hinauszogen, sass ich wie ein Sträfling hinter den Mauern des -verstaubten Pensionsgartens. Nächstes Jahr durfte ich wohl Papa und Mama -besuchen, denn (ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten, wiewohl die -ganze Klasse mich spöttisch betrachtete) Balthasar sollte nicht mehr -als Schlange im Paradies lauern. Der Bruder seiner Mutter war kinderlos -verstorben und hatte ihm ein hübsches Gut in Pommern hinterlassen. Er -hatte es mir geschrieben und mich gefragt, wann er mich sehen könne. Mama -und Papa, welchen er einen Abschiedsbesuch gemacht, hätten ihm die Bitte, -mir vor seiner Abreise die Hand drücken zu dürfen, rundweg abgeschlagen. -Ich dürfe meine Studien nicht unterbrechen. Du lieber Gott, als ob -nicht Hopfen und Malz an meiner Wasserfarbenmalerei, meinen Chopin'schen -Nocturno's und Stickereien in Seide und Chenille verloren wären. - -Dieser Brief, der erste heimliche Brief in meinem achtzehnjährigen Leben, -fiel einer Aufseherin in die Hände, und ich hörte Sentenzen vor der -ganzen Klasse über mein unpassendes Benehmen. Zuletzt wurde mir verboten, -das Haus zu verlassen. Wie ein Häuflein Unglück sass ich in meinem Zimmer -und bekam zu meiner übrigen Schönheit vom Weinen rothe geschwollene -Augen. - -Vermuthlich verdankte ich es meiner vulgären Neigung, dass ich unter all -den Gewerbsleuten der Schule warme Freunde hatte. - -Meine Antwort an Balthasar hatte die Bäckerstochter bestellt, und nun -wartete er ohne Zweifel in dem windschiefen Gartenhäuschen an der Mauer, -in welches er sich, dank seinen früh erworbenen Kletterkünsten, leicht -genug hinaufzuschwingen vermochte. Ich aber war gefangen, und wenn auch -nicht in Banden, so doch durch eine gut und sicher verschlossene Thüre von -der Aussenwelt getrennt, denn zu diesem äussersten Mittel hatte Fräulein -Möller gegriffen, da ich mich nicht dazu verstehen wollte, meinen Verzicht -auf eine Zusammenkunft mit meinem Jugendfreunde zu versprechen. - -Mein Zimmer lag eine Treppe hoch, aber das Haus war niedrig, und unter -meinem Fenster befanden sich ein paar kümmerliche Blumenbeete. Ich würde -weich fallen. Natürlich würden die zerdrückten Blumen meinen Frevel -morgen aller Welt verkünden, aber ich war in einer Stimmung, so -verzweifelt und aufgeregt, dass mich keine Bedenken abhielten. Mit -Balthasar ging meine glückliche Kinderzeit von mir. Ohne Abschied liess -ich den einzigen Menschen, der mich an's Herz geschlossen, nicht von dannen -ziehen. - -In minder verlockender Gestalt ist wohl noch nie eine junge Dame bei einer -heimlichen Zusammenkunft erschienen. Die weiche, von Regen getränkte -Erde des Gartens hatte sich in rührender Anhänglichkeit meinem Kleide -mitgetheilt, ich hinkte, denn ich hatte mir bei dem Sprung den Fuss -verstaucht, und zum Ueberfluss fing ich noch laut zu weinen an, als bei dem -Schein einer Laterne, die in dem Gässchen hinter dem Gartenzaun brannte, -mein Jugendfreund in dem windschiefen Gartenhäuschen vor mir auftauchte. - -Er hatte mit seiner grossen, ehrlichen Rechten meine Hand gefasst und -begann mir mit der Linken unbeholfen das Haar zu glätten. Und da ich -dadurch nicht beruhigt ward, wollte er mich an sich ziehen. Aber ich machte -mich los. - -»Wir wollen nicht den geringsten Anlass zum Tadel geben. Wenn wir auch -gezwungen sind, auf heimlichen Wegen zu gehen, so wollen wir uns doch -benehmen, als wären Mama, Papa und Institutsvorsteherin zugegen.« Damit -setzte ich mich auf die eine Seite des wackeligen Tisches und wies ihm den -Platz mir gegenüber an. - -»Doch wenn ich deine Hand nicht in meinen ungeschlachten Fingern halten -kann, Jenni, dann weiss ich nicht recht, wie ich anfangen soll,« sagte -mein langer Freund hilflos. Die freundliche Strassenlaterne fiel ihm gerade -auf das Gesicht. Was für ehrliche, treue Augen er hatte und wie warm Einem -um's Herz wurde, wenn man in sie hineinsah! Ich gab ihm meine Hand, und nun -begann er: - -»Du weisst wohl, dass ich ein Gut geerbt habe, Jenni, keine Herrschaft, -aber ein ganz stattliches Bauerngut.« Dabei drückte er mir die Hand; aber -da ich nicht wusste, wo er hinaus wollte (vielleicht wusste ich's auch und -behielt es blos für mich), so wünschte ich ihm blos Glück. Es werde ihm -gut thun für sich selber, auf seinem eigenen Grund und Boden zu arbeiten. - -»Hm,« sagte er, stockte und fing mit einiger Anstrengung wieder an: »Zu -solch' einer Farm gehört eine hübsche, junge Frau, Jenni.« - -Das überraschte mich. Seine Mutter war ja noch so rüstig und würde ihm -gewiss mit Freuden haushalten. - -Aber ich wurde feuerroth, als ich diese passende Bemerkung murmelte und -segnete die Strassenlaterne, in deren Schatten ich sass. - -Er schüttelte den Kopf. Die Alten wollten nicht mehr wirthschaften. Sie -hatten sich ein hübsches Sümmchen erspart und gedachten sich im Hause des -Sohnes zur Ruhe zu setzen. - -Und dann meinte er mit einem verlegenen Lachen, er wisse auch schon von -einer Frau. Die Frage sei nur, ob ihr das Loos, das er ihr bieten könne, -glänzend genug sei, sie habe bessere Aussichten. Aber ein treueres Herz -fände sie sicher niemals und wärmere Liebe auch nicht. - -Dabei blickte er mich so bittend an, und in seinem Gesicht lag solch' eine -Sorge wegen der glänzenden Aussichten, dass ich ein Stück Holz hätte -sein müssen, um länger an mich zu halten. - -»Kein glücklicheres Loos kann es geben, als an Deiner Seite, Balthasar!« -rief ich. - -Und da zog er mich an sein treues Herz. Am liebsten hätte er mich, wie ich -ging und stand über die Gartenmauer und zu seinen Eltern getragen, um alle -Förmlichkeiten abzuschneiden. Aber ich konnte ihm den Gang zu Papa und -Mama nicht ersparen, wenn er ihm auch vielleicht schlimmer erschien, als -der Marsch in einem Kugelregen. - -Er erzählte mir später, er hätte nie längere Gesichter gesehen als die -ihren, nachdem er um meine Hand anhielt und, ihrem »Nein« zuvorkommend -erklärte, wir seien einig. - -»Mein Gott, wir können doch unser Adoptivkind nicht mit dem Sohn unseres -Pächters verheirathen,« rief Mama, »was würde die Welt dazu sagen! Es -würde heissen, wir hätten sie abgeschüttelt, weil wir nun eigene Kinder -haben!« Und Papa hatte mit der schneidenden Ironie, mit der er mich so oft -verwundet, eingeworfen: - -»Lass' die Leute die Köpfe schütteln. Wir können ihnen antworten: Art -lässt nicht von Art, und eine Ente wird durch das beste Beispiel, die -sorgfältigste Erziehung nicht zum Schwan!« - -Und so sitze ich im Tümpel. Im Ganzen ist mein Leben gar nicht übel, und -ich tauschte nicht für die Welt den Schwanenteich zurück. Wenn ich -jetzt zuweilen in den Spiegel blicke und mir ein frisches, gerundetes, -glückliches Gesicht entgegengrüsst, dann möchte ich schier glauben, die -Urkraft habe mich Anfangs doch zum Zierrath bestimmt und sei nur auf halbem -Wege stehen geblieben. Aber Balthasar, der arme, verblendete Mann, hält -mich thatsächlich für etwas ganz Kostbares und trägt mich auf starken, -treuen Händen durch das Leben; und das ist eigentlich mehr, als solch' ein -armselig graues Entlein beanspruchen darf. - - - - -EIN APRILSCHERZ. - - -Das Schelmen-Triumvirat nannte uns zur Zeit, als wir unsern wilden Hafer -säeten, die Volksstimme in unsrer Künstlerstadt. Zweien von uns, dem -Genremaler Karl Schönborn und meiner Wenigkeit, that sie damit entschieden -zu viel Ehre an; wir waren keine ebenbürtigen Genossen, wir waren nur -die Handlanger des dritten und spielten die Rolle Sancho Pansas, der ganz -deutlich sieht wohin die Tollheit seines Meisters führt, und der ihm -doch durch dick und dünn folgt. Ja, Ruppert Ahlfeld war unser Meister im -Ersinnen toller Possen; wehe dem Menschenkind, das er sich zur Zielscheibe -erkoren! Da war vor etlichen Jahren ein Jüngling von äusserst frommer -Gemüthsart und tugendhaftem Wandel in unsern Bereiche aufgetaucht, den -Blasengel hiessen wir ihn, wegen seines rundlichen, rosigen Gesichts und -des goldblonden Gelocks, das ihm wie ein Glorienschein um den Kopf starrte; -auf ihn stiess unser Anführer wie ein Fischadler auf einen fetten -Karpfen nieder. Es hiess, Hugo Lichtner habe sich mit einem steinreichen -Verwandten, der ihn zu seinem Erben machen wollte, entzweit, weil er um -jeden Preis Stillleben malen musste. Ich bitte Sie -- Stillleben! Wenn -es Konradins Tod, oder Orest an der Leiche Klytemnestras, oder Judith und -Holofernes gewesen wären, an welche Rupert in jugendlichem Grössenwahn -beispiellos viel Farbe und Leinwand verschwendete, das hätte diesem -Respeckt eingeflösst, aber sich enterben lassen, um grüne Gurken, einen -Teller Trauben, ein Glas mit Goldfischen abzukonterfeien, das konnte er, -der sich als Vertreter der grossen Kunst fühlte, dem armen Jungen nicht -verzeihen. Für Lichtner hatte der erste April bald 365 Tage; kaum war -er mit Mühe und Not einer Schlinge entronnen, dann stolperte er mit dem -arglosesten, vertrauendsten Lächeln von der Welt in die zweite hinein. - -»Kinder,« erklärte Rupert mit dem salbungsvollen Ton, den er zuweilen -annahm, »wenn es uns gelingt, ihm die himmelblaue Binde über den Augen zu -lockern, dann haben wir ein grosses Werk vollbracht und verdienen, dass auf -unsern dereinstigen Grabsteinen die Worte »Wohlthäter der menschlichen -Rasse« eingemeisselt werden.« - -Aber unsre Bemühungen erschienen nicht von dem kleinsten Erfolg gekrönt, -der Blasengel blieb leichtgläubig und arglos, als wäre er erst gestern -aus den Wolken auf die sündige Erde niedergeflattert. - -Einmal hatte er uns im Atelier aufgesucht, nachdem sich Professor P., unter -dessen Anleitung unser Triumvirat damals arbeitete, in sein Allerheiligstes -zurückgezogen. Da ging die Thür auf, und ein kleiner, abscheulicher -Seidenpintsch sprang uns kläffend an die Beine. Jeder von uns wäre -mit Vergnügen bereit gewesen dem Köter einen herzhaften Fusstritt zu -versetzen, allein hinter ihm raschelte ein seidenes Frauenkleid, eine -wunderhübsche, junge Dame mit blitzenden Zigeuneraugen, Wangen eines -Pfirsichs und einem bezaubernden Stumpfnäschen kam in das Atelier, als -hätte sie der Aprilwind hereingeweht, und statt des Fusstritts bückte -sich jeder herab, um den Rücken des Scheusals zu tätscheln, das uns zum -Dank dafür nach den Fingern schnappte. - -»Ich wünsche, den Professor zu sprechen,« sagte das Fräulein mit einem -Lächeln, das selbst einen Stein erwärmt hätte, »mein Name ist Ilona -Balogh, Porträtmalerin aus Pest.« - -Wir wussten schon von ihr. In den paar Tagen, die sie in unsrer Stadt -verweilte, hatte sie der jüngeren Künstlerschaft (vielleicht auch der -älteren, doch, davon schweigt des Sängers Höflichkeit) soweit sie in -ihre Nähe gerathen, durch ihre Schönheit und ihre pikanten Einfälle die -Köpfe verwirrt. -- Dienstbeflissen stoben wir auseinander. Rupert schob -ihr den pomphaftesten der Krönungssessel hin, ich breitete dem gräulichen -Vierfüssler einen kostbaren, persischen Teppich unter, Karl Schönborn -pochte an des Meisters Thür, -- wie ich vermuthe nicht ohne Herzklopfen, -da dieser, wenn er sich zurückgezogen, eine Störung nicht allzu -freundlich willkommen hiess -- nur Hugo Lichtner stand wie ein gemeisselter -Engel da und starrte mit verzückten Augen auf die junge Dame. - -Fräulein Ilona bemerkte es -- sie hätte sonst auch stockblind sein -müssen -- und rückte ihren Stuhl, um sich dem Bereich seiner Blicke zu -entziehen; doch auch jetzt mochte sie die hypnotisirten Augen auf sich -gerichtet fühlen, denn sie schürzte die Lippen wie in gutmüthigem Spott. - -Ich war wüthend. War dies unsre grüne Unschuld, unser keuscher Joseph, -den wir trotz aller mephistophelischen Versuchung, und trotzdem die -hübsche Nanni in unsrer Künstlerkneipe sich mehr als nöthig in der -Nähe des seraphischen Blondkopfs zu schaffen machte, nie zu der geringsten -Aufmerksamkeit gegen das schöne Geschlecht bewegen konnten? Fräulein -Balogh musste annehmen, das die Czikos auf ihrer Pussta mehr Lebensart -besassen, als ihre jungen Künstlerkollegen. Ein vergnügtes Grinsen, das -sich über Ruperts Gesicht zog, dämpfte meinen Aerger. Was hatte er wohl -wieder ausgeheckt, um Hugo das Leben zu verleiden? Soeben war der Professor -in die Thür getreten und geleitete den gut empfohlenen Gast in sein -Privatkabinett. - -»Habt ihr bemerkt, wie sie den Posaunenengel angesehen hat, so -- -ergriffen, möchte ich es nennen?« fragte Rupert. Sein Augenblinzeln, dem -bei mir, dem neben ihm Stehenden, ein leiser Stoss mit dem Fusse nachhalf, -erleuchtete uns augenblicklich. - -»Ja wohl, ja wohl, in ihren Augen lag so etwas wie eine widerstandslos -schmelzende Lawine,« versetzte Schönborn, angelegentlich seinen Vollbart -streichend. - -»Als sie dem Professor folgte, hat sie noch einmal den Kopf sehnsüchtig -nach Hugo zurückgewendet,« fügte er hinzu, um hinter meinen -phantasiebegabten Genossen nicht ganz und gar zurückzubleiben. - -»Glücklicher Mensch, er hat das schönste Mädchen der Stadt im Sturm -erobert!« rief unser Führer. - -»Nein; glaubt ihr wirklich, glaubt ihr, sie habe mich auch nur bemerkt?« -fragte Hugo in naiver Freude, mit seinem erröthenden Gesicht noch mehr -als sonst einem Blasengel ähnlich, der seine Posaune für einen Moment -absetzt. - -»Glauben?« versetzte Rupert entrüstet, »Mensch, man hat doch Augen im -Kopfe! Wenn das nicht ein Fall von Liebe auf den ersten Blick ist, dann -kannst du mich für blind wie Hiob erklären.« - -»Aber wie kam sie nur dazu, gerade mir, dem Unbedeutensten von euch, -Aufmerksamkeit zu schenken?« - -Rupert zuckte die Achsel. - -»In dem elementaren Zuge von einem Herzen zum andern liegt gewöhnlich -etwas Unbegreifliches,« predigte er. In seinem Munde nahmen sich die -Lehren überlegener Weisheit stets ausserordentlich wirkungsvoll aus. -»Aber höre mein Sohn, bilde dir nicht ein, dass du die Hände in -den Schooss legen und dich wie ein vom Dach fallender Sperling auf die -göttliche Vorsehung verlassen kannst. Die drinnen ist nicht die hübsche -Nanni.« - -»Erlaube mir die Bemerkung, dass ich es sehr geschmacklos finde, beide in -einem Atem zu nennen,« warf Hugo mit ungewohnter Hitze ein. - -»Ilona Balogh ist die Tochter eines romantischen Volkes, sie -erwartet gewiss ein ritterliches Werben, etwas mittelalterlich -troubadourmässiges,« dozierte Ahlfeld. »Ulrich von Liechtenstein, -natürlich etwas den veränderten Zeitläufen angepasst, ohne zerschnittene -Lippe und Verkleidung als Frau Venus (letztere würde die prosaische -Polizei von heute gar nicht erlauben), das dürfte das angemessene sein, du -verstehst mich doch?« - -Unser armer Blasengel gab sich alle Mühe, aber zuletzt schüttelte er den -Kopf; er verstand ihn nicht. - -»Du schickst ihr jeden Tag Blumen und Gedichte; wenn du die letzteren -nicht zu stande bringst, helfen wir dir alle drei dabei; -- auch giebt -es immer bei den Antiquaren alte, vergessene Schmöker voll lyrischer -Empfindungen, die man, ohne ertappt zu werden, abschreiben kann. -- Zur -Besorgung derselben an deine Dame kannst du den Sohn meiner Hauswirthin -verwenden, den anstelligsten kleinen Taugenichts, der je Stiefel auf unserm -Pflaster zerriss.« - -Gegen den vorgeschlagenen Betrug verwahrte sich das arme Opfer unsrer -Ruchlosigkeit, aber mit den übrigen Vorschriften erklärte er sich -einverstanden; ja er dankte seinem Mentor noch, weil dieser seiner -Unerfahrenheit in Liebessachen so brüderlich zu Hilfe kam. - -»Du zeigst dich ihr so oft als möglich mit deinem verführerischen -Seraphslächeln und dem fascinierenden Blick, der sie vorhin so -widerstandslos gefangen nahm, aber, höre mein Sohn, hüte dich, ihr durch -ein Wort deine Gefühle zu verraten, bevor sie dir selbst die Erlaubniss -dazu giebt.« - -Dies erschien zwar bei Hugos Schüchternheit ohnehin ziemlich -selbstverständlich, aber unser Freund wünschte sicher zu gehen. - -»Die Frauen dieser interessanten Nation muss man sehr vorsichtig -behandeln,« fuhr er mit tiefsinnigem Kopfschütteln fort. »Ein wüthend -Weib und eine Ungarin« nennt sie Grillparzer in einem Athem, und -er als nächster Nachbar muss sie doch gekannt haben. Ein -unüberlegt-vertrauliches Wort, und wenn sie in Liebe für dich verginge, -so würde sie dir doch wie eine beleidigte Königin den Rücken wenden.« - -Die Wiederholung unsrer angenehmen Erfahrungen mit dem Seidenpintsch, -dem seine schöne Herrin auf dem Fusse folgte, unterbrach weitere -Betrachtungen. Als sie sich mit leichtem Kopfnicken von uns verabschiedete, -unterliess sie es nicht, dem Blondkopf einen schalkhaften Blick zuzuwerfen, -der Hugo bis unter die Haarwurzeln erröthen machte. - -Lächerlicher hat sich nie ein liebeskranker Minnesänger benommen, als -unser Blasengel unter dem Einfluss seiner brüderlichen Rathgeber. Rupert -hatte, den günstigen Zufall ausnützend, dass das Gärtchen seiner -Hauswirthin an das zu Fräulein Baloghs Wohnung gehörige stiess, Zutritt -bei ihr zu erlangen gewusst, obschon sie sonst nicht viel Verkehr mit dem -jungen Künstlervolk pflog. Er that dies, wie er versicherte, nur um -Hugos willen, damit er ihn auf das genaueste über ihre Liebhabereien und -Antipathien zu unterrichten vermochte. Diese waren etwas veränderlich; -das blonde Bärtchen, das unserm Opfer fast gleichzeitig mit seiner Liebe -aufgesprosst war, musste sich die einschneidendsten Veränderungen gefallen -lassen, denn einmal schwärmte Ilona für vollbärtige Germanenköpfe, -das nächstemal stellte Heinrich der Vierte ihr Ideal von männlicher -Schönheit vor; bald konnte nur ein Mann mit dem aufgewichsten Schnurrbart -ihrer engeren Landsleute Gnade vor ihren Augen finden; dann wieder zwang -Hugo eine ihrer bizarren Launen, sich mit ausrasiertem Schnurrbart und -zwei fragwürdigen Kotelettes einem amerikanischen Geschäftsreisenden -so ähnlich zu machen, als es einem Blasengel nur immer möglich ist. Die -Kopfbedeckungen, Halsbinden und Sammtröcke, die er um jene Zeit trug, -lockten zuweilen die Gassenbuben auf seine Fährte. Aber das alles waren -verhältnissmässig leichte Opfer, die er seiner Herzensdame brachte; als -aber das Sommerfest der Künstler herankam und sein Gesicht von süssen -Wiedersehnshoffnungen zu leuchten begann, da zog ihn sein Peiniger bei -Seite: »Fräulein Ilona wünscht nicht, das du mit ihr tanzest, die Leute -könnten errathen, was es für ein Bewandniss mit ihrem Herzen habe.« - -Und nun stand er die ganze Nacht wie ein Säulenheiliger in der Ecke und -sah zu, wie sich die Geliebte mit jungen Männern -- auch mit Rupert -- -im Tanze drehte. Allerdings blieb der Lohn für seine Enthaltsamkeit nicht -aus. Eine dunkle Haarlocke, die, wenn nicht auf Ilonas, so doch auf einem -andern Kopfe gewachsen, eine Schleife von der Farbe, wie sie das schöne -Mädchen auf dem Feste getragen, etliche zwischen Fliesspapier gepresste -Wiesenblümelein wurden von demselben zuverlässigen Liebesboten, der seine -Bouquets abzuliefern hatte, in seine Hände gespielt. Dass wir drei die -krampfhaftesten Zuckungen durchzumachen hatten, als wir ihn dann verklärt, -als schwebe er auf Wolken, herumgehen sahen, kann uns wohl niemand -verübeln. Uebrigens fühlten Karl und ich zuweilen leise Gewissensbisse. -Ohne unser Schüren wäre Hugos Leidenschaft vielleicht aus Mangel -an Nahrung zu einem unschädlichen Häuflein glimmender Kohlen -zusammengefallen, während sie jetzt lichterloh aufbrannte. Aber unser -Hauptmann mochte von einem dramatischen Abschluss mit Enthüllungen nichts -hören. Er hatte selber zu tief in Ilonas schöne Augen geblickt, und nun -bereitete es ihm ein boshaftes Vergnügen, die heilige Einfalt zu quälen, -die sich vermass, ihre Wünsche auf denselben Gegenstand zu richten, wie -Ahlfeld selber. Da verschwand unser Blasengel eines Tags spurlos aus unserm -Kreise und aus der Stadt. - -Wiewohl ich über die Gefühle von Strassenräubern nicht sonderlich -genau unterrichtet bin, möchte ich behaupten, dass sie mit meinen und -Schönborns viel Verwandtes hatten. Wir setzten voraus, Hugo habe erfahren, -welche Narrenrolle wir ihn spielen liessen und sich, aus allen erträumten -Himmeln gestürzt, ein Leids angethan. Selbst Rupert ging merkwürdig -kleinlaut herum. Aber als nach vielen Wochen Hugo mit einem Trauerflor um -den Hut wieder in der Glorie eines Vollbärtchens und mit schärfer und -bestimmter umrissenen Zügen unter uns auftauchte, erwachte der alte -Adam sogleich wieder in ihm, und er rief dem Eintretenden entgegen: -»Landstreicher, wo hast du gesteckt? Ilona hat sich nicht wenig um dich -geängstigt; kein Tag verging, an dem sie nicht wenigstens über den -Gartenzaun hinüber nach dir fragte.« - -»Ich wurde zu meinem todtkranken Onkel berufen und vermochte, wie ihr euch -vorstellen könnt, an seinem Sterbebette nichts andres zu denken, als dass -der alte Mann mir viel gutes erwies, und dass ich ihm zum Danke dafür die -grösste Enttäuschung seines Lebens bereitet habe.« - -»Hoffentlich wurde bei deinem Erscheinen das bewusste gemästete Kalb -geschlachtet?« fragte Karl. - -»Zu Festlichkeiten waren die Umstände nicht angethan; aber der verlorene -Sohn wurde mit offenen Armen aufgenommen.« - -»Trotz deiner Grünzeugbilder?« spottete Rupert. »Dein Onkel war viel zu -nachsichtig; ich hätte es nicht über mich gebracht.« - -»Die Grünzeugbilder (übrigens waren es diesmal zwei Fruchtstücke) -bahnten die Aussöhnung an,« versetzte Hugo triumphierend, »sie wurden in -meiner Heimath ausgestellt, und mein Onkel las im Lokalblättchen allerhand -Erbauliches von einem »vielversprechenden Sohn der Vaterstadt, dem Neffen -eines unsrer angesehensten Mitbürger.« Das Zureden alter Freunde that das -übrige. Vor seinem Tode hat er mir sogar das Zugeständniss gemacht, dass -nicht jeder von Mutter Natur so glücklich begabt sein könne, um eine -Zündhölzchenfabrik mit Erfolg leiten zu können, und dass es auf dieser -unvollkommenen Welt auch »Phantasten« (nämlich Maler, Musiker, Dichter -u. s. f.) geben müsse.« - -»Und so bist du vermuthlich ein herzloser Kapitalist geworden?« fragte -Ahlfeld mit einem Stirnrunzeln; (er war keiner). - -»Mein armer Onkel hat mich zum Erben eines sehr bedeutenden Vermögens -eingesetzt,« war die Antwort. - -»Was wird Fräulein Balogh dazu sagen?« warf Schönborn aus alter -Gewohnheit, sie im Gespräch mit dem Blasengel unaufhörlich zu erwähnen, -ein. - -»Dies zu erfahren, ist, wie ich fürchte, heute schon zu spät. Ich werde -morgen meinen Besuch bei ihr machen.« - -Er zog seine Uhr heraus, und so mochten ihm die verblüfften Blicke -entgehen, die unser in diesem Augenblick nicht gerade sehr siegreiches -Triumvirat wechselte. - -»Mensch, du gedenkst doch nicht selbst ihr Haus zu betreten?« stammelte -Rupert, nach Atem schnappend, »willst du gegen ihr ausdrückliches Verbot -handeln?« - -Aber das war nicht mehr der alte Blasengel, der in unsern Händen biegsam -wie weiches Wachs gewesen. Nicht, dass er uns misstraute; aber der ererbte -Reichthum schien ihm eine bedeutende Sicherheit verliehen zu haben. - -»Dieses Verbot kann nicht für immer Giltigkeit haben,« versetzte er, -»ich muss endlich in meiner Herzenssache selber handeln; es geht nicht an, -immer meine Freunde für mich eintreten zu lassen; denkt ihr nicht auch?« - -Wir dachten im diesem Augenblick nichts anders, als dass eine Versenkung -unter unsern Füssen eine angenehme Sache wäre. - -»Es ist kein Geheimniss für euch, wie wir mit einander stehen,« sagte er -roth werdend. - -»Ja gewiss, aber überlege doch« -- - -»Ueberlegen?« er blickte Rupert befremdet an. »Solange ich ein armer -Teufel war, hielt ich es, so schwer es mir auch wurde, für meine Pflicht, -abseits zu stehen. Das ist nun anders geworden, ich vermag ihr ein -gesichertes, behagliches Loos zu bieten, kann ihre Wünsche, soweit sie die -Annehmlichkeiten des Lebens betreffen, erfüllen;« seine Augen blickten -dabei glückselig ins weite, als sähe er seine Geliebte wie eine Rose ins -weichste Moos gebettet. -- »Da Ilona keine herzlose Kokette ist, hoffe -ich, dass sie meine ehrliche Werbung annehmen wird, die sie nach allem nur -erwarten muss.« - -Schönborn und mir brach der Angstschweiss aus den Poren. Wir wechselten -einen rathlosen Blick; sollten wir ihm sogleich das Spiel, das wir mit ihm -getrieben, enthüllen? Aber Rupert kam uns zuvor. - -»Das heisst männlich gesprochen,« rief er und schlug ihm auf die -Schulter, »gehe zu ihr, wirb und lass dir von ihren Lippen dein Glück -verkünden; wir enthalten uns von jetzt ab jeder Einmischung.« - -»Das wird die würdige Krönung unsres Spasses sein,« sagte Rupert -händereibend, als sich Lichtner bald darauf verabschiedet hatte, -vermuthlich um von dem Glück zu träumen, das ihm ja so sicher war. »Aus -ihrem eigenen Munde soll er hören, was für ein lächerlicher Narr er -gewesen ist. Ich will sie sogleich einweihen.« - -Er schien Ilonas ziemlich sicher zu sein, dennoch rief ich erschrocken: -»Was fällt dir ein? Wie kannst du sie darüber aufklären, welche Rolle -wir sie in der Komödie spielen liessen?« - -»Sei ruhig; in der Beschränkung zeigt sich euch der Meister. _Ihre_ -heimliche tiefe Liebe werde ich mit einem mystischen Schleier zu verhüllen -wissen, nur von ihm soll die Rede sein. Mir ist's als hörte ich sie jetzt -schon bei dem Bericht helllaut auflachen.« - -»Und du meinst, sie wird ihre Mitwirkung dazu leihen, den Blasengel aus -allen seinen Himmeln zu reissen?« - -»Wenn ich sie bitte, gewiss.« Damit war er schon zur Thür hinaus. - -»Ehe denn der Hahn kräht, wird es einen Abtrünnigen in unserm -Junggesellentrio geben,« sagte Schönborn, der sich mit Vorliebe auf -Weissagungen verlegt, wiewohl er das merkwürdige Unglück hat, sie nie -eintreffen zu sehen, »ich wette, der arme Hugo wird morgen von der -Anzeige empfangen werden: Rupert Ahlfeld, Ilona Balogh empfehlen sich als -Verlobte.« - -»Ich wollte, wir hätten die Geschichte hinter uns,« murrte ich -verdrossen, »eigentlich haben wir uns gegen Lichtner schmählich benommen. -Ich lasse mich von Rupert zu keinem dummen Streich mehr verleiten.« - -Ein weiser Entschluss, den ich sehr oft fasste, aber unter dem Einfluss -unsres Führers stets wieder vergass. - -Als Rupert zu uns zurückkehrte, sah er zu unsrer Verwunderung alles -eher denn befriedigt aus. Er schleuderte seinen Hut in eine Ecke mit der -Bewegung eines Menschen, der, soll er nicht ersticken, seinem Aerger an -einem unschuldigen Gegenstande Luft machen muss, und warf sich mürrisch -auf einen Stuhl. - -»Die Weiber haben keinen Sinn für Humor,« brach er aus, »und Ilona ist -in dieser Hinsicht von der Natur noch kärglicher bedacht worden, als ihre -Schwestern. Glaubt ihr, sie habe die Lippen nur einmal zu einem Lächeln -verzogen, als ich ihr die himmelschreienden Dummheiten ihres Troubadours -schilderte?« - -»Hast du ihr erzählt, dass er sich wochenlang mit Häring, Wurst und -Kartoffeln vergnügt hat, damit die hübsche Nanni in unsrer Kneipe jeden -Morgen die prachtvollsten, rothen Zentifolien auf ihre Kammer trage?« -fragte Schönborn, der sich nicht vorstellen konnte, dass unser famoser -Spass ungewürdigt blieb, und der es deshalb vorzog, das Darstellungstalent -unsres Freundes anzuzweifeln. - -»Du kannst dir denken, dass ich es mir nicht entgehen liess; und was für -Farben ich auftrug! Stünden sie mir so für die Leinwand zu Gebote, dann -würde ich Makarts Ruhm in einem halben Jahr verdunkeln. Lerne einer die -Frauen aus! Statt den dummen Tropf auszulachen, schien sie Mitleid für -ihn zu fühlen. Es machte mir den Eindruck, als wäre ihr seine stumme -Huldigung nicht entgangen.« - -»Dass wir darauf nicht verfielen!« sagte ich verblüfft, »die Stadt -sprach davon, wie konnte ihr allein sein Minnedienst verborgen bleiben!« - -»Und nun ärgerte es sie vermuthlich, dass die Toggenburgerei nicht so -ganz spontan war. Sie gab mir ein Pröbchen ihres Pusztentemperaments, dass -sich mir in der Erinnerung daran die Haare sträuben. Für solche elende -Possen sei der Name eines schutzlosen Mädchens zu gut, rief sie, als sie -hörte, ich habe ihn zu seinen Narrheiten mit der Vorspiegelung bestimmt, -er entspreche durch dieselben ihren Wünschen. Mein Benehmen sei -unritterlich, eines Gentleman unwürdig gewesen; was sie über euch, meine -Gehilfen, gesagt, will ich lieber verschweigen.« - -»Also will sie nichts von der Rolle wissen, die du ihr zugetheilt?« -fragte ich, nicht sonderlich bekümmert; mir sagte die Pointe unsres -Spasses nicht so zu, wie Rupert, der seit der Rückkehr unsers Blasengels -eine seltsame Gereiztheit gegen ihn verrieth. - -»Das hat sie mir zu meinem Erstaunen doch nicht abgeschlagen,« entgegnete -er, »sie will ihn morgen Nachmittag empfangen und die nöthige Aufklärung -geben; entweder fürchtet sie, dieselbe könne aus unsrem Munde nicht -schonend genug ausfallen, oder die Freude am Komödiespielen ist, trotz -allen Mitleids für ihren Getreuen denn doch in ihr erwacht.« - -»Schade, dass wir der Entwicklung des Knotens nicht ungesehen beiwohnen -können,« meinte Karl, »der Ring des Gyges wäre jetzt gar nicht übel.« - -»Es ist noch die Frage, ob wir nicht ohne diesen zurecht kommen,« warf -Rupert hin; doch selbst er wurde ein wenig verlegen. »Bei schönem Wetter -hält sich Fräulein Balogh meist im Garten auf und empfängt auch dort -ihre Gäste.« - -»Und da belauerst du sie ohne Zweifel in euerem Gartenhause an der -Mauer! Höre Ahlfeld, du bist ein noch grösserer Thunichtgut, als ich -vermuthet,« rief Karl bewundernd. - -Wie die drei Verschworenen aus einer Operette steckten wir am nächsten -Nachmittage in dem windschiefen Gartenhäuschen, dessen Dielen zu unsrem -Aerger bei jeder Bewegung verrätherisch knarrten. Wir konnten das -Schlachtfeld genau übersehen. Kaum zehn Schritte von uns entfernt sass -Fräulein Ilona mit einer Handarbeit unter einem Kastanienbaume; sie war -um einen Schatten blässer als gewöhnlich und sah für einen Aprilspass -ungemein ernsthaft aus. Ueber den Kiespfad kam der Blasengel mit einem -Gesicht heran, das den lieben Herrgott zu fragen schien »was kostet deine -Welt?« Das Fräulein hielt wie in grosser Befangenheit die Augen auf die -Arbeit gesenkt, die Röthe, die auf ihrem Gesichte kam und ging, hätte -jeden glauben machen können, ein wirklich verliebtes Mägdlein erblicke -den Erkorenen ihres Herzens. - -»An ihr ist eine grosse Schauspielerin verloren gegangen,« flüsterte -Rupert entzückt. - -»Sie spielt zu gut,« murrte ich, »sein Sturz aus der Höhe wird -fürchterlich sein.« - -Darüber entgingen uns die ersten Worte der Begrüssung. Das Pärlein sass -nebeneinander auf einer Gartenbank. Die Sonne machte sich das Vergnügen, -ihnen goldene Funken auf das Haar zu streuen, hie und da fiel tanzend -ein Blatt vom Baume herab; das sah sehr hübsch und friedlich und für -Maleraugen ganz anziehend aus, aber mir bereitete der Anblick keinen -Genuss, denn ich -- eine ins männliche übertragene Kassandra -- sah das -Unheil unter dem Kastanienbaum brauen. - -»Ich bin glücklich, dass Sie mir diese Unterredung gewähren, Fräulein -Ilona,« begann Hugo, bei weitem nicht so zaghaft, wie ich vorausgesetzt; -(wir hatten es uns ja auch angelegen sein lassen, ihm durch die -deutlichsten Beweise ihrer Neigung die Flügel zu steifen). - -»Warum hätte ich Ihre Bitte abschlagen sollen?« erwiderte sie, »freue -ich mich doch selber, Ihnen endlich meinen Dank für die schönen Blumen -aussprechen zu können, mit welchen Sie mich jeden Morgen überraschten.« - -Wir sahen einander starr an; -- welche Idee, für Blumen zu danken, die sie -nie bekommen! - -»Wer hat es Ihnen verrathen, dass volle, rothe Rosen meine Lieblinge -sind?« - -»Ich dachte an Ihre Landsmännin, die heilige Elisabeth«, sagte er -vergnügt. - -»Und ich konnte zum Danke dafür, dass Sie der Fremden in Ihrer Stadt so -viel anheimelnd Freundliches erwiesen, nichts für Sie thun.« - -»Nichts?« fragte er vorwurfsvoll und fuhr unwillkürlich mit der Hand -nach der Brusttasche, in welcher der gekaufte Haarsträhn samt Bändern -und Blümelein ohne Zweifel wohlgeborgen ruhte. Mit Falkenaugen folgte sie -seiner Bewegung. - -»O, ich vergass; was war es nur? eine Haarlocke, eine Schleife und -dergleichen, nicht wahr?« - -Wir konnten von unsrem Versteck aus beobachten, wie sich dunkle Röthe -über ihr Gesicht ergoss und sie die Hand in den Kleiderfalten zu einer -Faust ballte. Das galt uns. Diesen Theil der Historie hatte Rupert nicht -für gut befunden, ihr zu enthüllen. - -»Ilona, wissen Sie, welche Deutung ich Ihren Andenken gab?« - -»Ich weiss es; wenn ein Mädchen, ohne Einspruch zu erheben, sich die -stumme und doch so beredte Huldigung eines Mannes gefallen lässt, wenn sie -monatelang seine Blumen annimmt und ihn sogar durch kleine Liebespfänder -aufmuntert, dann ist sie entweder eine Gefallsüchtige und nicht werth, -dass ein Mann einen Gedanken an sie verschwende, oder --« - -»Oder?« jubelte Hugo, »sprich es aus, Geliebte!« - -»Oder sie erwidert seine Neigung.« - -»Das geht zu weit«, murmelte Rupert zu meinem Erstaunen in lebhafter -Unruhe, »es ist eine unnütze Grausamkeit, so auf seine Einbildung -einzugehen.« - -Hugo hatte sich der Hand Ilonas bemächtigt, doch sie entzog sie ihm. -»Noch nicht«, sagte sie und richtete sich hoch auf. - -Jetzt kam ohne Zweifel die Katastrophe heran. Ich bekenne, dass mir das -Herz bänglich an die Rippen klopfte. Der arme Blasengel sah förmlich -rührend in seinem Glück aus. - -»Die Zeichen haben Sie betrogen, die Blumen wurden an eine falsche Adresse -befördert, die Liebespfänder von schalen Possenreissern (unsre verdutzten -Gesichter bei diesem Ehrentitel hätte ich selber malen mögen) in Ihre -Hände gespielt; das Ganze war nur ein Aprilscherz.« - -Wir durften beruhigt aufatmen, die auszeichnende Inschrift auf den -Grabmonumenten war uns gewiss; das Gesicht des Blasengels erschien grau und -hart wie ein Stein. - -»Ein Aprilscherz? Und dazu gaben _Sie_ sich her?« Geringschätzung und -Empörung stritten in seinen Mienen. - -Wir hörten deutlich, dass der leichte Ton, in dem sie antwortete, -erzwungen war. - -»Mein Gott, was soll ein armes Mädchen thun, wenn es zu seinem guten -Recht kommen will? Sitte und Herkommen stellen sich in Wehr und Waffen -gegen sie auf, sobald sie ein wenig ihre eigene Vorsehung spielen möchte; -so muss sie es denn mit Freude begrüssen, wenn andre -- und wären es -auch nur läppische Clowns -- es für sie thun. Blicken Sie mich nicht so -strafend an, Herr Lichtner, ich habe Ihnen manches zu beichten, wozu ich -eigentlich der Aufmunterung bedarf! -- Auf Schritt und Tritt haben mich -seit Monaten ein paar treue, blaue Augen verfolgt. Sie hefteten sich im -Tanzsaal auf mich, während ich mich im Kreise drehte; sie begleiteten -mich auf meinen Spaziergängen, ja selbst in den Bildergalerien sah ich -sie unverwandt auf mich gerichtet und bald las ich in ihnen wie in einem an -mich gerichteten Briefe. Der Inhalt war sehr hübsch, vielleicht ein wenig -zu schwärmerisch für unsre kühle kluge Zeit, aber welches Mädchen -liesse sich nicht mit Freuden wie eine Heilige aus dem Kalender, statt wie -das gewöhnliche Menschenkind, das sie ist, bewundern! Aber wo blieb das -lebendige Wort? »Warum kommt er nicht und spricht mich an?« fragte ich -mich oft, »So viele gleichgiltige platte Gesellen drängen sich mir auf, -weil ihnen meine Unterhaltung behagt, oder mein Gesicht gefällt, nur -der einzige, der wirklich warm für mich empfindet, hält sich abseits.« -Zuweilen grollte ich Ihnen, manchmal fasste ich tolle Pläne, die sich nie -verwirklichen liessen, um Sie aus den Ecken hervorzulocken, in welche -Sie sich wie eine Fledermaus verbargen. Bis mir endlich eine Rolle in der -hässlichen Posse zugetheilt ward und mit ihr die Gewissheit, den stummen -Mund einmal sprechen zu hören. Sind Sie mir noch böse, dass ich sie -übernahm?« - -»Ihnen Ilona? Nein, ich bin es nur mir selber. Was für ein alberner Narr -bin ich gewesen! Wie müssen Sie über den veralteten Minnewerber gelacht -haben!« - -»Gelacht? nein; vielleicht im stillen gelächelt. Und auch das nur im -Anfang. Später fühlte ich mich gerührt und beschämt. Wie Schuppen fiel -es mir von den Augen, dass mir vor vielen Würdigeren ein grosses Glück -zugefallen, dass für mich das schöne Wort Wahrheit und mir die Liebe, die -das ihrige nicht fordert, zu Theil geworden.« - -»Sie stellen mich zu hoch«, rief Lichtner, »denn ich kam, um zu fordern, -um Sie zu fordern. Ich bin nicht so genügsam und selbstlos wie Sie denken, -ich strecke meine Hand gierig nach dem höchsten Glück aus, das mir das -Leben gewähren kann.« - -»Und warum kamen Sie erst heute?« entgegnete sie mit einem -Triumphlächeln. »Weil Sie nun das Weib Ihrer Liebe in Purpur und -köstliches Linnen hüllen können, als wäre es die Königin von Saba. -Dieselbe sorgende, opferwillige Liebe spricht heute aus Ihrem Kommen, wie -ehemals aus Ihrem Fernbleiben. Sie wandelten diesmal auf einem Irrweg, -denn ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich an Wohlstand und Komfort -verschenken; -- wären Sie enterbt, ohne andre Aussichten, als Ihr Talent -und Fleiss sie Ihnen eröffnen, zu mir gekommen, ich hätte Ihnen genau -so wie heute zugerufen: Hugo, wenn Sie mich eitles, oberflächliches -Geschöpf, das Ihre grosse, aufopfernde Liebe nicht verdient, an Ihr Herz -nehmen wollen, so bin ich die Ihre!« - -Stockend, im ganzen Gesicht erglühend, sprach sie die letzten Worte. -Selbst einem in irdischen Dingen äusserst unbewanderten Blasengel musste -dies als der geeignetste Zeitpunkt erscheinen, sie stürmisch in die Arme -zu schliessen. Für uns hingegen erwies es sich als passend und angemessen, -dem Tête-à-tête endlich die wünschenswerthe Einsamkeit zu verschaffen. -Rupert lief wüthend wie ein angeschossener Eber davon (auf Monate hinaus -allen Spässen so feind, wie der griesgrämigste Schulmeister). Wir zwei -folgten ihm und trotz aller Freundschaft für ihn winkten wir einander -behaglich zu. Es erweist sich stets als im hohen Grade befriedigend für -die unbetheiligten Zuschauer (und als solche fühlten wir uns trotz -unsrer schwächlichen Vorschubleistung der Posse), wenn die Tugend an der -gutbesetzten Tafel Platz nimmt. - -»Das war ein zweischneidiger Aprilscherz«, raunte ich Schönborn ins Ohr. - -»O, ich habe von allem Anfang an vorausgesehen, dass es so kommen werde!« - -Das einzigemal in seinem Leben hatte er eine Prophezeiung für sich -behalten, und die ist in Erfüllung gegangen. - - - - -BEIM EHESTIFTEN. - - -_Mütterlich_ hiess das Losungswort. Deshalb setzte sich Adele Mühlenbruch -vor dem Spiegel ein schwarzes Wittwenhäubchen mit weisser Krause auf, Aber -es sah auf dem blonden lockigen Scheitel, über dem jungen übermüthigen -Gesicht so wenig passend aus, dass ihr Töchterchen von ihrem Platz im -Erker, wo sie Blumen auf einen Porzellanteller malte, aufstand, wobei man -entdecken konnte, dass sie um mehr als Kopfeslänge die Mama überragte, -das Häubchen abnahm und es, ohne ein Wort zu verlieren, in die Schachtel -zurückwarf. - -»Gestatte mir die Bemerkung, dass du dir gegen deine Mutter zu viel -herausnimmst,« sprach Adele, »hätte ich mir das erlaubt, dann wäre ich -zu Heulen und Zähneklappern in einer finsteren Kammer verurtheilt worden, -aber« -- ein tiefer Seufzer aus beladener Brust -- »die Kinder entarten -mit jedem Jahre mehr.« - -Sophie stellte sich vor sie hin und blickte, sie konnte nicht anders, auf -sie hinunter. - -»Willst du mir gefälligst sagen, weshalb du dich auf einmal so -matronenhaft zustutzest? Die Trauerzeit ist längst um, welchen Zweck -soll also der dunkle Kopfputz haben, der dir mindestens zehn Lebensjahre -zulegt?« - -Die ehrwürdige Mama wurde roth wie ein Schulmädchen, das sich beim -Kirschenstehlen ertappen liess. - -»Das ist _mein_ Geheimniss,« sagte sie endlich mit einem kläglichen -Versuch, ihre mütterliche Würde aufrecht zu erhalten. - -»Es ist bei Weitem nicht so undurchdringlich, wie du dir einbildest.« - -»Nun, so will ich dir es gerade heraussagen. Ich habe es satt, beständig -Anspielungen über die Jugendlichheit meines Anzugs zu hören, während du -herumgehst, als hättest du zwanzig Jahre im Kleiderschrank gehangen. Die -Leute sprechen darüber mit gewohnter Nachsicht und Menschenliebe. Gestern -liess mich erst die Tante des Runkelrübenbarons fast ohne jede Verbindung -die zwei Bemerkungen hören: ›Wie schlicht und nonnenhaft Fräulein -Sophie immer erscheint!‹ und ›Sie, gnädige Frau, wetteifern mit den -Saligen Fräulein, die nie altern.‹ Ich will keine Stiefmutter aus dem -Volksmärchen vorstellen!« Dabei setzte sie ihr niedliches Füsschen mit -grosser Entschiedenheit auf den parquettirten Boden. »Wenn du nicht heute -im hellen Kleid mit mindestens einem Dutzend himmelblauer oder rosenrother -Schleifen bei Tische erscheinst, dann setze ich nicht nur den Greuel -aus der Schachtel auf, ich hülle mich auch noch in irgend eine ganz -unmögliche härene oder sackleinene Kutte.« - -»Das wäre unverantwortlich gegen unseren Gast. Es würde ihn an die -Antwerpener Kathedrale erinnern, die den Andächtigen gratis offen steht, -nur bleibt das Schönste darin, Ruben's Kreuzabnahme, hinter grünen -Vorhängen versteckt.« Dabei strich Sophie patronisirend über den -lockigen Scheitel. - -Mama verlor beinahe die Geduld, obschon sie Sophiens unkindliches Benehmen -gewohnt sein sollte. Seit jeher wurde sie von dem sehr energischen -Fräulein wie ein unflügges Nestkücken behandelt. Das rührte davon her, -dass Adele sich im Pensionat unter die wissenschaftlichen Fittiche ihrer -Busenfreundin zu flüchten pflegte, so oft ihr die höhere weibliche -Bildung, Schliemann's Ausgrabungen, die Algebra, das Nibelungenlied -Augenblicke des Strauchelns bereiteten. - -Aber Alles zur rechten Zeit! Wenn man im Stillen den Plan ausgeheckt hat, -seine Tochter zu verheirathen, dann kann man unmöglich Geschmack daran -finden, sich von ihr beschützen und bevormunden zu lassen. Schmollend -stellte sich die junge Wittwe an's Fenster. Sophie betrachtete sie eine -Weile mit dem Wohlgefallen eines Künstlers an seinem gelungenen Werk. - -»Kleine Mama, ich glaube, dass du noch hübscher geworden bist, seit du -mich hierher begleitet und mein alter grämlicher Herr Papa (mit dem -ich mir das Zusammenleben als eine Art von Pönitenz für die lustige -Pensionszeit vorgestellt) so gescheidt war, sich auf den ersten Blick in -dich zu verlieben.« - -Frau Mühlenbruch bewahrte ihrem abgeschiedenen Gemahl, der die blutarme -Offizierswaise vor der drohenden Stiftsdamenlaufbahn bewahrt, eine dankbare -Erinnerung, aber die Wahrheit zu gestehen, auf den Tag, da die Posaune des -jüngsten Gerichts die durch den Tod getrennten Ehepaare für ewige -Zeiten zusammenfügen wird, freute sie sich nur mässig: Ein kleinlicherer -Haustyrann als der verstorbene Commerzienrath hat wohl selten die Bühne -des Lebens beschritten. So drückte sie denn bei dieser Mahnung an ihn das -Taschentuch nicht gerührt an die Augen, sondern versetzte, vollständig -mit ihrer Beschützerin ausgesöhnt: - -»Damals hast du ohne eine Spur von Selbstsucht Kranz und Schleier in -meinen Haaren befestigt; es ist nichts als billig --«. Dabei brach sie -ab, biss sich auf die Lippen und wandte ihr purpurrothes Gesicht wieder der -kahlen Lindenallee zu, die von dem Schlösschen zum Bahnhof führte. - -Sophiens Gesicht überflog ein Lächeln. - -»Zur Diplomatin bist du nicht geboren, liebes Kind,« murmelte sie -unhörbar. - -Woher Frau Adele eigentlich den Muth nahm, dem Himmel in's Handwerk -zu pfuschen, ist schwer zu sagen. Der junge Mann, dessen künftige -Glückseligkeit sie zu begründen dachte, hätte vermuthlich einen weiten -Bogen um das Schlösschen gemacht, wenn er eine Ahnung von ihren Plänen -gehabt, denn obschon kein Frauenhasser, hatte Robert v. Eichberg bisher -nicht die leiseste Sehnsucht nach ehelichem Glück zur Schau getragen. -Dem früheren flotten Reiteroffizier und jetzigen reichen Gutsherrn auf -Eichberg wären sonst ohne Zweifel die Thüren, an die er gepocht hätte, -bereitwillig aufgemacht worden. Er war ein entfernter Vetter von Adele, -doch hatte sie ihn seit ihren Kinderjahren nicht gesehen. Damals ein -tölpelhafter, derber Junge, der sich im Hause ihres Vaters auf den -künftigen Feldmarschall vorbereitete, hatte er seine Mussestunden damit -ausgefüllt, das kleine Mädchen zu hänseln und zu ärgern. Doch -schien sie alle Frevelthaten gegen ihr Kätzchen und ihren Kanarienvogel -grossmüthig vergeben und vergessen zu haben. Wäre er eine Patentmedicin -gegen alle erdenklichen Uebel und sie die Erfinderin derselben gewesen, -sie hätte ihn nicht begeisterter loben können. Er besass so viel -Herzensgüte! Gleich nachdem er die Verwaltung von Eichberg angetreten, -hatte er aus seinen Privatmitteln die Dorfschule umgebaut. Ihn zeichnete -solch ein reger Familiensinn aus, was man auch schon daran zu erkennen -vermochte, dass er, nachdem er sein Bäschen seit mehr als zwölf -Jahren nicht gesehen, ihr urplötzlich seinen Besuch -- von einer -landwirthschaftlichen Ausstellung auf weitem Umweg heimfahrend -- -ankündigte; aber ausser diesem Beweis hatte er auch noch eine alte -Tante, die in kümmerlichen Verhältnissen lebte, sorgenfrei gestellt, die -Erziehung ihrer Söhne aus seiner Tasche bestritten; kurz, wenn man der -eifrigen Sprecherin glauben wollte, dann wird das Jahrhundert zu Ende -gehen, ohne einen zweiten Menschen, der ihm gleicht, hervorzubringen. - -»Die von dir geschilderten Charakterzüge berechtigen allerdings zu den -besten Hoffnungen,« versetzte Sophie mit undurchdringlichem Gesicht; -nur um ihre Mundwinkel zuckte der Schalk. Die Mama fiel ihr ohne jeden -sichtbaren Anlass um den Hals. Doch hätte sich ihre Befriedigung -vermuthlich weniger stürmisch geäussert, wenn sie Sophiens Gedanken -gelesen, denn diese sehr scharfblickende Dame hatte über den -angekündigten Besuch ihre eigene, von der Mamas sehr abweichende Meinung. - -»Papas Testament soll ihm nach dem vollen Wortlaut bei erster Gelegenheit -als Erfrischung vorgesetzt werden,« sagte sie für sich, während ein -nicht allzu freundschaftlicher Blick dem staubumwirbelten Wagen, der in -diesem Moment die Lindenallee herauffuhr, entgegenflog. - -Zweifle Einer an der Stimme des Blutes! Ohne sich zu besinnen, eilte der -junge staatliche Mann auf Adele zu, wiewohl ihre kleine zierliche Gestalt -von der imposanten Stieftochter förmlich beschattet wurde, und drückte -und schüttelte ihr die Hände mit so ehrlicher Freude im Gesicht, dass -selbst die eherne Sophie ein wenig zu schmelzen anfing. Herr Robert von -Eichberg machte übrigens durch sein Auftreten einen Eindruck, als eigne -er sich eher für die Rolle eines Naturburschen, als für die eines glatten -Hofmannes. Dass sich noch eine zweite Dame im Zimmer befand, schien ihn -gar nicht zu kümmern. Frau Adele, als stellvertretende Vorsehung, hätte -gewünscht, dass er vor der majestätischen Erscheinung Sophiens geblendet -stehen und seine unbedeutende Cousine im vierten oder fünften Glied -vollständig übersehen solle. Statt dessen blickte er sie, die ehrwürdige -Matrone, mit einem naiven Vergnügen an, etwa wie ein kleiner Junge den -lichterbesteckten Christbaum. Aber sie wollte ihm die Augen öffnen! - -»Robert,« sagte sie mit Nachdruck, »dies ist meine Tochter Sophie.« -Da aber verfiel der Vetter in seine alte Kinderkrankheit. Er brach in ein -schallendes Gelächter aus. Adele zog befremdet die Augenbrauen in die -Höhe. - -»Entschuldigen Sie meine unzeitige Heiterkeit,« sagte Robert und fing von -Neuem zu lachen an, »aber der mütterliche Beschützerton, Cousinechen, -klingt in Ihrem Munde zu komisch;« vertraulich wandte er sich an Sophie, -»sie ist wohl sehr streng, die ehrwürdige Mama, und wenn Sie nicht auf -den Wink gehorchen, setzt es Fasten und Hausarrest?« - -Aber der freundschaftlichen Anrede antwortete kein Echo. - -»Ich bin neugierig, wie oft du mich noch durch die Betonung deiner -Autorität vor Fremden lächerlich machen wirst!« sagte das Fräulein -in weinerlichem Ton zu Adele, »und du willst keine Stiefmutter aus dem -Märchen vorstellen!« - -Mama war verblüfft. Herr Robert aber bildete sich in tiefer -Menschenkenntniss ein unfehlbares Urtheil über die junge Dame. - -»Das ist eine unangenehme Person,« dachte er. - -Man setzte sich, Fräulein Sophie in gemessener Entfernung von den -Anderen, als gehöre sie nicht zu ihnen. Darüber hätte sich schier ein -erleichtertes Aufathmen der Brust des jungen Mannes entrungen. Doch war -sie leider nicht so vertieft in ihre Porzellanmalerei, um nicht von Zeit -zu Zeit eine boshafte oder schulmeisternde Bemerkung in das Gespräch -einzuwerfen. Als Adele wissen wollte, wie es bei der Ausstellung -zugegangen, klang es ätzend vom Fenster herüber: - -»Ohne Zweifel wie immer. Du hättest dir deine Frage füglich ersparen -können. Ausstellungen sind nur dazu da, damit die Herren Landwirthe Madame -Cliquot bereichern und den Klatsch der Gegend austauschen können.« - -»Sie ist das reine unverfälschte Scheidewasser,« sagte Rudolf für sich -und warf einen scheuen Blick in den Erker hinüber, »das Dasein, das meine -arme kleine Cousine in Gesellschaft ihrer Stieftochter führt, muss Alles -eher, denn erquicklich sein.« - -Frau Adele seufzte. Was für Sorgen bereiten Einem doch die Kinder, -besonders wenn sie erwachsen sind! Von Rechtswegen hätte sie sich -es verschwören sollen, je wieder Pläne zum Heil der Undankbaren zu -schmieden, denn ohne ein Wort der Entschuldigung entwich sie plötzlich -aus dem Zimmer, als sich der Gast, freilich nicht allzu rücksichtsvoll, -in Jugenderinnerungen vertiefte. Aber Frau Mühlenbruch befand sich auf -der Höhe ihrer Aufgabe. Wie ein Cicerone von Uebung und Beruf wies sie dem -Vetter alle Schätze ihres Hauses, Vasen und Decorationsteller, die -Sophie bemalt, Kreidezeichnungen und Aquarellbilder, das Werk ihrer -Künstlerhände, Makartbouquets, die nur sie so geschmackvoll zu ordnen -verstand, Kissen, Decken und Stuhlbezüge, die sie gestickt. - -»Da, Barbar, wirf dich vor solchen das Leben verschönernden Talenten -bewundernd auf die Knie,« schien ihre Triumphmiene zu fordern. Aber Robert -traf nicht einmal mit guten Vorsätzen Anstalten dazu. Ihm kam der -Gedanke, um wie viel angenehmer die Wanderung durch Galerien und -Raritätensammlungen wäre, wenn statt des näselnden Leiertons der Führer -solch' eine wohlklingende, einschmeichelnde Stimme bei den Erklärungen -erschallte. Und als sie verstummte, bemerkte er wie erwachend: - -»Es muss Ihnen manche Annehmlichkeit bieten, dass eine so viel ältere -Freundin Ihnen Gesellschaft leistet und das Haus ausschmückt.« - -»Viel älter?« sie blickte ihn strafend an, »Sophie zählt kaum zwei -Jahre mehr als ich.« - -»O, ich behaupte nicht, dass sie alt aussehe; nur Sie, Cousinechen, sind -ganz unbegreiflich jung geblieben.« - -Sie war böse auf sich, aber sie musste lächeln. Vetter Robert hatte so -eine ungeschminkte ehrliche Art, seine Bewunderung auszudrücken. Wenn es -ihr gelänge, dieselbe an die richtige Adresse zu leiten, so könnte Sophie -in allen Erdtheilen keinen liebenswürdigeren Gatten finden. - -Getreu dem mütterlichen Gebot erschien Fräulein Mühlenbruch bei -Tische wirklich mit einem wohlgezählten Dutzend himmelblauer Schleifen -geschmückt. Aber die heimtückische junge Dame hatte sie in äusserst -merkwürdiger Weise vertheilt. An beiden Schultern standen zwei himmelblaue -Henkel in die Höhe, das nicht eben üppige braune Haar wurde von einem -Bandknoten zusammengehalten, dessen Enden bei jeder Bewegung um den Kopf -flatterten (»wie bei einer überlebensgross gerathenen Confirmandin,« -dachte Mama entsetzt), kurz, wenn sie einige Jahre Studium darauf -verwendet, eine Caricatur aus sich zu machen, so hätte es ihr nicht besser -gelingen können. Doch sollte die Arglistige nicht straflos ausgehen. Als -der Kaffee aufgetragen wurde, stiess sie plötzlich einen Schreckensruf aus -und verschwand, wie von Furien gejagt, aus dem Zimmer. - -Adele blickte erstaunt auf. Durch die hohen Glasfenster sah sie eine lange, -magere Gestalt auf das Schloss zuschreiten. Sollte diese Sophie in die -Flucht getrieben haben? Sonst hielt sie mit musterhafter Geduld dem Manne, -ihrem Gutsnachbar, stille, selbst wenn er auf sein Steckenpferd, die -Runkelrüben, kam; sie lauschte seinen Erklärungen über eine neue Dresch- -oder Säemaschine mit der Miene einer begeisterten Adeptin, während -Mama sich meist zurückzog, da sie in der Nähe des Barons Hellmer von -Schlafsucht befallen wurde; warum entschlüpfte das unberechenbare Mädchen -heute bei seinem Erscheinen? Aber zu weiterem Nachdenken war keine Zeit; -der neue Gast trat ein. Er nahm die angebotene Tasse Kaffee an und blickte -suchend umher. - -»Ich hoffe, Fräulein Sophie befindet sich wohl?« - -Frau Mühlenbruch war in Verlegenheit. Glücklicher Weise trat das -unbotmässige Töchterchen bald wieder ein, wie gewöhnlich einfach und -dunkel gekleidet, das Haar in einen Knoten aufgesteckt, die Verkörperung -ruhiger Vernunft und kühler Klugheit. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem -Runkelrübenbaron zuwendete, blieb der Mama nichts übrig, als sich Robert -zu widmen. Vielleicht wäre es nicht unumgänglich nöthig gewesen, dabei -so leuchtende Augen und geröthete Wangen zu bekommen, doch entschädigte -sie Sophie gewissenhaft. Als diese mit Baron Hellmer durch den Park und -über die nun kahlen Felder schritt, Verbesserungen in der Wirthschaft -besprechend, folgte sie mit Eichberg und verbreitete sich wie vorhin über -die künstlerischen, nun über die praktischen Vorzüge Sophiens. Um das -lichte Bild im breitkrämpigen Hut und wasserdichten Stiefelchen mit seinem -Hintergrund nahrhafter Thätigkeit besser hervortreten zu lassen, malte -Adele sich selber mit Tusch. Im Schaukelstuhl, eine Novelle von Heyse in -der Hand, verträume sie die Zeit, während Sophie in Regen und Sonnenbrand -die Wirthschaft leite. - -Es war ihr erster Versuch im Ehestiften, sonst hätte sie sich vielleicht -gesagt, dass Robert, wenn er auch ein wenig verbauert sein mochte, sich -doch lieber von zierlichen Goldkäferpantöffelchen, als von schweren -Wasserstiefeln regieren lassen wollte und trotz seiner Ueberzeugung vom -Nutzen des Düngers nicht wünschte, dass ihm dieser aus den Kleidern -seiner schöneren Hälfte entgegenschlüge. - -Immerhin bildete die gemeinsame Beschäftigung eine Brücke zwischen Sophie -und dem jungen Mann. Ihre bewaffnete Neutralität wäre ohnehin nicht -aufrecht zu erhalten gewesen, da Robert, ohne sich lange bitten zu lassen, -seinen Besuch auf mehrere Tage ausdehnte. Fräulein Mühlenbruch liess -sich herbei, mit ihrer gewohnten kühlen Ruhe zu antworten, wenn er sie -anredete; sie mieden einander nicht mehr auffällig und pflogen zuweilen -sogar längere Zwiegespräche. Frau Adele begann zu glauben, dass ihr -geheimer Plan der Verwirklichung entgegenreife. Aber sie machte nun die -Erfahrung, dass das erreichte Ziel bei Weitem nicht so verlockend ist, als -man, es erstrebend, gedacht. Ihr Lachen bekam in den letzten Tagen einen -etwas erzwungenen Klang, ihre Augen einen Ausdruck der Ermüdung, fast, als -hätte sie Nachts wenig Schlaf gefunden. Und während Sophie heiterer und -lebhafter wurde, je länger Robert auf dem Schlösschen verweilte, erschien -die junge Frau stiller und gedrückter. Dennoch behielt sie vor den Zweien -ziemlich tapfer die Maske der zufriedenen, in dem Glück der Kinder das -ihre findenden Mama bei, aber als sie allein in ihrem Zimmer sass und -den Vetter mit Sophie im eifrigen Gespräch über die Kieswege des Parkes -wandern sah, hielt sie die Verstellung für überflüssig und liess -die Betrübniss, die sie empfand, sich ganz deutlich auf ihrem Gesicht -spiegeln. Denn unten verhandelte man Wichtiges, Entscheidendes. Robert -legte seine Hand mehr als einmal betheuernd auf die Brust, und Sophie -antwortete mit ihrem freundlichsten Lächeln. Frau Adele denkt im Stillen, -die Beiden werden eine Ehe führen, um welche sie alle Engel im Himmel -beneiden können. Das Glück, das sie gestiftet, verleitet sie zu -Vergleichen; aber das Zusammenleben mit dem grämlichen Herrn Mühlenbruch -erscheint dabei nicht in seiner günstigsten Beleuchtung. - -Das Pärlein unten trennt sich mit einem Händedruck, dessen Wärme sie -durch alle Mauern zu verspüren glaubt, Robert schreitet dem Schlösschen -zu, seine Schritte nähern sich ihrer Thüre. Sie weiss, weshalb er kommt. -Ihre Finger greifen nach der Wittwenhaube, aber was soll ihr in diesem -ernsten Augenblick der Mummenschanz? Sie wird mit äusserlicher Fassung -ihren mütterlichen Segen zu der Verbindung aussprechen, die sie -herbeigeführt. Wie ihr dabei zu Muthe ist, das soll kein Lebender -erfahren. Wäre es nur vorüber, hätten die zwei Glücklichen ihrem -einsamen Wittwensitz bereits den Rücken gewendet! - -Einige Minuten später tanzen alle Kunstwerke, die Sophiens Hände -geschaffen, im Kreise um die junge Frau herum und nehmen Ständer und -Tischchen mit. Als sie sich wieder auf ihre Plätze verfügten, befand sich -Adele an Robert's Brust. Und nun erfuhr sie, dass er um ihretwillen die -Fahrt in das Schlösschen angetreten, ein gelieferter Mann, noch bevor er -kam. Vor etlichen Wochen hat er auf dem Bahnhof in Hannover (wo Adele, -wie sie sich jetzt erinnert, eine Freundin besucht) ein Billet für -eine fremde, rathlos im Gedränge stehende Dame gelöst. Sie hatte den -hülfreichen Mann schleunigst vergessen -- solche kleine Ritterdienste -mochten ihr oft genug erwiesen worden sein. Ihm aber hatten es ihre -übermüthigen braunen Augen angethan; er spürte ihr nach, erfuhr, dass -es sein eigenes Bäschen sei, das ihn bezaubert, und so hatte er sich -aufgemacht, sein Glück zu suchen. - -Adele befreite sich plötzlich aus seinen Armen. - -»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus,« sagte sie stockend und wurde -feuerroth, »wenn ich mich nochmals verheirathe, fällt das ganze -Mühlenbruch'sche Vermögen an Sophie.« - -Ein tiefer Athemzug hob seine breite ehrliche Brust. - -»Ich weiss es« (Fräulein Sophie hatte ihn erst vor einer Viertelstunde -mit dem Testament bekannt gemacht), »aber, Liebchen, eine kleine warme -Kirchenmaus hat mir seit jeher mehr Sympathie eingeflösst, als ein kalter -klebriger Goldfisch.« - -Sophie kam herein und wünschte mit freudigem Gesicht den Verlobten Glück. - -»Kleine Mama,« flüsterte sie lachend Adelen in's Ohr, »für einen -ersten Versuch ist dir das Ehestiften nicht schlecht gelungen.« - -Frau Mühlenbruch zeigte eine zerknirschte Miene. »Ich wollte meine -mütterliche Pflicht gegen dich erfüllen,« sprach sie leise, dem Weinen -nahe. - -»Das war vollständig überflüssig; ich bin schon seit drei Wochen mit -Helmer verlobt. Ich habe nur gewartet, bis ich dich versorgt und aufgehoben -weiss, denn dich, unmündiges Kind, allein auf Juliusruhe zurück zu -lassen, erschien mir als Grausamkeit.« - - - - -IM HERBST. - - -Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben? -Wenn man es recht bedenkt, nein, denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse -zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit, -die Zeit der Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang zum gefürchteten, -ertragsarmen Sommer, der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche -ist, in welcher sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzt. Und er wusste -gut genug, dass all der beglückende Unsinn: Nachtigallenschlag, Rosenduft, -eine kleine Hütte im Grünen, braune Augen und blonde Locken nichts für -ihn seien. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon -gelassen, was insofern nicht schwer war, als er, vom frühen Morgen bis zum -späten Abend rastlos umherlaufend, um unartige Bengel in die Mysterien der -Dur- und Mollscalen einzuweihen, nicht mehr von der Versuchung, glücklich -zu sein, empfand, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und -Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten eingeschlagen hätte. -Aber da war das Schicksal boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem -Präsentirbrett sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne die geringste -Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in welcher -sich obendrein eine Thüre befand, die sehr mangelhaft von einer Seite -durch ein Clavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen -Fähnchen behängten Kleiderschragen verbarricadirt war. Am Abend pflegte -Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von -Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervor zu holen, -ohne praktischen Nutzen, da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen -Fingerübungen hatten, weit überflügelten. Als er nun einmal wieder ein -paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob -sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer eine helle, -frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etuden tapfer mit, die Läufe -selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen -Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in -den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu oft, denn als man ihm noch die -dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die -Claviatur erreiche, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den -Klimperkasten fest. - -Das Interesse an der Nachbarschaft hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja -zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom -»Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden muss, um ihn eine Stunde -lang festzuhalten, schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte, regten -sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als -sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich an's Fenster, zum erstenmal im -Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? das ist kein Wort; hübsch -ist am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber nicht Jede hat solch ein -pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt, -solche lustig in die Stirn fallende Locken, so ein rosiges Gesicht. -Die Augen kann er nicht sehen, aber sicher blitzen sie in Uebermuth und -Lebensfreude. Frau Lechleitner bringt ihm die obligate Cichorienbrühe -herein, und er getraut sich, in unbefangener Weise die Worte hinzuwerfen: -»Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleusse -ist geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr -Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit, aufnehmen, man weiss ja, was dabei -»herausschaut«. Aber die Franzi kennt sie schon von klein auf, hat ihr -manchen Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden -monatlicher Pension war, und die »Zimmerherrn« sind so unverlässlich, -womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben will, -der pünktlich wie eine Uhr ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's Mutter -war ihre beste Freundin und ihren Vater hätte sie einmal heirathen -sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die -Siebenbrunnerwiese spazieren ging. - -»Das haben Sie mir schon erzählt!« ruft Leonhard verzweifelnd aus. - -»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut mit -einander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi -schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.« - -Frau Lechleitner wird nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu -rühmen. Vor ihm steigt dräuend das Bild einer mit tausend Spitzen und -Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem -pharisäischen Tugendstolze alleinstehender braver Mädchen. Und er weiss -nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen -soll, mit welcher ihn die Hauswirthin, die Anwesenheit der hübschen -Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überrascht. - -Ziemlich trübselig erwartet er, in die Ecke des alten Sophas gedrückt, -sein Schicksal. Die Thür geht auf, lachend und schwatzend und ein wenig -verlegen kommt die sanglustige Nachbarin herein. Sie ist keine Jungfrau in -Wehr und Waffen, sondern ein herziges kleines Ding voll drolliger Einfälle -und -- gerade nur zur Würze -- etwas schnippisch. Nach den ersten paar -Minuten erscheint ihm die versessene Sophaecke als das behaglichste -Plätzchen der Welt. Als er die ungeheuere Tasse Kaffee, die ihm -die Hausfrau reicht, über das Tischtuch und Franziskas neues Kleid -ausschüttet, weiss sie das Unglück mikroskopisch klein zu machen; -natürlich lassen sich die Flecken entfernen, wird das Kleid gewaschen wie -neu aussehen! Wie sich ihm das schüchterne Herz in der Brust dehnt, wie -seine blauen Augen, das einzige Anziehende in dem unjugendlichen Gesicht, -zu leuchten anfangen! Heute scheint die Sonne ganz anders als sonst, -Frühling, Frühling! zwitschern die Spatzen auf der Strasse. -- In seiner -Stube entlockt er dem Flügel stürmische, jauchzende Weisen, stürmisch -und jauchzend singt die Spottdrossel nebenan, und Frühling, Frühling! -klingt es aus den Tönen. - -Durfte Leonhard Gruber einen Frühling haben? In den Händen hielt er -einen Brief; mit leisem Bangen, wegen dessen er sich herzlos und unkindlich -schalt, öffnete er ihn. Oft kamen Episteln von derselben Hand, sie sind -mit Klagen über Einschränkungen erfüllt, wie Luise noch immer im alten -Kleide gehe, Lina einen Mantel brauchte, wie trostlos das Geschick einer -Witwe und armer Waisen sei, die ihres Ernährers beraubt worden. Drei -Viertheile von Leonhard's Verdienst wandern nach Mureck, seit Jahren hat er -keine Oper, kein gutes Concert besuchen können, im Winter trägt er dünne -und im Sommer dicke Kleider, wie sich das bei armen Teufeln trifft, aber -so oft er ein solches Schreiben liest, erscheint er sich wie ein schwarzer -Missethäter. - -Diesmal jedoch enthält es eine Freudenbotschaft. Das heisst, einem Anderen -würde sie vielleicht nicht so sehr verheissungsvoll klingen, da sie ihm -zunächst noch mehr Entbehrungen auferlegen wird. Aber mein Leonhard Gruber -verspricht sich leicht einen schönen Tag, so oft ein winziges Stückchen -blauen Himmels durch graue Wolken bricht: der zweite Sohn des alten -Organisten wird, Dank dem adeligen Schlossherrn von Mureck, der Leonhard's -musikalische Ausbildung ermöglichte, einen Stiftplatz am Wiener -Conservatorium erhalten. Was dem älteren Bruder versagt geblieben, soll -dem jüngeren zu Theil werden. Leonhard wird ihm jeden Stein aus dem Weg -räumen, damit er sich ungehindert der anspruchsvollen Frau Musica widmen -könne, aber wenn nun Karl ein berühmter Künstler geworden, dann kann er -die Sorge für die Familie übernehmen. - -Und dann verlobte sich Leonhard. Warten? Ob es Franzi recht ist! so hat sie -es stets geträumt, wenn in ihrem Köpfchen der Gedanke an ein eigenes Haus -aufgetaucht. Stück für Stück zum Bau des Nestes herbeitragen, bis es -gezimmert und ausgepolstert ist, das muss ungleich hübscher sein, als in -ein von Tischler und Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen. - -Daheim waren sie Anfangs geneigt, es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass -er sich mit vermessenen Gedanken an einen eigenen Herd trug, aber da an die -Ausführung nicht gegangen werden sollte, bevor Karl eine feste Stelle in -der Welt errungen, gab die Mutter in Gnaden ihre Einwilligung. - -Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine Lehrer knüpften hohe Erwartungen an -ihn, aber dem genialen Burschen gebrach es an einer Kleinigkeit, es war -ihm nicht ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, dem Leben. Das Glück -heftete sich Anfangs an seine Fersen. Er hatte kaum den Schulstaub -abgeschüttelt, da lud ihn der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen, -zu einer Abendgesellschaft ein. Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge -Künstler kam in Mode. Aber die Mutter wandte sich nicht an ihn um Hülfe -in ihren endlosen Nöthen, denn uneröffnet lag ein ganzer Stoss von -Familienbriefen auf seinem Clavier. Während der Schülertage hatte er Bett -und Tisch des Bruders getheilt, aber die kleine, schlecht beheizbare -Stube im entlegenen Vorstadthaus war kein passender Aufenthalt für -einen gefeierten Virtuosen. Auch verdarb ihm das lästige Mitsingen im -Nebenzimmer -- ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs Jahren klang es -freilich nicht mehr -- jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, machte -ihm das Leben zur Qual. Er miethete sich ein passendes Künstlerheim an -der Ringstrasse. So kirchenstill es in den Augenblicken, da er mit der Muse -Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, so laut liebte er seine Gesellschaft -in den vielen Erholungsstunden. Er besass eine Leidenschaft für alle -schäumenden Getränke, und die Gasflammen einer Wirthsstube lockten ihn -wie eine Motte an. - -Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann liess er sich wie in seiner Schulzeit -vom älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich dieser beileibe keine -Vorstellungen erlauben, sonst liess sich der Virtuose Monate lang nicht -blicken. Und Leonhard, gutmüthig, schwach und unaufhörlich von der Furcht -gequält, er erfülle schlecht das Versprechen, das er dem sterbenden Vater -gegeben, suchte ihn dann wohl zuerst auf und gab gute Worte. - -Franziska, der in letzter Zeit zuweilen der Gedanke gekommen, dass man auch -Pflichten gegen sich selber habe, vernahm es denn auch ohne das leiseste -Bedauern -- wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren Bräutigam ihren -Gefühlen keinen beredten Ausdruck lieh --, dass Meister Karl, eine -ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor Thau und Tage aus Wien entwischt -war. Es geschah ihm dadurch kein Leid, im Gegentheil, jetzt erst befand -er sich in seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde einer der modernen -Landstreicher, die herrlich und in Freuden, von Bierquelle zum Weinborn -pilgernd, leben, wenn ihnen ein insipides Getränk, das Wasser, bis in den -Mund reicht, unter Aufzählung ihrer Titel und Orden »ein einziges Concert -auf der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten und dem geschmeichelten -Localpatriotismus so viel erpressen, um ihren Kahn eine Weile flott zu -erhalten. - -Monate lang ging Leonhard niedergedrückt, eine Beute heftiger -Gewissensbisse umher. Es war sträflicher Leichtsinn gewesen, ein -blühendes, junges Leben an das seine, das er Anderen verpfändet hat, -zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, in das der Wind gefahren, lagen seine -Hoffnungen auf dem Boden. - -»Wir müssen eben warten,« tröstete ihn Franzi, aber es klang anders -als vor Jahren, da sie im Warten die eigentliche Würze ihres Brautstandes -gesehen. »Wie könnte mir einfallen, Dich von Deiner Pflicht abwendig zu -machen!« Leonhard's Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; ein -anderer Bruder theilte sie. Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, des -Herrn Pfarrers von Mureck, sollte er einige Jahre Theologie studiren, dann -war ihm ein Pfarramt gewiss. Das Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne -auf dieses künftige Glück: Natürlich wird das Pfarrhaus im Grünen -liegen, Weinlaub daran emporklettern, ein Garten voll Aepfel- und -Birnbäumen es umschliessen -- Franzi wässert schon jetzt der Mund nach -den saftigen Früchten --, man kann nicht allein darin hausen, Mutter -und Schwester werden zum Seelenhirten ziehen. Wenn Ignaz es erlaubt, warum -sollte er nicht? sein ältester Bruder theilt ja auch jeden Bissen mit ihm, -dann kommt Leonhard mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn seine Schüler -auf das Land geflohen sind, zur Erholung zu ihm hinaus. O, es wird herrlich -sein, frische, stählende Bergluft Wochen, Monate lang einzuathmen. -Franziska ist nun 26 Jahre alt und sehr praktisch. Ihre Augen haben viel -von ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die Lippen, statt zu lachen, -schliessen sich oft fest auf einander. Aber wenn sie in glücklichen -Träumen schwelgt, dann zeigen sich die Grübchen in Wange und Kinn, und -ein rosiger Hauch färbt ihr Gesicht. - -»Niemand würde sie für älter als zwanzig halten,« meint bewundernd -Leonhard. Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken einstimmt, nimmt ihn -nicht Wunder. Was kümmert sich so ein angehender geistlicher Herr um -Frauenschönheit? Aber freilich, etwas zugänglicher für Freud' und Leid -der Menschen um ihn dürfte er sein! Wird er doch einmal seiner Gemeinde -in Freud' und Leid beizustehen haben. Aber er gehört zu der neuen Schule -kirchlicher Streiter, ist hohlwangig und blass und hat ein düsteres Licht -in seinen Augen. Wenn Leonhard und Franziska Lustschlösser aufthürmen, -wirft er verächtliche Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen versucht -er es, sie auf das Reich Gottes hinzulenken; leider vergeblich. Franzi, -wie die Meisten ihrer Landsmänninnen, hat nicht das geringste Talent zur -Asketin, und wie Leonhard's Anlagen auch beschaffen sein mögen, an der -Seite seiner Braut, die er nun bald heimzuführen hofft, denkt er nicht an -Weltentsagung. - -Er war Enttäuschungen so gewohnt, dass er nicht zusammenbrach, als sein -Bruder, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, in einen Mönchsorden -der strengsten Regel eintrat und schwere Klosterpforten zwischen sich und -die Welt, die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, schob. In Mureck waren -sie fromm genug, nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja noch immer der -Aelteste; »einen gar braven Buben«, nennt ihn Frau Gruber, aber sie ist -doch stolzer auf den geistlichen Sohn, der es zu hohen Würden bringen -wird, da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen wusste. - -Franziska wurde todtenbleich, als dieser Blitz ihre Lustschlösser -zertrümmerte. - -»Wir werden nie einander angehören!« rief sie und brach in Thränen aus. -Wenn er sie verlor, dann schwand jede Freude aus seinem armseligen Leben, -er wurde ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der Strasse. Aber konnte -er ihr zumuthen, noch länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast -aussichtslosen Neigung zu opfern. Das erste Wort, mit dem er sie, -Verzweiflung in der Stimme, frei gab, brachte sie zu sich. - -»Mein Leonhard, wir warten geduldig auf einander, wie bisher«; aber es -war nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, als sie hinzusetzte: »Es -sei denn, Du möchtest mich nicht mehr.« - -Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. Wieder arbeiteten sie Jahre lang -neben einander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. Franziska wusste, dass -sie verblühte. Sie baute keine Zukunftspläne mehr und gab sich Mühe, -so rührend genügsam wie ihr Bräutigam zu werden, dessen Gesicht -sich verklärte, wenn er einen Sonntag Nachmittag mit ihr im Wienerwald -verbringen durfte. - -Da griff der Zufall plötzlich in ihr Leben umgestaltend ein. Leonhard -ging mit elastischen Schritten umher und summte die Melodien, die, wenn -günstigere Sterne über ihm gewaltet, vielleicht den Weg in die Welt -gefunden hätten. - -Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, wie ein Schiffbrüchiger auf -fremdem, unwirthlichem Strand in Amerika gelandet. Ach, da war kein Wirth, -der borgen wollte, kein Concertsaal, der sich öffnete, so lange ihm der -Wind durch die Taschen pfiff. Um nicht zu verhungern, sah er sich nach -Schülern um und da er in der That glänzend spielte, eine unverlegene -Zunge besass und mit einem Hoftitel aus einem kunstsinnigen deutschen -Herzogthum die Leute zu blenden vermochte, fehlt es ihm bald nicht an gut -bezahlten Clavierstunden. Nach einigen Monaten trat er öffentlich auf und -fand Beifall. Das Unterrichten erschien ihm nun wieder als eines so grossen -Pianisten wenig würdig. Auch plante er eine Kunstreise nach dem Westen. -Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, Leonhard könnte seine Lectionen -übernehmen. Das Reisegeld schickte er nicht, er hätte seines ältesten -Bruders Zartgefühl verletzen können, freilich dauerte es nun einige Zeit, -bis es zusammengespart war; zu lange für Karl's Ungeduld. Als Leonhard -nach thränenreichem Abschied von den Seinen in New-York landete, da war -der Virtuose bereits nach Californien abgereist, und seine Stunden gab -ein Anderer. Und der Ankömmling, der nicht mehr in den Jahren war und -vielleicht nie die nöthige rücksichtslose Energie besessen hatte, um sich -in der Fremde einen Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne Mittel, ohne -Freunde, von der Heimkehr abgeschnitten in der ungeheueren Stadt, die -Hunderte solcher ungeschickter armer Teufel verschlingt, ohne dass nur -das Kräuseln der Oberfläche, wie ihn ein Stein auf dem Wasserspiegel -hervorruft, die Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. Er besass nicht -seines Bruders siegesgewisses Auftreten, konnte nicht wie dieser durch -seinen Künstlerruhm verblüffen. Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm -Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte nicht um seinetwillen, denn er -hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, schon früher erlernt. Aber was -sollte aus Mutter und Schwestern werden, welche er, im Vertrauen auf -Karl's Versprechungen, den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert, was -aus Joseph, dem jüngsten Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel -sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. Wenn er Franziska's gedachte, -überwältigte ihn der Jammer völlig. Welch ein Lohn für ihr geduldiges -Ausharren, ihre Aufopferung! Er sandte keine Nachricht von seiner -Bedrängniss an die Angehörigen heim. Sie konnten ihm nicht helfen und -hatten an der eigenen Last genug zu tragen. - -Er vergass, dass es nichts Unersetzliches auf Erden gibt. Mutter und -Geschwister staunten, dass der stets so zuverlässige Aelteste sie im -Stiche liess. Aber von der Nothwendigkeit gedrängt, suchten sie bei ihren -eigenen Hülfsquellen Zuflucht. Joseph gab Stunden, wie Leonhard es gethan -und schickte kleine Beträge nach Hause, die Schwester verwerthete allerlei -Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Aelteste entschloss sich, dem greisen -Pfarrer die Wirthschaft zu führen. Franziska allerdings litt; sie glaubte -sich von ihm vergessen. Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst versuchend, -irgendwo festen Fuss zu fassen. - -Die New-Yorker Zeitungen brachten eines Tages eine jener Notizen, die, kurz -und dürr, dennoch mehr als bändelange Schilderungen irdischen Jammers -geeignet sind, die Herzen zu erschüttern. Ein Polizist hatte einen -bewusstlosen und wie er, Dank des häufigen Vorkommens solcher Zufälle, -glaubte, betrunkenen Mann vom Strassenpflaster aufgelesen und über Nacht -auf der Polizeistation mit dem verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt. -Vor dem Richter stellte sich heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der -Bruder eines in New-York geschätzten Künstlers, hatte keinen Tropfen -geistigen Getränkes zu sich genommen, sondern war zusammengebrochen, weil -er seit mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen. Das Mitleid verschaffte -Leonhard die ersten Stunden in New-York. Was man auch an den plötzlich -reich gewordenen Amerikanern zu tadeln finden mag, die schlechte -Eigenschaft der Emporkömmlinge, die Kargheit im Kleinen neben der -prahlerischen Vergeudung im Grossen besitzen sie nur ausnahmsweise; sie -lassen die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten in ihren Geschäften, die -Dienstleute im Hause nicht darben. Leonhard sah sein Schifflein bald auf -ruhiger Fluth dahingleiten. - -Lachend und weinend zu gleicher Zeit hielt Franzi den Brief in der Hand, -der ihr von der günstigen Wendung in seinem Geschick Kunde gab. Bald -sollten sie einander angehören. Lärmten die Sperlinge nicht wie -ehemals, sang und klang es nicht in ihr, um sie? Aber es dauert nur wenige -Augenblicke. Ihre Seele hat die luftigen Schwingen eingebüsst, mit welchen -sie sich einst in ein glückliches Traumland erheben konnte. - -»Was wird wohl diesmal zwischen uns treten?« fragt sie sich bitter, der -Glanz in den Augen erlischt, und sie zieht wieder die Nadel durch ihre -Arbeit, die hoffnungs- und erfolglos ist, wie die der Danaïden. - -Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem Charakter dem ältesten Bruder -glich, war Schullehrer in Mureck geworden und wollte Leonhard's Stelle -bei der Familie vertreten. Selbst die Mutter, welche die trübseligen -Verhältnisse zu einem beständig heischenden und niemals befriedigten -Wesen gemacht, schrieb, wenn auch ein Zuschuss stets willkommen sei, so -möge ihr Aeltester nun auch einmal an sich denken. - -Leonhard's Schüler schütteln verwundert die Köpfe. Hätte nicht jeder -deutsche Professor das unveräusserliche Vorrecht, wunderlich zu sein, sie -würden ihn für verrückt erklären. Er geht umher, als führten die -Engel über seinem Haupte ein Conzert auf. Während die kleinen ungelenken -Fingerchen neben ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlocken, lächelt er -stillselig vor sich hin, statt, wie recht und billig, wüthend zu werden. -Er sieht beinahe gross aus, so dehnt und streckt sich sein kleines -Persönchen vor innerem Wohlgefühl: Er rüstet das Nest für sein Weib, -kein Tag vergeht, an dem er nicht mit einem Pack unter dem Arm die steile -Holztreppe zur künftigen Residenz emporklimmen würde. Noch besteht der -Brauch, wohl aus den Ansiedlertagen, da Einer auf den Beistand des Anderen -angewiesen war, dass man Freunden das Haus einrichten hilft. Die Eltern -seiner Schüler wissen, er erwarte die Braut aus Deutschland (unter welchem -Namen ganz Europa, mit Ausnahme Grossbritanniens und Irrlands, begriffen -wird), die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, gestickten Deckchen, -Porzellanfiguren, Bilder -- an welchen freilich der Rahmen das -Hervorragendste ist --, die ihm in's Haus strömen, würden ein Museum -füllen. Jedenfalls wird man in der neuen Wohnung äusserst massvoll im -Gebrauch seiner Gliedmassen sein müssen, und Franzi wird als Herrin -all der Schätze gerade keine Sinecure inne haben, wenn sie dieselben in -halbwegs staubfreiem Zustand erhalten will. Stunden lang steht Leonhard, in -Bewunderung versunken, vor den Herrlichkeiten. Aber ein Geräth vergass er, -vergassen seine Freunde. Am Tage, bevor das Schiff mit seiner Braut, das -glückhafte Schiff, im Hafen einläuft, kauft er den Pfeilerspiegel für -die Vorderstube. - -Vom Dock führt er sie zum Friedensrichter, der die beiden geduldigen und -getreuen Menschen für das Leben zusammengiebt. Leonhard hat sein Nest in -einer neugierigen, schwatzhaften Strasse gebaut; man braucht nicht viel -Phantasie, um sich in eine Kleinstadt im deutschen Vaterland versetzt zu -fühlen. Rechts und links drücken die Nachbarinnen die Gesichter an die -Fenster, um das Paar vorüberschreiten zu sehen. Sie geben sich keine -Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die Monate langen Vorbereitungen, -das verklärte Gesicht liessen sie einen anderen Siegespreis vermuthen. - -»Die alte Jungfer hätte er nicht zu importiren gebraucht,« sagten sie, -»so etwas findet sich auch noch unter dem Sternenbanner.« - -Franzi hat es glücklicherweise nicht gehört, es hätte einen grauen Flor -über ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erscheint sie nicht so glücklich, -wie man vermuthen sollte. Während Leonhard wie von Flügeln getragen -einhergeht, schlägt sie die Augen zu Boden. - -Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard hatte, weil die Blumen spärlich -wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen farbigen Herbstblättern -angefüllt, sie sahen wie leuchtend rothe, goldgelbe und broncefarbige -Blüthen aus. Franzi konnte nicht umhin, einen Ausruf des Entzückens bei -dem Anblick ihrer Wohnung auszustossen. Der Klang der Schelle hatte ihren -Gatten von ihr fortgerufen. Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft -nahm sie ein Figürchen um das andere in die Hand, bewundernd beugte sie -sich über die Stickereien, den Teppich, die Geräthe. Zuletzt trat sie vor -den Spiegel. Und nun verwandelte sich der Ausdruck ihrer Züge, sie brach -in Thränen aus. - -Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten der Wunderdinge die Franzi von -ehemals mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen, Goldglanz auf dem Haar und -schalkhaftes Leuchten im Auge, zu erblicken. Aber aus dem Spiegel trat -ihr ein Schatten ihres alten Selbst mit traurigen Augen und einem Gesicht -entgegen, aus dem selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge der -Resignation, des unaufhörlichen Verzichtens nicht zu verwischen vermocht -hatte. Geheimnissvoll vor sich hinlächelnd trat Leonhard wieder ein. Da -er sie weinen sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann eilte er auf sie -zu; wenn sie Heimweh fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen Herzen -überwinden. Aber sie machte sich heftig los. - -»Müssen wir uns nicht schämen, uns wie andere neuvermählte Paare zu -gehaben? Schnee liegt auf unserem Scheitel, Furchen ziehen sich durch -unsere Züge.« - -Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass sie sich verändert. Für ihn war -sie die Franzi geblieben, um die er in ihrem Lenz geworben. Und auch jetzt, -nachdem sie ihm die Binde von den Augen gerissen, meinte er, es gäbe kein -schöneres, kein anziehenderes Weib in der Welt. Er sah sie mit den Augen -der Erinnerung. - -»Können wir denn noch glücklich werden?« fragte sie, »vermagst Du mein -verblühtes Gesicht noch zu lieben?« - -Er eilte vor die Thür und trug mit Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb -von ungeheurem Umfang, gefüllt mit herrlichen, frischen Blüthen, herein; -eine Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum Einzug in das Haus gesendet. - -Leonhard wies auf die prächtigen Rosen, auf Nelken und Heliotrop. - -»Es ist Herbst,« sagte er, »die Luft ist rauh, und Nebel füllt die -Strassen. Aber furchtlos strecken sie die feinen duftenden Köpfchen in -die Luft hinaus und freuen sich der Stunden, in welchen die Sonne ihnen -scheint.« - -»Und wie lange dauert es,« warf sie herbe ein, »dann kommt der erste -Frost und vergilbt ihre Blätter.« - -»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen doch sehen, ob wir ihn mit unseren -warmen Herzen nicht überwinden. Wir wollen unseren Frühling dankbar -feiern, obschon er uns spät im Jahre gekommen.« - -Er schloss sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund. - - - - -BRENNENDE LIEBE. - - -Vielleicht halten Sie mich für unbescheiden, aber wahrhaftig, ich half -einem tiefgefühlten Bedürfniss ab, als ich geboren wurde, aufwuchs und -zum Ruhm meiner Vaterstadt unter die Kannibalen ging. Natürlich nicht, -um bei ihnen zu bleiben, sondern um mit 85 Kisten voll staubiger -Merkwürdigkeiten, Schädeln, Amuletten, Pflanzenwurzeln, Pfeilen, -Bogen, Lanzen und ferner mit einem Vorrathe an Notizen und Tagebüchern -heimzukehren, der das Herz jedes Händlers in Makulatur mit den frohesten -Erwartungen erfüllt hätte. - -Meine Vaterstadt hatte sich schon seit längerer Zeit sehnsüchtig nach -einem grossen Sohne umgethan, zu dessen Ehren man wieder einmal in dem -altberühmten Rathskeller ein ansehnliches Festessen unter Pauken- -und Drommetenschall abhalten konnte. Leider war in der ehemaligen -Reichsunmittelbaren eine gewisse Dürre eingetreten, sie hatte alle ihre -grossen Söhne unter prachtvollen Denkmälern begraben, und der Nachwuchs -zeigte das richtige Militärmass nicht mehr. Da trat ich denn aufopfernd in -die Bresche. Der Wahrheit die Ehre! Das Essen war unübertrefflich, und der -Wein liess nichts zu wünschen übrig. Rechts und links schlugen mir »der -opferwillige, selbstlose Diener der Wissenschaft«, »der erleuchtete -Erforscher dunkler Erdtheile«, der »hervorragendste jetztlebende Sohn« -und so weiter an die Ohren, und als sich nach leiser Zwiesprache mit mir -der Oberbürgermeister erhob und den Anwesenden verkündete, ich -hätte meine 85 Kisten der geliebten Vaterstadt zum Geschenk gemacht -(selbstverständlich unter den bescheidenen Bedingungen, dass sie für -ewige Zeiten ungetheilt blieben, in den hellsten Sälen des neuen Museums -aufgestellt würden und als Karl-Wittmann-Stiftung auf die Nachwelt -übergingen), da stieg die Begeisterung auf den Siedepunkt, und ich genoss -fortan die süssen Früchte der Popularität, die darin bestehen, dass -jener Theil der hoffnungsvollen Jugend, der den Gebrauch der Taschentücher -standhaft verschmäht, auf der Strasse mit den Fingern auf mich deutete, -und die jungen Damen der Stadt, sobald sie meiner ansichtig wurden, -angelegentlich die Auslagen studirten, um, wenn ich vorübergegangen war, -sich umzudrehen und mir nachzublicken. Aber die Götter sind neidisch. Sie -vergassen nicht, einen Tropfen Gift in meinen Freudenbecher zu mischen. Und -was für einen Tropfen! Er war ausgiebig genug, um ein ganzes Fass süssen -Weines in eitel Wermuth und Galle zu verwandeln. Es lebte eine Person in -der Stadt, die meine Verdienste um Mit- und Nachwelt gering schätzte, die -meinen Ruhm nicht anerkannte und trotz meiner allgemeinen Beliebtheit kalt -wie ein Eiszapfen blieb, und diese Person war meine Braut; denn ich habe -eine Braut und zwar eine sogenannte Familienbraut. - -Aus Spielgefährten und Jugendfreunden wurden wir, Dank unseren -vortrefflichen Mamas, im Handumdrehen Braut und Bräutigam ohne die -geringste Ungewissheit, den leisesten Zweifel, ohne irgend ein Hangen und -Bangen in schwebender Pein. Meine junge Weisheit beschloss, die stehenden -Gewässer unserer Neigung durch eine längere Entfernung aufzurühren, -damit etwas von dem Idealzustande der Liebe, ein Bischen Sehnsucht und -Leidenschaft auch auf unser Theil komme. Auch führte ich den auf mich -entfallenden Part des Programms gewissenhaft durch. Einmal von Helene -getrennt, zog ich jeden Augenblick ihre Photographie heraus und machte ihr -die süssesten Augen, zweimal im Tage setzte ich mich hin, um gefühlvolle -Episteln an sie zu richten (leider dürften sie dieselbe nicht erreicht -haben, denn ich bin ein schlechter Briefschreiber, und aus den acht Seiten -langen Liebesbotschaften wurden meist kleine Zettelchen, die ihr die -erfreuliche Kunde meines Wohlbefindens zutrugen), und als den »bekannten -Naturforscher« bei seinem Landen in Hamburg eine kleine Festlichkeit -erwartete, riss er sich mitten in der Nacht und mit ziemlich schwerem -Kopf aus dem Kreise seiner Verehrer los, um am nächsten Morgen in seiner -Vaterstadt und bei Helene einzutreffen. - -Ich hätte ruhig im Hotel schlafen können. Zur Begrüssung streckte -mir meine Braut ein paar Fingerspitzen entgegen, als ich voll -Wiedersehensfreude auf sie zueilte. - -»Sehr erfreut, den Herrn Doctor bei uns zu sehen,« sagte sie und -verbeugte sich tief und spöttisch. Wir waren allein, nichts hinderte -uns, die lang aufgespeicherte Sehnsucht von Lippe zu Lippe ausströmen zu -lassen. Und nun dieser Empfang! Die Arme sanken mir herab, mein Gesicht -verlängerte sich. - -»Das Willkommen für deinen Verlobten leidet jedenfalls nicht -an Ueberschwänglichkeit,« sagte ich trocken, nachdem ich meine -Enttäuschung, so gut es ging, niedergekämpft. - -»Wer das nicht hoch genug zu schätzende Glück hat, einen so -vernünftigen Bräutigam sein eigen zu nennen, darf sich nicht durch -Sentimentalität lächerlich machen,« versetzte sie. - -»Helene, ich bin durchaus nicht vernünftig,« betheuerte ich mit -Ueberzeugung. »Ich glaube, seit den Tagen von Hero und Leander hat -kein verliebter Narr so ungeduldig die salzige Fluth durchmessen und so -erleichtert das Gestade berührt, wie ich.« - -Eine Steinfigur wäre gerührt worden. Meine theuere Braut jedoch rief -spöttisch an mir vorüber in die Luft hinaus: - -»Der Unglückliche! Bittere Noth zwang ihn, seiner Heimath den Rücken zu -kehren und das harte Brot -- den Schiffszwieback -- der Fremde zu essen.« - -Wenn mich etwas aufregen kann, so ist es dieses Sprechen zu einem -abwesenden Dritten. Ich würde es als einen Scheidungsgrund ansehen, sollte -meine Frau ihre Gardinenpredigten in diesem Stile halten. Allein diesmal -blieb ich gelassen, denn es galt mein Schifflein durch eine etwas -gefährliche Stromschnelle hindurchzurudern. - -»Bedenke, Kind, man hat doch auch Pflichten gegen das Allgemeine. Wenn ich -meinen verehrten Mitbürgern keine Veranlassung zu einem Bankett gebe, -dann erkranken sie möglicherweise am verhaltenen Jubelfieber, und meine -Unterlassungssünde endet in einem Massenmorde.« - -»Bilde dir nicht ein, sie haben auf dich gewartet,« entgegnete Helene; -ihr Ton klang geringschätzig, aber sie wandte sich direct an mich, und -das war ein Fortschritt. »Hätten dich die Wilden mit dem Holzbeile -erschlagen, dann wäre vielleicht das Erlöschen der Pest vor 400 -Jahren gefeiert worden, oder der Westfälische Friede, oder sonst eine -erfreuliche, wenn auch schon etwas angejahrte Begebenheit. Ich kenne unsere -würdigen Stadtpapas; wenn ein guter Jahrgang im Rathskeller lagert, dann -begehen sie Jubiläen bei dem geringfügigsten Anlass.« - -Und dieses Wesen, das meine Bedeutung für das Gemeinwohl also -abzuschwächen, ja ganz zu vernichten suchte, sollte das Weib meines Busens -werden! Ich hoffe, dass mir Jedermann die Berechtigung zugestehen wird, -entrüstet zu sein. - -»Helenchen, äussere deine Ketzerei nicht vor fremden Ohren. Männlein -und Weiblein in unserer Stadt stimmen darin überein, dass meine -Sammlungen ungeheuer werthvoll sind und meine Tagebücher der Wissenschaft -ausserordentliche Dienste leisten werden. Man soll sein Urtheil freilich -nicht nach dem der Menge bilden, aber es trüge dir doch einen etwas -unerwünschten Ruf der Originalität ein, wenn du, meine Braut, die -Einzige wärest, die meiner Forschungsreise nicht die geringste Wichtigkeit -beimissest.« - -Sie blickte anklagend zur Zimmerdecke empor. - -»Ich messe ihr keine Wichtigkeit bei, ich, die ich ihr die trostlosesten, -unerquicklichsten Jahre meines Lebens verdanke!« - -Ich grollte Helenen nicht länger, ich fand sie bezaubernd und wollte -auf sie zueilen, aber sie verschanzte sich hinter einem Stuhl, die Augen -blitzend, die Lippen trotzig aufgeworfen, eine Walküre -- freilich eine -aus Meissener Porzellan. - -»Du liessest dich von deiner Abenteuerlust in die Fremde locken, und ich -bin hier geblieben, eine lächerliche Figur, über die alle Freundinnen -spotten, eine Braut, deren Bräutigam die Flucht ergriffen!« - -»Helene, welch' ein Gedanke!« rief ich schaudernd. »Glücklicherweise -glaubst du selber nicht an ihn. Weisst du doch zu genau, dass ich schon -als grüner Junge im Gymnasium in dir mein Ideal verehrte und dich mit sehr -kunstreichen Strophen im altgriechischen Versmass ansang. Sie haben mich -manchen Schweisstropfen gekostet, und du, Kobold, nahmst sie mit schnöder -Gleichgültigkeit entgegen.« - -»Du hast dich zu entschädigen gewusst: Ich musste geduldig zu Hause -warten, bis es dem Herrn Naturforscher« (nicht möglich, den Hohn zu -beschreiben, der diesen Titel begleitete) »gefiel, zurückzukehren, -nachdem er in der Fremde hinlänglichen Zeitvertreib gefunden.« - -»Wenn du wüsstest, wie viel Ungemach und Entbehrungen ich ertragen, -welche Gefahren ich überstanden,« warf ich gefühlvoll ein, »du würdest -nicht so sprechen.« - -»Man sieht dir nichts davon an. Ich hatte im Stillen gehofft, du werdest -abgebrannt und zur Mumie ausgetrocknet zurückkommen; leider bleiben die -erfüllten Wünsche stets hinter unseren Erwartungen zurück.« - -»Ich darf darüber nicht klagen; die meinen wurden weit übertroffen. Dass -mich meine Braut, nachdem wir zwei Jahre von einander getrennt gewesen, -mit der Klage empfangen werde, ich sähe nicht genug mumienhaft aus, -übersteigt selbst meine unwahrscheinlichsten Träume.« - -»In diesen zwei Jahren haben Julie Marschall und Karoline Holzwart zehn -Bälle mitgemacht, einige Dutzend Cotillonbouquets nach Hause getragen und -sich von einer Unzahl Lieutenants, der Assessoren und Referendare gar nicht -zu erwähnen, den Hof machen lassen. Und ich habe zu Hause einen langen -Aschermittwoch gehalten, denn meine unnatürliche Mutter erklärte, es -passe sich nicht für eine Braut, deren Verlobter abwesend sei, Bälle -zu besuchen; und meine künftige Schwiegermama rief vorwurfsvoll und mit -Wassertropfen an den Wimpern: »Du willst tanzen, während Karl vielleicht -in Todesgefahr schwebt!« - -»Die beiden Frauen haben ein wenig Zärtlichkeit für mich, während -du, kleine Selbstsüchtige, nur an dich und deine banalen Vergnügungen -denkst.« - -»Du hättest unter die Advokaten gehen sollen,« warf sie schneidend hin, -»es ist ein alter Kniff dieser Herren, einer Anklage zuvorzukommen, indem -sie dieselbe umkehren. Ich selbstsüchtig? _ich_ habe einem jungen Mädchen -nicht die paar Jahre ihres Frühlings vergällt, indem ich sie band und mir -die Freiheit sicherte, ich nicht!« - -»Helene, höre mich an!« - -Aber sie liess sich nicht unterbrechen. - -»Ist das Experiment nach Wunsch ausgefallen? Hat sich das kleine Mädchen -nach dem gnädigen Herrn gesehnt und um seinetwillen abgehärmt?« - -Ich stand diesem übernatürlichen Scharfsinn starr gegenüber. Plötzlich -blendete mich ein grelles Licht. - -»Helene, sei aufrichtig,« bat ich, »dein eisiger Empfang drängt mir die -Frage auf: hat mich ein Anderer aus deiner Neigung verdrängt?« - -Sie sah mich nicht an, sondern blickte angelegentlich zum Fenster hinaus, -vielleicht dauerte sie meine verstörte Miene; endlich wandte sie mir ein -purpurrothes Gesicht zu. - -»Du hast es errathen,« sagte sie, »ich liebe einen Anderen!« - -Leichten Tones fuhr sie fort: »Zwei Jahre sind ja eine Ewigkeit; auch -hätten die Menschenfresser Geschmack an dir finden können.« - -Dabei blitzten ihre spitzen, weissen Zähne, als könne sie sich nichts -Willkommeneres denken. Die Naturgeschichte hat Recht, unter den Raubthieren -ist das Weibchen der grausamere Theil. Mauna Loa war, gegen mich gehalten, -zahm wie ein Ofenfeuer, aber ich brachte leidlich die Miene überlegener -Ironie zu Stande. - -»Der Name des Glücklichen ist wohl noch ein Geheimniss?« - -»Er heisst, wie mein Ideal heissen muss, Edgar.« - -»Edgar? sehr abgeschmackt, und die italienische Oper ist aus der Mode.« - -Meine Worte ärgerten sie (und das war ja auch ihr Zweck; es wäre mir eine -Wollust gewesen, sie zu peinigen, so wüthend und -- das Wort muss heraus --- unglücklich fühlte ich mich). Sie holte ein Notenheft, auf welchem ein -Strauss knallrother Blumen prangte und hielt es mir triumphirend vor die -Augen. »Brennende Liebe«, Walzer von Edgar Nothnagel, seiner Schülerin, -Fräulein Helene Stubenkammer hochachtungsvoll zugeeignet. - -»Damit kann ich freilich nicht wetteifern,« sagte ich bitter und griff -nach meinem Hut. - -Eine Gewohnheit aus früheren, schöneren Tagen hing meine treulose Braut -noch immer an; wenn sie mich genug gequält zu haben glaubte, legte sie ein -Pflästerchen auf meine Wunde. - -»Willst du gehen, ohne Mama begrüsst zu haben?« - -»Ich werde telegraphisch meine Ueberfahrt nach Afrika belegen, denn -diesmal ist es mir wirklich ein Bedürfniss, die Flucht zu ergreifen.« Ich -wollte meinen Verlobungsring abziehen, aber er sass zu fest, und so musste -ich auf den effectvollen Abgang verzichten. Die Scharte einigermassen -auszuwetzen murmelte ich gleichgültig: »O, ich vergass; -- meine besten -Glückwünsche, Fräulein Stubenkammer.« - -»Ich weiss nicht, ob ich sie annehmen darf,« versetzte Helene in -äusserster Betrübniss, »Mama wird von dem armen Künstler nichts wissen -wollen.« - -Ich bin kein Mann des Gefühls, das sich in Worten äussert. Aus Scham, -die Welt errathen zu lassen, dass ich eigentlich eine gute Dosis -Weichmüthigkeit in mir beherberge, hänge ich meinen Aeusserungen gewisse -kleine Narrenschellen an, die ihren Zweck dann auch vortrefflich erreichen, -zu vortrefflich, denn nicht nur die lieben gleichgültigen Nebenmenschen, -auch meine Braut werden von der Ueberzeugung beherrscht, bei mir gehe keine -Empfindung tief genug, um sich nicht mit einem Witzwort abschütteln zu -lassen. - -Sie hatte vermuthlich nicht die leiseste Ahnung, dass der Spötter, dem -nichts heilig zu sein schien, der seine Gefühle durch das Scheidewasser -der Ironie zu zersetzen pflegte, den Riss zwischen uns genau so -schmerzlich -- möglicher Weise noch schmerzlicher -- empfand, als es der -sentimentalste aller Edgars, der je in stillen Mitternächten den Mond -angeseufzt, vermocht hätte. Oder wenn ihr mein Gesicht den Zustand meines -Innern enthüllte, so schien es sie nicht sonderlich zu rühren -- mit -leisem Lächeln sah sie mich meinen Abschied nehmen. - -Während ich bei hellklingenden Gläsern zum hervorragendsten jetztlebenden -Sohn proclamirt wurde, focht ich einen schweren Kampf mit meinem Ich aus. -Ich muss bekennen, dass ich dasselbe bisher gehätschelt und in jeder Weise -bevorzugt hatte. Deshalb wehrte es sich nun auf das Heftigste gegen das -erste Opfer, das von ihm gefordert wurde. Das Wesen zu verlieren, mit dem -es sich in jeder Faser verwachsen glaubte, das es zum Mittelpunkt seiner -Pläne und Luftschlösser gemacht, erschien ihm ganz einfach unmöglich. -Zuletzt lag es jedoch besiegt auf der Erde. - -Ich trat in das Stubenkammer'sche Wohnzimmer, ein spartanischer Held, der -sich in unser Zeitalter hinübergerettet. Meine Mutter und die Hausfrau -waren unzertrennliche Freundinnen; sie waren auch jetzt beisammen, -wahrscheinlich beschäftigt, ein modernes Paradies aus decorirtem -Tafelgeschirr, Silberbestecken, ungezählten Dutzenden von Bett- und -Tischwäsche für ihre Sprösslinge aufzubauen. Helene sass am Fenster, ein -wenig blässer als sonst, aber wunderhübsch wie immer. Sie warf mir einen -prüfenden Blick zu, aber als sie meine entschlossene Miene sah, die etwas -von dem Todesmuth der Legionen zeigte, wandte sie den Kopf ab. - -Wie ein Sprenggeschoss fiel meine Mittheilung, dass ich in einer Woche -eine lange, eine _mehrjährige_ Reise, wie ich mit einem Blick auf Helene -nachdrücklich hervorhob, antreten werde, in den friedlichen Familienkreis. -Die beiden würdigen Damen starrten mich fassungslos an. Helene stand auf -und näherte sich ihnen. - -»Ihr seht, er will mich nicht,« sagte die kleine Teufelin lachend, »die -Forschungsreise ist nur ein Vorwand.« - -Mama, die es ist, und Mama, die es werden sollte, warfen mir wüthende -Blicke zu; was mich betrifft, ich hätte nie gedacht, dass der kategorische -Imperativ einen so wenig süssen Kern in sich birgt. - -»Das ist nun mein Lohn dafür, dass ich 24 Monate und zwei Wochen lang -wie eine Nonne gelebt,« fuhr Helene fort. - -Ich bin nur ein Mensch und daher nicht ohne Galle: »Ein Nonnenleben, -das durch Musik und süsse Musiker Abwechselung erhielt, muss nicht -übermässig hart zu ertragen gewesen sein,« sagte ich boshaft. - -Die beiden Mamas tauschten erschrockene Blicke, ich hörte die künftige -etwas vom heissen Klima und dem Aequator murmeln. - -Nachdem ich meinem Aerger Luft gemacht, schämte ich mich. In Edelmuth und -Selbstlosigkeit hatte ich Helenen, die den Zorn ihrer Mutter zu fürchten -schien, die Bahn ebnen gewollt, und nun liess ich mich so fortreissen. -»Tante Stubenkammer,« sagte ich, »durch meine Entfernung soll ein etwas -verwickelter Knoten gelöst werden. Helene liebt mich nicht; sie hat ihr -Herz einem Anderen geschenkt. Dass ich tief unglücklich darüber bin und -ein einsames trübseliges Leben vor mir sehe, kann ich nicht verhehlen. -Aber die Rücksicht auf mich soll Helene nicht hindern, mit ihrem Edgar -glücklich zu werden.« - -Mama hatte längst ihr Taschentuch an die Augen gedrückt, aber Mama -Stubenkammer war aus härterem Stoff gemacht. - -»Helene, darf ich dich um eine Erklärung bitten!« sprach sie streng. - -»Liebe Mama, für eine Frau von deinem feinen Verständniss bedarf es -deren wohl kaum: Karl ist eifersüchtig und das -- wie lächerlich! -- auf -meinen alten ehrlichen Klavierlehrer.« - -Die Strenge der Mutter kehrte sich gegen mich. - -»Karl, das ist beleidigend, der Mann hat Frau und Kind.« - -»Und widmet meiner Braut seine ›Brennende Liebe‹.« - -»Es sollte zuerst ein Marsch ›Vergissmeinnicht‹ sein, aber Karoline -Holzwart capricirte sich auf ihn,« erläuterte meine Braut gleichmüthig, -»und die Chrysanthemumpolka war mir zu fade. Herr Nothnagel arbeitet -nämlich den Erfurter Blumenkatalog durch; die Titel für seine -Kompositionen bereiteten ihm früher grosse Schwierigkeiten. Da verfiel ich -auf diesen Ausweg, und zum Dank dafür widmete er mir eine schöne -rothe Sorte Pelargonien; ich kann nichts dafür, dass die Gärtner sie -›Brennende Liebe‹ getauft haben.« - -»Helene,« schrie ich und eilte glückselig auf meine Peinigerin zu. Ein -Geräusch wie der Flügelschlag mächtiger Albatrosse machte uns stutzig. -Aber es waren nur die Mamas, die -- ihrer Meinung nach: geräuschlos -- aus -dem Zimmer huschten. - - - - -EIN UNGLÜCKSMENSCH. - - -Klaus Henning hatte die bestimmte Vorahnung, dass ein Unglück passiren -würde; und er hatte sie nicht zum ersten Male. Er unterschied sich -ausserdem von anderen, mit einer weissagenden Stimme in der Brust -begnadeten Sterblichen dadurch, dass seine Ahnungen immer eintrafen. Das -eine Mal, als er eine Prophetenstimme in seinem Inneren vernahm, ging er -durch die Friedrichstrasse, stolperte gegen ein Schaufenster und musste, -mit zerschnittenem Gesichte und verletzten Händen, Schadenersatz leisten. -Das andere Mal wollte er mit einem allerliebsten Fräulein auf der -Rousseauinsel Schlittschuh laufen und riss sie mit sich zu Boden. Bei -dieser Gelegenheit fuhr ihm ein fremder Schlittschuh über die Finger, sie -für mehrere Monate gebrauchsunfähig machend. Und da das neue Kleid seiner -Dame etliche klaffende Risse bekam (was sie schwerer zu treffen schien, -als seine Verwundung, die ihn anfänglich vier Finger zu kosten drohte), -so wurde sie von diesem Zeitpunkte ab seine Todfeindin. Kurz, es war sehr -leicht, seine abergläubische Angst zu verspotten, aber so oft sich das -bewusste dunkle Gefühl in seinem Inneren regte (und das geschah fast -jedesmal, bevor er sich unter die Menschen mischte), gab es Schaden für -die Zeitgenossen und Spott für ihn. - -Seine Hauswirthin sah ihn denn auch nur ungern den Reisekoffer packen. - -»Wollen Sie wirklich fort, Herr Henning?« seufzte sie, »denken Sie an -mich, Sie kommen nicht mit heiler Haut nach Hause.« - -Er wusste, dass sie Recht habe, aber die Hitze war unerträglich, er -schmachtete nach einem Wellenbade, und da ihm die Geschäftsstille Ferien -vergönnte, wollte er einen kurzen Aufenthalt an der See nehmen. Jeder -minder Erfahrene hätte sich eingebildet, die schwarzen Ahnungen seien -erfüllt, als sein neuer Reiseanzug, gleich nachdem er das Haus verlassen, -von oben bis unten mit Oelfarbe bespritzt wurde, die ein nachlässiger -Anstreicher von seiner Leiter herabträufeln liess, oder als ihm der -Eisenbahnzug davonfuhr und er nun mehrere Stunden zu warten hatte. Er aber -kannte den Kobold besser, der sein Spiel mit ihm trieb, als dass er gehofft -hätte, mit solchen Kleinigkeiten loszukommen. Auch als er unmittelbar nach -der Abfahrt mächtige Rauchsäulen aus der Richtung, wo sein Farbenmagazin -lag, aufsteigen sah, erfüllte ihn noch immer nicht die beruhigende -Ueberzeugung, seinen Zoll entrichtet zu haben, denn bei näherer -Ueberlegung erschien es ihm äusserst unwahrscheinlich, dass sein Geschäft -abbrannte, während er nicht dabei war, um sich schwere Verletzungen -zu holen. Aeusserst unwahrscheinlich, eigentlich nach seinen bisherigen -Erfahrungen vollkommen undenkbar. Vom Augenblicke an, wo er die -Thüre seines Waarenlagers hinter sich zuschloss, konnte die -Versicherungsgesellschaft ruhig schlafen. - -Er wollte sich in Sassnitz nicht unter die Badegäste mischen, konnte er -doch sicher darauf rechnen, das erste Glas Rothwein, das er zum Munde zu -führen gedachte, über das Kleid seiner Nachbarin, oder wenigstens über -das Tischtuch auszugiessen, jeden Stuhl mit nervenerschütterndem Gepolter -umzuwerfen, seinen Hut vor aller Augen in's Wasser fliegen zu sehen und -was solcher kleiner Zwischenfälle mehr sind, die an und für sich -sehr geringfügig erscheinen, ihn aber zum Gegenstande des allgemeinen -Gelächters machen mussten. - -Im vergangenen Spätherbste hatte er einige Tage in einem Gasthause -ausserhalb des Curorts verlebt, dessen Wirthin im Sommer eine kleine -Colonie von Städtern beherbergte. Damals waren die letzten Fremden, -erschreckt durch ein paar rauhe stürmische Tage, geflohen, und so -verknüpfte sich ihm mit dem Aufenthalte in dem bescheidenen Häuschen am -Strande die Vorstellung von erquickender Ruhe und Geräuschlosigkeit. -Auch schien der Kobold, der ihn verfolgte, an der Grenze von Fleming's -Herrschaftsbezirk die Waffen zu strecken. Klaus ging mit den Haussöhnen -fischen und brachte Beute heim, was ihm nie vorher widerfahren, er kreuzte -in einer Nussschale von Segelboot die Küste entlang und sah es nicht -einmal den Kiel nach oben wenden, er ruderte stundenlang in einem Nachen -und brach kein Ruder. Nach diesem stillen Hafen der Glückseligkeit -richtete er nun seine Schritte. Ach, das war nicht mehr das erträumte -Paradies! - -Auf dem Vorplatze, der, mit spärlichem Grün bedeckt, sich vor dem Hause -hinzog, spielte eine Gesellschaft junger Leute Croquet, vom Wasser her -erschallten laute Kinderstimmen, auf der Holzbank im Schatten des Hauses -sassen behäbige Matronen. Henning hatte die Absicht, bei diesem Anblicke -umzukehren und sich ungesehen davonzuschleichen, aber die Wirthin kam mit -ausgestreckten Händen auf ihn zu und rief: - -»Das Haus ist zwar gesteckt voll, aber für Sie schaffen wir doch noch -Raum.« - -Er wollte murmeln, dass er nur einen Tag bleiben und dann seinen Stab -weiter zu setzen gedenke; da fiel sein Blick auf ein junges Mädchen, die -soeben ihren Ball mit dem Hammer so unglücklich getroffen, dass er, statt -durch den Draht, gegen seine Füsse fuhr. Purpurroth kam sie auf ihn zu -und bat um Entschuldigung. Sie hatte ein Gesicht, wie es die Natur nur -in besonders guter Laune zu bilden pflegt, die zartesten Farben, die -treuherzigsten blauen Augen und das Haar, das sie, wohl nach einem -Wellenbade, gelöst trug, von glänzendem Blond. Und dann behielt er seine -Bemerkungen für sich, liess Frau Fleming für sein Obdach sorgen und -schwang den Hammer, ohne zu besorgen, dass seine Bälle einem Mitmenschen -das Lebenslicht ausblasen würden. Auch bei Tische vergass er alle seine -Ahnungen, er zitterte nicht vor dem Bratensafte, er reichte Fräulein -Mathilde eine Tasse Thee, ohne sie zu verbrühen, kurz, er benahm sich, als -wäre er nie ein Unglücksmensch gewesen. - -Freilich fing sein Elend noch am selben Abend wieder an. Die Hausfrau -erzählte, um ihren Liebling vom vorigen Jahre her in das günstigste -Licht zu setzen, dass er das Segelboot wie ein alter Matrose zu handhaben -verstehe. Die Damen versicherten, nichts gewähre ihnen ein solches -Vergnügen wie eine Bootfahrt, die Herren kündigten ihm ihre Begleitung -für den nächsten Tag an, Mathilde, die ihn jeden Augenblick mehr -entzückte, sagte nichts, aber sie richtete ihre schönen blauen Augen -bittend auf ihn. Ihm brach der Angstschweiss aus allen Poren; war er -ausersehen, der Mörder all' dieser braven Leute zu werden? Klaus war -kein Salonmatrose, er hatte seine Knabenjahre in der Nähe von Bremerhaven -verlebt und ein Boot zu regieren beinahe so früh wie das Abc erlernt. Auch -ist das Segeln Alles eher denn eine Kunst -- wenn das Fahrzeug etwas taugt, -aber der Flemingsche Krondiamant besass etliche Flecken. Und was hilft alle -Geschicklichkeit gegen die Tücke eines Koboldes! Der junge Mann ging nicht -mit der Begeisterung, welche die Gesellschaft erwartet haben mochte, auf -die vorgeschlagene Segelpartie ein. Vergeblich nannte man ihn von da an -nicht anders als »Capitän«; er bestand darauf, dass, wer nicht schwimmen -könne, auf dem Festlande bleiben müsse. Die Aengstlichen sahen hierin -einen Beweis, dass er sich nicht sicher fühle und standen sogleich ab. -Mathilde bekannte seufzend, sie könne seine Bedingung nicht erfüllen und -müsse daher verzichten. Es wäre ihm das auserlesenste Vergnügen gewesen, -sie über die Wellen zu fahren, aber er unterdrückte seinen Wunsch, indem -er sich vorsagte, es sei gleichbedeutend mit kaltüberlegtem Morde, sie zu -einer Wasserfahrt mit einem Unglücksmenschen zu bewegen. - -Nur zwei Herren waren verwegen genug, sich seiner Führung anzuvertrauen. -Es stellte ohne Zweifel eine Probefahrt vor. Klaus bestand sein Examen -glänzend. Er fing zu hoffen an, der Tückebold habe auch diesmal vor Frau -Fleming's Königreich Halt gemacht. Sein Selbstvertrauen wuchs; denn als -man landete, waren seine zwei Prüfungscommissäre des Lobes voll für -seine nautischen Künste. Da lud er Mathilde zu einer Segelfahrt für -den nächsten Morgen ein. Ein ältlicher, gutmüthiger Herr, der erst vor -einigen Stunden angekommen war, stand neben ihr; Mathilde machte ihn, ihren -Papa, mit dem jungen Manne bekannt, und nun verlebte dieser mit den zwei -liebenswürdigen Menschen einen Abend, der ihm unvergesslich bleiben wird. -Am nächsten Tage vertrauten sich ausser Vater und Tochter noch einige -der Sommergäste seiner Führung an. Auch diesmal verlief die Expedition -prächtig. Auf dem Lande war es erstickend heiss gewesen, nun wehte es die -Gesellschaft kühl und belebend an, und eine leichte Brise trug das Boot -wie auf Schwingen über das Wasser. Alle versicherten, nie angenehmere -Stunden verlebt zu haben, und, was ihm werthvoller erschien, Mathilde -drückte ihm dankbar, mit vor Vergnügen leuchtenden Augen, die Hand. Da -versuchte er die Götter und versprach ihr eine Wiederholung. - -Es war ein glorreicher, glückverheissender Tag. Da man in Frau Fleming's -Herrschergebiet eine einschnürende Etikette nicht kannte, ging das -Pärlein allein an's Ufer. So gut wie Klaus es sich vorgestellt, sollte -es ihm freilich nicht werden. Die Insassen des Hauses hielten zwar ihr -Nachmittagsschläfchen, aber die liebenswürdigen Commissäre, die diesmal -vermuthlich seine Geduld wie zuvor seine seemännischen Fähigkeiten -prüfen wollten, kamen eilfertig herbei, um ihren Antheil am Vergnügen zu -beanspruchen. Da sie ihn sozusagen entdeckt hatten, bewahrten sie ihm ein -gewisses gönnerhaftes Wohlwollen, das er jedoch in jenem Augenblicke nicht -voll zu schätzen verstand. Allein sie störten nicht, sie tauschten ihre -Bemerkungen, machten sich beim Steuer unnütz oder starrten in's Wasser. -Klaus konnte ungehindert mit seiner Herzensdame flüstern. Vielleicht hatte -er sich zu tief in die blauen Augen versenkt, vielleicht hatten ihn die -zwei Probefahrten übersicher gemacht, am wahrscheinlichsten jedoch ist, -dass sein Kobold dessen überdrüssig war, unbeschäftigt im Winkel -zu stehen, und dass er im Augenblicke, wo er den Unglücksmenschen am -härtesten treffen konnte, hervorsprang. - -Das Boot war nicht so leicht zu regieren, wie sonst, die Brise wehte -scharf, mehr als einmal schlug das Wasser, Alle durchnässend, hinein. Und -Klaus war zerstreut, er hatte Mathilde in ihren Gummimantel gewickelt, und -als sie ihm zum Danke die Hand reichte, sie länger als vernünftig in der -seinen behalten. Er hielt sie noch, als der Boden unter ihnen wich, die -kalte, salzige Flut auf sie einströmte und das Bootkiel oben vor ihnen -trieb. Ein plötzlicher Windstoss musste es getroffen und zum Kentern -gebracht haben. Sie sanken, doch verliess den Unglücksmenschen die -Besinnung nicht, er legte den linken Arm um Mathilde und brachte sie nach -oben. - -Sie war die Selbstbeherrschung in Person; sie klammerte sich nicht an ihn, -seine Bewegungen hemmend, und so gelang es ihm nach einiger Anstrengung, -den Kiel seines Bootes zu erreichen und einen Stützpunkt für sich und -seinen schönen Schützling zu gewinnen. Die beiden Genossen sah er rüstig -und unversehrt zur Küste schwimmen. Sie war nicht fern, aber bei der -starken Strömung zum Meere wäre jeder Versuch, sie mit Mathilde im Arme -zu erreichen, aussichtslos gewesen. Zahlreiche Boote kreuzten das Wasser, -entweder nahm eines derselben sie auf, oder die beiden Geretteten lösten -am Strande, der förmlich auf Rufweite vor ihnen lag, ein Ruderboot und -kamen den Genossen zu Hilfe. Wenn Klaus nur bis dahin aushalten konnte, -wenn nur sein Arm, der steif wie der eines Todten wurde, das junge Mädchen -über dem Wasser erhielt! Blass und mit geschlossenen Augen lag sie an -seiner Brust. Eine förmlich wahnsinnige Reue ergriff ihn. Wusste er -nicht voraus, das Alles, was er anfasste, zu Schaden kam? Wie hatte er -so verwegen, nein so verrucht sein können, dieses holde Geschöpf, das -einzige Kind und das einzige Glück ihres Vaters mit sich in's Unglück zu -reissen? Sein Selbstvorwurf machte sich in der wildesten Weise Luft. - -So vergingen endlose Minuten. Das Boot trieb in's Meer hinaus, und in -muthloser Verzweiflung gab Klaus seinen Schützling und sich verloren. Da -hörte er lauten, ermunternden Zuruf, warme Hände streckten sich nach ihm -und Mathilden aus, und im nächsten Augenblicke lagen die wasserdichten -Planken einer Barke, die eine Gesellschaft Badegäste von der Stubbenkammer -nach Sassnitz heimführte, zwischen ihnen und den heimtückischen Wellen. -Das junge Mädchen war ohnmächtig geworden. Als sie, von den Damen, die im -Boote waren, umringt, die Augen aufschlug, suchte sie ihren Begleiter mit -den Augen; er las Zutrauen, ja Dankbarkeit -- Dankbarkeit für ihn, der sie -beinahe getödtet hätte! -- in ihnen und konnte den Blick nicht ertragen. - -Sie fanden Frau Fleming's Königreich in vollem Aufruhre. Die beiden -Commissäre waren vor einer Weile angekommen, und wenn sie zu Mathildens -Rettung keinen Finger gerührt, so zeigten sie sich jetzt dafür eifrig -beflissen, ihren Vater in die peinigendste Unruhe zu stürzen. Als sie nun -in Hüllen, die ihr die Damen in der Barke aufgedrängt hatten, den Strand -betrat, richtete sich, wie begreiflich, die allgemeine Aufmerksamkeit -auf sie. Ihr Papa drückte sie stürmisch an sich, dann wollte jede der -Hausgenossinnen sie mit einem Kusse begrüssen, zuletzt drängten -sich händeschüttelnd die Herren heran, Niemand eifriger als die zwei -Commissäre. - -Klaus schlich sich unbeobachtet in sein Zimmer. Die Anderen hatten wohl -geahnt, das er ein Unglücksmensch sei, denn sie hatten sich -- so schien -es ihm -- ängstlich von ihm fern gehalten. Er wechselte seine nassen -Kleider, packte das Köfferchen, und nachdem er die Adresse auf dasselbe -befestigt und den Betrag, den er Frau Fleming schuldete, auf den Tisch -gelegt, drückte er sich, sachte wie ein Spitzbube, aus dem Hause und fuhr -in die Glühhitze zurück. - -Seine Hauswirthin war sehr erstaunt, ihn ohne äussere Verletzung -wiederzusehen. Wie tief es diesmal nach innen ging, ahnte sie nicht. -Ein trübseliger Geselle ging er seinem Tagewerke nach, Abends sass -er missmuthig unter den paar verstäubten, kläglichen Büschen des -Hausgärtchens, ein Buch in der Hand, in dem er nicht las. Da schlug einmal -ein Gruss an sein Ohr. Vor ihm stand ein ältlicher, behäbiger Herr mit -gutmüthigem Gesicht. Klaus springt, wie von einer Feder emporgeschnellt, -von der Bank auf, es war Mathildens Vater. - -»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu, »es soll Ihnen nicht gelingen, sich -meinem Danke zu entziehen. Wenn Sie auch heimlich wie ein flüchtiges Reh -entwischten, Ihr Reisekoffer verrieth mir, wo ich den Lebensretter -meiner Tochter zu suchen habe.« Ihren Lebensretter! Dabei drückt er dem -Sprachlosen die Hand, und seine ehrliche Stimme zittert in unterdrückter -Bewegung. »Was wäre aus ihr, was wäre aus mir geworden, wenn Sie auch so -selbstsüchtig wie die beiden Anderen, nur auf Rettung des eigenen -Lebens bedacht, ans Land geschwommen wären? Ohne Sie wäre ich heute ein -einsamer, gebrochener Mann! Es giebt noch Helden im bürgerlichen Leben!« - -Klaus suchte abzuwehren. Er sprach von dem Unrecht, das er begangen, er, -ein Unglücksmensch, als er Mathilden zur Segelfahrt einlud. Aber es kam -nicht viel Zusammenhängendes über seine Lippen. Für etwas gepriesen -zu werden, für das er den härtesten Tadel zu verdienen geglaubt, von -Mathildens Vater in die Wolken emporgehoben, ein Held genannt zu werden, -das betäubte ihn, als hätte er jungen Wein getrunken. - -»Ich weiss, dass nur Ihr Zartgefühl Sie veranlasste, sich unserem Danke -zu entziehen,« fuhr Herr Hilgendorf fort, »allein ganz recht war es -nicht: Mathilde ist untröstlich, weil Sie verschwanden, ohne zu hören, -wie tief sie sich Ihnen für Ihre Aufopferung verpflichtet fühlt. Und ich -glaube beinahe, dass ich sie nicht eher zufrieden sehen werde, als bis ich -ihren Lebensretter mit Güte oder Gewalt in mein Haus geführt, damit sie -den versäumten Dank nachhole.« Aber es bedurfte keiner Gewalt. Klaus -ging gutwillig mit Herrn Hilgendorf. Mathilde kam ihm mit strahlenden Augen -entgegen. Es war spät Abend, als er, ein seliger Mensch, das gastliche -Haus verliess, nicht ohne versprochen zu haben, bald, sehr bald, schon am -nächsten Tage wiederzukommen. Und zuletzt glaubte er gar nicht mehr daran, -dass er ein Unglücksmensch sei; nein, er hielt sich für ein richtiges -Sonntagskind, denn in der Ecke hinter dem Flügel hat ihm Mathilde gestern -auf seine Frage geantwortet, dass sie keinem Menschen auf der Welt so gut -sei, wie ihm. - - - - -UNKRAUT AM WEGE. - - -Das Dorf lag in vollster Sonnengluth da. Bäume und Büsche am Wegrande -liessen ihre welken, bestaubten Blätter hängen, die Hunde lagen vor den -Häusern, die lechzenden Zungen hervorgestreckt, keuchend, aber zu träge, -einen schattigen Winkel aufzusuchen; langsam, wie weltmüde Philosophen, -zogen Enten und Gänse ihre Kreise auf dem grünlichen Tümpel. Sonst -keine Spur von Leben auf der Dorfstrasse. Die Kinder schwitzten noch in der -Schule, die Erwachsenen waren beim Heumachen. Nur ein halbwüchsiges -Ding mit zerzausten Haaren, einem braungebrannten schmutzigen Gesicht, in -welchem ein paar wilde schwarze Augen flackerten, einem Zigeunermädchen -ähnlicher als dem Sprössling des ehrbaren Kreuzwirthes, schlich sich -geräuschlos wie ein Marder rückwärts längs der Gärten hin, in welchen -die Kirschbäume gerade voll saftiger Früchte standen. Manche waren so -unvorsichtig, ihre Aeste über die Zäune oder sehr nahe an denselben -hängen zu lassen. Auf die schwang sie sich mit der Flinkheit einer Katze -und hielt ihren Schmaus, schonungslos ganze Zweige knickend, aus den -schönsten Zwillingskirschen Ohrgehänge bildend, bis sie noch schönere -erspähte und den bisherigen Schmuck in den Magen wandern liess. Sehr -unparteiisch verfuhr sie bei ihren Beutezügen. Sie brandschatzte ebenso -des Pfarrers Stolz, die seltenen spanischen Weichseln, wie des Schullehrers -Amarellen, des Küsters schwarze und ihres Vaters, zum Verkaufe bestimmten, -weissrothe Herzkirschen. Zuweilen schlug ein Hund an, dann machte sie sich -schnell aus dem Staube, und da aus den alten Zäunen mancher Brettnagel -hervorstand, wurden in ihren noch guten Rock zahlreiche Kreuz- und -Querrisse gezogen. Dies verursachte ihr keinen Kummer. Die Stiefmutter -daheim führte eine flinke rastlose Nadel, und nachdem Cenz etliche -fruchtlose Rebellionsversuche der guten Frau niedergeschlagen, war es ihr -vollständig gelungen, dieselbe nicht nur für die Gastwirthschaft, den -Haushalt und ihre eigenen, noch sehr kleinen Kinder, sondern auch für die -Drohne arbeiten zu lassen, die sie als etwas fragwürdiges Glücks- und -Friedenspfand mit erheirathet hatte. - -Im Hofe des Kreuzwirthshauses, unter einem schattigen Nussbaume, sass der -Herr Pfarrer vor einem Krüglein Bier. Die rundliche, gutmüthig aussehende -Wirthin stand neben ihm. - -»Man hat halt sei' Kreuz mit denen Kindern«, beantwortete sie soeben eine -Frage des alten Herrn, »besunders wann's net einmal die eig'nen san.« - -»Die Crescenz hat doch sonst so gute Anlagen«, meinte kopfschüttelnd -der Geistliche, »der Schullehrer war immer des Lobes voll über ihren -Lerneifer; freilich sonst steckt sie voll Teufeleien, und jetzt verwildert -sie mit jedem Tage mehr. Ich fürchte, Ihr werdet nicht viel Freude an ihr -erleben.« - -»Es is halt an recht's Unkräutl am Weg, Hochwürden«, seufzte die -Wirthin, »nixnutz und schnappig (schnippisch); thun will's gar nix und is -doch schon sei vierzehn Jahr alt. Auf d' Kleinen könnt's doch schon a bisl -schauen, wenn i in der Kuchl z'schaffen hab. Aber na, alle Arbeit bleibt -mir, und sie stravanzt den ganzen Tag im Dorf herum, zerrissen und -schlampet, dass i mi schamen muss.« - -»Ihr habt die Ruthe zu sehr gespart, gute Frau.« - -Die Wirthin setzte sich ihm gegenüber auf die Bank. - -»Wahr ist's, Hochwürden, aber mei Schuld ist's net. Damals wie mi' -der Kreuzwirth in's Haus bracht hat als seine Zweite, da hab' i anfangen -woll'n, s' Madel zu zieh'n, und da hat sie si gegen mi g'stellt wie a wilde -Katz', hat gekratzt und gebissen, und i hab halt zugehauen, kommt mei Mann -derzu, krebsroth in' Gesicht, »Du«, schreit er mi an, »Hand von der -Butten, i will ka solche Stiefmutter- und Stiefkindg'schichten im Haus -hab'n, du lasst's in Ruh, und sie lasst di in Ruh; und dass i kane Hetzerei -hinüber und herüber hör'!« Na, und da hab' i's dann aufwachsen lassen, -wie an Unkräutl', dass es an Fried'n im Haus gibt, und so ist's denn a an -Unkräutl worden.« - -Cenz war es mittlerweile müde geworden, die Bäume zu plündern und -schlenderte längs des kleinen Baches unter den Weiden hin, für die Augen -eines gewöhnlichen Menschenkindes keine sonderlich fesselnde Erscheinung. -Aber Künstler besitzen zuweilen einen ganz absonderlichen Geschmack. Zwei -Maleraugen verfolgten ihre flinken Bewegungen schon seit einer guten Weile, -ohne dass sie den jungen Menschen mit dem breitkrämpigen Hute beachtet -hätte, der im Schatten der Weiden vor seiner Staffelei sass und den -wundervollen Ausblick auf den Schneeberg, der sich ihm von dem Plätzchen -unter den Weiden bot, auf der Leinwand festzuhalten suchte. Maler waren -keine seltenen Gäste im Dorfe, das sie als erste Haltestelle vor ihrem -Aufstieg in's Gebirge zu benutzen pflegten, und dessen urwüchsige -Bewohner manches Skizzenbüchlein füllten. Und so sah Cenz auch viel mehr -geschmeichelt als befremdet darein, als der junge Künstler, der sich -auf der Suche nach so ziemlich Allem, was dieser Titel rechtfertigt, -nach Erfolg, einem Namen und einem passenden Vorwurf für sein erstes -Ausstellungsbild befand, sie plötzlich anrief. - -»Heh, kleiner Wildling, bleib' in derselben Stellung, in der du dich -befindest, ich möchte dich in mein Buch hineinzeichnen.« - -Sie wurde feuerroth und murmelte etwas von ihrem Sonntagsstaat, und dass -sie in einer Viertelstunde zurück sein könne. Aber davon wollte er nichts -wissen. Er fand ihren Schmutz und die Risse im Röckchen malerisch. - -»Saubere Dirndln kann ich genug haben,« sagte er, »ich brauche gerade so -eine Staubdistel, wie du bist. Was hast du denn vorhin angestellt? Steine -nach Sperlingen geworfen; ich habe es wohl gesehen; das ist ein hübscher -Zeitvertreib für ein Mädchen.« - -Sie machte ihr trotzigstes Gesicht, und das wollte er haben; so passte es -für die Skizze des jungen Wildlings. - -»Die Spatzen fressen die Kirschen auf«, vertheidigte sie sich, ohne ihr -Gewissen darüber zu beschweren, dass eine sehr grosse Schaar diebischer -Vögel keinen solchen Ausfall in der Kirschenernte verursacht hätte, wie -sie selber. - -»Du hast Dich wohl um Deine schönen Ohrgehänge gefürchtet, wie? Behalte -sie nur an, die kommen auch in mein Buch«, sprach Fritz Teubner, eifrig -zeichnend. - -In Crescenz hatte sich bisher sehr wenig Mädcheneitelkeit und Zierlichkeit -geregt. Jetzt aber standen die Risse in dem Kleide, die beschmutzten, -zerkratzten Hände, die blaugefärbten Lippen als wahre Schrecken vor -ihr. In die grosse Stadt und auf die Leinwand kommt doch Edelfräulein und -Bauernmädchen gern in vortheilhaftester Gestalt, und wie sah sie aus! Sie -war mit ihrem Vater einmal in Wien und in der Kunstausstellung gewesen, sie -hatte Bilder gesehen, auch Bauernbilder, aber wie schmuck und ordentlich -erschienen die! Cenz schwur allerhand theuere Eide, dass kein Malerauge sie -jemals wieder in solch' einem Aufzuge erblicken solle. Am wenigsten das des -jungen Künstlers, das es ihr angethan hat. Er spricht mit ihr so lustig -und so freundlich, als kenne er sie schon seit Jahren. - -»Wie alt bist du eigentlich, Cenz?« fragte er, denn ihren Namen hat sie -ihm schon gesagt. - -»Vierzehn Jahre.« - -Er macht grosse Augen; sie ist klein und schwächlich für ihr Alter. Aber -was ihn befremdet, ist doch nur, dass bei der ihm wohlbekannten Ausnutzung -der Menschenkraft beim Landvolk, dieses halbwüchsige Ding so ohne jede -Beschäftigung herumstreift. Er hält sie für ein verwahrlostes Kind aus -armseligem Hause, das merkt Crescenz wohl, denn sie ist nicht dumm. Als -er nun auf seine Frage erfährt, dass sie das älteste Kind des reichen, -ansehnlichen Kreuzwirths ist, schüttelt er den Kopf. Das Mädchen fügt -wie beiläufig hinzu, dass sie eine Stiefmutter habe, und dies scheint ihm -Alles zu erklären. In dem jungen Unkraut aber steigt siedendheisse Reue -auf. Sie weiss, dass die arme brave Frau nicht aufhört, die Hände zu -rühren, damit die Erscheinung ihrer Stieftochter ihr keine Schande mache. -Auch sehen die jüngeren Geschwister meist schmuck genug aus, da, wenn -Crescenz's Beispiel verführend auf sie wirkt, der Mutter Hand flink genug -ist, sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Nur die Stieftochter, -des Vaters Liebling, geht bei allen Missethaten straflos aus. Fritz ist -fertig und lässt sie die Skizze sehen. Sie schreit auf. So also stellt sie -sich den Mitlebenden -- und auch dem jungen, hübschen Künstler -- dar. -Man könnte sie für eine Landstreicherin halten. Schier möchte sie -weinen, aber sie schluckt die Thränen tapfer hinunter. - -»Bleibst, bleiben S' noch länger im Dorf?« - -Fritz schüttelt den Kopf. - -»Morgen geht's weiter ins Steirische hinein; warum fragst du?« - -Wieder kommt etwas Undeutliches von einem Sonntagsgewand über Cenz's -Lippen. - -Der Maler lacht: - -»Kann sein, dass ich beim Abstieg noch einmal hier vorspreche, kann sein, -erst auf's Jahr. Dann male ich dich in grossem Staat. Ich habe eine Ahnung, -Cenz, dass du mir Glück bringen wirst.« - -Er sah sich nicht getäuscht. »Unkraut am Wege,« das Bild der kleinen -Landstreicherin, das er in Oel ausgeführt, wurde in die Ausstellung -aufgenommen und trug ihm Lob, Geld und Aufträge ein. Cenz wartete derweil -daheim, dass er wiederkommen und sein Versprechen erfüllen werde. Es war -ihr eigentlich weniger um das Bild, als um eine Ehrenerklärung in seinen -Augen zu thun. Da sie nicht wissen konnte, wann er sie überraschen werde, -trug sie sich der Vorsicht halber so nett und sauber als möglich. Keine -Streifzüge über Zäune nach verbotenem Obst, kein Herumklettern und -Herumstreifen in der Sonnengluth mehr. Sie hatte ihm gesagt, dass sie dem -Kreuzwirth gehöre, im Kreuzwirthshaus wird er sie suchen und finden. So -hat es sich von selbst gemacht, dass sie sich mehr in der Nähe des Hauses -hält und anfängt, ihrer Mutter in der Wirthschaft an die Hand zu gehen. -Die schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Cenz nach dem Abschied -vom Maler heimkam, aber sie hat seitdem keine Veranlassung zu einer -Wiederholung dieser Geberde des Entsetzens gefunden, es wäre denn, sie -thäte es, um ihr Erstaunen über die Veränderung in dem Wesen ihres -Stiefkinds auszudrücken. Der Sommer geht vorüber, aber Fritz Teubner nahm -längst den Abstieg auf einer anderen Seite und sitzt in Wien eifrig über -seinem Ausstellungsbild. Zuweilen erwachen in Cenz die Regungen der alten -Ungeberdigkeit, aber nach etlichen leisen Ausbrüchen kämpft sie dieselben -nieder. Der Winter ist lang und das Stillsitzen eine harte Aufgabe für -Cenz, aber sie hilft der Mutter beim Nähen und Flicken, und Sonntags -bedient sie flink die durstigen Bauern und die paar versprengten Städter, -die selbst in Schnee und Frost der Leidenschaft, Berge zu besteigen, -fröhnen. Endlich kommt der Sommer, und Cenz blickt voll Zuversicht -vorwärts. Sie hat, wie manche lang im Wachsthum zurückgebliebene Pflanze, -plötzlich in die Höhe zu schiessen angefangen, sie wird gross und -hübsch, und alle die alten Kleider mit den unverwischbaren Spuren ihrer -Kletterkünste müssen für die kleinen Schwestern übernäht werden. Sie -selber geht in schmucken neuen Gewändern, und wäre nicht der eine und -der andere der Gäste in der Ausstellung gewesen und hätte sie im goldenen -Rahmen sammt der Aufschrift gesehen, ihr alter Spottnamen wäre ganz und -gar in Vergessenheit gerathen. Aber wehe dem, der ihn in ihrer Hörweite -brauchte, das Zünglein hatte keine Veränderung durchgemacht. - -Auch dieser Sommer verging und noch ein Winter, ohne dass Fritz Teubner -sein Wort wahr gemacht. Cenz war ein erwachsenes Mädchen geworden, und die -jungen Burschen fingen an, sie mit sehr freundlichen Augen anzusehen. -Ihr schnippisches Wesen und ihr hübsches Gesicht schien es besonders dem -reichen Erben des Thalhofbauern angethan zu haben, er sass so oft und so -lange als möglich im Kreuzwirthshaus, spielte mit Cenz' Vater Karten und -machte sich der Wirthin angenehm; bei dem jungen Mädchen selbst machte -er jedoch keine Fortschritte. Wieder waren die Kirschen reif geworden, und -Cenz trug einen Korb voll aus dem Garten in's Haus, da sah sie unter dem -Nussbaum einen jungen Menschen mit einem breitrandigen Hute sitzen und -musste den Korb hinstellen, sonst wäre er ihren Händen entfallen. - -»Grüss Gott, Herr Teubner,« sprach sie, jedoch mit ganz ruhiger Stimme. -Er sah auf, zweifelnd, staunend, wie Einer, der seinen Augen misstraut. - -»Ja, bist du das wirklich? Die kleine schwarze Cenz? Aber das ist -unmöglich!« - -»Ja, aus Kindern werden Leut',« lachte sie. - -»Die Augen und die blitzenden Zähne sind es noch, aber sonst muss dich -eine gute Fee umgetauscht haben.« - -»War ich denn gar so an Schrecken?« fragte sie mit dörflicher -Coquetterie. - -»Für mich nicht, im Gegentheil, aber für die Sperlinge, die Obstbäume -und für deine Mutter musst du so etwas gewesen sein. Für mich warst du -alles Gute in Person; dass ich dir begegnet bin, muss ich ein wahres Glück -nennen.« - -Sie wurde hochroth. Zum Glück rief die Mutter aus dem Hause: - -»Cenz, Cenz, wo steckt denn das Madel?« - -Sie lief hinein. Im Verschlag neben der Mutter sass der Thalhofer Franz. - -»Cenz, siehst du aber bildsauber aus,« sprach er. - -»Das geht dich gar nix an«, sagte sie, füllte einen Krug mit Bier und -eilte, ohne von ihrem Verehrer weiter Notiz zu nehmen, in den Hof hinaus. - -»So; und wie ist's Ihnen denn alleweil ergangen, Herr Teubner?« fragte -sie und setzte sich auf die Bank ihm gegenüber. Er konnte sich von seinem -Erstaunen kaum erholen. So ruhig waren ihre Bewegungen geworden, so ohne -jede bäurische Ungelenkigkeit, und doch wieder völlig des ehemaligen -dreisten Wesens ermangelnd. - -»Gut, sehr gut sogar«, sagte er, »ich erzählte dir schon, dass du mir -Glück gebracht hast. Seit ich dein Bild gemalt, habe ich alle Hände voll -zu thun gehabt.« - -»Sie haben g'wiss viel schöne Damen g'malen?« fragte sie mit einer -Regung der Eifersucht. - -»Du meinst ja wohl Damen im Sonntagsputz?« versetzte er, sich der eiteln -Regung der Kleinen erinnernd. »Da fällt mir ein, wann willst du mir denn -in deinem besten Staat sitzen?« - -»Auf der Stell', i kleid' mi nur um«, sprach sie und verschwand im Hause, -klugerweise aber, ohne das Gastzimmer zu betreten; aus dem Flur führte -die Treppe in ihr Zimmerchen. Die Fragen des Thalhofers wären unbequem -gewesen. Nach einer Weile kam sie wieder, mit einer Näherei in der Hand. - -»Blitz, siehst Du sauber aus!« rief Teubner, die Künstleraugen voll -ehrlicher Bewunderung auf ihr verweilen lassend. »Ich bin sicher, die -»Haiderose« wird ebenso viel Erfolg haben, wie -- wie dein früheres -Conterfei. Vielleicht verhilft sie mir zu all' den übrigen guten Dingen, -die ich mir noch für's Leben wünsche. Dem »Unkraut am Wege« verdanke -ich ein schönes Atelier, freundliche Kritiken und dass ich mit etlichen -Münzen in der Tasche klimpern kann. Und wenn das Glück mir wohl will, -dann«, er brach ab und blickte auf einen einfachen Ring an seinem Finger. -»Was hast Du?« fragte er auf einmal aufsehend. - -»I' hab mi g'stochen«, sagte sie mit völlig veränderter Stimme, die -Nadel war ihr bei einer heftigen Bewegung in den Finger gefahren, ein -Blutstropfen fiel herunter, sie seufzte tief auf. Fritz Teubner schüttelte -den Kopf über das wehleidige Bauernmädchen, das ganz verstört über -einen Nadelstich erschien. Da war die kleine zarte Nachbarin, deren Ring er -am Finger trug, standhafter. Tagaus, tagein handhabt sie die Nadel bis -zu einem gewissen glücklichen Tage, den Cenz's Bild näher rücken soll. -Eifrig führt der Maler den Stift. - -Der Thalhofer Franz tritt zu der Gruppe im Hofe. - -»Madel, was hast?« fragt er erschrocken, »Du wirst doch net krank wer'n. -Lass Dir rathen und geh in's Haus. Bei derer Hitz'n ist's net gut draussen -sein.« - -Merkwürdig wohl thut ihr seine Sorge, und dankbar sieht sie den ehrlichen -hübschen Jungen an. - -»Mir is nix«, sagte sie, »aber i denk', i lass, wenn's Ihnen recht is, -das Sitzen auf ein ander Mal.« Fritz ist's zufrieden. Er hat denn auch im -Lauf der Tage, während er im Dorfwirthshaus sein Quartier aufgeschlagen, -das Bild vollendet. Mit Crescenz schloss er gute Freundschaft; sie hat die -ganz ausführliche Geschichte von der kleinen hübschen Nachbarin, von dem -Ring und wie und wann er ihn bekommen, aus seinem Munde gehört. Wie -tief sie diese Geschichte ergriff, hat er nicht erfahren. Das Unkraut war -übrigens ein tapferes Mädchen geworden und wusste seine aussichtslose und -ein wenig lächerliche Neigung zu bekämpfen. Als ein Jahr nachher Fritz -Teubner mit seiner jungen Frau in das Dorf zur Sommerfrische kam, ging -es gerade hoch her im Kreuzwirthshaus. Das hübscheste Mädchen im Orte, -Crescenz Hellgruber, feierte ihren Verspruch mit dem jungen Thalhofer. -»Man soll si nix verreden«, sagte die Wirthin zum Pfarrer, »jetzt hab' -i an dem Unkräutl doch mei Freud erlebt. So brav ist's worden, dass i mir -wünsch, meine Madeln sollen ihr nachgerathen.« - - - - -HERBSTBLÄTTER. - - -Ich kann ihn nun selber tragen! bemühen Sie sich nicht weiter! Die alte -Frau nahm dem Mädchen den kleinen, mit Koth und Blut beschmutzten -Knaben ab und sich mit kurzem Kopfnicken, ja ohne ein Wort des Dankes -verabschiedend, ging sie in ihr Haus hinein. Verblüfft blieb die -Nachbarin, ein junges, nettgekleidetes Mädchen, mit einem zarten -schüchternen Gesicht vor der Thüre stehen. Warum wurde sie so ohne alle -Förmlichkeit entlassen? Das alte, zahnlose Mütterchen hatte es geduldet, -dass sie ihr den schweren Jungen die ganze, ziemlich lange Strecke von der -Pferdebahn bis zum Hause mehr trug als führte. Freilich hätte sie den -Liebesdienst auch nicht abzulehnen vermocht, selbst wenn sie Lust dazu -gehabt hätte. Der Schrecken war ihr in die alten Glieder gefahren, als das -wilde Kerlchen, noch bevor sie das Zeichen zum Halten gegeben, vom Wagen -sprang, hinfiel und sich das Gesicht aufschlug. Und als das junge Mädchen, -das an derselben Strassenecke abstieg, den kleinen Unband, ohne ein Wort zu -sprechen, auf den Arm nahm, war sie ihr wortlos gefolgt; aber die Blicke, -die sie auf die junge Helferin heftete, zeugten von Allem eher als -von Erkenntlichkeit und Wohlwollen, und der Abschied war entschieden -unhöflich. Merkwürdigerweise hatte sich das Büblein ohne Widerrede von -der Fremden tragen lassen, während es sich oft aus den Armen der alten -Frau sträubend loswand, was das Mädchen vom Fenster aus beobachtet. -So war es vermuthlich grossmütterliche Eifersucht, was die Greisin so -ablehnend erscheinen liess. Eine andere Erklärung konnte Johanna Stirner -dem sonderbaren Benehmen nicht geben. - -Frau und Kind waren ihr nicht ganz fremd, obschon sie ihre Namen nicht -wusste. Seit etwa vier Wochen hatte sie das einfenstrige Gassenzimmerchen -dem Hause der Alten gegenüber gemiethet. Sie war eine Kleidermacherin, -eine Waise, die sich seit dem Tode ihrer Eltern tapfer und ehrlich durch's -Leben schlug. Erst hatte sie Stunden gegeben, aber das Schneidern wurde -besser bezahlt. Ihre Arbeit ernährte sie und gestattete ihr den Genuss -eines der feineren Vergnügen, an die sie in ihrem wohlhabenden Elternhaus -gewöhnt gewesen, den Besuch eines Theaters oder Conzerts oder den eines -befreundeten Hauses, das sich nicht von ihr zurückgezogen, als sie den -Kampf um's Dasein selbständig aufnehmen musste. Ihre Beschäftigung zwang -sie, nahe dem Fenster zu sitzen, und während die flinken Hände in das -feine Zeug stachen, hatte ihr Geist Zeit zum Beobachten und Nachdenken. - -Unwillkürlich formte sie sich die Lebensgeschichte zu den Gesichtern, die -sie in den Fenstern oder auf der Strasse sah. Das alte Paar ihr gegenüber, -das die wärmende Herbstsonne suchte und in ihrem Schein an je einem -Fenster im ersten Stockwerk sass, musste schwere Verluste erlitten haben. -Sicher war es das verbitternde Unglück, das ihnen die herben Linien in -die Gesichter gezogen, wahrscheinlich der Verlust ihrer Lieben. Das junge -Mädchen glaubte zuerst, sie ständen ganz allein, aber bald sah sie einen -wilden kleinen Jungen, der nicht mehr als vier Jahre zählen mochte, in der -Stube herumstürmen und das Oberste zu unterst kehren. Die Alten liessen -ihm wohl zu viel eigenen Willen, denn es kam vor, dass sich der Wildfang -auf das Fenstersims setzte und die kleinen Beinchen in die Strasse -hinabbaumeln lies. Das sah lebensgefährlich aus, aber wenn es ihm die -Grosseltern wehrten, so bemerkte man keine Wirkung davon. Sie sprachen auf -ihn ein, und er blieb unbekümmert auf seiner Warte, bis ihm ein anderer -Einfall durch das Gehirn schoss, er in die Stube zurückkletterte, um -nach ein paar Minuten auf der Strasse unter den wilden, zerlumpten Rangen -aufzutauchen. Sie waren älter als er, aber das hinderte ihn nicht, wie ein -kleiner trotziger Kampfhahn auf sie einzudringen. Putzig genug sah er -aus, wenn er mit seinen Fäusten auf die grossen Bengel loshämmerte, -unbekümmert darum, wohin sie ihrerseits mit ihren Armen trafen. Wenn er -hinab kam, war er sauber und trug gute Kleider, aber eine halbe Stunde -unter seinen Widersachern sah ihn voll Staub und Schmutz und den Anzug in -Fetzen. - -Fräulein Johanna konnte sich nicht enthalten, dem prächtigen -dunkeläugigen Burschen die zerzausten Locken zu streicheln, oder ihm einen -Apfel, ein Stückchen Backwerk zuzustecken, wenn sie an ihm vorbeikam. -Das arme Mädchen ahnte wenig, welchen Missdeutungen sie sich durch ihre -harmlose Freundlichkeit aussetzte. - -»Wieder Eine!« sagte die zahnlose Alte und winkte bedeutungsvoll zu ihrem -würdigen Gemahl hinüber. - -»Sie speculirt,« pflichtete er bei, »dem Kind schmeichelt sie und meint -jemand Andern. Nun, wir sind auch noch da!« - -Da Johanna Abends vom Fenster abrückte und zufällig die ersten Sonntage -bei ihren Freundinnen eingeladen war, wusste sie gar nicht, dass die -interessante Familie über der Strasse noch ein Mitglied zähle; um wie -viel weniger konnte ihr einfallen, dass man ihr niedrige, eigennützige -Pläne auf dasselbe beimesse. Sie wohnte schon eine geraume Zeit in ihrem -Stübchen, bis sie einmal zufällig Abends an das Fenster trat und drüben -einen noch jungen Mann mit einem sehr ernsthaften Gesicht bemerkte. Die -leidenschaftliche Innigkeit, mit der er das Kind liebkoste, fiel ihr auf. -Dann unterhielt sie der Kampf, der in der Regel mit aufgeweckten und nicht -sonderlich lenksamen Kindern ausgefochten werden muss, der Kampf um das -Zubettgehen. Das Kerlchen lief lachend und schreiend vor der Grossmutter -davon, diese mochte bitten und drohen, das sah man an ihren Mienen, aber -ohne einen Eindruck zu erzielen. Zuletzt machte der junge Mann der Komödie -ein Ende, indem er das Kind in den Arm nahm und aus der Stube trug. Ohne -sich zu sträuben, liess es der kleine Junge geschehen, ja er drückte -vergnügt lachend sein Gesicht an das bärtige; -- das war offenbar sein -Papa, der Knabe nicht, wie sie vermuthet, doppelt verwaist. Dann hat sie -auch den jungen Mann hie und da beobachtet; wenn er das Kind nicht bei sich -hatte, wurde sein Gesicht trostlos, abgespannt, das eines Menschen, dem das -Leben nicht leicht fällt. Dem war gewiss mit seiner Frau das beste Theil -gestorben, und das Beisammensein mit den alten Leuten, die seine Eltern -nicht sind, darauf möchte das Mädchen wetten, bietet ihm vermuthlich -keinen vollwichtigen Ersatz für das, was er verloren. Allabendlich setzt -er sich mit ihnen zum Kartenspiel nieder, aber aus der Entfernung kann sie -sehen, dass diese Art Zeitvertreib von ihm als eine einmal übernommene und -ohne Widerstand ausgeführte Pflicht statt als Vergnügen betrachtet wird. -Bleierne Langweile, unzerstörbare Gleichgültigkeit haftet bei Gewinn wie -Verlust in seinen Zügen, während es in den alten Gesichtern gierig oder -enttäuscht aufzuckt und der volle Spieleifer aus ihren hastigen Bewegungen -spricht. -- Wenn sich das Paar endlich zu Ruhe begeben, dann wandert der -Mann noch lange rastlos in dem Wohnzimmer herum; Johanna stellt sich vor, -dass es einst das Glück seiner jungen Ehe umschlossen, und nun von all -den Geistern todter Freuden für ihn bevölkert ist. Eine spuckhafte -Gesellschaft! Kein Wunder, dass sich seine Stirn furcht und das Gesicht -den Ausdruck müder Resignation trägt. Der Mann dauert sie; und sie weiss -nicht einmal, wie sehr er zu bedauern ist. - -Seit drei Jahren steht das alte Paar zwischen ihm und jeder erwachenden -Regung von Lebenslust. Ihnen ist mit ihrem einzigen Kind Alles gestorben; -sie könnten es nicht begreifen, wenn es bei dem jungen Mann anders wäre. -Ein eifersüchtiger Liebhaber könnte nicht ängstlicher seine Herzensdame -bewachen, als die beiden Greise ihren Schwiegersohn. Es ist eine -böse Welt, voller Fallstricke. Ihr Alter und ihr Missgeschick hat sie -argwöhnisch gemacht. Am Ende ist es doch nur Liebe, wenn auch eine -verzerrte, missartete, die ihr sonst unverantwortliches Beginnen diktirt; -sie können sich nicht darein finden, eine Andere die Stelle einnehmen zu -sehen, die ihr einziges Kind ausgefüllt. Und sie zittern für Ivo, ihr -Enkelkind, dem eine Fremde nicht die Zärtlichkeit entgegen trüge, die er -bei ihnen findet. Wo könnte der kleine Schelm, der kaum ein Jahr zählte, -als ihm die Mutter starb, besser aufgehoben sein, als bei den Grosseltern? -Die alte Frau hat manche Nacht bei dem Kleinen durchwachen müssen, die -Last und Plage, die solch ein junges Menschenkind verursacht, war für ihre -Jahre nichts Geringes. Ivo's Vater wäre ein verhärteter Bösewicht, wenn -er der grossen Opfer nicht dankbar gedächte und die kleinen Schrullen -übersähe. Dass sie in jeder Frauengestalt, die in seinem Gesichtskreis -auftauchte, eine gewissenlose Glücksjägerin witterten, dass sie und ihr -Mann nicht müde werden konnten, ihn zu warnen und über die unlauteren -Beweggründe für jedes freundliche Wort, an ihn gerichtet, für jede -Liebkosung, die der schöne kleine Bursche empfing, aufzuklären, -erschien ihm allerdings nicht gerade als ein Beweis von liebenswürdiger -Gemüthsart, auch trug es nicht dazu bei, ihm das Zusammenleben mit ihnen -besonders erfreulich zu gestalten. Aber um ihn handelte es sich nicht, -ihn hielt sein Beruf den ganzen Tag vom Hause fern; wenn er sein Kind -treu behütet wusste, so hatte er wohl alles erreicht, was ihm sein armes, -verstörtes Leben noch zu bieten vermochte. Diese nimmermüde Sorgfalt, -die keine andere Hand dem Knaben widmen würde, war ein Dogma. In der Obhut -seiner Grosseltern konnte ihm nichts geschehen, es war unmöglich bei ihrer -unausgesetzten Wachsamkeit! Und nun hatte sich der Junge blutig geschlagen, -als er mit der Grossmama aus dem Park heimfuhr, und um ihr keinen Tropfen -in diesem bittern Kelch zu ersparen, musste eine Fremde ihm zu Hilfe eilen, -nein, keine Fremde, eine Harpye, die schon seit Wochen darauf lauerte, -über den gedeckten Tisch herzufallen, die vermuthlich das einfenstrige -Zimmer nur um ihrer versteckten Pläne willen gemiethet und mit geübter -Hand Zug um Zug auf ihrem Schachbrett gethan. Schon sah die Alte ihren -leichtgetäuschten Schwiegersohn in den Banden einer berechnenden Frau, Ivo -bei Seite geschoben und rauh angefahren, da griff sie denn nach dem ersten -Ausweg, der sich ihr offenbarte, sie hiess den Jungen über den Vorfall -schweigen. Papa würde sehr böse werden, wenn er erführe, dass Ivo vom -Wagen abgesprungen, bevor dieser hielt, schärfte sie ihm ein und blickte -höhnisch zu der Nachbarin hinüber, die nun wieder emsig arbeitend beim -Fenster sass, um sich durch ihren Fleiss »ein gutes Bild einzulegen.« -Für diesmal war ihr das Spiel verdorben. Die Alte hätte kein schlechteres -Mittel ergreifen können; und wäre nicht schon eine so lange Zeit -verstrichen, seit sie ihr eigenes Kind erzog, sie wäre sicher nicht darauf -verfallen. Ivo war, wie die meisten lebhaften, aufgeweckten Kinder kein -Grübler; er hätte bis zum Abend den Hautriss sammt dem Pflaster darüber, -das zarte Mädchengesicht, das sich über ihn gebeugt, das mitleidige -»Hast Du Schmerzen, Du armer Schelm?« vollkommen vergessen, wenn das -Verbot nicht gewesen wäre. Das erhielt den ganzen Vorfall frisch in seinem -Gedächtniss, und verlieh ihm eine tiefe Bedeutung. Und als Papa am Abend -gleich beim Kommen, das Pflaster auf der Stirn bemerkend, auf seine -Frage von Grossmama die Antwort erhielt, Ivo habe sich an der Tischkante -gestossen, wurden die Augen des Kindes sehr gross. Grossmama hatte gelogen, -ein guter Theil ihrer Autorität war für immer dahin. Hartnäckiger als -sonst wehrte sich der Kleine gegen sie, als sie ihn zu Bett bringen wollte. -Aber hartnäckiger als sonst, bestand sie heute auf ihrem Willen; es war -nicht rathsam, Vater und Kind an diesem Abend sich selber zu überlassen. -Aber als sie Ivo trotz seines Sträubens ergriff, schrie er: »Lass mich, -oder ich sage dem Papa, dass ich vom Wagen gefallen bin!« - -Ihr fielen die Hände vor Schreck in den Schooss, und ohne Widerstand -duldete sie es, dass der Teufelsjunge sich von Papa emporheben und aus -dem Zimmer tragen liess. Erst nach einer Weile folgte sie ihnen, um ihrem -Schwiegersohn beim Auskleiden des kleinen Prinzen zu helfen, aber der lag -schon im Bett, mit beiden Händchen um den Hals des Vaters, der seinen Kopf -auf das Kissen neben den des Kindes gelegt; es war wie gewöhnlich; kein -Anzeichen, dass der Range geplaudert und alle Mühe umsonst gewesen. -Beruhigt zog sie sich zurück. Sie ahnte nicht, was ihr der nächste Morgen -bringen würde. - -Es war ein Sonntag, ein schöner, milder Frühlingstag. Grossmama sah -kein Arges darin, dass ihr Schwiegersohn bat, dem Kinde sein bestes Kleid -anzulegen. Vermuthlich führte er ihn, wie er es fast jeden Sonntag that, -in den Park spazieren. -- Als der junge Mann und das Kind der Thüre -zuschritten, wandte sich der Erstere nochmals um: »Ich hoffe, Grossmama, -wir werden zur rechten Zeit zurück sein, doch sollten wir uns, wider -Erwarten, verspäten, dann nehmt das Essen ohne uns ein. Ich beabsichtige, -mit Ivo einen Besuch zu machen.« - -Einen Besuch? Seit dem Tode, nein schon seit der Erkrankung seiner Frau -hatte er nicht daran gedacht, ein fremdes Haus zu betreten, fing er auf -einmal an, der Aussenwelt Interesse abzugewinnen? Der Alten erschien dies -wie eine Beeinträchtigung ihrer todten Tochter. - -»Wohin willst Du mit Ivo gehen?« fragte sie und wischte dem Kinde über -das ohnehin blanke Gesichtchen; sie hatte kein Recht zu der Frage, aber -ihre Wissbegier trug manchmal den Sieg über ihre Klugheit davon. - -»Selbstverständlich zu dem jungen Mädchen, das meinem Kinde Beistand -geleistet. Es war nicht recht, Grossmama, dass Du mir den Vorfall -verheimlicht. Die junge Dame müsste uns für Leute ohne Lebensart -und Erziehung halten, wenn wir ihr nicht einmal unseren Dank dafür -aussprächen, dass sie den schweren Jungen bis zum Hause trug.« - -Nun lag ihm schon an der Meinung einer wildfremden Näherin. Grossmama war -wüthend. - -»Ich hatte es vergessen,« sagte sie, mühselig eine gleichgültige Miene -behauptend, »gedankt habe ich ihr für die kleine Mühe übrigens schon -gestern. Sie wird wohl wissen, weshalb sie sich sie nahm. Wäre mein armes -Kind noch am Leben, dann hätte die drüben gewiss keine Hand nach Ivo -ausgestreckt.« - -»Ja,« schnarrte Grosspapa von seinem Sitz am Fenster dazwischen, »sich -selbst sein Brod verdienen, das ist ein unangenehmes Geschäft für eine -junge Dame, viel besser, man setzt sich in ein wohleingerichtetes Haus -hinein, selbst wenn man so ein lästiges Anhängsel,« er wies auf Ivo, -»mit in Kauf nehmen muss.« - -»Da stösst man dann in alle Ecken«, wehklagte seine Gemahlin, »ich habe -es nicht einmal, nein Dutzendmal mit angesehen. Wenn ein Kind den Vater -verliert, so ist es traurig, aber mit der Mutter büsst es alles, alles -ein.« Beschwörend streckte sie die Hände nach ihrem wie auf Kohlen -stehenden Schwiegersohn aus. - -»Franz, wenn Du dem Knaben eine Stiefmutter giebst, sieh' nicht auf Jugend -und Schönheit, sieh' nur, ob sie ein Herz zu dem Kind fassen kann!« - -»Ich weiss nicht, was Dir einfällt, Grossmama,« sagte der junge Mann -unwirsch, »ich denke nicht daran, mich wieder zu verheirathen. Mein Sohn -ist bei Euch gut aufgehoben, und ich kann doch nie wieder so glücklich -werden, wie ich es mit Marie gewesen.« - -Das war eine Beruhigung für die Alten, aber Franz ging ärgerlich, aus -seiner gewöhnlichen Gelassenheit aufgerüttelt, davon. Die Beschwörungen -und Prophezeihungen wickelten ihn in einen grauen dicken Nebel ein, durch -welchen er die Welt in ziemlich trübseligem Licht erblickte. Zuletzt that -es ihm leid, dass er so bestimmt seine Absicht angekündigt, der Nachbarin -in Person zu danken. Was sollte ihm der Verkehr mit einer Fremden? Er war -durch sein Unglück an Einsamkeit gewöhnt, fühlte sich am wohlsten allein -oder in der Gesellschaft seines Kindes. Die Alten hatten nicht Unrecht, -er that am besten, wenn er sein leckes Lebensschifflein abseits von den -anderen Seefahrern lenkte, die unter vollem Segel hinglitten und vom Leben -noch Glück und erfüllte Verheissungen erwarteten. Vielleicht hatten sie -auch recht mit ihren Warnungen; sie kennen die Nachbarin seit längerer -Zeit, haben sie beobachtet, während er sie noch kaum bemerkte. - -Ivo hat heute nicht viel Vergnügen von seinem vor sich hingrübelnden -Papa. Aber er verlangt von dem traurigen Mann nicht, dass er sich so -unausgesetzt mit ihm beschäftige, wie es die Grosseltern thun, die ihn -mit ihren Lehren und ihrer Beaufsichtigung gar oft langweilen. Er ist schon -zufrieden, wenn er mit seinem Papa sein, neben ihm hergehen kann, vergebens -bemüht, seine Schritte den weitausgreifenden anzupassen. Im Park setzt -sich Franz auf eine Bank, der Kleine befriedigt an seine Seite. Nach einer -Weile wird er des Stillsitzens überdrüssig und beginnt, die schönen -gelbfarbigen und purpurrothen Blätter aufzulesen, die der Herbst auf den -Rasen verstreut. Ein ganz unterhaltendes Geschäft, und wenn man die minder -schönen immer wieder gegen besser gefärbte vertauschte, mag es auch für -eine geraume Zeit vorhalten. - -Der Vater trifft Anstalten, sich von seinem Sitz zu erheben und blickt nach -dem Knaben aus. Beide Hände voll mit seiner prächtigen Beute eilt er auf -ihn zu. Franz ist soeben zu dem Entschluss gekommen, es sei am besten, nach -Hause zu gehen und der Fremden einige Zeilen des Dankes zu schreiben, denn -er ist des Verkehrs mit Frauen vollkommen entwöhnt, und die Worte der -Alten haben, ohne dass er es sich gestehen mag, ihren Einfluss auf ihn -nicht verfehlt. Da sagt Ivo: - -»Die rothen und gelben Blumen bringe ich alle dem schönen, grossen -Mädchen, das mich nach Hause getragen hat. Die wird sich freuen!« - -Es war feuchtkalt in den Zimmern. Die Sonne schien plötzlich ihre -ganze Macht eingebüsst zu haben. Grossmama sass, in einen dicken Shawl -gewickelt, am Fenster und blickte ingrimmig zu der Nachbarin hinüber. Was -sie sah, war aber auch wirklich geeignet, ihrem Verdacht Nahrung zu geben, -und ihr am Nebenfenster gleich einer grossen grauen Spinne lauernder -Gemahl, ein heimtückischer Greis, der sich freute, für seine geringe -Meinung von der Menschheit im Allgemeinen an besondern Fällen eine -Bekräftigung zu finden, verstand es trefflich, durch gelegentliche -boshafte Bemerkungen, wie »wenn sie das Kind mit ihrer Zärtlichkeit nur -nicht erdrückt!« oder »Franz scheint sich gar nicht von drüben trennen -zu können,« das Feuer zu schüren. Franz war ein ungelenker, steifer -Geselle, seit er sich in seinem Umgang auf die zwei alten Leute -beschränkte. Er hatte sich auf den Sessel gesetzt, den ihm die Nachbarin -angeboten, und nachdem er, unbeholfen genug, seinen Dank für die -geleistete Hülfe ausgesprochen, versank er in ein bedrückendes -Stillschweigen. Das junge Mädchen war zu schüchtern, um es zu -unterbrechen. Im Hause ihrer Eltern, mit dem Rückhalt, den ihr deren -gesicherte Lebensstellung gewährt, war sie heiter, lebhaft und gewandt -gewesen; seit sie sich allein durch's Leben schlagen und und von -hochmüthigen Kunden manche Demüthigung hinnehmen musste, war sie -gedrückt, zurückhaltend, und nur wenn sie freundlichem Entgegenkommen -begegnete, schaute sie auf, und ihre ehemalige liebenswürdige -Gesprächigkeit trat zu Tage. Beide hatten im ersten Augenblick nicht den -günstigsten Eindruck von einander empfangen; Johanna hielt ihren Gast für -hochmüthig, -- (das arme Kind war seit den trüben Erfahrungen, die sie -gemacht, nur zu geneigt, diese Eigenschaft bei ihren lieben Nächsten -vorauszusetzen) -- er dachte, sie wäre eine hübsche geist- und leblose -Kaminfigur und blickte sehnsüchtig nach der Thür, im Stillen die -Augenblicke zählend, bis er sich ohne Verstoss gegen die Schicklichkeit -wieder empfehlen konnte. Nur Ivo fühlte sich wie zu Hause. Ihn würde -der Glanz und die Hoheit eines Königshofes vermuthlich auch nicht im -Geringsten eingeschüchtert haben. Uebrigens kam er nicht mit leeren -Händen, das musste ihm jedenfalls einen freundlichen Empfang sichern. - -»Da«, sagte er mit grosser Wichtigkeit, die gelben und rothen Blätter, -die er auf dem Wege durch krampfhaftes Festhalten um ihre natürliche Form -gebracht, Johannaen darreichend, »das alles gehört Dir. Freust Du Dich?« - -Es war wie eine Erlösung, die frische, helle, sorglose Kinderstimme in das -drückende Schweigen hineinklingen zu hören. Kein Wunder, dass Johanna -den kleinen Jungen umfasste, herzlich abküsste und auf den Schooss nahm. -Weggewischt war alle Verlegenheit und Zurückhaltung, das junge bildschöne -Kind, das sich so eng an sie schmiegte, dessen warmen Athem sie an ihrer -Wange spürte, wusste nichts von Ueberhebung, wollte nicht verletzen. -Mochte der steife Patron auf dem Sessel drüben mit sich zurechtkommen, -wie er wollte, sie hatte ihren Zeitvertreib. Und nun kam sie ins Plaudern. -Jedes Wort verrieth das Mädchen von Bildung und Verstand, das sich in -gemüthvoller Herzlichkeit zu dem Fassungsvermögen des kleinen Burschen -herablässt. Ihr silbernes Fingerhütchen, das sie selbst heute nicht -abgelegt, da sie trotz des Sonntags ein Kleid anzufertigen hatte, wurde -nun ein undurchdringlicher Panzer, die spitzen Nadeln, Lanzen und Spiesse, -jeder Finger ein wackerer Ritter. Welch ein Turnier entwickelte sich zu -Gunsten Ivo's, der vor Spannung und Entzücken den Athem anhielt. Mit -grossen Augen sah Franz die Umwandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen, -seit sie das Kind auf dem Schooss hielt. Von dem kleinen Medium konnte er -ja auch Nutzen ziehen. Und nun entwickelte sich das anmuthige Spiel, -das die Grossmama und ihren würdigen Gemahl mit so berechtigtem Unmuth -erfüllte. Sobald Ivo von Johanna's Schooss herabgeklettert und irgend -eine fabelhafte Herrlichkeit auf dem Kamin des Parlors, der Johanna's -Hauswirthen gehörte, zu bewundern, hielt sein Papa ihn an und begann -ihm die Haare zurecht zu streichen, einmal in die Stirn und dann zur -Abwechslung aus der Stirn. Dabei sprach er durch ihn zu der Nachbarin. - -»Du darfst das Fräulein nicht so belästigen, Ivo.« Natürlich -versicherte sie, er mache ihr keine Mühe. Dann erklärte ihm sein Papa auf -das Nachdrücklichste, sie sei zu gütig gegen ihn, und er verdiene so viel -Nachsicht und Freundlichkeit nicht. Darauf zog sie ihn wieder zu sich, um -den eiteln kleinen Burschen, der vor Freude hochroth im Gesicht wurde, ein -dunkelblaues Band, das ihr von der Näherei übrig geblieben, als Cravatte -um den Hals zu knüpfen. Das erinnerte ihn an die Zeit, da Ivo's Mutter -kein grösseres Vergnügen gekannt, als das winzige Kind mit Schleifen und -Bändern herauszuputzen. Das eine seiner Händchen haltend, sprach er von -jenen schönen Tagen, sie fasste das andere und war ganz Mitleid für das -Kind. Ivo hielt prachtvoll still in seiner Blitzableiterrolle, die den -Beiden über ihre Verlegenheit hinweghalf. Er liess sich von Johanna die -Bilder in der »Gartenlaube« erklären und zeigte dann jedes dem Vater -hinüber, eine sehr drollige Erläuterung in seiner Manier dazugebend. -Und unvermerkt verstrich die Zeit. Hüben und drüben gab es mit jedem -Viertelstündchen mürrischere Gesichter. Ivo's Grosseltern warteten, -trotzdem ihre Essensstunde bereits vorüber war, mit der Sonntagstafel; -dasselbe thaten Johanna's Hauswirthe. Aber beide erschöpften sich dabei -nicht gerade in Segenswünschen für die Schuldtragenden. - -Endlich als die Hausfrau ihr ältestes Töchterchen mit der Botschaft -hereinschickte, die Familie könne nicht länger warten, erhob sich Franz, -erstaunt und erschrocken über die ungebührliche Länge seines ersten -Besuchs; aber das junge Mädchen war nun in die Freuden und Leiden seines -Lebens eingeweiht, sie wusste von seinem kurzen Glück und der langen -trostlosen Zeit, die demselben gefolgt. Auch sie hatte mit ihren -Mittheilungen nicht gegeizt. Beiden war es ein seltener Genuss, einmal zu -einem wirklich theilnehmenden Ohr von dem eigenen Schicksal zu sprechen, -und er kannte nun ihr Elternhaus, ihre friedliche sorglose Kindheit und die -harten Schläge, die sie betroffen, als wäre er ein alter Freund. Sprechen -wir nicht von der Sonntagstafel. Hüben wie drüben hätte sie den Beiden -eigentlich durch die missmuthigen Gesichter am Tisch vergällt werden -müssen, aber sie bemerkten nichts davon. Beide waren in Gedanken noch -immer bei dem angenehmen Stündchen, Beiden schien's, als sei ihnen etwas -von ihrem alten Leben zurückgekehrt. Ivo vollends war unausstehlich. Wäre -dies dem verwöhnten Enkelchen gegenüber nicht gar so unmöglich gewesen, -die Grosseltern hätten ihm vermuthlich mehr als einmal barsch Schweigen -geboten. Er wurde nicht müde, von der Tante zu sprechen; alles, was er -drüben gesehen, war viel schöner als daheim, Grossmutter besass nur -einen gewöhnlichen Fingerhut und nichts anderes, ihr Kuchen hielt keinen -Vergleich mit dem aus, den ihm Johanna gegeben, und eine solche Cravatte -wie die, welche sie ihm umgebunden, fand sich im ganzen Hause nicht vor. - -Auch fiel seine Begeisterung nicht so schnell in todte Asche zusammen, wie -es sonst bei Kindern der Fall ist. Sobald ihn die Grossmama des Morgens -angekleidet, wand er sich geschmeidig wie ein Aal aus ihren Händen, -polterte die Treppe hinab und winkte ihr nach einigen Augenblicken, -ahnungslos über ihren Verdruss vom Fenster gegenüber lachend zu. Selbst -die betrübende Thatsache, dass er bei der neuen Tante artiger sein musste, -als daheim, dass die enge Stube mit dem angehäuften Nähgeräth seinem -Umhertollen nur ein sehr begrenztes Gebiet gestattete, dass er die -Nähereien nicht verwirren und mit der Scheere dem Aufputz und den Stoffen -nicht nahe kommen durfte, wirkte nicht abkühlend auf seinen Enthusiasmus. -Der rauhe Wind mochte ihm den Aufenthalt auf der Strasse verleiden, und -ehe er sich bei den Grosseltern langweilte, die in der That in ihrer -mürrischen Verbitterung nichts mit dem quecksilbernen Jungen anzufangen -wussten, trug er, mit so viel Geduld, als er aufzutreiben vermochte, die -ungewohnten Zügel. Es wurde ihm nicht allzu schwer gemacht. Während -Johanna flink die Finger rührte, bevölkerte sie für ihn das enge -Stübchen mit all den trauten Gestalten des deutschen Märchen- und -Sagenschatzes; er lauschte ihr in athemloser Spannung und verfiel nur -selten auf eine seiner kleinen Teufeleien. War es jedoch einmal der Fall -und sprach ihm Johanna ernst und eindringlich in's Gewissen, dann senkte -er bussfertig den Lockenkopf und versprach volle Besserung. Selbst daheim -hätten die Grosseltern eine gewisse Milderung seiner wilden Sitten -bemerken müssen, wenn sie dazu geneigt gewesen wären. Aber wenn Johanna -sich mit dem Kinde Mühe nahm, so legte sie nur Fallstricke, um dessen -verblendeten Vater zu fangen. Grossmama nahm sich kein Blättchen vor den -Mund, sie hielt mit ihrer Meinung über die Sirene nicht zurück; freilich -erzielte sie mit ihren Anklagen ein gar sonderbares Resultat. Immer -häufiger richteten sich Franzens Blicke auf das Fenster gegenüber, immer -heller wurde seine Miene, immer mehr verschwand der Trübsinn aus seinem -Blick. Sonst hatte ihm nichts solchen Verdruss erregt, als wenn er Abends -beim Nachhausekommen den Knaben nicht vorfand; jetzt schien es ihm ein -besonderes Vergnügen zu machen, ihn von drüben abzuholen und dabei eine -Viertelstunde mit der Nachbarin zu verplaudern. Grossmama ging den ganzen -Tag wie ein drohendes Gewitter herum, und ihr Gemahl glich mehr als je -einer grossen grauen Spinne, die auf eine unschuldige Fliege lauert. -Zuletzt lief sie ihnen ahnungslos in's Garn. Ivo hatte sich erkältet -und musste das Bett hüten. Mit der Hartnäckigkeit eines kranken Kindes -verlangte er seine Tante Johanna. Grossmama schleppte ihm Spielzeug und -Näschereien in's Bett, aber nichts vermochte seine Gedanken abzulenken. -Papa war früher als sonst aus seinem Geschäft gekommen und hörte noch -vor der Zimmerthür das Kind nach der Tante verlangen. - -»Warum habt Ihr sie nicht gebeten, herüberzukommen?« fragte er arglos, -»Fräulein Stirner ist die Gefälligkeit selbst und Ivo ihr besonderer -Liebling. Sie wäre ohne Bedenken an sein Bettchen geeilt.« - -»Das glaube ich,« versetzte Grosspapa, »an Bedenken scheint die junge -Dame überhaupt nicht zu kränken.« - -Und »Ivo ihr Liebling,« rief höhnisch seine bessere Hälfte, »solche -berechnende Geschöpfe haben für Niemand eine Neigung als für sich -selbst.« - -Dem jungen Mann schwoll die Zornader auf der Stirn, aber er hielt an sich. - -»Möchtet Ihr nicht, wenn schon nicht aus Rücksicht für mich, so -doch Euer graues Haar bedenkend, etwas weniger gehässig von einem -Wesen sprechen, das unserem Kinde bisher nichts als die selbstloseste -Freundlichkeit erwiesen? Nein, spottet nicht,« -- kam er, als sie sprechen -wollten, ihnen zuvor, »Ihr werdet mich sonst dadurch zu einen Schritt -veranlassen, vor dem Ihr mich bewahren wollt!« - -So hatte er noch nie gesprochen. Wenn sie ihn auch verdächtigten, er habe -ihre todte Marie bereits vergessen, so hatte er bisher doch jeden Gedanken, -ihr eine Nachfolgerin zu geben, kurz von der Hand gewiesen, bestürzt zogen -sich die Verschworenen in die Wohnstube zurück, den Vater bei dem Kinde -lassend. Er hätte, wenn er horchen gewollt, sie murren und grollen -und Pläne schmieden hören können, aber jedenfalls flösste ihm Ivo's -Geplauder, in welchem das junge, blasse Mädchen von drüben beständig -wiederkehrte, theils wegen des Gegenstandes, theils wegen des Sprechers -mehr Interesse ein. Am nächsten Morgen hielt er das widerspenstige Kind -durch das Versprechen, heute werde die Tante gewiss kommen und sich freuen, -ihn so folgsam zu sehen, im Bettchen fest. Bevor er das Haus verliess, -theilte er den Alten mit, er wolle die Nachbarin herüberbitten. »Ich -brauche Euch wohl nicht zu erinnern, dass ich meines Sohnes beste Freundin -in meinem Hause mit aller Rücksicht behandelt sehen will,« sagte er -beim Abschied. Die Grossmama nickte mit dem Kopf, aber nicht wie zur -Bestätigung seiner Rede, sondern zu einer, die sie sich selber hielt. In -gemeinverständliches Deutsch übersetzt, mochte es bedeuten: »O warte -nur, Du sollst sehen, wie ich mich vor Deinen lächerlichen Drohungen -fürchte!« Und Grosspapa goss nach seiner lieblichen Gewohnheit Oel in's -Feuer. »Geh doch in die Küche, Kuchen backen für den seltenen Gast! -Und vergiss die guten Tassen nicht, die Marie zur Hochzeit bekam. Unsere -glatten, weissen sind nicht vornehm genug für die Nähmamsell!« - -Sie sahen noch, wie Franz über die Strasse ging, drüben die Klingel -zog und in das Haus trat. Grossmama hatte Furcht, er werde das Geschäft -versäumen, aber so verhängnissvoll war der Einfluss von »der drüben« -doch noch nicht geworden; nach ein paar Minuten trat er wieder auf die -Strasse hinaus, allerdings mehr aus dem Grunde, weil er das junge Mädchen -vor ganzen Bergen von Arbeit überrascht, als weil ihn sein geschäftliches -Gewissen aus ihrer Nähe vertrieben. Sie wollte die erste freie Minute -benutzen, um nach dem kranken Ivo zu sehen. Sie hatte so besorgt nach -ihm gefragt und wirklich erleichtert aufgeathmet, als sie erfuhr, seine -Krankheit sei unbedenklich; ob wohl Grossmama auch darin Zeichen von -Berechnung zu entdecken vermöchte, fragte sich der junge Mann lächelnd. - -Mit einem Freudengeschrei, das ihm gleich darauf einen tüchtigen -Hustenanfall zuzog, begrüsste der Knabe seinen Gast. Bei seinem Entzücken -übersah sie zuerst den kühlen Empfang, den ihr die beiden Alten zukommen -liessen. Auch als sie sich über das geringe Vergnügen, das ihr Kommen -in ihnen erregte, nicht länger täuschen konnte, war sie billig genug, -einzusehen, dass Ivo, der um ihretwillen die Grosseltern in der letzten -Zeit ziemlich vernachlässigt, ein wenig Eifersucht begreiflich machte. -Unbehaglich wurde ihr nur zu Muthe, als wirklich die bemalten Tassen zum -Vorschein kamen und die beiden Alten sich mit säuerlichen Gesichtern zu -dem an Ivo's Bett gerückten Tisch niedersetzten. O, es entstanden keine -solchen Pausen, wie bei dem ersten Besuch, den Franz ihr gemacht! Grossmama -sprach unaufhörlich auf den Gast ein, und wenn sie, um Athem zu schöpfen, -innehielt, dann fiel der alte Mann mit seiner krächzenden Stimme ein und -machte irgend eine Bemerkung, die sich wie mit Widerhaken in Johannas Seele -verfing. Ein ausgezeichnetes, ein exemplarisches Paar! Wovon konnte sie -die Fremde unterhalten, wenn nicht von ihrer todten Tochter, die solch ein -Musterbild aller Tugenden gewesen: »ganz anders als die Mädchen, die man -jetzt sieht, und die nur für den Putz und das Geldhinauswerfen geschaffen -sind«, schnarrte der Alte mit einem Blick auf Johannas neumodischen, in -Feierabendstunden mühselig zusammengeschneiderten Anzug dazwischen, dann -wieder Grossmama: »Was war Marie für eine Hausfrau, wie behaglich, wie -angenehm wusste sie es ihrem Manne zu machen, und wie hingen die Beiden -auch aneinander!« So ging es in einem Zug fort. Die Geschichte von -Franzens Glück, die sie einmal aus seinem Mund vernommen, musste sie nun -noch einmal hören, aber von den Lippen der Alten klang sie schier wie ein -Vorwurf gegen ihn. Wie durfte er sich unterfangen, noch einmal lachen und -fröhlich sein zu wollen. Grossmama erliess ihr nichts; sie musste auch die -ganze Krankheit und das Ende Maries mitmachen, Franzens Verzweiflung und -das Versprechen, das er, wenn auch nicht gerade in Worten, geleistet, ihr -nie eine Nachfolgerin zu geben. Warum erzählte sie ihr dies, warum warf -der tückische Greis höhnisch darein: »Und an dieser Thatsache werden -alle mannstollen Glücksjägerinnen nichts ändern!« Ihr zog sich das Herz -zusammen. Ein ungeheures Mitleid mit Franz, dessen Hausgenossen, dessen -einziger Verkehr mit der Welt sie waren, überkam sie. Die beiden Alten -erinnerten sie, wenn sie sich so gegenübersassen mit den nickenden -boshaften Köpfen, an zwei chinesische Götzen. Sie wäre um Ivo's Willen -noch gern geblieben, aber das Pärchen ward ihr unheimlich, und sie erhob -sich. Doch so leichten Kaufes liessen die Alten sie nicht los. Sie musste -sich noch all die Opfer erzählen lassen, die sie für den Enkel gebracht, -sie musste sich noch in kaum nichtzuverstehender Weise andeuten lassen, -dass man die Motive ihrer Freundlichkeit gegen das Kind, und warum sie es -den Grosseltern so häufig entziehe, ganz wohl verstehe. Kein Wort wurde -gesagt, dass sie als offenkundige Beschuldigung oder Unhöflichkeit deuten -konnte. Nun ja, solch ein Kind lernt bei jungen Leuten leicht die alten -vergessen: oder mit der biedersten Miene von der Welt »der kleine Ivo muss -es entgelten, dass sein Papa eine gute Partie ist, was schleppt er nicht an -Bändern und Süssigkeiten in's Haus!« - -Johanna hatte ihm wiederholt erlaubt, sich die glänzenden Flitter, die ihm -gefielen und die keinen Werth mehr hatten, nach Hause zu nehmen, auch einen -und den andern Leckerbissen liess sie dem kleinen Naschmäulchen zukommen. -Kaum konnte sie ihre Thränen zurückhalten, aber als sie auf ihre Stube -gelangte, weinte sie lange und schmerzlich. Die Alten hatten in einer -Hinsicht Recht; Franz war ihr nicht gleichgültig geblieben; wie wäre -dies auch möglich gewesen, da er der Erste war, der dem alleinstehenden, -verlassenen Mädchen mit menschlichem Antheil entgegen gekommen! Auch das -Kind hatte sich ihr in's Herz gestohlen. Kaum wusste sie, ob sie den -Vater um des Kindes willen, oder das Kind wegen seines Vaters liebe. Aber -eigennützige Berechnung, ja selbst der Gedanke, er könne sie einmal als -seine Frau, als Mutter seines Kindes in das verwaiste Haus führen, waren -ihr fremd geblieben. Was half ihr aber ihr reines Bewusstsein, wenn die -bösen Alten, ja wenn vielleicht er selbst sie für eine selbstsüchtige -Männerjägerin hielten. Sie hatte ihre Thränen kaum getrocknet, als -ihre vierschrötige Hauswirthin an die Thüre klopfte, um sich über die -Unordnung zu beklagen, welche die herumfliegenden Fädchen und Läppchen -von Johannas Schneiderei im Hause verursachten. Sie kam ihr eben -recht. Fort aus der Strasse, fort aus dem Hause, wo sie eine solche -Verdächtigung, so bitteres Leid erfahren! Das war das Einzige, was ihr -nach den Hornissenstichen des würdigen Paares übrig blieb. Sie kündigte. - -Kaum hatte die Hauswirthin das Zimmer verlassen, fing sie ihre Sachen zu -packen an. Mit höhnischem Winken und Deuten sahen sie die Alten drüben -bei dem Geschäft; aber es wurde ihnen etwas weniger behaglich zu Muthe, -als Franz, auch heute früher als gewöhnlich heimkehrend, gleichfalls den -offenen Koffer und das geschäftig hin- und hereilende Mädchen sah. Ivo -hatte sich beklagt, die Tante sei so schnell fortgegangen, er habe ihr -nicht einmal einen Kuss geben können. Und Franz wusste, dass die Alten -irgend eine Miene gegraben. Er nahm seinen Hut und eilte, ohne ein Wort -zu sprechen, hinüber. Johanna hatte die Herbstblätter, die sie mit Wachs -überzogen, und in eine Vase gestellt, von dem Kaminsims herabgenommen. Sie -wollte sie wegwerfen; aber das Kind hatte ihr eine Freude machen wollen; es -konnte nichts dafür, dass sie ihr vergiftet worden war. Sie wollte sie -in den Koffer legen zum Andenken, dass sie glücklich gewesen und zwei -Menschen von Herzen lieb gehabt. Da hörte sie Tritte auf der Treppe, -die ihr das Blut in's Gesicht jagten, ein Pochen an der Thür, das ihr -»Herein« zittern, kaum vernehmlich klingen liess. Franz trat ein. Mit -einem Blick hatte er die Sachlage erfasst. - -»Ich habe von drüben recht gesehen,« sagte er traurig, »Sie wollen uns -entfliehen, meinem armen Knaben und mir?« -- Sie wollte etwas antworten, -aber da hatte er schon ihre Hand gefasst, und der wortkarge Mensch wurde -förmlich beredsam: - -»Gehen Sie nicht von uns, Johanna! Sie haben mich wieder das Leben -schätzen, meinen Knaben die vorsorglich lenkende Mutterhand kennen -gelehrt. Bleiben Sie bei uns!« - -Sie stand fassungslos. - -»Ivo's Grosseltern haben mir die Deutung gegeben, wie die Welt von meinem -harmlosen Verkehr mit Ihnen und Ihrem Kinde denkt,« sagte sie bitter. Sie -wies auf die zusammengerollten Blätter. »Sehen Sie, so ist mein Inneres. -Vor einer Stunde war noch alles frisch und grün, aber nun hat die Welt -einen Herbstschleier angelegt, und ich fürchte, ich könnte nicht mehr -unbefangen mit Ihnen sprechen, es ist zu Vieles in mir welk und dürr -geworden.« - -»Vergessen Sie, dass die alten Leute Sie beleidigt; sie sind grämlich, -durch den Tod ihres einzigen Kindes verbittert. Aber sie werden meiner Frau -die Achtung nicht versagen, und mit der Zeit, Johanna, gewinnst Du auch -ihre Zuneigung. Ich war nicht besser als sie, da ich Dich kennen lernte, -und bin durch Dich verwandelt worden. So wird es, so muss es ihnen auch -ergehen.« Er fasste ihre Hand mit den Herbstblättern, die raschelnd, -dürr zu Boden fielen, sie selber sank, erglühend wie eine Mairose, an -seine Brust. - - - - -SCHWIEGERMÜTTERCHEN. - - -Mama Hellmer hatte nur eine Sorge in ihrem sonst recht angenehmen und -behaglichen Leben (freilich eine Sorge, so gewaltig und alles verschlingend -wie der Leviathan); sie fürchtete, ihr grosser gutmüthiger Junge mit -dem Pudelkopf, ihr grösster Stolz und ihre einzige Freude, werde sich die -Finger oder auch die ganze Hand verbrennen, wenn er an's Freien ging. - -Zu ihrer Entschuldigung sei hier bemerkt, dass sie sehr unglücklich -verheirathet gewesen war, dass ihr Mann, ein ganz auserlesener Taugenichts, -ihr alles erdenkliche Herzeleid zugefügt hatte. - -Das lag nun weit hinter ihr; sie hatte manches Jahr vom frühen Morgen bis -in die dunkle Nacht hinein unermüdlich gearbeitet, genäht, gestrickt, in -allen erdenklichen Künsten und Wissenschaften unterrichtet und sich -mit ihrem Jungen tapfer durch's Leben geschlagen. Ja, durch eine Kette -unendlicher Opfer hatte sie es sogar vermocht, ihm eine Erziehung geben zu -können, wie sie selbst manchem Sohn aus wohlhabendem Hause versagt blieb. -Nun hatte er ihr schon seit manchem Jahr alle Mühe und Plage abgenommen -und sie in eine behagliche, sauber und zierlich wie ein Puppenheim -ausgestattete Wohnung hineingesetzt. Was er ihr verdankte, wusste er genau; -er wusste, dass er ohne ihre Entschlossenheit und Aufopferung vermuthlich -ein zerlumpter, schmutziger kleiner Vagabund, ein ungebildeter, vielleicht -verkommener Bursche geworden wäre, und ein innigeres Verhältniss als -zwischen diesem Sohn und dieser Mutter konnte man sich kaum vorstellen. Den -weiblichen Nachbarn -- besonders den verheiratheten -- traten Thränen der -Rührung in die Augen, wenn sie jeden Nachmittag bei hübschem Wetter Mama -Hellmer am Arme ihres stattlichen Sohnes spazieren gehen sahen. Die -Bank, in welcher Eduard Hellmer eine Vertrauensstellung einnahm, schloss -frühzeitig, aber er hätte vielleicht eher seine vortheilhafte Stelle -aufgegeben, als Mama die ihr vom Arzte verordnete Bewegung in der frischen -Luft allein machen lassen. In Papierdüten trug er ihr Blumen und Obst nach -Hause, als wäre sie, wie die unverheiratheten Nachbarinnen, den Mund ein -wenig verziehend, bemerkten, eine junge Dame, der er sein Herz zu Füssen -gelegt. -- Und wie sorgsam er den Shawl um ihre Schultern legte, wenn ein -rauhes Lüftchen sie anblies, wie beflissen er den Kopf zu ihrem Munde -hinabneigte, damit ihm im Strassenlärm kein Wörtchen, das sie sprach, -verloren ging. Ja, Frau Hellmer war eine beneidenswerthe glückliche -Mutter, trotz der grossen Sorge, die der Sohn ihr, freilich ohne es -zu wissen und zu wollen, verursachte. Eduard besass zu seinen übrigen -Tugenden leider auch noch ein leichtempfängliches Herz. Es klopfte hie -und da ganz vernehmlich für irgend ein anmuthiges Mädchenbild, das ihm in -seinem Gesangsverein oder in Mama's Bekanntenkreise begegnete, und er wäre -vermuthlich blindlings in das Unglück seines ganzen Lebens hineingerannt, -wenn Mama nicht die bestconstruirte Dampffeuerspritze in den Schatten -zu stellen und die aufflackernde Gluth durch einen mit voller Kraft -geschleuderten kalten Wasserstrahl zu dämpfen gewusst hätte. - -Edith Bogart? O gewiss, sie ist ein schönes Mädchen; Mama könnte sich -nicht beifallen lassen, dies zu bestreiten; sie ist witzig, lebhaft, mit -nicht gewöhnlichem Geist begabt; Frau Hellmer kann es beurtheilen, -denn sie war ja einmal des Kindes Lehrerin gewesen. Himmel! welch' ein -jähzorniges, heimtückisches Temperament die Kleine besass! Erinnerte sich -Eduard nicht mehr, wie Mama einmal ihr bestes Kleid von einer Scheere kreuz -und quer zerschnitten heimgebracht hatte? Es war Edith's boshafter -Racheakt für eine ihr ertheilte Strafe. »Und Du weisst, Eduard, was die -Anschaffung eines neuen Kleides damals für mich bedeutete,« setzte Frau -Hellmer hinzu. Natürlich wusste er es und küsste ihr gerührt die Hand. -Lili Felder? Das Bild eines deutschen Gretchens? Ja gewiss, aber nur die -schwache Copie eines solchen. Mit dem Wesen des ächten Gretchen könnte -man es nicht recht in Einklang bringen, dass sie die schwache, kränkliche -Mutter sich mit dem Haushalt, den jüngeren Kindern und Fräulein Lili's -weit über ihre Verhältnisse glänzenden Putz abquälen liess und mit -einem neuen Roman den Tag verbrachte. Die unverheiratheten Nachbarinnen -fingen an, die Thränen der Rührung dem Sohne allein zu widmen, der in -unverminderter Ehrerbietung die alte Frau am Arme führte, wiewohl sie -- -das lag ja klar zu Tage -- ihm das Glück seines Lebens zerstörte. Alle -Welt fing an, der besorgten Mutter masslose Herrschsucht unterzuschieben; -sie wolle die erste Stelle im Hause um keinen Preis einer Anderen abtreten, -sie wolle unumschränkt im Herzen des Sohnes herrschen. Vielleicht -lauerten, ihr unbewusst, derartige Motive in ihrer Seele, aber ihr -Hauptgrund war doch nur die geradezu abergläubische Besorgniss, ihr Eduard -werde, ebenso wie sie einst, unglücklich in der Ehe sein. Der Spruch -vom Hammer und Amboss schien ihr, Dank ihren trüben Erfahrungen, auf -verheirathete Menschenpaare besonders zu passen. Dass Eduard zum Hammer -nicht die mindeste Anlage besass, stand fest, folglich hiess es durch -Anwendung von sehr viel kaltem Wasser ihn vor dem Ambossschicksal so lange -als möglich zu bewahren. Die Feuerspritze arbeitete mit vollem Erfolge, so -lange es sich bei Eduard nur um leicht vergängliche Eindrücke handelte, -aber als sein Stündlein wirklich schlug, da machte Mama betrübende -Erfahrungen. Das Schlimmste war, dass sie sich selber nicht von aller -Schuld freisprechen konnte, denn sie hatte die allerliebste kleine -Zündbüchse in die Nähe der Pulverkammer getragen. Als Hannchen -Stubenhofer, mit deren Mutter sie in einer Provinzstadt zur Schule -gegangen, in die Residenz kam, ohne vorerst zu wissen, wohin sie den -kleinen Kopf sammt der dazu gehörigen reichen blonden Zopfkrone legen -solle, lud Frau Hellmer sie zu sich ins Haus; und als nach einigen Wochen -das flinke geschickte Ding Arbeit gefunden und seine eigene Wohnung aufnahm -(an der Thüre die verlockende Tafel »Erster Klasse Toiletten« tragend), -da bestand die alte Dame darauf, dass sie die Sonntage vom Morgen bis -zum Abend bei ihren Landsleuten, mit welchen sie auch noch eine entfernte -Verwandtschaft verband, zubringe. - -Das Hannchen war ein sehr merkwürdiges Stück Menschheit; es ging nie, -sondern tanzte, sprach nie einen Satz, ohne ihn mit einem sehr angenehm -klingenden Gelächter einzuleiten und abzuschliessen. Mama Hellmer musste -mehr als einmal den Kopf dabei schütteln. Wenn man es recht bedachte, -hatte Fräulein Hannchen nicht viel mehr Ursache lustig zu sein, als sie -selber einst gehabt. Auch sie stand in jungen Jahren schutzlos und auf sich -selbst angewiesen da, nachdem sie Kindheit und erste Jugend in behaglichen -Verhältnissen verbracht. Hannchen war eine elternlose Waise, schon dieses -hätte sie nach Frau Hellmer's Ansicht bestimmen müssen, in Sack und Asche -einherzugehen, sie musste sich allein durch's Leben schlagen, was sie wie -einen ganz hübschen Zeitvertreib zu betrachten schien. Allerdings glückte -ihr Alles, sie hatte die Finger einer Fee. Wenn Frau Hellmer sie ernsthaft -an die Thatsache erinnerte, dass sie arm sei, warf sie den blonden Kopf -zurück, lachte und meinte: »Was thut das? ich werde mir heute oder morgen -ein Vermögen erwerben.« -- Und Mama, die es nicht verstand, wie man -widrige Verhältnisse mit so vergnügtem, sorglosem Gesicht bekämpfen -könne, hiess sie im Stillen leichtsinnig und begann, sich ernstlichen -Besorgnissen um ihre Zukunft hinzugeben. Sie glaubte es der entfernten -Basenschaft schuldig zu sein, wenn sie die Augen über Hannchen »offen -hielt«, was sie um so leichter thun konnte, als diese gerade über der -Strasse bei einem kinderlosen Ehepaar ein Zimmer gemiethet hatte. Frau -Hellmer kannte jede Kundin, die drüben aus- und einging, sie führte Buch -über die Besuche, die Hannchen in ihrer freien Zeit erhielt und wusste -genau anzugeben, wann und mit wem sie das Haus verlassen hatte. Aber zur -Erwerbung so nützlicher Kenntnisse braucht man Zeit, viel Zeit, und Mama -war genöthigt, ihren Eduard und seine etwaigen Herzensverstrickungen -ausser Acht zu lassen. Und als ihr endlich die Augen aufgingen, da war es -beinahe zu spät. Er fing bereits an, nachzusinnen, ob das Puppenheim -für eine junge Frau geräumig genug sei; sein Gesicht war in eitel -Glückseligkeit getaucht, wenn der Sonntag kam und Hannchen die Base -besuchte; er schritt hinter ihr her, wenn sie in ihrer lebhaften Weise -durch die ganze Wohnung lief, -- einen ziemlich lächerlichen Eindruck -gewährend, da er ebenso verliebt wie unbeholfen erschien --; wenn sie -sang, dann horchte er begeistert und applaudirte, als gälte es der Patti, -und wenn sie etwas Lustiges sagte, lachte er, bis sein Gesicht bläulich -wurde. Und was das Schlimmste war, er schien vollständig mit Taubheit -geschlagen, als Mama wie absichtslos bemerkte, es sei zu arg, dass Hannchen -statt für ihre alten Tage, für Krankheit oder andere Unglücksfälle zu -sparen, was sie verdiente, auf sich hing. Er nahm seinen Hut und ging zu -Hannchen hinüber, als diese durch die plötzliche Unfreundlichkeit ihrer -sonst so gütigen Freundin abgeschreckt, am nächsten Sonntag zu Hause -blieb. Und von ihrer Sternwarte aus konnte Mama beobachten, wie die zwei -drüben in vergnügtester Stimmung nebeneinandersassen, Mama und die ganze -übrige Welt auch nicht mit der Spur einer Erinnerung bedenkend. Da galt -es, rasch und entschieden einzugreifen. Nie vorher war Frau Hellmer so -überzeugt von der Heilsamkeit der Abschreckungstheorie gewesen, wie -diesmal. War nicht auch bei ihrem verstorbenen Gatten der Hauptfehler, aus -dem alle übrigen riesengross herauswuchsen, ein gedankenloser Leichtsinn, -eine Vergnügungssucht, die nach den Mitteln der Befriedigung nicht fragte, -gewesen? Sollte ihr trübseliges Loos sich an dem Sohne wiederholen? -Nicht, solange sie es abzuwenden vermochte. Glücklicherweise gab ihr das -unbesonnene Hannchen selber die Mittel zur Vernichtung in die Hand. Mama -hatte, trotzdem die frühere wohlwollende Gesinnung gegen das Mädchen -ziemlich feindseligen Gefühlen Platz gemacht, ihren Beobachtungsposten -nicht verlassen; freilich war ein kleiner Unterschied gegen ehemals zu -bemerken. Bisher hatte sie Hannchen überwacht, jetzt -- so ungern wir -das Wort gebrauchen, es muss heraus, -- jetzt belauerte sie dieselbe. -Natürlich Alles in der besten Absicht, wie sie sich wiederholt -versicherte, aus einem Pflichtgefühl, das selbst der Mutter der Gracchen -Achtung abgenöthigt hätte. Bald hatte sie genug erspäht. - -»Wer war der junge Mensch, mit dem Du vorgestern Abend ausgingst, und in -dessen Gesellschaft Du erst nach Mitternacht, lachend und schwatzend, dass -die ganze Strasse aus dem Schlaf auffuhr, heimkamst?« fragte sie, als -Hannchen mit einem Gesicht, dessen sich alle drei Höllenrichter zusammen -nicht zu schämen gehabt hatten. Das Mädchen machte heute wieder seinen -Sonntagsbesuch bei der ersten Freundin, die sie in der Fremde gefunden, -vermuthlich durch Eduards Versicherungen überzeugt, dass der eisige -Empfang auf irgend welchem häuslichen Aerger beruht und durchaus nichts -mit ihr zu schaffen gehabt hatte. Mamas kühle Begrüssung in ihrer eigenen -Wärme übersehend, hatte sie mit dem Haussohn sogleich ein lustiges -Scharmützel angefangen. Wie eine Bombe rollte die Frage dazwischen, und -vor Schrecken -- Mama erklärte ihrem Sohne nachher aus Schuldbewusstsein --- wurde sie roth und verlegen. - -»Haben wir Dich aufgeweckt, Tante?« sagte sie bedauernd, nachdem sie -sich gefasst. Frau Hellmer hatte zu erwähnen vergessen, dass sie gar nicht -geschlafen, sondern beobachtend am Fenster die Zeit verbracht hatte; und -so war es begreiflich, dass Hannchen versicherte: »es thut mir aufrichtig -leid; aber Karl Sohmer ist solch ein drolliger Kauz, dass man lachen muss, -sobald er zu sprechen anfängt, und wenn die Todesstrafe darauf stünde.« - -»Karl Sohmer? ich habe diesen Namen nie gehört.« - -»Ich auch nicht, bis vor, lass sehen, vor sechs Tagen. Letzten Dienstag -kam er meinem Hauswirth, dessen Neffe er ist, wie vom Himmel herabgeweht -in's Haus; er lebt in Texas und hält sich nur zu Besuch hier auf.« - -»Erlaube mir!« rief Frau Hellmer mit um so ausgesprochenerem Entsetzen, -als sie bemerkte, das Gesicht ihres Sohnes habe sich bedenklich in die -Länge gezogen, »nach so kurzer Bekanntschaft gehst Du mit diesem Texaner -aus! Ich verstehe die heutige Jugend nicht.« - -»Er lud mich in die Oper ein, und ich konnte wohl nicht nein sagen, es -hätte meine Hauswirthe verletzt,« erklärte Hannchen ziemlich gedrückt, -aber während des Sprechens lachte sie wieder und rief eifrig, »ich bin -auch übrigens froh, dass ich die Einladung annahm, denn ich habe mich -köstlich unterhalten und zehre an der Erinnerung, während ich über -meiner Arbeit gebückt sitze.« - -»Du hörst es,« sagte Mama's Miene ihrem Abgott, der sehr blass und sehr -ärgerlich dasass. Er war verliebt genug und seines Erfolges bei Hannchen -nicht sicher genug, um gewaltig eifersüchtig zu sein. Uebrigens hatte Mama -noch lange nicht ihr ganzes Pulver verschossen. - -»Der junge Mann scheint aus Deiner liebenswürdigen Bereitwilligkeit die -Ueberzeugung geschöpft zu haben, dass seine Gesellschaft Dir sehr angenehm -ist, was mich auch gar nicht Wunder nimmt. -- So oft ich an's Fenster trete -und zu Dir hinüberblicke, was ich aus Antheil an Dir häufig thue, sehe -ich ihn in Deinem Arbeitszimmer, schwatzend wie eine Elster.« - -»Er ist solch ein drolliger Kauz!« meinte lachend und erröthend das -Hannchen, »er möchte mir weismachen, dass gerade so ein wichtiges -Persönchen, wie ich, dem Staate Texas zu seiner Vollkommenheit fehle.« - -»Der junge Mann ist sehr dreist,« brauste Eduard auf. - -»O, wer denkt daran, Karl Sohmer ernst zu nehmen!« versetzte sie, »er -ist ein sehr unterhaltender Gesellschafter, und ich freue mich auf den Ball -morgen Abend, zu dem er mich geladen. Ich gehe mit der Hauswirthin.« - -Sie kam nicht weiter. Das war Wasser auf Mama Hellmers Mühle; und die -würdige Dame übertraf sich selber. Die Posaune des jüngsten Gerichtes -kann unmöglich strafender und drohender klingen, als ihre Stimme, während -sie über gedankenlose Coquetterie und Vergnügungssucht loszog, die -ganze Existenzen zerpflückt, Menschen für ihre Lebensdauer elend macht. -Hannchen, die vor der alten würdigen Frau einen ungeheuren Respekt hatte, -war Anfangs zerknirscht wie eine wirkliche Sünderin; sie warf Eduard einen -hilfesuchenden Blick zu, aber er hatte eine Bemerkung Mamas, sie würde -nie einwilligen, mit dem Leichtsinn unter einem Dach zu wohnen, dahin -aufgefasst, dass sie ihn vor die Wahl zwischen sich und dass Mädchen -stelle, und so blieb er stumm, die Stirn gerunzelt, seinen Bart kauend, -sitzen, und vermied es, die Missethäterin anzusehen. Zuletzt erwachte auch -in ihr der Trotz: Sie habe Niemandem Rechenschaft abzulegen; sie werde -ihr junges Leben geniessen und den Ball morgen Abend erst recht besuchen, -erklärte sie. Als man sich an diesem Tage trennte, sah Mama erhitzt, aber -sehr befriedigt, ihr Sohn gleichfalls erhitzt, aber sehr niedergeschlagen -aus; was Hannchen betrifft, so hatte sie verweinte Augen, aber einen sehr -entschiedenen Zug im Gesichte, der auch aus ihrer Erklärung sprach, dass -sie das Haus nie wieder betreten werde. Am nächsten Abend sahen Mutter und -Sohn sie mit dem Fremden zu Balle gehen, und Mama beglückwünschte sich zu -ihrer Entschiedenheit. Dann aber verliess sie das Haus nicht mehr; aber als -der Monat zu Ende ging, verschwand sie ganz und gar aus der Strasse. Durch -Bekannte, für welche sie arbeitete, erfuhr Frau Hellmer, dass der junge -Texaner allein abgereist sei und Hannchen eine Wohnung in einer entfernten -Strasse gemiethet hatte. Es war klar, sie wollte ihnen nicht mehr -begegnen. Mama athmete auf, sie hatte ihren kostbaren Sohn wieder zum -ausschliesslichen Besitz. Aber es war nicht mehr der alte, leichtvergnügte -Sohn; ein wortkarger, stiller Mann, dessen Züge sich täglicher fester -ausprägten; ein Mann, der ass und trank und schlief und seinen Geschäften -nachging, ohne an etwas Vergnügen zu finden, ging er neben ihr her. Er sah -aus, als wäre ihm der Schmelz von den Flügeln gewischt worden. Er wusste, -dass Mama dem Mädchen bitter Unrecht gethan; er wusste, dass er ohne -sie nicht glücklich werden konnte. Aber war es möglich, sich mit einer -solchen Mutter wegen seines eigenen Glücks zu entzweien? Alle Opfer, die -sie für ihn gebracht, standen deutlich vor seinem Geist; und so liess -er, ohne einen Versuch zur Versöhnung zu machen, Hannchen aus seinem -Gesichtskreis verschwinden. - -Mama war Anfangs zornig darüber, dass er den Verlust so schwer empfand. -Sie, die sonst eifersüchtig jede Annäherung zwischen ihm und den jungen -Damen der Nachbarschaft vereitelt, lud selber nun oft Gesellschaft zu sich. -Aber so oft Eduard es vermochte, entzog er sich dem Vergnügen durch -die Flucht, und liess er sich einmal durch Ueberredung ins Besuchszimmer -locken, dann sass er stumm und unbehaglich da und schien aufzuathmen, wenn -die Gäste sich entfernten. Frau Hellmer war sehr stolz gewesen, dass sie -ihn wieder einmal vor dem Elend seines Lebens bewahrt, aber nachgerade fing -sie an der Weisheit und dem Erfolg ihrer That zu zweifeln an. Was half es, -wenn sie für die Möglichkeit seines Unglücks, das eine leichtsinnige, -vergnügungstolle Frau auf ihn herabbeschworen hätte, die Gewissheit -desselben eintauschte. Er klagte nie und machte ihr keine Vorwürfe, aber -dass er unglücklich war, konnte ihr jeder Blick und sein blasses, -ernstes Gesicht sagen. Und da fasste sie nach langem hartem Kampf einen -heldenmüthigen Entschluss. Der nächste Tag sah sie neben Hannchen -Stubenhofer in deren Zimmer sitzen, (auch nicht mehr das Hannchen von -ehemals, denn es fing keinen Satz mit Lachen mehr an und endete ihn auch -nicht damit). Im Ganzen sah sie wie das richtige Gegenstück zu Herrn -Eduard Hellmer aus. Da wurde es Mama viel leichter, zu sagen, weshalb sie -gekommen. Aber Hannchen schüttelte den Kopf: - -»Ich habe auch meinen Stolz, wenn ich auch nur ein armes Mädchen bin. -Ich bin in Ihrem Hause beleidigt worden, nun setze ich keinen Fuss mehr -hinein.« - -Mama war enttäuscht; sie hatte sich es schön ausgemalt, wie sie ihrem -Sohn mittheilen wolle, es sei ein seltener Gast da; wie sie sodann die -Thüre des Besuchszimmers öffnen, ihn allein eintreten lassen und erst -nach einer gut gemessenen Viertelstunde mit zum Segnen erhobenen Händen -nachfolgen werde. Hannchens Eigensinn verdarb den feinen Plan. - -Da steckte sich Mama denn hinter eine ältliche Landsmännin und -Busenfreundin, in deren Hause das Mädchen in der nächsten Zeit -beschäftigt war. Hannchen nahm, um alter Freundschaft willen, eine -Ausnahmsstellung in dem Hause ein; nach der Arbeit verbrachte sie -gewöhnlich den Abend als gleichberechtigtes Glied im Kreise der Familie. -Allerdings fiel es ihr auf, dass man nach dem Abendessen sich in die Stube -begab, von der sonst der Spruch galt: »Ziehe deine Schuhe ab, denn die -Stelle ist heilig.« Doch hatte sie kaum Zeit gefunden, sich zu verwundern, -da klingelte es, und herein rauschte Mama Hellmer, gefolgt von ihrem, durch -die feinsten diplomatischen Künste zum Mitkommen veranlassten Sohn. Frau -Hellmer, die sehr anregend sprechen konnte, wenn sie sich die Mühe dazu -nahm, fesselte nicht nur die Freundin, sondern auch noch deren Töchter und -den Hausherrn. Hannchen hörte nicht zu, und Eduard wusste vermuthlich von -früher her, um was es sich handelte. Er stand ziemlich linkisch vor dem -jungen Mädchen, das bei seinem Erscheinen Miene gemacht, zu entweichen; -doch las sie in seinen Augen eine so herzliche Bitte und hörte aus seinem -Munde so viele gute, versöhnende Worte, dass sie den Fluchtplan aufgab. -Den ganzen Abend sah man die zwei sehr eifrige Gespräche führen, doch -vernahm Niemand etwas davon, denn sie klangen sehr leise und schienen nur -für das nachbarliche Ohr berechnet. - -Mama Hellmer hat vor Kurzem die Schlüssel, das Abzeichen ihrer absoluten -Herrschermacht, sowie die Oberhoheit über die sehr unbotmässige Vasallin, -welche die Kochtöpfe zu überwachen und den Besen zu schwingen hat, -der jungen Herrin des Hauses abgetreten. Wollte ich behaupten, dass die -unerfahrene Frau Hellmer das Regiment zur vollen Zufriedenheit der alten, -weisen, unfehlbaren Frau Hellmer führt, so würde man mich beschuldigen, -dass ich die Grenzen poetischer Freiheit übersteige und Unwahrscheinliches -berichte. Aber Hannchen hat solch einen eingewurzelten Respekt vor Mama, -fragt sie so häufig um Rath und, was mehr ist, befolgt denselben auch, -dass Schwiegermütterchen, von dem die ganze Nachbarschaft vermuthete, -es werde aus langer Herrschergewohnheit den Frieden des jungen Haushalts -gefährden, ein viel angenehmeres, zufriedeneres und leichter zu -behandelndes Schwiegermütterchen geworden ist, als man es sonst von ihren -Schwestern behauptet. - - - - -DAS PFLEGETÖCHTERCHEN. - - -Die Leute haben nie begreifen können, was mich zu dem Alten hinzog, -nachdem sie ihn Alle als unverbesserlich aufgegeben. Sie meinten, ich -hätte mich noch entschiedener, als die ganze Welt von ihm lossagen -sollen, denn sein Einfluss hatte es verschuldet, dass ich in meinen -Jünglingsjahren auf Abwege gerieth, das heisst den bequemen Drehstuhl in -meines Vaters Comptoir aufgab und Farben zu verschmieren anfing. Als ich -mit Conrad Stürmer bekannt wurde, hatte er längst aufgehört, seine -Kunst, in der er einst Bedeutendes geleistet, auszuüben; er bildete -Schüler heran, oder wie die nachsichtigen Mitmenschen behaupteten, er -lockte thörichte Jungen aus ihrer gesicherten Lebensbahn, unter der -Vorspiegelung, Talent in ihnen entdeckt zu haben, um sie auszubeuten. -Ich wusste, dass man ihm mit diesem Verdacht Unrecht that; er war ein -Enthusiast, ungemein leicht begeistert und in jedem Pfennig-Kerzlein -einen künftigen leuchtenden Stern sehend. Allerdings hat er ziemlich -viel Unglück angestiftet, aber böse Absicht lag ihm fern. Ich hatte ihn -liebgewonnen, und blieb ihm anhänglich, auch nachdem ich erkannt, dass er -sich und mich getäuscht, als er in meinen dilettantischen Versuchen den -künftigen Meister sah. Mit dieser Erkenntniss war für mich, der von einer -ganzen Ahnen-Reihe ehrsamer Kaufleute eine gewisse nüchterne Besonnenheit -geerbt (vielleicht war es gerade diese, die Stürmers entzückte -Prophezeiungen kläglich vereitelt), der Weg klar vorgezeichnet, den -ich einzuschlagen hatte. Die Motte wartete nicht, bis sie vollständig -verbrannte; mit nur leicht angesengten Flügeln kehrte sie reuig zurück. -Aber daheim schlachtete man kein gemästetes Kalb für den verlorenen Sohn; -mein Vater grollte, weil ich dem Paradies des Drehstuhls eigenmächtig den -Rücken gekehrt, und nachdem ich dieses unsühnbare Verbrechen begangen, -nicht als gefeierter Künstler heimgekommen war; mein jüngerer Bruder, der -mittlerweile meine Stelle eingenommen, konnte nicht einsehn, warum er mir -dieselbe nun wieder einräumen sollte, die ganze ungeheure Edlinger'sche -Basen- und Vetterschaft sah mich mit mitleidiger Geringschätzung an, als -sei ich vor der Zeit zur Ruine geworden, und -- was mir zumeist an's Herz -griff -- meine gute Mutter, deren Liebling ich war, litt darunter, mich -von der stolzen, für mich erträumten Höhe so kläglich herabgestürzt -zu sehen. Da fasste ich denn eines Tages einen kühnen Entschluss und, -die Brücken hinter mir verbrennend, wanderte ich aus, nun erst recht ein -verlorener Sohn, der nur dann auf Vergebung und freundliche Aufnahme im -Vaterhause rechnen konnte, wenn er, ein Mann des Erfolges, zurückkehrte. - -Ich hatte ungewöhnliches Glück gehabt; schon nach zwei Jahren konnte ich -nach Hause schreiben, dass ich mein sicheres Auskommen gefunden, nach vier -Jahren, dass ich mich selbständig gemacht, und wieder nach einiger Zeit, -dass das Haus Edlinger in der neuen Welt Aussicht habe, auf eine gleiche -Stufe mit dem in der alten zu gelangen. So verstrichen zwölf Jahre in -harter aber erfolgreicher Arbeit. Ich durfte mir einen Feiertag und die -Genugthuung vergönnen, als Sieger auf dem Schauplatz meiner Niederlage -einzuziehen. Ich packte meinen Koffer und fuhr zu Besuch in die alte -Heimath. - -Mein Empfang im Vaterhause liess nichts zu wünschen übrig. Mein -Mütterchen erschien förmlich verjüngt in ihrer Wiedersehensfreude, Papa -nahm mich mit offenen Armen auf, einen dicken Strich durch meine alten -Sünden ziehend; ja ich glaubte, er rechnete mir sie nun als Verdienst an, -denn sie verschafften ihm die Genugthuung, sagen zu können »ein Edlinger -dringt durch, auch wenn er ohne Beschützer und Mittel seine Laufbahn -beginnt.« Hans, mein Bruder, fühlte Respekt vor dem »selfmade man«, -Vettern und Basen waren stolz auf die überseeische Rarität. Und in meiner -Glorie durfte ich es mir erlauben, nach meinem alten Freunde auszuspähen, -ohne dass mein Beginnen mehr als ein Kopfschütteln der Verwunderung erregt -hätte. - -Es war ein trauriges Wiedersehn. Der alte Mann mit dem Kinderherzen -war furchtbar gealtert. Ich hatte ihn nie in behaglichen Verhältnissen -gekannt, jetzt aber schien er bettelarm; denn selbst die letzte spärliche -Quelle seines Einkommens, die ihm von seinen langhaarigen Jüngern -geflossen, war versiegt; Konrad Stürmer war krank und gebrochen, er -vermochte keinem noch so eiteln jungen Burschen mehr das Vertrauen -einzuflössen, dass er ihn zu einem Lenbach oder Defregger machen werde. -Für die kleinen Unterstützungen, die ich ihm von New York aus zuzuwenden -vermochte, dankte er weinend. Ich erschrak; früher hatte er dergleichen -als selbstverständlich angesehen, als einen Zoll, den der Jünger -seinem Meister zu entrichten hat. Ich fasste ihn schärfer in's Auge, und -entdeckte nun erst, dass er ein schwer kranker Mann sei, vielleicht nur -noch Wochen zu leben habe. Hart und trocken drang der Husten aus seiner -eingefallenen Brust, scharfumgrenzte rothe Flecken standen auf den -hageren Wangen. Er ahnte nichts davon; er theilte mir, nachdem die mich so -befremdenden Ausdrücke seiner Erkenntlichkeit verklungen waren, mit, -dass er nicht lange mein Schuldner bleiben, sondern demnächst »die -Oberösterreichische Kirchweih«, die ich vor mehr als zwölf Jahren -angefangen, zwischen all den andern Entwürfen in seinem Atelier gesehen, -vollenden, mich bezahlen und mit Pepi nach dem Süden ziehen werde. Ich -stutzte. Trotzdem wir vor Jahren täglich mit einander umgegangen, war ich -nie in seiner Wohnung gewesen. Das Atelier lag entfernt von derselben; -die guten Nebenmenschen behaupteten, er besitze eine brave, hartarbeitende -Frau, die das Haus erhalte, während er sich in der Kneipe herumtreibe. -Ich bemerkte nun auch einen schwarzen Flor um seinen zerdrückten Hut und -drückte ihm mein Beileid aus. Die Thränen strömten ihm aus den Augen; -er rief: »sie war eine brave, eine edle Frau; sie hätte ein besseres Loos -verdient. Ihr ganzes Unglück war, dass sie ihr Herz an einen Unwürdigen, -einen Elenden, einen Schurken gehängt.« Vergeblich suchte ich ihn zu -beschwichtigen, die Reue über sein verfehltes Leben, das Leid, das er auf -seine Gefährtin herabbeschworen, brachen mit elementarer Gewalt aus ihm -hervor; erst ein erstickender Hustenanfall liess ihn verstummen. Aber die -alte Zuversicht kehrte nicht zurück; »wenn ich das Bild nicht vollende, -was wird aus Pepi werden!« stöhnte er. Nichts leichter zu beantworten, -als dies. Der Bursche konnte mein Schüler werden, wie ich der seines Papas -gewesen, nur hoffte ich etwas mehr Erfolg mit ihm zu erzielen, als dieser -mit mir. Ich wollte ihn mit mir nach Amerika nehmen und in mein Geschäft -eintreten lassen. Von ihm allein sollte es abhängen, ob er es vorwärts -brächte. Konrad Stürmer war zu erschöpft, als dass ich ihm sogleich -meine ausführlichen Pläne für seinen Sprössling hätte darlegen -können. Ich verschob dies für eine spätere günstigere Gelegenheit, und -erklärte ihm nur, dass ich mich Pepis mit Rath und That annehmen werde. - -Er dankte mir nicht mit Worten, aber mit einem Druck der Hand. Mir -schien's, als sei ein schweres Gewicht von seiner Brust gefallen; er -vermochte nun sogar ein Glas guten Rheinweins, ehemals seine grösste -Liebhaberei, -- das bisher unberührt vor ihm gestanden, zu leeren. Wir -hatten uns in unserer ehemaligen Künstlerkneipe zusammengefunden. Als er -sich zum Abschied erhob, übermannte ihn die Schwäche von Neuem. Ich rief -einen Wagen herbei und begleitete ihn zu seinem Hause in einer abgelegenen, -ärmlichen Strasse. Dann half ich ihm die vielen Treppen erklimmen, -klingelte -- und machte, als geöffnet wurde, das erstaunteste -Gesicht meines Lebens. Vor mir stand ein kleines, blasses Mädchen in -Trauerkleidern. Pepi Stürmer hatte nach süddeutschem Sprachgebrauch -ebensogut Josef wie Josefine heissen können. Es war das Letztere, und mein -Lehrling, Gehilfe und künftiger Partner versank, noch bevor er entstanden -war. - -Wenige Wochen später wurde Carl Stürmer begraben, und ich trat die -Vormundschaft über seine Waise an. Es bedurfte der ganzen Autorität -des amerikanischen Edlinger, um ihn bei diesem Anlass nicht wieder als -sentimentalen Narren in Misscredit zu bringen. Aber ich setzte meinen -Willen durch; eine arme Tante von mir nahm das Mädchen gegen Vergütung -bei sich auf, und ich reiste, vollständig beruhigt über ihr Wohlergehen, -ab. Ich dachte in den nächsten Jahren nicht allzu oft an sie, pünktlich -beantwortete ich ihre Briefe, und als ich wieder zum Besuch in meine -Heimath kam, war es nicht, weil mich ein besonderes Verlangen nach meinem -Pflegetöchterchen erfasst, sondern weil ich einen sehnlichen Wunsch meiner -Mutter erfüllen wollte. - -»Paul,« sagte meine Tante und schüttelte dazu das ehrwürdige Haupt -mit dem hochragenden Kopfputz, um dessentwillen ich sie in ruchlosen -Flegeljahren »das Trauerpferd« getauft, »Du wirst nicht alles so finden, -wie Du es erwartet,« mit Nachdruck, -- »wie Du das Recht gehabt, zu -erwarten.« - -Die Wahrheit zu gestehen, blieb ich vollkommen ungerührt von diesen -Kassandratönen. Die verehrte Dame liebte eine gewisse graue Beleuchtung -aller täglichen Vorkommnisse und ich hatte eine Ahnung, dass die -tragischen Andeutungen mich auf das Hinscheiden ihres asthmatischen Mopses -vorbereiten sollten, dem ich schon längst ein friedliches Ende nicht blos -vergönnt, sondern von ganzem Herzen gewünscht hatte. So liess ich -sie denn seufzen und den Kopf schütteln und bemerkte: »Wo bleibt denn -Josefine?« - -Das Seufzen verstärkte sich zu einem Stöhnen. »Ich habe sie unter einem -Vorwand entfernt, um Dich, Unglücklichen, vorzubereiten; denn eben bei -Pepi wirst Du nicht alles so finden«, und so weiter, wie bekannt. - -»Nun, Kinder sind dazu da, um ihren würdigen Papas Enttäuschungen -zu bereiten. Pflegekinder werden vermuthlich keine Ausnahme machen,« -versetzte ich noch immer gelassen, »ist die Kleine nicht so hübsch -geworden, wie sie vor vier Jahren versprochen?« - -»Hübsch?« rief die Tante, »sie ist aussergewöhnlich, sie ist unerlaubt -schön«, damit schob sie mir eine grosse Photographie hin, »urtheile -selbst.« - -Ja, da war es freilich mit dem Urtheilen vorbei. - -»Aber liebe Tante,« sagte ich und starrte unverwandt auf das Bild, um in -dem wundervollen Gesicht nach den Zügen des mageren verweinten Backfischs -zu spähen, den ich vor vier Jahren in seinem dürftigen Trauerkleidchen -aus dem Hause meines ehemaligen Lehrers in das meiner Tante geführt, -»darin kann ich nun kein so ungeheures Unglück sehen.« - -»Dieser Meinung sind auch andere,« erwiderte das alte Fräulein spitz, -»darunter Alle, die in dieser Stadt Schnurrbärte tragen.« - -»Hm,« murmelte ich betroffen und legte die Photographie aus der Hand, -nicht ohne noch einen langen Blick auf sie zu heften -- das Hexlein hatte -es mir angethan -- »ich dachte, Du habest mit ihr sehr zurückgezogen -gelebt.« - -»Das habe ich auch, das Kind ist ausser in meine Kaffeekränzchen -- an -welchen es merkwürdigerweise nicht einmal Geschmack fand -- (ich stattete -ihr im Stillen meinen Glückwunsch darüber ab) nicht in Gesellschaft -gekommen.« - -»Nun also,« sagte ich erleichtert, »da werden wohl die Schnurrbärte in -gebührender Entfernung geblieben sein.« - -»Du bestimmtest ja, dass lauter Fachlehrer Pepi's Unterricht vollenden -sollten, -- Du hattest Dir ja alle Gouvernantenweisheit verbeten,« sagte -die Tante, die in ihrer Jugend Erzieherin gewesen sein muss, erbost, »nun, -die Folgen konnte jeder vernünftige Mensch voraussehen.« Ich dankte mit -einer Verbeugung für das in ihrer Rede verhüllte Compliment. - -»Das Kind hat ohnehin das Menschenmögliche geleistet. Dem Zeichenlehrer -und dem deutschen Professor versicherte sie, ohne Einwilligung ihres -Vormunds und Wohlthäters werde sie sich nie vermählen.« - -»Sehr vernünftig«, warf ich ein; meine gute Laune begann -zurückzukehren. - -»Aber, mein lieber Neffe, man darf nicht Unmögliches fordern. Wenn -der interessanteste, junge Musiker der Stadt, für den alle Mädchen -schwärmen, mir seine Liebe gewidmet hätte, ich weiss nicht, ob ich kalt -geblieben wäre.« - -Ich konnte ein stilles Bedauern nicht unterdrücken, dass er nicht sie auf -die Probe gestellt. - -In diesem Augenblick öffnete Pepi die Thür und kam mit glückseligem -Gesicht auf mich zu. Plötzlich blieb sie, erröthend, in höchster -Verwirrung stehen. Der Kleinen hatte ich vermuthlich als gesetzter, -ältlicher Herr vorgeschwebt, das erwachsene Fräulein aber sah, dass -ich mit meinen 37 Jahren mir es noch entschieden verbitten durfte, mit -Methusalem in einem Athem genannt zu werden, und statt mir in die Arme zu -fliegen, wie sie ohne Zweifel beabsichtigt, reichte sie mir nur die Hand -zum Willkommen. Aber sie fasste sich bald, setzte sich neben mich auf das -Sofa und plauderte. - -Wovon wir sprachen? ich könnte kein Wort davon wiederholen. Ich weiss -nur, dass der Nachmittag, der Abend wie im Fluge verstrichen, und dass -wir beide, als die altmodische Stutzuhr zehn schlug, ganz erschrocken -auffuhren. Meine gute Mutter zeigte ein wenig Unzufriedenheit, weil ich sie -vernachlässigte. Aber leider gab ich ihr fortan noch manchen Anlass zur -Beschwerde, denn sobald ich vom Hause abkommen konnte, eilte ich zu Pepi. -Vergebens hielt ich mir die Thorheit vor, mein Herz an ein Mädchen zu -hängen, das einen Andern liebte, meine Leidenschaft wuchs mit jedem Tage. -Noch hatte ich den interessanten Musiker nicht gesehen. Die Tante theilte -mir mit, er sei auf einer Concertreise begriffen. Nach seiner Rückkehr -sollte ohne Zweifel die Verlobung gefeiert und der Herr Vormund und -Pflegevater zu dem schönen Fest gebührenderweise eingeladen werden. Pepi -erwähnte seiner nie, wiewohl sie mir sonst mit kindlicher Offenheit über -Alles, was ihr Leben betraf, Aufschluss gab. Wie wünschte ich von ganzem -Herzen, der junge Mann möge mir dergestalt missfallen, dass ich als -gewissenhafter Vormund mein Veto gegen ihre Verbindung mit ihm einlegen -müsste. Aber nein, als er sich mir endlich vorstellte, fand ich nichts -besonders Tadelnswerthes an ihm. Vielleicht war der hübsche Junge ein -wenig eitel, aber das war dem »interessanten Musiker, für den alle -Mädchen schwärmten«, nicht allzu schwer anzurechnen, vielleicht zeigte -er hie und da eine leise Anlage, das Leben leicht zu nehmen, die seine -Gattin mit einer Wiederholung des Looses bedrohen mochte, wie es ihrer -Mutter zu Theil geworden; aber seinem Charakter wurde das beste Zeugniss -ausgestellt; auf Ahnungen und Besorgnisse hin, die vielleicht nur meinen -eigensüchtigen Wünschen ihr Entstehen verdankten, konnte ich ihn nicht -abweisen. - -Ich wollte mein Opfer nicht halb bringen. Mit einer Miene, die, wie ich -hoffte, Josephinen nicht allzudeutlich verrieth, was es mich kostete, sagte -ich ihr, dass Fritz Hillmann bei mir um sie geworben habe. Sie wurde blass. -»Wenn Sie es wünschen, Vormund, wenn Sie es für gut halten,« stammelte -sie. Da konnte ich mich nicht zurückhalten. - -»Ich es wünschen, ich, dem der einzige Preis, den ich vom Leben -ersehnte, entrissen wird! Nein, Pepi, wenn ich meine Einwilligung zu Deiner -Verbindung mit einem Andern gebe, so geschieht es unter hoffnungslosen -Schmerzen, in dem Bewusstsein, dass ich damit das Siegel auf ein einsames, -unerquickliches Leben drücke. Es ist eigensüchtig, dass ich es Dir sage, -ich weiss es, ich hätte mein Opfer schweigend bringen sollen; aber, Pepi, -ich bin kein Held, der seine Wunden stumm verbirgt.« - -Ihr wunderschönes Gesicht leuchtete von Glück. Sie trat auf mich zu und -sprach: - -»Ich hatte mich selbst nicht gekannt; erst seit Du kamst, weiss ich, dass -ich nur einen Mann lieben kann, Dich, Paul.« - -Ich zog nicht allein über das Meer. - - - - -Novellen. - - -~Gesammelte Schriften von Heinr. Seidel.~ - -à Band M. 3.-- brosch., M. 4.-- geb. mit Goldschn. - - Bd. I. #Leberecht Hühnchen, Jorinde und - andere Geschichten.# 6. Tausend. - - Bd. II. #Vorstadtgeschichten.# 6. Tausend. - - Bd. III. #Neues von Leberecht Hühnchen - und anderen Sonderlingen.# 5. Taus. - - Bd. IV. #Geschichten und Skizzen aus der - Heimat.# Der II. Aufl. 3. Tausend. - - Bd. V. #Die goldene Zeit.# 3. Tausend. - - Bd. VI. #Ein Skizzenbuch.# 3. Tausend. - - Bd. VIII. #Leberecht Hühnchen als Grossvater.# - 3. Tausend. - - Bd. XI. #Sonderbare Geschichten.# - - -~Maximilian Schmidt Gesammelte Werke.~ - -11 Bde. à Band M. 3.-- brosch., M. 3.50 geb. - - - #Am Küstensaum.# Nov. v. #Th. Justus#. M. 5.--. - - #Aus vergangnen Tagen.# Novellen von - #Th. Justus#. M. 4.--. - - #Feldspath.# Drei Erzählungen aus Hessen - von #E. Mentzel#. M. 3.--. - - #Der heilige Amor.# Nov. v. #J. Proelss#. M. 2.--. - - #Ut Sloss un Kathen.# Erzähl. in niederd. - Mundart von #F. Stillfried#. M. 3.--. - - -~Von H. Grasberger.~ - - #Aus der ewigen Stadt.# Röm. Nov. M. 6.--. - - #Allerlei Deutsames.# Bilder u. Gesch. M. 4.--. - - #Auf heimatlichem Boden.# Erzähl. M. 6.--. - - -~Von R. Baumbach.~ - - #Es war einmal.# 9. Tausend. M. 2.80. - - #Erzählungen u. Märchen.# 8. Taus. M. 2.--. - - #Sommermärchen.# 19. Tausend. M. 3.--. - - - #Liebesmärchen# von E. Ertl. M. 4.--. - (mit 71 Photogravüren und 22 Heliotypien.) - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Antiqua gesetzt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Kursiv~, #fett#. - -Im Originalbuch tragen die Kapitel und das Inhaltsverzeichnis jeweils zu -Beginn und Ende einfachen floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription -verzichtet wurde. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 18: - im Original "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium." - geändert in "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.«" - - Seite 55: - im Original "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm" - geändert in "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm," - - Seite 60: - im Original "dich wie ein ein vom Dach fallender Sperling" - geändert in "dich wie ein vom Dach fallender Sperling" - - Seite 60: - im Original "etwas mittelalterlich troubadourmässiges« dozierte" - geändert in "etwas mittelalterlich troubadourmässiges,« dozierte" - - Seite 63: - im Original "bis unter die Haarwurzeln eröthen machte" - geändert in "bis unter die Haarwurzeln erröthen machte" - - Seite 68: - im Original "vielversprechenden Sohn der Vatertadt" - geändert in "vielversprechenden Sohn der Vaterstadt" - - Seite 80: - im Original "sich dunkle Röte über ihr Gesicht ergoss" - geändert in "sich dunkle Röthe über ihr Gesicht ergoss" - - Seite 186: - im Original "»Ausreisser«! ruft dieser ihm zu" - geändert in "»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu" - - Seite 205: - im Original "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd" - geändert in "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd." - - Seite 235: - im Original "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivos" - geändert in "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivo's" - - Seite 238: - im Original "Beiden schiens, als sei ihnen etwas" - geändert in "Beiden schien's, als sei ihnen etwas" - - Seite 286: - im Original "Mein Mütterchen erchien förmlich verjüngt" - geändert in "Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt" - - Seite 288: - im Original "Er ahnte nichst davon" - geändert in "Er ahnte nichts davon" ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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