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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Anspruchslose Geschichten - -Author: Pauline Hann - -Release Date: October 17, 2021 [eBook #66553] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This book was produced from images made - available by the Universitätsbibliothek Leipzig.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN *** - - - - - ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN - - VON - - P. HANN - - [Illustration] - - LEIPZIG 1891 - - A. G. LIEBESKIND. - - - Druck von W. Drugulin in Leipzig. - - - - -INHALT. - - - Seite. - - Sein bedeutender Freund 1 - - Kein Schwan 29 - - Ein Aprilscherz 51 - - Beim Ehestiften 87 - - Im Herbst 113 - - Brennende Liebe 145 - - Ein Unglücksmensch 169 - - Unkraut am Wege 189 - - Herbstblätter 211 - - Schwiegermütterchen 255 - - Das Pflegetöchterchen 281 - - - - -SEIN BEDEUTENDER FREUND. - - -Wie Alles auf dieser mangelhaften Welt, hat ein bedeutender Freund eine -Licht- und eine Schattenseite; aber Rudolf Müller sollte von rechtswegen -heute bloss die erstere anerkennen: Aus der Ferne schallt abgedämpfter -Walzerklang, das Rascheln und Knistern seidener Ballkleider herüber, -- -und er tanzt nicht. Im Nebenzimmer rufen begeisterte Skatbrüder ihr Grand -Solo mit Matadoren aus, -- und er kann eine Karte von der anderen -kaum unterscheiden. Die grosse Gesellschaft, in die er, Dank seiner -Verwandtschaft mit der Hausfrau, gerieth, würde ihm die unverfälschtesten -Tantalusqualen bereiten, wenn er seinen bedeutenden Freund nicht hätte. -Diesem allein, und nicht etwa den eigenen bestechenden Eigenschaften, -- -Niemand sollte das besser wissen als Rudolf Müller selbst, -- verdankt er -es, dass er mit der schönsten, liebenswürdigsten Dame der Gesellschaft, --- nein, der Welt! -- in einem Glaskasten plaudern darf, der auf den -stolzen Titel Wintergarten Anspruch erhebt und mit Palmen, Gummibäumen -und blühenden Azaleen so vollgestopft ist, dass ausser dem Bänkchen, -auf welchem Else Friedjung sitzt, und einer Handbreit Raum, auf welcher er -steht, kein Platz für etwaige Eindringlinge wäre. Seit dreiviertel Jahren -betet er die junge Dame an, aber leider aus gemessener Entfernung, denn -für einen mit dem Laster der Bescheidenheit behafteten Menschen giebt es -keine Möglichkeit, sich durch die dreifache Reihe von schwarzen Fräcken -durchzuwinden, die beständig das schöne, lebhafte Millionärskind -umschliesst, wie die Midgardsschlange die Weltesche. Aber vor etwa einer -halben Stunde hat ihm seine Cousine zugeraunt: - -»Else Friedjung wünscht, Dich kennen zu lernen, Du Glückspilz, versteht -Du, sie wünscht es.« - -Ob er versteht! Wenn er sich noch nicht die Karte »ami de Beethoven« -drucken liess, so liegt dies bloss daran, dass er noch ein Weilchen warten -will, bis ausser dem niedlichen Einacter, der vor etwa vierzehn Tagen im -Hoftheater aufgeführt wurde, auch noch die anderen unsterblichen Werke -erschienen sind, mit welchen sein bedeutender Freund heute oder morgen, bis -er in der richtigen Stimmung dazu ist, die Welt aus den Angeln heben und -sämmtliche Classiker, Romantiker und moderne Theaterdichter in das Nichts -zurückschleudern wird. - -Das schöne Mädchen wies ihm auf der eng beschriebenen Tanzkarte eine -leere Stelle. »Ich habe den Walzer für Sie aufgespart, Herr Müller«, -sagte sie liebenswürdig. - -Er ballte die Faust, -- in Gedanken natürlich, -- gegen den Tanzmeister, -der ihn als hoffnungslosen Fall aufgegeben; aber Elsen Friedjung stand der -Sinn nicht nach Tanzen. In all ihrer Anmuth, die dem armen Jungen den Kopf -vollständig verdreht hat, erhob sie sich, legte die Hand auf seinen -Arm und liess sich von ihm in die Tropenlandschaft führen. Selbst das -tugendhafteste Mauerblümchen entdeckte nichts Ungehöriges darin; ein -heimliches Zwiegespräch mit Rudolf Müller gehört zu den Dingen, die Jede -begreift und Jede entschuldigt. Es ist nicht die geringste Gefahr dabei; -nicht dass er etwa abschreckend hässlich, oder unerlaubt dumm wäre, oder -auf dem grossen Theater eine allzu verächtliche Lampenputzerrolle -spielte, -- verständige Papas unverständiger Töchter schätzen ihn als -tüchtigen, aufstrebenden Kaufmann, -- aber sein bedeutender Freund, der -einen Schatten wie der Kölner Dom wirft, lässt ihn pygmäenhaft klein, ja -zu Zeiten mit freiem Auge gar nicht wahrnehmbar erscheinen. - -Else Friedjung liess die Stäbe ihres Fächers durch die Finger gleiten und -heftete die Augen auf dieses Spiel. - -»Ich höre, Sie sind mit Doctor Engelbert Holstein näher befreundet«, -fing sie in leichter Verlegenheit an. - -Rudolf knickte innerlich zusammen. Die leise Hoffnung, die ihn trotz aller -Erfahrungen umschmeichelt, liess ihre Flügel kläglich hängen und er -bereitete sich für die Antworten vor, die er, zum beliebigem Gebrauch bei -jedem Tête-à-tête auswendig gelernt: - -»Wir wohnen beisammen.« (Und eine recht vernünftige Theilung der Arbeit -besorgen sie dabei, der Bedeutende bestrahlt mit seinem Ruhm das elegante -Junggesellenheim nahe dem Thiergarten, und Rudolf Müller bezahlt es; doch -diese intimen Details gehören nicht hierher.) »Er wird kommenden November -24 Jahre alt.« - -»Sein Geburtstag fällt sechs Tage später als der Schiller's« (Die -gestickten Schreibmappen, Federwischer, Cigarrentaschen, die diese -Enthüllung in die Welt gesetzt, lassen sich kaum zählen.) »Er ist -vollständig unverheirathet.« - -Dann eine Verbeugung, und der junge Mann weiss, dass er aus den Gedanken -seiner schönen Nachbarin fortgewischt ist, wie eine Null mit dem Schwamm -von einer Rechentafel. - -Aber Else Friedjung ist ein geistreiches Mädchen; sie bringt doch -wenigstens einige Abwechselung in das grausame Spiel. - -»Doctor Holsteins Name auf dem Theaterzettel rief mir eine Begebenheit, -einen kleinen Roman, eigentlich nur den Anfang eines solchen, in's -Gedächtniss zurück. -- Meine Freundin, -- meine beste Freundin erlebte -ihn vor einem Menschenalter, es sind gewiss sieben Jahre her.« Rudolf -richtete sich erwartungsvoll auf. - -»Ich kann mit einigen Aenderungen die Eingangszeilen unseres besten -deutschen Romans wiederholen: Westerode ist eine Stadt mit etlichen tausend -Einwohnern, einem Gymnasium -- und einer Heilquelle. Die etlichen Einwohner -und das Gymnasium besitzt sie schon seit längerer Zeit, die Heilquelle -wurde erst vor einem Jahrzehnt entdeckt.« Sie unterbrach sich, denn er -machte eine Bewegung. - -»Sie sprechen von meiner Vaterstadt,« sagte er, »ich bitte mit -aufgehobenen Händen, verfahren Sie glimpflich mit ihrem Curort-Ehrgeiz.« - -»Ihre Vaterstadt? Dann ist die Freundschaft zwischen Ihnen und dem Doctor -wohl schon auf den Schulbänken geschlossen worden?« - -Rudolf verbeugte sich bestätigend. Immer sein bedeutender Freund! Er ist -ihm so anhänglich wie -- er weiss selber keinen passenderen Vergleich --- wie ein treuer, oft geprügelter Pudel, aber selbst ein solcher -kennt Augenblicke, in welchen sein Herz ins Spiel kommt und er bei dem -weissgelockten Gegenstand seiner Neigung etwas für sich selber vorstellen -möchte. - -»Ich habe Sie von Ihrer Erzählung durch meinen unzeitigen Einwurf -abgelenkt,« murmelte er. - -»O, ganz recht. Die Heilquelle trotzte zwar bisher standhaft jedem -Analysirungsversuch, -- so viel darf ich doch sagen, ohne ihr heimathliches -Weltbad zu beleidigen? -- dennoch wirkte sie Wunder in Reclamen und -ärztlichen Anpreisungen. Meine Freundin, damals ein Backfisch mit -etwas blässlichen Wangen, sollte, begleitet von einer ältlichen, -unverheiratheten und etwas verschrobenen Erzieherin, das Wunderwasser -trinken.« - -Ihr Zuhörer sah auf, als schiesse ihm eine Erinnerung -- aber keine -sonderlich freudige -- durch den Sinn. - -»Es schmeckte abscheulich. So oft es unbemerkt geschehen konnte, goss -sie es aus. Dessenungeachtet wirkte die Cur. Entweder war die Quelle so -heilkräftig, dass man schon durch die Betrachtung des Geländers, das sie -umgab, Farbe und Rundung der Wangen bekam, oder waren es die prächtigen -Buchenwälder, die förmlich zum Thore der Stadt hereinwuchsen. Meine -Freundin mochte das Letztere glauben und lief den grössten Theil des Tages -auf den weltbadmässig gebahnten, mit Bänken besäeten Waldpfaden herum. -Es war eine so schöne Abwechselung nach der vielstündigen Marter vor -dem Piano und den Schulbüchern, die bisher ihre Tage ausgefüllt. Niemand -störte sie; es stand ihr frei, sich als unumschränkte Besitzerin all' -der Herrlichkeit zu betrachten, die, steil aufsteigend, das Städtchen -umschliesst. Das übrige Curpublikum sammt der Ureinwohnerschaft steckte -träge in Hausgärten oder auf Veranden, ihre Gouvernante im verdunkelten -Zimmer, denn die gute Antoniette besass eine Leidenschaft, mit welcher -ihre Pflichttreue einen aussichtslosen Kampf führte, sie dehnte ihr -Mittagsschläfchen bis zum Abend aus, wenn Niemand sie weckte; und meiner -Freundin war der Schlaf heiliger als Macbeth. Dreist erstreckte sie in -drückender Nachmittagshitze ihre Spaziergänge immer tiefer in den Wald -hinein. Da begegnete ihr einmal das Verhängniss in Gestalt eines jungen, -hübschen Menschen mit flatternden Locken und blitzenden Augen. Er sass auf -einer Bank, ein Notizbuch auf den Knieen, die Rechte schrieb eifrig, die -Linke scandirte auf der Holzlehne. Bei dem plötzlichen Auftauchen meiner -Freundin fuhr er in die Höhe, starrte sie an und lief spornstreichs den -Berg hinab. Sie folgte ihm mit den Blicken. Wie er, musste, ihrer Ansicht -nach, der junge Goethe in Frankfurt ausgesehen haben, nur blieb es freilich -fraglich, ob er auch die scharlachrothe Burschenmütze sorgfältig mit -einem schwarzen Ueberzug bedeckt hätte, bevor er in die Strassen der Stadt -einbog, wie es der junge Mann that.« - -»Unser Director,« warf ihr Zuhörer erklärend ein, »verfolgte das -Burschenspielen im Gymnasium mit draconischer Strenge. Und Engelbert musste -sich besonders hüten, dass Missfallen unseres Schulmonarchen zu erregen.« - -»Meine Freundin traf ihn nun fast täglich im Walde, aber ihr -fünfzehnjähriges Gewissen bohrte und nagte. Sie weckte Fräulein -Antoniette am hellen Nachmittage. Die gute Seele schleppte sich keuchend -die Waldhügel hinauf, bis zur ersten Bank, von welcher man gerade auf den -Marktplatz hinuntersah. Dann empfahl sie ihren Geist dem Herrn, sank auf -den Hochsitz und entschlief. Meine Freundin las im »Ekkehard«. Da, als -sie zufällig aufblickt, steht, kaum zwanzig Schritte von ihr entfernt, ihr -junger Goethe im vollen Glanz der unbezogenen Burschenkappe, einen -Strauss poetischer Waldblümelein in den Händen und einen gewissen -Was-frage-ich-um-die-Welt-Ausdruck im Gesicht, der ihr anzeigte, dass -es heute mit gegenseitigem Anstarren, Rothwerden und Grüssen nicht sein -Bewenden haben werde. Statt ihre regelmässig und laut athmende Begleiterin --- ruchlose Menschen hätten behauptet, sie schnarche -- zu wecken, that -sie das Unvernünftigste, was sie begehen konnte, sie lief davon. In -einigen Secunden hatte er sie eingeholt, ihr die Blumen überreicht -und einen Strom sehr lauter, aber dennoch unverständlicher Bitten und -Beschwörungen über sie ergossen. Bei ruhiger Rückerinnerung würdigt -dies meine Freundin als den Ausfluss grünster Jugendlichkeit, damals -jedoch erschien es ihr hochbedeutsam, erschütternd, sie bis zu den -Regionen der langen Kleider und vollbeschriebenen Tanzkarten emportragend. -Er drückte ihre Hände, dass sich die Stengel des Strausses ihren -Handflächen einpressten und sie eher ein schmerzliches, denn ein -beseligtes Gesicht zog. Plötzlich stürzte Antoniette, zum Bewusstsein und -zu ihrer Verantwortlichkeit erweckt, herbei, riss das unflügge Nestkücken -aus dem Griff des Falken, und wenn Worte und Blicke die Wirkung der Blitze -hätten, so wäre er ohne Zweifel todt zu Boden gestreckt worden. In den -Augen des alten Fräuleins schwoll die Kinderei zu einem ungeheuren Frevel, -zu einem Vergehen gegen die Moral an; sie drohte mit Gericht und Polizei. -Aber lag es an ihrem fragwürdigen Deutsch oder an den von Schlaf und -Bestürzung übermässig gerötheten Zügen und den rollenden Augen, -- -ihr Zögling biss sich krampfhaft auf die Lippen, der junge Goethe, weniger -vorsichtig, lachte ihr helllaut in's Gesicht, wodurch sich ihr Grimm -selbstverständlich nicht verringerte. Nach einem Blick auf das junge -Mädchen, der einen ganzen Band lyrischer Gedichte ersetzte, drehte er sich -um und ging. Die Nachblickenden sahen ihn im Hause des Kaufmanns auf -dem Markte verschwinden. Es war ihre letzte persönliche Begegnung, denn -Fräulein Antoinette bewachte ihren Schützling wie ein geschwänzter -Schatzhüter der Sage. Nur ein glühendes Gedicht von ansehnlicher -Ausdehnung, Engelbert Holstein unterzeichnet, gelangte durch einen -Liebesboten, dessen Hauptkennzeichen Wasserscheu, durchstossene Ellbogen -und vorwitzig in die Sonne hinausguckende Zehen waren, in die Hände meiner -Freundin. Sie verwahrte es sorgfältig, Fräulein Antoinette hat nie etwas -davon erfahren. Kaum eine Woche später verliessen sie das Weltbad. -- Sie -können sich vorstellen, wie überrascht und stolz meine Freundin war, -als ihr jugendlicher Bewunderer sich plötzlich als Mann von Bedeutung -entpuppte, von dem alle Welt spricht, dem man eine glänzende Zukunft -vorhersagt.« - -Das Gesicht des jungen Mannes trug einen sonderbaren Ausdruck. - -»Wollen Sie mir erlauben, Ihrer rührenden Historie einen ganz -unerwarteten Schluss anzufügen?« fragte er lachend, »Ueberraschungen -sollen zwar den Werth eines literarischen Kunstwerkes nicht erhöhen, aber --- arme Leute kochen mit Wasser.« - -Else Friedjung blickte ihn verwundert an. - -»Fräulein Antoinette klagte die erlittene Insulte der Badeverwaltung, den -städtischen Behörden, dem Schulmonarchen und der Himmel weiss wem noch. -Sie hatte den Frevler im Kaufmannshaus verschwinden gesehen. Hier hebt das -tragische Verhängniss an, das Factum, das dem griechischen Trauerspiel zu -so hoher Wirkung verhalf und vom modernen Fürwitz sammt den Göttern -aus der Flugmaschine in die dramatische Rumpelkammer verwiesen wird: das -Kaufmannshaus beherbergte ständig nur einen Gymnasiasten mit je nach -den Verhältnissen scharlachfarbener oder schwarzbezogener Mütze. -Freund Engelbert stellte sich nur strichweise ein; an jenem denkwürdigen -Nachmittage kam er, um mir etwas Immenses von seiner Leidenschaft, von -Drachen und lieblichen Waldfräulein zu berichten. Ich lauschte mit -offenem Munde, nicht ahnend, was die Götter über mein schuldloses Haupt -verhängt: Ein gewaltiger Aufruhr erhob sich. Ich hatte nicht nur den -untadelhaften Ruf unseres Gymnasiums durch eine sittenlose Ausschreitung -befleckt, ich schädigte auch den aufstrebenden Curort, wie der Mehlthau -die grünen Bäume. »Wenn junge Galgenvögel die Curgäste im Walde -straflos überfallen dürfen -- denn bis zum Überfall war man, Dank -Fräulein Antoinettens Beleuchtung des Ereignisses, gediehen, -- dann -werden sie der Heilquelle den Rücken kehren, und Westerode bleibt bis an's -Ende aller Dinge eine Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.« -Als die Wogen sich legten, fand ich mich auf den Strand geworfen: Unter -einem beträchtlichen Aufwand von Jüngsten-Gerichtposaunen war ich aus dem -Gymnasium gestossen worden, damit nahm meine etwaige gelehrte Laufbahn ein -vorzeitiges Ende. Wenn Sie ahnten, mein Fräulein, was für ein grosser -Mann in der Knospe geknickt ward! Meine Mutter behauptete es, und sie -musste es wissen, denn Niemand kannte mich genauer als sie. Ich erzeugte -in meiner Dachkammer Schwefelwasserstoff und ähnliche Parfüms in einem -Alter, wo andere Knaben einander die Stirnen voll Beulen schlagen. Wehe -Liebig! prophezeite meine Mutter. Ich verwendete den Spiritus aus ihrem -Schnellsieder und ihre Einmachgläser für alle Arten von Reptilien, -fing Schmetterlinge, lief in der ärgsten Sonnenhitze mit einer grünen -Blechbüchse herum, um Pflanzen mit Wurzeln und Erdreich auszureissen; -nur Uebelwollende konnten leugnen, dass in mir die Keime zum Naturforscher -lagen. Ich sammelte rostige Messer, grünspanbezogene Kupfermünzen, auf -meiner Dachkammer fand eine zerschlagene Ofenfigur, der unvermeidliche -Knabe mit dem Muschelkorbe, einen geehrten Platz, der künftige Archäologe -war fertig. Und als ich in wilder Knabenzeit die Ruchlosigkeit beging, -einer Katze den Schwanz abzuschneiden, erklärte meine Mutter, dies sei die -liebste Beschäftigung aller grossen Chirurgen in ihrer Kindheit gewesen. -Und nun sollte ich, ein so vielerlei versprechender Jüngling, lange -Zahlenreihen addiren und meines Vaters Kunden Schnupftabak und Rosinen -verkaufen. Es war herzbrechend.« - -Das wohlwollend-überlegene Lächeln, mit dem Else gleich allen jungen -Damen seiner Bekanntschaft ihm gegenübergesessen, war schon seit einer -Weile von ihren Lippen gewichen. Sie blickte ihn an, als hätte ein -geschickter Taschenspieler die dunkle, unscheinbare Gestalt verschwinden -lassen und an ihrer Statt einen anderen Rudolf Müller in bengalischer -Beleuchtung, mit ganz ungeahnten Tugenden und Vorzügen ausgerüstet, auf -die Handbreit Raum zwischen Palmen und Azaleen hingestellt. - -»Und wo blieb Ihr Freund?« fragte sie mit zusammengezogenen Brauen, -eine rothe Zornwelle im reizenden Gesicht. »Wie konnte er Sie, den -Unschuldigen, die Last tragen lassen! Es ist abscheulich! Ich hatte eine -hohe Meinung von ihm, aber jetzt verachte ich ihn. Sobald ich nach Hause -komme, verbrenne ich sein Gedicht!« - -Rudolf blickte sie betreten an. Auf diese Wendung war er nicht gefasst -gewesen. Dass man an einen bedeutenden Menschen denselben Massstab legen -könnte, wie an gewöhnliche Muttersöhne, war ihm nicht eingefallen. -»Judas Ischarioth!« flüsterte er sich zu. »Verurtheilen Sie ihn -nicht!« bat er und setzte sich in seiner Rathlosigkeit zu ihr auf das -Bänkchen, das wirklich nur für zwei schlanke Menschen Raum bot. »Seine -Laufbahn stand auf dem Spiel, und bei ihm handelte es sich um mehr, als -bei solch einem Dutzendmenschen, wie ich bin. An seinen Schöpfungen werden -sich noch Tausende erfreuen, wenn von mir längst keine Spur mehr vorhanden -sein wird.« - -»Ich glaube nicht mehr an seine Zukunft,« versetzte Else mit der Energie -einer bekehrten Heidin, die soeben ihren Thongötzen in Stücke zerschlagen -hat, »ein charakterloser, schwacher Mann wird nie ein grosser Mann. Auch -ist mir unverständlich, wie die Ungnade einer kleinen Stadt und selbst -die Ausschliessung aus ihrer Schule seine Laufbahn zu zerstören vermocht -hätte.« - -»Wenn Sie sein Gemüth, das jede Widerwärtigkeit niederdrückt, und seine -Verhältnisse kennten, dann würden Sie begreifen, dass es sich wirklich -um seine Zukunft handelte,« erwiderte Rudolf, Angstschweiss auf der Stirn. -»Weitläufige Verwandte hatten murrend und widerwillig die Schnüre ihres -Beutels geöffnet, um ihn studieren zu lassen. Der Skandal, der seine -Ausschliessung begleitet hätte, wäre ihnen ein willkommener Anlass -gewesen, ihm ihre Unterstützung zu entziehen. Mit dieser schlossen sich -vor ihm die Thore der Universität, die Grundlagen wissenschaftlicher -Schulung, ohne welche sein Schaffen dilettantisch bleiben musste.« - -Aber Else, statt sich zu der Höhe seiner Auffassung aufzuschwingen, hielt -eigensinnig an ihrer Meinung fest. - -»Selbstsüchtig Ihre Zukunftspläne zu zerstören, o, es war feige, es war -schlecht!« - -»Mein theueres Fräulein,« rief der junge Mann und rückte so nahe an sie -heran, dass die Blattpflanzen, die sich als spanische Wand zwischen ihnen -und dem Nebenzimmer erhoben, als Segen der Vorsehung erschienen. »Sie -fassen die Geschichte viel zu tragisch auf. Das Unglück für Menschheit, -Vaterland und mich selber ist wahrlich zu ertragen, wenn statt eines -mässig begabten Doctors ein an Erfolgen nicht ganz armer Kaufmann in der -Welt herumläuft.« - -»Davon spreche ich nicht. Glauben Sie etwa, dass ich Ihren Beruf gering -schätze?« vertheidigte sich Else eifrig, »mein Papa war auch Kaufmann -und lehrte mich, seinen Stand hochhalten. Vielleicht schlug Antoinettens -Bosheit -- ich werde ihr nächstens meine Meinung sagen! -- Ihnen sogar zum -Glück aus; aber das entschuldigt ihren Freund nicht. Sie müssen in ihrem -heimathlichen Neste -- verzeihen Sie, im Weltbad Westerode -- wie der -verlorene Sohn angesehen worden sein.« - -»Was schadete mir das? Ich hörte Predigten von unerlaubter Länge, sah -wolkenverhängte Gesichter, bekam etliche Wochen Zimmerarrest; es hat mir, -wie Sie sehen, den Humor nicht verdorben.« - -»Es war im Sommer, und der Wald so nahe,« sagte Else bedauernd. - -»Vergessen Sie nicht, dass auf meine Dachstube erhabene Gefühle zu Besuch -kamen: Ich schützte meinen Freund, siehe die Bürgschaft; ich erlitt -unverschuldetes Uebel, siehe die christlichen Märtyrer; ich fiel als Opfer -für das Gedeihen meiner Vaterstadt, ein -- allerdings etwas passiver -- -Curtius. -- Ihr Antheil ist mir unendlich werthvoll, werthvoller als Sie -denken, doch nein, Sie wissen ohne Zweifel, dass Sie mir die Verkörperung -alles Schönen, Liebenswürdigen, Begehrenswerthen sind -- allen Mädchen -sagt es ihr Seherblick, wenn sie sich ein Männerherz unterjochten --, -aber so glücklich mich Ihre Theilnahme auch macht, meine kleinen Leiden -von damals verdienen sie nicht.« Er stockte; mit leiser Stimme hub er -wieder an. »Der Gedanke, dass ich das Herrlichste, was mir das Leben -gewähren könnte, Ihre Freundschaft, dem Ausnützen einer von mir selbst -geschaffenen Gelegenheit, einer Indiscretion verdanken sollte, wäre mir -unerträglich.« - -Sie sah ihn mit seltsam schimmernden Augen an. - -»Es ist zwar gegen alle Lehren Antoinettens, aber zuweilen überfällt -mich ein förmlich krankhafter Drang, die Wahrheit herauszusagen und so -mögen Sie denn nur wissen« -- sie erhob sich schnell, der Walzer -war längst zu Ende, ihre Tänzer traten suchend in die Thüre des -Spielzimmers. Zurückgewendet sprach sie hastig, über und über -erglühend, »mir ist es nicht viel anders gegangen als dem glücklichen -Sohne des Kiss, ich bin ausgezogen, um Kunde von einem _bedeutenden_ Mann -zu hören, und fand einen _echten_ Mann. Ich bin ein Sonntagskind, wissen -Sie das?« - -Damit war sie entschlüpft; er blickte ihr nach und machte das närrisch -beseligte Gesicht, das jeder Sterbliche nur einmal im Leben zieht. - -Das Zwiegespräch unter Palmen hatte selbst für ein Tête-à-tête mit -dem Freunde eines bedeutenden Mannes zu lange gedauert, um nicht Anlass -zu verschiedenartigen Randbemerkungen über den Fächer hinüber zu geben. -Aber die Gesellschaft gewöhnte sich durch zahlreiche Wiederholungen daran, -Herrn Rudolf Müller mit Fräulein Else Friedjung in allerhand Ecken und -Winkeln der Ballsäle erschöpfende, tiefe und für Fernstehende nicht -allzu interessante Gespräche führen zu sehen. Man wollte bemerken, dass -er dem abnehmenden Monde glich, wenn sie nicht da war und dass sich eine -Wolke der Verstimmung auf ihre Stirn lagerte, wenn er fehlte. Zuletzt -verschwanden sie wochenlang spurlos aus ihrem Bekanntenkreise, und als die -Lösung in Gestalt weisser Kärtchen erschien, bildete sie nicht einmal das -bekannte Neuntagswunder. -- Rudolf verdankt seine Braut eigentlich doch nur -seinem bedeutenden Freunde. Als dieser dem schönen Mädchen vorgestellt -wurde, erkannte er in ihr seine »unvergessliche« Jugendliebe, über deren -Verlust ihn alle später besungenen Vertreterinnen edler Weiblichkeit nur -scheinbar getröstet hatten. Sie war das Weib seiner Träume, das Rudolf -ihm geraubt. Selbstverständlich kann ihm Niemand die Ueberzeugung nehmen, -dass er eine Schlange an seinem Busen gehegt habe, schnöde missbraucht -und verrathen worden sei. Rudolf Müller mag nur zusehen, wie er mit der -Nachwelt, die Engelberts Tagebücher lesen wird, zurecht kommt! Ich gebe -seine Sache verloren! - - - - -KEIN SCHWAN. - - -»Was hilft vortreffliches Beispiel, tadellose Erziehung, wenn der -angeborene Hang den Menschen in den Schlamm hinabzieht!« schrie Fräulein -Möller, die Vorsteherin des berühmten Damenpensionats in Dresden, roth -vor Zorn, aber selbst im höchsten Affect die Gewohnheit, in Sentenzen zu -sprechen, beibehaltend. »Ein hässliches Mädchen zu hüten, ist schwerer, -als alle Herkulesarbeiten zusammen«, (Fräulein Müller hat übrigens -noch keine probirt), »denn die Stummen wollen am meisten sprechen, und die -Tauben machen die lauteste Musik.« - -Das war ein Strafgericht! Der bewusste Feuerregen, der sich über Sodom und -Gomorrha ergoss, muss dagegen ein angenehmes Nachmittagsvergnügen gewesen -sein. - -Die Mädchen aus der obersten Klasse blickten schaudernd auf einen -schwarzen Punkt. - -Der schwarze Punkt war ich! - -Ich habe niemals besondere Lust gehabt, der Urkraft (von der Professor -Henkel so dunkel und gelehrt zu reden wusste, dass uns nach jedem Vortrag -in der Naturkunde eine Hammerschmiede in den Köpfen arbeitete) in ihre -Töpfe zu gucken, aber was sie eigentlich im Sinne gehabt, welchen Zweck -sie verfolgt, als sie den erwähnten schwarzen Punkt in der obersten Klasse -des Pensionats geschaffen, das möchte ich gar zu gern wissen. Sie muss -keinen Zierrath beabsichtigt haben, sonst hätte sie mich mit irgend -einer Eigenschaft ausgerüstet, die den Augen des Beschauers wohlgefällig -erscheint, keine Säule an ihrem Bau, sonst hätte ich nicht seit meiner -frühesten Kindheit das Bewusstsein vollständiger Ueberflüssigkeit mit -mir herumgetragen. Wenn ich heute die Augen schloss, dann wurde keine -Wimper nass, keine stecknadelkopfgrosse Lücke entstand, nein, ich war zu -keiner stützenden Säule bestimmt, denn ich war keinem Menschen auf Erden -unentbehrlich. Halt, doch Einem! Und das bringt mich wieder in meine Klasse -und in das Strafgericht zurück. - -Hätte ich zärtliche Eltern gehabt, wie die anderen Mädchen, oder wäre -ich hübsch und liebenswürdig gewesen, dann hätte Fräulein Möller mir -eine Privatvorlesung im Allerheiligsten ihres Arbeitskabinets gehalten, -und die ganze Klasse hätte sich nicht an den Weisheitssprüchen erbauen -dürfen. Das Pensionat war zwar ob seiner Tugend und Sittenstrenge -berühmt, aber durch die Thürritzen hatte der Klatsch doch die Kunde von -Lieutenantsbriefen und darauf folgenden Thränen und Sentenzen in Fräulein -Möller's Privatgemach getragen. Aber zwischen Julie von Minkwitz und mir -war ein kleiner Unterschied. Als sie in die Schule eintrat, bat man um -Nachsicht und Güte für das liebe Mädchen, während meine Mama nur von -vulgären Neigungen sprach, die mir angeboren und streng im Zaum zu halten -seien. - -Meine Pflegeeltern haben viel für mich gethan, sie liessen mir eine -Erziehung geben, als wäre ich wirklich eine der ihrigen und bestimmt, -mit anmuthigem Flügelschlag durch ihre vornehmen Gesellschaftskreise zu -schweben. Aber als ich in das berühmte Pensionat kam, hatte ich, damals -noch ein halbes Kind, die Ueberzeugung, ich werde aus dem Hause entfernt, -damit Robert und Lili nicht von meinen vulgären Neigungen angesteckt -würden. Da diese mir angeboren waren, liessen sie sich nicht ausrotten, -trotz der heilsamen Strenge, die angewendet ward. Dafür waren aber auch -der ehemalige Kutscher und die ehemalige Kammerjungfer von Papa und Mama -mein Vater und meine Mutter. Sie starben beide während einer Epidemie; ich -kann mich ihrer kaum erinnern, denn ich zählte erst vier Jahre, als mich -das unersetzliche Unglück traf. Unersetzlich -- wiewohl Papa und Mama, die -in kinderloser Ehe lebten und längst daran gedacht hatten, eine Waise an -Kindesstatt anzunehmen, mich in ihr leeres grosses Haus nahmen. Auch an ihr -Herz? Vielleicht. Ich habe nur dunkle Erinnerungen an die ersten Jahre im -Hause meiner Pflegeeltern. Aber mir schwebt vor, als habe Mama mit -ihren eigenen weissen, feinen Händen mich zuweilen in schöne gestickte -Kleidchen gehüllt und sei am Abend, wenn sie keine Gesellschaft hatte, an -mein Bett getreten, um mich ein kurzes Kindergebet zu lehren. Und Papa hob -mich im Sommer, den wir stets auf seiner Besitzung an der Elbe -verlebten, in die Zweige der Kirschbäume empor, damit ich mir mit meinen -Kinderhänden -- sie waren leider immer von ansehnlicher Grösse -- die -rothen Herzkirschen pflücke. Ich vermuthe, dass ich mich damals von -anderen Kindern wenig unterschied. Vielleicht hatten die häufigen -Lobsprüche, die ich erhielt, ein gewisses kindliches Pharisäerthum in mir -grossgezogen. Mit ausgesprochenem Grauen betrachtete ich den schmutzigen -wilden Burschen des Pächters. Der Knabe war nur etwa fünf Jahre älter -als ich und kam täglich mit zerrissenen Kleidern und zerschlagenem Gesicht -nach Hause, so dass seine Mutter kläglich prophezeite: »Wenn der Junge -erwachsen ist, läuft er ohne Nase in der Welt umher.« - -Meine angeborenen Neigungen schlummerten noch unentdeckt in meiner Brust. -Sie haben sich erst später entwickelt. Und ich kann mit Bestimmtheit -angeben, wenn das geschah. - -Papa und Mama waren überselig. Der Erbe, den sie nicht mehr erhofft, lag -schreiend in seiner Wiege. Das ganze Haus ging auf den Zehenspitzen. Die -Dienstleute hatten anderes zu thun, als sich um mich zu kümmern, die sie -wohl stets im Stillen als in die Gesindestube gehörig betrachtet hatten. -Es war im Sommer. Hinter Papas Schlösschen zog sich der grosse Park, von -einer alten Steinmauer umschlossen, hin. Daran stiess die Pächterwohnung -mit den Wirthschaftsgebäuden. Im Park war es langweilig. Ich reckte -mich auf den Zehen empor und klinkte ein Seitenpförtchen auf, um auf -Entdeckungen auszuziehen. Ich brauchte nicht in die Ferne zu schweifen, das -Gute in Gestalt eines Ententümpels lag vor mir, und Balthasar (er heisst -wirklich Balthasar, möglicherweise verschärft dies sein Vergehen in -Fräulein Möllers Augen) warf Steine in das grünlich schmutzige -Wasser. Vor einigen Wochen hätte ich vermuthlich mein weisses Kleidchen -zusammengenommen und wäre mit dem stillen Gedanken: »wohl mir, dass ich -nicht bin wie dieser,« aus der vulgären Welt, in der Hühner scharrten, -Gänse gackerten und Enten auf schmutzigem Tümpel schwammen, in die -vornehme Abgeschlossenheit des Parks zurückgewichen; aber man liess mich -nun viel allein, und ich langweilte mich. Und so trat ich näher und sagte: - -»Du, das kann ich auch.« - -Der schmutzige Bursche starrte mich verdutzt an, aber ich imponirte ihm -nicht lange, denn als ich den ersten Stein warf und er mit einem Plumps -versank, ohne wie die Wurfgeschosse Balthasars über das Wasser Kreise -ziehend, hinzutanzen, lachte er mich aus. Doch zeigte er mir gleich darauf -die Handgriffe. Das Wasser spritzte nach jedem Wurf hoch auf, und als -mich nach geraumer Zeit der Gärtner entdeckte und das verirrte Schäflein -heimgeleitete, triefte ich von Nässe. Die Folge davon war ein heftiger -Schnupfen, der mir die Augen thränen, die Nase aufschwellen, das ganze -Gesicht, wie Papa (leise zu Mama aber von mir dennoch gehört) bemerkte, -dem seines ehemaligen Kutschers ähnlich machte. Mama gerieth in -Todesangst, ich könnte meine Erkältung dem »Kinde« mittheilen und -so blieb ich aus ihrer und Roberts Nähe wochenlang streng verbannt. Ich -müsste lügen, wenn ich behauptete, ich hätte meine Acht besonders schwer -empfunden; denn in diese Zeit fielen meine Herumstreifereien mit meinem -neuen Freunde, der mich zu Haselbüschen führte und mir zeigte, wie -man die Nüsse mit den Zähnen aufbiss. Seit damals war ich vulgär. Je -grösser Robert wurde, desto schlimmer trat meine Erbsünde zu Tage. Ich -steckte beständig mit Balthasar zusammen und wurde einmal im Kuhstall -ertappt, das anderemal aus den höchsten Zweigen eines Birnbaumes -herabgeholt. Balthasar war ein rührend treuer Kamerad. Das prächtige -Obst, das er in Papas Garten gemaust, theilte er gewissenhaft mit mir, und -(wer zweifelt noch, dass ich das vernichtende Urtheil meiner Pflegeeltern -verdiente!) es schmeckte hundertmal besser in einem Winkel der Scheune, als -von den Krystallschalen an der Tafel. - -Mama und Papa, die meinen unpassenden Verkehr missbilligend bemerkten, -hofften, der Winter werde ihm ein Ende bereiten. Unterbrochen wurde die -Freundschaft, aber jedes Frühjahr knüpfte sie fester. Damals wusste ich -mir keine Rechenschaft darüber zu geben, was mich zu Balthasar und seinen -braven, tüchtigen Eltern hinzog, aber heute ist mir's klar, dass es nicht -bloss die ererbte Vorliebe für vulgäre Gesellschaft war, sondern die -Thatsache, dass ich jenseits der Gartenmauer etwas galt und gut gelitten -war, während ich dieseits kalt übersehen oder getadelt wurde. Allerdings -als zwei Jahre nach Robert die kleine zarte Lilli zur Welt kam, besserte -man nicht mehr an mir herum und liess mich treiben, was mir gefiel, bis -ich alle Grenzen des Erlaubten überstieg. Ich zählte vierzehn Jahre und -sollte bei Lilli's Gouvernante die Lücken in meiner Bildung ausfüllen. -Statt dessen lief ich tagaus tagein zur Pächtersfrau hinüber. Sie war -einsam; ihr Abgott Balthasar befand sich auf einer landwirthschaftlichen -Schule. Ich ging ihr in Küche und Maierei zur Hand, butterte, streute dem -Geflügel das Futter, knetete und buck ordinäres schwarzes Brod. Wurde -ich entdeckt, dann sah ich ein, dass mein Vergehen zum Himmel schrie. -Ueberhaupt war ich in Gegenwart von Papa, Mama, Robert und Lilli meist in -so bussfertiger, zerknirschter Armensündenstimmung, dass es mich gar nicht -Wunder nahm, wenn mich alle für feige, unaufrichtig, lakaienhaft hielten. -Die geringschätzigen Bemerkungen, die kalten Blicke daheim drückten mein -Selbstgefühl herab, ich begann, mich für einen dunkeln Flecken auf dem -sonnigen Familienbilde zu halten, für eine Art von Schlagschatten, der -die Vortrefflichkeit und feine Ausführung der anderen Schöpfungswerke -gebührend hervorhob, sich aber nichtsdestoweniger ziemlich überflüssig -dünkte. Die Andern mochten dasselbe finden; ich wurde Fräulein Möller -ausgeliefert. Sie sollte den letzten Versuch machen, mein ererbtes Uebel -zu kuriren. Seit zwei Jahren bin ich nicht einmal in den Ferien nach Hause -gekommen. In der ersten Sommervacanz, während ich mit meinem baumlangen -Kameraden Pflanzen und Steine suchte, kam Miss Burton, Lilli's Gouvernante, -auf die Idee, ein geheimes Einverständniss bestehe zwischen mir und dem -lieben, langen, unbeholfenen Jungen. Und so erfloss das Verbot meiner -Heimkehr, und während die anderen Mädchen in die Berge, an die See in den -Sonnenschein hinauszogen, sass ich wie ein Sträfling hinter den Mauern des -verstaubten Pensionsgartens. Nächstes Jahr durfte ich wohl Papa und Mama -besuchen, denn (ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten, wiewohl die -ganze Klasse mich spöttisch betrachtete) Balthasar sollte nicht mehr -als Schlange im Paradies lauern. Der Bruder seiner Mutter war kinderlos -verstorben und hatte ihm ein hübsches Gut in Pommern hinterlassen. Er -hatte es mir geschrieben und mich gefragt, wann er mich sehen könne. Mama -und Papa, welchen er einen Abschiedsbesuch gemacht, hätten ihm die Bitte, -mir vor seiner Abreise die Hand drücken zu dürfen, rundweg abgeschlagen. -Ich dürfe meine Studien nicht unterbrechen. Du lieber Gott, als ob -nicht Hopfen und Malz an meiner Wasserfarbenmalerei, meinen Chopin'schen -Nocturno's und Stickereien in Seide und Chenille verloren wären. - -Dieser Brief, der erste heimliche Brief in meinem achtzehnjährigen Leben, -fiel einer Aufseherin in die Hände, und ich hörte Sentenzen vor der -ganzen Klasse über mein unpassendes Benehmen. Zuletzt wurde mir verboten, -das Haus zu verlassen. Wie ein Häuflein Unglück sass ich in meinem Zimmer -und bekam zu meiner übrigen Schönheit vom Weinen rothe geschwollene -Augen. - -Vermuthlich verdankte ich es meiner vulgären Neigung, dass ich unter all -den Gewerbsleuten der Schule warme Freunde hatte. - -Meine Antwort an Balthasar hatte die Bäckerstochter bestellt, und nun -wartete er ohne Zweifel in dem windschiefen Gartenhäuschen an der Mauer, -in welches er sich, dank seinen früh erworbenen Kletterkünsten, leicht -genug hinaufzuschwingen vermochte. Ich aber war gefangen, und wenn auch -nicht in Banden, so doch durch eine gut und sicher verschlossene Thüre von -der Aussenwelt getrennt, denn zu diesem äussersten Mittel hatte Fräulein -Möller gegriffen, da ich mich nicht dazu verstehen wollte, meinen Verzicht -auf eine Zusammenkunft mit meinem Jugendfreunde zu versprechen. - -Mein Zimmer lag eine Treppe hoch, aber das Haus war niedrig, und unter -meinem Fenster befanden sich ein paar kümmerliche Blumenbeete. Ich würde -weich fallen. Natürlich würden die zerdrückten Blumen meinen Frevel -morgen aller Welt verkünden, aber ich war in einer Stimmung, so -verzweifelt und aufgeregt, dass mich keine Bedenken abhielten. Mit -Balthasar ging meine glückliche Kinderzeit von mir. Ohne Abschied liess -ich den einzigen Menschen, der mich an's Herz geschlossen, nicht von dannen -ziehen. - -In minder verlockender Gestalt ist wohl noch nie eine junge Dame bei einer -heimlichen Zusammenkunft erschienen. Die weiche, von Regen getränkte -Erde des Gartens hatte sich in rührender Anhänglichkeit meinem Kleide -mitgetheilt, ich hinkte, denn ich hatte mir bei dem Sprung den Fuss -verstaucht, und zum Ueberfluss fing ich noch laut zu weinen an, als bei dem -Schein einer Laterne, die in dem Gässchen hinter dem Gartenzaun brannte, -mein Jugendfreund in dem windschiefen Gartenhäuschen vor mir auftauchte. - -Er hatte mit seiner grossen, ehrlichen Rechten meine Hand gefasst und -begann mir mit der Linken unbeholfen das Haar zu glätten. Und da ich -dadurch nicht beruhigt ward, wollte er mich an sich ziehen. Aber ich machte -mich los. - -»Wir wollen nicht den geringsten Anlass zum Tadel geben. Wenn wir auch -gezwungen sind, auf heimlichen Wegen zu gehen, so wollen wir uns doch -benehmen, als wären Mama, Papa und Institutsvorsteherin zugegen.« Damit -setzte ich mich auf die eine Seite des wackeligen Tisches und wies ihm den -Platz mir gegenüber an. - -»Doch wenn ich deine Hand nicht in meinen ungeschlachten Fingern halten -kann, Jenni, dann weiss ich nicht recht, wie ich anfangen soll,« sagte -mein langer Freund hilflos. Die freundliche Strassenlaterne fiel ihm gerade -auf das Gesicht. Was für ehrliche, treue Augen er hatte und wie warm Einem -um's Herz wurde, wenn man in sie hineinsah! Ich gab ihm meine Hand, und nun -begann er: - -»Du weisst wohl, dass ich ein Gut geerbt habe, Jenni, keine Herrschaft, -aber ein ganz stattliches Bauerngut.« Dabei drückte er mir die Hand; aber -da ich nicht wusste, wo er hinaus wollte (vielleicht wusste ich's auch und -behielt es blos für mich), so wünschte ich ihm blos Glück. Es werde ihm -gut thun für sich selber, auf seinem eigenen Grund und Boden zu arbeiten. - -»Hm,« sagte er, stockte und fing mit einiger Anstrengung wieder an: »Zu -solch' einer Farm gehört eine hübsche, junge Frau, Jenni.« - -Das überraschte mich. Seine Mutter war ja noch so rüstig und würde ihm -gewiss mit Freuden haushalten. - -Aber ich wurde feuerroth, als ich diese passende Bemerkung murmelte und -segnete die Strassenlaterne, in deren Schatten ich sass. - -Er schüttelte den Kopf. Die Alten wollten nicht mehr wirthschaften. Sie -hatten sich ein hübsches Sümmchen erspart und gedachten sich im Hause des -Sohnes zur Ruhe zu setzen. - -Und dann meinte er mit einem verlegenen Lachen, er wisse auch schon von -einer Frau. Die Frage sei nur, ob ihr das Loos, das er ihr bieten könne, -glänzend genug sei, sie habe bessere Aussichten. Aber ein treueres Herz -fände sie sicher niemals und wärmere Liebe auch nicht. - -Dabei blickte er mich so bittend an, und in seinem Gesicht lag solch' eine -Sorge wegen der glänzenden Aussichten, dass ich ein Stück Holz hätte -sein müssen, um länger an mich zu halten. - -»Kein glücklicheres Loos kann es geben, als an Deiner Seite, Balthasar!« -rief ich. - -Und da zog er mich an sein treues Herz. Am liebsten hätte er mich, wie ich -ging und stand über die Gartenmauer und zu seinen Eltern getragen, um alle -Förmlichkeiten abzuschneiden. Aber ich konnte ihm den Gang zu Papa und -Mama nicht ersparen, wenn er ihm auch vielleicht schlimmer erschien, als -der Marsch in einem Kugelregen. - -Er erzählte mir später, er hätte nie längere Gesichter gesehen als die -ihren, nachdem er um meine Hand anhielt und, ihrem »Nein« zuvorkommend -erklärte, wir seien einig. - -»Mein Gott, wir können doch unser Adoptivkind nicht mit dem Sohn unseres -Pächters verheirathen,« rief Mama, »was würde die Welt dazu sagen! Es -würde heissen, wir hätten sie abgeschüttelt, weil wir nun eigene Kinder -haben!« Und Papa hatte mit der schneidenden Ironie, mit der er mich so oft -verwundet, eingeworfen: - -»Lass' die Leute die Köpfe schütteln. Wir können ihnen antworten: Art -lässt nicht von Art, und eine Ente wird durch das beste Beispiel, die -sorgfältigste Erziehung nicht zum Schwan!« - -Und so sitze ich im Tümpel. Im Ganzen ist mein Leben gar nicht übel, und -ich tauschte nicht für die Welt den Schwanenteich zurück. Wenn ich -jetzt zuweilen in den Spiegel blicke und mir ein frisches, gerundetes, -glückliches Gesicht entgegengrüsst, dann möchte ich schier glauben, die -Urkraft habe mich Anfangs doch zum Zierrath bestimmt und sei nur auf halbem -Wege stehen geblieben. Aber Balthasar, der arme, verblendete Mann, hält -mich thatsächlich für etwas ganz Kostbares und trägt mich auf starken, -treuen Händen durch das Leben; und das ist eigentlich mehr, als solch' ein -armselig graues Entlein beanspruchen darf. - - - - -EIN APRILSCHERZ. - - -Das Schelmen-Triumvirat nannte uns zur Zeit, als wir unsern wilden Hafer -säeten, die Volksstimme in unsrer Künstlerstadt. Zweien von uns, dem -Genremaler Karl Schönborn und meiner Wenigkeit, that sie damit entschieden -zu viel Ehre an; wir waren keine ebenbürtigen Genossen, wir waren nur -die Handlanger des dritten und spielten die Rolle Sancho Pansas, der ganz -deutlich sieht wohin die Tollheit seines Meisters führt, und der ihm -doch durch dick und dünn folgt. Ja, Ruppert Ahlfeld war unser Meister im -Ersinnen toller Possen; wehe dem Menschenkind, das er sich zur Zielscheibe -erkoren! Da war vor etlichen Jahren ein Jüngling von äusserst frommer -Gemüthsart und tugendhaftem Wandel in unsern Bereiche aufgetaucht, den -Blasengel hiessen wir ihn, wegen seines rundlichen, rosigen Gesichts und -des goldblonden Gelocks, das ihm wie ein Glorienschein um den Kopf starrte; -auf ihn stiess unser Anführer wie ein Fischadler auf einen fetten -Karpfen nieder. Es hiess, Hugo Lichtner habe sich mit einem steinreichen -Verwandten, der ihn zu seinem Erben machen wollte, entzweit, weil er um -jeden Preis Stillleben malen musste. Ich bitte Sie -- Stillleben! Wenn -es Konradins Tod, oder Orest an der Leiche Klytemnestras, oder Judith und -Holofernes gewesen wären, an welche Rupert in jugendlichem Grössenwahn -beispiellos viel Farbe und Leinwand verschwendete, das hätte diesem -Respeckt eingeflösst, aber sich enterben lassen, um grüne Gurken, einen -Teller Trauben, ein Glas mit Goldfischen abzukonterfeien, das konnte er, -der sich als Vertreter der grossen Kunst fühlte, dem armen Jungen nicht -verzeihen. Für Lichtner hatte der erste April bald 365 Tage; kaum war -er mit Mühe und Not einer Schlinge entronnen, dann stolperte er mit dem -arglosesten, vertrauendsten Lächeln von der Welt in die zweite hinein. - -»Kinder,« erklärte Rupert mit dem salbungsvollen Ton, den er zuweilen -annahm, »wenn es uns gelingt, ihm die himmelblaue Binde über den Augen zu -lockern, dann haben wir ein grosses Werk vollbracht und verdienen, dass auf -unsern dereinstigen Grabsteinen die Worte »Wohlthäter der menschlichen -Rasse« eingemeisselt werden.« - -Aber unsre Bemühungen erschienen nicht von dem kleinsten Erfolg gekrönt, -der Blasengel blieb leichtgläubig und arglos, als wäre er erst gestern -aus den Wolken auf die sündige Erde niedergeflattert. - -Einmal hatte er uns im Atelier aufgesucht, nachdem sich Professor P., unter -dessen Anleitung unser Triumvirat damals arbeitete, in sein Allerheiligstes -zurückgezogen. Da ging die Thür auf, und ein kleiner, abscheulicher -Seidenpintsch sprang uns kläffend an die Beine. Jeder von uns wäre -mit Vergnügen bereit gewesen dem Köter einen herzhaften Fusstritt zu -versetzen, allein hinter ihm raschelte ein seidenes Frauenkleid, eine -wunderhübsche, junge Dame mit blitzenden Zigeuneraugen, Wangen eines -Pfirsichs und einem bezaubernden Stumpfnäschen kam in das Atelier, als -hätte sie der Aprilwind hereingeweht, und statt des Fusstritts bückte -sich jeder herab, um den Rücken des Scheusals zu tätscheln, das uns zum -Dank dafür nach den Fingern schnappte. - -»Ich wünsche, den Professor zu sprechen,« sagte das Fräulein mit einem -Lächeln, das selbst einen Stein erwärmt hätte, »mein Name ist Ilona -Balogh, Porträtmalerin aus Pest.« - -Wir wussten schon von ihr. In den paar Tagen, die sie in unsrer Stadt -verweilte, hatte sie der jüngeren Künstlerschaft (vielleicht auch der -älteren, doch, davon schweigt des Sängers Höflichkeit) soweit sie in -ihre Nähe gerathen, durch ihre Schönheit und ihre pikanten Einfälle die -Köpfe verwirrt. -- Dienstbeflissen stoben wir auseinander. Rupert schob -ihr den pomphaftesten der Krönungssessel hin, ich breitete dem gräulichen -Vierfüssler einen kostbaren, persischen Teppich unter, Karl Schönborn -pochte an des Meisters Thür, -- wie ich vermuthe nicht ohne Herzklopfen, -da dieser, wenn er sich zurückgezogen, eine Störung nicht allzu -freundlich willkommen hiess -- nur Hugo Lichtner stand wie ein gemeisselter -Engel da und starrte mit verzückten Augen auf die junge Dame. - -Fräulein Ilona bemerkte es -- sie hätte sonst auch stockblind sein -müssen -- und rückte ihren Stuhl, um sich dem Bereich seiner Blicke zu -entziehen; doch auch jetzt mochte sie die hypnotisirten Augen auf sich -gerichtet fühlen, denn sie schürzte die Lippen wie in gutmüthigem Spott. - -Ich war wüthend. War dies unsre grüne Unschuld, unser keuscher Joseph, -den wir trotz aller mephistophelischen Versuchung, und trotzdem die -hübsche Nanni in unsrer Künstlerkneipe sich mehr als nöthig in der -Nähe des seraphischen Blondkopfs zu schaffen machte, nie zu der geringsten -Aufmerksamkeit gegen das schöne Geschlecht bewegen konnten? Fräulein -Balogh musste annehmen, das die Czikos auf ihrer Pussta mehr Lebensart -besassen, als ihre jungen Künstlerkollegen. Ein vergnügtes Grinsen, das -sich über Ruperts Gesicht zog, dämpfte meinen Aerger. Was hatte er wohl -wieder ausgeheckt, um Hugo das Leben zu verleiden? Soeben war der Professor -in die Thür getreten und geleitete den gut empfohlenen Gast in sein -Privatkabinett. - -»Habt ihr bemerkt, wie sie den Posaunenengel angesehen hat, so -- -ergriffen, möchte ich es nennen?« fragte Rupert. Sein Augenblinzeln, dem -bei mir, dem neben ihm Stehenden, ein leiser Stoss mit dem Fusse nachhalf, -erleuchtete uns augenblicklich. - -»Ja wohl, ja wohl, in ihren Augen lag so etwas wie eine widerstandslos -schmelzende Lawine,« versetzte Schönborn, angelegentlich seinen Vollbart -streichend. - -»Als sie dem Professor folgte, hat sie noch einmal den Kopf sehnsüchtig -nach Hugo zurückgewendet,« fügte er hinzu, um hinter meinen -phantasiebegabten Genossen nicht ganz und gar zurückzubleiben. - -»Glücklicher Mensch, er hat das schönste Mädchen der Stadt im Sturm -erobert!« rief unser Führer. - -»Nein; glaubt ihr wirklich, glaubt ihr, sie habe mich auch nur bemerkt?« -fragte Hugo in naiver Freude, mit seinem erröthenden Gesicht noch mehr -als sonst einem Blasengel ähnlich, der seine Posaune für einen Moment -absetzt. - -»Glauben?« versetzte Rupert entrüstet, »Mensch, man hat doch Augen im -Kopfe! Wenn das nicht ein Fall von Liebe auf den ersten Blick ist, dann -kannst du mich für blind wie Hiob erklären.« - -»Aber wie kam sie nur dazu, gerade mir, dem Unbedeutensten von euch, -Aufmerksamkeit zu schenken?« - -Rupert zuckte die Achsel. - -»In dem elementaren Zuge von einem Herzen zum andern liegt gewöhnlich -etwas Unbegreifliches,« predigte er. In seinem Munde nahmen sich die -Lehren überlegener Weisheit stets ausserordentlich wirkungsvoll aus. -»Aber höre mein Sohn, bilde dir nicht ein, dass du die Hände in -den Schooss legen und dich wie ein vom Dach fallender Sperling auf die -göttliche Vorsehung verlassen kannst. Die drinnen ist nicht die hübsche -Nanni.« - -»Erlaube mir die Bemerkung, dass ich es sehr geschmacklos finde, beide in -einem Atem zu nennen,« warf Hugo mit ungewohnter Hitze ein. - -»Ilona Balogh ist die Tochter eines romantischen Volkes, sie -erwartet gewiss ein ritterliches Werben, etwas mittelalterlich -troubadourmässiges,« dozierte Ahlfeld. »Ulrich von Liechtenstein, -natürlich etwas den veränderten Zeitläufen angepasst, ohne zerschnittene -Lippe und Verkleidung als Frau Venus (letztere würde die prosaische -Polizei von heute gar nicht erlauben), das dürfte das angemessene sein, du -verstehst mich doch?« - -Unser armer Blasengel gab sich alle Mühe, aber zuletzt schüttelte er den -Kopf; er verstand ihn nicht. - -»Du schickst ihr jeden Tag Blumen und Gedichte; wenn du die letzteren -nicht zu stande bringst, helfen wir dir alle drei dabei; -- auch giebt -es immer bei den Antiquaren alte, vergessene Schmöker voll lyrischer -Empfindungen, die man, ohne ertappt zu werden, abschreiben kann. -- Zur -Besorgung derselben an deine Dame kannst du den Sohn meiner Hauswirthin -verwenden, den anstelligsten kleinen Taugenichts, der je Stiefel auf unserm -Pflaster zerriss.« - -Gegen den vorgeschlagenen Betrug verwahrte sich das arme Opfer unsrer -Ruchlosigkeit, aber mit den übrigen Vorschriften erklärte er sich -einverstanden; ja er dankte seinem Mentor noch, weil dieser seiner -Unerfahrenheit in Liebessachen so brüderlich zu Hilfe kam. - -»Du zeigst dich ihr so oft als möglich mit deinem verführerischen -Seraphslächeln und dem fascinierenden Blick, der sie vorhin so -widerstandslos gefangen nahm, aber, höre mein Sohn, hüte dich, ihr durch -ein Wort deine Gefühle zu verraten, bevor sie dir selbst die Erlaubniss -dazu giebt.« - -Dies erschien zwar bei Hugos Schüchternheit ohnehin ziemlich -selbstverständlich, aber unser Freund wünschte sicher zu gehen. - -»Die Frauen dieser interessanten Nation muss man sehr vorsichtig -behandeln,« fuhr er mit tiefsinnigem Kopfschütteln fort. »Ein wüthend -Weib und eine Ungarin« nennt sie Grillparzer in einem Athem, und -er als nächster Nachbar muss sie doch gekannt haben. Ein -unüberlegt-vertrauliches Wort, und wenn sie in Liebe für dich verginge, -so würde sie dir doch wie eine beleidigte Königin den Rücken wenden.« - -Die Wiederholung unsrer angenehmen Erfahrungen mit dem Seidenpintsch, -dem seine schöne Herrin auf dem Fusse folgte, unterbrach weitere -Betrachtungen. Als sie sich mit leichtem Kopfnicken von uns verabschiedete, -unterliess sie es nicht, dem Blondkopf einen schalkhaften Blick zuzuwerfen, -der Hugo bis unter die Haarwurzeln erröthen machte. - -Lächerlicher hat sich nie ein liebeskranker Minnesänger benommen, als -unser Blasengel unter dem Einfluss seiner brüderlichen Rathgeber. Rupert -hatte, den günstigen Zufall ausnützend, dass das Gärtchen seiner -Hauswirthin an das zu Fräulein Baloghs Wohnung gehörige stiess, Zutritt -bei ihr zu erlangen gewusst, obschon sie sonst nicht viel Verkehr mit dem -jungen Künstlervolk pflog. Er that dies, wie er versicherte, nur um -Hugos willen, damit er ihn auf das genaueste über ihre Liebhabereien und -Antipathien zu unterrichten vermochte. Diese waren etwas veränderlich; -das blonde Bärtchen, das unserm Opfer fast gleichzeitig mit seiner Liebe -aufgesprosst war, musste sich die einschneidendsten Veränderungen gefallen -lassen, denn einmal schwärmte Ilona für vollbärtige Germanenköpfe, -das nächstemal stellte Heinrich der Vierte ihr Ideal von männlicher -Schönheit vor; bald konnte nur ein Mann mit dem aufgewichsten Schnurrbart -ihrer engeren Landsleute Gnade vor ihren Augen finden; dann wieder zwang -Hugo eine ihrer bizarren Launen, sich mit ausrasiertem Schnurrbart und -zwei fragwürdigen Kotelettes einem amerikanischen Geschäftsreisenden -so ähnlich zu machen, als es einem Blasengel nur immer möglich ist. Die -Kopfbedeckungen, Halsbinden und Sammtröcke, die er um jene Zeit trug, -lockten zuweilen die Gassenbuben auf seine Fährte. Aber das alles waren -verhältnissmässig leichte Opfer, die er seiner Herzensdame brachte; als -aber das Sommerfest der Künstler herankam und sein Gesicht von süssen -Wiedersehnshoffnungen zu leuchten begann, da zog ihn sein Peiniger bei -Seite: »Fräulein Ilona wünscht nicht, das du mit ihr tanzest, die Leute -könnten errathen, was es für ein Bewandniss mit ihrem Herzen habe.« - -Und nun stand er die ganze Nacht wie ein Säulenheiliger in der Ecke und -sah zu, wie sich die Geliebte mit jungen Männern -- auch mit Rupert -- -im Tanze drehte. Allerdings blieb der Lohn für seine Enthaltsamkeit nicht -aus. Eine dunkle Haarlocke, die, wenn nicht auf Ilonas, so doch auf einem -andern Kopfe gewachsen, eine Schleife von der Farbe, wie sie das schöne -Mädchen auf dem Feste getragen, etliche zwischen Fliesspapier gepresste -Wiesenblümelein wurden von demselben zuverlässigen Liebesboten, der seine -Bouquets abzuliefern hatte, in seine Hände gespielt. Dass wir drei die -krampfhaftesten Zuckungen durchzumachen hatten, als wir ihn dann verklärt, -als schwebe er auf Wolken, herumgehen sahen, kann uns wohl niemand -verübeln. Uebrigens fühlten Karl und ich zuweilen leise Gewissensbisse. -Ohne unser Schüren wäre Hugos Leidenschaft vielleicht aus Mangel -an Nahrung zu einem unschädlichen Häuflein glimmender Kohlen -zusammengefallen, während sie jetzt lichterloh aufbrannte. Aber unser -Hauptmann mochte von einem dramatischen Abschluss mit Enthüllungen nichts -hören. Er hatte selber zu tief in Ilonas schöne Augen geblickt, und nun -bereitete es ihm ein boshaftes Vergnügen, die heilige Einfalt zu quälen, -die sich vermass, ihre Wünsche auf denselben Gegenstand zu richten, wie -Ahlfeld selber. Da verschwand unser Blasengel eines Tags spurlos aus unserm -Kreise und aus der Stadt. - -Wiewohl ich über die Gefühle von Strassenräubern nicht sonderlich -genau unterrichtet bin, möchte ich behaupten, dass sie mit meinen und -Schönborns viel Verwandtes hatten. Wir setzten voraus, Hugo habe erfahren, -welche Narrenrolle wir ihn spielen liessen und sich, aus allen erträumten -Himmeln gestürzt, ein Leids angethan. Selbst Rupert ging merkwürdig -kleinlaut herum. Aber als nach vielen Wochen Hugo mit einem Trauerflor um -den Hut wieder in der Glorie eines Vollbärtchens und mit schärfer und -bestimmter umrissenen Zügen unter uns auftauchte, erwachte der alte -Adam sogleich wieder in ihm, und er rief dem Eintretenden entgegen: -»Landstreicher, wo hast du gesteckt? Ilona hat sich nicht wenig um dich -geängstigt; kein Tag verging, an dem sie nicht wenigstens über den -Gartenzaun hinüber nach dir fragte.« - -»Ich wurde zu meinem todtkranken Onkel berufen und vermochte, wie ihr euch -vorstellen könnt, an seinem Sterbebette nichts andres zu denken, als dass -der alte Mann mir viel gutes erwies, und dass ich ihm zum Danke dafür die -grösste Enttäuschung seines Lebens bereitet habe.« - -»Hoffentlich wurde bei deinem Erscheinen das bewusste gemästete Kalb -geschlachtet?« fragte Karl. - -»Zu Festlichkeiten waren die Umstände nicht angethan; aber der verlorene -Sohn wurde mit offenen Armen aufgenommen.« - -»Trotz deiner Grünzeugbilder?« spottete Rupert. »Dein Onkel war viel zu -nachsichtig; ich hätte es nicht über mich gebracht.« - -»Die Grünzeugbilder (übrigens waren es diesmal zwei Fruchtstücke) -bahnten die Aussöhnung an,« versetzte Hugo triumphierend, »sie wurden in -meiner Heimath ausgestellt, und mein Onkel las im Lokalblättchen allerhand -Erbauliches von einem »vielversprechenden Sohn der Vaterstadt, dem Neffen -eines unsrer angesehensten Mitbürger.« Das Zureden alter Freunde that das -übrige. Vor seinem Tode hat er mir sogar das Zugeständniss gemacht, dass -nicht jeder von Mutter Natur so glücklich begabt sein könne, um eine -Zündhölzchenfabrik mit Erfolg leiten zu können, und dass es auf dieser -unvollkommenen Welt auch »Phantasten« (nämlich Maler, Musiker, Dichter -u. s. f.) geben müsse.« - -»Und so bist du vermuthlich ein herzloser Kapitalist geworden?« fragte -Ahlfeld mit einem Stirnrunzeln; (er war keiner). - -»Mein armer Onkel hat mich zum Erben eines sehr bedeutenden Vermögens -eingesetzt,« war die Antwort. - -»Was wird Fräulein Balogh dazu sagen?« warf Schönborn aus alter -Gewohnheit, sie im Gespräch mit dem Blasengel unaufhörlich zu erwähnen, -ein. - -»Dies zu erfahren, ist, wie ich fürchte, heute schon zu spät. Ich werde -morgen meinen Besuch bei ihr machen.« - -Er zog seine Uhr heraus, und so mochten ihm die verblüfften Blicke -entgehen, die unser in diesem Augenblick nicht gerade sehr siegreiches -Triumvirat wechselte. - -»Mensch, du gedenkst doch nicht selbst ihr Haus zu betreten?« stammelte -Rupert, nach Atem schnappend, »willst du gegen ihr ausdrückliches Verbot -handeln?« - -Aber das war nicht mehr der alte Blasengel, der in unsern Händen biegsam -wie weiches Wachs gewesen. Nicht, dass er uns misstraute; aber der ererbte -Reichthum schien ihm eine bedeutende Sicherheit verliehen zu haben. - -»Dieses Verbot kann nicht für immer Giltigkeit haben,« versetzte er, -»ich muss endlich in meiner Herzenssache selber handeln; es geht nicht an, -immer meine Freunde für mich eintreten zu lassen; denkt ihr nicht auch?« - -Wir dachten im diesem Augenblick nichts anders, als dass eine Versenkung -unter unsern Füssen eine angenehme Sache wäre. - -»Es ist kein Geheimniss für euch, wie wir mit einander stehen,« sagte er -roth werdend. - -»Ja gewiss, aber überlege doch« -- - -»Ueberlegen?« er blickte Rupert befremdet an. »Solange ich ein armer -Teufel war, hielt ich es, so schwer es mir auch wurde, für meine Pflicht, -abseits zu stehen. Das ist nun anders geworden, ich vermag ihr ein -gesichertes, behagliches Loos zu bieten, kann ihre Wünsche, soweit sie die -Annehmlichkeiten des Lebens betreffen, erfüllen;« seine Augen blickten -dabei glückselig ins weite, als sähe er seine Geliebte wie eine Rose ins -weichste Moos gebettet. -- »Da Ilona keine herzlose Kokette ist, hoffe -ich, dass sie meine ehrliche Werbung annehmen wird, die sie nach allem nur -erwarten muss.« - -Schönborn und mir brach der Angstschweiss aus den Poren. Wir wechselten -einen rathlosen Blick; sollten wir ihm sogleich das Spiel, das wir mit ihm -getrieben, enthüllen? Aber Rupert kam uns zuvor. - -»Das heisst männlich gesprochen,« rief er und schlug ihm auf die -Schulter, »gehe zu ihr, wirb und lass dir von ihren Lippen dein Glück -verkünden; wir enthalten uns von jetzt ab jeder Einmischung.« - -»Das wird die würdige Krönung unsres Spasses sein,« sagte Rupert -händereibend, als sich Lichtner bald darauf verabschiedet hatte, -vermuthlich um von dem Glück zu träumen, das ihm ja so sicher war. »Aus -ihrem eigenen Munde soll er hören, was für ein lächerlicher Narr er -gewesen ist. Ich will sie sogleich einweihen.« - -Er schien Ilonas ziemlich sicher zu sein, dennoch rief ich erschrocken: -»Was fällt dir ein? Wie kannst du sie darüber aufklären, welche Rolle -wir sie in der Komödie spielen liessen?« - -»Sei ruhig; in der Beschränkung zeigt sich euch der Meister. _Ihre_ -heimliche tiefe Liebe werde ich mit einem mystischen Schleier zu verhüllen -wissen, nur von ihm soll die Rede sein. Mir ist's als hörte ich sie jetzt -schon bei dem Bericht helllaut auflachen.« - -»Und du meinst, sie wird ihre Mitwirkung dazu leihen, den Blasengel aus -allen seinen Himmeln zu reissen?« - -»Wenn ich sie bitte, gewiss.« Damit war er schon zur Thür hinaus. - -»Ehe denn der Hahn kräht, wird es einen Abtrünnigen in unserm -Junggesellentrio geben,« sagte Schönborn, der sich mit Vorliebe auf -Weissagungen verlegt, wiewohl er das merkwürdige Unglück hat, sie nie -eintreffen zu sehen, »ich wette, der arme Hugo wird morgen von der -Anzeige empfangen werden: Rupert Ahlfeld, Ilona Balogh empfehlen sich als -Verlobte.« - -»Ich wollte, wir hätten die Geschichte hinter uns,« murrte ich -verdrossen, »eigentlich haben wir uns gegen Lichtner schmählich benommen. -Ich lasse mich von Rupert zu keinem dummen Streich mehr verleiten.« - -Ein weiser Entschluss, den ich sehr oft fasste, aber unter dem Einfluss -unsres Führers stets wieder vergass. - -Als Rupert zu uns zurückkehrte, sah er zu unsrer Verwunderung alles -eher denn befriedigt aus. Er schleuderte seinen Hut in eine Ecke mit der -Bewegung eines Menschen, der, soll er nicht ersticken, seinem Aerger an -einem unschuldigen Gegenstande Luft machen muss, und warf sich mürrisch -auf einen Stuhl. - -»Die Weiber haben keinen Sinn für Humor,« brach er aus, »und Ilona ist -in dieser Hinsicht von der Natur noch kärglicher bedacht worden, als ihre -Schwestern. Glaubt ihr, sie habe die Lippen nur einmal zu einem Lächeln -verzogen, als ich ihr die himmelschreienden Dummheiten ihres Troubadours -schilderte?« - -»Hast du ihr erzählt, dass er sich wochenlang mit Häring, Wurst und -Kartoffeln vergnügt hat, damit die hübsche Nanni in unsrer Kneipe jeden -Morgen die prachtvollsten, rothen Zentifolien auf ihre Kammer trage?« -fragte Schönborn, der sich nicht vorstellen konnte, dass unser famoser -Spass ungewürdigt blieb, und der es deshalb vorzog, das Darstellungstalent -unsres Freundes anzuzweifeln. - -»Du kannst dir denken, dass ich es mir nicht entgehen liess; und was für -Farben ich auftrug! Stünden sie mir so für die Leinwand zu Gebote, dann -würde ich Makarts Ruhm in einem halben Jahr verdunkeln. Lerne einer die -Frauen aus! Statt den dummen Tropf auszulachen, schien sie Mitleid für -ihn zu fühlen. Es machte mir den Eindruck, als wäre ihr seine stumme -Huldigung nicht entgangen.« - -»Dass wir darauf nicht verfielen!« sagte ich verblüfft, »die Stadt -sprach davon, wie konnte ihr allein sein Minnedienst verborgen bleiben!« - -»Und nun ärgerte es sie vermuthlich, dass die Toggenburgerei nicht so -ganz spontan war. Sie gab mir ein Pröbchen ihres Pusztentemperaments, dass -sich mir in der Erinnerung daran die Haare sträuben. Für solche elende -Possen sei der Name eines schutzlosen Mädchens zu gut, rief sie, als sie -hörte, ich habe ihn zu seinen Narrheiten mit der Vorspiegelung bestimmt, -er entspreche durch dieselben ihren Wünschen. Mein Benehmen sei -unritterlich, eines Gentleman unwürdig gewesen; was sie über euch, meine -Gehilfen, gesagt, will ich lieber verschweigen.« - -»Also will sie nichts von der Rolle wissen, die du ihr zugetheilt?« -fragte ich, nicht sonderlich bekümmert; mir sagte die Pointe unsres -Spasses nicht so zu, wie Rupert, der seit der Rückkehr unsers Blasengels -eine seltsame Gereiztheit gegen ihn verrieth. - -»Das hat sie mir zu meinem Erstaunen doch nicht abgeschlagen,« entgegnete -er, »sie will ihn morgen Nachmittag empfangen und die nöthige Aufklärung -geben; entweder fürchtet sie, dieselbe könne aus unsrem Munde nicht -schonend genug ausfallen, oder die Freude am Komödiespielen ist, trotz -allen Mitleids für ihren Getreuen denn doch in ihr erwacht.« - -»Schade, dass wir der Entwicklung des Knotens nicht ungesehen beiwohnen -können,« meinte Karl, »der Ring des Gyges wäre jetzt gar nicht übel.« - -»Es ist noch die Frage, ob wir nicht ohne diesen zurecht kommen,« warf -Rupert hin; doch selbst er wurde ein wenig verlegen. »Bei schönem Wetter -hält sich Fräulein Balogh meist im Garten auf und empfängt auch dort -ihre Gäste.« - -»Und da belauerst du sie ohne Zweifel in euerem Gartenhause an der -Mauer! Höre Ahlfeld, du bist ein noch grösserer Thunichtgut, als ich -vermuthet,« rief Karl bewundernd. - -Wie die drei Verschworenen aus einer Operette steckten wir am nächsten -Nachmittage in dem windschiefen Gartenhäuschen, dessen Dielen zu unsrem -Aerger bei jeder Bewegung verrätherisch knarrten. Wir konnten das -Schlachtfeld genau übersehen. Kaum zehn Schritte von uns entfernt sass -Fräulein Ilona mit einer Handarbeit unter einem Kastanienbaume; sie war -um einen Schatten blässer als gewöhnlich und sah für einen Aprilspass -ungemein ernsthaft aus. Ueber den Kiespfad kam der Blasengel mit einem -Gesicht heran, das den lieben Herrgott zu fragen schien »was kostet deine -Welt?« Das Fräulein hielt wie in grosser Befangenheit die Augen auf die -Arbeit gesenkt, die Röthe, die auf ihrem Gesichte kam und ging, hätte -jeden glauben machen können, ein wirklich verliebtes Mägdlein erblicke -den Erkorenen ihres Herzens. - -»An ihr ist eine grosse Schauspielerin verloren gegangen,« flüsterte -Rupert entzückt. - -»Sie spielt zu gut,« murrte ich, »sein Sturz aus der Höhe wird -fürchterlich sein.« - -Darüber entgingen uns die ersten Worte der Begrüssung. Das Pärlein sass -nebeneinander auf einer Gartenbank. Die Sonne machte sich das Vergnügen, -ihnen goldene Funken auf das Haar zu streuen, hie und da fiel tanzend -ein Blatt vom Baume herab; das sah sehr hübsch und friedlich und für -Maleraugen ganz anziehend aus, aber mir bereitete der Anblick keinen -Genuss, denn ich -- eine ins männliche übertragene Kassandra -- sah das -Unheil unter dem Kastanienbaum brauen. - -»Ich bin glücklich, dass Sie mir diese Unterredung gewähren, Fräulein -Ilona,« begann Hugo, bei weitem nicht so zaghaft, wie ich vorausgesetzt; -(wir hatten es uns ja auch angelegen sein lassen, ihm durch die -deutlichsten Beweise ihrer Neigung die Flügel zu steifen). - -»Warum hätte ich Ihre Bitte abschlagen sollen?« erwiderte sie, »freue -ich mich doch selber, Ihnen endlich meinen Dank für die schönen Blumen -aussprechen zu können, mit welchen Sie mich jeden Morgen überraschten.« - -Wir sahen einander starr an; -- welche Idee, für Blumen zu danken, die sie -nie bekommen! - -»Wer hat es Ihnen verrathen, dass volle, rothe Rosen meine Lieblinge -sind?« - -»Ich dachte an Ihre Landsmännin, die heilige Elisabeth«, sagte er -vergnügt. - -»Und ich konnte zum Danke dafür, dass Sie der Fremden in Ihrer Stadt so -viel anheimelnd Freundliches erwiesen, nichts für Sie thun.« - -»Nichts?« fragte er vorwurfsvoll und fuhr unwillkürlich mit der Hand -nach der Brusttasche, in welcher der gekaufte Haarsträhn samt Bändern -und Blümelein ohne Zweifel wohlgeborgen ruhte. Mit Falkenaugen folgte sie -seiner Bewegung. - -»O, ich vergass; was war es nur? eine Haarlocke, eine Schleife und -dergleichen, nicht wahr?« - -Wir konnten von unsrem Versteck aus beobachten, wie sich dunkle Röthe -über ihr Gesicht ergoss und sie die Hand in den Kleiderfalten zu einer -Faust ballte. Das galt uns. Diesen Theil der Historie hatte Rupert nicht -für gut befunden, ihr zu enthüllen. - -»Ilona, wissen Sie, welche Deutung ich Ihren Andenken gab?« - -»Ich weiss es; wenn ein Mädchen, ohne Einspruch zu erheben, sich die -stumme und doch so beredte Huldigung eines Mannes gefallen lässt, wenn sie -monatelang seine Blumen annimmt und ihn sogar durch kleine Liebespfänder -aufmuntert, dann ist sie entweder eine Gefallsüchtige und nicht werth, -dass ein Mann einen Gedanken an sie verschwende, oder --« - -»Oder?« jubelte Hugo, »sprich es aus, Geliebte!« - -»Oder sie erwidert seine Neigung.« - -»Das geht zu weit«, murmelte Rupert zu meinem Erstaunen in lebhafter -Unruhe, »es ist eine unnütze Grausamkeit, so auf seine Einbildung -einzugehen.« - -Hugo hatte sich der Hand Ilonas bemächtigt, doch sie entzog sie ihm. -»Noch nicht«, sagte sie und richtete sich hoch auf. - -Jetzt kam ohne Zweifel die Katastrophe heran. Ich bekenne, dass mir das -Herz bänglich an die Rippen klopfte. Der arme Blasengel sah förmlich -rührend in seinem Glück aus. - -»Die Zeichen haben Sie betrogen, die Blumen wurden an eine falsche Adresse -befördert, die Liebespfänder von schalen Possenreissern (unsre verdutzten -Gesichter bei diesem Ehrentitel hätte ich selber malen mögen) in Ihre -Hände gespielt; das Ganze war nur ein Aprilscherz.« - -Wir durften beruhigt aufatmen, die auszeichnende Inschrift auf den -Grabmonumenten war uns gewiss; das Gesicht des Blasengels erschien grau und -hart wie ein Stein. - -»Ein Aprilscherz? Und dazu gaben _Sie_ sich her?« Geringschätzung und -Empörung stritten in seinen Mienen. - -Wir hörten deutlich, dass der leichte Ton, in dem sie antwortete, -erzwungen war. - -»Mein Gott, was soll ein armes Mädchen thun, wenn es zu seinem guten -Recht kommen will? Sitte und Herkommen stellen sich in Wehr und Waffen -gegen sie auf, sobald sie ein wenig ihre eigene Vorsehung spielen möchte; -so muss sie es denn mit Freude begrüssen, wenn andre -- und wären es -auch nur läppische Clowns -- es für sie thun. Blicken Sie mich nicht so -strafend an, Herr Lichtner, ich habe Ihnen manches zu beichten, wozu ich -eigentlich der Aufmunterung bedarf! -- Auf Schritt und Tritt haben mich -seit Monaten ein paar treue, blaue Augen verfolgt. Sie hefteten sich im -Tanzsaal auf mich, während ich mich im Kreise drehte; sie begleiteten -mich auf meinen Spaziergängen, ja selbst in den Bildergalerien sah ich -sie unverwandt auf mich gerichtet und bald las ich in ihnen wie in einem an -mich gerichteten Briefe. Der Inhalt war sehr hübsch, vielleicht ein wenig -zu schwärmerisch für unsre kühle kluge Zeit, aber welches Mädchen -liesse sich nicht mit Freuden wie eine Heilige aus dem Kalender, statt wie -das gewöhnliche Menschenkind, das sie ist, bewundern! Aber wo blieb das -lebendige Wort? »Warum kommt er nicht und spricht mich an?« fragte ich -mich oft, »So viele gleichgiltige platte Gesellen drängen sich mir auf, -weil ihnen meine Unterhaltung behagt, oder mein Gesicht gefällt, nur -der einzige, der wirklich warm für mich empfindet, hält sich abseits.« -Zuweilen grollte ich Ihnen, manchmal fasste ich tolle Pläne, die sich nie -verwirklichen liessen, um Sie aus den Ecken hervorzulocken, in welche -Sie sich wie eine Fledermaus verbargen. Bis mir endlich eine Rolle in der -hässlichen Posse zugetheilt ward und mit ihr die Gewissheit, den stummen -Mund einmal sprechen zu hören. Sind Sie mir noch böse, dass ich sie -übernahm?« - -»Ihnen Ilona? Nein, ich bin es nur mir selber. Was für ein alberner Narr -bin ich gewesen! Wie müssen Sie über den veralteten Minnewerber gelacht -haben!« - -»Gelacht? nein; vielleicht im stillen gelächelt. Und auch das nur im -Anfang. Später fühlte ich mich gerührt und beschämt. Wie Schuppen fiel -es mir von den Augen, dass mir vor vielen Würdigeren ein grosses Glück -zugefallen, dass für mich das schöne Wort Wahrheit und mir die Liebe, die -das ihrige nicht fordert, zu Theil geworden.« - -»Sie stellen mich zu hoch«, rief Lichtner, »denn ich kam, um zu fordern, -um Sie zu fordern. Ich bin nicht so genügsam und selbstlos wie Sie denken, -ich strecke meine Hand gierig nach dem höchsten Glück aus, das mir das -Leben gewähren kann.« - -»Und warum kamen Sie erst heute?« entgegnete sie mit einem -Triumphlächeln. »Weil Sie nun das Weib Ihrer Liebe in Purpur und -köstliches Linnen hüllen können, als wäre es die Königin von Saba. -Dieselbe sorgende, opferwillige Liebe spricht heute aus Ihrem Kommen, wie -ehemals aus Ihrem Fernbleiben. Sie wandelten diesmal auf einem Irrweg, -denn ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich an Wohlstand und Komfort -verschenken; -- wären Sie enterbt, ohne andre Aussichten, als Ihr Talent -und Fleiss sie Ihnen eröffnen, zu mir gekommen, ich hätte Ihnen genau -so wie heute zugerufen: Hugo, wenn Sie mich eitles, oberflächliches -Geschöpf, das Ihre grosse, aufopfernde Liebe nicht verdient, an Ihr Herz -nehmen wollen, so bin ich die Ihre!« - -Stockend, im ganzen Gesicht erglühend, sprach sie die letzten Worte. -Selbst einem in irdischen Dingen äusserst unbewanderten Blasengel musste -dies als der geeignetste Zeitpunkt erscheinen, sie stürmisch in die Arme -zu schliessen. Für uns hingegen erwies es sich als passend und angemessen, -dem Tête-à-tête endlich die wünschenswerthe Einsamkeit zu verschaffen. -Rupert lief wüthend wie ein angeschossener Eber davon (auf Monate hinaus -allen Spässen so feind, wie der griesgrämigste Schulmeister). Wir zwei -folgten ihm und trotz aller Freundschaft für ihn winkten wir einander -behaglich zu. Es erweist sich stets als im hohen Grade befriedigend für -die unbetheiligten Zuschauer (und als solche fühlten wir uns trotz -unsrer schwächlichen Vorschubleistung der Posse), wenn die Tugend an der -gutbesetzten Tafel Platz nimmt. - -»Das war ein zweischneidiger Aprilscherz«, raunte ich Schönborn ins Ohr. - -»O, ich habe von allem Anfang an vorausgesehen, dass es so kommen werde!« - -Das einzigemal in seinem Leben hatte er eine Prophezeiung für sich -behalten, und die ist in Erfüllung gegangen. - - - - -BEIM EHESTIFTEN. - - -_Mütterlich_ hiess das Losungswort. Deshalb setzte sich Adele Mühlenbruch -vor dem Spiegel ein schwarzes Wittwenhäubchen mit weisser Krause auf, Aber -es sah auf dem blonden lockigen Scheitel, über dem jungen übermüthigen -Gesicht so wenig passend aus, dass ihr Töchterchen von ihrem Platz im -Erker, wo sie Blumen auf einen Porzellanteller malte, aufstand, wobei man -entdecken konnte, dass sie um mehr als Kopfeslänge die Mama überragte, -das Häubchen abnahm und es, ohne ein Wort zu verlieren, in die Schachtel -zurückwarf. - -»Gestatte mir die Bemerkung, dass du dir gegen deine Mutter zu viel -herausnimmst,« sprach Adele, »hätte ich mir das erlaubt, dann wäre ich -zu Heulen und Zähneklappern in einer finsteren Kammer verurtheilt worden, -aber« -- ein tiefer Seufzer aus beladener Brust -- »die Kinder entarten -mit jedem Jahre mehr.« - -Sophie stellte sich vor sie hin und blickte, sie konnte nicht anders, auf -sie hinunter. - -»Willst du mir gefälligst sagen, weshalb du dich auf einmal so -matronenhaft zustutzest? Die Trauerzeit ist längst um, welchen Zweck -soll also der dunkle Kopfputz haben, der dir mindestens zehn Lebensjahre -zulegt?« - -Die ehrwürdige Mama wurde roth wie ein Schulmädchen, das sich beim -Kirschenstehlen ertappen liess. - -»Das ist _mein_ Geheimniss,« sagte sie endlich mit einem kläglichen -Versuch, ihre mütterliche Würde aufrecht zu erhalten. - -»Es ist bei Weitem nicht so undurchdringlich, wie du dir einbildest.« - -»Nun, so will ich dir es gerade heraussagen. Ich habe es satt, beständig -Anspielungen über die Jugendlichheit meines Anzugs zu hören, während du -herumgehst, als hättest du zwanzig Jahre im Kleiderschrank gehangen. Die -Leute sprechen darüber mit gewohnter Nachsicht und Menschenliebe. Gestern -liess mich erst die Tante des Runkelrübenbarons fast ohne jede Verbindung -die zwei Bemerkungen hören: ›Wie schlicht und nonnenhaft Fräulein -Sophie immer erscheint!‹ und ›Sie, gnädige Frau, wetteifern mit den -Saligen Fräulein, die nie altern.‹ Ich will keine Stiefmutter aus dem -Volksmärchen vorstellen!« Dabei setzte sie ihr niedliches Füsschen mit -grosser Entschiedenheit auf den parquettirten Boden. »Wenn du nicht heute -im hellen Kleid mit mindestens einem Dutzend himmelblauer oder rosenrother -Schleifen bei Tische erscheinst, dann setze ich nicht nur den Greuel -aus der Schachtel auf, ich hülle mich auch noch in irgend eine ganz -unmögliche härene oder sackleinene Kutte.« - -»Das wäre unverantwortlich gegen unseren Gast. Es würde ihn an die -Antwerpener Kathedrale erinnern, die den Andächtigen gratis offen steht, -nur bleibt das Schönste darin, Ruben's Kreuzabnahme, hinter grünen -Vorhängen versteckt.« Dabei strich Sophie patronisirend über den -lockigen Scheitel. - -Mama verlor beinahe die Geduld, obschon sie Sophiens unkindliches Benehmen -gewohnt sein sollte. Seit jeher wurde sie von dem sehr energischen -Fräulein wie ein unflügges Nestkücken behandelt. Das rührte davon her, -dass Adele sich im Pensionat unter die wissenschaftlichen Fittiche ihrer -Busenfreundin zu flüchten pflegte, so oft ihr die höhere weibliche -Bildung, Schliemann's Ausgrabungen, die Algebra, das Nibelungenlied -Augenblicke des Strauchelns bereiteten. - -Aber Alles zur rechten Zeit! Wenn man im Stillen den Plan ausgeheckt hat, -seine Tochter zu verheirathen, dann kann man unmöglich Geschmack daran -finden, sich von ihr beschützen und bevormunden zu lassen. Schmollend -stellte sich die junge Wittwe an's Fenster. Sophie betrachtete sie eine -Weile mit dem Wohlgefallen eines Künstlers an seinem gelungenen Werk. - -»Kleine Mama, ich glaube, dass du noch hübscher geworden bist, seit du -mich hierher begleitet und mein alter grämlicher Herr Papa (mit dem -ich mir das Zusammenleben als eine Art von Pönitenz für die lustige -Pensionszeit vorgestellt) so gescheidt war, sich auf den ersten Blick in -dich zu verlieben.« - -Frau Mühlenbruch bewahrte ihrem abgeschiedenen Gemahl, der die blutarme -Offizierswaise vor der drohenden Stiftsdamenlaufbahn bewahrt, eine dankbare -Erinnerung, aber die Wahrheit zu gestehen, auf den Tag, da die Posaune des -jüngsten Gerichts die durch den Tod getrennten Ehepaare für ewige -Zeiten zusammenfügen wird, freute sie sich nur mässig: Ein kleinlicherer -Haustyrann als der verstorbene Commerzienrath hat wohl selten die Bühne -des Lebens beschritten. So drückte sie denn bei dieser Mahnung an ihn das -Taschentuch nicht gerührt an die Augen, sondern versetzte, vollständig -mit ihrer Beschützerin ausgesöhnt: - -»Damals hast du ohne eine Spur von Selbstsucht Kranz und Schleier in -meinen Haaren befestigt; es ist nichts als billig --«. Dabei brach sie -ab, biss sich auf die Lippen und wandte ihr purpurrothes Gesicht wieder der -kahlen Lindenallee zu, die von dem Schlösschen zum Bahnhof führte. - -Sophiens Gesicht überflog ein Lächeln. - -»Zur Diplomatin bist du nicht geboren, liebes Kind,« murmelte sie -unhörbar. - -Woher Frau Adele eigentlich den Muth nahm, dem Himmel in's Handwerk -zu pfuschen, ist schwer zu sagen. Der junge Mann, dessen künftige -Glückseligkeit sie zu begründen dachte, hätte vermuthlich einen weiten -Bogen um das Schlösschen gemacht, wenn er eine Ahnung von ihren Plänen -gehabt, denn obschon kein Frauenhasser, hatte Robert v. Eichberg bisher -nicht die leiseste Sehnsucht nach ehelichem Glück zur Schau getragen. -Dem früheren flotten Reiteroffizier und jetzigen reichen Gutsherrn auf -Eichberg wären sonst ohne Zweifel die Thüren, an die er gepocht hätte, -bereitwillig aufgemacht worden. Er war ein entfernter Vetter von Adele, -doch hatte sie ihn seit ihren Kinderjahren nicht gesehen. Damals ein -tölpelhafter, derber Junge, der sich im Hause ihres Vaters auf den -künftigen Feldmarschall vorbereitete, hatte er seine Mussestunden damit -ausgefüllt, das kleine Mädchen zu hänseln und zu ärgern. Doch -schien sie alle Frevelthaten gegen ihr Kätzchen und ihren Kanarienvogel -grossmüthig vergeben und vergessen zu haben. Wäre er eine Patentmedicin -gegen alle erdenklichen Uebel und sie die Erfinderin derselben gewesen, -sie hätte ihn nicht begeisterter loben können. Er besass so viel -Herzensgüte! Gleich nachdem er die Verwaltung von Eichberg angetreten, -hatte er aus seinen Privatmitteln die Dorfschule umgebaut. Ihn zeichnete -solch ein reger Familiensinn aus, was man auch schon daran zu erkennen -vermochte, dass er, nachdem er sein Bäschen seit mehr als zwölf -Jahren nicht gesehen, ihr urplötzlich seinen Besuch -- von einer -landwirthschaftlichen Ausstellung auf weitem Umweg heimfahrend -- -ankündigte; aber ausser diesem Beweis hatte er auch noch eine alte -Tante, die in kümmerlichen Verhältnissen lebte, sorgenfrei gestellt, die -Erziehung ihrer Söhne aus seiner Tasche bestritten; kurz, wenn man der -eifrigen Sprecherin glauben wollte, dann wird das Jahrhundert zu Ende -gehen, ohne einen zweiten Menschen, der ihm gleicht, hervorzubringen. - -»Die von dir geschilderten Charakterzüge berechtigen allerdings zu den -besten Hoffnungen,« versetzte Sophie mit undurchdringlichem Gesicht; -nur um ihre Mundwinkel zuckte der Schalk. Die Mama fiel ihr ohne jeden -sichtbaren Anlass um den Hals. Doch hätte sich ihre Befriedigung -vermuthlich weniger stürmisch geäussert, wenn sie Sophiens Gedanken -gelesen, denn diese sehr scharfblickende Dame hatte über den -angekündigten Besuch ihre eigene, von der Mamas sehr abweichende Meinung. - -»Papas Testament soll ihm nach dem vollen Wortlaut bei erster Gelegenheit -als Erfrischung vorgesetzt werden,« sagte sie für sich, während ein -nicht allzu freundschaftlicher Blick dem staubumwirbelten Wagen, der in -diesem Moment die Lindenallee herauffuhr, entgegenflog. - -Zweifle Einer an der Stimme des Blutes! Ohne sich zu besinnen, eilte der -junge staatliche Mann auf Adele zu, wiewohl ihre kleine zierliche Gestalt -von der imposanten Stieftochter förmlich beschattet wurde, und drückte -und schüttelte ihr die Hände mit so ehrlicher Freude im Gesicht, dass -selbst die eherne Sophie ein wenig zu schmelzen anfing. Herr Robert von -Eichberg machte übrigens durch sein Auftreten einen Eindruck, als eigne -er sich eher für die Rolle eines Naturburschen, als für die eines glatten -Hofmannes. Dass sich noch eine zweite Dame im Zimmer befand, schien ihn -gar nicht zu kümmern. Frau Adele, als stellvertretende Vorsehung, hätte -gewünscht, dass er vor der majestätischen Erscheinung Sophiens geblendet -stehen und seine unbedeutende Cousine im vierten oder fünften Glied -vollständig übersehen solle. Statt dessen blickte er sie, die ehrwürdige -Matrone, mit einem naiven Vergnügen an, etwa wie ein kleiner Junge den -lichterbesteckten Christbaum. Aber sie wollte ihm die Augen öffnen! - -»Robert,« sagte sie mit Nachdruck, »dies ist meine Tochter Sophie.« -Da aber verfiel der Vetter in seine alte Kinderkrankheit. Er brach in ein -schallendes Gelächter aus. Adele zog befremdet die Augenbrauen in die -Höhe. - -»Entschuldigen Sie meine unzeitige Heiterkeit,« sagte Robert und fing von -Neuem zu lachen an, »aber der mütterliche Beschützerton, Cousinechen, -klingt in Ihrem Munde zu komisch;« vertraulich wandte er sich an Sophie, -»sie ist wohl sehr streng, die ehrwürdige Mama, und wenn Sie nicht auf -den Wink gehorchen, setzt es Fasten und Hausarrest?« - -Aber der freundschaftlichen Anrede antwortete kein Echo. - -»Ich bin neugierig, wie oft du mich noch durch die Betonung deiner -Autorität vor Fremden lächerlich machen wirst!« sagte das Fräulein -in weinerlichem Ton zu Adele, »und du willst keine Stiefmutter aus dem -Märchen vorstellen!« - -Mama war verblüfft. Herr Robert aber bildete sich in tiefer -Menschenkenntniss ein unfehlbares Urtheil über die junge Dame. - -»Das ist eine unangenehme Person,« dachte er. - -Man setzte sich, Fräulein Sophie in gemessener Entfernung von den -Anderen, als gehöre sie nicht zu ihnen. Darüber hätte sich schier ein -erleichtertes Aufathmen der Brust des jungen Mannes entrungen. Doch war -sie leider nicht so vertieft in ihre Porzellanmalerei, um nicht von Zeit -zu Zeit eine boshafte oder schulmeisternde Bemerkung in das Gespräch -einzuwerfen. Als Adele wissen wollte, wie es bei der Ausstellung -zugegangen, klang es ätzend vom Fenster herüber: - -»Ohne Zweifel wie immer. Du hättest dir deine Frage füglich ersparen -können. Ausstellungen sind nur dazu da, damit die Herren Landwirthe Madame -Cliquot bereichern und den Klatsch der Gegend austauschen können.« - -»Sie ist das reine unverfälschte Scheidewasser,« sagte Rudolf für sich -und warf einen scheuen Blick in den Erker hinüber, »das Dasein, das meine -arme kleine Cousine in Gesellschaft ihrer Stieftochter führt, muss Alles -eher, denn erquicklich sein.« - -Frau Adele seufzte. Was für Sorgen bereiten Einem doch die Kinder, -besonders wenn sie erwachsen sind! Von Rechtswegen hätte sie sich -es verschwören sollen, je wieder Pläne zum Heil der Undankbaren zu -schmieden, denn ohne ein Wort der Entschuldigung entwich sie plötzlich -aus dem Zimmer, als sich der Gast, freilich nicht allzu rücksichtsvoll, -in Jugenderinnerungen vertiefte. Aber Frau Mühlenbruch befand sich auf -der Höhe ihrer Aufgabe. Wie ein Cicerone von Uebung und Beruf wies sie dem -Vetter alle Schätze ihres Hauses, Vasen und Decorationsteller, die -Sophie bemalt, Kreidezeichnungen und Aquarellbilder, das Werk ihrer -Künstlerhände, Makartbouquets, die nur sie so geschmackvoll zu ordnen -verstand, Kissen, Decken und Stuhlbezüge, die sie gestickt. - -»Da, Barbar, wirf dich vor solchen das Leben verschönernden Talenten -bewundernd auf die Knie,« schien ihre Triumphmiene zu fordern. Aber Robert -traf nicht einmal mit guten Vorsätzen Anstalten dazu. Ihm kam der -Gedanke, um wie viel angenehmer die Wanderung durch Galerien und -Raritätensammlungen wäre, wenn statt des näselnden Leiertons der Führer -solch' eine wohlklingende, einschmeichelnde Stimme bei den Erklärungen -erschallte. Und als sie verstummte, bemerkte er wie erwachend: - -»Es muss Ihnen manche Annehmlichkeit bieten, dass eine so viel ältere -Freundin Ihnen Gesellschaft leistet und das Haus ausschmückt.« - -»Viel älter?« sie blickte ihn strafend an, »Sophie zählt kaum zwei -Jahre mehr als ich.« - -»O, ich behaupte nicht, dass sie alt aussehe; nur Sie, Cousinechen, sind -ganz unbegreiflich jung geblieben.« - -Sie war böse auf sich, aber sie musste lächeln. Vetter Robert hatte so -eine ungeschminkte ehrliche Art, seine Bewunderung auszudrücken. Wenn es -ihr gelänge, dieselbe an die richtige Adresse zu leiten, so könnte Sophie -in allen Erdtheilen keinen liebenswürdigeren Gatten finden. - -Getreu dem mütterlichen Gebot erschien Fräulein Mühlenbruch bei -Tische wirklich mit einem wohlgezählten Dutzend himmelblauer Schleifen -geschmückt. Aber die heimtückische junge Dame hatte sie in äusserst -merkwürdiger Weise vertheilt. An beiden Schultern standen zwei himmelblaue -Henkel in die Höhe, das nicht eben üppige braune Haar wurde von einem -Bandknoten zusammengehalten, dessen Enden bei jeder Bewegung um den Kopf -flatterten (»wie bei einer überlebensgross gerathenen Confirmandin,« -dachte Mama entsetzt), kurz, wenn sie einige Jahre Studium darauf -verwendet, eine Caricatur aus sich zu machen, so hätte es ihr nicht besser -gelingen können. Doch sollte die Arglistige nicht straflos ausgehen. Als -der Kaffee aufgetragen wurde, stiess sie plötzlich einen Schreckensruf aus -und verschwand, wie von Furien gejagt, aus dem Zimmer. - -Adele blickte erstaunt auf. Durch die hohen Glasfenster sah sie eine lange, -magere Gestalt auf das Schloss zuschreiten. Sollte diese Sophie in die -Flucht getrieben haben? Sonst hielt sie mit musterhafter Geduld dem Manne, -ihrem Gutsnachbar, stille, selbst wenn er auf sein Steckenpferd, die -Runkelrüben, kam; sie lauschte seinen Erklärungen über eine neue Dresch- -oder Säemaschine mit der Miene einer begeisterten Adeptin, während -Mama sich meist zurückzog, da sie in der Nähe des Barons Hellmer von -Schlafsucht befallen wurde; warum entschlüpfte das unberechenbare Mädchen -heute bei seinem Erscheinen? Aber zu weiterem Nachdenken war keine Zeit; -der neue Gast trat ein. Er nahm die angebotene Tasse Kaffee an und blickte -suchend umher. - -»Ich hoffe, Fräulein Sophie befindet sich wohl?« - -Frau Mühlenbruch war in Verlegenheit. Glücklicher Weise trat das -unbotmässige Töchterchen bald wieder ein, wie gewöhnlich einfach und -dunkel gekleidet, das Haar in einen Knoten aufgesteckt, die Verkörperung -ruhiger Vernunft und kühler Klugheit. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem -Runkelrübenbaron zuwendete, blieb der Mama nichts übrig, als sich Robert -zu widmen. Vielleicht wäre es nicht unumgänglich nöthig gewesen, dabei -so leuchtende Augen und geröthete Wangen zu bekommen, doch entschädigte -sie Sophie gewissenhaft. Als diese mit Baron Hellmer durch den Park und -über die nun kahlen Felder schritt, Verbesserungen in der Wirthschaft -besprechend, folgte sie mit Eichberg und verbreitete sich wie vorhin über -die künstlerischen, nun über die praktischen Vorzüge Sophiens. Um das -lichte Bild im breitkrämpigen Hut und wasserdichten Stiefelchen mit seinem -Hintergrund nahrhafter Thätigkeit besser hervortreten zu lassen, malte -Adele sich selber mit Tusch. Im Schaukelstuhl, eine Novelle von Heyse in -der Hand, verträume sie die Zeit, während Sophie in Regen und Sonnenbrand -die Wirthschaft leite. - -Es war ihr erster Versuch im Ehestiften, sonst hätte sie sich vielleicht -gesagt, dass Robert, wenn er auch ein wenig verbauert sein mochte, sich -doch lieber von zierlichen Goldkäferpantöffelchen, als von schweren -Wasserstiefeln regieren lassen wollte und trotz seiner Ueberzeugung vom -Nutzen des Düngers nicht wünschte, dass ihm dieser aus den Kleidern -seiner schöneren Hälfte entgegenschlüge. - -Immerhin bildete die gemeinsame Beschäftigung eine Brücke zwischen Sophie -und dem jungen Mann. Ihre bewaffnete Neutralität wäre ohnehin nicht -aufrecht zu erhalten gewesen, da Robert, ohne sich lange bitten zu lassen, -seinen Besuch auf mehrere Tage ausdehnte. Fräulein Mühlenbruch liess -sich herbei, mit ihrer gewohnten kühlen Ruhe zu antworten, wenn er sie -anredete; sie mieden einander nicht mehr auffällig und pflogen zuweilen -sogar längere Zwiegespräche. Frau Adele begann zu glauben, dass ihr -geheimer Plan der Verwirklichung entgegenreife. Aber sie machte nun die -Erfahrung, dass das erreichte Ziel bei Weitem nicht so verlockend ist, als -man, es erstrebend, gedacht. Ihr Lachen bekam in den letzten Tagen einen -etwas erzwungenen Klang, ihre Augen einen Ausdruck der Ermüdung, fast, als -hätte sie Nachts wenig Schlaf gefunden. Und während Sophie heiterer und -lebhafter wurde, je länger Robert auf dem Schlösschen verweilte, erschien -die junge Frau stiller und gedrückter. Dennoch behielt sie vor den Zweien -ziemlich tapfer die Maske der zufriedenen, in dem Glück der Kinder das -ihre findenden Mama bei, aber als sie allein in ihrem Zimmer sass und -den Vetter mit Sophie im eifrigen Gespräch über die Kieswege des Parkes -wandern sah, hielt sie die Verstellung für überflüssig und liess -die Betrübniss, die sie empfand, sich ganz deutlich auf ihrem Gesicht -spiegeln. Denn unten verhandelte man Wichtiges, Entscheidendes. Robert -legte seine Hand mehr als einmal betheuernd auf die Brust, und Sophie -antwortete mit ihrem freundlichsten Lächeln. Frau Adele denkt im Stillen, -die Beiden werden eine Ehe führen, um welche sie alle Engel im Himmel -beneiden können. Das Glück, das sie gestiftet, verleitet sie zu -Vergleichen; aber das Zusammenleben mit dem grämlichen Herrn Mühlenbruch -erscheint dabei nicht in seiner günstigsten Beleuchtung. - -Das Pärlein unten trennt sich mit einem Händedruck, dessen Wärme sie -durch alle Mauern zu verspüren glaubt, Robert schreitet dem Schlösschen -zu, seine Schritte nähern sich ihrer Thüre. Sie weiss, weshalb er kommt. -Ihre Finger greifen nach der Wittwenhaube, aber was soll ihr in diesem -ernsten Augenblick der Mummenschanz? Sie wird mit äusserlicher Fassung -ihren mütterlichen Segen zu der Verbindung aussprechen, die sie -herbeigeführt. Wie ihr dabei zu Muthe ist, das soll kein Lebender -erfahren. Wäre es nur vorüber, hätten die zwei Glücklichen ihrem -einsamen Wittwensitz bereits den Rücken gewendet! - -Einige Minuten später tanzen alle Kunstwerke, die Sophiens Hände -geschaffen, im Kreise um die junge Frau herum und nehmen Ständer und -Tischchen mit. Als sie sich wieder auf ihre Plätze verfügten, befand sich -Adele an Robert's Brust. Und nun erfuhr sie, dass er um ihretwillen die -Fahrt in das Schlösschen angetreten, ein gelieferter Mann, noch bevor er -kam. Vor etlichen Wochen hat er auf dem Bahnhof in Hannover (wo Adele, -wie sie sich jetzt erinnert, eine Freundin besucht) ein Billet für -eine fremde, rathlos im Gedränge stehende Dame gelöst. Sie hatte den -hülfreichen Mann schleunigst vergessen -- solche kleine Ritterdienste -mochten ihr oft genug erwiesen worden sein. Ihm aber hatten es ihre -übermüthigen braunen Augen angethan; er spürte ihr nach, erfuhr, dass -es sein eigenes Bäschen sei, das ihn bezaubert, und so hatte er sich -aufgemacht, sein Glück zu suchen. - -Adele befreite sich plötzlich aus seinen Armen. - -»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus,« sagte sie stockend und wurde -feuerroth, »wenn ich mich nochmals verheirathe, fällt das ganze -Mühlenbruch'sche Vermögen an Sophie.« - -Ein tiefer Athemzug hob seine breite ehrliche Brust. - -»Ich weiss es« (Fräulein Sophie hatte ihn erst vor einer Viertelstunde -mit dem Testament bekannt gemacht), »aber, Liebchen, eine kleine warme -Kirchenmaus hat mir seit jeher mehr Sympathie eingeflösst, als ein kalter -klebriger Goldfisch.« - -Sophie kam herein und wünschte mit freudigem Gesicht den Verlobten Glück. - -»Kleine Mama,« flüsterte sie lachend Adelen in's Ohr, »für einen -ersten Versuch ist dir das Ehestiften nicht schlecht gelungen.« - -Frau Mühlenbruch zeigte eine zerknirschte Miene. »Ich wollte meine -mütterliche Pflicht gegen dich erfüllen,« sprach sie leise, dem Weinen -nahe. - -»Das war vollständig überflüssig; ich bin schon seit drei Wochen mit -Helmer verlobt. Ich habe nur gewartet, bis ich dich versorgt und aufgehoben -weiss, denn dich, unmündiges Kind, allein auf Juliusruhe zurück zu -lassen, erschien mir als Grausamkeit.« - - - - -IM HERBST. - - -Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben? -Wenn man es recht bedenkt, nein, denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse -zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit, -die Zeit der Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang zum gefürchteten, -ertragsarmen Sommer, der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche -ist, in welcher sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzt. Und er wusste -gut genug, dass all der beglückende Unsinn: Nachtigallenschlag, Rosenduft, -eine kleine Hütte im Grünen, braune Augen und blonde Locken nichts für -ihn seien. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon -gelassen, was insofern nicht schwer war, als er, vom frühen Morgen bis zum -späten Abend rastlos umherlaufend, um unartige Bengel in die Mysterien der -Dur- und Mollscalen einzuweihen, nicht mehr von der Versuchung, glücklich -zu sein, empfand, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und -Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten eingeschlagen hätte. -Aber da war das Schicksal boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem -Präsentirbrett sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne die geringste -Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in welcher -sich obendrein eine Thüre befand, die sehr mangelhaft von einer Seite -durch ein Clavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen -Fähnchen behängten Kleiderschragen verbarricadirt war. Am Abend pflegte -Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von -Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervor zu holen, -ohne praktischen Nutzen, da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen -Fingerübungen hatten, weit überflügelten. Als er nun einmal wieder ein -paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob -sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer eine helle, -frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etuden tapfer mit, die Läufe -selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen -Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in -den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu oft, denn als man ihm noch die -dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die -Claviatur erreiche, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den -Klimperkasten fest. - -Das Interesse an der Nachbarschaft hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja -zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom -»Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden muss, um ihn eine Stunde -lang festzuhalten, schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte, regten -sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als -sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich an's Fenster, zum erstenmal im -Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? das ist kein Wort; hübsch -ist am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber nicht Jede hat solch ein -pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt, -solche lustig in die Stirn fallende Locken, so ein rosiges Gesicht. -Die Augen kann er nicht sehen, aber sicher blitzen sie in Uebermuth und -Lebensfreude. Frau Lechleitner bringt ihm die obligate Cichorienbrühe -herein, und er getraut sich, in unbefangener Weise die Worte hinzuwerfen: -»Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleusse -ist geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr -Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit, aufnehmen, man weiss ja, was dabei -»herausschaut«. Aber die Franzi kennt sie schon von klein auf, hat ihr -manchen Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden -monatlicher Pension war, und die »Zimmerherrn« sind so unverlässlich, -womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben will, -der pünktlich wie eine Uhr ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's Mutter -war ihre beste Freundin und ihren Vater hätte sie einmal heirathen -sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die -Siebenbrunnerwiese spazieren ging. - -»Das haben Sie mir schon erzählt!« ruft Leonhard verzweifelnd aus. - -»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut mit -einander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi -schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.« - -Frau Lechleitner wird nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu -rühmen. Vor ihm steigt dräuend das Bild einer mit tausend Spitzen und -Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem -pharisäischen Tugendstolze alleinstehender braver Mädchen. Und er weiss -nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen -soll, mit welcher ihn die Hauswirthin, die Anwesenheit der hübschen -Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überrascht. - -Ziemlich trübselig erwartet er, in die Ecke des alten Sophas gedrückt, -sein Schicksal. Die Thür geht auf, lachend und schwatzend und ein wenig -verlegen kommt die sanglustige Nachbarin herein. Sie ist keine Jungfrau in -Wehr und Waffen, sondern ein herziges kleines Ding voll drolliger Einfälle -und -- gerade nur zur Würze -- etwas schnippisch. Nach den ersten paar -Minuten erscheint ihm die versessene Sophaecke als das behaglichste -Plätzchen der Welt. Als er die ungeheuere Tasse Kaffee, die ihm -die Hausfrau reicht, über das Tischtuch und Franziskas neues Kleid -ausschüttet, weiss sie das Unglück mikroskopisch klein zu machen; -natürlich lassen sich die Flecken entfernen, wird das Kleid gewaschen wie -neu aussehen! Wie sich ihm das schüchterne Herz in der Brust dehnt, wie -seine blauen Augen, das einzige Anziehende in dem unjugendlichen Gesicht, -zu leuchten anfangen! Heute scheint die Sonne ganz anders als sonst, -Frühling, Frühling! zwitschern die Spatzen auf der Strasse. -- In seiner -Stube entlockt er dem Flügel stürmische, jauchzende Weisen, stürmisch -und jauchzend singt die Spottdrossel nebenan, und Frühling, Frühling! -klingt es aus den Tönen. - -Durfte Leonhard Gruber einen Frühling haben? In den Händen hielt er -einen Brief; mit leisem Bangen, wegen dessen er sich herzlos und unkindlich -schalt, öffnete er ihn. Oft kamen Episteln von derselben Hand, sie sind -mit Klagen über Einschränkungen erfüllt, wie Luise noch immer im alten -Kleide gehe, Lina einen Mantel brauchte, wie trostlos das Geschick einer -Witwe und armer Waisen sei, die ihres Ernährers beraubt worden. Drei -Viertheile von Leonhard's Verdienst wandern nach Mureck, seit Jahren hat er -keine Oper, kein gutes Concert besuchen können, im Winter trägt er dünne -und im Sommer dicke Kleider, wie sich das bei armen Teufeln trifft, aber -so oft er ein solches Schreiben liest, erscheint er sich wie ein schwarzer -Missethäter. - -Diesmal jedoch enthält es eine Freudenbotschaft. Das heisst, einem Anderen -würde sie vielleicht nicht so sehr verheissungsvoll klingen, da sie ihm -zunächst noch mehr Entbehrungen auferlegen wird. Aber mein Leonhard Gruber -verspricht sich leicht einen schönen Tag, so oft ein winziges Stückchen -blauen Himmels durch graue Wolken bricht: der zweite Sohn des alten -Organisten wird, Dank dem adeligen Schlossherrn von Mureck, der Leonhard's -musikalische Ausbildung ermöglichte, einen Stiftplatz am Wiener -Conservatorium erhalten. Was dem älteren Bruder versagt geblieben, soll -dem jüngeren zu Theil werden. Leonhard wird ihm jeden Stein aus dem Weg -räumen, damit er sich ungehindert der anspruchsvollen Frau Musica widmen -könne, aber wenn nun Karl ein berühmter Künstler geworden, dann kann er -die Sorge für die Familie übernehmen. - -Und dann verlobte sich Leonhard. Warten? Ob es Franzi recht ist! so hat sie -es stets geträumt, wenn in ihrem Köpfchen der Gedanke an ein eigenes Haus -aufgetaucht. Stück für Stück zum Bau des Nestes herbeitragen, bis es -gezimmert und ausgepolstert ist, das muss ungleich hübscher sein, als in -ein von Tischler und Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen. - -Daheim waren sie Anfangs geneigt, es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass -er sich mit vermessenen Gedanken an einen eigenen Herd trug, aber da an die -Ausführung nicht gegangen werden sollte, bevor Karl eine feste Stelle in -der Welt errungen, gab die Mutter in Gnaden ihre Einwilligung. - -Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine Lehrer knüpften hohe Erwartungen an -ihn, aber dem genialen Burschen gebrach es an einer Kleinigkeit, es war -ihm nicht ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, dem Leben. Das Glück -heftete sich Anfangs an seine Fersen. Er hatte kaum den Schulstaub -abgeschüttelt, da lud ihn der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen, -zu einer Abendgesellschaft ein. Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge -Künstler kam in Mode. Aber die Mutter wandte sich nicht an ihn um Hülfe -in ihren endlosen Nöthen, denn uneröffnet lag ein ganzer Stoss von -Familienbriefen auf seinem Clavier. Während der Schülertage hatte er Bett -und Tisch des Bruders getheilt, aber die kleine, schlecht beheizbare -Stube im entlegenen Vorstadthaus war kein passender Aufenthalt für -einen gefeierten Virtuosen. Auch verdarb ihm das lästige Mitsingen im -Nebenzimmer -- ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs Jahren klang es -freilich nicht mehr -- jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, machte -ihm das Leben zur Qual. Er miethete sich ein passendes Künstlerheim an -der Ringstrasse. So kirchenstill es in den Augenblicken, da er mit der Muse -Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, so laut liebte er seine Gesellschaft -in den vielen Erholungsstunden. Er besass eine Leidenschaft für alle -schäumenden Getränke, und die Gasflammen einer Wirthsstube lockten ihn -wie eine Motte an. - -Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann liess er sich wie in seiner Schulzeit -vom älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich dieser beileibe keine -Vorstellungen erlauben, sonst liess sich der Virtuose Monate lang nicht -blicken. Und Leonhard, gutmüthig, schwach und unaufhörlich von der Furcht -gequält, er erfülle schlecht das Versprechen, das er dem sterbenden Vater -gegeben, suchte ihn dann wohl zuerst auf und gab gute Worte. - -Franziska, der in letzter Zeit zuweilen der Gedanke gekommen, dass man auch -Pflichten gegen sich selber habe, vernahm es denn auch ohne das leiseste -Bedauern -- wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren Bräutigam ihren -Gefühlen keinen beredten Ausdruck lieh --, dass Meister Karl, eine -ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor Thau und Tage aus Wien entwischt -war. Es geschah ihm dadurch kein Leid, im Gegentheil, jetzt erst befand -er sich in seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde einer der modernen -Landstreicher, die herrlich und in Freuden, von Bierquelle zum Weinborn -pilgernd, leben, wenn ihnen ein insipides Getränk, das Wasser, bis in den -Mund reicht, unter Aufzählung ihrer Titel und Orden »ein einziges Concert -auf der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten und dem geschmeichelten -Localpatriotismus so viel erpressen, um ihren Kahn eine Weile flott zu -erhalten. - -Monate lang ging Leonhard niedergedrückt, eine Beute heftiger -Gewissensbisse umher. Es war sträflicher Leichtsinn gewesen, ein -blühendes, junges Leben an das seine, das er Anderen verpfändet hat, -zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, in das der Wind gefahren, lagen seine -Hoffnungen auf dem Boden. - -»Wir müssen eben warten,« tröstete ihn Franzi, aber es klang anders -als vor Jahren, da sie im Warten die eigentliche Würze ihres Brautstandes -gesehen. »Wie könnte mir einfallen, Dich von Deiner Pflicht abwendig zu -machen!« Leonhard's Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; ein -anderer Bruder theilte sie. Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, des -Herrn Pfarrers von Mureck, sollte er einige Jahre Theologie studiren, dann -war ihm ein Pfarramt gewiss. Das Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne -auf dieses künftige Glück: Natürlich wird das Pfarrhaus im Grünen -liegen, Weinlaub daran emporklettern, ein Garten voll Aepfel- und -Birnbäumen es umschliessen -- Franzi wässert schon jetzt der Mund nach -den saftigen Früchten --, man kann nicht allein darin hausen, Mutter -und Schwester werden zum Seelenhirten ziehen. Wenn Ignaz es erlaubt, warum -sollte er nicht? sein ältester Bruder theilt ja auch jeden Bissen mit ihm, -dann kommt Leonhard mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn seine Schüler -auf das Land geflohen sind, zur Erholung zu ihm hinaus. O, es wird herrlich -sein, frische, stählende Bergluft Wochen, Monate lang einzuathmen. -Franziska ist nun 26 Jahre alt und sehr praktisch. Ihre Augen haben viel -von ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die Lippen, statt zu lachen, -schliessen sich oft fest auf einander. Aber wenn sie in glücklichen -Träumen schwelgt, dann zeigen sich die Grübchen in Wange und Kinn, und -ein rosiger Hauch färbt ihr Gesicht. - -»Niemand würde sie für älter als zwanzig halten,« meint bewundernd -Leonhard. Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken einstimmt, nimmt ihn -nicht Wunder. Was kümmert sich so ein angehender geistlicher Herr um -Frauenschönheit? Aber freilich, etwas zugänglicher für Freud' und Leid -der Menschen um ihn dürfte er sein! Wird er doch einmal seiner Gemeinde -in Freud' und Leid beizustehen haben. Aber er gehört zu der neuen Schule -kirchlicher Streiter, ist hohlwangig und blass und hat ein düsteres Licht -in seinen Augen. Wenn Leonhard und Franziska Lustschlösser aufthürmen, -wirft er verächtliche Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen versucht -er es, sie auf das Reich Gottes hinzulenken; leider vergeblich. Franzi, -wie die Meisten ihrer Landsmänninnen, hat nicht das geringste Talent zur -Asketin, und wie Leonhard's Anlagen auch beschaffen sein mögen, an der -Seite seiner Braut, die er nun bald heimzuführen hofft, denkt er nicht an -Weltentsagung. - -Er war Enttäuschungen so gewohnt, dass er nicht zusammenbrach, als sein -Bruder, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, in einen Mönchsorden -der strengsten Regel eintrat und schwere Klosterpforten zwischen sich und -die Welt, die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, schob. In Mureck waren -sie fromm genug, nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja noch immer der -Aelteste; »einen gar braven Buben«, nennt ihn Frau Gruber, aber sie ist -doch stolzer auf den geistlichen Sohn, der es zu hohen Würden bringen -wird, da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen wusste. - -Franziska wurde todtenbleich, als dieser Blitz ihre Lustschlösser -zertrümmerte. - -»Wir werden nie einander angehören!« rief sie und brach in Thränen aus. -Wenn er sie verlor, dann schwand jede Freude aus seinem armseligen Leben, -er wurde ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der Strasse. Aber konnte -er ihr zumuthen, noch länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast -aussichtslosen Neigung zu opfern. Das erste Wort, mit dem er sie, -Verzweiflung in der Stimme, frei gab, brachte sie zu sich. - -»Mein Leonhard, wir warten geduldig auf einander, wie bisher«; aber es -war nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, als sie hinzusetzte: »Es -sei denn, Du möchtest mich nicht mehr.« - -Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. Wieder arbeiteten sie Jahre lang -neben einander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. Franziska wusste, dass -sie verblühte. Sie baute keine Zukunftspläne mehr und gab sich Mühe, -so rührend genügsam wie ihr Bräutigam zu werden, dessen Gesicht -sich verklärte, wenn er einen Sonntag Nachmittag mit ihr im Wienerwald -verbringen durfte. - -Da griff der Zufall plötzlich in ihr Leben umgestaltend ein. Leonhard -ging mit elastischen Schritten umher und summte die Melodien, die, wenn -günstigere Sterne über ihm gewaltet, vielleicht den Weg in die Welt -gefunden hätten. - -Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, wie ein Schiffbrüchiger auf -fremdem, unwirthlichem Strand in Amerika gelandet. Ach, da war kein Wirth, -der borgen wollte, kein Concertsaal, der sich öffnete, so lange ihm der -Wind durch die Taschen pfiff. Um nicht zu verhungern, sah er sich nach -Schülern um und da er in der That glänzend spielte, eine unverlegene -Zunge besass und mit einem Hoftitel aus einem kunstsinnigen deutschen -Herzogthum die Leute zu blenden vermochte, fehlt es ihm bald nicht an gut -bezahlten Clavierstunden. Nach einigen Monaten trat er öffentlich auf und -fand Beifall. Das Unterrichten erschien ihm nun wieder als eines so grossen -Pianisten wenig würdig. Auch plante er eine Kunstreise nach dem Westen. -Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, Leonhard könnte seine Lectionen -übernehmen. Das Reisegeld schickte er nicht, er hätte seines ältesten -Bruders Zartgefühl verletzen können, freilich dauerte es nun einige Zeit, -bis es zusammengespart war; zu lange für Karl's Ungeduld. Als Leonhard -nach thränenreichem Abschied von den Seinen in New-York landete, da war -der Virtuose bereits nach Californien abgereist, und seine Stunden gab -ein Anderer. Und der Ankömmling, der nicht mehr in den Jahren war und -vielleicht nie die nöthige rücksichtslose Energie besessen hatte, um sich -in der Fremde einen Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne Mittel, ohne -Freunde, von der Heimkehr abgeschnitten in der ungeheueren Stadt, die -Hunderte solcher ungeschickter armer Teufel verschlingt, ohne dass nur -das Kräuseln der Oberfläche, wie ihn ein Stein auf dem Wasserspiegel -hervorruft, die Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. Er besass nicht -seines Bruders siegesgewisses Auftreten, konnte nicht wie dieser durch -seinen Künstlerruhm verblüffen. Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm -Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte nicht um seinetwillen, denn er -hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, schon früher erlernt. Aber was -sollte aus Mutter und Schwestern werden, welche er, im Vertrauen auf -Karl's Versprechungen, den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert, was -aus Joseph, dem jüngsten Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel -sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. Wenn er Franziska's gedachte, -überwältigte ihn der Jammer völlig. Welch ein Lohn für ihr geduldiges -Ausharren, ihre Aufopferung! Er sandte keine Nachricht von seiner -Bedrängniss an die Angehörigen heim. Sie konnten ihm nicht helfen und -hatten an der eigenen Last genug zu tragen. - -Er vergass, dass es nichts Unersetzliches auf Erden gibt. Mutter und -Geschwister staunten, dass der stets so zuverlässige Aelteste sie im -Stiche liess. Aber von der Nothwendigkeit gedrängt, suchten sie bei ihren -eigenen Hülfsquellen Zuflucht. Joseph gab Stunden, wie Leonhard es gethan -und schickte kleine Beträge nach Hause, die Schwester verwerthete allerlei -Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Aelteste entschloss sich, dem greisen -Pfarrer die Wirthschaft zu führen. Franziska allerdings litt; sie glaubte -sich von ihm vergessen. Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst versuchend, -irgendwo festen Fuss zu fassen. - -Die New-Yorker Zeitungen brachten eines Tages eine jener Notizen, die, kurz -und dürr, dennoch mehr als bändelange Schilderungen irdischen Jammers -geeignet sind, die Herzen zu erschüttern. Ein Polizist hatte einen -bewusstlosen und wie er, Dank des häufigen Vorkommens solcher Zufälle, -glaubte, betrunkenen Mann vom Strassenpflaster aufgelesen und über Nacht -auf der Polizeistation mit dem verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt. -Vor dem Richter stellte sich heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der -Bruder eines in New-York geschätzten Künstlers, hatte keinen Tropfen -geistigen Getränkes zu sich genommen, sondern war zusammengebrochen, weil -er seit mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen. Das Mitleid verschaffte -Leonhard die ersten Stunden in New-York. Was man auch an den plötzlich -reich gewordenen Amerikanern zu tadeln finden mag, die schlechte -Eigenschaft der Emporkömmlinge, die Kargheit im Kleinen neben der -prahlerischen Vergeudung im Grossen besitzen sie nur ausnahmsweise; sie -lassen die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten in ihren Geschäften, die -Dienstleute im Hause nicht darben. Leonhard sah sein Schifflein bald auf -ruhiger Fluth dahingleiten. - -Lachend und weinend zu gleicher Zeit hielt Franzi den Brief in der Hand, -der ihr von der günstigen Wendung in seinem Geschick Kunde gab. Bald -sollten sie einander angehören. Lärmten die Sperlinge nicht wie -ehemals, sang und klang es nicht in ihr, um sie? Aber es dauert nur wenige -Augenblicke. Ihre Seele hat die luftigen Schwingen eingebüsst, mit welchen -sie sich einst in ein glückliches Traumland erheben konnte. - -»Was wird wohl diesmal zwischen uns treten?« fragt sie sich bitter, der -Glanz in den Augen erlischt, und sie zieht wieder die Nadel durch ihre -Arbeit, die hoffnungs- und erfolglos ist, wie die der Danaïden. - -Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem Charakter dem ältesten Bruder -glich, war Schullehrer in Mureck geworden und wollte Leonhard's Stelle -bei der Familie vertreten. Selbst die Mutter, welche die trübseligen -Verhältnisse zu einem beständig heischenden und niemals befriedigten -Wesen gemacht, schrieb, wenn auch ein Zuschuss stets willkommen sei, so -möge ihr Aeltester nun auch einmal an sich denken. - -Leonhard's Schüler schütteln verwundert die Köpfe. Hätte nicht jeder -deutsche Professor das unveräusserliche Vorrecht, wunderlich zu sein, sie -würden ihn für verrückt erklären. Er geht umher, als führten die -Engel über seinem Haupte ein Conzert auf. Während die kleinen ungelenken -Fingerchen neben ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlocken, lächelt er -stillselig vor sich hin, statt, wie recht und billig, wüthend zu werden. -Er sieht beinahe gross aus, so dehnt und streckt sich sein kleines -Persönchen vor innerem Wohlgefühl: Er rüstet das Nest für sein Weib, -kein Tag vergeht, an dem er nicht mit einem Pack unter dem Arm die steile -Holztreppe zur künftigen Residenz emporklimmen würde. Noch besteht der -Brauch, wohl aus den Ansiedlertagen, da Einer auf den Beistand des Anderen -angewiesen war, dass man Freunden das Haus einrichten hilft. Die Eltern -seiner Schüler wissen, er erwarte die Braut aus Deutschland (unter welchem -Namen ganz Europa, mit Ausnahme Grossbritanniens und Irrlands, begriffen -wird), die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, gestickten Deckchen, -Porzellanfiguren, Bilder -- an welchen freilich der Rahmen das -Hervorragendste ist --, die ihm in's Haus strömen, würden ein Museum -füllen. Jedenfalls wird man in der neuen Wohnung äusserst massvoll im -Gebrauch seiner Gliedmassen sein müssen, und Franzi wird als Herrin -all der Schätze gerade keine Sinecure inne haben, wenn sie dieselben in -halbwegs staubfreiem Zustand erhalten will. Stunden lang steht Leonhard, in -Bewunderung versunken, vor den Herrlichkeiten. Aber ein Geräth vergass er, -vergassen seine Freunde. Am Tage, bevor das Schiff mit seiner Braut, das -glückhafte Schiff, im Hafen einläuft, kauft er den Pfeilerspiegel für -die Vorderstube. - -Vom Dock führt er sie zum Friedensrichter, der die beiden geduldigen und -getreuen Menschen für das Leben zusammengiebt. Leonhard hat sein Nest in -einer neugierigen, schwatzhaften Strasse gebaut; man braucht nicht viel -Phantasie, um sich in eine Kleinstadt im deutschen Vaterland versetzt zu -fühlen. Rechts und links drücken die Nachbarinnen die Gesichter an die -Fenster, um das Paar vorüberschreiten zu sehen. Sie geben sich keine -Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die Monate langen Vorbereitungen, -das verklärte Gesicht liessen sie einen anderen Siegespreis vermuthen. - -»Die alte Jungfer hätte er nicht zu importiren gebraucht,« sagten sie, -»so etwas findet sich auch noch unter dem Sternenbanner.« - -Franzi hat es glücklicherweise nicht gehört, es hätte einen grauen Flor -über ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erscheint sie nicht so glücklich, -wie man vermuthen sollte. Während Leonhard wie von Flügeln getragen -einhergeht, schlägt sie die Augen zu Boden. - -Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard hatte, weil die Blumen spärlich -wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen farbigen Herbstblättern -angefüllt, sie sahen wie leuchtend rothe, goldgelbe und broncefarbige -Blüthen aus. Franzi konnte nicht umhin, einen Ausruf des Entzückens bei -dem Anblick ihrer Wohnung auszustossen. Der Klang der Schelle hatte ihren -Gatten von ihr fortgerufen. Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft -nahm sie ein Figürchen um das andere in die Hand, bewundernd beugte sie -sich über die Stickereien, den Teppich, die Geräthe. Zuletzt trat sie vor -den Spiegel. Und nun verwandelte sich der Ausdruck ihrer Züge, sie brach -in Thränen aus. - -Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten der Wunderdinge die Franzi von -ehemals mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen, Goldglanz auf dem Haar und -schalkhaftes Leuchten im Auge, zu erblicken. Aber aus dem Spiegel trat -ihr ein Schatten ihres alten Selbst mit traurigen Augen und einem Gesicht -entgegen, aus dem selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge der -Resignation, des unaufhörlichen Verzichtens nicht zu verwischen vermocht -hatte. Geheimnissvoll vor sich hinlächelnd trat Leonhard wieder ein. Da -er sie weinen sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann eilte er auf sie -zu; wenn sie Heimweh fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen Herzen -überwinden. Aber sie machte sich heftig los. - -»Müssen wir uns nicht schämen, uns wie andere neuvermählte Paare zu -gehaben? Schnee liegt auf unserem Scheitel, Furchen ziehen sich durch -unsere Züge.« - -Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass sie sich verändert. Für ihn war -sie die Franzi geblieben, um die er in ihrem Lenz geworben. Und auch jetzt, -nachdem sie ihm die Binde von den Augen gerissen, meinte er, es gäbe kein -schöneres, kein anziehenderes Weib in der Welt. Er sah sie mit den Augen -der Erinnerung. - -»Können wir denn noch glücklich werden?« fragte sie, »vermagst Du mein -verblühtes Gesicht noch zu lieben?« - -Er eilte vor die Thür und trug mit Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb -von ungeheurem Umfang, gefüllt mit herrlichen, frischen Blüthen, herein; -eine Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum Einzug in das Haus gesendet. - -Leonhard wies auf die prächtigen Rosen, auf Nelken und Heliotrop. - -»Es ist Herbst,« sagte er, »die Luft ist rauh, und Nebel füllt die -Strassen. Aber furchtlos strecken sie die feinen duftenden Köpfchen in -die Luft hinaus und freuen sich der Stunden, in welchen die Sonne ihnen -scheint.« - -»Und wie lange dauert es,« warf sie herbe ein, »dann kommt der erste -Frost und vergilbt ihre Blätter.« - -»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen doch sehen, ob wir ihn mit unseren -warmen Herzen nicht überwinden. Wir wollen unseren Frühling dankbar -feiern, obschon er uns spät im Jahre gekommen.« - -Er schloss sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund. - - - - -BRENNENDE LIEBE. - - -Vielleicht halten Sie mich für unbescheiden, aber wahrhaftig, ich half -einem tiefgefühlten Bedürfniss ab, als ich geboren wurde, aufwuchs und -zum Ruhm meiner Vaterstadt unter die Kannibalen ging. Natürlich nicht, -um bei ihnen zu bleiben, sondern um mit 85 Kisten voll staubiger -Merkwürdigkeiten, Schädeln, Amuletten, Pflanzenwurzeln, Pfeilen, -Bogen, Lanzen und ferner mit einem Vorrathe an Notizen und Tagebüchern -heimzukehren, der das Herz jedes Händlers in Makulatur mit den frohesten -Erwartungen erfüllt hätte. - -Meine Vaterstadt hatte sich schon seit längerer Zeit sehnsüchtig nach -einem grossen Sohne umgethan, zu dessen Ehren man wieder einmal in dem -altberühmten Rathskeller ein ansehnliches Festessen unter Pauken- -und Drommetenschall abhalten konnte. Leider war in der ehemaligen -Reichsunmittelbaren eine gewisse Dürre eingetreten, sie hatte alle ihre -grossen Söhne unter prachtvollen Denkmälern begraben, und der Nachwuchs -zeigte das richtige Militärmass nicht mehr. Da trat ich denn aufopfernd in -die Bresche. Der Wahrheit die Ehre! Das Essen war unübertrefflich, und der -Wein liess nichts zu wünschen übrig. Rechts und links schlugen mir »der -opferwillige, selbstlose Diener der Wissenschaft«, »der erleuchtete -Erforscher dunkler Erdtheile«, der »hervorragendste jetztlebende Sohn« -und so weiter an die Ohren, und als sich nach leiser Zwiesprache mit mir -der Oberbürgermeister erhob und den Anwesenden verkündete, ich -hätte meine 85 Kisten der geliebten Vaterstadt zum Geschenk gemacht -(selbstverständlich unter den bescheidenen Bedingungen, dass sie für -ewige Zeiten ungetheilt blieben, in den hellsten Sälen des neuen Museums -aufgestellt würden und als Karl-Wittmann-Stiftung auf die Nachwelt -übergingen), da stieg die Begeisterung auf den Siedepunkt, und ich genoss -fortan die süssen Früchte der Popularität, die darin bestehen, dass -jener Theil der hoffnungsvollen Jugend, der den Gebrauch der Taschentücher -standhaft verschmäht, auf der Strasse mit den Fingern auf mich deutete, -und die jungen Damen der Stadt, sobald sie meiner ansichtig wurden, -angelegentlich die Auslagen studirten, um, wenn ich vorübergegangen war, -sich umzudrehen und mir nachzublicken. Aber die Götter sind neidisch. Sie -vergassen nicht, einen Tropfen Gift in meinen Freudenbecher zu mischen. Und -was für einen Tropfen! Er war ausgiebig genug, um ein ganzes Fass süssen -Weines in eitel Wermuth und Galle zu verwandeln. Es lebte eine Person in -der Stadt, die meine Verdienste um Mit- und Nachwelt gering schätzte, die -meinen Ruhm nicht anerkannte und trotz meiner allgemeinen Beliebtheit kalt -wie ein Eiszapfen blieb, und diese Person war meine Braut; denn ich habe -eine Braut und zwar eine sogenannte Familienbraut. - -Aus Spielgefährten und Jugendfreunden wurden wir, Dank unseren -vortrefflichen Mamas, im Handumdrehen Braut und Bräutigam ohne die -geringste Ungewissheit, den leisesten Zweifel, ohne irgend ein Hangen und -Bangen in schwebender Pein. Meine junge Weisheit beschloss, die stehenden -Gewässer unserer Neigung durch eine längere Entfernung aufzurühren, -damit etwas von dem Idealzustande der Liebe, ein Bischen Sehnsucht und -Leidenschaft auch auf unser Theil komme. Auch führte ich den auf mich -entfallenden Part des Programms gewissenhaft durch. Einmal von Helene -getrennt, zog ich jeden Augenblick ihre Photographie heraus und machte ihr -die süssesten Augen, zweimal im Tage setzte ich mich hin, um gefühlvolle -Episteln an sie zu richten (leider dürften sie dieselbe nicht erreicht -haben, denn ich bin ein schlechter Briefschreiber, und aus den acht Seiten -langen Liebesbotschaften wurden meist kleine Zettelchen, die ihr die -erfreuliche Kunde meines Wohlbefindens zutrugen), und als den »bekannten -Naturforscher« bei seinem Landen in Hamburg eine kleine Festlichkeit -erwartete, riss er sich mitten in der Nacht und mit ziemlich schwerem -Kopf aus dem Kreise seiner Verehrer los, um am nächsten Morgen in seiner -Vaterstadt und bei Helene einzutreffen. - -Ich hätte ruhig im Hotel schlafen können. Zur Begrüssung streckte -mir meine Braut ein paar Fingerspitzen entgegen, als ich voll -Wiedersehensfreude auf sie zueilte. - -»Sehr erfreut, den Herrn Doctor bei uns zu sehen,« sagte sie und -verbeugte sich tief und spöttisch. Wir waren allein, nichts hinderte -uns, die lang aufgespeicherte Sehnsucht von Lippe zu Lippe ausströmen zu -lassen. Und nun dieser Empfang! Die Arme sanken mir herab, mein Gesicht -verlängerte sich. - -»Das Willkommen für deinen Verlobten leidet jedenfalls nicht -an Ueberschwänglichkeit,« sagte ich trocken, nachdem ich meine -Enttäuschung, so gut es ging, niedergekämpft. - -»Wer das nicht hoch genug zu schätzende Glück hat, einen so -vernünftigen Bräutigam sein eigen zu nennen, darf sich nicht durch -Sentimentalität lächerlich machen,« versetzte sie. - -»Helene, ich bin durchaus nicht vernünftig,« betheuerte ich mit -Ueberzeugung. »Ich glaube, seit den Tagen von Hero und Leander hat -kein verliebter Narr so ungeduldig die salzige Fluth durchmessen und so -erleichtert das Gestade berührt, wie ich.« - -Eine Steinfigur wäre gerührt worden. Meine theuere Braut jedoch rief -spöttisch an mir vorüber in die Luft hinaus: - -»Der Unglückliche! Bittere Noth zwang ihn, seiner Heimath den Rücken zu -kehren und das harte Brot -- den Schiffszwieback -- der Fremde zu essen.« - -Wenn mich etwas aufregen kann, so ist es dieses Sprechen zu einem -abwesenden Dritten. Ich würde es als einen Scheidungsgrund ansehen, sollte -meine Frau ihre Gardinenpredigten in diesem Stile halten. Allein diesmal -blieb ich gelassen, denn es galt mein Schifflein durch eine etwas -gefährliche Stromschnelle hindurchzurudern. - -»Bedenke, Kind, man hat doch auch Pflichten gegen das Allgemeine. Wenn ich -meinen verehrten Mitbürgern keine Veranlassung zu einem Bankett gebe, -dann erkranken sie möglicherweise am verhaltenen Jubelfieber, und meine -Unterlassungssünde endet in einem Massenmorde.« - -»Bilde dir nicht ein, sie haben auf dich gewartet,« entgegnete Helene; -ihr Ton klang geringschätzig, aber sie wandte sich direct an mich, und -das war ein Fortschritt. »Hätten dich die Wilden mit dem Holzbeile -erschlagen, dann wäre vielleicht das Erlöschen der Pest vor 400 -Jahren gefeiert worden, oder der Westfälische Friede, oder sonst eine -erfreuliche, wenn auch schon etwas angejahrte Begebenheit. Ich kenne unsere -würdigen Stadtpapas; wenn ein guter Jahrgang im Rathskeller lagert, dann -begehen sie Jubiläen bei dem geringfügigsten Anlass.« - -Und dieses Wesen, das meine Bedeutung für das Gemeinwohl also -abzuschwächen, ja ganz zu vernichten suchte, sollte das Weib meines Busens -werden! Ich hoffe, dass mir Jedermann die Berechtigung zugestehen wird, -entrüstet zu sein. - -»Helenchen, äussere deine Ketzerei nicht vor fremden Ohren. Männlein -und Weiblein in unserer Stadt stimmen darin überein, dass meine -Sammlungen ungeheuer werthvoll sind und meine Tagebücher der Wissenschaft -ausserordentliche Dienste leisten werden. Man soll sein Urtheil freilich -nicht nach dem der Menge bilden, aber es trüge dir doch einen etwas -unerwünschten Ruf der Originalität ein, wenn du, meine Braut, die -Einzige wärest, die meiner Forschungsreise nicht die geringste Wichtigkeit -beimissest.« - -Sie blickte anklagend zur Zimmerdecke empor. - -»Ich messe ihr keine Wichtigkeit bei, ich, die ich ihr die trostlosesten, -unerquicklichsten Jahre meines Lebens verdanke!« - -Ich grollte Helenen nicht länger, ich fand sie bezaubernd und wollte -auf sie zueilen, aber sie verschanzte sich hinter einem Stuhl, die Augen -blitzend, die Lippen trotzig aufgeworfen, eine Walküre -- freilich eine -aus Meissener Porzellan. - -»Du liessest dich von deiner Abenteuerlust in die Fremde locken, und ich -bin hier geblieben, eine lächerliche Figur, über die alle Freundinnen -spotten, eine Braut, deren Bräutigam die Flucht ergriffen!« - -»Helene, welch' ein Gedanke!« rief ich schaudernd. »Glücklicherweise -glaubst du selber nicht an ihn. Weisst du doch zu genau, dass ich schon -als grüner Junge im Gymnasium in dir mein Ideal verehrte und dich mit sehr -kunstreichen Strophen im altgriechischen Versmass ansang. Sie haben mich -manchen Schweisstropfen gekostet, und du, Kobold, nahmst sie mit schnöder -Gleichgültigkeit entgegen.« - -»Du hast dich zu entschädigen gewusst: Ich musste geduldig zu Hause -warten, bis es dem Herrn Naturforscher« (nicht möglich, den Hohn zu -beschreiben, der diesen Titel begleitete) »gefiel, zurückzukehren, -nachdem er in der Fremde hinlänglichen Zeitvertreib gefunden.« - -»Wenn du wüsstest, wie viel Ungemach und Entbehrungen ich ertragen, -welche Gefahren ich überstanden,« warf ich gefühlvoll ein, »du würdest -nicht so sprechen.« - -»Man sieht dir nichts davon an. Ich hatte im Stillen gehofft, du werdest -abgebrannt und zur Mumie ausgetrocknet zurückkommen; leider bleiben die -erfüllten Wünsche stets hinter unseren Erwartungen zurück.« - -»Ich darf darüber nicht klagen; die meinen wurden weit übertroffen. Dass -mich meine Braut, nachdem wir zwei Jahre von einander getrennt gewesen, -mit der Klage empfangen werde, ich sähe nicht genug mumienhaft aus, -übersteigt selbst meine unwahrscheinlichsten Träume.« - -»In diesen zwei Jahren haben Julie Marschall und Karoline Holzwart zehn -Bälle mitgemacht, einige Dutzend Cotillonbouquets nach Hause getragen und -sich von einer Unzahl Lieutenants, der Assessoren und Referendare gar nicht -zu erwähnen, den Hof machen lassen. Und ich habe zu Hause einen langen -Aschermittwoch gehalten, denn meine unnatürliche Mutter erklärte, es -passe sich nicht für eine Braut, deren Verlobter abwesend sei, Bälle -zu besuchen; und meine künftige Schwiegermama rief vorwurfsvoll und mit -Wassertropfen an den Wimpern: »Du willst tanzen, während Karl vielleicht -in Todesgefahr schwebt!« - -»Die beiden Frauen haben ein wenig Zärtlichkeit für mich, während -du, kleine Selbstsüchtige, nur an dich und deine banalen Vergnügungen -denkst.« - -»Du hättest unter die Advokaten gehen sollen,« warf sie schneidend hin, -»es ist ein alter Kniff dieser Herren, einer Anklage zuvorzukommen, indem -sie dieselbe umkehren. Ich selbstsüchtig? _ich_ habe einem jungen Mädchen -nicht die paar Jahre ihres Frühlings vergällt, indem ich sie band und mir -die Freiheit sicherte, ich nicht!« - -»Helene, höre mich an!« - -Aber sie liess sich nicht unterbrechen. - -»Ist das Experiment nach Wunsch ausgefallen? Hat sich das kleine Mädchen -nach dem gnädigen Herrn gesehnt und um seinetwillen abgehärmt?« - -Ich stand diesem übernatürlichen Scharfsinn starr gegenüber. Plötzlich -blendete mich ein grelles Licht. - -»Helene, sei aufrichtig,« bat ich, »dein eisiger Empfang drängt mir die -Frage auf: hat mich ein Anderer aus deiner Neigung verdrängt?« - -Sie sah mich nicht an, sondern blickte angelegentlich zum Fenster hinaus, -vielleicht dauerte sie meine verstörte Miene; endlich wandte sie mir ein -purpurrothes Gesicht zu. - -»Du hast es errathen,« sagte sie, »ich liebe einen Anderen!« - -Leichten Tones fuhr sie fort: »Zwei Jahre sind ja eine Ewigkeit; auch -hätten die Menschenfresser Geschmack an dir finden können.« - -Dabei blitzten ihre spitzen, weissen Zähne, als könne sie sich nichts -Willkommeneres denken. Die Naturgeschichte hat Recht, unter den Raubthieren -ist das Weibchen der grausamere Theil. Mauna Loa war, gegen mich gehalten, -zahm wie ein Ofenfeuer, aber ich brachte leidlich die Miene überlegener -Ironie zu Stande. - -»Der Name des Glücklichen ist wohl noch ein Geheimniss?« - -»Er heisst, wie mein Ideal heissen muss, Edgar.« - -»Edgar? sehr abgeschmackt, und die italienische Oper ist aus der Mode.« - -Meine Worte ärgerten sie (und das war ja auch ihr Zweck; es wäre mir eine -Wollust gewesen, sie zu peinigen, so wüthend und -- das Wort muss heraus --- unglücklich fühlte ich mich). Sie holte ein Notenheft, auf welchem ein -Strauss knallrother Blumen prangte und hielt es mir triumphirend vor die -Augen. »Brennende Liebe«, Walzer von Edgar Nothnagel, seiner Schülerin, -Fräulein Helene Stubenkammer hochachtungsvoll zugeeignet. - -»Damit kann ich freilich nicht wetteifern,« sagte ich bitter und griff -nach meinem Hut. - -Eine Gewohnheit aus früheren, schöneren Tagen hing meine treulose Braut -noch immer an; wenn sie mich genug gequält zu haben glaubte, legte sie ein -Pflästerchen auf meine Wunde. - -»Willst du gehen, ohne Mama begrüsst zu haben?« - -»Ich werde telegraphisch meine Ueberfahrt nach Afrika belegen, denn -diesmal ist es mir wirklich ein Bedürfniss, die Flucht zu ergreifen.« Ich -wollte meinen Verlobungsring abziehen, aber er sass zu fest, und so musste -ich auf den effectvollen Abgang verzichten. Die Scharte einigermassen -auszuwetzen murmelte ich gleichgültig: »O, ich vergass; -- meine besten -Glückwünsche, Fräulein Stubenkammer.« - -»Ich weiss nicht, ob ich sie annehmen darf,« versetzte Helene in -äusserster Betrübniss, »Mama wird von dem armen Künstler nichts wissen -wollen.« - -Ich bin kein Mann des Gefühls, das sich in Worten äussert. Aus Scham, -die Welt errathen zu lassen, dass ich eigentlich eine gute Dosis -Weichmüthigkeit in mir beherberge, hänge ich meinen Aeusserungen gewisse -kleine Narrenschellen an, die ihren Zweck dann auch vortrefflich erreichen, -zu vortrefflich, denn nicht nur die lieben gleichgültigen Nebenmenschen, -auch meine Braut werden von der Ueberzeugung beherrscht, bei mir gehe keine -Empfindung tief genug, um sich nicht mit einem Witzwort abschütteln zu -lassen. - -Sie hatte vermuthlich nicht die leiseste Ahnung, dass der Spötter, dem -nichts heilig zu sein schien, der seine Gefühle durch das Scheidewasser -der Ironie zu zersetzen pflegte, den Riss zwischen uns genau so -schmerzlich -- möglicher Weise noch schmerzlicher -- empfand, als es der -sentimentalste aller Edgars, der je in stillen Mitternächten den Mond -angeseufzt, vermocht hätte. Oder wenn ihr mein Gesicht den Zustand meines -Innern enthüllte, so schien es sie nicht sonderlich zu rühren -- mit -leisem Lächeln sah sie mich meinen Abschied nehmen. - -Während ich bei hellklingenden Gläsern zum hervorragendsten jetztlebenden -Sohn proclamirt wurde, focht ich einen schweren Kampf mit meinem Ich aus. -Ich muss bekennen, dass ich dasselbe bisher gehätschelt und in jeder Weise -bevorzugt hatte. Deshalb wehrte es sich nun auf das Heftigste gegen das -erste Opfer, das von ihm gefordert wurde. Das Wesen zu verlieren, mit dem -es sich in jeder Faser verwachsen glaubte, das es zum Mittelpunkt seiner -Pläne und Luftschlösser gemacht, erschien ihm ganz einfach unmöglich. -Zuletzt lag es jedoch besiegt auf der Erde. - -Ich trat in das Stubenkammer'sche Wohnzimmer, ein spartanischer Held, der -sich in unser Zeitalter hinübergerettet. Meine Mutter und die Hausfrau -waren unzertrennliche Freundinnen; sie waren auch jetzt beisammen, -wahrscheinlich beschäftigt, ein modernes Paradies aus decorirtem -Tafelgeschirr, Silberbestecken, ungezählten Dutzenden von Bett- und -Tischwäsche für ihre Sprösslinge aufzubauen. Helene sass am Fenster, ein -wenig blässer als sonst, aber wunderhübsch wie immer. Sie warf mir einen -prüfenden Blick zu, aber als sie meine entschlossene Miene sah, die etwas -von dem Todesmuth der Legionen zeigte, wandte sie den Kopf ab. - -Wie ein Sprenggeschoss fiel meine Mittheilung, dass ich in einer Woche -eine lange, eine _mehrjährige_ Reise, wie ich mit einem Blick auf Helene -nachdrücklich hervorhob, antreten werde, in den friedlichen Familienkreis. -Die beiden würdigen Damen starrten mich fassungslos an. Helene stand auf -und näherte sich ihnen. - -»Ihr seht, er will mich nicht,« sagte die kleine Teufelin lachend, »die -Forschungsreise ist nur ein Vorwand.« - -Mama, die es ist, und Mama, die es werden sollte, warfen mir wüthende -Blicke zu; was mich betrifft, ich hätte nie gedacht, dass der kategorische -Imperativ einen so wenig süssen Kern in sich birgt. - -»Das ist nun mein Lohn dafür, dass ich 24 Monate und zwei Wochen lang -wie eine Nonne gelebt,« fuhr Helene fort. - -Ich bin nur ein Mensch und daher nicht ohne Galle: »Ein Nonnenleben, -das durch Musik und süsse Musiker Abwechselung erhielt, muss nicht -übermässig hart zu ertragen gewesen sein,« sagte ich boshaft. - -Die beiden Mamas tauschten erschrockene Blicke, ich hörte die künftige -etwas vom heissen Klima und dem Aequator murmeln. - -Nachdem ich meinem Aerger Luft gemacht, schämte ich mich. In Edelmuth und -Selbstlosigkeit hatte ich Helenen, die den Zorn ihrer Mutter zu fürchten -schien, die Bahn ebnen gewollt, und nun liess ich mich so fortreissen. -»Tante Stubenkammer,« sagte ich, »durch meine Entfernung soll ein etwas -verwickelter Knoten gelöst werden. Helene liebt mich nicht; sie hat ihr -Herz einem Anderen geschenkt. Dass ich tief unglücklich darüber bin und -ein einsames trübseliges Leben vor mir sehe, kann ich nicht verhehlen. -Aber die Rücksicht auf mich soll Helene nicht hindern, mit ihrem Edgar -glücklich zu werden.« - -Mama hatte längst ihr Taschentuch an die Augen gedrückt, aber Mama -Stubenkammer war aus härterem Stoff gemacht. - -»Helene, darf ich dich um eine Erklärung bitten!« sprach sie streng. - -»Liebe Mama, für eine Frau von deinem feinen Verständniss bedarf es -deren wohl kaum: Karl ist eifersüchtig und das -- wie lächerlich! -- auf -meinen alten ehrlichen Klavierlehrer.« - -Die Strenge der Mutter kehrte sich gegen mich. - -»Karl, das ist beleidigend, der Mann hat Frau und Kind.« - -»Und widmet meiner Braut seine ›Brennende Liebe‹.« - -»Es sollte zuerst ein Marsch ›Vergissmeinnicht‹ sein, aber Karoline -Holzwart capricirte sich auf ihn,« erläuterte meine Braut gleichmüthig, -»und die Chrysanthemumpolka war mir zu fade. Herr Nothnagel arbeitet -nämlich den Erfurter Blumenkatalog durch; die Titel für seine -Kompositionen bereiteten ihm früher grosse Schwierigkeiten. Da verfiel ich -auf diesen Ausweg, und zum Dank dafür widmete er mir eine schöne -rothe Sorte Pelargonien; ich kann nichts dafür, dass die Gärtner sie -›Brennende Liebe‹ getauft haben.« - -»Helene,« schrie ich und eilte glückselig auf meine Peinigerin zu. Ein -Geräusch wie der Flügelschlag mächtiger Albatrosse machte uns stutzig. -Aber es waren nur die Mamas, die -- ihrer Meinung nach: geräuschlos -- aus -dem Zimmer huschten. - - - - -EIN UNGLÜCKSMENSCH. - - -Klaus Henning hatte die bestimmte Vorahnung, dass ein Unglück passiren -würde; und er hatte sie nicht zum ersten Male. Er unterschied sich -ausserdem von anderen, mit einer weissagenden Stimme in der Brust -begnadeten Sterblichen dadurch, dass seine Ahnungen immer eintrafen. Das -eine Mal, als er eine Prophetenstimme in seinem Inneren vernahm, ging er -durch die Friedrichstrasse, stolperte gegen ein Schaufenster und musste, -mit zerschnittenem Gesichte und verletzten Händen, Schadenersatz leisten. -Das andere Mal wollte er mit einem allerliebsten Fräulein auf der -Rousseauinsel Schlittschuh laufen und riss sie mit sich zu Boden. Bei -dieser Gelegenheit fuhr ihm ein fremder Schlittschuh über die Finger, sie -für mehrere Monate gebrauchsunfähig machend. Und da das neue Kleid seiner -Dame etliche klaffende Risse bekam (was sie schwerer zu treffen schien, -als seine Verwundung, die ihn anfänglich vier Finger zu kosten drohte), -so wurde sie von diesem Zeitpunkte ab seine Todfeindin. Kurz, es war sehr -leicht, seine abergläubische Angst zu verspotten, aber so oft sich das -bewusste dunkle Gefühl in seinem Inneren regte (und das geschah fast -jedesmal, bevor er sich unter die Menschen mischte), gab es Schaden für -die Zeitgenossen und Spott für ihn. - -Seine Hauswirthin sah ihn denn auch nur ungern den Reisekoffer packen. - -»Wollen Sie wirklich fort, Herr Henning?« seufzte sie, »denken Sie an -mich, Sie kommen nicht mit heiler Haut nach Hause.« - -Er wusste, dass sie Recht habe, aber die Hitze war unerträglich, er -schmachtete nach einem Wellenbade, und da ihm die Geschäftsstille Ferien -vergönnte, wollte er einen kurzen Aufenthalt an der See nehmen. Jeder -minder Erfahrene hätte sich eingebildet, die schwarzen Ahnungen seien -erfüllt, als sein neuer Reiseanzug, gleich nachdem er das Haus verlassen, -von oben bis unten mit Oelfarbe bespritzt wurde, die ein nachlässiger -Anstreicher von seiner Leiter herabträufeln liess, oder als ihm der -Eisenbahnzug davonfuhr und er nun mehrere Stunden zu warten hatte. Er aber -kannte den Kobold besser, der sein Spiel mit ihm trieb, als dass er gehofft -hätte, mit solchen Kleinigkeiten loszukommen. Auch als er unmittelbar nach -der Abfahrt mächtige Rauchsäulen aus der Richtung, wo sein Farbenmagazin -lag, aufsteigen sah, erfüllte ihn noch immer nicht die beruhigende -Ueberzeugung, seinen Zoll entrichtet zu haben, denn bei näherer -Ueberlegung erschien es ihm äusserst unwahrscheinlich, dass sein Geschäft -abbrannte, während er nicht dabei war, um sich schwere Verletzungen -zu holen. Aeusserst unwahrscheinlich, eigentlich nach seinen bisherigen -Erfahrungen vollkommen undenkbar. Vom Augenblicke an, wo er die -Thüre seines Waarenlagers hinter sich zuschloss, konnte die -Versicherungsgesellschaft ruhig schlafen. - -Er wollte sich in Sassnitz nicht unter die Badegäste mischen, konnte er -doch sicher darauf rechnen, das erste Glas Rothwein, das er zum Munde zu -führen gedachte, über das Kleid seiner Nachbarin, oder wenigstens über -das Tischtuch auszugiessen, jeden Stuhl mit nervenerschütterndem Gepolter -umzuwerfen, seinen Hut vor aller Augen in's Wasser fliegen zu sehen und -was solcher kleiner Zwischenfälle mehr sind, die an und für sich -sehr geringfügig erscheinen, ihn aber zum Gegenstande des allgemeinen -Gelächters machen mussten. - -Im vergangenen Spätherbste hatte er einige Tage in einem Gasthause -ausserhalb des Curorts verlebt, dessen Wirthin im Sommer eine kleine -Colonie von Städtern beherbergte. Damals waren die letzten Fremden, -erschreckt durch ein paar rauhe stürmische Tage, geflohen, und so -verknüpfte sich ihm mit dem Aufenthalte in dem bescheidenen Häuschen am -Strande die Vorstellung von erquickender Ruhe und Geräuschlosigkeit. -Auch schien der Kobold, der ihn verfolgte, an der Grenze von Fleming's -Herrschaftsbezirk die Waffen zu strecken. Klaus ging mit den Haussöhnen -fischen und brachte Beute heim, was ihm nie vorher widerfahren, er kreuzte -in einer Nussschale von Segelboot die Küste entlang und sah es nicht -einmal den Kiel nach oben wenden, er ruderte stundenlang in einem Nachen -und brach kein Ruder. Nach diesem stillen Hafen der Glückseligkeit -richtete er nun seine Schritte. Ach, das war nicht mehr das erträumte -Paradies! - -Auf dem Vorplatze, der, mit spärlichem Grün bedeckt, sich vor dem Hause -hinzog, spielte eine Gesellschaft junger Leute Croquet, vom Wasser her -erschallten laute Kinderstimmen, auf der Holzbank im Schatten des Hauses -sassen behäbige Matronen. Henning hatte die Absicht, bei diesem Anblicke -umzukehren und sich ungesehen davonzuschleichen, aber die Wirthin kam mit -ausgestreckten Händen auf ihn zu und rief: - -»Das Haus ist zwar gesteckt voll, aber für Sie schaffen wir doch noch -Raum.« - -Er wollte murmeln, dass er nur einen Tag bleiben und dann seinen Stab -weiter zu setzen gedenke; da fiel sein Blick auf ein junges Mädchen, die -soeben ihren Ball mit dem Hammer so unglücklich getroffen, dass er, statt -durch den Draht, gegen seine Füsse fuhr. Purpurroth kam sie auf ihn zu -und bat um Entschuldigung. Sie hatte ein Gesicht, wie es die Natur nur -in besonders guter Laune zu bilden pflegt, die zartesten Farben, die -treuherzigsten blauen Augen und das Haar, das sie, wohl nach einem -Wellenbade, gelöst trug, von glänzendem Blond. Und dann behielt er seine -Bemerkungen für sich, liess Frau Fleming für sein Obdach sorgen und -schwang den Hammer, ohne zu besorgen, dass seine Bälle einem Mitmenschen -das Lebenslicht ausblasen würden. Auch bei Tische vergass er alle seine -Ahnungen, er zitterte nicht vor dem Bratensafte, er reichte Fräulein -Mathilde eine Tasse Thee, ohne sie zu verbrühen, kurz, er benahm sich, als -wäre er nie ein Unglücksmensch gewesen. - -Freilich fing sein Elend noch am selben Abend wieder an. Die Hausfrau -erzählte, um ihren Liebling vom vorigen Jahre her in das günstigste -Licht zu setzen, dass er das Segelboot wie ein alter Matrose zu handhaben -verstehe. Die Damen versicherten, nichts gewähre ihnen ein solches -Vergnügen wie eine Bootfahrt, die Herren kündigten ihm ihre Begleitung -für den nächsten Tag an, Mathilde, die ihn jeden Augenblick mehr -entzückte, sagte nichts, aber sie richtete ihre schönen blauen Augen -bittend auf ihn. Ihm brach der Angstschweiss aus allen Poren; war er -ausersehen, der Mörder all' dieser braven Leute zu werden? Klaus war -kein Salonmatrose, er hatte seine Knabenjahre in der Nähe von Bremerhaven -verlebt und ein Boot zu regieren beinahe so früh wie das Abc erlernt. Auch -ist das Segeln Alles eher denn eine Kunst -- wenn das Fahrzeug etwas taugt, -aber der Flemingsche Krondiamant besass etliche Flecken. Und was hilft alle -Geschicklichkeit gegen die Tücke eines Koboldes! Der junge Mann ging nicht -mit der Begeisterung, welche die Gesellschaft erwartet haben mochte, auf -die vorgeschlagene Segelpartie ein. Vergeblich nannte man ihn von da an -nicht anders als »Capitän«; er bestand darauf, dass, wer nicht schwimmen -könne, auf dem Festlande bleiben müsse. Die Aengstlichen sahen hierin -einen Beweis, dass er sich nicht sicher fühle und standen sogleich ab. -Mathilde bekannte seufzend, sie könne seine Bedingung nicht erfüllen und -müsse daher verzichten. Es wäre ihm das auserlesenste Vergnügen gewesen, -sie über die Wellen zu fahren, aber er unterdrückte seinen Wunsch, indem -er sich vorsagte, es sei gleichbedeutend mit kaltüberlegtem Morde, sie zu -einer Wasserfahrt mit einem Unglücksmenschen zu bewegen. - -Nur zwei Herren waren verwegen genug, sich seiner Führung anzuvertrauen. -Es stellte ohne Zweifel eine Probefahrt vor. Klaus bestand sein Examen -glänzend. Er fing zu hoffen an, der Tückebold habe auch diesmal vor Frau -Fleming's Königreich Halt gemacht. Sein Selbstvertrauen wuchs; denn als -man landete, waren seine zwei Prüfungscommissäre des Lobes voll für -seine nautischen Künste. Da lud er Mathilde zu einer Segelfahrt für -den nächsten Morgen ein. Ein ältlicher, gutmüthiger Herr, der erst vor -einigen Stunden angekommen war, stand neben ihr; Mathilde machte ihn, ihren -Papa, mit dem jungen Manne bekannt, und nun verlebte dieser mit den zwei -liebenswürdigen Menschen einen Abend, der ihm unvergesslich bleiben wird. -Am nächsten Tage vertrauten sich ausser Vater und Tochter noch einige -der Sommergäste seiner Führung an. Auch diesmal verlief die Expedition -prächtig. Auf dem Lande war es erstickend heiss gewesen, nun wehte es die -Gesellschaft kühl und belebend an, und eine leichte Brise trug das Boot -wie auf Schwingen über das Wasser. Alle versicherten, nie angenehmere -Stunden verlebt zu haben, und, was ihm werthvoller erschien, Mathilde -drückte ihm dankbar, mit vor Vergnügen leuchtenden Augen, die Hand. Da -versuchte er die Götter und versprach ihr eine Wiederholung. - -Es war ein glorreicher, glückverheissender Tag. Da man in Frau Fleming's -Herrschergebiet eine einschnürende Etikette nicht kannte, ging das -Pärlein allein an's Ufer. So gut wie Klaus es sich vorgestellt, sollte -es ihm freilich nicht werden. Die Insassen des Hauses hielten zwar ihr -Nachmittagsschläfchen, aber die liebenswürdigen Commissäre, die diesmal -vermuthlich seine Geduld wie zuvor seine seemännischen Fähigkeiten -prüfen wollten, kamen eilfertig herbei, um ihren Antheil am Vergnügen zu -beanspruchen. Da sie ihn sozusagen entdeckt hatten, bewahrten sie ihm ein -gewisses gönnerhaftes Wohlwollen, das er jedoch in jenem Augenblicke nicht -voll zu schätzen verstand. Allein sie störten nicht, sie tauschten ihre -Bemerkungen, machten sich beim Steuer unnütz oder starrten in's Wasser. -Klaus konnte ungehindert mit seiner Herzensdame flüstern. Vielleicht hatte -er sich zu tief in die blauen Augen versenkt, vielleicht hatten ihn die -zwei Probefahrten übersicher gemacht, am wahrscheinlichsten jedoch ist, -dass sein Kobold dessen überdrüssig war, unbeschäftigt im Winkel -zu stehen, und dass er im Augenblicke, wo er den Unglücksmenschen am -härtesten treffen konnte, hervorsprang. - -Das Boot war nicht so leicht zu regieren, wie sonst, die Brise wehte -scharf, mehr als einmal schlug das Wasser, Alle durchnässend, hinein. Und -Klaus war zerstreut, er hatte Mathilde in ihren Gummimantel gewickelt, und -als sie ihm zum Danke die Hand reichte, sie länger als vernünftig in der -seinen behalten. Er hielt sie noch, als der Boden unter ihnen wich, die -kalte, salzige Flut auf sie einströmte und das Bootkiel oben vor ihnen -trieb. Ein plötzlicher Windstoss musste es getroffen und zum Kentern -gebracht haben. Sie sanken, doch verliess den Unglücksmenschen die -Besinnung nicht, er legte den linken Arm um Mathilde und brachte sie nach -oben. - -Sie war die Selbstbeherrschung in Person; sie klammerte sich nicht an ihn, -seine Bewegungen hemmend, und so gelang es ihm nach einiger Anstrengung, -den Kiel seines Bootes zu erreichen und einen Stützpunkt für sich und -seinen schönen Schützling zu gewinnen. Die beiden Genossen sah er rüstig -und unversehrt zur Küste schwimmen. Sie war nicht fern, aber bei der -starken Strömung zum Meere wäre jeder Versuch, sie mit Mathilde im Arme -zu erreichen, aussichtslos gewesen. Zahlreiche Boote kreuzten das Wasser, -entweder nahm eines derselben sie auf, oder die beiden Geretteten lösten -am Strande, der förmlich auf Rufweite vor ihnen lag, ein Ruderboot und -kamen den Genossen zu Hilfe. Wenn Klaus nur bis dahin aushalten konnte, -wenn nur sein Arm, der steif wie der eines Todten wurde, das junge Mädchen -über dem Wasser erhielt! Blass und mit geschlossenen Augen lag sie an -seiner Brust. Eine förmlich wahnsinnige Reue ergriff ihn. Wusste er -nicht voraus, das Alles, was er anfasste, zu Schaden kam? Wie hatte er -so verwegen, nein so verrucht sein können, dieses holde Geschöpf, das -einzige Kind und das einzige Glück ihres Vaters mit sich in's Unglück zu -reissen? Sein Selbstvorwurf machte sich in der wildesten Weise Luft. - -So vergingen endlose Minuten. Das Boot trieb in's Meer hinaus, und in -muthloser Verzweiflung gab Klaus seinen Schützling und sich verloren. Da -hörte er lauten, ermunternden Zuruf, warme Hände streckten sich nach ihm -und Mathilden aus, und im nächsten Augenblicke lagen die wasserdichten -Planken einer Barke, die eine Gesellschaft Badegäste von der Stubbenkammer -nach Sassnitz heimführte, zwischen ihnen und den heimtückischen Wellen. -Das junge Mädchen war ohnmächtig geworden. Als sie, von den Damen, die im -Boote waren, umringt, die Augen aufschlug, suchte sie ihren Begleiter mit -den Augen; er las Zutrauen, ja Dankbarkeit -- Dankbarkeit für ihn, der sie -beinahe getödtet hätte! -- in ihnen und konnte den Blick nicht ertragen. - -Sie fanden Frau Fleming's Königreich in vollem Aufruhre. Die beiden -Commissäre waren vor einer Weile angekommen, und wenn sie zu Mathildens -Rettung keinen Finger gerührt, so zeigten sie sich jetzt dafür eifrig -beflissen, ihren Vater in die peinigendste Unruhe zu stürzen. Als sie nun -in Hüllen, die ihr die Damen in der Barke aufgedrängt hatten, den Strand -betrat, richtete sich, wie begreiflich, die allgemeine Aufmerksamkeit -auf sie. Ihr Papa drückte sie stürmisch an sich, dann wollte jede der -Hausgenossinnen sie mit einem Kusse begrüssen, zuletzt drängten -sich händeschüttelnd die Herren heran, Niemand eifriger als die zwei -Commissäre. - -Klaus schlich sich unbeobachtet in sein Zimmer. Die Anderen hatten wohl -geahnt, das er ein Unglücksmensch sei, denn sie hatten sich -- so schien -es ihm -- ängstlich von ihm fern gehalten. Er wechselte seine nassen -Kleider, packte das Köfferchen, und nachdem er die Adresse auf dasselbe -befestigt und den Betrag, den er Frau Fleming schuldete, auf den Tisch -gelegt, drückte er sich, sachte wie ein Spitzbube, aus dem Hause und fuhr -in die Glühhitze zurück. - -Seine Hauswirthin war sehr erstaunt, ihn ohne äussere Verletzung -wiederzusehen. Wie tief es diesmal nach innen ging, ahnte sie nicht. -Ein trübseliger Geselle ging er seinem Tagewerke nach, Abends sass -er missmuthig unter den paar verstäubten, kläglichen Büschen des -Hausgärtchens, ein Buch in der Hand, in dem er nicht las. Da schlug einmal -ein Gruss an sein Ohr. Vor ihm stand ein ältlicher, behäbiger Herr mit -gutmüthigem Gesicht. Klaus springt, wie von einer Feder emporgeschnellt, -von der Bank auf, es war Mathildens Vater. - -»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu, »es soll Ihnen nicht gelingen, sich -meinem Danke zu entziehen. Wenn Sie auch heimlich wie ein flüchtiges Reh -entwischten, Ihr Reisekoffer verrieth mir, wo ich den Lebensretter -meiner Tochter zu suchen habe.« Ihren Lebensretter! Dabei drückt er dem -Sprachlosen die Hand, und seine ehrliche Stimme zittert in unterdrückter -Bewegung. »Was wäre aus ihr, was wäre aus mir geworden, wenn Sie auch so -selbstsüchtig wie die beiden Anderen, nur auf Rettung des eigenen -Lebens bedacht, ans Land geschwommen wären? Ohne Sie wäre ich heute ein -einsamer, gebrochener Mann! Es giebt noch Helden im bürgerlichen Leben!« - -Klaus suchte abzuwehren. Er sprach von dem Unrecht, das er begangen, er, -ein Unglücksmensch, als er Mathilden zur Segelfahrt einlud. Aber es kam -nicht viel Zusammenhängendes über seine Lippen. Für etwas gepriesen -zu werden, für das er den härtesten Tadel zu verdienen geglaubt, von -Mathildens Vater in die Wolken emporgehoben, ein Held genannt zu werden, -das betäubte ihn, als hätte er jungen Wein getrunken. - -»Ich weiss, dass nur Ihr Zartgefühl Sie veranlasste, sich unserem Danke -zu entziehen,« fuhr Herr Hilgendorf fort, »allein ganz recht war es -nicht: Mathilde ist untröstlich, weil Sie verschwanden, ohne zu hören, -wie tief sie sich Ihnen für Ihre Aufopferung verpflichtet fühlt. Und ich -glaube beinahe, dass ich sie nicht eher zufrieden sehen werde, als bis ich -ihren Lebensretter mit Güte oder Gewalt in mein Haus geführt, damit sie -den versäumten Dank nachhole.« Aber es bedurfte keiner Gewalt. Klaus -ging gutwillig mit Herrn Hilgendorf. Mathilde kam ihm mit strahlenden Augen -entgegen. Es war spät Abend, als er, ein seliger Mensch, das gastliche -Haus verliess, nicht ohne versprochen zu haben, bald, sehr bald, schon am -nächsten Tage wiederzukommen. Und zuletzt glaubte er gar nicht mehr daran, -dass er ein Unglücksmensch sei; nein, er hielt sich für ein richtiges -Sonntagskind, denn in der Ecke hinter dem Flügel hat ihm Mathilde gestern -auf seine Frage geantwortet, dass sie keinem Menschen auf der Welt so gut -sei, wie ihm. - - - - -UNKRAUT AM WEGE. - - -Das Dorf lag in vollster Sonnengluth da. Bäume und Büsche am Wegrande -liessen ihre welken, bestaubten Blätter hängen, die Hunde lagen vor den -Häusern, die lechzenden Zungen hervorgestreckt, keuchend, aber zu träge, -einen schattigen Winkel aufzusuchen; langsam, wie weltmüde Philosophen, -zogen Enten und Gänse ihre Kreise auf dem grünlichen Tümpel. Sonst -keine Spur von Leben auf der Dorfstrasse. Die Kinder schwitzten noch in der -Schule, die Erwachsenen waren beim Heumachen. Nur ein halbwüchsiges -Ding mit zerzausten Haaren, einem braungebrannten schmutzigen Gesicht, in -welchem ein paar wilde schwarze Augen flackerten, einem Zigeunermädchen -ähnlicher als dem Sprössling des ehrbaren Kreuzwirthes, schlich sich -geräuschlos wie ein Marder rückwärts längs der Gärten hin, in welchen -die Kirschbäume gerade voll saftiger Früchte standen. Manche waren so -unvorsichtig, ihre Aeste über die Zäune oder sehr nahe an denselben -hängen zu lassen. Auf die schwang sie sich mit der Flinkheit einer Katze -und hielt ihren Schmaus, schonungslos ganze Zweige knickend, aus den -schönsten Zwillingskirschen Ohrgehänge bildend, bis sie noch schönere -erspähte und den bisherigen Schmuck in den Magen wandern liess. Sehr -unparteiisch verfuhr sie bei ihren Beutezügen. Sie brandschatzte ebenso -des Pfarrers Stolz, die seltenen spanischen Weichseln, wie des Schullehrers -Amarellen, des Küsters schwarze und ihres Vaters, zum Verkaufe bestimmten, -weissrothe Herzkirschen. Zuweilen schlug ein Hund an, dann machte sie sich -schnell aus dem Staube, und da aus den alten Zäunen mancher Brettnagel -hervorstand, wurden in ihren noch guten Rock zahlreiche Kreuz- und -Querrisse gezogen. Dies verursachte ihr keinen Kummer. Die Stiefmutter -daheim führte eine flinke rastlose Nadel, und nachdem Cenz etliche -fruchtlose Rebellionsversuche der guten Frau niedergeschlagen, war es ihr -vollständig gelungen, dieselbe nicht nur für die Gastwirthschaft, den -Haushalt und ihre eigenen, noch sehr kleinen Kinder, sondern auch für die -Drohne arbeiten zu lassen, die sie als etwas fragwürdiges Glücks- und -Friedenspfand mit erheirathet hatte. - -Im Hofe des Kreuzwirthshauses, unter einem schattigen Nussbaume, sass der -Herr Pfarrer vor einem Krüglein Bier. Die rundliche, gutmüthig aussehende -Wirthin stand neben ihm. - -»Man hat halt sei' Kreuz mit denen Kindern«, beantwortete sie soeben eine -Frage des alten Herrn, »besunders wann's net einmal die eig'nen san.« - -»Die Crescenz hat doch sonst so gute Anlagen«, meinte kopfschüttelnd -der Geistliche, »der Schullehrer war immer des Lobes voll über ihren -Lerneifer; freilich sonst steckt sie voll Teufeleien, und jetzt verwildert -sie mit jedem Tage mehr. Ich fürchte, Ihr werdet nicht viel Freude an ihr -erleben.« - -»Es is halt an recht's Unkräutl am Weg, Hochwürden«, seufzte die -Wirthin, »nixnutz und schnappig (schnippisch); thun will's gar nix und is -doch schon sei vierzehn Jahr alt. Auf d' Kleinen könnt's doch schon a bisl -schauen, wenn i in der Kuchl z'schaffen hab. Aber na, alle Arbeit bleibt -mir, und sie stravanzt den ganzen Tag im Dorf herum, zerrissen und -schlampet, dass i mi schamen muss.« - -»Ihr habt die Ruthe zu sehr gespart, gute Frau.« - -Die Wirthin setzte sich ihm gegenüber auf die Bank. - -»Wahr ist's, Hochwürden, aber mei Schuld ist's net. Damals wie mi' -der Kreuzwirth in's Haus bracht hat als seine Zweite, da hab' i anfangen -woll'n, s' Madel zu zieh'n, und da hat sie si gegen mi g'stellt wie a wilde -Katz', hat gekratzt und gebissen, und i hab halt zugehauen, kommt mei Mann -derzu, krebsroth in' Gesicht, »Du«, schreit er mi an, »Hand von der -Butten, i will ka solche Stiefmutter- und Stiefkindg'schichten im Haus -hab'n, du lasst's in Ruh, und sie lasst di in Ruh; und dass i kane Hetzerei -hinüber und herüber hör'!« Na, und da hab' i's dann aufwachsen lassen, -wie an Unkräutl', dass es an Fried'n im Haus gibt, und so ist's denn a an -Unkräutl worden.« - -Cenz war es mittlerweile müde geworden, die Bäume zu plündern und -schlenderte längs des kleinen Baches unter den Weiden hin, für die Augen -eines gewöhnlichen Menschenkindes keine sonderlich fesselnde Erscheinung. -Aber Künstler besitzen zuweilen einen ganz absonderlichen Geschmack. Zwei -Maleraugen verfolgten ihre flinken Bewegungen schon seit einer guten Weile, -ohne dass sie den jungen Menschen mit dem breitkrämpigen Hute beachtet -hätte, der im Schatten der Weiden vor seiner Staffelei sass und den -wundervollen Ausblick auf den Schneeberg, der sich ihm von dem Plätzchen -unter den Weiden bot, auf der Leinwand festzuhalten suchte. Maler waren -keine seltenen Gäste im Dorfe, das sie als erste Haltestelle vor ihrem -Aufstieg in's Gebirge zu benutzen pflegten, und dessen urwüchsige -Bewohner manches Skizzenbüchlein füllten. Und so sah Cenz auch viel mehr -geschmeichelt als befremdet darein, als der junge Künstler, der sich -auf der Suche nach so ziemlich Allem, was dieser Titel rechtfertigt, -nach Erfolg, einem Namen und einem passenden Vorwurf für sein erstes -Ausstellungsbild befand, sie plötzlich anrief. - -»Heh, kleiner Wildling, bleib' in derselben Stellung, in der du dich -befindest, ich möchte dich in mein Buch hineinzeichnen.« - -Sie wurde feuerroth und murmelte etwas von ihrem Sonntagsstaat, und dass -sie in einer Viertelstunde zurück sein könne. Aber davon wollte er nichts -wissen. Er fand ihren Schmutz und die Risse im Röckchen malerisch. - -»Saubere Dirndln kann ich genug haben,« sagte er, »ich brauche gerade so -eine Staubdistel, wie du bist. Was hast du denn vorhin angestellt? Steine -nach Sperlingen geworfen; ich habe es wohl gesehen; das ist ein hübscher -Zeitvertreib für ein Mädchen.« - -Sie machte ihr trotzigstes Gesicht, und das wollte er haben; so passte es -für die Skizze des jungen Wildlings. - -»Die Spatzen fressen die Kirschen auf«, vertheidigte sie sich, ohne ihr -Gewissen darüber zu beschweren, dass eine sehr grosse Schaar diebischer -Vögel keinen solchen Ausfall in der Kirschenernte verursacht hätte, wie -sie selber. - -»Du hast Dich wohl um Deine schönen Ohrgehänge gefürchtet, wie? Behalte -sie nur an, die kommen auch in mein Buch«, sprach Fritz Teubner, eifrig -zeichnend. - -In Crescenz hatte sich bisher sehr wenig Mädcheneitelkeit und Zierlichkeit -geregt. Jetzt aber standen die Risse in dem Kleide, die beschmutzten, -zerkratzten Hände, die blaugefärbten Lippen als wahre Schrecken vor -ihr. In die grosse Stadt und auf die Leinwand kommt doch Edelfräulein und -Bauernmädchen gern in vortheilhaftester Gestalt, und wie sah sie aus! Sie -war mit ihrem Vater einmal in Wien und in der Kunstausstellung gewesen, sie -hatte Bilder gesehen, auch Bauernbilder, aber wie schmuck und ordentlich -erschienen die! Cenz schwur allerhand theuere Eide, dass kein Malerauge sie -jemals wieder in solch' einem Aufzuge erblicken solle. Am wenigsten das des -jungen Künstlers, das es ihr angethan hat. Er spricht mit ihr so lustig -und so freundlich, als kenne er sie schon seit Jahren. - -»Wie alt bist du eigentlich, Cenz?« fragte er, denn ihren Namen hat sie -ihm schon gesagt. - -»Vierzehn Jahre.« - -Er macht grosse Augen; sie ist klein und schwächlich für ihr Alter. Aber -was ihn befremdet, ist doch nur, dass bei der ihm wohlbekannten Ausnutzung -der Menschenkraft beim Landvolk, dieses halbwüchsige Ding so ohne jede -Beschäftigung herumstreift. Er hält sie für ein verwahrlostes Kind aus -armseligem Hause, das merkt Crescenz wohl, denn sie ist nicht dumm. Als -er nun auf seine Frage erfährt, dass sie das älteste Kind des reichen, -ansehnlichen Kreuzwirths ist, schüttelt er den Kopf. Das Mädchen fügt -wie beiläufig hinzu, dass sie eine Stiefmutter habe, und dies scheint ihm -Alles zu erklären. In dem jungen Unkraut aber steigt siedendheisse Reue -auf. Sie weiss, dass die arme brave Frau nicht aufhört, die Hände zu -rühren, damit die Erscheinung ihrer Stieftochter ihr keine Schande mache. -Auch sehen die jüngeren Geschwister meist schmuck genug aus, da, wenn -Crescenz's Beispiel verführend auf sie wirkt, der Mutter Hand flink genug -ist, sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Nur die Stieftochter, -des Vaters Liebling, geht bei allen Missethaten straflos aus. Fritz ist -fertig und lässt sie die Skizze sehen. Sie schreit auf. So also stellt sie -sich den Mitlebenden -- und auch dem jungen, hübschen Künstler -- dar. -Man könnte sie für eine Landstreicherin halten. Schier möchte sie -weinen, aber sie schluckt die Thränen tapfer hinunter. - -»Bleibst, bleiben S' noch länger im Dorf?« - -Fritz schüttelt den Kopf. - -»Morgen geht's weiter ins Steirische hinein; warum fragst du?« - -Wieder kommt etwas Undeutliches von einem Sonntagsgewand über Cenz's -Lippen. - -Der Maler lacht: - -»Kann sein, dass ich beim Abstieg noch einmal hier vorspreche, kann sein, -erst auf's Jahr. Dann male ich dich in grossem Staat. Ich habe eine Ahnung, -Cenz, dass du mir Glück bringen wirst.« - -Er sah sich nicht getäuscht. »Unkraut am Wege,« das Bild der kleinen -Landstreicherin, das er in Oel ausgeführt, wurde in die Ausstellung -aufgenommen und trug ihm Lob, Geld und Aufträge ein. Cenz wartete derweil -daheim, dass er wiederkommen und sein Versprechen erfüllen werde. Es war -ihr eigentlich weniger um das Bild, als um eine Ehrenerklärung in seinen -Augen zu thun. Da sie nicht wissen konnte, wann er sie überraschen werde, -trug sie sich der Vorsicht halber so nett und sauber als möglich. Keine -Streifzüge über Zäune nach verbotenem Obst, kein Herumklettern und -Herumstreifen in der Sonnengluth mehr. Sie hatte ihm gesagt, dass sie dem -Kreuzwirth gehöre, im Kreuzwirthshaus wird er sie suchen und finden. So -hat es sich von selbst gemacht, dass sie sich mehr in der Nähe des Hauses -hält und anfängt, ihrer Mutter in der Wirthschaft an die Hand zu gehen. -Die schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Cenz nach dem Abschied -vom Maler heimkam, aber sie hat seitdem keine Veranlassung zu einer -Wiederholung dieser Geberde des Entsetzens gefunden, es wäre denn, sie -thäte es, um ihr Erstaunen über die Veränderung in dem Wesen ihres -Stiefkinds auszudrücken. Der Sommer geht vorüber, aber Fritz Teubner nahm -längst den Abstieg auf einer anderen Seite und sitzt in Wien eifrig über -seinem Ausstellungsbild. Zuweilen erwachen in Cenz die Regungen der alten -Ungeberdigkeit, aber nach etlichen leisen Ausbrüchen kämpft sie dieselben -nieder. Der Winter ist lang und das Stillsitzen eine harte Aufgabe für -Cenz, aber sie hilft der Mutter beim Nähen und Flicken, und Sonntags -bedient sie flink die durstigen Bauern und die paar versprengten Städter, -die selbst in Schnee und Frost der Leidenschaft, Berge zu besteigen, -fröhnen. Endlich kommt der Sommer, und Cenz blickt voll Zuversicht -vorwärts. Sie hat, wie manche lang im Wachsthum zurückgebliebene Pflanze, -plötzlich in die Höhe zu schiessen angefangen, sie wird gross und -hübsch, und alle die alten Kleider mit den unverwischbaren Spuren ihrer -Kletterkünste müssen für die kleinen Schwestern übernäht werden. Sie -selber geht in schmucken neuen Gewändern, und wäre nicht der eine und -der andere der Gäste in der Ausstellung gewesen und hätte sie im goldenen -Rahmen sammt der Aufschrift gesehen, ihr alter Spottnamen wäre ganz und -gar in Vergessenheit gerathen. Aber wehe dem, der ihn in ihrer Hörweite -brauchte, das Zünglein hatte keine Veränderung durchgemacht. - -Auch dieser Sommer verging und noch ein Winter, ohne dass Fritz Teubner -sein Wort wahr gemacht. Cenz war ein erwachsenes Mädchen geworden, und die -jungen Burschen fingen an, sie mit sehr freundlichen Augen anzusehen. -Ihr schnippisches Wesen und ihr hübsches Gesicht schien es besonders dem -reichen Erben des Thalhofbauern angethan zu haben, er sass so oft und so -lange als möglich im Kreuzwirthshaus, spielte mit Cenz' Vater Karten und -machte sich der Wirthin angenehm; bei dem jungen Mädchen selbst machte -er jedoch keine Fortschritte. Wieder waren die Kirschen reif geworden, und -Cenz trug einen Korb voll aus dem Garten in's Haus, da sah sie unter dem -Nussbaum einen jungen Menschen mit einem breitrandigen Hute sitzen und -musste den Korb hinstellen, sonst wäre er ihren Händen entfallen. - -»Grüss Gott, Herr Teubner,« sprach sie, jedoch mit ganz ruhiger Stimme. -Er sah auf, zweifelnd, staunend, wie Einer, der seinen Augen misstraut. - -»Ja, bist du das wirklich? Die kleine schwarze Cenz? Aber das ist -unmöglich!« - -»Ja, aus Kindern werden Leut',« lachte sie. - -»Die Augen und die blitzenden Zähne sind es noch, aber sonst muss dich -eine gute Fee umgetauscht haben.« - -»War ich denn gar so an Schrecken?« fragte sie mit dörflicher -Coquetterie. - -»Für mich nicht, im Gegentheil, aber für die Sperlinge, die Obstbäume -und für deine Mutter musst du so etwas gewesen sein. Für mich warst du -alles Gute in Person; dass ich dir begegnet bin, muss ich ein wahres Glück -nennen.« - -Sie wurde hochroth. Zum Glück rief die Mutter aus dem Hause: - -»Cenz, Cenz, wo steckt denn das Madel?« - -Sie lief hinein. Im Verschlag neben der Mutter sass der Thalhofer Franz. - -»Cenz, siehst du aber bildsauber aus,« sprach er. - -»Das geht dich gar nix an«, sagte sie, füllte einen Krug mit Bier und -eilte, ohne von ihrem Verehrer weiter Notiz zu nehmen, in den Hof hinaus. - -»So; und wie ist's Ihnen denn alleweil ergangen, Herr Teubner?« fragte -sie und setzte sich auf die Bank ihm gegenüber. Er konnte sich von seinem -Erstaunen kaum erholen. So ruhig waren ihre Bewegungen geworden, so ohne -jede bäurische Ungelenkigkeit, und doch wieder völlig des ehemaligen -dreisten Wesens ermangelnd. - -»Gut, sehr gut sogar«, sagte er, »ich erzählte dir schon, dass du mir -Glück gebracht hast. Seit ich dein Bild gemalt, habe ich alle Hände voll -zu thun gehabt.« - -»Sie haben g'wiss viel schöne Damen g'malen?« fragte sie mit einer -Regung der Eifersucht. - -»Du meinst ja wohl Damen im Sonntagsputz?« versetzte er, sich der eiteln -Regung der Kleinen erinnernd. »Da fällt mir ein, wann willst du mir denn -in deinem besten Staat sitzen?« - -»Auf der Stell', i kleid' mi nur um«, sprach sie und verschwand im Hause, -klugerweise aber, ohne das Gastzimmer zu betreten; aus dem Flur führte -die Treppe in ihr Zimmerchen. Die Fragen des Thalhofers wären unbequem -gewesen. Nach einer Weile kam sie wieder, mit einer Näherei in der Hand. - -»Blitz, siehst Du sauber aus!« rief Teubner, die Künstleraugen voll -ehrlicher Bewunderung auf ihr verweilen lassend. »Ich bin sicher, die -»Haiderose« wird ebenso viel Erfolg haben, wie -- wie dein früheres -Conterfei. Vielleicht verhilft sie mir zu all' den übrigen guten Dingen, -die ich mir noch für's Leben wünsche. Dem »Unkraut am Wege« verdanke -ich ein schönes Atelier, freundliche Kritiken und dass ich mit etlichen -Münzen in der Tasche klimpern kann. Und wenn das Glück mir wohl will, -dann«, er brach ab und blickte auf einen einfachen Ring an seinem Finger. -»Was hast Du?« fragte er auf einmal aufsehend. - -»I' hab mi g'stochen«, sagte sie mit völlig veränderter Stimme, die -Nadel war ihr bei einer heftigen Bewegung in den Finger gefahren, ein -Blutstropfen fiel herunter, sie seufzte tief auf. Fritz Teubner schüttelte -den Kopf über das wehleidige Bauernmädchen, das ganz verstört über -einen Nadelstich erschien. Da war die kleine zarte Nachbarin, deren Ring er -am Finger trug, standhafter. Tagaus, tagein handhabt sie die Nadel bis -zu einem gewissen glücklichen Tage, den Cenz's Bild näher rücken soll. -Eifrig führt der Maler den Stift. - -Der Thalhofer Franz tritt zu der Gruppe im Hofe. - -»Madel, was hast?« fragt er erschrocken, »Du wirst doch net krank wer'n. -Lass Dir rathen und geh in's Haus. Bei derer Hitz'n ist's net gut draussen -sein.« - -Merkwürdig wohl thut ihr seine Sorge, und dankbar sieht sie den ehrlichen -hübschen Jungen an. - -»Mir is nix«, sagte sie, »aber i denk', i lass, wenn's Ihnen recht is, -das Sitzen auf ein ander Mal.« Fritz ist's zufrieden. Er hat denn auch im -Lauf der Tage, während er im Dorfwirthshaus sein Quartier aufgeschlagen, -das Bild vollendet. Mit Crescenz schloss er gute Freundschaft; sie hat die -ganz ausführliche Geschichte von der kleinen hübschen Nachbarin, von dem -Ring und wie und wann er ihn bekommen, aus seinem Munde gehört. Wie -tief sie diese Geschichte ergriff, hat er nicht erfahren. Das Unkraut war -übrigens ein tapferes Mädchen geworden und wusste seine aussichtslose und -ein wenig lächerliche Neigung zu bekämpfen. Als ein Jahr nachher Fritz -Teubner mit seiner jungen Frau in das Dorf zur Sommerfrische kam, ging -es gerade hoch her im Kreuzwirthshaus. Das hübscheste Mädchen im Orte, -Crescenz Hellgruber, feierte ihren Verspruch mit dem jungen Thalhofer. -»Man soll si nix verreden«, sagte die Wirthin zum Pfarrer, »jetzt hab' -i an dem Unkräutl doch mei Freud erlebt. So brav ist's worden, dass i mir -wünsch, meine Madeln sollen ihr nachgerathen.« - - - - -HERBSTBLÄTTER. - - -Ich kann ihn nun selber tragen! bemühen Sie sich nicht weiter! Die alte -Frau nahm dem Mädchen den kleinen, mit Koth und Blut beschmutzten -Knaben ab und sich mit kurzem Kopfnicken, ja ohne ein Wort des Dankes -verabschiedend, ging sie in ihr Haus hinein. Verblüfft blieb die -Nachbarin, ein junges, nettgekleidetes Mädchen, mit einem zarten -schüchternen Gesicht vor der Thüre stehen. Warum wurde sie so ohne alle -Förmlichkeit entlassen? Das alte, zahnlose Mütterchen hatte es geduldet, -dass sie ihr den schweren Jungen die ganze, ziemlich lange Strecke von der -Pferdebahn bis zum Hause mehr trug als führte. Freilich hätte sie den -Liebesdienst auch nicht abzulehnen vermocht, selbst wenn sie Lust dazu -gehabt hätte. Der Schrecken war ihr in die alten Glieder gefahren, als das -wilde Kerlchen, noch bevor sie das Zeichen zum Halten gegeben, vom Wagen -sprang, hinfiel und sich das Gesicht aufschlug. Und als das junge Mädchen, -das an derselben Strassenecke abstieg, den kleinen Unband, ohne ein Wort zu -sprechen, auf den Arm nahm, war sie ihr wortlos gefolgt; aber die Blicke, -die sie auf die junge Helferin heftete, zeugten von Allem eher als -von Erkenntlichkeit und Wohlwollen, und der Abschied war entschieden -unhöflich. Merkwürdigerweise hatte sich das Büblein ohne Widerrede von -der Fremden tragen lassen, während es sich oft aus den Armen der alten -Frau sträubend loswand, was das Mädchen vom Fenster aus beobachtet. -So war es vermuthlich grossmütterliche Eifersucht, was die Greisin so -ablehnend erscheinen liess. Eine andere Erklärung konnte Johanna Stirner -dem sonderbaren Benehmen nicht geben. - -Frau und Kind waren ihr nicht ganz fremd, obschon sie ihre Namen nicht -wusste. Seit etwa vier Wochen hatte sie das einfenstrige Gassenzimmerchen -dem Hause der Alten gegenüber gemiethet. Sie war eine Kleidermacherin, -eine Waise, die sich seit dem Tode ihrer Eltern tapfer und ehrlich durch's -Leben schlug. Erst hatte sie Stunden gegeben, aber das Schneidern wurde -besser bezahlt. Ihre Arbeit ernährte sie und gestattete ihr den Genuss -eines der feineren Vergnügen, an die sie in ihrem wohlhabenden Elternhaus -gewöhnt gewesen, den Besuch eines Theaters oder Conzerts oder den eines -befreundeten Hauses, das sich nicht von ihr zurückgezogen, als sie den -Kampf um's Dasein selbständig aufnehmen musste. Ihre Beschäftigung zwang -sie, nahe dem Fenster zu sitzen, und während die flinken Hände in das -feine Zeug stachen, hatte ihr Geist Zeit zum Beobachten und Nachdenken. - -Unwillkürlich formte sie sich die Lebensgeschichte zu den Gesichtern, die -sie in den Fenstern oder auf der Strasse sah. Das alte Paar ihr gegenüber, -das die wärmende Herbstsonne suchte und in ihrem Schein an je einem -Fenster im ersten Stockwerk sass, musste schwere Verluste erlitten haben. -Sicher war es das verbitternde Unglück, das ihnen die herben Linien in -die Gesichter gezogen, wahrscheinlich der Verlust ihrer Lieben. Das junge -Mädchen glaubte zuerst, sie ständen ganz allein, aber bald sah sie einen -wilden kleinen Jungen, der nicht mehr als vier Jahre zählen mochte, in der -Stube herumstürmen und das Oberste zu unterst kehren. Die Alten liessen -ihm wohl zu viel eigenen Willen, denn es kam vor, dass sich der Wildfang -auf das Fenstersims setzte und die kleinen Beinchen in die Strasse -hinabbaumeln lies. Das sah lebensgefährlich aus, aber wenn es ihm die -Grosseltern wehrten, so bemerkte man keine Wirkung davon. Sie sprachen auf -ihn ein, und er blieb unbekümmert auf seiner Warte, bis ihm ein anderer -Einfall durch das Gehirn schoss, er in die Stube zurückkletterte, um -nach ein paar Minuten auf der Strasse unter den wilden, zerlumpten Rangen -aufzutauchen. Sie waren älter als er, aber das hinderte ihn nicht, wie ein -kleiner trotziger Kampfhahn auf sie einzudringen. Putzig genug sah er -aus, wenn er mit seinen Fäusten auf die grossen Bengel loshämmerte, -unbekümmert darum, wohin sie ihrerseits mit ihren Armen trafen. Wenn er -hinab kam, war er sauber und trug gute Kleider, aber eine halbe Stunde -unter seinen Widersachern sah ihn voll Staub und Schmutz und den Anzug in -Fetzen. - -Fräulein Johanna konnte sich nicht enthalten, dem prächtigen -dunkeläugigen Burschen die zerzausten Locken zu streicheln, oder ihm einen -Apfel, ein Stückchen Backwerk zuzustecken, wenn sie an ihm vorbeikam. -Das arme Mädchen ahnte wenig, welchen Missdeutungen sie sich durch ihre -harmlose Freundlichkeit aussetzte. - -»Wieder Eine!« sagte die zahnlose Alte und winkte bedeutungsvoll zu ihrem -würdigen Gemahl hinüber. - -»Sie speculirt,« pflichtete er bei, »dem Kind schmeichelt sie und meint -jemand Andern. Nun, wir sind auch noch da!« - -Da Johanna Abends vom Fenster abrückte und zufällig die ersten Sonntage -bei ihren Freundinnen eingeladen war, wusste sie gar nicht, dass die -interessante Familie über der Strasse noch ein Mitglied zähle; um wie -viel weniger konnte ihr einfallen, dass man ihr niedrige, eigennützige -Pläne auf dasselbe beimesse. Sie wohnte schon eine geraume Zeit in ihrem -Stübchen, bis sie einmal zufällig Abends an das Fenster trat und drüben -einen noch jungen Mann mit einem sehr ernsthaften Gesicht bemerkte. Die -leidenschaftliche Innigkeit, mit der er das Kind liebkoste, fiel ihr auf. -Dann unterhielt sie der Kampf, der in der Regel mit aufgeweckten und nicht -sonderlich lenksamen Kindern ausgefochten werden muss, der Kampf um das -Zubettgehen. Das Kerlchen lief lachend und schreiend vor der Grossmutter -davon, diese mochte bitten und drohen, das sah man an ihren Mienen, aber -ohne einen Eindruck zu erzielen. Zuletzt machte der junge Mann der Komödie -ein Ende, indem er das Kind in den Arm nahm und aus der Stube trug. Ohne -sich zu sträuben, liess es der kleine Junge geschehen, ja er drückte -vergnügt lachend sein Gesicht an das bärtige; -- das war offenbar sein -Papa, der Knabe nicht, wie sie vermuthet, doppelt verwaist. Dann hat sie -auch den jungen Mann hie und da beobachtet; wenn er das Kind nicht bei sich -hatte, wurde sein Gesicht trostlos, abgespannt, das eines Menschen, dem das -Leben nicht leicht fällt. Dem war gewiss mit seiner Frau das beste Theil -gestorben, und das Beisammensein mit den alten Leuten, die seine Eltern -nicht sind, darauf möchte das Mädchen wetten, bietet ihm vermuthlich -keinen vollwichtigen Ersatz für das, was er verloren. Allabendlich setzt -er sich mit ihnen zum Kartenspiel nieder, aber aus der Entfernung kann sie -sehen, dass diese Art Zeitvertreib von ihm als eine einmal übernommene und -ohne Widerstand ausgeführte Pflicht statt als Vergnügen betrachtet wird. -Bleierne Langweile, unzerstörbare Gleichgültigkeit haftet bei Gewinn wie -Verlust in seinen Zügen, während es in den alten Gesichtern gierig oder -enttäuscht aufzuckt und der volle Spieleifer aus ihren hastigen Bewegungen -spricht. -- Wenn sich das Paar endlich zu Ruhe begeben, dann wandert der -Mann noch lange rastlos in dem Wohnzimmer herum; Johanna stellt sich vor, -dass es einst das Glück seiner jungen Ehe umschlossen, und nun von all -den Geistern todter Freuden für ihn bevölkert ist. Eine spuckhafte -Gesellschaft! Kein Wunder, dass sich seine Stirn furcht und das Gesicht -den Ausdruck müder Resignation trägt. Der Mann dauert sie; und sie weiss -nicht einmal, wie sehr er zu bedauern ist. - -Seit drei Jahren steht das alte Paar zwischen ihm und jeder erwachenden -Regung von Lebenslust. Ihnen ist mit ihrem einzigen Kind Alles gestorben; -sie könnten es nicht begreifen, wenn es bei dem jungen Mann anders wäre. -Ein eifersüchtiger Liebhaber könnte nicht ängstlicher seine Herzensdame -bewachen, als die beiden Greise ihren Schwiegersohn. Es ist eine -böse Welt, voller Fallstricke. Ihr Alter und ihr Missgeschick hat sie -argwöhnisch gemacht. Am Ende ist es doch nur Liebe, wenn auch eine -verzerrte, missartete, die ihr sonst unverantwortliches Beginnen diktirt; -sie können sich nicht darein finden, eine Andere die Stelle einnehmen zu -sehen, die ihr einziges Kind ausgefüllt. Und sie zittern für Ivo, ihr -Enkelkind, dem eine Fremde nicht die Zärtlichkeit entgegen trüge, die er -bei ihnen findet. Wo könnte der kleine Schelm, der kaum ein Jahr zählte, -als ihm die Mutter starb, besser aufgehoben sein, als bei den Grosseltern? -Die alte Frau hat manche Nacht bei dem Kleinen durchwachen müssen, die -Last und Plage, die solch ein junges Menschenkind verursacht, war für ihre -Jahre nichts Geringes. Ivo's Vater wäre ein verhärteter Bösewicht, wenn -er der grossen Opfer nicht dankbar gedächte und die kleinen Schrullen -übersähe. Dass sie in jeder Frauengestalt, die in seinem Gesichtskreis -auftauchte, eine gewissenlose Glücksjägerin witterten, dass sie und ihr -Mann nicht müde werden konnten, ihn zu warnen und über die unlauteren -Beweggründe für jedes freundliche Wort, an ihn gerichtet, für jede -Liebkosung, die der schöne kleine Bursche empfing, aufzuklären, -erschien ihm allerdings nicht gerade als ein Beweis von liebenswürdiger -Gemüthsart, auch trug es nicht dazu bei, ihm das Zusammenleben mit ihnen -besonders erfreulich zu gestalten. Aber um ihn handelte es sich nicht, -ihn hielt sein Beruf den ganzen Tag vom Hause fern; wenn er sein Kind -treu behütet wusste, so hatte er wohl alles erreicht, was ihm sein armes, -verstörtes Leben noch zu bieten vermochte. Diese nimmermüde Sorgfalt, -die keine andere Hand dem Knaben widmen würde, war ein Dogma. In der Obhut -seiner Grosseltern konnte ihm nichts geschehen, es war unmöglich bei ihrer -unausgesetzten Wachsamkeit! Und nun hatte sich der Junge blutig geschlagen, -als er mit der Grossmama aus dem Park heimfuhr, und um ihr keinen Tropfen -in diesem bittern Kelch zu ersparen, musste eine Fremde ihm zu Hilfe eilen, -nein, keine Fremde, eine Harpye, die schon seit Wochen darauf lauerte, -über den gedeckten Tisch herzufallen, die vermuthlich das einfenstrige -Zimmer nur um ihrer versteckten Pläne willen gemiethet und mit geübter -Hand Zug um Zug auf ihrem Schachbrett gethan. Schon sah die Alte ihren -leichtgetäuschten Schwiegersohn in den Banden einer berechnenden Frau, Ivo -bei Seite geschoben und rauh angefahren, da griff sie denn nach dem ersten -Ausweg, der sich ihr offenbarte, sie hiess den Jungen über den Vorfall -schweigen. Papa würde sehr böse werden, wenn er erführe, dass Ivo vom -Wagen abgesprungen, bevor dieser hielt, schärfte sie ihm ein und blickte -höhnisch zu der Nachbarin hinüber, die nun wieder emsig arbeitend beim -Fenster sass, um sich durch ihren Fleiss »ein gutes Bild einzulegen.« -Für diesmal war ihr das Spiel verdorben. Die Alte hätte kein schlechteres -Mittel ergreifen können; und wäre nicht schon eine so lange Zeit -verstrichen, seit sie ihr eigenes Kind erzog, sie wäre sicher nicht darauf -verfallen. Ivo war, wie die meisten lebhaften, aufgeweckten Kinder kein -Grübler; er hätte bis zum Abend den Hautriss sammt dem Pflaster darüber, -das zarte Mädchengesicht, das sich über ihn gebeugt, das mitleidige -»Hast Du Schmerzen, Du armer Schelm?« vollkommen vergessen, wenn das -Verbot nicht gewesen wäre. Das erhielt den ganzen Vorfall frisch in seinem -Gedächtniss, und verlieh ihm eine tiefe Bedeutung. Und als Papa am Abend -gleich beim Kommen, das Pflaster auf der Stirn bemerkend, auf seine -Frage von Grossmama die Antwort erhielt, Ivo habe sich an der Tischkante -gestossen, wurden die Augen des Kindes sehr gross. Grossmama hatte gelogen, -ein guter Theil ihrer Autorität war für immer dahin. Hartnäckiger als -sonst wehrte sich der Kleine gegen sie, als sie ihn zu Bett bringen wollte. -Aber hartnäckiger als sonst, bestand sie heute auf ihrem Willen; es war -nicht rathsam, Vater und Kind an diesem Abend sich selber zu überlassen. -Aber als sie Ivo trotz seines Sträubens ergriff, schrie er: »Lass mich, -oder ich sage dem Papa, dass ich vom Wagen gefallen bin!« - -Ihr fielen die Hände vor Schreck in den Schooss, und ohne Widerstand -duldete sie es, dass der Teufelsjunge sich von Papa emporheben und aus -dem Zimmer tragen liess. Erst nach einer Weile folgte sie ihnen, um ihrem -Schwiegersohn beim Auskleiden des kleinen Prinzen zu helfen, aber der lag -schon im Bett, mit beiden Händchen um den Hals des Vaters, der seinen Kopf -auf das Kissen neben den des Kindes gelegt; es war wie gewöhnlich; kein -Anzeichen, dass der Range geplaudert und alle Mühe umsonst gewesen. -Beruhigt zog sie sich zurück. Sie ahnte nicht, was ihr der nächste Morgen -bringen würde. - -Es war ein Sonntag, ein schöner, milder Frühlingstag. Grossmama sah -kein Arges darin, dass ihr Schwiegersohn bat, dem Kinde sein bestes Kleid -anzulegen. Vermuthlich führte er ihn, wie er es fast jeden Sonntag that, -in den Park spazieren. -- Als der junge Mann und das Kind der Thüre -zuschritten, wandte sich der Erstere nochmals um: »Ich hoffe, Grossmama, -wir werden zur rechten Zeit zurück sein, doch sollten wir uns, wider -Erwarten, verspäten, dann nehmt das Essen ohne uns ein. Ich beabsichtige, -mit Ivo einen Besuch zu machen.« - -Einen Besuch? Seit dem Tode, nein schon seit der Erkrankung seiner Frau -hatte er nicht daran gedacht, ein fremdes Haus zu betreten, fing er auf -einmal an, der Aussenwelt Interesse abzugewinnen? Der Alten erschien dies -wie eine Beeinträchtigung ihrer todten Tochter. - -»Wohin willst Du mit Ivo gehen?« fragte sie und wischte dem Kinde über -das ohnehin blanke Gesichtchen; sie hatte kein Recht zu der Frage, aber -ihre Wissbegier trug manchmal den Sieg über ihre Klugheit davon. - -»Selbstverständlich zu dem jungen Mädchen, das meinem Kinde Beistand -geleistet. Es war nicht recht, Grossmama, dass Du mir den Vorfall -verheimlicht. Die junge Dame müsste uns für Leute ohne Lebensart -und Erziehung halten, wenn wir ihr nicht einmal unseren Dank dafür -aussprächen, dass sie den schweren Jungen bis zum Hause trug.« - -Nun lag ihm schon an der Meinung einer wildfremden Näherin. Grossmama war -wüthend. - -»Ich hatte es vergessen,« sagte sie, mühselig eine gleichgültige Miene -behauptend, »gedankt habe ich ihr für die kleine Mühe übrigens schon -gestern. Sie wird wohl wissen, weshalb sie sich sie nahm. Wäre mein armes -Kind noch am Leben, dann hätte die drüben gewiss keine Hand nach Ivo -ausgestreckt.« - -»Ja,« schnarrte Grosspapa von seinem Sitz am Fenster dazwischen, »sich -selbst sein Brod verdienen, das ist ein unangenehmes Geschäft für eine -junge Dame, viel besser, man setzt sich in ein wohleingerichtetes Haus -hinein, selbst wenn man so ein lästiges Anhängsel,« er wies auf Ivo, -»mit in Kauf nehmen muss.« - -»Da stösst man dann in alle Ecken«, wehklagte seine Gemahlin, »ich habe -es nicht einmal, nein Dutzendmal mit angesehen. Wenn ein Kind den Vater -verliert, so ist es traurig, aber mit der Mutter büsst es alles, alles -ein.« Beschwörend streckte sie die Hände nach ihrem wie auf Kohlen -stehenden Schwiegersohn aus. - -»Franz, wenn Du dem Knaben eine Stiefmutter giebst, sieh' nicht auf Jugend -und Schönheit, sieh' nur, ob sie ein Herz zu dem Kind fassen kann!« - -»Ich weiss nicht, was Dir einfällt, Grossmama,« sagte der junge Mann -unwirsch, »ich denke nicht daran, mich wieder zu verheirathen. Mein Sohn -ist bei Euch gut aufgehoben, und ich kann doch nie wieder so glücklich -werden, wie ich es mit Marie gewesen.« - -Das war eine Beruhigung für die Alten, aber Franz ging ärgerlich, aus -seiner gewöhnlichen Gelassenheit aufgerüttelt, davon. Die Beschwörungen -und Prophezeihungen wickelten ihn in einen grauen dicken Nebel ein, durch -welchen er die Welt in ziemlich trübseligem Licht erblickte. Zuletzt that -es ihm leid, dass er so bestimmt seine Absicht angekündigt, der Nachbarin -in Person zu danken. Was sollte ihm der Verkehr mit einer Fremden? Er war -durch sein Unglück an Einsamkeit gewöhnt, fühlte sich am wohlsten allein -oder in der Gesellschaft seines Kindes. Die Alten hatten nicht Unrecht, -er that am besten, wenn er sein leckes Lebensschifflein abseits von den -anderen Seefahrern lenkte, die unter vollem Segel hinglitten und vom Leben -noch Glück und erfüllte Verheissungen erwarteten. Vielleicht hatten sie -auch recht mit ihren Warnungen; sie kennen die Nachbarin seit längerer -Zeit, haben sie beobachtet, während er sie noch kaum bemerkte. - -Ivo hat heute nicht viel Vergnügen von seinem vor sich hingrübelnden -Papa. Aber er verlangt von dem traurigen Mann nicht, dass er sich so -unausgesetzt mit ihm beschäftige, wie es die Grosseltern thun, die ihn -mit ihren Lehren und ihrer Beaufsichtigung gar oft langweilen. Er ist schon -zufrieden, wenn er mit seinem Papa sein, neben ihm hergehen kann, vergebens -bemüht, seine Schritte den weitausgreifenden anzupassen. Im Park setzt -sich Franz auf eine Bank, der Kleine befriedigt an seine Seite. Nach einer -Weile wird er des Stillsitzens überdrüssig und beginnt, die schönen -gelbfarbigen und purpurrothen Blätter aufzulesen, die der Herbst auf den -Rasen verstreut. Ein ganz unterhaltendes Geschäft, und wenn man die minder -schönen immer wieder gegen besser gefärbte vertauschte, mag es auch für -eine geraume Zeit vorhalten. - -Der Vater trifft Anstalten, sich von seinem Sitz zu erheben und blickt nach -dem Knaben aus. Beide Hände voll mit seiner prächtigen Beute eilt er auf -ihn zu. Franz ist soeben zu dem Entschluss gekommen, es sei am besten, nach -Hause zu gehen und der Fremden einige Zeilen des Dankes zu schreiben, denn -er ist des Verkehrs mit Frauen vollkommen entwöhnt, und die Worte der -Alten haben, ohne dass er es sich gestehen mag, ihren Einfluss auf ihn -nicht verfehlt. Da sagt Ivo: - -»Die rothen und gelben Blumen bringe ich alle dem schönen, grossen -Mädchen, das mich nach Hause getragen hat. Die wird sich freuen!« - -Es war feuchtkalt in den Zimmern. Die Sonne schien plötzlich ihre -ganze Macht eingebüsst zu haben. Grossmama sass, in einen dicken Shawl -gewickelt, am Fenster und blickte ingrimmig zu der Nachbarin hinüber. Was -sie sah, war aber auch wirklich geeignet, ihrem Verdacht Nahrung zu geben, -und ihr am Nebenfenster gleich einer grossen grauen Spinne lauernder -Gemahl, ein heimtückischer Greis, der sich freute, für seine geringe -Meinung von der Menschheit im Allgemeinen an besondern Fällen eine -Bekräftigung zu finden, verstand es trefflich, durch gelegentliche -boshafte Bemerkungen, wie »wenn sie das Kind mit ihrer Zärtlichkeit nur -nicht erdrückt!« oder »Franz scheint sich gar nicht von drüben trennen -zu können,« das Feuer zu schüren. Franz war ein ungelenker, steifer -Geselle, seit er sich in seinem Umgang auf die zwei alten Leute -beschränkte. Er hatte sich auf den Sessel gesetzt, den ihm die Nachbarin -angeboten, und nachdem er, unbeholfen genug, seinen Dank für die -geleistete Hülfe ausgesprochen, versank er in ein bedrückendes -Stillschweigen. Das junge Mädchen war zu schüchtern, um es zu -unterbrechen. Im Hause ihrer Eltern, mit dem Rückhalt, den ihr deren -gesicherte Lebensstellung gewährt, war sie heiter, lebhaft und gewandt -gewesen; seit sie sich allein durch's Leben schlagen und und von -hochmüthigen Kunden manche Demüthigung hinnehmen musste, war sie -gedrückt, zurückhaltend, und nur wenn sie freundlichem Entgegenkommen -begegnete, schaute sie auf, und ihre ehemalige liebenswürdige -Gesprächigkeit trat zu Tage. Beide hatten im ersten Augenblick nicht den -günstigsten Eindruck von einander empfangen; Johanna hielt ihren Gast für -hochmüthig, -- (das arme Kind war seit den trüben Erfahrungen, die sie -gemacht, nur zu geneigt, diese Eigenschaft bei ihren lieben Nächsten -vorauszusetzen) -- er dachte, sie wäre eine hübsche geist- und leblose -Kaminfigur und blickte sehnsüchtig nach der Thür, im Stillen die -Augenblicke zählend, bis er sich ohne Verstoss gegen die Schicklichkeit -wieder empfehlen konnte. Nur Ivo fühlte sich wie zu Hause. Ihn würde -der Glanz und die Hoheit eines Königshofes vermuthlich auch nicht im -Geringsten eingeschüchtert haben. Uebrigens kam er nicht mit leeren -Händen, das musste ihm jedenfalls einen freundlichen Empfang sichern. - -»Da«, sagte er mit grosser Wichtigkeit, die gelben und rothen Blätter, -die er auf dem Wege durch krampfhaftes Festhalten um ihre natürliche Form -gebracht, Johannaen darreichend, »das alles gehört Dir. Freust Du Dich?« - -Es war wie eine Erlösung, die frische, helle, sorglose Kinderstimme in das -drückende Schweigen hineinklingen zu hören. Kein Wunder, dass Johanna -den kleinen Jungen umfasste, herzlich abküsste und auf den Schooss nahm. -Weggewischt war alle Verlegenheit und Zurückhaltung, das junge bildschöne -Kind, das sich so eng an sie schmiegte, dessen warmen Athem sie an ihrer -Wange spürte, wusste nichts von Ueberhebung, wollte nicht verletzen. -Mochte der steife Patron auf dem Sessel drüben mit sich zurechtkommen, -wie er wollte, sie hatte ihren Zeitvertreib. Und nun kam sie ins Plaudern. -Jedes Wort verrieth das Mädchen von Bildung und Verstand, das sich in -gemüthvoller Herzlichkeit zu dem Fassungsvermögen des kleinen Burschen -herablässt. Ihr silbernes Fingerhütchen, das sie selbst heute nicht -abgelegt, da sie trotz des Sonntags ein Kleid anzufertigen hatte, wurde -nun ein undurchdringlicher Panzer, die spitzen Nadeln, Lanzen und Spiesse, -jeder Finger ein wackerer Ritter. Welch ein Turnier entwickelte sich zu -Gunsten Ivo's, der vor Spannung und Entzücken den Athem anhielt. Mit -grossen Augen sah Franz die Umwandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen, -seit sie das Kind auf dem Schooss hielt. Von dem kleinen Medium konnte er -ja auch Nutzen ziehen. Und nun entwickelte sich das anmuthige Spiel, -das die Grossmama und ihren würdigen Gemahl mit so berechtigtem Unmuth -erfüllte. Sobald Ivo von Johanna's Schooss herabgeklettert und irgend -eine fabelhafte Herrlichkeit auf dem Kamin des Parlors, der Johanna's -Hauswirthen gehörte, zu bewundern, hielt sein Papa ihn an und begann -ihm die Haare zurecht zu streichen, einmal in die Stirn und dann zur -Abwechslung aus der Stirn. Dabei sprach er durch ihn zu der Nachbarin. - -»Du darfst das Fräulein nicht so belästigen, Ivo.« Natürlich -versicherte sie, er mache ihr keine Mühe. Dann erklärte ihm sein Papa auf -das Nachdrücklichste, sie sei zu gütig gegen ihn, und er verdiene so viel -Nachsicht und Freundlichkeit nicht. Darauf zog sie ihn wieder zu sich, um -den eiteln kleinen Burschen, der vor Freude hochroth im Gesicht wurde, ein -dunkelblaues Band, das ihr von der Näherei übrig geblieben, als Cravatte -um den Hals zu knüpfen. Das erinnerte ihn an die Zeit, da Ivo's Mutter -kein grösseres Vergnügen gekannt, als das winzige Kind mit Schleifen und -Bändern herauszuputzen. Das eine seiner Händchen haltend, sprach er von -jenen schönen Tagen, sie fasste das andere und war ganz Mitleid für das -Kind. Ivo hielt prachtvoll still in seiner Blitzableiterrolle, die den -Beiden über ihre Verlegenheit hinweghalf. Er liess sich von Johanna die -Bilder in der »Gartenlaube« erklären und zeigte dann jedes dem Vater -hinüber, eine sehr drollige Erläuterung in seiner Manier dazugebend. -Und unvermerkt verstrich die Zeit. Hüben und drüben gab es mit jedem -Viertelstündchen mürrischere Gesichter. Ivo's Grosseltern warteten, -trotzdem ihre Essensstunde bereits vorüber war, mit der Sonntagstafel; -dasselbe thaten Johanna's Hauswirthe. Aber beide erschöpften sich dabei -nicht gerade in Segenswünschen für die Schuldtragenden. - -Endlich als die Hausfrau ihr ältestes Töchterchen mit der Botschaft -hereinschickte, die Familie könne nicht länger warten, erhob sich Franz, -erstaunt und erschrocken über die ungebührliche Länge seines ersten -Besuchs; aber das junge Mädchen war nun in die Freuden und Leiden seines -Lebens eingeweiht, sie wusste von seinem kurzen Glück und der langen -trostlosen Zeit, die demselben gefolgt. Auch sie hatte mit ihren -Mittheilungen nicht gegeizt. Beiden war es ein seltener Genuss, einmal zu -einem wirklich theilnehmenden Ohr von dem eigenen Schicksal zu sprechen, -und er kannte nun ihr Elternhaus, ihre friedliche sorglose Kindheit und die -harten Schläge, die sie betroffen, als wäre er ein alter Freund. Sprechen -wir nicht von der Sonntagstafel. Hüben wie drüben hätte sie den Beiden -eigentlich durch die missmuthigen Gesichter am Tisch vergällt werden -müssen, aber sie bemerkten nichts davon. Beide waren in Gedanken noch -immer bei dem angenehmen Stündchen, Beiden schien's, als sei ihnen etwas -von ihrem alten Leben zurückgekehrt. Ivo vollends war unausstehlich. Wäre -dies dem verwöhnten Enkelchen gegenüber nicht gar so unmöglich gewesen, -die Grosseltern hätten ihm vermuthlich mehr als einmal barsch Schweigen -geboten. Er wurde nicht müde, von der Tante zu sprechen; alles, was er -drüben gesehen, war viel schöner als daheim, Grossmutter besass nur -einen gewöhnlichen Fingerhut und nichts anderes, ihr Kuchen hielt keinen -Vergleich mit dem aus, den ihm Johanna gegeben, und eine solche Cravatte -wie die, welche sie ihm umgebunden, fand sich im ganzen Hause nicht vor. - -Auch fiel seine Begeisterung nicht so schnell in todte Asche zusammen, wie -es sonst bei Kindern der Fall ist. Sobald ihn die Grossmama des Morgens -angekleidet, wand er sich geschmeidig wie ein Aal aus ihren Händen, -polterte die Treppe hinab und winkte ihr nach einigen Augenblicken, -ahnungslos über ihren Verdruss vom Fenster gegenüber lachend zu. Selbst -die betrübende Thatsache, dass er bei der neuen Tante artiger sein musste, -als daheim, dass die enge Stube mit dem angehäuften Nähgeräth seinem -Umhertollen nur ein sehr begrenztes Gebiet gestattete, dass er die -Nähereien nicht verwirren und mit der Scheere dem Aufputz und den Stoffen -nicht nahe kommen durfte, wirkte nicht abkühlend auf seinen Enthusiasmus. -Der rauhe Wind mochte ihm den Aufenthalt auf der Strasse verleiden, und -ehe er sich bei den Grosseltern langweilte, die in der That in ihrer -mürrischen Verbitterung nichts mit dem quecksilbernen Jungen anzufangen -wussten, trug er, mit so viel Geduld, als er aufzutreiben vermochte, die -ungewohnten Zügel. Es wurde ihm nicht allzu schwer gemacht. Während -Johanna flink die Finger rührte, bevölkerte sie für ihn das enge -Stübchen mit all den trauten Gestalten des deutschen Märchen- und -Sagenschatzes; er lauschte ihr in athemloser Spannung und verfiel nur -selten auf eine seiner kleinen Teufeleien. War es jedoch einmal der Fall -und sprach ihm Johanna ernst und eindringlich in's Gewissen, dann senkte -er bussfertig den Lockenkopf und versprach volle Besserung. Selbst daheim -hätten die Grosseltern eine gewisse Milderung seiner wilden Sitten -bemerken müssen, wenn sie dazu geneigt gewesen wären. Aber wenn Johanna -sich mit dem Kinde Mühe nahm, so legte sie nur Fallstricke, um dessen -verblendeten Vater zu fangen. Grossmama nahm sich kein Blättchen vor den -Mund, sie hielt mit ihrer Meinung über die Sirene nicht zurück; freilich -erzielte sie mit ihren Anklagen ein gar sonderbares Resultat. Immer -häufiger richteten sich Franzens Blicke auf das Fenster gegenüber, immer -heller wurde seine Miene, immer mehr verschwand der Trübsinn aus seinem -Blick. Sonst hatte ihm nichts solchen Verdruss erregt, als wenn er Abends -beim Nachhausekommen den Knaben nicht vorfand; jetzt schien es ihm ein -besonderes Vergnügen zu machen, ihn von drüben abzuholen und dabei eine -Viertelstunde mit der Nachbarin zu verplaudern. Grossmama ging den ganzen -Tag wie ein drohendes Gewitter herum, und ihr Gemahl glich mehr als je -einer grossen grauen Spinne, die auf eine unschuldige Fliege lauert. -Zuletzt lief sie ihnen ahnungslos in's Garn. Ivo hatte sich erkältet -und musste das Bett hüten. Mit der Hartnäckigkeit eines kranken Kindes -verlangte er seine Tante Johanna. Grossmama schleppte ihm Spielzeug und -Näschereien in's Bett, aber nichts vermochte seine Gedanken abzulenken. -Papa war früher als sonst aus seinem Geschäft gekommen und hörte noch -vor der Zimmerthür das Kind nach der Tante verlangen. - -»Warum habt Ihr sie nicht gebeten, herüberzukommen?« fragte er arglos, -»Fräulein Stirner ist die Gefälligkeit selbst und Ivo ihr besonderer -Liebling. Sie wäre ohne Bedenken an sein Bettchen geeilt.« - -»Das glaube ich,« versetzte Grosspapa, »an Bedenken scheint die junge -Dame überhaupt nicht zu kränken.« - -Und »Ivo ihr Liebling,« rief höhnisch seine bessere Hälfte, »solche -berechnende Geschöpfe haben für Niemand eine Neigung als für sich -selbst.« - -Dem jungen Mann schwoll die Zornader auf der Stirn, aber er hielt an sich. - -»Möchtet Ihr nicht, wenn schon nicht aus Rücksicht für mich, so -doch Euer graues Haar bedenkend, etwas weniger gehässig von einem -Wesen sprechen, das unserem Kinde bisher nichts als die selbstloseste -Freundlichkeit erwiesen? Nein, spottet nicht,« -- kam er, als sie sprechen -wollten, ihnen zuvor, »Ihr werdet mich sonst dadurch zu einen Schritt -veranlassen, vor dem Ihr mich bewahren wollt!« - -So hatte er noch nie gesprochen. Wenn sie ihn auch verdächtigten, er habe -ihre todte Marie bereits vergessen, so hatte er bisher doch jeden Gedanken, -ihr eine Nachfolgerin zu geben, kurz von der Hand gewiesen, bestürzt zogen -sich die Verschworenen in die Wohnstube zurück, den Vater bei dem Kinde -lassend. Er hätte, wenn er horchen gewollt, sie murren und grollen -und Pläne schmieden hören können, aber jedenfalls flösste ihm Ivo's -Geplauder, in welchem das junge, blasse Mädchen von drüben beständig -wiederkehrte, theils wegen des Gegenstandes, theils wegen des Sprechers -mehr Interesse ein. Am nächsten Morgen hielt er das widerspenstige Kind -durch das Versprechen, heute werde die Tante gewiss kommen und sich freuen, -ihn so folgsam zu sehen, im Bettchen fest. Bevor er das Haus verliess, -theilte er den Alten mit, er wolle die Nachbarin herüberbitten. »Ich -brauche Euch wohl nicht zu erinnern, dass ich meines Sohnes beste Freundin -in meinem Hause mit aller Rücksicht behandelt sehen will,« sagte er -beim Abschied. Die Grossmama nickte mit dem Kopf, aber nicht wie zur -Bestätigung seiner Rede, sondern zu einer, die sie sich selber hielt. In -gemeinverständliches Deutsch übersetzt, mochte es bedeuten: »O warte -nur, Du sollst sehen, wie ich mich vor Deinen lächerlichen Drohungen -fürchte!« Und Grosspapa goss nach seiner lieblichen Gewohnheit Oel in's -Feuer. »Geh doch in die Küche, Kuchen backen für den seltenen Gast! -Und vergiss die guten Tassen nicht, die Marie zur Hochzeit bekam. Unsere -glatten, weissen sind nicht vornehm genug für die Nähmamsell!« - -Sie sahen noch, wie Franz über die Strasse ging, drüben die Klingel -zog und in das Haus trat. Grossmama hatte Furcht, er werde das Geschäft -versäumen, aber so verhängnissvoll war der Einfluss von »der drüben« -doch noch nicht geworden; nach ein paar Minuten trat er wieder auf die -Strasse hinaus, allerdings mehr aus dem Grunde, weil er das junge Mädchen -vor ganzen Bergen von Arbeit überrascht, als weil ihn sein geschäftliches -Gewissen aus ihrer Nähe vertrieben. Sie wollte die erste freie Minute -benutzen, um nach dem kranken Ivo zu sehen. Sie hatte so besorgt nach -ihm gefragt und wirklich erleichtert aufgeathmet, als sie erfuhr, seine -Krankheit sei unbedenklich; ob wohl Grossmama auch darin Zeichen von -Berechnung zu entdecken vermöchte, fragte sich der junge Mann lächelnd. - -Mit einem Freudengeschrei, das ihm gleich darauf einen tüchtigen -Hustenanfall zuzog, begrüsste der Knabe seinen Gast. Bei seinem Entzücken -übersah sie zuerst den kühlen Empfang, den ihr die beiden Alten zukommen -liessen. Auch als sie sich über das geringe Vergnügen, das ihr Kommen -in ihnen erregte, nicht länger täuschen konnte, war sie billig genug, -einzusehen, dass Ivo, der um ihretwillen die Grosseltern in der letzten -Zeit ziemlich vernachlässigt, ein wenig Eifersucht begreiflich machte. -Unbehaglich wurde ihr nur zu Muthe, als wirklich die bemalten Tassen zum -Vorschein kamen und die beiden Alten sich mit säuerlichen Gesichtern zu -dem an Ivo's Bett gerückten Tisch niedersetzten. O, es entstanden keine -solchen Pausen, wie bei dem ersten Besuch, den Franz ihr gemacht! Grossmama -sprach unaufhörlich auf den Gast ein, und wenn sie, um Athem zu schöpfen, -innehielt, dann fiel der alte Mann mit seiner krächzenden Stimme ein und -machte irgend eine Bemerkung, die sich wie mit Widerhaken in Johannas Seele -verfing. Ein ausgezeichnetes, ein exemplarisches Paar! Wovon konnte sie -die Fremde unterhalten, wenn nicht von ihrer todten Tochter, die solch ein -Musterbild aller Tugenden gewesen: »ganz anders als die Mädchen, die man -jetzt sieht, und die nur für den Putz und das Geldhinauswerfen geschaffen -sind«, schnarrte der Alte mit einem Blick auf Johannas neumodischen, in -Feierabendstunden mühselig zusammengeschneiderten Anzug dazwischen, dann -wieder Grossmama: »Was war Marie für eine Hausfrau, wie behaglich, wie -angenehm wusste sie es ihrem Manne zu machen, und wie hingen die Beiden -auch aneinander!« So ging es in einem Zug fort. Die Geschichte von -Franzens Glück, die sie einmal aus seinem Mund vernommen, musste sie nun -noch einmal hören, aber von den Lippen der Alten klang sie schier wie ein -Vorwurf gegen ihn. Wie durfte er sich unterfangen, noch einmal lachen und -fröhlich sein zu wollen. Grossmama erliess ihr nichts; sie musste auch die -ganze Krankheit und das Ende Maries mitmachen, Franzens Verzweiflung und -das Versprechen, das er, wenn auch nicht gerade in Worten, geleistet, ihr -nie eine Nachfolgerin zu geben. Warum erzählte sie ihr dies, warum warf -der tückische Greis höhnisch darein: »Und an dieser Thatsache werden -alle mannstollen Glücksjägerinnen nichts ändern!« Ihr zog sich das Herz -zusammen. Ein ungeheures Mitleid mit Franz, dessen Hausgenossen, dessen -einziger Verkehr mit der Welt sie waren, überkam sie. Die beiden Alten -erinnerten sie, wenn sie sich so gegenübersassen mit den nickenden -boshaften Köpfen, an zwei chinesische Götzen. Sie wäre um Ivo's Willen -noch gern geblieben, aber das Pärchen ward ihr unheimlich, und sie erhob -sich. Doch so leichten Kaufes liessen die Alten sie nicht los. Sie musste -sich noch all die Opfer erzählen lassen, die sie für den Enkel gebracht, -sie musste sich noch in kaum nichtzuverstehender Weise andeuten lassen, -dass man die Motive ihrer Freundlichkeit gegen das Kind, und warum sie es -den Grosseltern so häufig entziehe, ganz wohl verstehe. Kein Wort wurde -gesagt, dass sie als offenkundige Beschuldigung oder Unhöflichkeit deuten -konnte. Nun ja, solch ein Kind lernt bei jungen Leuten leicht die alten -vergessen: oder mit der biedersten Miene von der Welt »der kleine Ivo muss -es entgelten, dass sein Papa eine gute Partie ist, was schleppt er nicht an -Bändern und Süssigkeiten in's Haus!« - -Johanna hatte ihm wiederholt erlaubt, sich die glänzenden Flitter, die ihm -gefielen und die keinen Werth mehr hatten, nach Hause zu nehmen, auch einen -und den andern Leckerbissen liess sie dem kleinen Naschmäulchen zukommen. -Kaum konnte sie ihre Thränen zurückhalten, aber als sie auf ihre Stube -gelangte, weinte sie lange und schmerzlich. Die Alten hatten in einer -Hinsicht Recht; Franz war ihr nicht gleichgültig geblieben; wie wäre -dies auch möglich gewesen, da er der Erste war, der dem alleinstehenden, -verlassenen Mädchen mit menschlichem Antheil entgegen gekommen! Auch das -Kind hatte sich ihr in's Herz gestohlen. Kaum wusste sie, ob sie den -Vater um des Kindes willen, oder das Kind wegen seines Vaters liebe. Aber -eigennützige Berechnung, ja selbst der Gedanke, er könne sie einmal als -seine Frau, als Mutter seines Kindes in das verwaiste Haus führen, waren -ihr fremd geblieben. Was half ihr aber ihr reines Bewusstsein, wenn die -bösen Alten, ja wenn vielleicht er selbst sie für eine selbstsüchtige -Männerjägerin hielten. Sie hatte ihre Thränen kaum getrocknet, als -ihre vierschrötige Hauswirthin an die Thüre klopfte, um sich über die -Unordnung zu beklagen, welche die herumfliegenden Fädchen und Läppchen -von Johannas Schneiderei im Hause verursachten. Sie kam ihr eben -recht. Fort aus der Strasse, fort aus dem Hause, wo sie eine solche -Verdächtigung, so bitteres Leid erfahren! Das war das Einzige, was ihr -nach den Hornissenstichen des würdigen Paares übrig blieb. Sie kündigte. - -Kaum hatte die Hauswirthin das Zimmer verlassen, fing sie ihre Sachen zu -packen an. Mit höhnischem Winken und Deuten sahen sie die Alten drüben -bei dem Geschäft; aber es wurde ihnen etwas weniger behaglich zu Muthe, -als Franz, auch heute früher als gewöhnlich heimkehrend, gleichfalls den -offenen Koffer und das geschäftig hin- und hereilende Mädchen sah. Ivo -hatte sich beklagt, die Tante sei so schnell fortgegangen, er habe ihr -nicht einmal einen Kuss geben können. Und Franz wusste, dass die Alten -irgend eine Miene gegraben. Er nahm seinen Hut und eilte, ohne ein Wort -zu sprechen, hinüber. Johanna hatte die Herbstblätter, die sie mit Wachs -überzogen, und in eine Vase gestellt, von dem Kaminsims herabgenommen. Sie -wollte sie wegwerfen; aber das Kind hatte ihr eine Freude machen wollen; es -konnte nichts dafür, dass sie ihr vergiftet worden war. Sie wollte sie -in den Koffer legen zum Andenken, dass sie glücklich gewesen und zwei -Menschen von Herzen lieb gehabt. Da hörte sie Tritte auf der Treppe, -die ihr das Blut in's Gesicht jagten, ein Pochen an der Thür, das ihr -»Herein« zittern, kaum vernehmlich klingen liess. Franz trat ein. Mit -einem Blick hatte er die Sachlage erfasst. - -»Ich habe von drüben recht gesehen,« sagte er traurig, »Sie wollen uns -entfliehen, meinem armen Knaben und mir?« -- Sie wollte etwas antworten, -aber da hatte er schon ihre Hand gefasst, und der wortkarge Mensch wurde -förmlich beredsam: - -»Gehen Sie nicht von uns, Johanna! Sie haben mich wieder das Leben -schätzen, meinen Knaben die vorsorglich lenkende Mutterhand kennen -gelehrt. Bleiben Sie bei uns!« - -Sie stand fassungslos. - -»Ivo's Grosseltern haben mir die Deutung gegeben, wie die Welt von meinem -harmlosen Verkehr mit Ihnen und Ihrem Kinde denkt,« sagte sie bitter. Sie -wies auf die zusammengerollten Blätter. »Sehen Sie, so ist mein Inneres. -Vor einer Stunde war noch alles frisch und grün, aber nun hat die Welt -einen Herbstschleier angelegt, und ich fürchte, ich könnte nicht mehr -unbefangen mit Ihnen sprechen, es ist zu Vieles in mir welk und dürr -geworden.« - -»Vergessen Sie, dass die alten Leute Sie beleidigt; sie sind grämlich, -durch den Tod ihres einzigen Kindes verbittert. Aber sie werden meiner Frau -die Achtung nicht versagen, und mit der Zeit, Johanna, gewinnst Du auch -ihre Zuneigung. Ich war nicht besser als sie, da ich Dich kennen lernte, -und bin durch Dich verwandelt worden. So wird es, so muss es ihnen auch -ergehen.« Er fasste ihre Hand mit den Herbstblättern, die raschelnd, -dürr zu Boden fielen, sie selber sank, erglühend wie eine Mairose, an -seine Brust. - - - - -SCHWIEGERMÜTTERCHEN. - - -Mama Hellmer hatte nur eine Sorge in ihrem sonst recht angenehmen und -behaglichen Leben (freilich eine Sorge, so gewaltig und alles verschlingend -wie der Leviathan); sie fürchtete, ihr grosser gutmüthiger Junge mit -dem Pudelkopf, ihr grösster Stolz und ihre einzige Freude, werde sich die -Finger oder auch die ganze Hand verbrennen, wenn er an's Freien ging. - -Zu ihrer Entschuldigung sei hier bemerkt, dass sie sehr unglücklich -verheirathet gewesen war, dass ihr Mann, ein ganz auserlesener Taugenichts, -ihr alles erdenkliche Herzeleid zugefügt hatte. - -Das lag nun weit hinter ihr; sie hatte manches Jahr vom frühen Morgen bis -in die dunkle Nacht hinein unermüdlich gearbeitet, genäht, gestrickt, in -allen erdenklichen Künsten und Wissenschaften unterrichtet und sich -mit ihrem Jungen tapfer durch's Leben geschlagen. Ja, durch eine Kette -unendlicher Opfer hatte sie es sogar vermocht, ihm eine Erziehung geben zu -können, wie sie selbst manchem Sohn aus wohlhabendem Hause versagt blieb. -Nun hatte er ihr schon seit manchem Jahr alle Mühe und Plage abgenommen -und sie in eine behagliche, sauber und zierlich wie ein Puppenheim -ausgestattete Wohnung hineingesetzt. Was er ihr verdankte, wusste er genau; -er wusste, dass er ohne ihre Entschlossenheit und Aufopferung vermuthlich -ein zerlumpter, schmutziger kleiner Vagabund, ein ungebildeter, vielleicht -verkommener Bursche geworden wäre, und ein innigeres Verhältniss als -zwischen diesem Sohn und dieser Mutter konnte man sich kaum vorstellen. Den -weiblichen Nachbarn -- besonders den verheiratheten -- traten Thränen der -Rührung in die Augen, wenn sie jeden Nachmittag bei hübschem Wetter Mama -Hellmer am Arme ihres stattlichen Sohnes spazieren gehen sahen. Die -Bank, in welcher Eduard Hellmer eine Vertrauensstellung einnahm, schloss -frühzeitig, aber er hätte vielleicht eher seine vortheilhafte Stelle -aufgegeben, als Mama die ihr vom Arzte verordnete Bewegung in der frischen -Luft allein machen lassen. In Papierdüten trug er ihr Blumen und Obst nach -Hause, als wäre sie, wie die unverheiratheten Nachbarinnen, den Mund ein -wenig verziehend, bemerkten, eine junge Dame, der er sein Herz zu Füssen -gelegt. -- Und wie sorgsam er den Shawl um ihre Schultern legte, wenn ein -rauhes Lüftchen sie anblies, wie beflissen er den Kopf zu ihrem Munde -hinabneigte, damit ihm im Strassenlärm kein Wörtchen, das sie sprach, -verloren ging. Ja, Frau Hellmer war eine beneidenswerthe glückliche -Mutter, trotz der grossen Sorge, die der Sohn ihr, freilich ohne es -zu wissen und zu wollen, verursachte. Eduard besass zu seinen übrigen -Tugenden leider auch noch ein leichtempfängliches Herz. Es klopfte hie -und da ganz vernehmlich für irgend ein anmuthiges Mädchenbild, das ihm in -seinem Gesangsverein oder in Mama's Bekanntenkreise begegnete, und er wäre -vermuthlich blindlings in das Unglück seines ganzen Lebens hineingerannt, -wenn Mama nicht die bestconstruirte Dampffeuerspritze in den Schatten -zu stellen und die aufflackernde Gluth durch einen mit voller Kraft -geschleuderten kalten Wasserstrahl zu dämpfen gewusst hätte. - -Edith Bogart? O gewiss, sie ist ein schönes Mädchen; Mama könnte sich -nicht beifallen lassen, dies zu bestreiten; sie ist witzig, lebhaft, mit -nicht gewöhnlichem Geist begabt; Frau Hellmer kann es beurtheilen, -denn sie war ja einmal des Kindes Lehrerin gewesen. Himmel! welch' ein -jähzorniges, heimtückisches Temperament die Kleine besass! Erinnerte sich -Eduard nicht mehr, wie Mama einmal ihr bestes Kleid von einer Scheere kreuz -und quer zerschnitten heimgebracht hatte? Es war Edith's boshafter -Racheakt für eine ihr ertheilte Strafe. »Und Du weisst, Eduard, was die -Anschaffung eines neuen Kleides damals für mich bedeutete,« setzte Frau -Hellmer hinzu. Natürlich wusste er es und küsste ihr gerührt die Hand. -Lili Felder? Das Bild eines deutschen Gretchens? Ja gewiss, aber nur die -schwache Copie eines solchen. Mit dem Wesen des ächten Gretchen könnte -man es nicht recht in Einklang bringen, dass sie die schwache, kränkliche -Mutter sich mit dem Haushalt, den jüngeren Kindern und Fräulein Lili's -weit über ihre Verhältnisse glänzenden Putz abquälen liess und mit -einem neuen Roman den Tag verbrachte. Die unverheiratheten Nachbarinnen -fingen an, die Thränen der Rührung dem Sohne allein zu widmen, der in -unverminderter Ehrerbietung die alte Frau am Arme führte, wiewohl sie -- -das lag ja klar zu Tage -- ihm das Glück seines Lebens zerstörte. Alle -Welt fing an, der besorgten Mutter masslose Herrschsucht unterzuschieben; -sie wolle die erste Stelle im Hause um keinen Preis einer Anderen abtreten, -sie wolle unumschränkt im Herzen des Sohnes herrschen. Vielleicht -lauerten, ihr unbewusst, derartige Motive in ihrer Seele, aber ihr -Hauptgrund war doch nur die geradezu abergläubische Besorgniss, ihr Eduard -werde, ebenso wie sie einst, unglücklich in der Ehe sein. Der Spruch -vom Hammer und Amboss schien ihr, Dank ihren trüben Erfahrungen, auf -verheirathete Menschenpaare besonders zu passen. Dass Eduard zum Hammer -nicht die mindeste Anlage besass, stand fest, folglich hiess es durch -Anwendung von sehr viel kaltem Wasser ihn vor dem Ambossschicksal so lange -als möglich zu bewahren. Die Feuerspritze arbeitete mit vollem Erfolge, so -lange es sich bei Eduard nur um leicht vergängliche Eindrücke handelte, -aber als sein Stündlein wirklich schlug, da machte Mama betrübende -Erfahrungen. Das Schlimmste war, dass sie sich selber nicht von aller -Schuld freisprechen konnte, denn sie hatte die allerliebste kleine -Zündbüchse in die Nähe der Pulverkammer getragen. Als Hannchen -Stubenhofer, mit deren Mutter sie in einer Provinzstadt zur Schule -gegangen, in die Residenz kam, ohne vorerst zu wissen, wohin sie den -kleinen Kopf sammt der dazu gehörigen reichen blonden Zopfkrone legen -solle, lud Frau Hellmer sie zu sich ins Haus; und als nach einigen Wochen -das flinke geschickte Ding Arbeit gefunden und seine eigene Wohnung aufnahm -(an der Thüre die verlockende Tafel »Erster Klasse Toiletten« tragend), -da bestand die alte Dame darauf, dass sie die Sonntage vom Morgen bis -zum Abend bei ihren Landsleuten, mit welchen sie auch noch eine entfernte -Verwandtschaft verband, zubringe. - -Das Hannchen war ein sehr merkwürdiges Stück Menschheit; es ging nie, -sondern tanzte, sprach nie einen Satz, ohne ihn mit einem sehr angenehm -klingenden Gelächter einzuleiten und abzuschliessen. Mama Hellmer musste -mehr als einmal den Kopf dabei schütteln. Wenn man es recht bedachte, -hatte Fräulein Hannchen nicht viel mehr Ursache lustig zu sein, als sie -selber einst gehabt. Auch sie stand in jungen Jahren schutzlos und auf sich -selbst angewiesen da, nachdem sie Kindheit und erste Jugend in behaglichen -Verhältnissen verbracht. Hannchen war eine elternlose Waise, schon dieses -hätte sie nach Frau Hellmer's Ansicht bestimmen müssen, in Sack und Asche -einherzugehen, sie musste sich allein durch's Leben schlagen, was sie wie -einen ganz hübschen Zeitvertreib zu betrachten schien. Allerdings glückte -ihr Alles, sie hatte die Finger einer Fee. Wenn Frau Hellmer sie ernsthaft -an die Thatsache erinnerte, dass sie arm sei, warf sie den blonden Kopf -zurück, lachte und meinte: »Was thut das? ich werde mir heute oder morgen -ein Vermögen erwerben.« -- Und Mama, die es nicht verstand, wie man -widrige Verhältnisse mit so vergnügtem, sorglosem Gesicht bekämpfen -könne, hiess sie im Stillen leichtsinnig und begann, sich ernstlichen -Besorgnissen um ihre Zukunft hinzugeben. Sie glaubte es der entfernten -Basenschaft schuldig zu sein, wenn sie die Augen über Hannchen »offen -hielt«, was sie um so leichter thun konnte, als diese gerade über der -Strasse bei einem kinderlosen Ehepaar ein Zimmer gemiethet hatte. Frau -Hellmer kannte jede Kundin, die drüben aus- und einging, sie führte Buch -über die Besuche, die Hannchen in ihrer freien Zeit erhielt und wusste -genau anzugeben, wann und mit wem sie das Haus verlassen hatte. Aber zur -Erwerbung so nützlicher Kenntnisse braucht man Zeit, viel Zeit, und Mama -war genöthigt, ihren Eduard und seine etwaigen Herzensverstrickungen -ausser Acht zu lassen. Und als ihr endlich die Augen aufgingen, da war es -beinahe zu spät. Er fing bereits an, nachzusinnen, ob das Puppenheim -für eine junge Frau geräumig genug sei; sein Gesicht war in eitel -Glückseligkeit getaucht, wenn der Sonntag kam und Hannchen die Base -besuchte; er schritt hinter ihr her, wenn sie in ihrer lebhaften Weise -durch die ganze Wohnung lief, -- einen ziemlich lächerlichen Eindruck -gewährend, da er ebenso verliebt wie unbeholfen erschien --; wenn sie -sang, dann horchte er begeistert und applaudirte, als gälte es der Patti, -und wenn sie etwas Lustiges sagte, lachte er, bis sein Gesicht bläulich -wurde. Und was das Schlimmste war, er schien vollständig mit Taubheit -geschlagen, als Mama wie absichtslos bemerkte, es sei zu arg, dass Hannchen -statt für ihre alten Tage, für Krankheit oder andere Unglücksfälle zu -sparen, was sie verdiente, auf sich hing. Er nahm seinen Hut und ging zu -Hannchen hinüber, als diese durch die plötzliche Unfreundlichkeit ihrer -sonst so gütigen Freundin abgeschreckt, am nächsten Sonntag zu Hause -blieb. Und von ihrer Sternwarte aus konnte Mama beobachten, wie die zwei -drüben in vergnügtester Stimmung nebeneinandersassen, Mama und die ganze -übrige Welt auch nicht mit der Spur einer Erinnerung bedenkend. Da galt -es, rasch und entschieden einzugreifen. Nie vorher war Frau Hellmer so -überzeugt von der Heilsamkeit der Abschreckungstheorie gewesen, wie -diesmal. War nicht auch bei ihrem verstorbenen Gatten der Hauptfehler, aus -dem alle übrigen riesengross herauswuchsen, ein gedankenloser Leichtsinn, -eine Vergnügungssucht, die nach den Mitteln der Befriedigung nicht fragte, -gewesen? Sollte ihr trübseliges Loos sich an dem Sohne wiederholen? -Nicht, solange sie es abzuwenden vermochte. Glücklicherweise gab ihr das -unbesonnene Hannchen selber die Mittel zur Vernichtung in die Hand. Mama -hatte, trotzdem die frühere wohlwollende Gesinnung gegen das Mädchen -ziemlich feindseligen Gefühlen Platz gemacht, ihren Beobachtungsposten -nicht verlassen; freilich war ein kleiner Unterschied gegen ehemals zu -bemerken. Bisher hatte sie Hannchen überwacht, jetzt -- so ungern wir -das Wort gebrauchen, es muss heraus, -- jetzt belauerte sie dieselbe. -Natürlich Alles in der besten Absicht, wie sie sich wiederholt -versicherte, aus einem Pflichtgefühl, das selbst der Mutter der Gracchen -Achtung abgenöthigt hätte. Bald hatte sie genug erspäht. - -»Wer war der junge Mensch, mit dem Du vorgestern Abend ausgingst, und in -dessen Gesellschaft Du erst nach Mitternacht, lachend und schwatzend, dass -die ganze Strasse aus dem Schlaf auffuhr, heimkamst?« fragte sie, als -Hannchen mit einem Gesicht, dessen sich alle drei Höllenrichter zusammen -nicht zu schämen gehabt hatten. Das Mädchen machte heute wieder seinen -Sonntagsbesuch bei der ersten Freundin, die sie in der Fremde gefunden, -vermuthlich durch Eduards Versicherungen überzeugt, dass der eisige -Empfang auf irgend welchem häuslichen Aerger beruht und durchaus nichts -mit ihr zu schaffen gehabt hatte. Mamas kühle Begrüssung in ihrer eigenen -Wärme übersehend, hatte sie mit dem Haussohn sogleich ein lustiges -Scharmützel angefangen. Wie eine Bombe rollte die Frage dazwischen, und -vor Schrecken -- Mama erklärte ihrem Sohne nachher aus Schuldbewusstsein --- wurde sie roth und verlegen. - -»Haben wir Dich aufgeweckt, Tante?« sagte sie bedauernd, nachdem sie -sich gefasst. Frau Hellmer hatte zu erwähnen vergessen, dass sie gar nicht -geschlafen, sondern beobachtend am Fenster die Zeit verbracht hatte; und -so war es begreiflich, dass Hannchen versicherte: »es thut mir aufrichtig -leid; aber Karl Sohmer ist solch ein drolliger Kauz, dass man lachen muss, -sobald er zu sprechen anfängt, und wenn die Todesstrafe darauf stünde.« - -»Karl Sohmer? ich habe diesen Namen nie gehört.« - -»Ich auch nicht, bis vor, lass sehen, vor sechs Tagen. Letzten Dienstag -kam er meinem Hauswirth, dessen Neffe er ist, wie vom Himmel herabgeweht -in's Haus; er lebt in Texas und hält sich nur zu Besuch hier auf.« - -»Erlaube mir!« rief Frau Hellmer mit um so ausgesprochenerem Entsetzen, -als sie bemerkte, das Gesicht ihres Sohnes habe sich bedenklich in die -Länge gezogen, »nach so kurzer Bekanntschaft gehst Du mit diesem Texaner -aus! Ich verstehe die heutige Jugend nicht.« - -»Er lud mich in die Oper ein, und ich konnte wohl nicht nein sagen, es -hätte meine Hauswirthe verletzt,« erklärte Hannchen ziemlich gedrückt, -aber während des Sprechens lachte sie wieder und rief eifrig, »ich bin -auch übrigens froh, dass ich die Einladung annahm, denn ich habe mich -köstlich unterhalten und zehre an der Erinnerung, während ich über -meiner Arbeit gebückt sitze.« - -»Du hörst es,« sagte Mama's Miene ihrem Abgott, der sehr blass und sehr -ärgerlich dasass. Er war verliebt genug und seines Erfolges bei Hannchen -nicht sicher genug, um gewaltig eifersüchtig zu sein. Uebrigens hatte Mama -noch lange nicht ihr ganzes Pulver verschossen. - -»Der junge Mann scheint aus Deiner liebenswürdigen Bereitwilligkeit die -Ueberzeugung geschöpft zu haben, dass seine Gesellschaft Dir sehr angenehm -ist, was mich auch gar nicht Wunder nimmt. -- So oft ich an's Fenster trete -und zu Dir hinüberblicke, was ich aus Antheil an Dir häufig thue, sehe -ich ihn in Deinem Arbeitszimmer, schwatzend wie eine Elster.« - -»Er ist solch ein drolliger Kauz!« meinte lachend und erröthend das -Hannchen, »er möchte mir weismachen, dass gerade so ein wichtiges -Persönchen, wie ich, dem Staate Texas zu seiner Vollkommenheit fehle.« - -»Der junge Mann ist sehr dreist,« brauste Eduard auf. - -»O, wer denkt daran, Karl Sohmer ernst zu nehmen!« versetzte sie, »er -ist ein sehr unterhaltender Gesellschafter, und ich freue mich auf den Ball -morgen Abend, zu dem er mich geladen. Ich gehe mit der Hauswirthin.« - -Sie kam nicht weiter. Das war Wasser auf Mama Hellmers Mühle; und die -würdige Dame übertraf sich selber. Die Posaune des jüngsten Gerichtes -kann unmöglich strafender und drohender klingen, als ihre Stimme, während -sie über gedankenlose Coquetterie und Vergnügungssucht loszog, die -ganze Existenzen zerpflückt, Menschen für ihre Lebensdauer elend macht. -Hannchen, die vor der alten würdigen Frau einen ungeheuren Respekt hatte, -war Anfangs zerknirscht wie eine wirkliche Sünderin; sie warf Eduard einen -hilfesuchenden Blick zu, aber er hatte eine Bemerkung Mamas, sie würde -nie einwilligen, mit dem Leichtsinn unter einem Dach zu wohnen, dahin -aufgefasst, dass sie ihn vor die Wahl zwischen sich und dass Mädchen -stelle, und so blieb er stumm, die Stirn gerunzelt, seinen Bart kauend, -sitzen, und vermied es, die Missethäterin anzusehen. Zuletzt erwachte auch -in ihr der Trotz: Sie habe Niemandem Rechenschaft abzulegen; sie werde -ihr junges Leben geniessen und den Ball morgen Abend erst recht besuchen, -erklärte sie. Als man sich an diesem Tage trennte, sah Mama erhitzt, aber -sehr befriedigt, ihr Sohn gleichfalls erhitzt, aber sehr niedergeschlagen -aus; was Hannchen betrifft, so hatte sie verweinte Augen, aber einen sehr -entschiedenen Zug im Gesichte, der auch aus ihrer Erklärung sprach, dass -sie das Haus nie wieder betreten werde. Am nächsten Abend sahen Mutter und -Sohn sie mit dem Fremden zu Balle gehen, und Mama beglückwünschte sich zu -ihrer Entschiedenheit. Dann aber verliess sie das Haus nicht mehr; aber als -der Monat zu Ende ging, verschwand sie ganz und gar aus der Strasse. Durch -Bekannte, für welche sie arbeitete, erfuhr Frau Hellmer, dass der junge -Texaner allein abgereist sei und Hannchen eine Wohnung in einer entfernten -Strasse gemiethet hatte. Es war klar, sie wollte ihnen nicht mehr -begegnen. Mama athmete auf, sie hatte ihren kostbaren Sohn wieder zum -ausschliesslichen Besitz. Aber es war nicht mehr der alte, leichtvergnügte -Sohn; ein wortkarger, stiller Mann, dessen Züge sich täglicher fester -ausprägten; ein Mann, der ass und trank und schlief und seinen Geschäften -nachging, ohne an etwas Vergnügen zu finden, ging er neben ihr her. Er sah -aus, als wäre ihm der Schmelz von den Flügeln gewischt worden. Er wusste, -dass Mama dem Mädchen bitter Unrecht gethan; er wusste, dass er ohne -sie nicht glücklich werden konnte. Aber war es möglich, sich mit einer -solchen Mutter wegen seines eigenen Glücks zu entzweien? Alle Opfer, die -sie für ihn gebracht, standen deutlich vor seinem Geist; und so liess -er, ohne einen Versuch zur Versöhnung zu machen, Hannchen aus seinem -Gesichtskreis verschwinden. - -Mama war Anfangs zornig darüber, dass er den Verlust so schwer empfand. -Sie, die sonst eifersüchtig jede Annäherung zwischen ihm und den jungen -Damen der Nachbarschaft vereitelt, lud selber nun oft Gesellschaft zu sich. -Aber so oft Eduard es vermochte, entzog er sich dem Vergnügen durch -die Flucht, und liess er sich einmal durch Ueberredung ins Besuchszimmer -locken, dann sass er stumm und unbehaglich da und schien aufzuathmen, wenn -die Gäste sich entfernten. Frau Hellmer war sehr stolz gewesen, dass sie -ihn wieder einmal vor dem Elend seines Lebens bewahrt, aber nachgerade fing -sie an der Weisheit und dem Erfolg ihrer That zu zweifeln an. Was half es, -wenn sie für die Möglichkeit seines Unglücks, das eine leichtsinnige, -vergnügungstolle Frau auf ihn herabbeschworen hätte, die Gewissheit -desselben eintauschte. Er klagte nie und machte ihr keine Vorwürfe, aber -dass er unglücklich war, konnte ihr jeder Blick und sein blasses, -ernstes Gesicht sagen. Und da fasste sie nach langem hartem Kampf einen -heldenmüthigen Entschluss. Der nächste Tag sah sie neben Hannchen -Stubenhofer in deren Zimmer sitzen, (auch nicht mehr das Hannchen von -ehemals, denn es fing keinen Satz mit Lachen mehr an und endete ihn auch -nicht damit). Im Ganzen sah sie wie das richtige Gegenstück zu Herrn -Eduard Hellmer aus. Da wurde es Mama viel leichter, zu sagen, weshalb sie -gekommen. Aber Hannchen schüttelte den Kopf: - -»Ich habe auch meinen Stolz, wenn ich auch nur ein armes Mädchen bin. -Ich bin in Ihrem Hause beleidigt worden, nun setze ich keinen Fuss mehr -hinein.« - -Mama war enttäuscht; sie hatte sich es schön ausgemalt, wie sie ihrem -Sohn mittheilen wolle, es sei ein seltener Gast da; wie sie sodann die -Thüre des Besuchszimmers öffnen, ihn allein eintreten lassen und erst -nach einer gut gemessenen Viertelstunde mit zum Segnen erhobenen Händen -nachfolgen werde. Hannchens Eigensinn verdarb den feinen Plan. - -Da steckte sich Mama denn hinter eine ältliche Landsmännin und -Busenfreundin, in deren Hause das Mädchen in der nächsten Zeit -beschäftigt war. Hannchen nahm, um alter Freundschaft willen, eine -Ausnahmsstellung in dem Hause ein; nach der Arbeit verbrachte sie -gewöhnlich den Abend als gleichberechtigtes Glied im Kreise der Familie. -Allerdings fiel es ihr auf, dass man nach dem Abendessen sich in die Stube -begab, von der sonst der Spruch galt: »Ziehe deine Schuhe ab, denn die -Stelle ist heilig.« Doch hatte sie kaum Zeit gefunden, sich zu verwundern, -da klingelte es, und herein rauschte Mama Hellmer, gefolgt von ihrem, durch -die feinsten diplomatischen Künste zum Mitkommen veranlassten Sohn. Frau -Hellmer, die sehr anregend sprechen konnte, wenn sie sich die Mühe dazu -nahm, fesselte nicht nur die Freundin, sondern auch noch deren Töchter und -den Hausherrn. Hannchen hörte nicht zu, und Eduard wusste vermuthlich von -früher her, um was es sich handelte. Er stand ziemlich linkisch vor dem -jungen Mädchen, das bei seinem Erscheinen Miene gemacht, zu entweichen; -doch las sie in seinen Augen eine so herzliche Bitte und hörte aus seinem -Munde so viele gute, versöhnende Worte, dass sie den Fluchtplan aufgab. -Den ganzen Abend sah man die zwei sehr eifrige Gespräche führen, doch -vernahm Niemand etwas davon, denn sie klangen sehr leise und schienen nur -für das nachbarliche Ohr berechnet. - -Mama Hellmer hat vor Kurzem die Schlüssel, das Abzeichen ihrer absoluten -Herrschermacht, sowie die Oberhoheit über die sehr unbotmässige Vasallin, -welche die Kochtöpfe zu überwachen und den Besen zu schwingen hat, -der jungen Herrin des Hauses abgetreten. Wollte ich behaupten, dass die -unerfahrene Frau Hellmer das Regiment zur vollen Zufriedenheit der alten, -weisen, unfehlbaren Frau Hellmer führt, so würde man mich beschuldigen, -dass ich die Grenzen poetischer Freiheit übersteige und Unwahrscheinliches -berichte. Aber Hannchen hat solch einen eingewurzelten Respekt vor Mama, -fragt sie so häufig um Rath und, was mehr ist, befolgt denselben auch, -dass Schwiegermütterchen, von dem die ganze Nachbarschaft vermuthete, -es werde aus langer Herrschergewohnheit den Frieden des jungen Haushalts -gefährden, ein viel angenehmeres, zufriedeneres und leichter zu -behandelndes Schwiegermütterchen geworden ist, als man es sonst von ihren -Schwestern behauptet. - - - - -DAS PFLEGETÖCHTERCHEN. - - -Die Leute haben nie begreifen können, was mich zu dem Alten hinzog, -nachdem sie ihn Alle als unverbesserlich aufgegeben. Sie meinten, ich -hätte mich noch entschiedener, als die ganze Welt von ihm lossagen -sollen, denn sein Einfluss hatte es verschuldet, dass ich in meinen -Jünglingsjahren auf Abwege gerieth, das heisst den bequemen Drehstuhl in -meines Vaters Comptoir aufgab und Farben zu verschmieren anfing. Als ich -mit Conrad Stürmer bekannt wurde, hatte er längst aufgehört, seine -Kunst, in der er einst Bedeutendes geleistet, auszuüben; er bildete -Schüler heran, oder wie die nachsichtigen Mitmenschen behaupteten, er -lockte thörichte Jungen aus ihrer gesicherten Lebensbahn, unter der -Vorspiegelung, Talent in ihnen entdeckt zu haben, um sie auszubeuten. -Ich wusste, dass man ihm mit diesem Verdacht Unrecht that; er war ein -Enthusiast, ungemein leicht begeistert und in jedem Pfennig-Kerzlein -einen künftigen leuchtenden Stern sehend. Allerdings hat er ziemlich -viel Unglück angestiftet, aber böse Absicht lag ihm fern. Ich hatte ihn -liebgewonnen, und blieb ihm anhänglich, auch nachdem ich erkannt, dass er -sich und mich getäuscht, als er in meinen dilettantischen Versuchen den -künftigen Meister sah. Mit dieser Erkenntniss war für mich, der von einer -ganzen Ahnen-Reihe ehrsamer Kaufleute eine gewisse nüchterne Besonnenheit -geerbt (vielleicht war es gerade diese, die Stürmers entzückte -Prophezeiungen kläglich vereitelt), der Weg klar vorgezeichnet, den -ich einzuschlagen hatte. Die Motte wartete nicht, bis sie vollständig -verbrannte; mit nur leicht angesengten Flügeln kehrte sie reuig zurück. -Aber daheim schlachtete man kein gemästetes Kalb für den verlorenen Sohn; -mein Vater grollte, weil ich dem Paradies des Drehstuhls eigenmächtig den -Rücken gekehrt, und nachdem ich dieses unsühnbare Verbrechen begangen, -nicht als gefeierter Künstler heimgekommen war; mein jüngerer Bruder, der -mittlerweile meine Stelle eingenommen, konnte nicht einsehn, warum er mir -dieselbe nun wieder einräumen sollte, die ganze ungeheure Edlinger'sche -Basen- und Vetterschaft sah mich mit mitleidiger Geringschätzung an, als -sei ich vor der Zeit zur Ruine geworden, und -- was mir zumeist an's Herz -griff -- meine gute Mutter, deren Liebling ich war, litt darunter, mich -von der stolzen, für mich erträumten Höhe so kläglich herabgestürzt -zu sehen. Da fasste ich denn eines Tages einen kühnen Entschluss und, -die Brücken hinter mir verbrennend, wanderte ich aus, nun erst recht ein -verlorener Sohn, der nur dann auf Vergebung und freundliche Aufnahme im -Vaterhause rechnen konnte, wenn er, ein Mann des Erfolges, zurückkehrte. - -Ich hatte ungewöhnliches Glück gehabt; schon nach zwei Jahren konnte ich -nach Hause schreiben, dass ich mein sicheres Auskommen gefunden, nach vier -Jahren, dass ich mich selbständig gemacht, und wieder nach einiger Zeit, -dass das Haus Edlinger in der neuen Welt Aussicht habe, auf eine gleiche -Stufe mit dem in der alten zu gelangen. So verstrichen zwölf Jahre in -harter aber erfolgreicher Arbeit. Ich durfte mir einen Feiertag und die -Genugthuung vergönnen, als Sieger auf dem Schauplatz meiner Niederlage -einzuziehen. Ich packte meinen Koffer und fuhr zu Besuch in die alte -Heimath. - -Mein Empfang im Vaterhause liess nichts zu wünschen übrig. Mein -Mütterchen erschien förmlich verjüngt in ihrer Wiedersehensfreude, Papa -nahm mich mit offenen Armen auf, einen dicken Strich durch meine alten -Sünden ziehend; ja ich glaubte, er rechnete mir sie nun als Verdienst an, -denn sie verschafften ihm die Genugthuung, sagen zu können »ein Edlinger -dringt durch, auch wenn er ohne Beschützer und Mittel seine Laufbahn -beginnt.« Hans, mein Bruder, fühlte Respekt vor dem »selfmade man«, -Vettern und Basen waren stolz auf die überseeische Rarität. Und in meiner -Glorie durfte ich es mir erlauben, nach meinem alten Freunde auszuspähen, -ohne dass mein Beginnen mehr als ein Kopfschütteln der Verwunderung erregt -hätte. - -Es war ein trauriges Wiedersehn. Der alte Mann mit dem Kinderherzen -war furchtbar gealtert. Ich hatte ihn nie in behaglichen Verhältnissen -gekannt, jetzt aber schien er bettelarm; denn selbst die letzte spärliche -Quelle seines Einkommens, die ihm von seinen langhaarigen Jüngern -geflossen, war versiegt; Konrad Stürmer war krank und gebrochen, er -vermochte keinem noch so eiteln jungen Burschen mehr das Vertrauen -einzuflössen, dass er ihn zu einem Lenbach oder Defregger machen werde. -Für die kleinen Unterstützungen, die ich ihm von New York aus zuzuwenden -vermochte, dankte er weinend. Ich erschrak; früher hatte er dergleichen -als selbstverständlich angesehen, als einen Zoll, den der Jünger -seinem Meister zu entrichten hat. Ich fasste ihn schärfer in's Auge, und -entdeckte nun erst, dass er ein schwer kranker Mann sei, vielleicht nur -noch Wochen zu leben habe. Hart und trocken drang der Husten aus seiner -eingefallenen Brust, scharfumgrenzte rothe Flecken standen auf den -hageren Wangen. Er ahnte nichts davon; er theilte mir, nachdem die mich so -befremdenden Ausdrücke seiner Erkenntlichkeit verklungen waren, mit, -dass er nicht lange mein Schuldner bleiben, sondern demnächst »die -Oberösterreichische Kirchweih«, die ich vor mehr als zwölf Jahren -angefangen, zwischen all den andern Entwürfen in seinem Atelier gesehen, -vollenden, mich bezahlen und mit Pepi nach dem Süden ziehen werde. Ich -stutzte. Trotzdem wir vor Jahren täglich mit einander umgegangen, war ich -nie in seiner Wohnung gewesen. Das Atelier lag entfernt von derselben; -die guten Nebenmenschen behaupteten, er besitze eine brave, hartarbeitende -Frau, die das Haus erhalte, während er sich in der Kneipe herumtreibe. -Ich bemerkte nun auch einen schwarzen Flor um seinen zerdrückten Hut und -drückte ihm mein Beileid aus. Die Thränen strömten ihm aus den Augen; -er rief: »sie war eine brave, eine edle Frau; sie hätte ein besseres Loos -verdient. Ihr ganzes Unglück war, dass sie ihr Herz an einen Unwürdigen, -einen Elenden, einen Schurken gehängt.« Vergeblich suchte ich ihn zu -beschwichtigen, die Reue über sein verfehltes Leben, das Leid, das er auf -seine Gefährtin herabbeschworen, brachen mit elementarer Gewalt aus ihm -hervor; erst ein erstickender Hustenanfall liess ihn verstummen. Aber die -alte Zuversicht kehrte nicht zurück; »wenn ich das Bild nicht vollende, -was wird aus Pepi werden!« stöhnte er. Nichts leichter zu beantworten, -als dies. Der Bursche konnte mein Schüler werden, wie ich der seines Papas -gewesen, nur hoffte ich etwas mehr Erfolg mit ihm zu erzielen, als dieser -mit mir. Ich wollte ihn mit mir nach Amerika nehmen und in mein Geschäft -eintreten lassen. Von ihm allein sollte es abhängen, ob er es vorwärts -brächte. Konrad Stürmer war zu erschöpft, als dass ich ihm sogleich -meine ausführlichen Pläne für seinen Sprössling hätte darlegen -können. Ich verschob dies für eine spätere günstigere Gelegenheit, und -erklärte ihm nur, dass ich mich Pepis mit Rath und That annehmen werde. - -Er dankte mir nicht mit Worten, aber mit einem Druck der Hand. Mir -schien's, als sei ein schweres Gewicht von seiner Brust gefallen; er -vermochte nun sogar ein Glas guten Rheinweins, ehemals seine grösste -Liebhaberei, -- das bisher unberührt vor ihm gestanden, zu leeren. Wir -hatten uns in unserer ehemaligen Künstlerkneipe zusammengefunden. Als er -sich zum Abschied erhob, übermannte ihn die Schwäche von Neuem. Ich rief -einen Wagen herbei und begleitete ihn zu seinem Hause in einer abgelegenen, -ärmlichen Strasse. Dann half ich ihm die vielen Treppen erklimmen, -klingelte -- und machte, als geöffnet wurde, das erstaunteste -Gesicht meines Lebens. Vor mir stand ein kleines, blasses Mädchen in -Trauerkleidern. Pepi Stürmer hatte nach süddeutschem Sprachgebrauch -ebensogut Josef wie Josefine heissen können. Es war das Letztere, und mein -Lehrling, Gehilfe und künftiger Partner versank, noch bevor er entstanden -war. - -Wenige Wochen später wurde Carl Stürmer begraben, und ich trat die -Vormundschaft über seine Waise an. Es bedurfte der ganzen Autorität -des amerikanischen Edlinger, um ihn bei diesem Anlass nicht wieder als -sentimentalen Narren in Misscredit zu bringen. Aber ich setzte meinen -Willen durch; eine arme Tante von mir nahm das Mädchen gegen Vergütung -bei sich auf, und ich reiste, vollständig beruhigt über ihr Wohlergehen, -ab. Ich dachte in den nächsten Jahren nicht allzu oft an sie, pünktlich -beantwortete ich ihre Briefe, und als ich wieder zum Besuch in meine -Heimath kam, war es nicht, weil mich ein besonderes Verlangen nach meinem -Pflegetöchterchen erfasst, sondern weil ich einen sehnlichen Wunsch meiner -Mutter erfüllen wollte. - -»Paul,« sagte meine Tante und schüttelte dazu das ehrwürdige Haupt -mit dem hochragenden Kopfputz, um dessentwillen ich sie in ruchlosen -Flegeljahren »das Trauerpferd« getauft, »Du wirst nicht alles so finden, -wie Du es erwartet,« mit Nachdruck, -- »wie Du das Recht gehabt, zu -erwarten.« - -Die Wahrheit zu gestehen, blieb ich vollkommen ungerührt von diesen -Kassandratönen. Die verehrte Dame liebte eine gewisse graue Beleuchtung -aller täglichen Vorkommnisse und ich hatte eine Ahnung, dass die -tragischen Andeutungen mich auf das Hinscheiden ihres asthmatischen Mopses -vorbereiten sollten, dem ich schon längst ein friedliches Ende nicht blos -vergönnt, sondern von ganzem Herzen gewünscht hatte. So liess ich -sie denn seufzen und den Kopf schütteln und bemerkte: »Wo bleibt denn -Josefine?« - -Das Seufzen verstärkte sich zu einem Stöhnen. »Ich habe sie unter einem -Vorwand entfernt, um Dich, Unglücklichen, vorzubereiten; denn eben bei -Pepi wirst Du nicht alles so finden«, und so weiter, wie bekannt. - -»Nun, Kinder sind dazu da, um ihren würdigen Papas Enttäuschungen -zu bereiten. Pflegekinder werden vermuthlich keine Ausnahme machen,« -versetzte ich noch immer gelassen, »ist die Kleine nicht so hübsch -geworden, wie sie vor vier Jahren versprochen?« - -»Hübsch?« rief die Tante, »sie ist aussergewöhnlich, sie ist unerlaubt -schön«, damit schob sie mir eine grosse Photographie hin, »urtheile -selbst.« - -Ja, da war es freilich mit dem Urtheilen vorbei. - -»Aber liebe Tante,« sagte ich und starrte unverwandt auf das Bild, um in -dem wundervollen Gesicht nach den Zügen des mageren verweinten Backfischs -zu spähen, den ich vor vier Jahren in seinem dürftigen Trauerkleidchen -aus dem Hause meines ehemaligen Lehrers in das meiner Tante geführt, -»darin kann ich nun kein so ungeheures Unglück sehen.« - -»Dieser Meinung sind auch andere,« erwiderte das alte Fräulein spitz, -»darunter Alle, die in dieser Stadt Schnurrbärte tragen.« - -»Hm,« murmelte ich betroffen und legte die Photographie aus der Hand, -nicht ohne noch einen langen Blick auf sie zu heften -- das Hexlein hatte -es mir angethan -- »ich dachte, Du habest mit ihr sehr zurückgezogen -gelebt.« - -»Das habe ich auch, das Kind ist ausser in meine Kaffeekränzchen -- an -welchen es merkwürdigerweise nicht einmal Geschmack fand -- (ich stattete -ihr im Stillen meinen Glückwunsch darüber ab) nicht in Gesellschaft -gekommen.« - -»Nun also,« sagte ich erleichtert, »da werden wohl die Schnurrbärte in -gebührender Entfernung geblieben sein.« - -»Du bestimmtest ja, dass lauter Fachlehrer Pepi's Unterricht vollenden -sollten, -- Du hattest Dir ja alle Gouvernantenweisheit verbeten,« sagte -die Tante, die in ihrer Jugend Erzieherin gewesen sein muss, erbost, »nun, -die Folgen konnte jeder vernünftige Mensch voraussehen.« Ich dankte mit -einer Verbeugung für das in ihrer Rede verhüllte Compliment. - -»Das Kind hat ohnehin das Menschenmögliche geleistet. Dem Zeichenlehrer -und dem deutschen Professor versicherte sie, ohne Einwilligung ihres -Vormunds und Wohlthäters werde sie sich nie vermählen.« - -»Sehr vernünftig«, warf ich ein; meine gute Laune begann -zurückzukehren. - -»Aber, mein lieber Neffe, man darf nicht Unmögliches fordern. Wenn -der interessanteste, junge Musiker der Stadt, für den alle Mädchen -schwärmen, mir seine Liebe gewidmet hätte, ich weiss nicht, ob ich kalt -geblieben wäre.« - -Ich konnte ein stilles Bedauern nicht unterdrücken, dass er nicht sie auf -die Probe gestellt. - -In diesem Augenblick öffnete Pepi die Thür und kam mit glückseligem -Gesicht auf mich zu. Plötzlich blieb sie, erröthend, in höchster -Verwirrung stehen. Der Kleinen hatte ich vermuthlich als gesetzter, -ältlicher Herr vorgeschwebt, das erwachsene Fräulein aber sah, dass -ich mit meinen 37 Jahren mir es noch entschieden verbitten durfte, mit -Methusalem in einem Athem genannt zu werden, und statt mir in die Arme zu -fliegen, wie sie ohne Zweifel beabsichtigt, reichte sie mir nur die Hand -zum Willkommen. Aber sie fasste sich bald, setzte sich neben mich auf das -Sofa und plauderte. - -Wovon wir sprachen? ich könnte kein Wort davon wiederholen. Ich weiss -nur, dass der Nachmittag, der Abend wie im Fluge verstrichen, und dass -wir beide, als die altmodische Stutzuhr zehn schlug, ganz erschrocken -auffuhren. Meine gute Mutter zeigte ein wenig Unzufriedenheit, weil ich sie -vernachlässigte. Aber leider gab ich ihr fortan noch manchen Anlass zur -Beschwerde, denn sobald ich vom Hause abkommen konnte, eilte ich zu Pepi. -Vergebens hielt ich mir die Thorheit vor, mein Herz an ein Mädchen zu -hängen, das einen Andern liebte, meine Leidenschaft wuchs mit jedem Tage. -Noch hatte ich den interessanten Musiker nicht gesehen. Die Tante theilte -mir mit, er sei auf einer Concertreise begriffen. Nach seiner Rückkehr -sollte ohne Zweifel die Verlobung gefeiert und der Herr Vormund und -Pflegevater zu dem schönen Fest gebührenderweise eingeladen werden. Pepi -erwähnte seiner nie, wiewohl sie mir sonst mit kindlicher Offenheit über -Alles, was ihr Leben betraf, Aufschluss gab. Wie wünschte ich von ganzem -Herzen, der junge Mann möge mir dergestalt missfallen, dass ich als -gewissenhafter Vormund mein Veto gegen ihre Verbindung mit ihm einlegen -müsste. Aber nein, als er sich mir endlich vorstellte, fand ich nichts -besonders Tadelnswerthes an ihm. Vielleicht war der hübsche Junge ein -wenig eitel, aber das war dem »interessanten Musiker, für den alle -Mädchen schwärmten«, nicht allzu schwer anzurechnen, vielleicht zeigte -er hie und da eine leise Anlage, das Leben leicht zu nehmen, die seine -Gattin mit einer Wiederholung des Looses bedrohen mochte, wie es ihrer -Mutter zu Theil geworden; aber seinem Charakter wurde das beste Zeugniss -ausgestellt; auf Ahnungen und Besorgnisse hin, die vielleicht nur meinen -eigensüchtigen Wünschen ihr Entstehen verdankten, konnte ich ihn nicht -abweisen. - -Ich wollte mein Opfer nicht halb bringen. Mit einer Miene, die, wie ich -hoffte, Josephinen nicht allzudeutlich verrieth, was es mich kostete, sagte -ich ihr, dass Fritz Hillmann bei mir um sie geworben habe. Sie wurde blass. -»Wenn Sie es wünschen, Vormund, wenn Sie es für gut halten,« stammelte -sie. Da konnte ich mich nicht zurückhalten. - -»Ich es wünschen, ich, dem der einzige Preis, den ich vom Leben -ersehnte, entrissen wird! Nein, Pepi, wenn ich meine Einwilligung zu Deiner -Verbindung mit einem Andern gebe, so geschieht es unter hoffnungslosen -Schmerzen, in dem Bewusstsein, dass ich damit das Siegel auf ein einsames, -unerquickliches Leben drücke. Es ist eigensüchtig, dass ich es Dir sage, -ich weiss es, ich hätte mein Opfer schweigend bringen sollen; aber, Pepi, -ich bin kein Held, der seine Wunden stumm verbirgt.« - -Ihr wunderschönes Gesicht leuchtete von Glück. Sie trat auf mich zu und -sprach: - -»Ich hatte mich selbst nicht gekannt; erst seit Du kamst, weiss ich, dass -ich nur einen Mann lieben kann, Dich, Paul.« - -Ich zog nicht allein über das Meer. - - - - -Novellen. - - -~Gesammelte Schriften von Heinr. Seidel.~ - -à Band M. 3.-- brosch., M. 4.-- geb. mit Goldschn. - - Bd. I. #Leberecht Hühnchen, Jorinde und - andere Geschichten.# 6. Tausend. - - Bd. II. #Vorstadtgeschichten.# 6. Tausend. - - Bd. III. #Neues von Leberecht Hühnchen - und anderen Sonderlingen.# 5. Taus. - - Bd. IV. #Geschichten und Skizzen aus der - Heimat.# Der II. Aufl. 3. Tausend. - - Bd. V. #Die goldene Zeit.# 3. Tausend. - - Bd. VI. #Ein Skizzenbuch.# 3. Tausend. - - Bd. VIII. #Leberecht Hühnchen als Grossvater.# - 3. Tausend. - - Bd. XI. #Sonderbare Geschichten.# - - -~Maximilian Schmidt Gesammelte Werke.~ - -11 Bde. à Band M. 3.-- brosch., M. 3.50 geb. - - - #Am Küstensaum.# Nov. v. #Th. Justus#. M. 5.--. - - #Aus vergangnen Tagen.# Novellen von - #Th. Justus#. M. 4.--. - - #Feldspath.# Drei Erzählungen aus Hessen - von #E. Mentzel#. M. 3.--. - - #Der heilige Amor.# Nov. v. #J. Proelss#. M. 2.--. - - #Ut Sloss un Kathen.# Erzähl. in niederd. - Mundart von #F. Stillfried#. M. 3.--. - - -~Von H. Grasberger.~ - - #Aus der ewigen Stadt.# Röm. Nov. M. 6.--. - - #Allerlei Deutsames.# Bilder u. Gesch. M. 4.--. - - #Auf heimatlichem Boden.# Erzähl. M. 6.--. - - -~Von R. Baumbach.~ - - #Es war einmal.# 9. Tausend. M. 2.80. - - #Erzählungen u. Märchen.# 8. Taus. M. 2.--. - - #Sommermärchen.# 19. Tausend. M. 3.--. - - - #Liebesmärchen# von E. Ertl. M. 4.--. - (mit 71 Photogravüren und 22 Heliotypien.) - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Antiqua gesetzt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Kursiv~, #fett#. - -Im Originalbuch tragen die Kapitel und das Inhaltsverzeichnis jeweils zu -Beginn und Ende einfachen floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription -verzichtet wurde. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 18: - im Original "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium." - geändert in "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.«" - - Seite 55: - im Original "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm" - geändert in "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm," - - Seite 60: - im Original "dich wie ein ein vom Dach fallender Sperling" - geändert in "dich wie ein vom Dach fallender Sperling" - - Seite 60: - im Original "etwas mittelalterlich troubadourmässiges« dozierte" - geändert in "etwas mittelalterlich troubadourmässiges,« dozierte" - - Seite 63: - im Original "bis unter die Haarwurzeln eröthen machte" - geändert in "bis unter die Haarwurzeln erröthen machte" - - Seite 68: - im Original "vielversprechenden Sohn der Vatertadt" - geändert in "vielversprechenden Sohn der Vaterstadt" - - Seite 80: - im Original "sich dunkle Röte über ihr Gesicht ergoss" - geändert in "sich dunkle Röthe über ihr Gesicht ergoss" - - Seite 186: - im Original "»Ausreisser«! ruft dieser ihm zu" - geändert in "»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu" - - Seite 205: - im Original "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd" - geändert in "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd." - - Seite 235: - im Original "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivos" - geändert in "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivo's" - - Seite 238: - im Original "Beiden schiens, als sei ihnen etwas" - geändert in "Beiden schien's, als sei ihnen etwas" - - Seite 286: - im Original "Mein Mütterchen erchien förmlich verjüngt" - geändert in "Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt" - - Seite 288: - im Original "Er ahnte nichst davon" - geändert in "Er ahnte nichts davon" ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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HANN</span></p> - -<p class="mt4 ce"><img src="images/emblem.png" alt="" /></p> - -<p class="mt2 ce lh1"><span class="fs110">LEIPZIG 1891</span><br /> -<span class="ge">A. G. LIEBESKIND.</span></p> - - -<p class="mt2 ce fss">Druck von W. Drugulin in Leipzig.</p> - - - - -<h2>INHALT.</h2> - - -<table summary="" border="0" cellpadding="2"> - <tr> - <td> </td> - <td class="tdr1 fss">Seite.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Sein bedeutender Freund  </td> - <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_001">1</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Kein Schwan</td> - <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_029">29</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Ein Aprilscherz</td> - <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_051">51</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Beim Ehestiften</td> - <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_087">87</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Im Herbst</td> - <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_113">113</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Brennende Liebe</td> - <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_145">145</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Ein Unglücksmensch</td> - <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_169">169</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Unkraut am Wege</td> - <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_189">189</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Herbstblätter</td> - <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_211">211</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Schwiegermütterchen</td> - <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_255">255</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Das Pflegetöchterchen</td> - <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_281">281</a></td> - </tr> -</table> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -SEIN BEDEUTENDER FREUND.</h2> - - -<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -Wie Alles auf dieser mangelhaften -Welt, hat ein bedeutender Freund -eine Licht- und eine Schattenseite; aber -Rudolf Müller sollte von rechtswegen heute -bloss die erstere anerkennen: Aus der -Ferne schallt abgedämpfter Walzerklang, -das Rascheln und Knistern seidener Ballkleider -herüber, – und er tanzt nicht. -Im Nebenzimmer rufen begeisterte Skatbrüder -ihr Grand Solo mit Matadoren -aus, – und er kann eine Karte von der -anderen kaum unterscheiden. Die grosse -Gesellschaft, in die er, Dank seiner Verwandtschaft -mit der Hausfrau, gerieth, -würde ihm die unverfälschtesten Tantalusqualen -bereiten, wenn er seinen bedeutenden -Freund nicht hätte. Diesem allein, -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -und nicht etwa den eigenen bestechenden -Eigenschaften, – Niemand sollte das besser -wissen als Rudolf Müller selbst, – verdankt -er es, dass er mit der schönsten, -liebenswürdigsten Dame der Gesellschaft, -– nein, der Welt! – in einem Glaskasten -plaudern darf, der auf den stolzen Titel -Wintergarten Anspruch erhebt und mit -Palmen, Gummibäumen und blühenden -Azaleen so vollgestopft ist, dass ausser -dem Bänkchen, auf welchem Else Friedjung -sitzt, und einer Handbreit Raum, auf -welcher er steht, kein Platz für etwaige -Eindringlinge wäre. Seit dreiviertel Jahren -betet er die junge Dame an, aber leider -aus gemessener Entfernung, denn für einen -mit dem Laster der Bescheidenheit behafteten -Menschen giebt es keine Möglichkeit, -sich durch die dreifache Reihe von -schwarzen Fräcken durchzuwinden, die -beständig das schöne, lebhafte Millionärskind -umschliesst, wie die Midgardsschlange -die Weltesche. Aber vor etwa einer halben -Stunde hat ihm seine Cousine zugeraunt:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -»Else Friedjung wünscht, Dich kennen -zu lernen, Du Glückspilz, versteht Du, -sie wünscht es.«</p> - -<p>Ob er versteht! Wenn er sich noch -nicht die Karte »ami de Beethoven« drucken -liess, so liegt dies bloss daran, dass er -noch ein Weilchen warten will, bis ausser -dem niedlichen Einacter, der vor etwa -vierzehn Tagen im Hoftheater aufgeführt -wurde, auch noch die anderen unsterblichen -Werke erschienen sind, mit welchen -sein bedeutender Freund heute oder -morgen, bis er in der richtigen Stimmung -dazu ist, die Welt aus den Angeln heben -und sämmtliche Classiker, Romantiker -und moderne Theaterdichter in das Nichts -zurückschleudern wird.</p> - -<p>Das schöne Mädchen wies ihm auf -der eng beschriebenen Tanzkarte eine leere -Stelle. »Ich habe den Walzer für Sie -aufgespart, Herr Müller«, sagte sie liebenswürdig.</p> - -<p>Er ballte die Faust, – in Gedanken -natürlich, – gegen den Tanzmeister, der -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -ihn als hoffnungslosen Fall aufgegeben; -aber Elsen Friedjung stand der Sinn nicht -nach Tanzen. In all ihrer Anmuth, die -dem armen Jungen den Kopf vollständig -verdreht hat, erhob sie sich, legte die -Hand auf seinen Arm und liess sich von -ihm in die Tropenlandschaft führen. Selbst -das tugendhafteste Mauerblümchen entdeckte -nichts Ungehöriges darin; ein -heimliches Zwiegespräch mit Rudolf Müller -gehört zu den Dingen, die Jede begreift -und Jede entschuldigt. Es ist nicht die -geringste Gefahr dabei; nicht dass er -etwa abschreckend hässlich, oder unerlaubt -dumm wäre, oder auf dem grossen Theater -eine allzu verächtliche Lampenputzerrolle -spielte, – verständige Papas unverständiger -Töchter schätzen ihn als tüchtigen, -aufstrebenden Kaufmann, – aber -sein bedeutender Freund, der einen Schatten -wie der Kölner Dom wirft, lässt ihn pygmäenhaft -klein, ja zu Zeiten mit freiem -Auge gar nicht wahrnehmbar erscheinen.</p> - -<p>Else Friedjung liess die Stäbe ihres -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Fächers durch die Finger gleiten und -heftete die Augen auf dieses Spiel.</p> - -<p>»Ich höre, Sie sind mit Doctor Engelbert -Holstein näher befreundet«, fing sie -in leichter Verlegenheit an.</p> - -<p>Rudolf knickte innerlich zusammen. -Die leise Hoffnung, die ihn trotz aller -Erfahrungen umschmeichelt, liess ihre -Flügel kläglich hängen und er bereitete -sich für die Antworten vor, die er, zum -beliebigem Gebrauch bei jedem Tête-à-tête -auswendig gelernt:</p> - -<p>»Wir wohnen beisammen.« (Und eine -recht vernünftige Theilung der Arbeit -besorgen sie dabei, der Bedeutende bestrahlt -mit seinem Ruhm das elegante -Junggesellenheim nahe dem Thiergarten, -und Rudolf Müller bezahlt es; doch diese -intimen Details gehören nicht hierher.) -»Er wird kommenden November 24 Jahre -alt.«</p> - -<p>»Sein Geburtstag fällt sechs Tage -später als der Schiller's« (Die gestickten -Schreibmappen, Federwischer, Cigarrentaschen, -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -die diese Enthüllung in die Welt -gesetzt, lassen sich kaum zählen.) »Er -ist vollständig unverheirathet.«</p> - -<p>Dann eine Verbeugung, und der junge -Mann weiss, dass er aus den Gedanken -seiner schönen Nachbarin fortgewischt ist, -wie eine Null mit dem Schwamm von -einer Rechentafel.</p> - -<p>Aber Else Friedjung ist ein geistreiches -Mädchen; sie bringt doch wenigstens -einige Abwechselung in das grausame Spiel.</p> - -<p>»Doctor Holsteins Name auf dem -Theaterzettel rief mir eine Begebenheit, -einen kleinen Roman, eigentlich nur den -Anfang eines solchen, in's Gedächtniss -zurück. – Meine Freundin, – meine -beste Freundin erlebte ihn vor einem -Menschenalter, es sind gewiss sieben Jahre -her.« Rudolf richtete sich erwartungsvoll -auf.</p> - -<p>»Ich kann mit einigen Aenderungen -die Eingangszeilen unseres besten deutschen -Romans wiederholen: Westerode ist eine -Stadt mit etlichen tausend Einwohnern, -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -einem Gymnasium – und einer Heilquelle. -Die etlichen Einwohner und das Gymnasium -besitzt sie schon seit längerer Zeit, -die Heilquelle wurde erst vor einem Jahrzehnt -entdeckt.« Sie unterbrach sich, -denn er machte eine Bewegung.</p> - -<p>»Sie sprechen von meiner Vaterstadt,« -sagte er, »ich bitte mit aufgehobenen -Händen, verfahren Sie glimpflich mit -ihrem Curort-Ehrgeiz.«</p> - -<p>»Ihre Vaterstadt? Dann ist die Freundschaft -zwischen Ihnen und dem Doctor -wohl schon auf den Schulbänken geschlossen -worden?«</p> - -<p>Rudolf verbeugte sich bestätigend. -Immer sein bedeutender Freund! Er -ist ihm so anhänglich wie – er weiss -selber keinen passenderen Vergleich – wie -ein treuer, oft geprügelter Pudel, aber -selbst ein solcher kennt Augenblicke, in -welchen sein Herz ins Spiel kommt und -er bei dem weissgelockten Gegenstand -seiner Neigung etwas für sich selber vorstellen -möchte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -»Ich habe Sie von Ihrer Erzählung -durch meinen unzeitigen Einwurf abgelenkt,« -murmelte er.</p> - -<p>»O, ganz recht. Die Heilquelle trotzte -zwar bisher standhaft jedem Analysirungsversuch, -– so viel darf ich doch sagen, -ohne ihr heimathliches Weltbad zu beleidigen? -– dennoch wirkte sie Wunder in -Reclamen und ärztlichen Anpreisungen. -Meine Freundin, damals ein Backfisch mit -etwas blässlichen Wangen, sollte, begleitet -von einer ältlichen, unverheiratheten und -etwas verschrobenen Erzieherin, das -Wunderwasser trinken.«</p> - -<p>Ihr Zuhörer sah auf, als schiesse ihm -eine Erinnerung – aber keine sonderlich -freudige – durch den Sinn.</p> - -<p>»Es schmeckte abscheulich. So oft es -unbemerkt geschehen konnte, goss sie es -aus. Dessenungeachtet wirkte die Cur. -Entweder war die Quelle so heilkräftig, -dass man schon durch die Betrachtung -des Geländers, das sie umgab, Farbe und -Rundung der Wangen bekam, oder waren -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -es die prächtigen Buchenwälder, die förmlich -zum Thore der Stadt hereinwuchsen. -Meine Freundin mochte das Letztere -glauben und lief den grössten Theil des -Tages auf den weltbadmässig gebahnten, -mit Bänken besäeten Waldpfaden herum. -Es war eine so schöne Abwechselung nach -der vielstündigen Marter vor dem Piano -und den Schulbüchern, die bisher ihre -Tage ausgefüllt. Niemand störte sie; es -stand ihr frei, sich als unumschränkte -Besitzerin all' der Herrlichkeit zu betrachten, -die, steil aufsteigend, das Städtchen -umschliesst. Das übrige Curpublikum -sammt der Ureinwohnerschaft steckte -träge in Hausgärten oder auf Veranden, -ihre Gouvernante im verdunkelten Zimmer, -denn die gute Antoniette besass eine -Leidenschaft, mit welcher ihre Pflichttreue -einen aussichtslosen Kampf führte, sie -dehnte ihr Mittagsschläfchen bis zum -Abend aus, wenn Niemand sie weckte; -und meiner Freundin war der Schlaf -heiliger als Macbeth. Dreist erstreckte -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -sie in drückender Nachmittagshitze ihre -Spaziergänge immer tiefer in den Wald -hinein. Da begegnete ihr einmal das -Verhängniss in Gestalt eines jungen, -hübschen Menschen mit flatternden Locken -und blitzenden Augen. Er sass auf einer -Bank, ein Notizbuch auf den Knieen, die -Rechte schrieb eifrig, die Linke scandirte -auf der Holzlehne. Bei dem plötzlichen -Auftauchen meiner Freundin fuhr er in -die Höhe, starrte sie an und lief spornstreichs -den Berg hinab. Sie folgte ihm -mit den Blicken. Wie er, musste, ihrer -Ansicht nach, der junge Goethe in Frankfurt -ausgesehen haben, nur blieb es freilich -fraglich, ob er auch die scharlachrothe -Burschenmütze sorgfältig mit einem -schwarzen Ueberzug bedeckt hätte, bevor -er in die Strassen der Stadt einbog, wie -es der junge Mann that.«</p> - -<p>»Unser Director,« warf ihr Zuhörer -erklärend ein, »verfolgte das Burschenspielen -im Gymnasium mit draconischer -Strenge. Und Engelbert musste sich besonders -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -hüten, dass Missfallen unseres -Schulmonarchen zu erregen.«</p> - -<p>»Meine Freundin traf ihn nun fast -täglich im Walde, aber ihr fünfzehnjähriges -Gewissen bohrte und nagte. Sie -weckte Fräulein Antoniette am hellen -Nachmittage. Die gute Seele schleppte -sich keuchend die Waldhügel hinauf, bis -zur ersten Bank, von welcher man gerade -auf den Marktplatz hinuntersah. Dann -empfahl sie ihren Geist dem Herrn, sank -auf den Hochsitz und entschlief. Meine -Freundin las im »Ekkehard«. Da, als sie -zufällig aufblickt, steht, kaum zwanzig -Schritte von ihr entfernt, ihr junger -Goethe im vollen Glanz der unbezogenen -Burschenkappe, einen Strauss poetischer -Waldblümelein in den Händen und einen -gewissen Was-frage-ich-um-die-Welt-Ausdruck -im Gesicht, der ihr anzeigte, dass -es heute mit gegenseitigem Anstarren, -Rothwerden und Grüssen nicht sein Bewenden -haben werde. Statt ihre regelmässig -und laut athmende Begleiterin – -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -ruchlose Menschen hätten behauptet, sie -schnarche – zu wecken, that sie das -Unvernünftigste, was sie begehen konnte, -sie lief davon. In einigen Secunden hatte -er sie eingeholt, ihr die Blumen überreicht -und einen Strom sehr lauter, aber dennoch -unverständlicher Bitten und Beschwörungen -über sie ergossen. Bei ruhiger Rückerinnerung -würdigt dies meine Freundin -als den Ausfluss grünster Jugendlichkeit, -damals jedoch erschien es ihr hochbedeutsam, -erschütternd, sie bis zu den Regionen -der langen Kleider und vollbeschriebenen -Tanzkarten emportragend. Er drückte -ihre Hände, dass sich die Stengel des -Strausses ihren Handflächen einpressten -und sie eher ein schmerzliches, denn ein -beseligtes Gesicht zog. Plötzlich stürzte -Antoniette, zum Bewusstsein und zu ihrer -Verantwortlichkeit erweckt, herbei, riss -das unflügge Nestkücken aus dem Griff -des Falken, und wenn Worte und Blicke -die Wirkung der Blitze hätten, so wäre -er ohne Zweifel todt zu Boden gestreckt -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -worden. In den Augen des alten Fräuleins -schwoll die Kinderei zu einem ungeheuren -Frevel, zu einem Vergehen gegen die -Moral an; sie drohte mit Gericht und -Polizei. Aber lag es an ihrem fragwürdigen -Deutsch oder an den von Schlaf -und Bestürzung übermässig gerötheten -Zügen und den rollenden Augen, – ihr -Zögling biss sich krampfhaft auf die -Lippen, der junge Goethe, weniger vorsichtig, -lachte ihr helllaut in's Gesicht, -wodurch sich ihr Grimm selbstverständlich -nicht verringerte. Nach einem Blick auf -das junge Mädchen, der einen ganzen -Band lyrischer Gedichte ersetzte, drehte -er sich um und ging. Die Nachblickenden -sahen ihn im Hause des Kaufmanns auf -dem Markte verschwinden. Es war ihre -letzte persönliche Begegnung, denn Fräulein -Antoinette bewachte ihren Schützling -wie ein geschwänzter Schatzhüter der -Sage. Nur ein glühendes Gedicht von -ansehnlicher Ausdehnung, Engelbert Holstein -unterzeichnet, gelangte durch einen -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Liebesboten, dessen Hauptkennzeichen -Wasserscheu, durchstossene Ellbogen und -vorwitzig in die Sonne hinausguckende -Zehen waren, in die Hände meiner Freundin. -Sie verwahrte es sorgfältig, Fräulein -Antoinette hat nie etwas davon erfahren. -Kaum eine Woche später verliessen sie -das Weltbad. – Sie können sich vorstellen, -wie überrascht und stolz meine -Freundin war, als ihr jugendlicher Bewunderer -sich plötzlich als Mann von -Bedeutung entpuppte, von dem alle Welt -spricht, dem man eine glänzende Zukunft -vorhersagt.«</p> - -<p>Das Gesicht des jungen Mannes trug -einen sonderbaren Ausdruck.</p> - -<p>»Wollen Sie mir erlauben, Ihrer rührenden -Historie einen ganz unerwarteten -Schluss anzufügen?« fragte er lachend, -»Ueberraschungen sollen zwar den Werth -eines literarischen Kunstwerkes nicht erhöhen, -aber – arme Leute kochen mit -Wasser.«</p> - -<p>Else Friedjung blickte ihn verwundert an.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -»Fräulein Antoinette klagte die erlittene -Insulte der Badeverwaltung, den -städtischen Behörden, dem Schulmonarchen -und der Himmel weiss wem noch. -Sie hatte den Frevler im Kaufmannshaus -verschwinden gesehen. Hier hebt das -tragische Verhängniss an, das Factum, -das dem griechischen Trauerspiel zu so -hoher Wirkung verhalf und vom modernen -Fürwitz sammt den Göttern aus der Flugmaschine -in die dramatische Rumpelkammer -verwiesen wird: das Kaufmannshaus -beherbergte ständig nur einen Gymnasiasten -mit je nach den Verhältnissen -scharlachfarbener oder schwarzbezogener -Mütze. Freund Engelbert stellte sich nur -strichweise ein; an jenem denkwürdigen -Nachmittage kam er, um mir etwas Immenses -von seiner Leidenschaft, von -Drachen und lieblichen Waldfräulein zu -berichten. Ich lauschte mit offenem Munde, -nicht ahnend, was die Götter über mein -schuldloses Haupt verhängt: Ein gewaltiger -Aufruhr erhob sich. Ich hatte nicht -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -nur den untadelhaften Ruf unseres Gymnasiums -durch eine sittenlose Ausschreitung -befleckt, ich schädigte auch den -aufstrebenden Curort, wie der Mehlthau -die grünen Bäume. »Wenn junge Galgenvögel -die Curgäste im Walde straflos -überfallen dürfen – denn bis zum Überfall -war man, Dank Fräulein Antoinettens -Beleuchtung des Ereignisses, gediehen, – -dann werden sie der Heilquelle den Rücken -kehren, und Westerode bleibt bis an's -Ende aller Dinge eine Stadt mit etlichen -Einwohnern und einem Gymnasium.« Als -die Wogen sich legten, fand ich mich auf -den Strand geworfen: Unter einem beträchtlichen -Aufwand von Jüngsten-Gerichtposaunen -war ich aus dem Gymnasium -gestossen worden, damit nahm meine -etwaige gelehrte Laufbahn ein vorzeitiges -Ende. Wenn Sie ahnten, mein Fräulein, -was für ein grosser Mann in der Knospe -geknickt ward! Meine Mutter behauptete -es, und sie musste es wissen, denn Niemand -kannte mich genauer als sie. Ich erzeugte -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -in meiner Dachkammer Schwefelwasserstoff -und ähnliche Parfüms in einem Alter, -wo andere Knaben einander die Stirnen -voll Beulen schlagen. Wehe Liebig! -prophezeite meine Mutter. Ich verwendete -den Spiritus aus ihrem Schnellsieder -und ihre Einmachgläser für alle Arten -von Reptilien, fing Schmetterlinge, lief in -der ärgsten Sonnenhitze mit einer grünen -Blechbüchse herum, um Pflanzen mit -Wurzeln und Erdreich auszureissen; nur -Uebelwollende konnten leugnen, dass in -mir die Keime zum Naturforscher lagen. -Ich sammelte rostige Messer, grünspanbezogene -Kupfermünzen, auf meiner Dachkammer -fand eine zerschlagene Ofenfigur, -der unvermeidliche Knabe mit dem Muschelkorbe, -einen geehrten Platz, der -künftige Archäologe war fertig. Und als -ich in wilder Knabenzeit die Ruchlosigkeit -beging, einer Katze den Schwanz -abzuschneiden, erklärte meine Mutter, -dies sei die liebste Beschäftigung aller -grossen Chirurgen in ihrer Kindheit gewesen. -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -Und nun sollte ich, ein so vielerlei -versprechender Jüngling, lange Zahlenreihen -addiren und meines Vaters Kunden -Schnupftabak und Rosinen verkaufen. -Es war herzbrechend.«</p> - -<p>Das wohlwollend-überlegene Lächeln, -mit dem Else gleich allen jungen Damen -seiner Bekanntschaft ihm gegenübergesessen, -war schon seit einer Weile von -ihren Lippen gewichen. Sie blickte ihn -an, als hätte ein geschickter Taschenspieler -die dunkle, unscheinbare Gestalt verschwinden -lassen und an ihrer Statt einen anderen -Rudolf Müller in bengalischer Beleuchtung, -mit ganz ungeahnten Tugenden -und Vorzügen ausgerüstet, auf die Handbreit -Raum zwischen Palmen und Azaleen -hingestellt.</p> - -<p>»Und wo blieb Ihr Freund?« fragte -sie mit zusammengezogenen Brauen, eine -rothe Zornwelle im reizenden Gesicht. -»Wie konnte er Sie, den Unschuldigen, -die Last tragen lassen! Es ist abscheulich! -Ich hatte eine hohe Meinung von -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -ihm, aber jetzt verachte ich ihn. Sobald -ich nach Hause komme, verbrenne ich -sein Gedicht!«</p> - -<p>Rudolf blickte sie betreten an. Auf -diese Wendung war er nicht gefasst gewesen. -Dass man an einen bedeutenden -Menschen denselben Massstab legen könnte, -wie an gewöhnliche Muttersöhne, war -ihm nicht eingefallen. »Judas Ischarioth!« -flüsterte er sich zu. »Verurtheilen Sie ihn -nicht!« bat er und setzte sich in seiner -Rathlosigkeit zu ihr auf das Bänkchen, -das wirklich nur für zwei schlanke Menschen -Raum bot. »Seine Laufbahn stand -auf dem Spiel, und bei ihm handelte es -sich um mehr, als bei solch einem Dutzendmenschen, -wie ich bin. An seinen Schöpfungen -werden sich noch Tausende erfreuen, -wenn von mir längst keine Spur -mehr vorhanden sein wird.«</p> - -<p>»Ich glaube nicht mehr an seine Zukunft,« -versetzte Else mit der Energie -einer bekehrten Heidin, die soeben ihren -Thongötzen in Stücke zerschlagen hat, -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -»ein charakterloser, schwacher Mann wird -nie ein grosser Mann. Auch ist mir -unverständlich, wie die Ungnade einer -kleinen Stadt und selbst die Ausschliessung -aus ihrer Schule seine Laufbahn zu zerstören -vermocht hätte.«</p> - -<p>»Wenn Sie sein Gemüth, das jede -Widerwärtigkeit niederdrückt, und seine -Verhältnisse kennten, dann würden Sie -begreifen, dass es sich wirklich um seine -Zukunft handelte,« erwiderte Rudolf, -Angstschweiss auf der Stirn. »Weitläufige -Verwandte hatten murrend und -widerwillig die Schnüre ihres Beutels -geöffnet, um ihn studieren zu lassen. Der -Skandal, der seine Ausschliessung begleitet -hätte, wäre ihnen ein willkommener Anlass -gewesen, ihm ihre Unterstützung zu -entziehen. Mit dieser schlossen sich vor -ihm die Thore der Universität, die -Grundlagen wissenschaftlicher Schulung, -ohne welche sein Schaffen dilettantisch -bleiben musste.«</p> - -<p>Aber Else, statt sich zu der Höhe -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -seiner Auffassung aufzuschwingen, hielt -eigensinnig an ihrer Meinung fest.</p> - -<p>»Selbstsüchtig Ihre Zukunftspläne zu -zerstören, o, es war feige, es war schlecht!«</p> - -<p>»Mein theueres Fräulein,« rief der -junge Mann und rückte so nahe an sie -heran, dass die Blattpflanzen, die sich als -spanische Wand zwischen ihnen und dem -Nebenzimmer erhoben, als Segen der -Vorsehung erschienen. »Sie fassen die -Geschichte viel zu tragisch auf. Das -Unglück für Menschheit, Vaterland und -mich selber ist wahrlich zu ertragen, wenn -statt eines mässig begabten Doctors ein -an Erfolgen nicht ganz armer Kaufmann -in der Welt herumläuft.«</p> - -<p>»Davon spreche ich nicht. Glauben -Sie etwa, dass ich Ihren Beruf gering -schätze?« vertheidigte sich Else eifrig, -»mein Papa war auch Kaufmann und -lehrte mich, seinen Stand hochhalten. -Vielleicht schlug Antoinettens Bosheit – -ich werde ihr nächstens meine Meinung -sagen! – Ihnen sogar zum Glück aus; -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -aber das entschuldigt ihren Freund nicht. -Sie müssen in ihrem heimathlichen Neste -– verzeihen Sie, im Weltbad Westerode – -wie der verlorene Sohn angesehen worden -sein.«</p> - -<p>»Was schadete mir das? Ich hörte -Predigten von unerlaubter Länge, sah -wolkenverhängte Gesichter, bekam etliche -Wochen Zimmerarrest; es hat mir, wie -Sie sehen, den Humor nicht verdorben.«</p> - -<p>»Es war im Sommer, und der Wald -so nahe,« sagte Else bedauernd.</p> - -<p>»Vergessen Sie nicht, dass auf meine -Dachstube erhabene Gefühle zu Besuch -kamen: Ich schützte meinen Freund, siehe -die Bürgschaft; ich erlitt unverschuldetes -Uebel, siehe die christlichen Märtyrer; ich -fiel als Opfer für das Gedeihen meiner -Vaterstadt, ein – allerdings etwas passiver -– Curtius. – Ihr Antheil ist mir -unendlich werthvoll, werthvoller als Sie -denken, doch nein, Sie wissen ohne Zweifel, -dass Sie mir die Verkörperung alles -Schönen, Liebenswürdigen, Begehrenswerthen -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -sind – allen Mädchen sagt es -ihr Seherblick, wenn sie sich ein Männerherz -unterjochten –, aber so glücklich -mich Ihre Theilnahme auch macht, meine -kleinen Leiden von damals verdienen sie -nicht.« Er stockte; mit leiser Stimme -hub er wieder an. »Der Gedanke, dass -ich das Herrlichste, was mir das Leben -gewähren könnte, Ihre Freundschaft, dem -Ausnützen einer von mir selbst geschaffenen -Gelegenheit, einer Indiscretion -verdanken sollte, wäre mir unerträglich.«</p> - -<p>Sie sah ihn mit seltsam schimmernden -Augen an.</p> - -<p>»Es ist zwar gegen alle Lehren Antoinettens, -aber zuweilen überfällt mich -ein förmlich krankhafter Drang, die Wahrheit -herauszusagen und so mögen Sie denn -nur wissen« – sie erhob sich schnell, -der Walzer war längst zu Ende, ihre -Tänzer traten suchend in die Thüre des -Spielzimmers. Zurückgewendet sprach sie -hastig, über und über erglühend, »mir ist -es nicht viel anders gegangen als dem -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -glücklichen Sohne des Kiss, ich bin ausgezogen, -um Kunde von einem <em class="ge">bedeutenden</em> -Mann zu hören, und fand einen -<em class="ge">echten</em> Mann. Ich bin ein Sonntagskind, -wissen Sie das?«</p> - -<p>Damit war sie entschlüpft; er blickte -ihr nach und machte das närrisch beseligte -Gesicht, das jeder Sterbliche nur -einmal im Leben zieht.</p> - -<p>Das Zwiegespräch unter Palmen hatte -selbst für ein Tête-à-tête mit dem Freunde -eines bedeutenden Mannes zu lange gedauert, -um nicht Anlass zu verschiedenartigen -Randbemerkungen über den -Fächer hinüber zu geben. Aber die Gesellschaft -gewöhnte sich durch zahlreiche -Wiederholungen daran, Herrn Rudolf -Müller mit Fräulein Else Friedjung in -allerhand Ecken und Winkeln der Ballsäle -erschöpfende, tiefe und für Fernstehende -nicht allzu interessante Gespräche -führen zu sehen. Man wollte bemerken, -dass er dem abnehmenden Monde glich, -wenn sie nicht da war und dass sich eine -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -Wolke der Verstimmung auf ihre Stirn -lagerte, wenn er fehlte. Zuletzt verschwanden -sie wochenlang spurlos aus -ihrem Bekanntenkreise, und als die Lösung -in Gestalt weisser Kärtchen erschien, -bildete sie nicht einmal das bekannte -Neuntagswunder. – Rudolf verdankt seine -Braut eigentlich doch nur seinem bedeutenden -Freunde. Als dieser dem -schönen Mädchen vorgestellt wurde, erkannte -er in ihr seine »unvergessliche« -Jugendliebe, über deren Verlust ihn alle -später besungenen Vertreterinnen edler -Weiblichkeit nur scheinbar getröstet hatten. -Sie war das Weib seiner Träume, das -Rudolf ihm geraubt. Selbstverständlich -kann ihm Niemand die Ueberzeugung -nehmen, dass er eine Schlange an seinem -Busen gehegt habe, schnöde missbraucht -und verrathen worden sei. Rudolf Müller -mag nur zusehen, wie er mit der Nachwelt, -die Engelberts Tagebücher lesen wird, -zurecht kommt! Ich gebe seine Sache -verloren!</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -KEIN SCHWAN.</h2> - - -<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -»Was hilft vortreffliches Beispiel, tadellose -Erziehung, wenn der angeborene -Hang den Menschen in den -Schlamm hinabzieht!« schrie Fräulein -Möller, die Vorsteherin des berühmten -Damenpensionats in Dresden, roth vor -Zorn, aber selbst im höchsten Affect die -Gewohnheit, in Sentenzen zu sprechen, -beibehaltend. »Ein hässliches Mädchen -zu hüten, ist schwerer, als alle Herkulesarbeiten -zusammen«, (Fräulein Müller hat -übrigens noch keine probirt), »denn die -Stummen wollen am meisten sprechen, und -die Tauben machen die lauteste Musik.«</p> - -<p>Das war ein Strafgericht! Der bewusste -Feuerregen, der sich über Sodom und -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Gomorrha ergoss, muss dagegen ein angenehmes -Nachmittagsvergnügen gewesen -sein.</p> - -<p>Die Mädchen aus der obersten Klasse -blickten schaudernd auf einen schwarzen -Punkt.</p> - -<p>Der schwarze Punkt war ich!</p> - -<p>Ich habe niemals besondere Lust gehabt, -der Urkraft (von der Professor Henkel so -dunkel und gelehrt zu reden wusste, dass -uns nach jedem Vortrag in der Naturkunde -eine Hammerschmiede in den Köpfen -arbeitete) in ihre Töpfe zu gucken, aber -was sie eigentlich im Sinne gehabt, welchen -Zweck sie verfolgt, als sie den erwähnten -schwarzen Punkt in der obersten Klasse -des Pensionats geschaffen, das möchte ich -gar zu gern wissen. Sie muss keinen Zierrath -beabsichtigt haben, sonst hätte sie -mich mit irgend einer Eigenschaft ausgerüstet, -die den Augen des Beschauers -wohlgefällig erscheint, keine Säule an ihrem -Bau, sonst hätte ich nicht seit meiner -frühesten Kindheit das Bewusstsein vollständiger -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -Ueberflüssigkeit mit mir herumgetragen. -Wenn ich heute die Augen -schloss, dann wurde keine Wimper nass, -keine stecknadelkopfgrosse Lücke entstand, -nein, ich war zu keiner stützenden Säule -bestimmt, denn ich war keinem Menschen -auf Erden unentbehrlich. Halt, doch Einem! -Und das bringt mich wieder in meine -Klasse und in das Strafgericht zurück.</p> - -<p>Hätte ich zärtliche Eltern gehabt, wie -die anderen Mädchen, oder wäre ich hübsch -und liebenswürdig gewesen, dann hätte -Fräulein Möller mir eine Privatvorlesung -im Allerheiligsten ihres Arbeitskabinets -gehalten, und die ganze Klasse hätte sich -nicht an den Weisheitssprüchen erbauen -dürfen. Das Pensionat war zwar ob seiner -Tugend und Sittenstrenge berühmt, aber -durch die Thürritzen hatte der Klatsch -doch die Kunde von Lieutenantsbriefen -und darauf folgenden Thränen und Sentenzen -in Fräulein Möller's Privatgemach -getragen. Aber zwischen Julie von Minkwitz -und mir war ein kleiner Unterschied. -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -Als sie in die Schule eintrat, bat man um -Nachsicht und Güte für das liebe Mädchen, -während meine Mama nur von vulgären -Neigungen sprach, die mir angeboren und -streng im Zaum zu halten seien.</p> - -<p>Meine Pflegeeltern haben viel für mich -gethan, sie liessen mir eine Erziehung -geben, als wäre ich wirklich eine der -ihrigen und bestimmt, mit anmuthigem -Flügelschlag durch ihre vornehmen Gesellschaftskreise -zu schweben. Aber als ich -in das berühmte Pensionat kam, hatte ich, -damals noch ein halbes Kind, die Ueberzeugung, -ich werde aus dem Hause entfernt, -damit Robert und Lili nicht von -meinen vulgären Neigungen angesteckt -würden. Da diese mir angeboren waren, -liessen sie sich nicht ausrotten, trotz der -heilsamen Strenge, die angewendet ward. -Dafür waren aber auch der ehemalige -Kutscher und die ehemalige Kammerjungfer -von Papa und Mama mein Vater und -meine Mutter. Sie starben beide während -einer Epidemie; ich kann mich ihrer kaum -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -erinnern, denn ich zählte erst vier Jahre, -als mich das unersetzliche Unglück traf. -Unersetzlich – wiewohl Papa und Mama, -die in kinderloser Ehe lebten und längst -daran gedacht hatten, eine Waise an Kindesstatt -anzunehmen, mich in ihr leeres grosses -Haus nahmen. Auch an ihr Herz? -Vielleicht. Ich habe nur dunkle Erinnerungen -an die ersten Jahre im Hause meiner -Pflegeeltern. Aber mir schwebt vor, als -habe Mama mit ihren eigenen weissen, -feinen Händen mich zuweilen in schöne -gestickte Kleidchen gehüllt und sei am -Abend, wenn sie keine Gesellschaft hatte, -an mein Bett getreten, um mich ein kurzes -Kindergebet zu lehren. Und Papa hob -mich im Sommer, den wir stets auf seiner -Besitzung an der Elbe verlebten, in die -Zweige der Kirschbäume empor, damit -ich mir mit meinen Kinderhänden – sie -waren leider immer von ansehnlicher -Grösse – die rothen Herzkirschen pflücke. -Ich vermuthe, dass ich mich damals von -anderen Kindern wenig unterschied. Vielleicht -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -hatten die häufigen Lobsprüche, die -ich erhielt, ein gewisses kindliches Pharisäerthum -in mir grossgezogen. Mit ausgesprochenem -Grauen betrachtete ich den -schmutzigen wilden Burschen des Pächters. -Der Knabe war nur etwa fünf Jahre älter -als ich und kam täglich mit zerrissenen -Kleidern und zerschlagenem Gesicht nach -Hause, so dass seine Mutter kläglich -prophezeite: »Wenn der Junge erwachsen -ist, läuft er ohne Nase in der Welt umher.«</p> - -<p>Meine angeborenen Neigungen schlummerten -noch unentdeckt in meiner Brust. -Sie haben sich erst später entwickelt. Und -ich kann mit Bestimmtheit angeben, wenn -das geschah.</p> - -<p>Papa und Mama waren überselig. Der -Erbe, den sie nicht mehr erhofft, lag -schreiend in seiner Wiege. Das ganze -Haus ging auf den Zehenspitzen. Die -Dienstleute hatten anderes zu thun, als -sich um mich zu kümmern, die sie wohl -stets im Stillen als in die Gesindestube -gehörig betrachtet hatten. Es war im -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -Sommer. Hinter Papas Schlösschen zog -sich der grosse Park, von einer alten Steinmauer -umschlossen, hin. Daran stiess die -Pächterwohnung mit den Wirthschaftsgebäuden. -Im Park war es langweilig. -Ich reckte mich auf den Zehen empor -und klinkte ein Seitenpförtchen auf, um -auf Entdeckungen auszuziehen. Ich -brauchte nicht in die Ferne zu schweifen, -das Gute in Gestalt eines Ententümpels -lag vor mir, und Balthasar (er heisst wirklich -Balthasar, möglicherweise verschärft -dies sein Vergehen in Fräulein Möllers -Augen) warf Steine in das grünlich -schmutzige Wasser. Vor einigen Wochen -hätte ich vermuthlich mein weisses Kleidchen -zusammengenommen und wäre mit -dem stillen Gedanken: »wohl mir, dass ich -nicht bin wie dieser,« aus der vulgären -Welt, in der Hühner scharrten, Gänse -gackerten und Enten auf schmutzigem -Tümpel schwammen, in die vornehme Abgeschlossenheit -des Parks zurückgewichen; -aber man liess mich nun viel allein, und -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -ich langweilte mich. Und so trat ich näher -und sagte:</p> - -<p>»Du, das kann ich auch.«</p> - -<p>Der schmutzige Bursche starrte mich -verdutzt an, aber ich imponirte ihm nicht -lange, denn als ich den ersten Stein warf -und er mit einem Plumps versank, ohne -wie die Wurfgeschosse Balthasars über -das Wasser Kreise ziehend, hinzutanzen, -lachte er mich aus. Doch zeigte er mir -gleich darauf die Handgriffe. Das Wasser -spritzte nach jedem Wurf hoch auf, und -als mich nach geraumer Zeit der Gärtner -entdeckte und das verirrte Schäflein heimgeleitete, -triefte ich von Nässe. Die Folge -davon war ein heftiger Schnupfen, der -mir die Augen thränen, die Nase aufschwellen, -das ganze Gesicht, wie Papa -(leise zu Mama aber von mir dennoch gehört) -bemerkte, dem seines ehemaligen -Kutschers ähnlich machte. Mama gerieth -in Todesangst, ich könnte meine Erkältung -dem »Kinde« mittheilen und so blieb ich -aus ihrer und Roberts Nähe wochenlang -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -streng verbannt. Ich müsste lügen, wenn -ich behauptete, ich hätte meine Acht -besonders schwer empfunden; denn in -diese Zeit fielen meine Herumstreifereien -mit meinem neuen Freunde, der mich zu -Haselbüschen führte und mir zeigte, wie -man die Nüsse mit den Zähnen aufbiss. -Seit damals war ich vulgär. Je grösser -Robert wurde, desto schlimmer trat meine -Erbsünde zu Tage. Ich steckte beständig -mit Balthasar zusammen und wurde einmal -im Kuhstall ertappt, das anderemal -aus den höchsten Zweigen eines Birnbaumes -herabgeholt. Balthasar war ein rührend -treuer Kamerad. Das prächtige Obst, das -er in Papas Garten gemaust, theilte er -gewissenhaft mit mir, und (wer zweifelt -noch, dass ich das vernichtende Urtheil -meiner Pflegeeltern verdiente!) es schmeckte -hundertmal besser in einem Winkel der -Scheune, als von den Krystallschalen an -der Tafel.</p> - -<p>Mama und Papa, die meinen unpassenden -Verkehr missbilligend bemerkten, -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -hofften, der Winter werde ihm ein -Ende bereiten. Unterbrochen wurde die -Freundschaft, aber jedes Frühjahr knüpfte -sie fester. Damals wusste ich mir keine -Rechenschaft darüber zu geben, was mich -zu Balthasar und seinen braven, tüchtigen -Eltern hinzog, aber heute ist mir's klar, -dass es nicht bloss die ererbte Vorliebe -für vulgäre Gesellschaft war, sondern die -Thatsache, dass ich jenseits der Gartenmauer -etwas galt und gut gelitten war, -während ich dieseits kalt übersehen oder -getadelt wurde. Allerdings als zwei Jahre -nach Robert die kleine zarte Lilli zur Welt -kam, besserte man nicht mehr an mir -herum und liess mich treiben, was mir -gefiel, bis ich alle Grenzen des Erlaubten -überstieg. Ich zählte vierzehn Jahre und -sollte bei Lilli's Gouvernante die Lücken -in meiner Bildung ausfüllen. Statt dessen -lief ich tagaus tagein zur Pächtersfrau -hinüber. Sie war einsam; ihr Abgott Balthasar -befand sich auf einer landwirthschaftlichen -Schule. Ich ging ihr in Küche -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -und Maierei zur Hand, butterte, streute -dem Geflügel das Futter, knetete und buck -ordinäres schwarzes Brod. Wurde ich entdeckt, -dann sah ich ein, dass mein Vergehen -zum Himmel schrie. Ueberhaupt -war ich in Gegenwart von Papa, Mama, -Robert und Lilli meist in so bussfertiger, -zerknirschter Armensündenstimmung, -dass es mich gar nicht Wunder nahm, -wenn mich alle für feige, unaufrichtig, -lakaienhaft hielten. Die geringschätzigen -Bemerkungen, die kalten Blicke daheim -drückten mein Selbstgefühl herab, ich -begann, mich für einen dunkeln Flecken -auf dem sonnigen Familienbilde zu halten, -für eine Art von Schlagschatten, der die -Vortrefflichkeit und feine Ausführung der -anderen Schöpfungswerke gebührend hervorhob, -sich aber nichtsdestoweniger ziemlich -überflüssig dünkte. Die Andern -mochten dasselbe finden; ich wurde Fräulein -Möller ausgeliefert. Sie sollte den -letzten Versuch machen, mein ererbtes -Uebel zu kuriren. Seit zwei Jahren bin -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -ich nicht einmal in den Ferien nach Hause -gekommen. In der ersten Sommervacanz, -während ich mit meinem baumlangen -Kameraden Pflanzen und Steine suchte, -kam Miss Burton, Lilli's Gouvernante, auf -die Idee, ein geheimes Einverständniss -bestehe zwischen mir und dem lieben, -langen, unbeholfenen Jungen. Und so -erfloss das Verbot meiner Heimkehr, und -während die anderen Mädchen in die -Berge, an die See in den Sonnenschein -hinauszogen, sass ich wie ein Sträfling -hinter den Mauern des verstaubten Pensionsgartens. -Nächstes Jahr durfte ich -wohl Papa und Mama besuchen, denn (ich -konnte meine Thränen nicht zurückhalten, -wiewohl die ganze Klasse mich spöttisch -betrachtete) Balthasar sollte nicht mehr -als Schlange im Paradies lauern. Der -Bruder seiner Mutter war kinderlos verstorben -und hatte ihm ein hübsches Gut -in Pommern hinterlassen. Er hatte es -mir geschrieben und mich gefragt, wann -er mich sehen könne. Mama und Papa, -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -welchen er einen Abschiedsbesuch gemacht, -hätten ihm die Bitte, mir vor seiner Abreise -die Hand drücken zu dürfen, rundweg -abgeschlagen. Ich dürfe meine Studien -nicht unterbrechen. Du lieber Gott, als -ob nicht Hopfen und Malz an meiner -Wasserfarbenmalerei, meinen Chopin'schen -Nocturno's und Stickereien in Seide und -Chenille verloren wären.</p> - -<p>Dieser Brief, der erste heimliche Brief -in meinem achtzehnjährigen Leben, fiel -einer Aufseherin in die Hände, und ich -hörte Sentenzen vor der ganzen Klasse -über mein unpassendes Benehmen. Zuletzt -wurde mir verboten, das Haus zu verlassen. -Wie ein Häuflein Unglück sass -ich in meinem Zimmer und bekam zu -meiner übrigen Schönheit vom Weinen -rothe geschwollene Augen.</p> - -<p>Vermuthlich verdankte ich es meiner -vulgären Neigung, dass ich unter all den Gewerbsleuten -der Schule warme Freunde hatte.</p> - -<p>Meine Antwort an Balthasar hatte die -Bäckerstochter bestellt, und nun wartete -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -er ohne Zweifel in dem windschiefen Gartenhäuschen -an der Mauer, in welches er -sich, dank seinen früh erworbenen Kletterkünsten, -leicht genug hinaufzuschwingen -vermochte. Ich aber war gefangen, und -wenn auch nicht in Banden, so doch durch -eine gut und sicher verschlossene Thüre -von der Aussenwelt getrennt, denn zu -diesem äussersten Mittel hatte Fräulein -Möller gegriffen, da ich mich nicht dazu -verstehen wollte, meinen Verzicht auf -eine Zusammenkunft mit meinem Jugendfreunde -zu versprechen.</p> - -<p>Mein Zimmer lag eine Treppe hoch, -aber das Haus war niedrig, und unter -meinem Fenster befanden sich ein paar -kümmerliche Blumenbeete. Ich würde -weich fallen. Natürlich würden die zerdrückten -Blumen meinen Frevel morgen -aller Welt verkünden, aber ich war in -einer Stimmung, so verzweifelt und aufgeregt, -dass mich keine Bedenken abhielten. -Mit Balthasar ging meine glückliche -Kinderzeit von mir. Ohne Abschied -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -liess ich den einzigen Menschen, der mich -an's Herz geschlossen, nicht von dannen -ziehen.</p> - -<p>In minder verlockender Gestalt ist wohl -noch nie eine junge Dame bei einer heimlichen -Zusammenkunft erschienen. Die -weiche, von Regen getränkte Erde des -Gartens hatte sich in rührender Anhänglichkeit -meinem Kleide mitgetheilt, ich hinkte, -denn ich hatte mir bei dem Sprung den -Fuss verstaucht, und zum Ueberfluss fing -ich noch laut zu weinen an, als bei dem -Schein einer Laterne, die in dem Gässchen -hinter dem Gartenzaun brannte, mein -Jugendfreund in dem windschiefen Gartenhäuschen -vor mir auftauchte.</p> - -<p>Er hatte mit seiner grossen, ehrlichen -Rechten meine Hand gefasst und begann -mir mit der Linken unbeholfen das Haar -zu glätten. Und da ich dadurch nicht -beruhigt ward, wollte er mich an sich -ziehen. Aber ich machte mich los.</p> - -<p>»Wir wollen nicht den geringsten Anlass -zum Tadel geben. Wenn wir auch -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -gezwungen sind, auf heimlichen Wegen -zu gehen, so wollen wir uns doch benehmen, -als wären Mama, Papa und Institutsvorsteherin -zugegen.« Damit setzte ich mich -auf die eine Seite des wackeligen Tisches -und wies ihm den Platz mir gegenüber -an.</p> - -<p>»Doch wenn ich deine Hand nicht in -meinen ungeschlachten Fingern halten -kann, Jenni, dann weiss ich nicht recht, -wie ich anfangen soll,« sagte mein langer -Freund hilflos. Die freundliche Strassenlaterne -fiel ihm gerade auf das Gesicht. -Was für ehrliche, treue Augen er hatte -und wie warm Einem um's Herz wurde, -wenn man in sie hineinsah! Ich gab ihm -meine Hand, und nun begann er:</p> - -<p>»Du weisst wohl, dass ich ein Gut -geerbt habe, Jenni, keine Herrschaft, aber -ein ganz stattliches Bauerngut.« Dabei -drückte er mir die Hand; aber da ich nicht -wusste, wo er hinaus wollte (vielleicht -wusste ich's auch und behielt es blos für -mich), so wünschte ich ihm blos Glück. -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -Es werde ihm gut thun für sich selber, -auf seinem eigenen Grund und Boden zu -arbeiten.</p> - -<p>»Hm,« sagte er, stockte und fing mit -einiger Anstrengung wieder an: »Zu solch' -einer Farm gehört eine hübsche, junge -Frau, Jenni.«</p> - -<p>Das überraschte mich. Seine Mutter -war ja noch so rüstig und würde ihm -gewiss mit Freuden haushalten.</p> - -<p>Aber ich wurde feuerroth, als ich diese -passende Bemerkung murmelte und segnete -die Strassenlaterne, in deren Schatten ich -sass.</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf. Die Alten -wollten nicht mehr wirthschaften. Sie -hatten sich ein hübsches Sümmchen erspart -und gedachten sich im Hause des Sohnes -zur Ruhe zu setzen.</p> - -<p>Und dann meinte er mit einem verlegenen -Lachen, er wisse auch schon von einer -Frau. Die Frage sei nur, ob ihr das Loos, -das er ihr bieten könne, glänzend genug -sei, sie habe bessere Aussichten. Aber -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -ein treueres Herz fände sie sicher niemals -und wärmere Liebe auch nicht.</p> - -<p>Dabei blickte er mich so bittend an, -und in seinem Gesicht lag solch' eine Sorge -wegen der glänzenden Aussichten, dass -ich ein Stück Holz hätte sein müssen, -um länger an mich zu halten.</p> - -<p>»Kein glücklicheres Loos kann es -geben, als an Deiner Seite, Balthasar!« -rief ich.</p> - -<p>Und da zog er mich an sein treues -Herz. Am liebsten hätte er mich, wie ich -ging und stand über die Gartenmauer und -zu seinen Eltern getragen, um alle Förmlichkeiten -abzuschneiden. Aber ich konnte -ihm den Gang zu Papa und Mama nicht -ersparen, wenn er ihm auch vielleicht -schlimmer erschien, als der Marsch in -einem Kugelregen.</p> - -<p>Er erzählte mir später, er hätte nie -längere Gesichter gesehen als die ihren, -nachdem er um meine Hand anhielt und, -ihrem »Nein« zuvorkommend erklärte, wir -seien einig.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -»Mein Gott, wir können doch unser -Adoptivkind nicht mit dem Sohn unseres -Pächters verheirathen,« rief Mama, »was -würde die Welt dazu sagen! Es würde -heissen, wir hätten sie abgeschüttelt, weil -wir nun eigene Kinder haben!« Und Papa -hatte mit der schneidenden Ironie, mit -der er mich so oft verwundet, eingeworfen:</p> - -<p>»Lass' die Leute die Köpfe schütteln. -Wir können ihnen antworten: Art lässt -nicht von Art, und eine Ente wird durch -das beste Beispiel, die sorgfältigste Erziehung -nicht zum Schwan!«</p> - -<p>Und so sitze ich im Tümpel. Im Ganzen -ist mein Leben gar nicht übel, und -ich tauschte nicht für die Welt den -Schwanenteich zurück. Wenn ich jetzt -zuweilen in den Spiegel blicke und mir -ein frisches, gerundetes, glückliches Gesicht -entgegengrüsst, dann möchte ich schier -glauben, die Urkraft habe mich Anfangs -doch zum Zierrath bestimmt und sei nur -auf halbem Wege stehen geblieben. Aber -Balthasar, der arme, verblendete Mann, -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -hält mich thatsächlich für etwas ganz -Kostbares und trägt mich auf starken, -treuen Händen durch das Leben; und -das ist eigentlich mehr, als solch' ein -armselig graues Entlein beanspruchen darf.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -EIN APRILSCHERZ.</h2> - - -<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -Das Schelmen-Triumvirat nannte uns -zur Zeit, als wir unsern wilden -Hafer säeten, die Volksstimme in unsrer -Künstlerstadt. Zweien von uns, dem -Genremaler Karl Schönborn und meiner -Wenigkeit, that sie damit entschieden zu -viel Ehre an; wir waren keine ebenbürtigen -Genossen, wir waren nur die Handlanger -des dritten und spielten die Rolle -Sancho Pansas, der ganz deutlich sieht -wohin die Tollheit seines Meisters führt, -und der ihm doch durch dick und dünn -folgt. Ja, Ruppert Ahlfeld war unser -Meister im Ersinnen toller Possen; wehe -dem Menschenkind, das er sich zur Zielscheibe -erkoren! Da war vor etlichen -Jahren ein Jüngling von äusserst frommer -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -Gemüthsart und tugendhaftem Wandel -in unsern Bereiche aufgetaucht, den Blasengel -hiessen wir ihn, wegen seines rundlichen, -rosigen Gesichts und des goldblonden -Gelocks, das ihm wie ein Glorienschein -um den Kopf starrte; auf ihn stiess -unser Anführer wie ein Fischadler auf -einen fetten Karpfen nieder. Es hiess, -Hugo Lichtner habe sich mit einem steinreichen -Verwandten, der ihn zu seinem -Erben machen wollte, entzweit, weil er -um jeden Preis Stillleben malen musste. -Ich bitte Sie – Stillleben! Wenn es Konradins -Tod, oder Orest an der Leiche -Klytemnestras, oder Judith und Holofernes -gewesen wären, an welche Rupert in -jugendlichem Grössenwahn beispiellos viel -Farbe und Leinwand verschwendete, das -hätte diesem Respeckt eingeflösst, aber -sich enterben lassen, um grüne Gurken, -einen Teller Trauben, ein Glas mit Goldfischen -abzukonterfeien, das konnte er, -der sich als Vertreter der grossen Kunst -fühlte, dem armen Jungen nicht verzeihen. -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -Für Lichtner hatte der erste -April bald 365 Tage; kaum war er mit -Mühe und Not einer Schlinge entronnen, -dann stolperte er mit dem arglosesten, -vertrauendsten Lächeln von der Welt in -die zweite hinein.</p> - -<p>»Kinder,« erklärte Rupert mit dem -salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm, -»wenn es uns gelingt, ihm die -himmelblaue Binde über den Augen zu -lockern, dann haben wir ein grosses Werk -vollbracht und verdienen, dass auf unsern -dereinstigen Grabsteinen die Worte »Wohlthäter -der menschlichen Rasse« eingemeisselt -werden.«</p> - -<p>Aber unsre Bemühungen erschienen -nicht von dem kleinsten Erfolg gekrönt, -der Blasengel blieb leichtgläubig und arglos, -als wäre er erst gestern aus den -Wolken auf die sündige Erde niedergeflattert.</p> - -<p>Einmal hatte er uns im Atelier aufgesucht, -nachdem sich Professor P., unter -dessen Anleitung unser Triumvirat damals -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -arbeitete, in sein Allerheiligstes zurückgezogen. -Da ging die Thür auf, und ein -kleiner, abscheulicher Seidenpintsch sprang -uns kläffend an die Beine. Jeder von -uns wäre mit Vergnügen bereit gewesen -dem Köter einen herzhaften Fusstritt zu -versetzen, allein hinter ihm raschelte ein -seidenes Frauenkleid, eine wunderhübsche, -junge Dame mit blitzenden Zigeuneraugen, -Wangen eines Pfirsichs und einem -bezaubernden Stumpfnäschen kam in das -Atelier, als hätte sie der Aprilwind hereingeweht, -und statt des Fusstritts bückte -sich jeder herab, um den Rücken des -Scheusals zu tätscheln, das uns zum Dank -dafür nach den Fingern schnappte.</p> - -<p>»Ich wünsche, den Professor zu sprechen,« -sagte das Fräulein mit einem -Lächeln, das selbst einen Stein erwärmt -hätte, »mein Name ist Ilona Balogh, Porträtmalerin -aus Pest.«</p> - -<p>Wir wussten schon von ihr. In den -paar Tagen, die sie in unsrer Stadt verweilte, -hatte sie der jüngeren Künstlerschaft -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -(vielleicht auch der älteren, doch, -davon schweigt des Sängers Höflichkeit) -soweit sie in ihre Nähe gerathen, durch -ihre Schönheit und ihre pikanten Einfälle -die Köpfe verwirrt. – Dienstbeflissen -stoben wir auseinander. Rupert schob ihr -den pomphaftesten der Krönungssessel hin, -ich breitete dem gräulichen Vierfüssler -einen kostbaren, persischen Teppich unter, -Karl Schönborn pochte an des Meisters -Thür, – wie ich vermuthe nicht ohne -Herzklopfen, da dieser, wenn er sich zurückgezogen, -eine Störung nicht allzu -freundlich willkommen hiess – nur Hugo -Lichtner stand wie ein gemeisselter Engel -da und starrte mit verzückten Augen auf -die junge Dame.</p> - -<p>Fräulein Ilona bemerkte es – sie hätte -sonst auch stockblind sein müssen – und -rückte ihren Stuhl, um sich dem Bereich -seiner Blicke zu entziehen; doch auch -jetzt mochte sie die hypnotisirten Augen -auf sich gerichtet fühlen, denn sie schürzte -die Lippen wie in gutmüthigem Spott.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -Ich war wüthend. War dies unsre -grüne Unschuld, unser keuscher Joseph, -den wir trotz aller mephistophelischen -Versuchung, und trotzdem die hübsche -Nanni in unsrer Künstlerkneipe sich mehr -als nöthig in der Nähe des seraphischen -Blondkopfs zu schaffen machte, nie zu -der geringsten Aufmerksamkeit gegen das -schöne Geschlecht bewegen konnten? -Fräulein Balogh musste annehmen, das -die Czikos auf ihrer Pussta mehr Lebensart -besassen, als ihre jungen Künstlerkollegen. -Ein vergnügtes Grinsen, das -sich über Ruperts Gesicht zog, dämpfte -meinen Aerger. Was hatte er wohl wieder -ausgeheckt, um Hugo das Leben zu verleiden? -Soeben war der Professor in die -Thür getreten und geleitete den gut empfohlenen -Gast in sein Privatkabinett.</p> - -<p>»Habt ihr bemerkt, wie sie den Posaunenengel -angesehen hat, so – ergriffen, -möchte ich es nennen?« fragte Rupert. -Sein Augenblinzeln, dem bei mir, dem -neben ihm Stehenden, ein leiser Stoss -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -mit dem Fusse nachhalf, erleuchtete uns -augenblicklich.</p> - -<p>»Ja wohl, ja wohl, in ihren Augen lag -so etwas wie eine widerstandslos schmelzende -Lawine,« versetzte Schönborn, angelegentlich -seinen Vollbart streichend.</p> - -<p>»Als sie dem Professor folgte, hat sie -noch einmal den Kopf sehnsüchtig nach -Hugo zurückgewendet,« fügte er hinzu, -um hinter meinen phantasiebegabten Genossen -nicht ganz und gar zurückzubleiben.</p> - -<p>»Glücklicher Mensch, er hat das schönste -Mädchen der Stadt im Sturm erobert!« -rief unser Führer.</p> - -<p>»Nein; glaubt ihr wirklich, glaubt ihr, -sie habe mich auch nur bemerkt?« fragte -Hugo in naiver Freude, mit seinem erröthenden -Gesicht noch mehr als sonst -einem Blasengel ähnlich, der seine Posaune -für einen Moment absetzt.</p> - -<p>»Glauben?« versetzte Rupert entrüstet, -»Mensch, man hat doch Augen im Kopfe! -Wenn das nicht ein Fall von Liebe -auf den ersten Blick ist, dann kannst -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -du mich für blind wie Hiob erklären.«</p> - -<p>»Aber wie kam sie nur dazu, gerade -mir, dem Unbedeutensten von euch, Aufmerksamkeit -zu schenken?«</p> - -<p>Rupert zuckte die Achsel.</p> - -<p>»In dem elementaren Zuge von einem -Herzen zum andern liegt gewöhnlich etwas -Unbegreifliches,« predigte er. In seinem -Munde nahmen sich die Lehren überlegener -Weisheit stets ausserordentlich -wirkungsvoll aus. »Aber höre mein Sohn, -bilde dir nicht ein, dass du die Hände -in den Schooss legen und dich wie ein -vom Dach fallender Sperling auf die -göttliche Vorsehung verlassen kannst. Die -drinnen ist nicht die hübsche Nanni.«</p> - -<p>»Erlaube mir die Bemerkung, dass ich -es sehr geschmacklos finde, beide in einem -Atem zu nennen,« warf Hugo mit ungewohnter -Hitze ein.</p> - -<p>»Ilona Balogh ist die Tochter eines -romantischen Volkes, sie erwartet gewiss -ein ritterliches Werben, etwas mittelalterlich -troubadourmässiges,« dozierte -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -Ahlfeld. »Ulrich von Liechtenstein, natürlich -etwas den veränderten Zeitläufen -angepasst, ohne zerschnittene Lippe und -Verkleidung als Frau Venus (letztere würde -die prosaische Polizei von heute gar nicht -erlauben), das dürfte das angemessene -sein, du verstehst mich doch?«</p> - -<p>Unser armer Blasengel gab sich alle -Mühe, aber zuletzt schüttelte er den Kopf; -er verstand ihn nicht.</p> - -<p>»Du schickst ihr jeden Tag Blumen -und Gedichte; wenn du die letzteren nicht -zu stande bringst, helfen wir dir alle drei -dabei; – auch giebt es immer bei den -Antiquaren alte, vergessene Schmöker voll -lyrischer Empfindungen, die man, ohne -ertappt zu werden, abschreiben kann. – -Zur Besorgung derselben an deine Dame -kannst du den Sohn meiner Hauswirthin -verwenden, den anstelligsten kleinen -Taugenichts, der je Stiefel auf unserm -Pflaster zerriss.«</p> - -<p>Gegen den vorgeschlagenen Betrug -verwahrte sich das arme Opfer unsrer -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -Ruchlosigkeit, aber mit den übrigen Vorschriften -erklärte er sich einverstanden; -ja er dankte seinem Mentor noch, weil -dieser seiner Unerfahrenheit in Liebessachen -so brüderlich zu Hilfe kam.</p> - -<p>»Du zeigst dich ihr so oft als möglich -mit deinem verführerischen Seraphslächeln -und dem fascinierenden Blick, der sie -vorhin so widerstandslos gefangen nahm, -aber, höre mein Sohn, hüte dich, ihr durch -ein Wort deine Gefühle zu verraten, bevor -sie dir selbst die Erlaubniss dazu giebt.«</p> - -<p>Dies erschien zwar bei Hugos Schüchternheit -ohnehin ziemlich selbstverständlich, -aber unser Freund wünschte sicher -zu gehen.</p> - -<p>»Die Frauen dieser interessanten Nation -muss man sehr vorsichtig behandeln,« -fuhr er mit tiefsinnigem Kopfschütteln -fort. »Ein wüthend Weib und eine Ungarin« -nennt sie Grillparzer in einem Athem, -und er als nächster Nachbar muss sie -doch gekannt haben. Ein unüberlegt-vertrauliches -Wort, und wenn sie in Liebe -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -für dich verginge, so würde sie dir doch -wie eine beleidigte Königin den Rücken -wenden.«</p> - -<p>Die Wiederholung unsrer angenehmen -Erfahrungen mit dem Seidenpintsch, dem -seine schöne Herrin auf dem Fusse folgte, -unterbrach weitere Betrachtungen. Als -sie sich mit leichtem Kopfnicken von uns -verabschiedete, unterliess sie es nicht, dem -Blondkopf einen schalkhaften Blick zuzuwerfen, -der Hugo bis unter die Haarwurzeln -erröthen machte.</p> - -<p>Lächerlicher hat sich nie ein liebeskranker -Minnesänger benommen, als unser -Blasengel unter dem Einfluss seiner brüderlichen -Rathgeber. Rupert hatte, den -günstigen Zufall ausnützend, dass das -Gärtchen seiner Hauswirthin an das zu -Fräulein Baloghs Wohnung gehörige stiess, -Zutritt bei ihr zu erlangen gewusst, obschon -sie sonst nicht viel Verkehr mit -dem jungen Künstlervolk pflog. Er that -dies, wie er versicherte, nur um Hugos -willen, damit er ihn auf das genaueste -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -über ihre Liebhabereien und Antipathien -zu unterrichten vermochte. Diese waren -etwas veränderlich; das blonde Bärtchen, -das unserm Opfer fast gleichzeitig mit -seiner Liebe aufgesprosst war, musste sich -die einschneidendsten Veränderungen gefallen -lassen, denn einmal schwärmte Ilona -für vollbärtige Germanenköpfe, das -nächstemal stellte Heinrich der Vierte -ihr Ideal von männlicher Schönheit vor; -bald konnte nur ein Mann mit dem aufgewichsten -Schnurrbart ihrer engeren -Landsleute Gnade vor ihren Augen finden; -dann wieder zwang Hugo eine ihrer bizarren -Launen, sich mit ausrasiertem -Schnurrbart und zwei fragwürdigen Kotelettes -einem amerikanischen Geschäftsreisenden -so ähnlich zu machen, als es -einem Blasengel nur immer möglich ist. -Die Kopfbedeckungen, Halsbinden und -Sammtröcke, die er um jene Zeit trug, -lockten zuweilen die Gassenbuben auf -seine Fährte. Aber das alles waren verhältnissmässig -leichte Opfer, die er seiner -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -Herzensdame brachte; als aber das Sommerfest -der Künstler herankam und sein -Gesicht von süssen Wiedersehnshoffnungen -zu leuchten begann, da zog ihn sein Peiniger -bei Seite: »Fräulein Ilona wünscht -nicht, das du mit ihr tanzest, die Leute -könnten errathen, was es für ein Bewandniss -mit ihrem Herzen habe.«</p> - -<p>Und nun stand er die ganze Nacht -wie ein Säulenheiliger in der Ecke und -sah zu, wie sich die Geliebte mit jungen -Männern – auch mit Rupert – im Tanze -drehte. Allerdings blieb der Lohn für -seine Enthaltsamkeit nicht aus. Eine -dunkle Haarlocke, die, wenn nicht auf -Ilonas, so doch auf einem andern Kopfe -gewachsen, eine Schleife von der Farbe, -wie sie das schöne Mädchen auf dem Feste -getragen, etliche zwischen Fliesspapier -gepresste Wiesenblümelein wurden von -demselben zuverlässigen Liebesboten, der -seine Bouquets abzuliefern hatte, in seine -Hände gespielt. Dass wir drei die krampfhaftesten -Zuckungen durchzumachen hatten, -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -als wir ihn dann verklärt, als schwebe -er auf Wolken, herumgehen sahen, kann -uns wohl niemand verübeln. Uebrigens -fühlten Karl und ich zuweilen leise Gewissensbisse. -Ohne unser Schüren wäre -Hugos Leidenschaft vielleicht aus Mangel -an Nahrung zu einem unschädlichen Häuflein -glimmender Kohlen zusammengefallen, -während sie jetzt lichterloh aufbrannte. -Aber unser Hauptmann mochte von einem -dramatischen Abschluss mit Enthüllungen -nichts hören. Er hatte selber zu tief in -Ilonas schöne Augen geblickt, und nun -bereitete es ihm ein boshaftes Vergnügen, -die heilige Einfalt zu quälen, die sich -vermass, ihre Wünsche auf denselben Gegenstand -zu richten, wie Ahlfeld selber. -Da verschwand unser Blasengel eines -Tags spurlos aus unserm Kreise und aus -der Stadt.</p> - -<p>Wiewohl ich über die Gefühle von -Strassenräubern nicht sonderlich genau -unterrichtet bin, möchte ich behaupten, -dass sie mit meinen und Schönborns viel -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -Verwandtes hatten. Wir setzten voraus, -Hugo habe erfahren, welche Narrenrolle -wir ihn spielen liessen und sich, aus allen -erträumten Himmeln gestürzt, ein Leids -angethan. Selbst Rupert ging merkwürdig -kleinlaut herum. Aber als nach vielen -Wochen Hugo mit einem Trauerflor um -den Hut wieder in der Glorie eines Vollbärtchens -und mit schärfer und bestimmter -umrissenen Zügen unter uns auftauchte, -erwachte der alte Adam sogleich wieder -in ihm, und er rief dem Eintretenden -entgegen: »Landstreicher, wo hast du -gesteckt? Ilona hat sich nicht wenig um -dich geängstigt; kein Tag verging, an dem -sie nicht wenigstens über den Gartenzaun -hinüber nach dir fragte.«</p> - -<p>»Ich wurde zu meinem todtkranken -Onkel berufen und vermochte, wie ihr -euch vorstellen könnt, an seinem Sterbebette -nichts andres zu denken, als dass -der alte Mann mir viel gutes erwies, und -dass ich ihm zum Danke dafür die grösste -Enttäuschung seines Lebens bereitet habe.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -»Hoffentlich wurde bei deinem Erscheinen -das bewusste gemästete Kalb -geschlachtet?« fragte Karl.</p> - -<p>»Zu Festlichkeiten waren die Umstände -nicht angethan; aber der verlorene Sohn -wurde mit offenen Armen aufgenommen.«</p> - -<p>»Trotz deiner Grünzeugbilder?« spottete -Rupert. »Dein Onkel war viel zu nachsichtig; -ich hätte es nicht über mich -gebracht.«</p> - -<p>»Die Grünzeugbilder (übrigens waren -es diesmal zwei Fruchtstücke) bahnten die -Aussöhnung an,« versetzte Hugo triumphierend, -»sie wurden in meiner Heimath -ausgestellt, und mein Onkel las im Lokalblättchen -allerhand Erbauliches von einem -»vielversprechenden Sohn der Vaterstadt, -dem Neffen eines unsrer angesehensten -Mitbürger.« Das Zureden alter Freunde -that das übrige. Vor seinem Tode hat -er mir sogar das Zugeständniss gemacht, -dass nicht jeder von Mutter Natur so -glücklich begabt sein könne, um eine -Zündhölzchenfabrik mit Erfolg leiten zu -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -können, und dass es auf dieser unvollkommenen -Welt auch »Phantasten« (nämlich -Maler, Musiker, Dichter u. s. f.) -geben müsse.«</p> - -<p>»Und so bist du vermuthlich ein herzloser -Kapitalist geworden?« fragte Ahlfeld -mit einem Stirnrunzeln; (er war keiner).</p> - -<p>»Mein armer Onkel hat mich zum -Erben eines sehr bedeutenden Vermögens -eingesetzt,« war die Antwort.</p> - -<p>»Was wird Fräulein Balogh dazu sagen?« -warf Schönborn aus alter Gewohnheit, -sie im Gespräch mit dem Blasengel -unaufhörlich zu erwähnen, ein.</p> - -<p>»Dies zu erfahren, ist, wie ich fürchte, -heute schon zu spät. Ich werde morgen -meinen Besuch bei ihr machen.«</p> - -<p>Er zog seine Uhr heraus, und so -mochten ihm die verblüfften Blicke entgehen, -die unser in diesem Augenblick -nicht gerade sehr siegreiches Triumvirat -wechselte.</p> - -<p>»Mensch, du gedenkst doch nicht selbst -ihr Haus zu betreten?« stammelte Rupert, -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -nach Atem schnappend, »willst du gegen -ihr ausdrückliches Verbot handeln?«</p> - -<p>Aber das war nicht mehr der alte -Blasengel, der in unsern Händen biegsam -wie weiches Wachs gewesen. Nicht, dass -er uns misstraute; aber der ererbte Reichthum -schien ihm eine bedeutende Sicherheit -verliehen zu haben.</p> - -<p>»Dieses Verbot kann nicht für immer -Giltigkeit haben,« versetzte er, »ich muss -endlich in meiner Herzenssache selber -handeln; es geht nicht an, immer meine -Freunde für mich eintreten zu lassen; -denkt ihr nicht auch?«</p> - -<p>Wir dachten im diesem Augenblick -nichts anders, als dass eine Versenkung -unter unsern Füssen eine angenehme -Sache wäre.</p> - -<p>»Es ist kein Geheimniss für euch, wie -wir mit einander stehen,« sagte er roth -werdend.</p> - -<p>»Ja gewiss, aber überlege doch« –</p> - -<p>»Ueberlegen?« er blickte Rupert befremdet -an. »Solange ich ein armer Teufel -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -war, hielt ich es, so schwer es mir auch -wurde, für meine Pflicht, abseits zu stehen. -Das ist nun anders geworden, ich vermag -ihr ein gesichertes, behagliches Loos zu -bieten, kann ihre Wünsche, soweit sie die -Annehmlichkeiten des Lebens betreffen, -erfüllen;« seine Augen blickten dabei -glückselig ins weite, als sähe er seine -Geliebte wie eine Rose ins weichste Moos -gebettet. – »Da Ilona keine herzlose -Kokette ist, hoffe ich, dass sie meine ehrliche -Werbung annehmen wird, die sie -nach allem nur erwarten muss.«</p> - -<p>Schönborn und mir brach der Angstschweiss -aus den Poren. Wir wechselten -einen rathlosen Blick; sollten wir ihm sogleich -das Spiel, das wir mit ihm getrieben, -enthüllen? Aber Rupert kam uns zuvor.</p> - -<p>»Das heisst männlich gesprochen,« -rief er und schlug ihm auf die Schulter, -»gehe zu ihr, wirb und lass dir von ihren -Lippen dein Glück verkünden; wir enthalten -uns von jetzt ab jeder Einmischung.«</p> - -<p>»Das wird die würdige Krönung unsres -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Spasses sein,« sagte Rupert händereibend, -als sich Lichtner bald darauf verabschiedet -hatte, vermuthlich um von dem Glück zu -träumen, das ihm ja so sicher war. »Aus -ihrem eigenen Munde soll er hören, was -für ein lächerlicher Narr er gewesen ist. -Ich will sie sogleich einweihen.«</p> - -<p>Er schien Ilonas ziemlich sicher zu -sein, dennoch rief ich erschrocken: »Was -fällt dir ein? Wie kannst du sie darüber -aufklären, welche Rolle wir sie in der -Komödie spielen liessen?«</p> - -<p>»Sei ruhig; in der Beschränkung zeigt -sich euch der Meister. <em class="ge">Ihre</em> heimliche -tiefe Liebe werde ich mit einem mystischen -Schleier zu verhüllen wissen, nur von ihm -soll die Rede sein. Mir ist's als hörte -ich sie jetzt schon bei dem Bericht helllaut -auflachen.«</p> - -<p>»Und du meinst, sie wird ihre Mitwirkung -dazu leihen, den Blasengel aus -allen seinen Himmeln zu reissen?«</p> - -<p>»Wenn ich sie bitte, gewiss.« Damit -war er schon zur Thür hinaus.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -»Ehe denn der Hahn kräht, wird es -einen Abtrünnigen in unserm Junggesellentrio -geben,« sagte Schönborn, der -sich mit Vorliebe auf Weissagungen verlegt, -wiewohl er das merkwürdige Unglück -hat, sie nie eintreffen zu sehen, »ich wette, -der arme Hugo wird morgen von der Anzeige -empfangen werden: Rupert Ahlfeld, -Ilona Balogh empfehlen sich als Verlobte.«</p> - -<p>»Ich wollte, wir hätten die Geschichte -hinter uns,« murrte ich verdrossen, -»eigentlich haben wir uns gegen Lichtner -schmählich benommen. Ich lasse mich -von Rupert zu keinem dummen Streich -mehr verleiten.«</p> - -<p>Ein weiser Entschluss, den ich sehr -oft fasste, aber unter dem Einfluss unsres -Führers stets wieder vergass.</p> - -<p>Als Rupert zu uns zurückkehrte, sah -er zu unsrer Verwunderung alles eher -denn befriedigt aus. Er schleuderte seinen -Hut in eine Ecke mit der Bewegung -eines Menschen, der, soll er nicht ersticken, -seinem Aerger an einem unschuldigen -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -Gegenstande Luft machen muss, und warf -sich mürrisch auf einen Stuhl.</p> - -<p>»Die Weiber haben keinen Sinn für -Humor,« brach er aus, »und Ilona ist in -dieser Hinsicht von der Natur noch kärglicher -bedacht worden, als ihre Schwestern. -Glaubt ihr, sie habe die Lippen nur einmal -zu einem Lächeln verzogen, als ich -ihr die himmelschreienden Dummheiten -ihres Troubadours schilderte?«</p> - -<p>»Hast du ihr erzählt, dass er sich -wochenlang mit Häring, Wurst und Kartoffeln -vergnügt hat, damit die hübsche -Nanni in unsrer Kneipe jeden Morgen die -prachtvollsten, rothen Zentifolien auf ihre -Kammer trage?« fragte Schönborn, der -sich nicht vorstellen konnte, dass unser -famoser Spass ungewürdigt blieb, und der -es deshalb vorzog, das Darstellungstalent -unsres Freundes anzuzweifeln.</p> - -<p>»Du kannst dir denken, dass ich es -mir nicht entgehen liess; und was für -Farben ich auftrug! Stünden sie mir so -für die Leinwand zu Gebote, dann würde -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -ich Makarts Ruhm in einem halben Jahr -verdunkeln. Lerne einer die Frauen aus! -Statt den dummen Tropf auszulachen, -schien sie Mitleid für ihn zu fühlen. Es -machte mir den Eindruck, als wäre ihr -seine stumme Huldigung nicht entgangen.«</p> - -<p>»Dass wir darauf nicht verfielen!« -sagte ich verblüfft, »die Stadt sprach davon, -wie konnte ihr allein sein Minnedienst -verborgen bleiben!«</p> - -<p>»Und nun ärgerte es sie vermuthlich, -dass die Toggenburgerei nicht so ganz -spontan war. Sie gab mir ein Pröbchen -ihres Pusztentemperaments, dass sich mir -in der Erinnerung daran die Haare sträuben. -Für solche elende Possen sei der -Name eines schutzlosen Mädchens zu gut, -rief sie, als sie hörte, ich habe ihn zu -seinen Narrheiten mit der Vorspiegelung -bestimmt, er entspreche durch dieselben -ihren Wünschen. Mein Benehmen sei -unritterlich, eines Gentleman unwürdig -gewesen; was sie über euch, meine Gehilfen, -gesagt, will ich lieber verschweigen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -»Also will sie nichts von der Rolle -wissen, die du ihr zugetheilt?« fragte ich, -nicht sonderlich bekümmert; mir sagte -die Pointe unsres Spasses nicht so zu, -wie Rupert, der seit der Rückkehr unsers -Blasengels eine seltsame Gereiztheit gegen -ihn verrieth.</p> - -<p>»Das hat sie mir zu meinem Erstaunen -doch nicht abgeschlagen,« entgegnete er, -»sie will ihn morgen Nachmittag empfangen -und die nöthige Aufklärung geben; -entweder fürchtet sie, dieselbe könne aus -unsrem Munde nicht schonend genug ausfallen, -oder die Freude am Komödiespielen -ist, trotz allen Mitleids für ihren Getreuen -denn doch in ihr erwacht.«</p> - -<p>»Schade, dass wir der Entwicklung -des Knotens nicht ungesehen beiwohnen -können,« meinte Karl, »der Ring des -Gyges wäre jetzt gar nicht übel.«</p> - -<p>»Es ist noch die Frage, ob wir nicht -ohne diesen zurecht kommen,« warf Rupert -hin; doch selbst er wurde ein wenig -verlegen. »Bei schönem Wetter hält sich -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Fräulein Balogh meist im Garten auf und -empfängt auch dort ihre Gäste.«</p> - -<p>»Und da belauerst du sie ohne Zweifel -in euerem Gartenhause an der Mauer! -Höre Ahlfeld, du bist ein noch grösserer -Thunichtgut, als ich vermuthet,« rief Karl -bewundernd.</p> - -<p>Wie die drei Verschworenen aus einer -Operette steckten wir am nächsten Nachmittage -in dem windschiefen Gartenhäuschen, -dessen Dielen zu unsrem Aerger -bei jeder Bewegung verrätherisch knarrten. -Wir konnten das Schlachtfeld genau übersehen. -Kaum zehn Schritte von uns entfernt -sass Fräulein Ilona mit einer Handarbeit -unter einem Kastanienbaume; sie -war um einen Schatten blässer als gewöhnlich -und sah für einen Aprilspass -ungemein ernsthaft aus. Ueber den Kiespfad -kam der Blasengel mit einem Gesicht -heran, das den lieben Herrgott zu fragen -schien »was kostet deine Welt?« Das -Fräulein hielt wie in grosser Befangenheit -die Augen auf die Arbeit gesenkt, die -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -Röthe, die auf ihrem Gesichte kam und -ging, hätte jeden glauben machen können, -ein wirklich verliebtes Mägdlein erblicke -den Erkorenen ihres Herzens.</p> - -<p>»An ihr ist eine grosse Schauspielerin verloren -gegangen,« flüsterte Rupert entzückt.</p> - -<p>»Sie spielt zu gut,« murrte ich, »sein -Sturz aus der Höhe wird fürchterlich sein.«</p> - -<p>Darüber entgingen uns die ersten -Worte der Begrüssung. Das Pärlein sass -nebeneinander auf einer Gartenbank. -Die Sonne machte sich das Vergnügen, -ihnen goldene Funken auf das Haar zu -streuen, hie und da fiel tanzend ein Blatt -vom Baume herab; das sah sehr hübsch -und friedlich und für Maleraugen ganz -anziehend aus, aber mir bereitete der Anblick -keinen Genuss, denn ich – eine ins -männliche übertragene Kassandra – sah -das Unheil unter dem Kastanienbaum -brauen.</p> - -<p>»Ich bin glücklich, dass Sie mir diese -Unterredung gewähren, Fräulein Ilona,« -begann Hugo, bei weitem nicht so zaghaft, -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -wie ich vorausgesetzt; (wir hatten es uns -ja auch angelegen sein lassen, ihm durch -die deutlichsten Beweise ihrer Neigung -die Flügel zu steifen).</p> - -<p>»Warum hätte ich Ihre Bitte abschlagen -sollen?« erwiderte sie, »freue ich mich -doch selber, Ihnen endlich meinen Dank -für die schönen Blumen aussprechen zu -können, mit welchen Sie mich jeden Morgen -überraschten.«</p> - -<p>Wir sahen einander starr an; – welche -Idee, für Blumen zu danken, die sie nie -bekommen!</p> - -<p>»Wer hat es Ihnen verrathen, dass volle, -rothe Rosen meine Lieblinge sind?«</p> - -<p>»Ich dachte an Ihre Landsmännin, die -heilige Elisabeth«, sagte er vergnügt.</p> - -<p>»Und ich konnte zum Danke dafür, -dass Sie der Fremden in Ihrer Stadt so -viel anheimelnd Freundliches erwiesen, -nichts für Sie thun.«</p> - -<p>»Nichts?« fragte er vorwurfsvoll und -fuhr unwillkürlich mit der Hand nach -der Brusttasche, in welcher der gekaufte -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -Haarsträhn samt Bändern und Blümelein -ohne Zweifel wohlgeborgen ruhte. Mit -Falkenaugen folgte sie seiner Bewegung.</p> - -<p>»O, ich vergass; was war es nur? eine -Haarlocke, eine Schleife und dergleichen, -nicht wahr?«</p> - -<p>Wir konnten von unsrem Versteck aus -beobachten, wie sich dunkle Röthe über -ihr Gesicht ergoss und sie die Hand in -den Kleiderfalten zu einer Faust ballte. -Das galt uns. Diesen Theil der Historie -hatte Rupert nicht für gut befunden, ihr -zu enthüllen.</p> - -<p>»Ilona, wissen Sie, welche Deutung -ich Ihren Andenken gab?«</p> - -<p>»Ich weiss es; wenn ein Mädchen, ohne -Einspruch zu erheben, sich die stumme -und doch so beredte Huldigung eines -Mannes gefallen lässt, wenn sie monatelang -seine Blumen annimmt und ihn sogar -durch kleine Liebespfänder aufmuntert, -dann ist sie entweder eine Gefallsüchtige -und nicht werth, dass ein Mann einen -Gedanken an sie verschwende, oder –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -»Oder?« jubelte Hugo, »sprich es aus, -Geliebte!«</p> - -<p>»Oder sie erwidert seine Neigung.«</p> - -<p>»Das geht zu weit«, murmelte Rupert -zu meinem Erstaunen in lebhafter Unruhe, -»es ist eine unnütze Grausamkeit, so auf -seine Einbildung einzugehen.«</p> - -<p>Hugo hatte sich der Hand Ilonas -bemächtigt, doch sie entzog sie ihm. »Noch -nicht«, sagte sie und richtete sich hoch auf.</p> - -<p>Jetzt kam ohne Zweifel die Katastrophe -heran. Ich bekenne, dass mir das Herz -bänglich an die Rippen klopfte. Der arme -Blasengel sah förmlich rührend in seinem -Glück aus.</p> - -<p>»Die Zeichen haben Sie betrogen, die -Blumen wurden an eine falsche Adresse -befördert, die Liebespfänder von schalen -Possenreissern (unsre verdutzten Gesichter -bei diesem Ehrentitel hätte ich selber malen -mögen) in Ihre Hände gespielt; das Ganze -war nur ein Aprilscherz.«</p> - -<p>Wir durften beruhigt aufatmen, die -auszeichnende Inschrift auf den Grabmonumenten -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -war uns gewiss; das Gesicht -des Blasengels erschien grau und hart wie -ein Stein.</p> - -<p>»Ein Aprilscherz? Und dazu gaben <em class="ge">Sie</em> -sich her?« Geringschätzung und Empörung -stritten in seinen Mienen.</p> - -<p>Wir hörten deutlich, dass der leichte -Ton, in dem sie antwortete, erzwungen war.</p> - -<p>»Mein Gott, was soll ein armes Mädchen -thun, wenn es zu seinem guten Recht -kommen will? Sitte und Herkommen -stellen sich in Wehr und Waffen gegen -sie auf, sobald sie ein wenig ihre eigene -Vorsehung spielen möchte; so muss sie -es denn mit Freude begrüssen, wenn -andre – und wären es auch nur läppische -Clowns – es für sie thun. Blicken Sie -mich nicht so strafend an, Herr Lichtner, -ich habe Ihnen manches zu beichten, wozu -ich eigentlich der Aufmunterung bedarf! – -Auf Schritt und Tritt haben mich seit -Monaten ein paar treue, blaue Augen -verfolgt. Sie hefteten sich im Tanzsaal -auf mich, während ich mich im Kreise -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -drehte; sie begleiteten mich auf meinen -Spaziergängen, ja selbst in den Bildergalerien -sah ich sie unverwandt auf mich -gerichtet und bald las ich in ihnen wie -in einem an mich gerichteten Briefe. Der -Inhalt war sehr hübsch, vielleicht ein wenig -zu schwärmerisch für unsre kühle kluge -Zeit, aber welches Mädchen liesse sich -nicht mit Freuden wie eine Heilige aus -dem Kalender, statt wie das gewöhnliche -Menschenkind, das sie ist, bewundern! -Aber wo blieb das lebendige Wort? -»Warum kommt er nicht und spricht mich -an?« fragte ich mich oft, »So viele gleichgiltige -platte Gesellen drängen sich mir -auf, weil ihnen meine Unterhaltung behagt, -oder mein Gesicht gefällt, nur der einzige, -der wirklich warm für mich empfindet, -hält sich abseits.« Zuweilen grollte ich -Ihnen, manchmal fasste ich tolle Pläne, -die sich nie verwirklichen liessen, um Sie -aus den Ecken hervorzulocken, in welche -Sie sich wie eine Fledermaus verbargen. -Bis mir endlich eine Rolle in der hässlichen -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -Posse zugetheilt ward und mit ihr -die Gewissheit, den stummen Mund einmal -sprechen zu hören. Sind Sie mir -noch böse, dass ich sie übernahm?«</p> - -<p>»Ihnen Ilona? Nein, ich bin es nur -mir selber. Was für ein alberner Narr -bin ich gewesen! Wie müssen Sie über -den veralteten Minnewerber gelacht haben!«</p> - -<p>»Gelacht? nein; vielleicht im stillen -gelächelt. Und auch das nur im Anfang. -Später fühlte ich mich gerührt und -beschämt. Wie Schuppen fiel es mir von -den Augen, dass mir vor vielen Würdigeren -ein grosses Glück zugefallen, dass für -mich das schöne Wort Wahrheit und mir -die Liebe, die das ihrige nicht fordert, zu -Theil geworden.«</p> - -<p>»Sie stellen mich zu hoch«, rief Lichtner, -»denn ich kam, um zu fordern, um -Sie zu fordern. Ich bin nicht so genügsam -und selbstlos wie Sie denken, ich -strecke meine Hand gierig nach dem -höchsten Glück aus, das mir das Leben -gewähren kann.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -»Und warum kamen Sie erst heute?« -entgegnete sie mit einem Triumphlächeln. -»Weil Sie nun das Weib Ihrer Liebe in -Purpur und köstliches Linnen hüllen -können, als wäre es die Königin von -Saba. Dieselbe sorgende, opferwillige Liebe -spricht heute aus Ihrem Kommen, wie -ehemals aus Ihrem Fernbleiben. Sie -wandelten diesmal auf einem Irrweg, denn -ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich -an Wohlstand und Komfort verschenken; – -wären Sie enterbt, ohne andre Aussichten, -als Ihr Talent und Fleiss sie Ihnen eröffnen, -zu mir gekommen, ich hätte Ihnen -genau so wie heute zugerufen: Hugo, wenn -Sie mich eitles, oberflächliches Geschöpf, -das Ihre grosse, aufopfernde Liebe nicht -verdient, an Ihr Herz nehmen wollen, so -bin ich die Ihre!«</p> - -<p>Stockend, im ganzen Gesicht erglühend, -sprach sie die letzten Worte. Selbst einem -in irdischen Dingen äusserst unbewanderten -Blasengel musste dies als der geeignetste -Zeitpunkt erscheinen, sie stürmisch in die -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -Arme zu schliessen. Für uns hingegen -erwies es sich als passend und angemessen, -dem Tête-à-tête endlich die wünschenswerthe -Einsamkeit zu verschaffen. Rupert -lief wüthend wie ein angeschossener Eber -davon (auf Monate hinaus allen Spässen -so feind, wie der griesgrämigste Schulmeister). -Wir zwei folgten ihm und trotz -aller Freundschaft für ihn winkten wir -einander behaglich zu. Es erweist sich -stets als im hohen Grade befriedigend für -die unbetheiligten Zuschauer (und als solche -fühlten wir uns trotz unsrer schwächlichen -Vorschubleistung der Posse), wenn die -Tugend an der gutbesetzten Tafel Platz -nimmt.</p> - -<p>»Das war ein zweischneidiger Aprilscherz«, -raunte ich Schönborn ins Ohr.</p> - -<p>»O, ich habe von allem Anfang an -vorausgesehen, dass es so kommen werde!«</p> - -<p>Das einzigemal in seinem Leben hatte -er eine Prophezeiung für sich behalten, -und die ist in Erfüllung gegangen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -BEIM EHESTIFTEN.</h2> - - -<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -<em class="ge">Mütterlich</em> hiess das Losungswort. -Deshalb setzte sich Adele Mühlenbruch -vor dem Spiegel ein schwarzes -Wittwenhäubchen mit weisser Krause auf, -Aber es sah auf dem blonden lockigen -Scheitel, über dem jungen übermüthigen -Gesicht so wenig passend aus, dass ihr -Töchterchen von ihrem Platz im Erker, -wo sie Blumen auf einen Porzellanteller -malte, aufstand, wobei man entdecken -konnte, dass sie um mehr als Kopfeslänge -die Mama überragte, das Häubchen abnahm -und es, ohne ein Wort zu verlieren, -in die Schachtel zurückwarf.</p> - -<p>»Gestatte mir die Bemerkung, dass du -dir gegen deine Mutter zu viel herausnimmst,« -sprach Adele, »hätte ich mir das -erlaubt, dann wäre ich zu Heulen und -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -Zähneklappern in einer finsteren Kammer -verurtheilt worden, aber« – ein tiefer -Seufzer aus beladener Brust – »die Kinder -entarten mit jedem Jahre mehr.«</p> - -<p>Sophie stellte sich vor sie hin und -blickte, sie konnte nicht anders, auf sie -hinunter.</p> - -<p>»Willst du mir gefälligst sagen, weshalb -du dich auf einmal so matronenhaft -zustutzest? Die Trauerzeit ist längst um, -welchen Zweck soll also der dunkle Kopfputz -haben, der dir mindestens zehn -Lebensjahre zulegt?«</p> - -<p>Die ehrwürdige Mama wurde roth wie -ein Schulmädchen, das sich beim Kirschenstehlen -ertappen liess.</p> - -<p>»Das ist <em class="ge">mein</em> Geheimniss,« sagte sie -endlich mit einem kläglichen Versuch, -ihre mütterliche Würde aufrecht zu erhalten.</p> - -<p>»Es ist bei Weitem nicht so undurchdringlich, -wie du dir einbildest.«</p> - -<p>»Nun, so will ich dir es gerade heraussagen. -Ich habe es satt, beständig Anspielungen -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -über die Jugendlichheit meines -Anzugs zu hören, während du herumgehst, -als hättest du zwanzig Jahre im -Kleiderschrank gehangen. Die Leute sprechen -darüber mit gewohnter Nachsicht -und Menschenliebe. Gestern liess mich -erst die Tante des Runkelrübenbarons fast -ohne jede Verbindung die zwei Bemerkungen -hören: ›Wie schlicht und nonnenhaft -Fräulein Sophie immer erscheint!‹ -und ›Sie, gnädige Frau, wetteifern mit -den Saligen Fräulein, die nie altern.‹ Ich -will keine Stiefmutter aus dem Volksmärchen -vorstellen!« Dabei setzte sie ihr -niedliches Füsschen mit grosser Entschiedenheit -auf den parquettirten Boden. -»Wenn du nicht heute im hellen Kleid -mit mindestens einem Dutzend himmelblauer -oder rosenrother Schleifen bei -Tische erscheinst, dann setze ich nicht -nur den Greuel aus der Schachtel auf, -ich hülle mich auch noch in irgend eine -ganz unmögliche härene oder sackleinene -Kutte.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -»Das wäre unverantwortlich gegen -unseren Gast. Es würde ihn an die Antwerpener -Kathedrale erinnern, die den -Andächtigen gratis offen steht, nur bleibt -das Schönste darin, Ruben's Kreuzabnahme, -hinter grünen Vorhängen versteckt.« Dabei -strich Sophie patronisirend über den -lockigen Scheitel.</p> - -<p>Mama verlor beinahe die Geduld, obschon -sie Sophiens unkindliches Benehmen -gewohnt sein sollte. Seit jeher wurde sie -von dem sehr energischen Fräulein wie -ein unflügges Nestkücken behandelt. Das -rührte davon her, dass Adele sich im Pensionat -unter die wissenschaftlichen Fittiche -ihrer Busenfreundin zu flüchten pflegte, -so oft ihr die höhere weibliche Bildung, -Schliemann's Ausgrabungen, die Algebra, -das Nibelungenlied Augenblicke des Strauchelns -bereiteten.</p> - -<p>Aber Alles zur rechten Zeit! Wenn -man im Stillen den Plan ausgeheckt hat, -seine Tochter zu verheirathen, dann kann -man unmöglich Geschmack daran finden, -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -sich von ihr beschützen und bevormunden -zu lassen. Schmollend stellte sich die junge -Wittwe an's Fenster. Sophie betrachtete -sie eine Weile mit dem Wohlgefallen eines -Künstlers an seinem gelungenen Werk.</p> - -<p>»Kleine Mama, ich glaube, dass du -noch hübscher geworden bist, seit du mich -hierher begleitet und mein alter grämlicher -Herr Papa (mit dem ich mir das Zusammenleben -als eine Art von Pönitenz für die -lustige Pensionszeit vorgestellt) so gescheidt -war, sich auf den ersten Blick in -dich zu verlieben.«</p> - -<p>Frau Mühlenbruch bewahrte ihrem abgeschiedenen -Gemahl, der die blutarme -Offizierswaise vor der drohenden Stiftsdamenlaufbahn -bewahrt, eine dankbare -Erinnerung, aber die Wahrheit zu gestehen, -auf den Tag, da die Posaune des -jüngsten Gerichts die durch den Tod getrennten -Ehepaare für ewige Zeiten zusammenfügen -wird, freute sie sich nur -mässig: Ein kleinlicherer Haustyrann als -der verstorbene Commerzienrath hat wohl -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -selten die Bühne des Lebens beschritten. -So drückte sie denn bei dieser Mahnung -an ihn das Taschentuch nicht gerührt an -die Augen, sondern versetzte, vollständig -mit ihrer Beschützerin ausgesöhnt:</p> - -<p>»Damals hast du ohne eine Spur von -Selbstsucht Kranz und Schleier in meinen -Haaren befestigt; es ist nichts als billig –«. -Dabei brach sie ab, biss sich auf die Lippen -und wandte ihr purpurrothes Gesicht -wieder der kahlen Lindenallee zu, die von -dem Schlösschen zum Bahnhof führte.</p> - -<p>Sophiens Gesicht überflog ein Lächeln.</p> - -<p>»Zur Diplomatin bist du nicht geboren, -liebes Kind,« murmelte sie unhörbar.</p> - -<p>Woher Frau Adele eigentlich den Muth -nahm, dem Himmel in's Handwerk zu -pfuschen, ist schwer zu sagen. Der junge -Mann, dessen künftige Glückseligkeit sie -zu begründen dachte, hätte vermuthlich -einen weiten Bogen um das Schlösschen -gemacht, wenn er eine Ahnung von ihren -Plänen gehabt, denn obschon kein Frauenhasser, -hatte Robert v. Eichberg bisher -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -nicht die leiseste Sehnsucht nach ehelichem -Glück zur Schau getragen. Dem früheren -flotten Reiteroffizier und jetzigen reichen -Gutsherrn auf Eichberg wären sonst ohne -Zweifel die Thüren, an die er gepocht -hätte, bereitwillig aufgemacht worden. -Er war ein entfernter Vetter von Adele, -doch hatte sie ihn seit ihren Kinderjahren -nicht gesehen. Damals ein tölpelhafter, -derber Junge, der sich im Hause ihres -Vaters auf den künftigen Feldmarschall -vorbereitete, hatte er seine Mussestunden -damit ausgefüllt, das kleine Mädchen zu -hänseln und zu ärgern. Doch schien sie -alle Frevelthaten gegen ihr Kätzchen und -ihren Kanarienvogel grossmüthig vergeben -und vergessen zu haben. Wäre er eine -Patentmedicin gegen alle erdenklichen -Uebel und sie die Erfinderin derselben -gewesen, sie hätte ihn nicht begeisterter -loben können. Er besass so viel Herzensgüte! -Gleich nachdem er die Verwaltung -von Eichberg angetreten, hatte er aus -seinen Privatmitteln die Dorfschule umgebaut. -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -Ihn zeichnete solch ein reger -Familiensinn aus, was man auch schon -daran zu erkennen vermochte, dass er, -nachdem er sein Bäschen seit mehr als -zwölf Jahren nicht gesehen, ihr urplötzlich -seinen Besuch – von einer landwirthschaftlichen -Ausstellung auf weitem Umweg -heimfahrend – ankündigte; aber -ausser diesem Beweis hatte er auch noch -eine alte Tante, die in kümmerlichen Verhältnissen -lebte, sorgenfrei gestellt, die -Erziehung ihrer Söhne aus seiner Tasche -bestritten; kurz, wenn man der eifrigen -Sprecherin glauben wollte, dann wird das -Jahrhundert zu Ende gehen, ohne einen -zweiten Menschen, der ihm gleicht, hervorzubringen.</p> - -<p>»Die von dir geschilderten Charakterzüge -berechtigen allerdings zu den besten -Hoffnungen,« versetzte Sophie mit undurchdringlichem -Gesicht; nur um ihre -Mundwinkel zuckte der Schalk. Die Mama -fiel ihr ohne jeden sichtbaren Anlass um -den Hals. Doch hätte sich ihre Befriedigung -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -vermuthlich weniger stürmisch geäussert, -wenn sie Sophiens Gedanken gelesen, denn -diese sehr scharfblickende Dame hatte über -den angekündigten Besuch ihre eigene, -von der Mamas sehr abweichende Meinung.</p> - -<p>»Papas Testament soll ihm nach dem -vollen Wortlaut bei erster Gelegenheit als -Erfrischung vorgesetzt werden,« sagte sie -für sich, während ein nicht allzu freundschaftlicher -Blick dem staubumwirbelten -Wagen, der in diesem Moment die Lindenallee -herauffuhr, entgegenflog.</p> - -<p>Zweifle Einer an der Stimme des -Blutes! Ohne sich zu besinnen, eilte der -junge staatliche Mann auf Adele zu, wiewohl -ihre kleine zierliche Gestalt von der -imposanten Stieftochter förmlich beschattet -wurde, und drückte und schüttelte ihr die -Hände mit so ehrlicher Freude im Gesicht, -dass selbst die eherne Sophie ein wenig -zu schmelzen anfing. Herr Robert von -Eichberg machte übrigens durch sein Auftreten -einen Eindruck, als eigne er sich -eher für die Rolle eines Naturburschen, -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -als für die eines glatten Hofmannes. Dass -sich noch eine zweite Dame im Zimmer -befand, schien ihn gar nicht zu kümmern. -Frau Adele, als stellvertretende Vorsehung, -hätte gewünscht, dass er vor der majestätischen -Erscheinung Sophiens geblendet -stehen und seine unbedeutende Cousine -im vierten oder fünften Glied vollständig -übersehen solle. Statt dessen blickte er -sie, die ehrwürdige Matrone, mit einem -naiven Vergnügen an, etwa wie ein kleiner -Junge den lichterbesteckten Christbaum. -Aber sie wollte ihm die Augen öffnen!</p> - -<p>»Robert,« sagte sie mit Nachdruck, -»dies ist meine Tochter Sophie.« Da aber -verfiel der Vetter in seine alte Kinderkrankheit. -Er brach in ein schallendes -Gelächter aus. Adele zog befremdet die -Augenbrauen in die Höhe.</p> - -<p>»Entschuldigen Sie meine unzeitige -Heiterkeit,« sagte Robert und fing von -Neuem zu lachen an, »aber der mütterliche -Beschützerton, Cousinechen, klingt in -Ihrem Munde zu komisch;« vertraulich -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -wandte er sich an Sophie, »sie ist wohl -sehr streng, die ehrwürdige Mama, und -wenn Sie nicht auf den Wink gehorchen, -setzt es Fasten und Hausarrest?«</p> - -<p>Aber der freundschaftlichen Anrede -antwortete kein Echo.</p> - -<p>»Ich bin neugierig, wie oft du mich -noch durch die Betonung deiner Autorität -vor Fremden lächerlich machen wirst!« -sagte das Fräulein in weinerlichem Ton -zu Adele, »und du willst keine Stiefmutter -aus dem Märchen vorstellen!«</p> - -<p>Mama war verblüfft. Herr Robert aber -bildete sich in tiefer Menschenkenntniss -ein unfehlbares Urtheil über die junge -Dame.</p> - -<p>»Das ist eine unangenehme Person,« -dachte er.</p> - -<p>Man setzte sich, Fräulein Sophie in -gemessener Entfernung von den Anderen, -als gehöre sie nicht zu ihnen. Darüber -hätte sich schier ein erleichtertes Aufathmen -der Brust des jungen Mannes entrungen. -Doch war sie leider nicht so -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -vertieft in ihre Porzellanmalerei, um nicht -von Zeit zu Zeit eine boshafte oder schulmeisternde -Bemerkung in das Gespräch -einzuwerfen. Als Adele wissen wollte, wie -es bei der Ausstellung zugegangen, klang -es ätzend vom Fenster herüber:</p> - -<p>»Ohne Zweifel wie immer. Du hättest -dir deine Frage füglich ersparen können. -Ausstellungen sind nur dazu da, damit die -Herren Landwirthe Madame Cliquot bereichern -und den Klatsch der Gegend -austauschen können.«</p> - -<p>»Sie ist das reine unverfälschte Scheidewasser,« -sagte Rudolf für sich und warf -einen scheuen Blick in den Erker hinüber, -»das Dasein, das meine arme kleine Cousine -in Gesellschaft ihrer Stieftochter -führt, muss Alles eher, denn erquicklich -sein.«</p> - -<p>Frau Adele seufzte. Was für Sorgen -bereiten Einem doch die Kinder, besonders -wenn sie erwachsen sind! Von -Rechtswegen hätte sie sich es verschwören -sollen, je wieder Pläne zum Heil der -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -Undankbaren zu schmieden, denn ohne -ein Wort der Entschuldigung entwich sie -plötzlich aus dem Zimmer, als sich der -Gast, freilich nicht allzu rücksichtsvoll, in -Jugenderinnerungen vertiefte. Aber Frau -Mühlenbruch befand sich auf der Höhe -ihrer Aufgabe. Wie ein Cicerone von -Uebung und Beruf wies sie dem Vetter -alle Schätze ihres Hauses, Vasen und Decorationsteller, -die Sophie bemalt, Kreidezeichnungen -und Aquarellbilder, das Werk -ihrer Künstlerhände, Makartbouquets, die -nur sie so geschmackvoll zu ordnen verstand, -Kissen, Decken und Stuhlbezüge, -die sie gestickt.</p> - -<p>»Da, Barbar, wirf dich vor solchen das -Leben verschönernden Talenten bewundernd -auf die Knie,« schien ihre Triumphmiene -zu fordern. Aber Robert traf nicht -einmal mit guten Vorsätzen Anstalten -dazu. Ihm kam der Gedanke, um wie viel -angenehmer die Wanderung durch Galerien -und Raritätensammlungen wäre, wenn -statt des näselnden Leiertons der Führer -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -solch' eine wohlklingende, einschmeichelnde -Stimme bei den Erklärungen erschallte. -Und als sie verstummte, bemerkte er wie -erwachend:</p> - -<p>»Es muss Ihnen manche Annehmlichkeit -bieten, dass eine so viel ältere Freundin -Ihnen Gesellschaft leistet und das Haus -ausschmückt.«</p> - -<p>»Viel älter?« sie blickte ihn strafend -an, »Sophie zählt kaum zwei Jahre mehr -als ich.«</p> - -<p>»O, ich behaupte nicht, dass sie alt -aussehe; nur Sie, Cousinechen, sind ganz -unbegreiflich jung geblieben.«</p> - -<p>Sie war böse auf sich, aber sie musste -lächeln. Vetter Robert hatte so eine ungeschminkte -ehrliche Art, seine Bewunderung -auszudrücken. Wenn es ihr gelänge, -dieselbe an die richtige Adresse zu leiten, -so könnte Sophie in allen Erdtheilen keinen -liebenswürdigeren Gatten finden.</p> - -<p>Getreu dem mütterlichen Gebot erschien -Fräulein Mühlenbruch bei Tische -wirklich mit einem wohlgezählten Dutzend -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -himmelblauer Schleifen geschmückt. Aber -die heimtückische junge Dame hatte sie -in äusserst merkwürdiger Weise vertheilt. -An beiden Schultern standen zwei himmelblaue -Henkel in die Höhe, das nicht eben -üppige braune Haar wurde von einem -Bandknoten zusammengehalten, dessen -Enden bei jeder Bewegung um den Kopf -flatterten (»wie bei einer überlebensgross -gerathenen Confirmandin,« dachte Mama -entsetzt), kurz, wenn sie einige Jahre Studium -darauf verwendet, eine Caricatur -aus sich zu machen, so hätte es ihr nicht -besser gelingen können. Doch sollte die -Arglistige nicht straflos ausgehen. Als -der Kaffee aufgetragen wurde, stiess sie -plötzlich einen Schreckensruf aus und -verschwand, wie von Furien gejagt, aus -dem Zimmer.</p> - -<p>Adele blickte erstaunt auf. Durch die -hohen Glasfenster sah sie eine lange, magere -Gestalt auf das Schloss zuschreiten. -Sollte diese Sophie in die Flucht getrieben -haben? Sonst hielt sie mit musterhafter -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -Geduld dem Manne, ihrem Gutsnachbar, -stille, selbst wenn er auf sein Steckenpferd, -die Runkelrüben, kam; sie lauschte -seinen Erklärungen über eine neue Dresch- -oder Säemaschine mit der Miene einer -begeisterten Adeptin, während Mama sich -meist zurückzog, da sie in der Nähe des -Barons Hellmer von Schlafsucht befallen -wurde; warum entschlüpfte das unberechenbare -Mädchen heute bei seinem Erscheinen? -Aber zu weiterem Nachdenken war -keine Zeit; der neue Gast trat ein. Er -nahm die angebotene Tasse Kaffee an und -blickte suchend umher.</p> - -<p>»Ich hoffe, Fräulein Sophie befindet -sich wohl?«</p> - -<p>Frau Mühlenbruch war in Verlegenheit. -Glücklicher Weise trat das unbotmässige -Töchterchen bald wieder ein, wie -gewöhnlich einfach und dunkel gekleidet, -das Haar in einen Knoten aufgesteckt, -die Verkörperung ruhiger Vernunft und -kühler Klugheit. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit -dem Runkelrübenbaron zuwendete, -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -blieb der Mama nichts übrig, -als sich Robert zu widmen. Vielleicht -wäre es nicht unumgänglich nöthig gewesen, -dabei so leuchtende Augen und -geröthete Wangen zu bekommen, doch -entschädigte sie Sophie gewissenhaft. Als -diese mit Baron Hellmer durch den Park -und über die nun kahlen Felder schritt, -Verbesserungen in der Wirthschaft besprechend, -folgte sie mit Eichberg und -verbreitete sich wie vorhin über die künstlerischen, -nun über die praktischen Vorzüge -Sophiens. Um das lichte Bild im -breitkrämpigen Hut und wasserdichten -Stiefelchen mit seinem Hintergrund nahrhafter -Thätigkeit besser hervortreten zu -lassen, malte Adele sich selber mit Tusch. -Im Schaukelstuhl, eine Novelle von Heyse -in der Hand, verträume sie die Zeit, während -Sophie in Regen und Sonnenbrand -die Wirthschaft leite.</p> - -<p>Es war ihr erster Versuch im Ehestiften, -sonst hätte sie sich vielleicht gesagt, -dass Robert, wenn er auch ein wenig -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -verbauert sein mochte, sich doch lieber -von zierlichen Goldkäferpantöffelchen, als -von schweren Wasserstiefeln regieren lassen -wollte und trotz seiner Ueberzeugung vom -Nutzen des Düngers nicht wünschte, dass -ihm dieser aus den Kleidern seiner schöneren -Hälfte entgegenschlüge.</p> - -<p>Immerhin bildete die gemeinsame Beschäftigung -eine Brücke zwischen Sophie -und dem jungen Mann. Ihre bewaffnete -Neutralität wäre ohnehin nicht aufrecht -zu erhalten gewesen, da Robert, ohne sich -lange bitten zu lassen, seinen Besuch auf -mehrere Tage ausdehnte. Fräulein Mühlenbruch -liess sich herbei, mit ihrer gewohnten -kühlen Ruhe zu antworten, wenn er sie -anredete; sie mieden einander nicht mehr -auffällig und pflogen zuweilen sogar längere -Zwiegespräche. Frau Adele begann zu -glauben, dass ihr geheimer Plan der Verwirklichung -entgegenreife. Aber sie machte -nun die Erfahrung, dass das erreichte Ziel -bei Weitem nicht so verlockend ist, als -man, es erstrebend, gedacht. Ihr Lachen -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -bekam in den letzten Tagen einen etwas -erzwungenen Klang, ihre Augen einen -Ausdruck der Ermüdung, fast, als hätte -sie Nachts wenig Schlaf gefunden. Und -während Sophie heiterer und lebhafter -wurde, je länger Robert auf dem Schlösschen -verweilte, erschien die junge Frau -stiller und gedrückter. Dennoch behielt -sie vor den Zweien ziemlich tapfer die -Maske der zufriedenen, in dem Glück der -Kinder das ihre findenden Mama bei, aber -als sie allein in ihrem Zimmer sass und -den Vetter mit Sophie im eifrigen Gespräch -über die Kieswege des Parkes wandern -sah, hielt sie die Verstellung für -überflüssig und liess die Betrübniss, die -sie empfand, sich ganz deutlich auf ihrem -Gesicht spiegeln. Denn unten verhandelte -man Wichtiges, Entscheidendes. Robert -legte seine Hand mehr als einmal betheuernd -auf die Brust, und Sophie antwortete -mit ihrem freundlichsten Lächeln. -Frau Adele denkt im Stillen, die Beiden -werden eine Ehe führen, um welche sie -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -alle Engel im Himmel beneiden können. -Das Glück, das sie gestiftet, verleitet sie -zu Vergleichen; aber das Zusammenleben -mit dem grämlichen Herrn Mühlenbruch -erscheint dabei nicht in seiner günstigsten -Beleuchtung.</p> - -<p>Das Pärlein unten trennt sich mit -einem Händedruck, dessen Wärme sie -durch alle Mauern zu verspüren glaubt, -Robert schreitet dem Schlösschen zu, seine -Schritte nähern sich ihrer Thüre. Sie -weiss, weshalb er kommt. Ihre Finger -greifen nach der Wittwenhaube, aber was -soll ihr in diesem ernsten Augenblick der -Mummenschanz? Sie wird mit äusserlicher -Fassung ihren mütterlichen Segen -zu der Verbindung aussprechen, die sie -herbeigeführt. Wie ihr dabei zu Muthe -ist, das soll kein Lebender erfahren. -Wäre es nur vorüber, hätten die zwei -Glücklichen ihrem einsamen Wittwensitz -bereits den Rücken gewendet!</p> - -<p>Einige Minuten später tanzen alle Kunstwerke, -die Sophiens Hände geschaffen, -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -im Kreise um die junge Frau herum und -nehmen Ständer und Tischchen mit. Als -sie sich wieder auf ihre Plätze verfügten, -befand sich Adele an Robert's Brust. -Und nun erfuhr sie, dass er um ihretwillen -die Fahrt in das Schlösschen angetreten, -ein gelieferter Mann, noch bevor -er kam. Vor etlichen Wochen hat er auf -dem Bahnhof in Hannover (wo Adele, -wie sie sich jetzt erinnert, eine Freundin -besucht) ein Billet für eine fremde, rathlos -im Gedränge stehende Dame gelöst. -Sie hatte den hülfreichen Mann schleunigst -vergessen – solche kleine Ritterdienste -mochten ihr oft genug erwiesen -worden sein. Ihm aber hatten es ihre -übermüthigen braunen Augen angethan; -er spürte ihr nach, erfuhr, dass es sein -eigenes Bäschen sei, das ihn bezaubert, -und so hatte er sich aufgemacht, sein -Glück zu suchen.</p> - -<p>Adele befreite sich plötzlich aus seinen -Armen.</p> - -<p>»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus,« -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -sagte sie stockend und wurde feuerroth, -»wenn ich mich nochmals verheirathe, fällt -das ganze Mühlenbruch'sche Vermögen an -Sophie.«</p> - -<p>Ein tiefer Athemzug hob seine breite -ehrliche Brust.</p> - -<p>»Ich weiss es« (Fräulein Sophie hatte -ihn erst vor einer Viertelstunde mit dem -Testament bekannt gemacht), »aber, Liebchen, -eine kleine warme Kirchenmaus hat -mir seit jeher mehr Sympathie eingeflösst, -als ein kalter klebriger Goldfisch.«</p> - -<p>Sophie kam herein und wünschte mit -freudigem Gesicht den Verlobten Glück.</p> - -<p>»Kleine Mama,« flüsterte sie lachend -Adelen in's Ohr, »für einen ersten Versuch -ist dir das Ehestiften nicht schlecht -gelungen.«</p> - -<p>Frau Mühlenbruch zeigte eine zerknirschte -Miene. »Ich wollte meine -mütterliche Pflicht gegen dich erfüllen,« -sprach sie leise, dem Weinen nahe.</p> - -<p>»Das war vollständig überflüssig; ich -bin schon seit drei Wochen mit Helmer -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -verlobt. Ich habe nur gewartet, bis ich -dich versorgt und aufgehoben weiss, -denn dich, unmündiges Kind, allein auf -Juliusruhe zurück zu lassen, erschien mir -als Grausamkeit.«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -IM HERBST.</h2> - - -<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Durfte Leonhard Gruber wie andere -Menschenkinder einen Frühling -haben? Wenn man es recht bedenkt, nein, -denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse -zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter -die eigentliche Jahreszeit, die Zeit der -Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang -zum gefürchteten, ertragsarmen Sommer, -der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte -Epoche ist, in welcher sich die Tretmühle -wieder in Bewegung setzt. Und er wusste -gut genug, dass all der beglückende Unsinn: -Nachtigallenschlag, Rosenduft, eine kleine -Hütte im Grünen, braune Augen und -blonde Locken nichts für ihn seien. Bis -zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte -er die Hände davon gelassen, was insofern -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -nicht schwer war, als er, vom frühen -Morgen bis zum späten Abend rastlos -umherlaufend, um unartige Bengel in die -Mysterien der Dur- und Mollscalen einzuweihen, -nicht mehr von der Versuchung, -glücklich zu sein, empfand, als wenn er -in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und -Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten -eingeschlagen hätte. Aber da -war das Schicksal boshaft genug, ihm den -Frühling wie auf einem Präsentirbrett -sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne -die geringste Warnung war er da, nur -durch eine dünne Wand von ihm getrennt, -in welcher sich obendrein eine Thüre -befand, die sehr mangelhaft von einer Seite -durch ein Clavier, von der anderen durch -einen mit allerhand dünnen Fähnchen behängten -Kleiderschragen verbarricadirt -war. Am Abend pflegte Herr Leonhard -Gruber die sacht und fein zusammengefalteten -Pläne von Künstlerschaft und -Triumph für ein Stündchen oder zwei -hervor zu holen, ohne praktischen Nutzen, -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen -Fingerübungen hatten, weit überflügelten. -Als er nun einmal wieder ein -paar Töne auf seinem abgespielten Instrument -angeschlagen hatte, erhob sich nebenan, -in dem seit etlichen Wochen leerstehenden -Zimmer eine helle, frische -Mädchenstimme und sang Sonaten und -Etuden tapfer mit, die Läufe selbst ahmte -sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. -Den armen Leonhard gemahnte sie an eine -Spottdrossel, die er als Knabe daheim in -den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu -oft, denn als man ihm noch die dicksten -Notenbücher unterschieben musste, damit -er mit den Händen die Claviatur erreiche, -bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines -Lineal an den Klimperkasten fest.</p> - -<p>Das Interesse an der Nachbarschaft -hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja zu -verschlafen, worüber sein erster Schüler, -der wilde freche Junge vom »Selcher« -(Metzger), den er an den Stuhl binden -muss, um ihn eine Stunde lang festzuhalten, -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte, -regten sich nebenan flinke, feste -Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, -und als sie die Treppe hinabgingen, stellte -er sich an's Fenster, zum erstenmal im -Leben ein weibliches Wesen belauernd. -Hübsch? das ist kein Wort; hübsch ist -am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber -nicht Jede hat solch ein pikantes feines -Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem -Halse wiegt, solche lustig in die Stirn -fallende Locken, so ein rosiges Gesicht. -Die Augen kann er nicht sehen, aber -sicher blitzen sie in Uebermuth und Lebensfreude. -Frau Lechleitner bringt ihm die -obligate Cichorienbrühe herein, und er -getraut sich, in unbefangener Weise die -Worte hinzuwerfen: »Das Zimmer nebenan -scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die -Schleusse ist geöffnet. Frau Lechleitner -würde kein alleinstehendes Mädchen in -ihr Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit, -aufnehmen, man weiss ja, was dabei -»herausschaut«. Aber die Franzi kennt -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -sie schon von klein auf, hat ihr manchen -Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine -Witwe mit dreizehn Gulden monatlicher -Pension war, und die »Zimmerherrn« sind -so unverlässlich, womit sie jedoch selbstverständlich -Herrn Gruber nicht gemeint -haben will, der pünktlich wie eine Uhr -ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's -Mutter war ihre beste Freundin und ihren -Vater hätte sie einmal heirathen sollen, -und er war desperat, als sie mit Herrn -Lechleitner Sonntag auf die Siebenbrunnerwiese -spazieren ging.</p> - -<p>»Das haben Sie mir schon erzählt!« -ruft Leonhard verzweifelnd aus.</p> - -<p>»Er hat dann meine Freundin genommen, -und sie haben auch recht gut mit einander -gelebt, sind aber beide vor zwei -Jahren gestorben. Und die Franzi schlägt -sich mit Kleidernähen durch und bleibt -brav dabei.«</p> - -<p>Frau Lechleitner wird nicht müde, die -Tugenden ihres Schützlings zu rühmen. -Vor ihm steigt dräuend das Bild einer -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -mit tausend Spitzen und Stacheln gepanzerten -Jungfrau auf, voll der herben -Wehrhaftigkeit, dem pharisäischen Tugendstolze -alleinstehender braver Mädchen. -Und er weiss nicht, ob er sich über die -Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« -freuen soll, mit welcher ihn die Hauswirthin, -die Anwesenheit der hübschen -Nachbarin in Aussicht stellend, für den -nächsten Sonntag überrascht.</p> - -<p>Ziemlich trübselig erwartet er, in die -Ecke des alten Sophas gedrückt, sein -Schicksal. Die Thür geht auf, lachend -und schwatzend und ein wenig verlegen -kommt die sanglustige Nachbarin herein. -Sie ist keine Jungfrau in Wehr und Waffen, -sondern ein herziges kleines Ding voll -drolliger Einfälle und – gerade nur zur -Würze – etwas schnippisch. Nach den -ersten paar Minuten erscheint ihm die -versessene Sophaecke als das behaglichste -Plätzchen der Welt. Als er die ungeheuere -Tasse Kaffee, die ihm die Hausfrau reicht, -über das Tischtuch und Franziskas neues -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -Kleid ausschüttet, weiss sie das Unglück -mikroskopisch klein zu machen; natürlich -lassen sich die Flecken entfernen, wird -das Kleid gewaschen wie neu aussehen! -Wie sich ihm das schüchterne Herz in -der Brust dehnt, wie seine blauen Augen, -das einzige Anziehende in dem unjugendlichen -Gesicht, zu leuchten anfangen! Heute -scheint die Sonne ganz anders als sonst, -Frühling, Frühling! zwitschern die Spatzen -auf der Strasse. – In seiner Stube entlockt -er dem Flügel stürmische, jauchzende -Weisen, stürmisch und jauchzend singt -die Spottdrossel nebenan, und Frühling, -Frühling! klingt es aus den Tönen.</p> - -<p>Durfte Leonhard Gruber einen Frühling -haben? In den Händen hielt er einen -Brief; mit leisem Bangen, wegen dessen -er sich herzlos und unkindlich schalt, öffnete -er ihn. Oft kamen Episteln von derselben -Hand, sie sind mit Klagen über Einschränkungen -erfüllt, wie Luise noch immer -im alten Kleide gehe, Lina einen Mantel -brauchte, wie trostlos das Geschick einer -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -Witwe und armer Waisen sei, die ihres -Ernährers beraubt worden. Drei Viertheile -von Leonhard's Verdienst wandern -nach Mureck, seit Jahren hat er keine -Oper, kein gutes Concert besuchen können, -im Winter trägt er dünne und im Sommer -dicke Kleider, wie sich das bei armen -Teufeln trifft, aber so oft er ein solches -Schreiben liest, erscheint er sich wie ein -schwarzer Missethäter.</p> - -<p>Diesmal jedoch enthält es eine Freudenbotschaft. -Das heisst, einem Anderen -würde sie vielleicht nicht so sehr verheissungsvoll -klingen, da sie ihm zunächst -noch mehr Entbehrungen auferlegen wird. -Aber mein Leonhard Gruber verspricht -sich leicht einen schönen Tag, so oft ein -winziges Stückchen blauen Himmels durch -graue Wolken bricht: der zweite Sohn -des alten Organisten wird, Dank dem -adeligen Schlossherrn von Mureck, der -Leonhard's musikalische Ausbildung ermöglichte, -einen Stiftplatz am Wiener Conservatorium -erhalten. Was dem älteren -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Bruder versagt geblieben, soll dem jüngeren -zu Theil werden. Leonhard wird ihm jeden -Stein aus dem Weg räumen, damit er -sich ungehindert der anspruchsvollen Frau -Musica widmen könne, aber wenn nun -Karl ein berühmter Künstler geworden, -dann kann er die Sorge für die Familie -übernehmen.</p> - -<p>Und dann verlobte sich Leonhard. -Warten? Ob es Franzi recht ist! so hat -sie es stets geträumt, wenn in ihrem Köpfchen -der Gedanke an ein eigenes Haus -aufgetaucht. Stück für Stück zum Bau -des Nestes herbeitragen, bis es gezimmert -und ausgepolstert ist, das muss ungleich -hübscher sein, als in ein von Tischler und -Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen.</p> - -<p>Daheim waren sie Anfangs geneigt, -es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass -er sich mit vermessenen Gedanken an einen -eigenen Herd trug, aber da an die Ausführung -nicht gegangen werden sollte, -bevor Karl eine feste Stelle in der Welt -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -errungen, gab die Mutter in Gnaden ihre -Einwilligung.</p> - -<p>Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine -Lehrer knüpften hohe Erwartungen an -ihn, aber dem genialen Burschen gebrach -es an einer Kleinigkeit, es war ihm nicht -ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, -dem Leben. Das Glück heftete sich Anfangs -an seine Fersen. Er hatte kaum -den Schulstaub abgeschüttelt, da lud ihn -der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen, -zu einer Abendgesellschaft ein. -Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge -Künstler kam in Mode. Aber die Mutter -wandte sich nicht an ihn um Hülfe in -ihren endlosen Nöthen, denn uneröffnet -lag ein ganzer Stoss von Familienbriefen -auf seinem Clavier. Während der Schülertage -hatte er Bett und Tisch des Bruders -getheilt, aber die kleine, schlecht beheizbare -Stube im entlegenen Vorstadthaus -war kein passender Aufenthalt für einen -gefeierten Virtuosen. Auch verdarb ihm -das lästige Mitsingen im Nebenzimmer – -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs -Jahren klang es freilich nicht mehr – -jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, -machte ihm das Leben zur Qual. Er -miethete sich ein passendes Künstlerheim -an der Ringstrasse. So kirchenstill es in -den Augenblicken, da er mit der Muse -Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, -so laut liebte er seine Gesellschaft in den -vielen Erholungsstunden. Er besass eine -Leidenschaft für alle schäumenden Getränke, -und die Gasflammen einer Wirthsstube -lockten ihn wie eine Motte an.</p> - -<p>Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann -liess er sich wie in seiner Schulzeit vom -älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich -dieser beileibe keine Vorstellungen erlauben, -sonst liess sich der Virtuose Monate -lang nicht blicken. Und Leonhard, gutmüthig, -schwach und unaufhörlich von -der Furcht gequält, er erfülle schlecht das -Versprechen, das er dem sterbenden Vater -gegeben, suchte ihn dann wohl zuerst auf -und gab gute Worte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Franziska, der in letzter Zeit zuweilen -der Gedanke gekommen, dass man auch -Pflichten gegen sich selber habe, vernahm -es denn auch ohne das leiseste Bedauern – -wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren -Bräutigam ihren Gefühlen keinen beredten -Ausdruck lieh –, dass Meister Karl, eine -ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor -Thau und Tage aus Wien entwischt war. -Es geschah ihm dadurch kein Leid, im -Gegentheil, jetzt erst befand er sich in -seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde -einer der modernen Landstreicher, die -herrlich und in Freuden, von Bierquelle -zum Weinborn pilgernd, leben, wenn ihnen -ein insipides Getränk, das Wasser, bis in -den Mund reicht, unter Aufzählung ihrer -Titel und Orden »ein einziges Concert auf -der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten -und dem geschmeichelten Localpatriotismus -so viel erpressen, um ihren Kahn -eine Weile flott zu erhalten.</p> - -<p>Monate lang ging Leonhard niedergedrückt, -eine Beute heftiger Gewissensbisse -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -umher. Es war sträflicher Leichtsinn -gewesen, ein blühendes, junges Leben -an das seine, das er Anderen verpfändet -hat, zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, -in das der Wind gefahren, lagen seine -Hoffnungen auf dem Boden.</p> - -<p>»Wir müssen eben warten,« tröstete -ihn Franzi, aber es klang anders als vor -Jahren, da sie im Warten die eigentliche -Würze ihres Brautstandes gesehen. »Wie -könnte mir einfallen, Dich von Deiner -Pflicht abwendig zu machen!« Leonhard's -Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; -ein anderer Bruder theilte sie. -Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, -des Herrn Pfarrers von Mureck, -sollte er einige Jahre Theologie studiren, -dann war ihm ein Pfarramt gewiss. Das -Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne -auf dieses künftige Glück: Natürlich wird -das Pfarrhaus im Grünen liegen, Weinlaub -daran emporklettern, ein Garten voll Aepfel- -und Birnbäumen es umschliessen – Franzi -wässert schon jetzt der Mund nach den -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -saftigen Früchten –, man kann nicht -allein darin hausen, Mutter und Schwester -werden zum Seelenhirten ziehen. Wenn -Ignaz es erlaubt, warum sollte er nicht? -sein ältester Bruder theilt ja auch jeden -Bissen mit ihm, dann kommt Leonhard -mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn -seine Schüler auf das Land geflohen sind, -zur Erholung zu ihm hinaus. O, es wird -herrlich sein, frische, stählende Bergluft -Wochen, Monate lang einzuathmen. -Franziska ist nun 26 Jahre alt und sehr -praktisch. Ihre Augen haben viel von -ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die -Lippen, statt zu lachen, schliessen sich oft -fest auf einander. Aber wenn sie in glücklichen -Träumen schwelgt, dann zeigen sich -die Grübchen in Wange und Kinn, und -ein rosiger Hauch färbt ihr Gesicht.</p> - -<p>»Niemand würde sie für älter als zwanzig -halten,« meint bewundernd Leonhard. -Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken -einstimmt, nimmt ihn nicht Wunder. Was -kümmert sich so ein angehender geistlicher -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -Herr um Frauenschönheit? Aber freilich, -etwas zugänglicher für Freud' und Leid -der Menschen um ihn dürfte er sein! -Wird er doch einmal seiner Gemeinde in -Freud' und Leid beizustehen haben. Aber -er gehört zu der neuen Schule kirchlicher -Streiter, ist hohlwangig und blass und -hat ein düsteres Licht in seinen Augen. -Wenn Leonhard und Franziska Lustschlösser -aufthürmen, wirft er verächtliche -Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen -versucht er es, sie auf das Reich Gottes -hinzulenken; leider vergeblich. Franzi, -wie die Meisten ihrer Landsmänninnen, -hat nicht das geringste Talent zur Asketin, -und wie Leonhard's Anlagen auch beschaffen -sein mögen, an der Seite seiner -Braut, die er nun bald heimzuführen hofft, -denkt er nicht an Weltentsagung.</p> - -<p>Er war Enttäuschungen so gewohnt, -dass er nicht zusammenbrach, als sein -Bruder, einem unwiderstehlichen Drange -gehorchend, in einen Mönchsorden der -strengsten Regel eintrat und schwere -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Klosterpforten zwischen sich und die Welt, -die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, -schob. In Mureck waren sie fromm genug, -nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja -noch immer der Aelteste; »einen gar braven -Buben«, nennt ihn Frau Gruber, aber sie -ist doch stolzer auf den geistlichen Sohn, -der es zu hohen Würden bringen wird, -da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen -wusste.</p> - -<p>Franziska wurde todtenbleich, als dieser -Blitz ihre Lustschlösser zertrümmerte.</p> - -<p>»Wir werden nie einander angehören!« -rief sie und brach in Thränen aus. Wenn -er sie verlor, dann schwand jede Freude -aus seinem armseligen Leben, er wurde -ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der -Strasse. Aber konnte er ihr zumuthen, noch -länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast -aussichtslosen Neigung zu opfern. Das -erste Wort, mit dem er sie, Verzweiflung in -der Stimme, frei gab, brachte sie zu sich.</p> - -<p>»Mein Leonhard, wir warten geduldig -auf einander, wie bisher«; aber es war -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, -als sie hinzusetzte: »Es sei denn, Du -möchtest mich nicht mehr.«</p> - -<p>Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. -Wieder arbeiteten sie Jahre lang neben -einander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. -Franziska wusste, dass sie verblühte. Sie -baute keine Zukunftspläne mehr und gab -sich Mühe, so rührend genügsam wie ihr -Bräutigam zu werden, dessen Gesicht sich -verklärte, wenn er einen Sonntag Nachmittag -mit ihr im Wienerwald verbringen -durfte.</p> - -<p>Da griff der Zufall plötzlich in ihr -Leben umgestaltend ein. Leonhard ging -mit elastischen Schritten umher und summte -die Melodien, die, wenn günstigere Sterne -über ihm gewaltet, vielleicht den Weg in -die Welt gefunden hätten.</p> - -<p>Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, -wie ein Schiffbrüchiger auf fremdem, unwirthlichem -Strand in Amerika gelandet. -Ach, da war kein Wirth, der borgen wollte, -kein Concertsaal, der sich öffnete, so lange -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -ihm der Wind durch die Taschen pfiff. -Um nicht zu verhungern, sah er sich nach -Schülern um und da er in der That -glänzend spielte, eine unverlegene Zunge -besass und mit einem Hoftitel aus einem -kunstsinnigen deutschen Herzogthum die -Leute zu blenden vermochte, fehlt es ihm -bald nicht an gut bezahlten Clavierstunden. -Nach einigen Monaten trat er öffentlich -auf und fand Beifall. Das Unterrichten -erschien ihm nun wieder als eines so -grossen Pianisten wenig würdig. Auch -plante er eine Kunstreise nach dem Westen. -Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, -Leonhard könnte seine Lectionen übernehmen. -Das Reisegeld schickte er nicht, -er hätte seines ältesten Bruders Zartgefühl -verletzen können, freilich dauerte es nun -einige Zeit, bis es zusammengespart war; -zu lange für Karl's Ungeduld. Als Leonhard -nach thränenreichem Abschied von -den Seinen in New-York landete, da war -der Virtuose bereits nach Californien abgereist, -und seine Stunden gab ein Anderer. -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -Und der Ankömmling, der nicht mehr in -den Jahren war und vielleicht nie die -nöthige rücksichtslose Energie besessen -hatte, um sich in der Fremde einen -Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne -Mittel, ohne Freunde, von der Heimkehr -abgeschnitten in der ungeheueren Stadt, -die Hunderte solcher ungeschickter armer -Teufel verschlingt, ohne dass nur das -Kräuseln der Oberfläche, wie ihn ein Stein -auf dem Wasserspiegel hervorruft, die -Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. -Er besass nicht seines Bruders siegesgewisses -Auftreten, konnte nicht wie dieser -durch seinen Künstlerruhm verblüffen. -Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm -Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte -nicht um seinetwillen, denn er -hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, -schon früher erlernt. Aber was sollte aus -Mutter und Schwestern werden, welche -er, im Vertrauen auf Karl's Versprechungen, -den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert, -was aus Joseph, dem jüngsten -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel -sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. -Wenn er Franziska's gedachte, überwältigte -ihn der Jammer völlig. Welch ein -Lohn für ihr geduldiges Ausharren, ihre -Aufopferung! Er sandte keine Nachricht -von seiner Bedrängniss an die Angehörigen -heim. Sie konnten ihm nicht helfen und -hatten an der eigenen Last genug zu tragen.</p> - -<p>Er vergass, dass es nichts Unersetzliches -auf Erden gibt. Mutter und Geschwister -staunten, dass der stets so zuverlässige -Aelteste sie im Stiche liess. Aber von -der Nothwendigkeit gedrängt, suchten sie -bei ihren eigenen Hülfsquellen Zuflucht. -Joseph gab Stunden, wie Leonhard es -gethan und schickte kleine Beträge nach -Hause, die Schwester verwerthete allerlei -Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Aelteste -entschloss sich, dem greisen Pfarrer die -Wirthschaft zu führen. Franziska allerdings -litt; sie glaubte sich von ihm vergessen. -Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst -versuchend, irgendwo festen Fuss zu fassen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -Die New-Yorker Zeitungen brachten -eines Tages eine jener Notizen, die, kurz -und dürr, dennoch mehr als bändelange -Schilderungen irdischen Jammers geeignet -sind, die Herzen zu erschüttern. Ein -Polizist hatte einen bewusstlosen und wie -er, Dank des häufigen Vorkommens solcher -Zufälle, glaubte, betrunkenen Mann -vom Strassenpflaster aufgelesen und über -Nacht auf der Polizeistation mit dem -verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt. -Vor dem Richter stellte sich -heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der -Bruder eines in New-York geschätzten -Künstlers, hatte keinen Tropfen geistigen -Getränkes zu sich genommen, sondern -war zusammengebrochen, weil er seit -mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen. -Das Mitleid verschaffte Leonhard -die ersten Stunden in New-York. Was -man auch an den plötzlich reich gewordenen -Amerikanern zu tadeln finden mag, -die schlechte Eigenschaft der Emporkömmlinge, -die Kargheit im Kleinen neben -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -der prahlerischen Vergeudung im Grossen -besitzen sie nur ausnahmsweise; sie lassen -die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten -in ihren Geschäften, die Dienstleute -im Hause nicht darben. Leonhard sah -sein Schifflein bald auf ruhiger Fluth -dahingleiten.</p> - -<p>Lachend und weinend zu gleicher Zeit -hielt Franzi den Brief in der Hand, der -ihr von der günstigen Wendung in seinem -Geschick Kunde gab. Bald sollten sie -einander angehören. Lärmten die Sperlinge -nicht wie ehemals, sang und klang -es nicht in ihr, um sie? Aber es dauert -nur wenige Augenblicke. Ihre Seele hat -die luftigen Schwingen eingebüsst, mit -welchen sie sich einst in ein glückliches -Traumland erheben konnte.</p> - -<p>»Was wird wohl diesmal zwischen uns -treten?« fragt sie sich bitter, der Glanz -in den Augen erlischt, und sie zieht -wieder die Nadel durch ihre Arbeit, die -hoffnungs- und erfolglos ist, wie die der -Danaïden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem -Charakter dem ältesten Bruder glich, war -Schullehrer in Mureck geworden und -wollte Leonhard's Stelle bei der Familie -vertreten. Selbst die Mutter, welche die -trübseligen Verhältnisse zu einem beständig -heischenden und niemals befriedigten -Wesen gemacht, schrieb, wenn auch -ein Zuschuss stets willkommen sei, so -möge ihr Aeltester nun auch einmal an -sich denken.</p> - -<p>Leonhard's Schüler schütteln verwundert -die Köpfe. Hätte nicht jeder -deutsche Professor das unveräusserliche -Vorrecht, wunderlich zu sein, sie würden -ihn für verrückt erklären. Er geht umher, -als führten die Engel über seinem -Haupte ein Conzert auf. Während die -kleinen ungelenken Fingerchen neben -ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlocken, -lächelt er stillselig vor sich hin, -statt, wie recht und billig, wüthend zu -werden. Er sieht beinahe gross aus, so -dehnt und streckt sich sein kleines Persönchen -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -vor innerem Wohlgefühl: Er -rüstet das Nest für sein Weib, kein Tag -vergeht, an dem er nicht mit einem Pack -unter dem Arm die steile Holztreppe zur -künftigen Residenz emporklimmen würde. -Noch besteht der Brauch, wohl aus den -Ansiedlertagen, da Einer auf den Beistand -des Anderen angewiesen war, dass man -Freunden das Haus einrichten hilft. Die -Eltern seiner Schüler wissen, er erwarte -die Braut aus Deutschland (unter welchem -Namen ganz Europa, mit Ausnahme Grossbritanniens -und Irrlands, begriffen wird), -die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, -gestickten Deckchen, Porzellanfiguren, -Bilder – an welchen freilich der Rahmen -das Hervorragendste ist –, die ihm in's -Haus strömen, würden ein Museum füllen. -Jedenfalls wird man in der neuen Wohnung -äusserst massvoll im Gebrauch seiner -Gliedmassen sein müssen, und Franzi wird -als Herrin all der Schätze gerade keine -Sinecure inne haben, wenn sie dieselben -in halbwegs staubfreiem Zustand erhalten -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -will. Stunden lang steht Leonhard, in Bewunderung -versunken, vor den Herrlichkeiten. -Aber ein Geräth vergass er, vergassen -seine Freunde. Am Tage, bevor -das Schiff mit seiner Braut, das glückhafte -Schiff, im Hafen einläuft, kauft er den -Pfeilerspiegel für die Vorderstube.</p> - -<p>Vom Dock führt er sie zum Friedensrichter, -der die beiden geduldigen und -getreuen Menschen für das Leben zusammengiebt. -Leonhard hat sein Nest -in einer neugierigen, schwatzhaften Strasse -gebaut; man braucht nicht viel Phantasie, -um sich in eine Kleinstadt im deutschen -Vaterland versetzt zu fühlen. Rechts -und links drücken die Nachbarinnen die -Gesichter an die Fenster, um das Paar -vorüberschreiten zu sehen. Sie geben sich -keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. -Die Monate langen Vorbereitungen, -das verklärte Gesicht liessen sie -einen anderen Siegespreis vermuthen.</p> - -<p>»Die alte Jungfer hätte er nicht zu -importiren gebraucht,« sagten sie, »so -<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -etwas findet sich auch noch unter dem -Sternenbanner.«</p> - -<p>Franzi hat es glücklicherweise nicht -gehört, es hätte einen grauen Flor über -ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erscheint -sie nicht so glücklich, wie man vermuthen -sollte. Während Leonhard wie von Flügeln -getragen einhergeht, schlägt sie die -Augen zu Boden.</p> - -<p>Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard -hatte, weil die Blumen spärlich -wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen -farbigen Herbstblättern angefüllt, -sie sahen wie leuchtend rothe, goldgelbe -und broncefarbige Blüthen aus. Franzi -konnte nicht umhin, einen Ausruf des -Entzückens bei dem Anblick ihrer Wohnung -auszustossen. Der Klang der Schelle -hatte ihren Gatten von ihr fortgerufen. -Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft -nahm sie ein Figürchen um das andere -in die Hand, bewundernd beugte sie -sich über die Stickereien, den Teppich, -die Geräthe. Zuletzt trat sie vor den -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -Spiegel. Und nun verwandelte sich der -Ausdruck ihrer Züge, sie brach in Thränen -aus.</p> - -<p>Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten -der Wunderdinge die Franzi von ehemals -mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen, -Goldglanz auf dem Haar und schalkhaftes -Leuchten im Auge, zu erblicken. -Aber aus dem Spiegel trat ihr ein Schatten -ihres alten Selbst mit traurigen Augen -und einem Gesicht entgegen, aus dem -selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge -der Resignation, des unaufhörlichen -Verzichtens nicht zu verwischen vermocht -hatte. Geheimnissvoll vor sich hinlächelnd -trat Leonhard wieder ein. Da er sie weinen -sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann -eilte er auf sie zu; wenn sie Heimweh -fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen -Herzen überwinden. Aber sie machte sich -heftig los.</p> - -<p>»Müssen wir uns nicht schämen, uns -wie andere neuvermählte Paare zu -gehaben? Schnee liegt auf unserem -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -Scheitel, Furchen ziehen sich durch unsere -Züge.«</p> - -<p>Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass -sie sich verändert. Für ihn war sie die -Franzi geblieben, um die er in ihrem -Lenz geworben. Und auch jetzt, nachdem -sie ihm die Binde von den Augen gerissen, -meinte er, es gäbe kein schöneres, -kein anziehenderes Weib in der Welt. Er -sah sie mit den Augen der Erinnerung.</p> - -<p>»Können wir denn noch glücklich -werden?« fragte sie, »vermagst Du mein -verblühtes Gesicht noch zu lieben?«</p> - -<p>Er eilte vor die Thür und trug mit -Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb -von ungeheurem Umfang, gefüllt mit -herrlichen, frischen Blüthen, herein; eine -Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum -Einzug in das Haus gesendet.</p> - -<p>Leonhard wies auf die prächtigen Rosen, -auf Nelken und Heliotrop.</p> - -<p>»Es ist Herbst,« sagte er, »die Luft -ist rauh, und Nebel füllt die Strassen. -Aber furchtlos strecken sie die feinen -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -duftenden Köpfchen in die Luft hinaus -und freuen sich der Stunden, in welchen -die Sonne ihnen scheint.«</p> - -<p>»Und wie lange dauert es,« warf sie -herbe ein, »dann kommt der erste Frost -und vergilbt ihre Blätter.«</p> - -<p>»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen -doch sehen, ob wir ihn mit unseren warmen -Herzen nicht überwinden. Wir wollen -unseren Frühling dankbar feiern, obschon -er uns spät im Jahre gekommen.«</p> - -<p>Er schloss sie in seine Arme und küsste -sie auf den Mund.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -BRENNENDE LIEBE.</h2> - - -<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -Vielleicht halten Sie mich für unbescheiden, -aber wahrhaftig, ich -half einem tiefgefühlten Bedürfniss ab, -als ich geboren wurde, aufwuchs und zum -Ruhm meiner Vaterstadt unter die Kannibalen -ging. Natürlich nicht, um bei ihnen -zu bleiben, sondern um mit 85 Kisten voll -staubiger Merkwürdigkeiten, Schädeln, -Amuletten, Pflanzenwurzeln, Pfeilen, Bogen, -Lanzen und ferner mit einem Vorrathe -an Notizen und Tagebüchern heimzukehren, -der das Herz jedes Händlers in -Makulatur mit den frohesten Erwartungen -erfüllt hätte.</p> - -<p>Meine Vaterstadt hatte sich schon seit -längerer Zeit sehnsüchtig nach einem -grossen Sohne umgethan, zu dessen Ehren -man wieder einmal in dem altberühmten -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -Rathskeller ein ansehnliches Festessen -unter Pauken- und Drommetenschall abhalten -konnte. Leider war in der ehemaligen -Reichsunmittelbaren eine gewisse -Dürre eingetreten, sie hatte alle ihre grossen -Söhne unter prachtvollen Denkmälern begraben, -und der Nachwuchs zeigte das -richtige Militärmass nicht mehr. Da trat -ich denn aufopfernd in die Bresche. Der -Wahrheit die Ehre! Das Essen war unübertrefflich, -und der Wein liess nichts -zu wünschen übrig. Rechts und links -schlugen mir »der opferwillige, selbstlose -Diener der Wissenschaft«, »der erleuchtete -Erforscher dunkler Erdtheile«, der »hervorragendste -jetztlebende Sohn« und so weiter -an die Ohren, und als sich nach leiser -Zwiesprache mit mir der Oberbürgermeister -erhob und den Anwesenden verkündete, -ich hätte meine 85 Kisten der -geliebten Vaterstadt zum Geschenk gemacht -(selbstverständlich unter den bescheidenen -Bedingungen, dass sie für -ewige Zeiten ungetheilt blieben, in den -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -hellsten Sälen des neuen Museums aufgestellt -würden und als Karl-Wittmann-Stiftung -auf die Nachwelt übergingen), -da stieg die Begeisterung auf den Siedepunkt, -und ich genoss fortan die süssen -Früchte der Popularität, die darin bestehen, -dass jener Theil der hoffnungsvollen -Jugend, der den Gebrauch der -Taschentücher standhaft verschmäht, auf -der Strasse mit den Fingern auf mich -deutete, und die jungen Damen der Stadt, -sobald sie meiner ansichtig wurden, angelegentlich -die Auslagen studirten, um, -wenn ich vorübergegangen war, sich umzudrehen -und mir nachzublicken. Aber -die Götter sind neidisch. Sie vergassen -nicht, einen Tropfen Gift in meinen -Freudenbecher zu mischen. Und was für -einen Tropfen! Er war ausgiebig genug, -um ein ganzes Fass süssen Weines in eitel -Wermuth und Galle zu verwandeln. Es -lebte eine Person in der Stadt, die meine -Verdienste um Mit- und Nachwelt gering -schätzte, die meinen Ruhm nicht anerkannte -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -und trotz meiner allgemeinen Beliebtheit -kalt wie ein Eiszapfen blieb, und diese -Person war meine Braut; denn ich habe -eine Braut und zwar eine sogenannte -Familienbraut.</p> - -<p>Aus Spielgefährten und Jugendfreunden -wurden wir, Dank unseren vortrefflichen -Mamas, im Handumdrehen Braut und -Bräutigam ohne die geringste Ungewissheit, -den leisesten Zweifel, ohne irgend -ein Hangen und Bangen in schwebender -Pein. Meine junge Weisheit beschloss, -die stehenden Gewässer unserer Neigung -durch eine längere Entfernung aufzurühren, -damit etwas von dem Idealzustande -der Liebe, ein Bischen Sehnsucht und -Leidenschaft auch auf unser Theil komme. -Auch führte ich den auf mich entfallenden -Part des Programms gewissenhaft durch. -Einmal von Helene getrennt, zog ich jeden -Augenblick ihre Photographie heraus und -machte ihr die süssesten Augen, zweimal -im Tage setzte ich mich hin, um gefühlvolle -Episteln an sie zu richten (leider -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -dürften sie dieselbe nicht erreicht haben, -denn ich bin ein schlechter Briefschreiber, -und aus den acht Seiten langen Liebesbotschaften -wurden meist kleine Zettelchen, -die ihr die erfreuliche Kunde meines -Wohlbefindens zutrugen), und als den -»bekannten Naturforscher« bei seinem -Landen in Hamburg eine kleine Festlichkeit -erwartete, riss er sich mitten in der -Nacht und mit ziemlich schwerem Kopf -aus dem Kreise seiner Verehrer los, um -am nächsten Morgen in seiner Vaterstadt -und bei Helene einzutreffen.</p> - -<p>Ich hätte ruhig im Hotel schlafen -können. Zur Begrüssung streckte mir -meine Braut ein paar Fingerspitzen entgegen, -als ich voll Wiedersehensfreude auf -sie zueilte.</p> - -<p>»Sehr erfreut, den Herrn Doctor bei -uns zu sehen,« sagte sie und verbeugte -sich tief und spöttisch. Wir waren allein, -nichts hinderte uns, die lang aufgespeicherte -Sehnsucht von Lippe zu Lippe -ausströmen zu lassen. Und nun dieser -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -Empfang! Die Arme sanken mir herab, -mein Gesicht verlängerte sich.</p> - -<p>»Das Willkommen für deinen Verlobten -leidet jedenfalls nicht an Ueberschwänglichkeit,« -sagte ich trocken, nachdem ich -meine Enttäuschung, so gut es ging, -niedergekämpft.</p> - -<p>»Wer das nicht hoch genug zu -schätzende Glück hat, einen so vernünftigen -Bräutigam sein eigen zu nennen, -darf sich nicht durch Sentimentalität -lächerlich machen,« versetzte sie.</p> - -<p>»Helene, ich bin durchaus nicht vernünftig,« -betheuerte ich mit Ueberzeugung. -»Ich glaube, seit den Tagen von Hero und -Leander hat kein verliebter Narr so ungeduldig -die salzige Fluth durchmessen -und so erleichtert das Gestade berührt, -wie ich.«</p> - -<p>Eine Steinfigur wäre gerührt worden. -Meine theuere Braut jedoch rief spöttisch -an mir vorüber in die Luft hinaus:</p> - -<p>»Der Unglückliche! Bittere Noth zwang -ihn, seiner Heimath den Rücken zu kehren -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -und das harte Brot – den Schiffszwieback -– der Fremde zu essen.«</p> - -<p>Wenn mich etwas aufregen kann, so -ist es dieses Sprechen zu einem abwesenden -Dritten. Ich würde es als einen Scheidungsgrund -ansehen, sollte meine Frau -ihre Gardinenpredigten in diesem Stile -halten. Allein diesmal blieb ich gelassen, -denn es galt mein Schifflein durch eine -etwas gefährliche Stromschnelle hindurchzurudern.</p> - -<p>»Bedenke, Kind, man hat doch auch -Pflichten gegen das Allgemeine. Wenn -ich meinen verehrten Mitbürgern keine -Veranlassung zu einem Bankett gebe, dann -erkranken sie möglicherweise am verhaltenen -Jubelfieber, und meine Unterlassungssünde -endet in einem Massenmorde.«</p> - -<p>»Bilde dir nicht ein, sie haben auf dich -gewartet,« entgegnete Helene; ihr Ton -klang geringschätzig, aber sie wandte sich -direct an mich, und das war ein Fortschritt. -»Hätten dich die Wilden mit dem -Holzbeile erschlagen, dann wäre vielleicht -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -das Erlöschen der Pest vor 400 Jahren -gefeiert worden, oder der Westfälische -Friede, oder sonst eine erfreuliche, wenn -auch schon etwas angejahrte Begebenheit. -Ich kenne unsere würdigen Stadtpapas; -wenn ein guter Jahrgang im Rathskeller -lagert, dann begehen sie Jubiläen bei dem -geringfügigsten Anlass.«</p> - -<p>Und dieses Wesen, das meine Bedeutung -für das Gemeinwohl also abzuschwächen, -ja ganz zu vernichten suchte, sollte -das Weib meines Busens werden! Ich -hoffe, dass mir Jedermann die Berechtigung -zugestehen wird, entrüstet zu sein.</p> - -<p>»Helenchen, äussere deine Ketzerei -nicht vor fremden Ohren. Männlein und -Weiblein in unserer Stadt stimmen darin -überein, dass meine Sammlungen ungeheuer -werthvoll sind und meine Tagebücher der -Wissenschaft ausserordentliche Dienste leisten -werden. Man soll sein Urtheil freilich -nicht nach dem der Menge bilden, -aber es trüge dir doch einen etwas unerwünschten -Ruf der Originalität ein, -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -wenn du, meine Braut, die Einzige wärest, -die meiner Forschungsreise nicht die geringste -Wichtigkeit beimissest.«</p> - -<p>Sie blickte anklagend zur Zimmerdecke -empor.</p> - -<p>»Ich messe ihr keine Wichtigkeit bei, -ich, die ich ihr die trostlosesten, unerquicklichsten -Jahre meines Lebens verdanke!«</p> - -<p>Ich grollte Helenen nicht länger, ich -fand sie bezaubernd und wollte auf sie -zueilen, aber sie verschanzte sich hinter -einem Stuhl, die Augen blitzend, die -Lippen trotzig aufgeworfen, eine Walküre -– freilich eine aus Meissener Porzellan.</p> - -<p>»Du liessest dich von deiner Abenteuerlust -in die Fremde locken, und ich bin -hier geblieben, eine lächerliche Figur, über -die alle Freundinnen spotten, eine Braut, -deren Bräutigam die Flucht ergriffen!«</p> - -<p>»Helene, welch' ein Gedanke!« rief ich -schaudernd. »Glücklicherweise glaubst du -selber nicht an ihn. Weisst du doch zu -genau, dass ich schon als grüner Junge -im Gymnasium in dir mein Ideal verehrte -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -und dich mit sehr kunstreichen Strophen -im altgriechischen Versmass ansang. Sie -haben mich manchen Schweisstropfen gekostet, -und du, Kobold, nahmst sie mit -schnöder Gleichgültigkeit entgegen.«</p> - -<p>»Du hast dich zu entschädigen gewusst: -Ich musste geduldig zu Hause warten, bis -es dem Herrn Naturforscher« (nicht möglich, -den Hohn zu beschreiben, der diesen -Titel begleitete) »gefiel, zurückzukehren, -nachdem er in der Fremde hinlänglichen -Zeitvertreib gefunden.«</p> - -<p>»Wenn du wüsstest, wie viel Ungemach -und Entbehrungen ich ertragen, welche -Gefahren ich überstanden,« warf ich gefühlvoll -ein, »du würdest nicht so sprechen.«</p> - -<p>»Man sieht dir nichts davon an. Ich -hatte im Stillen gehofft, du werdest abgebrannt -und zur Mumie ausgetrocknet -zurückkommen; leider bleiben die erfüllten -Wünsche stets hinter unseren Erwartungen -zurück.«</p> - -<p>»Ich darf darüber nicht klagen; die -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -meinen wurden weit übertroffen. Dass -mich meine Braut, nachdem wir zwei Jahre -von einander getrennt gewesen, mit der -Klage empfangen werde, ich sähe nicht -genug mumienhaft aus, übersteigt selbst -meine unwahrscheinlichsten Träume.«</p> - -<p>»In diesen zwei Jahren haben Julie -Marschall und Karoline Holzwart zehn -Bälle mitgemacht, einige Dutzend Cotillonbouquets -nach Hause getragen und sich -von einer Unzahl Lieutenants, der Assessoren -und Referendare gar nicht zu erwähnen, -den Hof machen lassen. Und ich -habe zu Hause einen langen Aschermittwoch -gehalten, denn meine unnatürliche -Mutter erklärte, es passe sich nicht für -eine Braut, deren Verlobter abwesend sei, -Bälle zu besuchen; und meine künftige -Schwiegermama rief vorwurfsvoll und mit -Wassertropfen an den Wimpern: »Du -willst tanzen, während Karl vielleicht in -Todesgefahr schwebt!«</p> - -<p>»Die beiden Frauen haben ein wenig -Zärtlichkeit für mich, während du, kleine -<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -Selbstsüchtige, nur an dich und deine -banalen Vergnügungen denkst.«</p> - -<p>»Du hättest unter die Advokaten gehen -sollen,« warf sie schneidend hin, »es ist -ein alter Kniff dieser Herren, einer Anklage -zuvorzukommen, indem sie dieselbe -umkehren. Ich selbstsüchtig? <em class="ge">ich</em> habe -einem jungen Mädchen nicht die paar -Jahre ihres Frühlings vergällt, indem ich -sie band und mir die Freiheit sicherte, -ich nicht!«</p> - -<p>»Helene, höre mich an!«</p> - -<p>Aber sie liess sich nicht unterbrechen.</p> - -<p>»Ist das Experiment nach Wunsch ausgefallen? -Hat sich das kleine Mädchen -nach dem gnädigen Herrn gesehnt und -um seinetwillen abgehärmt?«</p> - -<p>Ich stand diesem übernatürlichen -Scharfsinn starr gegenüber. Plötzlich -blendete mich ein grelles Licht.</p> - -<p>»Helene, sei aufrichtig,« bat ich, »dein -eisiger Empfang drängt mir die Frage -auf: hat mich ein Anderer aus deiner -Neigung verdrängt?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -Sie sah mich nicht an, sondern blickte -angelegentlich zum Fenster hinaus, vielleicht -dauerte sie meine verstörte Miene; endlich -wandte sie mir ein purpurrothes Gesicht zu.</p> - -<p>»Du hast es errathen,« sagte sie, »ich -liebe einen Anderen!«</p> - -<p>Leichten Tones fuhr sie fort: »Zwei -Jahre sind ja eine Ewigkeit; auch hätten -die Menschenfresser Geschmack an dir -finden können.«</p> - -<p>Dabei blitzten ihre spitzen, weissen -Zähne, als könne sie sich nichts Willkommeneres -denken. Die Naturgeschichte hat -Recht, unter den Raubthieren ist das -Weibchen der grausamere Theil. Mauna -Loa war, gegen mich gehalten, zahm wie -ein Ofenfeuer, aber ich brachte leidlich -die Miene überlegener Ironie zu Stande.</p> - -<p>»Der Name des Glücklichen ist wohl -noch ein Geheimniss?«</p> - -<p>»Er heisst, wie mein Ideal heissen -muss, Edgar.«</p> - -<p>»Edgar? sehr abgeschmackt, und die -italienische Oper ist aus der Mode.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -Meine Worte ärgerten sie (und das -war ja auch ihr Zweck; es wäre mir eine -Wollust gewesen, sie zu peinigen, so wüthend -und – das Wort muss heraus – -unglücklich fühlte ich mich). Sie holte -ein Notenheft, auf welchem ein Strauss -knallrother Blumen prangte und hielt es -mir triumphirend vor die Augen. »Brennende -Liebe«, Walzer von Edgar Nothnagel, -seiner Schülerin, Fräulein Helene -Stubenkammer hochachtungsvoll zugeeignet.</p> - -<p>»Damit kann ich freilich nicht wetteifern,« -sagte ich bitter und griff nach -meinem Hut.</p> - -<p>Eine Gewohnheit aus früheren, schöneren -Tagen hing meine treulose Braut -noch immer an; wenn sie mich genug gequält -zu haben glaubte, legte sie ein -Pflästerchen auf meine Wunde.</p> - -<p>»Willst du gehen, ohne Mama begrüsst -zu haben?«</p> - -<p>»Ich werde telegraphisch meine Ueberfahrt -nach Afrika belegen, denn diesmal -<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -ist es mir wirklich ein Bedürfniss, die -Flucht zu ergreifen.« Ich wollte meinen -Verlobungsring abziehen, aber er sass zu -fest, und so musste ich auf den effectvollen -Abgang verzichten. Die Scharte einigermassen -auszuwetzen murmelte ich gleichgültig: -»O, ich vergass; – meine besten -Glückwünsche, Fräulein Stubenkammer.«</p> - -<p>»Ich weiss nicht, ob ich sie annehmen -darf,« versetzte Helene in äusserster Betrübniss, -»Mama wird von dem armen -Künstler nichts wissen wollen.«</p> - -<p>Ich bin kein Mann des Gefühls, das -sich in Worten äussert. Aus Scham, die -Welt errathen zu lassen, dass ich eigentlich -eine gute Dosis Weichmüthigkeit in -mir beherberge, hänge ich meinen Aeusserungen -gewisse kleine Narrenschellen an, -die ihren Zweck dann auch vortrefflich -erreichen, zu vortrefflich, denn nicht nur -die lieben gleichgültigen Nebenmenschen, -auch meine Braut werden von der Ueberzeugung -beherrscht, bei mir gehe keine -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -Empfindung tief genug, um sich nicht mit -einem Witzwort abschütteln zu lassen.</p> - -<p>Sie hatte vermuthlich nicht die leiseste -Ahnung, dass der Spötter, dem nichts -heilig zu sein schien, der seine Gefühle -durch das Scheidewasser der Ironie zu -zersetzen pflegte, den Riss zwischen uns -genau so schmerzlich – möglicher Weise -noch schmerzlicher – empfand, als es der -sentimentalste aller Edgars, der je in stillen -Mitternächten den Mond angeseufzt, vermocht -hätte. Oder wenn ihr mein Gesicht -den Zustand meines Innern enthüllte, so -schien es sie nicht sonderlich zu rühren – -mit leisem Lächeln sah sie mich meinen -Abschied nehmen.</p> - -<p>Während ich bei hellklingenden Gläsern -zum hervorragendsten jetztlebenden -Sohn proclamirt wurde, focht ich einen -schweren Kampf mit meinem Ich aus. -Ich muss bekennen, dass ich dasselbe -bisher gehätschelt und in jeder Weise bevorzugt -hatte. Deshalb wehrte es sich -nun auf das Heftigste gegen das erste -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -Opfer, das von ihm gefordert wurde. Das -Wesen zu verlieren, mit dem es sich in -jeder Faser verwachsen glaubte, das es -zum Mittelpunkt seiner Pläne und Luftschlösser -gemacht, erschien ihm ganz einfach -unmöglich. Zuletzt lag es jedoch -besiegt auf der Erde.</p> - -<p>Ich trat in das Stubenkammer'sche -Wohnzimmer, ein spartanischer Held, der -sich in unser Zeitalter hinübergerettet. -Meine Mutter und die Hausfrau waren -unzertrennliche Freundinnen; sie waren -auch jetzt beisammen, wahrscheinlich beschäftigt, -ein modernes Paradies aus decorirtem -Tafelgeschirr, Silberbestecken, -ungezählten Dutzenden von Bett- und -Tischwäsche für ihre Sprösslinge aufzubauen. -Helene sass am Fenster, ein -wenig blässer als sonst, aber wunderhübsch -wie immer. Sie warf mir einen prüfenden -Blick zu, aber als sie meine entschlossene -Miene sah, die etwas von dem Todesmuth -der Legionen zeigte, wandte sie den -Kopf ab.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -Wie ein Sprenggeschoss fiel meine Mittheilung, -dass ich in einer Woche eine -lange, eine <em class="ge">mehrjährige</em> Reise, wie ich -mit einem Blick auf Helene nachdrücklich -hervorhob, antreten werde, in den friedlichen -Familienkreis. Die beiden würdigen -Damen starrten mich fassungslos an. -Helene stand auf und näherte sich ihnen.</p> - -<p>»Ihr seht, er will mich nicht,« sagte -die kleine Teufelin lachend, »die Forschungsreise -ist nur ein Vorwand.«</p> - -<p>Mama, die es ist, und Mama, die es -werden sollte, warfen mir wüthende Blicke -zu; was mich betrifft, ich hätte nie gedacht, -dass der kategorische Imperativ -einen so wenig süssen Kern in sich birgt.</p> - -<p>»Das ist nun mein Lohn dafür, dass -ich 24 Monate und zwei Wochen lang wie -eine Nonne gelebt,« fuhr Helene fort.</p> - -<p>Ich bin nur ein Mensch und daher -nicht ohne Galle: »Ein Nonnenleben, das -durch Musik und süsse Musiker Abwechselung -erhielt, muss nicht übermässig hart -zu ertragen gewesen sein,« sagte ich boshaft.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -Die beiden Mamas tauschten erschrockene -Blicke, ich hörte die künftige -etwas vom heissen Klima und dem Aequator -murmeln.</p> - -<p>Nachdem ich meinem Aerger Luft gemacht, -schämte ich mich. In Edelmuth -und Selbstlosigkeit hatte ich Helenen, die -den Zorn ihrer Mutter zu fürchten schien, -die Bahn ebnen gewollt, und nun liess -ich mich so fortreissen. »Tante Stubenkammer,« -sagte ich, »durch meine Entfernung -soll ein etwas verwickelter Knoten -gelöst werden. Helene liebt mich nicht; -sie hat ihr Herz einem Anderen geschenkt. -Dass ich tief unglücklich darüber bin und -ein einsames trübseliges Leben vor mir -sehe, kann ich nicht verhehlen. Aber die -Rücksicht auf mich soll Helene nicht -hindern, mit ihrem Edgar glücklich zu -werden.«</p> - -<p>Mama hatte längst ihr Taschentuch an -die Augen gedrückt, aber Mama Stubenkammer -war aus härterem Stoff gemacht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -»Helene, darf ich dich um eine Erklärung -bitten!« sprach sie streng.</p> - -<p>»Liebe Mama, für eine Frau von -deinem feinen Verständniss bedarf es deren -wohl kaum: Karl ist eifersüchtig und das -– wie lächerlich! – auf meinen alten -ehrlichen Klavierlehrer.«</p> - -<p>Die Strenge der Mutter kehrte sich -gegen mich.</p> - -<p>»Karl, das ist beleidigend, der Mann -hat Frau und Kind.«</p> - -<p>»Und widmet meiner Braut seine -›Brennende Liebe‹.«</p> - -<p>»Es sollte zuerst ein Marsch ›Vergissmeinnicht‹ -sein, aber Karoline Holzwart -capricirte sich auf ihn,« erläuterte meine -Braut gleichmüthig, »und die Chrysanthemumpolka -war mir zu fade. Herr -Nothnagel arbeitet nämlich den Erfurter -Blumenkatalog durch; die Titel für seine -Kompositionen bereiteten ihm früher -grosse Schwierigkeiten. Da verfiel ich -auf diesen Ausweg, und zum Dank dafür -widmete er mir eine schöne rothe Sorte -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -Pelargonien; ich kann nichts dafür, dass -die Gärtner sie ›Brennende Liebe‹ getauft -haben.«</p> - -<p>»Helene,« schrie ich und eilte glückselig -auf meine Peinigerin zu. Ein Geräusch -wie der Flügelschlag mächtiger -Albatrosse machte uns stutzig. Aber es -waren nur die Mamas, die – ihrer Meinung -nach: geräuschlos – aus dem Zimmer -huschten.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -EIN UNGLÜCKSMENSCH.</h2> - - -<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -Klaus Henning hatte die bestimmte -Vorahnung, dass ein Unglück passiren -würde; und er hatte sie nicht zum -ersten Male. Er unterschied sich ausserdem -von anderen, mit einer weissagenden -Stimme in der Brust begnadeten Sterblichen -dadurch, dass seine Ahnungen -immer eintrafen. Das eine Mal, als er -eine Prophetenstimme in seinem Inneren -vernahm, ging er durch die Friedrichstrasse, -stolperte gegen ein Schaufenster -und musste, mit zerschnittenem Gesichte -und verletzten Händen, Schadenersatz -leisten. Das andere Mal wollte er mit -einem allerliebsten Fräulein auf der Rousseauinsel -Schlittschuh laufen und riss sie -mit sich zu Boden. Bei dieser Gelegenheit -fuhr ihm ein fremder Schlittschuh -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -über die Finger, sie für mehrere Monate -gebrauchsunfähig machend. Und da das -neue Kleid seiner Dame etliche klaffende -Risse bekam (was sie schwerer zu treffen -schien, als seine Verwundung, die ihn anfänglich -vier Finger zu kosten drohte), -so wurde sie von diesem Zeitpunkte ab -seine Todfeindin. Kurz, es war sehr leicht, -seine abergläubische Angst zu verspotten, -aber so oft sich das bewusste dunkle Gefühl -in seinem Inneren regte (und das -geschah fast jedesmal, bevor er sich unter -die Menschen mischte), gab es Schaden -für die Zeitgenossen und Spott für ihn.</p> - -<p>Seine Hauswirthin sah ihn denn auch -nur ungern den Reisekoffer packen.</p> - -<p>»Wollen Sie wirklich fort, Herr Henning?« -seufzte sie, »denken Sie an mich, -Sie kommen nicht mit heiler Haut nach -Hause.«</p> - -<p>Er wusste, dass sie Recht habe, aber -die Hitze war unerträglich, er schmachtete -nach einem Wellenbade, und da ihm die -Geschäftsstille Ferien vergönnte, wollte er -<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -einen kurzen Aufenthalt an der See nehmen. -Jeder minder Erfahrene hätte sich -eingebildet, die schwarzen Ahnungen seien -erfüllt, als sein neuer Reiseanzug, gleich -nachdem er das Haus verlassen, von oben -bis unten mit Oelfarbe bespritzt wurde, -die ein nachlässiger Anstreicher von seiner -Leiter herabträufeln liess, oder als ihm -der Eisenbahnzug davonfuhr und er nun -mehrere Stunden zu warten hatte. Er -aber kannte den Kobold besser, der sein -Spiel mit ihm trieb, als dass er gehofft -hätte, mit solchen Kleinigkeiten loszukommen. -Auch als er unmittelbar nach -der Abfahrt mächtige Rauchsäulen aus -der Richtung, wo sein Farbenmagazin lag, -aufsteigen sah, erfüllte ihn noch immer -nicht die beruhigende Ueberzeugung, seinen -Zoll entrichtet zu haben, denn bei -näherer Ueberlegung erschien es ihm -äusserst unwahrscheinlich, dass sein Geschäft -abbrannte, während er nicht dabei -war, um sich schwere Verletzungen zu -holen. Aeusserst unwahrscheinlich, eigentlich -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -nach seinen bisherigen Erfahrungen -vollkommen undenkbar. Vom Augenblicke -an, wo er die Thüre seines Waarenlagers -hinter sich zuschloss, konnte die Versicherungsgesellschaft -ruhig schlafen.</p> - -<p>Er wollte sich in Sassnitz nicht unter -die Badegäste mischen, konnte er doch -sicher darauf rechnen, das erste Glas Rothwein, -das er zum Munde zu führen gedachte, -über das Kleid seiner Nachbarin, -oder wenigstens über das Tischtuch auszugiessen, -jeden Stuhl mit nervenerschütterndem -Gepolter umzuwerfen, seinen Hut -vor aller Augen in's Wasser fliegen zu -sehen und was solcher kleiner Zwischenfälle -mehr sind, die an und für sich sehr -geringfügig erscheinen, ihn aber zum Gegenstande -des allgemeinen Gelächters -machen mussten.</p> - -<p>Im vergangenen Spätherbste hatte er -einige Tage in einem Gasthause ausserhalb -des Curorts verlebt, dessen Wirthin im -Sommer eine kleine Colonie von Städtern -beherbergte. Damals waren die letzten -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -Fremden, erschreckt durch ein paar rauhe -stürmische Tage, geflohen, und so verknüpfte -sich ihm mit dem Aufenthalte in -dem bescheidenen Häuschen am Strande -die Vorstellung von erquickender Ruhe -und Geräuschlosigkeit. Auch schien der -Kobold, der ihn verfolgte, an der Grenze -von Fleming's Herrschaftsbezirk die Waffen -zu strecken. Klaus ging mit den -Haussöhnen fischen und brachte Beute -heim, was ihm nie vorher widerfahren, -er kreuzte in einer Nussschale von Segelboot -die Küste entlang und sah es nicht -einmal den Kiel nach oben wenden, er -ruderte stundenlang in einem Nachen und -brach kein Ruder. Nach diesem stillen -Hafen der Glückseligkeit richtete er nun -seine Schritte. Ach, das war nicht mehr -das erträumte Paradies!</p> - -<p>Auf dem Vorplatze, der, mit spärlichem -Grün bedeckt, sich vor dem Hause hinzog, -spielte eine Gesellschaft junger Leute -Croquet, vom Wasser her erschallten laute -Kinderstimmen, auf der Holzbank im -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -Schatten des Hauses sassen behäbige Matronen. -Henning hatte die Absicht, bei -diesem Anblicke umzukehren und sich -ungesehen davonzuschleichen, aber die -Wirthin kam mit ausgestreckten Händen -auf ihn zu und rief:</p> - -<p>»Das Haus ist zwar gesteckt voll, aber -für Sie schaffen wir doch noch Raum.«</p> - -<p>Er wollte murmeln, dass er nur einen -Tag bleiben und dann seinen Stab weiter -zu setzen gedenke; da fiel sein Blick auf -ein junges Mädchen, die soeben ihren Ball -mit dem Hammer so unglücklich getroffen, -dass er, statt durch den Draht, gegen seine -Füsse fuhr. Purpurroth kam sie auf ihn -zu und bat um Entschuldigung. Sie hatte -ein Gesicht, wie es die Natur nur in besonders -guter Laune zu bilden pflegt, die -zartesten Farben, die treuherzigsten blauen -Augen und das Haar, das sie, wohl nach -einem Wellenbade, gelöst trug, von glänzendem -Blond. Und dann behielt er -seine Bemerkungen für sich, liess Frau -Fleming für sein Obdach sorgen und -<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -schwang den Hammer, ohne zu besorgen, -dass seine Bälle einem Mitmenschen das -Lebenslicht ausblasen würden. Auch bei -Tische vergass er alle seine Ahnungen, er -zitterte nicht vor dem Bratensafte, er -reichte Fräulein Mathilde eine Tasse Thee, -ohne sie zu verbrühen, kurz, er benahm -sich, als wäre er nie ein Unglücksmensch -gewesen.</p> - -<p>Freilich fing sein Elend noch am selben -Abend wieder an. Die Hausfrau erzählte, -um ihren Liebling vom vorigen Jahre her -in das günstigste Licht zu setzen, dass er -das Segelboot wie ein alter Matrose zu handhaben -verstehe. Die Damen versicherten, -nichts gewähre ihnen ein solches Vergnügen -wie eine Bootfahrt, die Herren -kündigten ihm ihre Begleitung für den -nächsten Tag an, Mathilde, die ihn jeden -Augenblick mehr entzückte, sagte nichts, -aber sie richtete ihre schönen blauen Augen -bittend auf ihn. Ihm brach der -Angstschweiss aus allen Poren; war er -ausersehen, der Mörder all' dieser braven -<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -Leute zu werden? Klaus war kein Salonmatrose, -er hatte seine Knabenjahre in -der Nähe von Bremerhaven verlebt und -ein Boot zu regieren beinahe so früh wie -das Abc erlernt. Auch ist das Segeln -Alles eher denn eine Kunst – wenn das -Fahrzeug etwas taugt, aber der Flemingsche -Krondiamant besass etliche Flecken. -Und was hilft alle Geschicklichkeit gegen -die Tücke eines Koboldes! Der junge -Mann ging nicht mit der Begeisterung, -welche die Gesellschaft erwartet haben -mochte, auf die vorgeschlagene Segelpartie -ein. Vergeblich nannte man ihn von da -an nicht anders als »Capitän«; er bestand -darauf, dass, wer nicht schwimmen könne, -auf dem Festlande bleiben müsse. Die -Aengstlichen sahen hierin einen Beweis, -dass er sich nicht sicher fühle und standen -sogleich ab. Mathilde bekannte seufzend, -sie könne seine Bedingung nicht erfüllen -und müsse daher verzichten. Es wäre ihm -das auserlesenste Vergnügen gewesen, sie -über die Wellen zu fahren, aber er unterdrückte -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -seinen Wunsch, indem er sich -vorsagte, es sei gleichbedeutend mit kaltüberlegtem -Morde, sie zu einer Wasserfahrt -mit einem Unglücksmenschen zu -bewegen.</p> - -<p>Nur zwei Herren waren verwegen genug, -sich seiner Führung anzuvertrauen. -Es stellte ohne Zweifel eine Probefahrt -vor. Klaus bestand sein Examen glänzend. -Er fing zu hoffen an, der Tückebold habe -auch diesmal vor Frau Fleming's Königreich -Halt gemacht. Sein Selbstvertrauen -wuchs; denn als man landete, waren seine -zwei Prüfungscommissäre des Lobes voll -für seine nautischen Künste. Da lud er -Mathilde zu einer Segelfahrt für den -nächsten Morgen ein. Ein ältlicher, gutmüthiger -Herr, der erst vor einigen Stunden -angekommen war, stand neben ihr; -Mathilde machte ihn, ihren Papa, mit dem -jungen Manne bekannt, und nun verlebte -dieser mit den zwei liebenswürdigen Menschen -einen Abend, der ihm unvergesslich -bleiben wird. Am nächsten Tage vertrauten -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -sich ausser Vater und Tochter -noch einige der Sommergäste seiner Führung -an. Auch diesmal verlief die Expedition -prächtig. Auf dem Lande war -es erstickend heiss gewesen, nun wehte -es die Gesellschaft kühl und belebend an, -und eine leichte Brise trug das Boot wie -auf Schwingen über das Wasser. Alle -versicherten, nie angenehmere Stunden -verlebt zu haben, und, was ihm werthvoller -erschien, Mathilde drückte ihm dankbar, -mit vor Vergnügen leuchtenden Augen, -die Hand. Da versuchte er die Götter -und versprach ihr eine Wiederholung.</p> - -<p>Es war ein glorreicher, glückverheissender -Tag. Da man in Frau Fleming's -Herrschergebiet eine einschnürende Etikette -nicht kannte, ging das Pärlein allein -an's Ufer. So gut wie Klaus es sich vorgestellt, -sollte es ihm freilich nicht werden. -Die Insassen des Hauses hielten zwar ihr -Nachmittagsschläfchen, aber die liebenswürdigen -Commissäre, die diesmal vermuthlich -seine Geduld wie zuvor seine -<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -seemännischen Fähigkeiten prüfen wollten, -kamen eilfertig herbei, um ihren Antheil -am Vergnügen zu beanspruchen. Da sie -ihn sozusagen entdeckt hatten, bewahrten -sie ihm ein gewisses gönnerhaftes Wohlwollen, -das er jedoch in jenem Augenblicke -nicht voll zu schätzen verstand. -Allein sie störten nicht, sie tauschten ihre -Bemerkungen, machten sich beim Steuer -unnütz oder starrten in's Wasser. Klaus -konnte ungehindert mit seiner Herzensdame -flüstern. Vielleicht hatte er sich -zu tief in die blauen Augen versenkt, -vielleicht hatten ihn die zwei Probefahrten -übersicher gemacht, am wahrscheinlichsten -jedoch ist, dass sein Kobold dessen überdrüssig -war, unbeschäftigt im Winkel zu -stehen, und dass er im Augenblicke, wo -er den Unglücksmenschen am härtesten -treffen konnte, hervorsprang.</p> - -<p>Das Boot war nicht so leicht zu regieren, -wie sonst, die Brise wehte scharf, -mehr als einmal schlug das Wasser, Alle -durchnässend, hinein. Und Klaus war -<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -zerstreut, er hatte Mathilde in ihren Gummimantel -gewickelt, und als sie ihm zum -Danke die Hand reichte, sie länger als -vernünftig in der seinen behalten. Er -hielt sie noch, als der Boden unter ihnen -wich, die kalte, salzige Flut auf sie einströmte -und das Bootkiel oben vor ihnen -trieb. Ein plötzlicher Windstoss musste -es getroffen und zum Kentern gebracht -haben. Sie sanken, doch verliess den Unglücksmenschen -die Besinnung nicht, er -legte den linken Arm um Mathilde und -brachte sie nach oben.</p> - -<p>Sie war die Selbstbeherrschung in Person; -sie klammerte sich nicht an ihn, seine -Bewegungen hemmend, und so gelang es -ihm nach einiger Anstrengung, den Kiel -seines Bootes zu erreichen und einen -Stützpunkt für sich und seinen schönen -Schützling zu gewinnen. Die beiden Genossen -sah er rüstig und unversehrt zur -Küste schwimmen. Sie war nicht fern, -aber bei der starken Strömung zum Meere -wäre jeder Versuch, sie mit Mathilde im -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -Arme zu erreichen, aussichtslos gewesen. -Zahlreiche Boote kreuzten das Wasser, -entweder nahm eines derselben sie auf, -oder die beiden Geretteten lösten am -Strande, der förmlich auf Rufweite vor -ihnen lag, ein Ruderboot und kamen den -Genossen zu Hilfe. Wenn Klaus nur bis -dahin aushalten konnte, wenn nur sein -Arm, der steif wie der eines Todten wurde, -das junge Mädchen über dem Wasser erhielt! -Blass und mit geschlossenen Augen -lag sie an seiner Brust. Eine förmlich -wahnsinnige Reue ergriff ihn. Wusste er -nicht voraus, das Alles, was er anfasste, -zu Schaden kam? Wie hatte er so verwegen, -nein so verrucht sein können, -dieses holde Geschöpf, das einzige Kind -und das einzige Glück ihres Vaters mit -sich in's Unglück zu reissen? Sein Selbstvorwurf -machte sich in der wildesten -Weise Luft.</p> - -<p>So vergingen endlose Minuten. Das -Boot trieb in's Meer hinaus, und in muthloser -Verzweiflung gab Klaus seinen -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -Schützling und sich verloren. Da hörte -er lauten, ermunternden Zuruf, warme -Hände streckten sich nach ihm und -Mathilden aus, und im nächsten Augenblicke -lagen die wasserdichten Planken -einer Barke, die eine Gesellschaft Badegäste -von der Stubbenkammer nach Sassnitz -heimführte, zwischen ihnen und den -heimtückischen Wellen. Das junge Mädchen -war ohnmächtig geworden. Als sie, -von den Damen, die im Boote waren, -umringt, die Augen aufschlug, suchte sie -ihren Begleiter mit den Augen; er las -Zutrauen, ja Dankbarkeit – Dankbarkeit -für ihn, der sie beinahe getödtet hätte! – -in ihnen und konnte den Blick nicht ertragen.</p> - -<p>Sie fanden Frau Fleming's Königreich -in vollem Aufruhre. Die beiden Commissäre -waren vor einer Weile angekommen, -und wenn sie zu Mathildens Rettung -keinen Finger gerührt, so zeigten sie sich -jetzt dafür eifrig beflissen, ihren Vater in -die peinigendste Unruhe zu stürzen. Als -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -sie nun in Hüllen, die ihr die Damen in -der Barke aufgedrängt hatten, den Strand -betrat, richtete sich, wie begreiflich, die -allgemeine Aufmerksamkeit auf sie. Ihr -Papa drückte sie stürmisch an sich, dann -wollte jede der Hausgenossinnen sie mit -einem Kusse begrüssen, zuletzt drängten -sich händeschüttelnd die Herren heran, -Niemand eifriger als die zwei Commissäre.</p> - -<p>Klaus schlich sich unbeobachtet in sein -Zimmer. Die Anderen hatten wohl geahnt, -das er ein Unglücksmensch sei, denn -sie hatten sich – so schien es ihm – -ängstlich von ihm fern gehalten. Er -wechselte seine nassen Kleider, packte das -Köfferchen, und nachdem er die Adresse -auf dasselbe befestigt und den Betrag, den -er Frau Fleming schuldete, auf den Tisch -gelegt, drückte er sich, sachte wie ein -Spitzbube, aus dem Hause und fuhr in -die Glühhitze zurück.</p> - -<p>Seine Hauswirthin war sehr erstaunt, -ihn ohne äussere Verletzung wiederzusehen. -Wie tief es diesmal nach innen ging, ahnte -<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -sie nicht. Ein trübseliger Geselle ging -er seinem Tagewerke nach, Abends sass -er missmuthig unter den paar verstäubten, -kläglichen Büschen des Hausgärtchens, -ein Buch in der Hand, in dem er nicht -las. Da schlug einmal ein Gruss an sein -Ohr. Vor ihm stand ein ältlicher, behäbiger -Herr mit gutmüthigem Gesicht. -Klaus springt, wie von einer Feder emporgeschnellt, -von der Bank auf, es war -Mathildens Vater.</p> - -<p>»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu, »es -soll Ihnen nicht gelingen, sich meinem -Danke zu entziehen. Wenn Sie auch -heimlich wie ein flüchtiges Reh entwischten, -Ihr Reisekoffer verrieth mir, wo ich den -Lebensretter meiner Tochter zu suchen -habe.« Ihren Lebensretter! Dabei drückt -er dem Sprachlosen die Hand, und seine -ehrliche Stimme zittert in unterdrückter -Bewegung. »Was wäre aus ihr, was wäre -aus mir geworden, wenn Sie auch so selbstsüchtig -wie die beiden Anderen, nur auf -Rettung des eigenen Lebens bedacht, ans -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -Land geschwommen wären? Ohne Sie -wäre ich heute ein einsamer, gebrochener -Mann! Es giebt noch Helden im bürgerlichen -Leben!«</p> - -<p>Klaus suchte abzuwehren. Er sprach -von dem Unrecht, das er begangen, er, -ein Unglücksmensch, als er Mathilden zur -Segelfahrt einlud. Aber es kam nicht viel -Zusammenhängendes über seine Lippen. -Für etwas gepriesen zu werden, für das -er den härtesten Tadel zu verdienen geglaubt, -von Mathildens Vater in die Wolken -emporgehoben, ein Held genannt zu werden, -das betäubte ihn, als hätte er jungen Wein -getrunken.</p> - -<p>»Ich weiss, dass nur Ihr Zartgefühl -Sie veranlasste, sich unserem Danke zu -entziehen,« fuhr Herr Hilgendorf fort, -»allein ganz recht war es nicht: Mathilde -ist untröstlich, weil Sie verschwanden, -ohne zu hören, wie tief sie sich Ihnen für -Ihre Aufopferung verpflichtet fühlt. Und -ich glaube beinahe, dass ich sie nicht eher -zufrieden sehen werde, als bis ich ihren -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -Lebensretter mit Güte oder Gewalt in -mein Haus geführt, damit sie den versäumten -Dank nachhole.« Aber es bedurfte -keiner Gewalt. Klaus ging gutwillig -mit Herrn Hilgendorf. Mathilde -kam ihm mit strahlenden Augen entgegen. -Es war spät Abend, als er, ein seliger -Mensch, das gastliche Haus verliess, nicht -ohne versprochen zu haben, bald, sehr -bald, schon am nächsten Tage wiederzukommen. -Und zuletzt glaubte er gar -nicht mehr daran, dass er ein Unglücksmensch -sei; nein, er hielt sich für ein -richtiges Sonntagskind, denn in der Ecke -hinter dem Flügel hat ihm Mathilde -gestern auf seine Frage geantwortet, dass -sie keinem Menschen auf der Welt so gut -sei, wie ihm.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -UNKRAUT AM WEGE.</h2> - - -<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -Das Dorf lag in vollster Sonnengluth -da. Bäume und Büsche am Wegrande -liessen ihre welken, bestaubten Blätter -hängen, die Hunde lagen vor den Häusern, -die lechzenden Zungen hervorgestreckt, -keuchend, aber zu träge, einen schattigen -Winkel aufzusuchen; langsam, wie weltmüde -Philosophen, zogen Enten und Gänse -ihre Kreise auf dem grünlichen Tümpel. -Sonst keine Spur von Leben auf der Dorfstrasse. -Die Kinder schwitzten noch in -der Schule, die Erwachsenen waren beim -Heumachen. Nur ein halbwüchsiges Ding -mit zerzausten Haaren, einem braungebrannten -schmutzigen Gesicht, in welchem -ein paar wilde schwarze Augen flackerten, -einem Zigeunermädchen ähnlicher als dem -<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -Sprössling des ehrbaren Kreuzwirthes, -schlich sich geräuschlos wie ein Marder -rückwärts längs der Gärten hin, in welchen -die Kirschbäume gerade voll saftiger -Früchte standen. Manche waren so unvorsichtig, -ihre Aeste über die Zäune oder -sehr nahe an denselben hängen zu lassen. -Auf die schwang sie sich mit der Flinkheit -einer Katze und hielt ihren Schmaus, -schonungslos ganze Zweige knickend, aus -den schönsten Zwillingskirschen Ohrgehänge -bildend, bis sie noch schönere erspähte -und den bisherigen Schmuck in -den Magen wandern liess. Sehr unparteiisch -verfuhr sie bei ihren Beutezügen. -Sie brandschatzte ebenso des Pfarrers Stolz, -die seltenen spanischen Weichseln, wie -des Schullehrers Amarellen, des Küsters -schwarze und ihres Vaters, zum Verkaufe -bestimmten, weissrothe Herzkirschen. Zuweilen -schlug ein Hund an, dann machte -sie sich schnell aus dem Staube, und da -aus den alten Zäunen mancher Brettnagel -hervorstand, wurden in ihren noch guten -<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -Rock zahlreiche Kreuz- und Querrisse -gezogen. Dies verursachte ihr keinen -Kummer. Die Stiefmutter daheim führte -eine flinke rastlose Nadel, und nachdem -Cenz etliche fruchtlose Rebellionsversuche -der guten Frau niedergeschlagen, war es -ihr vollständig gelungen, dieselbe nicht -nur für die Gastwirthschaft, den Haushalt -und ihre eigenen, noch sehr kleinen Kinder, -sondern auch für die Drohne arbeiten zu -lassen, die sie als etwas fragwürdiges Glücks- -und Friedenspfand mit erheirathet hatte.</p> - -<p>Im Hofe des Kreuzwirthshauses, unter -einem schattigen Nussbaume, sass der Herr -Pfarrer vor einem Krüglein Bier. Die -rundliche, gutmüthig aussehende Wirthin -stand neben ihm.</p> - -<p>»Man hat halt sei' Kreuz mit denen -Kindern«, beantwortete sie soeben eine -Frage des alten Herrn, »besunders wann's -net einmal die eig'nen san.«</p> - -<p>»Die Crescenz hat doch sonst so gute -Anlagen«, meinte kopfschüttelnd der Geistliche, -»der Schullehrer war immer des -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -Lobes voll über ihren Lerneifer; freilich -sonst steckt sie voll Teufeleien, und jetzt -verwildert sie mit jedem Tage mehr. Ich -fürchte, Ihr werdet nicht viel Freude an -ihr erleben.«</p> - -<p>»Es is halt an recht's Unkräutl am -Weg, Hochwürden«, seufzte die Wirthin, -»nixnutz und schnappig (schnippisch); -thun will's gar nix und is doch schon -sei vierzehn Jahr alt. Auf d' Kleinen -könnt's doch schon a bisl schauen, wenn -i in der Kuchl z'schaffen hab. Aber na, -alle Arbeit bleibt mir, und sie stravanzt -den ganzen Tag im Dorf herum, zerrissen -und schlampet, dass i mi schamen muss.«</p> - -<p>»Ihr habt die Ruthe zu sehr gespart, -gute Frau.«</p> - -<p>Die Wirthin setzte sich ihm gegenüber -auf die Bank.</p> - -<p>»Wahr ist's, Hochwürden, aber mei -Schuld ist's net. Damals wie mi' der -Kreuzwirth in's Haus bracht hat als seine -Zweite, da hab' i anfangen woll'n, s' -Madel zu zieh'n, und da hat sie si gegen -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -mi g'stellt wie a wilde Katz', hat gekratzt -und gebissen, und i hab halt zugehauen, -kommt mei Mann derzu, krebsroth in' -Gesicht, »Du«, schreit er mi an, »Hand -von der Butten, i will ka solche Stiefmutter- -und Stiefkindg'schichten im Haus -hab'n, du lasst's in Ruh, und sie lasst di -in Ruh; und dass i kane Hetzerei hinüber -und herüber hör'!« Na, und da hab' i's -dann aufwachsen lassen, wie an Unkräutl', -dass es an Fried'n im Haus gibt, und so -ist's denn a an Unkräutl worden.«</p> - -<p>Cenz war es mittlerweile müde geworden, -die Bäume zu plündern und -schlenderte längs des kleinen Baches unter -den Weiden hin, für die Augen eines -gewöhnlichen Menschenkindes keine sonderlich -fesselnde Erscheinung. Aber Künstler -besitzen zuweilen einen ganz absonderlichen -Geschmack. Zwei Maleraugen verfolgten -ihre flinken Bewegungen schon -seit einer guten Weile, ohne dass sie den -jungen Menschen mit dem breitkrämpigen -Hute beachtet hätte, der im Schatten der -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -Weiden vor seiner Staffelei sass und den -wundervollen Ausblick auf den Schneeberg, -der sich ihm von dem Plätzchen unter -den Weiden bot, auf der Leinwand festzuhalten -suchte. Maler waren keine seltenen -Gäste im Dorfe, das sie als erste -Haltestelle vor ihrem Aufstieg in's Gebirge -zu benutzen pflegten, und dessen urwüchsige -Bewohner manches Skizzenbüchlein -füllten. Und so sah Cenz auch viel -mehr geschmeichelt als befremdet darein, -als der junge Künstler, der sich auf der -Suche nach so ziemlich Allem, was dieser -Titel rechtfertigt, nach Erfolg, einem -Namen und einem passenden Vorwurf -für sein erstes Ausstellungsbild befand, -sie plötzlich anrief.</p> - -<p>»Heh, kleiner Wildling, bleib' in derselben -Stellung, in der du dich befindest, -ich möchte dich in mein Buch hineinzeichnen.«</p> - -<p>Sie wurde feuerroth und murmelte -etwas von ihrem Sonntagsstaat, und dass -sie in einer Viertelstunde zurück sein -<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -könne. Aber davon wollte er nichts wissen. -Er fand ihren Schmutz und die Risse im -Röckchen malerisch.</p> - -<p>»Saubere Dirndln kann ich genug -haben,« sagte er, »ich brauche gerade so -eine Staubdistel, wie du bist. Was hast -du denn vorhin angestellt? Steine nach -Sperlingen geworfen; ich habe es wohl -gesehen; das ist ein hübscher Zeitvertreib -für ein Mädchen.«</p> - -<p>Sie machte ihr trotzigstes Gesicht, und -das wollte er haben; so passte es für die -Skizze des jungen Wildlings.</p> - -<p>»Die Spatzen fressen die Kirschen auf«, -vertheidigte sie sich, ohne ihr Gewissen -darüber zu beschweren, dass eine sehr -grosse Schaar diebischer Vögel keinen -solchen Ausfall in der Kirschenernte verursacht -hätte, wie sie selber.</p> - -<p>»Du hast Dich wohl um Deine schönen -Ohrgehänge gefürchtet, wie? Behalte sie -nur an, die kommen auch in mein -Buch«, sprach Fritz Teubner, eifrig -zeichnend.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -In Crescenz hatte sich bisher sehr -wenig Mädcheneitelkeit und Zierlichkeit -geregt. Jetzt aber standen die Risse in -dem Kleide, die beschmutzten, zerkratzten -Hände, die blaugefärbten Lippen als wahre -Schrecken vor ihr. In die grosse Stadt -und auf die Leinwand kommt doch Edelfräulein -und Bauernmädchen gern in vortheilhaftester -Gestalt, und wie sah sie aus! -Sie war mit ihrem Vater einmal in Wien -und in der Kunstausstellung gewesen, sie -hatte Bilder gesehen, auch Bauernbilder, -aber wie schmuck und ordentlich erschienen -die! Cenz schwur allerhand theuere Eide, -dass kein Malerauge sie jemals wieder in -solch' einem Aufzuge erblicken solle. Am -wenigsten das des jungen Künstlers, das -es ihr angethan hat. Er spricht mit ihr -so lustig und so freundlich, als kenne er -sie schon seit Jahren.</p> - -<p>»Wie alt bist du eigentlich, Cenz?« -fragte er, denn ihren Namen hat sie ihm -schon gesagt.</p> - -<p>»Vierzehn Jahre.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -Er macht grosse Augen; sie ist klein -und schwächlich für ihr Alter. Aber was -ihn befremdet, ist doch nur, dass bei der -ihm wohlbekannten Ausnutzung der Menschenkraft -beim Landvolk, dieses halbwüchsige -Ding so ohne jede Beschäftigung -herumstreift. Er hält sie für ein verwahrlostes -Kind aus armseligem Hause, -das merkt Crescenz wohl, denn sie ist -nicht dumm. Als er nun auf seine Frage -erfährt, dass sie das älteste Kind des -reichen, ansehnlichen Kreuzwirths ist, -schüttelt er den Kopf. Das Mädchen -fügt wie beiläufig hinzu, dass sie eine -Stiefmutter habe, und dies scheint ihm -Alles zu erklären. In dem jungen Unkraut -aber steigt siedendheisse Reue auf. Sie -weiss, dass die arme brave Frau nicht aufhört, -die Hände zu rühren, damit die -Erscheinung ihrer Stieftochter ihr keine -Schande mache. Auch sehen die jüngeren -Geschwister meist schmuck genug aus, -da, wenn Crescenz's Beispiel verführend -auf sie wirkt, der Mutter Hand flink genug -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -ist, sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. -Nur die Stieftochter, des Vaters -Liebling, geht bei allen Missethaten straflos -aus. Fritz ist fertig und lässt sie die -Skizze sehen. Sie schreit auf. So also -stellt sie sich den Mitlebenden – und -auch dem jungen, hübschen Künstler – -dar. Man könnte sie für eine Landstreicherin -halten. Schier möchte sie -weinen, aber sie schluckt die Thränen tapfer -hinunter.</p> - -<p>»Bleibst, bleiben S' noch länger im -Dorf?«</p> - -<p>Fritz schüttelt den Kopf.</p> - -<p>»Morgen geht's weiter ins Steirische -hinein; warum fragst du?«</p> - -<p>Wieder kommt etwas Undeutliches von -einem Sonntagsgewand über Cenz's Lippen.</p> - -<p>Der Maler lacht:</p> - -<p>»Kann sein, dass ich beim Abstieg noch -einmal hier vorspreche, kann sein, erst auf's -Jahr. Dann male ich dich in grossem -Staat. Ich habe eine Ahnung, Cenz, dass -du mir Glück bringen wirst.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -Er sah sich nicht getäuscht. »Unkraut -am Wege,« das Bild der kleinen Landstreicherin, -das er in Oel ausgeführt, wurde -in die Ausstellung aufgenommen und trug -ihm Lob, Geld und Aufträge ein. Cenz -wartete derweil daheim, dass er wiederkommen -und sein Versprechen erfüllen -werde. Es war ihr eigentlich weniger um -das Bild, als um eine Ehrenerklärung in -seinen Augen zu thun. Da sie nicht wissen -konnte, wann er sie überraschen werde, trug -sie sich der Vorsicht halber so nett und -sauber als möglich. Keine Streifzüge über -Zäune nach verbotenem Obst, kein Herumklettern -und Herumstreifen in der Sonnengluth -mehr. Sie hatte ihm gesagt, dass sie -dem Kreuzwirth gehöre, im Kreuzwirthshaus -wird er sie suchen und finden. So -hat es sich von selbst gemacht, dass sie -sich mehr in der Nähe des Hauses hält -und anfängt, ihrer Mutter in der Wirthschaft -an die Hand zu gehen. Die schlug -die Hände über dem Kopf zusammen, als -Cenz nach dem Abschied vom Maler heimkam, -<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -aber sie hat seitdem keine Veranlassung -zu einer Wiederholung dieser Geberde -des Entsetzens gefunden, es wäre -denn, sie thäte es, um ihr Erstaunen über -die Veränderung in dem Wesen ihres -Stiefkinds auszudrücken. Der Sommer -geht vorüber, aber Fritz Teubner nahm -längst den Abstieg auf einer anderen Seite -und sitzt in Wien eifrig über seinem Ausstellungsbild. -Zuweilen erwachen in Cenz -die Regungen der alten Ungeberdigkeit, -aber nach etlichen leisen Ausbrüchen -kämpft sie dieselben nieder. Der Winter -ist lang und das Stillsitzen eine harte Aufgabe -für Cenz, aber sie hilft der Mutter -beim Nähen und Flicken, und Sonntags -bedient sie flink die durstigen Bauern und -die paar versprengten Städter, die selbst -in Schnee und Frost der Leidenschaft, -Berge zu besteigen, fröhnen. Endlich -kommt der Sommer, und Cenz blickt voll -Zuversicht vorwärts. Sie hat, wie manche -lang im Wachsthum zurückgebliebene -Pflanze, plötzlich in die Höhe zu schiessen -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -angefangen, sie wird gross und hübsch, -und alle die alten Kleider mit den unverwischbaren -Spuren ihrer Kletterkünste -müssen für die kleinen Schwestern übernäht -werden. Sie selber geht in schmucken -neuen Gewändern, und wäre nicht der eine -und der andere der Gäste in der Ausstellung -gewesen und hätte sie im goldenen -Rahmen sammt der Aufschrift gesehen, ihr -alter Spottnamen wäre ganz und gar in Vergessenheit -gerathen. Aber wehe dem, der -ihn in ihrer Hörweite brauchte, das Zünglein -hatte keine Veränderung durchgemacht.</p> - -<p>Auch dieser Sommer verging und noch -ein Winter, ohne dass Fritz Teubner sein -Wort wahr gemacht. Cenz war ein erwachsenes -Mädchen geworden, und die -jungen Burschen fingen an, sie mit sehr -freundlichen Augen anzusehen. Ihr -schnippisches Wesen und ihr hübsches -Gesicht schien es besonders dem reichen -Erben des Thalhofbauern angethan zu -haben, er sass so oft und so lange als -möglich im Kreuzwirthshaus, spielte mit -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -Cenz' Vater Karten und machte sich der -Wirthin angenehm; bei dem jungen Mädchen -selbst machte er jedoch keine Fortschritte. -Wieder waren die Kirschen reif -geworden, und Cenz trug einen Korb voll -aus dem Garten in's Haus, da sah sie -unter dem Nussbaum einen jungen Menschen -mit einem breitrandigen Hute sitzen -und musste den Korb hinstellen, sonst -wäre er ihren Händen entfallen.</p> - -<p>»Grüss Gott, Herr Teubner,« sprach -sie, jedoch mit ganz ruhiger Stimme. Er -sah auf, zweifelnd, staunend, wie Einer, -der seinen Augen misstraut.</p> - -<p>»Ja, bist du das wirklich? Die kleine -schwarze Cenz? Aber das ist unmöglich!«</p> - -<p>»Ja, aus Kindern werden Leut',« -lachte sie.</p> - -<p>»Die Augen und die blitzenden Zähne -sind es noch, aber sonst muss dich eine -gute Fee umgetauscht haben.«</p> - -<p>»War ich denn gar so an Schrecken?« -fragte sie mit dörflicher Coquetterie.</p> - -<p>»Für mich nicht, im Gegentheil, aber -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -für die Sperlinge, die Obstbäume und für -deine Mutter musst du so etwas gewesen -sein. Für mich warst du alles Gute in -Person; dass ich dir begegnet bin, muss -ich ein wahres Glück nennen.«</p> - -<p>Sie wurde hochroth. Zum Glück rief -die Mutter aus dem Hause:</p> - -<p>»Cenz, Cenz, wo steckt denn das Madel?«</p> - -<p>Sie lief hinein. Im Verschlag neben -der Mutter sass der Thalhofer Franz.</p> - -<p>»Cenz, siehst du aber bildsauber aus,« -sprach er.</p> - -<p>»Das geht dich gar nix an«, sagte sie, -füllte einen Krug mit Bier und eilte, ohne -von ihrem Verehrer weiter Notiz zu nehmen, -in den Hof hinaus.</p> - -<p>»So; und wie ist's Ihnen denn alleweil -ergangen, Herr Teubner?« fragte sie und -setzte sich auf die Bank ihm gegenüber. -Er konnte sich von seinem Erstaunen -kaum erholen. So ruhig waren ihre Bewegungen -geworden, so ohne jede bäurische -Ungelenkigkeit, und doch wieder völlig -des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -»Gut, sehr gut sogar«, sagte er, »ich -erzählte dir schon, dass du mir Glück -gebracht hast. Seit ich dein Bild gemalt, -habe ich alle Hände voll zu thun gehabt.«</p> - -<p>»Sie haben g'wiss viel schöne Damen -g'malen?« fragte sie mit einer Regung der -Eifersucht.</p> - -<p>»Du meinst ja wohl Damen im Sonntagsputz?« -versetzte er, sich der eiteln -Regung der Kleinen erinnernd. »Da fällt -mir ein, wann willst du mir denn in -deinem besten Staat sitzen?«</p> - -<p>»Auf der Stell', i kleid' mi nur um«, -sprach sie und verschwand im Hause, -klugerweise aber, ohne das Gastzimmer zu -betreten; aus dem Flur führte die Treppe -in ihr Zimmerchen. Die Fragen des Thalhofers -wären unbequem gewesen. Nach -einer Weile kam sie wieder, mit einer -Näherei in der Hand.</p> - -<p>»Blitz, siehst Du sauber aus!« rief -Teubner, die Künstleraugen voll ehrlicher -Bewunderung auf ihr verweilen lassend. -»Ich bin sicher, die »Haiderose« wird -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -ebenso viel Erfolg haben, wie – wie dein -früheres Conterfei. Vielleicht verhilft sie -mir zu all' den übrigen guten Dingen, die -ich mir noch für's Leben wünsche. Dem -»Unkraut am Wege« verdanke ich ein -schönes Atelier, freundliche Kritiken und -dass ich mit etlichen Münzen in der Tasche -klimpern kann. Und wenn das Glück mir -wohl will, dann«, er brach ab und blickte -auf einen einfachen Ring an seinem Finger. -»Was hast Du?« fragte er auf einmal aufsehend.</p> - -<p>»I' hab mi g'stochen«, sagte sie mit -völlig veränderter Stimme, die Nadel war -ihr bei einer heftigen Bewegung in den -Finger gefahren, ein Blutstropfen fiel herunter, -sie seufzte tief auf. Fritz Teubner -schüttelte den Kopf über das wehleidige -Bauernmädchen, das ganz verstört über -einen Nadelstich erschien. Da war die -kleine zarte Nachbarin, deren Ring er am -Finger trug, standhafter. Tagaus, tagein -handhabt sie die Nadel bis zu einem gewissen -glücklichen Tage, den Cenz's Bild -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -näher rücken soll. Eifrig führt der Maler -den Stift.</p> - -<p>Der Thalhofer Franz tritt zu der Gruppe -im Hofe.</p> - -<p>»Madel, was hast?« fragt er erschrocken, -»Du wirst doch net krank wer'n. Lass -Dir rathen und geh in's Haus. Bei derer -Hitz'n ist's net gut draussen sein.«</p> - -<p>Merkwürdig wohl thut ihr seine Sorge, -und dankbar sieht sie den ehrlichen hübschen -Jungen an.</p> - -<p>»Mir is nix«, sagte sie, »aber i denk', -i lass, wenn's Ihnen recht is, das Sitzen -auf ein ander Mal.« Fritz ist's zufrieden. -Er hat denn auch im Lauf der Tage, -während er im Dorfwirthshaus sein Quartier -aufgeschlagen, das Bild vollendet. Mit -Crescenz schloss er gute Freundschaft; sie -hat die ganz ausführliche Geschichte von -der kleinen hübschen Nachbarin, von dem -Ring und wie und wann er ihn bekommen, -aus seinem Munde gehört. Wie tief sie -diese Geschichte ergriff, hat er nicht erfahren. -Das Unkraut war übrigens ein -<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -tapferes Mädchen geworden und wusste -seine aussichtslose und ein wenig lächerliche -Neigung zu bekämpfen. Als ein Jahr -nachher Fritz Teubner mit seiner jungen -Frau in das Dorf zur Sommerfrische kam, -ging es gerade hoch her im Kreuzwirthshaus. -Das hübscheste Mädchen im Orte, -Crescenz Hellgruber, feierte ihren Verspruch -mit dem jungen Thalhofer. »Man -soll si nix verreden«, sagte die Wirthin -zum Pfarrer, »jetzt hab' i an dem Unkräutl -doch mei Freud erlebt. So brav ist's -worden, dass i mir wünsch, meine Madeln -sollen ihr nachgerathen.«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -HERBSTBLÄTTER.</h2> - - -<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -Ich kann ihn nun selber tragen! -bemühen Sie sich nicht weiter! -Die alte Frau nahm dem Mädchen den -kleinen, mit Koth und Blut beschmutzten -Knaben ab und sich mit kurzem Kopfnicken, -ja ohne ein Wort des Dankes -verabschiedend, ging sie in ihr Haus -hinein. Verblüfft blieb die Nachbarin, ein -junges, nettgekleidetes Mädchen, mit einem -zarten schüchternen Gesicht vor der -Thüre stehen. Warum wurde sie so ohne -alle Förmlichkeit entlassen? Das alte, -zahnlose Mütterchen hatte es geduldet, -dass sie ihr den schweren Jungen die ganze, -ziemlich lange Strecke von der Pferdebahn -bis zum Hause mehr trug als führte. -Freilich hätte sie den Liebesdienst auch -<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -nicht abzulehnen vermocht, selbst wenn -sie Lust dazu gehabt hätte. Der Schrecken -war ihr in die alten Glieder gefahren, als -das wilde Kerlchen, noch bevor sie das -Zeichen zum Halten gegeben, vom Wagen -sprang, hinfiel und sich das Gesicht aufschlug. -Und als das junge Mädchen, das -an derselben Strassenecke abstieg, den -kleinen Unband, ohne ein Wort zu sprechen, -auf den Arm nahm, war sie ihr wortlos -gefolgt; aber die Blicke, die sie auf die -junge Helferin heftete, zeugten von -Allem eher als von Erkenntlichkeit und -Wohlwollen, und der Abschied war entschieden -unhöflich. Merkwürdigerweise -hatte sich das Büblein ohne Widerrede -von der Fremden tragen lassen, während -es sich oft aus den Armen der alten Frau -sträubend loswand, was das Mädchen vom -Fenster aus beobachtet. So war es vermuthlich -grossmütterliche Eifersucht, was die -Greisin so ablehnend erscheinen liess. Eine -andere Erklärung konnte Johanna Stirner -dem sonderbaren Benehmen nicht geben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -Frau und Kind waren ihr nicht ganz -fremd, obschon sie ihre Namen nicht -wusste. Seit etwa vier Wochen hatte sie -das einfenstrige Gassenzimmerchen dem -Hause der Alten gegenüber gemiethet. -Sie war eine Kleidermacherin, eine Waise, -die sich seit dem Tode ihrer Eltern tapfer -und ehrlich durch's Leben schlug. Erst -hatte sie Stunden gegeben, aber das -Schneidern wurde besser bezahlt. Ihre -Arbeit ernährte sie und gestattete ihr den -Genuss eines der feineren Vergnügen, an -die sie in ihrem wohlhabenden Elternhaus -gewöhnt gewesen, den Besuch eines -Theaters oder Conzerts oder den eines -befreundeten Hauses, das sich nicht von -ihr zurückgezogen, als sie den Kampf -um's Dasein selbständig aufnehmen musste. -Ihre Beschäftigung zwang sie, nahe dem -Fenster zu sitzen, und während die flinken -Hände in das feine Zeug stachen, hatte -ihr Geist Zeit zum Beobachten und Nachdenken.</p> - -<p>Unwillkürlich formte sie sich die -<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -Lebensgeschichte zu den Gesichtern, die -sie in den Fenstern oder auf der Strasse -sah. Das alte Paar ihr gegenüber, das -die wärmende Herbstsonne suchte und in -ihrem Schein an je einem Fenster im -ersten Stockwerk sass, musste schwere -Verluste erlitten haben. Sicher war es -das verbitternde Unglück, das ihnen die -herben Linien in die Gesichter gezogen, -wahrscheinlich der Verlust ihrer Lieben. -Das junge Mädchen glaubte zuerst, sie -ständen ganz allein, aber bald sah sie einen -wilden kleinen Jungen, der nicht mehr -als vier Jahre zählen mochte, in der Stube -herumstürmen und das Oberste zu unterst -kehren. Die Alten liessen ihm wohl zu -viel eigenen Willen, denn es kam vor, dass -sich der Wildfang auf das Fenstersims -setzte und die kleinen Beinchen in die -Strasse hinabbaumeln lies. Das sah -lebensgefährlich aus, aber wenn es ihm -die Grosseltern wehrten, so bemerkte man -keine Wirkung davon. Sie sprachen auf -ihn ein, und er blieb unbekümmert auf -<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -seiner Warte, bis ihm ein anderer Einfall -durch das Gehirn schoss, er in die Stube -zurückkletterte, um nach ein paar Minuten -auf der Strasse unter den wilden, zerlumpten -Rangen aufzutauchen. Sie waren -älter als er, aber das hinderte ihn nicht, -wie ein kleiner trotziger Kampfhahn auf -sie einzudringen. Putzig genug sah er -aus, wenn er mit seinen Fäusten auf die -grossen Bengel loshämmerte, unbekümmert -darum, wohin sie ihrerseits mit ihren Armen -trafen. Wenn er hinab kam, war er sauber -und trug gute Kleider, aber eine halbe -Stunde unter seinen Widersachern sah -ihn voll Staub und Schmutz und den -Anzug in Fetzen.</p> - -<p>Fräulein Johanna konnte sich nicht -enthalten, dem prächtigen dunkeläugigen -Burschen die zerzausten Locken zu streicheln, -oder ihm einen Apfel, ein Stückchen -Backwerk zuzustecken, wenn sie an ihm -vorbeikam. Das arme Mädchen ahnte -wenig, welchen Missdeutungen sie sich durch -ihre harmlose Freundlichkeit aussetzte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -»Wieder Eine!« sagte die zahnlose Alte -und winkte bedeutungsvoll zu ihrem würdigen -Gemahl hinüber.</p> - -<p>»Sie speculirt,« pflichtete er bei, »dem -Kind schmeichelt sie und meint jemand -Andern. Nun, wir sind auch noch da!«</p> - -<p>Da Johanna Abends vom Fenster abrückte -und zufällig die ersten Sonntage -bei ihren Freundinnen eingeladen war, -wusste sie gar nicht, dass die interessante -Familie über der Strasse noch ein Mitglied -zähle; um wie viel weniger konnte -ihr einfallen, dass man ihr niedrige, eigennützige -Pläne auf dasselbe beimesse. Sie -wohnte schon eine geraume Zeit in ihrem -Stübchen, bis sie einmal zufällig Abends -an das Fenster trat und drüben einen -noch jungen Mann mit einem sehr ernsthaften -Gesicht bemerkte. Die leidenschaftliche -Innigkeit, mit der er das Kind -liebkoste, fiel ihr auf. Dann unterhielt -sie der Kampf, der in der Regel mit aufgeweckten -und nicht sonderlich lenksamen -Kindern ausgefochten werden muss, -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -der Kampf um das Zubettgehen. Das -Kerlchen lief lachend und schreiend vor -der Grossmutter davon, diese mochte bitten -und drohen, das sah man an ihren Mienen, -aber ohne einen Eindruck zu erzielen. -Zuletzt machte der junge Mann der Komödie -ein Ende, indem er das Kind in -den Arm nahm und aus der Stube trug. -Ohne sich zu sträuben, liess es der kleine -Junge geschehen, ja er drückte vergnügt -lachend sein Gesicht an das bärtige; – -das war offenbar sein Papa, der Knabe -nicht, wie sie vermuthet, doppelt verwaist. -Dann hat sie auch den jungen Mann -hie und da beobachtet; wenn er das -Kind nicht bei sich hatte, wurde sein -Gesicht trostlos, abgespannt, das eines -Menschen, dem das Leben nicht leicht -fällt. Dem war gewiss mit seiner Frau -das beste Theil gestorben, und das Beisammensein -mit den alten Leuten, die -seine Eltern nicht sind, darauf möchte -das Mädchen wetten, bietet ihm vermuthlich -keinen vollwichtigen Ersatz für das, -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -was er verloren. Allabendlich setzt er -sich mit ihnen zum Kartenspiel nieder, -aber aus der Entfernung kann sie sehen, -dass diese Art Zeitvertreib von ihm als -eine einmal übernommene und ohne Widerstand -ausgeführte Pflicht statt als Vergnügen -betrachtet wird. Bleierne Langweile, -unzerstörbare Gleichgültigkeit haftet -bei Gewinn wie Verlust in seinen Zügen, -während es in den alten Gesichtern -gierig oder enttäuscht aufzuckt und der -volle Spieleifer aus ihren hastigen Bewegungen -spricht. – Wenn sich das Paar -endlich zu Ruhe begeben, dann wandert -der Mann noch lange rastlos in dem Wohnzimmer -herum; Johanna stellt sich vor, -dass es einst das Glück seiner jungen Ehe -umschlossen, und nun von all den Geistern -todter Freuden für ihn bevölkert ist. Eine -spuckhafte Gesellschaft! Kein Wunder, -dass sich seine Stirn furcht und das -Gesicht den Ausdruck müder Resignation -trägt. Der Mann dauert sie; und sie weiss -nicht einmal, wie sehr er zu bedauern ist.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Seit drei Jahren steht das alte Paar -zwischen ihm und jeder erwachenden Regung -von Lebenslust. Ihnen ist mit -ihrem einzigen Kind Alles gestorben; sie -könnten es nicht begreifen, wenn es bei -dem jungen Mann anders wäre. Ein eifersüchtiger -Liebhaber könnte nicht ängstlicher -seine Herzensdame bewachen, als -die beiden Greise ihren Schwiegersohn. -Es ist eine böse Welt, voller Fallstricke. -Ihr Alter und ihr Missgeschick hat sie -argwöhnisch gemacht. Am Ende ist es -doch nur Liebe, wenn auch eine verzerrte, -missartete, die ihr sonst unverantwortliches -Beginnen diktirt; sie können sich nicht -darein finden, eine Andere die Stelle einnehmen -zu sehen, die ihr einziges Kind -ausgefüllt. Und sie zittern für Ivo, ihr -Enkelkind, dem eine Fremde nicht die -Zärtlichkeit entgegen trüge, die er bei -ihnen findet. Wo könnte der kleine Schelm, -der kaum ein Jahr zählte, als ihm die -Mutter starb, besser aufgehoben sein, als -bei den Grosseltern? Die alte Frau hat -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -manche Nacht bei dem Kleinen durchwachen -müssen, die Last und Plage, die -solch ein junges Menschenkind verursacht, -war für ihre Jahre nichts Geringes. Ivo's -Vater wäre ein verhärteter Bösewicht, wenn -er der grossen Opfer nicht dankbar gedächte -und die kleinen Schrullen übersähe. -Dass sie in jeder Frauengestalt, die -in seinem Gesichtskreis auftauchte, eine -gewissenlose Glücksjägerin witterten, dass -sie und ihr Mann nicht müde werden -konnten, ihn zu warnen und über die -unlauteren Beweggründe für jedes freundliche -Wort, an ihn gerichtet, für jede -Liebkosung, die der schöne kleine Bursche -empfing, aufzuklären, erschien ihm allerdings -nicht gerade als ein Beweis von -liebenswürdiger Gemüthsart, auch trug es -nicht dazu bei, ihm das Zusammenleben -mit ihnen besonders erfreulich zu gestalten. -Aber um ihn handelte es sich nicht, ihn -hielt sein Beruf den ganzen Tag vom Hause -fern; wenn er sein Kind treu behütet -wusste, so hatte er wohl alles erreicht, -<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -was ihm sein armes, verstörtes Leben -noch zu bieten vermochte. Diese nimmermüde -Sorgfalt, die keine andere Hand -dem Knaben widmen würde, war ein -Dogma. In der Obhut seiner Grosseltern -konnte ihm nichts geschehen, es war unmöglich -bei ihrer unausgesetzten Wachsamkeit! -Und nun hatte sich der Junge -blutig geschlagen, als er mit der Grossmama -aus dem Park heimfuhr, und um -ihr keinen Tropfen in diesem bittern -Kelch zu ersparen, musste eine Fremde -ihm zu Hilfe eilen, nein, keine Fremde, -eine Harpye, die schon seit Wochen -darauf lauerte, über den gedeckten Tisch -herzufallen, die vermuthlich das einfenstrige -Zimmer nur um ihrer versteckten -Pläne willen gemiethet und mit geübter -Hand Zug um Zug auf ihrem Schachbrett -gethan. Schon sah die Alte ihren leichtgetäuschten -Schwiegersohn in den Banden -einer berechnenden Frau, Ivo bei Seite -geschoben und rauh angefahren, da griff -sie denn nach dem ersten Ausweg, der -<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -sich ihr offenbarte, sie hiess den Jungen -über den Vorfall schweigen. Papa würde -sehr böse werden, wenn er erführe, dass -Ivo vom Wagen abgesprungen, bevor -dieser hielt, schärfte sie ihm ein und -blickte höhnisch zu der Nachbarin hinüber, -die nun wieder emsig arbeitend beim -Fenster sass, um sich durch ihren Fleiss -»ein gutes Bild einzulegen.« Für diesmal -war ihr das Spiel verdorben. Die Alte -hätte kein schlechteres Mittel ergreifen -können; und wäre nicht schon eine so -lange Zeit verstrichen, seit sie ihr eigenes -Kind erzog, sie wäre sicher nicht darauf -verfallen. Ivo war, wie die meisten lebhaften, -aufgeweckten Kinder kein Grübler; -er hätte bis zum Abend den Hautriss -sammt dem Pflaster darüber, das zarte -Mädchengesicht, das sich über ihn gebeugt, -das mitleidige »Hast Du Schmerzen, -Du armer Schelm?« vollkommen vergessen, -wenn das Verbot nicht gewesen wäre. -Das erhielt den ganzen Vorfall frisch in -seinem Gedächtniss, und verlieh ihm eine -<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -tiefe Bedeutung. Und als Papa am Abend -gleich beim Kommen, das Pflaster auf der -Stirn bemerkend, auf seine Frage von -Grossmama die Antwort erhielt, Ivo habe -sich an der Tischkante gestossen, wurden -die Augen des Kindes sehr gross. Grossmama -hatte gelogen, ein guter Theil ihrer -Autorität war für immer dahin. Hartnäckiger -als sonst wehrte sich der Kleine -gegen sie, als sie ihn zu Bett bringen wollte. -Aber hartnäckiger als sonst, bestand sie -heute auf ihrem Willen; es war nicht rathsam, -Vater und Kind an diesem Abend -sich selber zu überlassen. Aber als sie -Ivo trotz seines Sträubens ergriff, schrie -er: »Lass mich, oder ich sage dem Papa, -dass ich vom Wagen gefallen bin!«</p> - -<p>Ihr fielen die Hände vor Schreck in -den Schooss, und ohne Widerstand duldete -sie es, dass der Teufelsjunge sich von Papa -emporheben und aus dem Zimmer tragen -liess. Erst nach einer Weile folgte sie -ihnen, um ihrem Schwiegersohn beim Auskleiden -des kleinen Prinzen zu helfen, aber -<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -der lag schon im Bett, mit beiden Händchen -um den Hals des Vaters, der seinen -Kopf auf das Kissen neben den des Kindes -gelegt; es war wie gewöhnlich; kein Anzeichen, -dass der Range geplaudert und -alle Mühe umsonst gewesen. Beruhigt -zog sie sich zurück. Sie ahnte nicht, was -ihr der nächste Morgen bringen würde.</p> - -<p>Es war ein Sonntag, ein schöner, milder -Frühlingstag. Grossmama sah kein Arges -darin, dass ihr Schwiegersohn bat, dem -Kinde sein bestes Kleid anzulegen. Vermuthlich -führte er ihn, wie er es fast -jeden Sonntag that, in den Park spazieren. – -Als der junge Mann und das Kind der -Thüre zuschritten, wandte sich der Erstere -nochmals um: »Ich hoffe, Grossmama, wir -werden zur rechten Zeit zurück sein, doch -sollten wir uns, wider Erwarten, verspäten, -dann nehmt das Essen ohne uns ein. Ich -beabsichtige, mit Ivo einen Besuch zu -machen.«</p> - -<p>Einen Besuch? Seit dem Tode, nein -schon seit der Erkrankung seiner Frau -<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -hatte er nicht daran gedacht, ein fremdes -Haus zu betreten, fing er auf einmal an, -der Aussenwelt Interesse abzugewinnen? -Der Alten erschien dies wie eine Beeinträchtigung -ihrer todten Tochter.</p> - -<p>»Wohin willst Du mit Ivo gehen?« -fragte sie und wischte dem Kinde über -das ohnehin blanke Gesichtchen; sie hatte -kein Recht zu der Frage, aber ihre Wissbegier -trug manchmal den Sieg über ihre -Klugheit davon.</p> - -<p>»Selbstverständlich zu dem jungen Mädchen, -das meinem Kinde Beistand geleistet. -Es war nicht recht, Grossmama, dass Du -mir den Vorfall verheimlicht. Die junge -Dame müsste uns für Leute ohne Lebensart -und Erziehung halten, wenn wir ihr -nicht einmal unseren Dank dafür aussprächen, -dass sie den schweren Jungen -bis zum Hause trug.«</p> - -<p>Nun lag ihm schon an der Meinung -einer wildfremden Näherin. Grossmama -war wüthend.</p> - -<p>»Ich hatte es vergessen,« sagte sie, mühselig -<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -eine gleichgültige Miene behauptend, -»gedankt habe ich ihr für die kleine Mühe -übrigens schon gestern. Sie wird wohl -wissen, weshalb sie sich sie nahm. Wäre -mein armes Kind noch am Leben, dann -hätte die drüben gewiss keine Hand nach -Ivo ausgestreckt.«</p> - -<p>»Ja,« schnarrte Grosspapa von seinem -Sitz am Fenster dazwischen, »sich selbst -sein Brod verdienen, das ist ein unangenehmes -Geschäft für eine junge Dame, -viel besser, man setzt sich in ein wohleingerichtetes -Haus hinein, selbst wenn -man so ein lästiges Anhängsel,« er wies -auf Ivo, »mit in Kauf nehmen muss.«</p> - -<p>»Da stösst man dann in alle Ecken«, -wehklagte seine Gemahlin, »ich habe es -nicht einmal, nein Dutzendmal mit angesehen. -Wenn ein Kind den Vater verliert, -so ist es traurig, aber mit der Mutter -büsst es alles, alles ein.« Beschwörend -streckte sie die Hände nach ihrem wie -auf Kohlen stehenden Schwiegersohn aus.</p> - -<p>»Franz, wenn Du dem Knaben eine -<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -Stiefmutter giebst, sieh' nicht auf Jugend -und Schönheit, sieh' nur, ob sie ein Herz -zu dem Kind fassen kann!«</p> - -<p>»Ich weiss nicht, was Dir einfällt, Grossmama,« -sagte der junge Mann unwirsch, -»ich denke nicht daran, mich wieder zu -verheirathen. Mein Sohn ist bei Euch gut -aufgehoben, und ich kann doch nie wieder -so glücklich werden, wie ich es mit Marie -gewesen.«</p> - -<p>Das war eine Beruhigung für die Alten, -aber Franz ging ärgerlich, aus seiner gewöhnlichen -Gelassenheit aufgerüttelt, -davon. Die Beschwörungen und Prophezeihungen -wickelten ihn in einen grauen -dicken Nebel ein, durch welchen er die -Welt in ziemlich trübseligem Licht erblickte. -Zuletzt that es ihm leid, dass er so bestimmt -seine Absicht angekündigt, der Nachbarin -in Person zu danken. Was sollte ihm der -Verkehr mit einer Fremden? Er war durch -sein Unglück an Einsamkeit gewöhnt, -fühlte sich am wohlsten allein oder in der -Gesellschaft seines Kindes. Die Alten -<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a> -hatten nicht Unrecht, er that am besten, -wenn er sein leckes Lebensschifflein abseits -von den anderen Seefahrern lenkte, die -unter vollem Segel hinglitten und vom -Leben noch Glück und erfüllte Verheissungen -erwarteten. Vielleicht hatten sie -auch recht mit ihren Warnungen; sie -kennen die Nachbarin seit längerer Zeit, -haben sie beobachtet, während er sie noch -kaum bemerkte.</p> - -<p>Ivo hat heute nicht viel Vergnügen -von seinem vor sich hingrübelnden Papa. -Aber er verlangt von dem traurigen Mann -nicht, dass er sich so unausgesetzt mit ihm -beschäftige, wie es die Grosseltern thun, -die ihn mit ihren Lehren und ihrer Beaufsichtigung -gar oft langweilen. Er ist schon -zufrieden, wenn er mit seinem Papa sein, -neben ihm hergehen kann, vergebens bemüht, -seine Schritte den weitausgreifenden -anzupassen. Im Park setzt sich Franz -auf eine Bank, der Kleine befriedigt an -seine Seite. Nach einer Weile wird er des -Stillsitzens überdrüssig und beginnt, die -<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -schönen gelbfarbigen und purpurrothen -Blätter aufzulesen, die der Herbst auf den -Rasen verstreut. Ein ganz unterhaltendes -Geschäft, und wenn man die minder schönen -immer wieder gegen besser gefärbte -vertauschte, mag es auch für eine geraume -Zeit vorhalten.</p> - -<p>Der Vater trifft Anstalten, sich von -seinem Sitz zu erheben und blickt nach -dem Knaben aus. Beide Hände voll mit -seiner prächtigen Beute eilt er auf ihn zu. -Franz ist soeben zu dem Entschluss gekommen, -es sei am besten, nach Hause zu -gehen und der Fremden einige Zeilen des -Dankes zu schreiben, denn er ist des Verkehrs -mit Frauen vollkommen entwöhnt, -und die Worte der Alten haben, ohne dass -er es sich gestehen mag, ihren Einfluss -auf ihn nicht verfehlt. Da sagt Ivo:</p> - -<p>»Die rothen und gelben Blumen bringe -ich alle dem schönen, grossen Mädchen, -das mich nach Hause getragen hat. Die -wird sich freuen!«</p> - -<p>Es war feuchtkalt in den Zimmern. -<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a> -Die Sonne schien plötzlich ihre ganze -Macht eingebüsst zu haben. Grossmama -sass, in einen dicken Shawl gewickelt, am -Fenster und blickte ingrimmig zu der -Nachbarin hinüber. Was sie sah, war aber -auch wirklich geeignet, ihrem Verdacht -Nahrung zu geben, und ihr am Nebenfenster -gleich einer grossen grauen Spinne -lauernder Gemahl, ein heimtückischer Greis, -der sich freute, für seine geringe Meinung -von der Menschheit im Allgemeinen an -besondern Fällen eine Bekräftigung zu -finden, verstand es trefflich, durch gelegentliche -boshafte Bemerkungen, wie -»wenn sie das Kind mit ihrer Zärtlichkeit -nur nicht erdrückt!« oder »Franz scheint -sich gar nicht von drüben trennen zu -können,« das Feuer zu schüren. Franz -war ein ungelenker, steifer Geselle, seit -er sich in seinem Umgang auf die zwei -alten Leute beschränkte. Er hatte sich -auf den Sessel gesetzt, den ihm die Nachbarin -angeboten, und nachdem er, unbeholfen -genug, seinen Dank für die geleistete -<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -Hülfe ausgesprochen, versank er -in ein bedrückendes Stillschweigen. Das -junge Mädchen war zu schüchtern, um es -zu unterbrechen. Im Hause ihrer Eltern, -mit dem Rückhalt, den ihr deren gesicherte -Lebensstellung gewährt, war sie -heiter, lebhaft und gewandt gewesen; seit -sie sich allein durch's Leben schlagen und -und von hochmüthigen Kunden manche -Demüthigung hinnehmen musste, war sie -gedrückt, zurückhaltend, und nur wenn -sie freundlichem Entgegenkommen begegnete, -schaute sie auf, und ihre ehemalige -liebenswürdige Gesprächigkeit trat zu Tage. -Beide hatten im ersten Augenblick nicht -den günstigsten Eindruck von einander -empfangen; Johanna hielt ihren Gast für -hochmüthig, – (das arme Kind war seit -den trüben Erfahrungen, die sie gemacht, -nur zu geneigt, diese Eigenschaft bei ihren -lieben Nächsten vorauszusetzen) – er -dachte, sie wäre eine hübsche geist- und -leblose Kaminfigur und blickte sehnsüchtig -nach der Thür, im Stillen die Augenblicke -<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a> -zählend, bis er sich ohne Verstoss gegen -die Schicklichkeit wieder empfehlen konnte. -Nur Ivo fühlte sich wie zu Hause. Ihn -würde der Glanz und die Hoheit eines -Königshofes vermuthlich auch nicht im -Geringsten eingeschüchtert haben. Uebrigens -kam er nicht mit leeren Händen, -das musste ihm jedenfalls einen freundlichen -Empfang sichern.</p> - -<p>»Da«, sagte er mit grosser Wichtigkeit, -die gelben und rothen Blätter, die er auf -dem Wege durch krampfhaftes Festhalten -um ihre natürliche Form gebracht, Johannaen -darreichend, »das alles gehört Dir. -Freust Du Dich?«</p> - -<p>Es war wie eine Erlösung, die frische, -helle, sorglose Kinderstimme in das -drückende Schweigen hineinklingen zu -hören. Kein Wunder, dass Johanna den -kleinen Jungen umfasste, herzlich abküsste -und auf den Schooss nahm. Weggewischt -war alle Verlegenheit und Zurückhaltung, -das junge bildschöne Kind, das sich so -eng an sie schmiegte, dessen warmen -<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a> -Athem sie an ihrer Wange spürte, wusste -nichts von Ueberhebung, wollte nicht verletzen. -Mochte der steife Patron auf dem -Sessel drüben mit sich zurechtkommen, -wie er wollte, sie hatte ihren Zeitvertreib. -Und nun kam sie ins Plaudern. Jedes -Wort verrieth das Mädchen von Bildung -und Verstand, das sich in gemüthvoller -Herzlichkeit zu dem Fassungsvermögen -des kleinen Burschen herablässt. Ihr silbernes -Fingerhütchen, das sie selbst heute -nicht abgelegt, da sie trotz des Sonntags -ein Kleid anzufertigen hatte, wurde nun -ein undurchdringlicher Panzer, die spitzen -Nadeln, Lanzen und Spiesse, jeder Finger -ein wackerer Ritter. Welch ein Turnier -entwickelte sich zu Gunsten Ivo's, der vor -Spannung und Entzücken den Athem anhielt. -Mit grossen Augen sah Franz die -Umwandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen, -seit sie das Kind auf dem -Schooss hielt. Von dem kleinen Medium -konnte er ja auch Nutzen ziehen. Und -nun entwickelte sich das anmuthige Spiel, -<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -das die Grossmama und ihren würdigen -Gemahl mit so berechtigtem Unmuth erfüllte. -Sobald Ivo von Johanna's Schooss -herabgeklettert und irgend eine fabelhafte -Herrlichkeit auf dem Kamin des Parlors, -der Johanna's Hauswirthen gehörte, zu -bewundern, hielt sein Papa ihn an und -begann ihm die Haare zurecht zu streichen, -einmal in die Stirn und dann zur Abwechslung -aus der Stirn. Dabei sprach -er durch ihn zu der Nachbarin.</p> - -<p>»Du darfst das Fräulein nicht so belästigen, -Ivo.« Natürlich versicherte sie, -er mache ihr keine Mühe. Dann erklärte -ihm sein Papa auf das Nachdrücklichste, -sie sei zu gütig gegen ihn, und er verdiene -so viel Nachsicht und Freundlichkeit nicht. -Darauf zog sie ihn wieder zu sich, um den -eiteln kleinen Burschen, der vor Freude -hochroth im Gesicht wurde, ein dunkelblaues -Band, das ihr von der Näherei übrig -geblieben, als Cravatte um den Hals zu -knüpfen. Das erinnerte ihn an die Zeit, -da Ivo's Mutter kein grösseres Vergnügen -<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a> -gekannt, als das winzige Kind mit Schleifen -und Bändern herauszuputzen. Das eine -seiner Händchen haltend, sprach er von -jenen schönen Tagen, sie fasste das andere -und war ganz Mitleid für das Kind. Ivo -hielt prachtvoll still in seiner Blitzableiterrolle, -die den Beiden über ihre Verlegenheit -hinweghalf. Er liess sich von Johanna -die Bilder in der »Gartenlaube« erklären -und zeigte dann jedes dem Vater hinüber, -eine sehr drollige Erläuterung in seiner -Manier dazugebend. Und unvermerkt verstrich -die Zeit. Hüben und drüben gab -es mit jedem Viertelstündchen mürrischere -Gesichter. Ivo's Grosseltern warteten, trotzdem -ihre Essensstunde bereits vorüber war, -mit der Sonntagstafel; dasselbe thaten -Johanna's Hauswirthe. Aber beide erschöpften -sich dabei nicht gerade in Segenswünschen -für die Schuldtragenden.</p> - -<p>Endlich als die Hausfrau ihr ältestes -Töchterchen mit der Botschaft hereinschickte, -die Familie könne nicht länger -warten, erhob sich Franz, erstaunt und erschrocken -<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a> -über die ungebührliche Länge -seines ersten Besuchs; aber das junge Mädchen -war nun in die Freuden und Leiden -seines Lebens eingeweiht, sie wusste von -seinem kurzen Glück und der langen trostlosen -Zeit, die demselben gefolgt. Auch -sie hatte mit ihren Mittheilungen nicht -gegeizt. Beiden war es ein seltener Genuss, -einmal zu einem wirklich theilnehmenden -Ohr von dem eigenen Schicksal zu sprechen, -und er kannte nun ihr Elternhaus, ihre -friedliche sorglose Kindheit und die harten -Schläge, die sie betroffen, als wäre er ein -alter Freund. Sprechen wir nicht von der -Sonntagstafel. Hüben wie drüben hätte -sie den Beiden eigentlich durch die missmuthigen -Gesichter am Tisch vergällt -werden müssen, aber sie bemerkten nichts -davon. Beide waren in Gedanken noch -immer bei dem angenehmen Stündchen, -Beiden schien's, als sei ihnen etwas von -ihrem alten Leben zurückgekehrt. Ivo -vollends war unausstehlich. Wäre dies -dem verwöhnten Enkelchen gegenüber nicht -<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a> -gar so unmöglich gewesen, die Grosseltern -hätten ihm vermuthlich mehr als einmal -barsch Schweigen geboten. Er wurde nicht -müde, von der Tante zu sprechen; alles, -was er drüben gesehen, war viel schöner -als daheim, Grossmutter besass nur einen -gewöhnlichen Fingerhut und nichts anderes, -ihr Kuchen hielt keinen Vergleich mit -dem aus, den ihm Johanna gegeben, und -eine solche Cravatte wie die, welche sie -ihm umgebunden, fand sich im ganzen -Hause nicht vor.</p> - -<p>Auch fiel seine Begeisterung nicht so -schnell in todte Asche zusammen, wie es -sonst bei Kindern der Fall ist. Sobald ihn -die Grossmama des Morgens angekleidet, -wand er sich geschmeidig wie ein Aal aus -ihren Händen, polterte die Treppe hinab -und winkte ihr nach einigen Augenblicken, -ahnungslos über ihren Verdruss vom Fenster -gegenüber lachend zu. Selbst die betrübende -Thatsache, dass er bei der neuen Tante -artiger sein musste, als daheim, dass die -enge Stube mit dem angehäuften Nähgeräth -<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a> -seinem Umhertollen nur ein sehr -begrenztes Gebiet gestattete, dass er die -Nähereien nicht verwirren und mit der -Scheere dem Aufputz und den Stoffen nicht -nahe kommen durfte, wirkte nicht abkühlend -auf seinen Enthusiasmus. Der rauhe Wind -mochte ihm den Aufenthalt auf der Strasse -verleiden, und ehe er sich bei den Grosseltern -langweilte, die in der That in ihrer -mürrischen Verbitterung nichts mit dem -quecksilbernen Jungen anzufangen wussten, -trug er, mit so viel Geduld, als er aufzutreiben -vermochte, die ungewohnten -Zügel. Es wurde ihm nicht allzu schwer -gemacht. Während Johanna flink die -Finger rührte, bevölkerte sie für ihn das -enge Stübchen mit all den trauten Gestalten -des deutschen Märchen- und Sagenschatzes; -er lauschte ihr in athemloser Spannung -und verfiel nur selten auf eine seiner kleinen -Teufeleien. War es jedoch einmal der Fall -und sprach ihm Johanna ernst und eindringlich -in's Gewissen, dann senkte er -bussfertig den Lockenkopf und versprach -<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a> -volle Besserung. Selbst daheim hätten die -Grosseltern eine gewisse Milderung seiner -wilden Sitten bemerken müssen, wenn sie -dazu geneigt gewesen wären. Aber wenn -Johanna sich mit dem Kinde Mühe nahm, -so legte sie nur Fallstricke, um dessen -verblendeten Vater zu fangen. Grossmama -nahm sich kein Blättchen vor den Mund, -sie hielt mit ihrer Meinung über die Sirene -nicht zurück; freilich erzielte sie mit ihren -Anklagen ein gar sonderbares Resultat. -Immer häufiger richteten sich Franzens -Blicke auf das Fenster gegenüber, immer -heller wurde seine Miene, immer mehr verschwand -der Trübsinn aus seinem Blick. -Sonst hatte ihm nichts solchen Verdruss -erregt, als wenn er Abends beim Nachhausekommen -den Knaben nicht vorfand; jetzt -schien es ihm ein besonderes Vergnügen -zu machen, ihn von drüben abzuholen und -dabei eine Viertelstunde mit der Nachbarin -zu verplaudern. Grossmama ging den -ganzen Tag wie ein drohendes Gewitter -herum, und ihr Gemahl glich mehr als je -<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a> -einer grossen grauen Spinne, die auf eine -unschuldige Fliege lauert. Zuletzt lief sie -ihnen ahnungslos in's Garn. Ivo hatte -sich erkältet und musste das Bett hüten. -Mit der Hartnäckigkeit eines kranken -Kindes verlangte er seine Tante Johanna. -Grossmama schleppte ihm Spielzeug und -Näschereien in's Bett, aber nichts vermochte -seine Gedanken abzulenken. Papa war -früher als sonst aus seinem Geschäft gekommen -und hörte noch vor der Zimmerthür -das Kind nach der Tante verlangen.</p> - -<p>»Warum habt Ihr sie nicht gebeten, -herüberzukommen?« fragte er arglos, »Fräulein -Stirner ist die Gefälligkeit selbst und -Ivo ihr besonderer Liebling. Sie wäre -ohne Bedenken an sein Bettchen geeilt.«</p> - -<p>»Das glaube ich,« versetzte Grosspapa, -»an Bedenken scheint die junge Dame -überhaupt nicht zu kränken.«</p> - -<p>Und »Ivo ihr Liebling,« rief höhnisch -seine bessere Hälfte, »solche berechnende -Geschöpfe haben für Niemand eine Neigung -als für sich selbst.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a> -Dem jungen Mann schwoll die Zornader -auf der Stirn, aber er hielt an sich.</p> - -<p>»Möchtet Ihr nicht, wenn schon nicht -aus Rücksicht für mich, so doch Euer -graues Haar bedenkend, etwas weniger -gehässig von einem Wesen sprechen, das -unserem Kinde bisher nichts als die selbstloseste -Freundlichkeit erwiesen? Nein, -spottet nicht,« – kam er, als sie sprechen -wollten, ihnen zuvor, »Ihr werdet mich -sonst dadurch zu einen Schritt veranlassen, -vor dem Ihr mich bewahren wollt!«</p> - -<p>So hatte er noch nie gesprochen. Wenn -sie ihn auch verdächtigten, er habe ihre -todte Marie bereits vergessen, so hatte -er bisher doch jeden Gedanken, ihr eine -Nachfolgerin zu geben, kurz von der -Hand gewiesen, bestürzt zogen sich die -Verschworenen in die Wohnstube zurück, -den Vater bei dem Kinde lassend. Er -hätte, wenn er horchen gewollt, sie murren -und grollen und Pläne schmieden hören -können, aber jedenfalls flösste ihm Ivo's -Geplauder, in welchem das junge, blasse -<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a> -Mädchen von drüben beständig wiederkehrte, -theils wegen des Gegenstandes, -theils wegen des Sprechers mehr Interesse -ein. Am nächsten Morgen hielt er das -widerspenstige Kind durch das Versprechen, -heute werde die Tante gewiss -kommen und sich freuen, ihn so folgsam -zu sehen, im Bettchen fest. Bevor er -das Haus verliess, theilte er den Alten -mit, er wolle die Nachbarin herüberbitten. -»Ich brauche Euch wohl nicht zu erinnern, -dass ich meines Sohnes beste Freundin in -meinem Hause mit aller Rücksicht behandelt -sehen will,« sagte er beim Abschied. -Die Grossmama nickte mit dem Kopf, -aber nicht wie zur Bestätigung seiner -Rede, sondern zu einer, die sie sich selber -hielt. In gemeinverständliches Deutsch -übersetzt, mochte es bedeuten: »O warte -nur, Du sollst sehen, wie ich mich vor -Deinen lächerlichen Drohungen fürchte!« -Und Grosspapa goss nach seiner lieblichen -Gewohnheit Oel in's Feuer. »Geh doch -in die Küche, Kuchen backen für den -<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a> -seltenen Gast! Und vergiss die guten -Tassen nicht, die Marie zur Hochzeit -bekam. Unsere glatten, weissen sind nicht -vornehm genug für die Nähmamsell!«</p> - -<p>Sie sahen noch, wie Franz über die -Strasse ging, drüben die Klingel zog und -in das Haus trat. Grossmama hatte Furcht, -er werde das Geschäft versäumen, aber so -verhängnissvoll war der Einfluss von »der -drüben« doch noch nicht geworden; nach -ein paar Minuten trat er wieder auf die -Strasse hinaus, allerdings mehr aus dem -Grunde, weil er das junge Mädchen vor -ganzen Bergen von Arbeit überrascht, als -weil ihn sein geschäftliches Gewissen aus -ihrer Nähe vertrieben. Sie wollte die -erste freie Minute benutzen, um nach dem -kranken Ivo zu sehen. Sie hatte so besorgt -nach ihm gefragt und wirklich erleichtert -aufgeathmet, als sie erfuhr, seine Krankheit -sei unbedenklich; ob wohl Grossmama -auch darin Zeichen von Berechnung zu -entdecken vermöchte, fragte sich der junge -Mann lächelnd.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a> -Mit einem Freudengeschrei, das ihm -gleich darauf einen tüchtigen Hustenanfall -zuzog, begrüsste der Knabe seinen Gast. -Bei seinem Entzücken übersah sie zuerst -den kühlen Empfang, den ihr die beiden -Alten zukommen liessen. Auch als sie -sich über das geringe Vergnügen, das ihr -Kommen in ihnen erregte, nicht länger -täuschen konnte, war sie billig genug, -einzusehen, dass Ivo, der um ihretwillen -die Grosseltern in der letzten Zeit ziemlich -vernachlässigt, ein wenig Eifersucht begreiflich -machte. Unbehaglich wurde ihr -nur zu Muthe, als wirklich die bemalten -Tassen zum Vorschein kamen und die -beiden Alten sich mit säuerlichen Gesichtern -zu dem an Ivo's Bett gerückten Tisch -niedersetzten. O, es entstanden keine -solchen Pausen, wie bei dem ersten Besuch, -den Franz ihr gemacht! Grossmama sprach -unaufhörlich auf den Gast ein, und wenn -sie, um Athem zu schöpfen, innehielt, -dann fiel der alte Mann mit seiner krächzenden -Stimme ein und machte irgend -<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a> -eine Bemerkung, die sich wie mit Widerhaken -in Johannas Seele verfing. Ein -ausgezeichnetes, ein exemplarisches Paar! -Wovon konnte sie die Fremde unterhalten, -wenn nicht von ihrer todten Tochter, die -solch ein Musterbild aller Tugenden gewesen: -»ganz anders als die Mädchen, die -man jetzt sieht, und die nur für den Putz -und das Geldhinauswerfen geschaffen sind«, -schnarrte der Alte mit einem Blick auf -Johannas neumodischen, in Feierabendstunden -mühselig zusammengeschneiderten -Anzug dazwischen, dann wieder Grossmama: -»Was war Marie für eine Hausfrau, -wie behaglich, wie angenehm wusste sie -es ihrem Manne zu machen, und wie hingen -die Beiden auch aneinander!« So ging -es in einem Zug fort. Die Geschichte -von Franzens Glück, die sie einmal aus -seinem Mund vernommen, musste sie nun -noch einmal hören, aber von den Lippen -der Alten klang sie schier wie ein Vorwurf -gegen ihn. Wie durfte er sich -unterfangen, noch einmal lachen und -<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a> -fröhlich sein zu wollen. Grossmama erliess -ihr nichts; sie musste auch die ganze -Krankheit und das Ende Maries mitmachen, -Franzens Verzweiflung und das Versprechen, -das er, wenn auch nicht gerade -in Worten, geleistet, ihr nie eine Nachfolgerin -zu geben. Warum erzählte sie -ihr dies, warum warf der tückische Greis -höhnisch darein: »Und an dieser Thatsache -werden alle mannstollen Glücksjägerinnen -nichts ändern!« Ihr zog sich das Herz -zusammen. Ein ungeheures Mitleid mit -Franz, dessen Hausgenossen, dessen einziger -Verkehr mit der Welt sie waren, -überkam sie. Die beiden Alten erinnerten -sie, wenn sie sich so gegenübersassen mit -den nickenden boshaften Köpfen, an zwei -chinesische Götzen. Sie wäre um Ivo's -Willen noch gern geblieben, aber das -Pärchen ward ihr unheimlich, und sie -erhob sich. Doch so leichten Kaufes -liessen die Alten sie nicht los. Sie musste -sich noch all die Opfer erzählen lassen, -die sie für den Enkel gebracht, sie musste -<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a> -sich noch in kaum nichtzuverstehender -Weise andeuten lassen, dass man die -Motive ihrer Freundlichkeit gegen das -Kind, und warum sie es den Grosseltern -so häufig entziehe, ganz wohl verstehe. -Kein Wort wurde gesagt, dass sie als -offenkundige Beschuldigung oder Unhöflichkeit -deuten konnte. Nun ja, solch -ein Kind lernt bei jungen Leuten leicht -die alten vergessen: oder mit der biedersten -Miene von der Welt »der kleine Ivo muss -es entgelten, dass sein Papa eine gute -Partie ist, was schleppt er nicht an Bändern -und Süssigkeiten in's Haus!«</p> - -<p>Johanna hatte ihm wiederholt erlaubt, -sich die glänzenden Flitter, die ihm gefielen -und die keinen Werth mehr hatten, -nach Hause zu nehmen, auch einen und -den andern Leckerbissen liess sie dem -kleinen Naschmäulchen zukommen. Kaum -konnte sie ihre Thränen zurückhalten, -aber als sie auf ihre Stube gelangte, weinte -sie lange und schmerzlich. Die Alten -hatten in einer Hinsicht Recht; Franz -<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a> -war ihr nicht gleichgültig geblieben; wie -wäre dies auch möglich gewesen, da er -der Erste war, der dem alleinstehenden, -verlassenen Mädchen mit menschlichem -Antheil entgegen gekommen! Auch das -Kind hatte sich ihr in's Herz gestohlen. -Kaum wusste sie, ob sie den Vater um -des Kindes willen, oder das Kind wegen -seines Vaters liebe. Aber eigennützige -Berechnung, ja selbst der Gedanke, er -könne sie einmal als seine Frau, als Mutter -seines Kindes in das verwaiste Haus führen, -waren ihr fremd geblieben. Was half -ihr aber ihr reines Bewusstsein, wenn die -bösen Alten, ja wenn vielleicht er selbst -sie für eine selbstsüchtige Männerjägerin -hielten. Sie hatte ihre Thränen kaum -getrocknet, als ihre vierschrötige Hauswirthin -an die Thüre klopfte, um sich -über die Unordnung zu beklagen, welche -die herumfliegenden Fädchen und Läppchen -von Johannas Schneiderei im Hause -verursachten. Sie kam ihr eben recht. -Fort aus der Strasse, fort aus dem Hause, -<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a> -wo sie eine solche Verdächtigung, so -bitteres Leid erfahren! Das war das -Einzige, was ihr nach den Hornissenstichen -des würdigen Paares übrig blieb. -Sie kündigte.</p> - -<p>Kaum hatte die Hauswirthin das Zimmer -verlassen, fing sie ihre Sachen zu -packen an. Mit höhnischem Winken und -Deuten sahen sie die Alten drüben bei dem -Geschäft; aber es wurde ihnen etwas -weniger behaglich zu Muthe, als Franz, -auch heute früher als gewöhnlich heimkehrend, -gleichfalls den offenen Koffer -und das geschäftig hin- und hereilende -Mädchen sah. Ivo hatte sich beklagt, die -Tante sei so schnell fortgegangen, er habe -ihr nicht einmal einen Kuss geben können. -Und Franz wusste, dass die Alten irgend -eine Miene gegraben. Er nahm seinen -Hut und eilte, ohne ein Wort zu sprechen, -hinüber. Johanna hatte die Herbstblätter, -die sie mit Wachs überzogen, und in eine -Vase gestellt, von dem Kaminsims herabgenommen. -Sie wollte sie wegwerfen; -<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a> -aber das Kind hatte ihr eine Freude -machen wollen; es konnte nichts dafür, -dass sie ihr vergiftet worden war. Sie -wollte sie in den Koffer legen zum Andenken, -dass sie glücklich gewesen und -zwei Menschen von Herzen lieb gehabt. -Da hörte sie Tritte auf der Treppe, die -ihr das Blut in's Gesicht jagten, ein -Pochen an der Thür, das ihr »Herein« -zittern, kaum vernehmlich klingen liess. -Franz trat ein. Mit einem Blick hatte er -die Sachlage erfasst.</p> - -<p>»Ich habe von drüben recht gesehen,« -sagte er traurig, »Sie wollen uns entfliehen, -meinem armen Knaben und mir?« – Sie -wollte etwas antworten, aber da hatte er -schon ihre Hand gefasst, und der wortkarge -Mensch wurde förmlich beredsam:</p> - -<p>»Gehen Sie nicht von uns, Johanna! -Sie haben mich wieder das Leben schätzen, -meinen Knaben die vorsorglich lenkende -Mutterhand kennen gelehrt. Bleiben Sie -bei uns!«</p> - -<p>Sie stand fassungslos.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a> -»Ivo's Grosseltern haben mir die -Deutung gegeben, wie die Welt von -meinem harmlosen Verkehr mit Ihnen -und Ihrem Kinde denkt,« sagte sie -bitter. Sie wies auf die zusammengerollten -Blätter. »Sehen Sie, so ist mein -Inneres. Vor einer Stunde war noch -alles frisch und grün, aber nun hat -die Welt einen Herbstschleier angelegt, -und ich fürchte, ich könnte nicht mehr -unbefangen mit Ihnen sprechen, es -ist zu Vieles in mir welk und dürr -geworden.«</p> - -<p>»Vergessen Sie, dass die alten Leute -Sie beleidigt; sie sind grämlich, durch -den Tod ihres einzigen Kindes verbittert. -Aber sie werden meiner Frau -die Achtung nicht versagen, und mit -der Zeit, Johanna, gewinnst Du auch -ihre Zuneigung. Ich war nicht besser -als sie, da ich Dich kennen lernte, -und bin durch Dich verwandelt worden. -So wird es, so muss es ihnen auch -ergehen.« Er fasste ihre Hand mit -<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a> -den Herbstblättern, die raschelnd, dürr -zu Boden fielen, sie selber sank, erglühend -wie eine Mairose, an seine -Brust.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a> -SCHWIEGERMÜTTERCHEN.</h2> - - -<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a> -Mama Hellmer hatte nur eine Sorge -in ihrem sonst recht angenehmen -und behaglichen Leben (freilich eine Sorge, -so gewaltig und alles verschlingend wie -der Leviathan); sie fürchtete, ihr grosser -gutmüthiger Junge mit dem Pudelkopf, -ihr grösster Stolz und ihre einzige Freude, -werde sich die Finger oder auch die ganze -Hand verbrennen, wenn er an's Freien -ging.</p> - -<p>Zu ihrer Entschuldigung sei hier -bemerkt, dass sie sehr unglücklich verheirathet -gewesen war, dass ihr Mann, ein -ganz auserlesener Taugenichts, ihr alles -erdenkliche Herzeleid zugefügt hatte.</p> - -<p>Das lag nun weit hinter ihr; sie hatte -manches Jahr vom frühen Morgen bis in -<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a> -die dunkle Nacht hinein unermüdlich gearbeitet, -genäht, gestrickt, in allen erdenklichen -Künsten und Wissenschaften unterrichtet -und sich mit ihrem Jungen tapfer -durch's Leben geschlagen. Ja, durch eine -Kette unendlicher Opfer hatte sie es sogar -vermocht, ihm eine Erziehung geben zu -können, wie sie selbst manchem Sohn aus -wohlhabendem Hause versagt blieb. Nun -hatte er ihr schon seit manchem Jahr alle -Mühe und Plage abgenommen und sie in -eine behagliche, sauber und zierlich wie -ein Puppenheim ausgestattete Wohnung -hineingesetzt. Was er ihr verdankte, wusste -er genau; er wusste, dass er ohne ihre -Entschlossenheit und Aufopferung vermuthlich -ein zerlumpter, schmutziger -kleiner Vagabund, ein ungebildeter, vielleicht -verkommener Bursche geworden -wäre, und ein innigeres Verhältniss als -zwischen diesem Sohn und dieser Mutter -konnte man sich kaum vorstellen. Den -weiblichen Nachbarn – besonders den -verheiratheten – traten Thränen der -<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a> -Rührung in die Augen, wenn sie jeden -Nachmittag bei hübschem Wetter Mama -Hellmer am Arme ihres stattlichen Sohnes -spazieren gehen sahen. Die Bank, in welcher -Eduard Hellmer eine Vertrauensstellung -einnahm, schloss frühzeitig, aber -er hätte vielleicht eher seine vortheilhafte -Stelle aufgegeben, als Mama die ihr vom -Arzte verordnete Bewegung in der frischen -Luft allein machen lassen. In Papierdüten -trug er ihr Blumen und Obst nach Hause, -als wäre sie, wie die unverheiratheten -Nachbarinnen, den Mund ein wenig verziehend, -bemerkten, eine junge Dame, der -er sein Herz zu Füssen gelegt. – Und -wie sorgsam er den Shawl um ihre Schultern -legte, wenn ein rauhes Lüftchen sie -anblies, wie beflissen er den Kopf zu ihrem -Munde hinabneigte, damit ihm im Strassenlärm -kein Wörtchen, das sie sprach, verloren -ging. Ja, Frau Hellmer war eine -beneidenswerthe glückliche Mutter, trotz -der grossen Sorge, die der Sohn ihr, freilich -ohne es zu wissen und zu wollen, -<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a> -verursachte. Eduard besass zu seinen -übrigen Tugenden leider auch noch ein -leichtempfängliches Herz. Es klopfte hie -und da ganz vernehmlich für irgend ein -anmuthiges Mädchenbild, das ihm in seinem -Gesangsverein oder in Mama's Bekanntenkreise -begegnete, und er wäre vermuthlich -blindlings in das Unglück seines ganzen -Lebens hineingerannt, wenn Mama nicht -die bestconstruirte Dampffeuerspritze in -den Schatten zu stellen und die aufflackernde -Gluth durch einen mit voller Kraft geschleuderten -kalten Wasserstrahl zu -dämpfen gewusst hätte.</p> - -<p>Edith Bogart? O gewiss, sie ist ein -schönes Mädchen; Mama könnte sich nicht -beifallen lassen, dies zu bestreiten; sie ist -witzig, lebhaft, mit nicht gewöhnlichem -Geist begabt; Frau Hellmer kann es beurtheilen, -denn sie war ja einmal des Kindes -Lehrerin gewesen. Himmel! welch' ein -jähzorniges, heimtückisches Temperament -die Kleine besass! Erinnerte sich Eduard -nicht mehr, wie Mama einmal ihr bestes -<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a> -Kleid von einer Scheere kreuz und quer -zerschnitten heimgebracht hatte? Es war -Edith's boshafter Racheakt für eine ihr -ertheilte Strafe. »Und Du weisst, Eduard, -was die Anschaffung eines neuen Kleides -damals für mich bedeutete,« setzte Frau -Hellmer hinzu. Natürlich wusste er es -und küsste ihr gerührt die Hand. Lili -Felder? Das Bild eines deutschen Gretchens? -Ja gewiss, aber nur die schwache -Copie eines solchen. Mit dem Wesen des -ächten Gretchen könnte man es nicht recht -in Einklang bringen, dass sie die schwache, -kränkliche Mutter sich mit dem Haushalt, -den jüngeren Kindern und Fräulein Lili's -weit über ihre Verhältnisse glänzenden -Putz abquälen liess und mit einem neuen -Roman den Tag verbrachte. Die unverheiratheten -Nachbarinnen fingen an, die -Thränen der Rührung dem Sohne allein -zu widmen, der in unverminderter Ehrerbietung -die alte Frau am Arme führte, -wiewohl sie – das lag ja klar zu Tage – -ihm das Glück seines Lebens zerstörte. -<a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a> -Alle Welt fing an, der besorgten Mutter -masslose Herrschsucht unterzuschieben; -sie wolle die erste Stelle im Hause um -keinen Preis einer Anderen abtreten, sie -wolle unumschränkt im Herzen des Sohnes -herrschen. Vielleicht lauerten, ihr unbewusst, -derartige Motive in ihrer Seele, -aber ihr Hauptgrund war doch nur die -geradezu abergläubische Besorgniss, ihr -Eduard werde, ebenso wie sie einst, unglücklich -in der Ehe sein. Der Spruch -vom Hammer und Amboss schien ihr, Dank -ihren trüben Erfahrungen, auf verheirathete -Menschenpaare besonders zu passen. Dass -Eduard zum Hammer nicht die mindeste -Anlage besass, stand fest, folglich hiess es -durch Anwendung von sehr viel kaltem -Wasser ihn vor dem Ambossschicksal so -lange als möglich zu bewahren. Die Feuerspritze -arbeitete mit vollem Erfolge, so -lange es sich bei Eduard nur um leicht -vergängliche Eindrücke handelte, aber als -sein Stündlein wirklich schlug, da machte -Mama betrübende Erfahrungen. Das -<a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a> -Schlimmste war, dass sie sich selber nicht -von aller Schuld freisprechen konnte, denn -sie hatte die allerliebste kleine Zündbüchse -in die Nähe der Pulverkammer getragen. -Als Hannchen Stubenhofer, mit deren -Mutter sie in einer Provinzstadt zur Schule -gegangen, in die Residenz kam, ohne vorerst -zu wissen, wohin sie den kleinen Kopf -sammt der dazu gehörigen reichen blonden -Zopfkrone legen solle, lud Frau Hellmer -sie zu sich ins Haus; und als nach einigen -Wochen das flinke geschickte Ding Arbeit -gefunden und seine eigene Wohnung aufnahm -(an der Thüre die verlockende Tafel -»Erster Klasse Toiletten« tragend), da -bestand die alte Dame darauf, dass sie die -Sonntage vom Morgen bis zum Abend bei -ihren Landsleuten, mit welchen sie auch -noch eine entfernte Verwandtschaft verband, -zubringe.</p> - -<p>Das Hannchen war ein sehr merkwürdiges -Stück Menschheit; es ging nie, -sondern tanzte, sprach nie einen Satz, ohne -ihn mit einem sehr angenehm klingenden -<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a> -Gelächter einzuleiten und abzuschliessen. -Mama Hellmer musste mehr als einmal -den Kopf dabei schütteln. Wenn man es -recht bedachte, hatte Fräulein Hannchen -nicht viel mehr Ursache lustig zu sein, als -sie selber einst gehabt. Auch sie stand -in jungen Jahren schutzlos und auf sich -selbst angewiesen da, nachdem sie Kindheit -und erste Jugend in behaglichen Verhältnissen -verbracht. Hannchen war eine -elternlose Waise, schon dieses hätte sie -nach Frau Hellmer's Ansicht bestimmen -müssen, in Sack und Asche einherzugehen, -sie musste sich allein durch's Leben schlagen, -was sie wie einen ganz hübschen Zeitvertreib -zu betrachten schien. Allerdings -glückte ihr Alles, sie hatte die Finger einer -Fee. Wenn Frau Hellmer sie ernsthaft -an die Thatsache erinnerte, dass sie arm -sei, warf sie den blonden Kopf zurück, -lachte und meinte: »Was thut das? ich -werde mir heute oder morgen ein Vermögen -erwerben.« – Und Mama, die es -nicht verstand, wie man widrige Verhältnisse -<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a> -mit so vergnügtem, sorglosem -Gesicht bekämpfen könne, hiess sie im -Stillen leichtsinnig und begann, sich ernstlichen -Besorgnissen um ihre Zukunft hinzugeben. -Sie glaubte es der entfernten -Basenschaft schuldig zu sein, wenn sie die -Augen über Hannchen »offen hielt«, was -sie um so leichter thun konnte, als diese -gerade über der Strasse bei einem kinderlosen -Ehepaar ein Zimmer gemiethet hatte. -Frau Hellmer kannte jede Kundin, die -drüben aus- und einging, sie führte Buch -über die Besuche, die Hannchen in ihrer -freien Zeit erhielt und wusste genau anzugeben, -wann und mit wem sie das Haus -verlassen hatte. Aber zur Erwerbung so -nützlicher Kenntnisse braucht man Zeit, -viel Zeit, und Mama war genöthigt, ihren -Eduard und seine etwaigen Herzensverstrickungen -ausser Acht zu lassen. Und -als ihr endlich die Augen aufgingen, da -war es beinahe zu spät. Er fing bereits -an, nachzusinnen, ob das Puppenheim -für eine junge Frau geräumig genug sei; -<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a> -sein Gesicht war in eitel Glückseligkeit -getaucht, wenn der Sonntag kam und -Hannchen die Base besuchte; er schritt -hinter ihr her, wenn sie in ihrer lebhaften -Weise durch die ganze Wohnung lief, – -einen ziemlich lächerlichen Eindruck gewährend, -da er ebenso verliebt wie unbeholfen -erschien –; wenn sie sang, dann -horchte er begeistert und applaudirte, als -gälte es der Patti, und wenn sie etwas -Lustiges sagte, lachte er, bis sein Gesicht -bläulich wurde. Und was das Schlimmste -war, er schien vollständig mit Taubheit -geschlagen, als Mama wie absichtslos bemerkte, -es sei zu arg, dass Hannchen statt -für ihre alten Tage, für Krankheit oder -andere Unglücksfälle zu sparen, was sie -verdiente, auf sich hing. Er nahm seinen -Hut und ging zu Hannchen hinüber, als -diese durch die plötzliche Unfreundlichkeit -ihrer sonst so gütigen Freundin abgeschreckt, -am nächsten Sonntag zu Hause -blieb. Und von ihrer Sternwarte aus -konnte Mama beobachten, wie die zwei -<a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a> -drüben in vergnügtester Stimmung nebeneinandersassen, -Mama und die ganze übrige -Welt auch nicht mit der Spur einer Erinnerung -bedenkend. Da galt es, rasch -und entschieden einzugreifen. Nie vorher -war Frau Hellmer so überzeugt von der -Heilsamkeit der Abschreckungstheorie gewesen, -wie diesmal. War nicht auch bei -ihrem verstorbenen Gatten der Hauptfehler, -aus dem alle übrigen riesengross herauswuchsen, -ein gedankenloser Leichtsinn, -eine Vergnügungssucht, die nach den -Mitteln der Befriedigung nicht fragte, -gewesen? Sollte ihr trübseliges Loos sich -an dem Sohne wiederholen? Nicht, solange -sie es abzuwenden vermochte. Glücklicherweise -gab ihr das unbesonnene Hannchen -selber die Mittel zur Vernichtung in die -Hand. Mama hatte, trotzdem die frühere -wohlwollende Gesinnung gegen das Mädchen -ziemlich feindseligen Gefühlen Platz -gemacht, ihren Beobachtungsposten nicht -verlassen; freilich war ein kleiner Unterschied -gegen ehemals zu bemerken. Bisher -<a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a> -hatte sie Hannchen überwacht, jetzt – -so ungern wir das Wort gebrauchen, es -muss heraus, – jetzt belauerte sie dieselbe. -Natürlich Alles in der besten Absicht, wie -sie sich wiederholt versicherte, aus einem -Pflichtgefühl, das selbst der Mutter der -Gracchen Achtung abgenöthigt hätte. Bald -hatte sie genug erspäht.</p> - -<p>»Wer war der junge Mensch, mit dem -Du vorgestern Abend ausgingst, und in -dessen Gesellschaft Du erst nach Mitternacht, -lachend und schwatzend, dass die -ganze Strasse aus dem Schlaf auffuhr, -heimkamst?« fragte sie, als Hannchen mit -einem Gesicht, dessen sich alle drei Höllenrichter -zusammen nicht zu schämen gehabt -hatten. Das Mädchen machte heute wieder -seinen Sonntagsbesuch bei der ersten -Freundin, die sie in der Fremde gefunden, -vermuthlich durch Eduards Versicherungen -überzeugt, dass der eisige Empfang auf -irgend welchem häuslichen Aerger beruht -und durchaus nichts mit ihr zu schaffen -gehabt hatte. Mamas kühle Begrüssung -<a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a> -in ihrer eigenen Wärme übersehend, hatte -sie mit dem Haussohn sogleich ein lustiges -Scharmützel angefangen. Wie eine Bombe -rollte die Frage dazwischen, und vor -Schrecken – Mama erklärte ihrem Sohne -nachher aus Schuldbewusstsein – wurde -sie roth und verlegen.</p> - -<p>»Haben wir Dich aufgeweckt, Tante?« -sagte sie bedauernd, nachdem sie sich gefasst. -Frau Hellmer hatte zu erwähnen -vergessen, dass sie gar nicht geschlafen, -sondern beobachtend am Fenster die Zeit -verbracht hatte; und so war es begreiflich, -dass Hannchen versicherte: »es thut mir -aufrichtig leid; aber Karl Sohmer ist solch -ein drolliger Kauz, dass man lachen muss, -sobald er zu sprechen anfängt, und wenn -die Todesstrafe darauf stünde.«</p> - -<p>»Karl Sohmer? ich habe diesen Namen -nie gehört.«</p> - -<p>»Ich auch nicht, bis vor, lass sehen, -vor sechs Tagen. Letzten Dienstag kam -er meinem Hauswirth, dessen Neffe er ist, -wie vom Himmel herabgeweht in's Haus; -<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a> -er lebt in Texas und hält sich nur zu -Besuch hier auf.«</p> - -<p>»Erlaube mir!« rief Frau Hellmer mit -um so ausgesprochenerem Entsetzen, als -sie bemerkte, das Gesicht ihres Sohnes -habe sich bedenklich in die Länge gezogen, -»nach so kurzer Bekanntschaft -gehst Du mit diesem Texaner aus! Ich -verstehe die heutige Jugend nicht.«</p> - -<p>»Er lud mich in die Oper ein, und -ich konnte wohl nicht nein sagen, es -hätte meine Hauswirthe verletzt,« erklärte -Hannchen ziemlich gedrückt, aber während -des Sprechens lachte sie wieder und rief -eifrig, »ich bin auch übrigens froh, dass -ich die Einladung annahm, denn ich habe -mich köstlich unterhalten und zehre an -der Erinnerung, während ich über meiner -Arbeit gebückt sitze.«</p> - -<p>»Du hörst es,« sagte Mama's Miene -ihrem Abgott, der sehr blass und sehr -ärgerlich dasass. Er war verliebt genug -und seines Erfolges bei Hannchen nicht -sicher genug, um gewaltig eifersüchtig zu -<a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a> -sein. Uebrigens hatte Mama noch lange -nicht ihr ganzes Pulver verschossen.</p> - -<p>»Der junge Mann scheint aus Deiner -liebenswürdigen Bereitwilligkeit die Ueberzeugung -geschöpft zu haben, dass seine -Gesellschaft Dir sehr angenehm ist, was -mich auch gar nicht Wunder nimmt. – -So oft ich an's Fenster trete und zu Dir -hinüberblicke, was ich aus Antheil an -Dir häufig thue, sehe ich ihn in Deinem -Arbeitszimmer, schwatzend wie eine Elster.«</p> - -<p>»Er ist solch ein drolliger Kauz!« meinte -lachend und erröthend das Hannchen, »er -möchte mir weismachen, dass gerade so ein -wichtiges Persönchen, wie ich, dem Staate -Texas zu seiner Vollkommenheit fehle.«</p> - -<p>»Der junge Mann ist sehr dreist,« -brauste Eduard auf.</p> - -<p>»O, wer denkt daran, Karl Sohmer -ernst zu nehmen!« versetzte sie, »er ist -ein sehr unterhaltender Gesellschafter, und -ich freue mich auf den Ball morgen Abend, -zu dem er mich geladen. Ich gehe mit -der Hauswirthin.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a> -Sie kam nicht weiter. Das war Wasser -auf Mama Hellmers Mühle; und die -würdige Dame übertraf sich selber. Die -Posaune des jüngsten Gerichtes kann -unmöglich strafender und drohender -klingen, als ihre Stimme, während sie über -gedankenlose Coquetterie und Vergnügungssucht -loszog, die ganze Existenzen -zerpflückt, Menschen für ihre Lebensdauer -elend macht. Hannchen, die vor der alten -würdigen Frau einen ungeheuren Respekt -hatte, war Anfangs zerknirscht wie eine -wirkliche Sünderin; sie warf Eduard einen -hilfesuchenden Blick zu, aber er hatte -eine Bemerkung Mamas, sie würde nie -einwilligen, mit dem Leichtsinn unter einem -Dach zu wohnen, dahin aufgefasst, dass -sie ihn vor die Wahl zwischen sich und -dass Mädchen stelle, und so blieb er stumm, -die Stirn gerunzelt, seinen Bart kauend, -sitzen, und vermied es, die Missethäterin -anzusehen. Zuletzt erwachte auch in ihr -der Trotz: Sie habe Niemandem Rechenschaft -abzulegen; sie werde ihr junges -<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a> -Leben geniessen und den Ball morgen -Abend erst recht besuchen, erklärte sie. -Als man sich an diesem Tage trennte, -sah Mama erhitzt, aber sehr befriedigt, -ihr Sohn gleichfalls erhitzt, aber sehr -niedergeschlagen aus; was Hannchen betrifft, -so hatte sie verweinte Augen, aber -einen sehr entschiedenen Zug im Gesichte, -der auch aus ihrer Erklärung sprach, dass -sie das Haus nie wieder betreten werde. -Am nächsten Abend sahen Mutter und -Sohn sie mit dem Fremden zu Balle gehen, -und Mama beglückwünschte sich zu ihrer -Entschiedenheit. Dann aber verliess sie -das Haus nicht mehr; aber als der Monat -zu Ende ging, verschwand sie ganz und -gar aus der Strasse. Durch Bekannte, -für welche sie arbeitete, erfuhr Frau -Hellmer, dass der junge Texaner allein -abgereist sei und Hannchen eine Wohnung -in einer entfernten Strasse gemiethet -hatte. Es war klar, sie wollte ihnen -nicht mehr begegnen. Mama athmete auf, -sie hatte ihren kostbaren Sohn wieder -<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a> -zum ausschliesslichen Besitz. Aber es -war nicht mehr der alte, leichtvergnügte -Sohn; ein wortkarger, stiller Mann, dessen -Züge sich täglicher fester ausprägten; ein -Mann, der ass und trank und schlief und -seinen Geschäften nachging, ohne an etwas -Vergnügen zu finden, ging er neben ihr -her. Er sah aus, als wäre ihm der -Schmelz von den Flügeln gewischt worden. -Er wusste, dass Mama dem Mädchen -bitter Unrecht gethan; er wusste, dass er -ohne sie nicht glücklich werden konnte. -Aber war es möglich, sich mit einer solchen -Mutter wegen seines eigenen Glücks zu -entzweien? Alle Opfer, die sie für ihn -gebracht, standen deutlich vor seinem -Geist; und so liess er, ohne einen Versuch -zur Versöhnung zu machen, Hannchen -aus seinem Gesichtskreis verschwinden.</p> - -<p>Mama war Anfangs zornig darüber, -dass er den Verlust so schwer empfand. -Sie, die sonst eifersüchtig jede Annäherung -zwischen ihm und den jungen Damen -der Nachbarschaft vereitelt, lud selber -<a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a> -nun oft Gesellschaft zu sich. Aber so oft -Eduard es vermochte, entzog er sich dem -Vergnügen durch die Flucht, und liess -er sich einmal durch Ueberredung ins -Besuchszimmer locken, dann sass er -stumm und unbehaglich da und schien -aufzuathmen, wenn die Gäste sich entfernten. -Frau Hellmer war sehr stolz -gewesen, dass sie ihn wieder einmal vor -dem Elend seines Lebens bewahrt, aber -nachgerade fing sie an der Weisheit und -dem Erfolg ihrer That zu zweifeln an. -Was half es, wenn sie für die Möglichkeit -seines Unglücks, das eine leichtsinnige, -vergnügungstolle Frau auf ihn herabbeschworen -hätte, die Gewissheit desselben -eintauschte. Er klagte nie und machte -ihr keine Vorwürfe, aber dass er unglücklich -war, konnte ihr jeder Blick und -sein blasses, ernstes Gesicht sagen. Und -da fasste sie nach langem hartem Kampf -einen heldenmüthigen Entschluss. Der -nächste Tag sah sie neben Hannchen Stubenhofer -in deren Zimmer sitzen, (auch nicht -<a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a> -mehr das Hannchen von ehemals, denn es -fing keinen Satz mit Lachen mehr an und -endete ihn auch nicht damit). Im Ganzen -sah sie wie das richtige Gegenstück zu -Herrn Eduard Hellmer aus. Da wurde -es Mama viel leichter, zu sagen, weshalb -sie gekommen. Aber Hannchen schüttelte -den Kopf:</p> - -<p>»Ich habe auch meinen Stolz, wenn ich -auch nur ein armes Mädchen bin. Ich bin -in Ihrem Hause beleidigt worden, nun -setze ich keinen Fuss mehr hinein.«</p> - -<p>Mama war enttäuscht; sie hatte sich es -schön ausgemalt, wie sie ihrem Sohn mittheilen -wolle, es sei ein seltener Gast da; -wie sie sodann die Thüre des Besuchszimmers -öffnen, ihn allein eintreten lassen -und erst nach einer gut gemessenen Viertelstunde -mit zum Segnen erhobenen Händen -nachfolgen werde. Hannchens Eigensinn -verdarb den feinen Plan.</p> - -<p>Da steckte sich Mama denn hinter eine -ältliche Landsmännin und Busenfreundin, -in deren Hause das Mädchen in der nächsten -<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a> -Zeit beschäftigt war. Hannchen nahm, -um alter Freundschaft willen, eine Ausnahmsstellung -in dem Hause ein; nach der -Arbeit verbrachte sie gewöhnlich den Abend -als gleichberechtigtes Glied im Kreise der -Familie. Allerdings fiel es ihr auf, dass -man nach dem Abendessen sich in die -Stube begab, von der sonst der Spruch -galt: »Ziehe deine Schuhe ab, denn die -Stelle ist heilig.« Doch hatte sie kaum -Zeit gefunden, sich zu verwundern, da -klingelte es, und herein rauschte Mama -Hellmer, gefolgt von ihrem, durch die -feinsten diplomatischen Künste zum Mitkommen -veranlassten Sohn. Frau Hellmer, -die sehr anregend sprechen konnte, wenn -sie sich die Mühe dazu nahm, fesselte nicht -nur die Freundin, sondern auch noch deren -Töchter und den Hausherrn. Hannchen -hörte nicht zu, und Eduard wusste vermuthlich -von früher her, um was es sich -handelte. Er stand ziemlich linkisch vor -dem jungen Mädchen, das bei seinem Erscheinen -Miene gemacht, zu entweichen; -<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a> -doch las sie in seinen Augen eine so herzliche -Bitte und hörte aus seinem Munde -so viele gute, versöhnende Worte, dass sie -den Fluchtplan aufgab. Den ganzen Abend -sah man die zwei sehr eifrige Gespräche -führen, doch vernahm Niemand etwas -davon, denn sie klangen sehr leise und -schienen nur für das nachbarliche Ohr -berechnet.</p> - -<p>Mama Hellmer hat vor Kurzem die -Schlüssel, das Abzeichen ihrer absoluten -Herrschermacht, sowie die Oberhoheit über -die sehr unbotmässige Vasallin, welche die -Kochtöpfe zu überwachen und den Besen -zu schwingen hat, der jungen Herrin des -Hauses abgetreten. Wollte ich behaupten, -dass die unerfahrene Frau Hellmer das -Regiment zur vollen Zufriedenheit der -alten, weisen, unfehlbaren Frau Hellmer -führt, so würde man mich beschuldigen, -dass ich die Grenzen poetischer Freiheit -übersteige und Unwahrscheinliches berichte. -Aber Hannchen hat solch einen -eingewurzelten Respekt vor Mama, fragt -<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a> -sie so häufig um Rath und, was mehr ist, -befolgt denselben auch, dass Schwiegermütterchen, -von dem die ganze Nachbarschaft -vermuthete, es werde aus langer -Herrschergewohnheit den Frieden des -jungen Haushalts gefährden, ein viel angenehmeres, -zufriedeneres und leichter zu -behandelndes Schwiegermütterchen geworden -ist, als man es sonst von ihren -Schwestern behauptet.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a> -DAS PFLEGETÖCHTERCHEN.</h2> - - -<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a> -Die Leute haben nie begreifen können, -was mich zu dem Alten hinzog, -nachdem sie ihn Alle als unverbesserlich -aufgegeben. Sie meinten, ich hätte mich -noch entschiedener, als die ganze Welt von -ihm lossagen sollen, denn sein Einfluss -hatte es verschuldet, dass ich in meinen -Jünglingsjahren auf Abwege gerieth, das -heisst den bequemen Drehstuhl in meines -Vaters Comptoir aufgab und Farben zu -verschmieren anfing. Als ich mit Conrad -Stürmer bekannt wurde, hatte er längst -aufgehört, seine Kunst, in der er einst Bedeutendes -geleistet, auszuüben; er bildete -Schüler heran, oder wie die nachsichtigen -Mitmenschen behaupteten, er lockte -<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a> -thörichte Jungen aus ihrer gesicherten -Lebensbahn, unter der Vorspiegelung, -Talent in ihnen entdeckt zu haben, um sie -auszubeuten. Ich wusste, dass man ihm -mit diesem Verdacht Unrecht that; er war -ein Enthusiast, ungemein leicht begeistert -und in jedem Pfennig-Kerzlein einen künftigen -leuchtenden Stern sehend. Allerdings -hat er ziemlich viel Unglück angestiftet, -aber böse Absicht lag ihm fern. -Ich hatte ihn liebgewonnen, und blieb ihm -anhänglich, auch nachdem ich erkannt, dass -er sich und mich getäuscht, als er in -meinen dilettantischen Versuchen den künftigen -Meister sah. Mit dieser Erkenntniss -war für mich, der von einer ganzen -Ahnen-Reihe ehrsamer Kaufleute eine gewisse -nüchterne Besonnenheit geerbt (vielleicht -war es gerade diese, die Stürmers -entzückte Prophezeiungen kläglich vereitelt), -der Weg klar vorgezeichnet, den -ich einzuschlagen hatte. Die Motte wartete -nicht, bis sie vollständig verbrannte; mit -nur leicht angesengten Flügeln kehrte sie -<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a> -reuig zurück. Aber daheim schlachtete -man kein gemästetes Kalb für den verlorenen -Sohn; mein Vater grollte, weil ich -dem Paradies des Drehstuhls eigenmächtig -den Rücken gekehrt, und nachdem ich -dieses unsühnbare Verbrechen begangen, -nicht als gefeierter Künstler heimgekommen -war; mein jüngerer Bruder, der mittlerweile -meine Stelle eingenommen, konnte -nicht einsehn, warum er mir dieselbe nun -wieder einräumen sollte, die ganze ungeheure -Edlinger'sche Basen- und Vetterschaft -sah mich mit mitleidiger Geringschätzung -an, als sei ich vor der Zeit zur -Ruine geworden, und – was mir zumeist -an's Herz griff – meine gute Mutter, -deren Liebling ich war, litt darunter, mich -von der stolzen, für mich erträumten Höhe -so kläglich herabgestürzt zu sehen. Da -fasste ich denn eines Tages einen kühnen -Entschluss und, die Brücken hinter mir -verbrennend, wanderte ich aus, nun erst -recht ein verlorener Sohn, der nur dann -auf Vergebung und freundliche Aufnahme -<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a> -im Vaterhause rechnen konnte, wenn er, -ein Mann des Erfolges, zurückkehrte.</p> - -<p>Ich hatte ungewöhnliches Glück gehabt; -schon nach zwei Jahren konnte ich -nach Hause schreiben, dass ich mein -sicheres Auskommen gefunden, nach vier -Jahren, dass ich mich selbständig gemacht, -und wieder nach einiger Zeit, dass das Haus -Edlinger in der neuen Welt Aussicht habe, -auf eine gleiche Stufe mit dem in der alten -zu gelangen. So verstrichen zwölf Jahre -in harter aber erfolgreicher Arbeit. Ich -durfte mir einen Feiertag und die Genugthuung -vergönnen, als Sieger auf dem -Schauplatz meiner Niederlage einzuziehen. -Ich packte meinen Koffer und fuhr zu -Besuch in die alte Heimath.</p> - -<p>Mein Empfang im Vaterhause liess -nichts zu wünschen übrig. Mein Mütterchen -erschien förmlich verjüngt in ihrer -Wiedersehensfreude, Papa nahm mich mit -offenen Armen auf, einen dicken Strich -durch meine alten Sünden ziehend; ja ich -glaubte, er rechnete mir sie nun als Verdienst -<a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a> -an, denn sie verschafften ihm die -Genugthuung, sagen zu können »ein Edlinger -dringt durch, auch wenn er ohne -Beschützer und Mittel seine Laufbahn beginnt.« -Hans, mein Bruder, fühlte Respekt -vor dem »selfmade man«, Vettern und -Basen waren stolz auf die überseeische -Rarität. Und in meiner Glorie durfte ich -es mir erlauben, nach meinem alten Freunde -auszuspähen, ohne dass mein Beginnen -mehr als ein Kopfschütteln der Verwunderung -erregt hätte.</p> - -<p>Es war ein trauriges Wiedersehn. Der -alte Mann mit dem Kinderherzen war -furchtbar gealtert. Ich hatte ihn nie in -behaglichen Verhältnissen gekannt, jetzt -aber schien er bettelarm; denn selbst die -letzte spärliche Quelle seines Einkommens, -die ihm von seinen langhaarigen Jüngern -geflossen, war versiegt; Konrad Stürmer -war krank und gebrochen, er vermochte -keinem noch so eiteln jungen Burschen -mehr das Vertrauen einzuflössen, dass er -ihn zu einem Lenbach oder Defregger -<a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a> -machen werde. Für die kleinen Unterstützungen, -die ich ihm von New York -aus zuzuwenden vermochte, dankte er -weinend. Ich erschrak; früher hatte er -dergleichen als selbstverständlich angesehen, -als einen Zoll, den der Jünger -seinem Meister zu entrichten hat. Ich -fasste ihn schärfer in's Auge, und entdeckte -nun erst, dass er ein schwer kranker Mann sei, -vielleicht nur noch Wochen zu leben habe. -Hart und trocken drang der Husten aus -seiner eingefallenen Brust, scharfumgrenzte -rothe Flecken standen auf den hageren -Wangen. Er ahnte nichts davon; er theilte -mir, nachdem die mich so befremdenden -Ausdrücke seiner Erkenntlichkeit verklungen -waren, mit, dass er nicht lange -mein Schuldner bleiben, sondern demnächst -»die Oberösterreichische Kirchweih«, die -ich vor mehr als zwölf Jahren angefangen, -zwischen all den andern Entwürfen in -seinem Atelier gesehen, vollenden, mich -bezahlen und mit Pepi nach dem Süden -ziehen werde. Ich stutzte. Trotzdem wir -<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a> -vor Jahren täglich mit einander umgegangen, -war ich nie in seiner Wohnung -gewesen. Das Atelier lag entfernt von -derselben; die guten Nebenmenschen behaupteten, -er besitze eine brave, hartarbeitende -Frau, die das Haus erhalte, -während er sich in der Kneipe herumtreibe. -Ich bemerkte nun auch einen schwarzen -Flor um seinen zerdrückten Hut und drückte -ihm mein Beileid aus. Die Thränen strömten -ihm aus den Augen; er rief: »sie war eine -brave, eine edle Frau; sie hätte ein besseres -Loos verdient. Ihr ganzes Unglück war, -dass sie ihr Herz an einen Unwürdigen, -einen Elenden, einen Schurken gehängt.« -Vergeblich suchte ich ihn zu beschwichtigen, -die Reue über sein verfehltes Leben, das -Leid, das er auf seine Gefährtin herabbeschworen, -brachen mit elementarer -Gewalt aus ihm hervor; erst ein erstickender -Hustenanfall liess ihn verstummen. Aber -die alte Zuversicht kehrte nicht zurück; -»wenn ich das Bild nicht vollende, was -wird aus Pepi werden!« stöhnte er. Nichts -<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a> -leichter zu beantworten, als dies. Der -Bursche konnte mein Schüler werden, wie -ich der seines Papas gewesen, nur hoffte -ich etwas mehr Erfolg mit ihm zu erzielen, -als dieser mit mir. Ich wollte ihn mit mir -nach Amerika nehmen und in mein Geschäft -eintreten lassen. Von ihm allein sollte es -abhängen, ob er es vorwärts brächte. -Konrad Stürmer war zu erschöpft, als dass -ich ihm sogleich meine ausführlichen Pläne -für seinen Sprössling hätte darlegen können. -Ich verschob dies für eine spätere günstigere -Gelegenheit, und erklärte ihm nur, dass -ich mich Pepis mit Rath und That annehmen -werde.</p> - -<p>Er dankte mir nicht mit Worten, aber -mit einem Druck der Hand. Mir schien's, -als sei ein schweres Gewicht von seiner -Brust gefallen; er vermochte nun sogar -ein Glas guten Rheinweins, ehemals seine -grösste Liebhaberei, – das bisher unberührt -vor ihm gestanden, zu leeren. Wir -hatten uns in unserer ehemaligen Künstlerkneipe -zusammengefunden. Als er sich -<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a> -zum Abschied erhob, übermannte ihn die -Schwäche von Neuem. Ich rief einen -Wagen herbei und begleitete ihn zu seinem -Hause in einer abgelegenen, ärmlichen -Strasse. Dann half ich ihm die vielen -Treppen erklimmen, klingelte – und -machte, als geöffnet wurde, das erstaunteste -Gesicht meines Lebens. Vor mir stand -ein kleines, blasses Mädchen in Trauerkleidern. -Pepi Stürmer hatte nach süddeutschem -Sprachgebrauch ebensogut Josef -wie Josefine heissen können. Es war das -Letztere, und mein Lehrling, Gehilfe und -künftiger Partner versank, noch bevor er -entstanden war.</p> - -<p>Wenige Wochen später wurde Carl -Stürmer begraben, und ich trat die Vormundschaft -über seine Waise an. Es bedurfte -der ganzen Autorität des amerikanischen -Edlinger, um ihn bei diesem -Anlass nicht wieder als sentimentalen -Narren in Misscredit zu bringen. Aber -ich setzte meinen Willen durch; eine arme -Tante von mir nahm das Mädchen gegen -<a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a> -Vergütung bei sich auf, und ich reiste, -vollständig beruhigt über ihr Wohlergehen, -ab. Ich dachte in den nächsten Jahren -nicht allzu oft an sie, pünktlich beantwortete -ich ihre Briefe, und als ich wieder zum -Besuch in meine Heimath kam, war es -nicht, weil mich ein besonderes Verlangen -nach meinem Pflegetöchterchen erfasst, -sondern weil ich einen sehnlichen Wunsch -meiner Mutter erfüllen wollte.</p> - -<p>»Paul,« sagte meine Tante und schüttelte -dazu das ehrwürdige Haupt mit dem hochragenden -Kopfputz, um dessentwillen ich -sie in ruchlosen Flegeljahren »das Trauerpferd« -getauft, »Du wirst nicht alles so -finden, wie Du es erwartet,« mit Nachdruck, -– »wie Du das Recht gehabt, zu -erwarten.«</p> - -<p>Die Wahrheit zu gestehen, blieb ich -vollkommen ungerührt von diesen Kassandratönen. -Die verehrte Dame liebte -eine gewisse graue Beleuchtung aller täglichen -Vorkommnisse und ich hatte eine -Ahnung, dass die tragischen Andeutungen -<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a> -mich auf das Hinscheiden ihres asthmatischen -Mopses vorbereiten sollten, dem ich -schon längst ein friedliches Ende nicht blos -vergönnt, sondern von ganzem Herzen -gewünscht hatte. So liess ich sie denn -seufzen und den Kopf schütteln und bemerkte: -»Wo bleibt denn Josefine?«</p> - -<p>Das Seufzen verstärkte sich zu einem -Stöhnen. »Ich habe sie unter einem Vorwand -entfernt, um Dich, Unglücklichen, vorzubereiten; -denn eben bei Pepi wirst Du -nicht alles so finden«, und so weiter, wie -bekannt.</p> - -<p>»Nun, Kinder sind dazu da, um ihren -würdigen Papas Enttäuschungen zu bereiten. -Pflegekinder werden vermuthlich -keine Ausnahme machen,« versetzte ich -noch immer gelassen, »ist die Kleine nicht -so hübsch geworden, wie sie vor vier -Jahren versprochen?«</p> - -<p>»Hübsch?« rief die Tante, »sie ist aussergewöhnlich, -sie ist unerlaubt schön«, damit -schob sie mir eine grosse Photographie -hin, »urtheile selbst.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a> -Ja, da war es freilich mit dem Urtheilen -vorbei.</p> - -<p>»Aber liebe Tante,« sagte ich und starrte -unverwandt auf das Bild, um in dem -wundervollen Gesicht nach den Zügen des -mageren verweinten Backfischs zu spähen, -den ich vor vier Jahren in seinem dürftigen -Trauerkleidchen aus dem Hause meines -ehemaligen Lehrers in das meiner Tante -geführt, »darin kann ich nun kein so ungeheures -Unglück sehen.«</p> - -<p>»Dieser Meinung sind auch andere,« -erwiderte das alte Fräulein spitz, »darunter -Alle, die in dieser Stadt Schnurrbärte -tragen.«</p> - -<p>»Hm,« murmelte ich betroffen und legte -die Photographie aus der Hand, nicht ohne -noch einen langen Blick auf sie zu heften – -das Hexlein hatte es mir angethan – »ich -dachte, Du habest mit ihr sehr zurückgezogen -gelebt.«</p> - -<p>»Das habe ich auch, das Kind ist ausser -in meine Kaffeekränzchen – an welchen -es merkwürdigerweise nicht einmal -<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a> -Geschmack fand – (ich stattete ihr im -Stillen meinen Glückwunsch darüber ab) -nicht in Gesellschaft gekommen.«</p> - -<p>»Nun also,« sagte ich erleichtert, »da -werden wohl die Schnurrbärte in gebührender -Entfernung geblieben sein.«</p> - -<p>»Du bestimmtest ja, dass lauter Fachlehrer -Pepi's Unterricht vollenden sollten, – -Du hattest Dir ja alle Gouvernantenweisheit -verbeten,« sagte die Tante, die in ihrer -Jugend Erzieherin gewesen sein muss, -erbost, »nun, die Folgen konnte jeder vernünftige -Mensch voraussehen.« Ich dankte -mit einer Verbeugung für das in ihrer -Rede verhüllte Compliment.</p> - -<p>»Das Kind hat ohnehin das Menschenmögliche -geleistet. Dem Zeichenlehrer -und dem deutschen Professor versicherte -sie, ohne Einwilligung ihres Vormunds und -Wohlthäters werde sie sich nie vermählen.«</p> - -<p>»Sehr vernünftig«, warf ich ein; meine -gute Laune begann zurückzukehren.</p> - -<p>»Aber, mein lieber Neffe, man darf nicht -Unmögliches fordern. Wenn der interessanteste, -<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a> -junge Musiker der Stadt, für den -alle Mädchen schwärmen, mir seine Liebe -gewidmet hätte, ich weiss nicht, ob ich -kalt geblieben wäre.«</p> - -<p>Ich konnte ein stilles Bedauern nicht -unterdrücken, dass er nicht sie auf die -Probe gestellt.</p> - -<p>In diesem Augenblick öffnete Pepi die -Thür und kam mit glückseligem Gesicht -auf mich zu. Plötzlich blieb sie, erröthend, -in höchster Verwirrung stehen. Der Kleinen -hatte ich vermuthlich als gesetzter, ältlicher -Herr vorgeschwebt, das erwachsene Fräulein -aber sah, dass ich mit meinen 37 Jahren -mir es noch entschieden verbitten durfte, -mit Methusalem in einem Athem genannt -zu werden, und statt mir in die Arme zu -fliegen, wie sie ohne Zweifel beabsichtigt, -reichte sie mir nur die Hand zum Willkommen. -Aber sie fasste sich bald, setzte -sich neben mich auf das Sofa und plauderte.</p> - -<p>Wovon wir sprachen? ich könnte kein -Wort davon wiederholen. Ich weiss nur, -dass der Nachmittag, der Abend wie im -<a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a> -Fluge verstrichen, und dass wir beide, als -die altmodische Stutzuhr zehn schlug, -ganz erschrocken auffuhren. Meine gute -Mutter zeigte ein wenig Unzufriedenheit, -weil ich sie vernachlässigte. Aber leider -gab ich ihr fortan noch manchen Anlass -zur Beschwerde, denn sobald ich vom -Hause abkommen konnte, eilte ich zu -Pepi. Vergebens hielt ich mir die Thorheit -vor, mein Herz an ein Mädchen zu -hängen, das einen Andern liebte, meine -Leidenschaft wuchs mit jedem Tage. Noch -hatte ich den interessanten Musiker nicht -gesehen. Die Tante theilte mir mit, er -sei auf einer Concertreise begriffen. Nach -seiner Rückkehr sollte ohne Zweifel die -Verlobung gefeiert und der Herr Vormund -und Pflegevater zu dem schönen Fest -gebührenderweise eingeladen werden. Pepi -erwähnte seiner nie, wiewohl sie mir sonst -mit kindlicher Offenheit über Alles, was -ihr Leben betraf, Aufschluss gab. Wie -wünschte ich von ganzem Herzen, der -junge Mann möge mir dergestalt missfallen, -<a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a> -dass ich als gewissenhafter Vormund -mein Veto gegen ihre Verbindung -mit ihm einlegen müsste. Aber nein, als -er sich mir endlich vorstellte, fand ich -nichts besonders Tadelnswerthes an ihm. -Vielleicht war der hübsche Junge ein -wenig eitel, aber das war dem »interessanten -Musiker, für den alle Mädchen -schwärmten«, nicht allzu schwer anzurechnen, -vielleicht zeigte er hie und da -eine leise Anlage, das Leben leicht zu -nehmen, die seine Gattin mit einer Wiederholung -des Looses bedrohen mochte, wie -es ihrer Mutter zu Theil geworden; aber -seinem Charakter wurde das beste Zeugniss -ausgestellt; auf Ahnungen und Besorgnisse -hin, die vielleicht nur meinen -eigensüchtigen Wünschen ihr Entstehen -verdankten, konnte ich ihn nicht abweisen.</p> - -<p>Ich wollte mein Opfer nicht halb bringen. -Mit einer Miene, die, wie ich hoffte, -Josephinen nicht allzudeutlich verrieth, -was es mich kostete, sagte ich ihr, dass -Fritz Hillmann bei mir um sie geworben -<a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a> -habe. Sie wurde blass. »Wenn Sie es -wünschen, Vormund, wenn Sie es für gut -halten,« stammelte sie. Da konnte ich mich -nicht zurückhalten.</p> - -<p>»Ich es wünschen, ich, dem der einzige -Preis, den ich vom Leben ersehnte, entrissen -wird! Nein, Pepi, wenn ich meine -Einwilligung zu Deiner Verbindung mit -einem Andern gebe, so geschieht es unter -hoffnungslosen Schmerzen, in dem Bewusstsein, -dass ich damit das Siegel auf ein -einsames, unerquickliches Leben drücke. -Es ist eigensüchtig, dass ich es Dir sage, -ich weiss es, ich hätte mein Opfer -schweigend bringen sollen; aber, Pepi, ich -bin kein Held, der seine Wunden stumm -verbirgt.«</p> - -<p>Ihr wunderschönes Gesicht leuchtete -von Glück. Sie trat auf mich zu und sprach:</p> - -<p>»Ich hatte mich selbst nicht gekannt; -erst seit Du kamst, weiss ich, dass ich nur -einen Mann lieben kann, Dich, Paul.«</p> - -<p>Ich zog nicht allein über das Meer.</p> - -<hr class="mb4" /> - - - - -<h2 class="fsxl mt0 mb0"><a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a> -Novellen.</h2> - - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr> - <td class="tdc" colspan="4"><span class="fs125"><i>Gesammelte Schriften von Heinr. Seidel.</i></span><br /> - <span class="fss">à Band M. 3.–– brosch., M. 4.–– geb. mit Goldschn.</span></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Bd.</td> - <td class="tdr1">I.</td> - <td class="tdl" colspan="2"><b>Leberecht Hühnchen, Jorinde und andere Geschichten.</b> 6. Tausend.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Bd.</td> - <td class="tdr1">II.</td> - <td class="tdl" colspan="2"><b>Vorstadtgeschichten.</b> 6. Tausend.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Bd.</td> - <td class="tdr1">III.</td> - <td class="tdl" colspan="2"><b>Neues von Leberecht Hühnchen und anderen Sonderlingen.</b> 5. Taus.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Bd.</td> - <td class="tdr1">IV.</td> - <td class="tdl" colspan="2"><b>Geschichten und Skizzen aus der Heimat.</b> Der II. Aufl. 3. Tausend.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Bd.</td> - <td class="tdr1">V.</td> - <td class="tdl" colspan="2"><b>Die goldene Zeit.</b> 3. Tausend.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Bd.</td> - <td class="tdr1">VI.</td> - <td class="tdl" colspan="2"><b>Ein Skizzenbuch.</b> 3. Tausend.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Bd.</td> - <td class="tdr1">VIII.</td> - <td class="tdl" colspan="2"><b>Leberecht Hühnchen als Grossvater.</b> 3. Tausend.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Bd.</td> - <td class="tdr1">XI.</td> - <td class="tdl"><b>Sonderbare Geschichten.</b></td> - <td> </td> - </tr> - - <tr><td class="tdc" colspan="4">———</td></tr> - - <tr> - <td class="tdc" colspan="4"><span class="fs125"><i>Maximilian Schmidt Gesammelte Werke.</i></span><br /> - <span class="fss">11 Bde. à Band M. 3.–– brosch., M. 3.50 geb.</span></td> - </tr> - - <tr><td class="tdc" colspan="4">———</td></tr> - - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Am Küstensaum.</b> Nov. v. <b>Th. Justus</b>.</td> - <td class="tdr2">M. 5.––.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Aus vergangnen Tagen.</b> Novellen von <b>Th. Justus</b>.</td> - <td class="tdr2">M. 4.––.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Feldspath.</b> Drei Erzählungen aus Hessen von <b>E. Mentzel</b>.</td> - <td class="tdr2">M. 3.––.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Der heilige Amor.</b> Nov. v. <b>J. Proelss</b>.</td> - <td class="tdr2">M. 2.––.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Ut Sloss un Kathen.</b> Erzähl. in niederd. Mundart von <b>F. Stillfried</b>.</td> - <td class="tdr2">M. 3.––.</td> - </tr> - - <tr><td class="tdc" colspan="4">———</td></tr> - - <tr> - <td class="tdc" colspan="4"><span class="fs125"><i>Von H. Grasberger.</i></span></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Aus der ewigen Stadt.</b> Röm. Nov.</td> - <td class="tdr2">M. 6.––.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Allerlei Deutsames.</b> Bilder u. Gesch.</td> - <td class="tdr2">M. 4.––.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Auf heimatlichem Boden.</b> Erzähl.</td> - <td class="tdr2">M. 6.––.</td> - </tr> - - <tr><td class="tdc" colspan="4">———</td></tr> - - <tr> - <td class="tdc" colspan="4"><span class="fs125"><i>Von R. Baumbach.</i></span></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Es war einmal.</b> 9. Tausend.</td> - <td class="tdr2">M. 2.80.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Erzählungen u. Märchen.</b> 8. Taus.</td> - <td class="tdr2">M. 2.––.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Sommermärchen.</b> 19. Tausend.</td> - <td class="tdr2">M. 3.––.</td> - </tr> - - <tr><td class="tdc" colspan="4">———</td></tr> - - <tr> - <td class="tdl" colspan="3"><b>Liebesmärchen</b> von E. Ertl.</td> - <td class="tdr2">M. 4.––.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl fss" colspan="4"> (mit 71 Photogravüren und 22 Heliotypien.)</td> - </tr> -</table> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<div class="mw36"> -<p class="ci">Das Originalbuch ist in Antiqua gesetzt.</p> - -<p class="ci">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Kursiv</i>, <b>fett</b>.</p> - -<p class="ci">Im Originalbuch tragen die Kapitel und das Inhaltsverzeichnis jeweils -zu Beginn und Ende einfachen floralen Schmuck, auf den in dieser -Transkription verzichtet wurde.</p> - -<p class="ci">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_018">18</a>:<br /> -im Original "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium."<br /> -geändert in "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.«"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_055">55</a>:<br /> -im Original "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm"<br /> -geändert in "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm,"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br /> -im Original "dich wie ein ein vom Dach fallender Sperling"<br /> -geändert in "dich wie ein vom Dach fallender Sperling"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br /> -im Original "etwas mittelalterlich troubadourmässiges« dozierte"<br /> -geändert in "etwas mittelalterlich troubadourmässiges,« dozierte"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_063">63</a>:<br /> -im Original "bis unter die Haarwurzeln eröthen machte"<br /> -geändert in "bis unter die Haarwurzeln erröthen machte"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br /> -im Original "vielversprechenden Sohn der Vatertadt"<br /> -geändert in "vielversprechenden Sohn der Vaterstadt"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_080">80</a>:<br /> -im Original "sich dunkle Röte über ihr Gesicht ergoss"<br /> -geändert in "sich dunkle Röthe über ihr Gesicht ergoss"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_186">186</a>:<br /> -im Original "»Ausreisser«! ruft dieser ihm zu"<br /> -geändert in "»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_205">205</a>:<br /> -im Original "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd"<br /> -geändert in "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd."</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_235">235</a>:<br /> -im Original "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivos"<br /> -geändert in "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivo's"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_238">238</a>:<br /> -im Original "Beiden schiens, als sei ihnen etwas"<br /> -geändert in "Beiden schien's, als sei ihnen etwas"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_286">286</a>:<br /> -im Original "Mein Mütterchen erchien förmlich verjüngt"<br /> -geändert in "Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_288">288</a>:<br /> -im Original "Er ahnte nichst davon"<br /> -geändert in "Er ahnte nichts davon"</p> -</div> - -<hr /> - -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. 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