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-The Project Gutenberg eBook of Anspruchslose Geschichten, by Pauline Hann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Anspruchslose Geschichten
-
-Author: Pauline Hann
-
-Release Date: October 17, 2021 [eBook #66553]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This book was produced from images made
- available by the Universitätsbibliothek Leipzig.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN ***
-
-
-
-
- ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN
-
- VON
-
- P. HANN
-
- [Illustration]
-
- LEIPZIG 1891
-
- A. G. LIEBESKIND.
-
-
- Druck von W. Drugulin in Leipzig.
-
-
-
-
-INHALT.
-
-
- Seite.
-
- Sein bedeutender Freund 1
-
- Kein Schwan 29
-
- Ein Aprilscherz 51
-
- Beim Ehestiften 87
-
- Im Herbst 113
-
- Brennende Liebe 145
-
- Ein Unglücksmensch 169
-
- Unkraut am Wege 189
-
- Herbstblätter 211
-
- Schwiegermütterchen 255
-
- Das Pflegetöchterchen 281
-
-
-
-
-SEIN BEDEUTENDER FREUND.
-
-
-Wie Alles auf dieser mangelhaften Welt, hat ein bedeutender Freund eine
-Licht- und eine Schattenseite; aber Rudolf Müller sollte von rechtswegen
-heute bloss die erstere anerkennen: Aus der Ferne schallt abgedämpfter
-Walzerklang, das Rascheln und Knistern seidener Ballkleider herüber, --
-und er tanzt nicht. Im Nebenzimmer rufen begeisterte Skatbrüder ihr Grand
-Solo mit Matadoren aus, -- und er kann eine Karte von der anderen
-kaum unterscheiden. Die grosse Gesellschaft, in die er, Dank seiner
-Verwandtschaft mit der Hausfrau, gerieth, würde ihm die unverfälschtesten
-Tantalusqualen bereiten, wenn er seinen bedeutenden Freund nicht hätte.
-Diesem allein, und nicht etwa den eigenen bestechenden Eigenschaften, --
-Niemand sollte das besser wissen als Rudolf Müller selbst, -- verdankt er
-es, dass er mit der schönsten, liebenswürdigsten Dame der Gesellschaft,
--- nein, der Welt! -- in einem Glaskasten plaudern darf, der auf den
-stolzen Titel Wintergarten Anspruch erhebt und mit Palmen, Gummibäumen
-und blühenden Azaleen so vollgestopft ist, dass ausser dem Bänkchen,
-auf welchem Else Friedjung sitzt, und einer Handbreit Raum, auf welcher er
-steht, kein Platz für etwaige Eindringlinge wäre. Seit dreiviertel Jahren
-betet er die junge Dame an, aber leider aus gemessener Entfernung, denn
-für einen mit dem Laster der Bescheidenheit behafteten Menschen giebt es
-keine Möglichkeit, sich durch die dreifache Reihe von schwarzen Fräcken
-durchzuwinden, die beständig das schöne, lebhafte Millionärskind
-umschliesst, wie die Midgardsschlange die Weltesche. Aber vor etwa einer
-halben Stunde hat ihm seine Cousine zugeraunt:
-
-»Else Friedjung wünscht, Dich kennen zu lernen, Du Glückspilz, versteht
-Du, sie wünscht es.«
-
-Ob er versteht! Wenn er sich noch nicht die Karte »ami de Beethoven«
-drucken liess, so liegt dies bloss daran, dass er noch ein Weilchen warten
-will, bis ausser dem niedlichen Einacter, der vor etwa vierzehn Tagen im
-Hoftheater aufgeführt wurde, auch noch die anderen unsterblichen Werke
-erschienen sind, mit welchen sein bedeutender Freund heute oder morgen, bis
-er in der richtigen Stimmung dazu ist, die Welt aus den Angeln heben und
-sämmtliche Classiker, Romantiker und moderne Theaterdichter in das Nichts
-zurückschleudern wird.
-
-Das schöne Mädchen wies ihm auf der eng beschriebenen Tanzkarte eine
-leere Stelle. »Ich habe den Walzer für Sie aufgespart, Herr Müller«,
-sagte sie liebenswürdig.
-
-Er ballte die Faust, -- in Gedanken natürlich, -- gegen den Tanzmeister,
-der ihn als hoffnungslosen Fall aufgegeben; aber Elsen Friedjung stand der
-Sinn nicht nach Tanzen. In all ihrer Anmuth, die dem armen Jungen den Kopf
-vollständig verdreht hat, erhob sie sich, legte die Hand auf seinen
-Arm und liess sich von ihm in die Tropenlandschaft führen. Selbst das
-tugendhafteste Mauerblümchen entdeckte nichts Ungehöriges darin; ein
-heimliches Zwiegespräch mit Rudolf Müller gehört zu den Dingen, die Jede
-begreift und Jede entschuldigt. Es ist nicht die geringste Gefahr dabei;
-nicht dass er etwa abschreckend hässlich, oder unerlaubt dumm wäre, oder
-auf dem grossen Theater eine allzu verächtliche Lampenputzerrolle
-spielte, -- verständige Papas unverständiger Töchter schätzen ihn als
-tüchtigen, aufstrebenden Kaufmann, -- aber sein bedeutender Freund, der
-einen Schatten wie der Kölner Dom wirft, lässt ihn pygmäenhaft klein, ja
-zu Zeiten mit freiem Auge gar nicht wahrnehmbar erscheinen.
-
-Else Friedjung liess die Stäbe ihres Fächers durch die Finger gleiten und
-heftete die Augen auf dieses Spiel.
-
-»Ich höre, Sie sind mit Doctor Engelbert Holstein näher befreundet«,
-fing sie in leichter Verlegenheit an.
-
-Rudolf knickte innerlich zusammen. Die leise Hoffnung, die ihn trotz aller
-Erfahrungen umschmeichelt, liess ihre Flügel kläglich hängen und er
-bereitete sich für die Antworten vor, die er, zum beliebigem Gebrauch bei
-jedem Tête-à-tête auswendig gelernt:
-
-»Wir wohnen beisammen.« (Und eine recht vernünftige Theilung der Arbeit
-besorgen sie dabei, der Bedeutende bestrahlt mit seinem Ruhm das elegante
-Junggesellenheim nahe dem Thiergarten, und Rudolf Müller bezahlt es; doch
-diese intimen Details gehören nicht hierher.) »Er wird kommenden November
-24 Jahre alt.«
-
-»Sein Geburtstag fällt sechs Tage später als der Schiller's« (Die
-gestickten Schreibmappen, Federwischer, Cigarrentaschen, die diese
-Enthüllung in die Welt gesetzt, lassen sich kaum zählen.) »Er ist
-vollständig unverheirathet.«
-
-Dann eine Verbeugung, und der junge Mann weiss, dass er aus den Gedanken
-seiner schönen Nachbarin fortgewischt ist, wie eine Null mit dem Schwamm
-von einer Rechentafel.
-
-Aber Else Friedjung ist ein geistreiches Mädchen; sie bringt doch
-wenigstens einige Abwechselung in das grausame Spiel.
-
-»Doctor Holsteins Name auf dem Theaterzettel rief mir eine Begebenheit,
-einen kleinen Roman, eigentlich nur den Anfang eines solchen, in's
-Gedächtniss zurück. -- Meine Freundin, -- meine beste Freundin erlebte
-ihn vor einem Menschenalter, es sind gewiss sieben Jahre her.« Rudolf
-richtete sich erwartungsvoll auf.
-
-»Ich kann mit einigen Aenderungen die Eingangszeilen unseres besten
-deutschen Romans wiederholen: Westerode ist eine Stadt mit etlichen tausend
-Einwohnern, einem Gymnasium -- und einer Heilquelle. Die etlichen Einwohner
-und das Gymnasium besitzt sie schon seit längerer Zeit, die Heilquelle
-wurde erst vor einem Jahrzehnt entdeckt.« Sie unterbrach sich, denn er
-machte eine Bewegung.
-
-»Sie sprechen von meiner Vaterstadt,« sagte er, »ich bitte mit
-aufgehobenen Händen, verfahren Sie glimpflich mit ihrem Curort-Ehrgeiz.«
-
-»Ihre Vaterstadt? Dann ist die Freundschaft zwischen Ihnen und dem Doctor
-wohl schon auf den Schulbänken geschlossen worden?«
-
-Rudolf verbeugte sich bestätigend. Immer sein bedeutender Freund! Er ist
-ihm so anhänglich wie -- er weiss selber keinen passenderen Vergleich
--- wie ein treuer, oft geprügelter Pudel, aber selbst ein solcher
-kennt Augenblicke, in welchen sein Herz ins Spiel kommt und er bei dem
-weissgelockten Gegenstand seiner Neigung etwas für sich selber vorstellen
-möchte.
-
-»Ich habe Sie von Ihrer Erzählung durch meinen unzeitigen Einwurf
-abgelenkt,« murmelte er.
-
-»O, ganz recht. Die Heilquelle trotzte zwar bisher standhaft jedem
-Analysirungsversuch, -- so viel darf ich doch sagen, ohne ihr heimathliches
-Weltbad zu beleidigen? -- dennoch wirkte sie Wunder in Reclamen und
-ärztlichen Anpreisungen. Meine Freundin, damals ein Backfisch mit
-etwas blässlichen Wangen, sollte, begleitet von einer ältlichen,
-unverheiratheten und etwas verschrobenen Erzieherin, das Wunderwasser
-trinken.«
-
-Ihr Zuhörer sah auf, als schiesse ihm eine Erinnerung -- aber keine
-sonderlich freudige -- durch den Sinn.
-
-»Es schmeckte abscheulich. So oft es unbemerkt geschehen konnte, goss
-sie es aus. Dessenungeachtet wirkte die Cur. Entweder war die Quelle so
-heilkräftig, dass man schon durch die Betrachtung des Geländers, das sie
-umgab, Farbe und Rundung der Wangen bekam, oder waren es die prächtigen
-Buchenwälder, die förmlich zum Thore der Stadt hereinwuchsen. Meine
-Freundin mochte das Letztere glauben und lief den grössten Theil des Tages
-auf den weltbadmässig gebahnten, mit Bänken besäeten Waldpfaden herum.
-Es war eine so schöne Abwechselung nach der vielstündigen Marter vor
-dem Piano und den Schulbüchern, die bisher ihre Tage ausgefüllt. Niemand
-störte sie; es stand ihr frei, sich als unumschränkte Besitzerin all'
-der Herrlichkeit zu betrachten, die, steil aufsteigend, das Städtchen
-umschliesst. Das übrige Curpublikum sammt der Ureinwohnerschaft steckte
-träge in Hausgärten oder auf Veranden, ihre Gouvernante im verdunkelten
-Zimmer, denn die gute Antoniette besass eine Leidenschaft, mit welcher
-ihre Pflichttreue einen aussichtslosen Kampf führte, sie dehnte ihr
-Mittagsschläfchen bis zum Abend aus, wenn Niemand sie weckte; und meiner
-Freundin war der Schlaf heiliger als Macbeth. Dreist erstreckte sie in
-drückender Nachmittagshitze ihre Spaziergänge immer tiefer in den Wald
-hinein. Da begegnete ihr einmal das Verhängniss in Gestalt eines jungen,
-hübschen Menschen mit flatternden Locken und blitzenden Augen. Er sass auf
-einer Bank, ein Notizbuch auf den Knieen, die Rechte schrieb eifrig, die
-Linke scandirte auf der Holzlehne. Bei dem plötzlichen Auftauchen meiner
-Freundin fuhr er in die Höhe, starrte sie an und lief spornstreichs den
-Berg hinab. Sie folgte ihm mit den Blicken. Wie er, musste, ihrer Ansicht
-nach, der junge Goethe in Frankfurt ausgesehen haben, nur blieb es freilich
-fraglich, ob er auch die scharlachrothe Burschenmütze sorgfältig mit
-einem schwarzen Ueberzug bedeckt hätte, bevor er in die Strassen der Stadt
-einbog, wie es der junge Mann that.«
-
-»Unser Director,« warf ihr Zuhörer erklärend ein, »verfolgte das
-Burschenspielen im Gymnasium mit draconischer Strenge. Und Engelbert musste
-sich besonders hüten, dass Missfallen unseres Schulmonarchen zu erregen.«
-
-»Meine Freundin traf ihn nun fast täglich im Walde, aber ihr
-fünfzehnjähriges Gewissen bohrte und nagte. Sie weckte Fräulein
-Antoniette am hellen Nachmittage. Die gute Seele schleppte sich keuchend
-die Waldhügel hinauf, bis zur ersten Bank, von welcher man gerade auf den
-Marktplatz hinuntersah. Dann empfahl sie ihren Geist dem Herrn, sank auf
-den Hochsitz und entschlief. Meine Freundin las im »Ekkehard«. Da, als
-sie zufällig aufblickt, steht, kaum zwanzig Schritte von ihr entfernt, ihr
-junger Goethe im vollen Glanz der unbezogenen Burschenkappe, einen
-Strauss poetischer Waldblümelein in den Händen und einen gewissen
-Was-frage-ich-um-die-Welt-Ausdruck im Gesicht, der ihr anzeigte, dass
-es heute mit gegenseitigem Anstarren, Rothwerden und Grüssen nicht sein
-Bewenden haben werde. Statt ihre regelmässig und laut athmende Begleiterin
--- ruchlose Menschen hätten behauptet, sie schnarche -- zu wecken, that
-sie das Unvernünftigste, was sie begehen konnte, sie lief davon. In
-einigen Secunden hatte er sie eingeholt, ihr die Blumen überreicht
-und einen Strom sehr lauter, aber dennoch unverständlicher Bitten und
-Beschwörungen über sie ergossen. Bei ruhiger Rückerinnerung würdigt
-dies meine Freundin als den Ausfluss grünster Jugendlichkeit, damals
-jedoch erschien es ihr hochbedeutsam, erschütternd, sie bis zu den
-Regionen der langen Kleider und vollbeschriebenen Tanzkarten emportragend.
-Er drückte ihre Hände, dass sich die Stengel des Strausses ihren
-Handflächen einpressten und sie eher ein schmerzliches, denn ein
-beseligtes Gesicht zog. Plötzlich stürzte Antoniette, zum Bewusstsein und
-zu ihrer Verantwortlichkeit erweckt, herbei, riss das unflügge Nestkücken
-aus dem Griff des Falken, und wenn Worte und Blicke die Wirkung der Blitze
-hätten, so wäre er ohne Zweifel todt zu Boden gestreckt worden. In den
-Augen des alten Fräuleins schwoll die Kinderei zu einem ungeheuren Frevel,
-zu einem Vergehen gegen die Moral an; sie drohte mit Gericht und Polizei.
-Aber lag es an ihrem fragwürdigen Deutsch oder an den von Schlaf und
-Bestürzung übermässig gerötheten Zügen und den rollenden Augen, --
-ihr Zögling biss sich krampfhaft auf die Lippen, der junge Goethe, weniger
-vorsichtig, lachte ihr helllaut in's Gesicht, wodurch sich ihr Grimm
-selbstverständlich nicht verringerte. Nach einem Blick auf das junge
-Mädchen, der einen ganzen Band lyrischer Gedichte ersetzte, drehte er sich
-um und ging. Die Nachblickenden sahen ihn im Hause des Kaufmanns auf
-dem Markte verschwinden. Es war ihre letzte persönliche Begegnung, denn
-Fräulein Antoinette bewachte ihren Schützling wie ein geschwänzter
-Schatzhüter der Sage. Nur ein glühendes Gedicht von ansehnlicher
-Ausdehnung, Engelbert Holstein unterzeichnet, gelangte durch einen
-Liebesboten, dessen Hauptkennzeichen Wasserscheu, durchstossene Ellbogen
-und vorwitzig in die Sonne hinausguckende Zehen waren, in die Hände meiner
-Freundin. Sie verwahrte es sorgfältig, Fräulein Antoinette hat nie etwas
-davon erfahren. Kaum eine Woche später verliessen sie das Weltbad. -- Sie
-können sich vorstellen, wie überrascht und stolz meine Freundin war,
-als ihr jugendlicher Bewunderer sich plötzlich als Mann von Bedeutung
-entpuppte, von dem alle Welt spricht, dem man eine glänzende Zukunft
-vorhersagt.«
-
-Das Gesicht des jungen Mannes trug einen sonderbaren Ausdruck.
-
-»Wollen Sie mir erlauben, Ihrer rührenden Historie einen ganz
-unerwarteten Schluss anzufügen?« fragte er lachend, »Ueberraschungen
-sollen zwar den Werth eines literarischen Kunstwerkes nicht erhöhen, aber
--- arme Leute kochen mit Wasser.«
-
-Else Friedjung blickte ihn verwundert an.
-
-»Fräulein Antoinette klagte die erlittene Insulte der Badeverwaltung, den
-städtischen Behörden, dem Schulmonarchen und der Himmel weiss wem noch.
-Sie hatte den Frevler im Kaufmannshaus verschwinden gesehen. Hier hebt das
-tragische Verhängniss an, das Factum, das dem griechischen Trauerspiel zu
-so hoher Wirkung verhalf und vom modernen Fürwitz sammt den Göttern
-aus der Flugmaschine in die dramatische Rumpelkammer verwiesen wird: das
-Kaufmannshaus beherbergte ständig nur einen Gymnasiasten mit je nach
-den Verhältnissen scharlachfarbener oder schwarzbezogener Mütze.
-Freund Engelbert stellte sich nur strichweise ein; an jenem denkwürdigen
-Nachmittage kam er, um mir etwas Immenses von seiner Leidenschaft, von
-Drachen und lieblichen Waldfräulein zu berichten. Ich lauschte mit
-offenem Munde, nicht ahnend, was die Götter über mein schuldloses Haupt
-verhängt: Ein gewaltiger Aufruhr erhob sich. Ich hatte nicht nur den
-untadelhaften Ruf unseres Gymnasiums durch eine sittenlose Ausschreitung
-befleckt, ich schädigte auch den aufstrebenden Curort, wie der Mehlthau
-die grünen Bäume. »Wenn junge Galgenvögel die Curgäste im Walde
-straflos überfallen dürfen -- denn bis zum Überfall war man, Dank
-Fräulein Antoinettens Beleuchtung des Ereignisses, gediehen, -- dann
-werden sie der Heilquelle den Rücken kehren, und Westerode bleibt bis an's
-Ende aller Dinge eine Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.«
-Als die Wogen sich legten, fand ich mich auf den Strand geworfen: Unter
-einem beträchtlichen Aufwand von Jüngsten-Gerichtposaunen war ich aus dem
-Gymnasium gestossen worden, damit nahm meine etwaige gelehrte Laufbahn ein
-vorzeitiges Ende. Wenn Sie ahnten, mein Fräulein, was für ein grosser
-Mann in der Knospe geknickt ward! Meine Mutter behauptete es, und sie
-musste es wissen, denn Niemand kannte mich genauer als sie. Ich erzeugte
-in meiner Dachkammer Schwefelwasserstoff und ähnliche Parfüms in einem
-Alter, wo andere Knaben einander die Stirnen voll Beulen schlagen. Wehe
-Liebig! prophezeite meine Mutter. Ich verwendete den Spiritus aus ihrem
-Schnellsieder und ihre Einmachgläser für alle Arten von Reptilien,
-fing Schmetterlinge, lief in der ärgsten Sonnenhitze mit einer grünen
-Blechbüchse herum, um Pflanzen mit Wurzeln und Erdreich auszureissen;
-nur Uebelwollende konnten leugnen, dass in mir die Keime zum Naturforscher
-lagen. Ich sammelte rostige Messer, grünspanbezogene Kupfermünzen, auf
-meiner Dachkammer fand eine zerschlagene Ofenfigur, der unvermeidliche
-Knabe mit dem Muschelkorbe, einen geehrten Platz, der künftige Archäologe
-war fertig. Und als ich in wilder Knabenzeit die Ruchlosigkeit beging,
-einer Katze den Schwanz abzuschneiden, erklärte meine Mutter, dies sei die
-liebste Beschäftigung aller grossen Chirurgen in ihrer Kindheit gewesen.
-Und nun sollte ich, ein so vielerlei versprechender Jüngling, lange
-Zahlenreihen addiren und meines Vaters Kunden Schnupftabak und Rosinen
-verkaufen. Es war herzbrechend.«
-
-Das wohlwollend-überlegene Lächeln, mit dem Else gleich allen jungen
-Damen seiner Bekanntschaft ihm gegenübergesessen, war schon seit einer
-Weile von ihren Lippen gewichen. Sie blickte ihn an, als hätte ein
-geschickter Taschenspieler die dunkle, unscheinbare Gestalt verschwinden
-lassen und an ihrer Statt einen anderen Rudolf Müller in bengalischer
-Beleuchtung, mit ganz ungeahnten Tugenden und Vorzügen ausgerüstet, auf
-die Handbreit Raum zwischen Palmen und Azaleen hingestellt.
-
-»Und wo blieb Ihr Freund?« fragte sie mit zusammengezogenen Brauen,
-eine rothe Zornwelle im reizenden Gesicht. »Wie konnte er Sie, den
-Unschuldigen, die Last tragen lassen! Es ist abscheulich! Ich hatte eine
-hohe Meinung von ihm, aber jetzt verachte ich ihn. Sobald ich nach Hause
-komme, verbrenne ich sein Gedicht!«
-
-Rudolf blickte sie betreten an. Auf diese Wendung war er nicht gefasst
-gewesen. Dass man an einen bedeutenden Menschen denselben Massstab legen
-könnte, wie an gewöhnliche Muttersöhne, war ihm nicht eingefallen.
-»Judas Ischarioth!« flüsterte er sich zu. »Verurtheilen Sie ihn
-nicht!« bat er und setzte sich in seiner Rathlosigkeit zu ihr auf das
-Bänkchen, das wirklich nur für zwei schlanke Menschen Raum bot. »Seine
-Laufbahn stand auf dem Spiel, und bei ihm handelte es sich um mehr, als
-bei solch einem Dutzendmenschen, wie ich bin. An seinen Schöpfungen werden
-sich noch Tausende erfreuen, wenn von mir längst keine Spur mehr vorhanden
-sein wird.«
-
-»Ich glaube nicht mehr an seine Zukunft,« versetzte Else mit der Energie
-einer bekehrten Heidin, die soeben ihren Thongötzen in Stücke zerschlagen
-hat, »ein charakterloser, schwacher Mann wird nie ein grosser Mann. Auch
-ist mir unverständlich, wie die Ungnade einer kleinen Stadt und selbst
-die Ausschliessung aus ihrer Schule seine Laufbahn zu zerstören vermocht
-hätte.«
-
-»Wenn Sie sein Gemüth, das jede Widerwärtigkeit niederdrückt, und seine
-Verhältnisse kennten, dann würden Sie begreifen, dass es sich wirklich
-um seine Zukunft handelte,« erwiderte Rudolf, Angstschweiss auf der Stirn.
-»Weitläufige Verwandte hatten murrend und widerwillig die Schnüre ihres
-Beutels geöffnet, um ihn studieren zu lassen. Der Skandal, der seine
-Ausschliessung begleitet hätte, wäre ihnen ein willkommener Anlass
-gewesen, ihm ihre Unterstützung zu entziehen. Mit dieser schlossen sich
-vor ihm die Thore der Universität, die Grundlagen wissenschaftlicher
-Schulung, ohne welche sein Schaffen dilettantisch bleiben musste.«
-
-Aber Else, statt sich zu der Höhe seiner Auffassung aufzuschwingen, hielt
-eigensinnig an ihrer Meinung fest.
-
-»Selbstsüchtig Ihre Zukunftspläne zu zerstören, o, es war feige, es war
-schlecht!«
-
-»Mein theueres Fräulein,« rief der junge Mann und rückte so nahe an sie
-heran, dass die Blattpflanzen, die sich als spanische Wand zwischen ihnen
-und dem Nebenzimmer erhoben, als Segen der Vorsehung erschienen. »Sie
-fassen die Geschichte viel zu tragisch auf. Das Unglück für Menschheit,
-Vaterland und mich selber ist wahrlich zu ertragen, wenn statt eines
-mässig begabten Doctors ein an Erfolgen nicht ganz armer Kaufmann in der
-Welt herumläuft.«
-
-»Davon spreche ich nicht. Glauben Sie etwa, dass ich Ihren Beruf gering
-schätze?« vertheidigte sich Else eifrig, »mein Papa war auch Kaufmann
-und lehrte mich, seinen Stand hochhalten. Vielleicht schlug Antoinettens
-Bosheit -- ich werde ihr nächstens meine Meinung sagen! -- Ihnen sogar zum
-Glück aus; aber das entschuldigt ihren Freund nicht. Sie müssen in ihrem
-heimathlichen Neste -- verzeihen Sie, im Weltbad Westerode -- wie der
-verlorene Sohn angesehen worden sein.«
-
-»Was schadete mir das? Ich hörte Predigten von unerlaubter Länge, sah
-wolkenverhängte Gesichter, bekam etliche Wochen Zimmerarrest; es hat mir,
-wie Sie sehen, den Humor nicht verdorben.«
-
-»Es war im Sommer, und der Wald so nahe,« sagte Else bedauernd.
-
-»Vergessen Sie nicht, dass auf meine Dachstube erhabene Gefühle zu Besuch
-kamen: Ich schützte meinen Freund, siehe die Bürgschaft; ich erlitt
-unverschuldetes Uebel, siehe die christlichen Märtyrer; ich fiel als Opfer
-für das Gedeihen meiner Vaterstadt, ein -- allerdings etwas passiver --
-Curtius. -- Ihr Antheil ist mir unendlich werthvoll, werthvoller als Sie
-denken, doch nein, Sie wissen ohne Zweifel, dass Sie mir die Verkörperung
-alles Schönen, Liebenswürdigen, Begehrenswerthen sind -- allen Mädchen
-sagt es ihr Seherblick, wenn sie sich ein Männerherz unterjochten --,
-aber so glücklich mich Ihre Theilnahme auch macht, meine kleinen Leiden
-von damals verdienen sie nicht.« Er stockte; mit leiser Stimme hub er
-wieder an. »Der Gedanke, dass ich das Herrlichste, was mir das Leben
-gewähren könnte, Ihre Freundschaft, dem Ausnützen einer von mir selbst
-geschaffenen Gelegenheit, einer Indiscretion verdanken sollte, wäre mir
-unerträglich.«
-
-Sie sah ihn mit seltsam schimmernden Augen an.
-
-»Es ist zwar gegen alle Lehren Antoinettens, aber zuweilen überfällt
-mich ein förmlich krankhafter Drang, die Wahrheit herauszusagen und so
-mögen Sie denn nur wissen« -- sie erhob sich schnell, der Walzer
-war längst zu Ende, ihre Tänzer traten suchend in die Thüre des
-Spielzimmers. Zurückgewendet sprach sie hastig, über und über
-erglühend, »mir ist es nicht viel anders gegangen als dem glücklichen
-Sohne des Kiss, ich bin ausgezogen, um Kunde von einem _bedeutenden_ Mann
-zu hören, und fand einen _echten_ Mann. Ich bin ein Sonntagskind, wissen
-Sie das?«
-
-Damit war sie entschlüpft; er blickte ihr nach und machte das närrisch
-beseligte Gesicht, das jeder Sterbliche nur einmal im Leben zieht.
-
-Das Zwiegespräch unter Palmen hatte selbst für ein Tête-à-tête mit
-dem Freunde eines bedeutenden Mannes zu lange gedauert, um nicht Anlass
-zu verschiedenartigen Randbemerkungen über den Fächer hinüber zu geben.
-Aber die Gesellschaft gewöhnte sich durch zahlreiche Wiederholungen daran,
-Herrn Rudolf Müller mit Fräulein Else Friedjung in allerhand Ecken und
-Winkeln der Ballsäle erschöpfende, tiefe und für Fernstehende nicht
-allzu interessante Gespräche führen zu sehen. Man wollte bemerken, dass
-er dem abnehmenden Monde glich, wenn sie nicht da war und dass sich eine
-Wolke der Verstimmung auf ihre Stirn lagerte, wenn er fehlte. Zuletzt
-verschwanden sie wochenlang spurlos aus ihrem Bekanntenkreise, und als die
-Lösung in Gestalt weisser Kärtchen erschien, bildete sie nicht einmal das
-bekannte Neuntagswunder. -- Rudolf verdankt seine Braut eigentlich doch nur
-seinem bedeutenden Freunde. Als dieser dem schönen Mädchen vorgestellt
-wurde, erkannte er in ihr seine »unvergessliche« Jugendliebe, über deren
-Verlust ihn alle später besungenen Vertreterinnen edler Weiblichkeit nur
-scheinbar getröstet hatten. Sie war das Weib seiner Träume, das Rudolf
-ihm geraubt. Selbstverständlich kann ihm Niemand die Ueberzeugung nehmen,
-dass er eine Schlange an seinem Busen gehegt habe, schnöde missbraucht
-und verrathen worden sei. Rudolf Müller mag nur zusehen, wie er mit der
-Nachwelt, die Engelberts Tagebücher lesen wird, zurecht kommt! Ich gebe
-seine Sache verloren!
-
-
-
-
-KEIN SCHWAN.
-
-
-»Was hilft vortreffliches Beispiel, tadellose Erziehung, wenn der
-angeborene Hang den Menschen in den Schlamm hinabzieht!« schrie Fräulein
-Möller, die Vorsteherin des berühmten Damenpensionats in Dresden, roth
-vor Zorn, aber selbst im höchsten Affect die Gewohnheit, in Sentenzen zu
-sprechen, beibehaltend. »Ein hässliches Mädchen zu hüten, ist schwerer,
-als alle Herkulesarbeiten zusammen«, (Fräulein Müller hat übrigens
-noch keine probirt), »denn die Stummen wollen am meisten sprechen, und die
-Tauben machen die lauteste Musik.«
-
-Das war ein Strafgericht! Der bewusste Feuerregen, der sich über Sodom und
-Gomorrha ergoss, muss dagegen ein angenehmes Nachmittagsvergnügen gewesen
-sein.
-
-Die Mädchen aus der obersten Klasse blickten schaudernd auf einen
-schwarzen Punkt.
-
-Der schwarze Punkt war ich!
-
-Ich habe niemals besondere Lust gehabt, der Urkraft (von der Professor
-Henkel so dunkel und gelehrt zu reden wusste, dass uns nach jedem Vortrag
-in der Naturkunde eine Hammerschmiede in den Köpfen arbeitete) in ihre
-Töpfe zu gucken, aber was sie eigentlich im Sinne gehabt, welchen Zweck
-sie verfolgt, als sie den erwähnten schwarzen Punkt in der obersten Klasse
-des Pensionats geschaffen, das möchte ich gar zu gern wissen. Sie muss
-keinen Zierrath beabsichtigt haben, sonst hätte sie mich mit irgend
-einer Eigenschaft ausgerüstet, die den Augen des Beschauers wohlgefällig
-erscheint, keine Säule an ihrem Bau, sonst hätte ich nicht seit meiner
-frühesten Kindheit das Bewusstsein vollständiger Ueberflüssigkeit mit
-mir herumgetragen. Wenn ich heute die Augen schloss, dann wurde keine
-Wimper nass, keine stecknadelkopfgrosse Lücke entstand, nein, ich war zu
-keiner stützenden Säule bestimmt, denn ich war keinem Menschen auf Erden
-unentbehrlich. Halt, doch Einem! Und das bringt mich wieder in meine Klasse
-und in das Strafgericht zurück.
-
-Hätte ich zärtliche Eltern gehabt, wie die anderen Mädchen, oder wäre
-ich hübsch und liebenswürdig gewesen, dann hätte Fräulein Möller mir
-eine Privatvorlesung im Allerheiligsten ihres Arbeitskabinets gehalten,
-und die ganze Klasse hätte sich nicht an den Weisheitssprüchen erbauen
-dürfen. Das Pensionat war zwar ob seiner Tugend und Sittenstrenge
-berühmt, aber durch die Thürritzen hatte der Klatsch doch die Kunde von
-Lieutenantsbriefen und darauf folgenden Thränen und Sentenzen in Fräulein
-Möller's Privatgemach getragen. Aber zwischen Julie von Minkwitz und mir
-war ein kleiner Unterschied. Als sie in die Schule eintrat, bat man um
-Nachsicht und Güte für das liebe Mädchen, während meine Mama nur von
-vulgären Neigungen sprach, die mir angeboren und streng im Zaum zu halten
-seien.
-
-Meine Pflegeeltern haben viel für mich gethan, sie liessen mir eine
-Erziehung geben, als wäre ich wirklich eine der ihrigen und bestimmt,
-mit anmuthigem Flügelschlag durch ihre vornehmen Gesellschaftskreise zu
-schweben. Aber als ich in das berühmte Pensionat kam, hatte ich, damals
-noch ein halbes Kind, die Ueberzeugung, ich werde aus dem Hause entfernt,
-damit Robert und Lili nicht von meinen vulgären Neigungen angesteckt
-würden. Da diese mir angeboren waren, liessen sie sich nicht ausrotten,
-trotz der heilsamen Strenge, die angewendet ward. Dafür waren aber auch
-der ehemalige Kutscher und die ehemalige Kammerjungfer von Papa und Mama
-mein Vater und meine Mutter. Sie starben beide während einer Epidemie; ich
-kann mich ihrer kaum erinnern, denn ich zählte erst vier Jahre, als mich
-das unersetzliche Unglück traf. Unersetzlich -- wiewohl Papa und Mama, die
-in kinderloser Ehe lebten und längst daran gedacht hatten, eine Waise an
-Kindesstatt anzunehmen, mich in ihr leeres grosses Haus nahmen. Auch an ihr
-Herz? Vielleicht. Ich habe nur dunkle Erinnerungen an die ersten Jahre im
-Hause meiner Pflegeeltern. Aber mir schwebt vor, als habe Mama mit
-ihren eigenen weissen, feinen Händen mich zuweilen in schöne gestickte
-Kleidchen gehüllt und sei am Abend, wenn sie keine Gesellschaft hatte, an
-mein Bett getreten, um mich ein kurzes Kindergebet zu lehren. Und Papa hob
-mich im Sommer, den wir stets auf seiner Besitzung an der Elbe
-verlebten, in die Zweige der Kirschbäume empor, damit ich mir mit meinen
-Kinderhänden -- sie waren leider immer von ansehnlicher Grösse -- die
-rothen Herzkirschen pflücke. Ich vermuthe, dass ich mich damals von
-anderen Kindern wenig unterschied. Vielleicht hatten die häufigen
-Lobsprüche, die ich erhielt, ein gewisses kindliches Pharisäerthum in mir
-grossgezogen. Mit ausgesprochenem Grauen betrachtete ich den schmutzigen
-wilden Burschen des Pächters. Der Knabe war nur etwa fünf Jahre älter
-als ich und kam täglich mit zerrissenen Kleidern und zerschlagenem Gesicht
-nach Hause, so dass seine Mutter kläglich prophezeite: »Wenn der Junge
-erwachsen ist, läuft er ohne Nase in der Welt umher.«
-
-Meine angeborenen Neigungen schlummerten noch unentdeckt in meiner Brust.
-Sie haben sich erst später entwickelt. Und ich kann mit Bestimmtheit
-angeben, wenn das geschah.
-
-Papa und Mama waren überselig. Der Erbe, den sie nicht mehr erhofft, lag
-schreiend in seiner Wiege. Das ganze Haus ging auf den Zehenspitzen. Die
-Dienstleute hatten anderes zu thun, als sich um mich zu kümmern, die sie
-wohl stets im Stillen als in die Gesindestube gehörig betrachtet hatten.
-Es war im Sommer. Hinter Papas Schlösschen zog sich der grosse Park, von
-einer alten Steinmauer umschlossen, hin. Daran stiess die Pächterwohnung
-mit den Wirthschaftsgebäuden. Im Park war es langweilig. Ich reckte
-mich auf den Zehen empor und klinkte ein Seitenpförtchen auf, um auf
-Entdeckungen auszuziehen. Ich brauchte nicht in die Ferne zu schweifen, das
-Gute in Gestalt eines Ententümpels lag vor mir, und Balthasar (er heisst
-wirklich Balthasar, möglicherweise verschärft dies sein Vergehen in
-Fräulein Möllers Augen) warf Steine in das grünlich schmutzige
-Wasser. Vor einigen Wochen hätte ich vermuthlich mein weisses Kleidchen
-zusammengenommen und wäre mit dem stillen Gedanken: »wohl mir, dass ich
-nicht bin wie dieser,« aus der vulgären Welt, in der Hühner scharrten,
-Gänse gackerten und Enten auf schmutzigem Tümpel schwammen, in die
-vornehme Abgeschlossenheit des Parks zurückgewichen; aber man liess mich
-nun viel allein, und ich langweilte mich. Und so trat ich näher und sagte:
-
-»Du, das kann ich auch.«
-
-Der schmutzige Bursche starrte mich verdutzt an, aber ich imponirte ihm
-nicht lange, denn als ich den ersten Stein warf und er mit einem Plumps
-versank, ohne wie die Wurfgeschosse Balthasars über das Wasser Kreise
-ziehend, hinzutanzen, lachte er mich aus. Doch zeigte er mir gleich darauf
-die Handgriffe. Das Wasser spritzte nach jedem Wurf hoch auf, und als
-mich nach geraumer Zeit der Gärtner entdeckte und das verirrte Schäflein
-heimgeleitete, triefte ich von Nässe. Die Folge davon war ein heftiger
-Schnupfen, der mir die Augen thränen, die Nase aufschwellen, das ganze
-Gesicht, wie Papa (leise zu Mama aber von mir dennoch gehört) bemerkte,
-dem seines ehemaligen Kutschers ähnlich machte. Mama gerieth in
-Todesangst, ich könnte meine Erkältung dem »Kinde« mittheilen und
-so blieb ich aus ihrer und Roberts Nähe wochenlang streng verbannt. Ich
-müsste lügen, wenn ich behauptete, ich hätte meine Acht besonders schwer
-empfunden; denn in diese Zeit fielen meine Herumstreifereien mit meinem
-neuen Freunde, der mich zu Haselbüschen führte und mir zeigte, wie
-man die Nüsse mit den Zähnen aufbiss. Seit damals war ich vulgär. Je
-grösser Robert wurde, desto schlimmer trat meine Erbsünde zu Tage. Ich
-steckte beständig mit Balthasar zusammen und wurde einmal im Kuhstall
-ertappt, das anderemal aus den höchsten Zweigen eines Birnbaumes
-herabgeholt. Balthasar war ein rührend treuer Kamerad. Das prächtige
-Obst, das er in Papas Garten gemaust, theilte er gewissenhaft mit mir, und
-(wer zweifelt noch, dass ich das vernichtende Urtheil meiner Pflegeeltern
-verdiente!) es schmeckte hundertmal besser in einem Winkel der Scheune, als
-von den Krystallschalen an der Tafel.
-
-Mama und Papa, die meinen unpassenden Verkehr missbilligend bemerkten,
-hofften, der Winter werde ihm ein Ende bereiten. Unterbrochen wurde die
-Freundschaft, aber jedes Frühjahr knüpfte sie fester. Damals wusste ich
-mir keine Rechenschaft darüber zu geben, was mich zu Balthasar und seinen
-braven, tüchtigen Eltern hinzog, aber heute ist mir's klar, dass es nicht
-bloss die ererbte Vorliebe für vulgäre Gesellschaft war, sondern die
-Thatsache, dass ich jenseits der Gartenmauer etwas galt und gut gelitten
-war, während ich dieseits kalt übersehen oder getadelt wurde. Allerdings
-als zwei Jahre nach Robert die kleine zarte Lilli zur Welt kam, besserte
-man nicht mehr an mir herum und liess mich treiben, was mir gefiel, bis
-ich alle Grenzen des Erlaubten überstieg. Ich zählte vierzehn Jahre und
-sollte bei Lilli's Gouvernante die Lücken in meiner Bildung ausfüllen.
-Statt dessen lief ich tagaus tagein zur Pächtersfrau hinüber. Sie war
-einsam; ihr Abgott Balthasar befand sich auf einer landwirthschaftlichen
-Schule. Ich ging ihr in Küche und Maierei zur Hand, butterte, streute dem
-Geflügel das Futter, knetete und buck ordinäres schwarzes Brod. Wurde
-ich entdeckt, dann sah ich ein, dass mein Vergehen zum Himmel schrie.
-Ueberhaupt war ich in Gegenwart von Papa, Mama, Robert und Lilli meist in
-so bussfertiger, zerknirschter Armensündenstimmung, dass es mich gar nicht
-Wunder nahm, wenn mich alle für feige, unaufrichtig, lakaienhaft hielten.
-Die geringschätzigen Bemerkungen, die kalten Blicke daheim drückten mein
-Selbstgefühl herab, ich begann, mich für einen dunkeln Flecken auf dem
-sonnigen Familienbilde zu halten, für eine Art von Schlagschatten, der
-die Vortrefflichkeit und feine Ausführung der anderen Schöpfungswerke
-gebührend hervorhob, sich aber nichtsdestoweniger ziemlich überflüssig
-dünkte. Die Andern mochten dasselbe finden; ich wurde Fräulein Möller
-ausgeliefert. Sie sollte den letzten Versuch machen, mein ererbtes Uebel
-zu kuriren. Seit zwei Jahren bin ich nicht einmal in den Ferien nach Hause
-gekommen. In der ersten Sommervacanz, während ich mit meinem baumlangen
-Kameraden Pflanzen und Steine suchte, kam Miss Burton, Lilli's Gouvernante,
-auf die Idee, ein geheimes Einverständniss bestehe zwischen mir und dem
-lieben, langen, unbeholfenen Jungen. Und so erfloss das Verbot meiner
-Heimkehr, und während die anderen Mädchen in die Berge, an die See in den
-Sonnenschein hinauszogen, sass ich wie ein Sträfling hinter den Mauern des
-verstaubten Pensionsgartens. Nächstes Jahr durfte ich wohl Papa und Mama
-besuchen, denn (ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten, wiewohl die
-ganze Klasse mich spöttisch betrachtete) Balthasar sollte nicht mehr
-als Schlange im Paradies lauern. Der Bruder seiner Mutter war kinderlos
-verstorben und hatte ihm ein hübsches Gut in Pommern hinterlassen. Er
-hatte es mir geschrieben und mich gefragt, wann er mich sehen könne. Mama
-und Papa, welchen er einen Abschiedsbesuch gemacht, hätten ihm die Bitte,
-mir vor seiner Abreise die Hand drücken zu dürfen, rundweg abgeschlagen.
-Ich dürfe meine Studien nicht unterbrechen. Du lieber Gott, als ob
-nicht Hopfen und Malz an meiner Wasserfarbenmalerei, meinen Chopin'schen
-Nocturno's und Stickereien in Seide und Chenille verloren wären.
-
-Dieser Brief, der erste heimliche Brief in meinem achtzehnjährigen Leben,
-fiel einer Aufseherin in die Hände, und ich hörte Sentenzen vor der
-ganzen Klasse über mein unpassendes Benehmen. Zuletzt wurde mir verboten,
-das Haus zu verlassen. Wie ein Häuflein Unglück sass ich in meinem Zimmer
-und bekam zu meiner übrigen Schönheit vom Weinen rothe geschwollene
-Augen.
-
-Vermuthlich verdankte ich es meiner vulgären Neigung, dass ich unter all
-den Gewerbsleuten der Schule warme Freunde hatte.
-
-Meine Antwort an Balthasar hatte die Bäckerstochter bestellt, und nun
-wartete er ohne Zweifel in dem windschiefen Gartenhäuschen an der Mauer,
-in welches er sich, dank seinen früh erworbenen Kletterkünsten, leicht
-genug hinaufzuschwingen vermochte. Ich aber war gefangen, und wenn auch
-nicht in Banden, so doch durch eine gut und sicher verschlossene Thüre von
-der Aussenwelt getrennt, denn zu diesem äussersten Mittel hatte Fräulein
-Möller gegriffen, da ich mich nicht dazu verstehen wollte, meinen Verzicht
-auf eine Zusammenkunft mit meinem Jugendfreunde zu versprechen.
-
-Mein Zimmer lag eine Treppe hoch, aber das Haus war niedrig, und unter
-meinem Fenster befanden sich ein paar kümmerliche Blumenbeete. Ich würde
-weich fallen. Natürlich würden die zerdrückten Blumen meinen Frevel
-morgen aller Welt verkünden, aber ich war in einer Stimmung, so
-verzweifelt und aufgeregt, dass mich keine Bedenken abhielten. Mit
-Balthasar ging meine glückliche Kinderzeit von mir. Ohne Abschied liess
-ich den einzigen Menschen, der mich an's Herz geschlossen, nicht von dannen
-ziehen.
-
-In minder verlockender Gestalt ist wohl noch nie eine junge Dame bei einer
-heimlichen Zusammenkunft erschienen. Die weiche, von Regen getränkte
-Erde des Gartens hatte sich in rührender Anhänglichkeit meinem Kleide
-mitgetheilt, ich hinkte, denn ich hatte mir bei dem Sprung den Fuss
-verstaucht, und zum Ueberfluss fing ich noch laut zu weinen an, als bei dem
-Schein einer Laterne, die in dem Gässchen hinter dem Gartenzaun brannte,
-mein Jugendfreund in dem windschiefen Gartenhäuschen vor mir auftauchte.
-
-Er hatte mit seiner grossen, ehrlichen Rechten meine Hand gefasst und
-begann mir mit der Linken unbeholfen das Haar zu glätten. Und da ich
-dadurch nicht beruhigt ward, wollte er mich an sich ziehen. Aber ich machte
-mich los.
-
-»Wir wollen nicht den geringsten Anlass zum Tadel geben. Wenn wir auch
-gezwungen sind, auf heimlichen Wegen zu gehen, so wollen wir uns doch
-benehmen, als wären Mama, Papa und Institutsvorsteherin zugegen.« Damit
-setzte ich mich auf die eine Seite des wackeligen Tisches und wies ihm den
-Platz mir gegenüber an.
-
-»Doch wenn ich deine Hand nicht in meinen ungeschlachten Fingern halten
-kann, Jenni, dann weiss ich nicht recht, wie ich anfangen soll,« sagte
-mein langer Freund hilflos. Die freundliche Strassenlaterne fiel ihm gerade
-auf das Gesicht. Was für ehrliche, treue Augen er hatte und wie warm Einem
-um's Herz wurde, wenn man in sie hineinsah! Ich gab ihm meine Hand, und nun
-begann er:
-
-»Du weisst wohl, dass ich ein Gut geerbt habe, Jenni, keine Herrschaft,
-aber ein ganz stattliches Bauerngut.« Dabei drückte er mir die Hand; aber
-da ich nicht wusste, wo er hinaus wollte (vielleicht wusste ich's auch und
-behielt es blos für mich), so wünschte ich ihm blos Glück. Es werde ihm
-gut thun für sich selber, auf seinem eigenen Grund und Boden zu arbeiten.
-
-»Hm,« sagte er, stockte und fing mit einiger Anstrengung wieder an: »Zu
-solch' einer Farm gehört eine hübsche, junge Frau, Jenni.«
-
-Das überraschte mich. Seine Mutter war ja noch so rüstig und würde ihm
-gewiss mit Freuden haushalten.
-
-Aber ich wurde feuerroth, als ich diese passende Bemerkung murmelte und
-segnete die Strassenlaterne, in deren Schatten ich sass.
-
-Er schüttelte den Kopf. Die Alten wollten nicht mehr wirthschaften. Sie
-hatten sich ein hübsches Sümmchen erspart und gedachten sich im Hause des
-Sohnes zur Ruhe zu setzen.
-
-Und dann meinte er mit einem verlegenen Lachen, er wisse auch schon von
-einer Frau. Die Frage sei nur, ob ihr das Loos, das er ihr bieten könne,
-glänzend genug sei, sie habe bessere Aussichten. Aber ein treueres Herz
-fände sie sicher niemals und wärmere Liebe auch nicht.
-
-Dabei blickte er mich so bittend an, und in seinem Gesicht lag solch' eine
-Sorge wegen der glänzenden Aussichten, dass ich ein Stück Holz hätte
-sein müssen, um länger an mich zu halten.
-
-»Kein glücklicheres Loos kann es geben, als an Deiner Seite, Balthasar!«
-rief ich.
-
-Und da zog er mich an sein treues Herz. Am liebsten hätte er mich, wie ich
-ging und stand über die Gartenmauer und zu seinen Eltern getragen, um alle
-Förmlichkeiten abzuschneiden. Aber ich konnte ihm den Gang zu Papa und
-Mama nicht ersparen, wenn er ihm auch vielleicht schlimmer erschien, als
-der Marsch in einem Kugelregen.
-
-Er erzählte mir später, er hätte nie längere Gesichter gesehen als die
-ihren, nachdem er um meine Hand anhielt und, ihrem »Nein« zuvorkommend
-erklärte, wir seien einig.
-
-»Mein Gott, wir können doch unser Adoptivkind nicht mit dem Sohn unseres
-Pächters verheirathen,« rief Mama, »was würde die Welt dazu sagen! Es
-würde heissen, wir hätten sie abgeschüttelt, weil wir nun eigene Kinder
-haben!« Und Papa hatte mit der schneidenden Ironie, mit der er mich so oft
-verwundet, eingeworfen:
-
-»Lass' die Leute die Köpfe schütteln. Wir können ihnen antworten: Art
-lässt nicht von Art, und eine Ente wird durch das beste Beispiel, die
-sorgfältigste Erziehung nicht zum Schwan!«
-
-Und so sitze ich im Tümpel. Im Ganzen ist mein Leben gar nicht übel, und
-ich tauschte nicht für die Welt den Schwanenteich zurück. Wenn ich
-jetzt zuweilen in den Spiegel blicke und mir ein frisches, gerundetes,
-glückliches Gesicht entgegengrüsst, dann möchte ich schier glauben, die
-Urkraft habe mich Anfangs doch zum Zierrath bestimmt und sei nur auf halbem
-Wege stehen geblieben. Aber Balthasar, der arme, verblendete Mann, hält
-mich thatsächlich für etwas ganz Kostbares und trägt mich auf starken,
-treuen Händen durch das Leben; und das ist eigentlich mehr, als solch' ein
-armselig graues Entlein beanspruchen darf.
-
-
-
-
-EIN APRILSCHERZ.
-
-
-Das Schelmen-Triumvirat nannte uns zur Zeit, als wir unsern wilden Hafer
-säeten, die Volksstimme in unsrer Künstlerstadt. Zweien von uns, dem
-Genremaler Karl Schönborn und meiner Wenigkeit, that sie damit entschieden
-zu viel Ehre an; wir waren keine ebenbürtigen Genossen, wir waren nur
-die Handlanger des dritten und spielten die Rolle Sancho Pansas, der ganz
-deutlich sieht wohin die Tollheit seines Meisters führt, und der ihm
-doch durch dick und dünn folgt. Ja, Ruppert Ahlfeld war unser Meister im
-Ersinnen toller Possen; wehe dem Menschenkind, das er sich zur Zielscheibe
-erkoren! Da war vor etlichen Jahren ein Jüngling von äusserst frommer
-Gemüthsart und tugendhaftem Wandel in unsern Bereiche aufgetaucht, den
-Blasengel hiessen wir ihn, wegen seines rundlichen, rosigen Gesichts und
-des goldblonden Gelocks, das ihm wie ein Glorienschein um den Kopf starrte;
-auf ihn stiess unser Anführer wie ein Fischadler auf einen fetten
-Karpfen nieder. Es hiess, Hugo Lichtner habe sich mit einem steinreichen
-Verwandten, der ihn zu seinem Erben machen wollte, entzweit, weil er um
-jeden Preis Stillleben malen musste. Ich bitte Sie -- Stillleben! Wenn
-es Konradins Tod, oder Orest an der Leiche Klytemnestras, oder Judith und
-Holofernes gewesen wären, an welche Rupert in jugendlichem Grössenwahn
-beispiellos viel Farbe und Leinwand verschwendete, das hätte diesem
-Respeckt eingeflösst, aber sich enterben lassen, um grüne Gurken, einen
-Teller Trauben, ein Glas mit Goldfischen abzukonterfeien, das konnte er,
-der sich als Vertreter der grossen Kunst fühlte, dem armen Jungen nicht
-verzeihen. Für Lichtner hatte der erste April bald 365 Tage; kaum war
-er mit Mühe und Not einer Schlinge entronnen, dann stolperte er mit dem
-arglosesten, vertrauendsten Lächeln von der Welt in die zweite hinein.
-
-»Kinder,« erklärte Rupert mit dem salbungsvollen Ton, den er zuweilen
-annahm, »wenn es uns gelingt, ihm die himmelblaue Binde über den Augen zu
-lockern, dann haben wir ein grosses Werk vollbracht und verdienen, dass auf
-unsern dereinstigen Grabsteinen die Worte »Wohlthäter der menschlichen
-Rasse« eingemeisselt werden.«
-
-Aber unsre Bemühungen erschienen nicht von dem kleinsten Erfolg gekrönt,
-der Blasengel blieb leichtgläubig und arglos, als wäre er erst gestern
-aus den Wolken auf die sündige Erde niedergeflattert.
-
-Einmal hatte er uns im Atelier aufgesucht, nachdem sich Professor P., unter
-dessen Anleitung unser Triumvirat damals arbeitete, in sein Allerheiligstes
-zurückgezogen. Da ging die Thür auf, und ein kleiner, abscheulicher
-Seidenpintsch sprang uns kläffend an die Beine. Jeder von uns wäre
-mit Vergnügen bereit gewesen dem Köter einen herzhaften Fusstritt zu
-versetzen, allein hinter ihm raschelte ein seidenes Frauenkleid, eine
-wunderhübsche, junge Dame mit blitzenden Zigeuneraugen, Wangen eines
-Pfirsichs und einem bezaubernden Stumpfnäschen kam in das Atelier, als
-hätte sie der Aprilwind hereingeweht, und statt des Fusstritts bückte
-sich jeder herab, um den Rücken des Scheusals zu tätscheln, das uns zum
-Dank dafür nach den Fingern schnappte.
-
-»Ich wünsche, den Professor zu sprechen,« sagte das Fräulein mit einem
-Lächeln, das selbst einen Stein erwärmt hätte, »mein Name ist Ilona
-Balogh, Porträtmalerin aus Pest.«
-
-Wir wussten schon von ihr. In den paar Tagen, die sie in unsrer Stadt
-verweilte, hatte sie der jüngeren Künstlerschaft (vielleicht auch der
-älteren, doch, davon schweigt des Sängers Höflichkeit) soweit sie in
-ihre Nähe gerathen, durch ihre Schönheit und ihre pikanten Einfälle die
-Köpfe verwirrt. -- Dienstbeflissen stoben wir auseinander. Rupert schob
-ihr den pomphaftesten der Krönungssessel hin, ich breitete dem gräulichen
-Vierfüssler einen kostbaren, persischen Teppich unter, Karl Schönborn
-pochte an des Meisters Thür, -- wie ich vermuthe nicht ohne Herzklopfen,
-da dieser, wenn er sich zurückgezogen, eine Störung nicht allzu
-freundlich willkommen hiess -- nur Hugo Lichtner stand wie ein gemeisselter
-Engel da und starrte mit verzückten Augen auf die junge Dame.
-
-Fräulein Ilona bemerkte es -- sie hätte sonst auch stockblind sein
-müssen -- und rückte ihren Stuhl, um sich dem Bereich seiner Blicke zu
-entziehen; doch auch jetzt mochte sie die hypnotisirten Augen auf sich
-gerichtet fühlen, denn sie schürzte die Lippen wie in gutmüthigem Spott.
-
-Ich war wüthend. War dies unsre grüne Unschuld, unser keuscher Joseph,
-den wir trotz aller mephistophelischen Versuchung, und trotzdem die
-hübsche Nanni in unsrer Künstlerkneipe sich mehr als nöthig in der
-Nähe des seraphischen Blondkopfs zu schaffen machte, nie zu der geringsten
-Aufmerksamkeit gegen das schöne Geschlecht bewegen konnten? Fräulein
-Balogh musste annehmen, das die Czikos auf ihrer Pussta mehr Lebensart
-besassen, als ihre jungen Künstlerkollegen. Ein vergnügtes Grinsen, das
-sich über Ruperts Gesicht zog, dämpfte meinen Aerger. Was hatte er wohl
-wieder ausgeheckt, um Hugo das Leben zu verleiden? Soeben war der Professor
-in die Thür getreten und geleitete den gut empfohlenen Gast in sein
-Privatkabinett.
-
-»Habt ihr bemerkt, wie sie den Posaunenengel angesehen hat, so --
-ergriffen, möchte ich es nennen?« fragte Rupert. Sein Augenblinzeln, dem
-bei mir, dem neben ihm Stehenden, ein leiser Stoss mit dem Fusse nachhalf,
-erleuchtete uns augenblicklich.
-
-»Ja wohl, ja wohl, in ihren Augen lag so etwas wie eine widerstandslos
-schmelzende Lawine,« versetzte Schönborn, angelegentlich seinen Vollbart
-streichend.
-
-»Als sie dem Professor folgte, hat sie noch einmal den Kopf sehnsüchtig
-nach Hugo zurückgewendet,« fügte er hinzu, um hinter meinen
-phantasiebegabten Genossen nicht ganz und gar zurückzubleiben.
-
-»Glücklicher Mensch, er hat das schönste Mädchen der Stadt im Sturm
-erobert!« rief unser Führer.
-
-»Nein; glaubt ihr wirklich, glaubt ihr, sie habe mich auch nur bemerkt?«
-fragte Hugo in naiver Freude, mit seinem erröthenden Gesicht noch mehr
-als sonst einem Blasengel ähnlich, der seine Posaune für einen Moment
-absetzt.
-
-»Glauben?« versetzte Rupert entrüstet, »Mensch, man hat doch Augen im
-Kopfe! Wenn das nicht ein Fall von Liebe auf den ersten Blick ist, dann
-kannst du mich für blind wie Hiob erklären.«
-
-»Aber wie kam sie nur dazu, gerade mir, dem Unbedeutensten von euch,
-Aufmerksamkeit zu schenken?«
-
-Rupert zuckte die Achsel.
-
-»In dem elementaren Zuge von einem Herzen zum andern liegt gewöhnlich
-etwas Unbegreifliches,« predigte er. In seinem Munde nahmen sich die
-Lehren überlegener Weisheit stets ausserordentlich wirkungsvoll aus.
-»Aber höre mein Sohn, bilde dir nicht ein, dass du die Hände in
-den Schooss legen und dich wie ein vom Dach fallender Sperling auf die
-göttliche Vorsehung verlassen kannst. Die drinnen ist nicht die hübsche
-Nanni.«
-
-»Erlaube mir die Bemerkung, dass ich es sehr geschmacklos finde, beide in
-einem Atem zu nennen,« warf Hugo mit ungewohnter Hitze ein.
-
-»Ilona Balogh ist die Tochter eines romantischen Volkes, sie
-erwartet gewiss ein ritterliches Werben, etwas mittelalterlich
-troubadourmässiges,« dozierte Ahlfeld. »Ulrich von Liechtenstein,
-natürlich etwas den veränderten Zeitläufen angepasst, ohne zerschnittene
-Lippe und Verkleidung als Frau Venus (letztere würde die prosaische
-Polizei von heute gar nicht erlauben), das dürfte das angemessene sein, du
-verstehst mich doch?«
-
-Unser armer Blasengel gab sich alle Mühe, aber zuletzt schüttelte er den
-Kopf; er verstand ihn nicht.
-
-»Du schickst ihr jeden Tag Blumen und Gedichte; wenn du die letzteren
-nicht zu stande bringst, helfen wir dir alle drei dabei; -- auch giebt
-es immer bei den Antiquaren alte, vergessene Schmöker voll lyrischer
-Empfindungen, die man, ohne ertappt zu werden, abschreiben kann. -- Zur
-Besorgung derselben an deine Dame kannst du den Sohn meiner Hauswirthin
-verwenden, den anstelligsten kleinen Taugenichts, der je Stiefel auf unserm
-Pflaster zerriss.«
-
-Gegen den vorgeschlagenen Betrug verwahrte sich das arme Opfer unsrer
-Ruchlosigkeit, aber mit den übrigen Vorschriften erklärte er sich
-einverstanden; ja er dankte seinem Mentor noch, weil dieser seiner
-Unerfahrenheit in Liebessachen so brüderlich zu Hilfe kam.
-
-»Du zeigst dich ihr so oft als möglich mit deinem verführerischen
-Seraphslächeln und dem fascinierenden Blick, der sie vorhin so
-widerstandslos gefangen nahm, aber, höre mein Sohn, hüte dich, ihr durch
-ein Wort deine Gefühle zu verraten, bevor sie dir selbst die Erlaubniss
-dazu giebt.«
-
-Dies erschien zwar bei Hugos Schüchternheit ohnehin ziemlich
-selbstverständlich, aber unser Freund wünschte sicher zu gehen.
-
-»Die Frauen dieser interessanten Nation muss man sehr vorsichtig
-behandeln,« fuhr er mit tiefsinnigem Kopfschütteln fort. »Ein wüthend
-Weib und eine Ungarin« nennt sie Grillparzer in einem Athem, und
-er als nächster Nachbar muss sie doch gekannt haben. Ein
-unüberlegt-vertrauliches Wort, und wenn sie in Liebe für dich verginge,
-so würde sie dir doch wie eine beleidigte Königin den Rücken wenden.«
-
-Die Wiederholung unsrer angenehmen Erfahrungen mit dem Seidenpintsch,
-dem seine schöne Herrin auf dem Fusse folgte, unterbrach weitere
-Betrachtungen. Als sie sich mit leichtem Kopfnicken von uns verabschiedete,
-unterliess sie es nicht, dem Blondkopf einen schalkhaften Blick zuzuwerfen,
-der Hugo bis unter die Haarwurzeln erröthen machte.
-
-Lächerlicher hat sich nie ein liebeskranker Minnesänger benommen, als
-unser Blasengel unter dem Einfluss seiner brüderlichen Rathgeber. Rupert
-hatte, den günstigen Zufall ausnützend, dass das Gärtchen seiner
-Hauswirthin an das zu Fräulein Baloghs Wohnung gehörige stiess, Zutritt
-bei ihr zu erlangen gewusst, obschon sie sonst nicht viel Verkehr mit dem
-jungen Künstlervolk pflog. Er that dies, wie er versicherte, nur um
-Hugos willen, damit er ihn auf das genaueste über ihre Liebhabereien und
-Antipathien zu unterrichten vermochte. Diese waren etwas veränderlich;
-das blonde Bärtchen, das unserm Opfer fast gleichzeitig mit seiner Liebe
-aufgesprosst war, musste sich die einschneidendsten Veränderungen gefallen
-lassen, denn einmal schwärmte Ilona für vollbärtige Germanenköpfe,
-das nächstemal stellte Heinrich der Vierte ihr Ideal von männlicher
-Schönheit vor; bald konnte nur ein Mann mit dem aufgewichsten Schnurrbart
-ihrer engeren Landsleute Gnade vor ihren Augen finden; dann wieder zwang
-Hugo eine ihrer bizarren Launen, sich mit ausrasiertem Schnurrbart und
-zwei fragwürdigen Kotelettes einem amerikanischen Geschäftsreisenden
-so ähnlich zu machen, als es einem Blasengel nur immer möglich ist. Die
-Kopfbedeckungen, Halsbinden und Sammtröcke, die er um jene Zeit trug,
-lockten zuweilen die Gassenbuben auf seine Fährte. Aber das alles waren
-verhältnissmässig leichte Opfer, die er seiner Herzensdame brachte; als
-aber das Sommerfest der Künstler herankam und sein Gesicht von süssen
-Wiedersehnshoffnungen zu leuchten begann, da zog ihn sein Peiniger bei
-Seite: »Fräulein Ilona wünscht nicht, das du mit ihr tanzest, die Leute
-könnten errathen, was es für ein Bewandniss mit ihrem Herzen habe.«
-
-Und nun stand er die ganze Nacht wie ein Säulenheiliger in der Ecke und
-sah zu, wie sich die Geliebte mit jungen Männern -- auch mit Rupert --
-im Tanze drehte. Allerdings blieb der Lohn für seine Enthaltsamkeit nicht
-aus. Eine dunkle Haarlocke, die, wenn nicht auf Ilonas, so doch auf einem
-andern Kopfe gewachsen, eine Schleife von der Farbe, wie sie das schöne
-Mädchen auf dem Feste getragen, etliche zwischen Fliesspapier gepresste
-Wiesenblümelein wurden von demselben zuverlässigen Liebesboten, der seine
-Bouquets abzuliefern hatte, in seine Hände gespielt. Dass wir drei die
-krampfhaftesten Zuckungen durchzumachen hatten, als wir ihn dann verklärt,
-als schwebe er auf Wolken, herumgehen sahen, kann uns wohl niemand
-verübeln. Uebrigens fühlten Karl und ich zuweilen leise Gewissensbisse.
-Ohne unser Schüren wäre Hugos Leidenschaft vielleicht aus Mangel
-an Nahrung zu einem unschädlichen Häuflein glimmender Kohlen
-zusammengefallen, während sie jetzt lichterloh aufbrannte. Aber unser
-Hauptmann mochte von einem dramatischen Abschluss mit Enthüllungen nichts
-hören. Er hatte selber zu tief in Ilonas schöne Augen geblickt, und nun
-bereitete es ihm ein boshaftes Vergnügen, die heilige Einfalt zu quälen,
-die sich vermass, ihre Wünsche auf denselben Gegenstand zu richten, wie
-Ahlfeld selber. Da verschwand unser Blasengel eines Tags spurlos aus unserm
-Kreise und aus der Stadt.
-
-Wiewohl ich über die Gefühle von Strassenräubern nicht sonderlich
-genau unterrichtet bin, möchte ich behaupten, dass sie mit meinen und
-Schönborns viel Verwandtes hatten. Wir setzten voraus, Hugo habe erfahren,
-welche Narrenrolle wir ihn spielen liessen und sich, aus allen erträumten
-Himmeln gestürzt, ein Leids angethan. Selbst Rupert ging merkwürdig
-kleinlaut herum. Aber als nach vielen Wochen Hugo mit einem Trauerflor um
-den Hut wieder in der Glorie eines Vollbärtchens und mit schärfer und
-bestimmter umrissenen Zügen unter uns auftauchte, erwachte der alte
-Adam sogleich wieder in ihm, und er rief dem Eintretenden entgegen:
-»Landstreicher, wo hast du gesteckt? Ilona hat sich nicht wenig um dich
-geängstigt; kein Tag verging, an dem sie nicht wenigstens über den
-Gartenzaun hinüber nach dir fragte.«
-
-»Ich wurde zu meinem todtkranken Onkel berufen und vermochte, wie ihr euch
-vorstellen könnt, an seinem Sterbebette nichts andres zu denken, als dass
-der alte Mann mir viel gutes erwies, und dass ich ihm zum Danke dafür die
-grösste Enttäuschung seines Lebens bereitet habe.«
-
-»Hoffentlich wurde bei deinem Erscheinen das bewusste gemästete Kalb
-geschlachtet?« fragte Karl.
-
-»Zu Festlichkeiten waren die Umstände nicht angethan; aber der verlorene
-Sohn wurde mit offenen Armen aufgenommen.«
-
-»Trotz deiner Grünzeugbilder?« spottete Rupert. »Dein Onkel war viel zu
-nachsichtig; ich hätte es nicht über mich gebracht.«
-
-»Die Grünzeugbilder (übrigens waren es diesmal zwei Fruchtstücke)
-bahnten die Aussöhnung an,« versetzte Hugo triumphierend, »sie wurden in
-meiner Heimath ausgestellt, und mein Onkel las im Lokalblättchen allerhand
-Erbauliches von einem »vielversprechenden Sohn der Vaterstadt, dem Neffen
-eines unsrer angesehensten Mitbürger.« Das Zureden alter Freunde that das
-übrige. Vor seinem Tode hat er mir sogar das Zugeständniss gemacht, dass
-nicht jeder von Mutter Natur so glücklich begabt sein könne, um eine
-Zündhölzchenfabrik mit Erfolg leiten zu können, und dass es auf dieser
-unvollkommenen Welt auch »Phantasten« (nämlich Maler, Musiker, Dichter
-u. s. f.) geben müsse.«
-
-»Und so bist du vermuthlich ein herzloser Kapitalist geworden?« fragte
-Ahlfeld mit einem Stirnrunzeln; (er war keiner).
-
-»Mein armer Onkel hat mich zum Erben eines sehr bedeutenden Vermögens
-eingesetzt,« war die Antwort.
-
-»Was wird Fräulein Balogh dazu sagen?« warf Schönborn aus alter
-Gewohnheit, sie im Gespräch mit dem Blasengel unaufhörlich zu erwähnen,
-ein.
-
-»Dies zu erfahren, ist, wie ich fürchte, heute schon zu spät. Ich werde
-morgen meinen Besuch bei ihr machen.«
-
-Er zog seine Uhr heraus, und so mochten ihm die verblüfften Blicke
-entgehen, die unser in diesem Augenblick nicht gerade sehr siegreiches
-Triumvirat wechselte.
-
-»Mensch, du gedenkst doch nicht selbst ihr Haus zu betreten?« stammelte
-Rupert, nach Atem schnappend, »willst du gegen ihr ausdrückliches Verbot
-handeln?«
-
-Aber das war nicht mehr der alte Blasengel, der in unsern Händen biegsam
-wie weiches Wachs gewesen. Nicht, dass er uns misstraute; aber der ererbte
-Reichthum schien ihm eine bedeutende Sicherheit verliehen zu haben.
-
-»Dieses Verbot kann nicht für immer Giltigkeit haben,« versetzte er,
-»ich muss endlich in meiner Herzenssache selber handeln; es geht nicht an,
-immer meine Freunde für mich eintreten zu lassen; denkt ihr nicht auch?«
-
-Wir dachten im diesem Augenblick nichts anders, als dass eine Versenkung
-unter unsern Füssen eine angenehme Sache wäre.
-
-»Es ist kein Geheimniss für euch, wie wir mit einander stehen,« sagte er
-roth werdend.
-
-»Ja gewiss, aber überlege doch« --
-
-»Ueberlegen?« er blickte Rupert befremdet an. »Solange ich ein armer
-Teufel war, hielt ich es, so schwer es mir auch wurde, für meine Pflicht,
-abseits zu stehen. Das ist nun anders geworden, ich vermag ihr ein
-gesichertes, behagliches Loos zu bieten, kann ihre Wünsche, soweit sie die
-Annehmlichkeiten des Lebens betreffen, erfüllen;« seine Augen blickten
-dabei glückselig ins weite, als sähe er seine Geliebte wie eine Rose ins
-weichste Moos gebettet. -- »Da Ilona keine herzlose Kokette ist, hoffe
-ich, dass sie meine ehrliche Werbung annehmen wird, die sie nach allem nur
-erwarten muss.«
-
-Schönborn und mir brach der Angstschweiss aus den Poren. Wir wechselten
-einen rathlosen Blick; sollten wir ihm sogleich das Spiel, das wir mit ihm
-getrieben, enthüllen? Aber Rupert kam uns zuvor.
-
-»Das heisst männlich gesprochen,« rief er und schlug ihm auf die
-Schulter, »gehe zu ihr, wirb und lass dir von ihren Lippen dein Glück
-verkünden; wir enthalten uns von jetzt ab jeder Einmischung.«
-
-»Das wird die würdige Krönung unsres Spasses sein,« sagte Rupert
-händereibend, als sich Lichtner bald darauf verabschiedet hatte,
-vermuthlich um von dem Glück zu träumen, das ihm ja so sicher war. »Aus
-ihrem eigenen Munde soll er hören, was für ein lächerlicher Narr er
-gewesen ist. Ich will sie sogleich einweihen.«
-
-Er schien Ilonas ziemlich sicher zu sein, dennoch rief ich erschrocken:
-»Was fällt dir ein? Wie kannst du sie darüber aufklären, welche Rolle
-wir sie in der Komödie spielen liessen?«
-
-»Sei ruhig; in der Beschränkung zeigt sich euch der Meister. _Ihre_
-heimliche tiefe Liebe werde ich mit einem mystischen Schleier zu verhüllen
-wissen, nur von ihm soll die Rede sein. Mir ist's als hörte ich sie jetzt
-schon bei dem Bericht helllaut auflachen.«
-
-»Und du meinst, sie wird ihre Mitwirkung dazu leihen, den Blasengel aus
-allen seinen Himmeln zu reissen?«
-
-»Wenn ich sie bitte, gewiss.« Damit war er schon zur Thür hinaus.
-
-»Ehe denn der Hahn kräht, wird es einen Abtrünnigen in unserm
-Junggesellentrio geben,« sagte Schönborn, der sich mit Vorliebe auf
-Weissagungen verlegt, wiewohl er das merkwürdige Unglück hat, sie nie
-eintreffen zu sehen, »ich wette, der arme Hugo wird morgen von der
-Anzeige empfangen werden: Rupert Ahlfeld, Ilona Balogh empfehlen sich als
-Verlobte.«
-
-»Ich wollte, wir hätten die Geschichte hinter uns,« murrte ich
-verdrossen, »eigentlich haben wir uns gegen Lichtner schmählich benommen.
-Ich lasse mich von Rupert zu keinem dummen Streich mehr verleiten.«
-
-Ein weiser Entschluss, den ich sehr oft fasste, aber unter dem Einfluss
-unsres Führers stets wieder vergass.
-
-Als Rupert zu uns zurückkehrte, sah er zu unsrer Verwunderung alles
-eher denn befriedigt aus. Er schleuderte seinen Hut in eine Ecke mit der
-Bewegung eines Menschen, der, soll er nicht ersticken, seinem Aerger an
-einem unschuldigen Gegenstande Luft machen muss, und warf sich mürrisch
-auf einen Stuhl.
-
-»Die Weiber haben keinen Sinn für Humor,« brach er aus, »und Ilona ist
-in dieser Hinsicht von der Natur noch kärglicher bedacht worden, als ihre
-Schwestern. Glaubt ihr, sie habe die Lippen nur einmal zu einem Lächeln
-verzogen, als ich ihr die himmelschreienden Dummheiten ihres Troubadours
-schilderte?«
-
-»Hast du ihr erzählt, dass er sich wochenlang mit Häring, Wurst und
-Kartoffeln vergnügt hat, damit die hübsche Nanni in unsrer Kneipe jeden
-Morgen die prachtvollsten, rothen Zentifolien auf ihre Kammer trage?«
-fragte Schönborn, der sich nicht vorstellen konnte, dass unser famoser
-Spass ungewürdigt blieb, und der es deshalb vorzog, das Darstellungstalent
-unsres Freundes anzuzweifeln.
-
-»Du kannst dir denken, dass ich es mir nicht entgehen liess; und was für
-Farben ich auftrug! Stünden sie mir so für die Leinwand zu Gebote, dann
-würde ich Makarts Ruhm in einem halben Jahr verdunkeln. Lerne einer die
-Frauen aus! Statt den dummen Tropf auszulachen, schien sie Mitleid für
-ihn zu fühlen. Es machte mir den Eindruck, als wäre ihr seine stumme
-Huldigung nicht entgangen.«
-
-»Dass wir darauf nicht verfielen!« sagte ich verblüfft, »die Stadt
-sprach davon, wie konnte ihr allein sein Minnedienst verborgen bleiben!«
-
-»Und nun ärgerte es sie vermuthlich, dass die Toggenburgerei nicht so
-ganz spontan war. Sie gab mir ein Pröbchen ihres Pusztentemperaments, dass
-sich mir in der Erinnerung daran die Haare sträuben. Für solche elende
-Possen sei der Name eines schutzlosen Mädchens zu gut, rief sie, als sie
-hörte, ich habe ihn zu seinen Narrheiten mit der Vorspiegelung bestimmt,
-er entspreche durch dieselben ihren Wünschen. Mein Benehmen sei
-unritterlich, eines Gentleman unwürdig gewesen; was sie über euch, meine
-Gehilfen, gesagt, will ich lieber verschweigen.«
-
-»Also will sie nichts von der Rolle wissen, die du ihr zugetheilt?«
-fragte ich, nicht sonderlich bekümmert; mir sagte die Pointe unsres
-Spasses nicht so zu, wie Rupert, der seit der Rückkehr unsers Blasengels
-eine seltsame Gereiztheit gegen ihn verrieth.
-
-»Das hat sie mir zu meinem Erstaunen doch nicht abgeschlagen,« entgegnete
-er, »sie will ihn morgen Nachmittag empfangen und die nöthige Aufklärung
-geben; entweder fürchtet sie, dieselbe könne aus unsrem Munde nicht
-schonend genug ausfallen, oder die Freude am Komödiespielen ist, trotz
-allen Mitleids für ihren Getreuen denn doch in ihr erwacht.«
-
-»Schade, dass wir der Entwicklung des Knotens nicht ungesehen beiwohnen
-können,« meinte Karl, »der Ring des Gyges wäre jetzt gar nicht übel.«
-
-»Es ist noch die Frage, ob wir nicht ohne diesen zurecht kommen,« warf
-Rupert hin; doch selbst er wurde ein wenig verlegen. »Bei schönem Wetter
-hält sich Fräulein Balogh meist im Garten auf und empfängt auch dort
-ihre Gäste.«
-
-»Und da belauerst du sie ohne Zweifel in euerem Gartenhause an der
-Mauer! Höre Ahlfeld, du bist ein noch grösserer Thunichtgut, als ich
-vermuthet,« rief Karl bewundernd.
-
-Wie die drei Verschworenen aus einer Operette steckten wir am nächsten
-Nachmittage in dem windschiefen Gartenhäuschen, dessen Dielen zu unsrem
-Aerger bei jeder Bewegung verrätherisch knarrten. Wir konnten das
-Schlachtfeld genau übersehen. Kaum zehn Schritte von uns entfernt sass
-Fräulein Ilona mit einer Handarbeit unter einem Kastanienbaume; sie war
-um einen Schatten blässer als gewöhnlich und sah für einen Aprilspass
-ungemein ernsthaft aus. Ueber den Kiespfad kam der Blasengel mit einem
-Gesicht heran, das den lieben Herrgott zu fragen schien »was kostet deine
-Welt?« Das Fräulein hielt wie in grosser Befangenheit die Augen auf die
-Arbeit gesenkt, die Röthe, die auf ihrem Gesichte kam und ging, hätte
-jeden glauben machen können, ein wirklich verliebtes Mägdlein erblicke
-den Erkorenen ihres Herzens.
-
-»An ihr ist eine grosse Schauspielerin verloren gegangen,« flüsterte
-Rupert entzückt.
-
-»Sie spielt zu gut,« murrte ich, »sein Sturz aus der Höhe wird
-fürchterlich sein.«
-
-Darüber entgingen uns die ersten Worte der Begrüssung. Das Pärlein sass
-nebeneinander auf einer Gartenbank. Die Sonne machte sich das Vergnügen,
-ihnen goldene Funken auf das Haar zu streuen, hie und da fiel tanzend
-ein Blatt vom Baume herab; das sah sehr hübsch und friedlich und für
-Maleraugen ganz anziehend aus, aber mir bereitete der Anblick keinen
-Genuss, denn ich -- eine ins männliche übertragene Kassandra -- sah das
-Unheil unter dem Kastanienbaum brauen.
-
-»Ich bin glücklich, dass Sie mir diese Unterredung gewähren, Fräulein
-Ilona,« begann Hugo, bei weitem nicht so zaghaft, wie ich vorausgesetzt;
-(wir hatten es uns ja auch angelegen sein lassen, ihm durch die
-deutlichsten Beweise ihrer Neigung die Flügel zu steifen).
-
-»Warum hätte ich Ihre Bitte abschlagen sollen?« erwiderte sie, »freue
-ich mich doch selber, Ihnen endlich meinen Dank für die schönen Blumen
-aussprechen zu können, mit welchen Sie mich jeden Morgen überraschten.«
-
-Wir sahen einander starr an; -- welche Idee, für Blumen zu danken, die sie
-nie bekommen!
-
-»Wer hat es Ihnen verrathen, dass volle, rothe Rosen meine Lieblinge
-sind?«
-
-»Ich dachte an Ihre Landsmännin, die heilige Elisabeth«, sagte er
-vergnügt.
-
-»Und ich konnte zum Danke dafür, dass Sie der Fremden in Ihrer Stadt so
-viel anheimelnd Freundliches erwiesen, nichts für Sie thun.«
-
-»Nichts?« fragte er vorwurfsvoll und fuhr unwillkürlich mit der Hand
-nach der Brusttasche, in welcher der gekaufte Haarsträhn samt Bändern
-und Blümelein ohne Zweifel wohlgeborgen ruhte. Mit Falkenaugen folgte sie
-seiner Bewegung.
-
-»O, ich vergass; was war es nur? eine Haarlocke, eine Schleife und
-dergleichen, nicht wahr?«
-
-Wir konnten von unsrem Versteck aus beobachten, wie sich dunkle Röthe
-über ihr Gesicht ergoss und sie die Hand in den Kleiderfalten zu einer
-Faust ballte. Das galt uns. Diesen Theil der Historie hatte Rupert nicht
-für gut befunden, ihr zu enthüllen.
-
-»Ilona, wissen Sie, welche Deutung ich Ihren Andenken gab?«
-
-»Ich weiss es; wenn ein Mädchen, ohne Einspruch zu erheben, sich die
-stumme und doch so beredte Huldigung eines Mannes gefallen lässt, wenn sie
-monatelang seine Blumen annimmt und ihn sogar durch kleine Liebespfänder
-aufmuntert, dann ist sie entweder eine Gefallsüchtige und nicht werth,
-dass ein Mann einen Gedanken an sie verschwende, oder --«
-
-»Oder?« jubelte Hugo, »sprich es aus, Geliebte!«
-
-»Oder sie erwidert seine Neigung.«
-
-»Das geht zu weit«, murmelte Rupert zu meinem Erstaunen in lebhafter
-Unruhe, »es ist eine unnütze Grausamkeit, so auf seine Einbildung
-einzugehen.«
-
-Hugo hatte sich der Hand Ilonas bemächtigt, doch sie entzog sie ihm.
-»Noch nicht«, sagte sie und richtete sich hoch auf.
-
-Jetzt kam ohne Zweifel die Katastrophe heran. Ich bekenne, dass mir das
-Herz bänglich an die Rippen klopfte. Der arme Blasengel sah förmlich
-rührend in seinem Glück aus.
-
-»Die Zeichen haben Sie betrogen, die Blumen wurden an eine falsche Adresse
-befördert, die Liebespfänder von schalen Possenreissern (unsre verdutzten
-Gesichter bei diesem Ehrentitel hätte ich selber malen mögen) in Ihre
-Hände gespielt; das Ganze war nur ein Aprilscherz.«
-
-Wir durften beruhigt aufatmen, die auszeichnende Inschrift auf den
-Grabmonumenten war uns gewiss; das Gesicht des Blasengels erschien grau und
-hart wie ein Stein.
-
-»Ein Aprilscherz? Und dazu gaben _Sie_ sich her?« Geringschätzung und
-Empörung stritten in seinen Mienen.
-
-Wir hörten deutlich, dass der leichte Ton, in dem sie antwortete,
-erzwungen war.
-
-»Mein Gott, was soll ein armes Mädchen thun, wenn es zu seinem guten
-Recht kommen will? Sitte und Herkommen stellen sich in Wehr und Waffen
-gegen sie auf, sobald sie ein wenig ihre eigene Vorsehung spielen möchte;
-so muss sie es denn mit Freude begrüssen, wenn andre -- und wären es
-auch nur läppische Clowns -- es für sie thun. Blicken Sie mich nicht so
-strafend an, Herr Lichtner, ich habe Ihnen manches zu beichten, wozu ich
-eigentlich der Aufmunterung bedarf! -- Auf Schritt und Tritt haben mich
-seit Monaten ein paar treue, blaue Augen verfolgt. Sie hefteten sich im
-Tanzsaal auf mich, während ich mich im Kreise drehte; sie begleiteten
-mich auf meinen Spaziergängen, ja selbst in den Bildergalerien sah ich
-sie unverwandt auf mich gerichtet und bald las ich in ihnen wie in einem an
-mich gerichteten Briefe. Der Inhalt war sehr hübsch, vielleicht ein wenig
-zu schwärmerisch für unsre kühle kluge Zeit, aber welches Mädchen
-liesse sich nicht mit Freuden wie eine Heilige aus dem Kalender, statt wie
-das gewöhnliche Menschenkind, das sie ist, bewundern! Aber wo blieb das
-lebendige Wort? »Warum kommt er nicht und spricht mich an?« fragte ich
-mich oft, »So viele gleichgiltige platte Gesellen drängen sich mir auf,
-weil ihnen meine Unterhaltung behagt, oder mein Gesicht gefällt, nur
-der einzige, der wirklich warm für mich empfindet, hält sich abseits.«
-Zuweilen grollte ich Ihnen, manchmal fasste ich tolle Pläne, die sich nie
-verwirklichen liessen, um Sie aus den Ecken hervorzulocken, in welche
-Sie sich wie eine Fledermaus verbargen. Bis mir endlich eine Rolle in der
-hässlichen Posse zugetheilt ward und mit ihr die Gewissheit, den stummen
-Mund einmal sprechen zu hören. Sind Sie mir noch böse, dass ich sie
-übernahm?«
-
-»Ihnen Ilona? Nein, ich bin es nur mir selber. Was für ein alberner Narr
-bin ich gewesen! Wie müssen Sie über den veralteten Minnewerber gelacht
-haben!«
-
-»Gelacht? nein; vielleicht im stillen gelächelt. Und auch das nur im
-Anfang. Später fühlte ich mich gerührt und beschämt. Wie Schuppen fiel
-es mir von den Augen, dass mir vor vielen Würdigeren ein grosses Glück
-zugefallen, dass für mich das schöne Wort Wahrheit und mir die Liebe, die
-das ihrige nicht fordert, zu Theil geworden.«
-
-»Sie stellen mich zu hoch«, rief Lichtner, »denn ich kam, um zu fordern,
-um Sie zu fordern. Ich bin nicht so genügsam und selbstlos wie Sie denken,
-ich strecke meine Hand gierig nach dem höchsten Glück aus, das mir das
-Leben gewähren kann.«
-
-»Und warum kamen Sie erst heute?« entgegnete sie mit einem
-Triumphlächeln. »Weil Sie nun das Weib Ihrer Liebe in Purpur und
-köstliches Linnen hüllen können, als wäre es die Königin von Saba.
-Dieselbe sorgende, opferwillige Liebe spricht heute aus Ihrem Kommen, wie
-ehemals aus Ihrem Fernbleiben. Sie wandelten diesmal auf einem Irrweg,
-denn ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich an Wohlstand und Komfort
-verschenken; -- wären Sie enterbt, ohne andre Aussichten, als Ihr Talent
-und Fleiss sie Ihnen eröffnen, zu mir gekommen, ich hätte Ihnen genau
-so wie heute zugerufen: Hugo, wenn Sie mich eitles, oberflächliches
-Geschöpf, das Ihre grosse, aufopfernde Liebe nicht verdient, an Ihr Herz
-nehmen wollen, so bin ich die Ihre!«
-
-Stockend, im ganzen Gesicht erglühend, sprach sie die letzten Worte.
-Selbst einem in irdischen Dingen äusserst unbewanderten Blasengel musste
-dies als der geeignetste Zeitpunkt erscheinen, sie stürmisch in die Arme
-zu schliessen. Für uns hingegen erwies es sich als passend und angemessen,
-dem Tête-à-tête endlich die wünschenswerthe Einsamkeit zu verschaffen.
-Rupert lief wüthend wie ein angeschossener Eber davon (auf Monate hinaus
-allen Spässen so feind, wie der griesgrämigste Schulmeister). Wir zwei
-folgten ihm und trotz aller Freundschaft für ihn winkten wir einander
-behaglich zu. Es erweist sich stets als im hohen Grade befriedigend für
-die unbetheiligten Zuschauer (und als solche fühlten wir uns trotz
-unsrer schwächlichen Vorschubleistung der Posse), wenn die Tugend an der
-gutbesetzten Tafel Platz nimmt.
-
-»Das war ein zweischneidiger Aprilscherz«, raunte ich Schönborn ins Ohr.
-
-»O, ich habe von allem Anfang an vorausgesehen, dass es so kommen werde!«
-
-Das einzigemal in seinem Leben hatte er eine Prophezeiung für sich
-behalten, und die ist in Erfüllung gegangen.
-
-
-
-
-BEIM EHESTIFTEN.
-
-
-_Mütterlich_ hiess das Losungswort. Deshalb setzte sich Adele Mühlenbruch
-vor dem Spiegel ein schwarzes Wittwenhäubchen mit weisser Krause auf, Aber
-es sah auf dem blonden lockigen Scheitel, über dem jungen übermüthigen
-Gesicht so wenig passend aus, dass ihr Töchterchen von ihrem Platz im
-Erker, wo sie Blumen auf einen Porzellanteller malte, aufstand, wobei man
-entdecken konnte, dass sie um mehr als Kopfeslänge die Mama überragte,
-das Häubchen abnahm und es, ohne ein Wort zu verlieren, in die Schachtel
-zurückwarf.
-
-»Gestatte mir die Bemerkung, dass du dir gegen deine Mutter zu viel
-herausnimmst,« sprach Adele, »hätte ich mir das erlaubt, dann wäre ich
-zu Heulen und Zähneklappern in einer finsteren Kammer verurtheilt worden,
-aber« -- ein tiefer Seufzer aus beladener Brust -- »die Kinder entarten
-mit jedem Jahre mehr.«
-
-Sophie stellte sich vor sie hin und blickte, sie konnte nicht anders, auf
-sie hinunter.
-
-»Willst du mir gefälligst sagen, weshalb du dich auf einmal so
-matronenhaft zustutzest? Die Trauerzeit ist längst um, welchen Zweck
-soll also der dunkle Kopfputz haben, der dir mindestens zehn Lebensjahre
-zulegt?«
-
-Die ehrwürdige Mama wurde roth wie ein Schulmädchen, das sich beim
-Kirschenstehlen ertappen liess.
-
-»Das ist _mein_ Geheimniss,« sagte sie endlich mit einem kläglichen
-Versuch, ihre mütterliche Würde aufrecht zu erhalten.
-
-»Es ist bei Weitem nicht so undurchdringlich, wie du dir einbildest.«
-
-»Nun, so will ich dir es gerade heraussagen. Ich habe es satt, beständig
-Anspielungen über die Jugendlichheit meines Anzugs zu hören, während du
-herumgehst, als hättest du zwanzig Jahre im Kleiderschrank gehangen. Die
-Leute sprechen darüber mit gewohnter Nachsicht und Menschenliebe. Gestern
-liess mich erst die Tante des Runkelrübenbarons fast ohne jede Verbindung
-die zwei Bemerkungen hören: ›Wie schlicht und nonnenhaft Fräulein
-Sophie immer erscheint!‹ und ›Sie, gnädige Frau, wetteifern mit den
-Saligen Fräulein, die nie altern.‹ Ich will keine Stiefmutter aus dem
-Volksmärchen vorstellen!« Dabei setzte sie ihr niedliches Füsschen mit
-grosser Entschiedenheit auf den parquettirten Boden. »Wenn du nicht heute
-im hellen Kleid mit mindestens einem Dutzend himmelblauer oder rosenrother
-Schleifen bei Tische erscheinst, dann setze ich nicht nur den Greuel
-aus der Schachtel auf, ich hülle mich auch noch in irgend eine ganz
-unmögliche härene oder sackleinene Kutte.«
-
-»Das wäre unverantwortlich gegen unseren Gast. Es würde ihn an die
-Antwerpener Kathedrale erinnern, die den Andächtigen gratis offen steht,
-nur bleibt das Schönste darin, Ruben's Kreuzabnahme, hinter grünen
-Vorhängen versteckt.« Dabei strich Sophie patronisirend über den
-lockigen Scheitel.
-
-Mama verlor beinahe die Geduld, obschon sie Sophiens unkindliches Benehmen
-gewohnt sein sollte. Seit jeher wurde sie von dem sehr energischen
-Fräulein wie ein unflügges Nestkücken behandelt. Das rührte davon her,
-dass Adele sich im Pensionat unter die wissenschaftlichen Fittiche ihrer
-Busenfreundin zu flüchten pflegte, so oft ihr die höhere weibliche
-Bildung, Schliemann's Ausgrabungen, die Algebra, das Nibelungenlied
-Augenblicke des Strauchelns bereiteten.
-
-Aber Alles zur rechten Zeit! Wenn man im Stillen den Plan ausgeheckt hat,
-seine Tochter zu verheirathen, dann kann man unmöglich Geschmack daran
-finden, sich von ihr beschützen und bevormunden zu lassen. Schmollend
-stellte sich die junge Wittwe an's Fenster. Sophie betrachtete sie eine
-Weile mit dem Wohlgefallen eines Künstlers an seinem gelungenen Werk.
-
-»Kleine Mama, ich glaube, dass du noch hübscher geworden bist, seit du
-mich hierher begleitet und mein alter grämlicher Herr Papa (mit dem
-ich mir das Zusammenleben als eine Art von Pönitenz für die lustige
-Pensionszeit vorgestellt) so gescheidt war, sich auf den ersten Blick in
-dich zu verlieben.«
-
-Frau Mühlenbruch bewahrte ihrem abgeschiedenen Gemahl, der die blutarme
-Offizierswaise vor der drohenden Stiftsdamenlaufbahn bewahrt, eine dankbare
-Erinnerung, aber die Wahrheit zu gestehen, auf den Tag, da die Posaune des
-jüngsten Gerichts die durch den Tod getrennten Ehepaare für ewige
-Zeiten zusammenfügen wird, freute sie sich nur mässig: Ein kleinlicherer
-Haustyrann als der verstorbene Commerzienrath hat wohl selten die Bühne
-des Lebens beschritten. So drückte sie denn bei dieser Mahnung an ihn das
-Taschentuch nicht gerührt an die Augen, sondern versetzte, vollständig
-mit ihrer Beschützerin ausgesöhnt:
-
-»Damals hast du ohne eine Spur von Selbstsucht Kranz und Schleier in
-meinen Haaren befestigt; es ist nichts als billig --«. Dabei brach sie
-ab, biss sich auf die Lippen und wandte ihr purpurrothes Gesicht wieder der
-kahlen Lindenallee zu, die von dem Schlösschen zum Bahnhof führte.
-
-Sophiens Gesicht überflog ein Lächeln.
-
-»Zur Diplomatin bist du nicht geboren, liebes Kind,« murmelte sie
-unhörbar.
-
-Woher Frau Adele eigentlich den Muth nahm, dem Himmel in's Handwerk
-zu pfuschen, ist schwer zu sagen. Der junge Mann, dessen künftige
-Glückseligkeit sie zu begründen dachte, hätte vermuthlich einen weiten
-Bogen um das Schlösschen gemacht, wenn er eine Ahnung von ihren Plänen
-gehabt, denn obschon kein Frauenhasser, hatte Robert v. Eichberg bisher
-nicht die leiseste Sehnsucht nach ehelichem Glück zur Schau getragen.
-Dem früheren flotten Reiteroffizier und jetzigen reichen Gutsherrn auf
-Eichberg wären sonst ohne Zweifel die Thüren, an die er gepocht hätte,
-bereitwillig aufgemacht worden. Er war ein entfernter Vetter von Adele,
-doch hatte sie ihn seit ihren Kinderjahren nicht gesehen. Damals ein
-tölpelhafter, derber Junge, der sich im Hause ihres Vaters auf den
-künftigen Feldmarschall vorbereitete, hatte er seine Mussestunden damit
-ausgefüllt, das kleine Mädchen zu hänseln und zu ärgern. Doch
-schien sie alle Frevelthaten gegen ihr Kätzchen und ihren Kanarienvogel
-grossmüthig vergeben und vergessen zu haben. Wäre er eine Patentmedicin
-gegen alle erdenklichen Uebel und sie die Erfinderin derselben gewesen,
-sie hätte ihn nicht begeisterter loben können. Er besass so viel
-Herzensgüte! Gleich nachdem er die Verwaltung von Eichberg angetreten,
-hatte er aus seinen Privatmitteln die Dorfschule umgebaut. Ihn zeichnete
-solch ein reger Familiensinn aus, was man auch schon daran zu erkennen
-vermochte, dass er, nachdem er sein Bäschen seit mehr als zwölf
-Jahren nicht gesehen, ihr urplötzlich seinen Besuch -- von einer
-landwirthschaftlichen Ausstellung auf weitem Umweg heimfahrend --
-ankündigte; aber ausser diesem Beweis hatte er auch noch eine alte
-Tante, die in kümmerlichen Verhältnissen lebte, sorgenfrei gestellt, die
-Erziehung ihrer Söhne aus seiner Tasche bestritten; kurz, wenn man der
-eifrigen Sprecherin glauben wollte, dann wird das Jahrhundert zu Ende
-gehen, ohne einen zweiten Menschen, der ihm gleicht, hervorzubringen.
-
-»Die von dir geschilderten Charakterzüge berechtigen allerdings zu den
-besten Hoffnungen,« versetzte Sophie mit undurchdringlichem Gesicht;
-nur um ihre Mundwinkel zuckte der Schalk. Die Mama fiel ihr ohne jeden
-sichtbaren Anlass um den Hals. Doch hätte sich ihre Befriedigung
-vermuthlich weniger stürmisch geäussert, wenn sie Sophiens Gedanken
-gelesen, denn diese sehr scharfblickende Dame hatte über den
-angekündigten Besuch ihre eigene, von der Mamas sehr abweichende Meinung.
-
-»Papas Testament soll ihm nach dem vollen Wortlaut bei erster Gelegenheit
-als Erfrischung vorgesetzt werden,« sagte sie für sich, während ein
-nicht allzu freundschaftlicher Blick dem staubumwirbelten Wagen, der in
-diesem Moment die Lindenallee herauffuhr, entgegenflog.
-
-Zweifle Einer an der Stimme des Blutes! Ohne sich zu besinnen, eilte der
-junge staatliche Mann auf Adele zu, wiewohl ihre kleine zierliche Gestalt
-von der imposanten Stieftochter förmlich beschattet wurde, und drückte
-und schüttelte ihr die Hände mit so ehrlicher Freude im Gesicht, dass
-selbst die eherne Sophie ein wenig zu schmelzen anfing. Herr Robert von
-Eichberg machte übrigens durch sein Auftreten einen Eindruck, als eigne
-er sich eher für die Rolle eines Naturburschen, als für die eines glatten
-Hofmannes. Dass sich noch eine zweite Dame im Zimmer befand, schien ihn
-gar nicht zu kümmern. Frau Adele, als stellvertretende Vorsehung, hätte
-gewünscht, dass er vor der majestätischen Erscheinung Sophiens geblendet
-stehen und seine unbedeutende Cousine im vierten oder fünften Glied
-vollständig übersehen solle. Statt dessen blickte er sie, die ehrwürdige
-Matrone, mit einem naiven Vergnügen an, etwa wie ein kleiner Junge den
-lichterbesteckten Christbaum. Aber sie wollte ihm die Augen öffnen!
-
-»Robert,« sagte sie mit Nachdruck, »dies ist meine Tochter Sophie.«
-Da aber verfiel der Vetter in seine alte Kinderkrankheit. Er brach in ein
-schallendes Gelächter aus. Adele zog befremdet die Augenbrauen in die
-Höhe.
-
-»Entschuldigen Sie meine unzeitige Heiterkeit,« sagte Robert und fing von
-Neuem zu lachen an, »aber der mütterliche Beschützerton, Cousinechen,
-klingt in Ihrem Munde zu komisch;« vertraulich wandte er sich an Sophie,
-»sie ist wohl sehr streng, die ehrwürdige Mama, und wenn Sie nicht auf
-den Wink gehorchen, setzt es Fasten und Hausarrest?«
-
-Aber der freundschaftlichen Anrede antwortete kein Echo.
-
-»Ich bin neugierig, wie oft du mich noch durch die Betonung deiner
-Autorität vor Fremden lächerlich machen wirst!« sagte das Fräulein
-in weinerlichem Ton zu Adele, »und du willst keine Stiefmutter aus dem
-Märchen vorstellen!«
-
-Mama war verblüfft. Herr Robert aber bildete sich in tiefer
-Menschenkenntniss ein unfehlbares Urtheil über die junge Dame.
-
-»Das ist eine unangenehme Person,« dachte er.
-
-Man setzte sich, Fräulein Sophie in gemessener Entfernung von den
-Anderen, als gehöre sie nicht zu ihnen. Darüber hätte sich schier ein
-erleichtertes Aufathmen der Brust des jungen Mannes entrungen. Doch war
-sie leider nicht so vertieft in ihre Porzellanmalerei, um nicht von Zeit
-zu Zeit eine boshafte oder schulmeisternde Bemerkung in das Gespräch
-einzuwerfen. Als Adele wissen wollte, wie es bei der Ausstellung
-zugegangen, klang es ätzend vom Fenster herüber:
-
-»Ohne Zweifel wie immer. Du hättest dir deine Frage füglich ersparen
-können. Ausstellungen sind nur dazu da, damit die Herren Landwirthe Madame
-Cliquot bereichern und den Klatsch der Gegend austauschen können.«
-
-»Sie ist das reine unverfälschte Scheidewasser,« sagte Rudolf für sich
-und warf einen scheuen Blick in den Erker hinüber, »das Dasein, das meine
-arme kleine Cousine in Gesellschaft ihrer Stieftochter führt, muss Alles
-eher, denn erquicklich sein.«
-
-Frau Adele seufzte. Was für Sorgen bereiten Einem doch die Kinder,
-besonders wenn sie erwachsen sind! Von Rechtswegen hätte sie sich
-es verschwören sollen, je wieder Pläne zum Heil der Undankbaren zu
-schmieden, denn ohne ein Wort der Entschuldigung entwich sie plötzlich
-aus dem Zimmer, als sich der Gast, freilich nicht allzu rücksichtsvoll,
-in Jugenderinnerungen vertiefte. Aber Frau Mühlenbruch befand sich auf
-der Höhe ihrer Aufgabe. Wie ein Cicerone von Uebung und Beruf wies sie dem
-Vetter alle Schätze ihres Hauses, Vasen und Decorationsteller, die
-Sophie bemalt, Kreidezeichnungen und Aquarellbilder, das Werk ihrer
-Künstlerhände, Makartbouquets, die nur sie so geschmackvoll zu ordnen
-verstand, Kissen, Decken und Stuhlbezüge, die sie gestickt.
-
-»Da, Barbar, wirf dich vor solchen das Leben verschönernden Talenten
-bewundernd auf die Knie,« schien ihre Triumphmiene zu fordern. Aber Robert
-traf nicht einmal mit guten Vorsätzen Anstalten dazu. Ihm kam der
-Gedanke, um wie viel angenehmer die Wanderung durch Galerien und
-Raritätensammlungen wäre, wenn statt des näselnden Leiertons der Führer
-solch' eine wohlklingende, einschmeichelnde Stimme bei den Erklärungen
-erschallte. Und als sie verstummte, bemerkte er wie erwachend:
-
-»Es muss Ihnen manche Annehmlichkeit bieten, dass eine so viel ältere
-Freundin Ihnen Gesellschaft leistet und das Haus ausschmückt.«
-
-»Viel älter?« sie blickte ihn strafend an, »Sophie zählt kaum zwei
-Jahre mehr als ich.«
-
-»O, ich behaupte nicht, dass sie alt aussehe; nur Sie, Cousinechen, sind
-ganz unbegreiflich jung geblieben.«
-
-Sie war böse auf sich, aber sie musste lächeln. Vetter Robert hatte so
-eine ungeschminkte ehrliche Art, seine Bewunderung auszudrücken. Wenn es
-ihr gelänge, dieselbe an die richtige Adresse zu leiten, so könnte Sophie
-in allen Erdtheilen keinen liebenswürdigeren Gatten finden.
-
-Getreu dem mütterlichen Gebot erschien Fräulein Mühlenbruch bei
-Tische wirklich mit einem wohlgezählten Dutzend himmelblauer Schleifen
-geschmückt. Aber die heimtückische junge Dame hatte sie in äusserst
-merkwürdiger Weise vertheilt. An beiden Schultern standen zwei himmelblaue
-Henkel in die Höhe, das nicht eben üppige braune Haar wurde von einem
-Bandknoten zusammengehalten, dessen Enden bei jeder Bewegung um den Kopf
-flatterten (»wie bei einer überlebensgross gerathenen Confirmandin,«
-dachte Mama entsetzt), kurz, wenn sie einige Jahre Studium darauf
-verwendet, eine Caricatur aus sich zu machen, so hätte es ihr nicht besser
-gelingen können. Doch sollte die Arglistige nicht straflos ausgehen. Als
-der Kaffee aufgetragen wurde, stiess sie plötzlich einen Schreckensruf aus
-und verschwand, wie von Furien gejagt, aus dem Zimmer.
-
-Adele blickte erstaunt auf. Durch die hohen Glasfenster sah sie eine lange,
-magere Gestalt auf das Schloss zuschreiten. Sollte diese Sophie in die
-Flucht getrieben haben? Sonst hielt sie mit musterhafter Geduld dem Manne,
-ihrem Gutsnachbar, stille, selbst wenn er auf sein Steckenpferd, die
-Runkelrüben, kam; sie lauschte seinen Erklärungen über eine neue Dresch-
-oder Säemaschine mit der Miene einer begeisterten Adeptin, während
-Mama sich meist zurückzog, da sie in der Nähe des Barons Hellmer von
-Schlafsucht befallen wurde; warum entschlüpfte das unberechenbare Mädchen
-heute bei seinem Erscheinen? Aber zu weiterem Nachdenken war keine Zeit;
-der neue Gast trat ein. Er nahm die angebotene Tasse Kaffee an und blickte
-suchend umher.
-
-»Ich hoffe, Fräulein Sophie befindet sich wohl?«
-
-Frau Mühlenbruch war in Verlegenheit. Glücklicher Weise trat das
-unbotmässige Töchterchen bald wieder ein, wie gewöhnlich einfach und
-dunkel gekleidet, das Haar in einen Knoten aufgesteckt, die Verkörperung
-ruhiger Vernunft und kühler Klugheit. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem
-Runkelrübenbaron zuwendete, blieb der Mama nichts übrig, als sich Robert
-zu widmen. Vielleicht wäre es nicht unumgänglich nöthig gewesen, dabei
-so leuchtende Augen und geröthete Wangen zu bekommen, doch entschädigte
-sie Sophie gewissenhaft. Als diese mit Baron Hellmer durch den Park und
-über die nun kahlen Felder schritt, Verbesserungen in der Wirthschaft
-besprechend, folgte sie mit Eichberg und verbreitete sich wie vorhin über
-die künstlerischen, nun über die praktischen Vorzüge Sophiens. Um das
-lichte Bild im breitkrämpigen Hut und wasserdichten Stiefelchen mit seinem
-Hintergrund nahrhafter Thätigkeit besser hervortreten zu lassen, malte
-Adele sich selber mit Tusch. Im Schaukelstuhl, eine Novelle von Heyse in
-der Hand, verträume sie die Zeit, während Sophie in Regen und Sonnenbrand
-die Wirthschaft leite.
-
-Es war ihr erster Versuch im Ehestiften, sonst hätte sie sich vielleicht
-gesagt, dass Robert, wenn er auch ein wenig verbauert sein mochte, sich
-doch lieber von zierlichen Goldkäferpantöffelchen, als von schweren
-Wasserstiefeln regieren lassen wollte und trotz seiner Ueberzeugung vom
-Nutzen des Düngers nicht wünschte, dass ihm dieser aus den Kleidern
-seiner schöneren Hälfte entgegenschlüge.
-
-Immerhin bildete die gemeinsame Beschäftigung eine Brücke zwischen Sophie
-und dem jungen Mann. Ihre bewaffnete Neutralität wäre ohnehin nicht
-aufrecht zu erhalten gewesen, da Robert, ohne sich lange bitten zu lassen,
-seinen Besuch auf mehrere Tage ausdehnte. Fräulein Mühlenbruch liess
-sich herbei, mit ihrer gewohnten kühlen Ruhe zu antworten, wenn er sie
-anredete; sie mieden einander nicht mehr auffällig und pflogen zuweilen
-sogar längere Zwiegespräche. Frau Adele begann zu glauben, dass ihr
-geheimer Plan der Verwirklichung entgegenreife. Aber sie machte nun die
-Erfahrung, dass das erreichte Ziel bei Weitem nicht so verlockend ist, als
-man, es erstrebend, gedacht. Ihr Lachen bekam in den letzten Tagen einen
-etwas erzwungenen Klang, ihre Augen einen Ausdruck der Ermüdung, fast, als
-hätte sie Nachts wenig Schlaf gefunden. Und während Sophie heiterer und
-lebhafter wurde, je länger Robert auf dem Schlösschen verweilte, erschien
-die junge Frau stiller und gedrückter. Dennoch behielt sie vor den Zweien
-ziemlich tapfer die Maske der zufriedenen, in dem Glück der Kinder das
-ihre findenden Mama bei, aber als sie allein in ihrem Zimmer sass und
-den Vetter mit Sophie im eifrigen Gespräch über die Kieswege des Parkes
-wandern sah, hielt sie die Verstellung für überflüssig und liess
-die Betrübniss, die sie empfand, sich ganz deutlich auf ihrem Gesicht
-spiegeln. Denn unten verhandelte man Wichtiges, Entscheidendes. Robert
-legte seine Hand mehr als einmal betheuernd auf die Brust, und Sophie
-antwortete mit ihrem freundlichsten Lächeln. Frau Adele denkt im Stillen,
-die Beiden werden eine Ehe führen, um welche sie alle Engel im Himmel
-beneiden können. Das Glück, das sie gestiftet, verleitet sie zu
-Vergleichen; aber das Zusammenleben mit dem grämlichen Herrn Mühlenbruch
-erscheint dabei nicht in seiner günstigsten Beleuchtung.
-
-Das Pärlein unten trennt sich mit einem Händedruck, dessen Wärme sie
-durch alle Mauern zu verspüren glaubt, Robert schreitet dem Schlösschen
-zu, seine Schritte nähern sich ihrer Thüre. Sie weiss, weshalb er kommt.
-Ihre Finger greifen nach der Wittwenhaube, aber was soll ihr in diesem
-ernsten Augenblick der Mummenschanz? Sie wird mit äusserlicher Fassung
-ihren mütterlichen Segen zu der Verbindung aussprechen, die sie
-herbeigeführt. Wie ihr dabei zu Muthe ist, das soll kein Lebender
-erfahren. Wäre es nur vorüber, hätten die zwei Glücklichen ihrem
-einsamen Wittwensitz bereits den Rücken gewendet!
-
-Einige Minuten später tanzen alle Kunstwerke, die Sophiens Hände
-geschaffen, im Kreise um die junge Frau herum und nehmen Ständer und
-Tischchen mit. Als sie sich wieder auf ihre Plätze verfügten, befand sich
-Adele an Robert's Brust. Und nun erfuhr sie, dass er um ihretwillen die
-Fahrt in das Schlösschen angetreten, ein gelieferter Mann, noch bevor er
-kam. Vor etlichen Wochen hat er auf dem Bahnhof in Hannover (wo Adele,
-wie sie sich jetzt erinnert, eine Freundin besucht) ein Billet für
-eine fremde, rathlos im Gedränge stehende Dame gelöst. Sie hatte den
-hülfreichen Mann schleunigst vergessen -- solche kleine Ritterdienste
-mochten ihr oft genug erwiesen worden sein. Ihm aber hatten es ihre
-übermüthigen braunen Augen angethan; er spürte ihr nach, erfuhr, dass
-es sein eigenes Bäschen sei, das ihn bezaubert, und so hatte er sich
-aufgemacht, sein Glück zu suchen.
-
-Adele befreite sich plötzlich aus seinen Armen.
-
-»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus,« sagte sie stockend und wurde
-feuerroth, »wenn ich mich nochmals verheirathe, fällt das ganze
-Mühlenbruch'sche Vermögen an Sophie.«
-
-Ein tiefer Athemzug hob seine breite ehrliche Brust.
-
-»Ich weiss es« (Fräulein Sophie hatte ihn erst vor einer Viertelstunde
-mit dem Testament bekannt gemacht), »aber, Liebchen, eine kleine warme
-Kirchenmaus hat mir seit jeher mehr Sympathie eingeflösst, als ein kalter
-klebriger Goldfisch.«
-
-Sophie kam herein und wünschte mit freudigem Gesicht den Verlobten Glück.
-
-»Kleine Mama,« flüsterte sie lachend Adelen in's Ohr, »für einen
-ersten Versuch ist dir das Ehestiften nicht schlecht gelungen.«
-
-Frau Mühlenbruch zeigte eine zerknirschte Miene. »Ich wollte meine
-mütterliche Pflicht gegen dich erfüllen,« sprach sie leise, dem Weinen
-nahe.
-
-»Das war vollständig überflüssig; ich bin schon seit drei Wochen mit
-Helmer verlobt. Ich habe nur gewartet, bis ich dich versorgt und aufgehoben
-weiss, denn dich, unmündiges Kind, allein auf Juliusruhe zurück zu
-lassen, erschien mir als Grausamkeit.«
-
-
-
-
-IM HERBST.
-
-
-Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben?
-Wenn man es recht bedenkt, nein, denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse
-zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit,
-die Zeit der Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang zum gefürchteten,
-ertragsarmen Sommer, der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche
-ist, in welcher sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzt. Und er wusste
-gut genug, dass all der beglückende Unsinn: Nachtigallenschlag, Rosenduft,
-eine kleine Hütte im Grünen, braune Augen und blonde Locken nichts für
-ihn seien. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon
-gelassen, was insofern nicht schwer war, als er, vom frühen Morgen bis zum
-späten Abend rastlos umherlaufend, um unartige Bengel in die Mysterien der
-Dur- und Mollscalen einzuweihen, nicht mehr von der Versuchung, glücklich
-zu sein, empfand, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und
-Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten eingeschlagen hätte.
-Aber da war das Schicksal boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem
-Präsentirbrett sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne die geringste
-Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in welcher
-sich obendrein eine Thüre befand, die sehr mangelhaft von einer Seite
-durch ein Clavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen
-Fähnchen behängten Kleiderschragen verbarricadirt war. Am Abend pflegte
-Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von
-Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervor zu holen,
-ohne praktischen Nutzen, da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen
-Fingerübungen hatten, weit überflügelten. Als er nun einmal wieder ein
-paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob
-sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer eine helle,
-frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etuden tapfer mit, die Läufe
-selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen
-Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in
-den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu oft, denn als man ihm noch die
-dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die
-Claviatur erreiche, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den
-Klimperkasten fest.
-
-Das Interesse an der Nachbarschaft hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja
-zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom
-»Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden muss, um ihn eine Stunde
-lang festzuhalten, schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte, regten
-sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als
-sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich an's Fenster, zum erstenmal im
-Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? das ist kein Wort; hübsch
-ist am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber nicht Jede hat solch ein
-pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt,
-solche lustig in die Stirn fallende Locken, so ein rosiges Gesicht.
-Die Augen kann er nicht sehen, aber sicher blitzen sie in Uebermuth und
-Lebensfreude. Frau Lechleitner bringt ihm die obligate Cichorienbrühe
-herein, und er getraut sich, in unbefangener Weise die Worte hinzuwerfen:
-»Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleusse
-ist geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr
-Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit, aufnehmen, man weiss ja, was dabei
-»herausschaut«. Aber die Franzi kennt sie schon von klein auf, hat ihr
-manchen Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden
-monatlicher Pension war, und die »Zimmerherrn« sind so unverlässlich,
-womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben will,
-der pünktlich wie eine Uhr ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's Mutter
-war ihre beste Freundin und ihren Vater hätte sie einmal heirathen
-sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die
-Siebenbrunnerwiese spazieren ging.
-
-»Das haben Sie mir schon erzählt!« ruft Leonhard verzweifelnd aus.
-
-»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut mit
-einander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi
-schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.«
-
-Frau Lechleitner wird nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu
-rühmen. Vor ihm steigt dräuend das Bild einer mit tausend Spitzen und
-Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem
-pharisäischen Tugendstolze alleinstehender braver Mädchen. Und er weiss
-nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen
-soll, mit welcher ihn die Hauswirthin, die Anwesenheit der hübschen
-Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überrascht.
-
-Ziemlich trübselig erwartet er, in die Ecke des alten Sophas gedrückt,
-sein Schicksal. Die Thür geht auf, lachend und schwatzend und ein wenig
-verlegen kommt die sanglustige Nachbarin herein. Sie ist keine Jungfrau in
-Wehr und Waffen, sondern ein herziges kleines Ding voll drolliger Einfälle
-und -- gerade nur zur Würze -- etwas schnippisch. Nach den ersten paar
-Minuten erscheint ihm die versessene Sophaecke als das behaglichste
-Plätzchen der Welt. Als er die ungeheuere Tasse Kaffee, die ihm
-die Hausfrau reicht, über das Tischtuch und Franziskas neues Kleid
-ausschüttet, weiss sie das Unglück mikroskopisch klein zu machen;
-natürlich lassen sich die Flecken entfernen, wird das Kleid gewaschen wie
-neu aussehen! Wie sich ihm das schüchterne Herz in der Brust dehnt, wie
-seine blauen Augen, das einzige Anziehende in dem unjugendlichen Gesicht,
-zu leuchten anfangen! Heute scheint die Sonne ganz anders als sonst,
-Frühling, Frühling! zwitschern die Spatzen auf der Strasse. -- In seiner
-Stube entlockt er dem Flügel stürmische, jauchzende Weisen, stürmisch
-und jauchzend singt die Spottdrossel nebenan, und Frühling, Frühling!
-klingt es aus den Tönen.
-
-Durfte Leonhard Gruber einen Frühling haben? In den Händen hielt er
-einen Brief; mit leisem Bangen, wegen dessen er sich herzlos und unkindlich
-schalt, öffnete er ihn. Oft kamen Episteln von derselben Hand, sie sind
-mit Klagen über Einschränkungen erfüllt, wie Luise noch immer im alten
-Kleide gehe, Lina einen Mantel brauchte, wie trostlos das Geschick einer
-Witwe und armer Waisen sei, die ihres Ernährers beraubt worden. Drei
-Viertheile von Leonhard's Verdienst wandern nach Mureck, seit Jahren hat er
-keine Oper, kein gutes Concert besuchen können, im Winter trägt er dünne
-und im Sommer dicke Kleider, wie sich das bei armen Teufeln trifft, aber
-so oft er ein solches Schreiben liest, erscheint er sich wie ein schwarzer
-Missethäter.
-
-Diesmal jedoch enthält es eine Freudenbotschaft. Das heisst, einem Anderen
-würde sie vielleicht nicht so sehr verheissungsvoll klingen, da sie ihm
-zunächst noch mehr Entbehrungen auferlegen wird. Aber mein Leonhard Gruber
-verspricht sich leicht einen schönen Tag, so oft ein winziges Stückchen
-blauen Himmels durch graue Wolken bricht: der zweite Sohn des alten
-Organisten wird, Dank dem adeligen Schlossherrn von Mureck, der Leonhard's
-musikalische Ausbildung ermöglichte, einen Stiftplatz am Wiener
-Conservatorium erhalten. Was dem älteren Bruder versagt geblieben, soll
-dem jüngeren zu Theil werden. Leonhard wird ihm jeden Stein aus dem Weg
-räumen, damit er sich ungehindert der anspruchsvollen Frau Musica widmen
-könne, aber wenn nun Karl ein berühmter Künstler geworden, dann kann er
-die Sorge für die Familie übernehmen.
-
-Und dann verlobte sich Leonhard. Warten? Ob es Franzi recht ist! so hat sie
-es stets geträumt, wenn in ihrem Köpfchen der Gedanke an ein eigenes Haus
-aufgetaucht. Stück für Stück zum Bau des Nestes herbeitragen, bis es
-gezimmert und ausgepolstert ist, das muss ungleich hübscher sein, als in
-ein von Tischler und Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen.
-
-Daheim waren sie Anfangs geneigt, es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass
-er sich mit vermessenen Gedanken an einen eigenen Herd trug, aber da an die
-Ausführung nicht gegangen werden sollte, bevor Karl eine feste Stelle in
-der Welt errungen, gab die Mutter in Gnaden ihre Einwilligung.
-
-Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine Lehrer knüpften hohe Erwartungen an
-ihn, aber dem genialen Burschen gebrach es an einer Kleinigkeit, es war
-ihm nicht ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, dem Leben. Das Glück
-heftete sich Anfangs an seine Fersen. Er hatte kaum den Schulstaub
-abgeschüttelt, da lud ihn der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen,
-zu einer Abendgesellschaft ein. Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge
-Künstler kam in Mode. Aber die Mutter wandte sich nicht an ihn um Hülfe
-in ihren endlosen Nöthen, denn uneröffnet lag ein ganzer Stoss von
-Familienbriefen auf seinem Clavier. Während der Schülertage hatte er Bett
-und Tisch des Bruders getheilt, aber die kleine, schlecht beheizbare
-Stube im entlegenen Vorstadthaus war kein passender Aufenthalt für
-einen gefeierten Virtuosen. Auch verdarb ihm das lästige Mitsingen im
-Nebenzimmer -- ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs Jahren klang es
-freilich nicht mehr -- jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, machte
-ihm das Leben zur Qual. Er miethete sich ein passendes Künstlerheim an
-der Ringstrasse. So kirchenstill es in den Augenblicken, da er mit der Muse
-Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, so laut liebte er seine Gesellschaft
-in den vielen Erholungsstunden. Er besass eine Leidenschaft für alle
-schäumenden Getränke, und die Gasflammen einer Wirthsstube lockten ihn
-wie eine Motte an.
-
-Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann liess er sich wie in seiner Schulzeit
-vom älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich dieser beileibe keine
-Vorstellungen erlauben, sonst liess sich der Virtuose Monate lang nicht
-blicken. Und Leonhard, gutmüthig, schwach und unaufhörlich von der Furcht
-gequält, er erfülle schlecht das Versprechen, das er dem sterbenden Vater
-gegeben, suchte ihn dann wohl zuerst auf und gab gute Worte.
-
-Franziska, der in letzter Zeit zuweilen der Gedanke gekommen, dass man auch
-Pflichten gegen sich selber habe, vernahm es denn auch ohne das leiseste
-Bedauern -- wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren Bräutigam ihren
-Gefühlen keinen beredten Ausdruck lieh --, dass Meister Karl, eine
-ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor Thau und Tage aus Wien entwischt
-war. Es geschah ihm dadurch kein Leid, im Gegentheil, jetzt erst befand
-er sich in seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde einer der modernen
-Landstreicher, die herrlich und in Freuden, von Bierquelle zum Weinborn
-pilgernd, leben, wenn ihnen ein insipides Getränk, das Wasser, bis in den
-Mund reicht, unter Aufzählung ihrer Titel und Orden »ein einziges Concert
-auf der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten und dem geschmeichelten
-Localpatriotismus so viel erpressen, um ihren Kahn eine Weile flott zu
-erhalten.
-
-Monate lang ging Leonhard niedergedrückt, eine Beute heftiger
-Gewissensbisse umher. Es war sträflicher Leichtsinn gewesen, ein
-blühendes, junges Leben an das seine, das er Anderen verpfändet hat,
-zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, in das der Wind gefahren, lagen seine
-Hoffnungen auf dem Boden.
-
-»Wir müssen eben warten,« tröstete ihn Franzi, aber es klang anders
-als vor Jahren, da sie im Warten die eigentliche Würze ihres Brautstandes
-gesehen. »Wie könnte mir einfallen, Dich von Deiner Pflicht abwendig zu
-machen!« Leonhard's Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; ein
-anderer Bruder theilte sie. Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, des
-Herrn Pfarrers von Mureck, sollte er einige Jahre Theologie studiren, dann
-war ihm ein Pfarramt gewiss. Das Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne
-auf dieses künftige Glück: Natürlich wird das Pfarrhaus im Grünen
-liegen, Weinlaub daran emporklettern, ein Garten voll Aepfel- und
-Birnbäumen es umschliessen -- Franzi wässert schon jetzt der Mund nach
-den saftigen Früchten --, man kann nicht allein darin hausen, Mutter
-und Schwester werden zum Seelenhirten ziehen. Wenn Ignaz es erlaubt, warum
-sollte er nicht? sein ältester Bruder theilt ja auch jeden Bissen mit ihm,
-dann kommt Leonhard mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn seine Schüler
-auf das Land geflohen sind, zur Erholung zu ihm hinaus. O, es wird herrlich
-sein, frische, stählende Bergluft Wochen, Monate lang einzuathmen.
-Franziska ist nun 26 Jahre alt und sehr praktisch. Ihre Augen haben viel
-von ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die Lippen, statt zu lachen,
-schliessen sich oft fest auf einander. Aber wenn sie in glücklichen
-Träumen schwelgt, dann zeigen sich die Grübchen in Wange und Kinn, und
-ein rosiger Hauch färbt ihr Gesicht.
-
-»Niemand würde sie für älter als zwanzig halten,« meint bewundernd
-Leonhard. Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken einstimmt, nimmt ihn
-nicht Wunder. Was kümmert sich so ein angehender geistlicher Herr um
-Frauenschönheit? Aber freilich, etwas zugänglicher für Freud' und Leid
-der Menschen um ihn dürfte er sein! Wird er doch einmal seiner Gemeinde
-in Freud' und Leid beizustehen haben. Aber er gehört zu der neuen Schule
-kirchlicher Streiter, ist hohlwangig und blass und hat ein düsteres Licht
-in seinen Augen. Wenn Leonhard und Franziska Lustschlösser aufthürmen,
-wirft er verächtliche Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen versucht
-er es, sie auf das Reich Gottes hinzulenken; leider vergeblich. Franzi,
-wie die Meisten ihrer Landsmänninnen, hat nicht das geringste Talent zur
-Asketin, und wie Leonhard's Anlagen auch beschaffen sein mögen, an der
-Seite seiner Braut, die er nun bald heimzuführen hofft, denkt er nicht an
-Weltentsagung.
-
-Er war Enttäuschungen so gewohnt, dass er nicht zusammenbrach, als sein
-Bruder, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, in einen Mönchsorden
-der strengsten Regel eintrat und schwere Klosterpforten zwischen sich und
-die Welt, die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, schob. In Mureck waren
-sie fromm genug, nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja noch immer der
-Aelteste; »einen gar braven Buben«, nennt ihn Frau Gruber, aber sie ist
-doch stolzer auf den geistlichen Sohn, der es zu hohen Würden bringen
-wird, da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen wusste.
-
-Franziska wurde todtenbleich, als dieser Blitz ihre Lustschlösser
-zertrümmerte.
-
-»Wir werden nie einander angehören!« rief sie und brach in Thränen aus.
-Wenn er sie verlor, dann schwand jede Freude aus seinem armseligen Leben,
-er wurde ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der Strasse. Aber konnte
-er ihr zumuthen, noch länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast
-aussichtslosen Neigung zu opfern. Das erste Wort, mit dem er sie,
-Verzweiflung in der Stimme, frei gab, brachte sie zu sich.
-
-»Mein Leonhard, wir warten geduldig auf einander, wie bisher«; aber es
-war nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, als sie hinzusetzte: »Es
-sei denn, Du möchtest mich nicht mehr.«
-
-Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. Wieder arbeiteten sie Jahre lang
-neben einander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. Franziska wusste, dass
-sie verblühte. Sie baute keine Zukunftspläne mehr und gab sich Mühe,
-so rührend genügsam wie ihr Bräutigam zu werden, dessen Gesicht
-sich verklärte, wenn er einen Sonntag Nachmittag mit ihr im Wienerwald
-verbringen durfte.
-
-Da griff der Zufall plötzlich in ihr Leben umgestaltend ein. Leonhard
-ging mit elastischen Schritten umher und summte die Melodien, die, wenn
-günstigere Sterne über ihm gewaltet, vielleicht den Weg in die Welt
-gefunden hätten.
-
-Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, wie ein Schiffbrüchiger auf
-fremdem, unwirthlichem Strand in Amerika gelandet. Ach, da war kein Wirth,
-der borgen wollte, kein Concertsaal, der sich öffnete, so lange ihm der
-Wind durch die Taschen pfiff. Um nicht zu verhungern, sah er sich nach
-Schülern um und da er in der That glänzend spielte, eine unverlegene
-Zunge besass und mit einem Hoftitel aus einem kunstsinnigen deutschen
-Herzogthum die Leute zu blenden vermochte, fehlt es ihm bald nicht an gut
-bezahlten Clavierstunden. Nach einigen Monaten trat er öffentlich auf und
-fand Beifall. Das Unterrichten erschien ihm nun wieder als eines so grossen
-Pianisten wenig würdig. Auch plante er eine Kunstreise nach dem Westen.
-Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, Leonhard könnte seine Lectionen
-übernehmen. Das Reisegeld schickte er nicht, er hätte seines ältesten
-Bruders Zartgefühl verletzen können, freilich dauerte es nun einige Zeit,
-bis es zusammengespart war; zu lange für Karl's Ungeduld. Als Leonhard
-nach thränenreichem Abschied von den Seinen in New-York landete, da war
-der Virtuose bereits nach Californien abgereist, und seine Stunden gab
-ein Anderer. Und der Ankömmling, der nicht mehr in den Jahren war und
-vielleicht nie die nöthige rücksichtslose Energie besessen hatte, um sich
-in der Fremde einen Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne Mittel, ohne
-Freunde, von der Heimkehr abgeschnitten in der ungeheueren Stadt, die
-Hunderte solcher ungeschickter armer Teufel verschlingt, ohne dass nur
-das Kräuseln der Oberfläche, wie ihn ein Stein auf dem Wasserspiegel
-hervorruft, die Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. Er besass nicht
-seines Bruders siegesgewisses Auftreten, konnte nicht wie dieser durch
-seinen Künstlerruhm verblüffen. Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm
-Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte nicht um seinetwillen, denn er
-hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, schon früher erlernt. Aber was
-sollte aus Mutter und Schwestern werden, welche er, im Vertrauen auf
-Karl's Versprechungen, den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert, was
-aus Joseph, dem jüngsten Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel
-sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. Wenn er Franziska's gedachte,
-überwältigte ihn der Jammer völlig. Welch ein Lohn für ihr geduldiges
-Ausharren, ihre Aufopferung! Er sandte keine Nachricht von seiner
-Bedrängniss an die Angehörigen heim. Sie konnten ihm nicht helfen und
-hatten an der eigenen Last genug zu tragen.
-
-Er vergass, dass es nichts Unersetzliches auf Erden gibt. Mutter und
-Geschwister staunten, dass der stets so zuverlässige Aelteste sie im
-Stiche liess. Aber von der Nothwendigkeit gedrängt, suchten sie bei ihren
-eigenen Hülfsquellen Zuflucht. Joseph gab Stunden, wie Leonhard es gethan
-und schickte kleine Beträge nach Hause, die Schwester verwerthete allerlei
-Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Aelteste entschloss sich, dem greisen
-Pfarrer die Wirthschaft zu führen. Franziska allerdings litt; sie glaubte
-sich von ihm vergessen. Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst versuchend,
-irgendwo festen Fuss zu fassen.
-
-Die New-Yorker Zeitungen brachten eines Tages eine jener Notizen, die, kurz
-und dürr, dennoch mehr als bändelange Schilderungen irdischen Jammers
-geeignet sind, die Herzen zu erschüttern. Ein Polizist hatte einen
-bewusstlosen und wie er, Dank des häufigen Vorkommens solcher Zufälle,
-glaubte, betrunkenen Mann vom Strassenpflaster aufgelesen und über Nacht
-auf der Polizeistation mit dem verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt.
-Vor dem Richter stellte sich heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der
-Bruder eines in New-York geschätzten Künstlers, hatte keinen Tropfen
-geistigen Getränkes zu sich genommen, sondern war zusammengebrochen, weil
-er seit mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen. Das Mitleid verschaffte
-Leonhard die ersten Stunden in New-York. Was man auch an den plötzlich
-reich gewordenen Amerikanern zu tadeln finden mag, die schlechte
-Eigenschaft der Emporkömmlinge, die Kargheit im Kleinen neben der
-prahlerischen Vergeudung im Grossen besitzen sie nur ausnahmsweise; sie
-lassen die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten in ihren Geschäften, die
-Dienstleute im Hause nicht darben. Leonhard sah sein Schifflein bald auf
-ruhiger Fluth dahingleiten.
-
-Lachend und weinend zu gleicher Zeit hielt Franzi den Brief in der Hand,
-der ihr von der günstigen Wendung in seinem Geschick Kunde gab. Bald
-sollten sie einander angehören. Lärmten die Sperlinge nicht wie
-ehemals, sang und klang es nicht in ihr, um sie? Aber es dauert nur wenige
-Augenblicke. Ihre Seele hat die luftigen Schwingen eingebüsst, mit welchen
-sie sich einst in ein glückliches Traumland erheben konnte.
-
-»Was wird wohl diesmal zwischen uns treten?« fragt sie sich bitter, der
-Glanz in den Augen erlischt, und sie zieht wieder die Nadel durch ihre
-Arbeit, die hoffnungs- und erfolglos ist, wie die der Danaïden.
-
-Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem Charakter dem ältesten Bruder
-glich, war Schullehrer in Mureck geworden und wollte Leonhard's Stelle
-bei der Familie vertreten. Selbst die Mutter, welche die trübseligen
-Verhältnisse zu einem beständig heischenden und niemals befriedigten
-Wesen gemacht, schrieb, wenn auch ein Zuschuss stets willkommen sei, so
-möge ihr Aeltester nun auch einmal an sich denken.
-
-Leonhard's Schüler schütteln verwundert die Köpfe. Hätte nicht jeder
-deutsche Professor das unveräusserliche Vorrecht, wunderlich zu sein, sie
-würden ihn für verrückt erklären. Er geht umher, als führten die
-Engel über seinem Haupte ein Conzert auf. Während die kleinen ungelenken
-Fingerchen neben ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlocken, lächelt er
-stillselig vor sich hin, statt, wie recht und billig, wüthend zu werden.
-Er sieht beinahe gross aus, so dehnt und streckt sich sein kleines
-Persönchen vor innerem Wohlgefühl: Er rüstet das Nest für sein Weib,
-kein Tag vergeht, an dem er nicht mit einem Pack unter dem Arm die steile
-Holztreppe zur künftigen Residenz emporklimmen würde. Noch besteht der
-Brauch, wohl aus den Ansiedlertagen, da Einer auf den Beistand des Anderen
-angewiesen war, dass man Freunden das Haus einrichten hilft. Die Eltern
-seiner Schüler wissen, er erwarte die Braut aus Deutschland (unter welchem
-Namen ganz Europa, mit Ausnahme Grossbritanniens und Irrlands, begriffen
-wird), die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, gestickten Deckchen,
-Porzellanfiguren, Bilder -- an welchen freilich der Rahmen das
-Hervorragendste ist --, die ihm in's Haus strömen, würden ein Museum
-füllen. Jedenfalls wird man in der neuen Wohnung äusserst massvoll im
-Gebrauch seiner Gliedmassen sein müssen, und Franzi wird als Herrin
-all der Schätze gerade keine Sinecure inne haben, wenn sie dieselben in
-halbwegs staubfreiem Zustand erhalten will. Stunden lang steht Leonhard, in
-Bewunderung versunken, vor den Herrlichkeiten. Aber ein Geräth vergass er,
-vergassen seine Freunde. Am Tage, bevor das Schiff mit seiner Braut, das
-glückhafte Schiff, im Hafen einläuft, kauft er den Pfeilerspiegel für
-die Vorderstube.
-
-Vom Dock führt er sie zum Friedensrichter, der die beiden geduldigen und
-getreuen Menschen für das Leben zusammengiebt. Leonhard hat sein Nest in
-einer neugierigen, schwatzhaften Strasse gebaut; man braucht nicht viel
-Phantasie, um sich in eine Kleinstadt im deutschen Vaterland versetzt zu
-fühlen. Rechts und links drücken die Nachbarinnen die Gesichter an die
-Fenster, um das Paar vorüberschreiten zu sehen. Sie geben sich keine
-Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die Monate langen Vorbereitungen,
-das verklärte Gesicht liessen sie einen anderen Siegespreis vermuthen.
-
-»Die alte Jungfer hätte er nicht zu importiren gebraucht,« sagten sie,
-»so etwas findet sich auch noch unter dem Sternenbanner.«
-
-Franzi hat es glücklicherweise nicht gehört, es hätte einen grauen Flor
-über ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erscheint sie nicht so glücklich,
-wie man vermuthen sollte. Während Leonhard wie von Flügeln getragen
-einhergeht, schlägt sie die Augen zu Boden.
-
-Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard hatte, weil die Blumen spärlich
-wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen farbigen Herbstblättern
-angefüllt, sie sahen wie leuchtend rothe, goldgelbe und broncefarbige
-Blüthen aus. Franzi konnte nicht umhin, einen Ausruf des Entzückens bei
-dem Anblick ihrer Wohnung auszustossen. Der Klang der Schelle hatte ihren
-Gatten von ihr fortgerufen. Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft
-nahm sie ein Figürchen um das andere in die Hand, bewundernd beugte sie
-sich über die Stickereien, den Teppich, die Geräthe. Zuletzt trat sie vor
-den Spiegel. Und nun verwandelte sich der Ausdruck ihrer Züge, sie brach
-in Thränen aus.
-
-Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten der Wunderdinge die Franzi von
-ehemals mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen, Goldglanz auf dem Haar und
-schalkhaftes Leuchten im Auge, zu erblicken. Aber aus dem Spiegel trat
-ihr ein Schatten ihres alten Selbst mit traurigen Augen und einem Gesicht
-entgegen, aus dem selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge der
-Resignation, des unaufhörlichen Verzichtens nicht zu verwischen vermocht
-hatte. Geheimnissvoll vor sich hinlächelnd trat Leonhard wieder ein. Da
-er sie weinen sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann eilte er auf sie
-zu; wenn sie Heimweh fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen Herzen
-überwinden. Aber sie machte sich heftig los.
-
-»Müssen wir uns nicht schämen, uns wie andere neuvermählte Paare zu
-gehaben? Schnee liegt auf unserem Scheitel, Furchen ziehen sich durch
-unsere Züge.«
-
-Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass sie sich verändert. Für ihn war
-sie die Franzi geblieben, um die er in ihrem Lenz geworben. Und auch jetzt,
-nachdem sie ihm die Binde von den Augen gerissen, meinte er, es gäbe kein
-schöneres, kein anziehenderes Weib in der Welt. Er sah sie mit den Augen
-der Erinnerung.
-
-»Können wir denn noch glücklich werden?« fragte sie, »vermagst Du mein
-verblühtes Gesicht noch zu lieben?«
-
-Er eilte vor die Thür und trug mit Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb
-von ungeheurem Umfang, gefüllt mit herrlichen, frischen Blüthen, herein;
-eine Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum Einzug in das Haus gesendet.
-
-Leonhard wies auf die prächtigen Rosen, auf Nelken und Heliotrop.
-
-»Es ist Herbst,« sagte er, »die Luft ist rauh, und Nebel füllt die
-Strassen. Aber furchtlos strecken sie die feinen duftenden Köpfchen in
-die Luft hinaus und freuen sich der Stunden, in welchen die Sonne ihnen
-scheint.«
-
-»Und wie lange dauert es,« warf sie herbe ein, »dann kommt der erste
-Frost und vergilbt ihre Blätter.«
-
-»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen doch sehen, ob wir ihn mit unseren
-warmen Herzen nicht überwinden. Wir wollen unseren Frühling dankbar
-feiern, obschon er uns spät im Jahre gekommen.«
-
-Er schloss sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund.
-
-
-
-
-BRENNENDE LIEBE.
-
-
-Vielleicht halten Sie mich für unbescheiden, aber wahrhaftig, ich half
-einem tiefgefühlten Bedürfniss ab, als ich geboren wurde, aufwuchs und
-zum Ruhm meiner Vaterstadt unter die Kannibalen ging. Natürlich nicht,
-um bei ihnen zu bleiben, sondern um mit 85 Kisten voll staubiger
-Merkwürdigkeiten, Schädeln, Amuletten, Pflanzenwurzeln, Pfeilen,
-Bogen, Lanzen und ferner mit einem Vorrathe an Notizen und Tagebüchern
-heimzukehren, der das Herz jedes Händlers in Makulatur mit den frohesten
-Erwartungen erfüllt hätte.
-
-Meine Vaterstadt hatte sich schon seit längerer Zeit sehnsüchtig nach
-einem grossen Sohne umgethan, zu dessen Ehren man wieder einmal in dem
-altberühmten Rathskeller ein ansehnliches Festessen unter Pauken-
-und Drommetenschall abhalten konnte. Leider war in der ehemaligen
-Reichsunmittelbaren eine gewisse Dürre eingetreten, sie hatte alle ihre
-grossen Söhne unter prachtvollen Denkmälern begraben, und der Nachwuchs
-zeigte das richtige Militärmass nicht mehr. Da trat ich denn aufopfernd in
-die Bresche. Der Wahrheit die Ehre! Das Essen war unübertrefflich, und der
-Wein liess nichts zu wünschen übrig. Rechts und links schlugen mir »der
-opferwillige, selbstlose Diener der Wissenschaft«, »der erleuchtete
-Erforscher dunkler Erdtheile«, der »hervorragendste jetztlebende Sohn«
-und so weiter an die Ohren, und als sich nach leiser Zwiesprache mit mir
-der Oberbürgermeister erhob und den Anwesenden verkündete, ich
-hätte meine 85 Kisten der geliebten Vaterstadt zum Geschenk gemacht
-(selbstverständlich unter den bescheidenen Bedingungen, dass sie für
-ewige Zeiten ungetheilt blieben, in den hellsten Sälen des neuen Museums
-aufgestellt würden und als Karl-Wittmann-Stiftung auf die Nachwelt
-übergingen), da stieg die Begeisterung auf den Siedepunkt, und ich genoss
-fortan die süssen Früchte der Popularität, die darin bestehen, dass
-jener Theil der hoffnungsvollen Jugend, der den Gebrauch der Taschentücher
-standhaft verschmäht, auf der Strasse mit den Fingern auf mich deutete,
-und die jungen Damen der Stadt, sobald sie meiner ansichtig wurden,
-angelegentlich die Auslagen studirten, um, wenn ich vorübergegangen war,
-sich umzudrehen und mir nachzublicken. Aber die Götter sind neidisch. Sie
-vergassen nicht, einen Tropfen Gift in meinen Freudenbecher zu mischen. Und
-was für einen Tropfen! Er war ausgiebig genug, um ein ganzes Fass süssen
-Weines in eitel Wermuth und Galle zu verwandeln. Es lebte eine Person in
-der Stadt, die meine Verdienste um Mit- und Nachwelt gering schätzte, die
-meinen Ruhm nicht anerkannte und trotz meiner allgemeinen Beliebtheit kalt
-wie ein Eiszapfen blieb, und diese Person war meine Braut; denn ich habe
-eine Braut und zwar eine sogenannte Familienbraut.
-
-Aus Spielgefährten und Jugendfreunden wurden wir, Dank unseren
-vortrefflichen Mamas, im Handumdrehen Braut und Bräutigam ohne die
-geringste Ungewissheit, den leisesten Zweifel, ohne irgend ein Hangen und
-Bangen in schwebender Pein. Meine junge Weisheit beschloss, die stehenden
-Gewässer unserer Neigung durch eine längere Entfernung aufzurühren,
-damit etwas von dem Idealzustande der Liebe, ein Bischen Sehnsucht und
-Leidenschaft auch auf unser Theil komme. Auch führte ich den auf mich
-entfallenden Part des Programms gewissenhaft durch. Einmal von Helene
-getrennt, zog ich jeden Augenblick ihre Photographie heraus und machte ihr
-die süssesten Augen, zweimal im Tage setzte ich mich hin, um gefühlvolle
-Episteln an sie zu richten (leider dürften sie dieselbe nicht erreicht
-haben, denn ich bin ein schlechter Briefschreiber, und aus den acht Seiten
-langen Liebesbotschaften wurden meist kleine Zettelchen, die ihr die
-erfreuliche Kunde meines Wohlbefindens zutrugen), und als den »bekannten
-Naturforscher« bei seinem Landen in Hamburg eine kleine Festlichkeit
-erwartete, riss er sich mitten in der Nacht und mit ziemlich schwerem
-Kopf aus dem Kreise seiner Verehrer los, um am nächsten Morgen in seiner
-Vaterstadt und bei Helene einzutreffen.
-
-Ich hätte ruhig im Hotel schlafen können. Zur Begrüssung streckte
-mir meine Braut ein paar Fingerspitzen entgegen, als ich voll
-Wiedersehensfreude auf sie zueilte.
-
-»Sehr erfreut, den Herrn Doctor bei uns zu sehen,« sagte sie und
-verbeugte sich tief und spöttisch. Wir waren allein, nichts hinderte
-uns, die lang aufgespeicherte Sehnsucht von Lippe zu Lippe ausströmen zu
-lassen. Und nun dieser Empfang! Die Arme sanken mir herab, mein Gesicht
-verlängerte sich.
-
-»Das Willkommen für deinen Verlobten leidet jedenfalls nicht
-an Ueberschwänglichkeit,« sagte ich trocken, nachdem ich meine
-Enttäuschung, so gut es ging, niedergekämpft.
-
-»Wer das nicht hoch genug zu schätzende Glück hat, einen so
-vernünftigen Bräutigam sein eigen zu nennen, darf sich nicht durch
-Sentimentalität lächerlich machen,« versetzte sie.
-
-»Helene, ich bin durchaus nicht vernünftig,« betheuerte ich mit
-Ueberzeugung. »Ich glaube, seit den Tagen von Hero und Leander hat
-kein verliebter Narr so ungeduldig die salzige Fluth durchmessen und so
-erleichtert das Gestade berührt, wie ich.«
-
-Eine Steinfigur wäre gerührt worden. Meine theuere Braut jedoch rief
-spöttisch an mir vorüber in die Luft hinaus:
-
-»Der Unglückliche! Bittere Noth zwang ihn, seiner Heimath den Rücken zu
-kehren und das harte Brot -- den Schiffszwieback -- der Fremde zu essen.«
-
-Wenn mich etwas aufregen kann, so ist es dieses Sprechen zu einem
-abwesenden Dritten. Ich würde es als einen Scheidungsgrund ansehen, sollte
-meine Frau ihre Gardinenpredigten in diesem Stile halten. Allein diesmal
-blieb ich gelassen, denn es galt mein Schifflein durch eine etwas
-gefährliche Stromschnelle hindurchzurudern.
-
-»Bedenke, Kind, man hat doch auch Pflichten gegen das Allgemeine. Wenn ich
-meinen verehrten Mitbürgern keine Veranlassung zu einem Bankett gebe,
-dann erkranken sie möglicherweise am verhaltenen Jubelfieber, und meine
-Unterlassungssünde endet in einem Massenmorde.«
-
-»Bilde dir nicht ein, sie haben auf dich gewartet,« entgegnete Helene;
-ihr Ton klang geringschätzig, aber sie wandte sich direct an mich, und
-das war ein Fortschritt. »Hätten dich die Wilden mit dem Holzbeile
-erschlagen, dann wäre vielleicht das Erlöschen der Pest vor 400
-Jahren gefeiert worden, oder der Westfälische Friede, oder sonst eine
-erfreuliche, wenn auch schon etwas angejahrte Begebenheit. Ich kenne unsere
-würdigen Stadtpapas; wenn ein guter Jahrgang im Rathskeller lagert, dann
-begehen sie Jubiläen bei dem geringfügigsten Anlass.«
-
-Und dieses Wesen, das meine Bedeutung für das Gemeinwohl also
-abzuschwächen, ja ganz zu vernichten suchte, sollte das Weib meines Busens
-werden! Ich hoffe, dass mir Jedermann die Berechtigung zugestehen wird,
-entrüstet zu sein.
-
-»Helenchen, äussere deine Ketzerei nicht vor fremden Ohren. Männlein
-und Weiblein in unserer Stadt stimmen darin überein, dass meine
-Sammlungen ungeheuer werthvoll sind und meine Tagebücher der Wissenschaft
-ausserordentliche Dienste leisten werden. Man soll sein Urtheil freilich
-nicht nach dem der Menge bilden, aber es trüge dir doch einen etwas
-unerwünschten Ruf der Originalität ein, wenn du, meine Braut, die
-Einzige wärest, die meiner Forschungsreise nicht die geringste Wichtigkeit
-beimissest.«
-
-Sie blickte anklagend zur Zimmerdecke empor.
-
-»Ich messe ihr keine Wichtigkeit bei, ich, die ich ihr die trostlosesten,
-unerquicklichsten Jahre meines Lebens verdanke!«
-
-Ich grollte Helenen nicht länger, ich fand sie bezaubernd und wollte
-auf sie zueilen, aber sie verschanzte sich hinter einem Stuhl, die Augen
-blitzend, die Lippen trotzig aufgeworfen, eine Walküre -- freilich eine
-aus Meissener Porzellan.
-
-»Du liessest dich von deiner Abenteuerlust in die Fremde locken, und ich
-bin hier geblieben, eine lächerliche Figur, über die alle Freundinnen
-spotten, eine Braut, deren Bräutigam die Flucht ergriffen!«
-
-»Helene, welch' ein Gedanke!« rief ich schaudernd. »Glücklicherweise
-glaubst du selber nicht an ihn. Weisst du doch zu genau, dass ich schon
-als grüner Junge im Gymnasium in dir mein Ideal verehrte und dich mit sehr
-kunstreichen Strophen im altgriechischen Versmass ansang. Sie haben mich
-manchen Schweisstropfen gekostet, und du, Kobold, nahmst sie mit schnöder
-Gleichgültigkeit entgegen.«
-
-»Du hast dich zu entschädigen gewusst: Ich musste geduldig zu Hause
-warten, bis es dem Herrn Naturforscher« (nicht möglich, den Hohn zu
-beschreiben, der diesen Titel begleitete) »gefiel, zurückzukehren,
-nachdem er in der Fremde hinlänglichen Zeitvertreib gefunden.«
-
-»Wenn du wüsstest, wie viel Ungemach und Entbehrungen ich ertragen,
-welche Gefahren ich überstanden,« warf ich gefühlvoll ein, »du würdest
-nicht so sprechen.«
-
-»Man sieht dir nichts davon an. Ich hatte im Stillen gehofft, du werdest
-abgebrannt und zur Mumie ausgetrocknet zurückkommen; leider bleiben die
-erfüllten Wünsche stets hinter unseren Erwartungen zurück.«
-
-»Ich darf darüber nicht klagen; die meinen wurden weit übertroffen. Dass
-mich meine Braut, nachdem wir zwei Jahre von einander getrennt gewesen,
-mit der Klage empfangen werde, ich sähe nicht genug mumienhaft aus,
-übersteigt selbst meine unwahrscheinlichsten Träume.«
-
-»In diesen zwei Jahren haben Julie Marschall und Karoline Holzwart zehn
-Bälle mitgemacht, einige Dutzend Cotillonbouquets nach Hause getragen und
-sich von einer Unzahl Lieutenants, der Assessoren und Referendare gar nicht
-zu erwähnen, den Hof machen lassen. Und ich habe zu Hause einen langen
-Aschermittwoch gehalten, denn meine unnatürliche Mutter erklärte, es
-passe sich nicht für eine Braut, deren Verlobter abwesend sei, Bälle
-zu besuchen; und meine künftige Schwiegermama rief vorwurfsvoll und mit
-Wassertropfen an den Wimpern: »Du willst tanzen, während Karl vielleicht
-in Todesgefahr schwebt!«
-
-»Die beiden Frauen haben ein wenig Zärtlichkeit für mich, während
-du, kleine Selbstsüchtige, nur an dich und deine banalen Vergnügungen
-denkst.«
-
-»Du hättest unter die Advokaten gehen sollen,« warf sie schneidend hin,
-»es ist ein alter Kniff dieser Herren, einer Anklage zuvorzukommen, indem
-sie dieselbe umkehren. Ich selbstsüchtig? _ich_ habe einem jungen Mädchen
-nicht die paar Jahre ihres Frühlings vergällt, indem ich sie band und mir
-die Freiheit sicherte, ich nicht!«
-
-»Helene, höre mich an!«
-
-Aber sie liess sich nicht unterbrechen.
-
-»Ist das Experiment nach Wunsch ausgefallen? Hat sich das kleine Mädchen
-nach dem gnädigen Herrn gesehnt und um seinetwillen abgehärmt?«
-
-Ich stand diesem übernatürlichen Scharfsinn starr gegenüber. Plötzlich
-blendete mich ein grelles Licht.
-
-»Helene, sei aufrichtig,« bat ich, »dein eisiger Empfang drängt mir die
-Frage auf: hat mich ein Anderer aus deiner Neigung verdrängt?«
-
-Sie sah mich nicht an, sondern blickte angelegentlich zum Fenster hinaus,
-vielleicht dauerte sie meine verstörte Miene; endlich wandte sie mir ein
-purpurrothes Gesicht zu.
-
-»Du hast es errathen,« sagte sie, »ich liebe einen Anderen!«
-
-Leichten Tones fuhr sie fort: »Zwei Jahre sind ja eine Ewigkeit; auch
-hätten die Menschenfresser Geschmack an dir finden können.«
-
-Dabei blitzten ihre spitzen, weissen Zähne, als könne sie sich nichts
-Willkommeneres denken. Die Naturgeschichte hat Recht, unter den Raubthieren
-ist das Weibchen der grausamere Theil. Mauna Loa war, gegen mich gehalten,
-zahm wie ein Ofenfeuer, aber ich brachte leidlich die Miene überlegener
-Ironie zu Stande.
-
-»Der Name des Glücklichen ist wohl noch ein Geheimniss?«
-
-»Er heisst, wie mein Ideal heissen muss, Edgar.«
-
-»Edgar? sehr abgeschmackt, und die italienische Oper ist aus der Mode.«
-
-Meine Worte ärgerten sie (und das war ja auch ihr Zweck; es wäre mir eine
-Wollust gewesen, sie zu peinigen, so wüthend und -- das Wort muss heraus
--- unglücklich fühlte ich mich). Sie holte ein Notenheft, auf welchem ein
-Strauss knallrother Blumen prangte und hielt es mir triumphirend vor die
-Augen. »Brennende Liebe«, Walzer von Edgar Nothnagel, seiner Schülerin,
-Fräulein Helene Stubenkammer hochachtungsvoll zugeeignet.
-
-»Damit kann ich freilich nicht wetteifern,« sagte ich bitter und griff
-nach meinem Hut.
-
-Eine Gewohnheit aus früheren, schöneren Tagen hing meine treulose Braut
-noch immer an; wenn sie mich genug gequält zu haben glaubte, legte sie ein
-Pflästerchen auf meine Wunde.
-
-»Willst du gehen, ohne Mama begrüsst zu haben?«
-
-»Ich werde telegraphisch meine Ueberfahrt nach Afrika belegen, denn
-diesmal ist es mir wirklich ein Bedürfniss, die Flucht zu ergreifen.« Ich
-wollte meinen Verlobungsring abziehen, aber er sass zu fest, und so musste
-ich auf den effectvollen Abgang verzichten. Die Scharte einigermassen
-auszuwetzen murmelte ich gleichgültig: »O, ich vergass; -- meine besten
-Glückwünsche, Fräulein Stubenkammer.«
-
-»Ich weiss nicht, ob ich sie annehmen darf,« versetzte Helene in
-äusserster Betrübniss, »Mama wird von dem armen Künstler nichts wissen
-wollen.«
-
-Ich bin kein Mann des Gefühls, das sich in Worten äussert. Aus Scham,
-die Welt errathen zu lassen, dass ich eigentlich eine gute Dosis
-Weichmüthigkeit in mir beherberge, hänge ich meinen Aeusserungen gewisse
-kleine Narrenschellen an, die ihren Zweck dann auch vortrefflich erreichen,
-zu vortrefflich, denn nicht nur die lieben gleichgültigen Nebenmenschen,
-auch meine Braut werden von der Ueberzeugung beherrscht, bei mir gehe keine
-Empfindung tief genug, um sich nicht mit einem Witzwort abschütteln zu
-lassen.
-
-Sie hatte vermuthlich nicht die leiseste Ahnung, dass der Spötter, dem
-nichts heilig zu sein schien, der seine Gefühle durch das Scheidewasser
-der Ironie zu zersetzen pflegte, den Riss zwischen uns genau so
-schmerzlich -- möglicher Weise noch schmerzlicher -- empfand, als es der
-sentimentalste aller Edgars, der je in stillen Mitternächten den Mond
-angeseufzt, vermocht hätte. Oder wenn ihr mein Gesicht den Zustand meines
-Innern enthüllte, so schien es sie nicht sonderlich zu rühren -- mit
-leisem Lächeln sah sie mich meinen Abschied nehmen.
-
-Während ich bei hellklingenden Gläsern zum hervorragendsten jetztlebenden
-Sohn proclamirt wurde, focht ich einen schweren Kampf mit meinem Ich aus.
-Ich muss bekennen, dass ich dasselbe bisher gehätschelt und in jeder Weise
-bevorzugt hatte. Deshalb wehrte es sich nun auf das Heftigste gegen das
-erste Opfer, das von ihm gefordert wurde. Das Wesen zu verlieren, mit dem
-es sich in jeder Faser verwachsen glaubte, das es zum Mittelpunkt seiner
-Pläne und Luftschlösser gemacht, erschien ihm ganz einfach unmöglich.
-Zuletzt lag es jedoch besiegt auf der Erde.
-
-Ich trat in das Stubenkammer'sche Wohnzimmer, ein spartanischer Held, der
-sich in unser Zeitalter hinübergerettet. Meine Mutter und die Hausfrau
-waren unzertrennliche Freundinnen; sie waren auch jetzt beisammen,
-wahrscheinlich beschäftigt, ein modernes Paradies aus decorirtem
-Tafelgeschirr, Silberbestecken, ungezählten Dutzenden von Bett- und
-Tischwäsche für ihre Sprösslinge aufzubauen. Helene sass am Fenster, ein
-wenig blässer als sonst, aber wunderhübsch wie immer. Sie warf mir einen
-prüfenden Blick zu, aber als sie meine entschlossene Miene sah, die etwas
-von dem Todesmuth der Legionen zeigte, wandte sie den Kopf ab.
-
-Wie ein Sprenggeschoss fiel meine Mittheilung, dass ich in einer Woche
-eine lange, eine _mehrjährige_ Reise, wie ich mit einem Blick auf Helene
-nachdrücklich hervorhob, antreten werde, in den friedlichen Familienkreis.
-Die beiden würdigen Damen starrten mich fassungslos an. Helene stand auf
-und näherte sich ihnen.
-
-»Ihr seht, er will mich nicht,« sagte die kleine Teufelin lachend, »die
-Forschungsreise ist nur ein Vorwand.«
-
-Mama, die es ist, und Mama, die es werden sollte, warfen mir wüthende
-Blicke zu; was mich betrifft, ich hätte nie gedacht, dass der kategorische
-Imperativ einen so wenig süssen Kern in sich birgt.
-
-»Das ist nun mein Lohn dafür, dass ich 24 Monate und zwei Wochen lang
-wie eine Nonne gelebt,« fuhr Helene fort.
-
-Ich bin nur ein Mensch und daher nicht ohne Galle: »Ein Nonnenleben,
-das durch Musik und süsse Musiker Abwechselung erhielt, muss nicht
-übermässig hart zu ertragen gewesen sein,« sagte ich boshaft.
-
-Die beiden Mamas tauschten erschrockene Blicke, ich hörte die künftige
-etwas vom heissen Klima und dem Aequator murmeln.
-
-Nachdem ich meinem Aerger Luft gemacht, schämte ich mich. In Edelmuth und
-Selbstlosigkeit hatte ich Helenen, die den Zorn ihrer Mutter zu fürchten
-schien, die Bahn ebnen gewollt, und nun liess ich mich so fortreissen.
-»Tante Stubenkammer,« sagte ich, »durch meine Entfernung soll ein etwas
-verwickelter Knoten gelöst werden. Helene liebt mich nicht; sie hat ihr
-Herz einem Anderen geschenkt. Dass ich tief unglücklich darüber bin und
-ein einsames trübseliges Leben vor mir sehe, kann ich nicht verhehlen.
-Aber die Rücksicht auf mich soll Helene nicht hindern, mit ihrem Edgar
-glücklich zu werden.«
-
-Mama hatte längst ihr Taschentuch an die Augen gedrückt, aber Mama
-Stubenkammer war aus härterem Stoff gemacht.
-
-»Helene, darf ich dich um eine Erklärung bitten!« sprach sie streng.
-
-»Liebe Mama, für eine Frau von deinem feinen Verständniss bedarf es
-deren wohl kaum: Karl ist eifersüchtig und das -- wie lächerlich! -- auf
-meinen alten ehrlichen Klavierlehrer.«
-
-Die Strenge der Mutter kehrte sich gegen mich.
-
-»Karl, das ist beleidigend, der Mann hat Frau und Kind.«
-
-»Und widmet meiner Braut seine ›Brennende Liebe‹.«
-
-»Es sollte zuerst ein Marsch ›Vergissmeinnicht‹ sein, aber Karoline
-Holzwart capricirte sich auf ihn,« erläuterte meine Braut gleichmüthig,
-»und die Chrysanthemumpolka war mir zu fade. Herr Nothnagel arbeitet
-nämlich den Erfurter Blumenkatalog durch; die Titel für seine
-Kompositionen bereiteten ihm früher grosse Schwierigkeiten. Da verfiel ich
-auf diesen Ausweg, und zum Dank dafür widmete er mir eine schöne
-rothe Sorte Pelargonien; ich kann nichts dafür, dass die Gärtner sie
-›Brennende Liebe‹ getauft haben.«
-
-»Helene,« schrie ich und eilte glückselig auf meine Peinigerin zu. Ein
-Geräusch wie der Flügelschlag mächtiger Albatrosse machte uns stutzig.
-Aber es waren nur die Mamas, die -- ihrer Meinung nach: geräuschlos -- aus
-dem Zimmer huschten.
-
-
-
-
-EIN UNGLÜCKSMENSCH.
-
-
-Klaus Henning hatte die bestimmte Vorahnung, dass ein Unglück passiren
-würde; und er hatte sie nicht zum ersten Male. Er unterschied sich
-ausserdem von anderen, mit einer weissagenden Stimme in der Brust
-begnadeten Sterblichen dadurch, dass seine Ahnungen immer eintrafen. Das
-eine Mal, als er eine Prophetenstimme in seinem Inneren vernahm, ging er
-durch die Friedrichstrasse, stolperte gegen ein Schaufenster und musste,
-mit zerschnittenem Gesichte und verletzten Händen, Schadenersatz leisten.
-Das andere Mal wollte er mit einem allerliebsten Fräulein auf der
-Rousseauinsel Schlittschuh laufen und riss sie mit sich zu Boden. Bei
-dieser Gelegenheit fuhr ihm ein fremder Schlittschuh über die Finger, sie
-für mehrere Monate gebrauchsunfähig machend. Und da das neue Kleid seiner
-Dame etliche klaffende Risse bekam (was sie schwerer zu treffen schien,
-als seine Verwundung, die ihn anfänglich vier Finger zu kosten drohte),
-so wurde sie von diesem Zeitpunkte ab seine Todfeindin. Kurz, es war sehr
-leicht, seine abergläubische Angst zu verspotten, aber so oft sich das
-bewusste dunkle Gefühl in seinem Inneren regte (und das geschah fast
-jedesmal, bevor er sich unter die Menschen mischte), gab es Schaden für
-die Zeitgenossen und Spott für ihn.
-
-Seine Hauswirthin sah ihn denn auch nur ungern den Reisekoffer packen.
-
-»Wollen Sie wirklich fort, Herr Henning?« seufzte sie, »denken Sie an
-mich, Sie kommen nicht mit heiler Haut nach Hause.«
-
-Er wusste, dass sie Recht habe, aber die Hitze war unerträglich, er
-schmachtete nach einem Wellenbade, und da ihm die Geschäftsstille Ferien
-vergönnte, wollte er einen kurzen Aufenthalt an der See nehmen. Jeder
-minder Erfahrene hätte sich eingebildet, die schwarzen Ahnungen seien
-erfüllt, als sein neuer Reiseanzug, gleich nachdem er das Haus verlassen,
-von oben bis unten mit Oelfarbe bespritzt wurde, die ein nachlässiger
-Anstreicher von seiner Leiter herabträufeln liess, oder als ihm der
-Eisenbahnzug davonfuhr und er nun mehrere Stunden zu warten hatte. Er aber
-kannte den Kobold besser, der sein Spiel mit ihm trieb, als dass er gehofft
-hätte, mit solchen Kleinigkeiten loszukommen. Auch als er unmittelbar nach
-der Abfahrt mächtige Rauchsäulen aus der Richtung, wo sein Farbenmagazin
-lag, aufsteigen sah, erfüllte ihn noch immer nicht die beruhigende
-Ueberzeugung, seinen Zoll entrichtet zu haben, denn bei näherer
-Ueberlegung erschien es ihm äusserst unwahrscheinlich, dass sein Geschäft
-abbrannte, während er nicht dabei war, um sich schwere Verletzungen
-zu holen. Aeusserst unwahrscheinlich, eigentlich nach seinen bisherigen
-Erfahrungen vollkommen undenkbar. Vom Augenblicke an, wo er die
-Thüre seines Waarenlagers hinter sich zuschloss, konnte die
-Versicherungsgesellschaft ruhig schlafen.
-
-Er wollte sich in Sassnitz nicht unter die Badegäste mischen, konnte er
-doch sicher darauf rechnen, das erste Glas Rothwein, das er zum Munde zu
-führen gedachte, über das Kleid seiner Nachbarin, oder wenigstens über
-das Tischtuch auszugiessen, jeden Stuhl mit nervenerschütterndem Gepolter
-umzuwerfen, seinen Hut vor aller Augen in's Wasser fliegen zu sehen und
-was solcher kleiner Zwischenfälle mehr sind, die an und für sich
-sehr geringfügig erscheinen, ihn aber zum Gegenstande des allgemeinen
-Gelächters machen mussten.
-
-Im vergangenen Spätherbste hatte er einige Tage in einem Gasthause
-ausserhalb des Curorts verlebt, dessen Wirthin im Sommer eine kleine
-Colonie von Städtern beherbergte. Damals waren die letzten Fremden,
-erschreckt durch ein paar rauhe stürmische Tage, geflohen, und so
-verknüpfte sich ihm mit dem Aufenthalte in dem bescheidenen Häuschen am
-Strande die Vorstellung von erquickender Ruhe und Geräuschlosigkeit.
-Auch schien der Kobold, der ihn verfolgte, an der Grenze von Fleming's
-Herrschaftsbezirk die Waffen zu strecken. Klaus ging mit den Haussöhnen
-fischen und brachte Beute heim, was ihm nie vorher widerfahren, er kreuzte
-in einer Nussschale von Segelboot die Küste entlang und sah es nicht
-einmal den Kiel nach oben wenden, er ruderte stundenlang in einem Nachen
-und brach kein Ruder. Nach diesem stillen Hafen der Glückseligkeit
-richtete er nun seine Schritte. Ach, das war nicht mehr das erträumte
-Paradies!
-
-Auf dem Vorplatze, der, mit spärlichem Grün bedeckt, sich vor dem Hause
-hinzog, spielte eine Gesellschaft junger Leute Croquet, vom Wasser her
-erschallten laute Kinderstimmen, auf der Holzbank im Schatten des Hauses
-sassen behäbige Matronen. Henning hatte die Absicht, bei diesem Anblicke
-umzukehren und sich ungesehen davonzuschleichen, aber die Wirthin kam mit
-ausgestreckten Händen auf ihn zu und rief:
-
-»Das Haus ist zwar gesteckt voll, aber für Sie schaffen wir doch noch
-Raum.«
-
-Er wollte murmeln, dass er nur einen Tag bleiben und dann seinen Stab
-weiter zu setzen gedenke; da fiel sein Blick auf ein junges Mädchen, die
-soeben ihren Ball mit dem Hammer so unglücklich getroffen, dass er, statt
-durch den Draht, gegen seine Füsse fuhr. Purpurroth kam sie auf ihn zu
-und bat um Entschuldigung. Sie hatte ein Gesicht, wie es die Natur nur
-in besonders guter Laune zu bilden pflegt, die zartesten Farben, die
-treuherzigsten blauen Augen und das Haar, das sie, wohl nach einem
-Wellenbade, gelöst trug, von glänzendem Blond. Und dann behielt er seine
-Bemerkungen für sich, liess Frau Fleming für sein Obdach sorgen und
-schwang den Hammer, ohne zu besorgen, dass seine Bälle einem Mitmenschen
-das Lebenslicht ausblasen würden. Auch bei Tische vergass er alle seine
-Ahnungen, er zitterte nicht vor dem Bratensafte, er reichte Fräulein
-Mathilde eine Tasse Thee, ohne sie zu verbrühen, kurz, er benahm sich, als
-wäre er nie ein Unglücksmensch gewesen.
-
-Freilich fing sein Elend noch am selben Abend wieder an. Die Hausfrau
-erzählte, um ihren Liebling vom vorigen Jahre her in das günstigste
-Licht zu setzen, dass er das Segelboot wie ein alter Matrose zu handhaben
-verstehe. Die Damen versicherten, nichts gewähre ihnen ein solches
-Vergnügen wie eine Bootfahrt, die Herren kündigten ihm ihre Begleitung
-für den nächsten Tag an, Mathilde, die ihn jeden Augenblick mehr
-entzückte, sagte nichts, aber sie richtete ihre schönen blauen Augen
-bittend auf ihn. Ihm brach der Angstschweiss aus allen Poren; war er
-ausersehen, der Mörder all' dieser braven Leute zu werden? Klaus war
-kein Salonmatrose, er hatte seine Knabenjahre in der Nähe von Bremerhaven
-verlebt und ein Boot zu regieren beinahe so früh wie das Abc erlernt. Auch
-ist das Segeln Alles eher denn eine Kunst -- wenn das Fahrzeug etwas taugt,
-aber der Flemingsche Krondiamant besass etliche Flecken. Und was hilft alle
-Geschicklichkeit gegen die Tücke eines Koboldes! Der junge Mann ging nicht
-mit der Begeisterung, welche die Gesellschaft erwartet haben mochte, auf
-die vorgeschlagene Segelpartie ein. Vergeblich nannte man ihn von da an
-nicht anders als »Capitän«; er bestand darauf, dass, wer nicht schwimmen
-könne, auf dem Festlande bleiben müsse. Die Aengstlichen sahen hierin
-einen Beweis, dass er sich nicht sicher fühle und standen sogleich ab.
-Mathilde bekannte seufzend, sie könne seine Bedingung nicht erfüllen und
-müsse daher verzichten. Es wäre ihm das auserlesenste Vergnügen gewesen,
-sie über die Wellen zu fahren, aber er unterdrückte seinen Wunsch, indem
-er sich vorsagte, es sei gleichbedeutend mit kaltüberlegtem Morde, sie zu
-einer Wasserfahrt mit einem Unglücksmenschen zu bewegen.
-
-Nur zwei Herren waren verwegen genug, sich seiner Führung anzuvertrauen.
-Es stellte ohne Zweifel eine Probefahrt vor. Klaus bestand sein Examen
-glänzend. Er fing zu hoffen an, der Tückebold habe auch diesmal vor Frau
-Fleming's Königreich Halt gemacht. Sein Selbstvertrauen wuchs; denn als
-man landete, waren seine zwei Prüfungscommissäre des Lobes voll für
-seine nautischen Künste. Da lud er Mathilde zu einer Segelfahrt für
-den nächsten Morgen ein. Ein ältlicher, gutmüthiger Herr, der erst vor
-einigen Stunden angekommen war, stand neben ihr; Mathilde machte ihn, ihren
-Papa, mit dem jungen Manne bekannt, und nun verlebte dieser mit den zwei
-liebenswürdigen Menschen einen Abend, der ihm unvergesslich bleiben wird.
-Am nächsten Tage vertrauten sich ausser Vater und Tochter noch einige
-der Sommergäste seiner Führung an. Auch diesmal verlief die Expedition
-prächtig. Auf dem Lande war es erstickend heiss gewesen, nun wehte es die
-Gesellschaft kühl und belebend an, und eine leichte Brise trug das Boot
-wie auf Schwingen über das Wasser. Alle versicherten, nie angenehmere
-Stunden verlebt zu haben, und, was ihm werthvoller erschien, Mathilde
-drückte ihm dankbar, mit vor Vergnügen leuchtenden Augen, die Hand. Da
-versuchte er die Götter und versprach ihr eine Wiederholung.
-
-Es war ein glorreicher, glückverheissender Tag. Da man in Frau Fleming's
-Herrschergebiet eine einschnürende Etikette nicht kannte, ging das
-Pärlein allein an's Ufer. So gut wie Klaus es sich vorgestellt, sollte
-es ihm freilich nicht werden. Die Insassen des Hauses hielten zwar ihr
-Nachmittagsschläfchen, aber die liebenswürdigen Commissäre, die diesmal
-vermuthlich seine Geduld wie zuvor seine seemännischen Fähigkeiten
-prüfen wollten, kamen eilfertig herbei, um ihren Antheil am Vergnügen zu
-beanspruchen. Da sie ihn sozusagen entdeckt hatten, bewahrten sie ihm ein
-gewisses gönnerhaftes Wohlwollen, das er jedoch in jenem Augenblicke nicht
-voll zu schätzen verstand. Allein sie störten nicht, sie tauschten ihre
-Bemerkungen, machten sich beim Steuer unnütz oder starrten in's Wasser.
-Klaus konnte ungehindert mit seiner Herzensdame flüstern. Vielleicht hatte
-er sich zu tief in die blauen Augen versenkt, vielleicht hatten ihn die
-zwei Probefahrten übersicher gemacht, am wahrscheinlichsten jedoch ist,
-dass sein Kobold dessen überdrüssig war, unbeschäftigt im Winkel
-zu stehen, und dass er im Augenblicke, wo er den Unglücksmenschen am
-härtesten treffen konnte, hervorsprang.
-
-Das Boot war nicht so leicht zu regieren, wie sonst, die Brise wehte
-scharf, mehr als einmal schlug das Wasser, Alle durchnässend, hinein. Und
-Klaus war zerstreut, er hatte Mathilde in ihren Gummimantel gewickelt, und
-als sie ihm zum Danke die Hand reichte, sie länger als vernünftig in der
-seinen behalten. Er hielt sie noch, als der Boden unter ihnen wich, die
-kalte, salzige Flut auf sie einströmte und das Bootkiel oben vor ihnen
-trieb. Ein plötzlicher Windstoss musste es getroffen und zum Kentern
-gebracht haben. Sie sanken, doch verliess den Unglücksmenschen die
-Besinnung nicht, er legte den linken Arm um Mathilde und brachte sie nach
-oben.
-
-Sie war die Selbstbeherrschung in Person; sie klammerte sich nicht an ihn,
-seine Bewegungen hemmend, und so gelang es ihm nach einiger Anstrengung,
-den Kiel seines Bootes zu erreichen und einen Stützpunkt für sich und
-seinen schönen Schützling zu gewinnen. Die beiden Genossen sah er rüstig
-und unversehrt zur Küste schwimmen. Sie war nicht fern, aber bei der
-starken Strömung zum Meere wäre jeder Versuch, sie mit Mathilde im Arme
-zu erreichen, aussichtslos gewesen. Zahlreiche Boote kreuzten das Wasser,
-entweder nahm eines derselben sie auf, oder die beiden Geretteten lösten
-am Strande, der förmlich auf Rufweite vor ihnen lag, ein Ruderboot und
-kamen den Genossen zu Hilfe. Wenn Klaus nur bis dahin aushalten konnte,
-wenn nur sein Arm, der steif wie der eines Todten wurde, das junge Mädchen
-über dem Wasser erhielt! Blass und mit geschlossenen Augen lag sie an
-seiner Brust. Eine förmlich wahnsinnige Reue ergriff ihn. Wusste er
-nicht voraus, das Alles, was er anfasste, zu Schaden kam? Wie hatte er
-so verwegen, nein so verrucht sein können, dieses holde Geschöpf, das
-einzige Kind und das einzige Glück ihres Vaters mit sich in's Unglück zu
-reissen? Sein Selbstvorwurf machte sich in der wildesten Weise Luft.
-
-So vergingen endlose Minuten. Das Boot trieb in's Meer hinaus, und in
-muthloser Verzweiflung gab Klaus seinen Schützling und sich verloren. Da
-hörte er lauten, ermunternden Zuruf, warme Hände streckten sich nach ihm
-und Mathilden aus, und im nächsten Augenblicke lagen die wasserdichten
-Planken einer Barke, die eine Gesellschaft Badegäste von der Stubbenkammer
-nach Sassnitz heimführte, zwischen ihnen und den heimtückischen Wellen.
-Das junge Mädchen war ohnmächtig geworden. Als sie, von den Damen, die im
-Boote waren, umringt, die Augen aufschlug, suchte sie ihren Begleiter mit
-den Augen; er las Zutrauen, ja Dankbarkeit -- Dankbarkeit für ihn, der sie
-beinahe getödtet hätte! -- in ihnen und konnte den Blick nicht ertragen.
-
-Sie fanden Frau Fleming's Königreich in vollem Aufruhre. Die beiden
-Commissäre waren vor einer Weile angekommen, und wenn sie zu Mathildens
-Rettung keinen Finger gerührt, so zeigten sie sich jetzt dafür eifrig
-beflissen, ihren Vater in die peinigendste Unruhe zu stürzen. Als sie nun
-in Hüllen, die ihr die Damen in der Barke aufgedrängt hatten, den Strand
-betrat, richtete sich, wie begreiflich, die allgemeine Aufmerksamkeit
-auf sie. Ihr Papa drückte sie stürmisch an sich, dann wollte jede der
-Hausgenossinnen sie mit einem Kusse begrüssen, zuletzt drängten
-sich händeschüttelnd die Herren heran, Niemand eifriger als die zwei
-Commissäre.
-
-Klaus schlich sich unbeobachtet in sein Zimmer. Die Anderen hatten wohl
-geahnt, das er ein Unglücksmensch sei, denn sie hatten sich -- so schien
-es ihm -- ängstlich von ihm fern gehalten. Er wechselte seine nassen
-Kleider, packte das Köfferchen, und nachdem er die Adresse auf dasselbe
-befestigt und den Betrag, den er Frau Fleming schuldete, auf den Tisch
-gelegt, drückte er sich, sachte wie ein Spitzbube, aus dem Hause und fuhr
-in die Glühhitze zurück.
-
-Seine Hauswirthin war sehr erstaunt, ihn ohne äussere Verletzung
-wiederzusehen. Wie tief es diesmal nach innen ging, ahnte sie nicht.
-Ein trübseliger Geselle ging er seinem Tagewerke nach, Abends sass
-er missmuthig unter den paar verstäubten, kläglichen Büschen des
-Hausgärtchens, ein Buch in der Hand, in dem er nicht las. Da schlug einmal
-ein Gruss an sein Ohr. Vor ihm stand ein ältlicher, behäbiger Herr mit
-gutmüthigem Gesicht. Klaus springt, wie von einer Feder emporgeschnellt,
-von der Bank auf, es war Mathildens Vater.
-
-»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu, »es soll Ihnen nicht gelingen, sich
-meinem Danke zu entziehen. Wenn Sie auch heimlich wie ein flüchtiges Reh
-entwischten, Ihr Reisekoffer verrieth mir, wo ich den Lebensretter
-meiner Tochter zu suchen habe.« Ihren Lebensretter! Dabei drückt er dem
-Sprachlosen die Hand, und seine ehrliche Stimme zittert in unterdrückter
-Bewegung. »Was wäre aus ihr, was wäre aus mir geworden, wenn Sie auch so
-selbstsüchtig wie die beiden Anderen, nur auf Rettung des eigenen
-Lebens bedacht, ans Land geschwommen wären? Ohne Sie wäre ich heute ein
-einsamer, gebrochener Mann! Es giebt noch Helden im bürgerlichen Leben!«
-
-Klaus suchte abzuwehren. Er sprach von dem Unrecht, das er begangen, er,
-ein Unglücksmensch, als er Mathilden zur Segelfahrt einlud. Aber es kam
-nicht viel Zusammenhängendes über seine Lippen. Für etwas gepriesen
-zu werden, für das er den härtesten Tadel zu verdienen geglaubt, von
-Mathildens Vater in die Wolken emporgehoben, ein Held genannt zu werden,
-das betäubte ihn, als hätte er jungen Wein getrunken.
-
-»Ich weiss, dass nur Ihr Zartgefühl Sie veranlasste, sich unserem Danke
-zu entziehen,« fuhr Herr Hilgendorf fort, »allein ganz recht war es
-nicht: Mathilde ist untröstlich, weil Sie verschwanden, ohne zu hören,
-wie tief sie sich Ihnen für Ihre Aufopferung verpflichtet fühlt. Und ich
-glaube beinahe, dass ich sie nicht eher zufrieden sehen werde, als bis ich
-ihren Lebensretter mit Güte oder Gewalt in mein Haus geführt, damit sie
-den versäumten Dank nachhole.« Aber es bedurfte keiner Gewalt. Klaus
-ging gutwillig mit Herrn Hilgendorf. Mathilde kam ihm mit strahlenden Augen
-entgegen. Es war spät Abend, als er, ein seliger Mensch, das gastliche
-Haus verliess, nicht ohne versprochen zu haben, bald, sehr bald, schon am
-nächsten Tage wiederzukommen. Und zuletzt glaubte er gar nicht mehr daran,
-dass er ein Unglücksmensch sei; nein, er hielt sich für ein richtiges
-Sonntagskind, denn in der Ecke hinter dem Flügel hat ihm Mathilde gestern
-auf seine Frage geantwortet, dass sie keinem Menschen auf der Welt so gut
-sei, wie ihm.
-
-
-
-
-UNKRAUT AM WEGE.
-
-
-Das Dorf lag in vollster Sonnengluth da. Bäume und Büsche am Wegrande
-liessen ihre welken, bestaubten Blätter hängen, die Hunde lagen vor den
-Häusern, die lechzenden Zungen hervorgestreckt, keuchend, aber zu träge,
-einen schattigen Winkel aufzusuchen; langsam, wie weltmüde Philosophen,
-zogen Enten und Gänse ihre Kreise auf dem grünlichen Tümpel. Sonst
-keine Spur von Leben auf der Dorfstrasse. Die Kinder schwitzten noch in der
-Schule, die Erwachsenen waren beim Heumachen. Nur ein halbwüchsiges
-Ding mit zerzausten Haaren, einem braungebrannten schmutzigen Gesicht, in
-welchem ein paar wilde schwarze Augen flackerten, einem Zigeunermädchen
-ähnlicher als dem Sprössling des ehrbaren Kreuzwirthes, schlich sich
-geräuschlos wie ein Marder rückwärts längs der Gärten hin, in welchen
-die Kirschbäume gerade voll saftiger Früchte standen. Manche waren so
-unvorsichtig, ihre Aeste über die Zäune oder sehr nahe an denselben
-hängen zu lassen. Auf die schwang sie sich mit der Flinkheit einer Katze
-und hielt ihren Schmaus, schonungslos ganze Zweige knickend, aus den
-schönsten Zwillingskirschen Ohrgehänge bildend, bis sie noch schönere
-erspähte und den bisherigen Schmuck in den Magen wandern liess. Sehr
-unparteiisch verfuhr sie bei ihren Beutezügen. Sie brandschatzte ebenso
-des Pfarrers Stolz, die seltenen spanischen Weichseln, wie des Schullehrers
-Amarellen, des Küsters schwarze und ihres Vaters, zum Verkaufe bestimmten,
-weissrothe Herzkirschen. Zuweilen schlug ein Hund an, dann machte sie sich
-schnell aus dem Staube, und da aus den alten Zäunen mancher Brettnagel
-hervorstand, wurden in ihren noch guten Rock zahlreiche Kreuz- und
-Querrisse gezogen. Dies verursachte ihr keinen Kummer. Die Stiefmutter
-daheim führte eine flinke rastlose Nadel, und nachdem Cenz etliche
-fruchtlose Rebellionsversuche der guten Frau niedergeschlagen, war es ihr
-vollständig gelungen, dieselbe nicht nur für die Gastwirthschaft, den
-Haushalt und ihre eigenen, noch sehr kleinen Kinder, sondern auch für die
-Drohne arbeiten zu lassen, die sie als etwas fragwürdiges Glücks- und
-Friedenspfand mit erheirathet hatte.
-
-Im Hofe des Kreuzwirthshauses, unter einem schattigen Nussbaume, sass der
-Herr Pfarrer vor einem Krüglein Bier. Die rundliche, gutmüthig aussehende
-Wirthin stand neben ihm.
-
-»Man hat halt sei' Kreuz mit denen Kindern«, beantwortete sie soeben eine
-Frage des alten Herrn, »besunders wann's net einmal die eig'nen san.«
-
-»Die Crescenz hat doch sonst so gute Anlagen«, meinte kopfschüttelnd
-der Geistliche, »der Schullehrer war immer des Lobes voll über ihren
-Lerneifer; freilich sonst steckt sie voll Teufeleien, und jetzt verwildert
-sie mit jedem Tage mehr. Ich fürchte, Ihr werdet nicht viel Freude an ihr
-erleben.«
-
-»Es is halt an recht's Unkräutl am Weg, Hochwürden«, seufzte die
-Wirthin, »nixnutz und schnappig (schnippisch); thun will's gar nix und is
-doch schon sei vierzehn Jahr alt. Auf d' Kleinen könnt's doch schon a bisl
-schauen, wenn i in der Kuchl z'schaffen hab. Aber na, alle Arbeit bleibt
-mir, und sie stravanzt den ganzen Tag im Dorf herum, zerrissen und
-schlampet, dass i mi schamen muss.«
-
-»Ihr habt die Ruthe zu sehr gespart, gute Frau.«
-
-Die Wirthin setzte sich ihm gegenüber auf die Bank.
-
-»Wahr ist's, Hochwürden, aber mei Schuld ist's net. Damals wie mi'
-der Kreuzwirth in's Haus bracht hat als seine Zweite, da hab' i anfangen
-woll'n, s' Madel zu zieh'n, und da hat sie si gegen mi g'stellt wie a wilde
-Katz', hat gekratzt und gebissen, und i hab halt zugehauen, kommt mei Mann
-derzu, krebsroth in' Gesicht, »Du«, schreit er mi an, »Hand von der
-Butten, i will ka solche Stiefmutter- und Stiefkindg'schichten im Haus
-hab'n, du lasst's in Ruh, und sie lasst di in Ruh; und dass i kane Hetzerei
-hinüber und herüber hör'!« Na, und da hab' i's dann aufwachsen lassen,
-wie an Unkräutl', dass es an Fried'n im Haus gibt, und so ist's denn a an
-Unkräutl worden.«
-
-Cenz war es mittlerweile müde geworden, die Bäume zu plündern und
-schlenderte längs des kleinen Baches unter den Weiden hin, für die Augen
-eines gewöhnlichen Menschenkindes keine sonderlich fesselnde Erscheinung.
-Aber Künstler besitzen zuweilen einen ganz absonderlichen Geschmack. Zwei
-Maleraugen verfolgten ihre flinken Bewegungen schon seit einer guten Weile,
-ohne dass sie den jungen Menschen mit dem breitkrämpigen Hute beachtet
-hätte, der im Schatten der Weiden vor seiner Staffelei sass und den
-wundervollen Ausblick auf den Schneeberg, der sich ihm von dem Plätzchen
-unter den Weiden bot, auf der Leinwand festzuhalten suchte. Maler waren
-keine seltenen Gäste im Dorfe, das sie als erste Haltestelle vor ihrem
-Aufstieg in's Gebirge zu benutzen pflegten, und dessen urwüchsige
-Bewohner manches Skizzenbüchlein füllten. Und so sah Cenz auch viel mehr
-geschmeichelt als befremdet darein, als der junge Künstler, der sich
-auf der Suche nach so ziemlich Allem, was dieser Titel rechtfertigt,
-nach Erfolg, einem Namen und einem passenden Vorwurf für sein erstes
-Ausstellungsbild befand, sie plötzlich anrief.
-
-»Heh, kleiner Wildling, bleib' in derselben Stellung, in der du dich
-befindest, ich möchte dich in mein Buch hineinzeichnen.«
-
-Sie wurde feuerroth und murmelte etwas von ihrem Sonntagsstaat, und dass
-sie in einer Viertelstunde zurück sein könne. Aber davon wollte er nichts
-wissen. Er fand ihren Schmutz und die Risse im Röckchen malerisch.
-
-»Saubere Dirndln kann ich genug haben,« sagte er, »ich brauche gerade so
-eine Staubdistel, wie du bist. Was hast du denn vorhin angestellt? Steine
-nach Sperlingen geworfen; ich habe es wohl gesehen; das ist ein hübscher
-Zeitvertreib für ein Mädchen.«
-
-Sie machte ihr trotzigstes Gesicht, und das wollte er haben; so passte es
-für die Skizze des jungen Wildlings.
-
-»Die Spatzen fressen die Kirschen auf«, vertheidigte sie sich, ohne ihr
-Gewissen darüber zu beschweren, dass eine sehr grosse Schaar diebischer
-Vögel keinen solchen Ausfall in der Kirschenernte verursacht hätte, wie
-sie selber.
-
-»Du hast Dich wohl um Deine schönen Ohrgehänge gefürchtet, wie? Behalte
-sie nur an, die kommen auch in mein Buch«, sprach Fritz Teubner, eifrig
-zeichnend.
-
-In Crescenz hatte sich bisher sehr wenig Mädcheneitelkeit und Zierlichkeit
-geregt. Jetzt aber standen die Risse in dem Kleide, die beschmutzten,
-zerkratzten Hände, die blaugefärbten Lippen als wahre Schrecken vor
-ihr. In die grosse Stadt und auf die Leinwand kommt doch Edelfräulein und
-Bauernmädchen gern in vortheilhaftester Gestalt, und wie sah sie aus! Sie
-war mit ihrem Vater einmal in Wien und in der Kunstausstellung gewesen, sie
-hatte Bilder gesehen, auch Bauernbilder, aber wie schmuck und ordentlich
-erschienen die! Cenz schwur allerhand theuere Eide, dass kein Malerauge sie
-jemals wieder in solch' einem Aufzuge erblicken solle. Am wenigsten das des
-jungen Künstlers, das es ihr angethan hat. Er spricht mit ihr so lustig
-und so freundlich, als kenne er sie schon seit Jahren.
-
-»Wie alt bist du eigentlich, Cenz?« fragte er, denn ihren Namen hat sie
-ihm schon gesagt.
-
-»Vierzehn Jahre.«
-
-Er macht grosse Augen; sie ist klein und schwächlich für ihr Alter. Aber
-was ihn befremdet, ist doch nur, dass bei der ihm wohlbekannten Ausnutzung
-der Menschenkraft beim Landvolk, dieses halbwüchsige Ding so ohne jede
-Beschäftigung herumstreift. Er hält sie für ein verwahrlostes Kind aus
-armseligem Hause, das merkt Crescenz wohl, denn sie ist nicht dumm. Als
-er nun auf seine Frage erfährt, dass sie das älteste Kind des reichen,
-ansehnlichen Kreuzwirths ist, schüttelt er den Kopf. Das Mädchen fügt
-wie beiläufig hinzu, dass sie eine Stiefmutter habe, und dies scheint ihm
-Alles zu erklären. In dem jungen Unkraut aber steigt siedendheisse Reue
-auf. Sie weiss, dass die arme brave Frau nicht aufhört, die Hände zu
-rühren, damit die Erscheinung ihrer Stieftochter ihr keine Schande mache.
-Auch sehen die jüngeren Geschwister meist schmuck genug aus, da, wenn
-Crescenz's Beispiel verführend auf sie wirkt, der Mutter Hand flink genug
-ist, sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Nur die Stieftochter,
-des Vaters Liebling, geht bei allen Missethaten straflos aus. Fritz ist
-fertig und lässt sie die Skizze sehen. Sie schreit auf. So also stellt sie
-sich den Mitlebenden -- und auch dem jungen, hübschen Künstler -- dar.
-Man könnte sie für eine Landstreicherin halten. Schier möchte sie
-weinen, aber sie schluckt die Thränen tapfer hinunter.
-
-»Bleibst, bleiben S' noch länger im Dorf?«
-
-Fritz schüttelt den Kopf.
-
-»Morgen geht's weiter ins Steirische hinein; warum fragst du?«
-
-Wieder kommt etwas Undeutliches von einem Sonntagsgewand über Cenz's
-Lippen.
-
-Der Maler lacht:
-
-»Kann sein, dass ich beim Abstieg noch einmal hier vorspreche, kann sein,
-erst auf's Jahr. Dann male ich dich in grossem Staat. Ich habe eine Ahnung,
-Cenz, dass du mir Glück bringen wirst.«
-
-Er sah sich nicht getäuscht. »Unkraut am Wege,« das Bild der kleinen
-Landstreicherin, das er in Oel ausgeführt, wurde in die Ausstellung
-aufgenommen und trug ihm Lob, Geld und Aufträge ein. Cenz wartete derweil
-daheim, dass er wiederkommen und sein Versprechen erfüllen werde. Es war
-ihr eigentlich weniger um das Bild, als um eine Ehrenerklärung in seinen
-Augen zu thun. Da sie nicht wissen konnte, wann er sie überraschen werde,
-trug sie sich der Vorsicht halber so nett und sauber als möglich. Keine
-Streifzüge über Zäune nach verbotenem Obst, kein Herumklettern und
-Herumstreifen in der Sonnengluth mehr. Sie hatte ihm gesagt, dass sie dem
-Kreuzwirth gehöre, im Kreuzwirthshaus wird er sie suchen und finden. So
-hat es sich von selbst gemacht, dass sie sich mehr in der Nähe des Hauses
-hält und anfängt, ihrer Mutter in der Wirthschaft an die Hand zu gehen.
-Die schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Cenz nach dem Abschied
-vom Maler heimkam, aber sie hat seitdem keine Veranlassung zu einer
-Wiederholung dieser Geberde des Entsetzens gefunden, es wäre denn, sie
-thäte es, um ihr Erstaunen über die Veränderung in dem Wesen ihres
-Stiefkinds auszudrücken. Der Sommer geht vorüber, aber Fritz Teubner nahm
-längst den Abstieg auf einer anderen Seite und sitzt in Wien eifrig über
-seinem Ausstellungsbild. Zuweilen erwachen in Cenz die Regungen der alten
-Ungeberdigkeit, aber nach etlichen leisen Ausbrüchen kämpft sie dieselben
-nieder. Der Winter ist lang und das Stillsitzen eine harte Aufgabe für
-Cenz, aber sie hilft der Mutter beim Nähen und Flicken, und Sonntags
-bedient sie flink die durstigen Bauern und die paar versprengten Städter,
-die selbst in Schnee und Frost der Leidenschaft, Berge zu besteigen,
-fröhnen. Endlich kommt der Sommer, und Cenz blickt voll Zuversicht
-vorwärts. Sie hat, wie manche lang im Wachsthum zurückgebliebene Pflanze,
-plötzlich in die Höhe zu schiessen angefangen, sie wird gross und
-hübsch, und alle die alten Kleider mit den unverwischbaren Spuren ihrer
-Kletterkünste müssen für die kleinen Schwestern übernäht werden. Sie
-selber geht in schmucken neuen Gewändern, und wäre nicht der eine und
-der andere der Gäste in der Ausstellung gewesen und hätte sie im goldenen
-Rahmen sammt der Aufschrift gesehen, ihr alter Spottnamen wäre ganz und
-gar in Vergessenheit gerathen. Aber wehe dem, der ihn in ihrer Hörweite
-brauchte, das Zünglein hatte keine Veränderung durchgemacht.
-
-Auch dieser Sommer verging und noch ein Winter, ohne dass Fritz Teubner
-sein Wort wahr gemacht. Cenz war ein erwachsenes Mädchen geworden, und die
-jungen Burschen fingen an, sie mit sehr freundlichen Augen anzusehen.
-Ihr schnippisches Wesen und ihr hübsches Gesicht schien es besonders dem
-reichen Erben des Thalhofbauern angethan zu haben, er sass so oft und so
-lange als möglich im Kreuzwirthshaus, spielte mit Cenz' Vater Karten und
-machte sich der Wirthin angenehm; bei dem jungen Mädchen selbst machte
-er jedoch keine Fortschritte. Wieder waren die Kirschen reif geworden, und
-Cenz trug einen Korb voll aus dem Garten in's Haus, da sah sie unter dem
-Nussbaum einen jungen Menschen mit einem breitrandigen Hute sitzen und
-musste den Korb hinstellen, sonst wäre er ihren Händen entfallen.
-
-»Grüss Gott, Herr Teubner,« sprach sie, jedoch mit ganz ruhiger Stimme.
-Er sah auf, zweifelnd, staunend, wie Einer, der seinen Augen misstraut.
-
-»Ja, bist du das wirklich? Die kleine schwarze Cenz? Aber das ist
-unmöglich!«
-
-»Ja, aus Kindern werden Leut',« lachte sie.
-
-»Die Augen und die blitzenden Zähne sind es noch, aber sonst muss dich
-eine gute Fee umgetauscht haben.«
-
-»War ich denn gar so an Schrecken?« fragte sie mit dörflicher
-Coquetterie.
-
-»Für mich nicht, im Gegentheil, aber für die Sperlinge, die Obstbäume
-und für deine Mutter musst du so etwas gewesen sein. Für mich warst du
-alles Gute in Person; dass ich dir begegnet bin, muss ich ein wahres Glück
-nennen.«
-
-Sie wurde hochroth. Zum Glück rief die Mutter aus dem Hause:
-
-»Cenz, Cenz, wo steckt denn das Madel?«
-
-Sie lief hinein. Im Verschlag neben der Mutter sass der Thalhofer Franz.
-
-»Cenz, siehst du aber bildsauber aus,« sprach er.
-
-»Das geht dich gar nix an«, sagte sie, füllte einen Krug mit Bier und
-eilte, ohne von ihrem Verehrer weiter Notiz zu nehmen, in den Hof hinaus.
-
-»So; und wie ist's Ihnen denn alleweil ergangen, Herr Teubner?« fragte
-sie und setzte sich auf die Bank ihm gegenüber. Er konnte sich von seinem
-Erstaunen kaum erholen. So ruhig waren ihre Bewegungen geworden, so ohne
-jede bäurische Ungelenkigkeit, und doch wieder völlig des ehemaligen
-dreisten Wesens ermangelnd.
-
-»Gut, sehr gut sogar«, sagte er, »ich erzählte dir schon, dass du mir
-Glück gebracht hast. Seit ich dein Bild gemalt, habe ich alle Hände voll
-zu thun gehabt.«
-
-»Sie haben g'wiss viel schöne Damen g'malen?« fragte sie mit einer
-Regung der Eifersucht.
-
-»Du meinst ja wohl Damen im Sonntagsputz?« versetzte er, sich der eiteln
-Regung der Kleinen erinnernd. »Da fällt mir ein, wann willst du mir denn
-in deinem besten Staat sitzen?«
-
-»Auf der Stell', i kleid' mi nur um«, sprach sie und verschwand im Hause,
-klugerweise aber, ohne das Gastzimmer zu betreten; aus dem Flur führte
-die Treppe in ihr Zimmerchen. Die Fragen des Thalhofers wären unbequem
-gewesen. Nach einer Weile kam sie wieder, mit einer Näherei in der Hand.
-
-»Blitz, siehst Du sauber aus!« rief Teubner, die Künstleraugen voll
-ehrlicher Bewunderung auf ihr verweilen lassend. »Ich bin sicher, die
-»Haiderose« wird ebenso viel Erfolg haben, wie -- wie dein früheres
-Conterfei. Vielleicht verhilft sie mir zu all' den übrigen guten Dingen,
-die ich mir noch für's Leben wünsche. Dem »Unkraut am Wege« verdanke
-ich ein schönes Atelier, freundliche Kritiken und dass ich mit etlichen
-Münzen in der Tasche klimpern kann. Und wenn das Glück mir wohl will,
-dann«, er brach ab und blickte auf einen einfachen Ring an seinem Finger.
-»Was hast Du?« fragte er auf einmal aufsehend.
-
-»I' hab mi g'stochen«, sagte sie mit völlig veränderter Stimme, die
-Nadel war ihr bei einer heftigen Bewegung in den Finger gefahren, ein
-Blutstropfen fiel herunter, sie seufzte tief auf. Fritz Teubner schüttelte
-den Kopf über das wehleidige Bauernmädchen, das ganz verstört über
-einen Nadelstich erschien. Da war die kleine zarte Nachbarin, deren Ring er
-am Finger trug, standhafter. Tagaus, tagein handhabt sie die Nadel bis
-zu einem gewissen glücklichen Tage, den Cenz's Bild näher rücken soll.
-Eifrig führt der Maler den Stift.
-
-Der Thalhofer Franz tritt zu der Gruppe im Hofe.
-
-»Madel, was hast?« fragt er erschrocken, »Du wirst doch net krank wer'n.
-Lass Dir rathen und geh in's Haus. Bei derer Hitz'n ist's net gut draussen
-sein.«
-
-Merkwürdig wohl thut ihr seine Sorge, und dankbar sieht sie den ehrlichen
-hübschen Jungen an.
-
-»Mir is nix«, sagte sie, »aber i denk', i lass, wenn's Ihnen recht is,
-das Sitzen auf ein ander Mal.« Fritz ist's zufrieden. Er hat denn auch im
-Lauf der Tage, während er im Dorfwirthshaus sein Quartier aufgeschlagen,
-das Bild vollendet. Mit Crescenz schloss er gute Freundschaft; sie hat die
-ganz ausführliche Geschichte von der kleinen hübschen Nachbarin, von dem
-Ring und wie und wann er ihn bekommen, aus seinem Munde gehört. Wie
-tief sie diese Geschichte ergriff, hat er nicht erfahren. Das Unkraut war
-übrigens ein tapferes Mädchen geworden und wusste seine aussichtslose und
-ein wenig lächerliche Neigung zu bekämpfen. Als ein Jahr nachher Fritz
-Teubner mit seiner jungen Frau in das Dorf zur Sommerfrische kam, ging
-es gerade hoch her im Kreuzwirthshaus. Das hübscheste Mädchen im Orte,
-Crescenz Hellgruber, feierte ihren Verspruch mit dem jungen Thalhofer.
-»Man soll si nix verreden«, sagte die Wirthin zum Pfarrer, »jetzt hab'
-i an dem Unkräutl doch mei Freud erlebt. So brav ist's worden, dass i mir
-wünsch, meine Madeln sollen ihr nachgerathen.«
-
-
-
-
-HERBSTBLÄTTER.
-
-
-Ich kann ihn nun selber tragen! bemühen Sie sich nicht weiter! Die alte
-Frau nahm dem Mädchen den kleinen, mit Koth und Blut beschmutzten
-Knaben ab und sich mit kurzem Kopfnicken, ja ohne ein Wort des Dankes
-verabschiedend, ging sie in ihr Haus hinein. Verblüfft blieb die
-Nachbarin, ein junges, nettgekleidetes Mädchen, mit einem zarten
-schüchternen Gesicht vor der Thüre stehen. Warum wurde sie so ohne alle
-Förmlichkeit entlassen? Das alte, zahnlose Mütterchen hatte es geduldet,
-dass sie ihr den schweren Jungen die ganze, ziemlich lange Strecke von der
-Pferdebahn bis zum Hause mehr trug als führte. Freilich hätte sie den
-Liebesdienst auch nicht abzulehnen vermocht, selbst wenn sie Lust dazu
-gehabt hätte. Der Schrecken war ihr in die alten Glieder gefahren, als das
-wilde Kerlchen, noch bevor sie das Zeichen zum Halten gegeben, vom Wagen
-sprang, hinfiel und sich das Gesicht aufschlug. Und als das junge Mädchen,
-das an derselben Strassenecke abstieg, den kleinen Unband, ohne ein Wort zu
-sprechen, auf den Arm nahm, war sie ihr wortlos gefolgt; aber die Blicke,
-die sie auf die junge Helferin heftete, zeugten von Allem eher als
-von Erkenntlichkeit und Wohlwollen, und der Abschied war entschieden
-unhöflich. Merkwürdigerweise hatte sich das Büblein ohne Widerrede von
-der Fremden tragen lassen, während es sich oft aus den Armen der alten
-Frau sträubend loswand, was das Mädchen vom Fenster aus beobachtet.
-So war es vermuthlich grossmütterliche Eifersucht, was die Greisin so
-ablehnend erscheinen liess. Eine andere Erklärung konnte Johanna Stirner
-dem sonderbaren Benehmen nicht geben.
-
-Frau und Kind waren ihr nicht ganz fremd, obschon sie ihre Namen nicht
-wusste. Seit etwa vier Wochen hatte sie das einfenstrige Gassenzimmerchen
-dem Hause der Alten gegenüber gemiethet. Sie war eine Kleidermacherin,
-eine Waise, die sich seit dem Tode ihrer Eltern tapfer und ehrlich durch's
-Leben schlug. Erst hatte sie Stunden gegeben, aber das Schneidern wurde
-besser bezahlt. Ihre Arbeit ernährte sie und gestattete ihr den Genuss
-eines der feineren Vergnügen, an die sie in ihrem wohlhabenden Elternhaus
-gewöhnt gewesen, den Besuch eines Theaters oder Conzerts oder den eines
-befreundeten Hauses, das sich nicht von ihr zurückgezogen, als sie den
-Kampf um's Dasein selbständig aufnehmen musste. Ihre Beschäftigung zwang
-sie, nahe dem Fenster zu sitzen, und während die flinken Hände in das
-feine Zeug stachen, hatte ihr Geist Zeit zum Beobachten und Nachdenken.
-
-Unwillkürlich formte sie sich die Lebensgeschichte zu den Gesichtern, die
-sie in den Fenstern oder auf der Strasse sah. Das alte Paar ihr gegenüber,
-das die wärmende Herbstsonne suchte und in ihrem Schein an je einem
-Fenster im ersten Stockwerk sass, musste schwere Verluste erlitten haben.
-Sicher war es das verbitternde Unglück, das ihnen die herben Linien in
-die Gesichter gezogen, wahrscheinlich der Verlust ihrer Lieben. Das junge
-Mädchen glaubte zuerst, sie ständen ganz allein, aber bald sah sie einen
-wilden kleinen Jungen, der nicht mehr als vier Jahre zählen mochte, in der
-Stube herumstürmen und das Oberste zu unterst kehren. Die Alten liessen
-ihm wohl zu viel eigenen Willen, denn es kam vor, dass sich der Wildfang
-auf das Fenstersims setzte und die kleinen Beinchen in die Strasse
-hinabbaumeln lies. Das sah lebensgefährlich aus, aber wenn es ihm die
-Grosseltern wehrten, so bemerkte man keine Wirkung davon. Sie sprachen auf
-ihn ein, und er blieb unbekümmert auf seiner Warte, bis ihm ein anderer
-Einfall durch das Gehirn schoss, er in die Stube zurückkletterte, um
-nach ein paar Minuten auf der Strasse unter den wilden, zerlumpten Rangen
-aufzutauchen. Sie waren älter als er, aber das hinderte ihn nicht, wie ein
-kleiner trotziger Kampfhahn auf sie einzudringen. Putzig genug sah er
-aus, wenn er mit seinen Fäusten auf die grossen Bengel loshämmerte,
-unbekümmert darum, wohin sie ihrerseits mit ihren Armen trafen. Wenn er
-hinab kam, war er sauber und trug gute Kleider, aber eine halbe Stunde
-unter seinen Widersachern sah ihn voll Staub und Schmutz und den Anzug in
-Fetzen.
-
-Fräulein Johanna konnte sich nicht enthalten, dem prächtigen
-dunkeläugigen Burschen die zerzausten Locken zu streicheln, oder ihm einen
-Apfel, ein Stückchen Backwerk zuzustecken, wenn sie an ihm vorbeikam.
-Das arme Mädchen ahnte wenig, welchen Missdeutungen sie sich durch ihre
-harmlose Freundlichkeit aussetzte.
-
-»Wieder Eine!« sagte die zahnlose Alte und winkte bedeutungsvoll zu ihrem
-würdigen Gemahl hinüber.
-
-»Sie speculirt,« pflichtete er bei, »dem Kind schmeichelt sie und meint
-jemand Andern. Nun, wir sind auch noch da!«
-
-Da Johanna Abends vom Fenster abrückte und zufällig die ersten Sonntage
-bei ihren Freundinnen eingeladen war, wusste sie gar nicht, dass die
-interessante Familie über der Strasse noch ein Mitglied zähle; um wie
-viel weniger konnte ihr einfallen, dass man ihr niedrige, eigennützige
-Pläne auf dasselbe beimesse. Sie wohnte schon eine geraume Zeit in ihrem
-Stübchen, bis sie einmal zufällig Abends an das Fenster trat und drüben
-einen noch jungen Mann mit einem sehr ernsthaften Gesicht bemerkte. Die
-leidenschaftliche Innigkeit, mit der er das Kind liebkoste, fiel ihr auf.
-Dann unterhielt sie der Kampf, der in der Regel mit aufgeweckten und nicht
-sonderlich lenksamen Kindern ausgefochten werden muss, der Kampf um das
-Zubettgehen. Das Kerlchen lief lachend und schreiend vor der Grossmutter
-davon, diese mochte bitten und drohen, das sah man an ihren Mienen, aber
-ohne einen Eindruck zu erzielen. Zuletzt machte der junge Mann der Komödie
-ein Ende, indem er das Kind in den Arm nahm und aus der Stube trug. Ohne
-sich zu sträuben, liess es der kleine Junge geschehen, ja er drückte
-vergnügt lachend sein Gesicht an das bärtige; -- das war offenbar sein
-Papa, der Knabe nicht, wie sie vermuthet, doppelt verwaist. Dann hat sie
-auch den jungen Mann hie und da beobachtet; wenn er das Kind nicht bei sich
-hatte, wurde sein Gesicht trostlos, abgespannt, das eines Menschen, dem das
-Leben nicht leicht fällt. Dem war gewiss mit seiner Frau das beste Theil
-gestorben, und das Beisammensein mit den alten Leuten, die seine Eltern
-nicht sind, darauf möchte das Mädchen wetten, bietet ihm vermuthlich
-keinen vollwichtigen Ersatz für das, was er verloren. Allabendlich setzt
-er sich mit ihnen zum Kartenspiel nieder, aber aus der Entfernung kann sie
-sehen, dass diese Art Zeitvertreib von ihm als eine einmal übernommene und
-ohne Widerstand ausgeführte Pflicht statt als Vergnügen betrachtet wird.
-Bleierne Langweile, unzerstörbare Gleichgültigkeit haftet bei Gewinn wie
-Verlust in seinen Zügen, während es in den alten Gesichtern gierig oder
-enttäuscht aufzuckt und der volle Spieleifer aus ihren hastigen Bewegungen
-spricht. -- Wenn sich das Paar endlich zu Ruhe begeben, dann wandert der
-Mann noch lange rastlos in dem Wohnzimmer herum; Johanna stellt sich vor,
-dass es einst das Glück seiner jungen Ehe umschlossen, und nun von all
-den Geistern todter Freuden für ihn bevölkert ist. Eine spuckhafte
-Gesellschaft! Kein Wunder, dass sich seine Stirn furcht und das Gesicht
-den Ausdruck müder Resignation trägt. Der Mann dauert sie; und sie weiss
-nicht einmal, wie sehr er zu bedauern ist.
-
-Seit drei Jahren steht das alte Paar zwischen ihm und jeder erwachenden
-Regung von Lebenslust. Ihnen ist mit ihrem einzigen Kind Alles gestorben;
-sie könnten es nicht begreifen, wenn es bei dem jungen Mann anders wäre.
-Ein eifersüchtiger Liebhaber könnte nicht ängstlicher seine Herzensdame
-bewachen, als die beiden Greise ihren Schwiegersohn. Es ist eine
-böse Welt, voller Fallstricke. Ihr Alter und ihr Missgeschick hat sie
-argwöhnisch gemacht. Am Ende ist es doch nur Liebe, wenn auch eine
-verzerrte, missartete, die ihr sonst unverantwortliches Beginnen diktirt;
-sie können sich nicht darein finden, eine Andere die Stelle einnehmen zu
-sehen, die ihr einziges Kind ausgefüllt. Und sie zittern für Ivo, ihr
-Enkelkind, dem eine Fremde nicht die Zärtlichkeit entgegen trüge, die er
-bei ihnen findet. Wo könnte der kleine Schelm, der kaum ein Jahr zählte,
-als ihm die Mutter starb, besser aufgehoben sein, als bei den Grosseltern?
-Die alte Frau hat manche Nacht bei dem Kleinen durchwachen müssen, die
-Last und Plage, die solch ein junges Menschenkind verursacht, war für ihre
-Jahre nichts Geringes. Ivo's Vater wäre ein verhärteter Bösewicht, wenn
-er der grossen Opfer nicht dankbar gedächte und die kleinen Schrullen
-übersähe. Dass sie in jeder Frauengestalt, die in seinem Gesichtskreis
-auftauchte, eine gewissenlose Glücksjägerin witterten, dass sie und ihr
-Mann nicht müde werden konnten, ihn zu warnen und über die unlauteren
-Beweggründe für jedes freundliche Wort, an ihn gerichtet, für jede
-Liebkosung, die der schöne kleine Bursche empfing, aufzuklären,
-erschien ihm allerdings nicht gerade als ein Beweis von liebenswürdiger
-Gemüthsart, auch trug es nicht dazu bei, ihm das Zusammenleben mit ihnen
-besonders erfreulich zu gestalten. Aber um ihn handelte es sich nicht,
-ihn hielt sein Beruf den ganzen Tag vom Hause fern; wenn er sein Kind
-treu behütet wusste, so hatte er wohl alles erreicht, was ihm sein armes,
-verstörtes Leben noch zu bieten vermochte. Diese nimmermüde Sorgfalt,
-die keine andere Hand dem Knaben widmen würde, war ein Dogma. In der Obhut
-seiner Grosseltern konnte ihm nichts geschehen, es war unmöglich bei ihrer
-unausgesetzten Wachsamkeit! Und nun hatte sich der Junge blutig geschlagen,
-als er mit der Grossmama aus dem Park heimfuhr, und um ihr keinen Tropfen
-in diesem bittern Kelch zu ersparen, musste eine Fremde ihm zu Hilfe eilen,
-nein, keine Fremde, eine Harpye, die schon seit Wochen darauf lauerte,
-über den gedeckten Tisch herzufallen, die vermuthlich das einfenstrige
-Zimmer nur um ihrer versteckten Pläne willen gemiethet und mit geübter
-Hand Zug um Zug auf ihrem Schachbrett gethan. Schon sah die Alte ihren
-leichtgetäuschten Schwiegersohn in den Banden einer berechnenden Frau, Ivo
-bei Seite geschoben und rauh angefahren, da griff sie denn nach dem ersten
-Ausweg, der sich ihr offenbarte, sie hiess den Jungen über den Vorfall
-schweigen. Papa würde sehr böse werden, wenn er erführe, dass Ivo vom
-Wagen abgesprungen, bevor dieser hielt, schärfte sie ihm ein und blickte
-höhnisch zu der Nachbarin hinüber, die nun wieder emsig arbeitend beim
-Fenster sass, um sich durch ihren Fleiss »ein gutes Bild einzulegen.«
-Für diesmal war ihr das Spiel verdorben. Die Alte hätte kein schlechteres
-Mittel ergreifen können; und wäre nicht schon eine so lange Zeit
-verstrichen, seit sie ihr eigenes Kind erzog, sie wäre sicher nicht darauf
-verfallen. Ivo war, wie die meisten lebhaften, aufgeweckten Kinder kein
-Grübler; er hätte bis zum Abend den Hautriss sammt dem Pflaster darüber,
-das zarte Mädchengesicht, das sich über ihn gebeugt, das mitleidige
-»Hast Du Schmerzen, Du armer Schelm?« vollkommen vergessen, wenn das
-Verbot nicht gewesen wäre. Das erhielt den ganzen Vorfall frisch in seinem
-Gedächtniss, und verlieh ihm eine tiefe Bedeutung. Und als Papa am Abend
-gleich beim Kommen, das Pflaster auf der Stirn bemerkend, auf seine
-Frage von Grossmama die Antwort erhielt, Ivo habe sich an der Tischkante
-gestossen, wurden die Augen des Kindes sehr gross. Grossmama hatte gelogen,
-ein guter Theil ihrer Autorität war für immer dahin. Hartnäckiger als
-sonst wehrte sich der Kleine gegen sie, als sie ihn zu Bett bringen wollte.
-Aber hartnäckiger als sonst, bestand sie heute auf ihrem Willen; es war
-nicht rathsam, Vater und Kind an diesem Abend sich selber zu überlassen.
-Aber als sie Ivo trotz seines Sträubens ergriff, schrie er: »Lass mich,
-oder ich sage dem Papa, dass ich vom Wagen gefallen bin!«
-
-Ihr fielen die Hände vor Schreck in den Schooss, und ohne Widerstand
-duldete sie es, dass der Teufelsjunge sich von Papa emporheben und aus
-dem Zimmer tragen liess. Erst nach einer Weile folgte sie ihnen, um ihrem
-Schwiegersohn beim Auskleiden des kleinen Prinzen zu helfen, aber der lag
-schon im Bett, mit beiden Händchen um den Hals des Vaters, der seinen Kopf
-auf das Kissen neben den des Kindes gelegt; es war wie gewöhnlich; kein
-Anzeichen, dass der Range geplaudert und alle Mühe umsonst gewesen.
-Beruhigt zog sie sich zurück. Sie ahnte nicht, was ihr der nächste Morgen
-bringen würde.
-
-Es war ein Sonntag, ein schöner, milder Frühlingstag. Grossmama sah
-kein Arges darin, dass ihr Schwiegersohn bat, dem Kinde sein bestes Kleid
-anzulegen. Vermuthlich führte er ihn, wie er es fast jeden Sonntag that,
-in den Park spazieren. -- Als der junge Mann und das Kind der Thüre
-zuschritten, wandte sich der Erstere nochmals um: »Ich hoffe, Grossmama,
-wir werden zur rechten Zeit zurück sein, doch sollten wir uns, wider
-Erwarten, verspäten, dann nehmt das Essen ohne uns ein. Ich beabsichtige,
-mit Ivo einen Besuch zu machen.«
-
-Einen Besuch? Seit dem Tode, nein schon seit der Erkrankung seiner Frau
-hatte er nicht daran gedacht, ein fremdes Haus zu betreten, fing er auf
-einmal an, der Aussenwelt Interesse abzugewinnen? Der Alten erschien dies
-wie eine Beeinträchtigung ihrer todten Tochter.
-
-»Wohin willst Du mit Ivo gehen?« fragte sie und wischte dem Kinde über
-das ohnehin blanke Gesichtchen; sie hatte kein Recht zu der Frage, aber
-ihre Wissbegier trug manchmal den Sieg über ihre Klugheit davon.
-
-»Selbstverständlich zu dem jungen Mädchen, das meinem Kinde Beistand
-geleistet. Es war nicht recht, Grossmama, dass Du mir den Vorfall
-verheimlicht. Die junge Dame müsste uns für Leute ohne Lebensart
-und Erziehung halten, wenn wir ihr nicht einmal unseren Dank dafür
-aussprächen, dass sie den schweren Jungen bis zum Hause trug.«
-
-Nun lag ihm schon an der Meinung einer wildfremden Näherin. Grossmama war
-wüthend.
-
-»Ich hatte es vergessen,« sagte sie, mühselig eine gleichgültige Miene
-behauptend, »gedankt habe ich ihr für die kleine Mühe übrigens schon
-gestern. Sie wird wohl wissen, weshalb sie sich sie nahm. Wäre mein armes
-Kind noch am Leben, dann hätte die drüben gewiss keine Hand nach Ivo
-ausgestreckt.«
-
-»Ja,« schnarrte Grosspapa von seinem Sitz am Fenster dazwischen, »sich
-selbst sein Brod verdienen, das ist ein unangenehmes Geschäft für eine
-junge Dame, viel besser, man setzt sich in ein wohleingerichtetes Haus
-hinein, selbst wenn man so ein lästiges Anhängsel,« er wies auf Ivo,
-»mit in Kauf nehmen muss.«
-
-»Da stösst man dann in alle Ecken«, wehklagte seine Gemahlin, »ich habe
-es nicht einmal, nein Dutzendmal mit angesehen. Wenn ein Kind den Vater
-verliert, so ist es traurig, aber mit der Mutter büsst es alles, alles
-ein.« Beschwörend streckte sie die Hände nach ihrem wie auf Kohlen
-stehenden Schwiegersohn aus.
-
-»Franz, wenn Du dem Knaben eine Stiefmutter giebst, sieh' nicht auf Jugend
-und Schönheit, sieh' nur, ob sie ein Herz zu dem Kind fassen kann!«
-
-»Ich weiss nicht, was Dir einfällt, Grossmama,« sagte der junge Mann
-unwirsch, »ich denke nicht daran, mich wieder zu verheirathen. Mein Sohn
-ist bei Euch gut aufgehoben, und ich kann doch nie wieder so glücklich
-werden, wie ich es mit Marie gewesen.«
-
-Das war eine Beruhigung für die Alten, aber Franz ging ärgerlich, aus
-seiner gewöhnlichen Gelassenheit aufgerüttelt, davon. Die Beschwörungen
-und Prophezeihungen wickelten ihn in einen grauen dicken Nebel ein, durch
-welchen er die Welt in ziemlich trübseligem Licht erblickte. Zuletzt that
-es ihm leid, dass er so bestimmt seine Absicht angekündigt, der Nachbarin
-in Person zu danken. Was sollte ihm der Verkehr mit einer Fremden? Er war
-durch sein Unglück an Einsamkeit gewöhnt, fühlte sich am wohlsten allein
-oder in der Gesellschaft seines Kindes. Die Alten hatten nicht Unrecht,
-er that am besten, wenn er sein leckes Lebensschifflein abseits von den
-anderen Seefahrern lenkte, die unter vollem Segel hinglitten und vom Leben
-noch Glück und erfüllte Verheissungen erwarteten. Vielleicht hatten sie
-auch recht mit ihren Warnungen; sie kennen die Nachbarin seit längerer
-Zeit, haben sie beobachtet, während er sie noch kaum bemerkte.
-
-Ivo hat heute nicht viel Vergnügen von seinem vor sich hingrübelnden
-Papa. Aber er verlangt von dem traurigen Mann nicht, dass er sich so
-unausgesetzt mit ihm beschäftige, wie es die Grosseltern thun, die ihn
-mit ihren Lehren und ihrer Beaufsichtigung gar oft langweilen. Er ist schon
-zufrieden, wenn er mit seinem Papa sein, neben ihm hergehen kann, vergebens
-bemüht, seine Schritte den weitausgreifenden anzupassen. Im Park setzt
-sich Franz auf eine Bank, der Kleine befriedigt an seine Seite. Nach einer
-Weile wird er des Stillsitzens überdrüssig und beginnt, die schönen
-gelbfarbigen und purpurrothen Blätter aufzulesen, die der Herbst auf den
-Rasen verstreut. Ein ganz unterhaltendes Geschäft, und wenn man die minder
-schönen immer wieder gegen besser gefärbte vertauschte, mag es auch für
-eine geraume Zeit vorhalten.
-
-Der Vater trifft Anstalten, sich von seinem Sitz zu erheben und blickt nach
-dem Knaben aus. Beide Hände voll mit seiner prächtigen Beute eilt er auf
-ihn zu. Franz ist soeben zu dem Entschluss gekommen, es sei am besten, nach
-Hause zu gehen und der Fremden einige Zeilen des Dankes zu schreiben, denn
-er ist des Verkehrs mit Frauen vollkommen entwöhnt, und die Worte der
-Alten haben, ohne dass er es sich gestehen mag, ihren Einfluss auf ihn
-nicht verfehlt. Da sagt Ivo:
-
-»Die rothen und gelben Blumen bringe ich alle dem schönen, grossen
-Mädchen, das mich nach Hause getragen hat. Die wird sich freuen!«
-
-Es war feuchtkalt in den Zimmern. Die Sonne schien plötzlich ihre
-ganze Macht eingebüsst zu haben. Grossmama sass, in einen dicken Shawl
-gewickelt, am Fenster und blickte ingrimmig zu der Nachbarin hinüber. Was
-sie sah, war aber auch wirklich geeignet, ihrem Verdacht Nahrung zu geben,
-und ihr am Nebenfenster gleich einer grossen grauen Spinne lauernder
-Gemahl, ein heimtückischer Greis, der sich freute, für seine geringe
-Meinung von der Menschheit im Allgemeinen an besondern Fällen eine
-Bekräftigung zu finden, verstand es trefflich, durch gelegentliche
-boshafte Bemerkungen, wie »wenn sie das Kind mit ihrer Zärtlichkeit nur
-nicht erdrückt!« oder »Franz scheint sich gar nicht von drüben trennen
-zu können,« das Feuer zu schüren. Franz war ein ungelenker, steifer
-Geselle, seit er sich in seinem Umgang auf die zwei alten Leute
-beschränkte. Er hatte sich auf den Sessel gesetzt, den ihm die Nachbarin
-angeboten, und nachdem er, unbeholfen genug, seinen Dank für die
-geleistete Hülfe ausgesprochen, versank er in ein bedrückendes
-Stillschweigen. Das junge Mädchen war zu schüchtern, um es zu
-unterbrechen. Im Hause ihrer Eltern, mit dem Rückhalt, den ihr deren
-gesicherte Lebensstellung gewährt, war sie heiter, lebhaft und gewandt
-gewesen; seit sie sich allein durch's Leben schlagen und und von
-hochmüthigen Kunden manche Demüthigung hinnehmen musste, war sie
-gedrückt, zurückhaltend, und nur wenn sie freundlichem Entgegenkommen
-begegnete, schaute sie auf, und ihre ehemalige liebenswürdige
-Gesprächigkeit trat zu Tage. Beide hatten im ersten Augenblick nicht den
-günstigsten Eindruck von einander empfangen; Johanna hielt ihren Gast für
-hochmüthig, -- (das arme Kind war seit den trüben Erfahrungen, die sie
-gemacht, nur zu geneigt, diese Eigenschaft bei ihren lieben Nächsten
-vorauszusetzen) -- er dachte, sie wäre eine hübsche geist- und leblose
-Kaminfigur und blickte sehnsüchtig nach der Thür, im Stillen die
-Augenblicke zählend, bis er sich ohne Verstoss gegen die Schicklichkeit
-wieder empfehlen konnte. Nur Ivo fühlte sich wie zu Hause. Ihn würde
-der Glanz und die Hoheit eines Königshofes vermuthlich auch nicht im
-Geringsten eingeschüchtert haben. Uebrigens kam er nicht mit leeren
-Händen, das musste ihm jedenfalls einen freundlichen Empfang sichern.
-
-»Da«, sagte er mit grosser Wichtigkeit, die gelben und rothen Blätter,
-die er auf dem Wege durch krampfhaftes Festhalten um ihre natürliche Form
-gebracht, Johannaen darreichend, »das alles gehört Dir. Freust Du Dich?«
-
-Es war wie eine Erlösung, die frische, helle, sorglose Kinderstimme in das
-drückende Schweigen hineinklingen zu hören. Kein Wunder, dass Johanna
-den kleinen Jungen umfasste, herzlich abküsste und auf den Schooss nahm.
-Weggewischt war alle Verlegenheit und Zurückhaltung, das junge bildschöne
-Kind, das sich so eng an sie schmiegte, dessen warmen Athem sie an ihrer
-Wange spürte, wusste nichts von Ueberhebung, wollte nicht verletzen.
-Mochte der steife Patron auf dem Sessel drüben mit sich zurechtkommen,
-wie er wollte, sie hatte ihren Zeitvertreib. Und nun kam sie ins Plaudern.
-Jedes Wort verrieth das Mädchen von Bildung und Verstand, das sich in
-gemüthvoller Herzlichkeit zu dem Fassungsvermögen des kleinen Burschen
-herablässt. Ihr silbernes Fingerhütchen, das sie selbst heute nicht
-abgelegt, da sie trotz des Sonntags ein Kleid anzufertigen hatte, wurde
-nun ein undurchdringlicher Panzer, die spitzen Nadeln, Lanzen und Spiesse,
-jeder Finger ein wackerer Ritter. Welch ein Turnier entwickelte sich zu
-Gunsten Ivo's, der vor Spannung und Entzücken den Athem anhielt. Mit
-grossen Augen sah Franz die Umwandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen,
-seit sie das Kind auf dem Schooss hielt. Von dem kleinen Medium konnte er
-ja auch Nutzen ziehen. Und nun entwickelte sich das anmuthige Spiel,
-das die Grossmama und ihren würdigen Gemahl mit so berechtigtem Unmuth
-erfüllte. Sobald Ivo von Johanna's Schooss herabgeklettert und irgend
-eine fabelhafte Herrlichkeit auf dem Kamin des Parlors, der Johanna's
-Hauswirthen gehörte, zu bewundern, hielt sein Papa ihn an und begann
-ihm die Haare zurecht zu streichen, einmal in die Stirn und dann zur
-Abwechslung aus der Stirn. Dabei sprach er durch ihn zu der Nachbarin.
-
-»Du darfst das Fräulein nicht so belästigen, Ivo.« Natürlich
-versicherte sie, er mache ihr keine Mühe. Dann erklärte ihm sein Papa auf
-das Nachdrücklichste, sie sei zu gütig gegen ihn, und er verdiene so viel
-Nachsicht und Freundlichkeit nicht. Darauf zog sie ihn wieder zu sich, um
-den eiteln kleinen Burschen, der vor Freude hochroth im Gesicht wurde, ein
-dunkelblaues Band, das ihr von der Näherei übrig geblieben, als Cravatte
-um den Hals zu knüpfen. Das erinnerte ihn an die Zeit, da Ivo's Mutter
-kein grösseres Vergnügen gekannt, als das winzige Kind mit Schleifen und
-Bändern herauszuputzen. Das eine seiner Händchen haltend, sprach er von
-jenen schönen Tagen, sie fasste das andere und war ganz Mitleid für das
-Kind. Ivo hielt prachtvoll still in seiner Blitzableiterrolle, die den
-Beiden über ihre Verlegenheit hinweghalf. Er liess sich von Johanna die
-Bilder in der »Gartenlaube« erklären und zeigte dann jedes dem Vater
-hinüber, eine sehr drollige Erläuterung in seiner Manier dazugebend.
-Und unvermerkt verstrich die Zeit. Hüben und drüben gab es mit jedem
-Viertelstündchen mürrischere Gesichter. Ivo's Grosseltern warteten,
-trotzdem ihre Essensstunde bereits vorüber war, mit der Sonntagstafel;
-dasselbe thaten Johanna's Hauswirthe. Aber beide erschöpften sich dabei
-nicht gerade in Segenswünschen für die Schuldtragenden.
-
-Endlich als die Hausfrau ihr ältestes Töchterchen mit der Botschaft
-hereinschickte, die Familie könne nicht länger warten, erhob sich Franz,
-erstaunt und erschrocken über die ungebührliche Länge seines ersten
-Besuchs; aber das junge Mädchen war nun in die Freuden und Leiden seines
-Lebens eingeweiht, sie wusste von seinem kurzen Glück und der langen
-trostlosen Zeit, die demselben gefolgt. Auch sie hatte mit ihren
-Mittheilungen nicht gegeizt. Beiden war es ein seltener Genuss, einmal zu
-einem wirklich theilnehmenden Ohr von dem eigenen Schicksal zu sprechen,
-und er kannte nun ihr Elternhaus, ihre friedliche sorglose Kindheit und die
-harten Schläge, die sie betroffen, als wäre er ein alter Freund. Sprechen
-wir nicht von der Sonntagstafel. Hüben wie drüben hätte sie den Beiden
-eigentlich durch die missmuthigen Gesichter am Tisch vergällt werden
-müssen, aber sie bemerkten nichts davon. Beide waren in Gedanken noch
-immer bei dem angenehmen Stündchen, Beiden schien's, als sei ihnen etwas
-von ihrem alten Leben zurückgekehrt. Ivo vollends war unausstehlich. Wäre
-dies dem verwöhnten Enkelchen gegenüber nicht gar so unmöglich gewesen,
-die Grosseltern hätten ihm vermuthlich mehr als einmal barsch Schweigen
-geboten. Er wurde nicht müde, von der Tante zu sprechen; alles, was er
-drüben gesehen, war viel schöner als daheim, Grossmutter besass nur
-einen gewöhnlichen Fingerhut und nichts anderes, ihr Kuchen hielt keinen
-Vergleich mit dem aus, den ihm Johanna gegeben, und eine solche Cravatte
-wie die, welche sie ihm umgebunden, fand sich im ganzen Hause nicht vor.
-
-Auch fiel seine Begeisterung nicht so schnell in todte Asche zusammen, wie
-es sonst bei Kindern der Fall ist. Sobald ihn die Grossmama des Morgens
-angekleidet, wand er sich geschmeidig wie ein Aal aus ihren Händen,
-polterte die Treppe hinab und winkte ihr nach einigen Augenblicken,
-ahnungslos über ihren Verdruss vom Fenster gegenüber lachend zu. Selbst
-die betrübende Thatsache, dass er bei der neuen Tante artiger sein musste,
-als daheim, dass die enge Stube mit dem angehäuften Nähgeräth seinem
-Umhertollen nur ein sehr begrenztes Gebiet gestattete, dass er die
-Nähereien nicht verwirren und mit der Scheere dem Aufputz und den Stoffen
-nicht nahe kommen durfte, wirkte nicht abkühlend auf seinen Enthusiasmus.
-Der rauhe Wind mochte ihm den Aufenthalt auf der Strasse verleiden, und
-ehe er sich bei den Grosseltern langweilte, die in der That in ihrer
-mürrischen Verbitterung nichts mit dem quecksilbernen Jungen anzufangen
-wussten, trug er, mit so viel Geduld, als er aufzutreiben vermochte, die
-ungewohnten Zügel. Es wurde ihm nicht allzu schwer gemacht. Während
-Johanna flink die Finger rührte, bevölkerte sie für ihn das enge
-Stübchen mit all den trauten Gestalten des deutschen Märchen- und
-Sagenschatzes; er lauschte ihr in athemloser Spannung und verfiel nur
-selten auf eine seiner kleinen Teufeleien. War es jedoch einmal der Fall
-und sprach ihm Johanna ernst und eindringlich in's Gewissen, dann senkte
-er bussfertig den Lockenkopf und versprach volle Besserung. Selbst daheim
-hätten die Grosseltern eine gewisse Milderung seiner wilden Sitten
-bemerken müssen, wenn sie dazu geneigt gewesen wären. Aber wenn Johanna
-sich mit dem Kinde Mühe nahm, so legte sie nur Fallstricke, um dessen
-verblendeten Vater zu fangen. Grossmama nahm sich kein Blättchen vor den
-Mund, sie hielt mit ihrer Meinung über die Sirene nicht zurück; freilich
-erzielte sie mit ihren Anklagen ein gar sonderbares Resultat. Immer
-häufiger richteten sich Franzens Blicke auf das Fenster gegenüber, immer
-heller wurde seine Miene, immer mehr verschwand der Trübsinn aus seinem
-Blick. Sonst hatte ihm nichts solchen Verdruss erregt, als wenn er Abends
-beim Nachhausekommen den Knaben nicht vorfand; jetzt schien es ihm ein
-besonderes Vergnügen zu machen, ihn von drüben abzuholen und dabei eine
-Viertelstunde mit der Nachbarin zu verplaudern. Grossmama ging den ganzen
-Tag wie ein drohendes Gewitter herum, und ihr Gemahl glich mehr als je
-einer grossen grauen Spinne, die auf eine unschuldige Fliege lauert.
-Zuletzt lief sie ihnen ahnungslos in's Garn. Ivo hatte sich erkältet
-und musste das Bett hüten. Mit der Hartnäckigkeit eines kranken Kindes
-verlangte er seine Tante Johanna. Grossmama schleppte ihm Spielzeug und
-Näschereien in's Bett, aber nichts vermochte seine Gedanken abzulenken.
-Papa war früher als sonst aus seinem Geschäft gekommen und hörte noch
-vor der Zimmerthür das Kind nach der Tante verlangen.
-
-»Warum habt Ihr sie nicht gebeten, herüberzukommen?« fragte er arglos,
-»Fräulein Stirner ist die Gefälligkeit selbst und Ivo ihr besonderer
-Liebling. Sie wäre ohne Bedenken an sein Bettchen geeilt.«
-
-»Das glaube ich,« versetzte Grosspapa, »an Bedenken scheint die junge
-Dame überhaupt nicht zu kränken.«
-
-Und »Ivo ihr Liebling,« rief höhnisch seine bessere Hälfte, »solche
-berechnende Geschöpfe haben für Niemand eine Neigung als für sich
-selbst.«
-
-Dem jungen Mann schwoll die Zornader auf der Stirn, aber er hielt an sich.
-
-»Möchtet Ihr nicht, wenn schon nicht aus Rücksicht für mich, so
-doch Euer graues Haar bedenkend, etwas weniger gehässig von einem
-Wesen sprechen, das unserem Kinde bisher nichts als die selbstloseste
-Freundlichkeit erwiesen? Nein, spottet nicht,« -- kam er, als sie sprechen
-wollten, ihnen zuvor, »Ihr werdet mich sonst dadurch zu einen Schritt
-veranlassen, vor dem Ihr mich bewahren wollt!«
-
-So hatte er noch nie gesprochen. Wenn sie ihn auch verdächtigten, er habe
-ihre todte Marie bereits vergessen, so hatte er bisher doch jeden Gedanken,
-ihr eine Nachfolgerin zu geben, kurz von der Hand gewiesen, bestürzt zogen
-sich die Verschworenen in die Wohnstube zurück, den Vater bei dem Kinde
-lassend. Er hätte, wenn er horchen gewollt, sie murren und grollen
-und Pläne schmieden hören können, aber jedenfalls flösste ihm Ivo's
-Geplauder, in welchem das junge, blasse Mädchen von drüben beständig
-wiederkehrte, theils wegen des Gegenstandes, theils wegen des Sprechers
-mehr Interesse ein. Am nächsten Morgen hielt er das widerspenstige Kind
-durch das Versprechen, heute werde die Tante gewiss kommen und sich freuen,
-ihn so folgsam zu sehen, im Bettchen fest. Bevor er das Haus verliess,
-theilte er den Alten mit, er wolle die Nachbarin herüberbitten. »Ich
-brauche Euch wohl nicht zu erinnern, dass ich meines Sohnes beste Freundin
-in meinem Hause mit aller Rücksicht behandelt sehen will,« sagte er
-beim Abschied. Die Grossmama nickte mit dem Kopf, aber nicht wie zur
-Bestätigung seiner Rede, sondern zu einer, die sie sich selber hielt. In
-gemeinverständliches Deutsch übersetzt, mochte es bedeuten: »O warte
-nur, Du sollst sehen, wie ich mich vor Deinen lächerlichen Drohungen
-fürchte!« Und Grosspapa goss nach seiner lieblichen Gewohnheit Oel in's
-Feuer. »Geh doch in die Küche, Kuchen backen für den seltenen Gast!
-Und vergiss die guten Tassen nicht, die Marie zur Hochzeit bekam. Unsere
-glatten, weissen sind nicht vornehm genug für die Nähmamsell!«
-
-Sie sahen noch, wie Franz über die Strasse ging, drüben die Klingel
-zog und in das Haus trat. Grossmama hatte Furcht, er werde das Geschäft
-versäumen, aber so verhängnissvoll war der Einfluss von »der drüben«
-doch noch nicht geworden; nach ein paar Minuten trat er wieder auf die
-Strasse hinaus, allerdings mehr aus dem Grunde, weil er das junge Mädchen
-vor ganzen Bergen von Arbeit überrascht, als weil ihn sein geschäftliches
-Gewissen aus ihrer Nähe vertrieben. Sie wollte die erste freie Minute
-benutzen, um nach dem kranken Ivo zu sehen. Sie hatte so besorgt nach
-ihm gefragt und wirklich erleichtert aufgeathmet, als sie erfuhr, seine
-Krankheit sei unbedenklich; ob wohl Grossmama auch darin Zeichen von
-Berechnung zu entdecken vermöchte, fragte sich der junge Mann lächelnd.
-
-Mit einem Freudengeschrei, das ihm gleich darauf einen tüchtigen
-Hustenanfall zuzog, begrüsste der Knabe seinen Gast. Bei seinem Entzücken
-übersah sie zuerst den kühlen Empfang, den ihr die beiden Alten zukommen
-liessen. Auch als sie sich über das geringe Vergnügen, das ihr Kommen
-in ihnen erregte, nicht länger täuschen konnte, war sie billig genug,
-einzusehen, dass Ivo, der um ihretwillen die Grosseltern in der letzten
-Zeit ziemlich vernachlässigt, ein wenig Eifersucht begreiflich machte.
-Unbehaglich wurde ihr nur zu Muthe, als wirklich die bemalten Tassen zum
-Vorschein kamen und die beiden Alten sich mit säuerlichen Gesichtern zu
-dem an Ivo's Bett gerückten Tisch niedersetzten. O, es entstanden keine
-solchen Pausen, wie bei dem ersten Besuch, den Franz ihr gemacht! Grossmama
-sprach unaufhörlich auf den Gast ein, und wenn sie, um Athem zu schöpfen,
-innehielt, dann fiel der alte Mann mit seiner krächzenden Stimme ein und
-machte irgend eine Bemerkung, die sich wie mit Widerhaken in Johannas Seele
-verfing. Ein ausgezeichnetes, ein exemplarisches Paar! Wovon konnte sie
-die Fremde unterhalten, wenn nicht von ihrer todten Tochter, die solch ein
-Musterbild aller Tugenden gewesen: »ganz anders als die Mädchen, die man
-jetzt sieht, und die nur für den Putz und das Geldhinauswerfen geschaffen
-sind«, schnarrte der Alte mit einem Blick auf Johannas neumodischen, in
-Feierabendstunden mühselig zusammengeschneiderten Anzug dazwischen, dann
-wieder Grossmama: »Was war Marie für eine Hausfrau, wie behaglich, wie
-angenehm wusste sie es ihrem Manne zu machen, und wie hingen die Beiden
-auch aneinander!« So ging es in einem Zug fort. Die Geschichte von
-Franzens Glück, die sie einmal aus seinem Mund vernommen, musste sie nun
-noch einmal hören, aber von den Lippen der Alten klang sie schier wie ein
-Vorwurf gegen ihn. Wie durfte er sich unterfangen, noch einmal lachen und
-fröhlich sein zu wollen. Grossmama erliess ihr nichts; sie musste auch die
-ganze Krankheit und das Ende Maries mitmachen, Franzens Verzweiflung und
-das Versprechen, das er, wenn auch nicht gerade in Worten, geleistet, ihr
-nie eine Nachfolgerin zu geben. Warum erzählte sie ihr dies, warum warf
-der tückische Greis höhnisch darein: »Und an dieser Thatsache werden
-alle mannstollen Glücksjägerinnen nichts ändern!« Ihr zog sich das Herz
-zusammen. Ein ungeheures Mitleid mit Franz, dessen Hausgenossen, dessen
-einziger Verkehr mit der Welt sie waren, überkam sie. Die beiden Alten
-erinnerten sie, wenn sie sich so gegenübersassen mit den nickenden
-boshaften Köpfen, an zwei chinesische Götzen. Sie wäre um Ivo's Willen
-noch gern geblieben, aber das Pärchen ward ihr unheimlich, und sie erhob
-sich. Doch so leichten Kaufes liessen die Alten sie nicht los. Sie musste
-sich noch all die Opfer erzählen lassen, die sie für den Enkel gebracht,
-sie musste sich noch in kaum nichtzuverstehender Weise andeuten lassen,
-dass man die Motive ihrer Freundlichkeit gegen das Kind, und warum sie es
-den Grosseltern so häufig entziehe, ganz wohl verstehe. Kein Wort wurde
-gesagt, dass sie als offenkundige Beschuldigung oder Unhöflichkeit deuten
-konnte. Nun ja, solch ein Kind lernt bei jungen Leuten leicht die alten
-vergessen: oder mit der biedersten Miene von der Welt »der kleine Ivo muss
-es entgelten, dass sein Papa eine gute Partie ist, was schleppt er nicht an
-Bändern und Süssigkeiten in's Haus!«
-
-Johanna hatte ihm wiederholt erlaubt, sich die glänzenden Flitter, die ihm
-gefielen und die keinen Werth mehr hatten, nach Hause zu nehmen, auch einen
-und den andern Leckerbissen liess sie dem kleinen Naschmäulchen zukommen.
-Kaum konnte sie ihre Thränen zurückhalten, aber als sie auf ihre Stube
-gelangte, weinte sie lange und schmerzlich. Die Alten hatten in einer
-Hinsicht Recht; Franz war ihr nicht gleichgültig geblieben; wie wäre
-dies auch möglich gewesen, da er der Erste war, der dem alleinstehenden,
-verlassenen Mädchen mit menschlichem Antheil entgegen gekommen! Auch das
-Kind hatte sich ihr in's Herz gestohlen. Kaum wusste sie, ob sie den
-Vater um des Kindes willen, oder das Kind wegen seines Vaters liebe. Aber
-eigennützige Berechnung, ja selbst der Gedanke, er könne sie einmal als
-seine Frau, als Mutter seines Kindes in das verwaiste Haus führen, waren
-ihr fremd geblieben. Was half ihr aber ihr reines Bewusstsein, wenn die
-bösen Alten, ja wenn vielleicht er selbst sie für eine selbstsüchtige
-Männerjägerin hielten. Sie hatte ihre Thränen kaum getrocknet, als
-ihre vierschrötige Hauswirthin an die Thüre klopfte, um sich über die
-Unordnung zu beklagen, welche die herumfliegenden Fädchen und Läppchen
-von Johannas Schneiderei im Hause verursachten. Sie kam ihr eben
-recht. Fort aus der Strasse, fort aus dem Hause, wo sie eine solche
-Verdächtigung, so bitteres Leid erfahren! Das war das Einzige, was ihr
-nach den Hornissenstichen des würdigen Paares übrig blieb. Sie kündigte.
-
-Kaum hatte die Hauswirthin das Zimmer verlassen, fing sie ihre Sachen zu
-packen an. Mit höhnischem Winken und Deuten sahen sie die Alten drüben
-bei dem Geschäft; aber es wurde ihnen etwas weniger behaglich zu Muthe,
-als Franz, auch heute früher als gewöhnlich heimkehrend, gleichfalls den
-offenen Koffer und das geschäftig hin- und hereilende Mädchen sah. Ivo
-hatte sich beklagt, die Tante sei so schnell fortgegangen, er habe ihr
-nicht einmal einen Kuss geben können. Und Franz wusste, dass die Alten
-irgend eine Miene gegraben. Er nahm seinen Hut und eilte, ohne ein Wort
-zu sprechen, hinüber. Johanna hatte die Herbstblätter, die sie mit Wachs
-überzogen, und in eine Vase gestellt, von dem Kaminsims herabgenommen. Sie
-wollte sie wegwerfen; aber das Kind hatte ihr eine Freude machen wollen; es
-konnte nichts dafür, dass sie ihr vergiftet worden war. Sie wollte sie
-in den Koffer legen zum Andenken, dass sie glücklich gewesen und zwei
-Menschen von Herzen lieb gehabt. Da hörte sie Tritte auf der Treppe,
-die ihr das Blut in's Gesicht jagten, ein Pochen an der Thür, das ihr
-»Herein« zittern, kaum vernehmlich klingen liess. Franz trat ein. Mit
-einem Blick hatte er die Sachlage erfasst.
-
-»Ich habe von drüben recht gesehen,« sagte er traurig, »Sie wollen uns
-entfliehen, meinem armen Knaben und mir?« -- Sie wollte etwas antworten,
-aber da hatte er schon ihre Hand gefasst, und der wortkarge Mensch wurde
-förmlich beredsam:
-
-»Gehen Sie nicht von uns, Johanna! Sie haben mich wieder das Leben
-schätzen, meinen Knaben die vorsorglich lenkende Mutterhand kennen
-gelehrt. Bleiben Sie bei uns!«
-
-Sie stand fassungslos.
-
-»Ivo's Grosseltern haben mir die Deutung gegeben, wie die Welt von meinem
-harmlosen Verkehr mit Ihnen und Ihrem Kinde denkt,« sagte sie bitter. Sie
-wies auf die zusammengerollten Blätter. »Sehen Sie, so ist mein Inneres.
-Vor einer Stunde war noch alles frisch und grün, aber nun hat die Welt
-einen Herbstschleier angelegt, und ich fürchte, ich könnte nicht mehr
-unbefangen mit Ihnen sprechen, es ist zu Vieles in mir welk und dürr
-geworden.«
-
-»Vergessen Sie, dass die alten Leute Sie beleidigt; sie sind grämlich,
-durch den Tod ihres einzigen Kindes verbittert. Aber sie werden meiner Frau
-die Achtung nicht versagen, und mit der Zeit, Johanna, gewinnst Du auch
-ihre Zuneigung. Ich war nicht besser als sie, da ich Dich kennen lernte,
-und bin durch Dich verwandelt worden. So wird es, so muss es ihnen auch
-ergehen.« Er fasste ihre Hand mit den Herbstblättern, die raschelnd,
-dürr zu Boden fielen, sie selber sank, erglühend wie eine Mairose, an
-seine Brust.
-
-
-
-
-SCHWIEGERMÜTTERCHEN.
-
-
-Mama Hellmer hatte nur eine Sorge in ihrem sonst recht angenehmen und
-behaglichen Leben (freilich eine Sorge, so gewaltig und alles verschlingend
-wie der Leviathan); sie fürchtete, ihr grosser gutmüthiger Junge mit
-dem Pudelkopf, ihr grösster Stolz und ihre einzige Freude, werde sich die
-Finger oder auch die ganze Hand verbrennen, wenn er an's Freien ging.
-
-Zu ihrer Entschuldigung sei hier bemerkt, dass sie sehr unglücklich
-verheirathet gewesen war, dass ihr Mann, ein ganz auserlesener Taugenichts,
-ihr alles erdenkliche Herzeleid zugefügt hatte.
-
-Das lag nun weit hinter ihr; sie hatte manches Jahr vom frühen Morgen bis
-in die dunkle Nacht hinein unermüdlich gearbeitet, genäht, gestrickt, in
-allen erdenklichen Künsten und Wissenschaften unterrichtet und sich
-mit ihrem Jungen tapfer durch's Leben geschlagen. Ja, durch eine Kette
-unendlicher Opfer hatte sie es sogar vermocht, ihm eine Erziehung geben zu
-können, wie sie selbst manchem Sohn aus wohlhabendem Hause versagt blieb.
-Nun hatte er ihr schon seit manchem Jahr alle Mühe und Plage abgenommen
-und sie in eine behagliche, sauber und zierlich wie ein Puppenheim
-ausgestattete Wohnung hineingesetzt. Was er ihr verdankte, wusste er genau;
-er wusste, dass er ohne ihre Entschlossenheit und Aufopferung vermuthlich
-ein zerlumpter, schmutziger kleiner Vagabund, ein ungebildeter, vielleicht
-verkommener Bursche geworden wäre, und ein innigeres Verhältniss als
-zwischen diesem Sohn und dieser Mutter konnte man sich kaum vorstellen. Den
-weiblichen Nachbarn -- besonders den verheiratheten -- traten Thränen der
-Rührung in die Augen, wenn sie jeden Nachmittag bei hübschem Wetter Mama
-Hellmer am Arme ihres stattlichen Sohnes spazieren gehen sahen. Die
-Bank, in welcher Eduard Hellmer eine Vertrauensstellung einnahm, schloss
-frühzeitig, aber er hätte vielleicht eher seine vortheilhafte Stelle
-aufgegeben, als Mama die ihr vom Arzte verordnete Bewegung in der frischen
-Luft allein machen lassen. In Papierdüten trug er ihr Blumen und Obst nach
-Hause, als wäre sie, wie die unverheiratheten Nachbarinnen, den Mund ein
-wenig verziehend, bemerkten, eine junge Dame, der er sein Herz zu Füssen
-gelegt. -- Und wie sorgsam er den Shawl um ihre Schultern legte, wenn ein
-rauhes Lüftchen sie anblies, wie beflissen er den Kopf zu ihrem Munde
-hinabneigte, damit ihm im Strassenlärm kein Wörtchen, das sie sprach,
-verloren ging. Ja, Frau Hellmer war eine beneidenswerthe glückliche
-Mutter, trotz der grossen Sorge, die der Sohn ihr, freilich ohne es
-zu wissen und zu wollen, verursachte. Eduard besass zu seinen übrigen
-Tugenden leider auch noch ein leichtempfängliches Herz. Es klopfte hie
-und da ganz vernehmlich für irgend ein anmuthiges Mädchenbild, das ihm in
-seinem Gesangsverein oder in Mama's Bekanntenkreise begegnete, und er wäre
-vermuthlich blindlings in das Unglück seines ganzen Lebens hineingerannt,
-wenn Mama nicht die bestconstruirte Dampffeuerspritze in den Schatten
-zu stellen und die aufflackernde Gluth durch einen mit voller Kraft
-geschleuderten kalten Wasserstrahl zu dämpfen gewusst hätte.
-
-Edith Bogart? O gewiss, sie ist ein schönes Mädchen; Mama könnte sich
-nicht beifallen lassen, dies zu bestreiten; sie ist witzig, lebhaft, mit
-nicht gewöhnlichem Geist begabt; Frau Hellmer kann es beurtheilen,
-denn sie war ja einmal des Kindes Lehrerin gewesen. Himmel! welch' ein
-jähzorniges, heimtückisches Temperament die Kleine besass! Erinnerte sich
-Eduard nicht mehr, wie Mama einmal ihr bestes Kleid von einer Scheere kreuz
-und quer zerschnitten heimgebracht hatte? Es war Edith's boshafter
-Racheakt für eine ihr ertheilte Strafe. »Und Du weisst, Eduard, was die
-Anschaffung eines neuen Kleides damals für mich bedeutete,« setzte Frau
-Hellmer hinzu. Natürlich wusste er es und küsste ihr gerührt die Hand.
-Lili Felder? Das Bild eines deutschen Gretchens? Ja gewiss, aber nur die
-schwache Copie eines solchen. Mit dem Wesen des ächten Gretchen könnte
-man es nicht recht in Einklang bringen, dass sie die schwache, kränkliche
-Mutter sich mit dem Haushalt, den jüngeren Kindern und Fräulein Lili's
-weit über ihre Verhältnisse glänzenden Putz abquälen liess und mit
-einem neuen Roman den Tag verbrachte. Die unverheiratheten Nachbarinnen
-fingen an, die Thränen der Rührung dem Sohne allein zu widmen, der in
-unverminderter Ehrerbietung die alte Frau am Arme führte, wiewohl sie --
-das lag ja klar zu Tage -- ihm das Glück seines Lebens zerstörte. Alle
-Welt fing an, der besorgten Mutter masslose Herrschsucht unterzuschieben;
-sie wolle die erste Stelle im Hause um keinen Preis einer Anderen abtreten,
-sie wolle unumschränkt im Herzen des Sohnes herrschen. Vielleicht
-lauerten, ihr unbewusst, derartige Motive in ihrer Seele, aber ihr
-Hauptgrund war doch nur die geradezu abergläubische Besorgniss, ihr Eduard
-werde, ebenso wie sie einst, unglücklich in der Ehe sein. Der Spruch
-vom Hammer und Amboss schien ihr, Dank ihren trüben Erfahrungen, auf
-verheirathete Menschenpaare besonders zu passen. Dass Eduard zum Hammer
-nicht die mindeste Anlage besass, stand fest, folglich hiess es durch
-Anwendung von sehr viel kaltem Wasser ihn vor dem Ambossschicksal so lange
-als möglich zu bewahren. Die Feuerspritze arbeitete mit vollem Erfolge, so
-lange es sich bei Eduard nur um leicht vergängliche Eindrücke handelte,
-aber als sein Stündlein wirklich schlug, da machte Mama betrübende
-Erfahrungen. Das Schlimmste war, dass sie sich selber nicht von aller
-Schuld freisprechen konnte, denn sie hatte die allerliebste kleine
-Zündbüchse in die Nähe der Pulverkammer getragen. Als Hannchen
-Stubenhofer, mit deren Mutter sie in einer Provinzstadt zur Schule
-gegangen, in die Residenz kam, ohne vorerst zu wissen, wohin sie den
-kleinen Kopf sammt der dazu gehörigen reichen blonden Zopfkrone legen
-solle, lud Frau Hellmer sie zu sich ins Haus; und als nach einigen Wochen
-das flinke geschickte Ding Arbeit gefunden und seine eigene Wohnung aufnahm
-(an der Thüre die verlockende Tafel »Erster Klasse Toiletten« tragend),
-da bestand die alte Dame darauf, dass sie die Sonntage vom Morgen bis
-zum Abend bei ihren Landsleuten, mit welchen sie auch noch eine entfernte
-Verwandtschaft verband, zubringe.
-
-Das Hannchen war ein sehr merkwürdiges Stück Menschheit; es ging nie,
-sondern tanzte, sprach nie einen Satz, ohne ihn mit einem sehr angenehm
-klingenden Gelächter einzuleiten und abzuschliessen. Mama Hellmer musste
-mehr als einmal den Kopf dabei schütteln. Wenn man es recht bedachte,
-hatte Fräulein Hannchen nicht viel mehr Ursache lustig zu sein, als sie
-selber einst gehabt. Auch sie stand in jungen Jahren schutzlos und auf sich
-selbst angewiesen da, nachdem sie Kindheit und erste Jugend in behaglichen
-Verhältnissen verbracht. Hannchen war eine elternlose Waise, schon dieses
-hätte sie nach Frau Hellmer's Ansicht bestimmen müssen, in Sack und Asche
-einherzugehen, sie musste sich allein durch's Leben schlagen, was sie wie
-einen ganz hübschen Zeitvertreib zu betrachten schien. Allerdings glückte
-ihr Alles, sie hatte die Finger einer Fee. Wenn Frau Hellmer sie ernsthaft
-an die Thatsache erinnerte, dass sie arm sei, warf sie den blonden Kopf
-zurück, lachte und meinte: »Was thut das? ich werde mir heute oder morgen
-ein Vermögen erwerben.« -- Und Mama, die es nicht verstand, wie man
-widrige Verhältnisse mit so vergnügtem, sorglosem Gesicht bekämpfen
-könne, hiess sie im Stillen leichtsinnig und begann, sich ernstlichen
-Besorgnissen um ihre Zukunft hinzugeben. Sie glaubte es der entfernten
-Basenschaft schuldig zu sein, wenn sie die Augen über Hannchen »offen
-hielt«, was sie um so leichter thun konnte, als diese gerade über der
-Strasse bei einem kinderlosen Ehepaar ein Zimmer gemiethet hatte. Frau
-Hellmer kannte jede Kundin, die drüben aus- und einging, sie führte Buch
-über die Besuche, die Hannchen in ihrer freien Zeit erhielt und wusste
-genau anzugeben, wann und mit wem sie das Haus verlassen hatte. Aber zur
-Erwerbung so nützlicher Kenntnisse braucht man Zeit, viel Zeit, und Mama
-war genöthigt, ihren Eduard und seine etwaigen Herzensverstrickungen
-ausser Acht zu lassen. Und als ihr endlich die Augen aufgingen, da war es
-beinahe zu spät. Er fing bereits an, nachzusinnen, ob das Puppenheim
-für eine junge Frau geräumig genug sei; sein Gesicht war in eitel
-Glückseligkeit getaucht, wenn der Sonntag kam und Hannchen die Base
-besuchte; er schritt hinter ihr her, wenn sie in ihrer lebhaften Weise
-durch die ganze Wohnung lief, -- einen ziemlich lächerlichen Eindruck
-gewährend, da er ebenso verliebt wie unbeholfen erschien --; wenn sie
-sang, dann horchte er begeistert und applaudirte, als gälte es der Patti,
-und wenn sie etwas Lustiges sagte, lachte er, bis sein Gesicht bläulich
-wurde. Und was das Schlimmste war, er schien vollständig mit Taubheit
-geschlagen, als Mama wie absichtslos bemerkte, es sei zu arg, dass Hannchen
-statt für ihre alten Tage, für Krankheit oder andere Unglücksfälle zu
-sparen, was sie verdiente, auf sich hing. Er nahm seinen Hut und ging zu
-Hannchen hinüber, als diese durch die plötzliche Unfreundlichkeit ihrer
-sonst so gütigen Freundin abgeschreckt, am nächsten Sonntag zu Hause
-blieb. Und von ihrer Sternwarte aus konnte Mama beobachten, wie die zwei
-drüben in vergnügtester Stimmung nebeneinandersassen, Mama und die ganze
-übrige Welt auch nicht mit der Spur einer Erinnerung bedenkend. Da galt
-es, rasch und entschieden einzugreifen. Nie vorher war Frau Hellmer so
-überzeugt von der Heilsamkeit der Abschreckungstheorie gewesen, wie
-diesmal. War nicht auch bei ihrem verstorbenen Gatten der Hauptfehler, aus
-dem alle übrigen riesengross herauswuchsen, ein gedankenloser Leichtsinn,
-eine Vergnügungssucht, die nach den Mitteln der Befriedigung nicht fragte,
-gewesen? Sollte ihr trübseliges Loos sich an dem Sohne wiederholen?
-Nicht, solange sie es abzuwenden vermochte. Glücklicherweise gab ihr das
-unbesonnene Hannchen selber die Mittel zur Vernichtung in die Hand. Mama
-hatte, trotzdem die frühere wohlwollende Gesinnung gegen das Mädchen
-ziemlich feindseligen Gefühlen Platz gemacht, ihren Beobachtungsposten
-nicht verlassen; freilich war ein kleiner Unterschied gegen ehemals zu
-bemerken. Bisher hatte sie Hannchen überwacht, jetzt -- so ungern wir
-das Wort gebrauchen, es muss heraus, -- jetzt belauerte sie dieselbe.
-Natürlich Alles in der besten Absicht, wie sie sich wiederholt
-versicherte, aus einem Pflichtgefühl, das selbst der Mutter der Gracchen
-Achtung abgenöthigt hätte. Bald hatte sie genug erspäht.
-
-»Wer war der junge Mensch, mit dem Du vorgestern Abend ausgingst, und in
-dessen Gesellschaft Du erst nach Mitternacht, lachend und schwatzend, dass
-die ganze Strasse aus dem Schlaf auffuhr, heimkamst?« fragte sie, als
-Hannchen mit einem Gesicht, dessen sich alle drei Höllenrichter zusammen
-nicht zu schämen gehabt hatten. Das Mädchen machte heute wieder seinen
-Sonntagsbesuch bei der ersten Freundin, die sie in der Fremde gefunden,
-vermuthlich durch Eduards Versicherungen überzeugt, dass der eisige
-Empfang auf irgend welchem häuslichen Aerger beruht und durchaus nichts
-mit ihr zu schaffen gehabt hatte. Mamas kühle Begrüssung in ihrer eigenen
-Wärme übersehend, hatte sie mit dem Haussohn sogleich ein lustiges
-Scharmützel angefangen. Wie eine Bombe rollte die Frage dazwischen, und
-vor Schrecken -- Mama erklärte ihrem Sohne nachher aus Schuldbewusstsein
--- wurde sie roth und verlegen.
-
-»Haben wir Dich aufgeweckt, Tante?« sagte sie bedauernd, nachdem sie
-sich gefasst. Frau Hellmer hatte zu erwähnen vergessen, dass sie gar nicht
-geschlafen, sondern beobachtend am Fenster die Zeit verbracht hatte; und
-so war es begreiflich, dass Hannchen versicherte: »es thut mir aufrichtig
-leid; aber Karl Sohmer ist solch ein drolliger Kauz, dass man lachen muss,
-sobald er zu sprechen anfängt, und wenn die Todesstrafe darauf stünde.«
-
-»Karl Sohmer? ich habe diesen Namen nie gehört.«
-
-»Ich auch nicht, bis vor, lass sehen, vor sechs Tagen. Letzten Dienstag
-kam er meinem Hauswirth, dessen Neffe er ist, wie vom Himmel herabgeweht
-in's Haus; er lebt in Texas und hält sich nur zu Besuch hier auf.«
-
-»Erlaube mir!« rief Frau Hellmer mit um so ausgesprochenerem Entsetzen,
-als sie bemerkte, das Gesicht ihres Sohnes habe sich bedenklich in die
-Länge gezogen, »nach so kurzer Bekanntschaft gehst Du mit diesem Texaner
-aus! Ich verstehe die heutige Jugend nicht.«
-
-»Er lud mich in die Oper ein, und ich konnte wohl nicht nein sagen, es
-hätte meine Hauswirthe verletzt,« erklärte Hannchen ziemlich gedrückt,
-aber während des Sprechens lachte sie wieder und rief eifrig, »ich bin
-auch übrigens froh, dass ich die Einladung annahm, denn ich habe mich
-köstlich unterhalten und zehre an der Erinnerung, während ich über
-meiner Arbeit gebückt sitze.«
-
-»Du hörst es,« sagte Mama's Miene ihrem Abgott, der sehr blass und sehr
-ärgerlich dasass. Er war verliebt genug und seines Erfolges bei Hannchen
-nicht sicher genug, um gewaltig eifersüchtig zu sein. Uebrigens hatte Mama
-noch lange nicht ihr ganzes Pulver verschossen.
-
-»Der junge Mann scheint aus Deiner liebenswürdigen Bereitwilligkeit die
-Ueberzeugung geschöpft zu haben, dass seine Gesellschaft Dir sehr angenehm
-ist, was mich auch gar nicht Wunder nimmt. -- So oft ich an's Fenster trete
-und zu Dir hinüberblicke, was ich aus Antheil an Dir häufig thue, sehe
-ich ihn in Deinem Arbeitszimmer, schwatzend wie eine Elster.«
-
-»Er ist solch ein drolliger Kauz!« meinte lachend und erröthend das
-Hannchen, »er möchte mir weismachen, dass gerade so ein wichtiges
-Persönchen, wie ich, dem Staate Texas zu seiner Vollkommenheit fehle.«
-
-»Der junge Mann ist sehr dreist,« brauste Eduard auf.
-
-»O, wer denkt daran, Karl Sohmer ernst zu nehmen!« versetzte sie, »er
-ist ein sehr unterhaltender Gesellschafter, und ich freue mich auf den Ball
-morgen Abend, zu dem er mich geladen. Ich gehe mit der Hauswirthin.«
-
-Sie kam nicht weiter. Das war Wasser auf Mama Hellmers Mühle; und die
-würdige Dame übertraf sich selber. Die Posaune des jüngsten Gerichtes
-kann unmöglich strafender und drohender klingen, als ihre Stimme, während
-sie über gedankenlose Coquetterie und Vergnügungssucht loszog, die
-ganze Existenzen zerpflückt, Menschen für ihre Lebensdauer elend macht.
-Hannchen, die vor der alten würdigen Frau einen ungeheuren Respekt hatte,
-war Anfangs zerknirscht wie eine wirkliche Sünderin; sie warf Eduard einen
-hilfesuchenden Blick zu, aber er hatte eine Bemerkung Mamas, sie würde
-nie einwilligen, mit dem Leichtsinn unter einem Dach zu wohnen, dahin
-aufgefasst, dass sie ihn vor die Wahl zwischen sich und dass Mädchen
-stelle, und so blieb er stumm, die Stirn gerunzelt, seinen Bart kauend,
-sitzen, und vermied es, die Missethäterin anzusehen. Zuletzt erwachte auch
-in ihr der Trotz: Sie habe Niemandem Rechenschaft abzulegen; sie werde
-ihr junges Leben geniessen und den Ball morgen Abend erst recht besuchen,
-erklärte sie. Als man sich an diesem Tage trennte, sah Mama erhitzt, aber
-sehr befriedigt, ihr Sohn gleichfalls erhitzt, aber sehr niedergeschlagen
-aus; was Hannchen betrifft, so hatte sie verweinte Augen, aber einen sehr
-entschiedenen Zug im Gesichte, der auch aus ihrer Erklärung sprach, dass
-sie das Haus nie wieder betreten werde. Am nächsten Abend sahen Mutter und
-Sohn sie mit dem Fremden zu Balle gehen, und Mama beglückwünschte sich zu
-ihrer Entschiedenheit. Dann aber verliess sie das Haus nicht mehr; aber als
-der Monat zu Ende ging, verschwand sie ganz und gar aus der Strasse. Durch
-Bekannte, für welche sie arbeitete, erfuhr Frau Hellmer, dass der junge
-Texaner allein abgereist sei und Hannchen eine Wohnung in einer entfernten
-Strasse gemiethet hatte. Es war klar, sie wollte ihnen nicht mehr
-begegnen. Mama athmete auf, sie hatte ihren kostbaren Sohn wieder zum
-ausschliesslichen Besitz. Aber es war nicht mehr der alte, leichtvergnügte
-Sohn; ein wortkarger, stiller Mann, dessen Züge sich täglicher fester
-ausprägten; ein Mann, der ass und trank und schlief und seinen Geschäften
-nachging, ohne an etwas Vergnügen zu finden, ging er neben ihr her. Er sah
-aus, als wäre ihm der Schmelz von den Flügeln gewischt worden. Er wusste,
-dass Mama dem Mädchen bitter Unrecht gethan; er wusste, dass er ohne
-sie nicht glücklich werden konnte. Aber war es möglich, sich mit einer
-solchen Mutter wegen seines eigenen Glücks zu entzweien? Alle Opfer, die
-sie für ihn gebracht, standen deutlich vor seinem Geist; und so liess
-er, ohne einen Versuch zur Versöhnung zu machen, Hannchen aus seinem
-Gesichtskreis verschwinden.
-
-Mama war Anfangs zornig darüber, dass er den Verlust so schwer empfand.
-Sie, die sonst eifersüchtig jede Annäherung zwischen ihm und den jungen
-Damen der Nachbarschaft vereitelt, lud selber nun oft Gesellschaft zu sich.
-Aber so oft Eduard es vermochte, entzog er sich dem Vergnügen durch
-die Flucht, und liess er sich einmal durch Ueberredung ins Besuchszimmer
-locken, dann sass er stumm und unbehaglich da und schien aufzuathmen, wenn
-die Gäste sich entfernten. Frau Hellmer war sehr stolz gewesen, dass sie
-ihn wieder einmal vor dem Elend seines Lebens bewahrt, aber nachgerade fing
-sie an der Weisheit und dem Erfolg ihrer That zu zweifeln an. Was half es,
-wenn sie für die Möglichkeit seines Unglücks, das eine leichtsinnige,
-vergnügungstolle Frau auf ihn herabbeschworen hätte, die Gewissheit
-desselben eintauschte. Er klagte nie und machte ihr keine Vorwürfe, aber
-dass er unglücklich war, konnte ihr jeder Blick und sein blasses,
-ernstes Gesicht sagen. Und da fasste sie nach langem hartem Kampf einen
-heldenmüthigen Entschluss. Der nächste Tag sah sie neben Hannchen
-Stubenhofer in deren Zimmer sitzen, (auch nicht mehr das Hannchen von
-ehemals, denn es fing keinen Satz mit Lachen mehr an und endete ihn auch
-nicht damit). Im Ganzen sah sie wie das richtige Gegenstück zu Herrn
-Eduard Hellmer aus. Da wurde es Mama viel leichter, zu sagen, weshalb sie
-gekommen. Aber Hannchen schüttelte den Kopf:
-
-»Ich habe auch meinen Stolz, wenn ich auch nur ein armes Mädchen bin.
-Ich bin in Ihrem Hause beleidigt worden, nun setze ich keinen Fuss mehr
-hinein.«
-
-Mama war enttäuscht; sie hatte sich es schön ausgemalt, wie sie ihrem
-Sohn mittheilen wolle, es sei ein seltener Gast da; wie sie sodann die
-Thüre des Besuchszimmers öffnen, ihn allein eintreten lassen und erst
-nach einer gut gemessenen Viertelstunde mit zum Segnen erhobenen Händen
-nachfolgen werde. Hannchens Eigensinn verdarb den feinen Plan.
-
-Da steckte sich Mama denn hinter eine ältliche Landsmännin und
-Busenfreundin, in deren Hause das Mädchen in der nächsten Zeit
-beschäftigt war. Hannchen nahm, um alter Freundschaft willen, eine
-Ausnahmsstellung in dem Hause ein; nach der Arbeit verbrachte sie
-gewöhnlich den Abend als gleichberechtigtes Glied im Kreise der Familie.
-Allerdings fiel es ihr auf, dass man nach dem Abendessen sich in die Stube
-begab, von der sonst der Spruch galt: »Ziehe deine Schuhe ab, denn die
-Stelle ist heilig.« Doch hatte sie kaum Zeit gefunden, sich zu verwundern,
-da klingelte es, und herein rauschte Mama Hellmer, gefolgt von ihrem, durch
-die feinsten diplomatischen Künste zum Mitkommen veranlassten Sohn. Frau
-Hellmer, die sehr anregend sprechen konnte, wenn sie sich die Mühe dazu
-nahm, fesselte nicht nur die Freundin, sondern auch noch deren Töchter und
-den Hausherrn. Hannchen hörte nicht zu, und Eduard wusste vermuthlich von
-früher her, um was es sich handelte. Er stand ziemlich linkisch vor dem
-jungen Mädchen, das bei seinem Erscheinen Miene gemacht, zu entweichen;
-doch las sie in seinen Augen eine so herzliche Bitte und hörte aus seinem
-Munde so viele gute, versöhnende Worte, dass sie den Fluchtplan aufgab.
-Den ganzen Abend sah man die zwei sehr eifrige Gespräche führen, doch
-vernahm Niemand etwas davon, denn sie klangen sehr leise und schienen nur
-für das nachbarliche Ohr berechnet.
-
-Mama Hellmer hat vor Kurzem die Schlüssel, das Abzeichen ihrer absoluten
-Herrschermacht, sowie die Oberhoheit über die sehr unbotmässige Vasallin,
-welche die Kochtöpfe zu überwachen und den Besen zu schwingen hat,
-der jungen Herrin des Hauses abgetreten. Wollte ich behaupten, dass die
-unerfahrene Frau Hellmer das Regiment zur vollen Zufriedenheit der alten,
-weisen, unfehlbaren Frau Hellmer führt, so würde man mich beschuldigen,
-dass ich die Grenzen poetischer Freiheit übersteige und Unwahrscheinliches
-berichte. Aber Hannchen hat solch einen eingewurzelten Respekt vor Mama,
-fragt sie so häufig um Rath und, was mehr ist, befolgt denselben auch,
-dass Schwiegermütterchen, von dem die ganze Nachbarschaft vermuthete,
-es werde aus langer Herrschergewohnheit den Frieden des jungen Haushalts
-gefährden, ein viel angenehmeres, zufriedeneres und leichter zu
-behandelndes Schwiegermütterchen geworden ist, als man es sonst von ihren
-Schwestern behauptet.
-
-
-
-
-DAS PFLEGETÖCHTERCHEN.
-
-
-Die Leute haben nie begreifen können, was mich zu dem Alten hinzog,
-nachdem sie ihn Alle als unverbesserlich aufgegeben. Sie meinten, ich
-hätte mich noch entschiedener, als die ganze Welt von ihm lossagen
-sollen, denn sein Einfluss hatte es verschuldet, dass ich in meinen
-Jünglingsjahren auf Abwege gerieth, das heisst den bequemen Drehstuhl in
-meines Vaters Comptoir aufgab und Farben zu verschmieren anfing. Als ich
-mit Conrad Stürmer bekannt wurde, hatte er längst aufgehört, seine
-Kunst, in der er einst Bedeutendes geleistet, auszuüben; er bildete
-Schüler heran, oder wie die nachsichtigen Mitmenschen behaupteten, er
-lockte thörichte Jungen aus ihrer gesicherten Lebensbahn, unter der
-Vorspiegelung, Talent in ihnen entdeckt zu haben, um sie auszubeuten.
-Ich wusste, dass man ihm mit diesem Verdacht Unrecht that; er war ein
-Enthusiast, ungemein leicht begeistert und in jedem Pfennig-Kerzlein
-einen künftigen leuchtenden Stern sehend. Allerdings hat er ziemlich
-viel Unglück angestiftet, aber böse Absicht lag ihm fern. Ich hatte ihn
-liebgewonnen, und blieb ihm anhänglich, auch nachdem ich erkannt, dass er
-sich und mich getäuscht, als er in meinen dilettantischen Versuchen den
-künftigen Meister sah. Mit dieser Erkenntniss war für mich, der von einer
-ganzen Ahnen-Reihe ehrsamer Kaufleute eine gewisse nüchterne Besonnenheit
-geerbt (vielleicht war es gerade diese, die Stürmers entzückte
-Prophezeiungen kläglich vereitelt), der Weg klar vorgezeichnet, den
-ich einzuschlagen hatte. Die Motte wartete nicht, bis sie vollständig
-verbrannte; mit nur leicht angesengten Flügeln kehrte sie reuig zurück.
-Aber daheim schlachtete man kein gemästetes Kalb für den verlorenen Sohn;
-mein Vater grollte, weil ich dem Paradies des Drehstuhls eigenmächtig den
-Rücken gekehrt, und nachdem ich dieses unsühnbare Verbrechen begangen,
-nicht als gefeierter Künstler heimgekommen war; mein jüngerer Bruder, der
-mittlerweile meine Stelle eingenommen, konnte nicht einsehn, warum er mir
-dieselbe nun wieder einräumen sollte, die ganze ungeheure Edlinger'sche
-Basen- und Vetterschaft sah mich mit mitleidiger Geringschätzung an, als
-sei ich vor der Zeit zur Ruine geworden, und -- was mir zumeist an's Herz
-griff -- meine gute Mutter, deren Liebling ich war, litt darunter, mich
-von der stolzen, für mich erträumten Höhe so kläglich herabgestürzt
-zu sehen. Da fasste ich denn eines Tages einen kühnen Entschluss und,
-die Brücken hinter mir verbrennend, wanderte ich aus, nun erst recht ein
-verlorener Sohn, der nur dann auf Vergebung und freundliche Aufnahme im
-Vaterhause rechnen konnte, wenn er, ein Mann des Erfolges, zurückkehrte.
-
-Ich hatte ungewöhnliches Glück gehabt; schon nach zwei Jahren konnte ich
-nach Hause schreiben, dass ich mein sicheres Auskommen gefunden, nach vier
-Jahren, dass ich mich selbständig gemacht, und wieder nach einiger Zeit,
-dass das Haus Edlinger in der neuen Welt Aussicht habe, auf eine gleiche
-Stufe mit dem in der alten zu gelangen. So verstrichen zwölf Jahre in
-harter aber erfolgreicher Arbeit. Ich durfte mir einen Feiertag und die
-Genugthuung vergönnen, als Sieger auf dem Schauplatz meiner Niederlage
-einzuziehen. Ich packte meinen Koffer und fuhr zu Besuch in die alte
-Heimath.
-
-Mein Empfang im Vaterhause liess nichts zu wünschen übrig. Mein
-Mütterchen erschien förmlich verjüngt in ihrer Wiedersehensfreude, Papa
-nahm mich mit offenen Armen auf, einen dicken Strich durch meine alten
-Sünden ziehend; ja ich glaubte, er rechnete mir sie nun als Verdienst an,
-denn sie verschafften ihm die Genugthuung, sagen zu können »ein Edlinger
-dringt durch, auch wenn er ohne Beschützer und Mittel seine Laufbahn
-beginnt.« Hans, mein Bruder, fühlte Respekt vor dem »selfmade man«,
-Vettern und Basen waren stolz auf die überseeische Rarität. Und in meiner
-Glorie durfte ich es mir erlauben, nach meinem alten Freunde auszuspähen,
-ohne dass mein Beginnen mehr als ein Kopfschütteln der Verwunderung erregt
-hätte.
-
-Es war ein trauriges Wiedersehn. Der alte Mann mit dem Kinderherzen
-war furchtbar gealtert. Ich hatte ihn nie in behaglichen Verhältnissen
-gekannt, jetzt aber schien er bettelarm; denn selbst die letzte spärliche
-Quelle seines Einkommens, die ihm von seinen langhaarigen Jüngern
-geflossen, war versiegt; Konrad Stürmer war krank und gebrochen, er
-vermochte keinem noch so eiteln jungen Burschen mehr das Vertrauen
-einzuflössen, dass er ihn zu einem Lenbach oder Defregger machen werde.
-Für die kleinen Unterstützungen, die ich ihm von New York aus zuzuwenden
-vermochte, dankte er weinend. Ich erschrak; früher hatte er dergleichen
-als selbstverständlich angesehen, als einen Zoll, den der Jünger
-seinem Meister zu entrichten hat. Ich fasste ihn schärfer in's Auge, und
-entdeckte nun erst, dass er ein schwer kranker Mann sei, vielleicht nur
-noch Wochen zu leben habe. Hart und trocken drang der Husten aus seiner
-eingefallenen Brust, scharfumgrenzte rothe Flecken standen auf den
-hageren Wangen. Er ahnte nichts davon; er theilte mir, nachdem die mich so
-befremdenden Ausdrücke seiner Erkenntlichkeit verklungen waren, mit,
-dass er nicht lange mein Schuldner bleiben, sondern demnächst »die
-Oberösterreichische Kirchweih«, die ich vor mehr als zwölf Jahren
-angefangen, zwischen all den andern Entwürfen in seinem Atelier gesehen,
-vollenden, mich bezahlen und mit Pepi nach dem Süden ziehen werde. Ich
-stutzte. Trotzdem wir vor Jahren täglich mit einander umgegangen, war ich
-nie in seiner Wohnung gewesen. Das Atelier lag entfernt von derselben;
-die guten Nebenmenschen behaupteten, er besitze eine brave, hartarbeitende
-Frau, die das Haus erhalte, während er sich in der Kneipe herumtreibe.
-Ich bemerkte nun auch einen schwarzen Flor um seinen zerdrückten Hut und
-drückte ihm mein Beileid aus. Die Thränen strömten ihm aus den Augen;
-er rief: »sie war eine brave, eine edle Frau; sie hätte ein besseres Loos
-verdient. Ihr ganzes Unglück war, dass sie ihr Herz an einen Unwürdigen,
-einen Elenden, einen Schurken gehängt.« Vergeblich suchte ich ihn zu
-beschwichtigen, die Reue über sein verfehltes Leben, das Leid, das er auf
-seine Gefährtin herabbeschworen, brachen mit elementarer Gewalt aus ihm
-hervor; erst ein erstickender Hustenanfall liess ihn verstummen. Aber die
-alte Zuversicht kehrte nicht zurück; »wenn ich das Bild nicht vollende,
-was wird aus Pepi werden!« stöhnte er. Nichts leichter zu beantworten,
-als dies. Der Bursche konnte mein Schüler werden, wie ich der seines Papas
-gewesen, nur hoffte ich etwas mehr Erfolg mit ihm zu erzielen, als dieser
-mit mir. Ich wollte ihn mit mir nach Amerika nehmen und in mein Geschäft
-eintreten lassen. Von ihm allein sollte es abhängen, ob er es vorwärts
-brächte. Konrad Stürmer war zu erschöpft, als dass ich ihm sogleich
-meine ausführlichen Pläne für seinen Sprössling hätte darlegen
-können. Ich verschob dies für eine spätere günstigere Gelegenheit, und
-erklärte ihm nur, dass ich mich Pepis mit Rath und That annehmen werde.
-
-Er dankte mir nicht mit Worten, aber mit einem Druck der Hand. Mir
-schien's, als sei ein schweres Gewicht von seiner Brust gefallen; er
-vermochte nun sogar ein Glas guten Rheinweins, ehemals seine grösste
-Liebhaberei, -- das bisher unberührt vor ihm gestanden, zu leeren. Wir
-hatten uns in unserer ehemaligen Künstlerkneipe zusammengefunden. Als er
-sich zum Abschied erhob, übermannte ihn die Schwäche von Neuem. Ich rief
-einen Wagen herbei und begleitete ihn zu seinem Hause in einer abgelegenen,
-ärmlichen Strasse. Dann half ich ihm die vielen Treppen erklimmen,
-klingelte -- und machte, als geöffnet wurde, das erstaunteste
-Gesicht meines Lebens. Vor mir stand ein kleines, blasses Mädchen in
-Trauerkleidern. Pepi Stürmer hatte nach süddeutschem Sprachgebrauch
-ebensogut Josef wie Josefine heissen können. Es war das Letztere, und mein
-Lehrling, Gehilfe und künftiger Partner versank, noch bevor er entstanden
-war.
-
-Wenige Wochen später wurde Carl Stürmer begraben, und ich trat die
-Vormundschaft über seine Waise an. Es bedurfte der ganzen Autorität
-des amerikanischen Edlinger, um ihn bei diesem Anlass nicht wieder als
-sentimentalen Narren in Misscredit zu bringen. Aber ich setzte meinen
-Willen durch; eine arme Tante von mir nahm das Mädchen gegen Vergütung
-bei sich auf, und ich reiste, vollständig beruhigt über ihr Wohlergehen,
-ab. Ich dachte in den nächsten Jahren nicht allzu oft an sie, pünktlich
-beantwortete ich ihre Briefe, und als ich wieder zum Besuch in meine
-Heimath kam, war es nicht, weil mich ein besonderes Verlangen nach meinem
-Pflegetöchterchen erfasst, sondern weil ich einen sehnlichen Wunsch meiner
-Mutter erfüllen wollte.
-
-»Paul,« sagte meine Tante und schüttelte dazu das ehrwürdige Haupt
-mit dem hochragenden Kopfputz, um dessentwillen ich sie in ruchlosen
-Flegeljahren »das Trauerpferd« getauft, »Du wirst nicht alles so finden,
-wie Du es erwartet,« mit Nachdruck, -- »wie Du das Recht gehabt, zu
-erwarten.«
-
-Die Wahrheit zu gestehen, blieb ich vollkommen ungerührt von diesen
-Kassandratönen. Die verehrte Dame liebte eine gewisse graue Beleuchtung
-aller täglichen Vorkommnisse und ich hatte eine Ahnung, dass die
-tragischen Andeutungen mich auf das Hinscheiden ihres asthmatischen Mopses
-vorbereiten sollten, dem ich schon längst ein friedliches Ende nicht blos
-vergönnt, sondern von ganzem Herzen gewünscht hatte. So liess ich
-sie denn seufzen und den Kopf schütteln und bemerkte: »Wo bleibt denn
-Josefine?«
-
-Das Seufzen verstärkte sich zu einem Stöhnen. »Ich habe sie unter einem
-Vorwand entfernt, um Dich, Unglücklichen, vorzubereiten; denn eben bei
-Pepi wirst Du nicht alles so finden«, und so weiter, wie bekannt.
-
-»Nun, Kinder sind dazu da, um ihren würdigen Papas Enttäuschungen
-zu bereiten. Pflegekinder werden vermuthlich keine Ausnahme machen,«
-versetzte ich noch immer gelassen, »ist die Kleine nicht so hübsch
-geworden, wie sie vor vier Jahren versprochen?«
-
-»Hübsch?« rief die Tante, »sie ist aussergewöhnlich, sie ist unerlaubt
-schön«, damit schob sie mir eine grosse Photographie hin, »urtheile
-selbst.«
-
-Ja, da war es freilich mit dem Urtheilen vorbei.
-
-»Aber liebe Tante,« sagte ich und starrte unverwandt auf das Bild, um in
-dem wundervollen Gesicht nach den Zügen des mageren verweinten Backfischs
-zu spähen, den ich vor vier Jahren in seinem dürftigen Trauerkleidchen
-aus dem Hause meines ehemaligen Lehrers in das meiner Tante geführt,
-»darin kann ich nun kein so ungeheures Unglück sehen.«
-
-»Dieser Meinung sind auch andere,« erwiderte das alte Fräulein spitz,
-»darunter Alle, die in dieser Stadt Schnurrbärte tragen.«
-
-»Hm,« murmelte ich betroffen und legte die Photographie aus der Hand,
-nicht ohne noch einen langen Blick auf sie zu heften -- das Hexlein hatte
-es mir angethan -- »ich dachte, Du habest mit ihr sehr zurückgezogen
-gelebt.«
-
-»Das habe ich auch, das Kind ist ausser in meine Kaffeekränzchen -- an
-welchen es merkwürdigerweise nicht einmal Geschmack fand -- (ich stattete
-ihr im Stillen meinen Glückwunsch darüber ab) nicht in Gesellschaft
-gekommen.«
-
-»Nun also,« sagte ich erleichtert, »da werden wohl die Schnurrbärte in
-gebührender Entfernung geblieben sein.«
-
-»Du bestimmtest ja, dass lauter Fachlehrer Pepi's Unterricht vollenden
-sollten, -- Du hattest Dir ja alle Gouvernantenweisheit verbeten,« sagte
-die Tante, die in ihrer Jugend Erzieherin gewesen sein muss, erbost, »nun,
-die Folgen konnte jeder vernünftige Mensch voraussehen.« Ich dankte mit
-einer Verbeugung für das in ihrer Rede verhüllte Compliment.
-
-»Das Kind hat ohnehin das Menschenmögliche geleistet. Dem Zeichenlehrer
-und dem deutschen Professor versicherte sie, ohne Einwilligung ihres
-Vormunds und Wohlthäters werde sie sich nie vermählen.«
-
-»Sehr vernünftig«, warf ich ein; meine gute Laune begann
-zurückzukehren.
-
-»Aber, mein lieber Neffe, man darf nicht Unmögliches fordern. Wenn
-der interessanteste, junge Musiker der Stadt, für den alle Mädchen
-schwärmen, mir seine Liebe gewidmet hätte, ich weiss nicht, ob ich kalt
-geblieben wäre.«
-
-Ich konnte ein stilles Bedauern nicht unterdrücken, dass er nicht sie auf
-die Probe gestellt.
-
-In diesem Augenblick öffnete Pepi die Thür und kam mit glückseligem
-Gesicht auf mich zu. Plötzlich blieb sie, erröthend, in höchster
-Verwirrung stehen. Der Kleinen hatte ich vermuthlich als gesetzter,
-ältlicher Herr vorgeschwebt, das erwachsene Fräulein aber sah, dass
-ich mit meinen 37 Jahren mir es noch entschieden verbitten durfte, mit
-Methusalem in einem Athem genannt zu werden, und statt mir in die Arme zu
-fliegen, wie sie ohne Zweifel beabsichtigt, reichte sie mir nur die Hand
-zum Willkommen. Aber sie fasste sich bald, setzte sich neben mich auf das
-Sofa und plauderte.
-
-Wovon wir sprachen? ich könnte kein Wort davon wiederholen. Ich weiss
-nur, dass der Nachmittag, der Abend wie im Fluge verstrichen, und dass
-wir beide, als die altmodische Stutzuhr zehn schlug, ganz erschrocken
-auffuhren. Meine gute Mutter zeigte ein wenig Unzufriedenheit, weil ich sie
-vernachlässigte. Aber leider gab ich ihr fortan noch manchen Anlass zur
-Beschwerde, denn sobald ich vom Hause abkommen konnte, eilte ich zu Pepi.
-Vergebens hielt ich mir die Thorheit vor, mein Herz an ein Mädchen zu
-hängen, das einen Andern liebte, meine Leidenschaft wuchs mit jedem Tage.
-Noch hatte ich den interessanten Musiker nicht gesehen. Die Tante theilte
-mir mit, er sei auf einer Concertreise begriffen. Nach seiner Rückkehr
-sollte ohne Zweifel die Verlobung gefeiert und der Herr Vormund und
-Pflegevater zu dem schönen Fest gebührenderweise eingeladen werden. Pepi
-erwähnte seiner nie, wiewohl sie mir sonst mit kindlicher Offenheit über
-Alles, was ihr Leben betraf, Aufschluss gab. Wie wünschte ich von ganzem
-Herzen, der junge Mann möge mir dergestalt missfallen, dass ich als
-gewissenhafter Vormund mein Veto gegen ihre Verbindung mit ihm einlegen
-müsste. Aber nein, als er sich mir endlich vorstellte, fand ich nichts
-besonders Tadelnswerthes an ihm. Vielleicht war der hübsche Junge ein
-wenig eitel, aber das war dem »interessanten Musiker, für den alle
-Mädchen schwärmten«, nicht allzu schwer anzurechnen, vielleicht zeigte
-er hie und da eine leise Anlage, das Leben leicht zu nehmen, die seine
-Gattin mit einer Wiederholung des Looses bedrohen mochte, wie es ihrer
-Mutter zu Theil geworden; aber seinem Charakter wurde das beste Zeugniss
-ausgestellt; auf Ahnungen und Besorgnisse hin, die vielleicht nur meinen
-eigensüchtigen Wünschen ihr Entstehen verdankten, konnte ich ihn nicht
-abweisen.
-
-Ich wollte mein Opfer nicht halb bringen. Mit einer Miene, die, wie ich
-hoffte, Josephinen nicht allzudeutlich verrieth, was es mich kostete, sagte
-ich ihr, dass Fritz Hillmann bei mir um sie geworben habe. Sie wurde blass.
-»Wenn Sie es wünschen, Vormund, wenn Sie es für gut halten,« stammelte
-sie. Da konnte ich mich nicht zurückhalten.
-
-»Ich es wünschen, ich, dem der einzige Preis, den ich vom Leben
-ersehnte, entrissen wird! Nein, Pepi, wenn ich meine Einwilligung zu Deiner
-Verbindung mit einem Andern gebe, so geschieht es unter hoffnungslosen
-Schmerzen, in dem Bewusstsein, dass ich damit das Siegel auf ein einsames,
-unerquickliches Leben drücke. Es ist eigensüchtig, dass ich es Dir sage,
-ich weiss es, ich hätte mein Opfer schweigend bringen sollen; aber, Pepi,
-ich bin kein Held, der seine Wunden stumm verbirgt.«
-
-Ihr wunderschönes Gesicht leuchtete von Glück. Sie trat auf mich zu und
-sprach:
-
-»Ich hatte mich selbst nicht gekannt; erst seit Du kamst, weiss ich, dass
-ich nur einen Mann lieben kann, Dich, Paul.«
-
-Ich zog nicht allein über das Meer.
-
-
-
-
-Novellen.
-
-
-~Gesammelte Schriften von Heinr. Seidel.~
-
-à Band M. 3.-- brosch., M. 4.-- geb. mit Goldschn.
-
- Bd. I. #Leberecht Hühnchen, Jorinde und
- andere Geschichten.# 6. Tausend.
-
- Bd. II. #Vorstadtgeschichten.# 6. Tausend.
-
- Bd. III. #Neues von Leberecht Hühnchen
- und anderen Sonderlingen.# 5. Taus.
-
- Bd. IV. #Geschichten und Skizzen aus der
- Heimat.# Der II. Aufl. 3. Tausend.
-
- Bd. V. #Die goldene Zeit.# 3. Tausend.
-
- Bd. VI. #Ein Skizzenbuch.# 3. Tausend.
-
- Bd. VIII. #Leberecht Hühnchen als Grossvater.#
- 3. Tausend.
-
- Bd. XI. #Sonderbare Geschichten.#
-
-
-~Maximilian Schmidt Gesammelte Werke.~
-
-11 Bde. à Band M. 3.-- brosch., M. 3.50 geb.
-
-
- #Am Küstensaum.# Nov. v. #Th. Justus#. M. 5.--.
-
- #Aus vergangnen Tagen.# Novellen von
- #Th. Justus#. M. 4.--.
-
- #Feldspath.# Drei Erzählungen aus Hessen
- von #E. Mentzel#. M. 3.--.
-
- #Der heilige Amor.# Nov. v. #J. Proelss#. M. 2.--.
-
- #Ut Sloss un Kathen.# Erzähl. in niederd.
- Mundart von #F. Stillfried#. M. 3.--.
-
-
-~Von H. Grasberger.~
-
- #Aus der ewigen Stadt.# Röm. Nov. M. 6.--.
-
- #Allerlei Deutsames.# Bilder u. Gesch. M. 4.--.
-
- #Auf heimatlichem Boden.# Erzähl. M. 6.--.
-
-
-~Von R. Baumbach.~
-
- #Es war einmal.# 9. Tausend. M. 2.80.
-
- #Erzählungen u. Märchen.# 8. Taus. M. 2.--.
-
- #Sommermärchen.# 19. Tausend. M. 3.--.
-
-
- #Liebesmärchen# von E. Ertl. M. 4.--.
- (mit 71 Photogravüren und 22 Heliotypien.)
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Antiqua gesetzt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Kursiv~, #fett#.
-
-Im Originalbuch tragen die Kapitel und das Inhaltsverzeichnis jeweils zu
-Beginn und Ende einfachen floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription
-verzichtet wurde.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 18:
- im Original "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium."
- geändert in "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.«"
-
- Seite 55:
- im Original "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm"
- geändert in "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm,"
-
- Seite 60:
- im Original "dich wie ein ein vom Dach fallender Sperling"
- geändert in "dich wie ein vom Dach fallender Sperling"
-
- Seite 60:
- im Original "etwas mittelalterlich troubadourmässiges« dozierte"
- geändert in "etwas mittelalterlich troubadourmässiges,« dozierte"
-
- Seite 63:
- im Original "bis unter die Haarwurzeln eröthen machte"
- geändert in "bis unter die Haarwurzeln erröthen machte"
-
- Seite 68:
- im Original "vielversprechenden Sohn der Vatertadt"
- geändert in "vielversprechenden Sohn der Vaterstadt"
-
- Seite 80:
- im Original "sich dunkle Röte über ihr Gesicht ergoss"
- geändert in "sich dunkle Röthe über ihr Gesicht ergoss"
-
- Seite 186:
- im Original "»Ausreisser«! ruft dieser ihm zu"
- geändert in "»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu"
-
- Seite 205:
- im Original "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd"
- geändert in "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd."
-
- Seite 235:
- im Original "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivos"
- geändert in "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivo's"
-
- Seite 238:
- im Original "Beiden schiens, als sei ihnen etwas"
- geändert in "Beiden schien's, als sei ihnen etwas"
-
- Seite 286:
- im Original "Mein Mütterchen erchien förmlich verjüngt"
- geändert in "Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt"
-
- Seite 288:
- im Original "Er ahnte nichst davon"
- geändert in "Er ahnte nichts davon" ]
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-
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN ***
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-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Anspruchslose Geschichten
-by
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Anspruchslose Geschichten, by Pauline Hann</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Anspruchslose Geschichten</p>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Pauline Hann</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: October 17, 2021 [eBook #66553]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the Universitätsbibliothek Leipzig.)</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN ***</div>
-
-
-<h1 class="pb">ANSPRUCHSLOSE<br />
-<span class="fsl ge">GESCHICHTEN</span></h1>
-
-<p class="ce lh2">VON<br />
-<span class="fsxl ge">P. HANN</span></p>
-
-<p class="mt4 ce"><img src="images/emblem.png" alt="" /></p>
-
-<p class="mt2 ce lh1"><span class="fs110">LEIPZIG 1891</span><br />
-<span class="ge">A. G. LIEBESKIND.</span></p>
-
-
-<p class="mt2 ce fss">Druck von W. Drugulin in Leipzig.</p>
-
-
-
-
-<h2>INHALT.</h2>
-
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="2">
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td class="tdr1 fss">Seite.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Sein bedeutender Freund&emsp;&emsp;</td>
- <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_001">1</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Kein Schwan</td>
- <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_029">29</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Ein Aprilscherz</td>
- <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_051">51</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Beim Ehestiften</td>
- <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_087">87</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Im Herbst</td>
- <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_113">113</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Brennende Liebe</td>
- <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_145">145</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Ein Unglücksmensch</td>
- <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_169">169</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Unkraut am Wege</td>
- <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_189">189</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Herbstblätter</td>
- <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_211">211</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Schwiegermütterchen</td>
- <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_255">255</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Das Pflegetöchterchen</td>
- <td class="tdr1"><a class="ndcbl" href="#page_281">281</a></td>
- </tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-SEIN BEDEUTENDER FREUND.</h2>
-
-
-<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-Wie Alles auf dieser mangelhaften
-Welt, hat ein bedeutender Freund
-eine Licht- und eine Schattenseite; aber
-Rudolf Müller sollte von rechtswegen heute
-bloss die erstere anerkennen: Aus der
-Ferne schallt abgedämpfter Walzerklang,
-das Rascheln und Knistern seidener Ballkleider
-herüber, &ndash; und er tanzt nicht.
-Im Nebenzimmer rufen begeisterte Skatbrüder
-ihr Grand Solo mit Matadoren
-aus, &ndash; und er kann eine Karte von der
-anderen kaum unterscheiden. Die grosse
-Gesellschaft, in die er, Dank seiner Verwandtschaft
-mit der Hausfrau, gerieth,
-würde ihm die unverfälschtesten Tantalusqualen
-bereiten, wenn er seinen bedeutenden
-Freund nicht hätte. Diesem allein,
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-und nicht etwa den eigenen bestechenden
-Eigenschaften, &ndash; Niemand sollte das besser
-wissen als Rudolf Müller selbst, &ndash; verdankt
-er es, dass er mit der schönsten,
-liebenswürdigsten Dame der Gesellschaft,
-&ndash; nein, der Welt! &ndash; in einem Glaskasten
-plaudern darf, der auf den stolzen Titel
-Wintergarten Anspruch erhebt und mit
-Palmen, Gummibäumen und blühenden
-Azaleen so vollgestopft ist, dass ausser
-dem Bänkchen, auf welchem Else Friedjung
-sitzt, und einer Handbreit Raum, auf
-welcher er steht, kein Platz für etwaige
-Eindringlinge wäre. Seit dreiviertel Jahren
-betet er die junge Dame an, aber leider
-aus gemessener Entfernung, denn für einen
-mit dem Laster der Bescheidenheit behafteten
-Menschen giebt es keine Möglichkeit,
-sich durch die dreifache Reihe von
-schwarzen Fräcken durchzuwinden, die
-beständig das schöne, lebhafte Millionärskind
-umschliesst, wie die Midgardsschlange
-die Weltesche. Aber vor etwa einer halben
-Stunde hat ihm seine Cousine zugeraunt:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-»Else Friedjung wünscht, Dich kennen
-zu lernen, Du Glückspilz, versteht Du,
-sie wünscht es.«</p>
-
-<p>Ob er versteht! Wenn er sich noch
-nicht die Karte »ami de Beethoven« drucken
-liess, so liegt dies bloss daran, dass er
-noch ein Weilchen warten will, bis ausser
-dem niedlichen Einacter, der vor etwa
-vierzehn Tagen im Hoftheater aufgeführt
-wurde, auch noch die anderen unsterblichen
-Werke erschienen sind, mit welchen
-sein bedeutender Freund heute oder
-morgen, bis er in der richtigen Stimmung
-dazu ist, die Welt aus den Angeln heben
-und sämmtliche Classiker, Romantiker
-und moderne Theaterdichter in das Nichts
-zurückschleudern wird.</p>
-
-<p>Das schöne Mädchen wies ihm auf
-der eng beschriebenen Tanzkarte eine leere
-Stelle. »Ich habe den Walzer für Sie
-aufgespart, Herr Müller«, sagte sie liebenswürdig.</p>
-
-<p>Er ballte die Faust, &ndash; in Gedanken
-natürlich, &ndash; gegen den Tanzmeister, der
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-ihn als hoffnungslosen Fall aufgegeben;
-aber Elsen Friedjung stand der Sinn nicht
-nach Tanzen. In all ihrer Anmuth, die
-dem armen Jungen den Kopf vollständig
-verdreht hat, erhob sie sich, legte die
-Hand auf seinen Arm und liess sich von
-ihm in die Tropenlandschaft führen. Selbst
-das tugendhafteste Mauerblümchen entdeckte
-nichts Ungehöriges darin; ein
-heimliches Zwiegespräch mit Rudolf Müller
-gehört zu den Dingen, die Jede begreift
-und Jede entschuldigt. Es ist nicht die
-geringste Gefahr dabei; nicht dass er
-etwa abschreckend hässlich, oder unerlaubt
-dumm wäre, oder auf dem grossen Theater
-eine allzu verächtliche Lampenputzerrolle
-spielte, &ndash; verständige Papas unverständiger
-Töchter schätzen ihn als tüchtigen,
-aufstrebenden Kaufmann, &ndash; aber
-sein bedeutender Freund, der einen Schatten
-wie der Kölner Dom wirft, lässt ihn pygmäenhaft
-klein, ja zu Zeiten mit freiem
-Auge gar nicht wahrnehmbar erscheinen.</p>
-
-<p>Else Friedjung liess die Stäbe ihres
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Fächers durch die Finger gleiten und
-heftete die Augen auf dieses Spiel.</p>
-
-<p>»Ich höre, Sie sind mit Doctor Engelbert
-Holstein näher befreundet«, fing sie
-in leichter Verlegenheit an.</p>
-
-<p>Rudolf knickte innerlich zusammen.
-Die leise Hoffnung, die ihn trotz aller
-Erfahrungen umschmeichelt, liess ihre
-Flügel kläglich hängen und er bereitete
-sich für die Antworten vor, die er, zum
-beliebigem Gebrauch bei jedem Tête-à-tête
-auswendig gelernt:</p>
-
-<p>»Wir wohnen beisammen.« (Und eine
-recht vernünftige Theilung der Arbeit
-besorgen sie dabei, der Bedeutende bestrahlt
-mit seinem Ruhm das elegante
-Junggesellenheim nahe dem Thiergarten,
-und Rudolf Müller bezahlt es; doch diese
-intimen Details gehören nicht hierher.)
-»Er wird kommenden November 24&nbsp;Jahre
-alt.«</p>
-
-<p>»Sein Geburtstag fällt sechs Tage
-später als der Schiller's« (Die gestickten
-Schreibmappen, Federwischer, Cigarrentaschen,
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-die diese Enthüllung in die Welt
-gesetzt, lassen sich kaum zählen.) »Er
-ist vollständig unverheirathet.«</p>
-
-<p>Dann eine Verbeugung, und der junge
-Mann weiss, dass er aus den Gedanken
-seiner schönen Nachbarin fortgewischt ist,
-wie eine Null mit dem Schwamm von
-einer Rechentafel.</p>
-
-<p>Aber Else Friedjung ist ein geistreiches
-Mädchen; sie bringt doch wenigstens
-einige Abwechselung in das grausame Spiel.</p>
-
-<p>»Doctor Holsteins Name auf dem
-Theaterzettel rief mir eine Begebenheit,
-einen kleinen Roman, eigentlich nur den
-Anfang eines solchen, in's Gedächtniss
-zurück. &ndash; Meine Freundin, &ndash; meine
-beste Freundin erlebte ihn vor einem
-Menschenalter, es sind gewiss sieben Jahre
-her.« Rudolf richtete sich erwartungsvoll
-auf.</p>
-
-<p>»Ich kann mit einigen Aenderungen
-die Eingangszeilen unseres besten deutschen
-Romans wiederholen: Westerode ist eine
-Stadt mit etlichen tausend Einwohnern,
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-einem Gymnasium &ndash; und einer Heilquelle.
-Die etlichen Einwohner und das Gymnasium
-besitzt sie schon seit längerer Zeit,
-die Heilquelle wurde erst vor einem Jahrzehnt
-entdeckt.« Sie unterbrach sich,
-denn er machte eine Bewegung.</p>
-
-<p>»Sie sprechen von meiner Vaterstadt,«
-sagte er, »ich bitte mit aufgehobenen
-Händen, verfahren Sie glimpflich mit
-ihrem Curort-Ehrgeiz.«</p>
-
-<p>»Ihre Vaterstadt? Dann ist die Freundschaft
-zwischen Ihnen und dem Doctor
-wohl schon auf den Schulbänken geschlossen
-worden?«</p>
-
-<p>Rudolf verbeugte sich bestätigend.
-Immer sein bedeutender Freund! Er
-ist ihm so anhänglich wie &ndash; er weiss
-selber keinen passenderen Vergleich &ndash; wie
-ein treuer, oft geprügelter Pudel, aber
-selbst ein solcher kennt Augenblicke, in
-welchen sein Herz ins Spiel kommt und
-er bei dem weissgelockten Gegenstand
-seiner Neigung etwas für sich selber vorstellen
-möchte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-»Ich habe Sie von Ihrer Erzählung
-durch meinen unzeitigen Einwurf abgelenkt,«
-murmelte er.</p>
-
-<p>»O, ganz recht. Die Heilquelle trotzte
-zwar bisher standhaft jedem Analysirungsversuch,
-&ndash; so viel darf ich doch sagen,
-ohne ihr heimathliches Weltbad zu beleidigen?
-&ndash; dennoch wirkte sie Wunder in
-Reclamen und ärztlichen Anpreisungen.
-Meine Freundin, damals ein Backfisch mit
-etwas blässlichen Wangen, sollte, begleitet
-von einer ältlichen, unverheiratheten und
-etwas verschrobenen Erzieherin, das
-Wunderwasser trinken.«</p>
-
-<p>Ihr Zuhörer sah auf, als schiesse ihm
-eine Erinnerung &ndash; aber keine sonderlich
-freudige &ndash; durch den Sinn.</p>
-
-<p>»Es schmeckte abscheulich. So oft es
-unbemerkt geschehen konnte, goss sie es
-aus. Dessenungeachtet wirkte die Cur.
-Entweder war die Quelle so heilkräftig,
-dass man schon durch die Betrachtung
-des Geländers, das sie umgab, Farbe und
-Rundung der Wangen bekam, oder waren
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-es die prächtigen Buchenwälder, die förmlich
-zum Thore der Stadt hereinwuchsen.
-Meine Freundin mochte das Letztere
-glauben und lief den grössten Theil des
-Tages auf den weltbadmässig gebahnten,
-mit Bänken besäeten Waldpfaden herum.
-Es war eine so schöne Abwechselung nach
-der vielstündigen Marter vor dem Piano
-und den Schulbüchern, die bisher ihre
-Tage ausgefüllt. Niemand störte sie; es
-stand ihr frei, sich als unumschränkte
-Besitzerin all' der Herrlichkeit zu betrachten,
-die, steil aufsteigend, das Städtchen
-umschliesst. Das übrige Curpublikum
-sammt der Ureinwohnerschaft steckte
-träge in Hausgärten oder auf Veranden,
-ihre Gouvernante im verdunkelten Zimmer,
-denn die gute Antoniette besass eine
-Leidenschaft, mit welcher ihre Pflichttreue
-einen aussichtslosen Kampf führte, sie
-dehnte ihr Mittagsschläfchen bis zum
-Abend aus, wenn Niemand sie weckte;
-und meiner Freundin war der Schlaf
-heiliger als Macbeth. Dreist erstreckte
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-sie in drückender Nachmittagshitze ihre
-Spaziergänge immer tiefer in den Wald
-hinein. Da begegnete ihr einmal das
-Verhängniss in Gestalt eines jungen,
-hübschen Menschen mit flatternden Locken
-und blitzenden Augen. Er sass auf einer
-Bank, ein Notizbuch auf den Knieen, die
-Rechte schrieb eifrig, die Linke scandirte
-auf der Holzlehne. Bei dem plötzlichen
-Auftauchen meiner Freundin fuhr er in
-die Höhe, starrte sie an und lief spornstreichs
-den Berg hinab. Sie folgte ihm
-mit den Blicken. Wie er, musste, ihrer
-Ansicht nach, der junge Goethe in Frankfurt
-ausgesehen haben, nur blieb es freilich
-fraglich, ob er auch die scharlachrothe
-Burschenmütze sorgfältig mit einem
-schwarzen Ueberzug bedeckt hätte, bevor
-er in die Strassen der Stadt einbog, wie
-es der junge Mann that.«</p>
-
-<p>»Unser Director,« warf ihr Zuhörer
-erklärend ein, »verfolgte das Burschenspielen
-im Gymnasium mit draconischer
-Strenge. Und Engelbert musste sich besonders
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-hüten, dass Missfallen unseres
-Schulmonarchen zu erregen.«</p>
-
-<p>»Meine Freundin traf ihn nun fast
-täglich im Walde, aber ihr fünfzehnjähriges
-Gewissen bohrte und nagte. Sie
-weckte Fräulein Antoniette am hellen
-Nachmittage. Die gute Seele schleppte
-sich keuchend die Waldhügel hinauf, bis
-zur ersten Bank, von welcher man gerade
-auf den Marktplatz hinuntersah. Dann
-empfahl sie ihren Geist dem Herrn, sank
-auf den Hochsitz und entschlief. Meine
-Freundin las im »Ekkehard«. Da, als sie
-zufällig aufblickt, steht, kaum zwanzig
-Schritte von ihr entfernt, ihr junger
-Goethe im vollen Glanz der unbezogenen
-Burschenkappe, einen Strauss poetischer
-Waldblümelein in den Händen und einen
-gewissen Was-frage-ich-um-die-Welt-Ausdruck
-im Gesicht, der ihr anzeigte, dass
-es heute mit gegenseitigem Anstarren,
-Rothwerden und Grüssen nicht sein Bewenden
-haben werde. Statt ihre regelmässig
-und laut athmende Begleiterin &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-ruchlose Menschen hätten behauptet, sie
-schnarche &ndash; zu wecken, that sie das
-Unvernünftigste, was sie begehen konnte,
-sie lief davon. In einigen Secunden hatte
-er sie eingeholt, ihr die Blumen überreicht
-und einen Strom sehr lauter, aber dennoch
-unverständlicher Bitten und Beschwörungen
-über sie ergossen. Bei ruhiger Rückerinnerung
-würdigt dies meine Freundin
-als den Ausfluss grünster Jugendlichkeit,
-damals jedoch erschien es ihr hochbedeutsam,
-erschütternd, sie bis zu den Regionen
-der langen Kleider und vollbeschriebenen
-Tanzkarten emportragend. Er drückte
-ihre Hände, dass sich die Stengel des
-Strausses ihren Handflächen einpressten
-und sie eher ein schmerzliches, denn ein
-beseligtes Gesicht zog. Plötzlich stürzte
-Antoniette, zum Bewusstsein und zu ihrer
-Verantwortlichkeit erweckt, herbei, riss
-das unflügge Nestkücken aus dem Griff
-des Falken, und wenn Worte und Blicke
-die Wirkung der Blitze hätten, so wäre
-er ohne Zweifel todt zu Boden gestreckt
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-worden. In den Augen des alten Fräuleins
-schwoll die Kinderei zu einem ungeheuren
-Frevel, zu einem Vergehen gegen die
-Moral an; sie drohte mit Gericht und
-Polizei. Aber lag es an ihrem fragwürdigen
-Deutsch oder an den von Schlaf
-und Bestürzung übermässig gerötheten
-Zügen und den rollenden Augen, &ndash; ihr
-Zögling biss sich krampfhaft auf die
-Lippen, der junge Goethe, weniger vorsichtig,
-lachte ihr helllaut in's Gesicht,
-wodurch sich ihr Grimm selbstverständlich
-nicht verringerte. Nach einem Blick auf
-das junge Mädchen, der einen ganzen
-Band lyrischer Gedichte ersetzte, drehte
-er sich um und ging. Die Nachblickenden
-sahen ihn im Hause des Kaufmanns auf
-dem Markte verschwinden. Es war ihre
-letzte persönliche Begegnung, denn Fräulein
-Antoinette bewachte ihren Schützling
-wie ein geschwänzter Schatzhüter der
-Sage. Nur ein glühendes Gedicht von
-ansehnlicher Ausdehnung, Engelbert Holstein
-unterzeichnet, gelangte durch einen
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Liebesboten, dessen Hauptkennzeichen
-Wasserscheu, durchstossene Ellbogen und
-vorwitzig in die Sonne hinausguckende
-Zehen waren, in die Hände meiner Freundin.
-Sie verwahrte es sorgfältig, Fräulein
-Antoinette hat nie etwas davon erfahren.
-Kaum eine Woche später verliessen sie
-das Weltbad. &ndash; Sie können sich vorstellen,
-wie überrascht und stolz meine
-Freundin war, als ihr jugendlicher Bewunderer
-sich plötzlich als Mann von
-Bedeutung entpuppte, von dem alle Welt
-spricht, dem man eine glänzende Zukunft
-vorhersagt.«</p>
-
-<p>Das Gesicht des jungen Mannes trug
-einen sonderbaren Ausdruck.</p>
-
-<p>»Wollen Sie mir erlauben, Ihrer rührenden
-Historie einen ganz unerwarteten
-Schluss anzufügen?« fragte er lachend,
-»Ueberraschungen sollen zwar den Werth
-eines literarischen Kunstwerkes nicht erhöhen,
-aber &ndash; arme Leute kochen mit
-Wasser.«</p>
-
-<p>Else Friedjung blickte ihn verwundert an.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-»Fräulein Antoinette klagte die erlittene
-Insulte der Badeverwaltung, den
-städtischen Behörden, dem Schulmonarchen
-und der Himmel weiss wem noch.
-Sie hatte den Frevler im Kaufmannshaus
-verschwinden gesehen. Hier hebt das
-tragische Verhängniss an, das Factum,
-das dem griechischen Trauerspiel zu so
-hoher Wirkung verhalf und vom modernen
-Fürwitz sammt den Göttern aus der Flugmaschine
-in die dramatische Rumpelkammer
-verwiesen wird: das Kaufmannshaus
-beherbergte ständig nur einen Gymnasiasten
-mit je nach den Verhältnissen
-scharlachfarbener oder schwarzbezogener
-Mütze. Freund Engelbert stellte sich nur
-strichweise ein; an jenem denkwürdigen
-Nachmittage kam er, um mir etwas Immenses
-von seiner Leidenschaft, von
-Drachen und lieblichen Waldfräulein zu
-berichten. Ich lauschte mit offenem Munde,
-nicht ahnend, was die Götter über mein
-schuldloses Haupt verhängt: Ein gewaltiger
-Aufruhr erhob sich. Ich hatte nicht
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-nur den untadelhaften Ruf unseres Gymnasiums
-durch eine sittenlose Ausschreitung
-befleckt, ich schädigte auch den
-aufstrebenden Curort, wie der Mehlthau
-die grünen Bäume. »Wenn junge Galgenvögel
-die Curgäste im Walde straflos
-überfallen dürfen &ndash; denn bis zum Überfall
-war man, Dank Fräulein Antoinettens
-Beleuchtung des Ereignisses, gediehen, &ndash;
-dann werden sie der Heilquelle den Rücken
-kehren, und Westerode bleibt bis an's
-Ende aller Dinge eine Stadt mit etlichen
-Einwohnern und einem Gymnasium.« Als
-die Wogen sich legten, fand ich mich auf
-den Strand geworfen: Unter einem beträchtlichen
-Aufwand von Jüngsten-Gerichtposaunen
-war ich aus dem Gymnasium
-gestossen worden, damit nahm meine
-etwaige gelehrte Laufbahn ein vorzeitiges
-Ende. Wenn Sie ahnten, mein Fräulein,
-was für ein grosser Mann in der Knospe
-geknickt ward! Meine Mutter behauptete
-es, und sie musste es wissen, denn Niemand
-kannte mich genauer als sie. Ich erzeugte
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-in meiner Dachkammer Schwefelwasserstoff
-und ähnliche Parfüms in einem Alter,
-wo andere Knaben einander die Stirnen
-voll Beulen schlagen. Wehe Liebig!
-prophezeite meine Mutter. Ich verwendete
-den Spiritus aus ihrem Schnellsieder
-und ihre Einmachgläser für alle Arten
-von Reptilien, fing Schmetterlinge, lief in
-der ärgsten Sonnenhitze mit einer grünen
-Blechbüchse herum, um Pflanzen mit
-Wurzeln und Erdreich auszureissen; nur
-Uebelwollende konnten leugnen, dass in
-mir die Keime zum Naturforscher lagen.
-Ich sammelte rostige Messer, grünspanbezogene
-Kupfermünzen, auf meiner Dachkammer
-fand eine zerschlagene Ofenfigur,
-der unvermeidliche Knabe mit dem Muschelkorbe,
-einen geehrten Platz, der
-künftige Archäologe war fertig. Und als
-ich in wilder Knabenzeit die Ruchlosigkeit
-beging, einer Katze den Schwanz
-abzuschneiden, erklärte meine Mutter,
-dies sei die liebste Beschäftigung aller
-grossen Chirurgen in ihrer Kindheit gewesen.
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-Und nun sollte ich, ein so vielerlei
-versprechender Jüngling, lange Zahlenreihen
-addiren und meines Vaters Kunden
-Schnupftabak und Rosinen verkaufen.
-Es war herzbrechend.«</p>
-
-<p>Das wohlwollend-überlegene Lächeln,
-mit dem Else gleich allen jungen Damen
-seiner Bekanntschaft ihm gegenübergesessen,
-war schon seit einer Weile von
-ihren Lippen gewichen. Sie blickte ihn
-an, als hätte ein geschickter Taschenspieler
-die dunkle, unscheinbare Gestalt verschwinden
-lassen und an ihrer Statt einen anderen
-Rudolf Müller in bengalischer Beleuchtung,
-mit ganz ungeahnten Tugenden
-und Vorzügen ausgerüstet, auf die Handbreit
-Raum zwischen Palmen und Azaleen
-hingestellt.</p>
-
-<p>»Und wo blieb Ihr Freund?« fragte
-sie mit zusammengezogenen Brauen, eine
-rothe Zornwelle im reizenden Gesicht.
-»Wie konnte er Sie, den Unschuldigen,
-die Last tragen lassen! Es ist abscheulich!
-Ich hatte eine hohe Meinung von
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-ihm, aber jetzt verachte ich ihn. Sobald
-ich nach Hause komme, verbrenne ich
-sein Gedicht!«</p>
-
-<p>Rudolf blickte sie betreten an. Auf
-diese Wendung war er nicht gefasst gewesen.
-Dass man an einen bedeutenden
-Menschen denselben Massstab legen könnte,
-wie an gewöhnliche Muttersöhne, war
-ihm nicht eingefallen. »Judas Ischarioth!«
-flüsterte er sich zu. »Verurtheilen Sie ihn
-nicht!« bat er und setzte sich in seiner
-Rathlosigkeit zu ihr auf das Bänkchen,
-das wirklich nur für zwei schlanke Menschen
-Raum bot. »Seine Laufbahn stand
-auf dem Spiel, und bei ihm handelte es
-sich um mehr, als bei solch einem Dutzendmenschen,
-wie ich bin. An seinen Schöpfungen
-werden sich noch Tausende erfreuen,
-wenn von mir längst keine Spur
-mehr vorhanden sein wird.«</p>
-
-<p>»Ich glaube nicht mehr an seine Zukunft,«
-versetzte Else mit der Energie
-einer bekehrten Heidin, die soeben ihren
-Thongötzen in Stücke zerschlagen hat,
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-»ein charakterloser, schwacher Mann wird
-nie ein grosser Mann. Auch ist mir
-unverständlich, wie die Ungnade einer
-kleinen Stadt und selbst die Ausschliessung
-aus ihrer Schule seine Laufbahn zu zerstören
-vermocht hätte.«</p>
-
-<p>»Wenn Sie sein Gemüth, das jede
-Widerwärtigkeit niederdrückt, und seine
-Verhältnisse kennten, dann würden Sie
-begreifen, dass es sich wirklich um seine
-Zukunft handelte,« erwiderte Rudolf,
-Angstschweiss auf der Stirn. »Weitläufige
-Verwandte hatten murrend und
-widerwillig die Schnüre ihres Beutels
-geöffnet, um ihn studieren zu lassen. Der
-Skandal, der seine Ausschliessung begleitet
-hätte, wäre ihnen ein willkommener Anlass
-gewesen, ihm ihre Unterstützung zu
-entziehen. Mit dieser schlossen sich vor
-ihm die Thore der Universität, die
-Grundlagen wissenschaftlicher Schulung,
-ohne welche sein Schaffen dilettantisch
-bleiben musste.«</p>
-
-<p>Aber Else, statt sich zu der Höhe
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-seiner Auffassung aufzuschwingen, hielt
-eigensinnig an ihrer Meinung fest.</p>
-
-<p>»Selbstsüchtig Ihre Zukunftspläne zu
-zerstören, o, es war feige, es war schlecht!«</p>
-
-<p>»Mein theueres Fräulein,« rief der
-junge Mann und rückte so nahe an sie
-heran, dass die Blattpflanzen, die sich als
-spanische Wand zwischen ihnen und dem
-Nebenzimmer erhoben, als Segen der
-Vorsehung erschienen. »Sie fassen die
-Geschichte viel zu tragisch auf. Das
-Unglück für Menschheit, Vaterland und
-mich selber ist wahrlich zu ertragen, wenn
-statt eines mässig begabten Doctors ein
-an Erfolgen nicht ganz armer Kaufmann
-in der Welt herumläuft.«</p>
-
-<p>»Davon spreche ich nicht. Glauben
-Sie etwa, dass ich Ihren Beruf gering
-schätze?« vertheidigte sich Else eifrig,
-»mein Papa war auch Kaufmann und
-lehrte mich, seinen Stand hochhalten.
-Vielleicht schlug Antoinettens Bosheit &ndash;
-ich werde ihr nächstens meine Meinung
-sagen! &ndash; Ihnen sogar zum Glück aus;
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-aber das entschuldigt ihren Freund nicht.
-Sie müssen in ihrem heimathlichen Neste
-&ndash; verzeihen Sie, im Weltbad Westerode &ndash;
-wie der verlorene Sohn angesehen worden
-sein.«</p>
-
-<p>»Was schadete mir das? Ich hörte
-Predigten von unerlaubter Länge, sah
-wolkenverhängte Gesichter, bekam etliche
-Wochen Zimmerarrest; es hat mir, wie
-Sie sehen, den Humor nicht verdorben.«</p>
-
-<p>»Es war im Sommer, und der Wald
-so nahe,« sagte Else bedauernd.</p>
-
-<p>»Vergessen Sie nicht, dass auf meine
-Dachstube erhabene Gefühle zu Besuch
-kamen: Ich schützte meinen Freund, siehe
-die Bürgschaft; ich erlitt unverschuldetes
-Uebel, siehe die christlichen Märtyrer; ich
-fiel als Opfer für das Gedeihen meiner
-Vaterstadt, ein &ndash; allerdings etwas passiver
-&ndash; Curtius. &ndash; Ihr Antheil ist mir
-unendlich werthvoll, werthvoller als Sie
-denken, doch nein, Sie wissen ohne Zweifel,
-dass Sie mir die Verkörperung alles
-Schönen, Liebenswürdigen, Begehrenswerthen
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-sind &ndash; allen Mädchen sagt es
-ihr Seherblick, wenn sie sich ein Männerherz
-unterjochten&nbsp;&ndash;, aber so glücklich
-mich Ihre Theilnahme auch macht, meine
-kleinen Leiden von damals verdienen sie
-nicht.« Er stockte; mit leiser Stimme
-hub er wieder an. »Der Gedanke, dass
-ich das Herrlichste, was mir das Leben
-gewähren könnte, Ihre Freundschaft, dem
-Ausnützen einer von mir selbst geschaffenen
-Gelegenheit, einer Indiscretion
-verdanken sollte, wäre mir unerträglich.«</p>
-
-<p>Sie sah ihn mit seltsam schimmernden
-Augen an.</p>
-
-<p>»Es ist zwar gegen alle Lehren Antoinettens,
-aber zuweilen überfällt mich
-ein förmlich krankhafter Drang, die Wahrheit
-herauszusagen und so mögen Sie denn
-nur wissen« &ndash; sie erhob sich schnell,
-der Walzer war längst zu Ende, ihre
-Tänzer traten suchend in die Thüre des
-Spielzimmers. Zurückgewendet sprach sie
-hastig, über und über erglühend, »mir ist
-es nicht viel anders gegangen als dem
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-glücklichen Sohne des Kiss, ich bin ausgezogen,
-um Kunde von einem <em class="ge">bedeutenden</em>
-Mann zu hören, und fand einen
-<em class="ge">echten</em> Mann. Ich bin ein Sonntagskind,
-wissen Sie das?«</p>
-
-<p>Damit war sie entschlüpft; er blickte
-ihr nach und machte das närrisch beseligte
-Gesicht, das jeder Sterbliche nur
-einmal im Leben zieht.</p>
-
-<p>Das Zwiegespräch unter Palmen hatte
-selbst für ein Tête-à-tête mit dem Freunde
-eines bedeutenden Mannes zu lange gedauert,
-um nicht Anlass zu verschiedenartigen
-Randbemerkungen über den
-Fächer hinüber zu geben. Aber die Gesellschaft
-gewöhnte sich durch zahlreiche
-Wiederholungen daran, Herrn Rudolf
-Müller mit Fräulein Else Friedjung in
-allerhand Ecken und Winkeln der Ballsäle
-erschöpfende, tiefe und für Fernstehende
-nicht allzu interessante Gespräche
-führen zu sehen. Man wollte bemerken,
-dass er dem abnehmenden Monde glich,
-wenn sie nicht da war und dass sich eine
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-Wolke der Verstimmung auf ihre Stirn
-lagerte, wenn er fehlte. Zuletzt verschwanden
-sie wochenlang spurlos aus
-ihrem Bekanntenkreise, und als die Lösung
-in Gestalt weisser Kärtchen erschien,
-bildete sie nicht einmal das bekannte
-Neuntagswunder. &ndash; Rudolf verdankt seine
-Braut eigentlich doch nur seinem bedeutenden
-Freunde. Als dieser dem
-schönen Mädchen vorgestellt wurde, erkannte
-er in ihr seine »unvergessliche«
-Jugendliebe, über deren Verlust ihn alle
-später besungenen Vertreterinnen edler
-Weiblichkeit nur scheinbar getröstet hatten.
-Sie war das Weib seiner Träume, das
-Rudolf ihm geraubt. Selbstverständlich
-kann ihm Niemand die Ueberzeugung
-nehmen, dass er eine Schlange an seinem
-Busen gehegt habe, schnöde missbraucht
-und verrathen worden sei. Rudolf Müller
-mag nur zusehen, wie er mit der Nachwelt,
-die Engelberts Tagebücher lesen wird,
-zurecht kommt! Ich gebe seine Sache
-verloren!</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-KEIN SCHWAN.</h2>
-
-
-<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-»Was hilft vortreffliches Beispiel, tadellose
-Erziehung, wenn der angeborene
-Hang den Menschen in den
-Schlamm hinabzieht!« schrie Fräulein
-Möller, die Vorsteherin des berühmten
-Damenpensionats in Dresden, roth vor
-Zorn, aber selbst im höchsten Affect die
-Gewohnheit, in Sentenzen zu sprechen,
-beibehaltend. »Ein hässliches Mädchen
-zu hüten, ist schwerer, als alle Herkulesarbeiten
-zusammen«, (Fräulein Müller hat
-übrigens noch keine probirt), »denn die
-Stummen wollen am meisten sprechen, und
-die Tauben machen die lauteste Musik.«</p>
-
-<p>Das war ein Strafgericht! Der bewusste
-Feuerregen, der sich über Sodom und
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Gomorrha ergoss, muss dagegen ein angenehmes
-Nachmittagsvergnügen gewesen
-sein.</p>
-
-<p>Die Mädchen aus der obersten Klasse
-blickten schaudernd auf einen schwarzen
-Punkt.</p>
-
-<p>Der schwarze Punkt war ich!</p>
-
-<p>Ich habe niemals besondere Lust gehabt,
-der Urkraft (von der Professor Henkel so
-dunkel und gelehrt zu reden wusste, dass
-uns nach jedem Vortrag in der Naturkunde
-eine Hammerschmiede in den Köpfen
-arbeitete) in ihre Töpfe zu gucken, aber
-was sie eigentlich im Sinne gehabt, welchen
-Zweck sie verfolgt, als sie den erwähnten
-schwarzen Punkt in der obersten Klasse
-des Pensionats geschaffen, das möchte ich
-gar zu gern wissen. Sie muss keinen Zierrath
-beabsichtigt haben, sonst hätte sie
-mich mit irgend einer Eigenschaft ausgerüstet,
-die den Augen des Beschauers
-wohlgefällig erscheint, keine Säule an ihrem
-Bau, sonst hätte ich nicht seit meiner
-frühesten Kindheit das Bewusstsein vollständiger
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-Ueberflüssigkeit mit mir herumgetragen.
-Wenn ich heute die Augen
-schloss, dann wurde keine Wimper nass,
-keine stecknadelkopfgrosse Lücke entstand,
-nein, ich war zu keiner stützenden Säule
-bestimmt, denn ich war keinem Menschen
-auf Erden unentbehrlich. Halt, doch Einem!
-Und das bringt mich wieder in meine
-Klasse und in das Strafgericht zurück.</p>
-
-<p>Hätte ich zärtliche Eltern gehabt, wie
-die anderen Mädchen, oder wäre ich hübsch
-und liebenswürdig gewesen, dann hätte
-Fräulein Möller mir eine Privatvorlesung
-im Allerheiligsten ihres Arbeitskabinets
-gehalten, und die ganze Klasse hätte sich
-nicht an den Weisheitssprüchen erbauen
-dürfen. Das Pensionat war zwar ob seiner
-Tugend und Sittenstrenge berühmt, aber
-durch die Thürritzen hatte der Klatsch
-doch die Kunde von Lieutenantsbriefen
-und darauf folgenden Thränen und Sentenzen
-in Fräulein Möller's Privatgemach
-getragen. Aber zwischen Julie von Minkwitz
-und mir war ein kleiner Unterschied.
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-Als sie in die Schule eintrat, bat man um
-Nachsicht und Güte für das liebe Mädchen,
-während meine Mama nur von vulgären
-Neigungen sprach, die mir angeboren und
-streng im Zaum zu halten seien.</p>
-
-<p>Meine Pflegeeltern haben viel für mich
-gethan, sie liessen mir eine Erziehung
-geben, als wäre ich wirklich eine der
-ihrigen und bestimmt, mit anmuthigem
-Flügelschlag durch ihre vornehmen Gesellschaftskreise
-zu schweben. Aber als ich
-in das berühmte Pensionat kam, hatte ich,
-damals noch ein halbes Kind, die Ueberzeugung,
-ich werde aus dem Hause entfernt,
-damit Robert und Lili nicht von
-meinen vulgären Neigungen angesteckt
-würden. Da diese mir angeboren waren,
-liessen sie sich nicht ausrotten, trotz der
-heilsamen Strenge, die angewendet ward.
-Dafür waren aber auch der ehemalige
-Kutscher und die ehemalige Kammerjungfer
-von Papa und Mama mein Vater und
-meine Mutter. Sie starben beide während
-einer Epidemie; ich kann mich ihrer kaum
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-erinnern, denn ich zählte erst vier Jahre,
-als mich das unersetzliche Unglück traf.
-Unersetzlich &ndash; wiewohl Papa und Mama,
-die in kinderloser Ehe lebten und längst
-daran gedacht hatten, eine Waise an Kindesstatt
-anzunehmen, mich in ihr leeres grosses
-Haus nahmen. Auch an ihr Herz?
-Vielleicht. Ich habe nur dunkle Erinnerungen
-an die ersten Jahre im Hause meiner
-Pflegeeltern. Aber mir schwebt vor, als
-habe Mama mit ihren eigenen weissen,
-feinen Händen mich zuweilen in schöne
-gestickte Kleidchen gehüllt und sei am
-Abend, wenn sie keine Gesellschaft hatte,
-an mein Bett getreten, um mich ein kurzes
-Kindergebet zu lehren. Und Papa hob
-mich im Sommer, den wir stets auf seiner
-Besitzung an der Elbe verlebten, in die
-Zweige der Kirschbäume empor, damit
-ich mir mit meinen Kinderhänden &ndash; sie
-waren leider immer von ansehnlicher
-Grösse &ndash; die rothen Herzkirschen pflücke.
-Ich vermuthe, dass ich mich damals von
-anderen Kindern wenig unterschied. Vielleicht
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-hatten die häufigen Lobsprüche, die
-ich erhielt, ein gewisses kindliches Pharisäerthum
-in mir grossgezogen. Mit ausgesprochenem
-Grauen betrachtete ich den
-schmutzigen wilden Burschen des Pächters.
-Der Knabe war nur etwa fünf Jahre älter
-als ich und kam täglich mit zerrissenen
-Kleidern und zerschlagenem Gesicht nach
-Hause, so dass seine Mutter kläglich
-prophezeite: »Wenn der Junge erwachsen
-ist, läuft er ohne Nase in der Welt umher.«</p>
-
-<p>Meine angeborenen Neigungen schlummerten
-noch unentdeckt in meiner Brust.
-Sie haben sich erst später entwickelt. Und
-ich kann mit Bestimmtheit angeben, wenn
-das geschah.</p>
-
-<p>Papa und Mama waren überselig. Der
-Erbe, den sie nicht mehr erhofft, lag
-schreiend in seiner Wiege. Das ganze
-Haus ging auf den Zehenspitzen. Die
-Dienstleute hatten anderes zu thun, als
-sich um mich zu kümmern, die sie wohl
-stets im Stillen als in die Gesindestube
-gehörig betrachtet hatten. Es war im
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-Sommer. Hinter Papas Schlösschen zog
-sich der grosse Park, von einer alten Steinmauer
-umschlossen, hin. Daran stiess die
-Pächterwohnung mit den Wirthschaftsgebäuden.
-Im Park war es langweilig.
-Ich reckte mich auf den Zehen empor
-und klinkte ein Seitenpförtchen auf, um
-auf Entdeckungen auszuziehen. Ich
-brauchte nicht in die Ferne zu schweifen,
-das Gute in Gestalt eines Ententümpels
-lag vor mir, und Balthasar (er heisst wirklich
-Balthasar, möglicherweise verschärft
-dies sein Vergehen in Fräulein Möllers
-Augen) warf Steine in das grünlich
-schmutzige Wasser. Vor einigen Wochen
-hätte ich vermuthlich mein weisses Kleidchen
-zusammengenommen und wäre mit
-dem stillen Gedanken: »wohl mir, dass ich
-nicht bin wie dieser,« aus der vulgären
-Welt, in der Hühner scharrten, Gänse
-gackerten und Enten auf schmutzigem
-Tümpel schwammen, in die vornehme Abgeschlossenheit
-des Parks zurückgewichen;
-aber man liess mich nun viel allein, und
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-ich langweilte mich. Und so trat ich näher
-und sagte:</p>
-
-<p>»Du, das kann ich auch.«</p>
-
-<p>Der schmutzige Bursche starrte mich
-verdutzt an, aber ich imponirte ihm nicht
-lange, denn als ich den ersten Stein warf
-und er mit einem Plumps versank, ohne
-wie die Wurfgeschosse Balthasars über
-das Wasser Kreise ziehend, hinzutanzen,
-lachte er mich aus. Doch zeigte er mir
-gleich darauf die Handgriffe. Das Wasser
-spritzte nach jedem Wurf hoch auf, und
-als mich nach geraumer Zeit der Gärtner
-entdeckte und das verirrte Schäflein heimgeleitete,
-triefte ich von Nässe. Die Folge
-davon war ein heftiger Schnupfen, der
-mir die Augen thränen, die Nase aufschwellen,
-das ganze Gesicht, wie Papa
-(leise zu Mama aber von mir dennoch gehört)
-bemerkte, dem seines ehemaligen
-Kutschers ähnlich machte. Mama gerieth
-in Todesangst, ich könnte meine Erkältung
-dem »Kinde« mittheilen und so blieb ich
-aus ihrer und Roberts Nähe wochenlang
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-streng verbannt. Ich müsste lügen, wenn
-ich behauptete, ich hätte meine Acht
-besonders schwer empfunden; denn in
-diese Zeit fielen meine Herumstreifereien
-mit meinem neuen Freunde, der mich zu
-Haselbüschen führte und mir zeigte, wie
-man die Nüsse mit den Zähnen aufbiss.
-Seit damals war ich vulgär. Je grösser
-Robert wurde, desto schlimmer trat meine
-Erbsünde zu Tage. Ich steckte beständig
-mit Balthasar zusammen und wurde einmal
-im Kuhstall ertappt, das anderemal
-aus den höchsten Zweigen eines Birnbaumes
-herabgeholt. Balthasar war ein rührend
-treuer Kamerad. Das prächtige Obst, das
-er in Papas Garten gemaust, theilte er
-gewissenhaft mit mir, und (wer zweifelt
-noch, dass ich das vernichtende Urtheil
-meiner Pflegeeltern verdiente!) es schmeckte
-hundertmal besser in einem Winkel der
-Scheune, als von den Krystallschalen an
-der Tafel.</p>
-
-<p>Mama und Papa, die meinen unpassenden
-Verkehr missbilligend bemerkten,
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-hofften, der Winter werde ihm ein
-Ende bereiten. Unterbrochen wurde die
-Freundschaft, aber jedes Frühjahr knüpfte
-sie fester. Damals wusste ich mir keine
-Rechenschaft darüber zu geben, was mich
-zu Balthasar und seinen braven, tüchtigen
-Eltern hinzog, aber heute ist mir's klar,
-dass es nicht bloss die ererbte Vorliebe
-für vulgäre Gesellschaft war, sondern die
-Thatsache, dass ich jenseits der Gartenmauer
-etwas galt und gut gelitten war,
-während ich dieseits kalt übersehen oder
-getadelt wurde. Allerdings als zwei Jahre
-nach Robert die kleine zarte Lilli zur Welt
-kam, besserte man nicht mehr an mir
-herum und liess mich treiben, was mir
-gefiel, bis ich alle Grenzen des Erlaubten
-überstieg. Ich zählte vierzehn Jahre und
-sollte bei Lilli's Gouvernante die Lücken
-in meiner Bildung ausfüllen. Statt dessen
-lief ich tagaus tagein zur Pächtersfrau
-hinüber. Sie war einsam; ihr Abgott Balthasar
-befand sich auf einer landwirthschaftlichen
-Schule. Ich ging ihr in Küche
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-und Maierei zur Hand, butterte, streute
-dem Geflügel das Futter, knetete und buck
-ordinäres schwarzes Brod. Wurde ich entdeckt,
-dann sah ich ein, dass mein Vergehen
-zum Himmel schrie. Ueberhaupt
-war ich in Gegenwart von Papa, Mama,
-Robert und Lilli meist in so bussfertiger,
-zerknirschter Armensündenstimmung,
-dass es mich gar nicht Wunder nahm,
-wenn mich alle für feige, unaufrichtig,
-lakaienhaft hielten. Die geringschätzigen
-Bemerkungen, die kalten Blicke daheim
-drückten mein Selbstgefühl herab, ich
-begann, mich für einen dunkeln Flecken
-auf dem sonnigen Familienbilde zu halten,
-für eine Art von Schlagschatten, der die
-Vortrefflichkeit und feine Ausführung der
-anderen Schöpfungswerke gebührend hervorhob,
-sich aber nichtsdestoweniger ziemlich
-überflüssig dünkte. Die Andern
-mochten dasselbe finden; ich wurde Fräulein
-Möller ausgeliefert. Sie sollte den
-letzten Versuch machen, mein ererbtes
-Uebel zu kuriren. Seit zwei Jahren bin
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-ich nicht einmal in den Ferien nach Hause
-gekommen. In der ersten Sommervacanz,
-während ich mit meinem baumlangen
-Kameraden Pflanzen und Steine suchte,
-kam Miss Burton, Lilli's Gouvernante, auf
-die Idee, ein geheimes Einverständniss
-bestehe zwischen mir und dem lieben,
-langen, unbeholfenen Jungen. Und so
-erfloss das Verbot meiner Heimkehr, und
-während die anderen Mädchen in die
-Berge, an die See in den Sonnenschein
-hinauszogen, sass ich wie ein Sträfling
-hinter den Mauern des verstaubten Pensionsgartens.
-Nächstes Jahr durfte ich
-wohl Papa und Mama besuchen, denn (ich
-konnte meine Thränen nicht zurückhalten,
-wiewohl die ganze Klasse mich spöttisch
-betrachtete) Balthasar sollte nicht mehr
-als Schlange im Paradies lauern. Der
-Bruder seiner Mutter war kinderlos verstorben
-und hatte ihm ein hübsches Gut
-in Pommern hinterlassen. Er hatte es
-mir geschrieben und mich gefragt, wann
-er mich sehen könne. Mama und Papa,
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-welchen er einen Abschiedsbesuch gemacht,
-hätten ihm die Bitte, mir vor seiner Abreise
-die Hand drücken zu dürfen, rundweg
-abgeschlagen. Ich dürfe meine Studien
-nicht unterbrechen. Du lieber Gott, als
-ob nicht Hopfen und Malz an meiner
-Wasserfarbenmalerei, meinen Chopin'schen
-Nocturno's und Stickereien in Seide und
-Chenille verloren wären.</p>
-
-<p>Dieser Brief, der erste heimliche Brief
-in meinem achtzehnjährigen Leben, fiel
-einer Aufseherin in die Hände, und ich
-hörte Sentenzen vor der ganzen Klasse
-über mein unpassendes Benehmen. Zuletzt
-wurde mir verboten, das Haus zu verlassen.
-Wie ein Häuflein Unglück sass
-ich in meinem Zimmer und bekam zu
-meiner übrigen Schönheit vom Weinen
-rothe geschwollene Augen.</p>
-
-<p>Vermuthlich verdankte ich es meiner
-vulgären Neigung, dass ich unter all den Gewerbsleuten
-der Schule warme Freunde hatte.</p>
-
-<p>Meine Antwort an Balthasar hatte die
-Bäckerstochter bestellt, und nun wartete
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-er ohne Zweifel in dem windschiefen Gartenhäuschen
-an der Mauer, in welches er
-sich, dank seinen früh erworbenen Kletterkünsten,
-leicht genug hinaufzuschwingen
-vermochte. Ich aber war gefangen, und
-wenn auch nicht in Banden, so doch durch
-eine gut und sicher verschlossene Thüre
-von der Aussenwelt getrennt, denn zu
-diesem äussersten Mittel hatte Fräulein
-Möller gegriffen, da ich mich nicht dazu
-verstehen wollte, meinen Verzicht auf
-eine Zusammenkunft mit meinem Jugendfreunde
-zu versprechen.</p>
-
-<p>Mein Zimmer lag eine Treppe hoch,
-aber das Haus war niedrig, und unter
-meinem Fenster befanden sich ein paar
-kümmerliche Blumenbeete. Ich würde
-weich fallen. Natürlich würden die zerdrückten
-Blumen meinen Frevel morgen
-aller Welt verkünden, aber ich war in
-einer Stimmung, so verzweifelt und aufgeregt,
-dass mich keine Bedenken abhielten.
-Mit Balthasar ging meine glückliche
-Kinderzeit von mir. Ohne Abschied
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-liess ich den einzigen Menschen, der mich
-an's Herz geschlossen, nicht von dannen
-ziehen.</p>
-
-<p>In minder verlockender Gestalt ist wohl
-noch nie eine junge Dame bei einer heimlichen
-Zusammenkunft erschienen. Die
-weiche, von Regen getränkte Erde des
-Gartens hatte sich in rührender Anhänglichkeit
-meinem Kleide mitgetheilt, ich hinkte,
-denn ich hatte mir bei dem Sprung den
-Fuss verstaucht, und zum Ueberfluss fing
-ich noch laut zu weinen an, als bei dem
-Schein einer Laterne, die in dem Gässchen
-hinter dem Gartenzaun brannte, mein
-Jugendfreund in dem windschiefen Gartenhäuschen
-vor mir auftauchte.</p>
-
-<p>Er hatte mit seiner grossen, ehrlichen
-Rechten meine Hand gefasst und begann
-mir mit der Linken unbeholfen das Haar
-zu glätten. Und da ich dadurch nicht
-beruhigt ward, wollte er mich an sich
-ziehen. Aber ich machte mich los.</p>
-
-<p>»Wir wollen nicht den geringsten Anlass
-zum Tadel geben. Wenn wir auch
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-gezwungen sind, auf heimlichen Wegen
-zu gehen, so wollen wir uns doch benehmen,
-als wären Mama, Papa und Institutsvorsteherin
-zugegen.« Damit setzte ich mich
-auf die eine Seite des wackeligen Tisches
-und wies ihm den Platz mir gegenüber
-an.</p>
-
-<p>»Doch wenn ich deine Hand nicht in
-meinen ungeschlachten Fingern halten
-kann, Jenni, dann weiss ich nicht recht,
-wie ich anfangen soll,« sagte mein langer
-Freund hilflos. Die freundliche Strassenlaterne
-fiel ihm gerade auf das Gesicht.
-Was für ehrliche, treue Augen er hatte
-und wie warm Einem um's Herz wurde,
-wenn man in sie hineinsah! Ich gab ihm
-meine Hand, und nun begann er:</p>
-
-<p>»Du weisst wohl, dass ich ein Gut
-geerbt habe, Jenni, keine Herrschaft, aber
-ein ganz stattliches Bauerngut.« Dabei
-drückte er mir die Hand; aber da ich nicht
-wusste, wo er hinaus wollte (vielleicht
-wusste ich's auch und behielt es blos für
-mich), so wünschte ich ihm blos Glück.
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-Es werde ihm gut thun für sich selber,
-auf seinem eigenen Grund und Boden zu
-arbeiten.</p>
-
-<p>»Hm,« sagte er, stockte und fing mit
-einiger Anstrengung wieder an: »Zu solch'
-einer Farm gehört eine hübsche, junge
-Frau, Jenni.«</p>
-
-<p>Das überraschte mich. Seine Mutter
-war ja noch so rüstig und würde ihm
-gewiss mit Freuden haushalten.</p>
-
-<p>Aber ich wurde feuerroth, als ich diese
-passende Bemerkung murmelte und segnete
-die Strassenlaterne, in deren Schatten ich
-sass.</p>
-
-<p>Er schüttelte den Kopf. Die Alten
-wollten nicht mehr wirthschaften. Sie
-hatten sich ein hübsches Sümmchen erspart
-und gedachten sich im Hause des Sohnes
-zur Ruhe zu setzen.</p>
-
-<p>Und dann meinte er mit einem verlegenen
-Lachen, er wisse auch schon von einer
-Frau. Die Frage sei nur, ob ihr das Loos,
-das er ihr bieten könne, glänzend genug
-sei, sie habe bessere Aussichten. Aber
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-ein treueres Herz fände sie sicher niemals
-und wärmere Liebe auch nicht.</p>
-
-<p>Dabei blickte er mich so bittend an,
-und in seinem Gesicht lag solch' eine Sorge
-wegen der glänzenden Aussichten, dass
-ich ein Stück Holz hätte sein müssen,
-um länger an mich zu halten.</p>
-
-<p>»Kein glücklicheres Loos kann es
-geben, als an Deiner Seite, Balthasar!«
-rief ich.</p>
-
-<p>Und da zog er mich an sein treues
-Herz. Am liebsten hätte er mich, wie ich
-ging und stand über die Gartenmauer und
-zu seinen Eltern getragen, um alle Förmlichkeiten
-abzuschneiden. Aber ich konnte
-ihm den Gang zu Papa und Mama nicht
-ersparen, wenn er ihm auch vielleicht
-schlimmer erschien, als der Marsch in
-einem Kugelregen.</p>
-
-<p>Er erzählte mir später, er hätte nie
-längere Gesichter gesehen als die ihren,
-nachdem er um meine Hand anhielt und,
-ihrem »Nein« zuvorkommend erklärte, wir
-seien einig.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-»Mein Gott, wir können doch unser
-Adoptivkind nicht mit dem Sohn unseres
-Pächters verheirathen,« rief Mama, »was
-würde die Welt dazu sagen! Es würde
-heissen, wir hätten sie abgeschüttelt, weil
-wir nun eigene Kinder haben!« Und Papa
-hatte mit der schneidenden Ironie, mit
-der er mich so oft verwundet, eingeworfen:</p>
-
-<p>»Lass' die Leute die Köpfe schütteln.
-Wir können ihnen antworten: Art lässt
-nicht von Art, und eine Ente wird durch
-das beste Beispiel, die sorgfältigste Erziehung
-nicht zum Schwan!«</p>
-
-<p>Und so sitze ich im Tümpel. Im Ganzen
-ist mein Leben gar nicht übel, und
-ich tauschte nicht für die Welt den
-Schwanenteich zurück. Wenn ich jetzt
-zuweilen in den Spiegel blicke und mir
-ein frisches, gerundetes, glückliches Gesicht
-entgegengrüsst, dann möchte ich schier
-glauben, die Urkraft habe mich Anfangs
-doch zum Zierrath bestimmt und sei nur
-auf halbem Wege stehen geblieben. Aber
-Balthasar, der arme, verblendete Mann,
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-hält mich thatsächlich für etwas ganz
-Kostbares und trägt mich auf starken,
-treuen Händen durch das Leben; und
-das ist eigentlich mehr, als solch' ein
-armselig graues Entlein beanspruchen darf.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-EIN APRILSCHERZ.</h2>
-
-
-<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-Das Schelmen-Triumvirat nannte uns
-zur Zeit, als wir unsern wilden
-Hafer säeten, die Volksstimme in unsrer
-Künstlerstadt. Zweien von uns, dem
-Genremaler Karl Schönborn und meiner
-Wenigkeit, that sie damit entschieden zu
-viel Ehre an; wir waren keine ebenbürtigen
-Genossen, wir waren nur die Handlanger
-des dritten und spielten die Rolle
-Sancho Pansas, der ganz deutlich sieht
-wohin die Tollheit seines Meisters führt,
-und der ihm doch durch dick und dünn
-folgt. Ja, Ruppert Ahlfeld war unser
-Meister im Ersinnen toller Possen; wehe
-dem Menschenkind, das er sich zur Zielscheibe
-erkoren! Da war vor etlichen
-Jahren ein Jüngling von äusserst frommer
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-Gemüthsart und tugendhaftem Wandel
-in unsern Bereiche aufgetaucht, den Blasengel
-hiessen wir ihn, wegen seines rundlichen,
-rosigen Gesichts und des goldblonden
-Gelocks, das ihm wie ein Glorienschein
-um den Kopf starrte; auf ihn stiess
-unser Anführer wie ein Fischadler auf
-einen fetten Karpfen nieder. Es hiess,
-Hugo Lichtner habe sich mit einem steinreichen
-Verwandten, der ihn zu seinem
-Erben machen wollte, entzweit, weil er
-um jeden Preis Stillleben malen musste.
-Ich bitte Sie &ndash; Stillleben! Wenn es Konradins
-Tod, oder Orest an der Leiche
-Klytemnestras, oder Judith und Holofernes
-gewesen wären, an welche Rupert in
-jugendlichem Grössenwahn beispiellos viel
-Farbe und Leinwand verschwendete, das
-hätte diesem Respeckt eingeflösst, aber
-sich enterben lassen, um grüne Gurken,
-einen Teller Trauben, ein Glas mit Goldfischen
-abzukonterfeien, das konnte er,
-der sich als Vertreter der grossen Kunst
-fühlte, dem armen Jungen nicht verzeihen.
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-Für Lichtner hatte der erste
-April bald 365 Tage; kaum war er mit
-Mühe und Not einer Schlinge entronnen,
-dann stolperte er mit dem arglosesten,
-vertrauendsten Lächeln von der Welt in
-die zweite hinein.</p>
-
-<p>»Kinder,« erklärte Rupert mit dem
-salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm,
-»wenn es uns gelingt, ihm die
-himmelblaue Binde über den Augen zu
-lockern, dann haben wir ein grosses Werk
-vollbracht und verdienen, dass auf unsern
-dereinstigen Grabsteinen die Worte »Wohlthäter
-der menschlichen Rasse« eingemeisselt
-werden.«</p>
-
-<p>Aber unsre Bemühungen erschienen
-nicht von dem kleinsten Erfolg gekrönt,
-der Blasengel blieb leichtgläubig und arglos,
-als wäre er erst gestern aus den
-Wolken auf die sündige Erde niedergeflattert.</p>
-
-<p>Einmal hatte er uns im Atelier aufgesucht,
-nachdem sich Professor P., unter
-dessen Anleitung unser Triumvirat damals
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-arbeitete, in sein Allerheiligstes zurückgezogen.
-Da ging die Thür auf, und ein
-kleiner, abscheulicher Seidenpintsch sprang
-uns kläffend an die Beine. Jeder von
-uns wäre mit Vergnügen bereit gewesen
-dem Köter einen herzhaften Fusstritt zu
-versetzen, allein hinter ihm raschelte ein
-seidenes Frauenkleid, eine wunderhübsche,
-junge Dame mit blitzenden Zigeuneraugen,
-Wangen eines Pfirsichs und einem
-bezaubernden Stumpfnäschen kam in das
-Atelier, als hätte sie der Aprilwind hereingeweht,
-und statt des Fusstritts bückte
-sich jeder herab, um den Rücken des
-Scheusals zu tätscheln, das uns zum Dank
-dafür nach den Fingern schnappte.</p>
-
-<p>»Ich wünsche, den Professor zu sprechen,«
-sagte das Fräulein mit einem
-Lächeln, das selbst einen Stein erwärmt
-hätte, »mein Name ist Ilona Balogh, Porträtmalerin
-aus Pest.«</p>
-
-<p>Wir wussten schon von ihr. In den
-paar Tagen, die sie in unsrer Stadt verweilte,
-hatte sie der jüngeren Künstlerschaft
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-(vielleicht auch der älteren, doch,
-davon schweigt des Sängers Höflichkeit)
-soweit sie in ihre Nähe gerathen, durch
-ihre Schönheit und ihre pikanten Einfälle
-die Köpfe verwirrt. &ndash; Dienstbeflissen
-stoben wir auseinander. Rupert schob ihr
-den pomphaftesten der Krönungssessel hin,
-ich breitete dem gräulichen Vierfüssler
-einen kostbaren, persischen Teppich unter,
-Karl Schönborn pochte an des Meisters
-Thür, &ndash; wie ich vermuthe nicht ohne
-Herzklopfen, da dieser, wenn er sich zurückgezogen,
-eine Störung nicht allzu
-freundlich willkommen hiess &ndash; nur Hugo
-Lichtner stand wie ein gemeisselter Engel
-da und starrte mit verzückten Augen auf
-die junge Dame.</p>
-
-<p>Fräulein Ilona bemerkte es &ndash; sie hätte
-sonst auch stockblind sein müssen &ndash; und
-rückte ihren Stuhl, um sich dem Bereich
-seiner Blicke zu entziehen; doch auch
-jetzt mochte sie die hypnotisirten Augen
-auf sich gerichtet fühlen, denn sie schürzte
-die Lippen wie in gutmüthigem Spott.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-Ich war wüthend. War dies unsre
-grüne Unschuld, unser keuscher Joseph,
-den wir trotz aller mephistophelischen
-Versuchung, und trotzdem die hübsche
-Nanni in unsrer Künstlerkneipe sich mehr
-als nöthig in der Nähe des seraphischen
-Blondkopfs zu schaffen machte, nie zu
-der geringsten Aufmerksamkeit gegen das
-schöne Geschlecht bewegen konnten?
-Fräulein Balogh musste annehmen, das
-die Czikos auf ihrer Pussta mehr Lebensart
-besassen, als ihre jungen Künstlerkollegen.
-Ein vergnügtes Grinsen, das
-sich über Ruperts Gesicht zog, dämpfte
-meinen Aerger. Was hatte er wohl wieder
-ausgeheckt, um Hugo das Leben zu verleiden?
-Soeben war der Professor in die
-Thür getreten und geleitete den gut empfohlenen
-Gast in sein Privatkabinett.</p>
-
-<p>»Habt ihr bemerkt, wie sie den Posaunenengel
-angesehen hat, so &ndash; ergriffen,
-möchte ich es nennen?« fragte Rupert.
-Sein Augenblinzeln, dem bei mir, dem
-neben ihm Stehenden, ein leiser Stoss
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-mit dem Fusse nachhalf, erleuchtete uns
-augenblicklich.</p>
-
-<p>»Ja wohl, ja wohl, in ihren Augen lag
-so etwas wie eine widerstandslos schmelzende
-Lawine,« versetzte Schönborn, angelegentlich
-seinen Vollbart streichend.</p>
-
-<p>»Als sie dem Professor folgte, hat sie
-noch einmal den Kopf sehnsüchtig nach
-Hugo zurückgewendet,« fügte er hinzu,
-um hinter meinen phantasiebegabten Genossen
-nicht ganz und gar zurückzubleiben.</p>
-
-<p>»Glücklicher Mensch, er hat das schönste
-Mädchen der Stadt im Sturm erobert!«
-rief unser Führer.</p>
-
-<p>»Nein; glaubt ihr wirklich, glaubt ihr,
-sie habe mich auch nur bemerkt?« fragte
-Hugo in naiver Freude, mit seinem erröthenden
-Gesicht noch mehr als sonst
-einem Blasengel ähnlich, der seine Posaune
-für einen Moment absetzt.</p>
-
-<p>»Glauben?« versetzte Rupert entrüstet,
-»Mensch, man hat doch Augen im Kopfe!
-Wenn das nicht ein Fall von Liebe
-auf den ersten Blick ist, dann kannst
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-du mich für blind wie Hiob erklären.«</p>
-
-<p>»Aber wie kam sie nur dazu, gerade
-mir, dem Unbedeutensten von euch, Aufmerksamkeit
-zu schenken?«</p>
-
-<p>Rupert zuckte die Achsel.</p>
-
-<p>»In dem elementaren Zuge von einem
-Herzen zum andern liegt gewöhnlich etwas
-Unbegreifliches,« predigte er. In seinem
-Munde nahmen sich die Lehren überlegener
-Weisheit stets ausserordentlich
-wirkungsvoll aus. »Aber höre mein Sohn,
-bilde dir nicht ein, dass du die Hände
-in den Schooss legen und dich wie ein
-vom Dach fallender Sperling auf die
-göttliche Vorsehung verlassen kannst. Die
-drinnen ist nicht die hübsche Nanni.«</p>
-
-<p>»Erlaube mir die Bemerkung, dass ich
-es sehr geschmacklos finde, beide in einem
-Atem zu nennen,« warf Hugo mit ungewohnter
-Hitze ein.</p>
-
-<p>»Ilona Balogh ist die Tochter eines
-romantischen Volkes, sie erwartet gewiss
-ein ritterliches Werben, etwas mittelalterlich
-troubadourmässiges,« dozierte
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-Ahlfeld. »Ulrich von Liechtenstein, natürlich
-etwas den veränderten Zeitläufen
-angepasst, ohne zerschnittene Lippe und
-Verkleidung als Frau Venus (letztere würde
-die prosaische Polizei von heute gar nicht
-erlauben), das dürfte das angemessene
-sein, du verstehst mich doch?«</p>
-
-<p>Unser armer Blasengel gab sich alle
-Mühe, aber zuletzt schüttelte er den Kopf;
-er verstand ihn nicht.</p>
-
-<p>»Du schickst ihr jeden Tag Blumen
-und Gedichte; wenn du die letzteren nicht
-zu stande bringst, helfen wir dir alle drei
-dabei; &ndash; auch giebt es immer bei den
-Antiquaren alte, vergessene Schmöker voll
-lyrischer Empfindungen, die man, ohne
-ertappt zu werden, abschreiben kann. &ndash;
-Zur Besorgung derselben an deine Dame
-kannst du den Sohn meiner Hauswirthin
-verwenden, den anstelligsten kleinen
-Taugenichts, der je Stiefel auf unserm
-Pflaster zerriss.«</p>
-
-<p>Gegen den vorgeschlagenen Betrug
-verwahrte sich das arme Opfer unsrer
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-Ruchlosigkeit, aber mit den übrigen Vorschriften
-erklärte er sich einverstanden;
-ja er dankte seinem Mentor noch, weil
-dieser seiner Unerfahrenheit in Liebessachen
-so brüderlich zu Hilfe kam.</p>
-
-<p>»Du zeigst dich ihr so oft als möglich
-mit deinem verführerischen Seraphslächeln
-und dem fascinierenden Blick, der sie
-vorhin so widerstandslos gefangen nahm,
-aber, höre mein Sohn, hüte dich, ihr durch
-ein Wort deine Gefühle zu verraten, bevor
-sie dir selbst die Erlaubniss dazu giebt.«</p>
-
-<p>Dies erschien zwar bei Hugos Schüchternheit
-ohnehin ziemlich selbstverständlich,
-aber unser Freund wünschte sicher
-zu gehen.</p>
-
-<p>»Die Frauen dieser interessanten Nation
-muss man sehr vorsichtig behandeln,«
-fuhr er mit tiefsinnigem Kopfschütteln
-fort. »Ein wüthend Weib und eine Ungarin«
-nennt sie Grillparzer in einem Athem,
-und er als nächster Nachbar muss sie
-doch gekannt haben. Ein unüberlegt-vertrauliches
-Wort, und wenn sie in Liebe
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-für dich verginge, so würde sie dir doch
-wie eine beleidigte Königin den Rücken
-wenden.«</p>
-
-<p>Die Wiederholung unsrer angenehmen
-Erfahrungen mit dem Seidenpintsch, dem
-seine schöne Herrin auf dem Fusse folgte,
-unterbrach weitere Betrachtungen. Als
-sie sich mit leichtem Kopfnicken von uns
-verabschiedete, unterliess sie es nicht, dem
-Blondkopf einen schalkhaften Blick zuzuwerfen,
-der Hugo bis unter die Haarwurzeln
-erröthen machte.</p>
-
-<p>Lächerlicher hat sich nie ein liebeskranker
-Minnesänger benommen, als unser
-Blasengel unter dem Einfluss seiner brüderlichen
-Rathgeber. Rupert hatte, den
-günstigen Zufall ausnützend, dass das
-Gärtchen seiner Hauswirthin an das zu
-Fräulein Baloghs Wohnung gehörige stiess,
-Zutritt bei ihr zu erlangen gewusst, obschon
-sie sonst nicht viel Verkehr mit
-dem jungen Künstlervolk pflog. Er that
-dies, wie er versicherte, nur um Hugos
-willen, damit er ihn auf das genaueste
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-über ihre Liebhabereien und Antipathien
-zu unterrichten vermochte. Diese waren
-etwas veränderlich; das blonde Bärtchen,
-das unserm Opfer fast gleichzeitig mit
-seiner Liebe aufgesprosst war, musste sich
-die einschneidendsten Veränderungen gefallen
-lassen, denn einmal schwärmte Ilona
-für vollbärtige Germanenköpfe, das
-nächstemal stellte Heinrich der Vierte
-ihr Ideal von männlicher Schönheit vor;
-bald konnte nur ein Mann mit dem aufgewichsten
-Schnurrbart ihrer engeren
-Landsleute Gnade vor ihren Augen finden;
-dann wieder zwang Hugo eine ihrer bizarren
-Launen, sich mit ausrasiertem
-Schnurrbart und zwei fragwürdigen Kotelettes
-einem amerikanischen Geschäftsreisenden
-so ähnlich zu machen, als es
-einem Blasengel nur immer möglich ist.
-Die Kopfbedeckungen, Halsbinden und
-Sammtröcke, die er um jene Zeit trug,
-lockten zuweilen die Gassenbuben auf
-seine Fährte. Aber das alles waren verhältnissmässig
-leichte Opfer, die er seiner
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-Herzensdame brachte; als aber das Sommerfest
-der Künstler herankam und sein
-Gesicht von süssen Wiedersehnshoffnungen
-zu leuchten begann, da zog ihn sein Peiniger
-bei Seite: »Fräulein Ilona wünscht
-nicht, das du mit ihr tanzest, die Leute
-könnten errathen, was es für ein Bewandniss
-mit ihrem Herzen habe.«</p>
-
-<p>Und nun stand er die ganze Nacht
-wie ein Säulenheiliger in der Ecke und
-sah zu, wie sich die Geliebte mit jungen
-Männern &ndash; auch mit Rupert &ndash; im Tanze
-drehte. Allerdings blieb der Lohn für
-seine Enthaltsamkeit nicht aus. Eine
-dunkle Haarlocke, die, wenn nicht auf
-Ilonas, so doch auf einem andern Kopfe
-gewachsen, eine Schleife von der Farbe,
-wie sie das schöne Mädchen auf dem Feste
-getragen, etliche zwischen Fliesspapier
-gepresste Wiesenblümelein wurden von
-demselben zuverlässigen Liebesboten, der
-seine Bouquets abzuliefern hatte, in seine
-Hände gespielt. Dass wir drei die krampfhaftesten
-Zuckungen durchzumachen hatten,
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-als wir ihn dann verklärt, als schwebe
-er auf Wolken, herumgehen sahen, kann
-uns wohl niemand verübeln. Uebrigens
-fühlten Karl und ich zuweilen leise Gewissensbisse.
-Ohne unser Schüren wäre
-Hugos Leidenschaft vielleicht aus Mangel
-an Nahrung zu einem unschädlichen Häuflein
-glimmender Kohlen zusammengefallen,
-während sie jetzt lichterloh aufbrannte.
-Aber unser Hauptmann mochte von einem
-dramatischen Abschluss mit Enthüllungen
-nichts hören. Er hatte selber zu tief in
-Ilonas schöne Augen geblickt, und nun
-bereitete es ihm ein boshaftes Vergnügen,
-die heilige Einfalt zu quälen, die sich
-vermass, ihre Wünsche auf denselben Gegenstand
-zu richten, wie Ahlfeld selber.
-Da verschwand unser Blasengel eines
-Tags spurlos aus unserm Kreise und aus
-der Stadt.</p>
-
-<p>Wiewohl ich über die Gefühle von
-Strassenräubern nicht sonderlich genau
-unterrichtet bin, möchte ich behaupten,
-dass sie mit meinen und Schönborns viel
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-Verwandtes hatten. Wir setzten voraus,
-Hugo habe erfahren, welche Narrenrolle
-wir ihn spielen liessen und sich, aus allen
-erträumten Himmeln gestürzt, ein Leids
-angethan. Selbst Rupert ging merkwürdig
-kleinlaut herum. Aber als nach vielen
-Wochen Hugo mit einem Trauerflor um
-den Hut wieder in der Glorie eines Vollbärtchens
-und mit schärfer und bestimmter
-umrissenen Zügen unter uns auftauchte,
-erwachte der alte Adam sogleich wieder
-in ihm, und er rief dem Eintretenden
-entgegen: »Landstreicher, wo hast du
-gesteckt? Ilona hat sich nicht wenig um
-dich geängstigt; kein Tag verging, an dem
-sie nicht wenigstens über den Gartenzaun
-hinüber nach dir fragte.«</p>
-
-<p>»Ich wurde zu meinem todtkranken
-Onkel berufen und vermochte, wie ihr
-euch vorstellen könnt, an seinem Sterbebette
-nichts andres zu denken, als dass
-der alte Mann mir viel gutes erwies, und
-dass ich ihm zum Danke dafür die grösste
-Enttäuschung seines Lebens bereitet habe.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-»Hoffentlich wurde bei deinem Erscheinen
-das bewusste gemästete Kalb
-geschlachtet?« fragte Karl.</p>
-
-<p>»Zu Festlichkeiten waren die Umstände
-nicht angethan; aber der verlorene Sohn
-wurde mit offenen Armen aufgenommen.«</p>
-
-<p>»Trotz deiner Grünzeugbilder?« spottete
-Rupert. »Dein Onkel war viel zu nachsichtig;
-ich hätte es nicht über mich
-gebracht.«</p>
-
-<p>»Die Grünzeugbilder (übrigens waren
-es diesmal zwei Fruchtstücke) bahnten die
-Aussöhnung an,« versetzte Hugo triumphierend,
-»sie wurden in meiner Heimath
-ausgestellt, und mein Onkel las im Lokalblättchen
-allerhand Erbauliches von einem
-»vielversprechenden Sohn der Vaterstadt,
-dem Neffen eines unsrer angesehensten
-Mitbürger.« Das Zureden alter Freunde
-that das übrige. Vor seinem Tode hat
-er mir sogar das Zugeständniss gemacht,
-dass nicht jeder von Mutter Natur so
-glücklich begabt sein könne, um eine
-Zündhölzchenfabrik mit Erfolg leiten zu
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-können, und dass es auf dieser unvollkommenen
-Welt auch »Phantasten« (nämlich
-Maler, Musiker, Dichter u.&nbsp;s.&nbsp;f.)
-geben müsse.«</p>
-
-<p>»Und so bist du vermuthlich ein herzloser
-Kapitalist geworden?« fragte Ahlfeld
-mit einem Stirnrunzeln; (er war keiner).</p>
-
-<p>»Mein armer Onkel hat mich zum
-Erben eines sehr bedeutenden Vermögens
-eingesetzt,« war die Antwort.</p>
-
-<p>»Was wird Fräulein Balogh dazu sagen?«
-warf Schönborn aus alter Gewohnheit,
-sie im Gespräch mit dem Blasengel
-unaufhörlich zu erwähnen, ein.</p>
-
-<p>»Dies zu erfahren, ist, wie ich fürchte,
-heute schon zu spät. Ich werde morgen
-meinen Besuch bei ihr machen.«</p>
-
-<p>Er zog seine Uhr heraus, und so
-mochten ihm die verblüfften Blicke entgehen,
-die unser in diesem Augenblick
-nicht gerade sehr siegreiches Triumvirat
-wechselte.</p>
-
-<p>»Mensch, du gedenkst doch nicht selbst
-ihr Haus zu betreten?« stammelte Rupert,
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-nach Atem schnappend, »willst du gegen
-ihr ausdrückliches Verbot handeln?«</p>
-
-<p>Aber das war nicht mehr der alte
-Blasengel, der in unsern Händen biegsam
-wie weiches Wachs gewesen. Nicht, dass
-er uns misstraute; aber der ererbte Reichthum
-schien ihm eine bedeutende Sicherheit
-verliehen zu haben.</p>
-
-<p>»Dieses Verbot kann nicht für immer
-Giltigkeit haben,« versetzte er, »ich muss
-endlich in meiner Herzenssache selber
-handeln; es geht nicht an, immer meine
-Freunde für mich eintreten zu lassen;
-denkt ihr nicht auch?«</p>
-
-<p>Wir dachten im diesem Augenblick
-nichts anders, als dass eine Versenkung
-unter unsern Füssen eine angenehme
-Sache wäre.</p>
-
-<p>»Es ist kein Geheimniss für euch, wie
-wir mit einander stehen,« sagte er roth
-werdend.</p>
-
-<p>»Ja gewiss, aber überlege doch«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ueberlegen?« er blickte Rupert befremdet
-an. »Solange ich ein armer Teufel
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-war, hielt ich es, so schwer es mir auch
-wurde, für meine Pflicht, abseits zu stehen.
-Das ist nun anders geworden, ich vermag
-ihr ein gesichertes, behagliches Loos zu
-bieten, kann ihre Wünsche, soweit sie die
-Annehmlichkeiten des Lebens betreffen,
-erfüllen;« seine Augen blickten dabei
-glückselig ins weite, als sähe er seine
-Geliebte wie eine Rose ins weichste Moos
-gebettet. &ndash; »Da Ilona keine herzlose
-Kokette ist, hoffe ich, dass sie meine ehrliche
-Werbung annehmen wird, die sie
-nach allem nur erwarten muss.«</p>
-
-<p>Schönborn und mir brach der Angstschweiss
-aus den Poren. Wir wechselten
-einen rathlosen Blick; sollten wir ihm sogleich
-das Spiel, das wir mit ihm getrieben,
-enthüllen? Aber Rupert kam uns zuvor.</p>
-
-<p>»Das heisst männlich gesprochen,«
-rief er und schlug ihm auf die Schulter,
-»gehe zu ihr, wirb und lass dir von ihren
-Lippen dein Glück verkünden; wir enthalten
-uns von jetzt ab jeder Einmischung.«</p>
-
-<p>»Das wird die würdige Krönung unsres
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Spasses sein,« sagte Rupert händereibend,
-als sich Lichtner bald darauf verabschiedet
-hatte, vermuthlich um von dem Glück zu
-träumen, das ihm ja so sicher war. »Aus
-ihrem eigenen Munde soll er hören, was
-für ein lächerlicher Narr er gewesen ist.
-Ich will sie sogleich einweihen.«</p>
-
-<p>Er schien Ilonas ziemlich sicher zu
-sein, dennoch rief ich erschrocken: »Was
-fällt dir ein? Wie kannst du sie darüber
-aufklären, welche Rolle wir sie in der
-Komödie spielen liessen?«</p>
-
-<p>»Sei ruhig; in der Beschränkung zeigt
-sich euch der Meister. <em class="ge">Ihre</em> heimliche
-tiefe Liebe werde ich mit einem mystischen
-Schleier zu verhüllen wissen, nur von ihm
-soll die Rede sein. Mir ist's als hörte
-ich sie jetzt schon bei dem Bericht helllaut
-auflachen.«</p>
-
-<p>»Und du meinst, sie wird ihre Mitwirkung
-dazu leihen, den Blasengel aus
-allen seinen Himmeln zu reissen?«</p>
-
-<p>»Wenn ich sie bitte, gewiss.« Damit
-war er schon zur Thür hinaus.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-»Ehe denn der Hahn kräht, wird es
-einen Abtrünnigen in unserm Junggesellentrio
-geben,« sagte Schönborn, der
-sich mit Vorliebe auf Weissagungen verlegt,
-wiewohl er das merkwürdige Unglück
-hat, sie nie eintreffen zu sehen, »ich wette,
-der arme Hugo wird morgen von der Anzeige
-empfangen werden: Rupert Ahlfeld,
-Ilona Balogh empfehlen sich als Verlobte.«</p>
-
-<p>»Ich wollte, wir hätten die Geschichte
-hinter uns,« murrte ich verdrossen,
-»eigentlich haben wir uns gegen Lichtner
-schmählich benommen. Ich lasse mich
-von Rupert zu keinem dummen Streich
-mehr verleiten.«</p>
-
-<p>Ein weiser Entschluss, den ich sehr
-oft fasste, aber unter dem Einfluss unsres
-Führers stets wieder vergass.</p>
-
-<p>Als Rupert zu uns zurückkehrte, sah
-er zu unsrer Verwunderung alles eher
-denn befriedigt aus. Er schleuderte seinen
-Hut in eine Ecke mit der Bewegung
-eines Menschen, der, soll er nicht ersticken,
-seinem Aerger an einem unschuldigen
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-Gegenstande Luft machen muss, und warf
-sich mürrisch auf einen Stuhl.</p>
-
-<p>»Die Weiber haben keinen Sinn für
-Humor,« brach er aus, »und Ilona ist in
-dieser Hinsicht von der Natur noch kärglicher
-bedacht worden, als ihre Schwestern.
-Glaubt ihr, sie habe die Lippen nur einmal
-zu einem Lächeln verzogen, als ich
-ihr die himmelschreienden Dummheiten
-ihres Troubadours schilderte?«</p>
-
-<p>»Hast du ihr erzählt, dass er sich
-wochenlang mit Häring, Wurst und Kartoffeln
-vergnügt hat, damit die hübsche
-Nanni in unsrer Kneipe jeden Morgen die
-prachtvollsten, rothen Zentifolien auf ihre
-Kammer trage?« fragte Schönborn, der
-sich nicht vorstellen konnte, dass unser
-famoser Spass ungewürdigt blieb, und der
-es deshalb vorzog, das Darstellungstalent
-unsres Freundes anzuzweifeln.</p>
-
-<p>»Du kannst dir denken, dass ich es
-mir nicht entgehen liess; und was für
-Farben ich auftrug! Stünden sie mir so
-für die Leinwand zu Gebote, dann würde
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-ich Makarts Ruhm in einem halben Jahr
-verdunkeln. Lerne einer die Frauen aus!
-Statt den dummen Tropf auszulachen,
-schien sie Mitleid für ihn zu fühlen. Es
-machte mir den Eindruck, als wäre ihr
-seine stumme Huldigung nicht entgangen.«</p>
-
-<p>»Dass wir darauf nicht verfielen!«
-sagte ich verblüfft, »die Stadt sprach davon,
-wie konnte ihr allein sein Minnedienst
-verborgen bleiben!«</p>
-
-<p>»Und nun ärgerte es sie vermuthlich,
-dass die Toggenburgerei nicht so ganz
-spontan war. Sie gab mir ein Pröbchen
-ihres Pusztentemperaments, dass sich mir
-in der Erinnerung daran die Haare sträuben.
-Für solche elende Possen sei der
-Name eines schutzlosen Mädchens zu gut,
-rief sie, als sie hörte, ich habe ihn zu
-seinen Narrheiten mit der Vorspiegelung
-bestimmt, er entspreche durch dieselben
-ihren Wünschen. Mein Benehmen sei
-unritterlich, eines Gentleman unwürdig
-gewesen; was sie über euch, meine Gehilfen,
-gesagt, will ich lieber verschweigen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-»Also will sie nichts von der Rolle
-wissen, die du ihr zugetheilt?« fragte ich,
-nicht sonderlich bekümmert; mir sagte
-die Pointe unsres Spasses nicht so zu,
-wie Rupert, der seit der Rückkehr unsers
-Blasengels eine seltsame Gereiztheit gegen
-ihn verrieth.</p>
-
-<p>»Das hat sie mir zu meinem Erstaunen
-doch nicht abgeschlagen,« entgegnete er,
-»sie will ihn morgen Nachmittag empfangen
-und die nöthige Aufklärung geben;
-entweder fürchtet sie, dieselbe könne aus
-unsrem Munde nicht schonend genug ausfallen,
-oder die Freude am Komödiespielen
-ist, trotz allen Mitleids für ihren Getreuen
-denn doch in ihr erwacht.«</p>
-
-<p>»Schade, dass wir der Entwicklung
-des Knotens nicht ungesehen beiwohnen
-können,« meinte Karl, »der Ring des
-Gyges wäre jetzt gar nicht übel.«</p>
-
-<p>»Es ist noch die Frage, ob wir nicht
-ohne diesen zurecht kommen,« warf Rupert
-hin; doch selbst er wurde ein wenig
-verlegen. »Bei schönem Wetter hält sich
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Fräulein Balogh meist im Garten auf und
-empfängt auch dort ihre Gäste.«</p>
-
-<p>»Und da belauerst du sie ohne Zweifel
-in euerem Gartenhause an der Mauer!
-Höre Ahlfeld, du bist ein noch grösserer
-Thunichtgut, als ich vermuthet,« rief Karl
-bewundernd.</p>
-
-<p>Wie die drei Verschworenen aus einer
-Operette steckten wir am nächsten Nachmittage
-in dem windschiefen Gartenhäuschen,
-dessen Dielen zu unsrem Aerger
-bei jeder Bewegung verrätherisch knarrten.
-Wir konnten das Schlachtfeld genau übersehen.
-Kaum zehn Schritte von uns entfernt
-sass Fräulein Ilona mit einer Handarbeit
-unter einem Kastanienbaume; sie
-war um einen Schatten blässer als gewöhnlich
-und sah für einen Aprilspass
-ungemein ernsthaft aus. Ueber den Kiespfad
-kam der Blasengel mit einem Gesicht
-heran, das den lieben Herrgott zu fragen
-schien »was kostet deine Welt?« Das
-Fräulein hielt wie in grosser Befangenheit
-die Augen auf die Arbeit gesenkt, die
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-Röthe, die auf ihrem Gesichte kam und
-ging, hätte jeden glauben machen können,
-ein wirklich verliebtes Mägdlein erblicke
-den Erkorenen ihres Herzens.</p>
-
-<p>»An ihr ist eine grosse Schauspielerin verloren
-gegangen,« flüsterte Rupert entzückt.</p>
-
-<p>»Sie spielt zu gut,« murrte ich, »sein
-Sturz aus der Höhe wird fürchterlich sein.«</p>
-
-<p>Darüber entgingen uns die ersten
-Worte der Begrüssung. Das Pärlein sass
-nebeneinander auf einer Gartenbank.
-Die Sonne machte sich das Vergnügen,
-ihnen goldene Funken auf das Haar zu
-streuen, hie und da fiel tanzend ein Blatt
-vom Baume herab; das sah sehr hübsch
-und friedlich und für Maleraugen ganz
-anziehend aus, aber mir bereitete der Anblick
-keinen Genuss, denn ich &ndash; eine ins
-männliche übertragene Kassandra &ndash; sah
-das Unheil unter dem Kastanienbaum
-brauen.</p>
-
-<p>»Ich bin glücklich, dass Sie mir diese
-Unterredung gewähren, Fräulein Ilona,«
-begann Hugo, bei weitem nicht so zaghaft,
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-wie ich vorausgesetzt; (wir hatten es uns
-ja auch angelegen sein lassen, ihm durch
-die deutlichsten Beweise ihrer Neigung
-die Flügel zu steifen).</p>
-
-<p>»Warum hätte ich Ihre Bitte abschlagen
-sollen?« erwiderte sie, »freue ich mich
-doch selber, Ihnen endlich meinen Dank
-für die schönen Blumen aussprechen zu
-können, mit welchen Sie mich jeden Morgen
-überraschten.«</p>
-
-<p>Wir sahen einander starr an; &ndash; welche
-Idee, für Blumen zu danken, die sie nie
-bekommen!</p>
-
-<p>»Wer hat es Ihnen verrathen, dass volle,
-rothe Rosen meine Lieblinge sind?«</p>
-
-<p>»Ich dachte an Ihre Landsmännin, die
-heilige Elisabeth«, sagte er vergnügt.</p>
-
-<p>»Und ich konnte zum Danke dafür,
-dass Sie der Fremden in Ihrer Stadt so
-viel anheimelnd Freundliches erwiesen,
-nichts für Sie thun.«</p>
-
-<p>»Nichts?« fragte er vorwurfsvoll und
-fuhr unwillkürlich mit der Hand nach
-der Brusttasche, in welcher der gekaufte
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-Haarsträhn samt Bändern und Blümelein
-ohne Zweifel wohlgeborgen ruhte. Mit
-Falkenaugen folgte sie seiner Bewegung.</p>
-
-<p>»O, ich vergass; was war es nur? eine
-Haarlocke, eine Schleife und dergleichen,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p>Wir konnten von unsrem Versteck aus
-beobachten, wie sich dunkle Röthe über
-ihr Gesicht ergoss und sie die Hand in
-den Kleiderfalten zu einer Faust ballte.
-Das galt uns. Diesen Theil der Historie
-hatte Rupert nicht für gut befunden, ihr
-zu enthüllen.</p>
-
-<p>»Ilona, wissen Sie, welche Deutung
-ich Ihren Andenken gab?«</p>
-
-<p>»Ich weiss es; wenn ein Mädchen, ohne
-Einspruch zu erheben, sich die stumme
-und doch so beredte Huldigung eines
-Mannes gefallen lässt, wenn sie monatelang
-seine Blumen annimmt und ihn sogar
-durch kleine Liebespfänder aufmuntert,
-dann ist sie entweder eine Gefallsüchtige
-und nicht werth, dass ein Mann einen
-Gedanken an sie verschwende, oder&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-»Oder?« jubelte Hugo, »sprich es aus,
-Geliebte!«</p>
-
-<p>»Oder sie erwidert seine Neigung.«</p>
-
-<p>»Das geht zu weit«, murmelte Rupert
-zu meinem Erstaunen in lebhafter Unruhe,
-»es ist eine unnütze Grausamkeit, so auf
-seine Einbildung einzugehen.«</p>
-
-<p>Hugo hatte sich der Hand Ilonas
-bemächtigt, doch sie entzog sie ihm. »Noch
-nicht«, sagte sie und richtete sich hoch auf.</p>
-
-<p>Jetzt kam ohne Zweifel die Katastrophe
-heran. Ich bekenne, dass mir das Herz
-bänglich an die Rippen klopfte. Der arme
-Blasengel sah förmlich rührend in seinem
-Glück aus.</p>
-
-<p>»Die Zeichen haben Sie betrogen, die
-Blumen wurden an eine falsche Adresse
-befördert, die Liebespfänder von schalen
-Possenreissern (unsre verdutzten Gesichter
-bei diesem Ehrentitel hätte ich selber malen
-mögen) in Ihre Hände gespielt; das Ganze
-war nur ein Aprilscherz.«</p>
-
-<p>Wir durften beruhigt aufatmen, die
-auszeichnende Inschrift auf den Grabmonumenten
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-war uns gewiss; das Gesicht
-des Blasengels erschien grau und hart wie
-ein Stein.</p>
-
-<p>»Ein Aprilscherz? Und dazu gaben <em class="ge">Sie</em>
-sich her?« Geringschätzung und Empörung
-stritten in seinen Mienen.</p>
-
-<p>Wir hörten deutlich, dass der leichte
-Ton, in dem sie antwortete, erzwungen war.</p>
-
-<p>»Mein Gott, was soll ein armes Mädchen
-thun, wenn es zu seinem guten Recht
-kommen will? Sitte und Herkommen
-stellen sich in Wehr und Waffen gegen
-sie auf, sobald sie ein wenig ihre eigene
-Vorsehung spielen möchte; so muss sie
-es denn mit Freude begrüssen, wenn
-andre &ndash; und wären es auch nur läppische
-Clowns &ndash; es für sie thun. Blicken Sie
-mich nicht so strafend an, Herr Lichtner,
-ich habe Ihnen manches zu beichten, wozu
-ich eigentlich der Aufmunterung bedarf! &ndash;
-Auf Schritt und Tritt haben mich seit
-Monaten ein paar treue, blaue Augen
-verfolgt. Sie hefteten sich im Tanzsaal
-auf mich, während ich mich im Kreise
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-drehte; sie begleiteten mich auf meinen
-Spaziergängen, ja selbst in den Bildergalerien
-sah ich sie unverwandt auf mich
-gerichtet und bald las ich in ihnen wie
-in einem an mich gerichteten Briefe. Der
-Inhalt war sehr hübsch, vielleicht ein wenig
-zu schwärmerisch für unsre kühle kluge
-Zeit, aber welches Mädchen liesse sich
-nicht mit Freuden wie eine Heilige aus
-dem Kalender, statt wie das gewöhnliche
-Menschenkind, das sie ist, bewundern!
-Aber wo blieb das lebendige Wort?
-»Warum kommt er nicht und spricht mich
-an?« fragte ich mich oft, »So viele gleichgiltige
-platte Gesellen drängen sich mir
-auf, weil ihnen meine Unterhaltung behagt,
-oder mein Gesicht gefällt, nur der einzige,
-der wirklich warm für mich empfindet,
-hält sich abseits.« Zuweilen grollte ich
-Ihnen, manchmal fasste ich tolle Pläne,
-die sich nie verwirklichen liessen, um Sie
-aus den Ecken hervorzulocken, in welche
-Sie sich wie eine Fledermaus verbargen.
-Bis mir endlich eine Rolle in der hässlichen
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-Posse zugetheilt ward und mit ihr
-die Gewissheit, den stummen Mund einmal
-sprechen zu hören. Sind Sie mir
-noch böse, dass ich sie übernahm?«</p>
-
-<p>»Ihnen Ilona? Nein, ich bin es nur
-mir selber. Was für ein alberner Narr
-bin ich gewesen! Wie müssen Sie über
-den veralteten Minnewerber gelacht haben!«</p>
-
-<p>»Gelacht? nein; vielleicht im stillen
-gelächelt. Und auch das nur im Anfang.
-Später fühlte ich mich gerührt und
-beschämt. Wie Schuppen fiel es mir von
-den Augen, dass mir vor vielen Würdigeren
-ein grosses Glück zugefallen, dass für
-mich das schöne Wort Wahrheit und mir
-die Liebe, die das ihrige nicht fordert, zu
-Theil geworden.«</p>
-
-<p>»Sie stellen mich zu hoch«, rief Lichtner,
-»denn ich kam, um zu fordern, um
-Sie zu fordern. Ich bin nicht so genügsam
-und selbstlos wie Sie denken, ich
-strecke meine Hand gierig nach dem
-höchsten Glück aus, das mir das Leben
-gewähren kann.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-»Und warum kamen Sie erst heute?«
-entgegnete sie mit einem Triumphlächeln.
-»Weil Sie nun das Weib Ihrer Liebe in
-Purpur und köstliches Linnen hüllen
-können, als wäre es die Königin von
-Saba. Dieselbe sorgende, opferwillige Liebe
-spricht heute aus Ihrem Kommen, wie
-ehemals aus Ihrem Fernbleiben. Sie
-wandelten diesmal auf einem Irrweg, denn
-ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich
-an Wohlstand und Komfort verschenken; &ndash;
-wären Sie enterbt, ohne andre Aussichten,
-als Ihr Talent und Fleiss sie Ihnen eröffnen,
-zu mir gekommen, ich hätte Ihnen
-genau so wie heute zugerufen: Hugo, wenn
-Sie mich eitles, oberflächliches Geschöpf,
-das Ihre grosse, aufopfernde Liebe nicht
-verdient, an Ihr Herz nehmen wollen, so
-bin ich die Ihre!«</p>
-
-<p>Stockend, im ganzen Gesicht erglühend,
-sprach sie die letzten Worte. Selbst einem
-in irdischen Dingen äusserst unbewanderten
-Blasengel musste dies als der geeignetste
-Zeitpunkt erscheinen, sie stürmisch in die
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-Arme zu schliessen. Für uns hingegen
-erwies es sich als passend und angemessen,
-dem Tête-à-tête endlich die wünschenswerthe
-Einsamkeit zu verschaffen. Rupert
-lief wüthend wie ein angeschossener Eber
-davon (auf Monate hinaus allen Spässen
-so feind, wie der griesgrämigste Schulmeister).
-Wir zwei folgten ihm und trotz
-aller Freundschaft für ihn winkten wir
-einander behaglich zu. Es erweist sich
-stets als im hohen Grade befriedigend für
-die unbetheiligten Zuschauer (und als solche
-fühlten wir uns trotz unsrer schwächlichen
-Vorschubleistung der Posse), wenn die
-Tugend an der gutbesetzten Tafel Platz
-nimmt.</p>
-
-<p>»Das war ein zweischneidiger Aprilscherz«,
-raunte ich Schönborn ins Ohr.</p>
-
-<p>»O, ich habe von allem Anfang an
-vorausgesehen, dass es so kommen werde!«</p>
-
-<p>Das einzigemal in seinem Leben hatte
-er eine Prophezeiung für sich behalten,
-und die ist in Erfüllung gegangen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-BEIM EHESTIFTEN.</h2>
-
-
-<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-<em class="ge">Mütterlich</em> hiess das Losungswort.
-Deshalb setzte sich Adele Mühlenbruch
-vor dem Spiegel ein schwarzes
-Wittwenhäubchen mit weisser Krause auf,
-Aber es sah auf dem blonden lockigen
-Scheitel, über dem jungen übermüthigen
-Gesicht so wenig passend aus, dass ihr
-Töchterchen von ihrem Platz im Erker,
-wo sie Blumen auf einen Porzellanteller
-malte, aufstand, wobei man entdecken
-konnte, dass sie um mehr als Kopfeslänge
-die Mama überragte, das Häubchen abnahm
-und es, ohne ein Wort zu verlieren,
-in die Schachtel zurückwarf.</p>
-
-<p>»Gestatte mir die Bemerkung, dass du
-dir gegen deine Mutter zu viel herausnimmst,«
-sprach Adele, »hätte ich mir das
-erlaubt, dann wäre ich zu Heulen und
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-Zähneklappern in einer finsteren Kammer
-verurtheilt worden, aber« &ndash; ein tiefer
-Seufzer aus beladener Brust &ndash; »die Kinder
-entarten mit jedem Jahre mehr.«</p>
-
-<p>Sophie stellte sich vor sie hin und
-blickte, sie konnte nicht anders, auf sie
-hinunter.</p>
-
-<p>»Willst du mir gefälligst sagen, weshalb
-du dich auf einmal so matronenhaft
-zustutzest? Die Trauerzeit ist längst um,
-welchen Zweck soll also der dunkle Kopfputz
-haben, der dir mindestens zehn
-Lebensjahre zulegt?«</p>
-
-<p>Die ehrwürdige Mama wurde roth wie
-ein Schulmädchen, das sich beim Kirschenstehlen
-ertappen liess.</p>
-
-<p>»Das ist <em class="ge">mein</em> Geheimniss,« sagte sie
-endlich mit einem kläglichen Versuch,
-ihre mütterliche Würde aufrecht zu erhalten.</p>
-
-<p>»Es ist bei Weitem nicht so undurchdringlich,
-wie du dir einbildest.«</p>
-
-<p>»Nun, so will ich dir es gerade heraussagen.
-Ich habe es satt, beständig Anspielungen
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-über die Jugendlichheit meines
-Anzugs zu hören, während du herumgehst,
-als hättest du zwanzig Jahre im
-Kleiderschrank gehangen. Die Leute sprechen
-darüber mit gewohnter Nachsicht
-und Menschenliebe. Gestern liess mich
-erst die Tante des Runkelrübenbarons fast
-ohne jede Verbindung die zwei Bemerkungen
-hören: ›Wie schlicht und nonnenhaft
-Fräulein Sophie immer erscheint!‹
-und ›Sie, gnädige Frau, wetteifern mit
-den Saligen Fräulein, die nie altern.‹ Ich
-will keine Stiefmutter aus dem Volksmärchen
-vorstellen!« Dabei setzte sie ihr
-niedliches Füsschen mit grosser Entschiedenheit
-auf den parquettirten Boden.
-»Wenn du nicht heute im hellen Kleid
-mit mindestens einem Dutzend himmelblauer
-oder rosenrother Schleifen bei
-Tische erscheinst, dann setze ich nicht
-nur den Greuel aus der Schachtel auf,
-ich hülle mich auch noch in irgend eine
-ganz unmögliche härene oder sackleinene
-Kutte.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-»Das wäre unverantwortlich gegen
-unseren Gast. Es würde ihn an die Antwerpener
-Kathedrale erinnern, die den
-Andächtigen gratis offen steht, nur bleibt
-das Schönste darin, Ruben's Kreuzabnahme,
-hinter grünen Vorhängen versteckt.« Dabei
-strich Sophie patronisirend über den
-lockigen Scheitel.</p>
-
-<p>Mama verlor beinahe die Geduld, obschon
-sie Sophiens unkindliches Benehmen
-gewohnt sein sollte. Seit jeher wurde sie
-von dem sehr energischen Fräulein wie
-ein unflügges Nestkücken behandelt. Das
-rührte davon her, dass Adele sich im Pensionat
-unter die wissenschaftlichen Fittiche
-ihrer Busenfreundin zu flüchten pflegte,
-so oft ihr die höhere weibliche Bildung,
-Schliemann's Ausgrabungen, die Algebra,
-das Nibelungenlied Augenblicke des Strauchelns
-bereiteten.</p>
-
-<p>Aber Alles zur rechten Zeit! Wenn
-man im Stillen den Plan ausgeheckt hat,
-seine Tochter zu verheirathen, dann kann
-man unmöglich Geschmack daran finden,
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-sich von ihr beschützen und bevormunden
-zu lassen. Schmollend stellte sich die junge
-Wittwe an's Fenster. Sophie betrachtete
-sie eine Weile mit dem Wohlgefallen eines
-Künstlers an seinem gelungenen Werk.</p>
-
-<p>»Kleine Mama, ich glaube, dass du
-noch hübscher geworden bist, seit du mich
-hierher begleitet und mein alter grämlicher
-Herr Papa (mit dem ich mir das Zusammenleben
-als eine Art von Pönitenz für die
-lustige Pensionszeit vorgestellt) so gescheidt
-war, sich auf den ersten Blick in
-dich zu verlieben.«</p>
-
-<p>Frau Mühlenbruch bewahrte ihrem abgeschiedenen
-Gemahl, der die blutarme
-Offizierswaise vor der drohenden Stiftsdamenlaufbahn
-bewahrt, eine dankbare
-Erinnerung, aber die Wahrheit zu gestehen,
-auf den Tag, da die Posaune des
-jüngsten Gerichts die durch den Tod getrennten
-Ehepaare für ewige Zeiten zusammenfügen
-wird, freute sie sich nur
-mässig: Ein kleinlicherer Haustyrann als
-der verstorbene Commerzienrath hat wohl
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-selten die Bühne des Lebens beschritten.
-So drückte sie denn bei dieser Mahnung
-an ihn das Taschentuch nicht gerührt an
-die Augen, sondern versetzte, vollständig
-mit ihrer Beschützerin ausgesöhnt:</p>
-
-<p>»Damals hast du ohne eine Spur von
-Selbstsucht Kranz und Schleier in meinen
-Haaren befestigt; es ist nichts als billig&nbsp;&ndash;«.
-Dabei brach sie ab, biss sich auf die Lippen
-und wandte ihr purpurrothes Gesicht
-wieder der kahlen Lindenallee zu, die von
-dem Schlösschen zum Bahnhof führte.</p>
-
-<p>Sophiens Gesicht überflog ein Lächeln.</p>
-
-<p>»Zur Diplomatin bist du nicht geboren,
-liebes Kind,« murmelte sie unhörbar.</p>
-
-<p>Woher Frau Adele eigentlich den Muth
-nahm, dem Himmel in's Handwerk zu
-pfuschen, ist schwer zu sagen. Der junge
-Mann, dessen künftige Glückseligkeit sie
-zu begründen dachte, hätte vermuthlich
-einen weiten Bogen um das Schlösschen
-gemacht, wenn er eine Ahnung von ihren
-Plänen gehabt, denn obschon kein Frauenhasser,
-hatte Robert v.&nbsp;Eichberg bisher
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-nicht die leiseste Sehnsucht nach ehelichem
-Glück zur Schau getragen. Dem früheren
-flotten Reiteroffizier und jetzigen reichen
-Gutsherrn auf Eichberg wären sonst ohne
-Zweifel die Thüren, an die er gepocht
-hätte, bereitwillig aufgemacht worden.
-Er war ein entfernter Vetter von Adele,
-doch hatte sie ihn seit ihren Kinderjahren
-nicht gesehen. Damals ein tölpelhafter,
-derber Junge, der sich im Hause ihres
-Vaters auf den künftigen Feldmarschall
-vorbereitete, hatte er seine Mussestunden
-damit ausgefüllt, das kleine Mädchen zu
-hänseln und zu ärgern. Doch schien sie
-alle Frevelthaten gegen ihr Kätzchen und
-ihren Kanarienvogel grossmüthig vergeben
-und vergessen zu haben. Wäre er eine
-Patentmedicin gegen alle erdenklichen
-Uebel und sie die Erfinderin derselben
-gewesen, sie hätte ihn nicht begeisterter
-loben können. Er besass so viel Herzensgüte!
-Gleich nachdem er die Verwaltung
-von Eichberg angetreten, hatte er aus
-seinen Privatmitteln die Dorfschule umgebaut.
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-Ihn zeichnete solch ein reger
-Familiensinn aus, was man auch schon
-daran zu erkennen vermochte, dass er,
-nachdem er sein Bäschen seit mehr als
-zwölf Jahren nicht gesehen, ihr urplötzlich
-seinen Besuch &ndash; von einer landwirthschaftlichen
-Ausstellung auf weitem Umweg
-heimfahrend &ndash; ankündigte; aber
-ausser diesem Beweis hatte er auch noch
-eine alte Tante, die in kümmerlichen Verhältnissen
-lebte, sorgenfrei gestellt, die
-Erziehung ihrer Söhne aus seiner Tasche
-bestritten; kurz, wenn man der eifrigen
-Sprecherin glauben wollte, dann wird das
-Jahrhundert zu Ende gehen, ohne einen
-zweiten Menschen, der ihm gleicht, hervorzubringen.</p>
-
-<p>»Die von dir geschilderten Charakterzüge
-berechtigen allerdings zu den besten
-Hoffnungen,« versetzte Sophie mit undurchdringlichem
-Gesicht; nur um ihre
-Mundwinkel zuckte der Schalk. Die Mama
-fiel ihr ohne jeden sichtbaren Anlass um
-den Hals. Doch hätte sich ihre Befriedigung
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-vermuthlich weniger stürmisch geäussert,
-wenn sie Sophiens Gedanken gelesen, denn
-diese sehr scharfblickende Dame hatte über
-den angekündigten Besuch ihre eigene,
-von der Mamas sehr abweichende Meinung.</p>
-
-<p>»Papas Testament soll ihm nach dem
-vollen Wortlaut bei erster Gelegenheit als
-Erfrischung vorgesetzt werden,« sagte sie
-für sich, während ein nicht allzu freundschaftlicher
-Blick dem staubumwirbelten
-Wagen, der in diesem Moment die Lindenallee
-herauffuhr, entgegenflog.</p>
-
-<p>Zweifle Einer an der Stimme des
-Blutes! Ohne sich zu besinnen, eilte der
-junge staatliche Mann auf Adele zu, wiewohl
-ihre kleine zierliche Gestalt von der
-imposanten Stieftochter förmlich beschattet
-wurde, und drückte und schüttelte ihr die
-Hände mit so ehrlicher Freude im Gesicht,
-dass selbst die eherne Sophie ein wenig
-zu schmelzen anfing. Herr Robert von
-Eichberg machte übrigens durch sein Auftreten
-einen Eindruck, als eigne er sich
-eher für die Rolle eines Naturburschen,
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-als für die eines glatten Hofmannes. Dass
-sich noch eine zweite Dame im Zimmer
-befand, schien ihn gar nicht zu kümmern.
-Frau Adele, als stellvertretende Vorsehung,
-hätte gewünscht, dass er vor der majestätischen
-Erscheinung Sophiens geblendet
-stehen und seine unbedeutende Cousine
-im vierten oder fünften Glied vollständig
-übersehen solle. Statt dessen blickte er
-sie, die ehrwürdige Matrone, mit einem
-naiven Vergnügen an, etwa wie ein kleiner
-Junge den lichterbesteckten Christbaum.
-Aber sie wollte ihm die Augen öffnen!</p>
-
-<p>»Robert,« sagte sie mit Nachdruck,
-»dies ist meine Tochter Sophie.« Da aber
-verfiel der Vetter in seine alte Kinderkrankheit.
-Er brach in ein schallendes
-Gelächter aus. Adele zog befremdet die
-Augenbrauen in die Höhe.</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie meine unzeitige
-Heiterkeit,« sagte Robert und fing von
-Neuem zu lachen an, »aber der mütterliche
-Beschützerton, Cousinechen, klingt in
-Ihrem Munde zu komisch;« vertraulich
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-wandte er sich an Sophie, »sie ist wohl
-sehr streng, die ehrwürdige Mama, und
-wenn Sie nicht auf den Wink gehorchen,
-setzt es Fasten und Hausarrest?«</p>
-
-<p>Aber der freundschaftlichen Anrede
-antwortete kein Echo.</p>
-
-<p>»Ich bin neugierig, wie oft du mich
-noch durch die Betonung deiner Autorität
-vor Fremden lächerlich machen wirst!«
-sagte das Fräulein in weinerlichem Ton
-zu Adele, »und du willst keine Stiefmutter
-aus dem Märchen vorstellen!«</p>
-
-<p>Mama war verblüfft. Herr Robert aber
-bildete sich in tiefer Menschenkenntniss
-ein unfehlbares Urtheil über die junge
-Dame.</p>
-
-<p>»Das ist eine unangenehme Person,«
-dachte er.</p>
-
-<p>Man setzte sich, Fräulein Sophie in
-gemessener Entfernung von den Anderen,
-als gehöre sie nicht zu ihnen. Darüber
-hätte sich schier ein erleichtertes Aufathmen
-der Brust des jungen Mannes entrungen.
-Doch war sie leider nicht so
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-vertieft in ihre Porzellanmalerei, um nicht
-von Zeit zu Zeit eine boshafte oder schulmeisternde
-Bemerkung in das Gespräch
-einzuwerfen. Als Adele wissen wollte, wie
-es bei der Ausstellung zugegangen, klang
-es ätzend vom Fenster herüber:</p>
-
-<p>»Ohne Zweifel wie immer. Du hättest
-dir deine Frage füglich ersparen können.
-Ausstellungen sind nur dazu da, damit die
-Herren Landwirthe Madame Cliquot bereichern
-und den Klatsch der Gegend
-austauschen können.«</p>
-
-<p>»Sie ist das reine unverfälschte Scheidewasser,«
-sagte Rudolf für sich und warf
-einen scheuen Blick in den Erker hinüber,
-»das Dasein, das meine arme kleine Cousine
-in Gesellschaft ihrer Stieftochter
-führt, muss Alles eher, denn erquicklich
-sein.«</p>
-
-<p>Frau Adele seufzte. Was für Sorgen
-bereiten Einem doch die Kinder, besonders
-wenn sie erwachsen sind! Von
-Rechtswegen hätte sie sich es verschwören
-sollen, je wieder Pläne zum Heil der
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-Undankbaren zu schmieden, denn ohne
-ein Wort der Entschuldigung entwich sie
-plötzlich aus dem Zimmer, als sich der
-Gast, freilich nicht allzu rücksichtsvoll, in
-Jugenderinnerungen vertiefte. Aber Frau
-Mühlenbruch befand sich auf der Höhe
-ihrer Aufgabe. Wie ein Cicerone von
-Uebung und Beruf wies sie dem Vetter
-alle Schätze ihres Hauses, Vasen und Decorationsteller,
-die Sophie bemalt, Kreidezeichnungen
-und Aquarellbilder, das Werk
-ihrer Künstlerhände, Makartbouquets, die
-nur sie so geschmackvoll zu ordnen verstand,
-Kissen, Decken und Stuhlbezüge,
-die sie gestickt.</p>
-
-<p>»Da, Barbar, wirf dich vor solchen das
-Leben verschönernden Talenten bewundernd
-auf die Knie,« schien ihre Triumphmiene
-zu fordern. Aber Robert traf nicht
-einmal mit guten Vorsätzen Anstalten
-dazu. Ihm kam der Gedanke, um wie viel
-angenehmer die Wanderung durch Galerien
-und Raritätensammlungen wäre, wenn
-statt des näselnden Leiertons der Führer
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-solch' eine wohlklingende, einschmeichelnde
-Stimme bei den Erklärungen erschallte.
-Und als sie verstummte, bemerkte er wie
-erwachend:</p>
-
-<p>»Es muss Ihnen manche Annehmlichkeit
-bieten, dass eine so viel ältere Freundin
-Ihnen Gesellschaft leistet und das Haus
-ausschmückt.«</p>
-
-<p>»Viel älter?« sie blickte ihn strafend
-an, »Sophie zählt kaum zwei Jahre mehr
-als ich.«</p>
-
-<p>»O, ich behaupte nicht, dass sie alt
-aussehe; nur Sie, Cousinechen, sind ganz
-unbegreiflich jung geblieben.«</p>
-
-<p>Sie war böse auf sich, aber sie musste
-lächeln. Vetter Robert hatte so eine ungeschminkte
-ehrliche Art, seine Bewunderung
-auszudrücken. Wenn es ihr gelänge,
-dieselbe an die richtige Adresse zu leiten,
-so könnte Sophie in allen Erdtheilen keinen
-liebenswürdigeren Gatten finden.</p>
-
-<p>Getreu dem mütterlichen Gebot erschien
-Fräulein Mühlenbruch bei Tische
-wirklich mit einem wohlgezählten Dutzend
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-himmelblauer Schleifen geschmückt. Aber
-die heimtückische junge Dame hatte sie
-in äusserst merkwürdiger Weise vertheilt.
-An beiden Schultern standen zwei himmelblaue
-Henkel in die Höhe, das nicht eben
-üppige braune Haar wurde von einem
-Bandknoten zusammengehalten, dessen
-Enden bei jeder Bewegung um den Kopf
-flatterten (»wie bei einer überlebensgross
-gerathenen Confirmandin,« dachte Mama
-entsetzt), kurz, wenn sie einige Jahre Studium
-darauf verwendet, eine Caricatur
-aus sich zu machen, so hätte es ihr nicht
-besser gelingen können. Doch sollte die
-Arglistige nicht straflos ausgehen. Als
-der Kaffee aufgetragen wurde, stiess sie
-plötzlich einen Schreckensruf aus und
-verschwand, wie von Furien gejagt, aus
-dem Zimmer.</p>
-
-<p>Adele blickte erstaunt auf. Durch die
-hohen Glasfenster sah sie eine lange, magere
-Gestalt auf das Schloss zuschreiten.
-Sollte diese Sophie in die Flucht getrieben
-haben? Sonst hielt sie mit musterhafter
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-Geduld dem Manne, ihrem Gutsnachbar,
-stille, selbst wenn er auf sein Steckenpferd,
-die Runkelrüben, kam; sie lauschte
-seinen Erklärungen über eine neue Dresch-
-oder Säemaschine mit der Miene einer
-begeisterten Adeptin, während Mama sich
-meist zurückzog, da sie in der Nähe des
-Barons Hellmer von Schlafsucht befallen
-wurde; warum entschlüpfte das unberechenbare
-Mädchen heute bei seinem Erscheinen?
-Aber zu weiterem Nachdenken war
-keine Zeit; der neue Gast trat ein. Er
-nahm die angebotene Tasse Kaffee an und
-blickte suchend umher.</p>
-
-<p>»Ich hoffe, Fräulein Sophie befindet
-sich wohl?«</p>
-
-<p>Frau Mühlenbruch war in Verlegenheit.
-Glücklicher Weise trat das unbotmässige
-Töchterchen bald wieder ein, wie
-gewöhnlich einfach und dunkel gekleidet,
-das Haar in einen Knoten aufgesteckt,
-die Verkörperung ruhiger Vernunft und
-kühler Klugheit. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit
-dem Runkelrübenbaron zuwendete,
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-blieb der Mama nichts übrig,
-als sich Robert zu widmen. Vielleicht
-wäre es nicht unumgänglich nöthig gewesen,
-dabei so leuchtende Augen und
-geröthete Wangen zu bekommen, doch
-entschädigte sie Sophie gewissenhaft. Als
-diese mit Baron Hellmer durch den Park
-und über die nun kahlen Felder schritt,
-Verbesserungen in der Wirthschaft besprechend,
-folgte sie mit Eichberg und
-verbreitete sich wie vorhin über die künstlerischen,
-nun über die praktischen Vorzüge
-Sophiens. Um das lichte Bild im
-breitkrämpigen Hut und wasserdichten
-Stiefelchen mit seinem Hintergrund nahrhafter
-Thätigkeit besser hervortreten zu
-lassen, malte Adele sich selber mit Tusch.
-Im Schaukelstuhl, eine Novelle von Heyse
-in der Hand, verträume sie die Zeit, während
-Sophie in Regen und Sonnenbrand
-die Wirthschaft leite.</p>
-
-<p>Es war ihr erster Versuch im Ehestiften,
-sonst hätte sie sich vielleicht gesagt,
-dass Robert, wenn er auch ein wenig
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-verbauert sein mochte, sich doch lieber
-von zierlichen Goldkäferpantöffelchen, als
-von schweren Wasserstiefeln regieren lassen
-wollte und trotz seiner Ueberzeugung vom
-Nutzen des Düngers nicht wünschte, dass
-ihm dieser aus den Kleidern seiner schöneren
-Hälfte entgegenschlüge.</p>
-
-<p>Immerhin bildete die gemeinsame Beschäftigung
-eine Brücke zwischen Sophie
-und dem jungen Mann. Ihre bewaffnete
-Neutralität wäre ohnehin nicht aufrecht
-zu erhalten gewesen, da Robert, ohne sich
-lange bitten zu lassen, seinen Besuch auf
-mehrere Tage ausdehnte. Fräulein Mühlenbruch
-liess sich herbei, mit ihrer gewohnten
-kühlen Ruhe zu antworten, wenn er sie
-anredete; sie mieden einander nicht mehr
-auffällig und pflogen zuweilen sogar längere
-Zwiegespräche. Frau Adele begann zu
-glauben, dass ihr geheimer Plan der Verwirklichung
-entgegenreife. Aber sie machte
-nun die Erfahrung, dass das erreichte Ziel
-bei Weitem nicht so verlockend ist, als
-man, es erstrebend, gedacht. Ihr Lachen
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-bekam in den letzten Tagen einen etwas
-erzwungenen Klang, ihre Augen einen
-Ausdruck der Ermüdung, fast, als hätte
-sie Nachts wenig Schlaf gefunden. Und
-während Sophie heiterer und lebhafter
-wurde, je länger Robert auf dem Schlösschen
-verweilte, erschien die junge Frau
-stiller und gedrückter. Dennoch behielt
-sie vor den Zweien ziemlich tapfer die
-Maske der zufriedenen, in dem Glück der
-Kinder das ihre findenden Mama bei, aber
-als sie allein in ihrem Zimmer sass und
-den Vetter mit Sophie im eifrigen Gespräch
-über die Kieswege des Parkes wandern
-sah, hielt sie die Verstellung für
-überflüssig und liess die Betrübniss, die
-sie empfand, sich ganz deutlich auf ihrem
-Gesicht spiegeln. Denn unten verhandelte
-man Wichtiges, Entscheidendes. Robert
-legte seine Hand mehr als einmal betheuernd
-auf die Brust, und Sophie antwortete
-mit ihrem freundlichsten Lächeln.
-Frau Adele denkt im Stillen, die Beiden
-werden eine Ehe führen, um welche sie
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-alle Engel im Himmel beneiden können.
-Das Glück, das sie gestiftet, verleitet sie
-zu Vergleichen; aber das Zusammenleben
-mit dem grämlichen Herrn Mühlenbruch
-erscheint dabei nicht in seiner günstigsten
-Beleuchtung.</p>
-
-<p>Das Pärlein unten trennt sich mit
-einem Händedruck, dessen Wärme sie
-durch alle Mauern zu verspüren glaubt,
-Robert schreitet dem Schlösschen zu, seine
-Schritte nähern sich ihrer Thüre. Sie
-weiss, weshalb er kommt. Ihre Finger
-greifen nach der Wittwenhaube, aber was
-soll ihr in diesem ernsten Augenblick der
-Mummenschanz? Sie wird mit äusserlicher
-Fassung ihren mütterlichen Segen
-zu der Verbindung aussprechen, die sie
-herbeigeführt. Wie ihr dabei zu Muthe
-ist, das soll kein Lebender erfahren.
-Wäre es nur vorüber, hätten die zwei
-Glücklichen ihrem einsamen Wittwensitz
-bereits den Rücken gewendet!</p>
-
-<p>Einige Minuten später tanzen alle Kunstwerke,
-die Sophiens Hände geschaffen,
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-im Kreise um die junge Frau herum und
-nehmen Ständer und Tischchen mit. Als
-sie sich wieder auf ihre Plätze verfügten,
-befand sich Adele an Robert's Brust.
-Und nun erfuhr sie, dass er um ihretwillen
-die Fahrt in das Schlösschen angetreten,
-ein gelieferter Mann, noch bevor
-er kam. Vor etlichen Wochen hat er auf
-dem Bahnhof in Hannover (wo Adele,
-wie sie sich jetzt erinnert, eine Freundin
-besucht) ein Billet für eine fremde, rathlos
-im Gedränge stehende Dame gelöst.
-Sie hatte den hülfreichen Mann schleunigst
-vergessen &ndash; solche kleine Ritterdienste
-mochten ihr oft genug erwiesen
-worden sein. Ihm aber hatten es ihre
-übermüthigen braunen Augen angethan;
-er spürte ihr nach, erfuhr, dass es sein
-eigenes Bäschen sei, das ihn bezaubert,
-und so hatte er sich aufgemacht, sein
-Glück zu suchen.</p>
-
-<p>Adele befreite sich plötzlich aus seinen
-Armen.</p>
-
-<p>»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus,«
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-sagte sie stockend und wurde feuerroth,
-»wenn ich mich nochmals verheirathe, fällt
-das ganze Mühlenbruch'sche Vermögen an
-Sophie.«</p>
-
-<p>Ein tiefer Athemzug hob seine breite
-ehrliche Brust.</p>
-
-<p>»Ich weiss es« (Fräulein Sophie hatte
-ihn erst vor einer Viertelstunde mit dem
-Testament bekannt gemacht), »aber, Liebchen,
-eine kleine warme Kirchenmaus hat
-mir seit jeher mehr Sympathie eingeflösst,
-als ein kalter klebriger Goldfisch.«</p>
-
-<p>Sophie kam herein und wünschte mit
-freudigem Gesicht den Verlobten Glück.</p>
-
-<p>»Kleine Mama,« flüsterte sie lachend
-Adelen in's Ohr, »für einen ersten Versuch
-ist dir das Ehestiften nicht schlecht
-gelungen.«</p>
-
-<p>Frau Mühlenbruch zeigte eine zerknirschte
-Miene. »Ich wollte meine
-mütterliche Pflicht gegen dich erfüllen,«
-sprach sie leise, dem Weinen nahe.</p>
-
-<p>»Das war vollständig überflüssig; ich
-bin schon seit drei Wochen mit Helmer
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-verlobt. Ich habe nur gewartet, bis ich
-dich versorgt und aufgehoben weiss,
-denn dich, unmündiges Kind, allein auf
-Juliusruhe zurück zu lassen, erschien mir
-als Grausamkeit.«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-IM HERBST.</h2>
-
-
-<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Durfte Leonhard Gruber wie andere
-Menschenkinder einen Frühling
-haben? Wenn man es recht bedenkt, nein,
-denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse
-zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter
-die eigentliche Jahreszeit, die Zeit der
-Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang
-zum gefürchteten, ertragsarmen Sommer,
-der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte
-Epoche ist, in welcher sich die Tretmühle
-wieder in Bewegung setzt. Und er wusste
-gut genug, dass all der beglückende Unsinn:
-Nachtigallenschlag, Rosenduft, eine kleine
-Hütte im Grünen, braune Augen und
-blonde Locken nichts für ihn seien. Bis
-zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte
-er die Hände davon gelassen, was insofern
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-nicht schwer war, als er, vom frühen
-Morgen bis zum späten Abend rastlos
-umherlaufend, um unartige Bengel in die
-Mysterien der Dur- und Mollscalen einzuweihen,
-nicht mehr von der Versuchung,
-glücklich zu sein, empfand, als wenn er
-in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und
-Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten
-eingeschlagen hätte. Aber da
-war das Schicksal boshaft genug, ihm den
-Frühling wie auf einem Präsentirbrett
-sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne
-die geringste Warnung war er da, nur
-durch eine dünne Wand von ihm getrennt,
-in welcher sich obendrein eine Thüre
-befand, die sehr mangelhaft von einer Seite
-durch ein Clavier, von der anderen durch
-einen mit allerhand dünnen Fähnchen behängten
-Kleiderschragen verbarricadirt
-war. Am Abend pflegte Herr Leonhard
-Gruber die sacht und fein zusammengefalteten
-Pläne von Künstlerschaft und
-Triumph für ein Stündchen oder zwei
-hervor zu holen, ohne praktischen Nutzen,
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen
-Fingerübungen hatten, weit überflügelten.
-Als er nun einmal wieder ein
-paar Töne auf seinem abgespielten Instrument
-angeschlagen hatte, erhob sich nebenan,
-in dem seit etlichen Wochen leerstehenden
-Zimmer eine helle, frische
-Mädchenstimme und sang Sonaten und
-Etuden tapfer mit, die Läufe selbst ahmte
-sie mit einem lustigen dideldideldidel nach.
-Den armen Leonhard gemahnte sie an eine
-Spottdrossel, die er als Knabe daheim in
-den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu
-oft, denn als man ihm noch die dicksten
-Notenbücher unterschieben musste, damit
-er mit den Händen die Claviatur erreiche,
-bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines
-Lineal an den Klimperkasten fest.</p>
-
-<p>Das Interesse an der Nachbarschaft
-hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja zu
-verschlafen, worüber sein erster Schüler,
-der wilde freche Junge vom »Selcher«
-(Metzger), den er an den Stuhl binden
-muss, um ihn eine Stunde lang festzuhalten,
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte,
-regten sich nebenan flinke, feste
-Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen,
-und als sie die Treppe hinabgingen, stellte
-er sich an's Fenster, zum erstenmal im
-Leben ein weibliches Wesen belauernd.
-Hübsch? das ist kein Wort; hübsch ist
-am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber
-nicht Jede hat solch ein pikantes feines
-Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem
-Halse wiegt, solche lustig in die Stirn
-fallende Locken, so ein rosiges Gesicht.
-Die Augen kann er nicht sehen, aber
-sicher blitzen sie in Uebermuth und Lebensfreude.
-Frau Lechleitner bringt ihm die
-obligate Cichorienbrühe herein, und er
-getraut sich, in unbefangener Weise die
-Worte hinzuwerfen: »Das Zimmer nebenan
-scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die
-Schleusse ist geöffnet. Frau Lechleitner
-würde kein alleinstehendes Mädchen in
-ihr Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit,
-aufnehmen, man weiss ja, was dabei
-»herausschaut«. Aber die Franzi kennt
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-sie schon von klein auf, hat ihr manchen
-Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine
-Witwe mit dreizehn Gulden monatlicher
-Pension war, und die »Zimmerherrn« sind
-so unverlässlich, womit sie jedoch selbstverständlich
-Herrn Gruber nicht gemeint
-haben will, der pünktlich wie eine Uhr
-ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's
-Mutter war ihre beste Freundin und ihren
-Vater hätte sie einmal heirathen sollen,
-und er war desperat, als sie mit Herrn
-Lechleitner Sonntag auf die Siebenbrunnerwiese
-spazieren ging.</p>
-
-<p>»Das haben Sie mir schon erzählt!«
-ruft Leonhard verzweifelnd aus.</p>
-
-<p>»Er hat dann meine Freundin genommen,
-und sie haben auch recht gut mit einander
-gelebt, sind aber beide vor zwei
-Jahren gestorben. Und die Franzi schlägt
-sich mit Kleidernähen durch und bleibt
-brav dabei.«</p>
-
-<p>Frau Lechleitner wird nicht müde, die
-Tugenden ihres Schützlings zu rühmen.
-Vor ihm steigt dräuend das Bild einer
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-mit tausend Spitzen und Stacheln gepanzerten
-Jungfrau auf, voll der herben
-Wehrhaftigkeit, dem pharisäischen Tugendstolze
-alleinstehender braver Mädchen.
-Und er weiss nicht, ob er sich über die
-Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf«
-freuen soll, mit welcher ihn die Hauswirthin,
-die Anwesenheit der hübschen
-Nachbarin in Aussicht stellend, für den
-nächsten Sonntag überrascht.</p>
-
-<p>Ziemlich trübselig erwartet er, in die
-Ecke des alten Sophas gedrückt, sein
-Schicksal. Die Thür geht auf, lachend
-und schwatzend und ein wenig verlegen
-kommt die sanglustige Nachbarin herein.
-Sie ist keine Jungfrau in Wehr und Waffen,
-sondern ein herziges kleines Ding voll
-drolliger Einfälle und &ndash; gerade nur zur
-Würze &ndash; etwas schnippisch. Nach den
-ersten paar Minuten erscheint ihm die
-versessene Sophaecke als das behaglichste
-Plätzchen der Welt. Als er die ungeheuere
-Tasse Kaffee, die ihm die Hausfrau reicht,
-über das Tischtuch und Franziskas neues
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-Kleid ausschüttet, weiss sie das Unglück
-mikroskopisch klein zu machen; natürlich
-lassen sich die Flecken entfernen, wird
-das Kleid gewaschen wie neu aussehen!
-Wie sich ihm das schüchterne Herz in
-der Brust dehnt, wie seine blauen Augen,
-das einzige Anziehende in dem unjugendlichen
-Gesicht, zu leuchten anfangen! Heute
-scheint die Sonne ganz anders als sonst,
-Frühling, Frühling! zwitschern die Spatzen
-auf der Strasse. &ndash; In seiner Stube entlockt
-er dem Flügel stürmische, jauchzende
-Weisen, stürmisch und jauchzend singt
-die Spottdrossel nebenan, und Frühling,
-Frühling! klingt es aus den Tönen.</p>
-
-<p>Durfte Leonhard Gruber einen Frühling
-haben? In den Händen hielt er einen
-Brief; mit leisem Bangen, wegen dessen
-er sich herzlos und unkindlich schalt, öffnete
-er ihn. Oft kamen Episteln von derselben
-Hand, sie sind mit Klagen über Einschränkungen
-erfüllt, wie Luise noch immer
-im alten Kleide gehe, Lina einen Mantel
-brauchte, wie trostlos das Geschick einer
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-Witwe und armer Waisen sei, die ihres
-Ernährers beraubt worden. Drei Viertheile
-von Leonhard's Verdienst wandern
-nach Mureck, seit Jahren hat er keine
-Oper, kein gutes Concert besuchen können,
-im Winter trägt er dünne und im Sommer
-dicke Kleider, wie sich das bei armen
-Teufeln trifft, aber so oft er ein solches
-Schreiben liest, erscheint er sich wie ein
-schwarzer Missethäter.</p>
-
-<p>Diesmal jedoch enthält es eine Freudenbotschaft.
-Das heisst, einem Anderen
-würde sie vielleicht nicht so sehr verheissungsvoll
-klingen, da sie ihm zunächst
-noch mehr Entbehrungen auferlegen wird.
-Aber mein Leonhard Gruber verspricht
-sich leicht einen schönen Tag, so oft ein
-winziges Stückchen blauen Himmels durch
-graue Wolken bricht: der zweite Sohn
-des alten Organisten wird, Dank dem
-adeligen Schlossherrn von Mureck, der
-Leonhard's musikalische Ausbildung ermöglichte,
-einen Stiftplatz am Wiener Conservatorium
-erhalten. Was dem älteren
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Bruder versagt geblieben, soll dem jüngeren
-zu Theil werden. Leonhard wird ihm jeden
-Stein aus dem Weg räumen, damit er
-sich ungehindert der anspruchsvollen Frau
-Musica widmen könne, aber wenn nun
-Karl ein berühmter Künstler geworden,
-dann kann er die Sorge für die Familie
-übernehmen.</p>
-
-<p>Und dann verlobte sich Leonhard.
-Warten? Ob es Franzi recht ist! so hat
-sie es stets geträumt, wenn in ihrem Köpfchen
-der Gedanke an ein eigenes Haus
-aufgetaucht. Stück für Stück zum Bau
-des Nestes herbeitragen, bis es gezimmert
-und ausgepolstert ist, das muss ungleich
-hübscher sein, als in ein von Tischler und
-Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen.</p>
-
-<p>Daheim waren sie Anfangs geneigt,
-es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass
-er sich mit vermessenen Gedanken an einen
-eigenen Herd trug, aber da an die Ausführung
-nicht gegangen werden sollte,
-bevor Karl eine feste Stelle in der Welt
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-errungen, gab die Mutter in Gnaden ihre
-Einwilligung.</p>
-
-<p>Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine
-Lehrer knüpften hohe Erwartungen an
-ihn, aber dem genialen Burschen gebrach
-es an einer Kleinigkeit, es war ihm nicht
-ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn,
-dem Leben. Das Glück heftete sich Anfangs
-an seine Fersen. Er hatte kaum
-den Schulstaub abgeschüttelt, da lud ihn
-der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen,
-zu einer Abendgesellschaft ein.
-Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge
-Künstler kam in Mode. Aber die Mutter
-wandte sich nicht an ihn um Hülfe in
-ihren endlosen Nöthen, denn uneröffnet
-lag ein ganzer Stoss von Familienbriefen
-auf seinem Clavier. Während der Schülertage
-hatte er Bett und Tisch des Bruders
-getheilt, aber die kleine, schlecht beheizbare
-Stube im entlegenen Vorstadthaus
-war kein passender Aufenthalt für einen
-gefeierten Virtuosen. Auch verdarb ihm
-das lästige Mitsingen im Nebenzimmer &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs
-Jahren klang es freilich nicht mehr &ndash;
-jede Inspiration, griff ihm die Nerven an,
-machte ihm das Leben zur Qual. Er
-miethete sich ein passendes Künstlerheim
-an der Ringstrasse. So kirchenstill es in
-den Augenblicken, da er mit der Muse
-Zwiesprache hielt, um ihn sein musste,
-so laut liebte er seine Gesellschaft in den
-vielen Erholungsstunden. Er besass eine
-Leidenschaft für alle schäumenden Getränke,
-und die Gasflammen einer Wirthsstube
-lockten ihn wie eine Motte an.</p>
-
-<p>Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann
-liess er sich wie in seiner Schulzeit vom
-älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich
-dieser beileibe keine Vorstellungen erlauben,
-sonst liess sich der Virtuose Monate
-lang nicht blicken. Und Leonhard, gutmüthig,
-schwach und unaufhörlich von
-der Furcht gequält, er erfülle schlecht das
-Versprechen, das er dem sterbenden Vater
-gegeben, suchte ihn dann wohl zuerst auf
-und gab gute Worte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Franziska, der in letzter Zeit zuweilen
-der Gedanke gekommen, dass man auch
-Pflichten gegen sich selber habe, vernahm
-es denn auch ohne das leiseste Bedauern &ndash;
-wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren
-Bräutigam ihren Gefühlen keinen beredten
-Ausdruck lieh&nbsp;&ndash;, dass Meister Karl, eine
-ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor
-Thau und Tage aus Wien entwischt war.
-Es geschah ihm dadurch kein Leid, im
-Gegentheil, jetzt erst befand er sich in
-seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde
-einer der modernen Landstreicher, die
-herrlich und in Freuden, von Bierquelle
-zum Weinborn pilgernd, leben, wenn ihnen
-ein insipides Getränk, das Wasser, bis in
-den Mund reicht, unter Aufzählung ihrer
-Titel und Orden »ein einziges Concert auf
-der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten
-und dem geschmeichelten Localpatriotismus
-so viel erpressen, um ihren Kahn
-eine Weile flott zu erhalten.</p>
-
-<p>Monate lang ging Leonhard niedergedrückt,
-eine Beute heftiger Gewissensbisse
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-umher. Es war sträflicher Leichtsinn
-gewesen, ein blühendes, junges Leben
-an das seine, das er Anderen verpfändet
-hat, zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus,
-in das der Wind gefahren, lagen seine
-Hoffnungen auf dem Boden.</p>
-
-<p>»Wir müssen eben warten,« tröstete
-ihn Franzi, aber es klang anders als vor
-Jahren, da sie im Warten die eigentliche
-Würze ihres Brautstandes gesehen. »Wie
-könnte mir einfallen, Dich von Deiner
-Pflicht abwendig zu machen!« Leonhard's
-Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen;
-ein anderer Bruder theilte sie.
-Der besondere Liebling Seiner Hochwürden,
-des Herrn Pfarrers von Mureck,
-sollte er einige Jahre Theologie studiren,
-dann war ihm ein Pfarramt gewiss. Das
-Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne
-auf dieses künftige Glück: Natürlich wird
-das Pfarrhaus im Grünen liegen, Weinlaub
-daran emporklettern, ein Garten voll Aepfel-
-und Birnbäumen es umschliessen &ndash; Franzi
-wässert schon jetzt der Mund nach den
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-saftigen Früchten&nbsp;&ndash;, man kann nicht
-allein darin hausen, Mutter und Schwester
-werden zum Seelenhirten ziehen. Wenn
-Ignaz es erlaubt, warum sollte er nicht?
-sein ältester Bruder theilt ja auch jeden
-Bissen mit ihm, dann kommt Leonhard
-mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn
-seine Schüler auf das Land geflohen sind,
-zur Erholung zu ihm hinaus. O, es wird
-herrlich sein, frische, stählende Bergluft
-Wochen, Monate lang einzuathmen.
-Franziska ist nun 26&nbsp;Jahre alt und sehr
-praktisch. Ihre Augen haben viel von
-ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die
-Lippen, statt zu lachen, schliessen sich oft
-fest auf einander. Aber wenn sie in glücklichen
-Träumen schwelgt, dann zeigen sich
-die Grübchen in Wange und Kinn, und
-ein rosiger Hauch färbt ihr Gesicht.</p>
-
-<p>»Niemand würde sie für älter als zwanzig
-halten,« meint bewundernd Leonhard.
-Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken
-einstimmt, nimmt ihn nicht Wunder. Was
-kümmert sich so ein angehender geistlicher
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-Herr um Frauenschönheit? Aber freilich,
-etwas zugänglicher für Freud' und Leid
-der Menschen um ihn dürfte er sein!
-Wird er doch einmal seiner Gemeinde in
-Freud' und Leid beizustehen haben. Aber
-er gehört zu der neuen Schule kirchlicher
-Streiter, ist hohlwangig und blass und
-hat ein düsteres Licht in seinen Augen.
-Wenn Leonhard und Franziska Lustschlösser
-aufthürmen, wirft er verächtliche
-Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen
-versucht er es, sie auf das Reich Gottes
-hinzulenken; leider vergeblich. Franzi,
-wie die Meisten ihrer Landsmänninnen,
-hat nicht das geringste Talent zur Asketin,
-und wie Leonhard's Anlagen auch beschaffen
-sein mögen, an der Seite seiner
-Braut, die er nun bald heimzuführen hofft,
-denkt er nicht an Weltentsagung.</p>
-
-<p>Er war Enttäuschungen so gewohnt,
-dass er nicht zusammenbrach, als sein
-Bruder, einem unwiderstehlichen Drange
-gehorchend, in einen Mönchsorden der
-strengsten Regel eintrat und schwere
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Klosterpforten zwischen sich und die Welt,
-die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte,
-schob. In Mureck waren sie fromm genug,
-nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja
-noch immer der Aelteste; »einen gar braven
-Buben«, nennt ihn Frau Gruber, aber sie
-ist doch stolzer auf den geistlichen Sohn,
-der es zu hohen Würden bringen wird,
-da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen
-wusste.</p>
-
-<p>Franziska wurde todtenbleich, als dieser
-Blitz ihre Lustschlösser zertrümmerte.</p>
-
-<p>»Wir werden nie einander angehören!«
-rief sie und brach in Thränen aus. Wenn
-er sie verlor, dann schwand jede Freude
-aus seinem armseligen Leben, er wurde
-ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der
-Strasse. Aber konnte er ihr zumuthen, noch
-länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast
-aussichtslosen Neigung zu opfern. Das
-erste Wort, mit dem er sie, Verzweiflung in
-der Stimme, frei gab, brachte sie zu sich.</p>
-
-<p>»Mein Leonhard, wir warten geduldig
-auf einander, wie bisher«; aber es war
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit,
-als sie hinzusetzte: »Es sei denn, Du
-möchtest mich nicht mehr.«</p>
-
-<p>Er schloss sie aufjubelnd in die Arme.
-Wieder arbeiteten sie Jahre lang neben
-einander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken.
-Franziska wusste, dass sie verblühte. Sie
-baute keine Zukunftspläne mehr und gab
-sich Mühe, so rührend genügsam wie ihr
-Bräutigam zu werden, dessen Gesicht sich
-verklärte, wenn er einen Sonntag Nachmittag
-mit ihr im Wienerwald verbringen
-durfte.</p>
-
-<p>Da griff der Zufall plötzlich in ihr
-Leben umgestaltend ein. Leonhard ging
-mit elastischen Schritten umher und summte
-die Melodien, die, wenn günstigere Sterne
-über ihm gewaltet, vielleicht den Weg in
-die Welt gefunden hätten.</p>
-
-<p>Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten,
-wie ein Schiffbrüchiger auf fremdem, unwirthlichem
-Strand in Amerika gelandet.
-Ach, da war kein Wirth, der borgen wollte,
-kein Concertsaal, der sich öffnete, so lange
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-ihm der Wind durch die Taschen pfiff.
-Um nicht zu verhungern, sah er sich nach
-Schülern um und da er in der That
-glänzend spielte, eine unverlegene Zunge
-besass und mit einem Hoftitel aus einem
-kunstsinnigen deutschen Herzogthum die
-Leute zu blenden vermochte, fehlt es ihm
-bald nicht an gut bezahlten Clavierstunden.
-Nach einigen Monaten trat er öffentlich
-auf und fand Beifall. Das Unterrichten
-erschien ihm nun wieder als eines so
-grossen Pianisten wenig würdig. Auch
-plante er eine Kunstreise nach dem Westen.
-Da kam ihm der erleuchtete Gedanke,
-Leonhard könnte seine Lectionen übernehmen.
-Das Reisegeld schickte er nicht,
-er hätte seines ältesten Bruders Zartgefühl
-verletzen können, freilich dauerte es nun
-einige Zeit, bis es zusammengespart war;
-zu lange für Karl's Ungeduld. Als Leonhard
-nach thränenreichem Abschied von
-den Seinen in New-York landete, da war
-der Virtuose bereits nach Californien abgereist,
-und seine Stunden gab ein Anderer.
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-Und der Ankömmling, der nicht mehr in
-den Jahren war und vielleicht nie die
-nöthige rücksichtslose Energie besessen
-hatte, um sich in der Fremde einen
-Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne
-Mittel, ohne Freunde, von der Heimkehr
-abgeschnitten in der ungeheueren Stadt,
-die Hunderte solcher ungeschickter armer
-Teufel verschlingt, ohne dass nur das
-Kräuseln der Oberfläche, wie ihn ein Stein
-auf dem Wasserspiegel hervorruft, die
-Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde.
-Er besass nicht seines Bruders siegesgewisses
-Auftreten, konnte nicht wie dieser
-durch seinen Künstlerruhm verblüffen.
-Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm
-Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte
-nicht um seinetwillen, denn er
-hatte die Kunst, sich halb satt zu essen,
-schon früher erlernt. Aber was sollte aus
-Mutter und Schwestern werden, welche
-er, im Vertrauen auf Karl's Versprechungen,
-den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert,
-was aus Joseph, dem jüngsten
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel
-sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete.
-Wenn er Franziska's gedachte, überwältigte
-ihn der Jammer völlig. Welch ein
-Lohn für ihr geduldiges Ausharren, ihre
-Aufopferung! Er sandte keine Nachricht
-von seiner Bedrängniss an die Angehörigen
-heim. Sie konnten ihm nicht helfen und
-hatten an der eigenen Last genug zu tragen.</p>
-
-<p>Er vergass, dass es nichts Unersetzliches
-auf Erden gibt. Mutter und Geschwister
-staunten, dass der stets so zuverlässige
-Aelteste sie im Stiche liess. Aber von
-der Nothwendigkeit gedrängt, suchten sie
-bei ihren eigenen Hülfsquellen Zuflucht.
-Joseph gab Stunden, wie Leonhard es
-gethan und schickte kleine Beträge nach
-Hause, die Schwester verwerthete allerlei
-Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Aelteste
-entschloss sich, dem greisen Pfarrer die
-Wirthschaft zu führen. Franziska allerdings
-litt; sie glaubte sich von ihm vergessen.
-Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst
-versuchend, irgendwo festen Fuss zu fassen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-Die New-Yorker Zeitungen brachten
-eines Tages eine jener Notizen, die, kurz
-und dürr, dennoch mehr als bändelange
-Schilderungen irdischen Jammers geeignet
-sind, die Herzen zu erschüttern. Ein
-Polizist hatte einen bewusstlosen und wie
-er, Dank des häufigen Vorkommens solcher
-Zufälle, glaubte, betrunkenen Mann
-vom Strassenpflaster aufgelesen und über
-Nacht auf der Polizeistation mit dem
-verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt.
-Vor dem Richter stellte sich
-heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der
-Bruder eines in New-York geschätzten
-Künstlers, hatte keinen Tropfen geistigen
-Getränkes zu sich genommen, sondern
-war zusammengebrochen, weil er seit
-mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen.
-Das Mitleid verschaffte Leonhard
-die ersten Stunden in New-York. Was
-man auch an den plötzlich reich gewordenen
-Amerikanern zu tadeln finden mag,
-die schlechte Eigenschaft der Emporkömmlinge,
-die Kargheit im Kleinen neben
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-der prahlerischen Vergeudung im Grossen
-besitzen sie nur ausnahmsweise; sie lassen
-die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten
-in ihren Geschäften, die Dienstleute
-im Hause nicht darben. Leonhard sah
-sein Schifflein bald auf ruhiger Fluth
-dahingleiten.</p>
-
-<p>Lachend und weinend zu gleicher Zeit
-hielt Franzi den Brief in der Hand, der
-ihr von der günstigen Wendung in seinem
-Geschick Kunde gab. Bald sollten sie
-einander angehören. Lärmten die Sperlinge
-nicht wie ehemals, sang und klang
-es nicht in ihr, um sie? Aber es dauert
-nur wenige Augenblicke. Ihre Seele hat
-die luftigen Schwingen eingebüsst, mit
-welchen sie sich einst in ein glückliches
-Traumland erheben konnte.</p>
-
-<p>»Was wird wohl diesmal zwischen uns
-treten?« fragt sie sich bitter, der Glanz
-in den Augen erlischt, und sie zieht
-wieder die Nadel durch ihre Arbeit, die
-hoffnungs- und erfolglos ist, wie die der
-Danaïden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem
-Charakter dem ältesten Bruder glich, war
-Schullehrer in Mureck geworden und
-wollte Leonhard's Stelle bei der Familie
-vertreten. Selbst die Mutter, welche die
-trübseligen Verhältnisse zu einem beständig
-heischenden und niemals befriedigten
-Wesen gemacht, schrieb, wenn auch
-ein Zuschuss stets willkommen sei, so
-möge ihr Aeltester nun auch einmal an
-sich denken.</p>
-
-<p>Leonhard's Schüler schütteln verwundert
-die Köpfe. Hätte nicht jeder
-deutsche Professor das unveräusserliche
-Vorrecht, wunderlich zu sein, sie würden
-ihn für verrückt erklären. Er geht umher,
-als führten die Engel über seinem
-Haupte ein Conzert auf. Während die
-kleinen ungelenken Fingerchen neben
-ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlocken,
-lächelt er stillselig vor sich hin,
-statt, wie recht und billig, wüthend zu
-werden. Er sieht beinahe gross aus, so
-dehnt und streckt sich sein kleines Persönchen
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-vor innerem Wohlgefühl: Er
-rüstet das Nest für sein Weib, kein Tag
-vergeht, an dem er nicht mit einem Pack
-unter dem Arm die steile Holztreppe zur
-künftigen Residenz emporklimmen würde.
-Noch besteht der Brauch, wohl aus den
-Ansiedlertagen, da Einer auf den Beistand
-des Anderen angewiesen war, dass man
-Freunden das Haus einrichten hilft. Die
-Eltern seiner Schüler wissen, er erwarte
-die Braut aus Deutschland (unter welchem
-Namen ganz Europa, mit Ausnahme Grossbritanniens
-und Irrlands, begriffen wird),
-die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien,
-gestickten Deckchen, Porzellanfiguren,
-Bilder &ndash; an welchen freilich der Rahmen
-das Hervorragendste ist&nbsp;&ndash;, die ihm in's
-Haus strömen, würden ein Museum füllen.
-Jedenfalls wird man in der neuen Wohnung
-äusserst massvoll im Gebrauch seiner
-Gliedmassen sein müssen, und Franzi wird
-als Herrin all der Schätze gerade keine
-Sinecure inne haben, wenn sie dieselben
-in halbwegs staubfreiem Zustand erhalten
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-will. Stunden lang steht Leonhard, in Bewunderung
-versunken, vor den Herrlichkeiten.
-Aber ein Geräth vergass er, vergassen
-seine Freunde. Am Tage, bevor
-das Schiff mit seiner Braut, das glückhafte
-Schiff, im Hafen einläuft, kauft er den
-Pfeilerspiegel für die Vorderstube.</p>
-
-<p>Vom Dock führt er sie zum Friedensrichter,
-der die beiden geduldigen und
-getreuen Menschen für das Leben zusammengiebt.
-Leonhard hat sein Nest
-in einer neugierigen, schwatzhaften Strasse
-gebaut; man braucht nicht viel Phantasie,
-um sich in eine Kleinstadt im deutschen
-Vaterland versetzt zu fühlen. Rechts
-und links drücken die Nachbarinnen die
-Gesichter an die Fenster, um das Paar
-vorüberschreiten zu sehen. Sie geben sich
-keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen.
-Die Monate langen Vorbereitungen,
-das verklärte Gesicht liessen sie
-einen anderen Siegespreis vermuthen.</p>
-
-<p>»Die alte Jungfer hätte er nicht zu
-importiren gebraucht,« sagten sie, »so
-<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-etwas findet sich auch noch unter dem
-Sternenbanner.«</p>
-
-<p>Franzi hat es glücklicherweise nicht
-gehört, es hätte einen grauen Flor über
-ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erscheint
-sie nicht so glücklich, wie man vermuthen
-sollte. Während Leonhard wie von Flügeln
-getragen einhergeht, schlägt sie die
-Augen zu Boden.</p>
-
-<p>Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard
-hatte, weil die Blumen spärlich
-wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen
-farbigen Herbstblättern angefüllt,
-sie sahen wie leuchtend rothe, goldgelbe
-und broncefarbige Blüthen aus. Franzi
-konnte nicht umhin, einen Ausruf des
-Entzückens bei dem Anblick ihrer Wohnung
-auszustossen. Der Klang der Schelle
-hatte ihren Gatten von ihr fortgerufen.
-Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft
-nahm sie ein Figürchen um das andere
-in die Hand, bewundernd beugte sie
-sich über die Stickereien, den Teppich,
-die Geräthe. Zuletzt trat sie vor den
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-Spiegel. Und nun verwandelte sich der
-Ausdruck ihrer Züge, sie brach in Thränen
-aus.</p>
-
-<p>Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten
-der Wunderdinge die Franzi von ehemals
-mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen,
-Goldglanz auf dem Haar und schalkhaftes
-Leuchten im Auge, zu erblicken.
-Aber aus dem Spiegel trat ihr ein Schatten
-ihres alten Selbst mit traurigen Augen
-und einem Gesicht entgegen, aus dem
-selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge
-der Resignation, des unaufhörlichen
-Verzichtens nicht zu verwischen vermocht
-hatte. Geheimnissvoll vor sich hinlächelnd
-trat Leonhard wieder ein. Da er sie weinen
-sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann
-eilte er auf sie zu; wenn sie Heimweh
-fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen
-Herzen überwinden. Aber sie machte sich
-heftig los.</p>
-
-<p>»Müssen wir uns nicht schämen, uns
-wie andere neuvermählte Paare zu
-gehaben? Schnee liegt auf unserem
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-Scheitel, Furchen ziehen sich durch unsere
-Züge.«</p>
-
-<p>Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass
-sie sich verändert. Für ihn war sie die
-Franzi geblieben, um die er in ihrem
-Lenz geworben. Und auch jetzt, nachdem
-sie ihm die Binde von den Augen gerissen,
-meinte er, es gäbe kein schöneres,
-kein anziehenderes Weib in der Welt. Er
-sah sie mit den Augen der Erinnerung.</p>
-
-<p>»Können wir denn noch glücklich
-werden?« fragte sie, »vermagst Du mein
-verblühtes Gesicht noch zu lieben?«</p>
-
-<p>Er eilte vor die Thür und trug mit
-Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb
-von ungeheurem Umfang, gefüllt mit
-herrlichen, frischen Blüthen, herein; eine
-Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum
-Einzug in das Haus gesendet.</p>
-
-<p>Leonhard wies auf die prächtigen Rosen,
-auf Nelken und Heliotrop.</p>
-
-<p>»Es ist Herbst,« sagte er, »die Luft
-ist rauh, und Nebel füllt die Strassen.
-Aber furchtlos strecken sie die feinen
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-duftenden Köpfchen in die Luft hinaus
-und freuen sich der Stunden, in welchen
-die Sonne ihnen scheint.«</p>
-
-<p>»Und wie lange dauert es,« warf sie
-herbe ein, »dann kommt der erste Frost
-und vergilbt ihre Blätter.«</p>
-
-<p>»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen
-doch sehen, ob wir ihn mit unseren warmen
-Herzen nicht überwinden. Wir wollen
-unseren Frühling dankbar feiern, obschon
-er uns spät im Jahre gekommen.«</p>
-
-<p>Er schloss sie in seine Arme und küsste
-sie auf den Mund.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-BRENNENDE LIEBE.</h2>
-
-
-<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-Vielleicht halten Sie mich für unbescheiden,
-aber wahrhaftig, ich
-half einem tiefgefühlten Bedürfniss ab,
-als ich geboren wurde, aufwuchs und zum
-Ruhm meiner Vaterstadt unter die Kannibalen
-ging. Natürlich nicht, um bei ihnen
-zu bleiben, sondern um mit 85&nbsp;Kisten voll
-staubiger Merkwürdigkeiten, Schädeln,
-Amuletten, Pflanzenwurzeln, Pfeilen, Bogen,
-Lanzen und ferner mit einem Vorrathe
-an Notizen und Tagebüchern heimzukehren,
-der das Herz jedes Händlers in
-Makulatur mit den frohesten Erwartungen
-erfüllt hätte.</p>
-
-<p>Meine Vaterstadt hatte sich schon seit
-längerer Zeit sehnsüchtig nach einem
-grossen Sohne umgethan, zu dessen Ehren
-man wieder einmal in dem altberühmten
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-Rathskeller ein ansehnliches Festessen
-unter Pauken- und Drommetenschall abhalten
-konnte. Leider war in der ehemaligen
-Reichsunmittelbaren eine gewisse
-Dürre eingetreten, sie hatte alle ihre grossen
-Söhne unter prachtvollen Denkmälern begraben,
-und der Nachwuchs zeigte das
-richtige Militärmass nicht mehr. Da trat
-ich denn aufopfernd in die Bresche. Der
-Wahrheit die Ehre! Das Essen war unübertrefflich,
-und der Wein liess nichts
-zu wünschen übrig. Rechts und links
-schlugen mir »der opferwillige, selbstlose
-Diener der Wissenschaft«, »der erleuchtete
-Erforscher dunkler Erdtheile«, der »hervorragendste
-jetztlebende Sohn« und so weiter
-an die Ohren, und als sich nach leiser
-Zwiesprache mit mir der Oberbürgermeister
-erhob und den Anwesenden verkündete,
-ich hätte meine 85&nbsp;Kisten der
-geliebten Vaterstadt zum Geschenk gemacht
-(selbstverständlich unter den bescheidenen
-Bedingungen, dass sie für
-ewige Zeiten ungetheilt blieben, in den
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-hellsten Sälen des neuen Museums aufgestellt
-würden und als Karl-Wittmann-Stiftung
-auf die Nachwelt übergingen),
-da stieg die Begeisterung auf den Siedepunkt,
-und ich genoss fortan die süssen
-Früchte der Popularität, die darin bestehen,
-dass jener Theil der hoffnungsvollen
-Jugend, der den Gebrauch der
-Taschentücher standhaft verschmäht, auf
-der Strasse mit den Fingern auf mich
-deutete, und die jungen Damen der Stadt,
-sobald sie meiner ansichtig wurden, angelegentlich
-die Auslagen studirten, um,
-wenn ich vorübergegangen war, sich umzudrehen
-und mir nachzublicken. Aber
-die Götter sind neidisch. Sie vergassen
-nicht, einen Tropfen Gift in meinen
-Freudenbecher zu mischen. Und was für
-einen Tropfen! Er war ausgiebig genug,
-um ein ganzes Fass süssen Weines in eitel
-Wermuth und Galle zu verwandeln. Es
-lebte eine Person in der Stadt, die meine
-Verdienste um Mit- und Nachwelt gering
-schätzte, die meinen Ruhm nicht anerkannte
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-und trotz meiner allgemeinen Beliebtheit
-kalt wie ein Eiszapfen blieb, und diese
-Person war meine Braut; denn ich habe
-eine Braut und zwar eine sogenannte
-Familienbraut.</p>
-
-<p>Aus Spielgefährten und Jugendfreunden
-wurden wir, Dank unseren vortrefflichen
-Mamas, im Handumdrehen Braut und
-Bräutigam ohne die geringste Ungewissheit,
-den leisesten Zweifel, ohne irgend
-ein Hangen und Bangen in schwebender
-Pein. Meine junge Weisheit beschloss,
-die stehenden Gewässer unserer Neigung
-durch eine längere Entfernung aufzurühren,
-damit etwas von dem Idealzustande
-der Liebe, ein Bischen Sehnsucht und
-Leidenschaft auch auf unser Theil komme.
-Auch führte ich den auf mich entfallenden
-Part des Programms gewissenhaft durch.
-Einmal von Helene getrennt, zog ich jeden
-Augenblick ihre Photographie heraus und
-machte ihr die süssesten Augen, zweimal
-im Tage setzte ich mich hin, um gefühlvolle
-Episteln an sie zu richten (leider
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-dürften sie dieselbe nicht erreicht haben,
-denn ich bin ein schlechter Briefschreiber,
-und aus den acht Seiten langen Liebesbotschaften
-wurden meist kleine Zettelchen,
-die ihr die erfreuliche Kunde meines
-Wohlbefindens zutrugen), und als den
-»bekannten Naturforscher« bei seinem
-Landen in Hamburg eine kleine Festlichkeit
-erwartete, riss er sich mitten in der
-Nacht und mit ziemlich schwerem Kopf
-aus dem Kreise seiner Verehrer los, um
-am nächsten Morgen in seiner Vaterstadt
-und bei Helene einzutreffen.</p>
-
-<p>Ich hätte ruhig im Hotel schlafen
-können. Zur Begrüssung streckte mir
-meine Braut ein paar Fingerspitzen entgegen,
-als ich voll Wiedersehensfreude auf
-sie zueilte.</p>
-
-<p>»Sehr erfreut, den Herrn Doctor bei
-uns zu sehen,« sagte sie und verbeugte
-sich tief und spöttisch. Wir waren allein,
-nichts hinderte uns, die lang aufgespeicherte
-Sehnsucht von Lippe zu Lippe
-ausströmen zu lassen. Und nun dieser
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-Empfang! Die Arme sanken mir herab,
-mein Gesicht verlängerte sich.</p>
-
-<p>»Das Willkommen für deinen Verlobten
-leidet jedenfalls nicht an Ueberschwänglichkeit,«
-sagte ich trocken, nachdem ich
-meine Enttäuschung, so gut es ging,
-niedergekämpft.</p>
-
-<p>»Wer das nicht hoch genug zu
-schätzende Glück hat, einen so vernünftigen
-Bräutigam sein eigen zu nennen,
-darf sich nicht durch Sentimentalität
-lächerlich machen,« versetzte sie.</p>
-
-<p>»Helene, ich bin durchaus nicht vernünftig,«
-betheuerte ich mit Ueberzeugung.
-»Ich glaube, seit den Tagen von Hero und
-Leander hat kein verliebter Narr so ungeduldig
-die salzige Fluth durchmessen
-und so erleichtert das Gestade berührt,
-wie ich.«</p>
-
-<p>Eine Steinfigur wäre gerührt worden.
-Meine theuere Braut jedoch rief spöttisch
-an mir vorüber in die Luft hinaus:</p>
-
-<p>»Der Unglückliche! Bittere Noth zwang
-ihn, seiner Heimath den Rücken zu kehren
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-und das harte Brot &ndash; den Schiffszwieback
-&ndash; der Fremde zu essen.«</p>
-
-<p>Wenn mich etwas aufregen kann, so
-ist es dieses Sprechen zu einem abwesenden
-Dritten. Ich würde es als einen Scheidungsgrund
-ansehen, sollte meine Frau
-ihre Gardinenpredigten in diesem Stile
-halten. Allein diesmal blieb ich gelassen,
-denn es galt mein Schifflein durch eine
-etwas gefährliche Stromschnelle hindurchzurudern.</p>
-
-<p>»Bedenke, Kind, man hat doch auch
-Pflichten gegen das Allgemeine. Wenn
-ich meinen verehrten Mitbürgern keine
-Veranlassung zu einem Bankett gebe, dann
-erkranken sie möglicherweise am verhaltenen
-Jubelfieber, und meine Unterlassungssünde
-endet in einem Massenmorde.«</p>
-
-<p>»Bilde dir nicht ein, sie haben auf dich
-gewartet,« entgegnete Helene; ihr Ton
-klang geringschätzig, aber sie wandte sich
-direct an mich, und das war ein Fortschritt.
-»Hätten dich die Wilden mit dem
-Holzbeile erschlagen, dann wäre vielleicht
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-das Erlöschen der Pest vor 400 Jahren
-gefeiert worden, oder der Westfälische
-Friede, oder sonst eine erfreuliche, wenn
-auch schon etwas angejahrte Begebenheit.
-Ich kenne unsere würdigen Stadtpapas;
-wenn ein guter Jahrgang im Rathskeller
-lagert, dann begehen sie Jubiläen bei dem
-geringfügigsten Anlass.«</p>
-
-<p>Und dieses Wesen, das meine Bedeutung
-für das Gemeinwohl also abzuschwächen,
-ja ganz zu vernichten suchte, sollte
-das Weib meines Busens werden! Ich
-hoffe, dass mir Jedermann die Berechtigung
-zugestehen wird, entrüstet zu sein.</p>
-
-<p>»Helenchen, äussere deine Ketzerei
-nicht vor fremden Ohren. Männlein und
-Weiblein in unserer Stadt stimmen darin
-überein, dass meine Sammlungen ungeheuer
-werthvoll sind und meine Tagebücher der
-Wissenschaft ausserordentliche Dienste leisten
-werden. Man soll sein Urtheil freilich
-nicht nach dem der Menge bilden,
-aber es trüge dir doch einen etwas unerwünschten
-Ruf der Originalität ein,
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-wenn du, meine Braut, die Einzige wärest,
-die meiner Forschungsreise nicht die geringste
-Wichtigkeit beimissest.«</p>
-
-<p>Sie blickte anklagend zur Zimmerdecke
-empor.</p>
-
-<p>»Ich messe ihr keine Wichtigkeit bei,
-ich, die ich ihr die trostlosesten, unerquicklichsten
-Jahre meines Lebens verdanke!«</p>
-
-<p>Ich grollte Helenen nicht länger, ich
-fand sie bezaubernd und wollte auf sie
-zueilen, aber sie verschanzte sich hinter
-einem Stuhl, die Augen blitzend, die
-Lippen trotzig aufgeworfen, eine Walküre
-&ndash; freilich eine aus Meissener Porzellan.</p>
-
-<p>»Du liessest dich von deiner Abenteuerlust
-in die Fremde locken, und ich bin
-hier geblieben, eine lächerliche Figur, über
-die alle Freundinnen spotten, eine Braut,
-deren Bräutigam die Flucht ergriffen!«</p>
-
-<p>»Helene, welch' ein Gedanke!« rief ich
-schaudernd. »Glücklicherweise glaubst du
-selber nicht an ihn. Weisst du doch zu
-genau, dass ich schon als grüner Junge
-im Gymnasium in dir mein Ideal verehrte
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-und dich mit sehr kunstreichen Strophen
-im altgriechischen Versmass ansang. Sie
-haben mich manchen Schweisstropfen gekostet,
-und du, Kobold, nahmst sie mit
-schnöder Gleichgültigkeit entgegen.«</p>
-
-<p>»Du hast dich zu entschädigen gewusst:
-Ich musste geduldig zu Hause warten, bis
-es dem Herrn Naturforscher« (nicht möglich,
-den Hohn zu beschreiben, der diesen
-Titel begleitete) »gefiel, zurückzukehren,
-nachdem er in der Fremde hinlänglichen
-Zeitvertreib gefunden.«</p>
-
-<p>»Wenn du wüsstest, wie viel Ungemach
-und Entbehrungen ich ertragen, welche
-Gefahren ich überstanden,« warf ich gefühlvoll
-ein, »du würdest nicht so sprechen.«</p>
-
-<p>»Man sieht dir nichts davon an. Ich
-hatte im Stillen gehofft, du werdest abgebrannt
-und zur Mumie ausgetrocknet
-zurückkommen; leider bleiben die erfüllten
-Wünsche stets hinter unseren Erwartungen
-zurück.«</p>
-
-<p>»Ich darf darüber nicht klagen; die
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-meinen wurden weit übertroffen. Dass
-mich meine Braut, nachdem wir zwei Jahre
-von einander getrennt gewesen, mit der
-Klage empfangen werde, ich sähe nicht
-genug mumienhaft aus, übersteigt selbst
-meine unwahrscheinlichsten Träume.«</p>
-
-<p>»In diesen zwei Jahren haben Julie
-Marschall und Karoline Holzwart zehn
-Bälle mitgemacht, einige Dutzend Cotillonbouquets
-nach Hause getragen und sich
-von einer Unzahl Lieutenants, der Assessoren
-und Referendare gar nicht zu erwähnen,
-den Hof machen lassen. Und ich
-habe zu Hause einen langen Aschermittwoch
-gehalten, denn meine unnatürliche
-Mutter erklärte, es passe sich nicht für
-eine Braut, deren Verlobter abwesend sei,
-Bälle zu besuchen; und meine künftige
-Schwiegermama rief vorwurfsvoll und mit
-Wassertropfen an den Wimpern: »Du
-willst tanzen, während Karl vielleicht in
-Todesgefahr schwebt!«</p>
-
-<p>»Die beiden Frauen haben ein wenig
-Zärtlichkeit für mich, während du, kleine
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-Selbstsüchtige, nur an dich und deine
-banalen Vergnügungen denkst.«</p>
-
-<p>»Du hättest unter die Advokaten gehen
-sollen,« warf sie schneidend hin, »es ist
-ein alter Kniff dieser Herren, einer Anklage
-zuvorzukommen, indem sie dieselbe
-umkehren. Ich selbstsüchtig? <em class="ge">ich</em> habe
-einem jungen Mädchen nicht die paar
-Jahre ihres Frühlings vergällt, indem ich
-sie band und mir die Freiheit sicherte,
-ich nicht!«</p>
-
-<p>»Helene, höre mich an!«</p>
-
-<p>Aber sie liess sich nicht unterbrechen.</p>
-
-<p>»Ist das Experiment nach Wunsch ausgefallen?
-Hat sich das kleine Mädchen
-nach dem gnädigen Herrn gesehnt und
-um seinetwillen abgehärmt?«</p>
-
-<p>Ich stand diesem übernatürlichen
-Scharfsinn starr gegenüber. Plötzlich
-blendete mich ein grelles Licht.</p>
-
-<p>»Helene, sei aufrichtig,« bat ich, »dein
-eisiger Empfang drängt mir die Frage
-auf: hat mich ein Anderer aus deiner
-Neigung verdrängt?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-Sie sah mich nicht an, sondern blickte
-angelegentlich zum Fenster hinaus, vielleicht
-dauerte sie meine verstörte Miene; endlich
-wandte sie mir ein purpurrothes Gesicht zu.</p>
-
-<p>»Du hast es errathen,« sagte sie, »ich
-liebe einen Anderen!«</p>
-
-<p>Leichten Tones fuhr sie fort: »Zwei
-Jahre sind ja eine Ewigkeit; auch hätten
-die Menschenfresser Geschmack an dir
-finden können.«</p>
-
-<p>Dabei blitzten ihre spitzen, weissen
-Zähne, als könne sie sich nichts Willkommeneres
-denken. Die Naturgeschichte hat
-Recht, unter den Raubthieren ist das
-Weibchen der grausamere Theil. Mauna
-Loa war, gegen mich gehalten, zahm wie
-ein Ofenfeuer, aber ich brachte leidlich
-die Miene überlegener Ironie zu Stande.</p>
-
-<p>»Der Name des Glücklichen ist wohl
-noch ein Geheimniss?«</p>
-
-<p>»Er heisst, wie mein Ideal heissen
-muss, Edgar.«</p>
-
-<p>»Edgar? sehr abgeschmackt, und die
-italienische Oper ist aus der Mode.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-Meine Worte ärgerten sie (und das
-war ja auch ihr Zweck; es wäre mir eine
-Wollust gewesen, sie zu peinigen, so wüthend
-und &ndash; das Wort muss heraus &ndash;
-unglücklich fühlte ich mich). Sie holte
-ein Notenheft, auf welchem ein Strauss
-knallrother Blumen prangte und hielt es
-mir triumphirend vor die Augen. »Brennende
-Liebe«, Walzer von Edgar Nothnagel,
-seiner Schülerin, Fräulein Helene
-Stubenkammer hochachtungsvoll zugeeignet.</p>
-
-<p>»Damit kann ich freilich nicht wetteifern,«
-sagte ich bitter und griff nach
-meinem Hut.</p>
-
-<p>Eine Gewohnheit aus früheren, schöneren
-Tagen hing meine treulose Braut
-noch immer an; wenn sie mich genug gequält
-zu haben glaubte, legte sie ein
-Pflästerchen auf meine Wunde.</p>
-
-<p>»Willst du gehen, ohne Mama begrüsst
-zu haben?«</p>
-
-<p>»Ich werde telegraphisch meine Ueberfahrt
-nach Afrika belegen, denn diesmal
-<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-ist es mir wirklich ein Bedürfniss, die
-Flucht zu ergreifen.« Ich wollte meinen
-Verlobungsring abziehen, aber er sass zu
-fest, und so musste ich auf den effectvollen
-Abgang verzichten. Die Scharte einigermassen
-auszuwetzen murmelte ich gleichgültig:
-»O, ich vergass; &ndash; meine besten
-Glückwünsche, Fräulein Stubenkammer.«</p>
-
-<p>»Ich weiss nicht, ob ich sie annehmen
-darf,« versetzte Helene in äusserster Betrübniss,
-»Mama wird von dem armen
-Künstler nichts wissen wollen.«</p>
-
-<p>Ich bin kein Mann des Gefühls, das
-sich in Worten äussert. Aus Scham, die
-Welt errathen zu lassen, dass ich eigentlich
-eine gute Dosis Weichmüthigkeit in
-mir beherberge, hänge ich meinen Aeusserungen
-gewisse kleine Narrenschellen an,
-die ihren Zweck dann auch vortrefflich
-erreichen, zu vortrefflich, denn nicht nur
-die lieben gleichgültigen Nebenmenschen,
-auch meine Braut werden von der Ueberzeugung
-beherrscht, bei mir gehe keine
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-Empfindung tief genug, um sich nicht mit
-einem Witzwort abschütteln zu lassen.</p>
-
-<p>Sie hatte vermuthlich nicht die leiseste
-Ahnung, dass der Spötter, dem nichts
-heilig zu sein schien, der seine Gefühle
-durch das Scheidewasser der Ironie zu
-zersetzen pflegte, den Riss zwischen uns
-genau so schmerzlich &ndash; möglicher Weise
-noch schmerzlicher &ndash; empfand, als es der
-sentimentalste aller Edgars, der je in stillen
-Mitternächten den Mond angeseufzt, vermocht
-hätte. Oder wenn ihr mein Gesicht
-den Zustand meines Innern enthüllte, so
-schien es sie nicht sonderlich zu rühren &ndash;
-mit leisem Lächeln sah sie mich meinen
-Abschied nehmen.</p>
-
-<p>Während ich bei hellklingenden Gläsern
-zum hervorragendsten jetztlebenden
-Sohn proclamirt wurde, focht ich einen
-schweren Kampf mit meinem Ich aus.
-Ich muss bekennen, dass ich dasselbe
-bisher gehätschelt und in jeder Weise bevorzugt
-hatte. Deshalb wehrte es sich
-nun auf das Heftigste gegen das erste
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-Opfer, das von ihm gefordert wurde. Das
-Wesen zu verlieren, mit dem es sich in
-jeder Faser verwachsen glaubte, das es
-zum Mittelpunkt seiner Pläne und Luftschlösser
-gemacht, erschien ihm ganz einfach
-unmöglich. Zuletzt lag es jedoch
-besiegt auf der Erde.</p>
-
-<p>Ich trat in das Stubenkammer'sche
-Wohnzimmer, ein spartanischer Held, der
-sich in unser Zeitalter hinübergerettet.
-Meine Mutter und die Hausfrau waren
-unzertrennliche Freundinnen; sie waren
-auch jetzt beisammen, wahrscheinlich beschäftigt,
-ein modernes Paradies aus decorirtem
-Tafelgeschirr, Silberbestecken,
-ungezählten Dutzenden von Bett- und
-Tischwäsche für ihre Sprösslinge aufzubauen.
-Helene sass am Fenster, ein
-wenig blässer als sonst, aber wunderhübsch
-wie immer. Sie warf mir einen prüfenden
-Blick zu, aber als sie meine entschlossene
-Miene sah, die etwas von dem Todesmuth
-der Legionen zeigte, wandte sie den
-Kopf ab.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-Wie ein Sprenggeschoss fiel meine Mittheilung,
-dass ich in einer Woche eine
-lange, eine <em class="ge">mehrjährige</em> Reise, wie ich
-mit einem Blick auf Helene nachdrücklich
-hervorhob, antreten werde, in den friedlichen
-Familienkreis. Die beiden würdigen
-Damen starrten mich fassungslos an.
-Helene stand auf und näherte sich ihnen.</p>
-
-<p>»Ihr seht, er will mich nicht,« sagte
-die kleine Teufelin lachend, »die Forschungsreise
-ist nur ein Vorwand.«</p>
-
-<p>Mama, die es ist, und Mama, die es
-werden sollte, warfen mir wüthende Blicke
-zu; was mich betrifft, ich hätte nie gedacht,
-dass der kategorische Imperativ
-einen so wenig süssen Kern in sich birgt.</p>
-
-<p>»Das ist nun mein Lohn dafür, dass
-ich 24&nbsp;Monate und zwei Wochen lang wie
-eine Nonne gelebt,« fuhr Helene fort.</p>
-
-<p>Ich bin nur ein Mensch und daher
-nicht ohne Galle: »Ein Nonnenleben, das
-durch Musik und süsse Musiker Abwechselung
-erhielt, muss nicht übermässig hart
-zu ertragen gewesen sein,« sagte ich boshaft.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-Die beiden Mamas tauschten erschrockene
-Blicke, ich hörte die künftige
-etwas vom heissen Klima und dem Aequator
-murmeln.</p>
-
-<p>Nachdem ich meinem Aerger Luft gemacht,
-schämte ich mich. In Edelmuth
-und Selbstlosigkeit hatte ich Helenen, die
-den Zorn ihrer Mutter zu fürchten schien,
-die Bahn ebnen gewollt, und nun liess
-ich mich so fortreissen. »Tante Stubenkammer,«
-sagte ich, »durch meine Entfernung
-soll ein etwas verwickelter Knoten
-gelöst werden. Helene liebt mich nicht;
-sie hat ihr Herz einem Anderen geschenkt.
-Dass ich tief unglücklich darüber bin und
-ein einsames trübseliges Leben vor mir
-sehe, kann ich nicht verhehlen. Aber die
-Rücksicht auf mich soll Helene nicht
-hindern, mit ihrem Edgar glücklich zu
-werden.«</p>
-
-<p>Mama hatte längst ihr Taschentuch an
-die Augen gedrückt, aber Mama Stubenkammer
-war aus härterem Stoff gemacht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-»Helene, darf ich dich um eine Erklärung
-bitten!« sprach sie streng.</p>
-
-<p>»Liebe Mama, für eine Frau von
-deinem feinen Verständniss bedarf es deren
-wohl kaum: Karl ist eifersüchtig und das
-&ndash; wie lächerlich! &ndash; auf meinen alten
-ehrlichen Klavierlehrer.«</p>
-
-<p>Die Strenge der Mutter kehrte sich
-gegen mich.</p>
-
-<p>»Karl, das ist beleidigend, der Mann
-hat Frau und Kind.«</p>
-
-<p>»Und widmet meiner Braut seine
-›Brennende Liebe‹.«</p>
-
-<p>»Es sollte zuerst ein Marsch ›Vergissmeinnicht‹
-sein, aber Karoline Holzwart
-capricirte sich auf ihn,« erläuterte meine
-Braut gleichmüthig, »und die Chrysanthemumpolka
-war mir zu fade. Herr
-Nothnagel arbeitet nämlich den Erfurter
-Blumenkatalog durch; die Titel für seine
-Kompositionen bereiteten ihm früher
-grosse Schwierigkeiten. Da verfiel ich
-auf diesen Ausweg, und zum Dank dafür
-widmete er mir eine schöne rothe Sorte
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-Pelargonien; ich kann nichts dafür, dass
-die Gärtner sie ›Brennende Liebe‹ getauft
-haben.«</p>
-
-<p>»Helene,« schrie ich und eilte glückselig
-auf meine Peinigerin zu. Ein Geräusch
-wie der Flügelschlag mächtiger
-Albatrosse machte uns stutzig. Aber es
-waren nur die Mamas, die &ndash; ihrer Meinung
-nach: geräuschlos &ndash; aus dem Zimmer
-huschten.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-EIN UNGLÜCKSMENSCH.</h2>
-
-
-<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-Klaus Henning hatte die bestimmte
-Vorahnung, dass ein Unglück passiren
-würde; und er hatte sie nicht zum
-ersten Male. Er unterschied sich ausserdem
-von anderen, mit einer weissagenden
-Stimme in der Brust begnadeten Sterblichen
-dadurch, dass seine Ahnungen
-immer eintrafen. Das eine Mal, als er
-eine Prophetenstimme in seinem Inneren
-vernahm, ging er durch die Friedrichstrasse,
-stolperte gegen ein Schaufenster
-und musste, mit zerschnittenem Gesichte
-und verletzten Händen, Schadenersatz
-leisten. Das andere Mal wollte er mit
-einem allerliebsten Fräulein auf der Rousseauinsel
-Schlittschuh laufen und riss sie
-mit sich zu Boden. Bei dieser Gelegenheit
-fuhr ihm ein fremder Schlittschuh
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-über die Finger, sie für mehrere Monate
-gebrauchsunfähig machend. Und da das
-neue Kleid seiner Dame etliche klaffende
-Risse bekam (was sie schwerer zu treffen
-schien, als seine Verwundung, die ihn anfänglich
-vier Finger zu kosten drohte),
-so wurde sie von diesem Zeitpunkte ab
-seine Todfeindin. Kurz, es war sehr leicht,
-seine abergläubische Angst zu verspotten,
-aber so oft sich das bewusste dunkle Gefühl
-in seinem Inneren regte (und das
-geschah fast jedesmal, bevor er sich unter
-die Menschen mischte), gab es Schaden
-für die Zeitgenossen und Spott für ihn.</p>
-
-<p>Seine Hauswirthin sah ihn denn auch
-nur ungern den Reisekoffer packen.</p>
-
-<p>»Wollen Sie wirklich fort, Herr Henning?«
-seufzte sie, »denken Sie an mich,
-Sie kommen nicht mit heiler Haut nach
-Hause.«</p>
-
-<p>Er wusste, dass sie Recht habe, aber
-die Hitze war unerträglich, er schmachtete
-nach einem Wellenbade, und da ihm die
-Geschäftsstille Ferien vergönnte, wollte er
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-einen kurzen Aufenthalt an der See nehmen.
-Jeder minder Erfahrene hätte sich
-eingebildet, die schwarzen Ahnungen seien
-erfüllt, als sein neuer Reiseanzug, gleich
-nachdem er das Haus verlassen, von oben
-bis unten mit Oelfarbe bespritzt wurde,
-die ein nachlässiger Anstreicher von seiner
-Leiter herabträufeln liess, oder als ihm
-der Eisenbahnzug davonfuhr und er nun
-mehrere Stunden zu warten hatte. Er
-aber kannte den Kobold besser, der sein
-Spiel mit ihm trieb, als dass er gehofft
-hätte, mit solchen Kleinigkeiten loszukommen.
-Auch als er unmittelbar nach
-der Abfahrt mächtige Rauchsäulen aus
-der Richtung, wo sein Farbenmagazin lag,
-aufsteigen sah, erfüllte ihn noch immer
-nicht die beruhigende Ueberzeugung, seinen
-Zoll entrichtet zu haben, denn bei
-näherer Ueberlegung erschien es ihm
-äusserst unwahrscheinlich, dass sein Geschäft
-abbrannte, während er nicht dabei
-war, um sich schwere Verletzungen zu
-holen. Aeusserst unwahrscheinlich, eigentlich
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-nach seinen bisherigen Erfahrungen
-vollkommen undenkbar. Vom Augenblicke
-an, wo er die Thüre seines Waarenlagers
-hinter sich zuschloss, konnte die Versicherungsgesellschaft
-ruhig schlafen.</p>
-
-<p>Er wollte sich in Sassnitz nicht unter
-die Badegäste mischen, konnte er doch
-sicher darauf rechnen, das erste Glas Rothwein,
-das er zum Munde zu führen gedachte,
-über das Kleid seiner Nachbarin,
-oder wenigstens über das Tischtuch auszugiessen,
-jeden Stuhl mit nervenerschütterndem
-Gepolter umzuwerfen, seinen Hut
-vor aller Augen in's Wasser fliegen zu
-sehen und was solcher kleiner Zwischenfälle
-mehr sind, die an und für sich sehr
-geringfügig erscheinen, ihn aber zum Gegenstande
-des allgemeinen Gelächters
-machen mussten.</p>
-
-<p>Im vergangenen Spätherbste hatte er
-einige Tage in einem Gasthause ausserhalb
-des Curorts verlebt, dessen Wirthin im
-Sommer eine kleine Colonie von Städtern
-beherbergte. Damals waren die letzten
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-Fremden, erschreckt durch ein paar rauhe
-stürmische Tage, geflohen, und so verknüpfte
-sich ihm mit dem Aufenthalte in
-dem bescheidenen Häuschen am Strande
-die Vorstellung von erquickender Ruhe
-und Geräuschlosigkeit. Auch schien der
-Kobold, der ihn verfolgte, an der Grenze
-von Fleming's Herrschaftsbezirk die Waffen
-zu strecken. Klaus ging mit den
-Haussöhnen fischen und brachte Beute
-heim, was ihm nie vorher widerfahren,
-er kreuzte in einer Nussschale von Segelboot
-die Küste entlang und sah es nicht
-einmal den Kiel nach oben wenden, er
-ruderte stundenlang in einem Nachen und
-brach kein Ruder. Nach diesem stillen
-Hafen der Glückseligkeit richtete er nun
-seine Schritte. Ach, das war nicht mehr
-das erträumte Paradies!</p>
-
-<p>Auf dem Vorplatze, der, mit spärlichem
-Grün bedeckt, sich vor dem Hause hinzog,
-spielte eine Gesellschaft junger Leute
-Croquet, vom Wasser her erschallten laute
-Kinderstimmen, auf der Holzbank im
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-Schatten des Hauses sassen behäbige Matronen.
-Henning hatte die Absicht, bei
-diesem Anblicke umzukehren und sich
-ungesehen davonzuschleichen, aber die
-Wirthin kam mit ausgestreckten Händen
-auf ihn zu und rief:</p>
-
-<p>»Das Haus ist zwar gesteckt voll, aber
-für Sie schaffen wir doch noch Raum.«</p>
-
-<p>Er wollte murmeln, dass er nur einen
-Tag bleiben und dann seinen Stab weiter
-zu setzen gedenke; da fiel sein Blick auf
-ein junges Mädchen, die soeben ihren Ball
-mit dem Hammer so unglücklich getroffen,
-dass er, statt durch den Draht, gegen seine
-Füsse fuhr. Purpurroth kam sie auf ihn
-zu und bat um Entschuldigung. Sie hatte
-ein Gesicht, wie es die Natur nur in besonders
-guter Laune zu bilden pflegt, die
-zartesten Farben, die treuherzigsten blauen
-Augen und das Haar, das sie, wohl nach
-einem Wellenbade, gelöst trug, von glänzendem
-Blond. Und dann behielt er
-seine Bemerkungen für sich, liess Frau
-Fleming für sein Obdach sorgen und
-<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-schwang den Hammer, ohne zu besorgen,
-dass seine Bälle einem Mitmenschen das
-Lebenslicht ausblasen würden. Auch bei
-Tische vergass er alle seine Ahnungen, er
-zitterte nicht vor dem Bratensafte, er
-reichte Fräulein Mathilde eine Tasse Thee,
-ohne sie zu verbrühen, kurz, er benahm
-sich, als wäre er nie ein Unglücksmensch
-gewesen.</p>
-
-<p>Freilich fing sein Elend noch am selben
-Abend wieder an. Die Hausfrau erzählte,
-um ihren Liebling vom vorigen Jahre her
-in das günstigste Licht zu setzen, dass er
-das Segelboot wie ein alter Matrose zu handhaben
-verstehe. Die Damen versicherten,
-nichts gewähre ihnen ein solches Vergnügen
-wie eine Bootfahrt, die Herren
-kündigten ihm ihre Begleitung für den
-nächsten Tag an, Mathilde, die ihn jeden
-Augenblick mehr entzückte, sagte nichts,
-aber sie richtete ihre schönen blauen Augen
-bittend auf ihn. Ihm brach der
-Angstschweiss aus allen Poren; war er
-ausersehen, der Mörder all' dieser braven
-<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-Leute zu werden? Klaus war kein Salonmatrose,
-er hatte seine Knabenjahre in
-der Nähe von Bremerhaven verlebt und
-ein Boot zu regieren beinahe so früh wie
-das Abc erlernt. Auch ist das Segeln
-Alles eher denn eine Kunst &ndash; wenn das
-Fahrzeug etwas taugt, aber der Flemingsche
-Krondiamant besass etliche Flecken.
-Und was hilft alle Geschicklichkeit gegen
-die Tücke eines Koboldes! Der junge
-Mann ging nicht mit der Begeisterung,
-welche die Gesellschaft erwartet haben
-mochte, auf die vorgeschlagene Segelpartie
-ein. Vergeblich nannte man ihn von da
-an nicht anders als »Capitän«; er bestand
-darauf, dass, wer nicht schwimmen könne,
-auf dem Festlande bleiben müsse. Die
-Aengstlichen sahen hierin einen Beweis,
-dass er sich nicht sicher fühle und standen
-sogleich ab. Mathilde bekannte seufzend,
-sie könne seine Bedingung nicht erfüllen
-und müsse daher verzichten. Es wäre ihm
-das auserlesenste Vergnügen gewesen, sie
-über die Wellen zu fahren, aber er unterdrückte
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-seinen Wunsch, indem er sich
-vorsagte, es sei gleichbedeutend mit kaltüberlegtem
-Morde, sie zu einer Wasserfahrt
-mit einem Unglücksmenschen zu
-bewegen.</p>
-
-<p>Nur zwei Herren waren verwegen genug,
-sich seiner Führung anzuvertrauen.
-Es stellte ohne Zweifel eine Probefahrt
-vor. Klaus bestand sein Examen glänzend.
-Er fing zu hoffen an, der Tückebold habe
-auch diesmal vor Frau Fleming's Königreich
-Halt gemacht. Sein Selbstvertrauen
-wuchs; denn als man landete, waren seine
-zwei Prüfungscommissäre des Lobes voll
-für seine nautischen Künste. Da lud er
-Mathilde zu einer Segelfahrt für den
-nächsten Morgen ein. Ein ältlicher, gutmüthiger
-Herr, der erst vor einigen Stunden
-angekommen war, stand neben ihr;
-Mathilde machte ihn, ihren Papa, mit dem
-jungen Manne bekannt, und nun verlebte
-dieser mit den zwei liebenswürdigen Menschen
-einen Abend, der ihm unvergesslich
-bleiben wird. Am nächsten Tage vertrauten
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-sich ausser Vater und Tochter
-noch einige der Sommergäste seiner Führung
-an. Auch diesmal verlief die Expedition
-prächtig. Auf dem Lande war
-es erstickend heiss gewesen, nun wehte
-es die Gesellschaft kühl und belebend an,
-und eine leichte Brise trug das Boot wie
-auf Schwingen über das Wasser. Alle
-versicherten, nie angenehmere Stunden
-verlebt zu haben, und, was ihm werthvoller
-erschien, Mathilde drückte ihm dankbar,
-mit vor Vergnügen leuchtenden Augen,
-die Hand. Da versuchte er die Götter
-und versprach ihr eine Wiederholung.</p>
-
-<p>Es war ein glorreicher, glückverheissender
-Tag. Da man in Frau Fleming's
-Herrschergebiet eine einschnürende Etikette
-nicht kannte, ging das Pärlein allein
-an's Ufer. So gut wie Klaus es sich vorgestellt,
-sollte es ihm freilich nicht werden.
-Die Insassen des Hauses hielten zwar ihr
-Nachmittagsschläfchen, aber die liebenswürdigen
-Commissäre, die diesmal vermuthlich
-seine Geduld wie zuvor seine
-<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-seemännischen Fähigkeiten prüfen wollten,
-kamen eilfertig herbei, um ihren Antheil
-am Vergnügen zu beanspruchen. Da sie
-ihn sozusagen entdeckt hatten, bewahrten
-sie ihm ein gewisses gönnerhaftes Wohlwollen,
-das er jedoch in jenem Augenblicke
-nicht voll zu schätzen verstand.
-Allein sie störten nicht, sie tauschten ihre
-Bemerkungen, machten sich beim Steuer
-unnütz oder starrten in's Wasser. Klaus
-konnte ungehindert mit seiner Herzensdame
-flüstern. Vielleicht hatte er sich
-zu tief in die blauen Augen versenkt,
-vielleicht hatten ihn die zwei Probefahrten
-übersicher gemacht, am wahrscheinlichsten
-jedoch ist, dass sein Kobold dessen überdrüssig
-war, unbeschäftigt im Winkel zu
-stehen, und dass er im Augenblicke, wo
-er den Unglücksmenschen am härtesten
-treffen konnte, hervorsprang.</p>
-
-<p>Das Boot war nicht so leicht zu regieren,
-wie sonst, die Brise wehte scharf,
-mehr als einmal schlug das Wasser, Alle
-durchnässend, hinein. Und Klaus war
-<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-zerstreut, er hatte Mathilde in ihren Gummimantel
-gewickelt, und als sie ihm zum
-Danke die Hand reichte, sie länger als
-vernünftig in der seinen behalten. Er
-hielt sie noch, als der Boden unter ihnen
-wich, die kalte, salzige Flut auf sie einströmte
-und das Bootkiel oben vor ihnen
-trieb. Ein plötzlicher Windstoss musste
-es getroffen und zum Kentern gebracht
-haben. Sie sanken, doch verliess den Unglücksmenschen
-die Besinnung nicht, er
-legte den linken Arm um Mathilde und
-brachte sie nach oben.</p>
-
-<p>Sie war die Selbstbeherrschung in Person;
-sie klammerte sich nicht an ihn, seine
-Bewegungen hemmend, und so gelang es
-ihm nach einiger Anstrengung, den Kiel
-seines Bootes zu erreichen und einen
-Stützpunkt für sich und seinen schönen
-Schützling zu gewinnen. Die beiden Genossen
-sah er rüstig und unversehrt zur
-Küste schwimmen. Sie war nicht fern,
-aber bei der starken Strömung zum Meere
-wäre jeder Versuch, sie mit Mathilde im
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-Arme zu erreichen, aussichtslos gewesen.
-Zahlreiche Boote kreuzten das Wasser,
-entweder nahm eines derselben sie auf,
-oder die beiden Geretteten lösten am
-Strande, der förmlich auf Rufweite vor
-ihnen lag, ein Ruderboot und kamen den
-Genossen zu Hilfe. Wenn Klaus nur bis
-dahin aushalten konnte, wenn nur sein
-Arm, der steif wie der eines Todten wurde,
-das junge Mädchen über dem Wasser erhielt!
-Blass und mit geschlossenen Augen
-lag sie an seiner Brust. Eine förmlich
-wahnsinnige Reue ergriff ihn. Wusste er
-nicht voraus, das Alles, was er anfasste,
-zu Schaden kam? Wie hatte er so verwegen,
-nein so verrucht sein können,
-dieses holde Geschöpf, das einzige Kind
-und das einzige Glück ihres Vaters mit
-sich in's Unglück zu reissen? Sein Selbstvorwurf
-machte sich in der wildesten
-Weise Luft.</p>
-
-<p>So vergingen endlose Minuten. Das
-Boot trieb in's Meer hinaus, und in muthloser
-Verzweiflung gab Klaus seinen
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-Schützling und sich verloren. Da hörte
-er lauten, ermunternden Zuruf, warme
-Hände streckten sich nach ihm und
-Mathilden aus, und im nächsten Augenblicke
-lagen die wasserdichten Planken
-einer Barke, die eine Gesellschaft Badegäste
-von der Stubbenkammer nach Sassnitz
-heimführte, zwischen ihnen und den
-heimtückischen Wellen. Das junge Mädchen
-war ohnmächtig geworden. Als sie,
-von den Damen, die im Boote waren,
-umringt, die Augen aufschlug, suchte sie
-ihren Begleiter mit den Augen; er las
-Zutrauen, ja Dankbarkeit &ndash; Dankbarkeit
-für ihn, der sie beinahe getödtet hätte! &ndash;
-in ihnen und konnte den Blick nicht ertragen.</p>
-
-<p>Sie fanden Frau Fleming's Königreich
-in vollem Aufruhre. Die beiden Commissäre
-waren vor einer Weile angekommen,
-und wenn sie zu Mathildens Rettung
-keinen Finger gerührt, so zeigten sie sich
-jetzt dafür eifrig beflissen, ihren Vater in
-die peinigendste Unruhe zu stürzen. Als
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-sie nun in Hüllen, die ihr die Damen in
-der Barke aufgedrängt hatten, den Strand
-betrat, richtete sich, wie begreiflich, die
-allgemeine Aufmerksamkeit auf sie. Ihr
-Papa drückte sie stürmisch an sich, dann
-wollte jede der Hausgenossinnen sie mit
-einem Kusse begrüssen, zuletzt drängten
-sich händeschüttelnd die Herren heran,
-Niemand eifriger als die zwei Commissäre.</p>
-
-<p>Klaus schlich sich unbeobachtet in sein
-Zimmer. Die Anderen hatten wohl geahnt,
-das er ein Unglücksmensch sei, denn
-sie hatten sich &ndash; so schien es ihm &ndash;
-ängstlich von ihm fern gehalten. Er
-wechselte seine nassen Kleider, packte das
-Köfferchen, und nachdem er die Adresse
-auf dasselbe befestigt und den Betrag, den
-er Frau Fleming schuldete, auf den Tisch
-gelegt, drückte er sich, sachte wie ein
-Spitzbube, aus dem Hause und fuhr in
-die Glühhitze zurück.</p>
-
-<p>Seine Hauswirthin war sehr erstaunt,
-ihn ohne äussere Verletzung wiederzusehen.
-Wie tief es diesmal nach innen ging, ahnte
-<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-sie nicht. Ein trübseliger Geselle ging
-er seinem Tagewerke nach, Abends sass
-er missmuthig unter den paar verstäubten,
-kläglichen Büschen des Hausgärtchens,
-ein Buch in der Hand, in dem er nicht
-las. Da schlug einmal ein Gruss an sein
-Ohr. Vor ihm stand ein ältlicher, behäbiger
-Herr mit gutmüthigem Gesicht.
-Klaus springt, wie von einer Feder emporgeschnellt,
-von der Bank auf, es war
-Mathildens Vater.</p>
-
-<p>»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu, »es
-soll Ihnen nicht gelingen, sich meinem
-Danke zu entziehen. Wenn Sie auch
-heimlich wie ein flüchtiges Reh entwischten,
-Ihr Reisekoffer verrieth mir, wo ich den
-Lebensretter meiner Tochter zu suchen
-habe.« Ihren Lebensretter! Dabei drückt
-er dem Sprachlosen die Hand, und seine
-ehrliche Stimme zittert in unterdrückter
-Bewegung. »Was wäre aus ihr, was wäre
-aus mir geworden, wenn Sie auch so selbstsüchtig
-wie die beiden Anderen, nur auf
-Rettung des eigenen Lebens bedacht, ans
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-Land geschwommen wären? Ohne Sie
-wäre ich heute ein einsamer, gebrochener
-Mann! Es giebt noch Helden im bürgerlichen
-Leben!«</p>
-
-<p>Klaus suchte abzuwehren. Er sprach
-von dem Unrecht, das er begangen, er,
-ein Unglücksmensch, als er Mathilden zur
-Segelfahrt einlud. Aber es kam nicht viel
-Zusammenhängendes über seine Lippen.
-Für etwas gepriesen zu werden, für das
-er den härtesten Tadel zu verdienen geglaubt,
-von Mathildens Vater in die Wolken
-emporgehoben, ein Held genannt zu werden,
-das betäubte ihn, als hätte er jungen Wein
-getrunken.</p>
-
-<p>»Ich weiss, dass nur Ihr Zartgefühl
-Sie veranlasste, sich unserem Danke zu
-entziehen,« fuhr Herr Hilgendorf fort,
-»allein ganz recht war es nicht: Mathilde
-ist untröstlich, weil Sie verschwanden,
-ohne zu hören, wie tief sie sich Ihnen für
-Ihre Aufopferung verpflichtet fühlt. Und
-ich glaube beinahe, dass ich sie nicht eher
-zufrieden sehen werde, als bis ich ihren
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-Lebensretter mit Güte oder Gewalt in
-mein Haus geführt, damit sie den versäumten
-Dank nachhole.« Aber es bedurfte
-keiner Gewalt. Klaus ging gutwillig
-mit Herrn Hilgendorf. Mathilde
-kam ihm mit strahlenden Augen entgegen.
-Es war spät Abend, als er, ein seliger
-Mensch, das gastliche Haus verliess, nicht
-ohne versprochen zu haben, bald, sehr
-bald, schon am nächsten Tage wiederzukommen.
-Und zuletzt glaubte er gar
-nicht mehr daran, dass er ein Unglücksmensch
-sei; nein, er hielt sich für ein
-richtiges Sonntagskind, denn in der Ecke
-hinter dem Flügel hat ihm Mathilde
-gestern auf seine Frage geantwortet, dass
-sie keinem Menschen auf der Welt so gut
-sei, wie ihm.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-UNKRAUT AM WEGE.</h2>
-
-
-<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-Das Dorf lag in vollster Sonnengluth
-da. Bäume und Büsche am Wegrande
-liessen ihre welken, bestaubten Blätter
-hängen, die Hunde lagen vor den Häusern,
-die lechzenden Zungen hervorgestreckt,
-keuchend, aber zu träge, einen schattigen
-Winkel aufzusuchen; langsam, wie weltmüde
-Philosophen, zogen Enten und Gänse
-ihre Kreise auf dem grünlichen Tümpel.
-Sonst keine Spur von Leben auf der Dorfstrasse.
-Die Kinder schwitzten noch in
-der Schule, die Erwachsenen waren beim
-Heumachen. Nur ein halbwüchsiges Ding
-mit zerzausten Haaren, einem braungebrannten
-schmutzigen Gesicht, in welchem
-ein paar wilde schwarze Augen flackerten,
-einem Zigeunermädchen ähnlicher als dem
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-Sprössling des ehrbaren Kreuzwirthes,
-schlich sich geräuschlos wie ein Marder
-rückwärts längs der Gärten hin, in welchen
-die Kirschbäume gerade voll saftiger
-Früchte standen. Manche waren so unvorsichtig,
-ihre Aeste über die Zäune oder
-sehr nahe an denselben hängen zu lassen.
-Auf die schwang sie sich mit der Flinkheit
-einer Katze und hielt ihren Schmaus,
-schonungslos ganze Zweige knickend, aus
-den schönsten Zwillingskirschen Ohrgehänge
-bildend, bis sie noch schönere erspähte
-und den bisherigen Schmuck in
-den Magen wandern liess. Sehr unparteiisch
-verfuhr sie bei ihren Beutezügen.
-Sie brandschatzte ebenso des Pfarrers Stolz,
-die seltenen spanischen Weichseln, wie
-des Schullehrers Amarellen, des Küsters
-schwarze und ihres Vaters, zum Verkaufe
-bestimmten, weissrothe Herzkirschen. Zuweilen
-schlug ein Hund an, dann machte
-sie sich schnell aus dem Staube, und da
-aus den alten Zäunen mancher Brettnagel
-hervorstand, wurden in ihren noch guten
-<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-Rock zahlreiche Kreuz- und Querrisse
-gezogen. Dies verursachte ihr keinen
-Kummer. Die Stiefmutter daheim führte
-eine flinke rastlose Nadel, und nachdem
-Cenz etliche fruchtlose Rebellionsversuche
-der guten Frau niedergeschlagen, war es
-ihr vollständig gelungen, dieselbe nicht
-nur für die Gastwirthschaft, den Haushalt
-und ihre eigenen, noch sehr kleinen Kinder,
-sondern auch für die Drohne arbeiten zu
-lassen, die sie als etwas fragwürdiges Glücks-
-und Friedenspfand mit erheirathet hatte.</p>
-
-<p>Im Hofe des Kreuzwirthshauses, unter
-einem schattigen Nussbaume, sass der Herr
-Pfarrer vor einem Krüglein Bier. Die
-rundliche, gutmüthig aussehende Wirthin
-stand neben ihm.</p>
-
-<p>»Man hat halt sei' Kreuz mit denen
-Kindern«, beantwortete sie soeben eine
-Frage des alten Herrn, »besunders wann's
-net einmal die eig'nen san.«</p>
-
-<p>»Die Crescenz hat doch sonst so gute
-Anlagen«, meinte kopfschüttelnd der Geistliche,
-»der Schullehrer war immer des
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-Lobes voll über ihren Lerneifer; freilich
-sonst steckt sie voll Teufeleien, und jetzt
-verwildert sie mit jedem Tage mehr. Ich
-fürchte, Ihr werdet nicht viel Freude an
-ihr erleben.«</p>
-
-<p>»Es is halt an recht's Unkräutl am
-Weg, Hochwürden«, seufzte die Wirthin,
-»nixnutz und schnappig (schnippisch);
-thun will's gar nix und is doch schon
-sei vierzehn Jahr alt. Auf d' Kleinen
-könnt's doch schon a bisl schauen, wenn
-i in der Kuchl z'schaffen hab. Aber na,
-alle Arbeit bleibt mir, und sie stravanzt
-den ganzen Tag im Dorf herum, zerrissen
-und schlampet, dass i mi schamen muss.«</p>
-
-<p>»Ihr habt die Ruthe zu sehr gespart,
-gute Frau.«</p>
-
-<p>Die Wirthin setzte sich ihm gegenüber
-auf die Bank.</p>
-
-<p>»Wahr ist's, Hochwürden, aber mei
-Schuld ist's net. Damals wie mi' der
-Kreuzwirth in's Haus bracht hat als seine
-Zweite, da hab' i anfangen woll'n, s'
-Madel zu zieh'n, und da hat sie si gegen
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-mi g'stellt wie a wilde Katz', hat gekratzt
-und gebissen, und i hab halt zugehauen,
-kommt mei Mann derzu, krebsroth in'
-Gesicht, »Du«, schreit er mi an, »Hand
-von der Butten, i will ka solche Stiefmutter-
-und Stiefkindg'schichten im Haus
-hab'n, du lasst's in Ruh, und sie lasst di
-in Ruh; und dass i kane Hetzerei hinüber
-und herüber hör'!« Na, und da hab' i's
-dann aufwachsen lassen, wie an Unkräutl',
-dass es an Fried'n im Haus gibt, und so
-ist's denn a an Unkräutl worden.«</p>
-
-<p>Cenz war es mittlerweile müde geworden,
-die Bäume zu plündern und
-schlenderte längs des kleinen Baches unter
-den Weiden hin, für die Augen eines
-gewöhnlichen Menschenkindes keine sonderlich
-fesselnde Erscheinung. Aber Künstler
-besitzen zuweilen einen ganz absonderlichen
-Geschmack. Zwei Maleraugen verfolgten
-ihre flinken Bewegungen schon
-seit einer guten Weile, ohne dass sie den
-jungen Menschen mit dem breitkrämpigen
-Hute beachtet hätte, der im Schatten der
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-Weiden vor seiner Staffelei sass und den
-wundervollen Ausblick auf den Schneeberg,
-der sich ihm von dem Plätzchen unter
-den Weiden bot, auf der Leinwand festzuhalten
-suchte. Maler waren keine seltenen
-Gäste im Dorfe, das sie als erste
-Haltestelle vor ihrem Aufstieg in's Gebirge
-zu benutzen pflegten, und dessen urwüchsige
-Bewohner manches Skizzenbüchlein
-füllten. Und so sah Cenz auch viel
-mehr geschmeichelt als befremdet darein,
-als der junge Künstler, der sich auf der
-Suche nach so ziemlich Allem, was dieser
-Titel rechtfertigt, nach Erfolg, einem
-Namen und einem passenden Vorwurf
-für sein erstes Ausstellungsbild befand,
-sie plötzlich anrief.</p>
-
-<p>»Heh, kleiner Wildling, bleib' in derselben
-Stellung, in der du dich befindest,
-ich möchte dich in mein Buch hineinzeichnen.«</p>
-
-<p>Sie wurde feuerroth und murmelte
-etwas von ihrem Sonntagsstaat, und dass
-sie in einer Viertelstunde zurück sein
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-könne. Aber davon wollte er nichts wissen.
-Er fand ihren Schmutz und die Risse im
-Röckchen malerisch.</p>
-
-<p>»Saubere Dirndln kann ich genug
-haben,« sagte er, »ich brauche gerade so
-eine Staubdistel, wie du bist. Was hast
-du denn vorhin angestellt? Steine nach
-Sperlingen geworfen; ich habe es wohl
-gesehen; das ist ein hübscher Zeitvertreib
-für ein Mädchen.«</p>
-
-<p>Sie machte ihr trotzigstes Gesicht, und
-das wollte er haben; so passte es für die
-Skizze des jungen Wildlings.</p>
-
-<p>»Die Spatzen fressen die Kirschen auf«,
-vertheidigte sie sich, ohne ihr Gewissen
-darüber zu beschweren, dass eine sehr
-grosse Schaar diebischer Vögel keinen
-solchen Ausfall in der Kirschenernte verursacht
-hätte, wie sie selber.</p>
-
-<p>»Du hast Dich wohl um Deine schönen
-Ohrgehänge gefürchtet, wie? Behalte sie
-nur an, die kommen auch in mein
-Buch«, sprach Fritz Teubner, eifrig
-zeichnend.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-In Crescenz hatte sich bisher sehr
-wenig Mädcheneitelkeit und Zierlichkeit
-geregt. Jetzt aber standen die Risse in
-dem Kleide, die beschmutzten, zerkratzten
-Hände, die blaugefärbten Lippen als wahre
-Schrecken vor ihr. In die grosse Stadt
-und auf die Leinwand kommt doch Edelfräulein
-und Bauernmädchen gern in vortheilhaftester
-Gestalt, und wie sah sie aus!
-Sie war mit ihrem Vater einmal in Wien
-und in der Kunstausstellung gewesen, sie
-hatte Bilder gesehen, auch Bauernbilder,
-aber wie schmuck und ordentlich erschienen
-die! Cenz schwur allerhand theuere Eide,
-dass kein Malerauge sie jemals wieder in
-solch' einem Aufzuge erblicken solle. Am
-wenigsten das des jungen Künstlers, das
-es ihr angethan hat. Er spricht mit ihr
-so lustig und so freundlich, als kenne er
-sie schon seit Jahren.</p>
-
-<p>»Wie alt bist du eigentlich, Cenz?«
-fragte er, denn ihren Namen hat sie ihm
-schon gesagt.</p>
-
-<p>»Vierzehn Jahre.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-Er macht grosse Augen; sie ist klein
-und schwächlich für ihr Alter. Aber was
-ihn befremdet, ist doch nur, dass bei der
-ihm wohlbekannten Ausnutzung der Menschenkraft
-beim Landvolk, dieses halbwüchsige
-Ding so ohne jede Beschäftigung
-herumstreift. Er hält sie für ein verwahrlostes
-Kind aus armseligem Hause,
-das merkt Crescenz wohl, denn sie ist
-nicht dumm. Als er nun auf seine Frage
-erfährt, dass sie das älteste Kind des
-reichen, ansehnlichen Kreuzwirths ist,
-schüttelt er den Kopf. Das Mädchen
-fügt wie beiläufig hinzu, dass sie eine
-Stiefmutter habe, und dies scheint ihm
-Alles zu erklären. In dem jungen Unkraut
-aber steigt siedendheisse Reue auf. Sie
-weiss, dass die arme brave Frau nicht aufhört,
-die Hände zu rühren, damit die
-Erscheinung ihrer Stieftochter ihr keine
-Schande mache. Auch sehen die jüngeren
-Geschwister meist schmuck genug aus,
-da, wenn Crescenz's Beispiel verführend
-auf sie wirkt, der Mutter Hand flink genug
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-ist, sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen.
-Nur die Stieftochter, des Vaters
-Liebling, geht bei allen Missethaten straflos
-aus. Fritz ist fertig und lässt sie die
-Skizze sehen. Sie schreit auf. So also
-stellt sie sich den Mitlebenden &ndash; und
-auch dem jungen, hübschen Künstler &ndash;
-dar. Man könnte sie für eine Landstreicherin
-halten. Schier möchte sie
-weinen, aber sie schluckt die Thränen tapfer
-hinunter.</p>
-
-<p>»Bleibst, bleiben S' noch länger im
-Dorf?«</p>
-
-<p>Fritz schüttelt den Kopf.</p>
-
-<p>»Morgen geht's weiter ins Steirische
-hinein; warum fragst du?«</p>
-
-<p>Wieder kommt etwas Undeutliches von
-einem Sonntagsgewand über Cenz's Lippen.</p>
-
-<p>Der Maler lacht:</p>
-
-<p>»Kann sein, dass ich beim Abstieg noch
-einmal hier vorspreche, kann sein, erst auf's
-Jahr. Dann male ich dich in grossem
-Staat. Ich habe eine Ahnung, Cenz, dass
-du mir Glück bringen wirst.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-Er sah sich nicht getäuscht. »Unkraut
-am Wege,« das Bild der kleinen Landstreicherin,
-das er in Oel ausgeführt, wurde
-in die Ausstellung aufgenommen und trug
-ihm Lob, Geld und Aufträge ein. Cenz
-wartete derweil daheim, dass er wiederkommen
-und sein Versprechen erfüllen
-werde. Es war ihr eigentlich weniger um
-das Bild, als um eine Ehrenerklärung in
-seinen Augen zu thun. Da sie nicht wissen
-konnte, wann er sie überraschen werde, trug
-sie sich der Vorsicht halber so nett und
-sauber als möglich. Keine Streifzüge über
-Zäune nach verbotenem Obst, kein Herumklettern
-und Herumstreifen in der Sonnengluth
-mehr. Sie hatte ihm gesagt, dass sie
-dem Kreuzwirth gehöre, im Kreuzwirthshaus
-wird er sie suchen und finden. So
-hat es sich von selbst gemacht, dass sie
-sich mehr in der Nähe des Hauses hält
-und anfängt, ihrer Mutter in der Wirthschaft
-an die Hand zu gehen. Die schlug
-die Hände über dem Kopf zusammen, als
-Cenz nach dem Abschied vom Maler heimkam,
-<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-aber sie hat seitdem keine Veranlassung
-zu einer Wiederholung dieser Geberde
-des Entsetzens gefunden, es wäre
-denn, sie thäte es, um ihr Erstaunen über
-die Veränderung in dem Wesen ihres
-Stiefkinds auszudrücken. Der Sommer
-geht vorüber, aber Fritz Teubner nahm
-längst den Abstieg auf einer anderen Seite
-und sitzt in Wien eifrig über seinem Ausstellungsbild.
-Zuweilen erwachen in Cenz
-die Regungen der alten Ungeberdigkeit,
-aber nach etlichen leisen Ausbrüchen
-kämpft sie dieselben nieder. Der Winter
-ist lang und das Stillsitzen eine harte Aufgabe
-für Cenz, aber sie hilft der Mutter
-beim Nähen und Flicken, und Sonntags
-bedient sie flink die durstigen Bauern und
-die paar versprengten Städter, die selbst
-in Schnee und Frost der Leidenschaft,
-Berge zu besteigen, fröhnen. Endlich
-kommt der Sommer, und Cenz blickt voll
-Zuversicht vorwärts. Sie hat, wie manche
-lang im Wachsthum zurückgebliebene
-Pflanze, plötzlich in die Höhe zu schiessen
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-angefangen, sie wird gross und hübsch,
-und alle die alten Kleider mit den unverwischbaren
-Spuren ihrer Kletterkünste
-müssen für die kleinen Schwestern übernäht
-werden. Sie selber geht in schmucken
-neuen Gewändern, und wäre nicht der eine
-und der andere der Gäste in der Ausstellung
-gewesen und hätte sie im goldenen
-Rahmen sammt der Aufschrift gesehen, ihr
-alter Spottnamen wäre ganz und gar in Vergessenheit
-gerathen. Aber wehe dem, der
-ihn in ihrer Hörweite brauchte, das Zünglein
-hatte keine Veränderung durchgemacht.</p>
-
-<p>Auch dieser Sommer verging und noch
-ein Winter, ohne dass Fritz Teubner sein
-Wort wahr gemacht. Cenz war ein erwachsenes
-Mädchen geworden, und die
-jungen Burschen fingen an, sie mit sehr
-freundlichen Augen anzusehen. Ihr
-schnippisches Wesen und ihr hübsches
-Gesicht schien es besonders dem reichen
-Erben des Thalhofbauern angethan zu
-haben, er sass so oft und so lange als
-möglich im Kreuzwirthshaus, spielte mit
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-Cenz' Vater Karten und machte sich der
-Wirthin angenehm; bei dem jungen Mädchen
-selbst machte er jedoch keine Fortschritte.
-Wieder waren die Kirschen reif
-geworden, und Cenz trug einen Korb voll
-aus dem Garten in's Haus, da sah sie
-unter dem Nussbaum einen jungen Menschen
-mit einem breitrandigen Hute sitzen
-und musste den Korb hinstellen, sonst
-wäre er ihren Händen entfallen.</p>
-
-<p>»Grüss Gott, Herr Teubner,« sprach
-sie, jedoch mit ganz ruhiger Stimme. Er
-sah auf, zweifelnd, staunend, wie Einer,
-der seinen Augen misstraut.</p>
-
-<p>»Ja, bist du das wirklich? Die kleine
-schwarze Cenz? Aber das ist unmöglich!«</p>
-
-<p>»Ja, aus Kindern werden Leut',«
-lachte sie.</p>
-
-<p>»Die Augen und die blitzenden Zähne
-sind es noch, aber sonst muss dich eine
-gute Fee umgetauscht haben.«</p>
-
-<p>»War ich denn gar so an Schrecken?«
-fragte sie mit dörflicher Coquetterie.</p>
-
-<p>»Für mich nicht, im Gegentheil, aber
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-für die Sperlinge, die Obstbäume und für
-deine Mutter musst du so etwas gewesen
-sein. Für mich warst du alles Gute in
-Person; dass ich dir begegnet bin, muss
-ich ein wahres Glück nennen.«</p>
-
-<p>Sie wurde hochroth. Zum Glück rief
-die Mutter aus dem Hause:</p>
-
-<p>»Cenz, Cenz, wo steckt denn das Madel?«</p>
-
-<p>Sie lief hinein. Im Verschlag neben
-der Mutter sass der Thalhofer Franz.</p>
-
-<p>»Cenz, siehst du aber bildsauber aus,«
-sprach er.</p>
-
-<p>»Das geht dich gar nix an«, sagte sie,
-füllte einen Krug mit Bier und eilte, ohne
-von ihrem Verehrer weiter Notiz zu nehmen,
-in den Hof hinaus.</p>
-
-<p>»So; und wie ist's Ihnen denn alleweil
-ergangen, Herr Teubner?« fragte sie und
-setzte sich auf die Bank ihm gegenüber.
-Er konnte sich von seinem Erstaunen
-kaum erholen. So ruhig waren ihre Bewegungen
-geworden, so ohne jede bäurische
-Ungelenkigkeit, und doch wieder völlig
-des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-»Gut, sehr gut sogar«, sagte er, »ich
-erzählte dir schon, dass du mir Glück
-gebracht hast. Seit ich dein Bild gemalt,
-habe ich alle Hände voll zu thun gehabt.«</p>
-
-<p>»Sie haben g'wiss viel schöne Damen
-g'malen?« fragte sie mit einer Regung der
-Eifersucht.</p>
-
-<p>»Du meinst ja wohl Damen im Sonntagsputz?«
-versetzte er, sich der eiteln
-Regung der Kleinen erinnernd. »Da fällt
-mir ein, wann willst du mir denn in
-deinem besten Staat sitzen?«</p>
-
-<p>»Auf der Stell', i kleid' mi nur um«,
-sprach sie und verschwand im Hause,
-klugerweise aber, ohne das Gastzimmer zu
-betreten; aus dem Flur führte die Treppe
-in ihr Zimmerchen. Die Fragen des Thalhofers
-wären unbequem gewesen. Nach
-einer Weile kam sie wieder, mit einer
-Näherei in der Hand.</p>
-
-<p>»Blitz, siehst Du sauber aus!« rief
-Teubner, die Künstleraugen voll ehrlicher
-Bewunderung auf ihr verweilen lassend.
-»Ich bin sicher, die »Haiderose« wird
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-ebenso viel Erfolg haben, wie &ndash; wie dein
-früheres Conterfei. Vielleicht verhilft sie
-mir zu all' den übrigen guten Dingen, die
-ich mir noch für's Leben wünsche. Dem
-»Unkraut am Wege« verdanke ich ein
-schönes Atelier, freundliche Kritiken und
-dass ich mit etlichen Münzen in der Tasche
-klimpern kann. Und wenn das Glück mir
-wohl will, dann«, er brach ab und blickte
-auf einen einfachen Ring an seinem Finger.
-»Was hast Du?« fragte er auf einmal aufsehend.</p>
-
-<p>»I' hab mi g'stochen«, sagte sie mit
-völlig veränderter Stimme, die Nadel war
-ihr bei einer heftigen Bewegung in den
-Finger gefahren, ein Blutstropfen fiel herunter,
-sie seufzte tief auf. Fritz Teubner
-schüttelte den Kopf über das wehleidige
-Bauernmädchen, das ganz verstört über
-einen Nadelstich erschien. Da war die
-kleine zarte Nachbarin, deren Ring er am
-Finger trug, standhafter. Tagaus, tagein
-handhabt sie die Nadel bis zu einem gewissen
-glücklichen Tage, den Cenz's Bild
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-näher rücken soll. Eifrig führt der Maler
-den Stift.</p>
-
-<p>Der Thalhofer Franz tritt zu der Gruppe
-im Hofe.</p>
-
-<p>»Madel, was hast?« fragt er erschrocken,
-»Du wirst doch net krank wer'n. Lass
-Dir rathen und geh in's Haus. Bei derer
-Hitz'n ist's net gut draussen sein.«</p>
-
-<p>Merkwürdig wohl thut ihr seine Sorge,
-und dankbar sieht sie den ehrlichen hübschen
-Jungen an.</p>
-
-<p>»Mir is nix«, sagte sie, »aber i denk',
-i lass, wenn's Ihnen recht is, das Sitzen
-auf ein ander Mal.« Fritz ist's zufrieden.
-Er hat denn auch im Lauf der Tage,
-während er im Dorfwirthshaus sein Quartier
-aufgeschlagen, das Bild vollendet. Mit
-Crescenz schloss er gute Freundschaft; sie
-hat die ganz ausführliche Geschichte von
-der kleinen hübschen Nachbarin, von dem
-Ring und wie und wann er ihn bekommen,
-aus seinem Munde gehört. Wie tief sie
-diese Geschichte ergriff, hat er nicht erfahren.
-Das Unkraut war übrigens ein
-<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-tapferes Mädchen geworden und wusste
-seine aussichtslose und ein wenig lächerliche
-Neigung zu bekämpfen. Als ein Jahr
-nachher Fritz Teubner mit seiner jungen
-Frau in das Dorf zur Sommerfrische kam,
-ging es gerade hoch her im Kreuzwirthshaus.
-Das hübscheste Mädchen im Orte,
-Crescenz Hellgruber, feierte ihren Verspruch
-mit dem jungen Thalhofer. »Man
-soll si nix verreden«, sagte die Wirthin
-zum Pfarrer, »jetzt hab' i an dem Unkräutl
-doch mei Freud erlebt. So brav ist's
-worden, dass i mir wünsch, meine Madeln
-sollen ihr nachgerathen.«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-HERBSTBLÄTTER.</h2>
-
-
-<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-Ich kann ihn nun selber tragen!
-bemühen Sie sich nicht weiter!
-Die alte Frau nahm dem Mädchen den
-kleinen, mit Koth und Blut beschmutzten
-Knaben ab und sich mit kurzem Kopfnicken,
-ja ohne ein Wort des Dankes
-verabschiedend, ging sie in ihr Haus
-hinein. Verblüfft blieb die Nachbarin, ein
-junges, nettgekleidetes Mädchen, mit einem
-zarten schüchternen Gesicht vor der
-Thüre stehen. Warum wurde sie so ohne
-alle Förmlichkeit entlassen? Das alte,
-zahnlose Mütterchen hatte es geduldet,
-dass sie ihr den schweren Jungen die ganze,
-ziemlich lange Strecke von der Pferdebahn
-bis zum Hause mehr trug als führte.
-Freilich hätte sie den Liebesdienst auch
-<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-nicht abzulehnen vermocht, selbst wenn
-sie Lust dazu gehabt hätte. Der Schrecken
-war ihr in die alten Glieder gefahren, als
-das wilde Kerlchen, noch bevor sie das
-Zeichen zum Halten gegeben, vom Wagen
-sprang, hinfiel und sich das Gesicht aufschlug.
-Und als das junge Mädchen, das
-an derselben Strassenecke abstieg, den
-kleinen Unband, ohne ein Wort zu sprechen,
-auf den Arm nahm, war sie ihr wortlos
-gefolgt; aber die Blicke, die sie auf die
-junge Helferin heftete, zeugten von
-Allem eher als von Erkenntlichkeit und
-Wohlwollen, und der Abschied war entschieden
-unhöflich. Merkwürdigerweise
-hatte sich das Büblein ohne Widerrede
-von der Fremden tragen lassen, während
-es sich oft aus den Armen der alten Frau
-sträubend loswand, was das Mädchen vom
-Fenster aus beobachtet. So war es vermuthlich
-grossmütterliche Eifersucht, was die
-Greisin so ablehnend erscheinen liess. Eine
-andere Erklärung konnte Johanna Stirner
-dem sonderbaren Benehmen nicht geben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-Frau und Kind waren ihr nicht ganz
-fremd, obschon sie ihre Namen nicht
-wusste. Seit etwa vier Wochen hatte sie
-das einfenstrige Gassenzimmerchen dem
-Hause der Alten gegenüber gemiethet.
-Sie war eine Kleidermacherin, eine Waise,
-die sich seit dem Tode ihrer Eltern tapfer
-und ehrlich durch's Leben schlug. Erst
-hatte sie Stunden gegeben, aber das
-Schneidern wurde besser bezahlt. Ihre
-Arbeit ernährte sie und gestattete ihr den
-Genuss eines der feineren Vergnügen, an
-die sie in ihrem wohlhabenden Elternhaus
-gewöhnt gewesen, den Besuch eines
-Theaters oder Conzerts oder den eines
-befreundeten Hauses, das sich nicht von
-ihr zurückgezogen, als sie den Kampf
-um's Dasein selbständig aufnehmen musste.
-Ihre Beschäftigung zwang sie, nahe dem
-Fenster zu sitzen, und während die flinken
-Hände in das feine Zeug stachen, hatte
-ihr Geist Zeit zum Beobachten und Nachdenken.</p>
-
-<p>Unwillkürlich formte sie sich die
-<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-Lebensgeschichte zu den Gesichtern, die
-sie in den Fenstern oder auf der Strasse
-sah. Das alte Paar ihr gegenüber, das
-die wärmende Herbstsonne suchte und in
-ihrem Schein an je einem Fenster im
-ersten Stockwerk sass, musste schwere
-Verluste erlitten haben. Sicher war es
-das verbitternde Unglück, das ihnen die
-herben Linien in die Gesichter gezogen,
-wahrscheinlich der Verlust ihrer Lieben.
-Das junge Mädchen glaubte zuerst, sie
-ständen ganz allein, aber bald sah sie einen
-wilden kleinen Jungen, der nicht mehr
-als vier Jahre zählen mochte, in der Stube
-herumstürmen und das Oberste zu unterst
-kehren. Die Alten liessen ihm wohl zu
-viel eigenen Willen, denn es kam vor, dass
-sich der Wildfang auf das Fenstersims
-setzte und die kleinen Beinchen in die
-Strasse hinabbaumeln lies. Das sah
-lebensgefährlich aus, aber wenn es ihm
-die Grosseltern wehrten, so bemerkte man
-keine Wirkung davon. Sie sprachen auf
-ihn ein, und er blieb unbekümmert auf
-<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-seiner Warte, bis ihm ein anderer Einfall
-durch das Gehirn schoss, er in die Stube
-zurückkletterte, um nach ein paar Minuten
-auf der Strasse unter den wilden, zerlumpten
-Rangen aufzutauchen. Sie waren
-älter als er, aber das hinderte ihn nicht,
-wie ein kleiner trotziger Kampfhahn auf
-sie einzudringen. Putzig genug sah er
-aus, wenn er mit seinen Fäusten auf die
-grossen Bengel loshämmerte, unbekümmert
-darum, wohin sie ihrerseits mit ihren Armen
-trafen. Wenn er hinab kam, war er sauber
-und trug gute Kleider, aber eine halbe
-Stunde unter seinen Widersachern sah
-ihn voll Staub und Schmutz und den
-Anzug in Fetzen.</p>
-
-<p>Fräulein Johanna konnte sich nicht
-enthalten, dem prächtigen dunkeläugigen
-Burschen die zerzausten Locken zu streicheln,
-oder ihm einen Apfel, ein Stückchen
-Backwerk zuzustecken, wenn sie an ihm
-vorbeikam. Das arme Mädchen ahnte
-wenig, welchen Missdeutungen sie sich durch
-ihre harmlose Freundlichkeit aussetzte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-»Wieder Eine!« sagte die zahnlose Alte
-und winkte bedeutungsvoll zu ihrem würdigen
-Gemahl hinüber.</p>
-
-<p>»Sie speculirt,« pflichtete er bei, »dem
-Kind schmeichelt sie und meint jemand
-Andern. Nun, wir sind auch noch da!«</p>
-
-<p>Da Johanna Abends vom Fenster abrückte
-und zufällig die ersten Sonntage
-bei ihren Freundinnen eingeladen war,
-wusste sie gar nicht, dass die interessante
-Familie über der Strasse noch ein Mitglied
-zähle; um wie viel weniger konnte
-ihr einfallen, dass man ihr niedrige, eigennützige
-Pläne auf dasselbe beimesse. Sie
-wohnte schon eine geraume Zeit in ihrem
-Stübchen, bis sie einmal zufällig Abends
-an das Fenster trat und drüben einen
-noch jungen Mann mit einem sehr ernsthaften
-Gesicht bemerkte. Die leidenschaftliche
-Innigkeit, mit der er das Kind
-liebkoste, fiel ihr auf. Dann unterhielt
-sie der Kampf, der in der Regel mit aufgeweckten
-und nicht sonderlich lenksamen
-Kindern ausgefochten werden muss,
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-der Kampf um das Zubettgehen. Das
-Kerlchen lief lachend und schreiend vor
-der Grossmutter davon, diese mochte bitten
-und drohen, das sah man an ihren Mienen,
-aber ohne einen Eindruck zu erzielen.
-Zuletzt machte der junge Mann der Komödie
-ein Ende, indem er das Kind in
-den Arm nahm und aus der Stube trug.
-Ohne sich zu sträuben, liess es der kleine
-Junge geschehen, ja er drückte vergnügt
-lachend sein Gesicht an das bärtige; &ndash;
-das war offenbar sein Papa, der Knabe
-nicht, wie sie vermuthet, doppelt verwaist.
-Dann hat sie auch den jungen Mann
-hie und da beobachtet; wenn er das
-Kind nicht bei sich hatte, wurde sein
-Gesicht trostlos, abgespannt, das eines
-Menschen, dem das Leben nicht leicht
-fällt. Dem war gewiss mit seiner Frau
-das beste Theil gestorben, und das Beisammensein
-mit den alten Leuten, die
-seine Eltern nicht sind, darauf möchte
-das Mädchen wetten, bietet ihm vermuthlich
-keinen vollwichtigen Ersatz für das,
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-was er verloren. Allabendlich setzt er
-sich mit ihnen zum Kartenspiel nieder,
-aber aus der Entfernung kann sie sehen,
-dass diese Art Zeitvertreib von ihm als
-eine einmal übernommene und ohne Widerstand
-ausgeführte Pflicht statt als Vergnügen
-betrachtet wird. Bleierne Langweile,
-unzerstörbare Gleichgültigkeit haftet
-bei Gewinn wie Verlust in seinen Zügen,
-während es in den alten Gesichtern
-gierig oder enttäuscht aufzuckt und der
-volle Spieleifer aus ihren hastigen Bewegungen
-spricht. &ndash; Wenn sich das Paar
-endlich zu Ruhe begeben, dann wandert
-der Mann noch lange rastlos in dem Wohnzimmer
-herum; Johanna stellt sich vor,
-dass es einst das Glück seiner jungen Ehe
-umschlossen, und nun von all den Geistern
-todter Freuden für ihn bevölkert ist. Eine
-spuckhafte Gesellschaft! Kein Wunder,
-dass sich seine Stirn furcht und das
-Gesicht den Ausdruck müder Resignation
-trägt. Der Mann dauert sie; und sie weiss
-nicht einmal, wie sehr er zu bedauern ist.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Seit drei Jahren steht das alte Paar
-zwischen ihm und jeder erwachenden Regung
-von Lebenslust. Ihnen ist mit
-ihrem einzigen Kind Alles gestorben; sie
-könnten es nicht begreifen, wenn es bei
-dem jungen Mann anders wäre. Ein eifersüchtiger
-Liebhaber könnte nicht ängstlicher
-seine Herzensdame bewachen, als
-die beiden Greise ihren Schwiegersohn.
-Es ist eine böse Welt, voller Fallstricke.
-Ihr Alter und ihr Missgeschick hat sie
-argwöhnisch gemacht. Am Ende ist es
-doch nur Liebe, wenn auch eine verzerrte,
-missartete, die ihr sonst unverantwortliches
-Beginnen diktirt; sie können sich nicht
-darein finden, eine Andere die Stelle einnehmen
-zu sehen, die ihr einziges Kind
-ausgefüllt. Und sie zittern für Ivo, ihr
-Enkelkind, dem eine Fremde nicht die
-Zärtlichkeit entgegen trüge, die er bei
-ihnen findet. Wo könnte der kleine Schelm,
-der kaum ein Jahr zählte, als ihm die
-Mutter starb, besser aufgehoben sein, als
-bei den Grosseltern? Die alte Frau hat
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-manche Nacht bei dem Kleinen durchwachen
-müssen, die Last und Plage, die
-solch ein junges Menschenkind verursacht,
-war für ihre Jahre nichts Geringes. Ivo's
-Vater wäre ein verhärteter Bösewicht, wenn
-er der grossen Opfer nicht dankbar gedächte
-und die kleinen Schrullen übersähe.
-Dass sie in jeder Frauengestalt, die
-in seinem Gesichtskreis auftauchte, eine
-gewissenlose Glücksjägerin witterten, dass
-sie und ihr Mann nicht müde werden
-konnten, ihn zu warnen und über die
-unlauteren Beweggründe für jedes freundliche
-Wort, an ihn gerichtet, für jede
-Liebkosung, die der schöne kleine Bursche
-empfing, aufzuklären, erschien ihm allerdings
-nicht gerade als ein Beweis von
-liebenswürdiger Gemüthsart, auch trug es
-nicht dazu bei, ihm das Zusammenleben
-mit ihnen besonders erfreulich zu gestalten.
-Aber um ihn handelte es sich nicht, ihn
-hielt sein Beruf den ganzen Tag vom Hause
-fern; wenn er sein Kind treu behütet
-wusste, so hatte er wohl alles erreicht,
-<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-was ihm sein armes, verstörtes Leben
-noch zu bieten vermochte. Diese nimmermüde
-Sorgfalt, die keine andere Hand
-dem Knaben widmen würde, war ein
-Dogma. In der Obhut seiner Grosseltern
-konnte ihm nichts geschehen, es war unmöglich
-bei ihrer unausgesetzten Wachsamkeit!
-Und nun hatte sich der Junge
-blutig geschlagen, als er mit der Grossmama
-aus dem Park heimfuhr, und um
-ihr keinen Tropfen in diesem bittern
-Kelch zu ersparen, musste eine Fremde
-ihm zu Hilfe eilen, nein, keine Fremde,
-eine Harpye, die schon seit Wochen
-darauf lauerte, über den gedeckten Tisch
-herzufallen, die vermuthlich das einfenstrige
-Zimmer nur um ihrer versteckten
-Pläne willen gemiethet und mit geübter
-Hand Zug um Zug auf ihrem Schachbrett
-gethan. Schon sah die Alte ihren leichtgetäuschten
-Schwiegersohn in den Banden
-einer berechnenden Frau, Ivo bei Seite
-geschoben und rauh angefahren, da griff
-sie denn nach dem ersten Ausweg, der
-<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-sich ihr offenbarte, sie hiess den Jungen
-über den Vorfall schweigen. Papa würde
-sehr böse werden, wenn er erführe, dass
-Ivo vom Wagen abgesprungen, bevor
-dieser hielt, schärfte sie ihm ein und
-blickte höhnisch zu der Nachbarin hinüber,
-die nun wieder emsig arbeitend beim
-Fenster sass, um sich durch ihren Fleiss
-»ein gutes Bild einzulegen.« Für diesmal
-war ihr das Spiel verdorben. Die Alte
-hätte kein schlechteres Mittel ergreifen
-können; und wäre nicht schon eine so
-lange Zeit verstrichen, seit sie ihr eigenes
-Kind erzog, sie wäre sicher nicht darauf
-verfallen. Ivo war, wie die meisten lebhaften,
-aufgeweckten Kinder kein Grübler;
-er hätte bis zum Abend den Hautriss
-sammt dem Pflaster darüber, das zarte
-Mädchengesicht, das sich über ihn gebeugt,
-das mitleidige »Hast Du Schmerzen,
-Du armer Schelm?« vollkommen vergessen,
-wenn das Verbot nicht gewesen wäre.
-Das erhielt den ganzen Vorfall frisch in
-seinem Gedächtniss, und verlieh ihm eine
-<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-tiefe Bedeutung. Und als Papa am Abend
-gleich beim Kommen, das Pflaster auf der
-Stirn bemerkend, auf seine Frage von
-Grossmama die Antwort erhielt, Ivo habe
-sich an der Tischkante gestossen, wurden
-die Augen des Kindes sehr gross. Grossmama
-hatte gelogen, ein guter Theil ihrer
-Autorität war für immer dahin. Hartnäckiger
-als sonst wehrte sich der Kleine
-gegen sie, als sie ihn zu Bett bringen wollte.
-Aber hartnäckiger als sonst, bestand sie
-heute auf ihrem Willen; es war nicht rathsam,
-Vater und Kind an diesem Abend
-sich selber zu überlassen. Aber als sie
-Ivo trotz seines Sträubens ergriff, schrie
-er: »Lass mich, oder ich sage dem Papa,
-dass ich vom Wagen gefallen bin!«</p>
-
-<p>Ihr fielen die Hände vor Schreck in
-den Schooss, und ohne Widerstand duldete
-sie es, dass der Teufelsjunge sich von Papa
-emporheben und aus dem Zimmer tragen
-liess. Erst nach einer Weile folgte sie
-ihnen, um ihrem Schwiegersohn beim Auskleiden
-des kleinen Prinzen zu helfen, aber
-<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-der lag schon im Bett, mit beiden Händchen
-um den Hals des Vaters, der seinen
-Kopf auf das Kissen neben den des Kindes
-gelegt; es war wie gewöhnlich; kein Anzeichen,
-dass der Range geplaudert und
-alle Mühe umsonst gewesen. Beruhigt
-zog sie sich zurück. Sie ahnte nicht, was
-ihr der nächste Morgen bringen würde.</p>
-
-<p>Es war ein Sonntag, ein schöner, milder
-Frühlingstag. Grossmama sah kein Arges
-darin, dass ihr Schwiegersohn bat, dem
-Kinde sein bestes Kleid anzulegen. Vermuthlich
-führte er ihn, wie er es fast
-jeden Sonntag that, in den Park spazieren. &ndash;
-Als der junge Mann und das Kind der
-Thüre zuschritten, wandte sich der Erstere
-nochmals um: »Ich hoffe, Grossmama, wir
-werden zur rechten Zeit zurück sein, doch
-sollten wir uns, wider Erwarten, verspäten,
-dann nehmt das Essen ohne uns ein. Ich
-beabsichtige, mit Ivo einen Besuch zu
-machen.«</p>
-
-<p>Einen Besuch? Seit dem Tode, nein
-schon seit der Erkrankung seiner Frau
-<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-hatte er nicht daran gedacht, ein fremdes
-Haus zu betreten, fing er auf einmal an,
-der Aussenwelt Interesse abzugewinnen?
-Der Alten erschien dies wie eine Beeinträchtigung
-ihrer todten Tochter.</p>
-
-<p>»Wohin willst Du mit Ivo gehen?«
-fragte sie und wischte dem Kinde über
-das ohnehin blanke Gesichtchen; sie hatte
-kein Recht zu der Frage, aber ihre Wissbegier
-trug manchmal den Sieg über ihre
-Klugheit davon.</p>
-
-<p>»Selbstverständlich zu dem jungen Mädchen,
-das meinem Kinde Beistand geleistet.
-Es war nicht recht, Grossmama, dass Du
-mir den Vorfall verheimlicht. Die junge
-Dame müsste uns für Leute ohne Lebensart
-und Erziehung halten, wenn wir ihr
-nicht einmal unseren Dank dafür aussprächen,
-dass sie den schweren Jungen
-bis zum Hause trug.«</p>
-
-<p>Nun lag ihm schon an der Meinung
-einer wildfremden Näherin. Grossmama
-war wüthend.</p>
-
-<p>»Ich hatte es vergessen,« sagte sie, mühselig
-<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-eine gleichgültige Miene behauptend,
-»gedankt habe ich ihr für die kleine Mühe
-übrigens schon gestern. Sie wird wohl
-wissen, weshalb sie sich sie nahm. Wäre
-mein armes Kind noch am Leben, dann
-hätte die drüben gewiss keine Hand nach
-Ivo ausgestreckt.«</p>
-
-<p>»Ja,« schnarrte Grosspapa von seinem
-Sitz am Fenster dazwischen, »sich selbst
-sein Brod verdienen, das ist ein unangenehmes
-Geschäft für eine junge Dame,
-viel besser, man setzt sich in ein wohleingerichtetes
-Haus hinein, selbst wenn
-man so ein lästiges Anhängsel,« er wies
-auf Ivo, »mit in Kauf nehmen muss.«</p>
-
-<p>»Da stösst man dann in alle Ecken«,
-wehklagte seine Gemahlin, »ich habe es
-nicht einmal, nein Dutzendmal mit angesehen.
-Wenn ein Kind den Vater verliert,
-so ist es traurig, aber mit der Mutter
-büsst es alles, alles ein.« Beschwörend
-streckte sie die Hände nach ihrem wie
-auf Kohlen stehenden Schwiegersohn aus.</p>
-
-<p>»Franz, wenn Du dem Knaben eine
-<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-Stiefmutter giebst, sieh' nicht auf Jugend
-und Schönheit, sieh' nur, ob sie ein Herz
-zu dem Kind fassen kann!«</p>
-
-<p>»Ich weiss nicht, was Dir einfällt, Grossmama,«
-sagte der junge Mann unwirsch,
-»ich denke nicht daran, mich wieder zu
-verheirathen. Mein Sohn ist bei Euch gut
-aufgehoben, und ich kann doch nie wieder
-so glücklich werden, wie ich es mit Marie
-gewesen.«</p>
-
-<p>Das war eine Beruhigung für die Alten,
-aber Franz ging ärgerlich, aus seiner gewöhnlichen
-Gelassenheit aufgerüttelt,
-davon. Die Beschwörungen und Prophezeihungen
-wickelten ihn in einen grauen
-dicken Nebel ein, durch welchen er die
-Welt in ziemlich trübseligem Licht erblickte.
-Zuletzt that es ihm leid, dass er so bestimmt
-seine Absicht angekündigt, der Nachbarin
-in Person zu danken. Was sollte ihm der
-Verkehr mit einer Fremden? Er war durch
-sein Unglück an Einsamkeit gewöhnt,
-fühlte sich am wohlsten allein oder in der
-Gesellschaft seines Kindes. Die Alten
-<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
-hatten nicht Unrecht, er that am besten,
-wenn er sein leckes Lebensschifflein abseits
-von den anderen Seefahrern lenkte, die
-unter vollem Segel hinglitten und vom
-Leben noch Glück und erfüllte Verheissungen
-erwarteten. Vielleicht hatten sie
-auch recht mit ihren Warnungen; sie
-kennen die Nachbarin seit längerer Zeit,
-haben sie beobachtet, während er sie noch
-kaum bemerkte.</p>
-
-<p>Ivo hat heute nicht viel Vergnügen
-von seinem vor sich hingrübelnden Papa.
-Aber er verlangt von dem traurigen Mann
-nicht, dass er sich so unausgesetzt mit ihm
-beschäftige, wie es die Grosseltern thun,
-die ihn mit ihren Lehren und ihrer Beaufsichtigung
-gar oft langweilen. Er ist schon
-zufrieden, wenn er mit seinem Papa sein,
-neben ihm hergehen kann, vergebens bemüht,
-seine Schritte den weitausgreifenden
-anzupassen. Im Park setzt sich Franz
-auf eine Bank, der Kleine befriedigt an
-seine Seite. Nach einer Weile wird er des
-Stillsitzens überdrüssig und beginnt, die
-<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-schönen gelbfarbigen und purpurrothen
-Blätter aufzulesen, die der Herbst auf den
-Rasen verstreut. Ein ganz unterhaltendes
-Geschäft, und wenn man die minder schönen
-immer wieder gegen besser gefärbte
-vertauschte, mag es auch für eine geraume
-Zeit vorhalten.</p>
-
-<p>Der Vater trifft Anstalten, sich von
-seinem Sitz zu erheben und blickt nach
-dem Knaben aus. Beide Hände voll mit
-seiner prächtigen Beute eilt er auf ihn zu.
-Franz ist soeben zu dem Entschluss gekommen,
-es sei am besten, nach Hause zu
-gehen und der Fremden einige Zeilen des
-Dankes zu schreiben, denn er ist des Verkehrs
-mit Frauen vollkommen entwöhnt,
-und die Worte der Alten haben, ohne dass
-er es sich gestehen mag, ihren Einfluss
-auf ihn nicht verfehlt. Da sagt Ivo:</p>
-
-<p>»Die rothen und gelben Blumen bringe
-ich alle dem schönen, grossen Mädchen,
-das mich nach Hause getragen hat. Die
-wird sich freuen!«</p>
-
-<p>Es war feuchtkalt in den Zimmern.
-<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
-Die Sonne schien plötzlich ihre ganze
-Macht eingebüsst zu haben. Grossmama
-sass, in einen dicken Shawl gewickelt, am
-Fenster und blickte ingrimmig zu der
-Nachbarin hinüber. Was sie sah, war aber
-auch wirklich geeignet, ihrem Verdacht
-Nahrung zu geben, und ihr am Nebenfenster
-gleich einer grossen grauen Spinne
-lauernder Gemahl, ein heimtückischer Greis,
-der sich freute, für seine geringe Meinung
-von der Menschheit im Allgemeinen an
-besondern Fällen eine Bekräftigung zu
-finden, verstand es trefflich, durch gelegentliche
-boshafte Bemerkungen, wie
-»wenn sie das Kind mit ihrer Zärtlichkeit
-nur nicht erdrückt!« oder »Franz scheint
-sich gar nicht von drüben trennen zu
-können,« das Feuer zu schüren. Franz
-war ein ungelenker, steifer Geselle, seit
-er sich in seinem Umgang auf die zwei
-alten Leute beschränkte. Er hatte sich
-auf den Sessel gesetzt, den ihm die Nachbarin
-angeboten, und nachdem er, unbeholfen
-genug, seinen Dank für die geleistete
-<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-Hülfe ausgesprochen, versank er
-in ein bedrückendes Stillschweigen. Das
-junge Mädchen war zu schüchtern, um es
-zu unterbrechen. Im Hause ihrer Eltern,
-mit dem Rückhalt, den ihr deren gesicherte
-Lebensstellung gewährt, war sie
-heiter, lebhaft und gewandt gewesen; seit
-sie sich allein durch's Leben schlagen und
-und von hochmüthigen Kunden manche
-Demüthigung hinnehmen musste, war sie
-gedrückt, zurückhaltend, und nur wenn
-sie freundlichem Entgegenkommen begegnete,
-schaute sie auf, und ihre ehemalige
-liebenswürdige Gesprächigkeit trat zu Tage.
-Beide hatten im ersten Augenblick nicht
-den günstigsten Eindruck von einander
-empfangen; Johanna hielt ihren Gast für
-hochmüthig, &ndash; (das arme Kind war seit
-den trüben Erfahrungen, die sie gemacht,
-nur zu geneigt, diese Eigenschaft bei ihren
-lieben Nächsten vorauszusetzen) &ndash; er
-dachte, sie wäre eine hübsche geist- und
-leblose Kaminfigur und blickte sehnsüchtig
-nach der Thür, im Stillen die Augenblicke
-<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a>
-zählend, bis er sich ohne Verstoss gegen
-die Schicklichkeit wieder empfehlen konnte.
-Nur Ivo fühlte sich wie zu Hause. Ihn
-würde der Glanz und die Hoheit eines
-Königshofes vermuthlich auch nicht im
-Geringsten eingeschüchtert haben. Uebrigens
-kam er nicht mit leeren Händen,
-das musste ihm jedenfalls einen freundlichen
-Empfang sichern.</p>
-
-<p>»Da«, sagte er mit grosser Wichtigkeit,
-die gelben und rothen Blätter, die er auf
-dem Wege durch krampfhaftes Festhalten
-um ihre natürliche Form gebracht, Johannaen
-darreichend, »das alles gehört Dir.
-Freust Du Dich?«</p>
-
-<p>Es war wie eine Erlösung, die frische,
-helle, sorglose Kinderstimme in das
-drückende Schweigen hineinklingen zu
-hören. Kein Wunder, dass Johanna den
-kleinen Jungen umfasste, herzlich abküsste
-und auf den Schooss nahm. Weggewischt
-war alle Verlegenheit und Zurückhaltung,
-das junge bildschöne Kind, das sich so
-eng an sie schmiegte, dessen warmen
-<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
-Athem sie an ihrer Wange spürte, wusste
-nichts von Ueberhebung, wollte nicht verletzen.
-Mochte der steife Patron auf dem
-Sessel drüben mit sich zurechtkommen,
-wie er wollte, sie hatte ihren Zeitvertreib.
-Und nun kam sie ins Plaudern. Jedes
-Wort verrieth das Mädchen von Bildung
-und Verstand, das sich in gemüthvoller
-Herzlichkeit zu dem Fassungsvermögen
-des kleinen Burschen herablässt. Ihr silbernes
-Fingerhütchen, das sie selbst heute
-nicht abgelegt, da sie trotz des Sonntags
-ein Kleid anzufertigen hatte, wurde nun
-ein undurchdringlicher Panzer, die spitzen
-Nadeln, Lanzen und Spiesse, jeder Finger
-ein wackerer Ritter. Welch ein Turnier
-entwickelte sich zu Gunsten Ivo's, der vor
-Spannung und Entzücken den Athem anhielt.
-Mit grossen Augen sah Franz die
-Umwandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen,
-seit sie das Kind auf dem
-Schooss hielt. Von dem kleinen Medium
-konnte er ja auch Nutzen ziehen. Und
-nun entwickelte sich das anmuthige Spiel,
-<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-das die Grossmama und ihren würdigen
-Gemahl mit so berechtigtem Unmuth erfüllte.
-Sobald Ivo von Johanna's Schooss
-herabgeklettert und irgend eine fabelhafte
-Herrlichkeit auf dem Kamin des Parlors,
-der Johanna's Hauswirthen gehörte, zu
-bewundern, hielt sein Papa ihn an und
-begann ihm die Haare zurecht zu streichen,
-einmal in die Stirn und dann zur Abwechslung
-aus der Stirn. Dabei sprach
-er durch ihn zu der Nachbarin.</p>
-
-<p>»Du darfst das Fräulein nicht so belästigen,
-Ivo.« Natürlich versicherte sie,
-er mache ihr keine Mühe. Dann erklärte
-ihm sein Papa auf das Nachdrücklichste,
-sie sei zu gütig gegen ihn, und er verdiene
-so viel Nachsicht und Freundlichkeit nicht.
-Darauf zog sie ihn wieder zu sich, um den
-eiteln kleinen Burschen, der vor Freude
-hochroth im Gesicht wurde, ein dunkelblaues
-Band, das ihr von der Näherei übrig
-geblieben, als Cravatte um den Hals zu
-knüpfen. Das erinnerte ihn an die Zeit,
-da Ivo's Mutter kein grösseres Vergnügen
-<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a>
-gekannt, als das winzige Kind mit Schleifen
-und Bändern herauszuputzen. Das eine
-seiner Händchen haltend, sprach er von
-jenen schönen Tagen, sie fasste das andere
-und war ganz Mitleid für das Kind. Ivo
-hielt prachtvoll still in seiner Blitzableiterrolle,
-die den Beiden über ihre Verlegenheit
-hinweghalf. Er liess sich von Johanna
-die Bilder in der »Gartenlaube« erklären
-und zeigte dann jedes dem Vater hinüber,
-eine sehr drollige Erläuterung in seiner
-Manier dazugebend. Und unvermerkt verstrich
-die Zeit. Hüben und drüben gab
-es mit jedem Viertelstündchen mürrischere
-Gesichter. Ivo's Grosseltern warteten, trotzdem
-ihre Essensstunde bereits vorüber war,
-mit der Sonntagstafel; dasselbe thaten
-Johanna's Hauswirthe. Aber beide erschöpften
-sich dabei nicht gerade in Segenswünschen
-für die Schuldtragenden.</p>
-
-<p>Endlich als die Hausfrau ihr ältestes
-Töchterchen mit der Botschaft hereinschickte,
-die Familie könne nicht länger
-warten, erhob sich Franz, erstaunt und erschrocken
-<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a>
-über die ungebührliche Länge
-seines ersten Besuchs; aber das junge Mädchen
-war nun in die Freuden und Leiden
-seines Lebens eingeweiht, sie wusste von
-seinem kurzen Glück und der langen trostlosen
-Zeit, die demselben gefolgt. Auch
-sie hatte mit ihren Mittheilungen nicht
-gegeizt. Beiden war es ein seltener Genuss,
-einmal zu einem wirklich theilnehmenden
-Ohr von dem eigenen Schicksal zu sprechen,
-und er kannte nun ihr Elternhaus, ihre
-friedliche sorglose Kindheit und die harten
-Schläge, die sie betroffen, als wäre er ein
-alter Freund. Sprechen wir nicht von der
-Sonntagstafel. Hüben wie drüben hätte
-sie den Beiden eigentlich durch die missmuthigen
-Gesichter am Tisch vergällt
-werden müssen, aber sie bemerkten nichts
-davon. Beide waren in Gedanken noch
-immer bei dem angenehmen Stündchen,
-Beiden schien's, als sei ihnen etwas von
-ihrem alten Leben zurückgekehrt. Ivo
-vollends war unausstehlich. Wäre dies
-dem verwöhnten Enkelchen gegenüber nicht
-<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a>
-gar so unmöglich gewesen, die Grosseltern
-hätten ihm vermuthlich mehr als einmal
-barsch Schweigen geboten. Er wurde nicht
-müde, von der Tante zu sprechen; alles,
-was er drüben gesehen, war viel schöner
-als daheim, Grossmutter besass nur einen
-gewöhnlichen Fingerhut und nichts anderes,
-ihr Kuchen hielt keinen Vergleich mit
-dem aus, den ihm Johanna gegeben, und
-eine solche Cravatte wie die, welche sie
-ihm umgebunden, fand sich im ganzen
-Hause nicht vor.</p>
-
-<p>Auch fiel seine Begeisterung nicht so
-schnell in todte Asche zusammen, wie es
-sonst bei Kindern der Fall ist. Sobald ihn
-die Grossmama des Morgens angekleidet,
-wand er sich geschmeidig wie ein Aal aus
-ihren Händen, polterte die Treppe hinab
-und winkte ihr nach einigen Augenblicken,
-ahnungslos über ihren Verdruss vom Fenster
-gegenüber lachend zu. Selbst die betrübende
-Thatsache, dass er bei der neuen Tante
-artiger sein musste, als daheim, dass die
-enge Stube mit dem angehäuften Nähgeräth
-<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a>
-seinem Umhertollen nur ein sehr
-begrenztes Gebiet gestattete, dass er die
-Nähereien nicht verwirren und mit der
-Scheere dem Aufputz und den Stoffen nicht
-nahe kommen durfte, wirkte nicht abkühlend
-auf seinen Enthusiasmus. Der rauhe Wind
-mochte ihm den Aufenthalt auf der Strasse
-verleiden, und ehe er sich bei den Grosseltern
-langweilte, die in der That in ihrer
-mürrischen Verbitterung nichts mit dem
-quecksilbernen Jungen anzufangen wussten,
-trug er, mit so viel Geduld, als er aufzutreiben
-vermochte, die ungewohnten
-Zügel. Es wurde ihm nicht allzu schwer
-gemacht. Während Johanna flink die
-Finger rührte, bevölkerte sie für ihn das
-enge Stübchen mit all den trauten Gestalten
-des deutschen Märchen- und Sagenschatzes;
-er lauschte ihr in athemloser Spannung
-und verfiel nur selten auf eine seiner kleinen
-Teufeleien. War es jedoch einmal der Fall
-und sprach ihm Johanna ernst und eindringlich
-in's Gewissen, dann senkte er
-bussfertig den Lockenkopf und versprach
-<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a>
-volle Besserung. Selbst daheim hätten die
-Grosseltern eine gewisse Milderung seiner
-wilden Sitten bemerken müssen, wenn sie
-dazu geneigt gewesen wären. Aber wenn
-Johanna sich mit dem Kinde Mühe nahm,
-so legte sie nur Fallstricke, um dessen
-verblendeten Vater zu fangen. Grossmama
-nahm sich kein Blättchen vor den Mund,
-sie hielt mit ihrer Meinung über die Sirene
-nicht zurück; freilich erzielte sie mit ihren
-Anklagen ein gar sonderbares Resultat.
-Immer häufiger richteten sich Franzens
-Blicke auf das Fenster gegenüber, immer
-heller wurde seine Miene, immer mehr verschwand
-der Trübsinn aus seinem Blick.
-Sonst hatte ihm nichts solchen Verdruss
-erregt, als wenn er Abends beim Nachhausekommen
-den Knaben nicht vorfand; jetzt
-schien es ihm ein besonderes Vergnügen
-zu machen, ihn von drüben abzuholen und
-dabei eine Viertelstunde mit der Nachbarin
-zu verplaudern. Grossmama ging den
-ganzen Tag wie ein drohendes Gewitter
-herum, und ihr Gemahl glich mehr als je
-<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a>
-einer grossen grauen Spinne, die auf eine
-unschuldige Fliege lauert. Zuletzt lief sie
-ihnen ahnungslos in's Garn. Ivo hatte
-sich erkältet und musste das Bett hüten.
-Mit der Hartnäckigkeit eines kranken
-Kindes verlangte er seine Tante Johanna.
-Grossmama schleppte ihm Spielzeug und
-Näschereien in's Bett, aber nichts vermochte
-seine Gedanken abzulenken. Papa war
-früher als sonst aus seinem Geschäft gekommen
-und hörte noch vor der Zimmerthür
-das Kind nach der Tante verlangen.</p>
-
-<p>»Warum habt Ihr sie nicht gebeten,
-herüberzukommen?« fragte er arglos, »Fräulein
-Stirner ist die Gefälligkeit selbst und
-Ivo ihr besonderer Liebling. Sie wäre
-ohne Bedenken an sein Bettchen geeilt.«</p>
-
-<p>»Das glaube ich,« versetzte Grosspapa,
-»an Bedenken scheint die junge Dame
-überhaupt nicht zu kränken.«</p>
-
-<p>Und »Ivo ihr Liebling,« rief höhnisch
-seine bessere Hälfte, »solche berechnende
-Geschöpfe haben für Niemand eine Neigung
-als für sich selbst.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a>
-Dem jungen Mann schwoll die Zornader
-auf der Stirn, aber er hielt an sich.</p>
-
-<p>»Möchtet Ihr nicht, wenn schon nicht
-aus Rücksicht für mich, so doch Euer
-graues Haar bedenkend, etwas weniger
-gehässig von einem Wesen sprechen, das
-unserem Kinde bisher nichts als die selbstloseste
-Freundlichkeit erwiesen? Nein,
-spottet nicht,« &ndash; kam er, als sie sprechen
-wollten, ihnen zuvor, »Ihr werdet mich
-sonst dadurch zu einen Schritt veranlassen,
-vor dem Ihr mich bewahren wollt!«</p>
-
-<p>So hatte er noch nie gesprochen. Wenn
-sie ihn auch verdächtigten, er habe ihre
-todte Marie bereits vergessen, so hatte
-er bisher doch jeden Gedanken, ihr eine
-Nachfolgerin zu geben, kurz von der
-Hand gewiesen, bestürzt zogen sich die
-Verschworenen in die Wohnstube zurück,
-den Vater bei dem Kinde lassend. Er
-hätte, wenn er horchen gewollt, sie murren
-und grollen und Pläne schmieden hören
-können, aber jedenfalls flösste ihm Ivo's
-Geplauder, in welchem das junge, blasse
-<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a>
-Mädchen von drüben beständig wiederkehrte,
-theils wegen des Gegenstandes,
-theils wegen des Sprechers mehr Interesse
-ein. Am nächsten Morgen hielt er das
-widerspenstige Kind durch das Versprechen,
-heute werde die Tante gewiss
-kommen und sich freuen, ihn so folgsam
-zu sehen, im Bettchen fest. Bevor er
-das Haus verliess, theilte er den Alten
-mit, er wolle die Nachbarin herüberbitten.
-»Ich brauche Euch wohl nicht zu erinnern,
-dass ich meines Sohnes beste Freundin in
-meinem Hause mit aller Rücksicht behandelt
-sehen will,« sagte er beim Abschied.
-Die Grossmama nickte mit dem Kopf,
-aber nicht wie zur Bestätigung seiner
-Rede, sondern zu einer, die sie sich selber
-hielt. In gemeinverständliches Deutsch
-übersetzt, mochte es bedeuten: »O warte
-nur, Du sollst sehen, wie ich mich vor
-Deinen lächerlichen Drohungen fürchte!«
-Und Grosspapa goss nach seiner lieblichen
-Gewohnheit Oel in's Feuer. »Geh doch
-in die Küche, Kuchen backen für den
-<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a>
-seltenen Gast! Und vergiss die guten
-Tassen nicht, die Marie zur Hochzeit
-bekam. Unsere glatten, weissen sind nicht
-vornehm genug für die Nähmamsell!«</p>
-
-<p>Sie sahen noch, wie Franz über die
-Strasse ging, drüben die Klingel zog und
-in das Haus trat. Grossmama hatte Furcht,
-er werde das Geschäft versäumen, aber so
-verhängnissvoll war der Einfluss von »der
-drüben« doch noch nicht geworden; nach
-ein paar Minuten trat er wieder auf die
-Strasse hinaus, allerdings mehr aus dem
-Grunde, weil er das junge Mädchen vor
-ganzen Bergen von Arbeit überrascht, als
-weil ihn sein geschäftliches Gewissen aus
-ihrer Nähe vertrieben. Sie wollte die
-erste freie Minute benutzen, um nach dem
-kranken Ivo zu sehen. Sie hatte so besorgt
-nach ihm gefragt und wirklich erleichtert
-aufgeathmet, als sie erfuhr, seine Krankheit
-sei unbedenklich; ob wohl Grossmama
-auch darin Zeichen von Berechnung zu
-entdecken vermöchte, fragte sich der junge
-Mann lächelnd.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a>
-Mit einem Freudengeschrei, das ihm
-gleich darauf einen tüchtigen Hustenanfall
-zuzog, begrüsste der Knabe seinen Gast.
-Bei seinem Entzücken übersah sie zuerst
-den kühlen Empfang, den ihr die beiden
-Alten zukommen liessen. Auch als sie
-sich über das geringe Vergnügen, das ihr
-Kommen in ihnen erregte, nicht länger
-täuschen konnte, war sie billig genug,
-einzusehen, dass Ivo, der um ihretwillen
-die Grosseltern in der letzten Zeit ziemlich
-vernachlässigt, ein wenig Eifersucht begreiflich
-machte. Unbehaglich wurde ihr
-nur zu Muthe, als wirklich die bemalten
-Tassen zum Vorschein kamen und die
-beiden Alten sich mit säuerlichen Gesichtern
-zu dem an Ivo's Bett gerückten Tisch
-niedersetzten. O, es entstanden keine
-solchen Pausen, wie bei dem ersten Besuch,
-den Franz ihr gemacht! Grossmama sprach
-unaufhörlich auf den Gast ein, und wenn
-sie, um Athem zu schöpfen, innehielt,
-dann fiel der alte Mann mit seiner krächzenden
-Stimme ein und machte irgend
-<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a>
-eine Bemerkung, die sich wie mit Widerhaken
-in Johannas Seele verfing. Ein
-ausgezeichnetes, ein exemplarisches Paar!
-Wovon konnte sie die Fremde unterhalten,
-wenn nicht von ihrer todten Tochter, die
-solch ein Musterbild aller Tugenden gewesen:
-»ganz anders als die Mädchen, die
-man jetzt sieht, und die nur für den Putz
-und das Geldhinauswerfen geschaffen sind«,
-schnarrte der Alte mit einem Blick auf
-Johannas neumodischen, in Feierabendstunden
-mühselig zusammengeschneiderten
-Anzug dazwischen, dann wieder Grossmama:
-»Was war Marie für eine Hausfrau,
-wie behaglich, wie angenehm wusste sie
-es ihrem Manne zu machen, und wie hingen
-die Beiden auch aneinander!« So ging
-es in einem Zug fort. Die Geschichte
-von Franzens Glück, die sie einmal aus
-seinem Mund vernommen, musste sie nun
-noch einmal hören, aber von den Lippen
-der Alten klang sie schier wie ein Vorwurf
-gegen ihn. Wie durfte er sich
-unterfangen, noch einmal lachen und
-<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a>
-fröhlich sein zu wollen. Grossmama erliess
-ihr nichts; sie musste auch die ganze
-Krankheit und das Ende Maries mitmachen,
-Franzens Verzweiflung und das Versprechen,
-das er, wenn auch nicht gerade
-in Worten, geleistet, ihr nie eine Nachfolgerin
-zu geben. Warum erzählte sie
-ihr dies, warum warf der tückische Greis
-höhnisch darein: »Und an dieser Thatsache
-werden alle mannstollen Glücksjägerinnen
-nichts ändern!« Ihr zog sich das Herz
-zusammen. Ein ungeheures Mitleid mit
-Franz, dessen Hausgenossen, dessen einziger
-Verkehr mit der Welt sie waren,
-überkam sie. Die beiden Alten erinnerten
-sie, wenn sie sich so gegenübersassen mit
-den nickenden boshaften Köpfen, an zwei
-chinesische Götzen. Sie wäre um Ivo's
-Willen noch gern geblieben, aber das
-Pärchen ward ihr unheimlich, und sie
-erhob sich. Doch so leichten Kaufes
-liessen die Alten sie nicht los. Sie musste
-sich noch all die Opfer erzählen lassen,
-die sie für den Enkel gebracht, sie musste
-<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a>
-sich noch in kaum nichtzuverstehender
-Weise andeuten lassen, dass man die
-Motive ihrer Freundlichkeit gegen das
-Kind, und warum sie es den Grosseltern
-so häufig entziehe, ganz wohl verstehe.
-Kein Wort wurde gesagt, dass sie als
-offenkundige Beschuldigung oder Unhöflichkeit
-deuten konnte. Nun ja, solch
-ein Kind lernt bei jungen Leuten leicht
-die alten vergessen: oder mit der biedersten
-Miene von der Welt »der kleine Ivo muss
-es entgelten, dass sein Papa eine gute
-Partie ist, was schleppt er nicht an Bändern
-und Süssigkeiten in's Haus!«</p>
-
-<p>Johanna hatte ihm wiederholt erlaubt,
-sich die glänzenden Flitter, die ihm gefielen
-und die keinen Werth mehr hatten,
-nach Hause zu nehmen, auch einen und
-den andern Leckerbissen liess sie dem
-kleinen Naschmäulchen zukommen. Kaum
-konnte sie ihre Thränen zurückhalten,
-aber als sie auf ihre Stube gelangte, weinte
-sie lange und schmerzlich. Die Alten
-hatten in einer Hinsicht Recht; Franz
-<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a>
-war ihr nicht gleichgültig geblieben; wie
-wäre dies auch möglich gewesen, da er
-der Erste war, der dem alleinstehenden,
-verlassenen Mädchen mit menschlichem
-Antheil entgegen gekommen! Auch das
-Kind hatte sich ihr in's Herz gestohlen.
-Kaum wusste sie, ob sie den Vater um
-des Kindes willen, oder das Kind wegen
-seines Vaters liebe. Aber eigennützige
-Berechnung, ja selbst der Gedanke, er
-könne sie einmal als seine Frau, als Mutter
-seines Kindes in das verwaiste Haus führen,
-waren ihr fremd geblieben. Was half
-ihr aber ihr reines Bewusstsein, wenn die
-bösen Alten, ja wenn vielleicht er selbst
-sie für eine selbstsüchtige Männerjägerin
-hielten. Sie hatte ihre Thränen kaum
-getrocknet, als ihre vierschrötige Hauswirthin
-an die Thüre klopfte, um sich
-über die Unordnung zu beklagen, welche
-die herumfliegenden Fädchen und Läppchen
-von Johannas Schneiderei im Hause
-verursachten. Sie kam ihr eben recht.
-Fort aus der Strasse, fort aus dem Hause,
-<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a>
-wo sie eine solche Verdächtigung, so
-bitteres Leid erfahren! Das war das
-Einzige, was ihr nach den Hornissenstichen
-des würdigen Paares übrig blieb.
-Sie kündigte.</p>
-
-<p>Kaum hatte die Hauswirthin das Zimmer
-verlassen, fing sie ihre Sachen zu
-packen an. Mit höhnischem Winken und
-Deuten sahen sie die Alten drüben bei dem
-Geschäft; aber es wurde ihnen etwas
-weniger behaglich zu Muthe, als Franz,
-auch heute früher als gewöhnlich heimkehrend,
-gleichfalls den offenen Koffer
-und das geschäftig hin- und hereilende
-Mädchen sah. Ivo hatte sich beklagt, die
-Tante sei so schnell fortgegangen, er habe
-ihr nicht einmal einen Kuss geben können.
-Und Franz wusste, dass die Alten irgend
-eine Miene gegraben. Er nahm seinen
-Hut und eilte, ohne ein Wort zu sprechen,
-hinüber. Johanna hatte die Herbstblätter,
-die sie mit Wachs überzogen, und in eine
-Vase gestellt, von dem Kaminsims herabgenommen.
-Sie wollte sie wegwerfen;
-<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a>
-aber das Kind hatte ihr eine Freude
-machen wollen; es konnte nichts dafür,
-dass sie ihr vergiftet worden war. Sie
-wollte sie in den Koffer legen zum Andenken,
-dass sie glücklich gewesen und
-zwei Menschen von Herzen lieb gehabt.
-Da hörte sie Tritte auf der Treppe, die
-ihr das Blut in's Gesicht jagten, ein
-Pochen an der Thür, das ihr »Herein«
-zittern, kaum vernehmlich klingen liess.
-Franz trat ein. Mit einem Blick hatte er
-die Sachlage erfasst.</p>
-
-<p>»Ich habe von drüben recht gesehen,«
-sagte er traurig, »Sie wollen uns entfliehen,
-meinem armen Knaben und mir?« &ndash; Sie
-wollte etwas antworten, aber da hatte er
-schon ihre Hand gefasst, und der wortkarge
-Mensch wurde förmlich beredsam:</p>
-
-<p>»Gehen Sie nicht von uns, Johanna!
-Sie haben mich wieder das Leben schätzen,
-meinen Knaben die vorsorglich lenkende
-Mutterhand kennen gelehrt. Bleiben Sie
-bei uns!«</p>
-
-<p>Sie stand fassungslos.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a>
-»Ivo's Grosseltern haben mir die
-Deutung gegeben, wie die Welt von
-meinem harmlosen Verkehr mit Ihnen
-und Ihrem Kinde denkt,« sagte sie
-bitter. Sie wies auf die zusammengerollten
-Blätter. »Sehen Sie, so ist mein
-Inneres. Vor einer Stunde war noch
-alles frisch und grün, aber nun hat
-die Welt einen Herbstschleier angelegt,
-und ich fürchte, ich könnte nicht mehr
-unbefangen mit Ihnen sprechen, es
-ist zu Vieles in mir welk und dürr
-geworden.«</p>
-
-<p>»Vergessen Sie, dass die alten Leute
-Sie beleidigt; sie sind grämlich, durch
-den Tod ihres einzigen Kindes verbittert.
-Aber sie werden meiner Frau
-die Achtung nicht versagen, und mit
-der Zeit, Johanna, gewinnst Du auch
-ihre Zuneigung. Ich war nicht besser
-als sie, da ich Dich kennen lernte,
-und bin durch Dich verwandelt worden.
-So wird es, so muss es ihnen auch
-ergehen.« Er fasste ihre Hand mit
-<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a>
-den Herbstblättern, die raschelnd, dürr
-zu Boden fielen, sie selber sank, erglühend
-wie eine Mairose, an seine
-Brust.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a>
-SCHWIEGERMÜTTERCHEN.</h2>
-
-
-<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a>
-Mama Hellmer hatte nur eine Sorge
-in ihrem sonst recht angenehmen
-und behaglichen Leben (freilich eine Sorge,
-so gewaltig und alles verschlingend wie
-der Leviathan); sie fürchtete, ihr grosser
-gutmüthiger Junge mit dem Pudelkopf,
-ihr grösster Stolz und ihre einzige Freude,
-werde sich die Finger oder auch die ganze
-Hand verbrennen, wenn er an's Freien
-ging.</p>
-
-<p>Zu ihrer Entschuldigung sei hier
-bemerkt, dass sie sehr unglücklich verheirathet
-gewesen war, dass ihr Mann, ein
-ganz auserlesener Taugenichts, ihr alles
-erdenkliche Herzeleid zugefügt hatte.</p>
-
-<p>Das lag nun weit hinter ihr; sie hatte
-manches Jahr vom frühen Morgen bis in
-<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a>
-die dunkle Nacht hinein unermüdlich gearbeitet,
-genäht, gestrickt, in allen erdenklichen
-Künsten und Wissenschaften unterrichtet
-und sich mit ihrem Jungen tapfer
-durch's Leben geschlagen. Ja, durch eine
-Kette unendlicher Opfer hatte sie es sogar
-vermocht, ihm eine Erziehung geben zu
-können, wie sie selbst manchem Sohn aus
-wohlhabendem Hause versagt blieb. Nun
-hatte er ihr schon seit manchem Jahr alle
-Mühe und Plage abgenommen und sie in
-eine behagliche, sauber und zierlich wie
-ein Puppenheim ausgestattete Wohnung
-hineingesetzt. Was er ihr verdankte, wusste
-er genau; er wusste, dass er ohne ihre
-Entschlossenheit und Aufopferung vermuthlich
-ein zerlumpter, schmutziger
-kleiner Vagabund, ein ungebildeter, vielleicht
-verkommener Bursche geworden
-wäre, und ein innigeres Verhältniss als
-zwischen diesem Sohn und dieser Mutter
-konnte man sich kaum vorstellen. Den
-weiblichen Nachbarn &ndash; besonders den
-verheiratheten &ndash; traten Thränen der
-<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a>
-Rührung in die Augen, wenn sie jeden
-Nachmittag bei hübschem Wetter Mama
-Hellmer am Arme ihres stattlichen Sohnes
-spazieren gehen sahen. Die Bank, in welcher
-Eduard Hellmer eine Vertrauensstellung
-einnahm, schloss frühzeitig, aber
-er hätte vielleicht eher seine vortheilhafte
-Stelle aufgegeben, als Mama die ihr vom
-Arzte verordnete Bewegung in der frischen
-Luft allein machen lassen. In Papierdüten
-trug er ihr Blumen und Obst nach Hause,
-als wäre sie, wie die unverheiratheten
-Nachbarinnen, den Mund ein wenig verziehend,
-bemerkten, eine junge Dame, der
-er sein Herz zu Füssen gelegt. &ndash; Und
-wie sorgsam er den Shawl um ihre Schultern
-legte, wenn ein rauhes Lüftchen sie
-anblies, wie beflissen er den Kopf zu ihrem
-Munde hinabneigte, damit ihm im Strassenlärm
-kein Wörtchen, das sie sprach, verloren
-ging. Ja, Frau Hellmer war eine
-beneidenswerthe glückliche Mutter, trotz
-der grossen Sorge, die der Sohn ihr, freilich
-ohne es zu wissen und zu wollen,
-<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a>
-verursachte. Eduard besass zu seinen
-übrigen Tugenden leider auch noch ein
-leichtempfängliches Herz. Es klopfte hie
-und da ganz vernehmlich für irgend ein
-anmuthiges Mädchenbild, das ihm in seinem
-Gesangsverein oder in Mama's Bekanntenkreise
-begegnete, und er wäre vermuthlich
-blindlings in das Unglück seines ganzen
-Lebens hineingerannt, wenn Mama nicht
-die bestconstruirte Dampffeuerspritze in
-den Schatten zu stellen und die aufflackernde
-Gluth durch einen mit voller Kraft geschleuderten
-kalten Wasserstrahl zu
-dämpfen gewusst hätte.</p>
-
-<p>Edith Bogart? O gewiss, sie ist ein
-schönes Mädchen; Mama könnte sich nicht
-beifallen lassen, dies zu bestreiten; sie ist
-witzig, lebhaft, mit nicht gewöhnlichem
-Geist begabt; Frau Hellmer kann es beurtheilen,
-denn sie war ja einmal des Kindes
-Lehrerin gewesen. Himmel! welch' ein
-jähzorniges, heimtückisches Temperament
-die Kleine besass! Erinnerte sich Eduard
-nicht mehr, wie Mama einmal ihr bestes
-<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a>
-Kleid von einer Scheere kreuz und quer
-zerschnitten heimgebracht hatte? Es war
-Edith's boshafter Racheakt für eine ihr
-ertheilte Strafe. »Und Du weisst, Eduard,
-was die Anschaffung eines neuen Kleides
-damals für mich bedeutete,« setzte Frau
-Hellmer hinzu. Natürlich wusste er es
-und küsste ihr gerührt die Hand. Lili
-Felder? Das Bild eines deutschen Gretchens?
-Ja gewiss, aber nur die schwache
-Copie eines solchen. Mit dem Wesen des
-ächten Gretchen könnte man es nicht recht
-in Einklang bringen, dass sie die schwache,
-kränkliche Mutter sich mit dem Haushalt,
-den jüngeren Kindern und Fräulein Lili's
-weit über ihre Verhältnisse glänzenden
-Putz abquälen liess und mit einem neuen
-Roman den Tag verbrachte. Die unverheiratheten
-Nachbarinnen fingen an, die
-Thränen der Rührung dem Sohne allein
-zu widmen, der in unverminderter Ehrerbietung
-die alte Frau am Arme führte,
-wiewohl sie &ndash; das lag ja klar zu Tage &ndash;
-ihm das Glück seines Lebens zerstörte.
-<a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a>
-Alle Welt fing an, der besorgten Mutter
-masslose Herrschsucht unterzuschieben;
-sie wolle die erste Stelle im Hause um
-keinen Preis einer Anderen abtreten, sie
-wolle unumschränkt im Herzen des Sohnes
-herrschen. Vielleicht lauerten, ihr unbewusst,
-derartige Motive in ihrer Seele,
-aber ihr Hauptgrund war doch nur die
-geradezu abergläubische Besorgniss, ihr
-Eduard werde, ebenso wie sie einst, unglücklich
-in der Ehe sein. Der Spruch
-vom Hammer und Amboss schien ihr, Dank
-ihren trüben Erfahrungen, auf verheirathete
-Menschenpaare besonders zu passen. Dass
-Eduard zum Hammer nicht die mindeste
-Anlage besass, stand fest, folglich hiess es
-durch Anwendung von sehr viel kaltem
-Wasser ihn vor dem Ambossschicksal so
-lange als möglich zu bewahren. Die Feuerspritze
-arbeitete mit vollem Erfolge, so
-lange es sich bei Eduard nur um leicht
-vergängliche Eindrücke handelte, aber als
-sein Stündlein wirklich schlug, da machte
-Mama betrübende Erfahrungen. Das
-<a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a>
-Schlimmste war, dass sie sich selber nicht
-von aller Schuld freisprechen konnte, denn
-sie hatte die allerliebste kleine Zündbüchse
-in die Nähe der Pulverkammer getragen.
-Als Hannchen Stubenhofer, mit deren
-Mutter sie in einer Provinzstadt zur Schule
-gegangen, in die Residenz kam, ohne vorerst
-zu wissen, wohin sie den kleinen Kopf
-sammt der dazu gehörigen reichen blonden
-Zopfkrone legen solle, lud Frau Hellmer
-sie zu sich ins Haus; und als nach einigen
-Wochen das flinke geschickte Ding Arbeit
-gefunden und seine eigene Wohnung aufnahm
-(an der Thüre die verlockende Tafel
-»Erster Klasse Toiletten« tragend), da
-bestand die alte Dame darauf, dass sie die
-Sonntage vom Morgen bis zum Abend bei
-ihren Landsleuten, mit welchen sie auch
-noch eine entfernte Verwandtschaft verband,
-zubringe.</p>
-
-<p>Das Hannchen war ein sehr merkwürdiges
-Stück Menschheit; es ging nie,
-sondern tanzte, sprach nie einen Satz, ohne
-ihn mit einem sehr angenehm klingenden
-<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a>
-Gelächter einzuleiten und abzuschliessen.
-Mama Hellmer musste mehr als einmal
-den Kopf dabei schütteln. Wenn man es
-recht bedachte, hatte Fräulein Hannchen
-nicht viel mehr Ursache lustig zu sein, als
-sie selber einst gehabt. Auch sie stand
-in jungen Jahren schutzlos und auf sich
-selbst angewiesen da, nachdem sie Kindheit
-und erste Jugend in behaglichen Verhältnissen
-verbracht. Hannchen war eine
-elternlose Waise, schon dieses hätte sie
-nach Frau Hellmer's Ansicht bestimmen
-müssen, in Sack und Asche einherzugehen,
-sie musste sich allein durch's Leben schlagen,
-was sie wie einen ganz hübschen Zeitvertreib
-zu betrachten schien. Allerdings
-glückte ihr Alles, sie hatte die Finger einer
-Fee. Wenn Frau Hellmer sie ernsthaft
-an die Thatsache erinnerte, dass sie arm
-sei, warf sie den blonden Kopf zurück,
-lachte und meinte: »Was thut das? ich
-werde mir heute oder morgen ein Vermögen
-erwerben.« &ndash; Und Mama, die es
-nicht verstand, wie man widrige Verhältnisse
-<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a>
-mit so vergnügtem, sorglosem
-Gesicht bekämpfen könne, hiess sie im
-Stillen leichtsinnig und begann, sich ernstlichen
-Besorgnissen um ihre Zukunft hinzugeben.
-Sie glaubte es der entfernten
-Basenschaft schuldig zu sein, wenn sie die
-Augen über Hannchen »offen hielt«, was
-sie um so leichter thun konnte, als diese
-gerade über der Strasse bei einem kinderlosen
-Ehepaar ein Zimmer gemiethet hatte.
-Frau Hellmer kannte jede Kundin, die
-drüben aus- und einging, sie führte Buch
-über die Besuche, die Hannchen in ihrer
-freien Zeit erhielt und wusste genau anzugeben,
-wann und mit wem sie das Haus
-verlassen hatte. Aber zur Erwerbung so
-nützlicher Kenntnisse braucht man Zeit,
-viel Zeit, und Mama war genöthigt, ihren
-Eduard und seine etwaigen Herzensverstrickungen
-ausser Acht zu lassen. Und
-als ihr endlich die Augen aufgingen, da
-war es beinahe zu spät. Er fing bereits
-an, nachzusinnen, ob das Puppenheim
-für eine junge Frau geräumig genug sei;
-<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a>
-sein Gesicht war in eitel Glückseligkeit
-getaucht, wenn der Sonntag kam und
-Hannchen die Base besuchte; er schritt
-hinter ihr her, wenn sie in ihrer lebhaften
-Weise durch die ganze Wohnung lief, &ndash;
-einen ziemlich lächerlichen Eindruck gewährend,
-da er ebenso verliebt wie unbeholfen
-erschien&nbsp;&ndash;; wenn sie sang, dann
-horchte er begeistert und applaudirte, als
-gälte es der Patti, und wenn sie etwas
-Lustiges sagte, lachte er, bis sein Gesicht
-bläulich wurde. Und was das Schlimmste
-war, er schien vollständig mit Taubheit
-geschlagen, als Mama wie absichtslos bemerkte,
-es sei zu arg, dass Hannchen statt
-für ihre alten Tage, für Krankheit oder
-andere Unglücksfälle zu sparen, was sie
-verdiente, auf sich hing. Er nahm seinen
-Hut und ging zu Hannchen hinüber, als
-diese durch die plötzliche Unfreundlichkeit
-ihrer sonst so gütigen Freundin abgeschreckt,
-am nächsten Sonntag zu Hause
-blieb. Und von ihrer Sternwarte aus
-konnte Mama beobachten, wie die zwei
-<a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a>
-drüben in vergnügtester Stimmung nebeneinandersassen,
-Mama und die ganze übrige
-Welt auch nicht mit der Spur einer Erinnerung
-bedenkend. Da galt es, rasch
-und entschieden einzugreifen. Nie vorher
-war Frau Hellmer so überzeugt von der
-Heilsamkeit der Abschreckungstheorie gewesen,
-wie diesmal. War nicht auch bei
-ihrem verstorbenen Gatten der Hauptfehler,
-aus dem alle übrigen riesengross herauswuchsen,
-ein gedankenloser Leichtsinn,
-eine Vergnügungssucht, die nach den
-Mitteln der Befriedigung nicht fragte,
-gewesen? Sollte ihr trübseliges Loos sich
-an dem Sohne wiederholen? Nicht, solange
-sie es abzuwenden vermochte. Glücklicherweise
-gab ihr das unbesonnene Hannchen
-selber die Mittel zur Vernichtung in die
-Hand. Mama hatte, trotzdem die frühere
-wohlwollende Gesinnung gegen das Mädchen
-ziemlich feindseligen Gefühlen Platz
-gemacht, ihren Beobachtungsposten nicht
-verlassen; freilich war ein kleiner Unterschied
-gegen ehemals zu bemerken. Bisher
-<a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a>
-hatte sie Hannchen überwacht, jetzt &ndash;
-so ungern wir das Wort gebrauchen, es
-muss heraus, &ndash; jetzt belauerte sie dieselbe.
-Natürlich Alles in der besten Absicht, wie
-sie sich wiederholt versicherte, aus einem
-Pflichtgefühl, das selbst der Mutter der
-Gracchen Achtung abgenöthigt hätte. Bald
-hatte sie genug erspäht.</p>
-
-<p>»Wer war der junge Mensch, mit dem
-Du vorgestern Abend ausgingst, und in
-dessen Gesellschaft Du erst nach Mitternacht,
-lachend und schwatzend, dass die
-ganze Strasse aus dem Schlaf auffuhr,
-heimkamst?« fragte sie, als Hannchen mit
-einem Gesicht, dessen sich alle drei Höllenrichter
-zusammen nicht zu schämen gehabt
-hatten. Das Mädchen machte heute wieder
-seinen Sonntagsbesuch bei der ersten
-Freundin, die sie in der Fremde gefunden,
-vermuthlich durch Eduards Versicherungen
-überzeugt, dass der eisige Empfang auf
-irgend welchem häuslichen Aerger beruht
-und durchaus nichts mit ihr zu schaffen
-gehabt hatte. Mamas kühle Begrüssung
-<a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a>
-in ihrer eigenen Wärme übersehend, hatte
-sie mit dem Haussohn sogleich ein lustiges
-Scharmützel angefangen. Wie eine Bombe
-rollte die Frage dazwischen, und vor
-Schrecken &ndash; Mama erklärte ihrem Sohne
-nachher aus Schuldbewusstsein &ndash; wurde
-sie roth und verlegen.</p>
-
-<p>»Haben wir Dich aufgeweckt, Tante?«
-sagte sie bedauernd, nachdem sie sich gefasst.
-Frau Hellmer hatte zu erwähnen
-vergessen, dass sie gar nicht geschlafen,
-sondern beobachtend am Fenster die Zeit
-verbracht hatte; und so war es begreiflich,
-dass Hannchen versicherte: »es thut mir
-aufrichtig leid; aber Karl Sohmer ist solch
-ein drolliger Kauz, dass man lachen muss,
-sobald er zu sprechen anfängt, und wenn
-die Todesstrafe darauf stünde.«</p>
-
-<p>»Karl Sohmer? ich habe diesen Namen
-nie gehört.«</p>
-
-<p>»Ich auch nicht, bis vor, lass sehen,
-vor sechs Tagen. Letzten Dienstag kam
-er meinem Hauswirth, dessen Neffe er ist,
-wie vom Himmel herabgeweht in's Haus;
-<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a>
-er lebt in Texas und hält sich nur zu
-Besuch hier auf.«</p>
-
-<p>»Erlaube mir!« rief Frau Hellmer mit
-um so ausgesprochenerem Entsetzen, als
-sie bemerkte, das Gesicht ihres Sohnes
-habe sich bedenklich in die Länge gezogen,
-»nach so kurzer Bekanntschaft
-gehst Du mit diesem Texaner aus! Ich
-verstehe die heutige Jugend nicht.«</p>
-
-<p>»Er lud mich in die Oper ein, und
-ich konnte wohl nicht nein sagen, es
-hätte meine Hauswirthe verletzt,« erklärte
-Hannchen ziemlich gedrückt, aber während
-des Sprechens lachte sie wieder und rief
-eifrig, »ich bin auch übrigens froh, dass
-ich die Einladung annahm, denn ich habe
-mich köstlich unterhalten und zehre an
-der Erinnerung, während ich über meiner
-Arbeit gebückt sitze.«</p>
-
-<p>»Du hörst es,« sagte Mama's Miene
-ihrem Abgott, der sehr blass und sehr
-ärgerlich dasass. Er war verliebt genug
-und seines Erfolges bei Hannchen nicht
-sicher genug, um gewaltig eifersüchtig zu
-<a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a>
-sein. Uebrigens hatte Mama noch lange
-nicht ihr ganzes Pulver verschossen.</p>
-
-<p>»Der junge Mann scheint aus Deiner
-liebenswürdigen Bereitwilligkeit die Ueberzeugung
-geschöpft zu haben, dass seine
-Gesellschaft Dir sehr angenehm ist, was
-mich auch gar nicht Wunder nimmt. &ndash;
-So oft ich an's Fenster trete und zu Dir
-hinüberblicke, was ich aus Antheil an
-Dir häufig thue, sehe ich ihn in Deinem
-Arbeitszimmer, schwatzend wie eine Elster.«</p>
-
-<p>»Er ist solch ein drolliger Kauz!« meinte
-lachend und erröthend das Hannchen, »er
-möchte mir weismachen, dass gerade so ein
-wichtiges Persönchen, wie ich, dem Staate
-Texas zu seiner Vollkommenheit fehle.«</p>
-
-<p>»Der junge Mann ist sehr dreist,«
-brauste Eduard auf.</p>
-
-<p>»O, wer denkt daran, Karl Sohmer
-ernst zu nehmen!« versetzte sie, »er ist
-ein sehr unterhaltender Gesellschafter, und
-ich freue mich auf den Ball morgen Abend,
-zu dem er mich geladen. Ich gehe mit
-der Hauswirthin.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a>
-Sie kam nicht weiter. Das war Wasser
-auf Mama Hellmers Mühle; und die
-würdige Dame übertraf sich selber. Die
-Posaune des jüngsten Gerichtes kann
-unmöglich strafender und drohender
-klingen, als ihre Stimme, während sie über
-gedankenlose Coquetterie und Vergnügungssucht
-loszog, die ganze Existenzen
-zerpflückt, Menschen für ihre Lebensdauer
-elend macht. Hannchen, die vor der alten
-würdigen Frau einen ungeheuren Respekt
-hatte, war Anfangs zerknirscht wie eine
-wirkliche Sünderin; sie warf Eduard einen
-hilfesuchenden Blick zu, aber er hatte
-eine Bemerkung Mamas, sie würde nie
-einwilligen, mit dem Leichtsinn unter einem
-Dach zu wohnen, dahin aufgefasst, dass
-sie ihn vor die Wahl zwischen sich und
-dass Mädchen stelle, und so blieb er stumm,
-die Stirn gerunzelt, seinen Bart kauend,
-sitzen, und vermied es, die Missethäterin
-anzusehen. Zuletzt erwachte auch in ihr
-der Trotz: Sie habe Niemandem Rechenschaft
-abzulegen; sie werde ihr junges
-<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a>
-Leben geniessen und den Ball morgen
-Abend erst recht besuchen, erklärte sie.
-Als man sich an diesem Tage trennte,
-sah Mama erhitzt, aber sehr befriedigt,
-ihr Sohn gleichfalls erhitzt, aber sehr
-niedergeschlagen aus; was Hannchen betrifft,
-so hatte sie verweinte Augen, aber
-einen sehr entschiedenen Zug im Gesichte,
-der auch aus ihrer Erklärung sprach, dass
-sie das Haus nie wieder betreten werde.
-Am nächsten Abend sahen Mutter und
-Sohn sie mit dem Fremden zu Balle gehen,
-und Mama beglückwünschte sich zu ihrer
-Entschiedenheit. Dann aber verliess sie
-das Haus nicht mehr; aber als der Monat
-zu Ende ging, verschwand sie ganz und
-gar aus der Strasse. Durch Bekannte,
-für welche sie arbeitete, erfuhr Frau
-Hellmer, dass der junge Texaner allein
-abgereist sei und Hannchen eine Wohnung
-in einer entfernten Strasse gemiethet
-hatte. Es war klar, sie wollte ihnen
-nicht mehr begegnen. Mama athmete auf,
-sie hatte ihren kostbaren Sohn wieder
-<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a>
-zum ausschliesslichen Besitz. Aber es
-war nicht mehr der alte, leichtvergnügte
-Sohn; ein wortkarger, stiller Mann, dessen
-Züge sich täglicher fester ausprägten; ein
-Mann, der ass und trank und schlief und
-seinen Geschäften nachging, ohne an etwas
-Vergnügen zu finden, ging er neben ihr
-her. Er sah aus, als wäre ihm der
-Schmelz von den Flügeln gewischt worden.
-Er wusste, dass Mama dem Mädchen
-bitter Unrecht gethan; er wusste, dass er
-ohne sie nicht glücklich werden konnte.
-Aber war es möglich, sich mit einer solchen
-Mutter wegen seines eigenen Glücks zu
-entzweien? Alle Opfer, die sie für ihn
-gebracht, standen deutlich vor seinem
-Geist; und so liess er, ohne einen Versuch
-zur Versöhnung zu machen, Hannchen
-aus seinem Gesichtskreis verschwinden.</p>
-
-<p>Mama war Anfangs zornig darüber,
-dass er den Verlust so schwer empfand.
-Sie, die sonst eifersüchtig jede Annäherung
-zwischen ihm und den jungen Damen
-der Nachbarschaft vereitelt, lud selber
-<a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a>
-nun oft Gesellschaft zu sich. Aber so oft
-Eduard es vermochte, entzog er sich dem
-Vergnügen durch die Flucht, und liess
-er sich einmal durch Ueberredung ins
-Besuchszimmer locken, dann sass er
-stumm und unbehaglich da und schien
-aufzuathmen, wenn die Gäste sich entfernten.
-Frau Hellmer war sehr stolz
-gewesen, dass sie ihn wieder einmal vor
-dem Elend seines Lebens bewahrt, aber
-nachgerade fing sie an der Weisheit und
-dem Erfolg ihrer That zu zweifeln an.
-Was half es, wenn sie für die Möglichkeit
-seines Unglücks, das eine leichtsinnige,
-vergnügungstolle Frau auf ihn herabbeschworen
-hätte, die Gewissheit desselben
-eintauschte. Er klagte nie und machte
-ihr keine Vorwürfe, aber dass er unglücklich
-war, konnte ihr jeder Blick und
-sein blasses, ernstes Gesicht sagen. Und
-da fasste sie nach langem hartem Kampf
-einen heldenmüthigen Entschluss. Der
-nächste Tag sah sie neben Hannchen Stubenhofer
-in deren Zimmer sitzen, (auch nicht
-<a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a>
-mehr das Hannchen von ehemals, denn es
-fing keinen Satz mit Lachen mehr an und
-endete ihn auch nicht damit). Im Ganzen
-sah sie wie das richtige Gegenstück zu
-Herrn Eduard Hellmer aus. Da wurde
-es Mama viel leichter, zu sagen, weshalb
-sie gekommen. Aber Hannchen schüttelte
-den Kopf:</p>
-
-<p>»Ich habe auch meinen Stolz, wenn ich
-auch nur ein armes Mädchen bin. Ich bin
-in Ihrem Hause beleidigt worden, nun
-setze ich keinen Fuss mehr hinein.«</p>
-
-<p>Mama war enttäuscht; sie hatte sich es
-schön ausgemalt, wie sie ihrem Sohn mittheilen
-wolle, es sei ein seltener Gast da;
-wie sie sodann die Thüre des Besuchszimmers
-öffnen, ihn allein eintreten lassen
-und erst nach einer gut gemessenen Viertelstunde
-mit zum Segnen erhobenen Händen
-nachfolgen werde. Hannchens Eigensinn
-verdarb den feinen Plan.</p>
-
-<p>Da steckte sich Mama denn hinter eine
-ältliche Landsmännin und Busenfreundin,
-in deren Hause das Mädchen in der nächsten
-<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a>
-Zeit beschäftigt war. Hannchen nahm,
-um alter Freundschaft willen, eine Ausnahmsstellung
-in dem Hause ein; nach der
-Arbeit verbrachte sie gewöhnlich den Abend
-als gleichberechtigtes Glied im Kreise der
-Familie. Allerdings fiel es ihr auf, dass
-man nach dem Abendessen sich in die
-Stube begab, von der sonst der Spruch
-galt: »Ziehe deine Schuhe ab, denn die
-Stelle ist heilig.« Doch hatte sie kaum
-Zeit gefunden, sich zu verwundern, da
-klingelte es, und herein rauschte Mama
-Hellmer, gefolgt von ihrem, durch die
-feinsten diplomatischen Künste zum Mitkommen
-veranlassten Sohn. Frau Hellmer,
-die sehr anregend sprechen konnte, wenn
-sie sich die Mühe dazu nahm, fesselte nicht
-nur die Freundin, sondern auch noch deren
-Töchter und den Hausherrn. Hannchen
-hörte nicht zu, und Eduard wusste vermuthlich
-von früher her, um was es sich
-handelte. Er stand ziemlich linkisch vor
-dem jungen Mädchen, das bei seinem Erscheinen
-Miene gemacht, zu entweichen;
-<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a>
-doch las sie in seinen Augen eine so herzliche
-Bitte und hörte aus seinem Munde
-so viele gute, versöhnende Worte, dass sie
-den Fluchtplan aufgab. Den ganzen Abend
-sah man die zwei sehr eifrige Gespräche
-führen, doch vernahm Niemand etwas
-davon, denn sie klangen sehr leise und
-schienen nur für das nachbarliche Ohr
-berechnet.</p>
-
-<p>Mama Hellmer hat vor Kurzem die
-Schlüssel, das Abzeichen ihrer absoluten
-Herrschermacht, sowie die Oberhoheit über
-die sehr unbotmässige Vasallin, welche die
-Kochtöpfe zu überwachen und den Besen
-zu schwingen hat, der jungen Herrin des
-Hauses abgetreten. Wollte ich behaupten,
-dass die unerfahrene Frau Hellmer das
-Regiment zur vollen Zufriedenheit der
-alten, weisen, unfehlbaren Frau Hellmer
-führt, so würde man mich beschuldigen,
-dass ich die Grenzen poetischer Freiheit
-übersteige und Unwahrscheinliches berichte.
-Aber Hannchen hat solch einen
-eingewurzelten Respekt vor Mama, fragt
-<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a>
-sie so häufig um Rath und, was mehr ist,
-befolgt denselben auch, dass Schwiegermütterchen,
-von dem die ganze Nachbarschaft
-vermuthete, es werde aus langer
-Herrschergewohnheit den Frieden des
-jungen Haushalts gefährden, ein viel angenehmeres,
-zufriedeneres und leichter zu
-behandelndes Schwiegermütterchen geworden
-ist, als man es sonst von ihren
-Schwestern behauptet.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a>
-DAS PFLEGETÖCHTERCHEN.</h2>
-
-
-<p class="in0"><a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a>
-Die Leute haben nie begreifen können,
-was mich zu dem Alten hinzog,
-nachdem sie ihn Alle als unverbesserlich
-aufgegeben. Sie meinten, ich hätte mich
-noch entschiedener, als die ganze Welt von
-ihm lossagen sollen, denn sein Einfluss
-hatte es verschuldet, dass ich in meinen
-Jünglingsjahren auf Abwege gerieth, das
-heisst den bequemen Drehstuhl in meines
-Vaters Comptoir aufgab und Farben zu
-verschmieren anfing. Als ich mit Conrad
-Stürmer bekannt wurde, hatte er längst
-aufgehört, seine Kunst, in der er einst Bedeutendes
-geleistet, auszuüben; er bildete
-Schüler heran, oder wie die nachsichtigen
-Mitmenschen behaupteten, er lockte
-<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a>
-thörichte Jungen aus ihrer gesicherten
-Lebensbahn, unter der Vorspiegelung,
-Talent in ihnen entdeckt zu haben, um sie
-auszubeuten. Ich wusste, dass man ihm
-mit diesem Verdacht Unrecht that; er war
-ein Enthusiast, ungemein leicht begeistert
-und in jedem Pfennig-Kerzlein einen künftigen
-leuchtenden Stern sehend. Allerdings
-hat er ziemlich viel Unglück angestiftet,
-aber böse Absicht lag ihm fern.
-Ich hatte ihn liebgewonnen, und blieb ihm
-anhänglich, auch nachdem ich erkannt, dass
-er sich und mich getäuscht, als er in
-meinen dilettantischen Versuchen den künftigen
-Meister sah. Mit dieser Erkenntniss
-war für mich, der von einer ganzen
-Ahnen-Reihe ehrsamer Kaufleute eine gewisse
-nüchterne Besonnenheit geerbt (vielleicht
-war es gerade diese, die Stürmers
-entzückte Prophezeiungen kläglich vereitelt),
-der Weg klar vorgezeichnet, den
-ich einzuschlagen hatte. Die Motte wartete
-nicht, bis sie vollständig verbrannte; mit
-nur leicht angesengten Flügeln kehrte sie
-<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a>
-reuig zurück. Aber daheim schlachtete
-man kein gemästetes Kalb für den verlorenen
-Sohn; mein Vater grollte, weil ich
-dem Paradies des Drehstuhls eigenmächtig
-den Rücken gekehrt, und nachdem ich
-dieses unsühnbare Verbrechen begangen,
-nicht als gefeierter Künstler heimgekommen
-war; mein jüngerer Bruder, der mittlerweile
-meine Stelle eingenommen, konnte
-nicht einsehn, warum er mir dieselbe nun
-wieder einräumen sollte, die ganze ungeheure
-Edlinger'sche Basen- und Vetterschaft
-sah mich mit mitleidiger Geringschätzung
-an, als sei ich vor der Zeit zur
-Ruine geworden, und &ndash; was mir zumeist
-an's Herz griff &ndash; meine gute Mutter,
-deren Liebling ich war, litt darunter, mich
-von der stolzen, für mich erträumten Höhe
-so kläglich herabgestürzt zu sehen. Da
-fasste ich denn eines Tages einen kühnen
-Entschluss und, die Brücken hinter mir
-verbrennend, wanderte ich aus, nun erst
-recht ein verlorener Sohn, der nur dann
-auf Vergebung und freundliche Aufnahme
-<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a>
-im Vaterhause rechnen konnte, wenn er,
-ein Mann des Erfolges, zurückkehrte.</p>
-
-<p>Ich hatte ungewöhnliches Glück gehabt;
-schon nach zwei Jahren konnte ich
-nach Hause schreiben, dass ich mein
-sicheres Auskommen gefunden, nach vier
-Jahren, dass ich mich selbständig gemacht,
-und wieder nach einiger Zeit, dass das Haus
-Edlinger in der neuen Welt Aussicht habe,
-auf eine gleiche Stufe mit dem in der alten
-zu gelangen. So verstrichen zwölf Jahre
-in harter aber erfolgreicher Arbeit. Ich
-durfte mir einen Feiertag und die Genugthuung
-vergönnen, als Sieger auf dem
-Schauplatz meiner Niederlage einzuziehen.
-Ich packte meinen Koffer und fuhr zu
-Besuch in die alte Heimath.</p>
-
-<p>Mein Empfang im Vaterhause liess
-nichts zu wünschen übrig. Mein Mütterchen
-erschien förmlich verjüngt in ihrer
-Wiedersehensfreude, Papa nahm mich mit
-offenen Armen auf, einen dicken Strich
-durch meine alten Sünden ziehend; ja ich
-glaubte, er rechnete mir sie nun als Verdienst
-<a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a>
-an, denn sie verschafften ihm die
-Genugthuung, sagen zu können »ein Edlinger
-dringt durch, auch wenn er ohne
-Beschützer und Mittel seine Laufbahn beginnt.«
-Hans, mein Bruder, fühlte Respekt
-vor dem »selfmade man«, Vettern und
-Basen waren stolz auf die überseeische
-Rarität. Und in meiner Glorie durfte ich
-es mir erlauben, nach meinem alten Freunde
-auszuspähen, ohne dass mein Beginnen
-mehr als ein Kopfschütteln der Verwunderung
-erregt hätte.</p>
-
-<p>Es war ein trauriges Wiedersehn. Der
-alte Mann mit dem Kinderherzen war
-furchtbar gealtert. Ich hatte ihn nie in
-behaglichen Verhältnissen gekannt, jetzt
-aber schien er bettelarm; denn selbst die
-letzte spärliche Quelle seines Einkommens,
-die ihm von seinen langhaarigen Jüngern
-geflossen, war versiegt; Konrad Stürmer
-war krank und gebrochen, er vermochte
-keinem noch so eiteln jungen Burschen
-mehr das Vertrauen einzuflössen, dass er
-ihn zu einem Lenbach oder Defregger
-<a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a>
-machen werde. Für die kleinen Unterstützungen,
-die ich ihm von New York
-aus zuzuwenden vermochte, dankte er
-weinend. Ich erschrak; früher hatte er
-dergleichen als selbstverständlich angesehen,
-als einen Zoll, den der Jünger
-seinem Meister zu entrichten hat. Ich
-fasste ihn schärfer in's Auge, und entdeckte
-nun erst, dass er ein schwer kranker Mann sei,
-vielleicht nur noch Wochen zu leben habe.
-Hart und trocken drang der Husten aus
-seiner eingefallenen Brust, scharfumgrenzte
-rothe Flecken standen auf den hageren
-Wangen. Er ahnte nichts davon; er theilte
-mir, nachdem die mich so befremdenden
-Ausdrücke seiner Erkenntlichkeit verklungen
-waren, mit, dass er nicht lange
-mein Schuldner bleiben, sondern demnächst
-»die Oberösterreichische Kirchweih«, die
-ich vor mehr als zwölf Jahren angefangen,
-zwischen all den andern Entwürfen in
-seinem Atelier gesehen, vollenden, mich
-bezahlen und mit Pepi nach dem Süden
-ziehen werde. Ich stutzte. Trotzdem wir
-<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a>
-vor Jahren täglich mit einander umgegangen,
-war ich nie in seiner Wohnung
-gewesen. Das Atelier lag entfernt von
-derselben; die guten Nebenmenschen behaupteten,
-er besitze eine brave, hartarbeitende
-Frau, die das Haus erhalte,
-während er sich in der Kneipe herumtreibe.
-Ich bemerkte nun auch einen schwarzen
-Flor um seinen zerdrückten Hut und drückte
-ihm mein Beileid aus. Die Thränen strömten
-ihm aus den Augen; er rief: »sie war eine
-brave, eine edle Frau; sie hätte ein besseres
-Loos verdient. Ihr ganzes Unglück war,
-dass sie ihr Herz an einen Unwürdigen,
-einen Elenden, einen Schurken gehängt.«
-Vergeblich suchte ich ihn zu beschwichtigen,
-die Reue über sein verfehltes Leben, das
-Leid, das er auf seine Gefährtin herabbeschworen,
-brachen mit elementarer
-Gewalt aus ihm hervor; erst ein erstickender
-Hustenanfall liess ihn verstummen. Aber
-die alte Zuversicht kehrte nicht zurück;
-»wenn ich das Bild nicht vollende, was
-wird aus Pepi werden!« stöhnte er. Nichts
-<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a>
-leichter zu beantworten, als dies. Der
-Bursche konnte mein Schüler werden, wie
-ich der seines Papas gewesen, nur hoffte
-ich etwas mehr Erfolg mit ihm zu erzielen,
-als dieser mit mir. Ich wollte ihn mit mir
-nach Amerika nehmen und in mein Geschäft
-eintreten lassen. Von ihm allein sollte es
-abhängen, ob er es vorwärts brächte.
-Konrad Stürmer war zu erschöpft, als dass
-ich ihm sogleich meine ausführlichen Pläne
-für seinen Sprössling hätte darlegen können.
-Ich verschob dies für eine spätere günstigere
-Gelegenheit, und erklärte ihm nur, dass
-ich mich Pepis mit Rath und That annehmen
-werde.</p>
-
-<p>Er dankte mir nicht mit Worten, aber
-mit einem Druck der Hand. Mir schien's,
-als sei ein schweres Gewicht von seiner
-Brust gefallen; er vermochte nun sogar
-ein Glas guten Rheinweins, ehemals seine
-grösste Liebhaberei, &ndash; das bisher unberührt
-vor ihm gestanden, zu leeren. Wir
-hatten uns in unserer ehemaligen Künstlerkneipe
-zusammengefunden. Als er sich
-<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a>
-zum Abschied erhob, übermannte ihn die
-Schwäche von Neuem. Ich rief einen
-Wagen herbei und begleitete ihn zu seinem
-Hause in einer abgelegenen, ärmlichen
-Strasse. Dann half ich ihm die vielen
-Treppen erklimmen, klingelte &ndash; und
-machte, als geöffnet wurde, das erstaunteste
-Gesicht meines Lebens. Vor mir stand
-ein kleines, blasses Mädchen in Trauerkleidern.
-Pepi Stürmer hatte nach süddeutschem
-Sprachgebrauch ebensogut Josef
-wie Josefine heissen können. Es war das
-Letztere, und mein Lehrling, Gehilfe und
-künftiger Partner versank, noch bevor er
-entstanden war.</p>
-
-<p>Wenige Wochen später wurde Carl
-Stürmer begraben, und ich trat die Vormundschaft
-über seine Waise an. Es bedurfte
-der ganzen Autorität des amerikanischen
-Edlinger, um ihn bei diesem
-Anlass nicht wieder als sentimentalen
-Narren in Misscredit zu bringen. Aber
-ich setzte meinen Willen durch; eine arme
-Tante von mir nahm das Mädchen gegen
-<a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a>
-Vergütung bei sich auf, und ich reiste,
-vollständig beruhigt über ihr Wohlergehen,
-ab. Ich dachte in den nächsten Jahren
-nicht allzu oft an sie, pünktlich beantwortete
-ich ihre Briefe, und als ich wieder zum
-Besuch in meine Heimath kam, war es
-nicht, weil mich ein besonderes Verlangen
-nach meinem Pflegetöchterchen erfasst,
-sondern weil ich einen sehnlichen Wunsch
-meiner Mutter erfüllen wollte.</p>
-
-<p>»Paul,« sagte meine Tante und schüttelte
-dazu das ehrwürdige Haupt mit dem hochragenden
-Kopfputz, um dessentwillen ich
-sie in ruchlosen Flegeljahren »das Trauerpferd«
-getauft, »Du wirst nicht alles so
-finden, wie Du es erwartet,« mit Nachdruck,
-&ndash; »wie Du das Recht gehabt, zu
-erwarten.«</p>
-
-<p>Die Wahrheit zu gestehen, blieb ich
-vollkommen ungerührt von diesen Kassandratönen.
-Die verehrte Dame liebte
-eine gewisse graue Beleuchtung aller täglichen
-Vorkommnisse und ich hatte eine
-Ahnung, dass die tragischen Andeutungen
-<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a>
-mich auf das Hinscheiden ihres asthmatischen
-Mopses vorbereiten sollten, dem ich
-schon längst ein friedliches Ende nicht blos
-vergönnt, sondern von ganzem Herzen
-gewünscht hatte. So liess ich sie denn
-seufzen und den Kopf schütteln und bemerkte:
-»Wo bleibt denn Josefine?«</p>
-
-<p>Das Seufzen verstärkte sich zu einem
-Stöhnen. »Ich habe sie unter einem Vorwand
-entfernt, um Dich, Unglücklichen, vorzubereiten;
-denn eben bei Pepi wirst Du
-nicht alles so finden«, und so weiter, wie
-bekannt.</p>
-
-<p>»Nun, Kinder sind dazu da, um ihren
-würdigen Papas Enttäuschungen zu bereiten.
-Pflegekinder werden vermuthlich
-keine Ausnahme machen,« versetzte ich
-noch immer gelassen, »ist die Kleine nicht
-so hübsch geworden, wie sie vor vier
-Jahren versprochen?«</p>
-
-<p>»Hübsch?« rief die Tante, »sie ist aussergewöhnlich,
-sie ist unerlaubt schön«, damit
-schob sie mir eine grosse Photographie
-hin, »urtheile selbst.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a>
-Ja, da war es freilich mit dem Urtheilen
-vorbei.</p>
-
-<p>»Aber liebe Tante,« sagte ich und starrte
-unverwandt auf das Bild, um in dem
-wundervollen Gesicht nach den Zügen des
-mageren verweinten Backfischs zu spähen,
-den ich vor vier Jahren in seinem dürftigen
-Trauerkleidchen aus dem Hause meines
-ehemaligen Lehrers in das meiner Tante
-geführt, »darin kann ich nun kein so ungeheures
-Unglück sehen.«</p>
-
-<p>»Dieser Meinung sind auch andere,«
-erwiderte das alte Fräulein spitz, »darunter
-Alle, die in dieser Stadt Schnurrbärte
-tragen.«</p>
-
-<p>»Hm,« murmelte ich betroffen und legte
-die Photographie aus der Hand, nicht ohne
-noch einen langen Blick auf sie zu heften &ndash;
-das Hexlein hatte es mir angethan &ndash; »ich
-dachte, Du habest mit ihr sehr zurückgezogen
-gelebt.«</p>
-
-<p>»Das habe ich auch, das Kind ist ausser
-in meine Kaffeekränzchen &ndash; an welchen
-es merkwürdigerweise nicht einmal
-<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a>
-Geschmack fand &ndash; (ich stattete ihr im
-Stillen meinen Glückwunsch darüber ab)
-nicht in Gesellschaft gekommen.«</p>
-
-<p>»Nun also,« sagte ich erleichtert, »da
-werden wohl die Schnurrbärte in gebührender
-Entfernung geblieben sein.«</p>
-
-<p>»Du bestimmtest ja, dass lauter Fachlehrer
-Pepi's Unterricht vollenden sollten, &ndash;
-Du hattest Dir ja alle Gouvernantenweisheit
-verbeten,« sagte die Tante, die in ihrer
-Jugend Erzieherin gewesen sein muss,
-erbost, »nun, die Folgen konnte jeder vernünftige
-Mensch voraussehen.« Ich dankte
-mit einer Verbeugung für das in ihrer
-Rede verhüllte Compliment.</p>
-
-<p>»Das Kind hat ohnehin das Menschenmögliche
-geleistet. Dem Zeichenlehrer
-und dem deutschen Professor versicherte
-sie, ohne Einwilligung ihres Vormunds und
-Wohlthäters werde sie sich nie vermählen.«</p>
-
-<p>»Sehr vernünftig«, warf ich ein; meine
-gute Laune begann zurückzukehren.</p>
-
-<p>»Aber, mein lieber Neffe, man darf nicht
-Unmögliches fordern. Wenn der interessanteste,
-<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a>
-junge Musiker der Stadt, für den
-alle Mädchen schwärmen, mir seine Liebe
-gewidmet hätte, ich weiss nicht, ob ich
-kalt geblieben wäre.«</p>
-
-<p>Ich konnte ein stilles Bedauern nicht
-unterdrücken, dass er nicht sie auf die
-Probe gestellt.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick öffnete Pepi die
-Thür und kam mit glückseligem Gesicht
-auf mich zu. Plötzlich blieb sie, erröthend,
-in höchster Verwirrung stehen. Der Kleinen
-hatte ich vermuthlich als gesetzter, ältlicher
-Herr vorgeschwebt, das erwachsene Fräulein
-aber sah, dass ich mit meinen 37&nbsp;Jahren
-mir es noch entschieden verbitten durfte,
-mit Methusalem in einem Athem genannt
-zu werden, und statt mir in die Arme zu
-fliegen, wie sie ohne Zweifel beabsichtigt,
-reichte sie mir nur die Hand zum Willkommen.
-Aber sie fasste sich bald, setzte
-sich neben mich auf das Sofa und plauderte.</p>
-
-<p>Wovon wir sprachen? ich könnte kein
-Wort davon wiederholen. Ich weiss nur,
-dass der Nachmittag, der Abend wie im
-<a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a>
-Fluge verstrichen, und dass wir beide, als
-die altmodische Stutzuhr zehn schlug,
-ganz erschrocken auffuhren. Meine gute
-Mutter zeigte ein wenig Unzufriedenheit,
-weil ich sie vernachlässigte. Aber leider
-gab ich ihr fortan noch manchen Anlass
-zur Beschwerde, denn sobald ich vom
-Hause abkommen konnte, eilte ich zu
-Pepi. Vergebens hielt ich mir die Thorheit
-vor, mein Herz an ein Mädchen zu
-hängen, das einen Andern liebte, meine
-Leidenschaft wuchs mit jedem Tage. Noch
-hatte ich den interessanten Musiker nicht
-gesehen. Die Tante theilte mir mit, er
-sei auf einer Concertreise begriffen. Nach
-seiner Rückkehr sollte ohne Zweifel die
-Verlobung gefeiert und der Herr Vormund
-und Pflegevater zu dem schönen Fest
-gebührenderweise eingeladen werden. Pepi
-erwähnte seiner nie, wiewohl sie mir sonst
-mit kindlicher Offenheit über Alles, was
-ihr Leben betraf, Aufschluss gab. Wie
-wünschte ich von ganzem Herzen, der
-junge Mann möge mir dergestalt missfallen,
-<a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a>
-dass ich als gewissenhafter Vormund
-mein Veto gegen ihre Verbindung
-mit ihm einlegen müsste. Aber nein, als
-er sich mir endlich vorstellte, fand ich
-nichts besonders Tadelnswerthes an ihm.
-Vielleicht war der hübsche Junge ein
-wenig eitel, aber das war dem »interessanten
-Musiker, für den alle Mädchen
-schwärmten«, nicht allzu schwer anzurechnen,
-vielleicht zeigte er hie und da
-eine leise Anlage, das Leben leicht zu
-nehmen, die seine Gattin mit einer Wiederholung
-des Looses bedrohen mochte, wie
-es ihrer Mutter zu Theil geworden; aber
-seinem Charakter wurde das beste Zeugniss
-ausgestellt; auf Ahnungen und Besorgnisse
-hin, die vielleicht nur meinen
-eigensüchtigen Wünschen ihr Entstehen
-verdankten, konnte ich ihn nicht abweisen.</p>
-
-<p>Ich wollte mein Opfer nicht halb bringen.
-Mit einer Miene, die, wie ich hoffte,
-Josephinen nicht allzudeutlich verrieth,
-was es mich kostete, sagte ich ihr, dass
-Fritz Hillmann bei mir um sie geworben
-<a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a>
-habe. Sie wurde blass. »Wenn Sie es
-wünschen, Vormund, wenn Sie es für gut
-halten,« stammelte sie. Da konnte ich mich
-nicht zurückhalten.</p>
-
-<p>»Ich es wünschen, ich, dem der einzige
-Preis, den ich vom Leben ersehnte, entrissen
-wird! Nein, Pepi, wenn ich meine
-Einwilligung zu Deiner Verbindung mit
-einem Andern gebe, so geschieht es unter
-hoffnungslosen Schmerzen, in dem Bewusstsein,
-dass ich damit das Siegel auf ein
-einsames, unerquickliches Leben drücke.
-Es ist eigensüchtig, dass ich es Dir sage,
-ich weiss es, ich hätte mein Opfer
-schweigend bringen sollen; aber, Pepi, ich
-bin kein Held, der seine Wunden stumm
-verbirgt.«</p>
-
-<p>Ihr wunderschönes Gesicht leuchtete
-von Glück. Sie trat auf mich zu und sprach:</p>
-
-<p>»Ich hatte mich selbst nicht gekannt;
-erst seit Du kamst, weiss ich, dass ich nur
-einen Mann lieben kann, Dich, Paul.«</p>
-
-<p>Ich zog nicht allein über das Meer.</p>
-
-<hr class="mb4" />
-
-
-
-
-<h2 class="fsxl mt0 mb0"><a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a>
-Novellen.</h2>
-
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr>
- <td class="tdc" colspan="4"><span class="fs125"><i>Gesammelte Schriften von Heinr. Seidel.</i></span><br />
- <span class="fss">à Band M. 3.&ndash;&ndash; brosch., M. 4.&ndash;&ndash; geb. mit Goldschn.</span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Bd.</td>
- <td class="tdr1">I.</td>
- <td class="tdl" colspan="2"><b>Leberecht Hühnchen, Jorinde und andere Geschichten.</b> 6.&nbsp;Tausend.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Bd.</td>
- <td class="tdr1">II.</td>
- <td class="tdl" colspan="2"><b>Vorstadtgeschichten.</b> 6.&nbsp;Tausend.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Bd.</td>
- <td class="tdr1">III.</td>
- <td class="tdl" colspan="2"><b>Neues von Leberecht Hühnchen und anderen Sonderlingen.</b> 5.&nbsp;Taus.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Bd.</td>
- <td class="tdr1">IV.</td>
- <td class="tdl" colspan="2"><b>Geschichten und Skizzen aus der Heimat.</b> Der II.&nbsp;Aufl. 3.&nbsp;Tausend.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Bd.</td>
- <td class="tdr1">V.</td>
- <td class="tdl" colspan="2"><b>Die goldene Zeit.</b> 3.&nbsp;Tausend.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Bd.</td>
- <td class="tdr1">VI.</td>
- <td class="tdl" colspan="2"><b>Ein Skizzenbuch.</b> 3.&nbsp;Tausend.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Bd.</td>
- <td class="tdr1">VIII.</td>
- <td class="tdl" colspan="2"><b>Leberecht Hühnchen als Grossvater.</b> 3.&nbsp;Tausend.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Bd.</td>
- <td class="tdr1">XI.</td>
- <td class="tdl"><b>Sonderbare Geschichten.</b></td>
- <td>&nbsp;</td>
- </tr>
-
- <tr><td class="tdc" colspan="4">&mdash;&mdash;&mdash;</td></tr>
-
- <tr>
- <td class="tdc" colspan="4"><span class="fs125"><i>Maximilian Schmidt Gesammelte Werke.</i></span><br />
- <span class="fss">11 Bde. à Band M. 3.&ndash;&ndash; brosch., M.&nbsp;3.50&nbsp;geb.</span></td>
- </tr>
-
- <tr><td class="tdc" colspan="4">&mdash;&mdash;&mdash;</td></tr>
-
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Am Küstensaum.</b> Nov. v. <b>Th. Justus</b>.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;5.&ndash;&ndash;.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Aus vergangnen Tagen.</b> Novellen von <b>Th.&nbsp;Justus</b>.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;4.&ndash;&ndash;.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Feldspath.</b> Drei Erzählungen aus Hessen von <b>E.&nbsp;Mentzel</b>.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;3.&ndash;&ndash;.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Der heilige Amor.</b> Nov.&nbsp;v. <b>J.&nbsp;Proelss</b>.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;2.&ndash;&ndash;.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Ut Sloss un Kathen.</b> Erzähl. in niederd. Mundart von <b>F.&nbsp;Stillfried</b>.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;3.&ndash;&ndash;.</td>
- </tr>
-
- <tr><td class="tdc" colspan="4">&mdash;&mdash;&mdash;</td></tr>
-
- <tr>
- <td class="tdc" colspan="4"><span class="fs125"><i>Von H. Grasberger.</i></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Aus der ewigen Stadt.</b> Röm. Nov.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;6.&ndash;&ndash;.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Allerlei Deutsames.</b> Bilder u. Gesch.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;4.&ndash;&ndash;.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Auf heimatlichem Boden.</b> Erzähl.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;6.&ndash;&ndash;.</td>
- </tr>
-
- <tr><td class="tdc" colspan="4">&mdash;&mdash;&mdash;</td></tr>
-
- <tr>
- <td class="tdc" colspan="4"><span class="fs125"><i>Von R. Baumbach.</i></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Es war einmal.</b> 9.&nbsp;Tausend.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;2.80.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Erzählungen u. Märchen.</b> 8.&nbsp;Taus.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;2.&ndash;&ndash;.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Sommermärchen.</b> 19.&nbsp;Tausend.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;3.&ndash;&ndash;.</td>
- </tr>
-
- <tr><td class="tdc" colspan="4">&mdash;&mdash;&mdash;</td></tr>
-
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="3"><b>Liebesmärchen</b> von E.&nbsp;Ertl.</td>
- <td class="tdr2">M.&nbsp;4.&ndash;&ndash;.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl fss" colspan="4">&emsp;(mit 71&nbsp;Photogravüren und 22&nbsp;Heliotypien.)</td>
- </tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<div class="mw36">
-<p class="ci">Das Originalbuch ist in Antiqua gesetzt.</p>
-
-<p class="ci">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Kursiv</i>, <b>fett</b>.</p>
-
-<p class="ci">Im Originalbuch tragen die Kapitel und das Inhaltsverzeichnis jeweils
-zu Beginn und Ende einfachen floralen Schmuck, auf den in dieser
-Transkription verzichtet wurde.</p>
-
-<p class="ci">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_018">18</a>:<br />
-im Original "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium."<br />
-geändert in "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.«"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_055">55</a>:<br />
-im Original "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm"<br />
-geändert in "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm,"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br />
-im Original "dich wie ein ein vom Dach fallender Sperling"<br />
-geändert in "dich wie ein vom Dach fallender Sperling"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br />
-im Original "etwas mittelalterlich troubadourmässiges« dozierte"<br />
-geändert in "etwas mittelalterlich troubadourmässiges,« dozierte"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_063">63</a>:<br />
-im Original "bis unter die Haarwurzeln eröthen machte"<br />
-geändert in "bis unter die Haarwurzeln erröthen machte"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br />
-im Original "vielversprechenden Sohn der Vatertadt"<br />
-geändert in "vielversprechenden Sohn der Vaterstadt"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_080">80</a>:<br />
-im Original "sich dunkle Röte über ihr Gesicht ergoss"<br />
-geändert in "sich dunkle Röthe über ihr Gesicht ergoss"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_186">186</a>:<br />
-im Original "»Ausreisser«! ruft dieser ihm zu"<br />
-geändert in "»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_205">205</a>:<br />
-im Original "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd"<br />
-geändert in "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd."</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_235">235</a>:<br />
-im Original "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivos"<br />
-geändert in "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivo's"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_238">238</a>:<br />
-im Original "Beiden schiens, als sei ihnen etwas"<br />
-geändert in "Beiden schien's, als sei ihnen etwas"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_286">286</a>:<br />
-im Original "Mein Mütterchen erchien förmlich verjüngt"<br />
-geändert in "Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_288">288</a>:<br />
-im Original "Er ahnte nichst davon"<br />
-geändert in "Er ahnte nichts davon"</p>
-</div>
-
-<hr />
-
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN ***</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-
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