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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:27:54 -0700 |
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diff --git a/old/7alm110.txt b/old/7alm110.txt new file mode 100644 index 0000000..7d92fab --- /dev/null +++ b/old/7alm110.txt @@ -0,0 +1,4909 @@ +The Project Gutenberg EBook of Maerchen-Almanach auf das Jahr 1826 +by Wilhelm Hauff + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. 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Das Projekt ist unter der +Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar. + + + + + +Maerchen-Almanach auf das Jahr 1826 + +Wilhelm Hauff + +Inhalt: + +Maerchen als Almanach +Die Karawane (Rahmenerzaehlung) +Die Geschichte vom Kalif Storch +Die Geschichte von dem Gespensterschiff +Die Geschichte von der abgehauenen Hand +Die Errettung Fatmes +Die Geschichte von dem kleinen Muck +Das Maerchen vom falschen Prinzen + + + + +Maerchen als Almanach + +Wilhelm Hauff + + +In einem schoenen, fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, dass die +Sonne in seinen ewig gruenen Gaerten niemals untergehe, herrschte von +Anfang an bis heute die Koenigin Phantasie. Mit vollen Haenden +spendete diese seit vielen Jahrhunderten die Fuelle des Segens ueber +die Ihrigen und war geliebt, verehrt von allen, die sie kannten. Das +Herz der Koenigin war aber zu gross, als dass sie mit ihren Wohltaten +bei ihrem Lande stehen geblieben waere; sie selbst, im koeniglichen +Schmuck ihrer ewigen Jugend und Schoenheit, stieg herab auf die Erde; +denn sie hatte gehoert, dass dort Menschen wohnen, die ihr Leben in +traurigem Ernst, unter Muehe und Arbeit hinbringen. Diesen hatte sie +die schoensten Gaben aus ihrem Reiche mitgebracht, und seit die schoene +Koenigin durch die Fluren der Erde gegangen war, waren die Menschen +froehlich bei der Arbeit, heiter in ihrem Ernst. + +Auch ihre Kinder,nicht minder schoen und lieblich als die koenigliche +Mutter, sandte sie aus, um die Menschen zu begluecken. Einst kam +Maerchen, die aelteste Tochter der Koenigin, von der Erde zurueck. Die +Mutter bemerkte, dass Maerchen traurig sei, ja, hier und da wollte ihr +beduenken, als ob sie verweinte Augen haette. + +"Was hast du, liebes Maerchen", sprach die Koenigin zu ihr, "du bist +seit deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner +Mutter nicht anvertrauen, was dir fehlt?" + +"Ach, liebe Mutter", antwortete Maerchen, "ich haette gewiss nicht so +lange geschwiegen, wenn ich nicht wuesste, dass mein Kummer auch der +deinige ist." + +"Sprich immer, meine Tochter", bat die schoene Koenigin, "der Gram ist +ein Stein, der den einzelnen niederdrueckt, aber zwei tragen ihn +leicht aus dem Wege." + +"Du willst es", antwortete Maerchen, "so hoere: Du weisst, wie gerne ich +mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch bei dem Aermsten vor +seiner Huette sitze, um nach der Arbeit ein Stuendchen mit ihm zu +verplaudern; sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum +Gruss, wenn ich kam, und sahen mir laechelnd und zufrieden nach, wenn +ich weiterging; aber in diesen Tagen ist es gar nicht mehr so!" + +"Armes Maerchen!" sprach die Koenigin und streichelte ihr die Wange, +die von einer Traene feucht war, "aber du bildest dir vielleicht dies +alles nur ein?" + +"Glaube mir, ich fuehle es nur zu gut", entgegnete Maerchen, "sie +lieben mich nicht mehr. Ueberall, wo ich hinkomme, begegnen mir +kalte Blicke; nirgends bin ich mehr gern gesehen; selbst die Kinder, +die ich doch immer so lieb hatte, lachen ueber mich und wenden mir +altklug den Ruecken zu." + +Die Koenigin stuetzte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend. + +"Und woher soll es denn", fragte die Koenigin, "kommen, Maerchen, dass +sich die Leute da unten so geaendert haben?" + +"Sieh, die Menschen haben kluge Waechter aufgestellt, die alles, was +aus deinem Reich kommt, o Koenigin Phantasie, mit scharfem Blicke +mustern und pruefen. Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne +ist, so erheben sie ein grosses Geschrei, schlagen ihn tot oder +verleumden ihn doch so sehr bei den Menschen, die ihnen aufs Wort +glauben, dass man gar keine Liebe, kein Fuenkchen Zutrauen mehr findet. +Ach, wie gut haben es meine Brueder, die Traeume, froehlich und leicht +huepfen sie auf die Erde hinab, fragen nichts nach jenen klugen +Maennern, besuchen die schlummernden Menschen und weben und malen +ihnen, was das Herz beglueckt und das Auge erfreut!" + +"Deine Brueder sind Leichtfuesse", sagte die Koenigin, "und du, mein +Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden. Jene Grenzwaechter +kenne ich uebrigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie +aufzustellen; es kam so mancher windige Geselle und tat, als ob er +geradewegs aus meinem Reiche kaeme, und doch hatte er hoechstens von +einem Berge zu uns heruebergeschaut." + +"Aber warum lassen sie dies mich, deine eigene Tochter, entgelten", +weinte Maerchen. "Ach, wenn du wuesstest, wie sie es mit mir gemacht +haben; sie schalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das +naechste Mal gar nicht mehr hereinzulassen." "Wie, meine Tochter nicht +mehr einzulassen?" rief die Koenigin, und Zorn roetete ihre Wangen. +"Aber ich sehe schon, woher dies kommt; die boese Muhme hat uns +verleumdet!" + +"Die Mode? Nicht moeglich!" rief Maerchen, "sie tat ja sonst immer so +freundlich." + +"Oh! Ich kenne sie, die Falsche", antwortete die Koenigin, "aber +versuche es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter, wer Gutes tun will, +darf nicht rasten." + +"Ach, Mutter! Wenn sie mich dann ganz zurueckweisen, oder wenn sie +mich verleumden, dass mich die Menschen nicht ansehen oder einsam und +verachtet in der Ecke stehen lassen?" + +"Wenn die Alten, von der Mode betoert, dich geringschaetzen, so wende +dich an die Kleinen, wahrlich, sie sind meine Lieblinge, ihnen sende +ich meine lieblichsten Bilder durch deine Brueder, die Traeume, ja, ich +bin schon oft selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und +gekuesst und schoene Spiele mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch +wohl, sie wissen zwar meinen Namen nicht, aber ich habe schon oft +bemerkt, wie sie nachts zu meinen Sternen herauflaecheln und morgens, +wenn meine glaenzenden Laemmer am Himmel ziehen, vor Freuden die Haende +zusammenschlagen. Auch wenn sie groesser werden, lieben sie mich noch, +ich helfe dann den lieblichen Maedchen bunte Kraenze flechten, und die +wilden Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu +ihnen setze, aus der Nebelwelt der fernen, blauen Berge hohe Burgen +und glaenzende Palaeste auftauchen lasse und aus den roetlichen Wolken +des Abends kuehne Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtszuege bilde." + +"O die guten Kinder!" rief Maerchen bewegt aus. "Ja, es sei! Mit +ihnen will ich es noch einmal versuchen." + +"Ja, du gute Tochter", sprach die Koenigin, "gehe zu ihnen; aber ich +will dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, dass du den Kleinen +gefaellst und die Grossen dich nicht zurueckstossen; siehe, das Gewand +eines Almanachs will ich dir geben." + +"Eines Almanachs, Mutter? Ach!--Ich schaeme mich, so vor den Leuten +zu prangen." + +Die Koenigin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand +eines Almanachs. Es war von glaenzenden Farben und schoene Figuren +eingewoben. + +Die Zofen flochten dem schoenen Maedchen das lange Haar; sie banden ihr +goldene Sandalen unter die Fuesse und hingen ihr dann das Gewand um. + +Das bescheidene Maerchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber +betrachtete es mit Wohlgefallen und schloss es in ihre Arme. "Gehe +hin", sprach sie zu der Kleinen, "mein Segen sei mit dir. Und wenn +sie dich verachten und hoehnen, so kehre zurueck zu mir, vielleicht, +dass spaetere Geschlechter, getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder +zuwenden." + +Also sprach die Koenigin Phantasie. Maerchen aber stieg hinab auf die +Erde. Mit pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Waechter +hauseten; sie senkte das Koepfchen zur Erde, sie zog das schoene Gewand +enger um sich her, und mit zagendem Schritt nahte sie dem Tor. + +"Halt!" rief eine tiefe, rauhe Stimme. "Wache heraus! Da kommt ein +neuer Almanach!" + +Maerchen zitterte, als sie dies hoerte; viele aeltliche Maenner von +finsterem Aussehen stuerzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der +Faust und hielten sie dem Maerchen entgegen. Einer aus der Schar +schritt auf sie zu und packte sie mit rauher Hand am Kinn. "Nur auch +den Kopf aufgerichtet, Herr Almanach", schrie er, "dass man Ihm in den +Augen ansiehet, ob er was Rechtes ist oder nicht!" + +Erroetend richtete Maerchen das Koepfchen in die Hoehe und schlug das +dunkle Auge auf. + +"Das Maerchen!" riefen die Waechter und lachten aus vollem Hals, "das +Maerchen! Haben wunder gemeint, was da kaeme! Wie kommst du nur in +diesen Rock?" + +"Die Mutter hat ihn mir angezogen", antwortete Maerchen. "So? Sie +will dich bei uns einschwaerzen? Nichts da! Hebe dich weg, mach, dass +du fortkommst!" riefen die Waechter untereinander und erhoben die +scharfen Federn. + +"Aber ich will ja nur zu den Kindern", bat Maerchen, "dies koennt ihr +mir ja doch erlauben." + +"Laeuft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?" rief einer +der Waechter. "Sie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug vor." + +"Lasst uns sehen, was sie diesmal weiss!" sprach ein anderer. + +"Nun ja", riefen sie, "sag an, was du weisst, aber beeile dich, denn +wir haben nicht viele Zeit fuer dich!" + +Maerchen streckte die Hand aus und schrieb mit dem Zeigefinger viele +Zeichen in die Luft. Da sah man bunte Gestalten vorueberziehen; +Karawanen mit schoenen Rossen, geschmueckte Reiter, viele Zelte im Sand +der Wueste; Voegel und Schiffe auf stuermischen Meeren; stille Waelder +und volkreiche Plaetze und Strassen; Schlachten und friedliche Nomaden, +sie alle schwebten in belebten Bildern, in buntem Gewimmel vorueber. + +Maerchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder aufsteigen +liess, nicht bemerkt, wie die Waechter des Tores nach und nach +eingeschlafen waren. Eben wollte sie neue Zeichen schreiben, als ein +freundlicher Mann auf sie zutrat und ihre Hand ergriff. "Siehe her, +gutes Maerchen", sagte er, indem er auf die Schlafenden zeigte, "fuer +diese sind deine bunten Sachen nichts; schluepfe schnell durch das Tor; +sie ahnen dann nicht, dass du im Lande bist, und du kannst friedlich +und unbemerkt deine Strasse ziehen. Ich will dich zu meinen Kindern +fuehren; in meinem Hause geb' ich dir ein stilles, freundliches +Plaetzchen; dort kannst du wohnen und fuer dich leben; wenn dann meine +Soehne und Toechter gut gelernt haben, duerfen sie mit ihren Gespielen +zu dir kommen und dir zuhoeren. Willst du so?" + +"Oh, wie gerne folge ich dir zu deinen lieben Kleinen; wie will ich +mich befleissen, ihnen zuweilen ein heiteres Stuendchen zu machen!" + +Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr, ueber die Fuesse +der schlafenden Waechter hinueberzusteigen. Laechelnd sah sich Maerchen +um, als sie hinueber war, und schluepfte dann schnell in das Tor. + + + + +Die Karawane + +Wilhelm Hauff + + +Es zog einmal eine grosse Karawane durch die Wueste. Auf der +ungeheuren Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hoerte man +schon in weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen +Roellchen der Pferde, eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, +verkuendete ihre Naehe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, +blendeten funkelnde Waffen und helleuchtende Gewaender das Auge. So +stellte sich die Karawane einem Manne dar, welcher von der Seite her +auf sie zuritt. Er ritt ein schoenes arabisches Pferd, mit einer +Tigerdecke behaengt, an dem hochroten Riemenwerk hingen silberne +Gloeckchen, und auf dem Kopf des Pferdes wehte ein schoener Reiherbusch. +Der Reiter sah stattlich aus, und sein Anzug entsprach der Pracht +seines Rosses; ein weisser Turban, reich mit Gold bestickt, bedeckte +das Haupt; der Rock und die weiten Beinkleider waren von brennendem +Rot, ein gekruemmtes Schwert mit reichem Griff an seiner Seite. Er +hatte den Turban tief ins Gesicht gedrueckt; dies und die schwarzen +Augen, die unter buschigen Brauen hervorblitzten, der lange Bart, der +unter der gebogenen Nase herabhing, gaben ihm ein wildes, kuehnes +Aussehen. + +Als der Reiter ungefaehr auf fuenfzig Schritt dem Vortrab der Karawane +nahe war, spornte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an +der Spitze des Zuges angelangt. Es war ein so ungewoehnliches +Ereignis, einen einzelnen Reiter durch die Wueste ziehen zu sehen, dass +die Waechter des Zuges, einen Ueberfall befuerchtend, ihm ihre Lanzen +entgegenstreckten. + +"Was wollt ihr", rief der Reiter, als er sich so kriegerisch +empfangen sah, "glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane +angreifen?" + +Beschaemt schwangen die Waechter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anfuehrer +aber ritt an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr. + +"Wer ist der Herr der Karawane?" fragte der Reiter. + +"Sie gehoert nicht einem Herrn", antwortete der Gefragte, "sondern es +sind mehrere Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen und die +wir durch die Wueste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die +Reisenden beunruhigt." + +"So fuehrt mich zu den Kaufleuten", begehrte der Fremde. + +"Das kann jetzt nicht geschehen", antwortete der Fuehrer, "weil wir +ohne Aufenthalt weiterziehen muessen und die Kaufleute wenigstens eine +Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir weiterreiten, +bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem Wunsch +willfahren." + +Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am +Sattel festgebunden hatte, hervor und fing an in grossen Zuegen zu +rauchen, indem er neben dem Anfuehrer des Vortrabs weiterritt. Dieser +wusste nicht, was er aus dem Fremden machen sollte; er wagte es nicht, +ihn geradezu nach seinem Namen zu fragen, und so kuenstlich er auch +ein Gespraech anzuknuepfen suchte, der Fremde hatte auf das: "Ihr +raucht da einen guten Tabak", oder: "Euer Rapp' hat einen braven +Schritt", immer nur mit einem kurzen "Ja, ja!" geantwortet. + +Endlich waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten +wollte. Der Anfuehrer hatte seine Leute als Wachen aufgestellt; er +selbst hielt mit dem Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen. +Dreissig Kamele, schwer beladen, zogen vorueber, von bewaffneten +Fuehrern geleitet. Nach diesen kamen auf schoenen Pferden die fuenf +Kaufleute, denen die Karawane gehoerte. Es waren meistens Maenner von +vorgeruecktem Alter, ernst und gesetzt aussehend, nur einer schien +viel juenger als die uebrigen, wie auch froher und lebhafter. Eine +grosse Anzahl Kamele und Packpferde schloss den Zug. + +Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde rings +umhergestellt. In der Mitte war ein grosses Zelt von blauem +Seidenzeug. Dorthin fuehrte der Anfuehrer der Wache den Fremden. Als +sie durch den Vorhang des Zeltes getreten waren, sahen sie die fuenf +Kaufleute auf goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze Sklaven +reichten ihnen Speise und Getraenke. "Wen bringt Ihr uns da?" rief +der junge Kaufmann dem Fuehrer zu. + +Ehe noch der Fuehrer antworten konnte, sprach der Fremde: "Ich heisse +Selim Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise nach Mekka +von einer Raeuberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen heimlich +aus der Gefangenschaft befreit. Der grosse Prophet liess mich die +Glocken eurer Karawane in weiter Ferne hoeren, und so kam ich bei euch +an. Erlaubet mir, dass ich in eurer Gesellschaft reise! Ihr werdet +euren Schutz keinem Unwuerdigen schenken, und so ihr nach Bagdad +kommet, werde ich eure Guete reichlich belohnen denn ich bin der Neffe +des Grosswesirs." + +Der aelteste der Kaufleute nahm das Wort: "Selim Baruch", sprach er, +"sei willkommen in unserem Schatten. Es macht uns Freude, dir +beizustehen; vor allem aber setze dich und iss und trinke mit uns." + +Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und ass und trank mit ihnen. +Nach dem Essen raeumten die Sklaven die Geschirre hinweg und +brachten lange Pfeifen und tuerkischen Sorbet. Die Kaufleute sassen +lange schweigend, indem sie die blaeulichen Rauchwolken vor sich +hinbliesen und zusahen, wie sie sich ringelten und verzogen und +endlich in die Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach endlich +das Stillschweigen: "So sitzen wir seit drei Tagen", sprach er, "zu +Pferd und am Tisch, ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben. Ich +verspuere gewaltig Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Taenzer +zu sehen oder Gesang und Musik zu hoeren. Wisst ihr gar nichts, meine +Freunde, das uns die Zeit vertreibt?" + +Die vier aelteren Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft +nachzusinnen, der Fremde aber sprach: "Wenn es mir erlaubt ist, will +ich euch einen Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem Lagerplatz +koennte einer von uns den anderen etwas erzaehlen. Dies koennte uns +schon die Zeit vertreiben." + +"Selim Baruch, du hast wahr gesprochen", sagte Achmet, der aelteste +der Kaufleute, "lasst uns den Vorschlag annehmen." + +"Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt", sprach Selim, "damit +ihr aber sehet, dass ich nichts Unbilliges verlange, so will ich den +Anfang machen." + +Vergnuegt rueckten die fuenf Kaufleute naeher zusammen und liessen den +Fremden in ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenkten die Becher +wieder voll, stopften die Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten +gluehende Kohlen zum Anzuenden. Selim aber erfrischte seine Stimme mit +einem tuechtigen Zuge Sorbet, strich den langen Bart ueber dem Mund weg +und sprach: + +"So hoert denn die Geschichte vom Kalif Storch." + +Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die +Kaufleute sehr zufrieden damit. "Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns +vergangen, ohne dass wir merkten wie!" sagte einer derselben, indem er +die Decke des Zeltes zurueckschlug. "Der Abendwind wehet kuehl, und +wir koennten noch eine gute Strecke Weges zuruecklegen." Seine +Gefaehrten waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, +und die Karawane machte sich in der naemlichen Ordnung, in welcher sie +herangezogen war, auf den Weg. + +Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwuel am +Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen +endlich an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und +legten sich zur Ruhe. Fuer den Fremden aber sorgten die Kaufleute, +wie wenn er ihr wertester Gastfreund waere. Der eine gab ihm Polster, +der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut +bedient, als ob er zu Hause waere. Die heisseren Stunden des Tages +waren schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie +beschlossen einmuetig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie +miteinander gespeist hatten, rueckten sie wieder naeher zusammen, und +der junge Kaufmann wandte sich an den aeltesten und sprach: "Selim +Baruch hat uns gestern einen vergnuegten Nachmittag bereitet, wie waere +es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzaehltet, sei es nun aus Eurem +langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es +auch ein huebsches Maerchen." Achmet schwieg auf diese Anrede eine +Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel waere, ob er dies oder jenes +sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen: + +"Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue +Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will +ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und +nicht jedem erzaehle: die Geschichte von dem Gespensterschiff." + +Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fuerder +gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim, +der Fremde, zu Muley, dem juengsten der Kaufleute, also zu sprechen: + +"Ihr seid zwar der Juengste von uns, doch seid Ihr immer froehlich und +wisst fuer uns gewiss irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, dass +er uns erquicke nach der Hitze des Tages!" + +"Wohl moechte ich euch etwas erzaehlen", antwortete Muley, "das euch +Spass machen koennte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen +Dingen; darum muessen meine aelteren Reisegefaehrten den Vorrang haben. +Zaleukos ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht +erzaehlen, was sein Leben so ernst machte? Vielleicht, dass wir seinen +Kummer, wenn er solchen hat, lindern koennen; denn gerne dienen wir +dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens ist." + +Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren +Jahren, schoen und kraeftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein +Unglaeubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine +Reisegefaehrten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und +Zutrauen eingefloesst. Er hatte uebrigens nur eine Hand, und einige +seiner Gefaehrten vermuteten, dass vielleicht dieser Verlust ihn so +ernst stimme. + +Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: "Ich bin sehr +geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, +von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen koenntet. Doch +weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch +einiges erzaehlen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin +als andere Leute. Ihr sehet, dass ich meine linke Hand verloren habe. +Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den +schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebuesst. Ob ich die Schuld +davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es +meine Lage mit sich bringt, zu sein, moeget ihr beurteilen, wenn ihr +vernommen habt die Geschichte von der abgehauenen Hand." + +Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt. +Mit grosser Teilnahme hatten ihm die uebrigen zugehoert, besonders der +Fremde schien sehr davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief +geseufzt, und Muley schien es sogar, als habe er einmal Traenen in den +Augen gehabt. Sie besprachen sich noch lange Zeit ueber diese +Geschichte. + +"Und hasst Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnoed' um ein so +edles Glied Eures Koerpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?" +fragte der Fremde. + +"Wohl gab es in frueherer Zeit Stunden", antwortete der Grieche, "in +denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, dass er diesen Kummer ueber +mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in +dem Glauben meiner Vaeter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu +lieben; auch ist er wohl noch ungluecklicher als ich." + +"Ihr seid ein edler Mann!" rief der Fremde und drueckte geruehrt dem +Griechen die Hand. + +Der Anfuehrer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespraech. Er +trat mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, dass man sich +nicht der Ruhe ueberlassen duerfe; denn hier sei die Stelle, wo +gewoehnlich die Karawanen angegriffen wuerden, auch glaubten seine +Wachen, in der Entfernung mehrere Reiter zu sehen. + +Die Kaufleute waren sehr bestuerzt ueber diese Nachricht; Selim, der +Fremde, aber wunderte sich ueber ihre Bestuerzung und meinte, dass sie +so gut geschaetzt waeren, dass sie einen Trupp raeuberischer Araber nicht +zu fuerchten brauchten. + +"Ja, Herr!" entgegnete ihm der Anfuehrer der Wache. "Wenn es nur +solches Gesindel waere, koennte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; +aber seit einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und +da gilt es, auf seiner Hut zu sein." + +Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte +Kaufmann, antwortete ihm: "Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke +ueber diesen wunderbaren Mann. Die einen halten ihn fuer ein +uebermenschliches Wesen, weil er oft mit fuenf bis sechs Maennern zumal +einen Kampf besteht, andere halten ihn fuer einen tapferen Franken, +den das Unglueck in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist +nur so viel gewiss, dass er ein verruchter Moerder und Dieb ist." + +"Das koennt Ihr aber doch nicht behaupten", entgegnete ihm Lezah, +einer der Kaufleute. "Wenn er auch ein Raeuber ist, so ist er doch +ein edler Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, +wie ich Euch erzaehlen koennte. Er hat seinen ganzen Stamm zu +geordneten Menschen gemacht, und so lange er die Wueste durchstreift, +darf kein anderer Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt +er nicht wie andere, sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den +Karawanen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet ungefaehrdet +weiter; denn Orbasan ist der Herr der Wueste." + +Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die +um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein +ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der +Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager +zuzureiten. Einer der Maenner von der Wache ging daher in das Zelt, +um zu verkuenden, dass sie wahrscheinlich angegriffen wuerden. Die +Kaufleute berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen +entgegengehen oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei +aelteren Kaufleute wollten das letztere, der feurige Muley aber und +Zaleukos verlangten das erstere und riefen den Fremden zu ihrem +Beistand auf. Dieser zog ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten +Sternen aus seinem Guertel hervor, band es an eine Lanze und befahl +einem der Sklaven, es auf das Zelt zu stecken; er setze sein Leben +zum Pfand, sagte er, die Reiter werden, wenn sie dieses Zeichen sehen, +ruhig vorueberziehen. Muley glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave +aber steckte die Lanze auf das Zelt. Inzwischen hatten alle, die im +Lager waren, zu den Waffen gegriffen und sahen in gespannter +Erwartung den Reitern entgegen. Doch diese schienen das Zeichen auf +dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen ploetzlich von ihrer Richtung +auf das Lager ab und zogen in einem grossen Bogen auf der Seite hin. + +Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald +auf die Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgueltig, +wie wenn nichts vorgefallen waere, vor dem Zelte und blickte ueber die +Ebene hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen. "Wer bist du, +maechtiger Fremdling", rief er aus, "der du die wilden Horden der +Wueste durch einen Wink bezaehmst?" + +"Ihr schlagt meine Kunst hoeher an, als sie ist", antwortete Selim +Baruch. "Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der +Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiss ich selbst nicht; +nur so viel weiss ich, dass, wer mit diesem Zeichen reiset, unter +maechtigem Schutze steht." + +Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter. +Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so gross gewesen, dass wohl die +Karawane nicht lange haette Widerstand leisten koennen. + +Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die +Sonne zu sinken begann und der Abendwind ueber die Sandebene hinstrich, +brachen sie auf und zogen weiter. + +Am naechsten Tage lagerten sie ungefaehr nur noch eine Tagreise von dem +Ausgang der Wueste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem +grossen Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort: + +"Ich habe euch gestern gesagt, dass der gefuerchtete Orbasan ein edler +Mann sei, erlaubt mir, dass ich es euch heute durch die Erzaehlung der +Schicksale meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er +hatte drei Kinder. Ich war der Aelteste, ein Bruder und eine +Schwester waren bei weitem juenger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt +war, rief mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er setzte mich zum +Erben seiner Gueter ein, mit der Bedingung, dass ich bis zu seinem Tode +bei ihm bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so dass ich erst +vor zwei Jahren in meine Heimat zurueckkehrte und nichts davon wusste, +welch schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie guetig +Allah es gewendet hatte." Die Errettung Fatmes + +Die Karawane hatte das Ende der Wueste erreicht, und froehlich +begruessten die Reisenden die gruenen Matten und die dichtbelaubten +Baeume, deren lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In +einem schoenen Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager +waehlten, und obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, +so war doch die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je; +denn der Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise +durch die Wueste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen +geoeffnet und die Gemueter zu Scherz und Kurzweil gestimmt. Muley, der +junge lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder +dazu, die selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Laecheln entlockten. +Aber nicht genug, dass er seine Gefaehrten durch Tanz und Spiel +erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, +die er ihnen versprochen hatte, und hub, als er von seinen +Luftspruengen sich erholt hatte, also zu erzaehlen an: Die Geschichte +von dem kleinen Muck. + +"So erzaehlte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue ueber mein +rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte +mir die andere Haelfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich +erzaehlte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und +wir gewannen ihn so lieb, dass ihn keiner mehr schimpfte. Im +Gegenteil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm +immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebueckt." + +Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu +machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu staerken. Die +gestrige Froehlichkeit ging auch auf diesen Tag ueber, und sie +ergoetzten sich in allerlei Spielen. Nach dem Essen aber riefen sie +dem fuenften Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich +den uebrigen zu tun und eine Geschichte zu erzaehlen. Er antwortete, +sein Leben sei zu arm an auffallenden Begebenheiten, als dass er ihnen +etwas davon mitteilen moechte, daher wolle er ihnen etwas anderes +erzaehlen, naemlich: Das Maerchen vom falschen Prinzen. + + +Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach +Birket el Had oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei +Stunden Weges nach Kairo waren--Man hatte um diese Zeit die Karawane +erwartet, und bald hatten die Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus +Kairo ihnen entgegenkommen zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch +das Tor Bebel Falch; denn es wird fuer eine glueckliche Vorbedeutung +gehalten, wenn man von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, +weil der Prophet hindurchgezogen ist. + +Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier tuerkischen Kaufleute von +dem Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit +ihren Freunden nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute +Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der +Fremde sagte zu und versprach, wenn er nur vorher sich umgekleidet +habe, zu erscheinen. + +Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er +auf der Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die +Speisen und Getraenke in gehoeriger Ordnung aufgestellt waren, setzte +er sich, seinen Gast zu erwarten. + +Langsam und schweren Schrittes hoerte er ihn den Gang, der zu seinem +Gemach fuehrte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich +entgegenzusehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll +Entsetzen fuhr er zurueck, als er die Tuere oeffnete; denn jener +schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick +auf ihn, es war keine Taeuschung; dieselbe hohe, gebietende Gestalt, +die Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote +Mantel mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus +den schrecklichsten Stunden seines Lebens. + +Widerstreitende Gefuehle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit +diesem Bild seiner Erinnerung laengst ausgesoehnt und ihm vergeben, und +doch riss sein Anblick alle seine Wunden wieder auf; alle jene +qualvollen Stunden der Todesangst, jener Gram, der die Bluete seines +Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augenblicks an seiner Seele +vorueber. + +"Was willst du, Schrecklicher?" rief der Grieche aus, als die +Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. "Weiche +schnell von hinnen, dass ich dir nicht fluche!" + +"Zaleukos!" sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor. +"Zaleukos! So empfaengst du deinen Gastfreund?" Der Sprechende nahm +die Larve ab, schlug den Mantel zurueck; es war Selim Baruch, der +Fremde. + +Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden; +denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte +vecchio erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte; +er winkte schweigend dem Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen. + +"Ich errate deine Gedanken", nahm dieser das Wort, als sie sich +gesetzt hatten. "Deine Augen sehen fragend auf mich--ich haette +schweigen und mich deinen Blicken nie mehr zeigen koennen, aber ich +bin dir Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die +Gefahr hin, dass du mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu +erscheinen. Du sagtest einst zu mir: Der Glaube meiner Vaeter +befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl ungluecklicher als ich; +glaube dieses, mein Freund, und hoere meine Rechtfertigung! + +Ich muss weit ausholen, um mich dir ganz verstaendlich zu machen. Ich +bin in Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der +juengere Sohn eines alten, beruehmten franzoesischen Hauses, war Konsul +seines Landes in Alessandria. Ich wurde von meinem zehnten Jahre an +in Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verliess erst +einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit +meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr sicher war, +ueber dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll +Hoffnung, die Ruhe und den Frieden, den uns das empoerte Volk der +Franzosen entrissen, im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten +wir. Aber ach! Ich fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es +sein sollte; die aeusseren Stuerme der bewegten Zeit waren zwar noch +nicht bis hierher gelangt, desto unerwarteter hatte das Unglueck mein +Haus im innersten Herzen heimgesucht. Mein Bruder, ein junger, +hoffnungsvoller Mann, erster Sekretaer meines Vaters, hatte sich erst +seit kurzem mit einem jungen Maedchen, der Tochter eines +florentinischen Edelmanns, der in unserer Nachbarschaft wohnte, +verheiratet; zwei Tage vor unserer Ankunft war diese auf einmal +verschwunden, ohne dass weder unsere Familie noch ihr Vater die +geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man glaubte endlich, sie +habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in Raeuberhaende +gefallen. Beinahe troestlicher waere dieser Gedanke fuer meinen armen +Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde. Die +Treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie im Hause +ihres Vaters kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder, aufs +aeusserste empoert ueber diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur +Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Versuche, die in Neapel und +Florenz Aufsehen erregt hatten, dienten nur dazu, sein und unser +aller Unglueck zu vollenden. Der florentinische Edelmann reiste in +sein Vaterland zurueck, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht zu +verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in +Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknuepft hatte, +nieder und wusste seinen Einfluss, den er auf alle Art sich verschafft +hatte, so gut zu benuetzen, dass mein Vater und mein Bruder ihrer +Regierung verdaechtig gemacht und durch die schaendlichsten Mittel +gefangen, nach Frankreich gefuehrt und dort vom Beil des Henkers +getoetet wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und erst nach +zehn langen Monaten erloeste sie der Tod von ihrem schrecklichen +Zustand, der aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewusstsein +geworden war. So stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur +ein Gedanke beschaeftigte meine Seele, nur ein Gedanke liess mich meine +Trauer vergessen, es war jene maechtige Flamme, die meine Mutter in +ihrer letzten Stunde in mir angefacht hatte. + +In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewusstsein +zurueckgekehrt; sie liess mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem +Schicksal und ihrem Ende. Dann aber liess sie alle aus dem Zimmer +gehen, richtete sich mit feierlicher Miene von ihrem aermlichen Lager +auf und sagte, ich koenne mir ihren Segen erwerben, wenn ich ihr +schwoere, etwas auszufuehren, das sie mir auftragen wuerde--Ergriffen +von den Worten der sterbenden Mutter, gelobte ich mit einem Eide zu +tun, wie sie mir sagen werde. Sie brach nun in Verwuenschungen gegen +den Florentiner und seine Tochter aus und legte mir mit den +fuerchterlichsten Drohungen ihres Fluches auf, mein unglueckliches Haus +an ihm zu raechen. Sie starb in meinen Armen. Jener Gedanke der +Rache hatte schon lange in meiner Seele geschlummert; jetzt erwachte +er mit aller Macht. Ich sammelte den Rest meines vaeterlichen +Vermoegens und schwor mir, alles an meine Rache zu setzen oder selbst +mit unterzugehen. + +Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als moeglich aufhielt; +mein Plan war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher +sich meine Feinde befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur +geworden und hatte so alle Mittel in der Hand, sobald er das +geringste ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam mir zu Hilfe. +Eines Abends sah ich einen Menschen in bekannter Livree durch die +Strassen gehen; sein unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das +halblaut herausgestossene "Santo sacramento", "Maledetto diavolo" +liessen mich den alten Pietro, einen Diener des Florentiners, den ich +schon in Alessandria gekannt hatte, erkennen. Ich war nicht in +Zweifel, dass er ueber seinen Herrn in Zorn geraten sei, und beschloss, +seine Stimmung zu benuetzen. Er schien sehr ueberrascht, mich hier zu +sehen, klagte mir sein Leiden, dass er seinem Herrn, seit er +Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen koenne, und mein Gold, +unterstuetzt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite. Das +Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann in meinem +Solde, der mir zu jeder Stunde die Tuere meines Feindes oeffnete, und +nun reifte mein Racheplan immer schneller heran. Das Leben des alten +Florentiners schien mir ein zu geringes Gewicht, dem Untergang meines +Hauses gegenueber, zu haben. Sein Liebstes musste er gemordet sehen, +und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja sie so schaendlich an +meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache unseres Ungluecks. +Gar erwuenscht kam sogar meinem racheduerstigen Herzen die Nachricht, +dass in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermaehlen wollte, es +war beschlossen, sie musste sterben. Aber mir selbst graute vor der +Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum spaehten wir +umher nach einem Mann, der das Geschaeft vollbringen koenne. Unter den +Florentinern wagte ich keinen zu dingen, denn gegen den Gouverneur +wuerde keiner etwas Solches unternommen haben. Da fiel Pietro der +Plan ein, den ich nachher ausgefuehrt habe; zugleich schlug er dich +als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor. Den Verlauf der Sache +weisst du. Nur an deiner grossen Vorsicht und Ehrlichkeit schien mein +Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel. + +Pietro oeffnete uns das Pfoertchen an dem Palast des Gouverneurs; er +haette uns auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht, +durch den schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Tuerspalte +darbot, erschreckt, entflohen waeren. Von Schrecken und Reue gejagt, +war ich ueber zweihundert Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen +einer Kirche niedersank. Dort erst sammelte ich mich wieder, und +mein erster Gedanke warst du und dein schreckliches Schicksal, wenn +man dich in dem Hause faende. Ich schlich an den Palast, aber weder +von Pietro noch von dir konnte ich eine Spur entdecken; das Pfoertchen +aber war offen, so konnte ich wenigstens hoffen, dass du die +Gelegenheit zur Flucht benuetzt haben koenntest. + +Als aber der Tag anbrach, liess mich die Angst vor der Entdeckung und +ein unabweisbares Gefuehl von Reue nicht mehr in den Mauern von +Florenz. Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestuerzung, als +man dort nach einigen Tagen ueberall diese Geschichte erzaehlte mit dem +Beisatz, man habe den Moerder, einen griechischen Arzt, gefangen. Ich +kehrte in banger Besorgnis nach Florenz zurueck; denn schien mir meine +Rache schon vorher zu stark, so verfluchte ich sie jetzt, denn sie +war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an demselben +Tage an, der dich der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich +fuehlte, als ich dich das Schafott besteigen und so heldenmuetig leiden +sah. Aber damals, als dein Blut in Stroemen aufspritzte, war der +Entschluss fest in mir, dir deine uebrigen Lebenstage zu versuessen. Was +weiter geschehen ist, weisst du, nur das bleibt mir noch zu sagen +uebrig, warum ich diese Reise mit dir machte. + +Als eine schwere Last drueckte mich der Gedanke, dass du mir noch immer +nicht vergeben habest; darum entschloss ich mich, viele Tage mit dir +zu leben und dir endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit +dir getan." + +Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehoert; mit sanftem Blick +bot er ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. "Ich wusste wohl, dass +du ungluecklicher sein muesstest als ich, denn jene grausame Tat wird +wie eine dunkle Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir +von Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter +dieser Gestalt in die Wueste? Was fingst du an, nachdem du in +Konstantinopel mir das Haus gekauft hattest?" + +"Ich ging nach Alessandria zurueck", antwortete der Gefragte. "Hass +gegen alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Hass besonders +gegen jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter +meinen Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in +Alessandria, als jene Landung meiner Landsleute erfolgte. + +Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; +darum sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner +Bekanntschaft und schloss mich jenen tapferen Mamelucken an, die so +oft der Schrecken des franzoesischen Heeres wurden. Als der Feldzug +beendigt war, konnte ich mich nicht entschliessen, zu den Kuensten des +Friedens zurueckzukehren. Ich lebte mit einer kleinen Anzahl +gleichdenkender Freunde ein unstetes und fluechtiges, dem Kampf und +der Jagd geweihtes Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die +mich wie ihren Fuersten ehren; denn wenn meine Asiaten auch nicht so +gebildet sind wie Eure Europaeer, so sind sie doch weit entfernt von +Neid und Verleumdung, von Selbstsucht und Ehrgeiz." + +Zaleukos dankte dem Fremden fuer seine Mitteilung, aber er verbarg ihm +nicht, dass er es fuer seinen Stand, fuer seine Bildung angemessener +faende, wenn er in christlichen, in europaeischen Laendern leben und +wirken wuerde. Er fasste seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, +bei ihm zu leben und zu sterben. + +Geruehrt sah ihn der Gastfreund an. "Daraus erkenne ich", sagte er, +"dass du mir ganz vergeben hast, dass du mich liebst. Nimm meinen +innigsten Dank dafuer!" Er sprang auf und stand in seiner ganzen Groesse +vor dem Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel +blitzenden Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. +"Dein Vorschlag ist schoen", sprach jener weiter, "er moechte fuer jeden +andern lockend sein--ich kann ihn nicht benuetzen. Schon steht mein +Ross gesattelt, erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!" Die +Freunde, die das Schicksal so wunderbar zusammengefuehrt, umarmten +sich zum Abschied. "Und wie nenne ich dich? Wie heisst mein +Gastfreund, der auf ewig in meinem Gedaechtnis leben wird?" fragte der +Grieche. + +Der Fremde sah ihn lange an, drueckte ihm noch einmal die Hand und +sprach: "Man nennt mich den Herrn der Wueste; ich bin der Raeuber +Orbasan." + + + + +Kalif Storch + +Wilhelm Hauff + + +Der Kalif Chasid zu Bagdad sass einmal an einem schoenen Nachmittag +behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war +ein heisser Tag, und sah nun nach seinem Schlaefchen recht heiter aus. +Er rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hier und da +ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich +allemal vergnuegt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte. Kurz, man +sah dem Kalifen an, dass es ihm recht wohl war. Um diese Stunde +konnte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und +leutselig war, deswegen besuchte ihn auch sein Grosswesir Mansor alle +Tage um diese Zeit. An diesem Nachmittage nun kam er auch, sah aber +sehr nachdenklich aus, ganz gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat +die Pfeife ein wenig aus dem Mund und sprach: "Warum machst du ein so +nachdenkliches Gesicht, Grosswesir?" + +Der Grosswesir schlug seine Arme kreuzweis ueber die Brust, verneigte +sich vor seinem Herrn und antwortete: "Herr, ob ich ein +nachdenkliches Gesicht mache, weiss ich nicht, aber da drunten am +Schloss steht ein Kraemer, der hat so schoene Sachen, dass es mich aergert, +nicht viel ueberfluessiges Geld zu haben." + +Der Kalif, der seinem Grosswesir schon lange gerne eine Freude gemacht +haette, schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Kraemer +heraufzuholen. Bald kam der Sklave mit dem Kraemer zurueck. Dieser +war ein kleiner, dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in +zerlumptem Anzug. Er trug einen Kasten, in welchem er allerhand +Waren hatte, Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, Becher und +Kaemme. Der Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif +kaufte endlich fuer sich und Mansor schoene Pistolen, fuer die Frau des +Wesirs aber einen Kamm. Als der Kraemer seinen Kasten schon wieder +zumachen wollte, sah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob +da auch noch Waren seien. Der Kraemer zog die Schublade heraus und +zeigte darin eine Dose mit schwaerzlichem Pulver und ein Papier mit +sonderbarer Schrift, die weder der Kalif noch Mansor lesen konnte. +"Ich bekam einmal diese zwei Stuecke von einem Kaufmanne, der sie in +Mekka auf der Strasse fand", sagte der Kraemer, "Ich weiss nicht, was +sie enthalten; euch stehen sie um geringen Preis zu Dienst, ich kann +doch nichts damit anfangen." + +Der Kalif, der in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte hatte, +wenn er sie auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und +entliess den Kraemer. Der Kalif aber dachte, er moechte gerne wissen, +was die Schrift enthalte, und, fragte den Wesir, ob er keinen kenne, +der es entziffern koennte. + +"Gnaedigster Herr und Gebieter", antwortete dieser, "an der grossen +Moschee wohnt ein Mann, er heisst Selim, der Gelehrte, der versteht +alle Sprachen, lass ihn kommen, vielleicht kennt er diese +geheimnisvollen Zuege." + +Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt. "Selim", sprach zu ihm der +Kalif, "Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck einmal ein +wenig in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen, +so bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so +bekommst du zwoelf Backenstreiche und fuenfundzwanzig auf die Fusssohlen, +weil man dich dann umsonst Selim, den Gelehrten, nennt." + +Selim verneigte sich und sprach: "Dein Wille geschehe, o Herr!" Lange +betrachtete er die Schrift, ploetzlich aber rief er aus: "Das ist +Lateinisch, o Herr, oder ich lass mich haengen." "Sag, was drinsteht", +befahl der Kalif, "wenn es Lateinisch ist." + +Selim fing an zu uebersetzen: "Mensch, der du dieses findest, preise +Allah fuer seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft +und dazu spricht: mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und +versteht auch die Sprache der Tiere. + +Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurueckkehren, so neige er +sich dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber huete dich, wenn +du verwandelt bist, dass du nicht lachest, sonst verschwindet das +Zauberwort gaenzlich aus deinem Gedaechtnis, und du bleibst ein Tier." + +Als Selim, der Gelehrte, also gelesen hatte, war der Kalif ueber die +Massen vergnuegt. Er liess den Gelehrten schwoeren, niemandem etwas von +dem Geheimnis zu sagen, schenkte ihm ein schoenes Kleid und entliess +ihn. Zu seinem Grosswesir aber sagte er: "Das heiss' ich gut einkaufen, +Mansor! Wie freue ich mich, bis ich ein Tier bin. Morgen frueh +kommst du zu mir; wir gehen dann miteinander aufs Feld, schnupfen +etwas Weniges aus meiner Dose und belauschen dann, was in der Luft +und im Wasser, im Wald und Feld gesprochen wird!" + +Kaum hatte am anderen Morgen der Kalif Chasid gefruehstueckt und sich +angekleidet, als schon der Grosswesir erschien, ihn, wie er befohlen, +auf dem Spaziergang zu begleiten. Der Kalif steckte die Dose mit dem +Zauberpulver in den Guertel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen, +zurueckzubleiben, machte er sich mit dem Grosswesir ganz allein auf den +Weg. Sie gingen zuerst durch die weiten Gaerten des Kalifen, spaehten +aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr Kunststueck zu probieren. +Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen, +wo er schon oft viele Tiere, namentlich Stoerche, gesehen habe, die +durch ihr gravitaetisches Wesen und ihr Geklapper immer seine +Aufmerksamkeit erregt hatten. + +Der Kalif billigte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem +Teich zu. Als sie dort angekommen waren, sahen sie einen Storch +ernsthaft auf und ab gehen, Froesche suchend und hier und da etwas vor +sich hinklappernd. Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft +einen anderen Storch dieser Gegend zuschweben. + +"Ich wette meinen Bart, gnaedigster Herr", sagte er Grosswesir, "wenn +nicht diese zwei Langfuessler ein schoenes Gespraech miteinander fuehren +werden. Wie waere es, wenn wir Stoerche wuerden?" + +"Wohl gesprochen!" antwortete der Kalif. "Aber vorher wollen wir +noch einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird.--Richtig! +Dreimal gen Osten geneigt und mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif +und du Wesir. Aber nur um Himmels willen nicht gelacht, sonst sind +wir verloren!" + +Waehrend der Kalif also sprach, sah er den anderen Storch ueber ihrem +Haupte schweben und langsam sich zur Erde lassen. Schnell zog er die +Dose aus dem Guertel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Grosswesir dar, +der gleichfalls schnupfte, und beide riefen: mutabor! + +Da schrumpften ihre Beine ein und wurden duenn und rot, die schoenen +gelben Pantoffeln des Kalifen und seines Begleiters wurden +unfoermliche Storchfuesse, die Arme wurden zu Fluegeln, der Hals fuhr aus +den Achseln und ward eine Elle lang, der Bart war verschwunden, und +den Koerper bedeckten weiche Federn. + +"Ihr habt einen huebschen Schnabel, Herr Grosswesir", sprach nach +langem Erstaunen der Kalif. "Beim Bart des Propheten, so etwas habe +ich in meinem Leben nicht gesehen." "Danke untertaenigst", erwiderte +der Grosswesir, indem er sich bueckte, "aber wenn ich es wagen darf, +moechte ich behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch +huebscher aus denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefaellig ist, +dass wir unsere Kameraden dort belauschen und erfahren, ob wir +wirklich Storchisch koennen." + +Indem war der andere Storch auf der Erde angekommen; er putzte sich +mit dem Schnabel seine Fuesse, legte seine Federn zurecht und ging auf +den ersten Storch zu. Die beiden neuen Stoerche aber beeilten sich, +in ihre Naehe zu kommen, und vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes +Gespraech: + +"Guten Morgen, Frau Langbein, so frueh schon auf der Wiese?" + +"Schoenen Dank, liebe Klapperschnabel! Ich habe mir nur ein kleines +Fruehstueck geholt. Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs +gefaellig oder ein Froschschenkelein?" + +"Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch +wegen etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den +Gaesten meines Vaters tanzen, und da will ich mich im stillen ein +wenig ueben." + +Zugleich schritt die junge Stoerchin in wunderlichen Bewegungen durch +das Feld. Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach; als sie +aber in malerischer Stellung auf einem Fuss stand und mit den Fluegeln +anmutig dazu wedelte, da konnten sich die beiden nicht mehr halten; +ein unaufhaltsames Gelaechter brach aus ihren Schnaebeln hervor, von +dem sie sich erst nach langer Zeit erholten. Der Kalif fasste sich +zuerst wieder: "Das war einmal ein Spass", rief er, "der nicht mit +Gold zu bezahlen ist; schade, dass die Tiere durch unser Gelaechter +sich haben verscheuchen lassen, sonst haetten sie gewiss auch noch +gesungen!" + +Aber jetzt fiel es dem Grosswesir ein, dass das Lachen waehrend der +Verwandlung verboten war. Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen +mit. "Potz Mekka und Medina! Das waere ein schlechter Spass, wenn ich +ein Storch bleiben muesste! Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich +bring' es nicht heraus." + +"Dreimal gen Osten muessen wir uns buecken und dazu sprechen: +mu--mu--mu--" + +Sie stellten sich gegen Osten und bueckten sich in einem fort, dass +ihre Schnaebel beinahe die Erde beruehrten; aber, o Jammer! Das +Zauberwort war ihnen entfallen, und so oft sich auch der Kalif bueckte, +so sehnlich auch sein Wesir mu--mu dazu rief, jede Erinnerung daran +war verschwunden, und der arme Chasid und sein Wesir waren und +blieben Stoerche. + +Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, sie wussten gar +nicht, was sie in ihrem Elend anfangen sollten. Aus ihrer +Storchenhaut konnten sie nicht heraus, in die Stadt zurueck konnten +sie auch nicht, um sich zu erkennen zu geben; denn wer haette einem +Storch geglaubt, dass er der Kalif sei, und wenn man es auch geglaubt +haette, wuerden die Einwohner von Bagdad einen Storch zum Kalif gewollt +haben? + +So schlichen sie mehrere Tage umher und ernaehrten sich kuemmerlich von +Feldfruechten, die sie aber wegen ihrer langen Schnaebel nicht gut +verspeisen konnten. Auf Eidechsen und Froesche hatten sie uebrigens +keinen Appetit, denn sie befuerchteten, mit solchen Leckerbissen sich +den Magen zu verderben. Ihr einziges Vergnuegen in dieser traurigen +Lage war, dass sie fliegen konnten, und so flogen sie oft auf die +Daecher von Bagdad, um zu sehen, was darin vorging. + +In den ersten Tagen bemerkten sie grosse Unruhe und Trauer in den +Strassen; aber ungefaehr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung sassen +sie auf dem Palast des Kalifen, da sahen sie unten in der Strasse +einen praechtigen Aufzug; Trommeln und Pfeifen ertoenten, ein Mann in +einem goldbestickten Scharlachmantel sass auf einem geschmueckten Pferd, +umgeben von glaenzenden Dienern, halb Bagdad sprang ihm nach, und +alle schrien: "Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!" + +Da sahen die beiden Stoerche auf dem Dache des Palastes einander an, +und der Kalif Chasid sprach: "Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert +bin, Grosswesir? Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des +maechtigen Zauberers Kaschnur, der mir in einer boesen Stunde Rache +schwur. Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf--Komm mit mir, du +treuer Gefaehrte meines Elends, wir wollen zum Grabe des Propheten +wandern, vielleicht, dass an heiliger Staette der Zauber geloest wird." + +Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von +Medina zu. + +Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die beiden +Stoerche hatten noch wenig Uebung. "O Herr", aechzte nach ein paar +Stunden der Grosswesir, "ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr +lange aus; Ihr fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und +wir taeten wohl, ein Unterkommen fuer die Nacht zu suchen." + +Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehoer; und da er unten im Tale +eine Ruine erblickte, die ein Obdach zu gewaehren schien, so flogen +sie dahin. Der Ort, wo sie sich fuer diese Nacht niedergelassen +hatten, schien ehemals ein Schloss gewesen zu sein. Schoene Saeulen +ragten unter den Truemmern hervor, mehrere Gemaecher, die noch ziemlich +erhalten waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauses. Chasid +und sein Begleiter gingen durch die Gaenge umher, um sich ein +trockenes Plaetzchen zu suchen; ploetzlich blieb der Storch Mansor +stehen. "Herr und Gebieter", fluesterte er leise, "wenn es nur nicht +toericht fuer einen Grosswesir, noch mehr aber fuer einen Storch waere, +sich vor Gespenstern zu fuerchten! Mir ist ganz unheimlich zumute; +denn hier neben hat es ganz vernehmlich geseufzt und gestoehnt." Der +Kalif blieb nun auch stehen und hoerte ganz deutlich ein leises Weinen, +das eher einem Menschen als einem Tiere anzugehoeren schien. Voll +Erwartung wollte er der Gegend zugehen, woher die Klagetoene kamen; +der Wesir aber packte ihn mit dem Schnabel am Fluegel und bat ihn +flehentlich, sich nicht in neue, unbekannte Gefahren zu stuerzen. +Doch vergebens! Der Kalif, dem auch unter dem Storchenfluegel ein +tapferes Herz schlug, riss sich mit Verlust einiger Federn los und +eilte in einen finsteren Gang. Bald war er an einer Tuer angelangt, +die nur angelehnt schien und woraus er deutliche Seufzer mit ein +wenig Geheul vernahm. Er stiess mit dem Schnabel die Tuere auf, blieb +aber ueberrascht auf der Schwelle stehen. In dem verfallenen Gemach, +das nur durch ein kleines Gitterfenster spaerlich erleuchtet war, sah +er eine grosse Nachteule am Boden sitzen. Dicke Traenen rollten ihr +aus den grossen, runden Augen, und mit heiserer Stimme stiess sie ihre +Klagen zu dem krummen Schnabel heraus. Als sie aber den Kalifen und +seinen Wesir, der indes auch herbeigeschlichen war, erblickte, erhob +sie ein lautes Freudengeschrei. Zierlich wischte sie mit dem +braungefleckten Fluegel die Traenen aus dem Auge, und zu dem groessten +Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem Arabisch: +"Willkommen, ihr Stoerche! Ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner +Errettung; denn durch Stoerche werde mir ein grosses Glueck kommen, ist +mir einst prophezeit worden!" + +Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bueckte er sich +mit seinem langen Hals, brachte seine duennen Fuesse in eine zierliche +Stellung und sprach: "Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben, +eine Leidensgefaehrtin in dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoffnung, +dass durch uns deine Rettung kommen werde, ist vergeblich. Du wirst +unsere Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Geschichte hoerst." +Die Nachteule bat ihn zu erzaehlen, was der Kalif sogleich tat. + +Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie +ihm und sagte: "Vernimm auch meine Geschichte und hoere, wie ich nicht +weniger ungluecklich bin als du. Mein Vater ist der Koenig von Indien, +ich, seine einzige unglueckliche Tochter, heisse Lusa. Jener Zauberer +Kaschnur, der euch verzauberte, hat auch mich ins Unglueck gestuerzt. +Er kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau fuer +seinen Sohn Mizra. Mein Vater aber, der ein hitziger Mann ist, liess +ihn die Treppe hinunterwerfen. Der Elende wusste sich unter einer +anderen Gestalt wieder in meine Naehe zu schleichen, und als ich einst +in meinem Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, +als Sklave verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese +abscheuliche Gestalt verwandelte. Vor Schrecken ohnmaechtig, brachte +er mich hierher und rief mir mit schrecklicher Stimme in die Ohren: + +'Da sollst du bleiben, haesslich, selbst von den Tieren verachtet, bis +an dein Ende, oder bis einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser +schrecklichen Gestalt, zur Gattin begehrt. So raeche ich mich an dir +und deinem stolzen Vater.' + +Seitdem sind viele Monate verflossen. Einsam und traurig lebe ich +als Einsiedlerin in diesem Gemaeuer, verabscheut von der Welt, selbst +den Tieren ein Greuel; die schoene Natur ist vor mir verschlossen; +denn ich bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond sein bleiches +Licht ueber dies Gemaeuer ausgiesst, faellt der verhuellende Schleier von +meinem Auge." + +Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Fluegel wieder die +Augen aus, denn die Erzaehlung ihrer Leiden hatte ihr Traenen entlockt. + +Der Kalif war bei der Erzaehlung der Prinzessin in tiefes Nachdenken +versunken. "Wenn mich nicht alles taeuscht", sprach er, "so findet +zwischen unserem Unglueck ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo +finde ich den Schluessel zu diesem Raetsel?" + +Die Eule antwortete ihm: "O Herr! Auch mir ahnet dies; denn es ist +mir einst in meiner fruehesten Jugend von einer weisen Frau prophezeit +worden, dass ein Storch mir ein grosses Glueck bringen werde, und ich +wuesste vielleicht, wie wir uns retten koennten." Der Kalif war sehr +erstaunt und fragte, auf welchem Wege sie meine. "Der Zauberer, der +uns beide ungluecklich gemacht hat", sagte sie, "kommt alle Monate +einmal in diese Ruinen. Nicht weit von diesem Gemach ist ein Saal. +Dort pflegt er dann mit vielen Genossen zu schmausen. Schon oft habe +ich sie dort belauscht. Sie erzaehlen dann einander ihre schaendlichen +Werke; vielleicht, dass er dann das Zauberwort, das ihr vergessen habt, +ausspricht." + +"O, teuerste Prinzessin", rief der Kalif, "sag an, wann kommt er, und +wo ist der Saal?" + +Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann: "Nehmet es nicht +unguetig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunsch +erfuellen." + +"Sprich aus! Sprich aus!" schrie Chasid. "Befiehl, es ist mir jede +recht." + +"Naemlich, ich moechte auch gern zugleich frei sein; dies kann aber nur +geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht." + +Die Stoerche schienen ueber den Antrag etwas betroffen zu sein, und der +Kalif winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen. + +"Grosswesir", sprach vor der Tuere der Kalif, "das ist ein dummer +Handel; aber Ihr koenntet sie schon nehmen." + +"So", antwortete dieser, "dass mir meine Frau, wenn ich nach Hause +komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr +seid noch jung und unverheiratet und koennet eher einer jungen, +schoenen Prinzessin die Hand geben." + +"Das ist es eben", seufzte der Kalif, indem er traurig die Fluegel +haengen liess, "wer sagt dir denn, dass sie jung und schoen ist? Das +heisst eine Katze im Sack kaufen!" + +Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu; endlich aber, als der +Kalif sah, dass sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten +wollte, entschloss er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfuellen. +Die Eule war hocherfreut. Sie gestand ihnen, dass sie zu keiner +besseren Zeit haetten kommen koennen, weil wahrscheinlich in dieser +Nacht die Zauberer sich versammeln wuerden. + +Sie verliess mit den Stoerchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu +fuehren; sie gingen lange in einem finsteren Gang hin; endlich +strahlte ihnen aus einer halbverfallenen Mauer ein heller Schein +entgegen. Als sie dort angelangt waren, riet ihnen die Eule, sich +ganz ruhig zu verhalten. Sie konnten von der Luecke, an welcher sie +standen, einen grossen Saal uebersehen. Er war ringsum mit Saeulen +geschmueckt und prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen ersetzten +das Licht des Tages. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, +mit vielen und ausgesuchten Speisen besetzt. Rings um den Tisch zog +sich ein Sofa, auf welchem acht Maenner sassen. In einem dieser Maenner +erkannten die Stoerche jenen Kraemer wieder, der ihnen das Zauberpulver +verkauft hatte. Sein Nebensitzer forderte ihn auf, ihnen seine +neuesten Taten zu erzaehlen. Er erzaehlte unter anderen auch die +Geschichte des Kalifen und seines Wesirs. + +"Was fuer ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?" fragte ihn ein +anderer Zauberer. "Ein recht schweres lateinisches, es heisst mutabor." + +Als die Stoerche an der Mauerluecke dieses hoerten, kamen sie vor +Freuden beinahe ausser sich. Sie liefen auf ihren langen Fuessen so +schnell dem Tore der Ruine zu, dass die Eule kaum folgen konnte. Dort +sprach der Kalif geruehrt zu der Eule: "Retterin meines Lebens und des +Lebens meines Freundes, nimm zum ewigen Dank fuer das, was du an uns +getan, mich zum Gemahl an!" Dann aber wandte er sich nach Osten. +Dreimal bueckten die Stoerche ihre langen Haelse der Sonne entgegen, die +soeben hinter dem Gebirge heraufstieg: "Mutabor!" riefen sie, im Nu +waren sie verwandelt, und in der hohen Freude des neugeschenkten +Lebens lagen Herr und Diener lachend und weinend einander in den +Armen. + +Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen? Eine schoene +Dame, herrlich geschmueckt, stand vor ihnen. Laechelnd gab sie dem +Kalifen die Hand. "Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?" sagte sie. +Sie war es; der Kalif war von ihrer Schoenheit und Anmut entzueckt. + +Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu. Der Kalif fand in +seinen Kleidern nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch +seinen Geldbeutel. Er kaufte daher im naechsten Dorfe, was zu ihrer +Reise noetig war, und so kamen sie bald an die Tore von Bagdad. Dort +aber erregte die Ankunft des Kalifen grosses Erstaunen. Man hatte ihn +fuer tot ausgegeben, und das Volk war daher hocherfreut, seinen +geliebten Herrscher wiederzuhaben. + +Um so mehr aber entbrannte ihr Hass gegen den Betrueger Mizra. Sie +zogen in den Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn +gefangen. Den Alten schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine, +das die Prinzessin als Eule bewohnt hatte, und liess ihn dort +aufhaengen. Dem Sohn aber, welcher nichts von den Kuensten des Vaters +verstand, liess der Kalif die Wahl, ob er sterben oder schnupfen wolle. +Als er das letztere waehlte, bot ihm der Grosswesir die Dose. Eine +tuechtige Prise, und das Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in +einen Storch. Der Kalif liess ihn in einen eisernen Kaefig sperren und +in seinem Garten aufstellen. + +Lange und vergnuegt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der Prinzessin; +seine vergnuegtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der Grosswesir +nachmittags besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem +Storchabenteuer, und wenn der Kalif recht heiter war, liess er sich +herab, den Grosswesir nachzuahmen, wie er als Storch aussah. Er stieg +dann ernsthaft, mit steifen Fuessen im Zimmer auf und ab, klapperte, +wedelte mit den Armen wie mit Fluegeln und zeigte, wie jener sich +vergeblich nach Osten geneigt und Mu--Mu--dazu gerufen habe. Fuer die +Frau Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine grosse +Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und +Mu--Mu--schrie, dann drohte ihm laechelnd der Wesir: Er wolle das, was +vor der Tuere der Prinzessin Nachteule verhandelt worden sei, der Frau +Kalifin mitteilen. + +Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die +Kaufleute sehr zufrieden damit. "Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns +vergangen, ohne dass wir merkten wie!" sagte einer derselben, indem er +die Decke des Zeltes zurueckschlug. "Der Abendwind wehet kuehl, und +wir koennten noch eine gute Strecke Weges zuruecklegen." Seine +Gefaehrten waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, +und die Karawane machte sich in der naemlichen Ordnung, in welcher sie +herangezogen war, auf den Weg. + +Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwuel am +Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen +endlich an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und +legten sich zur Ruhe. Fuer den Fremden aber sorgten die Kaufleute, +wie wenn er ihr wertester Gastfreund waere. Der eine gab ihm Polster, +der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut +bedient, als ob er zu Hause waere. Die heisseren Stunden des Tages +waren schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie +beschlossen einmuetig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie +miteinander gespeist hatten, rueckten sie wieder naeher zusammen, und +der junge Kaufmann wandte sich an den aeltesten und sprach: "Selim +Baruch hat uns gestern einen vergnuegten Nachmittag bereitet, wie waere +es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzaehltet, sei es nun aus Eurem +langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es +auch ein huebsches Maerchen." Achmet schwieg auf diese Anrede eine +Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel waere, ob er dies oder jenes +sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen: + +"Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue +Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will +ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und +nicht jedem erzaehle: die Geschichte von dem Gespensterschiff." + + + + +Die Geschichte von dem Gespensterschiff + +Wilhelm Hauff + + +Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora; er war weder arm +noch reich und einer von jenen Leuten, die nicht gerne etwas wagen, +aus Furcht, das Wenige zu verlieren, das sie haben. Er erzog mich +schlicht und recht und brachte es bald so weit, dass ich ihm an die +Hand gehen konnte. Gerade als ich achtzehn Jahre alt war, als er die +erste groessere Spekulation machte, starb er, wahrscheinlich aus Gram, +tausend Goldstuecke dem Meere anvertraut zu haben. Ich musste ihn bald +nachher wegen seines Todes gluecklich preisen, denn wenige Wochen +hernach lief die Nachricht ein, dass das Schiff, dem mein Vater seine +Gueter mitgegeben hatte, versunken sei. Meinen jugendlichen Mut +konnte aber dieser Unfall nicht beugen. Ich machte alles vollends zu +Geld, was mein Vater hinterlassen hatte, und zog aus, um in der +Fremde mein Glueck zu probieren, nur von einem alten Diener meines +Vaters begleitet. + +Im Hafen von Balsora schifften wir uns mit guenstigem Winde ein. Das +Schiff, auf dem ich mich eingemietet hatte, war nach Indien bestimmt. +Wir waren schon fuenfzehn Tage auf der gewoehnlichen Strasse gefahren, +als uns der Kapitaen einen Sturm verkuendete. Er machte ein +bedenkliches Gesicht, denn es schien, er kenne in dieser Gegend das +Fahrwasser nicht genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen zu koennen. +Er liess alle Segel einziehen, und wir trieben ganz langsam hin. Die +Nacht war angebrochen, war hell und kalt, und der Kapitaen glaubte +schon, sich in den Anzeichen des Sturmes getaeuscht zu haben. Auf +einmal schwebte ein Schiff, das wir vorher nicht gesehen hatten, +dicht an dem unsrigen vorbei. Wildes Jauchzen und Geschrei erscholl +aus dem Verdeck herueber, worueber ich mich zu dieser angstvollen +Stunde vor einem Sturm nicht wenig wunderte. Aber der Kapitaen an +meiner Seite wurde blass wie der Tod. "Mein Schiff ist verloren", +rief er, "dort segelt der Tod!" + +Ehe ich ihn noch ueber diesen sonderbaren Ausruf befragen konnte, +stuerzten schon heulend und schreiend die Matrosen herein. "Habt ihr +ihn gesehen?" schrien sie. "Jetzt ist's mit uns vorbei!" + +Der Kapitaen aber liess Trostsprueche aus dem Koran vorlesen und setzte +sich selbst ans Steuerruder. Aber vergebens! Zusehends brauste der +Sturm auf, und ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb +sitzen. Die Boote wurden ausgesetzt, und kaum hatten sich die +letzten Matrosen gerettet, so versank das Schiff vor unseren Augen, +und als ein Bettler fuhr ich in die See hinaus. Aber der Jammer +hatte noch kein Ende. Fuerchterlicher tobte der Sturm; das Boot war +nicht mehr zu regieren. Ich hatte meinen alten Diener fest +umschlungen, und wir versprachen uns, nie voneinander zu weichen. +Endlich brach der Tag an. Aber mit dem ersten Anblick der Morgenroete +fasste der Wind das Boot, in welchem wir sassen, und stuerzte es um. +Ich habe keinen meiner Schiffsleute mehr gesehen. Der Sturz hatte +mich betaeubt; und als ich aufwachte, befand ich mich in den Armen +meines alten treuen Dieners, der sich auf das umgeschlagene Boot +gerettet und mich nachgezogen hatte. Der Sturm hatte sich gelegt. +Von unserem Schiff war nichts mehr zu sehen, wohl aber entdeckten wir +nicht weit von uns ein anderes Schiff, auf das die Wellen uns +hintrieben. Als wir naeher hinzukamen, erkannte ich das Schiff als +dasselbe, das in der Nacht an uns vorbeifuhr und welches den Kapitaen +so sehr in Schrecken gesetzt hatte. Ich empfand ein sonderbares +Grauen vor diesem Schiffe. Die Aeusserung des Kapitaens, die sich so +furchtbar bestaetigt hatte, das oede Aussehen des Schiffes, auf dem +sich, so nahe wir auch herankamen, so laut wir schrien, niemand +zeigte, erschreckten mich. Doch es war unser einziges Rettungsmittel; +darum priesen wir den Propheten, der uns so wundervoll erhalten +hatte. + +Am Vorderteil des Schiffes hing ein langes Tau herab. Mit Haenden und +Fuessen ruderten wir darauf zu, um es zu erfassen. Endlich glueckte es. +Noch einmal erhob ich meine Stimme, aber immer blieb es still auf +dem Schiff. Da klimmten wir an dem Tau hinauf, ich als der Juengste +voran. Aber Entsetzen! Welches Schauspiel stellte sich meinem Auge +dar, als ich das Verdeck betrat! Der Boden war mit Blut geroetet, +zwanzig bis dreissig Leichname in tuerkischen Kleidern lagen auf dem +Boden, am mittleren Mastbaum stand ein Mann, reich gekleidet, den +Saebel in der Hand, aber das Gesicht war blass und verzerrt, durch die +Stirn ging ein grosser Nagel, der ihn an den Mastbaum heftete, auch er +war tot. Schrecken fesselte meine Schritte, ich wagte kaum zu atmen. +Endlich war auch mein Begleiter heraufgekommen. Auch ihn +ueberraschte der Anblick des Verdecks, das gar nichts Lebendiges, +sondern nur so viele schreckliche Tote zeigte. Wir wagten es endlich, +nachdem wir in der Seelenangst zum Propheten gefleht hatten, weiter +vorzuschreiten. Bei jedem Schritte sahen wir uns um, ob nicht etwas +Neues, noch Schrecklicheres sich darbiete; aber alles blieb, wie es +war; weit und breit nichts Lebendiges als wir und das Weltmeer. +Nicht einmal laut zu sprechen wagten wir, aus Furcht, der tote, am +Mast angespiesste Kapitano moechte seine starren Augen nach uns +hindrehen oder einer der Getoeteten moechte seinen Kopf umwenden. +Endlich waren wir bis an eine Treppe gekommen, die in den Schiffsraum +fuehrte. Unwillkuerlich machten wir dort halt und sahen einander an, +denn keiner wagte es recht, seine Gedanken zu aeussern. + +"O Herr", sprach mein treuer Diener, "hier ist etwas Schreckliches +geschehen. Doch wenn auch das Schiff da unten voll Moerder steckt, so +will ich mich ihnen doch lieber auf Gnade und Ungnade ergeben, als +laengere Zeit unter diesen Toten zubringen." Ich dachte wie er; wir +fassten uns ein Herz und stiegen voll Erwartung hinunter. Totenstille +war aber auch hier, und nur unsere Schritte hallten auf der Treppe. +Wir standen an der Tuere der Kajuete. Ich legte mein Ohr an die Tuere +und lauschte; es war nichts zu hoeren. Ich machte auf. Das Gemach +bot einen unordentlichen Anblick dar. Kleider, Waffen und andere +Geraete lagen untereinander. Nichts in Ordnung. Die Mannschaft oder +wenigstens der Kapitano mussten vor kurzem gezechet haben; denn es lag +alles noch umher. Wir gingen weiter von Raum zu Raum, von Gemach zu +Gemach, ueberall fanden wir herrliche Vorraete in Seide, Perlen, Zucker +usw. Ich war vor Freude ueber diesen Anblick ausser mir, denn da +niemand auf dem Schiff war, glaubte ich, alles mir zueignen zu duerfen, +Ibrahim aber machte mich aufmerksam darauf, dass wir wahrscheinlich +noch sehr weit vom Lande seien, wohin wir allein und ohne menschliche +Hilfe nicht kommen koennten. + +Wir labten uns an den Speisen und Getraenken, die wir in reichem Mass +vorfanden, und stiegen endlich wieder aufs Verdeck. Aber hier +schauderte uns immer die Haut ob dem schrecklichen Anblick der +Leichen. Wir beschlossen, uns davon zu befreien und sie ueber Bord zu +werfen; aber wie schauerlich ward uns zumut, als wir fanden, dass sich +keiner aus seiner Lage bewegen liess. Wie festgebannt lagen sie am +Boden, und man haette den Boden des Verdecks ausheben muessen, um sie +zu entfernen, und dazu gebrach es uns an Werkzeugen. Auch der +Kapitano liess sich nicht von seinem Mast losmachen; nicht einmal +seinen Saebel konnten wir der starren Hand entwinden. Wir brachten +den Tag in trauriger Betrachtung unserer Lage zu, und als es Nacht zu +werden anfing, erlaubte ich dem alten Ibrahim, sich schlafen zu legen, +ich selbst aber wollte auf dem Verdeck wachen, um nach Rettung +auszuspaehen. Als aber der Mond heraufkam und ich nach den Gestirnen +berechnete, dass es wohl um die elfte Stunde sei, ueberfiel mich ein so +unwiderstehlicher Schlaf, dass ich unwillkuerlich hinter ein Fass, das +auf dem Verdeck stand, zurueckfiel. Doch war es mehr Betaeubung als +Schlaf, denn ich hoerte deutlich die See an der Seite des Schiffes +anschlagen und die Segel vom Winde knarren und pfeifen. Auf einmal +glaubte ich Stimmen und Maennertritte auf dem Verdeck zu hoeren. Ich +wollte mich aufrichten, um danach zu schauen. Aber eine unsichtbare +Gewalt hielt meine Glieder gefesselt; nicht einmal die Augen konnte +ich aufschlagen. Aber immer deutlicher wurden die Stimmen, es war +mir, als wenn ein froehliches Schiffsvolk auf dem Verdeck sich +umhertriebe; mitunter glaubte ich, die kraeftige Stimme eines +Befehlenden zu hoeren, auch hoerte ich Taue und Segel deutlich auf- und +abziehen. Nach und nach aber schwanden mir die Sinne, ich verfiel in +einen tieferen Schlaf, in dem ich nur noch ein Geraeusch von Waffen zu +hoeren glaubte, und erwachte erst, als die Sonne schon hoch stand und +mir aufs Gesicht brannte. Verwundert schaute ich mich um, Sturm, +Schiff, die Toten und was ich in dieser Nacht gehoert hatte, kam mir +wie ein Traum vor, aber als ich aufblickte, fand ich alles wie +gestern. Unbeweglich lagen die Toten, unbeweglich war der Kapitano +an den Mastbaum geheftet. Ich lachte ueber meinen Traum und stand auf, +um meinen Alten zu suchen. + +Dieser sass ganz nachdenklich in der Kajuete. "O Herr!" rief er aus, +als ich zu ihm hineintrat, "ich wollte lieber im tiefsten Grund des +Meeres liegen, als in diesem verhexten Schiff noch eine Nacht +zubringen." Ich fragte ihn nach der Ursache seines Kummers, und er +antwortete mir: "Als ich einige Stunden geschlafen hatte, wachte ich +auf und vernahm, wie man ueber meinem Haupt hin und her lief. Ich +dachte zuerst, Ihr waeret es, aber es waren wenigstens zwanzig, die +oben umherliefen; auch hoerte ich rufen und schreien. Endlich kamen +schwere Tritte die Treppe herab. Da wusste ich nichts mehr von mir, +nur hie und da kehrte auf einige Augenblicke meine Besinnung zurueck, +und da sah ich dann denselben Mann, der oben am Mast angenagelt ist, +an jenem Tisch dort sitzen, singend und trinkend; aber der, der in +einem roten Scharlachkleid nicht weit von ihm am Boden liegt, sass +neben ihm und half ihm trinken." Also erzaehlte mir mein alter Diener. + +Ihr koennt mir es glauben, meine Freunde, dass mir gar nicht wohl +zumute war; denn es war keine Taeuschung, ich hatte ja auch die Toten +gar wohl gehoert. In solcher Gesellschaft zu schiffen, war mir +greulich. Mein Ibrahim aber versank wieder in tiefes Nachdenken. +"Jetzt hab' ich's!" rief er endlich aus; es fiel ihm naemlich ein +Spruechlein ein, das ihn sein Grossvater, ein erfahrener, weitgereister +Mann, gelehrt hatte und das gegen jeden Geister- und Zauberspuk +helfen sollte; auch behauptete er, jenen unnatuerlichen Schlaf, der +uns befiel, in der naechsten Nacht verhindern zu koennen, wenn wir +naemlich recht eifrig Sprueche aus dem Koran beteten. Der Vorschlag +des alten Mannes gefiel mir wohl. In banger Erwartung sahen wir die +Nacht herankommen. Neben der Kajuete war ein kleines Kaemmerchen, +dorthin beschlossen wir uns zurueckzuziehen. Wir bohrten mehrere +Loecher in die Tuere, hinlaenglich gross, um durch sie die ganze Kajuete +zu ueberschauen, dann verschlossen wir die Tuere, so gut es ging, von +innen, und Ibrahim schrieb den Namen des Propheten in alle vier Ecken. +So erwarteten wir die Schrecken der Nacht. Es mochte wieder +ungefaehr elf Uhr sein, als es mich gewaltig zu schlaefern anfing. +Mein Gefaehrte riet mir daher, einige Sprueche des Korans zu beten, was +mir auch half. Mit einem Male schien es oben lebhaft zu werden; die +Taue knarrten, Schritte gingen ueber das Verdeck, und mehrere Stimmen +waren deutlich zu unterscheiden--Mehrere Minuten hatten wir so in +gespannter Erwartung gesessen, da hoerten wir etwas die Treppe der +Kajuete herabkommen. Als dies der Alte hoerte, fing er an, den Spruch, +den ihn sein Grossvater gegen Spuk und Zauberei gelehrt hatte, +herzusagen: + +"Kommt ihr herab aus der Luft, +Steigt ihr aus tiefem Meer, +Schlieft ihr in dunkler Gruft, +Stammt ihr vom Feuer her: +Allah ist euer Herr und Meister, +ihm sind gehorsam alle Geister." + +Ich muss gestehen, ich glaubte gar nicht recht an diesen Spruch, und +mir stieg das Haar zu Berg, als die Tuer aufflog. Herein trat jener +grosse, stattliche Mann, den ich am Mastbaum angenagelt gesehen hatte. +Der Nagel ging ihm auch jetzt mitten durchs Hirn; das Schwert aber +hatte er in die Scheide gesteckt; hinter ihm trat noch ein anderer +herein, weniger kostbar gekleidet; auch ihn hatte ich oben liegen +sehen. Der Kapitano, denn dies war er unverkennbar, hatte ein +bleiches Gesicht, einen grossen, schwarzen Bart, wildrollende Augen, +mit denen er sich im ganzen Gemach umsah. Ich konnte ihn ganz +deutlich sehen, als er an unserer Tuere vorueberging; er aber schien +gar nicht auf die Tuere zu achten, die uns verbarg. Beide setzten +sich an den Tisch, der in der Mitte der Kajuete stand, und sprachen +laut und fast schreiend miteinander in einer unbekannten Sprache. +Sie wurden immer lauter und eifriger, bis endlich der Kapitano mit +geballter Faust auf den Tisch hineinschlug, dass das Zimmer droehnte. +Mit wildem Gelaechter sprang der andere auf und winkte dem Kapitano, +ihm zu folgen. Dieser stand auf, riss seinen Saebel aus der Scheide, +und beide verliessen das Gemach. Wir atmeten freier, als sie weg +waren; aber unsere Angst hatte noch lange kein Ende. Immer lauter +und lauter ward es auf dem Verdeck. Man hoerte eilends hin und her +laufen und schreien, lachen und heulen. Endlich ging ein wahrhaft +hoellischer Laerm los, so dass wir glaubten, das Verdeck mit allen +Segeln komme zu uns herab, Waffengeklirr und Geschrei--auf einmal +aber tiefe Stille. Als wir es nach vielen Stunden wagten +hinaufzugehen, trafen wir alles wie sonst; nicht einer lag anders als +frueher. Alle waren steif wie Holz. + +So waren wir mehrere Tage auf dem Schiffe; es ging immer nach Osten, +wohin zu, nach meiner Berechnung, Land liegen musste; aber wenn es +auch bei Tag viele Meilen zurueckgelegt hatte, bei Nacht schien es +immer wieder zurueckzukehren, denn wir befanden uns immer wieder am +naemlichen Fleck, wenn die Sonne aufging. Wir konnten uns dies nicht +anders erklaeren, als dass die Toten jede Nacht mit vollem Winde +zuruecksegelten. Um nun dies zu verhueten, zogen wir, ehe es Nacht +wurde, alle Segel ein und wandten dasselbe Mittel an wie bei der Tuere +in der Kajuete; wir schrieben den Namen des Propheten auf Pergament +und auch das Spruechlein des Grossvaters dazu und banden es um die +eingezogenen Segel. Aengstlich warteten wir in unserem Kaemmerchen +den Erfolg ab. Der Spuk schien diesmal noch aerger zu toben, aber +siehe, am anderen Morgen waren die Segel noch aufgerollt, wie wir sie +verlassen hatten. Wir spannten den Tag ueber nur so viele Segel auf, +als noetig waren, das Schiff sanft fortzutreiben, und so legten wir in +fuenf Tagen eine gute Strecke zurueck. + +Endlich, am Morgen des sechsten Tages, entdeckten wir in geringer +Ferne Land, und wir dankten Allah und seinem Propheten fuer unsere +wunderbare Rettung. Diesen Tag und die folgende Nacht trieben wir an +einer Kueste hin, und am siebenten Morgen glaubten wir in geringer +Entfernung eine Stadt zu entdecken; wir liessen mit vieler Muehe einen +Anker in die See, der alsobald Grund fasste, setzten ein kleines Boot, +das auf dem Verdeck stand, aus und ruderten mit aller Macht der Stadt +zu. Nach einer halben Stunde liefen wir in einen Fluss ein, der sich +in die See ergoss, und stiegen ans Ufer. Am Stadttor erkundigten wir +uns, wie die Stadt heisse, und erfuhren, dass es eine indische Stadt +sei, nicht weit von der Gegend, wohin ich zuerst zu schiffen willens +war. Wir begaben uns in eine Karawanserei und erfrischten uns von +unserer abenteuerlichen Reise. Ich forschte daselbst auch nach einem +weisen und verstaendigen Manne, indem ich dem Wirt zu verstehen gab, +dass ich einen solchen haben moechte, der sich ein wenig auf Zauberei +verstehe. Er fuehrte mich in eine abgelegene Strasse, an ein +unscheinbares Haus, pochte an, und man liess mich eintreten mit der +Weisung, ich solle nur nach Muley fragen. + +In dem Hause kam mir ein altes Maennlein mit grauem Bart und langer +Nase entgegen und fragte nach meinem Begehr. Ich sagte ihm, ich +suche den weisen Muley, und er antwortete mir, er sei es selbst. Ich +fragte ihn nun um Rat, was ich mit den Toten machen solle und wie ich +es angreifen muesse, um sie aus dem Schiff zu bringen. Er antwortete +mir, die Leute des Schiffes seien wahrscheinlich wegen irgendeines +Frevels auf das Meer verzaubert; er glaube, der Zauber werde sich +loesen, wenn man sie ans Land bringe; dies koenne aber nicht geschehen, +als wenn man die Bretter, auf denen sie laegen, losmache. Mir gehoere +von Gott und Rechts wegen das Schiff samt allen Guetern, weil ich es +gleichsam gefunden habe; doch solle ich alles sehr geheimzuhalten +trachten und ihm ein kleines Geschenk von meinem Ueberfluss machen; er +wolle dafuer mit seinen Sklaven mir behilflich sein, die Toten +wegzuschaffen. Ich versprach, ihn reichlich zu belohnen, und wir +machten uns mit fuenf Sklaven, die mit Saegen und Beilen versehen waren, +auf den Weg. Unterwegs konnte der Zauberer Muley unseren gluecklichen +Einfall, die Segel mit den Spruechen des Korans zu umwinden, nicht +genug loben. Er sagte, es sei dies das einzige Mittel gewesen, uns +zu retten. + +Es war noch ziemlich frueh am Tage, als wir beim Schiff ankamen. Wir +machten uns alle sogleich ans Werk, und in einer Stunde lagen schon +vier in dem Nachen. Einige der Sklaven mussten sie an Land rudern, um +sie dort zu verscharren. Sie erzaehlten, als sie zurueckkamen, die +Toten haetten ihnen die Muehe des Begrabens erspart, indem sie, sowie +man sie auf die Erde gelegt habe, in Staub zerfallen seien. Wir +fuhren fort, die Toten abzusaegen, und bis vor Abend waren alle an +Land gebracht. Es war endlich keiner mehr an Bord als der, welcher +am Mast angenagelt war. Umsonst suchten wir den Nagel aus dem Holze +zu ziehen, keine Gewalt vermochte ihn auch nur ein Haarbreit zu +verruecken. Ich wusste nicht, was anzufangen war; man konnte doch +nicht den Mastbaum abhauen, um ihn ans Land zu fuehren. Doch aus +dieser Verlegenheit half Muley. Er liess schnell einen Sklaven an +Land rudern, um einen Topf mit Erde zu bringen. Als dieser +herbeigeholt war, sprach der Zauberer geheimnisvolle Worte darueber +aus und schuettete die Erde auf das Haupt des Toten. Sogleich schlug +dieser die Augen auf, holte tief Atem, und die Wunde des Nagels in +seiner Stirne fing an zu bluten. Wir zogen den Nagel jetzt leicht +heraus, und der Verwundete fiel einem Sklaven in die Arme. + +"Wer hat mich hierhergefuehrt?" sprach er, nachdem er sich ein wenig +erholt zu haben schien. Muley zeigte auf mich, und ich trat zu ihm. +"Dank dir, unbekannter Fremdling, du hast mich von langen Qualen +errettet. Seit fuenfzig Jahren schifft mein Leib durch diese Wogen, +und mein Geist war verdammt, jede Nacht in ihn zurueckzukehren. Aber +jetzt hat mein Haupt die Erde beruehrt, und ich kann versoehnt zu +meinen Vaetern gehen." + +Ich bat ihn, uns doch zu sagen, wie er zu diesem schrecklichen +Zustand gekommen sei, und er sprach: "Vor fuenfzig Jahren war ich ein +maechtiger, angesehener Mann und wohnte in Algier; die Sucht nach +Gewinn trieb mich, ein Schiff auszuruesten und Seeraub zu treiben. +Ich hatte dieses Geschaeft schon einige Zeit fortgefuehrt, da nahm ich +einmal auf Zante einen Derwisch an Bord, der umsonst reisen wollte. +Ich und meine Gesellen waren rohe Leute und achteten nicht auf die +Heiligkeit des Mannes; vielmehr trieb ich mein Gespoett mit ihm. Als +er aber einst in heiligem Eifer mir meinen suendigen Lebenswandel +verwiesen hatte, uebermannte mich nachts in meiner Kajuete, als ich mit +meinem Steuermann viel getrunken hatte, der Zorn. Wuetend ueber das, +was mir ein Derwisch gesagt hatte und was ich mir von keinem Sultan +haette sagen lassen, stuerzte ich aufs Verdeck und stiess ihm meinen +Dolch in die Brust. Sterbend verwuenschte er mich und meine +Mannschaft, nicht sterben und nicht leben zu koennen, bis wir unser +Haupt auf die Erde legten. Der Derwisch starb, und wir warfen ihn in +die See und verlachten seine Drohungen; aber noch in derselben Nacht +erfuellten sich seine Worte. Ein Teil meiner Mannschaft empoerte sich +gegen mich--Mit fuerchterlicher Wut wurde gestritten, bis meine +Anhaenger unterlagen und ich an den Mast genagelt wurde. Aber auch +die Empoerer erlagen ihren Wunden, und bald war mein Schiff nur ein +grosses Grab. Auch mir brachen die Augen, mein Atem hielt an, und ich +meinte zu sterben. Aber es war nur eine Erstarrung, die mich +gefesselt hielt; in der naechsten Nacht, zur naemlichen Stunde, da wir +den Derwisch in die See geworfen, erwachten ich und alle meine +Genossen, das Leben war zurueckgekehrt, aber wir konnten nichts tun +und sprechen, als was wir in jener Nacht gesprochen und getan hatten. +So segeln wir seit fuenfzig Jahren, koennen nicht leben, nicht sterben; +denn wie konnten wir das Land erreichen? Mit toller Freude segelten +wir allemal mit vollen Segeln in den Sturm, weil wir hofften, endlich +an einer Klippe zu zerschellen und das muede Haupt auf dem Grund des +Meeres zur Ruhe zu legen. Es ist uns nicht gelungen. Jetzt aber +werde ich sterben. Noch einmal meinen Dank, unbekannter Retter, wenn +Schaetze dich lohnen koennen, so nimm mein Schiff als Zeichen meiner +Dankbarkeit." + +Der Kapitano liess sein Haupt sinken, als er so gesprochen hatte, und +verschied. Sogleich zerfiel er auch, wie seine Gefaehrten, in Staub. +Wir sammelten diesen in ein Kaestchen und begruben ihn an Land; aus +der Stadt nahm ich aber Arbeiter, die mir mein Schiff in guten +Zustand setzten. Nachdem ich die Waren, die ich an Bord hatte, gegen +andere mit grossem Gewinn eingetauscht hatte, mietete ich Matrosen, +beschenkte meinen Freund Muley reichlich und schiffte mich nach +meinem Vaterlande ein. Ich machte aber einen Umweg, indem ich an +vielen Inseln und Laendern landete und meine Waren zu Markt brachte. +Der Prophet segnete mein Unternehmen. Nach dreiviertel Jahren lief +ich, noch einmal so reich, als mich der sterbende Kapitaen gemacht +hatte, in Balsora ein. Meine Mitbuerger waren erstaunt ueber meine +Reichtuemer und mein Glueck und glaubten nicht anders, als dass ich das +Diamantental des beruehmten Reisenden Sindbad gefunden habe. Ich liess +sie in ihrem Glauben, von nun an aber mussten die jungen Leute von +Balsora, wenn sie kaum achtzehn Jahre alt waren, in die Welt hinaus, +um gleich mir ihr Glueck zu machen. Ich aber lebte ruhig und in +Frieden, und alle fuenf Jahre mache ich eine Reise nach Mekka, um dem +Herrn an heiliger Staette fuer seinen Segen zu danken und fuer den +Kapitano und seine Leute zu bitten, dass er sie in sein Paradies +aufnehme. + +--------------------------Die Reise der Karawane war den anderen Tag +ohne Hindernis fuerder gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt +hatte, begann Selim, der Fremde, zu Muley, dem juengsten der Kaufleute, +also zu sprechen: + +"Ihr seid zwar der Juengste von uns, doch seid Ihr immer froehlich und +wisst fuer uns gewiss irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, dass +er uns erquicke nach der Hitze des Tages!" + +"Wohl moechte ich euch etwas erzaehlen", antwortete Muley, "das euch +Spass machen koennte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen +Dingen; darum muessen meine aelteren Reisegefaehrten den Vorrang haben. +Zaleukos ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht +erzaehlen, was sein Leben so ernst machte? Vielleicht, dass wir seinen +Kummer, wenn er solchen hat, lindern koennen; denn gerne dienen wir +dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens ist." + +Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren +Jahren, schoen und kraeftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein +Unglaeubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine +Reisegefaehrten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und +Zutrauen eingefloesst. Er hatte uebrigens nur eine Hand, und einige +seiner Gefaehrten vermuteten, dass vielleicht dieser Verlust ihn so +ernst stimme. + +Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: "Ich bin sehr +geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, +von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen koenntet. Doch +weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch +einiges erzaehlen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin +als andere Leute. Ihr sehet, dass ich meine linke Hand verloren habe. +Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den +schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebuesst. Ob ich die Schuld +davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es +meine Lage mit sich bringt, zu sein, moeget ihr beurteilen, wenn ihr +vernommen habt die Geschichte von der abgehauenen Hand." + + + + +Die Geschichte von der abgehauenen Hand + +Wilhelm Hauff + + +Ich bin in Konstantinopel geboren; mein Vater war ein Dragoman +(Dolmetscher) bei der Pforte (dem tuerkischen Hof) und trieb nebenbei +einen ziemlich eintraeglichen Handel mit wohlriechenden Essenzen und +seidenen Stoffen. Er gab mir eine gute Erziehung, indem er mich +teils selbst unterrichtete, teils von einem unserer Priester mir +Unterricht geben liess. Er bestimmte mich anfangs, seinen Laden +einmal zu uebernehmen, als ich aber groessere Faehigkeiten zeigte, als er +erwartet hatte, bestimmte er mich auf das Anraten seiner Freunde zum +Arzt; weil ein Arzt, wenn er etwas mehr gelernt hat als die +gewoehnlichen Marktschreier, in Konstantinopel sein Glueck machen kann. +Es kamen viele Franken in unser Haus, und einer davon ueberredete +meinen Vater, mich in sein Vaterland, nach der Stadt Paris, reisen zu +lassen, wo man solche Sachen unentgeltlich und am besten lernen koenne. +Er selbst aber wolle mich, wenn er zurueckreise, umsonst mitnehmen. +Mein Vater, der in seiner Jugend auch gereist war, schlug ein, und +der Franke sagte mir, ich koenne mich in drei Monaten bereithalten. +Ich war ausser mir vor Freude, fremde Laender zu sehen. + +Der Franke hatte endlich seine Geschaefte abgemacht und sich zur Reise +bereitet; am Vorabend der Reise fuehrte mich mein Vater in sein +Schlafkaemmerlein. Dort sah ich schoene Kleider und Waffen auf dem +Tische liegen. Was meine Blicke aber noch mehr anzog, war ein grosser +Haufe Goldes, denn ich hatte noch nie so viel beieinander gesehen. +Mein Vater umarmte mich und sagte: "Siehe, mein Sohn, ich habe dir +Kleider zu der Reise besorgt. Jene Waffen sind dein, es sind die +naemlichen, die mir dein Grossvater umhing, als ich in die Fremde +auszog. Ich weiss, du kannst sie fuhren; gebrauche sie aber nie, als +wenn du angegriffen wirst; dann aber schlage auch tuechtig drauf. +Mein Vermoegen ist nicht gross; siehe, ich habe es in drei Teile +geteilt, einer davon ist dein; einer davon ist mein Unterhalt und +Notpfennig, der dritte aber sei mir ein heiliges, unantastbares Gut, +er diene dir in der Stunde der Not!" So sprach mein alter Vater, und +Traenen hingen ihm im Auge, vielleicht aus Ahnung, denn ich habe ihn +nie wiedergesehen. + +Die Reise ging gut vonstatten; wir waren bald im Lande der Franken +angelangt, und sechs Tagreisen nachher kamen wir in die grosse Stadt +Paris. Hier mietete mir mein fraenkischer Freund ein Zimmer und riet +mir, mein Geld, das in allem zweitausend Taler betrug, vorsichtig +anzuwenden. Ich lebte drei Jahre in dieser Stadt und lernte, was ein +tuechtiger Arzt wissen muss; ich muesste aber luegen, wenn ich sagte, dass +ich gerne dort gewesen sei; denn die Sitten dieses Volkes gefielen +mir nicht; auch hatte ich nur wenige gute Freunde dort, diese aber +waren edle, junge Maenner. + +Die Sehnsucht nach der Heimat wurde endlich maechtig in mir; in der +ganzen Zeit hatte ich nichts von meinem Vater gehoert, und ich ergriff +daher eine guenstige Gelegenheit, nach Hause zu kommen. + +Es ging naemlich eine Gesandtschaft aus Frankenland nach der Hohen +Pforte. Ich verdingte mich als Wundarzt in das Gefolge des Gesandten +und kam gluecklich wieder nach Stambul. Das Haus meines Vaters aber +fand ich verschlossen, und die Nachbarn staunten, als sie mich sahen, +und sagten mir, mein Vater sei vor zwei Monaten gestorben. Jener +Priester, der mich in meiner Jugend unterrichtet hatte, brachte nur +den Schluessel; allein und verlassen zog ich in das veroedete Haus ein. +Ich fand noch alles, wie es mein Vater verlassen hatte; nur das Gold, +das er mir zu hinterlassen versprach, fehlte. Ich fragte den +Priester darueber, und dieser verneigte sich und sprach: "Euer Vater +ist als ein heiliger Mann gestorben; denn er hat sein Gold der Kirche +vermacht." Dies war und blieb mir unbegreiflich; doch was wollte ich +machen; ich hatte keine Zeugen gegen den Priester und musste froh sein, +dass er nicht auch das Haus und die Waren meines Vaters als +Vermaechtnis angesehen hatte. + +Dies war das erste Unglueck, das mich traf. Von jetzt an aber kam es +Schlag auf Schlag. Mein Ruf als Arzt wollte sich gar nicht +ausbreiten, weil ich mich schaemte, den Marktschreier zu machen, und +ueberall fehlte mir die Empfehlung meines Vaters, der mich bei den +Reichsten und Vornehmsten eingefuehrt haette, die jetzt nicht mehr an +den armen Zaleukos dachten. Auch die Waren meines Vaters fanden +keinen Abgang; denn die Kunden hatten sich nach seinem Tode verlaufen, +und neue bekommt man nur langsam. Als ich einst trostlos ueber meine +Lage nachdachte, fiel mir ein, dass ich oft in Franken Maenner meines +Volkes gesehen hatte, die das Land durchzogen und ihre Waren auf den +Maerkten der Staedte auslegten; ich erinnerte mich, dass man ihnen gerne +abkaufte, weil sie aus der Fremde kamen, und dass man bei solchem +Handel das Hundertfache erwerben koenne. Sogleich war auch mein +Entschluss gefasst. Ich verkaufte mein vaeterliches Haus, gab einen +Teil des geloesten Geldes einem bewaehrten Freunde zum Aufbewahren, von +dem uebrigen aber kaufte ich, was man in Franken selten hat, wie +Schals, seidene Zeuge, Salben und Oele, mietete einen Platz auf einem +Schiff und trat so meine zweite Reise nach Franken an. + +Es schien, als ob das Glueck, sobald ich die Schloesser der Dardanellen +im Ruecken hatte, mir wieder guenstig geworden waere. Unsere Fahrt war +kurz und gluecklich. Ich durchzog die grossen und kleinen Staedte der +Franken und fand ueberall willige Kaeufer meiner Waren. Mein Freund in +Stambul sandte mir immer wieder frische Vorraete, und ich wurde von +Tag zu Tag wohlhabender. Als ich endlich so viel erspart hatte, dass +ich glaubte, ein groesseres Unternehmen wagen zu koennen, zog ich mit +meinen Waren nach Italien. Etwas muss ich aber noch gestehen, was mir +auch nicht wenig Geld einbrachte: ich nahm auch meine Arzneikunst zu +Hilfe. Wenn ich in eine Stadt kam, liess ich durch Zettel verkuenden, +dass ein griechischer Arzt da sei, der schon viele geheilt habe; und +wahrlich, mein Balsam und meine Arzneien haben mir manche Zechine +eingebracht. + +So war ich endlich nach der Stadt Florenz in Italien gekommen. Ich +nahm mir vor, laengere Zeit in dieser Stadt zu bleiben, teils weil sie +mir so wohl gefiel, teils auch, weil ich mich von den Strapazen +meines Umherziehens erholen wollte. Ich mietete mir ein Gewoelbe in +dem Stadtviertel St. Croce und nicht weit davon ein paar schoene +Zimmer, die auf einen Altan fuehrten, in einem Wirtshaus. Sogleich +liess ich auch meine Zettel umhertragen, die mich als Arzt und +Kaufmann ankuendigten. Ich hatte kaum mein Gewoelbe eroeffnet, so +stroemten auch die Kaeufer herzu, und ob ich gleich ein wenig hohe +Preise hatte, so verkaufte ich doch mehr als andere, weil ich +gefaellig und freundlich gegen meine Kunden war. Ich hatte schon vier +Tage vergnuegt in Florenz verlebt, als ich eines Abends, da ich schon +mein Gewoelbe schliessen und nur die Vorraete in meinen Salbenbuechsen +nach meiner Gewohnheit noch einmal mustern wollte, in einer kleinen +Buechse einen Zettel fand, den ich mich nicht erinnerte, hineingetan +zu haben. Ich oeffnete den Zettel und fand darin eine Einladung, +diese Nacht Punkt zwoelf Uhr auf der Bruecke, die man Ponte vecchio +heisst, mich einzufinden. Ich sann lange darueber nach, wer es wohl +sein koennte, der mich dorthin einlud, da ich aber keine Seele in +Florenz kannte, dachte ich, man werde mich vielleicht heimlich zu +irgendeinem Kranken fuehren wollen, was schon oefter geschehen war. +Ich beschloss also hinzugehen, doch hing ich zur Vorsicht den Saebel um, +den mir einst mein Vater geschenkt hatte. + +Als es stark gegen Mitternacht ging, machte ich mich auf den Weg und +kam bald auf die Ponte vecchio. Ich fand die Bruecke verlassen und +oede und beschloss zu warten, bis er erscheinen wuerde, der mich rief. +Es war eine kalte Nacht; der Mond schien hell, und ich schaute hinab +in die Wellen des Arno, die weithin im Mondlicht schimmerten. Auf +den Kirchen der Stadt schlug es jetzt zwoelf Uhr; ich richtete mich +auf, und vor mir stand ein grosser Mann, ganz in einen roten Mantel +gehuellt, dessen einen Zipfel er vor das Gesicht hielt. + +Ich war von Anfang etwas erschrocken, weil er so ploetzlich hinter mir +stand, fasste mich aber sogleich wieder und sprach: "Wenn Ihr mich +habt hierher bestellt, so sagt an, was steht zu Eurem Befehl?" + +Der Rotmantel wandte sich um und sagte langsam: "Folge!" Da ward +mir's doch etwas unheimlich zumute, mit diesem Unbekannten allein zu +gehen; ich blieb stehen und sprach: "Nicht also, lieber Herr, wollet +mir vorerst sagen, wohin; auch koennet Ihr mir Euer Gesicht ein wenig +zeigen, dass ich sehe, ob Ihr Gutes mit mir vorhabt." + +Der Rote aber schien sich nicht darum zu kuemmern. "Wenn du nicht +willst, Zaleukos, so bleibe!" antwortete er und ging weiter. + +Da entbrannte mein Zorn. "Meinet Ihr", rief ich aus, "ein Mann wie +ich lasse sich von jedem Narren foppen, und ich werde in dieser +kalten Nacht umsonst gewartet haben?" In drei Spruengen hatte ich ihn +erreicht, packte ihn an seinem Mantel und schrie noch lauter, indem +ich die andere Hand an den Saebel legte; aber der Mantel blieb mir in +der Hand, und der Unbekannte war um die naechste Ecke verschwunden. +Mein Zorn legte sich nach und nach; ich hatte doch den Mantel, und +dieser sollte mir schon den Schluessel zu diesem wunderlichen +Abenteuer geben. + +Ich hing ihn um und ging meinen Weg weiter nach Hause. Als ich kaum +noch hundert Schritte davon entfernt war, streifte jemand dicht an +mir vorueber und fluesterte in fraenkischer Sprache: "Nehmt Euch in acht, +Graf, heute nacht ist nichts zu machen." Ehe ich mich aber umsehen +konnte, war dieser Jemand schon vorbei, und ich sah nur noch einen +Schatten an den Haeusern hinschweben. Dass dieser Zuruf den Mantel und +nicht mich anging, sah ich ein; doch gab er mir kein Licht ueber die +Sache. Am anderen Morgen ueberlegte ich, was zu tun sei. Ich war von +Anfang gesonnen, den Mantel ausrufen zu lassen, als haette ich ihn +gefunden; doch da konnte der Unbekannte ihn durch einen Dritten holen +lassen, und ich haette dann keinen Aufschluss ueber die Sache gehabt. +Ich besah, indem ich so nachdachte, den Mantel naeher. Er war von +schwerem genuesischem Samt, purpurrot, mit astrachanischem Pelz +verbraemt und reich mit Gold bestickt. Der prachtvolle Anblick des +Mantels brachte mich auf einen Gedanken, den ich auszufuehren beschloss. + +Ich trug ihn in mein Gewoelbe und legte ihn zum Verkauf aus, setzte +aber auf ihn einen so hohen Preis, dass ich gewiss war, keinen Kaeufer +zu finden. Mein Zweck dabei war, jeden, der nach dem Pelz fragen +wuerde, scharf ins Auge zu fassen; denn die Gestalt des Unbekannten, +die sich mir nach Verlust des Mantels, wenn auch nur fluechtig, doch +bestimmt zeigte, wollte ich aus Tausenden erkennen. Es fanden sich +viele Kauflustige zu dem Mantel, dessen ausserordentliche Schoenheit +alle Augen auf sich zog; aber keiner glich entfernt dem Unbekannten, +keiner wollte den hohen Preis von zweihundert Zechinen dafuer bezahlen. +Auffallend war mir dabei, dass, wenn ich einen oder den anderen +fragte, ob denn sonst kein solcher Mantel in Florenz sei, alle mit +"Nein!" antworteten und versicherten, eine so kostbare und +geschmackvolle Arbeit nie gesehen zu haben. + +Es wollte schon Abend werden, da kam endlich ein junger Mann, der +schon oft bei mir gewesen war und auch heute viel auf den Mantel +geboten hatte, warf einen Beutel mit Zechinen auf den Tisch und rief: +"Bei Gott! Zaleukos, ich muss deinen Mantel haben, und sollte ich zum +Bettler darueber werden." Zugleich begann er, seine Goldstuecke +aufzuzaehlen. Ich kam in grosse Not; ich hatte den Mantel nur +ausgehaengt, um vielleicht die Blicke meines Unbekannten darauf zu +ziehen, und jetzt kam ein junger Tor, um den ungeheuren Preis zu +zahlen. Doch was blieb mir uebrig; ich gab nach, denn es tat mir auf +der anderen Seite der Gedanke wohl, fuer mein naechtliches Abenteuer so +schoen entschaedigt zu werden. Der Juengling hing sich den Mantel um +und ging; er kehrte aber auf der Schwelle wieder um, indem er ein +Papier, das am Mantel befestigt war, losmachte, mir zuwarf und sagte: +"Hier, Zaleukos, haengt etwas, das wohl nicht zu dem Mantel gehoert." + +Gleichgueltig nahm ich den Zettel; aber siehe da, dort stand +geschrieben: "Bringe heute nacht um die bewusste Stunde den Mantel auf +die Ponte vecchio, vierhundert Zechinen warten deiner." + +Ich stand wie niedergedonnert. So hatte ich also mein Glueck selbst +verscherzt und meinen Zweck gaenzlich verfehlt! Doch ich besann mich +nicht lange, raffte die zweihundert Zechinen zusammen, sprang dem, +der den Mantel gekauft hatte, nach und sprach: "Nehmt Eure Zechinen +wieder, guter Freund, und lasst mir den Mantel, ich kann ihn unmoeglich +hergeben." Dieser hielt die Sache von Anfang fuer Spass, als er aber +merkte, dass es Ernst war, geriet er in Zorn ueber meine Forderung, +schalt mich einen Narren, und so kam es endlich zu Schlaegen. Doch +ich war so gluecklich, im Handgemenge ihm den Mantel zu entreissen, und +wollte schon mit ihm davoneilen, als der junge Mann die Polizei zu +Hilfe rief und mich mit sich vor Gericht zog. Der Richter war sehr +erstaunt ueber die Anklage und sprach meinem Gegner den Mantel zu. +Ich aber bot dem Juenglinge zwanzig, fuenfzig, achtzig, ja hundert +Zechinen ueber seine zweihundert, wenn er mir den Mantel liesse. Was +meine Bitten nicht vermochten, bewirkte mein Gold. Er nahm meine +guten Zechinen, ich aber zog mit dem Mantel triumphierend ab und +musste mir gefallen lassen, dass man mich in ganz Florenz fuer einen +Wahnsinnigen hielt. Doch die Meinung der Leute war mir gleichgueltig; +ich wusste es ja besser als sie, dass ich an dem Handel noch gewann. + +Mit Ungeduld erwartete ich die Nacht. Um dieselbe Zeit wie gestern +ging ich, den Mantel unter dem Arm, auf die Ponte vecchio. Mit dem +letzten Glockenschlag kam die Gestalt aus der Nacht heraus auf mich +zu. Es war unverkennbar der Mann von gestern. "Hast du den Mantel?" +wurde ich gefragt. + +"Ja, Herr", antwortete ich, "aber er kostete mich bar hundert +Zechinen." + +"Ich weiss es", entgegnete jener. "Schau auf, hier sind vierhundert." +Er trat mit mir an das breite Gelaender der Bruecke und zaehlte die +Goldstuecke hin. Vierhundert waren es; praechtig blitzten sie im +Mondschein, ihr Glanz erfreute mein Herz, ach! Es ahnete nicht, dass +es seine letzte Freude sein werde. Ich steckte mein Geld in die +Tasche und wollte mir nun auch den guetigen Unbekannten recht +betrachten; aber er hatte eine Larve vor dem Gesicht, aus der mich +dunkle Augen furchtbar anblitzten. + +"Ich danke Euch, Herr, fuer Eure Guete", sprach ich zu ihm, "was +verlangt Ihr jetzt von mir? Das sage ich Euch aber vorher, dass es +nichts Unrechtes sein darf." + +"Unnoetige Sorge", antwortete er, indem er den Mantel um die Schultern +legte, "ich bedarf Eurer Hilfe als Arzt; doch nicht fuer einen +Lebenden, sondern fuer einen Toten." + +"Wie kann das sein?" rief ich voll Verwunderung. + +"Ich kam mit meiner Schwester aus fernen Landen", erzaehlte er und +winkte mir zugleich, ihm zu folgen. "Ich wohnte hier mit ihr bei +einem Freund meines Hauses. Meine Schwester starb gestern schnell an +einer Krankheit, und die Verwandten wollen sie morgen begraben. Nach +einer alten Sitte unserer Familie aber sollen alle in der Gruft der +Vaeter ruhen; viele, die in fremden Landen starben, ruhen dennoch dort +einbalsamiert. Meinen Verwandten goenne ich nun ihren Koerper; meinem +Vater aber muss ich wenigstens den Kopf seiner Tochter bringen, damit +er sie noch einmal sehe." Diese Sitte, die Koepfe geliebter +Anverwandten abzuschneiden, kam mir zwar etwas schrecklich vor; doch +wagte ich nichts dagegen einzuwenden aus Furcht, den Unbekannten zu +beleidigen. Ich sagte ihm daher, dass ich mit dem Einbalsamieren der +Toten wohl umgehen koenne, und bat ihn, mich zu der Verstorbenen zu +fuehren. Doch konnte ich mich nicht enthalten zu fragen, warum denn +dies alles so geheimnisvoll und in der Nacht geschehen muesse. Er +antwortete mir, dass seine Anverwandten, die seine Absicht fuer grausam +hielten, bei Tage ihn abhalten wuerden; sei aber nur erst einmal der +Kopf abgenommen, so koennten sie wenig mehr darueber sagen. Er haette +mir zwar den Kopf bringen koennen; aber ein natuerliches Gefuehl halte +ihn ab, ihn selbst abzunehmen. + +Wir waren indes bis an ein grosses, prachtvolles Haus gekommen. Mein +Begleiter zeigte es mir als das Ziel unseres naechtlichen +Spazierganges. Wir gingen an dem Haupttor des Hauses vorbei, traten +in eine kleine Pforte, die der Unbekannte sorgfaeltig hinter sich +zumachte, und stiegen nun im Finstern eine enge Wendeltreppe hinan. +Sie fuehrte in einen spaerlich erleuchteten Gang, aus welchem wir in +ein Zimmer gelangten, das eine Lampe, die an der Decke befestigt war, +erleuchtete. + +In diesem Gemach stand ein Bett, in welchem der Leichnam lag. Der +Unbekannte wandte sein Gesicht ab und schien Traenen verbergen zu +wollen. Er deutete nach dem Bett, befahl mir, mein Geschaeft gut und +schnell zu verrichten, und ging wieder zur Tuere hinaus. + +Ich packte meine Messer, die ich als Arzt immer bei mir fuehrte, aus +und naeherte mich dem Bett. Nur der Kopf war von der Leiche sichtbar; +aber dieser war so schoen, dass mich unwillkuerlich das innigste +Mitleiden ergriff. In langen Flechten hing das dunkle Haar herab, +das Gesicht war bleich, die Augen geschlossen. Ich machte zuerst +einen Einschnitt in die Haut, nach der Weise der Aerzte, wenn sie ein +Glied abschneiden. Sodann nahm ich mein schaerfstes Messer und +schnitt mit einem Zug die Kehle durch. Aber welcher Schrecken! Die +Tote schlug die Augen auf, schloss sie aber gleich wieder, und in +einem tiefen Seufzer schien sie jetzt erst ihr Leben auszuhauchen. +Zugleich schoss mir ein Strahl heissen Blutes aus der Wunde entgegen. +Ich ueberzeugte mich, dass ich erst die Arme getoetet hatte; denn dass +sie tot sei, war kein Zweifel, da es von dieser Wunde keine Rettung +gab. Ich stand einige Minuten in banger Beklommenheit ueber das, was +geschehen war. Hatte der Rotmantel mich betrogen, oder war die +Schwester vielleicht nur scheintot gewesen? Das letztere schien mir +wahrscheinlicher. Aber ich durfte dem Bruder der Verstorbenen nicht +sagen, dass vielleicht ein weniger rascher Schnitt sie erweckt haette, +ohne sie zu toeten, darum wollte ich den Kopf vollends abloesen; aber +noch einmal stoehnte die Sterbende, streckt sich in schmerzhafter +Bewegung aus und starb. Da uebermannte mich der Schrecken, und ich +stuerzte schaudernd aus dem Gemach. Aber draussen im Gang war es +finster; denn die Lampe war verloescht. Keine Spur von meinem +Begleiter war zu entdecken, und ich musste aufs ungefaehr mich im +Finstern an der Wand fortbewegen, um an die Wendeltreppe zu gelangen. +Ich fand sie endlich und kam halb fallend, halb gleitend hinab. +Auch unten war kein Mensch. Die Tuere fand ich nur angelehnt, und ich +atmete freier, als ich auf der Strasse war; denn in dem Hause war mir +ganz unheimlich geworden. Von Schrecken gespornt, rannte ich in +meine Wohnung und begrub mich in die Polster meines Lagers, um das +Schreckliche zu vergessen, das ich getan hatte. Aber der Schlaf floh +mich, und erst der Morgen ermahnte mich wieder, mich zu fassen. Es +war mir wahrscheinlich, dass der Mann, der mich zu dieser verruchten +Tat, wie sie mir jetzt erschien, verfuehrt hatte, mich nicht angeben +wuerde. Ich entschloss mich, gleich in mein Gewoelbe an mein Geschaeft +zu gehen und womoeglich eine sorglose Miene anzunehmen. Aber ach! +Ein neuer Umstand, den ich jetzt erst bemerkte, vermehrte noch meinen +Kummer. Meine Muetze und mein Guertel wie auch meine Messer fehlten +mir, und ich war ungewiss, ob ich sie in dem Zimmer der Getoeteten +gelassen oder erst auf meiner Flucht verloren hatte. Leider schien +das erste wahrscheinlicher, und man konnte mich also als Moerder +entdecken. + +Ich oeffnete zur gewoehnlichen Zeit mein Gewoelbe. Mein Nachbar trat zu +mir her, wie er alle Morgen zu tun pflegte, denn er war ein +gespraechiger Mann. "Ei, was sagt Ihr zu der schrecklichen +Geschichte", hub er an, "die heute nacht vorgefallen ist?" Ich tat, +als ob ich nichts wuesste. "Wie, solltet Ihr nicht wissen, von was die +ganze Stadt erfuellt ist? Nicht wissen, dass die schoenste Blume von +Florenz, Bianka, die Tochter des Gouverneurs, in dieser Nacht +ermordet wurde? Ach! Ich sah sie gestern noch so heiter durch die +Strassen fahren mit ihrem Braeutigam, denn heute haetten sie Hochzeit +gehabt." + +Jedes Wort des Nachbarn war mir ein Stich ins Herz. Und wie oft +kehrte meine Marter wieder; denn jeder meiner Kunden erzaehlte mir die +Geschichte, immer einer schrecklicher als der andere, und doch konnte +keiner so Schreckliches sagen, als ich selbst gesehen hatte. Um +Mittag ungefaehr trat ein Mann vom Gericht in mein Gewoelbe und bat +mich, die Leute zu entfernen. "Signore Zaleukos", sprach er, indem +er die Sachen, die ich vermisste, hervorzog, "gehoeren diese Sachen +Euch zu?" Ich besann mich, ob ich sie nicht gaenzlich ableugnen sollte; +aber als ich durch die halbgeoeffnete Tuer meinen Wirt und mehrere +Bekannte, die wohl gegen mich zeugen konnten, erblickte, beschloss ich, +die Sache nicht noch durch eine Luege zu verschlimmern, und bekannte +mich zu den vorgezeigten Dingen. Der Gerichtsmann bat mich, ihm zu +folgen, und fuehrte mich in ein grosses Gebaeude, das ich bald fuer das +Gefaengnis erkannte. Dort wies er mir bis auf weiteres ein Gemach an. + +Meine Lage war schrecklich, als ich so in der Einsamkeit darueber +nachdachte. Der Gedanke, gemordet zu haben, wenn auch ohne Willen, +kehrte immer wieder. Auch konnte ich mir nicht verhehlen, dass der +Glanz des Goldes meine Sinne befangen gehalten hatte; sonst haette ich +nicht so blindlings in die Falle gehen koennen. Zwei Stunden nach +meiner Verhaftung wurde ich aus meinem Gemach gefuehrt. Mehrere +Treppen ging es hinab, dann kam man in einen grossen Saal. Um einen +langen, schwarzbehaengten Tisch sassen dort zwoelf Maenner, meistens +Greise. An den Seiten des Saales zogen sich Baenke herab, angefuellt +mit den Vornehmsten von Florenz; auf den Galerien, die in der Hoehe +angebracht waren, standen dicht gedraengt die Zuschauer. Als ich bis +vor den schwarzen Tisch getreten war, erhob sich ein Mann mit +finsterer, trauriger Miene; es war der Gouverneur. Er sprach zu den +Versammelten, dass er als Vater in dieser Sache nicht richten koenne +und dass er seine Stelle fuer diesmal an den aeltesten der Senatoren +abtrete. Der aelteste der Senatoren war ein Greis von wenigstens +neunzig Jahren. Er stand gebueckt, und seine Schlaefen waren mit +duennem, weissem Haar umhaengt; aber feurig brannten noch seine Augen, +und seine Stimme war stark und sicher. Er hub an, mich zu fragen, ob +ich den Mord gestehe. Ich bat ihn um Gehoer und erzaehlte +unerschrocken und mit vernehmlichen Stimme, was ich getan hatte und +was ich wusste. Ich bemerkte, dass der Gouverneur waehrend meiner +Erzaehlung bald blass, bald rot wurde, und als ich geschlossen, fuhr er +wuetend auf: "Wie, Elender!" rief er mir zu, "so willst du ein +Verbrechen, das du aus Habgier begangen, noch einem anderen +aufbuerden?" + +Der Senator verwies ihm seine Unterbrechung, da er sich freiwillig +seines Rechtes begeben habe; auch sei es gar nicht so erwiesen, dass +ich aus Habgier gefrevelt; denn nach seiner eigenen Aussage sei ja +der Getoeteten nichts gestohlen worden. Ja, er ging noch weiter; er +erklaerte dem Gouverneur, dass er ueber das fruehere Leben seiner Tochter +Rechenschaft geben muesse; denn nur so koenne man schliessen, ob ich die +Wahrheit gesagt habe oder nicht. Zugleich hob er fuer heute das +Gericht auf, um sich, wie er sagte, aus den Papieren der Verstorbenen, +die ihm der Gouverneur uebergeben werde, Rat zu holen. Ich wurde +wieder in mein Gefaengnis zurueckgefuehrt, wo ich einen schaurigen Tag +verlebte, immer mit dem heissen Wunsch beschaeftigt, dass man doch +irgendeine Verbindung zwischen der Toten und dem Rotmantel entdecken +moechte. Voll Hoffnung trat ich den anderen Tag in den Gerichtssaal. +Es lagen mehrere Briefe auf dem Tisch. Der alte Senator fragte mich, +ob sie meine Handschrift seien. Ich sah sie an und fand, dass sie von +derselben Hand sein muessten wie jene beiden Zettel, die ich erhalten. +Ich aeusserte dies den Senatoren; aber man schien nicht darauf zu +achten und antwortete, dass ich beides geschrieben haben koenne und +muesse; denn der Namenszug unter den Briefen sei unverkennbar ein Z, +der Anfangsbuchstabe meines Namens. Die Briefe aber enthielten +Drohungen an die Verstorbene und Warnungen vor der Hochzeit, die sie +zu vollziehen im Begriff war. + +Der Gouverneur schien sonderbare Aufschluesse in Hinsicht auf meine +Person gegeben zu haben; denn man behandelte mich an diesem Tage +misstrauischer und strenger. Ich berief mich zu meiner Rechtfertigung +auf meine Papiere, die sich in meinem Zimmer finden muessten; aber man +sagte mir, man habe nachgesucht und nichts gefunden. So schwand mir +am Schlusse dieses Gerichts alle Hoffnung, und als ich am dritten Tag +wieder in den Saal gefuehrt wurde, las man mir das Urteil vor, dass ich, +eines vorsaetzlichen Mordes ueberwiesen, zum Tode verurteilt sei. +Dahin also war es mit mir gekommen. Verlassen von allem, was mir auf +Erden noch teuer war, fern von meiner Heimat, sollte ich unschuldig +in der Bluete meiner Jahre vom Beile sterben. + +Ich sass am Abend dieses schrecklichen Tages, der ueber mein Schicksal +entschieden hatte, in meinem einsamen Kerker; meine Hoffnungen waren +dahin, meine Gedanken ernsthaft auf den Tod gerichtet. Da tat sich +die Tuere meines Gefaengnisses auf, und ein Mann trat herein, der mich +lange schweigend betrachtete. "So finde ich dich wieder, Zaleukos?" +sagte er; ich hatte ihn bei dem matten Schein meiner Lampe nicht +erkannt, aber der Klang seiner Stimme erweckte alte Erinnerungen in +mir, es war Valetty, einer jener wenigen Freunde, die ich in der +Stadt Paris waehrend meiner Studien kannte. Er sagte, dass er zufaellig +nach Florenz gekommen sei, wo sein Vater als angesehener Mann wohne, +er habe von meiner Geschichte gehoert und sei gekommen, um mich noch +einmal zu sehen und von mir selbst zu erfahren, wie ich mich so +schwer habe verschulden koennen. Ich erzaehlte ihm die ganze +Geschichte. Er schien darueber sehr verwundert und beschwor mich, ihm, +meinem einzigen Freunde, alles zu sagen, um nicht mit einer Luege von +hinnen zu gehen. Ich schwor ihm mit dem teuersten Eid, dass ich wahr +gesprochen und dass keine andere Schuld mich druecke, als dass ich, von +dem Glanze des Goldes geblendet, das Unwahrscheinliche der Erzaehlung +des Unbekannten nicht erkannt habe. "So hast du Bianka nicht +gekannt?" fragte jener. Ich beteuerte ihm, sie nie gesehen zu haben. +Valetty erzaehlte mir nun, dass ein tiefes Geheimnis auf der Tat liege, +dass der Gouverneur meine Verurteilung sehr hastig betrieben habe, +und es sei nun ein Geruecht unter die Leute gekommen, dass ich Bianka +schon laengst gekannt und aus Rache ueber ihre Heirat mit einem anderen +sie ermordet habe. Ich bemerkte ihm, dass dies alles ganz auf den +Rotmantel passe, dass ich aber seine Teilnahme an der Tat mit nichts +beweisen koenne. Valetty umarmte mich weinend und versprach mir, +alles zu tun, um wenigstens mein Leben zu retten. Ich hatte wenig +Hoffnung; doch wusste ich, dass Valetty ein weiser und der Gesetze +kundiger Mann sei und dass er alles tun werde, mich zu retten. Zwei +lange Tage war ich in Ungewissheit: Endlich erschien auch Valetty. +"Ich bringe Trost, wenn auch einen schmerzlichen. Du wirst leben und +frei sein; aber mit Verlust einer Hand." Geruehrt dankte ich meinem +Freunde fuer mein Leben. Er sagte mir, dass der Gouverneur +unerbittlich gewesen sei, die Sache noch einmal untersuchen zu lassen; +dass er aber endlich, um nicht ungerecht zu erscheinen, bewilligt +habe, wenn man in den Buechern der florentinischen Geschichte einen +aehnlichen Fall finde, so solle meine Strafe sich nach der Strafe, die +dort ausgesprochen sei, richten. Er und sein Vater haben nun Tag und +Nacht in den alten Buechern gelesen und endlich einen ganz dem +meinigen aehnlichen Fall gefunden. Dort laute die Strafe: Es soll ihm +die linke Hand abgehauen, seine Gueter eingezogen, er selbst auf ewig +verbannt werden. So laute jetzt auch meine Strafe, und ich solle +mich jetzt bereiten zu der schmerzhaften Stunde, die meiner warte. +Ich will euch nicht diese schreckliche Stunde vor das Auge fuehren, wo +ich auf offenem Markt meine Hand auf den Block legte, wo mein eigenes +Blut in weitem Bogen mich ueberstroemte! + +Valetty nahm mich in sein Haus auf, bis ich genesen war, dann versah +er mich edelmuetig mit Reisegeld; denn alles, was ich mir so muehsam +erworben, war eine Beute des Gerichts geworden. Ich reiste von +Florenz nach Sizilien und von da mit dem ersten Schiff, das ich fand, +nach Konstantinopel. Meine Hoffnung war auf die Summe gerichtet, die +ich meinem Freunde uebergeben hatte, auch bat ich ihn, bei ihm wohnen +zu duerfen; aber wie erstaunte ich, als dieser mich fragte, warum ich +denn nicht mein Haus beziehe! Er sagte mir, dass ein fremder Mann +unter meinem Namen ein Haus in dem Quartier der Griechen gekauft habe; +derselbe habe auch den Nachbarn gesagt, dass ich bald selbst kommen +werde. Ich ging sogleich mit meinem Freunde dahin und wurde von +allen meinen Bekannten freudig empfangen. Ein alter Kaufmann gab mir +einen Brief, den der Mann, der fuer mich gekauft hatte, hiergelassen +habe. + +Ich las: "Zaleukos! Zwei Haende stehen bereit, rastlos zu schaffen, +dass Du nicht fuehlest den Verlust der einen. Das Haus, das Du siehest, +und alles, was darin ist, ist Dein, und alle Jahre wird man Dir so +viel reichen, dass Du zu den Reichen Deines Volkes gehoeren wirst. +Moegest Du dem vergeben, der ungluecklicher ist als Du." Ich konnte +ahnen, wer es geschrieben, und der Kaufmann sagte mir auf meine Frage: +Es sei ein Mann gewesen, den er fuer einen Franken gehalten, er habe +einen roten Mantel angehabt. Ich wusste genug, um mir zu gestehen, +dass der Unbekannte doch nicht ganz von aller edlen Gesinnung entbloesst +sein muesse. In meinem neuen Haus fand ich alles aufs beste +eingerichtet, auch ein Gewoelbe mit Waren, schoener als ich sie je +gehabt. Zehn Jahre sind seitdem verstrichen; mehr aus alter +Gewohnheit, als weil ich es noetig habe, setze ich meine Handelsreisen +fort; doch habe ich jenes Land, wo ich so ungluecklich wurde, nie mehr +gesehen. Jedes Jahr erhielt ich seitdem tausend Goldstuecke; aber, +wenn es mir auch Freude macht, jenen Ungluecklichen edel zu wissen, so +kann er mir doch den Kummer meiner Seele nicht abkaufen, denn ewig +lebt in mir das grauenvolle Bild der ermordeten Bianka. + +--------------------------Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte +seine Geschichte geendigt. Mit grosser Teilnahme hatten ihm die +uebrigen zugehoert, besonders der Fremde schien sehr davon ergriffen zu +sein; er hatte einigemal tief geseufzt, und Muley schien es sogar, +als habe er einmal Traenen in den Augen gehabt. Sie besprachen sich +noch lange Zeit ueber diese Geschichte. + +"Und hasst Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnoed' um ein so +edles Glied Eures Koerpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?" +fragte der Fremde. + +"Wohl gab es in frueherer Zeit Stunden", antwortete der Grieche, "in +denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, dass er diesen Kummer ueber +mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in +dem Glauben meiner Vaeter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu +lieben; auch ist er wohl noch ungluecklicher als ich." + +"Ihr seid ein edler Mann!" rief der Fremde und drueckte geruehrt dem +Griechen die Hand. + +Der Anfuehrer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespraech. Er +trat mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, dass man sich +nicht der Ruhe ueberlassen duerfe; denn hier sei die Stelle, wo +gewoehnlich die Karawanen angegriffen wuerden, auch glaubten seine +Wachen, in der Entfernung mehrere Reiter zu sehen. + +Die Kaufleute waren sehr bestuerzt ueber diese Nachricht; Selim, der +Fremde, aber wunderte sich ueber ihre Bestuerzung und meinte, dass sie +so gut geschaetzt waeren, dass sie einen Trupp raeuberischer Araber nicht +zu fuerchten brauchten. + +"Ja, Herr!" entgegnete ihm der Anfuehrer der Wache. "Wenn es nur +solches Gesindel waere, koennte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; +aber seit einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und +da gilt es, auf seiner Hut zu sein." + +Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte +Kaufmann, antwortete ihm: "Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke +ueber diesen wunderbaren Mann. Die einen halten ihn fuer ein +uebermenschliches Wesen, weil er oft mit fuenf bis sechs Maennern zumal +einen Kampf besteht, andere halten ihn fuer einen tapferen Franken, +den das Unglueck in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist +nur so viel gewiss, dass er ein verruchter Moerder und Dieb ist." + +"Das koennt Ihr aber doch nicht behaupten", entgegnete ihm Lezah, +einer der Kaufleute. "Wenn er auch ein Raeuber ist, so ist er doch +ein edler Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, +wie ich Euch erzaehlen koennte. Er hat seinen ganzen Stamm zu +geordneten Menschen gemacht, und so lange er die Wueste durchstreift, +darf kein anderer Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt +er nicht wie andere, sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den +Karawanen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet ungefaehrdet +weiter; denn Orbasan ist der Herr der Wueste." + +Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die +um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein +ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der +Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager +zuzureiten. Einer der Maenner von der Wache ging daher in das Zelt, +um zu verkuenden, dass sie wahrscheinlich angegriffen wuerden. Die +Kaufleute berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen +entgegengehen oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei +aelteren Kaufleute wollten das letztere, der feurige Muley aber und +Zaleukos verlangten das erstere und riefen den Fremden zu ihrem +Beistand auf. Dieser zog ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten +Sternen aus seinem Guertel hervor, band es an eine Lanze und befahl +einem der Sklaven, es auf das Zelt zu stecken; er setze sein Leben +zum Pfand, sagte er, die Reiter werden, wenn sie dieses Zeichen sehen, +ruhig vorueberziehen. Muley glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave +aber steckte die Lanze auf das Zelt. Inzwischen hatten alle, die im +Lager waren, zu den Waffen gegriffen und sahen in gespannter +Erwartung den Reitern entgegen. Doch diese schienen das Zeichen auf +dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen ploetzlich von ihrer Richtung +auf das Lager ab und zogen in einem grossen Bogen auf der Seite hin. + +Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald +auf die Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgueltig, +wie wenn nichts vorgefallen waere, vor dem Zelte und blickte ueber die +Ebene hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen. "Wer bist du, +maechtiger Fremdling", rief er aus, "der du die wilden Horden der +Wueste durch einen Wink bezaehmst?" + +"Ihr schlagt meine Kunst hoeher an, als sie ist", antwortete Selim +Baruch. "Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der +Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiss ich selbst nicht; +nur so viel weiss ich, dass, wer mit diesem Zeichen reiset, unter +maechtigem Schutze steht." + +Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter. +Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so gross gewesen, dass wohl die +Karawane nicht lange haette Widerstand leisten koennen. + +Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die +Sonne zu sinken begann und der Abendwind ueber die Sandebene hinstrich, +brachen sie auf und zogen weiter. + +Am naechsten Tage lagerten sie ungefaehr nur noch eine Tagreise von dem +Ausgang der Wueste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem +grossen Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort: + +"Ich habe euch gestern gesagt, dass der gefuerchtete Orbasan ein edler +Mann sei, erlaubt mir, dass ich es euch heute durch die Erzaehlung der +Schicksale meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er +hatte drei Kinder. Ich war der Aelteste, ein Bruder und eine +Schwester waren bei weitem juenger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt +war, rief mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er setzte mich zum +Erben seiner Gueter ein, mit der Bedingung, dass ich bis zu seinem Tode +bei ihm bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so dass ich erst +vor zwei Jahren in meine Heimat zurueckkehrte und nichts davon wusste, +welch schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie guetig +Allah es gewendet hatte." + + + + +Die Errettung Fatmes + +Wilhelm Hauff + + +Mein Bruder Mustapha und meine Schwester Fatme waren beinahe in +gleichem Alter; jener hatte hoechstens zwei Jahre voraus. Sie liebten +einander innig und trugen vereint alles bei, was unserem kraenklichen +Vater die Last seines Alters erleichtern konnte. An Fatmes +sechzehntem Geburtstage veranstaltete der Bruder ein Fest. Er liess +alle ihre Gespielinnen einladen, setzte ihnen in dem Garten des +Vaters ausgesuchte Speisen vor, und als es Abend wurde, lud er sie +ein, auf einer Barke, die er gemietet und festlich geschmueckt hatte, +ein wenig hinaus in die See zu fahren. Fatme und ihre Gespielinnen +willigten mit Freuden ein; denn der Abend war schoen, und die Stadt +gewaehrte besonders abends, von dem Meere aus betrachtet, einen +herrlichen Anblick. Den Maedchen aber gefiel es so gut auf der Barke, +dass sie meinen Bruder bewogen, immer weiter in die See hinauszufahren. +Mustapha gab aber ungern nach, weil sich vor einigen Tagen ein +Korsar hatte sehen lassen. Nicht weit von der Stadt zieht sich ein +Vorgebirge in das Meer. Dorthin wollten noch die Maedchen, um von da +die Sonne in das Meer sinken zu sehen. Als sie um das Vorgebirg' +herumruderten, sahen sie in geringer Entfernung eine Barke, die mit +Bewaffneten besetzt war. Nichts Gutes ahnend, befahl mein Bruder den +Ruderern, sein Schiff zu drehen und dem Lande zuzurudern. Wirklich +schien sich auch seine Besorgnis zu bestaetigen; denn jene Barke kam +der meines Bruders schnell nach, ueberholte sie, da sie mehr Ruder +hatte, und hielt sich immer zwischen dem Land, und unserer Barke. +Die Maedchen aber, als sie die Gefahr erkannten, in der sie schwebten, +sprangen auf und schrien und klagten; umsonst suchte sie Mustapha zu +beruhigen, umsonst stellte er ihnen vor, ruhig zu bleiben, weil sie +durch ihr Hin- und Herrennen die Barke in Gefahr braechten +umzuschlagen. Es half nichts, und da sie sich endlich bei Annaeherung +des anderen Bootes alle auf die hintere Seite der Barke stuerzten, +schlug diese um. Indessen aber hatte man vom Land aus die Bewegungen +des fremden Bootes beobachtet, und da man schon seit einiger Zeit +Besorgnisse wegen Korsaren hegte, hatte dieses Boot Verdacht erregt, +und mehrere Barken stiessen vom Lande, um den Unsrigen beizustehen. +Aber sie kamen nur noch zu rechter Zeit, um die Untersinkenden +aufzunehmen. In der Verwirrung war das feindliche Boot entwischt, +auf den beiden Barken aber, welche die Geretteten aufgenommen hatten, +war man ungewiss, ob alle gerettet seien. Man naeherte sich +gegenseitig, und ach! Es fand sich, dass meine Schwester und eine +ihrer Gespielinnen fehlten; zugleich entdeckte man aber einen Fremden +in einer der Barken, den niemand kannte. Auf die Drohungen Mustaphas +gestand er, dass er zu dem feindlichen Schiff, das zwei Meilen +ostwaerts vor Anker liege, gehoere, und dass ihn seine Gefaehrten auf +ihrer eiligen Flucht im Stich gelassen haetten, indem er im Begriff +gewesen sei, die Maedchen auffischen zu helfen; auch sagte er aus, dass +er gesehen habe, wie man zwei derselben in das Schiff gezogen. + +Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, aber auch Mustapha +war bis zum Tod betruebt, denn nicht nur, dass seine geliebte Schwester +verloren war und dass er sich anklagte, an ihrem Unglueck schuld zu +sein--jene Freundin Fatmes, die ihr Unglueck teilte, war von ihren +Eltern ihm zur Gattin zugesagt gewesen, und nur unserem Vater hatte +er es noch nicht zu gestehen gewagt, weil ihre Eltern arm und von +geringer Abkunft waren. Mein Vater aber war ein strenger Mann; als +sein Schmerz sich ein wenig gelegt hatte, liess er Mustapha vor sich +kommen und sprach zu ihm: "Deine Torheit hat mir den Trost meines +Alters und die Freude meiner Augen geraubt. Gehe hin, ich verbanne +dich auf ewig von meinem Angesicht, ich fluche dir und deinen +Nachkommen, aber nur, wenn du mir Fatme wiederbringst, soll dein +Haupt rein sein von dem Fluche des Vaters." + +Dies hatte mein armer Bruder nicht erwartet; schon vorher hatte er +sich entschlossen gehabt, seine Schwester und ihre Freundin +aufzusuchen, und wollte sich nur noch den Segen des Vaters dazu +erbitten, und jetzt schickte er ihn, mit dem Fluch beladen, in die +Welt. Aber hatte ihn jener Jammer vorher gebeugt, so staehlte jetzt +die Fuelle des Ungluecks, das er nicht verdient hatte, seinen Mut. + +Er ging zu dem gefangenen Seeraeuber und befragte ihn, wohin die Fahrt +seines Schiffes ginge, und erfuhr, dass sie Sklavenhandel trieben und +gewoehnlich in Balsora grossen Markt hielten. + +Als er wieder nach Hause kam, um sich zur Reise anzuschicken, schien +sich der Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er sandte +ihm einen Beutel mit Gold zur Unterstuetzung auf der Reise. Mustapha +aber nahm weinend von den Eltern Zoraides, so hiess seine geliebte +Braut, Abschied und machte sich auf den Weg nach Balsora. + +Mustapha machte die Reise zu Land, weil von unserer kleinen Stadt aus +nicht gerade ein Schiff nach Balsora ging. Er musste daher sehr +starke Tagreisen machen, um nicht zu lange nach den Seeraeubern nach +Balsora zu kommen; doch da er ein gutes Ross und kein Gepaeck hatte, +konnte er hoffen, diese Stadt am Ende des sechsten Tages zu erreichen. +Aber am Abend des vierten Tages, als er ganz allein seines Weges +ritt, fielen ihn ploetzlich drei Maenner an. Da er merkte, dass sie gut +bewaffnet und stark seien und dass es mehr auf sein Geld und sein Ross +als auf sein Leben abgesehen war, so rief er ihnen zu, dass er sich +ihnen ergeben wolle. Sie stiegen von ihren Pferden ab und banden ihm +die Fuesse unter dem Bauch seines Tieres zusammen; ihn selbst aber +nahmen sie in die Mitte und trabten, indem einer den Zuegel seines +Pferdes ergriff, schnell mit ihm davon, ohne jedoch ein Wort zu +sprechen. + +Mustapha gab sich einer dumpfen Verzweiflung hin, der Fluch seines +Vaters schien schon jetzt an dem Ungluecklichen in Erfuellung zu gehen, +und wie konnte er hoffen, seine Schwester und Zoraide zu retten, wenn +er, aller Mittel beraubt, nur sein aermliches Leben zu ihrer Befreiung +aufwenden konnte. Mustapha und seine stummen Begleiter mochten wohl +eine Stunde geritten sein, als sie in ein kleines Seitental einbogen. +Das Taelchen war von hohen Baeumen eingefasst; ein weicher dunkelgruener +Rasen, ein Bach, der schnell durch seine Mitte hinrollte, luden zur +Ruhe ein. Wirklich sah er auch fuenfzehn bis zwanzig Zelte dort +aufgeschlagen; an den Pfloecken der Zelte waren Kamele und schoene +Pferde angebunden, aus einem der Zelte hervor toente die lustige Weise +einer Zither und zweier schoener Maennerstimmen. Meinem Bruder schien +es, als ob Leute, die ein so froehliches Lagerplaetzchen sich erwaehlt +hatten, nichts Boeses gegen ihn im Sinne haben koennten, und er folgte +also ohne Bangigkeit dem Ruf seiner Fuehrer, die, als sie seine Bande +geloest hatten, ihm winkten, abzusteigen. Man fuehrte ihn in ein Zelt, +das groesser als die uebrigen und im Innern huebsch, fast zierlich +aufgeputzt war. Praechtige, goldbestickte Polster, gewirkte +Fussteppiche, uebergoldete Rauchpfannen haetten anderswo Reichtum und +Wohlleben verraten; hier schienen sie nur kuehner Raub. Auf einem der +Polster sass ein alter kleiner Mann; sein Gesicht war haesslich, seine +Haut schwarzbraun und glaenzend, und ein widriger Zug von tueckischer +Schlauheit um Augen und Mund machte seinen Anblick verhasst. Obgleich +sich dieser Mann einiges Ansehen zu geben suchte, so merkte doch +Mustapha bald, dass nicht fuer ihn das Zelt so reich geschmueckt sei, +und die Unterredung seiner Fuehrer schien seine Bemerkung zu +bestaetigen. "Wo ist der Starke?" fragten sie den Kleinen. + +"Er ist auf der kleinen Jagd", antwortete jener, "aber er hat mir +aufgetragen, seine Stelle zu versehen." + +"Das hat er nicht gescheit gemacht", entgegnete einer der Raeuber, +"denn es muss sich bald entscheiden, ob dieser Hund sterben oder +zahlen soll, und das weiss der Starke besser als du." + +Der kleine Mann erhob sich im Gefuehl seiner Wuerde, streckte sich lang +aus, um mit der Spitze seiner Hand das Ohr seines Gegners zu +erreichen, denn er schien Lust zu haben, sich durch einen Schlag zu +raechen, als er aber sah, dass seine Bemuehung fruchtlos sei, fing er an +zu schimpfen (und wahrlich! Die anderen blieben ihm nichts schuldig), +dass das Zelt von ihrem Streit erdroehnte. Da tat sich auf einmal die +Tuere des Zeltes auf, und herein trat ein hoher, stattlicher Mann, +jung und schoen wie ein Perserprinz; seine Kleidung und seine Waffen +waren, ausser einem reichbesetzten Dolch und einem glaenzenden Saebel, +gering und einfach; aber sein ernstes Auge, sein ganzer Anstand gebot +Achtung, ohne Furcht einzufloessen. + +"Wer ist's, der es wagt, in meinem Zelte Streit zu beginnen?" rief er +den Erschrockenen zu. Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille; endlich +erzaehlte einer von denen, die Mustapha hergebracht hatten, wie es +gegangen sei. Da schien sich das Gesicht "des Starken", wie sie ihn +nannten, vor Zorn zu roeten. "Wann haette ich dich je an meine Stelle +gesetzt, Hassan?" schrie er mit furchtbarer Stimme dem Kleinen zu. +Dieser zog sich vor Furcht in sich selbst zusammen, dass er noch viel +kleiner aussah als zuvor, und schlich sich der Zelttuere zu. Ein +hinlaenglicher Tritt des Starken machte, dass er in einem grossen +sonderbaren Sprung zur Zelttuere hinausflog. + +Als der Kleine verschwunden war, fuehrten die drei Maenner Mustapha vor +den Herrn des Zeltes, der sich indes auf die Polster gelegt hatte. +"Hier bringen wir den, welchen du uns zu fangen befohlen hast." + +Jener blickte den Gefangenen lange an und sprach sodann: "Bassa von +Sulieika! Dein eigenes Gewissen wird dir sagen, warum du vor Orbasan +stehst." + +Als mein Bruder dies hoerte, warf er sich nieder vor jenem und +antwortete: "O Herr! Du scheinst im Irrtum zu sein. Ich bin ein +armer Ungluecklicher, aber nicht der Bassa, den du suchst!" + +Alle im Zelt waren ueber diese Rede erstaunt. Der Herr des Zeltes +aber sprach: "Es kann dir wenig helfen, dich zu verstellen; denn ich +will die Leute vorfuehren, die dich wohl kennen." Er befahl, Zuleima +vorzufahren. Man brachte ein altes Weib in das Zelt, das auf die +Frage, ob sie in meinem Bruder nicht den Bassa von Sulieika erkenne, +antwortete: "Jawohl!" Und sie schwoere es beim Grab des Propheten, es +sei der Bassa und kein anderer. + +"Siehst du, Erbaermlicher, wie deine List zu Wasser geworden ist!" +begann zuernend der Starke. "Du bist mir zu elend, als dass ich meinen +guten Dolch mit deinem Blut besudeln sollte, aber an den Schweif +meines Rosses will ich dich binden, morgen, wenn die Sonne aufgeht, +und durch die Waelder mit dir jagen, bis sie scheidet hinter die Huegel +von Sulieika!" + +Da sank meinem armen Bruder der Mut. "Das ist der Fluch meines +harten Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt", rief er +weinend, "und auch du bist verloren, suesse Schwester, auch du, Zoraide!" + +"Deine Verstellung hilft dir nichts", sprach einer der Raeuber, indem +er ihm die Haende auf den Ruecken band, "mach, dass du aus dem Zelte +kommst! Denn der Starke beisst sich in die Lippen und blickt nach +seinem Dolch. Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm!" + +Als die Raeuber gerade meinen Bruder aus dem Zelt fuehren wollten, +begegneten sie drei anderen, die einen Gefangenen vor sich hintrieben. +Sie traten mit ihm ein. "Hier bringen wir den Bassa, wie du uns +befohlen hast", sprachen sie und fuehrten den Gefangenen vor das +Polster des Starken. Als der Gefangene dorthin gefuehrt wurde, hatte +mein Bruder Gelegenheit, ihn zu betrachten, und ihm selbst fiel die +Aehnlichkeit auf, die dieser Mann mit ihm hatte, nur war er dunkler im +Gesicht und hatte einen schwaerzeren Bart. + +Der Starke schien sehr erstaunt ueber die Erscheinung des zweiten +Gefangenen. "Wer von euch ist denn der Rechte?" sprach er, indem er +bald meinen Bruder, bald den anderen Mann ansah. + +"Wenn du den Bassa von Sulieika meinst", antwortete in stolzem Ton +der Gefangene, "der bin ich!" Der Starke sah ihn lange mit seinem +ernsten, furchtbaren Blick an; dann winkte er schweigend, den Bassa +wegzufuehren. + +Als dies geschehen war, ging er auf meinen Bruder zu, zerschnitt +seine Bande mit dem Dolch und winkte ihm, sich zu ihm aufs Polster zu +setzen. "Es tut mir leid, Fremdling", sagte er, "dass ich dich fuer +jenes Ungeheuer hielt; schreibe es aber einer sonderbaren Fuegung des +Himmels zu, die dich gerade in der Stunde, welche dem Untergang jenes +Verruchten geweiht war, in die Haende meiner Brueder fuehrte." Mein +Bruder bat ihn um die einzige Gunst, ihn gleich wieder weiterreisen +zu lassen, weil jeder Aufschub ihm verderblich werden koenne. Der +Starke erkundigte sich nach seinen eiligen Geschaeften, und als ihm +Mustapha alles erzaehlt hatte, ueberredete ihn jener, diese Nacht in +seinem Zelt zu bleiben, er und sein Ross werden der Ruhe beduerfen; den +folgenden Tag aber wolle er ihm einen Weg zeigen, der ihn in +anderthalb Tagen nach Balsora bringe--Mein Bruder schlug ein, wurde +trefflich bewirtet und schlief sanft bis zum Morgen in dem Zelt des +Raeubers. + +Als er aufgewacht war, sah er sich ganz allein im Zelt; vor dem +Vorhang des Zeltes aber hoerte er mehrere Stimmen zusammen sprechen, +die dem Herrn des Zeltes und dem kleinen schwarzbraunen Mann +anzugehoeren schienen. Er lauschte ein wenig und hoerte zu seinem +Schrecken, dass der Kleine dringend den anderen aufforderte, den +Fremden zu toeten, weil er, wenn er freigelassen wuerde, sie alle +verraten koennte. + +Mustapha merkte gleich, dass der Kleine ihm gram sei, weil er die +Ursache war, dass er gestern so uebel behandelt wurde; der Starke +schien sich einige Augenblicke zu besinnen. "Nein", sprach er, "er +ist mein Gastfreund, und das Gastrecht ist mir heilig; auch sieht er +mir nicht aus, als ob er uns verraten wollte." + +Als er so gesprochen, schlug er den Vorhang zurueck und trat ein. +"Friede sei mit dir, Mustapha!" sprach er, "lass uns den Morgentrunk +kosten, und rueste dich dann zum Aufbruch!" Er reichte meinem Bruder +einen Becher Sorbet, und als sie getrunken hatten, zaeumten sie die +Pferde auf, und wahrlich, mit leichterem Herzen, als er gekommen war, +schwang sich Mustapha aufs Pferd. Sie hatten bald die Zelte im +Ruecken und schlugen dann einen breiten Pfad ein, der in den Wald +fuehrte. Der Starke erzaehlte meinem Bruder, dass jener Bassa, den sie +auf der Jagd gefangen haetten, ihnen versprochen habe, sie ungefaehrdet +in seinem Gebiete zu dulden; vor einigen Wochen aber habe er einen +ihrer tapfersten Maenner aufgefangen und nach den schrecklichsten +Martern aufhaengen lassen. Er habe ihm nun lange auflauern lassen, +und heute noch muesse er sterben. Mustapha wagte es nicht, etwas +dagegen einzuwenden; denn er war froh, selbst mit heiler Haut +davongekommen zu sein. + +Am Ausgang des Waldes hielt der Starke sein Pferd an, beschrieb +meinem Bruder den Weg, bot ihm die Hand zum Abschied und sprach: +"Mustapha, du bist auf sonderbare Weise der Gastfreund des Raeubers +Orbasan geworden; ich will dich nicht auffordern, nicht zu verraten, +was du gesehen und gehoert hast. Du hast ungerechterweise Todesangst +ausgestanden, und ich bin dir Verguetung schuldig. Nimm diesen Dolch +als Andenken, und so du Hilfe brauchst, so sende ihn mir zu, und ich +will eilen, dir beizustehen. Diesen Beutel aber kannst du vielleicht +zu deiner Reise brauchen." Mein Bruder dankte ihm fuer seinen Edelmut; +er nahm den Dolch, den Beutel aber schlug er aus. Doch Orbasan +drueckte ihm noch einmal die Hand, liess den Beutel auf die Erde fallen +und sprengte mit Sturmeseile in den Wald. Als Mustapha sah, dass er +ihn doch nicht mehr werde einholen koennen, stieg er ab, um den Beutel +aufzuheben, und erschrak ueber die Groesse von seines Gastfreundes +Grossmut; denn der Beutel enthielt eine Menge Gold. Er dankte Allah +fuer seine Rettung, empfahl ihm den edlen Raeuber in seine Gnade und +zog dann heiteren Mutes weiter auf seinem Wege nach Balsora. + +Lezah schwieg und sah Achmet, den alten Kaufmann, fragend an. "Nein, +wenn es so ist", sprach dieser, "so verbessere ich gern mein Urteil +von Orbasan; denn wahrlich, an deinem Bruder hat er schoen gehandelt." + +"Er hat getan wie ein braver Muselmann", rief Muley; "aber ich hoffe, +du hast deine Geschichte damit nicht geschlossen; denn wie mich +beduenkt, sind wir alle begierig, weiter zu hoeren, wie es deinem +Bruder erging und ob er Fatme, deine Schwester, und die schoene +Zoraide befreit hat." + +"Wenn ich euch nicht damit langweile, erzaehle ich gerne weiter", +entgegnete Lezah, "denn die Geschichte meines Bruders ist allerdings +abenteuerlich und wundervoll." + +Am Mittag des siebenten Tages nach seiner Abreise zog Mustapha in die +Tore von Balsora ein. Sobald er in einer Karawanserei abgestiegen +war, fragte er, wann der Sklavenmarkt, der alljaehrlich hier gehalten +werde, anfange. Aber er erhielt die Schreckensantwort, dass er zwei +Tage zu spaet komme. Man bedauerte seine Verspaetung und erzaehlte ihm, +dass er viel verloren habe; denn noch an dem letzten Tage des Marktes +seien zwei Sklavinnen angekommen, von so hoher Schoenheit, dass sie die +Augen aller Kaeufer auf sich gezogen haetten. Man habe sich ordentlich +um sie gerissen und geschlagen, und sie seien freilich auch zu einem +so hohen Preise verkauft worden, dass ihn nur ihr jetziger Herr nicht +habe scheuen koennen. Er erkundigte sich naeher nach diesen beiden, +und es blieb ihm kein Zweifel, dass es die Ungluecklichen seien, die er +suchte. Auch erfuhr er, dass der Mann, der sie beide gekauft habe, +vierzig Stunden von Balsora wohne und Thiuli-Kos heisse, ein vornehmer, +reicher, aber schon aeltlicher Mann, der frueher Kapudan-Bassa des +Grossherrn gewesen, jetzt aber sich mit seinen gesammelten Reichtuemern +zur Ruhe gesetzt habe. + +Mustapha wollte von Anfang sich gleich wieder zu Pferd setzen, um dem +Thiuli-Kos, der kaum einen Tag Vorsprung haben konnte, nachzueilen. +Als er aber bedachte, dass er als einzelner Mann dem maechtigen +Reisenden doch nichts anhaben noch weniger seine Beute ihm abjagen +konnte, sann er auf einen anderen Plan und hatte ihn auch bald +gefunden. Die Verwechslung mit dem Bassa von Sulieika, die ihm +beinahe so gefaehrlich geworden waere, brachte ihn auf den Gedanken, +unter diesem Namen in das Haus des Thiuli-Kos zu gehen und so einen +Versuch zur Rettung der beiden ungluecklichen Maedchen zu wagen. Er +mietete daher einige Diener und Pferde, wobei ihm Orbasans Geld +trefflich zustatten kam, schaffte sich und seinen Dienern praechtige +Kleider an und machte sich auf den Weg nach dem Schlosse Thiulis. +Nach fuenf Tagen war er in die Naehe dieses Schlosses gekommen. Es lag +in einer schoenen Ebene und war rings von hohen Mauern umschlossen, +die nur ganz wenig von den Gebaeuden ueberragt wurden. Als Mustapha +dort angekommen war, faerbte er Haar und Bart schwarz, sein Gesicht +aber bestrich er mit dem Saft einer Pflanze, die ihm eine braeunliche +Farbe gab, ganz wie sie jener Bassa gehabt hatte. Er schickte +hierauf einen seiner Diener in das Schloss und liess im Namen des Bassa +von Sulieika um ein Nachtlager bitten. Der Diener kam bald wieder, +und mit ihm vier schoengekleidete Sklaven, die Mustaphas Pferd am +Zuegel nahmen und in den Schlosshof fuehrten. Dort halfen sie ihm +selbst vom Pferd, und vier andere geleiteten ihn eine breite +Marmortreppe hinauf zu Thiuli. + +Dieser, ein alter, lustiger Geselle, empfing meinen Bruder +ehrerbietig und liess ihm das Beste, was sein Koch zubereiten konnte, +aufsetzen. Nach Tisch brachte Mustapha das Gespraech nach und nach +auf die neuen Sklavinnen, und Thiuli ruehmte ihre Schoenheit und +beklagte nur, dass sie immer so traurig seien; doch er glaubte, dieses +wuerde sich bald geben. Mein Bruder war sehr vergnuegt ueber diesen +Empfang und legte sich mit den schoensten Hoffnungen zur Ruhe nieder. + +Er mochte ungefaehr eine Stunde geschlafen haben, da weckte ihn der +Schein einer Lampe, der blendend auf sein Auge fiel. Als er sich +aufrichtete, glaubte er noch zu traeumen; denn vor ihm stand jener +kleine, schwarzbraune Kerl aus Orbasans Zelt, eine Lampe in der Hand, +sein breites Maul zu einem widrigen Laecheln verzogen. Mustapha +zwickte sich in den Arm, zupfte sich an der Nase, um sich zu +ueberzeugen, ob er denn wache; aber die Erscheinung blieb wie zuvor. +"Was willst du an meinem Bette?" rief Mustapha, als er sich von +seinem Erstaunen erholt hatte. + +"Bemuehet Euch doch nicht so, Herr!" sprach der Kleine. "Ich habe +wohl erraten, weswegen Ihr hierherkommt. Auch war mir Euer wertes +Gesicht noch wohl erinnerlich; doch wahrlich, wenn ich nicht den +Bassa mit eigener Hand haette erhaengen helfen, so haettet Ihr mich +vielleicht getaeuscht. Jetzt aber bin ich da, um eine Frage zu machen." + +"Vor allem sage, wie du hierherkommst", entgegnete ihm Mustapha voll +Wut, dass er verraten war. + +"Das will ich Euch sagen", antwortete jener, "ich konnte mich mit dem +Starken nicht laenger vertragen, deswegen floh ich; aber du, Mustapha, +warst eigentlich die Ursache unseres Streites, und dafuer musst du mir +deine Schwester zur Frau geben, und ich will Euch zur Flucht +behilflich sein; gibst du sie nicht, so gehe ich zu meinem neuen +Herrn und erzaehle ihm etwas von dem neuen Bassa." + +Mustapha war vor Schrecken und Wut ausser sich; jetzt, wo er sich am +sicheren Ziel seiner Wuensche glaubte, sollte dieser Elende kommen und +sie vereiteln; es war nur ein Mittel, das seinen Plan retten konnte: +Er musste das kleine Ungetuem toeten. Mit einem Sprung fuhr er daher +aus dem Bette auf den Kleinen zu; doch dieser, der etwas Solches +geahnt haben mochte, liess die Lampe fallen, dass sie verloeschte, und +entsprang im Dunkeln, indem er moerderisch um Hilfe schrie. + +Jetzt war guter Rat teuer; die Maedchen musste er fuer den Augenblick +aufgeben und nur auf die eigene Rettung denken; daher ging er an das +Fenster, um zu sehen, ob er nicht entspringen koennte. Es war eine +ziemliche Tiefe bis zum Boden, und auf der anderen Seite stand eine +hohe Mauer, die zu uebersteigen war. Sinnend stand er an dem Fenster; +da hoerte er viele Stimmen sich seinem Zimmer naehern; schon waren sie +an der Tuere; da fasste er verzweiflungsvoll seinen Dolch und seine +Kleider und schwang sich zum Fenster hinaus. Der Fall war hart; aber +er fuehlte, dass er kein Glied gebrochen hatte; drum sprang er auf und +lief der Mauer zu, die den Hof umschloss, stieg, zum Erstaunen seiner +Verfolger, hinauf und befand sich bald im Freien. Er floh, bis er an +einen kleinen Wald kam, wo er sich erschoepft niederwarf. Hier +ueberlegte er, was zu tun sei. + +Seine Pferde und seine Diener hatte er im Stiche lassen muessen; aber +sein Geld, das er in dem Guertel trug, hatte er gerettet. + +Sein erfinderischer Kopf zeigte ihm bald einen anderen Weg zur +Rettung. Er ging in dem Wald weiter, bis er an ein Dorf kam, wo er +um geringen Preis ein Pferd kaufte, das ihn in Baelde in eine Stadt +trug. Dort forschte er nach einem Arzt, und man riet ihm einen alten, +erfahrenen Mann. Diesen bewog er durch einige Goldstuecke, dass er +ihm eine Arznei mitteilte, die einen todaehnlichen Schlaf herbeifuehrte, +der durch ein anderes Mittel augenblicklich wieder gehoben werden +koennte. Als er im Besitz dieses Mittels war, kaufte er sich einen +langen falschen Bart, einen schwarzen Talar und allerlei Buechsen und +Kolben, so dass er fueglich einen reisenden Arzt vorstellen konnte, lud +seine Sachen auf einen Esel und reiste in das Schloss des Thiuli-Kos +zurueck. Er durfte gewiss sein, diesmal nicht erkannt zu werden, denn +der Bart entstellte ihn so, dass er sich selbst kaum mehr kannte. Bei +Thiuli angekommen, liess er sich als den Arzt Chakamankabudibaba +anmelden, und, wie er es gedacht hatte, geschah es; der prachtvolle +Namen empfahl ihn bei dem alten Narren ungemein, so dass er ihn gleich +zur Tafel einlud. + +Chakamankabudibaba erschien vor Thiuli, und als sie sich kaum eine +Stunde besprochen hatten, beschloss der Alte, alle seine Sklavinnen +der Kur des weisen Arztes zu unterwerfen. Dieser konnte seine Freude +kaum verbergen, dass er jetzt seine geliebte Schwester wiedersehen +solle, und folgte mit klopfendem Herzen Thiuli, der ihn ins Serail +fuehrte. Sie waren in ein Zimmer gekommen, das schoen ausgeschmueckt +war, worin sich aber niemand befand. "Chambaba oder wie du heisst, +lieber Arzt", sprach Thiuli-Kos, "betrachte einmal jenes Loch dort in +der Mauer, dort wird jede meiner Sklavinnen einen Arm herausstrecken, +und du kannst dann untersuchen, ob der Puls krank oder gesund ist." +Mustapha mochte einwenden, was er wollte, zu sehen bekam er sie nicht; +doch willigte Thiuli ein, dass er ihm allemal sagen wolle, wie sie +sich sonst gewoehnlich befaenden. Thiuli zog nun einen langen Zettel +aus dem Guertel und begann mit lauter Stimme seine Sklavinnen einzeln +beim Namen zu rufen, worauf allemal eine Hand aus der Mauer kam und +der Arzt den Puls untersuchte. Sechs waren schon abgelesen und +saemtlich fuer gesund erklaert; da las Thiuli als die siebente "Fatme" +ab, und eine kleine weisse Hand schluepfte aus der Mauer. Zitternd vor +Freude, ergreift Mustapha diese Hand und erklaert sie mit wichtiger +Miene fuer bedeutend krank. Thiuli ward sehr besorgt und befahl +seinem weisen Chakamankabudibaba, schnell eine Arznei fuer sie zu +bereiten. Der Arzt ging hinaus, schrieb auf einen kleinen Zettel: +Fatme! Ich will Dich retten, wenn Du Dich entschliessen kannst, eine +Arznei zu nehmen, die Dich auf zwei Tage tot macht; doch ich besitze +das Mittel, Dich wieder zum Leben zu bringen. Willst Du, so sage nur, +dieser Trank habe nicht geholfen, und es soll mir ein Zeichen sein, +dass Du einwilligst. + +Bald kam er in das Zimmer zurueck, wo Thiuli seiner harrte. Er +brachte ein unschaedliches Traenklein mit, fuehlte der kranken Fatme +noch einmal den Puls und schob ihr zugleich den Zettel unter ihr +Armband; das Traenklein aber reichte er ihr durch die Oeffnung in der +Mauer. Thiuli schien in grossen Sorgen wegen Fatme zu sein und schob +die Untersuchung der uebrigen bis auf eine gelegenere Zeit auf. Als +er mit Mustapha das Zimmer verlassen hatte, sprach er in traurigem +Ton: "Chadibaba, sage aufrichtig, was haeltst du von Fatmes Krankheit?" + +Chakamankabudibaba antwortete mit einem tiefen Seufzer: "Ach Herr, +moege der Prophet dir Trost verleihen! Sie hat ein schleichendes +Fieber, das ihr wohl den Garaus machen kann." Da entbrannte der Zorn +Thiulis: "Was sagst du, verfluchter Hund von einem Arzt? Sie, um die +ich zweitausend Goldstuecke gab, soll mir sterben wie eine Kuh? Wisse, +wenn du sie nicht rettest, so hau' ich dir den Kopf ab!" Da merkte +mein Bruder, dass er einen dummen Streich gemacht habe, und gab Thiuli +wieder Hoffnung. Als sie noch so sprachen, kam ein schwarzer Sklave +aus dem Serail, dem Arzt zu sagen, dass das Traenklein nicht geholfen +habe. "Biete deine ganze Kunst auf, Chakamdababelba, oder wie du +dich schreibst, ich zahle dir, was du willst", schrie Thiuli-Kos, +fast heulend vor Angst, so viel Gold zu verlieren. + +"Ich will ihr ein Saeftlein geben, das sie von aller Not befreit", +antwortete der Arzt. + +"Ja! Ja! Gib ihr ein Saeftlein", schluchzte der alte Thiuli. + +Frohen Mutes ging Mustapha, seinen Schlaftrunk zu holen, und als er +ihn dem schwarzen Sklaven gegeben und gezeigt hatte, wieviel man auf +einmal nehmen muesse, ging er zu Thiuli und sagte, er muesse noch +einige heilsame Kraeuter am See holen, und eilte zum Tor hinaus. An +dem See, der nicht weit von dem Schloss entfernt war, zog er seine +falschen Kleider aus und warf sie ins Wasser, dass sie lustig +umherschwammen; er selbst aber verbarg sich im Gestraeuch, wartete die +Nacht ab und schlich sich dann in den Begraebnisplatz an dem Schlosse +Thiulis. + +Als Mustapha kaum eine Stunde lang aus dem Schloss abwesend sein +mochte, brachte man Thiuli die schreckliche Nachricht, dass seine +Sklavin Fatme im Sterben liege. Er schickte hinaus an den See, um +schnell den Arzt zu holen; aber bald kehrten seine Boten allein +zurueck und erzaehlten ihm, dass der arme Arzt ins Wasser gefallen und +ertrunken sei; seinen schwarzen Talar sehe man im See schwimmen, und +hier und da gucke auch sein stattlicher Bart aus den Wellen hervor. +Als Thiuli keine Rettung mehr sah, verwuenschte er sich und die ganze +Welt, raufte sich den Bart aus und rannte mit dem Kopf gegen die +Mauer. Aber alles dies konnte nichts helfen; denn Fatme gab bald +unter den Haenden der uebrigen Weiber den Geist auf. Als Thiuli die +Nachricht ihres Todes hoerte, befahl er, schnell einen Sarg zu machen; +denn er konnte keinen Toten im Hause leiden und liess den Leichnam in +das Begraebnishaus tragen. Die Traeger brachten den Sarg dorthin, +setzten ihn schnell nieder und entflohen, denn sie hatten unter den +uebrigen Saergen Stoehnen und Seufzen gehoert. + +Mustapha, der sich hinter den Saergen verborgen und von dort aus die +Traeger des Sarges in die Flucht gejagt hatte, kam hervor und zuendete +sich eine Lampe an, die er zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Dann +zog er ein Glas hervor, das die erweckende Arznei enthielt, und hob +dann den Deckel von Fatmes Sarg. Aber welches Entsetzen befiel ihn, +als sich ihm beim Scheine der Lampe ganz fremde Zuege zeigten! Weder +meine Schwester noch Zoraide, sondern eine ganz andere lag in dem +Sarg. Er brauchte lange, um sich von dem neuen Schlag des Schicksals +zu fassen; endlich ueberwog doch Mitleid seinen Zorn. Er oeffnete sein +Glas und floesste ihr die Arznei ein. Sie atmete, sie schlug die Augen +auf und schien sich lange zu besinnen, wo sie sei. Endlich erinnerte +sie sich des Vorgefallenen; sie stand auf aus dem Sarg und stuerzte zu +Mustaphas Fuessen. "Wie kann ich dir danken, guetiges Wesen", rief sie +aus, "dass du mich aus meiner schrecklichen Gefangenschaft befreitest!" +Mustapha unterbrach ihre Danksagungen mit der Frage, wie es denn +geschehen sei, dass sie und nicht Fatme, seine Schwester, gerettet +worden sei? Jene sah ihn staunend an. "Jetzt wird mir meine Rettung +erst klar, die mir vorher unbegreiflich war", antwortete sie; "wisse, +man hiess mich in jenem Schloss Fatme, und mir hast du deinen Zettel +und den Rettungstrank gegeben." Mein Bruder forderte die Gerettete +auf, ihm von seiner Schwester und Zoraide Nachricht zu geben, und +erfuhr, dass sie sich beide im Schloss befanden, aber nach der +Gewohnheit Thiulis andere Namen bekommen hatten; sie hiessen jetzt +Mirza und Nurmahal." + +Als Fatme, die gerettete Sklavin, sah, dass mein Bruder durch diesen +Fehlgriff so niedergeschlagen sei, sprach sie ihm Mut ein und +versprach, ihm ein Mittel zu sagen, wie er jene beiden Maedchen +dennoch retten koenne. Aufgeweckt durch diesen Gedanken, schoepfte +Mustapha von neuem Hoffnung und bat sie, dieses Mittel ihm zu nennen, +und sie sprach: + +"Ich bin zwar erst seit fuenf Monaten die Sklavin Thiulis, doch habe +ich gleich von Anfang auf Rettung gesonnen; aber fuer mich allein war +sie zu schwer. In dem inneren Hof des Schlosses wirst du einen +Brunnen bemerkt haben, der aus zehn Roehren Wasser speit; dieser +Brunnen fiel mir auf. Ich erinnerte mich, in dem Hause meines Vaters +einen aehnlichen gesehen zu haben, dessen Wasser durch eine geraeumige +Wasserleitung herbeistroemt; um nun zu erfahren, ob dieser Brunnen +auch so gebaut ist, ruehmte ich eines Tages vor Thiuli seine Pracht +und fragte nach seinem Baumeister. *Ich selbst habe ihn gebaut*, +antwortete er, *und das, was du hier siehst, ist noch das Geringste; +aber das Wasser dazu kommt wenigstens tausend Schritte weit von einem +Bach her und geht durch eine gewoelbte Wasserleitung, die wenigstens +mannshoch ist; und alles dies habe ich selbst angegeben.* Als ich +dies gehoert hatte, wuenschte ich mir oft, nur auf einen Augenblick die +Staerke eines Mannes zu haben, um einen Stein an der Seite des +Brunnens ausheben zu koennen; dann koennte ich fliehen, wohin ich +wollte. Die Wasserleitung nun will ich dir zeigen; durch sie kannst +du nachts in das Schloss gelangen und jene befreien. Aber du musst +wenigstens noch zwei Maenner bei dir haben, um die Sklaven, die das +Serail bei Nacht bewachen, zu ueberwaeltigen." + +So sprach sie; mein Bruder Mustapha aber, obgleich schon zweimal in +seinen Hoffnungen getaeuscht, fasste noch einmal Mut und hoffte mit +Allahs Hilfe den Plan der Sklavin auszufuehren. Er versprach ihr, fuer +ihr weiteres Fortkommen in ihre Heimat zu sorgen, wenn sie ihm +behilflich sein wollte, ins Schloss zu gelangen. Aber ein Gedanke +machte ihm noch Sorge, naemlich der, woher er zwei oder drei treue +Gehilfen bekommen koennte. Da fiel ihm Orbasans Dolch ein und das +Versprechen, das ihm jener gegeben hatte, ihm, wo er seiner beduerfe, +zu Hilfe zu eilen, und er machte sich daher mit Fatme aus dem +Begraebnis auf, um den Raeuber aufzusuchen. + +In der naemlichen Stadt, wo er sich zum Arzt umgewandelt hatte, kaufte +er um sein letztes Geld ein Ross und mietete Fatme bei einer armen +Frau in der Vorstadt ein. Er selbst aber eilte dem Gebirge zu, wo er +Orbasan zum erstenmal getroffen hatte, und gelangte in drei Tagen +dahin. Er fand bald wieder jene Zelte und trat unverhofft vor +Orbasan, der ihn freundlich bewillkommnete. Er erzaehlte ihm seine +misslungenen Versuche, wobei sich der ernsthafte Orbasan nicht +enthalten konnte, hier und da ein wenig zu lachen, besonders, wenn er +sich den Arzt Chakamankabudibaba dachte. Ueber die Verraeterei des +Kleinen aber war er wuetend; er schwur, ihn mit eigener Hand +aufzuhaengen, wo er ihn finde. Meinem Bruder aber versprach er, +sogleich zur Hilfe bereit zu sein, wenn er sich vorher von der Reise +gestaerkt haben wuerde. Mustapha blieb daher diese Nacht wieder in +Orbasans Zelt; mit dem ersten Fruehrot aber brachen sie auf, und +Orbasan nahm drei seiner tapfersten Maenner, wohl beritten und +bewaffnet, mit sich. Sie ritten stark zu und kamen nach zwei Tagen +in die kleine Stadt, wo Mustapha die gerettete Fatme zurueckgelassen +hatte. Von da aus reisten sie mit dieser weiter bis zu dem kleinen +Wald, von wo aus man das Schloss Thiulis in geringer Entfernung sehen +konnte; dort lagerten sie sich, um die Nacht abzuwarten. + +Sobald es dunkel wurde, schlichen sie sich, von Fatme gefuehrt, an den +Bach, wo die Wasserleitung anfing, und fanden diese bald. Dort +liessen sie Fatme und einen Diener mit den Rossen zurueck und schickten +sich an, hinabzusteigen; ehe sie aber hinabstiegen, wiederholte ihnen +Fatme noch einmal alles genau, naemlich: dass sie durch den Brunnen in +den inneren Schlosshof kaemen, dort seien rechts und links in der Ecke +zwei Tuerme, in der sechsten Tuere, vom Turme rechts gerechnet, +befaenden sich Fatme und Zoraide, bewacht von zwei schwarzen Sklaven. +Mit Waffen und Brecheisen wohl versehen, stiegen Mustapha, Orbasan +und zwei andere Maenner hinab in die Wasserleitung; sie sanken zwar +bis an den Guertel ins Wasser; aber nichtsdestoweniger gingen sie +ruestig vorwaerts. Nach einer halben Stunde kamen sie an den Brunnen +selbst und setzten sogleich ihre Brecheisen an. Die Mauer war dick +und fest; aber den vereinten Kraeften der vier Maenner konnte sie nicht +lange widerstehen; bald hatten sie eine Oeffnung eingebrochen, gross +genug, um bequem durchschluepfen zu koennen. Orbasan schluepfte zuerst +durch und half den anderen nach. Als sie alle im Hof waren, +betrachteten sie die Seite des Schlosses, die vor ihnen lag, um die +beschriebene Tuere zu erforschen. Aber sie waren nicht einig, welche +es sei; denn als sie von dem rechten Turm zum linken zaehlten, fanden +sie eine Tuere, die zugemauert war, und wussten nun nicht, ob Fatme +diese uebersprungen oder mitgezaehlt habe. Aber Orbasan besann sich +nicht lange. "Mein gutes Schwert wird mir jede Tuer oeffnen", rief er +aus, ging auf die sechste Tuere zu, und die anderen folgten ihm. + +Sie oeffneten die Tuere und fanden sechs schwarze Sklaven auf dem Boden +liegend und schlafend; sie wollten schon wieder leise sich +zurueckziehen, weil sie sahen, dass sie die rechte Tuere verfehlt hatten, +als eine Gestalt in der Ecke sich aufrichtete und mit wohlbekannter +Stimme um Hilfe rief. Es war der Kleine aus Orbasans Lager. Aber +ehe noch die Schwarzen recht wussten, wie ihnen geschah, stuerzte +Orbasan auf den Kleinen zu, riss seinen Guertel entzwei, verstopfte ihm +den Mund und band ihm die Haende auf den Ruecken; dann wandte er sich +an die Sklaven, wovon schon einige von Mustapha und den zwei anderen +halb gebunden waren, und half sie vollends ueberwaeltigen. Man setzte +den Sklaven den Dolch auf die Brust und fragte sie, wo Nurmahal und +Nuerza waeren, und sie gestanden, dass sie im Gemach nebenan seien. +Mustapha stuerzte in das Gemach und fand Fatme und Zoraide, die der +Laerm erweckt hatte. Schnell rafften diese ihren Schmuck und ihre +Kleider zusammen und folgten Mustapha; die beiden Raeuber schlugen +indes Orbasan vor, zu pluendern, was man faende; doch dieser verbot es +ihnen und sprach: "Man soll nicht von Orbasan sagen koennen, dass er +nachts in die Haeuser steige, um Gold zu stehlen!" Mustapha und die +Geretteten schluepften schnell in die Wasserleitung, wohin ihnen +Orbasan sogleich zu folgen versprach. Als jene in die Wasserleitung +hinabgestiegen waren, nahmen Orbasan und einer der Raeuber den Kleinen +und fuehrten ihn hinaus in den Hof; dort banden sie ihm eine seidene +Schnur, die sie deshalb mitgenommen hatten, um den Hals und hingen +ihn an der hoechsten Spitze des Brunnens auf. Nachdem sie so den +Verrat des Elenden bestraft hatten, stiegen sie selbst hinab in die +Wasserleitung und folgten Mustapha. Mit Traenen dankten die beiden +ihrem edelmuetigen Retter Orbasan; doch dieser trieb sie eilends zur +Flucht an, denn es war sehr wahrscheinlich, dass sie Thiuli-Kos nach +allen Seiten verfolgen liess. Mit tiefer Ruehrung trennten sich am +anderen Tag Mustapha und seine Geretteten von Orbasan; wahrlich, sie +werden ihn nie vergessen. Fatme aber, die befreite Sklavin, ging +verkleidet nach Balsora, um sich dort in ihre Heimat einzuschiffen. + +Nach einer kurzen und vergnuegten Reise kamen die Meinigen in die +Heimat. Meinen alten Vater toetete beinahe die Freude des +Wiedersehens; den anderen Tag nach ihrer Ankunft veranstaltete er ein +grosses Fest, an welchem die ganze Stadt teilnahm. Vor einer grossen +Versammlung von Verwandten und Freunden musste mein Bruder seine +Geschichte erzaehlen, und einstimmig priesen sie ihn und den edlen +Raeuber. + +Als aber mein Bruder geschlossen hatte, stand mein Vater auf und +fuehrte Zoraide ihm zu. "So loese ich denn", sprach er mit feierlicher +Stimme, "den Fluch von deinem Haupte; nimm diese hin als die +Belohnung, die du dir durch deinen rastlosen Eifer erkaempft hast; +nimm meinen vaeterlichen Segen, und moege es nie unserer Stadt an +Maennern fehlen, die an bruederlicher Liebe, an Klugheit und Eifer dir +gleichen!" + +Die Karawane hatte das Ende der Wueste erreicht, und froehlich +begruessten die Reisenden die gruenen Matten und die dichtbelaubten +Baeume, deren lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In +einem schoenen Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager +waehlten, und obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, +so war doch die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je; +denn der Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise +durch die Wueste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen +geoeffnet und die Gemueter zu Scherz und Kurzweil gestimmt. Muley, der +junge lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder +dazu, die selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Laecheln entlockten. +Aber nicht genug, dass er seine Gefaehrten durch Tanz und Spiel +erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, +die er ihnen versprochen hatte, und hub, als er von seinen +Luftspruengen sich erholt hatte, also zu erzaehlen an: Die Geschichte +von dem kleinen Muck. + + + + +Die Geschichte von dem kleinen Muck + +Wilhelm Hauff + + +In Nicea, meiner lieben Vaterstadt, wohnte ein Mann, den man den +kleinen Muck hiess. Ich kann mir ihn, ob ich gleich damals noch sehr +jung war, noch recht wohl denken, besonders weil ich einmal von +meinem Vater wegen seiner halbtot gepruegelt wurde. Der kleine Muck +naemlich war schon ein alter Geselle, als ich ihn kannte; doch war er +nur drei bis vier Schuh hoch, dabei hatte er eine sonderbare Gestalt, +denn sein Leib, so klein und zierlich er war, musste einen Kopf tragen, +viel groesser und dicker als der Kopf anderer Leute; er wohnte ganz +allein in einem grossen Haus und kochte sich sogar selbst, auch haette +man in der Stadt nicht gewusst, ob er lebe oder gestorben sei, denn er +ging nur alle vier Wochen einmal aus, wenn nicht um die Mittagsstunde +ein maechtiger Dampf aus dem Hause aufgestiegen waere, doch sah man ihn +oft abends auf seinem Dache auf und ab gehen, von der Strasse aus +glaubte man aber, nur sein grosser Kopf allein laufe auf dem Dache +umher. Ich und meine Kameraden waren boese Buben, die jedermann gerne +neckten und belachten, daher war es uns allemal ein Festtag, wenn der +kleine Muck ausging; wir versammelten uns an dem bestimmten Tage vor +seinem Haus und warteten, bis er herauskam; wenn dann die Tuere +aufging und zuerst der grosse Kopf mit dem noch groesseren Turban +herausguckte, wenn das uebrige Koerperlein nachfolgte, angetan mit +einem abgeschabten Maentelein, weiten Beinkleidern und einem breiten +Guertel, an welchem ein langer Dolch hing, so lang, dass man nicht +wusste, ob Muck an dem Dolch, oder der Dolch an Muck stak, wenn er so +heraustrat, da ertoente die Luft von unserem Freudengeschrei, wir +warfen unsere Muetzen in die Hoehe und tanzten wie toll um ihn her. +Der kleine Muck aber gruesste uns mit ernsthaftem Kopfnicken und ging +mit langsamen Schritten die Strasse hinab. Wir Knaben liefen hinter +ihm her und schrien immer: "Kleiner Muck, kleiner Muck!" Auch hatten +wir ein lustiges Verslein, das wir ihm zu Ehren hier und da sangen; +es hiess: + +"Kleiner Muck, kleiner Muck, +Wohnst in einem grossen Haus, +Gehst nur all vier Wochen aus, +Bist ein braver, kleiner Zwerg, +Hast ein Koepflein wie ein Berg, +Schau dich einmal um und guck, +Lauf und fang uns, kleiner Muck!" + +So hatten wir schon oft unsere Kurzweil getrieben, und zu meiner +Schande muss ich es gestehen, ich trieb's am aergsten; denn ich zupfte +ihn oft am Maentelein, und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die +grossen Pantoffeln, dass er hinfiel. Dies kam mir nun hoechst +laecherlich vor, aber das Lachen verging mir, als ich den kleinen Muck +auf meines Vaters Haus zugehen sah. Er ging richtig hinein und blieb +einige Zeit dort. Ich versteckte mich an der Haustuere und sah den +Muck wieder herauskommen, von meinem Vater begleitet, der ihn +ehrerbietig an der Hand hielt und an der Tuere unter vielen Buecklingen +sich von ihm verabschiedete. Mir war gar nicht wohl zumute; ich +blieb daher lange in meinem Versteck; endlich aber trieb mich der +Hunger, den ich aerger fuerchtete als Schlaege, heraus, und demuetig und +mit gesenktem Kopf trat ich vor meinen Vater. "Du hast, wie ich hoere, +den guten Muck beschimpft?" sprach er in sehr ernstem Tone. "Ich +will dir die Geschichte dieses Muck erzaehlen, und du wirst ihn gewiss +nicht mehr auslachen; vor- und nachher aber bekommst du das +Gewoehnliche." Das Gewoehnliche aber waren fuenfundzwanzig Hiebe, die er +nur allzu richtig aufzuzaehlen pflegte. Er nahm daher sein langes +Pfeifenrohr, schraubte die Bernsteinmundspitze ab und bearbeitete +mich aerger als je zuvor. + +Als die Fuenfundzwanzig voll waren, befahl er mir, aufzumerken, und +erzaehlte mir von dem kleinen Muck: + +Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Muckrah heisst, war ein +angesehener, aber armer Mann hier in Nicea. Er lebte beinahe so +einsiedlerisch wie jetzt sein Sohn. Diesen konnte er nicht wohl +leiden, weil er sich seiner Zwerggestalt schaemte, und liess ihn daher +auch in Unwissenheit aufwachsen. Der kleine Muck war noch in seinem +sechzehnten Jahr ein lustiges Kind, und der Vater, ein ernster Mann, +tadelte ihn immer, dass er, der schon laengst die Kinderschuhe +zertreten haben sollte, noch so dumm und laeppisch sei. + +Der Alte tat aber einmal einen boesen Fall, an welchem er auch starb +und den kleinen Muck arm und unwissend zurueckliess. Die harten +Verwandten, denen der Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen +konnte, jagten den armen Kleinen aus dem Hause und rieten ihm, in die +Welt hinauszugehen und sein Glueck zu suchen. Der kleine Muck +antwortete, er sei schon reisefertig, bat sich aber nur noch den +Anzug seines Vaters aus, und dieser wurde ihm auch bewilligt. Sein +Vater war ein grosser, starker Mann gewesen, daher passten die Kleider +nicht. Muck aber wusste bald Rat; er schnitt ab, was zu lang war, und +zog dann die Kleider an. Er schien aber vergessen zu haben, dass er +auch in der Weite davon schneiden muesse, daher sein sonderbarer +Aufzug, wie er noch heute zu sehen ist; der grosse Turban, der breite +Guertel, die weiten Hosen, das blaue Maentelein, alles dies sind +Erbstuecke seines Vaters, die er seitdem getragen; den langen +Damaszenerdolch seines Vaters aber steckte er in den Guertel, ergriff +ein Stoecklein und wanderte zum Tor hinaus. + +Froehlich wanderte er den ganzen Tag; denn er war ja ausgezogen, um +sein Glueck zu suchen; wenn er eine Scherbe auf der Erde im +Sonnenschein glaenzen sah, so steckte er sie gewiss zu sich, im Glauben, +dass sie sich in den schoensten Diamanten verwandeln werde; sah er in +der Ferne die Kuppel einer Moschee wie Feuer strahlen, sah er einen +See wie einen Spiegel blinken, so eilte er voll Freude darauf zu; +denn er dachte, in einem Zauberland angekommen zu sein. Aber ach! +Jene Trugbilder verschwanden in der Naehe, und nur allzubald +erinnerten ihn seine Muedigkeit und sein vor Hunger knurrender Magen, +dass er noch im Lande der Sterblichen sich befinde. So war er zwei +Tage gereist unter Hunger und Kummer und verzweifelte, sein Glueck zu +finden; die Fruechte des Feldes waren seine einzige Nahrung, die harte +Erde sein Nachtlager. Am Morgen des dritten Tages erblickte er von +einer Anhoehe eine grosse Stadt. + +Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen +schimmerten auf den Daechern und schienen den kleinen Muck zu sich +herzuwinken. Ueberrascht stand er stille und betrachtete Stadt und +Gegend. "Ja, dort wird Klein-Muck sein Glueck finden", sprach er zu +sich und machte trotz seiner Muedigkeit einen Luftsprung, "dort oder +nirgends." Er raffte alle seine Kraefte zusammen und schritt auf die +Stadt zu. Aber obgleich sie ganz nahe schien, konnte er sie doch +erst gegen Mittag erreichen; denn seine kleinen Glieder versagten ihm +beinahe gaenzlich ihren Dienst, und er musste sich oft in den Schatten +einer Palme setzen, um auszuruhen. Endlich war er an dem Tor der +Stadt angelangt. Er legte sein Maentelein zurecht, band den Turban +schoener um, zog den Guertel noch breiter an und steckte den langen +Dolch schiefer; dann wischte er den Staub von den Schuhen, ergriff +sein Stoecklein und ging mutig zum Tor hinein. + +Er hatte schon einige Strassen durchwandert; aber nirgends oeffnete +sich ihm die Tuere, nirgends rief man, wie er sich vorgestellt hatte: +"Kleiner Muck, komm herein und iss und trink und lass deine Fuesslein +ausruhen!" + +Er schaute gerade auch wieder recht sehnsuechtig an einem grossen, +schoenen Haus hinauf; da oeffnete sich ein Fenster, eine alte Frau +schaute heraus und rief mit singender Stimme: + +"Herbei, herbei! +Gekocht ist der Brei, +Den Tisch liess ich decken, +Drum lasst es euch schmecken; +Ihr Nachbarn herbei, +Gekocht ist der Brei." + +Die Tuere des Hauses oeffnete sich, und Muck sah viele Hunde und Katzen +hineingehen. Er stand einige Augenblicke in Zweifel, ob er der +Einladung folgen sollte; endlich aber fasste er sich ein Herz und ging +in das Haus. Vor ihm her gingen ein paar junge Kaetzlein, und er +beschloss, ihnen zu folgen, weil sie vielleicht die Kueche besser +wuessten als er. + +Als Muck die Treppe hinaufgestiegen war, begegnete er jener alten +Frau, die zum Fenster herausgeschaut hatte. Sie sah ihn muerrisch an +und fragte nach seinem Begehr. "Du hast ja jedermann zu deinem Brei +eingeladen", antwortete der kleine Muck, "und weil ich so gar hungrig +bin, bin ich auch gekommen." + +Die Alte lachte und sprach: "Woher kommst du denn, wunderlicher +Gesell? Die ganze Stadt weiss, dass ich fuer niemand koche als fuer +meine lieben Katzen, und hier und da lade ich ihnen Gesellschaft aus +der Nachbarschaft ein, wie du siehst." + +Der kleine Muck erzaehlte der alten Frau, wie es ihm nach seines +Vaters Tod so hart ergangen sei, und bat sie, ihn heute mit ihren +Katzen speisen zu lassen. Die Frau, welcher die treuherzige +Erzaehlung des Kleinen wohl gefiel, erlaubte ihm, ihr Gast zu sein, +und gab ihm reichlich zu essen und zu trinken. Als er gesaettigt und +gestaerkt war, betrachtete ihn die Frau lange und sagte dann: "Kleiner +Muck, bleibe bei mir in meinem Dienste! Du hast geringe Muehe und +sollst gut gehalten sein." + +Der kleine Muck, dem der Katzenbrei geschmeckt hatte, willigte ein +und wurde also der Bedienstete der Frau Ahavzi. Er hatte einen +leichten, aber sonderbaren Dienst. Frau Ahavzi hatte naemlich zwei +Kater und vier Katzen, diesen musste der kleine Muck alle Morgen den +Pelz kaemmen und mit koestlichen Salben einreiben; wenn die Frau +ausging, musste er auf die Katzen Achtung geben, wenn sie assen, musste +er ihnen die Schuesseln vorlegen, und nachts musste er sie auf seidene +Polster legen und sie mit samtenen Decken einhuellen. Auch waren noch +einige kleine Hunde im Haus, die er bedienen musste, doch wurden mit +diesen nicht so viele Umstaende gemacht wie mit den Katzen, welche +Frau Ahavzi wie ihre eigenen Kinder hielt. Uebrigens fuehrte Muck +ein so einsames Leben wie in seines Vaters Haus, denn ausser der Frau +sah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen. Eine Zeitlang ging es +dem kleinen Muck ganz gut; er hatte immer zu essen und wenig zu +arbeiten, und die alte Frau schien recht zufrieden mit ihm zu sein, +aber nach und nach wurden die Katzen unartig, wenn die Alte +ausgegangen war, sprangen sie wie besessen in den Zimmern umher, +warfen alles durcheinander und zerbrachen manches schoene Geschirr, +das ihnen im Weg stand. Wenn sie aber die Frau die Treppe +heraufkommen hoerten, verkrochen sie sich auf ihre Polster und +wedelten ihr mit den Schwaenzen entgegen, wie wenn nichts geschehen +waere. Die Frau Ahavzi geriet dann in Zorn, wenn sie ihre Zimmer so +verwuestet sah, und schob alles auf Muck, er mochte seine Unschuld +beteuern, wie er wollte, sie glaubte ihren Katzen, die so unschuldig +aussahen, mehr als ihrem Diener. + +Der kleine Muck war sehr traurig, dass er also auch hier sein Glueck +nicht gefunden hatte, und beschloss bei sich, den Dienst der Frau +Ahavzi zu verlassen. Da er aber auf seiner ersten Reise erfahren +hatte, wie schlecht man ohne Geld lebt, so beschloss er, den Lohn, den +ihm seine Gebieterin immer versprochen, aber nie gegeben hatte, sich +auf irgendeine Art zu verschaffen. Es befand sich in dem Hause der +Frau Ahavzi ein Zimmer, das immer verschlossen war und dessen Inneres +er nie gesehen hatte. Doch hatte er die Frau oft darin rumoren +gehoert, und er haette oft fuer sein Leben gern gewusst, was sie dort +versteckt habe. Als er nun an sein Reisegeld dachte, fiel ihm ein, +dass dort die Schaetze der Frau versteckt sein koennten. Aber immer war +die Tuer fest verschlossen, und er konnte daher den Schaetzen nie +beikommen. + +Eines Morgens, als die Frau Ahavzi ausgegangen war, zupfte ihn eines +der Hundlein, welches von der Frau immer sehr stiefmuetterlich +behandelt wurde, dessen Gunst er sich aber durch allerlei +Liebesdienste in hohem Grade erworben hatte, an seinen weiten +Beinkleidern und gebaerdete sich dabei, wie wenn Muck ihm folgen +sollte. Muck, welcher gerne mit den Hunden spielte, folgte ihm, und +siehe da, das Hundlein fuehrte ihn in die Schlafkammer der Frau Ahavzi +vor eine kleine Tuere, die er nie zuvor dort bemerkt hatte. Die Tuere +war halb offen. Das Hundlein ging hinein, und Muck folgte ihm, und +wie freudig war er ueberrascht, als er sah, dass er sich in dem Gemach +befand, das schon lange das Ziel seiner Wuensche war. Er spaehte +ueberall umher, ob er kein Geld finden koenne, fand aber nichts. Nur +alte Kleider und wunderlich geformte Geschirre standen umher. Eines +dieser Geschirre zog seine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Es war +von Kristall, und schoene Figuren waren darauf ausgeschnitten. Er hob +es auf und drehte es nach allen Seiten. Aber, o Schrecken! Er hatte +nicht bemerkt, dass es einen Deckel hatte, der nur leicht darauf +hingesetzt war. Der Deckel fiel herab und zerbrach in tausend Stuecke. + +Lange stand der kleine Muck vor Schrecken leblos. Jetzt war sein +Schicksal entschieden, jetzt musste er entfliehen, sonst schlug ihn +die Alte tot. Sogleich war auch seine Reise beschlossen, und nur +noch einmal wollte er sich umschauen, ob er nichts von den +Habseligkeiten der Frau Ahavzi zu seinem Marsch brauchen koennte. Da +fielen ihm ein Paar maechtig grosse Pantoffeln ins Auge; sie waren zwar +nicht schoen; aber seine eigenen konnten keine Reise mehr mitmachen; +auch zogen ihn jene wegen ihrer Groesse an; denn hatte er diese am Fuss, +so mussten ihm hoffentlich alle Leute ansehen, dass er die Kinderschuhe +vertreten habe. Er zog also schnell seine Toeffelein aus und fuhr in +die grossen hinein. Ein Spazierstoecklein mit einem schoen +geschnittenen Loewenkopf schien ihm auch hier allzu muessig in der Ecke +zu stehen; er nahm es also mit und eilte zum Zimmer hinaus. Schnell +ging er jetzt auf seine Kammer, zog sein Maentelein an, setzte den +vaeterlichen Turban auf, steckte den Dolch in den Guertel und lief, so +schnell ihn seine Fuesse trugen, zum Haus und zur Stadt hinaus. Vor +der Stadt lief er, aus Angst vor der Alten, immer weiter fort, bis er +vor Muedigkeit beinahe nicht mehr konnte. So schnell war er in seinem +Leben nicht gegangen; ja, es schien ihm, als koenne er gar nicht +aufhoeren zu rennen; denn eine unsichtbare Gewalt schien ihn +fortzureissen. Endlich bemerkte er, dass es mit den Pantoffeln eine +eigene Bewandtnis haben muesse; denn diese schossen immer fort und +fuehrten ihn mit sich. Er versuchte auf allerlei Weise stillzustehen; +aber es wollte nicht gelingen; da rief er in der hoechsten Not, wie +man den Pferden zuruft, sich selbst zu: "Oh--oh, halt, oh!" Da +hielten die Pantoffeln, und Muck warf sich erschoepft auf die Erde +nieder. + +Die Pantoffeln freuten ihn ungemein. So hatte er sich denn doch +durch seine Verdienste etwas erworben, das ihm in der Welt auf seinem +Weg das Glueck zu suchen, forthelfen konnte. Er schlief trotz seiner +Freude vor Erschoepfung ein; denn das Koerperlein des kleinen Muck, das +einen so schweren Kopf zu tragen hatte, konnte nicht viel aushalten. +Im Traum erschien ihm das Hundlein, welches ihm im Hause der Frau +Ahavzi zu den Pantoffeln verholfen hatte, und sprach zu ihm: "Lieber +Muck, du verstehst den Gebrauch der Pantoffeln noch nicht recht; +wisse, wenn du dich in ihnen dreimal auf dem Absatz herumdrehst, so +kannst du hinfliegen, wohin du nur willst, und mit dem Stoecklein +kannst du Schaetze finden, denn wo Gold vergraben ist, da wird es +dreimal auf die Erde schlagen, bei Silber zweimal." So traeumte der +kleine Muck. Als er aber aufwachte, dachte er ueber den wunderbaren +Traum nach und beschloss, alsbald einen Versuch zu machen. Er zog die +Pantoffeln an, lupfte einen Fuss und begann sich auf dem Absatz +umzudrehen. Wer es aber jemals versucht hat, in einem ungeheuer +weiten Pantoffel dieses Kunststueck dreimal hintereinander zu machen, +der wird sich nicht wundern, wenn es dem kleinen Muck nicht gleich +glueckte, besonders wenn man bedenkt, dass ihn sein schwerer Kopf bald +auf diese, bald auf jene Seite hinueberzog. + +Der arme Kleine fiel einigemal tuechtig auf die Nase; doch liess er +sich nicht abschrecken, den Versuch zu wiederholen, und endlich +glueckte es. Wie ein Rad fuhr er auf seinem Absatz herum, wuenschte +sich in die naechste grosse Stadt, und--die Pantoffeln ruderten hinauf +in die Luefte, liefen mit Windeseile durch die Wolken, und ehe sich +der kleine Muck noch besinnen konnte, wie ihm geschah, befand er sich +schon auf einem grossen Marktplatz, wo viele Buden aufgeschlagen waren +und unzaehlige Menschen geschaeftig hin und her liefen. Er ging unter +den Leuten hin und her, hielt es aber fuer ratsamer, sich in eine +einsamere Strasse zu begeben; denn auf dem Markt trat ihm bald da +einer auf die Pantoffeln, dass er beinahe umfiel, bald stiess er mit +seinem weit hinausstehenden Dolch einen oder den anderen an, dass er +mit Muehe den Schlaegen entging. + +Der kleine Muck bedachte nun ernstlich, was er wohl anfangen koennte, +um sich ein Stueck Geld zu verdienen; er hatte zwar ein Staeblein, das +ihm verborgene Schaetze anzeigte, aber wo sollte er gleich einen Platz +finden, wo Gold oder Silber vergraben waere? Auch haette er sich zur +Not fuer Geld sehen lassen koennen; aber dazu war er doch zu stolz. +Endlich fiel ihm die Schnelligkeit seiner Fuesse ein, "vielleicht", +dachte er, "koennen mir meine Pantoffeln Unterhalt gewaehren", und er +beschloss, sich als Schnellaeufer zu verdingen. Da er aber hoffen +durfte, dass der Koenig dieser Stadt solche Dienste am besten bezahle, +so erfragte er den Palast. Unter dem Tor des Palastes stand eine +Wache, die ihn fragte, was er hier zu suchen habe. Auf seine Antwort, +dass er einen Dienst suche, wies man ihn zum Aufseher der Sklaven. +Diesem trug er sein Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienst unter +den koeniglichen Boten zu besorgen. Der Aufseher mass ihn mit seinen +Augen von Kopf bis zu den Fuessen und sprach: "Wie, mit deinen Fuesslein, +die kaum so lang als eine Spanne sind, willst du koeniglicher +Schnellaeufer werden? Hebe dich weg, ich bin nicht dazu da, mit jedem +Narren Kurzweil zu machen." Der kleine Muck versicherte ihm aber, dass +es ihm vollkommen ernst sei mit seinem Antrag und dass er es mit dem +Schnellsten auf eine Wette ankommen lassen wollte. Dem Aufseher kam +die Sache gar laecherlich vor; er befahl ihm, sich bis auf den Abend +zu einem Wettlauf bereitzuhalten, fuehrte ihn in die Kueche und sorgte +dafuer, dass ihm gehoerig Speis' und Trank gereicht wurde; er selbst +aber begab sich zum Koenig und erzaehlte ihm vom kleinen Muck und +seinem Anerbieten. Der Koenig war ein lustiger Herr, daher gefiel es +ihm wohl, dass der Aufseher der Sklaven den kleinen Menschen zu einem +Spass behalten habe, er befahl ihm, auf einer grossen Wiese hinter dem +Schloss Anstalten zu treffen, dass das Wettlaufen mit Bequemlichkeit +von seinem ganzen Hofstaat koennte gesehen werden, und empfahl ihm +nochmals, grosse Sorgfalt fuer den Zwerg zu haben. Der Koenig erzaehlte +seinen Prinzen und Prinzessinnen, was sie diesen Abend fuer ein +Schauspiel haben wuerden, diese erzaehlten es wieder ihren Dienern, und +als der Abend herankam, war man in gespannter Erwartung, und alles, +was Fuesse hatte, stroemte hinaus auf die Wiese, wo Gerueste +aufgeschlagen waren, um den grosssprecherischen Zwerg laufen zu sehen. + +Als der Koenig und seine Soehne und Toechter auf dem Geruest Platz +genommen hatten, trat der kleine Muck heraus auf die Wiese und machte +vor den hohen Herrschaften eine ueberaus zierliche Verbeugung. Ein +allgemeines Freudengeschrei ertoente, als man des Kleinen ansichtig +wurde; eine solche Figur hatte man dort noch nie gesehen. Das +Koerperlein mit dem maechtigen Kopf, das Maentelein und die weiten +Beinkleider, der lange Dolch in dem breiten Guertel, die kleinen +Fuesslein in den weiten Pantoffeln--nein! Es war zu drollig anzusehen, +als dass man nicht haette laut lachen sollen. Der kleine Muck liess +sich aber durch das Gelaechter nicht irremachen. Er stellte sich +stolz, auf sein Stoecklein gestuetzt, hin und erwartete seinen Gegner. +Der Aufseher der Sklaven hatte nach Mucks eigenem Wunsche den besten +Laeufer ausgesucht. Dieser trat nun heraus, stellte sich neben den +Kleinen, und beide harrten auf das Zeichen. Da winkte Prinzessin +Amarza, wie es ausgemacht war, mit ihrem Schleier, und wie zwei +Pfeile, auf dasselbe Ziel abgeschossen, flogen die beiden Wettlaeufer +ueber die Wiese hin. + +Von Anfang hatte Mucks Gegner einen bedeutenden Vorsprung, aber +dieser jagte ihm auf seinem Pantoffelfuhrwerk nach, holte ihn ein, +ueberfing ihn und stand laengst am Ziele, als jener noch, nach Luft +schnappend, daherlief. Verwunderung und Staunen fesselten einige +Augenblicke die Zuschauer, als aber der Koenig zuerst in die Haende +klatschte, da jauchzte die Menge, und alle riefen: "Hoch lebe der +kleine Muck, der Sieger im Wettlauf!" + +Man hatte indes den kleinen Muck herbeigebracht; er warf sich vor dem +Koenig nieder und sprach: "Grossmaechtigster Koenig, ich habe dir hier +nur eine kleine Probe meiner Kunst gegeben; wolle nur gestatten, dass +man mir eine Stelle unter deinen Laeufern gebe!" + +Der Koenig aber antwortete ihm: "Nein, du sollst mein Leiblaeufer und +immer um meine Person sein, lieber Muck, jaehrlich sollst du hundert +Goldstuecke erhalten als Lohn, und an der Tafel meiner ersten Diener +sollst du speisen." + +So glaubte denn Muck, endlich das Glueck gefunden zu haben, das er so +lange suchte, und war froehlich und wohlgemut in seinem Herzen. Auch +erfreute er sich der besonderen Gnade des Koenigs, denn dieser +gebrauchte ihn zu seinen schnellsten und geheimsten Sendungen, die er +dann mit der groessten Genauigkeit und mit unbegreiflicher Schnelle +besorgte. + +Aber die uebrigen Diener des Koenigs waren ihm gar nicht zugetan, weil +sie sich ungern durch einen Zwerg, der nichts verstand, als schnell +zu laufen, in der Gunst ihres Herrn zurueckgesetzt sahen. Sie +veranstalteten daher manche Verschwoerung gegen ihn, um ihn zu stuerzen; +aber alle schlugen fehl an dem grossen Zutrauen, das der Koenig in +seinen geheimen Oberleiblaeufer (denn zu dieser Wuerde hatte er es in +so kurzer Zeit gebracht) setzte. + +Muck, dem diese Bewegungen gegen ihn nicht entgingen, sann nicht auf +Rache, dazu hatte er ein zu gutes Herz, nein, auf Mittel dachte er, +sich bei seinen Feinden notwendig und beliebt zu machen. Da fiel ihm +sein Staeblein, das er in seinem Glueck ausser acht gelassen hatte, ein; +wenn er Schaetze finde, dachte er, wuerden ihm die Herren schon +geneigter werden. Er hatte schon oft gehoert, dass der Vater des +jetzigen Koenigs viele seiner Schaetze vergraben habe, als der Feind +sein Land ueberfallen; man sagte auch, er sei darueber gestorben, ohne +dass er sein Geheimnis habe seinem Sohn mitteilen koennen. Von nun an +nahm Muck immer sein Stoecklein mit, in der Hoffnung, einmal an einem +Ort vorueberzugehen, wo das Geld des alten Koenigs vergraben sei. +Eines Abends fuehrte ihn der Zufall in einen entlegenen Teil des +Schlossgartens, den er wenig besuchte, und ploetzlich fuehlte er das +Stoecklein in seiner Hand zucken, und dreimal schlug es gegen den +Boden. Nun wusste er schon, was dies zu bedeuten hatte. Er zog daher +seinen Dolch heraus, machte Zeichen in die umstellenden Baeume und +schlich sich wieder in das Schloss; dort verschaffte er sich einen +Spaten und wartete die Nacht zu seinem Unternehmen ab. + +Das Schatzgraben selbst machte uebrigens dem kleinen Muck mehr zu +schaffen, als er geglaubt hatte. + +Seine Arme waren gar zu schwach, sein Spaten aber gross und schwer; +und er mochte wohl schon zwei Stunden gearbeitet haben, ehe er ein +paar Fuss tief gegraben hatte. Endlich stiess er auf etwas Hartes, das +wie Eisen klang. Er grub jetzt emsiger, und bald hatte er einen +grossen eisernen Deckel zutage gefoerdert; er stieg selbst in die Grube +hinab, um nachzuspaehen, was wohl der Deckel koennte bedeckt haben, und +fand richtig einen grossen Topf, mit Goldstuecken angefuellt. Aber +seine schwachen Kraefte reichten nicht hin, den Topf zu heben, daher +steckte er in seine Beinkleider und seinen Guertel, so viel er zu +tragen vermochte, und auch sein Maentelein fuellte er damit, bedeckte +das uebrige wieder sorgfaeltig und lud es auf den Ruecken. Aber +wahrlich, wenn er die Pantoffeln nicht an den Fuessen gehabt haette, er +waere nicht vom Fleck gekommen, so zog ihn die Last des Goldes nieder. +Doch unbemerkt kam er auf sein Zimmer und verwahrte dort sein Gold +unter den Polstern seines Sofas. + +Als der kleine Muck sich im Besitz so vielen Goldes sah, glaubte er, +das Blatt werde sich jetzt wenden und er werde sich unter seinen +Feinden am Hofe viele Goenner und warme Anhaenger erwerben. Aber schon +daran konnte man erkennen, dass der gute Muck keine gar sorgfaeltige +Erziehung genossen haben musste, sonst haette er sich wohl nicht +einbilden koennen, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen. Ach, dass er +damals seine Pantoffeln geschmiert und sich mit seinem Maentelein voll +Gold aus dem Staub gemacht haette! + +Das Gold, das der kleine Muck von jetzt an mit vollen Haenden +austeilte, erweckte den Neid der uebrigen Hofbediensteten. Der +Kuechenmeister Ahuli sagte: "Er ist ein Falschmuenzer." + +Der Sklavenaufseher Achmet sagte: "Er hat's dem Koenig abgeschwatzt." + +Archaz, der Schatzmeister, aber, sein aergster Feind, der selbst hier +und da einen Griff in des Koenigs Kasse tun mochte, sagte geradezu: +"Er hat's gestohlen." + +Um nun ihrer Sache gewiss zu sein, verabredeten sie sich, und der +Obermundschenk Korchuz stellte sich eines Tages recht traurig und +niedergeschlagen vor die Augen des Koenigs. Er machte seine traurigen +Gebaerden so auffallend, dass ihn der Koenig fragte, was ihm fehle. + +"Ah", antwortete er, "ich bin traurig, dass ich die Gnade meines Herrn +verloren habe." + +"Was fabelst du, Freund Korchuz?" entgegnete ihm der Koenig. "Seit +wann haette ich die Sonne meiner Gnade nicht ueber dich leuchten +lassen?" Der Obermundschenk antwortete ihm, dass er ja den geheimen +Oberleiblaeufer mit Gold belade, seinen armen, treuen Dienern aber +nichts gebe. + +Der Koenig war sehr erstaunt ueber diese Nachricht, liess sich die +Goldausteilungen des kleinen Muck erzaehlen, und die Verschworenen +brachten ihm leicht den Verdacht bei, dass Muck auf irgendeine Art das +Geld aus der Schatzkammer gestohlen habe. Sehr lieb war diese +Wendung der Sache dem Schatzmeister, der ohnehin nicht gerne Rechnung +ablegte. Der Koenig gab daher den Befehl, heimlich auf alle Schritte +des kleinen Muck achtzugeben, um ihn womoeglich auf der Tat zu +ertappen. Als nun in der Nacht, die auf diesen Unglueckstag folgte, +der kleine Muck, da er durch seine Freigebigkeit seine Kasse sehr +erschoepft sah, den Spaten nahm und in den Schlossgarten schlich, um +dort von seinem geheimen Schatze neuen Vorrat zu holen, folgten ihm +von weitem die Wachen, von dem Kuechenmeister Ahuli und Archaz, dem +Schatzmeister, angefuehrt, und in dem Augenblick, da er das Gold aus +dem Topf in sein Maentelein legen wollte, fielen sie ueber ihn her, +banden ihn und fuehrten ihn sogleich vor den Koenig. Dieser, den +ohnehin die Unterbrechung seines Schlafes muerrisch gemacht hatte, +empfing seinen armen Oberleiblaeufer sehr ungnaedig und stellte +sogleich das Verhoer ueber ihn an. Man hatte den Topf vollends aus der +Erde gegraben und mit dem Spaten und mit dem Maentelein voll Gold vor +die Fuesse des Koenigs gesetzt. Der Schatzmeister sagte aus, dass er mit +seinen Wachen den Muck ueberrascht habe, wie er diesen Topf mit Gold +gerade in die Erde gegraben habe. + +Der Koenig befragte hierauf den Angeklagten, ob es wahr sei und woher +er das Gold, das er vergraben, bekommen habe. + +Der kleine Muck, im Gefuehl seiner Unschuld, sagte aus, dass er diesen +Topf im Garten entdeckt habe, dass er ihn habe nicht ein-, sondern +ausgraben wollen. + +Alle Anwesenden lachten laut ueber diese Entschuldigung, der Koenig +aber, aufs hoechste erzuernt ueber die vermeintliche Frechheit des +Kleinen, rief aus: "Wie, Elender! Du willst deinen Koenig so dumm und +schaendlich beluegen, nachdem du ihn bestohlen hast? Schatzmeister +Archaz! Ich fordere dich auf, zu sagen, ob du diese Summe Goldes fuer +die naemliche erkennst, die in meinem Schatze fehlt." + +Der Schatzmeister aber antwortete, er sei seiner Sache ganz gewiss, so +viel und noch mehr fehle seit einiger Zeit von dem koeniglichen Schatz, +und er koenne einen Eid darauf ablegen, dass dies das Gestohlene sei. + +Da befahl der Koenig, den kleinen Muck in enge Ketten zu legen und in +den Turm zu fuehren; dem Schatzmeister aber uebergab er das Gold, um es +wieder in den Schatz zu tragen. Vergnuegt ueber den gluecklichen +Ausgang der Sache, zog dieser ab und zaehlte zu Haus die blinkenden +Goldstuecke; aber das hat dieser schlechte Mann niemals angezeigt, dass +unten in dem Topf ein Zettel lag, der sagte: "Der Feind hat mein Land +ueberschwemmt, daher verberge ich hier einen Teil meiner Schaetze; wer +es auch finden mag, den treffe der Fluch seines Koenigs, wenn er es +nicht sogleich meinem Sohne ausliefert! Koenig Sadi." + +Der kleine Muck stellte in seinem Kerker traurige Betrachtungen an; +er wusste, dass auf Diebstahl an koeniglichen Sachen der Tod gesetzt war, +und doch mochte er das Geheimnis mit dem Staebchen dem Koenig nicht +verraten, weil er mit Recht fuerchtete, dieses und seiner Pantoffeln +beraubt zu werden. Seine Pantoffeln konnten ihm leider auch keine +Hilfe bringen; denn da er in engen Ketten an die Mauer geschlossen +war, konnte er, so sehr er sich quaelte, sich nicht auf dem Absatz +umdrehen. Als ihm aber am anderen Tage sein Tod angekuendigt wurde, +da gedachte er doch, es sei besser, ohne das Zauberstaebchen zu leben +als mit ihm zu sterben, liess den Koenig um geheimes Gehoer bitten und +entdeckte ihm das Geheimnis. Der Koenig mass von Anfang an seinem +Gestaendnis keinen Glauben bei; aber der kleine Muck versprach eine +Probe, wenn ihm der Koenig zugestuende, dass er nicht getoetet werden +solle. + +Der Koenig gab ihm sein Wort darauf und liess, von Muck ungesehen, +einiges Gold in die Erde graben und befahl diesem, mit seinem +Staebchen zu suchen. In wenigen Augenblicken hatte er es gefunden; +denn das Staebchen schlug deutlich dreimal auf die Erde. Da merkte +der Koenig, dass ihn sein Schatzmeister betrogen hatte, und sandte ihm, +wie es im Morgenland gebraeuchlich ist, eine seidene Schnur, damit er +sich selbst erdrossle. Zum kleinen Muck aber sprach er: "Ich habe dir +zwar dein Leben versprochen; aber es scheint mir, als ob du nicht +allein dieses Geheimnis mit dem Staebchen besitzest; darum bleibst du +in ewiger Gefangenschaft, wenn du nicht gestehst, was fuer eine +Bewandtnis es mit deinem Schnellaufen hat." Der kleine Muck, den die +einzige Nacht im Turm alle Lust zu laengerer Gefangenschaft benommen +hatte, bekannte, dass seine ganze Kunst in den Pantoffeln liege, doch +lehrte er den Koenig nicht das Geheimnis von dem dreimaligen Umdrehen +auf dem Absatz. Der Koenig schluepfte selbst in die Pantoffeln, um die +Probe zu machen, und jagte wie unsinnig im Garten umher; oft wollte +er anhalten; aber er wusste nicht, wie man die Pantoffeln zum Stehen +brachte, und der kleine Muck, der diese kleine Rache sich nicht +versagen konnte, liess ihn laufen, bis er ohnmaechtig niederfiel. + +Als der Koenig wieder zur Besinnung zurueckgekehrt war, war er +schrecklich aufgebracht ueber den kleinen Muck, der ihn so ganz ausser +Atem hatte laufen lassen. "Ich habe dir mein Wort gegeben, dir +Freiheit und Leben zu schenken; aber innerhalb zwoelf Stunden musst du +mein Land verlassen, sonst lasse ich dich aufknoepfen!" Die Pantoffeln +und das Staebchen aber liess er in seine Schatzkammer legen. + +So arm als je wanderte der kleine Muck zum Land hinaus, seine Torheit +verwuenschend, die ihm vorgespiegelt hatte, er koenne eine bedeutende +Rolle am Hofe spielen. Das Land, aus dem er gejagt wurde, war zum +Glueck nicht gross, daher war er schon nach acht Stunden auf der Grenze, +obgleich ihn das Gehen, da er an seine lieben Pantoffeln gewoehnt war, +sehr sauer ankam. + +Als er ueber der Grenze war, verliess er die gewoehnliche Strasse, um die +dichteste Einoede der Waelder aufzusuchen und dort nur sich zu leben; +denn er war allen Menschen gram. In einem dichten Walde traf er auf +einen Platz, der ihm zu dem Entschluss, den er gefasst hatte, ganz +tauglich schien. Ein klarer Bach, von grossen, schattigen +Feigenbaeumen umgeben, ein weicher Rasen luden ihn ein; hier warf er +sich nieder mit dem Entschluss, keine Speise mehr zu sich zu nehmen, +sondern hier den Tod zu erwarten. Ueber traurigen +Todesbetrachtungen schlief er ein; als er aber wieder aufwachte und +der Hunger ihn zu quaelen anfing, bedachte er doch, dass der Hungertod +eine gefaehrliche Sache sei, und sah sich um, ob er nirgends etwas zu +essen bekommen koennte. + +Koestliche reife Feigen hingen an dem Baume, unter welchem er +geschlafen hatte; er stieg hinauf, um sich einige zu pfluecken, liess +es sich trefflich schmecken und ging dann hinunter an den Bach, um +seinen Durst zu loeschen. Aber wie gross war sein Schrecken, als ihm +das Wasser seinen Kopf mit zwei gewaltigen Ohren und einer dicken, +langen Nase geschmueckt zeigte! Bestuerzt griff er mit den Haenden nach +den Ohren, und wirklich, sie waren ueber eine halbe Elle lang. + +"Ich verdiene Eselsohren!" rief er aus; "denn ich habe mein Glueck wie +ein Esel mit Fuessen getreten." Er wanderte unter den Baeumen umher, und +als er wieder Hunger fuehlte, musste er noch einmal zu den Feigen seine +Zuflucht nehmen; denn sonst fand er nichts Essbares an den Baeumen. +Als ihm ueber der zweiten Portion Feigen einfiel, ob wohl seine Ohren +nicht unter seinem grossen Turban Platz haetten, damit er doch nicht +gar zu laecherlich aussehe, fuehlte er, dass seine Ohren verschwunden +waren. Er lief gleich an den Bach zurueck, um sich davon zu +ueberzeugen, und wirklich, es war so, seine Ohren hatten ihre vorige +Gestalt, seine lange, unfoermliche Nase war nicht mehr. Jetzt merkte +er aber, wie dies gekommen war; von dem ersten Feigenbaum hatte er +die lange Nase und Ohren bekommen, der zweite hatte ihn geheilt; +freudig erkannte er, dass sein guetiges Geschick ihm noch einmal die +Mittel in die Hand gebe, gluecklich zu sein. Er pflueckte daher von +jedem Baum so viel, wie er tragen konnte, und ging in das Land zurueck, +das er vor kurzem verlassen hatte. Dort machte er sich in dem +ersten Staedtchen durch andere Kleider ganz unkenntlich und ging dann +weiter auf die Stadt zu, die jener Koenig bewohnte, und kam auch bald +dort an. + +Es war gerade zu einer Jahreszeit, wo reife Fruechte noch ziemlich +selten waren; der kleine Muck setzte sich daher unter das Tor des +Palastes; denn ihm war von frueherer Zeit her wohl bekannt, dass hier +solche Seltenheiten von dem Kuechenmeister fuer die koenigliche Tafel +eingekauft wurden. Muck hatte noch nicht lange gesessen, als er den +Kuechenmeister ueber den Hof herueberschreiten sah. Er musterte die +Waren der Verkaeufer, die sich am Tor des Palastes eingefunden hatten; +endlich fiel sein Blick auch auf Mucks Koerbchen. "Ah, ein seltener +Bissen", sagte er, "der Ihro Majestaet gewiss behagen wird. Was willst +du fuer den ganzen Korb?" Der kleine Muck bestimmte einen maessigen +Preis, und sie waren bald des Handels einig. Der Kuechenmeister +uebergab den Korb einem Sklaven und ging weiter; der kleine Muck aber +macht sich einstweilen aus dem Staub, weil er befuerchtete, wenn sich +das Unglueck an den Koepfen des Hofes zeigte, moechte man ihn als +Verkaeufer aufsuchen und bestrafen. + +Der Koenig war ueber Tisch sehr heiter gestimmt und sagte seinem +Kuechenmeister einmal ueber das andere Lobsprueche wegen seiner guten +Kueche und der Sorgfalt, mit der er immer das Seltenste fuer ihn +aussuche; der Kuechenmeister aber, welcher wohl wusste, welchen +Leckerbissen er noch im Hintergrund habe, schmunzelte gar freundlich +und liess nur einzelne Worte fallen, als: "Es ist noch nicht aller +Tage Abend", oder "Ende gut, alles gut", so dass die Prinzessinnen +sehr neugierig wurden, was er wohl noch bringen werde. Als er aber +die schoenen, einladenden Feigen aufsetzen liess, da entfloh ein +allgemeines Ah! dem Munde der Anwesenden. + +"Wie reif, wie appetitlich!" rief der Koenig. "Kuechenmeister, du bist +ein ganzer Kerl und verdienst unsere ganz besondere Gnade!" Also +sprechend, teilte der Koenig, der mit solchen Leckerbissen sehr +sparsam zu sein pflegte, mit eigener Hand die Feigen an seiner Tafel +aus. Jeder Prinz und jede Prinzessin bekam zwei, die Hofdamen und +die Wesire und Agas eine, die uebrigen stellte er vor sich hin und +begann mit grossem Behagen sie zu verschlingen. + +"Aber, lieber Gott, wie siehst du so wunderlich aus, Vater?" rief auf +einmal die Prinzessin Amarza. Alle sahen den Koenig erstaunt an; +ungeheure Ohren hingen ihm am Kopf, eine lange Nase zog sich ueber +sein Kinn herunter; auch sich selbst betrachteten sie untereinander +mit Staunen und Schrecken; alle waren mehr oder minder mit dem +sonderbaren Kopfputz geschmeckt. + +Man denke sich den Schrecken des Hofes! Man schickte sogleich nach +allen Aerzten der Stadt; sie kamen haufenweise, verordneten Pillen und +Mixturen; aber die Ohren und die Nasen blieben. Man operierte einen +der Prinzen; aber die Ohren wuchsen nach. + +Muck hatte die ganze Geschichte in seinem Versteck, wohin er sich +zurueckgezogen hatte, gehoert und erkannte, dass es jetzt Zeit sei zu +handeln. Er hatte sich schon vorher von dem aus den Feigen geloesten +Geld einen Anzug verschafft, der ihn als Gelehrten darstellen konnte; +ein langer Bart aus Ziegenhaaren vollendete die Taeuschung. Mit einem +Saeckchen voll Feigen wanderte er in den Palast des Koenigs und bot als +fremder Arzt seine Hilfe an. Man war von Anfang sehr unglaeubig; als +aber der kleine Muck eine Feige einem der Prinzen zu essen gab und +Ohren und Nase dadurch in den alten Zustand zurueckbrachte, da wollte +alles von dem fremden Arzte geheilt sein. Aber der Koenig nahm ihn +schweigend bei der Hand und fuehrte ihn in sein Gemach; dort schloss er +eine Tuere auf, die in die Schatzkammer fuehrte, und winkte Muck, ihm +zu folgen. "Hier sind meine Schaetze", sprach der Koenig, "waehle dir, +was es auch sei, es soll dir gewaehrt werden, wenn du mich von diesem +schmachvollen Uebel befreist." + +Das war suesse Musik in des kleinen Muck Ohren; er hatte gleich beim +Eintritt seine Pantoffeln auf dem Boden stehen sehen, gleich daneben +lag auch sein Staebchen. Er ging nun umher in dem Saal, wie wenn er +die Schaetze des Koenigs bewundern wollte; kaum aber war er an seine +Pantoffeln gekommen, so schluepfte er eilends hinein, ergriff sein +Staebchen, riss seinen falschen Bart herab und zeigte dem erstaunten +Koenig das wohlbekannte Gesicht seines verstossenen Muck. "Treuloser +Koenig", sprach er, "der du treue Dienste mit Undank lohnst, nimm als +wohlverdiente Strafe die Missgestalt, die du traegst. Die Ohren lass +ich dir zurueck, damit sie dich taeglich erinnern an den kleinen Muck." +Als er so gesprochen hatte, drehte er sich schnell auf dem Absatz +herum, wuenschte sich weit hinweg, und ehe noch der Koenig um Hilfe +rufen konnte, war der kleine Muck entflohen. Seitdem lebt der kleine +Muck hier in grossem Wohlstand, aber einsam; denn er verachtet die +Menschen. Er ist durch Erfahrung ein weiser Mann geworden, welcher, +wenn auch sein Aeusseres etwas Auffallendes haben mag, deine +Bewunderung mehr als deinen Spott verdient. + +"So erzaehlte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue ueber mein +rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte +mir die andere Haelfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich +erzaehlte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und +wir gewannen ihn so lieb, dass ihn keiner mehr schimpfte. Im +Gegenteil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm +immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebueckt." + +Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu +machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu staerken. Die +gestrige Froehlichkeit ging auch auf diesen Tag ueber, und sie +ergoetzten sich in allerlei Spielen. Nach dem Essen aber riefen sie +dem fuenften Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich +den uebrigen zu tun und eine Geschichte zu erzaehlen. Er antwortete, +sein Leben sei zu arm an auffallenden Begebenheiten, als dass er ihnen +etwas davon mitteilen moechte, daher wolle er ihnen etwas anderes +erzaehlen, naemlich: Das Maerchen vom falschen Prinzen. + + + + +Das Maerchen vom falschen Prinzen + +Wilhelm Hauff + + +Es war einmal ein ehrsamer Schneidergeselle, namens Labakan, der bei +einem geschickten Meister in Alessandria sein Handwerk lernte. Man +konnte nicht sagen, dass Labakan ungeschickt mit der Nadel war, im +Gegenteil, er konnte recht feine Arbeit machen. Auch tat man ihm +unrecht, wenn man ihn geradezu faul schalt; aber ganz richtig war es +doch nicht mit dem Gesellen, denn er konnte oft stundenweis in einem +fort naehen, dass ihm die Nadel in der Hand gluehend ward und der Faden +rauchte, da gab es ihm dann ein Stueck wie keinem anderen; ein +andermal aber, und dies geschah leider oefters, sass er in tiefen +Gedanken, sah mit starren Augen vor sich hin und hatte dabei in +Gesicht und Wesen etwas so Eigenes, dass sein Meister und die uebrigen +Gesellen von diesem Zustand nie anders sprachen als: "Labakan hat +wieder sein vornehmes Gesicht." + +Am Freitag aber, wenn andere Leute vom Gebet ruhig nach Haus an ihre +Arbeit gingen, trat Labakan in einem schoenen Kleid, das er sich mit +vieler Muehe zusammengespart hatte, aus der Moschee, ging langsam und +stolzen Schrittes durch die Plaetze und Strassen der Stadt, und wenn +ihm einer seiner Kameraden ein "Friede sei mit dir", oder "Wie geht +es, Freund Labakan?" bot, so winkte er gnaedig mit der Hand oder +nickte, wenn es hoch kam, vornehm mit dem Kopf. Wenn dann sein +Meister im Spass zu ihm sagte: "An dir ist ein Prinz verlorengegangen, +Labakan", so freute er sich darueber und antwortete: "Habt Ihr das +auch bemerkt?" oder: "Ich habe es schon lange gedacht!" + +So trieb es der ehrsame Schneidergeselle Labakan schon eine geraume +Zeit, sein Meister aber duldete seine Narrheit, weil er sonst ein +guter Mensch und geschickter Arbeiter war. Aber eines Tages schickte +Selim, der Bruder des Sultans, der gerade durch Alessandria reiste, +ein Festkleid zu dem Meister, um einiges daran veraendern zu lassen, +und der Meister gab es Labakan, weil dieser die feinste Arbeit machte. +Als abends der Meister und die Gesellen sich hinwegbegeben hatten, +um nach des Tages Last sich zu erholen, trieb eine unwiderstehliche +Sehnsucht Labakan wieder in die Werkstatt zurueck, wo das Kleid des +kaiserlichen Bruders hing. Er stand lange sinnend davor, bald den +Glanz der Stickerei, bald die schillernden Farben des Samts und der +Seide an dem Kleide bewundernd. Er konnte nicht anders, er musste es +anziehen, und siehe da, es passte ihm so trefflich, wie wenn es fuer +ihn waere gemacht worden. "Bin ich nicht so gut ein Prinz als einer?" +fragte er sich, indem er im Zimmer auf und ab schritt. "Hat nicht +der Meister selbst schon gesagt, dass ich zum Prinzen geboren sei?" +Mit den Kleidern schien der Geselle eine ganz koenigliche Gesinnung +angezogen zu haben; er konnte sich nicht anders denken, als er sei +ein unbekannter Koenigssohn, und als solcher beschloss er, in die Welt +zu reisen und einen Ort zu verlassen, wo die Leute bisher so toericht +gewesen waren, unter der Huelle seines niederen Standes nicht seine +angebotene Wuerde zu erkennen. Das prachtvolle Kleid schien ihm von +einer guetigen Fee geschickt, er huetete sich daher wohl, ein so teures +Geschenk zu verschmaehen, steckte seine geringe Barschaft zu sich und +wanderte, beguenstigt von dem Dunkel der Nacht, aus Alessandrias Toren. + +Der neue Prinz erregte ueberall auf seiner Wanderschaft Verwunderung, +denn das prachtvolle Kleid und sein ernstes, majestaetisches Wesen +wollten gar nicht passen fuer einen Fussgaenger. Wenn man ihn darueber +befragte, pflegte er mit geheimnisvoller Miene zu antworten, dass das +seine eigenen Ursachen habe. Als er aber merkte, dass er sich durch +seine Fusswanderungen laecherlich machte, kaufte er um geringen Preis +ein altes Ross, welches sehr fuer ihn passte, da es ihn mit seiner +gesetzten Ruhe und Sanftmut nie in die Verlegenheit brachte, sich als +geschickter Reiter zeigen zu muessen, was gar nicht seine Sache war. + +Eines Tages, als er Schritt vor Schritt auf seinem Murva, so hatte er +sein Ross genannt,; seine Strasse zog, schloss sich ein Reiter an ihn an +und bat ihn, in seiner Gesellschaft reiten zu duerfen, weil ihm der +Weg viel kuerzer werde im Gespraech mit einem anderen. Der Reiter war +ein froehlicher, junger Mann, schoen und angenehm im Umgang. Er hatte +mit Labakan bald ein Gespraech angeknuepft ueber Woher und Wohin, und es +traf sich, dass auch er, wie der Schneidergeselle, ohne Plan in die +Welt hinauszog. Er sagte, er heisse Omar, sei der Neffe Elfi Beys, +des ungluecklichen Bassas von Kairo, und reise nun umher, um einen +Auftrag, den ihm sein Oheim auf dem Sterbebette erteilt habe, +auszurichten. Labakan liess sich nicht so offenherzig ueber seine +Verhaeltnisse aus, er gab ihm zu verstehen, dass er von hoher Abkunft +sei und zu seinem Vergnuegen reise. + +Die beiden jungen Herren fanden Gefallen aneinander und zogen fuerder. +Am zweiten Tage ihrer gemeinschaftlichen Reise fragte Labakan seinen +Gefaehrten Omar nach den Auftraegen, die er zu besorgen habe, und +erfuhr zu seinem Erstaunen folgendes: Elfi Bey, der Bassa von Kairo, +hatte den Omar seit seiner fruehesten Kindheit erzogen, und dieser +hatte seine Eltern nie gekannt. Als nun Elfi Bey von seinen Feinden +ueberfallen worden war und nach drei ungluecklichen Schlachten, toedlich +verwundet, fliehen musste, entdeckte er seinem Zoegling, dass er nicht +sein Neffe sei, sondern der Sohn eines maechtigen Herrschers, welcher +aus Furcht vor den Prophezeiungen seiner Sterndeuter den jungen +Prinzen von seinem Hofe entfernt habe, mit dem Schwur, ihn erst an +seinem zweiundzwanzigsten Geburtstage wiedersehen zu wollen. Elfi +Bey habe ihm den Namen seines Vaters nicht genannt, sondern ihm nur +aufs bestimmteste aufgetragen, am fuenften Tage des kommenden Monats +Ramadan, an welchem Tage er zweiundzwanzig Jahre alt werde, sich an +der beruehmten Saeule El-Serujah, vier Tagreisen oestlich von +Alessandria, einzufinden; dort soll er den Maennern, die an der Saeule +stehen wuerden, einen Dolch, den er ihm gab, ueberreichen mit den +Worten: "leer bin ich, den ihr suchet"; wenn sie antworteten: "Gelobt +sei der Prophet, der dich erhielt!", so solle er ihnen folgen, sie +wuerden ihn zu seinem Vater fuehren. + +Der Schneidergeselle Labakan war sehr erstaunt ueber diese Mitteilung, +er betrachtete von jetzt an den Prinzen Omar mit neidischen Augen, +erzuernt darueber, dass das Schicksal jenem, obgleich er schon fuer den +Neffen eines maechtigen Bassa galt, noch die Wuerde eines Fuerstensohnes +verliehen, ihm aber, den es mit allem, was einem Prinzen nottut, +ausgeruestet, gleichsam zum Hohn eine dunkle Geburt und einen +gewoehnlichen Lebensweg verliehen habe. Er stellte Vergleichungen +zwischen sich und dem Prinzen an. Er musste sich gestehen, es sei +jener ein Mann von sehr vorteilhafter Gesichtsbildung; schoene, +lebhafte Augen, eine kuehngebogene Nase, ein sanftes, zuvorkommendes +Benehmen, kurz, so viele Vorzuege des Aeusseren, die jemand empfehlen +koennen, waren jenem eigen. Aber so viele Vorzuege er auch an seinem +Begleiter fand, so gestand er sich doch bei diesen Beobachtungen, dass +ein Labakan dem fuerstlichen Vater wohl noch willkommener sein duerfte +als der wirkliche Prinz. + +Diese Betrachtungen verfolgten Labakan den ganzen Tag, mit ihnen +schlief er im naechsten Nachtlager ein, aber als er morgens aufwachte +und sein Blick auf den neben ihm schlafenden Omar fiel, der so ruhig +schlafen und von seinem gewissen Glueck traeumen konnte, da erwachte in +ihm der Gedanke, sich durch List oder Gewalt zu erstreben, was ihm +das unguenstige Schicksal versagt hatte. Der Dolch, das +Erkennungszeichen des heimkehrenden Prinzen, sah aus dem Guertel des +Schlafenden hervor, leise zog er ihn hervor, um ihn in die Brust des +Eigentuemers zu stossen. Doch vor dem Gedanken des Mordes entsetzte +sich die friedfertige Seele des Gesellen; er begnuegte sich, den Dolch +zu sich zu stecken, das schnellere Pferd des Prinzen fuer sich +aufzaeumen zu lassen, und ehe Omar aufwachte und sich aller seiner +Hoffnungen beraubt sah, hatte sein treuloser Gefaehrte schon einen +Vorsprung von mehreren Meilen. + +Es war gerade der erste Tag des heiligen Monats Ramadan, an welchem +Labakan den Raub an dem Prinzen begangen hatte, und er hatte also +noch vier Tage, um zu der Saeule El Serujah, welche ihm wohlbekannt +war, zu gelangen. Obgleich die Gegend, worin sich diese Saeule befand, +hoechstens noch zwei Tagreisen entfernt sein konnte, so beeilte er +sich doch hinzukommen, weil er immer fuerchtete, von dem wahren +Prinzen eingeholt zu werden. + +Am Ende des zweiten Tages erblickte Labakan die Saeule El-Serujah. +Sie stand auf einer kleinen Anhoehe in einer weiten Ebene und konnte +auf zwei bis drei Stunden gesehen werden. Labakans Herz pochte +lauter bei diesem Anblick; obgleich er die letzten zwei Tage hindurch +Zeit genug gehabt, ueber die Rolle, die er zu spielen hatte, +nachzudenken, so machte ihn doch das boese Gewissen etwas aengstlich, +aber der Gedanke, dass er zum Prinzen geboren sei, staerkte ihn wieder, +so dass er getroesteter seinem Ziele entgegenging. + +Die Gegend um die Saeule El-Serujah war unbewohnt und oede, und der +neue Prinz waere wegen seines Unterhalts etwas in Verlegenheit +gekommen, wenn er sich nicht auf mehrere Tage versehen haette. Er +lagerte sich also neben seinem Pferd unter einigen Palmen und +erwartete dort sein ferneres Schicksal. + +Gegen die Mitte des anderen Tages sah er einen grossen Zug von Pferden +und Kamelen ueber die Ebene her auf die Saeule El-Serujah zuziehen. +Der Zug hielt am Fusse des Huegels, auf welchem die Saeule stand, man +schlug praechtige Zelte auf, und das Ganze sah aus wie der Reisezug +eines reichen Bassa oder Scheik. Labakan ahnte, dass die vielen Leute, +welche er sah, sich seinetwegen hierher bemueht hatten, und haette +ihnen gerne schon heute ihren kuenftigen Gebieter gezeigt; aber er +maessigte seine Begierde, als Prinz aufzutreten, da ja doch der naechste +Morgen seine kuehnsten Wuensche vollkommen befriedigen musste. + +Die Morgensonne weckte den uebergluecklichen Schneider zu dem +wichtigsten Augenblick seines Lebens, welcher ihn aus einem niederen, +unbekannten Sterblichen an die Seite eines fuerstlichen Vaters erheben +sollte; zwar fiel ihm, als er sein Pferd aufzaeumte, um zu der Saeule +hinzureiten, wohl auch das Unrechtmaessige seines Schrittes ein; zwar +fuehrten ihm seine Gedanken den Schmerz des in seinen schoenen +Hoffnungen betrogenen Fuerstensohnes vor, aber--der Wuerfel war +geworfen, er konnte nicht mehr ungeschehen machen, was geschehen war, +und seine Eigenliebe fluesterte ihm zu, dass er stattlich genug aussehe, +um dem maechtigsten Koenig sich als Sohn vorzustellen; ermutigt durch +diesen Gedanken, schwang er sich auf sein Ross, nahm alle seine +Tapferkeit zusammen, um es in einen ordentlichen Galopp zu bringen, +und in weniger als einer Viertelstunde war er am Fusse des Huegels +angelangt. Er stieg ab von seinem Pferd und band es an eine Staude, +deren mehrere an dem Huegel wuchsen; hierauf zog er den Dolch des +Prinzen Omar hervor und stieg den Huegel hinan. Am Fuss der Saeule +standen sechs Maenner um einen Greis von hohem, koeniglichem Ansehen; +ein prachtvoller Kaftan von Goldstoff, mit einem weissen Kaschmirschal +umguertet, der weisse, mit blitzenden Edelsteinen geschmueckte Turban +bezeichneten ihn als einen Mann von Reichtum und Wuerde. + +Auf ihn ging Labakan zu, neigte sich tief vor ihm und sprach, indem +er den Dolch darreichte: "Hier bin ich, den Ihr suchet. " + +"Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!" antwortete der Greis mit +Freudentraenen. "Umarme deinen alten Vater, mein geliebter Sohn Omar!" +Der gute Schneider war sehr geruehrt durch diese feierlichen Worte +und sank mit einem Gemisch von Freude und Scham in die Arme des alten +Fuersten. + +Aber nur einen Augenblick sollte er ungetruebt die Wonne seines neuen +Standes geniessen; als er sich aus den Armen des fuerstlichen Greises +aufrichtete, sah er einen Reiter ueber die Ebene her auf den Huegel +zueilen. Der Reiter und sein Ross gewaehrten einen sonderbaren Anblick; +das Ross schien aus Eigensinn oder Muedigkeit nicht vorwaerts zu wollen, +in einem stolpernden Gang, der weder Schritt noch Trab war, zog es +daher, der Reiter aber trieb es mit Haenden und Fuessen zu schnellerem +Laufe an. Nur zu bald erkannte Labakan sein Ross Murva und den echten +Prinzen Omar, aber der boese Geist der Luege war einmal in ihn gefahren, +und er beschloss, wie es auch kommen moege, mit eiserner Stirne seine +angemassten Rechte zu behaupten. + +Schon aus der Ferne hatte man den Reiter winken gesehen; jetzt war er +trotz des schlechten Trabes des Rosses Murva am Fusse des Huegels +angekommen, warf sich vom Pferd und stuerzte den Huegel hinan. "Haltet +ein!" rief er. "Wer ihr auch sein moeget, haltet ein und lasst euch +nicht von dem schaendlichsten Betrueger taeuschen; ich heisse Omar, und +kein Sterblicher wage es, meinen Namen zu missbrauchen!" + +Auf den Gesichtern der Umstehenden malte sich tiefes Erstaunen ueber +diese Wendung der Dinge; besonders schien der Greis sehr betroffen, +indem er bald den einen, bald den anderen fragend ansah; Labakan aber +sprach mit muehsam errungener Ruhe: "Gnaedigster Herr und Vater, lasst +Euch nicht irremachen durch diesen Menschen da! Es ist, soviel ich +weiss, ein wahnsinniger Schneidergeselle aus Alessandria, Labakan +geheissen, der mehr unser Mitleid als unseren Zorn verdient." + +Bis zur Raserei aber brachten diese Worte den Prinzen; schaeumend vor +Wut wollte er auf Labakan eindringen, aber die Umstehenden warfen +sich dazwischen und hielten ihn fest, und der Fuerst sprach: +"Wahrhaftig, mein lieber Sohn, der arme Mensch ist verrueckt; man +binde ihn und setze ihn auf eines unserer Dromedare, vielleicht, dass +wir dem Ungluecklichen Hilfe schaffen koennen." + +Die Wut des Prinzen hatte sich gelegt, weinend rief er dem Fuersten zu: +"Mein Herz sagt mir, dass Ihr mein Vater seid; bei dem Andenken +meiner Mutter beschwoere ich Euch, hoert mich an!" + +"Ei, Gott bewahre uns!" antwortete dieser, "er faengt schon wieder an, +irre zu reden, wie doch der Mensch auf so tolle Gedanken kommen kann!" +Damit ergriff er Labakans Arm und liess sich von ihm den Huegel +hinuntergeleiten; sie setzten sich beide auf schoene, mit reichen +Decken behaengte Pferde und ritten an der Spitze des Zuges ueber die +Ebene hin. Dem ungluecklichen Prinzen aber fesselte man die Haende und +band ihn auf einem Dromedar fest, und zwei Reiter waren ihm immer zur +Seite, die ein wachsames Auge auf jede seiner Bewegungen hatten. + +Der fuerstliche Greis war Saaud, der Sultan der Wechabiten. Er hatte +lange ohne Kinder gelebt, endlich wurde ihm ein Prinz geboren, nach +dem er sich so lange gesehnt hatte; aber die Sterndeuter, welche er +um die Vorbedeutungen des Knaben befragte, taten den Ausspruch, "dass +er bis ins zweiundzwanzigste Jahr in Gefahr stehe, von einem Feinde +verdraengt zu werden", deswegen, um recht sicherzugehen, hatte der +Sultan den Prinzen seinem alten, erprobten Freunde Elfi-Bey zum +Erziehen gegeben und zweiundzwanzig schmerzliche Jahre auf seinen +Anblick geharrt. + +Dieses hatte der Sultan seinem (vermeintlichen) Sohne erzaehlt und +sich ihm ausserordentlich zufrieden mit seiner Gestalt und seinem +wuerdevollen Benehmen gezeigt. + +Als sie in das Land des Sultans kamen, wurden sie ueberall von den +Einwohnern mit Freudengeschrei empfangen; denn das Geruecht von der +Ankunft des Prinzen hatte sich wie ein Lauffeuer durch alle Staedte +und Doerfer verbreitet. Auf den Strassen, durch welche sie zogen, +waren Boegen von Blumen und Zweigen errichtet, glaenzende Teppiche von +allen Farben schmeckten die Haeuser, und das Volk pries laut Gott und +seinen Propheten, der ihnen einen so schoenen Prinzen gesandt habe. +Alles dies erfuellte das stolze Herz des Schneiders mit Wonne; desto +ungluecklicher musste sich aber der echte Omar fuehlen, der, noch immer +gefesselt, in stiller Verzweiflung dem Zuge folgte. Niemand kuemmerte +sich um ihn bei dem allgemeinen Jubel, der doch ihm galt; den Namen +Omar riefen tausend und wieder tausend Stimmen, aber ihn, der diesen +Namen mit Recht trug, ihn beachtete keiner; hoechstens fragte einer +oder der andere, wen man denn so fest gebunden mit fortfahre, und +schrecklich toente in das Ohr des Prinzen die Antwort seiner Begleiter, +es sei ein wahnsinniger Schneider. + +Der Zug war endlich in die Hauptstadt des Sultans gekommen, wo alles +noch glaenzender zu ihrem Empfang bereitet war als in den uebrigen +Staedten. Die Sultanin, eine aeltliche, ehrwuerdige Frau, erwartete sie +mit ihrem ganzen Hofstaat in dem prachtvollsten Saal des Schlosses. +Der Boden dieses Saales war mit einem ungeheuren Teppich bedeckt, die +Waende waren mit hellblauem Tuch geschmeckt, das in goldenen Quasten +und Schnueren an grossen, silbernen Haken hing. + +Es war schon dunkel, als der Zug anlangte, daher waren im Saale viele +kugelrunde, farbige Lampen angezuendet, welche die Nacht zum Tag +erhellten. Am klarsten und vielfarbigsten strahlten sie aber im +Hintergrund des Saales, wo die Sultanin auf einem Throne sass. Der +Thron stand auf vier Stufen und war von lauterem Golde und mit grossen +Amethysten ausgelegt. Die vier vornehmsten Emire hielten einen +Baldachin von roter Seide ueber dem Haupte der Sultanin, und der +Scheik von Medina faechelte ihr mit einer Windfuchtel von weissen +Pfauenfedern Kuehlung zu. + +So erwartete die Sultanin ihren Gemahl und ihren Sohn, auch sie hatte +ihn seit seiner Geburt nicht mehr gesehen, aber bedeutsam Traeume +hatten ihr den Ersehnten gezeigt, dass sie ihn aus Tausenden erkennen +wollte. Jetzt hoerte man das Geraeusch des nahenden Zuges, Trompeten +und Trommeln mischten sich in das Zujauchzen der Menge, der Hufschlag +der Rosse toente im Hof des Palastes, naeher und naeher rauschten die +Tritte der Kommenden, die Tueren des Saales flogen auf, und durch die +Reihen der niederfallenden Diener eilte der Sultan an der Hand seines +Sohnes vor den Thron der Mutter. + +"Hier", sprach er, "bringe ich dir den, nach welchem du dich so lange +gesehnet." + +Die Sultanin aber fiel ihm in die Rede: "Das ist mein Sohn nicht!" +rief sie aus, "das sind nicht die Zuege, die mir der Prophet im Traume +gezeigt hat!" + +Gerade, als ihr der Sultan ihren Aberglauben verweisen wollte, sprang +die Tuere des Saales auf. Prinz Omar stuerzte herein, verfolgt von +seinen Waechtern, denen er sich mit Anstrengung aller seiner Kraft +entrissen hatte, er warf sich atemlos vor dem Throne nieder: "leer +will ich sterben, lasst mich toeten, grausamer Vater; denn diese +Schmach dulde ich nicht laenger!" + +Alles war bestuerzt ueber diese Reden; man draengte sich um den +Ungluecklichen her, und schon wollten ihn die herbeieilenden Wachen +ergreifen und ihm wieder seine Bande anlegen, als die Sultanin, die +in sprachlosem Erstaunen dieses alles mit angesehen hatte, von dem +Throne aufsprang. "Haltet ein!" rief sie, "dieser und kein anderer +ist der Rechte, dieser ist's, den meine Augen nie gesehen und den +mein Herz doch gekannt hat!" + +Die Waechter hatten unwillkuerlich von Omar abgelassen, aber der Sultan, +entflammt von wuetendem Zorn, rief ihnen zu, den Wahnsinnigen zu +binden: "Ich habe hier zu entscheiden", sprach er mit gebietender +Stimme, "und hier richtet man nicht nach den Traeumen der Weiber, +sondern nach gewissen, untrueglichen Zeichen. Dieser hier (indem er +auf Labakan zeigte) ist mein Sohn; denn er hat mir das Wahrzeichen +meines Freundes Elfi, den Dolch, gebracht." + +"Gestohlen hat er ihn", schrie Omar, "mein argloses Vertrauen hat er +zum Verrat missbraucht!" Der Sultan aber hoerte nicht auf die Stimme +seines Sohnes; denn er war in allen Dingen gewohnt, eigensinnig nur +seinem Urteil zu folgen; daher liess er den ungluecklichen Omar mit +Gewalt aus dem Saal schleppen. Er selbst aber begab sich mit Labakan +in sein Gemach, voll Wut ueber die Sultanin, seine Gemahlin, mit der +er doch seit fuenfundzwanzig Jahren in Frieden gelebt hatte. + +Die Sultanin aber war voll Kummer ueber diese Begebenheiten; sie war +vollkommen ueberzeugt, dass ein Betrueger sich des Herzens des Sultans +bemaechtigt hatte, denn jenen Ungluecklichen hatten ihr so viele +bedeutsam Traeume als ihren Sohn gezeigt. + +Als sich ihr Schmerz ein wenig gelegt hatte, sann sie auf Mittel, um +ihren Gemahl von seinem Unrecht zu ueberzeugen. Es war dies +allerdings schwierig; denn jener, der sich fuer ihren Sohn ausgab, +hatte das Erkennungszeichen, den Dolch, ueberreicht und hatte auch, +wie sie erfuhr, so viel von Omars frueherem Leben von diesem selbst +sich erzaehlen lassen, dass er seine Rolle, ohne sich zu verraten, +spielte. + +Sie berief die Maenner zu sich, die den Sultan zu der Saeule El-Serujah +begleitet hatten, um sich alles genau erzaehlen zu lassen, und hielt +dann mit ihren vertrautesten Sklavinnen Rat. Sie waehlten und +verwarfen dies und jenes Mittel; endlich sprach Melechsalah, eine +alte, kluge Zierkassierin: "Wenn ich recht gehoert habe, verehrte +Gebieterin, so nannte der Ueberbringer des Dolches den, welchen du fuer +deinen Sohn haeltst, Labakan, einen verwirrten Schneider?" + +"Ja, so ist es", antwortete die Sultanin, "aber was willst du damit?" + +"Was meint Ihr", fuhr jene fort, "wenn dieser Betrueger Eurem Sohn +seinen eigenen Namen aufgeheftet haette?--Und wenn dies ist, so gibt +es ein herrliches Mittel, den Betrueger zu fangen, das ich Euch ganz +im geheimen sagen will." Die Sultanin bot ihrer Sklavin das Ohr, und +diese fluesterte ihr einen Rat zu, der ihr zu behagen schien, denn sie +schickte sich an, sogleich zum Sultan zu gehen. + +Die Sultanin war eine kluge Frau, welche wohl die schwachen Seiten +des Sultans kannte und sie zu benuetzen verstand. Sie schien daher, +ihm nachgeben und den Sohn anerkennen zu wollen, und bat sich nur +eine Bedingung aus; der Sultan, dem sein Aufbrausen gegen seine Frau +leid tat, gestand die Bedingung zu, und sie sprach: "Ich moechte gerne +den beiden eine Probe ihrer Geschicklichkeit auferlegen; eine andere +wuerde sie vielleicht reiten, fechten oder Speere werfen lassen, aber +das sind Sachen, die ein jeder kann; nein, ich will ihnen etwas geben, +wozu Scharfsinn gehoert! Es soll naemlich jeder von ihnen einen +Kaftan und ein Paar Beinkleider verfertigen, und da wollen wir einmal +sehen, wer die schoensten macht." + +Der Sultan lachte und sprach: "Ei, da hast du ja etwas recht Kluges +ausgesonnen. Mein Sohn sollte mit deinem wahnsinnigen Schneider +wetteifern, wer den besten Kaftan macht? Nein, das ist nichts." + +Die Sultanin aber berief sich darauf, dass er ihr die Bedingung zum +Voraus zugesagt habe, und der Sultan, welcher ein Mann von Wort war, +gab endlich nach, obgleich er schwor, wenn der wahnsinnige Schneider +seinen Kaftan auch noch so schoen mache, koenne er ihn doch nicht fuer +seinen Sohn erkennen. + +Der Sultan ging selbst zu seinem Sohn und bat ihn, sich in die +Grillen seiner Mutter zu schicken, die nun einmal durchaus einen +Kaftan von seiner Hand zu sehen wuensche. Dem guten Labakan lachte +das Herz vor Freude; wenn es nur an dem fehlt, dachte er bei sich, da +soll die Frau Sultanin bald Freude an mir erleben. + +Man hatte zwei Zimmer eingerichtet, eines fuer den Prinzen, das andere +fuer den Schneider; dort sollten sie ihre Kunst erproben, und man +hatte jedem nur ein hinlaengliches Stueck Seidenzeug, Schere, Nadel und +Faden gegeben. + +Der Sultan war sehr begierig, was fuer ein Ding von Kaftan wohl sein +Sohn zutage foerdern werde, aber auch der Sultanin pochte unruhig das +Herz, ob ihre List wohl gelingen werde oder nicht. Man hatte den +beiden zwei Tage zu ihrem Geschaeft ausgesetzt, am dritten liess der +Sultan seine Gemahlin rufen, und als sie erschienen war, schickte er +in jene zwei Zimmer, um die beiden Kaftane und ihre Verfertiger holen +zu lassen. Triumphierend trat Labakan ein und breitete seinen Kaftan +vor den erstaunten Blicken des Sultans aus. "Siehe her, Vater", +sprach er, "siehe her, verehrte Mutter, ob dies nicht ein +Meisterstueck von einem Kaftan ist? Da lass ich es mit dem +geschicktesten Hofschneider auf eine Wette ankommen, ob er einen +solchen herausbringt." + +Die Sultanin laechelte und wandte sich zu Omar: "Und was hast du +herausgebracht, mein Sohn?" + +Unwillig warf dieser den Seidenstoff und die Schere auf den Boden: +"Man hat mich gelehrt, ein Ross zu baendigen und einen Saebel zu +schwingen, und meine Lanze trifft auf sechzig Gaenge ihr Ziel--aber +die Kuenste der Nadel sind mir fremd, sie waeren auch unwuerdig fuer +einen Zoegling Elfi Beys, des Beherrschers von Kairo." + +"Oh, du echter Sohn meines Herrn", rief die Sultanin, "ach, dass ich +dich umarmen, dich Sohn nennen duerfte! Verzeihet, mein Gemahl und +Gebieter", sprach sie dann, indem sie sich zum Sultan wandte, "dass +ich diese List gegen Euch gebraucht habe; sehet Ihr jetzt noch nicht +ein, wer Prinz und wer Schneider ist; fuerwahr, der Kaftan ist +koestlich, den Euer Herr Sohn gemacht hat, und ich moechte ihn gerne +fragen, bei welchem Meister er gelernt habe." + +Der Sultan sass in tiefen Gedanken, misstrauisch bald seine Frau, bald +Labakan anschauend, der umsonst sein Erroeten und seine Bestuerzung, +dass er sich so dumm verraten habe, zu bekaempfen suchte. "Auch dieser +Beweis genuegt nicht", sprach er, "aber ich weiss, Allah sei es gedankt, +ein Mittel, zu erfahren, ob ich betrogen bin oder nicht." + +Er befahl, sein schnellstes Pferd vorzufahren, schwang sich auf und +ritt in einen Wald, der nicht weit von der Stadt begann. Dort wohnte +nach einer alten Sage eine guetige Fee, Adolzaide geheissen, welche oft +schon den Koenigen seines Stammes in der Stunde der Not mit ihrem Rat +beigestanden war; dorthin eilte der Sultan. + +In der Mitte des Waldes war ein freier Platz, von hohen Zedern +umgeben. Dort wohnte nach der Sage die Fee, und selten betrat ein +Sterblicher diesen Platz, denn eine gewisse Scheu davor hatte sich +aus alten Zeiten vom Vater auf den Sohn vererbt. + +Als der Sultan dort angekommen war, stieg er ab, band sein Pferd an +einen Baum, stellte sich in die Mitte des Platzes und sprach mit +lauter Stimme: "Wenn es wahr ist, dass du meinen Vaetern guetigen Rat +erteiltest in der Stunde der Not, so verschmaehe nicht die Bitte ihres +Enkels und rate mir, wo menschlicher Verstand zu kurzsichtig ist!" + +Er hatte kaum die letzten Worte gesprochen, als sich eine der Zedern +oeffnete und eine verschleierte Frau in langen, weissen Gewaendern +hervortrat. "Ich weiss, warum du zu mir kommst, Sultan Saaud, dein +Wille ist redlich; darum soll dir auch meine Hilfe werden. Nimm +diese zwei Kistchen! Lass jene beiden, welche deine Soehne sein wollen, +waehlen! Ich weiss, dass der, welcher der echte ist, das rechte nicht +verfehlen wird." So sprach die Verschleierte und reichte ihm zwei +kleine Kistchen von Elfenbein, reich mit Gold und Perlen verziert; +auf den Deckeln, die der Sultan vergebens zu oeffnen versuchte, +standen Inschriften von eingesetzten Diamanten. + +Der Sultan besann sich, als er nach Hause ritt, hin und her, was wohl +in den Kistchen sein koennte, welche er mit aller Muehe nicht zu oeffnen +vermochte. Auch die Aufschrift gab ihm kein Licht in der Sache; denn +auf dem einen stand: "Ehre und Ruhm", auf dem anderen: "Glueck und +Reichtum". Der Sultan dachte bei sich, da wuerde auch ihm die Wahl +schwer werden unter diesen beiden Dingen, die gleich anziehend, +gleich lockend seien. + +Als er in seinen Palast zurueckgekommen war, liess er die Sultanin +rufen und sagte ihr den Ausspruch der Fee, und eine wunderbare +Hoffnung erfuellte sie, dass jener, zu dem ihr Herz sie hinzog, das +Kistchen waehlen Wuerde, welches seine koenigliche Abkunft beweisen +sollte. + +Vor dem Ibrone des Sultans wurden zwei Tische aufgestellt; auf sie +setzte der Sultan mit eigener Hand die beiden Kistchen, bestieg dann +den Thron und winkte einem seiner Sklaven, die Pforte des Saales zu +oeffnen. Eine glaenzende Versammlung von Bassas und Emiren des Reiches, +die der Sultan berufen hatte, stroemte durch die geoeffnete Pforte. +Sie liessen sich auf prachtvollen Polstern nieder, welche die Waende +entlang aufgestellt waren. + +Als sie sich alle niedergelassen hatten, winkte der Koenig zum +zweitenmal, und Labakan wurde hereingefuehrt. Mit stolzem Schritte +ging er durch den Saal, warf sich vor dem Throne nieder und sprach: +"Was befiehlt mein Herr und Vater?" + +Der Sultan erhob sich auf seinem Thron und sprach: "Mein Sohn! Es +sind Zweifel an der Echtheit deiner Ansprueche auf diesen Namen +erhoben worden; eines jener Kistchen enthaelt die Bestaetigung deiner +echten Geburt, waehle! Ich zweifle nicht, du wirst das rechte waehlen!" + +Labakan erhob sich und trat vor die Kistchen, er erwog lange, was er +waehlen sollte, endlich sprach er: "Verehrter Vater! Was kann es +Hoeheres geben als das Glueck, dein Sohn zu sein, was Edleres als den +Reichtum deiner Gnade? Ich waehle das Kistchen, das die Aufschrift +"Gliick und Reichtum" zeigt." + +"Wir werden nachher erfahren, ob du recht gewaehlt hast; einstweilen +setze dich dort auf das Polster zum Bassa von Medina", sagte der +Sultan und winkte seinen Sklaven. + +Omar wurde hereingefuehrt; sein Blick war duester, seine Miene traurig, +und sein Anblick erregte allgemeine Teilnahme unter den Anwesenden. +Er warf sich vor dem Throne nieder und fragte nach dem Willen des +Sultans. + +Der Sultan deutete ihm an, dass er eines der Kistchen zu waehlen habe, +er stand auf und trat vor den Tisch. + +Er las aufmerksam beide Inschriften und sprach: "Die letzten Tage +haben mich gelehrt, wie unsicher das Glueck, wie vergaenglich der +Reichtum ist; sie haben mich aber auch gelehrt, dass ein +unzerstoerbares Gut in der Brust des Tapferen wohnt, die Ehre, und dass +der leuchtende Stern des Ruhmes nicht mit dem Glueck zugleich vergeht. +Und sollte ich einer Krone entsagen, der Wuerfel liegt--Ehre und Ruhm, +ich waehle euch!" + +Er setzte seine Hand auf das Kistchen, das er erwaehlt hatte; aber der +Sultan befahl ihm, einzuhalten; er winkte Labakan, gleichfalls vor +seinen Tisch zu treten, und auch dieser legte seine Hand auf sein +Kistchen. + +Der Sultan aber liess sich ein Becken mit Wasser von dem heiligen +Brunnen Zemzem in Mekka bringen, wusch seine Haende zum Gebet, wandte +sein Gesicht nach Osten, warf sich nieder und betete: "Gott meiner +Vaeter! Der du seit Jahrhunderten unsern Stamm rein und unverfaelscht +bewahrtest, gib nicht zu, dass ein Unwuerdiger den Namen der Abassiden +schaende, sei mit deinem Schutze meinem echten Sohne nahe in dieser +Stunde der Pruefung!" + +Der Sultan erhob sich und bestieg seinen Thron wieder; allgemeine +Erwartung fesselte die Anwesenden, man wagte kaum zu atmen, man haette +ein Maeuschen ueber den Saal gehen hoeren koennen, so still und gespannt +waren alle, die hintersten machten lange Haelse, um ueber die vorderen +nach den Kistchen sehen zu koennen. Jetzt sprach der Sultan: "Oeffnet +die Kistchen", und diese, die vorher keine Gewalt zu oeffnen vermochte, +sprangen von selbst auf. + +In dem Kistchen, das Omar gewaehlt hatte, lagen auf einem samtenen +Kissen eine kleine goldene Krone und ein Zepter; in Labakans +Kistchen--eine grosse Nadel und ein wenig Zwirn! Der Sultan befahl +den beiden, ihre Kistchen vor ihn zu bringen. Er nahm das Kroenchen +von dem Kissen in seine Hand, und wunderbar war es anzusehen, wie er +es nahm, wurde es groesser und groesser, bis es die Groesse einer rechten +Krone erreicht hatte. Er setzte die Krone seinem Sohn Omar, der vor +ihm kniete, auf das Haupt, kuesste ihn auf die Stirne und hiess ihn zu +seiner Rechten sich niedersetzen. Zu Labakan aber wandte er sich und +sprach: "Es ist ein altes Sprichwort: Der Schuster bleibe bei seinem +Leisten! Es scheint, als solltest du bei der Nadel bleiben. Zwar +hast du meine Gnade nicht verdient, aber es hat jemand fuer dich +gebeten, dem ich heute nichts abschlagen kann; drum schenke ich dir +dein armseliges Leben, aber wenn ich dir guten Rates bin, so beeile +dich, dass du aus meinem Lande kommst!" + +Beschaemt, vernichtet, wie er war, vermochte der arme Schneidergeselle +nichts zu erwidern; er warf sich vor dem Prinzen nieder, und Traenen +drangen ihm aus den Augen: "Koennt Ihr mir vergeben, Prinz?" sagte er. + +"Treue gegen den Freund, Grossmut gegen den Feind ist des Abassiden +Stolz", antwortete der Prinz, indem er ihn aufhob, "gehe hin in +Frieden!" + +"O du mein echter Sohn!" rief geruehrt der alte Sultan und sank an die +Brust des Sohnes; die Emire und Bassa und alle Grossen des Reiches +standen auf von ihren Sitzen und riefen: "Heil dem neuen Koenigssohn!" +Und unter dem allgemeinen Jubel schlich sich Labakan, sein Kistchen +unter dem Arm, aus dem Saal. + +Er ging hinunter in die Staelle des Sultans, zaeumte sein Ross Murva auf +und ritt zum Tore hinaus, Alessandria zu. Sein ganzes Prinzenleben +kam ihm wie ein Traum vor, und nur das prachtvolle Kistchen, reich +mit Perlen und Diamanten geschmueckt, erinnerte ihn, dass er doch nicht +getraeumt habe. + +Als er endlich wieder nach Alessandria kam, ritt er vor das Haus +seines alten Meisters, stieg ab, band sein Roesslein an die Tuere und +trat in die Werkstatt. Der Meister, der ihn nicht gleich kannte, +machte ein grosses Wesen und fragte, was ihm zu Dienst stehe; als er +aber den Gast naeher ansah und seinen alten Labakan erkannte, rief er +seine Gesellen und Lehrlinge herbei, und alle stuerzten sich wie +wuetend auf den armen Labakan, der keines solchen Empfangs gewaertig +war, stiessen und schlugen ihn mit Buegeleisen und Ellenmass, stachen +ihn mit Nadeln und zwickten ihn mit scharfen Scheren, bis er +erschoepft auf einen Haufen alter Kleider niedersank. + +Als er nun so dalag, hielt ihm der Meister eine Strafrede ueber das +gestohlene Kleid; vergebens versicherte Labakan, dass er nur deswegen +wiedergekommen sei, um ihm alles zu ersetzen, vergebens bot er ihm +den dreifachen Schadenersatz, der Meister und seine Gesellen fielen +wieder ueber ihn her, schlugen ihn weidlich und warfen ihn zur Tuere +hinaus; zerschlagen und zerfetzt stieg er auf das Ross Murva und ritt +in eine Karawanserei. Dort legte er sein muedes, zerschlagenes Haupt +nieder und stellte Betrachtungen an ueber die Leiden der Erde, ueber +das so oft verkannte Verdienst und ueber die Nichtigkeit und +Fluechtigkeit aller Gueter. Er schlief mit dem Entschluss ein, aller +Groesse zu entsagen und ein ehrsamer Buerger zu werden. + +Und den andere Tag gereute ihn sein Entschluss nicht; denn die +schweren Haende des Meisters und seiner Gesellen schienen alle Hoheit +aus ihm herausgepruegelt zu haben. + +Er verkaufte um einen hohen Preis sein Kistchen an einen +Juwelenhaendler, kaufte sich ein Haus und richtete sich eine Werkstatt +zu seinem Gewerbe ein. Als er alles eingerichtet und auch ein Schild +mit der Aufschrift Labakan, Kleidermacher vor sein Fenster gehaengt +hatte, setzte er sich und begann mit jener Nadel und dem Zwirn, die +er in dem Kistchen gefunden, den Rock zu flicken, welchen ihm sein +Meister so grausam zerfetzt hatte. Er wurde von seinem Geschaeft +abgerufen, und als er sich wieder an die Arbeit setzen wollte, welch +sonderbarer Anblick bot sich ihm dar! Die Nadel naehte emsig fort, +ohne von jemand gefuehrt zu werden; sie machte feine, zierliche Stiche, +wie sie selbst Labakan in seinen kunstreichsten Augenblicken nicht +gemacht hatte! + +Wahrlich, auch das geringste Geschenk einer guetigen Fee ist nuetzlich +und von grossem Wert! Noch einen andere Wert hatte aber dies Geschenk, +naemlich: Das Stueckchen Zwirn ging nie aus, die Nadel mochte so +fleissig sein, als sie wollte. + +Labakan bekam viele Kunden und war bald der beruehmteste Schneider +weit und breit; er schnitt die Gewaender zu und machte den ersten +Stich mit der Nadel daran, und flugs arbeitete diese weiter ohne +Unterlass, bis das Gewand fertig war. Meister Labakan hatte bald die +ganze Stadt zu Kunden; denn er arbeitete schoen und ausserordentlich +billig, und nur ueber eines schuettelten die Leute von Alessandria den +Kopf, naemlich: dass er ganz ohne Gesellen und bei verschlossenen Tueren +arbeitete. + +So war der Spruch des Kistchens, Glueck und Reichtum verheissend, in +Erfuellung gegangen; Glueck und Reichtum begleiteten, wenn auch in +bescheidenem Masse, die Schritte des guten Schneiders, und wenn er von +dem Ruhm des jungen Sultans Omar, der in aller Munde lebte, hoerte, +wenn er hoerte, dass dieser Tapfere der Stolz und die Liebe seines +Volkes und der Schrecken seiner Feinde sei, da dachte der ehemalige +Prinz bei sich: "Es ist doch besser, dass ich ein Schneider geblieben +bin; denn um die Ehre und den Ruhm ist es eine gar gefaehrliche Sache." +So lebte Labakan, zufrieden mit sich, geachtet von seinen +Mitbuergern, und wenn die Nadel indes nicht ihre Kraft verloren, so +naeht sie noch jetzt mit dem ewigen Zwirn der guetigen Fee Adolzaide. + +Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach +Birket el Had oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei +Stunden Weges nach Kairo waren--Man hatte um diese Zeit die Karawane +erwartet, und bald hatten die Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus +Kairo ihnen entgegenkommen zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch +das Tor Bebel Falch; denn es wird fuer eine glueckliche Vorbedeutung +gehalten, wenn man von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, +weil der Prophet hindurchgezogen ist. + +Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier tuerkischen Kaufleute von +dem Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit +ihren Freunden nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute +Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der +Fremde sagte zu und versprach, wenn er nur vorher sich umgekleidet +habe, zu erscheinen. + +Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er +auf der Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die +Speisen und Getraenke in gehoeriger Ordnung aufgestellt waren, setzte +er sich, seinen Gast zu erwarten. + +Langsam und schweren Schrittes hoerte er ihn den Gang, der zu seinem +Gemach fuehrte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich +entgegenzusehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll +Entsetzen fuhr er zurueck, als er die Tuere oeffnete; denn jener +schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick +auf ihn, es war keine Taeuschung; dieselbe hohe, gebietende Gestalt, +die Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote +Mantel mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus +den schrecklichsten Stunden seines Lebens. + +Widerstreitende Gefuehle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit +diesem Bild seiner Erinnerung laengst ausgesoehnt und ihm vergeben, und +doch riss sein Anblick alle seine Wunden wieder auf; alle jene +qualvollen Stunden der Todesangst, jener Gram, der die Bluete seines +Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augenblicks an seiner Seele +vorueber. + +"Was willst du, Schrecklicher?" rief der Grieche aus, als die +Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. "Weiche +schnell von hinnen, dass ich dir nicht fluche!" + +"Zaleukos!" sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor. +"Zaleukos! So empfaengst du deinen Gastfreund?" Der Sprechende nahm +die Larve ab, schlug den Mantel zurueck; es war Selim Baruch, der +Fremde. + +Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden; +denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte +vecchio erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte; +er winkte schweigend dem Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen. + +"Ich errate deine Gedanken", nahm dieser das Wort, als sie sich +gesetzt hatten. "Deine Augen sehen fragend auf mich--ich haette +schweigen und mich deinen Blicken nie mehr zeigen koennen, aber ich +bin dir Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die +Gefahr hin, dass du mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu +erscheinen. Du sagtest einst zu mir: Der Glaube meiner Vaeter +befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl ungluecklicher als ich; +glaube dieses, mein Freund, und hoere meine Rechtfertigung! + +Ich muss weit ausholen, um mich dir ganz verstaendlich zu machen. Ich +bin in Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der +juengere Sohn eines alten, beruehmten franzoesischen Hauses, war Konsul +seines Landes in Alessandria. Ich wurde von meinem zehnten Jahre an +in Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verliess erst +einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit +meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr sicher war, +ueber dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll +Hoffnung, die Ruhe und den Frieden, den uns das empoerte Volk der +Franzosen entrissen, im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten +wir. Aber ach! Ich fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es +sein sollte; die aeusseren Stuerme der bewegten Zeit waren zwar noch +nicht bis hierher gelangt, desto unerwarteter hatte das Unglueck mein +Haus im innersten Herzen heimgesucht. Mein Bruder, ein junger, +hoffnungsvoller Mann, erster Sekretaer meines Vaters, hatte sich erst +seit kurzem mit einem jungen Maedchen, der Tochter eines +florentinischen Edelmanns, der in unserer Nachbarschaft wohnte, +verheiratet; zwei Tage vor unserer Ankunft war diese auf einmal +verschwunden, ohne dass weder unsere Familie noch ihr Vater die +geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man glaubte endlich, sie +habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in Raeuberhaende +gefallen. Beinahe troestlicher waere dieser Gedanke fuer meinen armen +Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde. Die +Treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie im Hause +ihres Vaters kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder, aufs +aeusserste empoert ueber diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur +Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Versuche, die in Neapel und +Florenz Aufsehen erregt hatten, dienten nur dazu, sein und unser +aller Unglueck zu vollenden. Der florentinische Edelmann reiste in +sein Vaterland zurueck, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht zu +verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in +Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknuepft hatte, +nieder und wusste seinen Einfluss, den er auf alle Art sich verschafft +hatte, so gut zu benuetzen, dass mein Vater und mein Bruder ihrer +Regierung verdaechtig gemacht und durch die schaendlichsten Mittel +gefangen, nach Frankreich gefuehrt und dort vom Beil des Henkers +getoetet wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und erst nach +zehn langen Monaten erloeste sie der Tod von ihrem schrecklichen +Zustand, der aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewusstsein +geworden war. So stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur +ein Gedanke beschaeftigte meine Seele, nur ein Gedanke liess mich meine +Trauer vergessen, es war jene maechtige Flamme, die meine Mutter in +ihrer letzten Stunde in mir angefacht hatte. + +In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewusstsein +zurueckgekehrt; sie liess mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem +Schicksal und ihrem Ende. Dann aber liess sie alle aus dem Zimmer +gehen, richtete sich mit feierlicher Miene von ihrem aermlichen Lager +auf und sagte, ich koenne mir ihren Segen erwerben, wenn ich ihr +schwoere, etwas auszufahren, das sie mir auftragen wuerde--Ergriffen +von den Worten der sterbenden Mutter, gelobte ich mit einem Eide zu +tun, wie sie mir sagen werde. Sie brach nun in Verwuenschungen gegen +den Florentiner und seine Tochter aus und legte mir mit den +fuerchterlichsten Drohungen ihres Fluches auf, mein unglueckliches Haus +an ihm zu raechen. Sie starb in meinen Armen. Jener Gedanke der +Rache hatte schon lange in meiner Seele geschlummert; jetzt erwachte +er mit aller Macht. Ich sammelte den Rest meines vaeterlichen +Vermoegens und schwor mir, alles an meine Rache zu setzen oder selbst +mit unterzugehen. + +Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als moeglich aufhielt; +mein Plan war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher +sich meine Feinde befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur +geworden und hatte so alle Mittel in der Hand, sobald er das +geringste ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam mir zu Hilfe. +Eines Abends sah ich einen Menschen in bekannter Livree durch die +Strassen gehen; sein unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das +halblaut herausgestossene "Santo sacramento", "Maledetto diavolo" +liessen mich den alten Pietro, einen Diener des Florentiners, den ich +schon in Alessandria gekannt hatte, erkennen. Ich war nicht in +Zweifel, dass er ueber seinen Herrn in Zorn geraten sei, und beschloss, +seine Stimmung zu benuetzen. Er schien sehr ueberrascht, mich hier zu +sehen, klagte mir sein Leiden, dass er seinem Herrn, seit er +Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen koenne, und mein Gold, +unterstuetzt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite. Das +Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann in meinem +Solde, der mir zu jeder Stunde die Tuere meines Feindes oeffnete, und +nun reifte mein Racheplan immer schneller heran. Das Leben des alten +Florentiners schien mir ein zu geringes Gewicht, dem Untergang meines +Hauses gegenueber, zu haben. Sein Liebstes musste er gemordet sehen, +und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja sie so schaendlich an +meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache unseres Ungluecks. +Gar erwuenscht kam sogar meinem racheduerstigen Herzen die Nachricht, +dass in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermaehlen wollte, es +war beschlossen, sie musste sterben. Aber mir selbst graute vor der +Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum spaehten wir +umher nach einem Mann, der das Geschaeft vollbringen koenne. Unter den +Florentinern wagte ich keinen zu dingen, denn gegen den Gouverneur +wuerde keiner etwas Solches unternommen haben. Da fiel Pietro der +Plan ein, den ich nachher ausgefuehrt habe; zugleich schlug er dich +als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor. Den Verlauf der Sache +weisst du. Nur an deiner grossen Vorsicht und Ehrlichkeit schien mein +Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel. + +Pietro oeffnete uns das Pfoertchen an dem Palast des Gouverneurs; er +haette uns auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht, +durch den schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Tuerspalte +darbot, erschreckt, entflohen waeren. Von Schrecken und Reue gejagt, +war ich ueber zweihundert Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen +einer Kirche niedersank. Dort erst sammelte ich mich wieder, und +mein erster Gedanke warst du und dein schreckliches Schicksal, wenn +man dich in dem Hause faende. Ich schlich an den Palast, aber weder +von Pietro noch von dir konnte ich eine Spur entdecken; das Pfoertchen +aber war offen, so konnte ich wenigstens hoffen, dass du die +Gelegenheit zur Flucht benuetzt haben koenntest. + +Als aber der Tag anbrach, liess mich die Angst vor der Entdeckung und +ein unabweisbares Gefuehl von Reue nicht mehr in den Mauern von +Florenz. Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestuerzung, als +man dort nach einigen Tagen ueberall diese Geschichte erzaehlte mit dem +Beisatz, man habe den Moerder, einen griechischen Arzt, gefangen. Ich +kehrte in banger Besorgnis nach Florenz zurueck; denn schien mir meine +Rache schon vorher zu stark, so verfluchte ich sie jetzt, denn sie +war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an demselben +Tage an, der dich der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich +fuehlte, als ich dich das Schafott besteigen und so heldenmuetig leiden +sah. Aber damals, als dein Blut in Stroemen aufspritzte, war der +Entschluss fest in mir, dir deine uebrigen Lebenstage zu versuessen. Was +weiter geschehen ist, weisst du, nur das bleibt mir noch zu sagen +uebrig, warum ich diese Reise mit dir machte. + +Als eine schwere Last drueckte mich der Gedanke, dass du mir noch immer +nicht vergeben habest; darum entschloss ich mich, viele Tage mit dir +zu leben und dir endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit +dir getan." + +Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehoert; mit sanftem Blick +bot er ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. "Ich wusste wohl, dass +du ungluecklicher sein muesstest als ich, denn jene grausame Tat wird +wie eine dunkle Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir +von Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter +dieser Gestalt in die Wueste? Was fingst du an, nachdem du in +Konstantinopel mir das Haus gekauft hattest?" + +"Ich ging nach Alessandria zurueck", antwortete der Gefragte. "Hass +gegen alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Hass besonders +gegen jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter +meinen Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in +Alessandria, als jene Landung meiner Landsleute erfolgte. + +Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; +darum sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner +Bekanntschaft und schloss mich jenen tapferen Mamelucken an, die so +oft der Schrecken des franzoesischen Heeres wurden. Als der Feldzug +beendigt war, konnte ich mich nicht entschliessen, zu den Kuensten des +Friedens zurueckzukehren. Ich lebte mit einer kleinen Anzahl +gleichdenkender Freunde ein unstetes und fluechtiges, dem Kampf und +der Jagd geweihtes Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die +mich wie ihren Fuersten ehren; denn wenn meine Asiaten auch nicht so +gebildet sind wie Eure Europaeer, so sind sie doch weit entfernt von +Neid und Verleumdung, von Selbstsucht und Ehrgeiz." + +Zaleukos dankte dem Fremden fuer seine Mitteilung, aber er verbarg ihm +nicht, dass er es fuer seinen Stand, fuer seine Bildung angemessener +faende, wenn er in christlichen, in europaeischen Laendern leben und +wirken wuerde. Er fasste seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, +bei ihm zu leben und zu sterben. + +Geruehrt sah ihn der Gastfreund an. "Daraus erkenne ich", sagte er, +"dass du mir ganz vergeben hast, dass du mich liebst. Nimm meinen +innigsten Dank dafuer!" Er sprang auf und stand in seiner ganzen Groesse +vor dem Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel +blitzenden Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. +"Dein Vorschlag ist schoen", sprach jener weiter, "er moechte fuer jeden +andern lockend sein--ich kann ihn nicht benuetzen. Schon steht mein +Ross gesattelt, erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!" Die +Freunde, die das Schicksal so wunderbar zusammengefuehrt, umarmten +sich zum Abschied. "Und wie nenne ich dich? Wie heisst mein +Gastfreund, der auf ewig in meinem Gedaechtnis leben wird?" fragte der +Grieche. + +Der Fremde sah ihn lange an, drueckte ihm noch einmal die Hand und +sprach: "Man nennt mich den Herrn der Wueste; ich bin der Raeuber +Orbasan." + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Maerchen-Almanach auf das Jahr +1826", von Wilhelm Hauff. + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1826 *** + +This file should be named 7alm110.txt or 7alm110.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7alm111.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7alm110a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04 + +Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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