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+The Project Gutenberg EBook of Wallensteins Tod, by Friedrich Schiller
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Wallensteins Tod
+
+Author: Friedrich Schiller
+
+Posting Date: September 24, 2014 [EBook #6549]
+Release Date: September, 2004
+First Posted: February 11, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALLENSTEINS TOD ***
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+Produced by Gutenberg Projekt-DE
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg
+Projekt-DE. That project is reachable at the web site
+http://gutenberg2000.de.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur
+Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg2000.de erreichbar.
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+
+Wallensteins Tod
+
+Friedrich Schiller
+
+Ein Trauerspiel in Fünf Aufzügen
+
+Personen:
+
+Wallenstein
+Octavio Piccolomini
+Max Piccolomini
+Terzky
+Illo
+Isolani
+Buttler
+Rittmeister Neumann
+Ein Adjutant
+Oberst Wrangel von Schweden gesendet
+Gordon Kommandant von Eger
+Major Geraldin
+Deveroux
+Macdonald
+Hauptleute in der Wallensteinischen Armee
+Schwedischer Hauptmann
+Eine Gesandtschaft von
+Kürassieren
+Bürgermeister von Eger
+Seni
+Herzogin von Friedland
+Gräfin Terzky
+Thekla
+Fräulein Neubrunn Hofdame der Prinzessin
+von Rosenberg Stallmeister der Prinzessin
+Dragoner
+Bediente. Pagen. Volk.
+
+Die Szene ist in den drei ersten Aufzügen zu Pilsen, in den
+zwei letzten zu Eger.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+Ein Zimmer, zu astrologischen Arbeiten eingerichtet und mit
+Sphären, Karten, Quadranten und anderm astronomischen Geräte
+versehen. Der Vorhang von einer Rotunde ist aufgezogen, in
+welcher die sieben Planetenbilder, jedes in einer Nische,
+seltsam beleuchtet, zu sehen sind. Seni beobachtet die Sterne,
+Wallenstein steht vor einer großen schwarzen Tafel, auf welcher
+der Planetenaspekt gezeichnet ist.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Wallenstein. Seni.
+
+
+Wallenstein.
+ Laß es jetzt gut sein, Seni. Komm herab.
+ Der Tag bricht an, und Mars regiert die Stunde.
+ Es ist nicht gut mehr operieren. Komm!
+ Wir wissen g'nug.
+
+Seni.
+ Nur noch die Venus laß mich
+ Betrachten, Hoheit. Eben geht sie auf.
+ Wie eine Sonne glänzt sie in dem Osten.
+
+Wallenstein.
+ Ja, sie ist jetzt in ihrer Erdennäh'
+ Und wirkt herab mit allen ihren Stärken.
+(Die Figur auf der Tafel betrachtend.)
+ Glückseliger Aspekt! So stellt sich endlich
+ Die große Drei verhängnisvoll zusammen,
+ Und beide Segenssterne, Jupiter
+ Und Venus, nehmen den verderblichen,
+ Den tück'schen Mars in ihre Mitte, zwingen
+ Den alten Schadenstifter, mir zu dienen.
+ Denn lange war er feindlich mir gesinnt
+ Und schoß mit senkrecht- oder schräger Strahlung,
+ Bald im Gevierten, bald im Doppelschein,
+ Die roten Blitze meinen Sternen zu
+ Und störte ihre segenvollen Kräfte.
+ Jetzt haben sie den alten Feind besiegt
+ Und bringen ihn am Himmel mir gefangen.
+
+Seni.
+ Und beide große Lumina von keinem
+ Malefico beleidigt! der Saturn
+ Unschädlich, machtlos, in cadente domo.
+
+Wallenstein.
+ Saturnus' Reich ist aus, der die geheime
+ Geburt der Dinge in dem Erdenschoß
+ Und in den Tiefen des Gemüts beherrscht
+ Und über allem, was das Licht scheut, waltet.
+ Nicht Zeit ist's mehr, zu brüten und zu sinnen,
+ Denn Jupiter, der glänzende, regiert
+ Und zieht das dunkel zubereitete Werk
+ Gewaltig in das Reich des Lichts--Jetzt muß
+ Gehandelt werden, schleunig, eh' die Glücks-
+ Gestalt mir wieder wegflieht überm Haupt,
+ Denn stets in Wandlung ist der Himmelsbogen.
+(Es geschehen Schläge an die Tür.)
+ Man pocht. Sieh, wer es ist.
+
+Terzky. (draußen).
+ Laß öffnen!
+
+Wallenstein.
+ Es ist Terzky.
+ Was gibt's so Dringendes? Wir sind beschäftigt.
+
+Terzky. (draußen)
+ Leg alles jetzt beiseit', ich bitte dich,
+ Es leidet keinen Aufschub.
+
+Wallenstein.
+ Öffne, Seni.
+(Indem jener dem Terzky aufmacht, zieht Wallenstein den Vorhang
+vor die Bilder.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Wallenstein. Graf Terzky.
+
+
+Terzky. (tritt ein).
+ Vernahmst du's schon? Er ist gefangen, ist
+ Vom Gallas schon dem Kaiser ausgeliefert!
+
+Wallenstein. (zu Terzky)
+ Wer ist gefangen? Wer ist ausgeliefert?
+
+Terzky.
+ Wer unser ganz Geheimnis weiß, um jede
+ Verhandlung mit den Schweden weiß und Sachsen,
+ Durch dessen Hände alles ist gegangen--
+
+Wallenstein. (zurückfahrend)
+ Sesin doch nicht? Sag nein, ich bitte dich.
+
+Terzky.
+ Grad auf dem Weg nach Regenspurg zum Schweden
+ Ergriffen ihn des Gallas Abgeschickte,
+ Der ihm schon lang die Fährte abgelauert.
+ Mein ganz Paket an Kinsky, Matthes Thurn,
+ An Oxenstirn, an Arnheim führt er bei sich.
+ Das alles ist in ihrer Hand, sie haben
+ Die Einsicht nun in alles, was geschehn.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Vorige. Illo kommt.
+
+
+Illo. (zu Terzky)
+ Weiß er's?
+
+Terzky.
+ Er weiß es.
+
+Illo. (zu Wallenstein)
+ Denkst du deinen Frieden
+ Nun noch zu machen mit dem Kaiser, sein
+ Vertraun zurückzurufen? wär' es auch:
+ Du wolltest allen Planen jetzt entsagen,
+ Man weiß, was du gewollt hast. Vorwärts mußt du,
+ Denn rückwärts kannst du nun nicht mehr.
+
+Terzky.
+ Sie haben Dokumente gegen uns
+ In Händen, die unwidersprechlich zeugen--
+
+Wallenstein.
+ Von meiner Handschrift nichts. Dich straf ich Lügen.
+
+Illo.
+ So? Glaubst du wohl, was dieser da, dein Schwager,
+ In deinem Namen unterhandelt hat,
+ Das werde man nicht dir auf Rechnung setzen?
+ Dem Schweden soll sein Wort für deines gelten,
+ Und deinen Wiener Feinden nicht!
+
+Terzky.
+ Du gabst nichts Schriftliches--Besinn dich aber,
+ Wie weit du mündlich gingst mit dem Sesin.
+ Und wird er schweigen? Wenn er sich mit deinem
+ Geheimnis retten kann, wird er's bewahren?
+
+Illo.
+ Das fällt dir selbst nicht ein! Und da sie nun
+ Berichtet sind, wie weit du schon gegangen,
+ Sprich! was erwartest du? Bewahren kannst du
+ Nicht länger dein Kommando, ohne Rettung
+ Bist du verloren, wenn du's niederlegst.
+
+Wallenstein.
+ Das Heer ist meine Sicherheit. Das Heer
+ Verläßt mich nicht. Was sie auch wissen mögen,
+ Die Macht ist mein, sie müssen's niederschlucken,
+ --Und stell ich Kaution für meine Treu',
+ So müssen sie sich ganz zufrieden geben.
+
+Illo.
+ Das Heer ist dein; jetzt für den Augenblick
+ Ist's dein; doch zittre vor der langsamen,
+ Der stillen Macht der Zeit. Vor offenbarer
+ Gewalt beschützt dich heute noch und morgen
+ Der Truppen Gunst; doch gönnst du ihnen Frist,
+ Sie werden unvermerkt die gute Meinung,
+ Worauf du jetzo fußest, untergraben,
+ Dir einen um den andern listig stehlen--
+ Bis, wenn der große Erdstoß nun geschieht,
+ Der treulos mürbe Bau zusammenbricht.
+
+Wallenstein.
+ Es ist ein böser Zufall!
+
+Illo.
+ Oh! einen glücklichen will ich ihn nennen,
+ Hat er auf dich die Wirkung, die er soll,
+ Treibt dich zu schneller Tat--Der schwed'sche Oberst--
+
+Wallenstein.
+ Er ist gekommen? Weißt du, was er bringt?
+
+Illo.
+ Er will nur dir allein sich anvertraun.
+
+Wallenstein.
+ Ein böser, böser Zufall--Freilich! Freilich!
+ Sesina weiß zu viel und wird nicht schweigen.
+
+Terzky.
+ Er ist ein böhmischer Rebell und Flüchtling,
+ Sein Hals ist ihm verwirkt; kann er sich retten
+ Auf deine Kosten, wird er Anstand nehmen?
+ Und wenn sie auf der Folter ihn befragen,
+ Wird er, der Weichling, Stärke g'nug besitzen?--
+
+Wallenstein. (in Nachsinnen verloren)
+ Nicht herzustellen mehr ist das Vertraun.
+ Und mag ich handeln, wie ich will, ich werde
+ Ein Landsverräter ihnen sein und bleiben.
+ Und kehr ich noch so ehrlich auch zurück
+ Zu meiner Pflicht, es wird mir nichts mehr helfen--
+
+Illo.
+ Verderben wird es dich. Nicht deiner Treu',
+ Der Ohnmacht nur wird's zugeschrieben werden.
+
+Wallenstein. (in heftiger Bewegung auf und ab gehend)
+ Wie? Sollt' ich's nun im Ernst erfüllen müssen,
+ Weil ich zu frei gescherzt mit dem Gedanken?
+ Verflucht, wer mit dem Teufel spielt!--
+
+Illo.
+ Wenn's nur dein Spiel gewesen, glaube mir,
+ Du wirst's in schwerem Ernste büßen müssen.
+
+Wallenstein.
+ Und müßt' ich's in Erfüllung bringen, jetzt,
+ Jetzt, da die Macht noch mein ist, müßt's geschehn--
+
+Illo.
+ Wo möglich, eh' sie von dem Schlage sich
+ In Wien besinnen und zuvor dir kommen--
+
+Wallenstein. (die Unterschriften betrachtend)
+ Das Wort der Generale hab ich schriftlich--
+ Max Piccolomini steht nicht hier. Warum nicht?
+
+Terzky.
+ Es war--er meinte--
+
+Illo.
+ Bloßer Eigendünkel!
+ Es brauche das nicht zwischen dir und ihm.
+
+Wallenstein.
+ Es braucht das nicht, er hat ganz recht--
+ Die Regimenter wollen nicht nach Flandern,
+ Sie haben eine Schrift mir übersandt
+ Und widersetzen laut sich dem Befehl.
+ Der erste Schritt zu Aufruhr ist geschehn.
+
+Illo.
+ Glaub mir, du wirst sie leichter zu dem Feind
+ Als zu dem Spanier hinüber führen.
+
+Wallenstein.
+ Ich will doch hören, was der Schwede mir
+ Zu sagen hat.
+
+Illo. (pressiert)
+ Wollt Ihr ihn rufen, Terzky?
+ Er steht schon draußen.
+
+Wallenstein.
+ Warte noch ein wenig.
+ Es hat mich überrascht--Es kam zu schnell--
+ Ich bin es nicht gewohnt, daß mich der Zufall
+ Blind waltend, finster herrschend mit sich führe.
+
+Illo.
+ Hör ihn fürs erste nur. Erwäg's nachher.
+(Sie gehen.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+
+Wallenstein. (mit sich selbst redend)
+ Wär's möglich? Könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte?
+ Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt? Ich müßte
+ Die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht,
+ Nicht die Versuchung von mir wies--das Herz
+ Genährt mit diesem Traum, auf ungewisse
+ Erfüllung hin die Mittel mir gespart,
+ Die Wege bloß mir offen hab gehalten?--
+ Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht
+ Mein Ernst, beschloßne Sache war es nie.
+ In dem Gedanken bloß gefiel ich mir;
+ Die Freiheit reizte mich und das Vermögen.
+ War's unrecht, an dem Gaukelbilde mich
+ Der königlichen Hoffnung zu ergötzen?
+ Blieb in der Brust mir nicht der Wille frei,
+ Und sah ich nicht den guten Weg zur Seite,
+ Der mir die Rückkehr offen stets bewahrte?
+ Wohin denn seh ich plötzlich mich geführt?
+ Bahnlos liegt's hinter mir, und eine Mauer
+ Aus meinen eignen Werken baut sich auf,
+ Die mir die Umkehr türmend hemmt!
+(Er bleibt tiefsinnig stehen.)
+ Strafbar erschein ich, und ich kann die Schuld,
+ Wie ich's versuchen mag! nicht von mir wälzen;
+ Denn mich verklagt der Doppelsinn des Lebens,
+ Und--selbst der frommen Quelle reine Tat
+ Wird der Verdacht, schlimmdeutend, mir vergiften.
+ War ich, wofür ich gelte, der Verräter,
+ Ich hätte mir den guten Schein gespart,
+ Die Hülle hätt' ich dicht um mich gezogen,
+ Dem Unmut Stimme nie geliehn. Der Unschuld,
+ Des unverführten Willens mir bewußt,
+ Gab ich der Laune Raum, der Leidenschaft--
+ Kühn war das Wort, weil es die Tat nicht war.
+ Jetzt werden sie, was planlos ist geschehn,
+ Weitsehend, planvoll mir zusammenknüpfen,
+ Und was der Zorn und was der frohe Mut
+ Mich sprechen ließ im Überfluß des Herzens,
+ Zu künstlichem Gewebe mir vereinen
+ Und eine Klage furchtbar draus bereiten,
+ Dagegen ich verstummen muß. So hab ich
+ Mit eignem Netz verderblich mich umstrickt,
+ Und nur Gewalttat kann es reißend lösen.
+(Wiederum stillstehend.)
+ Wie anders! da des Mutes freier Trieb
+ Zur kühnen Tat mich zog, die rauh gebietend
+ Die Not jetzt, die Erhaltung von mir heischt.
+ Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit.
+ Nicht ohne Schauder greift des Menschen Hand
+ In des Geschicks geheimnisvolle Urne.
+ In meiner Brust war meine Tat noch mein:
+ Einmal entlassen aus dem sichern Winkel
+ Des Herzens, ihrem mütterlichen Boden,
+ Hinausgegeben in des Lebens Fremde,
+ Gehört sie jenen tück'schen Mächten an,
+ Die keines Menschen Kunst vertraulich macht.
+(Er macht heftige Schritte durchs Zimmer, dann bleibt er wieder
+sinnend stehen.)
+ Und was ist dein Beginnen? Hast du dir's
+ Auch redlich selbst bekannt? Du willst die Macht,
+ Die ruhig, sicher thronende erschüttern,
+ Die in verjährt geheiligtem Besitz,
+ In der Gewohnheit festgegründet ruht,
+ Die an der Völker frommem Kinderglauben
+ Mit tausend zähen Wurzeln sich befestigt.
+ Das wird kein Kampf der Kraft sein mit der Kraft,
+ Den fücht ich nicht. Mit jedem Gegner wag ich's,
+ Den ich kann sehen und ins Augen fassen,
+ Der, selbst voll Mut, auch mir den Mut entflammt.
+ Ein unsichtbarer Feind ist's, den ich fürchte,
+ Der in der Menschen Brust mir widersteht,
+ Durch feige Furcht allein mir fürchterlich--
+ Nicht, was lebendig kraftvoll sich verkündigt,
+ Ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz
+ Gemeine ist's, das ewig Gestrige,
+ Was immer war, und immer wiederkehrt
+ Und morgen gilt, weil's heute hat gegolten!
+ Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht,
+ Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
+ Weh dem, der an den würdig alten Hausrat
+ Ihm rührt, das teure Erbstück seiner Ahnen!
+ Das Jahr übt eine heiligende Kraft;
+ Was grau für Alter ist, das ist ihm göttlich.
+ Sei im Besitze, und du wohnst im Recht,
+ Und heilig wird's die Menge die bewahren.
+(Zu dem Pagen, der hereintritt.)
+ Der schwed'sche Oberst? Ist er's? Nun, er komme.
+(Page geht. Wallenstein hat den Blick nachdenkend auf die
+Türe geheftet.)
+ Noch ist sie rein--noch! Das Verbrechen kam
+ Nicht über diese Schwelle noch--So schma ist
+ Die Grenze, die zwei Lebenspfade scheidet!
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Wallenstein und Wrangel.
+
+
+Wallenstein. (nachdem er einen forschenden Blick auf ihn geheftet)
+ Ihr nennt Euch Wrangel?
+
+Wrangel.
+ Gustav Wrangel, Oberst
+ Vom blauen Regimente Südermannland.
+
+Wallenstein.
+ Ein Wrangel war's, der vor Stralsund viel Böses
+ Mir zugefügt, durch tapfre Gegenwehr
+ Schuld war, daß mir die Seestadt widerstanden.
+
+Wrangel.
+ Das Werk des Elements, mit dem Sie kämpften,
+ Nicht mein Verdienst, Herr Herzog! Seine Freiheit
+ Verteidigte mit Sturmes Macht der Belt,
+ Es sollte Meer und Land nicht einem dienen.
+
+Wallenstein.
+ Den Admiralshut rißt Ihr mir vom Haupt.
+
+Wrangel.
+ Ich komme, eine Krone drauf zu setzen.
+
+Wallenstein. (winkt ihm, Platz zu nehmen, setzt sich).
+ Euer Kreditiv. Kommt Ihr mit ganzer Vollmacht?
+
+Wrangel. (bedenklich)
+ Es sind so manche Zweifel noch zu lösen--
+
+Wallenstein. (nachdem er gelesen)
+ Der Brief hat Händ' und Füß'. Es ist ein klug,
+ Verständig Haupt, Herr Wrangel, dem Ihr dienet.
+ Es schreibt der Kanzler: er vollziehe nur
+ Den eignen Einfall des verstorbnen Königs,
+ Indem er mir zur böhm'schen Kron' verhelfe.
+
+Wrangel.
+ Er sagt, was wahr ist. Der Hochselige
+ Hat immer groß gedacht von Euer Gnaden
+ Fürtrefflichem Verstand und Feldherrngaben,
+ Und stets der Herrschverständigste, beliebt' ihm
+ Zu sagen, sollte Herrscher sein und König.
+
+Wallenstein.
+ Er durft' es sagen.
+(Seine Hand vertraulich fassend.)
+ Aufrichtig, Oberst Wrangel--Ich war stets
+ Im Herzen auch gut schwedisch--Ei, das habt ihr
+ In Schlesien erfahren und bei Nürnberg.
+ Ich hatt' euch oft in meiner Macht und ließ
+ Durch eine Hintertür euch stets entwischen.
+ Das ist's, was sie in Wien mir nicht verzeihn,
+ Was jetzt zu diesem Schritt mich treibt--Und weil
+ Nun unser Vorteil so zusammengeht,
+ So laßt uns zu einander auch ein recht
+ Vertrauen fassen.
+
+Wrangel.
+ Das Vertraun wird kommen,
+ Hat jeder nur erst seine Sicherheit.
+
+Wallenstein.
+ Der Kanzler, merk ich, traut mir noch nicht recht.
+ Ja, ich gesteh's--Es liegt das Spiel nicht ganz
+ Zu meinem Vorteil--Seine Würden meint,
+ Wenn ich dem Kaiser, der mein Herr ist, so
+ Mitspielen kann, ich könn' das gleiche tun
+ Am Feinde, und das eine wäre mir
+ Noch eher zu verzeihen als das andre.
+ Ist das nicht Eure Meinung auch, Herr Wrangel?
+
+Wrangel.
+ Ich hab hier bloß ein Amt und keine Meinung.
+
+Wallenstein.
+ Der Kaiser hat mich bis zum Äußersten
+ Gebracht. Ich kann ihm nicht mehr ehrlich dienen.
+ Zu meiner Sicherheit, aus Notwehr tu ich
+ Den harten Schritt, den mein Bewußtsein tadelt.
+
+Wrangel.
+ Ich glaub's. So weit geht niemand, der nicht muß.
+(Nach einer Pause.)
+ Was Eure Fürstlichkeit bewegen mag,
+ Also zu tun an ihrem Herrn und Kaiser,
+ Gebührt nicht uns zu richten und zu deuten.
+ Der Schwede ficht für seine gute Sach'
+ Mit seinem guten Degen und Gewissen.
+ Die Konkurrenz ist, die Gelegenheit
+ Zu unsrer Gunst, im Krieg gilt jeder Vorteil,
+ Wir nehmen unbedenklich, was sich bietet;
+ Und wenn sich alles richtig so verhält--
+
+Wallenstein.
+ Woran denn zweifelt man? An meinem Willen?
+ An meinen Kräften? Ich versprach dem Kanzler,
+ Wenn er mir sechzehntausend Mann vertraut,
+ Mit achtzehntausend von des Kaisers Heer
+ Dazuzustoßen--
+
+Wrangel.
+ Euer Gnaden sind
+ Bekannt für einen hohen Kriegesfürsten,
+ Für einen zweiten Attila und Pyrrhus.
+ Noch mit Erstaunen redet man davon,
+ Wie Sie vor Jahren, gegen Menschendenken,
+ Ein Heer wie aus dem Nichts hervorgerufen.
+ Jedennoch--
+
+Wallenstein.
+ Dennoch?
+
+Wrangel.
+ Seine Würden meint,
+ Ein leichter Ding doch möcht' es sein, mit nichts
+ Ins Feld zu stellen sechzigtausend Krieger,
+ Als nur ein Sechzigteil davon
+(er hält inne)
+
+Wallenstein.
+ Nun, was?
+ Nur frei heraus!
+
+Wrangel.
+ Zum Treubruch zu verleiten.
+
+Wallenstein.
+ Meint er? Er urteilt wie ein Schwed' und wie
+ Ein Protestant. Ihr Lutherischen fechtet
+ Für eure Bibel, euch ist's um die Sach';
+ Mit eurem Herzen folgt ihr eurer Fahne.--
+ Wer zu dem Feinde läuft von euch, der hat
+ Mit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen.
+ Von all dem ist die Rede nicht bei uns--
+
+Wrangel.
+ Herr Gott im Himmel! Hat man hierzulande
+ Denn keine Heimat, keinen Herd und Kirche?
+
+Wallenstein.
+ Ich will Euch sagen, wie das zugeht--Ja,
+ Der Österreicher hat ein Vaterland
+ Und liebt's und hat auch Ursach', es zu lieben.
+ Doch dieses Heer, das kaiserlich sich nennt,
+ Das hier in Böheim hauset, das hat keins;
+ Das ist der Auswurf fremder Länder, ist
+ Der aufgegebne Teil des Volks, dem nichts
+ Gehöret als die allgemeine Sonne.
+ Und dieses böhm'sche Land, um das wir fechten,
+ Das hat kein Herz für seinen Herrn, den ihm
+ Der Waffen Glück, nicht eigne Wahl gegeben.
+ Mit Murren trägt's des Glaubens Tyrannei,
+ Die Macht hat's eingeschreckt, beruhigt nicht.
+ Ein glühend, rachvoll Angedenken lebt
+ Der Greuel, die geschahn auf diesem Boden.
+ Und kann's der Sohn vergessen, daß der Vater
+ Mit Hunden in die Messe ward gehetzt?
+ Ein Volk, dem das geboten wird, ist schrecklich,
+ Es räche oder dulde die Behandlung.
+
+Wrangel.
+ Der Adel aber und die Offiziere?
+ Solch eine Flucht und Felonie, Herr Fürst,
+ Ist ohne Beispiel in der Welt Geschichten.
+
+Wallenstein.
+ Sie sind auf jegliche Bedingung mein.
+ Nicht mir, den eignen Augen mögt Ihr glauben.
+(Er gibt ihm die Eidesformel. Wrangel durchliest sie, legt sie,
+nachdem er gelesen, schweigend auf den Tisch.)
+ Wie ist's? Begreift Ihr nun?
+
+Wrangel.
+ Begreif 's, wer's kann!
+ Herr Fürst! Ich laß die Maske fallen--Ja!
+ Ich habe Vollmacht, alles abzuschließen.
+ Es steht der Rheingraf nur vier Tagemärsche
+ Von hier mit funfzehntausend Mann, er wartet
+ Auf Ordre nur, zu Ihrem Heer zu stoßen.
+ Die Ordre stell ich aus, sobald wir einig.
+
+Wallenstein.
+ Was ist des Kanzlers Forderung?
+
+Wrangel. (bedenklich)
+ Zwölf Regimenter gilt es, schwedisch Volk.
+ Mein Kopf muß dafür haften. Alles könnte
+ Zuletzt nur falsches Spiel--
+
+Wallenstein. (fährt auf)
+ Herr Schwede!
+
+Wrangel. (ruhig fortfahrend)
+ Muß demnach
+ Darauf bestehn, daß Herzog Friedland förmlich,
+ Unwiderruflich breche mit dem Kaiser,
+ Sonst ihm kein schwedisch Volk vertrauet wird.
+
+Wallenstein.
+ Was ist die Forderung? Sagt's kurz und gut.
+
+Wrangel.
+ Die span'schen Regimenter, die dem Kaiser
+ Ergeben, zu entwaffnen, Prag zu nehmen
+ Und diese Stadt wie auch das Grenzschloß Eger
+ Den Schweden einzuräumen.
+
+Wallenstein.
+ Viel gefordert!
+ Prag! Sei's um Eger! Aber Prag? Geht nicht.
+ Ich leist euch jede Sicherheit, die ihr
+ Vernünft'gerweise von mir fordern möget.
+ Prag aber--Böhmen--kann ich selbst beschützen.
+
+Wrangel.
+ Man zweifelt nicht daran. Es ist uns auch
+ Nicht ums Beschützen bloß. Wir wollen Menschen
+ Und Geld umsonst nicht aufgewendet haben.
+
+Wallenstein.
+ Wie billig.
+
+Wrangel.
+ Und so lang, bis wir entschädigt,
+ Bleibt Prag verpfändet.
+
+Wallenstein.
+ Traut ihr uns so wenig?
+
+Wrangel. (steht auf)
+ Der Schwede muß sich vorsehn mit dem Deutschen.
+ Man hat uns übers Ostmeer hergerufen;
+ Gerettet haben wir vom Untergang
+ Das Reich--mit unserm Blut des Glaubens Freiheit,
+ Die heil'ge Lehr' des Evangeliums
+ Versiegelt--Aber jetzt schon fühlet man
+ Nicht mehr die Wohltat, nur die Last, erblickt
+ Mit scheelem Aug' die Fremdlinge im Reiche
+ Und schickte gern mit einer Handvoll Geld
+ Uns heim in unsre Wälder. Nein! wir haben
+ Um Judas' Lohn, um klingend Gold und Silber
+ Den König auf der Walstatt nicht gelassen!
+ So vieler Schweden adeliges Blut,
+ Es ist um Gold und Silber nicht geflossen!
+ Und nicht mit magerm Lorbeer wollen wir
+ Zum Vaterland die Wimpel wieder lüften,
+ Wir wollen Bürger bleiben auf dem Boden,
+ Den unser König fallend sich erobert.
+
+Wallenstein.
+ Helft den gemeinen Feind mir niederhalten,
+ Das schöne Grenzland kann euch nicht entgehn.
+
+Wrangel.
+ Und liegt zu Boden der gemeine Feind,
+ Wer knüpft die neue Freundschaft dann zusammen?
+ Uns ist bekannt, Herr Fürst--wenngleich der Schwede
+ Nichts davon merken soll--daß Ihr mit Sachsen
+ Geheime Unterhandlung pflegt. Wer bürgt uns
+ Dafür, daß wir nicht Opfer der Beschlüsse sind,
+ Die man vor uns zu hehlen nötig achtet?
+
+Wallenstein.
+ Wohl wählte sich der Kanzler seinen Mann,
+ Er hätt' mir keinen zähern schicken können.
+(Aufstehend.)
+ Besinnt Euch eines Bessern, Gustav Wrangel.
+ Von Prag nichts mehr.
+
+Wrangel.
+ Hier endigt meinen Vollmacht.
+
+Wallenstein.
+ Euch meine Hauptstadt räumen! Lieber tret ich
+ Zurück--zu meinem Kaiser.
+
+Wrangel.
+ Wenn's noch Zeit ist.
+ Wallenstein.
+ Das steht bei mir, noch jetzt, zu jeder Stunde.
+
+Wrangel.
+ Vielleicht vor wenig Tagen noch. Heut nicht mehr.
+ --Seit der Sesin gefangen sitzt, nicht mehr.
+(Wie Wallenstein betroffen schweigt.)
+ Herr Fürst! Wir glauben, daß Sie's ehrlich meinen;
+ Seit gestern--sind wir des gewiß--Und nun
+ Dies Blatt uns für die Truppen bürgt, ist nichts,
+ Was dem Vertrauen noch im Wege stünde.
+ Prag soll uns nicht entzweien. Mein Herr Kanzler
+ Begnügt sich mit der Altstadt, Euer Gnaden
+ Läßt er den Ratschin und die kleine Seite.
+ Doch Eger muß vor allem sich uns öffnen,
+ Eh' an Konjunktion zu denken ist.
+
+Wallenstein.
+ Euch also soll ich trauen, ihr nicht mir?
+ Ich will den Vorschlag in Erwägung ziehn.
+
+Wrangel.
+ In keine gar zu lange, muß ich bitten.
+ Ins zweite Jahr schon schleicht die Unterhandlung;
+ Erfolgt auch diesmal nichts, so will der Kanzler
+ Auf immer sie für abgebrochen halten.
+
+Wallenstein.
+ Ihr drängt mich sehr. Ein solcher Schritt will wohl
+ Bedacht sein.
+
+Wrangel.
+ Eh' man überhaupt dran denkt,
+ Herr Fürst! Durch rasche Tat nur kann er glücken.
+(Er geht ab.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky und Illo kommen zurück.
+
+
+Illo.
+ Ist's richtig?
+
+Terzky.
+ Seid ihr einig?
+
+Illo.
+ Dieser Schwede
+ Ging ganz zufrieden fort. Ja, ihr seid einig.
+
+Wallenstein.
+ Hört! Noch ist nichts geschehn, und--wohl erwogen,
+ Ich will es lieber doch nicht tun.
+
+Terzky.
+ Wie? Was ist das?
+
+Wallenstein.
+ Von dieser Schweden Gnade leben!
+ Der Übermütigen? Ich trüg' es nicht.
+
+Illo.
+ Kommst du als Flüchtling, ihre Hilf' erbettelnd?
+ Du bringest ihnen mehr, als du empfängst.
+
+Wallenstein.
+ Wie war's mit jenem königlichen Bourbon,
+ Der seines Volkes Feinde sich verkaufte
+ Und Wunden schlug dem eignen Vaterland?
+ Fluch war sein Lohn, der Menschen Abscheu rächte
+ Die unnatürlich frevelhafte Tat.
+
+Illo.
+ Ist das dein Fall?
+
+Wallenstein.
+ Die Treue, sag ich euch,
+ Ist jedem Menschen wie der nächste Blutsfreund,
+ Als ihren Rächer fühlt er sich geboren.
+ Der Sekten Feindschaft, der Parteien Wut,
+ Der alte Neid, die Eifersucht macht Friede;
+ Was noch so wütend ringt, sich zu zerstören,
+ Verträgt, vergleicht sich, den gemeinen Feind
+ Der Menschlichkeit, das wilde Tier zu jagen,
+ Das mordend einbricht in die sichre Hürde,
+ Worin der Mensch geborgen wohnt--denn ganz
+ Kann ihn die eigne Klugheit nicht beschirmen.
+ Nur an die Stirne setzt' ihm die Natur
+ Das Licht der Augen, fromme Treue soll
+ Den bloßgegebnen Rücken ihm beschützen.
+
+Terzky.
+ Denk von dir selbst nicht schlimmer als der Feind,
+ Der zu der Tat die Hände freudig bietet.
+ So zärtlich dachte jener Karl auch nicht,
+ Der Öhm und Ahnherr dieses Kaiserhauses,
+ Der nahm den Bourbon auf mit offnen Armen,
+ Denn nur vom Nutzen wird die Welt regiert.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Gräfin Terzky zu den Vorigen.
+
+
+Wallenstein.
+ Wer ruft Euch? Hier ist kein Geschäft für Weiber.
+
+Gräfin.
+ Ich komme, meinen Glückwunsch abzulegen.
+ --Komm ich zu früh etwa? Ich will nicht hoffen.
+
+Wallenstein.
+ Gebrauch dein Ansehn, Terzky. Heiß sie gehn.
+
+Gräfin.
+ Ich gab den Böhmen einen König schon.
+
+Wallenstein.
+ Er war darnach.
+
+Gräfin. (zu den andern)
+ Nun, woran liegt es? Sprecht!
+
+Terzky.
+ Der Herzog will nicht.
+
+Gräfin.
+ Will nicht, was er muß?
+
+Illo.
+ An Euch ist's jetzt. Versucht's, denn ich bin fertig,
+ Spricht man von Treue mir und von Gewissen.
+
+Gräfin.
+ Wie? da noch alles lag in weiter Ferne,
+ Der Weg sich noch unendlich vor dir dehnte,
+ Da hattest du Entschluß und Mut--und jetzt,
+ Da aus dem Traume Wahrheit werden will,
+ Da die Vollbringung nahe, der Erfolg
+ Versichert ist, da fängst du an, zu zagen?
+ Nur in Entwürfen bist du tapfer, feig
+ In Taten? Gut! Gib deinen Feinden Recht!
+ Da eben ist es, wo sie dich erwarten.
+ Den Vorsatz glauben sie dir gern; sei sicher,
+ Daß sie's mit Brief und Siegel dir belegen!
+ Doch an die Möglichkeit der Tat glaubt keiner,
+ Da müßten sie dich fürchten und dich achten.
+ Ist's möglich? Da du so weit bist gegangen,
+ Da man das Schlimmste weiß, da dir die Tat
+ Schon als begangen zugerechnet wird,
+ Willst du zurückziehn und die Frucht verlieren?
+ Entworfen bloß ist's ein gemeiner Frevel,
+ Vollführt ist's ein unsterblich Unternehmen;
+ Und wenn es glückt, so ist es auch verziehn,
+ Denn aller Ausgang ist ein Gottes Urtel.
+
+Kammerdiener. (tritt herein)
+ Der Oberst Piccolomini.
+
+Gräfin. (schnell)
+ Soll warten.
+
+Wallenstein.
+ Ich kann ihn jetzt nicht sehn. Ein andermal.
+
+Kammerdiener.
+ Nur um zwei Augenblicke bittet er,
+ Er hab ein dringendes Geschäft--
+
+Wallenstein.
+ Wer weiß, was er uns bringt. Ich will doch hören.
+
+Gräfin. (lacht)
+ Wohl mag's ihm dringend sein. Du kannst's erwarten.
+
+Wallenstein.
+ Was ist's.
+
+Gräfin.
+ Du sollst es nachher wissen.
+ Jetzt denke dran, den Wrangel abzufert'gen.
+(Kammerdiener geht.)
+
+Wallenstein.
+ Wenn eine Wahl noch wäre--noch ein milderer
+ Ausweg sich fände--jetzt noch will ich ihn
+ Erwählen und das Äußerste vermeiden.
+
+Gräfin.
+ Verlangst du weiter nichts, ein solcher Weg
+ Liegt nah vor dir. Schick diesen Wrangel fort.
+ Vergiß die alten Hoffnungen, wirf dein
+ Vergangnes Leben weg, enschließe dich,
+ Ein neues anzufangen. Auch die Tugend
+ Hat ihre Helden, wie der Ruhm, das Glück.
+ Reis hin nach Wien zum Kaiser stehndes Fußes,
+ Nimm eine volle Kasse mit, erklär,
+ Du hab'st der Diener Treue nur erproben,
+ Den Schweden bloß zum besten haben wollen.
+
+Illo.
+ Auch damit ist's zu spät. Man weiß zu viel.
+ Er würde nur das Haupt zum Todesblocke tragen.
+
+Gräfin.
+ Das fürcht ich nicht. Gesetzlich ihn zu richten,
+ Fehlt's an Beweisen; Willkür meiden sie.
+ Man wird den Herzog ruhig lassen ziehn.
+ Ich seh, wie alles kommen wird. Der König
+ Von Ungarn wird erscheinen, und es wird sich
+ Von selbst verstehen, daß der Herzog geht;
+ Nicht der Erklärung wird das erst bedürfen.
+ Der König wird die Truppen lassen schwören,
+ Und alles wird in seiner Ordnung bleiben.
+ An einem Morgen ist der Herzog fort.
+ Auf seinen Schlössern wird es nun lebendig,
+ Dort wird er jagen, baun, Gestüte halten,
+ Sich eine Hofstatt gründen, goldne Schlüssel
+ Austeilen, gastfrei große Tafel geben,
+ Und kurz ein großer König sein--im Kleinen!
+ Und weil er klug sich zu bescheiden weiß,
+ Nichts wirklich mehr zu gelten, zu bedeuten,
+ Läßt man ihn scheinen, was er mag; er wird
+ Ein großer Prinz bis an sein Ende scheinen.
+ Ei nun! der Herzog ist dann eben auch
+ Der neuen Menschen einer, die der Krieg
+ Emporgebracht; ein übernächtiges
+ Geschöpf der Hofgunst, die mit gleichem Aufwand
+ Freiherrn und Fürsten macht.
+
+Wallenstein. (steht auf, heftig bewegt)
+ Zeigt einen Weg mir an aus diesem Drang,
+ Hilfreiche Mächte! einen solchen zeigt mir,
+ Den ich vermag zu gehn--Ich kann mich nicht,
+ Wie so ein Wortheld, so ein Tugendschwätzer,
+ An meinem Willen wärmen und Gedanken--
+ Nicht zu dem Glück, das mir den Rücken kehrt,
+ Großtuend sagen: Geh! Ich brauch dich nicht!
+ Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet;
+ Nicht Opfer, nicht Gefahren will ich scheun,
+ Den letzten Schritt, den äußersten, zu meiden;
+ Doch eh' ich sinke in die Nichtigkeit,
+ So klein aufhöre, der so groß begonnen,
+ Eh' mich die Welt mit jenen Elenden
+ Verwechselt, die der Tag erschafft und stürzt,
+ Eh' spreche Welt und Nachwelt meinen Namen
+ Mit Abscheu aus, und Friedland sei die Losung
+ Für jede fluchenswerte Tat.
+
+Gräfin.
+ Was ist denn hier so wider die Natur?
+ Ich kann's nicht finden, sage mir's--oh! laß
+ Des Aberglaubens nächtliche Gespenster
+ Nicht deines hellen Geistes Meister werden!
+ Du bist des Hochverrats verklagt; ob mit
+ --Ob ohne Recht, ist jetzo nicht die Frage--
+ Du bist verloren, wenn du dich nicht schnell der Macht
+ Bedienst, die du besitzest--Ei! wo lebt denn
+ Das friedsame Geschöpf, das seines Lebens
+ Sich nicht mit allen Lebenskräften wehrt?
+ Was ist so kühn, das Notwehr nicht entschuldigt?
+
+Wallenstein.
+ Einst war mir dieser Ferdinand so huldreich;
+ Er liebte mich, er hielt mich wert, ich stand
+ Der Nächste seinem Herzen. Welchen Fürsten
+ Hat er geehrt wie mich?--Und so zu enden!
+
+Gräfin.
+ So treu bewahrst du jede kleine Gunst,
+ Und für die Kränkung hast du kein Gedächtnis?
+ Muß ich dich dran erinnern, wie man dir
+ Zu Regenspurg die treuen Dienste lohnte?
+ Du hattest jeden Stand im Reich beleidigt;
+ Ihn groß zu machen, hattest du den Haß,
+ Den Fluch der ganzen Welt auf dich geladen,
+ Im ganzen Deutschland lebte dir kein Freund,
+ Wei du allein gelebt für deinen Kaiser.
+ An ihn bloß hieltest du bei jenem Sturme
+ Dich fest, der auf dem Rgenspurger Tag
+ Sich gegen dich zusammenzog--da ließ er
+ Dich fallen! Ließ dich fallen! Dich dem Bayern,
+ Dem Übermütigen, zum Opfer fallen!
+ Sag nicht, daß die zurückgegebne Würde
+ Das erste, schwere Unrecht ausgesöhnt.
+ Nicht wahrlich guter Wille stellte dich,
+ Dich stellte das Gesetz der herben Not
+ An diesen Platz, den man dir gern verweigert.
+
+Wallenstein.
+ Nicht ihrem guten Willen, das ist wahr!
+ Noch seiner Neigung dank ich dieses Amt.
+ Mißbrauch ich's, so mißbrauch ich kein Vertrauen.
+
+Gräfin.
+ Vertrauen? Neigung?--Man bedurfte deiner!
+ Die ungestüme Presserin, die Not,
+ Der nicht mit hohlen Namen, Figuranten
+ Gedient ist, die die Tat will, nicht das Zeichen,
+ Den Größten immer aufsucht und den Besten,
+ Ihn an das Ruder stellt, und müßt sie ihn
+ Aufgreifen aus dem Pöbel selbst--die setzte dich
+ In dieses Amt und schrieb dir die Bestallung.
+ Denn lange, bis es nicht mehr kann, behilft
+ Sich dies Geschlecht mit feilen Sklavenseelen
+ Und mit den Drahtmaschinen seiner Kunst--
+ Doch wenn das Äußerste ihm nahe tritt,
+ Der hohle Schein es nicht mehr tut, da fällt
+ Es in die starken Hände der Natur,
+ Des Riesengeistes, der nur sich gehorcht,
+ Nichts von Verträgen weiß und nur auf ihre
+ Bedingung, nicht auf seine, mit ihm handelt.
+
+Wallenstein.
+ Wahr ist's! Sie sahn mich immer, wie ich bin,
+ Ich hab sie in dem Kaufe nicht betrogen,
+ Denn nie hielt ich's der Mühe wert, die kühn
+ Umgreifende Gemütsart zu verbergen.
+
+Gräfin.
+ Vielmehr--du hast dich furchtbar stets gezeigt.
+ Nicht du, der stets sich selber treu geblieben,
+ Die haben Unrecht, die dich fürchteten
+ Und doch die Macht dir in die Hände gaben.
+ Denn Recht hat jeder eigene Charakter,
+ Der übereinstimmt mit sich selber, es gibt
+ Kein andres Unrecht als den Widerspruch.
+ Warst du ein andrer, als du vor acht Jahren
+ Mit Feuer und Schwert durch Deutschlands Kreise zogst,
+ Die Geißel schwangest über alle Länder,
+ Hohn sprachest allen Ordnungen des Reichs,
+ Der Stärke fürchterliches Recht nur übtest
+ Und jede Landeshoheit niedertratst,
+ Um deines Sultans Herrschaft auszubreiten?
+ Da war es Zeit, den stolzen Willen dir
+ Zu brechen, dich zur Ordnung zu verweisen!
+ Doch wohl gefiel dem Kaiser, was ihm nützte,
+ Und schweigend drückt' er diesen Freveltaten
+ Sein kaiserliches Siegel auf. Was damals
+ Gerecht war, weil du's für ihn tatst, ist's heute
+ Auf einmal schändlich, weil es gegen ihn
+ Gerichtet wird?
+
+Wallenstein. (aufstehend)
+ Von dieser Seite sah ich's nie--Ja! dem
+ Ist wirklich so. Es übte dieser Kaiser
+ Durch meinen Arm im Reiche Taten aus,
+ Die nach der Ordnung nie geschehen sollten.
+ Und selbst den Fürstenmantel, den ich trage,
+ Verdank ich Diensten, die Verbrechen sind.
+
+Gräfin.
+ Gestehe denn, daß zwischen dir und ihm
+ Die Rede nicht kann sein von Pflicht und Recht,
+ Nur von der Macht und der Gelegenheit!
+ Der Augenblick ist da, wo du die Summe
+ Der großen Lebensrechnung ziehen sollst,
+ Die Zeichen stehen sieghaft über dir,
+ Glück winken die Planeten dir herunter
+ Und rufen: es ist an der Zeit! Hast du
+ Dein Lebenlang umsonst der Sterne Lauf
+ Gemessen?--den Quadranten und den Zirkel
+ Geführt?--den Zodiak, die Himmelskugel
+ Auf diesen Wänden nachgeahmt, um dich herum
+ Gestellt in stummen, ahnungsvollen Zeichen
+ Die sieben Herrscher des Geschicks,
+ Nur um ein eitles Spiel damit zu treiben?
+ Führt alle diese Zurüstung zu nichts,
+ Und ist kein Mark in dieser hohlen Kunst,
+ Daß sie dir selbst nichts gilt, nichts über dich
+ Vermag im Augenblick der Entscheidung?
+
+Wallenstein. (ist während dieser letzten Rede mit heftig arbeitendem
+Gemüt auf und ab gegangen und steht jetzt plötzlich still, die Gräfin
+unterbrechend)
+ Ruft mir den Wrangel, und es sollen gleich
+ drei Boten satteln.
+
+Illo.
+ Nun, gelobt sei Gott!
+(Eilt hinaus.)
+
+Wallenstein.
+ Es ist sein böser Geist und meiner. Ihn
+ Straft er durch mich, das Werkzeug seiner Herrschsucht,
+ Und ich erwart es, daß der Rache Stahl
+ Auch schon für meine Brust geschliffen ist.
+ Nicht hoffe, wer des Drachen Zähne sät,
+ Erfreuliches zu ernten. Jede Untat
+ Trägt ihren eignen Rach-Engel schon,
+ Die böse Hoffnung, unter ihrem Herzen.
+ Er kann mir nicht mehr traun,--so kann ich auch
+ Nicht mehr zurück. Geschehe denn, was muß.
+ Recht stets behält das Schicksa, denn das Herz
+ In uns ist sein gebietrischer Vollzieher.
+(Zu Terzky.)
+ Bring mir den Wrangel in mein Kabinett,
+ Die Boten will ich selber sprechen. Schickt
+ Nach dem Octavio!
+(Zur Gräfin, welche eine triumphierende Miene macht.)
+ Frohlocke nicht!
+ Denn eifersüchtig sind des Schicksals Mächte.
+ Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte.
+ Den Samen legen wir in ihre Hände,
+ Ob Glück, ob Unglück aufgeht, lehrt das Ende.
+(Indem er abgeht, fällt der Vorhang.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+Ein Zimmer
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Wallenstein. Octavio Piccolomini. Bald darauf Max Piccolomini.
+
+
+Wallenstein.
+ Mir meldet er aus Linz, er läge krank,
+ Doch hab ich sichre Nachricht, daß er sich
+ Zu Frauenberg versteckt beim Grafen Gallas.
+ Nimm beide fest und und schick sie mir hieher.
+ Du übernimmst die spanischen Regimenter,
+ Machst immer Anstalt und bist niemals fertig,
+ Und treiben sie dich, gegen mich zu ziehn,
+ So sagst du Ja und bleibst gefesselt stehn.
+ Ich weiß, daß dir ein Dienst damit geschieht,
+ In diesem Spiel dich müßig zu verhalten.
+ Du rettest gern, so lang du kannst, den Schein;
+ Extreme Schritte sind nicht deine Sache,
+ Drum hab ich diese Rolle für dich ausgesucht,
+ Du wirst mir durch dein Nichtstun diesesmal
+ Am nützlichsten--Erklärt sich unterdessen
+ Das Glück für mich, so weißt du, was zu tun.
+(Max Piccolomini tritt ein.)
+ Jetzt, Alter, geh. Du mußt heut nacht noch fort.
+ Nimm meine eignen Pferde.--Diesen da
+ Behalt ich hier--Macht's mit dem Abschied kurz!
+ Wir werden uns ja, denk ich, alle froh
+ Und glücklich wiedersehn.
+
+Octavio. (zu seinem Sohn)
+ Wir sprechen uns noch.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Wallenstein. Max Piccolomini.
+
+
+Max. (nähert sich ihm.)
+ Mein General--
+
+Wallenstein.
+ Der bin ich nicht mehr,
+ Wenn du des Kaisers Offizier dich nennst.
+
+Max.
+ So bleibt's dabei, du willst das Heer verlassen?
+
+Wallenstein.
+ Ich hab des Kaisers Dienst entsagt.
+
+Max.
+ Und willst das Heer verlassen?
+
+Wallenstein.
+ Vielmehr hoff ich,
+ Mir's enger noch und fester zu verbinden.
+(Er setzt sich.)
+ Ja, Max. Nicht eher wollt' ich dir's eröffnen,
+ Als bis des Handelns Stunde würde schlagen.
+ Der Jugend glückliches Gefühl ergreift
+ Das Rechte leicht, und eine Freude ist's,
+ Das eigne Urteil prüfend auszuüben,
+ Wo das Exempel rein zu lösen ist.
+ Doch, wo von zwei gewissen Übeln eins
+ Ergriffen werden muß, wo sich das Herz
+ Nicht ganz zurückbringt aus dem Streit der Pflichten,
+ Da ist es Wohltat, keine Wahl zu haben,
+ Und eine Gunst ist die Notwendigkeit.
+ --Die ist vorhanden. Blicke nicht zurück.
+ Es kann dir nichts mehr helfen. Blicke vorwärts!
+ Urteile nicht! Bereite dich, zu handeln.
+ --Der Hof hat meinen Untergang beschlossen,
+ Drum bin ich willens, ihm zuvorzukommen.
+ --Wir werden mit den Schweden uns verbinden.
+ Sehr wackre Leute sind's und gute Freunde.
+(Hält ein, Piccolominis Antwort erwartend.)
+ --Ich hab dich überrascht. Antwort mir nicht.
+ Ich will dir Zeit vergönnen, dich zu fassen.
+(Er steht auf und geht nach hinten. Max steht lange unbeweglich,
+in den heftigsten Schmerz versetzt; wie er eine Bewegung macht,
+kömmt Wallenstein zurück und stellt sich vor ihn.)
+
+Max.
+ Mein General!--Du machst mich heute mündig.
+ Denn bis auf diesen Tag war mir's erspart,
+ Den Weg mir selbst zu finden und die Richtung.
+ Dir folgt' ich unbedingt. Auf dich nur braucht' ich
+ Zu sehn und war des rechten Pfads gewiß.
+ Zum ersten Male heut verweisest du
+ Mich an mich selbst und zwingst mich, eine Wahl
+ Zu treffen zwischen dir und meinem Herzen.
+
+Wallenstein.
+ Sanft wiegte dich bis heute dein Geschick,
+ Du konntest spielend deine Pflichten üben,
+ Jedwedem schönen Trieb Genüge tun,
+ Mit ungeteiltem Herzen immer handeln.
+ So kann's nicht ferner bleiben. Feindlich scheiden
+ Die Wege sich. Mit Pflichten streiten Pflichten.
+ Du mußt Partei ergreifen in dem Krieg,
+ Der zwischen deinem Freund und deinem Kaiser
+ Sich jetzt entzündet.
+
+Max.
+ Krieg! Ist das der Name?
+ Der Krieg ist schrecklich, wie des Himmels Plagen,
+ Doch er ist gut, ist ein Geschick, wie sie.
+ Ist das ein guter Krieg, den du dem Kaiser
+ Bereitest mit des Kaisers eignem Heer?
+ O Gott des Himmels! was ist das für eine
+ Veränderung! Ziemt solche Sprache mir
+ Mit dir, der wie der feste Stern des Pols
+ Mir als die Lebensregel vorgeschienen!
+ Oh! welchen Riß erregst du mir im Herzen!
+ Der alten Ehrfurcht eingewachsnen Trieb
+ Und des Gehorsams heilige Gewohnheit
+ Soll ich versagen lernen deinem Namen?
+ Nein! wende nicht dein Angesicht zu mir!
+ Es war mir immer eines Gottes Antlitz,
+ Kann über mich nicht gleich die Macht verlieren;
+ Die Sinne sind in deinen Banden noch,
+ Hat gleich die Seele blutend sich befreit!
+
+Wallenstein.
+ Max, hör mich an.
+
+Max.
+ Oh! tu es nicht! Tu's nicht!
+ Sieh! deine reinen, edeln Züge wissen
+ Noch nichts von dieser unglücksel'gen Tat.
+ Bloß deine Einbildung befleckte sie,
+ Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen
+ Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.
+ Wirf ihn heraus, den schwarzen Fleck, den Feind.
+ Ein böser Traum bloß ist es dann gewesen,
+ Der jede sichre Tugend warnt. Es mag
+ Die Menschheit solche Augenblicke haben,
+ Doch siegen muß das glückliche Gefühl.
+ Nein, du wirst so nicht endigen. Das würde
+ Verrufen bei den Menschen jede große
+ Natur und jedes mächtige Vermögen,
+ Recht geben würd' es dem gemeinen Wahn,
+ Der nicht an Edles in der Freiheit glaubt
+ Und nur der Ohnmacht sich vertrauen mag.
+
+Wallenstein.
+ Streng wird die Welt mich tadeln, ich erwart es.
+ Mir selbst schon sagt' ich, was du sagen kannst.
+ Wer miede nicht, wenn er's umgehen kann,
+ Das Äußerste! Doch hier ist keine Wahl,
+ Ich muß Gewalt ausüben oder leiden--
+ So steht der Fall. Nichts anders bleibt mir übrig.
+
+Max.
+ Sei's denn! Behaupte dich in deinem Posten
+ Gewaltsam, widersetze dich dem Kaiser,
+ Wenn's sein muß, treib's zur offenen Empörung,
+ Nicht loben werd ich's, doch ich kann's verzeihn,
+ Will, was ich nicht gut heiße, mit dir teilen.
+ Nur--zum Verräter werde nicht! Das Wort
+ Ist ausgesprochen. Zum Verräter nicht!
+ Das ist kein überschrittnes Maß, kein Fehler,
+ Wohin der Mut verirrt in seiner Kraft.
+ Oh! das ist ganz was anders--das ist schwarz,
+ Schwarz, wie die Hölle!
+
+Wallenstein. (mit finsterm Stirnfalten, doch gemäßigt)
+ Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
+ Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide;
+ Aus ihrem heißen Kopfe nimmt sie keck
+ Der Dinge Maß, die nur sich selber richten.
+ Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig,
+ Bös oder gut--und was die Einbildung
+ Phantastisch schleppt in diesen dunkeln Namen,
+ Das bürdet sie den Sachen auf und Wesen.
+ Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit.
+ Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
+ Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen;
+ Wo eines Platz nimmt, muß das andre rücken,
+ Wer nicht vertrieben sein will, muß vertreiben;
+ Da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt.
+ --Ja, wer durchs Leben gehet ohne Wunsch,
+ Sich jeden Zweck versagen kann, der wohnt
+ Im leichten Feuer mit dem Salamander
+ Und hält sich rein im reinen Element.
+ Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur,
+ Und zu der Erde zieht mich die Begierde.
+ Dem bösen Geist gehört die Erde, nicht
+ Dem guten. Was die Göttlichen uns senden
+ Von oben, sind nur allgemeine Güter;
+ Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich,
+ In ihrem Staat erringt sich kein Besitz.
+ Den Edelstein, das allgeschätzte Gold
+ Muß man den falschen Mächten abgewinnen,
+ Die unterm Tage schlimmgeartet hausen.
+ Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt,
+ Und keiner lebet, der aus ihrem Dienst
+ Die Seele hätte rein zurückgezogen.
+
+Max. (mit Bedeutung)
+ Oh! fürchte, fürchte diese falschen Mächte!
+ Sie haltennicht Wort! Es sind Lügengeister,
+ Die dich berückend in den Abgrund ziehn.
+ Trau ihnen nicht! Ich warne dich--Oh! kehre
+ Zurück zu deiner Pflicht. Gewiß! du kannst's!
+ Schick mich nach Wien. Ja, tue das. Laß mich,
+ Mich deinen Frieden machen mit dem Kaiser.
+ Er kennt dich nicht, ich aber kenne dich,
+ Er soll dich sehn mit meinem reinen Auge,
+ Und sein Vertrauen bring ich dir zurück.
+
+Wallenstein.
+ Es ist zu spät. Du weißt nicht, was geschehn.
+
+Max.
+ Und wär's zu spät--und wär' es auch soweit,
+ Daß ein Verbrechen nur vom Fall dich rettet,
+ So falle! Falle würdig, wie du standst.
+ Verliere das Kommando. Geh vom Schauplatz.
+ Du kannst's mit Glanze, tu's mit Unschuld auch.
+ --Du hast für andre viel gelebt, leb endlich
+ Einmal dir selber, ich begleite dich,
+ Mein Schicksal trenn ich nimmer von dem deinen--
+
+Wallenstein.
+ Es ist zu spät. Indem du deine Worte
+ Verlierst, ist schon ein Meilenzeiger nach dem andern
+ Zurückgelegt von meinen Eilenden,
+ Die mein Gebot nach Prag und Eger tragen.
+ --Ergib dich drein. Wir handeln, wie wir müssen.
+ So laß uns das Notwendige mit Würde,
+ Mit festem Schritte tun--Was tu ich Schlimmres,
+ Als jener Cäsar tat, des Name noch
+ Bis heut das Höchste in der Welt benennet?
+ Er führte wider Rom die Legionen,
+ Die Rom ihm zur Beschützung anvertraut.
+ Warf er das Schwert von sich, er war verloren,
+ Wie ich es wär', wenn ich entwaffnete.
+ Ich spüre was in mir von seinem Geist.
+ Gib mir sein Glück, das andre will ich tragen.
+(Max, der bisher in einem schmerzvollen Kampfe gestanden, geht
+schnell ab. Wallenstein sieht ihm verwundert und betroffen nach
+und steht in tiefe Gedanken verloren.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky. Gleich darauf Illo.
+
+
+Terzky.
+ Max Piccolomini verließ dich eben?
+
+Wallenstein.
+ Wo ist der Wrangel?
+
+Terzky.
+ Fort ist er.
+
+Wallenstein.
+ So eilig?
+
+Terzky.
+ Es war, als ob die Erd' ihn eingeschluckt.
+ Er war kaum von dir weg, als ich ihm nachging,
+ Ich hatt' ihn noch zu sprechen, doch--weg war er,
+ Und niemand wußte mir von ihm zu sagen.
+ Ich glaub, es ist der Schwarze selbst gewesen,
+ Ein Mensch kann nicht auf einmal so verschwinden.
+
+Illo. (kommt)
+ Ist's wahr, daß du den Alten willst verschicken?
+
+Terzky.
+ Wie? Den Octavio! Wo denkst du hin?
+
+Wallenstein.
+ Er geht nach Frauenberg, die spanischen
+ Und welschen Regimenter anzuführen.
+
+Terzky.
+ Das wolle Gott nicht, daß du das vollbringst!
+
+Illo.
+ Dem Falschen willst du Kriegsvolk anvertrauen?
+ Ihn aus den Augen lassen, grade jetzt,
+ In diesem Augenblicke der Entscheidung?
+
+Terzky.
+ Das wirst du nicht tun. Nein, um alles nicht!
+ Wallenstein.
+ Seltsame Menschen seid ihr.
+
+Illo.
+ Oh! nur diesmal
+ Gib unsrer Warnung nach. Laß ihn nicht fort.
+
+Wallenstein.
+ Und warum soll ich ihm dies eine Mal
+ Nicht trauen, da ich's stets getan? Was ist geschehn,
+ Das ihn um meine gute Meinung brächte?
+ Aus eurer Grille, nicht der meinen, soll ich
+ Mein alt erprobtes Urteil von ihm ändern?
+ Denkt nicht, daß ich ein Weib sei. Weil ich ihm
+ Getraut bis heut, will ich auch heut ihm trauen.
+
+Terzky.
+ Muß es denn der just sein? Schick einen andern.
+
+Wallenstein.
+ Der muß es sein, den hab ich mir erlesen.
+ Er taugt zu dem Geschäft, drum gab ich's ihm.
+
+Illo.
+ Weil er ein Welscher ist, drum taugt er dir.
+
+Wallenstein.
+ Weiß wohl, ihr wart den beiden nie gewogen,
+ Weil ich sie achte, liebe, euch und andern
+ Vorziehe, sichtbarlich, wie sie's verdienen,
+ Drum sind sie euch ein Dorn im Auge! Was
+ Geht euer Neid mich an und mein Geschäft?
+ Daß ihr sie haßt, das macht sie mir nicht schlechter.
+ Liebt oder haßt einander, wie ihr wollt,
+ Ich lasse jedem seinen Sinn und Neigung,
+ Weiß doch, was mir ein jeder von euch gilt.
+
+Illo.
+ Er geht nicht ab--müßt' ich die Räder ihm am Wagen
+ Zerschmettern lassen.
+
+Wallenstein.
+ Mäßige dich, Illo!
+
+Terzky.
+ Der Questenberger, als er hier gewesen,
+ Hat stets zusammen auch gesteckt mit ihm.
+
+Wallenstein.
+ Geschah mit meinem Wissen und Erlaubnis.
+
+Terzky.
+ Und daß geheime Boten an ihn kommen
+ Vom Gallas, weiß ich auch.
+
+Wallenstein.
+ Das ist nicht wahr.
+
+Illo.
+ Oh! du bist blind mit deinen sehenden Augen!
+
+Wallenstein.
+ Du wirst mir meinen Glauben nicht erschüttern,
+ Der auf die tiefste Wissenschaft sich baut.
+ Lügt er, dann ist die ganze Sternkunst Lüge.
+ Denn wißt, ich hab ein Pfand vom Schicksal selbst,
+ Daß er der treuste ist von meinen Freunden.
+
+Illo.
+ Hast du auch eins, daß jenes Pfand nicht lüge?
+
+Wallenstein.
+ Es gibt im Menschenleben Augenblicke,
+ Wo er dem Weltgeist näher ist als sonst
+ Und eine Frage frei hat an das Schicksal.
+ Solch ein Moment war's, als ich in der Nacht,
+ Die vor der Lützner Aktion vorherging,
+ Gedankenvoll an einen Baum gelehnt,
+ Hinaussah in die Ebene. Die Feuer
+ Des Lagers brannten düster durch den Nebel,
+ Der Waffen dumpfes Rauschen unterbrach,
+ Der Runden Ruf einförmig nur die Stille.
+ Mein ganzes Leben ging, vergangenes
+ Und künftiges, in diesem Augenblick
+ An meinem inneren Gesicht vorüber,
+ Und an des nächsten Morgens Schicksal knüpfte
+ Der ahnungsvolle Geist die fernste Zukunft.
+ Da sagt' ich also zu mir selbst:" So vielen
+ Gebietest du! Sie folgen deinen Sternen
+ Und setzen, wie auf eine große Nummer,
+ Ihr Alles auf dein einzig Haupt und sind
+ In deines Glückes Schiff mit dir gestiegen.
+ Doch kommen wird der Tag, wo diese alle
+ Das Schicksal wieder auseinanderstreut,
+ Nur wen'ge werden treu bei dir verharren.
+ Den möcht' ich wissen, der der Treuste mir
+ Von allen ist, die dieses Lager einschließt.
+ Gib mir ein Zeichen, Schicksal! Der soll's sein,
+ Der an dem nächsten Morgen mir zuerst
+ Entgegenkommt mit einem Liebeszeichen".
+ Und dieses bei mir denkend, schlief ich ein.
+ Und mitten in die Schlacht ward ich geführt
+ Im Geist. Groß war der Drang. Mir tötete
+ Ein Schuß das Pferd, ich sank, und über mir
+ Hinweg, gleichgültig, setzten Roß und Reiter,
+ Und keuchend lag ich, wie ein Sterbender,
+ Zertreten unter ihrer Hufe Schlag.
+ Da faßte plötzlich hilfreich mich ein Arm,
+ Es war Octavio--und schnell erwach ich,
+ Tag war es, und--Octavio stand vor mir.
+ "Mein Bruder", sprach er, "reite heute nicht
+ Den Schecken, wie du pflegst. Besteige lieber
+ Das sichre Tier, das ich dir ausgesucht.
+ Tu's mir zu Lieb'. Es warnte mich ein Traum."
+ Und dieses Tieres Schnelligkeit entriß
+ Mich Banniers verfolgenden Dragonern.
+ Mein Vetter ritt den Schecken an dem Tag,
+ Und Roß und Reiter sah ich niemals wieder.
+
+Illo.
+ Das war ein Zufall.
+
+Wallenstein. (bedeutend)
+ Es gibt keinen Zufall;
+ Und was uns blindes Ohngefähr nur dünkt,
+ Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.
+ Versiegelt hab ich's und verbrieft, daß er
+ Mein guter Engel ist, und nun kein Wort mehr!
+(Er geht.)
+
+Terzky.
+ Das ist mein Trost, der Max bleibt uns als Geisel.
+
+Illo.
+ Und der soll mir nicht lebend hier vom Platze.
+
+Wallenstein. (bleibt stehen und kehrt sich um)
+ Seid ihr nicht wie die Weiber, die beständig
+ Zurück nur kommen auf ihr erstes Wort,
+ Wenn man Vernunft gesprochen stundenlang!
+ --Des Menschen Taten und Gedanken, wißt!
+ Sind nicht wie Meeres blind bewegte Wellen.
+ Die innre Welt, sein Mikrokosmus, ist
+ Der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen.
+ Sie sind notwendig, wie des Baumes Frucht,
+ Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln.
+ Hab ich des Menschen Kern erst untersucht,
+ So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln.
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Zimmer in Piccolominis Wohnung.
+
+Octavio Piccolomini reisefertig. Ein Adjutant.
+
+
+Octavio.
+ Ist das Kommando da?
+
+Adjutant.
+ Es wartet unten.
+
+Octavio.
+ Es sind doch sichre Leute, Adjutant?
+ Aus welchem Regimente nahmt Ihr sie?
+
+Adjutant.
+ Von Tiefenbach.
+
+Octavio.
+ Dies Regiment ist treu.
+ Laßt sie im Hinterhof sich ruhighalten,
+ Sich niemand zeigen, bis Ihr klingeln hört;
+ Dann wird das Haus geschlossen, scharf bewacht,
+ Und jeder, den Ihr antrefft, bleibt verhaftet.
+(Adjutant ab.)
+ Zwar hoff ich, es bedarf nicht ihres Dienstes,
+ Denn meines Kalkuls halt ich mich gewiß.
+ Doch es gilt Kaisers Dienst, das Spiel ist groß,
+ Und besser zu viel Vorsicht als zu wenig.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Octavio Piccolomini. Isolani tritt herein.
+
+
+Isolani.
+ Hier bin ich--Nun! wer kommt noch von den andern?
+
+Octavio. (geheimnisvoll)
+ Vorerst ein Wort mit Euch, Graf Isolani.
+
+Isolani. (geheimnisvoll)
+ Soll's losgehn? Will der Fürst was unternehmen?
+ Mir dürft Ihr trauen. Setzt mich auf die Probe.
+
+Octavio.
+ Das kann geschehn.
+
+Isolani.
+ Herr Bruder, ich bin nicht
+ Von denen, die mit Worten tapfer sind
+ Und, kommt's zur Tat, das Weite schimpflich suchen.
+ Der Herzog hat als Freund an mir getan,
+ Weiß Gott, so ist's! Ich bin ihm alles schuldig.
+ Auf meine Treue kann er baun.
+
+Octavio.
+ Es wird sich zeigen.
+
+Isolani.
+ Nehmt Euch in acht. Nicht alle denken so.
+ Es halten's hier noch viele mit dem Hof
+ Und meinen, daß die Unterschrift von neulich,
+ Die abgestohlne, sie zu nichts verbinde.
+
+Octavio.
+ So? Nennt mir doch die Herren, die das meinen.
+
+Isolani.
+ Zum Henker! Alle Deutschen sprechen so.
+ Auch Esterhazy, Kaunitz, Deodat
+ Erklären jetzt, man müss' dem Hof gehorchen.
+
+Octavio.
+ Das freut micht.
+
+Isolani.
+ Freut Euch?
+
+Octavio.
+ Daß der Kaiser noch
+ So gute Freunde hat und wackre Diener.
+
+Isolani.
+ Spaßt nicht. Es sind nicht eben schlechte Männer.
+
+Octavio.
+ Gewiß nicht. Gott verhüte, daß ich spaße!
+ Sehr ernstlich freut es mich, die gute Sache
+ So stark zu sehn.
+
+Isolani.
+ Was Teufel! Wie ist das?
+ Seid Ihr denn nicht?--Warum bin ich denn hier?
+
+Octavio. (mit Ansehen)
+ Euch zu erklären, rund und nett, ob Ihr
+ Ein Freund wollt heißen oder Feind des Kaisers.
+
+Isolani. (trotzig)
+ Darüber werd ich dem Erklärung geben,
+ Dem's zukommt, diese Frag' an mich zu tun.
+
+Octavio.
+ Ob mir das zukommt, mag dies Blatt Euch lehren.
+ Isolani.
+ Wa--was? Das ist des Kaisers Hand und Siegel.
+(Liest.)
+ "Als werden sämtliche Hauptleute unsrer
+ Armee der Ordre unsers lieben, treuen,
+ Des Generalleutnant Piccolomini,
+ Wie unsrer eignen"--Hum--Ja--So--Ja, ja!
+ Ich--mach Euch meinen Glückwunsch, Generalleutnant.
+
+Octavio.
+ Ihr unterwerft Euch dem Befehl?
+
+Isolani.
+ Ich--aber
+ Ihr überrascht mich auch so schnell--Man wird
+ Mir doch Bedenkzeit, hoff ich--
+
+Octavio.
+ Zwei Minuten.
+
+Isolani.
+ Mein Gott, der Fall ist aber--
+
+Octavio.
+ Klar und einfach.
+ Ihr sollt erklären, ob Ihr Euren Herrn
+ Verraten wollet oder treu ihm dienen.
+
+Isolani.
+ Verrat--Mein Gott--Wer spricht denn von Verrat?
+
+Octavio.
+ Das ist der Fall. Der Fürst ist ein Verräter,
+ Will die Armee zum Feind hinüberführen.
+ Erklärt Euch kurz und gut. Wollt Ihr dem Kaiser
+ Abschwören? Euch dem Feind verkaufen? Wollt Ihr?
+
+Isolani.
+ Was denkt Ihr? Ich des Kaisers Majestät
+ Abschwören? Sagt' ich so? Wann hätt' ich das
+ Gesagt?
+
+Octavio.
+ Noch habt Ihr's nicht gesagt. Noch nicht.
+ Ich warte drauf, ob Ihr es werdet sagen.
+
+Isolani.
+ Nun seht, das ist mir lieb, daß Ihr mir selbst
+ Bezeugt, ich habe so was nicht gesagt.
+
+Octavio.
+ Ihr sagt Euch also von dem Fürsten los?
+
+Isolani.
+ Spinnt er Verrat--Verrat trennt alle Bande.
+
+Octavio.
+ Und seid entschlossen, gegen ihn zu fechten?
+
+Isolani.
+ Er tat mir Gutes--doch wenn er ein Schelm ist,
+ Verdamm' ihn Gott! die Rechnung ist zerrissen.
+
+Octavio.
+ Mich freut's, daß Ihr in gutem Euch gefügt.
+ Heut nacht in aller Stille brecht Ihr auf
+ Mit allen leichten Truppen; es muß scheinen,
+ Als käm' die Ordre von dem Herzog selbst.
+ Zu Frauenberg ist der Versammlungsplatz,
+ Dort gibt Euch Gallas weitere Befehle.
+
+Isolani.
+ Es soll geschehn. Gedenkt mir's aber auch
+ Beim Kaiser, wie bereit Ihr mich gefunden.
+
+Octavio.
+ Ich werd es rühmen.
+(Isolani geht. Es kommt ein Bedienter.)
+ Oberst Buttler? Gut.
+
+Isolani. (zurückkommend)
+ Vergebt mir auch mein barsches Wesen, Alter.
+ Herr Gott! Wie konnt' ich wissen, welch große
+ Person ich vor mir hatte!
+
+Octavio.
+ Laßt das gut sein.
+
+Isolani.
+ Ich bin ein lust'ger alter Knab', und wär'
+ Mir auch ein rasches Wörtlein übern Hof
+ Entschlüpft zuweilen, in der Lust des Weins,
+ Ihr wißt ja, bös war's nicht gemeint.
+(Geht ab.)
+
+Octavio.
+ Macht Euch
+ Darüber keine Sorge!--Das gelang!
+ Glück, sei uns auch so günstig bei den andern!
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Octavio Piccolomini. Buttler.
+
+
+Buttler.
+ Ich bin zu Eurer Ordre, Generalleutnant.
+
+Octavio.
+ Seid mir als werter Gast und Freund willkommen.
+
+Buttler.
+ Zu große Ehr' für mich.
+
+Octavio. (nachdem beide Platz genommen)
+ Ihr habt die Neigung nicht erwidert,
+ Womit ich gestern Euch entgegenkam.
+ Wohl gar als leere Formel sie verkannt.
+ Von Herzen ging mir jener Wunsch, es war
+ Mir Ernst um Euch, denn eine Zeit ist jetzt,
+ Wo sich die Guten eng verbinden sollten.
+
+Buttler.
+ Die Gleichgesinnten können es allein.
+
+Octavio.
+ Und alle Guten nenn ich gleichgesinnt.
+ Dem Menschen bring ich nur die Tat in Rechnung,
+ Wozu ihn ruhig der Charakter treibt;
+ Denn blinder Mißverständnisse Gewalt
+ Drängt oft den Besten aus dem rechten Gleise.
+ Ihr kamt durch Frauenberg. Hat Euch Graf Gallas
+ Nichts anvertraut? Sagt mir's. Er ist mein Freund.
+
+Buttler.
+ Er hat verlorne Worte nur gesprochen.
+
+Octavio.
+ Das hör ich ungern, denn sein Rat war gut.
+ Und einen gleichen hätt' ich Euch zu geben.
+
+Buttler.
+ Spart Euch die Müh--mir die Verlegenheit,
+ So schlecht die gute Meinung zu verdienen.
+
+Octavio.
+ Die Zeit ist teuer, laßt uns offen reden.
+ Ihr wißt, wie hier die Sachen stehn. Der Herzog
+ Sinnt auf Verrat, ich kann Euch mehr noch sagen,
+ Er hat ihn schon vollführt; geschlossen ist
+ Das Bündnis mit dem Feind vor wen'gen Stunden.
+ Nach Prag und Eger reiten schon die Boten,
+ Und morgen will er zu dem Feind uns führen.
+ Doch er betrügt sich, denn die Klugheit wacht,
+ Noch treue Freunde leben hier dem Kaiser,
+ Und mächtig steht ihr unsichtbarer Bund.
+ Dies Manifest erklärt ihn in die Acht,
+ Spricht los das Heer von des Gehorsams Pflichten,
+ Und alle Gutgesinnten ruft es auf,
+ Sich unter meiner Führung zu versammeln.
+ Nun wählt, ob Ihr mit uns die gute Sache,
+ Mit ihm der Bösen böses Los wollt teilen?
+
+Buttler. (steht auf)
+ Sein Los ist meines.
+
+Octavio.
+ Ist das Euer letzter
+ Entschluß?
+
+Buttler.
+ Er ist's.
+
+Octavio.
+ Bedenkt Euch, Oberst Buttler.
+ Noch habt Ihr Zeit. In meiner treuen Brust
+ Begraben bleibt das raschgesprochne Wort.
+ Nehmt es zurück. Wählt eine bessere
+ Partei. Ihr habt die gute nicht ergriffen.
+
+Buttler.
+ Befehlt Ihr sonst nocht etwas, Generalleutnant?
+
+Octavio.
+ Seht Eure weißen Haare! Nehmt's zurück.
+
+Buttler.
+ Lebt wohl!
+
+Octavio.
+ Was? Diesen guten, tapfern Degen
+ Wollt Ihr in solchem Streite ziehen? Wollt
+ In Fluch den Dank verwandeln, den Ihr Euch
+ Durch vierzigjähr'ge Treu verdient um Östreich?
+
+Buttler. (bitter lachend)
+ Dank vom Haus Östreich!
+(Er will gehen.)
+
+Octavio. (läßt ihn bis an die Türe gehen, dann ruft er)
+ Buttler!
+
+Buttler.
+ Was beliebt?
+
+Octavio.
+ Wie war es mit dem Grafen?
+
+Buttler.
+ Grafen! Was?
+
+Octavio.
+ Dem Grafentitel, mein ich.
+
+Buttler. (heftig auffahrend)
+ Tod und Teufel!
+
+Octavio. (kalt)
+ Ihr suchtet darum nach. Man wies Euch ab.
+
+Buttler.
+ Nicht ungestraft sollt Ihr mich höhnen. Zieht!
+
+Octavio.
+ Steckt ein. Sagt ruhig, wie es damit ging. Ich will
+ Genugtuung nachher Euch nicht verweigern.
+
+Buttler.
+ Mag alle Welt doch um die Schwachheit wissen,
+ Die ich mir selbst nie verzeihen kann!
+ --Ja! Generalleutnant, ich besitze Ehrgeiz,
+ Verachtung hab ich nie ertragen können.
+ Es tat mir wehe, daß Geburt und Titel
+ Bei der Armee mehr galten als Verdienst.
+ Nicht schlechter wollt' ich sein als meinesgleichen,
+ So ließ ich mich in unglücksel'ger Stunde
+ Zu jenem Schritt verleiten--Es war Torheit!
+ Doch nicht verdient' ich, sie so hart zu büßen!
+ --Versagen konnte man's--Warum die Weigerung
+ Mit dieser kränkenden Verachtung schärfen,
+ Den alten Mann, den treu bewährten Diener
+ Mit schwerem Hohn zermalmend niederschlagen,
+ An seiner Herkunft Schmach so rauh ihn mahnen,
+ Weil er in schwacher Stunde sich vergaß!
+ Doch einen Stachel gab Natur dem Wurm,
+ Den Willkür übermütig spielend tritt--
+
+Octavio.
+ Ihr müßt verleumdet sein. Vermutet Ihr
+ Den Feind, der Euch den schlimmen Dienst geleistet?
+
+Buttler.
+ Sei's, wer es will! Ein niederträcht'ger Bube,
+ Ein Höfling muß es sein, ein Spanier,
+ Der Junker irgend eines alten Hauses,
+ Dem ich im Licht mag stehn, ein neid'scher Schurke,
+ Den meine selbstverdiente Würde kränkt.
+
+Octavio.
+ Sagt. Billigte der Herzog jenen Schritt?
+
+Buttler.
+ Er trieb mich dazu an, verwendete
+ Sich selbst für micht, mit edler Freundeswärme.
+
+Octavio.
+ So? Wißt ihr das gewiß?
+
+Buttler.
+ Ich las den Brief.
+
+Octavio. (bedeutend)
+ Ich auch--doch anders lautete sein Inhalt.
+(Buttler wird betroffen.)
+ Durch Zufall bin ich im Besitz des Briefs,
+ Kann Euch durch eignen Anblick überführen.
+(Er gibt ihm den Brief.)
+
+Buttler.
+ Ha! was ist das?
+
+Octavio.
+ Ich fürchte, Oberst Buttler,
+ Man hat mit Euch ein schändlich Spiel getrieben.
+ Der Herzog, sagt Ihr, trieb Euch zu dem Schritt?--
+ In diesem Briefe spricht er mit Verachtung
+ Von Euch, rät dem Minister, Euren Dünkel,
+ Wie er ihn nennt, zu züchtigen.
+(Buttler hat den Brief gelesen, seine Knie zittern, er greift nach
+einem Stuhl, setzt sich nieder.)
+ Kein Feind verfolgt Euch. Niemand will Euch übel.
+ Dem Herzog schreibt allein die Kränkung zu,
+ Die ihr empfangen; deutlich ist die Absicht.
+ Losreißen wollt' er Euch von Eurem Kaiser--
+ Von Eurer Rache hofft' er zu erlangen,
+ Was Eure wohlbewährte Treu ihn nimmer
+ Erwarten ließ bei ruhiger Besinnung.
+ Zum blinden Werkzeug wollt' er Euch, zum Mittel,
+ Verworfner Zwecke Euch verächtlich brauchen.
+ Er hat's erreicht. Zu gut nur glückt' es ihm,
+ Euch wegzulocken von dem guten Pfade,
+ Auf dem Ihr vierzig Jahre seid gewandelt.
+
+Buttler. (mit der Stimme bebend)
+ Kann mir des Kaisers Majestät vergeben?
+
+Octavio.
+ Sie tut noch mehr. Sie macht die Kränkung gut,
+ Die unverdient dem Würdigen geschehn.
+ Aus freiem Trieb bestätigt sie die Schenkung,
+ Die Euch der Fürst zu bösem Zweck gemacht.
+ Das Regiment ist Euer, das Ihr führt.
+
+Buttler. (will aufstehen, sinkt zurück. Sein Gemüt arbeitet
+heftig, er versucht zu reden und vermag es nicht. Endlich
+nimmt er den Degen vom Gehänge und reicht ihn dem Piccolomini)
+
+Octavio.
+ Was wollt Ihr? Faßt Euch.
+
+Buttler.
+ Nehmt!
+
+Octavio.
+ Wozu? Besinnt Euch.
+
+Buttler.
+ Nehmt hin! Nicht wert mehr bin ich dieses Degens.
+
+Octavio.
+ Empfangt ihn neu zurück aus meiner Hand
+ Und führt ihn stets mit Ehre für das Recht.
+
+Buttler.
+ Die Treue brach ich solchem gnäd'gen Kaiser!
+
+Octavio.
+ Macht's wieder gut. Schnell trennt Euch von dem Herzog.
+
+Buttler.
+ Mich von ihm trennen!
+
+Octavio.
+ Wie? Bedenkt Ihr Euch?
+
+Buttler. (furchtbar ausbrechend)
+ Nur von ihm trennen? Oh! er soll nicht leben!
+
+Octavio.
+ Folgt mir nach Frauenberg, wo alle Treuen
+ Bei Gallas sich und Altringer versammeln.
+ Viel andre bracht' ich noch zu ihrer Pflicht
+ Zurück, heut nacht entfliehen sie aus Pilsen.
+
+Buttler. (ist heftig bewegt auf und ab gegangen und tritt zu
+Octavio mit entschlossenem Blick)
+ Graf Piccolomini! Darf Euch der Mann
+ Von Ehre sprechen, der die Treue brach?
+
+Octavio.
+ Der darf es, der so ernstlich es bereut.
+
+Buttler.
+ So laßt mich hier, auf Ehrenwort.
+
+Octavio.
+ Was sinnt Ihr?
+
+Buttler.
+ Mit meinem Regimente laßt mich bleiben.
+
+Octavio.
+ Ich darf Euch trauen. Doch sagt mir, was Ihr brütet?
+
+Buttler.
+ Die Tat wird's lehren. Fragt mich jetzt nicht weiter.
+ Traut mir! Ihr könnt's! Bei Gott! Ihr überlasset
+ Ihn seinem guten Engel nicht!--Lebt wohl!
+(Geht ab.)
+
+Bedienter. (bringt ein Billet)
+ Ein Unbekannter bracht's und ging gleich wieder.
+ Des Fürsten Pferde stehen auch schon unten.
+(Ab.)
+
+Octavio. (liest)
+ "Macht, daß Ihr fortkommt. Euer treuer Isolan."
+ --Oh! läge diese Stadt erst hinter mir!
+ So nah dem Hafen sollten wir noch scheitern?
+ Fort! Fort! Hier ist nicht länger Sicherheit
+ Für mich. Wo aber bleibt mein Sohn?
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Beide Piccolomini.
+
+
+Max. (kömmt in der heftigsten Gemütsbewegung, seine Blicke
+rollen wild, sein Gang ist unstet; er scheint den Vater nicht
+zu bemerken, der von ferne steht und ihn mitleidig ansieht.
+Mit großen Schritten geht er durch das Zimmer, bleibt wieder
+stehen und wirft sich zuletzt in einen Stuhl, gerad vor sich
+hin starrend)
+
+Octavio. (nähert sich ihm).
+ Ich reise ab, mein Sohn.
+(Da er keine Antwort erhält, faßt er ihn bei der Hand.)
+ Mein Sohn, leb wohl!
+
+Max.
+ Leb wohl!
+
+Octavio.
+ Du folgst mir doch bald nach?
+
+Max. (ohne ihn anzusehen).
+ Ich dir?
+ Dein Weg ist krumm, er ist der meine nicht.
+(Octavio läßt seine Hand los, fährt zurück.)
+ Oh! wärst du wahr gewesen und gerade,
+ Nie kam es dahin, alles stünde anders!
+ Er hätte nicht das Schreckliche getan,
+ Die Guten hätten Kraft bei ihm behalten,
+ Nicht in der Schlechten Garn wär' er gefallen.
+ Warum so heimlich, hinterlistig lauernd
+ Gleich einem Dieb und Diebeshelfer schleichen?
+ Unsel'ge Falschheit! Mutter alles Bösen!
+ Du jammerbringende, verderbest uns!
+ Wahrhaftigkeit, die reine, hätt' uns alle,
+ Die welterhaltende, gerettet. Vater!
+ Ich kann dich nicht entschuldigen, ich kann's nicht.
+ Der Herzog hat mich hintergangen, schrecklich,
+ Du aber hast viel besser nicht gehandelt.
+
+Octavio.
+ Mein Sohn, ach! ich verzeihe deinem Schmerz.
+
+Max. (steht auf, betrachtet ihn mit zweifelhaften Blicken)
+ Wär's möglich, Vater? Vater? Hättest du's
+ Mit Vorbedacht bis dahin treiben wollen?
+ Du steigst durch seinen Fall. Octavio,
+ Das will mir nicht gefallen.
+
+Octavio.
+ Gott im Himmel!
+
+Max.
+ Weh mir! Ich habe die Natur verändert,
+ Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?
+ Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin,
+ Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.
+ Nein! Nein! Nicht alles! Sie ja lebt mir noch,
+ Und sie ist wahr und lauter wie der Himmel.
+ Betrug ist überall und Heuchelschein
+ Und Mord und Gift und Meineid und Verrat,
+ Der einzig reine Ort ist unsre Liebe,
+ Der unentweihte in der Menschlichkeit.
+
+Octavio.
+ Max! Folg mir lieber gleich, das ist doch besser.
+
+Max.
+ Was? Eh' ich Abschied noch von ihr genommen?
+ Den letzten--Nimmermehr!
+
+Octavio.
+ Erspare dir
+ Die Qual der Trennung, der notwendigen.
+ Komm mit mir! Komm, mein Sohn!
+(Will ihn fortziehn.)
+
+Max.
+ Nein! So wahr Gott lebt!
+
+Octavio. (dringender)
+ Komm mit mir, ich gebiete dir's, dein Vater.
+
+Max.
+ Gebiete mir, was menschlich ist. Ich bleibe.
+
+Octavio.
+ Max! In des Kaisers Namen, folge mir!
+
+Max.
+ Kein Kaiser hat dem Herzen vorzuschreiben.
+ Und willst du mir das einzige noch rauben,
+ Was mir mein Unglück übrigließ, ihr Mitleid?
+ Muß grausam auch das Grausame geschehn?
+ Das Unabänderliche soll ich noch
+ Unedel tun, mit heimlich feiger Flucht,
+ Wie ein Unwürdiger mich von ihr stehlen?
+ Sie soll mein Leiden sehen, meinen Schmerz,
+ Die Klagen hören der zerrißnen Seele
+ Und Tränen um mich weinen--Oh! die Menschen
+ Sind grausam, aber sie ist wie ein Engel.
+ Sie wird von gräßlich wütender Verzweiflung
+ Die Seele retten, diesen Schmerz des Todes
+ Mit sanften Trostesworten klagend lösen.
+
+Octavio.
+ Du reißest dich nicht los, vermagst es nicht.
+ Oh! komm, mein Sohn, und rette deine Tugend!
+
+Max.
+ Verschwende deine Worte nicht vergebens,
+ Dem Herzen folg ich, denn ich darf ihm trauen.
+
+Octavio. (außer Fassung, zitternd)
+ Max! Max! Wenn das Entsetzliche mich trifft,
+ Wenn du--mein Sohn--mein eignes Blut--ich darf's
+ Nicht denken! dich dem Schändlichen verkaufst,
+ Dies Brandmal aufdrückst unsers Hauses Adel,
+ Dann soll die Welt das Schauderhafte sehn,
+ Und von des Vaters Blute triefen soll
+ Des Sohnes Stahl im gräßlichen Gefechte.
+
+Max.
+ Oh! hättest du vom Menschen besser stets
+ Gedacht, du hättest besser auch gehandelt.
+ Fluchwürd'ger Argwohn! Unglücksel'ger Zweife!
+ Es ist ihm Festes nichts und Unverrücktes,
+ Und alles wanket, wo der Glaube fehlt.
+ Octavio.
+ Und trau ich deinem Herzen auch, wird's immer
+ In deiner Macht auch stehen, ihm zu folgen?
+
+Max.
+ Du hast des Herzens Stimme nicht bezwungen,
+ So wenig wird der Herzog es vermögen.
+
+Octavio.
+ Oh! Max, ich seh dich niemals wiederkehren!
+
+Max.
+ Unwürdig deiner wirst du nie mich sehn.
+
+Octavio.
+ Ich geh nach Frauenberg, die Pappenheimer
+ Laß ich dir hier, auch Lothringen, Toscana
+ Und Tiefenbach bleibt da, dich zu bedecken.
+ Sie lieben dich und sind dem Eide treu
+ Und werden lieber tapfer streitend fallen,
+ Als von dem Führer weichen und der Ehre.
+
+Max.
+ Verlaß dich drauf, ich lasse fechtend hier
+ Das Leben oder führe sie aus Pilsen.
+
+Octavio. (aufbrechend)
+ Mein Sohn, leb wohl!
+
+Max.
+ Leb wohl!
+
+Octavio.
+ Wie? Keinen Blick
+ Der Liebe? Keinen Händedruck zum Abschied?
+ Es ist ein blut'ger Krieg, in den wir gehn,
+ Und ungewiß, verhüllt ist der Erfolg.
+ So pflegten wir uns vormals nicht zu trennen.
+ Ist es denn wahr? Ich habe keinen Sohn mehr?
+(Max fällt in seine Arme, sie halten einander lange schweigend
+umfaßt, dann entfernen sie sich nach verschiedenen Seiten.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+Saal bei der Herzogin von Friedland.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Gräfin Terzky. Thekla. Fräulein von Neubrunn. Beide letztern mit
+weiblichen Arbeiten beschäftigt.
+
+
+
+Gräfin.
+ Ihr habt mich nichts zu fragen, Thekla? Gar nichts?
+ Schon lange wart ich auf ein Wort von Euch.
+ Könnt Ihr's ertragen, in so langer Zeit
+ Nicht einmal seinen Namen auszusprechen?
+ Wie? Oder wär' ich jetzt schon überflüssig,
+ Und gäb' es andre Wege als durch mich?
+ Gesteht mir, Nichte. Habt Ihr ihn gesehn?
+
+Thekla.
+ Ich hab ihn heut und gestern nicht gesehn.
+
+Gräfin.
+ Auch nicht von ihm gehört? Verbergt mir nichts.
+
+Thekla.
+ Kein Wort.
+
+Gräfin.
+ Und könnt so ruhig sein!
+
+Thekla.
+ Ich bin's.
+
+Gräfin.
+ Verlaßt uns, Neubrunn.
+(Fräulein von Neubrunn entfernt sich.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Gräfin Thekla.
+
+
+Gräfin.
+ Es gefällt mir nicht,
+ Daß er sich grade jetzt so still verhält.
+
+Thekla.
+ Gerade jetzt!
+
+Gräfin.
+ Nachdem er alles weiß!
+ Denn jetzo war's die Zeit, sich zu erklären.
+
+Thekla.
+ Sprecht deutlicher, wenn ich's verstehen soll.
+
+Gräfin.
+ In dieser Absicht schickt' ich sie hinweg.
+ Ihr seid kein Kind mehr, Thekla. Euer Herz
+ Ist mündig, denn Ihr liebt, und kühner Mut
+ Ist bei der Liebe. Den habt Ihr bewiesen.
+ Ihr artet mehr nach Eures Vaters Geist
+ Als nach der Mutter ihrem. Darum könnt Ihr hören,
+ Was sie nicht fähig ist zu tragen.
+
+Thekla.
+ Ich bitt Euch, endet diese Vorbereitung.
+ Sei's was es sei. Heraus damit! Es kann
+ Mich mehr nicht ängstigen als dieser Eingang.
+ Was habt Ihr mir zu sagen? Faßt es kurz.
+
+Gräfin.
+ Ihr müßt nur nicht erschrecken--
+
+Thekla.
+ Nennt's! Ich bitt Euch.
+
+Gräfin.
+ Es steht bei Euch, dem Vater einen großen Dienst
+ Zu leisten--
+
+Thekla.
+ Bei mir stünde das! Was kann--
+
+Gräfin.
+ Max Piccolomini liebt Euch. Ihr könnt
+ Ihn unauflöslich an den Vater binden.
+
+Thekla.
+ Braucht's dazu meiner? Ist er es nicht schon?
+
+Gräfin.
+ Er war's.
+
+Thekla.
+ Und warum sollt' er's nicht mehr sein,
+ Nicht immer bleiben?
+
+Gräfin.
+ Auch am Kaiser hängt er.
+
+Thekla.
+ Nicht mehr, als Pflicht und Ehre von ihm fordern.
+
+Gräfin.
+ Von seiner Liebe fordert man Beweise,
+ Und nicht von seiner Ehre--Pflicht und Ehre!
+ Das sind vieldeutig doppelsinn'ge Namen,
+ Ihr sollt sie ihm auslegen, seine Liebe
+ Soll seine Ehre ihm erklären.
+
+Thekla.
+ Wie?
+
+Gräfin.
+ Er soll dem Kaiser oder Euch entsagen.
+
+Thekla.
+ Er wird den Vater gern in den Privatstand
+ Begleiten. Ihr vernahmt es von ihm selbst,
+ Wie sehr er wünscht, die Waffen wegzulegen.
+
+Gräfin.
+ Er soll sie nicht weglegen, ist die Meinung,
+ Er soll sie für den Vater ziehn.
+
+Thekla.
+ Sein Blut,
+ Sein Leben wird er für den Vater freudig
+ Verwenden, wenn ihm Unglimpf widerführe.
+
+Gräfin.
+ Ihr wollt mich nicht erraten--Nun so hört.
+ Der Vater ist vom Kaiser abgefallen,
+ Steht im Begriff, sich zu dem Feind zu schlagen
+ Mitsamt dem ganzen Heer--
+
+Thekla.
+ O meine Mutter!
+
+Gräfin.
+ Es braucht ein großes Beispiel, die Armee
+ Ihm nachzuziehn. Die Piccolomini
+ Stehn bei dem Heer in Ansehn, sie beherrschen
+ Die Meinung, und entscheidend ist ihr Vorgang.
+ Des Vaters sind wir sicher durch den Sohn--
+ --Ihr habt jetzt viel in Eurer Hand.
+
+Thekla.
+ O jammervolle Mutter! Welcher Streich des Todes
+ Erwartet dich!--Sie wird's nicht überleben.
+
+Gräfin.
+ Sie wird in das Notwendige sich fügen.
+ Ich kenne sie--Das Ferne, Künftige beängstigt
+ Ihr fürchtend Herz; was unabänderlich
+ Und wirklich da ist, trägt sie mit Ergebung.
+
+Thekla.
+ O meine ahnungsvolle Seele--Jetzt--
+ Jetzt ist sie da, die kalte Schreckenshand,
+ Die in mein fröhlich Hoffen schaudernd greift.
+ Ich wußt' es wohl--O gleich, als ich hier eintrat,
+ Weissagte mir's das bange Vorgefühl,
+ Daß über mir die Unglückssterne stünden--
+ Doch warum denk ich jetzt zuerst an mich--
+ O meine Mutter! meinen Mutter!
+
+Gräfin.
+ Faßt Euch.
+ Brecht nicht in eitle Klagen aus. Erhaltet
+ Dem Vater einen Freund, Euch den Geliebten,
+ So kann noch alles gut und glücklich werden.
+
+Thekla.
+ Gut werden! Was? Wir sind getrennt auf immer!--
+ Ach, davon ist nun gar nicht mehr die Rede.
+
+Gräfin.
+ Er läßt Euch nicht! Er kann nicht von Euch lassen.
+
+Thekla.
+ O der Unglückliche!
+
+Gräfin.
+ Wenn er Euch wirklich liebt, wird sein Entschluß
+ Geschwind gefaßt sein.
+
+Thekla.
+ Sein Entschluß wird bald
+ Gefaßt sein, daran zweifelt nicht. Entschluß!
+ Ist hier noch ein Entschluß?
+
+Gräfin.
+ Faßt euch. Ich höre
+ Die Mutter nahn.
+
+Thekla.
+ Wie werd ich ihren Anblick
+ Ertragen!
+
+Gräfin.
+ Faßt Euch.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Die Herzogin. Vorige.
+
+
+Herzogin. (zur Gräfin)
+ Schwester! Wer war hier?
+ Ich hörte lebhaft reden.
+
+Gräfin.
+ Es war niemand.
+ Herzogin.
+ Ich bin so schreckhaft. Jedes Rauschen kündigt mir
+ Den Fußtritt eines Unglücksboten an.
+ Könnt Ihr mir sagen, Schwester, wie es steht?
+ Wird er dem Kaiser seinen Willen tun,
+ Dem Kardinal die Reiter senden? Sprecht,
+ Hat er den Questenberg mit einer guten
+ Antwort entlassen?
+
+Gräfin.
+ --Nein, das hat er nicht.
+
+Herzogin.
+ O dann ist's aus! Ich seh das Ärgste kommen.
+ Sie werden ihn absetzen, es wird alles wieder
+ So werden wie zu Regenspurg.
+
+Gräfin.
+ So wird's
+ Nicht werden. Diesmal nicht. Dafür seid ruhig.
+(Thekla, heftig bewegt, stürzt auf die Mutter zu und schließt sie
+weinend in die Arme.)
+
+Herzogin.
+ O der unbeugsam unbezähmte Mann!
+ Was hab ich nicht getragen und gelitten
+ In dieser Ehe unglücksvollem Bund!
+ Denn gleich wie an ein feurig Rad gefesselt,
+ Das rastlos eilend, ewig, heftig treibt,
+ Bracht' ich ein angstvoll Leben mit ihm zu,
+ Und stets an eines Abgrunds jähem Rande
+ Sturzdrohend, schwindelnd riß er mich dahin.
+ --Nein, weine nicht, mein Kind. Laß dir mein Leiden
+ Zu keiner bösen Vorbedeutung werden,
+ Den Stand, der dich erwartet, nicht verleiden.
+ Es lebt kein zweiter Friedland; du, mein Kind,
+ Hast deiner Mutter Schicksal nicht zu fürchten.
+
+Thekla.
+ O lassen Sie uns fliehen, liebe Mutter!
+ Schnell! Schnell! Hier ist kein Aufenthalt für uns.
+ Jedwede nächste Stunde brütet irgend
+ Ein neues, ungeheures Schreckbild aus!
+
+Herzogin.
+ Dir wird ein ruhigeres Los!--Auch wir,
+ Ich und dein Vater, sahen schöne Tage;
+ Der ersten Jahre denk ich noch mit Lust.
+ Da war er noch der fröhlich Strebende,
+ Sein Ehrgeiz war ein mild erwärmend Feuer,
+ Noch nicht die Flamme, die verzehrend rast.
+ Der Kaiser liebte ihn, vertraute ihm,
+ Und was er anfing, das mußt' ihm geraten.
+ Doch seit dem Unglückstag zu Regenspurg,
+ Der ihn von seiner Höh' herunterstürzte,
+ Ist ein unsteter, ungesell'ger Geist
+ Argwöhnisch, finster über ihn gekommen.
+ Ihn floh die Ruhe, und dem alten Glück,
+ Der eignen Kraft nicht fröhlich mehr vertrauend,
+ Wandt' er sein Herz den dunkeln Künsten zu,
+ Die keinen, der sie pflegte, noch beglückt.
+
+Gräfin.
+ Ihr seht's mit Euren Augen--Aber ist
+ Das ein Gespräch, womit wir ihn erwarten?
+ Er wird bald hier sein, wißt Ihr. Soll er sie
+ In diesem Zustand finden?
+
+Herzogin.
+ Komm, mein Kind.
+ Wisch deine Tränen ab. Zeig deinem Vater
+ Ein heitres Antlitz--Sieh, die Schleife hier
+ Ist los--Dies Haar muß aufgebunden werden.
+ Komm, trockne deine Tränen. Sie entstellen
+ Dein holdes Auge--Was ich sagen wollte?
+ Ja, dieser Piccolomini ist doch
+ Ein würd'ger Edelmann und voll Verdienst.
+
+Gräfin.
+ Das ist er, Schwester.
+
+Thekla. (zur Gräfin, beängstigt.)
+ Tante, wollt Ihr mich
+ Entschuldigen?
+(Will gehen.)
+
+Gräfin.
+ Wohin? Der Vater kommt.
+
+Thekla.
+ Ich kann ihn jetzt nicht sehn.
+
+Gräfin.
+ Er wird Euch aber
+ Vermissen, nach Euch fragen.
+
+Herzogin.
+ Warum geht sie?
+
+Thekla.
+ Es ist mir unerträglich, ihn zu sehn.
+
+Gräfin. (zur Herzogin).
+ Ihr ist nicht wohl.
+
+Herzogin. (besorgt)
+ Was fehlt dem lieben Kinde?
+(Beide folgen dem Fräulein und sind beschäftigt, sie zurückzuhalten.
+Wallenstein erscheint, im Gespräch mit Illo.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Wallenstein. Illo. Vorige.
+
+
+Wallenstein.
+ Es ist noch still im Lager?
+
+Illo.
+ Alles still.
+
+Wallenstein.
+ In wenig Stunden kann die Nachricht da sein
+ Aus Prag, daß diese Hauptstadt unser ist.
+ Dann können wir die Maske von uns werfen,
+ Den hiesigen Truppen den getanen Schritt
+ Zugleich mit dem Erfolg zu wissen tun.
+ In solchen Fällen tut das Beispiel alles.
+ Der Mensch ist ein nachahmendes Geschöpf,
+ Und wer der Vorderste ist, führt die Herde.
+ Die Prager Truppen wissen es nicht anders,
+ Als daß die Pilsner Völker uns gehuldigt,
+ Und hier in Pilsen sollen sie uns schwören,
+ Weil man zu Prag das Beispiel hat gegeben.
+ --Der Butler, sagst du, hat sich nun erklärt?
+
+Illo.
+ Aus freiem Trieb, unaufgefordert kam er,
+ Sich selbst, sein Regiment dir anzubieten.
+
+Wallenstein.
+ Nicht jeder Stimme, find ich, ist zu glauben,
+ Die warnend sich im Herzen läßt vernehmen.
+ Uns zu berücken, borgt der Lügengeist
+ Nachahmend oft die Stimme von der Wahrheit
+ Und streut betrügliche Orakel aus.
+ So hab ich diesem würdig braven Mann,
+ Dem Butler, stilles Unrecht abzubitten;
+ Denn ein Gefühl, des ich nicht Meister bin,
+ Furcht möcht' ich's nicht gern nennen, überschleicht
+ In seiner Nähe schaudernd mir die Sinne
+ Und hemmt der Liebe freudige Bewegung.
+ Und dieser Redliche, vor dem der Geist
+ Mich warnt, reicht mir das erste Pfand des Glücks.
+
+Illo.
+ Und sein geachtet Beispiel, zweifle nicht,
+ Wird dir die Besten in dem Heer gewinnen.
+
+Wallenstein.
+ Jetzt geh und schick mir gleich den Isolan
+ Hieher, ich hab ihn mir noch jüngst verpflichtet.
+ Mit ihm will ich den Anfang machen. Geh!
+(Illo geht hinaus, unterdessen sind die übrigen wieder vorwärts
+gekommen.)
+
+Wallenstein.
+ Sieh da, die Mutter mit der lieben Tochter!
+ Wir wollen einmal von Geschäften ruhn--
+ Kommt! Mich verlangte, eine heitre Stunde
+ Im lieben Kreis der Meinen zu verleben.
+
+Gräfin.
+ Wir waren lang nicht so beisammen, Bruder.
+
+Wallenstein. (beiseite, zur Gräfin)
+ Kann sie's vernehmen? Ist sie vorbereitet?
+
+Gräfin.
+ Noch nicht.
+
+Wallenstein.
+ Komm her, mein Mädchen. Setz dich zu mir.
+ Es ist ein guter Geist auf deinen Lippen,
+ Die Mutter hat mir deine Fertigkeit
+ Gepriesen, es soll eine zarte Stimme
+ Des Wohllauts in dir wohnen, die die Seele
+ Bezaubert. Eine solche Stimme brauch
+ Ich jetzt, den bösen Dämon zu vertreiben,
+ Der um mein Haupt die schwarzen Flügel schlägt.
+
+Herzogin.
+ Wo hast du deine Zither, Thekla? Komm.
+ Laß deinem Vater eine Probe hören
+ Von deiner Kunst.
+
+Thekla.
+ O meine Mutter! Gott!
+
+Herzogin.
+ Komm, Thekla, und erfreue deinen Vater.
+
+Thekla.
+ Ich kann nicht, Mutter--
+
+Gräfin.
+ Wie? Was ist das, Nichte!
+
+Thekla. (zur Gräfin)
+ Verschont mich--Singen--jetzt--in dieser Angst
+ Der schwer beladnen Seele--vor ihn singen--
+ Der meine Mutter stürzt ins Grab!
+
+Herzogin.
+ Wie, Thekla, Launen? Soll dein güt'ger Vater
+ Vergeblich einen Wunsch geäußert haben?
+
+Gräfin.
+ Hier ist die Zither.
+
+Thekla.
+ O mein Gott--Wie kann ich--
+(Hält das Instrument mit zitternder Hand, ihre Seele arbeitet
+im heftigsten Kampf, und im Augenblick, da sie anfangen soll,
+zu singen, schaudert sie zusammen, wirft das Instrument weg und
+geht schnell ab.)
+
+Herzogin.
+ Mein Kind--o sie ist krank!
+ Wallenstein.
+ Was ist dem Mädchen? Pflegt sie so zu sein?
+
+Gräfin.
+ Nun weil sie es denn selbst verrät, so will
+ Auch ich nicht länger schweigen.
+
+Wallenstein.
+ Wie?
+
+Gräfin.
+ Sie liebt ihn.
+
+Wallenstein.
+ Liebt! Wen?
+
+Gräfin.
+ Den Piccolomini liebt sie.
+ Hast du es nicht bemerkt? Die Schwester auch nicht?
+
+Herzogin.
+ O war es dies, was ihr das Herz beklemmte?
+ Gott segne dich, mein Kind! Du darfst
+ Dich deiner Wahl nicht schämen.
+
+Gräfin.
+ Diese Reise--
+ Wenn's deine Absicht nicht gewesen, schreib's
+ Dir selber zu. Du hättest einen andern
+ Begleiter wählen sollen!
+
+Wallenstein.
+ Weiß er's?
+
+Gräfin.
+ Er hofft sie zu besitzen.
+
+Wallenstein.
+ Hofft
+ Sie zu besitzen--Ist der Junge toll?
+
+Gräfin.
+ Nun mag sie's selber hören!
+
+Wallenstein.
+ Die Friedländerin
+ Denkt er davonzutragen? Nun! Der Einfall
+ Gefällt mir! Die Gedanken stehen ihm nicht niedrig.
+
+Gräfin.
+ Weil du so viele Gunst ihm stets bezeugt,
+ So--
+
+Wallenstein.
+ --Will er mich auch endlich noch beerben.
+ Nun ja! Ich lieb ihn, halt ihn wert; was aber
+ Hat das mit meiner Tochter Hand zu schaffen?
+ Sind es die Töchter, sind's die einz'gen Kinder,
+ Womit man seine Gunst bezeugt?
+
+Herzogin.
+ Sein adeliger Sinn und seine Sitten--
+
+Wallenstein.
+ Erwerben ihm mein Herz, nicht meine Tochter.
+
+Herzogin.
+ Sein Stand und seine Ahnen--
+
+Wallenstein.
+ Ahnen! Was!
+ Er ist ein Untertan, und meinen Eidam
+ Will ich mir auf Europens Thronen suchen.
+
+Herzogin.
+ O lieber Herzog! Streben wir nicht allzuhoch
+ Hinauf, daß wir zu tief nicht fallen mögen.
+
+Wallenstein.
+ Ließ ich mir's so viel kosten, in die Höh'
+ Zu kommen, über die gemeinen Häupter
+ Der Menschen weg zu ragen, um zuletzt
+ Die große Lebensrolle mit gemeiner
+ Verwandtschaft zu beschließen?--Hab ich darum--
+(Plötzlich hält er inne, sich fassend.)
+ Sie ist das einzige, was von mir nachbleibt
+ Auf Erden; eine Krone will ich sehn
+ Auf ihrem Haupte, oder will nicht leben.
+ Was? Alles--Alles! setz ich dran, um sie
+ Recht groß zu machen--ja in der Minute,
+ Worin wir sprechen--
+(Er besinnt sich.)
+ Und ich sollte nun,
+ Wie ein weichherz'ger Vater, was sich gern hat
+ Und liebt, fein bürgerlich zusammengeben?
+ Und jetzt soll ich das tun, jetzt eben, da ich
+ Auf mein vollendet Werk den Kranz will setzen--
+ Nein, sie ist mir ein langgespartes Kleinod,
+ Die höchste, letzte Münze meines Schatzes,
+ Nicht niedriger fürwahr gedenk ich sie
+ Als um ein Königszepter loszuschlagen--
+
+Herzogin.
+ O mein Gemahl! Sie bauen immer, bauen
+ Bis in die Wolken, bauen fort und fort
+ Und denken nicht dran, daß der schmale Grund
+ Das schwindelnd schwanke Werk nicht tragen kann.
+
+Wallenstein. (zur Gräfin)
+ Hast du ihr angekündigt, welchen Wohnsitz
+ Ich ihr bestimmt?
+
+Gräfin.
+ Noch nicht. Entdeckt's ihr selbst.
+
+Herzogin.
+ Wie? Gehen wir nach Kärnten nicht zurück?
+
+Wallenstein.
+ Nein.
+
+Herzogin.
+ Oder sonst auf keines Ihrer Güter?
+
+Wallenstein.
+ Sie würden dort nicht sicher sein.
+
+Herzogin.
+ Nicht sicher
+ In Kaisers Landen, unter Kaisers Schutz?
+
+Wallenstein.
+ Den hat des Friedlands Gattin nicht zu hoffen.
+
+Herzogin.
+ O Gott, bis dahin haben Sie's gebracht?
+
+Wallenstein.
+ In Holland werden Sie Schutz finden.
+
+Herzogin.
+ Was?
+ Sie senden uns in lutherischen Länder?
+
+Wallenstein.
+ Der Herzog Franz von Lauenburg wird Ihr
+ Geleitsmann dahin sein.
+
+Herzogin.
+ Der Lauenburger?
+ Der's mit dem Schweden hält, des Kaisers Feind?
+
+Wallenstein.
+ Des Kaisers Feinde sind die meinen nicht mehr.
+
+Herzogin. (sieht den Herzog und die Gräfin schreckensvoll an)
+ Ist's also wahr? Es ist? Sie sind
+ gestürzt? Sind vom Kommando abgesetzt? O Gott
+ Im Himmel!
+
+Gräfin. (seitwärts zum Herzog)
+ Lassen wir sie bei dem Glauben.
+ Du siehst, daß sie die Wahrheit nicht ertrüge.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Graf Terzky. Vorige.
+
+
+Gräfin.
+ Terzky! Was ist ihm? Welches Bild des Schreckens!
+ Als hätt' er ein Gespenst gesehn!
+
+Terzky. (Wallenstein bei Seite führend, heimlich)
+ Ist's dein Befehl, daß die Kroaten reiten?
+
+Wallenstein.
+ Ich weiß von nichts.
+
+Terzky.
+ Wir sind verraten!
+
+Wallenstein.
+ Was?
+
+Terzky.
+ Sie sind davon, heut nacht, die Jäger auch,
+ Leer stehen alle Dörfer in der Runde.
+
+Wallenstein.
+ Und Isolan?
+
+Terzky.
+ Den hast du ja verschickt.
+
+Wallenstein.
+ Ich?
+
+Terzky.
+ Nicht? Du hast ihn nicht verschickt? Auch nicht
+ Den Deodat? Sie sind verschwunden beide.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Illo. Vorige.
+
+
+Illo.
+ Hat dir der Terzky--
+
+Terzky.
+ Er weiß alles.
+
+Illo.
+ Auch daß Maradas, Esterhazy, Götz,
+ Colalto, Kaunitz dich verlassen?--
+
+Terzky.
+ Teufel!
+
+Wallenstein. (winkt)
+ Still!
+
+Gräfin. (hat sie von weitem ängstlich beobachtet, tritt hinzu)
+ Terzky! Gott! Was gibt's? Was ist geschehen?
+
+Wallenstein. (im Begriff aufzubrechen)
+ Nichts! Laßt uns gehen.
+
+Terzky. (will ihm folgen)
+ Es ist nichts, Therese.
+
+Gräfin. (hält ihn).
+ Nichts? Seh ich nicht, daß alles Lebensblut
+ Aus euren geisterbleichen Wangen wich,
+ Daß selbst der Bruder Fassung nur erkünstelt?
+
+Page. (kommt)
+ Ein Adjutant fragt nach dem Grafen Terzky.
+(Ab. Terzky folgt dem Pagen.)
+
+Wallenstein.
+ Hör, was er bringt--
+(Zu Illo.)
+ Das konnte nicht so heimlich
+ Geschehen ohne Meuterei--Wer hat
+ Die Wache an den Toren?
+
+Illo.
+ Tiefenbach.
+
+Wallenstein.
+ Laß Tiefenbach ablösen unverzüglich
+ Und Terzkys Grenadiere aufziehn.--Höre!
+ Hast du von Buttlern Kundschaft?
+
+Illo.
+ Buttlern traf ich.
+ Gleich ist er selber hier. Der hält dir fest.
+(Illo geht. Wallenstein will ihm folgen.)
+
+Gräfin.
+ Laß ihn nicht von dir, Schwester! Halt ihn auf--
+ Es ist ein Unglück--
+
+Herzogin.
+ Großer Gott! Was ist's?
+(Hängt sich an ihn.)
+
+Wallenstein. (erwehrt sich ihrer).
+ Seid ruhig! Laßt mich! Schwester! liebes Weib,
+ Wir sind im Lager! Da ist's nun nicht anders,
+ Da wechseln Sturm und Sonnenschein geschwind,
+ Schwer lenken sich die heftigen Gemüter,
+ Und Ruhe nie beglückt des Führers Haupt--
+ Wenn ich soll bleiben, geht! Denn übel stimmt
+ Der Weiber Klage zu dem Tun der Männer.
+(Er will gehen. Terzky kömmt zurück.)
+
+Terzky.
+ Bleib hier. Von diesem Fenster muß man's sehn.
+
+Wallenstein. (zur Gräfin)
+ Geht, Schwester!
+
+Gräfin.
+ Nimmermehr!
+
+Wallenstein.
+ Ich will's.
+
+Terzky. (führt sie beiseite, mit einem bedeutenden Wink auf die Herzogin)
+ Therese!
+
+Herzogin.
+ Komm, Schwester, weil er es befiehlt.
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Wallenstein. Graf Terzky.
+
+
+Wallenstein. (ans Fenster tretend)
+ Was gibt's denn?
+
+Terzky.
+ Es ist ein Rennen und Zusammenlaufen
+ Bei allen Truppen. Niemand weiß die Ursach,
+ Geheimnisvoll, mit einer finstern Stille,
+ Stellt jedes Korps sich unter seine Fahnen,
+ Die Tiefenbacher machen böse Mienen,
+ Nur die Wallonen stehen abgesondert
+ In ihrem Lager, lassen niemand zu
+ Und halten sich gesetzt, so wie sie pflegen.
+
+Wallenstein.
+ Zeigt Piccolomini sich unter ihnen?
+
+Terzky.
+ Man sucht ihn, er ist nirgends anzutreffen.
+ Wallenstein.
+ Was überbrachte denn der Adjutant?
+
+Terzky.
+ Ihn schickten meine Regimenter ab,
+ Sie schwören nochmals Treue dir, erwarten
+ Voll Kriegeslust den Aufruf zum Gefechte.
+
+Wallenstein.
+ Wie aber kam der Lärmen in das Lager?
+ Es sollte ja dem Heer verschwiegen bleiben,
+ Bis sich zu Prag das Glück für uns entschieden.
+
+Terzky.
+ O daß du mir geglaubt! Noch gestern Abends
+ Beschwuren wir dich, den Octavio,
+ Den Schleicher, aus den Toren nicht zu lassen,
+ Du gabst die Pferde selber ihm zur Flucht--
+
+Wallenstein.
+ Das alte Lied! Einmal für allemal,
+ Nichts mehr von diesem törichten Verdacht!
+
+Terzky.
+ Dem Isolani hast du auch getraut,
+ Und war der erste doch, der dich verließ.
+
+Wallenstein.
+ Ich zog ihn gestern erst aus seinem Elend.
+ Fahr hin! Ich hab auf Dank ja nie gerechnet.
+
+Terzky.
+ Und so sind alle, einer wie der andre.
+
+Wallenstein.
+ Und tut er Unrecht, daß er von mir geht?
+ Er folgt dem Gott, dem er sein Lebenlang
+ Am Spieltisch hat gedient. Mit meinem Glücke
+ Schloß er den Bund und bricht ihn, nicht mit mir.
+ War ich ihm was, er mir? Das Schiff nur bin ich,
+ Auf das er seine Hoffnung hat geladen,
+ Mit dem er wohlgemut das freie Meer
+ Durchsegelte; er sieht es über Klippen
+ Gefährlich gehn und rettet schnell die Ware.
+ Leicht wie der Vogel von dem wirtbarn Zweige,
+ Wo er genistet, fliegt er von mir auf,
+ Kein menschlich Band ist unter uns zerrissen.
+ Ja, der verdient, betrogen sich zu sehn,
+ Der Herz gesucht bei dem Gedankenlosen!
+ Mit schnell verlöschten Zügen schreiben sich
+ Des Lebens Bilder auf die glatte Stirne,
+ Nichts fällt in eines Busen stillen Grund,
+ Ein muntrer Sinn bewegt die leichten Säfte,
+ Doch keine Seele wärmt das Eingeweide.
+
+Terzky.
+ Doch möcht' ich mich den glatten Stirnen lieber
+ Als jenen tiefgefurchten anvertrauen.
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky. Illo kömmt wütend.
+
+
+Illo.
+ Verrat und Meuterei!
+
+Terzky.
+ Ha! was nun wieder?
+
+Illo.
+ Die Tiefenbacher, als ich Ordre gab,
+ Sie abzulösen--Pflichtvergeßne Schelmen!
+
+Terzky.
+ Nun?
+
+Wallenstein.
+ Was denn?
+
+Illo.
+ Sie verweigern den Gehorsam.
+
+Terzky.
+ So laß sie niederschießen! O gib Ordre!
+
+Wallenstein.
+ Gelassen! Welche Ursach geben sie?
+
+Illo.
+ Kein andrer sonst hab ihnen zu befehlen
+ Als Generalleutnant Piccolomini.
+
+Wallenstein.
+ Was--Wie ist das?
+
+Illo.
+ So hab er's hinterlassen
+ Und eigenhändig vorgezeigt vom Kaiser.
+
+Terzky.
+ Vom Kaiser--Hörst du's, Fürst!
+
+Illo.
+ Auf seinen Antrieb
+ Sind gestern auch die Obersten entwichen.
+
+Terzky.
+ Hörst du's!
+
+Illo.
+ Auch Montecuculi, Caraffa
+ Und noch sechs andre Generale werden
+ Vermißt, die er bered't hat, ihm zu folgen.
+ Das hab er alles schon seit lange schriftlich
+ Bei sich gehabt vom Kaiser und noch jüngst
+ Erst abgeredet mit dem Questenberger.
+(Wallenstein sinkt auf einen Stuhl und verhüllt sich das Gesicht.)
+
+Terzky.
+ O hättest du mir doch geglaubt!
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Gräfin. Vorige.
+
+
+Gräfin.
+ Ich kann die Angst--ich kann's nicht länger tragen,
+ Um Gotteswillen, sagt mir, was es ist.
+
+Illo.
+ Die Regimenter fallen von uns ab.
+ Graf Piccolomini ist ein Verräter.
+
+Gräfin.
+ O meine Ahnung!
+(Stürzt aus dem Zimmer.)
+
+Terzky.
+ Hätt' man mir geglaubt!
+ Da siehst du's, wie die Sterne dir gelogen!
+
+Wallenstein. (richtet sich auf)
+ Die Sterne lügen nicht, das aber ist
+ Geschehen wider Sternenlauf und Schicksal.
+ Die Kunst ist redlich, doch dies falsche Herz
+ Bringt Lug und Trug in den wahrhaft'gen Himmel.
+ Nur auf der Wahrheit ruht die Wahrsagung;
+ Wo die Natur aus ihren Grenzen wanket,
+ Da irret alle Wissenschaft. War es
+ Ein Aberglaube, menschliche Gestalt
+ Durch keinen solchen Argwohn zu entehren,
+ O nimmer schäm ich dieser Schwachheit mich!
+ Religion ist in der Tiere Trieb,
+ Es trinkt der Wilde selbst nicht mit dem Opfer,
+ Dem er das Schwert will in den Busen stoßen.
+ Das war kein Heldenstück, Octavio!
+ Nicht deine Klugheit siegte über meine,
+ Dein schlechtes Herz hat über mein gerades
+ Den schändlichen Triumph davongetragen.
+ Kein Schild fing deinen Mordstreich auf, du führtest
+ Ihn ruchlos auf die unbeschützte Brust,
+ Ein Kind nur bin ich gegen solche Waffen.
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Vorige. Buttler.
+
+
+Terzky.
+ O sieh da! Buttler! Das ist noch ein Freund!
+ Wallenstein
+(geht ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und umfaßt ihn
+mit Herzlichkeit)
+ Komm an mein Herz, du alter Kriegsgefährt'!
+ So wohl tut nicht der Sonne Blick im Lenz
+ Als Freundes Angesicht in solcher Stunde.
+
+Buttler.
+ Mein General--Ich komme--
+
+Wallenstein. (sich auf seine Schultern lehnend)
+ Weißt du's schon?
+ Der Alte hat dem Kaiser mich verraten.
+ Was sagst du? Dreißig Jahre haben wir
+ Zusammen ausgelebt und ausgehalten.
+ In einem Feldbett haben wir geschlafen,
+ Aus einem Glas getrunken, einen Bissen
+ Geteilt, ich stützte mich auf ihn, wie ich
+ Auf deine treue Schulter jetzt mich stütze;
+ Und in dem Augenblick, da liebevoll
+ Vertrauend meine Brust an seiner schlägt,
+ Ersieht er sich den Vorteil, sticht das Messer
+ Mir listig lauernd, langsam in das Herz!
+(Er verbirgt das Gesicht an Buttlers Brust.)
+
+Buttler.
+ Vergeßt den Falschen. Sagt, was wollt Ihr tun?
+
+Wallenstein.
+ Wohl, wohl gesprochen. Fahre hin! Ich bin
+ Noch immer reich an Freunden, bin ich nicht?
+ Das Schicksal liebt mich noch, denn eben jetzt,
+ Da es des Heuchlers Tücke mir entlarvt,
+ Hat es ein treues Herz mir zugesendet.
+ Nichts mehr von ihm. Denkt nicht, daß sein Verlust
+ Mich schmerze, oh! mich schmerzt nur der Betrug.
+ Denn wert und teur waren mir die beiden,
+ Und jener Max, er liebte mich wahrhaftig,
+ Er hat mich nicht getäuscht, er nicht--Genug,
+ Genug davon! Jetzt gilt es schnellen Rat--
+ Der Reitende, den mir Graf Kinsky schickt
+ Aus Prag, kann jeden Augenblick erscheinen.
+ Was er auch bringen mag, er darf den Meutern
+ Nicht in die Hände fallen. Drum geschwind,
+ Schickt einen sichern Boten ihm entgegen,
+ Der auf geheimem Weg ihn zu mir führe.
+(Illo will gehen.)
+
+Buttler. (hält ihn zurück)
+ Mein Feldherr, wen erwartet Ihr?
+
+Wallenstein.
+ Den Eilenden, der mir die Nachricht bringt,
+ Wie es mit Prag gelungen.
+
+Buttler.
+ Hum!
+
+Wallenstein.
+ Was ist Euch?
+
+Buttler.
+ So wißt Ihr's nicht?
+
+Wallenstein.
+ Was denn?
+
+Buttler.
+ Wie dieser Lärmer
+ Ins Lager kam?--
+
+Wallenstein.
+ Wie?
+
+Buttler.
+ Jener Bote--
+
+Wallenstein. (erwartungsvoll)
+ Nun?
+
+Buttler.
+ Er ist herein.
+
+Terzky und Illo.
+ Er ist herein?
+
+Wallenstein.
+ Mein Bote?
+
+Buttler.
+ Seit mehrern Stunden.
+
+Wallenstein.
+ Und ich weiß es nicht?
+
+Buttler.
+ Die Wache fing ihn auf.
+
+Illo. (stampft mit dem Fuß)
+ Verdammt!
+
+Buttler.
+ Sein Brief
+ Ist aufgebrochen, läuft durchs ganze Lager--
+
+Wallenstein. (gespannt)
+ Ihr wißt, was er enthält?
+
+Buttler. (bedenklich)
+ Befragt mich nicht!
+
+Terzky.
+ Oh--Weh uns, Illo! Alles stürzt zusammen!
+
+Wallenstein.
+ Verhehlt mir nichts. Ich kann das Schlimmste hören.
+ Prag ist verloren? Ist's? Gesteht mir's frei.
+
+Buttler.
+ Es ist verloren. Alle Regimenter
+ Zu Budweis, Tabor, Braunau, Königingrätz,
+ Zu Brünn und Znaym haben Euch verlassen,
+ Dem Kaiser neu gehuldigt--Ihr selbst
+ Mit Kinsky, Terzky, Illo seid geächtet.
+(Terzky und Illo zeigen Schrecken und Wut. Wallenstein bleibt
+fest und gefaßt stehen.)
+
+Wallenstein. (nach einer Pause)
+ Es ist entschieden, nun ist's gut--und schnell
+ Bin ich geheilt von allen Zweifelsqualen,
+ Die Brust ist wieder frei, der Geist ist hell:
+ Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen.
+ Mit zögerndem Entschluß, mit wankendem Gemüt
+ Zog ich das Schwert, ich tat's mit Widerstreben,
+ Da es in meine Wahl noch war gegeben!
+ Notwendigkeit ist da, der Zweifel flieht,
+ Jetzt fecht ich für mein Haupt und für mein Leben.
+(Er geht ab. Die andern folgen.)
+
+
+
+Elfter Auftritt
+
+
+Gräfin Terzky. (kommt aus dem Seitenzimmer)
+ Nein! Ich kann's länger nicht--Wo sind sie? Alles
+ Ist leer. Sie lassen mich allein--allein
+ In dieser fürchterlichen Angst--Ich muß
+ Mich zwingen vor der Schwester, ruhig scheinen
+ Und alle Qualen der bedrängten Brust
+ In mir verschließen--Das ertrag ich nicht!
+ --Wenn es uns fehlschlägt, wenn er zu dem Schweden
+ Mit leerer Hand, als Flüchtling, müßte kommen,
+ Nicht als geehrter Bundesgenosse, stattlich,
+ Gefolgt von eines Heeres Macht--Wenn wir
+ Von Land zu Land wie der Pfalzgraf müßten wandern,
+ Ein schmählich Denkmal der gefallnen Größe--
+ Nein, diesen Tag will ich nicht schaun! und könnt'
+ Er selbst es auch ertragen, so zu sinken,
+ Ich trüg's nicht, so gesunken ihn zu sehn.
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+Gräfin. Herzogin. Thekla.
+
+
+Thekla. (will die Herzogin zurückhalten)
+ O liebe Mutter, bleiben Sie zurück!
+
+Herzogin.
+ Nein, hier ist noch ein schreckliches Geheimnis,
+ Das mir verhehlt wird--Warum meidet mich
+ Die Schwester? Warum seh ich sie voll Angst
+ Umhergetrieben, warum dich voll Schrecken?
+ Und was bedeuten diese stummen Winke,
+ Die du verstohlen heimlich mit ihr wechselst?
+
+Thekla.
+ Nichts, liebe Mutter!
+
+Herzogin.
+ Schwester, ich will's wissen.
+
+Gräfin.
+ Was hilft's auch, ein Geheimnis draus zu machen!
+ Läßt sich's verbergen? Früher, später muß
+ Sie's doch vernehmen lernen und ertragen!
+ Nicht Zeit ist's jetzt, der Schwäche nachzugeben,
+ Mut ist uns not und ein gefaßter Geist,
+ Und in der Stärke müssen wir uns üben.
+ Drum besser, es entscheidet sich ihr Schicksal
+ Mit einem Wort--Man hintergeht Euch, Schwester.
+ Ihr glaubt, der Herzog sei entsetzt--der Herzog
+ Ist nicht entsetzt--er ist--
+
+Thekla. (zur Gräfin gehend)
+ Wollt Ihr sie töten?
+
+Gräfin.
+ Der Herzog ist--
+
+Thekla. (die Arme um die Mutter schlagend).
+ O standhaft, meine Mutter!
+
+Gräfin.
+ Empört hat sich der Herzog, zu dem Feind
+ Hat er sich schlagen wollen, die Armee
+ Hat ihn verlassen, und es ist mißlungen.
+(Während dieser Worte wankt die Herzogin und fällt ohnmächtig
+in die Arme ihrer Tochter.)
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+Ein großer Saal beim Herzog von Friedland.
+
+
+Wallenstein. (im Harnisch)
+ Du hast's erreicht, Octavio--Fast bin ich
+ Jetzt so verlassen wieder, als ich einst
+ Vom Regenspurger Fürstentage ging.
+ Da hatt' ich nichts mehr als mich selbst--doch was
+ Ein Mann kann wert sein, habt ihr schon erfahren.
+ Den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen,
+ Da steh ich, ein entlaubter Stamm! Doch innen
+ Im Marke lebt die schaffende Gewalt,
+ Die sprossend eine Welt aus sich geboren.
+ Schon einmal galt ich euch statt eines Heeres,
+ Ich einzelner. Dahingeschmolzen vor
+ Der schwed'schen Stärke waren eure Heere,
+ Am Lech sank Tilly, euer letzter Hort;
+ Ins Bayerland, wie ein geschwollner Strom,
+ Ergoß sich dieser Gustav, und zu Wien
+ In seiner Hofburg zitterte der Kaiser.
+ Soldaten waren teuer, denn die Menge
+ Geht nach dem Glück--Da wandte man die Augen
+ Auf mich, den Helfer in der Not, es beugte sich
+ Der Stolz des Kaisers vor dem Schwergekränkten:
+ Ich sollte aufstehn mit dem Schöpfungswort
+ Und in die hohlen Läger Menschen sammeln.
+ Ich tat's. Die Trommel ward gerührt. Mein Name
+ Ging wie ein Kriegsgott durch die Welt. Der Pflug,
+ Die Werkstatt wird verlassen, alles wimmelt
+ Der altbekannten Hoffnungsfahne zu--
+ --Noch fühl ich mich denselben, der ich war!
+ Es ist der Geist, der sich den Körper baut,
+ Und Friedland wird sein Lager um sich füllen.
+ Führt eure Tausende mir kühn entgegen,
+ Gewohnt wohl sind sie, unter mir zu siegen,
+ Nicht gegen mich--Wenn Haupt und Glieder sich trennen,
+ Da wird sich zeigen, wo die Seele wohnte.
+(Illo und Terzky treten ein.)
+ Mut, Freunde, Mut! Wir sind noch nicht zu Boden.
+ Fünf Regimenter Terzky sind noch unser
+ Und Buttlers wackre Scharen--Morgen stößt
+ Ein Heer zu uns von sechzehntausend Schweden.
+ Nicht mächt'ger war ich, als ich vor neun Jahren
+ Auszog, dem Kaiser Deutschland zu erobern.
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+Vorige. Neumann, der den Grafen Terzky beiseite führt und
+mit ihm spricht.
+
+
+Terzky. (zu Neumann).
+ Was suchen Sie?
+
+Wallenstein.
+ Was gibt's?
+
+Terzky.
+ Zehn Kürassiere
+ Von Pappenheim verlangen dich im Namen
+ Des Regiments zu sprechen.
+
+Wallenstein. (schnell zu Neumann)
+ Laß sie kommen.
+(Neumann geht hinaus.)
+ Davon erwart ich etwas. Gebet acht,
+ Sie zweifeln noch und sind noch zu gewinnen.
+
+
+
+Fünfzehnter Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky. Illo. Zehn Kürassiere, von einem Gefreiten
+geführt, marschieren auf und stellen sich nach dem Kommando in
+einem Glied vor den Herzog, die Honneurs machend.
+
+
+Wallenstein. (nachdem er sie eine Zeitlang mit den Augen gemessen, zum
+Gefreiten)
+ Ich kenne dich wohl. Du bist aus Brügg' in Flandern,
+ Dein Nam' ist Mercy.
+
+Gefreiter.
+ Heinrich Mercy heiß ich.
+
+Wallenstein.
+ Du wurdest abgeschnitten auf dem Marsch,
+ Von Hessischen umringt und schlugst dich durch,
+ Mit hundertachtzig Mann durch ihrer tausend.
+
+Gefreiter.
+ So ist's, mein General.
+
+Wallenstein.
+ Was wurde dir
+ Für diese wackre Tat?
+
+Gefreiter.
+ Die Ehr', mein Feldherr,
+ Um die ich bat, bei diesem Korps zu dienen.
+
+Wallenstein. (wendet sich zu einem andern)
+ Du warst darunter, als ich die Freiwilligen
+ Heraus ließ treten auf dem Altenberg,
+ Die schwed'sche Batterie hinwegzunehmen.
+
+Zweiter Kürassier.
+ So ist's, mein Feldherr.
+
+Wallenstein.
+ Ich vergesse keinen,
+ Mit dem ich einmal Worte hab gewechselt.
+ Bringt eure Sache vor.
+
+Gefreiter. (kommandiert)
+ Gewehr in Arm!
+
+Wallenstein. (zu einem dritten gewendet)
+ Du nennst dich Risbeck, Köln ist dein Geburtsort.
+
+Dritter Kürassier.
+ Risbeck aus Köln.
+
+Wallenstein.
+ Den schwed'schen Oberst Dübald brachtest du
+ Gefangen ein im Nürenberger Lager.
+
+Dritter Kürassier.
+ Ich nicht, mein General.
+
+Wallenstein.
+ Ganz recht! Es war
+ Dein ältrer Bruder, der es tat--du hattest
+ Noch einen jüngern Bruder, wo blieb der?
+
+Dritter Kürassier.
+ Er steht zu Olmütz bei des Kaisers Heer.
+
+Wallenstein. (zum Gefreiten)
+ Nun so laß hören.
+
+Gefreiter.
+ Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,
+ Der uns--
+
+Wallenstein. (unterbricht ihn)
+ Wer wählte Euch?
+
+Gefreiter.
+ Jedwede Fahn'
+ Zog ihren Mann durchs Los.
+
+Wallenstein.
+ Nun denn zur Sache!
+
+Gefreiter.
+ Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,
+ Der uns befiehlt, die Pflicht dir aufzukündigen,
+ Weil du ein Feind und Landsverräter seist.
+ Wallenstein.
+ Was habt ihr drauf beschlossen?
+
+Gefreiter.
+ Unsre Kameraden
+ Zu Braunau, Budweis, Prag und Olmütz haben
+ Bereits gehorcht, und ihrem Beispiel folgten
+ Die Regimenter Tiefenbach, Toscana.
+ --Wir aber glauben's nicht, daß du ein Feind
+ Und Landsverräter bist, wir halten's bloß
+ Für Lug und Trug und spanische Erfindung.
+(Treuherzig.)
+ Du selber sollst uns sagen, was du vorhast,
+ Denn du bist immer wahr mit uns gewesen,
+ Das höchste Zutraun haben wir zu dir,
+ Kein fremder Mund soll zwischen uns sich schieben,
+ Den guten Feldherrn und die guten Truppen.
+
+Wallenstein.
+ Daran erkenn ich meine Pappenheimer.
+
+Gefreiter.
+ Und dies entbietet dir dein Regiment:
+ Ist's deine Absicht bloß, dies Kriegeszepter,
+ Das dir gebührt, das dir der Kaiser hat
+ Vertraut, in deinen Händen zu bewahren,
+ Östreichs rechtschaffner Feldhauptmann zu sein,
+ So wollen wir dir beistehn und dich schützen
+ Bei deinem guten Rechte gegen jeden--
+ Und wenn die andern Regimenter alle
+ Sich von dir wenden, wollen wir allein
+ Dir treu sein, unser Leben für dich lassen.
+ Denn das ist unsre Reiterpflicht, daß wir
+ Umkommen lieber, als dich sinken lassen.
+ Wenn's aber so ist, wie des Kaisers Brief
+ Besagt, wenn's wahr ist, daß du uns zum Feind
+ Treuloserweise willst hinüberführen,
+ Was Gott verhüte! ja, so wollen wir
+ Dich auch verlassen und dem Brief gehorchen.
+
+Wallenstein.
+ Hört, Kinder--
+
+Gefreiter.
+ Braucht nicht viel Wort. Sprich
+ Ja oder nein, so sind wir schon zufrieden.
+
+Wallenstein.
+ Hört an. Ich weiß, daß ihr verständig seid,
+ Selbst prüft und denkt und nicht der Herde folgt.
+ Drum hab ich euch, ihr wißt's, auch ehrenvoll
+ Stets unterschieden in der Heereswoge;
+ Denn nur die Fahnen zählt der schnelle Blick
+ Des Feldherrn, er bemerkt kein einzeln Haupt,
+ Streng herrscht und blind der eiserne Befehl,
+ Es kann der Mensch dem Menschen hier nichts gelten--
+ So, wißt ihr, hab ich's nicht mit euch gehalten;
+ Wie ihr euch selbst zu fassen angefangen
+ Im rohen Handwerk, wie von euren Stirnen
+ Der menschliche Gedanke mir geleuchtet,
+ Hab ich als freie Männer euch behandelt,
+ Der eignen Stimme Recht euch zugestanden--
+
+Gefreiter.
+ Ja, würdig hast du stets mit uns verfahren,
+ Mein Feldherr, uns geehrt durch dein Vertraun,
+ Uns Gunst erzeigt vor allen Regimentern.
+ Wir folgen auch dem großen Haufen nicht,
+ Du siehst's! Wir wollen treulich bei dir halten.
+ Sprich nur ein Wort, dein Wort soll uns genügen,
+ Daß es Verrat nicht sei, worauf du sinnst,
+ Daß du das Herr zum Feind nicht wollest führen.
+
+Wallenstein.
+ Mich, mich verrät man! Aufgeopfert hat mich
+ Der Kaiser meinen Feinden, fallen muß ich,
+ Wenn meine braven Truppen mich nicht retten.
+ Euch will ich mich vertrauen--Euer Herz
+ Sei meine Festung! Seht, auf diese Brust
+ Zielt man! Nach diesem greisen Haupte!--Das
+ Ist span'sche Dankbarkeit, das haben wir
+ Für jene Mordschlacht auf der alten Feste,
+ Auf Lützens Ebnen! Darum warfen wir
+ Die nackte Brust der Partisan' entgegen,
+ Drum machten wir die eisbedeckten Erde,
+ Den harten Stein zu unserm Pfühl; kein Strom
+ War uns zu schnell, kein Wald zu undurchdringlich,
+ Wir folgten jenem Mansfeld unverdrossen
+ Durch alle Schlangenkrümmen seiner Flucht,
+ Ein ruheloser Marsch war unser Leben,
+ Und wie des Windes Sausen, heimatlos,
+ Durchstürmten wir die kriegbewegte Erde.
+ Und jetzt, da wir die schwere Waffenarbeit,
+ Die undankbare, fluchbeladene, getan,
+ Mit unermüdet treuem Arm des Krieges Last
+ Gewälzt, soll dieser kaiserliche Jüngling
+ Den Frieden leicht wegtragen, soll den Ölzweig,
+ Die wohlverdiente Zierde unsers Haupts,
+ Sich in die blonden Knabenhaare flechten--
+
+Gefreiter.
+ Das soll er nicht, solang wir's hindern können.
+ Niemand als du, der ihn mit Ruhm geführt,
+ Soll diesen Krieg, den fürchterlichen, enden.
+ Du führtest uns heraus ins blut'ge Feld
+ Des Todes, du, kein andrer, sollst uns fröhlich
+ Heimführen in des Friedens schöne Fluren,
+ Der langen Arbeit Früchte mit uns teilen--
+
+Wallenstein.
+ Wie? denkt ihr euch im späten Alter endlich
+ Der Früchte zu erfreuen? Glaubt das nicht.
+ Ihr werdet dieses Kampfes Ende nimmer
+ Erblicken! Dieser Krieg verschlingt uns alle.
+ Östreich will keinen Frieden; darum eben,
+ Weil ich den Frieden suche, muß ich fallen.
+ Was kümmert's Östreich, ob der lange Krieg
+ Die Heere aufreibt und die Welt verwüstet,
+ Es will nur wachsen stets und Land gewinnen.
+ Ihr seid gerührt--ich seh den edeln Zorn
+ Aus euren kriegerischen Augen blitzen.
+ O daß mein Geist euch jetzt beseelen möchte,
+ Kühn, wie er einst in Schlachten euch geführt!
+ Ihr wollt mir beistehn, wollt mich mit den Waffen
+ Bei meinem Rechte schützen--das ist edelmütig!
+ Doch denket nicht, daß ihr's vollenden werdet,
+ Das kleine Heer! Vergebens werdet ihr
+ Für euren Feldherrn euch geopfert haben.
+(Zutraulich.)
+ Nein! Laßt uns sicher gehen, Freunde suchen,
+ Der Schwede sagt uns Hilfe zu, laßt uns
+ Zum Schein sie nutzen, bis wir, beiden furchtbar,
+ Europens Schicksal in den Händen tragen
+ Und der erfreuten Welt aus unserm Lager
+ Den Frieden schön bekränzt entgegenführen.
+
+Gefreiter.
+ So treibst du's mit dem Schweden nur zum Schein?
+ Du willst den Kaiser nicht verraten, willst uns
+ Nicht schwedisch machen?--sieh, das ist's allein,
+ Was wir von dir verlangen zu erfahren.
+
+Wallenstein.
+ Was geht der Schwed' mich an? Ich haß ihn, wir
+ Den Pfuhl der Hölle, und mit Gott gedenk ich ihn
+ Bald über seine Ostsee heimzujagen.
+ Mir ist's allein ums Ganze. Seht! Ich hab
+ Ein Herz, der Jammer dieses deutschen Volks erbarmt mich.
+ Ihr seid gemeine Männer nur, doch denkt
+ Ihr nicht gemein, ihr scheint mir's wert vor andern,
+ Daß ich ein traulich Wörtlein zu euch rede--
+ Seht! Fünfzehn Jahr schon brennt die Kriegesfackel,
+ Und noch ist nirgends Stillstand. Schwed' und Deutscher!
+ Papist und Lutheraner! Keiner will
+ Dem andern weichen! Jede Hand ist wider
+ Die andre! Alles ist Partei und nirgends
+ Kein Richter! Sagt, wo soll das enden? wer
+ Den Knäul entwirren, der, sich endlos selbst
+ Vermehrend, wächst--Er muß zerhauen werden.
+ Ich fühl's, daß ich der Mann des Schicksals bin,
+ Und hoff's mit eurer Hilfe zu vollführen.
+
+
+
+Sechzehnter Auftritt
+
+Buttler. Vorige.
+
+
+Buttler. (in Eifer)
+ Das ist nicht wohlgetan, mein Feldherr.
+
+Wallenstein.
+ Was?
+
+Buttler.
+ Das muß uns schaden bei den Gutgesinnten.
+
+Wallenstein.
+ Was denn?
+
+Buttler.
+ Es heißt den Aufruhr öffentlich erklären!
+
+Wallenstein.
+ Was ist es denn?
+
+Buttler.
+ Graf Terzkys Regimenter reißen
+ Den kaiserlichen Adler von den Fahnen
+ Und pflanzen deine Zeichen auf.
+
+Gefreiter. (zu den Kürassieren).
+ Rechts um!
+
+Wallenstein.
+ Verflucht sei dieser Rat, und wer ihn gab!
+(Zu den Kürassieren, welche abmarschieren.)
+ Halt, Kinder, halt--Es ist ein Irrtum--Hört--
+ Und streng will ich's bestrafen--Hört doch! Bleibt.
+ Sie hören nicht.
+(Zu Illo.)
+ Geh nach, bedeute sie,
+ Bring sie zurück, es koste was es wolle.
+(Illo eilt hinaus.)
+ Das stürzt uns ins Verderben--Buttler! Buttler!
+ Ihr seid mein böser Dämon, warum mußtet Ihr's
+ In ihrem Beisein melden!--Alles war
+ Auf gutem Weg--Sie waren halb gewonnen--
+ Die Rasenden, mit ihrer unbedachten
+ Dienstfertigkeit!--O grausam spielt das Glück
+ Mit mir! Der Freunde Eifer ist's, der mich
+ Zugrunde richtet, nicht er Haß der Feinde.
+
+
+
+Siebzehnter Auftritt
+
+Vorige. Die Herzogin stürzt ins Zimmer. Ihr folgt Thekla und
+die Gräfin. Dann Illo.
+
+
+Herzogin.
+ O Albrecht! Was hast du getan!
+
+Wallenstein.
+ Nun das noch!
+
+Gräfin.
+ Verzeih mir, Bruder. Ich vermocht' es nicht,
+ Sie wissen alles.
+
+Herzogin.
+ Was hast du getan!
+
+Gräfin. (zu Terzky)
+ Ist keine Hoffnung mehr? Ist alles denn
+ Verloren?
+
+Terzky.
+ Alles. Prag ist in des Kaisers Hand,
+ Die Regimenter haben neu gehuldigt.
+
+Gräfin.
+ Heimtückischer Octavio!--Und auch
+ Graf Max ist fort?
+
+Terzky.
+ Wo sollt er sein? Er ist
+ Mit seinem Vater über zu dem Kaiser.
+(Thekla stürzt in die Arme ihrer Mutter, das Gesicht an ihrem
+Busen verbergend.)
+
+Herzogin. (sie in die Arme schließend).
+ Unglücklich Kind! Unglücklichere Mutter!
+
+Wallenstein. (beiseite gehend mit Terzky).
+ Laß einen Reisewagen schnell bereit sein
+ Im Hinterhofe, diese wegzubringen.
+(Auf die Frauen zeigend.)
+ Der Scherfenberg kann mit, der ist uns treu,
+ Nach Eger bringt er sie, wir folgen nach.
+(Zu Illo, der wiederkommt.)
+ Du bringst sie nicht zurück?
+
+Illo.
+ Hörst du den Auflauf?
+ Das ganze Korps der Pappenheimer ist
+ Im Anzug. Sie verlangen ihren Oberst,
+ Den Max zurück, er sei hier auf dem Schloß,
+ Behaupten sie, du haltest ihn mit Zwang,
+ Und wenn du ihn nicht losgebst, werde man
+ Ihn mit dem Schwerte zu befreien wissen.
+(Alle stehen erstaunt.)
+
+Wallenstein.
+ Sagt' ich's nicht?
+ O mein wahrsagend Herz! Er ist noch hier.
+ Er hat mich nicht verraten, hat es nicht
+ Vermocht--Ich habe nie daran gezweifelt.
+
+Gräfin.
+ Ist er noch hier, o dann ist alles gut,
+ Dann weiß ich, was ihn ewig halten soll!
+(Thekla umarmend.)
+
+Terzky.
+ Es kann nicht sein. Bedenke doch! Der Alte
+ Hat uns verraten, ist zum Kaiser über,
+ Wie kann er's wagen, hierzusein?
+
+Illo. (zum Wallenstein)
+ Den Jagdzug,
+ Den du ihm kürzlich schenktest, sah ich noch
+ Vor wenig Stunden übern Markt wegführen.
+
+Gräfin.
+ O Nichte, dann ist er nicht weit!
+
+Thekla. (hat den Blick nach der Türe geheftet und ruft lebhaft)
+ Da ist er!
+
+
+
+Achtzehnter Auftritt
+
+Die Vorigen. Max Piccolomini.
+
+
+Max. (mitten in den Saal tretend).
+ Ja! Ja! da ist er! Ich vermag's nicht länger,
+ Mit leisem Tritt um dieses Haus zu schleichen,
+ Den günst'gen Augenblick verstohlen zu
+ Erlauern--Dieses Harren, diese Angst
+ Geht über meine Kräfte!
+(Auf Thekla zugehend, welche sich ihrer Mutter in die Arme
+geworfen.)
+ O sieh mich an! Sieh nicht weg, holder Engel.
+ Bekenn es frei vor allen. Fürchte niemand.
+ Es höre, wer es will, daß wir uns lieben.
+ Wozu es noch verbergen? Das Geheimnis
+ Ist für die Glücklichen; das Unglück braucht,
+ Das hoffnungslose, keinen Schleier mehr,
+ Frei unter tausend Sonnen kann es handeln.
+(Er bemerkt die Gräfin, welche mit frohlockendem Gesicht auf
+Thekla blickt.)
+ Nein, Base Terzky! Seht mich nicht erwartend,
+ Sicht hoffend an! Ich komme nicht zu bleiben.
+ Abschied zu nehmen, komm ich--Es ist aus.
+ Ich muß, muß dich verlassen, Thekla--muß!
+ Doch deinen Haß kann ich nicht mit mir nehmen.
+ Nur einen Blick des Mitleids gönne mir,
+ Sag, daß du mich nicht hassest. Sag mir's, Thekla.
+(Indem er ihre Hand faßt, heftig bewegt.)
+ O Gott!--Gott! Ich kann nicht von dieser Stelle.
+ Ich kann es nicht--kann diese Hand nicht lassen.
+ Sag, Thekla, daß du Mitleid mit mir hast,
+ Dich selber überzeugst, ich kann nicht anders.
+(Thekla, seinen Blick vermeidend, zeigt mit der Hand auf ihren Vater;
+er wendet sich nach dem Herzog um, den er jetzt erst gewahr wird.)
+ Du hier?--Nicht du bist's, den ich hier gesucht.
+ Dich sollten meine Augen nicht mehr schauen.
+ Ich hab es nur mit ihr allein. Hier will ich,
+ Von diesem Herzen freigesprochen sein,
+ An allem andern ist nichts mehr gelegen.
+
+Wallenstein.
+ Denkst du, ich soll der Tor sein und dich ziehen lassen
+ Und eine Großmutsszene mit dir spielen?
+ Dein Vater ist zum Schelm an mir geworden,
+ Du bist mir nichts mehr als sein Sohn, sollst nicht
+ Umsonst in meine Macht gegeben sein.
+ Denk nicht, daß ich die alte Freundschaft ehren werde,
+ Die er so ruchlos hat verletzt. Die Zeiten
+ Der Liebe sind vorbei, der zarten Schonung,
+ Und Haß und Rache kommen an die Reihe.
+ Ich kann auch Unmensch sein, wie er.
+
+Max.
+ Du wirst mit mir verfahren, wie du Macht hast.
+ Wohl aber weißt du, daß ich deinem Zorn
+ Nicht trotze, noch ihn fürchte. Was mich hier
+ Zurückhält, weißt du!
+(Thekla bei der Hand fassend.)
+ Sieh! Alles--alles wollt' ich dir verdanken,
+ Das Los der Seligen wollt' ich empfangen
+ Aus deiner väterlichen Hand. Du hast's
+ Zerstört, doch daran liegt dir nichts. Gleichgültig
+ Trittst du das Glück der Deinen in den Staub,
+ Der Gott, dem du dienst, ist kein Gott der Gnade.
+ Wie das gemütlos blinde Element,
+ Das furchtbare, mit dem kein Bund zu schließen,
+ Folgst du des Herzens wildem Trieb allein.
+ Weh denen, die auf dich vertraun, an dich
+ Die sichre Hütte ihres Glückes lehnen,
+ Gelockt von deiner gastlichen Gestalt!
+ Schnell, unverhofft, bei nächtlich stiller Weile
+ Gärt's in dem tück'schen Feuerschlunde, ladet
+ Sich aus mit tobender Gewalt, und weg
+ Treibt über alle Pflanzungen der Menschen
+ Der wilde Strom in grausender Zerstörung.
+
+Wallenstein.
+ Du schilderst deines Vaters Herz. Wie du's
+ Beschreibst, so ist's in seinem Eingeweide,
+ In dieser schwarzen Heuchlers Brust gestaltet.
+ O mich hat Höllenkunst getäuscht. Mir sandte
+ Der Abgrund den verstecktesten der Geister,
+ Den Lügenkundigsten herauf und stellt ihn
+ Als Freund an meine Seite. Wer vermag
+ Der Hölle Macht zu widerstehn! Ich zog
+ Des Basilisken auf an meinem Busen,
+ Mit meinem Herzblut nährt' ich ihn, er sog
+ Sich schwelgend voll an meiner Liebe Brüsten,
+ Ich hatte nimmer Arges gegen ihn,
+ Weit offen ließ ich des Gedankens Tore
+ Und warf die Schlüssel weiser Vorsicht weg--
+ Am Sternenhimmel suchten meine Augen,
+ Im weiten Weltenraum den Feind, den ich
+ Im Herzen meines Herzens eingeschlossen.
+ --Wär' ich dem Ferdinand gewesen, was
+ Octavio mir war--Ich hätt' ihm nie
+ Krieg angekündigt--nie hätt' ich's vermocht.
+ Er war mein strenger Herr nur, nicht mein Freund,
+ Nicht meiner Treu vertraute sich der Kaiser.
+ Krieg war schon zwischen mir und ihm, als er
+ Den Feldherrnstab in meine Hände legte;
+ Denn Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn,
+ Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede.
+ Wer das Vertraun vergiftet, o der mordet
+ Das werdende Geschlecht im Leib der Mutter.
+
+Max.
+ Ich will den Vater nicht verteidigen.
+ Weh mir, daß ich's nicht kann!
+ Unglücklich schwere Taten sind geschehn,
+ Und eine Frevelhandlung faßt die andre
+ In enggeschloßner Kette grausend an.
+ Doch wie gerieten wir, die nichts verschuldet,
+ In diesen Kreis des Unglücks und Verbrechens?
+ Wem brachen wir die Treue? Warum muß
+ Der Väter Doppelschuld und Freveltat
+ Uns gräßlich wie ein Schlangenpaar umwinden?
+ Warum der Väter unversöhnter Haß
+ Auch uns, die Liebenden, zerreißend scheiden?
+(Er umschlingt Thekla mit heftigem Schmerz.)
+
+Wallenstein. (hat den Blick schweigend auf ihn geheftet und
+ nähert sich jetzt).
+ Max! Bleibe bei mir.--Geh nicht von mir, Max!
+ Sieh, als man dich im pragschen Winterlager
+ Ins Zelt mir brachte, einen zarten Knaben,
+ Des deutschen Winters ungewohnt, die Hand
+ War dir erstarrt an der gewichtigen Fahne,
+ Du wolltst männlich sie nicht lassen, damals nahm ich
+ Dich auf, bedeckte dich mit meinem Mantel,
+ Ich selbst war deine Wärterin, nicht schämt' ich
+ Der kleinen Dienste mich, ich pflegte deiner
+ Mit weiblich sorgender Geschäftigkeit,
+ Bis du, von mir erwärmt, an meinem Herzen,
+ Das junge Leben wieder freudig fühltest.
+ Wann hab ich seitdem meinen Sinn verändert?
+ Ich habe viele Tausend reich gemacht,
+ Mit Ländereien sie beschenkt, belohnt
+ Mit Ehrenstellen--dich hab ich geliebt,
+ Mein Herz, mich selber hab ich dir gegeben.
+ Sie alle waren Fremdlinge, du warst
+ Das Kind des Hauses--Max! du kannst mich nicht
+ verlassen!
+ Es kann nicht sein, ich mag's und will's nicht glauben,
+ Daß mich der Max verlassen kann.
+
+Max.
+ O Gott!
+
+Wallenstein.
+ Ich habe dich gehalten und getragen
+ Von Kindesbeinen an--Was tat dein Vater
+ Für dich, das ich nicht reichlich auch getan?
+ Ein Liebesnetz hab ich um dich gesponnen,
+ Zerreiß es, wenn du kannst--Du bist an mich
+ Geknüpft mit jedem zarten Seelenbande,
+ Mit jeder heil'gen Fessel der Natur,
+ Die Menschen aneinanderketten kannn.
+ Geh hin, verlaß mich, diene deinem Kaiser,
+ Laß dich mit einem goldnen Gnadenkettlein,
+ Mit seinem Widderfell dafür belohnen,
+ Daß dir der Freund, der Vater deiner Jugend,
+ Daß dir das heiligste Gefühl nichts galt.
+
+Max. (in heftigem Kampf)
+ O Gott! Wie kann ich anders? Muß ich nicht?
+ Mein Eid--die Pflicht--
+
+Wallenstein.
+ Pflicht, gegen wen? Wer bist du?
+ Wenn ich am Kaiser unrecht handle, ist's
+ Mein Unrecht, nicht das deinige. Gehörst
+ Du dir? Bist du dein eigener Gebieter,
+ Stehst frei da in der Welt, wie ich, daß du
+ Der Täter deiner Taten könntest sein?
+ Auf mich bist du gepflanzt, ich bin dein Kaiser,
+ Mir angehören, mir gehorchen, das
+ Ist deine Ehre, dein Naturgesetz.
+ Und wenn der Stern, auf dem du lebst und wohnst,
+ Aus seinem Gleise tritt, sich brennend wirft
+ Auf ein nächste Welt und sie entzündet,
+ Dukannst nicht wählen, ob du folgen willst,
+ Fort reißt er dich in seines Schwunges Kraft
+ Samt seinem Ring und allen seinen Monden.
+ Mit leichter Schuld gehst du in diesen Streit,
+ Dich wird die Welt nicht tadeln, sie wird's loben,
+ Daß dir der Freund das meiste hat gegolten.
+
+
+
+Neunzehnter Auftritt
+
+Vorige. Neumann.
+
+
+Wallenstein.
+ Was gibt's?
+
+Neumann.
+ Die Pappenheimischen sind abgesessen
+ Und rücken an zu Fuß; sie sind entschlossen,
+ Den Degen in der Hand das Haus zu stürmen,
+ Den Grafen wollen sie befrein.
+
+Wallenstein. (zu Terzky)
+ Man soll
+ Die Ketten vorziehn, das Geschütz aufpflanzen.
+ Mit Kettenkugeln will ich sie empfangen.
+(Terzky geht.)
+ Mir vorzuschreiben mit dem Schwert! Geh, Neumann,
+ Sie sollen sich zurückziehn, augenblicks,
+ Ist mein Befehl, und in der Ordnung schweigend warten,
+ Was mir gefallen wird zu tun.
+(Neumann geht ab. Illo ist ans Fenster getreten.)
+
+Gräfin.
+ Entlaß ihn.
+ Ich bitte dich, entlaß ihn!
+
+Illo. (am Fenster)
+ Tod und Teufel!
+
+Wallenstein.
+ Was ist's?
+
+Illo.
+ Aufs Rathaus steigen sie, das Dach
+ Wird abgedeckt, sie richten die Kanonen
+ Aufs Haus--
+
+Max.
+ Die Rasenden!
+
+Illo.
+ Sie machen Anstalt,
+ Uns zu beschießen--
+ Herzogin und Gräfin.
+ Gott im Himmel!
+
+Max. (zu Wallenstein).
+ Laß mich
+ Hinunter, sie bedeuten--
+
+Wallenstein.
+ Keinen Schritt!
+
+Max. (auf Thekla und die Herzogin zeigend)
+ Ihr Leben aber! Deins!
+
+Wallenstein.
+ Was bringst du, Terzky?
+
+
+
+Zwanzigster Auftritt
+
+Vorige. Terzky kommt zurück.
+
+
+Terzky.
+ Botschaft von unsern treuen Regimentern.
+ Ihr Mut sei länger nicht zu bändigen,
+ Sie flehen um Erlaubnis, anzugreifen,
+ Vom Prager- und vom Mühl-Tor sind sie Herr,
+ Und wenn du nur die Losung wolltest geben,
+ So könnten sie den Feind im Rücken fassen,
+ Ihn in die Stadt einkeilen, in der Enge
+ Der Straßen leicht ihn überwältigen.
+
+Illo.
+ O komm! Laß ihren Eifer nicht erkalten.
+ Die Buttlerischen halten treu zu uns,
+ Wir sind die größre Zahl und werfen sie
+ Und enden hier in Pilsen die Empörung.
+
+Wallenstein.
+ Soll diese Stadt zum Schlachtgefilde werden
+ Und brüderliche Zwietracht, feueraugig,
+ Durch ihre Straßen losgelassen toben?
+ Dem tauben Grimm, der keinen Führer hört,
+ Soll die Entscheidung übergeben sein?
+ Hier ist nicht Raum zum Schlagen, nur zum Würgen;
+ Die losgebundnen Furien der Wut
+ Ruft keines Herrschers Stimme mehr zurück.
+ Wohl, es mag sein! Ich hab es lang bedacht,
+ So mag sich's rasch und blutig denn entladen.
+(Zu Max gewendet.)
+ Wie ist's? Willst du den Gang mit mir versuchen?
+ Freiheit zu gehen hast du. Stelle dich
+ Mir gegenüber. Führe sie zum Kampf.
+ Den Krieg verstehst du, hast bei mir etwas
+ Gelernt, ich darf des Gegners mich nicht schämen,
+ Und keinen schönern Tag erlebst du, mir
+ Die Schule zu bezahlen.
+
+Gräfin.
+ Ist es dahin
+ Gekommen? Vetter! Vetter! könnt Ihr's tragen?
+
+Max.
+ Die Regimenter, die mir anvertraut sind,
+ Dem Kaiser treu hinwegzuführen, hab ich
+ Gelobt; dies will ich halten oder sterben.
+ Mehr fordert keine Pflicht von mir. Ich fechte
+ Nicht gegen dich, wenn ich's vermeiden kann,
+ Denn auch dein feindlich Haupt ist mir noch heilig.
+(Es geschehn zwei Schüsse. Illo und Terzky eilen ans Fenster.)
+
+Wallenstein.
+ Was ist das?
+
+Terzky.
+ Er stürzt.
+ Wallenstein.
+ Stürzt! Wer?
+
+Illo.
+ Die Tiefenbacher taten
+ Den Schuß.
+
+Wallenstein.
+ Auf wen?
+
+Illo.
+ Auf diesen Neumann, den
+ Du schicktest--
+
+Wallenstein. (auffahrend).
+ Tod und Teufel! So will ich--
+(Will gehen.)
+
+Terzky.
+ Dich ihrer blinden Wut entgegenstellen?
+ Herzogin und Gräfin.
+ Um Gotteswillen nicht!
+
+Illo.
+ Jetzt nicht, mein Feldherr.
+
+Gräfin.
+ O halt ihn! halt ihn!
+
+Wallenstein.
+ Laßt mich!
+
+Max.
+ Tu es nicht,
+ Jetzt nicht. Die blutig rasche Tat hat sie
+ In Wut gesetzt, erwarte ihre Reue--
+
+Wallenstein.
+ Hinweg! Zu lange schon hab ich gezaudert.
+ Das konnten sie sich freventlich erkühnen,
+ Weil sie mein Angesicht nicht sahn--sie sollen
+ Mein Antlitz sehen, meine Stimme hören--
+ Sind es nicht meine Truppen? Bin ich nicht
+ Ihr Feldherr und gefürchteter Gebieter?
+ Laß sehn, ob sie das Antlitz nicht mehr kennen,
+ Das ihre Sonne war in dunkler Schlacht.
+ Es braucht der Waffen nicht. Ich zeige mich
+ Vom Altan dem Rebellenherr, und schnell
+ Bezähmt, gebt acht, kehrt der empörte Sinn
+ Ins alte Bette des Gehorsams wieder.
+(Er geht. Ihm folgen Illo, Terzky und Buttler.)
+
+
+
+Einundzwanzigster Auftritt
+
+Gräfin. Herzogin. Max und Thekla.
+
+
+Gräfin. (zur Herzogin)
+ Wenn sie ihn sehn--Es ist noch Hoffnung, Schwester.
+
+Herzogin.
+ Hoffnung! Ich habe keine.
+
+Max. (der während des letzten Auftritts in einem sichtbaren Kampf
+ von ferne gestanden, tritt näher).
+ Das ertrag ich nicht.
+ Ich kam hierher mit fest entschiedner Seele,
+ Ich glaubte, recht und tadellos zu tun,
+ Und muß hier stehen, wie ein Hassenswerter,
+ Ein roh Unmenschlicher, vom Fluch belastet,
+ Vom Abscheu aller, die mir teuer sind,
+ Unwürdig schwer bedrängt die Lieben sehn,
+ Die ich mit einem Wort beglücken kann--
+ Das Herz in mir empört sich, es erheben
+ Zwei Stimmen streitend sich in meiner Brust,
+ In mir ist Nacht, ich weiß das Rechte nicht zu wählen.
+ O wohl, wohl hast du wahr geredet, Vater,
+ Zu viel vertraut' ich auf das eigne Herz,
+ Ich stehe wankend, weiß nicht, was ich soll.
+
+Gräfin.
+ Sie wissen's nicht? Ihr Herz sagt's Ihnen nicht?
+ So will ich's Ihnen sagen!
+ Ihr Vater hat den schreienden Verrat
+ An uns begangen, an des Fürsten Haupt
+ Gefrevelt, uns in Schmach gestürzt, daraus
+ Ergibt sich klar, was Sie, sein Sohn, tun sollen:
+ Gutmachen, was der Schändliche verbrochen,
+ Ein Beispiel aufzustellen frommer Treu,
+ Daß nicht der Name Piccolomini
+ Ein Schandlied sei, ein ew'ger Fluch im Haus
+ Der Wallensteiner.
+
+Max.
+ Wo ist eine Stimme
+ Der Wahrheit, der ich folgen darf? Uns alle
+ Bewegt der Wunsch, die Leidenschaft. Daß jetzt
+ Ein Engel mir vom Himmel niederstiege,
+ Das Rechte mir, das unverfälschte, schöpfte
+ Am reinen Lichtquell, mit der reinen Hand!
+(Indem seine Augen auf Thekla fallen.)
+ Wie? Such ich diesen Engel noch? Erwart ich
+ Noch einen andern?
+(Er nähert sich ihr, den Arm um sie schlagend.)
+ Hier, auf dieses Herz,
+ Das unfehlbare, heilig reine will
+ Ich's legen, deine Liebe will ich fragen,
+ Die nur den Glücklichen beglücken kann,
+ Vom unglückselig Schuldigen sich wendet.
+ Kannst du mich dann noch lieben, wenn ich bleibe?
+ Erkläre, daß du's kannst, und ich bin euer.
+
+Gräfin. (mit Bedeutung)
+ Bedenkt--
+
+Max. (unterbricht sie)
+ Bedenke nichts. Sag, wie du's fühlst.
+
+Gräfin.
+ An Euren Vater denkt--
+
+Max. (unterbricht sie)
+ Nicht Friedlands Tochter,
+ Ich frage dich, dich, die Geliebte frag ich!
+ Es gilt nicht, eine Krone zu gewinnen,
+ Das möchtst du mit klugem Geist bedenken.
+ Die Ruhe deines Freundes gilt's, das Glück
+ Von einem Tausend tapfrer Heldenherzen,
+ Die seine Tat zum Muster nehmen werden.
+ Soll ich dem Kaiser Eid und Pflicht abschwören?
+ Soll ich ins Lager des Octavio
+ Die vatermörderische Kugel senden?
+ Denn wenn die Kugel los ist aus dem Lauf,
+ Ist sie kein totes Werkzeug mehr, sie lebt,
+ Ein Geist fährt in sie, die Erinnyen
+ Ergreifen sie, des Frevels Rächerinnen,
+ Und führen tückisch sie den ärgsten Weg.
+
+Thekla.
+ O Max--
+
+Max. (unterbricht sie)
+ Nein, übereile dich auch nicht.
+ Ich kenne dich. Dem edeln Herzen könnte
+ Die schwerste Pflicht die nächste scheinen. Nicht
+ Das Große, nur das Menschliche geschehe.
+ Denk, was der Fürst von je an mir getan;
+ Denk auch, wie's ihm mein Vater hat vergolten,
+ O auch die schönen, freien Regungen
+ Der Gastlichkeit, der frommen Freundestreue
+ Sind eine heilige Religion dem Herzen,
+ Schwer rächen sie die Schauder der Natur
+ An dem Barbaren, der sie gräßlich schändet.
+ Leg alles, alles in die Waage, sprich
+ Und laß dein Herz entscheiden.
+
+Thekla.
+ O das deine
+ Hat längst entschieden. Folge deinem ersten
+ Gefühl--
+
+Gräfin.
+ Unglückliche!
+
+Thekla.
+ Wie könnte das
+ Das Rechte sein, was dieses zarte Herz
+ Nicht gleich zuerst ergriffen und gefunden?
+ Geh und erfülle deine Pflicht. Ich würde
+ Dich immer lieben. Was du auch erwählt,
+ Du würdest edel stets und deiner würdig
+ Gehandelt haben--aber Reue soll
+ Nicht deiner Seele schönen Frieden stören.
+
+Max.
+ So muß ich dich verlassen, von dir scheiden!
+
+Thekla.
+ Wie du dir selbst getreu bleibst, bist du's mir.
+ Uns trennt das Schicksal, unsre Herzen bleiben einig.
+ Ein blut'ger Haß entzweit auf ew'ge Tage
+ Die Häuser Friedland, Piccolomini,
+ Doch wir gehören nicht zu unserm Hause.
+ --Fort! Eile! Eile, deine gute Sache
+ Von unsrer unglückseligen zu trennen.
+ Auf unserm Haupte liegt der Fluch des Himmels,
+ Es ist dem Untergang geweiht. Auch mich
+ Wird meines Vaters Schuld mit ins Verderben
+ Hinabziehn. Traure nicht um mich, mein Schicksal
+ Wird bald entschieden sein.
+(Max faßt sie in die Arme, heftig bewegt. Man hört hinter der
+Szene ein lautes, wildes, langverhallendes Geschrei: "Vivat
+Ferdinandus!" von kriegerischen Instrumenten begleitet. Max
+und Thekla halten einander unbeweglich in den Armen.)
+
+
+
+Zweiundzwanzigster Auftritt
+
+Vorige. Terzky.
+
+
+Gräfin. (ihm entgegen)
+ Was war das? Was bedeutete das Rufen?
+
+Terzky.
+ Es ist vorbei, und alles ist verloren.
+
+Gräfin.
+ Wie, und sie gaben nichts auf seinen Anblick?
+
+Terzky.
+ Nichts. Alles war umsonst.
+
+Herzogin.
+ Sie riefen Vivat.
+
+Terzky.
+ Dem Kaiser.
+
+Gräfin.
+ O die Pflichtvergessenen!
+
+Terzky.
+ Man ließ ihn nicht einmal zum Worte kommen.
+ Als er zu reden anfing, fielen sie
+ Mit kriegerischem Spiel betäubend ein.
+ --Hier kommt er.
+
+
+
+Dreiundzwanzigster Auftritt
+
+Vorige. Wallenstein, begleitet von Illo und Buttler.
+Darauf Kürassiere.
+
+
+Wallenstein. (im Kommen).
+ Terzky!
+
+Terzky.
+ Mein Fürst?
+
+Wallenstein.
+ Laß unsre Regimenter
+ Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,
+ Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.
+(Terzky geht ab.)
+ Buttler--
+
+Buttler.
+ Mein General?--
+
+Wallenstein.
+ Der Kommendant zu Eger
+ Ist Euer Freund und Landsmann. Schreibt ihm gleich
+ Durch einen Eilenden, er soll bereit sein,
+ Uns morgen in die Festung einzunehmen--
+ Ihr folgt uns selbst mit Euerm Regiment.
+
+Buttler.
+ Es soll geschehn, mein Feldherr.
+
+Wallenstein. (tritt zwischen Max und Thekla, welche sich
+während dieser Zeit fest umschlungen gehalten)
+ Scheidet!
+
+Max.
+ Gott!
+(Kürassiere mit gezogenem Gewehr treten in den Saal und sammeln sich
+im Hintergrunde. Zugleich hört man unten einige mutige Passagen aus
+dem Pappenheimer Marsch, welche dem Max zu rufen scheinen.)
+
+Wallenstein. (zu den Kürassieren).
+ Hier ist er. Er ist frei. Ich halt ihn nicht mehr.
+(Er steht abgewendet und so, daß Max ihm nicht beikommen, noch
+sich dem Fräulein nähern kann.)
+
+Max.
+ Du hassest mich, treibst mich im Zorn von dir.
+ Zerreißen soll das Band der alten Liebe,
+ Nicht sanft sich lösen, und du willst den Riß,
+ Den schmerzlichen, mir schmerzlicher noch machen!
+ Du weißt, ich habe ohne dich zu leben
+ Noch nicht gelernt--in eine Wüste geh ich
+ Hinaus, und alles, was mir wert ist, alles
+ Bleibt hier zurück--O wende deine Augen
+ Nicht von mir weg! Noch einmal zeige mir
+ Dein ewig teures und verehrtes Antlitz.
+ Verstoß mich nicht--
+(Er will seine Hand fassen. Wallenstein zieht sie zurück. Er
+wendet sich an die Gräfin.)
+
+Ist hier kein andres Auge,
+ Das Mitleid für mich hätte--Base Terzky--
+(Sie wendet sich von ihm; er kehrt sich zur Herzogin.)
+ Ehrwürd'ge Mutter--
+
+Herzogin.
+ Gehn Sie, Graf, wohin
+ Die Pflicht Sie ruft--So können Sie uns einst
+ Ein treuer Freund, ein guter Engel werden
+ Am Thron des Kaisers.
+
+Max.
+ Hoffnung geben Sie mir,
+ Sie wollen mich nicht ganz verzweifeln lassen.
+ O täuschen Sie mich nicht mit leerem Blendwerk,
+ Mein Unglück ist gewiß, und Dank dem Himmel!
+ Der mir ein Mittel eingibt, es zu enden.
+(Die Kriegsmusik beginnt wieder. Der Saal füllt sich mehr und
+mehr mit Bewaffneten an. Er sieht Buttlern dastehn.)
+ Ihr auch hier, Oberst Buttler--Und Ihr wollt mir
+ Nicht folgen?--Wohl! Bleibt Eurem neuen Herrn
+ Getreuer als dem alten. Kommt! Versprecht mir,
+ Die Hand gebt mir darauf, daß Ihr sein Leben
+ Beschützen, unverletzlich wollt bewahren.
+(Buttler verweigert seine Hand.)
+ Des Kaisers Acht hängt über ihm und gibt
+ Sein fürstlich Haupt jedwedem Mordknecht preis,
+ Der sich den Lohn der Bluttat will verdienen;
+ Jetzt tät' ihm eines Freundes fromme Sorge,
+ Der Liebe treues Auge not--und die
+ Ich scheidend um ihn seh--
+(Zweideutige Blicke auf Illo und Buttler richtend.)
+
+Illo.
+ Sucht die Verräter
+ In Eures Vaters, in des Gallas Lager.
+ Hier ist nur einer noch. Geht und befreit uns
+ Von seinem hassenswürd'gen Anblick. Geht.
+(Max versucht es noch einmal, sich der Thekla zu nähern.
+Wallenstein verhindert es. Er steht unschlüssig, schmerzvoll;
+indes füllt sich der Saal immer mehr und mehr, und die Hörner
+ertönen unten immer auffordernder und in immer kürzeren Pausen.)
+
+Max.
+ Blast! Blast!--O wären es die schwed'schen Hörner,
+ Und ging's von hier gerad ins Feld des Todes,
+ Und alle Schwerter, alle, die ich hier
+ Entblößt muß sehn, durchdrängen meinen Busen!
+ Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier
+ Hinwegzureißen--o treibt mich nicht zu Verzweiflung!
+ Tut's nicht! Ihr könntet es bereun!
+(Der Saal ist ganz mit Bewaffneten erfüllt.)
+ Noch mehr--Es hängt Gewicht sich an Gewicht,
+ Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.--
+ Bedenket, was ihr tut. Es ist nicht wohlgetan,
+ Zum Führer den Verzweifelnden zu wählen.
+ Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan,
+ Der Rachegöttin weih ich eure Seelen!
+ Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben,
+ Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!
+(Indem er sich nach dem Hintergrund wendet, entsteht eine
+rasche Bewegung unter den Kürassieren, sie umgeben und begleiten
+ihn in wildem Tumult. Wallenstein bleibt unbeweglich. Thekla
+sinkt in ihrer Mutter Arme. Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+In des Bürgermeisters Hause zu Eger.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+
+Buttler. (der eben anlangt)
+ Er ist herein. Ihn führte sein Verhängnis,
+ Der Rechen ist gefallen hinter ihm,
+ Und wie die Brücke, die ihn trug, beweglich
+ Sich niederließ und schwebend wieder hob,
+ Ist jeder Rettungsweg ihm abgeschnitten.
+ Bis hieher, Friedland, und nicht weiter! sagt
+ Die Schicksalsgöttin. Aus der böhmischen Erde
+ Erhub sich dein bewunder Meteor,
+ Weit durch den Himmel einen Glanzweg ziehend,
+ Und hier an Böhmens Grenze muß es sinken!
+ --Du hast die alten Fahnen abgeschworen,
+ Verblendeter, und traust dem alten Glück!
+ Den Krieg zu tragen in des Kaisers Länder,
+ Den heil'gen Herd der Laren umzustürzen,
+ Bewaffnest du die frevelhafte Hand.
+ Nimm dich in acht! dich treibt der böse Geist
+ Der Rache--daß dich Rache nicht verderbe!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Buttler und Gordon.
+
+
+Gordon.
+ Seid Ihr's? O wie verlangt mich, Euch zu hören.
+ Der Herzog ein Verräter! O mein Gott!
+ Und flüchtig! Und sein fürstlich Haupt geächtet!
+ Ich bitt Euch, General, sagt mir ausführlich,
+ Wie alles dies zu Pilsen sich begeben?
+
+Buttler.
+ Ihr habt den Brief erhalten, den ich Euch
+ Durch einen Eilenden vorausgesendet?
+
+Gordon.
+ Und habe treu getan, wie Ihr mich hießt,
+ Die Festung unbedenklich ihm geöffnet,
+ Denn mir befiehlt ein kaiserlicher Brief,
+ Nach Eurer Ordre blindlings mich zu fügen.
+ Jedoch verzeiht! als ich den Fürsten selbst
+ Nun sah, da fing ich wieder an, zu zweifeln.
+ Denn wahrlich! nicht als ein Geächteter
+ Trat Herzog Friedland ein in diese Stadt.
+ Von seiner Stirne leuchtete wie sonst
+ Des Herrschers Majestät, Gehorsam fordernd,
+ Und ruhig, wie in Tagen guter Ordnung,
+ Nahm er des Amtes Rechenschaft mir ab.
+ Leutselig macht das Mißgeschick, die Schuld,
+ Und schmeichelnd zum geringern Manne pflegt
+ Gefallner Stolz herunter sich zu beugen;
+ Doch sparsam und mit Würde wog der Fürst
+ Mir jedes Wort des Beifalls, wie der Herr
+ Den Diener lobt, der sein Pflicht getan.
+
+Buttler.
+ Wie ich Euch schrieb, so ist's genau geschehn.
+ Es hat der Fürst dem Feinde die Armee
+ Verkauft, ihm Prag und Eger öffnen wollen.
+ Verlassen haben ihn auf dies Gerücht
+ Die Regimenter alle bis auf fünfe,
+ Die Terzkyschen, die ihm hieher gefolgt.
+ Die Acht ist ausgesprochen über ihn,
+ Und ihn zu liefern, lebend oder tot,
+ Ist jeder treue Diener aufgefordert.
+
+Gordon.
+ Verräter an dem Kaiser--solch ein Herr!
+ So hochbegabt! O was ist Menschengröße!
+ Ich sagt' es oft: das kann nicht glücklich enden;
+ Zum Fallstrick ward ihm seine Größ' und Macht
+ Und diese dunkelschwankende Gewalt.
+ Denn um sich greift der Mensch, nicht darf man ihn
+ Der eignen Mäßigung vertraun. Ihn hält
+ In Schranken nur das deutliche Gesetz
+ Und der Gebräuche tiefgetretne Spur.
+ Doch unnatürlich war und neuer Art
+ Die Kriegsgewalt in dieses Mannes Händen;
+ Dem Kaiser selbst stellte sie ihn gleich,
+ Der stolze Geist verlernte, sich zu beugen.
+ O schad um solchen Mann! denn keiner möchte
+ Da feste stehen, mein ich, wo er fiel.
+
+Buttler.
+ Spart Eure Klagen, bis er Mitleid braucht,
+ Denn jetzt noch ist der Mächtige zu fürchten.
+ Die Schweden sind im Anmarsch gegen Eger,
+ Und schnell, wenn wir's nicht rasch entschlossen hindern,
+ Wird die Vereinigung geschehn. Das darf nicht sein!
+ Es darf der Fürst nicht freien Fußes mehr
+ Aus diesem Platz, denn Ehr' und Leben hab ich
+ Verpfändet, ihn gefangen hier zu nehmen,
+ Und Euer Beistand ist's, auf den ich rechne.
+
+Gordon.
+ O hätt' ich nimmer diesen Tag gesehn!
+ Aus seiner Hand empfing ich diese Würde,
+ Er selber hat dies Schloß mir anvertraut,
+ Das ich in seinen Kerker soll verwandeln.
+ Wir Subalternen haben keinen Willen;
+ Der freie Mann, der mächtige allein
+ Gehorcht dem schönen menschlichen Gefühl.
+ Wir aber sind nur Schergen des Gesetzes,
+ Des grausamen; Gehorsam heißt die Tugend,
+ Um die der Niedre sich bewerben darf.
+
+Buttler.
+ Laßt Euch das enggebundene Vermögen
+ Nicht leid tun. Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum,
+ Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.
+
+Gordon.
+ So hat ihn alles denn verlassen, sagt Ihr?
+ Er hat das Glück von Tausenden gegründet,
+ Denn königlich war sein Gemüt, und stets
+ Zum Geben war die volle Hand geöffnet--
+(Mit einem Seitenblick auf Buttlern.)
+ Vom Staube hat er manchen aufgelesen,
+ Zu hoher Ehr' und Würden ihn erhöht
+ Und hat sich keinen Freund damit, nicht einen
+ Erkauft, der in der Not ihm Farbe hielt!
+
+Buttler.
+ Hier lebt ihm einer, den er kaum gehofft.
+
+Gordon.
+ Ich hab mich keiner Gunst von ihm erfreut.
+ Fast zweifl' ich, ob er je in seiner Größe
+ Sich eines Jugendfreunds erinnert hat--
+ Denn fern von ihm hielt mich der Dienst, sein Auge
+ Verlor mich in den Mauern dieser Burg,
+ Wo ich, von seiner Gnade nicht erreicht,
+ Das freie Herz im stillen mir bewahrte.
+ Denn als er mich in dieses Schloß gesetzt,
+ War's ihm noch Ernst um seine Pflicht; nicht sein
+ Vertrauen täusch ich, wenn ich treu bewahre,
+ Was meiner Treue übergeben ward.
+
+Buttler.
+ So sagt, wollt Ihr die Acht an ihm vollziehn,
+ Mir Eure Hilfe leihn, ihn zu verhaften?
+
+Gordon. (nach einem nachdenklichen Stillschweigen kummervoll).
+ Ist es an dem--verhält sich's, wie Ihr sprecht--
+ Hat er den Kaiser, seinen Herrn, verraten,
+ Das Heer verkauft, die Festungen des Landes
+ Dem Reichsfeind öffnen wollen--Ja, dann ist
+ Nicht Rettung mehr für ihn--Doch es ist hart,
+ Daß unter allen eben mich das Los
+ Zum Werkzeug seines Sturzes muß erwählen.
+ Denn Pagen waren wir am Hof zu Burgau
+ Zu gleicher Zeit, ich aber war der ältre.
+
+Buttler.
+ Ich weiß davon.
+
+Gordon.
+ Wohl dreißig Jahre sind's. Da strebte schon
+ Der kühne Mut im zwanzigjähr'gen Jüngling.
+ Ernst über seine Jahre war sein Sinn,
+ Auf große Dinge männlich nur gerichtet.
+ Durch unsre Mitte ging er stillen Geists,
+ Sich selber die Gesellschaft; nicht die Lust,
+ Die kindische, der Knaben zog ihn an;
+ Doch oft ergriff's ihn plötzlich wundersam,
+ Und der geheimnisvollen Brust entfuhr,
+ Sinnvoll und leuchtend, ein Gedankenstrahl,
+ Daß wir uns staunend ansahn, nicht recht wissend,
+ Ob Wahnsinn, ob ein Gott aus ihm gesprochen.
+
+Buttler.
+ Dort war's, wo er zwei Stock hoch niederstürzte,
+ Als er im Fensterbogen eingeschlummert,
+ Und unbeschädigt stand er wieder auf.
+ Von diesem Tag an, sagt man, ließen sich
+ Anwandlungen des Wahnsinns bei ihm spüren.
+
+Gordon.
+ Tiefsinn'ger wurd'er, das ist wahr, er wurde
+ Katholisch. Wunderbar hatt' ihn das Wunder
+ Der Rettung umgekehrt. Er hielt sich nun
+ Für ein begünstigt und befreites Wesen,
+ Und keck wie einer, der nicht straucheln kann,
+ Lief er auf schwankem Seil des Lebens hin.
+ Nachher führt' uns das Schicksal auseinander
+ Weit, weit! Er ging der Größe kühnen Weg,
+ Mit schnellem Schritt, ich sah ihn schwindelnd gehn,
+ Ward Graf und Fürst und Herzog und Diktator,
+ Und jetzt ist alles ihm zu klein, er streckt
+ Die Hände nach der Königskrone aus
+ Und stürzt in unermeßliches Verderben!
+
+Buttler.
+ Brecht ab. Er kommt.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Wallenstein im Gespräch mit dem Bürgermeister von Eger. Die Vorigen.
+
+
+Wallenstein.
+ Ihr wart sonst eine freie Stadt? Ich seh,
+ Ihr führt den halben Adler in dem Wappen.
+ Warum den halben nur?
+
+Bürgermeister.
+ Wir waren reichsfrei,
+ Doch seit zweihundert Jahren ist die Stadt
+ Der böhm'schen Kron' verpfändet. Daher rührt's,
+ Daß wir nur noch den halben Adler führen.
+ Der untre Teil ist kanzelliert, bis etwa
+ Das Reich uns wieder einlöst.
+
+Wallenstein.
+ Ihr verdientet
+ Die Freiheit. Haltet euch nur brav. Gebt keinem
+ Aufwieglervolk Gehör. Wie hoch seid ihr
+ Besteuert?
+
+Bürgermeister. (zuckt die Achseln)
+ Daß wir's kaum erschwingen können.
+ Die Garnison lebt auch auf unsre Kosten.
+
+Wallenstein.
+ Ihr sollt erleichtert werden. Sagt mir an,
+ Es sind noch Protestanten in der Stadt?
+(Bürgermeister stutzt.)
+ Ja, ja. Ich weiß es. Es verbergen sich noch viele
+ In diesen Mauern--ja! gesteht's nur frei--
+ Ihr selbst--Nicht wahr?
+(Fixiert ihn mit den Augen. Bürgermeister erschrickt.)
+ Seid ohne Furcht. Ich hasse
+ Die Jesuiten--Läg's an mir, sie wären längst
+ Aus Reiches Grenzen--Meßbuch oder Bibel!
+ Mir ist's all eins--Ich hab's der Welt bewiesen--
+ In Glogau hab ich selber eine Kirch'
+ Den Evangelischen erbauen lassen.
+ --Hört, Bürgermeister--wie ist Euer Name?
+
+Bürgermeister.
+ Pachhälbel, mein erlauchter Fürst.
+
+Wallenstein.
+ Hört--aber sagt's nicht weiter, was ich Euch
+ Jetzt im Vertraun eröffne.
+(Ihm die Hand auf die Achsel legend, mit einer gewissen
+Feierlichkeit.)
+
+Die Erfüllung
+ Der Zeiten ist gekommen, Bürgermeister.
+ Die Hohen werden fallen, und die Niedrigen
+ Erheben sich--Behaltet's aber bei Euch!
+ Die spanische Doppelherrschaft neiget sich
+ Zu ihrem Ende, eine neue Ordnung
+ Der Dinge führt sich ein--Ihr saht doch jüngst
+ Am Himmel die drei Monde?
+
+Bürgermeister.
+ Mit Entsetzen.
+
+Wallenstein.
+ Davon sich zwei in blut'ge Dolchgestalt
+ Verzogen und und verwandelten. Nur einer,
+ Der mittlere blieb stehn in seiner Klarheit.
+
+Bürgermeister.
+ Wir zogen's auf den Türken.
+
+Wallenstein.
+ Türken! Was?
+ Zwei Reiche werden blutig untergehen
+ Im Osten und im Westen, sag ich Euch,
+ Und nur der lutherischen Glaub' wird bleiben.
+(Er bemerkt die zwei andern.)
+ Ein starkes Schießen war ja diesen Abend
+ Zur linken Hand, als wir den Weg hieher
+ Gemacht. Vernahm man's auch hier in der Festung?
+
+Gordon.
+ Wohl hörten wir's, mein General. Es brachte
+ Der Wind den Schall gerad von Süden her.
+
+Buttler.
+ Von Neustadt oder Weiden schien's zu kommen.
+
+Wallenstein.
+ Das ist der Weg, auf dem die Schweden nahn.
+ Wie stark ist die Besatzung?
+
+Gordon.
+ Hundertachtzig
+ Dienstfähige Mann, der Rest sind Invaliden.
+
+Wallenstein.
+ Und wieviel stehn im Jochimstal?
+
+Gordon.
+ Zweihundert
+ Arkebusierer hab ich hingeschickt,
+ Den Posten zu verstärken gegen die Schweden.
+
+Wallenstein.
+ Ich lobe Eure Vorsicht. An den Werken
+ Wird auch gebaut. Ich sah's bei der Hereinfahrt.
+
+Gordon.
+ Weil uns der Rheingraf jetzt so nah bedrängt,
+ Ließ ich noch zwei Pasteien schnell errichten.
+
+Wallenstein.
+ Ihr seid genau in Eures Kaisers Dienst.
+ Ich bin mit Euch zufrieden, Oberstleutnant.
+(Zu Buttlern.)
+ Der Posten in dem Jochimstal soll abziehn
+ Samt allen, die dem Feind entgegenstehn.
+(Zu Gordon.)
+ In Euren treuen Händen, Kommendant,
+ Laß ich mein Weib, mein Kind und meine Schwester.
+ Denn hier ist meines Bleibens nicht; nur Briefe
+ Erwart ich, mit dem frühesten die Festung
+ Samt allen Regimentern zu verlassen.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Vorige. Graf Terzky.
+
+
+Terzky.
+ Willkommne Botschaft! Frohe Zeitungen!
+
+Wallenstein.
+ Was bringst du?
+
+Terzky.
+ Eine Schlacht ist vorgefallen
+ Bei Neustadt, und die Schweden blieben Sieger.
+
+Wallenstein.
+ Was sagst du? Woher kommt dir diese Nachricht?
+
+Terzky.
+ Ein Landmann bracht' es mit von Tirschenreit,
+ Nach Sonnenuntergang hab's angefangen,
+ Ein kaiserlicher Trupp von Tachau her
+ Sie eingebrochen in das schwed'sche Lager,
+ Zwei Stunden hab' das Schießen angehalten,
+ Und tausend Kaiserliche sei'n geblieben,
+ Ihr Oberst mit, mehr wußt' er nicht zu sagen.
+
+Wallenstein.
+ Wie käme kaiserliches Volk nach Neustadt?
+ Der Altringer, er müßte Flügel haben,
+ Stand gestern vierzehn Meilen noch von da;
+ Das Gallas Völker sammeln sich zu Fraunberg
+ Und sind noch nicht beisammen. Hätte sich
+ Der Suys etwa so weit vorgewagt?
+ Es kann nicht sein.
+(Illo erscheint.)
+
+Terzky.
+ Wir werden's alsbald hören,
+ Denn hier kommt Illo fröhlich und voll Eile.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Illo. Die Vorigen.
+
+
+Illo. (zu Wallenstein)
+ Ein Reitender ist da und will dich sprechen.
+
+Terzky.
+ Hat's mit dem Siege sich bestätigt? Sprich!
+ Wallenstein.
+ Was bringt er? Woher kommt er?
+
+Illo.
+ Von dem Rheingraf,
+ Und was er bringt, will ich voraus dir melden.
+ Die Schweden stehn fünf Meilen nur von hier,
+ Bei Neustadt hab' der Piccolomini
+ Sich mit der Reiterei auf sie geworfen,
+ Ein fürchterliches Morden sei geschehn,
+ Doch endlich hab' die Menge überwältigt,
+ Die Pappenheimer alle, auch der Max,
+ Der sie geführt--sei'n auf dem Platz geblieben.
+
+Wallenstein.
+ Wo ist der Bote? Bringt mich zu ihm.
+(Will abgehn. Indem stürzt Fräulein Neubrunn ins Zimmer, ihr
+folgen einige Bediente, die durch den Saal rennen.)
+
+Neubrunn.
+ Hilfe! Hilfe!
+
+Illo
+ und Terzky.
+ Was gibt's?
+
+Neubrunn.
+ Das Fräulein!--
+
+Wallenstein
+ und Terzky. Weiß sie's?
+
+Neubrunn.
+ Sie will sterben.
+(Eilt fort. Wallenstein und Terzky mit Illo ihr nach.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Buttler und Gordon.
+
+
+Gordon. (erstaunt)
+ Erklärt mir. Was bedeutete der Auftritt?
+
+Buttler.
+ Sie hat den Mann verloren, den sie liebte,
+ Der Piccolomini war's, der umgekommen.
+
+Gordon.
+ Unglücklich Fräulein!
+
+Buttler.
+ Ihr habt gehört, was dieser Illo brachte,
+ Daß sich die Schweden siegend nahn.
+
+Gordon.
+ Wohl hört' ich's.
+
+Buttler.
+ Zwölf Regimenter sind sie stark, und fünf
+ Stehn in der Näh', den Herzog zu beschützen.
+ Wir haben nur mein einzig Regiment,
+ Und nicht zweihundert stark ist die Besatzung.
+
+Gordon.
+ So ist's.
+
+Buttler.
+ Nicht möglich ist's, mit so geringer Mannschaft
+ Solch einen Staatsgefangnen zu bewahren.
+
+Gordon.
+ Das seh ich ein.
+
+Buttler.
+ Die Menge hätte bald das kleine Häuflein
+ Entwaffnet, ihn befreit.
+
+Gordon.
+ Das ist zu fürchten.
+
+Buttler. (nach einer Pause)
+ Wißt! Ich bin Bürge worden für den Ausgang,
+ Mit meinem Haupte haft ich für das seine,
+ Wort muß ich halten, führ's wohin es will,
+ Und ist der Lebende nicht zu bewahren,
+ So ist--der Tote uns gewiß.
+
+Gordon.
+ Versteh ich Euch? Gerechter Gott! Ihr könntet--
+
+Buttler.
+ Er darf nicht leben.
+
+Gordon.
+ Ihr vermöchtet's?
+
+Buttler.
+ Ihr oder ich. Er sah den letzten Morgen.
+
+Gordon.
+ Ermorden wollt Ihr ihn?
+
+Buttler.
+ Das ist mein Vorsatz.
+
+Gordon.
+ Der Eurer Treu vertraut!
+
+Buttler.
+ Sein böses Schicksal!
+
+Gordon.
+ Des Feldherrn heilige Person!
+
+Buttler.
+ Das war er!
+
+Gordon.
+ O was er war, löscht kein Verbrechen aus!
+ Ohn' Urtel?
+
+Buttler.
+ Die Vollstreckung ist statt Urtels.
+
+Gordon.
+ Das wäre Mord und nicht Gerechtigkeit,
+ Denn hören muß sie auch den Schuldigsten.
+
+Buttler.
+ Klar ist die Schuld, der Kaiser hat gerichtet,
+ Und seinen Willen nur vollstrecken wir.
+
+Gordon.
+ Den blut'gen Spruch muß man nicht rasch vollziehn,
+ Ein Wort nimmt sich, ein Leben nie zurück.
+
+Buttler.
+ Der hurt'ge Dienst gefällt den Königen.
+
+Gordon.
+ Zu Henkers Dienst drängt sich kein edler Mann.
+
+Buttler.
+ Kein mutiger erbleicht vor kühner Tat.
+
+Gordon.
+ Das Leben wagt der Mut, nicht das Gewissen.
+
+Buttler.
+ Was? Soll er frei ausgehn, des Krieges Flamme,
+ Die unauslöschliche, aufs neu entzünden?
+
+Gordon.
+ Nehmt ihn gefangen, tötet ihn nur nicht,
+ Greift blutig nicht dem Gnadenengel vor.
+
+Buttler.
+ Wär' die Armee des Kaisers nicht geschlagen,
+ Möcht' ich lebendig ihn erhalten haben.
+
+Gordon.
+ O warum schloß ich ihm die Festung auf!
+
+Buttler.
+ Der Ort nicht, sein Verhängnis tötet ihn.
+
+Gordon.
+ Auf diesen Wällen wär' ich ritterlich,
+ Des Kaisers Schloß verteidigend, gesunken.
+
+Buttler.
+ Und tausend brave Männer kamen um!
+
+Gordon.
+ In ihrer Pflicht--das schmückt und ehrt den Mann;
+ Doch schwarzen Mord verfluchte die Natur.
+
+Buttler. (eine Schrift hervorlangend)
+ Hier ist das Manifest, das uns befiehlt,
+ Uns seiner zu bemächtigen. Es ist an Euch
+ Gerichtet, wie an mich. Wollt Ihr die Folgen tragen,
+ Wenn er zum Feind entrinnt durch unsre Schuld?
+
+Gordon.
+ Ich, der Ohnmächtige, o Gott!
+
+Buttler.
+ Nehmt Ihr's auf Euch. Steht für die Folgen ein!
+ Mag werden draus was will! Ich leg's auf Euch.
+
+Gordon.
+ O Gott im Himmel!
+
+Buttler.
+ Wißt Ihr andern Rat,
+ Des Kaisers Meinung zu vollziehen? Sprecht!
+ Denn stürzen, nicht vernichten will ich ihn.
+
+Gordon.
+ O Gott! Was sein muß, seh ich klar wie Ihr,
+ Doch anders schlägt das Herz in meiner Brust.
+
+Buttler.
+ Auch dieser Illo, dieser Terzky dürfen
+ Nicht leben, wenn der Herzog fällt.
+
+Gordon.
+ O nicht um diese tut mir's leid. Sie trieb
+ Ihr schlechtes Herz, nicht die Gewalt der Sterne.
+ Sie waren's, die in seine ruh'ge Brust
+ Den Samen böser Leidenschaft gestreut,
+ Die mit fluchwürdiger Geschäftigkeit
+ Die Unglücksfrucht in ihm genährt--Mag sie
+ Des bösen Dienstes böser Lohn ereilen!
+
+Buttler.
+ Auch sollen sie im Tod ihm gleich voran.
+ Verabred't ist schon alles. Diesen Abend
+ Bei eines Gastmahls Freuden wollten wir
+ Sie lebend greifen und im Schloß bewahren.
+ Viel kürzer ist es so. Ich geh sogleich,
+ Die nötigen Befehle zu erteilen.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Vorige. Illo und Terzky.
+
+
+Terzky.
+ Nun soll's bald anders werden! Morgen ziehn
+ Die Schweden ein, zwölftausend tapfre Krieger.
+ Dann grad auf Wien. He! Lustig, Alter! Kein
+ So herb Gesicht zu solcher Freudenbotschaft!
+
+Illo.
+ Jetzt ist's an uns, Gesetze vorzuschreiben
+ Und Rach' zu nehmen an den schlechten Menschen,
+ Den schändlichen, die uns verlassen. Einer
+ Hat's schon gebüßt, der Piccolomini.
+ Ging's allen so, die's übel mit uns meinen!
+ Wie schwer trifft dieser Schlag das alte Haupt!
+ Der hat sein ganzes Leben lang sich
+ Abgequält, sein altes Grafenhaus zu fürsten,
+ Und jetzt begräbt er seinen einz'gen Sohn!
+
+Buttler.
+ Schad ist's doch um den heldenmüt'gen Jüngling,
+ Dem Herzog selbst ging's nah, man sah es wohl.
+
+Illo.
+ Hört, alter Freund! Das ist es, was mir nie
+ Am Herrn gefiel, es war mein ew'ger Zank,
+ Er hat die Welschen immer vorgezogen.
+ Auch jetzo noch, ich schwör's bei meiner Seele,
+ Säh' er uns alle lieber zehnmal tot,
+ Könnt' er den Freund damit ins Leben rufen.
+
+Terzky.
+ Still! Still! Nicht weiter! Laß die Toten ruhn!
+ Heut gilt es, wer den andern niedertrinkt,
+ Denn Euer Regiment will uns bewirten.
+ Wir wollen eine lust'ge Faßnacht halten,
+ Die Nacht sei einmal Tag, bei vollen Gläsern
+ Erwarten wir die schwed'sche Avantgarde.
+
+Illo.
+ Ja, laßt uns heut noch guter Dinge sein,
+ Denn heiße Tage stehen uns bevor.
+ Nicht ruhn soll dieser Degen, bis er sich
+ In österreich'schem Blute satt gebadet.
+
+Gordon.
+ Pfui, welche Red' ist das, Herr Feldmarschall,
+ Warum so wüten gegen Euren Kaiser--
+
+Buttler.
+ Hofft nicht zu viel von diesem ersten Sieg.
+ Bedenkt, wie schnell des Glückes Rad sich dreht,
+ Denn immer noch sehr mächtig ist der Kaiser.
+
+Illo.
+ Der Kaiser hat Soldaten, keinen Feldherrn,
+ Denn dieser König Ferdinand von Ungarn
+ Versteht den Krieg nicht--Gallas? Hat kein Glück
+ Und war von jeher nur ein Heerverderber.
+ Und diese Schlange, der Octavio,
+ Kann in die Fersen heimlich wohl verwunden,
+ Doch nicht in offner Schlacht dem Friedland stehn.
+
+Terzky.
+ Nicht fehlen kann's uns, glaubt mir's nur. Das Glück
+ Verläßt den Herzog nicht; bekannt ist's ja,
+ Nur unterm Wallenstein kann Östreich siegen.
+
+Illo.
+ Der Fürst wird ehestens ein großes Heer
+ Beisammen haben, alles drängt sich, strömt
+ Herbei zum alten Ruhme seiner Fahnen.
+ Die alten Tage seh ich wiederkehren,
+ Der große wird er wieder, der er war--
+ Wie werden sich die Toren dann ins Aug'
+ Geschlagen haben, die ihn jetzt verließen!
+ Denn Länder schenken wird er seinen Freunden
+ Und treue Dienste kaiserlich belohnen.
+ Wir aber sind in seiner Gunst die nächsten.
+(Zu Gordon.)
+ Auch Eurer wird er dann gedenken, wird Euch
+ Aus diesem Neste ziehen, Eure Treu
+ In einem höhern Posten glänzen lassen.
+
+Gordon.
+ Ich bin vergnügt, verlange höher nicht
+ Hinauf: wo große Höh', ist große Tiefe.
+
+Illo.
+ Ihr habt hier weiter nichts mehr zu bestellen,
+ Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung.
+ Kommt, Terzky. Es wird Zeit zum Abendessen.
+ Was meint Ihr? Lassen wir die Stadt erleuchten,
+ Dem Schwedischen zur Ehr', und wer's nicht tut,
+ Der ist ein Spanischer und ein Verräter.
+
+Terzky.
+ Laßt das. Es wird dem Herzog nicht gefallen.
+
+Illo.
+ Was! Wir sind Meister hier, und keiner soll sich
+ Für kaiserlich bekennen, wo wir herrschen.
+ --Gut Nacht, Gordon. Laßt Euch zum letztenmal
+ Den Platz empfohlen sein, schickt Runden aus,
+ Zur Sicherheit kann man das Wort noch ändern.
+ Schlag zehn bringt Ihr dem Herzog selbst die Schlüssel,
+ Dann seid Ihr Eures Schließeramtes quitt,
+ Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung.
+
+Terzky. (im Abgehen zu Buttler):
+ Ihr kommt doch auch aufs Schloß?
+
+Buttler.
+ Zu rechter Zeit.
+(Jene gehen ab.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Buttler und Gordon.
+
+
+Gordon. (ihnen nachsehend)
+ Die Unglückseligen! Wie ahnungslos
+ Sie in das ausgespannte Mordnetz stürzen
+ In ihrer blinden Siegestrunkenheit!--
+ Ich kann sie nicht beklagen. Dieser Illo,
+ Der übermütig freche Bösewicht,
+ Der sich in seines Kaisers Blut will baden!
+
+Buttler.
+ Tut, wie er Euch befohlen. Schickt Patrouillen
+ Herum, sorgt für die Sicherheit der Festung;
+ Sind jene oben, schließ ich gleich die Burg,
+ Daß in der Stadt nichts von der Tat verlaute!
+
+Gordon. (ängstlich)
+ O eilt nicht so! Erst sagt mir--
+
+Buttler.
+ Ihr vernahmt's,
+ Der nächste Morgen schon gehört den Schweden.
+ Die Nacht nur ist noch unser, sie sind schnell,
+ Noch schneller wollen wir sein--Lebet wohl.
+
+Gordon.
+ Ach Eure Blicke sagen mir nichts Gutes.
+ Versprechet mir--
+
+Buttler.
+ Der Sonne Licht ist unter,
+ Herabsteigt ein verhängnisvoller Abend--
+ Sie macht ihr Dünkel sicher. Wehrlos gibt sie
+ Ihr böser Stern in unsre Hand, und mitten
+ In ihrem trunknen Glückeswahne soll
+ Der scharfe Stahl ihr Leben rasch zerschneiden.
+ Ein großer Rechenkünstler war der Fürst
+ Von jeher, alles wußt' er zu berechnen,
+ Die Menschen wußt' er, gleich des Brettspiels Steinen,
+ Nach seinem Zweck zu setzen und zu schieben,
+ Nicht Anstand nahm er, andrer Ehr' und Würde
+ Und guten Ruf zu würfeln und zu spielen.
+ Gerechnet hat er fort und fort, und endlich
+ Wird doch der Kalkul irrig sein; er wird
+ Sein Leben selbst hineingerechnet haben,
+ Wie jener dort in seinem Zirkel fallen.
+
+Gordon.
+ O seiner Fehler nicht gedenket jetzt!
+ An seine Größe denkt, an seine Milde,
+ An seines Herzens liebenswerte Züge,
+ An alle Edeltaten seines Lebens,
+ Und laßt sie in das aufgehobne Schwert
+ Als Engel bittend, gnadeflehend fallen.
+
+Buttler.
+ Es ist zu spät. Nicht Mitleid darf ich fühlen,
+ Ich darf nur blutige Gedanken haben.
+(Gordons Hand fassend.)
+ Gordon! Nicht meines Hasses Trieb--Ich liebe
+ Den Herzog nicht und hab dazu nicht Ursach'--
+ Doch nicht mein Haß macht mich zu seinem Mörder.
+ Sein böses Schicksal ist's. Das Unglück treibt mich,
+ Die feindliche Zusammenkunft der Dinge.
+ Es denkt der Mensch die freie Tat zu tun,
+ Umsonst! Er ist das Spielwerk nur der blinden
+ Gewalt, die aus der eignen Wahl ihm schnell
+ Die furchtbare Notwendigkeit erschafft.
+ Was hälf's ihm auch, wenn mir für ihn im Herzen
+ Was redete--Ich muß ihn dennoch töten.
+
+Gordon.
+ O wenn das Herz Euch warnt, folgt seinem Triebe!
+ Das Herz ist Gottes Stimme, Menschenwerk
+ Ist aller Klugheit künstliche Berechnung.
+ Was kann aus blut'ger Tat Euch Glückliches
+ Gedeihen? O aus Blut entspringt nicht Gutes!
+ Soll sie die Staffel Euch zur Größe bauen?
+ O glaubt das nicht--Es kann der Mord bisweilen
+ Den Königen, der Mörder nie gefallen.
+
+Buttler.
+ Ihr wißt nicht. Fragt nicht. Warum mußten auch
+ Die Schweden siegen und so eilend nahn!
+ Gern überließ ich ihn des Kaisers Gnade,
+ Sein Blut nicht will ich. Nein, er möchte leben.
+ Doch meines Wortes Ehre muß ich lösen.
+ Und sterben muß er, oder--hört und wißt!--
+ Ich bin entehrt, wenn uns der Fürst entkommt.
+
+Gordon.
+ O solchen Mann zu retten--
+
+Buttler. (schnell)
+ Was?
+
+Gordon.
+ Ist eines Opfers wert--Seid edelmütig!
+ Das Herz und nicht die Meinung ehrt den Mann.
+
+Buttler. (kalt und stolz)
+ Er ist ein großer Herr, der Fürst--Ich aber
+ Bin nur ein kleines Haupt, das wollt Ihr sagen.
+ Was liegt der Welt dran, meint Ihr, ob der niedrig
+ Geborene sich ehret oder schändet,
+ Wenn nur der Fürstliche gerettet wird.
+ --Ein jeder gibt den Wert sich selbst. Wie hoch ich
+ Mich selbst anschlagen will, das steht bei mir.
+ So hoch gestellt ist keiner auf der Erde,
+ Daß ich mich selber neben ihm verachte.
+ Den Menschen macht sein Wille groß und klein,
+ Und weil ich meinem treu bin, muß er sterben.
+
+Gordon.
+ O einen Felsen streb ich zu bewegen!
+ Ihr seid von Menschen menschlich nicht gezeugt.
+ Nicht hindern kann ich Euch, ihn aber rette
+ Ein Gott aus Eurer fürchterlichen Hand.
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Ein Zimmer bei der Herzogin. Thekla in einem Sessel, bleich,
+ mit geschloßnen Augen. Herzogin und Fräulein von Neubrunn um
+ sie beschäftigt. Wallenstein und die Gräfin im Gespräch.
+
+
+Wallenstein.
+ Wie wußte sie es denn so schnell?
+
+Gräfin.
+ Sie scheint
+ Unglück geahnt zu haben. Das Gerücht
+ Von einer Schlacht erschreckte sie, worin
+ Der kaiserliche Oberst sei gefallen.
+ Ich sah es gleich. Sie flog dem schwedischen
+ Kurier entgegen und entriß ihm schnell
+ Durch Fragen das unglückliche Geheimnis.
+ Zu spät vermißten wir sie, eilten nach,
+ Ohnmächtig lag sie schon in seinen Armen.
+
+Wallenstein.
+ So unbereitet mußte dieser Schlag
+ Sie treffen! Armes Kind!--Wie ist's? Erholt sie sich?
+(Indem er sich zur Herzogin wendet.)
+
+Herzogin.
+ Sie schlägt die Augen auf.
+
+Gräfin.
+ Sie lebt!
+
+Thekla. (sich umschauend)
+ Wo bin ich?
+
+Wallenstein. (tritt zu ihr, sie mit seinen Armen aufrichtend)
+ Komm zu dir, Thekla. Sei mein starkes Mädchen!
+ Sieh deiner Mutter liebende Gestalt
+ Und deines Vaters Arme, die dich halten.
+
+Thekla. (richtet sich auf)
+ Wo ist er? Ist er nicht mehr hier?
+
+Herzogin.
+ Wer, meine Tochter?
+
+Thekla.
+ Der dieses Unglückswort aussprach--
+
+Herzogin.
+ O denke nicht daran, mein Kind! Hinweg
+ Von diesem Bilde wende die Gedanken.
+
+Wallenstein.
+ Laßt ihren Kummer reden! Laßt sie klagen!
+ Mischt eure Tränen mit den ihrigen.
+ Denn einen großen Schmerz hat sie erfahren;
+ Doch wird sie's überstehn, denn meine Thekla
+ Hat ihres Vaters unbezwungnes Herz.
+
+Thekla.
+ Ich bin nicht krank. Ich habe Kraft, zu stehn.
+ Was weint die Mutter? Hab ich sie erschreckt?
+ Es ist vorüber, ich besinne mich wieder.
+(Sie ist aufgestanden und sucht mit den Augen im Zimmer.)
+ Wo ist er? Man verberge mir ihn nicht.
+ Ich habe Stärke gnug, ich will ihn hören.
+
+Herzogin.
+ Nein, Thekla! Dieser Unglücksbote soll
+ Nie wieder unter deine Augen treten.
+
+Thekla.
+ Mein Vater--
+
+Wallenstein.
+ Liebes Kind!
+
+Thekla.
+ Ich bin nicht schwach,
+ Ich werde mich auch bald noch mehr erholen.
+ Gewähren Sie mir eine Bitte.
+
+Wallenstein.
+ Sprich!
+
+Thekla.
+ Erlauben Sie, daß dieser fremde Mann
+ Gerufen werde! daß ich ihn allein
+ Vernehme und befrage.
+
+Herzogin.
+ Nimmermehr!
+
+Gräfin.
+ Nein! Das ist nicht zu raten! Gib's nicht zu!
+
+Wallenstein.
+ Warum willst du ihn sprechen, meine Tochter?
+
+Thekla.
+ Ich bin gefaßter, wenn ich alles weiß.
+ Ich will nicht hintergangen sein. Die Mutter
+ Will mich nur schonen. Ich will nicht geschont sein.
+ Das Schrecklichste ist ja gesagt, ich kann
+ Nichts Schrecklichers mehr hören.
+ Gräfin und Herzogin
+(zu Wallenstein)
+ Tu es nicht!
+
+Thekla.
+ Ich wurde überrascht von meinem Schrecken,
+ Mein Herz verriet mich bei dem fremden Mann,
+ Er war ein Zeuge meiner Schwachheit, ja,
+ Ich sank in seine Arme--das beschämt mich.
+ Herstellen muß ich mich in seiner Achtung,
+ Und sprechen muß ich ihn, notwendig, daß
+ Der fremde Mann nicht ungleich von mir denke.
+
+Wallenstein.
+ Ich finde, sie hat recht--und bin geneigt,
+ Ihr diese Bitte zu gewähren. Ruft ihn.
+(Fräulein Neubrunn geht hinaus.)
+
+Herzogin.
+ Ich, deine Mutter, aber will dabei sein.
+
+Thekla.
+ Am liebsten spräch' ich ihn allein. Ich werde
+ Alsdann um so gefaßter mich betragen.
+
+Wallenstein. (zur Herzogin)
+ Laß es geschehn. Laß sie's mit ihm allein
+ Ausmachen. Es gibt Schmerzen, wo der Mensch
+ Sich selber nur helfen kann, ein starkes Herz
+ Will sich auf seine Stärke nur verlassen.
+ In ihrer, nicht an fremder Brust muß sie
+ Kraft schöpfen, diesen Schlag zu überstehn.
+ Es ist mein starkes Mädchen; nicht als Weib,
+ Als Heldin will ich sie behandelt sehn.
+(Er will gehen.)
+
+Gräfin. (hält ihn)
+ Wo gehst du hin? Ich hörte Terzky sagen,
+ Du denkest morgen früh von hier zu gehn,
+ Uns aber hierzulassen.
+
+Wallenstein.
+ Ja, ihr bleibt
+ Dem Schutze wackrer Männer übergeben.
+
+Gräfin.
+ O nimm uns mit dir, Bruder! Laß uns nicht
+ In dieser düstern Einsamkeit dem Ausgang
+ Mit sorgendem Gemüt engegenharren.
+ Das gegenwärt'ge Unglück trägt sich leicht,
+ Doch grauenvoll vergrößert es der Zweifel
+ Und der Erwartung Qual dem weit Entfernten.
+
+Wallenstein.
+ Wer spricht von Unglück? Beßre deine Rede.
+ Ich hab ganz andre Hoffnungen.
+
+Gräfin.
+ So nimm uns mit. O laß uns nicht zurück
+ In diesem Ort der traurigen Bedeutung,
+ Denn schwer ist mir das Herz in diesen Mauern,
+ Und wie ein Totenkeller haucht mich's an,
+ Ich kann nicht sagen, wie der Ort mir widert.
+ O führ uns weg! Komm, Schwester, bitt ihn auch,
+ Daß er uns fortnimmt! Hilf mir, liebe Nichte.
+
+Wallenstein.
+ Des Ortes böse Zeichen will ich ändern:
+ Er sei's, der mir mein Teuerstes bewahrte.
+
+Neubrunn. (kommt zurück):
+ Der schwed'sche Herr!
+
+Wallenstein.
+ Laßt sie mit ihm allein.
+(Ab.)
+
+Herzogin. (zu Thekla)
+ Sieh, wie du dich entfärbtest! Kind, du kannst ihn
+ Unmöglich sprechen. Folge deiner Mutter.
+
+Thekla.
+ Die Neubrunn mag denn in der Nähe bleiben.
+(Herzogin und Gräfin gehen ab.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Thekla. Der schwedische Hauptmann. Fräulein Neubrunn.
+
+
+Hauptmann. (naht sich ehrerbietig)
+ Prinzessin--ich--muß um Verzeihung bitten,
+ Mein unbesonnen rasches Wort--Wie konnt' ich--
+
+Thekla. (mit edelm Anstand)
+ Sie haben mich in meinem Schmerz gesehn,
+ Ein unglücksvoller Zufall machte Sie
+ Aus einem Fremdling schnell mir zum Vertrauten.
+
+Hauptmann.
+ Ich fürchte, daß Sie meinen Anblick hassen,
+ Denn meine Zunge sprach ein traurig Wort.
+
+Thekla.
+ Die Schuld ist mein. Ich selbst entriß es Ihnen,
+ Sie waren nur die Stimme meines Schicksals.
+ Mein Schrecken unterbrach den angefangnen
+ Bericht. Ich bitte drum, daß Sie ihn enden.
+
+Hauptmann. (bedenklich)
+ Prinzessin, es wird Ihren Schmerz erneuern.
+
+Thekla.
+ Ich bin darauf gefaßt--Ich will gefaßt sein.
+ Wie fing das Treffen an? Vollenden Sie.
+
+Hauptmann.
+ Wir standen, keines Überfalls gewärtig,
+ Bei Neustadt schwach verschanzt in unserm Lager,
+ Als gegen Abend eine Wolke Staubes
+ Aufstieg vom Wald her, unser Vortrab fliehend
+ Ins Lager stürzte, rief: der Feind sei da.
+ Wie hatten eben nur noch Zeit, uns schnell
+ Aufs Pferd zu werfen, da durchbrachen schon,
+ In vollem Rosseslauf dahergesprengt,
+ Die Pappenheimer den Verhack; schnell war
+ Der Graben auch, der sich ums Lager zog,
+ Von diesen stürm'schen Scharen überflogen.
+ Doch unbesonnen hatte sie der Mut
+ Vorausgeführt den andern, weit dahinten
+ War noch das Fußvolk, nur die Pappenheimer waren
+ Dem kühnen Führer kühn gefolgt.--
+(Thekla macht eine Bewegung. Der Hauptmann hält einen Augenblick
+inne, bis sie ihm einen Wink gibt, fortzufahren.)
+ Von vorn und von den Flanken faßten wir
+ Sie jetzo mit der ganzen Reiterei
+ Und drängten sie zurück zum Graben, wo
+ Das Fußvolk, schnell geordnet, einen Rechen
+ Von Piken ihnen starr entgegenstreckte.
+ Nicht vorwärts konnten sie, auch nicht zurück,
+ Gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge.
+ Da rief der Rheingraf ihrem Führer zu,
+ In guter Schlacht sich ehrlich zu ergeben,
+ Doch Oberst Piccolomini--
+(Thekla schwindelnd, faßt einen Sessel.)
+ ihn machte
+ Der Helmbusch kenntlich und das lange Haar,
+ Vom raschen Ritte war's ihm losgegangen--
+ Zum Graben winkt er, sprengt, der erste, selbst
+ Sein edles Roß darüber weg, ihm stürzt
+ Das Regiment nach--doch--schon war's geschehen!
+ Sein Pferd, von einer Partisan durchstoßen, bäumt
+ Sich wütend, schleudert weit den Reiter ab,
+ Und hoch weg über ihn geht die Gewalt
+ Der Rosse, keinem Zügel mehr gehorchend.
+(Thekla, welche die letzten Reden mit allen Zeichen wachsender Angst
+begleitet, verfällt in ein heftiges Zittern, sie will sinken, Fräulein
+Neubrunn eilt hinzu und empfängt sie in ihren Armen.)
+
+Neubrunn.
+ Mein teures Fräulein--
+
+Hauptmann. (gerührt)
+ Ich entferne mich.
+
+Thekla.
+ Es ist vorüber--Bringen Sie's zu Ende.
+
+Hauptmann.
+ Da ergriff, als sie den Führer fallen sahn,
+ Die Truppen grimmig wütende Verzweiflung.
+ Der eignen Rettung denkt jetzt keiner mehr,
+ Gleich wilden Tigern fechten sie, er reizt
+ Ihr starrer Widerstand die Unsrigen,
+ Und eher nicht erfolgt des Kampfes Ende,
+ Als bis der letzte Mann gefallen ist.
+
+Thekla. (mit zitternder Stimme)
+ Und wo--wo ist--Sie sagten mir nicht alles.
+
+Hauptmann. (nach einer Pause)
+ Heut früh bestatteten wir ihn. Ihn trugen
+ Zwölf Jünglinge der edelsten Geschlechter,
+ Das ganze Heer begleitete die Bahre.
+ Ein Lorbeer schmückte seinen Sarg, drauf legte
+ Der Rheingraf selbst den eignen Siegerdegen.
+ Auch Tränen fehlten seinem Schicksal nicht,
+ Denn viele sind bei uns, die seine Großmut
+ Und seiner Sitten Freundlichkeit erfahren,
+ Und alle rührte sein Geschick. Gern hätte
+ Der Rheingraf ihn gerettet, doch er selbst
+ Vereitelt' es; man sagt, er wollte sterben.
+
+Neubrunn. (gerührt zu Thekla, welche ihr Angesicht verhüllt hat).
+ Mein teures Fräulein--Fräulein, sehn Sie auf!
+ O warum mußten Sie darauf bestehn!
+
+Thekla.
+ --Wo ist sein Grab?
+
+Hauptmann.
+ In einer Klosterkirche
+ Bei Neustadt ist er beigesetzt, bis man
+ Von seinem Vater Nachricht eingezogen.
+
+Thekla.
+ Wie heißt das Kloster?
+
+Hauptmann.
+ Sankt Kathrinenstift.
+
+Thekla.
+ Ist's weit bis dahin?
+
+Hauptmann.
+ Sieben Meilen zählt man.
+
+Thekla.
+ Wie geht der Weg?
+
+Hauptmann.
+ Man kommt bei Tirschenreit
+ Und Falkenberg durch unsre ersten Posten.
+
+Thekla.
+ Wer kommandiert sie?
+
+Hauptmann.
+ Oberst Seckendorf.
+
+Thekla. (tritt an den Tisch und nimmt aus dem Schmuckkästchen einen Ring).
+ Sie haben mich in meinem Schmerz gesehn
+ Und mir ein menschlich Herz gezeigt--Empfangen Sie
+(indem sie ihm den Ring gibt)
+ Ein Angedenken dieser Stunde--Gehn Sie.
+
+Hauptmann. (bestürzt).
+ Prinzessin--
+(Thekla winkt ihm schweigend, zu gehen, und verläßt ihn.
+Hauptmann zaudert und will reden. Fräulein Neubrunn wiederholt
+den Wink. Er geht ab.)
+
+
+
+Elfter Auftritt
+
+Thekla. Neubrunn.
+
+
+Thekla. (fällt der Neubrunn um den Hals)
+ Jetzt, gute Neubrunn, zeige mir die Liebe,
+ Die du mir stets gelobt, beweise dich
+ Als meine treue Freundin und Gefährtin!
+ --Wir müssen fort, noch diese Nacht.
+
+Neubrunn.
+ Fort, und wohin?
+
+Thekla.
+ Wohin? Es ist nur ein Ort in der Welt!
+ Wo er bestattet liegt, zu seinem Sarge!
+
+Neubrunn.
+ Was können Sie dort wollen, teures Fräulein?
+
+Thekla.
+ Was dort, Unglückliche! So würdest du
+ Nicht fragen, wenn du je geliebt. Dort, dort
+ Ist alles, was noch übrig ist von ihm,
+ Der einz'ge Fleck ist mir die ganze Erde.
+ --O halte mich nicht auf! Komm und mach Anstalt.
+ Laß uns auf Mittel denken, zu entfliehen.
+
+Neubrunn.
+ Bedachten Sie auch Ihres Vaters Zorn?
+
+Thekla.
+ Ich fürchte keines Menschen Zürnen mehr.
+
+Neubrunn.
+ Den Hohn der Welt! des Tadels arge Zunge!
+
+Thekla.
+ Ich suche einen auf, der nicht mehr ist.
+ Will ich denn in die Arme--o mein Gott!
+ Ich will ja in die Gruft nur des Geliebten.
+
+Neubrunn.
+ Und wir allein, zwei hilflos schwache Weiber?
+
+Thekla.
+ Wir waffnen uns, mein Arm soll dich beschützen.
+
+Neubrunn.
+ Bei dunkler Nachtzeit?
+
+Thekla.
+ Nacht wird uns verbergen.
+
+Neubrunn.
+ In dieser rauhen Sturmnacht?
+
+Thekla.
+ Ward ihm sanft
+ Gebettet, unter den Hufen seiner Rosse?
+
+Neubrunn.
+ O Gott!--und dann die vielen Feindesposten!
+ Man wird uns nicht durchlassen.
+
+Thekla.
+ Es sind Menschen,
+ Frei geht das Unglück durch die ganze Erde!
+
+Neubrunn.
+ Die weite Reise--
+
+Thekla.
+ Zählt der Pilger Meilen,
+ Wenn er zum fernen Gnadenbilde wallt?
+
+Neubrunn.
+ Die Möglichkeit, aus dieser Stadt zu kommen?
+
+Thekla.
+ Gold öffnet uns die Tore. Geh nur, geh!
+
+Neubrunn.
+ Wenn man uns kennt?
+
+Thekla.
+ In einer Flüchtigen,
+ Verzweifelnden sucht niemand Friedlands Tochter.
+
+Neubrunn.
+ Wo finden wir die Pferde zu der Flucht?
+
+Thekla.
+ Mein Kavalier verschafft sie. Geh und ruf ihn.
+
+Neubrunn.
+ Wagt er das ohne Wissen seines Herrn?
+
+Thekla.
+ Er wird es tun. O geh nur! Zaudre nicht.
+
+Neubrunn.
+ Ach! und was wird aus Ihrer Mutter werden,
+ Wenn Sie verschwunden sind?
+
+Thekla. (sich besinnend und schmerzvoll vor sich hinschauend)
+ O meine Mutter!
+
+Neubrunn.
+ So viel schon leidet sie, die gute Mutter,
+ Soll sie auch dieser letzte Schlag noch treffen?
+
+Thekla.
+ Ich kann's Ihr nicht ersparen!--Geh nur, geh.
+
+Neubrunn.
+ Bedenken Sie doch ja wohl, was Sie tun.
+
+Thekla.
+ Bedacht ist schon, was zu bedenken ist.
+
+Neubrunn.
+ Und sind wir dort, was soll mit Ihnen werden?
+
+Thekla.
+ Dort wird's ein Gott mir in die Seele geben.
+
+Neubrunn.
+ Ihr Herz ist jetzt voll Unruh, teures Fräulein,
+ Das ist der Weg nicht, der zur Ruhe führt.
+
+Thekla.
+ Zur tiefen Ruh, wie er sie auch gefunden.
+ --O eile! geh! Mach keine Worte mehr!
+ Es zíeht mich fort, ich weiß nicht, wie ich's nenne,
+ Unwiderstehlich fort zu seinem Grabe!
+ Dort wird mir leichter werden, augenblicklich!
+ Das herzerstickende Band des Schmerzens wird
+ Sich lösen--Meine Tränen werden fließen.
+ O geh, wir könnten längst schon auf dem Weg sein.
+ Nicht Ruhe find ich, bis ich diesen Mauern
+ Entrunnen bin--sie stürzen auf mich ein--
+ Fortstoßend treibt mich eine dunkle Macht
+ Von dannen--Was ist das für ein Gefühl!
+ Es füllen sich mir alle Räume dieses Hauses
+ Mit bleichen, hohlen Geisterbildern an--
+ Ich habe keinen Platz mehr--Immer neue!
+ Es drängt mich das entsetzliche Gewimmel
+ Aus diesen Wänden fort, die Lebende!
+
+Neubrunn.
+ Sie setzen mich in Angst und Schrecken, Fräulein,
+ Daß ich nun selber nicht zu bleiben wage.
+ Ich geh und rufe gleich den Rosenberg.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+
+Thekla.
+ Sein Geist ist's, der micht ruft. Es ist die Schar
+ Der Treuen, die sich rächend ihm geopfert.
+ Unedler Säumnis klagen sie mich an.
+ Sie wollten auch im Tod nicht von ihm lassen,
+ Der ihres Lebens Führer war--Das taten
+ Die rohen Herzen, und ich sollte leben!
+ --Nein! Auch für mich ward jener Lorbeerkranz,
+ Der deine Totenbahre schmückt, gewunden.
+ Was ist das Leben ohne Liebesglanz?
+ Ich werf es hin, da sein Gehalt verschwunden.
+ Ja, da ich dich, den Liebenden gefunden,
+ Da war das Leben etwas. Glänzend lag
+ Vor mir der neue goldne Tag!
+ Mir träumte von zwei himmelschönen Stunden.
+ Du standest an dem Eingang in der Welt,
+ Die ich betrat mit klösterlichem Zagen,
+ Sie war von tausend Sonnen aufgehellt;
+ Ein guter Engel schienst du hingestellt,
+ Mich aus der Kindheit fabelhaften Tagen
+ Schnell auf des Lebens Gipfel hinzutragen.
+ Mein erst Empfinden war des Himmels Glück,
+ In dein Herz fiel mein erster Blick!
+(Sie sinkt hier in Nachdenken und fährt dann mit Zeichen des
+Grauens auf.)
+ --Da kommt das Schicksal--Roh und kalt
+ Faßt es des Freundes zärtliche Gestalt
+ Und wirft ihn unter den Hufschlag seiner Pferde--
+ --Das ist das Los des Schönen auf der Erde!
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+Thekla. Fräulein Neubrunn mit dem Stallmeister.
+
+
+Neubrunn.
+ Hier ist er, Fräulein, und er will es tun.
+
+Thekla.
+ Willst du uns Pferde schaffen, Rosenberg?
+ Stallmeister.
+ Ich will sie schaffen.
+
+Thekla.
+ Willst du uns begleiten?
+
+Stallmeister.
+ Mein Fräulein, bis ans End' der Welt.
+
+Thekla.
+ Du kannst
+ Zum Herzog aber nicht zurück mehr kehren.
+
+Stallmeister.
+ Ich bleib bei Ihnen.
+
+Thekla.
+ Ich will dich belohnen
+ Und einem andern Herrn empfehlen. Kannst du
+ Uns aus der Festung bringen unentdeckt?
+
+Stallmeister.
+ Ich kann's.
+
+Thekla.
+ Wann kann ich gehn?
+
+Stallmeister.
+ In dieser Stunde.
+ --Wo geht die Reise hin?
+
+Thekla.
+ Nach--sag's ihm, Neubrunn!
+
+Neubrunn.
+ Nach Neustadt.
+
+Stallmeister.
+ Wohl, ich geh, es zu besorgen.
+(Ab.)
+
+Neubrunn.
+ Ach, da kommt Ihre Mutter, Fräulein.
+
+Thekla.
+ Gott!
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+Thekla. Neubrunn. Die Herzogin.
+
+
+Herzogin.
+ Er ist hinweg, ich finde dich gefaßter.
+
+Thekla.
+ Ich bin es, Mutter--Lassen Sie mich jetzt
+ Bald schlafen gehen und die Neubrunn um mich sein.
+ Ich brauche Ruh.
+
+Herzogin.
+ Du sollst sie haben, Thekla.
+ Ich geh getröstet weg, da ich den Vater
+ Beruhigen kann.
+
+Thekla.
+ Gut Nacht denn, liebe Mutter.
+(Sie fällt ihr um den Hals und umarmt sie in großer Bewegung.)
+
+Herzogin.
+ Du bist noch nicht ganz ruhig, meine Tochter.
+ Du zitterst ja so heftig, und dein Herz
+ Klopft hörbar an dem meinen.
+
+Thekla.
+ Schlaf wird es besänftigen
+ --Gut Nacht, geliebte Mutter!
+(Indem sie aus den Armen der Mutter sich losmacht, fällt der Vorhang.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+
+Buttlers Zimmer.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Buttler. Major Geraldin.
+
+
+Buttler.
+ Zwölf rüstige Dragoner sucht Ihr aus,
+ Bewaffnet sie mit Piken, denn kein Schuß
+ Darf fallen--An dem Eßsaal nebenbei
+ Versteckt Ihr sie, und wenn der Nachtisch
+ Aufgesetzt, dringt ihr herein und ruft: Wer ist
+ Gut kaiserlich?--Ich will den Tisch umstürzen--
+ Dann werft ihr euch auf beide, stoßt sie nieder.
+ Das Schloß wird wohl verriegelt und bewacht,
+ Daß kein Gerücht davon zum Fürsten dringe.
+ Geh jetzt--Habt Ihr nach Hauptmann Deveroux
+ Und Macdonald geschickt?
+
+Geraldin.
+ Gleich sind sie hier.
+(Geht ab.)
+
+Buttler.
+ Kein Aufschub ist zu wagen. Auch die Bürger
+ Erklären sich für ihn, ich weiß nicht, welch
+ Ein Schwindelgeist die ganze Stadt ergriffen hat.
+ Sie sehn im Herzog einen Friedensfürsten
+ Und einen Stifter neuer goldner Zeit.
+ Der Rat hat Waffen ausgeteilt; schon haben
+ Sich ihrer hundert angeboten, Wache
+ Bei ihm zu tun. Drum gilt es, schnell zu sein,
+ Denn Feinde drohn von außen und von innen.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Buttler. Hauptmann Deveroux und Macdonald.
+
+
+Macdonald.
+ Da sind wir, General.
+
+Deveroux.
+ Was ist die Losung?
+
+Buttler.
+ Es lebe der Kaiser!
+
+Beide. (treten zurück)
+ Wie?
+
+Buttler.
+ Haus Östreich lebe!
+
+Deveroux.
+ Ist's nicht der Friedland, dem wir Treu geschworen?
+
+Macdonald.
+ Sind wir nicht hergeführt, ihn zu beschützen?
+
+Buttler.
+ Wir einen Reichsfeind und Verräter schützen?
+
+Deveroux.
+ Nun ja, du nahmst uns ja für ihn in Pflicht.
+
+Macdonald.
+ Und bist ihm ja hieher gefolgt nach Eger.
+
+Buttler.
+ Ich tat's, ihn desto sichrer zu verderben.
+
+Deveroux.
+ Ja so!
+
+Macdonald.
+ Das ist was anders.
+
+Buttler. (zu Deveroux)
+ Elender!
+ So leicht entweichst du von der Pflicht und Fahne?
+
+Deveroux.
+ Zum Teufel, Herr! Ich folgte deinem Beispiel:
+ Kann der ein Schelm sein, dacht' ich, kannst du's auch.
+
+Macdonald.
+ Wir denken nicht nach. Das ist deine Sache!
+ Du bist der General und kommandierst,
+ Wir folgen dir, und wenn's zur Hölle ginge.
+
+Buttler. (besänftigt)
+ Nun gut! Wie kennen einander.
+
+Macdonald.
+ Ja, das denk ich.
+
+Deveroux.
+ Wir sind Soldaten der Fortuna, wer
+ Das meiste bietet, hat uns.
+
+Macdonald.
+ Ja, so ist's.
+
+Buttler.
+ Jetzt sollt ihr ehrliche Soldaten bleiben.
+
+Deveroux.
+ Das sind wir gerne.
+
+Buttler.
+ Und Fortüne machen.
+
+Macdonald.
+ Das ist noch besser.
+
+Buttler.
+ Höret an.
+
+Beide.
+ Wir hören.
+
+Buttler.
+ Es ist des Kaisers Will' und Ordonnanz,
+ Den Friedland, lebend oder tot, zu fahen.
+
+Deveroux.
+ So steht's im Brief.
+
+Macdonald.
+ Ja, lebend oder tot!
+
+Buttler.
+ Und stattliche Belohnung wartet dessen
+ An Geld und Gütern, der die Tat vollführt.
+
+Deveroux.
+ Es klingt ganz gut. Das Wort klingt immer gut
+ Vor dorten her. Ja, ja! Wir wissen schon!
+ So eine guldne Gnadenkett' etwa,
+ Ein krummes Roß, ein Pergament und so was.
+ --Der Fürst zahlt besser.
+
+Macdonald.
+ Ja, der ist splendid.
+
+Buttler.
+ Mit dem ist's aus. Sein Glücksstern ist gefallen.
+
+Macdonald.
+ Ist das gewiß?
+
+Buttler.
+ Ich sag's euch.
+
+Deveroux.
+ Ist's vorbei
+ Mit seinem Glück?
+
+Buttler.
+ Vorbei auf immerdar.
+ Er ist so arm wie wir.
+
+Macdonald.
+ So arm wie wir?
+
+Deveroux.
+ Ja, Macdonald, da muß man ihn verlassen!
+
+Buttler.
+ Verlassen ist er schon von zwanzigtausend.
+ Wir müssen mehr tun, Landsmann. Kurz und gut!
+ --Wir müssen ihn töten.
+(Beide fahren zurück.)
+
+Beide.
+ Töten!
+
+Buttler.
+ Töten, sag ich.
+ --Und dazu hab ich euch erlesen.
+
+Beide.
+ Uns?
+
+Buttler.
+ Euch, Hauptmann Deveroux und Macdonald.
+
+Deveroux. (nach einer Pause)
+ Wählt einen andern.
+
+Macdonald.
+ Ja, wählt einen andern.
+
+Buttler. (zu Deveroux)
+ Erschreckt's dich, feige Memme? Wie? Du hast
+ Schon deine dreißig Seelen auf dir liegen--
+
+Deveroux.
+ Hand an den Feldherrn legen--das bedenkt!
+
+Macdonald.
+ Dem wir das Jurament geleistet haben!
+
+Buttler.
+ Das Jurament ist null mit seiner Treu.
+
+Deveroux.
+ Hör, General! Das dünkt mir doch zu gräßlich.
+
+Macdonald.
+ Ja, das ist wahr! Man hat auch ein Gewissen.
+
+Deveroux.
+ Wenn's nur der Chef nicht wär', der uns so lang
+ Gekommandiert hat und Respekt gefordert.
+
+Buttler.
+ Ist das der Anstoß?
+
+Deveroux.
+ Ja! Hör! Wen du sonst willst!
+ Dem eignen Sohn, wenn's Kaisers Dienst verlangt,
+ Will ich das Schwert ins Eingeweide bohren--
+ Doch sieh, wir sind Soldaten, und den Feldherrn
+ Ermorden, das ist eine Sünd' und Frevel,
+ Davon kein Beichtmönch absolvieren kann.
+
+Buttler.
+ Ich bin dein Papst und absolviere dich.
+ Entschließt euch schnell.
+
+Deveroux. (steht bedenklich)
+ Es geht nicht.
+
+Macdonald.
+ Nein, es geht nicht.
+
+Buttler.
+ Nun denn, so geht--und--schickt mir Pestalutzen.
+
+Deveroux. (stutzt)
+ Der Pestalutz--Hum!
+
+Macdonald.
+ Was willst du mit diesem?
+
+Buttler.
+ Wenn ihr's verschmäht, es finden sich genug--
+
+Deveroux.
+ Nein, wenn er fallen muß, so können wir
+ Den Preis so gut verdienen als ein andrer.
+ --Was denkst du, Bruder Macdonald?
+
+Macdonald.
+ Ja wenn
+ Er fallen muß und soll, und 's ist nicht anders,
+ So mag ich's diesem Pastalutz nicht gönnen.
+
+Deveroux. (nach einigem Besinnen)
+ Wann soll er fallen?
+
+Buttler.
+ Heut, in dieser Nacht,
+ Denn morgen stehn die Schweden vor den Toren.
+
+Deveroux.
+ Stehst du mir für die Folgen, General?
+
+Buttler.
+ Ich steh für alles.
+
+Deveroux.
+ Ist's des Kaisers Will'?
+ Sein netter, runder Will'? Man hat Exempel,
+ Daß man den Mord liebt und den Mörder straft.
+
+Buttler.
+ Das Manifest sagt: lebend oder tot.
+ Und lebend ist's nicht möglich, seht ihr selbst--
+
+Deveroux.
+ Tot also! Tot!--Wie aber kommt man an ihn?
+ Die Stadt ist angefüllt mit Terzkyschen.
+
+Macdonald.
+ Und dann ist noch der Terzky und der Illo--
+
+Buttler.
+ Mit diesen beiden fängt man an, versteht sich.
+
+Deveroux.
+ Was? Sollen die auch fallen?
+
+Buttler.
+ Die zuerst.
+
+Macdonald.
+ Hör, Deveroux--das wird ein blut'ger Abend.
+
+Deveroux.
+ Hast du schon deinen Mann dazu? Trag's mir auf.
+
+Buttler.
+ Dem Major Geraldin ist's übergeben.
+ Es ist heut Faßnacht, und ein Essen wird
+ Gegeben auf dem Schloß, dort wird man sie
+ Bei Tafel überfallen, niederstoßen--
+ Der Pestalutz, der Leßley sind dabei--
+
+Deveroux.
+ Hör, General! Dir kann es nichts verschlagen.
+ Hör--laß mich tauschen mit dem Geraldin.
+
+Buttler.
+ Die kleinere Gefahr ist bei dem Herzog.
+
+Deveroux.
+ Gefahr! Was, Teufel! denkst du von mir, Herr?
+ Des Herzogs Aug', nicht seinen Degen fürcht ich.
+
+Buttler.
+ Was kann sein Aug' dir schaden?
+
+Deveroux.
+ Alle Teufel!
+ Du kennst mich, daß ich keine Memme bin.
+ Doch sieh, es sind noch nicht acht Tag', daß mir
+ Der Herzog zwanzig Goldstück reichen lassen
+ Zu diesem warmen Rock, den ich hier anhab--
+ Und wenn er mich nun mit der Pike sieht
+ Dastehn, mir auf den Rock sieht--sieh--so--so--
+ Der Teufel hol mich! ich bin keine Memme.
+
+Buttler.
+ Der Herzog gab dir diesen warmen Rock,
+ Und du, ein armer Wicht, bedenkst dich, ihm
+ Dafür den Degen durch den Leib zu rennen.
+ Und einen Rock, der noch viel wärmer hält,
+ Hing ihm der Kaiser um, den Fürstenmantel.
+ Wie dankt er's ihm? Mit Aufruhr und Verrat.
+
+Deveroux.
+ Das ist auch wahr. Den Danker hol der Teufel!
+ Ich--bring ihn um.
+
+Buttler.
+ Und willst du dein Gewissen
+ Beruhigen, darfst du den Rock nur ausziehn,
+ So kannst du's frisch und wohlgemut vollbringen.
+
+Macdonald.
+ Ja! da ist aber noch was zu bedenken--
+
+Buttler.
+ Was gibt's noch zu bedenken, Macdonald?
+
+Macdonald.
+ Was hilft uns Wehr und Waffe wider den?
+ Er ist nicht zu verwunden, er ist fest.
+
+Buttler. (fährt auf)
+ Was wird er--
+
+Macdonald.
+ Gegen Schuß und Hieb! Er ist
+ Gefroren, mit der Teufelskunst behaftet,
+ Sein Leib ist undurchdringlich, sag ich dir.
+
+Deveroux.
+ Ja, ja! In Ingolstadt war auch so einer,
+ Dem war die Haut so fest wie Stahl, man mußt' ihn
+ Zuletzt mit Flintenkolben niederschlagen.
+
+Macdonald.
+ Hört, was ich tun will!
+
+Deveroux.
+ Sprich!
+
+Macdonald.
+ Ich kenne hier
+ Im Kloster einen Bruder Dominikaner
+ Aus unsrer Landsmannschaft, der soll mir Schwert
+ Und Pike tauchen in geweihtes Wasser
+ Und einen kräft'gen Segen drüber sprechen,
+ Das ist bewährt, hilft gegen jeden Bann.
+
+Buttler.
+ Das tue, Macdonald. Jetzt geht aber.
+ Wählt aus dem Regimente zwanzig, dreißig
+ Handfeste Kerls, laßt sie dem Kaiser schwören--
+ Wenn's eilf geschlagen--wenn die ersten Runden
+ Passiert sind, führt ihr sie in aller Stille
+ Dem Hause zu--Ich werde selbst nicht weit sein.
+
+Deveroux.
+ Wie kommen wir durch die Hartschiers und Garden,
+ Die in dem innern Hofraum Wache stehn?
+
+Buttler.
+ Ich hab des Orts Gelegenheit erkundigt.
+ Durch eine hintre Pforte führ ich euch,
+ Die nur durch einen Mann verteidigt wird.
+ Mir gibt mein Rang und Amt zu jeder Stunde
+ Einlaß beim Herzog. Ich will euch vorangehn,
+ Und schnell mit einem Dolchstoß in die Kehle
+ Durchbohr ich den Hartschier und mach euch Bahn.
+
+Deveroux.
+ Und sind wir oben, wie erreichen wir
+ Das Schlafgemach des Fürsten, ohne daß
+ Das Hofgesind' erwacht und Lärmen ruft?
+ Denn er ist hier mit großem Komitat.
+
+Buttler.
+ Die Dienerschaft ist auf dem rechten Flügel,
+ Er haßt Geräusch, wohnt auf dem linken ganz allein.
+
+Deveroux.
+ Wär's nur vorüber, Macdonald--Mir ist
+ Seltsam dabei zumute, weiß der Teufel.
+
+Macdonald.
+ Mir auch. Es ist ein gar zu großes Haupt.
+ Man wird uns für zwei Bösewichter halten.
+
+Buttler.
+ In Glanz und Ehr' und Überfluß könnt ihr
+ Der Menschen Urteil und Gered' verlachen.
+
+Deveroux.
+ Wenn's mit der Ehr' nur auch so recht gewiß ist.
+
+Buttler.
+ Seid unbesorgt. Ihr rettet Kron' und Reich
+ Dem Ferdinand. Der Lohn kann nicht gering sein.
+
+Deveroux.
+ So ist's sein Zweck, den Kaiser zu entthronen?
+
+Buttler.
+ Das ist er! Kron' und Leben ihm zu rauben!
+
+Deveroux.
+ So müßt' er fallen durch des Henkers Hand,
+ Wenn wir nach Wien lebendig ihn geliefert?
+
+Buttler.
+ Dies Schicksal könnt' er nimmermehr vermeiden.
+
+Deveroux.
+ Komm, Macdonald! Er soll als Feldherr enden
+ Und ehrlich fallen von Soldatenhänden.
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Ein Saal, aus dem man in eine Galerie gelangt, die sich weit
+nach hinten verliert. Wallenstein sitzt an einem Tisch. Der
+schwedische Hauptmann steht vor ihm. Bald darauf Gräfin Terzky.
+
+
+Wallenstein.
+ Empfehlt mich Eurem Herrn. Ich nehme teil
+ An seinem guten Glück, und wenn Ihr mich
+ So viele Freude nicht bezeigen seht,
+ Als diese Siegespost verdienen mag,
+ So glaubt, es ist nicht Mangel guten Willens,
+ Denn unser Glück ist nunmehr eins. Lebt wohl!
+ Nehmt meinen Dank für Eure Müh. Die Festung
+ Soll sich euch auftun morgen, wenn ihr kommt.
+(Schwedischer Hauptmann geht ab. Wallenstein sitzt in tiefen
+Gedanken, starr vor sich hinsehend, den Kopf in die Hand gesenkt.
+Gräfin Terzky tritt herein und steht eine Zeitlang vor ihm
+unbemerkt, endlich macht er eine rasche Bewegung, erblickt sie
+und faßt sich schnell.)
+ Kommst du von ihr? Erholt sie sich? Was macht sie?
+
+Gräfin.
+ Sie soll gefaßter sein nach dem Gespräch,
+ Sagt mir die Schwester--Jetzt ist sie zu Bette.
+
+Wallenstein.
+ Ihr Schmerz wird sanfter werden. Sie wird weinen.
+
+Gräfin.
+ Auch dich, mein Bruder, find ich nicht wie sonst.
+ Nach einem Sieg erwartet' ich dich heitrer.
+ O bleibe stark! Erhalte du uns aufrecht,
+ Denn du bist unser Licht und unsre Sonne.
+
+Wallenstein.
+ Sei ruhig. Mir ist nichts--Wo ist dein Mann?
+
+Gräfin.
+ Zu einem Gastmahl sind sie, er und Illo.
+
+Wallenstein. (steht auf und macht einige Schritte durch den Saal)
+ Es ist schon finstre Nacht--Geh auf dein Zimmer.
+
+Gräfin.
+ Heiß mich nicht gehn, o laß mich um dich bleiben.
+
+Wallenstein. (ist ans Fenster getreten)
+ Am Himmel ist geschäftige Bewegung,
+ Des Turmes Fahne jagt der Wind, schnell geht
+ Der Wolken Zug, die Mondessichel wankt,
+ Und durch die Nacht zuckt ungewisse Helle.
+ --Kein Sternbild ist zu sehn! Der matte Schein dort,
+ Der einzelne, ist aus der Kassiopeia,
+ Und dahin steht der Jupiter--Doch jetzt
+ Deckt ihn die Schwärze des Gewitterhimmels!
+(Er versinkt in Tiefsinn und sieht starr hinaus).
+
+Gräfin. (die ihm traurig zusieht, faßt ihn bei der Hand).
+ Was sinnst du?
+
+Wallenstein.
+ Mir deucht, wenn ich ihn sähe, wär' mir wohl.
+ Es ist der Stern, der meinem Leben strahlt,
+ Und wunderbar oft stärkte mich sein Anblick.
+(Pause.)
+
+Gräfin.
+ Du wirst ihn wiedersehn.
+
+Wallenstein. (ist wieder in eine tiefe Zerstreuung gefallen,
+ er ermuntert sich und wendet sich schnell zur Gräfin)
+ Ihn wiedersehn?--O niemals wieder!
+
+Gräfin.
+ Wie?
+
+Wallenstein.
+ Er ist dahin--ist Staub!
+
+Gräfin.
+ Wen meinst du denn?
+
+Wallenstein.
+ Er ist der Glückliche. Er hat vollendet.
+ Für ihn ist keine Zukunft mehr, ihm spinnt
+ Das Schicksal keine Tücke mehr--sein Leben
+ Liegt faltenlos und leuchtend ausgebreitet,
+ Kein dunkler Flecken blieb darin zurück,
+ Und unglückbringend pocht ihm keine Stunde.
+ Weg ist er über Wunsch und Furcht, gehört
+ Nicht mehr den trüglich wankenden Planeten--
+ O ihm ist wohl! Wer aber weiß, was uns
+ Die nächste Stunde schwarz verschleiert bringt!
+
+Gräfin.
+ Du sprichst von Piccolomini. Wie starb er?
+ Der Bote ging just von dir, als ich kam.
+(Wallenstein bedeutet sie mit der Hand, zu schweigen.)
+ O wende deine Blicke nicht zurück!
+ Vorwärts in hellre Tage laß uns schauen.
+ Freu dich des Siegs, vergiß, was er dir kostet.
+ Nicht heute erst ward dir der Freund geraubt;
+ Als er sich von dir schied, da starb er dir.
+
+Wallenstein.
+ Verschmerzen werd ich diesen Schlag, das weiß ich,
+ Denn was verschmerzte nicht der Mensch! Vom Höchsten
+ Wie vom Gemeinsten lernt er sich entwöhnen,
+ Denn ihn besiegen die gewalt'gen Stunden.
+ Doch fühl ich's wohl, was ich in ihm verlor.
+ Die Blume ist hinweg aus meinem Leben,
+ Und kalt und farblos seh ich's vor mir liegen.
+ Denn er stand neben mir wie meine Jugend,
+ Er machte mir das Wirkliche zum Traum,
+ Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge
+ Den goldnen Duft der Morgenröte webend--
+ Im Feuer seines liebenden Gefühls
+ Erhoben sich, mir selber zum Erstaunen,
+ Des Lebens flach alltägliche Gestalten.
+ --Was ich mir ferner auch erstreben mag,
+ Das Schöne ist doch weg, das kommt nicht wieder,
+ Denn über alles Glück geht doch der Freund,
+ Der's fühlend erst erschafft, der's teilend mehrt.
+
+Gräfin.
+ Verzag nicht an der eignen Kraft. Dein Herz
+ Ist reich genug, sich selber zu beleben.
+ Du liebst und preisest Tugenden an ihm,
+ Die du in ihm gepflanzt, in ihm entfaltet.
+
+Wallenstein. (an die Türe gehend)
+ Wer stört uns noch in später Nacht?--Es ist
+ Der Kommendant. Er bringt die Festungsschlüssel.
+ Verlaß uns, Schwester, Mitternacht ist da.
+
+Gräfin.
+ O mir wird heut so schwer, von dir zu gehn,
+ Und bange Furcht bewegt mich.
+
+Wallenstein.
+ Furcht! Wovor?
+
+Gräfin.
+ Du möchtest schnell wegreisen diese Nacht,
+ Und beim Erwachen fänden wir dich nimmer.
+
+Wallenstein.
+ Einbildungen.
+
+Gräfin.
+ O meine Seele wird
+ Schon lang von trüben Ahnungen geängstigt,
+ Und wenn ich wachend sie bekämpft, sie fallen
+ Mein banges Herz in düstern Träumen an.
+ --Ich sah dich gestern nacht mit deiner ersten
+ Gemahlin, reich geputzt, zu Tische sitzen--
+
+Wallenstein.
+ Das ist ein Traum erwünschter Vorbedeutung,
+ Denn jene Heirat stiftete mein Glück.
+
+Gräfin.
+ Und heute träumte mir, ich suchte dich
+ In deinem Zimmer auf--Wie ich hineintrat,
+ So war's dein Zimmer nicht mehr, die Kartause
+ Zu Gitschin war's, die du gestiftet hast
+ Und wo du willst, daß man dich hin begrabe.
+
+Wallenstein.
+ Dein Geist ist nun einmal damit beschäftigt.
+
+Gräfin.
+ Wie? Glaubst du nicht, daß eine Warnungsstimme
+ In Träumen vorbedeutend zu uns spricht?
+
+Wallenstein.
+ Dergleichen Stimmen gibt's--Es ist kein Zweifel!
+ Doch Warnungsstimmen möcht' ich sie nicht nennen,
+ Die nur das Unvermeidliche verkünden.
+ Wie sich der Sonne Scheinbild in dem Dunstkreis
+ Malt, eh' sie kommt, so schreiten auch den großen
+ Geschicken ihre Geister schon voran,
+ Und in dem Heute wandelt schon das Morgen.
+ Es machte mir stets eigene Gedanken,
+ Was man vom Tod des vierten Heinrichs liest.
+ Der König fühlte das Gespenst des Messers
+ Lang vorher in der Brust, eh' sich der Mörder
+ Ravaillac damit waffnete. Ihn floh
+ Die Ruh', es jagt' ihn auf in seinem Louvre,
+ Ins Freie trieb es ihn; wie Leichenfeier
+ Klang ihm der Gattin Krönungsfest, er hörte
+ Im ahnungsvollen Ohr der Füße Tritt,
+ Die durch die Gassen von Paris ihn suchten--
+
+Gräfin.
+ Sagt dir die innre Ahnungsstimme nichts?
+
+Wallenstein.
+ Nichts. Sei ganz ruhig!
+
+Gräfin. (in düstres Nachsinnen verloren):
+ Und ein andermal,
+ Als ich dir eilend nachging, liefst du vor mir
+ Durch einen langen Gang, durch weite Säle,
+ Es wollte gar nicht enden--Türen schlugen
+ Zusammen, krachend--keuchend folgt' ich, konnte
+ Dich nicht erreichen--plötzlich fühlt' ich mich
+ Von hinten angefaßt mit kalter Hand,
+ Du warst's und küßtest mich, und über uns
+ Schien eine rote Decke sich zu legen--
+
+Wallenstein.
+ Das ist der rote Teppich meines Zimmers.
+
+Gräfin. (ihn betrachtend)
+ Wenn's dahin sollte kommen--Wenn ich dich,
+ Der jetzt in Lebensfülle vor mir steht--
+(Sie sinkt ihm weinend an die Brust.)
+
+Wallenstein.
+ Des Kaisers Achtsbrief ängstigt dich. Buchstaben
+ Verwunden nicht, er findet keine Hände.
+
+Gräfin.
+ Fänd' er sie aber, dann ist mein Entschluß
+ Gefaßt--ich führe bei mir, was mich tröstet.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Wallenstein. Gordon. Dann der Kammerdiener.
+
+
+Wallenstein.
+ Ist's ruhig in der Stadt?
+
+Gordon.
+ Die Stadt ist ruhig.
+
+Wallenstein.
+ Ich höre rauschende Musik, das Schloß ist
+ Von Lichtern hell. Wer sind die Fröhlichen?
+
+Gordon.
+ Dem Grafen Terzky und dem Feldmarschall
+ Wird ein Bankett gegeben auf dem Schloß.
+
+Wallenstein. (vor sich)
+ Es ist des Sieges wegen--Dies Geschlecht
+ Kann sich nicht anders freuen als bei Tisch.
+(Klingelt. Kammerdiener tritt ein.)
+ Entkleide mich, ich will mich schlafen legen.
+(Er nimmt die Schlüssel zu sich.)
+ So sind wir denn vor jedem Feind bewahrt
+ Und mit den sichern Freunden eingeschlossen;
+ Denn alles müßt' mich trügen, oder ein
+ Gesicht wie dies
+(auf Gordon schauend)
+ ist keines Heuchlers Larve.
+(Kammerdiener hat ihm den Mantel, Ringkragen und die Feldbinde abgenommen.)
+ Gib acht! Was fällt da?
+
+Kammerdiener.
+ Die goldne Kette ist entzweigesprungen.
+
+Wallenstein.
+ Nun, sie hat lang genug gehalten. Gib.
+(Indem er die Kette betrachtet.)
+ Das war des Kaisers erste Gunst. Er hing sie
+ Als Erzherzog mir um, im Krieg von Friaul,
+ Und aus Gewohnheit trug ich sie bis heut.
+ --Aus Aberglauben, wenn Ihr wollt. Sie sollte
+ Ein Talisman mir sein, so lang ich sie
+ An meinem Halse glaubig würde tragen,
+ Das flücht'ge Glück, des erste Gunst sie war,
+ Mir auf zeitlebens binden--Nun es sei!
+ Mir muß fortan ein neues Glück beginnen,
+ Denn dieses Bannes Kraft ist aus.
+(Kammerdiener entfernt sich mit den Kleidern. Wallenstein steht
+auf, macht einen Gang durch den Saal und bleibt zuletzt nachdenkend
+vor Gordon stehen.)
+ Wie doch die alte Zeit mir näher kommt.
+ Ich seh mich wieder an dem Hof zu Burgau,
+ Wo wir zusammen Edelknaben waren.
+ Wir hatten öfters Streit, du meintest's gut
+ Und pflegtest gern den Sittenprediger
+ Zu machen, schaltest mich, daß ich nach hohen Dingen
+ Unmäßig strebte, kühnen Träumen glaubend,
+ Und priesest mir den goldnen Mittelweg.
+ --Ei, deine Weisheit hat sich schlecht bewährt,
+ Sie hat dich früh zum abgelebten Manne
+ Gemacht und würde dich, wenn ich mit meinen
+ Großmüt'gern Sternen nicht dazwischenträte,
+ Im schlechten Winkel still verlöschen lassen.
+
+Gordon.
+ Mein Fürst! Mit leichtem Mute knüpft der arme Fischer
+ Den kleinen Nachen an im sichern Port,
+ Sieht er im Sturm das große Meerschiff stranden.
+
+Wallenstein.
+ So bist du schon im Hafen, alter Mann?
+ Ich nicht. Es treibt der ungeschwächte Mut
+ Noch frisch und herrlich auf der Lebenswoge,
+ Die Hoffnung nenn ich meine Göttin noch,
+ Ein Jüngling ist der Geist, und seh ich mich
+ Dir gegenüber, ja, so möcht' ich rühmend sagen,
+ Daß über meinem braunen Scheitelhaar
+ Die schnellen Jahre machtlos hingegangen.
+(Er geht mit großen Schritten durchs Zimmer und bleibt auf der
+entgegengesetzten Seite, Gordon gegenüber, stehen.)
+ Wer nennt das Glück noch falsch? Mir war es treu,
+ Hob aus der Menschen Reihen mich heraus
+ Mit Liebe, durch des Lebens Stufen mich
+ Mit kraftvoll leichten Götterarmen tragend.
+ Nichts ist gemein in meines Schicksals Wegen
+ Noch in den Furchen meiner Hand. Wer möchte
+ Mein Leben mir nach Menschenweise deuten?
+ Zwar jetzo schein ich tief herabgestürzt,
+ Doch werd ich wieder steigen, hohe Flut
+ Wird bald auf diese Ebbe schwellend folgen--
+
+Gordon.
+ Und doch erinnr' ich an den alten Spruch:
+ Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
+ Nicht Hoffnung möcht' ich schöpfen aus dem langen Glück,
+ Dem Unglück ist die Hoffnung zugesendet.
+ Furcht soll das Haupt des Glücklichen umschweben,
+ Denn ewig wanket des Geschickes Waage.
+
+Wallenstein. (lächelnd)
+ Den alten Gordon hör ich wieder sprechen.
+ --Wohl weiß ich, daß die ird'schen Dinge wechseln,
+ Die bösen Götter fordern ihren Zoll:
+ Das wußten schon die alte Heidenvölker,
+ Drum wählten sie sich selbst freiwill'ges Unheil,
+ Die eifersücht'ge Gottheit zu versöhnen,
+ Und Menschenopfer bluteten dem Typhon.
+(Nach einer Pause, ernst und stiller.)
+ Auch ich hab ihm geopfert--Denn mir fiel
+ Der liebst Freund, und fiel durch meine Schuld.
+ So kann mich keines Glückes Gunst mehr freuen,
+ Als dieser Schlag mich hat geschmerzt--Der Neid
+ Des Schicksals ist gesättigt, es nimmt Leben
+ Für Leben an, und abgeleitet ist
+ Auf das geliebte reine Haupt der Blitz,
+ Der mich zerschmetternd sollte niederschlagen.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Vorige. Seni.
+
+
+Wallenstein.
+ Kommt da nicht Seni? Und wie außer sich!
+ Was führt dich noch so spät hieher, Baptist?
+
+Seni.
+ Furcht deinetwegen, Hoheit.
+
+Wallenstein.
+ Sag, was gibt's?
+
+Seni.
+ Flieh, Hoheit, eh' der Tag anbricht. Vertraue dich
+ Den Schwedischen nicht an.
+
+Wallenstein.
+ Was fällt dir ein?
+
+Seni. (mit steigendem Ton)
+ Vertrau dich diesen Schweden nicht!
+
+Wallenstein.
+ Was ist's denn?
+
+Seni.
+ Erwarte nicht die Ankunft dieser Schweden!
+ Von falschen Freunden droht dir nahes Unheil,
+ Die Zeichen stehen grausenhaft, nah, nahe
+ Umgeben dich die Netze des Verderbens.
+
+Wallenstein.
+ Du träumst, Baptist, die Furcht betöret dich.
+
+Seni.
+ O glaube nicht, daß leere Furcht mich täusche.
+ Komm, lies es selbst in dem Planetenstand,
+ Daß Unglück dir von falschen Freunden droht.
+
+Wallenstein.
+ Von falschen Freunden stammt mein ganzes Unglück.
+ Die Weisung hätte früher kommen sollen,
+ Jetzt brauch ich keine Sterne mehr dazu.
+
+Seni.
+ O komm und sieh! Glaub deinen eignen Augen.
+ Ein greulich Zeichen steht im Haus des Lebens,
+ Ein naher Feind, ein Unhold lauert hinter
+ Den Strahlen deines Sterns--O laß dich warnen!
+ Nicht diesen Heiden überliefre dich,
+ Die Krieg mit unsrer heil'gen Kirche führen.
+
+Wallenstein. (lächelnd)
+ Schallt das Orakel daher?--Ja! Ja! Nun
+ Besinn' ich mich--Dies schwed'sche Bündnis hat
+ Dir nie gefallen wollen--Leg dich schlafen,
+ Baptista! Solche Zeichen fürcht ich nicht.
+
+Gordon. (der durch diese Reden heftig erschüttert worden,
+ wendet sich zu Wallenstein).
+ Mein fürstlicher Gebieter! Darf ich reden?
+ Oft kommt ein nützlich Wort aus schlechtem Munde.
+
+Wallenstein.
+ Sprich frei!
+
+Gordon.
+ Mein Fürst! Wenn's doch kein leeres Furchtbild wäre,
+ Wenn Gottes Vorsehung sich dieses Mundes
+ Zu Ihrer Rettung wunderbar bediente!
+
+Wallenstein.
+ Ihr sprecht im Fieber, einer wie der andre.
+ Wie kann mir Unglück kommen von den Schweden?
+ Sie suchten meinen Bund, er ist ihr Vorteil.
+
+Gordon.
+ Wenn dennoch eben dieser Schweden Ankunft--
+ Gerade die es wär', die das Verderben
+ Beflügelte auf Ihr so sichres Haupt--
+(vor ihm niederstürzend)
+ O noch ist's Zeit, mein Fürst--
+
+Seni. (kniet nieder)
+ O hör ihn! hör ihn!
+
+Wallenstein.
+ Zeit, und wozu? Steht auf--Ich will's, steht auf.
+
+Gordon. (steht auf)
+ Der Rheingraf ist noch fern. Gebieten Sie,
+ Und diese Festung soll sich ihm verschließen.
+ Will er uns dann belagern, er versuch's.
+ Doch sag ich dies: Verderben wird er eher
+ Mit seinem ganzen Volk vor diesen Wällen,
+ Als unsres Mutes Tapferkeit ermüden.
+ Erfahren soll er, was ein Heldenhaufe
+ Vermag, beseelt von einem Heldenführer,
+ Dem's Ernst ist, seinen Fehler gutzumachen.
+ Das wird den Kaiser rühren und versöhnen,
+ Denn gern zur Milde wendet sich sein Herz,
+ Und Friedland, der bereuend wiederkehrt,
+ Wird höher stehn in seines Kaisers Gnade,
+ Als je der Niegefallne hat gestanden.
+
+Wallenstein. (betrachtet ihn mit Befremdung und Erstaunen und
+schweigt eine Zeitlang, eine starke innre Bewegung zeigend)
+ Gordon--des Eifers Wärme führt Euch weit,
+ Es darf der Jugendfreund sich was erlauben.
+ --Blut ist geflossen, Gordon. Nimmer kann
+ Der Kaiser mir vergeben. Könnt' er's, ich,
+ Ich könnte nimmer mir vergeben lassen.
+ Hätt' ich vorher gewußt, was nun geschehn,
+ Daß es den liebsten Freund mir würde kosten,
+ Und hätte mir das Herz wie jetzt gesprochen--
+ Kann sein, ich hätte mich bedacht--kann sein
+ Auch nicht--Doch was nun schonen noch? Zu ernsthaft
+ Hat's angefangen, um in nichts zu enden.
+ Hab' es denn seinen Lauf!
+(Indem er ans Fenster tritt.)
+ Sieh, es ist Nacht geworden, auf dem Schloß
+ Ist's auch schon stille--Leuchte, Kämmerling.
+(Kammerdiener, der unterdessen still eingetreten und mit
+ sichtbarem Anteil in der Ferne gestanden, tritt hervor, heftig
+ bewegt, und stürzt sich zu des Herzogs Füßen.)
+ Du auch noch? Doch ich weiß es ja, warum
+ Du meinen Frieden wünschest mit dem Kaiser.
+ Der arme Mensch! Er hat im Kärntnerland
+ Ein kleines Gut und sorgt, sie nehmen's ihm,
+ Weil er bei mir ist. Bin ich denn so arm,
+ Daß ich den Dienern nicht ersetzen kann?
+ Nun! Ich will niemand zwingen. Wenn du meinst,
+ Daß mich das Glück geflohen, so verlaß mich.
+ Heut magst du mich zum letztenmal entkleiden
+ Und dann zu deinem Kaiser übergehn--
+ Gut Nacht, Gordon!
+ Ich denke einen langen Schlaf zu tun,
+ Denn dieser letzten Tage Qual war groß.
+ Sorgt, daß sie nicht zu zeitig mich erwecken.
+(Er geht ab. Kammerdiener leuchtet. Seni folgt. Gordon bleibt in
+der Dunkelheit stehen, dem Herzog mit den Augen folgend, bis er
+in dem äußersten Gang verschwunden ist; dann drückt er durch
+Gebärden seinen Schmerz aus und lehnt sich gramvoll an eine
+Säule.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Gordon. Buttler, anfangs hinter der Szene.
+
+
+Buttler.
+ Hier stehet still, bis ich das Zeichen gebe.
+
+Gordon. (fährt auf)
+ Er ist's, er bringt die Mörder schon.
+
+Buttler.
+ Die Lichter
+ Sind aus. In tiefem Schlafe liegt schon alles.
+
+Gordon.
+ Was soll ich tun? Versuch ich's, ihn zu retten?
+ Bring ich das Haus, die Wachen in Bewegung?
+
+Buttler. (erscheint hinten)
+ Vom Korridor her schimmert Licht. Das führt
+ Zum Schlafgemach des Fürsten.
+
+Gordon.
+ Aber brech ich
+ Nicht meinen Eid dem Kaiser? Und entkommt er,
+ Des Feindes Macht verstärkend, lad ich nicht
+ Auf mein Haupt alle fürchterlichen Folgen?
+
+Buttler. (etwas näher kommend)
+ Still! Horch! Wer spricht da?
+
+Gordon.
+ Ach, es ist doch besser,
+ Ich stell's dem Himmel heim. Denn was bin ich,
+ Daß ich so großer Tat mich unterfinge?
+ Ich hab ihn nicht ermordet, wenn er umkommt,
+ Doch seine Rettung wäre meine Tat,
+ Und jede schwere Folge müßt' ich tragen.
+
+Buttler. (herzutretend)
+ Die Stimme kenn ich.
+
+Gordon.
+ Buttler!
+
+Buttler.
+ Es ist Gordon.
+ Was sucht Ihr hier? Entließ der Herzog Euch
+ So spät?
+
+Gordon.
+ Ihr tragt die Hand in einer Binde?
+
+Buttler.
+ Sie ist verwundet. Dieser Illo focht
+ Wie ein Verzweifelter, bis wir ihn endlich
+ Zu Boden streckten--
+
+Gordon. (schauert zusammen)
+ Sie sind tot!
+
+Buttler.
+ Es ist geschehn.
+ --Ist er zu Bett?
+
+Gordon.
+ Ach Buttler!
+
+Buttler. (dringend)
+ Ist er? Sprecht!
+ Nicht lange kann die Tat verborgen bleiben.
+
+Gordon.
+ Er soll nicht sterben. Nicht durch Euch! Der Himmel
+ Will Euren Arm nicht. Seht, er ist verwundet.
+
+Buttler.
+ Nicht meines Armes braucht's.
+
+Gordon.
+ Die Schuldigen
+ Sind tot; genug ist der Gerechtigkeit
+ Geschehn! Laßt dieses Opfer sie versöhnen!
+(Kammerdiener kommt den Gang her, mit dem Finger auf dem Mund
+Stillschweigen gebietend.)
+ Er schläft! O mordet nicht den heil'gen Schlaf!
+
+Buttler.
+ Nein, er soll wachend sterben.
+(Will gehen.)
+
+Gordon.
+ Ach, sein Herz ist noch
+ Den ird'schen Dingen zugewendet, nicht
+ Gefaßt ist er, vor seinen Gott zu treten.
+
+Buttler.
+ Gott ist barmherzig!
+(Will gehen.)
+
+Gordon. (hält ihn)
+ Nur die Nacht noch gönnt ihm.
+
+Buttler.
+ Der nächste Augenblick kann uns verraten.
+(Will fort.)
+
+Gordon. (hält ihn).
+ Nur eine Stunde!
+
+Buttler.
+ Laßt mich los! Was kann
+ Die kurze Frist ihm helfen?
+
+Gordon.
+ O die Zeit ist
+ Ein wundertät'ger Gott. In einer Stunde rinnen
+ Viel tausend Körner Sandes, schnell wie sie
+ Bewegen sich im Menschen die Gedanken.
+ Nur eine Stunde! Euer Herz kann sich,
+ Das seinige sich wenden--Eine Nachricht
+ Kann kommen--ein beglückendes Ereignis
+ Entscheidend, rettend, schnell vom Himmel fallen--
+ O was vermag nicht eine Stunde!
+
+Buttler.
+ Ihr erinnert mich,
+ Wie kostbar die Minuten sind.
+(Er stampft auf den Boden.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Macdonald, Deveroux mit Hellebardierern treten hervor.
+Dann Kammerdiener. Vorige.
+
+
+Gordon. (sich zwischen ihn und jene werfend).
+ Nein, Unmensch!
+ Erst über meinen Leichnam sollst du hingehn,
+ Denn nicht will ich das Gräßliche erleben.
+
+Buttler. (ihn wegdrängend).
+ Schwachsinn'ger Alter!
+(Man hört Trompeten in der Ferne.)
+
+Macdonald
+ und Deveroux.
+ Schwedische Trompeten!
+ Die Schweden stehn vor Eger! Laßt uns eilen!
+
+Gordon.
+ Gott! Gott!
+
+Buttler.
+ An Euren Posten, Kommendant!
+(Gordon stürzt hinaus.)
+
+Kammerdiener. (eilt herein.)
+ Wer darf hier lärmen? Still, der Herzog schläft!
+
+Deveroux. (mit lauter, fürchterlicher Stimme.)
+ Freund! Jetzt ist's Zeit, zu lärmen!
+
+Kammerdiener. (Geschrei erhebend)
+ Hilfe! Mörder!
+
+Buttler.
+ Nieder mit ihm!
+
+Kammerdiener. (von Deveroux durchbohrt, stürzt am Eingang der Galerie)
+ Jesus Maria!
+
+Buttler.
+ Sprengt die Türen!
+(Sie schreiten über den Leichnam weg den Gang hin. Man hört in
+ der Ferne zwei Türen nach einander stürzen--Dumpfe Stimmen--
+ Waffengetöse--dann plötzlich tiefe Stille.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+
+Gräfin Terzky. (mit einem Lichte)
+ Ihr Schlafgemach ist leer, und sie ist nirgends
+ Zu finden, auch die Neubrunn wird vermißt,
+ Die bei ihr wachte--Wäre sie entflohn?
+ Wo kann sie hingeflohen sein! Man muß
+ Nacheilen, alles in Bewegung setzen!
+ Wie wird der Herzog diese Schreckenspost
+ Aufnehmen!--Wäre nur mein Mann zurück
+ Vom Gastmahl! Ob der Herzog wohl noch wach ist?
+ Mir war's, als hört' ich Stimmen hier und Tritte.
+ Ich will doch hingehn, an der Türe lauschen.
+ Horch! wer ist das? Es eilt die Trepp' herauf.
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Gräfin. Gordon. Dann Buttler.
+
+
+Gordon. (eilfertig, atemlos hereinstürzend):
+ Es ist ein Irrtum--es sind nicht die Schweden.
+ Ihr sollt nicht weitergehen--Buttler--Gott!
+ Wo ist er?
+(Indem er die Gräfin bemerkt.)
+
+Gräfin, sagen Sie--
+
+Gräfin.
+ Sie kommen von der Burg? Wo ist mein Mann?
+
+Gordon. (entsetzt)
+ Ihr Mann!--O fragen Sie nicht! Gehen Sie
+ Hinein--
+(Will fort)
+
+Gräfin. (hält ihn)
+ Nicht eher, bis Sie mir entdecken--
+
+Gordon. (heftig dringend)
+ An diesem Augenblicke hängt die Welt!
+ Um Gotteswillen, gehen Sie--Indem
+ Wir sprechen--Gott im Himmel!
+(Laut schreiend.)
+
+Buttler! Buttler!
+
+Gräfin.
+ Der ist ja auf dem Schloß mit meinem Mann.
+(Buttler kommt aus der Galerie.)
+
+Gordon. (der ihn erblickt).
+ Es war ein Irrtum--Es sind nicht die Schweden--
+ Die Kaiserlichen sind's, die eingedrungen--
+ Der Generalleutnant schickt mich her, er wird
+ Gleich selbst hier sein--Ihr sollt nicht weiter gehn--
+
+Buttler.
+ Er kommt zu spät.
+
+Gordon. (stürzt an die Mauer)
+ Gott der Barmherzigkeit!
+
+Gräfin. (ahnungsvoll)
+ Was ist zu spät? Wer wird gleich selbst hier sein?
+ Octavio in Eger eingedrungen?
+ Verräterei! Verräterei!
+ Wo ist Der Herzog?
+(Eilt dem Gange zu.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Vorige. Seni. Dann Bürgermeister. Page. Kammerfrau. Bediente rennen
+schreckensvoll über die Szene.
+
+
+Seni. (der mit allen Zeichen des Schreckens aus der Galerie kommt)
+ O blutige, entsetzensvolle Tat!
+
+Gräfin.
+ Was ist
+ Geschehen, Seni?
+
+Page. (herauskommend)
+ O erbarmungswürd'ger Anblick!
+(Bediente mit Fackeln.)
+
+Gräfin.
+ Was ist's? Um Gotteswillen!
+
+Seni.
+ Fragt Ihr noch?
+ Drinn' liegt der Fürst ermordet, Euer Mann ist
+ Erstochen auf der Burg.
+(Gräfin bleibt erstarrt stehen.)
+
+Kammerfrau. (eilt herein).
+ Hilf'! Hilf' der Herzogin!
+
+Bürgermeister. (kommt schreckenvoll)
+ Was für ein Ruf
+ Des Jammers weckt die Schläfer dieses Hauses?
+
+Gordon.
+ Verflucht ist Euer Haus auf ew'ge Tage!
+ In Eurem Hause liegt der Fürst ermordet.
+
+Bürgermeister.
+ Das wolle Gott nicht!
+(Stürzt hinaus.)
+
+Erster Bedienter.
+ Flieht! Flieht! Sie ermorden
+ Uns alle!
+ Zweiter Bedienter
+(Silbergeräte tragend)
+ Da hinaus. Die untern Gänge sind besetzt.
+(Hinter der Szene wird gerufen:)
+ Platz! Platz dem Generalleutnant!
+(Bei diesen Worten richtet sich die Gräfin aus ihrer Erstarrung auf,
+faßt sich und geht schnell ab.)
+(Hinter der Szene:)
+ Besetzt das Tor! Das Volk zurückgehalten!
+
+
+
+Elfter Auftritt
+
+Vorige ohne die Gräfin. Octavio Piccolomini tritt herein mit Gefolge.
+Deveroux und Macdonald kommen zugleich aus dem Hintergrunde mit
+Hellebardierern. Wallensteins Leichnam wird in einem roten Teppich
+hinten über die Szene getragen.
+
+
+Octavio. (rasch eintretend)
+ Es darf nicht sein! Es ist nicht möglich! Buttler!
+ Gordon! Ich will's nicht glauben. Saget nein.
+
+Gordon. (ohne zu antworten, weist mit der Hand nach hinten.
+Octavio sieht hin und steht von Entsetzen ergriffen).
+
+Deveroux. (zu Buttler).
+ Hier ist das goldne Vlies, des Fürsten Degen!
+
+Macdonald.
+ Befehlt Ihr, daß man die Kanzlei--
+
+Buttler. (auf Octavio zeigend)
+ Hier steht er,
+ Der jetzt allein Befehle hat zu geben.
+(Deveroux und Macdonald treten ehrerbietig zurück; alles verliert
+sich still, daß nur allein Buttler, Octavio und Gordon auf der
+Szene bleiben.)
+
+Octavio. (zu Buttlern gewendet).
+ War das die Meinung, Buttler, als wir schieden?
+ Gott der Gerechtigkeit! Ich hebe meine Hand auf.
+ Ich bin an dieser ungeheuren Tat
+ Nicht schuldig.
+
+Buttler.
+ Eure Hand ist rein. Ihr habt
+ Die meinige dazu gebraucht.
+
+Octavio.
+ Ruchloser!
+ So mußtest du des Herrn Befehl mißbrauchen
+ Und blutig grauenvollen Meuchelmord
+ Auf deines Kaisers heil'gen Namen wälzen?
+
+Buttler. (gelassen)
+ Ich hab des Kaisers Urtel nur vollstreckt.
+
+Octavio.
+ O Fluch der Könige, der ihren Worten
+ Das fürchterliche Leben gibt, dem schnell
+ Vergänglichen Gedanken gleich die Tat,
+ Die fest unwiderrufliche, ankettet!
+ Mußt' es so rasch gehorcht sein? Konntest du
+ Dem Gnädigen nicht Zeit zur Gnade gönnen?
+ Des Menschen Engel ist die Zeit--die rasche
+ Vollstreckung an das Urteil anzuheften,
+ Ziemt nur dem unveränderlichen Gott!
+
+Buttler.
+ Was scheltet Ihr mich? Was ist mein Verbrechen?
+ Ich habe eine gute Tat getan,
+ Ich hab das Reich von einem furchtbarn Feinde
+ Befreit und mache Anspruch auf Belohnung.
+ Der einz'ge Unterschied ist zwischen Eurem
+ Und meinem Tun: Ihr habt den Pfeil geschärft,
+ Ich hab ihn abgedrückt. Ihr sätet Blut
+ Und steht bestürzt, daß Blut ist aufgegangen.
+ Ich wußt immer, was ich tat, und so
+ Erschreckt und überrascht mich kein Erfolg.
+ Habt Ihr sonst einen Auftrag mir zu geben?
+ Denn stehnden Fußes reis ich ab nach Wien,
+ Mein blutend Schwert vor meines Kaisers Thron
+ Zu legen und den Beifall mir zu holen,
+ Den der geschwinde, pünktliche Gehorsam
+ Von dem gerechten Richter fordern darf.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+Vorige ohne Buttler. Gräfin Terzky tritt auf, bleich und entstellt.
+ Ihre Sprache ist schwach und langsam, ohne Leidenschaft.
+
+
+Octavio. (ihr entgegen)
+ O Gräfin Terzky, mußt' es dahin kommen?
+ Das sind die Folgen unglücksel'ger Taten.
+
+Gräfin.
+ Es sind die Früchte Ihres Tuns--Der Herzog
+ Ist tot, mein Mann ist tot, die Herzogin
+ Ringt mit dem Tode, meine Nichte ist verschwunden.
+ Dies Haus des Glanzes und der Herrlichkeit
+ Steht nun verödet, und durch alle Pforten
+ Stürzt das erschreckte Hofgesinde fort.
+ Ich bin die Letzte drin, ich schloß es ab
+ Und liefre hier die Schlüssel aus.
+
+Octavio. (mit tiefem Schmerz)
+ O Gräfin,
+ Auch mein Haus ist verödet!
+
+Gräfin.
+ Wer soll noch
+ Umkommen? Wer soll noch mißhandelt werden?
+ Der Fürst ist tot, des Kaisers Rache kann
+ Befriedigt sein. Verschonen Sie die alten Diener!
+ Daß den Getreuen ihre Lieb und Treu
+ Nicht auch zum Frevel angerechnet werde!
+ Das Schicksal überraschte meinen Bruder
+ Zu schnell, er konnte nicht mehr an sie denken.
+
+Octavio
+ Nichts von Mißhandlung! Nichts von Rache, Gräfin!
+ Die schwere Schuld ist schwer gebüßt, der Kaiser
+ Versöhnt, nichts geht vom Vater auf die Tochter
+ Hinüber als sein Ruhm und sein Verdienst.
+ Die Kaiserin ehrt Ihr Unglück, öffnet Ihnen
+ Teilnehmend ihre mütterlichen Arme.
+ Drum keine Furcht mehr! Fassen Sie Vertrauen
+ Und übergeben Sie sich hoffnungsvoll
+ Der kaiserlichen Gnade.
+
+Gräfin. (mit einem Blick zum Himmel)
+ Ich vertraue mich
+ Der Gnade eines größern Herrn--Wo soll
+ Der fürstliche Leichnam seine Ruhstatt finden?
+ In der Kartause, die er selbst gestiftet,
+ Zu Gitschin ruht die Gräfin Wallenstein;
+ An ihrer Seite, die sein erstes Glück
+ Gegründet, wünscht' er, dankbar, einst zu schlummern.
+ O lassen Sie ihn dort begraben sein!
+ Auch für die Reste meines Mannes bitt ich
+ Um gleiche Gunst. Der Kaiser ist Besitzer
+ Von unsern Schlössern, gönne man uns nur
+ Ein Grab noch bei den Gräbern unsrer Ahnen.
+
+Octavio.
+ Sie zittern, Gräfin--Sie verbleichen--Gott!
+ Und welche Deutung geb ich Ihren Reden?
+
+Gräfin. (sammelt ihre letzte Kraft und spricht mit
+ Lebhaftigkeit und Adel)
+ Sie denken würdiger von mir, als daß Sie glaubten,
+ Ich überlebte meines Hauses Fall.
+ Wir fühlten uns nicht zu gering, die Hand
+ Nach einer Königskrone zu erheben--
+ Es sollte nicht sein--Doch wir denken königlich
+ Und achten einen freien, mut'gen Tod
+ Anständiger als ein entehrtes Leben.
+ --Ich habe Gift--
+
+Octavio.
+ O rettet! helft!
+
+Gräfin.
+ Es ist zu spät.
+ In wenig Augenblicken ist mein Schicksal
+ Erfüllt.
+(Sie geht ab.)
+
+Gordon.
+ O Haus des Mordes und Entsetzens!
+(Ein Kurier kommt und bringt einen Brief. Gordon tritt ihm entgegen.)
+ Was gibt's? Das ist das kaiserliche Siegel.
+(Er hat die Aufschrift gelesen und übergibt den Brief dem Octavio
+ mit einem Blick des Vorwurfs.)
+ Dem Fürsten Piccolomini.
+(Octavio erschrickt und blickt schmerzvoll zu Himmel.)
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Wallensteins Tod, by Friedrich Schiller
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALLENSTEINS TOD ***
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+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
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+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
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+edition.
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+facility: www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
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+this eBook outside of the United States should confirm copyright
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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+++ b/old/7wllt10.txt
@@ -0,0 +1,7903 @@
+The Project Gutenberg EBook of Wallensteins Tod, by Friedrich Schiller
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Wallensteins Tod
+
+Author: Friedrich Schiller
+
+Release Date: September, 2004 [EBook #6549]
+[This file was first posted on February 11, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, WALLENSTEINS TOD ***
+
+
+
+
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg
+Projekt-DE. That project is reachable at the web site
+http://gutenberg2000.de.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur
+Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg2000.de erreichbar.
+
+
+
+
+
+Wallensteins Tod
+
+Friedrich Schiller
+
+Ein Trauerspiel in Fuenf Aufzuegen
+
+Personen:
+
+Wallenstein
+Octavio Piccolomini
+Max Piccolomini
+Terzky
+Illo
+Isolani
+Buttler
+Rittmeister Neumann
+Ein Adjutant
+Oberst Wrangel von Schweden gesendet
+Gordon Kommandant von Eger
+Major Geraldin
+Deveroux
+Macdonald
+Hauptleute in der Wallensteinischen Armee
+Schwedischer Hauptmann
+Eine Gesandtschaft von
+Kuerassieren
+Buergermeister von Eger
+Seni
+Herzogin von Friedland
+Graefin Terzky
+Thekla
+Fraeulein Neubrunn Hofdame der Prinzessin
+von Rosenberg Stallmeister der Prinzessin
+Dragoner
+Bediente. Pagen. Volk.
+
+Die Szene ist in den drei ersten Aufzuegen zu Pilsen, in den
+zwei letzten zu Eger.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+Ein Zimmer, zu astrologischen Arbeiten eingerichtet und mit
+Sphaeren, Karten, Quadranten und anderm astronomischen Geraete
+versehen. Der Vorhang von einer Rotunde ist aufgezogen, in
+welcher die sieben Planetenbilder, jedes in einer Nische,
+seltsam beleuchtet, zu sehen sind. Seni beobachtet die Sterne,
+Wallenstein steht vor einer grossen schwarzen Tafel, auf welcher
+der Planetenaspekt gezeichnet ist.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Wallenstein. Seni.
+
+
+Wallenstein.
+ Lass es jetzt gut sein, Seni. Komm herab.
+ Der Tag bricht an, und Mars regiert die Stunde.
+ Es ist nicht gut mehr operieren. Komm!
+ Wir wissen g'nug.
+
+Seni.
+ Nur noch die Venus lass mich
+ Betrachten, Hoheit. Eben geht sie auf.
+ Wie eine Sonne glaenzt sie in dem Osten.
+
+Wallenstein.
+ Ja, sie ist jetzt in ihrer Erdennaeh'
+ Und wirkt herab mit allen ihren Staerken.
+(Die Figur auf der Tafel betrachtend.)
+ Glueckseliger Aspekt! So stellt sich endlich
+ Die grosse Drei verhaengnisvoll zusammen,
+ Und beide Segenssterne, Jupiter
+ Und Venus, nehmen den verderblichen,
+ Den tueck'schen Mars in ihre Mitte, zwingen
+ Den alten Schadenstifter, mir zu dienen.
+ Denn lange war er feindlich mir gesinnt
+ Und schoss mit senkrecht- oder schraeger Strahlung,
+ Bald im Gevierten, bald im Doppelschein,
+ Die roten Blitze meinen Sternen zu
+ Und stoerte ihre segenvollen Kraefte.
+ Jetzt haben sie den alten Feind besiegt
+ Und bringen ihn am Himmel mir gefangen.
+
+Seni.
+ Und beide grosse Lumina von keinem
+ Malefico beleidigt! der Saturn
+ Unschaedlich, machtlos, in cadente domo.
+
+Wallenstein.
+ Saturnus' Reich ist aus, der die geheime
+ Geburt der Dinge in dem Erdenschoss
+ Und in den Tiefen des Gemuets beherrscht
+ Und ueber allem, was das Licht scheut, waltet.
+ Nicht Zeit ist's mehr, zu brueten und zu sinnen,
+ Denn Jupiter, der glaenzende, regiert
+ Und zieht das dunkel zubereitete Werk
+ Gewaltig in das Reich des Lichts--Jetzt muss
+ Gehandelt werden, schleunig, eh' die Gluecks-
+ Gestalt mir wieder wegflieht ueberm Haupt,
+ Denn stets in Wandlung ist der Himmelsbogen.
+(Es geschehen Schlaege an die Tuer.)
+ Man pocht. Sieh, wer es ist.
+
+Terzky. (draussen).
+ Lass oeffnen!
+
+Wallenstein.
+ Es ist Terzky.
+ Was gibt's so Dringendes? Wir sind beschaeftigt.
+
+Terzky. (draussen)
+ Leg alles jetzt beiseit', ich bitte dich,
+ Es leidet keinen Aufschub.
+
+Wallenstein.
+ Oeffne, Seni.
+(Indem jener dem Terzky aufmacht, zieht Wallenstein den Vorhang
+vor die Bilder.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Wallenstein. Graf Terzky.
+
+
+Terzky. (tritt ein).
+ Vernahmst du's schon? Er ist gefangen, ist
+ Vom Gallas schon dem Kaiser ausgeliefert!
+
+Wallenstein. (zu Terzky)
+ Wer ist gefangen? Wer ist ausgeliefert?
+
+Terzky.
+ Wer unser ganz Geheimnis weiss, um jede
+ Verhandlung mit den Schweden weiss und Sachsen,
+ Durch dessen Haende alles ist gegangen--
+
+Wallenstein. (zurueckfahrend)
+ Sesin doch nicht? Sag nein, ich bitte dich.
+
+Terzky.
+ Grad auf dem Weg nach Regenspurg zum Schweden
+ Ergriffen ihn des Gallas Abgeschickte,
+ Der ihm schon lang die Faehrte abgelauert.
+ Mein ganz Paket an Kinsky, Matthes Thurn,
+ An Oxenstirn, an Arnheim fuehrt er bei sich.
+ Das alles ist in ihrer Hand, sie haben
+ Die Einsicht nun in alles, was geschehn.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Vorige. Illo kommt.
+
+
+Illo. (zu Terzky)
+ Weiss er's?
+
+Terzky.
+ Er weiss es.
+
+Illo. (zu Wallenstein)
+ Denkst du deinen Frieden
+ Nun noch zu machen mit dem Kaiser, sein
+ Vertraun zurueckzurufen? waer' es auch:
+ Du wolltest allen Planen jetzt entsagen,
+ Man weiss, was du gewollt hast. Vorwaerts musst du,
+ Denn rueckwaerts kannst du nun nicht mehr.
+
+Terzky.
+ Sie haben Dokumente gegen uns
+ In Haenden, die unwidersprechlich zeugen--
+
+Wallenstein.
+ Von meiner Handschrift nichts. Dich straf ich Luegen.
+
+Illo.
+ So? Glaubst du wohl, was dieser da, dein Schwager,
+ In deinem Namen unterhandelt hat,
+ Das werde man nicht dir auf Rechnung setzen?
+ Dem Schweden soll sein Wort fuer deines gelten,
+ Und deinen Wiener Feinden nicht!
+
+Terzky.
+ Du gabst nichts Schriftliches--Besinn dich aber,
+ Wie weit du muendlich gingst mit dem Sesin.
+ Und wird er schweigen? Wenn er sich mit deinem
+ Geheimnis retten kann, wird er's bewahren?
+
+Illo.
+ Das faellt dir selbst nicht ein! Und da sie nun
+ Berichtet sind, wie weit du schon gegangen,
+ Sprich! was erwartest du? Bewahren kannst du
+ Nicht laenger dein Kommando, ohne Rettung
+ Bist du verloren, wenn du's niederlegst.
+
+Wallenstein.
+ Das Heer ist meine Sicherheit. Das Heer
+ Verlaesst mich nicht. Was sie auch wissen moegen,
+ Die Macht ist mein, sie muessen's niederschlucken,
+ --Und stell ich Kaution fuer meine Treu',
+ So muessen sie sich ganz zufrieden geben.
+
+Illo.
+ Das Heer ist dein; jetzt fuer den Augenblick
+ Ist's dein; doch zittre vor der langsamen,
+ Der stillen Macht der Zeit. Vor offenbarer
+ Gewalt beschuetzt dich heute noch und morgen
+ Der Truppen Gunst; doch goennst du ihnen Frist,
+ Sie werden unvermerkt die gute Meinung,
+ Worauf du jetzo fussest, untergraben,
+ Dir einen um den andern listig stehlen--
+ Bis, wenn der grosse Erdstoss nun geschieht,
+ Der treulos muerbe Bau zusammenbricht.
+
+Wallenstein.
+ Es ist ein boeser Zufall!
+
+Illo.
+ Oh! einen gluecklichen will ich ihn nennen,
+ Hat er auf dich die Wirkung, die er soll,
+ Treibt dich zu schneller Tat--Der schwed'sche Oberst--
+
+Wallenstein.
+ Er ist gekommen? Weisst du, was er bringt?
+
+Illo.
+ Er will nur dir allein sich anvertraun.
+
+Wallenstein.
+ Ein boeser, boeser Zufall--Freilich! Freilich!
+ Sesina weiss zu viel und wird nicht schweigen.
+
+Terzky.
+ Er ist ein boehmischer Rebell und Fluechtling,
+ Sein Hals ist ihm verwirkt; kann er sich retten
+ Auf deine Kosten, wird er Anstand nehmen?
+ Und wenn sie auf der Folter ihn befragen,
+ Wird er, der Weichling, Staerke g'nug besitzen?--
+
+Wallenstein. (in Nachsinnen verloren)
+ Nicht herzustellen mehr ist das Vertraun.
+ Und mag ich handeln, wie ich will, ich werde
+ Ein Landsverraeter ihnen sein und bleiben.
+ Und kehr ich noch so ehrlich auch zurueck
+ Zu meiner Pflicht, es wird mir nichts mehr helfen--
+
+Illo.
+ Verderben wird es dich. Nicht deiner Treu',
+ Der Ohnmacht nur wird's zugeschrieben werden.
+
+Wallenstein. (in heftiger Bewegung auf und ab gehend)
+ Wie? Sollt' ich's nun im Ernst erfuellen muessen,
+ Weil ich zu frei gescherzt mit dem Gedanken?
+ Verflucht, wer mit dem Teufel spielt!--
+
+Illo.
+ Wenn's nur dein Spiel gewesen, glaube mir,
+ Du wirst's in schwerem Ernste buessen muessen.
+
+Wallenstein.
+ Und muesst' ich's in Erfuellung bringen, jetzt,
+ Jetzt, da die Macht noch mein ist, muesst's geschehn--
+
+Illo.
+ Wo moeglich, eh' sie von dem Schlage sich
+ In Wien besinnen und zuvor dir kommen--
+
+Wallenstein. (die Unterschriften betrachtend)
+ Das Wort der Generale hab ich schriftlich--
+ Max Piccolomini steht nicht hier. Warum nicht?
+
+Terzky.
+ Es war--er meinte--
+
+Illo.
+ Blosser Eigenduenkel!
+ Es brauche das nicht zwischen dir und ihm.
+
+Wallenstein.
+ Es braucht das nicht, er hat ganz recht--
+ Die Regimenter wollen nicht nach Flandern,
+ Sie haben eine Schrift mir uebersandt
+ Und widersetzen laut sich dem Befehl.
+ Der erste Schritt zu Aufruhr ist geschehn.
+
+Illo.
+ Glaub mir, du wirst sie leichter zu dem Feind
+ Als zu dem Spanier hinueber fuehren.
+
+Wallenstein.
+ Ich will doch hoeren, was der Schwede mir
+ Zu sagen hat.
+
+Illo. (pressiert)
+ Wollt Ihr ihn rufen, Terzky?
+ Er steht schon draussen.
+
+Wallenstein.
+ Warte noch ein wenig.
+ Es hat mich ueberrascht--Es kam zu schnell--
+ Ich bin es nicht gewohnt, dass mich der Zufall
+ Blind waltend, finster herrschend mit sich fuehre.
+
+Illo.
+ Hoer ihn fuers erste nur. Erwaeg's nachher.
+(Sie gehen.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+
+Wallenstein. (mit sich selbst redend)
+ Waer's moeglich? Koennt' ich nicht mehr, wie ich wollte?
+ Nicht mehr zurueck, wie mir's beliebt? Ich muesste
+ Die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht,
+ Nicht die Versuchung von mir wies--das Herz
+ Genaehrt mit diesem Traum, auf ungewisse
+ Erfuellung hin die Mittel mir gespart,
+ Die Wege bloss mir offen hab gehalten?--
+ Beim grossen Gott des Himmels! Es war nicht
+ Mein Ernst, beschlossne Sache war es nie.
+ In dem Gedanken bloss gefiel ich mir;
+ Die Freiheit reizte mich und das Vermoegen.
+ War's unrecht, an dem Gaukelbilde mich
+ Der koeniglichen Hoffnung zu ergoetzen?
+ Blieb in der Brust mir nicht der Wille frei,
+ Und sah ich nicht den guten Weg zur Seite,
+ Der mir die Rueckkehr offen stets bewahrte?
+ Wohin denn seh ich ploetzlich mich gefuehrt?
+ Bahnlos liegt's hinter mir, und eine Mauer
+ Aus meinen eignen Werken baut sich auf,
+ Die mir die Umkehr tuermend hemmt!
+(Er bleibt tiefsinnig stehen.)
+ Strafbar erschein ich, und ich kann die Schuld,
+ Wie ich's versuchen mag! nicht von mir waelzen;
+ Denn mich verklagt der Doppelsinn des Lebens,
+ Und--selbst der frommen Quelle reine Tat
+ Wird der Verdacht, schlimmdeutend, mir vergiften.
+ War ich, wofuer ich gelte, der Verraeter,
+ Ich haette mir den guten Schein gespart,
+ Die Huelle haett' ich dicht um mich gezogen,
+ Dem Unmut Stimme nie geliehn. Der Unschuld,
+ Des unverfuehrten Willens mir bewusst,
+ Gab ich der Laune Raum, der Leidenschaft--
+ Kuehn war das Wort, weil es die Tat nicht war.
+ Jetzt werden sie, was planlos ist geschehn,
+ Weitsehend, planvoll mir zusammenknuepfen,
+ Und was der Zorn und was der frohe Mut
+ Mich sprechen liess im Ueberfluss des Herzens,
+ Zu kuenstlichem Gewebe mir vereinen
+ Und eine Klage furchtbar draus bereiten,
+ Dagegen ich verstummen muss. So hab ich
+ Mit eignem Netz verderblich mich umstrickt,
+ Und nur Gewalttat kann es reissend loesen.
+(Wiederum stillstehend.)
+ Wie anders! da des Mutes freier Trieb
+ Zur kuehnen Tat mich zog, die rauh gebietend
+ Die Not jetzt, die Erhaltung von mir heischt.
+ Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit.
+ Nicht ohne Schauder greift des Menschen Hand
+ In des Geschicks geheimnisvolle Urne.
+ In meiner Brust war meine Tat noch mein:
+ Einmal entlassen aus dem sichern Winkel
+ Des Herzens, ihrem muetterlichen Boden,
+ Hinausgegeben in des Lebens Fremde,
+ Gehoert sie jenen tueck'schen Maechten an,
+ Die keines Menschen Kunst vertraulich macht.
+(Er macht heftige Schritte durchs Zimmer, dann bleibt er wieder
+sinnend stehen.)
+ Und was ist dein Beginnen? Hast du dir's
+ Auch redlich selbst bekannt? Du willst die Macht,
+ Die ruhig, sicher thronende erschuettern,
+ Die in verjaehrt geheiligtem Besitz,
+ In der Gewohnheit festgegruendet ruht,
+ Die an der Voelker frommem Kinderglauben
+ Mit tausend zaehen Wurzeln sich befestigt.
+ Das wird kein Kampf der Kraft sein mit der Kraft,
+ Den fuecht ich nicht. Mit jedem Gegner wag ich's,
+ Den ich kann sehen und ins Augen fassen,
+ Der, selbst voll Mut, auch mir den Mut entflammt.
+ Ein unsichtbarer Feind ist's, den ich fuerchte,
+ Der in der Menschen Brust mir widersteht,
+ Durch feige Furcht allein mir fuerchterlich--
+ Nicht, was lebendig kraftvoll sich verkuendigt,
+ Ist das gefaehrlich Furchtbare. Das ganz
+ Gemeine ist's, das ewig Gestrige,
+ Was immer war, und immer wiederkehrt
+ Und morgen gilt, weil's heute hat gegolten!
+ Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht,
+ Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
+ Weh dem, der an den wuerdig alten Hausrat
+ Ihm ruehrt, das teure Erbstueck seiner Ahnen!
+ Das Jahr uebt eine heiligende Kraft;
+ Was grau fuer Alter ist, das ist ihm goettlich.
+ Sei im Besitze, und du wohnst im Recht,
+ Und heilig wird's die Menge die bewahren.
+(Zu dem Pagen, der hereintritt.)
+ Der schwed'sche Oberst? Ist er's? Nun, er komme.
+(Page geht. Wallenstein hat den Blick nachdenkend auf die
+Tuere geheftet.)
+ Noch ist sie rein--noch! Das Verbrechen kam
+ Nicht ueber diese Schwelle noch--So schma ist
+ Die Grenze, die zwei Lebenspfade scheidet!
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Wallenstein und Wrangel.
+
+
+Wallenstein. (nachdem er einen forschenden Blick auf ihn geheftet)
+ Ihr nennt Euch Wrangel?
+
+Wrangel.
+ Gustav Wrangel, Oberst
+ Vom blauen Regimente Suedermannland.
+
+Wallenstein.
+ Ein Wrangel war's, der vor Stralsund viel Boeses
+ Mir zugefuegt, durch tapfre Gegenwehr
+ Schuld war, dass mir die Seestadt widerstanden.
+
+Wrangel.
+ Das Werk des Elements, mit dem Sie kaempften,
+ Nicht mein Verdienst, Herr Herzog! Seine Freiheit
+ Verteidigte mit Sturmes Macht der Belt,
+ Es sollte Meer und Land nicht einem dienen.
+
+Wallenstein.
+ Den Admiralshut risst Ihr mir vom Haupt.
+
+Wrangel.
+ Ich komme, eine Krone drauf zu setzen.
+
+Wallenstein. (winkt ihm, Platz zu nehmen, setzt sich).
+ Euer Kreditiv. Kommt Ihr mit ganzer Vollmacht?
+
+Wrangel. (bedenklich)
+ Es sind so manche Zweifel noch zu loesen--
+
+Wallenstein. (nachdem er gelesen)
+ Der Brief hat Haend' und Fuess'. Es ist ein klug,
+ Verstaendig Haupt, Herr Wrangel, dem Ihr dienet.
+ Es schreibt der Kanzler: er vollziehe nur
+ Den eignen Einfall des verstorbnen Koenigs,
+ Indem er mir zur boehm'schen Kron' verhelfe.
+
+Wrangel.
+ Er sagt, was wahr ist. Der Hochselige
+ Hat immer gross gedacht von Euer Gnaden
+ Fuertrefflichem Verstand und Feldherrngaben,
+ Und stets der Herrschverstaendigste, beliebt' ihm
+ Zu sagen, sollte Herrscher sein und Koenig.
+
+Wallenstein.
+ Er durft' es sagen.
+(Seine Hand vertraulich fassend.)
+ Aufrichtig, Oberst Wrangel--Ich war stets
+ Im Herzen auch gut schwedisch--Ei, das habt ihr
+ In Schlesien erfahren und bei Nuernberg.
+ Ich hatt' euch oft in meiner Macht und liess
+ Durch eine Hintertuer euch stets entwischen.
+ Das ist's, was sie in Wien mir nicht verzeihn,
+ Was jetzt zu diesem Schritt mich treibt--Und weil
+ Nun unser Vorteil so zusammengeht,
+ So lasst uns zu einander auch ein recht
+ Vertrauen fassen.
+
+Wrangel.
+ Das Vertraun wird kommen,
+ Hat jeder nur erst seine Sicherheit.
+
+Wallenstein.
+ Der Kanzler, merk ich, traut mir noch nicht recht.
+ Ja, ich gesteh's--Es liegt das Spiel nicht ganz
+ Zu meinem Vorteil--Seine Wuerden meint,
+ Wenn ich dem Kaiser, der mein Herr ist, so
+ Mitspielen kann, ich koenn' das gleiche tun
+ Am Feinde, und das eine waere mir
+ Noch eher zu verzeihen als das andre.
+ Ist das nicht Eure Meinung auch, Herr Wrangel?
+
+Wrangel.
+ Ich hab hier bloss ein Amt und keine Meinung.
+
+Wallenstein.
+ Der Kaiser hat mich bis zum Aeussersten
+ Gebracht. Ich kann ihm nicht mehr ehrlich dienen.
+ Zu meiner Sicherheit, aus Notwehr tu ich
+ Den harten Schritt, den mein Bewusstsein tadelt.
+
+Wrangel.
+ Ich glaub's. So weit geht niemand, der nicht muss.
+(Nach einer Pause.)
+ Was Eure Fuerstlichkeit bewegen mag,
+ Also zu tun an ihrem Herrn und Kaiser,
+ Gebuehrt nicht uns zu richten und zu deuten.
+ Der Schwede ficht fuer seine gute Sach'
+ Mit seinem guten Degen und Gewissen.
+ Die Konkurrenz ist, die Gelegenheit
+ Zu unsrer Gunst, im Krieg gilt jeder Vorteil,
+ Wir nehmen unbedenklich, was sich bietet;
+ Und wenn sich alles richtig so verhaelt--
+
+Wallenstein.
+ Woran denn zweifelt man? An meinem Willen?
+ An meinen Kraeften? Ich versprach dem Kanzler,
+ Wenn er mir sechzehntausend Mann vertraut,
+ Mit achtzehntausend von des Kaisers Heer
+ Dazuzustossen--
+
+Wrangel.
+ Euer Gnaden sind
+ Bekannt fuer einen hohen Kriegesfuersten,
+ Fuer einen zweiten Attila und Pyrrhus.
+ Noch mit Erstaunen redet man davon,
+ Wie Sie vor Jahren, gegen Menschendenken,
+ Ein Heer wie aus dem Nichts hervorgerufen.
+ Jedennoch--
+
+Wallenstein.
+ Dennoch?
+
+Wrangel.
+ Seine Wuerden meint,
+ Ein leichter Ding doch moecht' es sein, mit nichts
+ Ins Feld zu stellen sechzigtausend Krieger,
+ Als nur ein Sechzigteil davon
+(er haelt inne)
+
+Wallenstein.
+ Nun, was?
+ Nur frei heraus!
+
+Wrangel.
+ Zum Treubruch zu verleiten.
+
+Wallenstein.
+ Meint er? Er urteilt wie ein Schwed' und wie
+ Ein Protestant. Ihr Lutherischen fechtet
+ Fuer eure Bibel, euch ist's um die Sach';
+ Mit eurem Herzen folgt ihr eurer Fahne.--
+ Wer zu dem Feinde laeuft von euch, der hat
+ Mit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen.
+ Von all dem ist die Rede nicht bei uns--
+
+Wrangel.
+ Herr Gott im Himmel! Hat man hierzulande
+ Denn keine Heimat, keinen Herd und Kirche?
+
+Wallenstein.
+ Ich will Euch sagen, wie das zugeht--Ja,
+ Der Oesterreicher hat ein Vaterland
+ Und liebt's und hat auch Ursach', es zu lieben.
+ Doch dieses Heer, das kaiserlich sich nennt,
+ Das hier in Boeheim hauset, das hat keins;
+ Das ist der Auswurf fremder Laender, ist
+ Der aufgegebne Teil des Volks, dem nichts
+ Gehoeret als die allgemeine Sonne.
+ Und dieses boehm'sche Land, um das wir fechten,
+ Das hat kein Herz fuer seinen Herrn, den ihm
+ Der Waffen Glueck, nicht eigne Wahl gegeben.
+ Mit Murren traegt's des Glaubens Tyrannei,
+ Die Macht hat's eingeschreckt, beruhigt nicht.
+ Ein gluehend, rachvoll Angedenken lebt
+ Der Greuel, die geschahn auf diesem Boden.
+ Und kann's der Sohn vergessen, dass der Vater
+ Mit Hunden in die Messe ward gehetzt?
+ Ein Volk, dem das geboten wird, ist schrecklich,
+ Es raeche oder dulde die Behandlung.
+
+Wrangel.
+ Der Adel aber und die Offiziere?
+ Solch eine Flucht und Felonie, Herr Fuerst,
+ Ist ohne Beispiel in der Welt Geschichten.
+
+Wallenstein.
+ Sie sind auf jegliche Bedingung mein.
+ Nicht mir, den eignen Augen moegt Ihr glauben.
+(Er gibt ihm die Eidesformel. Wrangel durchliest sie, legt sie,
+nachdem er gelesen, schweigend auf den Tisch.)
+ Wie ist's? Begreift Ihr nun?
+
+Wrangel.
+ Begreif 's, wer's kann!
+ Herr Fuerst! Ich lass die Maske fallen--Ja!
+ Ich habe Vollmacht, alles abzuschliessen.
+ Es steht der Rheingraf nur vier Tagemaersche
+ Von hier mit funfzehntausend Mann, er wartet
+ Auf Ordre nur, zu Ihrem Heer zu stossen.
+ Die Ordre stell ich aus, sobald wir einig.
+
+Wallenstein.
+ Was ist des Kanzlers Forderung?
+
+Wrangel. (bedenklich)
+ Zwoelf Regimenter gilt es, schwedisch Volk.
+ Mein Kopf muss dafuer haften. Alles koennte
+ Zuletzt nur falsches Spiel--
+
+Wallenstein. (faehrt auf)
+ Herr Schwede!
+
+Wrangel. (ruhig fortfahrend)
+ Muss demnach
+ Darauf bestehn, dass Herzog Friedland foermlich,
+ Unwiderruflich breche mit dem Kaiser,
+ Sonst ihm kein schwedisch Volk vertrauet wird.
+
+Wallenstein.
+ Was ist die Forderung? Sagt's kurz und gut.
+
+Wrangel.
+ Die span'schen Regimenter, die dem Kaiser
+ Ergeben, zu entwaffnen, Prag zu nehmen
+ Und diese Stadt wie auch das Grenzschloss Eger
+ Den Schweden einzuraeumen.
+
+Wallenstein.
+ Viel gefordert!
+ Prag! Sei's um Eger! Aber Prag? Geht nicht.
+ Ich leist euch jede Sicherheit, die ihr
+ Vernuenft'gerweise von mir fordern moeget.
+ Prag aber--Boehmen--kann ich selbst beschuetzen.
+
+Wrangel.
+ Man zweifelt nicht daran. Es ist uns auch
+ Nicht ums Beschuetzen bloss. Wir wollen Menschen
+ Und Geld umsonst nicht aufgewendet haben.
+
+Wallenstein.
+ Wie billig.
+
+Wrangel.
+ Und so lang, bis wir entschaedigt,
+ Bleibt Prag verpfaendet.
+
+Wallenstein.
+ Traut ihr uns so wenig?
+
+Wrangel. (steht auf)
+ Der Schwede muss sich vorsehn mit dem Deutschen.
+ Man hat uns uebers Ostmeer hergerufen;
+ Gerettet haben wir vom Untergang
+ Das Reich--mit unserm Blut des Glaubens Freiheit,
+ Die heil'ge Lehr' des Evangeliums
+ Versiegelt--Aber jetzt schon fuehlet man
+ Nicht mehr die Wohltat, nur die Last, erblickt
+ Mit scheelem Aug' die Fremdlinge im Reiche
+ Und schickte gern mit einer Handvoll Geld
+ Uns heim in unsre Waelder. Nein! wir haben
+ Um Judas' Lohn, um klingend Gold und Silber
+ Den Koenig auf der Walstatt nicht gelassen!
+ So vieler Schweden adeliges Blut,
+ Es ist um Gold und Silber nicht geflossen!
+ Und nicht mit magerm Lorbeer wollen wir
+ Zum Vaterland die Wimpel wieder lueften,
+ Wir wollen Buerger bleiben auf dem Boden,
+ Den unser Koenig fallend sich erobert.
+
+Wallenstein.
+ Helft den gemeinen Feind mir niederhalten,
+ Das schoene Grenzland kann euch nicht entgehn.
+
+Wrangel.
+ Und liegt zu Boden der gemeine Feind,
+ Wer knuepft die neue Freundschaft dann zusammen?
+ Uns ist bekannt, Herr Fuerst--wenngleich der Schwede
+ Nichts davon merken soll--dass Ihr mit Sachsen
+ Geheime Unterhandlung pflegt. Wer buergt uns
+ Dafuer, dass wir nicht Opfer der Beschluesse sind,
+ Die man vor uns zu hehlen noetig achtet?
+
+Wallenstein.
+ Wohl waehlte sich der Kanzler seinen Mann,
+ Er haett' mir keinen zaehern schicken koennen.
+(Aufstehend.)
+ Besinnt Euch eines Bessern, Gustav Wrangel.
+ Von Prag nichts mehr.
+
+Wrangel.
+ Hier endigt meinen Vollmacht.
+
+Wallenstein.
+ Euch meine Hauptstadt raeumen! Lieber tret ich
+ Zurueck--zu meinem Kaiser.
+
+Wrangel.
+ Wenn's noch Zeit ist.
+ Wallenstein.
+ Das steht bei mir, noch jetzt, zu jeder Stunde.
+
+Wrangel.
+ Vielleicht vor wenig Tagen noch. Heut nicht mehr.
+ --Seit der Sesin gefangen sitzt, nicht mehr.
+(Wie Wallenstein betroffen schweigt.)
+ Herr Fuerst! Wir glauben, dass Sie's ehrlich meinen;
+ Seit gestern--sind wir des gewiss--Und nun
+ Dies Blatt uns fuer die Truppen buergt, ist nichts,
+ Was dem Vertrauen noch im Wege stuende.
+ Prag soll uns nicht entzweien. Mein Herr Kanzler
+ Begnuegt sich mit der Altstadt, Euer Gnaden
+ Laesst er den Ratschin und die kleine Seite.
+ Doch Eger muss vor allem sich uns oeffnen,
+ Eh' an Konjunktion zu denken ist.
+
+Wallenstein.
+ Euch also soll ich trauen, ihr nicht mir?
+ Ich will den Vorschlag in Erwaegung ziehn.
+
+Wrangel.
+ In keine gar zu lange, muss ich bitten.
+ Ins zweite Jahr schon schleicht die Unterhandlung;
+ Erfolgt auch diesmal nichts, so will der Kanzler
+ Auf immer sie fuer abgebrochen halten.
+
+Wallenstein.
+ Ihr draengt mich sehr. Ein solcher Schritt will wohl
+ Bedacht sein.
+
+Wrangel.
+ Eh' man ueberhaupt dran denkt,
+ Herr Fuerst! Durch rasche Tat nur kann er gluecken.
+(Er geht ab.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky und Illo kommen zurueck.
+
+
+Illo.
+ Ist's richtig?
+
+Terzky.
+ Seid ihr einig?
+
+Illo.
+ Dieser Schwede
+ Ging ganz zufrieden fort. Ja, ihr seid einig.
+
+Wallenstein.
+ Hoert! Noch ist nichts geschehn, und--wohl erwogen,
+ Ich will es lieber doch nicht tun.
+
+Terzky.
+ Wie? Was ist das?
+
+Wallenstein.
+ Von dieser Schweden Gnade leben!
+ Der Uebermuetigen? Ich trueg' es nicht.
+
+Illo.
+ Kommst du als Fluechtling, ihre Hilf' erbettelnd?
+ Du bringest ihnen mehr, als du empfaengst.
+
+Wallenstein.
+ Wie war's mit jenem koeniglichen Bourbon,
+ Der seines Volkes Feinde sich verkaufte
+ Und Wunden schlug dem eignen Vaterland?
+ Fluch war sein Lohn, der Menschen Abscheu raechte
+ Die unnatuerlich frevelhafte Tat.
+
+Illo.
+ Ist das dein Fall?
+
+Wallenstein.
+ Die Treue, sag ich euch,
+ Ist jedem Menschen wie der naechste Blutsfreund,
+ Als ihren Raecher fuehlt er sich geboren.
+ Der Sekten Feindschaft, der Parteien Wut,
+ Der alte Neid, die Eifersucht macht Friede;
+ Was noch so wuetend ringt, sich zu zerstoeren,
+ Vertraegt, vergleicht sich, den gemeinen Feind
+ Der Menschlichkeit, das wilde Tier zu jagen,
+ Das mordend einbricht in die sichre Huerde,
+ Worin der Mensch geborgen wohnt--denn ganz
+ Kann ihn die eigne Klugheit nicht beschirmen.
+ Nur an die Stirne setzt' ihm die Natur
+ Das Licht der Augen, fromme Treue soll
+ Den blossgegebnen Ruecken ihm beschuetzen.
+
+Terzky.
+ Denk von dir selbst nicht schlimmer als der Feind,
+ Der zu der Tat die Haende freudig bietet.
+ So zaertlich dachte jener Karl auch nicht,
+ Der Oehm und Ahnherr dieses Kaiserhauses,
+ Der nahm den Bourbon auf mit offnen Armen,
+ Denn nur vom Nutzen wird die Welt regiert.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Graefin Terzky zu den Vorigen.
+
+
+Wallenstein.
+ Wer ruft Euch? Hier ist kein Geschaeft fuer Weiber.
+
+Graefin.
+ Ich komme, meinen Glueckwunsch abzulegen.
+ --Komm ich zu frueh etwa? Ich will nicht hoffen.
+
+Wallenstein.
+ Gebrauch dein Ansehn, Terzky. Heiss sie gehn.
+
+Graefin.
+ Ich gab den Boehmen einen Koenig schon.
+
+Wallenstein.
+ Er war darnach.
+
+Graefin. (zu den andern)
+ Nun, woran liegt es? Sprecht!
+
+Terzky.
+ Der Herzog will nicht.
+
+Graefin.
+ Will nicht, was er muss?
+
+Illo.
+ An Euch ist's jetzt. Versucht's, denn ich bin fertig,
+ Spricht man von Treue mir und von Gewissen.
+
+Graefin.
+ Wie? da noch alles lag in weiter Ferne,
+ Der Weg sich noch unendlich vor dir dehnte,
+ Da hattest du Entschluss und Mut--und jetzt,
+ Da aus dem Traume Wahrheit werden will,
+ Da die Vollbringung nahe, der Erfolg
+ Versichert ist, da faengst du an, zu zagen?
+ Nur in Entwuerfen bist du tapfer, feig
+ In Taten? Gut! Gib deinen Feinden Recht!
+ Da eben ist es, wo sie dich erwarten.
+ Den Vorsatz glauben sie dir gern; sei sicher,
+ Dass sie's mit Brief und Siegel dir belegen!
+ Doch an die Moeglichkeit der Tat glaubt keiner,
+ Da muessten sie dich fuerchten und dich achten.
+ Ist's moeglich? Da du so weit bist gegangen,
+ Da man das Schlimmste weiss, da dir die Tat
+ Schon als begangen zugerechnet wird,
+ Willst du zurueckziehn und die Frucht verlieren?
+ Entworfen bloss ist's ein gemeiner Frevel,
+ Vollfuehrt ist's ein unsterblich Unternehmen;
+ Und wenn es glueckt, so ist es auch verziehn,
+ Denn aller Ausgang ist ein Gottes Urtel.
+
+Kammerdiener. (tritt herein)
+ Der Oberst Piccolomini.
+
+Graefin. (schnell)
+ Soll warten.
+
+Wallenstein.
+ Ich kann ihn jetzt nicht sehn. Ein andermal.
+
+Kammerdiener.
+ Nur um zwei Augenblicke bittet er,
+ Er hab ein dringendes Geschaeft--
+
+Wallenstein.
+ Wer weiss, was er uns bringt. Ich will doch hoeren.
+
+Graefin. (lacht)
+ Wohl mag's ihm dringend sein. Du kannst's erwarten.
+
+Wallenstein.
+ Was ist's.
+
+Graefin.
+ Du sollst es nachher wissen.
+ Jetzt denke dran, den Wrangel abzufert'gen.
+(Kammerdiener geht.)
+
+Wallenstein.
+ Wenn eine Wahl noch waere--noch ein milderer
+ Ausweg sich faende--jetzt noch will ich ihn
+ Erwaehlen und das Aeusserste vermeiden.
+
+Graefin.
+ Verlangst du weiter nichts, ein solcher Weg
+ Liegt nah vor dir. Schick diesen Wrangel fort.
+ Vergiss die alten Hoffnungen, wirf dein
+ Vergangnes Leben weg, enschliesse dich,
+ Ein neues anzufangen. Auch die Tugend
+ Hat ihre Helden, wie der Ruhm, das Glueck.
+ Reis hin nach Wien zum Kaiser stehndes Fusses,
+ Nimm eine volle Kasse mit, erklaer,
+ Du hab'st der Diener Treue nur erproben,
+ Den Schweden bloss zum besten haben wollen.
+
+Illo.
+ Auch damit ist's zu spaet. Man weiss zu viel.
+ Er wuerde nur das Haupt zum Todesblocke tragen.
+
+Graefin.
+ Das fuercht ich nicht. Gesetzlich ihn zu richten,
+ Fehlt's an Beweisen; Willkuer meiden sie.
+ Man wird den Herzog ruhig lassen ziehn.
+ Ich seh, wie alles kommen wird. Der Koenig
+ Von Ungarn wird erscheinen, und es wird sich
+ Von selbst verstehen, dass der Herzog geht;
+ Nicht der Erklaerung wird das erst beduerfen.
+ Der Koenig wird die Truppen lassen schwoeren,
+ Und alles wird in seiner Ordnung bleiben.
+ An einem Morgen ist der Herzog fort.
+ Auf seinen Schloessern wird es nun lebendig,
+ Dort wird er jagen, baun, Gestuete halten,
+ Sich eine Hofstatt gruenden, goldne Schluessel
+ Austeilen, gastfrei grosse Tafel geben,
+ Und kurz ein grosser Koenig sein--im Kleinen!
+ Und weil er klug sich zu bescheiden weiss,
+ Nichts wirklich mehr zu gelten, zu bedeuten,
+ Laesst man ihn scheinen, was er mag; er wird
+ Ein grosser Prinz bis an sein Ende scheinen.
+ Ei nun! der Herzog ist dann eben auch
+ Der neuen Menschen einer, die der Krieg
+ Emporgebracht; ein uebernaechtiges
+ Geschoepf der Hofgunst, die mit gleichem Aufwand
+ Freiherrn und Fuersten macht.
+
+Wallenstein. (steht auf, heftig bewegt)
+ Zeigt einen Weg mir an aus diesem Drang,
+ Hilfreiche Maechte! einen solchen zeigt mir,
+ Den ich vermag zu gehn--Ich kann mich nicht,
+ Wie so ein Wortheld, so ein Tugendschwaetzer,
+ An meinem Willen waermen und Gedanken--
+ Nicht zu dem Glueck, das mir den Ruecken kehrt,
+ Grosstuend sagen: Geh! Ich brauch dich nicht!
+ Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet;
+ Nicht Opfer, nicht Gefahren will ich scheun,
+ Den letzten Schritt, den aeussersten, zu meiden;
+ Doch eh' ich sinke in die Nichtigkeit,
+ So klein aufhoere, der so gross begonnen,
+ Eh' mich die Welt mit jenen Elenden
+ Verwechselt, die der Tag erschafft und stuerzt,
+ Eh' spreche Welt und Nachwelt meinen Namen
+ Mit Abscheu aus, und Friedland sei die Losung
+ Fuer jede fluchenswerte Tat.
+
+Graefin.
+ Was ist denn hier so wider die Natur?
+ Ich kann's nicht finden, sage mir's--oh! lass
+ Des Aberglaubens naechtliche Gespenster
+ Nicht deines hellen Geistes Meister werden!
+ Du bist des Hochverrats verklagt; ob mit
+ --Ob ohne Recht, ist jetzo nicht die Frage--
+ Du bist verloren, wenn du dich nicht schnell der Macht
+ Bedienst, die du besitzest--Ei! wo lebt denn
+ Das friedsame Geschoepf, das seines Lebens
+ Sich nicht mit allen Lebenskraeften wehrt?
+ Was ist so kuehn, das Notwehr nicht entschuldigt?
+
+Wallenstein.
+ Einst war mir dieser Ferdinand so huldreich;
+ Er liebte mich, er hielt mich wert, ich stand
+ Der Naechste seinem Herzen. Welchen Fuersten
+ Hat er geehrt wie mich?--Und so zu enden!
+
+Graefin.
+ So treu bewahrst du jede kleine Gunst,
+ Und fuer die Kraenkung hast du kein Gedaechtnis?
+ Muss ich dich dran erinnern, wie man dir
+ Zu Regenspurg die treuen Dienste lohnte?
+ Du hattest jeden Stand im Reich beleidigt;
+ Ihn gross zu machen, hattest du den Hass,
+ Den Fluch der ganzen Welt auf dich geladen,
+ Im ganzen Deutschland lebte dir kein Freund,
+ Wei du allein gelebt fuer deinen Kaiser.
+ An ihn bloss hieltest du bei jenem Sturme
+ Dich fest, der auf dem Rgenspurger Tag
+ Sich gegen dich zusammenzog--da liess er
+ Dich fallen! Liess dich fallen! Dich dem Bayern,
+ Dem Uebermuetigen, zum Opfer fallen!
+ Sag nicht, dass die zurueckgegebne Wuerde
+ Das erste, schwere Unrecht ausgesoehnt.
+ Nicht wahrlich guter Wille stellte dich,
+ Dich stellte das Gesetz der herben Not
+ An diesen Platz, den man dir gern verweigert.
+
+Wallenstein.
+ Nicht ihrem guten Willen, das ist wahr!
+ Noch seiner Neigung dank ich dieses Amt.
+ Missbrauch ich's, so missbrauch ich kein Vertrauen.
+
+Graefin.
+ Vertrauen? Neigung?--Man bedurfte deiner!
+ Die ungestueme Presserin, die Not,
+ Der nicht mit hohlen Namen, Figuranten
+ Gedient ist, die die Tat will, nicht das Zeichen,
+ Den Groessten immer aufsucht und den Besten,
+ Ihn an das Ruder stellt, und muesst sie ihn
+ Aufgreifen aus dem Poebel selbst--die setzte dich
+ In dieses Amt und schrieb dir die Bestallung.
+ Denn lange, bis es nicht mehr kann, behilft
+ Sich dies Geschlecht mit feilen Sklavenseelen
+ Und mit den Drahtmaschinen seiner Kunst--
+ Doch wenn das Aeusserste ihm nahe tritt,
+ Der hohle Schein es nicht mehr tut, da faellt
+ Es in die starken Haende der Natur,
+ Des Riesengeistes, der nur sich gehorcht,
+ Nichts von Vertraegen weiss und nur auf ihre
+ Bedingung, nicht auf seine, mit ihm handelt.
+
+Wallenstein.
+ Wahr ist's! Sie sahn mich immer, wie ich bin,
+ Ich hab sie in dem Kaufe nicht betrogen,
+ Denn nie hielt ich's der Muehe wert, die kuehn
+ Umgreifende Gemuetsart zu verbergen.
+
+Graefin.
+ Vielmehr--du hast dich furchtbar stets gezeigt.
+ Nicht du, der stets sich selber treu geblieben,
+ Die haben Unrecht, die dich fuerchteten
+ Und doch die Macht dir in die Haende gaben.
+ Denn Recht hat jeder eigene Charakter,
+ Der uebereinstimmt mit sich selber, es gibt
+ Kein andres Unrecht als den Widerspruch.
+ Warst du ein andrer, als du vor acht Jahren
+ Mit Feuer und Schwert durch Deutschlands Kreise zogst,
+ Die Geissel schwangest ueber alle Laender,
+ Hohn sprachest allen Ordnungen des Reichs,
+ Der Staerke fuerchterliches Recht nur uebtest
+ Und jede Landeshoheit niedertratst,
+ Um deines Sultans Herrschaft auszubreiten?
+ Da war es Zeit, den stolzen Willen dir
+ Zu brechen, dich zur Ordnung zu verweisen!
+ Doch wohl gefiel dem Kaiser, was ihm nuetzte,
+ Und schweigend drueckt' er diesen Freveltaten
+ Sein kaiserliches Siegel auf. Was damals
+ Gerecht war, weil du's fuer ihn tatst, ist's heute
+ Auf einmal schaendlich, weil es gegen ihn
+ Gerichtet wird?
+
+Wallenstein. (aufstehend)
+ Von dieser Seite sah ich's nie--Ja! dem
+ Ist wirklich so. Es uebte dieser Kaiser
+ Durch meinen Arm im Reiche Taten aus,
+ Die nach der Ordnung nie geschehen sollten.
+ Und selbst den Fuerstenmantel, den ich trage,
+ Verdank ich Diensten, die Verbrechen sind.
+
+Graefin.
+ Gestehe denn, dass zwischen dir und ihm
+ Die Rede nicht kann sein von Pflicht und Recht,
+ Nur von der Macht und der Gelegenheit!
+ Der Augenblick ist da, wo du die Summe
+ Der grossen Lebensrechnung ziehen sollst,
+ Die Zeichen stehen sieghaft ueber dir,
+ Glueck winken die Planeten dir herunter
+ Und rufen: es ist an der Zeit! Hast du
+ Dein Lebenlang umsonst der Sterne Lauf
+ Gemessen?--den Quadranten und den Zirkel
+ Gefuehrt?--den Zodiak, die Himmelskugel
+ Auf diesen Waenden nachgeahmt, um dich herum
+ Gestellt in stummen, ahnungsvollen Zeichen
+ Die sieben Herrscher des Geschicks,
+ Nur um ein eitles Spiel damit zu treiben?
+ Fuehrt alle diese Zuruestung zu nichts,
+ Und ist kein Mark in dieser hohlen Kunst,
+ Dass sie dir selbst nichts gilt, nichts ueber dich
+ Vermag im Augenblick der Entscheidung?
+
+Wallenstein. (ist waehrend dieser letzten Rede mit heftig arbeitendem
+Gemuet auf und ab gegangen und steht jetzt ploetzlich still, die Graefin
+unterbrechend)
+ Ruft mir den Wrangel, und es sollen gleich
+ drei Boten satteln.
+
+Illo.
+ Nun, gelobt sei Gott!
+(Eilt hinaus.)
+
+Wallenstein.
+ Es ist sein boeser Geist und meiner. Ihn
+ Straft er durch mich, das Werkzeug seiner Herrschsucht,
+ Und ich erwart es, dass der Rache Stahl
+ Auch schon fuer meine Brust geschliffen ist.
+ Nicht hoffe, wer des Drachen Zaehne saet,
+ Erfreuliches zu ernten. Jede Untat
+ Traegt ihren eignen Rach-Engel schon,
+ Die boese Hoffnung, unter ihrem Herzen.
+ Er kann mir nicht mehr traun,--so kann ich auch
+ Nicht mehr zurueck. Geschehe denn, was muss.
+ Recht stets behaelt das Schicksa, denn das Herz
+ In uns ist sein gebietrischer Vollzieher.
+(Zu Terzky.)
+ Bring mir den Wrangel in mein Kabinett,
+ Die Boten will ich selber sprechen. Schickt
+ Nach dem Octavio!
+(Zur Graefin, welche eine triumphierende Miene macht.)
+ Frohlocke nicht!
+ Denn eifersuechtig sind des Schicksals Maechte.
+ Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte.
+ Den Samen legen wir in ihre Haende,
+ Ob Glueck, ob Unglueck aufgeht, lehrt das Ende.
+(Indem er abgeht, faellt der Vorhang.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+Ein Zimmer
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Wallenstein. Octavio Piccolomini. Bald darauf Max Piccolomini.
+
+
+Wallenstein.
+ Mir meldet er aus Linz, er laege krank,
+ Doch hab ich sichre Nachricht, dass er sich
+ Zu Frauenberg versteckt beim Grafen Gallas.
+ Nimm beide fest und und schick sie mir hieher.
+ Du uebernimmst die spanischen Regimenter,
+ Machst immer Anstalt und bist niemals fertig,
+ Und treiben sie dich, gegen mich zu ziehn,
+ So sagst du Ja und bleibst gefesselt stehn.
+ Ich weiss, dass dir ein Dienst damit geschieht,
+ In diesem Spiel dich muessig zu verhalten.
+ Du rettest gern, so lang du kannst, den Schein;
+ Extreme Schritte sind nicht deine Sache,
+ Drum hab ich diese Rolle fuer dich ausgesucht,
+ Du wirst mir durch dein Nichtstun diesesmal
+ Am nuetzlichsten--Erklaert sich unterdessen
+ Das Glueck fuer mich, so weisst du, was zu tun.
+(Max Piccolomini tritt ein.)
+ Jetzt, Alter, geh. Du musst heut nacht noch fort.
+ Nimm meine eignen Pferde.--Diesen da
+ Behalt ich hier--Macht's mit dem Abschied kurz!
+ Wir werden uns ja, denk ich, alle froh
+ Und gluecklich wiedersehn.
+
+Octavio. (zu seinem Sohn)
+ Wir sprechen uns noch.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Wallenstein. Max Piccolomini.
+
+
+Max. (naehert sich ihm.)
+ Mein General--
+
+Wallenstein.
+ Der bin ich nicht mehr,
+ Wenn du des Kaisers Offizier dich nennst.
+
+Max.
+ So bleibt's dabei, du willst das Heer verlassen?
+
+Wallenstein.
+ Ich hab des Kaisers Dienst entsagt.
+
+Max.
+ Und willst das Heer verlassen?
+
+Wallenstein.
+ Vielmehr hoff ich,
+ Mir's enger noch und fester zu verbinden.
+(Er setzt sich.)
+ Ja, Max. Nicht eher wollt' ich dir's eroeffnen,
+ Als bis des Handelns Stunde wuerde schlagen.
+ Der Jugend glueckliches Gefuehl ergreift
+ Das Rechte leicht, und eine Freude ist's,
+ Das eigne Urteil pruefend auszuueben,
+ Wo das Exempel rein zu loesen ist.
+ Doch, wo von zwei gewissen Uebeln eins
+ Ergriffen werden muss, wo sich das Herz
+ Nicht ganz zurueckbringt aus dem Streit der Pflichten,
+ Da ist es Wohltat, keine Wahl zu haben,
+ Und eine Gunst ist die Notwendigkeit.
+ --Die ist vorhanden. Blicke nicht zurueck.
+ Es kann dir nichts mehr helfen. Blicke vorwaerts!
+ Urteile nicht! Bereite dich, zu handeln.
+ --Der Hof hat meinen Untergang beschlossen,
+ Drum bin ich willens, ihm zuvorzukommen.
+ --Wir werden mit den Schweden uns verbinden.
+ Sehr wackre Leute sind's und gute Freunde.
+(Haelt ein, Piccolominis Antwort erwartend.)
+ --Ich hab dich ueberrascht. Antwort mir nicht.
+ Ich will dir Zeit vergoennen, dich zu fassen.
+(Er steht auf und geht nach hinten. Max steht lange unbeweglich,
+in den heftigsten Schmerz versetzt; wie er eine Bewegung macht,
+koemmt Wallenstein zurueck und stellt sich vor ihn.)
+
+Max.
+ Mein General!--Du machst mich heute muendig.
+ Denn bis auf diesen Tag war mir's erspart,
+ Den Weg mir selbst zu finden und die Richtung.
+ Dir folgt' ich unbedingt. Auf dich nur braucht' ich
+ Zu sehn und war des rechten Pfads gewiss.
+ Zum ersten Male heut verweisest du
+ Mich an mich selbst und zwingst mich, eine Wahl
+ Zu treffen zwischen dir und meinem Herzen.
+
+Wallenstein.
+ Sanft wiegte dich bis heute dein Geschick,
+ Du konntest spielend deine Pflichten ueben,
+ Jedwedem schoenen Trieb Genuege tun,
+ Mit ungeteiltem Herzen immer handeln.
+ So kann's nicht ferner bleiben. Feindlich scheiden
+ Die Wege sich. Mit Pflichten streiten Pflichten.
+ Du musst Partei ergreifen in dem Krieg,
+ Der zwischen deinem Freund und deinem Kaiser
+ Sich jetzt entzuendet.
+
+Max.
+ Krieg! Ist das der Name?
+ Der Krieg ist schrecklich, wie des Himmels Plagen,
+ Doch er ist gut, ist ein Geschick, wie sie.
+ Ist das ein guter Krieg, den du dem Kaiser
+ Bereitest mit des Kaisers eignem Heer?
+ O Gott des Himmels! was ist das fuer eine
+ Veraenderung! Ziemt solche Sprache mir
+ Mit dir, der wie der feste Stern des Pols
+ Mir als die Lebensregel vorgeschienen!
+ Oh! welchen Riss erregst du mir im Herzen!
+ Der alten Ehrfurcht eingewachsnen Trieb
+ Und des Gehorsams heilige Gewohnheit
+ Soll ich versagen lernen deinem Namen?
+ Nein! wende nicht dein Angesicht zu mir!
+ Es war mir immer eines Gottes Antlitz,
+ Kann ueber mich nicht gleich die Macht verlieren;
+ Die Sinne sind in deinen Banden noch,
+ Hat gleich die Seele blutend sich befreit!
+
+Wallenstein.
+ Max, hoer mich an.
+
+Max.
+ Oh! tu es nicht! Tu's nicht!
+ Sieh! deine reinen, edeln Zuege wissen
+ Noch nichts von dieser ungluecksel'gen Tat.
+ Bloss deine Einbildung befleckte sie,
+ Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen
+ Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.
+ Wirf ihn heraus, den schwarzen Fleck, den Feind.
+ Ein boeser Traum bloss ist es dann gewesen,
+ Der jede sichre Tugend warnt. Es mag
+ Die Menschheit solche Augenblicke haben,
+ Doch siegen muss das glueckliche Gefuehl.
+ Nein, du wirst so nicht endigen. Das wuerde
+ Verrufen bei den Menschen jede grosse
+ Natur und jedes maechtige Vermoegen,
+ Recht geben wuerd' es dem gemeinen Wahn,
+ Der nicht an Edles in der Freiheit glaubt
+ Und nur der Ohnmacht sich vertrauen mag.
+
+Wallenstein.
+ Streng wird die Welt mich tadeln, ich erwart es.
+ Mir selbst schon sagt' ich, was du sagen kannst.
+ Wer miede nicht, wenn er's umgehen kann,
+ Das Aeusserste! Doch hier ist keine Wahl,
+ Ich muss Gewalt ausueben oder leiden--
+ So steht der Fall. Nichts anders bleibt mir uebrig.
+
+Max.
+ Sei's denn! Behaupte dich in deinem Posten
+ Gewaltsam, widersetze dich dem Kaiser,
+ Wenn's sein muss, treib's zur offenen Empoerung,
+ Nicht loben werd ich's, doch ich kann's verzeihn,
+ Will, was ich nicht gut heisse, mit dir teilen.
+ Nur--zum Verraeter werde nicht! Das Wort
+ Ist ausgesprochen. Zum Verraeter nicht!
+ Das ist kein ueberschrittnes Mass, kein Fehler,
+ Wohin der Mut verirrt in seiner Kraft.
+ Oh! das ist ganz was anders--das ist schwarz,
+ Schwarz, wie die Hoelle!
+
+Wallenstein. (mit finsterm Stirnfalten, doch gemaessigt)
+ Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
+ Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide;
+ Aus ihrem heissen Kopfe nimmt sie keck
+ Der Dinge Mass, die nur sich selber richten.
+ Gleich heisst ihr alles schaendlich oder wuerdig,
+ Boes oder gut--und was die Einbildung
+ Phantastisch schleppt in diesen dunkeln Namen,
+ Das buerdet sie den Sachen auf und Wesen.
+ Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit.
+ Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
+ Doch hart im Raume stossen sich die Sachen;
+ Wo eines Platz nimmt, muss das andre ruecken,
+ Wer nicht vertrieben sein will, muss vertreiben;
+ Da herrscht der Streit, und nur die Staerke siegt.
+ --Ja, wer durchs Leben gehet ohne Wunsch,
+ Sich jeden Zweck versagen kann, der wohnt
+ Im leichten Feuer mit dem Salamander
+ Und haelt sich rein im reinen Element.
+ Mich schuf aus groeberm Stoffe die Natur,
+ Und zu der Erde zieht mich die Begierde.
+ Dem boesen Geist gehoert die Erde, nicht
+ Dem guten. Was die Goettlichen uns senden
+ Von oben, sind nur allgemeine Gueter;
+ Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich,
+ In ihrem Staat erringt sich kein Besitz.
+ Den Edelstein, das allgeschaetzte Gold
+ Muss man den falschen Maechten abgewinnen,
+ Die unterm Tage schlimmgeartet hausen.
+ Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt,
+ Und keiner lebet, der aus ihrem Dienst
+ Die Seele haette rein zurueckgezogen.
+
+Max. (mit Bedeutung)
+ Oh! fuerchte, fuerchte diese falschen Maechte!
+ Sie haltennicht Wort! Es sind Luegengeister,
+ Die dich berueckend in den Abgrund ziehn.
+ Trau ihnen nicht! Ich warne dich--Oh! kehre
+ Zurueck zu deiner Pflicht. Gewiss! du kannst's!
+ Schick mich nach Wien. Ja, tue das. Lass mich,
+ Mich deinen Frieden machen mit dem Kaiser.
+ Er kennt dich nicht, ich aber kenne dich,
+ Er soll dich sehn mit meinem reinen Auge,
+ Und sein Vertrauen bring ich dir zurueck.
+
+Wallenstein.
+ Es ist zu spaet. Du weisst nicht, was geschehn.
+
+Max.
+ Und waer's zu spaet--und waer' es auch soweit,
+ Dass ein Verbrechen nur vom Fall dich rettet,
+ So falle! Falle wuerdig, wie du standst.
+ Verliere das Kommando. Geh vom Schauplatz.
+ Du kannst's mit Glanze, tu's mit Unschuld auch.
+ --Du hast fuer andre viel gelebt, leb endlich
+ Einmal dir selber, ich begleite dich,
+ Mein Schicksal trenn ich nimmer von dem deinen--
+
+Wallenstein.
+ Es ist zu spaet. Indem du deine Worte
+ Verlierst, ist schon ein Meilenzeiger nach dem andern
+ Zurueckgelegt von meinen Eilenden,
+ Die mein Gebot nach Prag und Eger tragen.
+ --Ergib dich drein. Wir handeln, wie wir muessen.
+ So lass uns das Notwendige mit Wuerde,
+ Mit festem Schritte tun--Was tu ich Schlimmres,
+ Als jener Caesar tat, des Name noch
+ Bis heut das Hoechste in der Welt benennet?
+ Er fuehrte wider Rom die Legionen,
+ Die Rom ihm zur Beschuetzung anvertraut.
+ Warf er das Schwert von sich, er war verloren,
+ Wie ich es waer', wenn ich entwaffnete.
+ Ich spuere was in mir von seinem Geist.
+ Gib mir sein Glueck, das andre will ich tragen.
+(Max, der bisher in einem schmerzvollen Kampfe gestanden, geht
+schnell ab. Wallenstein sieht ihm verwundert und betroffen nach
+und steht in tiefe Gedanken verloren.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky. Gleich darauf Illo.
+
+
+Terzky.
+ Max Piccolomini verliess dich eben?
+
+Wallenstein.
+ Wo ist der Wrangel?
+
+Terzky.
+ Fort ist er.
+
+Wallenstein.
+ So eilig?
+
+Terzky.
+ Es war, als ob die Erd' ihn eingeschluckt.
+ Er war kaum von dir weg, als ich ihm nachging,
+ Ich hatt' ihn noch zu sprechen, doch--weg war er,
+ Und niemand wusste mir von ihm zu sagen.
+ Ich glaub, es ist der Schwarze selbst gewesen,
+ Ein Mensch kann nicht auf einmal so verschwinden.
+
+Illo. (kommt)
+ Ist's wahr, dass du den Alten willst verschicken?
+
+Terzky.
+ Wie? Den Octavio! Wo denkst du hin?
+
+Wallenstein.
+ Er geht nach Frauenberg, die spanischen
+ Und welschen Regimenter anzufuehren.
+
+Terzky.
+ Das wolle Gott nicht, dass du das vollbringst!
+
+Illo.
+ Dem Falschen willst du Kriegsvolk anvertrauen?
+ Ihn aus den Augen lassen, grade jetzt,
+ In diesem Augenblicke der Entscheidung?
+
+Terzky.
+ Das wirst du nicht tun. Nein, um alles nicht!
+ Wallenstein.
+ Seltsame Menschen seid ihr.
+
+Illo.
+ Oh! nur diesmal
+ Gib unsrer Warnung nach. Lass ihn nicht fort.
+
+Wallenstein.
+ Und warum soll ich ihm dies eine Mal
+ Nicht trauen, da ich's stets getan? Was ist geschehn,
+ Das ihn um meine gute Meinung braechte?
+ Aus eurer Grille, nicht der meinen, soll ich
+ Mein alt erprobtes Urteil von ihm aendern?
+ Denkt nicht, dass ich ein Weib sei. Weil ich ihm
+ Getraut bis heut, will ich auch heut ihm trauen.
+
+Terzky.
+ Muss es denn der just sein? Schick einen andern.
+
+Wallenstein.
+ Der muss es sein, den hab ich mir erlesen.
+ Er taugt zu dem Geschaeft, drum gab ich's ihm.
+
+Illo.
+ Weil er ein Welscher ist, drum taugt er dir.
+
+Wallenstein.
+ Weiss wohl, ihr wart den beiden nie gewogen,
+ Weil ich sie achte, liebe, euch und andern
+ Vorziehe, sichtbarlich, wie sie's verdienen,
+ Drum sind sie euch ein Dorn im Auge! Was
+ Geht euer Neid mich an und mein Geschaeft?
+ Dass ihr sie hasst, das macht sie mir nicht schlechter.
+ Liebt oder hasst einander, wie ihr wollt,
+ Ich lasse jedem seinen Sinn und Neigung,
+ Weiss doch, was mir ein jeder von euch gilt.
+
+Illo.
+ Er geht nicht ab--muesst' ich die Raeder ihm am Wagen
+ Zerschmettern lassen.
+
+Wallenstein.
+ Maessige dich, Illo!
+
+Terzky.
+ Der Questenberger, als er hier gewesen,
+ Hat stets zusammen auch gesteckt mit ihm.
+
+Wallenstein.
+ Geschah mit meinem Wissen und Erlaubnis.
+
+Terzky.
+ Und dass geheime Boten an ihn kommen
+ Vom Gallas, weiss ich auch.
+
+Wallenstein.
+ Das ist nicht wahr.
+
+Illo.
+ Oh! du bist blind mit deinen sehenden Augen!
+
+Wallenstein.
+ Du wirst mir meinen Glauben nicht erschuettern,
+ Der auf die tiefste Wissenschaft sich baut.
+ Luegt er, dann ist die ganze Sternkunst Luege.
+ Denn wisst, ich hab ein Pfand vom Schicksal selbst,
+ Dass er der treuste ist von meinen Freunden.
+
+Illo.
+ Hast du auch eins, dass jenes Pfand nicht luege?
+
+Wallenstein.
+ Es gibt im Menschenleben Augenblicke,
+ Wo er dem Weltgeist naeher ist als sonst
+ Und eine Frage frei hat an das Schicksal.
+ Solch ein Moment war's, als ich in der Nacht,
+ Die vor der Luetzner Aktion vorherging,
+ Gedankenvoll an einen Baum gelehnt,
+ Hinaussah in die Ebene. Die Feuer
+ Des Lagers brannten duester durch den Nebel,
+ Der Waffen dumpfes Rauschen unterbrach,
+ Der Runden Ruf einfoermig nur die Stille.
+ Mein ganzes Leben ging, vergangenes
+ Und kuenftiges, in diesem Augenblick
+ An meinem inneren Gesicht vorueber,
+ Und an des naechsten Morgens Schicksal knuepfte
+ Der ahnungsvolle Geist die fernste Zukunft.
+ Da sagt' ich also zu mir selbst:" So vielen
+ Gebietest du! Sie folgen deinen Sternen
+ Und setzen, wie auf eine grosse Nummer,
+ Ihr Alles auf dein einzig Haupt und sind
+ In deines Glueckes Schiff mit dir gestiegen.
+ Doch kommen wird der Tag, wo diese alle
+ Das Schicksal wieder auseinanderstreut,
+ Nur wen'ge werden treu bei dir verharren.
+ Den moecht' ich wissen, der der Treuste mir
+ Von allen ist, die dieses Lager einschliesst.
+ Gib mir ein Zeichen, Schicksal! Der soll's sein,
+ Der an dem naechsten Morgen mir zuerst
+ Entgegenkommt mit einem Liebeszeichen".
+ Und dieses bei mir denkend, schlief ich ein.
+ Und mitten in die Schlacht ward ich gefuehrt
+ Im Geist. Gross war der Drang. Mir toetete
+ Ein Schuss das Pferd, ich sank, und ueber mir
+ Hinweg, gleichgueltig, setzten Ross und Reiter,
+ Und keuchend lag ich, wie ein Sterbender,
+ Zertreten unter ihrer Hufe Schlag.
+ Da fasste ploetzlich hilfreich mich ein Arm,
+ Es war Octavio--und schnell erwach ich,
+ Tag war es, und--Octavio stand vor mir.
+ "Mein Bruder", sprach er, "reite heute nicht
+ Den Schecken, wie du pflegst. Besteige lieber
+ Das sichre Tier, das ich dir ausgesucht.
+ Tu's mir zu Lieb'. Es warnte mich ein Traum."
+ Und dieses Tieres Schnelligkeit entriss
+ Mich Banniers verfolgenden Dragonern.
+ Mein Vetter ritt den Schecken an dem Tag,
+ Und Ross und Reiter sah ich niemals wieder.
+
+Illo.
+ Das war ein Zufall.
+
+Wallenstein. (bedeutend)
+ Es gibt keinen Zufall;
+ Und was uns blindes Ohngefaehr nur duenkt,
+ Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.
+ Versiegelt hab ich's und verbrieft, dass er
+ Mein guter Engel ist, und nun kein Wort mehr!
+(Er geht.)
+
+Terzky.
+ Das ist mein Trost, der Max bleibt uns als Geisel.
+
+Illo.
+ Und der soll mir nicht lebend hier vom Platze.
+
+Wallenstein. (bleibt stehen und kehrt sich um)
+ Seid ihr nicht wie die Weiber, die bestaendig
+ Zurueck nur kommen auf ihr erstes Wort,
+ Wenn man Vernunft gesprochen stundenlang!
+ --Des Menschen Taten und Gedanken, wisst!
+ Sind nicht wie Meeres blind bewegte Wellen.
+ Die innre Welt, sein Mikrokosmus, ist
+ Der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen.
+ Sie sind notwendig, wie des Baumes Frucht,
+ Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln.
+ Hab ich des Menschen Kern erst untersucht,
+ So weiss ich auch sein Wollen und sein Handeln.
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Zimmer in Piccolominis Wohnung.
+
+Octavio Piccolomini reisefertig. Ein Adjutant.
+
+
+Octavio.
+ Ist das Kommando da?
+
+Adjutant.
+ Es wartet unten.
+
+Octavio.
+ Es sind doch sichre Leute, Adjutant?
+ Aus welchem Regimente nahmt Ihr sie?
+
+Adjutant.
+ Von Tiefenbach.
+
+Octavio.
+ Dies Regiment ist treu.
+ Lasst sie im Hinterhof sich ruhighalten,
+ Sich niemand zeigen, bis Ihr klingeln hoert;
+ Dann wird das Haus geschlossen, scharf bewacht,
+ Und jeder, den Ihr antrefft, bleibt verhaftet.
+(Adjutant ab.)
+ Zwar hoff ich, es bedarf nicht ihres Dienstes,
+ Denn meines Kalkuls halt ich mich gewiss.
+ Doch es gilt Kaisers Dienst, das Spiel ist gross,
+ Und besser zu viel Vorsicht als zu wenig.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Octavio Piccolomini. Isolani tritt herein.
+
+
+Isolani.
+ Hier bin ich--Nun! wer kommt noch von den andern?
+
+Octavio. (geheimnisvoll)
+ Vorerst ein Wort mit Euch, Graf Isolani.
+
+Isolani. (geheimnisvoll)
+ Soll's losgehn? Will der Fuerst was unternehmen?
+ Mir duerft Ihr trauen. Setzt mich auf die Probe.
+
+Octavio.
+ Das kann geschehn.
+
+Isolani.
+ Herr Bruder, ich bin nicht
+ Von denen, die mit Worten tapfer sind
+ Und, kommt's zur Tat, das Weite schimpflich suchen.
+ Der Herzog hat als Freund an mir getan,
+ Weiss Gott, so ist's! Ich bin ihm alles schuldig.
+ Auf meine Treue kann er baun.
+
+Octavio.
+ Es wird sich zeigen.
+
+Isolani.
+ Nehmt Euch in acht. Nicht alle denken so.
+ Es halten's hier noch viele mit dem Hof
+ Und meinen, dass die Unterschrift von neulich,
+ Die abgestohlne, sie zu nichts verbinde.
+
+Octavio.
+ So? Nennt mir doch die Herren, die das meinen.
+
+Isolani.
+ Zum Henker! Alle Deutschen sprechen so.
+ Auch Esterhazy, Kaunitz, Deodat
+ Erklaeren jetzt, man muess' dem Hof gehorchen.
+
+Octavio.
+ Das freut micht.
+
+Isolani.
+ Freut Euch?
+
+Octavio.
+ Dass der Kaiser noch
+ So gute Freunde hat und wackre Diener.
+
+Isolani.
+ Spasst nicht. Es sind nicht eben schlechte Maenner.
+
+Octavio.
+ Gewiss nicht. Gott verhuete, dass ich spasse!
+ Sehr ernstlich freut es mich, die gute Sache
+ So stark zu sehn.
+
+Isolani.
+ Was Teufel! Wie ist das?
+ Seid Ihr denn nicht?--Warum bin ich denn hier?
+
+Octavio. (mit Ansehen)
+ Euch zu erklaeren, rund und nett, ob Ihr
+ Ein Freund wollt heissen oder Feind des Kaisers.
+
+Isolani. (trotzig)
+ Darueber werd ich dem Erklaerung geben,
+ Dem's zukommt, diese Frag' an mich zu tun.
+
+Octavio.
+ Ob mir das zukommt, mag dies Blatt Euch lehren.
+ Isolani.
+ Wa--was? Das ist des Kaisers Hand und Siegel.
+(Liest.)
+ "Als werden saemtliche Hauptleute unsrer
+ Armee der Ordre unsers lieben, treuen,
+ Des Generalleutnant Piccolomini,
+ Wie unsrer eignen"--Hum--Ja--So--Ja, ja!
+ Ich--mach Euch meinen Glueckwunsch, Generalleutnant.
+
+Octavio.
+ Ihr unterwerft Euch dem Befehl?
+
+Isolani.
+ Ich--aber
+ Ihr ueberrascht mich auch so schnell--Man wird
+ Mir doch Bedenkzeit, hoff ich--
+
+Octavio.
+ Zwei Minuten.
+
+Isolani.
+ Mein Gott, der Fall ist aber--
+
+Octavio.
+ Klar und einfach.
+ Ihr sollt erklaeren, ob Ihr Euren Herrn
+ Verraten wollet oder treu ihm dienen.
+
+Isolani.
+ Verrat--Mein Gott--Wer spricht denn von Verrat?
+
+Octavio.
+ Das ist der Fall. Der Fuerst ist ein Verraeter,
+ Will die Armee zum Feind hinueberfuehren.
+ Erklaert Euch kurz und gut. Wollt Ihr dem Kaiser
+ Abschwoeren? Euch dem Feind verkaufen? Wollt Ihr?
+
+Isolani.
+ Was denkt Ihr? Ich des Kaisers Majestaet
+ Abschwoeren? Sagt' ich so? Wann haett' ich das
+ Gesagt?
+
+Octavio.
+ Noch habt Ihr's nicht gesagt. Noch nicht.
+ Ich warte drauf, ob Ihr es werdet sagen.
+
+Isolani.
+ Nun seht, das ist mir lieb, dass Ihr mir selbst
+ Bezeugt, ich habe so was nicht gesagt.
+
+Octavio.
+ Ihr sagt Euch also von dem Fuersten los?
+
+Isolani.
+ Spinnt er Verrat--Verrat trennt alle Bande.
+
+Octavio.
+ Und seid entschlossen, gegen ihn zu fechten?
+
+Isolani.
+ Er tat mir Gutes--doch wenn er ein Schelm ist,
+ Verdamm' ihn Gott! die Rechnung ist zerrissen.
+
+Octavio.
+ Mich freut's, dass Ihr in gutem Euch gefuegt.
+ Heut nacht in aller Stille brecht Ihr auf
+ Mit allen leichten Truppen; es muss scheinen,
+ Als kaem' die Ordre von dem Herzog selbst.
+ Zu Frauenberg ist der Versammlungsplatz,
+ Dort gibt Euch Gallas weitere Befehle.
+
+Isolani.
+ Es soll geschehn. Gedenkt mir's aber auch
+ Beim Kaiser, wie bereit Ihr mich gefunden.
+
+Octavio.
+ Ich werd es ruehmen.
+(Isolani geht. Es kommt ein Bedienter.)
+ Oberst Buttler? Gut.
+
+Isolani. (zurueckkommend)
+ Vergebt mir auch mein barsches Wesen, Alter.
+ Herr Gott! Wie konnt' ich wissen, welch grosse
+ Person ich vor mir hatte!
+
+Octavio.
+ Lasst das gut sein.
+
+Isolani.
+ Ich bin ein lust'ger alter Knab', und waer'
+ Mir auch ein rasches Woertlein uebern Hof
+ Entschluepft zuweilen, in der Lust des Weins,
+ Ihr wisst ja, boes war's nicht gemeint.
+(Geht ab.)
+
+Octavio.
+ Macht Euch
+ Darueber keine Sorge!--Das gelang!
+ Glueck, sei uns auch so guenstig bei den andern!
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Octavio Piccolomini. Buttler.
+
+
+Buttler.
+ Ich bin zu Eurer Ordre, Generalleutnant.
+
+Octavio.
+ Seid mir als werter Gast und Freund willkommen.
+
+Buttler.
+ Zu grosse Ehr' fuer mich.
+
+Octavio. (nachdem beide Platz genommen)
+ Ihr habt die Neigung nicht erwidert,
+ Womit ich gestern Euch entgegenkam.
+ Wohl gar als leere Formel sie verkannt.
+ Von Herzen ging mir jener Wunsch, es war
+ Mir Ernst um Euch, denn eine Zeit ist jetzt,
+ Wo sich die Guten eng verbinden sollten.
+
+Buttler.
+ Die Gleichgesinnten koennen es allein.
+
+Octavio.
+ Und alle Guten nenn ich gleichgesinnt.
+ Dem Menschen bring ich nur die Tat in Rechnung,
+ Wozu ihn ruhig der Charakter treibt;
+ Denn blinder Missverstaendnisse Gewalt
+ Draengt oft den Besten aus dem rechten Gleise.
+ Ihr kamt durch Frauenberg. Hat Euch Graf Gallas
+ Nichts anvertraut? Sagt mir's. Er ist mein Freund.
+
+Buttler.
+ Er hat verlorne Worte nur gesprochen.
+
+Octavio.
+ Das hoer ich ungern, denn sein Rat war gut.
+ Und einen gleichen haett' ich Euch zu geben.
+
+Buttler.
+ Spart Euch die Mueh--mir die Verlegenheit,
+ So schlecht die gute Meinung zu verdienen.
+
+Octavio.
+ Die Zeit ist teuer, lasst uns offen reden.
+ Ihr wisst, wie hier die Sachen stehn. Der Herzog
+ Sinnt auf Verrat, ich kann Euch mehr noch sagen,
+ Er hat ihn schon vollfuehrt; geschlossen ist
+ Das Buendnis mit dem Feind vor wen'gen Stunden.
+ Nach Prag und Eger reiten schon die Boten,
+ Und morgen will er zu dem Feind uns fuehren.
+ Doch er betruegt sich, denn die Klugheit wacht,
+ Noch treue Freunde leben hier dem Kaiser,
+ Und maechtig steht ihr unsichtbarer Bund.
+ Dies Manifest erklaert ihn in die Acht,
+ Spricht los das Heer von des Gehorsams Pflichten,
+ Und alle Gutgesinnten ruft es auf,
+ Sich unter meiner Fuehrung zu versammeln.
+ Nun waehlt, ob Ihr mit uns die gute Sache,
+ Mit ihm der Boesen boeses Los wollt teilen?
+
+Buttler. (steht auf)
+ Sein Los ist meines.
+
+Octavio.
+ Ist das Euer letzter
+ Entschluss?
+
+Buttler.
+ Er ist's.
+
+Octavio.
+ Bedenkt Euch, Oberst Buttler.
+ Noch habt Ihr Zeit. In meiner treuen Brust
+ Begraben bleibt das raschgesprochne Wort.
+ Nehmt es zurueck. Waehlt eine bessere
+ Partei. Ihr habt die gute nicht ergriffen.
+
+Buttler.
+ Befehlt Ihr sonst nocht etwas, Generalleutnant?
+
+Octavio.
+ Seht Eure weissen Haare! Nehmt's zurueck.
+
+Buttler.
+ Lebt wohl!
+
+Octavio.
+ Was? Diesen guten, tapfern Degen
+ Wollt Ihr in solchem Streite ziehen? Wollt
+ In Fluch den Dank verwandeln, den Ihr Euch
+ Durch vierzigjaehr'ge Treu verdient um Oestreich?
+
+Buttler. (bitter lachend)
+ Dank vom Haus Oestreich!
+(Er will gehen.)
+
+Octavio. (laesst ihn bis an die Tuere gehen, dann ruft er)
+ Buttler!
+
+Buttler.
+ Was beliebt?
+
+Octavio.
+ Wie war es mit dem Grafen?
+
+Buttler.
+ Grafen! Was?
+
+Octavio.
+ Dem Grafentitel, mein ich.
+
+Buttler. (heftig auffahrend)
+ Tod und Teufel!
+
+Octavio. (kalt)
+ Ihr suchtet darum nach. Man wies Euch ab.
+
+Buttler.
+ Nicht ungestraft sollt Ihr mich hoehnen. Zieht!
+
+Octavio.
+ Steckt ein. Sagt ruhig, wie es damit ging. Ich will
+ Genugtuung nachher Euch nicht verweigern.
+
+Buttler.
+ Mag alle Welt doch um die Schwachheit wissen,
+ Die ich mir selbst nie verzeihen kann!
+ --Ja! Generalleutnant, ich besitze Ehrgeiz,
+ Verachtung hab ich nie ertragen koennen.
+ Es tat mir wehe, dass Geburt und Titel
+ Bei der Armee mehr galten als Verdienst.
+ Nicht schlechter wollt' ich sein als meinesgleichen,
+ So liess ich mich in ungluecksel'ger Stunde
+ Zu jenem Schritt verleiten--Es war Torheit!
+ Doch nicht verdient' ich, sie so hart zu buessen!
+ --Versagen konnte man's--Warum die Weigerung
+ Mit dieser kraenkenden Verachtung schaerfen,
+ Den alten Mann, den treu bewaehrten Diener
+ Mit schwerem Hohn zermalmend niederschlagen,
+ An seiner Herkunft Schmach so rauh ihn mahnen,
+ Weil er in schwacher Stunde sich vergass!
+ Doch einen Stachel gab Natur dem Wurm,
+ Den Willkuer uebermuetig spielend tritt--
+
+Octavio.
+ Ihr muesst verleumdet sein. Vermutet Ihr
+ Den Feind, der Euch den schlimmen Dienst geleistet?
+
+Buttler.
+ Sei's, wer es will! Ein niedertraecht'ger Bube,
+ Ein Hoefling muss es sein, ein Spanier,
+ Der Junker irgend eines alten Hauses,
+ Dem ich im Licht mag stehn, ein neid'scher Schurke,
+ Den meine selbstverdiente Wuerde kraenkt.
+
+Octavio.
+ Sagt. Billigte der Herzog jenen Schritt?
+
+Buttler.
+ Er trieb mich dazu an, verwendete
+ Sich selbst fuer micht, mit edler Freundeswaerme.
+
+Octavio.
+ So? Wisst ihr das gewiss?
+
+Buttler.
+ Ich las den Brief.
+
+Octavio. (bedeutend)
+ Ich auch--doch anders lautete sein Inhalt.
+(Buttler wird betroffen.)
+ Durch Zufall bin ich im Besitz des Briefs,
+ Kann Euch durch eignen Anblick ueberfuehren.
+(Er gibt ihm den Brief.)
+
+Buttler.
+ Ha! was ist das?
+
+Octavio.
+ Ich fuerchte, Oberst Buttler,
+ Man hat mit Euch ein schaendlich Spiel getrieben.
+ Der Herzog, sagt Ihr, trieb Euch zu dem Schritt?--
+ In diesem Briefe spricht er mit Verachtung
+ Von Euch, raet dem Minister, Euren Duenkel,
+ Wie er ihn nennt, zu zuechtigen.
+(Buttler hat den Brief gelesen, seine Knie zittern, er greift nach
+einem Stuhl, setzt sich nieder.)
+ Kein Feind verfolgt Euch. Niemand will Euch uebel.
+ Dem Herzog schreibt allein die Kraenkung zu,
+ Die ihr empfangen; deutlich ist die Absicht.
+ Losreissen wollt' er Euch von Eurem Kaiser--
+ Von Eurer Rache hofft' er zu erlangen,
+ Was Eure wohlbewaehrte Treu ihn nimmer
+ Erwarten liess bei ruhiger Besinnung.
+ Zum blinden Werkzeug wollt' er Euch, zum Mittel,
+ Verworfner Zwecke Euch veraechtlich brauchen.
+ Er hat's erreicht. Zu gut nur glueckt' es ihm,
+ Euch wegzulocken von dem guten Pfade,
+ Auf dem Ihr vierzig Jahre seid gewandelt.
+
+Buttler. (mit der Stimme bebend)
+ Kann mir des Kaisers Majestaet vergeben?
+
+Octavio.
+ Sie tut noch mehr. Sie macht die Kraenkung gut,
+ Die unverdient dem Wuerdigen geschehn.
+ Aus freiem Trieb bestaetigt sie die Schenkung,
+ Die Euch der Fuerst zu boesem Zweck gemacht.
+ Das Regiment ist Euer, das Ihr fuehrt.
+
+Buttler. (will aufstehen, sinkt zurueck. Sein Gemuet arbeitet
+heftig, er versucht zu reden und vermag es nicht. Endlich
+nimmt er den Degen vom Gehaenge und reicht ihn dem Piccolomini)
+
+Octavio.
+ Was wollt Ihr? Fasst Euch.
+
+Buttler.
+ Nehmt!
+
+Octavio.
+ Wozu? Besinnt Euch.
+
+Buttler.
+ Nehmt hin! Nicht wert mehr bin ich dieses Degens.
+
+Octavio.
+ Empfangt ihn neu zurueck aus meiner Hand
+ Und fuehrt ihn stets mit Ehre fuer das Recht.
+
+Buttler.
+ Die Treue brach ich solchem gnaed'gen Kaiser!
+
+Octavio.
+ Macht's wieder gut. Schnell trennt Euch von dem Herzog.
+
+Buttler.
+ Mich von ihm trennen!
+
+Octavio.
+ Wie? Bedenkt Ihr Euch?
+
+Buttler. (furchtbar ausbrechend)
+ Nur von ihm trennen? Oh! er soll nicht leben!
+
+Octavio.
+ Folgt mir nach Frauenberg, wo alle Treuen
+ Bei Gallas sich und Altringer versammeln.
+ Viel andre bracht' ich noch zu ihrer Pflicht
+ Zurueck, heut nacht entfliehen sie aus Pilsen.
+
+Buttler. (ist heftig bewegt auf und ab gegangen und tritt zu
+Octavio mit entschlossenem Blick)
+ Graf Piccolomini! Darf Euch der Mann
+ Von Ehre sprechen, der die Treue brach?
+
+Octavio.
+ Der darf es, der so ernstlich es bereut.
+
+Buttler.
+ So lasst mich hier, auf Ehrenwort.
+
+Octavio.
+ Was sinnt Ihr?
+
+Buttler.
+ Mit meinem Regimente lasst mich bleiben.
+
+Octavio.
+ Ich darf Euch trauen. Doch sagt mir, was Ihr bruetet?
+
+Buttler.
+ Die Tat wird's lehren. Fragt mich jetzt nicht weiter.
+ Traut mir! Ihr koennt's! Bei Gott! Ihr ueberlasset
+ Ihn seinem guten Engel nicht!--Lebt wohl!
+(Geht ab.)
+
+Bedienter. (bringt ein Billet)
+ Ein Unbekannter bracht's und ging gleich wieder.
+ Des Fuersten Pferde stehen auch schon unten.
+(Ab.)
+
+Octavio. (liest)
+ "Macht, dass Ihr fortkommt. Euer treuer Isolan."
+ --Oh! laege diese Stadt erst hinter mir!
+ So nah dem Hafen sollten wir noch scheitern?
+ Fort! Fort! Hier ist nicht laenger Sicherheit
+ Fuer mich. Wo aber bleibt mein Sohn?
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Beide Piccolomini.
+
+
+Max. (koemmt in der heftigsten Gemuetsbewegung, seine Blicke
+rollen wild, sein Gang ist unstet; er scheint den Vater nicht
+zu bemerken, der von ferne steht und ihn mitleidig ansieht.
+Mit grossen Schritten geht er durch das Zimmer, bleibt wieder
+stehen und wirft sich zuletzt in einen Stuhl, gerad vor sich
+hin starrend)
+
+Octavio. (naehert sich ihm).
+ Ich reise ab, mein Sohn.
+(Da er keine Antwort erhaelt, fasst er ihn bei der Hand.)
+ Mein Sohn, leb wohl!
+
+Max.
+ Leb wohl!
+
+Octavio.
+ Du folgst mir doch bald nach?
+
+Max. (ohne ihn anzusehen).
+ Ich dir?
+ Dein Weg ist krumm, er ist der meine nicht.
+(Octavio laesst seine Hand los, faehrt zurueck.)
+ Oh! waerst du wahr gewesen und gerade,
+ Nie kam es dahin, alles stuende anders!
+ Er haette nicht das Schreckliche getan,
+ Die Guten haetten Kraft bei ihm behalten,
+ Nicht in der Schlechten Garn waer' er gefallen.
+ Warum so heimlich, hinterlistig lauernd
+ Gleich einem Dieb und Diebeshelfer schleichen?
+ Unsel'ge Falschheit! Mutter alles Boesen!
+ Du jammerbringende, verderbest uns!
+ Wahrhaftigkeit, die reine, haett' uns alle,
+ Die welterhaltende, gerettet. Vater!
+ Ich kann dich nicht entschuldigen, ich kann's nicht.
+ Der Herzog hat mich hintergangen, schrecklich,
+ Du aber hast viel besser nicht gehandelt.
+
+Octavio.
+ Mein Sohn, ach! ich verzeihe deinem Schmerz.
+
+Max. (steht auf, betrachtet ihn mit zweifelhaften Blicken)
+ Waer's moeglich, Vater? Vater? Haettest du's
+ Mit Vorbedacht bis dahin treiben wollen?
+ Du steigst durch seinen Fall. Octavio,
+ Das will mir nicht gefallen.
+
+Octavio.
+ Gott im Himmel!
+
+Max.
+ Weh mir! Ich habe die Natur veraendert,
+ Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?
+ Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin,
+ Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.
+ Nein! Nein! Nicht alles! Sie ja lebt mir noch,
+ Und sie ist wahr und lauter wie der Himmel.
+ Betrug ist ueberall und Heuchelschein
+ Und Mord und Gift und Meineid und Verrat,
+ Der einzig reine Ort ist unsre Liebe,
+ Der unentweihte in der Menschlichkeit.
+
+Octavio.
+ Max! Folg mir lieber gleich, das ist doch besser.
+
+Max.
+ Was? Eh' ich Abschied noch von ihr genommen?
+ Den letzten--Nimmermehr!
+
+Octavio.
+ Erspare dir
+ Die Qual der Trennung, der notwendigen.
+ Komm mit mir! Komm, mein Sohn!
+(Will ihn fortziehn.)
+
+Max.
+ Nein! So wahr Gott lebt!
+
+Octavio. (dringender)
+ Komm mit mir, ich gebiete dir's, dein Vater.
+
+Max.
+ Gebiete mir, was menschlich ist. Ich bleibe.
+
+Octavio.
+ Max! In des Kaisers Namen, folge mir!
+
+Max.
+ Kein Kaiser hat dem Herzen vorzuschreiben.
+ Und willst du mir das einzige noch rauben,
+ Was mir mein Unglueck uebrigliess, ihr Mitleid?
+ Muss grausam auch das Grausame geschehn?
+ Das Unabaenderliche soll ich noch
+ Unedel tun, mit heimlich feiger Flucht,
+ Wie ein Unwuerdiger mich von ihr stehlen?
+ Sie soll mein Leiden sehen, meinen Schmerz,
+ Die Klagen hoeren der zerrissnen Seele
+ Und Traenen um mich weinen--Oh! die Menschen
+ Sind grausam, aber sie ist wie ein Engel.
+ Sie wird von graesslich wuetender Verzweiflung
+ Die Seele retten, diesen Schmerz des Todes
+ Mit sanften Trostesworten klagend loesen.
+
+Octavio.
+ Du reissest dich nicht los, vermagst es nicht.
+ Oh! komm, mein Sohn, und rette deine Tugend!
+
+Max.
+ Verschwende deine Worte nicht vergebens,
+ Dem Herzen folg ich, denn ich darf ihm trauen.
+
+Octavio. (ausser Fassung, zitternd)
+ Max! Max! Wenn das Entsetzliche mich trifft,
+ Wenn du--mein Sohn--mein eignes Blut--ich darf's
+ Nicht denken! dich dem Schaendlichen verkaufst,
+ Dies Brandmal aufdrueckst unsers Hauses Adel,
+ Dann soll die Welt das Schauderhafte sehn,
+ Und von des Vaters Blute triefen soll
+ Des Sohnes Stahl im graesslichen Gefechte.
+
+Max.
+ Oh! haettest du vom Menschen besser stets
+ Gedacht, du haettest besser auch gehandelt.
+ Fluchwuerd'ger Argwohn! Ungluecksel'ger Zweife!
+ Es ist ihm Festes nichts und Unverruecktes,
+ Und alles wanket, wo der Glaube fehlt.
+ Octavio.
+ Und trau ich deinem Herzen auch, wird's immer
+ In deiner Macht auch stehen, ihm zu folgen?
+
+Max.
+ Du hast des Herzens Stimme nicht bezwungen,
+ So wenig wird der Herzog es vermoegen.
+
+Octavio.
+ Oh! Max, ich seh dich niemals wiederkehren!
+
+Max.
+ Unwuerdig deiner wirst du nie mich sehn.
+
+Octavio.
+ Ich geh nach Frauenberg, die Pappenheimer
+ Lass ich dir hier, auch Lothringen, Toscana
+ Und Tiefenbach bleibt da, dich zu bedecken.
+ Sie lieben dich und sind dem Eide treu
+ Und werden lieber tapfer streitend fallen,
+ Als von dem Fuehrer weichen und der Ehre.
+
+Max.
+ Verlass dich drauf, ich lasse fechtend hier
+ Das Leben oder fuehre sie aus Pilsen.
+
+Octavio. (aufbrechend)
+ Mein Sohn, leb wohl!
+
+Max.
+ Leb wohl!
+
+Octavio.
+ Wie? Keinen Blick
+ Der Liebe? Keinen Haendedruck zum Abschied?
+ Es ist ein blut'ger Krieg, in den wir gehn,
+ Und ungewiss, verhuellt ist der Erfolg.
+ So pflegten wir uns vormals nicht zu trennen.
+ Ist es denn wahr? Ich habe keinen Sohn mehr?
+(Max faellt in seine Arme, sie halten einander lange schweigend
+umfasst, dann entfernen sie sich nach verschiedenen Seiten.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+Saal bei der Herzogin von Friedland.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Graefin Terzky. Thekla. Fraeulein von Neubrunn. Beide letztern mit
+weiblichen Arbeiten beschaeftigt.
+
+
+
+Graefin.
+ Ihr habt mich nichts zu fragen, Thekla? Gar nichts?
+ Schon lange wart ich auf ein Wort von Euch.
+ Koennt Ihr's ertragen, in so langer Zeit
+ Nicht einmal seinen Namen auszusprechen?
+ Wie? Oder waer' ich jetzt schon ueberfluessig,
+ Und gaeb' es andre Wege als durch mich?
+ Gesteht mir, Nichte. Habt Ihr ihn gesehn?
+
+Thekla.
+ Ich hab ihn heut und gestern nicht gesehn.
+
+Graefin.
+ Auch nicht von ihm gehoert? Verbergt mir nichts.
+
+Thekla.
+ Kein Wort.
+
+Graefin.
+ Und koennt so ruhig sein!
+
+Thekla.
+ Ich bin's.
+
+Graefin.
+ Verlasst uns, Neubrunn.
+(Fraeulein von Neubrunn entfernt sich.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Graefin Thekla.
+
+
+Graefin.
+ Es gefaellt mir nicht,
+ Dass er sich grade jetzt so still verhaelt.
+
+Thekla.
+ Gerade jetzt!
+
+Graefin.
+ Nachdem er alles weiss!
+ Denn jetzo war's die Zeit, sich zu erklaeren.
+
+Thekla.
+ Sprecht deutlicher, wenn ich's verstehen soll.
+
+Graefin.
+ In dieser Absicht schickt' ich sie hinweg.
+ Ihr seid kein Kind mehr, Thekla. Euer Herz
+ Ist muendig, denn Ihr liebt, und kuehner Mut
+ Ist bei der Liebe. Den habt Ihr bewiesen.
+ Ihr artet mehr nach Eures Vaters Geist
+ Als nach der Mutter ihrem. Darum koennt Ihr hoeren,
+ Was sie nicht faehig ist zu tragen.
+
+Thekla.
+ Ich bitt Euch, endet diese Vorbereitung.
+ Sei's was es sei. Heraus damit! Es kann
+ Mich mehr nicht aengstigen als dieser Eingang.
+ Was habt Ihr mir zu sagen? Fasst es kurz.
+
+Graefin.
+ Ihr muesst nur nicht erschrecken--
+
+Thekla.
+ Nennt's! Ich bitt Euch.
+
+Graefin.
+ Es steht bei Euch, dem Vater einen grossen Dienst
+ Zu leisten--
+
+Thekla.
+ Bei mir stuende das! Was kann--
+
+Graefin.
+ Max Piccolomini liebt Euch. Ihr koennt
+ Ihn unaufloeslich an den Vater binden.
+
+Thekla.
+ Braucht's dazu meiner? Ist er es nicht schon?
+
+Graefin.
+ Er war's.
+
+Thekla.
+ Und warum sollt' er's nicht mehr sein,
+ Nicht immer bleiben?
+
+Graefin.
+ Auch am Kaiser haengt er.
+
+Thekla.
+ Nicht mehr, als Pflicht und Ehre von ihm fordern.
+
+Graefin.
+ Von seiner Liebe fordert man Beweise,
+ Und nicht von seiner Ehre--Pflicht und Ehre!
+ Das sind vieldeutig doppelsinn'ge Namen,
+ Ihr sollt sie ihm auslegen, seine Liebe
+ Soll seine Ehre ihm erklaeren.
+
+Thekla.
+ Wie?
+
+Graefin.
+ Er soll dem Kaiser oder Euch entsagen.
+
+Thekla.
+ Er wird den Vater gern in den Privatstand
+ Begleiten. Ihr vernahmt es von ihm selbst,
+ Wie sehr er wuenscht, die Waffen wegzulegen.
+
+Graefin.
+ Er soll sie nicht weglegen, ist die Meinung,
+ Er soll sie fuer den Vater ziehn.
+
+Thekla.
+ Sein Blut,
+ Sein Leben wird er fuer den Vater freudig
+ Verwenden, wenn ihm Unglimpf widerfuehre.
+
+Graefin.
+ Ihr wollt mich nicht erraten--Nun so hoert.
+ Der Vater ist vom Kaiser abgefallen,
+ Steht im Begriff, sich zu dem Feind zu schlagen
+ Mitsamt dem ganzen Heer--
+
+Thekla.
+ O meine Mutter!
+
+Graefin.
+ Es braucht ein grosses Beispiel, die Armee
+ Ihm nachzuziehn. Die Piccolomini
+ Stehn bei dem Heer in Ansehn, sie beherrschen
+ Die Meinung, und entscheidend ist ihr Vorgang.
+ Des Vaters sind wir sicher durch den Sohn--
+ --Ihr habt jetzt viel in Eurer Hand.
+
+Thekla.
+ O jammervolle Mutter! Welcher Streich des Todes
+ Erwartet dich!--Sie wird's nicht ueberleben.
+
+Graefin.
+ Sie wird in das Notwendige sich fuegen.
+ Ich kenne sie--Das Ferne, Kuenftige beaengstigt
+ Ihr fuerchtend Herz; was unabaenderlich
+ Und wirklich da ist, traegt sie mit Ergebung.
+
+Thekla.
+ O meine ahnungsvolle Seele--Jetzt--
+ Jetzt ist sie da, die kalte Schreckenshand,
+ Die in mein froehlich Hoffen schaudernd greift.
+ Ich wusst' es wohl--O gleich, als ich hier eintrat,
+ Weissagte mir's das bange Vorgefuehl,
+ Dass ueber mir die Unglueckssterne stuenden--
+ Doch warum denk ich jetzt zuerst an mich--
+ O meine Mutter! meinen Mutter!
+
+Graefin.
+ Fasst Euch.
+ Brecht nicht in eitle Klagen aus. Erhaltet
+ Dem Vater einen Freund, Euch den Geliebten,
+ So kann noch alles gut und gluecklich werden.
+
+Thekla.
+ Gut werden! Was? Wir sind getrennt auf immer!--
+ Ach, davon ist nun gar nicht mehr die Rede.
+
+Graefin.
+ Er laesst Euch nicht! Er kann nicht von Euch lassen.
+
+Thekla.
+ O der Unglueckliche!
+
+Graefin.
+ Wenn er Euch wirklich liebt, wird sein Entschluss
+ Geschwind gefasst sein.
+
+Thekla.
+ Sein Entschluss wird bald
+ Gefasst sein, daran zweifelt nicht. Entschluss!
+ Ist hier noch ein Entschluss?
+
+Graefin.
+ Fasst euch. Ich hoere
+ Die Mutter nahn.
+
+Thekla.
+ Wie werd ich ihren Anblick
+ Ertragen!
+
+Graefin.
+ Fasst Euch.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Die Herzogin. Vorige.
+
+
+Herzogin. (zur Graefin)
+ Schwester! Wer war hier?
+ Ich hoerte lebhaft reden.
+
+Graefin.
+ Es war niemand.
+ Herzogin.
+ Ich bin so schreckhaft. Jedes Rauschen kuendigt mir
+ Den Fusstritt eines Ungluecksboten an.
+ Koennt Ihr mir sagen, Schwester, wie es steht?
+ Wird er dem Kaiser seinen Willen tun,
+ Dem Kardinal die Reiter senden? Sprecht,
+ Hat er den Questenberg mit einer guten
+ Antwort entlassen?
+
+Graefin.
+ --Nein, das hat er nicht.
+
+Herzogin.
+ O dann ist's aus! Ich seh das Aergste kommen.
+ Sie werden ihn absetzen, es wird alles wieder
+ So werden wie zu Regenspurg.
+
+Graefin.
+ So wird's
+ Nicht werden. Diesmal nicht. Dafuer seid ruhig.
+(Thekla, heftig bewegt, stuerzt auf die Mutter zu und schliesst sie
+weinend in die Arme.)
+
+Herzogin.
+ O der unbeugsam unbezaehmte Mann!
+ Was hab ich nicht getragen und gelitten
+ In dieser Ehe ungluecksvollem Bund!
+ Denn gleich wie an ein feurig Rad gefesselt,
+ Das rastlos eilend, ewig, heftig treibt,
+ Bracht' ich ein angstvoll Leben mit ihm zu,
+ Und stets an eines Abgrunds jaehem Rande
+ Sturzdrohend, schwindelnd riss er mich dahin.
+ --Nein, weine nicht, mein Kind. Lass dir mein Leiden
+ Zu keiner boesen Vorbedeutung werden,
+ Den Stand, der dich erwartet, nicht verleiden.
+ Es lebt kein zweiter Friedland; du, mein Kind,
+ Hast deiner Mutter Schicksal nicht zu fuerchten.
+
+Thekla.
+ O lassen Sie uns fliehen, liebe Mutter!
+ Schnell! Schnell! Hier ist kein Aufenthalt fuer uns.
+ Jedwede naechste Stunde bruetet irgend
+ Ein neues, ungeheures Schreckbild aus!
+
+Herzogin.
+ Dir wird ein ruhigeres Los!--Auch wir,
+ Ich und dein Vater, sahen schoene Tage;
+ Der ersten Jahre denk ich noch mit Lust.
+ Da war er noch der froehlich Strebende,
+ Sein Ehrgeiz war ein mild erwaermend Feuer,
+ Noch nicht die Flamme, die verzehrend rast.
+ Der Kaiser liebte ihn, vertraute ihm,
+ Und was er anfing, das musst' ihm geraten.
+ Doch seit dem Unglueckstag zu Regenspurg,
+ Der ihn von seiner Hoeh' herunterstuerzte,
+ Ist ein unsteter, ungesell'ger Geist
+ Argwoehnisch, finster ueber ihn gekommen.
+ Ihn floh die Ruhe, und dem alten Glueck,
+ Der eignen Kraft nicht froehlich mehr vertrauend,
+ Wandt' er sein Herz den dunkeln Kuensten zu,
+ Die keinen, der sie pflegte, noch beglueckt.
+
+Graefin.
+ Ihr seht's mit Euren Augen--Aber ist
+ Das ein Gespraech, womit wir ihn erwarten?
+ Er wird bald hier sein, wisst Ihr. Soll er sie
+ In diesem Zustand finden?
+
+Herzogin.
+ Komm, mein Kind.
+ Wisch deine Traenen ab. Zeig deinem Vater
+ Ein heitres Antlitz--Sieh, die Schleife hier
+ Ist los--Dies Haar muss aufgebunden werden.
+ Komm, trockne deine Traenen. Sie entstellen
+ Dein holdes Auge--Was ich sagen wollte?
+ Ja, dieser Piccolomini ist doch
+ Ein wuerd'ger Edelmann und voll Verdienst.
+
+Graefin.
+ Das ist er, Schwester.
+
+Thekla. (zur Graefin, beaengstigt.)
+ Tante, wollt Ihr mich
+ Entschuldigen?
+(Will gehen.)
+
+Graefin.
+ Wohin? Der Vater kommt.
+
+Thekla.
+ Ich kann ihn jetzt nicht sehn.
+
+Graefin.
+ Er wird Euch aber
+ Vermissen, nach Euch fragen.
+
+Herzogin.
+ Warum geht sie?
+
+Thekla.
+ Es ist mir unertraeglich, ihn zu sehn.
+
+Graefin. (zur Herzogin).
+ Ihr ist nicht wohl.
+
+Herzogin. (besorgt)
+ Was fehlt dem lieben Kinde?
+(Beide folgen dem Fraeulein und sind beschaeftigt, sie zurueckzuhalten.
+Wallenstein erscheint, im Gespraech mit Illo.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Wallenstein. Illo. Vorige.
+
+
+Wallenstein.
+ Es ist noch still im Lager?
+
+Illo.
+ Alles still.
+
+Wallenstein.
+ In wenig Stunden kann die Nachricht da sein
+ Aus Prag, dass diese Hauptstadt unser ist.
+ Dann koennen wir die Maske von uns werfen,
+ Den hiesigen Truppen den getanen Schritt
+ Zugleich mit dem Erfolg zu wissen tun.
+ In solchen Faellen tut das Beispiel alles.
+ Der Mensch ist ein nachahmendes Geschoepf,
+ Und wer der Vorderste ist, fuehrt die Herde.
+ Die Prager Truppen wissen es nicht anders,
+ Als dass die Pilsner Voelker uns gehuldigt,
+ Und hier in Pilsen sollen sie uns schwoeren,
+ Weil man zu Prag das Beispiel hat gegeben.
+ --Der Butler, sagst du, hat sich nun erklaert?
+
+Illo.
+ Aus freiem Trieb, unaufgefordert kam er,
+ Sich selbst, sein Regiment dir anzubieten.
+
+Wallenstein.
+ Nicht jeder Stimme, find ich, ist zu glauben,
+ Die warnend sich im Herzen laesst vernehmen.
+ Uns zu beruecken, borgt der Luegengeist
+ Nachahmend oft die Stimme von der Wahrheit
+ Und streut betruegliche Orakel aus.
+ So hab ich diesem wuerdig braven Mann,
+ Dem Butler, stilles Unrecht abzubitten;
+ Denn ein Gefuehl, des ich nicht Meister bin,
+ Furcht moecht' ich's nicht gern nennen, ueberschleicht
+ In seiner Naehe schaudernd mir die Sinne
+ Und hemmt der Liebe freudige Bewegung.
+ Und dieser Redliche, vor dem der Geist
+ Mich warnt, reicht mir das erste Pfand des Gluecks.
+
+Illo.
+ Und sein geachtet Beispiel, zweifle nicht,
+ Wird dir die Besten in dem Heer gewinnen.
+
+Wallenstein.
+ Jetzt geh und schick mir gleich den Isolan
+ Hieher, ich hab ihn mir noch juengst verpflichtet.
+ Mit ihm will ich den Anfang machen. Geh!
+(Illo geht hinaus, unterdessen sind die uebrigen wieder vorwaerts
+gekommen.)
+
+Wallenstein.
+ Sieh da, die Mutter mit der lieben Tochter!
+ Wir wollen einmal von Geschaeften ruhn--
+ Kommt! Mich verlangte, eine heitre Stunde
+ Im lieben Kreis der Meinen zu verleben.
+
+Graefin.
+ Wir waren lang nicht so beisammen, Bruder.
+
+Wallenstein. (beiseite, zur Graefin)
+ Kann sie's vernehmen? Ist sie vorbereitet?
+
+Graefin.
+ Noch nicht.
+
+Wallenstein.
+ Komm her, mein Maedchen. Setz dich zu mir.
+ Es ist ein guter Geist auf deinen Lippen,
+ Die Mutter hat mir deine Fertigkeit
+ Gepriesen, es soll eine zarte Stimme
+ Des Wohllauts in dir wohnen, die die Seele
+ Bezaubert. Eine solche Stimme brauch
+ Ich jetzt, den boesen Daemon zu vertreiben,
+ Der um mein Haupt die schwarzen Fluegel schlaegt.
+
+Herzogin.
+ Wo hast du deine Zither, Thekla? Komm.
+ Lass deinem Vater eine Probe hoeren
+ Von deiner Kunst.
+
+Thekla.
+ O meine Mutter! Gott!
+
+Herzogin.
+ Komm, Thekla, und erfreue deinen Vater.
+
+Thekla.
+ Ich kann nicht, Mutter--
+
+Graefin.
+ Wie? Was ist das, Nichte!
+
+Thekla. (zur Graefin)
+ Verschont mich--Singen--jetzt--in dieser Angst
+ Der schwer beladnen Seele--vor ihn singen--
+ Der meine Mutter stuerzt ins Grab!
+
+Herzogin.
+ Wie, Thekla, Launen? Soll dein guet'ger Vater
+ Vergeblich einen Wunsch geaeussert haben?
+
+Graefin.
+ Hier ist die Zither.
+
+Thekla.
+ O mein Gott--Wie kann ich--
+(Haelt das Instrument mit zitternder Hand, ihre Seele arbeitet
+im heftigsten Kampf, und im Augenblick, da sie anfangen soll,
+zu singen, schaudert sie zusammen, wirft das Instrument weg und
+geht schnell ab.)
+
+Herzogin.
+ Mein Kind--o sie ist krank!
+ Wallenstein.
+ Was ist dem Maedchen? Pflegt sie so zu sein?
+
+Graefin.
+ Nun weil sie es denn selbst verraet, so will
+ Auch ich nicht laenger schweigen.
+
+Wallenstein.
+ Wie?
+
+Graefin.
+ Sie liebt ihn.
+
+Wallenstein.
+ Liebt! Wen?
+
+Graefin.
+ Den Piccolomini liebt sie.
+ Hast du es nicht bemerkt? Die Schwester auch nicht?
+
+Herzogin.
+ O war es dies, was ihr das Herz beklemmte?
+ Gott segne dich, mein Kind! Du darfst
+ Dich deiner Wahl nicht schaemen.
+
+Graefin.
+ Diese Reise--
+ Wenn's deine Absicht nicht gewesen, schreib's
+ Dir selber zu. Du haettest einen andern
+ Begleiter waehlen sollen!
+
+Wallenstein.
+ Weiss er's?
+
+Graefin.
+ Er hofft sie zu besitzen.
+
+Wallenstein.
+ Hofft
+ Sie zu besitzen--Ist der Junge toll?
+
+Graefin.
+ Nun mag sie's selber hoeren!
+
+Wallenstein.
+ Die Friedlaenderin
+ Denkt er davonzutragen? Nun! Der Einfall
+ Gefaellt mir! Die Gedanken stehen ihm nicht niedrig.
+
+Graefin.
+ Weil du so viele Gunst ihm stets bezeugt,
+ So--
+
+Wallenstein.
+ --Will er mich auch endlich noch beerben.
+ Nun ja! Ich lieb ihn, halt ihn wert; was aber
+ Hat das mit meiner Tochter Hand zu schaffen?
+ Sind es die Toechter, sind's die einz'gen Kinder,
+ Womit man seine Gunst bezeugt?
+
+Herzogin.
+ Sein adeliger Sinn und seine Sitten--
+
+Wallenstein.
+ Erwerben ihm mein Herz, nicht meine Tochter.
+
+Herzogin.
+ Sein Stand und seine Ahnen--
+
+Wallenstein.
+ Ahnen! Was!
+ Er ist ein Untertan, und meinen Eidam
+ Will ich mir auf Europens Thronen suchen.
+
+Herzogin.
+ O lieber Herzog! Streben wir nicht allzuhoch
+ Hinauf, dass wir zu tief nicht fallen moegen.
+
+Wallenstein.
+ Liess ich mir's so viel kosten, in die Hoeh'
+ Zu kommen, ueber die gemeinen Haeupter
+ Der Menschen weg zu ragen, um zuletzt
+ Die grosse Lebensrolle mit gemeiner
+ Verwandtschaft zu beschliessen?--Hab ich darum--
+(Ploetzlich haelt er inne, sich fassend.)
+ Sie ist das einzige, was von mir nachbleibt
+ Auf Erden; eine Krone will ich sehn
+ Auf ihrem Haupte, oder will nicht leben.
+ Was? Alles--Alles! setz ich dran, um sie
+ Recht gross zu machen--ja in der Minute,
+ Worin wir sprechen--
+(Er besinnt sich.)
+ Und ich sollte nun,
+ Wie ein weichherz'ger Vater, was sich gern hat
+ Und liebt, fein buergerlich zusammengeben?
+ Und jetzt soll ich das tun, jetzt eben, da ich
+ Auf mein vollendet Werk den Kranz will setzen--
+ Nein, sie ist mir ein langgespartes Kleinod,
+ Die hoechste, letzte Muenze meines Schatzes,
+ Nicht niedriger fuerwahr gedenk ich sie
+ Als um ein Koenigszepter loszuschlagen--
+
+Herzogin.
+ O mein Gemahl! Sie bauen immer, bauen
+ Bis in die Wolken, bauen fort und fort
+ Und denken nicht dran, dass der schmale Grund
+ Das schwindelnd schwanke Werk nicht tragen kann.
+
+Wallenstein. (zur Graefin)
+ Hast du ihr angekuendigt, welchen Wohnsitz
+ Ich ihr bestimmt?
+
+Graefin.
+ Noch nicht. Entdeckt's ihr selbst.
+
+Herzogin.
+ Wie? Gehen wir nach Kaernten nicht zurueck?
+
+Wallenstein.
+ Nein.
+
+Herzogin.
+ Oder sonst auf keines Ihrer Gueter?
+
+Wallenstein.
+ Sie wuerden dort nicht sicher sein.
+
+Herzogin.
+ Nicht sicher
+ In Kaisers Landen, unter Kaisers Schutz?
+
+Wallenstein.
+ Den hat des Friedlands Gattin nicht zu hoffen.
+
+Herzogin.
+ O Gott, bis dahin haben Sie's gebracht?
+
+Wallenstein.
+ In Holland werden Sie Schutz finden.
+
+Herzogin.
+ Was?
+ Sie senden uns in lutherischen Laender?
+
+Wallenstein.
+ Der Herzog Franz von Lauenburg wird Ihr
+ Geleitsmann dahin sein.
+
+Herzogin.
+ Der Lauenburger?
+ Der's mit dem Schweden haelt, des Kaisers Feind?
+
+Wallenstein.
+ Des Kaisers Feinde sind die meinen nicht mehr.
+
+Herzogin. (sieht den Herzog und die Graefin schreckensvoll an)
+ Ist's also wahr? Es ist? Sie sind
+ gestuerzt? Sind vom Kommando abgesetzt? O Gott
+ Im Himmel!
+
+Graefin. (seitwaerts zum Herzog)
+ Lassen wir sie bei dem Glauben.
+ Du siehst, dass sie die Wahrheit nicht ertruege.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Graf Terzky. Vorige.
+
+
+Graefin.
+ Terzky! Was ist ihm? Welches Bild des Schreckens!
+ Als haett' er ein Gespenst gesehn!
+
+Terzky. (Wallenstein bei Seite fuehrend, heimlich)
+ Ist's dein Befehl, dass die Kroaten reiten?
+
+Wallenstein.
+ Ich weiss von nichts.
+
+Terzky.
+ Wir sind verraten!
+
+Wallenstein.
+ Was?
+
+Terzky.
+ Sie sind davon, heut nacht, die Jaeger auch,
+ Leer stehen alle Doerfer in der Runde.
+
+Wallenstein.
+ Und Isolan?
+
+Terzky.
+ Den hast du ja verschickt.
+
+Wallenstein.
+ Ich?
+
+Terzky.
+ Nicht? Du hast ihn nicht verschickt? Auch nicht
+ Den Deodat? Sie sind verschwunden beide.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Illo. Vorige.
+
+
+Illo.
+ Hat dir der Terzky--
+
+Terzky.
+ Er weiss alles.
+
+Illo.
+ Auch dass Maradas, Esterhazy, Goetz,
+ Colalto, Kaunitz dich verlassen?--
+
+Terzky.
+ Teufel!
+
+Wallenstein. (winkt)
+ Still!
+
+Graefin. (hat sie von weitem aengstlich beobachtet, tritt hinzu)
+ Terzky! Gott! Was gibt's? Was ist geschehen?
+
+Wallenstein. (im Begriff aufzubrechen)
+ Nichts! Lasst uns gehen.
+
+Terzky. (will ihm folgen)
+ Es ist nichts, Therese.
+
+Graefin. (haelt ihn).
+ Nichts? Seh ich nicht, dass alles Lebensblut
+ Aus euren geisterbleichen Wangen wich,
+ Dass selbst der Bruder Fassung nur erkuenstelt?
+
+Page. (kommt)
+ Ein Adjutant fragt nach dem Grafen Terzky.
+(Ab. Terzky folgt dem Pagen.)
+
+Wallenstein.
+ Hoer, was er bringt--
+(Zu Illo.)
+ Das konnte nicht so heimlich
+ Geschehen ohne Meuterei--Wer hat
+ Die Wache an den Toren?
+
+Illo.
+ Tiefenbach.
+
+Wallenstein.
+ Lass Tiefenbach abloesen unverzueglich
+ Und Terzkys Grenadiere aufziehn.--Hoere!
+ Hast du von Buttlern Kundschaft?
+
+Illo.
+ Buttlern traf ich.
+ Gleich ist er selber hier. Der haelt dir fest.
+(Illo geht. Wallenstein will ihm folgen.)
+
+Graefin.
+ Lass ihn nicht von dir, Schwester! Halt ihn auf--
+ Es ist ein Unglueck--
+
+Herzogin.
+ Grosser Gott! Was ist's?
+(Haengt sich an ihn.)
+
+Wallenstein. (erwehrt sich ihrer).
+ Seid ruhig! Lasst mich! Schwester! liebes Weib,
+ Wir sind im Lager! Da ist's nun nicht anders,
+ Da wechseln Sturm und Sonnenschein geschwind,
+ Schwer lenken sich die heftigen Gemueter,
+ Und Ruhe nie beglueckt des Fuehrers Haupt--
+ Wenn ich soll bleiben, geht! Denn uebel stimmt
+ Der Weiber Klage zu dem Tun der Maenner.
+(Er will gehen. Terzky koemmt zurueck.)
+
+Terzky.
+ Bleib hier. Von diesem Fenster muss man's sehn.
+
+Wallenstein. (zur Graefin)
+ Geht, Schwester!
+
+Graefin.
+ Nimmermehr!
+
+Wallenstein.
+ Ich will's.
+
+Terzky. (fuehrt sie beiseite, mit einem bedeutenden Wink auf die Herzogin)
+ Therese!
+
+Herzogin.
+ Komm, Schwester, weil er es befiehlt.
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Wallenstein. Graf Terzky.
+
+
+Wallenstein. (ans Fenster tretend)
+ Was gibt's denn?
+
+Terzky.
+ Es ist ein Rennen und Zusammenlaufen
+ Bei allen Truppen. Niemand weiss die Ursach,
+ Geheimnisvoll, mit einer finstern Stille,
+ Stellt jedes Korps sich unter seine Fahnen,
+ Die Tiefenbacher machen boese Mienen,
+ Nur die Wallonen stehen abgesondert
+ In ihrem Lager, lassen niemand zu
+ Und halten sich gesetzt, so wie sie pflegen.
+
+Wallenstein.
+ Zeigt Piccolomini sich unter ihnen?
+
+Terzky.
+ Man sucht ihn, er ist nirgends anzutreffen.
+ Wallenstein.
+ Was ueberbrachte denn der Adjutant?
+
+Terzky.
+ Ihn schickten meine Regimenter ab,
+ Sie schwoeren nochmals Treue dir, erwarten
+ Voll Kriegeslust den Aufruf zum Gefechte.
+
+Wallenstein.
+ Wie aber kam der Laermen in das Lager?
+ Es sollte ja dem Heer verschwiegen bleiben,
+ Bis sich zu Prag das Glueck fuer uns entschieden.
+
+Terzky.
+ O dass du mir geglaubt! Noch gestern Abends
+ Beschwuren wir dich, den Octavio,
+ Den Schleicher, aus den Toren nicht zu lassen,
+ Du gabst die Pferde selber ihm zur Flucht--
+
+Wallenstein.
+ Das alte Lied! Einmal fuer allemal,
+ Nichts mehr von diesem toerichten Verdacht!
+
+Terzky.
+ Dem Isolani hast du auch getraut,
+ Und war der erste doch, der dich verliess.
+
+Wallenstein.
+ Ich zog ihn gestern erst aus seinem Elend.
+ Fahr hin! Ich hab auf Dank ja nie gerechnet.
+
+Terzky.
+ Und so sind alle, einer wie der andre.
+
+Wallenstein.
+ Und tut er Unrecht, dass er von mir geht?
+ Er folgt dem Gott, dem er sein Lebenlang
+ Am Spieltisch hat gedient. Mit meinem Gluecke
+ Schloss er den Bund und bricht ihn, nicht mit mir.
+ War ich ihm was, er mir? Das Schiff nur bin ich,
+ Auf das er seine Hoffnung hat geladen,
+ Mit dem er wohlgemut das freie Meer
+ Durchsegelte; er sieht es ueber Klippen
+ Gefaehrlich gehn und rettet schnell die Ware.
+ Leicht wie der Vogel von dem wirtbarn Zweige,
+ Wo er genistet, fliegt er von mir auf,
+ Kein menschlich Band ist unter uns zerrissen.
+ Ja, der verdient, betrogen sich zu sehn,
+ Der Herz gesucht bei dem Gedankenlosen!
+ Mit schnell verloeschten Zuegen schreiben sich
+ Des Lebens Bilder auf die glatte Stirne,
+ Nichts faellt in eines Busen stillen Grund,
+ Ein muntrer Sinn bewegt die leichten Saefte,
+ Doch keine Seele waermt das Eingeweide.
+
+Terzky.
+ Doch moecht' ich mich den glatten Stirnen lieber
+ Als jenen tiefgefurchten anvertrauen.
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky. Illo koemmt wuetend.
+
+
+Illo.
+ Verrat und Meuterei!
+
+Terzky.
+ Ha! was nun wieder?
+
+Illo.
+ Die Tiefenbacher, als ich Ordre gab,
+ Sie abzuloesen--Pflichtvergessne Schelmen!
+
+Terzky.
+ Nun?
+
+Wallenstein.
+ Was denn?
+
+Illo.
+ Sie verweigern den Gehorsam.
+
+Terzky.
+ So lass sie niederschiessen! O gib Ordre!
+
+Wallenstein.
+ Gelassen! Welche Ursach geben sie?
+
+Illo.
+ Kein andrer sonst hab ihnen zu befehlen
+ Als Generalleutnant Piccolomini.
+
+Wallenstein.
+ Was--Wie ist das?
+
+Illo.
+ So hab er's hinterlassen
+ Und eigenhaendig vorgezeigt vom Kaiser.
+
+Terzky.
+ Vom Kaiser--Hoerst du's, Fuerst!
+
+Illo.
+ Auf seinen Antrieb
+ Sind gestern auch die Obersten entwichen.
+
+Terzky.
+ Hoerst du's!
+
+Illo.
+ Auch Montecuculi, Caraffa
+ Und noch sechs andre Generale werden
+ Vermisst, die er bered't hat, ihm zu folgen.
+ Das hab er alles schon seit lange schriftlich
+ Bei sich gehabt vom Kaiser und noch juengst
+ Erst abgeredet mit dem Questenberger.
+(Wallenstein sinkt auf einen Stuhl und verhuellt sich das Gesicht.)
+
+Terzky.
+ O haettest du mir doch geglaubt!
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Graefin. Vorige.
+
+
+Graefin.
+ Ich kann die Angst--ich kann's nicht laenger tragen,
+ Um Gotteswillen, sagt mir, was es ist.
+
+Illo.
+ Die Regimenter fallen von uns ab.
+ Graf Piccolomini ist ein Verraeter.
+
+Graefin.
+ O meine Ahnung!
+(Stuerzt aus dem Zimmer.)
+
+Terzky.
+ Haett' man mir geglaubt!
+ Da siehst du's, wie die Sterne dir gelogen!
+
+Wallenstein. (richtet sich auf)
+ Die Sterne luegen nicht, das aber ist
+ Geschehen wider Sternenlauf und Schicksal.
+ Die Kunst ist redlich, doch dies falsche Herz
+ Bringt Lug und Trug in den wahrhaft'gen Himmel.
+ Nur auf der Wahrheit ruht die Wahrsagung;
+ Wo die Natur aus ihren Grenzen wanket,
+ Da irret alle Wissenschaft. War es
+ Ein Aberglaube, menschliche Gestalt
+ Durch keinen solchen Argwohn zu entehren,
+ O nimmer schaem ich dieser Schwachheit mich!
+ Religion ist in der Tiere Trieb,
+ Es trinkt der Wilde selbst nicht mit dem Opfer,
+ Dem er das Schwert will in den Busen stossen.
+ Das war kein Heldenstueck, Octavio!
+ Nicht deine Klugheit siegte ueber meine,
+ Dein schlechtes Herz hat ueber mein gerades
+ Den schaendlichen Triumph davongetragen.
+ Kein Schild fing deinen Mordstreich auf, du fuehrtest
+ Ihn ruchlos auf die unbeschuetzte Brust,
+ Ein Kind nur bin ich gegen solche Waffen.
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Vorige. Buttler.
+
+
+Terzky.
+ O sieh da! Buttler! Das ist noch ein Freund!
+ Wallenstein
+(geht ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und umfasst ihn
+mit Herzlichkeit)
+ Komm an mein Herz, du alter Kriegsgefaehrt'!
+ So wohl tut nicht der Sonne Blick im Lenz
+ Als Freundes Angesicht in solcher Stunde.
+
+Buttler.
+ Mein General--Ich komme--
+
+Wallenstein. (sich auf seine Schultern lehnend)
+ Weisst du's schon?
+ Der Alte hat dem Kaiser mich verraten.
+ Was sagst du? Dreissig Jahre haben wir
+ Zusammen ausgelebt und ausgehalten.
+ In einem Feldbett haben wir geschlafen,
+ Aus einem Glas getrunken, einen Bissen
+ Geteilt, ich stuetzte mich auf ihn, wie ich
+ Auf deine treue Schulter jetzt mich stuetze;
+ Und in dem Augenblick, da liebevoll
+ Vertrauend meine Brust an seiner schlaegt,
+ Ersieht er sich den Vorteil, sticht das Messer
+ Mir listig lauernd, langsam in das Herz!
+(Er verbirgt das Gesicht an Buttlers Brust.)
+
+Buttler.
+ Vergesst den Falschen. Sagt, was wollt Ihr tun?
+
+Wallenstein.
+ Wohl, wohl gesprochen. Fahre hin! Ich bin
+ Noch immer reich an Freunden, bin ich nicht?
+ Das Schicksal liebt mich noch, denn eben jetzt,
+ Da es des Heuchlers Tuecke mir entlarvt,
+ Hat es ein treues Herz mir zugesendet.
+ Nichts mehr von ihm. Denkt nicht, dass sein Verlust
+ Mich schmerze, oh! mich schmerzt nur der Betrug.
+ Denn wert und teur waren mir die beiden,
+ Und jener Max, er liebte mich wahrhaftig,
+ Er hat mich nicht getaeuscht, er nicht--Genug,
+ Genug davon! Jetzt gilt es schnellen Rat--
+ Der Reitende, den mir Graf Kinsky schickt
+ Aus Prag, kann jeden Augenblick erscheinen.
+ Was er auch bringen mag, er darf den Meutern
+ Nicht in die Haende fallen. Drum geschwind,
+ Schickt einen sichern Boten ihm entgegen,
+ Der auf geheimem Weg ihn zu mir fuehre.
+(Illo will gehen.)
+
+Buttler. (haelt ihn zurueck)
+ Mein Feldherr, wen erwartet Ihr?
+
+Wallenstein.
+ Den Eilenden, der mir die Nachricht bringt,
+ Wie es mit Prag gelungen.
+
+Buttler.
+ Hum!
+
+Wallenstein.
+ Was ist Euch?
+
+Buttler.
+ So wisst Ihr's nicht?
+
+Wallenstein.
+ Was denn?
+
+Buttler.
+ Wie dieser Laermer
+ Ins Lager kam?--
+
+Wallenstein.
+ Wie?
+
+Buttler.
+ Jener Bote--
+
+Wallenstein. (erwartungsvoll)
+ Nun?
+
+Buttler.
+ Er ist herein.
+
+Terzky und Illo.
+ Er ist herein?
+
+Wallenstein.
+ Mein Bote?
+
+Buttler.
+ Seit mehrern Stunden.
+
+Wallenstein.
+ Und ich weiss es nicht?
+
+Buttler.
+ Die Wache fing ihn auf.
+
+Illo. (stampft mit dem Fuss)
+ Verdammt!
+
+Buttler.
+ Sein Brief
+ Ist aufgebrochen, laeuft durchs ganze Lager--
+
+Wallenstein. (gespannt)
+ Ihr wisst, was er enthaelt?
+
+Buttler. (bedenklich)
+ Befragt mich nicht!
+
+Terzky.
+ Oh--Weh uns, Illo! Alles stuerzt zusammen!
+
+Wallenstein.
+ Verhehlt mir nichts. Ich kann das Schlimmste hoeren.
+ Prag ist verloren? Ist's? Gesteht mir's frei.
+
+Buttler.
+ Es ist verloren. Alle Regimenter
+ Zu Budweis, Tabor, Braunau, Koenigingraetz,
+ Zu Bruenn und Znaym haben Euch verlassen,
+ Dem Kaiser neu gehuldigt--Ihr selbst
+ Mit Kinsky, Terzky, Illo seid geaechtet.
+(Terzky und Illo zeigen Schrecken und Wut. Wallenstein bleibt
+fest und gefasst stehen.)
+
+Wallenstein. (nach einer Pause)
+ Es ist entschieden, nun ist's gut--und schnell
+ Bin ich geheilt von allen Zweifelsqualen,
+ Die Brust ist wieder frei, der Geist ist hell:
+ Nacht muss es sein, wo Friedlands Sterne strahlen.
+ Mit zoegerndem Entschluss, mit wankendem Gemuet
+ Zog ich das Schwert, ich tat's mit Widerstreben,
+ Da es in meine Wahl noch war gegeben!
+ Notwendigkeit ist da, der Zweifel flieht,
+ Jetzt fecht ich fuer mein Haupt und fuer mein Leben.
+(Er geht ab. Die andern folgen.)
+
+
+
+Elfter Auftritt
+
+
+Graefin Terzky. (kommt aus dem Seitenzimmer)
+ Nein! Ich kann's laenger nicht--Wo sind sie? Alles
+ Ist leer. Sie lassen mich allein--allein
+ In dieser fuerchterlichen Angst--Ich muss
+ Mich zwingen vor der Schwester, ruhig scheinen
+ Und alle Qualen der bedraengten Brust
+ In mir verschliessen--Das ertrag ich nicht!
+ --Wenn es uns fehlschlaegt, wenn er zu dem Schweden
+ Mit leerer Hand, als Fluechtling, muesste kommen,
+ Nicht als geehrter Bundesgenosse, stattlich,
+ Gefolgt von eines Heeres Macht--Wenn wir
+ Von Land zu Land wie der Pfalzgraf muessten wandern,
+ Ein schmaehlich Denkmal der gefallnen Groesse--
+ Nein, diesen Tag will ich nicht schaun! und koennt'
+ Er selbst es auch ertragen, so zu sinken,
+ Ich trueg's nicht, so gesunken ihn zu sehn.
+
+
+
+Zwoelfter Auftritt
+
+Graefin. Herzogin. Thekla.
+
+
+Thekla. (will die Herzogin zurueckhalten)
+ O liebe Mutter, bleiben Sie zurueck!
+
+Herzogin.
+ Nein, hier ist noch ein schreckliches Geheimnis,
+ Das mir verhehlt wird--Warum meidet mich
+ Die Schwester? Warum seh ich sie voll Angst
+ Umhergetrieben, warum dich voll Schrecken?
+ Und was bedeuten diese stummen Winke,
+ Die du verstohlen heimlich mit ihr wechselst?
+
+Thekla.
+ Nichts, liebe Mutter!
+
+Herzogin.
+ Schwester, ich will's wissen.
+
+Graefin.
+ Was hilft's auch, ein Geheimnis draus zu machen!
+ Laesst sich's verbergen? Frueher, spaeter muss
+ Sie's doch vernehmen lernen und ertragen!
+ Nicht Zeit ist's jetzt, der Schwaeche nachzugeben,
+ Mut ist uns not und ein gefasster Geist,
+ Und in der Staerke muessen wir uns ueben.
+ Drum besser, es entscheidet sich ihr Schicksal
+ Mit einem Wort--Man hintergeht Euch, Schwester.
+ Ihr glaubt, der Herzog sei entsetzt--der Herzog
+ Ist nicht entsetzt--er ist--
+
+Thekla. (zur Graefin gehend)
+ Wollt Ihr sie toeten?
+
+Graefin.
+ Der Herzog ist--
+
+Thekla. (die Arme um die Mutter schlagend).
+ O standhaft, meine Mutter!
+
+Graefin.
+ Empoert hat sich der Herzog, zu dem Feind
+ Hat er sich schlagen wollen, die Armee
+ Hat ihn verlassen, und es ist misslungen.
+(Waehrend dieser Worte wankt die Herzogin und faellt ohnmaechtig
+in die Arme ihrer Tochter.)
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+Ein grosser Saal beim Herzog von Friedland.
+
+
+Wallenstein. (im Harnisch)
+ Du hast's erreicht, Octavio--Fast bin ich
+ Jetzt so verlassen wieder, als ich einst
+ Vom Regenspurger Fuerstentage ging.
+ Da hatt' ich nichts mehr als mich selbst--doch was
+ Ein Mann kann wert sein, habt ihr schon erfahren.
+ Den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen,
+ Da steh ich, ein entlaubter Stamm! Doch innen
+ Im Marke lebt die schaffende Gewalt,
+ Die sprossend eine Welt aus sich geboren.
+ Schon einmal galt ich euch statt eines Heeres,
+ Ich einzelner. Dahingeschmolzen vor
+ Der schwed'schen Staerke waren eure Heere,
+ Am Lech sank Tilly, euer letzter Hort;
+ Ins Bayerland, wie ein geschwollner Strom,
+ Ergoss sich dieser Gustav, und zu Wien
+ In seiner Hofburg zitterte der Kaiser.
+ Soldaten waren teuer, denn die Menge
+ Geht nach dem Glueck--Da wandte man die Augen
+ Auf mich, den Helfer in der Not, es beugte sich
+ Der Stolz des Kaisers vor dem Schwergekraenkten:
+ Ich sollte aufstehn mit dem Schoepfungswort
+ Und in die hohlen Laeger Menschen sammeln.
+ Ich tat's. Die Trommel ward geruehrt. Mein Name
+ Ging wie ein Kriegsgott durch die Welt. Der Pflug,
+ Die Werkstatt wird verlassen, alles wimmelt
+ Der altbekannten Hoffnungsfahne zu--
+ --Noch fuehl ich mich denselben, der ich war!
+ Es ist der Geist, der sich den Koerper baut,
+ Und Friedland wird sein Lager um sich fuellen.
+ Fuehrt eure Tausende mir kuehn entgegen,
+ Gewohnt wohl sind sie, unter mir zu siegen,
+ Nicht gegen mich--Wenn Haupt und Glieder sich trennen,
+ Da wird sich zeigen, wo die Seele wohnte.
+(Illo und Terzky treten ein.)
+ Mut, Freunde, Mut! Wir sind noch nicht zu Boden.
+ Fuenf Regimenter Terzky sind noch unser
+ Und Buttlers wackre Scharen--Morgen stoesst
+ Ein Heer zu uns von sechzehntausend Schweden.
+ Nicht maecht'ger war ich, als ich vor neun Jahren
+ Auszog, dem Kaiser Deutschland zu erobern.
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+Vorige. Neumann, der den Grafen Terzky beiseite fuehrt und
+mit ihm spricht.
+
+
+Terzky. (zu Neumann).
+ Was suchen Sie?
+
+Wallenstein.
+ Was gibt's?
+
+Terzky.
+ Zehn Kuerassiere
+ Von Pappenheim verlangen dich im Namen
+ Des Regiments zu sprechen.
+
+Wallenstein. (schnell zu Neumann)
+ Lass sie kommen.
+(Neumann geht hinaus.)
+ Davon erwart ich etwas. Gebet acht,
+ Sie zweifeln noch und sind noch zu gewinnen.
+
+
+
+Fuenfzehnter Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky. Illo. Zehn Kuerassiere, von einem Gefreiten
+gefuehrt, marschieren auf und stellen sich nach dem Kommando in
+einem Glied vor den Herzog, die Honneurs machend.
+
+
+Wallenstein. (nachdem er sie eine Zeitlang mit den Augen gemessen, zum
+Gefreiten)
+ Ich kenne dich wohl. Du bist aus Bruegg' in Flandern,
+ Dein Nam' ist Mercy.
+
+Gefreiter.
+ Heinrich Mercy heiss ich.
+
+Wallenstein.
+ Du wurdest abgeschnitten auf dem Marsch,
+ Von Hessischen umringt und schlugst dich durch,
+ Mit hundertachtzig Mann durch ihrer tausend.
+
+Gefreiter.
+ So ist's, mein General.
+
+Wallenstein.
+ Was wurde dir
+ Fuer diese wackre Tat?
+
+Gefreiter.
+ Die Ehr', mein Feldherr,
+ Um die ich bat, bei diesem Korps zu dienen.
+
+Wallenstein. (wendet sich zu einem andern)
+ Du warst darunter, als ich die Freiwilligen
+ Heraus liess treten auf dem Altenberg,
+ Die schwed'sche Batterie hinwegzunehmen.
+
+Zweiter Kuerassier.
+ So ist's, mein Feldherr.
+
+Wallenstein.
+ Ich vergesse keinen,
+ Mit dem ich einmal Worte hab gewechselt.
+ Bringt eure Sache vor.
+
+Gefreiter. (kommandiert)
+ Gewehr in Arm!
+
+Wallenstein. (zu einem dritten gewendet)
+ Du nennst dich Risbeck, Koeln ist dein Geburtsort.
+
+Dritter Kuerassier.
+ Risbeck aus Koeln.
+
+Wallenstein.
+ Den schwed'schen Oberst Duebald brachtest du
+ Gefangen ein im Nuerenberger Lager.
+
+Dritter Kuerassier.
+ Ich nicht, mein General.
+
+Wallenstein.
+ Ganz recht! Es war
+ Dein aeltrer Bruder, der es tat--du hattest
+ Noch einen juengern Bruder, wo blieb der?
+
+Dritter Kuerassier.
+ Er steht zu Olmuetz bei des Kaisers Heer.
+
+Wallenstein. (zum Gefreiten)
+ Nun so lass hoeren.
+
+Gefreiter.
+ Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,
+ Der uns--
+
+Wallenstein. (unterbricht ihn)
+ Wer waehlte Euch?
+
+Gefreiter.
+ Jedwede Fahn'
+ Zog ihren Mann durchs Los.
+
+Wallenstein.
+ Nun denn zur Sache!
+
+Gefreiter.
+ Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,
+ Der uns befiehlt, die Pflicht dir aufzukuendigen,
+ Weil du ein Feind und Landsverraeter seist.
+ Wallenstein.
+ Was habt ihr drauf beschlossen?
+
+Gefreiter.
+ Unsre Kameraden
+ Zu Braunau, Budweis, Prag und Olmuetz haben
+ Bereits gehorcht, und ihrem Beispiel folgten
+ Die Regimenter Tiefenbach, Toscana.
+ --Wir aber glauben's nicht, dass du ein Feind
+ Und Landsverraeter bist, wir halten's bloss
+ Fuer Lug und Trug und spanische Erfindung.
+(Treuherzig.)
+ Du selber sollst uns sagen, was du vorhast,
+ Denn du bist immer wahr mit uns gewesen,
+ Das hoechste Zutraun haben wir zu dir,
+ Kein fremder Mund soll zwischen uns sich schieben,
+ Den guten Feldherrn und die guten Truppen.
+
+Wallenstein.
+ Daran erkenn ich meine Pappenheimer.
+
+Gefreiter.
+ Und dies entbietet dir dein Regiment:
+ Ist's deine Absicht bloss, dies Kriegeszepter,
+ Das dir gebuehrt, das dir der Kaiser hat
+ Vertraut, in deinen Haenden zu bewahren,
+ Oestreichs rechtschaffner Feldhauptmann zu sein,
+ So wollen wir dir beistehn und dich schuetzen
+ Bei deinem guten Rechte gegen jeden--
+ Und wenn die andern Regimenter alle
+ Sich von dir wenden, wollen wir allein
+ Dir treu sein, unser Leben fuer dich lassen.
+ Denn das ist unsre Reiterpflicht, dass wir
+ Umkommen lieber, als dich sinken lassen.
+ Wenn's aber so ist, wie des Kaisers Brief
+ Besagt, wenn's wahr ist, dass du uns zum Feind
+ Treuloserweise willst hinueberfuehren,
+ Was Gott verhuete! ja, so wollen wir
+ Dich auch verlassen und dem Brief gehorchen.
+
+Wallenstein.
+ Hoert, Kinder--
+
+Gefreiter.
+ Braucht nicht viel Wort. Sprich
+ Ja oder nein, so sind wir schon zufrieden.
+
+Wallenstein.
+ Hoert an. Ich weiss, dass ihr verstaendig seid,
+ Selbst prueft und denkt und nicht der Herde folgt.
+ Drum hab ich euch, ihr wisst's, auch ehrenvoll
+ Stets unterschieden in der Heereswoge;
+ Denn nur die Fahnen zaehlt der schnelle Blick
+ Des Feldherrn, er bemerkt kein einzeln Haupt,
+ Streng herrscht und blind der eiserne Befehl,
+ Es kann der Mensch dem Menschen hier nichts gelten--
+ So, wisst ihr, hab ich's nicht mit euch gehalten;
+ Wie ihr euch selbst zu fassen angefangen
+ Im rohen Handwerk, wie von euren Stirnen
+ Der menschliche Gedanke mir geleuchtet,
+ Hab ich als freie Maenner euch behandelt,
+ Der eignen Stimme Recht euch zugestanden--
+
+Gefreiter.
+ Ja, wuerdig hast du stets mit uns verfahren,
+ Mein Feldherr, uns geehrt durch dein Vertraun,
+ Uns Gunst erzeigt vor allen Regimentern.
+ Wir folgen auch dem grossen Haufen nicht,
+ Du siehst's! Wir wollen treulich bei dir halten.
+ Sprich nur ein Wort, dein Wort soll uns genuegen,
+ Dass es Verrat nicht sei, worauf du sinnst,
+ Dass du das Herr zum Feind nicht wollest fuehren.
+
+Wallenstein.
+ Mich, mich verraet man! Aufgeopfert hat mich
+ Der Kaiser meinen Feinden, fallen muss ich,
+ Wenn meine braven Truppen mich nicht retten.
+ Euch will ich mich vertrauen--Euer Herz
+ Sei meine Festung! Seht, auf diese Brust
+ Zielt man! Nach diesem greisen Haupte!--Das
+ Ist span'sche Dankbarkeit, das haben wir
+ Fuer jene Mordschlacht auf der alten Feste,
+ Auf Luetzens Ebnen! Darum warfen wir
+ Die nackte Brust der Partisan' entgegen,
+ Drum machten wir die eisbedeckten Erde,
+ Den harten Stein zu unserm Pfuehl; kein Strom
+ War uns zu schnell, kein Wald zu undurchdringlich,
+ Wir folgten jenem Mansfeld unverdrossen
+ Durch alle Schlangenkruemmen seiner Flucht,
+ Ein ruheloser Marsch war unser Leben,
+ Und wie des Windes Sausen, heimatlos,
+ Durchstuermten wir die kriegbewegte Erde.
+ Und jetzt, da wir die schwere Waffenarbeit,
+ Die undankbare, fluchbeladene, getan,
+ Mit unermuedet treuem Arm des Krieges Last
+ Gewaelzt, soll dieser kaiserliche Juengling
+ Den Frieden leicht wegtragen, soll den Oelzweig,
+ Die wohlverdiente Zierde unsers Haupts,
+ Sich in die blonden Knabenhaare flechten--
+
+Gefreiter.
+ Das soll er nicht, solang wir's hindern koennen.
+ Niemand als du, der ihn mit Ruhm gefuehrt,
+ Soll diesen Krieg, den fuerchterlichen, enden.
+ Du fuehrtest uns heraus ins blut'ge Feld
+ Des Todes, du, kein andrer, sollst uns froehlich
+ Heimfuehren in des Friedens schoene Fluren,
+ Der langen Arbeit Fruechte mit uns teilen--
+
+Wallenstein.
+ Wie? denkt ihr euch im spaeten Alter endlich
+ Der Fruechte zu erfreuen? Glaubt das nicht.
+ Ihr werdet dieses Kampfes Ende nimmer
+ Erblicken! Dieser Krieg verschlingt uns alle.
+ Oestreich will keinen Frieden; darum eben,
+ Weil ich den Frieden suche, muss ich fallen.
+ Was kuemmert's Oestreich, ob der lange Krieg
+ Die Heere aufreibt und die Welt verwuestet,
+ Es will nur wachsen stets und Land gewinnen.
+ Ihr seid geruehrt--ich seh den edeln Zorn
+ Aus euren kriegerischen Augen blitzen.
+ O dass mein Geist euch jetzt beseelen moechte,
+ Kuehn, wie er einst in Schlachten euch gefuehrt!
+ Ihr wollt mir beistehn, wollt mich mit den Waffen
+ Bei meinem Rechte schuetzen--das ist edelmuetig!
+ Doch denket nicht, dass ihr's vollenden werdet,
+ Das kleine Heer! Vergebens werdet ihr
+ Fuer euren Feldherrn euch geopfert haben.
+(Zutraulich.)
+ Nein! Lasst uns sicher gehen, Freunde suchen,
+ Der Schwede sagt uns Hilfe zu, lasst uns
+ Zum Schein sie nutzen, bis wir, beiden furchtbar,
+ Europens Schicksal in den Haenden tragen
+ Und der erfreuten Welt aus unserm Lager
+ Den Frieden schoen bekraenzt entgegenfuehren.
+
+Gefreiter.
+ So treibst du's mit dem Schweden nur zum Schein?
+ Du willst den Kaiser nicht verraten, willst uns
+ Nicht schwedisch machen?--sieh, das ist's allein,
+ Was wir von dir verlangen zu erfahren.
+
+Wallenstein.
+ Was geht der Schwed' mich an? Ich hass ihn, wir
+ Den Pfuhl der Hoelle, und mit Gott gedenk ich ihn
+ Bald ueber seine Ostsee heimzujagen.
+ Mir ist's allein ums Ganze. Seht! Ich hab
+ Ein Herz, der Jammer dieses deutschen Volks erbarmt mich.
+ Ihr seid gemeine Maenner nur, doch denkt
+ Ihr nicht gemein, ihr scheint mir's wert vor andern,
+ Dass ich ein traulich Woertlein zu euch rede--
+ Seht! Fuenfzehn Jahr schon brennt die Kriegesfackel,
+ Und noch ist nirgends Stillstand. Schwed' und Deutscher!
+ Papist und Lutheraner! Keiner will
+ Dem andern weichen! Jede Hand ist wider
+ Die andre! Alles ist Partei und nirgends
+ Kein Richter! Sagt, wo soll das enden? wer
+ Den Knaeul entwirren, der, sich endlos selbst
+ Vermehrend, waechst--Er muss zerhauen werden.
+ Ich fuehl's, dass ich der Mann des Schicksals bin,
+ Und hoff's mit eurer Hilfe zu vollfuehren.
+
+
+
+Sechzehnter Auftritt
+
+Buttler. Vorige.
+
+
+Buttler. (in Eifer)
+ Das ist nicht wohlgetan, mein Feldherr.
+
+Wallenstein.
+ Was?
+
+Buttler.
+ Das muss uns schaden bei den Gutgesinnten.
+
+Wallenstein.
+ Was denn?
+
+Buttler.
+ Es heisst den Aufruhr oeffentlich erklaeren!
+
+Wallenstein.
+ Was ist es denn?
+
+Buttler.
+ Graf Terzkys Regimenter reissen
+ Den kaiserlichen Adler von den Fahnen
+ Und pflanzen deine Zeichen auf.
+
+Gefreiter. (zu den Kuerassieren).
+ Rechts um!
+
+Wallenstein.
+ Verflucht sei dieser Rat, und wer ihn gab!
+(Zu den Kuerassieren, welche abmarschieren.)
+ Halt, Kinder, halt--Es ist ein Irrtum--Hoert--
+ Und streng will ich's bestrafen--Hoert doch! Bleibt.
+ Sie hoeren nicht.
+(Zu Illo.)
+ Geh nach, bedeute sie,
+ Bring sie zurueck, es koste was es wolle.
+(Illo eilt hinaus.)
+ Das stuerzt uns ins Verderben--Buttler! Buttler!
+ Ihr seid mein boeser Daemon, warum musstet Ihr's
+ In ihrem Beisein melden!--Alles war
+ Auf gutem Weg--Sie waren halb gewonnen--
+ Die Rasenden, mit ihrer unbedachten
+ Dienstfertigkeit!--O grausam spielt das Glueck
+ Mit mir! Der Freunde Eifer ist's, der mich
+ Zugrunde richtet, nicht er Hass der Feinde.
+
+
+
+Siebzehnter Auftritt
+
+Vorige. Die Herzogin stuerzt ins Zimmer. Ihr folgt Thekla und
+die Graefin. Dann Illo.
+
+
+Herzogin.
+ O Albrecht! Was hast du getan!
+
+Wallenstein.
+ Nun das noch!
+
+Graefin.
+ Verzeih mir, Bruder. Ich vermocht' es nicht,
+ Sie wissen alles.
+
+Herzogin.
+ Was hast du getan!
+
+Graefin. (zu Terzky)
+ Ist keine Hoffnung mehr? Ist alles denn
+ Verloren?
+
+Terzky.
+ Alles. Prag ist in des Kaisers Hand,
+ Die Regimenter haben neu gehuldigt.
+
+Graefin.
+ Heimtueckischer Octavio!--Und auch
+ Graf Max ist fort?
+
+Terzky.
+ Wo sollt er sein? Er ist
+ Mit seinem Vater ueber zu dem Kaiser.
+(Thekla stuerzt in die Arme ihrer Mutter, das Gesicht an ihrem
+Busen verbergend.)
+
+Herzogin. (sie in die Arme schliessend).
+ Ungluecklich Kind! Ungluecklichere Mutter!
+
+Wallenstein. (beiseite gehend mit Terzky).
+ Lass einen Reisewagen schnell bereit sein
+ Im Hinterhofe, diese wegzubringen.
+(Auf die Frauen zeigend.)
+ Der Scherfenberg kann mit, der ist uns treu,
+ Nach Eger bringt er sie, wir folgen nach.
+(Zu Illo, der wiederkommt.)
+ Du bringst sie nicht zurueck?
+
+Illo.
+ Hoerst du den Auflauf?
+ Das ganze Korps der Pappenheimer ist
+ Im Anzug. Sie verlangen ihren Oberst,
+ Den Max zurueck, er sei hier auf dem Schloss,
+ Behaupten sie, du haltest ihn mit Zwang,
+ Und wenn du ihn nicht losgebst, werde man
+ Ihn mit dem Schwerte zu befreien wissen.
+(Alle stehen erstaunt.)
+
+Wallenstein.
+ Sagt' ich's nicht?
+ O mein wahrsagend Herz! Er ist noch hier.
+ Er hat mich nicht verraten, hat es nicht
+ Vermocht--Ich habe nie daran gezweifelt.
+
+Graefin.
+ Ist er noch hier, o dann ist alles gut,
+ Dann weiss ich, was ihn ewig halten soll!
+(Thekla umarmend.)
+
+Terzky.
+ Es kann nicht sein. Bedenke doch! Der Alte
+ Hat uns verraten, ist zum Kaiser ueber,
+ Wie kann er's wagen, hierzusein?
+
+Illo. (zum Wallenstein)
+ Den Jagdzug,
+ Den du ihm kuerzlich schenktest, sah ich noch
+ Vor wenig Stunden uebern Markt wegfuehren.
+
+Graefin.
+ O Nichte, dann ist er nicht weit!
+
+Thekla. (hat den Blick nach der Tuere geheftet und ruft lebhaft)
+ Da ist er!
+
+
+
+Achtzehnter Auftritt
+
+Die Vorigen. Max Piccolomini.
+
+
+Max. (mitten in den Saal tretend).
+ Ja! Ja! da ist er! Ich vermag's nicht laenger,
+ Mit leisem Tritt um dieses Haus zu schleichen,
+ Den guenst'gen Augenblick verstohlen zu
+ Erlauern--Dieses Harren, diese Angst
+ Geht ueber meine Kraefte!
+(Auf Thekla zugehend, welche sich ihrer Mutter in die Arme
+geworfen.)
+ O sieh mich an! Sieh nicht weg, holder Engel.
+ Bekenn es frei vor allen. Fuerchte niemand.
+ Es hoere, wer es will, dass wir uns lieben.
+ Wozu es noch verbergen? Das Geheimnis
+ Ist fuer die Gluecklichen; das Unglueck braucht,
+ Das hoffnungslose, keinen Schleier mehr,
+ Frei unter tausend Sonnen kann es handeln.
+(Er bemerkt die Graefin, welche mit frohlockendem Gesicht auf
+Thekla blickt.)
+ Nein, Base Terzky! Seht mich nicht erwartend,
+ Sicht hoffend an! Ich komme nicht zu bleiben.
+ Abschied zu nehmen, komm ich--Es ist aus.
+ Ich muss, muss dich verlassen, Thekla--muss!
+ Doch deinen Hass kann ich nicht mit mir nehmen.
+ Nur einen Blick des Mitleids goenne mir,
+ Sag, dass du mich nicht hassest. Sag mir's, Thekla.
+(Indem er ihre Hand fasst, heftig bewegt.)
+ O Gott!--Gott! Ich kann nicht von dieser Stelle.
+ Ich kann es nicht--kann diese Hand nicht lassen.
+ Sag, Thekla, dass du Mitleid mit mir hast,
+ Dich selber ueberzeugst, ich kann nicht anders.
+(Thekla, seinen Blick vermeidend, zeigt mit der Hand auf ihren Vater;
+er wendet sich nach dem Herzog um, den er jetzt erst gewahr wird.)
+ Du hier?--Nicht du bist's, den ich hier gesucht.
+ Dich sollten meine Augen nicht mehr schauen.
+ Ich hab es nur mit ihr allein. Hier will ich,
+ Von diesem Herzen freigesprochen sein,
+ An allem andern ist nichts mehr gelegen.
+
+Wallenstein.
+ Denkst du, ich soll der Tor sein und dich ziehen lassen
+ Und eine Grossmutsszene mit dir spielen?
+ Dein Vater ist zum Schelm an mir geworden,
+ Du bist mir nichts mehr als sein Sohn, sollst nicht
+ Umsonst in meine Macht gegeben sein.
+ Denk nicht, dass ich die alte Freundschaft ehren werde,
+ Die er so ruchlos hat verletzt. Die Zeiten
+ Der Liebe sind vorbei, der zarten Schonung,
+ Und Hass und Rache kommen an die Reihe.
+ Ich kann auch Unmensch sein, wie er.
+
+Max.
+ Du wirst mit mir verfahren, wie du Macht hast.
+ Wohl aber weisst du, dass ich deinem Zorn
+ Nicht trotze, noch ihn fuerchte. Was mich hier
+ Zurueckhaelt, weisst du!
+(Thekla bei der Hand fassend.)
+ Sieh! Alles--alles wollt' ich dir verdanken,
+ Das Los der Seligen wollt' ich empfangen
+ Aus deiner vaeterlichen Hand. Du hast's
+ Zerstoert, doch daran liegt dir nichts. Gleichgueltig
+ Trittst du das Glueck der Deinen in den Staub,
+ Der Gott, dem du dienst, ist kein Gott der Gnade.
+ Wie das gemuetlos blinde Element,
+ Das furchtbare, mit dem kein Bund zu schliessen,
+ Folgst du des Herzens wildem Trieb allein.
+ Weh denen, die auf dich vertraun, an dich
+ Die sichre Huette ihres Glueckes lehnen,
+ Gelockt von deiner gastlichen Gestalt!
+ Schnell, unverhofft, bei naechtlich stiller Weile
+ Gaert's in dem tueck'schen Feuerschlunde, ladet
+ Sich aus mit tobender Gewalt, und weg
+ Treibt ueber alle Pflanzungen der Menschen
+ Der wilde Strom in grausender Zerstoerung.
+
+Wallenstein.
+ Du schilderst deines Vaters Herz. Wie du's
+ Beschreibst, so ist's in seinem Eingeweide,
+ In dieser schwarzen Heuchlers Brust gestaltet.
+ O mich hat Hoellenkunst getaeuscht. Mir sandte
+ Der Abgrund den verstecktesten der Geister,
+ Den Luegenkundigsten herauf und stellt ihn
+ Als Freund an meine Seite. Wer vermag
+ Der Hoelle Macht zu widerstehn! Ich zog
+ Des Basilisken auf an meinem Busen,
+ Mit meinem Herzblut naehrt' ich ihn, er sog
+ Sich schwelgend voll an meiner Liebe Bruesten,
+ Ich hatte nimmer Arges gegen ihn,
+ Weit offen liess ich des Gedankens Tore
+ Und warf die Schluessel weiser Vorsicht weg--
+ Am Sternenhimmel suchten meine Augen,
+ Im weiten Weltenraum den Feind, den ich
+ Im Herzen meines Herzens eingeschlossen.
+ --Waer' ich dem Ferdinand gewesen, was
+ Octavio mir war--Ich haett' ihm nie
+ Krieg angekuendigt--nie haett' ich's vermocht.
+ Er war mein strenger Herr nur, nicht mein Freund,
+ Nicht meiner Treu vertraute sich der Kaiser.
+ Krieg war schon zwischen mir und ihm, als er
+ Den Feldherrnstab in meine Haende legte;
+ Denn Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn,
+ Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede.
+ Wer das Vertraun vergiftet, o der mordet
+ Das werdende Geschlecht im Leib der Mutter.
+
+Max.
+ Ich will den Vater nicht verteidigen.
+ Weh mir, dass ich's nicht kann!
+ Ungluecklich schwere Taten sind geschehn,
+ Und eine Frevelhandlung fasst die andre
+ In enggeschlossner Kette grausend an.
+ Doch wie gerieten wir, die nichts verschuldet,
+ In diesen Kreis des Ungluecks und Verbrechens?
+ Wem brachen wir die Treue? Warum muss
+ Der Vaeter Doppelschuld und Freveltat
+ Uns graesslich wie ein Schlangenpaar umwinden?
+ Warum der Vaeter unversoehnter Hass
+ Auch uns, die Liebenden, zerreissend scheiden?
+(Er umschlingt Thekla mit heftigem Schmerz.)
+
+Wallenstein. (hat den Blick schweigend auf ihn geheftet und
+ naehert sich jetzt).
+ Max! Bleibe bei mir.--Geh nicht von mir, Max!
+ Sieh, als man dich im pragschen Winterlager
+ Ins Zelt mir brachte, einen zarten Knaben,
+ Des deutschen Winters ungewohnt, die Hand
+ War dir erstarrt an der gewichtigen Fahne,
+ Du wolltst maennlich sie nicht lassen, damals nahm ich
+ Dich auf, bedeckte dich mit meinem Mantel,
+ Ich selbst war deine Waerterin, nicht schaemt' ich
+ Der kleinen Dienste mich, ich pflegte deiner
+ Mit weiblich sorgender Geschaeftigkeit,
+ Bis du, von mir erwaermt, an meinem Herzen,
+ Das junge Leben wieder freudig fuehltest.
+ Wann hab ich seitdem meinen Sinn veraendert?
+ Ich habe viele Tausend reich gemacht,
+ Mit Laendereien sie beschenkt, belohnt
+ Mit Ehrenstellen--dich hab ich geliebt,
+ Mein Herz, mich selber hab ich dir gegeben.
+ Sie alle waren Fremdlinge, du warst
+ Das Kind des Hauses--Max! du kannst mich nicht
+ verlassen!
+ Es kann nicht sein, ich mag's und will's nicht glauben,
+ Dass mich der Max verlassen kann.
+
+Max.
+ O Gott!
+
+Wallenstein.
+ Ich habe dich gehalten und getragen
+ Von Kindesbeinen an--Was tat dein Vater
+ Fuer dich, das ich nicht reichlich auch getan?
+ Ein Liebesnetz hab ich um dich gesponnen,
+ Zerreiss es, wenn du kannst--Du bist an mich
+ Geknuepft mit jedem zarten Seelenbande,
+ Mit jeder heil'gen Fessel der Natur,
+ Die Menschen aneinanderketten kannn.
+ Geh hin, verlass mich, diene deinem Kaiser,
+ Lass dich mit einem goldnen Gnadenkettlein,
+ Mit seinem Widderfell dafuer belohnen,
+ Dass dir der Freund, der Vater deiner Jugend,
+ Dass dir das heiligste Gefuehl nichts galt.
+
+Max. (in heftigem Kampf)
+ O Gott! Wie kann ich anders? Muss ich nicht?
+ Mein Eid--die Pflicht--
+
+Wallenstein.
+ Pflicht, gegen wen? Wer bist du?
+ Wenn ich am Kaiser unrecht handle, ist's
+ Mein Unrecht, nicht das deinige. Gehoerst
+ Du dir? Bist du dein eigener Gebieter,
+ Stehst frei da in der Welt, wie ich, dass du
+ Der Taeter deiner Taten koenntest sein?
+ Auf mich bist du gepflanzt, ich bin dein Kaiser,
+ Mir angehoeren, mir gehorchen, das
+ Ist deine Ehre, dein Naturgesetz.
+ Und wenn der Stern, auf dem du lebst und wohnst,
+ Aus seinem Gleise tritt, sich brennend wirft
+ Auf ein naechste Welt und sie entzuendet,
+ Dukannst nicht waehlen, ob du folgen willst,
+ Fort reisst er dich in seines Schwunges Kraft
+ Samt seinem Ring und allen seinen Monden.
+ Mit leichter Schuld gehst du in diesen Streit,
+ Dich wird die Welt nicht tadeln, sie wird's loben,
+ Dass dir der Freund das meiste hat gegolten.
+
+
+
+Neunzehnter Auftritt
+
+Vorige. Neumann.
+
+
+Wallenstein.
+ Was gibt's?
+
+Neumann.
+ Die Pappenheimischen sind abgesessen
+ Und ruecken an zu Fuss; sie sind entschlossen,
+ Den Degen in der Hand das Haus zu stuermen,
+ Den Grafen wollen sie befrein.
+
+Wallenstein. (zu Terzky)
+ Man soll
+ Die Ketten vorziehn, das Geschuetz aufpflanzen.
+ Mit Kettenkugeln will ich sie empfangen.
+(Terzky geht.)
+ Mir vorzuschreiben mit dem Schwert! Geh, Neumann,
+ Sie sollen sich zurueckziehn, augenblicks,
+ Ist mein Befehl, und in der Ordnung schweigend warten,
+ Was mir gefallen wird zu tun.
+(Neumann geht ab. Illo ist ans Fenster getreten.)
+
+Graefin.
+ Entlass ihn.
+ Ich bitte dich, entlass ihn!
+
+Illo. (am Fenster)
+ Tod und Teufel!
+
+Wallenstein.
+ Was ist's?
+
+Illo.
+ Aufs Rathaus steigen sie, das Dach
+ Wird abgedeckt, sie richten die Kanonen
+ Aufs Haus--
+
+Max.
+ Die Rasenden!
+
+Illo.
+ Sie machen Anstalt,
+ Uns zu beschiessen--
+ Herzogin und Graefin.
+ Gott im Himmel!
+
+Max. (zu Wallenstein).
+ Lass mich
+ Hinunter, sie bedeuten--
+
+Wallenstein.
+ Keinen Schritt!
+
+Max. (auf Thekla und die Herzogin zeigend)
+ Ihr Leben aber! Deins!
+
+Wallenstein.
+ Was bringst du, Terzky?
+
+
+
+Zwanzigster Auftritt
+
+Vorige. Terzky kommt zurueck.
+
+
+Terzky.
+ Botschaft von unsern treuen Regimentern.
+ Ihr Mut sei laenger nicht zu baendigen,
+ Sie flehen um Erlaubnis, anzugreifen,
+ Vom Prager- und vom Muehl-Tor sind sie Herr,
+ Und wenn du nur die Losung wolltest geben,
+ So koennten sie den Feind im Ruecken fassen,
+ Ihn in die Stadt einkeilen, in der Enge
+ Der Strassen leicht ihn ueberwaeltigen.
+
+Illo.
+ O komm! Lass ihren Eifer nicht erkalten.
+ Die Buttlerischen halten treu zu uns,
+ Wir sind die groessre Zahl und werfen sie
+ Und enden hier in Pilsen die Empoerung.
+
+Wallenstein.
+ Soll diese Stadt zum Schlachtgefilde werden
+ Und bruederliche Zwietracht, feueraugig,
+ Durch ihre Strassen losgelassen toben?
+ Dem tauben Grimm, der keinen Fuehrer hoert,
+ Soll die Entscheidung uebergeben sein?
+ Hier ist nicht Raum zum Schlagen, nur zum Wuergen;
+ Die losgebundnen Furien der Wut
+ Ruft keines Herrschers Stimme mehr zurueck.
+ Wohl, es mag sein! Ich hab es lang bedacht,
+ So mag sich's rasch und blutig denn entladen.
+(Zu Max gewendet.)
+ Wie ist's? Willst du den Gang mit mir versuchen?
+ Freiheit zu gehen hast du. Stelle dich
+ Mir gegenueber. Fuehre sie zum Kampf.
+ Den Krieg verstehst du, hast bei mir etwas
+ Gelernt, ich darf des Gegners mich nicht schaemen,
+ Und keinen schoenern Tag erlebst du, mir
+ Die Schule zu bezahlen.
+
+Graefin.
+ Ist es dahin
+ Gekommen? Vetter! Vetter! koennt Ihr's tragen?
+
+Max.
+ Die Regimenter, die mir anvertraut sind,
+ Dem Kaiser treu hinwegzufuehren, hab ich
+ Gelobt; dies will ich halten oder sterben.
+ Mehr fordert keine Pflicht von mir. Ich fechte
+ Nicht gegen dich, wenn ich's vermeiden kann,
+ Denn auch dein feindlich Haupt ist mir noch heilig.
+(Es geschehn zwei Schuesse. Illo und Terzky eilen ans Fenster.)
+
+Wallenstein.
+ Was ist das?
+
+Terzky.
+ Er stuerzt.
+ Wallenstein.
+ Stuerzt! Wer?
+
+Illo.
+ Die Tiefenbacher taten
+ Den Schuss.
+
+Wallenstein.
+ Auf wen?
+
+Illo.
+ Auf diesen Neumann, den
+ Du schicktest--
+
+Wallenstein. (auffahrend).
+ Tod und Teufel! So will ich--
+(Will gehen.)
+
+Terzky.
+ Dich ihrer blinden Wut entgegenstellen?
+ Herzogin und Graefin.
+ Um Gotteswillen nicht!
+
+Illo.
+ Jetzt nicht, mein Feldherr.
+
+Graefin.
+ O halt ihn! halt ihn!
+
+Wallenstein.
+ Lasst mich!
+
+Max.
+ Tu es nicht,
+ Jetzt nicht. Die blutig rasche Tat hat sie
+ In Wut gesetzt, erwarte ihre Reue--
+
+Wallenstein.
+ Hinweg! Zu lange schon hab ich gezaudert.
+ Das konnten sie sich freventlich erkuehnen,
+ Weil sie mein Angesicht nicht sahn--sie sollen
+ Mein Antlitz sehen, meine Stimme hoeren--
+ Sind es nicht meine Truppen? Bin ich nicht
+ Ihr Feldherr und gefuerchteter Gebieter?
+ Lass sehn, ob sie das Antlitz nicht mehr kennen,
+ Das ihre Sonne war in dunkler Schlacht.
+ Es braucht der Waffen nicht. Ich zeige mich
+ Vom Altan dem Rebellenherr, und schnell
+ Bezaehmt, gebt acht, kehrt der empoerte Sinn
+ Ins alte Bette des Gehorsams wieder.
+(Er geht. Ihm folgen Illo, Terzky und Buttler.)
+
+
+
+Einundzwanzigster Auftritt
+
+Graefin. Herzogin. Max und Thekla.
+
+
+Graefin. (zur Herzogin)
+ Wenn sie ihn sehn--Es ist noch Hoffnung, Schwester.
+
+Herzogin.
+ Hoffnung! Ich habe keine.
+
+Max. (der waehrend des letzten Auftritts in einem sichtbaren Kampf
+ von ferne gestanden, tritt naeher).
+ Das ertrag ich nicht.
+ Ich kam hierher mit fest entschiedner Seele,
+ Ich glaubte, recht und tadellos zu tun,
+ Und muss hier stehen, wie ein Hassenswerter,
+ Ein roh Unmenschlicher, vom Fluch belastet,
+ Vom Abscheu aller, die mir teuer sind,
+ Unwuerdig schwer bedraengt die Lieben sehn,
+ Die ich mit einem Wort begluecken kann--
+ Das Herz in mir empoert sich, es erheben
+ Zwei Stimmen streitend sich in meiner Brust,
+ In mir ist Nacht, ich weiss das Rechte nicht zu waehlen.
+ O wohl, wohl hast du wahr geredet, Vater,
+ Zu viel vertraut' ich auf das eigne Herz,
+ Ich stehe wankend, weiss nicht, was ich soll.
+
+Graefin.
+ Sie wissen's nicht? Ihr Herz sagt's Ihnen nicht?
+ So will ich's Ihnen sagen!
+ Ihr Vater hat den schreienden Verrat
+ An uns begangen, an des Fuersten Haupt
+ Gefrevelt, uns in Schmach gestuerzt, daraus
+ Ergibt sich klar, was Sie, sein Sohn, tun sollen:
+ Gutmachen, was der Schaendliche verbrochen,
+ Ein Beispiel aufzustellen frommer Treu,
+ Dass nicht der Name Piccolomini
+ Ein Schandlied sei, ein ew'ger Fluch im Haus
+ Der Wallensteiner.
+
+Max.
+ Wo ist eine Stimme
+ Der Wahrheit, der ich folgen darf? Uns alle
+ Bewegt der Wunsch, die Leidenschaft. Dass jetzt
+ Ein Engel mir vom Himmel niederstiege,
+ Das Rechte mir, das unverfaelschte, schoepfte
+ Am reinen Lichtquell, mit der reinen Hand!
+(Indem seine Augen auf Thekla fallen.)
+ Wie? Such ich diesen Engel noch? Erwart ich
+ Noch einen andern?
+(Er naehert sich ihr, den Arm um sie schlagend.)
+ Hier, auf dieses Herz,
+ Das unfehlbare, heilig reine will
+ Ich's legen, deine Liebe will ich fragen,
+ Die nur den Gluecklichen begluecken kann,
+ Vom unglueckselig Schuldigen sich wendet.
+ Kannst du mich dann noch lieben, wenn ich bleibe?
+ Erklaere, dass du's kannst, und ich bin euer.
+
+Graefin. (mit Bedeutung)
+ Bedenkt--
+
+Max. (unterbricht sie)
+ Bedenke nichts. Sag, wie du's fuehlst.
+
+Graefin.
+ An Euren Vater denkt--
+
+Max. (unterbricht sie)
+ Nicht Friedlands Tochter,
+ Ich frage dich, dich, die Geliebte frag ich!
+ Es gilt nicht, eine Krone zu gewinnen,
+ Das moechtst du mit klugem Geist bedenken.
+ Die Ruhe deines Freundes gilt's, das Glueck
+ Von einem Tausend tapfrer Heldenherzen,
+ Die seine Tat zum Muster nehmen werden.
+ Soll ich dem Kaiser Eid und Pflicht abschwoeren?
+ Soll ich ins Lager des Octavio
+ Die vatermoerderische Kugel senden?
+ Denn wenn die Kugel los ist aus dem Lauf,
+ Ist sie kein totes Werkzeug mehr, sie lebt,
+ Ein Geist faehrt in sie, die Erinnyen
+ Ergreifen sie, des Frevels Raecherinnen,
+ Und fuehren tueckisch sie den aergsten Weg.
+
+Thekla.
+ O Max--
+
+Max. (unterbricht sie)
+ Nein, uebereile dich auch nicht.
+ Ich kenne dich. Dem edeln Herzen koennte
+ Die schwerste Pflicht die naechste scheinen. Nicht
+ Das Grosse, nur das Menschliche geschehe.
+ Denk, was der Fuerst von je an mir getan;
+ Denk auch, wie's ihm mein Vater hat vergolten,
+ O auch die schoenen, freien Regungen
+ Der Gastlichkeit, der frommen Freundestreue
+ Sind eine heilige Religion dem Herzen,
+ Schwer raechen sie die Schauder der Natur
+ An dem Barbaren, der sie graesslich schaendet.
+ Leg alles, alles in die Waage, sprich
+ Und lass dein Herz entscheiden.
+
+Thekla.
+ O das deine
+ Hat laengst entschieden. Folge deinem ersten
+ Gefuehl--
+
+Graefin.
+ Unglueckliche!
+
+Thekla.
+ Wie koennte das
+ Das Rechte sein, was dieses zarte Herz
+ Nicht gleich zuerst ergriffen und gefunden?
+ Geh und erfuelle deine Pflicht. Ich wuerde
+ Dich immer lieben. Was du auch erwaehlt,
+ Du wuerdest edel stets und deiner wuerdig
+ Gehandelt haben--aber Reue soll
+ Nicht deiner Seele schoenen Frieden stoeren.
+
+Max.
+ So muss ich dich verlassen, von dir scheiden!
+
+Thekla.
+ Wie du dir selbst getreu bleibst, bist du's mir.
+ Uns trennt das Schicksal, unsre Herzen bleiben einig.
+ Ein blut'ger Hass entzweit auf ew'ge Tage
+ Die Haeuser Friedland, Piccolomini,
+ Doch wir gehoeren nicht zu unserm Hause.
+ --Fort! Eile! Eile, deine gute Sache
+ Von unsrer unglueckseligen zu trennen.
+ Auf unserm Haupte liegt der Fluch des Himmels,
+ Es ist dem Untergang geweiht. Auch mich
+ Wird meines Vaters Schuld mit ins Verderben
+ Hinabziehn. Traure nicht um mich, mein Schicksal
+ Wird bald entschieden sein.
+(Max fasst sie in die Arme, heftig bewegt. Man hoert hinter der
+Szene ein lautes, wildes, langverhallendes Geschrei: "Vivat
+Ferdinandus!" von kriegerischen Instrumenten begleitet. Max
+und Thekla halten einander unbeweglich in den Armen.)
+
+
+
+Zweiundzwanzigster Auftritt
+
+Vorige. Terzky.
+
+
+Graefin. (ihm entgegen)
+ Was war das? Was bedeutete das Rufen?
+
+Terzky.
+ Es ist vorbei, und alles ist verloren.
+
+Graefin.
+ Wie, und sie gaben nichts auf seinen Anblick?
+
+Terzky.
+ Nichts. Alles war umsonst.
+
+Herzogin.
+ Sie riefen Vivat.
+
+Terzky.
+ Dem Kaiser.
+
+Graefin.
+ O die Pflichtvergessenen!
+
+Terzky.
+ Man liess ihn nicht einmal zum Worte kommen.
+ Als er zu reden anfing, fielen sie
+ Mit kriegerischem Spiel betaeubend ein.
+ --Hier kommt er.
+
+
+
+Dreiundzwanzigster Auftritt
+
+Vorige. Wallenstein, begleitet von Illo und Buttler.
+Darauf Kuerassiere.
+
+
+Wallenstein. (im Kommen).
+ Terzky!
+
+Terzky.
+ Mein Fuerst?
+
+Wallenstein.
+ Lass unsre Regimenter
+ Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,
+ Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.
+(Terzky geht ab.)
+ Buttler--
+
+Buttler.
+ Mein General?--
+
+Wallenstein.
+ Der Kommendant zu Eger
+ Ist Euer Freund und Landsmann. Schreibt ihm gleich
+ Durch einen Eilenden, er soll bereit sein,
+ Uns morgen in die Festung einzunehmen--
+ Ihr folgt uns selbst mit Euerm Regiment.
+
+Buttler.
+ Es soll geschehn, mein Feldherr.
+
+Wallenstein. (tritt zwischen Max und Thekla, welche sich
+waehrend dieser Zeit fest umschlungen gehalten)
+ Scheidet!
+
+Max.
+ Gott!
+(Kuerassiere mit gezogenem Gewehr treten in den Saal und sammeln sich
+im Hintergrunde. Zugleich hoert man unten einige mutige Passagen aus
+dem Pappenheimer Marsch, welche dem Max zu rufen scheinen.)
+
+Wallenstein. (zu den Kuerassieren).
+ Hier ist er. Er ist frei. Ich halt ihn nicht mehr.
+(Er steht abgewendet und so, dass Max ihm nicht beikommen, noch
+sich dem Fraeulein naehern kann.)
+
+Max.
+ Du hassest mich, treibst mich im Zorn von dir.
+ Zerreissen soll das Band der alten Liebe,
+ Nicht sanft sich loesen, und du willst den Riss,
+ Den schmerzlichen, mir schmerzlicher noch machen!
+ Du weisst, ich habe ohne dich zu leben
+ Noch nicht gelernt--in eine Wueste geh ich
+ Hinaus, und alles, was mir wert ist, alles
+ Bleibt hier zurueck--O wende deine Augen
+ Nicht von mir weg! Noch einmal zeige mir
+ Dein ewig teures und verehrtes Antlitz.
+ Verstoss mich nicht--
+(Er will seine Hand fassen. Wallenstein zieht sie zurueck. Er
+wendet sich an die Graefin.)
+
+Ist hier kein andres Auge,
+ Das Mitleid fuer mich haette--Base Terzky--
+(Sie wendet sich von ihm; er kehrt sich zur Herzogin.)
+ Ehrwuerd'ge Mutter--
+
+Herzogin.
+ Gehn Sie, Graf, wohin
+ Die Pflicht Sie ruft--So koennen Sie uns einst
+ Ein treuer Freund, ein guter Engel werden
+ Am Thron des Kaisers.
+
+Max.
+ Hoffnung geben Sie mir,
+ Sie wollen mich nicht ganz verzweifeln lassen.
+ O taeuschen Sie mich nicht mit leerem Blendwerk,
+ Mein Unglueck ist gewiss, und Dank dem Himmel!
+ Der mir ein Mittel eingibt, es zu enden.
+(Die Kriegsmusik beginnt wieder. Der Saal fuellt sich mehr und
+mehr mit Bewaffneten an. Er sieht Buttlern dastehn.)
+ Ihr auch hier, Oberst Buttler--Und Ihr wollt mir
+ Nicht folgen?--Wohl! Bleibt Eurem neuen Herrn
+ Getreuer als dem alten. Kommt! Versprecht mir,
+ Die Hand gebt mir darauf, dass Ihr sein Leben
+ Beschuetzen, unverletzlich wollt bewahren.
+(Buttler verweigert seine Hand.)
+ Des Kaisers Acht haengt ueber ihm und gibt
+ Sein fuerstlich Haupt jedwedem Mordknecht preis,
+ Der sich den Lohn der Bluttat will verdienen;
+ Jetzt taet' ihm eines Freundes fromme Sorge,
+ Der Liebe treues Auge not--und die
+ Ich scheidend um ihn seh--
+(Zweideutige Blicke auf Illo und Buttler richtend.)
+
+Illo.
+ Sucht die Verraeter
+ In Eures Vaters, in des Gallas Lager.
+ Hier ist nur einer noch. Geht und befreit uns
+ Von seinem hassenswuerd'gen Anblick. Geht.
+(Max versucht es noch einmal, sich der Thekla zu naehern.
+Wallenstein verhindert es. Er steht unschluessig, schmerzvoll;
+indes fuellt sich der Saal immer mehr und mehr, und die Hoerner
+ertoenen unten immer auffordernder und in immer kuerzeren Pausen.)
+
+Max.
+ Blast! Blast!--O waeren es die schwed'schen Hoerner,
+ Und ging's von hier gerad ins Feld des Todes,
+ Und alle Schwerter, alle, die ich hier
+ Entbloesst muss sehn, durchdraengen meinen Busen!
+ Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier
+ Hinwegzureissen--o treibt mich nicht zu Verzweiflung!
+ Tut's nicht! Ihr koenntet es bereun!
+(Der Saal ist ganz mit Bewaffneten erfuellt.)
+ Noch mehr--Es haengt Gewicht sich an Gewicht,
+ Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.--
+ Bedenket, was ihr tut. Es ist nicht wohlgetan,
+ Zum Fuehrer den Verzweifelnden zu waehlen.
+ Ihr reisst mich weg von meinem Glueck, wohlan,
+ Der Rachegoettin weih ich eure Seelen!
+ Ihr habt gewaehlt zum eigenen Verderben,
+ Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!
+(Indem er sich nach dem Hintergrund wendet, entsteht eine
+rasche Bewegung unter den Kuerassieren, sie umgeben und begleiten
+ihn in wildem Tumult. Wallenstein bleibt unbeweglich. Thekla
+sinkt in ihrer Mutter Arme. Der Vorhang faellt.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+In des Buergermeisters Hause zu Eger.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+
+Buttler. (der eben anlangt)
+ Er ist herein. Ihn fuehrte sein Verhaengnis,
+ Der Rechen ist gefallen hinter ihm,
+ Und wie die Bruecke, die ihn trug, beweglich
+ Sich niederliess und schwebend wieder hob,
+ Ist jeder Rettungsweg ihm abgeschnitten.
+ Bis hieher, Friedland, und nicht weiter! sagt
+ Die Schicksalsgoettin. Aus der boehmischen Erde
+ Erhub sich dein bewunder Meteor,
+ Weit durch den Himmel einen Glanzweg ziehend,
+ Und hier an Boehmens Grenze muss es sinken!
+ --Du hast die alten Fahnen abgeschworen,
+ Verblendeter, und traust dem alten Glueck!
+ Den Krieg zu tragen in des Kaisers Laender,
+ Den heil'gen Herd der Laren umzustuerzen,
+ Bewaffnest du die frevelhafte Hand.
+ Nimm dich in acht! dich treibt der boese Geist
+ Der Rache--dass dich Rache nicht verderbe!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Buttler und Gordon.
+
+
+Gordon.
+ Seid Ihr's? O wie verlangt mich, Euch zu hoeren.
+ Der Herzog ein Verraeter! O mein Gott!
+ Und fluechtig! Und sein fuerstlich Haupt geaechtet!
+ Ich bitt Euch, General, sagt mir ausfuehrlich,
+ Wie alles dies zu Pilsen sich begeben?
+
+Buttler.
+ Ihr habt den Brief erhalten, den ich Euch
+ Durch einen Eilenden vorausgesendet?
+
+Gordon.
+ Und habe treu getan, wie Ihr mich hiesst,
+ Die Festung unbedenklich ihm geoeffnet,
+ Denn mir befiehlt ein kaiserlicher Brief,
+ Nach Eurer Ordre blindlings mich zu fuegen.
+ Jedoch verzeiht! als ich den Fuersten selbst
+ Nun sah, da fing ich wieder an, zu zweifeln.
+ Denn wahrlich! nicht als ein Geaechteter
+ Trat Herzog Friedland ein in diese Stadt.
+ Von seiner Stirne leuchtete wie sonst
+ Des Herrschers Majestaet, Gehorsam fordernd,
+ Und ruhig, wie in Tagen guter Ordnung,
+ Nahm er des Amtes Rechenschaft mir ab.
+ Leutselig macht das Missgeschick, die Schuld,
+ Und schmeichelnd zum geringern Manne pflegt
+ Gefallner Stolz herunter sich zu beugen;
+ Doch sparsam und mit Wuerde wog der Fuerst
+ Mir jedes Wort des Beifalls, wie der Herr
+ Den Diener lobt, der sein Pflicht getan.
+
+Buttler.
+ Wie ich Euch schrieb, so ist's genau geschehn.
+ Es hat der Fuerst dem Feinde die Armee
+ Verkauft, ihm Prag und Eger oeffnen wollen.
+ Verlassen haben ihn auf dies Geruecht
+ Die Regimenter alle bis auf fuenfe,
+ Die Terzkyschen, die ihm hieher gefolgt.
+ Die Acht ist ausgesprochen ueber ihn,
+ Und ihn zu liefern, lebend oder tot,
+ Ist jeder treue Diener aufgefordert.
+
+Gordon.
+ Verraeter an dem Kaiser--solch ein Herr!
+ So hochbegabt! O was ist Menschengroesse!
+ Ich sagt' es oft: das kann nicht gluecklich enden;
+ Zum Fallstrick ward ihm seine Groess' und Macht
+ Und diese dunkelschwankende Gewalt.
+ Denn um sich greift der Mensch, nicht darf man ihn
+ Der eignen Maessigung vertraun. Ihn haelt
+ In Schranken nur das deutliche Gesetz
+ Und der Gebraeuche tiefgetretne Spur.
+ Doch unnatuerlich war und neuer Art
+ Die Kriegsgewalt in dieses Mannes Haenden;
+ Dem Kaiser selbst stellte sie ihn gleich,
+ Der stolze Geist verlernte, sich zu beugen.
+ O schad um solchen Mann! denn keiner moechte
+ Da feste stehen, mein ich, wo er fiel.
+
+Buttler.
+ Spart Eure Klagen, bis er Mitleid braucht,
+ Denn jetzt noch ist der Maechtige zu fuerchten.
+ Die Schweden sind im Anmarsch gegen Eger,
+ Und schnell, wenn wir's nicht rasch entschlossen hindern,
+ Wird die Vereinigung geschehn. Das darf nicht sein!
+ Es darf der Fuerst nicht freien Fusses mehr
+ Aus diesem Platz, denn Ehr' und Leben hab ich
+ Verpfaendet, ihn gefangen hier zu nehmen,
+ Und Euer Beistand ist's, auf den ich rechne.
+
+Gordon.
+ O haett' ich nimmer diesen Tag gesehn!
+ Aus seiner Hand empfing ich diese Wuerde,
+ Er selber hat dies Schloss mir anvertraut,
+ Das ich in seinen Kerker soll verwandeln.
+ Wir Subalternen haben keinen Willen;
+ Der freie Mann, der maechtige allein
+ Gehorcht dem schoenen menschlichen Gefuehl.
+ Wir aber sind nur Schergen des Gesetzes,
+ Des grausamen; Gehorsam heisst die Tugend,
+ Um die der Niedre sich bewerben darf.
+
+Buttler.
+ Lasst Euch das enggebundene Vermoegen
+ Nicht leid tun. Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum,
+ Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.
+
+Gordon.
+ So hat ihn alles denn verlassen, sagt Ihr?
+ Er hat das Glueck von Tausenden gegruendet,
+ Denn koeniglich war sein Gemuet, und stets
+ Zum Geben war die volle Hand geoeffnet--
+(Mit einem Seitenblick auf Buttlern.)
+ Vom Staube hat er manchen aufgelesen,
+ Zu hoher Ehr' und Wuerden ihn erhoeht
+ Und hat sich keinen Freund damit, nicht einen
+ Erkauft, der in der Not ihm Farbe hielt!
+
+Buttler.
+ Hier lebt ihm einer, den er kaum gehofft.
+
+Gordon.
+ Ich hab mich keiner Gunst von ihm erfreut.
+ Fast zweifl' ich, ob er je in seiner Groesse
+ Sich eines Jugendfreunds erinnert hat--
+ Denn fern von ihm hielt mich der Dienst, sein Auge
+ Verlor mich in den Mauern dieser Burg,
+ Wo ich, von seiner Gnade nicht erreicht,
+ Das freie Herz im stillen mir bewahrte.
+ Denn als er mich in dieses Schloss gesetzt,
+ War's ihm noch Ernst um seine Pflicht; nicht sein
+ Vertrauen taeusch ich, wenn ich treu bewahre,
+ Was meiner Treue uebergeben ward.
+
+Buttler.
+ So sagt, wollt Ihr die Acht an ihm vollziehn,
+ Mir Eure Hilfe leihn, ihn zu verhaften?
+
+Gordon. (nach einem nachdenklichen Stillschweigen kummervoll).
+ Ist es an dem--verhaelt sich's, wie Ihr sprecht--
+ Hat er den Kaiser, seinen Herrn, verraten,
+ Das Heer verkauft, die Festungen des Landes
+ Dem Reichsfeind oeffnen wollen--Ja, dann ist
+ Nicht Rettung mehr fuer ihn--Doch es ist hart,
+ Dass unter allen eben mich das Los
+ Zum Werkzeug seines Sturzes muss erwaehlen.
+ Denn Pagen waren wir am Hof zu Burgau
+ Zu gleicher Zeit, ich aber war der aeltre.
+
+Buttler.
+ Ich weiss davon.
+
+Gordon.
+ Wohl dreissig Jahre sind's. Da strebte schon
+ Der kuehne Mut im zwanzigjaehr'gen Juengling.
+ Ernst ueber seine Jahre war sein Sinn,
+ Auf grosse Dinge maennlich nur gerichtet.
+ Durch unsre Mitte ging er stillen Geists,
+ Sich selber die Gesellschaft; nicht die Lust,
+ Die kindische, der Knaben zog ihn an;
+ Doch oft ergriff's ihn ploetzlich wundersam,
+ Und der geheimnisvollen Brust entfuhr,
+ Sinnvoll und leuchtend, ein Gedankenstrahl,
+ Dass wir uns staunend ansahn, nicht recht wissend,
+ Ob Wahnsinn, ob ein Gott aus ihm gesprochen.
+
+Buttler.
+ Dort war's, wo er zwei Stock hoch niederstuerzte,
+ Als er im Fensterbogen eingeschlummert,
+ Und unbeschaedigt stand er wieder auf.
+ Von diesem Tag an, sagt man, liessen sich
+ Anwandlungen des Wahnsinns bei ihm spueren.
+
+Gordon.
+ Tiefsinn'ger wurd'er, das ist wahr, er wurde
+ Katholisch. Wunderbar hatt' ihn das Wunder
+ Der Rettung umgekehrt. Er hielt sich nun
+ Fuer ein beguenstigt und befreites Wesen,
+ Und keck wie einer, der nicht straucheln kann,
+ Lief er auf schwankem Seil des Lebens hin.
+ Nachher fuehrt' uns das Schicksal auseinander
+ Weit, weit! Er ging der Groesse kuehnen Weg,
+ Mit schnellem Schritt, ich sah ihn schwindelnd gehn,
+ Ward Graf und Fuerst und Herzog und Diktator,
+ Und jetzt ist alles ihm zu klein, er streckt
+ Die Haende nach der Koenigskrone aus
+ Und stuerzt in unermessliches Verderben!
+
+Buttler.
+ Brecht ab. Er kommt.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Wallenstein im Gespraech mit dem Buergermeister von Eger. Die Vorigen.
+
+
+Wallenstein.
+ Ihr wart sonst eine freie Stadt? Ich seh,
+ Ihr fuehrt den halben Adler in dem Wappen.
+ Warum den halben nur?
+
+Buergermeister.
+ Wir waren reichsfrei,
+ Doch seit zweihundert Jahren ist die Stadt
+ Der boehm'schen Kron' verpfaendet. Daher ruehrt's,
+ Dass wir nur noch den halben Adler fuehren.
+ Der untre Teil ist kanzelliert, bis etwa
+ Das Reich uns wieder einloest.
+
+Wallenstein.
+ Ihr verdientet
+ Die Freiheit. Haltet euch nur brav. Gebt keinem
+ Aufwieglervolk Gehoer. Wie hoch seid ihr
+ Besteuert?
+
+Buergermeister. (zuckt die Achseln)
+ Dass wir's kaum erschwingen koennen.
+ Die Garnison lebt auch auf unsre Kosten.
+
+Wallenstein.
+ Ihr sollt erleichtert werden. Sagt mir an,
+ Es sind noch Protestanten in der Stadt?
+(Buergermeister stutzt.)
+ Ja, ja. Ich weiss es. Es verbergen sich noch viele
+ In diesen Mauern--ja! gesteht's nur frei--
+ Ihr selbst--Nicht wahr?
+(Fixiert ihn mit den Augen. Buergermeister erschrickt.)
+ Seid ohne Furcht. Ich hasse
+ Die Jesuiten--Laeg's an mir, sie waeren laengst
+ Aus Reiches Grenzen--Messbuch oder Bibel!
+ Mir ist's all eins--Ich hab's der Welt bewiesen--
+ In Glogau hab ich selber eine Kirch'
+ Den Evangelischen erbauen lassen.
+ --Hoert, Buergermeister--wie ist Euer Name?
+
+Buergermeister.
+ Pachhaelbel, mein erlauchter Fuerst.
+
+Wallenstein.
+ Hoert--aber sagt's nicht weiter, was ich Euch
+ Jetzt im Vertraun eroeffne.
+(Ihm die Hand auf die Achsel legend, mit einer gewissen
+Feierlichkeit.)
+
+Die Erfuellung
+ Der Zeiten ist gekommen, Buergermeister.
+ Die Hohen werden fallen, und die Niedrigen
+ Erheben sich--Behaltet's aber bei Euch!
+ Die spanische Doppelherrschaft neiget sich
+ Zu ihrem Ende, eine neue Ordnung
+ Der Dinge fuehrt sich ein--Ihr saht doch juengst
+ Am Himmel die drei Monde?
+
+Buergermeister.
+ Mit Entsetzen.
+
+Wallenstein.
+ Davon sich zwei in blut'ge Dolchgestalt
+ Verzogen und und verwandelten. Nur einer,
+ Der mittlere blieb stehn in seiner Klarheit.
+
+Buergermeister.
+ Wir zogen's auf den Tuerken.
+
+Wallenstein.
+ Tuerken! Was?
+ Zwei Reiche werden blutig untergehen
+ Im Osten und im Westen, sag ich Euch,
+ Und nur der lutherischen Glaub' wird bleiben.
+(Er bemerkt die zwei andern.)
+ Ein starkes Schiessen war ja diesen Abend
+ Zur linken Hand, als wir den Weg hieher
+ Gemacht. Vernahm man's auch hier in der Festung?
+
+Gordon.
+ Wohl hoerten wir's, mein General. Es brachte
+ Der Wind den Schall gerad von Sueden her.
+
+Buttler.
+ Von Neustadt oder Weiden schien's zu kommen.
+
+Wallenstein.
+ Das ist der Weg, auf dem die Schweden nahn.
+ Wie stark ist die Besatzung?
+
+Gordon.
+ Hundertachtzig
+ Dienstfaehige Mann, der Rest sind Invaliden.
+
+Wallenstein.
+ Und wieviel stehn im Jochimstal?
+
+Gordon.
+ Zweihundert
+ Arkebusierer hab ich hingeschickt,
+ Den Posten zu verstaerken gegen die Schweden.
+
+Wallenstein.
+ Ich lobe Eure Vorsicht. An den Werken
+ Wird auch gebaut. Ich sah's bei der Hereinfahrt.
+
+Gordon.
+ Weil uns der Rheingraf jetzt so nah bedraengt,
+ Liess ich noch zwei Pasteien schnell errichten.
+
+Wallenstein.
+ Ihr seid genau in Eures Kaisers Dienst.
+ Ich bin mit Euch zufrieden, Oberstleutnant.
+(Zu Buttlern.)
+ Der Posten in dem Jochimstal soll abziehn
+ Samt allen, die dem Feind entgegenstehn.
+(Zu Gordon.)
+ In Euren treuen Haenden, Kommendant,
+ Lass ich mein Weib, mein Kind und meine Schwester.
+ Denn hier ist meines Bleibens nicht; nur Briefe
+ Erwart ich, mit dem fruehesten die Festung
+ Samt allen Regimentern zu verlassen.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Vorige. Graf Terzky.
+
+
+Terzky.
+ Willkommne Botschaft! Frohe Zeitungen!
+
+Wallenstein.
+ Was bringst du?
+
+Terzky.
+ Eine Schlacht ist vorgefallen
+ Bei Neustadt, und die Schweden blieben Sieger.
+
+Wallenstein.
+ Was sagst du? Woher kommt dir diese Nachricht?
+
+Terzky.
+ Ein Landmann bracht' es mit von Tirschenreit,
+ Nach Sonnenuntergang hab's angefangen,
+ Ein kaiserlicher Trupp von Tachau her
+ Sie eingebrochen in das schwed'sche Lager,
+ Zwei Stunden hab' das Schiessen angehalten,
+ Und tausend Kaiserliche sei'n geblieben,
+ Ihr Oberst mit, mehr wusst' er nicht zu sagen.
+
+Wallenstein.
+ Wie kaeme kaiserliches Volk nach Neustadt?
+ Der Altringer, er muesste Fluegel haben,
+ Stand gestern vierzehn Meilen noch von da;
+ Das Gallas Voelker sammeln sich zu Fraunberg
+ Und sind noch nicht beisammen. Haette sich
+ Der Suys etwa so weit vorgewagt?
+ Es kann nicht sein.
+(Illo erscheint.)
+
+Terzky.
+ Wir werden's alsbald hoeren,
+ Denn hier kommt Illo froehlich und voll Eile.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Illo. Die Vorigen.
+
+
+Illo. (zu Wallenstein)
+ Ein Reitender ist da und will dich sprechen.
+
+Terzky.
+ Hat's mit dem Siege sich bestaetigt? Sprich!
+ Wallenstein.
+ Was bringt er? Woher kommt er?
+
+Illo.
+ Von dem Rheingraf,
+ Und was er bringt, will ich voraus dir melden.
+ Die Schweden stehn fuenf Meilen nur von hier,
+ Bei Neustadt hab' der Piccolomini
+ Sich mit der Reiterei auf sie geworfen,
+ Ein fuerchterliches Morden sei geschehn,
+ Doch endlich hab' die Menge ueberwaeltigt,
+ Die Pappenheimer alle, auch der Max,
+ Der sie gefuehrt--sei'n auf dem Platz geblieben.
+
+Wallenstein.
+ Wo ist der Bote? Bringt mich zu ihm.
+(Will abgehn. Indem stuerzt Fraeulein Neubrunn ins Zimmer, ihr
+folgen einige Bediente, die durch den Saal rennen.)
+
+Neubrunn.
+ Hilfe! Hilfe!
+
+Illo
+ und Terzky.
+ Was gibt's?
+
+Neubrunn.
+ Das Fraeulein!--
+
+Wallenstein
+ und Terzky. Weiss sie's?
+
+Neubrunn.
+ Sie will sterben.
+(Eilt fort. Wallenstein und Terzky mit Illo ihr nach.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Buttler und Gordon.
+
+
+Gordon. (erstaunt)
+ Erklaert mir. Was bedeutete der Auftritt?
+
+Buttler.
+ Sie hat den Mann verloren, den sie liebte,
+ Der Piccolomini war's, der umgekommen.
+
+Gordon.
+ Ungluecklich Fraeulein!
+
+Buttler.
+ Ihr habt gehoert, was dieser Illo brachte,
+ Dass sich die Schweden siegend nahn.
+
+Gordon.
+ Wohl hoert' ich's.
+
+Buttler.
+ Zwoelf Regimenter sind sie stark, und fuenf
+ Stehn in der Naeh', den Herzog zu beschuetzen.
+ Wir haben nur mein einzig Regiment,
+ Und nicht zweihundert stark ist die Besatzung.
+
+Gordon.
+ So ist's.
+
+Buttler.
+ Nicht moeglich ist's, mit so geringer Mannschaft
+ Solch einen Staatsgefangnen zu bewahren.
+
+Gordon.
+ Das seh ich ein.
+
+Buttler.
+ Die Menge haette bald das kleine Haeuflein
+ Entwaffnet, ihn befreit.
+
+Gordon.
+ Das ist zu fuerchten.
+
+Buttler. (nach einer Pause)
+ Wisst! Ich bin Buerge worden fuer den Ausgang,
+ Mit meinem Haupte haft ich fuer das seine,
+ Wort muss ich halten, fuehr's wohin es will,
+ Und ist der Lebende nicht zu bewahren,
+ So ist--der Tote uns gewiss.
+
+Gordon.
+ Versteh ich Euch? Gerechter Gott! Ihr koenntet--
+
+Buttler.
+ Er darf nicht leben.
+
+Gordon.
+ Ihr vermoechtet's?
+
+Buttler.
+ Ihr oder ich. Er sah den letzten Morgen.
+
+Gordon.
+ Ermorden wollt Ihr ihn?
+
+Buttler.
+ Das ist mein Vorsatz.
+
+Gordon.
+ Der Eurer Treu vertraut!
+
+Buttler.
+ Sein boeses Schicksal!
+
+Gordon.
+ Des Feldherrn heilige Person!
+
+Buttler.
+ Das war er!
+
+Gordon.
+ O was er war, loescht kein Verbrechen aus!
+ Ohn' Urtel?
+
+Buttler.
+ Die Vollstreckung ist statt Urtels.
+
+Gordon.
+ Das waere Mord und nicht Gerechtigkeit,
+ Denn hoeren muss sie auch den Schuldigsten.
+
+Buttler.
+ Klar ist die Schuld, der Kaiser hat gerichtet,
+ Und seinen Willen nur vollstrecken wir.
+
+Gordon.
+ Den blut'gen Spruch muss man nicht rasch vollziehn,
+ Ein Wort nimmt sich, ein Leben nie zurueck.
+
+Buttler.
+ Der hurt'ge Dienst gefaellt den Koenigen.
+
+Gordon.
+ Zu Henkers Dienst draengt sich kein edler Mann.
+
+Buttler.
+ Kein mutiger erbleicht vor kuehner Tat.
+
+Gordon.
+ Das Leben wagt der Mut, nicht das Gewissen.
+
+Buttler.
+ Was? Soll er frei ausgehn, des Krieges Flamme,
+ Die unausloeschliche, aufs neu entzuenden?
+
+Gordon.
+ Nehmt ihn gefangen, toetet ihn nur nicht,
+ Greift blutig nicht dem Gnadenengel vor.
+
+Buttler.
+ Waer' die Armee des Kaisers nicht geschlagen,
+ Moecht' ich lebendig ihn erhalten haben.
+
+Gordon.
+ O warum schloss ich ihm die Festung auf!
+
+Buttler.
+ Der Ort nicht, sein Verhaengnis toetet ihn.
+
+Gordon.
+ Auf diesen Waellen waer' ich ritterlich,
+ Des Kaisers Schloss verteidigend, gesunken.
+
+Buttler.
+ Und tausend brave Maenner kamen um!
+
+Gordon.
+ In ihrer Pflicht--das schmueckt und ehrt den Mann;
+ Doch schwarzen Mord verfluchte die Natur.
+
+Buttler. (eine Schrift hervorlangend)
+ Hier ist das Manifest, das uns befiehlt,
+ Uns seiner zu bemaechtigen. Es ist an Euch
+ Gerichtet, wie an mich. Wollt Ihr die Folgen tragen,
+ Wenn er zum Feind entrinnt durch unsre Schuld?
+
+Gordon.
+ Ich, der Ohnmaechtige, o Gott!
+
+Buttler.
+ Nehmt Ihr's auf Euch. Steht fuer die Folgen ein!
+ Mag werden draus was will! Ich leg's auf Euch.
+
+Gordon.
+ O Gott im Himmel!
+
+Buttler.
+ Wisst Ihr andern Rat,
+ Des Kaisers Meinung zu vollziehen? Sprecht!
+ Denn stuerzen, nicht vernichten will ich ihn.
+
+Gordon.
+ O Gott! Was sein muss, seh ich klar wie Ihr,
+ Doch anders schlaegt das Herz in meiner Brust.
+
+Buttler.
+ Auch dieser Illo, dieser Terzky duerfen
+ Nicht leben, wenn der Herzog faellt.
+
+Gordon.
+ O nicht um diese tut mir's leid. Sie trieb
+ Ihr schlechtes Herz, nicht die Gewalt der Sterne.
+ Sie waren's, die in seine ruh'ge Brust
+ Den Samen boeser Leidenschaft gestreut,
+ Die mit fluchwuerdiger Geschaeftigkeit
+ Die Ungluecksfrucht in ihm genaehrt--Mag sie
+ Des boesen Dienstes boeser Lohn ereilen!
+
+Buttler.
+ Auch sollen sie im Tod ihm gleich voran.
+ Verabred't ist schon alles. Diesen Abend
+ Bei eines Gastmahls Freuden wollten wir
+ Sie lebend greifen und im Schloss bewahren.
+ Viel kuerzer ist es so. Ich geh sogleich,
+ Die noetigen Befehle zu erteilen.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Vorige. Illo und Terzky.
+
+
+Terzky.
+ Nun soll's bald anders werden! Morgen ziehn
+ Die Schweden ein, zwoelftausend tapfre Krieger.
+ Dann grad auf Wien. He! Lustig, Alter! Kein
+ So herb Gesicht zu solcher Freudenbotschaft!
+
+Illo.
+ Jetzt ist's an uns, Gesetze vorzuschreiben
+ Und Rach' zu nehmen an den schlechten Menschen,
+ Den schaendlichen, die uns verlassen. Einer
+ Hat's schon gebuesst, der Piccolomini.
+ Ging's allen so, die's uebel mit uns meinen!
+ Wie schwer trifft dieser Schlag das alte Haupt!
+ Der hat sein ganzes Leben lang sich
+ Abgequaelt, sein altes Grafenhaus zu fuersten,
+ Und jetzt begraebt er seinen einz'gen Sohn!
+
+Buttler.
+ Schad ist's doch um den heldenmuet'gen Juengling,
+ Dem Herzog selbst ging's nah, man sah es wohl.
+
+Illo.
+ Hoert, alter Freund! Das ist es, was mir nie
+ Am Herrn gefiel, es war mein ew'ger Zank,
+ Er hat die Welschen immer vorgezogen.
+ Auch jetzo noch, ich schwoer's bei meiner Seele,
+ Saeh' er uns alle lieber zehnmal tot,
+ Koennt' er den Freund damit ins Leben rufen.
+
+Terzky.
+ Still! Still! Nicht weiter! Lass die Toten ruhn!
+ Heut gilt es, wer den andern niedertrinkt,
+ Denn Euer Regiment will uns bewirten.
+ Wir wollen eine lust'ge Fassnacht halten,
+ Die Nacht sei einmal Tag, bei vollen Glaesern
+ Erwarten wir die schwed'sche Avantgarde.
+
+Illo.
+ Ja, lasst uns heut noch guter Dinge sein,
+ Denn heisse Tage stehen uns bevor.
+ Nicht ruhn soll dieser Degen, bis er sich
+ In oesterreich'schem Blute satt gebadet.
+
+Gordon.
+ Pfui, welche Red' ist das, Herr Feldmarschall,
+ Warum so wueten gegen Euren Kaiser--
+
+Buttler.
+ Hofft nicht zu viel von diesem ersten Sieg.
+ Bedenkt, wie schnell des Glueckes Rad sich dreht,
+ Denn immer noch sehr maechtig ist der Kaiser.
+
+Illo.
+ Der Kaiser hat Soldaten, keinen Feldherrn,
+ Denn dieser Koenig Ferdinand von Ungarn
+ Versteht den Krieg nicht--Gallas? Hat kein Glueck
+ Und war von jeher nur ein Heerverderber.
+ Und diese Schlange, der Octavio,
+ Kann in die Fersen heimlich wohl verwunden,
+ Doch nicht in offner Schlacht dem Friedland stehn.
+
+Terzky.
+ Nicht fehlen kann's uns, glaubt mir's nur. Das Glueck
+ Verlaesst den Herzog nicht; bekannt ist's ja,
+ Nur unterm Wallenstein kann Oestreich siegen.
+
+Illo.
+ Der Fuerst wird ehestens ein grosses Heer
+ Beisammen haben, alles draengt sich, stroemt
+ Herbei zum alten Ruhme seiner Fahnen.
+ Die alten Tage seh ich wiederkehren,
+ Der grosse wird er wieder, der er war--
+ Wie werden sich die Toren dann ins Aug'
+ Geschlagen haben, die ihn jetzt verliessen!
+ Denn Laender schenken wird er seinen Freunden
+ Und treue Dienste kaiserlich belohnen.
+ Wir aber sind in seiner Gunst die naechsten.
+(Zu Gordon.)
+ Auch Eurer wird er dann gedenken, wird Euch
+ Aus diesem Neste ziehen, Eure Treu
+ In einem hoehern Posten glaenzen lassen.
+
+Gordon.
+ Ich bin vergnuegt, verlange hoeher nicht
+ Hinauf: wo grosse Hoeh', ist grosse Tiefe.
+
+Illo.
+ Ihr habt hier weiter nichts mehr zu bestellen,
+ Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung.
+ Kommt, Terzky. Es wird Zeit zum Abendessen.
+ Was meint Ihr? Lassen wir die Stadt erleuchten,
+ Dem Schwedischen zur Ehr', und wer's nicht tut,
+ Der ist ein Spanischer und ein Verraeter.
+
+Terzky.
+ Lasst das. Es wird dem Herzog nicht gefallen.
+
+Illo.
+ Was! Wir sind Meister hier, und keiner soll sich
+ Fuer kaiserlich bekennen, wo wir herrschen.
+ --Gut Nacht, Gordon. Lasst Euch zum letztenmal
+ Den Platz empfohlen sein, schickt Runden aus,
+ Zur Sicherheit kann man das Wort noch aendern.
+ Schlag zehn bringt Ihr dem Herzog selbst die Schluessel,
+ Dann seid Ihr Eures Schliesseramtes quitt,
+ Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung.
+
+Terzky. (im Abgehen zu Buttler):
+ Ihr kommt doch auch aufs Schloss?
+
+Buttler.
+ Zu rechter Zeit.
+(Jene gehen ab.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Buttler und Gordon.
+
+
+Gordon. (ihnen nachsehend)
+ Die Unglueckseligen! Wie ahnungslos
+ Sie in das ausgespannte Mordnetz stuerzen
+ In ihrer blinden Siegestrunkenheit!--
+ Ich kann sie nicht beklagen. Dieser Illo,
+ Der uebermuetig freche Boesewicht,
+ Der sich in seines Kaisers Blut will baden!
+
+Buttler.
+ Tut, wie er Euch befohlen. Schickt Patrouillen
+ Herum, sorgt fuer die Sicherheit der Festung;
+ Sind jene oben, schliess ich gleich die Burg,
+ Dass in der Stadt nichts von der Tat verlaute!
+
+Gordon. (aengstlich)
+ O eilt nicht so! Erst sagt mir--
+
+Buttler.
+ Ihr vernahmt's,
+ Der naechste Morgen schon gehoert den Schweden.
+ Die Nacht nur ist noch unser, sie sind schnell,
+ Noch schneller wollen wir sein--Lebet wohl.
+
+Gordon.
+ Ach Eure Blicke sagen mir nichts Gutes.
+ Versprechet mir--
+
+Buttler.
+ Der Sonne Licht ist unter,
+ Herabsteigt ein verhaengnisvoller Abend--
+ Sie macht ihr Duenkel sicher. Wehrlos gibt sie
+ Ihr boeser Stern in unsre Hand, und mitten
+ In ihrem trunknen Glueckeswahne soll
+ Der scharfe Stahl ihr Leben rasch zerschneiden.
+ Ein grosser Rechenkuenstler war der Fuerst
+ Von jeher, alles wusst' er zu berechnen,
+ Die Menschen wusst' er, gleich des Brettspiels Steinen,
+ Nach seinem Zweck zu setzen und zu schieben,
+ Nicht Anstand nahm er, andrer Ehr' und Wuerde
+ Und guten Ruf zu wuerfeln und zu spielen.
+ Gerechnet hat er fort und fort, und endlich
+ Wird doch der Kalkul irrig sein; er wird
+ Sein Leben selbst hineingerechnet haben,
+ Wie jener dort in seinem Zirkel fallen.
+
+Gordon.
+ O seiner Fehler nicht gedenket jetzt!
+ An seine Groesse denkt, an seine Milde,
+ An seines Herzens liebenswerte Zuege,
+ An alle Edeltaten seines Lebens,
+ Und lasst sie in das aufgehobne Schwert
+ Als Engel bittend, gnadeflehend fallen.
+
+Buttler.
+ Es ist zu spaet. Nicht Mitleid darf ich fuehlen,
+ Ich darf nur blutige Gedanken haben.
+(Gordons Hand fassend.)
+ Gordon! Nicht meines Hasses Trieb--Ich liebe
+ Den Herzog nicht und hab dazu nicht Ursach'--
+ Doch nicht mein Hass macht mich zu seinem Moerder.
+ Sein boeses Schicksal ist's. Das Unglueck treibt mich,
+ Die feindliche Zusammenkunft der Dinge.
+ Es denkt der Mensch die freie Tat zu tun,
+ Umsonst! Er ist das Spielwerk nur der blinden
+ Gewalt, die aus der eignen Wahl ihm schnell
+ Die furchtbare Notwendigkeit erschafft.
+ Was haelf's ihm auch, wenn mir fuer ihn im Herzen
+ Was redete--Ich muss ihn dennoch toeten.
+
+Gordon.
+ O wenn das Herz Euch warnt, folgt seinem Triebe!
+ Das Herz ist Gottes Stimme, Menschenwerk
+ Ist aller Klugheit kuenstliche Berechnung.
+ Was kann aus blut'ger Tat Euch Glueckliches
+ Gedeihen? O aus Blut entspringt nicht Gutes!
+ Soll sie die Staffel Euch zur Groesse bauen?
+ O glaubt das nicht--Es kann der Mord bisweilen
+ Den Koenigen, der Moerder nie gefallen.
+
+Buttler.
+ Ihr wisst nicht. Fragt nicht. Warum mussten auch
+ Die Schweden siegen und so eilend nahn!
+ Gern ueberliess ich ihn des Kaisers Gnade,
+ Sein Blut nicht will ich. Nein, er moechte leben.
+ Doch meines Wortes Ehre muss ich loesen.
+ Und sterben muss er, oder--hoert und wisst!--
+ Ich bin entehrt, wenn uns der Fuerst entkommt.
+
+Gordon.
+ O solchen Mann zu retten--
+
+Buttler. (schnell)
+ Was?
+
+Gordon.
+ Ist eines Opfers wert--Seid edelmuetig!
+ Das Herz und nicht die Meinung ehrt den Mann.
+
+Buttler. (kalt und stolz)
+ Er ist ein grosser Herr, der Fuerst--Ich aber
+ Bin nur ein kleines Haupt, das wollt Ihr sagen.
+ Was liegt der Welt dran, meint Ihr, ob der niedrig
+ Geborene sich ehret oder schaendet,
+ Wenn nur der Fuerstliche gerettet wird.
+ --Ein jeder gibt den Wert sich selbst. Wie hoch ich
+ Mich selbst anschlagen will, das steht bei mir.
+ So hoch gestellt ist keiner auf der Erde,
+ Dass ich mich selber neben ihm verachte.
+ Den Menschen macht sein Wille gross und klein,
+ Und weil ich meinem treu bin, muss er sterben.
+
+Gordon.
+ O einen Felsen streb ich zu bewegen!
+ Ihr seid von Menschen menschlich nicht gezeugt.
+ Nicht hindern kann ich Euch, ihn aber rette
+ Ein Gott aus Eurer fuerchterlichen Hand.
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Ein Zimmer bei der Herzogin. Thekla in einem Sessel, bleich,
+ mit geschlossnen Augen. Herzogin und Fraeulein von Neubrunn um
+ sie beschaeftigt. Wallenstein und die Graefin im Gespraech.
+
+
+Wallenstein.
+ Wie wusste sie es denn so schnell?
+
+Graefin.
+ Sie scheint
+ Unglueck geahnt zu haben. Das Geruecht
+ Von einer Schlacht erschreckte sie, worin
+ Der kaiserliche Oberst sei gefallen.
+ Ich sah es gleich. Sie flog dem schwedischen
+ Kurier entgegen und entriss ihm schnell
+ Durch Fragen das unglueckliche Geheimnis.
+ Zu spaet vermissten wir sie, eilten nach,
+ Ohnmaechtig lag sie schon in seinen Armen.
+
+Wallenstein.
+ So unbereitet musste dieser Schlag
+ Sie treffen! Armes Kind!--Wie ist's? Erholt sie sich?
+(Indem er sich zur Herzogin wendet.)
+
+Herzogin.
+ Sie schlaegt die Augen auf.
+
+Graefin.
+ Sie lebt!
+
+Thekla. (sich umschauend)
+ Wo bin ich?
+
+Wallenstein. (tritt zu ihr, sie mit seinen Armen aufrichtend)
+ Komm zu dir, Thekla. Sei mein starkes Maedchen!
+ Sieh deiner Mutter liebende Gestalt
+ Und deines Vaters Arme, die dich halten.
+
+Thekla. (richtet sich auf)
+ Wo ist er? Ist er nicht mehr hier?
+
+Herzogin.
+ Wer, meine Tochter?
+
+Thekla.
+ Der dieses Unglueckswort aussprach--
+
+Herzogin.
+ O denke nicht daran, mein Kind! Hinweg
+ Von diesem Bilde wende die Gedanken.
+
+Wallenstein.
+ Lasst ihren Kummer reden! Lasst sie klagen!
+ Mischt eure Traenen mit den ihrigen.
+ Denn einen grossen Schmerz hat sie erfahren;
+ Doch wird sie's ueberstehn, denn meine Thekla
+ Hat ihres Vaters unbezwungnes Herz.
+
+Thekla.
+ Ich bin nicht krank. Ich habe Kraft, zu stehn.
+ Was weint die Mutter? Hab ich sie erschreckt?
+ Es ist vorueber, ich besinne mich wieder.
+(Sie ist aufgestanden und sucht mit den Augen im Zimmer.)
+ Wo ist er? Man verberge mir ihn nicht.
+ Ich habe Staerke gnug, ich will ihn hoeren.
+
+Herzogin.
+ Nein, Thekla! Dieser Ungluecksbote soll
+ Nie wieder unter deine Augen treten.
+
+Thekla.
+ Mein Vater--
+
+Wallenstein.
+ Liebes Kind!
+
+Thekla.
+ Ich bin nicht schwach,
+ Ich werde mich auch bald noch mehr erholen.
+ Gewaehren Sie mir eine Bitte.
+
+Wallenstein.
+ Sprich!
+
+Thekla.
+ Erlauben Sie, dass dieser fremde Mann
+ Gerufen werde! dass ich ihn allein
+ Vernehme und befrage.
+
+Herzogin.
+ Nimmermehr!
+
+Graefin.
+ Nein! Das ist nicht zu raten! Gib's nicht zu!
+
+Wallenstein.
+ Warum willst du ihn sprechen, meine Tochter?
+
+Thekla.
+ Ich bin gefasster, wenn ich alles weiss.
+ Ich will nicht hintergangen sein. Die Mutter
+ Will mich nur schonen. Ich will nicht geschont sein.
+ Das Schrecklichste ist ja gesagt, ich kann
+ Nichts Schrecklichers mehr hoeren.
+ Graefin und Herzogin
+(zu Wallenstein)
+ Tu es nicht!
+
+Thekla.
+ Ich wurde ueberrascht von meinem Schrecken,
+ Mein Herz verriet mich bei dem fremden Mann,
+ Er war ein Zeuge meiner Schwachheit, ja,
+ Ich sank in seine Arme--das beschaemt mich.
+ Herstellen muss ich mich in seiner Achtung,
+ Und sprechen muss ich ihn, notwendig, dass
+ Der fremde Mann nicht ungleich von mir denke.
+
+Wallenstein.
+ Ich finde, sie hat recht--und bin geneigt,
+ Ihr diese Bitte zu gewaehren. Ruft ihn.
+(Fraeulein Neubrunn geht hinaus.)
+
+Herzogin.
+ Ich, deine Mutter, aber will dabei sein.
+
+Thekla.
+ Am liebsten spraech' ich ihn allein. Ich werde
+ Alsdann um so gefasster mich betragen.
+
+Wallenstein. (zur Herzogin)
+ Lass es geschehn. Lass sie's mit ihm allein
+ Ausmachen. Es gibt Schmerzen, wo der Mensch
+ Sich selber nur helfen kann, ein starkes Herz
+ Will sich auf seine Staerke nur verlassen.
+ In ihrer, nicht an fremder Brust muss sie
+ Kraft schoepfen, diesen Schlag zu ueberstehn.
+ Es ist mein starkes Maedchen; nicht als Weib,
+ Als Heldin will ich sie behandelt sehn.
+(Er will gehen.)
+
+Graefin. (haelt ihn)
+ Wo gehst du hin? Ich hoerte Terzky sagen,
+ Du denkest morgen frueh von hier zu gehn,
+ Uns aber hierzulassen.
+
+Wallenstein.
+ Ja, ihr bleibt
+ Dem Schutze wackrer Maenner uebergeben.
+
+Graefin.
+ O nimm uns mit dir, Bruder! Lass uns nicht
+ In dieser duestern Einsamkeit dem Ausgang
+ Mit sorgendem Gemuet engegenharren.
+ Das gegenwaert'ge Unglueck traegt sich leicht,
+ Doch grauenvoll vergroessert es der Zweifel
+ Und der Erwartung Qual dem weit Entfernten.
+
+Wallenstein.
+ Wer spricht von Unglueck? Bessre deine Rede.
+ Ich hab ganz andre Hoffnungen.
+
+Graefin.
+ So nimm uns mit. O lass uns nicht zurueck
+ In diesem Ort der traurigen Bedeutung,
+ Denn schwer ist mir das Herz in diesen Mauern,
+ Und wie ein Totenkeller haucht mich's an,
+ Ich kann nicht sagen, wie der Ort mir widert.
+ O fuehr uns weg! Komm, Schwester, bitt ihn auch,
+ Dass er uns fortnimmt! Hilf mir, liebe Nichte.
+
+Wallenstein.
+ Des Ortes boese Zeichen will ich aendern:
+ Er sei's, der mir mein Teuerstes bewahrte.
+
+Neubrunn. (kommt zurueck):
+ Der schwed'sche Herr!
+
+Wallenstein.
+ Lasst sie mit ihm allein.
+(Ab.)
+
+Herzogin. (zu Thekla)
+ Sieh, wie du dich entfaerbtest! Kind, du kannst ihn
+ Unmoeglich sprechen. Folge deiner Mutter.
+
+Thekla.
+ Die Neubrunn mag denn in der Naehe bleiben.
+(Herzogin und Graefin gehen ab.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Thekla. Der schwedische Hauptmann. Fraeulein Neubrunn.
+
+
+Hauptmann. (naht sich ehrerbietig)
+ Prinzessin--ich--muss um Verzeihung bitten,
+ Mein unbesonnen rasches Wort--Wie konnt' ich--
+
+Thekla. (mit edelm Anstand)
+ Sie haben mich in meinem Schmerz gesehn,
+ Ein ungluecksvoller Zufall machte Sie
+ Aus einem Fremdling schnell mir zum Vertrauten.
+
+Hauptmann.
+ Ich fuerchte, dass Sie meinen Anblick hassen,
+ Denn meine Zunge sprach ein traurig Wort.
+
+Thekla.
+ Die Schuld ist mein. Ich selbst entriss es Ihnen,
+ Sie waren nur die Stimme meines Schicksals.
+ Mein Schrecken unterbrach den angefangnen
+ Bericht. Ich bitte drum, dass Sie ihn enden.
+
+Hauptmann. (bedenklich)
+ Prinzessin, es wird Ihren Schmerz erneuern.
+
+Thekla.
+ Ich bin darauf gefasst--Ich will gefasst sein.
+ Wie fing das Treffen an? Vollenden Sie.
+
+Hauptmann.
+ Wir standen, keines Ueberfalls gewaertig,
+ Bei Neustadt schwach verschanzt in unserm Lager,
+ Als gegen Abend eine Wolke Staubes
+ Aufstieg vom Wald her, unser Vortrab fliehend
+ Ins Lager stuerzte, rief: der Feind sei da.
+ Wie hatten eben nur noch Zeit, uns schnell
+ Aufs Pferd zu werfen, da durchbrachen schon,
+ In vollem Rosseslauf dahergesprengt,
+ Die Pappenheimer den Verhack; schnell war
+ Der Graben auch, der sich ums Lager zog,
+ Von diesen stuerm'schen Scharen ueberflogen.
+ Doch unbesonnen hatte sie der Mut
+ Vorausgefuehrt den andern, weit dahinten
+ War noch das Fussvolk, nur die Pappenheimer waren
+ Dem kuehnen Fuehrer kuehn gefolgt.--
+(Thekla macht eine Bewegung. Der Hauptmann haelt einen Augenblick
+inne, bis sie ihm einen Wink gibt, fortzufahren.)
+ Von vorn und von den Flanken fassten wir
+ Sie jetzo mit der ganzen Reiterei
+ Und draengten sie zurueck zum Graben, wo
+ Das Fussvolk, schnell geordnet, einen Rechen
+ Von Piken ihnen starr entgegenstreckte.
+ Nicht vorwaerts konnten sie, auch nicht zurueck,
+ Gekeilt in drangvoll fuerchterliche Enge.
+ Da rief der Rheingraf ihrem Fuehrer zu,
+ In guter Schlacht sich ehrlich zu ergeben,
+ Doch Oberst Piccolomini--
+(Thekla schwindelnd, fasst einen Sessel.)
+ ihn machte
+ Der Helmbusch kenntlich und das lange Haar,
+ Vom raschen Ritte war's ihm losgegangen--
+ Zum Graben winkt er, sprengt, der erste, selbst
+ Sein edles Ross darueber weg, ihm stuerzt
+ Das Regiment nach--doch--schon war's geschehen!
+ Sein Pferd, von einer Partisan durchstossen, baeumt
+ Sich wuetend, schleudert weit den Reiter ab,
+ Und hoch weg ueber ihn geht die Gewalt
+ Der Rosse, keinem Zuegel mehr gehorchend.
+(Thekla, welche die letzten Reden mit allen Zeichen wachsender Angst
+begleitet, verfaellt in ein heftiges Zittern, sie will sinken, Fraeulein
+Neubrunn eilt hinzu und empfaengt sie in ihren Armen.)
+
+Neubrunn.
+ Mein teures Fraeulein--
+
+Hauptmann. (geruehrt)
+ Ich entferne mich.
+
+Thekla.
+ Es ist vorueber--Bringen Sie's zu Ende.
+
+Hauptmann.
+ Da ergriff, als sie den Fuehrer fallen sahn,
+ Die Truppen grimmig wuetende Verzweiflung.
+ Der eignen Rettung denkt jetzt keiner mehr,
+ Gleich wilden Tigern fechten sie, er reizt
+ Ihr starrer Widerstand die Unsrigen,
+ Und eher nicht erfolgt des Kampfes Ende,
+ Als bis der letzte Mann gefallen ist.
+
+Thekla. (mit zitternder Stimme)
+ Und wo--wo ist--Sie sagten mir nicht alles.
+
+Hauptmann. (nach einer Pause)
+ Heut frueh bestatteten wir ihn. Ihn trugen
+ Zwoelf Juenglinge der edelsten Geschlechter,
+ Das ganze Heer begleitete die Bahre.
+ Ein Lorbeer schmueckte seinen Sarg, drauf legte
+ Der Rheingraf selbst den eignen Siegerdegen.
+ Auch Traenen fehlten seinem Schicksal nicht,
+ Denn viele sind bei uns, die seine Grossmut
+ Und seiner Sitten Freundlichkeit erfahren,
+ Und alle ruehrte sein Geschick. Gern haette
+ Der Rheingraf ihn gerettet, doch er selbst
+ Vereitelt' es; man sagt, er wollte sterben.
+
+Neubrunn. (geruehrt zu Thekla, welche ihr Angesicht verhuellt hat).
+ Mein teures Fraeulein--Fraeulein, sehn Sie auf!
+ O warum mussten Sie darauf bestehn!
+
+Thekla.
+ --Wo ist sein Grab?
+
+Hauptmann.
+ In einer Klosterkirche
+ Bei Neustadt ist er beigesetzt, bis man
+ Von seinem Vater Nachricht eingezogen.
+
+Thekla.
+ Wie heisst das Kloster?
+
+Hauptmann.
+ Sankt Kathrinenstift.
+
+Thekla.
+ Ist's weit bis dahin?
+
+Hauptmann.
+ Sieben Meilen zaehlt man.
+
+Thekla.
+ Wie geht der Weg?
+
+Hauptmann.
+ Man kommt bei Tirschenreit
+ Und Falkenberg durch unsre ersten Posten.
+
+Thekla.
+ Wer kommandiert sie?
+
+Hauptmann.
+ Oberst Seckendorf.
+
+Thekla. (tritt an den Tisch und nimmt aus dem Schmuckkaestchen einen Ring).
+ Sie haben mich in meinem Schmerz gesehn
+ Und mir ein menschlich Herz gezeigt--Empfangen Sie
+(indem sie ihm den Ring gibt)
+ Ein Angedenken dieser Stunde--Gehn Sie.
+
+Hauptmann. (bestuerzt).
+ Prinzessin--
+(Thekla winkt ihm schweigend, zu gehen, und verlaesst ihn.
+Hauptmann zaudert und will reden. Fraeulein Neubrunn wiederholt
+den Wink. Er geht ab.)
+
+
+
+Elfter Auftritt
+
+Thekla. Neubrunn.
+
+
+Thekla. (faellt der Neubrunn um den Hals)
+ Jetzt, gute Neubrunn, zeige mir die Liebe,
+ Die du mir stets gelobt, beweise dich
+ Als meine treue Freundin und Gefaehrtin!
+ --Wir muessen fort, noch diese Nacht.
+
+Neubrunn.
+ Fort, und wohin?
+
+Thekla.
+ Wohin? Es ist nur ein Ort in der Welt!
+ Wo er bestattet liegt, zu seinem Sarge!
+
+Neubrunn.
+ Was koennen Sie dort wollen, teures Fraeulein?
+
+Thekla.
+ Was dort, Unglueckliche! So wuerdest du
+ Nicht fragen, wenn du je geliebt. Dort, dort
+ Ist alles, was noch uebrig ist von ihm,
+ Der einz'ge Fleck ist mir die ganze Erde.
+ --O halte mich nicht auf! Komm und mach Anstalt.
+ Lass uns auf Mittel denken, zu entfliehen.
+
+Neubrunn.
+ Bedachten Sie auch Ihres Vaters Zorn?
+
+Thekla.
+ Ich fuerchte keines Menschen Zuernen mehr.
+
+Neubrunn.
+ Den Hohn der Welt! des Tadels arge Zunge!
+
+Thekla.
+ Ich suche einen auf, der nicht mehr ist.
+ Will ich denn in die Arme--o mein Gott!
+ Ich will ja in die Gruft nur des Geliebten.
+
+Neubrunn.
+ Und wir allein, zwei hilflos schwache Weiber?
+
+Thekla.
+ Wir waffnen uns, mein Arm soll dich beschuetzen.
+
+Neubrunn.
+ Bei dunkler Nachtzeit?
+
+Thekla.
+ Nacht wird uns verbergen.
+
+Neubrunn.
+ In dieser rauhen Sturmnacht?
+
+Thekla.
+ Ward ihm sanft
+ Gebettet, unter den Hufen seiner Rosse?
+
+Neubrunn.
+ O Gott!--und dann die vielen Feindesposten!
+ Man wird uns nicht durchlassen.
+
+Thekla.
+ Es sind Menschen,
+ Frei geht das Unglueck durch die ganze Erde!
+
+Neubrunn.
+ Die weite Reise--
+
+Thekla.
+ Zaehlt der Pilger Meilen,
+ Wenn er zum fernen Gnadenbilde wallt?
+
+Neubrunn.
+ Die Moeglichkeit, aus dieser Stadt zu kommen?
+
+Thekla.
+ Gold oeffnet uns die Tore. Geh nur, geh!
+
+Neubrunn.
+ Wenn man uns kennt?
+
+Thekla.
+ In einer Fluechtigen,
+ Verzweifelnden sucht niemand Friedlands Tochter.
+
+Neubrunn.
+ Wo finden wir die Pferde zu der Flucht?
+
+Thekla.
+ Mein Kavalier verschafft sie. Geh und ruf ihn.
+
+Neubrunn.
+ Wagt er das ohne Wissen seines Herrn?
+
+Thekla.
+ Er wird es tun. O geh nur! Zaudre nicht.
+
+Neubrunn.
+ Ach! und was wird aus Ihrer Mutter werden,
+ Wenn Sie verschwunden sind?
+
+Thekla. (sich besinnend und schmerzvoll vor sich hinschauend)
+ O meine Mutter!
+
+Neubrunn.
+ So viel schon leidet sie, die gute Mutter,
+ Soll sie auch dieser letzte Schlag noch treffen?
+
+Thekla.
+ Ich kann's Ihr nicht ersparen!--Geh nur, geh.
+
+Neubrunn.
+ Bedenken Sie doch ja wohl, was Sie tun.
+
+Thekla.
+ Bedacht ist schon, was zu bedenken ist.
+
+Neubrunn.
+ Und sind wir dort, was soll mit Ihnen werden?
+
+Thekla.
+ Dort wird's ein Gott mir in die Seele geben.
+
+Neubrunn.
+ Ihr Herz ist jetzt voll Unruh, teures Fraeulein,
+ Das ist der Weg nicht, der zur Ruhe fuehrt.
+
+Thekla.
+ Zur tiefen Ruh, wie er sie auch gefunden.
+ --O eile! geh! Mach keine Worte mehr!
+ Es zíeht mich fort, ich weiss nicht, wie ich's nenne,
+ Unwiderstehlich fort zu seinem Grabe!
+ Dort wird mir leichter werden, augenblicklich!
+ Das herzerstickende Band des Schmerzens wird
+ Sich loesen--Meine Traenen werden fliessen.
+ O geh, wir koennten laengst schon auf dem Weg sein.
+ Nicht Ruhe find ich, bis ich diesen Mauern
+ Entrunnen bin--sie stuerzen auf mich ein--
+ Fortstossend treibt mich eine dunkle Macht
+ Von dannen--Was ist das fuer ein Gefuehl!
+ Es fuellen sich mir alle Raeume dieses Hauses
+ Mit bleichen, hohlen Geisterbildern an--
+ Ich habe keinen Platz mehr--Immer neue!
+ Es draengt mich das entsetzliche Gewimmel
+ Aus diesen Waenden fort, die Lebende!
+
+Neubrunn.
+ Sie setzen mich in Angst und Schrecken, Fraeulein,
+ Dass ich nun selber nicht zu bleiben wage.
+ Ich geh und rufe gleich den Rosenberg.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Zwoelfter Auftritt
+
+
+Thekla.
+ Sein Geist ist's, der micht ruft. Es ist die Schar
+ Der Treuen, die sich raechend ihm geopfert.
+ Unedler Saeumnis klagen sie mich an.
+ Sie wollten auch im Tod nicht von ihm lassen,
+ Der ihres Lebens Fuehrer war--Das taten
+ Die rohen Herzen, und ich sollte leben!
+ --Nein! Auch fuer mich ward jener Lorbeerkranz,
+ Der deine Totenbahre schmueckt, gewunden.
+ Was ist das Leben ohne Liebesglanz?
+ Ich werf es hin, da sein Gehalt verschwunden.
+ Ja, da ich dich, den Liebenden gefunden,
+ Da war das Leben etwas. Glaenzend lag
+ Vor mir der neue goldne Tag!
+ Mir traeumte von zwei himmelschoenen Stunden.
+ Du standest an dem Eingang in der Welt,
+ Die ich betrat mit kloesterlichem Zagen,
+ Sie war von tausend Sonnen aufgehellt;
+ Ein guter Engel schienst du hingestellt,
+ Mich aus der Kindheit fabelhaften Tagen
+ Schnell auf des Lebens Gipfel hinzutragen.
+ Mein erst Empfinden war des Himmels Glueck,
+ In dein Herz fiel mein erster Blick!
+(Sie sinkt hier in Nachdenken und faehrt dann mit Zeichen des
+Grauens auf.)
+ --Da kommt das Schicksal--Roh und kalt
+ Fasst es des Freundes zaertliche Gestalt
+ Und wirft ihn unter den Hufschlag seiner Pferde--
+ --Das ist das Los des Schoenen auf der Erde!
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+Thekla. Fraeulein Neubrunn mit dem Stallmeister.
+
+
+Neubrunn.
+ Hier ist er, Fraeulein, und er will es tun.
+
+Thekla.
+ Willst du uns Pferde schaffen, Rosenberg?
+ Stallmeister.
+ Ich will sie schaffen.
+
+Thekla.
+ Willst du uns begleiten?
+
+Stallmeister.
+ Mein Fraeulein, bis ans End' der Welt.
+
+Thekla.
+ Du kannst
+ Zum Herzog aber nicht zurueck mehr kehren.
+
+Stallmeister.
+ Ich bleib bei Ihnen.
+
+Thekla.
+ Ich will dich belohnen
+ Und einem andern Herrn empfehlen. Kannst du
+ Uns aus der Festung bringen unentdeckt?
+
+Stallmeister.
+ Ich kann's.
+
+Thekla.
+ Wann kann ich gehn?
+
+Stallmeister.
+ In dieser Stunde.
+ --Wo geht die Reise hin?
+
+Thekla.
+ Nach--sag's ihm, Neubrunn!
+
+Neubrunn.
+ Nach Neustadt.
+
+Stallmeister.
+ Wohl, ich geh, es zu besorgen.
+(Ab.)
+
+Neubrunn.
+ Ach, da kommt Ihre Mutter, Fraeulein.
+
+Thekla.
+ Gott!
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+Thekla. Neubrunn. Die Herzogin.
+
+
+Herzogin.
+ Er ist hinweg, ich finde dich gefasster.
+
+Thekla.
+ Ich bin es, Mutter--Lassen Sie mich jetzt
+ Bald schlafen gehen und die Neubrunn um mich sein.
+ Ich brauche Ruh.
+
+Herzogin.
+ Du sollst sie haben, Thekla.
+ Ich geh getroestet weg, da ich den Vater
+ Beruhigen kann.
+
+Thekla.
+ Gut Nacht denn, liebe Mutter.
+(Sie faellt ihr um den Hals und umarmt sie in grosser Bewegung.)
+
+Herzogin.
+ Du bist noch nicht ganz ruhig, meine Tochter.
+ Du zitterst ja so heftig, und dein Herz
+ Klopft hoerbar an dem meinen.
+
+Thekla.
+ Schlaf wird es besaenftigen
+ --Gut Nacht, geliebte Mutter!
+(Indem sie aus den Armen der Mutter sich losmacht, faellt der Vorhang.)
+
+
+
+
+Fuenfter Aufzug
+
+Buttlers Zimmer.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Buttler. Major Geraldin.
+
+
+Buttler.
+ Zwoelf ruestige Dragoner sucht Ihr aus,
+ Bewaffnet sie mit Piken, denn kein Schuss
+ Darf fallen--An dem Esssaal nebenbei
+ Versteckt Ihr sie, und wenn der Nachtisch
+ Aufgesetzt, dringt ihr herein und ruft: Wer ist
+ Gut kaiserlich?--Ich will den Tisch umstuerzen--
+ Dann werft ihr euch auf beide, stosst sie nieder.
+ Das Schloss wird wohl verriegelt und bewacht,
+ Dass kein Geruecht davon zum Fuersten dringe.
+ Geh jetzt--Habt Ihr nach Hauptmann Deveroux
+ Und Macdonald geschickt?
+
+Geraldin.
+ Gleich sind sie hier.
+(Geht ab.)
+
+Buttler.
+ Kein Aufschub ist zu wagen. Auch die Buerger
+ Erklaeren sich fuer ihn, ich weiss nicht, welch
+ Ein Schwindelgeist die ganze Stadt ergriffen hat.
+ Sie sehn im Herzog einen Friedensfuersten
+ Und einen Stifter neuer goldner Zeit.
+ Der Rat hat Waffen ausgeteilt; schon haben
+ Sich ihrer hundert angeboten, Wache
+ Bei ihm zu tun. Drum gilt es, schnell zu sein,
+ Denn Feinde drohn von aussen und von innen.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Buttler. Hauptmann Deveroux und Macdonald.
+
+
+Macdonald.
+ Da sind wir, General.
+
+Deveroux.
+ Was ist die Losung?
+
+Buttler.
+ Es lebe der Kaiser!
+
+Beide. (treten zurueck)
+ Wie?
+
+Buttler.
+ Haus Oestreich lebe!
+
+Deveroux.
+ Ist's nicht der Friedland, dem wir Treu geschworen?
+
+Macdonald.
+ Sind wir nicht hergefuehrt, ihn zu beschuetzen?
+
+Buttler.
+ Wir einen Reichsfeind und Verraeter schuetzen?
+
+Deveroux.
+ Nun ja, du nahmst uns ja fuer ihn in Pflicht.
+
+Macdonald.
+ Und bist ihm ja hieher gefolgt nach Eger.
+
+Buttler.
+ Ich tat's, ihn desto sichrer zu verderben.
+
+Deveroux.
+ Ja so!
+
+Macdonald.
+ Das ist was anders.
+
+Buttler. (zu Deveroux)
+ Elender!
+ So leicht entweichst du von der Pflicht und Fahne?
+
+Deveroux.
+ Zum Teufel, Herr! Ich folgte deinem Beispiel:
+ Kann der ein Schelm sein, dacht' ich, kannst du's auch.
+
+Macdonald.
+ Wir denken nicht nach. Das ist deine Sache!
+ Du bist der General und kommandierst,
+ Wir folgen dir, und wenn's zur Hoelle ginge.
+
+Buttler. (besaenftigt)
+ Nun gut! Wie kennen einander.
+
+Macdonald.
+ Ja, das denk ich.
+
+Deveroux.
+ Wir sind Soldaten der Fortuna, wer
+ Das meiste bietet, hat uns.
+
+Macdonald.
+ Ja, so ist's.
+
+Buttler.
+ Jetzt sollt ihr ehrliche Soldaten bleiben.
+
+Deveroux.
+ Das sind wir gerne.
+
+Buttler.
+ Und Fortuene machen.
+
+Macdonald.
+ Das ist noch besser.
+
+Buttler.
+ Hoeret an.
+
+Beide.
+ Wir hoeren.
+
+Buttler.
+ Es ist des Kaisers Will' und Ordonnanz,
+ Den Friedland, lebend oder tot, zu fahen.
+
+Deveroux.
+ So steht's im Brief.
+
+Macdonald.
+ Ja, lebend oder tot!
+
+Buttler.
+ Und stattliche Belohnung wartet dessen
+ An Geld und Guetern, der die Tat vollfuehrt.
+
+Deveroux.
+ Es klingt ganz gut. Das Wort klingt immer gut
+ Vor dorten her. Ja, ja! Wir wissen schon!
+ So eine guldne Gnadenkett' etwa,
+ Ein krummes Ross, ein Pergament und so was.
+ --Der Fuerst zahlt besser.
+
+Macdonald.
+ Ja, der ist splendid.
+
+Buttler.
+ Mit dem ist's aus. Sein Gluecksstern ist gefallen.
+
+Macdonald.
+ Ist das gewiss?
+
+Buttler.
+ Ich sag's euch.
+
+Deveroux.
+ Ist's vorbei
+ Mit seinem Glueck?
+
+Buttler.
+ Vorbei auf immerdar.
+ Er ist so arm wie wir.
+
+Macdonald.
+ So arm wie wir?
+
+Deveroux.
+ Ja, Macdonald, da muss man ihn verlassen!
+
+Buttler.
+ Verlassen ist er schon von zwanzigtausend.
+ Wir muessen mehr tun, Landsmann. Kurz und gut!
+ --Wir muessen ihn toeten.
+(Beide fahren zurueck.)
+
+Beide.
+ Toeten!
+
+Buttler.
+ Toeten, sag ich.
+ --Und dazu hab ich euch erlesen.
+
+Beide.
+ Uns?
+
+Buttler.
+ Euch, Hauptmann Deveroux und Macdonald.
+
+Deveroux. (nach einer Pause)
+ Waehlt einen andern.
+
+Macdonald.
+ Ja, waehlt einen andern.
+
+Buttler. (zu Deveroux)
+ Erschreckt's dich, feige Memme? Wie? Du hast
+ Schon deine dreissig Seelen auf dir liegen--
+
+Deveroux.
+ Hand an den Feldherrn legen--das bedenkt!
+
+Macdonald.
+ Dem wir das Jurament geleistet haben!
+
+Buttler.
+ Das Jurament ist null mit seiner Treu.
+
+Deveroux.
+ Hoer, General! Das duenkt mir doch zu graesslich.
+
+Macdonald.
+ Ja, das ist wahr! Man hat auch ein Gewissen.
+
+Deveroux.
+ Wenn's nur der Chef nicht waer', der uns so lang
+ Gekommandiert hat und Respekt gefordert.
+
+Buttler.
+ Ist das der Anstoss?
+
+Deveroux.
+ Ja! Hoer! Wen du sonst willst!
+ Dem eignen Sohn, wenn's Kaisers Dienst verlangt,
+ Will ich das Schwert ins Eingeweide bohren--
+ Doch sieh, wir sind Soldaten, und den Feldherrn
+ Ermorden, das ist eine Suend' und Frevel,
+ Davon kein Beichtmoench absolvieren kann.
+
+Buttler.
+ Ich bin dein Papst und absolviere dich.
+ Entschliesst euch schnell.
+
+Deveroux. (steht bedenklich)
+ Es geht nicht.
+
+Macdonald.
+ Nein, es geht nicht.
+
+Buttler.
+ Nun denn, so geht--und--schickt mir Pestalutzen.
+
+Deveroux. (stutzt)
+ Der Pestalutz--Hum!
+
+Macdonald.
+ Was willst du mit diesem?
+
+Buttler.
+ Wenn ihr's verschmaeht, es finden sich genug--
+
+Deveroux.
+ Nein, wenn er fallen muss, so koennen wir
+ Den Preis so gut verdienen als ein andrer.
+ --Was denkst du, Bruder Macdonald?
+
+Macdonald.
+ Ja wenn
+ Er fallen muss und soll, und 's ist nicht anders,
+ So mag ich's diesem Pastalutz nicht goennen.
+
+Deveroux. (nach einigem Besinnen)
+ Wann soll er fallen?
+
+Buttler.
+ Heut, in dieser Nacht,
+ Denn morgen stehn die Schweden vor den Toren.
+
+Deveroux.
+ Stehst du mir fuer die Folgen, General?
+
+Buttler.
+ Ich steh fuer alles.
+
+Deveroux.
+ Ist's des Kaisers Will'?
+ Sein netter, runder Will'? Man hat Exempel,
+ Dass man den Mord liebt und den Moerder straft.
+
+Buttler.
+ Das Manifest sagt: lebend oder tot.
+ Und lebend ist's nicht moeglich, seht ihr selbst--
+
+Deveroux.
+ Tot also! Tot!--Wie aber kommt man an ihn?
+ Die Stadt ist angefuellt mit Terzkyschen.
+
+Macdonald.
+ Und dann ist noch der Terzky und der Illo--
+
+Buttler.
+ Mit diesen beiden faengt man an, versteht sich.
+
+Deveroux.
+ Was? Sollen die auch fallen?
+
+Buttler.
+ Die zuerst.
+
+Macdonald.
+ Hoer, Deveroux--das wird ein blut'ger Abend.
+
+Deveroux.
+ Hast du schon deinen Mann dazu? Trag's mir auf.
+
+Buttler.
+ Dem Major Geraldin ist's uebergeben.
+ Es ist heut Fassnacht, und ein Essen wird
+ Gegeben auf dem Schloss, dort wird man sie
+ Bei Tafel ueberfallen, niederstossen--
+ Der Pestalutz, der Lessley sind dabei--
+
+Deveroux.
+ Hoer, General! Dir kann es nichts verschlagen.
+ Hoer--lass mich tauschen mit dem Geraldin.
+
+Buttler.
+ Die kleinere Gefahr ist bei dem Herzog.
+
+Deveroux.
+ Gefahr! Was, Teufel! denkst du von mir, Herr?
+ Des Herzogs Aug', nicht seinen Degen fuercht ich.
+
+Buttler.
+ Was kann sein Aug' dir schaden?
+
+Deveroux.
+ Alle Teufel!
+ Du kennst mich, dass ich keine Memme bin.
+ Doch sieh, es sind noch nicht acht Tag', dass mir
+ Der Herzog zwanzig Goldstueck reichen lassen
+ Zu diesem warmen Rock, den ich hier anhab--
+ Und wenn er mich nun mit der Pike sieht
+ Dastehn, mir auf den Rock sieht--sieh--so--so--
+ Der Teufel hol mich! ich bin keine Memme.
+
+Buttler.
+ Der Herzog gab dir diesen warmen Rock,
+ Und du, ein armer Wicht, bedenkst dich, ihm
+ Dafuer den Degen durch den Leib zu rennen.
+ Und einen Rock, der noch viel waermer haelt,
+ Hing ihm der Kaiser um, den Fuerstenmantel.
+ Wie dankt er's ihm? Mit Aufruhr und Verrat.
+
+Deveroux.
+ Das ist auch wahr. Den Danker hol der Teufel!
+ Ich--bring ihn um.
+
+Buttler.
+ Und willst du dein Gewissen
+ Beruhigen, darfst du den Rock nur ausziehn,
+ So kannst du's frisch und wohlgemut vollbringen.
+
+Macdonald.
+ Ja! da ist aber noch was zu bedenken--
+
+Buttler.
+ Was gibt's noch zu bedenken, Macdonald?
+
+Macdonald.
+ Was hilft uns Wehr und Waffe wider den?
+ Er ist nicht zu verwunden, er ist fest.
+
+Buttler. (faehrt auf)
+ Was wird er--
+
+Macdonald.
+ Gegen Schuss und Hieb! Er ist
+ Gefroren, mit der Teufelskunst behaftet,
+ Sein Leib ist undurchdringlich, sag ich dir.
+
+Deveroux.
+ Ja, ja! In Ingolstadt war auch so einer,
+ Dem war die Haut so fest wie Stahl, man musst' ihn
+ Zuletzt mit Flintenkolben niederschlagen.
+
+Macdonald.
+ Hoert, was ich tun will!
+
+Deveroux.
+ Sprich!
+
+Macdonald.
+ Ich kenne hier
+ Im Kloster einen Bruder Dominikaner
+ Aus unsrer Landsmannschaft, der soll mir Schwert
+ Und Pike tauchen in geweihtes Wasser
+ Und einen kraeft'gen Segen drueber sprechen,
+ Das ist bewaehrt, hilft gegen jeden Bann.
+
+Buttler.
+ Das tue, Macdonald. Jetzt geht aber.
+ Waehlt aus dem Regimente zwanzig, dreissig
+ Handfeste Kerls, lasst sie dem Kaiser schwoeren--
+ Wenn's eilf geschlagen--wenn die ersten Runden
+ Passiert sind, fuehrt ihr sie in aller Stille
+ Dem Hause zu--Ich werde selbst nicht weit sein.
+
+Deveroux.
+ Wie kommen wir durch die Hartschiers und Garden,
+ Die in dem innern Hofraum Wache stehn?
+
+Buttler.
+ Ich hab des Orts Gelegenheit erkundigt.
+ Durch eine hintre Pforte fuehr ich euch,
+ Die nur durch einen Mann verteidigt wird.
+ Mir gibt mein Rang und Amt zu jeder Stunde
+ Einlass beim Herzog. Ich will euch vorangehn,
+ Und schnell mit einem Dolchstoss in die Kehle
+ Durchbohr ich den Hartschier und mach euch Bahn.
+
+Deveroux.
+ Und sind wir oben, wie erreichen wir
+ Das Schlafgemach des Fuersten, ohne dass
+ Das Hofgesind' erwacht und Laermen ruft?
+ Denn er ist hier mit grossem Komitat.
+
+Buttler.
+ Die Dienerschaft ist auf dem rechten Fluegel,
+ Er hasst Geraeusch, wohnt auf dem linken ganz allein.
+
+Deveroux.
+ Waer's nur vorueber, Macdonald--Mir ist
+ Seltsam dabei zumute, weiss der Teufel.
+
+Macdonald.
+ Mir auch. Es ist ein gar zu grosses Haupt.
+ Man wird uns fuer zwei Boesewichter halten.
+
+Buttler.
+ In Glanz und Ehr' und Ueberfluss koennt ihr
+ Der Menschen Urteil und Gered' verlachen.
+
+Deveroux.
+ Wenn's mit der Ehr' nur auch so recht gewiss ist.
+
+Buttler.
+ Seid unbesorgt. Ihr rettet Kron' und Reich
+ Dem Ferdinand. Der Lohn kann nicht gering sein.
+
+Deveroux.
+ So ist's sein Zweck, den Kaiser zu entthronen?
+
+Buttler.
+ Das ist er! Kron' und Leben ihm zu rauben!
+
+Deveroux.
+ So muesst' er fallen durch des Henkers Hand,
+ Wenn wir nach Wien lebendig ihn geliefert?
+
+Buttler.
+ Dies Schicksal koennt' er nimmermehr vermeiden.
+
+Deveroux.
+ Komm, Macdonald! Er soll als Feldherr enden
+ Und ehrlich fallen von Soldatenhaenden.
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Ein Saal, aus dem man in eine Galerie gelangt, die sich weit
+nach hinten verliert. Wallenstein sitzt an einem Tisch. Der
+schwedische Hauptmann steht vor ihm. Bald darauf Graefin Terzky.
+
+
+Wallenstein.
+ Empfehlt mich Eurem Herrn. Ich nehme teil
+ An seinem guten Glueck, und wenn Ihr mich
+ So viele Freude nicht bezeigen seht,
+ Als diese Siegespost verdienen mag,
+ So glaubt, es ist nicht Mangel guten Willens,
+ Denn unser Glueck ist nunmehr eins. Lebt wohl!
+ Nehmt meinen Dank fuer Eure Mueh. Die Festung
+ Soll sich euch auftun morgen, wenn ihr kommt.
+(Schwedischer Hauptmann geht ab. Wallenstein sitzt in tiefen
+Gedanken, starr vor sich hinsehend, den Kopf in die Hand gesenkt.
+Graefin Terzky tritt herein und steht eine Zeitlang vor ihm
+unbemerkt, endlich macht er eine rasche Bewegung, erblickt sie
+und fasst sich schnell.)
+ Kommst du von ihr? Erholt sie sich? Was macht sie?
+
+Graefin.
+ Sie soll gefasster sein nach dem Gespraech,
+ Sagt mir die Schwester--Jetzt ist sie zu Bette.
+
+Wallenstein.
+ Ihr Schmerz wird sanfter werden. Sie wird weinen.
+
+Graefin.
+ Auch dich, mein Bruder, find ich nicht wie sonst.
+ Nach einem Sieg erwartet' ich dich heitrer.
+ O bleibe stark! Erhalte du uns aufrecht,
+ Denn du bist unser Licht und unsre Sonne.
+
+Wallenstein.
+ Sei ruhig. Mir ist nichts--Wo ist dein Mann?
+
+Graefin.
+ Zu einem Gastmahl sind sie, er und Illo.
+
+Wallenstein. (steht auf und macht einige Schritte durch den Saal)
+ Es ist schon finstre Nacht--Geh auf dein Zimmer.
+
+Graefin.
+ Heiss mich nicht gehn, o lass mich um dich bleiben.
+
+Wallenstein. (ist ans Fenster getreten)
+ Am Himmel ist geschaeftige Bewegung,
+ Des Turmes Fahne jagt der Wind, schnell geht
+ Der Wolken Zug, die Mondessichel wankt,
+ Und durch die Nacht zuckt ungewisse Helle.
+ --Kein Sternbild ist zu sehn! Der matte Schein dort,
+ Der einzelne, ist aus der Kassiopeia,
+ Und dahin steht der Jupiter--Doch jetzt
+ Deckt ihn die Schwaerze des Gewitterhimmels!
+(Er versinkt in Tiefsinn und sieht starr hinaus).
+
+Graefin. (die ihm traurig zusieht, fasst ihn bei der Hand).
+ Was sinnst du?
+
+Wallenstein.
+ Mir deucht, wenn ich ihn saehe, waer' mir wohl.
+ Es ist der Stern, der meinem Leben strahlt,
+ Und wunderbar oft staerkte mich sein Anblick.
+(Pause.)
+
+Graefin.
+ Du wirst ihn wiedersehn.
+
+Wallenstein. (ist wieder in eine tiefe Zerstreuung gefallen,
+ er ermuntert sich und wendet sich schnell zur Graefin)
+ Ihn wiedersehn?--O niemals wieder!
+
+Graefin.
+ Wie?
+
+Wallenstein.
+ Er ist dahin--ist Staub!
+
+Graefin.
+ Wen meinst du denn?
+
+Wallenstein.
+ Er ist der Glueckliche. Er hat vollendet.
+ Fuer ihn ist keine Zukunft mehr, ihm spinnt
+ Das Schicksal keine Tuecke mehr--sein Leben
+ Liegt faltenlos und leuchtend ausgebreitet,
+ Kein dunkler Flecken blieb darin zurueck,
+ Und unglueckbringend pocht ihm keine Stunde.
+ Weg ist er ueber Wunsch und Furcht, gehoert
+ Nicht mehr den trueglich wankenden Planeten--
+ O ihm ist wohl! Wer aber weiss, was uns
+ Die naechste Stunde schwarz verschleiert bringt!
+
+Graefin.
+ Du sprichst von Piccolomini. Wie starb er?
+ Der Bote ging just von dir, als ich kam.
+(Wallenstein bedeutet sie mit der Hand, zu schweigen.)
+ O wende deine Blicke nicht zurueck!
+ Vorwaerts in hellre Tage lass uns schauen.
+ Freu dich des Siegs, vergiss, was er dir kostet.
+ Nicht heute erst ward dir der Freund geraubt;
+ Als er sich von dir schied, da starb er dir.
+
+Wallenstein.
+ Verschmerzen werd ich diesen Schlag, das weiss ich,
+ Denn was verschmerzte nicht der Mensch! Vom Hoechsten
+ Wie vom Gemeinsten lernt er sich entwoehnen,
+ Denn ihn besiegen die gewalt'gen Stunden.
+ Doch fuehl ich's wohl, was ich in ihm verlor.
+ Die Blume ist hinweg aus meinem Leben,
+ Und kalt und farblos seh ich's vor mir liegen.
+ Denn er stand neben mir wie meine Jugend,
+ Er machte mir das Wirkliche zum Traum,
+ Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge
+ Den goldnen Duft der Morgenroete webend--
+ Im Feuer seines liebenden Gefuehls
+ Erhoben sich, mir selber zum Erstaunen,
+ Des Lebens flach alltaegliche Gestalten.
+ --Was ich mir ferner auch erstreben mag,
+ Das Schoene ist doch weg, das kommt nicht wieder,
+ Denn ueber alles Glueck geht doch der Freund,
+ Der's fuehlend erst erschafft, der's teilend mehrt.
+
+Graefin.
+ Verzag nicht an der eignen Kraft. Dein Herz
+ Ist reich genug, sich selber zu beleben.
+ Du liebst und preisest Tugenden an ihm,
+ Die du in ihm gepflanzt, in ihm entfaltet.
+
+Wallenstein. (an die Tuere gehend)
+ Wer stoert uns noch in spaeter Nacht?--Es ist
+ Der Kommendant. Er bringt die Festungsschluessel.
+ Verlass uns, Schwester, Mitternacht ist da.
+
+Graefin.
+ O mir wird heut so schwer, von dir zu gehn,
+ Und bange Furcht bewegt mich.
+
+Wallenstein.
+ Furcht! Wovor?
+
+Graefin.
+ Du moechtest schnell wegreisen diese Nacht,
+ Und beim Erwachen faenden wir dich nimmer.
+
+Wallenstein.
+ Einbildungen.
+
+Graefin.
+ O meine Seele wird
+ Schon lang von trueben Ahnungen geaengstigt,
+ Und wenn ich wachend sie bekaempft, sie fallen
+ Mein banges Herz in duestern Traeumen an.
+ --Ich sah dich gestern nacht mit deiner ersten
+ Gemahlin, reich geputzt, zu Tische sitzen--
+
+Wallenstein.
+ Das ist ein Traum erwuenschter Vorbedeutung,
+ Denn jene Heirat stiftete mein Glueck.
+
+Graefin.
+ Und heute traeumte mir, ich suchte dich
+ In deinem Zimmer auf--Wie ich hineintrat,
+ So war's dein Zimmer nicht mehr, die Kartause
+ Zu Gitschin war's, die du gestiftet hast
+ Und wo du willst, dass man dich hin begrabe.
+
+Wallenstein.
+ Dein Geist ist nun einmal damit beschaeftigt.
+
+Graefin.
+ Wie? Glaubst du nicht, dass eine Warnungsstimme
+ In Traeumen vorbedeutend zu uns spricht?
+
+Wallenstein.
+ Dergleichen Stimmen gibt's--Es ist kein Zweifel!
+ Doch Warnungsstimmen moecht' ich sie nicht nennen,
+ Die nur das Unvermeidliche verkuenden.
+ Wie sich der Sonne Scheinbild in dem Dunstkreis
+ Malt, eh' sie kommt, so schreiten auch den grossen
+ Geschicken ihre Geister schon voran,
+ Und in dem Heute wandelt schon das Morgen.
+ Es machte mir stets eigene Gedanken,
+ Was man vom Tod des vierten Heinrichs liest.
+ Der Koenig fuehlte das Gespenst des Messers
+ Lang vorher in der Brust, eh' sich der Moerder
+ Ravaillac damit waffnete. Ihn floh
+ Die Ruh', es jagt' ihn auf in seinem Louvre,
+ Ins Freie trieb es ihn; wie Leichenfeier
+ Klang ihm der Gattin Kroenungsfest, er hoerte
+ Im ahnungsvollen Ohr der Fuesse Tritt,
+ Die durch die Gassen von Paris ihn suchten--
+
+Graefin.
+ Sagt dir die innre Ahnungsstimme nichts?
+
+Wallenstein.
+ Nichts. Sei ganz ruhig!
+
+Graefin. (in duestres Nachsinnen verloren):
+ Und ein andermal,
+ Als ich dir eilend nachging, liefst du vor mir
+ Durch einen langen Gang, durch weite Saele,
+ Es wollte gar nicht enden--Tueren schlugen
+ Zusammen, krachend--keuchend folgt' ich, konnte
+ Dich nicht erreichen--ploetzlich fuehlt' ich mich
+ Von hinten angefasst mit kalter Hand,
+ Du warst's und kuesstest mich, und ueber uns
+ Schien eine rote Decke sich zu legen--
+
+Wallenstein.
+ Das ist der rote Teppich meines Zimmers.
+
+Graefin. (ihn betrachtend)
+ Wenn's dahin sollte kommen--Wenn ich dich,
+ Der jetzt in Lebensfuelle vor mir steht--
+(Sie sinkt ihm weinend an die Brust.)
+
+Wallenstein.
+ Des Kaisers Achtsbrief aengstigt dich. Buchstaben
+ Verwunden nicht, er findet keine Haende.
+
+Graefin.
+ Faend' er sie aber, dann ist mein Entschluss
+ Gefasst--ich fuehre bei mir, was mich troestet.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Wallenstein. Gordon. Dann der Kammerdiener.
+
+
+Wallenstein.
+ Ist's ruhig in der Stadt?
+
+Gordon.
+ Die Stadt ist ruhig.
+
+Wallenstein.
+ Ich hoere rauschende Musik, das Schloss ist
+ Von Lichtern hell. Wer sind die Froehlichen?
+
+Gordon.
+ Dem Grafen Terzky und dem Feldmarschall
+ Wird ein Bankett gegeben auf dem Schloss.
+
+Wallenstein. (vor sich)
+ Es ist des Sieges wegen--Dies Geschlecht
+ Kann sich nicht anders freuen als bei Tisch.
+(Klingelt. Kammerdiener tritt ein.)
+ Entkleide mich, ich will mich schlafen legen.
+(Er nimmt die Schluessel zu sich.)
+ So sind wir denn vor jedem Feind bewahrt
+ Und mit den sichern Freunden eingeschlossen;
+ Denn alles muesst' mich truegen, oder ein
+ Gesicht wie dies
+(auf Gordon schauend)
+ ist keines Heuchlers Larve.
+(Kammerdiener hat ihm den Mantel, Ringkragen und die Feldbinde abgenommen.)
+ Gib acht! Was faellt da?
+
+Kammerdiener.
+ Die goldne Kette ist entzweigesprungen.
+
+Wallenstein.
+ Nun, sie hat lang genug gehalten. Gib.
+(Indem er die Kette betrachtet.)
+ Das war des Kaisers erste Gunst. Er hing sie
+ Als Erzherzog mir um, im Krieg von Friaul,
+ Und aus Gewohnheit trug ich sie bis heut.
+ --Aus Aberglauben, wenn Ihr wollt. Sie sollte
+ Ein Talisman mir sein, so lang ich sie
+ An meinem Halse glaubig wuerde tragen,
+ Das fluecht'ge Glueck, des erste Gunst sie war,
+ Mir auf zeitlebens binden--Nun es sei!
+ Mir muss fortan ein neues Glueck beginnen,
+ Denn dieses Bannes Kraft ist aus.
+(Kammerdiener entfernt sich mit den Kleidern. Wallenstein steht
+auf, macht einen Gang durch den Saal und bleibt zuletzt nachdenkend
+vor Gordon stehen.)
+ Wie doch die alte Zeit mir naeher kommt.
+ Ich seh mich wieder an dem Hof zu Burgau,
+ Wo wir zusammen Edelknaben waren.
+ Wir hatten oefters Streit, du meintest's gut
+ Und pflegtest gern den Sittenprediger
+ Zu machen, schaltest mich, dass ich nach hohen Dingen
+ Unmaessig strebte, kuehnen Traeumen glaubend,
+ Und priesest mir den goldnen Mittelweg.
+ --Ei, deine Weisheit hat sich schlecht bewaehrt,
+ Sie hat dich frueh zum abgelebten Manne
+ Gemacht und wuerde dich, wenn ich mit meinen
+ Grossmuet'gern Sternen nicht dazwischentraete,
+ Im schlechten Winkel still verloeschen lassen.
+
+Gordon.
+ Mein Fuerst! Mit leichtem Mute knuepft der arme Fischer
+ Den kleinen Nachen an im sichern Port,
+ Sieht er im Sturm das grosse Meerschiff stranden.
+
+Wallenstein.
+ So bist du schon im Hafen, alter Mann?
+ Ich nicht. Es treibt der ungeschwaechte Mut
+ Noch frisch und herrlich auf der Lebenswoge,
+ Die Hoffnung nenn ich meine Goettin noch,
+ Ein Juengling ist der Geist, und seh ich mich
+ Dir gegenueber, ja, so moecht' ich ruehmend sagen,
+ Dass ueber meinem braunen Scheitelhaar
+ Die schnellen Jahre machtlos hingegangen.
+(Er geht mit grossen Schritten durchs Zimmer und bleibt auf der
+entgegengesetzten Seite, Gordon gegenueber, stehen.)
+ Wer nennt das Glueck noch falsch? Mir war es treu,
+ Hob aus der Menschen Reihen mich heraus
+ Mit Liebe, durch des Lebens Stufen mich
+ Mit kraftvoll leichten Goetterarmen tragend.
+ Nichts ist gemein in meines Schicksals Wegen
+ Noch in den Furchen meiner Hand. Wer moechte
+ Mein Leben mir nach Menschenweise deuten?
+ Zwar jetzo schein ich tief herabgestuerzt,
+ Doch werd ich wieder steigen, hohe Flut
+ Wird bald auf diese Ebbe schwellend folgen--
+
+Gordon.
+ Und doch erinnr' ich an den alten Spruch:
+ Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
+ Nicht Hoffnung moecht' ich schoepfen aus dem langen Glueck,
+ Dem Unglueck ist die Hoffnung zugesendet.
+ Furcht soll das Haupt des Gluecklichen umschweben,
+ Denn ewig wanket des Geschickes Waage.
+
+Wallenstein. (laechelnd)
+ Den alten Gordon hoer ich wieder sprechen.
+ --Wohl weiss ich, dass die ird'schen Dinge wechseln,
+ Die boesen Goetter fordern ihren Zoll:
+ Das wussten schon die alte Heidenvoelker,
+ Drum waehlten sie sich selbst freiwill'ges Unheil,
+ Die eifersuecht'ge Gottheit zu versoehnen,
+ Und Menschenopfer bluteten dem Typhon.
+(Nach einer Pause, ernst und stiller.)
+ Auch ich hab ihm geopfert--Denn mir fiel
+ Der liebst Freund, und fiel durch meine Schuld.
+ So kann mich keines Glueckes Gunst mehr freuen,
+ Als dieser Schlag mich hat geschmerzt--Der Neid
+ Des Schicksals ist gesaettigt, es nimmt Leben
+ Fuer Leben an, und abgeleitet ist
+ Auf das geliebte reine Haupt der Blitz,
+ Der mich zerschmetternd sollte niederschlagen.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Vorige. Seni.
+
+
+Wallenstein.
+ Kommt da nicht Seni? Und wie ausser sich!
+ Was fuehrt dich noch so spaet hieher, Baptist?
+
+Seni.
+ Furcht deinetwegen, Hoheit.
+
+Wallenstein.
+ Sag, was gibt's?
+
+Seni.
+ Flieh, Hoheit, eh' der Tag anbricht. Vertraue dich
+ Den Schwedischen nicht an.
+
+Wallenstein.
+ Was faellt dir ein?
+
+Seni. (mit steigendem Ton)
+ Vertrau dich diesen Schweden nicht!
+
+Wallenstein.
+ Was ist's denn?
+
+Seni.
+ Erwarte nicht die Ankunft dieser Schweden!
+ Von falschen Freunden droht dir nahes Unheil,
+ Die Zeichen stehen grausenhaft, nah, nahe
+ Umgeben dich die Netze des Verderbens.
+
+Wallenstein.
+ Du traeumst, Baptist, die Furcht betoeret dich.
+
+Seni.
+ O glaube nicht, dass leere Furcht mich taeusche.
+ Komm, lies es selbst in dem Planetenstand,
+ Dass Unglueck dir von falschen Freunden droht.
+
+Wallenstein.
+ Von falschen Freunden stammt mein ganzes Unglueck.
+ Die Weisung haette frueher kommen sollen,
+ Jetzt brauch ich keine Sterne mehr dazu.
+
+Seni.
+ O komm und sieh! Glaub deinen eignen Augen.
+ Ein greulich Zeichen steht im Haus des Lebens,
+ Ein naher Feind, ein Unhold lauert hinter
+ Den Strahlen deines Sterns--O lass dich warnen!
+ Nicht diesen Heiden ueberliefre dich,
+ Die Krieg mit unsrer heil'gen Kirche fuehren.
+
+Wallenstein. (laechelnd)
+ Schallt das Orakel daher?--Ja! Ja! Nun
+ Besinn' ich mich--Dies schwed'sche Buendnis hat
+ Dir nie gefallen wollen--Leg dich schlafen,
+ Baptista! Solche Zeichen fuercht ich nicht.
+
+Gordon. (der durch diese Reden heftig erschuettert worden,
+ wendet sich zu Wallenstein).
+ Mein fuerstlicher Gebieter! Darf ich reden?
+ Oft kommt ein nuetzlich Wort aus schlechtem Munde.
+
+Wallenstein.
+ Sprich frei!
+
+Gordon.
+ Mein Fuerst! Wenn's doch kein leeres Furchtbild waere,
+ Wenn Gottes Vorsehung sich dieses Mundes
+ Zu Ihrer Rettung wunderbar bediente!
+
+Wallenstein.
+ Ihr sprecht im Fieber, einer wie der andre.
+ Wie kann mir Unglueck kommen von den Schweden?
+ Sie suchten meinen Bund, er ist ihr Vorteil.
+
+Gordon.
+ Wenn dennoch eben dieser Schweden Ankunft--
+ Gerade die es waer', die das Verderben
+ Befluegelte auf Ihr so sichres Haupt--
+(vor ihm niederstuerzend)
+ O noch ist's Zeit, mein Fuerst--
+
+Seni. (kniet nieder)
+ O hoer ihn! hoer ihn!
+
+Wallenstein.
+ Zeit, und wozu? Steht auf--Ich will's, steht auf.
+
+Gordon. (steht auf)
+ Der Rheingraf ist noch fern. Gebieten Sie,
+ Und diese Festung soll sich ihm verschliessen.
+ Will er uns dann belagern, er versuch's.
+ Doch sag ich dies: Verderben wird er eher
+ Mit seinem ganzen Volk vor diesen Waellen,
+ Als unsres Mutes Tapferkeit ermueden.
+ Erfahren soll er, was ein Heldenhaufe
+ Vermag, beseelt von einem Heldenfuehrer,
+ Dem's Ernst ist, seinen Fehler gutzumachen.
+ Das wird den Kaiser ruehren und versoehnen,
+ Denn gern zur Milde wendet sich sein Herz,
+ Und Friedland, der bereuend wiederkehrt,
+ Wird hoeher stehn in seines Kaisers Gnade,
+ Als je der Niegefallne hat gestanden.
+
+Wallenstein. (betrachtet ihn mit Befremdung und Erstaunen und
+schweigt eine Zeitlang, eine starke innre Bewegung zeigend)
+ Gordon--des Eifers Waerme fuehrt Euch weit,
+ Es darf der Jugendfreund sich was erlauben.
+ --Blut ist geflossen, Gordon. Nimmer kann
+ Der Kaiser mir vergeben. Koennt' er's, ich,
+ Ich koennte nimmer mir vergeben lassen.
+ Haett' ich vorher gewusst, was nun geschehn,
+ Dass es den liebsten Freund mir wuerde kosten,
+ Und haette mir das Herz wie jetzt gesprochen--
+ Kann sein, ich haette mich bedacht--kann sein
+ Auch nicht--Doch was nun schonen noch? Zu ernsthaft
+ Hat's angefangen, um in nichts zu enden.
+ Hab' es denn seinen Lauf!
+(Indem er ans Fenster tritt.)
+ Sieh, es ist Nacht geworden, auf dem Schloss
+ Ist's auch schon stille--Leuchte, Kaemmerling.
+(Kammerdiener, der unterdessen still eingetreten und mit
+ sichtbarem Anteil in der Ferne gestanden, tritt hervor, heftig
+ bewegt, und stuerzt sich zu des Herzogs Fuessen.)
+ Du auch noch? Doch ich weiss es ja, warum
+ Du meinen Frieden wuenschest mit dem Kaiser.
+ Der arme Mensch! Er hat im Kaerntnerland
+ Ein kleines Gut und sorgt, sie nehmen's ihm,
+ Weil er bei mir ist. Bin ich denn so arm,
+ Dass ich den Dienern nicht ersetzen kann?
+ Nun! Ich will niemand zwingen. Wenn du meinst,
+ Dass mich das Glueck geflohen, so verlass mich.
+ Heut magst du mich zum letztenmal entkleiden
+ Und dann zu deinem Kaiser uebergehn--
+ Gut Nacht, Gordon!
+ Ich denke einen langen Schlaf zu tun,
+ Denn dieser letzten Tage Qual war gross.
+ Sorgt, dass sie nicht zu zeitig mich erwecken.
+(Er geht ab. Kammerdiener leuchtet. Seni folgt. Gordon bleibt in
+der Dunkelheit stehen, dem Herzog mit den Augen folgend, bis er
+in dem aeussersten Gang verschwunden ist; dann drueckt er durch
+Gebaerden seinen Schmerz aus und lehnt sich gramvoll an eine
+Saeule.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Gordon. Buttler, anfangs hinter der Szene.
+
+
+Buttler.
+ Hier stehet still, bis ich das Zeichen gebe.
+
+Gordon. (faehrt auf)
+ Er ist's, er bringt die Moerder schon.
+
+Buttler.
+ Die Lichter
+ Sind aus. In tiefem Schlafe liegt schon alles.
+
+Gordon.
+ Was soll ich tun? Versuch ich's, ihn zu retten?
+ Bring ich das Haus, die Wachen in Bewegung?
+
+Buttler. (erscheint hinten)
+ Vom Korridor her schimmert Licht. Das fuehrt
+ Zum Schlafgemach des Fuersten.
+
+Gordon.
+ Aber brech ich
+ Nicht meinen Eid dem Kaiser? Und entkommt er,
+ Des Feindes Macht verstaerkend, lad ich nicht
+ Auf mein Haupt alle fuerchterlichen Folgen?
+
+Buttler. (etwas naeher kommend)
+ Still! Horch! Wer spricht da?
+
+Gordon.
+ Ach, es ist doch besser,
+ Ich stell's dem Himmel heim. Denn was bin ich,
+ Dass ich so grosser Tat mich unterfinge?
+ Ich hab ihn nicht ermordet, wenn er umkommt,
+ Doch seine Rettung waere meine Tat,
+ Und jede schwere Folge muesst' ich tragen.
+
+Buttler. (herzutretend)
+ Die Stimme kenn ich.
+
+Gordon.
+ Buttler!
+
+Buttler.
+ Es ist Gordon.
+ Was sucht Ihr hier? Entliess der Herzog Euch
+ So spaet?
+
+Gordon.
+ Ihr tragt die Hand in einer Binde?
+
+Buttler.
+ Sie ist verwundet. Dieser Illo focht
+ Wie ein Verzweifelter, bis wir ihn endlich
+ Zu Boden streckten--
+
+Gordon. (schauert zusammen)
+ Sie sind tot!
+
+Buttler.
+ Es ist geschehn.
+ --Ist er zu Bett?
+
+Gordon.
+ Ach Buttler!
+
+Buttler. (dringend)
+ Ist er? Sprecht!
+ Nicht lange kann die Tat verborgen bleiben.
+
+Gordon.
+ Er soll nicht sterben. Nicht durch Euch! Der Himmel
+ Will Euren Arm nicht. Seht, er ist verwundet.
+
+Buttler.
+ Nicht meines Armes braucht's.
+
+Gordon.
+ Die Schuldigen
+ Sind tot; genug ist der Gerechtigkeit
+ Geschehn! Lasst dieses Opfer sie versoehnen!
+(Kammerdiener kommt den Gang her, mit dem Finger auf dem Mund
+Stillschweigen gebietend.)
+ Er schlaeft! O mordet nicht den heil'gen Schlaf!
+
+Buttler.
+ Nein, er soll wachend sterben.
+(Will gehen.)
+
+Gordon.
+ Ach, sein Herz ist noch
+ Den ird'schen Dingen zugewendet, nicht
+ Gefasst ist er, vor seinen Gott zu treten.
+
+Buttler.
+ Gott ist barmherzig!
+(Will gehen.)
+
+Gordon. (haelt ihn)
+ Nur die Nacht noch goennt ihm.
+
+Buttler.
+ Der naechste Augenblick kann uns verraten.
+(Will fort.)
+
+Gordon. (haelt ihn).
+ Nur eine Stunde!
+
+Buttler.
+ Lasst mich los! Was kann
+ Die kurze Frist ihm helfen?
+
+Gordon.
+ O die Zeit ist
+ Ein wundertaet'ger Gott. In einer Stunde rinnen
+ Viel tausend Koerner Sandes, schnell wie sie
+ Bewegen sich im Menschen die Gedanken.
+ Nur eine Stunde! Euer Herz kann sich,
+ Das seinige sich wenden--Eine Nachricht
+ Kann kommen--ein beglueckendes Ereignis
+ Entscheidend, rettend, schnell vom Himmel fallen--
+ O was vermag nicht eine Stunde!
+
+Buttler.
+ Ihr erinnert mich,
+ Wie kostbar die Minuten sind.
+(Er stampft auf den Boden.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Macdonald, Deveroux mit Hellebardierern treten hervor.
+Dann Kammerdiener. Vorige.
+
+
+Gordon. (sich zwischen ihn und jene werfend).
+ Nein, Unmensch!
+ Erst ueber meinen Leichnam sollst du hingehn,
+ Denn nicht will ich das Graessliche erleben.
+
+Buttler. (ihn wegdraengend).
+ Schwachsinn'ger Alter!
+(Man hoert Trompeten in der Ferne.)
+
+Macdonald
+ und Deveroux.
+ Schwedische Trompeten!
+ Die Schweden stehn vor Eger! Lasst uns eilen!
+
+Gordon.
+ Gott! Gott!
+
+Buttler.
+ An Euren Posten, Kommendant!
+(Gordon stuerzt hinaus.)
+
+Kammerdiener. (eilt herein.)
+ Wer darf hier laermen? Still, der Herzog schlaeft!
+
+Deveroux. (mit lauter, fuerchterlicher Stimme.)
+ Freund! Jetzt ist's Zeit, zu laermen!
+
+Kammerdiener. (Geschrei erhebend)
+ Hilfe! Moerder!
+
+Buttler.
+ Nieder mit ihm!
+
+Kammerdiener. (von Deveroux durchbohrt, stuerzt am Eingang der Galerie)
+ Jesus Maria!
+
+Buttler.
+ Sprengt die Tueren!
+(Sie schreiten ueber den Leichnam weg den Gang hin. Man hoert in
+ der Ferne zwei Tueren nach einander stuerzen--Dumpfe Stimmen--
+ Waffengetoese--dann ploetzlich tiefe Stille.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+
+Graefin Terzky. (mit einem Lichte)
+ Ihr Schlafgemach ist leer, und sie ist nirgends
+ Zu finden, auch die Neubrunn wird vermisst,
+ Die bei ihr wachte--Waere sie entflohn?
+ Wo kann sie hingeflohen sein! Man muss
+ Nacheilen, alles in Bewegung setzen!
+ Wie wird der Herzog diese Schreckenspost
+ Aufnehmen!--Waere nur mein Mann zurueck
+ Vom Gastmahl! Ob der Herzog wohl noch wach ist?
+ Mir war's, als hoert' ich Stimmen hier und Tritte.
+ Ich will doch hingehn, an der Tuere lauschen.
+ Horch! wer ist das? Es eilt die Trepp' herauf.
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Graefin. Gordon. Dann Buttler.
+
+
+Gordon. (eilfertig, atemlos hereinstuerzend):
+ Es ist ein Irrtum--es sind nicht die Schweden.
+ Ihr sollt nicht weitergehen--Buttler--Gott!
+ Wo ist er?
+(Indem er die Graefin bemerkt.)
+
+Graefin, sagen Sie--
+
+Graefin.
+ Sie kommen von der Burg? Wo ist mein Mann?
+
+Gordon. (entsetzt)
+ Ihr Mann!--O fragen Sie nicht! Gehen Sie
+ Hinein--
+(Will fort)
+
+Graefin. (haelt ihn)
+ Nicht eher, bis Sie mir entdecken--
+
+Gordon. (heftig dringend)
+ An diesem Augenblicke haengt die Welt!
+ Um Gotteswillen, gehen Sie--Indem
+ Wir sprechen--Gott im Himmel!
+(Laut schreiend.)
+
+Buttler! Buttler!
+
+Graefin.
+ Der ist ja auf dem Schloss mit meinem Mann.
+(Buttler kommt aus der Galerie.)
+
+Gordon. (der ihn erblickt).
+ Es war ein Irrtum--Es sind nicht die Schweden--
+ Die Kaiserlichen sind's, die eingedrungen--
+ Der Generalleutnant schickt mich her, er wird
+ Gleich selbst hier sein--Ihr sollt nicht weiter gehn--
+
+Buttler.
+ Er kommt zu spaet.
+
+Gordon. (stuerzt an die Mauer)
+ Gott der Barmherzigkeit!
+
+Graefin. (ahnungsvoll)
+ Was ist zu spaet? Wer wird gleich selbst hier sein?
+ Octavio in Eger eingedrungen?
+ Verraeterei! Verraeterei!
+ Wo ist Der Herzog?
+(Eilt dem Gange zu.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Vorige. Seni. Dann Buergermeister. Page. Kammerfrau. Bediente rennen
+schreckensvoll ueber die Szene.
+
+
+Seni. (der mit allen Zeichen des Schreckens aus der Galerie kommt)
+ O blutige, entsetzensvolle Tat!
+
+Graefin.
+ Was ist
+ Geschehen, Seni?
+
+Page. (herauskommend)
+ O erbarmungswuerd'ger Anblick!
+(Bediente mit Fackeln.)
+
+Graefin.
+ Was ist's? Um Gotteswillen!
+
+Seni.
+ Fragt Ihr noch?
+ Drinn' liegt der Fuerst ermordet, Euer Mann ist
+ Erstochen auf der Burg.
+(Graefin bleibt erstarrt stehen.)
+
+Kammerfrau. (eilt herein).
+ Hilf'! Hilf' der Herzogin!
+
+Buergermeister. (kommt schreckenvoll)
+ Was fuer ein Ruf
+ Des Jammers weckt die Schlaefer dieses Hauses?
+
+Gordon.
+ Verflucht ist Euer Haus auf ew'ge Tage!
+ In Eurem Hause liegt der Fuerst ermordet.
+
+Buergermeister.
+ Das wolle Gott nicht!
+(Stuerzt hinaus.)
+
+Erster Bedienter.
+ Flieht! Flieht! Sie ermorden
+ Uns alle!
+ Zweiter Bedienter
+(Silbergeraete tragend)
+ Da hinaus. Die untern Gaenge sind besetzt.
+(Hinter der Szene wird gerufen:)
+ Platz! Platz dem Generalleutnant!
+(Bei diesen Worten richtet sich die Graefin aus ihrer Erstarrung auf,
+fasst sich und geht schnell ab.)
+(Hinter der Szene:)
+ Besetzt das Tor! Das Volk zurueckgehalten!
+
+
+
+Elfter Auftritt
+
+Vorige ohne die Graefin. Octavio Piccolomini tritt herein mit Gefolge.
+Deveroux und Macdonald kommen zugleich aus dem Hintergrunde mit
+Hellebardierern. Wallensteins Leichnam wird in einem roten Teppich
+hinten ueber die Szene getragen.
+
+
+Octavio. (rasch eintretend)
+ Es darf nicht sein! Es ist nicht moeglich! Buttler!
+ Gordon! Ich will's nicht glauben. Saget nein.
+
+Gordon. (ohne zu antworten, weist mit der Hand nach hinten.
+Octavio sieht hin und steht von Entsetzen ergriffen).
+
+Deveroux. (zu Buttler).
+ Hier ist das goldne Vlies, des Fuersten Degen!
+
+Macdonald.
+ Befehlt Ihr, dass man die Kanzlei--
+
+Buttler. (auf Octavio zeigend)
+ Hier steht er,
+ Der jetzt allein Befehle hat zu geben.
+(Deveroux und Macdonald treten ehrerbietig zurueck; alles verliert
+sich still, dass nur allein Buttler, Octavio und Gordon auf der
+Szene bleiben.)
+
+Octavio. (zu Buttlern gewendet).
+ War das die Meinung, Buttler, als wir schieden?
+ Gott der Gerechtigkeit! Ich hebe meine Hand auf.
+ Ich bin an dieser ungeheuren Tat
+ Nicht schuldig.
+
+Buttler.
+ Eure Hand ist rein. Ihr habt
+ Die meinige dazu gebraucht.
+
+Octavio.
+ Ruchloser!
+ So musstest du des Herrn Befehl missbrauchen
+ Und blutig grauenvollen Meuchelmord
+ Auf deines Kaisers heil'gen Namen waelzen?
+
+Buttler. (gelassen)
+ Ich hab des Kaisers Urtel nur vollstreckt.
+
+Octavio.
+ O Fluch der Koenige, der ihren Worten
+ Das fuerchterliche Leben gibt, dem schnell
+ Vergaenglichen Gedanken gleich die Tat,
+ Die fest unwiderrufliche, ankettet!
+ Musst' es so rasch gehorcht sein? Konntest du
+ Dem Gnaedigen nicht Zeit zur Gnade goennen?
+ Des Menschen Engel ist die Zeit--die rasche
+ Vollstreckung an das Urteil anzuheften,
+ Ziemt nur dem unveraenderlichen Gott!
+
+Buttler.
+ Was scheltet Ihr mich? Was ist mein Verbrechen?
+ Ich habe eine gute Tat getan,
+ Ich hab das Reich von einem furchtbarn Feinde
+ Befreit und mache Anspruch auf Belohnung.
+ Der einz'ge Unterschied ist zwischen Eurem
+ Und meinem Tun: Ihr habt den Pfeil geschaerft,
+ Ich hab ihn abgedrueckt. Ihr saetet Blut
+ Und steht bestuerzt, dass Blut ist aufgegangen.
+ Ich wusst immer, was ich tat, und so
+ Erschreckt und ueberrascht mich kein Erfolg.
+ Habt Ihr sonst einen Auftrag mir zu geben?
+ Denn stehnden Fusses reis ich ab nach Wien,
+ Mein blutend Schwert vor meines Kaisers Thron
+ Zu legen und den Beifall mir zu holen,
+ Den der geschwinde, puenktliche Gehorsam
+ Von dem gerechten Richter fordern darf.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Zwoelfter Auftritt
+
+Vorige ohne Buttler. Graefin Terzky tritt auf, bleich und entstellt.
+ Ihre Sprache ist schwach und langsam, ohne Leidenschaft.
+
+
+Octavio. (ihr entgegen)
+ O Graefin Terzky, musst' es dahin kommen?
+ Das sind die Folgen ungluecksel'ger Taten.
+
+Graefin.
+ Es sind die Fruechte Ihres Tuns--Der Herzog
+ Ist tot, mein Mann ist tot, die Herzogin
+ Ringt mit dem Tode, meine Nichte ist verschwunden.
+ Dies Haus des Glanzes und der Herrlichkeit
+ Steht nun veroedet, und durch alle Pforten
+ Stuerzt das erschreckte Hofgesinde fort.
+ Ich bin die Letzte drin, ich schloss es ab
+ Und liefre hier die Schluessel aus.
+
+Octavio. (mit tiefem Schmerz)
+ O Graefin,
+ Auch mein Haus ist veroedet!
+
+Graefin.
+ Wer soll noch
+ Umkommen? Wer soll noch misshandelt werden?
+ Der Fuerst ist tot, des Kaisers Rache kann
+ Befriedigt sein. Verschonen Sie die alten Diener!
+ Dass den Getreuen ihre Lieb und Treu
+ Nicht auch zum Frevel angerechnet werde!
+ Das Schicksal ueberraschte meinen Bruder
+ Zu schnell, er konnte nicht mehr an sie denken.
+
+Octavio
+ Nichts von Misshandlung! Nichts von Rache, Graefin!
+ Die schwere Schuld ist schwer gebuesst, der Kaiser
+ Versoehnt, nichts geht vom Vater auf die Tochter
+ Hinueber als sein Ruhm und sein Verdienst.
+ Die Kaiserin ehrt Ihr Unglueck, oeffnet Ihnen
+ Teilnehmend ihre muetterlichen Arme.
+ Drum keine Furcht mehr! Fassen Sie Vertrauen
+ Und uebergeben Sie sich hoffnungsvoll
+ Der kaiserlichen Gnade.
+
+Graefin. (mit einem Blick zum Himmel)
+ Ich vertraue mich
+ Der Gnade eines groessern Herrn--Wo soll
+ Der fuerstliche Leichnam seine Ruhstatt finden?
+ In der Kartause, die er selbst gestiftet,
+ Zu Gitschin ruht die Graefin Wallenstein;
+ An ihrer Seite, die sein erstes Glueck
+ Gegruendet, wuenscht' er, dankbar, einst zu schlummern.
+ O lassen Sie ihn dort begraben sein!
+ Auch fuer die Reste meines Mannes bitt ich
+ Um gleiche Gunst. Der Kaiser ist Besitzer
+ Von unsern Schloessern, goenne man uns nur
+ Ein Grab noch bei den Graebern unsrer Ahnen.
+
+Octavio.
+ Sie zittern, Graefin--Sie verbleichen--Gott!
+ Und welche Deutung geb ich Ihren Reden?
+
+Graefin. (sammelt ihre letzte Kraft und spricht mit
+ Lebhaftigkeit und Adel)
+ Sie denken wuerdiger von mir, als dass Sie glaubten,
+ Ich ueberlebte meines Hauses Fall.
+ Wir fuehlten uns nicht zu gering, die Hand
+ Nach einer Koenigskrone zu erheben--
+ Es sollte nicht sein--Doch wir denken koeniglich
+ Und achten einen freien, mut'gen Tod
+ Anstaendiger als ein entehrtes Leben.
+ --Ich habe Gift--
+
+Octavio.
+ O rettet! helft!
+
+Graefin.
+ Es ist zu spaet.
+ In wenig Augenblicken ist mein Schicksal
+ Erfuellt.
+(Sie geht ab.)
+
+Gordon.
+ O Haus des Mordes und Entsetzens!
+(Ein Kurier kommt und bringt einen Brief. Gordon tritt ihm entgegen.)
+ Was gibt's? Das ist das kaiserliche Siegel.
+(Er hat die Aufschrift gelesen und uebergibt den Brief dem Octavio
+ mit einem Blick des Vorwurfs.)
+ Dem Fuersten Piccolomini.
+(Octavio erschrickt und blickt schmerzvoll zu Himmel.)
+
+(Der Vorhang faellt.)
+
+
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, WALLENSTEINS TOD ***
+
+This file should be named 7wllt10.txt or 7wllt10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7wllt11.txt
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+as it appears in our Newsletters.
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
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+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
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+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
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+(Three Pages)
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+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
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+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
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--- /dev/null
+++ b/old/8wllt10.txt
@@ -0,0 +1,7903 @@
+The Project Gutenberg EBook of Wallensteins Tod, by Friedrich Schiller
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Wallensteins Tod
+
+Author: Friedrich Schiller
+
+Release Date: September, 2004 [EBook #6549]
+[This file was first posted on February 11, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, WALLENSTEINS TOD ***
+
+
+
+
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg
+Projekt-DE. That project is reachable at the web site
+http://gutenberg2000.de.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur
+Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg2000.de erreichbar.
+
+
+
+
+
+Wallensteins Tod
+
+Friedrich Schiller
+
+Ein Trauerspiel in Fünf Aufzügen
+
+Personen:
+
+Wallenstein
+Octavio Piccolomini
+Max Piccolomini
+Terzky
+Illo
+Isolani
+Buttler
+Rittmeister Neumann
+Ein Adjutant
+Oberst Wrangel von Schweden gesendet
+Gordon Kommandant von Eger
+Major Geraldin
+Deveroux
+Macdonald
+Hauptleute in der Wallensteinischen Armee
+Schwedischer Hauptmann
+Eine Gesandtschaft von
+Kürassieren
+Bürgermeister von Eger
+Seni
+Herzogin von Friedland
+Gräfin Terzky
+Thekla
+Fräulein Neubrunn Hofdame der Prinzessin
+von Rosenberg Stallmeister der Prinzessin
+Dragoner
+Bediente. Pagen. Volk.
+
+Die Szene ist in den drei ersten Aufzügen zu Pilsen, in den
+zwei letzten zu Eger.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+Ein Zimmer, zu astrologischen Arbeiten eingerichtet und mit
+Sphären, Karten, Quadranten und anderm astronomischen Geräte
+versehen. Der Vorhang von einer Rotunde ist aufgezogen, in
+welcher die sieben Planetenbilder, jedes in einer Nische,
+seltsam beleuchtet, zu sehen sind. Seni beobachtet die Sterne,
+Wallenstein steht vor einer großen schwarzen Tafel, auf welcher
+der Planetenaspekt gezeichnet ist.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Wallenstein. Seni.
+
+
+Wallenstein.
+ Laß es jetzt gut sein, Seni. Komm herab.
+ Der Tag bricht an, und Mars regiert die Stunde.
+ Es ist nicht gut mehr operieren. Komm!
+ Wir wissen g'nug.
+
+Seni.
+ Nur noch die Venus laß mich
+ Betrachten, Hoheit. Eben geht sie auf.
+ Wie eine Sonne glänzt sie in dem Osten.
+
+Wallenstein.
+ Ja, sie ist jetzt in ihrer Erdennäh'
+ Und wirkt herab mit allen ihren Stärken.
+(Die Figur auf der Tafel betrachtend.)
+ Glückseliger Aspekt! So stellt sich endlich
+ Die große Drei verhängnisvoll zusammen,
+ Und beide Segenssterne, Jupiter
+ Und Venus, nehmen den verderblichen,
+ Den tück'schen Mars in ihre Mitte, zwingen
+ Den alten Schadenstifter, mir zu dienen.
+ Denn lange war er feindlich mir gesinnt
+ Und schoß mit senkrecht- oder schräger Strahlung,
+ Bald im Gevierten, bald im Doppelschein,
+ Die roten Blitze meinen Sternen zu
+ Und störte ihre segenvollen Kräfte.
+ Jetzt haben sie den alten Feind besiegt
+ Und bringen ihn am Himmel mir gefangen.
+
+Seni.
+ Und beide große Lumina von keinem
+ Malefico beleidigt! der Saturn
+ Unschädlich, machtlos, in cadente domo.
+
+Wallenstein.
+ Saturnus' Reich ist aus, der die geheime
+ Geburt der Dinge in dem Erdenschoß
+ Und in den Tiefen des Gemüts beherrscht
+ Und über allem, was das Licht scheut, waltet.
+ Nicht Zeit ist's mehr, zu brüten und zu sinnen,
+ Denn Jupiter, der glänzende, regiert
+ Und zieht das dunkel zubereitete Werk
+ Gewaltig in das Reich des Lichts--Jetzt muß
+ Gehandelt werden, schleunig, eh' die Glücks-
+ Gestalt mir wieder wegflieht überm Haupt,
+ Denn stets in Wandlung ist der Himmelsbogen.
+(Es geschehen Schläge an die Tür.)
+ Man pocht. Sieh, wer es ist.
+
+Terzky. (draußen).
+ Laß öffnen!
+
+Wallenstein.
+ Es ist Terzky.
+ Was gibt's so Dringendes? Wir sind beschäftigt.
+
+Terzky. (draußen)
+ Leg alles jetzt beiseit', ich bitte dich,
+ Es leidet keinen Aufschub.
+
+Wallenstein.
+ Öffne, Seni.
+(Indem jener dem Terzky aufmacht, zieht Wallenstein den Vorhang
+vor die Bilder.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Wallenstein. Graf Terzky.
+
+
+Terzky. (tritt ein).
+ Vernahmst du's schon? Er ist gefangen, ist
+ Vom Gallas schon dem Kaiser ausgeliefert!
+
+Wallenstein. (zu Terzky)
+ Wer ist gefangen? Wer ist ausgeliefert?
+
+Terzky.
+ Wer unser ganz Geheimnis weiß, um jede
+ Verhandlung mit den Schweden weiß und Sachsen,
+ Durch dessen Hände alles ist gegangen--
+
+Wallenstein. (zurückfahrend)
+ Sesin doch nicht? Sag nein, ich bitte dich.
+
+Terzky.
+ Grad auf dem Weg nach Regenspurg zum Schweden
+ Ergriffen ihn des Gallas Abgeschickte,
+ Der ihm schon lang die Fährte abgelauert.
+ Mein ganz Paket an Kinsky, Matthes Thurn,
+ An Oxenstirn, an Arnheim führt er bei sich.
+ Das alles ist in ihrer Hand, sie haben
+ Die Einsicht nun in alles, was geschehn.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Vorige. Illo kommt.
+
+
+Illo. (zu Terzky)
+ Weiß er's?
+
+Terzky.
+ Er weiß es.
+
+Illo. (zu Wallenstein)
+ Denkst du deinen Frieden
+ Nun noch zu machen mit dem Kaiser, sein
+ Vertraun zurückzurufen? wär' es auch:
+ Du wolltest allen Planen jetzt entsagen,
+ Man weiß, was du gewollt hast. Vorwärts mußt du,
+ Denn rückwärts kannst du nun nicht mehr.
+
+Terzky.
+ Sie haben Dokumente gegen uns
+ In Händen, die unwidersprechlich zeugen--
+
+Wallenstein.
+ Von meiner Handschrift nichts. Dich straf ich Lügen.
+
+Illo.
+ So? Glaubst du wohl, was dieser da, dein Schwager,
+ In deinem Namen unterhandelt hat,
+ Das werde man nicht dir auf Rechnung setzen?
+ Dem Schweden soll sein Wort für deines gelten,
+ Und deinen Wiener Feinden nicht!
+
+Terzky.
+ Du gabst nichts Schriftliches--Besinn dich aber,
+ Wie weit du mündlich gingst mit dem Sesin.
+ Und wird er schweigen? Wenn er sich mit deinem
+ Geheimnis retten kann, wird er's bewahren?
+
+Illo.
+ Das fällt dir selbst nicht ein! Und da sie nun
+ Berichtet sind, wie weit du schon gegangen,
+ Sprich! was erwartest du? Bewahren kannst du
+ Nicht länger dein Kommando, ohne Rettung
+ Bist du verloren, wenn du's niederlegst.
+
+Wallenstein.
+ Das Heer ist meine Sicherheit. Das Heer
+ Verläßt mich nicht. Was sie auch wissen mögen,
+ Die Macht ist mein, sie müssen's niederschlucken,
+ --Und stell ich Kaution für meine Treu',
+ So müssen sie sich ganz zufrieden geben.
+
+Illo.
+ Das Heer ist dein; jetzt für den Augenblick
+ Ist's dein; doch zittre vor der langsamen,
+ Der stillen Macht der Zeit. Vor offenbarer
+ Gewalt beschützt dich heute noch und morgen
+ Der Truppen Gunst; doch gönnst du ihnen Frist,
+ Sie werden unvermerkt die gute Meinung,
+ Worauf du jetzo fußest, untergraben,
+ Dir einen um den andern listig stehlen--
+ Bis, wenn der große Erdstoß nun geschieht,
+ Der treulos mürbe Bau zusammenbricht.
+
+Wallenstein.
+ Es ist ein böser Zufall!
+
+Illo.
+ Oh! einen glücklichen will ich ihn nennen,
+ Hat er auf dich die Wirkung, die er soll,
+ Treibt dich zu schneller Tat--Der schwed'sche Oberst--
+
+Wallenstein.
+ Er ist gekommen? Weißt du, was er bringt?
+
+Illo.
+ Er will nur dir allein sich anvertraun.
+
+Wallenstein.
+ Ein böser, böser Zufall--Freilich! Freilich!
+ Sesina weiß zu viel und wird nicht schweigen.
+
+Terzky.
+ Er ist ein böhmischer Rebell und Flüchtling,
+ Sein Hals ist ihm verwirkt; kann er sich retten
+ Auf deine Kosten, wird er Anstand nehmen?
+ Und wenn sie auf der Folter ihn befragen,
+ Wird er, der Weichling, Stärke g'nug besitzen?--
+
+Wallenstein. (in Nachsinnen verloren)
+ Nicht herzustellen mehr ist das Vertraun.
+ Und mag ich handeln, wie ich will, ich werde
+ Ein Landsverräter ihnen sein und bleiben.
+ Und kehr ich noch so ehrlich auch zurück
+ Zu meiner Pflicht, es wird mir nichts mehr helfen--
+
+Illo.
+ Verderben wird es dich. Nicht deiner Treu',
+ Der Ohnmacht nur wird's zugeschrieben werden.
+
+Wallenstein. (in heftiger Bewegung auf und ab gehend)
+ Wie? Sollt' ich's nun im Ernst erfüllen müssen,
+ Weil ich zu frei gescherzt mit dem Gedanken?
+ Verflucht, wer mit dem Teufel spielt!--
+
+Illo.
+ Wenn's nur dein Spiel gewesen, glaube mir,
+ Du wirst's in schwerem Ernste büßen müssen.
+
+Wallenstein.
+ Und müßt' ich's in Erfüllung bringen, jetzt,
+ Jetzt, da die Macht noch mein ist, müßt's geschehn--
+
+Illo.
+ Wo möglich, eh' sie von dem Schlage sich
+ In Wien besinnen und zuvor dir kommen--
+
+Wallenstein. (die Unterschriften betrachtend)
+ Das Wort der Generale hab ich schriftlich--
+ Max Piccolomini steht nicht hier. Warum nicht?
+
+Terzky.
+ Es war--er meinte--
+
+Illo.
+ Bloßer Eigendünkel!
+ Es brauche das nicht zwischen dir und ihm.
+
+Wallenstein.
+ Es braucht das nicht, er hat ganz recht--
+ Die Regimenter wollen nicht nach Flandern,
+ Sie haben eine Schrift mir übersandt
+ Und widersetzen laut sich dem Befehl.
+ Der erste Schritt zu Aufruhr ist geschehn.
+
+Illo.
+ Glaub mir, du wirst sie leichter zu dem Feind
+ Als zu dem Spanier hinüber führen.
+
+Wallenstein.
+ Ich will doch hören, was der Schwede mir
+ Zu sagen hat.
+
+Illo. (pressiert)
+ Wollt Ihr ihn rufen, Terzky?
+ Er steht schon draußen.
+
+Wallenstein.
+ Warte noch ein wenig.
+ Es hat mich überrascht--Es kam zu schnell--
+ Ich bin es nicht gewohnt, daß mich der Zufall
+ Blind waltend, finster herrschend mit sich führe.
+
+Illo.
+ Hör ihn fürs erste nur. Erwäg's nachher.
+(Sie gehen.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+
+Wallenstein. (mit sich selbst redend)
+ Wär's möglich? Könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte?
+ Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt? Ich müßte
+ Die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht,
+ Nicht die Versuchung von mir wies--das Herz
+ Genährt mit diesem Traum, auf ungewisse
+ Erfüllung hin die Mittel mir gespart,
+ Die Wege bloß mir offen hab gehalten?--
+ Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht
+ Mein Ernst, beschloßne Sache war es nie.
+ In dem Gedanken bloß gefiel ich mir;
+ Die Freiheit reizte mich und das Vermögen.
+ War's unrecht, an dem Gaukelbilde mich
+ Der königlichen Hoffnung zu ergötzen?
+ Blieb in der Brust mir nicht der Wille frei,
+ Und sah ich nicht den guten Weg zur Seite,
+ Der mir die Rückkehr offen stets bewahrte?
+ Wohin denn seh ich plötzlich mich geführt?
+ Bahnlos liegt's hinter mir, und eine Mauer
+ Aus meinen eignen Werken baut sich auf,
+ Die mir die Umkehr türmend hemmt!
+(Er bleibt tiefsinnig stehen.)
+ Strafbar erschein ich, und ich kann die Schuld,
+ Wie ich's versuchen mag! nicht von mir wälzen;
+ Denn mich verklagt der Doppelsinn des Lebens,
+ Und--selbst der frommen Quelle reine Tat
+ Wird der Verdacht, schlimmdeutend, mir vergiften.
+ War ich, wofür ich gelte, der Verräter,
+ Ich hätte mir den guten Schein gespart,
+ Die Hülle hätt' ich dicht um mich gezogen,
+ Dem Unmut Stimme nie geliehn. Der Unschuld,
+ Des unverführten Willens mir bewußt,
+ Gab ich der Laune Raum, der Leidenschaft--
+ Kühn war das Wort, weil es die Tat nicht war.
+ Jetzt werden sie, was planlos ist geschehn,
+ Weitsehend, planvoll mir zusammenknüpfen,
+ Und was der Zorn und was der frohe Mut
+ Mich sprechen ließ im Überfluß des Herzens,
+ Zu künstlichem Gewebe mir vereinen
+ Und eine Klage furchtbar draus bereiten,
+ Dagegen ich verstummen muß. So hab ich
+ Mit eignem Netz verderblich mich umstrickt,
+ Und nur Gewalttat kann es reißend lösen.
+(Wiederum stillstehend.)
+ Wie anders! da des Mutes freier Trieb
+ Zur kühnen Tat mich zog, die rauh gebietend
+ Die Not jetzt, die Erhaltung von mir heischt.
+ Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit.
+ Nicht ohne Schauder greift des Menschen Hand
+ In des Geschicks geheimnisvolle Urne.
+ In meiner Brust war meine Tat noch mein:
+ Einmal entlassen aus dem sichern Winkel
+ Des Herzens, ihrem mütterlichen Boden,
+ Hinausgegeben in des Lebens Fremde,
+ Gehört sie jenen tück'schen Mächten an,
+ Die keines Menschen Kunst vertraulich macht.
+(Er macht heftige Schritte durchs Zimmer, dann bleibt er wieder
+sinnend stehen.)
+ Und was ist dein Beginnen? Hast du dir's
+ Auch redlich selbst bekannt? Du willst die Macht,
+ Die ruhig, sicher thronende erschüttern,
+ Die in verjährt geheiligtem Besitz,
+ In der Gewohnheit festgegründet ruht,
+ Die an der Völker frommem Kinderglauben
+ Mit tausend zähen Wurzeln sich befestigt.
+ Das wird kein Kampf der Kraft sein mit der Kraft,
+ Den fücht ich nicht. Mit jedem Gegner wag ich's,
+ Den ich kann sehen und ins Augen fassen,
+ Der, selbst voll Mut, auch mir den Mut entflammt.
+ Ein unsichtbarer Feind ist's, den ich fürchte,
+ Der in der Menschen Brust mir widersteht,
+ Durch feige Furcht allein mir fürchterlich--
+ Nicht, was lebendig kraftvoll sich verkündigt,
+ Ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz
+ Gemeine ist's, das ewig Gestrige,
+ Was immer war, und immer wiederkehrt
+ Und morgen gilt, weil's heute hat gegolten!
+ Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht,
+ Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
+ Weh dem, der an den würdig alten Hausrat
+ Ihm rührt, das teure Erbstück seiner Ahnen!
+ Das Jahr übt eine heiligende Kraft;
+ Was grau für Alter ist, das ist ihm göttlich.
+ Sei im Besitze, und du wohnst im Recht,
+ Und heilig wird's die Menge die bewahren.
+(Zu dem Pagen, der hereintritt.)
+ Der schwed'sche Oberst? Ist er's? Nun, er komme.
+(Page geht. Wallenstein hat den Blick nachdenkend auf die
+Türe geheftet.)
+ Noch ist sie rein--noch! Das Verbrechen kam
+ Nicht über diese Schwelle noch--So schma ist
+ Die Grenze, die zwei Lebenspfade scheidet!
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Wallenstein und Wrangel.
+
+
+Wallenstein. (nachdem er einen forschenden Blick auf ihn geheftet)
+ Ihr nennt Euch Wrangel?
+
+Wrangel.
+ Gustav Wrangel, Oberst
+ Vom blauen Regimente Südermannland.
+
+Wallenstein.
+ Ein Wrangel war's, der vor Stralsund viel Böses
+ Mir zugefügt, durch tapfre Gegenwehr
+ Schuld war, daß mir die Seestadt widerstanden.
+
+Wrangel.
+ Das Werk des Elements, mit dem Sie kämpften,
+ Nicht mein Verdienst, Herr Herzog! Seine Freiheit
+ Verteidigte mit Sturmes Macht der Belt,
+ Es sollte Meer und Land nicht einem dienen.
+
+Wallenstein.
+ Den Admiralshut rißt Ihr mir vom Haupt.
+
+Wrangel.
+ Ich komme, eine Krone drauf zu setzen.
+
+Wallenstein. (winkt ihm, Platz zu nehmen, setzt sich).
+ Euer Kreditiv. Kommt Ihr mit ganzer Vollmacht?
+
+Wrangel. (bedenklich)
+ Es sind so manche Zweifel noch zu lösen--
+
+Wallenstein. (nachdem er gelesen)
+ Der Brief hat Händ' und Füß'. Es ist ein klug,
+ Verständig Haupt, Herr Wrangel, dem Ihr dienet.
+ Es schreibt der Kanzler: er vollziehe nur
+ Den eignen Einfall des verstorbnen Königs,
+ Indem er mir zur böhm'schen Kron' verhelfe.
+
+Wrangel.
+ Er sagt, was wahr ist. Der Hochselige
+ Hat immer groß gedacht von Euer Gnaden
+ Fürtrefflichem Verstand und Feldherrngaben,
+ Und stets der Herrschverständigste, beliebt' ihm
+ Zu sagen, sollte Herrscher sein und König.
+
+Wallenstein.
+ Er durft' es sagen.
+(Seine Hand vertraulich fassend.)
+ Aufrichtig, Oberst Wrangel--Ich war stets
+ Im Herzen auch gut schwedisch--Ei, das habt ihr
+ In Schlesien erfahren und bei Nürnberg.
+ Ich hatt' euch oft in meiner Macht und ließ
+ Durch eine Hintertür euch stets entwischen.
+ Das ist's, was sie in Wien mir nicht verzeihn,
+ Was jetzt zu diesem Schritt mich treibt--Und weil
+ Nun unser Vorteil so zusammengeht,
+ So laßt uns zu einander auch ein recht
+ Vertrauen fassen.
+
+Wrangel.
+ Das Vertraun wird kommen,
+ Hat jeder nur erst seine Sicherheit.
+
+Wallenstein.
+ Der Kanzler, merk ich, traut mir noch nicht recht.
+ Ja, ich gesteh's--Es liegt das Spiel nicht ganz
+ Zu meinem Vorteil--Seine Würden meint,
+ Wenn ich dem Kaiser, der mein Herr ist, so
+ Mitspielen kann, ich könn' das gleiche tun
+ Am Feinde, und das eine wäre mir
+ Noch eher zu verzeihen als das andre.
+ Ist das nicht Eure Meinung auch, Herr Wrangel?
+
+Wrangel.
+ Ich hab hier bloß ein Amt und keine Meinung.
+
+Wallenstein.
+ Der Kaiser hat mich bis zum Äußersten
+ Gebracht. Ich kann ihm nicht mehr ehrlich dienen.
+ Zu meiner Sicherheit, aus Notwehr tu ich
+ Den harten Schritt, den mein Bewußtsein tadelt.
+
+Wrangel.
+ Ich glaub's. So weit geht niemand, der nicht muß.
+(Nach einer Pause.)
+ Was Eure Fürstlichkeit bewegen mag,
+ Also zu tun an ihrem Herrn und Kaiser,
+ Gebührt nicht uns zu richten und zu deuten.
+ Der Schwede ficht für seine gute Sach'
+ Mit seinem guten Degen und Gewissen.
+ Die Konkurrenz ist, die Gelegenheit
+ Zu unsrer Gunst, im Krieg gilt jeder Vorteil,
+ Wir nehmen unbedenklich, was sich bietet;
+ Und wenn sich alles richtig so verhält--
+
+Wallenstein.
+ Woran denn zweifelt man? An meinem Willen?
+ An meinen Kräften? Ich versprach dem Kanzler,
+ Wenn er mir sechzehntausend Mann vertraut,
+ Mit achtzehntausend von des Kaisers Heer
+ Dazuzustoßen--
+
+Wrangel.
+ Euer Gnaden sind
+ Bekannt für einen hohen Kriegesfürsten,
+ Für einen zweiten Attila und Pyrrhus.
+ Noch mit Erstaunen redet man davon,
+ Wie Sie vor Jahren, gegen Menschendenken,
+ Ein Heer wie aus dem Nichts hervorgerufen.
+ Jedennoch--
+
+Wallenstein.
+ Dennoch?
+
+Wrangel.
+ Seine Würden meint,
+ Ein leichter Ding doch möcht' es sein, mit nichts
+ Ins Feld zu stellen sechzigtausend Krieger,
+ Als nur ein Sechzigteil davon
+(er hält inne)
+
+Wallenstein.
+ Nun, was?
+ Nur frei heraus!
+
+Wrangel.
+ Zum Treubruch zu verleiten.
+
+Wallenstein.
+ Meint er? Er urteilt wie ein Schwed' und wie
+ Ein Protestant. Ihr Lutherischen fechtet
+ Für eure Bibel, euch ist's um die Sach';
+ Mit eurem Herzen folgt ihr eurer Fahne.--
+ Wer zu dem Feinde läuft von euch, der hat
+ Mit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen.
+ Von all dem ist die Rede nicht bei uns--
+
+Wrangel.
+ Herr Gott im Himmel! Hat man hierzulande
+ Denn keine Heimat, keinen Herd und Kirche?
+
+Wallenstein.
+ Ich will Euch sagen, wie das zugeht--Ja,
+ Der Österreicher hat ein Vaterland
+ Und liebt's und hat auch Ursach', es zu lieben.
+ Doch dieses Heer, das kaiserlich sich nennt,
+ Das hier in Böheim hauset, das hat keins;
+ Das ist der Auswurf fremder Länder, ist
+ Der aufgegebne Teil des Volks, dem nichts
+ Gehöret als die allgemeine Sonne.
+ Und dieses böhm'sche Land, um das wir fechten,
+ Das hat kein Herz für seinen Herrn, den ihm
+ Der Waffen Glück, nicht eigne Wahl gegeben.
+ Mit Murren trägt's des Glaubens Tyrannei,
+ Die Macht hat's eingeschreckt, beruhigt nicht.
+ Ein glühend, rachvoll Angedenken lebt
+ Der Greuel, die geschahn auf diesem Boden.
+ Und kann's der Sohn vergessen, daß der Vater
+ Mit Hunden in die Messe ward gehetzt?
+ Ein Volk, dem das geboten wird, ist schrecklich,
+ Es räche oder dulde die Behandlung.
+
+Wrangel.
+ Der Adel aber und die Offiziere?
+ Solch eine Flucht und Felonie, Herr Fürst,
+ Ist ohne Beispiel in der Welt Geschichten.
+
+Wallenstein.
+ Sie sind auf jegliche Bedingung mein.
+ Nicht mir, den eignen Augen mögt Ihr glauben.
+(Er gibt ihm die Eidesformel. Wrangel durchliest sie, legt sie,
+nachdem er gelesen, schweigend auf den Tisch.)
+ Wie ist's? Begreift Ihr nun?
+
+Wrangel.
+ Begreif 's, wer's kann!
+ Herr Fürst! Ich laß die Maske fallen--Ja!
+ Ich habe Vollmacht, alles abzuschließen.
+ Es steht der Rheingraf nur vier Tagemärsche
+ Von hier mit funfzehntausend Mann, er wartet
+ Auf Ordre nur, zu Ihrem Heer zu stoßen.
+ Die Ordre stell ich aus, sobald wir einig.
+
+Wallenstein.
+ Was ist des Kanzlers Forderung?
+
+Wrangel. (bedenklich)
+ Zwölf Regimenter gilt es, schwedisch Volk.
+ Mein Kopf muß dafür haften. Alles könnte
+ Zuletzt nur falsches Spiel--
+
+Wallenstein. (fährt auf)
+ Herr Schwede!
+
+Wrangel. (ruhig fortfahrend)
+ Muß demnach
+ Darauf bestehn, daß Herzog Friedland förmlich,
+ Unwiderruflich breche mit dem Kaiser,
+ Sonst ihm kein schwedisch Volk vertrauet wird.
+
+Wallenstein.
+ Was ist die Forderung? Sagt's kurz und gut.
+
+Wrangel.
+ Die span'schen Regimenter, die dem Kaiser
+ Ergeben, zu entwaffnen, Prag zu nehmen
+ Und diese Stadt wie auch das Grenzschloß Eger
+ Den Schweden einzuräumen.
+
+Wallenstein.
+ Viel gefordert!
+ Prag! Sei's um Eger! Aber Prag? Geht nicht.
+ Ich leist euch jede Sicherheit, die ihr
+ Vernünft'gerweise von mir fordern möget.
+ Prag aber--Böhmen--kann ich selbst beschützen.
+
+Wrangel.
+ Man zweifelt nicht daran. Es ist uns auch
+ Nicht ums Beschützen bloß. Wir wollen Menschen
+ Und Geld umsonst nicht aufgewendet haben.
+
+Wallenstein.
+ Wie billig.
+
+Wrangel.
+ Und so lang, bis wir entschädigt,
+ Bleibt Prag verpfändet.
+
+Wallenstein.
+ Traut ihr uns so wenig?
+
+Wrangel. (steht auf)
+ Der Schwede muß sich vorsehn mit dem Deutschen.
+ Man hat uns übers Ostmeer hergerufen;
+ Gerettet haben wir vom Untergang
+ Das Reich--mit unserm Blut des Glaubens Freiheit,
+ Die heil'ge Lehr' des Evangeliums
+ Versiegelt--Aber jetzt schon fühlet man
+ Nicht mehr die Wohltat, nur die Last, erblickt
+ Mit scheelem Aug' die Fremdlinge im Reiche
+ Und schickte gern mit einer Handvoll Geld
+ Uns heim in unsre Wälder. Nein! wir haben
+ Um Judas' Lohn, um klingend Gold und Silber
+ Den König auf der Walstatt nicht gelassen!
+ So vieler Schweden adeliges Blut,
+ Es ist um Gold und Silber nicht geflossen!
+ Und nicht mit magerm Lorbeer wollen wir
+ Zum Vaterland die Wimpel wieder lüften,
+ Wir wollen Bürger bleiben auf dem Boden,
+ Den unser König fallend sich erobert.
+
+Wallenstein.
+ Helft den gemeinen Feind mir niederhalten,
+ Das schöne Grenzland kann euch nicht entgehn.
+
+Wrangel.
+ Und liegt zu Boden der gemeine Feind,
+ Wer knüpft die neue Freundschaft dann zusammen?
+ Uns ist bekannt, Herr Fürst--wenngleich der Schwede
+ Nichts davon merken soll--daß Ihr mit Sachsen
+ Geheime Unterhandlung pflegt. Wer bürgt uns
+ Dafür, daß wir nicht Opfer der Beschlüsse sind,
+ Die man vor uns zu hehlen nötig achtet?
+
+Wallenstein.
+ Wohl wählte sich der Kanzler seinen Mann,
+ Er hätt' mir keinen zähern schicken können.
+(Aufstehend.)
+ Besinnt Euch eines Bessern, Gustav Wrangel.
+ Von Prag nichts mehr.
+
+Wrangel.
+ Hier endigt meinen Vollmacht.
+
+Wallenstein.
+ Euch meine Hauptstadt räumen! Lieber tret ich
+ Zurück--zu meinem Kaiser.
+
+Wrangel.
+ Wenn's noch Zeit ist.
+ Wallenstein.
+ Das steht bei mir, noch jetzt, zu jeder Stunde.
+
+Wrangel.
+ Vielleicht vor wenig Tagen noch. Heut nicht mehr.
+ --Seit der Sesin gefangen sitzt, nicht mehr.
+(Wie Wallenstein betroffen schweigt.)
+ Herr Fürst! Wir glauben, daß Sie's ehrlich meinen;
+ Seit gestern--sind wir des gewiß--Und nun
+ Dies Blatt uns für die Truppen bürgt, ist nichts,
+ Was dem Vertrauen noch im Wege stünde.
+ Prag soll uns nicht entzweien. Mein Herr Kanzler
+ Begnügt sich mit der Altstadt, Euer Gnaden
+ Läßt er den Ratschin und die kleine Seite.
+ Doch Eger muß vor allem sich uns öffnen,
+ Eh' an Konjunktion zu denken ist.
+
+Wallenstein.
+ Euch also soll ich trauen, ihr nicht mir?
+ Ich will den Vorschlag in Erwägung ziehn.
+
+Wrangel.
+ In keine gar zu lange, muß ich bitten.
+ Ins zweite Jahr schon schleicht die Unterhandlung;
+ Erfolgt auch diesmal nichts, so will der Kanzler
+ Auf immer sie für abgebrochen halten.
+
+Wallenstein.
+ Ihr drängt mich sehr. Ein solcher Schritt will wohl
+ Bedacht sein.
+
+Wrangel.
+ Eh' man überhaupt dran denkt,
+ Herr Fürst! Durch rasche Tat nur kann er glücken.
+(Er geht ab.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky und Illo kommen zurück.
+
+
+Illo.
+ Ist's richtig?
+
+Terzky.
+ Seid ihr einig?
+
+Illo.
+ Dieser Schwede
+ Ging ganz zufrieden fort. Ja, ihr seid einig.
+
+Wallenstein.
+ Hört! Noch ist nichts geschehn, und--wohl erwogen,
+ Ich will es lieber doch nicht tun.
+
+Terzky.
+ Wie? Was ist das?
+
+Wallenstein.
+ Von dieser Schweden Gnade leben!
+ Der Übermütigen? Ich trüg' es nicht.
+
+Illo.
+ Kommst du als Flüchtling, ihre Hilf' erbettelnd?
+ Du bringest ihnen mehr, als du empfängst.
+
+Wallenstein.
+ Wie war's mit jenem königlichen Bourbon,
+ Der seines Volkes Feinde sich verkaufte
+ Und Wunden schlug dem eignen Vaterland?
+ Fluch war sein Lohn, der Menschen Abscheu rächte
+ Die unnatürlich frevelhafte Tat.
+
+Illo.
+ Ist das dein Fall?
+
+Wallenstein.
+ Die Treue, sag ich euch,
+ Ist jedem Menschen wie der nächste Blutsfreund,
+ Als ihren Rächer fühlt er sich geboren.
+ Der Sekten Feindschaft, der Parteien Wut,
+ Der alte Neid, die Eifersucht macht Friede;
+ Was noch so wütend ringt, sich zu zerstören,
+ Verträgt, vergleicht sich, den gemeinen Feind
+ Der Menschlichkeit, das wilde Tier zu jagen,
+ Das mordend einbricht in die sichre Hürde,
+ Worin der Mensch geborgen wohnt--denn ganz
+ Kann ihn die eigne Klugheit nicht beschirmen.
+ Nur an die Stirne setzt' ihm die Natur
+ Das Licht der Augen, fromme Treue soll
+ Den bloßgegebnen Rücken ihm beschützen.
+
+Terzky.
+ Denk von dir selbst nicht schlimmer als der Feind,
+ Der zu der Tat die Hände freudig bietet.
+ So zärtlich dachte jener Karl auch nicht,
+ Der Öhm und Ahnherr dieses Kaiserhauses,
+ Der nahm den Bourbon auf mit offnen Armen,
+ Denn nur vom Nutzen wird die Welt regiert.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Gräfin Terzky zu den Vorigen.
+
+
+Wallenstein.
+ Wer ruft Euch? Hier ist kein Geschäft für Weiber.
+
+Gräfin.
+ Ich komme, meinen Glückwunsch abzulegen.
+ --Komm ich zu früh etwa? Ich will nicht hoffen.
+
+Wallenstein.
+ Gebrauch dein Ansehn, Terzky. Heiß sie gehn.
+
+Gräfin.
+ Ich gab den Böhmen einen König schon.
+
+Wallenstein.
+ Er war darnach.
+
+Gräfin. (zu den andern)
+ Nun, woran liegt es? Sprecht!
+
+Terzky.
+ Der Herzog will nicht.
+
+Gräfin.
+ Will nicht, was er muß?
+
+Illo.
+ An Euch ist's jetzt. Versucht's, denn ich bin fertig,
+ Spricht man von Treue mir und von Gewissen.
+
+Gräfin.
+ Wie? da noch alles lag in weiter Ferne,
+ Der Weg sich noch unendlich vor dir dehnte,
+ Da hattest du Entschluß und Mut--und jetzt,
+ Da aus dem Traume Wahrheit werden will,
+ Da die Vollbringung nahe, der Erfolg
+ Versichert ist, da fängst du an, zu zagen?
+ Nur in Entwürfen bist du tapfer, feig
+ In Taten? Gut! Gib deinen Feinden Recht!
+ Da eben ist es, wo sie dich erwarten.
+ Den Vorsatz glauben sie dir gern; sei sicher,
+ Daß sie's mit Brief und Siegel dir belegen!
+ Doch an die Möglichkeit der Tat glaubt keiner,
+ Da müßten sie dich fürchten und dich achten.
+ Ist's möglich? Da du so weit bist gegangen,
+ Da man das Schlimmste weiß, da dir die Tat
+ Schon als begangen zugerechnet wird,
+ Willst du zurückziehn und die Frucht verlieren?
+ Entworfen bloß ist's ein gemeiner Frevel,
+ Vollführt ist's ein unsterblich Unternehmen;
+ Und wenn es glückt, so ist es auch verziehn,
+ Denn aller Ausgang ist ein Gottes Urtel.
+
+Kammerdiener. (tritt herein)
+ Der Oberst Piccolomini.
+
+Gräfin. (schnell)
+ Soll warten.
+
+Wallenstein.
+ Ich kann ihn jetzt nicht sehn. Ein andermal.
+
+Kammerdiener.
+ Nur um zwei Augenblicke bittet er,
+ Er hab ein dringendes Geschäft--
+
+Wallenstein.
+ Wer weiß, was er uns bringt. Ich will doch hören.
+
+Gräfin. (lacht)
+ Wohl mag's ihm dringend sein. Du kannst's erwarten.
+
+Wallenstein.
+ Was ist's.
+
+Gräfin.
+ Du sollst es nachher wissen.
+ Jetzt denke dran, den Wrangel abzufert'gen.
+(Kammerdiener geht.)
+
+Wallenstein.
+ Wenn eine Wahl noch wäre--noch ein milderer
+ Ausweg sich fände--jetzt noch will ich ihn
+ Erwählen und das Äußerste vermeiden.
+
+Gräfin.
+ Verlangst du weiter nichts, ein solcher Weg
+ Liegt nah vor dir. Schick diesen Wrangel fort.
+ Vergiß die alten Hoffnungen, wirf dein
+ Vergangnes Leben weg, enschließe dich,
+ Ein neues anzufangen. Auch die Tugend
+ Hat ihre Helden, wie der Ruhm, das Glück.
+ Reis hin nach Wien zum Kaiser stehndes Fußes,
+ Nimm eine volle Kasse mit, erklär,
+ Du hab'st der Diener Treue nur erproben,
+ Den Schweden bloß zum besten haben wollen.
+
+Illo.
+ Auch damit ist's zu spät. Man weiß zu viel.
+ Er würde nur das Haupt zum Todesblocke tragen.
+
+Gräfin.
+ Das fürcht ich nicht. Gesetzlich ihn zu richten,
+ Fehlt's an Beweisen; Willkür meiden sie.
+ Man wird den Herzog ruhig lassen ziehn.
+ Ich seh, wie alles kommen wird. Der König
+ Von Ungarn wird erscheinen, und es wird sich
+ Von selbst verstehen, daß der Herzog geht;
+ Nicht der Erklärung wird das erst bedürfen.
+ Der König wird die Truppen lassen schwören,
+ Und alles wird in seiner Ordnung bleiben.
+ An einem Morgen ist der Herzog fort.
+ Auf seinen Schlössern wird es nun lebendig,
+ Dort wird er jagen, baun, Gestüte halten,
+ Sich eine Hofstatt gründen, goldne Schlüssel
+ Austeilen, gastfrei große Tafel geben,
+ Und kurz ein großer König sein--im Kleinen!
+ Und weil er klug sich zu bescheiden weiß,
+ Nichts wirklich mehr zu gelten, zu bedeuten,
+ Läßt man ihn scheinen, was er mag; er wird
+ Ein großer Prinz bis an sein Ende scheinen.
+ Ei nun! der Herzog ist dann eben auch
+ Der neuen Menschen einer, die der Krieg
+ Emporgebracht; ein übernächtiges
+ Geschöpf der Hofgunst, die mit gleichem Aufwand
+ Freiherrn und Fürsten macht.
+
+Wallenstein. (steht auf, heftig bewegt)
+ Zeigt einen Weg mir an aus diesem Drang,
+ Hilfreiche Mächte! einen solchen zeigt mir,
+ Den ich vermag zu gehn--Ich kann mich nicht,
+ Wie so ein Wortheld, so ein Tugendschwätzer,
+ An meinem Willen wärmen und Gedanken--
+ Nicht zu dem Glück, das mir den Rücken kehrt,
+ Großtuend sagen: Geh! Ich brauch dich nicht!
+ Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet;
+ Nicht Opfer, nicht Gefahren will ich scheun,
+ Den letzten Schritt, den äußersten, zu meiden;
+ Doch eh' ich sinke in die Nichtigkeit,
+ So klein aufhöre, der so groß begonnen,
+ Eh' mich die Welt mit jenen Elenden
+ Verwechselt, die der Tag erschafft und stürzt,
+ Eh' spreche Welt und Nachwelt meinen Namen
+ Mit Abscheu aus, und Friedland sei die Losung
+ Für jede fluchenswerte Tat.
+
+Gräfin.
+ Was ist denn hier so wider die Natur?
+ Ich kann's nicht finden, sage mir's--oh! laß
+ Des Aberglaubens nächtliche Gespenster
+ Nicht deines hellen Geistes Meister werden!
+ Du bist des Hochverrats verklagt; ob mit
+ --Ob ohne Recht, ist jetzo nicht die Frage--
+ Du bist verloren, wenn du dich nicht schnell der Macht
+ Bedienst, die du besitzest--Ei! wo lebt denn
+ Das friedsame Geschöpf, das seines Lebens
+ Sich nicht mit allen Lebenskräften wehrt?
+ Was ist so kühn, das Notwehr nicht entschuldigt?
+
+Wallenstein.
+ Einst war mir dieser Ferdinand so huldreich;
+ Er liebte mich, er hielt mich wert, ich stand
+ Der Nächste seinem Herzen. Welchen Fürsten
+ Hat er geehrt wie mich?--Und so zu enden!
+
+Gräfin.
+ So treu bewahrst du jede kleine Gunst,
+ Und für die Kränkung hast du kein Gedächtnis?
+ Muß ich dich dran erinnern, wie man dir
+ Zu Regenspurg die treuen Dienste lohnte?
+ Du hattest jeden Stand im Reich beleidigt;
+ Ihn groß zu machen, hattest du den Haß,
+ Den Fluch der ganzen Welt auf dich geladen,
+ Im ganzen Deutschland lebte dir kein Freund,
+ Wei du allein gelebt für deinen Kaiser.
+ An ihn bloß hieltest du bei jenem Sturme
+ Dich fest, der auf dem Rgenspurger Tag
+ Sich gegen dich zusammenzog--da ließ er
+ Dich fallen! Ließ dich fallen! Dich dem Bayern,
+ Dem Übermütigen, zum Opfer fallen!
+ Sag nicht, daß die zurückgegebne Würde
+ Das erste, schwere Unrecht ausgesöhnt.
+ Nicht wahrlich guter Wille stellte dich,
+ Dich stellte das Gesetz der herben Not
+ An diesen Platz, den man dir gern verweigert.
+
+Wallenstein.
+ Nicht ihrem guten Willen, das ist wahr!
+ Noch seiner Neigung dank ich dieses Amt.
+ Mißbrauch ich's, so mißbrauch ich kein Vertrauen.
+
+Gräfin.
+ Vertrauen? Neigung?--Man bedurfte deiner!
+ Die ungestüme Presserin, die Not,
+ Der nicht mit hohlen Namen, Figuranten
+ Gedient ist, die die Tat will, nicht das Zeichen,
+ Den Größten immer aufsucht und den Besten,
+ Ihn an das Ruder stellt, und müßt sie ihn
+ Aufgreifen aus dem Pöbel selbst--die setzte dich
+ In dieses Amt und schrieb dir die Bestallung.
+ Denn lange, bis es nicht mehr kann, behilft
+ Sich dies Geschlecht mit feilen Sklavenseelen
+ Und mit den Drahtmaschinen seiner Kunst--
+ Doch wenn das Äußerste ihm nahe tritt,
+ Der hohle Schein es nicht mehr tut, da fällt
+ Es in die starken Hände der Natur,
+ Des Riesengeistes, der nur sich gehorcht,
+ Nichts von Verträgen weiß und nur auf ihre
+ Bedingung, nicht auf seine, mit ihm handelt.
+
+Wallenstein.
+ Wahr ist's! Sie sahn mich immer, wie ich bin,
+ Ich hab sie in dem Kaufe nicht betrogen,
+ Denn nie hielt ich's der Mühe wert, die kühn
+ Umgreifende Gemütsart zu verbergen.
+
+Gräfin.
+ Vielmehr--du hast dich furchtbar stets gezeigt.
+ Nicht du, der stets sich selber treu geblieben,
+ Die haben Unrecht, die dich fürchteten
+ Und doch die Macht dir in die Hände gaben.
+ Denn Recht hat jeder eigene Charakter,
+ Der übereinstimmt mit sich selber, es gibt
+ Kein andres Unrecht als den Widerspruch.
+ Warst du ein andrer, als du vor acht Jahren
+ Mit Feuer und Schwert durch Deutschlands Kreise zogst,
+ Die Geißel schwangest über alle Länder,
+ Hohn sprachest allen Ordnungen des Reichs,
+ Der Stärke fürchterliches Recht nur übtest
+ Und jede Landeshoheit niedertratst,
+ Um deines Sultans Herrschaft auszubreiten?
+ Da war es Zeit, den stolzen Willen dir
+ Zu brechen, dich zur Ordnung zu verweisen!
+ Doch wohl gefiel dem Kaiser, was ihm nützte,
+ Und schweigend drückt' er diesen Freveltaten
+ Sein kaiserliches Siegel auf. Was damals
+ Gerecht war, weil du's für ihn tatst, ist's heute
+ Auf einmal schändlich, weil es gegen ihn
+ Gerichtet wird?
+
+Wallenstein. (aufstehend)
+ Von dieser Seite sah ich's nie--Ja! dem
+ Ist wirklich so. Es übte dieser Kaiser
+ Durch meinen Arm im Reiche Taten aus,
+ Die nach der Ordnung nie geschehen sollten.
+ Und selbst den Fürstenmantel, den ich trage,
+ Verdank ich Diensten, die Verbrechen sind.
+
+Gräfin.
+ Gestehe denn, daß zwischen dir und ihm
+ Die Rede nicht kann sein von Pflicht und Recht,
+ Nur von der Macht und der Gelegenheit!
+ Der Augenblick ist da, wo du die Summe
+ Der großen Lebensrechnung ziehen sollst,
+ Die Zeichen stehen sieghaft über dir,
+ Glück winken die Planeten dir herunter
+ Und rufen: es ist an der Zeit! Hast du
+ Dein Lebenlang umsonst der Sterne Lauf
+ Gemessen?--den Quadranten und den Zirkel
+ Geführt?--den Zodiak, die Himmelskugel
+ Auf diesen Wänden nachgeahmt, um dich herum
+ Gestellt in stummen, ahnungsvollen Zeichen
+ Die sieben Herrscher des Geschicks,
+ Nur um ein eitles Spiel damit zu treiben?
+ Führt alle diese Zurüstung zu nichts,
+ Und ist kein Mark in dieser hohlen Kunst,
+ Daß sie dir selbst nichts gilt, nichts über dich
+ Vermag im Augenblick der Entscheidung?
+
+Wallenstein. (ist während dieser letzten Rede mit heftig arbeitendem
+Gemüt auf und ab gegangen und steht jetzt plötzlich still, die Gräfin
+unterbrechend)
+ Ruft mir den Wrangel, und es sollen gleich
+ drei Boten satteln.
+
+Illo.
+ Nun, gelobt sei Gott!
+(Eilt hinaus.)
+
+Wallenstein.
+ Es ist sein böser Geist und meiner. Ihn
+ Straft er durch mich, das Werkzeug seiner Herrschsucht,
+ Und ich erwart es, daß der Rache Stahl
+ Auch schon für meine Brust geschliffen ist.
+ Nicht hoffe, wer des Drachen Zähne sät,
+ Erfreuliches zu ernten. Jede Untat
+ Trägt ihren eignen Rach-Engel schon,
+ Die böse Hoffnung, unter ihrem Herzen.
+ Er kann mir nicht mehr traun,--so kann ich auch
+ Nicht mehr zurück. Geschehe denn, was muß.
+ Recht stets behält das Schicksa, denn das Herz
+ In uns ist sein gebietrischer Vollzieher.
+(Zu Terzky.)
+ Bring mir den Wrangel in mein Kabinett,
+ Die Boten will ich selber sprechen. Schickt
+ Nach dem Octavio!
+(Zur Gräfin, welche eine triumphierende Miene macht.)
+ Frohlocke nicht!
+ Denn eifersüchtig sind des Schicksals Mächte.
+ Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte.
+ Den Samen legen wir in ihre Hände,
+ Ob Glück, ob Unglück aufgeht, lehrt das Ende.
+(Indem er abgeht, fällt der Vorhang.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+Ein Zimmer
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Wallenstein. Octavio Piccolomini. Bald darauf Max Piccolomini.
+
+
+Wallenstein.
+ Mir meldet er aus Linz, er läge krank,
+ Doch hab ich sichre Nachricht, daß er sich
+ Zu Frauenberg versteckt beim Grafen Gallas.
+ Nimm beide fest und und schick sie mir hieher.
+ Du übernimmst die spanischen Regimenter,
+ Machst immer Anstalt und bist niemals fertig,
+ Und treiben sie dich, gegen mich zu ziehn,
+ So sagst du Ja und bleibst gefesselt stehn.
+ Ich weiß, daß dir ein Dienst damit geschieht,
+ In diesem Spiel dich müßig zu verhalten.
+ Du rettest gern, so lang du kannst, den Schein;
+ Extreme Schritte sind nicht deine Sache,
+ Drum hab ich diese Rolle für dich ausgesucht,
+ Du wirst mir durch dein Nichtstun diesesmal
+ Am nützlichsten--Erklärt sich unterdessen
+ Das Glück für mich, so weißt du, was zu tun.
+(Max Piccolomini tritt ein.)
+ Jetzt, Alter, geh. Du mußt heut nacht noch fort.
+ Nimm meine eignen Pferde.--Diesen da
+ Behalt ich hier--Macht's mit dem Abschied kurz!
+ Wir werden uns ja, denk ich, alle froh
+ Und glücklich wiedersehn.
+
+Octavio. (zu seinem Sohn)
+ Wir sprechen uns noch.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Wallenstein. Max Piccolomini.
+
+
+Max. (nähert sich ihm.)
+ Mein General--
+
+Wallenstein.
+ Der bin ich nicht mehr,
+ Wenn du des Kaisers Offizier dich nennst.
+
+Max.
+ So bleibt's dabei, du willst das Heer verlassen?
+
+Wallenstein.
+ Ich hab des Kaisers Dienst entsagt.
+
+Max.
+ Und willst das Heer verlassen?
+
+Wallenstein.
+ Vielmehr hoff ich,
+ Mir's enger noch und fester zu verbinden.
+(Er setzt sich.)
+ Ja, Max. Nicht eher wollt' ich dir's eröffnen,
+ Als bis des Handelns Stunde würde schlagen.
+ Der Jugend glückliches Gefühl ergreift
+ Das Rechte leicht, und eine Freude ist's,
+ Das eigne Urteil prüfend auszuüben,
+ Wo das Exempel rein zu lösen ist.
+ Doch, wo von zwei gewissen Übeln eins
+ Ergriffen werden muß, wo sich das Herz
+ Nicht ganz zurückbringt aus dem Streit der Pflichten,
+ Da ist es Wohltat, keine Wahl zu haben,
+ Und eine Gunst ist die Notwendigkeit.
+ --Die ist vorhanden. Blicke nicht zurück.
+ Es kann dir nichts mehr helfen. Blicke vorwärts!
+ Urteile nicht! Bereite dich, zu handeln.
+ --Der Hof hat meinen Untergang beschlossen,
+ Drum bin ich willens, ihm zuvorzukommen.
+ --Wir werden mit den Schweden uns verbinden.
+ Sehr wackre Leute sind's und gute Freunde.
+(Hält ein, Piccolominis Antwort erwartend.)
+ --Ich hab dich überrascht. Antwort mir nicht.
+ Ich will dir Zeit vergönnen, dich zu fassen.
+(Er steht auf und geht nach hinten. Max steht lange unbeweglich,
+in den heftigsten Schmerz versetzt; wie er eine Bewegung macht,
+kömmt Wallenstein zurück und stellt sich vor ihn.)
+
+Max.
+ Mein General!--Du machst mich heute mündig.
+ Denn bis auf diesen Tag war mir's erspart,
+ Den Weg mir selbst zu finden und die Richtung.
+ Dir folgt' ich unbedingt. Auf dich nur braucht' ich
+ Zu sehn und war des rechten Pfads gewiß.
+ Zum ersten Male heut verweisest du
+ Mich an mich selbst und zwingst mich, eine Wahl
+ Zu treffen zwischen dir und meinem Herzen.
+
+Wallenstein.
+ Sanft wiegte dich bis heute dein Geschick,
+ Du konntest spielend deine Pflichten üben,
+ Jedwedem schönen Trieb Genüge tun,
+ Mit ungeteiltem Herzen immer handeln.
+ So kann's nicht ferner bleiben. Feindlich scheiden
+ Die Wege sich. Mit Pflichten streiten Pflichten.
+ Du mußt Partei ergreifen in dem Krieg,
+ Der zwischen deinem Freund und deinem Kaiser
+ Sich jetzt entzündet.
+
+Max.
+ Krieg! Ist das der Name?
+ Der Krieg ist schrecklich, wie des Himmels Plagen,
+ Doch er ist gut, ist ein Geschick, wie sie.
+ Ist das ein guter Krieg, den du dem Kaiser
+ Bereitest mit des Kaisers eignem Heer?
+ O Gott des Himmels! was ist das für eine
+ Veränderung! Ziemt solche Sprache mir
+ Mit dir, der wie der feste Stern des Pols
+ Mir als die Lebensregel vorgeschienen!
+ Oh! welchen Riß erregst du mir im Herzen!
+ Der alten Ehrfurcht eingewachsnen Trieb
+ Und des Gehorsams heilige Gewohnheit
+ Soll ich versagen lernen deinem Namen?
+ Nein! wende nicht dein Angesicht zu mir!
+ Es war mir immer eines Gottes Antlitz,
+ Kann über mich nicht gleich die Macht verlieren;
+ Die Sinne sind in deinen Banden noch,
+ Hat gleich die Seele blutend sich befreit!
+
+Wallenstein.
+ Max, hör mich an.
+
+Max.
+ Oh! tu es nicht! Tu's nicht!
+ Sieh! deine reinen, edeln Züge wissen
+ Noch nichts von dieser unglücksel'gen Tat.
+ Bloß deine Einbildung befleckte sie,
+ Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen
+ Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.
+ Wirf ihn heraus, den schwarzen Fleck, den Feind.
+ Ein böser Traum bloß ist es dann gewesen,
+ Der jede sichre Tugend warnt. Es mag
+ Die Menschheit solche Augenblicke haben,
+ Doch siegen muß das glückliche Gefühl.
+ Nein, du wirst so nicht endigen. Das würde
+ Verrufen bei den Menschen jede große
+ Natur und jedes mächtige Vermögen,
+ Recht geben würd' es dem gemeinen Wahn,
+ Der nicht an Edles in der Freiheit glaubt
+ Und nur der Ohnmacht sich vertrauen mag.
+
+Wallenstein.
+ Streng wird die Welt mich tadeln, ich erwart es.
+ Mir selbst schon sagt' ich, was du sagen kannst.
+ Wer miede nicht, wenn er's umgehen kann,
+ Das Äußerste! Doch hier ist keine Wahl,
+ Ich muß Gewalt ausüben oder leiden--
+ So steht der Fall. Nichts anders bleibt mir übrig.
+
+Max.
+ Sei's denn! Behaupte dich in deinem Posten
+ Gewaltsam, widersetze dich dem Kaiser,
+ Wenn's sein muß, treib's zur offenen Empörung,
+ Nicht loben werd ich's, doch ich kann's verzeihn,
+ Will, was ich nicht gut heiße, mit dir teilen.
+ Nur--zum Verräter werde nicht! Das Wort
+ Ist ausgesprochen. Zum Verräter nicht!
+ Das ist kein überschrittnes Maß, kein Fehler,
+ Wohin der Mut verirrt in seiner Kraft.
+ Oh! das ist ganz was anders--das ist schwarz,
+ Schwarz, wie die Hölle!
+
+Wallenstein. (mit finsterm Stirnfalten, doch gemäßigt)
+ Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
+ Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide;
+ Aus ihrem heißen Kopfe nimmt sie keck
+ Der Dinge Maß, die nur sich selber richten.
+ Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig,
+ Bös oder gut--und was die Einbildung
+ Phantastisch schleppt in diesen dunkeln Namen,
+ Das bürdet sie den Sachen auf und Wesen.
+ Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit.
+ Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
+ Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen;
+ Wo eines Platz nimmt, muß das andre rücken,
+ Wer nicht vertrieben sein will, muß vertreiben;
+ Da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt.
+ --Ja, wer durchs Leben gehet ohne Wunsch,
+ Sich jeden Zweck versagen kann, der wohnt
+ Im leichten Feuer mit dem Salamander
+ Und hält sich rein im reinen Element.
+ Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur,
+ Und zu der Erde zieht mich die Begierde.
+ Dem bösen Geist gehört die Erde, nicht
+ Dem guten. Was die Göttlichen uns senden
+ Von oben, sind nur allgemeine Güter;
+ Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich,
+ In ihrem Staat erringt sich kein Besitz.
+ Den Edelstein, das allgeschätzte Gold
+ Muß man den falschen Mächten abgewinnen,
+ Die unterm Tage schlimmgeartet hausen.
+ Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt,
+ Und keiner lebet, der aus ihrem Dienst
+ Die Seele hätte rein zurückgezogen.
+
+Max. (mit Bedeutung)
+ Oh! fürchte, fürchte diese falschen Mächte!
+ Sie haltennicht Wort! Es sind Lügengeister,
+ Die dich berückend in den Abgrund ziehn.
+ Trau ihnen nicht! Ich warne dich--Oh! kehre
+ Zurück zu deiner Pflicht. Gewiß! du kannst's!
+ Schick mich nach Wien. Ja, tue das. Laß mich,
+ Mich deinen Frieden machen mit dem Kaiser.
+ Er kennt dich nicht, ich aber kenne dich,
+ Er soll dich sehn mit meinem reinen Auge,
+ Und sein Vertrauen bring ich dir zurück.
+
+Wallenstein.
+ Es ist zu spät. Du weißt nicht, was geschehn.
+
+Max.
+ Und wär's zu spät--und wär' es auch soweit,
+ Daß ein Verbrechen nur vom Fall dich rettet,
+ So falle! Falle würdig, wie du standst.
+ Verliere das Kommando. Geh vom Schauplatz.
+ Du kannst's mit Glanze, tu's mit Unschuld auch.
+ --Du hast für andre viel gelebt, leb endlich
+ Einmal dir selber, ich begleite dich,
+ Mein Schicksal trenn ich nimmer von dem deinen--
+
+Wallenstein.
+ Es ist zu spät. Indem du deine Worte
+ Verlierst, ist schon ein Meilenzeiger nach dem andern
+ Zurückgelegt von meinen Eilenden,
+ Die mein Gebot nach Prag und Eger tragen.
+ --Ergib dich drein. Wir handeln, wie wir müssen.
+ So laß uns das Notwendige mit Würde,
+ Mit festem Schritte tun--Was tu ich Schlimmres,
+ Als jener Cäsar tat, des Name noch
+ Bis heut das Höchste in der Welt benennet?
+ Er führte wider Rom die Legionen,
+ Die Rom ihm zur Beschützung anvertraut.
+ Warf er das Schwert von sich, er war verloren,
+ Wie ich es wär', wenn ich entwaffnete.
+ Ich spüre was in mir von seinem Geist.
+ Gib mir sein Glück, das andre will ich tragen.
+(Max, der bisher in einem schmerzvollen Kampfe gestanden, geht
+schnell ab. Wallenstein sieht ihm verwundert und betroffen nach
+und steht in tiefe Gedanken verloren.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky. Gleich darauf Illo.
+
+
+Terzky.
+ Max Piccolomini verließ dich eben?
+
+Wallenstein.
+ Wo ist der Wrangel?
+
+Terzky.
+ Fort ist er.
+
+Wallenstein.
+ So eilig?
+
+Terzky.
+ Es war, als ob die Erd' ihn eingeschluckt.
+ Er war kaum von dir weg, als ich ihm nachging,
+ Ich hatt' ihn noch zu sprechen, doch--weg war er,
+ Und niemand wußte mir von ihm zu sagen.
+ Ich glaub, es ist der Schwarze selbst gewesen,
+ Ein Mensch kann nicht auf einmal so verschwinden.
+
+Illo. (kommt)
+ Ist's wahr, daß du den Alten willst verschicken?
+
+Terzky.
+ Wie? Den Octavio! Wo denkst du hin?
+
+Wallenstein.
+ Er geht nach Frauenberg, die spanischen
+ Und welschen Regimenter anzuführen.
+
+Terzky.
+ Das wolle Gott nicht, daß du das vollbringst!
+
+Illo.
+ Dem Falschen willst du Kriegsvolk anvertrauen?
+ Ihn aus den Augen lassen, grade jetzt,
+ In diesem Augenblicke der Entscheidung?
+
+Terzky.
+ Das wirst du nicht tun. Nein, um alles nicht!
+ Wallenstein.
+ Seltsame Menschen seid ihr.
+
+Illo.
+ Oh! nur diesmal
+ Gib unsrer Warnung nach. Laß ihn nicht fort.
+
+Wallenstein.
+ Und warum soll ich ihm dies eine Mal
+ Nicht trauen, da ich's stets getan? Was ist geschehn,
+ Das ihn um meine gute Meinung brächte?
+ Aus eurer Grille, nicht der meinen, soll ich
+ Mein alt erprobtes Urteil von ihm ändern?
+ Denkt nicht, daß ich ein Weib sei. Weil ich ihm
+ Getraut bis heut, will ich auch heut ihm trauen.
+
+Terzky.
+ Muß es denn der just sein? Schick einen andern.
+
+Wallenstein.
+ Der muß es sein, den hab ich mir erlesen.
+ Er taugt zu dem Geschäft, drum gab ich's ihm.
+
+Illo.
+ Weil er ein Welscher ist, drum taugt er dir.
+
+Wallenstein.
+ Weiß wohl, ihr wart den beiden nie gewogen,
+ Weil ich sie achte, liebe, euch und andern
+ Vorziehe, sichtbarlich, wie sie's verdienen,
+ Drum sind sie euch ein Dorn im Auge! Was
+ Geht euer Neid mich an und mein Geschäft?
+ Daß ihr sie haßt, das macht sie mir nicht schlechter.
+ Liebt oder haßt einander, wie ihr wollt,
+ Ich lasse jedem seinen Sinn und Neigung,
+ Weiß doch, was mir ein jeder von euch gilt.
+
+Illo.
+ Er geht nicht ab--müßt' ich die Räder ihm am Wagen
+ Zerschmettern lassen.
+
+Wallenstein.
+ Mäßige dich, Illo!
+
+Terzky.
+ Der Questenberger, als er hier gewesen,
+ Hat stets zusammen auch gesteckt mit ihm.
+
+Wallenstein.
+ Geschah mit meinem Wissen und Erlaubnis.
+
+Terzky.
+ Und daß geheime Boten an ihn kommen
+ Vom Gallas, weiß ich auch.
+
+Wallenstein.
+ Das ist nicht wahr.
+
+Illo.
+ Oh! du bist blind mit deinen sehenden Augen!
+
+Wallenstein.
+ Du wirst mir meinen Glauben nicht erschüttern,
+ Der auf die tiefste Wissenschaft sich baut.
+ Lügt er, dann ist die ganze Sternkunst Lüge.
+ Denn wißt, ich hab ein Pfand vom Schicksal selbst,
+ Daß er der treuste ist von meinen Freunden.
+
+Illo.
+ Hast du auch eins, daß jenes Pfand nicht lüge?
+
+Wallenstein.
+ Es gibt im Menschenleben Augenblicke,
+ Wo er dem Weltgeist näher ist als sonst
+ Und eine Frage frei hat an das Schicksal.
+ Solch ein Moment war's, als ich in der Nacht,
+ Die vor der Lützner Aktion vorherging,
+ Gedankenvoll an einen Baum gelehnt,
+ Hinaussah in die Ebene. Die Feuer
+ Des Lagers brannten düster durch den Nebel,
+ Der Waffen dumpfes Rauschen unterbrach,
+ Der Runden Ruf einförmig nur die Stille.
+ Mein ganzes Leben ging, vergangenes
+ Und künftiges, in diesem Augenblick
+ An meinem inneren Gesicht vorüber,
+ Und an des nächsten Morgens Schicksal knüpfte
+ Der ahnungsvolle Geist die fernste Zukunft.
+ Da sagt' ich also zu mir selbst:" So vielen
+ Gebietest du! Sie folgen deinen Sternen
+ Und setzen, wie auf eine große Nummer,
+ Ihr Alles auf dein einzig Haupt und sind
+ In deines Glückes Schiff mit dir gestiegen.
+ Doch kommen wird der Tag, wo diese alle
+ Das Schicksal wieder auseinanderstreut,
+ Nur wen'ge werden treu bei dir verharren.
+ Den möcht' ich wissen, der der Treuste mir
+ Von allen ist, die dieses Lager einschließt.
+ Gib mir ein Zeichen, Schicksal! Der soll's sein,
+ Der an dem nächsten Morgen mir zuerst
+ Entgegenkommt mit einem Liebeszeichen".
+ Und dieses bei mir denkend, schlief ich ein.
+ Und mitten in die Schlacht ward ich geführt
+ Im Geist. Groß war der Drang. Mir tötete
+ Ein Schuß das Pferd, ich sank, und über mir
+ Hinweg, gleichgültig, setzten Roß und Reiter,
+ Und keuchend lag ich, wie ein Sterbender,
+ Zertreten unter ihrer Hufe Schlag.
+ Da faßte plötzlich hilfreich mich ein Arm,
+ Es war Octavio--und schnell erwach ich,
+ Tag war es, und--Octavio stand vor mir.
+ "Mein Bruder", sprach er, "reite heute nicht
+ Den Schecken, wie du pflegst. Besteige lieber
+ Das sichre Tier, das ich dir ausgesucht.
+ Tu's mir zu Lieb'. Es warnte mich ein Traum."
+ Und dieses Tieres Schnelligkeit entriß
+ Mich Banniers verfolgenden Dragonern.
+ Mein Vetter ritt den Schecken an dem Tag,
+ Und Roß und Reiter sah ich niemals wieder.
+
+Illo.
+ Das war ein Zufall.
+
+Wallenstein. (bedeutend)
+ Es gibt keinen Zufall;
+ Und was uns blindes Ohngefähr nur dünkt,
+ Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.
+ Versiegelt hab ich's und verbrieft, daß er
+ Mein guter Engel ist, und nun kein Wort mehr!
+(Er geht.)
+
+Terzky.
+ Das ist mein Trost, der Max bleibt uns als Geisel.
+
+Illo.
+ Und der soll mir nicht lebend hier vom Platze.
+
+Wallenstein. (bleibt stehen und kehrt sich um)
+ Seid ihr nicht wie die Weiber, die beständig
+ Zurück nur kommen auf ihr erstes Wort,
+ Wenn man Vernunft gesprochen stundenlang!
+ --Des Menschen Taten und Gedanken, wißt!
+ Sind nicht wie Meeres blind bewegte Wellen.
+ Die innre Welt, sein Mikrokosmus, ist
+ Der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen.
+ Sie sind notwendig, wie des Baumes Frucht,
+ Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln.
+ Hab ich des Menschen Kern erst untersucht,
+ So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln.
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Zimmer in Piccolominis Wohnung.
+
+Octavio Piccolomini reisefertig. Ein Adjutant.
+
+
+Octavio.
+ Ist das Kommando da?
+
+Adjutant.
+ Es wartet unten.
+
+Octavio.
+ Es sind doch sichre Leute, Adjutant?
+ Aus welchem Regimente nahmt Ihr sie?
+
+Adjutant.
+ Von Tiefenbach.
+
+Octavio.
+ Dies Regiment ist treu.
+ Laßt sie im Hinterhof sich ruhighalten,
+ Sich niemand zeigen, bis Ihr klingeln hört;
+ Dann wird das Haus geschlossen, scharf bewacht,
+ Und jeder, den Ihr antrefft, bleibt verhaftet.
+(Adjutant ab.)
+ Zwar hoff ich, es bedarf nicht ihres Dienstes,
+ Denn meines Kalkuls halt ich mich gewiß.
+ Doch es gilt Kaisers Dienst, das Spiel ist groß,
+ Und besser zu viel Vorsicht als zu wenig.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Octavio Piccolomini. Isolani tritt herein.
+
+
+Isolani.
+ Hier bin ich--Nun! wer kommt noch von den andern?
+
+Octavio. (geheimnisvoll)
+ Vorerst ein Wort mit Euch, Graf Isolani.
+
+Isolani. (geheimnisvoll)
+ Soll's losgehn? Will der Fürst was unternehmen?
+ Mir dürft Ihr trauen. Setzt mich auf die Probe.
+
+Octavio.
+ Das kann geschehn.
+
+Isolani.
+ Herr Bruder, ich bin nicht
+ Von denen, die mit Worten tapfer sind
+ Und, kommt's zur Tat, das Weite schimpflich suchen.
+ Der Herzog hat als Freund an mir getan,
+ Weiß Gott, so ist's! Ich bin ihm alles schuldig.
+ Auf meine Treue kann er baun.
+
+Octavio.
+ Es wird sich zeigen.
+
+Isolani.
+ Nehmt Euch in acht. Nicht alle denken so.
+ Es halten's hier noch viele mit dem Hof
+ Und meinen, daß die Unterschrift von neulich,
+ Die abgestohlne, sie zu nichts verbinde.
+
+Octavio.
+ So? Nennt mir doch die Herren, die das meinen.
+
+Isolani.
+ Zum Henker! Alle Deutschen sprechen so.
+ Auch Esterhazy, Kaunitz, Deodat
+ Erklären jetzt, man müss' dem Hof gehorchen.
+
+Octavio.
+ Das freut micht.
+
+Isolani.
+ Freut Euch?
+
+Octavio.
+ Daß der Kaiser noch
+ So gute Freunde hat und wackre Diener.
+
+Isolani.
+ Spaßt nicht. Es sind nicht eben schlechte Männer.
+
+Octavio.
+ Gewiß nicht. Gott verhüte, daß ich spaße!
+ Sehr ernstlich freut es mich, die gute Sache
+ So stark zu sehn.
+
+Isolani.
+ Was Teufel! Wie ist das?
+ Seid Ihr denn nicht?--Warum bin ich denn hier?
+
+Octavio. (mit Ansehen)
+ Euch zu erklären, rund und nett, ob Ihr
+ Ein Freund wollt heißen oder Feind des Kaisers.
+
+Isolani. (trotzig)
+ Darüber werd ich dem Erklärung geben,
+ Dem's zukommt, diese Frag' an mich zu tun.
+
+Octavio.
+ Ob mir das zukommt, mag dies Blatt Euch lehren.
+ Isolani.
+ Wa--was? Das ist des Kaisers Hand und Siegel.
+(Liest.)
+ "Als werden sämtliche Hauptleute unsrer
+ Armee der Ordre unsers lieben, treuen,
+ Des Generalleutnant Piccolomini,
+ Wie unsrer eignen"--Hum--Ja--So--Ja, ja!
+ Ich--mach Euch meinen Glückwunsch, Generalleutnant.
+
+Octavio.
+ Ihr unterwerft Euch dem Befehl?
+
+Isolani.
+ Ich--aber
+ Ihr überrascht mich auch so schnell--Man wird
+ Mir doch Bedenkzeit, hoff ich--
+
+Octavio.
+ Zwei Minuten.
+
+Isolani.
+ Mein Gott, der Fall ist aber--
+
+Octavio.
+ Klar und einfach.
+ Ihr sollt erklären, ob Ihr Euren Herrn
+ Verraten wollet oder treu ihm dienen.
+
+Isolani.
+ Verrat--Mein Gott--Wer spricht denn von Verrat?
+
+Octavio.
+ Das ist der Fall. Der Fürst ist ein Verräter,
+ Will die Armee zum Feind hinüberführen.
+ Erklärt Euch kurz und gut. Wollt Ihr dem Kaiser
+ Abschwören? Euch dem Feind verkaufen? Wollt Ihr?
+
+Isolani.
+ Was denkt Ihr? Ich des Kaisers Majestät
+ Abschwören? Sagt' ich so? Wann hätt' ich das
+ Gesagt?
+
+Octavio.
+ Noch habt Ihr's nicht gesagt. Noch nicht.
+ Ich warte drauf, ob Ihr es werdet sagen.
+
+Isolani.
+ Nun seht, das ist mir lieb, daß Ihr mir selbst
+ Bezeugt, ich habe so was nicht gesagt.
+
+Octavio.
+ Ihr sagt Euch also von dem Fürsten los?
+
+Isolani.
+ Spinnt er Verrat--Verrat trennt alle Bande.
+
+Octavio.
+ Und seid entschlossen, gegen ihn zu fechten?
+
+Isolani.
+ Er tat mir Gutes--doch wenn er ein Schelm ist,
+ Verdamm' ihn Gott! die Rechnung ist zerrissen.
+
+Octavio.
+ Mich freut's, daß Ihr in gutem Euch gefügt.
+ Heut nacht in aller Stille brecht Ihr auf
+ Mit allen leichten Truppen; es muß scheinen,
+ Als käm' die Ordre von dem Herzog selbst.
+ Zu Frauenberg ist der Versammlungsplatz,
+ Dort gibt Euch Gallas weitere Befehle.
+
+Isolani.
+ Es soll geschehn. Gedenkt mir's aber auch
+ Beim Kaiser, wie bereit Ihr mich gefunden.
+
+Octavio.
+ Ich werd es rühmen.
+(Isolani geht. Es kommt ein Bedienter.)
+ Oberst Buttler? Gut.
+
+Isolani. (zurückkommend)
+ Vergebt mir auch mein barsches Wesen, Alter.
+ Herr Gott! Wie konnt' ich wissen, welch große
+ Person ich vor mir hatte!
+
+Octavio.
+ Laßt das gut sein.
+
+Isolani.
+ Ich bin ein lust'ger alter Knab', und wär'
+ Mir auch ein rasches Wörtlein übern Hof
+ Entschlüpft zuweilen, in der Lust des Weins,
+ Ihr wißt ja, bös war's nicht gemeint.
+(Geht ab.)
+
+Octavio.
+ Macht Euch
+ Darüber keine Sorge!--Das gelang!
+ Glück, sei uns auch so günstig bei den andern!
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Octavio Piccolomini. Buttler.
+
+
+Buttler.
+ Ich bin zu Eurer Ordre, Generalleutnant.
+
+Octavio.
+ Seid mir als werter Gast und Freund willkommen.
+
+Buttler.
+ Zu große Ehr' für mich.
+
+Octavio. (nachdem beide Platz genommen)
+ Ihr habt die Neigung nicht erwidert,
+ Womit ich gestern Euch entgegenkam.
+ Wohl gar als leere Formel sie verkannt.
+ Von Herzen ging mir jener Wunsch, es war
+ Mir Ernst um Euch, denn eine Zeit ist jetzt,
+ Wo sich die Guten eng verbinden sollten.
+
+Buttler.
+ Die Gleichgesinnten können es allein.
+
+Octavio.
+ Und alle Guten nenn ich gleichgesinnt.
+ Dem Menschen bring ich nur die Tat in Rechnung,
+ Wozu ihn ruhig der Charakter treibt;
+ Denn blinder Mißverständnisse Gewalt
+ Drängt oft den Besten aus dem rechten Gleise.
+ Ihr kamt durch Frauenberg. Hat Euch Graf Gallas
+ Nichts anvertraut? Sagt mir's. Er ist mein Freund.
+
+Buttler.
+ Er hat verlorne Worte nur gesprochen.
+
+Octavio.
+ Das hör ich ungern, denn sein Rat war gut.
+ Und einen gleichen hätt' ich Euch zu geben.
+
+Buttler.
+ Spart Euch die Müh--mir die Verlegenheit,
+ So schlecht die gute Meinung zu verdienen.
+
+Octavio.
+ Die Zeit ist teuer, laßt uns offen reden.
+ Ihr wißt, wie hier die Sachen stehn. Der Herzog
+ Sinnt auf Verrat, ich kann Euch mehr noch sagen,
+ Er hat ihn schon vollführt; geschlossen ist
+ Das Bündnis mit dem Feind vor wen'gen Stunden.
+ Nach Prag und Eger reiten schon die Boten,
+ Und morgen will er zu dem Feind uns führen.
+ Doch er betrügt sich, denn die Klugheit wacht,
+ Noch treue Freunde leben hier dem Kaiser,
+ Und mächtig steht ihr unsichtbarer Bund.
+ Dies Manifest erklärt ihn in die Acht,
+ Spricht los das Heer von des Gehorsams Pflichten,
+ Und alle Gutgesinnten ruft es auf,
+ Sich unter meiner Führung zu versammeln.
+ Nun wählt, ob Ihr mit uns die gute Sache,
+ Mit ihm der Bösen böses Los wollt teilen?
+
+Buttler. (steht auf)
+ Sein Los ist meines.
+
+Octavio.
+ Ist das Euer letzter
+ Entschluß?
+
+Buttler.
+ Er ist's.
+
+Octavio.
+ Bedenkt Euch, Oberst Buttler.
+ Noch habt Ihr Zeit. In meiner treuen Brust
+ Begraben bleibt das raschgesprochne Wort.
+ Nehmt es zurück. Wählt eine bessere
+ Partei. Ihr habt die gute nicht ergriffen.
+
+Buttler.
+ Befehlt Ihr sonst nocht etwas, Generalleutnant?
+
+Octavio.
+ Seht Eure weißen Haare! Nehmt's zurück.
+
+Buttler.
+ Lebt wohl!
+
+Octavio.
+ Was? Diesen guten, tapfern Degen
+ Wollt Ihr in solchem Streite ziehen? Wollt
+ In Fluch den Dank verwandeln, den Ihr Euch
+ Durch vierzigjähr'ge Treu verdient um Östreich?
+
+Buttler. (bitter lachend)
+ Dank vom Haus Östreich!
+(Er will gehen.)
+
+Octavio. (läßt ihn bis an die Türe gehen, dann ruft er)
+ Buttler!
+
+Buttler.
+ Was beliebt?
+
+Octavio.
+ Wie war es mit dem Grafen?
+
+Buttler.
+ Grafen! Was?
+
+Octavio.
+ Dem Grafentitel, mein ich.
+
+Buttler. (heftig auffahrend)
+ Tod und Teufel!
+
+Octavio. (kalt)
+ Ihr suchtet darum nach. Man wies Euch ab.
+
+Buttler.
+ Nicht ungestraft sollt Ihr mich höhnen. Zieht!
+
+Octavio.
+ Steckt ein. Sagt ruhig, wie es damit ging. Ich will
+ Genugtuung nachher Euch nicht verweigern.
+
+Buttler.
+ Mag alle Welt doch um die Schwachheit wissen,
+ Die ich mir selbst nie verzeihen kann!
+ --Ja! Generalleutnant, ich besitze Ehrgeiz,
+ Verachtung hab ich nie ertragen können.
+ Es tat mir wehe, daß Geburt und Titel
+ Bei der Armee mehr galten als Verdienst.
+ Nicht schlechter wollt' ich sein als meinesgleichen,
+ So ließ ich mich in unglücksel'ger Stunde
+ Zu jenem Schritt verleiten--Es war Torheit!
+ Doch nicht verdient' ich, sie so hart zu büßen!
+ --Versagen konnte man's--Warum die Weigerung
+ Mit dieser kränkenden Verachtung schärfen,
+ Den alten Mann, den treu bewährten Diener
+ Mit schwerem Hohn zermalmend niederschlagen,
+ An seiner Herkunft Schmach so rauh ihn mahnen,
+ Weil er in schwacher Stunde sich vergaß!
+ Doch einen Stachel gab Natur dem Wurm,
+ Den Willkür übermütig spielend tritt--
+
+Octavio.
+ Ihr müßt verleumdet sein. Vermutet Ihr
+ Den Feind, der Euch den schlimmen Dienst geleistet?
+
+Buttler.
+ Sei's, wer es will! Ein niederträcht'ger Bube,
+ Ein Höfling muß es sein, ein Spanier,
+ Der Junker irgend eines alten Hauses,
+ Dem ich im Licht mag stehn, ein neid'scher Schurke,
+ Den meine selbstverdiente Würde kränkt.
+
+Octavio.
+ Sagt. Billigte der Herzog jenen Schritt?
+
+Buttler.
+ Er trieb mich dazu an, verwendete
+ Sich selbst für micht, mit edler Freundeswärme.
+
+Octavio.
+ So? Wißt ihr das gewiß?
+
+Buttler.
+ Ich las den Brief.
+
+Octavio. (bedeutend)
+ Ich auch--doch anders lautete sein Inhalt.
+(Buttler wird betroffen.)
+ Durch Zufall bin ich im Besitz des Briefs,
+ Kann Euch durch eignen Anblick überführen.
+(Er gibt ihm den Brief.)
+
+Buttler.
+ Ha! was ist das?
+
+Octavio.
+ Ich fürchte, Oberst Buttler,
+ Man hat mit Euch ein schändlich Spiel getrieben.
+ Der Herzog, sagt Ihr, trieb Euch zu dem Schritt?--
+ In diesem Briefe spricht er mit Verachtung
+ Von Euch, rät dem Minister, Euren Dünkel,
+ Wie er ihn nennt, zu züchtigen.
+(Buttler hat den Brief gelesen, seine Knie zittern, er greift nach
+einem Stuhl, setzt sich nieder.)
+ Kein Feind verfolgt Euch. Niemand will Euch übel.
+ Dem Herzog schreibt allein die Kränkung zu,
+ Die ihr empfangen; deutlich ist die Absicht.
+ Losreißen wollt' er Euch von Eurem Kaiser--
+ Von Eurer Rache hofft' er zu erlangen,
+ Was Eure wohlbewährte Treu ihn nimmer
+ Erwarten ließ bei ruhiger Besinnung.
+ Zum blinden Werkzeug wollt' er Euch, zum Mittel,
+ Verworfner Zwecke Euch verächtlich brauchen.
+ Er hat's erreicht. Zu gut nur glückt' es ihm,
+ Euch wegzulocken von dem guten Pfade,
+ Auf dem Ihr vierzig Jahre seid gewandelt.
+
+Buttler. (mit der Stimme bebend)
+ Kann mir des Kaisers Majestät vergeben?
+
+Octavio.
+ Sie tut noch mehr. Sie macht die Kränkung gut,
+ Die unverdient dem Würdigen geschehn.
+ Aus freiem Trieb bestätigt sie die Schenkung,
+ Die Euch der Fürst zu bösem Zweck gemacht.
+ Das Regiment ist Euer, das Ihr führt.
+
+Buttler. (will aufstehen, sinkt zurück. Sein Gemüt arbeitet
+heftig, er versucht zu reden und vermag es nicht. Endlich
+nimmt er den Degen vom Gehänge und reicht ihn dem Piccolomini)
+
+Octavio.
+ Was wollt Ihr? Faßt Euch.
+
+Buttler.
+ Nehmt!
+
+Octavio.
+ Wozu? Besinnt Euch.
+
+Buttler.
+ Nehmt hin! Nicht wert mehr bin ich dieses Degens.
+
+Octavio.
+ Empfangt ihn neu zurück aus meiner Hand
+ Und führt ihn stets mit Ehre für das Recht.
+
+Buttler.
+ Die Treue brach ich solchem gnäd'gen Kaiser!
+
+Octavio.
+ Macht's wieder gut. Schnell trennt Euch von dem Herzog.
+
+Buttler.
+ Mich von ihm trennen!
+
+Octavio.
+ Wie? Bedenkt Ihr Euch?
+
+Buttler. (furchtbar ausbrechend)
+ Nur von ihm trennen? Oh! er soll nicht leben!
+
+Octavio.
+ Folgt mir nach Frauenberg, wo alle Treuen
+ Bei Gallas sich und Altringer versammeln.
+ Viel andre bracht' ich noch zu ihrer Pflicht
+ Zurück, heut nacht entfliehen sie aus Pilsen.
+
+Buttler. (ist heftig bewegt auf und ab gegangen und tritt zu
+Octavio mit entschlossenem Blick)
+ Graf Piccolomini! Darf Euch der Mann
+ Von Ehre sprechen, der die Treue brach?
+
+Octavio.
+ Der darf es, der so ernstlich es bereut.
+
+Buttler.
+ So laßt mich hier, auf Ehrenwort.
+
+Octavio.
+ Was sinnt Ihr?
+
+Buttler.
+ Mit meinem Regimente laßt mich bleiben.
+
+Octavio.
+ Ich darf Euch trauen. Doch sagt mir, was Ihr brütet?
+
+Buttler.
+ Die Tat wird's lehren. Fragt mich jetzt nicht weiter.
+ Traut mir! Ihr könnt's! Bei Gott! Ihr überlasset
+ Ihn seinem guten Engel nicht!--Lebt wohl!
+(Geht ab.)
+
+Bedienter. (bringt ein Billet)
+ Ein Unbekannter bracht's und ging gleich wieder.
+ Des Fürsten Pferde stehen auch schon unten.
+(Ab.)
+
+Octavio. (liest)
+ "Macht, daß Ihr fortkommt. Euer treuer Isolan."
+ --Oh! läge diese Stadt erst hinter mir!
+ So nah dem Hafen sollten wir noch scheitern?
+ Fort! Fort! Hier ist nicht länger Sicherheit
+ Für mich. Wo aber bleibt mein Sohn?
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Beide Piccolomini.
+
+
+Max. (kömmt in der heftigsten Gemütsbewegung, seine Blicke
+rollen wild, sein Gang ist unstet; er scheint den Vater nicht
+zu bemerken, der von ferne steht und ihn mitleidig ansieht.
+Mit großen Schritten geht er durch das Zimmer, bleibt wieder
+stehen und wirft sich zuletzt in einen Stuhl, gerad vor sich
+hin starrend)
+
+Octavio. (nähert sich ihm).
+ Ich reise ab, mein Sohn.
+(Da er keine Antwort erhält, faßt er ihn bei der Hand.)
+ Mein Sohn, leb wohl!
+
+Max.
+ Leb wohl!
+
+Octavio.
+ Du folgst mir doch bald nach?
+
+Max. (ohne ihn anzusehen).
+ Ich dir?
+ Dein Weg ist krumm, er ist der meine nicht.
+(Octavio läßt seine Hand los, fährt zurück.)
+ Oh! wärst du wahr gewesen und gerade,
+ Nie kam es dahin, alles stünde anders!
+ Er hätte nicht das Schreckliche getan,
+ Die Guten hätten Kraft bei ihm behalten,
+ Nicht in der Schlechten Garn wär' er gefallen.
+ Warum so heimlich, hinterlistig lauernd
+ Gleich einem Dieb und Diebeshelfer schleichen?
+ Unsel'ge Falschheit! Mutter alles Bösen!
+ Du jammerbringende, verderbest uns!
+ Wahrhaftigkeit, die reine, hätt' uns alle,
+ Die welterhaltende, gerettet. Vater!
+ Ich kann dich nicht entschuldigen, ich kann's nicht.
+ Der Herzog hat mich hintergangen, schrecklich,
+ Du aber hast viel besser nicht gehandelt.
+
+Octavio.
+ Mein Sohn, ach! ich verzeihe deinem Schmerz.
+
+Max. (steht auf, betrachtet ihn mit zweifelhaften Blicken)
+ Wär's möglich, Vater? Vater? Hättest du's
+ Mit Vorbedacht bis dahin treiben wollen?
+ Du steigst durch seinen Fall. Octavio,
+ Das will mir nicht gefallen.
+
+Octavio.
+ Gott im Himmel!
+
+Max.
+ Weh mir! Ich habe die Natur verändert,
+ Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?
+ Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin,
+ Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.
+ Nein! Nein! Nicht alles! Sie ja lebt mir noch,
+ Und sie ist wahr und lauter wie der Himmel.
+ Betrug ist überall und Heuchelschein
+ Und Mord und Gift und Meineid und Verrat,
+ Der einzig reine Ort ist unsre Liebe,
+ Der unentweihte in der Menschlichkeit.
+
+Octavio.
+ Max! Folg mir lieber gleich, das ist doch besser.
+
+Max.
+ Was? Eh' ich Abschied noch von ihr genommen?
+ Den letzten--Nimmermehr!
+
+Octavio.
+ Erspare dir
+ Die Qual der Trennung, der notwendigen.
+ Komm mit mir! Komm, mein Sohn!
+(Will ihn fortziehn.)
+
+Max.
+ Nein! So wahr Gott lebt!
+
+Octavio. (dringender)
+ Komm mit mir, ich gebiete dir's, dein Vater.
+
+Max.
+ Gebiete mir, was menschlich ist. Ich bleibe.
+
+Octavio.
+ Max! In des Kaisers Namen, folge mir!
+
+Max.
+ Kein Kaiser hat dem Herzen vorzuschreiben.
+ Und willst du mir das einzige noch rauben,
+ Was mir mein Unglück übrigließ, ihr Mitleid?
+ Muß grausam auch das Grausame geschehn?
+ Das Unabänderliche soll ich noch
+ Unedel tun, mit heimlich feiger Flucht,
+ Wie ein Unwürdiger mich von ihr stehlen?
+ Sie soll mein Leiden sehen, meinen Schmerz,
+ Die Klagen hören der zerrißnen Seele
+ Und Tränen um mich weinen--Oh! die Menschen
+ Sind grausam, aber sie ist wie ein Engel.
+ Sie wird von gräßlich wütender Verzweiflung
+ Die Seele retten, diesen Schmerz des Todes
+ Mit sanften Trostesworten klagend lösen.
+
+Octavio.
+ Du reißest dich nicht los, vermagst es nicht.
+ Oh! komm, mein Sohn, und rette deine Tugend!
+
+Max.
+ Verschwende deine Worte nicht vergebens,
+ Dem Herzen folg ich, denn ich darf ihm trauen.
+
+Octavio. (außer Fassung, zitternd)
+ Max! Max! Wenn das Entsetzliche mich trifft,
+ Wenn du--mein Sohn--mein eignes Blut--ich darf's
+ Nicht denken! dich dem Schändlichen verkaufst,
+ Dies Brandmal aufdrückst unsers Hauses Adel,
+ Dann soll die Welt das Schauderhafte sehn,
+ Und von des Vaters Blute triefen soll
+ Des Sohnes Stahl im gräßlichen Gefechte.
+
+Max.
+ Oh! hättest du vom Menschen besser stets
+ Gedacht, du hättest besser auch gehandelt.
+ Fluchwürd'ger Argwohn! Unglücksel'ger Zweife!
+ Es ist ihm Festes nichts und Unverrücktes,
+ Und alles wanket, wo der Glaube fehlt.
+ Octavio.
+ Und trau ich deinem Herzen auch, wird's immer
+ In deiner Macht auch stehen, ihm zu folgen?
+
+Max.
+ Du hast des Herzens Stimme nicht bezwungen,
+ So wenig wird der Herzog es vermögen.
+
+Octavio.
+ Oh! Max, ich seh dich niemals wiederkehren!
+
+Max.
+ Unwürdig deiner wirst du nie mich sehn.
+
+Octavio.
+ Ich geh nach Frauenberg, die Pappenheimer
+ Laß ich dir hier, auch Lothringen, Toscana
+ Und Tiefenbach bleibt da, dich zu bedecken.
+ Sie lieben dich und sind dem Eide treu
+ Und werden lieber tapfer streitend fallen,
+ Als von dem Führer weichen und der Ehre.
+
+Max.
+ Verlaß dich drauf, ich lasse fechtend hier
+ Das Leben oder führe sie aus Pilsen.
+
+Octavio. (aufbrechend)
+ Mein Sohn, leb wohl!
+
+Max.
+ Leb wohl!
+
+Octavio.
+ Wie? Keinen Blick
+ Der Liebe? Keinen Händedruck zum Abschied?
+ Es ist ein blut'ger Krieg, in den wir gehn,
+ Und ungewiß, verhüllt ist der Erfolg.
+ So pflegten wir uns vormals nicht zu trennen.
+ Ist es denn wahr? Ich habe keinen Sohn mehr?
+(Max fällt in seine Arme, sie halten einander lange schweigend
+umfaßt, dann entfernen sie sich nach verschiedenen Seiten.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+Saal bei der Herzogin von Friedland.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Gräfin Terzky. Thekla. Fräulein von Neubrunn. Beide letztern mit
+weiblichen Arbeiten beschäftigt.
+
+
+
+Gräfin.
+ Ihr habt mich nichts zu fragen, Thekla? Gar nichts?
+ Schon lange wart ich auf ein Wort von Euch.
+ Könnt Ihr's ertragen, in so langer Zeit
+ Nicht einmal seinen Namen auszusprechen?
+ Wie? Oder wär' ich jetzt schon überflüssig,
+ Und gäb' es andre Wege als durch mich?
+ Gesteht mir, Nichte. Habt Ihr ihn gesehn?
+
+Thekla.
+ Ich hab ihn heut und gestern nicht gesehn.
+
+Gräfin.
+ Auch nicht von ihm gehört? Verbergt mir nichts.
+
+Thekla.
+ Kein Wort.
+
+Gräfin.
+ Und könnt so ruhig sein!
+
+Thekla.
+ Ich bin's.
+
+Gräfin.
+ Verlaßt uns, Neubrunn.
+(Fräulein von Neubrunn entfernt sich.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Gräfin Thekla.
+
+
+Gräfin.
+ Es gefällt mir nicht,
+ Daß er sich grade jetzt so still verhält.
+
+Thekla.
+ Gerade jetzt!
+
+Gräfin.
+ Nachdem er alles weiß!
+ Denn jetzo war's die Zeit, sich zu erklären.
+
+Thekla.
+ Sprecht deutlicher, wenn ich's verstehen soll.
+
+Gräfin.
+ In dieser Absicht schickt' ich sie hinweg.
+ Ihr seid kein Kind mehr, Thekla. Euer Herz
+ Ist mündig, denn Ihr liebt, und kühner Mut
+ Ist bei der Liebe. Den habt Ihr bewiesen.
+ Ihr artet mehr nach Eures Vaters Geist
+ Als nach der Mutter ihrem. Darum könnt Ihr hören,
+ Was sie nicht fähig ist zu tragen.
+
+Thekla.
+ Ich bitt Euch, endet diese Vorbereitung.
+ Sei's was es sei. Heraus damit! Es kann
+ Mich mehr nicht ängstigen als dieser Eingang.
+ Was habt Ihr mir zu sagen? Faßt es kurz.
+
+Gräfin.
+ Ihr müßt nur nicht erschrecken--
+
+Thekla.
+ Nennt's! Ich bitt Euch.
+
+Gräfin.
+ Es steht bei Euch, dem Vater einen großen Dienst
+ Zu leisten--
+
+Thekla.
+ Bei mir stünde das! Was kann--
+
+Gräfin.
+ Max Piccolomini liebt Euch. Ihr könnt
+ Ihn unauflöslich an den Vater binden.
+
+Thekla.
+ Braucht's dazu meiner? Ist er es nicht schon?
+
+Gräfin.
+ Er war's.
+
+Thekla.
+ Und warum sollt' er's nicht mehr sein,
+ Nicht immer bleiben?
+
+Gräfin.
+ Auch am Kaiser hängt er.
+
+Thekla.
+ Nicht mehr, als Pflicht und Ehre von ihm fordern.
+
+Gräfin.
+ Von seiner Liebe fordert man Beweise,
+ Und nicht von seiner Ehre--Pflicht und Ehre!
+ Das sind vieldeutig doppelsinn'ge Namen,
+ Ihr sollt sie ihm auslegen, seine Liebe
+ Soll seine Ehre ihm erklären.
+
+Thekla.
+ Wie?
+
+Gräfin.
+ Er soll dem Kaiser oder Euch entsagen.
+
+Thekla.
+ Er wird den Vater gern in den Privatstand
+ Begleiten. Ihr vernahmt es von ihm selbst,
+ Wie sehr er wünscht, die Waffen wegzulegen.
+
+Gräfin.
+ Er soll sie nicht weglegen, ist die Meinung,
+ Er soll sie für den Vater ziehn.
+
+Thekla.
+ Sein Blut,
+ Sein Leben wird er für den Vater freudig
+ Verwenden, wenn ihm Unglimpf widerführe.
+
+Gräfin.
+ Ihr wollt mich nicht erraten--Nun so hört.
+ Der Vater ist vom Kaiser abgefallen,
+ Steht im Begriff, sich zu dem Feind zu schlagen
+ Mitsamt dem ganzen Heer--
+
+Thekla.
+ O meine Mutter!
+
+Gräfin.
+ Es braucht ein großes Beispiel, die Armee
+ Ihm nachzuziehn. Die Piccolomini
+ Stehn bei dem Heer in Ansehn, sie beherrschen
+ Die Meinung, und entscheidend ist ihr Vorgang.
+ Des Vaters sind wir sicher durch den Sohn--
+ --Ihr habt jetzt viel in Eurer Hand.
+
+Thekla.
+ O jammervolle Mutter! Welcher Streich des Todes
+ Erwartet dich!--Sie wird's nicht überleben.
+
+Gräfin.
+ Sie wird in das Notwendige sich fügen.
+ Ich kenne sie--Das Ferne, Künftige beängstigt
+ Ihr fürchtend Herz; was unabänderlich
+ Und wirklich da ist, trägt sie mit Ergebung.
+
+Thekla.
+ O meine ahnungsvolle Seele--Jetzt--
+ Jetzt ist sie da, die kalte Schreckenshand,
+ Die in mein fröhlich Hoffen schaudernd greift.
+ Ich wußt' es wohl--O gleich, als ich hier eintrat,
+ Weissagte mir's das bange Vorgefühl,
+ Daß über mir die Unglückssterne stünden--
+ Doch warum denk ich jetzt zuerst an mich--
+ O meine Mutter! meinen Mutter!
+
+Gräfin.
+ Faßt Euch.
+ Brecht nicht in eitle Klagen aus. Erhaltet
+ Dem Vater einen Freund, Euch den Geliebten,
+ So kann noch alles gut und glücklich werden.
+
+Thekla.
+ Gut werden! Was? Wir sind getrennt auf immer!--
+ Ach, davon ist nun gar nicht mehr die Rede.
+
+Gräfin.
+ Er läßt Euch nicht! Er kann nicht von Euch lassen.
+
+Thekla.
+ O der Unglückliche!
+
+Gräfin.
+ Wenn er Euch wirklich liebt, wird sein Entschluß
+ Geschwind gefaßt sein.
+
+Thekla.
+ Sein Entschluß wird bald
+ Gefaßt sein, daran zweifelt nicht. Entschluß!
+ Ist hier noch ein Entschluß?
+
+Gräfin.
+ Faßt euch. Ich höre
+ Die Mutter nahn.
+
+Thekla.
+ Wie werd ich ihren Anblick
+ Ertragen!
+
+Gräfin.
+ Faßt Euch.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Die Herzogin. Vorige.
+
+
+Herzogin. (zur Gräfin)
+ Schwester! Wer war hier?
+ Ich hörte lebhaft reden.
+
+Gräfin.
+ Es war niemand.
+ Herzogin.
+ Ich bin so schreckhaft. Jedes Rauschen kündigt mir
+ Den Fußtritt eines Unglücksboten an.
+ Könnt Ihr mir sagen, Schwester, wie es steht?
+ Wird er dem Kaiser seinen Willen tun,
+ Dem Kardinal die Reiter senden? Sprecht,
+ Hat er den Questenberg mit einer guten
+ Antwort entlassen?
+
+Gräfin.
+ --Nein, das hat er nicht.
+
+Herzogin.
+ O dann ist's aus! Ich seh das Ärgste kommen.
+ Sie werden ihn absetzen, es wird alles wieder
+ So werden wie zu Regenspurg.
+
+Gräfin.
+ So wird's
+ Nicht werden. Diesmal nicht. Dafür seid ruhig.
+(Thekla, heftig bewegt, stürzt auf die Mutter zu und schließt sie
+weinend in die Arme.)
+
+Herzogin.
+ O der unbeugsam unbezähmte Mann!
+ Was hab ich nicht getragen und gelitten
+ In dieser Ehe unglücksvollem Bund!
+ Denn gleich wie an ein feurig Rad gefesselt,
+ Das rastlos eilend, ewig, heftig treibt,
+ Bracht' ich ein angstvoll Leben mit ihm zu,
+ Und stets an eines Abgrunds jähem Rande
+ Sturzdrohend, schwindelnd riß er mich dahin.
+ --Nein, weine nicht, mein Kind. Laß dir mein Leiden
+ Zu keiner bösen Vorbedeutung werden,
+ Den Stand, der dich erwartet, nicht verleiden.
+ Es lebt kein zweiter Friedland; du, mein Kind,
+ Hast deiner Mutter Schicksal nicht zu fürchten.
+
+Thekla.
+ O lassen Sie uns fliehen, liebe Mutter!
+ Schnell! Schnell! Hier ist kein Aufenthalt für uns.
+ Jedwede nächste Stunde brütet irgend
+ Ein neues, ungeheures Schreckbild aus!
+
+Herzogin.
+ Dir wird ein ruhigeres Los!--Auch wir,
+ Ich und dein Vater, sahen schöne Tage;
+ Der ersten Jahre denk ich noch mit Lust.
+ Da war er noch der fröhlich Strebende,
+ Sein Ehrgeiz war ein mild erwärmend Feuer,
+ Noch nicht die Flamme, die verzehrend rast.
+ Der Kaiser liebte ihn, vertraute ihm,
+ Und was er anfing, das mußt' ihm geraten.
+ Doch seit dem Unglückstag zu Regenspurg,
+ Der ihn von seiner Höh' herunterstürzte,
+ Ist ein unsteter, ungesell'ger Geist
+ Argwöhnisch, finster über ihn gekommen.
+ Ihn floh die Ruhe, und dem alten Glück,
+ Der eignen Kraft nicht fröhlich mehr vertrauend,
+ Wandt' er sein Herz den dunkeln Künsten zu,
+ Die keinen, der sie pflegte, noch beglückt.
+
+Gräfin.
+ Ihr seht's mit Euren Augen--Aber ist
+ Das ein Gespräch, womit wir ihn erwarten?
+ Er wird bald hier sein, wißt Ihr. Soll er sie
+ In diesem Zustand finden?
+
+Herzogin.
+ Komm, mein Kind.
+ Wisch deine Tränen ab. Zeig deinem Vater
+ Ein heitres Antlitz--Sieh, die Schleife hier
+ Ist los--Dies Haar muß aufgebunden werden.
+ Komm, trockne deine Tränen. Sie entstellen
+ Dein holdes Auge--Was ich sagen wollte?
+ Ja, dieser Piccolomini ist doch
+ Ein würd'ger Edelmann und voll Verdienst.
+
+Gräfin.
+ Das ist er, Schwester.
+
+Thekla. (zur Gräfin, beängstigt.)
+ Tante, wollt Ihr mich
+ Entschuldigen?
+(Will gehen.)
+
+Gräfin.
+ Wohin? Der Vater kommt.
+
+Thekla.
+ Ich kann ihn jetzt nicht sehn.
+
+Gräfin.
+ Er wird Euch aber
+ Vermissen, nach Euch fragen.
+
+Herzogin.
+ Warum geht sie?
+
+Thekla.
+ Es ist mir unerträglich, ihn zu sehn.
+
+Gräfin. (zur Herzogin).
+ Ihr ist nicht wohl.
+
+Herzogin. (besorgt)
+ Was fehlt dem lieben Kinde?
+(Beide folgen dem Fräulein und sind beschäftigt, sie zurückzuhalten.
+Wallenstein erscheint, im Gespräch mit Illo.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Wallenstein. Illo. Vorige.
+
+
+Wallenstein.
+ Es ist noch still im Lager?
+
+Illo.
+ Alles still.
+
+Wallenstein.
+ In wenig Stunden kann die Nachricht da sein
+ Aus Prag, daß diese Hauptstadt unser ist.
+ Dann können wir die Maske von uns werfen,
+ Den hiesigen Truppen den getanen Schritt
+ Zugleich mit dem Erfolg zu wissen tun.
+ In solchen Fällen tut das Beispiel alles.
+ Der Mensch ist ein nachahmendes Geschöpf,
+ Und wer der Vorderste ist, führt die Herde.
+ Die Prager Truppen wissen es nicht anders,
+ Als daß die Pilsner Völker uns gehuldigt,
+ Und hier in Pilsen sollen sie uns schwören,
+ Weil man zu Prag das Beispiel hat gegeben.
+ --Der Butler, sagst du, hat sich nun erklärt?
+
+Illo.
+ Aus freiem Trieb, unaufgefordert kam er,
+ Sich selbst, sein Regiment dir anzubieten.
+
+Wallenstein.
+ Nicht jeder Stimme, find ich, ist zu glauben,
+ Die warnend sich im Herzen läßt vernehmen.
+ Uns zu berücken, borgt der Lügengeist
+ Nachahmend oft die Stimme von der Wahrheit
+ Und streut betrügliche Orakel aus.
+ So hab ich diesem würdig braven Mann,
+ Dem Butler, stilles Unrecht abzubitten;
+ Denn ein Gefühl, des ich nicht Meister bin,
+ Furcht möcht' ich's nicht gern nennen, überschleicht
+ In seiner Nähe schaudernd mir die Sinne
+ Und hemmt der Liebe freudige Bewegung.
+ Und dieser Redliche, vor dem der Geist
+ Mich warnt, reicht mir das erste Pfand des Glücks.
+
+Illo.
+ Und sein geachtet Beispiel, zweifle nicht,
+ Wird dir die Besten in dem Heer gewinnen.
+
+Wallenstein.
+ Jetzt geh und schick mir gleich den Isolan
+ Hieher, ich hab ihn mir noch jüngst verpflichtet.
+ Mit ihm will ich den Anfang machen. Geh!
+(Illo geht hinaus, unterdessen sind die übrigen wieder vorwärts
+gekommen.)
+
+Wallenstein.
+ Sieh da, die Mutter mit der lieben Tochter!
+ Wir wollen einmal von Geschäften ruhn--
+ Kommt! Mich verlangte, eine heitre Stunde
+ Im lieben Kreis der Meinen zu verleben.
+
+Gräfin.
+ Wir waren lang nicht so beisammen, Bruder.
+
+Wallenstein. (beiseite, zur Gräfin)
+ Kann sie's vernehmen? Ist sie vorbereitet?
+
+Gräfin.
+ Noch nicht.
+
+Wallenstein.
+ Komm her, mein Mädchen. Setz dich zu mir.
+ Es ist ein guter Geist auf deinen Lippen,
+ Die Mutter hat mir deine Fertigkeit
+ Gepriesen, es soll eine zarte Stimme
+ Des Wohllauts in dir wohnen, die die Seele
+ Bezaubert. Eine solche Stimme brauch
+ Ich jetzt, den bösen Dämon zu vertreiben,
+ Der um mein Haupt die schwarzen Flügel schlägt.
+
+Herzogin.
+ Wo hast du deine Zither, Thekla? Komm.
+ Laß deinem Vater eine Probe hören
+ Von deiner Kunst.
+
+Thekla.
+ O meine Mutter! Gott!
+
+Herzogin.
+ Komm, Thekla, und erfreue deinen Vater.
+
+Thekla.
+ Ich kann nicht, Mutter--
+
+Gräfin.
+ Wie? Was ist das, Nichte!
+
+Thekla. (zur Gräfin)
+ Verschont mich--Singen--jetzt--in dieser Angst
+ Der schwer beladnen Seele--vor ihn singen--
+ Der meine Mutter stürzt ins Grab!
+
+Herzogin.
+ Wie, Thekla, Launen? Soll dein güt'ger Vater
+ Vergeblich einen Wunsch geäußert haben?
+
+Gräfin.
+ Hier ist die Zither.
+
+Thekla.
+ O mein Gott--Wie kann ich--
+(Hält das Instrument mit zitternder Hand, ihre Seele arbeitet
+im heftigsten Kampf, und im Augenblick, da sie anfangen soll,
+zu singen, schaudert sie zusammen, wirft das Instrument weg und
+geht schnell ab.)
+
+Herzogin.
+ Mein Kind--o sie ist krank!
+ Wallenstein.
+ Was ist dem Mädchen? Pflegt sie so zu sein?
+
+Gräfin.
+ Nun weil sie es denn selbst verrät, so will
+ Auch ich nicht länger schweigen.
+
+Wallenstein.
+ Wie?
+
+Gräfin.
+ Sie liebt ihn.
+
+Wallenstein.
+ Liebt! Wen?
+
+Gräfin.
+ Den Piccolomini liebt sie.
+ Hast du es nicht bemerkt? Die Schwester auch nicht?
+
+Herzogin.
+ O war es dies, was ihr das Herz beklemmte?
+ Gott segne dich, mein Kind! Du darfst
+ Dich deiner Wahl nicht schämen.
+
+Gräfin.
+ Diese Reise--
+ Wenn's deine Absicht nicht gewesen, schreib's
+ Dir selber zu. Du hättest einen andern
+ Begleiter wählen sollen!
+
+Wallenstein.
+ Weiß er's?
+
+Gräfin.
+ Er hofft sie zu besitzen.
+
+Wallenstein.
+ Hofft
+ Sie zu besitzen--Ist der Junge toll?
+
+Gräfin.
+ Nun mag sie's selber hören!
+
+Wallenstein.
+ Die Friedländerin
+ Denkt er davonzutragen? Nun! Der Einfall
+ Gefällt mir! Die Gedanken stehen ihm nicht niedrig.
+
+Gräfin.
+ Weil du so viele Gunst ihm stets bezeugt,
+ So--
+
+Wallenstein.
+ --Will er mich auch endlich noch beerben.
+ Nun ja! Ich lieb ihn, halt ihn wert; was aber
+ Hat das mit meiner Tochter Hand zu schaffen?
+ Sind es die Töchter, sind's die einz'gen Kinder,
+ Womit man seine Gunst bezeugt?
+
+Herzogin.
+ Sein adeliger Sinn und seine Sitten--
+
+Wallenstein.
+ Erwerben ihm mein Herz, nicht meine Tochter.
+
+Herzogin.
+ Sein Stand und seine Ahnen--
+
+Wallenstein.
+ Ahnen! Was!
+ Er ist ein Untertan, und meinen Eidam
+ Will ich mir auf Europens Thronen suchen.
+
+Herzogin.
+ O lieber Herzog! Streben wir nicht allzuhoch
+ Hinauf, daß wir zu tief nicht fallen mögen.
+
+Wallenstein.
+ Ließ ich mir's so viel kosten, in die Höh'
+ Zu kommen, über die gemeinen Häupter
+ Der Menschen weg zu ragen, um zuletzt
+ Die große Lebensrolle mit gemeiner
+ Verwandtschaft zu beschließen?--Hab ich darum--
+(Plötzlich hält er inne, sich fassend.)
+ Sie ist das einzige, was von mir nachbleibt
+ Auf Erden; eine Krone will ich sehn
+ Auf ihrem Haupte, oder will nicht leben.
+ Was? Alles--Alles! setz ich dran, um sie
+ Recht groß zu machen--ja in der Minute,
+ Worin wir sprechen--
+(Er besinnt sich.)
+ Und ich sollte nun,
+ Wie ein weichherz'ger Vater, was sich gern hat
+ Und liebt, fein bürgerlich zusammengeben?
+ Und jetzt soll ich das tun, jetzt eben, da ich
+ Auf mein vollendet Werk den Kranz will setzen--
+ Nein, sie ist mir ein langgespartes Kleinod,
+ Die höchste, letzte Münze meines Schatzes,
+ Nicht niedriger fürwahr gedenk ich sie
+ Als um ein Königszepter loszuschlagen--
+
+Herzogin.
+ O mein Gemahl! Sie bauen immer, bauen
+ Bis in die Wolken, bauen fort und fort
+ Und denken nicht dran, daß der schmale Grund
+ Das schwindelnd schwanke Werk nicht tragen kann.
+
+Wallenstein. (zur Gräfin)
+ Hast du ihr angekündigt, welchen Wohnsitz
+ Ich ihr bestimmt?
+
+Gräfin.
+ Noch nicht. Entdeckt's ihr selbst.
+
+Herzogin.
+ Wie? Gehen wir nach Kärnten nicht zurück?
+
+Wallenstein.
+ Nein.
+
+Herzogin.
+ Oder sonst auf keines Ihrer Güter?
+
+Wallenstein.
+ Sie würden dort nicht sicher sein.
+
+Herzogin.
+ Nicht sicher
+ In Kaisers Landen, unter Kaisers Schutz?
+
+Wallenstein.
+ Den hat des Friedlands Gattin nicht zu hoffen.
+
+Herzogin.
+ O Gott, bis dahin haben Sie's gebracht?
+
+Wallenstein.
+ In Holland werden Sie Schutz finden.
+
+Herzogin.
+ Was?
+ Sie senden uns in lutherischen Länder?
+
+Wallenstein.
+ Der Herzog Franz von Lauenburg wird Ihr
+ Geleitsmann dahin sein.
+
+Herzogin.
+ Der Lauenburger?
+ Der's mit dem Schweden hält, des Kaisers Feind?
+
+Wallenstein.
+ Des Kaisers Feinde sind die meinen nicht mehr.
+
+Herzogin. (sieht den Herzog und die Gräfin schreckensvoll an)
+ Ist's also wahr? Es ist? Sie sind
+ gestürzt? Sind vom Kommando abgesetzt? O Gott
+ Im Himmel!
+
+Gräfin. (seitwärts zum Herzog)
+ Lassen wir sie bei dem Glauben.
+ Du siehst, daß sie die Wahrheit nicht ertrüge.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Graf Terzky. Vorige.
+
+
+Gräfin.
+ Terzky! Was ist ihm? Welches Bild des Schreckens!
+ Als hätt' er ein Gespenst gesehn!
+
+Terzky. (Wallenstein bei Seite führend, heimlich)
+ Ist's dein Befehl, daß die Kroaten reiten?
+
+Wallenstein.
+ Ich weiß von nichts.
+
+Terzky.
+ Wir sind verraten!
+
+Wallenstein.
+ Was?
+
+Terzky.
+ Sie sind davon, heut nacht, die Jäger auch,
+ Leer stehen alle Dörfer in der Runde.
+
+Wallenstein.
+ Und Isolan?
+
+Terzky.
+ Den hast du ja verschickt.
+
+Wallenstein.
+ Ich?
+
+Terzky.
+ Nicht? Du hast ihn nicht verschickt? Auch nicht
+ Den Deodat? Sie sind verschwunden beide.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Illo. Vorige.
+
+
+Illo.
+ Hat dir der Terzky--
+
+Terzky.
+ Er weiß alles.
+
+Illo.
+ Auch daß Maradas, Esterhazy, Götz,
+ Colalto, Kaunitz dich verlassen?--
+
+Terzky.
+ Teufel!
+
+Wallenstein. (winkt)
+ Still!
+
+Gräfin. (hat sie von weitem ängstlich beobachtet, tritt hinzu)
+ Terzky! Gott! Was gibt's? Was ist geschehen?
+
+Wallenstein. (im Begriff aufzubrechen)
+ Nichts! Laßt uns gehen.
+
+Terzky. (will ihm folgen)
+ Es ist nichts, Therese.
+
+Gräfin. (hält ihn).
+ Nichts? Seh ich nicht, daß alles Lebensblut
+ Aus euren geisterbleichen Wangen wich,
+ Daß selbst der Bruder Fassung nur erkünstelt?
+
+Page. (kommt)
+ Ein Adjutant fragt nach dem Grafen Terzky.
+(Ab. Terzky folgt dem Pagen.)
+
+Wallenstein.
+ Hör, was er bringt--
+(Zu Illo.)
+ Das konnte nicht so heimlich
+ Geschehen ohne Meuterei--Wer hat
+ Die Wache an den Toren?
+
+Illo.
+ Tiefenbach.
+
+Wallenstein.
+ Laß Tiefenbach ablösen unverzüglich
+ Und Terzkys Grenadiere aufziehn.--Höre!
+ Hast du von Buttlern Kundschaft?
+
+Illo.
+ Buttlern traf ich.
+ Gleich ist er selber hier. Der hält dir fest.
+(Illo geht. Wallenstein will ihm folgen.)
+
+Gräfin.
+ Laß ihn nicht von dir, Schwester! Halt ihn auf--
+ Es ist ein Unglück--
+
+Herzogin.
+ Großer Gott! Was ist's?
+(Hängt sich an ihn.)
+
+Wallenstein. (erwehrt sich ihrer).
+ Seid ruhig! Laßt mich! Schwester! liebes Weib,
+ Wir sind im Lager! Da ist's nun nicht anders,
+ Da wechseln Sturm und Sonnenschein geschwind,
+ Schwer lenken sich die heftigen Gemüter,
+ Und Ruhe nie beglückt des Führers Haupt--
+ Wenn ich soll bleiben, geht! Denn übel stimmt
+ Der Weiber Klage zu dem Tun der Männer.
+(Er will gehen. Terzky kömmt zurück.)
+
+Terzky.
+ Bleib hier. Von diesem Fenster muß man's sehn.
+
+Wallenstein. (zur Gräfin)
+ Geht, Schwester!
+
+Gräfin.
+ Nimmermehr!
+
+Wallenstein.
+ Ich will's.
+
+Terzky. (führt sie beiseite, mit einem bedeutenden Wink auf die Herzogin)
+ Therese!
+
+Herzogin.
+ Komm, Schwester, weil er es befiehlt.
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Wallenstein. Graf Terzky.
+
+
+Wallenstein. (ans Fenster tretend)
+ Was gibt's denn?
+
+Terzky.
+ Es ist ein Rennen und Zusammenlaufen
+ Bei allen Truppen. Niemand weiß die Ursach,
+ Geheimnisvoll, mit einer finstern Stille,
+ Stellt jedes Korps sich unter seine Fahnen,
+ Die Tiefenbacher machen böse Mienen,
+ Nur die Wallonen stehen abgesondert
+ In ihrem Lager, lassen niemand zu
+ Und halten sich gesetzt, so wie sie pflegen.
+
+Wallenstein.
+ Zeigt Piccolomini sich unter ihnen?
+
+Terzky.
+ Man sucht ihn, er ist nirgends anzutreffen.
+ Wallenstein.
+ Was überbrachte denn der Adjutant?
+
+Terzky.
+ Ihn schickten meine Regimenter ab,
+ Sie schwören nochmals Treue dir, erwarten
+ Voll Kriegeslust den Aufruf zum Gefechte.
+
+Wallenstein.
+ Wie aber kam der Lärmen in das Lager?
+ Es sollte ja dem Heer verschwiegen bleiben,
+ Bis sich zu Prag das Glück für uns entschieden.
+
+Terzky.
+ O daß du mir geglaubt! Noch gestern Abends
+ Beschwuren wir dich, den Octavio,
+ Den Schleicher, aus den Toren nicht zu lassen,
+ Du gabst die Pferde selber ihm zur Flucht--
+
+Wallenstein.
+ Das alte Lied! Einmal für allemal,
+ Nichts mehr von diesem törichten Verdacht!
+
+Terzky.
+ Dem Isolani hast du auch getraut,
+ Und war der erste doch, der dich verließ.
+
+Wallenstein.
+ Ich zog ihn gestern erst aus seinem Elend.
+ Fahr hin! Ich hab auf Dank ja nie gerechnet.
+
+Terzky.
+ Und so sind alle, einer wie der andre.
+
+Wallenstein.
+ Und tut er Unrecht, daß er von mir geht?
+ Er folgt dem Gott, dem er sein Lebenlang
+ Am Spieltisch hat gedient. Mit meinem Glücke
+ Schloß er den Bund und bricht ihn, nicht mit mir.
+ War ich ihm was, er mir? Das Schiff nur bin ich,
+ Auf das er seine Hoffnung hat geladen,
+ Mit dem er wohlgemut das freie Meer
+ Durchsegelte; er sieht es über Klippen
+ Gefährlich gehn und rettet schnell die Ware.
+ Leicht wie der Vogel von dem wirtbarn Zweige,
+ Wo er genistet, fliegt er von mir auf,
+ Kein menschlich Band ist unter uns zerrissen.
+ Ja, der verdient, betrogen sich zu sehn,
+ Der Herz gesucht bei dem Gedankenlosen!
+ Mit schnell verlöschten Zügen schreiben sich
+ Des Lebens Bilder auf die glatte Stirne,
+ Nichts fällt in eines Busen stillen Grund,
+ Ein muntrer Sinn bewegt die leichten Säfte,
+ Doch keine Seele wärmt das Eingeweide.
+
+Terzky.
+ Doch möcht' ich mich den glatten Stirnen lieber
+ Als jenen tiefgefurchten anvertrauen.
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky. Illo kömmt wütend.
+
+
+Illo.
+ Verrat und Meuterei!
+
+Terzky.
+ Ha! was nun wieder?
+
+Illo.
+ Die Tiefenbacher, als ich Ordre gab,
+ Sie abzulösen--Pflichtvergeßne Schelmen!
+
+Terzky.
+ Nun?
+
+Wallenstein.
+ Was denn?
+
+Illo.
+ Sie verweigern den Gehorsam.
+
+Terzky.
+ So laß sie niederschießen! O gib Ordre!
+
+Wallenstein.
+ Gelassen! Welche Ursach geben sie?
+
+Illo.
+ Kein andrer sonst hab ihnen zu befehlen
+ Als Generalleutnant Piccolomini.
+
+Wallenstein.
+ Was--Wie ist das?
+
+Illo.
+ So hab er's hinterlassen
+ Und eigenhändig vorgezeigt vom Kaiser.
+
+Terzky.
+ Vom Kaiser--Hörst du's, Fürst!
+
+Illo.
+ Auf seinen Antrieb
+ Sind gestern auch die Obersten entwichen.
+
+Terzky.
+ Hörst du's!
+
+Illo.
+ Auch Montecuculi, Caraffa
+ Und noch sechs andre Generale werden
+ Vermißt, die er bered't hat, ihm zu folgen.
+ Das hab er alles schon seit lange schriftlich
+ Bei sich gehabt vom Kaiser und noch jüngst
+ Erst abgeredet mit dem Questenberger.
+(Wallenstein sinkt auf einen Stuhl und verhüllt sich das Gesicht.)
+
+Terzky.
+ O hättest du mir doch geglaubt!
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Gräfin. Vorige.
+
+
+Gräfin.
+ Ich kann die Angst--ich kann's nicht länger tragen,
+ Um Gotteswillen, sagt mir, was es ist.
+
+Illo.
+ Die Regimenter fallen von uns ab.
+ Graf Piccolomini ist ein Verräter.
+
+Gräfin.
+ O meine Ahnung!
+(Stürzt aus dem Zimmer.)
+
+Terzky.
+ Hätt' man mir geglaubt!
+ Da siehst du's, wie die Sterne dir gelogen!
+
+Wallenstein. (richtet sich auf)
+ Die Sterne lügen nicht, das aber ist
+ Geschehen wider Sternenlauf und Schicksal.
+ Die Kunst ist redlich, doch dies falsche Herz
+ Bringt Lug und Trug in den wahrhaft'gen Himmel.
+ Nur auf der Wahrheit ruht die Wahrsagung;
+ Wo die Natur aus ihren Grenzen wanket,
+ Da irret alle Wissenschaft. War es
+ Ein Aberglaube, menschliche Gestalt
+ Durch keinen solchen Argwohn zu entehren,
+ O nimmer schäm ich dieser Schwachheit mich!
+ Religion ist in der Tiere Trieb,
+ Es trinkt der Wilde selbst nicht mit dem Opfer,
+ Dem er das Schwert will in den Busen stoßen.
+ Das war kein Heldenstück, Octavio!
+ Nicht deine Klugheit siegte über meine,
+ Dein schlechtes Herz hat über mein gerades
+ Den schändlichen Triumph davongetragen.
+ Kein Schild fing deinen Mordstreich auf, du führtest
+ Ihn ruchlos auf die unbeschützte Brust,
+ Ein Kind nur bin ich gegen solche Waffen.
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Vorige. Buttler.
+
+
+Terzky.
+ O sieh da! Buttler! Das ist noch ein Freund!
+ Wallenstein
+(geht ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und umfaßt ihn
+mit Herzlichkeit)
+ Komm an mein Herz, du alter Kriegsgefährt'!
+ So wohl tut nicht der Sonne Blick im Lenz
+ Als Freundes Angesicht in solcher Stunde.
+
+Buttler.
+ Mein General--Ich komme--
+
+Wallenstein. (sich auf seine Schultern lehnend)
+ Weißt du's schon?
+ Der Alte hat dem Kaiser mich verraten.
+ Was sagst du? Dreißig Jahre haben wir
+ Zusammen ausgelebt und ausgehalten.
+ In einem Feldbett haben wir geschlafen,
+ Aus einem Glas getrunken, einen Bissen
+ Geteilt, ich stützte mich auf ihn, wie ich
+ Auf deine treue Schulter jetzt mich stütze;
+ Und in dem Augenblick, da liebevoll
+ Vertrauend meine Brust an seiner schlägt,
+ Ersieht er sich den Vorteil, sticht das Messer
+ Mir listig lauernd, langsam in das Herz!
+(Er verbirgt das Gesicht an Buttlers Brust.)
+
+Buttler.
+ Vergeßt den Falschen. Sagt, was wollt Ihr tun?
+
+Wallenstein.
+ Wohl, wohl gesprochen. Fahre hin! Ich bin
+ Noch immer reich an Freunden, bin ich nicht?
+ Das Schicksal liebt mich noch, denn eben jetzt,
+ Da es des Heuchlers Tücke mir entlarvt,
+ Hat es ein treues Herz mir zugesendet.
+ Nichts mehr von ihm. Denkt nicht, daß sein Verlust
+ Mich schmerze, oh! mich schmerzt nur der Betrug.
+ Denn wert und teur waren mir die beiden,
+ Und jener Max, er liebte mich wahrhaftig,
+ Er hat mich nicht getäuscht, er nicht--Genug,
+ Genug davon! Jetzt gilt es schnellen Rat--
+ Der Reitende, den mir Graf Kinsky schickt
+ Aus Prag, kann jeden Augenblick erscheinen.
+ Was er auch bringen mag, er darf den Meutern
+ Nicht in die Hände fallen. Drum geschwind,
+ Schickt einen sichern Boten ihm entgegen,
+ Der auf geheimem Weg ihn zu mir führe.
+(Illo will gehen.)
+
+Buttler. (hält ihn zurück)
+ Mein Feldherr, wen erwartet Ihr?
+
+Wallenstein.
+ Den Eilenden, der mir die Nachricht bringt,
+ Wie es mit Prag gelungen.
+
+Buttler.
+ Hum!
+
+Wallenstein.
+ Was ist Euch?
+
+Buttler.
+ So wißt Ihr's nicht?
+
+Wallenstein.
+ Was denn?
+
+Buttler.
+ Wie dieser Lärmer
+ Ins Lager kam?--
+
+Wallenstein.
+ Wie?
+
+Buttler.
+ Jener Bote--
+
+Wallenstein. (erwartungsvoll)
+ Nun?
+
+Buttler.
+ Er ist herein.
+
+Terzky und Illo.
+ Er ist herein?
+
+Wallenstein.
+ Mein Bote?
+
+Buttler.
+ Seit mehrern Stunden.
+
+Wallenstein.
+ Und ich weiß es nicht?
+
+Buttler.
+ Die Wache fing ihn auf.
+
+Illo. (stampft mit dem Fuß)
+ Verdammt!
+
+Buttler.
+ Sein Brief
+ Ist aufgebrochen, läuft durchs ganze Lager--
+
+Wallenstein. (gespannt)
+ Ihr wißt, was er enthält?
+
+Buttler. (bedenklich)
+ Befragt mich nicht!
+
+Terzky.
+ Oh--Weh uns, Illo! Alles stürzt zusammen!
+
+Wallenstein.
+ Verhehlt mir nichts. Ich kann das Schlimmste hören.
+ Prag ist verloren? Ist's? Gesteht mir's frei.
+
+Buttler.
+ Es ist verloren. Alle Regimenter
+ Zu Budweis, Tabor, Braunau, Königingrätz,
+ Zu Brünn und Znaym haben Euch verlassen,
+ Dem Kaiser neu gehuldigt--Ihr selbst
+ Mit Kinsky, Terzky, Illo seid geächtet.
+(Terzky und Illo zeigen Schrecken und Wut. Wallenstein bleibt
+fest und gefaßt stehen.)
+
+Wallenstein. (nach einer Pause)
+ Es ist entschieden, nun ist's gut--und schnell
+ Bin ich geheilt von allen Zweifelsqualen,
+ Die Brust ist wieder frei, der Geist ist hell:
+ Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen.
+ Mit zögerndem Entschluß, mit wankendem Gemüt
+ Zog ich das Schwert, ich tat's mit Widerstreben,
+ Da es in meine Wahl noch war gegeben!
+ Notwendigkeit ist da, der Zweifel flieht,
+ Jetzt fecht ich für mein Haupt und für mein Leben.
+(Er geht ab. Die andern folgen.)
+
+
+
+Elfter Auftritt
+
+
+Gräfin Terzky. (kommt aus dem Seitenzimmer)
+ Nein! Ich kann's länger nicht--Wo sind sie? Alles
+ Ist leer. Sie lassen mich allein--allein
+ In dieser fürchterlichen Angst--Ich muß
+ Mich zwingen vor der Schwester, ruhig scheinen
+ Und alle Qualen der bedrängten Brust
+ In mir verschließen--Das ertrag ich nicht!
+ --Wenn es uns fehlschlägt, wenn er zu dem Schweden
+ Mit leerer Hand, als Flüchtling, müßte kommen,
+ Nicht als geehrter Bundesgenosse, stattlich,
+ Gefolgt von eines Heeres Macht--Wenn wir
+ Von Land zu Land wie der Pfalzgraf müßten wandern,
+ Ein schmählich Denkmal der gefallnen Größe--
+ Nein, diesen Tag will ich nicht schaun! und könnt'
+ Er selbst es auch ertragen, so zu sinken,
+ Ich trüg's nicht, so gesunken ihn zu sehn.
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+Gräfin. Herzogin. Thekla.
+
+
+Thekla. (will die Herzogin zurückhalten)
+ O liebe Mutter, bleiben Sie zurück!
+
+Herzogin.
+ Nein, hier ist noch ein schreckliches Geheimnis,
+ Das mir verhehlt wird--Warum meidet mich
+ Die Schwester? Warum seh ich sie voll Angst
+ Umhergetrieben, warum dich voll Schrecken?
+ Und was bedeuten diese stummen Winke,
+ Die du verstohlen heimlich mit ihr wechselst?
+
+Thekla.
+ Nichts, liebe Mutter!
+
+Herzogin.
+ Schwester, ich will's wissen.
+
+Gräfin.
+ Was hilft's auch, ein Geheimnis draus zu machen!
+ Läßt sich's verbergen? Früher, später muß
+ Sie's doch vernehmen lernen und ertragen!
+ Nicht Zeit ist's jetzt, der Schwäche nachzugeben,
+ Mut ist uns not und ein gefaßter Geist,
+ Und in der Stärke müssen wir uns üben.
+ Drum besser, es entscheidet sich ihr Schicksal
+ Mit einem Wort--Man hintergeht Euch, Schwester.
+ Ihr glaubt, der Herzog sei entsetzt--der Herzog
+ Ist nicht entsetzt--er ist--
+
+Thekla. (zur Gräfin gehend)
+ Wollt Ihr sie töten?
+
+Gräfin.
+ Der Herzog ist--
+
+Thekla. (die Arme um die Mutter schlagend).
+ O standhaft, meine Mutter!
+
+Gräfin.
+ Empört hat sich der Herzog, zu dem Feind
+ Hat er sich schlagen wollen, die Armee
+ Hat ihn verlassen, und es ist mißlungen.
+(Während dieser Worte wankt die Herzogin und fällt ohnmächtig
+in die Arme ihrer Tochter.)
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+Ein großer Saal beim Herzog von Friedland.
+
+
+Wallenstein. (im Harnisch)
+ Du hast's erreicht, Octavio--Fast bin ich
+ Jetzt so verlassen wieder, als ich einst
+ Vom Regenspurger Fürstentage ging.
+ Da hatt' ich nichts mehr als mich selbst--doch was
+ Ein Mann kann wert sein, habt ihr schon erfahren.
+ Den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen,
+ Da steh ich, ein entlaubter Stamm! Doch innen
+ Im Marke lebt die schaffende Gewalt,
+ Die sprossend eine Welt aus sich geboren.
+ Schon einmal galt ich euch statt eines Heeres,
+ Ich einzelner. Dahingeschmolzen vor
+ Der schwed'schen Stärke waren eure Heere,
+ Am Lech sank Tilly, euer letzter Hort;
+ Ins Bayerland, wie ein geschwollner Strom,
+ Ergoß sich dieser Gustav, und zu Wien
+ In seiner Hofburg zitterte der Kaiser.
+ Soldaten waren teuer, denn die Menge
+ Geht nach dem Glück--Da wandte man die Augen
+ Auf mich, den Helfer in der Not, es beugte sich
+ Der Stolz des Kaisers vor dem Schwergekränkten:
+ Ich sollte aufstehn mit dem Schöpfungswort
+ Und in die hohlen Läger Menschen sammeln.
+ Ich tat's. Die Trommel ward gerührt. Mein Name
+ Ging wie ein Kriegsgott durch die Welt. Der Pflug,
+ Die Werkstatt wird verlassen, alles wimmelt
+ Der altbekannten Hoffnungsfahne zu--
+ --Noch fühl ich mich denselben, der ich war!
+ Es ist der Geist, der sich den Körper baut,
+ Und Friedland wird sein Lager um sich füllen.
+ Führt eure Tausende mir kühn entgegen,
+ Gewohnt wohl sind sie, unter mir zu siegen,
+ Nicht gegen mich--Wenn Haupt und Glieder sich trennen,
+ Da wird sich zeigen, wo die Seele wohnte.
+(Illo und Terzky treten ein.)
+ Mut, Freunde, Mut! Wir sind noch nicht zu Boden.
+ Fünf Regimenter Terzky sind noch unser
+ Und Buttlers wackre Scharen--Morgen stößt
+ Ein Heer zu uns von sechzehntausend Schweden.
+ Nicht mächt'ger war ich, als ich vor neun Jahren
+ Auszog, dem Kaiser Deutschland zu erobern.
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+Vorige. Neumann, der den Grafen Terzky beiseite führt und
+mit ihm spricht.
+
+
+Terzky. (zu Neumann).
+ Was suchen Sie?
+
+Wallenstein.
+ Was gibt's?
+
+Terzky.
+ Zehn Kürassiere
+ Von Pappenheim verlangen dich im Namen
+ Des Regiments zu sprechen.
+
+Wallenstein. (schnell zu Neumann)
+ Laß sie kommen.
+(Neumann geht hinaus.)
+ Davon erwart ich etwas. Gebet acht,
+ Sie zweifeln noch und sind noch zu gewinnen.
+
+
+
+Fünfzehnter Auftritt
+
+Wallenstein. Terzky. Illo. Zehn Kürassiere, von einem Gefreiten
+geführt, marschieren auf und stellen sich nach dem Kommando in
+einem Glied vor den Herzog, die Honneurs machend.
+
+
+Wallenstein. (nachdem er sie eine Zeitlang mit den Augen gemessen, zum
+Gefreiten)
+ Ich kenne dich wohl. Du bist aus Brügg' in Flandern,
+ Dein Nam' ist Mercy.
+
+Gefreiter.
+ Heinrich Mercy heiß ich.
+
+Wallenstein.
+ Du wurdest abgeschnitten auf dem Marsch,
+ Von Hessischen umringt und schlugst dich durch,
+ Mit hundertachtzig Mann durch ihrer tausend.
+
+Gefreiter.
+ So ist's, mein General.
+
+Wallenstein.
+ Was wurde dir
+ Für diese wackre Tat?
+
+Gefreiter.
+ Die Ehr', mein Feldherr,
+ Um die ich bat, bei diesem Korps zu dienen.
+
+Wallenstein. (wendet sich zu einem andern)
+ Du warst darunter, als ich die Freiwilligen
+ Heraus ließ treten auf dem Altenberg,
+ Die schwed'sche Batterie hinwegzunehmen.
+
+Zweiter Kürassier.
+ So ist's, mein Feldherr.
+
+Wallenstein.
+ Ich vergesse keinen,
+ Mit dem ich einmal Worte hab gewechselt.
+ Bringt eure Sache vor.
+
+Gefreiter. (kommandiert)
+ Gewehr in Arm!
+
+Wallenstein. (zu einem dritten gewendet)
+ Du nennst dich Risbeck, Köln ist dein Geburtsort.
+
+Dritter Kürassier.
+ Risbeck aus Köln.
+
+Wallenstein.
+ Den schwed'schen Oberst Dübald brachtest du
+ Gefangen ein im Nürenberger Lager.
+
+Dritter Kürassier.
+ Ich nicht, mein General.
+
+Wallenstein.
+ Ganz recht! Es war
+ Dein ältrer Bruder, der es tat--du hattest
+ Noch einen jüngern Bruder, wo blieb der?
+
+Dritter Kürassier.
+ Er steht zu Olmütz bei des Kaisers Heer.
+
+Wallenstein. (zum Gefreiten)
+ Nun so laß hören.
+
+Gefreiter.
+ Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,
+ Der uns--
+
+Wallenstein. (unterbricht ihn)
+ Wer wählte Euch?
+
+Gefreiter.
+ Jedwede Fahn'
+ Zog ihren Mann durchs Los.
+
+Wallenstein.
+ Nun denn zur Sache!
+
+Gefreiter.
+ Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,
+ Der uns befiehlt, die Pflicht dir aufzukündigen,
+ Weil du ein Feind und Landsverräter seist.
+ Wallenstein.
+ Was habt ihr drauf beschlossen?
+
+Gefreiter.
+ Unsre Kameraden
+ Zu Braunau, Budweis, Prag und Olmütz haben
+ Bereits gehorcht, und ihrem Beispiel folgten
+ Die Regimenter Tiefenbach, Toscana.
+ --Wir aber glauben's nicht, daß du ein Feind
+ Und Landsverräter bist, wir halten's bloß
+ Für Lug und Trug und spanische Erfindung.
+(Treuherzig.)
+ Du selber sollst uns sagen, was du vorhast,
+ Denn du bist immer wahr mit uns gewesen,
+ Das höchste Zutraun haben wir zu dir,
+ Kein fremder Mund soll zwischen uns sich schieben,
+ Den guten Feldherrn und die guten Truppen.
+
+Wallenstein.
+ Daran erkenn ich meine Pappenheimer.
+
+Gefreiter.
+ Und dies entbietet dir dein Regiment:
+ Ist's deine Absicht bloß, dies Kriegeszepter,
+ Das dir gebührt, das dir der Kaiser hat
+ Vertraut, in deinen Händen zu bewahren,
+ Östreichs rechtschaffner Feldhauptmann zu sein,
+ So wollen wir dir beistehn und dich schützen
+ Bei deinem guten Rechte gegen jeden--
+ Und wenn die andern Regimenter alle
+ Sich von dir wenden, wollen wir allein
+ Dir treu sein, unser Leben für dich lassen.
+ Denn das ist unsre Reiterpflicht, daß wir
+ Umkommen lieber, als dich sinken lassen.
+ Wenn's aber so ist, wie des Kaisers Brief
+ Besagt, wenn's wahr ist, daß du uns zum Feind
+ Treuloserweise willst hinüberführen,
+ Was Gott verhüte! ja, so wollen wir
+ Dich auch verlassen und dem Brief gehorchen.
+
+Wallenstein.
+ Hört, Kinder--
+
+Gefreiter.
+ Braucht nicht viel Wort. Sprich
+ Ja oder nein, so sind wir schon zufrieden.
+
+Wallenstein.
+ Hört an. Ich weiß, daß ihr verständig seid,
+ Selbst prüft und denkt und nicht der Herde folgt.
+ Drum hab ich euch, ihr wißt's, auch ehrenvoll
+ Stets unterschieden in der Heereswoge;
+ Denn nur die Fahnen zählt der schnelle Blick
+ Des Feldherrn, er bemerkt kein einzeln Haupt,
+ Streng herrscht und blind der eiserne Befehl,
+ Es kann der Mensch dem Menschen hier nichts gelten--
+ So, wißt ihr, hab ich's nicht mit euch gehalten;
+ Wie ihr euch selbst zu fassen angefangen
+ Im rohen Handwerk, wie von euren Stirnen
+ Der menschliche Gedanke mir geleuchtet,
+ Hab ich als freie Männer euch behandelt,
+ Der eignen Stimme Recht euch zugestanden--
+
+Gefreiter.
+ Ja, würdig hast du stets mit uns verfahren,
+ Mein Feldherr, uns geehrt durch dein Vertraun,
+ Uns Gunst erzeigt vor allen Regimentern.
+ Wir folgen auch dem großen Haufen nicht,
+ Du siehst's! Wir wollen treulich bei dir halten.
+ Sprich nur ein Wort, dein Wort soll uns genügen,
+ Daß es Verrat nicht sei, worauf du sinnst,
+ Daß du das Herr zum Feind nicht wollest führen.
+
+Wallenstein.
+ Mich, mich verrät man! Aufgeopfert hat mich
+ Der Kaiser meinen Feinden, fallen muß ich,
+ Wenn meine braven Truppen mich nicht retten.
+ Euch will ich mich vertrauen--Euer Herz
+ Sei meine Festung! Seht, auf diese Brust
+ Zielt man! Nach diesem greisen Haupte!--Das
+ Ist span'sche Dankbarkeit, das haben wir
+ Für jene Mordschlacht auf der alten Feste,
+ Auf Lützens Ebnen! Darum warfen wir
+ Die nackte Brust der Partisan' entgegen,
+ Drum machten wir die eisbedeckten Erde,
+ Den harten Stein zu unserm Pfühl; kein Strom
+ War uns zu schnell, kein Wald zu undurchdringlich,
+ Wir folgten jenem Mansfeld unverdrossen
+ Durch alle Schlangenkrümmen seiner Flucht,
+ Ein ruheloser Marsch war unser Leben,
+ Und wie des Windes Sausen, heimatlos,
+ Durchstürmten wir die kriegbewegte Erde.
+ Und jetzt, da wir die schwere Waffenarbeit,
+ Die undankbare, fluchbeladene, getan,
+ Mit unermüdet treuem Arm des Krieges Last
+ Gewälzt, soll dieser kaiserliche Jüngling
+ Den Frieden leicht wegtragen, soll den Ölzweig,
+ Die wohlverdiente Zierde unsers Haupts,
+ Sich in die blonden Knabenhaare flechten--
+
+Gefreiter.
+ Das soll er nicht, solang wir's hindern können.
+ Niemand als du, der ihn mit Ruhm geführt,
+ Soll diesen Krieg, den fürchterlichen, enden.
+ Du führtest uns heraus ins blut'ge Feld
+ Des Todes, du, kein andrer, sollst uns fröhlich
+ Heimführen in des Friedens schöne Fluren,
+ Der langen Arbeit Früchte mit uns teilen--
+
+Wallenstein.
+ Wie? denkt ihr euch im späten Alter endlich
+ Der Früchte zu erfreuen? Glaubt das nicht.
+ Ihr werdet dieses Kampfes Ende nimmer
+ Erblicken! Dieser Krieg verschlingt uns alle.
+ Östreich will keinen Frieden; darum eben,
+ Weil ich den Frieden suche, muß ich fallen.
+ Was kümmert's Östreich, ob der lange Krieg
+ Die Heere aufreibt und die Welt verwüstet,
+ Es will nur wachsen stets und Land gewinnen.
+ Ihr seid gerührt--ich seh den edeln Zorn
+ Aus euren kriegerischen Augen blitzen.
+ O daß mein Geist euch jetzt beseelen möchte,
+ Kühn, wie er einst in Schlachten euch geführt!
+ Ihr wollt mir beistehn, wollt mich mit den Waffen
+ Bei meinem Rechte schützen--das ist edelmütig!
+ Doch denket nicht, daß ihr's vollenden werdet,
+ Das kleine Heer! Vergebens werdet ihr
+ Für euren Feldherrn euch geopfert haben.
+(Zutraulich.)
+ Nein! Laßt uns sicher gehen, Freunde suchen,
+ Der Schwede sagt uns Hilfe zu, laßt uns
+ Zum Schein sie nutzen, bis wir, beiden furchtbar,
+ Europens Schicksal in den Händen tragen
+ Und der erfreuten Welt aus unserm Lager
+ Den Frieden schön bekränzt entgegenführen.
+
+Gefreiter.
+ So treibst du's mit dem Schweden nur zum Schein?
+ Du willst den Kaiser nicht verraten, willst uns
+ Nicht schwedisch machen?--sieh, das ist's allein,
+ Was wir von dir verlangen zu erfahren.
+
+Wallenstein.
+ Was geht der Schwed' mich an? Ich haß ihn, wir
+ Den Pfuhl der Hölle, und mit Gott gedenk ich ihn
+ Bald über seine Ostsee heimzujagen.
+ Mir ist's allein ums Ganze. Seht! Ich hab
+ Ein Herz, der Jammer dieses deutschen Volks erbarmt mich.
+ Ihr seid gemeine Männer nur, doch denkt
+ Ihr nicht gemein, ihr scheint mir's wert vor andern,
+ Daß ich ein traulich Wörtlein zu euch rede--
+ Seht! Fünfzehn Jahr schon brennt die Kriegesfackel,
+ Und noch ist nirgends Stillstand. Schwed' und Deutscher!
+ Papist und Lutheraner! Keiner will
+ Dem andern weichen! Jede Hand ist wider
+ Die andre! Alles ist Partei und nirgends
+ Kein Richter! Sagt, wo soll das enden? wer
+ Den Knäul entwirren, der, sich endlos selbst
+ Vermehrend, wächst--Er muß zerhauen werden.
+ Ich fühl's, daß ich der Mann des Schicksals bin,
+ Und hoff's mit eurer Hilfe zu vollführen.
+
+
+
+Sechzehnter Auftritt
+
+Buttler. Vorige.
+
+
+Buttler. (in Eifer)
+ Das ist nicht wohlgetan, mein Feldherr.
+
+Wallenstein.
+ Was?
+
+Buttler.
+ Das muß uns schaden bei den Gutgesinnten.
+
+Wallenstein.
+ Was denn?
+
+Buttler.
+ Es heißt den Aufruhr öffentlich erklären!
+
+Wallenstein.
+ Was ist es denn?
+
+Buttler.
+ Graf Terzkys Regimenter reißen
+ Den kaiserlichen Adler von den Fahnen
+ Und pflanzen deine Zeichen auf.
+
+Gefreiter. (zu den Kürassieren).
+ Rechts um!
+
+Wallenstein.
+ Verflucht sei dieser Rat, und wer ihn gab!
+(Zu den Kürassieren, welche abmarschieren.)
+ Halt, Kinder, halt--Es ist ein Irrtum--Hört--
+ Und streng will ich's bestrafen--Hört doch! Bleibt.
+ Sie hören nicht.
+(Zu Illo.)
+ Geh nach, bedeute sie,
+ Bring sie zurück, es koste was es wolle.
+(Illo eilt hinaus.)
+ Das stürzt uns ins Verderben--Buttler! Buttler!
+ Ihr seid mein böser Dämon, warum mußtet Ihr's
+ In ihrem Beisein melden!--Alles war
+ Auf gutem Weg--Sie waren halb gewonnen--
+ Die Rasenden, mit ihrer unbedachten
+ Dienstfertigkeit!--O grausam spielt das Glück
+ Mit mir! Der Freunde Eifer ist's, der mich
+ Zugrunde richtet, nicht er Haß der Feinde.
+
+
+
+Siebzehnter Auftritt
+
+Vorige. Die Herzogin stürzt ins Zimmer. Ihr folgt Thekla und
+die Gräfin. Dann Illo.
+
+
+Herzogin.
+ O Albrecht! Was hast du getan!
+
+Wallenstein.
+ Nun das noch!
+
+Gräfin.
+ Verzeih mir, Bruder. Ich vermocht' es nicht,
+ Sie wissen alles.
+
+Herzogin.
+ Was hast du getan!
+
+Gräfin. (zu Terzky)
+ Ist keine Hoffnung mehr? Ist alles denn
+ Verloren?
+
+Terzky.
+ Alles. Prag ist in des Kaisers Hand,
+ Die Regimenter haben neu gehuldigt.
+
+Gräfin.
+ Heimtückischer Octavio!--Und auch
+ Graf Max ist fort?
+
+Terzky.
+ Wo sollt er sein? Er ist
+ Mit seinem Vater über zu dem Kaiser.
+(Thekla stürzt in die Arme ihrer Mutter, das Gesicht an ihrem
+Busen verbergend.)
+
+Herzogin. (sie in die Arme schließend).
+ Unglücklich Kind! Unglücklichere Mutter!
+
+Wallenstein. (beiseite gehend mit Terzky).
+ Laß einen Reisewagen schnell bereit sein
+ Im Hinterhofe, diese wegzubringen.
+(Auf die Frauen zeigend.)
+ Der Scherfenberg kann mit, der ist uns treu,
+ Nach Eger bringt er sie, wir folgen nach.
+(Zu Illo, der wiederkommt.)
+ Du bringst sie nicht zurück?
+
+Illo.
+ Hörst du den Auflauf?
+ Das ganze Korps der Pappenheimer ist
+ Im Anzug. Sie verlangen ihren Oberst,
+ Den Max zurück, er sei hier auf dem Schloß,
+ Behaupten sie, du haltest ihn mit Zwang,
+ Und wenn du ihn nicht losgebst, werde man
+ Ihn mit dem Schwerte zu befreien wissen.
+(Alle stehen erstaunt.)
+
+Wallenstein.
+ Sagt' ich's nicht?
+ O mein wahrsagend Herz! Er ist noch hier.
+ Er hat mich nicht verraten, hat es nicht
+ Vermocht--Ich habe nie daran gezweifelt.
+
+Gräfin.
+ Ist er noch hier, o dann ist alles gut,
+ Dann weiß ich, was ihn ewig halten soll!
+(Thekla umarmend.)
+
+Terzky.
+ Es kann nicht sein. Bedenke doch! Der Alte
+ Hat uns verraten, ist zum Kaiser über,
+ Wie kann er's wagen, hierzusein?
+
+Illo. (zum Wallenstein)
+ Den Jagdzug,
+ Den du ihm kürzlich schenktest, sah ich noch
+ Vor wenig Stunden übern Markt wegführen.
+
+Gräfin.
+ O Nichte, dann ist er nicht weit!
+
+Thekla. (hat den Blick nach der Türe geheftet und ruft lebhaft)
+ Da ist er!
+
+
+
+Achtzehnter Auftritt
+
+Die Vorigen. Max Piccolomini.
+
+
+Max. (mitten in den Saal tretend).
+ Ja! Ja! da ist er! Ich vermag's nicht länger,
+ Mit leisem Tritt um dieses Haus zu schleichen,
+ Den günst'gen Augenblick verstohlen zu
+ Erlauern--Dieses Harren, diese Angst
+ Geht über meine Kräfte!
+(Auf Thekla zugehend, welche sich ihrer Mutter in die Arme
+geworfen.)
+ O sieh mich an! Sieh nicht weg, holder Engel.
+ Bekenn es frei vor allen. Fürchte niemand.
+ Es höre, wer es will, daß wir uns lieben.
+ Wozu es noch verbergen? Das Geheimnis
+ Ist für die Glücklichen; das Unglück braucht,
+ Das hoffnungslose, keinen Schleier mehr,
+ Frei unter tausend Sonnen kann es handeln.
+(Er bemerkt die Gräfin, welche mit frohlockendem Gesicht auf
+Thekla blickt.)
+ Nein, Base Terzky! Seht mich nicht erwartend,
+ Sicht hoffend an! Ich komme nicht zu bleiben.
+ Abschied zu nehmen, komm ich--Es ist aus.
+ Ich muß, muß dich verlassen, Thekla--muß!
+ Doch deinen Haß kann ich nicht mit mir nehmen.
+ Nur einen Blick des Mitleids gönne mir,
+ Sag, daß du mich nicht hassest. Sag mir's, Thekla.
+(Indem er ihre Hand faßt, heftig bewegt.)
+ O Gott!--Gott! Ich kann nicht von dieser Stelle.
+ Ich kann es nicht--kann diese Hand nicht lassen.
+ Sag, Thekla, daß du Mitleid mit mir hast,
+ Dich selber überzeugst, ich kann nicht anders.
+(Thekla, seinen Blick vermeidend, zeigt mit der Hand auf ihren Vater;
+er wendet sich nach dem Herzog um, den er jetzt erst gewahr wird.)
+ Du hier?--Nicht du bist's, den ich hier gesucht.
+ Dich sollten meine Augen nicht mehr schauen.
+ Ich hab es nur mit ihr allein. Hier will ich,
+ Von diesem Herzen freigesprochen sein,
+ An allem andern ist nichts mehr gelegen.
+
+Wallenstein.
+ Denkst du, ich soll der Tor sein und dich ziehen lassen
+ Und eine Großmutsszene mit dir spielen?
+ Dein Vater ist zum Schelm an mir geworden,
+ Du bist mir nichts mehr als sein Sohn, sollst nicht
+ Umsonst in meine Macht gegeben sein.
+ Denk nicht, daß ich die alte Freundschaft ehren werde,
+ Die er so ruchlos hat verletzt. Die Zeiten
+ Der Liebe sind vorbei, der zarten Schonung,
+ Und Haß und Rache kommen an die Reihe.
+ Ich kann auch Unmensch sein, wie er.
+
+Max.
+ Du wirst mit mir verfahren, wie du Macht hast.
+ Wohl aber weißt du, daß ich deinem Zorn
+ Nicht trotze, noch ihn fürchte. Was mich hier
+ Zurückhält, weißt du!
+(Thekla bei der Hand fassend.)
+ Sieh! Alles--alles wollt' ich dir verdanken,
+ Das Los der Seligen wollt' ich empfangen
+ Aus deiner väterlichen Hand. Du hast's
+ Zerstört, doch daran liegt dir nichts. Gleichgültig
+ Trittst du das Glück der Deinen in den Staub,
+ Der Gott, dem du dienst, ist kein Gott der Gnade.
+ Wie das gemütlos blinde Element,
+ Das furchtbare, mit dem kein Bund zu schließen,
+ Folgst du des Herzens wildem Trieb allein.
+ Weh denen, die auf dich vertraun, an dich
+ Die sichre Hütte ihres Glückes lehnen,
+ Gelockt von deiner gastlichen Gestalt!
+ Schnell, unverhofft, bei nächtlich stiller Weile
+ Gärt's in dem tück'schen Feuerschlunde, ladet
+ Sich aus mit tobender Gewalt, und weg
+ Treibt über alle Pflanzungen der Menschen
+ Der wilde Strom in grausender Zerstörung.
+
+Wallenstein.
+ Du schilderst deines Vaters Herz. Wie du's
+ Beschreibst, so ist's in seinem Eingeweide,
+ In dieser schwarzen Heuchlers Brust gestaltet.
+ O mich hat Höllenkunst getäuscht. Mir sandte
+ Der Abgrund den verstecktesten der Geister,
+ Den Lügenkundigsten herauf und stellt ihn
+ Als Freund an meine Seite. Wer vermag
+ Der Hölle Macht zu widerstehn! Ich zog
+ Des Basilisken auf an meinem Busen,
+ Mit meinem Herzblut nährt' ich ihn, er sog
+ Sich schwelgend voll an meiner Liebe Brüsten,
+ Ich hatte nimmer Arges gegen ihn,
+ Weit offen ließ ich des Gedankens Tore
+ Und warf die Schlüssel weiser Vorsicht weg--
+ Am Sternenhimmel suchten meine Augen,
+ Im weiten Weltenraum den Feind, den ich
+ Im Herzen meines Herzens eingeschlossen.
+ --Wär' ich dem Ferdinand gewesen, was
+ Octavio mir war--Ich hätt' ihm nie
+ Krieg angekündigt--nie hätt' ich's vermocht.
+ Er war mein strenger Herr nur, nicht mein Freund,
+ Nicht meiner Treu vertraute sich der Kaiser.
+ Krieg war schon zwischen mir und ihm, als er
+ Den Feldherrnstab in meine Hände legte;
+ Denn Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn,
+ Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede.
+ Wer das Vertraun vergiftet, o der mordet
+ Das werdende Geschlecht im Leib der Mutter.
+
+Max.
+ Ich will den Vater nicht verteidigen.
+ Weh mir, daß ich's nicht kann!
+ Unglücklich schwere Taten sind geschehn,
+ Und eine Frevelhandlung faßt die andre
+ In enggeschloßner Kette grausend an.
+ Doch wie gerieten wir, die nichts verschuldet,
+ In diesen Kreis des Unglücks und Verbrechens?
+ Wem brachen wir die Treue? Warum muß
+ Der Väter Doppelschuld und Freveltat
+ Uns gräßlich wie ein Schlangenpaar umwinden?
+ Warum der Väter unversöhnter Haß
+ Auch uns, die Liebenden, zerreißend scheiden?
+(Er umschlingt Thekla mit heftigem Schmerz.)
+
+Wallenstein. (hat den Blick schweigend auf ihn geheftet und
+ nähert sich jetzt).
+ Max! Bleibe bei mir.--Geh nicht von mir, Max!
+ Sieh, als man dich im pragschen Winterlager
+ Ins Zelt mir brachte, einen zarten Knaben,
+ Des deutschen Winters ungewohnt, die Hand
+ War dir erstarrt an der gewichtigen Fahne,
+ Du wolltst männlich sie nicht lassen, damals nahm ich
+ Dich auf, bedeckte dich mit meinem Mantel,
+ Ich selbst war deine Wärterin, nicht schämt' ich
+ Der kleinen Dienste mich, ich pflegte deiner
+ Mit weiblich sorgender Geschäftigkeit,
+ Bis du, von mir erwärmt, an meinem Herzen,
+ Das junge Leben wieder freudig fühltest.
+ Wann hab ich seitdem meinen Sinn verändert?
+ Ich habe viele Tausend reich gemacht,
+ Mit Ländereien sie beschenkt, belohnt
+ Mit Ehrenstellen--dich hab ich geliebt,
+ Mein Herz, mich selber hab ich dir gegeben.
+ Sie alle waren Fremdlinge, du warst
+ Das Kind des Hauses--Max! du kannst mich nicht
+ verlassen!
+ Es kann nicht sein, ich mag's und will's nicht glauben,
+ Daß mich der Max verlassen kann.
+
+Max.
+ O Gott!
+
+Wallenstein.
+ Ich habe dich gehalten und getragen
+ Von Kindesbeinen an--Was tat dein Vater
+ Für dich, das ich nicht reichlich auch getan?
+ Ein Liebesnetz hab ich um dich gesponnen,
+ Zerreiß es, wenn du kannst--Du bist an mich
+ Geknüpft mit jedem zarten Seelenbande,
+ Mit jeder heil'gen Fessel der Natur,
+ Die Menschen aneinanderketten kannn.
+ Geh hin, verlaß mich, diene deinem Kaiser,
+ Laß dich mit einem goldnen Gnadenkettlein,
+ Mit seinem Widderfell dafür belohnen,
+ Daß dir der Freund, der Vater deiner Jugend,
+ Daß dir das heiligste Gefühl nichts galt.
+
+Max. (in heftigem Kampf)
+ O Gott! Wie kann ich anders? Muß ich nicht?
+ Mein Eid--die Pflicht--
+
+Wallenstein.
+ Pflicht, gegen wen? Wer bist du?
+ Wenn ich am Kaiser unrecht handle, ist's
+ Mein Unrecht, nicht das deinige. Gehörst
+ Du dir? Bist du dein eigener Gebieter,
+ Stehst frei da in der Welt, wie ich, daß du
+ Der Täter deiner Taten könntest sein?
+ Auf mich bist du gepflanzt, ich bin dein Kaiser,
+ Mir angehören, mir gehorchen, das
+ Ist deine Ehre, dein Naturgesetz.
+ Und wenn der Stern, auf dem du lebst und wohnst,
+ Aus seinem Gleise tritt, sich brennend wirft
+ Auf ein nächste Welt und sie entzündet,
+ Dukannst nicht wählen, ob du folgen willst,
+ Fort reißt er dich in seines Schwunges Kraft
+ Samt seinem Ring und allen seinen Monden.
+ Mit leichter Schuld gehst du in diesen Streit,
+ Dich wird die Welt nicht tadeln, sie wird's loben,
+ Daß dir der Freund das meiste hat gegolten.
+
+
+
+Neunzehnter Auftritt
+
+Vorige. Neumann.
+
+
+Wallenstein.
+ Was gibt's?
+
+Neumann.
+ Die Pappenheimischen sind abgesessen
+ Und rücken an zu Fuß; sie sind entschlossen,
+ Den Degen in der Hand das Haus zu stürmen,
+ Den Grafen wollen sie befrein.
+
+Wallenstein. (zu Terzky)
+ Man soll
+ Die Ketten vorziehn, das Geschütz aufpflanzen.
+ Mit Kettenkugeln will ich sie empfangen.
+(Terzky geht.)
+ Mir vorzuschreiben mit dem Schwert! Geh, Neumann,
+ Sie sollen sich zurückziehn, augenblicks,
+ Ist mein Befehl, und in der Ordnung schweigend warten,
+ Was mir gefallen wird zu tun.
+(Neumann geht ab. Illo ist ans Fenster getreten.)
+
+Gräfin.
+ Entlaß ihn.
+ Ich bitte dich, entlaß ihn!
+
+Illo. (am Fenster)
+ Tod und Teufel!
+
+Wallenstein.
+ Was ist's?
+
+Illo.
+ Aufs Rathaus steigen sie, das Dach
+ Wird abgedeckt, sie richten die Kanonen
+ Aufs Haus--
+
+Max.
+ Die Rasenden!
+
+Illo.
+ Sie machen Anstalt,
+ Uns zu beschießen--
+ Herzogin und Gräfin.
+ Gott im Himmel!
+
+Max. (zu Wallenstein).
+ Laß mich
+ Hinunter, sie bedeuten--
+
+Wallenstein.
+ Keinen Schritt!
+
+Max. (auf Thekla und die Herzogin zeigend)
+ Ihr Leben aber! Deins!
+
+Wallenstein.
+ Was bringst du, Terzky?
+
+
+
+Zwanzigster Auftritt
+
+Vorige. Terzky kommt zurück.
+
+
+Terzky.
+ Botschaft von unsern treuen Regimentern.
+ Ihr Mut sei länger nicht zu bändigen,
+ Sie flehen um Erlaubnis, anzugreifen,
+ Vom Prager- und vom Mühl-Tor sind sie Herr,
+ Und wenn du nur die Losung wolltest geben,
+ So könnten sie den Feind im Rücken fassen,
+ Ihn in die Stadt einkeilen, in der Enge
+ Der Straßen leicht ihn überwältigen.
+
+Illo.
+ O komm! Laß ihren Eifer nicht erkalten.
+ Die Buttlerischen halten treu zu uns,
+ Wir sind die größre Zahl und werfen sie
+ Und enden hier in Pilsen die Empörung.
+
+Wallenstein.
+ Soll diese Stadt zum Schlachtgefilde werden
+ Und brüderliche Zwietracht, feueraugig,
+ Durch ihre Straßen losgelassen toben?
+ Dem tauben Grimm, der keinen Führer hört,
+ Soll die Entscheidung übergeben sein?
+ Hier ist nicht Raum zum Schlagen, nur zum Würgen;
+ Die losgebundnen Furien der Wut
+ Ruft keines Herrschers Stimme mehr zurück.
+ Wohl, es mag sein! Ich hab es lang bedacht,
+ So mag sich's rasch und blutig denn entladen.
+(Zu Max gewendet.)
+ Wie ist's? Willst du den Gang mit mir versuchen?
+ Freiheit zu gehen hast du. Stelle dich
+ Mir gegenüber. Führe sie zum Kampf.
+ Den Krieg verstehst du, hast bei mir etwas
+ Gelernt, ich darf des Gegners mich nicht schämen,
+ Und keinen schönern Tag erlebst du, mir
+ Die Schule zu bezahlen.
+
+Gräfin.
+ Ist es dahin
+ Gekommen? Vetter! Vetter! könnt Ihr's tragen?
+
+Max.
+ Die Regimenter, die mir anvertraut sind,
+ Dem Kaiser treu hinwegzuführen, hab ich
+ Gelobt; dies will ich halten oder sterben.
+ Mehr fordert keine Pflicht von mir. Ich fechte
+ Nicht gegen dich, wenn ich's vermeiden kann,
+ Denn auch dein feindlich Haupt ist mir noch heilig.
+(Es geschehn zwei Schüsse. Illo und Terzky eilen ans Fenster.)
+
+Wallenstein.
+ Was ist das?
+
+Terzky.
+ Er stürzt.
+ Wallenstein.
+ Stürzt! Wer?
+
+Illo.
+ Die Tiefenbacher taten
+ Den Schuß.
+
+Wallenstein.
+ Auf wen?
+
+Illo.
+ Auf diesen Neumann, den
+ Du schicktest--
+
+Wallenstein. (auffahrend).
+ Tod und Teufel! So will ich--
+(Will gehen.)
+
+Terzky.
+ Dich ihrer blinden Wut entgegenstellen?
+ Herzogin und Gräfin.
+ Um Gotteswillen nicht!
+
+Illo.
+ Jetzt nicht, mein Feldherr.
+
+Gräfin.
+ O halt ihn! halt ihn!
+
+Wallenstein.
+ Laßt mich!
+
+Max.
+ Tu es nicht,
+ Jetzt nicht. Die blutig rasche Tat hat sie
+ In Wut gesetzt, erwarte ihre Reue--
+
+Wallenstein.
+ Hinweg! Zu lange schon hab ich gezaudert.
+ Das konnten sie sich freventlich erkühnen,
+ Weil sie mein Angesicht nicht sahn--sie sollen
+ Mein Antlitz sehen, meine Stimme hören--
+ Sind es nicht meine Truppen? Bin ich nicht
+ Ihr Feldherr und gefürchteter Gebieter?
+ Laß sehn, ob sie das Antlitz nicht mehr kennen,
+ Das ihre Sonne war in dunkler Schlacht.
+ Es braucht der Waffen nicht. Ich zeige mich
+ Vom Altan dem Rebellenherr, und schnell
+ Bezähmt, gebt acht, kehrt der empörte Sinn
+ Ins alte Bette des Gehorsams wieder.
+(Er geht. Ihm folgen Illo, Terzky und Buttler.)
+
+
+
+Einundzwanzigster Auftritt
+
+Gräfin. Herzogin. Max und Thekla.
+
+
+Gräfin. (zur Herzogin)
+ Wenn sie ihn sehn--Es ist noch Hoffnung, Schwester.
+
+Herzogin.
+ Hoffnung! Ich habe keine.
+
+Max. (der während des letzten Auftritts in einem sichtbaren Kampf
+ von ferne gestanden, tritt näher).
+ Das ertrag ich nicht.
+ Ich kam hierher mit fest entschiedner Seele,
+ Ich glaubte, recht und tadellos zu tun,
+ Und muß hier stehen, wie ein Hassenswerter,
+ Ein roh Unmenschlicher, vom Fluch belastet,
+ Vom Abscheu aller, die mir teuer sind,
+ Unwürdig schwer bedrängt die Lieben sehn,
+ Die ich mit einem Wort beglücken kann--
+ Das Herz in mir empört sich, es erheben
+ Zwei Stimmen streitend sich in meiner Brust,
+ In mir ist Nacht, ich weiß das Rechte nicht zu wählen.
+ O wohl, wohl hast du wahr geredet, Vater,
+ Zu viel vertraut' ich auf das eigne Herz,
+ Ich stehe wankend, weiß nicht, was ich soll.
+
+Gräfin.
+ Sie wissen's nicht? Ihr Herz sagt's Ihnen nicht?
+ So will ich's Ihnen sagen!
+ Ihr Vater hat den schreienden Verrat
+ An uns begangen, an des Fürsten Haupt
+ Gefrevelt, uns in Schmach gestürzt, daraus
+ Ergibt sich klar, was Sie, sein Sohn, tun sollen:
+ Gutmachen, was der Schändliche verbrochen,
+ Ein Beispiel aufzustellen frommer Treu,
+ Daß nicht der Name Piccolomini
+ Ein Schandlied sei, ein ew'ger Fluch im Haus
+ Der Wallensteiner.
+
+Max.
+ Wo ist eine Stimme
+ Der Wahrheit, der ich folgen darf? Uns alle
+ Bewegt der Wunsch, die Leidenschaft. Daß jetzt
+ Ein Engel mir vom Himmel niederstiege,
+ Das Rechte mir, das unverfälschte, schöpfte
+ Am reinen Lichtquell, mit der reinen Hand!
+(Indem seine Augen auf Thekla fallen.)
+ Wie? Such ich diesen Engel noch? Erwart ich
+ Noch einen andern?
+(Er nähert sich ihr, den Arm um sie schlagend.)
+ Hier, auf dieses Herz,
+ Das unfehlbare, heilig reine will
+ Ich's legen, deine Liebe will ich fragen,
+ Die nur den Glücklichen beglücken kann,
+ Vom unglückselig Schuldigen sich wendet.
+ Kannst du mich dann noch lieben, wenn ich bleibe?
+ Erkläre, daß du's kannst, und ich bin euer.
+
+Gräfin. (mit Bedeutung)
+ Bedenkt--
+
+Max. (unterbricht sie)
+ Bedenke nichts. Sag, wie du's fühlst.
+
+Gräfin.
+ An Euren Vater denkt--
+
+Max. (unterbricht sie)
+ Nicht Friedlands Tochter,
+ Ich frage dich, dich, die Geliebte frag ich!
+ Es gilt nicht, eine Krone zu gewinnen,
+ Das möchtst du mit klugem Geist bedenken.
+ Die Ruhe deines Freundes gilt's, das Glück
+ Von einem Tausend tapfrer Heldenherzen,
+ Die seine Tat zum Muster nehmen werden.
+ Soll ich dem Kaiser Eid und Pflicht abschwören?
+ Soll ich ins Lager des Octavio
+ Die vatermörderische Kugel senden?
+ Denn wenn die Kugel los ist aus dem Lauf,
+ Ist sie kein totes Werkzeug mehr, sie lebt,
+ Ein Geist fährt in sie, die Erinnyen
+ Ergreifen sie, des Frevels Rächerinnen,
+ Und führen tückisch sie den ärgsten Weg.
+
+Thekla.
+ O Max--
+
+Max. (unterbricht sie)
+ Nein, übereile dich auch nicht.
+ Ich kenne dich. Dem edeln Herzen könnte
+ Die schwerste Pflicht die nächste scheinen. Nicht
+ Das Große, nur das Menschliche geschehe.
+ Denk, was der Fürst von je an mir getan;
+ Denk auch, wie's ihm mein Vater hat vergolten,
+ O auch die schönen, freien Regungen
+ Der Gastlichkeit, der frommen Freundestreue
+ Sind eine heilige Religion dem Herzen,
+ Schwer rächen sie die Schauder der Natur
+ An dem Barbaren, der sie gräßlich schändet.
+ Leg alles, alles in die Waage, sprich
+ Und laß dein Herz entscheiden.
+
+Thekla.
+ O das deine
+ Hat längst entschieden. Folge deinem ersten
+ Gefühl--
+
+Gräfin.
+ Unglückliche!
+
+Thekla.
+ Wie könnte das
+ Das Rechte sein, was dieses zarte Herz
+ Nicht gleich zuerst ergriffen und gefunden?
+ Geh und erfülle deine Pflicht. Ich würde
+ Dich immer lieben. Was du auch erwählt,
+ Du würdest edel stets und deiner würdig
+ Gehandelt haben--aber Reue soll
+ Nicht deiner Seele schönen Frieden stören.
+
+Max.
+ So muß ich dich verlassen, von dir scheiden!
+
+Thekla.
+ Wie du dir selbst getreu bleibst, bist du's mir.
+ Uns trennt das Schicksal, unsre Herzen bleiben einig.
+ Ein blut'ger Haß entzweit auf ew'ge Tage
+ Die Häuser Friedland, Piccolomini,
+ Doch wir gehören nicht zu unserm Hause.
+ --Fort! Eile! Eile, deine gute Sache
+ Von unsrer unglückseligen zu trennen.
+ Auf unserm Haupte liegt der Fluch des Himmels,
+ Es ist dem Untergang geweiht. Auch mich
+ Wird meines Vaters Schuld mit ins Verderben
+ Hinabziehn. Traure nicht um mich, mein Schicksal
+ Wird bald entschieden sein.
+(Max faßt sie in die Arme, heftig bewegt. Man hört hinter der
+Szene ein lautes, wildes, langverhallendes Geschrei: "Vivat
+Ferdinandus!" von kriegerischen Instrumenten begleitet. Max
+und Thekla halten einander unbeweglich in den Armen.)
+
+
+
+Zweiundzwanzigster Auftritt
+
+Vorige. Terzky.
+
+
+Gräfin. (ihm entgegen)
+ Was war das? Was bedeutete das Rufen?
+
+Terzky.
+ Es ist vorbei, und alles ist verloren.
+
+Gräfin.
+ Wie, und sie gaben nichts auf seinen Anblick?
+
+Terzky.
+ Nichts. Alles war umsonst.
+
+Herzogin.
+ Sie riefen Vivat.
+
+Terzky.
+ Dem Kaiser.
+
+Gräfin.
+ O die Pflichtvergessenen!
+
+Terzky.
+ Man ließ ihn nicht einmal zum Worte kommen.
+ Als er zu reden anfing, fielen sie
+ Mit kriegerischem Spiel betäubend ein.
+ --Hier kommt er.
+
+
+
+Dreiundzwanzigster Auftritt
+
+Vorige. Wallenstein, begleitet von Illo und Buttler.
+Darauf Kürassiere.
+
+
+Wallenstein. (im Kommen).
+ Terzky!
+
+Terzky.
+ Mein Fürst?
+
+Wallenstein.
+ Laß unsre Regimenter
+ Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,
+ Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.
+(Terzky geht ab.)
+ Buttler--
+
+Buttler.
+ Mein General?--
+
+Wallenstein.
+ Der Kommendant zu Eger
+ Ist Euer Freund und Landsmann. Schreibt ihm gleich
+ Durch einen Eilenden, er soll bereit sein,
+ Uns morgen in die Festung einzunehmen--
+ Ihr folgt uns selbst mit Euerm Regiment.
+
+Buttler.
+ Es soll geschehn, mein Feldherr.
+
+Wallenstein. (tritt zwischen Max und Thekla, welche sich
+während dieser Zeit fest umschlungen gehalten)
+ Scheidet!
+
+Max.
+ Gott!
+(Kürassiere mit gezogenem Gewehr treten in den Saal und sammeln sich
+im Hintergrunde. Zugleich hört man unten einige mutige Passagen aus
+dem Pappenheimer Marsch, welche dem Max zu rufen scheinen.)
+
+Wallenstein. (zu den Kürassieren).
+ Hier ist er. Er ist frei. Ich halt ihn nicht mehr.
+(Er steht abgewendet und so, daß Max ihm nicht beikommen, noch
+sich dem Fräulein nähern kann.)
+
+Max.
+ Du hassest mich, treibst mich im Zorn von dir.
+ Zerreißen soll das Band der alten Liebe,
+ Nicht sanft sich lösen, und du willst den Riß,
+ Den schmerzlichen, mir schmerzlicher noch machen!
+ Du weißt, ich habe ohne dich zu leben
+ Noch nicht gelernt--in eine Wüste geh ich
+ Hinaus, und alles, was mir wert ist, alles
+ Bleibt hier zurück--O wende deine Augen
+ Nicht von mir weg! Noch einmal zeige mir
+ Dein ewig teures und verehrtes Antlitz.
+ Verstoß mich nicht--
+(Er will seine Hand fassen. Wallenstein zieht sie zurück. Er
+wendet sich an die Gräfin.)
+
+Ist hier kein andres Auge,
+ Das Mitleid für mich hätte--Base Terzky--
+(Sie wendet sich von ihm; er kehrt sich zur Herzogin.)
+ Ehrwürd'ge Mutter--
+
+Herzogin.
+ Gehn Sie, Graf, wohin
+ Die Pflicht Sie ruft--So können Sie uns einst
+ Ein treuer Freund, ein guter Engel werden
+ Am Thron des Kaisers.
+
+Max.
+ Hoffnung geben Sie mir,
+ Sie wollen mich nicht ganz verzweifeln lassen.
+ O täuschen Sie mich nicht mit leerem Blendwerk,
+ Mein Unglück ist gewiß, und Dank dem Himmel!
+ Der mir ein Mittel eingibt, es zu enden.
+(Die Kriegsmusik beginnt wieder. Der Saal füllt sich mehr und
+mehr mit Bewaffneten an. Er sieht Buttlern dastehn.)
+ Ihr auch hier, Oberst Buttler--Und Ihr wollt mir
+ Nicht folgen?--Wohl! Bleibt Eurem neuen Herrn
+ Getreuer als dem alten. Kommt! Versprecht mir,
+ Die Hand gebt mir darauf, daß Ihr sein Leben
+ Beschützen, unverletzlich wollt bewahren.
+(Buttler verweigert seine Hand.)
+ Des Kaisers Acht hängt über ihm und gibt
+ Sein fürstlich Haupt jedwedem Mordknecht preis,
+ Der sich den Lohn der Bluttat will verdienen;
+ Jetzt tät' ihm eines Freundes fromme Sorge,
+ Der Liebe treues Auge not--und die
+ Ich scheidend um ihn seh--
+(Zweideutige Blicke auf Illo und Buttler richtend.)
+
+Illo.
+ Sucht die Verräter
+ In Eures Vaters, in des Gallas Lager.
+ Hier ist nur einer noch. Geht und befreit uns
+ Von seinem hassenswürd'gen Anblick. Geht.
+(Max versucht es noch einmal, sich der Thekla zu nähern.
+Wallenstein verhindert es. Er steht unschlüssig, schmerzvoll;
+indes füllt sich der Saal immer mehr und mehr, und die Hörner
+ertönen unten immer auffordernder und in immer kürzeren Pausen.)
+
+Max.
+ Blast! Blast!--O wären es die schwed'schen Hörner,
+ Und ging's von hier gerad ins Feld des Todes,
+ Und alle Schwerter, alle, die ich hier
+ Entblößt muß sehn, durchdrängen meinen Busen!
+ Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier
+ Hinwegzureißen--o treibt mich nicht zu Verzweiflung!
+ Tut's nicht! Ihr könntet es bereun!
+(Der Saal ist ganz mit Bewaffneten erfüllt.)
+ Noch mehr--Es hängt Gewicht sich an Gewicht,
+ Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.--
+ Bedenket, was ihr tut. Es ist nicht wohlgetan,
+ Zum Führer den Verzweifelnden zu wählen.
+ Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan,
+ Der Rachegöttin weih ich eure Seelen!
+ Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben,
+ Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!
+(Indem er sich nach dem Hintergrund wendet, entsteht eine
+rasche Bewegung unter den Kürassieren, sie umgeben und begleiten
+ihn in wildem Tumult. Wallenstein bleibt unbeweglich. Thekla
+sinkt in ihrer Mutter Arme. Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+In des Bürgermeisters Hause zu Eger.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+
+Buttler. (der eben anlangt)
+ Er ist herein. Ihn führte sein Verhängnis,
+ Der Rechen ist gefallen hinter ihm,
+ Und wie die Brücke, die ihn trug, beweglich
+ Sich niederließ und schwebend wieder hob,
+ Ist jeder Rettungsweg ihm abgeschnitten.
+ Bis hieher, Friedland, und nicht weiter! sagt
+ Die Schicksalsgöttin. Aus der böhmischen Erde
+ Erhub sich dein bewunder Meteor,
+ Weit durch den Himmel einen Glanzweg ziehend,
+ Und hier an Böhmens Grenze muß es sinken!
+ --Du hast die alten Fahnen abgeschworen,
+ Verblendeter, und traust dem alten Glück!
+ Den Krieg zu tragen in des Kaisers Länder,
+ Den heil'gen Herd der Laren umzustürzen,
+ Bewaffnest du die frevelhafte Hand.
+ Nimm dich in acht! dich treibt der böse Geist
+ Der Rache--daß dich Rache nicht verderbe!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Buttler und Gordon.
+
+
+Gordon.
+ Seid Ihr's? O wie verlangt mich, Euch zu hören.
+ Der Herzog ein Verräter! O mein Gott!
+ Und flüchtig! Und sein fürstlich Haupt geächtet!
+ Ich bitt Euch, General, sagt mir ausführlich,
+ Wie alles dies zu Pilsen sich begeben?
+
+Buttler.
+ Ihr habt den Brief erhalten, den ich Euch
+ Durch einen Eilenden vorausgesendet?
+
+Gordon.
+ Und habe treu getan, wie Ihr mich hießt,
+ Die Festung unbedenklich ihm geöffnet,
+ Denn mir befiehlt ein kaiserlicher Brief,
+ Nach Eurer Ordre blindlings mich zu fügen.
+ Jedoch verzeiht! als ich den Fürsten selbst
+ Nun sah, da fing ich wieder an, zu zweifeln.
+ Denn wahrlich! nicht als ein Geächteter
+ Trat Herzog Friedland ein in diese Stadt.
+ Von seiner Stirne leuchtete wie sonst
+ Des Herrschers Majestät, Gehorsam fordernd,
+ Und ruhig, wie in Tagen guter Ordnung,
+ Nahm er des Amtes Rechenschaft mir ab.
+ Leutselig macht das Mißgeschick, die Schuld,
+ Und schmeichelnd zum geringern Manne pflegt
+ Gefallner Stolz herunter sich zu beugen;
+ Doch sparsam und mit Würde wog der Fürst
+ Mir jedes Wort des Beifalls, wie der Herr
+ Den Diener lobt, der sein Pflicht getan.
+
+Buttler.
+ Wie ich Euch schrieb, so ist's genau geschehn.
+ Es hat der Fürst dem Feinde die Armee
+ Verkauft, ihm Prag und Eger öffnen wollen.
+ Verlassen haben ihn auf dies Gerücht
+ Die Regimenter alle bis auf fünfe,
+ Die Terzkyschen, die ihm hieher gefolgt.
+ Die Acht ist ausgesprochen über ihn,
+ Und ihn zu liefern, lebend oder tot,
+ Ist jeder treue Diener aufgefordert.
+
+Gordon.
+ Verräter an dem Kaiser--solch ein Herr!
+ So hochbegabt! O was ist Menschengröße!
+ Ich sagt' es oft: das kann nicht glücklich enden;
+ Zum Fallstrick ward ihm seine Größ' und Macht
+ Und diese dunkelschwankende Gewalt.
+ Denn um sich greift der Mensch, nicht darf man ihn
+ Der eignen Mäßigung vertraun. Ihn hält
+ In Schranken nur das deutliche Gesetz
+ Und der Gebräuche tiefgetretne Spur.
+ Doch unnatürlich war und neuer Art
+ Die Kriegsgewalt in dieses Mannes Händen;
+ Dem Kaiser selbst stellte sie ihn gleich,
+ Der stolze Geist verlernte, sich zu beugen.
+ O schad um solchen Mann! denn keiner möchte
+ Da feste stehen, mein ich, wo er fiel.
+
+Buttler.
+ Spart Eure Klagen, bis er Mitleid braucht,
+ Denn jetzt noch ist der Mächtige zu fürchten.
+ Die Schweden sind im Anmarsch gegen Eger,
+ Und schnell, wenn wir's nicht rasch entschlossen hindern,
+ Wird die Vereinigung geschehn. Das darf nicht sein!
+ Es darf der Fürst nicht freien Fußes mehr
+ Aus diesem Platz, denn Ehr' und Leben hab ich
+ Verpfändet, ihn gefangen hier zu nehmen,
+ Und Euer Beistand ist's, auf den ich rechne.
+
+Gordon.
+ O hätt' ich nimmer diesen Tag gesehn!
+ Aus seiner Hand empfing ich diese Würde,
+ Er selber hat dies Schloß mir anvertraut,
+ Das ich in seinen Kerker soll verwandeln.
+ Wir Subalternen haben keinen Willen;
+ Der freie Mann, der mächtige allein
+ Gehorcht dem schönen menschlichen Gefühl.
+ Wir aber sind nur Schergen des Gesetzes,
+ Des grausamen; Gehorsam heißt die Tugend,
+ Um die der Niedre sich bewerben darf.
+
+Buttler.
+ Laßt Euch das enggebundene Vermögen
+ Nicht leid tun. Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum,
+ Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.
+
+Gordon.
+ So hat ihn alles denn verlassen, sagt Ihr?
+ Er hat das Glück von Tausenden gegründet,
+ Denn königlich war sein Gemüt, und stets
+ Zum Geben war die volle Hand geöffnet--
+(Mit einem Seitenblick auf Buttlern.)
+ Vom Staube hat er manchen aufgelesen,
+ Zu hoher Ehr' und Würden ihn erhöht
+ Und hat sich keinen Freund damit, nicht einen
+ Erkauft, der in der Not ihm Farbe hielt!
+
+Buttler.
+ Hier lebt ihm einer, den er kaum gehofft.
+
+Gordon.
+ Ich hab mich keiner Gunst von ihm erfreut.
+ Fast zweifl' ich, ob er je in seiner Größe
+ Sich eines Jugendfreunds erinnert hat--
+ Denn fern von ihm hielt mich der Dienst, sein Auge
+ Verlor mich in den Mauern dieser Burg,
+ Wo ich, von seiner Gnade nicht erreicht,
+ Das freie Herz im stillen mir bewahrte.
+ Denn als er mich in dieses Schloß gesetzt,
+ War's ihm noch Ernst um seine Pflicht; nicht sein
+ Vertrauen täusch ich, wenn ich treu bewahre,
+ Was meiner Treue übergeben ward.
+
+Buttler.
+ So sagt, wollt Ihr die Acht an ihm vollziehn,
+ Mir Eure Hilfe leihn, ihn zu verhaften?
+
+Gordon. (nach einem nachdenklichen Stillschweigen kummervoll).
+ Ist es an dem--verhält sich's, wie Ihr sprecht--
+ Hat er den Kaiser, seinen Herrn, verraten,
+ Das Heer verkauft, die Festungen des Landes
+ Dem Reichsfeind öffnen wollen--Ja, dann ist
+ Nicht Rettung mehr für ihn--Doch es ist hart,
+ Daß unter allen eben mich das Los
+ Zum Werkzeug seines Sturzes muß erwählen.
+ Denn Pagen waren wir am Hof zu Burgau
+ Zu gleicher Zeit, ich aber war der ältre.
+
+Buttler.
+ Ich weiß davon.
+
+Gordon.
+ Wohl dreißig Jahre sind's. Da strebte schon
+ Der kühne Mut im zwanzigjähr'gen Jüngling.
+ Ernst über seine Jahre war sein Sinn,
+ Auf große Dinge männlich nur gerichtet.
+ Durch unsre Mitte ging er stillen Geists,
+ Sich selber die Gesellschaft; nicht die Lust,
+ Die kindische, der Knaben zog ihn an;
+ Doch oft ergriff's ihn plötzlich wundersam,
+ Und der geheimnisvollen Brust entfuhr,
+ Sinnvoll und leuchtend, ein Gedankenstrahl,
+ Daß wir uns staunend ansahn, nicht recht wissend,
+ Ob Wahnsinn, ob ein Gott aus ihm gesprochen.
+
+Buttler.
+ Dort war's, wo er zwei Stock hoch niederstürzte,
+ Als er im Fensterbogen eingeschlummert,
+ Und unbeschädigt stand er wieder auf.
+ Von diesem Tag an, sagt man, ließen sich
+ Anwandlungen des Wahnsinns bei ihm spüren.
+
+Gordon.
+ Tiefsinn'ger wurd'er, das ist wahr, er wurde
+ Katholisch. Wunderbar hatt' ihn das Wunder
+ Der Rettung umgekehrt. Er hielt sich nun
+ Für ein begünstigt und befreites Wesen,
+ Und keck wie einer, der nicht straucheln kann,
+ Lief er auf schwankem Seil des Lebens hin.
+ Nachher führt' uns das Schicksal auseinander
+ Weit, weit! Er ging der Größe kühnen Weg,
+ Mit schnellem Schritt, ich sah ihn schwindelnd gehn,
+ Ward Graf und Fürst und Herzog und Diktator,
+ Und jetzt ist alles ihm zu klein, er streckt
+ Die Hände nach der Königskrone aus
+ Und stürzt in unermeßliches Verderben!
+
+Buttler.
+ Brecht ab. Er kommt.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Wallenstein im Gespräch mit dem Bürgermeister von Eger. Die Vorigen.
+
+
+Wallenstein.
+ Ihr wart sonst eine freie Stadt? Ich seh,
+ Ihr führt den halben Adler in dem Wappen.
+ Warum den halben nur?
+
+Bürgermeister.
+ Wir waren reichsfrei,
+ Doch seit zweihundert Jahren ist die Stadt
+ Der böhm'schen Kron' verpfändet. Daher rührt's,
+ Daß wir nur noch den halben Adler führen.
+ Der untre Teil ist kanzelliert, bis etwa
+ Das Reich uns wieder einlöst.
+
+Wallenstein.
+ Ihr verdientet
+ Die Freiheit. Haltet euch nur brav. Gebt keinem
+ Aufwieglervolk Gehör. Wie hoch seid ihr
+ Besteuert?
+
+Bürgermeister. (zuckt die Achseln)
+ Daß wir's kaum erschwingen können.
+ Die Garnison lebt auch auf unsre Kosten.
+
+Wallenstein.
+ Ihr sollt erleichtert werden. Sagt mir an,
+ Es sind noch Protestanten in der Stadt?
+(Bürgermeister stutzt.)
+ Ja, ja. Ich weiß es. Es verbergen sich noch viele
+ In diesen Mauern--ja! gesteht's nur frei--
+ Ihr selbst--Nicht wahr?
+(Fixiert ihn mit den Augen. Bürgermeister erschrickt.)
+ Seid ohne Furcht. Ich hasse
+ Die Jesuiten--Läg's an mir, sie wären längst
+ Aus Reiches Grenzen--Meßbuch oder Bibel!
+ Mir ist's all eins--Ich hab's der Welt bewiesen--
+ In Glogau hab ich selber eine Kirch'
+ Den Evangelischen erbauen lassen.
+ --Hört, Bürgermeister--wie ist Euer Name?
+
+Bürgermeister.
+ Pachhälbel, mein erlauchter Fürst.
+
+Wallenstein.
+ Hört--aber sagt's nicht weiter, was ich Euch
+ Jetzt im Vertraun eröffne.
+(Ihm die Hand auf die Achsel legend, mit einer gewissen
+Feierlichkeit.)
+
+Die Erfüllung
+ Der Zeiten ist gekommen, Bürgermeister.
+ Die Hohen werden fallen, und die Niedrigen
+ Erheben sich--Behaltet's aber bei Euch!
+ Die spanische Doppelherrschaft neiget sich
+ Zu ihrem Ende, eine neue Ordnung
+ Der Dinge führt sich ein--Ihr saht doch jüngst
+ Am Himmel die drei Monde?
+
+Bürgermeister.
+ Mit Entsetzen.
+
+Wallenstein.
+ Davon sich zwei in blut'ge Dolchgestalt
+ Verzogen und und verwandelten. Nur einer,
+ Der mittlere blieb stehn in seiner Klarheit.
+
+Bürgermeister.
+ Wir zogen's auf den Türken.
+
+Wallenstein.
+ Türken! Was?
+ Zwei Reiche werden blutig untergehen
+ Im Osten und im Westen, sag ich Euch,
+ Und nur der lutherischen Glaub' wird bleiben.
+(Er bemerkt die zwei andern.)
+ Ein starkes Schießen war ja diesen Abend
+ Zur linken Hand, als wir den Weg hieher
+ Gemacht. Vernahm man's auch hier in der Festung?
+
+Gordon.
+ Wohl hörten wir's, mein General. Es brachte
+ Der Wind den Schall gerad von Süden her.
+
+Buttler.
+ Von Neustadt oder Weiden schien's zu kommen.
+
+Wallenstein.
+ Das ist der Weg, auf dem die Schweden nahn.
+ Wie stark ist die Besatzung?
+
+Gordon.
+ Hundertachtzig
+ Dienstfähige Mann, der Rest sind Invaliden.
+
+Wallenstein.
+ Und wieviel stehn im Jochimstal?
+
+Gordon.
+ Zweihundert
+ Arkebusierer hab ich hingeschickt,
+ Den Posten zu verstärken gegen die Schweden.
+
+Wallenstein.
+ Ich lobe Eure Vorsicht. An den Werken
+ Wird auch gebaut. Ich sah's bei der Hereinfahrt.
+
+Gordon.
+ Weil uns der Rheingraf jetzt so nah bedrängt,
+ Ließ ich noch zwei Pasteien schnell errichten.
+
+Wallenstein.
+ Ihr seid genau in Eures Kaisers Dienst.
+ Ich bin mit Euch zufrieden, Oberstleutnant.
+(Zu Buttlern.)
+ Der Posten in dem Jochimstal soll abziehn
+ Samt allen, die dem Feind entgegenstehn.
+(Zu Gordon.)
+ In Euren treuen Händen, Kommendant,
+ Laß ich mein Weib, mein Kind und meine Schwester.
+ Denn hier ist meines Bleibens nicht; nur Briefe
+ Erwart ich, mit dem frühesten die Festung
+ Samt allen Regimentern zu verlassen.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Vorige. Graf Terzky.
+
+
+Terzky.
+ Willkommne Botschaft! Frohe Zeitungen!
+
+Wallenstein.
+ Was bringst du?
+
+Terzky.
+ Eine Schlacht ist vorgefallen
+ Bei Neustadt, und die Schweden blieben Sieger.
+
+Wallenstein.
+ Was sagst du? Woher kommt dir diese Nachricht?
+
+Terzky.
+ Ein Landmann bracht' es mit von Tirschenreit,
+ Nach Sonnenuntergang hab's angefangen,
+ Ein kaiserlicher Trupp von Tachau her
+ Sie eingebrochen in das schwed'sche Lager,
+ Zwei Stunden hab' das Schießen angehalten,
+ Und tausend Kaiserliche sei'n geblieben,
+ Ihr Oberst mit, mehr wußt' er nicht zu sagen.
+
+Wallenstein.
+ Wie käme kaiserliches Volk nach Neustadt?
+ Der Altringer, er müßte Flügel haben,
+ Stand gestern vierzehn Meilen noch von da;
+ Das Gallas Völker sammeln sich zu Fraunberg
+ Und sind noch nicht beisammen. Hätte sich
+ Der Suys etwa so weit vorgewagt?
+ Es kann nicht sein.
+(Illo erscheint.)
+
+Terzky.
+ Wir werden's alsbald hören,
+ Denn hier kommt Illo fröhlich und voll Eile.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Illo. Die Vorigen.
+
+
+Illo. (zu Wallenstein)
+ Ein Reitender ist da und will dich sprechen.
+
+Terzky.
+ Hat's mit dem Siege sich bestätigt? Sprich!
+ Wallenstein.
+ Was bringt er? Woher kommt er?
+
+Illo.
+ Von dem Rheingraf,
+ Und was er bringt, will ich voraus dir melden.
+ Die Schweden stehn fünf Meilen nur von hier,
+ Bei Neustadt hab' der Piccolomini
+ Sich mit der Reiterei auf sie geworfen,
+ Ein fürchterliches Morden sei geschehn,
+ Doch endlich hab' die Menge überwältigt,
+ Die Pappenheimer alle, auch der Max,
+ Der sie geführt--sei'n auf dem Platz geblieben.
+
+Wallenstein.
+ Wo ist der Bote? Bringt mich zu ihm.
+(Will abgehn. Indem stürzt Fräulein Neubrunn ins Zimmer, ihr
+folgen einige Bediente, die durch den Saal rennen.)
+
+Neubrunn.
+ Hilfe! Hilfe!
+
+Illo
+ und Terzky.
+ Was gibt's?
+
+Neubrunn.
+ Das Fräulein!--
+
+Wallenstein
+ und Terzky. Weiß sie's?
+
+Neubrunn.
+ Sie will sterben.
+(Eilt fort. Wallenstein und Terzky mit Illo ihr nach.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Buttler und Gordon.
+
+
+Gordon. (erstaunt)
+ Erklärt mir. Was bedeutete der Auftritt?
+
+Buttler.
+ Sie hat den Mann verloren, den sie liebte,
+ Der Piccolomini war's, der umgekommen.
+
+Gordon.
+ Unglücklich Fräulein!
+
+Buttler.
+ Ihr habt gehört, was dieser Illo brachte,
+ Daß sich die Schweden siegend nahn.
+
+Gordon.
+ Wohl hört' ich's.
+
+Buttler.
+ Zwölf Regimenter sind sie stark, und fünf
+ Stehn in der Näh', den Herzog zu beschützen.
+ Wir haben nur mein einzig Regiment,
+ Und nicht zweihundert stark ist die Besatzung.
+
+Gordon.
+ So ist's.
+
+Buttler.
+ Nicht möglich ist's, mit so geringer Mannschaft
+ Solch einen Staatsgefangnen zu bewahren.
+
+Gordon.
+ Das seh ich ein.
+
+Buttler.
+ Die Menge hätte bald das kleine Häuflein
+ Entwaffnet, ihn befreit.
+
+Gordon.
+ Das ist zu fürchten.
+
+Buttler. (nach einer Pause)
+ Wißt! Ich bin Bürge worden für den Ausgang,
+ Mit meinem Haupte haft ich für das seine,
+ Wort muß ich halten, führ's wohin es will,
+ Und ist der Lebende nicht zu bewahren,
+ So ist--der Tote uns gewiß.
+
+Gordon.
+ Versteh ich Euch? Gerechter Gott! Ihr könntet--
+
+Buttler.
+ Er darf nicht leben.
+
+Gordon.
+ Ihr vermöchtet's?
+
+Buttler.
+ Ihr oder ich. Er sah den letzten Morgen.
+
+Gordon.
+ Ermorden wollt Ihr ihn?
+
+Buttler.
+ Das ist mein Vorsatz.
+
+Gordon.
+ Der Eurer Treu vertraut!
+
+Buttler.
+ Sein böses Schicksal!
+
+Gordon.
+ Des Feldherrn heilige Person!
+
+Buttler.
+ Das war er!
+
+Gordon.
+ O was er war, löscht kein Verbrechen aus!
+ Ohn' Urtel?
+
+Buttler.
+ Die Vollstreckung ist statt Urtels.
+
+Gordon.
+ Das wäre Mord und nicht Gerechtigkeit,
+ Denn hören muß sie auch den Schuldigsten.
+
+Buttler.
+ Klar ist die Schuld, der Kaiser hat gerichtet,
+ Und seinen Willen nur vollstrecken wir.
+
+Gordon.
+ Den blut'gen Spruch muß man nicht rasch vollziehn,
+ Ein Wort nimmt sich, ein Leben nie zurück.
+
+Buttler.
+ Der hurt'ge Dienst gefällt den Königen.
+
+Gordon.
+ Zu Henkers Dienst drängt sich kein edler Mann.
+
+Buttler.
+ Kein mutiger erbleicht vor kühner Tat.
+
+Gordon.
+ Das Leben wagt der Mut, nicht das Gewissen.
+
+Buttler.
+ Was? Soll er frei ausgehn, des Krieges Flamme,
+ Die unauslöschliche, aufs neu entzünden?
+
+Gordon.
+ Nehmt ihn gefangen, tötet ihn nur nicht,
+ Greift blutig nicht dem Gnadenengel vor.
+
+Buttler.
+ Wär' die Armee des Kaisers nicht geschlagen,
+ Möcht' ich lebendig ihn erhalten haben.
+
+Gordon.
+ O warum schloß ich ihm die Festung auf!
+
+Buttler.
+ Der Ort nicht, sein Verhängnis tötet ihn.
+
+Gordon.
+ Auf diesen Wällen wär' ich ritterlich,
+ Des Kaisers Schloß verteidigend, gesunken.
+
+Buttler.
+ Und tausend brave Männer kamen um!
+
+Gordon.
+ In ihrer Pflicht--das schmückt und ehrt den Mann;
+ Doch schwarzen Mord verfluchte die Natur.
+
+Buttler. (eine Schrift hervorlangend)
+ Hier ist das Manifest, das uns befiehlt,
+ Uns seiner zu bemächtigen. Es ist an Euch
+ Gerichtet, wie an mich. Wollt Ihr die Folgen tragen,
+ Wenn er zum Feind entrinnt durch unsre Schuld?
+
+Gordon.
+ Ich, der Ohnmächtige, o Gott!
+
+Buttler.
+ Nehmt Ihr's auf Euch. Steht für die Folgen ein!
+ Mag werden draus was will! Ich leg's auf Euch.
+
+Gordon.
+ O Gott im Himmel!
+
+Buttler.
+ Wißt Ihr andern Rat,
+ Des Kaisers Meinung zu vollziehen? Sprecht!
+ Denn stürzen, nicht vernichten will ich ihn.
+
+Gordon.
+ O Gott! Was sein muß, seh ich klar wie Ihr,
+ Doch anders schlägt das Herz in meiner Brust.
+
+Buttler.
+ Auch dieser Illo, dieser Terzky dürfen
+ Nicht leben, wenn der Herzog fällt.
+
+Gordon.
+ O nicht um diese tut mir's leid. Sie trieb
+ Ihr schlechtes Herz, nicht die Gewalt der Sterne.
+ Sie waren's, die in seine ruh'ge Brust
+ Den Samen böser Leidenschaft gestreut,
+ Die mit fluchwürdiger Geschäftigkeit
+ Die Unglücksfrucht in ihm genährt--Mag sie
+ Des bösen Dienstes böser Lohn ereilen!
+
+Buttler.
+ Auch sollen sie im Tod ihm gleich voran.
+ Verabred't ist schon alles. Diesen Abend
+ Bei eines Gastmahls Freuden wollten wir
+ Sie lebend greifen und im Schloß bewahren.
+ Viel kürzer ist es so. Ich geh sogleich,
+ Die nötigen Befehle zu erteilen.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Vorige. Illo und Terzky.
+
+
+Terzky.
+ Nun soll's bald anders werden! Morgen ziehn
+ Die Schweden ein, zwölftausend tapfre Krieger.
+ Dann grad auf Wien. He! Lustig, Alter! Kein
+ So herb Gesicht zu solcher Freudenbotschaft!
+
+Illo.
+ Jetzt ist's an uns, Gesetze vorzuschreiben
+ Und Rach' zu nehmen an den schlechten Menschen,
+ Den schändlichen, die uns verlassen. Einer
+ Hat's schon gebüßt, der Piccolomini.
+ Ging's allen so, die's übel mit uns meinen!
+ Wie schwer trifft dieser Schlag das alte Haupt!
+ Der hat sein ganzes Leben lang sich
+ Abgequält, sein altes Grafenhaus zu fürsten,
+ Und jetzt begräbt er seinen einz'gen Sohn!
+
+Buttler.
+ Schad ist's doch um den heldenmüt'gen Jüngling,
+ Dem Herzog selbst ging's nah, man sah es wohl.
+
+Illo.
+ Hört, alter Freund! Das ist es, was mir nie
+ Am Herrn gefiel, es war mein ew'ger Zank,
+ Er hat die Welschen immer vorgezogen.
+ Auch jetzo noch, ich schwör's bei meiner Seele,
+ Säh' er uns alle lieber zehnmal tot,
+ Könnt' er den Freund damit ins Leben rufen.
+
+Terzky.
+ Still! Still! Nicht weiter! Laß die Toten ruhn!
+ Heut gilt es, wer den andern niedertrinkt,
+ Denn Euer Regiment will uns bewirten.
+ Wir wollen eine lust'ge Faßnacht halten,
+ Die Nacht sei einmal Tag, bei vollen Gläsern
+ Erwarten wir die schwed'sche Avantgarde.
+
+Illo.
+ Ja, laßt uns heut noch guter Dinge sein,
+ Denn heiße Tage stehen uns bevor.
+ Nicht ruhn soll dieser Degen, bis er sich
+ In österreich'schem Blute satt gebadet.
+
+Gordon.
+ Pfui, welche Red' ist das, Herr Feldmarschall,
+ Warum so wüten gegen Euren Kaiser--
+
+Buttler.
+ Hofft nicht zu viel von diesem ersten Sieg.
+ Bedenkt, wie schnell des Glückes Rad sich dreht,
+ Denn immer noch sehr mächtig ist der Kaiser.
+
+Illo.
+ Der Kaiser hat Soldaten, keinen Feldherrn,
+ Denn dieser König Ferdinand von Ungarn
+ Versteht den Krieg nicht--Gallas? Hat kein Glück
+ Und war von jeher nur ein Heerverderber.
+ Und diese Schlange, der Octavio,
+ Kann in die Fersen heimlich wohl verwunden,
+ Doch nicht in offner Schlacht dem Friedland stehn.
+
+Terzky.
+ Nicht fehlen kann's uns, glaubt mir's nur. Das Glück
+ Verläßt den Herzog nicht; bekannt ist's ja,
+ Nur unterm Wallenstein kann Östreich siegen.
+
+Illo.
+ Der Fürst wird ehestens ein großes Heer
+ Beisammen haben, alles drängt sich, strömt
+ Herbei zum alten Ruhme seiner Fahnen.
+ Die alten Tage seh ich wiederkehren,
+ Der große wird er wieder, der er war--
+ Wie werden sich die Toren dann ins Aug'
+ Geschlagen haben, die ihn jetzt verließen!
+ Denn Länder schenken wird er seinen Freunden
+ Und treue Dienste kaiserlich belohnen.
+ Wir aber sind in seiner Gunst die nächsten.
+(Zu Gordon.)
+ Auch Eurer wird er dann gedenken, wird Euch
+ Aus diesem Neste ziehen, Eure Treu
+ In einem höhern Posten glänzen lassen.
+
+Gordon.
+ Ich bin vergnügt, verlange höher nicht
+ Hinauf: wo große Höh', ist große Tiefe.
+
+Illo.
+ Ihr habt hier weiter nichts mehr zu bestellen,
+ Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung.
+ Kommt, Terzky. Es wird Zeit zum Abendessen.
+ Was meint Ihr? Lassen wir die Stadt erleuchten,
+ Dem Schwedischen zur Ehr', und wer's nicht tut,
+ Der ist ein Spanischer und ein Verräter.
+
+Terzky.
+ Laßt das. Es wird dem Herzog nicht gefallen.
+
+Illo.
+ Was! Wir sind Meister hier, und keiner soll sich
+ Für kaiserlich bekennen, wo wir herrschen.
+ --Gut Nacht, Gordon. Laßt Euch zum letztenmal
+ Den Platz empfohlen sein, schickt Runden aus,
+ Zur Sicherheit kann man das Wort noch ändern.
+ Schlag zehn bringt Ihr dem Herzog selbst die Schlüssel,
+ Dann seid Ihr Eures Schließeramtes quitt,
+ Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung.
+
+Terzky. (im Abgehen zu Buttler):
+ Ihr kommt doch auch aufs Schloß?
+
+Buttler.
+ Zu rechter Zeit.
+(Jene gehen ab.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Buttler und Gordon.
+
+
+Gordon. (ihnen nachsehend)
+ Die Unglückseligen! Wie ahnungslos
+ Sie in das ausgespannte Mordnetz stürzen
+ In ihrer blinden Siegestrunkenheit!--
+ Ich kann sie nicht beklagen. Dieser Illo,
+ Der übermütig freche Bösewicht,
+ Der sich in seines Kaisers Blut will baden!
+
+Buttler.
+ Tut, wie er Euch befohlen. Schickt Patrouillen
+ Herum, sorgt für die Sicherheit der Festung;
+ Sind jene oben, schließ ich gleich die Burg,
+ Daß in der Stadt nichts von der Tat verlaute!
+
+Gordon. (ängstlich)
+ O eilt nicht so! Erst sagt mir--
+
+Buttler.
+ Ihr vernahmt's,
+ Der nächste Morgen schon gehört den Schweden.
+ Die Nacht nur ist noch unser, sie sind schnell,
+ Noch schneller wollen wir sein--Lebet wohl.
+
+Gordon.
+ Ach Eure Blicke sagen mir nichts Gutes.
+ Versprechet mir--
+
+Buttler.
+ Der Sonne Licht ist unter,
+ Herabsteigt ein verhängnisvoller Abend--
+ Sie macht ihr Dünkel sicher. Wehrlos gibt sie
+ Ihr böser Stern in unsre Hand, und mitten
+ In ihrem trunknen Glückeswahne soll
+ Der scharfe Stahl ihr Leben rasch zerschneiden.
+ Ein großer Rechenkünstler war der Fürst
+ Von jeher, alles wußt' er zu berechnen,
+ Die Menschen wußt' er, gleich des Brettspiels Steinen,
+ Nach seinem Zweck zu setzen und zu schieben,
+ Nicht Anstand nahm er, andrer Ehr' und Würde
+ Und guten Ruf zu würfeln und zu spielen.
+ Gerechnet hat er fort und fort, und endlich
+ Wird doch der Kalkul irrig sein; er wird
+ Sein Leben selbst hineingerechnet haben,
+ Wie jener dort in seinem Zirkel fallen.
+
+Gordon.
+ O seiner Fehler nicht gedenket jetzt!
+ An seine Größe denkt, an seine Milde,
+ An seines Herzens liebenswerte Züge,
+ An alle Edeltaten seines Lebens,
+ Und laßt sie in das aufgehobne Schwert
+ Als Engel bittend, gnadeflehend fallen.
+
+Buttler.
+ Es ist zu spät. Nicht Mitleid darf ich fühlen,
+ Ich darf nur blutige Gedanken haben.
+(Gordons Hand fassend.)
+ Gordon! Nicht meines Hasses Trieb--Ich liebe
+ Den Herzog nicht und hab dazu nicht Ursach'--
+ Doch nicht mein Haß macht mich zu seinem Mörder.
+ Sein böses Schicksal ist's. Das Unglück treibt mich,
+ Die feindliche Zusammenkunft der Dinge.
+ Es denkt der Mensch die freie Tat zu tun,
+ Umsonst! Er ist das Spielwerk nur der blinden
+ Gewalt, die aus der eignen Wahl ihm schnell
+ Die furchtbare Notwendigkeit erschafft.
+ Was hälf's ihm auch, wenn mir für ihn im Herzen
+ Was redete--Ich muß ihn dennoch töten.
+
+Gordon.
+ O wenn das Herz Euch warnt, folgt seinem Triebe!
+ Das Herz ist Gottes Stimme, Menschenwerk
+ Ist aller Klugheit künstliche Berechnung.
+ Was kann aus blut'ger Tat Euch Glückliches
+ Gedeihen? O aus Blut entspringt nicht Gutes!
+ Soll sie die Staffel Euch zur Größe bauen?
+ O glaubt das nicht--Es kann der Mord bisweilen
+ Den Königen, der Mörder nie gefallen.
+
+Buttler.
+ Ihr wißt nicht. Fragt nicht. Warum mußten auch
+ Die Schweden siegen und so eilend nahn!
+ Gern überließ ich ihn des Kaisers Gnade,
+ Sein Blut nicht will ich. Nein, er möchte leben.
+ Doch meines Wortes Ehre muß ich lösen.
+ Und sterben muß er, oder--hört und wißt!--
+ Ich bin entehrt, wenn uns der Fürst entkommt.
+
+Gordon.
+ O solchen Mann zu retten--
+
+Buttler. (schnell)
+ Was?
+
+Gordon.
+ Ist eines Opfers wert--Seid edelmütig!
+ Das Herz und nicht die Meinung ehrt den Mann.
+
+Buttler. (kalt und stolz)
+ Er ist ein großer Herr, der Fürst--Ich aber
+ Bin nur ein kleines Haupt, das wollt Ihr sagen.
+ Was liegt der Welt dran, meint Ihr, ob der niedrig
+ Geborene sich ehret oder schändet,
+ Wenn nur der Fürstliche gerettet wird.
+ --Ein jeder gibt den Wert sich selbst. Wie hoch ich
+ Mich selbst anschlagen will, das steht bei mir.
+ So hoch gestellt ist keiner auf der Erde,
+ Daß ich mich selber neben ihm verachte.
+ Den Menschen macht sein Wille groß und klein,
+ Und weil ich meinem treu bin, muß er sterben.
+
+Gordon.
+ O einen Felsen streb ich zu bewegen!
+ Ihr seid von Menschen menschlich nicht gezeugt.
+ Nicht hindern kann ich Euch, ihn aber rette
+ Ein Gott aus Eurer fürchterlichen Hand.
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Ein Zimmer bei der Herzogin. Thekla in einem Sessel, bleich,
+ mit geschloßnen Augen. Herzogin und Fräulein von Neubrunn um
+ sie beschäftigt. Wallenstein und die Gräfin im Gespräch.
+
+
+Wallenstein.
+ Wie wußte sie es denn so schnell?
+
+Gräfin.
+ Sie scheint
+ Unglück geahnt zu haben. Das Gerücht
+ Von einer Schlacht erschreckte sie, worin
+ Der kaiserliche Oberst sei gefallen.
+ Ich sah es gleich. Sie flog dem schwedischen
+ Kurier entgegen und entriß ihm schnell
+ Durch Fragen das unglückliche Geheimnis.
+ Zu spät vermißten wir sie, eilten nach,
+ Ohnmächtig lag sie schon in seinen Armen.
+
+Wallenstein.
+ So unbereitet mußte dieser Schlag
+ Sie treffen! Armes Kind!--Wie ist's? Erholt sie sich?
+(Indem er sich zur Herzogin wendet.)
+
+Herzogin.
+ Sie schlägt die Augen auf.
+
+Gräfin.
+ Sie lebt!
+
+Thekla. (sich umschauend)
+ Wo bin ich?
+
+Wallenstein. (tritt zu ihr, sie mit seinen Armen aufrichtend)
+ Komm zu dir, Thekla. Sei mein starkes Mädchen!
+ Sieh deiner Mutter liebende Gestalt
+ Und deines Vaters Arme, die dich halten.
+
+Thekla. (richtet sich auf)
+ Wo ist er? Ist er nicht mehr hier?
+
+Herzogin.
+ Wer, meine Tochter?
+
+Thekla.
+ Der dieses Unglückswort aussprach--
+
+Herzogin.
+ O denke nicht daran, mein Kind! Hinweg
+ Von diesem Bilde wende die Gedanken.
+
+Wallenstein.
+ Laßt ihren Kummer reden! Laßt sie klagen!
+ Mischt eure Tränen mit den ihrigen.
+ Denn einen großen Schmerz hat sie erfahren;
+ Doch wird sie's überstehn, denn meine Thekla
+ Hat ihres Vaters unbezwungnes Herz.
+
+Thekla.
+ Ich bin nicht krank. Ich habe Kraft, zu stehn.
+ Was weint die Mutter? Hab ich sie erschreckt?
+ Es ist vorüber, ich besinne mich wieder.
+(Sie ist aufgestanden und sucht mit den Augen im Zimmer.)
+ Wo ist er? Man verberge mir ihn nicht.
+ Ich habe Stärke gnug, ich will ihn hören.
+
+Herzogin.
+ Nein, Thekla! Dieser Unglücksbote soll
+ Nie wieder unter deine Augen treten.
+
+Thekla.
+ Mein Vater--
+
+Wallenstein.
+ Liebes Kind!
+
+Thekla.
+ Ich bin nicht schwach,
+ Ich werde mich auch bald noch mehr erholen.
+ Gewähren Sie mir eine Bitte.
+
+Wallenstein.
+ Sprich!
+
+Thekla.
+ Erlauben Sie, daß dieser fremde Mann
+ Gerufen werde! daß ich ihn allein
+ Vernehme und befrage.
+
+Herzogin.
+ Nimmermehr!
+
+Gräfin.
+ Nein! Das ist nicht zu raten! Gib's nicht zu!
+
+Wallenstein.
+ Warum willst du ihn sprechen, meine Tochter?
+
+Thekla.
+ Ich bin gefaßter, wenn ich alles weiß.
+ Ich will nicht hintergangen sein. Die Mutter
+ Will mich nur schonen. Ich will nicht geschont sein.
+ Das Schrecklichste ist ja gesagt, ich kann
+ Nichts Schrecklichers mehr hören.
+ Gräfin und Herzogin
+(zu Wallenstein)
+ Tu es nicht!
+
+Thekla.
+ Ich wurde überrascht von meinem Schrecken,
+ Mein Herz verriet mich bei dem fremden Mann,
+ Er war ein Zeuge meiner Schwachheit, ja,
+ Ich sank in seine Arme--das beschämt mich.
+ Herstellen muß ich mich in seiner Achtung,
+ Und sprechen muß ich ihn, notwendig, daß
+ Der fremde Mann nicht ungleich von mir denke.
+
+Wallenstein.
+ Ich finde, sie hat recht--und bin geneigt,
+ Ihr diese Bitte zu gewähren. Ruft ihn.
+(Fräulein Neubrunn geht hinaus.)
+
+Herzogin.
+ Ich, deine Mutter, aber will dabei sein.
+
+Thekla.
+ Am liebsten spräch' ich ihn allein. Ich werde
+ Alsdann um so gefaßter mich betragen.
+
+Wallenstein. (zur Herzogin)
+ Laß es geschehn. Laß sie's mit ihm allein
+ Ausmachen. Es gibt Schmerzen, wo der Mensch
+ Sich selber nur helfen kann, ein starkes Herz
+ Will sich auf seine Stärke nur verlassen.
+ In ihrer, nicht an fremder Brust muß sie
+ Kraft schöpfen, diesen Schlag zu überstehn.
+ Es ist mein starkes Mädchen; nicht als Weib,
+ Als Heldin will ich sie behandelt sehn.
+(Er will gehen.)
+
+Gräfin. (hält ihn)
+ Wo gehst du hin? Ich hörte Terzky sagen,
+ Du denkest morgen früh von hier zu gehn,
+ Uns aber hierzulassen.
+
+Wallenstein.
+ Ja, ihr bleibt
+ Dem Schutze wackrer Männer übergeben.
+
+Gräfin.
+ O nimm uns mit dir, Bruder! Laß uns nicht
+ In dieser düstern Einsamkeit dem Ausgang
+ Mit sorgendem Gemüt engegenharren.
+ Das gegenwärt'ge Unglück trägt sich leicht,
+ Doch grauenvoll vergrößert es der Zweifel
+ Und der Erwartung Qual dem weit Entfernten.
+
+Wallenstein.
+ Wer spricht von Unglück? Beßre deine Rede.
+ Ich hab ganz andre Hoffnungen.
+
+Gräfin.
+ So nimm uns mit. O laß uns nicht zurück
+ In diesem Ort der traurigen Bedeutung,
+ Denn schwer ist mir das Herz in diesen Mauern,
+ Und wie ein Totenkeller haucht mich's an,
+ Ich kann nicht sagen, wie der Ort mir widert.
+ O führ uns weg! Komm, Schwester, bitt ihn auch,
+ Daß er uns fortnimmt! Hilf mir, liebe Nichte.
+
+Wallenstein.
+ Des Ortes böse Zeichen will ich ändern:
+ Er sei's, der mir mein Teuerstes bewahrte.
+
+Neubrunn. (kommt zurück):
+ Der schwed'sche Herr!
+
+Wallenstein.
+ Laßt sie mit ihm allein.
+(Ab.)
+
+Herzogin. (zu Thekla)
+ Sieh, wie du dich entfärbtest! Kind, du kannst ihn
+ Unmöglich sprechen. Folge deiner Mutter.
+
+Thekla.
+ Die Neubrunn mag denn in der Nähe bleiben.
+(Herzogin und Gräfin gehen ab.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Thekla. Der schwedische Hauptmann. Fräulein Neubrunn.
+
+
+Hauptmann. (naht sich ehrerbietig)
+ Prinzessin--ich--muß um Verzeihung bitten,
+ Mein unbesonnen rasches Wort--Wie konnt' ich--
+
+Thekla. (mit edelm Anstand)
+ Sie haben mich in meinem Schmerz gesehn,
+ Ein unglücksvoller Zufall machte Sie
+ Aus einem Fremdling schnell mir zum Vertrauten.
+
+Hauptmann.
+ Ich fürchte, daß Sie meinen Anblick hassen,
+ Denn meine Zunge sprach ein traurig Wort.
+
+Thekla.
+ Die Schuld ist mein. Ich selbst entriß es Ihnen,
+ Sie waren nur die Stimme meines Schicksals.
+ Mein Schrecken unterbrach den angefangnen
+ Bericht. Ich bitte drum, daß Sie ihn enden.
+
+Hauptmann. (bedenklich)
+ Prinzessin, es wird Ihren Schmerz erneuern.
+
+Thekla.
+ Ich bin darauf gefaßt--Ich will gefaßt sein.
+ Wie fing das Treffen an? Vollenden Sie.
+
+Hauptmann.
+ Wir standen, keines Überfalls gewärtig,
+ Bei Neustadt schwach verschanzt in unserm Lager,
+ Als gegen Abend eine Wolke Staubes
+ Aufstieg vom Wald her, unser Vortrab fliehend
+ Ins Lager stürzte, rief: der Feind sei da.
+ Wie hatten eben nur noch Zeit, uns schnell
+ Aufs Pferd zu werfen, da durchbrachen schon,
+ In vollem Rosseslauf dahergesprengt,
+ Die Pappenheimer den Verhack; schnell war
+ Der Graben auch, der sich ums Lager zog,
+ Von diesen stürm'schen Scharen überflogen.
+ Doch unbesonnen hatte sie der Mut
+ Vorausgeführt den andern, weit dahinten
+ War noch das Fußvolk, nur die Pappenheimer waren
+ Dem kühnen Führer kühn gefolgt.--
+(Thekla macht eine Bewegung. Der Hauptmann hält einen Augenblick
+inne, bis sie ihm einen Wink gibt, fortzufahren.)
+ Von vorn und von den Flanken faßten wir
+ Sie jetzo mit der ganzen Reiterei
+ Und drängten sie zurück zum Graben, wo
+ Das Fußvolk, schnell geordnet, einen Rechen
+ Von Piken ihnen starr entgegenstreckte.
+ Nicht vorwärts konnten sie, auch nicht zurück,
+ Gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge.
+ Da rief der Rheingraf ihrem Führer zu,
+ In guter Schlacht sich ehrlich zu ergeben,
+ Doch Oberst Piccolomini--
+(Thekla schwindelnd, faßt einen Sessel.)
+ ihn machte
+ Der Helmbusch kenntlich und das lange Haar,
+ Vom raschen Ritte war's ihm losgegangen--
+ Zum Graben winkt er, sprengt, der erste, selbst
+ Sein edles Roß darüber weg, ihm stürzt
+ Das Regiment nach--doch--schon war's geschehen!
+ Sein Pferd, von einer Partisan durchstoßen, bäumt
+ Sich wütend, schleudert weit den Reiter ab,
+ Und hoch weg über ihn geht die Gewalt
+ Der Rosse, keinem Zügel mehr gehorchend.
+(Thekla, welche die letzten Reden mit allen Zeichen wachsender Angst
+begleitet, verfällt in ein heftiges Zittern, sie will sinken, Fräulein
+Neubrunn eilt hinzu und empfängt sie in ihren Armen.)
+
+Neubrunn.
+ Mein teures Fräulein--
+
+Hauptmann. (gerührt)
+ Ich entferne mich.
+
+Thekla.
+ Es ist vorüber--Bringen Sie's zu Ende.
+
+Hauptmann.
+ Da ergriff, als sie den Führer fallen sahn,
+ Die Truppen grimmig wütende Verzweiflung.
+ Der eignen Rettung denkt jetzt keiner mehr,
+ Gleich wilden Tigern fechten sie, er reizt
+ Ihr starrer Widerstand die Unsrigen,
+ Und eher nicht erfolgt des Kampfes Ende,
+ Als bis der letzte Mann gefallen ist.
+
+Thekla. (mit zitternder Stimme)
+ Und wo--wo ist--Sie sagten mir nicht alles.
+
+Hauptmann. (nach einer Pause)
+ Heut früh bestatteten wir ihn. Ihn trugen
+ Zwölf Jünglinge der edelsten Geschlechter,
+ Das ganze Heer begleitete die Bahre.
+ Ein Lorbeer schmückte seinen Sarg, drauf legte
+ Der Rheingraf selbst den eignen Siegerdegen.
+ Auch Tränen fehlten seinem Schicksal nicht,
+ Denn viele sind bei uns, die seine Großmut
+ Und seiner Sitten Freundlichkeit erfahren,
+ Und alle rührte sein Geschick. Gern hätte
+ Der Rheingraf ihn gerettet, doch er selbst
+ Vereitelt' es; man sagt, er wollte sterben.
+
+Neubrunn. (gerührt zu Thekla, welche ihr Angesicht verhüllt hat).
+ Mein teures Fräulein--Fräulein, sehn Sie auf!
+ O warum mußten Sie darauf bestehn!
+
+Thekla.
+ --Wo ist sein Grab?
+
+Hauptmann.
+ In einer Klosterkirche
+ Bei Neustadt ist er beigesetzt, bis man
+ Von seinem Vater Nachricht eingezogen.
+
+Thekla.
+ Wie heißt das Kloster?
+
+Hauptmann.
+ Sankt Kathrinenstift.
+
+Thekla.
+ Ist's weit bis dahin?
+
+Hauptmann.
+ Sieben Meilen zählt man.
+
+Thekla.
+ Wie geht der Weg?
+
+Hauptmann.
+ Man kommt bei Tirschenreit
+ Und Falkenberg durch unsre ersten Posten.
+
+Thekla.
+ Wer kommandiert sie?
+
+Hauptmann.
+ Oberst Seckendorf.
+
+Thekla. (tritt an den Tisch und nimmt aus dem Schmuckkästchen einen Ring).
+ Sie haben mich in meinem Schmerz gesehn
+ Und mir ein menschlich Herz gezeigt--Empfangen Sie
+(indem sie ihm den Ring gibt)
+ Ein Angedenken dieser Stunde--Gehn Sie.
+
+Hauptmann. (bestürzt).
+ Prinzessin--
+(Thekla winkt ihm schweigend, zu gehen, und verläßt ihn.
+Hauptmann zaudert und will reden. Fräulein Neubrunn wiederholt
+den Wink. Er geht ab.)
+
+
+
+Elfter Auftritt
+
+Thekla. Neubrunn.
+
+
+Thekla. (fällt der Neubrunn um den Hals)
+ Jetzt, gute Neubrunn, zeige mir die Liebe,
+ Die du mir stets gelobt, beweise dich
+ Als meine treue Freundin und Gefährtin!
+ --Wir müssen fort, noch diese Nacht.
+
+Neubrunn.
+ Fort, und wohin?
+
+Thekla.
+ Wohin? Es ist nur ein Ort in der Welt!
+ Wo er bestattet liegt, zu seinem Sarge!
+
+Neubrunn.
+ Was können Sie dort wollen, teures Fräulein?
+
+Thekla.
+ Was dort, Unglückliche! So würdest du
+ Nicht fragen, wenn du je geliebt. Dort, dort
+ Ist alles, was noch übrig ist von ihm,
+ Der einz'ge Fleck ist mir die ganze Erde.
+ --O halte mich nicht auf! Komm und mach Anstalt.
+ Laß uns auf Mittel denken, zu entfliehen.
+
+Neubrunn.
+ Bedachten Sie auch Ihres Vaters Zorn?
+
+Thekla.
+ Ich fürchte keines Menschen Zürnen mehr.
+
+Neubrunn.
+ Den Hohn der Welt! des Tadels arge Zunge!
+
+Thekla.
+ Ich suche einen auf, der nicht mehr ist.
+ Will ich denn in die Arme--o mein Gott!
+ Ich will ja in die Gruft nur des Geliebten.
+
+Neubrunn.
+ Und wir allein, zwei hilflos schwache Weiber?
+
+Thekla.
+ Wir waffnen uns, mein Arm soll dich beschützen.
+
+Neubrunn.
+ Bei dunkler Nachtzeit?
+
+Thekla.
+ Nacht wird uns verbergen.
+
+Neubrunn.
+ In dieser rauhen Sturmnacht?
+
+Thekla.
+ Ward ihm sanft
+ Gebettet, unter den Hufen seiner Rosse?
+
+Neubrunn.
+ O Gott!--und dann die vielen Feindesposten!
+ Man wird uns nicht durchlassen.
+
+Thekla.
+ Es sind Menschen,
+ Frei geht das Unglück durch die ganze Erde!
+
+Neubrunn.
+ Die weite Reise--
+
+Thekla.
+ Zählt der Pilger Meilen,
+ Wenn er zum fernen Gnadenbilde wallt?
+
+Neubrunn.
+ Die Möglichkeit, aus dieser Stadt zu kommen?
+
+Thekla.
+ Gold öffnet uns die Tore. Geh nur, geh!
+
+Neubrunn.
+ Wenn man uns kennt?
+
+Thekla.
+ In einer Flüchtigen,
+ Verzweifelnden sucht niemand Friedlands Tochter.
+
+Neubrunn.
+ Wo finden wir die Pferde zu der Flucht?
+
+Thekla.
+ Mein Kavalier verschafft sie. Geh und ruf ihn.
+
+Neubrunn.
+ Wagt er das ohne Wissen seines Herrn?
+
+Thekla.
+ Er wird es tun. O geh nur! Zaudre nicht.
+
+Neubrunn.
+ Ach! und was wird aus Ihrer Mutter werden,
+ Wenn Sie verschwunden sind?
+
+Thekla. (sich besinnend und schmerzvoll vor sich hinschauend)
+ O meine Mutter!
+
+Neubrunn.
+ So viel schon leidet sie, die gute Mutter,
+ Soll sie auch dieser letzte Schlag noch treffen?
+
+Thekla.
+ Ich kann's Ihr nicht ersparen!--Geh nur, geh.
+
+Neubrunn.
+ Bedenken Sie doch ja wohl, was Sie tun.
+
+Thekla.
+ Bedacht ist schon, was zu bedenken ist.
+
+Neubrunn.
+ Und sind wir dort, was soll mit Ihnen werden?
+
+Thekla.
+ Dort wird's ein Gott mir in die Seele geben.
+
+Neubrunn.
+ Ihr Herz ist jetzt voll Unruh, teures Fräulein,
+ Das ist der Weg nicht, der zur Ruhe führt.
+
+Thekla.
+ Zur tiefen Ruh, wie er sie auch gefunden.
+ --O eile! geh! Mach keine Worte mehr!
+ Es zíeht mich fort, ich weiß nicht, wie ich's nenne,
+ Unwiderstehlich fort zu seinem Grabe!
+ Dort wird mir leichter werden, augenblicklich!
+ Das herzerstickende Band des Schmerzens wird
+ Sich lösen--Meine Tränen werden fließen.
+ O geh, wir könnten längst schon auf dem Weg sein.
+ Nicht Ruhe find ich, bis ich diesen Mauern
+ Entrunnen bin--sie stürzen auf mich ein--
+ Fortstoßend treibt mich eine dunkle Macht
+ Von dannen--Was ist das für ein Gefühl!
+ Es füllen sich mir alle Räume dieses Hauses
+ Mit bleichen, hohlen Geisterbildern an--
+ Ich habe keinen Platz mehr--Immer neue!
+ Es drängt mich das entsetzliche Gewimmel
+ Aus diesen Wänden fort, die Lebende!
+
+Neubrunn.
+ Sie setzen mich in Angst und Schrecken, Fräulein,
+ Daß ich nun selber nicht zu bleiben wage.
+ Ich geh und rufe gleich den Rosenberg.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+
+Thekla.
+ Sein Geist ist's, der micht ruft. Es ist die Schar
+ Der Treuen, die sich rächend ihm geopfert.
+ Unedler Säumnis klagen sie mich an.
+ Sie wollten auch im Tod nicht von ihm lassen,
+ Der ihres Lebens Führer war--Das taten
+ Die rohen Herzen, und ich sollte leben!
+ --Nein! Auch für mich ward jener Lorbeerkranz,
+ Der deine Totenbahre schmückt, gewunden.
+ Was ist das Leben ohne Liebesglanz?
+ Ich werf es hin, da sein Gehalt verschwunden.
+ Ja, da ich dich, den Liebenden gefunden,
+ Da war das Leben etwas. Glänzend lag
+ Vor mir der neue goldne Tag!
+ Mir träumte von zwei himmelschönen Stunden.
+ Du standest an dem Eingang in der Welt,
+ Die ich betrat mit klösterlichem Zagen,
+ Sie war von tausend Sonnen aufgehellt;
+ Ein guter Engel schienst du hingestellt,
+ Mich aus der Kindheit fabelhaften Tagen
+ Schnell auf des Lebens Gipfel hinzutragen.
+ Mein erst Empfinden war des Himmels Glück,
+ In dein Herz fiel mein erster Blick!
+(Sie sinkt hier in Nachdenken und fährt dann mit Zeichen des
+Grauens auf.)
+ --Da kommt das Schicksal--Roh und kalt
+ Faßt es des Freundes zärtliche Gestalt
+ Und wirft ihn unter den Hufschlag seiner Pferde--
+ --Das ist das Los des Schönen auf der Erde!
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+Thekla. Fräulein Neubrunn mit dem Stallmeister.
+
+
+Neubrunn.
+ Hier ist er, Fräulein, und er will es tun.
+
+Thekla.
+ Willst du uns Pferde schaffen, Rosenberg?
+ Stallmeister.
+ Ich will sie schaffen.
+
+Thekla.
+ Willst du uns begleiten?
+
+Stallmeister.
+ Mein Fräulein, bis ans End' der Welt.
+
+Thekla.
+ Du kannst
+ Zum Herzog aber nicht zurück mehr kehren.
+
+Stallmeister.
+ Ich bleib bei Ihnen.
+
+Thekla.
+ Ich will dich belohnen
+ Und einem andern Herrn empfehlen. Kannst du
+ Uns aus der Festung bringen unentdeckt?
+
+Stallmeister.
+ Ich kann's.
+
+Thekla.
+ Wann kann ich gehn?
+
+Stallmeister.
+ In dieser Stunde.
+ --Wo geht die Reise hin?
+
+Thekla.
+ Nach--sag's ihm, Neubrunn!
+
+Neubrunn.
+ Nach Neustadt.
+
+Stallmeister.
+ Wohl, ich geh, es zu besorgen.
+(Ab.)
+
+Neubrunn.
+ Ach, da kommt Ihre Mutter, Fräulein.
+
+Thekla.
+ Gott!
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+Thekla. Neubrunn. Die Herzogin.
+
+
+Herzogin.
+ Er ist hinweg, ich finde dich gefaßter.
+
+Thekla.
+ Ich bin es, Mutter--Lassen Sie mich jetzt
+ Bald schlafen gehen und die Neubrunn um mich sein.
+ Ich brauche Ruh.
+
+Herzogin.
+ Du sollst sie haben, Thekla.
+ Ich geh getröstet weg, da ich den Vater
+ Beruhigen kann.
+
+Thekla.
+ Gut Nacht denn, liebe Mutter.
+(Sie fällt ihr um den Hals und umarmt sie in großer Bewegung.)
+
+Herzogin.
+ Du bist noch nicht ganz ruhig, meine Tochter.
+ Du zitterst ja so heftig, und dein Herz
+ Klopft hörbar an dem meinen.
+
+Thekla.
+ Schlaf wird es besänftigen
+ --Gut Nacht, geliebte Mutter!
+(Indem sie aus den Armen der Mutter sich losmacht, fällt der Vorhang.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+
+Buttlers Zimmer.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Buttler. Major Geraldin.
+
+
+Buttler.
+ Zwölf rüstige Dragoner sucht Ihr aus,
+ Bewaffnet sie mit Piken, denn kein Schuß
+ Darf fallen--An dem Eßsaal nebenbei
+ Versteckt Ihr sie, und wenn der Nachtisch
+ Aufgesetzt, dringt ihr herein und ruft: Wer ist
+ Gut kaiserlich?--Ich will den Tisch umstürzen--
+ Dann werft ihr euch auf beide, stoßt sie nieder.
+ Das Schloß wird wohl verriegelt und bewacht,
+ Daß kein Gerücht davon zum Fürsten dringe.
+ Geh jetzt--Habt Ihr nach Hauptmann Deveroux
+ Und Macdonald geschickt?
+
+Geraldin.
+ Gleich sind sie hier.
+(Geht ab.)
+
+Buttler.
+ Kein Aufschub ist zu wagen. Auch die Bürger
+ Erklären sich für ihn, ich weiß nicht, welch
+ Ein Schwindelgeist die ganze Stadt ergriffen hat.
+ Sie sehn im Herzog einen Friedensfürsten
+ Und einen Stifter neuer goldner Zeit.
+ Der Rat hat Waffen ausgeteilt; schon haben
+ Sich ihrer hundert angeboten, Wache
+ Bei ihm zu tun. Drum gilt es, schnell zu sein,
+ Denn Feinde drohn von außen und von innen.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Buttler. Hauptmann Deveroux und Macdonald.
+
+
+Macdonald.
+ Da sind wir, General.
+
+Deveroux.
+ Was ist die Losung?
+
+Buttler.
+ Es lebe der Kaiser!
+
+Beide. (treten zurück)
+ Wie?
+
+Buttler.
+ Haus Östreich lebe!
+
+Deveroux.
+ Ist's nicht der Friedland, dem wir Treu geschworen?
+
+Macdonald.
+ Sind wir nicht hergeführt, ihn zu beschützen?
+
+Buttler.
+ Wir einen Reichsfeind und Verräter schützen?
+
+Deveroux.
+ Nun ja, du nahmst uns ja für ihn in Pflicht.
+
+Macdonald.
+ Und bist ihm ja hieher gefolgt nach Eger.
+
+Buttler.
+ Ich tat's, ihn desto sichrer zu verderben.
+
+Deveroux.
+ Ja so!
+
+Macdonald.
+ Das ist was anders.
+
+Buttler. (zu Deveroux)
+ Elender!
+ So leicht entweichst du von der Pflicht und Fahne?
+
+Deveroux.
+ Zum Teufel, Herr! Ich folgte deinem Beispiel:
+ Kann der ein Schelm sein, dacht' ich, kannst du's auch.
+
+Macdonald.
+ Wir denken nicht nach. Das ist deine Sache!
+ Du bist der General und kommandierst,
+ Wir folgen dir, und wenn's zur Hölle ginge.
+
+Buttler. (besänftigt)
+ Nun gut! Wie kennen einander.
+
+Macdonald.
+ Ja, das denk ich.
+
+Deveroux.
+ Wir sind Soldaten der Fortuna, wer
+ Das meiste bietet, hat uns.
+
+Macdonald.
+ Ja, so ist's.
+
+Buttler.
+ Jetzt sollt ihr ehrliche Soldaten bleiben.
+
+Deveroux.
+ Das sind wir gerne.
+
+Buttler.
+ Und Fortüne machen.
+
+Macdonald.
+ Das ist noch besser.
+
+Buttler.
+ Höret an.
+
+Beide.
+ Wir hören.
+
+Buttler.
+ Es ist des Kaisers Will' und Ordonnanz,
+ Den Friedland, lebend oder tot, zu fahen.
+
+Deveroux.
+ So steht's im Brief.
+
+Macdonald.
+ Ja, lebend oder tot!
+
+Buttler.
+ Und stattliche Belohnung wartet dessen
+ An Geld und Gütern, der die Tat vollführt.
+
+Deveroux.
+ Es klingt ganz gut. Das Wort klingt immer gut
+ Vor dorten her. Ja, ja! Wir wissen schon!
+ So eine guldne Gnadenkett' etwa,
+ Ein krummes Roß, ein Pergament und so was.
+ --Der Fürst zahlt besser.
+
+Macdonald.
+ Ja, der ist splendid.
+
+Buttler.
+ Mit dem ist's aus. Sein Glücksstern ist gefallen.
+
+Macdonald.
+ Ist das gewiß?
+
+Buttler.
+ Ich sag's euch.
+
+Deveroux.
+ Ist's vorbei
+ Mit seinem Glück?
+
+Buttler.
+ Vorbei auf immerdar.
+ Er ist so arm wie wir.
+
+Macdonald.
+ So arm wie wir?
+
+Deveroux.
+ Ja, Macdonald, da muß man ihn verlassen!
+
+Buttler.
+ Verlassen ist er schon von zwanzigtausend.
+ Wir müssen mehr tun, Landsmann. Kurz und gut!
+ --Wir müssen ihn töten.
+(Beide fahren zurück.)
+
+Beide.
+ Töten!
+
+Buttler.
+ Töten, sag ich.
+ --Und dazu hab ich euch erlesen.
+
+Beide.
+ Uns?
+
+Buttler.
+ Euch, Hauptmann Deveroux und Macdonald.
+
+Deveroux. (nach einer Pause)
+ Wählt einen andern.
+
+Macdonald.
+ Ja, wählt einen andern.
+
+Buttler. (zu Deveroux)
+ Erschreckt's dich, feige Memme? Wie? Du hast
+ Schon deine dreißig Seelen auf dir liegen--
+
+Deveroux.
+ Hand an den Feldherrn legen--das bedenkt!
+
+Macdonald.
+ Dem wir das Jurament geleistet haben!
+
+Buttler.
+ Das Jurament ist null mit seiner Treu.
+
+Deveroux.
+ Hör, General! Das dünkt mir doch zu gräßlich.
+
+Macdonald.
+ Ja, das ist wahr! Man hat auch ein Gewissen.
+
+Deveroux.
+ Wenn's nur der Chef nicht wär', der uns so lang
+ Gekommandiert hat und Respekt gefordert.
+
+Buttler.
+ Ist das der Anstoß?
+
+Deveroux.
+ Ja! Hör! Wen du sonst willst!
+ Dem eignen Sohn, wenn's Kaisers Dienst verlangt,
+ Will ich das Schwert ins Eingeweide bohren--
+ Doch sieh, wir sind Soldaten, und den Feldherrn
+ Ermorden, das ist eine Sünd' und Frevel,
+ Davon kein Beichtmönch absolvieren kann.
+
+Buttler.
+ Ich bin dein Papst und absolviere dich.
+ Entschließt euch schnell.
+
+Deveroux. (steht bedenklich)
+ Es geht nicht.
+
+Macdonald.
+ Nein, es geht nicht.
+
+Buttler.
+ Nun denn, so geht--und--schickt mir Pestalutzen.
+
+Deveroux. (stutzt)
+ Der Pestalutz--Hum!
+
+Macdonald.
+ Was willst du mit diesem?
+
+Buttler.
+ Wenn ihr's verschmäht, es finden sich genug--
+
+Deveroux.
+ Nein, wenn er fallen muß, so können wir
+ Den Preis so gut verdienen als ein andrer.
+ --Was denkst du, Bruder Macdonald?
+
+Macdonald.
+ Ja wenn
+ Er fallen muß und soll, und 's ist nicht anders,
+ So mag ich's diesem Pastalutz nicht gönnen.
+
+Deveroux. (nach einigem Besinnen)
+ Wann soll er fallen?
+
+Buttler.
+ Heut, in dieser Nacht,
+ Denn morgen stehn die Schweden vor den Toren.
+
+Deveroux.
+ Stehst du mir für die Folgen, General?
+
+Buttler.
+ Ich steh für alles.
+
+Deveroux.
+ Ist's des Kaisers Will'?
+ Sein netter, runder Will'? Man hat Exempel,
+ Daß man den Mord liebt und den Mörder straft.
+
+Buttler.
+ Das Manifest sagt: lebend oder tot.
+ Und lebend ist's nicht möglich, seht ihr selbst--
+
+Deveroux.
+ Tot also! Tot!--Wie aber kommt man an ihn?
+ Die Stadt ist angefüllt mit Terzkyschen.
+
+Macdonald.
+ Und dann ist noch der Terzky und der Illo--
+
+Buttler.
+ Mit diesen beiden fängt man an, versteht sich.
+
+Deveroux.
+ Was? Sollen die auch fallen?
+
+Buttler.
+ Die zuerst.
+
+Macdonald.
+ Hör, Deveroux--das wird ein blut'ger Abend.
+
+Deveroux.
+ Hast du schon deinen Mann dazu? Trag's mir auf.
+
+Buttler.
+ Dem Major Geraldin ist's übergeben.
+ Es ist heut Faßnacht, und ein Essen wird
+ Gegeben auf dem Schloß, dort wird man sie
+ Bei Tafel überfallen, niederstoßen--
+ Der Pestalutz, der Leßley sind dabei--
+
+Deveroux.
+ Hör, General! Dir kann es nichts verschlagen.
+ Hör--laß mich tauschen mit dem Geraldin.
+
+Buttler.
+ Die kleinere Gefahr ist bei dem Herzog.
+
+Deveroux.
+ Gefahr! Was, Teufel! denkst du von mir, Herr?
+ Des Herzogs Aug', nicht seinen Degen fürcht ich.
+
+Buttler.
+ Was kann sein Aug' dir schaden?
+
+Deveroux.
+ Alle Teufel!
+ Du kennst mich, daß ich keine Memme bin.
+ Doch sieh, es sind noch nicht acht Tag', daß mir
+ Der Herzog zwanzig Goldstück reichen lassen
+ Zu diesem warmen Rock, den ich hier anhab--
+ Und wenn er mich nun mit der Pike sieht
+ Dastehn, mir auf den Rock sieht--sieh--so--so--
+ Der Teufel hol mich! ich bin keine Memme.
+
+Buttler.
+ Der Herzog gab dir diesen warmen Rock,
+ Und du, ein armer Wicht, bedenkst dich, ihm
+ Dafür den Degen durch den Leib zu rennen.
+ Und einen Rock, der noch viel wärmer hält,
+ Hing ihm der Kaiser um, den Fürstenmantel.
+ Wie dankt er's ihm? Mit Aufruhr und Verrat.
+
+Deveroux.
+ Das ist auch wahr. Den Danker hol der Teufel!
+ Ich--bring ihn um.
+
+Buttler.
+ Und willst du dein Gewissen
+ Beruhigen, darfst du den Rock nur ausziehn,
+ So kannst du's frisch und wohlgemut vollbringen.
+
+Macdonald.
+ Ja! da ist aber noch was zu bedenken--
+
+Buttler.
+ Was gibt's noch zu bedenken, Macdonald?
+
+Macdonald.
+ Was hilft uns Wehr und Waffe wider den?
+ Er ist nicht zu verwunden, er ist fest.
+
+Buttler. (fährt auf)
+ Was wird er--
+
+Macdonald.
+ Gegen Schuß und Hieb! Er ist
+ Gefroren, mit der Teufelskunst behaftet,
+ Sein Leib ist undurchdringlich, sag ich dir.
+
+Deveroux.
+ Ja, ja! In Ingolstadt war auch so einer,
+ Dem war die Haut so fest wie Stahl, man mußt' ihn
+ Zuletzt mit Flintenkolben niederschlagen.
+
+Macdonald.
+ Hört, was ich tun will!
+
+Deveroux.
+ Sprich!
+
+Macdonald.
+ Ich kenne hier
+ Im Kloster einen Bruder Dominikaner
+ Aus unsrer Landsmannschaft, der soll mir Schwert
+ Und Pike tauchen in geweihtes Wasser
+ Und einen kräft'gen Segen drüber sprechen,
+ Das ist bewährt, hilft gegen jeden Bann.
+
+Buttler.
+ Das tue, Macdonald. Jetzt geht aber.
+ Wählt aus dem Regimente zwanzig, dreißig
+ Handfeste Kerls, laßt sie dem Kaiser schwören--
+ Wenn's eilf geschlagen--wenn die ersten Runden
+ Passiert sind, führt ihr sie in aller Stille
+ Dem Hause zu--Ich werde selbst nicht weit sein.
+
+Deveroux.
+ Wie kommen wir durch die Hartschiers und Garden,
+ Die in dem innern Hofraum Wache stehn?
+
+Buttler.
+ Ich hab des Orts Gelegenheit erkundigt.
+ Durch eine hintre Pforte führ ich euch,
+ Die nur durch einen Mann verteidigt wird.
+ Mir gibt mein Rang und Amt zu jeder Stunde
+ Einlaß beim Herzog. Ich will euch vorangehn,
+ Und schnell mit einem Dolchstoß in die Kehle
+ Durchbohr ich den Hartschier und mach euch Bahn.
+
+Deveroux.
+ Und sind wir oben, wie erreichen wir
+ Das Schlafgemach des Fürsten, ohne daß
+ Das Hofgesind' erwacht und Lärmen ruft?
+ Denn er ist hier mit großem Komitat.
+
+Buttler.
+ Die Dienerschaft ist auf dem rechten Flügel,
+ Er haßt Geräusch, wohnt auf dem linken ganz allein.
+
+Deveroux.
+ Wär's nur vorüber, Macdonald--Mir ist
+ Seltsam dabei zumute, weiß der Teufel.
+
+Macdonald.
+ Mir auch. Es ist ein gar zu großes Haupt.
+ Man wird uns für zwei Bösewichter halten.
+
+Buttler.
+ In Glanz und Ehr' und Überfluß könnt ihr
+ Der Menschen Urteil und Gered' verlachen.
+
+Deveroux.
+ Wenn's mit der Ehr' nur auch so recht gewiß ist.
+
+Buttler.
+ Seid unbesorgt. Ihr rettet Kron' und Reich
+ Dem Ferdinand. Der Lohn kann nicht gering sein.
+
+Deveroux.
+ So ist's sein Zweck, den Kaiser zu entthronen?
+
+Buttler.
+ Das ist er! Kron' und Leben ihm zu rauben!
+
+Deveroux.
+ So müßt' er fallen durch des Henkers Hand,
+ Wenn wir nach Wien lebendig ihn geliefert?
+
+Buttler.
+ Dies Schicksal könnt' er nimmermehr vermeiden.
+
+Deveroux.
+ Komm, Macdonald! Er soll als Feldherr enden
+ Und ehrlich fallen von Soldatenhänden.
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Ein Saal, aus dem man in eine Galerie gelangt, die sich weit
+nach hinten verliert. Wallenstein sitzt an einem Tisch. Der
+schwedische Hauptmann steht vor ihm. Bald darauf Gräfin Terzky.
+
+
+Wallenstein.
+ Empfehlt mich Eurem Herrn. Ich nehme teil
+ An seinem guten Glück, und wenn Ihr mich
+ So viele Freude nicht bezeigen seht,
+ Als diese Siegespost verdienen mag,
+ So glaubt, es ist nicht Mangel guten Willens,
+ Denn unser Glück ist nunmehr eins. Lebt wohl!
+ Nehmt meinen Dank für Eure Müh. Die Festung
+ Soll sich euch auftun morgen, wenn ihr kommt.
+(Schwedischer Hauptmann geht ab. Wallenstein sitzt in tiefen
+Gedanken, starr vor sich hinsehend, den Kopf in die Hand gesenkt.
+Gräfin Terzky tritt herein und steht eine Zeitlang vor ihm
+unbemerkt, endlich macht er eine rasche Bewegung, erblickt sie
+und faßt sich schnell.)
+ Kommst du von ihr? Erholt sie sich? Was macht sie?
+
+Gräfin.
+ Sie soll gefaßter sein nach dem Gespräch,
+ Sagt mir die Schwester--Jetzt ist sie zu Bette.
+
+Wallenstein.
+ Ihr Schmerz wird sanfter werden. Sie wird weinen.
+
+Gräfin.
+ Auch dich, mein Bruder, find ich nicht wie sonst.
+ Nach einem Sieg erwartet' ich dich heitrer.
+ O bleibe stark! Erhalte du uns aufrecht,
+ Denn du bist unser Licht und unsre Sonne.
+
+Wallenstein.
+ Sei ruhig. Mir ist nichts--Wo ist dein Mann?
+
+Gräfin.
+ Zu einem Gastmahl sind sie, er und Illo.
+
+Wallenstein. (steht auf und macht einige Schritte durch den Saal)
+ Es ist schon finstre Nacht--Geh auf dein Zimmer.
+
+Gräfin.
+ Heiß mich nicht gehn, o laß mich um dich bleiben.
+
+Wallenstein. (ist ans Fenster getreten)
+ Am Himmel ist geschäftige Bewegung,
+ Des Turmes Fahne jagt der Wind, schnell geht
+ Der Wolken Zug, die Mondessichel wankt,
+ Und durch die Nacht zuckt ungewisse Helle.
+ --Kein Sternbild ist zu sehn! Der matte Schein dort,
+ Der einzelne, ist aus der Kassiopeia,
+ Und dahin steht der Jupiter--Doch jetzt
+ Deckt ihn die Schwärze des Gewitterhimmels!
+(Er versinkt in Tiefsinn und sieht starr hinaus).
+
+Gräfin. (die ihm traurig zusieht, faßt ihn bei der Hand).
+ Was sinnst du?
+
+Wallenstein.
+ Mir deucht, wenn ich ihn sähe, wär' mir wohl.
+ Es ist der Stern, der meinem Leben strahlt,
+ Und wunderbar oft stärkte mich sein Anblick.
+(Pause.)
+
+Gräfin.
+ Du wirst ihn wiedersehn.
+
+Wallenstein. (ist wieder in eine tiefe Zerstreuung gefallen,
+ er ermuntert sich und wendet sich schnell zur Gräfin)
+ Ihn wiedersehn?--O niemals wieder!
+
+Gräfin.
+ Wie?
+
+Wallenstein.
+ Er ist dahin--ist Staub!
+
+Gräfin.
+ Wen meinst du denn?
+
+Wallenstein.
+ Er ist der Glückliche. Er hat vollendet.
+ Für ihn ist keine Zukunft mehr, ihm spinnt
+ Das Schicksal keine Tücke mehr--sein Leben
+ Liegt faltenlos und leuchtend ausgebreitet,
+ Kein dunkler Flecken blieb darin zurück,
+ Und unglückbringend pocht ihm keine Stunde.
+ Weg ist er über Wunsch und Furcht, gehört
+ Nicht mehr den trüglich wankenden Planeten--
+ O ihm ist wohl! Wer aber weiß, was uns
+ Die nächste Stunde schwarz verschleiert bringt!
+
+Gräfin.
+ Du sprichst von Piccolomini. Wie starb er?
+ Der Bote ging just von dir, als ich kam.
+(Wallenstein bedeutet sie mit der Hand, zu schweigen.)
+ O wende deine Blicke nicht zurück!
+ Vorwärts in hellre Tage laß uns schauen.
+ Freu dich des Siegs, vergiß, was er dir kostet.
+ Nicht heute erst ward dir der Freund geraubt;
+ Als er sich von dir schied, da starb er dir.
+
+Wallenstein.
+ Verschmerzen werd ich diesen Schlag, das weiß ich,
+ Denn was verschmerzte nicht der Mensch! Vom Höchsten
+ Wie vom Gemeinsten lernt er sich entwöhnen,
+ Denn ihn besiegen die gewalt'gen Stunden.
+ Doch fühl ich's wohl, was ich in ihm verlor.
+ Die Blume ist hinweg aus meinem Leben,
+ Und kalt und farblos seh ich's vor mir liegen.
+ Denn er stand neben mir wie meine Jugend,
+ Er machte mir das Wirkliche zum Traum,
+ Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge
+ Den goldnen Duft der Morgenröte webend--
+ Im Feuer seines liebenden Gefühls
+ Erhoben sich, mir selber zum Erstaunen,
+ Des Lebens flach alltägliche Gestalten.
+ --Was ich mir ferner auch erstreben mag,
+ Das Schöne ist doch weg, das kommt nicht wieder,
+ Denn über alles Glück geht doch der Freund,
+ Der's fühlend erst erschafft, der's teilend mehrt.
+
+Gräfin.
+ Verzag nicht an der eignen Kraft. Dein Herz
+ Ist reich genug, sich selber zu beleben.
+ Du liebst und preisest Tugenden an ihm,
+ Die du in ihm gepflanzt, in ihm entfaltet.
+
+Wallenstein. (an die Türe gehend)
+ Wer stört uns noch in später Nacht?--Es ist
+ Der Kommendant. Er bringt die Festungsschlüssel.
+ Verlaß uns, Schwester, Mitternacht ist da.
+
+Gräfin.
+ O mir wird heut so schwer, von dir zu gehn,
+ Und bange Furcht bewegt mich.
+
+Wallenstein.
+ Furcht! Wovor?
+
+Gräfin.
+ Du möchtest schnell wegreisen diese Nacht,
+ Und beim Erwachen fänden wir dich nimmer.
+
+Wallenstein.
+ Einbildungen.
+
+Gräfin.
+ O meine Seele wird
+ Schon lang von trüben Ahnungen geängstigt,
+ Und wenn ich wachend sie bekämpft, sie fallen
+ Mein banges Herz in düstern Träumen an.
+ --Ich sah dich gestern nacht mit deiner ersten
+ Gemahlin, reich geputzt, zu Tische sitzen--
+
+Wallenstein.
+ Das ist ein Traum erwünschter Vorbedeutung,
+ Denn jene Heirat stiftete mein Glück.
+
+Gräfin.
+ Und heute träumte mir, ich suchte dich
+ In deinem Zimmer auf--Wie ich hineintrat,
+ So war's dein Zimmer nicht mehr, die Kartause
+ Zu Gitschin war's, die du gestiftet hast
+ Und wo du willst, daß man dich hin begrabe.
+
+Wallenstein.
+ Dein Geist ist nun einmal damit beschäftigt.
+
+Gräfin.
+ Wie? Glaubst du nicht, daß eine Warnungsstimme
+ In Träumen vorbedeutend zu uns spricht?
+
+Wallenstein.
+ Dergleichen Stimmen gibt's--Es ist kein Zweifel!
+ Doch Warnungsstimmen möcht' ich sie nicht nennen,
+ Die nur das Unvermeidliche verkünden.
+ Wie sich der Sonne Scheinbild in dem Dunstkreis
+ Malt, eh' sie kommt, so schreiten auch den großen
+ Geschicken ihre Geister schon voran,
+ Und in dem Heute wandelt schon das Morgen.
+ Es machte mir stets eigene Gedanken,
+ Was man vom Tod des vierten Heinrichs liest.
+ Der König fühlte das Gespenst des Messers
+ Lang vorher in der Brust, eh' sich der Mörder
+ Ravaillac damit waffnete. Ihn floh
+ Die Ruh', es jagt' ihn auf in seinem Louvre,
+ Ins Freie trieb es ihn; wie Leichenfeier
+ Klang ihm der Gattin Krönungsfest, er hörte
+ Im ahnungsvollen Ohr der Füße Tritt,
+ Die durch die Gassen von Paris ihn suchten--
+
+Gräfin.
+ Sagt dir die innre Ahnungsstimme nichts?
+
+Wallenstein.
+ Nichts. Sei ganz ruhig!
+
+Gräfin. (in düstres Nachsinnen verloren):
+ Und ein andermal,
+ Als ich dir eilend nachging, liefst du vor mir
+ Durch einen langen Gang, durch weite Säle,
+ Es wollte gar nicht enden--Türen schlugen
+ Zusammen, krachend--keuchend folgt' ich, konnte
+ Dich nicht erreichen--plötzlich fühlt' ich mich
+ Von hinten angefaßt mit kalter Hand,
+ Du warst's und küßtest mich, und über uns
+ Schien eine rote Decke sich zu legen--
+
+Wallenstein.
+ Das ist der rote Teppich meines Zimmers.
+
+Gräfin. (ihn betrachtend)
+ Wenn's dahin sollte kommen--Wenn ich dich,
+ Der jetzt in Lebensfülle vor mir steht--
+(Sie sinkt ihm weinend an die Brust.)
+
+Wallenstein.
+ Des Kaisers Achtsbrief ängstigt dich. Buchstaben
+ Verwunden nicht, er findet keine Hände.
+
+Gräfin.
+ Fänd' er sie aber, dann ist mein Entschluß
+ Gefaßt--ich führe bei mir, was mich tröstet.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Wallenstein. Gordon. Dann der Kammerdiener.
+
+
+Wallenstein.
+ Ist's ruhig in der Stadt?
+
+Gordon.
+ Die Stadt ist ruhig.
+
+Wallenstein.
+ Ich höre rauschende Musik, das Schloß ist
+ Von Lichtern hell. Wer sind die Fröhlichen?
+
+Gordon.
+ Dem Grafen Terzky und dem Feldmarschall
+ Wird ein Bankett gegeben auf dem Schloß.
+
+Wallenstein. (vor sich)
+ Es ist des Sieges wegen--Dies Geschlecht
+ Kann sich nicht anders freuen als bei Tisch.
+(Klingelt. Kammerdiener tritt ein.)
+ Entkleide mich, ich will mich schlafen legen.
+(Er nimmt die Schlüssel zu sich.)
+ So sind wir denn vor jedem Feind bewahrt
+ Und mit den sichern Freunden eingeschlossen;
+ Denn alles müßt' mich trügen, oder ein
+ Gesicht wie dies
+(auf Gordon schauend)
+ ist keines Heuchlers Larve.
+(Kammerdiener hat ihm den Mantel, Ringkragen und die Feldbinde abgenommen.)
+ Gib acht! Was fällt da?
+
+Kammerdiener.
+ Die goldne Kette ist entzweigesprungen.
+
+Wallenstein.
+ Nun, sie hat lang genug gehalten. Gib.
+(Indem er die Kette betrachtet.)
+ Das war des Kaisers erste Gunst. Er hing sie
+ Als Erzherzog mir um, im Krieg von Friaul,
+ Und aus Gewohnheit trug ich sie bis heut.
+ --Aus Aberglauben, wenn Ihr wollt. Sie sollte
+ Ein Talisman mir sein, so lang ich sie
+ An meinem Halse glaubig würde tragen,
+ Das flücht'ge Glück, des erste Gunst sie war,
+ Mir auf zeitlebens binden--Nun es sei!
+ Mir muß fortan ein neues Glück beginnen,
+ Denn dieses Bannes Kraft ist aus.
+(Kammerdiener entfernt sich mit den Kleidern. Wallenstein steht
+auf, macht einen Gang durch den Saal und bleibt zuletzt nachdenkend
+vor Gordon stehen.)
+ Wie doch die alte Zeit mir näher kommt.
+ Ich seh mich wieder an dem Hof zu Burgau,
+ Wo wir zusammen Edelknaben waren.
+ Wir hatten öfters Streit, du meintest's gut
+ Und pflegtest gern den Sittenprediger
+ Zu machen, schaltest mich, daß ich nach hohen Dingen
+ Unmäßig strebte, kühnen Träumen glaubend,
+ Und priesest mir den goldnen Mittelweg.
+ --Ei, deine Weisheit hat sich schlecht bewährt,
+ Sie hat dich früh zum abgelebten Manne
+ Gemacht und würde dich, wenn ich mit meinen
+ Großmüt'gern Sternen nicht dazwischenträte,
+ Im schlechten Winkel still verlöschen lassen.
+
+Gordon.
+ Mein Fürst! Mit leichtem Mute knüpft der arme Fischer
+ Den kleinen Nachen an im sichern Port,
+ Sieht er im Sturm das große Meerschiff stranden.
+
+Wallenstein.
+ So bist du schon im Hafen, alter Mann?
+ Ich nicht. Es treibt der ungeschwächte Mut
+ Noch frisch und herrlich auf der Lebenswoge,
+ Die Hoffnung nenn ich meine Göttin noch,
+ Ein Jüngling ist der Geist, und seh ich mich
+ Dir gegenüber, ja, so möcht' ich rühmend sagen,
+ Daß über meinem braunen Scheitelhaar
+ Die schnellen Jahre machtlos hingegangen.
+(Er geht mit großen Schritten durchs Zimmer und bleibt auf der
+entgegengesetzten Seite, Gordon gegenüber, stehen.)
+ Wer nennt das Glück noch falsch? Mir war es treu,
+ Hob aus der Menschen Reihen mich heraus
+ Mit Liebe, durch des Lebens Stufen mich
+ Mit kraftvoll leichten Götterarmen tragend.
+ Nichts ist gemein in meines Schicksals Wegen
+ Noch in den Furchen meiner Hand. Wer möchte
+ Mein Leben mir nach Menschenweise deuten?
+ Zwar jetzo schein ich tief herabgestürzt,
+ Doch werd ich wieder steigen, hohe Flut
+ Wird bald auf diese Ebbe schwellend folgen--
+
+Gordon.
+ Und doch erinnr' ich an den alten Spruch:
+ Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
+ Nicht Hoffnung möcht' ich schöpfen aus dem langen Glück,
+ Dem Unglück ist die Hoffnung zugesendet.
+ Furcht soll das Haupt des Glücklichen umschweben,
+ Denn ewig wanket des Geschickes Waage.
+
+Wallenstein. (lächelnd)
+ Den alten Gordon hör ich wieder sprechen.
+ --Wohl weiß ich, daß die ird'schen Dinge wechseln,
+ Die bösen Götter fordern ihren Zoll:
+ Das wußten schon die alte Heidenvölker,
+ Drum wählten sie sich selbst freiwill'ges Unheil,
+ Die eifersücht'ge Gottheit zu versöhnen,
+ Und Menschenopfer bluteten dem Typhon.
+(Nach einer Pause, ernst und stiller.)
+ Auch ich hab ihm geopfert--Denn mir fiel
+ Der liebst Freund, und fiel durch meine Schuld.
+ So kann mich keines Glückes Gunst mehr freuen,
+ Als dieser Schlag mich hat geschmerzt--Der Neid
+ Des Schicksals ist gesättigt, es nimmt Leben
+ Für Leben an, und abgeleitet ist
+ Auf das geliebte reine Haupt der Blitz,
+ Der mich zerschmetternd sollte niederschlagen.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Vorige. Seni.
+
+
+Wallenstein.
+ Kommt da nicht Seni? Und wie außer sich!
+ Was führt dich noch so spät hieher, Baptist?
+
+Seni.
+ Furcht deinetwegen, Hoheit.
+
+Wallenstein.
+ Sag, was gibt's?
+
+Seni.
+ Flieh, Hoheit, eh' der Tag anbricht. Vertraue dich
+ Den Schwedischen nicht an.
+
+Wallenstein.
+ Was fällt dir ein?
+
+Seni. (mit steigendem Ton)
+ Vertrau dich diesen Schweden nicht!
+
+Wallenstein.
+ Was ist's denn?
+
+Seni.
+ Erwarte nicht die Ankunft dieser Schweden!
+ Von falschen Freunden droht dir nahes Unheil,
+ Die Zeichen stehen grausenhaft, nah, nahe
+ Umgeben dich die Netze des Verderbens.
+
+Wallenstein.
+ Du träumst, Baptist, die Furcht betöret dich.
+
+Seni.
+ O glaube nicht, daß leere Furcht mich täusche.
+ Komm, lies es selbst in dem Planetenstand,
+ Daß Unglück dir von falschen Freunden droht.
+
+Wallenstein.
+ Von falschen Freunden stammt mein ganzes Unglück.
+ Die Weisung hätte früher kommen sollen,
+ Jetzt brauch ich keine Sterne mehr dazu.
+
+Seni.
+ O komm und sieh! Glaub deinen eignen Augen.
+ Ein greulich Zeichen steht im Haus des Lebens,
+ Ein naher Feind, ein Unhold lauert hinter
+ Den Strahlen deines Sterns--O laß dich warnen!
+ Nicht diesen Heiden überliefre dich,
+ Die Krieg mit unsrer heil'gen Kirche führen.
+
+Wallenstein. (lächelnd)
+ Schallt das Orakel daher?--Ja! Ja! Nun
+ Besinn' ich mich--Dies schwed'sche Bündnis hat
+ Dir nie gefallen wollen--Leg dich schlafen,
+ Baptista! Solche Zeichen fürcht ich nicht.
+
+Gordon. (der durch diese Reden heftig erschüttert worden,
+ wendet sich zu Wallenstein).
+ Mein fürstlicher Gebieter! Darf ich reden?
+ Oft kommt ein nützlich Wort aus schlechtem Munde.
+
+Wallenstein.
+ Sprich frei!
+
+Gordon.
+ Mein Fürst! Wenn's doch kein leeres Furchtbild wäre,
+ Wenn Gottes Vorsehung sich dieses Mundes
+ Zu Ihrer Rettung wunderbar bediente!
+
+Wallenstein.
+ Ihr sprecht im Fieber, einer wie der andre.
+ Wie kann mir Unglück kommen von den Schweden?
+ Sie suchten meinen Bund, er ist ihr Vorteil.
+
+Gordon.
+ Wenn dennoch eben dieser Schweden Ankunft--
+ Gerade die es wär', die das Verderben
+ Beflügelte auf Ihr so sichres Haupt--
+(vor ihm niederstürzend)
+ O noch ist's Zeit, mein Fürst--
+
+Seni. (kniet nieder)
+ O hör ihn! hör ihn!
+
+Wallenstein.
+ Zeit, und wozu? Steht auf--Ich will's, steht auf.
+
+Gordon. (steht auf)
+ Der Rheingraf ist noch fern. Gebieten Sie,
+ Und diese Festung soll sich ihm verschließen.
+ Will er uns dann belagern, er versuch's.
+ Doch sag ich dies: Verderben wird er eher
+ Mit seinem ganzen Volk vor diesen Wällen,
+ Als unsres Mutes Tapferkeit ermüden.
+ Erfahren soll er, was ein Heldenhaufe
+ Vermag, beseelt von einem Heldenführer,
+ Dem's Ernst ist, seinen Fehler gutzumachen.
+ Das wird den Kaiser rühren und versöhnen,
+ Denn gern zur Milde wendet sich sein Herz,
+ Und Friedland, der bereuend wiederkehrt,
+ Wird höher stehn in seines Kaisers Gnade,
+ Als je der Niegefallne hat gestanden.
+
+Wallenstein. (betrachtet ihn mit Befremdung und Erstaunen und
+schweigt eine Zeitlang, eine starke innre Bewegung zeigend)
+ Gordon--des Eifers Wärme führt Euch weit,
+ Es darf der Jugendfreund sich was erlauben.
+ --Blut ist geflossen, Gordon. Nimmer kann
+ Der Kaiser mir vergeben. Könnt' er's, ich,
+ Ich könnte nimmer mir vergeben lassen.
+ Hätt' ich vorher gewußt, was nun geschehn,
+ Daß es den liebsten Freund mir würde kosten,
+ Und hätte mir das Herz wie jetzt gesprochen--
+ Kann sein, ich hätte mich bedacht--kann sein
+ Auch nicht--Doch was nun schonen noch? Zu ernsthaft
+ Hat's angefangen, um in nichts zu enden.
+ Hab' es denn seinen Lauf!
+(Indem er ans Fenster tritt.)
+ Sieh, es ist Nacht geworden, auf dem Schloß
+ Ist's auch schon stille--Leuchte, Kämmerling.
+(Kammerdiener, der unterdessen still eingetreten und mit
+ sichtbarem Anteil in der Ferne gestanden, tritt hervor, heftig
+ bewegt, und stürzt sich zu des Herzogs Füßen.)
+ Du auch noch? Doch ich weiß es ja, warum
+ Du meinen Frieden wünschest mit dem Kaiser.
+ Der arme Mensch! Er hat im Kärntnerland
+ Ein kleines Gut und sorgt, sie nehmen's ihm,
+ Weil er bei mir ist. Bin ich denn so arm,
+ Daß ich den Dienern nicht ersetzen kann?
+ Nun! Ich will niemand zwingen. Wenn du meinst,
+ Daß mich das Glück geflohen, so verlaß mich.
+ Heut magst du mich zum letztenmal entkleiden
+ Und dann zu deinem Kaiser übergehn--
+ Gut Nacht, Gordon!
+ Ich denke einen langen Schlaf zu tun,
+ Denn dieser letzten Tage Qual war groß.
+ Sorgt, daß sie nicht zu zeitig mich erwecken.
+(Er geht ab. Kammerdiener leuchtet. Seni folgt. Gordon bleibt in
+der Dunkelheit stehen, dem Herzog mit den Augen folgend, bis er
+in dem äußersten Gang verschwunden ist; dann drückt er durch
+Gebärden seinen Schmerz aus und lehnt sich gramvoll an eine
+Säule.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Gordon. Buttler, anfangs hinter der Szene.
+
+
+Buttler.
+ Hier stehet still, bis ich das Zeichen gebe.
+
+Gordon. (fährt auf)
+ Er ist's, er bringt die Mörder schon.
+
+Buttler.
+ Die Lichter
+ Sind aus. In tiefem Schlafe liegt schon alles.
+
+Gordon.
+ Was soll ich tun? Versuch ich's, ihn zu retten?
+ Bring ich das Haus, die Wachen in Bewegung?
+
+Buttler. (erscheint hinten)
+ Vom Korridor her schimmert Licht. Das führt
+ Zum Schlafgemach des Fürsten.
+
+Gordon.
+ Aber brech ich
+ Nicht meinen Eid dem Kaiser? Und entkommt er,
+ Des Feindes Macht verstärkend, lad ich nicht
+ Auf mein Haupt alle fürchterlichen Folgen?
+
+Buttler. (etwas näher kommend)
+ Still! Horch! Wer spricht da?
+
+Gordon.
+ Ach, es ist doch besser,
+ Ich stell's dem Himmel heim. Denn was bin ich,
+ Daß ich so großer Tat mich unterfinge?
+ Ich hab ihn nicht ermordet, wenn er umkommt,
+ Doch seine Rettung wäre meine Tat,
+ Und jede schwere Folge müßt' ich tragen.
+
+Buttler. (herzutretend)
+ Die Stimme kenn ich.
+
+Gordon.
+ Buttler!
+
+Buttler.
+ Es ist Gordon.
+ Was sucht Ihr hier? Entließ der Herzog Euch
+ So spät?
+
+Gordon.
+ Ihr tragt die Hand in einer Binde?
+
+Buttler.
+ Sie ist verwundet. Dieser Illo focht
+ Wie ein Verzweifelter, bis wir ihn endlich
+ Zu Boden streckten--
+
+Gordon. (schauert zusammen)
+ Sie sind tot!
+
+Buttler.
+ Es ist geschehn.
+ --Ist er zu Bett?
+
+Gordon.
+ Ach Buttler!
+
+Buttler. (dringend)
+ Ist er? Sprecht!
+ Nicht lange kann die Tat verborgen bleiben.
+
+Gordon.
+ Er soll nicht sterben. Nicht durch Euch! Der Himmel
+ Will Euren Arm nicht. Seht, er ist verwundet.
+
+Buttler.
+ Nicht meines Armes braucht's.
+
+Gordon.
+ Die Schuldigen
+ Sind tot; genug ist der Gerechtigkeit
+ Geschehn! Laßt dieses Opfer sie versöhnen!
+(Kammerdiener kommt den Gang her, mit dem Finger auf dem Mund
+Stillschweigen gebietend.)
+ Er schläft! O mordet nicht den heil'gen Schlaf!
+
+Buttler.
+ Nein, er soll wachend sterben.
+(Will gehen.)
+
+Gordon.
+ Ach, sein Herz ist noch
+ Den ird'schen Dingen zugewendet, nicht
+ Gefaßt ist er, vor seinen Gott zu treten.
+
+Buttler.
+ Gott ist barmherzig!
+(Will gehen.)
+
+Gordon. (hält ihn)
+ Nur die Nacht noch gönnt ihm.
+
+Buttler.
+ Der nächste Augenblick kann uns verraten.
+(Will fort.)
+
+Gordon. (hält ihn).
+ Nur eine Stunde!
+
+Buttler.
+ Laßt mich los! Was kann
+ Die kurze Frist ihm helfen?
+
+Gordon.
+ O die Zeit ist
+ Ein wundertät'ger Gott. In einer Stunde rinnen
+ Viel tausend Körner Sandes, schnell wie sie
+ Bewegen sich im Menschen die Gedanken.
+ Nur eine Stunde! Euer Herz kann sich,
+ Das seinige sich wenden--Eine Nachricht
+ Kann kommen--ein beglückendes Ereignis
+ Entscheidend, rettend, schnell vom Himmel fallen--
+ O was vermag nicht eine Stunde!
+
+Buttler.
+ Ihr erinnert mich,
+ Wie kostbar die Minuten sind.
+(Er stampft auf den Boden.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Macdonald, Deveroux mit Hellebardierern treten hervor.
+Dann Kammerdiener. Vorige.
+
+
+Gordon. (sich zwischen ihn und jene werfend).
+ Nein, Unmensch!
+ Erst über meinen Leichnam sollst du hingehn,
+ Denn nicht will ich das Gräßliche erleben.
+
+Buttler. (ihn wegdrängend).
+ Schwachsinn'ger Alter!
+(Man hört Trompeten in der Ferne.)
+
+Macdonald
+ und Deveroux.
+ Schwedische Trompeten!
+ Die Schweden stehn vor Eger! Laßt uns eilen!
+
+Gordon.
+ Gott! Gott!
+
+Buttler.
+ An Euren Posten, Kommendant!
+(Gordon stürzt hinaus.)
+
+Kammerdiener. (eilt herein.)
+ Wer darf hier lärmen? Still, der Herzog schläft!
+
+Deveroux. (mit lauter, fürchterlicher Stimme.)
+ Freund! Jetzt ist's Zeit, zu lärmen!
+
+Kammerdiener. (Geschrei erhebend)
+ Hilfe! Mörder!
+
+Buttler.
+ Nieder mit ihm!
+
+Kammerdiener. (von Deveroux durchbohrt, stürzt am Eingang der Galerie)
+ Jesus Maria!
+
+Buttler.
+ Sprengt die Türen!
+(Sie schreiten über den Leichnam weg den Gang hin. Man hört in
+ der Ferne zwei Türen nach einander stürzen--Dumpfe Stimmen--
+ Waffengetöse--dann plötzlich tiefe Stille.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+
+Gräfin Terzky. (mit einem Lichte)
+ Ihr Schlafgemach ist leer, und sie ist nirgends
+ Zu finden, auch die Neubrunn wird vermißt,
+ Die bei ihr wachte--Wäre sie entflohn?
+ Wo kann sie hingeflohen sein! Man muß
+ Nacheilen, alles in Bewegung setzen!
+ Wie wird der Herzog diese Schreckenspost
+ Aufnehmen!--Wäre nur mein Mann zurück
+ Vom Gastmahl! Ob der Herzog wohl noch wach ist?
+ Mir war's, als hört' ich Stimmen hier und Tritte.
+ Ich will doch hingehn, an der Türe lauschen.
+ Horch! wer ist das? Es eilt die Trepp' herauf.
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Gräfin. Gordon. Dann Buttler.
+
+
+Gordon. (eilfertig, atemlos hereinstürzend):
+ Es ist ein Irrtum--es sind nicht die Schweden.
+ Ihr sollt nicht weitergehen--Buttler--Gott!
+ Wo ist er?
+(Indem er die Gräfin bemerkt.)
+
+Gräfin, sagen Sie--
+
+Gräfin.
+ Sie kommen von der Burg? Wo ist mein Mann?
+
+Gordon. (entsetzt)
+ Ihr Mann!--O fragen Sie nicht! Gehen Sie
+ Hinein--
+(Will fort)
+
+Gräfin. (hält ihn)
+ Nicht eher, bis Sie mir entdecken--
+
+Gordon. (heftig dringend)
+ An diesem Augenblicke hängt die Welt!
+ Um Gotteswillen, gehen Sie--Indem
+ Wir sprechen--Gott im Himmel!
+(Laut schreiend.)
+
+Buttler! Buttler!
+
+Gräfin.
+ Der ist ja auf dem Schloß mit meinem Mann.
+(Buttler kommt aus der Galerie.)
+
+Gordon. (der ihn erblickt).
+ Es war ein Irrtum--Es sind nicht die Schweden--
+ Die Kaiserlichen sind's, die eingedrungen--
+ Der Generalleutnant schickt mich her, er wird
+ Gleich selbst hier sein--Ihr sollt nicht weiter gehn--
+
+Buttler.
+ Er kommt zu spät.
+
+Gordon. (stürzt an die Mauer)
+ Gott der Barmherzigkeit!
+
+Gräfin. (ahnungsvoll)
+ Was ist zu spät? Wer wird gleich selbst hier sein?
+ Octavio in Eger eingedrungen?
+ Verräterei! Verräterei!
+ Wo ist Der Herzog?
+(Eilt dem Gange zu.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Vorige. Seni. Dann Bürgermeister. Page. Kammerfrau. Bediente rennen
+schreckensvoll über die Szene.
+
+
+Seni. (der mit allen Zeichen des Schreckens aus der Galerie kommt)
+ O blutige, entsetzensvolle Tat!
+
+Gräfin.
+ Was ist
+ Geschehen, Seni?
+
+Page. (herauskommend)
+ O erbarmungswürd'ger Anblick!
+(Bediente mit Fackeln.)
+
+Gräfin.
+ Was ist's? Um Gotteswillen!
+
+Seni.
+ Fragt Ihr noch?
+ Drinn' liegt der Fürst ermordet, Euer Mann ist
+ Erstochen auf der Burg.
+(Gräfin bleibt erstarrt stehen.)
+
+Kammerfrau. (eilt herein).
+ Hilf'! Hilf' der Herzogin!
+
+Bürgermeister. (kommt schreckenvoll)
+ Was für ein Ruf
+ Des Jammers weckt die Schläfer dieses Hauses?
+
+Gordon.
+ Verflucht ist Euer Haus auf ew'ge Tage!
+ In Eurem Hause liegt der Fürst ermordet.
+
+Bürgermeister.
+ Das wolle Gott nicht!
+(Stürzt hinaus.)
+
+Erster Bedienter.
+ Flieht! Flieht! Sie ermorden
+ Uns alle!
+ Zweiter Bedienter
+(Silbergeräte tragend)
+ Da hinaus. Die untern Gänge sind besetzt.
+(Hinter der Szene wird gerufen:)
+ Platz! Platz dem Generalleutnant!
+(Bei diesen Worten richtet sich die Gräfin aus ihrer Erstarrung auf,
+faßt sich und geht schnell ab.)
+(Hinter der Szene:)
+ Besetzt das Tor! Das Volk zurückgehalten!
+
+
+
+Elfter Auftritt
+
+Vorige ohne die Gräfin. Octavio Piccolomini tritt herein mit Gefolge.
+Deveroux und Macdonald kommen zugleich aus dem Hintergrunde mit
+Hellebardierern. Wallensteins Leichnam wird in einem roten Teppich
+hinten über die Szene getragen.
+
+
+Octavio. (rasch eintretend)
+ Es darf nicht sein! Es ist nicht möglich! Buttler!
+ Gordon! Ich will's nicht glauben. Saget nein.
+
+Gordon. (ohne zu antworten, weist mit der Hand nach hinten.
+Octavio sieht hin und steht von Entsetzen ergriffen).
+
+Deveroux. (zu Buttler).
+ Hier ist das goldne Vlies, des Fürsten Degen!
+
+Macdonald.
+ Befehlt Ihr, daß man die Kanzlei--
+
+Buttler. (auf Octavio zeigend)
+ Hier steht er,
+ Der jetzt allein Befehle hat zu geben.
+(Deveroux und Macdonald treten ehrerbietig zurück; alles verliert
+sich still, daß nur allein Buttler, Octavio und Gordon auf der
+Szene bleiben.)
+
+Octavio. (zu Buttlern gewendet).
+ War das die Meinung, Buttler, als wir schieden?
+ Gott der Gerechtigkeit! Ich hebe meine Hand auf.
+ Ich bin an dieser ungeheuren Tat
+ Nicht schuldig.
+
+Buttler.
+ Eure Hand ist rein. Ihr habt
+ Die meinige dazu gebraucht.
+
+Octavio.
+ Ruchloser!
+ So mußtest du des Herrn Befehl mißbrauchen
+ Und blutig grauenvollen Meuchelmord
+ Auf deines Kaisers heil'gen Namen wälzen?
+
+Buttler. (gelassen)
+ Ich hab des Kaisers Urtel nur vollstreckt.
+
+Octavio.
+ O Fluch der Könige, der ihren Worten
+ Das fürchterliche Leben gibt, dem schnell
+ Vergänglichen Gedanken gleich die Tat,
+ Die fest unwiderrufliche, ankettet!
+ Mußt' es so rasch gehorcht sein? Konntest du
+ Dem Gnädigen nicht Zeit zur Gnade gönnen?
+ Des Menschen Engel ist die Zeit--die rasche
+ Vollstreckung an das Urteil anzuheften,
+ Ziemt nur dem unveränderlichen Gott!
+
+Buttler.
+ Was scheltet Ihr mich? Was ist mein Verbrechen?
+ Ich habe eine gute Tat getan,
+ Ich hab das Reich von einem furchtbarn Feinde
+ Befreit und mache Anspruch auf Belohnung.
+ Der einz'ge Unterschied ist zwischen Eurem
+ Und meinem Tun: Ihr habt den Pfeil geschärft,
+ Ich hab ihn abgedrückt. Ihr sätet Blut
+ Und steht bestürzt, daß Blut ist aufgegangen.
+ Ich wußt immer, was ich tat, und so
+ Erschreckt und überrascht mich kein Erfolg.
+ Habt Ihr sonst einen Auftrag mir zu geben?
+ Denn stehnden Fußes reis ich ab nach Wien,
+ Mein blutend Schwert vor meines Kaisers Thron
+ Zu legen und den Beifall mir zu holen,
+ Den der geschwinde, pünktliche Gehorsam
+ Von dem gerechten Richter fordern darf.
+(Geht ab.)
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+Vorige ohne Buttler. Gräfin Terzky tritt auf, bleich und entstellt.
+ Ihre Sprache ist schwach und langsam, ohne Leidenschaft.
+
+
+Octavio. (ihr entgegen)
+ O Gräfin Terzky, mußt' es dahin kommen?
+ Das sind die Folgen unglücksel'ger Taten.
+
+Gräfin.
+ Es sind die Früchte Ihres Tuns--Der Herzog
+ Ist tot, mein Mann ist tot, die Herzogin
+ Ringt mit dem Tode, meine Nichte ist verschwunden.
+ Dies Haus des Glanzes und der Herrlichkeit
+ Steht nun verödet, und durch alle Pforten
+ Stürzt das erschreckte Hofgesinde fort.
+ Ich bin die Letzte drin, ich schloß es ab
+ Und liefre hier die Schlüssel aus.
+
+Octavio. (mit tiefem Schmerz)
+ O Gräfin,
+ Auch mein Haus ist verödet!
+
+Gräfin.
+ Wer soll noch
+ Umkommen? Wer soll noch mißhandelt werden?
+ Der Fürst ist tot, des Kaisers Rache kann
+ Befriedigt sein. Verschonen Sie die alten Diener!
+ Daß den Getreuen ihre Lieb und Treu
+ Nicht auch zum Frevel angerechnet werde!
+ Das Schicksal überraschte meinen Bruder
+ Zu schnell, er konnte nicht mehr an sie denken.
+
+Octavio
+ Nichts von Mißhandlung! Nichts von Rache, Gräfin!
+ Die schwere Schuld ist schwer gebüßt, der Kaiser
+ Versöhnt, nichts geht vom Vater auf die Tochter
+ Hinüber als sein Ruhm und sein Verdienst.
+ Die Kaiserin ehrt Ihr Unglück, öffnet Ihnen
+ Teilnehmend ihre mütterlichen Arme.
+ Drum keine Furcht mehr! Fassen Sie Vertrauen
+ Und übergeben Sie sich hoffnungsvoll
+ Der kaiserlichen Gnade.
+
+Gräfin. (mit einem Blick zum Himmel)
+ Ich vertraue mich
+ Der Gnade eines größern Herrn--Wo soll
+ Der fürstliche Leichnam seine Ruhstatt finden?
+ In der Kartause, die er selbst gestiftet,
+ Zu Gitschin ruht die Gräfin Wallenstein;
+ An ihrer Seite, die sein erstes Glück
+ Gegründet, wünscht' er, dankbar, einst zu schlummern.
+ O lassen Sie ihn dort begraben sein!
+ Auch für die Reste meines Mannes bitt ich
+ Um gleiche Gunst. Der Kaiser ist Besitzer
+ Von unsern Schlössern, gönne man uns nur
+ Ein Grab noch bei den Gräbern unsrer Ahnen.
+
+Octavio.
+ Sie zittern, Gräfin--Sie verbleichen--Gott!
+ Und welche Deutung geb ich Ihren Reden?
+
+Gräfin. (sammelt ihre letzte Kraft und spricht mit
+ Lebhaftigkeit und Adel)
+ Sie denken würdiger von mir, als daß Sie glaubten,
+ Ich überlebte meines Hauses Fall.
+ Wir fühlten uns nicht zu gering, die Hand
+ Nach einer Königskrone zu erheben--
+ Es sollte nicht sein--Doch wir denken königlich
+ Und achten einen freien, mut'gen Tod
+ Anständiger als ein entehrtes Leben.
+ --Ich habe Gift--
+
+Octavio.
+ O rettet! helft!
+
+Gräfin.
+ Es ist zu spät.
+ In wenig Augenblicken ist mein Schicksal
+ Erfüllt.
+(Sie geht ab.)
+
+Gordon.
+ O Haus des Mordes und Entsetzens!
+(Ein Kurier kommt und bringt einen Brief. Gordon tritt ihm entgegen.)
+ Was gibt's? Das ist das kaiserliche Siegel.
+(Er hat die Aufschrift gelesen und übergibt den Brief dem Octavio
+ mit einem Blick des Vorwurfs.)
+ Dem Fürsten Piccolomini.
+(Octavio erschrickt und blickt schmerzvoll zu Himmel.)
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, WALLENSTEINS TOD ***
+
+This file should be named 8wllt10.txt or 8wllt10.zip
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
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+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Most people start at our Web sites at:
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+http://promo.net/pg
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04
+
+Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
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+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
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