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Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Der auf der Titelseite angeführte zweite Teil, »Die Piccolomini«, + ist in diesem e-book nicht enthalten. + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original fett gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit ~ markiert. + ] + + + + + Cotta'sche Handbibliothek + + + + + Wallenstein + + + Ein dramatisches Gedicht + von + Friedrich von Schiller + + + Mit einer Einleitung von _Karl Goedeke_ + + + Erster Teil + + Wallensteins Lager -- Die Piccolomini + + + Stuttgart und Berlin + J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger + + A. g. XIII. + + + + +Einleitung. + + +Länger noch als am Don Carlos arbeitete Schiller am Wallenstein. Mitten +in der Ausarbeitung seiner Geschichte des Dreißigjährigen Krieges für +den Damenkalender, schon im Mai 1792, regte sich die Lust, diesen Stoff +dramatisch zu behandeln. Doch erst im März des Jahres 1794 begann er, +damals mit seiner Familie in Stuttgart lebend, einen Plan auszuarbeiten, +der jedoch nach seiner Rückkehr nach Jena liegen blieb und nach Verlauf +von vollen zwei Jahren noch nicht zur Ausführung gediehen war. Am 22. +Oktober 1796 begann er die Arbeit mit Eifer und widmete ihr bis zum 17. +März 1799, die Unterbrechungen abgerechnet, volle zwanzig Monate. + +Der Stoff war überaus spröde und hatte beinahe alles, was ihn von +dramatischer und tragischer Behandlung ausschließen sollte, da es im +Grunde eine Staatsaktion war, die in Rücksicht auf den poetischen +Gebrauch alle jene Unarten besaß, die eine politische Handlung nur haben +konnte: ein unsichtbares abstraktes Objekt, kleine und viele Mittel, +zerstreute Handlungen, einen furchtsamen Schritt, eine für den Vorteil +des Poeten viel zu kalte trockene Zweckmäßigkeit, ohne doch diese zur +Vollendung und dadurch zu einer poetischen Größe zu treiben; denn am +Ende mißlang der Entwurf Wallensteins nur durch Ungeschicklichkeit. Die +Basis, auf die Wallenstein seine Unternehmungen gründete, war die Armee, +mithin für den Dichter eine unendliche Fläche, die er nicht vor das Auge +und nur mit Aufwand großer Kraft vor die Phantasie bringen konnte; er +konnte also das Objekt, auf dem Wallenstein ruhte, nicht zeigen und +ebensowenig das, wodurch er fiel: die Stimmung der Armee, den Hof, den +Kaiser. Auch die Leidenschaften selbst, durch die er bewegt wurde, +Rachsucht und Ehrbegierde, waren von der kältesten Gattung. Sein +Charakter endlich war niemals edel und durfte es nie sein, und durchaus +konnte er nur furchtbar, nie eigentlich groß erscheinen; um ihn nicht zu +erdrücken, durfte ihm nichts Großes gegenüber gestellt werden; dadurch +wurde der Dichter notwendig niedergehalten, dem somit fast alles +abgeschnitten erschien, wodurch er dem Stoffe nach seiner gewohnten Art +hätte beikommen können; von dem Inhalte hatte er fast nichts zu +erwarten. Alles mußte durch eine glückliche Form bewerkstelligt werden, +und nur durch eine kunstreiche Führung der Handlung war der Stoff zu +einer schönen Tragödie zu erheben. Aber gerade ein solcher Stoff mußte +es, wie Schiller selbst am lebhaftesten erkannte, sein, an dem er sein +neues dramatisches Leben eröffnen und neue Haltung gewinnen konnte. Auch +behandelte er sein Geschäft nun ganz anders, als er ehemals gepflegt +hatte; es gelang ihm ganz gut, seinen Stoff außer sich zu halten und nur +den Gegenstand zu geben; er hatte nie eine solche Kälte für diesen mit +einer solchen Wärme für die Arbeit in sich vereinigt. Den Hauptcharakter +sowohl als die meisten Nebencharaktere behandelte er mit der reinen +Liebe des Künstlers, und nur an Max und Thekla, die nächsten nach +Wallenstein, fühlte er sich durch eigene Zuneigung gefesselt. Aber die +Ausarbeitung der ihnen gewidmeten Szenen sparte er sich auf, bis er der +übrigen Staatsaktion, von der sie sich ihrer frei menschlichen Natur +nach völlig trennten, ja dem geschäftigen Wesen derselben dem Geiste +nach entgegengesetzt erschienen, die ihm mögliche feste Gestalt gegeben. +Was er dann am meisten zu fürchten hatte, war, daß das überwiegende +menschliche Interesse dieser großen Episode an der schon feststehenden +ausgeführten Handlung leicht etwas verrücken möchte, da, wie er meinte, +ihrer Natur nach ihr die Herrschaft gebühre, und je mehr ihm die +Ausführung derselben gelingen sollte, die übrige Handlung dabei desto +mehr ins Gedränge zu kommen Gefahr lief. Denn es war ihm weit schwerer, +ein Interesse für das Gefühl als für den Verstand aufzugeben. Er suchte +nun sich aller Motive, die im ganzen Umkreise seines Stücks für diese +Episode und in ihr selbst lagen, zu bemächtigen und so, wenn auch +langsam, die rechte Stimmung in sich reifen zu lassen. Aus dieser Art +der Arbeit, zwei grundverschiedene Richtungen, die Politik und die +Liebe, in getrennten Charakteren zu verschiedenen Zeitpunkten zu +behandeln und diese sich fast feindlichen Bestandteile zu einem einzigen +Ganzen zu vereinigen, erklärt es sich, wie weder die eine noch die +andere zur entschiedenen Herrschaft gelangen konnte und beide sich +gegenseitig mehr zu verdrängen und auszuschließen, als mit vereinter +Kraft eine reine Gesamtwirkung in der Seele des Beschauers +hervorzubringen fähig erscheinen. Denen, die von der strengen Realistik +der Staatsaktion, wie sie der Dichter nennt, verstandesmäßig befriedigt +sind, wird die Gefühlswelt der großen Episode allzu idealistisch-körperlos +erscheinen, denen, deren Herz, von der lyrischen Gewalt +der Darstellung bezwungen, für Max und Thekla schlägt, wird das +lebenswahre Abbild der Geschichte allenfalls trocken und nüchtern +vorkommen, und nur wenigen Lesern und Hörern mochte der Einklang beider +Welten, wie er in der Seele des Dichters sich gestaltet hatte, +wahrnehmbar werden, der Prozeß seiner Entwickelung, wo die bisherige +lyrische Subjektivität von der objektiven Welt gleichsam aufgesogen +wurde. Von hier an war Schiller entschieden, nur historische Stoffe zu +wählen; frei erfundene, die ihn veranlassen mußten, das Ideale zu +realisieren, also seine Ideen zur Hauptsache zu machen, um die reale +Welt darnach zu gestalten, erkannte er als eine Klippe seiner Kunst, +während die Behandlung historisch gegebener Stoffe, bei der das +Realistische zu idealisieren war, ihm gebot, eine gegebene bestimmte und +beschränkte Materie zu beleben, zu erwärmen und gleichsam aufquellen zu +machen, wobei die objektive Bestimmtheit eines solchen Stoffes zugleich +seine Phantasie zügelte und seiner Willkür Widerstand leistete. Schiller +hatte jedoch während der Schöpfung des Wallenstein noch eine andre zwar +formelle, aber für den Dichter ungemein bedeutungsvolle Erkenntnis +gewonnen. In kaum begreiflicher Weise hatte W. von Humboldt den Rat +gegeben, den Wallenstein in Prosa zu schreiben, und Schiller, dem es +hinsichtlich der Arbeit wenig Unterschied machte, ob er in Jamben oder +Prosa schrieb, wählte, obwohl er einsah, daß der Vers mehr poetische +Würde verleihen müsse, anfänglich der größern Ungezwungenheit wegen und +um das Stück für die theatralische Vorstellung bequemer zu machen, die +letztere. Alles, was bis in die Mitte des Jahres 1797 ausgearbeitet war, +hatte er in Prosa geschrieben, und als er sich im November 1797 dennoch +für den Vers entschied und alles bis dahin Geschaffene umarbeiten mußte, +begriff er kaum, wie er es je habe anders wollen können, da es unmöglich +sei, ein _Gedicht_ in _Prosa_ zu schreiben. Von nun an, seitdem er seine +prosaische Sprache in eine poetische-rhythmische verwandelte, befand er +sich unter einer ganz andern Gerichtsbarkeit als vorher; selbst viele +Motive, die in der prosaischen Ausführung recht gut am Platz zu stehen +schienen, konnte er jetzt nicht mehr gebrauchen; sie waren bloß für den +gewöhnlichen Hausverstand, dessen Organ die Prosa ist; aber der Vers +forderte schlechterdings Beziehungen auf die Einbildungskraft, und so +mußte der Dichter auch in mehreren seiner Motive poetischer werden, da +das Platte nirgends so ins Licht kommt, als wenn es in gebundener +Schreibart ausgesprochen wird. Der Rhythmus leistete, wie er erkannte, +bei einer dramatischen Produktion auch noch das Große und Bedeutende, +daß er, indem er alle Charaktere und alle Situationen nach _einem_ +Gesetz behandelte und sie, trotz ihres inneren Unterschiedes, nach +_einer_ Form ausführte, dadurch den Dichter und seinen Leser nötigte, +von allem noch so Charakteristisch-Verschiedenen etwas Allgemeines, +Rein-Menschliches zu verlangen. Bei der Bearbeitung in Versen stellte +sich indessen wiederum eine neue Gefahr heraus, die des übermäßigen +Anschwellens, da die Jamben, obgleich sie den Ausdruck verkürzten, eine +poetische Gemütlichkeit unterhielten, die ins Breite trieb. So kam es, +daß die Arbeit, die beim Beginn im strengen Sinne für die theatralische +Vorstellung bestimmt war, beim Abschluß über die Grenzen hinausgewachsen +erschien und zum Zwecke der Aufführung in Teile zerlegt werden mußte, +wobei sich wiederum mannigfache nachträgliche, wenn auch nicht +tiefgreifende Umänderungen als nötig ergaben. Goethe, der sich bis dahin +durch Wohlwollen und Teilnahme förderlich erwiesen, aber durchaus, was +früher wohl behauptet ist, einen mitarbeitenden oder sich auf einzelnes +erstreckenden Anteil am Wallenstein nicht genommen hatte, wünschte für +die Eröffnung des neuen Theatersaales den ersten Akt, den damals das +›Lager‹ bildete, als eine selbständige Arbeit aufgeführt zu sehen und +gab, als Schiller bereitwillig darauf einging, nun ein Soldatenlied, dem +Schiller noch ein paar Strophen einfügte, dazu her, so wie er auch durch +Mitteilung eines Buches von Abraham a Santa Clara Veranlassung bot, daß +Schiller die Kapuzinerpredigt hinzudichtete. Mit einem rasch entworfenen +Prolog, der jetzt die dramatische Dichtung eröffnet, wurden die +›Wallensteiner‹, wie das ›Lager‹ damals hieß, am 12. Oktober 1798 zuerst +gegeben. Über die Bedeutung des Vorspiels für das Ganze der Dichtung und +über diese selbst sind in den vorstehenden Mitteilungen und in dem +›Prologe‹ ausreichende Fingerzeige enthalten, die deshalb hier keiner +weiteren Ausdeutung und Erklärung bedürfen. Nach Abscheidung des +Vorspiels, reifer Überlegung und vielen Konferenzen mit Goethe wurde die +übrige Dichtung nun in zwei Stücke getrennt, von denen das erste, die +Piccolomini, deren Verhältnis für und gegen Wallenstein es behandelt, +die Exposition der Handlung in ihrer ganzen Breite enthält und gerade da +endigt, wo der Knoten geknüpft ist. Dieser Teil wurde zuerst am 30. +Januar 1799, zum Geburtstage der Herzogin Luise, in Weimar vorgestellt. +Das andre Stück, Wallensteins Tod, die eigentliche Tragödie, erschien, +nachdem die Piccolomini am 17. April wiederholt waren, am 20. April 1799 +zuerst auf der weimarischen Bühne und am 17. Mai auf der Berliner. Im +Juni des folgenden Jahres erschien Wallenstein bei Cotta im Druck, und +die 3500 Exemplare der Auflage waren im September bereits vergriffen. + +=K. Goedeke.= + + + + +Wallensteins Lager. + + + + +Personen. + + + _Wachtmeister_, } + _Trompeter_, } von einem Terzkyschen Karabinier-Regiment. + _Konstabler_. + _Scharfschützen._ + _Zwei Holkische reitende Jäger._ + _Buttlerische Dragoner._ + _Arkebusiere_ vom Regiment Tiefenbach. + _Kürassier_ von einem wallonischen } + _Kürassier_ von einem lombardischen } Regiment. + _Kroaten._ + _Ulanen._ + _Rekrut._ + _Bürger._ + _Bauer._ + _Bauerknabe._ + _Kapuziner._ + _Soldatenschulmeister._ + _Marketenderin._ + _Eine Aufwärterin._ + _Soldatenjungen._ + _Hoboisten._ + +Vor der Stadt Pilsen in Böhmen. + + + + +Prolog. + +Gesprochen bei Wiedereröffnung der Schaubühne in Weimar im Oktober 1798. + + + Der scherzenden, der ernsten Maske Spiel, + Dem ihr so oft ein willig Ohr und Auge + Geliehn, die weiche Seele hingegeben, + Vereinigt uns aufs neu in diesem Saal -- + Und sieh! er hat sich neu verjüngt, ihn hat + Die Kunst zum heitern Tempel ausgeschmückt, + Und ein harmonisch hoher Geist spricht uns + Aus dieser edeln Säulenordnung an + Und regt den Sinn zu festlichen Gefühlen. + + Und doch ist dies der alte Schauplatz noch, + Die Wiege mancher jugendlichen Kräfte, + Die Laufbahn manches wachsenden Talents. + Wir sind die Alten noch, die sich vor euch + Mit warmem Trieb und Eifer ausgebildet. + Ein edler Meister stand auf diesem Platz, + Euch in die heitern Höhen seiner Kunst + Durch seinen Schöpfergenius entzückend. + O! möge dieses Raumes neue Würde + Die Würdigsten in unsre Mitte ziehn + Und eine Hoffnung, die wir lang gehegt, + Sich uns in glänzender Erfüllung zeigen. + Ein großes Muster weckt Nacheiferung + Und gibt dem Urteil höhere Gesetze. + So stehe dieser Kreis, die neue Bühne + Als Zeugen des vollendeten Talents. + Wo möcht' es auch die Kräfte lieber prüfen, + Den alten Ruhm erfrischen und verjüngen, + Als hier vor einem auserlesnen Kreis, + Der, rührbar jedem Zauberschlag der Kunst, + Mit leis beweglichem Gefühl den Geist + In seiner flüchtigsten Erscheinung hascht? + + Denn schnell und spurlos geht des Mimen Kunst, + Die wunderbare, an dem Sinn vorüber, + Wenn das Gebild des Meißels, der Gesang + Des Dichters nach Jahrtausenden noch leben. + Hier stirbt der Zauber mit dem Künstler ab, + Und wie der Klang verhallet in dem Ohr, + Verrauscht des Augenblicks geschwinde Schöpfung, + Und ihren Ruhm bewahrt kein dauernd Werk. + Schwer ist _die_ Kunst, vergänglich ist ihr Preis, + Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze; + Drum muß er geizen mit der Gegenwart, + Den Augenblick, der sein ist, ganz erfüllen, + Muß seiner Mitwelt mächtig sich versichern + Und im Gefühl der Würdigsten und Besten + Ein lebend Denkmal sich erbaun -- So nimmt er + Sich seines Namens Ewigkeit voraus. + Denn wer den Besten seiner Zeit genug + Getan, der hat gelebt für alle Zeiten. + + Die neue Ära, die der Kunst Thaliens + Auf dieser Bühne heut beginnt, macht auch + Den Dichter kühn, die alte Bahn verlassend, + Euch aus des Bürgerlebens engem Kreis + Auf einen höhern Schauplatz zu versetzen, + Nicht unwert des erhabenen Moments + Der Zeit, in dem wir strebend uns bewegen. + Denn nur der große Gegenstand vermag + Den tiefen Grund der Menschheit aufzuregen; + Im engen Kreis verengert sich der Sinn, + Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken. + + Und jetzt an des Jahrhunderts ernstem Ende, + Wo selbst die Wirklichkeit zur Dichtung wird, + Wo wir den Kampf gewaltiger Naturen + Um ein bedeutend Ziel vor Augen sehn + Und um der Menschheit große Gegenstände, + Um Herrschaft und um Freiheit wird gerungen, + Jetzt darf die Kunst auf ihrer Schattenbühne + Auch höhern Flug versuchen, ja sie muß, + Soll nicht des Lebens Bühne sie beschämen. + + Zerfallen sehen wir in diesen Tagen + Die alte feste Form, die einst vor hundert + Und fünfzig Jahren ein willkommner Friede + Europens Reichen gab, die teure Frucht + Von dreißig jammervollen Kriegesjahren. + Noch einmal laßt des Dichters Phantasie + Die düstre Zeit an euch vorüberführen, + Und blicket froher in die Gegenwart + Und in der Zukunft hoffnungsreiche Ferne. + + In jenes Krieges Mitte stellt euch jetzt + Der Dichter. Sechzehn Jahre der Verwüstung, + Des Raubs, des Elends sind dahingeflohn, + In trüben Massen gäret noch die Welt, + Und keine Friedenshoffnung strahlt von fern. + Ein Tummelplatz von Waffen ist das Reich, + Verödet sind die Städte, Magdeburg + Ist Schutt, Gewerb und Kunstfleiß liegen nieder, + Der Bürger gilt nichts mehr, der Krieger alles, + Straflose Frechheit spricht den Sitten Hohn, + Und rohe Horden lagern sich, verwildert + Im langen Krieg, auf dem verheerten Boden. + + Auf diesem finstern Zeitgrund malet sich + Ein Unternehmen kühnen Übermuts + Und ein verwegener Charakter ab. + Ihr kennet ihn -- den Schöpfer kühner Heere, + Des Lagers Abgott und der Länder Geißel, + Die Stütze und den Schrecken seines Kaisers, + Des Glückes abenteuerlichen Sohn, + Der, von der Zeiten Gunst emporgetragen, + Der Ehre höchste Staffeln rasch erstieg + Und, ungesättigt immer weiter strebend, + Der unbezähmten Ehrsucht Opfer fiel. + Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt + Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte; + Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst, + Auch eurem Herzen menschlich näher bringen. + Denn jedes Äußerste führt _sie_, die alles + Begrenzt und bindet, zur Natur zurück, + Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang + Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld + Den unglückseligen Gestirnen zu. + + Nicht _er_ ist's, der auf dieser Bühne heut + Erscheinen wird. Doch in den kühnen Scharen, + Die sein Befehl gewaltig lenkt, sein Geist + Beseelt, wird euch sein Schattenbild begegnen, + Bis ihn die scheue Muse selbst vor euch + Zu stellen wagt in lebender Gestalt, + Denn seine Macht ist's, die sein Herz verführt, + Sein Lager nur erkläret sein Verbrechen. + + Darum verzeiht dem Dichter, wenn er euch + Nicht raschen Schritts mit _einem_ Mal ans Ziel + Der Handlung reißt, den großen Gegenstand + In einer Reihe von Gemälden nur + Vor euren Augen abzurollen wagt. + Das heut'ge Spiel gewinne euer Ohr + Und euer Herz den ungewohnten Tönen; + In jenen Zeitraum führ' es euch zurück, + Auf jene fremde kriegerische Bühne, + Die unser Held mit seinen Taten bald + Erfüllen wird. + Und wenn die Muse heut, + Des Tanzes freie Göttin und Gesangs, + Ihr altes deutsches Recht, des Reimes Spiel, + Bescheiden wieder fordert -- tadelt's nicht! + Ja danket ihr's, daß sie das düstre Bild + Der Wahrheit in das heitre Reich der Kunst + Hinüberspielt, die Täuschung, die sie schafft, + Aufrichtig selbst zerstört und ihren Schein + Der Wahrheit nicht betrüglich unterschiebt; + Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst. + + + + +1. Auftritt. + + +Marketenderzelt, davor eine Kram- und Trödelbude. Soldaten von allen +Farben und Feldzeichen drängen sich durcheinander, alle Tische sind +besetzt. Kroaten und Ulanen an einem Kohlfeuer kochen, Marketenderin +schenkt Wein, Soldatenjungen würfeln auf einer Trommel, im Zelt wird +gesungen. + +_Ein Bauer_ und sein _Sohn_. + + =Bauerknabe.= + + Vater, es wird nicht gut ablaufen, + Bleiben wir von dem Soldatenhaufen. + Sind Euch gar trotzige Kameraden; + Wenn sie uns nur nichts am Leibe schaden. + + =Bauer.= + + Ei was! Sie werden uns ja nicht fressen, + Treiben sie's auch ein wenig vermessen. + Siehst du? sind neue Völker herein, + Kommen frisch von der Saal' und dem Main, + Bringen Beut' mit, die rarsten Sachen! + Unser ist's, wenn wir's nur listig machen. + Ein Hauptmann, den ein andrer erstach, + Ließ mir ein paar glückliche Würfel nach. + Die will ich heut einmal probieren, + Ob sie die alte Kraft noch führen. + Mußt dich nur recht erbärmlich stellen, + Sind dir gar lockere, leichte Gesellen. + Lassen sich gerne schön tun und loben, + So wie gewonnen, so ist's zerstoben. + Nehmen sie uns das Unsre in Scheffeln, + Müssen wir's wieder bekommen in Löffeln; + Schlagen sie grob mit dem Schwerte drein, + So sind wir pfiffig und treiben's fein. + +(Im Zelt wird gesungen und gejubelt.) + + Wie sie juchzen -- daß Gott erbarm! + Alles das geht von des Bauern Felle. + Schon acht Monate legt sich der Schwarm + Uns in die Betten und in die Ställe, + Weit herum ist in der ganzen Aue + Keine Feder mehr, keine Klaue, + Daß wir für Hunger und Elend schier + Nagen müssen die eignen Knochen. + War's doch nicht ärger und krauser hier, + Als der Sachs noch im Lande tät pochen. + Und die nennen sich Kaiserliche! + + =Bauerknabe.= + + Vater, da kommen ein paar aus der Küche, + Sehen nicht aus, als wär' viel zu nehmen. + + =Bauer.= + + Sind einheimische, geborne Böhmen, + Von des Terschkas Karabinieren, + Liegen schon lang in diesen Quartieren. + Unter allen die schlimmsten just, + Spreizen sich, werfen sich in die Brust, + Tun, als wenn sie zu fürnehm wären, + Mit dem Bauer ein Glas zu leeren. + Aber dort seh' ich die drei scharfe Schützen + Linker Hand um ein Feuer sitzen, + Sehen mir aus wie Tiroler schier. + Emmerich, komm! an die wollen wir, + Lustige Vögel, die gerne schwatzen, + Tragen sich sauber und führen Batzen. + +(Gehen nach den Zelten.) + + + + +2. Auftritt. + + +_Vorige. Wachtmeister. Trompeter. Ulan._ + + =Trompeter.= + + Was will der Bauer da? Fort, Halunk! + + =Bauer.= + + Gnädige Herren, einen Bissen und Trunk! + Haben heut noch nichts Warmes gegessen. + + =Trompeter.= + + Ei, das muß immer saufen und fressen. + + =Ulan= (mit einem Glase). + + Nichts gefrühstückt? Da trink, du Hund! + +(Führt den Bauer nach dem Zelte; jene kommen vorwärts.) + + =Wachtmeister= (zum Trompeter). + + Meinst du, man hab' uns ohne Grund + Heute die doppelte Löhnung gegeben, + Nur daß wir flott und lustig leben? + + =Trompeter.= + + Die Herzogin kommt ja heute herein + Mit dem fürstlichen Fräulein -- + + =Wachtmeister.= + + Das ist nur der Schein. + Die Truppen, die aus fremden Landen + Sich hier vor Pilsen zusammen fanden, + Die sollen wir gleich an uns locken + Mit gutem Schluck und guten Brocken, + Damit sie sich gleich zufrieden finden + Und fester sich mit uns verbinden. + + =Trompeter.= + + Ja, es ist wieder was im Werke! + + =Wachtmeister.= + + Die Herrn Generäle und Kommendanten -- + + =Trompeter.= + + Es ist gar nicht geheuer, wie ich merke. + + =Wachtmeister.= + + Die sich so dick hier zusammen fanden -- + + =Trompeter.= + + Sind nicht für die Langweil herbemüht. + + =Wachtmeister.= + + Und das Gemunkel und das Geschicke -- + + =Trompeter.= + + Ja, ja! + + =Wachtmeister.= + + Und von Wien die alte Perücke, + Die man seit gestern herumgehn sieht, + Mit der guldenen Gnadenkette, + Das hat was zu bedeuten, ich wette. + + =Trompeter.= + + Wieder so ein Spürhund, gebt nur acht, + Der die Jagd auf den Herzog macht. + + =Wachtmeister.= + + Merkst du wohl? Sie trauen uns nicht, + Fürchten des Friedländers heimlich Gesicht. + Er ist ihnen zu hoch gestiegen, + Möchten ihn gern herunterkriegen. + + =Trompeter.= + + Aber wir halten ihn aufrecht, wir, + Dächten doch alle, wie ich und Ihr! + + =Wachtmeister.= + + Unser Regiment und die andern vier, + Die der Terschka anführt, des Herzogs Schwager, + Das resoluteste Korps im Lager, + Sind ihm ergeben und gewogen, + Hat er uns selbst doch herangezogen. + Alle Hauptleute setzt' er ein, + Sind alle mit Leib und Leben sein. + + + + +3. Auftritt. + + +_Kroat_ mit einem Halsschmuck. _Scharfschütze_ folgt. _Vorige._ + + =Scharfschütz.= + + Kroat, wo hast du das Halsband gestohlen? + Handle dir's ab! dir ist's doch nichts nütz. + Geb' dir dafür das Paar Terzerolen. + + =Kroat.= + + Nix, nix! Du willst mich betrügen, Schütz. + + =Scharfschütz.= + + Nun! geb' dir auch noch die blaue Mütz, + Hab' sie soeben im Glücksrad gewonnen. + Siehst du? Sie ist zum höchsten Staat. + + =Kroat= (läßt das Halsband in der Sonne spielen). + + 's ist aber von Perlen und edelm Granat. + Schau, wie das flinkert in der Sonnen! + + =Scharfschütz= (nimmt das Halsband). + + Die Feldflasche noch geb' ich drein, (besieht es) + Es ist mir nur um den schönen Schein. + + =Trompeter.= + + Seht nur, wie der den Kroaten prellt! + Halbpart, Schütze, so will ich schweigen. + + =Kroat= (hat die Mütze aufgesetzt). + + Deine Mütze mir wohlgefällt. + + =Scharfschütz= (winkt dem Trompeter). + + Wir tauschen hier! Die Herrn sind Zeugen! + + + + +4. Auftritt. + + +_Vorige. Konstabler._ + + =Konstabler= (tritt zum Wachtmeister). + + Wie ist's, Bruder Karabinier? + Werden wir uns lang noch die Hände wärmen, + Da die Feinde schon frisch im Feld herum schwärmen? + + =Wachtmeister.= + + Tut's Ihm so eilig, Herr Konstabel? + Die Wege sind noch nicht praktikabel. + + =Konstabler.= + + Mir nicht. Ich sitze gemächlich hier; + Aber ein Eilbot' ist angekommen, + Meldet, Regensburg sei genommen. + + =Trompeter.= + + Ei, da werden wir bald aufsitzen. + + =Wachtmeister.= + + Wohl gar! Um dem Bayer sein Land zu schützen, + Der dem Fürsten so unfreund ist? + Werden uns eben nicht sehr erhitzen. + + =Konstabler.= + + Meint Ihr? -- Was Ihr nicht alles wißt! + + + + +5. Auftritt. + + +_Vorige. Zwei Jäger._ Dann _Marketenderin_. _Soldatenjungen. +Schulmeister. Aufwärterin._ + + =Erster Jäger.= + + Sieh, sieh! + Da treffen wir lustige Kompanie. + + =Trompeter.= + + Was für Grünröck' mögen das sein? + Treten ganz schmuck und stattlich ein. + + =Wachtmeister.= + + Sind Holkische Jäger; die silbernen Tressen + Holten sie sich nicht auf der Leipziger Messen. + + =Marketenderin= (kommt und bringt Wein). + + Glück zur Ankunft, ihr Herrn! + + =Erster Jäger.= + + Was? der Blitz! + Das ist ja die Gustel aus Blasewitz. + + =Marketenderin.= + + I freilich! Und Er ist wohl gar, Mußjö, + Der lange Peter aus Itzehö? + Der seines Vaters goldene Füchse + Mit unserm Regiment hat durchgebracht + Zu Glückstadt in einer lustigen Nacht -- + + =Erster Jäger.= + + Und die Feder vertauscht mit der Kugelbüchse. + + =Marketenderin.= + + Ei da sind wir alte Bekannte! + + =Erster Jäger.= + + Und treffen uns hier im böhmischen Lande. + + =Marketenderin.= + + Heute da, Herr Vetter, und morgen dort -- + Wie einen der rauhe Kriegesbesen + Fegt und schüttelt von Ort zu Ort; + Bin indes weit herum gewesen. + + =Erster Jäger.= + + Will's Ihr glauben! Das stellt sich dar. + + =Marketenderin.= + + Bin hinauf bis nach Temeswar + Gekommen mit den Bagagewagen, + Als wir den Mansfelder täten jagen. + Lag mit dem Friedländer vor Stralsund, + Ging mir dorten die Wirtschaft zu Grund. + Zog mit dem Sukkurs vor Mantua, + Kam wieder heraus mit dem Feria, + Und mit einem spanischen Regiment + Hab' ich einen Abstecher gemacht nach Gent. + Jetzt will ich's im böhmischen Land probieren, + Alte Schulden einkassieren -- + Ob mir der Fürst hilft zu meinem Geld. + Und das dort ist mein Marketenderzelt. + + =Erster Jäger.= + + Nun, da trifft Sie alles beisammen an! + Doch wo hat Sie den Schottländer hingetan, + Mit dem Sie damals herumgezogen? + + =Marketenderin.= + + Der Spitzbub! der hat mich schön betrogen. + Fort ist er! Mit allem davon gefahren, + Was ich mir tät am Leibe ersparen. + Ließ mir nichts als den Schlingel da! + + =Soldatenjunge= (kommt gesprungen). + + Mutter! sprichst du von meinem Papa? + + =Erster Jäger.= + + Nun, nun! das muß der Kaiser ernähren, + Die Armee sich immer muß neu gebären. + + =Soldatenschulmeister= (kommt). + + Fort in die Feldschule! Marsch, ihr Buben! + + =Erster Jäger.= + + Das fürcht sich auch vor der engen Stuben! + + =Aufwärterin= (kommt). + + Base, sie wollen fort. + + =Marketenderin.= + + Gleich, gleich! + + =Erster Jäger.= + + Ei, wer ist denn das kleine Schelmengesichte? + + =Marketenderin.= + + 's ist meiner Schwester Kind -- aus dem Reich. + + =Erster Jäger.= + + Ei, also eine liebe Nichte? + +(Marketenderin geht.) + + =Zweiter Jäger= (das Mädchen haltend). + + Bleib Sie bei uns doch, artiges Kind. + + =Aufwärterin.= + + Gäste dort zu bedienen sind. + +(Macht sich los und geht.) + + =Erster Jäger.= + + Das Mädchen ist kein übler Bissen! -- + Und die Muhme -- beim Element! + Was haben die Herrn vom Regiment + Sich um das niedliche Lärvchen gerissen! -- + Was man nicht alles für Leute kennt, + Und wie die Zeit von dannen rennt. -- + Was werd' ich noch alles erleben müssen! + +(Zum Wachtmeister und Trompeter.) + + Euch zur Gesundheit, meine Herrn! -- + Laßt uns hier auch ein Plätzchen nehmen. + + + + +6. Auftritt. + + +_Jäger. Wachtmeister. Trompeter._ + + =Wachtmeister.= + + Wir danken schön. Von Herzen gern. + Wir rücken zu. Willkommen in Böhmen! + + =Erster Jäger.= + + Ihr sitzt hier warm. Wir, in Feindes Land, + Mußten derweil uns schlecht bequemen. + + =Trompeter.= + + Man sollt's euch nicht ansehn, ihr seid galant. + + =Wachtmeister.= + + Ja, ja, im Saalkreis und auch in Meißen + Hört man euch Herrn nicht besonders preisen. + + =Zweiter Jäger.= + + Seid mir doch still! Was will das heißen? + Der Kroat es ganz anders trieb, + Uns nur die Nachles' übrig blieb. + + =Trompeter.= + + Ihr habt da einen saubern Spitzen + Am Kragen, und wie euch die Hosen sitzen! + Die feine Wäsche, der Federhut! + Was das alles für Wirkung tut! + Daß doch den Burschen das Glück soll scheinen, + Und so was kommt nie an unser einen! + + =Wachtmeister.= + + Dafür sind wir des Friedländers Regiment, + Man muß uns ehren und respektieren. + + =Erster Jäger.= + + Das ist für uns andre kein Kompliment, + Wir ebenso gut seinen Namen führen. + + =Wachtmeister.= + + Ja, ihr gehört auch so zur ganzen Masse. + + =Erster Jäger.= + + Ihr seid wohl von einer besondern Rasse? + Der ganze Unterschied ist in den Röcken, + Und ich ganz gern mag in meinem stecken. + + =Wachtmeister.= + + Herr Jäger, ich muß Euch nur bedauern, + Ihr lebt so draußen bei den Bauern; + Der feine Griff und der rechte Ton, + Das lernt sich nur um des Feldherrn Person. + + =Erster Jäger.= + + Sie bekam Euch übel, die Lektion. + Wie er räuspert, und wie er spuckt, + Das habt Ihr ihm glücklich abgeguckt; + Aber sein Schenie, ich meine sein Geist + Sich nicht auf der Wachparade weist. + + =Zweiter Jäger.= + + Wetter auch! wo Ihr nach uns fragt, + Wir heißen des Friedländers wilde Jagd + Und machen dem Namen keine Schande -- + Ziehen frech durch Feindes und Freundes Lande, + Querfeldein durch die Saat, durch das gelbe Korn -- + Sie kennen das Holkische Jägerhorn! -- + In einem Augenblick fern und nah, + Schnell wie die Sündflut, so sind wir da -- + Wie die Feuerflamme bei dunkler Nacht + In die Häuser fähret, wenn niemand wacht -- + Da hilft keine Gegenwehr, keine Flucht, + Keine Ordnung gilt mehr und keine Zucht. -- + Es sträubt sich -- der Krieg hat kein Erbarmen -- + Das Mägdlein in unsern sehnigten Armen -- + Fragt nach, ich sag's nicht, um zu prahlen; + In Baireuth, im Voigtland, in Westfalen, + Wo wir nur durchgekommen sind -- + Erzählen Kinder und Kindeskind + Nach hundert und aber hundert Jahren + Von dem Holk noch und seinen Scharen. + + =Wachtmeister.= + + Nun, da sieht man's! Der Saus und Braus, + Macht denn der den Soldaten aus? + Das Tempo macht ihn, der Sinn und Schick, + Der Begriff, die Bedeutung, der feine Blick. + + =Erster Jäger.= + + Die Freiheit macht ihn! Mit Euren Fratzen! + Daß ich mit Euch soll darüber schwatzen. -- + Lief ich darum aus der Schul' und der Lehre, + Daß ich die Fron' und die Galeere, + Die Schreibstub' und ihre engen Wände + In dem Feldlager wiederfände? -- + Flott will ich leben und müßig gehn, + Alle Tage was Neues sehn, + Mich dem Augenblick frisch vertrauen, + Nicht zurück, auch nicht vorwärts schauen -- + Drum hab' ich meine Haut dem Kaiser verhandelt, + Daß keine Sorg' mich mehr anwandelt. + Führt mich ins Feuer frisch hinein, + Über den reißenden, tiefen Rhein -- + Der dritte Mann soll verloren sein; + Werde mich nicht lang sperren und zieren. -- + Sonst muß man mich aber, ich bitte sehr, + Mit nichts weiter inkommodieren. + + =Wachtmeister.= + + Nu, nu, verlangt Ihr sonst nichts mehr? + Das ließ sich unter dem Wams da finden. + + =Erster Jäger.= + + Was war das nicht für ein Placken und Schinden + Bei Gustav, dem Schweden, dem Leuteplager! + Der machte eine Kirch' aus seinem Lager, + Ließ Betstunde halten, des Morgens, gleich + Bei der Reveille und beim Zapfenstreich. + Und wurden wir manchmal ein wenig munter, + Er kanzelt' uns selbst wohl vom Gaul herunter. + + =Wachtmeister.= + + Ja, es war ein gottesfürchtiger Herr. + + =Erster Jäger.= + + Dirnen, die ließ er gar nicht passieren, + Mußten sie gleich zur Kirche führen. + Da lief ich, konnt's nicht ertragen mehr. + + =Wachtmeister.= + + Jetzt geht's dort auch wohl anders her. + + =Erster Jäger.= + + So ritt ich hinüber zu den Ligisten, + Sie täten sich just gegen Magdeburg rüsten. + Ja, das war schon ein ander Ding! + Alles da lustiger, loser ging, + Soff und Spiel und Mädels die Menge! + Wahrhaftig, der Spaß war nicht gering, + Denn der Tilly verstand sich aufs Kommandieren. + Dem eigenen Körper war er strenge, + Dem Soldaten ließ er vieles passieren, + Und ging's nur nicht aus seiner Kassen, + Sein Spruch war: leben und leben lassen. + Aber das Glück blieb ihm nicht stet -- + Seit der Leipziger Fatalität + Wollt' es eben nirgends mehr flecken, + Alles bei uns geriet ins Stecken; + Wo wir erschienen und pochten an, + Ward nicht gegrüßt noch aufgetan. + Wir mußten uns drücken von Ort zu Ort, + Der alte Respekt war eben fort. -- + Da nahm ich Handgeld von den Sachsen, + Meinte, da müßte mein Glück recht wachsen. + + =Wachtmeister.= + + Nun, da kamt Ihr ja eben recht + Zur böhmischen Beute. + + =Erster Jäger.= + + Es ging mir schlecht. + Sollten da strenge Mannszucht halten, + Durften nicht recht als Feinde walten, + Mußten des Kaisers Schlösser bewachen, + Viel Umständ' und Komplimente machen, + Führten den Krieg, als wär's nur Scherz, + Hatten für die Sach' nur ein halbes Herz, + Wollten's mit niemand ganz verderben, + Kurz, da war wenig Ehr zu erwerben, + Und ich wär' bald für Ungeduld + Wieder heimgelaufen zum Schreibepult, + Wenn nicht eben auf allen Straßen + Der Friedländer hätte werben lassen. + + =Wachtmeister.= + + Und wie lang denkt Ihr's hier auszuhalten? + + =Erster Jäger.= + + Spaßt nur! Solange _der_ tut walten, + Denk' ich Euch, mein Seel! an kein Entlaufen. + Kann's der Soldat wo besser kaufen? -- + Da geht alles nach Kriegessitt', + Hat alles 'nen großen Schnitt, + Und der Geist, der im ganzen Korps tut leben, + Reißet gewaltig, wie Windesweben, + Auch den untersten Reiter mit. + Da tret' ich auf mit beherztem Schritt, + Darf über den Bürger kühn wegschreiten, + Wie der Feldherr über der Fürsten Haupt. + Es ist hier wie in den alten Zeiten, + Wo die Klinge noch alles tät bedeuten; + Da gibt's nur _ein_ Vergehn und Verbrechen: + Der Ordre fürwitzig widersprechen. + Was nicht verboten ist, ist erlaubt; + Da fragt niemand, was einer glaubt. + Es gibt nur zwei Ding' überhaupt: + Was zur Armee gehört und nicht; + Und nur der Fahne bin ich verpflicht. + + =Wachtmeister.= + + Jetzt gefallt Ihr mir, Jäger! Ihr sprecht + Wie ein Friedländischer Reitersknecht. + + =Erster Jäger.= + + Der führt's Kommando nicht wie ein Amt, + Wie eine Gewalt, die vom Kaiser stammt! + Es ist ihm nicht um des Kaisers Dienst, + Was bracht' er dem Kaiser für Gewinst? + Was hat er mit seiner großen Macht + Zu des Landes Schirm und Schutz vollbracht? + Ein Reich von Soldaten wollt' er gründen, + Die Welt anstecken und entzünden, + Sich alles vermessen und unterwinden -- + + =Trompeter.= + + Still! Wer wird solche Worte wagen! + + =Erster Jäger.= + + Was ich denke, das darf ich sagen. + Das Wort ist frei, sagt der General. + + =Wachtmeister.= + + So sagt er, ich hört's wohl einigemal, + Ich stand dabei. »Das Wort ist frei, + Die Tat ist stumm, der Gehorsam blind,« + Dies urkundlich seine Worte sind. + + =Erster Jäger.= + + Ob's just seine Wort' sind, weiß ich nicht; + Aber die Sach ist so, wie er spricht. + + =Zweiter Jäger.= + + Ihm schlägt das Kriegsglück nimmer um, + Wie's wohl bei andern pflegt zu geschehen. + Der Tilly überlebte seinen Ruhm. + Doch unter des Friedländers Kriegspanieren, + Da bin ich gewiß zu viktorisieren. + Er bannet das Glück, es muß ihm stehen. + Wer unter seinem Zeichen tut fechten, + Der steht unter besondern Mächten. + Denn das weiß ja die ganze Welt, + Daß der Friedländer einen Teufel + Aus der Hölle im Solde hält. + + =Wachtmeister.= + + Ja, daß er fest ist, das ist kein Zweifel. + Denn in der blut'gen Affär bei Lützen + Ritt er euch unter des Feuers Blitzen + Auf und nieder mit kühlem Blut. + Durchlöchert von Kugeln war sein Hut, + Durch den Stiefel und Koller fuhren + Die Ballen, man sah die deutlichen Spuren; + Konnt' ihm keine die Haut nur ritzen, + Weil ihn die höllische Salbe tät schützen. + + =Erster Jäger.= + + Was wollt Ihr da für Wunder bringen! + Er trägt ein Koller von Elendshaut, + Das keine Kugel kann durchdringen. + + =Wachtmeister.= + + Nein, es ist die Salbe von Hexenkraut, + Unter Zaubersprüchen gekocht und gebraut. + + =Trompeter.= + + Es geht nicht zu mit rechten Dingen! + + =Wachtmeister.= + + Sie sagen, er les' auch in den Sternen + Die künftigen Dinge, die nahen und fernen; + Ich weiß aber besser, wie's damit ist. + Ein graues Männlein pflegt bei nächtlicher Frist + Durch verschlossene Türen zu ihm einzugehen; + Die Schildwachen haben's oft angeschrien, + Und immer was Großes ist drauf geschehen, + Wenn je das graue Röcklein kam und erschien. + + =Zweiter Jäger.= + + Ja, er hat sich dem Teufel übergeben, + Drum führen wir auch das lustige Leben. + + + + +7. Auftritt. + + +_Vorige. Ein Rekrut. Ein Bürger. Dragoner._ + + =Rekrut= (tritt aus dem Zelt, eine Blechhaube auf dem Kopfe, eine + Weinflasche in der Hand). + + Grüß den Vater und Vaters Brüder! + Bin Soldat, komme nimmer wieder. + + =Erster Jäger.= + + Sieh, da bringen sie einen Neuen! + + =Bürger.= + + O, gib acht, Franz! es wird dich reuen. + + =Rekrut= (singt). + + Trommeln und Pfeifen, + Kriegrischer Klang! + Wandern und streifen + Die Welt entlang, + Rosse gelenkt, + Mutig geschwenkt, + Schwert an der Seite, + Frisch in die Weite, + Flüchtig und flink, + Frei, wie der Fink + Auf Sträuchern und Bäumen, + In Himmels Räumen! + Heisa! ich folge des Friedländers Fahn! + + =Zweiter Jäger.= + + Seht mir, das ist ein wackrer Kumpan! + +(Sie begrüßen ihn.) + + =Bürger.= + + O, laßt ihn. Er ist guter Leute Kind. + + =Erster Jäger.= + + Wir auch nicht auf der Straße gefunden sind. + + =Bürger.= + + Ich sag' euch, er hat Vermögen und Mittel. + Fühlt her, das feine Tüchlein am Kittel. + + =Trompeter.= + + Des Kaisers Rock ist der höchste Titel. + + =Bürger.= + + Er erbt eine kleine Mützenfabrik. + + =Zweiter Jäger.= + + Des Menschen Wille, das ist sein Glück. + + =Bürger.= + + Von der Großmutter einen Kram und Laden. + + =Erster Jäger.= + + Pfui, wer handelt mit Schwefelfaden! + + =Bürger.= + + Einen Weinschank dazu von seiner Paten, + Ein Gewölbe mit zwanzig Stückfaß Wein. + + =Trompeter.= + + Den teilt er mit seinen Kameraden. + + =Zweiter Jäger.= + + Hör du! wir müssen Zeltbrüder sein. + + =Bürger.= + + Eine Braut läßt er sitzen in Tränen und Schmerz. + + =Erster Jäger.= + + Recht so, da zeigt er ein eisernes Herz. + + =Bürger.= + + Die Großmutter wird für Kummer sterben. + + =Zweiter Jäger.= + + Desto besser, so kann er sie gleich beerben. + + =Wachtmeister= (tritt gravitätisch herzu, dem Rekruten die Hand auf + die Blechhaube legend). + + Sieht Er! das hat Er wohl erwogen. + Einen neuen Menschen hat Er angezogen; + Mit dem Helm da und Wehrgehäng + Schließt Er sich an eine würdige Meng. + Muß ein fürnehmer Geist jetzt in Ihn fahren -- + + =Erster Jäger.= + + Muß besonders das Geld nicht sparen. + + =Wachtmeister.= + + Auf der Fortuna ihrem Schiff + Ist Er zu segeln im Begriff; + Die Weltkugel liegt vor Ihm offen, + Wer nichts waget, der darf nichts hoffen. + Es treibt sich der Bürgersmann, träg und dumm, + Wie des Färbers Gaul, nur im Ring herum. + Aus dem Soldaten kann alles werden, + Denn Krieg ist jetzt die Losung auf Erden. + Seh' Er mal _mich_ an! In diesem Rock + Führ' ich, sieht Er, des Kaisers Stock. + Alles Weltregiment, muß Er wissen, + Von dem Stock hat ausgehen müssen; + Und das Zepter in Königs Hand + Ist ein Stock nur, das ist bekannt. + Und wer's zum Korporal erst hat gebracht, + Der steht auf der Leiter zur höchsten Macht, + Und so weit kann Er's auch noch treiben. + + =Erster Jäger.= + + Wenn Er nur lesen kann und schreiben. + + =Wachtmeister.= + + Da will ich Ihm gleich ein Exempel geben; + Ich tät's vor kurzem selbst erleben. + Da ist der Schef vom Dragonerkorps, + Heißt Buttler, wir standen als Gemeine + Noch vor dreißig Jahren bei Köln am Rheine, + Jetzt nennt man ihn Generalmajor. + Das macht, er tät sich baß hervor, + Tät die Welt mit seinem Kriegsruhm füllen; + Doch meine Verdienste, die blieben im stillen. + Ja, und der Friedländer selbst, sieht Er, + Unser Hauptmann und hochgebietender Herr, + Der jetzt alles vermag und kann, + War erst nur ein schlichter Edelmann, + Und weil er der Kriegsgöttin sich vertraut, + Hat er sich diese Größ' erbaut, + Ist nach dem Kaiser der nächste Mann, + Und wer weiß, was er noch erreicht und ermißt, + (pfiffig) Denn noch nicht aller Tage Abend ist. + + =Erster Jäger.= + + Ja, er fing's klein an und ist jetzt so groß. + Denn zu Altorf im Studentenkragen + Trieb er's, mit Permiß zu sagen, + Ein wenig locker und burschikos, + Hätte seinen Famulus bald erschlagen. + Wollten ihn drauf die Nürnberger Herren + Mir nichts, dir nichts ins Karzer sperren; + 's war just ein neugebautes Nest, + Der erste Bewohner sollt' es taufen. + Aber wie fängt er's an? Er läßt + Weislich den Pudel voran erst laufen. + Nach dem Hunde nennt sich's bis diesen Tag; + Ein rechter Kerl sich dran spiegeln mag. + Unter des Herrn großen Taten allen + Hat mir das Stückchen besonders gefallen. + +(Das Mädchen hat unterdessen aufgewartet; der zweite Jäger schäkert mit +ihr.) + + =Dragoner= (tritt dazwischen). + + Kamerad, laß Er das unterwegen! + + =Zweiter Jäger.= + + Wer, Henker! hat sich da drein zu legen! + + =Dragoner.= + + Ich will's Ihm nur sagen, die Dirn ist mein. + + =Erster Jäger.= + + Der will ein Schätzchen für sich allein! + Dragoner, ist Er bei Troste? sag' Er! + + =Zweiter Jäger.= + + Will was Apartes haben im Lager. + Einer Dirne schön Gesicht + Muß allgemein sein, wie's Sonnenlicht! (Küßt sie.) + + =Dragoner= (reißt sie weg). + + Ich sag's noch einmal, das leid' ich nicht. + + =Erster Jäger.= + + Lustig, lustig! da kommen die Prager! + + =Zweiter Jäger.= + + Sucht Er Händel? Ich bin dabei. + + =Wachtmeister.= + + Fried', ihr Herren! Ein Kuß ist frei! + + + + +8. Auftritt. + + +_Bergknappen_ treten auf und spielen einen Walzer, erst langsam und dann +immer geschwinder. Der _erste Jäger_ tanzt mit der _Aufwärterin_, die +_Marketenderin_ mit dem _Rekruten_; das Mädchen entspringt, der Jäger +hinter ihr her und bekommt den _Kapuziner_ zu fassen, der eben +hereintritt. + + =Kapuziner.= + + Heisa, juchheia! Dudeldumdei! + Das geht ja hoch her. Bin auch dabei! + Ist das eine Armee von Christen? + Sind wir Türken? sind wir Antibaptisten? + Treibt man so mit dem Sonntag Spott, + Als hätte der allmächtige Gott + Das Chiragra, könnte nicht drein schlagen? + Ist's jetzt Zeit zu Saufgelagen? + Zu Banketten und Feiertagen? + ~Quid hic statis otiosi?~ + Was steht ihr und legt die Hände in Schoß? + Die Kriegsfuri ist an der Donau los, + Das Bollwerk des Bayerlands ist gefallen, + Regensburg ist in des Feindes Krallen, + Und die Armee liegt hier in Böhmen, + Pflegt den Bauch, läßt sich's wenig grämen, + Kümmert sich mehr um den Krug als den Krieg, + Wetzt lieber den Schnabel als den Sabel, + Hetzt sich lieber herum mit der Dirn, + Frißt den Ochsen lieber als den Oxenstirn. + Die Christenheit trauert in Sack und Asche, + Der Soldat füllt sich nur die Tasche. + Es ist eine Zeit der Tränen und Not, + Am Himmel geschehen Zeichen und Wunder, + Und aus den Wolken, blutigrot, + Hängt der Herrgott den Kriegsmantel 'runter. + Den Kometen steckt er, wie eine Rute, + Drohend am Himmelsfenster aus, + Die ganze Welt ist ein Klagehaus, + Die Arche der Kirche schwimmt in Blute, + Und das römische _Reich_ -- daß Gott erbarm! + Sollte jetzt heißen römisch _Arm_; + Der _Rheinstrom_ ist worden zu einem _Peinstrom_, + Die _Klöster_ sind ausgenommene _Nester_, + Die _Bistümer_ sind verwandelt in _Wüsttümer_, + Die _Abteien_ und die _Stifter_ + Sind nun _Raubteien_ und _Diebesklüfter_, + Und alle die gesegneten deutschen _Länder_ + Sind verkehrt worden in _Elender_ -- + Woher kommt das? Das will ich euch verkünden: + Das schreibt sich her von euern Lastern und Sünden, + Von dem Greuel und Heidenleben, + Dem sich Offizier und Soldaten ergeben. + Denn die Sünd' ist der Magnetenstein, + Der das Eisen ziehet ins Land herein. + Auf das Unrecht, da folgt das Übel, + Wie die Trän' auf den herben Zwiebel, + Hinter dem =U= kömmt gleich das =W=eh, + Das ist die Ordnung im ABC. + ~Ubi erit victoriae spes,~ + ~Si offenditur Deus?~ Wie soll man siegen, + Wenn man die Predigt schwänzt und die Meß, + Nichts tut, als in den Weinhäusern liegen? + Die Frau in dem Evangelium + Fand den verlornen Groschen wieder, + Der Gaul seines Vaters Esel wieder, + Der Joseph seine saubern Brüder; + Aber wer bei den Soldaten sucht + Die Furcht Gottes und die gute Zucht + Und die Scham, der wird nicht viel finden, + Tät' er auch hundert Laternen anzünden. + Zu dem Prediger in der Wüsten, + Wie wir lesen im Evangelisten, + Kamen auch die Soldaten gelaufen, + Taten Buß und ließen sich taufen, + Fragten ihn: ~Quid faciemus nos?~ + Wie machen wir's, daß wir kommen in Abrahams Schoß? + ~Et ait illis~, und er sagt: + ~Neminem concutiatis~, + Wenn ihr niemanden schindet und plackt; + ~Neque calumniam faciatis~, + Niemand verlästert, auf niemand lügt. + ~Contenti estote~, euch begnügt, + ~Stipendiis vestris~, mit eurer Löhnung + Und verflucht jede böse Angewöhnung. + Es ist ein Gebot: Du sollst den Namen + Deines Herrgotts nicht eitel auskramen! + Und wo hört man mehr blasphemieren, + Als hier in den Friedländischen Kriegsquartieren? + Wenn man für jeden Donner und Blitz, + Den ihr losbrennt mit eurer Zungenspitz, + Die Glocken müßt' läuten im Land umher, + Es wär' bald kein Mesner zu finden mehr. + Und wenn euch für jedes böse Gebet, + Das aus eurem ungewaschnen Munde geht, + Ein Härlein ausging aus eurem Schopf, + Über Nacht wär' er geschoren glatt, + Und wär' er so dick wie Absalons Zopf. + Der Josua war doch auch ein Soldat, + König David erschlug den Goliath, + Und wo steht denn geschrieben zu lesen, + Daß sie solche Fluchmäuler sind gewesen? + Muß man den Mund doch, ich sollte meinen, + Nicht weiter aufmachen zu einem Helf Gott! + Als zu einem Kreuz Sackerlot! + Aber wessen das Gefäß ist gefüllt, + Davon es sprudelt und überquillt. + Wieder ein Gebot ist: Du sollst nicht stehlen. + Ja, das befolgt ihr nach dem Wort, + Denn ihr tragt alles offen fort. + Vor euren Klauen und Geiersgriffen, + Vor euren Praktiken und bösen Kniffen + Ist das Geld nicht geborgen in der Truh, + Das Kalb nicht sicher in der Kuh, + Ihr nehmt das Ei und das Huhn dazu. + Was sagt der Prediger? ~contenti estote~, + Begnügt euch mit eurem Kommißbrote. + Aber wie soll man die Knechte loben, + Kömmt doch das Ärgernis von oben! + Wie die Glieder, so auch das Haupt! + Weiß doch niemand, an wen _der_ glaubt! + + =Erster Jäger.= + + Herr Pfaff! uns Soldaten mag Er schimpfen, + Den Feldherrn soll Er uns nicht verunglimpfen. + + =Kapuziner.= + + ~Ne custodias gregem meam!~ + Das ist so ein Ahab und Jerobeam, + Der die Völker von der wahren Lehren + Zu falschen Götzen tut verkehren. + + =Trompeter= und =Rekrut=. + + Laß Er uns das nicht zweimal hören! + + =Kapuziner.= + + So ein Bramarbas und Eisenfresser, + Will einnehmen alle festen Schlösser. + Rühmte sich mit seinem gottlosen Mund, + Er müsse haben die Stadt Stralsund, + Und wär' sie mit Ketten an den Himmel geschlossen. + Hat aber sein Pulver umsonst verschossen! + + =Trompeter.= + + Stopft ihm keiner sein Lästermaul? + + =Kapuziner.= + + So ein Teufelsbeschwörer und König Saul, + So ein Jehu und Holofern, + Verleugnet, wie Petrus, seinen Meister und Herrn, + Drum kann er den Hahn nicht hören krähn -- + + =Beide Jäger.= + + Pfaffe! Jetzt ist's um dich geschehn! + + =Kapuziner.= + + So ein listiger Fuchs Herodes -- + + =Trompeter= und =beide Jäger= (auf ihn eindringend). + + Schweig stille! Du bist des Todes! + + =Kroaten= (legen sich drein). + + Bleib da, Pfäfflein, fürcht' dich nit, + Sag dein Sprüchel und teil's uns mit. + + =Kapuziner= (schreit lauter). + + So ein hochmütiger Nebukadnezer, + So ein Sündenvater und muffiger Ketzer, + Läßt sich nennen den _Wallenstein_; + Ja freilich ist er uns _allen_ ein _Stein_ + Des Anstoßes und Ärgernisses, + Und solang der Kaiser diesen Friedeland + Läßt walten, so wird nicht Fried' im Land. + +(Er hat nach und nach bei den letzten Worten, die er mit erhobener +Stimme spricht, seinen Rückzug genommen, indem die Kroaten die übrigen +Soldaten von ihm abwehren.) + + + + +9. Auftritt. + + +_Vorige_, ohne den _Kapuziner_. + + =Erster Jäger= (zum Wachtmeister). + + Sagt mir, was meint' er mit dem Göckelhahn, + Den der Feldherr nicht krähen hören kann? + Es war wohl nur so gesagt ihm zum Schimpf und Hohne? + + =Wachtmeister.= + + Da will ich Euch dienen. Es ist nicht ganz ohne! + Der Feldherr ist wundersam geboren, + Besonders hat er gar kitzlichte Ohren. + Kann die Katze nicht hören mauen, + Und wenn der Hahn kräht, so macht's ihm Grauen. + + =Erster Jäger.= + + Das hat er mit dem Löwen gemein. + + =Wachtmeister.= + + Muß alles mausstill um ihn sein. + Den Befehl haben alle Wachen, + Denn er denkt gar zu tiefe Sachen. + + =Stimmen= (im Zelt; Auflauf). + + Greift ihn, den Schelm! Schlagt zu! Schlagt zu! + + =Des Bauern Stimme.= + + Hilfe! Barmherzigkeit! + + =Andre Stimmen.= + + Friede! Ruh! + + =Erster Jäger.= + + Hol mich der Teufel! Da setzt's Hiebe. + + =Zweiter Jäger.= + + Da muß ich dabei sein! + +(Laufen ins Zelt.) + + =Marketenderin= (kommt heraus). + + Schelmen und Diebe! + + =Trompeter.= + + Frau Wirtin, was setzt Euch so in Eifer? + + =Marketenderin.= + + Der Lump! der Spitzbub! der Straßenläufer! + Das muß mir in meinem Zelt passieren! + Es beschimpft mich bei allen Herrn Offizieren. + + =Wachtmeister.= + + Bäschen, was gibt's denn? + + =Marketenderin.= + + Was wird's geben? + Da erwischten sie einen Bauer eben, + Der falsche Würfel tät bei sich haben. + + =Trompeter.= + + Sie bringen ihn hier mit seinem Knaben. + + + + +10. Auftritt. + + +_Soldaten_ bringen den Bauer geschleppt. + + =Erster Jäger.= + + Der muß baumeln! + + =Scharfschützen= und =Dragoner=. + + Zum Profoß! Zum Profoß! + + =Wachtmeister.= + + Das Mandat ist noch kürzlich ausgegangen. + + =Marketenderin.= + + In einer Stunde seh' ich ihn hangen! + + =Wachtmeister.= + + Böses Gewerbe bringt bösen Lohn. + + =Erster Arkebusier= (zum andern). + + Das kommt von der Desperation. + Denn seht, erst tut man sie ruinieren, + Das heißt sie zum Stehlen selbst verführen. + + =Trompeter.= + + Was? Was? Ihr red't ihm das Wort noch gar? + Dem Hunde! Tut Euch der Teufel plagen? + + =Erster Arkebusier.= + + Der Bauer ist auch ein Mensch -- so zu sagen. + + =Erster Jäger= (zum Trompeter). + + Laß sie gehen! sind Tiefenbacher, + Gevatter Schneider und Handschuhmacher! + Lagen in Garnison zu Brieg, + Wissen viel, was der Brauch ist im Krieg. + + + + +11. Auftritt. + + +_Vorige. Kürassiere._ + + =Erster Kürassier.= + + Friede! Was gibt's mit dem Bauer da? + + =Erster Scharfschütz.= + + 's ist ein Schelm, hat im Spiel betrogen! + + =Erster Kürassier.= + + Hat er dich betrogen etwa? + + =Erster Scharfschütz.= + + Ja, und hat mich rein ausgezogen. + + =Erster Kürassier.= + + Wie? Du bist ein Friedländischer Mann, + Kannst dich so wegwerfen und blamieren, + Mit einem Bauer dein Glück probieren? + Der laufe, was er laufen kann. + +(Bauer entwischt, die andern treten zusammen.) + + =Erster Arkebusier.= + + Der macht kurze Arbeit, ist resolut, + Das ist mit solchem Volke gut. + Was ist's für einer? Es ist kein Böhm. + + =Marketenderin.= + + 's ist ein Wallon! Respekt vor dem! + Von des Pappenheims Kürassieren. + + =Erster Dragoner= (tritt dazu). + + Der Piccolomini, der junge, tut sie jetzt führen. + Den haben sie sich aus eigner Macht + Zum Oberst gesetzt in der Lützner Schlacht, + Als der Pappenheim umgekommen. + + =Erster Arkebusier.= + + Haben sie sich so was 'rausgenommen? + + =Erster Dragoner.= + + Dies Regiment hat was voraus, + Es war immer voran bei jedem Strauß. + Darf auch seine eigene Justiz ausüben, + Und der Friedländer tut's besonders lieben. + + =Erster Kürassier= (zum andern). + + Ist's auch gewiß? Wer bracht' es aus? + + =Zweiter Kürassier.= + + Ich hab's aus des Obersts eigenem Munde. + + =Erster Kürassier.= + + Was Teufel! Wir sind nicht ihre Hunde. + + =Erster Jäger.= + + Was haben die da? Sind voller Gift. + + =Zweiter Jäger.= + + Ist's was, ihr Herrn, das uns mitbetrifft? + + =Erster Kürassier.= + + Es hat sich keiner drüber zu freuen. + +(Soldaten treten herzu.) + + Sie wollen uns in die Niederland' leihen; + Kürassiere, Jäger, reitende Schützen, + Sollen achttausend Mann aufsitzen. + + =Marketenderin.= + + Was? Was? Da sollen wir wieder wandern? + Bin erst seit gestern zurück aus Flandern. + + =Zweiter Kürassier= (zu den Dragonern). + + Ihr Buttlerischen sollt auch mitreiten. + + =Erster Kürassier.= + + Und absonderlich wir Wallonen. + + =Marketenderin.= + + Ei, das sind ja die allerbesten Schwadronen! + + =Erster Kürassier.= + + Den aus Mailand sollen wir hinbegleiten. + + =Erster Jäger.= + + Den Infanten! Das ist ja kurios! + + =Zweiter Jäger.= + + Den Pfaffen! Da geht der Teufel los. + + =Erster Kürassier.= + + Wir sollen von dem Friedländer lassen, + Der den Soldaten so nobel hält, + Mit dem Spanier ziehen zu Feld, + Dem Knauser, den wir von Herzen hassen? + Nein, das geht nicht! Wir laufen fort. + + =Trompeter.= + + Was, zum Henker! sollen wir dort? + Dem Kaiser verkauften wir unser Blut + Und nicht dem hispanischen roten Hut. + + =Zweiter Jäger.= + + Auf des Friedländers Wort und Kredit allein + Haben wir Reitersdienst genommen; + Wär's nicht aus Lieb' für den Wallenstein, + Der Ferdinand hätt' uns nimmer bekommen. + + =Erster Dragoner.= + + Tät uns der Friedländer nicht formieren? + Seine Fortuna soll uns führen. + + =Wachtmeister.= + + Laßt euch bedeuten, hört mich an. + Mit dem Gered' da ist's nicht getan. + Ich sehe weiter als ihr alle, + Dahinter steckt eine böse Falle. + + =Erster Jäger.= + + Hört das Befehlbuch! Stille doch! + + =Wachtmeister.= + + Bäschen Gustel, füllt mir erst noch + Ein Gläschen Melnecker für den Magen, + Alsdann will ich euch meine Gedanken sagen. + + =Marketenderin= (ihm einschenkend). + + Hier, Herr Wachtmeister! Er macht mir Schrecken. + Es wird doch nichts Böses dahinter stecken! + + =Wachtmeister.= + + Seht, ihr Herrn, das ist all recht gut, + Daß jeder das Nächste bedenken tut; + Aber, pflegt der Feldherr zu sagen, + Man muß immer das Ganze überschlagen. + Wir nennen uns alle des Friedländers Truppen. + Der Bürger, er nimmt uns ins Quartier + Und pflegt uns und kocht uns warme Suppen. + Der Bauer muß den Gaul und den Stier + Vorspannen an unsre Bagagewagen, + Vergebens wird er sich drüber beklagen. + Läßt sich ein Gefreiter mit sieben Mann + In einem Dorfe von weitem spüren, + Er ist die Obrigkeit drin und kann + Nach Lust drin walten und kommandieren. + Zum Henker! sie mögen uns alle nicht + Und sähen des Teufels sein Angesicht + Weit lieber, als unsre gelben Kolletter. + Warum schmeißen sie uns nicht aus dem Land? Potz Wetter! + Sind uns an Anzahl doch überlegen, + Führen den Knüttel, wie wir den Degen. + Warum dürfen wir ihrer lachen? + Weil wir einen furchtbaren Haufen ausmachen! + + =Erster Jäger.= + + Ja, ja, im Ganzen, da sitzt die Macht! + Der Friedländer hat das wohl erfahren, + Wie er dem Kaiser vor acht -- neun Jahren + Die große Armee zusammenbracht. + Sie wollten erst nur von zwölftausend hören: + Die, sagt' er, die kann ich nicht ernähren; + Aber ich will sechzigtausend werben, + Die, weiß ich, werden nicht Hungers sterben. + Und so wurden wir Wallensteiner. + + =Wachtmeister.= + + Zum Exempel, da hack mir einer + Von den fünf Fingern, die ich hab', + Hier an der Rechten den kleinen ab. + Habt ihr mir den Finger bloß genommen? + Nein, beim Kuckuck, ich bin um die Hand gekommen! + 's ist nur ein Stumpf und nichts mehr wert. + Ja, und diese achttausend Pferd, + Die man nach Flandern jetzt begehrt, + Sind von der Armee nur der kleine Finger. + Läßt man sie ziehn, ihr tröstet euch, + Wir seien um ein Fünftel nur geringer? + Pros't Mahlzeit! da fällt das Ganze gleich. + Die Furcht ist weg, der Respekt, die Scheu, + Da schwillt dem Bauer der Kamm aufs neu, + Da schreiben sie uns in der Wiener Kanzlei + Den Quartier- und den Küchenzettel, + Und es ist wieder der alte Bettel. + Ja, und wie lang wird's stehen an, + So nehmen sie uns auch noch den Feldhauptmann -- + Sie sind ihm am Hofe so nicht grün, + Nun, da fällt eben alles hin! + Wer hilft uns dann wohl zu unserm Geld? + Sorgt, daß man uns die Kontrakte hält? + Wer hat den Nachdruck und hat den Verstand, + Den schnellen Witz und die feste Hand, + Diese gestückelten Heeresmassen + Zusammen zu fügen und zu passen? + Zum Exempel -- Dragoner -- sprich: + Aus welchem Vaterland schreibst du dich? + + =Erster Dragoner.= + + Weit aus Hibernien her komm' ich. + + =Wachtmeister= (zu den beiden Kürassieren). + + Ihr, das weiß ich, seid ein Wallon; + Ihr ein Welscher. Man hört's am Ton. + + =Erster Kürassier.= + + Wer ich bin? ich hab's nie können erfahren: + Sie stahlen mich schon in jungen Jahren. + + =Wachtmeister.= + + Und du bist auch nicht aus der Näh? + + =Erster Arkebusier.= + + Ich bin von Buchau am Federsee. + + =Wachtmeister.= + + Und Ihr, Nachbar? + + =Zweiter Arkebusier.= + + Aus der Schwitz. + + =Wachtmeister= (zum zweiten Jäger). + + Was für ein Landsmann bist du, Jäger? + + =Zweiter Jäger.= + + Hinter Wismar ist meiner Eltern Sitz. + + =Wachtmeister= (auf den Trompeter zeigend). + + Und der da und ich, wir sind aus Eger. + Nun! und wer merkt uns das nun an, + Daß wir aus Süden und aus Norden + Zusammen geschneit und geblasen worden? + Sehn wir nicht aus, wie aus _einem_ Span? + Stehn wir nicht gegen den Feind geschlossen, + Recht wie zusammen geleimt und gegossen? + Greifen wir nicht, wie ein Mühlwerk, flink + Ineinander auf Wort und Wink? + Wer hat uns so zusammen geschmiedet, + Daß ihr uns nimmer unterschiedet? + Kein andrer sonst als der Wallenstein! + + =Erster Jäger.= + + Das fiel mir mein Lebtag nimmer ein, + Daß wir so gut zusammen passen; + Hab' mich immer nur gehen lassen. + + =Erster Kürassier.= + + Dem Wachtmeister muß ich Beifall geben. + Dem Kriegsstand kämen sie gern ans Leben; + Den Soldaten wollen sie niederhalten, + Daß sie alleine können walten. + 's ist eine Verschwörung, ein Komplott. + + =Marketenderin.= + + Eine Verschwörung? Du lieber Gott! + Da können die Herren ja nicht mehr zahlen. + + =Wachtmeister.= + + Freilich! Es wird alles bankerott. + Viele von den Hauptleuten und Generalen + Stellten aus ihren eignen Kassen + Die Regimenter, wollten sich sehen lassen, + Täten sich angreifen über Vermögen, + Dachten, es bring' ihnen großen Segen. + Und die alle sind um ihr Geld, + Wenn das Haupt, wenn der Herzog fällt. + + =Marketenderin.= + + Ach, du mein Heiland! Das bringt mir Fluch! + Die halbe Armee steht in meinem Buch. + Der Graf Isolani, der böse Zahler, + Restiert mir allein noch zweihundert Taler. + + =Erster Kürassier.= + + Was ist da zu machen, Kameraden? + Es ist nur _eins_, was uns retten kann: + Verbunden können sie uns nichts schaden; + Wir stehen alle für _einen_ Mann. + Laßt sie schicken und ordenanzen, + Wir wollen uns fest in Böhmen pflanzen, + Wir geben nicht nach und marschieren nicht, + Der Soldat jetzt um seine Ehre ficht. + + =Zweiter Jäger.= + + Wir lassen uns nicht so im Land 'rum führen! + Sie sollen kommen und sollen's probieren! + + =Erster Arkebusier.= + + Liebe Herren, bedenkt's mit Fleiß, + 's ist des Kaisers Will' und Geheiß. + + =Trompeter.= + + Werden uns viel um den Kaiser scheren. + + =Erster Arkebusier.= + + Laß Er mich das nicht zweimal hören. + + =Trompeter.= + + 's ist aber doch so, wie ich gesagt. + + =Erster Jäger.= + + Ja, ja, ich hört's immer so erzählen, + Der Friedländer hab' hier allein zu befehlen. + + =Wachtmeister.= + + So ist's auch, das ist sein Beding und Pakt. + Absolute Gewalt hat er, müßt ihr wissen, + Krieg zu führen und Frieden zu schließen, + Geld und Gut kann er konfiszieren, + Kann henken lassen und pardonieren, + Offiziere kann er und Obersten machen, + Kurz, er hat alle die Ehrensachen. + Das hat er vom Kaiser eigenhändig. + + =Erster Arkebusier.= + + Der Herzog ist gewaltig und hochverständig; + Aber er bleibt doch, schlecht und recht, + Wie wir alle, des Kaisers Knecht. + + =Wachtmeister.= + + Nicht wie wir alle! Das wißt Ihr schlecht. + Er ist ein unmittelbarer und freier + Des Reiches Fürst, so gut wie der Bayer. + Sah ich's etwa nicht selbst mit an, + Als ich zu Brandeis die Wach' getan, + Wie ihm der Kaiser selbsten erlaubt, + Zu bedecken sein fürstlich Haupt? + + =Erster Arkebusier.= + + Das war für das Mecklenburger Land, + Das ihm der Kaiser versetzt als Pfand. + + =Erster Jäger= (zum Wachtmeister). + + Wie? In des Kaisers Gegenwart? + Das ist doch seltsam und sehr apart! + + =Wachtmeister= (fährt in die Tasche). + + Wollt ihr mein Wort nicht gelten lassen, + Sollt ihr's mit Händen greifen und fassen. (Eine Münze zeigend.) + Wes ist das Bild und Gepräg? + + =Marketenderin.= + + Weist her! + Ei, das ist ja ein Wallensteiner! + + =Wachtmeister.= + + Na, da habt ihr's, was wollt ihr mehr? + Ist er nicht Fürst so gut als einer? + Schlägt er nicht Geld, wie der Ferdinand? + Hat er nicht eigenes Volk und Land? + Eine Durchlauchtigkeit läßt er sich nennen! + Drum muß er Soldaten halten können. + + =Erster Arkebusier.= + + Das disputiert ihm niemand nicht. + Wir aber stehn in des Kaisers Pflicht, + Und wer uns bezahlt, das ist der Kaiser. + + =Trompeter.= + + Das leugn' ich Ihm, sieht Er, ins Angesicht. + Wer uns _nicht_ zahlt, _das_ ist der Kaiser! + Hat man uns nicht seit vierzig Wochen + Die Löhnung immer umsonst versprochen? + + =Erster Arkebusier.= + + Ei was! Das steht ja in guten Händen. + + =Erster Kürassier.= + + Fried', ihr Herrn! Wollt ihr mit Schlägen enden? + Ist denn darüber Zank und Zwist, + Ob der Kaiser unser Gebieter ist? + Eben drum, weil wir gern in Ehren + Seine tüchtigen Reiter wären, + Wollen wir nicht seine Herde sein, + Wollen uns nicht von den Pfaffen und Schranzen + Herum lassen führen und verpflanzen. + Sagt selber! Kommt's nicht dem Herrn zu gut, + Wenn sein Kriegsvolk was auf sich halten tut? + Wer anders macht ihn, als seine Soldaten, + Zu dem großmächtigen Potentaten? + Verschafft und bewahrt ihm weit und breit + Das große Wort in der Christenheit? + Mögen sich die sein Joch aufladen, + Die mitessen von seinen Gnaden, + Die mit ihm tafeln im goldnen Zimmer. + Wir, wir haben von seinem Glanz und Schimmer + Nichts als die Müh' und als die Schmerzen, + Und wofür wir uns halten in unserm Herzen. + + =Zweiter Jäger.= + + Alle großen Tyrannen und Kaiser + Hielten's so und waren viel weiser. + Alles andre täten sie hudeln und schänden, + Den Soldaten trugen sie auf den Händen. + + =Erster Kürassier.= + + Der Soldat muß sich können fühlen. + Wer's nicht edel und nobel treibt, + Lieber weit von dem Handwerk bleibt. + Soll ich frisch um mein Leben spielen, + Muß mir noch etwas gelten mehr. + Oder ich lasse mich eben schlachten + Wie der Kroat -- und muß mich verachten. + + =Beide Jäger.= + + Ja, übers Leben noch geht die Ehr! + + =Erster Kürassier.= + + Das Schwert ist kein Spaten, kein Pflug, + Wer damit ackern wollte, wäre nicht klug. + Es grünt uns kein Halm, es wächst keine Saat, + Ohne Heimat muß der Soldat + Auf dem Erdboden flüchtig schwärmen, + Darf sich an eignem Herd nicht wärmen, + Er muß vorbei an der Städte Glanz, + An des Dörfleins lustigen, grünen Auen, + Die Traubenlese, den Erntekranz + Muß er wandernd von ferne schauen. + Sagt mir, was hat er an Gut und Wert, + Wenn der Soldat sich nicht selber ehrt? + Etwas muß er sein eigen nennen, + Oder der Mensch wird morden und brennen. + + =Erster Arkebusier.= + + Das weiß Gott, 's ist ein elend Leben! + + =Erster Kürassier.= + + Möcht's doch nicht für ein andres geben. + Seht, ich bin weit in der Welt 'rum kommen, + Hab' alles in Erfahrung genommen. + Hab' der hispanischen Monarchie + Gedient und der Republik Venedig + Und dem Königreich Napoli; + Aber das Glück war mir nirgends gnädig. + Hab' den Kaufmann gesehn und den Ritter + Und den Handwerksmann und den Jesuiter, + Und kein Rock hat mir unter allen + Wie mein eisernes Wams gefallen. + + =Erster Arkebusier.= + + Ne! das kann ich eben nicht sagen. + + =Erster Kürassier.= + + Will einer in der Welt was erjagen, + Mag er sich rühren und mag sich plagen; + Will er zu hohen Ehren und Würden, + Bück' er sich unter die goldnen Bürden; + Will er genießen den Vatersegen, + Kinder und Enkelein um sich pflegen, + Treib' er ein ehrlich Gewerb' in Ruh. + Ich -- ich hab' kein Gemüt dazu. + Frei will ich leben und also sterben, + Niemand berauben und niemand beerben + Und auf das Gehudel unter mir + Leicht wegschauen von meinem Tier. + + =Erster Jäger.= + + Bravo! Just so ergeht es mir. + + =Erster Arkebusier.= + + Lustiger freilich mag sich's haben, + Über anderer Köpf' wegtraben. + + =Erster Kürassier.= + + Kamerad, die Zeiten sind schwer, + Das Schwert ist nicht bei der Wage mehr; + Aber so mag mir's keiner verdenken, + Daß ich mich lieber zum Schwert will lenken. + Kann ich im Krieg mich doch menschlich fassen, + Aber nicht auf mir trommeln lassen. + + =Erster Arkebusier.= + + Wer ist dran schuld, als wir Soldaten, + Daß der Nährstand in Schimpf geraten? + Der leidige Krieg und die Not und Plag' + In die sechzehn Jahr' schon währen mag. + + =Erster Kürassier.= + + Bruder, den lieben Gott da droben, + Es können ihn alle zugleich nicht loben. + Einer will die Sonn', die den andern beschwert; + Dieser will's trocken, was jener feucht begehrt. + Wo _du_ nur die Not siehst und die Plag', + Da scheint mir des Lebens heller Tag. + Geht's auf Kosten des Bürgers und Bauern, + Nun, wahrhaftig, sie werden mich dauern; + Aber ich kann's nicht ändern -- seht, + 's ist hier just, wie's beim Einhau'n geht: + Die Pferde schnauben und setzen an, + Liege, wer will, mitten in der Bahn, + Sei's mein Bruder, mein leiblicher Sohn, + Zerriss' mir die Seele sein Jammerton, + Über seinen Leib weg muß ich jagen, + Kann ihn nicht sachte beiseite tragen. + + =Erster Jäger.= + + Ei, wer wird nach dem andern fragen! + + =Erster Kürassier.= + + Und weil sich's nun einmal so gemacht, + Daß das Glück dem Soldaten lacht, + Laßt's uns mit beiden Händen fassen, + Lang werden sie's uns nicht so treiben lassen. + Der Friede wird kommen über Nacht, + Der dem Wesen ein Ende macht; + Der Soldat zäumt ab, der Bauer spannt ein, + Eh man's denkt, wird's wieder das alte sein. + Jetzt sind wir noch beisammen im Land, + Wir haben's Heft noch in der Hand. + Lassen wir uns auseinander sprengen, + Werden sie uns den Brotkorb höher hängen. + + =Erster Jäger.= + + Nein, das darf nimmermehr geschehn! + Kommt, laßt uns alle für _einen_ stehn! + + =Zweiter Jäger.= + + Ja, laßt uns Abrede nehmen, hört! + + =Erster Arkebusier= (ein ledernes Beutelchen ziehend, zur + Marketenderin). + + Gevatterin, was hab' ich verzehrt? + + =Marketenderin.= + + Ach, es ist nicht der Rede wert! (Sie rechnen.) + + =Trompeter.= + + Ihr tut wohl, daß ihr weiter geht, + Verderbt uns doch nur die Sozietät. + +(Arkebusiere gehen ab.) + + =Erster Kürassier.= + + Schad' um die Leut! Sind sonst wackre Brüder. + + =Erster Jäger.= + + Aber das denkt wie ein Seifensieder. + + =Zweiter Jäger.= + + Jetzt sind wir unter uns, laßt hören, + Wie wir den neuen Anschlag stören. + + =Trompeter.= + + Was? wir gehen eben nicht hin. + + =Erster Kürassier.= + + Nichts, ihr Herrn, gegen die Disziplin! + Jeder geht jetzt zu seinem Korps, + Trägt's den Kameraden vernünftig vor, + Daß sie's begreifen und einsehn lernen: + Wir dürfen uns nicht so weit entfernen. + Für meine Wallonen sag' ich gut. + So, wie ich, jeder denken tut. + + =Wachtmeister.= + + Terzkas Regimenter zu Roß und Fuß + Stimmen alle in diesen Schluß. + + =Zweiter Kürassier= (stellt sich zum ersten). + + Der Lombard sich nicht vom Wallonen trennt. + + =Erster Jäger.= + + Freiheit ist Jägers Element. + + =Zweiter Jäger.= + + Freiheit ist bei der Macht allein: + Ich leb' und sterb' bei dem Wallenstein. + + =Erster Scharfschütz.= + + Der Lothringer geht mit der großen Flut, + Wo der leichte Sinn ist und lustiger Mut. + + =Dragoner.= + + Der Irländer folgt des Glückes Stern. + + =Zweiter Scharfschütz.= + + Der Tiroler dient nur dem Landesherrn. + + =Erster Kürassier.= + + Also laßt jedes Regiment + Ein Promemoria reinlich schreiben: + Daß wir zusammen wollen bleiben, + Daß uns keine Gewalt noch List + Von dem Friedländer weg soll treiben, + Der ein Soldatenvater ist. + Das reicht man in tiefer Devotion + Dem Piccolomini -- ich meine den Sohn -- + Der versteht sich auf solche Sachen, + Kann bei dem Friedländer alles machen, + Hat auch einen großen Stein im Bret + Bei des Kaisers und Königs Majestät. + + =Zweiter Jäger.= + + Kommt! Dabei bleibt's! Schlagt alle ein! + Piccolomini soll unser Sprecher sein. + + =Trompeter.= =Dragoner.= =Erster Jäger.= =Zweiter Kürassier.= + =Scharfschützen= (zugleich). + + Piccolomini soll unser Sprecher sein. (Wollen fort.) + + =Wachtmeister.= + + Erst noch ein Gläschen, Kameraden! (Trinkt.) + Des Piccolomini hohe Gnaden! + + =Marketenderin= (bringt eine Flasche). + + Das kommt nicht aufs Kerbholz. Ich geb' es gern. + Gute Verrichtung, meine Herrn! + + =Kürassiere.= + + Der Wehrstand soll leben! + + =Beide Jäger.= + + Der Nährstand soll geben! + + =Dragoner= und =Scharfschützen=. + + Die Armee soll florieren! + + =Trompeter= und =Wachtmeister=. + + Und der Friedländer soll sie regieren! + + =Zweiter Kürassier= (singt). + + Wohl auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! + Ins Feld, in die Freiheit gezogen. + Im Felde, da ist der Mann noch was wert, + Da wird das Herz noch gewogen. + Da tritt kein anderer für ihn ein, + Auf sich selber steht er da ganz allein. + +(Die Soldaten aus dem Hintergrunde haben sich während des Gesangs +herbeigezogen und machen den Chor.) + + =Chor.= + + Da tritt kein anderer für ihn ein, + Auf sich selber steht er da ganz allein. + + =Dragoner.= + + Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist, + Man sieht nur Herren und Knechte; + Die Falschheit herrschet, die Hinterlist + Bei dem feigen Menschengeschlechte. + Der dem Tod ins Angesicht schauen kann, + Der Soldat allein ist der freie Mann. + + =Chor.= + + Der dem Tod ins Angesicht schauen kann, + Der Soldat allein ist der freie Mann. + + =Erster Jäger.= + + Des Lebens Ängsten, er wirft sie weg, + Hat nicht mehr zu fürchten, zu sorgen; + Er reitet dem Schicksal entgegen keck; + Trifft's heute nicht, trifft es doch morgen. + Und trifft es morgen, so lasset uns heut + Noch schlürfen die Neige der köstlichen Zeit. + + =Chor.= + + Und trifft es morgen, so lasset uns heut + Noch schlürfen die Neige der köstlichen Zeit. + +(Die Gläser sind aufs neue gefüllt worden, sie stoßen an und trinken.) + + =Wachtmeister.= + + Von dem Himmel fällt ihm sein lustig Los, + Braucht's nicht mit Müh' zu erstreben; + Der Fröner, der sucht in der Erde Schoß, + Da meint er den Schatz zu erheben. + Er gräbt und schaufelt, so lang er lebt, + Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt. + + =Chor.= + + Er gräbt und schaufelt, so lang er lebt, + Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt. + + =Erster Jäger.= + + Der Reiter und sein geschwindes Roß, + Sie sind gefürchtete Gäste; + Es flimmern die Lampen im Hochzeitschloß, + Ungeladen kommt er zum Feste. + Er wirbt nicht lange, er zeiget nicht Gold, + Im Sturm erringt er den Minnesold. + + =Chor.= + + Er wirbt nicht lange, er zeiget nicht Gold, + Im Sturm erringt er den Minnesold. + + =Zweiter Kürassier.= + + Warum weint die Dirn und zergrämet sich schier? + Laß fahren dahin, laß fahren! + Er hat auf Erden kein bleibend Quartier, + Kann treue Lieb nicht bewahren. + Das rasche Schicksal, es treibt ihn fort, + Seine Ruhe läßt er an keinem Ort. + + =Chor.= + + Das rasche Schicksal, es treibt ihn fort, + Seine Ruhe läßt er an keinem Ort. + + =Erster Jäger= (faßt die zwei Nächsten an der Hand; die übrigen ahmen + es nach, alle, welche gesprochen, bilden einen großen Halbkreis). + + Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezäumt, + Die Brust im Gefechte gelüftet! + Die Jugend brauset, das Leben schäumt, + Frisch auf! eh der Geist noch verdüftet. + Und setzet ihr nicht das Leben ein, + Nie wird euch das Leben gewonnen sein. + + =Chor.= + + Und setzet ihr nicht das Leben ein, + Nie wird euch das Leben gewonnen sein(1). + +(Der Vorhang fällt, ehe der Chor ganz ausgesungen.) + + (1) In einer Separatausgabe des Reiterlieds aus dem Jahre 1807 + und im Taschenbuch für Damen findet sich noch folgende weitere, + unzweifelhaft von Schiller herrührende Strophe: + + Auf des Degens Spitze die Welt jetzt liegt, + Drum froh, wer den Degen jetzt führet, + Und bleibt nur wacker zusammengefügt, + Ihr zwingt das Glück und regieret. + Es sitzt keine Krone so fest, so hoch, + Der mutige Springer erreicht sie doch. + + =_Chor._= + + Es sitzt keine Krone so fest, so hoch, + Der mutige Springer erreicht sie doch. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + _Vorige. Zwei Jäger._ Dann _Marketenderin_. _Soldatenjungen_ + _Vorige. Zwei Jäger._ Dann _Marketenderin_. _Soldatenjungen._ + + Wir ebenso gut seinen Namen führen + Wir ebenso gut seinen Namen führen. + + Wieder ein Gebot ist: Du sollt nicht stehlen. + Wieder ein Gebot ist: Du sollst nicht stehlen. + + ] + + + + + + +End of Project Gutenberg's Wallensteins Lager, by Friedrich von Schiller + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALLENSTEINS LAGER *** + +***** This file should be named 6518-0.txt or 6518-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/6/5/1/6518/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. 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