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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Im Gold- und Silberland - -Author: Mark Twain - -Illustrator: Albert Richter - -Release Date: April 16, 2021 [eBook #65089] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GOLD- UND SILBERLAND *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Mark Twains ausgewählte - humoristische Schriften - - Illustriert von =H. Schrödter= und =Albert Richter= - - Fünfter Band: - - Im Gold- und Silberland - - [Illustration] - - Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz - - - - - Im Gold- und Silberland - - Von - - Mark Twain - - Illustriert von =Albert Richter= - - Neunte Auflage - - [Illustration] - - Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz - - - - -Alle Rechte vorbehalten. - - Druck von A. Bonz’ Erben - Stuttgart. - - - - -Inhalt. - - - Im Gold- und Silberland. - - I. - - Seite - - Kapitel 1--24 7--163 - - II. - - Nabobs in Nevada 165 - - Buck Fanshaws Begräbnis 173 - - Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte 184 - - Der große Zeitungsroman 191 - - Belehrendes 200 - - Von Virginia nach San Francisco 204 - - Goldgräber 215 - - Erdbeben 220 - - Am Bettelstabe 228 - - Tom Quarz 235 - - Die Vorlesung 247 - - Anhang. - - Aus meiner Knabenzeit 255 - - Ritters Geschichte 278 - - Der Mann, der bei Gadsbys abstieg 301 - - Die Geschichte des Invaliden 308 - - - - -Im Gold- und Silberland. - -I. - - - - -Erstes Kapitel. - - -In dem vorhergehenden Bande[1] habe ich den Leser über die Prärieen, -das Felsengebirge und durch die Alkaliwüste in die Hauptstadt des -damals neu errichteten Territoriums Nevada, nach der Stadt _Carson_ -geführt. Es war eine ›hölzerne‹ Stadt; ihre Einwohnerzahl betrug -zweitausend. Die Hauptstraße bestand aus einer Reihe kleiner, weißer -Bretterhäuschen mit Kaufläden, zu hoch, um darauf zu sitzen, aber -für alle sonstigen Erfordernisse kaum hoch genug. Dieselben standen -hart aneinandergebaut, als mangelte es an Raum auf der mächtigen -Ebene. Den Gehweg bildeten Bretter, die mehr oder minder locker -waren und beim Darauftreten gerne klapperten. Mitten in der Stadt, -den Läden gegenüber, befand sich die, allen Städten jenseits des -Felsengebirges angeborene ›Plaza‹ -- ein großer, offener, ebener Platz -mit einem Freiheitsbaum in der Mitte, sehr geeignet zu öffentlichen -Versteigerungen, Pferdemärkten und Volksversammlungen, sowie zum -Absteigeplatz der Fuhrleute. Zwei andere Seiten der Plaza waren von -Läden, Bureaus und Ställen eingefaßt. Der übrige Teil der Stadt lag -ziemlich zerstreut. - - [1] Band IV: »Leben auf dem Mississippi -- Nach dem fernen - Westen.« - -Auf der Poststation und auf dem Wege zum Gouverneur wurden wir -verschiedenen Bürgern vorgestellt, darunter einem Herrn Harris, der -sich zu Pferde befand. Derselbe begann ein Gespräch, unterbrach -sich jedoch mit der Bemerkung: »Ich muß Sie auf einen Augenblick um -Entschuldigung bitten; dort drüben steht der Zeuge, der geschworen hat, -ich sei bei der Beraubung der kalifornischen Post beteiligt gewesen -- -eine ganz unverschämte Einmischung, da ich mit dem Menschen gar nicht -bekannt bin.« - -[Illustration] - -Darauf ritt er hin und machte dem Betreffenden Vorhalt mit einem -sechsläufigen Revolver, wogegen sich dieser mit dem seinigen -entschuldigte. Als die Pistolen leer waren, nahm der Unbekannte sein -Geschäft (er flickte sich seine Peitschenschnur) wieder auf, während -Herr Harris mit höflichem Bückling an uns vorbei nach Hause ritt. Er -hatte eine Kugel durch den einen Lungenflügel und mehrere in die Hüften -bekommen, und die kleinen Blutströme, die dem Pferd über die Flanken -liefen, gaben dem Tier ein ganz malerisches Aussehen. Ich habe später, -so oft ich Harris nach jemand schießen sah, immer wieder an jenen -ersten Tag in Carson denken müssen. - -Weiter sahen wir an diesem Tage nichts, denn es war zwei Uhr, und nach -Landessitte brach jetzt der tägliche ›Washoe-Zephyr‹ los. Mit demselben -kam eine aufsteigende Staubwehe, etwa von der Größe der Vereinigten -Staaten, welche Nevadas Hauptstadt unsern Blicken entzog. Indes gab -es dabei doch mancherlei zu sehen, was für Neuangekommene nicht ganz -uninteressant war; denn die mächtige Staubwolke war dicht betüpfelt -mit Dingen, die den höheren Luftschichten fremd sind, lebenden und -toten, die zwischen den sich fortwälzenden Staubwirbeln hin und her -flatterten, gingen und kamen, auftauchten und wieder verschwanden --- mit Hüten, Hühnern und Sonnenschirmen, die hoch oben am Himmel -hinsegelten; mit Decken, Blechschildern, Salbeigestrüpp und Schindeln, -die etwas tiefer hin flogen; noch weiter unten mit Strohmatten und -Büffellederröcken; mit Schaufeln und Kohlenkasten in der nächsten -Luftschicht; Glasthüren, Katzen und kleinen Kindern in der folgenden; -zerbrochenen Bretterzäunen, leichten Einspännern und Schubkarren in der -nächsten; und zu unterst, bis zu höchstens dreißig oder vierzig Fuß -Höhe über dem Boden, wehte ein Wirbelsturm auswandernder Dächer und -leerer Bauplätze hin. - -Es war wirklich etwas zu sehen dabei. Ich hätte noch mehr sehen können, -wäre ich imstande gewesen, mir die Augen staubfrei zu halten. - -Aber in allem Ernst, ein Washoe-Wind ist durchaus keine Kleinigkeit. Er -bläst schwächliche Häuser um, nimmt gelegentlich Schindeldächer mit, -rollt Blechdächer zusammen wie Notenhefte, weht dann und wann eine -Postkutsche um und verschüttet die Reisenden; und als die Ursache der -vielen Kahlköpfe dort zu Lande hört man überall angeben, der Wind wehe -den Leuten die Haare vom Kopfe, während sie himmelwärts nach ihren -Hüten schauen. Die Straßen der Stadt bieten an Sommernachmittagen -meist ein recht belebtes Bild, da stets eine Menge Leute Jagd auf ihre -entweichenden Hüte machen, wie Stubenmädchen auf eine Spinne. - -Der Washoe-Zephyr (Washoe ist ein beliebter Spitzname für Nevada) ist -eigentlich ein recht schriftmäßiger Wind, insofern kein Mensch weiß, -›von wannen er kommt‹, d. h. wo er entsteht. Er kommt geradeswegs über -die Berge aus Westen, aber jenseits der Kammhöhe, auf der andern Seite -drüben, ist nichts von ihm zu entdecken. Er wird vermutlich auf der -Höhe des Gebirges eigens hergestellt und fliegt von dort aus; er ist -zur Sommerszeit ein recht pünktlicher Wind. Seine Geschäftsstunden -währen von zwei Uhr nachmittags bis zum nächsten Morgen um dieselbe -Stunde, und wer sich während dieser zwölf Stunden auf eine Reise wagt, -muß mit dem Winde rechnen, will er nicht ein paar Meilen leewärts von -seinem Ziel anlangen. Und doch ist das erste, worüber sich ein Besucher -aus Washoe in S. Francisco beklagt, daß dort die Seewinde so heftig -wehen. So ist der Mensch nun einmal! - -Den Staatspalast des Gouvernements von Nevada entdeckten wir in einem -einstöckigen weißen Bretterhause, das im Innern zwei kleine Zimmer -enthielt und an der Stirnseite -- der Großartigkeit halber -- einen auf -Stützen ruhenden Dachstock hatte; es zwang dem Bürger Hochachtung ab -und erfüllte den Indianer mit Ehrfurcht. Die unlängst eingetroffenen -richterlichen Beamten des Territoriums, der Ober- und der Hilfsrichter, -und was sonst zur Regierungsmaschinerie gehörte, waren weniger -glänzend untergebracht. Sie wohnten rings umher in Privathäusern zur -Miete und hatten ihre Amtslokale in ihren Schlafstuben. Mein Bruder, -(›Mr. Secretary‹) und ich schlugen unser Quartier in dem ›Ranch‹ -einer würdigen französischen Dame auf. Sie hieß Bridget O’Flannigan -und gehörte zur Gefolgschaft Sr. Excellenz des Gouverneurs. In -seinen guten Tagen, als er Oberbefehlshaber der hauptstädtischen -Polizei in New York war, hatte sie ihn gekannt und wollte ihn nun in -seinem Mißgeschick als Gouverneur von Nevada auch nicht verlassen. -Unsere Stube lag im unteren Stock und ging auf die Plaza hinaus, -und nachdem wir unser Bett, einen kleinen Tisch, zwei Stühle, den -feuerfesten Schrank der Regierung und das Konversationslexikon darin -untergebracht hatten, war immer noch Raum genug für einen Besuch -vorhanden -- vielleicht sogar für zwei, aber nicht ohne Dehnung der -Wände. Uebrigens konnten die Wände eine solche vertragen -- wenigstens -die Zwischenwände, denn sie bestanden lediglich aus einer einzigen -Schicht groben Baumwollstoffes, der von einer Zimmerdecke zur andern -ausgespannt war. Dies war die Regel in Carson, eine Zwischenwand -anderer Art bildete eine seltene Ausnahme. Wenn man in seinem dunkeln -Zimmer stand, die Zimmernachbarn dagegen Licht brannten, so erzählten -die Schatten an dem Tuch oft merkwürdige Geheimnisse! Sehr häufig -waren diese Zwischenwände aus zusammengehefteten alten Mehlsäcken -hergestellt; dann war der Unterschied zwischen der gemeinen Herde und -der Aristokratie nur der, daß die gemeine Herde schmucklose Säcke -hatte, während die Wände des Aristokraten durch rudimentäre Fresken, -d. h. rote und blaue Mühlenzeichen auf den Säcken, Staunen erregten. -Gelegentlich verschönerten die besseren Stände auch ihr Sackleinen -durch Aufkleben von Holzschnitten aus Harpers Wochenschrift; nicht -selten verstiegen sich die Wohlhabenden und Gebildeten sogar bis -zu Spucknäpfen und andern Beweisen eines kostspieligen und üppigen -Geschmackes. Wir besaßen einen Teppich und ein Waschbecken von echtem -Steingut. Infolgedessen wurden wir von den übrigen Insassen des Ranchs -der Dame O’Flannigan rücksichtslos gehaßt. Als wir gar noch einen -bemalten Fenstervorhang von Wachsleinwand dazu anschafften, waren -wir einfach unseres Lebens nicht mehr sicher. Um Blutvergießen zu -verhüten, zog ich eine Treppe höher und schlug mein Quartier bei den -titellosen Plebejern in einer der vierzehn weißen, schmalen Bettstellen -aus Fichtenholz auf, die in zwei langen Reihen in dem einzigen Zimmer -standen, welches das zweite Stockwerk bildete. - -Sie waren eine lustige Gesellschaft, die vierzehn. Meist hatten sie -sich aus freien Stücken dem Gouverneur angeschlossen. Als sie in -New York und San Francisco zu seiner Gefolgschaft stießen, hatten -sie sich gesagt, daß sie bei der Balgerei um Aemtchen und sonstige -im Territorium abfallende Brocken nichts zu verlieren, vielmehr -vernünftigerweise eher vielleicht etwas zu gewinnen hätten. Sie hießen -im Volksmund ›die irische Brigade‹, obwohl sich unter der ganzen -Umgebung des Gouverneurs nur vier oder fünf Irländer befanden. Die -gutmütige Excellenz war sehr verdrießlich über das Gerede, das seine -Leibgarde hervorrief -- besonders, als sich das Gerücht verbreitete, -es seien bezahlte Meuchelmörder, die er sich mitgebracht habe, um -erforderlichen Falles die demokratischen Wahlstimmen in der Stille zu -vermindern! - -Frau O’Flannigan gab ihnen Kost und Wohnung für je zehn Dollars die -Woche, und sie gaben dagegen fröhlich ihre Schuldverschreibungen. -Sie waren damit völlig zufrieden. Dagegen fand Bridget bald, daß -uneinlösbare Schuldscheine doch keine genügende Sicherheit für eine -Fremdenpension in Carson City bilden. So lag sie nun dem Gouverneur -in den Ohren, für die ›Brigade‹ eine Beschäftigung aufzutreiben. Sie -sowohl als die Leute selbst setzten ihm so lange zu, bis er in eine -gelinde Verzweiflung geriet und schließlich die Brigade antreten -ließ. »Meine Herren,« redete er sie an, »ich habe eine einträgliche -und ersprießliche Thätigkeit für Sie ausgesonnen -- eine Thätigkeit, -welche Ihnen Erholung inmitten herrlicher Landschaften gewähren und -Ihnen ununterbrochen Gelegenheit verschaffen wird, Ihren Geist durch -Beobachtung und Studium zu bereichern. Ich wünsche die Möglichkeit -der Anlegung einer Eisenbahn von Carson aus nach Westen bis zu einem -gewissen Punkte festzustellen. Beim Zusammentritt der Legislatur werde -ich dafür sorgen, daß das erforderliche Gesetz durchgeht und eine -entsprechende Summe bewilligt wird.« - -»Wie, eine Eisenbahn über die Sierra Nevada?« - -»Jawohl, -- und Sie sollen zu diesem Zweck die Gegend ostwärts bis zu -einem gewissen Punkte untersuchen!« - -Er machte die einen zu Vermessern, die andern zu Kettenträgern u. s. -w.; dann ließ er sie los in die Wüste. Das war eine Erholung, daß es -eine Art hatte! Erholungsfußtouren, auf denen sie die Meßketten durch -Sand und Salbeigestrüpp schleppten unter einer schwülen Sonne und -zwischen Ochsengerippen, Cayoten und Taranteln. Es war die reinste, -höchste Romantik! Sie betrieben die Vermessung sehr langsam, sehr -bedächtig, sehr sorgfältig. Während der ersten Woche kehrten sie alle -Abende staubbedeckt, fußkrank, müde und hungrig, aber höchst vergnügt -zurück. Sie brachten einen großen Vorrat ungeheurer haariger Spinnen --- Taranteln -- mit, die sie im oberen Zimmer des Ranch in zugedeckte -Biergläser einsperrten. Nach Verlauf der ersten Woche mußten sie im -freien Feld kampieren, denn sie waren tüchtig nach Osten vorgerückt. -Sie erkundigten sich sehr eifrig nach der Lage jenes im unklaren -gelassenen ›gewissen Punktes‹, ohne jedoch Aufschluß darüber zu -erhalten. Endlich, auf eine besonders dringende Anfrage: »Wie weit -östlich?« telegraphierte Gouverneur Nye zurück: »Bis zum atlantischen -Ozean, Ihr Teufelsbraten! -- über den schlagt eine Brücke und macht, -daß ihr hinüber kommt!« - -Darauf hin kamen die bestaubten Packesel zurück, die nun einen Bericht -einreichten und ihre Arbeit einstellten. Der Gouverneur nahm die Sache -fortwährend höchst gemütlich; er meinte, da Frau Flannigan sich wegen -des Unterhalts der Brigade doch in jedem Falle irgendwie an ihn halten -werde, so wolle er sich mit den Jungens auch so viel Spaß machen, als -möglich; er gedenke, setzte er mit freundlichem Augenzwinkern hinzu, -sie mit ihren Vermessungen bis nach Utah hinein zu schicken und dann an -Brigham zu telegraphieren, er solle sie wegen Grenzverletzung hängen -lassen. - -Die Vermesser brachten immer noch mehr Taranteln mit, so daß wir -schließlich eine ganze Menagerie auf Brettern und Fenstersimsen im -Zimmer aufgestellt hatten. Manche von diesen Spinnen konnten ihre -haarigen muskulösen Beine über eine gewöhnliche Untertasse auseinander -sperren; und wenn ihre Gefühle verletzt wurden oder man ihrer Würde zu -nahe trat, so mußte man sie nach ihrem Ausdruck für die heillosesten -Halunken im ganzen Tierreich halten. Bei jeder noch so leisen Berührung -ihrer gläsernen Gefängnisse waren sie in einem Augenblick auf den -Beinen und kampfgerüstet. In der ersten Nacht nach der Rückkehr der -Brigade wehte wie gewöhnlich ein wütender Zephyr, der um Mitternacht -das Dach eines benachbarten Stalles fortblies, so daß eine Ecke -desselben krachend durch unsern Ranch hereingefahren kam. Es erfolgte -ein gleichzeitiges Erwachen, eine geräuschvolle Musterung der Brigade -im Dunkeln und ein allgemeines Stolpern und Uebereinanderpurzeln in dem -schmalen Gange zwischen den Bettreihen. Mitten in dem Getümmel fuhr Bob -H.-- aus seinem gesunden Schlafe auf und stieß dabei mit dem Kopfe ein -Brett herunter. Im selben Augenblick schrie er: - -»Reißt aus, Jungens, die Taranteln sind los!« - -Einen gräßlicheren Alarmruf hätte es nicht geben können. Niemand -wagte mehr das Zimmer zu verlassen aus Furcht, auf eine Tarantel -zu treten. Jeder tappte nach einem Koffer oder einem Bett und -schwang sich hinauf. Dann folgte die eigentümlichste Stille -- eine -Stille gräßlicher Spannung, voll Erwartung, Hoffnung, Furcht. Es war -pechfinster, und um das Schauspiel der vierzehn zu genießen, wie sie -in höchst mangelhafter Toilette ängstlich auf Koffern und Betten -hockten, mußte man sich schon mit der Einbildungskraft behelfen, -denn zu sehen war schlechterdings nichts. Dann folgten gelegentlich -kleine Unterbrechungen der Stille; man konnte an der Stimme erkennen, -wer sprach und wo der Betreffende sich befand; auch vermochte man zu -unterscheiden, aus welcher Richtung die sonstigen Geräusche kamen, -die einer der armen Dulder durch sein Herumtappen oder eine Aenderung -seiner Körperlage verursachte. Die ab und zu vernehmbaren Stimmen waren -nicht sehr gesprächig -- man hörte nur ein schwaches ›Au!‹ gefolgt -von einem tüchtigen Aufstampfen; dann wußte man, daß der betreffende -Herr einen haarigen Teppich oder sonst etwas dergleichen auf der Haut -gespürt und daraufhin einen Satz aus dem Bette auf den Stubenboden -gemacht hatte. Darnach wieder tiefe Stille. Jetzt rief eine nach Luft -schnappende Stimme: - -»Mi-mir krabbelt etwas hinten am Hals hinauf!« Alle Augenblicke konnte -man einen halbunterdrückten Schrei, ein schwaches Strampeln und ein -angstvolles ›ach, Herrgott!‹ vernehmen -- zum Zeichen, daß einer sich -vor etwas zurückzog, was ihm wie eine Tarantel vorkam, und zwar ohne -Zeitverlust. Nun schrie auf einmal hinten in der Ecke eine Stimme laut -und wild auf: - -»Ich hab’ ihn! Ich hab’ ihn!« (Hierauf Pause, während der die -Verhältnisse sich vermutlich änderten.) »Nein, er hat mich! O, geht -denn _gar_ niemand und holt eine Laterne?« - -In dem Augenblick erschien die Laterne in den Händen der Frau -O’Flannigan. Nachdem diese aus dem Bett gestiegen und Licht gemacht, -hatte sie trotz ihrer Begier, sich von der Größe des durch das -feindliche Dach angerichteten Schadens zu überzeugen, wohlweislich -nicht unterlassen, eine angemessene Weile zu warten, bevor sie oben -nachsah, ob der Wind jetzt fertig oder noch mehr Unthaten vorhabe. - -Die Scenerie, welche sich enthüllte, als plötzlich der Schein der -Laterne ins Zimmer strahlte, war malerisch und wäre vielleicht manchen -Leuten komisch vorgekommen, für uns war sie es nicht. Wir saßen zwar -in höchst wunderlicher Stellung und in einem nicht minder wunderlichen -Aufzug auf Kisten, Koffern und Betten herum, allein wir hatten viel zu -große Angst und fühlten uns zu unbehaglich, um etwas Komisches darin -zu finden; so war denn nirgends auch nur der Schein eines Lächelns zu -bemerken. Was mich betrifft, so kann ich mir nichts Aergeres vorstellen -als die Pein, die ich während der wenigen Minuten voll angstvoller -Spannung im Dunkeln, umgeben von diesen kriechenden, blutgierigen -Taranteln, erduldet hatte. In kaltem Todesschweiß war ich von Bett zu -Bett, von Kiste zu Kiste gehüpft, und so oft ich an etwas Stacheligem -streifte, bildete ich mir bereits ein, ich spüre die Fänge. - -Ich ginge lieber in den Krieg, als dieses Vorkommnis noch einmal -mitzumachen. Es war übrigens niemand zu Schaden gekommen. Derjenige -welcher glaubte, eine Tarantel ›habe ihn‹, irrte sich gründlich -- -er hatte sich nur die Finger in einen Kistenspalt geklemmt. Von den -entwichenen Taranteln wurde keine jemals mehr gesehen; es waren zehn -oder zwölf gewesen. Wir durchsuchten das Zimmer mit Licht von oben bis -unten, jedoch ohne Erfolg. Dann gingen wir wohl zu Bette? O nein! Alles -Gold der Welt hätte uns nicht dazu gebracht. Wir blieben die Nacht -vollends auf, spielten ›Cribbage‹ und hielten scharfe Ausschau nach dem -Feinde. - - - - -Zweites Kapitel. - - -Es war Ende August, der Himmel war wolkenlos und das Wetter prachtvoll. -Im Laufe einiger Wochen hatte mich das merkwürdige neue Heimatland -wunderbar bezaubert, und ich nahm mir vor, meine Rückkehr nach den -›Staaten‹ einige Zeit aufzuschieben. Ich hatte mich völlig daran -gewöhnt, einen schadhaften Schlapphut, ein blaues Wollhemd und -die Hosen in den Stiefelschäften zu tragen und war stolz auf den -Mangel von Rock, Weste und Hosenträgern. Es war mir so rüpelhaft und -›großschnäuzig‹ zu Mute (wie der Historiker Josephus sich in seinem -schönen Kapitel über die Zerstörung des Tempels ausdrückt). Ein so -schönes und romantisches Leben konnte es nicht wieder geben, davon -war ich fest überzeugt. Ich war zwar Regierungsbeamter, allein das -diente nur zum äußeren Glanz. Das Amt war eine reine Sinekure. Ich -hatte nichts zu thun und bezog keinen Gehalt. Ich war Privatsekretär -Sr. Majestät des Sekretärs und für zwei gab es noch nicht Schreiberei -genug. So widmete ich meine Zeit dem Vergnügen in Gesellschaft von -Johnny K.--, dem jungen Sohn eines Nabobs in Ohio, der sich hier zu -seiner Erholung aufhielt. Er fand diese auch. Wir hatten von der -wundersamen Schönheit des Tahoe-Sees reden hören und schließlich -trieb uns die Neugier, denselben in Augenschein zu nehmen. Drei oder -vier Mitglieder der Brigade waren dort gewesen, hatten ein paar -Holzschläge an seinen Ufern abgegrenzt und in ihrem Lager einen Vorrat -von Lebensmitteln zurückgelassen. Wir schnallten uns ein paar wollene -Decken auf den Rücken, nahmen jeder eine Axt und machten uns auf -- -denn wir wollten uns auch einen Waldranch oder so etwas anlegen und -vornehme Leute werden. - -Wir waren zu Fuß. Der Leser wird es vorteilhafter finden, zu reiten. -Man sagte uns, es sei elf Meilen Weges. Lange marschierten wir auf -ebenem Boden, dann klommen wir mühsam einen vielleicht tausend Fuß -hohen Berg hinauf und hielten Umschau. Kein See da. Wir stiegen auf der -andern Seite wieder hinunter, gingen über die Thalmulde hinüber und -quälten uns noch einen Berg hinauf, der uns drei- bis viertausend Fuß -hoch vorkam, um abermals Umschau zu halten. Noch immer kein See. Müde -und schweißtriefend setzten wir uns nieder und mieteten uns ein paar -Chinesen, um die Leute zu verfluchen, die uns zum besten gehabt hatten. -Nach dieser Erfrischung nahmen wir unsern Marsch mit erneuter Kraft -und Entschlossenheit abermals auf. Zwei oder drei Stunden schleppten -wir uns noch weiter, bis endlich mit einemmal der See vor uns lag --- eine herrliche blaue Wasserfläche, sechstausend dreihundert Fuß -über dem Meeresspiegel und von einer Kette schneebedeckter Berggipfel -umrahmt, die sich noch volle dreitausend Fuß höher auftürmten. Es war -ein riesiges Oval von reichlich achtzig bis hundert Meilen Umfang. Wie -er so dalag, während die Schattenbilder der Berge sich herrlich auf -seiner stillen Oberfläche wiederspiegelten, war ich überzeugt, daß es -sicherlich auf der ganzen Erde kein schöneres Bild geben könne. - -Wir fanden den kleinen Kahn, welcher der Brigade gehörte, und fuhren -ohne Zeitverlust über eine tiefe Einbuchtung des Sees auf die -Meßstangen zu, welche das Lager bezeichneten. Ich ließ Johnny rudern -- -nicht aus Scheu vor der Anstrengung, sondern weil mir übel davon wird, -wenn ich beim Arbeiten rückwärts fahre. Dagegen steuerte ich. Nach -einer Fahrt von drei Meilen langten wir gerade mit Einbruch der Nacht -an dem Lager an; todmüde und mit einem wahren Wolfshunger stiegen wir -ans Land. In einer Höhlung unter den Felsen fanden wir die Vorräte und -das Kochgeschirr und nun setzte ich mich trotz meiner Erschöpfung auf -einen Felsblock und beaufsichtigte die Zurüstungen, während Johnny Holz -sammelte und das Essen bereitete. Mancher, der so viel geleistet hatte, -wie ich, hätte sich wohl vor allem nach Ruhe gesehnt. - -[Illustration] - -Es gab ein köstliches Essen -- warmes Brot, gebratenen Speck und -schwarzen Kaffee. Und die Einsamkeit, die uns umgab, war ebenfalls -köstlich. Drei Meilen entfernt befand sich eine Sägemühle mit einigen -Arbeitern, außerdem gab es im ganzen weiten Umkreis des Sees keine -fünfzehn menschliche Wesen. Als die Dunkelheit herabsank und die Sterne -herauf kamen, so daß der gewaltige Spiegel wie ein Juwelenschmuck -strahlte, schmauchten wir beschaulich unsere Pfeifen in der feierlichen -Stille und vergaßen alle Sorgen und Schmerzen. Als es Zeit war, -breiteten wir unsere Decken über den warmen Sand zwischen zwei großen -Felsstücken und schliefen bald ein, unbekümmert um die Ameisen, welche -in langer Reihe uns in die Kleider krochen und uns bis auf die Haut -untersuchten. Den Schlaf, der uns umfing, vermochte nichts zu stören, -denn wir hatten ihn redlich verdient, und wenn unser Gewissen uns -irgend welcher Sünden beschuldigte, so mußte es das Gericht für diese -Nacht unter allen Umständen vertagen. Der Wind erhob sich gerade, als -uns das Bewußtsein schwand, und das Anprallen der Brandung am Ufer -lullte uns in Schlummer. - -Es ist nachts stets sehr kalt am Rande dieses Sees, allein wir waren -gut mit Decken versehen, die uns hinreichend wärmten. Die ganze Nacht -rührten wir kein Glied; in aller Morgenfrühe erwachten wir noch in -derselben Lage, die wir abends eingenommen, um sofort aufzuspringen, -gründlichst erfrischt, frei von Unbehagen und zum Uebersprudeln voll -von neuer Spannkraft. So etwas stärkt über alle Begriffe. Heute wären -wir mit zehn so hundemüden Leuten fertig geworden, wie wir tags zuvor -waren. In unserer Zeit brauchen viele Menschen ihrer Gesundheit wegen -Wasser- und Terrainkuren und gehen in fremde Länder. Drei Monate -Lagerleben am Tahoe-See würde einer ägyptischen Mumie ihre urzeitliche -Lebenskraft wieder geben, und einen Appetit bekäme sie dadurch wie -ein Alligator. Damit meine ich natürlich nicht die ältesten und die -trockensten Mumien, sondern die frischeren. Die Luft da oben in den -Wolken ist gar rein und schön, gar frisch und köstlich. Und warum -auch nicht? -- Ist es doch dieselbe, welche die Engel atmen. Ich -glaube, man würde die entsetzlichste Müdigkeit, die man sich überhaupt -vorstellen kann, in einer Nacht auf dem Sande am Ufer dieses Sees -sicher wegschlafen. Nicht unter einem Dach, sondern unter freiem -Himmel. Es regnet dort im Sommer selten oder nie. Ich kenne jemand, der -sterbenskrank dorthin ging; aber es wurde nichts mit dem Sterben. Als -ein Gerippe kam er an und konnte sich kaum auf den Füßen halten; er -hatte keinen Appetit und that nichts als Traktätchen lesen und über die -Zukunft grübeln. Drei Monate darauf schlief er regelmäßig im Freien, -aß dreimal am Tage so viel in ihn hineinging und pürschte zur Erholung -dreitausend Fuß hoch im Gebirge dem Wilde nach. Dabei war er kein -Gerippe mehr, sondern hatte ein beträchtliches Gewicht aufzuweisen. -Das ist kein Hirngespinst, es ist die reine Wahrheit. Er hatte an der -Schwindsucht gelitten. Ich empfehle seine Erfahrung vertrauensvoll -anderen Gerippen zur Nachahmung. - -Ich begnügte mich wiederum mit der Oberaufsicht über die Küche. -Sofort nach dem Frühstück stiegen wir ins Boot und ruderten drei -Meilen am Seegestade entlang; dann stiegen wir aus. Die Stelle gefiel -uns, deshalb nahmen wir etwa dreihundert Morgen davon in Besitz und -schnitten unser Merkzeichen in einen Baum. Es war ein Bestand von -gelben Fichten -- ein dichter Wald von Bäumen, hundert Fuß hoch und -bis auf fünf Fuß im Durchmesser über der Wurzel. Wir mußten unser -Besitztum jedoch einzäunen, anders konnten wir es nicht behaupten, d. -h. wir mußten da und dort einen Baum fällen, und zwar so, daß dadurch -eine Art Einfriedigung mit ziemlich weiten Lücken entstand. Wir fällten -jeder drei Bäume, fanden jedoch, daß es eine so herzbrechende Arbeit -war, daß wir beschlossen, es dabei bewenden zu lassen; sicherten sie -unser Eigentum -- gut und schön, wenn nicht -- nun so mochte es durch -die Lücke auslaufen und von dannen fließen; tot quälen wollten wir uns -nicht um ein paar elende Morgen Land. Tags darauf kamen wir zurück, um -ein Haus aufzuschlagen; denn ein Haus war gleichfalls notwendig, wenn -wir unsern Besitz behaupten wollten.[2] Wir beschlossen, ein tüchtiges -Blockhaus zu bauen, das den Neid der Jungen von der Brigade erregen -sollte. Als wir jedoch den ersten Klotz gehauen und zurecht gezimmert -hatten, kam es uns unnötig vor, soviel Sorgfalt darauf zu verwenden, -und wir beschlossen, es aus dünnen Stämmchen zu erbauen. Indessen sahen -wir uns nach dem Zuhauen und Abputzen zweier Stämmchen zur Anerkennung -der Thatsache genötigt, daß selbst eine noch bescheidenere Architektur -dem Gesetze Genüge thun würde, worauf wir beschlossen, unser Haus aus -Reisig zu errichten. Wir widmeten dieser Arbeit den folgenden Tag, -leisteten jedoch soviel im Herumsitzen und Schwatzen, daß wir erst um -die Mitte des Nachmittags ein halbwegs fertiges Ding zu stande gebracht -hatten. Während einer von uns Strauchwerk abhieb, mußte der andere -unsern Bau bewachen, wir würden ihn sonst am Ende nicht wiedergefunden -haben, wenn wir ihm beide den Rücken kehrten. Er hatte eine gar so -starke Familienähnlichkeit mit dem ihn umgebenden Buschwerk. Wir waren -indes damit zufrieden. - - [2] Um Regierungsland unentgeltlich zu bekommen, mußte ein - Ansiedler in gewisser Zeit ein Blockhaus gebaut und - sonstige Arbeiten auf dem von ihm beanspruchten Boden - verrichtet haben. - -So waren wir nun Landbesitzer, in aller Form installiert und unter -dem Schutze des Gesetzes. Wir beschlossen deshalb, unsern Wohnsitz -auf unserem eigenen Grund und Boden aufzuschlagen und uns jenes -großen Gefühls der Unabhängigkeit zu erfreuen, das nur eine solche -Erfahrung verleihen kann. Spät am folgenden Nachmittag fuhren wir -nach einer herrlichen und langen Rast von dem Lager der Brigade weg, -samt allen Vorräten und Kochgeschirren, die wir fortbringen konnten, -und zogen gerade mit Einbruch der Nacht das Boot auf unserem eigenen -Landungsplatze an den Strand. - -Wenn es irgend ein glücklicheres Leben giebt, als dasjenige, welches -wir von nun an zwei oder drei Wochen lang in unserer Waldhütte führten, -so muß das eine Sorte Leben sein, die ich weder aus Büchern, noch -aus eigener Erfahrung kennen gelernt habe. Wir sahen während der -ganzen Zeit außer uns selbst kein lebendes Wesen und vernahmen keine -anderen Töne als diejenigen, welche Wind und Wellen hören ließen, das -Seufzen der Fichten und dann und wann den fernen Donner einer Lawine. -Der Wald um uns war dicht und kühl, der Himmel über uns erstrahlte -in wolkenlosem Sonnenschein, der breite See vor uns war je nach der -Stimmung der Natur bald klar wie Kristall, bald von einem Lufthauch -leicht gekräuselt und bald schwarz und sturmbewegt. Die ihn im -Kreise überragenden Bergkuppen aber, mit Waldesgrün bekleidet, von -Bergrutschen zerrissen, durch Schluchten und Thäler gespalten und mit -Hauben glitzernden Schnees bedeckt, bildeten den passenden Rahmen und -Abschluß zu dem herrlichen Bilde. Die Aussicht war stets fesselnd, -bezaubernd, entzückend; nie wurde das Auge müde zu schauen, bei Nacht -oder Tag, bei Ruhe oder Sturm; es kannte nur _einen_ Schmerz, nämlich, -daß es nicht ununterbrochen schauen durfte, sondern bisweilen sich zum -Schlafe schließen mußte. - -Wir schliefen im Sande, hart am Rande des Wassers, zwischen zwei -schützenden Felsblöcken, die dafür sorgten, daß die stürmischen -Nachtwinde uns nichts anhaben konnten. Ohne Schlafmittel schliefen -wir stets ein und mit dem ersten Tagesgrauen waren wir wieder auf und -liefen gleich um die Wette, um unser überschäumendes Kraftgefühl und -unsere übermütige Laune etwas herabzustimmen, d. h. Johnny lief -- und -ich hielt indessen seinen Hut. Während wir dann nach dem Frühstück -die Friedenspfeife schmauchten, beobachteten wir, wie die Berggipfel -auf ihrer hohen Warte sich in den Glanz der Sonne kleideten. Wir -folgten dem Licht auf seinem Siegespfade, wie es zwischen den Schatten -herabschoß und die in den Banden der Finsternis liegenden Felszacken -und Wälder in Freiheit setzte. Wir sahen die farbigen Bilder auf dem -Wasser immer größer und heller werden, bis jede kleine Einzelheit von -Wald, Bergwand und Felszinne hineingewoben war und das Zauberwerk -vollständig fertig vor uns lag. Dann ging es ans ›Geschäft‹, d. h. an -das Herumtreiben im Boote. - -Wir befanden uns am Nordufer. Hier waren die Felsen auf dem Grunde grau -oder weiß. Dadurch kommt die wunderbare Durchsichtigkeit des Wassers zu -vollerer Geltung als sonst irgendwo auf dem See. Gewöhnlich ruderten -wir etwa hundert Ellen weit hinaus vom Ufer, dann legten wir uns im -Sonnenschein auf die Sitzbretter und ließen das Boot treiben, wohin es -wollte. Selten sprachen wir ein Wort; das hätte nur die Sabbatstille -unterbrochen und uns in den Träumen gestört, die wir unserer üppigen -Ruhe und Trägheit verdankten. Das Ufer war allenthalben durch tiefe -Buchten und Baien ausgezackt, die von schmalen Sandbänken begrenzt -wurden; wo der Sand endete, stiegen die schroffen Bergwände in den -Himmelsraum auf, wie eine ungeheure, fast senkrechte Mauer, die dicht -mit hochragenden Fichten bewachsen ist. - -So eigentümlich klar war das Wasser, daß es an Stellen, wo die Tiefe -bloß zwanzig bis dreißig Fuß betrug, den Grund mit einer Deutlichkeit -erkennen ließ, welche die Täuschung hervorrief, als schwämme das Boot -in der Luft. Ja, dies war sogar an Stellen von achtzig Fuß Tiefe der -Fall. - -Jeder kleine Kiesel war deutlich sichtbar, jede gefleckte Forelle, jede -Handbreit Sand. Oft, wenn wir mit dem Gesicht nach unten da lagen, -tauchte ein granitner Block, scheinbar so groß wie eine Dorfkirche, -blitzschnell vom Grunde nach der Oberfläche zu herauf, bis er plötzlich -unsere Gesichter zu berühren drohte und wir dem Antrieb, nach einem -Ruder zu greifen und die Gefahr abzuwenden, nicht zu widerstehen -vermochten. Aber das Boot schwamm weiter, der Block senkte sich wieder, -und wir konnten sehen, daß er, als wir uns genau über ihm befanden, -immer noch zwanzig bis dreißig Fuß unter der Oberfläche gewesen sein -mußte. In diesen großen Tiefen war das Wasser nicht mehr bloß einfach -durchsichtig, sondern geradezu leuchtend und strahlend. Alle durch -dasselbe gesehenen Gegenstände zeigten sich nicht nur in allgemeinen -Umrissen, sondern bis zur kleinsten Einzelheit, mit solchem Glanz und -solcher Klarheit, wie dies nicht der Fall gewesen sein würde, hätte man -sie durch eine Luftschicht von derselben Tiefe hindurch gesehen. Der -ganze Raum da unten kam uns so leer und luftig vor, und wir hatten so -lebhaft das Gefühl, hoch darüber, mitten im Nichts hinzuschwimmen, daß -wir diese Ausflüge im Boote unsere ›Luftballon-Reisen‹ nannten. - -Wir fischten fleißig, fingen aber im Durchschnitt kaum einen Fisch -in der Woche. Wir konnten Forellen zu Tausenden unter uns durch den -leeren Raum hinschwimmen oder an Sandbänken auf dem Grunde schlafen -sehen, aber anbeißen wollten sie nicht -- vielleicht, daß sie die -Angelschnur zu deutlich unterscheiden konnten. Oftmals lasen wir uns -eine Forelle aus, die wir gerne haben wollten und ließen ihr den Köder -mit unermüdlicher Geduld achtzig Fuß tief drunten dicht vor der Nase -baumeln; aber sie schüttelte denselben nur verdrießlich ab und nahm -eine andere Stellung ein. - -Gelegentlich badeten wir, doch war das Wasser, obwohl es so sonnig -aussah, ziemlich frisch. Manchmal ruderten wir hinaus nach dem ›blauen -Wasser‹, eine oder zwei Meilen vom Ufer. Das Wasser war dort ganz -dunkelblau wie Indigo wegen der ungeheuren Tiefe. Der amtlichen Messung -zufolge ist der See in der Mitte 1525 Fuß tief! - -Bisweilen streckten wir uns an müßigen Nachmittagen auf den Sand hin -und lasen bei einer Pfeife ein paar alte abgegriffene Erzählungen. -Abends am Lagerfeuer spielten wir zur Herzstärkung ›Euchre‹ und ›Seven -Up‹, und zwar mit so fettigen und schäbigen Karten, daß nur eine den -ganzen Sommer fortgesetzte Bekanntschaft mit ihnen es ermöglichte, -bei gehöriger Aufmerksamkeit das Kreuz-Aß vom Schellen-Buben zu -unterscheiden. - -In unserm ›Hause‹ schliefen wir niemals; das kam uns gar nicht in den -Sinn; überdies hatten wir es ja nur gebaut, um das Anrecht auf Grund -und Boden zu erhalten, und das genügte. Zuviel zumuten wollten wir ihm -nicht. - -Allmählich begannen unsere Lebensmittel knapp zu werden; wir kehrten -deshalb ins alte Lager zurück, um neue Vorräte zu holen. Wir waren den -ganzen Tag fort und kamen erst mit Einbruch der Nacht ziemlich müde und -hungrig wieder heim. Während Johnny die Hauptmasse der Lebensmittel -zu späterem Gebrauch in unser Haus trug, schaffte ich den Brotlaib, -etliche Schinken und den Kaffeetopf ans Ufer, stellte die Sachen an -einem Baum ab, zündete ein Feuer an und ging dann nach dem Boote -zurück, um die Bratpfanne zu holen. Unterwegs hörte ich einen Schrei -von Johnny, und als ich aufblickte, sah ich mein Feuer über die ganze -Umgegend hingaloppieren. Johnny befand sich jenseits desselben und -mußte durch die Flammen hindurchlaufen, um das Seeufer zu gewinnen; -dann standen wir hilflos da und beobachteten die Verwüstung, die der -Brand anrichtete. - -Der Boden war mit einer hohen Schicht trockener Fichtennadeln -bedeckt, die bei der ersten Berührung mit dem Feuer aufflammten wie -Schießpulver. Es war merkwürdig anzusehen, mit wie rasender Eile die -gewaltige Flammensäule sich fortbewegte. Mein Kaffeetopf war dahin -und alles andere mit ihm. Nach anderthalb Minuten ergriff das Feuer -einen dichten Busch trockenen Manzanita-Gesträuchs von sechs bis acht -Fuß Höhe, und nun wurde das Brausen, Zischen und Prasseln geradezu -fürchterlich. Die durchdringende Hitze trieb uns in das Boot, wo wir, -wie durch einen Zauber gefesselt, verblieben. - -Binnen einer halben Stunde war alles vor unseren Augen ein rasendes und -blendendes Flammenmeer. Das Feuer brauste an den nächsten Hügelkämmen -empor, überstieg dieselben und verschwand in den jenseitigen -Schluchten, um dann plötzlich auf ferneren und höheren Bergrücken -abermals zum Vorschein zu kommen, wo es eine noch gewaltigere Helle -ausstrahlte und dann wieder untertauchte. Dann flammte es wieder -auf, höher und immer höher am Bergeshang, sandte Glutströme wie -Plänklerketten da und dorthin aus, die sich dann in rotglühenden -Schlangenlinien zwischen fernen Bergwänden, Klippen und Schlünden -hinwälzten, bis die hoch aufragenden Gebirgsstöcke, so weit das Auge -reichte, von roten Lavabächen überzogen waren, die einem verschlungenen -Netzwerk glichen. Weithin über dem Wasser erstrahlten die Felshörner -und Bergkuppen in grellrotem Glanz, und das Firmament droben flammte in -einer wahren Höllenglut! - -Dieses Schauspiel wiederholte sich Zug für Zug in dem glühenden Spiegel -des Sees! Beide Bilder waren erhaben, beide schön, doch zeigte das -Spiegelbild im See eine staunenswerte Farbenpracht, welche das Auge -noch unwiderstehlicher fesselte und entzückte. - -Vier lange Stunden saßen wir in uns versunken und regungslos da; wir -dachten weder an Speise noch Trank und fühlten keine Ermüdung. Um elf -Uhr hatte der Brand unsern Gesichtskreis überschritten und allmählich -lagerte sich das Dunkel wieder über die Landschaft. - -Jetzt meldete sich der Hunger; aber es gab nichts zu essen. Die -Lebensmittel waren ohne Zweifel sämtlich gekocht und gebraten; doch -nahmen wir sie nicht in Augenschein. Wir waren wieder heimat- und -besitzlose Wandervögel. Unser Zaun war fort, unser Haus verbrannt -und nicht einmal versichert gewesen. Unser Fichtenwald war gehörig -versengt, die abgestorbenen Bäume sämtlich verbrannt und die weiten -Strecken Manzanita-Gebüsch weggefegt. Unsere Decken indes befanden sich -an unserem gewohnten Schlafplatz auf dem Sande; so legten wir uns denn -nieder und schliefen ein. Am nächsten Morgen brachen wir wieder nach -dem alten Lager auf, aber während wir noch eine weite Strecke vom Ufer -entfernt waren, brauste ein gewaltiger Sturm heran, so daß wir nicht zu -landen wagten. So schöpfte ich denn die Wasserstürze aus, die uns ins -Boot schlugen, während Johnny mit Macht durch die Wogen ruderte, bis -wir drei oder vier Meilen jenseits des Lagers eine gute Landungsstelle -erreicht hatten. Der Sturm blies immer stärker, und es wurde uns immer -klarer, daß wir besser thäten, das Boot auf gut Glück auf den Strand -laufen zu lassen, als uns der Gefahr auszusetzen, in hundert Faden -tiefem Wasser zu versinken. So fuhren wir denn aufs Land zu, hohe, -weiße Wellenkämme hinter uns; ich saß hinten auf dem letzten Brette -und lenkte die Spitze des Bootes nach dem Ufer hin. Im Augenblick, -als dasselbe aufstieß, kam eine Welle über den Stern herüber, welche -Mannschaft und Ladung ans Ufer spülte und uns dadurch viele Mühe und -Not ersparte. Den ganzen Tag über zitterten wir hinter einem Felsblock -vor Frost und froren auch die ganze Nacht hindurch. Am Morgen hatte -sich der Sturm gelegt und wir ruderten ohne jeden überflüssigen -Aufenthalt nach dem Lager. Wir waren dermaßen ausgehungert, daß wir den -ganzen Rest des Proviants der Brigade aufaßen; dann machten wir uns -nach Carson auf, um ihnen zu beichten und sie um Absolution zu bitten. -Gegen Zahlung des Schadens wurde dieselbe gewährt. - -Wir machten später noch manchen Ausflug nach dem See und bestanden -haarsträubende Abenteuer, bei denen wir nur mit knapper Not davonkamen. -Aber die Geschichte schweigt darüber. - - - - -Drittes Kapitel. - - -Ich kam jetzt zu dem festen Entschluß, mir ein Reitpferd anzuschaffen. -Nie hatte ich, außer im Zirkus, eine so tolle, freie, prächtige -Reitkunst gesehen, wie sie diese malerisch gekleideten Mexikaner, -Kalifornier und mexikanisierten Amerikaner in Carson Tag für Tag zum -besten gaben. Wie die ritten! Nur ein klein wenig nach vorn gebeugt, -fegten sie durch die Straßen wie der Wind; die breite Krempe ihres -Schlapphutes stand kerzengerade in die Höhe, und sie schwangen die -lange Riata über dem Kopfe. Eine Minute darauf waren sie nur noch ein -Staubwölkchen, weit draußen in der Wüste. Beim Traben waren sie stolz -und anmutig auf dem Pferde, als wären sie mit demselben verwachsen und -hopsten nicht auf und nieder nach der albernen Manier der Reitschulen. -Ich hatte bald ein Pferd von einer Kuh unterscheiden gelernt und -brannte vor Begier, noch mehr zu können; ich war entschlossen, mir ein -Pferd zu kaufen. Während dieser Gedanke mir im Kopf herumschwirrte, kam -der Auktionator auf einem schwarzen Tiere über die Plaza gejagt, es war -höckerig und eckig wie ein Kamel und auch ebenso häßlich; allein es -wurde versteigert: »zum drittenmal zweiundzwanzig -- Pferd, Sattel und -Zügel für zweiundzwanzig Dollars, meine Herren!« und da konnte ich kaum -widerstehen. - -[Illustration] - -Ein unbekannter Mann (wie sich später zeigte, war es der Bruder des -Auktionators) bemerkte meine sehnsüchtigen Blicke und meinte, es sei -doch für den Preis ein ganz respektables Pferd; der Sattel, fügte -er bei, sei allein das Geld wert. Es war ein spanischer Sattel mit -gewichtigen ›Tapidaros‹ und mit dem plumpen Ueberzug von Sohlenleder -unaussprechlichen Namens. Ich sagte, ich hätte halb und halb Lust zu -bieten. Darauf sah mich der Mensch mit seinen stechenden Augen an, -als wollte er prüfen, wes Geistes Kind ich sei; doch ließ ich jeden -Verdacht fallen, als er sprach, denn sein Wesen war voll argloser -Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit. - -»Ich kenne dieses Pferd, -- kenne es genau,« sagte er, »Sie sind ein -Fremder dem Anschein nach, und so können Sie vielleicht meinen, es -sei ein amerikanisches Pferd, aber ich versichere Sie, das ist nicht -der Fall. Es ist durchaus nichts dergleichen; es ist -- entschuldigen -Sie, wenn ich leise spreche, es sind noch mehr Leute um den Weg -- es -ist ohne den allermindesten Zweifel ein echter mexikanischer Stöpsel!« -Ich wußte allerdings nicht, was ein echter mexikanischer Stöpsel war, -allein es lag etwas so Besonderes in der Art, wie der Mann das sagte, -daß ich mir im stillen gelobte, ich müsse einen echten mexikanischen -Stöpsel haben, und sollte es mein Leben gelten. »Hat es sonst noch -Vorzüge?« forschte ich mit unsicherer Stimme, indem ich meine Ungeduld -nach Kräften zu bemeistern suchte. - -Er faßte mit einem Finger in die Tasche meines Wollhemdes, zog mich -beiseite und flüsterte mir mit Nachdruck ins Ohr: »Er ist im Bocken -jedem über in ganz Amerika!« - -[Illustration] - -»Zum dritten, zum dritten, zum drittenmal -- vierundzwanzig ein halb -Dollars meine Her--« - -»Siebenundzwanzig!« schrie ich wie toll. - -»Gehört Ihnen!« erklärte der Auktionator, und damit übergab er mir den -echten mexikanischen Stöpsel. - -Ich vermochte kaum meinen Jubel zurückzuhalten, bezahlte das Geld -und stellte das Tier in den benachbarten Mietstall ein, damit es -etwas zu fressen bekomme und sich ausruhe. Am Nachmittag nahm ich das -Geschöpf mit auf die Plaza, wo ein paar Leute es an Kopf und Schwanz -festhielten, während ich aufstieg. Sobald sie losließen, stellte der -Gaul seine vier Füße dicht zusammen, senkte den Rücken und wölbte ihn -dann wieder plötzlich, so daß er mich drei oder vier Fuß hoch in die -Luft hinauf schnellte! Ich kam ganz senkrecht wieder herunter, mitten -in den Sattel, flog aber augenblicklich wieder in die Höhe und wäre -fast auf den hohen Sattelknopf gekommen, schoß dann ein drittesmal -empor und kam jetzt auf den Hals des Gaules zu sitzen -- alles im -Verlauf von drei oder vier Sekunden. Nun bäumte er sich und stand fast -kerzengerade auf den Hinterbeinen, während ich mich verzweifelt an -seinen mageren Hals anklammerte und so in den Sattel zurückrutschte. -Kaum stand er wieder auf allen Vieren, so hob er sofort die Hinterbeine -und stellte sich auf die Vorderbeine, während er mit jenen ausschlug, -als wollte er dem Himmel eins versetzen. Sodann begann er abermals -Flugübungen mit mir anzustellen. Als ich das drittemal emporschnellte, -hörte ich, wie ein Fremder sagte: »O, aber der kann einmal bocken!« - -Ich schwebte noch in der Luft, als jemand dem Gaul einen schallenden -Hieb mit einem Lederriemen gab, und als ich wieder herunterkam, war der -echte mexikanische Stöpsel nicht mehr da. Ein junger Kalifornier jagte -ihm nach, fing ihn ein und fragte, ob er einen Ritt mit ihm machen -dürfe. Ich gestattete ihm diesen Hochgenuß. Er bestieg den Echten und -flog ebenfalls einmal in die Höhe, rannte ihm aber, wie er herunterkam, -die Sporen in die Rippen, worauf der Gaul davonging wie ein Telegramm. -Er schwebte über drei Zäune wie ein Vogel und verschwand auf der Straße -nach dem Washoe-Thal. - -[Illustration] - -Ich ließ mich mit einem Seufzer auf einen Stein nieder und suchte -unwillkürlich mit der einen Hand die Stirn, mit der andern den Magen. -Ich glaube, ich hatte noch nie die Unzulänglichkeit der menschlichen -Maschinerie so gründlich erkannt, -- denn ich hätte mindestens eine -oder zwei Hände mehr haben sollen, um sie noch an andere Stellen halten -zu können. Keine Feder kann beschreiben, wie ich zusammengeschüttelt -war. Keine Einbildungskraft reicht hin, um sich vorzustellen, wie ich -gänzlich aus dem Leim gegangen, innerlich und äußerlich zerrissen, -zerfahren und durch und durch gerüttelt war. Es hatte sich indes eine -teilnehmende Schar um mich gesammelt, und ein Mann von ältlichem -Aussehen spendete mir den Trost: - -»Fremder, Sie sind hereingefallen. Jedermann in diesem Neste kennt -dieses Pferd. Jedes Kind, jeder Indianer hätte Ihnen sagen können, -daß es bocken würde; es ist im Bocken der schlimmste Teufel in ganz -Amerika. Hören Sie, was ich sage. Ich bin Curry, der alte Curry, der -alte Abe Curry. Der Gaul ist ein echter mexikanischer Stöpsel durch -und durch und dazu noch ein ungewöhnlich niederträchtiger. Ei, Sie -Tausendsapperlot, wenn Sie es gescheit angegriffen hätten, so hätten -Sie vielleicht ein amerikanisches Pferd für weit weniger kriegen -können, als Sie für die elende, alte, fremde Krake bezahlt haben.« - -Ich sagte keine Silbe, aber ich nahm mir im stillen vor, falls der -Bruder des Auktionators während meines Aufenthalts im Lande zu Grabe -getragen werden sollte, alle andern Vergnügungen zu verschieben, um -dieses Begräbnis nicht zu versäumen. - -Nach einem Galopp von sechzehn Meilen kamen der kalifornische Jüngling -und der echte mexikanische Stöpsel wieder in die Stadt gejagt. Die -Schaumflocken flogen um sie herum, wie um das Flugwasser, das vor einem -Wirbelsturm dahertreibt. Mit einem letzten Satz, den sie über einen -Schubkarren und einen Chinesen weg machten, warfen sie vor dem Ranch -Anker. - -Dieses Keuchen und Schnauben! Wie die roten Nüstern des Pferdes -arbeiteten und seine wilden Augen blitzten! Aber war der störrische -Gaul etwa geduckt? Nein, wahrhaftig nicht. Seine Herrlichkeit der -›Sprecher des Hauses‹ glaubte das und wollte auf ihm nach dem Kapitol -(Regierungsgebäude) reiten. Allein sogleich machte das Geschöpf einen -Satz über einen Haufen Telegraphenstangen weg, halb so hoch wie eine -Kirche, und den Weg nach dem Kapitol -- eine und dreiviertel Meilen -- -_flog_ es anstatt zu laufen, d. h. es sauste schnurgerade über alles -hinweg, indem es Zäune und Gräben den Krümmungen der Straße vorzog. Als -der Sprecher nach dem Kapitol gelangte, war er weit mehr in der Luft -gewesen, als auf dem Pferderücken und meinte, ihm sei zu Mute, als habe -er die Tour auf einem Kometen gemacht. - -Abends kam der Sprecher zu Fuß nach Hause und ließ den ›Echten‹ hinter -einem Steinwagen angebunden stehen. Tags darauf überließ ich das Tier -dem Sekretär des Hauses zu einem Ritt nach der sechs Meilen entfernten -Silbergrube von Dana; auch er kam (um sich Bewegung zu machen) zu -Fuß zurück und ließ das Pferd angebunden stehen. Ich mochte den Gaul -leihen, wem ich wollte, alle kamen zu Fuß zurück, alle meinten, es -fehle ihnen sonst an der nötigen Bewegung. Trotzdem borgte ich ihn -fortwährend jedem, der ihn haben wollte; ich dachte, wenn der Gaul sich -dabei einen Schaden thäte, könnte ich ihn dem Betreffenden aufhalsen, -oder er bräche das Genick, dann müsse mir der Reiter den Wert ersetzen. -Es passierte ihm jedoch nicht das geringste. Er lieferte Stückchen, -die noch nie ein Pferd geleistet hat, ohne Hals und Bein zu brechen; -aber er kam immer mit heiler Haut davon. Tag für Tag unternahm er -Sachen, die man sonst für unmöglich hielt, setzte aber alles durch. -Manchmal verrechnete er sich allerdings ein klein wenig und brachte -den Reiter in Schaden; aber ihm selbst wurde nie ein Haar gekrümmt. -Natürlich hatte ich längst den Versuch gemacht, ihn zu verkaufen, -doch fand dieses naive Unternehmen sehr wenig Anklang. Vier Tage lang -raste der Auktionator auf ihm in den Straßen auf und ab, wobei er die -Leute auseinanderjagte, den Verkehr störte und Kinder zu Boden ritt, -ohne irgend ein Gebot zu erhalten -- wenigstens kein anderes als die -achtzehn Dollars, die ein von ihm gedungener, notorisch vermögensloser -Bummler bot. Die Leute lachten nur in aller Freundlichkeit, bezwangen -aber ihre Kauflust, falls eine solche überhaupt bei ihnen vorlag. -Darauf behändigte mir der Auktionator seine Rechnung und zog den -Gaul vom Markte zurück. Nun suchten wir denselben aus freier Hand -loszuschlagen, indem wir ihn mit Verlust gegen ausrangierte Grabsteine, -altes Eisen, Mäßigkeitstraktätchen -- kurz gegen irgend welche Ware -in Tausch anboten. Allein die Eigentümer so schöner Sachen waren auf -ihrer Hut und aus dem Geschäft wurde nichts. Nie mehr machte ich den -Versuch, den Gaul zu reiten. Für einen Menschen, wie ich, der nur über -Brüche und andere innere Schäden u. dgl. zu klagen hatte, reichte -das Gehen zur Bewegung vollständig hin. Endlich versuchte ich ihn zu -verschenken, aber auch das verfing nicht. Die Leute meinten, an der -Meeresküste seien die Erdbeben billig genug zu haben, -- sie wollten -sich nicht selber eins anschaffen. Zuletzt verfiel ich darauf, ihn -dem Gouverneur zum Gebrauch für die Brigade anzubieten. Im ersten -Augenblick leuchtete sein Gesicht vor Begier auf, nahm aber bald wieder -einen gleichgültigeren Ausdruck an, -- er meinte, die Sache wäre denn -doch gar zu durchsichtig. - -Gerade um diese Zeit brachte der Inhaber des Mietstalles mir seine -Rechnung für sechswöchige Pflege des Gauls -- Stallraum fünfzehn -Dollars, Heu zweihundertfünfzig! Der echte mexikanische Stöpsel hatte -eine Tonne Heu gefressen, und der Mann behauptete, wenn er ihm den -Willen gelassen hätte, würde er wohl hundert Tonnen aufgefressen haben. - -Ich will hier in allem Ernste bemerken, daß der gewöhnliche Preis des -Heus während dieses und eines Teils des folgenden Jahres wirklich -zweihundertfünfzig Dollars die Tonne betrug. Im vergangenen Jahre hatte -die Tonne bisweilen fünfhundert Dollars in Gold gekostet, und im Winter -vorher war der Artikel so knapp, daß kleine Vorräte gelegentlich -achthundert Dollars die Tonne eingebracht hatten! Die Folgen lassen -sich leicht erraten: Die Leute trieben ihr Vieh hinaus und überließen -es dem Hungertode; noch ehe der Frühling ins Land kam, waren die Thäler -von Carson und Eagle mit den Leichnamen der Tiere förmlich übersäet. -Jeder alte Ansiedler wird dies bestätigen. Ich ermöglichte es, die -Mietstallrechnung zu zahlen, und noch am selben Tage schenkte ich den -›echten mexikanischen Stöpsel‹ einem vorüberziehenden Auswanderer aus -Arkansas. - -[Illustration] - - - - -Viertes Kapitel. - - -Nevada bildete ursprünglich einen Teil von Utah unter dem Namen Carson -County, und es war das eine recht ansehnliche ›Grafschaft‹. In einigen -Thälern gab es Heu in Masse und dies zog ganze Kolonieen mormonischer -Viehzüchter und Farmer dorthin. Von Kalifornien aus kamen auch -vereinzelt kleine Scharen rechtgläubiger Amerikaner herüber, allein -die beiden Klassen von Ansiedlern waren einander nicht sehr hold. Es -herrschte so gut wie gar kein freundlicher Verkehr unter ihnen, jeder -Teil blieb für sich. Die Mormonen waren bedeutend in der Ueberzahl -und genossen außerdem den Vorzug eines besonderen Schutzes von seiten -der mormonischen Regierung des Territoriums. Deshalb konnten sie -sich erlauben, hochmütig, ja selbst gebieterisch gegen ihre Nachbarn -aufzutreten. - -Im Jahre 1858 wurden in Carson County Silberadern entdeckt, und damit -gewannen die Verhältnisse ein anderes Ansehen. Kalifornier strömten -in Scharen herein und das amerikanische Element bildete bald die -Mehrheit. Die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber Brigham Young[3] -und Utah wurde aufgehoben und von den Bürgern eine provisorische -Territorial-Regierung für Washoe eingerichtet. Gouverneur Roop war -der erste und einzige höhere Beamte. Nach Ablauf der erforderlichen -Zeit beschloß der Kongreß die Organisation des ›Territoriums Nevada‹, -worauf Präsident Lincoln den Gouverneur Nye an Roops Stelle schickte. -Um jene Zeit betrug die Bevölkerung des Territoriums ungefähr zwölf- -bis fünfzehntausend Seelen und wuchs mit reißender Schnelligkeit; man -beutete eifrig die Silbergruben aus und errichtete Pochwerke für das -Silbererz; Geschäfte aller Art entstanden und gediehen von Tag zu Tag -mehr. - - [3] Das langjährige Staatsoberhaupt der Mormonen. - -Die Bewohner waren froh, eine gesetzmäßige, geordnete Regierung zu -besitzen; dagegen waren sie nicht besonders erbaut davon, die Gewalt an -Fremde aus weit entlegenen Staaten übertragen zu sehen -- eine höchst -natürliche Empfindung. Sie meinten, man hätte die Beamten aus ihrer -eigenen Mitte wählen sollen -- aus den hervorragenden Bürgern, die sich -ein Recht auf solche Beförderung erworben hätten, die die Gefühle der -Bevölkerung teilten und mit den Bedürfnissen des Territoriums gründlich -vertraut wären. Dieser Gesichtspunkt war zweifellos völlig berechtigt. -Ueberdies waren die neuen Beamten ›Auswanderer‹, und schon deshalb -brachte man ihnen von keiner Seite Liebe und Hochachtung entgegen. -Die neue Regierung wurde also mit beträchtlicher Kälte aufgenommen, -sie kam nicht nur als fremder Eindringling, sondern war auch außerdem -arm. Es verlohnte sich nicht einmal, sie zu rupfen -- höchstens für -die elendesten der kleinen Aemterhascher und Stellenjäger. Jedermann -wußte, daß der Kongreß nur zwanzigtausend Papier-Dollars jährlich -für ihren Unterhalt ausgesetzt hatte -- ungefähr gerade genug, um -ein Quarz-Pochwerk einen Monat lang in Betrieb zu erhalten. Auch war -allgemein bekannt, daß das Geld für das erste Jahr noch in Washington -lag und daß es lange dauern und manche Schwierigkeit machen werde, bis -man es zu sehen bekäme. Carson City war zu unliebenswürdig und zu klug, -um dem fremden Wechselbalg etwa mit unschicklicher Hast ein Konto zu -eröffnen. - -Es liegt etwas Tragikomisches in den Kämpfen, unter denen eine -neugeborene Territorial-Regierung sich ihren Platz in dieser -Welt erobert; die unsrige hatte einen sehr schweren Stand. Das -Organisations-Gesetz und die Instruktionen des Staatsdepartements -schrieben vor, daß binnen der und der Zeit eine gesetzgebende -Versammlung gewählt und deren Sitzungen an dem und dem Tag eröffnet -werden sollten. Gesetzgeber zu bekommen war nicht schwer, selbst für -drei Dollars Taggeld, obwohl Kost und Wohnung fünftehalb Dollars -betrug, denn Würde und Ansehen haben in Nevada ihren Reiz so gut wie -anderswo, und es gab eine Menge beschäftigungsloser patriotischer -Seelen; aber eine Halle für die Versammlungen zu beschaffen, das -war nicht so leicht geschehen. Carson lehnte höflich ab, einen Saal -mietfrei herzugeben oder der Regierung auf Kredit zu überlassen. Als -jedoch Curry von der Schwierigkeit hörte, trat er ganz allein vor, nahm -das Staatsschiff auf seine Schultern, trug es über die Sandbank und -machte es wieder flott. Ich meine unsern Curry -- den _alten_ Curry -- -den alten _Abe_ Curry. Ohne ihn hätte die Gesetzgebung ihre Sitzungen -in der Wüste abhalten müssen. Er bot sein großes, massives Gebäude, -dicht neben der Stadtgrenze, mietfrei an, was freudig angenommen wurde. -Dann baute er eine Pferdebahn von der Stadt nach dem Kapitol, auf der -er die Gesetzgeber gratis beförderte. Ferner lieferte er fichtene Bänke -und Stühle für dieselben und ließ die Fußböden mit Sägspänen belegen, -welche Teppich und Spucknapf zugleich vorstellten. Ohne Curry wäre -die Regierung in den Windeln gestorben. Zur Trennung des Senats vom -Repräsentantenhaus ließ der Sekretär eine Zwischenwand von Sackleinwand -beschaffen, welche drei Dollars und vierzig Cents kostete; allein die -Vereinigten Staaten lehnten deren Bezahlung ab. Auf den Einwurf, daß -ja die ›Instruktionen‹ die Bezahlung eines reichlichen Mietpreises für -einen Versammlungssaal gestatten, und daß Herrn Currys Freigebigkeit -dem Vaterland diese Summe erspart habe, erklärten die Vereinigten -Staaten, das ändere nichts an der Sache; die drei Dollars und vierzig -Cents würden an dem Sekretärs-Gehalt von achtzehnhundert Dollars in -Abzug gebracht werden -- und so geschah es auch! - -Eine der Hauptschwierigkeiten, mit welchen die neue Regierung -anfänglich zu kämpfen hatte, bildeten die Drucksachen. Der Sekretär war -eidlich zur Befolgung seiner geschriebenen Instruktionen verpflichtet, -welche zwei Dinge mit unfehlbarer Bestimmtheit von ihm verlangten, -nämlich: - -1. Die täglichen Berichte über die Verhandlungen beider Häuser drucken -zu lassen und - -2. bei dieser Arbeit für den Satz anderthalb Dollars pro Tausend und -für den Druck anderthalb Dollars pro Ries in Staatsnoten zu zahlen. - -Es war keine Kunst, zu schwören, daß man diesen beiden Vorschriften -nachkommen wolle, aber mehr als eine derselben wirklich auszuführen, -war völlig unmöglich. Als die Staatsnoten bis auf vierzig Cents für den -Dollar gefallen waren, forderten die Druckereien allerdings anderthalb -Dollars für das Tausend und ebensoviel für das Ries, aber in _Gold_. -Laut seiner Instruktion hatte der Sekretär aber einen von der Regierung -ausgegebenen Papierdollar jedem anderen von ihr ausgegebenen Dollar -gleich zu achten. Der Druck der Berichte wurde deshalb abgebrochen. -Daraufhin erteilten die Vereinigten Staaten dem Sekretär eine ernste -Rüge wegen Nichtbeachtung seiner Instruktionen und ermahnten ihn, -bessere Wege zu wandeln. Er ließ deshalb einiges drucken und schickte -die Rechnung nach Washington unter genauer Auseinandersetzung der -hohen Preise im Territorium und machte dabei besonders auf einen -gedruckten Marktbericht aufmerksam, woraus man ersehen möge, daß sogar -die Tonne Heu zweihundertfünfzig Dollars koste. Hierauf antworteten -die Vereinigten Staaten damit, daß sie die Drucksachen-Rechnung von -dem unglücklichen Sekretärs-Gehalt abzogen, wobei sie außerdem mit -würdevollem Ernst beifügten, er werde in seinen Instruktionen vergebens -nach einer Anweisung suchen, Heu zu kaufen! - -Auf der ganzen Welt ist nichts in eine so undurchdringliche Finsternis -gehüllt, wie der Verstand eines Kontrolleurs im Schatzamt der -Vereinigten Staaten. Selbst die Feuerflammen des Jenseits vermöchten -kaum einen matten Schimmer in seinem Hirn zu verbreiten. Damals -war nichts imstande, ihm begreiflich zu machen, wie es kam, daß -zwanzigtausend Dollars in Nevada, wo alle Waren ungeheuer hoch im -Preise standen, nicht soweit reichten wie in den anderen Territorien, -wo in der Regel eine außerordentliche Billigkeit herrschte. Er war -ein Beamter, der stets nur sein Augenmerk auf die kleinen Ausgaben -richtete. Wie oben bereits bemerkt, benützte der Sekretär des -Territoriums seine Schlafstube als Amtszimmer und rechnete dem -Staat dafür keinen Mietzins an, obwohl dies in seinen Instruktionen -vorgesehen war und er ganz gut seinen Vorteil daraus hätte ziehen -können (was ich augenblicklich gethan haben würde, wäre ich selbst -Sekretär gewesen.) Allein die Vereinigten Staaten zollten dieser -Hingebung niemals Anerkennung. Ich muß wirklich annehmen, mein -Vaterland habe sich geschämt, einen Menschen in seinem Dienst zu haben, -der sich so wenig auf seinen Vorteil verstand. Diese oft erwähnten -›Instruktionen‹ (wir lasen gewöhnlich ein Kapitel daraus jeden Morgen -als geistige Turnübung und am Sabbat in der Sonntagsschule ein paar -Kapitel, denn sie beschäftigten sich mit allem möglichen unter der -Sonne und enthielten neben anderem statistischen Material auch viele -höchst schätzbare Abschnitte religiösen Inhalts) schrieben vor, daß -den Mitgliedern der Gesetzgebung Federmesser, Briefcouverts, Federn -und Schreibpapier geliefert werden sollten. Der Sekretär schaffte -daher diese Artikel an und besorgte deren Verteilung. Die Federmesser -kosteten drei Dollars das Stück. Da eines zu viel da war, so gab der -Sekretär dasselbe dem Schriftführer des Repräsentantenhauses. Die -Vereinigten Staaten bemerkten hierauf, der Schriftführer sei kein -›Mitglied‹ des Hauses und zogen die drei Dollars nach Gewohnheit dem -Sekretär am Gehalt ab. - -Ein Weißer berechnete für das Kleinmachen einer Ladung Brennholz drei -bis vier Dollars; der Sekretär war so scharfsinnig, sich zu sagen, -daß die Vereinigten Staaten nimmermehr soviel dafür zahlen würden; er -ließ daher eine Ladung Bureauholz von einem Indianer für anderthalb -Dollars klein machen. Er fertigte die übliche Quittung dafür aus, -aber ohne Unterschrift; statt dessen fügte er einfach die Bemerkung -bei, ein Indianer habe die Arbeit besorgt, und zwar ganz gut und -zufriedenstellend; derselbe habe aber in Ermangelung der erforderlichen -Kenntnisse die Quittung nicht unterschreiben können. Der Sekretär -durfte die anderthalb Dollars bezahlen. Er hatte gemeint, vom Staate -Anerkennung für seine Sparsamkeit und Ehrlichkeit zu ernten, weil -er die Arbeit zum halben Preis besorgen ließ und keine angebliche -Unterschrift des Indianers auf die Quittung setzte. Allein man sah die -Sache in einem andern Lichte an. Man war bei der Regierung zu sehr -daran gewöhnt, in allen denkbaren, öffentlichen Stellungen Dollarsdiebe -zu haben, um der Erklärung auf der Quittung den geringsten Glauben -beizumessen. Das nächstemal dagegen, als der Indianer Holz für uns -hackte, lehrte ich ihn, am Ende der Quittung ein Kreuz zu machen. -Das Zeichen stand so wacklig auf den Beinen, als wäre es ein Jahr -lang betrunken gewesen, ich ›bezeugte‹ es jedoch, und nun ging es -ganz ordnungsmäßig durch. Die Vereinigten Staaten sagten kein Wort -darüber. Ich bedauerte bloß, daß ich die Quittung nicht gleich für -tausend Ladungen Holz ausgestellt hatte anstatt für eine einzige. In -meinem Vaterlande teilt die Regierung an die ehrliche Einfalt Rüffel -aus, während sie die geriebene Schurkenhaftigkeit hätschelt, und ich -glaube wirklich, ich würde mich zu einem ganz geschickten Spitzbuben -entwickelt haben, wäre ich ein oder zwei Jahre im Staatsdienste -verblieben. - -Es war eine nette Vereinigung von Souveränen, diese erste gesetzgebende -Versammlung Nevadas. Sie legten Steuern auf bis zum Betrag von dreißig- -oder vierzigtausend Dollars und bewilligten Ausgaben im Belauf von fast -einer Million. Und doch hatten sie, wie alle andern Körperschaften -dieser Art, ihre zeitweiligen kleinen Anwandlungen von Sparsamkeit. -Ein Mitglied schlug vor, durch Abschaffung des Kaplans der Nation drei -Dollars täglich zu ersparen. Und doch brauchte dieser kurzsichtige -Mann den Kaplan nötiger als irgend ein anderer, denn während des -Morgengebetes hatte er meist seine Füße auf dem Pult und verzehrte rote -Rüben. - -Zwei Monate tagte die Versammlung und erteilte die ganze Zeit nichts -als Konzessionen zur Anlegung von Chausseen und Erhebung von Wegegeld. -Als sie auseinanderging, schätzte man, daß wohl auf jeden Bürger drei -solche Konzessionen kämen. Und man bezweifelte, ob, falls der Kongreß -dem Territorium nicht noch einen Längengrad zulegen würde, Platz genug -für die Unterbringung aller der Straßen vorhanden sein werde, deren -Enden allenthalben wie Fransen über die Grenzlinie hinaushingen. - -Das Frachtgeschäft hatte bald einen so gewaltigen Umfang angenommen, -daß über plötzlich erworbenes Vermögen in Chausseen beinahe dieselbe -Aufregung herrschte, wie über die wunderbar reichen Silberminen. - - - - -Fünftes Kapitel. - - -Nach und nach bekam ich auch das Silberfieber. Mutungsgesellschaften -brachen Tag für Tag nach den Bergen auf, wo sie reiche, silberführende -Adern und Quarzlager entdeckten und in Besitz nahmen. Das war ja -ganz offenbar der Weg zum Glück. In der großen Grube ›Gould and -Curry‹ galt zur Zeit unseres Eintreffens der Quadratfuß drei- oder -vierhundert Dollars; zwei Monate darauf war er auf achthundert Dollars -gestiegen; die ›Ophir-Grube‹ war das Jahr zuvor kaum eine Kleinigkeit -wert gewesen, und jetzt wurde dort der Fuß mit nahezu viertausend -Dollars bezahlt. Es ließ sich keine Grube nennen, die nicht in kurzer -Zeit erstaunlich im Wert gestiegen wäre. Alle Welt sprach von diesen -Wunderdingen. Man mochte kommen wohin man wollte, vom frühen Morgen -bis spät in die Nacht hinein hörte man nichts anderes. Tom so und so -hatte von der ›Amanda Smith‹ ein Stück für 40000 Dollars verkauft -- -und hatte nicht einen Cent besessen, als er vor sechs Monaten die -Schicht in Angriff nahm. John Jones hatte die Hälfte seines Anteils -an der Grube ›Bald Eagle und Mary Ann‹ für 65,000 Dollars verkauft -und war nun nach den Staaten gereist, um seine Familie zu holen. Die -Witwe Brewster war in der Grube ›Golden Fleece‹ auf reichhaltiges Erz -gestoßen und hatte zehn Fuß für 18000 Dollars verkauft -- und doch war -sie im letzten Frühjahr, als Sing-Sing-Tommy ihren Mann umbrachte, -nicht einmal imstande gewesen, sich einen Krepphut anzuschaffen. Die -Besitzer der Grube ›Last Chance‹ hatten eine ›Lehmscheide‹ gefunden und -wußten, daß sie einer Silberschicht auf der Spur waren, so daß ein Fuß -davon, der gestern noch ein Spottgeld wert war, heute den Wert eines -Backsteinhauses hatte. Schäbige Anteilbesitzer, denen man gestern im -ganzen Lande nirgends einen Schnaps geborgt hätte, brüllten heute im -Champagnerrausch und sahen sich von Schwärmen warmer Freunde umgeben -in einer Stadt, wo sie aus jahrelangem Mangel an Uebung nicht mehr -gewußt hatten, wie man es macht, jemand zu grüßen oder ihm die Hand zu -schütteln. Johnny Morgan, ein gemeiner Landstreicher, war eines Morgens -in der Gosse mit 100,000 Dollars Vermögen aufgewacht, und zwar infolge -der Entscheidung eines Prozesses über die Grube ›Lady Franklin and -Rough and Ready.‹ Dergleichen Nachrichten tönten uns Tag aus Tag ein -immer lauter in den Ohren, und immer höher loderte die Aufregung rings -um uns empor. - -[Illustration] - -Ich hätte gar kein Mensch sein müssen, um nicht auch toll zu werden -wie die andern. Tag für Tag kamen ganze Karrenladungen von gediegenen -Silberbarren aus den Pochwerken herein, ein Anblick, der bewies, daß -das tolle Gerede um mich her nicht aus der Luft gegriffen war. Ich -glaubte daran und wurde einer der allertollsten. - -Alle paar Tage traf die Kunde von der Entdeckung einer nagelneuen -Bergwerksregion ein. Sofort wimmelte es in den Zeitungen von -Berichten über ihren Reichtum, und die ganze überschüssige Bevölkerung -stürzte fort, um davon Besitz zu nehmen. Die Krankheit steckte mir -jetzt gehörig in den Knochen; eben noch hatte der Zulauf der Grube -›Esmeralda‹ gegolten, und nun fing ›Humboldt‹ an, mit lautem Geschrei -die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Humboldt, Humboldt! so hieß -jetzt das Losungswort, und unverzüglich füllte ›Humboldt‹, die neueste -von den neuen, die reichste von den reichen, die wunderbarste von -den wunderbaren Entdeckungen im Silbergebiet, zwei Spalten in den -Tagesblättern, während ›Esmeralda‹ sich mit einer begnügen mußte. -Ich war eben im Begriffe gewesen, nach der ›Esmeralda‹ aufzubrechen, -ließ mich aber von der Strömung ablenken und machte mich nun nach dem -›Humboldt‹ fertig. - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Jetzt hieß es flink sein! Wir verloren denn auch keine Zeit. Unsere -Gesellschaft bestand aus vier Personen: einem sechzigjährigen -Grobschmied, zwei jungen Advokaten und meiner Wenigkeit. Nachdem -wir einen Wagen und zwei elende, alte Gäule gekauft, luden wir -achtzehnhundert Pfund Lebensmittel, sowie unsere Bergmannsgeräte auf -und fuhren an einem kalten Dezembernachmittage von Carson City ab. Die -Pferde waren so alt und schwach, daß wir bald herausgefunden hatten, -es würde wohl besser sein, wenn einer oder zwei von uns ausstiegen und -den Weg zu Fuß fortsetzten. Es ging auch besser. Bald aber fanden wir, -daß es noch besser sein werde, wenn auch ein dritter ausstiege. So war -es denn auch. Ich hatte freiwillig das Amt des Fuhrmannes übernommen, -obwohl ich vorher noch nie mit einem angeschirrten Pferde gefahren -war und mancher in solcher Lage sich gerne hierauf berufen hätte, um -eine derartige Verantwortlichkeit abzulehnen. Allein nach einer kurzen -Weile ergab es sich, daß es wohl ratsam wäre, wenn auch der Fuhrmann -ausstiege und zu Fuß ginge. Damit verzichtete ich auf diese Stellung, -zu der ich nie wieder gelangen sollte. Noch vor Ablauf einer Stunde -fanden wir, daß es nicht nur besser, sondern unbedingt notwendig war, -immer abwechselnd zu zweien den Wagen von hinten durch den Sand zu -schieben, so daß die schwachen Pferde kaum noch etwas zu thun hatten, -als die Zunge nicht heraushängen zu lassen und nicht zwischen die Räder -zu kommen. Es hat vielleicht sein Gutes, wenn man von Anfang an weiß, -was einem bevorsteht und sich mit seinem Schicksal versöhnen kann. Wir -hatten das unsrige an einem einzigen Nachmittag kennen gelernt. Es war -klar, daß wir zweihundert Meilen weit durch den Sand waten würden und -den Wagen samt den Pferden vorwärts schieben müßten. So fügten wir uns -denn in die Umstände, und mit dem Fahren war es aus. - -[Illustration] - -Nach einem Weg von sieben Meilen lagerten wir uns in der Wüste. Der -junge Clagett, jetzt Mitglied des Kongresses für Montana, schirrte -die Pferde aus, fütterte und tränkte sie; Oliphant und ich schnitten -Salbeiholz, machten Feuer und holten Wasser zum Kochen, und der alte -Herr Ballou besorgte das Kochen selbst. Diese Teilung der Arbeit und -diese Bestimmung der Dienstleistungen für jeden einzelnen hielten wir -während der ganzen Reise fest. Da wir kein Zelt hatten, schliefen wir -in der freien Ebene unter unseren Decken. Die Ermüdung verschaffte uns -festen Schlaf. - -Wir brauchten zu der Reise von zweihundert Meilen fünfzehn Tage, oder -vielmehr eigentlich nur dreizehn, denn einmal hielten wir irgendwo zwei -Tage an, um die Pferde ausruhen zu lassen. Hätten wir diese hinten -am Wagen angebunden, so würden wir sicherlich den Weg in zehn Tagen -zurückgelegt haben; allein wir dachten daran erst, als es zu spät -war, und schoben den Wagen samt den Pferden immer weiter, während wir -uns die halbe Mühe hätten ersparen können. Leute, die uns begegneten, -rieten uns, gelegentlich die Pferde in den Wagen zu setzen, allein -Herr Ballou, durch dessen eisengepanzerten Ernst kein spitziges Wort -durchdrang, meinte, das würde nicht gehen, die Lebensmittel würden -in Gefahr kommen, weil die Pferde von langer Entbehrung ›bituminös‹ -geworden seien. Der Leser wird mich entschuldigen, wenn ich dies -nicht übersetze. Was Herr Ballou meinte, wenn er ein langes Wort -gebrauchte, blieb allemal ein Geheimnis zwischen ihm und seinem -Schöpfer. Er war einer der besten, gutmütigsten Menschen, die je eine -niedere Lebenssphäre zierten -- die Sanftmut und Einfalt selbst, und -die Uneigennützigkeit ebenfalls. Obwohl mehr als zweimal so alt als -der älteste von uns andern, that er doch deshalb niemals wichtig -und verlangte niemals ein Vorrecht oder eine Ausnahmestellung. Er -verrichtete dieselbe Arbeit wie ein junger Mann und leistete seinen -Teil an der Unterhaltung von dem allgemeinen Standpunkte jeden Alters -aus, nicht von der anmaßenden, Ehrfurcht heischenden Gipfelhöhe von -sechzig Jahren. Die einzige auffallende Eigentümlichkeit an ihm war -seine Vorliebe für lange Wörter, die er um ihrer selbst willen liebte -und gebrauchte, ganz unbekümmert um ihre Beziehung zu dem Gedanken, den -er auszudrücken beabsichtigte. Stets ließ er seine gewichtigen Silben -mit behaglicher Unkenntnis ihrer Bedeutung fallen, so daß dieselben -niemals etwas Anstößiges haben konnten. Dabei war sein Benehmen so -natürlich und einfach, daß man immer wieder in Versuchung geriet, in -seinen großartigen Phrasen einen Inhalt zu suchen, während sie wirklich -ganz und gar nichts bedeuteten. War ein Wort recht lang, großartig und -vollklingend, so reichte dies hin, ihm die Liebe des alten Mannes zu -gewinnen; er ließ es dann in seinen Reden irgendwo an der möglichst -unpassendsten Stelle einfließen und freute sich daran, als hätte er die -tiefsinnigste Wahrheit ausgesprochen. - -Wir breiteten immer alle vier unsern ganzen Vorrat an Decken zusammen -auf dem gefrorenen Boden aus und legten uns Seite an Seite schlafen. -Da Oliphant einsah, daß unser dummer, hochbeiniger Hund viel tierische -Wärme in sich habe, ließ er ihn zwischen sich und Herrn Ballou mit ins -Bett kriechen und zog den warmen Rücken des Hundes an seine Brust, was -er höchst behaglich fand. Aber während der Nacht fing der Köter an -sich zu strecken und sich unter wohlgefälligem Knurren gegen Ballous -Rücken zu stemmen und ihn fortzuschieben. Wenn er sich recht warm und -gemütlich fühlte, trommelte er wohl auch im Uebermaß des Wohlgefühls -voll Dankbarkeit und Glück dem Alten mit den Pfoten auf dem Rücken -herum; ein andermal, wenn er von der Jagd träumte, zerrte er den alten -Mann hinten an den Haaren und bellte ihm ins Ohr. Ballou beklagte sich -zuletzt sehr sanftmütig über diese Beweise von Zuthunlichkeit und -schloß seinen Vortrag mit der Bemerkung, so ein Hund sei kein Tier, -das zu müden Leuten ins Bett passe, denn er sei ›meretriciös in seinen -Bewegungen‹ und zu ›organisch in seinen Gefühlen‹. Wir warfen den Hund -hinaus. - -Es war eine harte, mühselige Reise, die aber trotzdem ihre Lichtseite -hatte, denn wenn nach Tagesschluß unser Wolfshunger mit einem warmen -Mahl von gebratenem Speck, Brot, Syrup und schwarzem Kaffee gestillt -war, fanden wir bei einer Pfeife, ein paar Liedern und Geschichten am -abendlichen Lagerfeuer, in der stillen Einsamkeit der Wüste eine frohe, -sorgenfreie Erholung, welche uns als der höchste Gipfel irdischer -Seligkeit erschien. Eine solche Lebensweise übt auf alle Menschen einen -mächtigen Zauber aus, gleichviel, ob sie aus der Stadt oder vom Lande -stammen. Wir sind die Abkömmlinge wüstendurchziehender Araber, und -endlose Zeiträume stetig fortschreitender Kulturentwicklung waren nicht -imstande, den Wandertrieb in uns auszurotten. Niemand von uns wird -leugnen, daß ihn bei dem Gedanken an ein Nachtlager draußen im Freien -stets ein Wonnegefühl durchbebt. Einmal wanderten wir fünfundzwanzig -Meilen an einem Tag und ein andermal in der großen amerikanischen -Wüste vierzig Meilen und dann noch einmal zehn, mithin im ganzen -fünfzig, innerhalb dreiundzwanzig Stunden, ohne uns Zeit zum Essen, -Trinken oder Ausruhen zu gönnen. Wenn man einen Wagen samt zwei Pferden -fünfzig Meilen weit geschoben hat, ist es ein solcher Hochgenuß sich -auszustrecken und dem Schlafe zu überlassen, wäre es auch auf steinigem -und gefrorenem Boden, daß einem die Wonne für den Augenblick nicht zu -teuer erkauft scheint. - -Wir lagerten zwei Tage in der Nähe des Sees, in welchem sich der -Humboldtfluß verliert. Unsere Versuche, das stark alkalische Wasser -des Sees zu benutzen, fielen höchst kläglich aus. Es hinterließ -einen bitteren, ganz abscheulichen Geschmack im Munde und ein höchst -unangenehmes Brennen im Magen; es war, als tränke man starke Lauge. -Wir thaten Syrup hinein, aber das machte es nur ganz wenig besser. Wir -fügten eine Essiggurke hinzu, aber das Alkali schmeckte vor, und so war -es zum Trinken nicht zu brauchen. Kaffee von diesem Wasser war das -niederträchtigste Gebräu, das ein Mensch je erfunden hat. Er schmeckte -wirklich noch abscheulicher als das unverbesserte Wasser selbst. Herr -Ballou, der das Getränk gebraut hatte, fühlte sich verpflichtet, es -herauszustreichen und zu verteidigen und trank deshalb in kleinen -Schlückchen eine halbe Tasse davon aus, wobei er es fertig brachte, -ihm eine zeitlang ein schwaches Lob zu singen; schließlich aber -schüttete er den Rest weg und erklärte offen und frei, der Kaffee sei -›zu technisch‹. Bald nachher fanden wir eine Quelle mit brauchbarem, -frischem Wasser, worauf wir uns ohne weitere Verdrießlichkeiten und -Störungen zur Ruhe legten. - - - - -Siebentes Kapitel. - - -Vom See aus reisten wir eine kurze Strecke den Humboldtfluß entlang. -Leute, die an den riesig breiten Mississippi gewöhnt sind, gewöhnen -sich auch allmählich daran, mit dem Wort ›Fluß‹ den Begriff großartiger -Wasserfülle zu verbinden. Infolgedessen fühlen sich solche Leute recht -enttäuscht, wenn sie am Ufer des Carson oder Humboldt stehen und -finden, daß ein Fluß in Nevada ein kränkliches Bächlein ist, das in -allen Punkten ein Seitenstück zum Eriekanal bildet, nur daß der Kanal -zweimal so lang und viermal so tief ist. Es ist eine der angenehmsten -und gesündesten Leibesübungen, am Humboldtfluß entlang zu laufen, so -lange hinüber und herüber zu springen, bis man tüchtig erhitzt ist, und -ihn dann trocken zu trinken. - -Am fünfzehnten Tage hatten wir den zweihundert Meilen langen Marsch -vollendet und hielten bei heftigem Schneesturm unsern Einzug in -Unionville. Die ›Stadt‹ bestand aus elf Hütten und einem Freiheitsbaum. -Sechs von den Hütten standen in einer Reihe am Rande einer tiefen -Schlucht, und die andern fünf ihnen gerade gegenüber. Auf beiden Seiten -der Schlucht stiegen öde Bergwälle so hoch zum Himmel empor, daß das -Dörfchen gleichsam tief unten auf dem Grund einer Erdspalte lag. Es -war auf der Höhe dieser Berge immer schon lange Tag, bevor unten die -Dunkelheit wich und Unionville sichtbar wurde. - -Wir bauten uns eine kleine, rohe Hütte in der Erdspalte und deckten -dieselbe mit Sackleinwand; eine Ecke ließen wir für den Abzug des -Rauches offen, allein des Nachts purzelte gelegentlich das Vieh dort -herein, so daß unser Hausgeräte Schaden litt und wir im Schlafe gestört -wurden. Es war sehr kalt und Brennholz nur spärlich vorhanden. Indianer -schleppten Gestrüpp und Buschholz mehrere Meilen weit auf dem Rücken -herbei; konnten wir einen solchen beladenen Indianer fangen, so war es -gut; konnten wir keinen fangen, -- dies war übrigens die Regel, nicht -die Ausnahme -- so froren wir eben und fügten uns darein. - -[Illustration] - -Ich gestehe ohne Beschämung, daß ich erwartet hatte, das Silber werde -allenthalben massenhaft auf dem Boden herumliegen und man könne es auf -den Berggipfeln in der Sonne blinken sehen. Natürlich sagte ich nichts -davon, denn ein inneres Gefühl flüsterte mir zu, ich könne doch am Ende -eine übertriebene Vorstellung von der Sache haben und mich, wenn ich -meine Gedanken verriete, lächerlich machen. Doch zweifelte ich nicht im -geringsten, daß ich binnen einem oder zwei Tagen, spätestens in einer -Woche, Silber genug auflesen werde, um ganz hübsch reich zu sein -- und -so beschäftigte sich meine Einbildungskraft bereits eifrig mit Plänen -zur Verwendung des Geldes. Bei der ersten schicklichen Gelegenheit -schlenderte ich sorglos von der Hütte weg, behielt aber die andern -Jungen im Auge, und wenn ich dann meinte, sie beobachteten mich, blieb -ich stehen und betrachtete den Himmel; sobald jedoch niemand da war -oder acht gab, floh ich von dannen, als hätte ich einen Diebstahl auf -dem Gewissen und hielt in meinem Lauf nicht eher inne, als bis ich -weit außer Gesichts- und Rufweite war. Dann ging ich ans Suchen in -fieberhafter Aufregung, denn ich war voll gespannter Erwartung und -meiner Sache fast ganz sicher. Ich kroch auf dem Boden umher, hob -Steinbrocken auf und untersuchte sie, indem ich den Staub abblies oder -sie an meinen Kleidern rieb und mit hoffnungsvoller Gier musterte. -Nicht lange, so fand ich einen glänzenden Brocken, und mir hüpfte das -Herz. Hinter einem Felsblock versteckt polierte und prüfte ich ihn -mit nervöser Hast und einem Entzücken, welches selbst bei Erfüllung -aller meiner Hoffnungen nicht ganz berechtigt gewesen wäre. Je genauer -ich meinen Brocken untersuchte, desto fester war ich überzeugt, den -Weg zum Glück gefunden zu haben. Ich bezeichnete mir den Ort und nahm -meine Probe mit. Auf und nieder suchte ich die zerklüftete Bergflanke -ab mit immer regerem Interesse und immer mehr von Dankbarkeit -durchdrungen, daß ich nach dem ›Humboldt‹ gekommen war und zwar zu -rechter Zeit. Dieses heimliche Suchen nach den verborgenen Schätzen des -Silberlandes versetzte mich in die höchste Verzückung, die ich je im -Leben empfunden. Es war ein wahrer Taumel schwelgerischen Genusses. -Nicht lange nachher entdeckte ich im Bett eines seichten Baches einen -Bodensatz glänzend gelber Schuppen. Mir blieb fast der Atem aus. Eine -Goldgrube! Und ich war in meiner Einfalt mit Silber zufrieden gewesen! -Vor Aufregung glaubte ich fast, meine überzeugte Einbildungskraft -täusche mich. Dann packte mich die Furcht, man könnte mich beobachten -und mein Geheimnis erraten. Vorsichtig ging ich im Kreis um die -Stelle herum und stieg spähend auf einen Hügel. Ich war allein. Kein -lebendes Wesen weit und breit. Nun kehrte ich zu meinem Fundort zurück, -indem ich mich gegen eine mögliche Enttäuschung wappnete; aber meine -Befürchtung war unbegründet -- die glänzenden Schuppen waren noch immer -da. Ich machte mich daran, sie auszuschöpfen; eine Stunde lang plagte -ich mich an den Windungen des Baches hinab und plünderte sein Bett, bis -die sinkende Sonne dem weiteren Suchen ein Ende machte, und ich mich -beladen mit Schätzen heimwärts wandte. Als ich so dahinschritt, konnte -ich mich nicht enthalten, meine Aufregung über den Brocken Silbererz zu -belächeln, da doch ein edleres Metall mir schier vor der Nase lag. In -dieser kurzen Zeit war das erstere in meiner Achtung so tief gesunken, -daß ich ein- oder zweimal auf dem Punkte stand, es wegzuwerfen. - -Während die Jungen ihren gewöhnlichen Hunger entwickelten, konnte ich -nichts essen. Auch reden konnte ich nicht. Ich weilte im Land der -Träume in weiter Ferne. Ihre Unterhaltung war für meine Phantasie etwas -störend und ärgerte mich gewissermaßen. Ich verachtete die lumpigen -und alltäglichen Dinge, von denen sie schwatzten. Allmählich fing das -Gerede aber an, mir Spaß zu machen. Es hatte einen eigenen, komischen -Reiz, ihnen zuzuhören, wie sie über ihre ärmlichen, kleinen Ersparnisse -Pläne machten und über mögliche Verluste und Verlegenheiten seufzten, -während doch eine Goldgrube dicht vor der Hütte lag, die unser volles -Eigentum war und die ich ihnen nur zu zeigen brauchte. Die unterdrückte -Heiterkeit begann mir bald das Herz abzudrücken. Es war nicht leicht, -dem Antrieb zu widerstehen, in hellem Jubel loszuplatzen und alles zu -offenbaren, aber ich widerstand. Ich nahm mir vor, die große Neuigkeit -gelassen durch meine Lippen träufeln zu lassen, dabei so ruhig und -heiter auszusehen wie ein Sommermorgen, und die Wirkung auf ihren -Gesichtern zu beobachten. - -Ich fragte: »Wo seid ihr alle gewesen?« - -»›Muten‹ gegangen.« - -»Was habt ihr gefunden?« - -»Nichts.« - -»Nichts? Was haltet ihr von der Gegend?« - -»Kann’s jetzt noch nicht sagen,« erwiderte Herr Ballou, der ein alter -Goldgräber war und auch in Silbergruben beträchtliche Erfahrungen besaß. - -»Nun, haben Sie sich denn nicht irgend eine Art Meinung gebildet?« - -»Ja, gewissermaßen schon. Es scheint freilich nicht übel hier, aber -man hat die Sache überschätzt. Siebentausend-Dollars-Lager sind wohl -selten. Die Sheba-Grube mag immerhin reich sein, aber sie gehört uns -nicht, und überdies ist das Gestein so voll von schlechten Metallen, -daß alle Wissenschaft der Welt nichts damit anfangen kann. Wir werden -hier nicht verhungern, aber ich fürchte, wir werden auch nicht reich -werden.« - -»Sie halten also die Aussicht für ziemlich gering?« - -»So ist’s.« - -»Nun, dann thäten wir wohl besser daran, heim zu gehen, nicht wahr?« - -»O, jetzt noch nicht -- natürlich. Wir wollen’s doch zuerst noch ein -bißchen versuchen.« - -»Setzen wir einmal den Fall -- es ist eine bloße Annahme -- wißt ihr --- setzen wir einmal den Fall, ihr könntet ein Lager finden, welches, -sagen wir hundertfünfzig Dollars per Tonne gäbe -- würde euch das -genügen?« - -»Probieren Sie’s mal mit uns!« schrie die ganze Gesellschaft. - -»Oder nehmen wir an -- selbstverständlich wiederum eine Vermutung -- -nehmen wir an, wir fänden eine Ader, wo die Tonne zweitausend Dollars -Ausbeute giebt -- würde euch _das_ genügen?« - -»Halt -- was meinen Sie? Auf was steuern Sie los? Steckt ein Geheimnis -hinter dem allem?« - -»Erhitzt euch nicht. Ich sage gar nichts. Ihr wißt ja ganz genau, daß -es hier keine reichen Gruben giebt -- natürlich, denn ihr seid ja -überall herumgestreift und habt gesucht. Das wäre jedem klar, wenn er -sich hier umgesehen hätte. Gesetzt den Fall nun, es käme einer und -spräche: ›Ach was, eine Zweitausend-Dollars-Ader ist doch rein gar -nichts, wo doch gleich da drüben, angesichts dieser Hütte ganze Haufen -von gediegenem Gold und Silber liegen -- ganze Berge davon, genug, um -euch alle in vierundzwanzig Stunden zu reichen Leuten zu machen.‹ Na, -was würdet ihr dazu sagen?« - -»Ich würde sagen, der ist so verrückt wie ein Tollhäusler!« sagte der -alte Ballou, der aber trotzdem vor Erregung ganz wild wurde. - -»Meine Herren!« versetzte ich, »ich sage gar nichts -- _ich_ bin ja -nicht herum gewesen, wie Sie wissen, und weiß deshalb natürlich nichts --- aber ich bitte nur um das eine, werfen Sie einmal einen Blick auf -das hier zum Beispiel und sagen Sie mir, was Sie davon halten!« Damit -schüttete ich meinen Schatz vor ihnen aus. - -Voll Begier stürzte alles darauf los und steckte die Köpfe unter der -brennenden Kerze zusammen. Dann sagte der alte Ballou: - -»Was ich davon halte? Ich halte davon, daß es nichts ist als ein Haufen -Granitabfall und gemeines, glitzerndes Katzengold, wovon der Morgen -nicht zehn Cents wert ist!« - -So schwand mein Traum dahin; so schmolz mein Reichtum, so stürzte mein -Luftschloß zusammen, und ich blieb als ein geschlagener Mann zurück. - -Ich zog die Moral aus der Geschichte mit dem bekannten Sprichwort: »Es -ist nicht alles Gold, was glänzt.« Herr Ballou meinte, ich könnte noch -weiter gehen und zu den Schätzen meines Wissens den Satz legen, daß -_nichts_ Gold sei, was glänze. So lernte ich denn ein für allemal, daß -Gold im Naturzustande nichts ist als ein schwärzliches, unansehnliches -Ding und daß nur Metalle gemeiner Art durch prahlerisches Glitzern die -Bewunderung des Unerfahrenen erregen. Trotzdem unterschätze ich nach -wie vor, gleich der übrigen Welt, echte Goldmenschen und verherrliche -Katzengoldmenschen. Die Alltagsmenschennatur kann sich einmal darüber -nicht erheben. - - - - -Achtes Kapitel. - - -Mit dem Geschäft des Silbergrabens wurden wir nur zu bald vertraut. -Wir gingen mit Herrn Ballou ›muten‹. Zwischen Salbeibüschen, Felsen -und Schneehaufen kletterten wir an den Berghängen hinauf, bis wir vor -Erschöpfung umfallen wollten, fanden aber kein Silber und ebensowenig -Gold. So ging es Tag für Tag. Da und dort stießen wir auf Löcher, die -man ein paar Meter tief in die Abhänge getrieben und dann offenbar -wieder aufgegeben hatte, und hie und da trafen wir auf ein oder zwei -Leute, die noch emsig gruben. Aber Silber kam nirgends zum Vorschein. -Diese Löcher waren die Ansätze von Stollen, die Hunderte von Fuß in den -Berg getrieben werden sollten, um eines Tags auf die verborgene Schicht -zu stoßen, in der das Silber steckte. Eines Tags! Das schien in weiter -Ferne zu liegen, und die Sache sah sehr hoffnungslos und trübselig aus. -Tag um Tag mühten wir uns ab, kletterten herum und suchten, und dabei -wurden wir jüngeren Genossen der aussichtslosen Plackerei immer mehr -überdrüssig. Endlich machten wir hoch oben auf dem Berge unter einer -überhängenden Felswand Halt. Ballou schlug einige Stücke mit dem Hammer -ab, prüfte sie lange und aufmerksam mit einem kleinen Augenglase, -worauf er sie wegwarf und noch mehr abschlug; dann meinte er, dieses -Gestein sei Quarz, und Quarz sei die Steinart, in der das Silber -enthalten sei. _Enthalten sei!_ Ich hatte gemeint, es werde wenigstens -außen daran kleben, wie eine Art Ueberzug. Er schlug noch mehr Stücke -los, um sie gründlich zu untersuchen, wobei er das betreffende Stück -hie und da mit der Zunge benetzte und durch das Glas betrachtete. -Schließlich rief er aus: »Wir haben es!« - -Unsere Neugier war sofort aufs höchste gespannt. Das Gestein war rein -und weiß an der Bruchstelle, und querdurch zog sich ein faseriger, -blauer Faden. In diesem kleinen Faden, meinte er, stecke Silber, -aber gemischt mit unedlen Metallen, mit Blei, Antimon und anderem -Quark, auch seien daran ein paar Tüpfelchen Gold sichtbar. Mit großer -Anstrengung brachten wir es dahin, ein paar kleine, gelbe Fleckchen -zu erkennen, von denen sich annehmen ließ, daß vielleicht ein paar -Tonnen davon einen Golddollar geben könnten. Wir waren gerade nicht -entzückt; aber Ballou meinte, es gebe noch schlechtere Erzlager als -dieses auf der Welt. Er hob das, was er das ›reichste Stück Gestein‹ -nannte, auf, um seinen Wert durch die sog. Feuerprobe zu bestimmen. -Dann gaben wir der Grube den Namen ›Bergkönig‹ (Bescheidenheit ist bei -der Namengebung in den Bergwerken kein hervorstechender Zug), und Herr -Ballou schrieb nachstehende Bekanntmachung auf, von der er sich eine -Abschrift aufhob, um sie in die Bücher des Syndikus der Bergwerke in -der Stadt eintragen zu lassen. - - - Bekanntmachung. - - Wir, die Unterzeichneten, belegen drei Stücke, jedes von - dreihundert Fuß, (und eins für die Entdeckung) an dieser - silberhaltigen Quarzschicht nach Norden und nach Süden von - diesem Anschlag, mit allen Einsenkungen, Verzweigungen und - Winkeln, Biegungen und Krümmungen, und dazu fünfzig Fuß breit - Boden auf jeder Seite zur Bearbeitung derselben. - -Wir setzten unsere Namen darunter und versuchten uns in die Stimmung zu -bringen, als sei nun unser Glück gemacht. Aber als wir die Sache mit -Herrn Ballou durchsprachen, war uns höchst zweifelhaft zu Mute. Dieser -Quarz an der Oberfläche, meinte er, sei nicht alles, was unsere Mine -enthalte, vielmehr erstrecke sich die Wand oder Schicht, der wir den -Namen ›Bergkönig‹ gegeben hatten, Hunderte und aber Hunderte von Fuß -in die Erde hinab. Sie sei wie der Randstein eines Straßenpflasters, -behalte ungefähr dieselbe Dicke, etwa zwanzig Fuß, bis hinab in die -Eingeweide der Erde und sei vollständig verschieden von dem Gestein, -das sie rings umgebe; sie bleibe für sich und behalte stets ihren -besondern Charakter, einerlei wie tief sie in die Erde hineingehe oder -wie weit sie sich längs der Berge und Thäler oder quer über dieselben -erstrecke; sie könne eine Meile tief und zehn Meilen lang sein, und man -möge über oder unter der Erde hineinbohren wo man wolle, so würde man -Gold und Silber darin finden, aber nicht in dem geringeren Gestein, -in das sie eingebettet sei. Unten in der großen Tiefe der Schicht, -fuhr er fort, stecke ihr Reichtum, und mit der Tiefe nehme derselbe -stetig zu. Deshalb müßten wir statt hier an der Oberfläche zu arbeiten -einen Schacht einsenken, bis wir an die reichen Stellen kämen -- so -etwa hundert Fuß tief -- oder unten vom Thal aus einen langen Stollen -in den Bergabhang treiben und die Ader tief unter der Erde anzapfen. -Das eine wie das andere war offenbar die Arbeit von Monaten, denn wir -konnten täglich nur ein paar Fuß, ungefähr fünf oder sechs, ausbohren -oder wegsprengen. Aber das war noch nicht alles. Er sagte, wenn das Erz -herausgeschafft sei, müsse es nach einem entfernten Pochwerke gebracht -werden, damit es zermahlen und das Silber durch einen langwierigen und -kostspieligen Prozeß ausgeschieden werde. Eine Ewigkeit schien zwischen -uns und unserm Glück zu liegen! - -Aber wir gingen ans Werk. Wir beschlossen einen Schacht einzusenken. So -kletterten wir denn eine Woche lang auf den Berg, beladen mit Hacken, -Drillbohrern, Meißeln, Schaufeln, Brechstangen, Fäßchen Sprengpulver -und Rollen Lunte und arbeiteten mit aller Macht. Anfangs war der -Fels bröckelig und locker; was wir mit den Spitzhacken abschlugen, -schaufelten wir heraus, und das Loch machte ganz hübsche Fortschritte; -aber allmählich wurde das Gestein fester, und nun kamen Meißel und -Brechstange an die Arbeit. Bald aber that nichts mehr seine Wirkung -außer dem Sprengpulver. Das war die mühseligste Arbeit! Während einer -von uns den eisernen Drillbohrer an seine Stelle hielt, schlug ein -anderer mit einem achtpfündigen Schmiedehammer drauf -- das reinste -Nägeleinschlagen in großem Maßstabe. Binnen einer bis zwei Stunden -erreichte der Bohrer eine Tiefe von zwei bis drei Fuß und hatte ein -Loch von ein paar Zoll Durchmesser gemacht. Dann legten wir die -Pulverladung, steckten eine halbe Elle Lunte hinein, schütteten Sand -und Kies darauf und stampften es fest; zuletzt zündeten wir die Lunte -an und liefen weg. Kamen wir dann nach der Explosion, bei der Steine -und Rauch in die Luft flogen, zurück, so fanden wir ungefähr einen -Scheffel von dem harten, widerspenstigen Quarz herausgesprengt, kein -bißchen mehr. Nach einer Woche hatte ich genug davon. Ich verzichtete; -Clagett und Oliphant desgleichen. Unser Schacht war erst zwölf Fuß -tief. Wir kamen überein, daß nur ein Stollen uns zum Ziele führen könne. - -[Illustration] - -So gingen wir den Berg hinunter und arbeiteten dort eine Woche lang. -Nach Verlauf derselben hatten wir einen Stollen ausgesprengt, in -dem sich ungefähr ein Oxhoft unterbringen ließ, und waren zu der -Ueberzeugung gekommen, daß wir noch um etwa neunhundert Fuß tiefer -graben müßten, um auf die silberhaltige Schicht zu stoßen. Ich -verzichtete auch jetzt wieder, und die andern Jungen hielten es nur -noch einen Tag länger aus. Wir stimmten überein, daß ein Stollen nichts -für uns tauge. Wir brauchten eine bereits ›aufgeschlossene‹ Schicht. -Solche gab es aber im ganzen Lager nicht. - -Den ›Bergkönig‹ ließen wir für jetzt liegen. - -Mittlerweile füllte sich der Platz mit Leuten, und unsere -Humboldt-Bergwerke riefen eine immer größere Aufregung hervor. Auch -wir fielen der Seuche zum Opfer und strengten jeden Nerv an, um immer -mehr ›Fuß‹ zu erwerben. Wir muteten herum und nahmen neue Stücke in -Besitz, an die wir unsere Bekanntmachungen anschlugen und die wir mit -hochtrabenden Namen belegten. Wir vertauschten eine Anzahl von unseren -›Fuß‹ gegen ›Fuß‹ in fremden Grubenteilen. Bald hatten wir namhafte -Anteile am ›Grauen Adler‹, an der ›Columbiana‹, der ›Münzfiliale‹, -der ›Mary Jane‹, dem ›Universum‹, der ›Simson und Delila‹, der -›Schatztruhe‹, der ›Golkonda‹, der ›Sultanin‹, dem ›Bumerang‹, der -›Großen Republik‹, dem ›Großmogul‹ und noch fünfzig weiteren ›Gruben‹, -die nie eine Schaufel oder eine Spitzhacke gefühlt hatten. Wir besaßen -nicht weniger als dreißigtausend ›Fuß‹ pro Mann in den ›reichsten -Gegenden der Erde‹, wie die verruchte Schwindlersprache es nannte --- und konnten den Fleischer nicht bezahlen. Wir waren ganz toll -vor Aufregung, trunken vor Glück, begraben unter Bergen künftigen -Reichtums, voll hochmütigen Mitleids mit den Millionen, die sich im -Schweiß ihres Angesichts abmühten, weil sie unsere wundervolle Schlucht -nicht kannten -- aber unser Kredit beim Viktualienhändler stand -schlecht. Es war die seltsamste Lebenslage, die man sich vorstellen -kann -- der Festschmaus eines Bettlers. Im Distrikt geschah nichts, man -legte keine Grube an, ließ keine Pochwerke arbeiten, man produzierte -nichts und nahm nichts ein -- im ganzen Lager war nicht soviel Geld -zu finden, daß man hätte in einem Städtchen des Ostens einen Bauplatz -dafür kaufen können; und doch würde ein Fremder geglaubt haben, er -wandle unter lauter geschwollenen Millionären. Mutende Gesellschaften -schwärmten mit dem ersten Tagesgrauen hinaus aus der Stadt und mit -Einbruch der Nacht wieder herein, beladen mit Beute -- Steinbrocken. -Nichts als Steinbrocken. Jedermann hatte alle Taschen voll davon; in -jeder Hütte war der Fußboden damit besät, mit Zetteln beklebt standen -sie reihenweise auf den Wandsimsen. - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Allenthalben begegnete ich Leuten, welche tausend bis dreißigtausend -Fuß in unaufgeschlossenen Silbergruben besaßen, von denen jeder -einzelne Fuß ihrer Ueberzeugung nach binnen kurzem fünfzig bis tausend -Dollars gelten mußte; und das waren oft genug Leute, die in der ganzen -Welt keine fünfundzwanzig Dollars ihr eigen nannten. Man mochte treffen -wen man wollte, so hatte er seine neue Grube anzupreisen und seine -›Proben‹ bereit, und bei der ersten Gelegenheit drängte er einen -unfehlbar in die Ecke und bot einem an, ›aus bloßer Gefälligkeit, -nicht um etwas zu verdienen‹, ein paar Fuß im ›Goldenen Zeitalter‹ -oder ›Sarah Jane‹ oder irgend sonst einer unbekannten Schatzkammer -herzugeben, wenn er nur so viel dafür bekäme, um sich eine ordentliche -Mahlzeit leisten zu können. Dabei mußte man sich verpflichten, es nicht -weiter zu sagen, daß er einem das Anerbieten zu so spottbilligem Preise -gemacht habe, da er sich lediglich ›aus Freundschaft zu diesem Opfer -bereit erklärte‹. Dann pflegte er ein Stück Gestein aus der Tasche -zu fischen, sich geheimnisvoll umzusehen, (als fürchte er, man könne -ihm auflauern und ihn berauben, wenn man ihn über dem Besitz solchen -Reichtums ertappe), mit dem Steinbrocken an seine Zunge zu tippen, ein -Vergrößerungsglas darüber zu halten und auszurufen: - -»Sehen Sie mal her! Gerade hier in dem roten Fleck! Sehen Sie! Sehen -Sie die goldenen Punkte? Und den Streifen Silber? Das ist vom ›Onkel -Abe‹. Davon sind hunderttausend Tonnen in Aussicht. Direkt in Aussicht, -merken Sie wohl! Und wenn wir bis auf die rechte Stelle hinunterkommen -und die Ader gediegen wird, dann ist des Reichtums kein Ende. Sehen Sie -sich die Probe an! Ich verlange nicht, daß Sie _mir_ glauben. Sehen Sie -sich nur die Probe an!« - -Dann langte er regelmäßig ein fettiges Papier heraus, worin bezeugt -war, das betreffende Stück habe in der Feuerprobe den Beweis geliefert, -daß es Gold und Silber im Verhältnis von so und so viel hundert oder -tausend Dollars per Tonne enthalte. Ich wußte damals noch nicht, -daß man gewohnt war, das reichste Stück aus einer Ausgrabung zum -Probieren herauszusuchen. Sehr oft war dieses Stück von nicht mehr als -Nußgröße der einzige Brocken in einer ganzen Tonne, der überhaupt ein -Metallteilchen enthielt, und doch erhob es nach dem Probierzeugnis -Anspruch darauf, den Durchschnittswert der Tonne Geröll, woraus es -stammte, zu repräsentieren. - -Dieses Probiersystem war es, das die Menschheit im Humboldt-County -verrückt gemacht hatte. Auf die Autorität solcher Probierzeugnisse hin -schwärmten die dortigen Zeitungskorrespondenten vor Begeisterung über -Gestein, das vier- bis siebentausend Dollars die Tonne wert sein sollte. - -Wir rührten weder unsern Stollen, noch unsern Schacht je wieder an. -Warum? Weil wir nun das wahre Geheimnis des Erfolges beim Silbergraben -entdeckt zu haben meinten -- es bestand darin, daß man nicht selbst im -Schweiß seines Angesichts und mit seiner Hände Arbeit nach Silber grub, -sondern die Erzschichten an die dummen Sklaven der Arbeit _verkaufte_ -und _ihnen_ das Graben überließ! -- - -[Illustration] - -Vor meinem Weggang von Carson hatte ich zusammen mit dem Sekretär -von verschiedenen Mitbesitzern der ›Esmeralda‹ eine Anzahl Fuß -gekauft. Wir hatten sofortige Gegenleistung in ungemünztem Gold oder -Silber erwartet, wurden aber statt dessen mit regelmäßig und ständig -wiederkehrenden Zubußen -- d. h. Geldforderungen zum Ausbau der -genannten Gruben -- heimgesucht. Diese Zubußen waren dermaßen drückend -geworden, daß es notwendig erschien, sich persönlich Einblick in die -Sache zu verschaffen. Ich beschloß deshalb eine Pilgerfahrt nach -Carson und von dort nach Esmeralda. Nachdem ich mir ein Pferd gekauft, -brach ich in Begleitung des Herrn Ballou und eines Herrn Ollendorff -auf. Dieser letztere war ein Preuße -- aber nicht jener Mensch, der -mit seinen Grammatiken fremder Sprachen mit ihren unaufhörlichen -Wiederholungen von Fragen, die weder jemals vorgekommen sind, noch -jemals in irgend einer Unterhaltung zwischen menschlichen Wesen -vorzukommen Aussicht haben, der Welt so viel Leiden zugefügt hat. -Wir ritten zwei oder drei Tage lang durch einen Schneesturm, bis wir -vor Honey Lake Smiths einsam gelegenem Wirtshause am Carsonflusse -ankamen. Es war ein zweistockiges Blockhaus auf einem kleinen Hügel, -inmitten eines weiten Wüstenbeckens, durch das sich der dürftige Carson -trübselig hinwindet. Dicht bei dem Hause standen die aus Backsteinen -erbauten Ställe der Ueberlandpost. Mehrere Meilen rundum fand man sonst -kein Gebäude. Gegen Sonnenuntergang trafen ungefähr zwanzig Heuwagen -ein, die sich rings um das Haus aufstellten; sämtliche Fuhrleute -kamen zum Abendessen herein -- eine sehr, sehr rohe Bande. Auch ein -oder zwei Postillone der Ueberlandpost waren da, und außerdem ein -halbes Dutzend Strolche und Landstreicher; das Haus war demnach wohl -gefüllt. Nach dem Essen gingen wir hinaus und besuchten ein kleines -Indianerlager in der Nachbarschaft. Die Indianer waren aus irgend einem -Grunde in großer Aufregung, sie packten ein und eilten so schnell als -möglich fortzukommen. »In kurz Zeit Menge Wasser,« sagten sie und gaben -uns mit Hilfe von Zeichen zu verstehen, daß nach ihrer Meinung eine -Ueberschwemmung im Anzug sei. Das Wetter war vollkommen klar, auch -befanden wir uns nicht in der Regenzeit. Das unbedeutende Flüßchen -hatte höchstens zwei Fuß Wasser; seine Oberfläche war nicht breiter als -eine schmale Dorfgasse und seine Ufer kaum höher als ein Mannskopf. -Wo sollte also eine Ueberschwemmung herkommen? Wir sprachen noch -eine Weile darüber und gelangten zu dem Schlusse, es werde wohl eine -List der Indianer sein, die für ihren eiligen Abzug sicherlich einen -triftigeren Grund haben müßten, als die Furcht vor Ueberschwemmung bei -maßloser Trockenheit. - -Um sieben Uhr abends legten wir uns im zweiten Stockwerk zu Bette, --- in den Kleidern (unsrer Gewohnheit gemäß) und alle drei in _ein_ -Bett; denn jeder verwendbare Raum auf dem Fußboden, auf Stühlen u. -s. w. war besetzt, und trotzdem gab es kaum Platz genug für alle -Gäste des Wirtshauses. Nach einer Stunde weckte uns ein großer Lärm; -wir sprangen aus dem Bett, stiegen über die in Reihen auf dem Boden -schnarchenden Fuhrleute hinweg und gelangten so nach den Vorderfenstern -der Stube. Ein einziger Blick enthüllte uns im Scheine des Mondlichts -ein merkwürdiges Bild. Der vielgewundene Carson war voll bis zum Rande, -wild rasten und schäumten seine Wasser -- mit wütender Geschwindigkeit -schossen sie um die scharfen Biegungen und brachten auf der Oberfläche -ein Chaos von Stämmen, Strauchwerk und allerhand Unrat mit. Eine -Einsenkung, die früher das Bett des Flusses gebildet hatte, war schon -beinahe voll, und an mehreren Stellen begann das Wasser über das -Hauptufer hinauszuspülen. Die Leute rannten hin und her, um Vieh und -Wagen dicht an das Haus zu bringen, denn die Bodenerhebung, auf der -es stand, dehnte sich vorne nur etwa dreißig und an der Hinterseite -vielleicht hundert Fuß weit aus. Hart neben dem vorerwähnten alten -Flußbett stand ein kleiner Stall aus Baumstämmen, in welchem unsere -Pferde untergebracht waren. An dieser Stelle stieg das Wasser -zusehends so rasch, daß nach wenigen Minuten ein Wildbach an dem Stall -vorbeibrüllte, der fortwährend höher an dem Gebälk emporschwoll. Da -wurde uns auf einmal klar, daß diese Flut mehr sei, als ein bloßes -Schaustück zur Kurzweil. Sie drohte Verderben, und zwar nicht nur dem -kleinen Blockstall, sondern auch den Gebäuden der Ueberlandpost, dicht -am Hauptflusse, denn die Wellen waren jetzt über die Ufer gestiegen, -so daß sie die Grundmauern umspülten und in die anstoßende große -Heuscheune eindrangen. Wir rannten hinunter und befanden uns bald -mitten in einem Haufen aufgeregter Menschen und geängsteter Tiere. -Bis an die Kniee wateten wir in den Stall und banden die Pferde los; -beim Herauswaten ging uns das Wasser schon bis zu den Hüften, so rasch -war es gestiegen. Dann stürzten alle wie ein Mann nach der Scheune -und machten sich daran, die mächtigen Bündel Heu herauszuwerfen, die -dann nach dem höher gelegenen Hause hinaufgewälzt wurden. Inzwischen -hatte man entdeckt, daß ein Postillon der Ueberlandpost, Namens Owens, -fehlte; ein Mann lief bis zu den Schenkeln im Wasser in den Stall -hinein, fand den Vermißten schlafend und weckte ihn, worauf er wieder -hinauswatete. Aber Owens war duselig und schlief wieder ein; jedoch -nur auf ein paar Minuten; denn als er sich im Bett umdrehte, kam seine -herabhängende Hand in Berührung mit dem kalten Wasser! Dieses ging -schon bis zur Höhe der Matratze! Fast brusttief watete er heraus, und -schon im nächsten Augenblick schmolzen die Backsteine zusammen wie -Zucker; das mächtige Gebäude stürzte ein und war im Nu weggespült. - -Um elf Uhr schaute nur noch das Dach des kleinen Stalles aus dem Wasser -heraus, und unser Wirtshaus war eine Insel im Weltmeer. Soweit das Auge -im Mondlicht schauen konnte, war keine Wüste mehr zu erblicken, sondern -nur noch eine weite, schimmernde Wasserfläche. Die Indianer hatten -richtig prophezeit; aber woher hatten sie ihre Kunde erhalten? Ich weiß -keine Antwort darauf. - -Acht Tage und ebenso viele Nächte blieben wir mit jener sonderbaren -Gesellschaft zusammengepfercht. Fluchen, Trinken und Kartenspiel -bildeten die Tagesordnung, die nur gelegentlich der Abwechslung halber -durch eine Rauferei unterbrochen wurde. Schmutz und Ungeziefer -- doch -davon schweige ich lieber; es genüge zu sagen, daß beides in geradezu -unbegreiflicher Masse vorhanden war. - -Zwei Leute in der Gesellschaft -- doch dieses Kapitel ist schon lang -genug. - - - - -Zehntes Kapitel. - - -Zwei Leute in der Gesellschaft waren mir ganz besonders widerwärtig. -Der eine war ein kleiner Schwede von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, -der nur ein einziges Lied konnte, das er in einem fort sang. Den Tag -über waren wir sämtlich in einem einzigen, kleinen, zum Ersticken -dunstigen Schenkzimmer zusammengepfercht, und so gab es vor der -Musik dieses Menschen kein Entrinnen. Mitten durch all das Lästern, -Whiskeysaufen, Stoßen und Zanken tönte sein langweiliger Gesang ohne -irgend welche Abwechslung in der gleichen einförmigen Weise, so daß ich -zuletzt gerne den Tod erlitten hätte, um dieser Marter zu entgehen. -Der andere war ein stämmiger Raufbold, ›Arkansas‹ geheißen; im Gürtel -trug er zwei Revolver, aus dem Stiefel sah ihm ein Bowiemesser heraus; -er war stets betrunken und auf der Suche nach Händeln, doch fürchtete -man ihn so sehr, daß ihm niemand den Gefallen thun wollte, mit ihm -anzubinden. Durch allerlei kleine Kriegslisten suchte er bald diesen -bald jenen zu einer beleidigenden Bemerkung zu verlocken, und hie und -da leuchtete sein Gesicht freudig auf, wenn er meinte, er habe eine -Rauferei gehörig eingefädelt; aber unfehlbar vereitelte sein Opfer alle -Bemühungen, und dann gab er jedesmal eine Enttäuschung kund, die schier -pathetisch war. Den Wirt, Johnson, einen bescheidenen, gutmütigen -Menschen, nahm Arkansas bald als vielversprechenden Gegenstand aufs -Korn und ließ ihm eine Zeitlang Tag und Nacht keine Ruhe. Am vierten -Morgen betrank sich Arkansas und paßte auf eine gute Gelegenheit. Bald -darauf kam Johnson, gemütlich vom Whiskey angeheitert, herein und -begann: - -»Ich glaube, die Wahl in Pennsylvanien --« - -Arkansas erhob warnend den Finger, worauf Johnson inne hielt. Der -andere richtete sich unsicher auf und trat ihm schwankend gegenüber mit -den Worten: - -»Wa-was wissen Sie vo-von Pennsylvanien? Antworten Sie mir. Wa-was -wissen Sie von Pennsylvanien?« - -»Ich wollte bloß sagen --« - -»Sie wollten bloß _sagen_ -- Sie! Sie wollten bloß sagen -- _was_ -wollten Sie sagen? Das ist’s! _Das_ will ich wissen. Ich will wissen, -wa-was Sie (Schlucken) von Pennsylvanien wissen, weil Sie sich so -verdammt breit damit machen. Antworten Sie mir darauf!« - -»Herr Arkansas, wenn Sie mir erlauben wollten --« - -»Wer hindert Sie denn? Bringen Sie keine Sticheleien gegen mich vor -- -lassen Sie das sein. Kommen Sie nicht mit großthuerischen Redensarten -und Fluchen und Schwören wie ein Verrückter herein -- lassen Sie das -gefälligst bleiben. Denn ich _lasse_ mir das nicht gefallen. Wenn Sie -sich mit mir schießen wollen, heraus mit der Schlüsselbüchse! Ich bin -dabei! Heraus damit!« - -Johnson flüchtete rückwärts in eine Ecke, wohin Arkansas drohend -folgte. »Aber ich habe ja gar nichts gesagt, Herr Arkansas!« rief der -Wirt. »Sie lassen einen ja nicht ausreden. Ich wollte bloß sagen, daß -es in Pennsylvanien nächste Woche eine Wahl geben wird -- das war alles --- das war das einzige, was ich sagen wollte; ich will nicht gesund -hier stehen, wenn es nicht so war.« - -»Gut, aber warum sagten Sie das nicht gleich? Was kamen Sie so -geschwollen herein und versuchten Spektakel anzufangen?« - -»Aber ich bin doch gar nicht geschwollen hereingekommen, Herr Arkansas, -ich wollte ja nur --« - -»Ich bin also ein Lügner? Nicht wahr? Beim Geist des gr-großen Cäsar --« - -»Aber bitte, Herr Arkansas, ich habe so etwas durchaus nicht sagen -wollen; ich will gleich tot sein, wenn ich daran gedacht habe. Die -Jungens werden Ihnen alle bezeugen, daß ich stets gut von Ihnen -gesprochen und Sie höher geachtet habe als irgend jemand im Hause. -Fragen Sie ’mal Smith. Ist es nicht so, Smith? Habe ich nicht erst -gestern abend gesagt, wenn ihr einen feinen Herrn haben wollt, der -es immer und unter allen Umständen ist und bleibt, so seht euch den -Arkansas an? Sie können jeden von den Herren hier fragen, ob das nicht -genau meine Worte sind. Kommen Sie jetzt, Herr Arkansas, wir wollen -einen Schluck nehmen -- wir wollen uns die Hände schütteln und ein -Tröpfchen trinken. Kommen Sie her, alle miteinander, ich traktiere! -Kommt her, Bill, Tom, Bob, Scotty -- kommt her. Ihr sollt alle mit -mir und Arkansas, meinem alten Arkansas -- meinem prächtigen, alten -Arkansas, einen Kleinen trinken. Geben Sie mir noch ’mal die Hand. Seht -ihn an, Jungens -- nur einmal seht ihn an. Da steht der weiseste Mann -in ganz Amerika -- und wer das leugnet, der hat’s mit mir zu thun, -damit Punktum. Geben Sie mir die alte Tatze noch einmal.« - -[Illustration] - -Sie umarmten sich. Dies geschah von seiten des Wirtes mit trunkener -Zärtlichkeit, welche von Arkansas, der um den Preis eines Schnapses -wiederum seine Beute aus den Händen lassen mußte, mit lässiger -Gleichgültigkeit hingenommen wurde. In seinem Glück darüber, daß er -der Schlachtbank entronnen, war der Wirt so thöricht, noch weiter -fortzuschwatzen, statt der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Dies hatte zur -Folge, daß Arkansas bald darauf wieder gefährliche Blicke nach ihm zu -werfen begann und sagte: - -»Wirt, wollen Sie ge-gefälligst diese Be-Bemerkung noch einmal machen, -wenn es Ihnen beliebt?« - -»Ich sagte zu Scotty, mein Vater sei über achtzig Jahre alt gewesen, -als er starb.« - -»War das alles, was Sie sagten?« - -»Ja, das war alles.« - -»Sagten Sie weiter nichts als das?« - -»Nein, nichts weiter.« - -Ein unbehagliches Schweigen folgte. Arkansas spielte einen Augenblick -mit seinem Glase, die Ellbogen auf den Schenktisch gestützt. Dann -kratzte er sich nachdenklich mit dem linken Stiefel am rechten -Schienbein, während das unheildrohende Schweigen noch fortdauerte. -Auf einmal schlenderte er mit verdrießlicher Miene nach dem Ofen -zu, schob in grober Weise zwei oder drei Leute mit der Schulter aus -ihren behaglichen Stellungen weg, machte sich’s bequem und gab einem -schlafenden Hund einen Fußtritt, daß er heulend unter eine Bank fuhr; -darauf spreizte er seine langen Beine auseinander, nahm die Schöße -seines aus einer Pferdedecke gemachten Rockes unter die Arme und -schickte sich an, sich die Hinterseite zu wärmen. Nach einem Weilchen -begann er für sich zu brummen, und bald darauf schlotterte er an den -Schenktisch zurück und sagte: - -»Wirt, was soll das heißen, daß Sie alte Persönlichkeiten -zusammenkratzen und sich mit Ihrem Vater groß machen? Paßt Ihnen unsere -Gesellschaft nicht? Hm? Wenn Ihnen diese Gesellschaft nicht recht ist, -so thäten wir vielleicht besser, zu gehen. Ist das Ihre Meinung? Wollen -Sie darauf hinaus?« - -»Ei, du meine Güte, Arkansas, ich habe an so etwas gar nicht gedacht. -Meine Eltern --« - -»Wirt, fiedeln Sie mir nicht solches Zeug vor. Lassen Sie das. Wenn Sie -durchaus Spektakel haben müssen, frisch heraus damit (Schlucken) -- -aber scharren Sie nicht vergangene, alte Dinge aus dem Boden auf, um -sie Leuten in die Zähne zu werfen, die Frieden zu halten wünschen, wenn -es halbwegs geht. Was ist denn überhaupt heut’ morgen mit Ihnen los? -Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der sich so aufspielte!« - -»Arkansas, ich habe mir wirklich nichts Schlimmes dabei gedacht, aber -ich will’s sein lassen, wenn es Ihnen unangenehm ist. Ich glaube, meine -Schnäpse sind mir in den Kopf gestiegen, und dann die Ueberschwemmung -und daß ich so viele Leute zu füttern habe und sorgen muß, daß --« - -»Also _das_ ist’s, was Ihnen im Kopf herumgeht? Sie wollen uns los -sein, he? Ist’s nicht so? Heraus damit!« - -»Bitte, so seien Sie doch vernünftig, Arkansas. Sie wissen ja doch, daß -ich nicht der Mann darnach bin, um --« - -»Wollen Sie mir drohen, he? Beim Himmel, der Mann muß erst geboren -werden, der mich ins Bockshorn jagt. Probier’s nur nicht, mir so -aufzuspielen, mein Lämmchen. -- Ich kann viel vertragen, aber das -vertrag’ ich nicht. Komm hervor hinter dem Schenktisch da, daß ich dich -Mores lehre. Du willst uns vertreiben, du schleichender, heimtückischer -Hund. Geh heraus hinter dem Schenktisch da! Ich will dich lehren, einen -Biedermann mit Bramarbasieren zu quälen und mit hochmütigen Blicken zu -reizen, der dir immer alles zu lieb gethan hat!« - -»Bitte, Arkansas, nicht schießen, bitte! Wenn’s zu Blutvergießen -kommt --« - -»Hören Sie, meine Herren? Hören Sie, wie er von Blutvergießen spricht? -Also Blut willst du sehen, nicht wahr, du wütender Mordgeselle! Du hast -dir vorgenommen, heut’ morgen jemand umzubringen! Das hab’ ich gleich -gewußt. _Mich_ hast du auf dem Korn, nicht wahr? _Mir_ willst du an den -Hals, nicht wahr? Aber ich will dir schon zuvorkommen, du diebischer -Niggersohn mit schwarzem Herzen und weißer Leber! Heraus mit deiner -Schlüsselbüchse!« - -Damit begann Arkansas zu feuern, während der Wirt in heller Todesangst -über Bänke, Menschen und alles, was ihm im Weg stand, wegsetzte. -Inmitten des tollen Getümmels fuhr der Wirt krachend durch eine -Glasthüre, und als Arkansas ihm nachsprang, erschien plötzlich die Frau -des Wirtes in der Thüröffnung und trat dem Raufbold mit einer Schere -entgegen. Die Frau war großartig in ihrer Wut. Erhobenen Hauptes und -blitzenden Auges stand sie einen Augenblick da, dann rückte sie mit -gezückter Waffe vor. Verblüfft hielt der Schurke inne und trat einen -Schritt zurück. Sie folgte ihm, trieb ihn Schritt für Schritt bis in -die Mitte der Schenkstube und gab ihm hier vor der verwunderten Menge, -die sich um sie sammelte und sie mit starrem Staunen betrachtete, -eine solche Tracht Zungenhiebe, wie sie vielleicht noch nie einem -eingeschüchterten und gründlich beschämten Prahlhans zu teil geworden -sind. Als sie zu Ende war und sich als Siegerin zurückzog, erzitterte -das Haus von Beifallsgebrüll und jedermann bestellte in einem Atem -›Schnaps für die ganze Gesellschaft‹. - -Die Lektion war völlig genügend. Die Schreckensherrschaft war vorüber, -Arkansas’ Macht für immer gebrochen. Während der ganzen Zeit, die wir -noch auf unserer Insel in Gefangenschaft verbringen mußten, saß einer -stets geduckt beiseite, mengte sich nie in einen Streit, ließ nie eine -Prahlerei hören und nahm geduldig die Beleidigungen hin, die ihm die -Menge, welche bisher vor ihm zu Kreuz gekrochen, jetzt unaufhörlich -zuschleuderte -- und dies war Arkansas. - - * * * * * - -Am fünften oder sechsten Morgen verlief sich das Wasser vom Lande -wieder, aber die Strömung im alten Flußbett war immer noch hoch und -reißend, und keine Möglichkeit hinüberzukommen. Am achten Tage ging -sie immer noch zu hoch, als daß man ganz ohne Gefahr hätte übersetzen -können; allein das Leben in der Schenke war bei der Unsauberkeit, -Trunkenheit und Rauflust der Gäste nicht länger auszuhalten, und so -machten wir einen Versuch, fortzukommen. Bei heftigem Schneesturm -schifften wir uns in einem Kahne ein, nahmen die Sättel mit an Bord -und zogen die Pferde im Schlepptau an den Halftern hinter uns drein. -Der Preuße Ollendorff befand sich vorn am Bug mit einem Ruder, Ballou -ruderte in der Mitte und ich saß im Stern und hielt die Halfter. -Als die Pferde den Grund verloren und zu schwimmen anfingen, wurde -Ollendorff ängstlich; er fürchtete, die Pferde könnten uns vom -Ziel abbringen, und es war klar, daß, falls es uns nicht gelang, an -einer gewissen Stelle zu landen, wir, von der Strömung fortgerissen, -unfehlbar in den Hauptarm des Carson treiben würden, der zurzeit -einen kochenden Strudel bildete. Ein solches Mißgeschick würde aller -Wahrscheinlichkeit nach unsern Tod bedeutet haben; denn wir wären mit -unserm Kahn in den See geschwemmt worden oder umgestürzt und ertrunken. -Wir mahnten Ollendorff, seine fünf Sinne zusammenzuhalten und sich -vorsichtig zu betragen, aber es nutzte nichts. In dem Augenblick, als -das Boot ans Ufer stieß, that er einen Sprung, so daß das Fahrzeug -umschlug und in dem zehn Fuß tiefen Wasser herumwirbelte. Ollendorff -erfaßte einen Strauch, an dem er sich ans Ufer zog, während Ballou -und ich hinüberschwimmen mußten, wobei uns unsere Ueberzieher sehr -hinderlich waren. Aber wir hielten uns an dem Kahn fest, und obwohl -wir beinahe den Carson hinabgespült worden wären, gelang es uns -zuletzt doch, das Boot ans Ufer zu schieben und sicher zu landen. Wir -waren zwar durchkältet und durchnäßt, aber doch in Sicherheit. Die -Pferde halfen sich gleichfalls ans Land; aber unsere Sättel waren -natürlich verloren. Wir banden die Tiere an Salbeibüsche fest, wo sie -vierundzwanzig Stunden ausharren mußten. Dann schöpften wir das Boot -aus und schafften darin für sie Futter und wollene Decken hinüber, -während wir selbst noch einmal in dem Wirtshause übernachteten, ehe wir -uns abermals auf die Reise wagten. - -Am nächsten Morgen, als wir mit neuen Sätteln und sonstigen -Ausrüstungsgegenständen aufbrachen, schneite es immer noch wie -rasend. Wir stiegen auf und ritten ab. Der Schnee bedeckte den Boden -so hoch, daß keine Spur von der Straße erkennbar war, und der Schnee -fiel so dicht, daß wir nicht mehr als hundert Schritt weit vor uns -sehen konnten, sonst hätten wir an den Bergketten unsere Richtung -erkennen können. Die Sache sah bedenklich aus; allein Ollendorff -erklärte, er habe einen Instinkt so fein wie ein Kompaß und wäre im -stande, schnurgerade auf Carson City zuzureiten, und die Linie genau -einzuhalten. Bei der geringsten Abweichung von derselben würde ihn sein -Instinkt so sicher warnen wie einen Sünder sein Gewissen. Glücklich und -zufrieden folgten wir seiner Spur. Eine halbe Stunde lang haspelten -wir uns ziemlich mühselig weiter, dann aber trafen wir auf eine neue -Fährte, und Ollendorff rief stolz: - -»Ich wußte es ja, daß ich so unfehlbar bin wie ein Kompaß, Jungens! -Hier sind wir genau in den Fußspuren von jemand, der uns den Weg zeigen -wird, ohne daß wir uns anzustrengen brauchen. Wir wollen uns eilen, -damit wir uns der Gesellschaft da vorne anschließen können.« - -Nun ließen wir die Pferde so stark traben, als es in dem tiefen Schnee -anging; und nicht lange, so schien es, als kämen wir den vor uns -Reitenden näher; denn die Spuren wurden deutlicher. Eilig strebten wir -vorwärts, und nach Verlauf einer Stunde sahen die Spuren noch neuer und -frischer aus -- nur waren wir überrascht, daß die Zahl der Reisenden -fortwährend zuzunehmen schien. Wir konnten uns nicht denken, wie eine -so große Gesellschaft zu solcher Zeit in diese Einöde käme, bis einer -von uns meinte, es müsse wohl eine Kompagnie Soldaten vom Fort sein. -Zufrieden mit dieser Lösung des Rätsels, ritten wir noch etwas rascher -weiter; sie konnten ja nicht mehr fern sein. Aber die Spuren vermehrten -sich noch immer, so daß wir schon anfingen zu glauben, die Abteilung -Soldaten müsse sich auf unerklärliche Weise zu einem Regiment vermehrt -haben -- Ballou behauptete, es seien schon mindestens fünfhundert -daraus geworden. Auf einmal hielt er an und sagte: »Jungens, das -sind ja unsere eigenen Spuren! Mehr als zwei Stunden lang sind wir -wahrhaftig wie in einem Zirkus immer wieder rundum geritten, hier außen -in der öden Wüste! Bei Gott, das ist ja ganz ›hydraulisch‹!« - -Dann wurde der alte Mann wild und fing an zu schimpfen. Er gab -Ollendorff allerhand schlimme Namen, sagte, in seinem Leben hätte er -keinen solchen dämlichen Pinsel gesehen wie ihn, und machte zum Schluß -die ganz besonders giftige Bemerkung, er wisse nicht einmal so viel wie -ein Logarithmus! - -Wir waren richtig unseren eigenen Spuren gefolgt. Ollendorff samt -seinem inneren Kompaß fiel von nun an in Ungnade. Am Schlusse unseres -mühseligen Rittes befanden wir uns wieder am Ufer des Baches, während -sich drüben durch das Schneetreiben hindurch in matten Umrissen das -Wirtshaus zeigte. Noch überlegten wir, was nun zu thun sei, da landete -der junge Schwede mit dem Kahn und schlug seinen Weg zu Fuß nach Carson -City ein, immer denselben langweiligen Singsang herleiernd. Eine -Minute darauf war er nur noch undeutlich sichtbar und versank dann -in dem weißen Meer der Vergessenheit. Man hörte nie wieder von ihm. -Ohne Zweifel verlor er die ruhige Besinnung, verirrte sich, sank vor -Ermüdung in Schlaf und fiel so dem Tode in die Arme. Möglicherweise -folgte er auch unsern verräterischen Spuren, bis er vor Erschöpfung -zusammenbrach. - -Inzwischen fuhr die Ueberlandpost durch den jetzt rasch fallenden -Bach; es war ihre erste Fahrt nach Carson seit dem Eintritt der -Ueberschwemmung. Ohne Zeitverlust folgten wir den von ihr gezogenen -Furchen und trabten lustig voran, denn wir setzten volles Vertrauen in -die Lokalkenntnis des Postillons. Unsere Pferde konnten es zwar mit -dem frischen Gespann der Post nicht aufnehmen, so daß wir diese bald -aus dem Gesicht verloren, doch hatte dies nichts zu bedeuten, denn die -tiefen Einschnitte, die die Räder machten, dienten uns als Wegweiser. -Mittlerweile war es drei Uhr nachmittags geworden, und es mußte bald -Nacht werden. Das geschieht aber dort zu Lande nicht mittelst einer -allmählich stärker werdenden Dämmerung, sondern geht so plötzlich vor -sich, wie wenn eine Kellerthür zugeschlagen wird. Der Schnee fiel noch -immer gleich dicht, so daß wir keine fünfzehn Schritte vor uns sehen -konnten; aber ringsum vermochten wir durch den Schimmer des weißen -Schneebettes die glatten, zuckerhutförmigen Erhöhungen zu erkennen, in -welche sich die Salbeibüsche verwandelt hatten; die beiden schmalen -Rinnen dicht vor uns aber waren die mehr und mehr sich füllenden und -langsam verschwindenden Wagengeleise. - -Nun waren jene Salbeibüsche alle von derselben Höhe, drei oder vier -Fuß hoch, und sie standen alle etwa sieben Fuß auseinander, soweit -das Auge reichte; jeder derselben war jetzt ein bloßer Schneehaufen; -in jeder Richtung, die man einschlagen mochte, bewegte man sich wie -in einem gut angelegten Obstgarten durch eine rechts und links von -einer Reihe dieser Schneehaufen eingefaßte Gasse -- eine Gasse von -der gewöhnlichen Breite einer Landstraße, in der Mitte sauber und -eben, und an den Seiten ganz natürlich ansteigend. Bisher war uns das -noch gar nicht eingefallen. Nun stelle man sich einmal vor, wie es -uns eiskalt überlief, als uns tief in der Nacht der Gedanke kam, wir -möchten vielleicht jetzt, da die schwache Spur der Wagenräder längst -begraben und unsern Blicken entzogen war, in einer bloßen Allee von -Salbeibüschen, meilenweit weg von der Straße hin irren und immer weiter -von derselben abkommen. Wäre uns ein Eisklumpen über den nackten Rücken -gerutscht, es hätte eine behagliche Empfindung sein müssen, verglichen -mit diesem Gefühl. Das seit einer Stunde schläfrig gewordene Blut regte -sich plötzlich wieder und schoß uns verzweifelt durch die Adern. Alle -in Schlummer versunkenen Kräfte des Geistes und Körpers flammten auf. -Sofort waren wir wach und munter, aber nur um vor Angst und Bestürzung -zu zittern und zu klappern. Unverzüglich machten wir Halt, stiegen von -den Pferden, und bückten uns tief, um nach den Spuren der Straße zu -suchen. Vergeblich; denn eine Bodenvertiefung, die nicht zu erkennen -war, wenn man sich vier oder fünf Fuß über derselben befand, ließ sich -erst recht nicht wahrnehmen, wenn man sie fast mit der Nase berührte. - -[Illustration] - - - - -Elftes Kapitel. - - -Es kam uns zwar vor, als befänden wir uns auf einer Straße; aber das -war noch kein Beweis. Denn als wir nach verschiedenen Richtungen -hinschritten, zog jeder von uns aus den regelmäßigen Reihen von -Schneehaufen und den dazwischen hinlaufenden Wegen den unumstößlichen -Schluß, daß _er_ den richtigen Weg gefunden und die beiden andern sich -geirrt hätten. Wir waren kalt und steif und die Pferde ermüdet. In -unserer verzweifelten Lage beschlossen wir, ein Feuer aus Salbeibüschen -anzumachen und bei demselben bis zum Morgen zu kampieren. Dies war das -Vernünftigste, weil, falls wir von der richtigen Straße abgekommen -waren und der Schneesturm noch einen Tag anhielt, kaum noch eine -Rettung blieb, wofern wir weiter ritten. - -Wir waren alle einig darüber, daß ein Lagerfeuer uns noch am ehesten -am Leben erhalten könnte, und so machten wir uns ohne Aufschub -daran, ein solches herzustellen. Da wir keine Zündhölzchen finden -konnten, versuchten wir es mit den Pistolen. Zwar hatte keiner von der -Gesellschaft dies jemals probiert, aber wir glaubten, es werde sich -ganz bequem machen lassen, denn wir hatten des öfteren davon in Büchern -gelesen und verließen uns nun darauf mit derselben vertrauensvollen -Einfalt wie auf jenen anderen Bücherschwindel, der von Indianern -und verirrten Jägern erzählt, die sich durch Reiben von zwei dürren -Holzstücken Feuer verschaffen. - -Auf den Knieen drängten wir uns in dem tiefen Schnee aneinander; die -Pferde steckten ihre Nasen zusammen und beugten ihre Köpfe geduldig -über uns, und so fuhren wir in unserem wichtigen Experiment fort, -während die federigen Flocken herunterwirbelten und uns in eine Gruppe -weißer Statuen verwandelten. Wir brachen Zweige von einem Salbeibusch, -säuberten einen kleinen Platz vom Schnee und häuften das Holz auf, -es mit unsern Leibern schützend. Dies nahm zehn bis fünfzehn Minuten -in Anspruch, und nun setzte Ollendorff unter allgemeiner Stille und -atemloser, ängstlicher Spannung seinen Revolver daran, drückte ab und --- fort flog unser Holzhäufchen in alle Winde. - -Das war recht betrübend, aber es verblaßte vor einem noch größeren -Schrecken -- die Pferde waren fort. Ich war damit betraut -gewesen, die Zügel zu halten, hatte sie aber in der Aufregung des -Pistolenexperiments unversehens fallen lassen, und die frei gewordenen -Tiere waren in dem Unwetter davongelaufen. Sie aufsuchen zu wollen, -wäre verlorene Mühe gewesen; ihre Fußtritte brachten kein Geräusch -hervor und man konnte ihnen auf zwei Ellen nahe sein, ohne sie zu -sehen. So gaben wir sie denn auf und verwünschten die Bücher mit -ihren Lügen, in denen steht, daß Pferde in Zeiten der Not, Schutz und -Gesellschaft suchend, bei ihrem Herrn bleiben. - -Wir waren schon vorher elend genug daran gewesen, nun fühlten wir uns -noch viel verlassener. Geduldig, doch ohne Hoffnung brachen wir noch -einmal Reisig ab und schichteten es auf, worauf es der Preuße abermals -in alle Winde schoß. Offenbar war das Feueranmachen mit einem Pistol -eine Kunst, die Uebung und Erfahrung erforderte, und eine Wüste um -Mitternacht und bei Schneegestöber war nicht der Ort zur Erlangung -dieser Fertigkeit. Wir gaben diesen Versuch auf und wandten uns zu dem -andern. Ein jeder von uns nahm zwei Hölzer und machte sich daran, sie -aneinander zu reiben. Nach Ablauf einer halben Stunde waren wir vor -Kälte ganz erstarrt und die Hölzer nicht minder. Bitter verwünschten -wir Indianer, Jäger und Bücher, die uns mit ihrem einfältigen Rate -bethört hatten, und fragten uns, was nun zunächst zu thun sei. In -diesem entscheidenden Augenblicke entdeckte Ballou in einer Tasche, die -er bisher ganz übersehen hatte, vier Zündhölzchen. Wären es Goldbarren -gewesen, sie würden uns, verglichen damit, als ein ärmlicher, wertloser -Glücksfund vorgekommen sein. Man glaubt nicht, wie prächtig sich ein -Zündholz unter solchen Umständen ausnimmt, wie lieblich und kostbar und -von welch erhabener Schönheit umflossen es dem Auge erscheint. Voll -hoher Hoffnungen sammelten wir nochmals Reisig, und als der Alte sich -anschickte, das erste Hölzchen in Brand zu setzen, sahen wir ihm mit -einem Interesse zu, das ganze Druckseiten nicht genügend zu schildern -vermöchten. Hoffnungsvoll brannte das Zündhölzchen einen Augenblick -lang und ging dann aus. Wäre es eine Menschenseele gewesen, man hätte -ihr Erlöschen nicht tiefer betrauern können. Das nächste Hölzchen -blitzte nur auf, um sogleich wieder zu ersterben. Das dritte blies -der Wind gerade in dem Augenblick aus, als es Erfolg verhieß. Enger -als je drückten wir uns nun zusammen und entwickelten eine peinliche -Aufmerksamkeit, als Ballou mit unserer letzten Hoffnung über sein -Hosenbein strich. Das Hölzchen fing Feuer, brannte zuerst blau und -kümmerlich, flackerte dann aber zu einer kräftigen Flamme auf. Der alte -Herr schützte sie mit der Hand und bückte sich langsam damit. Jeder von -uns war mit ganzer Seele bei seinem Thun, Blut und Atem stockten uns. -Endlich ergriff die Flamme die Hölzer, teilte sich allgemach mehreren -mit -- zögerte -- gewann wieder etwas mehr Kraft -- zögerte nochmals -- -behielt fünf herzbrechende Minuten lang das Leben -- um dann wie die -Seele eines Sterbenden noch einmal aufzuflackern und zu erlöschen. - -Mehrere Minuten lang sprach keiner ein Wort. Ein feierliches Schweigen -herrschte. Selbst der Wind hielt verstohlen inne mit seinem Wehen, und -machte nicht mehr Geräusch als die fallenden Schneeflocken, so daß eine -unheilverkündende Stille entstand. Endlich begann man mit gepreßter -Stimme sich auszusprechen, und es zeigte sich bald, daß einer wie -der andere von uns in seinem Innern fest überzeugt war, diese Nacht -sei unsere letzte in diesem Leben. Ich hatte im stillen gehofft, der -einzige zu sein, der diese Empfindung hätte. Als die andern ruhig -ebenfalls diese Ueberzeugung bekannten, klang es wie Grabgeläute. -Ollendorff sagte: »Brüder, laßt uns zusammen sterben! Und laßt uns -hinübergehen ohne ein bitteres Gefühl gegen einander. Laßt Vergangenes -vergeben und vergessen sein. Ich weiß, ihr grollet mir, weil ich schuld -daran war, daß gestern der Kahn umschlug und weil ich gescheit sein -wollte und euch im Kreise im Schnee herumführte -- aber ich meinte -es gut, verzeiht mir. Ich gestehe offen, daß ich auf Ballou böse war, -weil er mich geschimpft und einen Logarithmus genannt hatte; was das -ist, weiß ich nicht; es muß aber wohl etwas sein, das in Amerika für -ungehörig und unehrenvoll gilt; es ist mir kaum einen Augenblick aus -dem Sinn gekommen und hat mich sehr gekränkt -- aber lassen wir das, -ich vergebe Ihnen von ganzem Herzen, Herr Ballou, und --« - -Der arme Ollendorff brach zusammen und Thränen liefen ihm die Wange -herunter. Aber nicht ihm allein; denn ich brach ebenfalls in Weinen -aus und Ballou nicht minder. Als Ollendorff wieder reden konnte, -erteilte er mir Vergebung für verschiedenes, was ich ihm gethan und -gesagt hatte. Dann zog er seine Schnapsflasche heraus und erklärte, ob -er nun sterben oder am Leben bleiben möge, nie werde er wieder einen -Tropfen anrühren. Der Hoffnung auf das Leben habe er gänzlich entsagt -und, obwohl schlecht vorbereitet, wolle er sich doch demütig in sein -Schicksal ergeben. Allerdings wünschte er noch eine kleine Frist, aber -nicht aus irgend welchem selbstsüchtigen Grunde, sondern um seinen Sinn -gründlich zu ändern, sich der Pflege der Armen zu weihen, Kranke zu -warten und der Welt Mäßigkeit zu predigen, damit sein Leben zu einem -heilsamen Beispiel für die Jugend werde und er es zuletzt mit dem -tröstlichen Gedanken beschließen dürfe, daß er nicht umsonst gelebt -habe. Seine Umkehr solle gleich in diesem Augenblick beginnen, hier im -Angesicht des Todes, da ihm keine Zeit mehr gewährt sei, sich zum Wohl -und Heil der Menschheit zu bethätigen -- und damit schleuderte er die -Whiskyflasche fort. - -Ballou machte Bemerkungen ähnlichen Inhalts und begann die ›Umkehr‹, -deren Fortsetzung er nicht erleben sollte, damit, daß er das alte -Kartenspiel wegwarf, welches unsere Gefangenschaft während der letzten -Tage behaglich, ja überhaupt erträglich gemacht hatte. Nie habe -er gewerbsmäßig gespielt, sagte er, aber er sei überzeugt, daß die -Beschäftigung mit den Karten unsittlich und schädlich sei, und wer ganz -rein und tadellos sein wolle, derselben entsagen müsse, »und deshalb,« -so fuhr er mit seinem steten wunderlichen Gebrauch von Fremdwörtern -fort, »fühle ich mich jetzt bei diesem Akt schon in größerer Sympathie -mit jenen zu gänzlicher und obsoleter Reform notwendigen spirituellen -Saturnalien.« Dieser Silbenfall rührte ihn tiefer, als irgend ein -verständlicher Satz des besten Redners es vermocht hätte; der alte Mann -schluchzte mit einer Wehmut, die nicht ohne Beimischung einer gewissen -Befriedigung war. - -Meine eigenen Bemerkungen waren in demselben Tone gehalten wie die -meiner Kameraden, und ich weiß, daß die Gefühle, aus denen sie -entsprungen, tief empfundene und aufrichtige waren. Wir meinten es -alle aufrichtig und waren tief erschüttert und voll heiligen Ernstes; -sahen wir uns doch ohne jede Hoffnung im Angesichte des Todes. Ich warf -meine Pfeife weg mit der Empfindung, mich dadurch endlich von einem -verhaßten Laster frei gemacht zu haben, das mich mein Lebtag beherrscht -hat. Während ich noch sprach, überwältigte mich der Gedanke an das -Gute, das ich in der Welt hätte thun können und an das noch größere -Gute, das ich _von nun an_ aus höherem Antriebe und mit besseren Zielen -und Leitsternen hätte thun können, wären mir nur noch ein paar Jahre -beschieden gewesen -- und meine Thränen flossen wieder. Wir umschlangen -uns mit den Armen und erwarteten die Schläfrigkeit, die dem Tode des -Erstarrens voranzugehen pflegt. Sie stahl sich gar bald über uns, und -wir sagten einander ein letztes Lebewohl. Ein behaglicher Traumzustand -wob sich um meine schwindelnden Sinne, während die Schneeflocken -meinen nunmehr besiegten Körper mit einem Leichentuche bedeckten. Das -Bewußtsein schwand. Der Kampf des Lebens war vorüber. - - - - -Zwölftes Kapitel. - - -Ich weiß nicht, wie lange ich mich in dem Zustand völligen Vergessens -befand, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Allmählich erwachte -ich wieder einigermaßen zum Bewußtsein, und es stellte sich ein immer -heftigeres, quälendes Schmerzgefühl in den Gliedern, ja im ganzen -Körper ein. Mir schauderte, durch mein Gehirn schoß der Gedanke: Das -ist der Tod, das ist das Jenseits. - -Auf einmal erhob sich neben mir etwas Weißes und eine grämliche Stimme -sagte: - -»Will einer der Herren mir gefälligst einen Tritt vor den Hintern -geben?« - -Es war Ballou -- wenigstens war es ein struppiger Schneemann mit -Ballous Stimme. - -Ich erhob mich, und wer schildert mein Erstaunen, als ich im -Morgengrauen keine zwanzig Schritte von uns weg die Brettergebäude -einer Poststation erblickte und dabei unter einem offenen Schuppen -unsere Pferde noch mit Sattel und Zaum! - -Eine gewölbte Schneewehe zerbarst jetzt, aus der Ollendorff auftauchte; -und alle drei saßen wir nun da und starrten die Gebäude an, ohne ein -Wort zu sagen. Wir hatten auch in der That nichts zu sagen. Wir standen -wie die Ochsen am Berge. Die ganze Situation war so peinlich lächerlich -und demütigend, daß sie sich nicht in Worte fassen läßt. - -Die Freude unserer Herzen über unsere Rettung war vergiftet, ja -fast zerstört. Nicht lange, so wurden wir immer verdrießlicher und -mürrischer; dann klopften wir, ärgerlich über einander, ärgerlich über -uns selber, ärgerlich über alles mögliche, mit finsteren Blicken den -Schnee von unseren Kleidern und wateten in ungeselligem Gänsemarsch zu -unseren Gäulen hin, nahmen ihnen die Sättel ab und suchten im Posthause -Obdach. - -[Illustration] - -Ich habe kaum eine Einzelheit dieses seltsamen und abgeschmackten -Abenteuers übertrieben. Es trug sich fast genau so zu. Wir hatten uns -wirklich in einer Schneewehe gelagert und hielten uns für hoffnungslos -verloren, während sich keine zwanzig Schritte weit von uns ein bequemes -Wirtshaus befand. - -Zwei ganze Stunden lang saßen wir im Posthause, jeder einzeln für sich -in seine ärgerlichen Gedanken vertieft. Das Geheimnis war enthüllt, -wir wußten jetzt ganz gut, warum die Pferde uns verlassen hatten. Sie -waren gescheiter gewesen als wir, hatten sich ohne Zweifel schon nach -wenigen Augenblicken unter dem schützenden Schuppen befunden, von dort -aus jedenfalls alle unsere Bekenntnisse und Klagelieder mit angehört -und sich nicht schlecht darüber gefreut. - -Nach dem Frühstück wurde uns besser zu Mute und die Lust am Leben kam -bald zurück. Die Welt nahm sich wieder heiter aus und das Dasein war -uns lieb und wert. Auf einmal überkam mich ein Gefühl des Unbehagens -und der Unruhe. Es bohrte und nagte immer stärker an mir ohne Unterlaß. -Ach, meine Wiedergeburt war nicht vollständig, ich war zu keinem neuen -Leben erwacht -- ich fühlte Lust zum Rauchen! - -Ich widerstand mit aller Kraft, aber das Fleisch war schwach. Einsam -wanderte ich fort und kämpfte eine ganze Stunde lang mit mir selbst. -Ich rief mir meine guten Vorsätze in Erinnerung und hielt mir selbst -eine ausführliche Predigt voll überzeugender Kraft, voll schwerer -Vorwürfe. Aber es war alles umsonst. Bald sah ich mich zwischen den -Schneewehen herumschleichen und nach meiner weggeworfenen Pfeife -suchen. Nach langem Forschen entdeckte ich sie endlich und verkroch -mich, um mich im Verborgenen daran zu erfreuen. - -Eine gute Weile blieb ich in meinem Versteck hinter der Scheune und -legte mir die Frage vor, wie mir wohl zu Mute sein würde, falls meine -tapferern, stärkerern, gesinnungstüchtigern Kameraden mich in dieser -meiner Erniedrigung antreffen sollten. Endlich zündete ich mir die -Pfeife an und kein menschliches Wesen kann sich niedriger und gemeiner -vorkommen als ich mir damals erschien. Ich schämte mich meiner eigenen -erbärmlichen Gesellschaft. In fortwährender Angst vor Entdeckung kam -ich auf den Gedanken, die andere Seite der Scheune könnte vielleicht -etwas mehr Sicherheit bieten, und so schlich ich mich um die Ecke. Als -ich mit brennender Pfeife um dieselbe bog, kam Ollendorff mit seiner -Flasche an den Lippen um die andere Ecke, und zwischen uns saß, ohne -uns zu bemerken, Ballou, tief versunken in ein Spielchen ›Solitaire‹, -mit seinen alten fettigen Karten! - -Das hieß denn doch die Abgeschmacktheit bis aufs äußerste treiben! Wir -schüttelten uns die Hände und gelobten uns, nie mehr von ›Umkehren‹ und -›Beispielen für das heranwachsende Geschlecht‹ zu reden. - -Unsere Poststation lag am Rande einer Wüste von sechsundzwanzig Meilen -Länge. Hätten wir uns am Abend vorher derselben eine halbe Stunde -früher genähert, so würden wir lautes Rufen und Pistolenschießen -vernommen haben, denn man erwartete einige Schaftreiber mit ihren -Herden, die sich rettungslos verirren mußten, falls sie nicht durch -den Schall geleitet würden. Während unseres Aufenthalts auf der Station -trafen drei von den Viehtreibern ganz erschöpft von ihren Irrfahrten -ein, von zwei anderen aber hörte man nie wieder etwas. - -Rechtzeitig langten wir in Carson an, wo wir uns Erholung gönnten. -Hierdurch, sowie durch die Vorbereitungen zu unserer Reise nach -Esmeralda wurden wir eine Woche festgehalten, was uns die Möglichkeit -verschaffte, dem Prozeß zwischen Hyde und Morgan wegen des großen -Erdrutsches beizuwohnen -- eine Episode, die noch heutzutage in Nevada -berühmt ist. Nach den notwendigen einleitenden Worten will ich diese -eigentümliche Angelegenheit ganz so erzählen, wie sie sich zutrug. - - - - -Dreizehntes Kapitel. - - -In den Thälern von Carson, Eagle und Washoe sind die Berge sehr hoch -und steil, und so beginnen, wenn der Schnee im Frühling schnell -schmilzt und das warme obere Erdreich feucht und weich wird, die -verderbenbringenden Erdrutsche. Der Leser kann nicht wissen, was ein -Erdrutsch ist, wenn er nicht hier in der Gegend gelebt hat und gesehen, -wie eines schönen Morgens die ganze Seite eines Berges gleichsam -abgeblättert unten im Thale liegt, so daß nichts als eine ungeheure, -baumlose, abschreckend kahle Wand am Bergeshange übrig bleibt, um das -Andenken an den Vorfall lebendig zu erhalten. - -General Buncombe war als Anwalt der Vereinigten Staaten nach Nevada -verschickt worden. Dieser Territorialbeamte betrachtete sich -gleichzeitig als Sachwalter für Privatpersonen und strebte sehr eifrig -nach einer Gelegenheit zur Bethätigung dieser Eigenschaft, teils aus -reinem Wohlgefallen daran, teils weil sein Gehalt als Staatsbeamter -eines Territoriums sehr mager war. Nun pflegten die älteren Bewohner -eines neuen Territoriums auf die übrige Welt mit gelassenem, -wohlwollendem Mitleid herabzusehen, d. h. solange man ihnen nicht in -den Weg kommt; tritt man ihnen in den Weg, so wird man angeschnauzt. -Bisweilen auch ziehen sie die Neulinge durch allerhand Streiche und -Scherze auf. - -[Illustration] - -Eines Morgens erschien Dick Hyde vor General Buncombes Thür in Carson -City zu Pferde im tollsten Lauf und stürzte zu ihm hinein, ohne -sich nur Zeit zum Anbinden seines Pferdes zu lassen. Er befand sich -in großer Aufregung und bat den General, einen Prozeß für ihn zu -führen, für den er fünfhundert Dollars bekäme, falls er ihm den Sieg -erstritte. Dann ließ er sich unter wilden Geberden und einer Flut -gotteslästerlicher Flüche über seine Beschwerdepunkte aus. Es sei so -ziemlich allgemein bekannt, sagte er, daß er seit etlichen Jahren im -Distrikt Washoe eine Farm oder nach der gewöhnlichen Bezeichnung einen -Rancho mit ganz gutem Erfolg bewirtschafte, und ebenso, daß Tom Morgan -unmittelbar über ihm auch einen Rancho besitze. Unglücklicherweise habe -nun ein solcher verhaßter und gefürchteter Erdrutsch stattgefunden, -wodurch Morgans Rancho: Zäune, Hütten, Vieh, Scheunen, alles -miteinander auf seinen Rancho herabgestürzt sei und sein Eigentum etwa -achtunddreißig Fuß hoch vollständig zugedeckt habe. Morgan sei im -Besitz des herabgerutschten Landes und weigere sich, es zu räumen. Er -machte geltend, daß er in seiner eigenen Hütte sitze und niemand in der -seinigen störe; die Hütte stehe auf demselben Erdreich und demselben -Grundstück, wo sie immer gestanden, und er wolle den sehen, der ihn -zwinge auszuziehen. - -»Und als ich ihn daran erinnerte,« fuhr Hyde weinend fort, »daß -er gerade doch auf meinem Rancho sitze und daß er rechtswidrig in -denselben eingebrochen sei, hatte er die höllische Unverschämtheit, -mich zu fragen, warum ich denn nicht in meinem Rancho geblieben sei, -um den Besitz zu behaupten, als ich ihn hätte kommen sehen. Verrückter -Faselhans, warum ich nicht geblieben bin? -- bei Gott, als ich das -Geprassel hörte und den Berg hinaufsah, war es gerade, als käme die -ganze Welt den Hang herunter gepoltert und gekollert -- Splitter und -Holzstöße, Donner und Blitz, Hagel und Schnee, Bündel Heu und Stroh -und fürchterliche Staubwolken! -- Bäume kamen holterdipolter durch die -Luft, Felsblöcke so groß wie ein Haus flogen aus einer Höhe von tausend -Fuß und zerkrachten dann in zehn Millionen Stücke; Ochsen und Kühe, das -Inwendige nach außen gekehrt, den Kopf voran, die Schwänze zwischen -den Zähnen, kamen herunter gesaust -- und mitten in dieser ganzen -verkehrten und zertrümmerten Welt sitzt dieser verfluchte Morgan auf -seinem Gartenthürpfosten und fragt, warum ich nicht geblieben sei, und -meinen Besitz behauptet habe! Meiner Seel’! Ich warf nur einen einzigen -Blick auf die Bescherung, und in drei Sätzen war ich aus dem Bezirk. - -»Aber was mich wurmt, das ist, daß dieser Morgan sich darauf -herumtreibt und von dem Rancho nicht fort will -- sagt, er gehöre ihm -und er behalte ihn -- es gefalle ihm besser da unten, als oben am Berg. -Zum Tollwerden! Na, ich war die beiden letzten Tage her so verdreht, -daß ich nicht einmal den Weg in die Stadt finden konnte. Bin nach -dem Umherlaufen in Feld und Wald ganz erschöpft; -- einen Tropfen zu -trinken, General? Aber jetzt bin ich hier und jetzt wird prozessiert. -Sie haben’s gehört.« - -Die Empörung des Generals kannte keine Grenzen. In seinem ganzen -Leben, meinte er, sei ihm noch kein so anmaßender Mensch vorgekommen, -wie dieser Morgan. Ein Prozeß, fuhr er fort, sei eigentlich ganz -überflüssig; Morgan hätte keinen Schein von Recht, auf seinem jetzigen -Platze zu bleiben -- kein Mensch auf der ganzen Welt würde ihm das -zugestehen, kein Sachwalter seine Sache führen, kein Richter ihn -anhören. Hyde erwiderte, da sei er im Irrtum -- die ganze Stadt gebe -Morgan recht, Hal Brayton, ein sehr tüchtiger Anwalt, hätte seine -Sache übernommen, und da Gerichtsferien wären, so sollte sie vor einem -Schiedsmann verhandelt werden. Der frühere Gouverneur Roop wäre bereits -zu diesem Amt ernannt worden und würde heute um zwei Uhr nachmittags -in einem großen, öffentlichen Saal nahe beim Hotel die Verhandlungen -eröffnen. - -Der General war außer sich vor Staunen. Er hätte, sagte er, stets -geglaubt, die Menschen in diesem Territorium müßten verrückt sein; -jetzt wisse er es ganz gewiß. »Aber,« fuhr er fort, »nur ruhig Blut und -Zeugen gesammelt; denn der Sieg ist uns so sicher, als wäre das Urteil -bereits gesprochen.« Hyde trocknete seine Thränen und zog ab. - -Um zwei Uhr wurde das Schiedsgericht eröffnet und Roop thronte mit so -ehrfurchtgebietender Feierlichkeit unter seinen Sheriffs, den Zeugen -und den Zuschauern, daß einige seiner Mitwisser schier Angst hatten, -er habe am Ende nicht begriffen, daß es sich nur um einen Scherz -handle. Eine unheimliche Stille herrschte, denn beim leisesten Geräusch -sprach der Richter den ernsten Befehl aus: »Ruhe vor Gericht,« was die -Sheriffs sofort wie ein Echo wiederholten. Kurz darauf drängte sich -der General, beide Arme voll Gesetzbücher, durch die Menge und an sein -Ohr schlug der Befehl des Richters: »Platz für den Herrn Anwalt der -Vereinigten Staaten,« die erste achtungsvolle Anerkennung seiner hohen -offiziellen Würde, die ihm bislang zu teil geworden war, und bei der es -ihm behaglich durch alle Glieder prickelte. - -Die Zeugen wurden aufgerufen; Gesetzgeber, hohe Regierungsbeamte, -Bauern, Bergleute, Chinesen, Neger. Dreiviertel derselben waren von -dem Beklagten Morgan aufgerufen, aber umsonst; ihr Zeugnis lautete -ausnahmslos zu Gunsten des Klägers Hyde. Jeder neue Zeuge brachte nur -neue Beweise dafür bei, wie abgeschmackt es sei, jemandes Eigentum -deshalb zu beanspruchen, weil die eigene Farm darauf gerutscht sei. -Dann hielten Morgans Advokaten ihre Reden, die erbärmlich matt -ausfielen, sie thaten in Wirklichkeit nichts für den Sieg ihres -Schutzbefohlenen. Jetzt erhob sich mit triumphierender Miene der -General und nahm einen leidenschaftlichen Anlauf. Er schlug mit der -Faust auf den Tisch, klopfte auf die Gesetzbücher, schrie, brüllte und -heulte, zitierte alle Sprachen und Schriftsteller, Poesie, Sarkasmen, -Statistik, Geschichte, Pathetisches, Volkstümliches, Lächerliches, und -schloß mit einem großen Schlachtruf für Redefreiheit, Preßfreiheit, -Unterrichtsfreiheit, den ruhmreichen amerikanischen Adler und die -Grundsätze ewiger Gerechtigkeit. (Beifall.) - -Als der General sich niederließ, war er im Innersten überzeugt, daß -wenn auf günstige Zeugenaussagen, eine großartige Rede und auf die -gläubigen und bewundernden Gesichter ringsum das mindeste zu geben -sei, Morgan verloren sein müsse. Exgouverneur Roop stützte sein Haupt -einige Augenblicke sinnend in die Hand, während die Menge auf seine -Entscheidung wartete, dann erhob er sich und dachte gebeugten Hauptes -abermals nach. Darauf ging er mit langen Schritten hin und her, das -Kinn in der Hand, während die Menge immer noch harrte. Endlich kehrte -er auf seinen Thron zurück, setzte sich und begann in gewichtigem Tone: - -»Meine Herren, ich fühle die große Verantwortlichkeit, die heute -auf mir ruht. Dies ist kein gewöhnlicher Fall. Im Gegenteil, es ist -der großartigste und bedeutsamste, den je ein Mensch zu entscheiden -berufen wurde. Meine Herren, ich habe aufmerksam die Zeugenaussagen -angehört und bemerkt, daß ihr Gewicht, ihr überwältigendes Gewicht -zu Gunsten des Klägers Hyde spricht. Ich habe ferner mit hohem -Interesse den Bemerkungen der Sachwalter zugehört, namentlich die -meisterhafte und unwiderlegbare Logik des hochverehrlichen Anwalts, -welcher den Kläger vertritt. Aber, meine Herren, lassen wir uns in -einem so feierlichen Augenblick nicht von bloß menschlichem Zeugnis, -menschlichem Scharfsinn und menschlichen Begriffen von Gerechtigkeit -beeinflussen. Meine Herren, es steht uns Erdenwürmern sehr übel an, -uns in die Beschlüsse des Himmels einzumischen. Für mich liegt es klar -auf der Hand, daß der Himmel in seiner unerforschlichen Weisheit den -Rancho des Angeklagten nicht ohne Grund von der Stelle gerückt hat. Wir -sind nur Geschöpfe Gottes und müssen uns seinem Willen fügen. Wenn es -dem Himmel beliebt hat, den Beklagten Morgan auf so merkwürdige und -wunderbare Weise zu begünstigen, wenn der Himmel, unzufrieden mit der -Lage von Morgans Rancho an der Bergflanke, denselben nach einer für -seinen Besitzer bequemeren und vorteilhafteren Gegend befördern wollte, -so steht es uns armen Eintagsfliegen nicht zu, die Gesetzmäßigkeit des -Verfahrens in Frage zu ziehen oder nach der Ursache zu forschen, die -dabei maßgebend war. Nein, der Himmel hat die Ranchos geschaffen, und -es ist das Vorrecht des Himmels, sie anders zu ordnen, mit ihnen zu -experimentieren, sie nach Belieben dahin oder dorthin zu schieben. Wir -haben uns ohne Murren zu unterwerfen. Ich sage es euch zur Warnung, -daß die unheiligen Hände, Köpfe und Zungen der Menschen sich mit -diesem Ereignis nicht befassen dürfen. Meine Herren, der Wahrspruch -des Gerichtshofs lautet, daß der Kläger Richard Hyde seines Ranchos -durch die Heimsuchung Gottes verlustig gegangen ist! Und von dieser -Entscheidung giebt es keine Berufung.« - -Buncombe packte seine Ladung Bücher zusammen und stürzte damit aus -dem Gerichtssaal, ganz außer sich vor Entrüstung. Er hieß Roop laut -einen Narren, einen schwärmerischen Troddel. In seinem Eifer suchte -er ihn bei Nacht nochmals auf, machte ihm Vorstellungen wegen seines -ungereimten Wahrspruchs und bat ihn inständig, doch einmal eine halbe -Stunde in der Stube auf und ab zu gehen und nachzudenken, ob sich der -Spruch denn nicht irgendwie abändern lasse. Schließlich gab Roop nach -und stand auf. Dritthalb Stunden lief er im Zimmer hin und her, bis -er plötzlich mit strahlendem Gesicht ausrief, jetzt sei es ihm klar -geworden, daß der Rancho unter dem Rancho Morgans noch immer Hyde -gehöre und daß dieser noch gerade soviel Anrecht auf denselben habe wie -vorher; deshalb sei er der Meinung, daß Hyde berechtigt sei, sich ihn -darunter herauszugraben und -- - -Der General wartete nicht bis er ausgeredet hatte, er war stets -ungeduldigen und jähzornigen Temperaments gewesen. -- Es dauerte zwei -Monate, bis die Thatsache, daß man nur Spaß mit ihm getrieben, sich -durch den harten Diamantfels seines Begriffsvermögens hindurch gebohrt -hatte. - - - - -Vierzehntes Kapitel. - - -Als wir endlich nach Esmeralda abritten, bekam unsere Gesellschaft -einen Zuwachs in der Person des Kapitäns John Nye, eines Bruders des -Gouverneurs. Er hatte ein gutes Gedächtnis und die Zunge saß ihm am -rechten Fleck; das sind Eigenschaften, welche der Unterhaltung ein -ewiges Leben verleihen. Während der ganzen hundertzwanzig Meilen -unserer Reise ließ der Kapitän das Gespräch nie matt werden oder -stocken. Außer seiner Unterhaltungsgabe besaß er noch zwei ganz -besondere Vorzüge. Der eine bestand in seiner außerordentlichen -Anstelligkeit, die ihm zu allem und jedem Geschick verlieh, vom -Abstecken einer Eisenbahn oder der Organisierung einer politischen -Partei bis herab zum Annähen eines Knopfes, zum Beschlagen eines -Pferdes, zum Einrichten eines gebrochenen Beins oder zum Setzen -einer Henne. Der andere bestand in der Fähigkeit, sich jederzeit -der Bedürfnisse, Verlegenheiten und Schwierigkeiten seiner -Mitmenschen anzunehmen und mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und -Geschwindigkeit Abhilfe zu schaffen, weshalb er stets leerstehende -Betten in überfüllten Gasthäusern und eine Fülle von Vorräten in den -leersten Speisekammern fand. Und endlich, wo er Mann, Weib oder Kind -in einem Lager, einer Schenke oder mitten in der Wüste begegnete, -immer kannte er entweder die Leute persönlich oder er war mit einem -Verwandten derselben bekannt gewesen. Ein solcher Reisegefährte war -uns bis dahin noch nicht vorgekommen. - -Ich kann nicht unterlassen, hier eine Probe von der Art mitzuteilen, -wie er Schwierigkeiten beseitigte. Am zweiten Reisetag langten wir -sehr müde und hungrig vor einem kleinen ärmlichen Wirtshaus in der -Wüste an, wo man uns sagte, das Haus sei voll, Lebensmittel seien -nicht vorhanden, kein Heu oder Gerste für die Pferde da -- wir -müßten weiter gehen. Wir andern wollten eilig weiter, solange es -noch hell war, da der Kapitän aber darauf bestand eine Weile Halt zu -machen, stiegen wir ab und traten ein. Kein einziges Gesicht bot uns -Willkommen. Der Kapitän ließ seine Zauberkünste spielen und hatte -binnen zwanzig Minuten folgendes zustande gebracht: in drei Fuhrleuten -alte Bekannte gefunden, entdeckt, daß er mit der Mutter des Wirts -in die Schule gegangen, in dessen Frau eine Dame wieder erkannt, -deren durchgegangenes Pferd er einst in Kalifornien aufgehalten und -ihr dadurch das Leben gerettet hatte, einem Kinde sein zerbrochenes -Spielzeug ausgebessert und damit die Gunst von dessen Mutter gewonnen, -dem Hausknecht beim Aderlaß eines Pferdes geholfen, und einem andern -Pferde, welches das Würgen hatte, etwas verschrieben, die ganze -Gesellschaft dreimal am Schenktisch des Wirtes frei gehalten, eine -neuere Zeitungsnummer, als irgend jemand sie seit einer Woche zu -Gesicht bekommen hatte, zum Vorschein gebracht, sich hingesetzt und -sie den höchst gespannten Zuhörern vorgelesen. Das Ergebnis aber war -in Summa folgendes: Der Hausknecht fand Futter in Fülle für unsere -Pferde, wir bekamen ein Abendessen von Forellen mit nachfolgender -überaus gemütlicher Unterhaltung, wir erhielten gute Betten, fanden -des andern Morgens ein überraschend feines Frühstück und bei unserm -Abgang jammerte alle Welt, daß wir schon fort wollten. Der Kapitän -hatte einige schlimme Eigenschaften, allein er besaß auch ungemein -schätzenswerte Züge, die er dagegen in die Wagschale werfen konnte. - -Esmeralda war in vielen Beziehungen ein zweites Humboldt, jedoch -bereits etwas weiter entwickelt. Die Bergwerksanteile, für die wir -Zuschüsse bezahlt hatten, waren völlig wertlos, wir gaben sie auf. Der -bedeutendste lag auf einem Hügel von vierzehn Fuß Höhe, in den die -schlauen Direktoren einen Stollen trieben, um auf die silberhaltige -Ader zu kommen. Derselbe würde siebzig Fuß lang geworden sein, um dann -die Ader in einer Tiefe zu treffen, die man mit einem zwölf Fuß tiefen -Schacht erreicht hätte. Die Herren Direktoren lebten von den ›Zubußen‹. -Sie spürten durchaus kein Verlangen, jene Ader zu finden; denn sie -wußten wohl, daß sie so wenig Silber enthielt wie eine Trottoirplatte. - -Wir belegten verschiedene Parzellen, auf denen wir Schachte und Stollen -in Angriff nahmen, ohne aber je einen solchen fertig zu machen. Auf -jeder derselben mußten wir eine gewisse Arbeit geleistet haben, um als -Inhaber zu gelten, widrigenfalls jeder andere nach Ablauf von zehn -Tagen unser Eigentum in Besitz nehmen konnte. Stets jagten wir neuen -Parzellen nach, auf denen wir etwas Weniges arbeiteten, um dann auf -einen Käufer zu warten, der sich aber niemals einstellte. Nie fanden -wir Erz, das mehr als fünfzig Dollars die Tonne gegeben hätte, und -da die Pochwerke für die Verarbeitung des Erzes und Ausscheidung des -Silbers genau ebensoviel verlangten, schmolz uns das Geld aus der -Tasche fortwährend weg, ohne daß anderes dafür kam. Wir bewohnten -eine kleine Hütte, in der wir eigene Küche führten, und hatten im -ganzen ein saures, wenn auch hoffnungsvolles Leben, -- denn wir hörten -keinen Augenblick auf, ein Vermögen für uns und einen plötzlich sich -einstellenden Käufer für unsern Besitz zu erwarten. - -Zuletzt, als das Pfund Mehl auf einen Dollar stieg und Geld auf die -beste Sicherheit hin nicht unter acht Prozent monatlich zu haben war -(mir fehlte es überdies an der Sicherheit), ließ ich den Bergbau fahren -und widmete mich dem Pochwerkbetrieb, d. h. ich wurde gewöhnlicher -Taglöhner in einem Quarzpochwerk für zehn Dollars die Woche außer der -Kost. - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - - -Ich hatte bereits erfahren, was für eine langwierige, harte und -traurige Aufgabe es ist, das ersehnte Erz aus den Eingeweiden der Erde -herauszuscharren, nun wurde ich inne, daß das Herausscharren erst -die halbe Arbeit war, und daß die andere trübselige und mühselige -Hälfte darin bestand, das Silber aus dem Erz herauszuziehen. Von sechs -Uhr des Morgens bis zum Dunkelwerden dauerte die Arbeit. Gestein -losschlagen und in die ›Batterie‹ schaufeln, in der es durch sechs von -Dampf getriebene gewaltige Stampfen zerrieben und durch zuströmendes -Wasser in einen festen Brei verwandelt wurde; Quecksilber, Steinsalz -und andere Chemikalien je nach Bedürfnis in die ›Amalgamierpfannen‹ -schütten, wo das erstere sich mit den Gold- und Silberteilen verbinden -mußte; die Rinnen und die groben Decken reinigen, durch welche -das Wasser aus der Pfanne abfloß, damit die winzigen Teilchen der -Edelmetalle nicht verloren würden, die sich darin ablagerten -- so ging -die Plackerei ununterbrochen fort, und bei alledem fand ein Drittel -des in einer Tonne Gestein enthaltenen Edelmetalls seinen Weg bis ans -Ende der Rinnen in der Schlucht, so daß es später nochmals verarbeitet -werden mußte. Gab es sonst nichts zu thun, so konnte man immer Sand -durchwerfen, d. h. man konnte den getrockneten Sand, der durch die -Rinnen in die Schlucht gespült worden war, zusammenschaufeln und -gegen einen aufrechtstehenden Drahtschirm werfen, um ihn von Kieseln -zu befreien und ihn so zu nochmaliger Verarbeitung vorzubereiten. -Ohne dieses Sanddurchwerfen ging es in keinem Pochwerk ab, trotz der -Verschiedenheit der angewandten Methoden. Von allen Erholungen der -Welt ist aber dies Sanddurchwerfen an einem heißen Tage und mit einer -langstieligen Schaufel am wenigsten begehrenswert. - -Zum Schluß der Woche wurde die Maschine angehalten und wir wuschen auf, -d. h. wir holten den Brei aus den Pfannen und Batterien und spülten -den Schmutz geduldig hinweg, bis nur noch die angesammelte Masse -von Quecksilber samt den darin eingeschlossenen Schätzen übrig war, -welche wir in Form fester Schneeballen zum Zweck der Besichtigung zu -glänzenden prächtigen Haufen aufschichteten. Dabei kostete mich meine -Unerfahrenheit einen schönen goldenen Ring, in den das Quecksilber -eindrang wie Wasser in einen Schwamm, so daß er völlig zerstört wurde. -In einer eisernen Retorte wurde durch Verdampfung das Quecksilber aus -diesen Kugeln entfernt, der Dampf aber in einen Eimer geleitet, wo bei -der Abkühlung das sehr kostspielige Quecksilber wieder seine natürliche -Form erhielt. In der Retorte lag dann das Ergebnis unserer Wochenarbeit -vor uns, ein Klumpen, zweimal so groß wie ein Mannskopf, von reinem, -weißem Silber, das wie Rauhfrost aussah. Der Klumpen wurde schließlich -eingeschmolzen und in eine Barrenform gegossen. - -Von jedem Barren wurde ein Eckchen abgeschnitten für die ›Feuerprobe‹ --- ein ganz interessantes Verfahren. Dieses Eckchen wird so dünn -wie Papier ausgehämmert und auf einer Wage von solcher Feinheit und -Empfindlichkeit gewogen, daß, wenn man auf ein Stückchen Papier von -bestimmtem Gewicht mit einem groben, weichen Bleistift seinen Namen -schreibt und es dann abermals wägt, die Wage deutlich ein höheres -Gewicht anzeigt. Dann wird ein wenig Blei gleichfalls gewogen, mit der -Silberflocke zusammengerollt, und die beiden bei großer Hitze in der -sogenannten ›Kapelle‹ geschmolzen, einem kleinen Gefäße aus gepreßter -Knochenasche in Gestalt einer Obertasse. Die unedlen Metalle oxydieren -und werden samt dem Blei von der Kapelle aufgesogen. Ein Kügelchen, aus -vollkommen reinem Gold und Silber bestehend, bleibt zurück, und wenn -der Wardein dieses wägt und den Abgang notiert, erkennt er, wieviel -unedles Metall der Barren enthält. Jetzt hat er das Gold von dem -Silber zu scheiden. Dazu wird das Kügelchen flach und dünn gehämmert -und einige Zeit in einem Ofen mit Rotglühhitze behandelt. Nach der -Abkühlung rollt man es wie einen Federkiel zusammen und erhitzt es in -einem Glasgefäß mit Salpetersäure, welche das Silber auflöst, so daß -das Gold rein zurückbleibt und für sich gewogen werden kann. Durch -Zugießen von Salzwasser erhält das Silber wieder seine feste Form, -worauf nichts mehr zu thun übrig bleibt, als dieses zu wiegen; dann -kennt man das Verhältnis der verschiedenen in dem Barren enthaltenen -Metalle, den der Wardein nun mit einem Stempel versieht, der seinen -Wert bezeichnet. - -Das Geschäft eines Wardeins war sehr einträglich, und deshalb befaßten -sich auch gelegentlich Leute damit, denen es an der wissenschaftlichen -Befähigung fehlte. Es war einmal ein Wardein, der aus allen Proben, die -man ihm brachte, so reiche Resultate heraus bekam, daß er binnen kurzem -fast das ganze Geschäft monopolisiert hatte. Aber wie alle Leute, die -Erfolg haben, wurde er ein Gegenstand des Neides und des Verdachtes. -Die andern Wardeine verschworen sich gegen ihn und zogen zum Beweise, -daß sie es ehrlich meinten, einige angesehene Bürger ins Geheimnis. -Dann schickten sie dem glücklichen Geschäftsmann einen Fremden mit -einem Stückchen Schleifstein, den er prüfen sollte. Nach Verlauf einer -Stunde brachte er heraus, daß eine Tonne dieses Gesteins 1284,40 -Dollars an Silber und 366,36 Dollars an Gold geben müsse. - -[Illustration] - -Die ganze Geschichte kam sofort in die Zeitung und der beliebte Wardein -machte sich binnen zwei Tagen aus dem Staube. - -Ich will hier beiläufig bemerken, daß ich in der Silbermühle nur eine -Woche blieb. Ich erklärte meinem Arbeitgeber, ohne Lohnerhöhung könne -ich nicht länger bleiben. Mir gefalle zwar das Quarzmehlmachen, ja ich -sei ganz bezaubert davon; nie zuvor hätte ich zu einer Beschäftigung -in so kurzer Zeit eine so zärtliche Neigung gewonnen; nichts gäbe, wie -es mir scheine, der geistigen Thätigkeit einen solchen Schwung, als -eine Batterie zu füttern und Sand durch einen Drahtschirm zu werfen, -und nichts sporne die sittlichen Eigenschaften eines Menschen so an, -als Silber ausschmelzen und Decken waschen -- trotzdem fühle ich mich -genötigt, um Lohnerhöhung zu bitten. - -Er sagte, er zahle mir zehn Dollars wöchentlich und das sei doch eine -ganz hübsche runde Summe. Wieviel ich denn wolle? - -Ich erwiderte, etwa viermal hunderttausend Dollars monatlich nebst der -Kost sei alles, was ich in Anbetracht der schweren Zeiten vernünftiger -Weise verlangen könne. - -Man wies mich aus dem Hause. Und doch, wenn ich auf jene Tage -zurückblicke und mir die maßlos schwere Arbeit, die ich in jenem -Pochwerk verrichtete, ins Gedächtnis zurückrufe, bedauere ich nur, -ihm nicht siebenmalhunderttausend abverlangt zu haben. Um die volle -Kraft und Bedeutung des über ihn verhängten Fluches zu verstehen: ›Im -Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen‹ hätte Adam aus -dem Garten Eden von Rechts wegen geradeswegs in ein Quarzpochwerk gehen -sollen. - - * * * * * - -Nicht lange nachher war es die geheimnisvolle, wunderbare -›Zementgrube‹, die mir, gleich der übrigen Bevölkerung, den Verstand -verrückte, so daß ich nur auf eine Gelegenheit lauerte, mich bei deren -Aufspürung beteiligen zu können. - - - - -Sechzehntes Kapitel. - - -Irgendwo in der Nachbarschaft des Monosees, nahm man an, müsse -Whitemans wunderbare Zementgrube liegen. Alle Augenblicke hieß es, -Whiteman sei in totenstiller Nacht verstohlen und in Verkleidung -durch Esmeralda gekommen; dann gab es jedesmal eine tolle Aufregung, -denn natürlich steuerte er seiner geheimnisvollen Grube zu, und da -galt es, ihm zu folgen. Kaum drei Stunden nach Tagesanbruch waren -dann alle Pferde, Maultiere und Esel in der Nachbarschaft aufgekauft, -geliehen oder gestohlen, und die halbe Ortsgemeinde befand sich auf -Whitemans Spuren unterwegs nach den Bergen. Allein Whiteman pflegte -sich tagelang wie zwecklos in den Bergschluchten herumzutreiben, bis -den Bergleuten die Lebensmittel ausgingen und sie wieder nach Hause -gehen mußten. Ich habe es erlebt, daß es um elf Uhr nachts in einem -großen Bergmannslager hieß, Whiteman sei soeben vorbei gekommen, und -daß schon zwei Stunden darauf die sonst so stillen Straßen von Menschen -und Tieren wimmelten. Einer wie der andere bestrebte sich dann, die -Sache recht geheim zu halten, flüsterte aber trotzdem wenigstens einem -Nachbar zu, Whiteman sei durchgekommen. Und lange vor Tagesanbruch -- -das letztemal mitten im tiefen Winter -- ging dann die Hetzjagd los, -das Lager war verlassen und die gesamte Bevölkerung auf der Suche nach -Whiteman. - -Der Sage zufolge waren bei der ersten Einwanderung vor länger als -zwanzig Jahren drei junge Deutsche, Brüder, nachdem sie auf der -Ebene bei einem von Indianern angerichteten Gemetzel mit dem Leben -davongekommen, zu Fuß durch die Wüste gewandert, und hatten in der -Hoffnung, Kalifornien zu erreichen, bevor sie vor Hunger umkamen, -einfach die Richtung nach Westen eingeschlagen. Als sie eines Tages -in einer Bergschlucht ausruhten, bemerkte einer von ihnen eine -eigentümliche Zementader, die mit Klumpen eines schmutziggelben Metalls -wie gespickt war. Sie sahen, daß es Gold sei und daß sich hier an einem -einzigen Tage ein Vermögen erwerben lasse. Die Ader war etwa so breit -wie eine Trottoirplatte und reichlich zwei Drittel derselben bestand -aus reinem Gold. Jedes Pfund des wunderbaren Zements hatte einen Wert -von nahezu zweihundert Dollars. Die Brüder nahmen so viel mit als sie -tragen konnten, verwischten alle Spuren der Ader, machten eine rohe -Zeichnung von der Oertlichkeit und den Hauptmerkmalen ihrer Umgebung -und brachen wieder nach Westen auf. Aber ihre Not wuchs. Auf ihren -Irrfahrten fiel der eine Bruder und brach das Bein; die andern mußten -ihn in der Wildnis sterben lassen. Der zweite gab ermüdet und von -Hunger erschöpft bald nachher die weitere Wanderung auf und legte sich -gleichfalls zum Sterben nieder. Der dritte erreichte nach zwei oder -drei Wochen voll unglaublicher Entbehrungen, entkräftet, körperlich- -und gemütskrank, die Niederlassungen Kaliforniens. Seinen Zement hatte -er bis auf ein paar Bruchstücke weggeworfen, aber diese genügten, um -alle Welt in die tollste Aufregung zu versetzen. Er selbst wollte indes -mit der Zementgegend nichts mehr zu schaffen haben und ließ sich nicht -bewegen, jemand dorthin zu führen. Er war ganz zufrieden, als Taglöhner -auf einer Farm arbeiten zu können. Jedoch überließ er Whiteman seine -Zeichnungen und beschrieb ihm die Zementregion so gut er es vermochte. -Damit übertrug er den Fluch auf ihn -- denn als ich Whiteman zufällig -in Esmeralda einen Augenblick sah, hatte er der verlorenen Grube -unter Hunger, Durst, Armut und Krankheit ganze zwölf oder dreizehn -Jahre nachgespürt. Manche glaubten, er habe sie gefunden, die meisten -waren aber entgegengesetzter Meinung. Ich sah ein Stück Zement, so -groß wie meine Faust, das Whiteman von dem jungen Deutschen bekommen -haben sollte, und das war in der That recht verführerischer Natur. -Klumpen von Jungferngold saßen darin so dicht wie die Rosinen in einem -Napfkuchen. Eine einzige Woche lang eine solche Grube ausbeuten zu -dürfen, würde einem Menschen mit vernünftigen Wünschen genügen. - -Ein neuer Geschäftsfreund von uns, ein Herr Higbie, kannte Whiteman -von Ansehen recht gut, und ein anderer von unseren Freunden, ein -Herr van Dorn, war nicht nur mit ihm bekannt, sondern hatte auch das -Versprechen von ihm bekommen, er solle zu rechter Zeit im stillen einen -Wink erhalten, damit er sich der nächsten Zementexpedition anschließen -könne. Diesen Wink hatte van Dorn versprochen auf uns auszudehnen. -Eines Abends nun kam Higbie sehr aufgeregt herein und sagte, er glaube -ganz sicher, daß er oben in der Stadt Whiteman erkannt habe; er sei -verkleidet und stelle sich betrunken. Nach einem Weilchen traf van -Dorn ebenfalls ein und bestätigte die Nachricht; wir versammelten -uns nun in unserer Hütte, steckten die Köpfe zusammen und berieten -flüsternd unsere Pläne. - -Um kein Aufsehen zu erregen, sollten wir die Stadt nach Mitternacht -in zwei oder drei kleineren Abteilungen ruhig verlassen und uns im -Morgengrauen auf der Wasserscheide über dem Monosee, acht bis neun -Meilen weit entfernt, treffen. Der Aufbruch sollte ganz geräuschlos vor -sich gehen und unterwegs kein lautes Wort gesprochen werden. Diesmal, -meinten wir, wisse man in der Stadt nichts von Whitemans Anwesenheit -und ahne nichts von dessen Vorhaben. Um neun Uhr ging unser Konklave -auseinander, worauf wir uns eifrig und in tiefem Geheimnis an die -Vorbereitungen machten. Um elf Uhr sattelten wir unsere Pferde, banden -sie mit ihren langen Riatas oder Lassos fest und brachten dann eine -Speckseite und einen Sack Bohnen, ein Säckchen Kaffee, etwas Zucker, -hundert Pfund Mehl in Säckchen, ein paar Blechtassen, einen Kaffeetopf, -eine Bratpfanne und einige sonstige notwendige Gegenstände herbei. -Dies alles wurde dem Handpferd auf den Rücken geladen; wer aber das -Packen nicht von einem spanischen Sachverständigen gelernt hat, soll -nur alle Hoffnung aufgeben, es durch natürliches Geschick fertig zu -bekommen. Higbie besaß wohl einige Erfahrung darin, aber ein Meister -war er nicht. Nachdem er die Sachen auf dem Packsattel aufgeschichtet -hatte, schnürte er sie mit dem Strick zusammen, machte hier und da -einen Knoten und zog manchmal so fest an, daß dem Tier die Flanken -einsanken und es nach Atem schnappte; dabei wurde jedesmal der Strick -an einer anderen Stelle locker. Vollkommen brachten wir die Ladung -nicht fest, schließlich mochte es aber doch zur Not gehen; so brachen -wir denn auf, einer immer dicht hinter dem andern, ohne ein Wort zu -sprechen. Es war eine dunkle Nacht. Wir hielten uns in der Mitte der -Straße und schritten langsam an den Hüttenreihen vorüber; so oft einer -der Bergleute unter seine Thür trat, zitterte ich vor Furcht, daß das -Licht uns bescheinen und Neugier erregen könnte. Aber es ereignete -sich nichts. Wir begannen den langen gewundenen Weg aus der Schlucht -hinaufzusteigen; bald wurden die Hütten seltener und die Strecken -zwischen ihnen immer länger, so daß ich schließlich etwas freier atmete -und mir nicht mehr ganz wie ein Dieb und Mörder vorkam. - -[Illustration] - -Ich ritt zu hinterst und führte das Packpferd. Als der Anstieg steiler -wurde, wollte diesem seine Last nicht mehr behagen; manchmal versuchte -es an seiner Riata zu zerren, so daß eine Verzögerung entstand. In -der Finsternis verlor ich meine Gefährten aus den Augen. Ich wurde -ängstlich und schmeichelte und drohte dem Gaul so lange, bis er -zu traben anfing; allein jetzt erschreckte ihn das Klappern der -Blechtassen und Pfannen und er setzte sich in Lauf. Da seine Riata um -meinen Sattelknopf geschlungen war, riß er mich vom Sattel, worauf die -beiden Tiere munter ohne mich weiterliefen. Doch blieb ich nicht allein --- die locker gewordene Ladung des Packpferdes purzelte herunter und -fiel dicht neben mich. Es war fast unmittelbar vor der letzten Hütte. -Ein Bergmann trat heraus mit dem Ruf: »Holla«. - -Ich war dreißig Schritt von ihm weg und wußte, daß er mich nicht sehen -konnte, da es im Schatten des Berges sehr dunkel war. So blieb ich -ruhig liegen. Ein zweiter Kopf erschien im Licht unter der Hüttenthür -und bald schritten die beiden Leute auf mich zu. Zehn Schritt von mir -blieben sie stehen und der eine machte: »Bst! Horch!« - -Wäre ich vor den Dienern der Gerechtigkeit geflohen und ein Preis auf -meinen Kopf gesetzt gewesen, ich hätte mich in keiner traurigeren -Lage befinden können. Jetzt schien mir, daß die Leute sich auf einen -Felsblock setzten, obwohl ich nicht genau zu unterscheiden vermochte, -was sie thaten. Der eine sagte: - -»Ich habe ein Geräusch vernommen, es war ganz deutlich. Dort herum muß -es gewesen sein!« - -Ein Stein sauste an meinem Kopfe vorbei. Ich drückte mich so flach in -den Staub wie eine Postmarke und dachte bei mir, wenn er das nächstemal -ein klein wenig besser ziele, könne er wohl noch ein Geräusch zu -hören bekommen. In meinem Innern verfluchte ich jetzt die heimlichen -Expeditionen. Dies sollte meine letzte sein, und hätten auch die -Sierras so viele Zementadern, wie der menschliche Körper Rippen. Nun -sagte der eine von den Männern: - -»Ich will dir was sagen. Walch wußte, was er sagte, als er heute -behauptete, er hätte Whiteman gesehen. Ich habe Pferde gehört -- das -war das Geräusch. Ich laufe spornstreichs hinunter zu Walch!« - -Sie gingen, und ich war froh. Wohin sie gingen, war mir einerlei, -wenn sie nur gingen. Mochten sie immerhin Walch aufsuchen; je eher, -desto besser. Sobald sie die Thür der Hütte schlossen, tauchten meine -Gefährten aus der Dunkelheit auf, sie hatten die Pferde aufgefangen und -gewartet, bis die Luft rein war. Wir legten die Ladung dem Packpferd -wieder auf und machten uns auf den Weg; mit Tagesanbruch erreichten wir -die Wasserscheide und vereinigten uns mit van Dorn. Dann wanderten wir -hinab in das Becken des Sees und hier fühlten wir uns sicher genug, -um Halt zu machen und das Frühstück zu kochen, denn wir waren müde, -schläfrig und hungrig. Drei Stunden darauf zog die ganze Bevölkerung -von Esmeralda in langem Gänsemarsch über die Wasserscheide und -verbreitete sich um den See herum, wo wir sie allmählich aus den Augen -verloren. - -[Illustration] - -Ob mein Unfall dies veranlaßt hatte oder nicht, haben wir nie erfahren, -eins aber war sicher -- das Geheimnis war heraus und Whiteman wollte -sich diesmal auf das Suchen nach der Zementgrube nicht einlassen, was -uns bitter verdroß. - -Wir hielten Rat und beschlossen, aus unserm Mißgeschick den möglichsten -Nutzen zu ziehen und eine Woche Ferien an den Ufern des seltsamen -Sees zu verleben. Derselbe wird bald Mono, bald das ›Tote Meer von -Kalifornien‹ genannt. Er ist eine der wunderlichsten Schrullen der -Natur, aber kaum jemals schon in Büchern erwähnt und höchst selten -besucht, weil er abseits von der gewöhnlichen Heerstraße liegt und -überdies so schwer zu erreichen ist, daß meist nur Leute, die an die -stärksten Strapazen gewöhnt sind, die Beschwerlichkeit eines Ausflugs -dahin auf sich nehmen mögen. - -Am Morgen des zweiten Tages zogen wir nach einer entfernten und -besonders wildromantischen Stelle am Seeufer, wo ein Bach mit frischem, -eiskaltem Wasser aus dem Berge hervorsprudelte und sich in den See -ergoß, und schlugen dort ein regelrechtes Lager auf. Von dem zehn -Meilen weiter weg wohnenden Besitzer eines einsamen Ranchos mieteten -wir ein großes Boot und zwei Schrotflinten. An Behagen und Zerstreuung -konnte es uns nun nicht fehlen und bald waren wir mit dem See und allen -seinen Eigentümlichkeiten gründlich bekannt. - - - - -Siebzehntes Kapitel. - - -Der Monosee liegt in einer toten, stillen, baumlosen, entsetzlichen -Wüste, achttausend Fuß über der Meeresfläche, und ist von Bergen -umschlossen, die ihn um zweitausend Fuß überragen und deren Gipfel -stets in Wolken gehüllt sind. Diese feierliche, schweigende, von keinem -Segel belebte Wasserfläche, an einem der einsamsten Orte auf Erden, -bietet nur wenige anmutige und malerische Züge. Es ist eine einförmig -graue Wasserfläche von etwa hundert Meilen Umfang, mit zwei Inseln in -der Mitte, die nichts sind als erstarrte, blasige und rissige Lava, die -mit einer Kruste von Bimsstein und einer grauen Aschenschicht bedeckt -ist -- dem Leichentuch des erloschenen Vulkans, dessen ungeheuren -Krater der See ausgefüllt hat. - -[Illustration] - -Dieser ist zweihundert Fuß tief, und seine trüben Wasser sind so -stark mit Alkali geschwängert, daß, wenn man das allerschmutzigste -Kleidungsstück auch nur ein- oder zweimal hineintaucht und auswringt, -man es so rein findet, als ob es durch die Hände der geschicktesten -Waschfrau gegangen wäre. Die Wascharbeit machte uns während unseres -dortigen Aufenthaltes nicht viel Mühe. Wir banden die schmutzige Wäsche -der Woche einfach hinten an unser Boot und fuhren eine Viertelmeile -weit, und die Sache war bis auf das Auswringen fertig. Wenn wir -uns von dem Wasser auf die Köpfe schütteten und ein paarmal darauf -rieben, so gab es drei Zoll hohen weißen Schaum. An wunden Stellen -oder bei aufgesprungener Haut erzeugt das Wasser begreiflicherweise -unerträgliche Schmerzen. - -Im Monosee giebt es weder Fische noch Frösche, noch Schlangen noch -Quappen, kurz nichts, was sonst einen See belebt. Auf der Oberfläche -schwimmen Millionen wilder Enten und Seemöven, dagegen existiert unter -derselben kein lebendes Wesen, ausgenommen ein weißer, haariger, -halbzolllanger Wurm, der einem Stückchen ausgefransten Faden gleicht. -In einer Gallone Wasser mögen fünfzehntausend solcher Würmer enthalten -sein. Von ihnen erhält das Wasser die erwähnte grauweiße Farbe. Dann -giebt es dort eine Fliege, ziemlich ähnlich unserer Hausfliege, die -sich ans Ufer setzt, um die Würmer zu fressen, die an den Strand -gespült werden. Man kann jeder Zeit um den See herum einen zolltiefen, -sechs Fuß breiten Gürtel von Fliegen sehen -- also einen Gürtel von -Fliegen, der hundert Meilen lang ist. Wirft man einen Stein unter sie, -so schwärmen sie auf, wie eine dichte Wolke. Man kann sie so lange -unter Wasser halten, wie man will, sie machen sich nichts daraus, und -bilden sich sogar, wie es scheint, noch etwas darauf ein. Läßt man sie -los, so schnellen sie an die Oberfläche, sind trocken wie ein Bericht -aus dem Patentamt und wandeln so unbekümmert von dannen, als wären sie -eigens zu dem Zwecke dressiert, der Menschheit auf ihre Weise eine -belehrende Unterhaltung zu gewähren. Die Vorsehung läßt nichts planlos -geschehen. Ein jedes Ding hat seinen Nutzen, seine bestimmte Rolle und -seinen gehörigen Platz im Haushalt der Natur: die Enten fressen die -Fliegen, die Fliegen die Würmer, die Indianer alle drei, die Wildkatzen -fressen die Indianer, die weißen Leute fressen die Wildkatzen -- und so -ist alles zur Zufriedenheit geordnet. - -Der Monosee liegt in gerader Linie hundert Meilen vom Meere, von -welchem ihn zwei oder drei Bergketten trennen, und doch kommen jedes -Jahr Tausende von Seemöven dahin, um ihre Eier zu legen und ihre Jungen -aufzuziehen. Man könnte ebensogut Seemöven in Kansas erwarten; und -in diesem Zusammenhang wollen wir einen andern Zug der Weisheit der -Natur betrachten. Da die Inseln im See nur aus mit Asche und Bimsstein -bedeckten Lavamassen bestehen und weder einen Baum noch sonst etwas -Brennbares hervorbringen, und da Möveneier keiner Seele das mindeste -nützen, wenn sie nicht gekocht sind, so hat die Natur auf der größeren -Insel für eine nieversiegende Quelle siedenden Wassers gesorgt, in der -man seine Eier binnen vier Minuten so hart kochen kann wie das härteste -Wort, das ich in den ganzen letzten fünfzehn Jahren habe fallen lassen. -Keine zehn Fuß weit von der kochenden Quelle befindet sich eine solche -von reinem kaltem Wasser, das angenehm und gesund ist. So bekommt man -auf dieser Insel Kost und Wäsche frei, und wenn die Natur noch weiter -gegangen wäre und einen echten amerikanischen Hotelkellner geliefert -hätte, der grob und ungefällig ist und stolz darauf, weder über die -Abgangszeit und die Route der Eisenbahnzüge noch über sonst irgend -etwas Auskunft geben zu können -- ich würde mir kein angenehmeres -Kosthaus wünschen. Ein halbes Dutzend kleiner Bergwasser fließen in den -Monosee, nicht ein einziger Bach dagegen verläßt denselben, trotzdem -nimmt er anscheinend weder zu noch ab, und was er mit seinem Ueberfluß -an Wasser thut, bleibt ein dunkles Geheimnis. - -In der Nachbarschaft des Monosees giebt es bloß zwei Jahreszeiten, -nämlich den Abzug des einen Winters und die Ankunft des nächsten. Mehr -als einmal habe ich in Esmeralda nach glühender Hitze -- um acht Uhr -morgens zeigte das Thermometer neunzig Grad -- vierzehn Zoll hohen -Schnee fallen sehen, so daß dasselbe Thermometer bis neun Uhr abends -auf vierundvierzig Grad an geschützten Orten fiel. Unter günstigen -Umständen schneit es in der kleinen Stadt Mono wenigstens einmal in -jedem Monat des Jahres. So unbeständig ist daselbst die Witterung, -daß eine Dame es kaum wagen kann, einen Ausgang zu machen, ohne ihren -Fächer in der einen, ihre Schneeschuhe in der andern Hand mitzunehmen. -Und wenn die Einwohner zur Feier des Nationalfestes am vierten Juli -einen Umzug veranstalten, so schneit es ihnen gewöhnlich auf die Köpfe. - - - - -Achtzehntes Kapitel. - - -Etwa um sieben Uhr an einem sengend heißen Morgen -- es war jetzt -Hochsommer -- nahmen Higbie und ich das Boot und brachen zu einer -Entdeckungsreise nach den beiden Inseln auf. Schon oft hatten wir uns -danach gesehnt, uns jedoch durch die Furcht vor Stürmen abschrecken -lassen; denn diese waren häufig und stark genug, um ein gewöhnliches -Ruderboot wie das unsrige ohne große Schwierigkeit umzustürzen, -und, einmal umgeworfen, war selbst der tüchtigste Schwimmer dem Tod -verfallen; denn das giftige Wasser hätte ihm wie Feuer die Augen -ausgefressen und das Innere verbrannt, wenn die Flut über ihn ging. -Man sagte, es sei in gerader Linie bis zu den Inseln zwölf Meilen weit --- eine lange und heiße Ruderfahrt, aber der Morgen war so ruhig und -sonnig und der See so glatt, so glashell und totenstill, daß wir der -Versuchung nicht zu widerstehen vermochten. - -So füllten wir denn zwei große Feldflaschen mit Wasser (wo die -angeblich auf der großen Insel befindliche Quelle liege, wußten wir -nicht) und brachen auf. Unter Higbies kräftiger Hand schoß das Boot -rasch vorwärts; trotzdem hatten wir am Ziele das Gefühl, als hätten wir -eher fünfzehn als zwölf Meilen weit gerudert. - -Wir legten an der großen Insel an und stiegen ans Land. Als wir -das Wasser in unseren Flaschen versuchten, war es durch die Sonne -ungenießbar geworden. Wir gossen es aus und suchten nach der Quelle; -denn der Durst nimmt rasch zu, sobald man nichts hat, um ihn zu -löschen. Die Insel war ein langer, mäßig hoher Aschenhügel, nichts -als Bimsstein und graue Asche, in die wir bei jedem Schritte knietief -einsanken, und über den ganzen Kamm des Hügels zog sich eine dräuende -Wand von versengten und verbrannten Felsen hin. Als wir von oben -über diese Mauer hinabstiegen, fanden wir nichts als ein seichtes, -ausgedehntes Becken, das mit Asche wie mit einem Teppich bedeckt -war, aus welchem hie und da ein Fleckchen feinen, weißen Sandes -hervorschaute. An einzelnen Stellen quollen malerische Dampfstrahlen -aus Ritzen hervor, zum Beweise, daß, obwohl dieser alte Krater sich -zur Ruhe gesetzt hatte, ihm doch das Feuer im Ofen noch nicht ganz -ausgegangen war. Dicht bei einem dieser Dampfstrahlen stand der -einzige Baum der Insel, eine kleine Fichte von zierlicher Gestalt -und untadeligem Ebenmaß, die im saftigsten Grün erglänzte, denn der -unaufhörlich durch ihre Zweige strömende Dampf hielt sie stets feucht. -Sie stach so seltsam von ihrer toten, unheimlichen Umgebung ab, diese -kräftige, schöne Verbannte, wie ein heiterer Geist in einem Trauerhause. - -[Illustration] - -Wir suchten allenthalben nach der Quelle, wir durchschritten die ganze -Länge der Insel (zwei bis drei Meilen) und gingen zweimal quer über -dieselbe, geduldig Aschenhügel erklimmend, von denen wir auf der andern -Seite sitzend wieder hinabrutschten, wobei erstickende Wolken grauen -Staubes aufgerührt wurden. Allein wir fanden nichts als Einsamkeit, -Asche und beängstigendes Schweigen. Zuletzt bemerkten wir, daß sich -ein Wind erhoben hatte, und nun vergaßen wir unsern Durst über einer -Sorge von größerer Wichtigkeit, -- da der See ruhig gewesen war, hatten -wir uns keine Mühe gegeben, das Boot festzumachen. Wir eilten zu einem -Punkte zurück, von dem aus man unseren Landungsplatz überschaute und -siehe da -- keine Worte vermögen unsern Schreck zu schildern: das Boot -war weg. Ein zweites Boot gab es auf dem ganzen See nicht. Unsere Lage -war keine behagliche, sie war vielmehr geradezu entsetzlich. Wir waren -Gefangene auf einem öden Eilande, obendrein ganz nahe bei Freunden, die -zur Zeit völlig außer stande waren, uns zu helfen. Die Vorstellung, -daß wir weder Nahrung noch Wasser hatten, machte die Sache noch -unbehaglicher. Aber bald erblickten wir das Boot. Etwa fünfzig Schritt -vom Ufer trieb es langsam dahin, geschaukelt von schaumgekrönten -Wellen. Es trieb und trieb immer weiter, aber stets in der gleichen -Entfernung vom Lande. Wir hielten am Ufer immer Schritt mit ihm und -warteten auf einen günstigen Zufall. Nach Verlauf einer Stunde näherte -sich das Boot einem kleinen Vorgebirge; Higbie lief dorthin und stellte -sich am äußersten Rande sprungbereit auf. Wenn es mißlang, war alle -Hoffnung für uns dahin. Das Boot trieb jetzt stetig dem Strande zu, -aber die Frage war, ob es auch nahe genug herantreiben würde, um es von -jenem Punkte aus erreichen zu können. Als es Higbie bis auf dreißig -Schritte nahe kam, glaubte ich vor Aufregung meinen eigenen Herzschlag -zu hören. Während das Boot dann langsam heranschwamm und nur noch ein -paar Schritte außer unserem Bereiche war, meinte ich, das Herz stehe -mir still; wie es dann aber gar an ihm vorbeikam und davonzuschwimmen -begann, und er selbst immer noch wie eine Bildsäule dastand, fühlte ich -wirklich, daß mein Herz nicht mehr schlug. Aber im nächsten Augenblick -that er einen großen Sprung, der ihn in das Hinterteil des Bootes -brachte, und ich stieß ein Freudengeschrei aus, daß die Einöde weithin -wiederhallte. - -Es dämpfte meine Begeisterung freilich bedeutend, als er mir sagte, -daß es ihm ganz gleichgültig gewesen wäre, ob das Boot auf Sprungweite -herankam oder nicht; er würde einfach mit geschlossenem Mund und Augen -die kurze Strecke durchschwommen haben. In meiner Dummheit hatte ich -gar nicht daran gedacht, daß nur bei _langem_ Schwimmen ernstliche -Gefahr drohte. - -Der See ging hoch und der Sturm nahm zu. Auch wurde es spät -- drei -oder vier Uhr nachmittags. Ob wir uns nach dem Festlande hin wagen -sollten, war eine Frage von Wichtigkeit. Allein der Durst setzte -uns dermaßen zu, daß wir uns zu dem Versuche entschlossen; und so -machte sich Higbie ans Rudern, während ich das Steuer ergriff. Als -wir mühsam eine Meile weit vorwärts gekommen waren, befanden wir uns -augenscheinlich in Gefahr; denn der Sturm war viel heftiger geworden, -die Wogen hatten Schaumkämme und gingen sehr hoch, der Himmel hing -voll schwarzer Wolken, der Wind blies mit großer Wut. Wir wären -jetzt umgekehrt, allein wir wagten das Boot nicht zu drehen, denn -sobald es in die Tiefe zwischen zwei Wogen geriet, wäre es natürlich -umgeschlagen. Unser einziges Heil lag darin, daß wir mit dem Bug -gegen die Wellen steuerten. Bei dem fortwährenden Heben und Senken -des Bootes war dies ein schweres Stück Arbeit. Wenn zuweilen eines -der Ruder von einer Welle erfaßt wurde, und zur Seite geschlagen, so -wurde das Boot durch das andere Ruder trotz meines mühsamen Steuerns -halb herumgeworfen. Der Gischt durchnäßte uns fortwährend und das Boot -schöpfte manchmal Wasser. Wie stark Higbie auch war, so erschöpfte -ihn doch allmählich die Anstrengung und er hätte gern den Platz mit -mir gewechselt, um ein wenig ausruhen zu können. Allein ich erklärte -ihm, daß dies unmöglich sei, denn wurde das Steuer beim Wechseln der -Plätze auch nur einen Augenblick los gelassen, so drehte sich das Boot -im Kreise, geriet zwischen die Wellen, schlug um, und ehe fünf Minuten -vergangen waren, hatten wir hundert Gallonen Lauge im Leibe, die uns so -geschwind zerfressen hätte, daß wir nicht einmal bei unserer eigenen -Leichenschau hätten zugegen sein können. - -Doch alles nimmt schließlich ein Ende. Gerade mit Einbruch der Nacht -schossen wir, den Bug voran, ans Land. Higbie ließ sein Ruder fallen, -um Hurra zu schreien und ich ließ das meine fallen, um ihm dabei zu -helfen; da gab der Sturm dem Boot einen Ruck und -- pardauz -- schlug -es um! - -Der Höllenschmerz, den das Alkaliwasser an Beulen, Abschürfungen und -aufgerissenen Händen verursachte, war unaussprechlich und nur durch -vollständiges Einsalben mit Fett zu lindern; aber trotzdem schmeckte -uns Essen, Trinken und Schlaf ganz vortrefflich. - -Unter den Eigentümlichkeiten des Monosees hätte ich erwähnen sollen, -daß in gewissen Zeiträumen am Rande desselben malerische, turmartige -Massen und Gruppen von einem weißlichen, grobkörnigen Gestein stehen, -das wie hartgetrockneter Mörtel aussieht. Bricht man ein Stück davon -ab, so findet man im Innern der Masse vollkommen wohlgebildete, durch -und durch versteinerte Seemöveneier eingelagert. Wie diese wohl dahin -kommen? Ich erzähle einfach die Thatsache und überlasse es dem in der -Geologie bewanderten Leser, die Nuß nach Belieben zu knacken und das -Rätsel zu lösen, wie er will. - -Nach einem mehrtägigen Ausflug in die Sierras, wo wir in einem kleinen -See am Fuße des schneebedeckten Castle Peak fleißig Forellen angelten, -kehrten wir zum Monosee zurück; da wir hier fanden, daß die Aufregung -wegen Whitemans Zementgrube für diesmal vorüber war, packten wir auf -und kehrten nach Esmeralda zurück. Herr Ballou rekognoszierte eine -Weile; dann machte er sich, da ihm die Aussichten nicht gefielen, -allein nach Humboldt auf. - -[Illustration] - -In diese Zeit fällt ein kleines Ereignis, das stets ein gewisses -Interesse für mich gehabt hat, weil es um ein Haar Anlaß zu meinem -Begräbnis gegeben hätte. Zur Zeit eines drohenden Indianerangriffs -hatte einer unserer Nachbarn sechs Dosen mit Flintenpulver in der -Bratröhre eines alten, abgedankten Kochofens verborgen, der unter -freiem Himmel in der Nähe eines Bretterschuppens stand; dies war -später aber vollständig vergessen worden. Nun hatten wir uns, um die -Wäsche zu besorgen, einen halbzahmen Indianer gemietet, der mit dem -Waschzuber sein Quartier unter dem Schuppen aufschlug, während der alte -Ofen auf sechs Fuß Entfernung von seiner Nase der Ruhe pflegte. Der -Indianer kam schließlich auf den Gedanken, heißes Wasser würde besser -sein als kaltes; er ging hinaus, machte Feuer unter dem vergessenen -Pulvermagazin, stellte einen Kessel mit Wasser auf und kehrte an -seinen Zuber zurück. Bald nachher trat ich in den Schuppen, warf noch -mehr Wäsche hin und wollte eben etwas sagen, als der Ofen mit einem -gewaltigen Krach aufflog und spurlos verschwand. Volle zweihundert -Schritt davon fielen Bruchstücke desselben in den Straßen nieder. -Fast ein Drittel des Schuppendachs über unseren Köpfen war zerstört; -einer der Ofendeckel schnitt einen kleinen Pfosten vor den Augen des -Indianers halb entzwei, sauste zwischen uns durch und schlug ein Loch -in die Bretterverschalung. Ich war weiß wie eine Kalkwand, schwach -wie ein Kind und keines Lautes mächtig. Der Indianer dagegen verriet -weder Angst noch Schreck, nicht einmal Unbehagen. Er hörte einfach -mit Waschen auf, beugte sich vor, um den reingefegten Boden einen -Augenblick zu betrachten, und sagte dann: »Hm! verdammter Ofen -- sehr -viel weg!« -- worauf er sein Geschäft so gelassen wieder aufnahm, als -wäre das Auffliegen bei Oefen etwas ganz Gewöhnliches. - - - - -Neunzehntes Kapitel. - - -Ich komme jetzt zu einer seltsamen Episode -- der seltsamsten, wie mir -scheint, die ich bisher in meinem trägen, unnützen und sorgenlosen -Lebenslauf zu verzeichnen gehabt. Gegen das obere Ende der Stadt zu -besaß eine der ›Weite Westen‹ genannte Gesellschaft ein aller Welt -bekanntes Quarzlager, aus dessen Schacht Gestein von ziemlich gutem, -wenn auch keineswegs außerordentlichem Silbergehalte gefördert wurde. -Ich bemerke hier, daß, während dem unerfahrenen Fremden aller Quarz aus -einem bestimmten Bezirke gleichartig vorkommt, ein alter Ansässiger -jeden Brocken Gestein von dem andern unterscheiden und mit größter -Leichtigkeit sagen kann, aus welcher Grube derselbe stammt. - -[Illustration] - -Eine ungewöhnliche Aufregung machte sich plötzlich in der Stadt -bemerkbar. Der ›Weite Westen‹ war auf eine reiche Ader gestoßen. -Jedermann wollte sich die neue Entwicklung der Dinge ansehen und -mehrere Tage lang drängte man sich um den Schacht wie zu einer -Volksversammlung. Man sprach, man dachte und träumte von nichts -anderem mehr, als von dem reichen Funde. Ein jeder nahm sich eine -Probe mit, die er im Mörser zerstampfte und in seinem Hornlöffel -ausspülte, und stierte dann sprachlos das wunderbare Ergebnis an. Es -war schwarzes, verwittertes, bröckeliges Zeug, das, wenn es auf ein -Papier gelegt wurde, eine starke Beimischung von Gold- und gediegenen -Silberteilchen aufwies. Higbie brachte eine Handvoll davon in die -Hütte mit, und als er es ausgewaschen hatte, spottete sein Staunen -jeder Beschreibung. Die Kuxe des ›Weiten Westens‹ stiegen wie auf -Adlerflügeln in die Höhe. Wiederholt seien tausend Dollars für den -Fuß geboten worden, sagte man, aber ganz vergebens. Ich war tief -unglücklich; die Welt kam mir hohl, das Dasein erbärmlich vor. Ich -verlor den Appetit und nahm an nichts mehr Anteil. Trotzdem mußte ich -Aermster dableiben, um den Jubel der andern mit anzuhören, weil ich -kein Geld hatte um fortzukommen. Dem Wegtragen von ›Proben‹ setzte die -Gesellschaft bald ein Ziel, und mit Recht; denn von dem Erz hatte jede -Handvoll einen erheblichen Wert. Dasselbe wurde ganz so, wie es aus dem -Schachte kam, zu einem Dollar per Pfund verkauft und hundertfünfzig -Meilen weit über das Gebirge auf Maultieren nach San Francisco -geschafft, und dabei rechnete der Käufer noch auf ein gutes Geschäft. -Der Faktor erhielt strengen Befehl, außer den eigenen Arbeitern -keinem Menschen unter irgend welchen Umständen das Einfahren in die -Grube zu gestatten. Ich verblieb bei meinen schwarzen Träumereien, -während Higbie ebenfalls fortwährend seinen eigenen Gedanken nachhing; -diese waren aber anderer Art. Er grübelte hin und her über das -Gestein, prüfte es mit einem Vergrößerungsglase, untersuchte es bei -verschiedenem Lichte und von verschiedenen Gesichtspunkten, um nach -jedem Versuche im Selbstgespräch stets dieselbe Meinung in der immer -gleichen Formel kundzugeben: - -»Das ist kein Gestein aus dem ›Weiten Westen‹!« - -Um seiner Sache sicher zu sein, war er entschlossen, einen Blick in den -Schacht zu thun, und sollte ihm dafür der Garaus gemacht werden. Mir in -meiner Niedergeschlagenheit war es einerlei, ob er einen Einblick bekam -oder nicht. Nach mehrmaligen vergeblichen, halsbrechenden Versuchen -kroch er schließlich auf Händen und Füßen bis an den Rand des Schachts, -ergriff, nachdem er schnell um sich geblickt, das Seil und glitt -daran in die Tiefe. Als er unten eben im Dunkel eines Seitenganges -verschwand, erschien oben am Schachtloch jemand mit dem Rufe: »Hallo!«, -er antwortete jedoch nicht und blieb nun ungestört. Nach einer -Stunde trat er in die Hütte, glühend heiß und beinahe platzend vor -unterdrückter Aufregung. - -»Ich wußte es ja! Wir sind reiche Leute! Es ist ein blinder Gang!« rief -er in theatralischem Flüsterton. - -Mir war, als wankte die Erde unter mir -- Zweifel -- Ueberzeugung -- -wiederum Zweifel -- Jubel -- Hoffnung, Staunen, Glaube, Unglaube, -alle denkbaren Empfindungen schossen mir in tollem Wirbel durch Herz -und Kopf, und ich war keines Wortes mächtig. Nachdem dieser geistige -Erregungszustand kurze Zeit gedauert hatte, rüttelte ich mich zurecht -und sagte: - -»Sagen Sie es noch einmal.« - -»Es ist ein blinder Gang.« - -»Donner und Doria. Es ist zum verrückt werden. Ich möchte gleich unser -Haus anzünden -- oder jemand totschlagen! Wir wollen hinausgehen, wo -Platz genug ist, um Hurra zu schreien! Aber, wozu? Es ist viel zu -schön, um wahr zu sein!« - -»Es ist ein blinder Gang -- wette um eine Million! Hängende Wand -- -Fußwand -- Thonumhüllung -- alles, was dazu gehört!« - -Er schwenkte seinen Hut und stieß ein dreimaliges Freudengeschrei aus; -ich schickte nun meinen Zweifel gleichfalls in alle Winde und stimmte -aus Leibeskräften mit ein; ich war ja Millionär und scherte mich um -keinen Teufel mehr. - -Unter einem ›blinden Gang‹ versteht man eine Gesteinsschicht oder -Ader, welche nicht zu Tage tritt, auf die man aber beim Treiben eines -Stollens oder beim Senken eines Schachts oft zufällig stößt. Higbie -kannte das Gestein des ›Weiten Westens‹ so genau, daß er bei jeder -Prüfung der neuen Ausgrabungen fester zu der Ueberzeugung gelangte, -daß dieses Erz nicht aus der Ader des ›Weiten Westens‹ stammen könne. -So war er allein auf den Gedanken gekommen, daß unten im Schacht ein -blinder Gang laufe und daß die Leute vom ›Weiten Westen‹ dies selbst -nicht ahnten. Er hatte recht. Unten im Schacht fand er, daß der blinde -Gang ohne Zusammenhang mit der Ader des ›Weiten Westens‹ diagonal durch -diese durchging und seine eigene Umhüllung von Gestein und Thon hatte. -Folglich war er öffentliches Eigentum. Da die beiden Erzschichten -vollständig von einander abgegrenzt waren, konnte jeder Bergmann leicht -unterscheiden, welche zum ›Weiten Westen‹ gehöre und welche nicht. Wir -hielten es für zweckmäßig, uns einen einflußreichen Freund zu sichern -und holten deshalb noch in jener Nacht den Faktor des ›Weiten Westens‹ -in unsere Hütte, um ihm die große Ueberraschung zu offenbaren. Higbie -sagte: - -»Wir werden von diesem blinden Gange Besitz nehmen; unser -Eigentumsrecht feststellen und eintragen lassen und dann der -Gesellschaft vom ›Weiten Westen‹ die weitere Ausbeutung von Erzen -in diesem Gange untersagen. Sie können Ihrer Gesellschaft in dieser -Angelegenheit nicht helfen, niemand kann ihr helfen. Ich werde mit -Ihnen in den Schacht anfahren und Ihnen in überzeugender Weise darthun, -daß es wirklich ein blinder Gang ist. Nun schlagen wir Ihnen vor: wir -nehmen Sie zum Teilhaber an und belegen den blinden Gang im Namen von -uns dreien. Was sagen Sie dazu?« - -Was sollte jemand sagen, dem eine Gelegenheit geboten wurde, bei -der er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich ein Vermögen zu -verschaffen, ohne das Geringste zu wagen und ohne jemand unrecht zu -thun oder seinen Namen mit dem geringsten Flecken zu verunehren? Er -konnte nur sagen: ›Einverstanden!‹ - -Noch dieselbe Nacht wurde unsere Bekanntmachung angeschlagen und -vor zehn Uhr in das Buch des Syndikus eingetragen. Wir belegten -jeder zweihundert Fuß, im ganzen sechshundert; das kleinste und doch -wertvollste Grubenfeld im ganzen Bezirk, dessen Ausbeutung überdies am -wenigsten Mühe machte. - -Es wird wohl niemand so unverständig sein, zu glauben, wir hätten in -jener Nacht geschlafen. Ich ging mit Higbie um Mitternacht zu Bett, -aber nur, um völlig wach da zu liegen, zu träumen und Pläne zu machen. -Die ungedielte baufällige Hütte wurde uns zum Palast, die zerrissenen, -grauen Wolldecken zu Seidenteppichen; in unserem Hausgerät sahen wir -Rosenholz- und Mahagonimöbel. Bei jedem neuen Prachtstück, das an -der Oberfläche meiner Zukunftsträume erschien, wälzte ich mich im -Bette umher oder schnellte auf, wie von einer elektrischen Batterie -getroffen. In abgerissenen Bruchstücken flog die Unterhaltung zwischen -uns hin und her. - -»Wann gehen Sie nach Hause -- nach den Staaten?[4]« fragte Higbie. - - [4] ›Staaten‹ -- die Staaten im Osten. - -»Morgen!« schrie ich, während ich mich ein paarmal umdrehte und dann -aufsetzte. »Na -- nein, aber spätestens nächsten Monat.« - -»Wir wollen mit demselben Dampfer gehen.« - -»Einverstanden.« - -Pause. - -»Mit dem Dampfer vom Zehnten?« - -»Ja -- nein vom Ersten.« - -»Ganz recht.« - -Wieder eine Pause. - -»Wo werden Sie sich später niederlassen?« - -»In San Francisco.« - -»Ganz mein Fall.« - -Abermals eine Pause. - -»Zu hoch, zu viel Kletterei!« sagte Higbie dann. - -»Was ist zu hoch?« - -»Ich dachte an den Russenhügel -- wollte mir dort ein Haus bauen.« - -»Zu viel Kletterei? werden Sie sich denn nicht Wagen und Pferde halten?« - -»Ach natürlich; daran dachte ich nicht.« - -Pause. - -»Was für ’ne Art Haus wollen Sie sich bauen?« - -»Dachte eben daran. Drei Stock hoch und ein Dachgeschoß.« - -»Aber welches Material?« - -»Ja nun, das weiß ich noch nicht genau; vermutlich Backstein.« - -»Backstein -- Schnack.« - -»Warum? Was meinen Sie denn?« - -»Vorderseite brauner Sandstein -- Fenster französisches Spiegelglas --- Billardzimmer hinter dem Speisesaal, Bildsäulen und Gemälde -- -Grasplatz, zwei Morgen groß, und Strauchwerk dabei -- Gewächshaus -- -ein eiserner Kandelaber am Fuß der Treppe -- Schimmel -- Landauer und -ein Kutscher mit einer Kokarde am Hut.« - -»Himmeldonnerwetter!« - -Lange Pause, dann fragte ich Higbie: - -»Wann gehen Sie nach Europa?« - -»Je nun, daran hatte ich noch nicht gedacht. Wann gehen Sie?« - -»Im Frühjahr.« - -»Wollen den ganzen Sommer fort bleiben?« - -»Den ganzen Sommer? Ich bleibe drei Jahre fort.« - -»Nein -- wirklich in allem Ernst?« - -»Ei freilich.« - -»Dann geh’ ich mit.« - -»Nun, natürlich gehen Sie mit.« - -»Nach welchem Teil Europas gehen Sie?« - -»Nach allen Teilen. Nach Frankreich, England, Deutschland, Spanien, -Italien, der Schweiz, Syrien, Griechenland, Palästina, Arabien, -Persien, Aegypten -- allenthalben -- überall hin.« - -»Ich thue mit.« - -»Recht so.« - -»Das muß aber einen Prachtausflug geben!« - -»Vierzig bis fünfzigtausend Dollars wollen wir dran rücken, damit es -einer wird.« - -Wieder große Pause. - -»Higbie, wir sind dem Fleischer sechs Dollars schuldig und er hat -gedroht, uns nichts mehr --« - -»Zum Henker mit dem Fleischer!« - -»Amen.« - -Und so ging es fort. Um drei Uhr fanden wir, daß es mit dem Schlafen -doch nichts sei; so standen wir auf, spielten Cribbage und schmauchten -unsere Pfeifen, bis es hell wurde. Ich hatte diese Woche das Kochen zu -besorgen. Das war mir stets zuwider gewesen -- jetzt war es mir ein -Greuel. - -[Illustration] - -Die Kunde von unserem Glück hatte sich über die ganze Stadt verbreitet. -War die Aufregung zuvor schon groß gewesen, so war sie jetzt noch -größer. Froh und glücklich wandelte ich durch die Straßen. Ich -hörte von Higbie, dem Faktor wären für sein Drittel an der Grube -zweimalhunderttausend Dollars geboten worden. Ich versetzte darauf, zu -solch einem Preis zu verkaufen, fiele mir auch nicht ein. Da hatte ich -schon eine andere, höhere Vorstellung von der Sache. Mein Preis war -eine Million. Und ich glaube erst noch allen Ernstes, hätte man mir -diesen Preis geboten, es würde nur die Wirkung gehabt haben, daß ich -meinen Anteil behalten hätte, um noch mehr dafür zu bekommen. - -Ich fand ein großes Vergnügen daran, reich zu sein. Man bot -mir ein Pferd für dreihundert Dollars an gegen ein einfaches -Zahlungsversprechen meinerseits ohne jede Bürgschaft. Dies gab mir ein -deutlicheres Gefühl als alles andere, daß ich wirklich und zweifellos -ein reicher Mann sei. Zahlreiche Beweise ähnlicher Art kamen nach, -unter denen ich die Thatsache hervorhebe, daß der Fleischer uns zweimal -so viel lieferte als wir bestellten, ohne ein Wort von der Bezahlung zu -reden. - -Nach den im Bezirke geltenden Vorschriften waren diejenigen, welche -eine Erzschicht belegten, oder in Anspruch nahmen, verpflichtet, auf -ihrem neuen Eigentum binnen zehn Tagen vom Datum der Belegung ab -ein ordentliches Stück Arbeit zu thun, andernfalls war das Eigentum -verfallen und jeder, der wollte, konnte hingehen und es für sich -nehmen. Wir beschlossen deshalb, am nächsten Tag ans Werk zu gehen. Im -Lauf des Nachmittags begegnete ich einem Bekannten Namens Gardiner, -der mir mitteilte, Kapitän John Nye liege auf seinem Gute gefährlich -krank und seine Frau sei allein nicht im stande, ihm die dringend -erforderliche Pflege und Aufmerksamkeit zu widmen. Ich erklärte ihm, -wenn er einen Augenblick warten wolle, so würde ich mitgehen, um bei -der Pflege des Kranken zu helfen. Ich lief nach der Hütte, um es Higbie -zu sagen. Dieser war nicht da, ich ließ deshalb auf dem Tisch einen -Zettel für ihn zurück und fuhr ein paar Minuten darauf in Gardiners -Wagen aus der Stadt. - - - - -Zwanzigstes Kapitel. - - -Kapitän Nye litt wirklich schwer an Rheumatismus. Der alte Herr, -der sonst die Güte und Liebenswürdigkeit selbst war, konnte in den -Anfällen seiner Krankheit recht unangenehm werden. Er gebärdete sich -zuweilen ganz rasend. Ich hatte aber selbst einmal gesehen, wie er -einen Kranken mit der größten Geduld und Hingebung pflegte und da nun -die Reihe an ihn gekommen war, sich pflegen zu lassen, so sollte es -mich auch nicht verdrießen. Mochte er weiter toben, wie er wollte, -mich störte das nicht im mindesten in meiner Seelenruhe, denn, ob nun -meine Hände müßig oder beschäftigt waren, mein Geist war Tag und Nacht -unablässig an der Arbeit. Ich änderte und besserte an den Plänen zu -meinem Hause und überlegte mir, ob ich das Billardzimmer nicht lieber -ins Dachgeschoß, anstatt neben den Speisesaal verlegen solle. Ferner -versuchte ich betreffs der Polstermöbel im Salon zu einer Entscheidung -zwischen Grün und Blau zu gelangen! Ich gab an sich der letzteren Farbe -den Vorzug, fürchtete jedoch, Staub und Sonnenlicht würden ihr zu viel -Schaden thun. Sodann war ich zwar entschlossen, den Kutscher in eine -bescheidene Livree zu stecken, dagegen noch unschlüssig betreffs des -Bedienten. Haben mußte ich einen solchen ganz entschieden; es wäre mir -aber lieber gewesen, wenn er ohne Livree hätte anständig erscheinen -und seine Obliegenheiten versehen können, weil mir vor so viel Prunk -einigermaßen bange war. Und doch fühlte ich, da mein Großvater auch -Dienerschaft -- aber ohne Livree -- gehabt hatte, eine gewisse Neigung, -ihn oder doch wenigstens seinen Geist auszustechen. Endlich brachte -ich auch die Europareise in ein gehöriges System; die Reisestrecken -und die für eine jede derselben bestimmte Zeit -- alles wurde erwogen -und geordnet; nur eins, nämlich, ob die Reise von Kairo nach Jerusalem -per Kamel durch die Wüste, oder lieber zu Wasser nach Beirut gehen -sollte, um von dort mit einer Karawane fortgesetzt zu werden, blieb -unentschieden. Inzwischen schrieb ich alle Tage an die Freunde in -der Heimat, setzte sie von meinen Plänen und Absichten in Kenntnis -und wies sie an, sich nach einer hübschen Wohnung für meine Mutter -umzusehen und sich über den Mietspreis zu einigen, bis ich käme. Ferner -beauftragte ich sie, meinen Anteil an dem Landsitz unserer Familie -in Tennessee zu verkaufen und den Ertrag dem Witwen- und Waisenfond -des Typographenvereins zu überweisen, dem ich seit lange als eifriges -Mitglied angehörte. - -Nachdem ich den Kapitän neun Tage lang gepflegt hatte, befand er sich -etwas besser, war aber noch sehr schwach. Während des Nachmittags hoben -wir ihn auf einen Stuhl und gaben ihm ein alkoholisches Dampfbad, dann -machten wir uns daran, ihn wieder zu Bett zu bringen. Dabei mußte -äußerst behutsam zu Werke gegangen werden, denn das leiseste Anstreifen -verursachte Schmerzen. Gardiner hielt ihn an den Schultern und ich an -den Beinen, als ich in einem unglücklichen Augenblicke stolperte, so -daß der Kranke schwer auf das Bett fiel und Höllenschmerzen empfand. Er -fluchte, wie ich nie in meinem Leben etwas gehört habe, und versuchte -in seinem Zorn einen Revolver vom Tische zu reißen, den ich schnell -wegnahm. Nun schrie er, ich solle das Haus verlassen und schwur hoch -und teuer, wenn er wieder auf den Beinen sei, wolle er mich umbringen, -sobald er meiner habhaft würde. Das war nur eine vorübergehende Wut, -die nichts zu bedeuten hatte. Ich wußte, daß er es in einer Stunde -vergessen, vielleicht sogar bedauern würde, aber im Augenblick -ärgerte es mich doch ein wenig, und ich beschloß daher nach Esmeralda -zurückzugehen. Da er auf dem Kriegspfade ist, dachte ich, wird er wohl -imstande sein, sich selbst zu helfen. So aß ich zu Abend und trat dann, -sobald der Mond aufging, meine neun Meilen lange Fußwanderung an. - -Als ich auf der Höhe ankam, welche die Stadt überragt, fehlten noch -fünfzehn Minuten zu zwölf Uhr. Ich warf einen Blick auf den Hügel -jenseits der Schlucht und sah im hellen Mondenschein, wie anscheinend -die halbe Bevölkerung des Städtchens sich um den Eingang zur Grube -des ›Weiten Westens‹ drängte. Jubelnd hüpfte mein Herz, und ich sagte -zu mir selbst: »Heute abend haben sie eine neue Schicht eröffnet -und ganz gewiß eine reichere als je.« Ich ging zuerst darauf zu, -kehrte mich aber wieder ab, indem ich mir sagte, die Grube würde ja -nicht davonlaufen und ich sei für heute nacht genug auf den Bergen -herumgeklettert. Ich ging weiter durch die Stadt, und als ich an einer -deutschen Bäckerei vorüberkam, stürzte eine Frau heraus und bat mich, -doch mit ihr hereinzukommen und ihr beizustehen, ihr Mann habe einen -Anfall von Wahnsinn. Ich ging hinein und fand, daß sie recht hatte; der -eine Anfall, den er hatte, konnte für hundert gelten. Zwei Deutsche -waren drinnen und versuchten ihn zu halten, richteten aber nicht viel -aus. Ich lief die Straße ein Stück hinauf und klopfte einen schlafenden -Doktor heraus, der halb angekleidet mitging. Alle vier rangen wir dann -mit dem Verrückten, gaben ihm Arznei, begossen ihn mit kaltem Wasser -und ließen ihn zur Ader, was mehr als eine Stunde dauerte. Die arme -deutsche Frau besorgte das Weinen dazu. Als der Kranke endlich ruhig -war, zogen der Doktor und ich uns zurück und überließen ihn seinen -Freunden. - -Es war kurz nach ein Uhr. Als ich müde, aber gut gelaunt durch die -Thüre unserer Hütte trat, erblickte ich beim trüben Licht einer -Talgkerze Higbie, der am Tische saß und wie blödsinnig auf den Zettel -von meiner Hand stierte, den er in seinen Fingern hielt. Er sah bleich, -alt und abgemagert aus. Als ich stehen blieb und ihn fragend ansah, -richtete er nur einen stumpfsinnigen Blick auf mich. Ich sagte: - -»Higbie, was -- was ist denn?« - -»Wir sind ruiniert -- wir haben die Arbeit nicht gethan -- _der blinde -Gang ist anderweitig belegt_!« - -Ich hatte genug gehört. Kummervoll und gebrochenen Herzens sank ich -auf einen Stuhl. Noch eine Minute zuvor war ich reich gewesen und von -Eitelkeit geschwellt, jetzt war ich ein demütiger Bettler. Noch eine -Stunde saßen wir da, beschäftigt mit Gedanken, mit eitlen und nutzlosen -Vorwürfen gegen uns selbst, mit der unaufhörlichen Frage, warum habe -ich nur dies und warum habe ich nur jenes nicht gethan? Aber keiner von -uns sprach ein Wort. Endlich begannen die gegenseitigen Mitteilungen, -und das Geheimnis klärte sich auf. Higbie hatte sich auf mich, ich mich -auf ihn, und wir beide hatten uns auf den Faktor verlassen. Welche -Thorheit! Zum erstenmal hatte der gesetzte und stramme Higbie eine -wichtige Angelegenheit dem Zufall überlassen und der auf ihn fallenden -Verantwortlichkeit nicht voll entsprochen. Ach, er hatte meinen Zettel -eben erst zu Gesicht bekommen und war wenige Augenblicke vor mir zum -erstenmal, seit wir uns getrennt, wieder in die Hütte getreten. Auch -er hatte an jenem verhängnisvollen Nachmittag einen Zettel für mich -zurückgelassen. Er war vor das Haus geritten, hatte durch das Fenster -geschaut, und da er in Eile war und mich nicht sah, den Zettel durch -eine zerbrochene Scheibe in die Hütte geworfen. Hier war derselbe die -neun Tage ungestört liegen geblieben, er lautete: - -»Versäumen Sie nicht, die Arbeit vor Ablauf der zehn Tage zu thun. W. -ist durchgekommen und hat mir einen Wink gegeben. Am Mono-See soll ich -ihn treffen, und von dort werden wir heute abend weiter gehen. Diesmal, -sagte er, werden wir sie sicher finden.« - -W. bedeutet natürlich Whiteman. Diese dreimal verfluchte Zementader! - -So ging es zu. Ein alter Geizhals wie Higbie konnte dem Zauber der -Aufregung über den geheimnisvollen Zementunsinn gerade so wenig -widerstehen, als er sich des Essens hätte enthalten können, wäre er am -Verhungern gewesen. - -[Illustration] - -Monatelang hatte Higbie von dem wunderbaren Zement geträumt und so war -er jetzt gegen seine bessere Einsicht fortgegangen und hatte es darauf -ankommen lassen, daß ich für die Sicherheit des Besitzes einer Grube -sorge, die eine Million unentdeckter Zementadern aufwog. Man hatte die -beiden diesmal nicht verfolgt. Neun Tage lang konnten sie ungestört -in den Bergschluchten suchen, ohne daß sie die Ader gefunden hätten. -Da überfiel ihn auf einmal eine entsetzliche Angst, es möchte irgend -etwas dazwischen gekommen sein, wodurch die zur Sicherheit unseres -Besitzrechts an dem blinden Gange erforderliche Arbeit verhindert -würde, und sofort machte er sich eiligst auf den Heimweg. Er hätte -Esmeralda zu rechter Zeit erreicht, wäre ihm nicht unterwegs sein -Pferd zusammengebrochen, so daß er einen großen Teil der Strecke zu -Fuß zurücklegen mußte. So geschah es, daß wir zu gleicher Zeit von -verschiedenen Enden her in die Stadt kamen. Er war indes energischer -als ich, denn er ging schnurstracks nach dem ›Weiten Westen‹, anstatt -gleich mir vom Wege abzuschweifen, und trotzdem traf er fünf oder -zehn Minuten zu spät dort ein. Die ›Bekanntmachung‹ war bereits -angeschlagen, die ›Wiederbelegung unanfechtbar vollzogen‹ und die Menge -zerstreute sich rasch. Noch bevor er den Platz verließ, erhielt er -einige weitere Mitteilungen. Der Faktor war seit der Nacht, wo wir die -Grube belegt hatten, nirgends in der Stadt zu sehen gewesen; wie es -hieß, war er in einer Sache, bei der sich’s um Leben und Tod handelte, -telegraphisch nach Kalifornien berufen worden. Jedenfalls hatte er -keine Arbeit gethan, und die wachsamen Augen der Gemeinde hatten hievon -Notiz genommen. Um Mitternacht jenes schmerzenreichen Tages wurde -daher unsere Erzader ›belegbar‹ und bereits um elf Uhr stand der Berg -schwarz von Leuten, die bereit waren, die Wiederbelegung vorzunehmen. -Das war die Menschenmenge, die ich gesehen, als ich mir -- Dummkopf, -der ich war! -- eingebildet hatte, man habe einen neuen reichen Gang -aufgeschlossen. Als Mitternacht verkündet wurde, schlugen vierzehn -Mann, gehörig bewaffnet und bereit, ihr Verfahren zu verteidigen, -ihre Bekanntmachung an und verkündeten ihr Besitzrecht an dem blinden -Gange unter dem neuen Grubennamen Johnson. Aber der Faktor, unser -Geschäftsteilhaber, erschien nun auf einmal mit gespanntem Revolver -und erklärte, wenn sein Name nicht mit in die Liste aufgenommen werde, -würde er die Gesellschaft Johnson ›ein wenig lichten‹. Er war ein -mannhafter, kräftiger, entschlossener Bursche, von dem man wußte, daß -er hielt, was er sagte, und so kam es zu einem Vergleich. Sie schrieben -ihm hundert Fuß gut, während sie sich selbst die üblichen zweihundert -vorbehielten. - -Zufolge der aufregenden Nachricht von einem neuen Erzfunde wandten -Higbie und ich am nächsten Morgen der Stadt den Rücken, froh, den -Schauplatz unserer Leiden verlassen zu können. Nach einem oder zwei -Monaten voll harter Arbeit und Enttäuschung kamen wir noch einmal nach -Esmeralda zurück. Da hörten wir, daß die Gesellschaft vom ›Weiten -Westen‹ und die Johnsonsche sich zusammengethan hatten, so daß das auf -diese Art vereinigte Vermögen fünftausend Fuß oder Kuxe betrug, und daß -der Faktor aus Furcht vor einem möglichen langwierigen Rechtsstreit und -im Hinblick auf die Schwierigkeiten eines so gewaltigen Besitzes seine -hundert Fuß für neunzigtausend Dollars in Gold verkauft und sich in den -Osten heimbegeben hatte, um des Geldes froh zu werden. Wenn die Aktien -jetzt, da die Gesellschaft fünftausend Anteile zählte, solchen Wert -hatten, so schwindelte es mir bei dem Gedanken, was sie wert gewesen -sein würden, als es nur unsere ursprünglichen sechshundert waren. Es -war derselbe Unterschied wie zwischen einem Haus, das sechshundert, und -einem solchen, das fünftausend Menschen gehört. Wir würden Millionäre -gewesen sein, hätten wir einen einzigen kurzen Tag mit Hacke und Spaten -auf unserem Eigentum gearbeitet und uns so den Besitztitel gesichert! -- - - * * * * * - -Vor einem Jahre erhielt ich von meinem geschätzten und in jeder Weise -schätzenswerten einstigen Mitmillionär Higbie aus einem obskuren -kleinen Bergmannslager in Kalifornien die Nachricht, er sei nach neun -oder zehn Jahren voll Schicksalsschlägen und mühseligen Ringens endlich -so weit, um über fünfundzwanzighundert Dollars verfügen zu können und -gedenke, nun einen bescheidenen Obsthandel anzufangen. Wie würde ihn -ein solcher Gedanke beleidigt haben zur Zeit, da wir in unserer Hütte -Pläne zu Europareisen und zu Häusern von braunem Sandstein auf dem -Russenhügel schmiedeten! - - - - -Einundzwanzigstes Kapitel. - - -Was nun thun? - -Das war eine wichtige Frage. Ich war mit dreizehn Jahren in die Welt -hinausgegangen, um für mich selbst zu sorgen; denn mein Vater hatte -für Freunde gutgesagt und hatte uns zwar ein reichliches Erbe an Stolz -auf seine Abstammung von einer feinen virginischen Familie und auf -deren Verdienste um die Nation hinterlassen, doch fand ich bald, daß -ich davon nicht leben könne, sondern dazu gelegentlich ein Stück Brot -als Beilage haben müsse. In verschiedenen Berufsarten hatte ich meinen -Lebensunterhalt verdient, bis jetzt aber durch meine Leistungen noch -bei niemand Staunen erregt. Mir stand eine große Auswahl zur Verfügung, -falls ich Arbeit suchte -- allein, nachdem ich so reich gewesen war, -hatte ich keine Lust dazu. Ich war einmal einen Tag lang Ladenjüngling -bei einem Krämer gewesen, hatte aber dabei eine solche Masse Zucker -verzehrt, daß der Besitzer mich aller weiteren Dienstleistungen entband -und sagte, es wäre ihm lieber, wenn ich bloß als Kunde in seinen -Laden käme. Eine Woche lang hatte ich Rechtsgelehrsamkeit studiert, -sie aber dann aufgegeben, weil sie zu prosaisch und ledern war. Dann -warf ich mich eine kurze Zeit auf das Studium der Grobschmiedekunst, -vertrödelte aber mit dem Versuche, die Blasebälge so einzurichten, -daß sie von selbst bliesen, so viel Zeit, daß der Meister mich in -Ungnaden fortjagte und behauptete, aus mir würde im Leben nichts. -Ich trat eine Weile als Gehilfe bei einem Buchhändler ein, aber die -Kunden quälten mich dergestalt, daß ich nicht mit Behaglichkeit lesen -konnte, und so gab mir der Prinzipal Urlaub, vergaß aber dabei zu -sagen, wann derselbe abgelaufen sein sollte. Dann war ich im Sommer -eine Zeitlang Gehilfe bei einem Apotheker, aber ich hatte Unglück mit -meinen Rezepten, so daß wir mehr Magenpumpen als sonst was absetzten -und ich auch dort fort mußte. In dem Gefühl, daß in mir ein zweiter -Franklin stecke, hatte ich die Schriftsetzerei leidlich erlernt. Aber -bei der ›Union‹ in Esmeralda war keine Stelle offen, und überdies -hatte ich immer so langsam gesetzt, daß ich die Lehrlinge nach zwei -Jahren um ihre Leistungen beneidete; wenn ich ein Stück Satz übernahm, -so pflegte der oberste Setzer anzudeuten, man werde es im Lauf des -Jahres wohl einmal brauchen. Als Lotse zwischen St. Louis und New -Orleans machte ich meine Sache ganz ordentlich und brauchte mich meiner -Leistungen in diesem Berufszweig keineswegs zu schämen; der Lohn betrug -zweihundertfünfzig Dollars monatlich bei freier Kost und Wohnung, und -ich sehnte mich wirklich danach, wieder hinter dem Steuerrad zu stehen, -statt ewig herumzuschweifen. Aber ich hatte mich in der letzten Zeit -durch prahlerische Briefe, die ich über meinen blinden Gang und meine -Europareise nach Hause gerichtet, so lächerlich gemacht, daß es mir -ging, wie schon gar manchem armen enttäuschten Bergmann, der sich -selber sagt: »Mit mir ist es jetzt aus und vorbei, und es fällt mir -nicht ein, je wieder heimzukehren, um bemitleidet und über die Achsel -angesehen zu werden.« Ich war Privatsekretär, Silbergräber und Arbeiter -in einem Pochwerke gewesen, hatte es in allen diesen Fächern zu weniger -als nichts gebracht und jetzt -- - -Was sollte nun zunächst geschehen? - -Auf Higbies Bitten willigte ich ein, es nochmals mit dem Bergbau -zu versuchen. Wir kletterten hoch am Bergeshang hinauf und machten -uns an die Arbeit auf einer uns gehörigen kleinen, nichtsnutzigen -Parzelle, auf der sich ein Schacht von acht Fuß Tiefe befand. Higbie -stieg hinab und arbeitete tapfer mit seiner Spitzhacke, bis er eine -Menge Gestein und Erde losgehauen hatte, und dann ging ich hinunter, -um es mit einer langstieligen Schaufel, der widerwärtigsten aller -menschlichen Erfindungen, herauszuwerfen. Man muß die Schaufel vorwärts -schieben und mit dem Knie nachhelfen, bis sie voll ist, und sie dann -mit kühnem Schwung über seine linke Schulter entleeren. Ich machte den -Schwung und setzte das Geröll genau am Rande des Schachtes ab, von -wo es mir samt und sonders wieder auf Kopf und Nacken herabkam. Ohne -ein Wort zu sagen, stieg ich heraus, ging nach Hause und beschloß in -meinem Innern, lieber zu verhungern, als dieses Scheibenschießen mit -Schutt auf meine werte Person vermittelst einer langstieligen Schaufel -noch länger zu betreiben. Ich setzte mich in die Hütte und überließ -mich dort sozusagen einem gediegenen moralischen Katzenjammer. Nun -hatte ich in angenehmeren Tagen zu meinem Vergnügen dann und wann der -Hauptzeitung des Territoriums, der ›Daily Territorial Enterprise‹ in -Virginia Berichte eingeschickt und war stets überrascht gewesen, wenn -sie im Druck erschienen. Die Redakteure waren dabei in meiner Meinung -nicht eben gestiegen, denn es wollte mich bedünken, als hätten sie -etwas Besseres finden können, um ihre Spalten zu füllen, als meine -litterarischen Leistungen. Auf dem Heimweg fand ich im Postbureau einen -Brief, den ich zu Hause öffnete. »Heureka!« rief ich aus -- ich wußte -allerdings nicht, was das heißt, fand aber den Klang des Wortes meiner -Stimmung ganz angemessen -- es war ein ernstliches Anerbieten von -fünfundzwanzig Dollars wöchentlich, falls ich nach Virginia kommen und -Lokalredakteur des ›Enterprise‹ werden wollte. - -In den Tagen des ›blinden Ganges‹ würde ich den Herausgeber gefordert -haben, jetzt hätte ich vor ihm niederfallen und ihn anbeten mögen. -Fünfundzwanzig Dollars die Woche -- das war ein Kapital -- ein -Vermögen! Zwar kühlte sich meine Verzückung etwas ab, wenn ich an -meine Unerfahrenheit und meinen Mangel an jeder Befähigung für diese -Stellung dachte, und mir die Reihe der verfehlten Versuche, etwas -aus mir zu machen, vor Augen stellte. Allein wenn ich das Anerbieten -ausschlug, so würde ich binnen kurzem nicht mehr mein täglich Brot -haben und meinem Nächsten zur Last fallen; einem Menschen aber, der -seit seinem dreizehnten Jahre nie eine solche Erniedrigung erlebt -hatte, mußte dies notwendig zuwider sein. So wurde ich wohl oder übel -Lokalredakteur. Not bricht Eisen. Ich bin fest überzeugt, hätte man -mir damals das Anerbieten gemacht, gegen Gehalt den Talmud aus dem -hebräischen Original zu übertragen, ich würde es ruhig angenommen und -versucht haben, mich für mein Geld möglichst anständig aus der Affaire -zu ziehen. - -Ich ging hinauf nach Virginia, um meine neue Stellung anzutreten. -Für einen Lokalredakteur sah ich recht ruppig aus, das gestehe ich -offen; ohne Rock, mit Schlapphut und blauem Wollhemd, die Hosen in den -Stiefeln, mit einem Bart, der mir über die halbe Brust herunterhing, -und dem üblichen Matrosen-Revolver am Gürtel. Doch verschaffte ich -mir einen christlicheren Anzug und gab meinem Revolver den Abschied. -Ich hatte niemals Gelegenheit gehabt, jemand tot zu schießen, -verspürte auch kein solches mörderisches Gelüste; nur aus Rücksicht -auf die allgemeine Anschauung hatte ich das Ding getragen, um nicht -unangenehm aufzufallen und zu Bemerkungen Anlaß zu geben. Zu meiner -Ueberraschung bemerkte ich jedoch, daß die andern Redakteure, sowie -sämtliche Setzer und Drucker Revolver trugen. Ich bat den Chefredakteur -und Eigentümer des Blattes, Herrn Goodman, um einige Anweisungen -betreffs meiner Pflichten, worauf er mir sagte, ich solle nur durch die -ganze Stadt gehen und allerhand Leute über alles mögliche ausfragen, -mir die erhaltene Auskunft notieren und sie dann ausführlicher zur -Veröffentlichung niederschreiben. Er fügte noch bei: - -»Sagen Sie niemals: ›wir erfahren‹, oder: ›es heißt‹, oder: ›es geht -das Gerücht‹, oder: ›wie verlautet‹, sondern rücken Sie vor die rechte -Schmiede, verschaffen Sie sich die absoluten Thatsachen und dann reden -Sie von der Leber weg und sagen Sie: so und so _ist_ es. Sonst trauen -die Leute Ihren Nachrichten nicht. Unumstößliche Gewißheit ist es, was -einer Zeitung den festesten und wertvollsten Ruf verschafft.« - -Damit hatte ich das Wesen der Sache in ~nuce~, und bis auf den heutigen -Tag beschleicht mich, so oft ich sehe, daß ein Berichterstatter -seinen Artikel mit ›wie verlautet‹ anfängt, der Verdacht, er habe -auf seine Erkundigung nicht Mühe genug verwandt. Freilich, solange -ich Lokalredakteur war, habe ich nicht immer nach jener Vorschrift -gehandelt, sondern manchmal, wenn Mißwachs an Nachrichten herrschte, -der Phantasie die Oberherrschaft über die Thatsachen gelassen. Nie -werde ich die Erfahrungen vergessen, die ich an meinem ersten Tage als -Berichterstatter machte. Ich wanderte durch die ganze Stadt, fragte -alle Welt, bohrte jedermann an, und kein Mensch wußte etwas. Nach -fünf Stunden war mein Notizbuch noch immer leer. Ich sprach mit Herrn -Goodman darüber. Dieser meinte: - -»Ihr Vorgänger Dan pflegte in der sauern Gurkenzeit, wenn’s sonst -nichts gab, aus den Heuwagen Kapital zu schlagen. Sind keine Heuwagen -vom Felde hereingekommen? Sind welche da, so könnten Sie von -wiederaufgenommener Thätigkeit im Heugeschäft sprechen. Das ist zwar -nicht besonders aufregend, aber es hilft doch das Blatt füllen und -sieht geschäftsmäßig aus.« - -Ich durchstreifte die Stadt nochmals und stöberte einen einzigen -elenden alten Heuwagen auf, der sich langsam vom Felde hereinbewegte. -Aber ich wußte ihn zu fruktifizieren; ich multiplizierte ihn mit -sechzehn, ließ ihn aus sechzehn verschiedenen Richtungen her in die -Stadt fahren, machte sechzehn besondere Artikelchen über ihn und schlug -einen Lärm über das Heu, wie er in Virginia City noch nie erlebt -worden war. - -Das war ermutigend. Ich hatte zwei Spalten Nonpareille zu füllen, und -kam damit ganz nett vorwärts. Gerade als der Stoff wieder zur Neige -ging, brachte ein Raufbold in einer Schnapsbude einen Mann um, und -abermals kehrte Freude bei mir ein. Niemals in meinem Leben war ich -wegen einer Bagatelle wie diese so vergnügt gewesen. Ich sagte zu dem -Mörder: - -»Mein Herr, Sie sind mir ein Fremder, aber Sie haben mir heute einen -Gefallen gethan, den ich Ihnen nie vergessen werde. Wenn ganze Jahre -von Dankbarkeit Ihnen einen Ersatz bieten können -- sie soll Ihnen -zu teil werden. Ich war in Not, und Sie haben mir zu rechter Zeit -edelmütig heraus geholfen, als alles dunkel und öde aussah. Zählen Sie -mich fortan zu Ihren Freunden; denn ich bin nicht der Mann, der eine -Gefälligkeit vergißt.« - -Wenn ich das alles nicht wirklich zu ihm sagte, so empfand ich doch -wenigstens das Verlangen danach. Ich berichtete über die Mordthat mit -einem wahren Heißhunger auf interessante Einzelheiten, und als ich zu -Ende war, bedauerte ich nur, daß man nicht meinen Wohlthäter auf der -Stelle gehenkt hatte; ich würde ihn gern auch noch verarbeitet haben. - -Sodann entdeckte ich ein paar Wagen mit Auswanderern, die sich eben -anschickten, auf der Plaza ein Lager zu bilden, und von denen ich -erfuhr, daß sie vor kurzem durch feindliches Indianergebiet gekommen -und dabei ziemlich übel gefahren waren. Ich machte aus dieser -Nachricht alles, was die Umstände erlaubten; wäre ich nicht durch die -Anwesenheit der Berichterstatter anderer Blätter in strengen Grenzen -gehalten gewesen, so würde ich zweifelsohne den Artikel durch einige -Zuthaten noch viel interessanter gemacht haben. Einen Wagen fand ich -jedoch, der nach Kalifornien weiter ging und zog bei dessen Besitzer -geschickte Erkundigungen ein. Als ich aus seinen kurzen, mürrischen -Antworten auf meine Kreuz- und Querfragen ersehen hatte, daß er ganz -bestimmt abfahren und am nächsten Tage nicht mehr in der Stadt sein -würde, folglich keinen Lärm schlagen konnte, lief ich den anderen -Zeitungen den Rang ab, indem ich mir sein Personenverzeichnis abschrieb -und seine ganze Gesellschaft unter den Toten und Verwundeten aufführte. -Da ich mich in diesem Falle nicht zu beschränken brauchte, ließ ich den -Wagen einen Kampf mit den Indianern bestehen, der bis auf den heutigen -Tag in der Geschichte nicht seinesgleichen hat. - -[Illustration] - -Meine beiden Spalten waren damit gefüllt. Als ich sie am Morgen -durchlas, fühlte ich, daß ich endlich meinen wahren Beruf gefunden -hatte. Neuigkeiten, und zwar aufregende Neuigkeiten waren es, was die -Zeitung brauchte, und ich fühlte in mir in ganz besonderem Grade die -Fähigkeit, solche zu liefern. Herr Goodman meinte, ich stehe als -Berichterstatter nicht hinter Dan zurück. Ein höheres Lob wünschte ich -mir nicht. Auf diese Ermutigung hin fühlte ich mich stark genug, im -Notfall den Interessen des Blattes zuliebe sämtliche Auswanderer auf -der Ebene eines grausamen Todes durch meine Feder sterben zu lassen. - - - - -Zweiundzwanzigstes Kapitel. - - -Sechs Monate, nachdem ich unter die Journalisten gegangen war, begann -die große Zeit des Silberlandes, wo es ›flott herging‹, und diese -dauerte in unvermindertem Glanze drei Jahre lang. Alle Schwierigkeit, -die Spalten mit Lokalnachrichten zu füllen, war nun vorüber; man -hatte nur seine liebe Not, wie man die Unmasse von Begebenheiten und -Vorkommnissen, die jeden Tag in unser litterarisches Netz gingen, -unterbringen sollte trotz der Vergrößerung des Formats. Virginia -hatte sich zur lebhaftesten Stadt entwickelt, die es in Amerika je -gegeben, wenn man ihr Alter und ihre Einwohnerzahl in Betracht zieht. -Die Gehwege wimmelten von Menschen -- und zwar dermaßen, daß es meist -keine leichte Aufgabe war, durch die Menschenflut hindurchzukommen. -Die Fahrstraßen waren nicht minder gedrängt voll von Quarzwagen, -Frachtwagen und sonstigen Fuhrwerken in endlosem Zuge. Das Gedränge -war derartig, daß kleine Gefährte oft eine halbe Stunde lang warten -mußten, bis es ihnen gelang, über die Hauptstraße hinüberzukommen. -Vergnügt strahlten alle Gesichter; eine fast wilde Anspannung sprach -aus jedem Auge und erzählte von den Plänen zum Geldmachen, die in -jedem Gehirn kochten, und von den hochgeschwellten Hoffnungen, die -aller Herzen erfüllten. Geld gab es wie Sand am Meer. Jeder einzelne -hielt sich für reich, und eine trübselige Miene war nirgends zu sehen. -Es gab Milizkompagnien, Spritzenkompagnien, Musikchöre, Banken, -Hotels, Theater, liederliche Tanzböden, ›Hurdy-Gurdy-Häuser‹ genannt, -weit offenstehende Spielhöllen, politische Klubs, Bürgeraufzüge, -Straßenkämpfe, Mordthaten, Leichenbeschauungen, Tumulte, alle -fünfzehn Schritt eine Schnapsbrennerei, einen Gemeinderat mit einem -Bürgermeister, einen Stadtvermesser, einen Stadtingenieur, einen -Direktor des Feuerlöschwesens mit einem ersten, zweiten und dritten -Assistenten, einen Polizeidirektor, einen Stadtmarschall und eine -starke Polizistenschar, zwei Kollegien von Kuxmaklern, ein Dutzend -Brauereien und ein halbes Dutzend Gefängnisse und Polizeistationen -in voller Arbeit; auch sprach man davon, eine Kirche zu bauen. Der -Aufschwung war großartig in jeglicher Beziehung. Mächtige feuerfeste -Backsteinhäuser stiegen in den Hauptstraßen empor, und die hölzernen -Vorstädte breiteten sich nach allen Richtungen aus. Für Bauplätze in -der Stadt erzielte man ganz erstaunliche Preise. - -Die große Combstock-Erzader, reich an Edelmetall, erstreckte sich von -Norden nach Süden durch die ganze Länge der Stadt, und ihre sämtlichen -Gruben standen im fleißigsten Betriebe. Eine einzige dieser letzteren -beschäftigte sechshundertfünfundsiebzig Mann, und bei Wahlen hieß es -stets: »wie die Gould & Curry-Grube stimmt, so stimmt die ganze Stadt.« -Der Taglohn der Arbeiter betrug vier bis sechs Dollars; sie arbeiteten -in drei Schichten oder Abteilungen, und das Sprengen, Hacken und -Schaufeln ging Tag und Nacht ohne Unterbrechung fort. - -Die Stadt Virginia thronte königlich auf halber Höhe des steil -ansteigenden Mount Davidson 7200 Fuß über dem Meeresspiegel und war in -der klaren Atmosphäre Nevadas bis auf fünfzig Meilen sichtbar. Ihre -Bevölkerung betrug 15,000 bis 18,000 Seelen, und den ganzen Tag über -schwärmte die Hälfte dieser kleinen Armee gleich Bienen durch die -Straßen, die andere Hälfte dagegen schwärmte hundert und aber hundert -Fuß tief unter eben diesen Straßen in den Schachten und Stollen der -Combstock-Erzschicht. Oft fühlten wir unsere Stühle beben, während der -schwache Knall einer Sprengung aus den Eingeweiden der Erde unter der -Redaktion heraufklang. - -Der Bergabhang war so steil, daß die ganze Stadt schräg wie ein -Dach daran hinaufging. Die Straßen bildeten sämtlich Terrassen, von -denen eine immer vierzig bis fünfzig Fuß über der anderen lag. Es -war ein mühseliges Klettern selbst in dieser dünnen Atmosphäre, wenn -man von der D straße nach der A straße hinaufsteigen mußte, und man -kam keuchend und außer Atem oben an. Dagegen brauchte man sich nur -umzudrehen, um wie ein Pfeil wieder hinab zu fliegen. Die Luft war -in dieser Höhe so dünn, daß einem das Blut stets durch die Haut zu -dringen schien, und eine Stecknadelschramme ernstliche Sorgen machen -konnte, weil leicht ein gefährlicher Rotlauf daraus entstand. Aber zur -Entschädigung dafür waren Schußwunden wunderbar schnell geheilt, und -so hatte man wenig Aussicht, sich durch einen Schuß, der dem Gegner -nur durch beide Lungen ging, dauernde Genugthuung zu verschaffen; man -konnte beinahe sicher annehmen, daß er vor Ablauf des Monats wieder -auf dem Damm war und sich nach einem umsah und zwar nicht mit einem -Opernglase. - -Von Virginias hoher Lage aus überschaute man ein mächtiges, -weitumfassendes Panorama von Bergzügen und Wüsten, und ob nun der -Tag hell und bewölkt war, ob die Sonne auf- oder unterging oder am -Zenith flammte, ob es Nacht war und der Mond am Himmel leuchtete, -immer hatte man einen schönen, unvergeßlichen Anblick. Ueber uns ragte -der Mount Davidson mit seiner grauen Kuppel empor, während vor und -unter uns eine wildzerrissene Schlucht sich öffnete und ein düsteres -Thor bildete, durch welches der Blick auf die mattgefärbte, von dem -Silberfaden eines Flusses durchzogene Wüste fiel. Die Ufer des Flusses -waren mit Bäumen eingefaßt, die sich in der meilenweiten Entfernung nur -wie eine zarte Franse ausnahmen. In noch weiterer Ferne erhoben die -beschneiten Berge ihre langgezogene Schranke bis zum nebeligen Horizont -hin -- jenseits eines Landsees, der in der Wüste wie eine vom Himmel -gefallene Sonne flammte, obwohl auch er fünfzig Meilen entfernt lag. -Man mochte aus seinem Fenster blicken, wohin man wollte, stets bot sich -ein bezauberndes Bild. Selten, sehr selten kam es vor, daß Wolken am -Himmel standen, dann aber vergoldete, rötete und verklärte die sinkende -Sonne dieses weitausgedehnte Landschaftsbild mit einer geradezu -verwirrenden Farbenpracht, welche das Auge wie mit Zaubergewalt -fesselte und die Seele wie Musik ergriff. - - - - -Dreiundzwanzigstes Kapitel. - - -Mein Gehalt wurde auf vierzig Dollars die Woche erhöht, aber ich ließ -ihn mir selten auszahlen. Ich hatte eine Menge anderer Hilfsquellen; -und was bedeuteten zwei Zwanzig-Dollarstücke für einen Mann, der die -Tasche voll von solchen Dingern und zugleich blanke Halbdollarstücke -in Ueberfülle hatte? Das Berichterstatten war einträglich, und in der -ganzen Stadt war jedermann freigebig mit seinem Geld und seinem ›Fuß‹. -Die Stadt und der ganze große Bergabhang war von Schachten durchlöchert -wie ein Sieb. Es gab mehr Bergwerke als Bergleute. Allerdings lieferten -kaum zehn von diesen Bergwerken Erze, die es verlohnt hätte, nach -einem Pochwerk zu schaffen, aber jedermann sagte: »Wartet nur, bis -der Schacht so weit hinunter kommt, daß die Ader gediegen wird, dann -werdet ihr schon sehen!« So war kein Mensch mutlos. Die Gruben waren -fast sämtlich taub und ohne allen Gehalt, aber das glaubte damals kein -Mensch. Jedermann war fest überzeugt, daß seine kleine taube Parzelle -ebensogut an der ›Hauptader‹ sei, wie die ergiebigsten Combstockgruben, -und unfehlbar tausend Dollars wert sein werde, sobald der Schacht aufs -›Gediegene komme‹. Die armen Kerls! Sie sollten diesen Tag nie erleben, -und es war nur gut, daß sie blind dagegen waren. - -So bohrten sich die tausend tauben Schachte Tag für Tag immer tiefer -in die Erde, und jedermann war außer sich vor Hoffnung und Glück. Wie -sie arbeiteten, prophezeiten, jubelten! Wahrlich, seit die Welt stand, -hatte man etwas Aehnliches nicht erlebt. Von diesen Bergwerken -- oder -vielmehr diesen Löchern über eingebildeten Bergwerken -- war ein jedes -gesetzlich eingetragen und hatte hübsch mit Illustrationen verzierte -Kuxe, und diese Kuxe waren verkäuflich. Mit fieberhafter Gier wurden -dieselben Tag für Tag in den Maklerbanken verkauft und gekauft. Man -konnte oben am Berge ein bißchen herumscharren, bis man einen Erzgang -fand (es war kein Mangel daran), dann eine ›Bekanntmachung‹ mit einem -prahlerischen Namen aufstecken, sich ›Anteilscheine‹ drucken lassen und -ohne den mindesten greifbaren Beweis dafür, daß die betreffende Grube -auch nur einen Pfifferling wert sei, das Papier auf den Markt bringen, -wo es für Hunderte, ja Tausende von Dollars verkauft wurde. Geld zu -machen, und zwar im Fluge, kostete nicht mehr Mühe, als ein Mittagsmahl -zu verzehren. Jedermann besaß ›Fuß‹ in fünfzig verschiedenen tauben -Gruben und betrachtete sich als reich. Man denke sich eine Stadt, in -der es nicht einen einzigen armen Mann giebt. Man sollte meinen, als -Monat auf Monat verging und immer noch keine einzige ›Wildkatzengrube‹ -(so wurden alle nicht auf der Mutterader, d. h. der Combstock-Schicht, -belegten Parzellen genannt) eine Tonne Erz geliefert hatte, die das -Zerstampfen lohnte, die Leute hätten sich nachgerade gefragt, ob sie -nicht am Ende doch zu fest an ihre vermeintlichen Reichtümer glaubten, --- aber kein Gedanke daran. Sie wühlten die Erde weiter auf, kauften -und verkauften und waren glücklich dabei. - -Täglich wurden neue Stellen belegt und es herrschte dabei die -freundliche Gepflogenheit, schnurstracks nach den Zeitungsredaktionen -zu laufen, dem Berichterstatter vierzig oder fünfzig Fuß zu schenken, -und ihn damit zur Besichtigung der Grube und zu einer Notiz über -dieselbe zu gewinnen. Was man darüber sagte, war ihnen ganz eins, wenn -man nur etwas sagte. So sagten wir gewöhnlich mit ein paar Worten, die -›Anzeichen‹ seien gut, aber die Gesteinschicht sei sechs Fuß breit, -oder der Fels sähe dem Combstock ähnlich, was auch der Fall war, nur -war die Aehnlichkeit nicht so groß, daß man vor Verwunderung darüber -auf den Rücken fiel. Versprach das Gestein einigermaßen etwas, so -folgten wir der Landessitte, brauchten starke Eigenschaftswörter und -priesen dieses Wunder auf dem Gebiete der Silberentdeckung dermaßen, -daß uns der Schaum vor den Mund trat. War die Grube schon abgeteuft -und bearbeitet, ohne brauchbares Erz aufzuweisen (natürlich war -überhaupt kein solches darinnen), so lobten wir den Stollen, über -den wir in den höchsten Tönen faselten, ohne aber ein Wort über das -Gestein selbst zu verlieren. Oder wir verschwendeten auch eine halbe -Spalte voll Lobeserhebungen auf einen Schacht oder ein neues Drahtseil -u. dgl., oder auch auf ›das vornehme und thatkräftige Auftreten des -Herrn Obersteigers der Grube‹, wiederum ohne über das Gestein die -leiseste Silbe zu verlieren; und doch waren jene Leute stets froh, -stets befriedigt. Gelegentlich flickten oder lackierten wir unsern -Ruf verständiger Prüfung und ernster, höchst genauer Beschreibung -dadurch, daß wir für irgend eine alte aufgegebene Parzelle in die -Trompete stießen, daß ihr die dürren Knochen hätten rasseln sollen, -und dann pflegte irgend jemand dieselbe zu nehmen und sie auf die ihr -so verschaffte vergängliche Berühmtheit hin zu verkaufen. Nichts, was -die Gestalt einer Bergwerkparzelle trug, war unverkäuflich. Wir bekamen -Tag für Tag Geschenke von ›Fuß‹. Brauchten wir hundert Dollars oder so -etwas, so verkauften wir ein paar davon; wo nicht, so speicherten wir -sie auf, überzeugt, daß sie einst tausend Dollars der Fuß wert werden -mußten. Ich hatte meinen Koffer beinahe halb voll von Kuxen. Wenn eine -Parzelle Aufsehen auf dem Markte erregte und hoch hinaufging, suchte -ich mein Paket durch und sah nach, ob ich von den betreffenden Kuxen -etwas hatte; gewöhnlich fand ich auch, was ich suchte. - -Ich hatte aber nicht bloß als Gegenleistung für Zeitungsnotizen meine -Kuxe geschenkt erhalten. Jedermann trug alle Taschen voll davon, und -es war damals geradezu Landessitte, ungebeten kleine Quantitäten an -seine Freunde zu verschenken, wie man diesen sonst Obst oder Zigarren -anbietet. Höchstens ein ›Danke schön‹ erwartete man dafür, und selbst -dazu war man nicht gesetzlich verpflichtet. Flotte Zeiten in der That! -Ich dachte, sie würden ewig dauern, aber ich hatte niemals viel von -einem Propheten an mir. - -Um zu zeigen, welch ein toller Geist in den Köpfen dieser -Bergmannsgemeinde spukte, will ich bemerken, daß Parzellen sogar -bei Kellerausgrabungen belegt wurden, wenn die Spitzhacke etwas -bloßlegte, was einer Quarzader gleich sah. Und das waren nicht etwa -Keller in den Vorstädten, sondern mitten im Herzen der Stadt; sofort -wurden dann Anteilscheine ausgegeben und auf den Markt geworfen. Man -kümmerte sich wenig darum, wem der Keller gehörte, die Ader gehörte -dem Finder, und wenn sich nicht die Regierung der Vereinigten Staaten -hineinmischte, die damals das Vorrecht auf Edelmetallgruben in Nevada -besaß, so nahm man an, daß er wirklich das ausschließliche Recht habe, -dieselbe auszubeuten. Nun stelle man sich vor, wie ein Fremder mitten -unter den kostbaren Gewächsen unseres Vorgartens eine Stange mit der -›Bekanntmachung‹ aufpflanzt, daß er hier ein Stück Land zu einer Grube -belegt habe, und in größter Seelenruhe sich anschickt, den Boden mit -Hacke, Schaufel und Sprengpulver wüste zu legen! Das ist aber in -Kalifornien häufig vorgekommen. Mitten in einer Hauptgeschäftsstraße -Virginias belegte jemand eine Parzelle zu einer Grube und teufte einen -Schacht darauf ab. Er gab mir hundert Fuß von derselben, die ich jedoch -gegen einen feinen Anzug vertauschte, weil ich befürchtete, es könnte -jemand in den Schacht fallen und uns auf Entschädigung verklagen. An -einer anderen gleichfalls mitten in einer Straße belegten Parzelle war -ich Miteigentümer; und um zu zeigen, wie einfältig die Menschen sein -können, erwähne ich, daß die Kuxe der ›East India‹, wie die Grube hieß, -sich ganz flott verkauften, obwohl ein alter Stollen unter der Parzelle -hinlief, in dem sich jedermann ungehindert mit eigenen Augen überzeugen -konnte, daß er keine Quarzschicht oder irgend etwas einer solchen nur -von weitem Aehnliches berührte. - -Eine Methode, plötzlich zu Reichtum zu gelangen, bestand darin, -eine Wildkatzengrube zu ›salzen‹ und dann zu verkaufen, solange die -Aufregung dauerte. Das Verfahren war einfach. Der Betreffende belegte -eine wertlose Schicht, teufte einen Schacht darauf ab, kaufte eine -Wagenladung von reichem Combstock-Erz, ließ einen Teil davon in den -Schacht werfen und das Uebrige daneben an der Oberfläche aufschütten. -Dann zeigte er sein Besitztum einem Einfaltspinsel, der es ihm um hohen -Preis abkaufte. Natürlich war jene Wagenladung reiches Erz alles, was -das Opfer bei seinem Kaufe herausschlug. - -Ein höchst merkwürdiger Fall von ›Salzung‹ war der, welcher bei -der Grube ›Nord-Ophir‹ vorkam. Man behauptete, diese Ader sei eine -entfernte Fortsetzung des eigentlichen ›Ophir‹, einer wertvollen Grube -auf dem Combstock. Mehrere Tage sprach alle Welt von der reichen -Ausbeute im ›Nord-Ophir‹. Es hieß, die Grube gebe vollständig reines -Silber in gediegenen Klümpchen. Ich ging mit dem Besitzer an die Stelle -und fand einen sechs bis acht Fuß tiefen Schacht und unten an dessen -Sohle eine schlecht gesprengte Ader von dunklem, gelblichem, nichts -versprechendem Gestein. Ebenso gut hätte man in einem Schleifstein -Silber vermuten können. Wir holten eine Pfanne von dem Quark herauf -und wuschen ihn in einer Pfütze aus und, wahrhaftig, in dem Bodensatz -fanden wir ein halbes Dutzend runder Kügelchen von unzweifelhaftem, -gediegenem Silber. Etwas derartiges hatte noch kein Mensch gehört; für -die Wissenschaft war diese seltsame Neuigkeit ein völliges Rätsel. Die -Anteilscheine stiegen auf fünfundsechzig Dollars für den Fuß und zu -diesem Preise kaufte sich der weltberühmte Tragöde Kean Buchanan einen -bedeutenden Vorrat davon und beschloß wieder einmal -- wie schon so oft --- der Bühne zu entsagen. Auf einmal hieß es, die Grube sei ›gesalzen‹ -worden, aber nicht etwa nach irgend einer abgedroschenen Methode, -sondern in ungewöhnlich kecker, frecher, eigenartiger und schandbarer -Weise. Man entdeckte nämlich auf einem der Klümpchen gediegenen Silbers -Bruchstücke der Münzumschrift ›~United States of America~‹, und nun lag -es klar am Tage, daß die Grube mit geschmolzenen Halbdollars ›gesalzen‹ -worden war. Die so gewonnenen Klümpchen hatte man geschwärzt, bis -sie gediegenem Silber im Urzustande glichen und sie dann mit dem -losgesprengten Gestein auf dem Boden des Schachtes vermischt. Dies ist -buchstäblich wahr. Natürlich fielen die Kuxe sofort auf Null und der -Tragöde war ruiniert. Ohne diese Kalamität wäre Mc. Kean Buchanan uns -für die Bühne verloren gegangen. - - - - -Vierundzwanzigstes Kapitel. - - -Die ›flotten Zeiten‹ gingen inzwischen munter fort. Etwas mehr als zwei -Jahre vorher hatten Herr Goodman und ein anderer Setzer sich vierzig -Dollars geborgt und waren damit von San Francisco aufgebrochen, um ihr -Glück in der neuen Stadt Virginia zu versuchen. Sie fanden dort das -›Territorial Enterprise‹, ein traurig hinsiechendes Wochenblättchen, -das nach Atem schnappte und in den letzten Zügen lag. Sie kauften es: -Typen, Einrichtung, Kundschaft, alles miteinander für tausend Dollars, -die ihnen lang gestundet bleiben sollten. Redaktion, Zeitungsstube, -Druckerei, Expedition, Schlafkammer, Wohnzimmer und Küche, alles war -in ein Gemach zusammengepreßt, und dies war nicht einmal groß. Die -Redakteure und Drucker schliefen auf dem Fußboden, ein Chinese besorgte -die Küche, und der Ausschießstein war die allgemeine Speisetafel. -Wie anders waren die Verhältnisse jetzt. Das Blatt erschien täglich -in großem Format, es wurde mit Dampf gedruckt, fünf Redakteure und -dreiundzwanzig Setzer arbeiteten daran, der Abonnementspreis war -sechzehn Dollars jährlich, die Einrückungsgebühren waren maßlos hoch, -die Spalten stets gedrängt voll. Das Blatt warf monatlich zwischen -sechs- und zehntausend Dollars ab und wurde in einem stattlichen -feuerfesten Hause redigiert und gedruckt. Tag für Tag wurden fünf bis -elf Spalten neuer Anzeigen wegen Ueberhäufung entweder zurückgelegt -oder in Extrablättern zusammen veröffentlicht. - -Die ›Gould & Curry-Gesellschaft‹ stand im Begriffe, ein Riesenpochwerk -mit hundert Stampfen zu errichten, dessen Herstellungskosten nicht -viel unter einer Million Dollars betrugen. Die Kuxe dieses Bergwerks -zahlten schwere Dividenden -- ein seltener Fall, der nur bei den zwölf -oder fünfzehn Parzellen vorkam, die über der Hauptader, dem Combstock, -lagen. Der Direktor dieser Grube wohnte mietfrei in einem schönen -Hause, das von der Gesellschaft gebaut und möbliert war. Er fuhr mit -stattlichen Pferden, die ihm die Gesellschaft geschenkt hatte, und sein -Gehalt betrug zwölftausend Dollars jährlich. Der Direktor einer anderen -großen Grube reiste wie ein Fürst herum, hatte einen Jahresgehalt von -achtundzwanzigtausend Dollars und beanspruchte später überdies noch auf -dem Rechtswege ein Prozent der ganzen Silberausbeute als ihm zukommend. - -Geld war in wunderbarer Fülle vorhanden. Es zu verdienen machte keine -Mühe, wohl aber, es auszugeben und loszuwerden. Und so traf es sich -glücklich, daß gerade während jener Zeit der Draht die Nachricht -brachte, daß eine große Sanitätskommission der Vereinigten Staaten -gebildet worden sei, welche für die Soldaten und Matrosen der Union, -die in den Spitälern des Ostens lagen, Geld brauche. Dieser Nachricht -folgte die Kunde auf den Fersen, daß San Francisco sich an dem Werk in -großartiger Weise beteiligt habe, ehe das Telegramm auch nur einen Tag -alt gewesen sei. Virginia erhob sich wie ein Mann. Ein Sanitätskomitee -wurde in aller Eile organisiert, der Präsident desselben bestieg einen -leeren Karren in der C straße und versuchte der ungeduldigen und -lärmenden Menge begreiflich zu machen, daß die übrigen Mitglieder des -Komitees aus Leibeskräften arbeiteten, und daß noch vor Ablauf einer -Stunde ein Bureau eingerichtet, Bücher aufgelegt, und das Komitee -bereit sein werde, Beiträge anzunehmen. Seine Stimme wurde übertäubt, -seine Mitteilung ging in einem unaufhörlichen Jubelgebrüll und dem -Verlangen, daß das Geld sofort angenommen werden solle, verloren; die -Leute waren wie rasend, sie wollten nicht warten. Der Präsident machte -Vorstellungen und suchte zu beweisen, daß das nicht angehe; aber taub -gegen alle Bitten drängte sich die Menge an den Wagen, in den sie -Goldstücke regnen ließen, worauf alle wieder abtrabten, um noch mehr -zu holen. Hände voll Geld erhoben sich aus dem Gedränge. Unterstützt -von dieser beredten Gebärdensprache hofften viele sich einen Weg bahnen -zu können. Selbst die Chinesen und Indianer wurden von der Aufregung -angesteckt und warfen ihre halben Dollars in den Karren, ohne zu wissen -oder sich darum zu kümmern, zu welchem Zwecke. Sauber gekleidete -Frauen stürzten sich in das Gedränge, kämpften sich mit ihrem Gelde -bis zum Karren durch und tauchten dann nach einer Weile mit jämmerlich -zerzaustem Anzuge wieder aus der Menge hervor. Es war der wildeste -Auflauf, den Virginia jemals gesehen; als zuletzt die Wut nachließ und -alle auseinander gingen, hatte keiner mehr einen Pfennig in der Tasche. -Um in der eigenen Sprache der Leute zu reden: mit vollem Sacke kamen -sie, und ausgebeutelt gingen sie hinweg. - -Nun begann das Komitee in systematischer Ordnung zu arbeiten und -wochenlang flossen die Beiträge wie ein Strom in seine Kasse. Einzelne -Personen und ganze Genossenschaften legten sich eine regelmäßige Steuer -für den Sanitätsfonds auf, die sich nach ihren Mitteln abstufte; als -aber der berühmte ›Sanitätsmehlsack‹ zu uns kam, gab es einen zweiten -großen allgemeinen Ausbruch. Die Geschichte des Sackes ist eigentümlich -und interessant. In der kleinen Stadt Austin am Reeseflusse war ein -früherer Schulkamerad von mir, Namens Reuel Gridley, Kandidat der -demokratischen Partei für die Bürgermeisterstelle. Er kam mit dem -republikanischen Gegenkandidaten dahin überein, daß der Unterliegende -von dem Sieger mit einem fünfzig Pfund schweren Mehlsack beschenkt -werden und denselben auf seiner Schulter nach Hause tragen sollte. -Gridley unterlag und erhielt den Mehlsack von dem neuerwählten -Bürgermeister. Er lud ihn auf die Schulter und trug ihn gegen zwei -Meilen weit von Nieder-Austin nach Ober-Austin, begleitet von einem -Musikchor und der ganzen Bevölkerung. Bei seiner Ankunft erklärte er, -er brauche das Mehl nicht und fragte, was er nach der Meinung des -Volkes am besten damit anfangen könnte. Eine Stimme rief: - -»Verkaufen Sie es an den Meistbietenden zu Gunsten des Sanitätsfonds!« - -[Illustration] - -Der Vorschlag wurde ringsum mit lautem Beifall begrüßt, und Gridley -stieg auf eine Kiste, um die Rolle eines Auktionators zu übernehmen. -Die Gebote gingen rasch in die Höhe, als die Leute sich mehr und -mehr für die Sache erwärmten, bis der Sack zuletzt einem Müller zu -zweihundertfünfzig Dollars zugeschlagen und dessen Anweisung in Empfang -genommen wurde. Man fragte ihn, wo er das Mehl abgeliefert haben wolle, -worauf er erwiderte: - -»Nirgends, verkauft es noch einmal!« - -Jetzt brachen donnernde Jubelrufe los, und die Menge geriet ins -richtige Feuer. So stand Gridley bis zum Sonnenuntergang schreiend und -schwitzend da, und als die Masse auseinanderging, hatte er den Sack an -dreihundert verschiedene Leute verkauft und achttausend Dollars in Gold -dafür eingenommen. Und noch immer war der Mehlsack in seinem Besitze. - -Als die Nachricht in Virginia eintraf, kam von dort ein Telegramm -zurück: - -»Schickt euern Mehlsack her!« - -Sechsunddreißig Stunden darauf kam Gridley an; im Opernhause wurde -eine Nachmittagsversammlung gehalten und die Auktion begann. Aber der -Mehlsack war früher gekommen als man erwartete, die Leute waren noch -nicht ordentlich ins Feuer geraten, und so schleppte sich der Verkauf -matt hin. Bei Einbruch der Nacht hatte man erst fünftausend Dollars in -Händen und es herrschte große Niedergeschlagenheit in der Gemeinde. - -Indes war man nicht geneigt, die Sache damit ruhen zu lassen und dem -Dorfe Austin den Sieg zuzuerkennen. - -Bis spät in die Nacht hinein waren die vornehmsten Bürger am Werke, -den Feldzug für den nächsten Tag vorzubereiten, und als sie zu Bett -gingen, war ihnen wegen des Ergebnisses nicht mehr bange. Um elf -Uhr am Vormittag fuhr ein langer Zug offener Wagen, begleitet von -lärmenden Musikbanden und geschmückt mit wehenden Fahnen, die C straße -hinunter, wo sie bald in Gefahr gerieten, von einer Hurra rufenden -Menschenmenge eingeschlossen und am Weiterkommen verhindert zu werden. -Im ersten Wagen saß Gridley, welcher den mit goldenen Buchstaben -verzierten und schön geschmückten Mehlsack so hielt, daß er recht ins -Auge fiel, ferner der Bürgermeister und der Syndikus. Die anderen -Wagen enthielten den Stadtrat, Redakteure und Berichterstatter und -andere Leute von Ansehen und Bedeutung. Die Menge drängte nach der -Ecke der C- und Taylorstraße, in der Erwartung, daß der Verkauf dort -beginnen werde; allein sie täuschte sich und erlebte zugleich eine -unaussprechliche Ueberraschung; die Kavalkade zog weiter, als käme -Virginia überhaupt gar nicht mehr in Betracht und nahm ihren Weg auf -die kleine Stadt Gold Hill zu. Telegramme waren nach Gold Hill, Silver -City und Dayton vorausgegangen, so daß deren Bevölkerung bereits in -fieberhafter Erregung darauf wartete, sich ins Gefecht zu stürzen. -Es war ein sehr heißer Tag und furchtbar staubig. Nach Verlauf einer -kurzen halben Stunde stiegen wir unter Trommelschlag mit fliegenden -Fahnen, von mächtigen Staubwolken umwallt, nach Gold Hill hinab. Die -ganze Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, Chinesen und Indianer -waren in der Hauptstraße versammelt, alle Flaggen der Stadt flatterten -an den Masten und das Hurrarufen der Menge übertönte den Lärm der -Musikbanden. Gridley erhob sich und fragte, wer auf den vaterländischen -Sanitäts-Mehlsack das erste Gebot thun wolle. General W. erklärte: -»Die Yellow-Jacket-Silberbergbaugesellschaft bietet tausend Dollars in -Münze.« - -Ein Beifallssturm folgte. Der Telegraph trug die Kunde nach Virginia, -binnen fünfzehn Minuten war die ganze Einwohnerschaft auf der Straße -versammelt und verschlang die Botschaft; es gehörte nämlich mit zum -Programm, daß jeder Drahtbericht auf den Anschlagbrettern sofort -bekannt gemacht wurde. Alle paar Minuten erschien ein neues von Gold -Hill her telegraphiertes Bulletin, und immer mehr wuchs die Aufregung. -Nach Verlauf einer Stunde hatte die schwache Bevölkerung von Gold -Hill für den Mehlsack eine Summe gezahlt, welche Virginias höchste -Begeisterung erweckte, als das Gesamtergebnis an den Plakatstellen -zu lesen war. Nun rückte Gridleys Kavalkade weiter -- erfrischt mit -Strömen Lagerbiers, welches die Leute in verschwenderischem Maße an die -Wagen brachten; nach weiteren drei Stunden hatte die Expedition Silver -City und Dayton mit Sturm genommen und befand sich ruhmbedeckt auf -dem Heimwege. Das alles war telegraphiert und veröffentlicht worden; -als nun die Prozession um halb neun Uhr abends in Virginia einzog und -die C straße hinunterkam, war die ganze Bevölkerung auf den Straßen, -Fackeln loderten, Flaggen wehten, Musikbanden spielten, Hurra auf -Hurra erschütterte die Luft und die Stadt war bereit, sich auf Gnade -und Ungnade zu ergeben. Die Auktion begann; jedes Gebot wurde mit -Beifallsausbrüchen begrüßt, und nach Verlauf von dritthalb Stunden -hatte eine Bevölkerung von fünfzehntausend Seelen für einen fünfzig -Pfund schweren Mehlsack eine Summe in Gold bezahlt, die in Staatsnoten -fünfzigtausend Dollars betragen haben würde. Es kamen ungefähr drei -Dollar auf jeden Kopf der Bevölkerung, Weiber und Kinder mitgerechnet. -Das Gesamtergebnis würde zweimal so groß gewesen sein, aber die Straßen -waren sehr schmal und Hunderte, die gerne mitgeboten hätten, konnten -weder bis zum Platz des Auktionators gelangen, noch sich vernehmlich -machen. Des Wartens überdrüssig gingen viele lange vor Schluß der -Auktion wieder nach Hause. Dies war vielleicht der größte Tag, den -Virginia jemals erlebte. - -Gridley verkaufte den Sack in Carson City und in verschiedenen -kalifornischen Städten; dann nahm er ihn mit nach dem Osten und brachte -ihn endlich nach St. Louis, wo ein Sanitätsbazar abgehalten und eine -große Summe eingenommen wurde. Um die Begeisterung zu erhöhen, hatte -man dort die aus Nevadas Schenkung erzeugten stattlichen Silberbarren -ausgestellt. Zuletzt ließ Gridley das Mehl in kleine Kuchen backen, die -er einzeln zu hohen Preisen verkaufte. Die Kosten seiner ungeheuren, -mühevollen Expedition hatte der treffliche Mann wenn nicht ganz, so -doch größtenteils aus eigener Tasche bezahlt. - -Als die Mission des Mehlsacks beendet war, schätzte man die -Gesamtsumme, für die derselbe verkauft war, auf hundertfünfzigtausend -Dollars in Papier. Dies ist wahrscheinlich der einzige Fall, den die -Geschichte verzeichnet, in welchem gewöhnliches Brotmehl auf offenem -Markte zu dreitausend Dollars das Pfund verkauft worden ist. - - * * * * * - -Bevor ich diesen Teil meiner Erinnerungen beschließe, will ich noch -einer kleinen Episode gedenken. Dieselbe betrifft - - -meine erste Begegnung mit Artemus Ward. - -Dieser berühmte, jetzt verstorbene Komiker und Humorist bereiste -damals, als ich in Virginia City Redakteur war, die Städte im fernen -Westen, um Vorlesungen zu halten, und kam bei dieser Gelegenheit auch -in die genannte Stadt. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Er brachte -mir Empfehlungsbriefe von gemeinsamen Freunden in San Francisco und -lud mich ein, mit ihm zu frühstücken. Im Bereich der Silberminen -galt es fast als eine heilige Pflicht, vor solcher Mahlzeit einen -Whisky-Cocktail zu trinken. Mit echt kosmopolitischer Gesinnung pflegte -sich Artemus stets nach den Sitten des Landes zu richten, in welchem -er sich gerade befand; so bestellte er denn auch jetzt drei von den -abscheulichen Schnäpsen, Hingston, sein Reisebegleiter, war auch -zugegen. Ich sagte, ich wolle lieber keinen Whisky trinken, er würde -mir zu sehr zu Kopfe steigen und mich in zehn Minuten so verdreht -machen, daß ich keinen klaren Gedanken mehr fassen könne. Mich vor -Fremden wie ein Verrückter zu gebärden, sei nicht nach meinem Sinn. Auf -Artemus Wards freundliches Zureden trank ich aber dennoch das tückische -Gebräu, obgleich mit Widerstreben und in dem Bewußtsein, daß ich etwas -thue, was mich alsbald reuen würde. - -In kürzester Frist kam es mir vor, als umnebelten sich meine Sinne. -Ich wartete daher mit großer Angst auf den Beginn der Unterhaltung und -hoffte im stillen, daß sich meine Befürchtung als unbegründet erweisen -und ich doch noch bei Verstande sein würde. - -Artemus ließ zuerst einige unbedeutende Bemerkungen fallen, nahm -dann eine ganz übermenschlich ernste Miene an und hielt folgende -erstaunliche Rede: - -»Noch etwas möchte ich Sie zuvörderst fragen, ehe ich es vergesse. Sie -sind nun schon zwei oder drei Jahre hier in Nevada, im Silberland, -und Ihre Stellung bei der Tagespresse hat es natürlich mit sich -gebracht, daß Sie in die Bergwerke eingefahren sind, um sich über -alle Einzelheiten zu unterrichten; der ganze Silberbergbau wird Ihnen -daher genau bekannt sein. Was ich nun gerne wissen möchte, ist -- wie -die Erzlager eigentlich beschaffen sind. Ich fasse es zum Beispiel -so auf -- die Ader, welche das Silber enthält, liegt zwischen zwei -Granitschichten eingeschlossen, wie das Fleisch in einer belegten -Buttersemmel; sie läuft im Erdboden weiter, erstreckt sich aufwärts und -ragt in die Höhe wie ein Meilenstein. Nehmen wir nun an, die Ader hätte -eine Mächtigkeit -- sagen wir -- von vierzig Fuß oder achtzig oder auch -meinetwegen hundert -- und Sie führten einen Schacht senkrecht darauf -hinab, oder gingen mit Hilfe eines Stollens, wie man’s nennt, hinunter -bis zu einer Tiefe von fünfhundert Fuß oder auch nur zweihundert Fuß, -wenn Sie wollen, aber jedenfalls tief hinab -- nun wird die Ader immer -schmaler, wo die sie einschließenden Granitschichten dichter beisammen -sind oder sich einander nähern, wenn man’s so ausdrücken will -- das -heißt, wenn sie wirklich näher zusammenrücken, was natürlich nicht -immer der Fall ist, besonders nicht an Stellen, wo sie der ganzen Natur -der Formation nach weiter auseinander gehen als anderwärts, wofür -die Geologie bisher vergebens eine Erklärung gesucht hat, obwohl in -dieser Wissenschaft alles auf den Beweis hinausläuft, daß bei gleichen -Verhältnissen es so sein würde, wenn es nicht wäre, und gewiß nicht so -sein würde, wenn es wäre -- und dann sind sie es natürlich. Ist das -nicht auch Ihre Meinung?« - -Ich dachte bei mir selbst: - -»Also richtig -- ich wußte ja, daß es so kommen würde. Der Whisky hat -mich ganz benebelt und keine Auster ist jetzt so schwer von Begriffen -wie ich.« - -Dann sagte ich laut: - -»Ich -- ich -- vielleicht -- wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht --- hätten Sie wohl die Güte -- das noch einmal zu sagen. Ich sollte -freilich --« - -»O gewiß, mit Vergnügen. Sie sehen, ich bin mit dem Gegenstande gar -nicht vertraut und drücke mich daher viel zu undeutlich aus, -- aber -ich --« - -»Nein, nein, -- o nein -- Sie haben die Sache völlig klar -auseinandergesetzt, aber, wissen Sie, der Whisky macht mich etwas -verwirrt. Ich verstehe Sie ja im übrigen ganz gut, wenn Sie mir aber -die Sache noch einmal vortragen wollten, würde es mir am Ende doch -begreiflich werden -- diesmal will ich besser acht geben.« - -»Das, worauf es mir ankommt,« sagte er, »ist einfach Folgendes: (Er -sprach jetzt mit noch weit größerem Nachdruck und betonte die einzelnen -Punkte ganz besonders, indem er sie an den Fingern herzählte.) Diese -Ader, dieser Streifen, diese Schicht oder wie Sie es nennen wollen, -liegt zwischen zwei Lagern von Granit, wie das Fleisch zwischen den -beiden Hälften der Buttersemmel. So weit gut. Nun gehen Sie senkrecht -hinunter, volle tausend Fuß, vielleicht sogar zwölfhundert Fuß, -- -darauf kommt es wirklich nicht an -- ehe Sie den Stollen hineintreiben, -einige Gänge quer über die Ader, andere in Längsrichtung, wo die -Sulfurate -- ich glaube, man nennt sie Sulfurate, obgleich ich nicht -recht weiß, warum man es thut, in Anbetracht dessen, daß, worauf es dem -Bergmann hauptsächlich ankommt, nicht so liegt, wie einige behaupten, -ohne doch völlig beweisen zu können, daß sie nicht weiterlaufen, -solange noch eine Spur oder ein Bruchstück desselben Erzes weder -hier noch dort in gleicher Weise enthalten ist; wogegen unter andern -Umständen selbst die Unerfahrensten unter uns es nicht entdecken -könnten, wenn es wäre, oder es möglicherweise übersehen, wenn es -anginge oder den bloßen Gedanken daran mit Hohn zurückweisen würden, -wenn man es ihnen auch noch so handgreiflich als solches vor Augen -stellte. Habe ich nicht recht?« - -Ich sagte mit trübseliger Miene: »Wirklich, Herr Ward, ich muß mich vor -mir selber schämen; ich weiß, ich sollte eigentlich alles verstehen, -was Sie sagen, aber der abscheuliche Whiskey ist mir so in den Kopf -gestiegen, daß jetzt der einfachste Satz über mein Verständnis geht. -Ich habe es Ihnen ja vorausgesagt.« - -»O, nicht doch, nicht doch -- es liegt höchst wahrscheinlich einzig und -allein an mir -- zwar habe ich lange darüber nachgedacht und glaubte es -klar genug --« - -»Verlieren Sie, bitte, kein Wort darüber. Sie haben es so anschaulich -dargestellt, daß es jedem sonnenklar einleuchten müßte, der nicht mit -Blödsinn behaftet ist. Nur der verwünschte Whiskey ist an allem schuld.« - -»Bewahre, wo denken Sie hin. Ich will noch einmal ganz von vorn -anfangen und Sie werden sehen --« - -»Ums Himmels willen, thun Sie das doch ja nicht; ich sage Ihnen, mein -Kopf ist in solcher Verfassung, daß ich nicht auf die einfachste Frage -Bescheid geben könnte, die man an mich richtet.« - -»Seien Sie ganz unbesorgt. Diesmal will ich es so schlicht und deutlich -ausdrücken, daß Sie gar nicht umhin können, zu verstehen, was ich -meine. Fangen wir ganz von Anfang an.« (Er lehnte sich über den Tisch -zu mir herüber, in seinen Mienen war der felsenfeste Vorsatz zu lesen, -sich verständlich zu machen, und er hielt den Finger bereit, um seinen -Worten beim Aufzählen jedes einzelnen Punktes noch besonderen Nachdruck -zu verleihen. Ich selbst beugte mich in peinlicher Erregung weit vor, -entschlossen, ihn zu begreifen, oder zu Grunde zu gehen.) - -[Illustration] - -»Sie wissen, daß die Ader, die Schicht, das Ding, welches das -Metall enthält, dadurch zum Medium aller andern Kräfte wird, der -zunächstliegenden wie der entferntesten Wirkungen, die so beschaffen -sind, daß sie die ersteren zu Gunsten der letzteren, oder die letzteren -gegen die ersteren, oder alle oder beide beeinflussen, sofern es den -relativen Unterschied betrifft, der innerhalb des Radius besteht, von -dem aus die verschiedenen Grade der Aehnlichkeit sich entwickeln, in -welchen --« - -»Hol’ der Henker meinen Blechschädel,« fuhr ich heraus, »ich mag mich -anstrengen wie ich will -- aber ich verstehe nicht das Geringste. Je -klarer Sie mir die Sache auseinander setzen, um so weniger begreife -ich, worauf Sie hinauswollen.« - -Jetzt hörte ich ein verdächtiges Geräusch neben mir und als ich mich -rasch umwandte, sah ich gerade noch, wie Hingston sich hinter ein -Zeitungsblatt duckte und vor Lachen bersten wollte. Ich blickte wieder -nach Ward hin -- seine feierliche Miene war verschwunden und er lachte -gleichfalls. - -Da merkte ich, daß er mir einen Streich gespielt hatte, daß ich das -Opfer eines Schwindels geworden war. Seine Rede bestand aus einer Reihe -an einander gefädelter Sätze, die einzeln ganz verständlich klangen, -aber im Zusammenhang auf der Gotteswelt keinen Sinn hatten. - -Artemus Ward war einer der besten und umgänglichsten Menschen unter -der Sonne. Man behauptet, er habe keine fließende Unterhaltung führen -können, aber, wenn ich an obiges Erlebnis zurückdenke, bin ich anderer -Meinung. - -[Illustration] - - - - -Im Gold- und Silberland. - -II. - - - - -Nabobs in Nevada. - - -In jener herrlichen Zeit, als es in Nevada flott herging, hatte das -Silberland auch seine Nabobs. Einige sind mir noch erinnerlich. Es -waren meist sorgenlose, leichtlebige Menschen, aus deren Reichtümern -das Gemeinwesen ganz ebenso viel Nutzen zog wie sie selber, in manchen -Fällen sogar noch mehr. - -Einer der ersten Nabobs, die Nevada erzeugte, trug Diamanten im Werte -von sechstausend Dollars am Busen und war unglücklich, daß ihm sein -Geld schneller in die Taschen floß, als er es ausgeben konnte. Das -Einkommen eines andern belief sich oft auf sechzehntausend Dollars -monatlich. Als er zuerst ins Land kam, hatte er in dem nämlichen -Bergwerk, aus welchem er später seine Schätze bezog, um einen Tagelohn -von fünf Dollars gearbeitet. - -Von einem jener Lieblinge des Glücks, die sozusagen über Nacht aus -drückender Armut zum größten Ueberfluß gelangten, erzählt man sich, -er habe gern ein hohes Staatsamt bekleiden wollen und hunderttausend -Dollars dafür geboten, es aber trotzdem nicht erhalten, da seine -Politik nicht so vertrauenerweckend war, als sein Konto auf der Bank. - -[Illustration] - -Auch John Smith darf ich nicht vergessen. Er stammte aus dem niedern -Volke, war eine brave, ehrliche, gutmütige Haut und von einer -Unwissenheit, die ans Fabelhafte grenzte. Sein kleiner Rancho und -ein Ochsengespann brachten ihm genug ein zum Lebensunterhalt; war -die Heuernte auch nicht so groß, so wog man ihm doch diesen seltenen -Artikel mit Gold auf -- er erhielt auf dem Markte für das Fuder 250 -bis 300 Dollars. Nach einiger Zeit tauschte Smith mehrere Morgen von -seinem Wiesenland gegen eine noch unbearbeitete Silbergrube in Gold -Hill ein. Er begann den Abbau und errichtete daneben ein anspruchsloses -kleines Pochwerk. Anderthalb Jahre später gab er das Heugeschäft auf, -denn seine Grube machte einen besseren Ertrag. Sein Einkommen wurde -auf 30,000 Dollars monatlich geschätzt, von manchen sogar auf 60,000 -Dollars. Jedenfalls war Smith ein reicher Mann. - -Nun ging er auf Reisen. Bei seiner Rückkehr aus Europa konnte er -nicht genug von den schönen Schweinen erzählen, die er in England -gesehen hatte, von den herrlichen Schafen in Spanien und dem prächtigen -Rindvieh in der Umgegend von Rom. Er war ganz voll von den Wundern der -alten Welt und gab jedem den Rat, sich auf die Reise zu machen. Man -glaube gar nicht, was es für Merkwürdigkeiten auf Erden gebe, sagte er, -solange man sich nicht durch den Augenschein davon überzeugt habe. - -Während seiner Ueberfahrt setzten die Passagiere einmal einen Preis -von fünfhundert Dollars auf denjenigen aus, der am richtigsten riete, -wie viele Seemeilen das Schiff in den nächsten vierundzwanzig Stunden -zurücklegen würde. Um die Mittagszeit des folgenden Tages übergab jeder -dem Zahlmeister ein versiegeltes Couvert, in welchem die Meilenzahl -stand. Smith triumphierte im voraus: er hatte den Maschinisten -bestochen. Als trotzdem ein anderer den Preis gewann, sagte er: -»Halt, das geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Anschlag kam der -Wirklichkeit um zwei Meilen näher als seiner.« - -»Bewahre,« versetzte der Zahlmeister, »Sie haben es von allen am Bord -am schlechtesten getroffen, Herr Smith; wir sind 208 Meilen gefahren.« - -»Nun ja,« rief Smith, »und ich habe 209 geraten. Sehen Sie sich doch -meine Zahlen ordentlich an; eine 2 und zwei 0 sind 200, nicht wahr -- -dann noch eine 9 (2009) macht zweihundert und neun. Da muß ich denn -doch sehr bitten, daß mir der Preis zuerkannt wird.« -- - - * * * * * - -In einer Bergschlucht in unmittelbarer Nähe von Virginia City wohnte -ein armer Mexikaner, auf dessen Anwesen eine Quelle am Felsen -herabsickerte, die kaum eine halbe Spanne breit war. Für dieses -Wässerchen gab ihm die Ophirgesellschaft eine kleine Parzelle von -hundert Fuß, welche sich als der ergiebigste Teil des ganzen Bergwerks -erwies; vier Jahre nach dem Tausch betrug ihr Marktwert mit Einschluß -des Pochwerks 1,500,000 Dollars. - -Ein neunzehnjähriger Telegraphist in Virginia wurde dadurch zum reichen -Manne, daß er die Depeschen der Grubenbesitzer las, welche ihm durch -die Hände gingen und je nach dem Stande der Bergwerksangelegenheiten, -durch Vermittlung eines Freundes in San Francisco, Aktien kaufte oder -verkaufte. Einmal kündigte eine Privatdepesche aus Virginia einen -reichen Fund in einer bedeutenden Grube an, mit der Weisung, die Sache -solange geheim zu halten, bis die Unternehmer sich den Besitz von -möglichst vielen Anteilscheinen gesichert hätten. Der Telegraphist -kaufte sofort einen Kux von 40 Fuß zu 20 Dollars den Fuß, wovon er -später die Hälfte zu 800 Dollars den Fuß verkaufte und den Rest um das -Doppelte. Nach drei Monaten besaß er ein Vermögen von 150,000 Dollars -und hatte seine Telegraphenstelle aufgegeben. - -Ein anderer Telegraphenbeamter hatte Amtsgeheimnisse verraten und -war deshalb von seinen Vorgesetzten entlassen worden. Er versprach -einem wohlhabenden Manne in San Francisco, ihm das Ergebnis eines -großen Bergwerksprozesses, der in Virginia geführt wurde, mitzuteilen -und zwar nur eine Stunde später als die streitenden Parteien in San -Francisco davon privatim Kenntnis erhielten. Hiefür sicherte ihm sein -Mitverschworener einen hohen Prozentsatz des Gewinns, welchen er durch -rechtzeitigen An- und Verkauf von Aktien zu erzielen dachte. Um den -Plan auszuführen, begab sich der verabschiedete Telegraphist, als -Fuhrmann verkleidet, nach einer kleinen abgelegenen Telegraphenstation -im Gebirge, machte mit dem dortigen Beamten Bekanntschaft, saß -Tag für Tag, seine Pfeife rauchend bei ihm im Bureau und klagte, -daß sein Gespann zu ermüdet sei und er nicht weiterfahren könne. -Zugleich horchte er bei allen Depeschen aus Virginia auf das Ticken -des Apparats, bis endlich ein Privattelegramm die Entscheidung des -Prozesses verkündete. Sofort telegraphierte er an seinen Verbündeten: - -»Kann nicht mehr warten. Werde das Gespann verkaufen und heimgehen.« - -Dies war das verabredete Zeichen. Hätte er das Wort ›warten‹ -fortgelassen, so würde es den entgegengesetzten Ausgang des Prozesses -bedeutet haben. Der Spekulant in San Francisco kaufte nun eine Menge -der betreffenden Bergwerksaktien um niedern Preis, bevor die Nachricht -öffentlich bekannt wurde und sicherte sich ein Vermögen. - -Zahllose Beispiele ähnlicher Art wären noch aus dem Silberlande zu -verzeichnen, die angeführten werden jedoch genügen, um dem Leser einen -Begriff von den Zuständen in jener flotten Zeit zu geben. Mit den -meisten dieser Nabobs bin ich persönlich in Berührung gekommen; sie -waren damals hochberühmt, aber jetzt spricht niemand mehr von ihnen, da -fast alle wieder rasch in Armut und Dunkelheit zurückgesunken sind. - -In Nevada erzählte man sich ein lustiges Abenteuer, das zwei solche -Nabobs einmal gehabt haben sollen; ich kann mich für die Wahrheit nicht -verbürgen, und gebe es nur wieder, wie ich es gehört habe: - -Oberst Jim hatte früher etwas von der Welt gesehen und kannte ihr Thun -und Treiben ein wenig, aber Oberst Jack stammte aus den Hinterwäldern, -sein Leben war eitel Mühe und Arbeit gewesen und er war nie in eine -Stadt gekommen. Urplötzlich reich geworden, beschlossen die beiden -nach New York zu reisen; Oberst Jack, um die Sehenswürdigkeiten in -Augenschein zu nehmen, und Oberst Jim, um des Freundes arglose Unschuld -vor Schaden zu bewahren. Sie kamen bei Nacht nach San Francisco und -segelten früh am Morgen ab. Als sie New York erreichten, sagte Oberst -Jack: - -»Ich habe all mein Lebtag so viel von Equipagen reden hören, jetzt -will ich einmal eine Spazierfahrt machen, einerlei was es kostet. Also -vorwärts!« - -Oberst Jim winkte eine schöne Kutsche herbei, aber Oberst Jack sagte: - -»Wo denkst du hin? ich soll doch nicht etwa bloß so ’ne billige -Spritzfahrt machen! Nein, was Ordentliches muß ich haben. Aufs Geld -kommt’s mir nicht an, aber es soll das vornehmste Fuhrwerk sein, das -sich sehen läßt. Schau, da kommt gerade etwas, wie ich es möchte. Rufe -mal den gelben Wagen mit den schönen Bildern an. Sei nur ohne Sorgen -- -ich trage alle Kosten.« - -So stiegen sie denn in den leeren Omnibus. - -»Das nenne ich lustig,« rief Oberst Jack. »Kissen und Fenster und -Bilder überall. Was wohl die Jungens sagen würden, wenn sie uns so -vornehm durch New York kutschieren sähen? Meiner Treu, ich gäbe was -drum, mich ihnen so zu zeigen.« Er steckte den Kopf zum Fenster hinaus. -»Famos,« rief er dem Kutscher zu, »Herzensjunge, du gefällst mir; fahr -nur zu, den ganzen Tag lang meinetwegen. Laß die Pferde laufen; wir -wollen’s schon wieder wett machen, verlaß dich drauf!« Der Kutscher -streckte die Hand durch das Guckloch nach dem Fahrgeld aus, wie es -damals noch Sitte war. Oberst Jack schlug ein und schüttelte sie ihm -herzlich. - -»Du willst Vorauszahlung, Alterchen,« rief er. »Na, nichts für ungut. -Hier hast du etwas, das gar nicht so übel ist.« - -Er drückte ihm ein goldenes Zwanzigdollarstück in die Hand, und als der -Kutscher sagte, daß er nicht wechseln könne, rief er lustig: - -»Laß gut sein, wir wollen’s schon verfahren. Steck’ es nur in die -Tasche.« Dann schlug er seinem Gefährten laut klatschend auf das Bein -und fuhr vergnügt fort: »Hol’ mich dieser und jener, ich miete das Ding -auf die ganze Woche!« - -Jetzt hielt der Omnibus und eine junge Dame stieg ein. Oberst Jack -starrte sie erst verwundert an, dann stieß er Oberst Jim mit den -Ellenbogen. »Du, sag’ kein Wort,« flüsterte er. »Laß sie mitfahren, -wenn sie will. An Platz fehlt’s ja wahrhaftig nicht.« - -Das Fräulein zog den Beutel und reichte Oberst Jack ihr Fahrgeld. - -»Was soll das?« fragte er. - -»Wollen Sie es, bitte, dem Kutscher geben.« - -»Behalten Sie Ihr Geld, Verehrteste, Sie dürfen nicht zahlen. Fahren -Sie nur mit in unserer Staatskutsche, so lange Sie wollen.« - -Das Fräulein drückte sich verwirrt in die Ecke. Jetzt kletterte eine -alte Frau mit dem Handkorb herauf und bot ihr Fahrgeld an. - -»Setzen Sie sich, gute Frau,« sagte Oberst Jack; »wir lassen Sie gern -mitfahren, aber ohne Bezahlung. Machen Sie sich’s nur bequem und thun -Sie ganz so, als ob es Ihr Wagen wäre.« - -Nach wenigen Minuten waren noch drei Herren, zwei dicke Frauen und -mehrere Kinder eingestiegen. - -»Nur immer herein, meine Freunde,« rief Oberst Jack, »geniert euch -nicht. Hier wird jeder frei gehalten.« Dann flüsterte er Oberst Jim zu: -»Ist aber dies New York eine gesellige Stadt! Man sollte so was doch -kaum für möglich halten!« - -Da er sich hartnäckig weigerte dem Kutscher das Fahrgeld der Passagiere -einzuhändigen und jedermann freundlich willkommen hieß, ging den -Leuten allmählich ein Licht auf. Sie steckten ihr Geld wieder ein und -belustigten sich insgeheim über den Spaß. Es nahmen wohl noch ein -halbes Dutzend Fahrgäste Platz. »Kommt nur, kommt,« rief Oberst Jack; -»eine Spazierfahrt ist nichts, wenn man nicht Gesellschaft hat.« Dann -flüsterte er Oberst Jim wieder leise zu: »Die Freundlichkeit der New -Yorker geht doch über die Bäume und wie kaltblütig sie die Sache nehmen --- was man nicht alles erlebt!« - -Immer mehr Passagiere stiegen ein, alle Plätze waren besetzt und die -Männer, welche im Mittelgang standen, hielten sich an den Riemen fest, -die von der Decke herabhingen. Leute mit Körben und Bündeln kletterten -oben auf das Dach. Ein halb unterdrücktes Gelächter ließ sich von allen -Seiten hören. - -»Na, wenn eine so himmlische Unverfrorenheit nicht alles übertrifft, -was je dagewesen ist, will ich nicht Jack heißen,« flüsterte der Oberst. - -Jetzt drängte sich ein Chinese herein. - -»Nun wird mir’s aber doch zu bunt,« sagte Oberst Jack. »Halt an, -Kutscher. Bitte, bleiben Sie sitzen, meine Damen und Herren, fahren Sie -ruhig weiter, es ist alles bezahlt. -- Kutscher, rumpeln Sie nur fort -mit den Herrschaften, so lange es Ihnen gefällt. Sie müssen wissen, -es sind unsere Gäste. Zeigen Sie Ihnen alles, und wenn Sie mehr Geld -brauchen, so kommen Sie in das Sankt Nikolas-Hotel und holen Sie -Zuschuß. Recht vergnügte Fahrt, meine Herrschaften -- empfehle mich -Ihnen.« - -Als die beiden Kameraden ausstiegen, sagte Oberst Jack: - -»Höre Jimmy, daß die Geselligkeit in New York so weit getrieben würde, -hätte ich nicht für möglich gehalten. Der Chinese kam so gemütlich -hereinspaziert, wie jeder andere; hätten wir länger gewartet, es wären -noch ein paar Neger mitgefahren, darauf möchte ich wetten. Weißt du -was -- heute nacht verrammeln wir aber unsere Thüren ordentlich, sonst -wollen vielleicht ein paar von den Herzblättchen herein, um bei uns zu -schlafen.« - - - - -Buck Fanshaws Begräbnis. - - -Irgend jemand hat einmal gesagt, daß sich der Geist, welcher in einer -Bürgerschaft herrscht, am besten darnach beurteilen läßt, wen von ihren -Gliedern die Gemeinde mit der größten Feierlichkeit zu Grabe trägt. - -Zur flotten Zeit in Virginia erwiesen die beiden Hauptklassen der -Bevölkerung ihren großen Toten ungefähr die gleiche Ehre. Wer sich -durch seine Wohlthaten für das Gemeinwesen den berühmtesten Namen -gemacht hatte, erhielt ein ebenso prächtiges Begräbnis, wie der -berühmteste Raufbold. - -Als Buck Fanshaw das Zeitliche segnete, machte man viel Aufhebens von -ihm. Er galt für einen würdigen Vertreter der Bürgerschaft, stand -einer großartigen Schankwirtschaft vor und hatte auch ›seinen Mann -getötet‹, allerdings nicht im eigenen Streit, sondern um einen Fremden -gegen die Angriffe der feindlichen Uebermacht zu schützen. Er hatte -ein flottes Weibsbild besessen, von dem er sich auch ohne die Umstände -einer Ehescheidung hätte trennen können. Bei der Feuerwehr bekleidete -er ein hohes Amt und war ein Held ohne Gleichen in der Politik. Als er -starb, ging eine laute Klage durch die ganze Stadt, aber ganz besonders -wurde sein Tod in den untersten Schichten der Gesellschaft beweint. -Die Totenschau ergab, daß Buck Fanshaw im Fieberwahn einer zehrenden -Krankheit Arsenik genommen, sich dann in die Brust geschossen und -die Kehle abgeschnitten hatte, worauf er vier Stock hoch aus dem -Fenster gesprungen war und den Hals gebrochen hatte. Die Jury (d. h. -die Behörde, welche die Totenschau vornimmt) ließ sich durch ihren -Kummer die Klarheit des Urteils nicht trüben. Sie that nach längerer -Verhandlung den Ausspruch, daß Fanshaws Tod durch eine ›Heimsuchung -Gottes‹ verursacht worden sei. - -Für die Leichenfeier wurden die großartigsten Vorbereitungen getroffen. -Alle Fuhrwerke im Ort waren bestellt, sämtliche Schankwirtschaften -kleideten sich in Trauerflor, die Fahnen der Stadt und der Feuerwehr -hingen auf Halbmast und die ganze Löschmannschaft zog in Uniform mit -schwarzverhüllten Pumpen auf. - -Beiläufig muß ich noch bemerken, daß im Silberland jedes Volk der Erde -durch irgend einen Abenteurer vertreten ist und jeder dieser Abenteurer -das seinem Geburtsort eigentümliche Kauderwelsch mitgebracht hat. -Es giebt daher keine reichere, kräftigere und abwechslungsvollere -Ausdrucksweise in der ganzen Welt als die in Nevada herrschende -Sprache. Selbst Prediger mußten sich entschließen, in diesem -Kauderwelsch zur Gemeinde zu sprechen, wollten sie sich verständlich -machen. Gewisse Redensarten waren fortwährend in aller Munde und -flossen jedem ganz unbewußt über die Lippen, ohne daß sie irgendwelchen -Sinn hatten oder den geringsten Bezug auf das Thema, das gerade -besprochen wurde. - -Nachdem die Totenschau über Buck Fanshaw gehalten worden war, kam die -trauernde Bürgerschaft zur Beratung zusammen; denn an der Küste des -stillen Ozeans finden bei jeder Gelegenheit Versammlungen statt, um die -Volksstimmung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Man faßte mancherlei -Beschlüsse wegen der Bestattung und verschiedene Komitees wurden -eingesetzt, unter anderem auch eines, das den Auftrag erhielt, die -Leichenpredigt zu bestellen. - -[Illustration] - -Dies zu besorgen hatte Scotty Briggs übernommen, welcher denn auch -rechtzeitig dem Geistlichen seinen Besuch machte. Letzterer, ein -zarter, friedliebender junger Mann aus dem Osten, war eben erst auf -einem theologischen Seminar flügge geworden und mit den Sitten und -Gebräuchen der Bergwerksbevölkerung völlig unbekannt. Wenn er in -spätern Jahren seine Unterredung mit Scotty, dem Komiteemitglied, -schilderte, verlohnte es sich wohl der Mühe, zuzuhören. - -Scotty Briggs war ein kühner Raufbold, dessen Amtstracht bei -feierlicher Gelegenheit -- wenn er z. B. wie jetzt im Namen des -Komitees auftrat -- aus einem Feuerwehrhelm und einem scharlachroten -Flanellhemde bestand; der Revolver hing ihm vom breiten Ledergürtel -herab, den Rock trug er über dem Arm und seine Beinkleider steckten -in hohen Stulpenstiefeln. Kein Wunder, daß er von dem blassen jungen -Theologen gewaltig abstach. Scotty besaß übrigens, nebenbei gesagt, ein -warmes Herz und große Anhänglichkeit an seine Freunde; auch fing er -keine Händel an, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Meist stellte -es sich bei Scottys Raufereien heraus, daß er ursprünglich gar nichts -mit der Angelegenheit zu thun gehabt und sich nur aus angeborener -Gutmütigkeit hineingemischt hatte, um dem Schwächeren beizustehen. -Schon seit Jahren waren Buck Fanshaw und Scotty Busenfreunde und -hatten einander getreulich geholfen in manchem Kampf und Abenteuer. -Man erzählt zum Beispiel, daß sie eines Tages mehrere fremde Burschen -im Handgemenge sahen, rasch die Röcke abwarfen und für den gerade -unterliegenden Teil eintraten. Als sie sich nach schwer errungenem -Sieg umsahen, was aus ihren Schützlingen geworden sei, waren diese -längst über alle Berge und hatten die Röcke ihrer Beschützer zu eigenem -Gebrauch mitgenommen. - -[Illustration] - -Doch kehren wir zu Scottys Besuch bei dem Prediger zurück. Er hatte -eine Trauerbotschaft auszurichten und tiefer Gram sprach aus seinen -Zügen. Ohne weiteres nahm er dem Geistlichen gegenüber Platz, stellte -seinen Feuerwehrhelm dem Pfarrer dicht vor die Nase, gerade auf eine -halbfertig geschriebene Predigt, wischte sich mit einem rotseidenen -Sacktuch die Stirn ab und stieß einen schweren Seufzer aus, als -passendste Einleitung für sein trübseliges Geschäft. Vor Rührung war -ihm zuerst die Kehle wie zugeschnürt und seine Augen wurden feucht; -doch bezwang er sich mannhaft und sagte mit wahrer Grabesstimme: - -»Sind Sie der Herr, der bei dem frommen Grubenbau hier nebenan zum -Schichtmeister bestellt ist?« - -»Ob ich der -- entschuldigen Sie -- ich habe nicht recht verstanden -- -wie meinen Sie?« - -Scotty ließ ein schmerzliches Schluchzen vernehmen und einen noch -tieferen Seufzer. - -»Sehen Sie,« sagte er, »wir sitzen in der Klemme und die Jungens -glaubten, Sie könnten uns vielleicht heraushelfen, wenn wir Sie ins -Schlepptau nehmen. Das heißt, im Fall ich hier an der rechten Schmiede -bin und den Obermeister des Hallelujah-Fahrschachts hier nebenan vor -mir habe.« - -»Ich bin der Hirte, dem die Sorge für die Schafe obliegt, deren Hürde -hier in der Nachbarschaft steht.« - -»Wer, sagen Sie?« - -»Der geistliche Berater einer kleinen Schar von Gläubigen, deren -Heiligtum dicht an mein Wohnhaus stößt.« - -Scotty kratzte sich hinter den Ohren, überlegte einen Augenblick und -sagte dann: - -»Da sind Sie mir über. Die Karte kann ich nicht bekennen, Meister. Man -muß den Eimer weitergeben.« - -»Wie meinen Sie? -- Verzeihung, aber ich weiß nicht recht --« - -»Mir scheint, wir sind beide noch nicht im richtigen Fahrwasser. Sie -haben keine Witterung mit mir und ich habe keine Witterung mit Ihnen. --- Die Sache ist nämlich so: Einer von uns Jungens kann nicht mehr -im Geschirr gehen und wir möchten für ihn einen ordentlichen Kehraus -haben; daher bin ich hier, um jemand aufzutreiben, der uns ein wenig -Klingklang dazu macht, damit der Tag noch ein gutes Ende nimmt.« - -»Bester Freund, mir wird bei Ihren Worten immer verwirrter zu Sinn. -Was Sie sagen, ist mir völlig unklar. Könnten Sie sich nicht etwas -einfacher ausdrücken? Anfänglich glaubte ich schon zu verstehen, -was Sie wünschen, aber jetzt tappe ich wieder im Dunkeln. Würde es -nicht die Angelegenheit wesentlich beschleunigen, wenn Sie sich auf -kategorische Angaben der Thatsachen beschränkten, ohne das Verständnis -durch Anhäufung von Bildern und Allegorien zu erschweren?« - -Eine abermalige Pause und Ueberlegung. Dann bemerkte Scotty: - -»Ich kann wieder nicht bekennen -- ich passe.« - -»Wie?« - -»Sie haben mich übertrumpft, Meister.« - -»Ich weiß nicht, was Sie meinen.« - -»Was Sie zuletzt ausgespielt haben, kann ich nicht stechen, kann auch -nicht mit der Farbe bedienen.« - -Der Pfarrer lehnte sich verblüfft in seinen Stuhl zurück. Scotty -stützte den Kopf auf und versank in tiefes Nachdenken. Bald blickte er -jedoch wieder in die Höhe und sagte mit trübseliger Miene, aber doch -voll Zuversicht: - -»Jetzt hab’ ich’s, so daß Sie’s schlucken können. Wir brauchen einen -Predigtmacher -- einen Pfarrer.« - -»Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Ich bin der Geistliche --- der Pfarrer.« - -»Bravo, das ist einmal ein Wort! Sie sehen, ich war zuerst gegen die -Mauer gerannt und bin nun mit einem Satz hinüber. Schlagen Sie ein!« - -Er streckte seine nervige Faust aus, umschloß des Predigers kleine Hand -und schüttelte sie in brüderlichem Mitgefühl und herzlichem Vertrauen. -»Jetzt ist die Sache in Ordnung, Meister,« fuhr er fort; »fangen wir -nun von Frischem an, und wenn ich dabei etwas greine, so achten Sie -nicht weiter darauf, denn, wir sind eben in einer argen Klemme, weil -einer von den Jungens plötzlich Schicht gemacht hat.« - -»Schicht gemacht?« - -»Ja, er hat den Eimer umgeworfen, wissen Sie.« - -»Ach, Sie meinen, er ist in jenes geheimnisvolle Land gefahren, von -dessen Gestaden kein Wanderer jemals wiederkehrt?« - -»Nein, er kehrt nicht wieder. Die Rechnung stimmt. Er ist ja tot, -Meister.« - -»Ja, ja, ich verstehe schon.« - -»Wirklich? Na, ich dachte doch, daß ich Sie irgendwie anhaken könnte. -Es ist ganz richtig, er ist wieder tot --« - -»Wieder? Ist er denn schon früher einmal gestorben?« - -»Früher einmal? Bewahre! Glauben Sie denn, ein Mensch hat neun Leben -wie eine Katze? Aber, was gilt die Wette -- jetzt ist er ganz und gar -tot, der arme Junge; hätte ich nur den Tag nie erlebt. Einen bessern -Freund wie Buck Fanshaw giebt es nicht auf der Welt. Ich kannte ihn -durch und durch -- und wenn ich einen kenne und liebe, mit dem bin ich -wie zusammengewachsen, das können Sie mir glauben. Solche Kernmenschen -findet man nicht wieder, da kann man lange suchen. Keinen Freund hat -Buck Fanshaw je im Stich gelassen. Aber nun ist das alles aus -- und -vorbei. Er hat ihn doch untergekriegt.« - -»Wer denn?« - -»Nun, der Tod. -- Ja, ja, es hilft nichts, wir müssen ihn aufgeben. -Eine arge Welt ist’s doch, in der wir leben, nicht wahr? Aber, Meister, -das sag’ ich Ihnen, so einen Ringkämpfer wie den giebt’s nicht zum -zweitenmal. Es war eine Lust ihm zuzusehen -- bloß seine Fäuste -brauchte er und freien Spielraum, dann ging’s drauf und dran. Es war -ein ganzer Teufelskerl. Ich sage Ihnen, er hielt sich dran, er blieb -nichts schuldig.« - -»Wie meinen Sie?« - -»Nun, er zahlte heim beim Faustkampf, verstehen Sie -- wo’s gerade -hinging: auf Schädel, Schultern, Brust! Heiliges Donnerwetter! -- -entschuldigen Sie dieses Wort, aber ich kann nicht alles so sanft und -mild herausbringen. Und nun müssen wir ihn aufgeben, es hilft nichts, -die Rechnung stimmt. Wenn Sie uns nun beistehen möchten bei der -Verpflanzung --« - -»Ich soll die Leichenpredigt halten und der Begräbnisfeier beiwohnen?« - -»Begräbnisfeier -- ja, ja. Das ist’s, wo wir hinauswollen. Er war sein -Lebtag nicht knickerig und bei seiner Bestattung soll nichts abgeknapst -werden. Echt silberne Beschläge am Sarg und sechs Trauerfahnen über -der Bahre; auf dem Bock ein Neger in feiner Wäsche und den Seidenhut -auf dem Kopf -- es mag so hoch kommen wie es will. Für Sie, Meister, -werden wir auch Sorge tragen, seien Sie nur ganz ruhig. Sie bekommen -einen Wagen, und wenn Sie sonst noch was brauchen, nur heraus damit, -es soll schon angeschafft werden. Im Trauerhause wird so ein Dingrich -aufgerichtet, dahinter können Sie sich stellen. Seien Sie nur nicht -bange, sondern blasen Sie in Ihr Horn und bringen Sie unsern Kameraden -so glatt durch wie nur möglich. Wer ihn gekannt hat, wird Ihnen sagen, -daß er der bravste Kerl in der ganzen Gegend war. Sie können das gar -nicht stark genug betonen. Wenn Unrecht geschah, war er außer stande -es mit anzusehen. Daß es hier in der Stadt so ruhig und friedlich -zugeht, ist hauptsächlich sein Verdienst. Ich war selbst einmal dabei, -wie er in einer einzigen Viertelstunde vier Schwindler durchgebläut -hat. Wenn es galt, Ordnung zu stiften, sah er sich nicht lange um, wer -wohl Hand anlegen könnte, sondern griff selbst zu. Mit den Katholiken -wollte er nichts zu thun haben; sein Wahlspruch war: ›Irländer sind -ausgeschlossen,‹ aber doch stand er für ihre Rechte ein, als einmal -ein paar wüste Kerle sich Bauplätze auf dem katholischen Begräbnisort -abstecken wollten. Die mußten gut Reißaus nehmen -- ich hab’s mit -angesehen.« - -»Die Gesinnung war jedenfalls lobenswert, ob die That selbst, lasse ich -dahingestellt. Hatte denn der Verstorbene religiöse Ueberzeugungen? -Das heißt -- fühlte er seine Abhängigkeit von einer höheren Macht und -unterwarf er sich ihren Fügungen?« - -Abermaliges Nachdenken. - -»Jetzt bin ich wieder wie vor den Kopf geschlagen, Meister. Könnten Sie -das nicht noch einmal sagen -- so recht langsam?« - -»Ich meine nur -- um mich ganz klar auszudrücken -- hat er je in -Verbindung mit irgend einer Gemeinschaft gestanden, die sich dem -weltlichen Getriebe fernhielt, sich in Selbstverleugnung übte und im -Gehorsam gegen das Sittengesetz?« - -»Das war ein Fehlschuß; thun Sie noch einmal Pulver auf die Pfanne.« - -»Was sagen Sie?« - -»Jedesmal, wenn Sie so loslegen, bleibe ich im Hintertreffen. Sie -bekommen die beste Hand und ich habe kein Glück. Mischen wir lieber -noch einmal von neuem.« - -»Was? Soll ich von vorn anfangen?« - -»Ja, das wäre mir gerade recht.« - -»Nun denn -- war er ein guter Mann und --« - -»Halt -- das leuchtet mir ein. Warten Sie erst einmal, ehe wir weiter -gehen. Ein guter Mann -- das will ich meinen; der beste Mann von der -Welt, Sie hätten ihn auch lieb haben müssen. Noch beim letzten Wahlgang -hat er die Unruhen beschwichtigt, bevor sie recht zum Ausbruch kamen; -außer ihm hätte das keiner gekonnt. Vierzehn Männer mußte man in den -ersten fünf Minuten vom Platze tragen, so hat er’s ihnen eingetränkt. -Er stimmte immer für den Frieden, jeder Aufruhr war ihm ein Greuel und -sein Tod ist ein großer Verlust für die Stadt. Es würde die Jungens -freuen, wenn Sie ihm die Gerechtigkeit erwiesen, das anzubringen. -Schneller laufen konnte er, höher springen, derber treffen und -flotter trinken, als irgend jemand auf hundert Meilen in der Runde. -Das vergessen Sie nicht, Meister, die Jungens werden es Ihnen hoch -anschlagen. Dann können Sie auch noch sagen, daß er seine Mutter nie -geschüttelt hat.« - -»Warum sollte er denn das thun? das wäre ja entsetzlich.« - -»Das meine ich auch, aber es giebt doch Leute, die es thun.« - -»Aber doch niemand, der Ehre im Leibe hat!« - -»Doch -- welche, die sonst gar nicht so übel sind.« - -»Nach meiner Meinung sollte ein Mann, der die Hand gegen seine Mutter -zu erheben wagt --« - -»Wo denken Sie hin, Meister -- da haben Sie ’mal gründlich -fehlgeschossen. Was ich sagen will ist, daß er seine Mutter nicht -abgeschüttelt hat, sie verstoßen, wissen Sie. Er hat ihr ein Haus zum -wohnen gegeben und Ackerland und Geld die Fülle, hat für sie gesorgt -und immer nach ihr gesehen. Und als sie die Blattern kriegte, hat er -nachts bei ihr gesessen und sie gepflegt -- ich will verdammt sein, -wenn’s nicht wahr ist. Bitte um Verzeihung -- das fuhr mir nur so -heraus. Ich wollte Sie nicht kränken, Meister. Sie haben mich anständig -behandelt; ich glaube, Sie sind weiß und rein und meinen es ehrlich. -Ich habe Gefallen an Ihnen gefunden und jeden, der Sie nicht liebt, -will ich durchbläuen, daß er das Aufstehen vergißt. Da, schlagen Sie -ein!« - -Er schüttelte dem Pfarrer abermals herzlich die Hand und fort war er. - - * * * * * - -Das Leichenbegängnis fiel ganz so aus, wie die Jungens es sich -wünschten. Eine solche Trauerfeier hatte Virginia noch nie erlebt. Alle -Geschäfte waren geschlossen, die Blasinstrumente ließen Totenlieder -erklingen, die Bahre war schwarz verhängt, die Fahnen auf Halbmast. -Bei dem Trauergefolge sah man lange Züge von Militärpersonen, -Feuerwehrleuten, Mitglieder geheimer Gesellschaften in Uniform, -umflorte Feuerspritzen, Wagen mit Vertretern von Behörden, Bürger in -allerlei Fuhrwerken und zu Fuß. Das großartige Gepränge zog Scharen von -Zuschauern herbei, von denen die Straßen, Fenster und Dächer wimmelten. -Noch lange Jahre nachher kannte man keinen andern Maßstab für die -Pracht und Größe einer öffentlichen Schaustellung in Virginia, als den -Vergleich mit Buck Fanshaws Begräbnis. - -Scotty Briggs ging als einer der Hauptleidtragenden hinter dem Sarge. -Als die Leichenrede zu Ende war und das letzte Gebet für die Seele -des Toten verhallt, sagte er mit leiser Stimme und tiefem Gefühl: -»Amen. Irländer sind ausgeschlossen.« Dies war des Verstorbenen -Lieblingsredensart gewesen und wahrscheinlich wiederholte sie Scotty in -diesem Augenblick nur zum ehrenden Gedächtnis für seinen abgeschiedenen -Freund. - -In späteren Jahren zeichnete sich Scotty Briggs dadurch aus, daß er -der einzige unter den Raufbolden Virginias war, der sich für religiöse -Belehrung zugänglich erwies. Der Mann, welcher sich aus eigenem -Antrieb und angeborenem Edelmut stets der Sache der Schwächeren -gegen ihre Feinde angenommen hatte, war gar kein ungeeignetes Glied -für die Christengemeinde. Er fand als solches Gelegenheit, die -Großmut und Unerschrockenheit seines Charakters auf einem weiteren, -fruchtbringenden Felde zu bethätigen. Die Kinder, welche er in der -Sonntagsschule unterrichtete, machten raschere Fortschritte als alle -übrigen, was gar nicht zu verwundern war, denn er redete mit den -kleinen Sprößlingen der Bergleute in einer Sprache, die sie verstanden. - -Noch einen Monat vor seinem Tode hatte ich das Glück, zu hören, wie er -seiner Klasse die schöne Geschichte von Joseph und seinen Brüdern aus -dem Kopf erzählte, ohne dabei ins Buch zu sehen. Ich überlasse es dem -Leser, sich einen Begriff von dem Eindruck zu machen, den sie aus dem -Munde des eifrigen Lehrers auf die kleinen Schüler hervorbrachte. Sie -lauschten seinen Worten in atemloser Spannung und weder er noch sie -schienen sich im geringsten bewußt, daß der biblischen Erzählung Gewalt -angethan, ihre Heiligkeit entweiht, oder überhaupt ein Verstoß gegen -die althergebrachte Sitte begangen werde. - - - - -Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte. - - -In den ersten sechsundzwanzig Gräbern des Kirchhofs von Virginia -sind die Leichen von Ermordeten bestattet. Das sagte und glaubte man -wenigstens allgemein. Das gewaltthätige Element herrscht in jedem neuen -Bergwerksdistrikt vor; erst wenn einer ›seinen Mann getötet‹ hatte, -wie die Redensart lautet, konnte er sich Achtung verschaffen. Mord und -Totschlag waren daher an der Tagesordnung. Bei einem fremden Ankömmling -fragte man nicht danach, ob er geschickt, ehrlich und arbeitsam sei, -sondern, ob er schon ›seinen Mann getötet‹ habe. War dies nicht der -Fall, so sank er zu der ihm gebührenden niedrigen Stellung herab, aus -der er sich mit unbefleckten Händen nur mühsam emporarbeiten konnte. -Ein Totschläger dagegen wurde, je nach der Zahl seiner Opfer, mit mehr -oder weniger Herzlichkeit bewillkommnet und jeder beeilte sich, seine -Bekanntschaft zu machen. Kein Wunder daher, daß so viele strebten, -diesen Ruhm zu erwerben. Ich habe selbst zwei junge Leute gekannt, die -nur zu diesem Zweck, ohne irgend welche Herausforderung, den Versuch -machten, ›ihren Mann zu töten‹ und selbst dabei ums Leben kamen. - -Eine Zeitlang standen in Nevada der Anwalt, der Bankier, der -Herausgeber der Zeitung, der stärkste Raufbold, der glücklichste -Spieler und der Schenkwirt in gleichem Ansehen und nahmen die höchste -gesellschaftliche Stellung ein. Wer ein einflußreiches Glied der -Gemeinde werden wollte, für den gab es kein wohlfeileres und sichereres -Mittel, als mit einer diamantenen Busennadel im Vorhemd hinter dem -Schenktisch zu stehen und Whisky zu verkaufen. Der Schenkwirt besaß -eine große Macht über die Gemüter; von ihm hing zumeist der Ausfall der -Wahlen ab, und ohne seine Unterstützung und Leitung kam kein wichtiges -Unternehmen zustande. Wenn der vornehmste Schenkwirt sich herabließ, -ein obrigkeitliches Amt anzunehmen oder in den Gemeinderat zu treten, -so galt das als eine große Gunst. Daher war denn auch meist der -Ehrgeiz der Jugend nicht darauf gerichtet, einen hohen Posten bei der -Verwaltung, in der Flotte oder im Heer zu bekleiden, sondern Besitzer -einer Schenkwirtschaft zu werden. - -Zur höchsten Berühmtheit gelangte also, wer Schenkwirt war und ›seinen -Mann getötet‹ hatte. Der Mörder entging meist der ihm gebührenden -Strafe, wozu hauptsächlich die Bestimmung beitrug, daß ein Geschworener -über den zu verhandelnden Fall in gänzlicher Unwissenheit sein muß, -zuvor weder etwas davon gehört, noch gelesen, auch nicht öffentlich -seine Meinung geäußert haben darf. In unserm Jahrhundert der Zeitungen -und Telegraphen schloß man hierdurch von vornherein jeden gebildeten, -rechtschaffenen und verständigen Mann von der Geschworenenbank aus und -machte die Schwurgerichte oft zu einem traurigen Possenspiel. - -Mir ist ein derartiges Beispiel erinnerlich: Herr B., ein wackerer -Bürger, war von einem bekannten Raufbold in übermütiger Laune kalten -Blutes umgebracht worden. Natürlich waren alle Tagesblätter voll -davon, wer lesen konnte, las die Berichte, wer nicht taub, stumm oder -blödsinnig war, sprach darüber. Als es zur Wahl der Geschworenen kam, -verwarf man alle tüchtigen, klugen und redlichen Männer; ein sehr -angesehener Bankier, ein allgemein beliebter Prediger, ein Kaufmann -von anerkannt rechtschaffenem Charakter, der hochachtbare Besitzer -einer Quarzgrube, ein Bergwerksdirektor, der den besten Ruf genoß -- -sie alle wurden von der Liste gestrichen. Jeder einzelne von ihnen -versicherte zwar, daß die umlaufenden Gerüchte und Zeitungsartikel -sein Urteil nicht dergestalt beeinflußt hätten, daß er außer stande -sei, sich auf Grund der Thatsachen und beschworenen Zeugenaussagen -eine eigene Ueberzeugung zu bilden, aber das blieb unberücksichtigt. -Die Männer waren sämtlich untauglich, da nur völlige Unwissenheit den -Geschworenen befähigte, einen gerechten Wahrspruch zu fällen. - -[Illustration] - -Nachdem alle zuerst einberufenen verworfen waren, wählte man zwölf -Ersatzmänner, welche beschworen, daß sie von dem Mord, den sich die -Indianer der Steppe erzählten und die Steine auf der Gasse zuraunten, -weder etwas gehört, noch gelesen, auch nicht darüber gesprochen und -ihre Ansicht geäußert hätten. Diese Jury bestand aus zwei Raufbolden, -zwei gemeinen Bierbrüdern, drei Schenkwirten, zwei Rancheros, die nicht -lesen konnten, und drei Eseln in Menschengestalt, denen die einfachsten -Begriffe abgingen. Natürlich verneinten sie die Schuldfrage, das ließ -sich nicht anders erwarten. - -[Illustration] - -Wenn man Nevada in seiner ›flotten Zeit‹ schildern und dabei Mord -und Totschlag unerwähnt lassen wollte, so könnte man ebenso gut bei -einem Bericht über das Mormonentum die Vielweiberei mit Stillschweigen -übergehen. Gewaltthätigkeiten waren etwas Alltägliches; der Raufbold -stolzierte mit prahlerischer Großthuerei durch die Straßen und wenn er -einem seiner bescheidenen Bewunderer vertraulich zunickte, so beglückte -diesen der Gruß des berühmten Mannes für den Rest des Tages. In seinem -langschößigen Ueberrock, der bis auf die glänzenden Stulpenstiefel -herabhing, den Schlapphut auf dem linken Ohr, kam er den Bürgersteig -dahergegangen und die kleinen Straßenlümmel machten Seiner Majestät -ehrerbietigst Platz. Trat er in eine Trinkstube, so ließ der Kellner -die Beamten und Kaufleute warten, um sich ihm dienstfertig zu erweisen. -Wer bei dem Gedränge am Schenktisch Ellenbogenstöße von ihm erhielt, -sah sich wohl zornig um, bat aber um Entschuldigung, sobald er ihn -erkannt hatte. Zum Dank dafür ward ihm dann ein Blick zu teil, bei -dem ihm das Blut in den Adern erstarrte. Der Schenkwirt aber eilte -strahlenden Angesichts herbei, um den hohen Gast zu befriedigen, auf -dessen Kundschaft er stolz war. - -Die Namen dieser langschößigen Revolverhelden waren die berühmtesten im -ganzen Territorium; Redner, Präsidenten, Kapitalisten und Gesetzgeber -genossen, im Vergleich mit ihnen, nur ein mäßiges Ansehen. Leute, -wie Sam Brown, Jack Williams, Billy Mulligan, Pächter Bease, den -pockennarbigen Jack, den sechsfingerigen Peter u. a. m., kannte man -weit und breit; ich könnte eine lange Liste aufzählen. Es waren -furchtbare, übermütige Gesellen, die tollkühn jeder Gefahr trotzten. - -Um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich noch erwähnen, -daß sie sich meist unter einander rauften und totschlugen, die -friedlichen Bürger aber nur selten belästigten. Einem Menschen das -Leben zu nehmen, der nicht zum ›Schützenwild‹ gehörte, wie sie es -nannten, und dessen Tod keine neue Perle in ihrem Ruhmeskranz bedeutet -hätte, galt für unter ihrer Würde. Sie brachten sich gegenseitig bei -dem geringfügigsten Anlaß um und jeder von ihnen hoffte und wartete -auch seinerseits auf ein gewaltsames Ende, da es fast für eine Schande -galt, anders als ›in den Stiefeln‹ zu sterben. - -Daß ein Raufbold es als zu leichte Beute verschmähte, einer -Privatperson den Garaus zu machen, davon habe ich selbst ein Beispiel -erlebt. Ich saß einmal spät beim Abendessen in einem Speisehaus mit -zwei Berichterstattern und einem kleinen Buchdrucker, den ich Brown -nennen will -- der Name thut nichts zur Sache. Bald darauf trat ein -langschößiger Fremder ein und nahm Platz, ohne Browns Hut zu bemerken, -der auf dem Stuhle lag. Als der Kleine sofort aufsprang und zu -schimpfen begann, lächelte der Fremde nur spöttisch, glättete den Hut -wieder und erging sich in wortreichen Entschuldigungen, indem er Brown -mit beißendem Hohn beschwor, ihm nicht das Lebenslicht auszublasen. -Dieser entledigte sich auf der Stelle seines Rockes und forderte den -Gegner zum Kampf heraus, er drohte ihm, überhäufte ihn mit Schmähungen, -äußerte Zweifel an seinem Mut, ja, endlich flehte er ihn sogar an, -sich mit ihm zu schlagen. Noch immer spöttisch lächelnd, bat uns der -Fremde zuerst, in scheinbarer Angst, um unsern Schutz; dann sagte er, -plötzlich ernst werdend: - -»Nun, wenn Sie denn durchaus darauf bestehen, so wollen wir meinetwegen -kämpfen. Aber, ich bitte Sie, meine Herren, stürzen Sie sich nicht -blindlings in die Gefahr, um hernach zu klagen, daß ich Sie nicht -gewarnt hätte. Ich kann es mit Ihnen allen zusammen aufnehmen, wenn -ich erst einmal loslege. Das will ich Ihnen beweisen, und beharrt mein -Freund hier dann noch auf seinem Willen, so soll er ihn haben.« - -Der Tisch, an welchem wir saßen, war fünf Fuß lang und ungewöhnlich -plump und schwer. Der Fremde sagte, wir möchten das Geschirr einen -Augenblick festhalten -- in einer der Schüsseln lag ein großer Braten. -Dann setzte er sich an ein Ende des Tisches, hob es in die Höhe, -stellte zwei von den Beinen auf seine Knie, nahm die Tischplatte -zwischen die Zähne, und brachte so, ohne die Hände zu gebrauchen, den -Tisch mit sämtlichem Gerät darauf in eine wagerechte Linie. Nach dieser -Kraftprobe teilte er uns ferner mit, er könne ein Faß voll Nägel mit -den Zähnen aufheben, auch biß er aus einem gewöhnlichen Trinkglas ein -halbkreisförmiges Stück heraus. Dann zeigte er uns noch auf seiner -nackten Brust ein ganzes Netzwerk vernarbter Stich- und Schußwunden -und eine gleiche Menge auf seinen Armen und im Gesicht, wobei er uns -versicherte, er habe so viele Kugeln im Leibe, daß man eine ganze -Kanone daraus gießen könne. Schließlich nannte er uns seinen Namen, -bei dessen gefürchtetem Klang uns angst und bange wurde; ich getraue -mich nicht, ihn zu veröffentlichen, denn der Mann könnte kommen und -mich in Stücke hauen. Als er zuletzt Brown fragte, ob ihn noch immer -nach seinem Blute gelüste, überlegte dieser sich die Sache einen -Augenblick und dann bat er ihn -- mit uns zu Nacht zu speisen. - - - - -Der große Zeitungsroman. - - -Als es in unserer ›flotten Zeit‹ am herrlichsten zuging, stand auch -das Laster im vollsten Flor. Die Branntweinschenken waren überfüllt, -desgleichen die Polizeiämter, die Spielhöllen, die Freudenhäuser und -die Gefängnisse -- ein sicheres Zeichen höchsten Gedeihens in einer -Bergwerksgegend -- vielleicht auch an andern Orten -- denn es beweist, -daß der Handel nicht stockt und nirgends Mangel an Geld ist. Nun fehlte -zum Höhepunkt unseres Glanzes nur noch _ein_ Ereignis, das gewöhnlich -zuletzt kommt, dann aber auch die Herrschaft der flotten Zeit außer -aller Frage stellt, nämlich das Erscheinen eines Unterhaltungsblattes. -Die neu gegründete ›Wochenschrift des Westens‹ beschäftigte sämtliche -litterarisch begabte Persönlichkeiten Virginias als Mitarbeiter und -Herr F., ein echter Held der Feder, war der Herausgeber. - -Wir erwarteten große Dinge von unserer Wochenschrift, aber natürlich -mußten wir, um sie in Fluß zu bringen, vor allem einen Originalroman -haben, zu dessen Abfassung denn auch sofort die besten Kräfte der -Gesellschaft aufgeboten wurden. Frau F., eine begabte Schriftstellerin -aus der ›Schule der Ueberschwenglichen‹, die sich für Tugend und -erhabene Gefühle begeistern, schrieb das erste Kapitel. Sie ließ darin -eine reizende blonde Unschuld auftreten, die das Menschenmögliche -an Vollkommenheit leistete und nur für Blumen und Verse schwärmte. -Auch ein junger, französischer Herzog ward den Lesern vorgestellt, -ein Muster der feinsten Bildung, der dem blonden Fräulein sein -Herz geschenkt hatte. In der folgenden Woche führte Herr F. einen -redegewandten Rechtsgelehrten ein, welcher trachtete, des Herzogs Güter -und Geschäfte in Verwirrung zu bringen, ferner eine geistvolle junge -Dame aus der höchsten Gesellschaft, die den Herzog zu fesseln suchte -und der blonden Unschuld die Eßlust benahm. - -Der Verfasser des dritten Kapitels war Herr D., der düsterblickende, -blutdürstige Redakteur für Tagesneuigkeiten; er brachte einen -geheimnisvollen Rosenkreuzer zum Vorschein, der die Geldmacherei -betrieb, um Mitternacht in einer Höhle Beratungen mit dem Teufel -pflog und den Helden und Heldinnen das Horoskop stellte. Dabei sagte -er Verwickelungen und Unglücksfälle in Menge für die Zukunft voraus, -was die Gemüter in eine schauerliche Spannung versetzte. Auch einen -maskierten, melodramatischen Bösewicht ließ er auftreten, der um -blutigen Sold, in seinen Mantel gehüllt, dem Herzog bei nächtlichem -Dunkel mit einem vergifteten Dolch auflauern sollte; ferner einen -Irländer, der als Kutscher im Dienst bei der vornehmen Dame stand, -nur im Dialekt sprach und als Ueberbringer von Liebesbriefchen an den -Herzog verwendet wurde. - -Nun traf um diese Zeit ein Fremder in Virginia ein, welcher -litterarische Neigungen und ausschweifende Sitten hatte; er sah etwas -schäbig aus, schien aber sehr still und anspruchslos. Sein Wesen war -so sanft und freundlich und sein Benehmen -- mochte er betrunken sein -oder nüchtern -- so angenehm und rücksichtsvoll, daß, wer mit ihm in -Berührung kam, ihm wohlgesinnt sein mußte. Da er um litterarische -Arbeit bat und hinlängliche Beweise beibrachte, daß er eine leichte -und wohlgeübte Feder führte, beauftragte ihn Herr F., uns bei der -Abfassung des Romans zu helfen. Er sollte das nächste Kapitel -schreiben und dann kam meines an die Reihe. - -Kaum war dies beschlossen, so hatte der Unglücksmensch nichts -Eiligeres zu thun, als sich zu betrinken, in sein Quartier zu gehen -und sich an die Arbeit zu machen, während in seinem Hirn noch der -wüsteste Wirrwarr herrschte. Die Folgen kann man sich denken. Er -überflog die Kapitel seiner Vorgänger, fand genug handelnde Personen -darin, die ihm gefielen, und beschloß, keine neuen mehr auftreten -zu lassen. Mit der heitern Zuversicht, welche der Branntwein seinen -Jüngern verleiht, begann er dann in glücklichem Selbstvertrauen sein -Werk. Er verheiratete den Kutscher mit der Dame aus der höchsten -Gesellschaft, um Skandal zu erregen; dem Herzog gab er die Stiefmutter -der blonden Unschuld zur Gattin, das sollte Aufsehen machen; dem -Bösewicht verweigerte er den bedungenen Lohn; zwischen dem Teufel und -dem Rosenkreuzer schuf er ein Mißverständnis und spielte des Herzogs -Güter dem schlauen Advokaten in die Hände. Letzterer mußte sich dann -aus Gewissensbissen dem Trunke ergeben, in Delirium Tremens verfallen -und sich das Leben nehmen; hierauf brach der Kutscher den Hals, seine -Witwe versank in Armut, Kummer und Not und bekam die Schwindsucht; -die Blondine ertränkte sich und ließ mit ihren Kleidern am Ufer einen -Zettel zurück, worin sie dem Herzog verzieh und die Hoffnung aussprach, -er möchte glücklich sein. Der Herzog erkennt nun an dem herkömmlichen -Muttermal in Form einer Erdbeere, daß er seine tot geglaubte Mutter -geehelicht und seine längst verlorene Schwester in den Tod getrieben -hat. Herzog und Herzogin nehmen sich darauf selbst das Leben, um der -poetischen Gerechtigkeit Genüge zu thun; die Erde öffnet sich und -verschlingt den Rosenkreuzer unter Donner, Blitz und Schwefelgeruch. -Schließlich endigt der Verfasser mit dem Versprechen, daß er im -nächsten Kapitel eine allgemeine Leichenschau halten, die noch -überlebenden Charaktere einer Musterung unterziehen und dem geneigten -Leser mitteilen werde, was aus dem Teufel geworden sei. - -[Illustration] - -Das alles las sich merkwürdig glatt und war mit solcher Ernsthaftigkeit -geschrieben, daß es einem fast den Atem benahm. Die Mitarbeiter an -dem Roman gerieten jedoch darüber in die höchste Wut und es entstand -ein unbeschreiblicher Aufruhr. Als der Strom von Schmähungen über den -sanften Fremdling hereinbrach, welcher noch halb im Rausch war, blickte -er seine Widersacher der Reihe nach schüchtern und verwirrt an, ohne -begreifen zu können, was er eigentlich verbrochen habe. Endlich trat -nach dem Sturm eine Windstille ein und er konnte zu Worte kommen. In -leise flehendem Ton sagte er, was er geschrieben, sei ihm nicht mehr -recht erinnerlich, doch habe er sich gewiß alle Mühe gegeben, um den -Roman nicht nur spannend und unterhaltend, sondern auch glaubwürdig, -belehrend und -- man ließ ihn nicht ausreden; von allen Seiten ward -er belagert und angefallen, mit Vorwürfen überhäuft und wegen seiner -Behauptungen ins Lächerliche gezogen und zu nichte gemacht. Bei jedem -Versuch, seine Widersacher zu besänftigen, goß der Fremde nur Oel ins -Feuer; erst als er vorschlug, das Kapitel noch einmal zu schreiben, -stellte man die Feindseligkeiten ein, die Entrüstung legte sich, es -wurde Friede geschlossen und der Besiegte trat den Rückzug nach seiner -eigenen Festung an. - -Allein, ehe er dorthin gelangte, unterlag er der Versuchung aufs neue, -er betrank sich abermals und seine Phantasie verlor Zaum und Zügel. -Nun warf er seine Helden und Heldinnen noch wilder durcheinander als -das erstemal, aber auch dieses Machwerk trug wieder den Stempel der -ehrlichsten Gesinnung und größten Zuverlässigkeit. Alle handelnden -Personen gerieten in die ungewöhnlichste Lage und mußten ganz -erstaunliche Dinge sagen und thun. Was der Verfasser alles vorbrachte, -läßt sich nicht beschreiben, die Abgeschmacktheit war bis auf die -Spitze getrieben und der Blödsinn in ein System gebracht. Auch -erklärende Randbemerkungen waren beigefügt, die dem Text an Seltsamkeit -nichts nachgaben. - -Als Beispiel des Ganzen will ich nur eine Episode mitteilen, die mir -erinnerlich ist: Der Anwalt hatte seinen Charakter verändert, er war -ein hochherziger, prächtiger Mensch geworden, der Ruhm und Geld besaß -und dreiunddreißig Jahre zählte. Die blonde Unschuld entdeckte mit -Hilfe des Rosenkreuzers, daß der Herzog sie nur um ihres Reichtums -willen zu besitzen trachte, eigentlich aber der Dame aus der höchsten -Gesellschaft zugethan sei. Bis ins Innerste verwundet, riß sie die -Liebe zu ihm aus ihrem Herzen und goß die ganze Fülle derselben über -den Anwalt aus, bei welchem sie ebenso feurige Erwiderung fand. -Allein die Eltern erhoben Einspruch; sie wollten einen Herzog zum -Schwiegersohn und waren nicht davon abzubringen, wiewohl sie zugaben, -daß ihnen nächst dem Herzog der Anwalt am liebsten sei. Da nun aber die -Blondine zu kränkeln begann, erschraken die Eltern und beschworen sie, -doch den Herzog zu heiraten; alles Zureden war aber umsonst, sie fuhr -fort dahinzuwelken. Unter den Umständen hielten die Eltern es für das -beste ihr zu sagen, daß, wenn sie nach Jahresfrist noch dabei beharre, -den Herzog zu verschmähen, so solle sie mit ihrer Einwilligung des -Anwalts Gattin werden. Bei dieser Aussicht färbten sich des Mädchens -Wangen wieder und mit der Hoffnung kehrte auch die Gesundheit zurück. -Das hatte man erwartet und schritt nun rasch zur Ausführung eines -bereits gefaßten Planes. Der Hausarzt mußte der Blondine zur völligen -Wiedergenesung eine weite Reise zu Wasser und Land verschreiben, an -welcher der Herzog teilnehmen sollte. Die Eltern rechneten darauf, daß -des Herzogs stete Gegenwart und des Anwalts Abwesenheit alles zum guten -Ende führen werde; denn den Anwalt hatten sie nicht eingeladen. - -Sie schifften sich auf einem Dampfer nach Amerika ein; als aber am -dritten Tage die Seekrankheit nachließ und sie zum erstenmal bei der -Mittagstafel erschienen, da fanden sie zu ihrem Schrecken den Anwalt -gemütlich bei Tische sitzen. Das war eine große Verlegenheit, allein -der Herzog und seine Reisegesellschaft setzten sich darüber hinweg so -gut sie konnten und die Fahrt ging weiter. Etwa zweihundert Meilen von -der amerikanischen Küste geriet das Schiff jedoch in Brand; Takelwerk -und Masten wurden von den Flammen verzehrt und von der Mannschaft -und den Passagieren blieben nur dreißig am Leben, darunter unsere -Freunde. Sie trieben einen halben Tag und die ganze Nacht umher, bis -am Morgen zwei Walfischfahrer erschienen und Boote aussetzten. Das -Wetter war stürmisch und die Einschiffung verursachte große Verwirrung -und Aufregung. Der Anwalt that seine Pflicht mit Mannesmut, er half -der fast ohnmächtigen Blondine, ihren Eltern und andern seiner -Leidensgefährten in das Boot (der Herzog stieg allein hinunter). In -diesem Augenblick fiel am andern Ende des Wracks ein Kind ins Wasser, -der Anwalt vernahm das Wehgeschrei der Mutter, eilte zu Hilfe und zog -im Verein mit andern Rettern das Kind aus den Fluten. Dann lief er -zurück, aber es war zu spät -- das Boot mit der Blondine war schon -abgestoßen. Der Anwalt mußte das zweite Boot besteigen und wurde von -dem andern Schiff aufgenommen. Die Wut des Sturmes wuchs, er trieb die -Schiffe ins Weite und bald verloren sie einander aus dem Gesicht. Als -sich drei Tage später der Wind legte, befand sich das Schiff mit der -Blondine siebenhundert Meilen nördlich von Boston und das andere Schiff -etwa siebenhundert Meilen südlich von diesem Hafen. Der Kapitän der -Blondine ging im Norden des Atlantischen Ozeans auf den Walfischfang -und der Kapitän des Anwalts hatte Befehl, im Norden des Stillen Ozeans -zu kreuzen. - -Fast ein Jahr war vergangen; das eine Schiff befand sich an der -Grönländischen Küste, das andere in der Behringsstraße. Der Blondine -hatte man eingeredet, daß der Anwalt über Bord gespült worden sei, als -er gerade ins Boot steigen wollte. Allmählich begann sie den Bitten -des Herzogs und ihrer Eltern Gehör zu geben und sich mit dem Gedanken -an die verhaßte Heirat vertraut zu machen. Doch beharrte sie fest -darauf, daß die einmal bestimmte Frist eingehalten werde. Der Zeitpunkt -rückte immer näher und schon begann man an Bord Vorbereitungen zu der -Hochzeit zu treffen, die mitten unter Eisbergen und Walrossen gefeiert -werden sollte. Nur noch fünf Tage, dann war alles vorüber. Die Blondine -bedachte das mit Seufzen und Weinen. O, wenn der Geliebte ihres Herzens -noch lebte, warum eilte er nicht zu ihrer Rettung herbei? -- - -Ach, er vermochte es nicht, denn er war in diesem Augenblick in der -Behringsstraße. Fünftausend Meilen betrug ihre Entfernung von einander -quer durch das nördliche Eismeer gemessen und zwanzigtausend Meilen um -das Kap Horn herum. Da des Anwalts sämtliche Habe in dem andern Boot -geblieben war, hatte er Schiffsdienste thun müssen, um seinen Unterhalt -zu verdienen, und war gerade beschäftigt, einen Walfisch anzuspießen. -Er schleuderte die Harpune mit aller Kraft, verfehlte jedoch sein -Ziel, glitt aus und fiel dem Walfisch in den offenen Schlund. Fünf -Tage blieb er besinnungslos in des Walfischs Bauch; als er wieder zu -sich kam, sah er das Tageslicht durch ein Loch hereinströmen, welches -sich im Rücken des Fisches befand. Die Mannschaft vom Schiff der -Blondine hatte den Walfisch erlegt; der Anwalt kletterte heraus und -überraschte die Matrosen, als sie gerade den Speck des getöteten Tieres -am Schiffsrand hinaufwanden. Er fragte nach dem Namen des Schiffes, -eilte an Bord, traf die Hochzeitsgesellschaft am Traualtar und rief mit -Donnerstimme: »Halt, nicht weiter -- hier bin ich! Komm in meine Arme, -Geliebte!« -- - -In den Anmerkungen, welche dieser erstaunlichen litterarischen Leistung -beigefügt waren, suchte der Verfasser zu beweisen, daß der Vorgang -keineswegs außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liege. Zum Beweis, -daß ein Walfisch imstande sei, in fünf Tagen von der Behringsstraße -nach der Küste von Grönland zu schwimmen, führte er einen ähnlichen -Vorgang aus einem Buch von Charles Reade an, und dafür, daß ein Mensch -im Bauche eines Walfischs leben könne, lieferte ihm das Abenteuer des -Propheten Jonas ein allbekanntes Beispiel. Habe ein Prophet es drei -Tage darin ausgehalten, so würde ein Anwalt es sicherlich fünf Tage -ertragen, ohne Schaden zu nehmen. - -Der Sturm, der sich nun im Redaktionszimmer erhob, tobte wilder als -zuvor; man warf dem Fremden sein Manuskript an den Kopf und jagte ihn -mit Schimpf und Schande davon. Inzwischen waren die Angelegenheiten -durch seine Schuld so sehr verzögert worden, daß keine Zeit mehr blieb, -ein neues Kapitel zu schreiben und so kam das Blatt diese Woche ohne -Roman heraus. Der Umstand erschütterte das Vertrauen des Publikums -in die ›Wochenschrift des Westens‹ vermutlich so sehr, daß sie ihr -gequältes Dasein nur noch mühsam weiter fristete und bevor die nächste -Nummer die Presse verließ, eines stillen und friedlichen Todes starb. - -Mit Hilfe eines ansprechenden Titels hoffte man noch mit dem Blatt -einen Wiederbelebungsversuch anstellen zu können. Herr F. schlug vor, -es den ›Phönix‹ zu nennen, um anzudeuten, daß es aus der Asche in -ungeahntem Glanze erstehen werde; statt dessen wählte man jedoch auf -Anraten eines schlauen Kopfes den Namen ›Lazarus‹. Da nun aber die -Leser in der biblischen Geschichte wenig bewandert waren und den vom -Tode erweckten Lazarus mit dem elenden, kranken Bettler verwechselten, -der vor des Reichen Thüre lag, wurde der Name zum Gespött in der ganzen -Stadt und das brach dem Unternehmen vollends den Hals. - - - - -Belehrendes. - - -Ich erlaube mir, den geneigten Leser im voraus zu benachrichtigen, -daß ich in diesem Kapitel einige statistische Bemerkungen zu machen -gedenke, damit er es überschlagen kann, wenn er will. - -Im Jahre 1863, zur Zeit unseres höchsten Glanzes, glich Virginia einem -wahren Bienenstock, so schwärmte es darin von Menschen und Wagen, -doch ließ sich das von ferne schwer erkennen, da die Stadt im Sommer -meist in eine dichte Wolke Alkalistaub eingehüllt war. Fuhr man zehn -Meilen weit in diesem Staub dahin, so wurden Pferde und Menschen -mit einer eintönig blaßgelben Kruste überzogen und im Wagen lag der -Staub mindestens drei Zoll hoch, da ihn die Räder aufwühlten und -hineinwarfen. Dabei ist dieser Alkalistaub so fein, daß er sogar in das -luftdicht verschlossene Glasgehäuse eindringt, in welchem der Wardein -seine äußerst empfindlichen Probierwagen aufbewahrt, deren Genauigkeit -dadurch beeinträchtigt wird. - -Es war damals die Zeit der gewagtesten Spekulationen, doch wurden -auch solide Geschäfte in Menge abgeschlossen und es herrschte der -großartigste Handelsverkehr. Von Kalifornien aus schaffte man -alle Frachtgüter in ungeheuren Wagen über das Gebirge, denen oft -eine so lange Reihe von Maultieren zum Vorspann diente, daß es -ganz den Anschein hatte, als reiche der große Wagenzug, wie eine -endlose Prozession, von Virginia nach Kalifornien hinüber. An dem -aufgewirbelten Staub, der sich gleich einer ungeheuren Schlange durch -die Wüstengegend wälzte, ließ sich die Richtung der Handelsstraße in -dem Territorium leicht erkennen. - -Die Lasten wurden die ganze Strecke von hundertfünfzig Meilen auf -Transportwagen für den Preis von 100 bis 200 Dollars das Tonnengewicht -(2000 Pfd.) nach dem Ort ihrer Bestimmung befördert. Eine einzige Firma -in Virginia erhielt monatlich 100 Tonnen Fracht und bezahlte dafür -10,000 Dollars. Im Winter stiegen die Preise noch bedeutend. Alles -Edelmetall wurde in Barren mit der Post nach San Francisco geschafft. -Ein solcher Barren war meist doppelt so groß wie eine Mulde, wie sie -beim Bleiguß benützt wird, und zwischen 1500 und 3000 Dollars wert, -je nach der Menge Goldes, die sich im Silber vorfand. Bei größeren -Sendungen belief sich der Frachtsatz auf Fünfviertel Dollars für -hundert Dollars des wirklichen Metallwerts, bei kleineren auf zwei -Dollars. Die Fracht für einen Barren betrug daher im Durchschnitt etwas -über 25 Dollars. Es gingen täglich drei Posten hin und her und ich -habe oft gesehen, daß die nach Kalifornien bestimmten Postwagen eine -Drittel-Tonne in Silberbarren mitnahmen; manchmal teilten die drei -Wagen sogar eine Last von zwei Tonnen unter sich, doch waren das nur -Ausnahmefälle. Zwei Tonnen Rohsilber machten etwa 40 Barren aus, deren -Fracht über 1000 Dollars kostete. Außerdem wurde mit jeder Postkutsche -noch viel gewöhnliche Fracht befördert und zwischen fünfzehn bis -zwanzig Passagiere, welche ein Personengeld von 25 und 30 Dollars -bezahlten. - -Die Firma Wells, Fargo und Co., in deren Händen der Postverkehr -mit Virginia City lag, hatte demnach einen sehr bedeutenden und -einträglichen Geschäftsbetrieb. In anderthalb Jahren wurden, wie mir -der langjährige Agent der Firma, Valentin, mitteilte, Silberbarren im -Wert von 5,330,000 Dollars befördert. - -Von Virginia und Gold Hill aus erstreckt sich in einer Länge von -mehreren Meilen die große Combstock-Mine, eine Metallader von fünfzig -bis achtzig Fuß Dicke, welche in Felswände eingeschlossen ist. Die -Ader ist so breit wie manche Straße von New York. Will man sich einen -Begriff davon machen, was das heißt, so braucht man nur zu bedenken, -daß in Pennsylvanien ein acht Fuß breites Kohlenlager schon für -bedeutend gilt. - -Außer dem Virginia über der Erde, einer geschäftigen Stadt mit vielen -Straßen und Häusern, gab es demnach noch eine andere, unterirdische -Stadt, in der eine zahlreiche Bevölkerung aus und ein ging. Hunderte -von Menschen sah man sich dort durch die verworrenen Labyrinthe der -Tunnels und Stollen drängen und beim Schein der unruhig flackernden -Grubenlichter hierhin und dorthin huschen. Über ihren Häuptern -erhoben sich die ungeheuren Balkengerüste, welche die Mauern des -ausgehöhlten Combstocks auseinander hielten; die einzelnen Stützen -hatten Manneslänge und die Grubenzimmerung ging zu so beträchtlicher -Höhe hinauf, daß von unten kein menschliches Auge so weit zu dringen -vermochte und sich ihr Ende im Dunkel verlor; sie war zwei Meilen lang, -sechzig Fuß breit und höher als der höchste Kirchturm in Amerika. -Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, was es gekostet -haben muß, diesen Wald von Bauholz in den Tannenforsten jenseits des -Washoe-Sees zu fällen, um ihn für unsinnige Frachtsätze bis nach dem -Mount Davidson zu schaffen, auf dessen Höhe sich Virginia City erhebt, -das Holz dann zuzuhauen, in den Grubenschacht hinabzulassen und dort -zurecht zu zimmern. Wenn zwanzig reiche Kapitalisten ihr Gesamtvermögen -zusammenthäten, so würde das kaum ausreichen, um die Zimmerung zu -bezahlen, welche zu einer einzigen dieser großen Silberminen gehört. -Ein spanisches Sprichwort sagt, man brauche eine Goldgrube zum Betrieb -einer Silbergrube und das ist nur zu wahr. Wer nichts besitzt als ein -Silberbergwerk, weder Mittel hat es auszubeuten noch Gelegenheit zum -Verkauf, der ist der ärmste Bettler von der Welt. - -Ich habe von dem unterirdischen Virginia als von einer Stadt -gesprochen. Um eine Vorstellung davon zu geben, führe ich nur an, daß -die Gould- und Curry-Grube, welche nur _eine_ von vielen anderen ist, -Stollen und Tunnels in der Länge von fünf Meilen hatte und 500 Arbeiter -beschäftigte. Alles in allem aber betrug die Länge der Straßen jener -unterirdischen Stadt einige dreißig Meilen und ihre Bevölkerung 5--6000 -Arbeiter. Manche derselben sind in einer Tiefe von 12--1600 Fuß unter -den Häusern von Virginia und Gold Hill im Innern der Erde beschäftigt -und man bedient sich des elektrischen Stroms, um die Signalglocken -anzuschlagen, durch welche der Grubendirektor ihnen Anweisung bei der -Arbeit erteilt. Stürzt einmal ein Bergmann in einen 1000 Fuß tiefen -Schacht hinab, wie das dort zuweilen vorkommt, so begnügt man sich bei -solchem Fall gewöhnlich damit, die Leichenschau zu halten. - - - - -Von Virginia nach San Francisco. - - -Nun war ich lange genug Berichterstatter bei dem ›Enterprise‹ -gewesen und sehnte mich nach Abwechslung. Es befriedigte mich -nicht mehr, jährlich einmal nach Carson City zu gehen, um über die -Gerichtsverhandlungen zu schreiben und alle drei Monate einmal -wegen der Wettrennen und Kürbisausstellungen. Man hatte nämlich im -Washoe-County angefangen, Kartoffeln und Kürbisse zu bauen; natürlich -gehörte dazu vor allem eine landwirtschaftliche Ausstellung, deren -Kosten 10,000 Dollars betrugen, während für 40 Dollars Kürbisse zu -sehen waren. - -Ich wollte irgendwo anders hin, womöglich nach San Francisco. -Was ich eigentlich wollte, wußte ich selber nicht; ich hatte das -›Frühlingsfieber‹ und brauchte wahrscheinlich eine Luftveränderung. -Wenn die Bergwerksanteile, welche ich besaß, hunderttausend Dollars -wert waren, was nach meiner Ansicht bald der Fall sein mußte, gedachte -ich sie zu verkaufen und heimzukehren. Zwar war das eine weit geringere -Summe, als ich erwartet hatte, aber füglich konnte ich mich doch -anständigerweise damit begnügen, ohne zu fürchten, in Not zu geraten. - -Die erste Veränderung verschaffte mir mein Vorgesetzter, Herr Goodman, -welcher auf eine Woche verreiste und mich als Hauptredakteur -zurückließ. Das war mein Verderben. Den ersten Tag schrieb ich meinen -Leitartikel am Morgen. Am zweiten Tag fehlte mir ein Thema und ich -verschob die Arbeit bis zum Nachmittag, den dritten Tag nahm ich -sie erst am Abend vor und schrieb einen prächtigen Artikel aus der -›Amerikanischen Encyklopädie‹ ab, die eine getreue Freundin der -Redakteure im ganzen Lande ist. Am vierten Tage trödelte ich bis -Mitternacht und nahm wieder meine Zuflucht zur Encyklopädie. Am fünften -Tage zermarterte ich mir das Hirn und ließ die Presse warten, bis ich -einen erbitterten Ausfall gegen sechs verschiedene Privatpersonen zu -Papier gebracht hatte. Den sechsten Tag arbeitete ich im Schweiße -meines Angesichts bis tief in die Nacht hinein und doch kam nichts zu -stande; die Zeitung mußte ohne Leitartikel erscheinen. Am siebenten -Tage gab ich es von vornherein auf. Am achten kam Herr Goodman -wieder und fand sich in sechs Duelle verwickelt. Meine erbitterten -Anzüglichkeiten hatten Früchte getragen. - -Nur wer selbst einmal Redakteur gewesen ist, weiß, was das heißt. Es -ist leicht, aus andern Zeitungen Ausschnitte zu machen oder allerlei -Lokalzeug zusammenzuschreiben, wenn man die Thatsachen vor sich hat, -aber es ist unendlich schwer, Leitartikel zu verfassen. Die Themas -sind schuld daran -- das heißt, der häufige Mangel derselben. Tag -für Tag plagt und quält man sich, zerbricht sich den Kopf und leidet -namenlos -- die ganze Welt ist öde und leer und doch müssen die -Spalten des Blattes gefüllt werden. Weiß der Redakteur nur, worüber -er schreiben soll, so ist seine Arbeit gethan, den Artikel abzufassen -ist ein Kinderspiel; aber man stelle sich nur einmal vor, was es -heißt, zweiundfünfzig Wochen lang jeden Tag sein Gehirn auszupumpen --- der bloße Gedanke daran ist niederschmetternd. Was der Redakteur -eines Tageblatts in Amerika im Laufe eines Jahres zusammenschreibt, -würde sieben bis acht dicke Bände füllen, in zwanzig Jahren wäre -das eine ganze Bibliothek. Was will dagegen die Fruchtbarkeit von -Schriftstellern wie Scott, Dickens, Bulwer und Dumas sagen? Ja, wenn -sie so massenhaft produziert hätten wie ein Zeitungsredakteur, dann -könnte man sie wohl mit Recht anstaunen. - -Wie diese Menschen es aushalten, ihre entsetzliche Arbeit und den -ungeheuern Verbrauch von Gehirnsubstanz jahraus jahrein fortzusetzen, -ist unbegreiflich, denn ihre Beschäftigung besteht nicht etwa in einem -mechanischen Zusammentragen von Thatsachen, sie erfordert schöpferische -Kraft. Wenn ein Pfarrer allwöchentlich zwei Predigten zu schreiben -hat, findet er das auf die Dauer so angreifend, daß er im Sommer zwei -Monate Ferien haben muß. Das ist auch ganz in der Ordnung. Aber ein -Redakteur schreibt über zehn bis zwanzig Texte jede Woche, zehn bis -zwanzig ausführliche Artikel, und fährt das ganze Jahr hindurch ohne -Unterbrechung damit fort -- eine unerhörte Leistung! Seit ich meine -Woche als Redakteur überlebt habe, nehme ich keine Zeitung in die Hand, -ohne die langen Spalten des Leitartikels mit Vergnügen zu betrachten -und mich im stillen zu wundern, wie zum Henker man es nur fertig bringt. - -Herrn Goodmans Rückkehr befreite mich von aller Beschäftigung, denn -Berichterstatter wollte ich nicht wieder werden. Wie hätte ich auch -als Gemeiner in der Armee dienen können, nachdem ich einmal Feldherr -gewesen war? So beschloß ich denn, die Stadt zu verlassen und in die -weite Welt zu gehen. - -Gerade als dies bei mir feststand, erzählte mir mein Kollege Dan eines -Tages beiläufig, er sei von zwei Herren aufgefordert worden, mit nach -New York zu gehen, um ihnen beim Verkauf einer reichen Silbergrube -zu helfen, die sie in einem neuen Bergwerksdistrikt unserer Gegend -entdeckt hatten. Er sollte die Reisekosten vergütet erhalten und ein -Dritteil des bei dem Verkauf zu erzielenden Gewinns. Dies Anerbieten, -welches mir im höchsten Grade erwünscht gewesen wäre, hatte Dan -ausgeschlagen und als ich schalt, daß er mir nicht früher etwas -von der Sache gesagt habe, war er höchlich verwundert, daß ich aus -Virginia fort wolle; er habe den Herren geraten, sich an Marshall, den -Berichterstatter der andern Zeitung, zu wenden. - -Ich erkundigte mich nun des Näheren bei Dan, ob es sich auch nicht etwa -um einen Schwindel handle und ob die Grube wirklich und wahrhaftig -vorhanden sei, worauf er erwiderte, die Herren hätten ihm neun Tonnen -des Gesteins gezeigt, das sie mit nach New York nehmen wollten. -Er könne getrost versichern, daß er in ganz Nevada noch keine so -erzhaltigen Proben gesehen habe; auch für das nötige Bauholz und -den Platz zur Errichtung des Pochhammers in der Nähe der Grube sei -bereits Sorge getragen. Als ich das hörte, hätte ich Dan am liebsten -umgebracht, doch stand ich trotz meines Aergers davon ab, denn -vielleicht war noch nicht alle Hoffnung verloren. Dan behauptete das -wenigstens; er sagte, die Herren seien jetzt wieder nach ihrer Grube -gereist und würden frühestens in zehn Tagen zurückkehren. Er habe -versprochen, ihnen nach ihrer Zurückkunft Marshall oder sonst jemand -als Bewerber vorzustellen. Er wolle niemand weiter etwas von der Sache -sagen, bis sie wieder kämen und dann meine Person in Vorschlag bringen. - -Das war eine herrliche Aussicht. Ich legte mich an jenem Abend -in fieberhafter Aufregung zu Bette. Bisher war es noch niemand -eingefallen, nach dem Osten zu reisen, um eine Silbergrube in Nevada -zu verkaufen. Eine Mine, wie sie Dan beschrieb, mußte in New York im -Handumdrehen Abnehmer finden und eine fürstliche Summe einbringen. -Schlafen konnte ich nicht, meine Einbildungskraft schwelgte in den -glänzendsten Luftschlössern. - -Dan hatte versprochen, genau acht zu geben, wann die Herren -wiederkämen, und so fuhr ich denn am nächsten Tage frohen Mutes mit -der Postkutsche nach Kalifornien ab. Es fehlte auch nicht an den -Abschiedsfeierlichkeiten für mich, wie sie dort bei der Abreise eines -alten Bürgers üblich sind. Wenn man im Westen nur ein halbes Dutzend -Freunde hat, so machen sie Lärm genug für hundert, damit es nur nicht -so aussieht, als würde man ganz vernachlässigt und müßte ohne Sang und -Klang von dannen ziehen. - -[Illustration] - -Nicht ohne Bedauern schied ich von der Stadt, in welcher ich mich -meines Lebens gefreut hatte, wie nie zuvor. Mir ahnte wohl, daß ich -der winzigen Flagge für immer Lebewohl sagte, die nicht größer als -das Taschentuch einer Dame von dem höchsten Gipfel des Mount Davidson -herunterwehte, zweitausend Fuß über den Dächern von Virginia. In -Wirklichkeit war die Fahne dreißig Fuß lang und zehn Fuß breit. - -Wir rollten durch Thal und Ebene dahin, klommen in den Sierras bis zu -den Wolken empor und schauten herab auf Kalifornien im Sommerkleide. -Will man die kalifornische Landschaft im höchsten Reize sehen, so muß -man sie aus der Ferne betrachten. Zwar läßt sich die Erhabenheit und -Majestät der Berge von jedem Standpunkt aus bewundern, erst die Ferne -aber verleiht ihnen reichere Farben und läßt ihre rauhen, zerrissenen -Formen weniger schroff erscheinen. Auch der kalifornische Wald macht -sich am besten in der Entfernung; da er meist Baumarten von ein und -derselben Familie enthält: Weißtannen und Rottannen, Sprossenfichten -und Föhren, so bieten sie von nahe gesehen ein ermüdendes Einerlei; -alle strecken ihre starren Arme nach unten und zur Seite, als wollten -sie den Menschen immer und immer wieder warnend zurufen: »Bst! hier -wird nicht gesprochen -- sonst stört ihr jemand.« Auch daß es ewig -nach Pech und Terpentin riecht, macht einen trostlosen Eindruck und -man wird ganz schwermütig von dem fortwährenden Seufzen und Klagen -in den Wipfeln. Schreitet man geräuschlos über den Teppich von -zerstampfter gelber Rinde und toten Nadeln, so kommt man sich vor wie -ein irrender Geist mit lautlosem Fußtritt. Der ewigen Nadelbüschel -wird der Wanderer endlich überdrüssig und sehnt sich nach richtigen, -wohlgeformten Blättern; er möchte sich auf Moos und Gras lagern und -findet keines, denn überall wo der Boden nicht von Nadeln bedeckt ist, -giebt es nur nackten Lehm und Schmutz, was weder für träumerisches -Sinnen noch reinliche Kleidung günstig ist. Zwar besitzt Kalifornien -auch Grasebenen, doch nehmen sie sich ebenfalls besser in der -Entfernung aus, denn die Grashalme sind zwar hoch, stehen aber steif -und selbstbewußt da, ungesellig weit von einander, mit Flecken dürren -Sandes dazwischen. - -Es gehört zu dem Wunderlichsten, was ich kenne, wenn Reisende aus -den Staaten Neuenglands über die Lieblichkeit des ›immerblühenden -Kaliforniens‹ schwärmen. Sie würden ihre Begeisterung vielleicht -mäßigen, wüßten sie, mit wie anbetender Bewunderung alte Kalifornier -die Landschaften des Ostens anstaunen. Das glänzende Grün in seiner -verschwenderischen Fülle und saftigen Frische, der üppige Reichtum -des Laubes mit den mannigfaltigen Blätterformen und Arten erscheint -ihnen wie ein Blick ins Paradies im Vergleich zu den staubbedeckten, -mißfarbenen Sommergewächsen Kaliforniens. Ueber dies ernste, düstere -Land in Entzücken zu geraten, wenn man die Wiesenflächen Neuenglands, -seine Eichen-, Ahorn- und Ulmenbäume im Sommerschmuck gesehen hat, oder -die vielfarbige Pracht des Herbstes, in der seine Wälder strahlen -- -wäre einfach lächerlich, wenn es nicht etwas so Rührendes hätte. - -Kein Land mit unveränderlichem Klima kann sehr schön sein. Nicht einmal -die Tropen sind es, man mag von ihrem Zauber schwärmen so viel man -will. Sie berücken uns wohl zuerst, aber der Reiz schwindet allmählich -bei dem ewigen Einerlei. Die Natur bedarf des Wechsels, um alle -ihre Wunder zu entfalten. In einem Lande, das vier wohl abgegrenzte -Jahreszeiten hat, kann es weder Eintönigkeit geben noch Mangel an -Schönheit. Jede Jahreszeit birgt dort eine Welt von Freude und -Interesse, die sich vor uns enthüllt, sich stufenweise und harmonisch -zu immer reicherer Schönheit entwickelt und, wenn man anfängt, sie satt -zu bekommen, rechtzeitig verschwindet, um etwas völlig anderem Platz -zu machen, das den Naturfreund durch neue Pracht und Herrlichkeit zu -bezaubern weiß. - - * * * * * - -San Francisco ist eine Stadt, in der es sich prächtig lebt; es nimmt -sich in gehöriger Entfernung auch stattlich und hübsch aus, von nahe -gesehen merkt man aber, daß die Bauart meist altmodisch ist. Viele -Straßen bestehen aus verfallenen, rauchgeschwärzten, hölzernen Häusern, -und die öden Sandhügel in der nächsten Umgebung fallen gar zu sehr ins -Auge. Selbst das heitere Klima macht sich bisweilen angenehmer, wenn -man davon liest, als wenn man es persönlich kennen lernt; ein klarer, -wolkenloser Himmel verliert mit der Zeit seinen Reiz, doch wenn der -ersehnte Regen endlich eintritt, so bleibt er um so länger. Ein -Erdbeben ist zwar lustig, doch thut man auch besser daran, es von ferne -zu betrachten. Hierüber sind jedoch die Ansichten verschieden. - -Das Klima von San Francisco ist, wie gesagt, mild und gleichmäßig; -während des ganzen Jahres steht das Thermometer ungefähr auf siebzig -Grad F., es wechselt kaum jemals. Sommer und Winter schläft man unter -einer leichten Decke und braucht nie ein Moskitonetz. Man trägt keinen -Sommeranzug, sondern schwarze Tuchkleider, wenn man sie hat, im August -wie im Januar; zieht keinen Ueberrock an und bedarf keines Fächers. In -den Sommermonaten ist es zwar oft windig, aber wer das nicht liebt, -kann nach Oakland hinübergehen, nur ein paar Meilen weit, wo gar kein -Wind weht. In neunzehn Jahren hat es in San Francisco nur zweimal -geschneit und selbst dann blieb der Schnee nur lange genug auf dem -Boden liegen, daß die Kinder sich verwundert fragen konnten, was das -wohl für federiges Zeug sein möchte. - -Acht Monate hintereinander ist der Himmel hell und wolkenlos, da -fällt kein Tropfen Regen. Wer aber keinen Regenschirm hat, wenn die -andern vier Monate kommen, muß sich einen stehlen, denn ohne den -geht es nicht. Man braucht ihn nicht etwa nur einen Tag, sondern -hundertundzwanzig Tage nacheinander ohne Ausnahme. Will man einen -Besuch machen, in die Kirche oder ins Theater gehen, so sieht man nicht -nach den Wolken, ob Regen droht oder nicht, man fragt nur den Kalender. -Ist es Winter, so regnet es, ist es Sommer, so regnet es nicht, dagegen -läßt sich nichts machen. Blitzableiter sind nicht vonnöten, denn es -giebt keine Gewitter. Hat man sechs bis acht Wochen lang gehört, wie -der Regen gleichförmig und trübselig herniederströmt, dann wünscht man -von ganzem Herzen, der Donner möchte einmal durch die schläfrigen -Himmelsräume rollen und krachen und brüllen, damit alles lebendig -würde, der Blitz möchte das düstere Firmament zerreißen und es nur auf -einen einzigen Augenblick mit blendendem Glanz erhellen. Was würde man -nicht darum geben, den lieben alten Donner zu hören und zu sehen, wie -jemand vom Blitz erschlagen wird! -- Und hat man im Sommer vier Monate -hindurch den grellen, mitleidslosen Sonnenschein erduldet, so möchte -man auf den Knieen um Regen, Hagel, Schnee, Donner und Blitz flehen -- -um irgend eine Abwechslung in dem trostlosen Einerlei; -- sogar mit -einem Erdbeben wäre man zufrieden, wenn man nichts Besseres haben kann, -und das ist noch am ersten zu bekommen. - -[Illustration] - -San Francisco ist auf Sandhügeln erbaut, aber es sind fruchtbare -Sandhügel, die einen reichen Pflanzenwuchs erzeugen. Die seltenen -Blumen, welche die Leute im Osten sorgfältig in Treibhäusern und Töpfen -ziehen, gedeihen dort das ganze Jahr hindurch unter freiem Himmel in -üppiger Fülle: Kallas, Geranien, Passionsblumen, Moosrosen -- ich -weiß nicht den zehnten Teil von allen Namen. Wenn in New York alles -von Schnee und Eis starrt, bedeckt sich der Boden in Kalifornien mit -Blumen und Blüten; der Mensch braucht nur alles wachsen zu lassen wie -es will, ohne sich hineinzumischen. - -Ich habe an einer anderen Stelle von dem ewigen Winter in Mono -gesprochen und jetzt eben von dem endlosen Frühling in San Francisco. -Reist man nun etwa hundert Meilen in direkter Linie weiter, so kommt -man in den fortwährenden Sommer von Sacramento. In San Francisco -hat man weder Sommerkleider noch Moskitos, aber in Sacramento ist -beides zu finden. Nicht immer und ohne Aufhören, aber im Laufe -von zwölf Jahren etwa 143 Monate lang. Der Leser kann sich leicht -vorstellen, daß dort immer Blumen blühen, daß die Menschen morgens, -mittags und nachts schwitzen, fluchen und ihre beste Lebenskraft -damit verbrauchen, sich Luft zuzufächeln. Es ist dort heiß, aber wenn -man nach Fort Yuma hinunterkommt, dürfte man es noch heißer finden. -Dort steht das Thermometer fast unabänderlich auf 120 Grad ~F.~ im -Schatten, ausgenommen, wenn es noch höher steigt. Dieser heißeste -Ort der Erde ist ein Militärposten der Vereinigten Staaten und seine -Bewohner gewöhnen sich so an die schreckliche Hitze, daß sie es ohne -dieselbe nicht aushalten können. Die Sage erzählt, daß dort einst ein -gottloser Soldat starb und natürlich sofort in den heißesten Winkel -der Hölle hinunterfuhr. Und siehe da, am nächsten Tage telegraphierte -er zurück, man möge ihm seine Decken schicken! -- Die Wahrheit dieser -Ueberlieferung ist nicht zu bezweifeln; ich habe selbst die Schenke -gesehen, in welcher der Soldat einzukehren pflegte. - -In dem beständigen Sommerwetter von Sacramento kann der Reisende um -acht oder neun Uhr morgens Rosen pflücken, Erdbeeren und Gefrorenes -essen, sich in weiße Leinwand kleiden, nach Luft schnappen und -schwitzen. Setzt er sich dann auf die Eisenbahn, so kann er um 12 -Uhr den Pelz anziehen, die Schlittschuhe anschnallen und über den -gefrorenen Donner-See dahinschweben, 7000 Fuß über dem Thal, zwischen -fünfzehn Fuß hohen Schneewehen und in unmittelbarer Nähe der gewaltigen -Berggipfel, die ihre eisigen Klippen 10000 Fuß über der Meeresfläche -erheben. In der ganzen westlichen Hemisphäre findet sich nirgends ein -so plötzlicher Uebergang. Die Eisenbahn fährt in kühnen Windungen durch -die schneebedeckte Gegend 6000 Fuß über dem Meere bis zum Stillen -Ozean. Wie ein Vogel aus der Luft schaut man herab auf den ewigen -Sommer des Sacramento-Thales, das mit seinen fruchtbaren Feldern, -seinen blühenden Bäumen und seinen Silberströmen in den weichen Duft -der Atmosphäre eingehüllt ruht. Auf dies köstliche, traumhafte Bild -aus dem Feenland blickt der Reisende durch ein furchtbares Thor von -Eis und Schnee, durch wilde Klüfte und Abgründe -- ein wirkungsvoller -Gegensatz, der den Eindruck mächtig erhöht. - - - - -Goldgräber. - - -Das eben geschilderte Thal des Sacramento war der Schauplatz der -ersten und ergiebigsten Goldgräbereien. Noch jetzt sieht man viele -Stellen in der Ebene und am Bergabhang, wo die Habgier jener Zeit das -Erdreich aufgewühlt und ausgehöhlt hat, um nach Beute zu suchen; solche -Verunstaltungen der Gegend findet man in Kalifornien weit und breit. -Man kommt auch durch Strecken, wo sich jetzt nur Wiesen und Wälder -ausdehnen, wo man kein Haus, kein lebendes Wesen erblickt, nicht einmal -die Balken oder Steine eines verfallenen Gebäudes und kein Laut die -Sabbatstille umher unterbricht. Da ist es schwer, sich vorzustellen, -daß dort vor Jahren ein rasch emporgeblühtes Städtchen gestanden -hat, mit zwei- bis dreitausend Einwohnern, die ihre Zeitung, ihre -Feuerwehr, eine Musikkapelle, ein Freiwilligenkorps, Gasthäuser, eine -Bank und Spielhöllen besaßen, wo Männer aus allen Nationen der Erde mit -struppigen Bärten rauchten und fluchten, und wo der Goldstaub, der sich -an den Spieltischen anhäufte, mehr wert war, als die Einkünfte eines -deutschen Fürstentums. - -Das Leben wogte geschäftig hin und her in den Straßen, man verkaufte -Bauplätze zu vierhundert Dollars den Fuß, es wurde dort gearbeitet, -gelacht, getanzt, Musik gemacht, gezecht, gerauft und Dolch und -Revolver gehandhabt. Alles war vorhanden, was zum Blühen und Gedeihen -einer neuerstandenen Stadt nötig und förderlich ist, was das Leben -schmückt und erfreut -- und jetzt sieht man dort nichts als eine -verlassene, wüste Einöde, die Menschen sind fort, von den Häusern ist -keine Spur geblieben, sogar der Name des Orts vergessen. Nirgends in -der Welt sind in unserm Jahrhundert Städte so völlig vom Erdboden -verschwunden, wie in den alten Goldgräbergegenden von Kalifornien. - -In jenen Tagen aber herrschte ein rastloses Drängen und Treiben, -Hasten und Arbeiten unter der eigenartigen, zusammengewürfelten -Bevölkerung des damaligen Kalifornien, wie sie sich schwerlich -jemals wieder irgendwo beisammen finden wird. Sie bestand aus -zweihunderttausend jungen Männern, nicht gezierten, verwöhnten, -behandschuhten Schwächlingen, sondern kräftigen, muskelstarken, -tapfern und unerschrockenen Leuten, voll Mut und Thatkraft, die mit -allen Eigenschaften, welche wahrer Männlichkeit zu Schmuck und Zier -gereichen, im vollsten Maße ausgestattet waren, die Auserlesensten -unter den Herren der Schöpfung. Man sah dort weder Frauen noch Kinder, -noch gebückte, hinfällige Greise, nur junge Riesengestalten mit -aufrechtem Gang, hellem Blick, starker Hand und geschmeidigen Gliedern. -Ein schönes, ein herrliches Volk, die tapfersten Scharen, welche -jemals in die menschenleeren Einöden eines noch unbekannten Landes -einzogen. Und wo sind sie nun? -- Zerstreut nach allen Enden der Welt, -vorzeitig gealtert und verkommen, bei einem Straßenaufruhr ermordet, an -gebrochenem Herzen und getäuschten Hoffnungen gestorben -- alle dahin, -als Opfer auf dem Altar des goldenen Kalbes verblutet. Es ist ein -jammervoller Gedanke. - -Nur starke, beherzte Männer waren ausgezogen, die Faulen, -Schwerfälligen und Trägen hatten sie daheim gelassen; die kann man -als Pioniere nicht gebrauchen, dazu gehören Leute von anderm Schrot -und Korn. Aber wild ging es damals unter ihnen her. Sie schwelgten -in Gold und Branntwein, in Raufereien und beim Fandango und waren -unaussprechlich glücklich. Ein wackerer Goldgräber holte sich täglich -seine hundert bis tausend Dollars aus dem Boden. Wenn dann die -Spielhöllen und andern Vergnügungslokale dafür sorgten, daß er bis -zum nächsten Morgen keinen Cent mehr in der Tasche hatte, konnte -er noch von Glück sagen. Die Leute kochten sich selbst ihr Gericht -Speck mit Bohnen, nähten sich die abgerissenen Knöpfe an und wuschen -ihre blauwollenen Hemden. Wer öffentlich mit weißer Wäsche und einem -hohen Hut erschien, ward in eine Schlägerei verwickelt, ehe er sich’s -versah. In dieser wilden, freien, zügellosen Gesellschaft waren alle -Aristokraten verhaßt, auch ließ sich weder ein ganz jugendliches, noch -ein weibliches Element dort jemals blicken. Man sagt, die Goldgräber -hätten sich oft scharenweise versammelt, wenn es galt, das für sie -seltsamste und herrlichste Schauspiel, den Anblick eines Weibes, zu -genießen. - -In einem ihrer Lager verbreitete sich einmal am Morgen die Nachricht, -daß ein Weib angekommen sei. Man hatte aus einem Wagen auf dem -Lagerplatz ein Kattunkleid heraushängen sehen -- es mochten wohl -Auswanderer von der großen Ebene jenseits der Berge hergekommen sein. -Alles drängte sich nach dem Wagen, und als man ein wirkliches Kleid im -Winde flattern sah, entstand ein großes Geschrei, bis der Auswanderer -erschien. Dann hieß es wie aus einem Munde: - -»Bringt sie heraus!« - -Er erwiderte: »Es ist meine Frau, ihr Herren, sie ist krank, die -Indianer haben uns alles geraubt, Geld und Mundvorrat -- wir bedürfen -der Ruhe.« - -»Bringt sie heraus, wir müssen sie sehen!« - -»Aber ihr Herren, das arme Ding kann nicht --« - -»Bringt sie heraus!« - -Als er ihnen endlich den Willen that, schwenkten sie die Hüte in der -Luft und brachten ein dreimaliges donnerndes Hoch aus, dann umringten -sie sie alle, betrachteten sie, berührten ihre Kleider und horchten auf -den Ton ihrer Stimme. Die Frau schien für sie mehr eine Erinnerung aus -früherer Zeit, als etwas Wirkliches, Lebendiges zu bedeuten. Zuletzt -brachten sie die Summe von 2500 Dollars in Gold zusammen, händigten sie -dem Manne ein, schwenkten abermals die Hüte, riefen wieder dreimal Hoch -und gingen befriedigt ihrer Wege. - - * * * * * - -Ich speiste einmal bei einem Herrn, der mir ein Abenteuer erzählte, -welches seiner Tochter begegnet war, als die Familie zuerst in San -Francisco landete. Die junge Dame selbst erinnerte sich nicht mehr -daran, da sie zwei Jahre zählte, als sich diese wahre Geschichte -zutrug. Sie waren gerade vom Schiff gekommen und gingen die Straße -hinunter, voran die Dienerin mit der Kleinen auf dem Arm. Da trat ihnen -ein riesiger Goldgräber entgegen mit großem Bart und breitem Gürtel, -der über und über von Waffen starrte. Augenscheinlich kam der Mann -soeben von einem längeren Aufenthalt im Gebirge zurück. Er hielt die -Dienerin an und betrachtete sie mit Staunen und Wohlgefallen. Nach -einer Weile sagte er in ehrerbietigem Ton: »Wahrhaftig, ich glaube, das -ist ein Kind!« Dann zog er ein Ledersäckchen aus der Tasche und fuhr -zur Wärterin gewandt fort: - -»Dieser Sack enthält Goldstaub im Wert von hundertfünfzig Dollars. -Lassen Sie mich das Kind einmal küssen und Sie sollen ihn haben.« - -Wie sich doch die Zeiten ändern. Hätte ich damals, als ich mit bei -Tische saß und die Anekdote anhörte, die doppelte Summe für die -Erlaubnis geboten, dies selbe Kind küssen zu dürfen, man würde es mir -abgeschlagen haben. Der Preis hatte sich in den siebzehn Jahren, welche -seitdem verflossen waren, sehr beträchtlich gesteigert. - -Hier will ich noch erwähnen, daß ich einmal bei meinem Aufenthalt -in Star City im Humboldt-Gebirge mit einer Schar von Bergleuten im -Gänsemarsch aufmarschiert bin, um durch den Spalt einer Hütte zu sehen, -worin ein ganz neues, wunderbares Schauspiel unser wartete, nämlich -der Anblick einer wirklichen, lebendigen Frau. Als endlich nach einer -halben Stunde geduldigen Harrens die Reihe an mich kam, durch die -Spalte zu gucken, stand sie richtig da, die eine Hand in die Seite -gestemmt und beschäftigt, mit der andern Pfannkuchen zu stürzen. Sie -sah aus, als sei sie hundertfünfundsechzig Jahre alt und hatte keinen -Zahn mehr im Munde. - - - - -Erdbeben. - - -Einige Monate führte ich nun ein wahres Schmetterlingsdasein, wie ich -es früher nie gekannt. Ich lebte in süßem Nichtsthun, war niemand -verantwortlich und der Geldpunkt machte mir keine Sorgen. Nach den -Alkaliwüsten und der öden Salbeigegend von Washoe erschien mir San -Francisco wie ein Paradies und ich verliebte mich sterblich in diese -Stadt herzlichster Geselligkeit. - -Ich wohnte im besten Hotel, trug meine neuen Kleider auf allen -Hauptplätzen und Straßen zur Schau, ging jeden Abend in die Oper -und lernte von den Klängen der Musik hingerissen zu scheinen, die -mein ungeschultes Ohr häufiger verletzten als bezauberten. Wenn ich -nicht die gemeine Ehrlichkeit besaß, dies einzugestehen, so bin -ich vermutlich in diesem Punkte nicht schlimmer als die meisten -meiner Landsleute. Ich besuchte Privatgesellschaften im prächtigsten -Ballanzug, that zimperlich, entfaltete meine ganze natürliche Anmut -wie ein geborener Stutzer und tanzte Polka und Schottisch mit einem -Schritt, der mir eigentümlich ist -- mir und dem Känguruh. -- Kurz, -ich lebte als Schmetterling, wonach ich mich längst gesehnt hatte, -und trat wie ein Mann auf, der (voraussichtlich) seine hunderttausend -Dollars besaß und wahrscheinlich zu unbeschränktem Ueberfluß gelangen -würde, sobald der Verkauf jener Silbermine im Osten zum Abschluß -kam. Inzwischen streute ich mein Geld reichlich umher, beobachtete -das Steigen und Fallen der Aktien mit lebhaftem Interesse und behielt -nebenbei im Auge, was sich in Nevada zutrug. - -Dort ereignete sich etwas sehr Wichtiges. Die besitzende Klasse -stimmte gegen die Staatsverfassung, aber die Leute, welche nichts zu -verlieren hatten, waren in der Majorität und setzten die Annahme der -Verfassung durch. Das war ohne Frage ein Unglück, obgleich es anfangs -nicht so aussah. Ich schwankte hin und her, berechnete die möglichen -Veränderungen des Geldmarktes und entschied mich endlich dafür, nicht -zu verkaufen. - -Die Aktien stiegen höher und höher und es begann ein tolles -Spekulationsfieber. Bankiers, Kaufleute, Advokaten, Aerzte, Handwerker, -Tagelöhner, selbst Waschfrauen und Dienstmädchen legten ihre -Ersparnisse in Silberkuxen an. Die Spielwut hatte sich der ganzen -Bevölkerung bemächtigt. Jede Sonne, die am Morgen aufging, schien beim -Untergang auf Bettler, welche reich geworden und auf Reiche, die an den -Bettelstab gebracht waren. Die Gould- und Curry-Kuxe stiegen bis auf -6300 Dollars der Fuß; dann nahm die ganze Herrlichkeit plötzlich ein -jähes Ende und alle Welt war zu Grunde gerichtet. Ein schrecklicher -Schiffbruch! Das Faß hatte den Boden verloren, es blieb kaum ein -Tropfen daran hängen. Ich war unter den ersten, die gründlich an den -Bettelsack kamen. Meine sämtlichen Aktien konnte ich einfach wegwerfen, -sie galten nicht einmal so viel wie das Papier, auf dem sie gedruckt -waren. Ich hatte als glücklicher Narr mit dem Geld um mich geworfen -und geglaubt, das Mißgeschick könne mich nicht erreichen; jetzt besaß -ich keine fünfzig Dollars mehr im Vermögen, nachdem meine Schulden -zusammengerechnet und bezahlt waren. - -Ich verließ das Hotel, bezog ein sehr bescheidenes Kosthaus, nahm eine -Stelle als Zeitungsschreiber an und machte mich an die Arbeit. Noch -war mir nicht jede Hoffnung geschwunden, denn ich baute zuversichtlich -auf den Verkauf der Silbermine im Osten. Mein Freund Dan ließ jedoch -nichts von sich hören; entweder gingen meine Briefe alle verloren, oder -sie blieben ohne Antwort. - -[Illustration] - -Eines Tages fühlte ich mich wenig aufgelegt, meine Beschäftigung -vorzunehmen und ging nicht ins Bureau. Als ich mich tags darauf wie -immer gegen Mittag dort einstellte, fand ich auf meinem Pult ein -Briefchen, das schon vierundzwanzig Stunden da gelegen hatte. Es -war ›Marshall‹ unterzeichnet und enthielt die Bitte, ihn und seine -Gefährten am Abend im Hotel zu besuchen. Sie seien auf der Durchreise -nach dem Osten begriffen und wollten am nächsten Morgen absegeln. Es -handle sich um eine große Bergwerksspekulation. - -So außer mir bin ich in meinem ganzen Leben nicht gewesen. Ich schalt -mich einen Thoren, daß ich von Virginia fortgegangen war und einem -andern die Sache überlassen hatte, statt sie selbst in die Hand zu -nehmen. Ich war wütend, daß ich gerade den einzigen Tag im Jahre aus -dem Bureau wegbleiben mußte, an dem ich hätte dort sein sollen. Unter -allerlei Selbstvorwürfen trabte ich eine Meile weit bis zum Hafen -und kam richtig gerade an als es zu spät war. Das Schiff war bereits -abgefahren und unter Segel. - -Zunächst tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß vielleicht bei der -Spekulation nichts herauskommen würde, jedenfalls ein armseliger Trost; -dann nahm ich mein Sklavenjoch wieder auf, entschlossen, mich mit -meinen 33 Dollars die Woche zu begnügen und mir die Sache aus dem Sinn -zu schlagen. - - * * * * * - -Einen Monat später genoß ich mein erstes Erdbeben, welches noch lange -nachher das ›große Erdbeben‹ genannt wurde. Es war an einem hellen -Oktobersonntag, als ich kurz nach 12 Uhr die dritte Straße herunterkam. -Um diese Stunde war in dem dicht bebauten und bevölkerten Stadtteil -weit und breit nichts in Bewegung als ein Mann im Einspänner hinter -mir und ein Omnibus, der langsam eine Nebenstraße herauffuhr. Sonst -war alles wie gefegt und es herrschte Sabbatstille. Als ich an einem -Bretterhaus um die Ecke bog, hörte ich ein großes Krachen und Poltern, -es mußte wohl drinnen eine Prügelei vor sich gehen, da gab es gewiß -etwas zu berichten. Bevor ich aber noch die Thür gefunden hatte, -kam ein wahrhaft entsetzlicher Stoß; der Boden unter mir schien in -wellenförmiger Bewegung, dann folgte ein heftiges Heben und Senken -und ein dumpfes, knirschendes Geräusch, als würden Backsteinhäuser -aneinander gerieben. Ich fiel gegen das Bretterhaus und verletzte mich -am Ellenbogen. Jetzt wußte ich, was das bedeutete und zog aus reinem -Reportertrieb meine Uhr heraus, um mir Zeit und Stunde zu merken. In -diesem Augenblick erfolgte ein dritter, weit stärkerer Stoß und während -ich noch auf dem Pflaster umhertaumelte, bemüht, mich auf den Füßen zu -halten, hatte ich einen Anblick sondergleichen: Die ganze Vorderseite -eines vierstöckigen Backsteinhauses ging auf wie eine Thür und stürzte -mit lautem Geprassel quer über die Straße, daß der Staub aufwirbelte -wie eine mächtige Rauchsäule. - -Indessen kam der Einspänner herbei -- der Mann flog hinunter und -schneller als ich es zu berichten vermag, war das Fuhrwerk in kleinen -Stücken längs der dreihundert Meter langen Straße umhergestreut. Der -Omnibus hielt an, die Pferde drängten rückwärts und bäumten sich, die -Fahrgäste strömten zu beiden Seiten heraus und ein dicker Herr, der mit -halbem Leibe durch ein Glasfenster gezwängt und darin festgekeilt war, -kreischte wie wahnsinnig, als stecke er am Spieß. Aus jeder Hausthür, -soweit das Auge reichte, ergoß sich ein Strom menschlicher Wesen, in -einem Moment war die ganze Straße, die ich überblicken konnte, von -einer dichtgedrängten Menschenmasse bedeckt. Statt der feierlichen -Stille herrschte urplötzlich das wildeste Wogen und Treiben. - -Das Erdbeben brachte die wunderlichsten Erscheinungen zu Tage. -Herren und Damen, die krank waren, oder gerade ihr Mittagschläfchen -hielten, oder nach durchschwelgter Nacht der Ruhe pflegten, kamen -in den seltsamsten Aufzügen auf die Straße gestürzt, viele nur sehr -mangelhaft bekleidet oder auch gar nicht. Angesehene Bürger, die für -äußerst streng in betreff der Sonntagsheiligung galten, liefen in -Hemdärmeln aus den Schenkstuben heraus, das Billard-Queue noch in der -Hand. Aus den Barbierstuben flohen zu Dutzenden Leute mit umgebundenen -Servietten, bis unter die Augen eingeseift, auf einer Seite noch die -Bartstoppeln, während die andere bereits glatt rasiert war. In einem -Hotel kam ein bekannter Redakteur, nur mit dem Hemd auf dem Leibe, die -Treppe heruntergelaufen. »Was soll ich thun?« jammerte er, »wohin soll -ich gehen?« - -»Am besten in einen Kleiderladen,« sagte das Zimmermädchen, dem er -begegnete, in heiterer Unbefangenheit. - -Pferde brachen aus den Ställen und ein Hund sprang in seiner Angst die -Bodenleiter zum Dach hinauf, getraute sich aber dann nicht, wieder -denselben Weg zurückzukommen. In der Stadt fiel der Bewurf von so -vielen Zimmerdecken herab, daß man große Felder damit hätte bestreuen -können. Tagelang standen die Leute noch in Gruppen vor den Häusern, -welche in breiten Zickzackrissen von oben bis unten zerborsten waren. -Ein hundert Fuß langer Spalt that sich in einer Straße sechs Zoll breit -auf und schloß sich dann wieder mit solcher Gewalt, daß die Erde sich -an der Stelle wie ein Grabhügel aufwölbte. An einem Gebäude waren drei -Schornsteine in der Mitte durchgebrochen und so herumgedreht, daß der -Rauch keinen Abzug fand. Eine Dame fühlte plötzlich, daß der Salon, -in dem sie saß, zu schwanken begann, gleich darauf sah sie, wie die -Wand sich oben an der Decke zweimal aufthat und wieder schloß, wobei -ein Backstein herunterfiel, wie ein Zahn aus einem offenen Munde. -Eine andere Dame, welche die Treppe hinunter eilte, bemerkte zu ihrem -Erstaunen, daß sich ein bronzener Herkules auf seinem Fußgestell zu ihr -hinneigte, als wollte er sie mit der Keule erschlagen. Statue und Frau -erreichten den Fuß der Treppe zu gleicher Zeit, letztere bewußtlos vor -Entsetzen. - -In einer der Kirchen warf der erste Stoß drei mächtige Orgelpfeifen -herunter. Der Geistliche stand gerade mit emporgehobenen Händen da, um -den Gottesdienst zu schließen. »Den Segen wollen wir heute fortlassen,« -sagte er kurz -- und an der Stelle, wo er gestanden hatte, war nur noch -ein leerer Raum. - -»Bleibt auf euren Sitzen,« ruft ein Prediger in Oakland nach dem ersten -Stoß, »wenn ihr sterben sollt, so findet ihr nirgends einen besseren -Platz dazu als hier.« Nach dem dritten Stoß fügte er jedoch hinzu: -»Aber draußen ist es auch nicht schlecht,« und verschwand durch eine -Hinterthür. - -Die Frauen und Mädchen der Stadt erlitten schwere Verluste an -Fläschchen mit Essenzen, Wohlgerüchen und allerlei Nippessachen, die -das Erdbeben auf Kaminsimsen und Toilettentischen zertrümmerte. -Aufgehängte Bilder wurden herabgeworfen, oder -- was noch häufiger -geschah -- vom Erdbeben aus mutwilliger Laune so herumgewirbelt, daß -die Gesichter der Wand zugekehrt waren. Von dem Schaukeln und Schwanken -der Straßen und Fußböden bekamen viele Tausende die Seekrankheit und -fühlten sich noch stundenlang nachher schwach und elend; einige litten -sogar tagelang an dem Uebel und ganz verschont blieb kaum einer. - -Bald nach diesem Ereignis traf mich ein recht grausamer Schlag. In -einer Nummer des ›Enterprise‹, die ich zufällig zur Hand nahm, fiel -mein Blick auf folgende Mitteilung: - - - Nevada-Bergwerke in New York. - - Ende Juli brachten die Herren G. M. Marshall, Sheba Hurst und - Amos Rose Erzproben aus Gruben im Pine-Wood-Distrikt und am - Reese-River nach New York. - - Die eine, im Humboldt-County gelegene Grube haben die - Eigentümer für den Preis von drei Millionen Dollars verkauft. - Zum Betrieb ist bereits ein Kapital von einer Million - Dollars eingezahlt worden, und die Maschinen für das große - Quarz-Pochwerk, welches sogleich eingerichtet werden soll, - sind schon angeschafft. Sämtliche Aktien der Gesellschaft sind - vollbezahlt und steuerfrei. - - Sheba Hurst, der Entdecker dieser Gruben, hat sich, bevor er - seinen Fund veröffentlichte, den Besitz der besten Erzgänge - gesichert, sowie den erforderlichen Grund und Boden und das - nötige Bauholz. Seine Erzproben ergaben bei der Untersuchung - einen außerordentlich reichen Gehalt an Silber und Gold; jedoch - ist das Silber vorherrschend. Wir haben die Proben gesehen und - uns überzeugt, daß es sich hier um keinen Schwindel handelt und - die Gruben jenes Bezirks wirklich sehr wertvoll sind; deshalb - vernehmen wir mit Befriedigung, daß sich das New Yorker Kapital - bereitwillig an dem Unternehmen beteiligt. - -So hatte denn die mir angeborene Einfalt wieder den Sieg davon getragen -und ich hatte eine Million verloren. - -Verweilen wir nicht länger bei dieser kläglichen Geschichte. Hätte -ich sie erfunden, so wäre es mir ein Leichtes, sie humoristisch -auszuschmücken, da sie aber nur allzu wahr ist, vermag ich sie selbst -heutigen Tages noch nicht mit leichtem Herzen zu erzählen, trotzdem -sie jetzt so weit hinter mir liegt. Ich will nur noch erwähnen, daß -ich allen Mut verlor, mich in thörichtem Murren und Seufzen und -fruchtlosem Gram verzehrte, darüber meine Pflichten versäumte und als -Berichterstatter einer ›flotten‹ Zeitung kaum mehr zu gebrauchen war. -Zuletzt nahm mich der Eigentümer des Blattes beiseite und erwies mir -eine Wohlthat, deren ich mich noch jetzt voll Ehrerbietung erinnere. -Er gab mir Gelegenheit auf die Stelle zu verzichten und rettete mich -dadurch vor der Schande, meine Entlassung zu erhalten. - - - - -Am Bettelstabe. - - -Eine Zeitlang schrieb ich allerlei Litterarisches für die ›Goldene -Aera‹ und andere Blätter. C. H. Webb hatte den ›Kalifornier‹ gegründet, -ein ganz vortreffliches Wochenblatt, dessen hoher litterarischer Wert -jedoch keine Bürgschaft für den Erfolg war. Das Journal siechte dahin -und Webb verkaufte es an drei Drucker. Damals wurde Bret Harte für ein -Gehalt von 20 Dollars die Woche Redakteur und ich verpflichtete mich -für 12 Dollars allwöchentlich einen Artikel beizusteuern. Da der Absatz -aber viel zu wünschen übrig ließ, verkauften die Drucker das Journal an -den reichen Kapitän Opden, einen sehr angenehmen Herrn, der sich diesen -teuern Luxus gestattete, ohne viel nach den Kosten zu fragen. Er bekam -indessen das neue Spielzeug bald satt und gab es den Druckern zurück. -Nicht lange darauf starb das Blatt eines sanften Todes und ich war -wieder ohne Arbeit. - -In den nächsten zwei Monaten hatte ich keine andere Beschäftigung, als -meinen Bekannten aus dem Wege zu gehen. Ich verdiente keinen Cent, -schaffte mir nicht die geringste Kleinigkeit an und bezahlte auch Kost -und Wohnung nicht. Dagegen erwarb ich mir eine große Geschicklichkeit, -mich überall fortzudrücken. Von einem Hintergäßchen drückte ich mich -ins andere; sah ich von fern ein Gesicht, das mir bekannt vorkam, so -drückte ich mich; auch zu meinen Mahlzeiten schlich ich gedrückt, -aß sie demütig und mit stummer Bitte um Verzeihung für jeden Bissen, -den ich meiner großmütigen Wirtin stahl; drückte mich bis Mitternacht -herum, jeden Ort vermeidend, wo Helligkeit und Heiterkeit zu finden -war und schlich dann zu Bette. Ich kam mir niedriger, erbärmlicher und -verächtlicher vor wie ein Wurm. Meine ganze Barschaft bestand in einem -silbernen Zehn-Centstück; das hielt ich fest und wollte es um keinen -Preis ausgeben, aus Furcht, der Gedanke, daß ich völlig mittellos -sei, möchte mich überwältigen. Außer den Kleidern, die ich am Leibe -trug, hatte ich alles versetzt und so hing ich denn mit verzweifelter -Hartnäckigkeit an meinem letzten Geldstück, das schon ganz abgegriffen -war, so oft hatte ich es durch die Finger gleiten lassen. - -Das Elend liebt Gesellschaft. Dann und wann stieß ich nachts an irgend -einem abgelegenen, schwach erleuchteten Ort mit einem andern Kinde -des Unglücks zusammen. Der Mensch sah so schmierig und verkommen, so -heimatlos, freundlos und verlassen aus, daß ich mich zu ihm hingezogen -fühlte, wie zu einem Bruder. Auch er muß wohl eine ähnliche Empfindung -gehabt haben, denn die Anziehung war gegenseitig; wenigstens trafen -wir uns allmählich häufiger, wenn auch allem Anschein nach noch immer -zufällig. Wir sprachen zwar nicht zusammen, ließen auch nicht merken, -daß wir einander wiedererkannten, aber sobald wir uns sahen, schwand -die dumpfe Beklommenheit aus unserem Gemüt. Wir taumelten dann beide in -gemessener Entfernung befriedigt weiter, freuten uns unserer stummen -Genossenschaft und blickten aus dem nächtlichen Schatten verstohlen -in die Fenster hinein, nach den freundlichen Lichtern und den -Familiengruppen am traulichen Kamin. - -Endlich redeten wir einander an und waren seitdem unzertrennlich. -Litten wir doch beide fast dieselben Schmerzen. Auch er war -Berichterstatter gewesen und hatte seine Stelle eingebüßt; dann war -er immer mehr heruntergekommen und unaufhaltsam tiefer und tiefer -gesunken -- von der Wohnung auf dem Russenhügel zu dem Kosthaus in der -Kearney-Straße, von dort zu Dupont und dann in eine Matrosenkneipe. -Zuletzt hatte er sich in Warenkisten und leeren Tonnen auf der Werft -sein Quartier gesucht. Durch das Zunähen geplatzter Getreidesäcke, die -eingeschifft werden sollten, fristete er sich eine Zeit lang notdürftig -das Leben; als dieser Verdienst aufhörte, suchte er sich seine Nahrung -bald hier bald da, wie es der Zufall gerade fügte. Bei Tage ließ er -sich nirgends mehr blicken, denn ein Reporter kennt arm und reich, hoch -und niedrig, und kann es bei hellem Tage nicht gut vermeiden, bekannten -Gesichtern zu begegnen. - -Dieser Bettler -- ich will ihn Blücher nennen -- war ein prächtiger -Mensch, voll Hoffnung, Thatkraft und echter Philosophie. Er war gut -belesen und fein gebildet, besaß hellen Verstand und trefflichen Witz. -Sein freundliches Wesen und sein großmütiges Herz gaben ihm in meinen -Augen ein wahrhaft königliches Ansehen, sein Sitz auf dem Eckstein -erschien mir wie ein Thronsessel und sein schäbiger Hut wie eine Krone. - -Ein Abenteuer, das er mir erzählte, hat durch seine Absonderlichkeit -mein Mitgefühl aufs höchste erregt und sich unauslöschlich in mein -Gedächtnis eingegraben. - -[Illustration] - -Seit zwei Monaten besaß er keinen Heller und war in den dunkeln Straßen -beim Schein der matt brennenden freundlichen Lichter umhergeschlichen, -bis ihm die Sache zur zweiten Natur wurde. Endlich aber trieb ihn der -Hunger an das Tageslicht. Achtundvierzig Stunden hatte er keinen Bissen -genossen und konnte das müßige Warten in seinem Versteck nicht länger -ertragen. Er schlich durch eine Hintergasse, starrte voll gierigen -Verlangens nach den Fenstern der Bäckerläden und hätte sein Leben für -ein Stück Brot verkaufen mögen. Der Anblick der Eßwaren verdoppelte -seinen Hunger, aber doch war es ihm eine Wohlthat, sie wenigstens -zu sehen und sich vorzustellen, wie ihm zu Mute sein würde, wenn -er etwas zu essen hätte. Da sah er auf einmal mitten in der Straße -einen glänzenden Punkt; er blickte wieder hin -- durfte er seinen -Augen trauen? Er wandte sich ab und sah dann noch einmal nach der -Stelle, um ganz sicher zu sein. Nein, es war keine Sinnestäuschung, -die der Hunger erzeugte, sondern Wirklichkeit -- da lag ein silbernes -Zehn-Centstück. Er schoß darauf zu, hob es auf, starrte es an, nahm -es zwischen die Zähne -- kein Zweifel, es war echt. Sein Herz jubelte -laut, er vermochte kaum ein Jauchzen und Hallelujah zu ersticken. Dann -sah er sich um -- niemand beobachtete ihn; er warf die Münze wieder -hin, wo sie gelegen, trat ein paar Schritte zurück, näherte sich -abermals und that, als wisse er nicht, daß sie da sei, damit er noch -einmal das Entzücken genießen könne, sie zu finden. Nun betrachtete -er sie von verschiedenen Punkten aus, schlenderte, mit den Händen in -den Taschen, umher, schaute nach den Ladenschildern, warf dann wieder -einen raschen Blick auf das Geldstück und fühlte sich von Wonneschauern -durchrieselt. Endlich hob er es auf und ging, es in der Tasche -streichelnd, von dannen. Er wählte die menschenleersten Straßen, stand -von Zeit zu Zeit in einem Thorweg oder an der Ecke still und zog seinen -Schatz heraus, um ihn zu betrachten. In seinem Quartier, einem leeren -Geschirrfaß, angelangt, überlegte er bis in die Nacht hinein, was er -dafür kaufen solle. Ein schwerer Entschluß. Ihm lag daran, so viel wie -möglich zu bekommen. In der Bergmannsschenke, das wußte er, gab man -einen Teller voll Bohnen und ein Stück Brot für zehn Cents oder einen -Fischkloß mit Zubehör, aber ohne Brot. In Peters Speisehaus konnte -er ein Kalbskotelett nebst einigen Rettichen und Brot für zehn Cents -haben, oder eine große Tasse Kaffee mit einer Brotschnitte, die aber -schändlicherweise oft nur sehr dünn ausfiel. - -Um sieben Uhr empfand er einen wahren Wolfshunger, doch hatte er noch -keine Entscheidung getroffen. Er machte sich auf den Weg, ging noch -immer rechnend die Straße hinauf und kaute an einem Holzstückchen, wie -es Leute, die nahe am Verhungern sind, zu thun pflegen. Vor Martins -erleuchtetem Restaurant, dem vornehmsten der ganzen Stadt, blieb er -stehen; in besseren Tagen hatte er da oft gespeist und Martin kannte -ihn gut. Er trat abseits, um aus dem Bereich der Lichter zu kommen, -blickte andächtig nach den Wachteln und Beefsteaks im Schaufenster und -dachte, vielleicht wären die Zeiten der Märchen noch nicht vorüber, -und ein verkleideter Prinz könnte daherkommen und ihn auffordern, -einzutreten und zu nehmen, was er wolle. Je mehr er sich in den -Gedanken vertiefte, um so hungriger kaute er an dem Holzstückchen. - -Da fühlte er plötzlich, daß jemand neben ihm stand und seinen Arm -berührte. Er sah auf und erblickte ein Gespenst -- das wahre Bild des -Hungers. Es war ein baumlanger, hagerer Mensch, in Lumpen gehüllt, Haar -und Bart ungeschoren, mit ausgemergeltem Gesicht, eingesunkenen Wangen -und Augen, die ihn jammervoll anblickten. - -»Kommen Sie mit mir,« sagte er und hing sich an Blüchers Arm. Als sie -eine Stelle erreicht hatten, wo das Licht nur schwach schien und wenige -Leute vorüber gingen, blieb er stehen und hob die Hände flehend empor. - -»Freund -- Fremder, sehen Sie mich an,« stammelte er. »Sie freuen sich -Ihres Lebens in Ruhe und Behagen, wie ich einst in meiner guten Zeit. -Sie haben dort drinnen herrlich zu Abend gespeist, ein Liedchen gesummt -und bei sich gedacht, es ist doch schön auf der Welt. Sie haben nie -Not gelitten, Sie wissen nicht was Kummer und Elend ist, Sie kennen -den Hunger nicht! -- Sehen Sie mich an, Fremder, haben Sie Erbarmen -mit einem freundlosen, heimatlosen Menschen. So wahr Gott lebt -- seit -achtundvierzig Stunden habe ich keinen Bissen gegessen; schauen Sie mir -ins Auge, ich lüge nicht. Geben Sie mir nur eine Kleinigkeit, mich vom -Hungertode zu retten; was Sie wollen -- 25 Cents genügen mir. Thun Sie -es, Fremder, ich bitte, ich beschwöre Sie. Ihnen ist es ein Leichtes -und mein Leben hängt daran. Ich will vor Ihnen im Staube liegen und den -Boden küssen, den Ihr Fuß betritt. Nur 25 Cents! Ich gehe zu Grunde, -ich sterbe, ich verhungere. Um des Himmels willen, verlassen Sie mich -nicht!« - -Blücher war außer sich, bis ins Innerste gerührt und ergriffen. Er -überlegte hin und her, dann rief er von einem plötzlichen Gedanken -beseelt: - -»Ja, so wird es gehen!« Den Arm des Elenden ergreifend, führte er ihn -nach Martins Restaurant, ließ ihn dort an einem Marmortisch Platz -nehmen, legte den Speisezettel vor ihn hin und sagte: - -»Bestellen Sie jetzt was Sie wollen, Freund. Es geht auf meine -Rechnung, Herr Martin.« - -»Schon gut, Herr Blücher,« versetzte der Speisewirt. - -Gegen den Schenktisch gelehnt, sah Blücher zu, wie der Mensch ein -Stück Buchweizenkuchen zu 75 Cents nach dem andern heißhungrig -verschlang, verschiedene Tassen Kaffee hinunterstürzte und Beefsteaks -die Portion zu zwei Dollars verzehrte. Als der Fremde Speisen im Wert -von etwa sechs und einem halben Dollar vertilgt hatte und sein Hunger -gestillt war, begab sich Blücher nach Peters Speisehaus, kaufte für -sein Zehn-Centstück ein Kalbskotelett und ein Stück Brot, machte sich -darüber her und schmauste wie ein König. - - - - -Tom Quarz. - - -Bald darauf traf ich einen früheren Bekannten, der Bergmann in einem -der verlassenen Grubendistrikte Kaliforniens war. Ich ging mit ihm -zurück und blieb mehrere Monate dort unter den Goldgräbern, welche in -der ausgedehnten Hügel- und Waldlandschaft vier bis fünf zerstreute -Hütten bewohnen. In der flotten Zeit, ehe die Gruben erschöpft waren, -hatte in dieser Einöde eine blühende Stadt mit einer Bevölkerung von -zwei- bis dreitausend Menschen gestanden; jetzt war alles spurlos -verschwunden -- Straßen, Wohnhäuser, Läden -- und nur eine Handvoll -Bergleute an Ort und Stelle zurückgeblieben, die sich längst in ihre -Verbannung gefunden und die Welt vergessen hatten, wie sie von aller -Welt verlassen waren. - -Einer meiner dortigen Kameraden, der seit achtzehn Jahren sein -geplagtes Leben voll Entbehrungen und Enttäuschungen geduldig ertragen -hatte, war Dick Baker, ein ernster, schlichter Mann, sechsundvierzig -Jahre alt, grau wie eine Ratte, halbwegs gebildet, in schlotteriger mit -Lehm beschmutzter Kleidung. Sein Herz aber war von kostbarerem Gold, -als er mit seiner Schaufel je zu Tage gefördert hatte, von feinerem -Metall als jemals gegraben oder gemünzt worden war. - -So oft Baker kein Glück hatte und etwas niedergeschlagen war, pflegte -er um den Verlust einer wundervollen Katze zu trauern, die ihm früher -gehört hatte. Wenn er von ihrer merkwürdigen Klugheit sprach, so sah -man es ihm am Gesicht an, daß er im Innersten seines Herzens überzeugt -war, sie müsse menschliche, -- ja sogar vielleicht übermenschliche -- -Eigenschaften besessen haben. - -Einmal kam er auch in meinem Beisein auf das Tier zu sprechen. - -[Illustration] - -»Acht Jahre lang,« sagte er, »hatte ich hier eine Katze, die hätte -Sie gewiß interessiert. Sie hieß Tom Quarz, war groß und grau und -eigentlich ein Kater, mit so viel gesundem Menschenverstand wie irgend -einer von uns im Lager. Tom hatte auch ein gewaltiges Selbstgefühl im -Leibe, sogar dem Gouverneur von Kalifornien würde er nicht gestattet -haben, sich Vertraulichkeiten gegen ihn herauszunehmen. Eine Ratte -hatte er sein Lebtag nicht gefangen -- war vermutlich zu vornehm dazu. -Die einzige Angelegenheit, um die er sich kümmerte, war der Bergbau. -Vom Goldgraben verstand er mehr als irgend jemand in der Welt, die -Kenntnis war ihm förmlich angeboren, alles wußte er, was die Arbeit auf -den Goldfeldern betraf, man konnte ihm gar nichts Neues mehr sagen. -Er grub hinter mir und Jim drein, wenn wir die Berge durchsuchten und -trabte oft meilenweit mit uns umher. Ein vorzügliches Urteil hatte -er über den Boden, wo was zu finden sei; wahrhaftig, mir ist nichts -Aehnliches wieder vorgekommen. Wenn wir an die Arbeit gingen, warf er -nur einen Blick um sich; mißfielen ihm dann die Anzeichen, so machte -er ein Gesicht, das bedeuten sollte: »Na, Freunde, ihr werdet mich -wohl entschuldigen,« -- dabei hob er die Nase in die Luft und trollte -sich nach Hause, ohne noch ein Wort zu sagen. War er aber mit dem -Platz einverstanden, so verhielt er sich ruhig, bis die erste Pfanne -ausgespült war, dann schlängelte er sich in unsere Nähe und wenn er -sechs oder sieben Körner Gold sah, war er zufrieden und die Aussichten -schienen ihm gut. Er legte sich nun auf unsere Röcke und fauchte wie -ein Dampfboot, sobald wir jedoch auf eine ergiebige Stelle stießen, -fuhr er blitzschnell in die Höhe und machte sich ans Besichtigen. - -»Jetzt kam die Zeit, wo alle Welt darauf versessen war, das Gold im -Gestein, statt in der Erde zu suchen, alle hackten und sprengten -nun, anstatt Erde zu schaufeln, jeder wollte einen Schacht graben, -statt bloß an der Oberfläche zu kratzen. Jim ließ mir keine Ruhe, wir -mußten auch nach Erz im Gestein suchen. Als wir den Schacht anzulegen -begannen, machte Tom Quarz große Augen, was zum Henker wir denn vor -hätten; solche Bergwerkerei schien ihm unerhört, er war ganz verblüfft -und konnte uns nicht begreifen. Daß mein Kater aber genau wußte, -worauf wir hinaus wollten, darauf möchte ich wetten; er sah immer aus, -als ob er unsere Arbeit für die größte Thorheit hielt. Neumodische -Einrichtungen konnte er nun einmal nicht ausstehen und war schwer von -seinen alten Gewohnheiten abzubringen. Erst ganz allmählich versöhnte -sich Tom Quarz einigermaßen mit dem neuen Betrieb, obwohl er es nie -recht einsah, warum wir immer und ewig in den Schacht einfuhren und -doch nichts Ordentliches herausholten. Zuletzt kam er selber herunter -um zu versuchen, ob er sich’s klar machen könne; aber es verwirrte -ihn nur, uns zuzusehen, er ward ärgerlich und die ganze Sache war ihm -zuwider, zumal er wußte, daß unsere Ausgaben fortwährend anwuchsen -und wir nicht einen Cent verdienten. So legte er sich denn auf einen -Pulversack im Winkel, rollte sich zusammen und schlief ein. - -[Illustration] - -»Eines Tages trafen wir in dem Schacht auf so hartes Gestein, daß -wir einen Sprengversuch vornehmen mußten, den ersten, seitdem Tom -Quarz geboren war. Wir steckten die Lunte an, kletterten heraus und -liefen etwa fünfzig Meter weit fort -- den Kater aber, der auf seinem -Pulversack in festem Schlafe lag, hatten wir richtig vergessen. Eine -Minute später sahen wir aus dem Loch eine dicke Rauchsäule aufsteigen, -dann that es einen fürchterlichen Krach und etwa vier Millionen Tonnen -Steine, Erde, Rauch und Splitter flogen wohl anderthalb Meilen hoch -in die Luft; und wahrhaftig, mitten in dem Wirrwarr sauste kopfüber, -kopfunter unser alter Tom Quarz mit in die Höhe, schnaubte, nieste und -streckte die Klauen aus wie besessen, um sich irgendwo festzuhalten, -aber es nützte ihn rein gar nichts. - -»Nun vergingen wohl dritthalb Minuten, ohne daß wir was von ihm zu -sehen kriegten, dann fing es auf einmal an, Steine und Schmutz zu -regnen und auch der Kater fiel herunter, etwa zehn Fuß vor dem Fleck -wo wir standen. Na, der sah schön aus; ein erbärmlicheres Geschöpf ist -mir all mein Lebtag nicht vorgekommen. Ein Ohr saß ihm im Nacken, der -Schwanz stand steif in die Höhe, die Augenwimpern waren abgesengt, -der Körper ganz von Pulver und Rauch geschwärzt und mit Schlamm und -Schmutz überzogen. Wir starrten ihn an und brachten kein Wort heraus --- was hätten auch alle Entschuldigungen jetzt nützen können? -- Tom -Quarz warf einen Blick voll Ekel auf sich selber, dann aber sah er uns -an, als wolle er sagen: »Ihr dünkt euch wohl recht schlau, daß ihr -einer Katze, die nichts vom neuen Bergbau versteht, so mitgespielt habt --- aber ich sehe die Sache von einem andern Gesichtspunkt an.« Damit -machte Tom rechtsumkehrt und marschierte nach Hause, ohne noch weiter -ein Wort zu verlieren, das war so seine Art. - -»Mögen Sie’s nun glauben oder nicht -- von der Zeit an gab es in der -ganzen Welt keine Katze, die mehr gegen den Quarzbau eingenommen -war wie er. Als er endlich wieder anfing, den Schacht zu befahren, -verwunderten wir uns alle über seine Schlauheit. Es war wirklich -merkwürdig -- kaum, daß wir das Pulver zum Sprengen gelegt hatten und -die Lunte anzündeten, so warf er uns einen Blick zu, in dem zu lesen -stand: »Nun empfehle ich mich Ihnen ergebenst --« im Nu war er dann zum -Loch hinaus und auf einen Baum geklettert, so hoch er konnte. Was sage -ich -- Schlauheit -- das ist gar kein Wort dafür; es war eine förmliche -Eingebung.« - -»Wissen Sie, Herr Baker,« versetzte ich, »wenn man sich auf den -Standpunkt des Katers stellt, scheint mir sein Vorurteil eigentlich -ganz begreiflich. Haben Sie denn nie versucht, ihn davon zu heilen?« - -»Wo denken Sie hin! Nein, wenn Tom Quarz sich einmal etwas in den Kopf -gesetzt hatte, so blieb er dabei durch dick und dünn. Sie hätten ihn, -wer weiß wie oft, in die Luft sprengen können, von seiner verfluchten -Abneigung gegen den Quarzbau wäre er doch nicht abzubringen gewesen.« - -Während Baker dies beredte Zeugnis für die festen Grundsätze seines -alten Freundes ablegte, strahlte sein ganzes Gesicht vor Liebe und -Stolz. Die Erinnerung daran wird mir stets unvergeßlich bleiben. - -Mein Freund Dick Baker war auch sonst ein Tierfreund. In den Wäldern -und Bergen des abgelegenen Winkels von Kalifornien hatte er sich -mit den Vögeln und Vierfüßlern, welche dort heimisch sind, innig -befreundet. Er war fest davon überzeugt, daß er jede Aeußerung dieser -Tiere verstand; ebenso wie jener amerikanische Gelehrte, der unlängst -in eingehender Weise über die Sprache der Affen ein Werk geschrieben -hat. - -Dick Baker stellte in dieser Beziehung ganz bestimmte Behauptungen -und Regeln auf. Einige Tiere, meinte er, haben nur geringe Bildung -genossen, und bedienen sich daher einer ganz einfachen Ausdrucksweise, -ohne Bilder und Gleichnisse; andere dagegen verfügen über einen großen -Wortschatz, beherrschen die Sprache vollkommen und haben einen freien, -fließenden Vortrag. Diese sprechen gern und viel; sie sind sich ihres -Talentes bewußt und wollen es zur Geltung bringen. Nach langer und -sorgfältiger Beobachtung war Baker zu der Ueberzeugung gekommen, -daß es in der ganzen Tierwelt keinen besseren Redner giebt, als den -Blauhäher.[5] - - [5] Der amerikanische Blauhäher hat ein viel glänzenderes und - buntfarbigeres Gefieder als unser gewöhnlicher Eichelhäher. - -»Ja,« sagte er, »hinter einen Blauhäher kommt man nicht so leicht! Man -glaubt nicht, was für Stimmungen und Gefühle der hat und wie er sie -alle auszudrücken versteht. Dabei spricht er nicht etwa alltägliches -Zeug -- nein, wie ein Buch -- die schönsten Redewendungen strömen ihm -nur so heraus. Mit der Sprache versteht er umzuspringen wie keiner; -ihm fehlt nie ein Wort, das kommt gar nicht vor; ganz ungesucht fließen -sie ihm zu. Und noch was habe ich bemerkt: Kein Vogel, keine Kuh oder -sonst ein Geschöpf spricht so fein wie der Blauhäher! Eine Katze meint -ihr? Jawohl, die spricht freilich fein -- aber laßt sie einmal in -Aufregung geraten! Wenn sie sich nachts mit einer andern Katze auf dem -Dach rauft, dann hört zu, in was für Ausdrücken sie sich ergeht, -- es -wird einem übel und weh dabei. - -»Man kann den Häher wohl mit einem gewissen Recht zu den Vögeln zählen --- weil er Federn hat, vielleicht auch weil er keine Steuern zahlt: -aber in anderer Beziehung ist er ganz wie unsereins. Denn sehen Sie, -ein Häher hat Triebe und Gaben, Gefühle und Interessen, so gut wie ein -Mensch. Ein Häher hat keine strengeren Grundsätze als ein Roßkamm. Er -stiehlt, er lügt und betrügt, er hintergeht jeden wo er nur kann, kein -noch so feierliches Versprechen ist bindend für ihn. Was Pflichttreue -ist, kann man ihm nicht begreiflich machen. Der beste Beweis aber ist, -daß ein Häher fluchen und schwören kann, wie kein Lümmel weit und -breit! -- Eine Katze kann auch fluchen und schwören. Jawohl, das kann -sie freilich -- aber wenn ein Häher ’mal richtig im Zuge ist, so vermag -es keine Macht im Himmel und auf Erden mit ihm aufzunehmen. Im Zanken -und Schelten ist er Meister, so derb und flink, daß niemand gegen ihn -aufkommt. - -»Was ein Mensch kann, das kann ein Blauhäher auch: Er kann weinen, -lachen und sich schämen, er kann Schlüsse und Pläne machen und seine -Sache verfechten, er liebt Geschwätz und Klatschgeschichten, hat Sinn -für Humor, und wenn er einen dummen Streich gemacht hat, so weiß er’s -besser als ich und Sie. Kurz, ein Häher ist ähnlich wie ein Mensch -- -das lass’ ich mir nicht nehmen. - -»Ich will Ihnen übrigens noch eine wahre Geschichte von den Blauhähern -erzählen, für die ich mich verbürgen kann. - -»Der Vorfall trug sich zu, als ich gerade anfing, die Hähersprache -richtig zu verstehen. - -»Der letzte Mensch, der außer mir in dieser Gegend wohnte, ist vor -sieben Jahren fortgezogen; sein Blockhaus nebenan steht seitdem leer, -es hat nur ein großes Zimmer und darüber die rohen Balken und das -Bretterdach. An einem Sonntagmorgen saß ich nun einmal mit meiner Katze -hier vor der Hütte, sonnte mich, sah nach den blauen Bergen hinüber, -hörte das Laub der Bäume rauschen in der Einsamkeit und dachte an -meine Heimat draußen in der Welt -- seit dreizehn Jahren wußte ich -nicht mehr, wie’s dort zuging. Da fliegt ein Häher mit einer Eichel im -Schnabel auf das Blockhaus und sagt: ›Oho, was entdecke ich da?‹ Daß -ihm bei diesen Worten die Eichel aus dem Schnabel fällt und natürlich -vom Dach hinabrollt, kümmert ihn wenig, er ist einzig und allein mit -seiner Entdeckung beschäftigt. Es war ein Astloch im Dach. Den Kopf auf -die Seite gedreht, kneift er ein Auge zu, schaut mit dem andern in das -Loch hinein, sieht dann vergnügt in die Höhe, lüftet die Flügel ein -paarmal vor innerm Wohlbehagen und sagt: ›Es sieht aus wie ein Loch, -es ist wo ein Loch hingehört, -- sollte es am Ende wirklich ein Loch -sein?!‹ -- - -»Er hält den Kopf nach unten, guckt noch einmal hinein, blickt wieder -auf, bewegt Flügel und Schwanz vor Freude und sagt: ›Ja, ja, es ist -ganz richtig -- bin ich ein Glückspilz! -- ein prächtiges, ordentliches -Loch, gewiß und wahrhaftig!‹ Dann fliegt er auf den Boden, holt die -Eichel herauf, wirft den Kopf zurück, und mit dem süßesten Lächeln der -Welt läßt er sie hineinfallen. Er scheint zu lauschen, seine Miene -wird ernsthafter, und voll komischer Verwunderung sagt er endlich: -›Ich hab’ sie doch nicht fallen hören!‹ Wieder hält er das Auge ans -Loch, schaut lange hinein, blickt dann auf und schüttelt den Kopf. Dann -versucht er’s von der andern Seite -- abermaliges Kopfschütteln. Um das -ganze Loch marschiert er herum, besieht sich’s genau und schaut von -allen Himmelsgegenden hinein. Umsonst! Nachdenklich sitzt er auf dem -Dachfirst und kraut sich den Kopf mit dem rechten Fuß, bis er zuletzt -sagt: ›Das geht über meine Begriffe! Das Loch muß wirklich gehörig tief -sein! Aber länger kann ich mich nicht zum Narren machen, ich muß an die -Arbeit. Die Sache wird schon ihre Richtigkeit haben, ich lasse es eben -drauf ankommen.‹ - -»Er fliegt auf und davon, kommt mit einer zweiten Eichel wieder, läßt -sie hineinfallen und hält schnell das Auge ans Loch, um zu sehen, was -draus wird -- aber zu spät. Wohl eine Minute lang schaut er hinein, -dann blickt er seufzend auf: ›Alle Wetter, das ist doch zu toll, das -versteh’ ’mal einer! -- aber ich probier’s wieder.‹ - -»Bei der dritten Eichel thut er was er kann, um ihr noch schneller -nachzusehen, aber vergebens. ›So ein Loch ist mir noch nicht -vorgekommen,‹ sagt er, ›es muß wohl eine ganz neue Art sein, wie ich -noch keins gesehen habe.‹ - -»Nun gerät er in Zorn. Zuerst bezwingt er sich noch, stolziert auf dem -Dachfirst auf und ab, schüttelt den Kopf und brummt in sich hinein; -dann übermannen ihn die Gefühle und er fängt an zu schimpfen, bis er -vor Aerger ordentlich schwarz wird. Noch nie hab’ ich einen Vogel um so -einer Kleinigkeit willen in solcher Wut gesehen. Wie er genug gewettert -hat, geht er wieder ans Loch, sieht lange hinein und sagt dann: ›’s ist -ein dunkles Loch, ein tiefes Loch und ein sehr komisches Loch, aber nun -ich einmal angefangen hab’ es zu füllen, will ich’s auch durchsetzen, -und wenn’s hundert Jahre dauert.‹ - -»Fort fliegt er, und all’ mein Lebtag hab’ ich noch nie einen Vogel -so arbeiten sehen wie den. Dritthalb Stunden ging das in einem fort. -Eichel auf Eichel warf er ins Loch, kein einzigesmal schaute er mehr -hinein, sondern flog nur immer hin und wieder. Ich war so voll Spannung -und Aufregung, daß ich nichts anderes sah und dachte. - -»Endlich ist er aber doch so abgearbeitet, daß er kaum noch die Flügel -regen kann. In Schweiß gebadet kommt er herbeigeflogen, läßt die Eichel -hineinfallen und sagt: ›Nun wirst du, denke ich, wohl genug haben, du -altes Loch.‹ - -»Er steckte den Kopf hinein, und wie er wieder aufsieht, ist er -ordentlich blaß vor Wut, -- Sie können mir’s glauben, lieber Herr! -- -›Ausstopfen sollen sie mich und ins Museum stellen,‹ schreit er, ›wenn -ich auch nur eine Spur von den Eicheln entdecken kann, eine ganze -Familie könnte sich dreißig Jahre davon satt essen, so viel hab’ ich -hineingetragen!‹ - -»Mühsam schleppt er sich auf den Dachfirst, lehnt sich an den -Schornstein, überdenkt die Sache und macht dann seinem Herzen Luft. Na, -das hätten Sie hören sollen! So was von Schimpfen und Schelten ist mir -mein Lebtag nicht vorgekommen! - -»Während er im besten Zuge ist, kommt ein anderer Häher vorbeigeflogen, -hält an und fragt, was es denn giebt. Sein armer Freund trägt ihm die -ganze Sache vor und sagt: ›Wenn du mir’s nicht glauben willst, so geh’ -und sieh’ selbst nach, -- da drüben ist das Loch!‹ - -»Das thut der zweite Häher, und wie er alles genau betrachtet hat, -kommt er zurück und fragt: ›Wie viele hast du denn eigentlich -hineingeworfen?‹ -- ›Wenigstens zwei Säcke voll,‹ versetzt jener. - -»Der Häher geht abermals zum Loch und sieht hinein -- es scheint ihm -ganz unerklärlich; auf seinen Ruf kommen noch drei Häher herbei. Alle -untersuchen das Loch, lassen sich die Geschichte erzählen und streiten -hin und her, als ob ebenso viele Menschen ihre hohlköpfigen Ansichten -zum Besten gäben. - -»Noch mehr Häher werden herzugerufen, sie kommen in immer größeren -Scharen geflogen, bis alles ringsumher ganz blau davon schimmert. Es -mögen wohl an die fünftausend gewesen sein, und ein solches Lärmen, -Hacken, Krähen und Schimpfen ist noch nie dagewesen. Jeder einzelne -Häher hält das Auge ans Loch und alle kramen ihre Meinungen über das -rätselhafte Ereignis aus -- eine immer unsinniger wie die andere. Dann -wird das ganze Haus untersucht. Die Thüre steht halb offen und ein -alter Häher, der in die Nähe kommt, guckt zufällig hinein. Nun war’s -mit dem Geheimnis auf einmal vorbei: da lagen alle die Eicheln auf -dem ganzen Boden umhergestreut. Der Häher schlägt mit den Flügeln und -erhebt ein Geschrei: ›Hierher,‹ ruft er, ›kommt alle her, der närrische -Kerl hat das ganze Haus mit Eicheln füllen wollen!‹ - -»Da kamen sie herabgeschossen wie eine blaue Wolke; jeder geht zur -Thüre, schaut hinein, und sobald ihm der ganze Unverstand des ersten -Hähers klar wird, fällt er rücklings über und will vor Lachen bersten; -dann kommt der nächste an die Reihe, guckt hinein und macht es ebenso. - -»Hierauf saßen alle wohl über eine Stunde auf dem Hausdach und ringsum -in den Bäumen und schüttelten sich vor Lachen, gerade wie die Menschen. - - * * * * * - -»Der Blauhäher hat viel Sinn für Humor -- das lass’ ich mir nicht -ausreden. Und ein gutes Gedächtnis hat er auch. Drei Jahre lang kamen -Häher aus allen Staaten der Union jeden Sommer angeflogen, um in -das Loch hinunterzusehen; auch andere Vögel brachten sie mit. Alle -freuten sich an dem Spaß, nur eine alte Eule nicht, die auf einer -Forschungsreise nach Naturmerkwürdigkeiten begriffen, unterwegs -auch das wunderbare Loch besichtigen wollte. Sie sagte, sie könne -nicht einsehen, was für ein Witz dabei sei, -- indes die andern -Merkwürdigkeiten hatten auch nicht viel Eindruck auf sie gemacht.« - -[Illustration] - - - - -Die Vorlesung. - - -Nach meiner Irrfahrt befand ich mich endlich wieder zu Hause in San -Francisco ohne Mittel und ohne Beschäftigung. Ich zermarterte mir das -Hirn, um einen Plan zu finden, der mich retten könnte und verfiel -zuletzt darauf, eine öffentliche Vorlesung zu halten. In fieberhafter -Erregung setzte ich mich voll Hoffnung hin und schrieb einen Vortrag -nieder. Ich zeigte ihn verschiedenen Freunden, aber sie schüttelten -alle die Köpfe und meinten, höchst wahrscheinlich würde niemand kommen, -um mir zuzuhören und ich würde beschämt wieder abziehen müssen. Aber -selbst im Fall die Vorlesung zu stande käme, müßte sie schmählich -mißlingen, da ich ja nie zuvor öffentlich gesprochen hätte. Das -machte mich ganz trostlos. Endlich jedoch klopfte mir ein Redakteur -vertraulich auf den Rücken und meinte: »Ich will Ihnen was sagen! -Mieten Sie den größten Saal in der Stadt und fordern Sie einen Dollar -Eintrittsgeld. Bange machen gilt nicht.« - -Die Tollkühnheit des Vorschlags reizte mich, umsomehr als -viel praktische Weisheit und Weltkenntnis darin lag. Auch ein -Theaterbesitzer hielt den Rat für gut und bot mir sein großes neues -Opernhaus für fünfzig Dollars an -- die Hälfte des gewöhnlichen -Preises. Aus reiner Verzweiflung ging ich darauf ein und mietete es -auf Kredit -- aus triftigen Gründen. In drei Tagen ließ ich nun für -150 Dollars Anzeigen und Zettel drucken und war wohl das verzagteste -und geängstetste Menschenkind an der ganzen Küste des Stillen Ozeans. -Schlafen konnte ich nicht, das wäre wohl unter solchen Umständen -niemand möglich gewesen. Wenn andern Leuten die letzte Zeile meines -Anschlagzettels vielleicht scherzhaft erschienen ist, so hatte sie doch -für mich einen sehr kläglichen Anstrich; mir war furchtbar beklommen zu -Mute, als ich schrieb: - - »Die Thüren werden um 7½ Uhr geöffnet. - Um 8 Uhr beginnt das Unheil.« - -Der Satz hat manchem seither gute Dienste geleistet. Besitzer von -Schaubuden haben ihn mir abgeborgt und einmal fand ich ihn sogar am -Schluß einer Anzeige, durch welche den Schulzöglingen der Beginn des -neuen Kursus nach den Ferien angekündigt wurde. - -Während die drei Tage in peinlicher Erwartung langsam vergingen, wurde -ich immer unglücklicher. Ich hatte zweihundert Eintrittskarten an -meine persönlichen Bekannten verkauft, aber ich fürchtete, sie würden -sämtlich fortbleiben. Meine Vorlesung, die mir zuerst humoristisch -vorgekommen war, wurde von Stunde zu Stunde langweiliger und -trübseliger, bis auch nicht mehr der Schatten eines Witzes darin zu -entdecken war und ich bedauerte, daß ich nicht einen Sarg auf die Bühne -bringen und die ganze Geschichte in ein Leichenbegängnis verwandeln -konnte. - -Zuletzt befiel mich eine solche Höllenangst, daß ich mich entschloß, -drei alte Freunde -- gutherzige Gemüter und wahre Riesengestalten -- -aufzusuchen, welche Stimmen besaßen, die dem Brüllen des Sturmwinds -glichen. - -»Hört einmal,« sagte ich zu ihnen, »ich falle gewiß mit der Sache -durch; die Witze sind so tiefsinnig, daß kein Mensch sie verstehen -wird. Würdet ihr mir wohl den Gefallen thun, euch ins Parkett zu -setzen, um mir Beistand zu leisten?« - -Als sie dies versprochen hatten, ging ich zu der Frau eines bekannten -und beliebten Bürgers, die ich bat, mit ihrem Manne in der Loge -links von der Bühne Platz zu nehmen, wo alle Welt sie sehen könne. -Ich stellte ihr vor, wie sehr ich ihrer Hilfe bedürfe und machte mit -ihr aus, ich würde mich jedesmal nach ihr hinwenden und lächeln, zum -Zeichen, daß ich einen schwerverständlichen Witz losgelassen hätte; -»dann aber grübeln Sie, bitte, nicht lange darüber nach,« fügte ich -hinzu, »sondern folgen Sie meinem Wink.« - -[Illustration] - -Sie gab mir ihre Zusage und ich entfernte mich. Auf der Straße -begegnete mir ein Mann, den ich noch niemals gesehen hatte. Er war -angetrunken und strahlte vor Gutmütigkeit. - -»Mein Name ist Sawyer,« sagte er, »Sie kennen mich nicht, doch das ist -einerlei. Ich habe keinen Cent in der Tasche, aber wenn Sie wüßten, -wie gern ich einmal lachen möchte, so schenkten Sie mir sicherlich ein -Billet. Na, was meinen Sie dazu?« - -Statt der Antwort fragte ich: »Wie verhält es sich denn mit Ihren -Lachmuskeln? Ich meine -- platzen Sie leicht heraus oder sind Sie sehr -wählerisch in betreff der Späße?« - -Meine langsame, gedehnte Sprechweise kam ihm so komisch vor, daß er -sogleich einige Proben seiner Lachkunst zum Besten gab; ich sah, -es war gerade die Sorte, welche ich brauchte. So schenkte ich ihm -denn ein Billet in der Mitte der zweiten Abteilung, für die er alle -Verantwortlichkeit übernahm, und belehrte ihn darüber, wie er etwaige, -undeutliche Scherze erkennen könne. Als wir uns trennten, kicherte er -wohlgefällig über die Neuheit des Planes. - -An dem letzten der drei schicksalsschweren Tage aß ich keinen Bissen -- -ich litt nur Qualen. An diesem Tage sollte der Verkauf der reservierten -Logenplätze stattfinden. Als ich mich gegen vier Uhr nachmittags an die -Theaterkasse schlich, um zu sehen, ob Eintrittskarten gelöst worden -seien, fand ich sie verschlossen -- der Billetverkäufer hatte sich -entfernt. Ich mußte heftig schlucken, denn das Herz schlug mir bis -in den Hals hinauf. »Also, gar nichts verkauft,« sagte ich mir; »das -hätte ich vorher wissen können.« Ich dachte in vollem Ernst daran, die -Flucht zu ergreifen, Krankheit vorzuschützen, oder einen Selbstmord zu -begehen, so erbärmlich war mir zu Mute. Aber natürlich mußte ich mir -das alles aus dem Sinn schlagen und meinem Schicksal die Stirne bieten. -Es war mir unmöglich, bis halb 7 Uhr zu warten, ich mußte dem Greuel -ins Angesicht sehen und damit fertig werden. Aehnliche Gefühle mag ein -Mensch haben, der gehängt werden soll. - -Um sechs Uhr ging ich auf Nebenwegen nach dem Theater und trat durch -eine Hinterthür ein. Ich stolperte an Reihen von Leinwandkoulissen -vorüber nach der Bühne und sah den Zuschauerraum düster und stumm, -in entsetzlicher Leere vor mir liegen. Darauf zog ich mich wieder in -das Dunkel hinter die Koulissen zurück und verharrte dort anderthalb -Stunden, in Grauen und Entsetzen versunken; für die ganze übrige Welt -war mir jedes Bewußtsein geschwunden. - -Plötzlich vernahm ich ein Geräusch, das sich immer mehr steigerte; -lauter und lauter wurde das Gemurmel und endete mit einem Krach, in den -sich Hochrufe mischten. Der wahrhaft betäubende Lärm erhob sich jetzt -ganz in meiner Nähe und ich fühlte, daß mir die Haare zu Berge standen. -Nun folgte eine Pause, dann kam ein abermaliges Hoch und gleich darauf -ein drittes. Ehe ich noch recht wußte, wie mir geschah, befand ich mich -mitten auf der Bühne, vor mir wogte ein Meer von Gesichtern, der helle -Glanz der Lichter verwirrte mich und ich zitterte an allen Gliedern vor -tödlichem Schrecken. Das ganze Haus war gedrängt voll, selbst die Gänge -zwischen den Sitzreihen. - -Es dauerte eine volle Minute, bis sich meine Aufregung in Kopf, -Herz und Beinen beruhigt hatte und ich meine Selbstbeherrschung -einigermaßen wieder gewann. Ich las Wohlwollen und Freundlichkeit in -allen Gesichtern, meine Furcht verschwand allmählich und ich begann -zu sprechen. Schon nach drei bis vier Minuten fühlte ich mich ganz -behaglich und zufrieden. Meine drei Hauptverbündeten waren mit drei -Gehilfen zur Hand; sie saßen beieinander im Parkett mit Knotenstöcken -bewaffnet und kampfbereit, um beim geringsten Scherzwort zum Angriff zu -schreiten. Bei jedem Witz, den ich zum Besten gab, stießen sie mit den -Stöcken gewaltig auf den Boden und verzogen den Mund von einem Ohr zum -andern. Sawyer, dessen treuherziges Gesicht sich mitten in der zweiten -Abteilung rötlich abhob, stimmte in ihr Gelächter ein und das ganze -Haus wurde zum Beifall fortgerissen. Selbst die mittelmäßigsten Witze -erzielten eine nie geahnte Wirkung. - -Nach einer Weile kam ich an eine ernsthafte Stelle, die ich mit -großer Salbung vortrug; es war mein Leibstück und die Zuhörerschaft -lauschte in atemlosem Schweigen, was mir wohlthuender war als der -rauschendste Beifall. Bei dem letzten Wort meiner Einschaltung wandte -ich mich zufällig und begegnete dem aufmerksam und erwartungsvoll -auf mich gerichteten Auge der Frau K. -- Mein neuliches Gespräch mit -ihr fiel mir plötzlich ein und wie sehr ich mich auch zusammennahm, -ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Sie hielt dies für unser -verabredetes Zeichen und brach sogleich in ein wohlklingendes Gelächter -aus, von welchem sich die ganze Zuhörerschar anstecken ließ. Die -Explosion, die nun erfolgte, bildete den Triumph des ganzen Abends. -Ich fürchtete schon, der wackere Sawyer würde vor Lachen ersticken, -und die Knotenstöcke arbeiteten, als gälte es Pfähle einzurammen. Mein -armes bißchen Pathos war freilich zu Grunde gerichtet; man hielt es in -gutem Glauben für einen beabsichtigten Witz und zwar für die Krone der -ganzen Unterhaltung. Ich war natürlich klug genug, den Irrtum nicht -aufzuklären. - -Alle Zeitungen brachten am andern Morgen freundliche Besprechungen; -meine Eßlust kehrte zurück und ich hatte Geld in Hülle und Fülle. Ende -gut -- alles gut. - -[Illustration] - - - - -Anhang. - -[Illustration] - - - - -Aus meiner Knabenzeit. - - -I. - -Als ich nach neunundzwanzigjähriger Abwesenheit (1882) meinem Heimatort -einen kurzen Besuch machte, fand ich daselbst ebensoviel anders -geworden, wie überhaupt am ganzen Mississippi. Die Stadt Hannibal, wie -sie früher gewesen, stand mir noch klar und lebhaft im Gedächtnis, -ich hätte sie malen können. Ich trat ans Ufer und mir war zu Mute wie -einem Menschen aus einer längst begrabenen Generation, der wieder -unter den Lebenden wandelt. Ein ähnliches Gefühl müssen, denke ich, -die Gefangenen der Bastille gehabt haben, wenn sie nach jahrelanger -Kerkerhaft ans Licht des Tages kamen und sich nun in Paris umschauten, -wo ihnen alles so fremd und doch so vertraut war. - -Wohl sah ich die neuen Häuser -- sie standen ja leibhaftig vor mir --- aber die Bilder aus alter Zeit, die in meiner Erinnerung lebten, -berührte das nicht; durch die festgefügten Mauern hindurch sah ich -die alten Häuser, die ehemals an ihrem Platz gestanden, mit größter -Deutlichkeit. - -Es war Sonntagmorgen und alles lag noch in den Federn. So schritt ich -denn durch die leeren Straßen, sah die Stadt nicht wie sie ist, sondern -wie sie war und begrüßte im Geist hundert mir wohlbekannte Gegenstände, -die vom Erdboden verschwunden waren. Schließlich stieg ich den -Holiday-Hügel hinauf, um einen weiten Ueberblick zu gewinnen. Nun lag -die ganze Stadt zu meinen Füßen ausgebreitet und ich konnte jedes -Gebäude, jede einzelne Oertlichkeit genau bestimmen. Natürlich hatte -ich Mühe, meine Rührung zu bemeistern. Ich sagte mir: »Von den Leuten, -die ich einst in diesem friedlichen Hafen meiner Kindheit gekannt habe, -sind schon viele in den Himmel gegangen, manche aber auch sicherlich -nach einem andern Ort der Vergeltung.« - -Alles, was ich rings um mich sah, rief meine Knabengefühle wieder -wach; ich war überzeugt, ich sei noch ein Knabe und hätte nur einen -ungewöhnlich langen Traum gehabt. Allein, sobald ich anfing zu -überlegen, schwand diese Vorstellung. »Da drüben stehen etwa fünfzig -alte Häuser,« sagte ich zu mir, »und ich brauche nur einzutreten, -um überall Männer und Frauen zu finden, die noch in der Wiege lagen -oder nicht geboren waren, als ich zuletzt von hier oben hinabschaute, -vielleicht sogar eine Großmutter, die damals eine blühende junge Braut -war.« - -Man hat von jener Anhöhe aus einen unbegrenzten Blick den Fluß hinauf -und hinunter und über die großen Waldungen von Illinois; die Aussicht -ist wunderschön, fast möchte ich sagen, eine der schönsten am Ufer -des Mississippi, aber das ist eine kühne Behauptung, denn die 800 -Meilen, die der Fluß von St. Paul nach St. Louis durchläuft, bieten -eine ununterbrochene Reihe der reizendsten Landschaftsbilder. Möglich, -daß meine Vorliebe für die in Frage stehende Aussicht mein Urteil -beeinflußt -- ich weiß es nicht gewiß. Jedenfalls gewährte sie mir -die vollste Befriedigung, denn sie hatte vor allem andern Lieben und -Bekannten, was ich wiedersehen sollte, _eines_ voraus -- sie war ganz -unverändert. So jung und frisch, so reizend und anmutig sah ich sie -vor mir, wie sie je gewesen, während die Gesichter meiner ehemaligen -Freunde natürlich alt sein mußten und voller Narben vom Kampf des -Lebens. Sie alle trugen wohl Spuren ihrer Niederlagen und Kümmernisse -und konnten mein Gemüt nicht erheben. - -Ein alter Herr, der auf seinem Morgenspaziergang begriffen war, kam -jetzt herbei. Wir tauschten zuerst unsere Bemerkungen über das Wetter -aus und gerieten dann auf andere Unterhaltungsstoffe. Sein Gesicht -war mir unbekannt; er sagte, er wohne schon 28 Jahre hier am Ort, das -war _nach_ meiner Zeit, ich hatte ihn also noch nie gesehen. Ich zog -nun allerlei Erkundigungen ein; zuerst fragte ich nach einem meiner -Kameraden aus der Sonntagsschule -- was wohl aus ihm geworden wäre. - -»Er ging mit Ehren von einer Universität im Osten ab, dann zog er in -die weite Welt, doch nirgends wollte es ihm glücken; jetzt ist er -längst aus aller Gedächtnis geschwunden, man glaubt, er sei gestorben -und verdorben.« - -»Er war ein begabter Junge, der zu den besten Hoffnungen berechtigte.« - -»Jawohl, aber in Erfüllung gegangen sind sie nicht.« - -Nun fragte ich nach einem andern meiner Mitschüler, dem klügsten im -ganzen Ort. - -»Auch seine Studien im Osten waren vom besten Erfolg gekrönt, aber im -Leben hat er bei jedem Kampf den kürzeren gezogen; schon vor Jahren ist -er irgendwo in den Territorien gestorben -- ein gebrochener Mann.« - -Ich erkundigte mich nach einem dritten begabten Jungen. - -»Dem ist’s gut gegangen, alles gelingt ihm, ich glaube es wird ihm -immer glücken.« - -Hierauf fragte ich nach einem jungen Mann, der damals gerade in die -Stadt gekommen war, um sich in seinem Beruf auszubilden. - -»Er hat umgesattelt, ehe er noch fertig war -- erst wollte er Advokat -werden, dann Mediziner, dann noch etwas anderes. Ein Jahr lang war er -fort, kam mit einer jungen Frau wieder, ergab sich dem Trunk, später -auch dem Spiel; endlich brachte er seine Frau und zwei kleine Kinder zu -ihrem Vater zurück und ging nach Mexiko, sank immer tiefer herunter und -starb dort, ohne einen Cent, um das Bahrtuch zu bezahlen, ohne einen -Freund, der seiner Leiche folgte.« - -»Schade um ihn -- es war der gutmütigste Mensch von der Welt, immer -heiter und hoffnungsvoll.« - -Von einem andern Knaben, den ich nannte, hieß es: - -»O, mit dem ist alles in Ordnung; er hat Frau und Kinder und sein gutes -Fortkommen.« - -Derselbe Bescheid ward mir noch über viele meiner früheren Kameraden. - -Nun fragte ich nach drei Mitschülerinnen: - -»Die beiden ersten leben hier mit Mann und Kindern, die dritte ist -schon lange tot -- geheiratet hat sie nicht.« - -Mit Herzklopfen nannte ich jetzt den Namen einer meiner frühesten -Flammen. - -»Der geht’s gut. Sie war dreimal verheiratet. Zwei Männer hat sie -begraben, vom dritten ist sie geschieden und ich höre, daß sie jetzt -einen alten Menschen nehmen will, der irgendwo draußen in Colorado -lebt. Ihre Kinder sind in der ganzen Welt verstreut.« - -[Illustration] - -Auf einige Fragen lautete die Antwort sehr kurz: - -»Im Kriege gefallen.« - -Von einem Knaben, nach welchem ich fragte, hieß es: - -»Mit dem ist’s seltsam gegangen! Jedermann in der ganzen Stadt wußte, -daß der Junge der reinste Strohkopf war, ein Dummrian erster Sorte, ein -Esel, der seinesgleichen nicht hatte. Das war allbekannt, kein Mensch -zweifelte daran. Und was ist aus ihm geworden? -- denken Sie nur: der -angesehenste Advokat im ganzen Staate Missouri.« - -»Wahrhaftig?!« - -»Wie ich Ihnen sage. Es ist die lauterste Wahrheit.« - -»Wie läßt sich das aber erklären?« - -»Erklären läßt sich’s gar nicht. Man sieht nur daraus, daß die Leute -in St. Louis nicht von selbst auf den Gedanken kommen, daß einer ein -Hansnarr ist, wenn man’s ihnen nicht zuvor sagt. Eins ist sicher -- -hätte ich einen Hansnarren zu versorgen, ich schickte ihn gleich mit -Dampf nach St. Louis, dort ist der beste Markt für dergleichen Ware. -- -Was sagen Sie dazu -- steht einem nicht der Verstand still, wenn man’s -recht bedenkt? Ich muß gestehen, mir ist etwas so Unerhörtes nicht -wieder vorgekommen.« - -»Freilich, es scheint verwunderlich. Aber, glauben Sie nicht, daß man -den Jungen in Hannibal vielleicht falsch beurteilt hat und daß die -Leute in St. Louis ihn richtiger zu würdigen wissen?« - -»Wo denken Sie hin! Hier kennt man ihn ja von klein auf und tausendmal -besser als die Schafsköpfe in St. Louis. Nein, nein, folgen Sie nur -meinem Rat und schicken Sie alle Hansnarren nach St. Louis, dort findet -die Ware Absatz.« - -Ich fragte nun noch nach vielen meiner früheren Bekannten. Sie waren -gestorben oder fortgezogen; manche hatten Glück gehabt, andere nichts -als Verluste; auf etwa ein Dutzend Fragen erhielt ich die beruhigende -Antwort: - -»Die sind wohl auf -- wohnen hier -- die ganze Stadt ist voll von ihren -Kindern.« - -»Wie geht’s Fräulein B.?« fragte ich. - -»Sie starb vor drei Jahren im Irrenhaus -- ist seit dem Tage ihrer -Aufnahme dort nicht wieder herausgekommen; es war an keine Heilung zu -denken, sie ist immer gestört geblieben.« - -Dies bezog sich auf ein entsetzliches Trauerspiel, das sich in meiner -frühesten Kindheit zutrug. Sechsunddreißig Jahre im Irrenhaus -- bloß -weil sich ein paar Thörinnen einen dummen Spaß machen wollten! Ich -sehe die leichtfertigen jungen Dinger noch auf den Fußspitzen ins -Zimmer schleichen, wo Fräulein B. um Mitternacht lesend bei der Lampe -saß. Eins der Mädchen hatte sich das Gesicht mit Mehl gepudert und ein -Leintuch umgebunden. Sie glitt dicht zu der Lesenden heran und berührte -ihr Opfer an der Schulter. Das Fräulein sah auf, stieß einen Schrei aus -und verfiel in Krämpfe. Von dem Schreck hat sie sich nie wieder erholt --- sie wurde wahnsinnig. Heutzutage scheint es uns unbegreiflich, daß -man noch vor so kurzer Zeit an Gespenster geglaubt haben soll. Aber es -war wirklich der Fall. - -Nachdem ich nach allen Leuten gefragt hatte, die mir einfielen, -erkundigte ich mich zuletzt nach mir selber. - -»O, dem ist’s auch geglückt -- das ist wieder so ein Beispiel von einem -Hansnarren. Hätte man ihn nach St. Louis spediert, er würde es früher -zu etwas Ordentlichem gebracht haben.« - -Es war doch sehr weise gewesen, daß ich dem offenherzigen alten Herrn -gleich anfangs gesagt hatte, mein Name sei Smith. - - -II. - -Mein Gefährte verließ mich nun, und ich fuhr fort, die alten Häuser -der Stadt drunten zu betrachten und mir ihre Bewohner aus vergangenen -Tagen ins Gedächtnis zu rufen. Mein Blick fiel jetzt auf Lem Hacketts -Elternhaus und ich sah mich in eine Zeitperiode zurückversetzt, in -welcher die Menschen mit ihren Erlebnissen nicht der natürlichen und -folgerichtigen Entwicklung allgemeiner Gesetze unterworfen zu sein -glaubten, sondern den besonderen Anordnungen einer Vorsehung, welche -sie strafen oder warnen wollte. - -Als ich noch ein kleiner Knabe war, ertrank Lem Hackett -- an einem -Sonntag. Er fiel aus einem leeren, flachen Boot, in dem er spielte, und -da er voll Sünden war, sank er wie ein Ambos bis auf den Grund. Er war -im ganzen Städtchen der einzige Knabe, welcher in der darauffolgenden -Nacht schlief; wir andern alle waren wach und thaten Buße. Es hätte -dazu wahrlich nicht erst der Belehrung bedurft, die uns am Abend -von der Kanzel herab zu teil wurde, nämlich, daß Lems Tod die Folge -eines besonderen göttlichen Gerichtes sei. In jener Nacht brach ein -schreckliches Gewitter aus, das ohne Aufhören bis zum Morgen währte: -der Wind wehte heftig, die Fenster zitterten, der Regen fiel klatschend -und in Strömen auf die Dächer; jeden Augenblick erhellte ein Blitz mit -blendendem Lichte die tintenschwarze Finsternis draußen und auf diesen -folgte ein krachender Donnerschlag, der alles in der Nachbarschaft -in Splitter und Fetzen zu reißen schien. Zitternd und schaudernd saß -ich im Bett und wartete auf den offenbar bevorstehenden Untergang der -Welt. Ich fand nichts Ungereimtes darin, daß der Himmel Lem Hacketts -wegen einen solchen Höllenlärm machte: es war das meiner Ansicht nach -ganz gehörig und in Ordnung. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß -die Engel versammelt waren, den Tod dieses Knaben erörterten und -dem schrecklichen Bombardement unseres Städtchens mit Befriedigung -und Billigung zusahen. Eines beunruhigte mich dabei aufs höchste --- das war der Gedanke, daß diese Konzentration des himmlischen -Interesses auf unser Städtchen unfehlbar die Aufmerksamkeit der -überirdischen Beobachter auf Leute unter uns lenken mußte, die sonst -der Beobachtung vielleicht Jahre lang entgangen wären. Ich fühlte, -daß ich nicht nur zu diesen Leuten gehörte, sondern daß gerade ich am -allerwahrscheinlichsten entdeckt werden würde. Diese Entdeckung konnte -nur eine Folge haben: daß ich zu Lem ins höllische Feuer käme, noch -ehe er dort recht zu sich gekommen und warm geworden war. Ich wußte, -daß mir ganz nach Recht und Billigkeit geschähe. Dabei vergrößerte ich -fortwährend die Chancen gegen mich, indem ich eine geheime Bitterkeit -gegen Lem hegte, weil er diese verhängnisvolle Aufmerksamkeit auf mich -gezogen hatte, aber ich konnte einmal nicht anders -- dieser sündige -Gedanke setzte sich mir zum Trotz in meinem Busen fest. So oft es -blitzte, hielt ich den Atem an und glaubte mich verloren. In meinem -schrecklichen Elend begann ich in gemeiner Weise auf andere Knaben -hinzudeuten und Thaten von ihnen zu erwähnen, die verruchter seien -als meine und besonders der Strafe bedürften -- und ich versuchte mir -einzureden, daß ich das bloß so zufällig thäte und ohne die Absicht, -die himmlische Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, um mich selbst ihr zu -entziehen. Mit tiefem Scharfsinn gab ich diesen Denunziationen die Form -betrübter Erinnerungen und linkischer Fürbitten, daß die Sünden jener -Knaben nicht heimgesucht werden möchten -- »denn sie könnten sie ja -möglicherweise bereuen.« »Es ist wohl wahr, (sprach ich in Gedanken,) -daß Jim Smith ein Fenster zerbrach und dann leugnete -- aber vielleicht -that er es nicht in böser Absicht. Und wenn auch Tom Holmes garstigere -Worte gebraucht als irgend ein anderer Knabe im Städtchen, so wird -er doch vielleicht in sich gehen und bereuen -- wenn er das auch nie -gesagt hat. Und obwohl es Thatsache ist, daß John Jones einmal an einem -Sonntag ein wenig fischte, so fing er ja doch nichts als einen einzigen -nutzlosen Schlammbeißer; und das wäre am Ende nicht so schrecklich -gewesen, wenn er ihn wieder ins Wasser geworfen hätte, wie er behauptet --- was aber leider nicht wahr ist. Schade, daß sie diese schrecklichen -Dinge nicht bereuen wollten -- vielleicht thun sie es aber noch.« - -Während ich so listig die Aufmerksamkeit auf jene armen Burschen -lenkte, -- die zweifellos im selben Augenblick die himmlische -Aufmerksamkeit mir zuwandten, obwohl ich das damals durchaus -nicht argwöhnte, -- hatte ich achtlos meine Kerze brennen lassen. -Die Zeit war nicht danach angethan, daß man selbst geringfügige -Vorsichtsmaßregeln hätte vernachlässigen dürfen; es war kein Grund -vorhanden, mich selbst noch auffällig zu machen, und so löschte ich -denn das Licht aus. - -Das war eine lange, lange Nacht -- vielleicht die angstvollste, die -ich je verbracht habe. Ich litt Folterqualen der Reue über Sünden, -von denen ich wußte, daß ich sie begangen hatte, und für andere, -bezüglich deren ich nicht so gewiß, aber überzeugt war, daß sie in -ein Buch eingetragen worden von einem Engel, der, weiser als ich, so -wichtige Dinge nicht dem Gedächtnis anvertraute. Nach und nach kam -ich zu der Einsicht, daß ich in einer Beziehung einen thörichten und -unheilvollen Irrtum begangen hatte: zweifellos hatte ich dadurch, -daß ich die Aufmerksamkeit auf jene andern Knaben lenkte, nicht nur -meinen eigenen Untergang sicher beschworen, sondern auch den ihrigen -bereits verursacht! -- Zweifellos hatte sie mittlerweile der Blitz -alle in ihren Betten niedergestreckt! Die Angst und der Schreck, -den dieser Gedanke mir einjagte, ließ mir die vorhergehenden Leiden -vergleichsweise geringfügig erscheinen. - -Der Stand der Dinge war bedenklich geworden. Ich beschloß, mich der -Sünde in jeder Form zu enthalten und fortan ein reines, tadelloses -Leben zu führen. Ich wollte pünktlich in der Kirche und Sonntagsschule -sein, die Kranken besuchen, Körbe mit Lebensmitteln zu den Armen tragen -(bloß um die vorschriftsmäßigen Bedingungen zu erfüllen, obgleich -ich wußte, daß bei uns niemand so arm war, daß man mir nicht überall -den Korb an den Kopf geschmissen hätte); ich wollte andere Knaben -auf den rechten Weg weisen und die daraus sich ergebenden Neckereien -in Geduld ertragen; ich wollte nur noch Traktätchen lesen, wollte -die Branntweinhöhlen aufsuchen und die Trunkenbolde ermahnen -- und -schließlich, falls ich dem Schicksal jener entginge, die vorzeitig -›fürs Leben zu gut werden‹, wollte ich als Missionar in ferne Lande -ziehen. - -Gegen Tagesanbruch legte sich der Sturm und ich schlummerte nach und -nach ein, mit einem Gefühl der Verpflichtung gegen Lem Hackett, weil -er in dieser jähen Weise in die ewige Qual eingegangen war und so ein -weit entsetzlicheres Unheil abgewendet hatte -- nämlich meinen eigenen -Untergang. Als ich aber des Morgens, vom Schlaf erquickt, aufstand und -fand, daß die andern Knaben sämtlich noch am Leben waren, hatte ich ein -unbestimmtes Gefühl, die ganze Geschichte möchte doch nur ein falscher -Alarm gewesen und der ganze Trubel nur Lem Hacketts und sonst niemands -wegen entstanden sein. Die Welt sah so heiter und sicher aus, daß -wirklich kein Grund vorhanden schien, ein neues Leben anzufangen. Ich -war den Tag über und auch am nächsten Tage etwas gedrückter Stimmung; -dann aber kam mir mein Vorsatz zur Besserung allmählich aus dem Sinn, -und es war mir wieder ruhig und behaglich zu Mute -- bis zum nächsten -Sturm. - -Dieser Sturm kam drei Wochen später und ich habe mir seinen Zweck -nie recht erklären können, denn am Nachmittag jenes Tages war -›Dutchy‹ ertrunken. So nannten wir einen deutschen Jungen aus der -Sonntagsschule, der furchtbar tugendhaft war und ein fabelhaftes -Gedächtnis hatte, im übrigen sich aber selten zu raten und zu helfen -wußte. Eines Sonntags erregte er den Neid der gesamten Dorfjugend -und die Bewunderung aller Erwachsenen, denn er sagte dreitausend -Bibelsprüche in einem Zuge her, ohne nur einmal zu stocken. Und gleich -tags darauf ertrank er jämmerlich. - -Das kam nämlich so: Wir badeten alle in einer schlammigen Bucht und -wollten versuchen, wer beim Tauchen den Kopf am längsten unter Wasser -halten könnte. In der Bucht war ein tiefes Loch, in dem die Böttcher -ihre Stäbe zu Faßreifen einzuweichen pflegten. Der Haufen lag etwa -zwölf Fuß unter Wasser und wir hielten uns beim Tauchen an den Stäben -fest. ›Dutchy‹ benahm sich dabei so ungeschickt, daß er immer mit Spott -und Gelächter empfangen wurde, so oft sein Kopf aus der Flut hervorkam. -Das verdroß ihn endlich und er bat uns, am Ufer stehen zu bleiben und -ganz ehrlich zu zählen, wie lange er es aushalten könne. »Jawohl, -›Dutchy‹, nur zu! -- wir verzählen uns nicht,« schrieen wir alle, -wechselten dabei aber verstohlene Blicke, die nichts Gutes weissagten. - -›Dutchy‹ tauchte unter; wir Jungen aber versteckten uns rasch -hinter einem nahen Brombeergebüsch. Wenn ›Dutchy‹, nachdem er -sich übermenschlich angestrengt hatte, wieder auf die Oberfläche -kam, sollte er den Platz leer finden und keinen Menschen, der ihm -Beifall klatschte. Der Gedanke machte uns soviel Spaß, daß wir vor -unterdrücktem Lachen zu ersticken meinten. Nach einer Weile guckte -einer der Kameraden durch das Gesträuch. - -»Hört mal,« sagte er verwundert, »noch ist er nicht wieder oben.« - -»Aber, _der_ taucht einmal gut!« - -»Na, um so gelungener ist dann der Spaß!« - -Es entstand eine Pause, wir lauschten mit verhaltenem Atem und zuletzt -malte sich Furcht und Bangigkeit in allen Mienen. Noch immer lag das -Wasser in unbeweglicher Ruhe da. Mit lautklopfendem Herzen schlichen -wir ans Ufer zurück und starrten entsetzt bald ins Wasser, bald -einander in die bleichen Gesichter. - -»Einer von uns muß hinunter, um nachzusehen.« - -Das war klar, aber jedem graute davor. - -»Das Los soll entscheiden.« - -Mit zitternden Händen suchten wir Strohhalme, um das Schicksal zu -befragen. Das Los traf mich und ich sprang ins Wasser. Es war so trübe, -daß ich nichts sehen konnte, ich fühlte nur unter den Stäben umher und -bekam plötzlich eine leblose Hand zu fassen. In tödlichem Schrecken -ließ ich sie fahren und rettete mich wieder ans Tageslicht. - -Der Knabe war zwischen die Stäbe geraten und da hilflos stecken -geblieben. Ich verkündete die entsetzliche Nachricht, doch dachten -wir nicht daran, den Ertrunkenen schnell herauszuziehen, damit er -vielleicht noch zum Leben erweckt werden könne. Die kleineren Buben -schrieen jämmerlich und jeder suchte so rasch wie möglich in seine -Kleider zu kommen; wir zogen die ersten besten an, meist das Unterste -zu oberst, das Innere nach außen. Dann trabten wir eilig davon und -verbreiteten die Unglückskunde, aber keiner von uns kehrte wieder mit -um. Wir wollten das Ende des Trauerspiels nicht sehen, wir hatten etwas -Wichtigeres zu thun, nämlich ohne einen Augenblick zu verlieren nach -Hause zu laufen und ein besseres Leben zu beginnen. - -Bald brach die Nacht herein und dann kam das schreckliche und mir -ganz unverständliche Gewitter. Es mußte entschieden auf einem Irrtum -beruhen, anders ließ es sich nicht erklären. Alle Elemente waren -entfesselt, der Sturm raste in blinder Wut, die Blitze zuckten und der -Donner tobte wie unsinnig. Ich hatte Mut und Hoffnung völlig verloren; -verzweifelnd dachte ich bei mir: »Wenn ein Junge, der dreitausend -Bibelsprüche auswendig kann, nicht fromm genug ist, wer soll dann dem -Verhängnis entrinnen?« - -[Illustration] - -Natürlich zweifelte ich keinen Augenblick, daß der Sturm einzig und -allein Dutchys wegen ausgebrochen sei; daß er, oder irgend ein anderes -gleich unbedeutendes Wesen, einer so erhabenen Kundgebung aus der Höhe -nicht wert sei, kam mir nicht von fern in den Sinn. Mich beunruhigte -nur die Lehre, die ich daraus ziehen mußte. Wenn ›Dutchy‹, trotz -all seiner Tugend, nicht Gnade fand, so war es für mich ein ganz -vergebliches Bemühen, ein neues Leben anzufangen, ich konnte ja nun und -nimmermehr hoffen, so vortrefflich zu werden wie er. Dennoch schien es -mir rätlich, den Versuch der Besserung zu machen. Als nun aber Tage -voll Sonnenschein und Heiterkeit folgten, hatte ich alle guten Vorsätze -vergessen noch ehe ein Monat um war, und fühlte mich in meiner -sündhaften Verstocktheit so behaglich wie je zuvor. - - * * * * * - -Während ich mir jene alten Erlebnisse ins Gedächtnis zurückrief -und allerlei Betrachtungen daran knüpfte, war die Frühstücksstunde -herbeigekommen. Ich versetzte mich wieder in die Gegenwart zurück und -ging den Hügel hinunter. - -Auf dem Wege nach dem Hotel kam ich auch an dem Hause vorbei, das wir -zu meiner Knabenzeit bewohnten. Seine jetzigen Insassen sind heutzutage -nicht mehr wert als ich, aber zu jener Zeit hätten sie mindestens -fünfhundert Dollars die Person gegolten. Es waren nämlich Farbige. - -Nach dem Frühstück ging ich aus, um einige Sonntagsschulen zu -besichtigen und die Leistungen ihrer jetzigen Zöglinge mit denen meiner -damaligen Mitschüler zu vergleichen. Die Kinder waren besser gekleidet -und sahen sauberer aus als wir vor Zeiten und ihr Anblick rührte mich -tief. Es waren ja die Abkömmlinge jener Knaben und Mädchen, die ich vor -vielen, vielen Jahren von ganzem Herzen geliebt oder von ganzem Herzen -gehaßt hatte; sie saßen jetzt auf deren Plätzen -- wo aber waren jene -hingekommen? - -Ich wollte, der kahlköpfige Inspektor, der zu meiner Zeit ein -flachshaariger Sonntagsschüler war, hätte mich nicht erkannt und mich -ruhig meine Beobachtungen anstellen lassen. Statt dessen mußte ich nun -den Kindern eine Ansprache halten, und für unvorbereitete Reden habe -ich gar kein Talent. Ich konnte mich auch im Augenblick durchaus nicht -auf das sinnlose Geschwätz besinnen, mit dem die Besucher meine Ohren -zu beleidigen pflegten, als ich noch Schüler war. Schade! denn hätte -ich so recht salbungsvoll reden können, so würde ich Zeit gewonnen -haben, mir die frischen, jungen Gesichter, die da vor mir aufgereiht -saßen, noch länger anzusehen. - -Der eigentliche Musterknabe schien mir aber nicht darunter zu sein. -Der Musterknabe, den wir damals hatten -- mehr als einen hat es nie -gegeben -- war völlig fehlerlos; fehlerlos im Benehmen, im Anzug, im -Lebenswandel, im kindlichen Gehorsam, in äußerer Frömmigkeit; aber im -Grunde war er ein eingebildetes Bürschchen und hatte so wenig Grütze -im Kopf, daß man ihm ruhig statt des Schädels einen Kürbis hätte -aufsetzen können, ohne daß jemand den Unterschied bemerkt hätte. Die -Untadeligkeit dieses Jungen war für die ganze Jugend des Städtchens -ein immerwährender Vorwurf. Alle Mütter bewunderten ihn und von allen -ihren Söhnen wurde er verabscheut. Man hat mir auch gesagt, was aus ihm -geworden ist, es war aber das Gegenteil von dem, was ich erwartete, -daher will ich alle weiteren Einzelheiten verschweigen und nur -erwähnen, daß er sein Glück in der Welt gemacht hat. - -Drei Tage lang blieb ich in der Stadt und wachte jeden Morgen mit der -Ueberzeugung auf, daß ich noch ein Knabe sei, denn in meinen Träumen -waren alle Gesichter wieder jung und sahen gerade so aus, wie in den -vergangenen Zeiten. Abends aber, wenn ich zu Bette ging, kam ich mir -mindestens hundert Jahre alt vor, denn inzwischen hatte ich mich zur -Genüge davon überzeugt, wie jene Gesichter in Wirklichkeit aussahen. - -Bis ich mich an den neuen Stand der Dinge gewöhnt hatte, fiel ich immer -aus einer Ueberraschung in die andere. Ich begegnete jungen Damen, die -sich gar nicht verändert zu haben schienen, aber es stellte sich bald -heraus, daß sie die Töchter meiner damaligen Bekannten waren oder auch -ihre Enkelinnen. Wenn man uns sagt, daß eine fremde Dame von fünfzig -Jahren Großmutter ist, so wundert uns das gar nicht; hat man sie aber -als kleines Mädchen gekannt, so scheint es unmöglich. Wie kann ein -kleines Mädchen eine Großmutter sein? -- Es ist gar nicht leicht, sich -die Thatsache klar zu machen, daß wir nicht _allein_ alt werden, -sondern unsere Zeitgenossen darin mit uns gleichen Schritt halten. - -Die größte Veränderung fand ich bei den Frauen, weit weniger bei den -Männern. Diese schienen in dreißig Jahren nicht viel gealtert zu sein; -aber ihre Frauen waren alt geworden -- wenigstens die braven. Brav zu -sein ist sehr angreifend, es erhält nicht jung. - -Die Stadt Hannibal hat sich nicht weniger umgewandelt als ihre -Bewohner. Sie ist sehr ansehnlich geworden, hat einen Bürgermeister, -einen Gemeinderat, Gas- und Wasserleitung und wahrscheinlich Schulden. -Die Zahl ihrer Einwohner beträgt 15,000; überall herrscht rege -Thätigkeit und Gedeihen; auch das Pflaster ist nicht schlechter wie -in andern Städten des Westens und Südens, wo eine gut gepflasterte -Straße und bequeme Bürgersteige etwas so Seltenes sind, daß man seinen -Augen nicht traut, wenn man sie einmal zu sehen bekommt. Hannibal ist -jetzt auch der Knotenpunkt von einem halben Dutzend Eisenbahnlinien -und besitzt einen neuen Bahnhof, der 100,000 Dollars gekostet hat. Ich -ging auch nach der Bärenbucht, die wahrscheinlich so heißt, weil sich -nie ein Bär dorthin verirrt hat; sie ist jetzt mit Bergen von Nutzholz -förmlich zugebaut. Dort pflegte ich jeden Sommer regelmäßig ins Wasser -zu fallen, aber immer kam irgend ein Mensch vorbei, holte mich heraus, -pumpte mir Luft ein und brachte mich wieder auf die Beine. Jetzt -ist von der ganzen Bucht nicht mehr so viel übrig, daß jemand darin -ertrinken kann. - - -III. - -»Erinnern Sie sich noch, wie Jimmy Finn, der Stadttrunkenbold, im -Stockhaus verbrannte?« fragte mich ein Bürger meines Heimatortes, mit -dem ich mich in ein Gespräch einließ. - -Es ist doch merkwürdig, wie eine Geschichte im Laufe der Zeit -durch das schlechte Gedächtnis der Menschen verfälscht wird! Finn -verbrannte nämlich nicht im Stockhaus, sondern starb eines natürlichen -Todes in einem Lohfaß, an einer Kombination von ~Delirium tremens~ -und Selbstverbrennung. Wenn ich sage eines natürlichen Todes, so -meine ich damit, daß es für Jimmy Finn ein natürlicher Tod war. Das -Stadthausopfer war gar kein Einheimischer, sondern ein armer Fremder, -ein harmloser Landstreicher und Schnapssäufer. Ich kenne seinen Fall -genauer als sonst jemand; ja, es gab eine Zeit, wo ich mehr davon -wußte als mir lieb war und ich mich hütete, davon zu sprechen. Jener -Landstreicher wanderte, eine Pfeife im Munde, eines kühlen Abends in -den Straßen umher und bat um ein Zündholz; er bekam weder Zündholz noch -sonstige Aufmerksamkeiten -- im Gegenteil: ein Trupp böser kleiner -Buben folgte ihm auf den Fersen und vergnügte sich damit, ihn zu necken -und zu ärgern. Ich war auch dabei, aber eine flehentliche Bitte um -Schonung, die der Wanderer stellte und mit einem eindringlichen Hinweis -auf seine verlassene und freundlose Lage begleitete, rührte den Rest -von Schamgefühl und richtiger Empfindung in mir: ich ging fort, holte -ihm einige Streichhölzchen und eilte dann nach Hause und zu Bette, -schwer belastet im Gewissen und in nicht sehr gehobener Stimmung. Ein -paar Stunden später wurde der Mann arretiert und von dem Marschall --- ein großer Name für einen Polizeidiener, aber das war sein Titel --- in das Stockhaus gesperrt. Um zwei Uhr des Morgens verkündeten -die Kirchenglocken Feuer, und alles verließ natürlich die Häuser -- -ich mit den übrigen. Der Landstreicher hatte seine Zündhölzchen in -verderblicher Weise gebraucht: er hatte seinen Strohsack angezündet, -und die Flamme hatte die eichene Vertäfelung des Zimmers ergriffen. -Als ich den Platz erreichte, standen zweihundert Männer, Frauen und -Kinder, von Entsetzen durchdrungen, dicht beisammen und starrten auf -die vergitterten Kerkerfenster. Hinter den Eisenstäben, an denen er -wie rasend zerrte, stand der Landstreicher und schrie um Hilfe. Er sah -aus wie ein schwarzer Fleck, der sich von der Sonne abhebt, so weiß -und intensiv war das Licht hinter seinem Rücken. Der Marschall war -nicht zu finden, und er besaß den einzigen Schlüssel. Rasch wurde ein -Mauerbrecher improvisiert, und der Donner seiner Stöße gegen die Thür -tönte so ermutigend, daß die Zuschauer in wildes Jauchzen ausbrachen -und die barmherzige That schon gelungen glaubten. Aber dem war nicht -so. Die Balken waren zu stark; sie gaben nicht nach. Man sagte, daß -der Mann noch im Tode die Eisenstäbe fest umklammert hielt und daß das -Feuer ihn in dieser Stellung umhüllte und verzehrte. Ich selbst weiß -nichts Bestimmtes darüber. - -[Illustration] - -Ich sah sein Gesicht in jener oben beschriebenen Stellung eine lange -Zeit nachher noch jede Nacht; und ich glaubte mich so schuldig an dem -Tode des Mannes, als ob ich ihm die Streichhölzchen absichtlich gegeben -hätte, damit er sich damit verbrennen sollte. Ich zweifelte nicht im -geringsten, daß ich gehängt werden würde, falls etwa meine Beteiligung -an dieser Tragödie zu Tage käme. Die Ereignisse und Eindrücke jener -Zeit sind unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn jemand -von jener gräßlichen Geschichte sprach, war ich augenblicklich -ganz Ohr und lauschte gierig auf jedes Wort, denn ich erwartete und -fürchtete stets zu entdecken, daß man mich beargwöhne; so fein und -empfindlich war die Wahrnehmungsgabe meines schuldigen Gewissens, daß -es oft in den unverfänglichsten Aeußerungen einen Verdacht entdeckte, -sogar in Mienen, Gebärden und Blicken, die keine Bedeutung hatten, die -mich aber trotzdem mit panischem Schrecken erfüllten und von dannen -jagten. Wenn jemand (und wäre es auch höchst sorg- und absichtslos -gewesen) die Bemerkung fallen ließ: »Der Mord muß endlich ans Licht -kommen,« so machte mich das ganz elend. Für einen Knaben von zehn -Jahren trug ich schon ein hübsch gewichtiges Sorgenbündel. - -Während dieser ganzen Zeit dachte ich glücklicherweise nicht daran, daß -ich die Gewohnheit hatte, im Schlafe zu sprechen. Eines Nachts aber -erwachte ich und sah, daß mein Schlafkamerad -- mein jüngerer Bruder -- -aufrecht im Bette saß und mich beim Mondscheine betrachtete. Ich sagte: - -»Was hast du denn?« -- - -»Du plauderst so viel, daß ich nicht schlafen kann.« - -Ich richtete mich augenblicklich im Bette auf. Mein Puls stockte und -die Haare standen mir zu Berge. - -»Was hab’ ich denn gesagt? Rasch -- heraus damit -- was hab’ ich -gesagt?« - -»Nichts Besonderes.« - -»Das ist eine Lüge -- du weißt alles.« - -»Alles --? Wovon denn? worüber?« - -»Du weißt es recht gut: _davon_.« - -»Wovon? -- ich weiß nicht, wovon du redest. Ich glaube, du bist krank -oder nicht bei Sinnen oder sonst ’was. Nun, jedenfalls bist du jetzt -wach, und ich will versuchen, ob ich wieder einschlafen kann.« - -Er schlief sofort ein, während ich in kaltem Schweiß gebadet dalag. -Der Schreck hatte mich beinahe gelähmt und ich war keines andern -Gedankens mehr fähig als: ›Wieviel habe ich enthüllt?‹ ›Wieviel -weiß er?‹ -- Welche Qual war diese Ungewißheit! Nach und nach aber -entwickelte sich eine Idee in mir -- ich wollte meinen Bruder aufwecken -und ihn mit einem unterschobenen Fall auf die Probe stellen. Ich -schüttelte ihn wach und sagte: - -»Angenommen, ein Mann käme betrunken zu dir --« - -»Das ist Unsinn -- ich betrinke mich nie.« - -»Ich meine nicht dich, du Dummkopf -- ich meine den Mann. Angenommen -ein _Mann_ käme betrunken zu dir und borgte ein Messer oder einen -Tomahawk oder ein Pistol, und du vergäßest ihm zu sagen, daß es geladen -sei, und -- --« - -»Wie kannst du einen Tomahawk laden?« - -»Ich meine nicht den Tomahawk und sagte es auch nicht, ich sagte das -Pistol. Und nun unterbrich mich nicht fortwährend in dieser Weise, denn -die Sache ist ernst. Es ist ein Mann getötet worden.« - -»Was! in unserer Stadt?« - -»Ja, in unserer Stadt.« - -»Nun, fahre fort -- ich will kein einziges Wort mehr sagen.« - -»Nun also: angenommen, du vergäßest, ihm zu sagen, er solle sorgfältig -damit umgehen, weil es geladen sei, und er ginge nun hin und erschösse -sich mit jenem Pistol -- indem er damit spielt, weißt du, und -wahrscheinlich zufällig, da er betrunken ist. Nun, wäre das ein Mord?« - -»Nein, -- ein Selbstmord.« - -»Nein, nein. Ich meinte nicht seine That, sondern _deine_: wärest du -ein Mörder, weil du ihm jenes Pistol gabst?« - -Nach tiefem Nachdenken erfolgte die Antwort: - -»Nun, es scheint mir, als hätte ich mich dann schuldig gemacht -- des -Mordes, vielleicht -- ja, wahrscheinlich des Mordes, aber ich weiß -nicht recht.« - -Das machte mich sehr unruhig; indessen war es doch kein entscheidendes -Urteil. Ich mußte ihm am Ende die wahre Sachlage erzählen -- es schien -kein anderer Ausweg vorhanden. Aber ich wollte es vorsichtig thun und -begann also: - -»Ich habe das vorigemal einen Fall ersonnen, aber jetzt komme ich -zu dem wirklichen. Weißt du, wie es kam, daß der Mann im Stockhaus -verbrannte?« - -»Nein.« - -»Hast nicht die geringste Idee davon?« - -»Nicht die geringste.« - -»Willst auf der Stelle sterben, wenn’s nicht so ist?« - -»Ja, will auf der Stelle sterben.« - -»Nun, die Sache war so. Der Mann verlangte Streichhölzchen, um seine -Pfeife anzuzünden. Ein Knabe holte sie ihm; der Mann zündete mit eben -diesen Streichhölzchen das Stockhaus an und verbrannte sich selbst.« - -»Ist das so?« - -»Ja, es ist so. Glaubst du nun, daß jener Knabe ein Mörder ist?« - -»Das kommt darauf an. -- Der Mann war betrunken?« - -»Ja, er war betrunken.« - -»Stark betrunken?« - -»Ja.« - -»Und der Knabe wußte es?« - -»Ja, er wußte es.« - -Es folgte eine lange Pause, dann wurde das harte Urteil verkündigt: - -»Wenn der Mann betrunken war und der Knabe es _wußte_, so hat der Knabe -jenen Mann ermordet. Das ist sicher.« - -Durch alle Fibern meines Körpers schlich sich ein Gefühl, als müßte -ich krank und ohnmächtig umsinken; es war mir wie einem Menschen zu -Mute, dem sein Todesurteil verkündet wird. Ich wartete, um zu hören, -was mein Bruder weiter sagen würde; mir ahnte, was es sein würde, und -ich täuschte mich nicht. Er sagte: - -»Ich kenne den Knaben.« - -Ich hatte nichts zu sagen, und so schwieg ich. Ich schauderte einfach. -Dann fügte er hinzu: - -»Ja, ehe du die Geschichte halb erzählt hattest, wußte ich ganz genau, -wer der Knabe war; es war Ben Coontz!« - -Ich raffte mich aus meiner Betäubung empor, wie einer, der vom Tode -aufersteht, und sagte verwundert: - -»Ei, wie in aller Welt hast du das erraten?« - -»Du hast es im Schlafe gesagt.« - -Ich dachte bei mir selbst: »Famos! Das ist eine Gewohnheit, die -gepflegt werden muß.« - -Mein Bruder plapperte unschuldig weiter: - -»Als du im Schlafe sprachst, murmeltest du immerwährend etwas von -Streichhölzchen, woraus ich nicht klug werden konnte; eben jetzt aber, -als du mir von dem Manne und den Streichhölzchen und dem Stockhaus zu -erzählen begannst, erinnerte ich mich, daß du Ben Coontz zwei- oder -dreimal erwähntest; und so setzte ich mir denn dies und jenes zusammen --- siehst du -- und wußte so augenblicklich, daß Ben den Mann verbrannt -hat.« - -Ich lobte seinen Scharfsinn über die Maßen, und er fragte mich dann: - -»Willst du ihn dem Gericht überliefern?« - -»Nein,« sagte ich; »ich glaube, daß er sich die Lektion zu Herzen -nehmen wird. Ich werde natürlich ein Auge auf ihn haben, denn das -gehört sich; aber wenn er in sich geht und sich bessert, soll man nie -sagen, daß ich ihn verraten habe.« - -»Wie gut du bist!« - -»Das nicht, aber ich strebe danach; mehr kann man in dieser Welt nicht -thun.« - -Und jetzt, da meine Bürde auf andere Schultern gewälzt war, schwanden -meine Sorgen und Befürchtungen wie Butter an der Sonne. - - - - -Ritters Geschichte. - - -Gegen Ende des Jahres 186-- brachte ich einige Monate in München zu. Im -November war ich bei Fräulein Dahlweiner, Karlsstraße 1 ~a~, in Kost; -meine Wohnung aber befand sich ein halbes Stündchen von dort entfernt, -im Hause einer Witwe, welche an ledige Herren Zimmer vermietete und wo -ich Gelegenheit fand, mich in der deutschen Sprache zu üben. - -Eines Tages, während einer Wanderung durch die Stadt, besuchte ich -eines der zwei Gebäude, wo die Obrigkeit die Leichname aufbewahrt -und überwachen läßt, bis die Aerzte entscheiden, daß sie wirklich -tot und nicht scheintot sind. Es war ein schauerlicher Ort, jener -geräumige Saal. Mit den Rücken auf schrägen Brettern ausgestreckt, -lagen sechsunddreißig Leichname von Erwachsenen in drei langen -Reihen -- alle mit wachsbleichen, starren Gesichtern, alle in weiße -Leintücher gehüllt. An den Seiten des Saales waren tiefe Nischen, -wie Bogenfenster, und in jeder lagen marmorbleiche Kinder, im ganzen -vierzehn, -- gänzlich verborgen und begraben unter Blumen; nur die -Gesichter und die gekreuzten Hände waren zu sehen. Jede dieser fünfzig -stillen Formen, groß und klein, hatte an einem Finger der rechten Hand -einen Ring, von dem ein Draht zur Decke und von da zu einer Glocke in -ein Wachtzimmer drüben ging, wo Tag und Nacht ein Wächter saß, um zur -Hilfe herbeizueilen, sobald einer von jener bleichen Gesellschaft aus -dem Todesschlaf erwachen und eine Bewegung machen sollte -- denn jede, -selbst die leiseste Bewegung bringt Draht und Glocke in Thätigkeit. Ich -versetzte mich unwillkürlich in die Lage solch eines Totenwächters, der -in einer stürmischen, finstern Nacht plötzlich aus dem Halbschlummer -durch den Klang jenes unheimlichen Signals aufgeschreckt und bis ins -tiefste Mark erschüttert wird. Wie -- so fragte ich mich -- wenn der -Wächter beim Anblick des lebendig gewordenen Toten von einem Schlag -getroffen würde? -- und wenn dann der Mann, der eben noch ein Leichnam -gewesen, seinem Totenwärter, der jetzt selbst im Verscheiden ist, -liebreich Beistand leistete? Aber ich machte mir Vorwürfe, an einem so -feierlichen und traurigen Orte meine Phantasie mit so thörichten Fragen -zu beschäftigen, und schlich von dannen. - -Am nächsten Morgen erzählte ich der Witwe von meinem Besuch, worauf sie -ausrief: - -»Kommen Sie mit! Ich habe einen Zimmerherrn, der früher Leichenwärter -dort war; der kann Ihnen über alles Auskunft geben.« - -Er lag im Bette und sein Kopf war hoch auf Polster gebettet; sein -Gesicht war abgezehrt und farblos; seine tief eingesunkenen Augen -geschlossen; seine auf der Brust ruhende Hand sah aus wie eine Kralle, -so knochig und langfingerig war sie. Die Witwe machte uns mit einander -bekannt. Die Augen des Kranken öffneten sich langsam und funkelten -grimmig aus ihren Höhlen; er runzelte finster die Stirne, erhob seine -magere Hand und winkte uns gebieterisch weg. Die Witwe aber ließ sich -dadurch nicht irre machen und sagte ihm, daß ich ein Fremder, ein -Amerikaner sei. Das Gesicht des Kranken änderte sofort seinen Ausdruck, -hellte sich auf und verriet eine lebhafte Neugierde; -- im nächsten -Augenblicke waren er und ich allein beisammen. - -Ich begann in schwerfälligem Deutsch; er antwortete in fließendem -Englisch; darauf ließen wir die deutsche Sprache fallen. - -[Illustration] - -Dieser Schwindsüchtige und ich wurden gute Freunde. Ich besuchte ihn -jeden Tag, und wir plauderten über alles Mögliche -- ausgenommen -Weiber und Kinder. Sobald jemands Weib oder Kind erwähnt wurde, -erfolgte stets dreierlei: in den Augen des Mannes glänzte einen Moment -das freundlichste, zärtlichste und liebevollste Licht; im nächsten -Augenblick verschwand es und an seiner Stelle erschien jener grimmige -Blick, den ich bemerkt hatte, als ich ihm zuerst in die Augen sah; und -drittens enthielt er sich von nun an den ganzen Tag über gänzlich der -Rede, lag schweigend, geistesabwesend und wie in Gedanken versunken -da, nahm von meinem ›Adieu‹ keinerlei Notiz und sah und hörte offenbar -nicht, wie ich das Zimmer verließ. - -Als ich so zwei Monate lang der tägliche und einzige Vertraute Karl -Ritters gewesen war, sagte er eines Tages plötzlich: - -»Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen!« - - -Das Bekenntnis eines Sterbenden. - -»Ich habe nie weichgegeben, bis jetzt. Nun aber ist’s aus mit mir. Ich -muß sterben und zwar bald. Sie bemerkten, daß Sie demnächst wieder -an den Mississippi zurückzukehren gedächten; -- dies zusammen mit -einem seltsamen Erlebnis der letzten Nacht hat mich zu dem Entschluß -gebracht, Ihnen meine Geschichte zu erzählen -- denn Sie werden nach -Napoleon in Arkansas kommen, und ich bitte Sie um meinetwillen, dort -anzuhalten und etwas für mich zu thun -- Sie werden es gewiß gern thun, -wenn Sie meine Erzählung gehört haben. - -»Ich werde die Geschichte abkürzen, wo ich kann; es ist notwendig, denn -sie ist lang. Sie wissen bereits, wie ich dazu kam, nach Amerika zu -gehen und mich in jener einsamen Gegend im Süden niederzulassen; aber -Sie wissen nicht, daß ich Weib und Kind hatte. Meine Frau war jung, -schön, liebevoll und o! so göttlich gut, tugendhaft und edel! Und unser -kleines Mädchen war die Mutter im kleinen. Wir waren die glücklichste -aller glücklichen Familien. - -»Einstmals in der Nacht -- es war gegen das Ende des Krieges -- -erwachte ich aus einer dumpfen Betäubung und fand, daß ich gebunden -und geknebelt und die Luft mit Chloroform geschwängert war! Ich sah -zwei Männer im Zimmer, von denen der eine dem andern in heiserem Ton -zuflüsterte: ›Ich _sagte_ ihr, ich thue es, wenn sie Lärm mache, und -was das Kind anbelangt, so -- --‹ - -»Der andere unterbrach ihn mit leiser, weinerlicher Stimme: - -»›Du sagtest, wir wollten sie nur knebeln und berauben, aber nicht -umbringen; sonst wäre ich nicht mitgegangen.‹ - -»›Hör’ auf mit dem Gewinsel,‹ entgegnete der erstere, ›ich _mußte_ ja -den Plan ändern, als sie aufwachten; du hast gethan, was du zu ihrem -Schutze thun konntest, das laß dir genügen; und nun komm und hilf mir -alles durchstöbern.‹ - -»Beide Männer waren maskiert und trugen grobe, zerlumpte -Nigger-Kleider; sie hatten eine Blendlaterne bei sich, bei deren Lichte -ich bemerkte, daß dem sanfteren der beiden Räuber der _Daumen an der -rechten Hand fehlte_. Sie suchten eine Weile in meiner ärmlichen -Hütte, dann flüsterte der Hauptbandit: - -»›Es ist Zeitverschwendung -- er soll sagen, wo es versteckt ist. Nimm -ihm den Knebel heraus und muntere ihn auf.‹ - -»›Ganz recht,‹ sagte der andere, ›aber -- keine Schläge!‹ - -»›Also keine Schläge -- d. h. wenn er sich ruhig verhält.‹ - -»Sie näherten sich mir; da ließ sich plötzlich draußen ein Geräusch -hören, der Schall von Stimmen und Pferdehufen; die Räuber hielten den -Atem an und horchten; der Schall kam immer näher, und endlich hörte man -einen Ruf: - -»›Heda, in dem Haus! Macht Licht, wir brauchen Wasser.‹ - -»›Des Hauptmanns Stimme, bei Gott!‹ sagte der größere der beiden -Schurken, und beide Räuber flohen durch die Hinterthür. - -»Die Fremden riefen noch mehrmals und ritten dann weiter -- es schien -ein Dutzend Reiter zu sein -- und ich hörte nichts mehr. - -»Ich bemühte mich aus allen Kräften, konnte mich aber nicht aus -meinen Banden freimachen. Ich versuchte zu sprechen, aber der Knebel -saß so fest, daß ich keinen Laut von mir geben konnte. Ich lauschte, -um meines Weibes oder Kindes Stimme zu hören -- lauschte lange und -aufmerksam, aber kein Laut kam aus der andern Ecke des Zimmers, wo -ihr Bett stand. Dies Schweigen wurde jeden Augenblick schrecklicher, -unheilverkündender. Glauben Sie, daß Sie es eine Stunde lang ertragen -hätten? Nein? Nun denn, so bemitleiden Sie mich, der ich deren drei -auszuhalten hatte. Drei Stunden! -- es waren drei Menschenalter! So oft -die Uhr schlug, schien es mir, als ob Jahre verflossen wären, seit ich -sie das letztemal gehört hatte! Während dieser ganzen Zeit mühte ich -mich in meinen Banden ab, und endlich, gegen Tagesanbruch, gelang es -mir loszukommen; ich stand auf und streckte meine steifen Glieder. Der -Fußboden war mit allerlei Sachen bestreut, welche die Räuber während -ihrer Suche nach meinen Ersparnissen umhergeworfen hatten. Der erste -Gegenstand, der mir in die Augen fiel, war eines von meinen Papieren, -das der rohere der beiden Schurken flüchtig betrachtet und dann -weggeworfen hatte. Es trug die Fingerspuren des Mörders in blutiger -Farbe! Ich wankte an das andere Ende der Stube. O, da lagen sie, die -armen Wehr- und Hilflosen! Ihre Leiden waren zu Ende, das meine hatte -erst begonnen. - -»Ob ich das Gericht anrief? -- Was hilft’s dem durstigen Armen, wenn -der König für ihn trinkt? O nein, nein, nein -- ich verschmähte die -Einmischung des Gesetzes. Die Gesetze und der Galgen konnten diese -Schuld nicht sühnen. Ich wollte den Schuldner schon finden und -die Schuld eintreiben. Wie das anstellen, fragen Sie, da ich doch -weder die Gesichter der Bösewichter gesehen, noch ihre unverstellte -Stimme gehört, noch irgend eine Idee hatte, wer sie sein könnten? -Nichtsdestoweniger war ich meiner Sache gewiß -- ganz gewiß, ganz -zuversichtlich -- ich hatte eine Spur -- eine Spur, auf die Sie -vielleicht keinen Wert gelegt hätten -- eine Spur, mit der selbst -ein Detektiv nichts anzufangen gewußt hätte, weil er das Geheimnis, -wie sie zu verwerten sei, nicht erriet. Doch, davon später. Zunächst -wollen wir die Dinge in ihrer gehörigen Reihenfolge betrachten. Ein -Umstand war vorhanden, der mir gleich zu Anfang einen Fingerzeig in -einer bestimmten Richtung gab: Jene zwei Räuber waren offenbar als -Landstreicher vermummte Soldaten, und zwar keine Neulinge mehr im -Militärdienst, sondern alte Soldaten -- wahrscheinlich von der Linie; -sie hatten sich ihre militärische Haltung, Gebärden und Benehmen nicht -in einem Tage oder Monat, noch in einem Jahr angeeignet. So dachte ich, -sagte aber nichts. Und einer von ihnen hatte gesagt: ›Des Hauptmanns -Stimme, bei Gott!‹ -- es war der, den ich suchte. In einer Entfernung -von etwa einer Stunde lagerten mehrere Regimenter Infanterie und zwei -Schwadronen Kavallerie. Als ich erfuhr, daß der Hauptmann Blakely von -der 3. Schwadron in jener Nacht an unserem Hause vorbeigeritten war, -und zwar mit einer Begleitung von zehn Mann, sagte ich nichts, beschloß -aber, in jener Schwadron meinen Mann zu suchen. Im Gespräch bezeichnete -ich die Räuber absichtlich beständig als Landstreicher, und unter -dieser Klasse stellten die Leute nutzlose Nachforschungen an. Keiner -außer mir beargwöhnte die Soldaten. - -»Mit vieler Mühe flickte ich mir in nächtlicher Arbeit aus -verschiedenen Tuchstücken und Kleiderfetzen eine Verkleidung zusammen; -im nächsten Städtchen kaufte ich mir eine blaue Staubbrille. Als das -Lager endlich aufgehoben und die dritte Schwadron zwanzig Meilen weiter -nordwärts nach Napoleon beordert wurde, versteckte ich meinen kleinen -Geldvorrat im Gürtel und machte mich in der Nacht auf den Weg. Als die -dritte Schwadron in Arkansas ankam, war ich bereits dort; ja, ich war -dort, in einem neuen Beruf -- als Wahrsager. Ich befreundete mich mit -allen dort liegenden Truppen und sagte allen ihre Zukunft voraus; meine -Hauptaufmerksamkeit aber widmete ich der dritten Schwadron. Gegen die -Leute dieser Schwadron war ich grenzenlos zuvorkommend; sie konnten -keine Gefälligkeit von mir verlangen, mir nichts zumuten, dem ich mich -nicht willig unterzogen hätte. Ich wurde die geduldige Zielscheibe -ihrer oft rohen Späße, und das erhöhte meine Popularität: ich wurde -allgemein beliebt. - -»Ich entdeckte bald einen Gemeinen, dem ein Daumen fehlte -- welche -Freude für mich! Und als ich fand, daß ihm allein von allen Angehörigen -der Schwadron der rechte Daumen fehlte, verschwand mein letzter -Zweifel: ich war überzeugt, daß ich die rechte Spur gefunden hatte. -Dieser Mann war ein Deutscher Namens _Krüger_, es waren neun Deutsche -bei der Schwadron. Ich beobachtete Krüger, um seine etwaigen Vertrauten -ausfindig zu machen; aber er schien keine besonders vertrauten Freunde -zu haben. Von nun an wurde ich sein Vertrauter und gab mir alle -Mühe, unsere Intimität so viel als möglich zu befestigen. Manchmal -dürstete ich so nach Rache, daß ich mich kaum enthalten konnte, auf -die Kniee zu fallen und ihn zu bitten, mir den Mann, der meine Lieben -ermordet hatte, zu nennen; aber es gelang mir, meine Zunge im Zaum zu -halten. Ich wartete meine Zeit ab und fuhr fort wahrzusagen, wie die -Gelegenheit sich bot. - -»Mein Geschäftsapparat war sehr einfach: ein bißchen rote Schminke -und ein Stückchen weißes Papier. Kam einer zum Wahrsagen, so nahm ich -seinen Daumenballen, bemalte ihn, nahm einen Abdruck davon auf dem -Papier, studierte diesen in der Nacht und prophezeite am nächsten -Morgen des Betreffenden Schicksal. Was ich mir bei diesem Unsinn -dachte, fragen Sie? Nun, das Folgende: Als ich noch ein junger -Mensch war, kannte ich einen alten Franzosen, der dreißig Jahre lang -Gefängniswärter gewesen war, und der mir gesagt hatte, jeder Mensch -habe etwas an sich, was sich von der Wiege bis zum Grabe nie ändere --- die Linien im Daumenballen; und er hatte weiter gesagt, daß diese -Linien sich niemals bei zwei Personen ganz genau gleich vorfänden. -Heutzutage photographieren wir den angehenden Verbrecher und hängen -sein Bild zum etwaigen späteren Gebrauch in der ›Spitzbubengalerie‹ -auf; jener Franzose aber pflegte seiner Zeit von jedem neuangekommenen -Gefangenen einen Abdruck des Daumenballens zu nehmen und diesen Abdruck -zum späteren Gebrauch aufzubewahren. Er sagte immer, daß Bilder nichts -taugen -- spätere Verkleidungen könnten sie nutzlos machen. ›Der Daumen -ist das einzig sichere,‹ sagte er, ›den kann man nicht verkleiden.‹ Und -die Richtigkeit seiner Theorie erwies sich auch an meinen Freunden und -Bekannten; seine Theorie hatte stets Erfolg. - -»Ich wahrsagte weiter. Jede Nacht schloß ich mich ganz allein ein -und studierte die während des Tages erlangten Daumenabdrücke mit -einem Vergrößerungsglas. Stellen Sie sich die verzehrende Begierde -vor, mit der ich über den labyrinthartigen roten Spiralen brütete; -neben mir jenes Papier aus meiner Hütte, das den Abdruck des Daumens -und Zeigefingers des Mörders trug, gefärbt mit dem für mich teuersten -Blute, das je auf Erden vergossen wurde! Wie oft mußte ich enttäuscht -dieselbe Bemerkung wiederholen: ›Werden sie denn nie übereinstimmen?‹ - -»Endlich aber wurde mein Warten belohnt; mein Lohn bestand in dem -Daumenabdruck des 34. Mannes der dritten Schwadron, den ich untersucht -hatte -- des Gemeinen Franz _Adler_. Eine Stunde vorher kannte ich -weder den Namen des Mörders, noch seine Stimme, Gestalt, Nationalität -oder seine Züge; jetzt aber wußte ich das alles und glaubte meiner -Sache sicher zu sein. - -[Illustration: Daumen-Abdrücke.] - -»Am nächsten Morgen nahm ich Krüger beiseite, als er dienstfrei war; -und an einem Orte, wo uns niemand sehen oder belauschen konnte, sagte -ich eindringlich zu ihm: - -»›Ein Teil eures Schicksals ist so ernst und bedeutsam, daß ich es für -das Beste hielt, es euch insgeheim zu sagen. Ihr und noch einer von -eurer Schwadron, dessen Schicksal ich letzte Nacht erforschte, -- der -Gemeine Adler, -- habt eine Frau und ein Kind ermordet! Ihr werdet -verfolgt: innerhalb von fünf Tagen werdet ihr beide gemeuchelt werden.‹ - -»Ganz außer sich vor Schreck fiel er auf die Kniee nieder und stammelte -fünf Minuten immer dieselben Worte wie ein Geistesabwesender, und in -derselben weinerlichen Weise, deren ich mich von jener Mordnacht her -noch so gut erinnerte: - -»›Ich that’s nicht -- bei meiner Seele, ich that’s nicht; und ich -wollte auch _ihn_ davon abhalten -- ich wollte es, Gott ist mein Zeuge. -Er that es allein.‹ - -»Das war alles, was ich wissen wollte, und ich wollte mich nun des -Elenden entledigen; er klammerte sich jedoch an mich und flehte mich -an, ihn vor dem Meuchelmörder zu retten. Er sagte: - -»›Ich habe Geld -- zehntausend Dollars -- versteckt, die Frucht der -Dieberei und Plünderung; rettet mich -- sagt mir, was ich thun soll, -und ihr sollt es haben -- bis auf den letzten Pfennig. Zwei Drittel -davon gehören meinem Vetter Adler; aber Sie dürfen meinetwegen -alles nehmen. Wir versteckten es, sobald wir hieherkamen; aber ich -versteckte es gestern an einem neuen Platz, ohne ihm etwas davon zu -sagen -- er soll es auch nie erfahren. Ich wollte desertieren und das -Ganze mitnehmen. Es ist lauter Gold -- zu schwer, um es mit sich zu -schleppen; aber ein Weib, das ich ins Vertrauen gezogen, sollte mit -dem Gelde nachfolgen. Ich hatte mit ihr verabredet, wenn ich keine -Gelegenheit fände, ihr das Versteck zu beschreiben, so wollte ich ihr -meine silberne Taschenuhr in die Hand gleiten lassen oder sie ihr -senden; sie wüßte dann, woran sie wäre. Im Rücken des Uhrgehäuses sei -ein Stück Papier, das alles Nötige besage. Hier nehmt die Uhr! Sagt -mir, was ich thun soll!‹ - -»Er wollte mir durchaus seine Uhr aufdrängen, nahm das Papier heraus -und erklärte es mir, als plötzlich Adler, etwa ein Dutzend Schritte von -uns entfernt, auftauchte. Ich sagte zu dem armen Krüger: - -»›Steckt eure Uhr ein, ich will sie nicht. Ihr sollt nicht zu Schaden -kommen. Geht jetzt; ich muß Adler wahrsagen. Ich werde euch bald wissen -lassen, wie ihr dem Meuchelmörder entgehen könnt. Sagt Adler nichts -von der Sache -- auch keinem andern.‹ - -»Der arme Teufel entfernte sich, erfüllt von Furcht und Dankbarkeit. -Ich wahrsagte Adler seine Zukunft -- absichtlich so ausführlich, daß -ich nicht ganz zu Ende kommen konnte; versprach, in der Nacht auf -Wache zu ihm zu kommen und ihm den wahrhaft wichtigen Teil seiner -Zukunft -- den tragischen Teil, sagte ich -- zu erzählen; wir müßten -deshalb außerhalb des Bereiches von Horchern sein. Es wurde stets eine -Feldwache außerhalb der Stadt aufgestellt, -- bloß der Disziplin und -Form wegen, da kein Feind in der Nähe war. - -»Ich erfragte die Losung, und gegen Mitternacht machte ich mich auf den -Weg nach der einsamen Gegend, wo Adler auf Posten stehen sollte. Es war -so dunkel, daß ich fast auf eine undeutliche Gestalt gestoßen wäre, -noch ehe ich ein Wort hervorbringen konnte. Der Anruf des Postens und -meine Antwort erfolgten in demselben Augenblick, ich fügte hinzu: ›Ich -bin’s -- der Wahrsager.‹ Dann schlich ich mich an den Menschen heran -und stieß ihm, ohne ein Wort zu sagen, meinen Dolch in das Herz! So, -lachte ich, das war der tragische Teil deines Schicksals! Indem er laut -aufschrie, griff er nach mir, und meine blaue Brille blieb ihm in der -Hand; das Pferd galoppierte davon mit seinem toten Reiter. - -»Ich floh durch die Wälder und entkam glücklich, die mich anklagende -Brille in des Toten Hand zurücklassend. - -»Das war vor fünfzehn oder sechzehn Jahren. Seit dieser Zeit bin ich -ziellos in der Welt umhergewandert, manchmal beschäftigt, manchmal -müßig, manchmal mit, manchmal ohne Geld, aber immer des Lebens müde -und den Tod herbeisehnend, denn meine Mission hienieden war mit jener -nächtlichen That beendigt, und das einzige Vergnügen, der einzige Trost -und die einzige Genugthuung, die ich in allen jenen langwierigen -Jahren hatte, lag in dem täglichen Gedanken: ›Ich habe ihn getötet!‹ - -[Illustration] - -»Vor vier Jahren begann meine Gesundheit mich im Stiche zu lassen. -Ich war in meiner zwecklosen Weise nach München gewandert. Da ich -ohne Geldmittel war, suchte ich Arbeit und fand sie auch, that ein -Jahr lang treu meine Pflicht und erhielt die Stelle des Nachtwächters -dort in jenem Leichenhause, das Sie kürzlich besuchten. Ich -wanderte stundenlang unter jenen starren Leichnamen umher und sah -in ihre bleichen Gesichter. Der Ort gefiel mir; er paßte zu meiner -Gemütsstimmung. Ich war gerne bei den Toten -- war gerne allein mit -ihnen; je später die Stunde, desto ergreifender war es; die Stunden -nach Mitternacht waren mir die liebsten. Manchmal schraubte ich -die Gasflammen tiefer herab; das gab Perspektive, wissen Sie, und -die Phantasie bekam freies Spiel; die trüben, im Hintergrund sich -verlierenden Reihen der Toten erfüllten mich stets mit seltsamen -fesselnden Vorstellungen. Vor zwei Jahren -- ich war damals ein Jahr -lang dort gewesen -- saß ich ganz allein im Wachzimmer (’s war eine -stürmische Winternacht), erkältet, fast erstarrt, unbehaglich, und war -nahe am Einschlafen; das Heulen des Windes und das Auf- und Zuschlagen -ferner Fensterläden drang jeden Augenblick schwächer und schwächer an -mein Ohr, als plötzlich jene Totenglocke über meinem Haupt ein Geläute -begann, das mir das Blut in den Adern erstarren ließ. Die Erschütterung -lähmte mich beinahe, denn es war das erstemal, daß ich die Glocke hörte. - -»Ich raffte mich zusammen und eilte in den Leichensaal. Etwa in der -Mitte der äußern Reihe saß eine mit Leintüchern umwickelte Gestalt -aufrecht da und neigte langsam den Kopf von einer Seite zur andern -- -ein schauerlicher Anblick! Er hatte mir die Seite zugewandt; ich eilte -hinzu und sah ihm ins Gesicht: guter Gott! es war Adler! - -»Können Sie erraten, was mein erster Gedanke war? In Worte gebracht -folgender: ›Es scheint also, du bist mir doch entkommen; diesmal soll -es anders gehen!‹ - -»Jener Mensch litt offenbar unendliche Schreckensqualen. Stellen Sie -sich vor: mitten in der lautlosen Stille aufzuwachen und eine grimme -Totengemeinde zu überschauen! Welche Dankbarkeit glänzte in seinem -knöchernen weißen Gesicht, als er ein lebendes Wesen vor sich sah! Und -wie die Glut dieser stummen Dankbarkeit sich erhöhte, als seine Augen -auf die lebenspendenden Stärkungsmittel fielen, die ich in den Händen -trug! Und dann stellen Sie sich das Entsetzen vor, das über ihn kam, -als ich diese Herzstärkungen wegstellte und höhnend sagte: - -»›Sprich doch, Franz Adler -- ruf’ diese Toten an. Sie werden dich ohne -Zweifel hören und Mitleid mit dir haben; sonst wirst du schwerlich -jemand rühren.‹ - -»Er versuchte zu sprechen, aber jener Teil des Leintuchs, der seine -Kinnladen zusammenhielt, hielt fest und erlaubte es ihm nicht. Er -versuchte flehend die Hände zu erheben, aber sie waren ihm auf seiner -Brust gekreuzt und zusammengebunden. - -»›Rufe doch, Franz Adler!‹ sagte ich, ›daß die Schläfer in den fernen -Straßen dich hören und Hilfe bringen. Rufe doch -- und verliere ja -keine Zeit, denn du hast wenig zu verlieren. Was? Du kannst nicht. Das -ist schade; aber es macht nichts, denn es bringt ja doch nicht immer -Hilfe. Als ihr, du und dein Vetter, in einer Hütte in Arkansas ein -Weib und ein Kind ermordetet -- _mein_ Weib war’s und _mein_ Kind! -- -da riefen sie auch um Hilfe, wie du dich erinnerst; aber es nützte -nichts; du erinnerst dich dessen, -- nicht wahr? Deine Zähne klappern -ja -- warum kannst du denn nicht rufen? Mache doch die Bandagen mit den -Händen los -- dann geht’s. Ah, ich sehe -- deine Hände sind gebunden, -sie können dir nicht helfen. Wie seltsam sich nach langen Jahren die -Dinge wiederholen; denn auch meine Hände waren in jener Nacht gebunden, -nicht wahr? Ja, fast ebenso gebunden wie die deinen -- wie sonderbar -das ist! Ich konnte mich nicht loszerren. Es fiel dir nicht ein, -mich loszubinden, und mir fällt es nicht ein, deine Bande zu lösen. -Pst! ein Fußtritt! er kommt hier vorüber. Horch, wie nahe er ist! -Man kann die Schritte zählen -- eins -- zwei -- drei. Da -- es ist -gerade da draußen. Jetzt ist es Zeit. Ruf’, Mann, ruf’! -- es ist die -allereinzige Gelegenheit zwischen dir und der Ewigkeit! Ah, du siehst, -daß du zu lange gezögert hast -- sie ist vorbei. Da -- der Schall -erstirbt; es ist aus! Denke daran -- denke darüber nach -- du hast zum -letztenmale den Schall menschlicher Schritte gehört. Wie seltsam es -sein muß, einem so gewöhnlichen Schall wie diesem zu lauschen und zu -wissen, daß man nie wieder seinesgleichen hören wird!‹ - -»O, mein Freund, die Todesqual in jenem tücherumhüllten Gesicht zu -sehen, war die höchste Wonne für mich! Ich erdachte eine neue Folter -und wendete sie an, mit etwas lügenhafter Erfindung als Beihilfe. - -»›Der arme Krüger wollte mein Weib und Kind retten, zum Dank leistete -ich ihm einen guten Dienst, als Zeit und Gelegenheit kamen. Ich -beredete ihn, dich zu berauben, und ich und ein Weib halfen ihm, als er -desertierte und brachten ihn in Sicherheit.‹ - -»Eine Miene des Triumphes gleichsam, und der Ueberraschung glänzte -einen Augenblick trübe durch die Angst im Gesichte meines Opfers. Ich -war erregt, beunruhigt, und sagte: - -»›Was hast du -- entkam er denn nicht?‹ - -»Ein verneinendes Kopfschütteln. - -»›Nicht? Was geschah denn?‹ - -»Die Genugthuung in dem verhüllten Gesicht war noch deutlicher. -Der Mann versuchte einige Worte zu murmeln -- es gelang ihm nicht; -versuchte mit den behinderten Händen etwas auszudrücken -- auch das -mißlang: wartete einen Augenblick und neigte dann in bedeutsamer Weise -sein Haupt gegen den Leichnam, der ihm am nächsten lag. - -»›Tot?‹ fragte ich. ›Entkam nicht? -- wurde gefangen und erschossen?‹ - -»Verneinendes Kopfschütteln. - -»›Was dann?‹ - -»Wieder versuchte der Mann etwas mit den Händen zu thun. Ich -beobachtete ihn genau, konnte aber seine Absicht nicht erraten; ich -beugte mich über ihn und beobachtete ihn noch genauer. Er hatte einen -Daumen herumgedreht und zeigte damit auf seine Brust. - -»›Ah -- erstochen meinst du?‹ - -»Bejahendes Nicken, von einem so teuflisch-gespensterhaften Lächeln -begleitet, daß ein grelles Licht in meinem stumpfen Gehirn aufblitzte -und ich rief: -- - -»›Hab’ ihn also irrtümlich für dich gehalten und erstochen? denn jener -Stoß war nur dir zugedacht.‹ - -»Der zum zweitenmale dem Tode geweihte Schurke nickte so zufrieden, -als seine schwindende Kraft es auszudrücken vermochte. Ich begrub -schluchzend das Gesicht in den Händen. - -»›O ich Elender!‹ rief ich, ›der ich die mitleidige Seele erschlug, die -als Freund zu meinen Lieben stand, als sie hilflos waren, und sie, wenn -es möglich gewesen, gerettet hätte! O, ich Elender!‹ - -»Ich glaubte das dumpfe Gurgeln eines höhnischen Lachens zu hören; ich -nahm die Hände vom Gesicht und sah, wie mein Feind auf sein schräges -Brett zurücksank. - -»Sein Todeskampf währte eine befriedigend lange Zeit: er besaß eine -wunderbare Lebenskraft, eine staunenswerte Konstitution. Ich holte -mir einen Stuhl und eine Zeitung, setzte mich neben ihn und begann -zu lesen. Gelegentlich nahm ich einen Schluck Branntwein: das war -notwendig der Kälte wegen; ich that es aber teilweise, weil ich sah, -daß er zuerst bei jedem Schluck erwartete, ich würde ihm auch ein -wenig davon geben. Ich las laut: hauptsächlich erdichtete Berichte von -Leuten, die durch einen Löffel voll Branntwein und ein warmes Bad vom -Grabesrand zurückgerissen und dem Leben zurückgegeben wurden. Ja, er -hatte einen recht langwierigen, harten Todeskampf -- drei Stunden sechs -Minuten von der Zeit an, da er die Glocke läutete. - -»Die schaurige Kälte des Leichensaales war mir durch Mark und Bein -gedrungen; sie verursachte und beschleunigte einen Rückfall in die -Krankheit, die mich schon öfter befallen hatte, aber bis zu jener -Nacht immer wieder rasch vorüber gegangen war. Jener Mann mordete mein -Weib und Kind, und in drei Tagen von heute an werde ich meinen Lieben -nachfolgen. Thut nichts -- Gott, wie köstlich ist die Erinnerung daran! --- ich hatte ihn erfaßt, wie er seinem Grabe entfliehen wollte, und -ihn wieder in dasselbe zurückgeworfen. - -»Nach jener Nacht war ich eine Woche lang an mein Bett gefesselt; -sobald ich aber wieder auf den Beinen war, schlug ich in den -Leichenhausbüchern die Adresse des Hauses auf, in dem Adler erkrankt -war. Es war eine elende Herberge. Ich dachte, Adler werde als Krügers -Vetter dessen Habseligkeiten in Besitz genommen haben. Ich wollte mir -womöglich Krügers Uhr verschaffen. Aber während ich krank darniederlag, -waren Adlers Sachen verkauft und überallhin zerstreut worden -- -alle bis auf einige alte Briefe und wertlose Kleinigkeiten. Mittels -jener Briefe aber spürte ich einen Sohn Krügers auf -- den einzigen -Verwandten, den er hinterließ. Er ist jetzt ein Mann von dreißig -Jahren, seines Zeichens ein Schuhmacher, ein Witwer mit mehreren -kleinen Kindern, und wohnt zu Mannheim, Königsstr. Nr. 14. Ohne ihm -einen Grund zu sagen, habe ich seitdem stets zwei Drittel zu seinem -Lebensunterhalt beigesteuert. - -»Was nun jene Uhr angeht, so hören Sie nur, was für seltsame Dinge -geschehen. Ich suchte länger als ein ganzes Jahr mit Mühe und Kosten -in ganz Deutschland nach ihr -- und fand sie endlich, bekam sie und -war unsäglich froh; ich öffnete sie und fand nichts darin. Hätte mir -freilich sagen können, daß jenes Stückchen Papier nicht die ganze Zeit -hindurch darin bleiben würde. Ich hatte damals die Uhr mitsamt dem -Schatz verschmäht -- jetzt hätte ich das Geld gerne für Krügers Sohn -gehabt. - -»In der letzten Nacht fühlte ich, daß ich bald sterben würde. Ich -verbrannte alle wertlosen Papiere; und siehe da! aus einem Briefbündel -Adlers, das ich vorher nicht genau genug durchforscht hatte, fiel jener -langersehnte Zettel! Ich erkannte ihn augenblicklich; er lautete wie -folgt: - -»›Pferdestall aus Backsteinen mit steinernem Fundament, Mitte der -Stadt, Ecke der Orleansstraße und des Marktplatzes; Ecke gegen das -Gerichtshaus zu -- vierte Reihe, dritter Stein. Stecke Benachrichtigung -dorthin mit der Angabe, wieviele kommen werden.‹ - -»Da, nehmen Sie’s, und heben Sie es gut auf. Krüger sagte mir, daß -jener Stein entfernt werden könne und daß er in der nördlichen Mauer -des Gebäudes sei, in der vierten Reihe von oben, der dritte Stein von -Westen her. Das Geld sei dahinter versteckt. Er sagte, der Schlußsatz -sei eine Finte um irrezuführen, falls das Papier in unrechte Hände -geraten sollte. Diese Finte scheint Adler gegenüber ihren Zweck -erreicht zu haben. - -»Und nun bitte ich Sie, wenn Sie Ihre beabsichtigte Reise den -Mississippi hinab thun, dieses versteckte Geld ausfindig zu machen und -an Adam Krüger unter der eben erwähnten Adresse zu senden. Es wird ihn -zu einem reichen Manne machen, und ich werde sanfter ruhen in meinem -Grabe, wenn ich weiß, daß ich mein Möglichstes gethan habe für den Sohn -des Mannes, der mein Weib und Kind retten wollte -- obgleich meine Hand -ihn erschlug, während der Antrieb meines Herzens dahin gegangen wäre, -ihn zu beschirmen und ihm dienstlich zu sein.« - - * * * * * - -»Das war Ritters Geschichte,« sagte ich zu meinen Freunden Rogers -und Thompson, mit denen ich bald nach meiner Rückkehr von Europa den -Mississippi hinabfuhr. Als ich geendet hatte, folgte eine tiefe, -eindrucksvolle Stille, die beträchtliche Zeit dauerte; dann brachen -beide in ein wahres Kreuzfeuer von erregten und bewundernden Ausrufen -über die seltsamen Episoden der Erzählung aus, das anhielt, bis sie -fast ganz außer Atem waren. Dann begannen meine Freunde kühler zu -werden und sich unter dem Schutze gelegentlicher Salven in Schweigen -und abgrundtiefe Träumerei zurückzuziehen. Etwa zehn Minuten lang -herrschte Stillschweigen; dann sagte Rogers träumerisch --: - -»Zehntausend Dollars,« und nach einer langen Pause fügte er hinzu: -»Zehntausend -- ’s ist ein Haufen Geld.« - -Gleich darauf fragte Thompson: - -»Werden Sie es ihm sogleich senden?« - -»Ja,« sagte ich. »Eine seltsame Frage!« - -Keine Antwort. Nach einer Weile fragte Rogers zögernd: - -»Alles? -- Das heißt -- ich meinte nur --« - -»_Gewiß_, alles.« - -Ich wollte mehr sagen, hielt aber inne, durch einen Ideengang dazu -veranlaßt, der in mir auftauchte. Thompson sprach, aber meine Gedanken -waren anderswo, und ich erfaßte nicht, was er sagte; doch hörte ich, -wie Rogers antwortete: - -»Ja, das scheint mir so. Es sollte vollständig genügen, denn ich finde -nicht, daß _er_ dabei etwas gethan hat.« - -Sogleich fiel Thompson, der Dichter, ein: - -»Bei Licht betrachtet, ist es _mehr_ als genügend. Denke nur -- -fünftausend Dollars. Ei, er könnte das Geld in seinem ganzen Leben -nicht ausgeben! Und es könnte ihm leicht schaden, ihn vielleicht zu -Grunde richten -- das ist wohl zu beachten. Wer weiß, wie lang es -dauert, bis er alles durchgebracht hat? Dann macht er seine Bude zu, -fängt vielleicht an zu trinken, mißhandelt seine Kinder, gerät auf -andere Abwege und sinkt tiefer und tiefer -- --« - -»Ja, das ist’s,« unterbrach ihn Rogers voller Feuereifer, »ich habe das -hundertmal -- ja, öfter als hundertmal gesehen. Wenn du einen solchen -Mann gänzlich zu Grunde richten willst, brauchst du ihm bloß Geld in -die Hand zu geben; ja, gieb ihm nur Geld in die Hand -- das ist alles, -was dazu gehört; und wenn es ihn nicht herabzieht, ihm alle Würde, -alle Selbstachtung u. s. w. raubt, dann kenne ich die menschliche -Natur nicht -- ist’s nicht so, Thompson? Und selbst wenn wir ihm ein -_Drittel_ davon geben; ei, in weniger als sechs Monaten -- --« - -»Weniger als sechs _Wochen_, sage lieber,« sagte ich, mich erwärmend -und einfallend. »Wenn die dreitausend Dollars nicht in sicheren Händen -wären, wo er sie nicht anrühren könnte, so würde er ebensowenig sechs -Wochen damit reichen, als -- --« - -»Natürlich nicht,« sagte Thompson; »ich habe Bücher geschrieben für die -Sorte von Leuten; sobald sie ihre Hände auf ein Besitztum legen -- auf -dreitausend Dollars etwa, oder auf zweitausend -- --« - -»Ich möchte wissen, was dieser Schuster mit zweitausend Dollars soll?« -fiel Rogers ernsthaft ein; »ein Mann, der vielleicht jetzt dort in -Mannheim, umgeben von seinesgleichen, ganz zufrieden ist; der sein -Brot mit dem Appetit ißt, den Mühe und Fleiß allein geben können, und -ehrlich, aufrichtig und reinen Herzens sich seines bescheidenen Daseins -freut; und _begnadet_ -- ja, ich sage begnadet ist vor all’ den vielen -Tausenden, die in Sammet und Seide einhergehen und in dem hohlen, -leeren Treiben der Gesellschaft umhergewirbelt werden -- aber man führe -diesen Mann nur einmal in Versuchung, lege nur fünfzehnhundert Dollars -vor ihn hin und -- --« - -»Fünfzehnhundert Teufel!« rief ich, »_fünf_hundert würden seine -Grundsätze ausrotten, seinen Fleiß lähmen und ihn in den Schnapsladen -zerren, von da in die Gosse, von da ins Armenhaus, von da in -- --« - -»Weshalb uns dieses Verbrechen aufbürden, meine Herren?« unterbrach -mich der Poet ernst und flehend. »Er ist glücklich, _wo_ und _wie_ er -ist. Jedes Gefühl der Ehre, der Menschenliebe und des hohen, heiligen -Wohlwollens ermahnt, bestürmt und befiehlt uns, ihn in Ruhe zu lassen. -Das ist echte, wahre Freundschaft.« - -Nach einigem weiteren Geplauder wurde es indessen ersichtlich, daß -jeder von uns in seinem innersten Herzen einige Zweifel bezüglich -dieser Erledigung der Sache hegte. Wir fühlten offenbar alle, daß wir -dem armen Schuster _irgend etwas_ senden sollten. Dieser Punkt wurde -lange erwogen, und endlich beschlossen, daß wir ihm ein Farbendruckbild -senden wollten. - -Nun aber, da alles ganz zur Zufriedenheit geordnet schien, tauchte eine -neue Schwierigkeit auf: es wurde mir klar, daß die beiden erwarteten, -ich werde das Geld zu gleichen Stücken mit ihnen teilen. Das fiel -mir gar nicht ein; ich sagte, sie könnten von Glück sagen, wenn sie -zusammen die Hälfte bekämen. Rogers sagte darauf: - -»Wer würde überhaupt etwas erhalten haben, wenn ich nicht gewesen -wäre? Ich machte die erste Andeutung -- sonst hätte der Schuster alles -bekommen.« - -Thompson sagte, daß er in demselben Augenblicke daran gedacht hätte, -als Rogers die erste Andeutung machte. - -Ich erwiderte, daß mir der Gedanke bald genug und ohne jede Beihilfe -gekommen sei. »Ich denke vielleicht langsam,« sagte ich, »aber auch -sicher.« - -Unsere Erörterung entwickelte sich zu einem Zank, dann zu einem -Faustkampf, bei dem wir alle stark mitgenommen wurden. Sobald ich mein -Aeußeres wieder einigermaßen präsentabel gemacht hatte, begab ich mich -(in recht verdrießlicher Stimmung) aufs Oberdeck. Dort fand ich den -Kapitän und redete ihn so freundlich wie möglich folgendermaßen an: - -»Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Kapitän; ich möchte bei -Napoleon landen.« - -»Wo landen?« - -»Bei Napoleon.« - -Der Kapitän lachte, da er aber sah, daß ich nicht zum Scherzen -aufgelegt war, fügte er ernster werdend hinzu: - -»Ist das Ihr Ernst?« - -»Mein voller Ernst.« - -Der Kapitän blickte zum Lotsenhaus hinauf und sagte: - -»Er will bei Napoleon landen!« - -»Bei _Napoleon_?« - -»So sagt er.« - -»O Geist des großen Cäsar!« - -Der Lotse kam auf uns zu, und der Kapitän sagte: - -»Onkel, unser guter Freund hier will bei Napoleon landen.« - -»Na, da -- --« - -»Nun, was soll das?« unterbrach ich ihn. »Kann man denn bei Napoleon -nicht ans Ufer gehen, wenn man will?« - -»Ei, zum Henker, wißt Ihr’s denn nicht? Es _giebt_ kein Napoleon mehr, -seit Jahren nicht mehr. Der Arkansas River brach durch, riß alles in -Stücke und schwemmte es in den Mississippi!« - -»Nahm die _ganze_ Stadt mit? -- Banken, Kirchen, Gefängnisse, -Zeitungsdruckereien, Gerichtshaus, Theater, Feuerversicherungsgebäude, -Mietställe -- _alles_?« - -»Alles. Just das Werk einer Viertelstunde. Ließ weder Haut noch Haar, -weder einen Stein oder Balken noch einen Dachziegel übrig -- einen -Schuppen und einen Kamin aus Backsteinen ausgenommen. Das Boot hier -fährt jetzt gerade da, wo die Mitte der Stadt war; dort ist der Kamin --- alles, was von Napoleon übrig ist. Diese dichten Wälder zur Rechten -waren sonst eine gute Stunde hinter der Stadt. Seht euch einmal um -- -blickt stromaufwärts -- nicht wahr, jetzt erkennt ihr die Gegend nach -und nach wieder?« - -»Ja, ich erkenne sie jetzt. Das ist das Wunderbarste, was ich je gehört -habe -- weitaus das Wunderbarste und -- Unerwartetste.« - -Mittlerweile waren meine Freunde Thompson und Rogers mit ihren Ränzchen -und Regenschirmen angekommen und hatten dem Kapitän schweigend -zugehört. Thompson drückte mir einen halben Dollar in die Hand und -sagte leise: - -»Für meinen Anteil an dem Farbendruck.« - -Rogers folgte seinem Beispiel. - -Ja, es war erstaunlich, den Mississippi zwischen unbevölkerten Ufern -und gerade über den Ort sich hinwälzen zu sehen, wo ich vor zwanzig -Jahren eine gute, große, behäbige Stadt zu sehen gewohnt war -- eine -Stadt, die der Hauptort eines umfangreichen und blühenden Bezirks -war; eine Stadt, wo ich das hübscheste und liebreizendste Mädchen aus -dem ganzen Mississippithal gekannt hatte; -- jetzt keine Stadt mehr, -verschlungen, verschwunden, eine Beute der Fische! nichts übrig als ein -Stück von einem Schuppen und ein verfallender Backsteinschlot! - -Und wo sind die zehntausend Dollars? - -[Illustration] - - - - -Der Mann, der bei Gadsbys abstieg. - - -Im Winter 1867 ging ich einmal mit meinem originellen Freund -Riley, der, wie ich, Zeitungskorrespondent in Washington war, die -Pennsylvania-Avenue hinunter. Mitternacht war fast vorüber und ein -heftiger Schneesturm blies uns ins Gesicht, als wir beim Schein einer -Straßenlaterne einen Mann erblickten, der uns entgegengelaufen kam. - -Als er unserer ansichtig wurde, blieb er stehen und rief: »Das trifft -sich ja prächtig! Sie sind Herr Riley, nicht wahr?« - -Riley besaß mehr Ruhe und Kaltblütigkeit als irgend jemand in der -ganzen Republik. Er stand still, betrachtete den Mann von Kopf bis zu -Fuß und sagte endlich: - -»Mein Name ist Riley! Wünschen Sie vielleicht etwas von mir?« - -»Jawohl,« sagte der Mann voller Freude, »und ich bin überglücklich, -Sie gefunden zu haben! Ich heiße Lykins und bin Lehrer am Gymnasium in -San Francisco; die dortige Postmeisterstelle ist vakant, ich hab’ mich -darum beworben, und deshalb bin ich jetzt hier.« - -»Ja,« sagte Riley langsam und bedächtig, -- »wie Sie ganz richtig -bemerken, Herr Lykins, sind Sie jetzt hier! Und haben Sie die Stelle -bekommen?« - -»Noch nicht, aber ich bin auf dem besten Wege dazu. Das Gesuch, -das ich einreichen will, trägt die Unterschriften des Vorstands für -Volksunterricht, sowie sämtlicher Lehrer, und noch zweihundert anderer -Personen. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie die Güte hätten, mich zu -der betreffenden Zivilbehörde zu begleiten, um meine Ueberweisung -auf den Posten ausfertigen zu lassen, denn ich möchte mit dieser -Angelegenheit so schnell wie möglich fertig werden, und bald wieder zu -Hause sein.« - -»Wenn die Sache so dringend ist,« versetzte Riley in einem Ton, aus -dem nicht jeder den Spott herausgehört hätte, »so wäre es Ihnen wohl -angenehm, wenn wir den Beamten noch heute abend aufsuchten?« - -»Jawohl, heute abend auf jeden Fall, ich habe nicht Zeit, mich lange -herumzutreiben. Noch heute, ehe ich zu Bette gehe, muß ich die Zusage -haben -- ich bin kein Mann von Worten, sondern von Thaten!« - -»Sehr wohl, -- und da sind Sie hier am rechten Platze. -- Wann sind Sie -angekommen?« - -»Gerade vor einer Stunde.« - -»Und wann gedenken Sie wieder abzureisen?« - -»Morgen abend nach New York und tags darauf nach San Francisco!« - -»Ganz recht, -- und was wollen Sie morgen den Tag über thun?« - -»Nun, da muß ich mich doch mit dem Gesuch und der Ueberweisung zum -Präsidenten begeben, um seine Unterschrift zu erhalten, nicht wahr?« - -»Jawohl, -- das ist ganz richtig, ganz in der Ordnung, -- und was dann?« - -»Dann gehe ich um zwei Uhr nachmittags in die Senatssitzung und hole -mir die Bestätigung, das ist der letzte Schritt.« - -»Freilich, -- freilich,« sagte Riley wohlbedächtig, »da haben Sie -wieder ganz recht! Dann benutzen Sie den Abendzug nach New York und am -nächsten Morgen das Dampfboot nach San Francisco.« - -»So ist es -- ganz wie ich mir die Sache überlegt habe.« - -Riley dachte eine Weile nach, dann sagte er: - -»Könnten Sie nicht vielleicht einen -- oder zwei Tage länger bleiben?« - -»Bewahre, das wäre ganz gegen meine Grundsätze; ich kann nicht lange -herumbummeln, -- ich bin ein Mann der That, wie ich Ihnen schon sagte.« - -Mitten im heulenden Sturm und dichtesten Schneewirbel stand Riley -einige Sekunden regungslos da, augenscheinlich in tiefes Nachdenken -versunken: -- dann blickte er auf und sagte: - -»Haben Sie wohl je von dem Manne gehört, der eines Tages bei Gadsbys -abstieg? -- Aber ich sehe schon, daß Sie nichts von ihm wissen!« - -Damit drängte er Herrn Lykins gegen ein eisernes Gitter, hielt ihn -am Knopfloch fest und -- wie Coleridges alter Matrose -- bannte er -ihn auf die Stelle durch den Blick seines Auges. Dann begann er seine -Erzählung, so friedlich und seelenruhig, als lägen wir alle behaglich -auf einer blumigen Sommerwiese ausgestreckt, anstatt um Mitternacht vom -Wintersturm durchblasen zu werden. - -»Ich will Ihnen von dem Mann erzählen: es war zur Zeit des Präsidenten -Jackson und Gadsbys das erste Hotel der Stadt. -- Eines Morgens um 9 -Uhr kam dort ein prächtiger vierspänniger Wagen vorgefahren; auf dem -Bock saß ein schwarzer Kutscher und ein wunderschöner großer Hund lief -nebenher. Wirt, Kellner und Hausknecht stürzten herbei, den neuen -Ankömmling zu empfangen. Dieser, ein Herr aus Tennessee, sprang eiligst -heraus, befahl dem Kutscher zu warten, sagte, er habe keine Zeit, -erst noch etwas zu essen, -- er wolle nur eine kleine Schuldforderung -bei der Regierung einkassieren und daher schnell auf das Schatzamt -gehen, um das Geld zu holen; dann müsse er direkt wieder nach Tennessee -zurück, da er große Eile habe. - -[Illustration] - -Um 11 Uhr abends kam er wieder, ließ die Pferde in den Stall bringen, -bestellte ein Zimmer und meinte, er werde die Forderung am nächsten -Morgen einkassieren. Dies geschah an einem Mittwoch, den 3. Januar -1834. Am 5. Februar verkaufte er den schönen Wagen und schaffte sich -einen billigen, schon gebrauchten an; -- er meinte, darin könne er das -Geld ebenso gut mitnehmen, und auf vornehmes Aussehen lege er kein -Gewicht. Am 11. August verkaufte er das eine Paar Pferde, indem er -bemerkte, es sei doch bequemer mit zwei Pferden über das steile Gebirge -zu fahren, weil dabei große Vorsicht nötig sei; auch werde das Geld, -das er bekäme, nicht zu schwer für einen Zweispänner sein. Am 13. -Dezember verkaufte er das dritte Pferd und meinte, jetzt bei dem klaren -trockenen Winterwetter seien die Straßen in so gutem Zustand, daß _ein_ -Pferd das alte Fuhrwerk schnell genug vorwärts bringen könne. -- Am -17. Februar 1835 verkaufte er den alten Wagen und schaffte sich einen -leichten Einspänner an, den er billig bekam. Er meinte, die Wege seien -jetzt vom Frühlingsregen so aufgeweicht, daß jedes andere Gefährt zu -tief einsinken würde, auch habe er schon immer gern versuchen wollen, -wie es sich in einem Einspänner über die Berge fahren lasse. -- Am 1. -August vertauschte er den Einspänner gegen eine kleine Chaise, die -schon lange im Gebrauch war, und meinte, er freue sich ordentlich -darauf, wie seine lieben Landsleute in Tennessee Mund und Augen -aufsperren würden, wenn er in einer Chaise dahercarriolt käme, so etwas -hätten sie gewiß ihr Lebtag nicht gesehen. - -Am 29. August verkaufte er auch seinen schwarzen Kutscher und meinte, -auf seiner Chaise sei ja gar nicht Platz für zwei, da könne er keinen -Kutscher brauchen, -- es sei ein reiner Glücksfall, daß er einen Käufer -gefunden, der dumm genug gewesen, 900 Dollars für einen Neger von so -zweifelhafter Qualität zu bezahlen, -- er sei den Kerl längst gern los -gewesen, habe ihn aber doch nicht um ein Spottgeld hergeben mögen. - -Anderthalb Jahre später, am 15. Februar 1837, verkaufte er die Chaise, -schaffte sich einen Sattel an und meinte, der Doktor habe ihm schon -mehrmals gesagt, wie gut ihm das Reiten bekommen würde, außerdem würde -es ja die reinste Thorheit sein, mitten im Winter eine Fahrt durch das -Gebirge zu riskieren. - -Am 9. April verkaufte er den Sattel und meinte, bei den schmutzigen -schlechten Wegen im April sei so ein Sattel doch ein erbärmliches Ding, -mit dem alle Augenblicke etwas passieren könne; auf dem Pferderücken -fühle er sich noch einmal so sicher, und warum solle er sein Leben -unnütz aufs Spiel setzen? - -Am 24. April verkaufte er sein Pferd und meinte: ›Heute ist gerade -mein siebenundfünfzigster Geburtstag, -- ich bin gesund und frisch und -kann mir nichts Angenehmeres denken, als eine Fußtour über die Berge, -in ihrem jungen Frühlingsgrün; es wäre eine wahre Sünde, wenn ich die -Gelegenheit dazu versäumte, um bei dem herrlichen Wetter aufs Pferd -zu steigen! Wenn meine Forderung einkassiert ist, kann ja der Hund -das kleine Bündel mit Leichtigkeit tragen. Morgen in aller Frühe will -ich mich aufmachen und nach einem donnernden Lebewohl bei Gadsbys auf -Schusters Rappen nach Tennessee marschieren.‹ - -Am 22. Juni verkaufte er seinen Hund und meinte: ›Wenn man so im -Sommer durch Berg und Wald schweift, ist einem ja ein Hund überall im -Wege, er jagt nach Eichhörnchen, bellt Tier und Menschen an, verläuft -sich bald hier, bald dort, gerät in Bäche und Pfützen und läßt einen -keinen Augenblick die schöne Natur in Ruhe genießen! Wenn ich mein -Geld selber trage, ist es ohnehin viel sicherer. Auf einen Hund ist -in Geldsachen kein Verlaß, -- das weiß man aus Erfahrung! Na, lebt -wohl, alte Jungens, -- dies ist mein letzter Besuch, -- morgen mit dem -frühesten bin ich über alle Berge und auf festen Sohlen nach Tennessee -unterwegs!‹« -- - - * * * * * - -Es entstand eine Pause, -- nur der Wind heulte, und der Schnee fiel in -dichten Flocken. Endlich sagte Lykins ungeduldig: - -»Nun, und was weiter?« - -Riley versetzte: - -»Ja, -- das war vor dreißig Jahren!« - -»Gut, gut, -- aber was soll das?« -- - -»Der alte Herr ist mein guter Freund, er besucht mich jeden Abend, um -Abschied zu nehmen. Vor einer Stunde war er bei mir und morgen früh -macht er sich nach Tennessee auf -- wie gewöhnlich, -- er meinte, er -werde seine Forderung einkassiert haben und auf und davon sein, ehe -solche Nachteulen, wie ich, sich den Schlaf aus den Augen reiben. Er -hatte Thränen in den Augen vor Freude, daß er nun bald seine alte -Heimat und seine Freunde wiedersehen werde!« -- - -Es folgte eine abermalige Pause, die der Fremde unterbrach: - -»Ist die Geschichte zu Ende?« - -»Ja, das ist alles!« - -»Sie war auch lang genug, bei dieser Nachtzeit und in solchem Wetter. -Aber was wollen Sie denn damit sagen?« - -»O, nichts Besonderes!« - -»Ich meine, was soll sie eigentlich bedeuten?« - -»Eine besondere Bedeutung hat sie nicht, -- ich dachte nur so, daß, -wenn Sie nicht in gar zu großer Eile sind, mit Ihrer Anstellung als -Postmeister nach San Francisco zurückzukommen, so würde ich Ihnen -raten, bei Gadsbys abzusteigen, und sich Zeit zu nehmen. Leben Sie -wohl, ich wünsche Ihnen recht viel Glück!« - -Dabei wandte sich Riley mit freundlicher Miene zum Gehen und ließ den -verblüfften Schullehrer regungslos unter der Straßenlaterne stehen, die -ihren hellen Schein auf den von Schneeflocken ganz weißen Mann warf. -- - -Die Postmeisterstelle hat er aber nie erhalten. - - - - -Die Geschichte des Invaliden. - - -Ich sehe aus wie ein verheirateter Sechziger; es ist die Folge -meiner angegriffenen und durch Leiden mitgenommenen Gesundheit; in -Wirklichkeit bin ich Junggeselle und erst einundvierzig Jahre alt. -Sie werden es kaum glauben können, daß ich, jetzt einem Schatten -gleichend, vor kaum zwei Jahren noch frisch und gesund war -- ein Mann -von Eisen, ein wahrer Athlet! -- und doch ist es die reine Wahrheit. -Noch seltsamer aber ist die Art und Weise, wie ich meine Gesundheit -einbüßte. Ich verlor sie, weil ich einst in einer Winternacht, während -einer Eisenbahnfahrt von fünfzig Meilen, auf eine Kiste mit Gewehren -achtgeben half. Ich will Ihnen die ganze Geschichte erzählen. - -Ich bin zu Cleveland, Staat Ohio, zu Hause. Vor zwei Jahren kam ich -einmal beim Anbruch der Nacht während eines heftigen Schneesturms heim -und erfuhr, sobald ich ins Haus trat, daß mein liebster Jugendfreund -und Schulkamerad, John B. Hackett, tags vorher gestorben war; sein -letzter Wunsch sei gewesen, ich möge seine sterblichen Ueberreste -zu seinen armen, alten Eltern nach Wisconsin geleiten. Ich war sehr -erschüttert und bekümmert, durfte aber keine Zeit mit Gemütsbewegungen -verlieren; ich mußte sogleich aufbrechen. Ich steckte die Karte, auf -welcher ›Dekan Levi Hackett, Bethlehem, Wisconsin‹ stand, zu mir und -eilte durch den heulenden Sturm der Bahnstation zu. Dort angelangt, -fand ich die lange weißtannene Kiste vor, die mir beschrieben worden -war. Ich befestigte die Karte mit einigen Stiften daran, überzeugte -mich, daß die Kiste sicher in einem Expreßwagen untergebracht wurde, -und eilte dann in das Speisezimmer, um mich mit einem belegten -Butterbrot und einigen Cigarren zu versorgen. Als ich herauskam, stand -meine Sargkiste wieder da und ein junger Mensch machte sich mit einer -Karte, einigen Stiften und einem Hammer in der Hand, daran zu schaffen. -Ich war erstaunt und verblüfft. Er begann seine Karte anzunageln -und ich eilte ziemlich aufgeregt hinaus zu dem Expreßwagen, um eine -Erklärung zu verlangen. Aber siehe -- da war ja meine Kiste, sie lag im -Güterwagen genau auf dem alten Fleck. - - [Thatsächlich hatte eine großartige Verwechslung stattgefunden, - ohne daß ich etwas davon ahnte. Ich nahm die Kiste mit Gewehren - mit, welche jener junge Mann an eine Schützengesellschaft in - Peoria in Illinois abliefern sollte, während _er_ mit dem - meiner Obhut anvertrauten Leichnam abreiste!] - -Ich hatte mich kaum überzeugt, daß meine Kiste da war, als der -Kondukteur rief: »Einsteigen!« Ich sprang rasch in den Packwagen und -machte mir einen bequemen Sitz auf einem Ballen zurecht. In demselben -Wagen fuhr der Güterschaffner, ein biederer Mann in den Fünfzigern, -mit offenem, ehrlichem, gutmütigem Gesicht. Er hatte alle Hände voll -zu thun. Als der Zug abfuhr, sprang ein Fremder an den Wagen und -legte einen Pack mit besonders reifem und kräftigem Limburger Käse -auf das eine Ende meiner vermeintlichen Sargkiste. Das heißt, ich -weiß jetzt, daß es Limburger Käse war, damals aber war mir der Inhalt -des Packets unbekannt. Wir flogen eilig dahin durch die rauhe Nacht, -der Sturm tobte fort. Eine große Niedergeschlagenheit bemächtigte -sich meiner, mein Herz wurde schwerer und immer schwerer. Der alte -Schaffner machte ein paar heitere Bemerkungen über den Sturm und das -Nordpolwetter, schloß die Schiebethüren und Fenster recht dicht und -ging dann geschäftig und ein Liedchen summend hin und her, indem er -das Gepäck zurechtsetzte. Bald fiel mir auf, daß sich ein äußerst -übler, durchdringender Geruch in der eiskalten Atmosphäre des Wagens -verbreitete; das machte mich noch niedergeschlagener, weil ich es -natürlich meinem armen abgeschiedenen Freunde zuschrieb. Es lag etwas -tief Trauriges darin, daß er sich mir in dieser stummen, pathetischen -Weise ins Gedächtnis zurückrief, und so konnte ich nur mit Mühe die -Thränen zurückhalten; nebenbei war ich auch besorgt, der alte Schaffner -könne etwas merken. Er summte indessen ruhig weiter. Trotzdem fühlte -ich mich mit jeder Minute unbehaglicher, denn der Geruch wurde immer -stärker, schon mehr ~hautgoût~. Nachdem der Schaffner alles zu seiner -Zufriedenheit geordnet hatte, holte er einen Arm voll Holz und heizte -in seinem Ofen tüchtig ein. Das that mir über die Maßen leid; denn -ich war überzeugt, daß die Wärme eine schädliche Wirkung auf meinen -armen abgeschiedenen Freund ausüben müsse. Thompson -- der Schaffner -hieß Thompson, wie ich im Laufe der Nacht erfuhr -- ging jetzt die -Wände betastend im Wagen umher, verstopfte alle Löcher und Ritzen, und -bemerkte vergnügt, es möge nun draußen Wetter sein, welches es wolle, -er werde es uns schon behaglich machen. Ich sagte nichts, zweifelte -aber, ob er es richtig anfing. In einer Weile wurde der Ofen immer -heißer und die Luft immer schwüler. Ich fühlte, daß mir übel und weh -wurde, trug aber mein Leid im stillen und sagte nichts. Bald bemerkte -ich, daß das Summen des Schaffners immer schwächer wurde, endlich hörte -es ganz auf, und es herrschte eine unheimliche Stille. Nach einigen -Augenblicken sagte Thompson: - -»Pfui! na, Zimmetholz war’s nicht, was ich in den Ofen steckte!« - -Er schnappte ein paarmal nach Luft, schritt dann auf die Kiste zu, -stand einen Augenblick ganz nahe bei dem Limburger, ging dann wieder -weg und setzte sich, augenscheinlich stark ›verschnupft‹ neben mich. -Nach einigem Besinnen sagte er, mit dem Finger auf die Kiste zeigend: - -»Freund von Ihnen?« - -»Ja,« sagte ich mit einem Seufzer. - -[Illustration] - -»Ziemlich reif, wie’s scheint!« - -Etwa zwei Minuten lang wurde nichts weiter gesagt, da jeder mit seinen -eigenen Gedanken beschäftigt war; dann sagte Thompson in leisem, -friedlichem Tone: - -»Manchmal weiß man nicht recht, ob sie ganz hinüber sind; es scheint -oft nur so, wenn man sie anfühlt. Habe Fälle in meinem Wagen gehabt, -besonders während des Krieges, -- ich sag’ Ihnen, schauderhaft! Jeden -Augenblick konnte man erwarten, daß sich so einer erhob und einen -anglotzte.« Dann fügte er nach einer Pause hinzu, indem er mit dem -Ellenbogen nach der Kiste zeigte: »Na, der da ist nicht scheintot! Für -den stehe ich ein.« - -Wir saßen einige Zeit schweigend und nachdenklich da, lauschten dem -Sausen des Windes und dem Gerassel des Bahnzugs; dann sagte Thompson -gefühlvoll: - -»Nun, nun, wir werden alle einmal ›reif‹, das ist nun einmal nicht -zu ändern. Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt nur eine kurze Zeit, -sagt die Schrift. Ja, man mag es betrachten, wie man will, es ist -furchtbar ernsthaft und wunderbar: Es giebt niemand, der’s ändern -kann, alle müssen fort, einer wie der andere. Heute ist man frisch und -gesund« -- hier unterbrach er sich, schnellte auf, riß ein Fenster auf -und streckte seine Nase ein paar Augenblicke hinaus, dann setzte er -sich wieder, während ich aufstand und meine Nase an derselben Stelle -hinausstreckte, und so wechselten wir immer ab -- »und am nächsten Tag -wird er niedergemäht wie das Gras, wie es in der Schrift steht. Ja, -wahrhaftig -- ’s ist eine furchtbar ernste und feierliche Sache; aber -wir müssen alle gehen, früher oder später; ’s läßt sich nicht ändern.« - -Es folgte wieder eine lange Pause, dann fragte Thompson: - -»Woran starb er denn?« - -Ich antwortete, es sei mir unbekannt. - -»Wie lange ist er denn schon tot?« - -Um nicht, wegen des Geruchs, zu wenig zu sagen, antwortete ich: - -»Zwei oder drei Tage.« - -Aber es half nichts; Thompson nahm es mit einer ungläubigen Miene auf, -die deutlich besagte: Sie wollen wohl sagen: »Zwei oder drei _Jahre_!« -Meine Angabe stillschweigend ignorierend, fuhr er dann ruhig fort, mir -seine Ansicht auseinanderzusetzen über die Thorheit, Begräbnisse lang -aufzuschieben. Dann schritt er zu der Kiste, blieb einen Augenblick -davor stehen, kam eilig zurück und stattete dem Fenster einen Besuch -ab, wobei er bemerkte: - -»Es wäre in jeder Hinsicht besser gewesen, wenn Sie ihn letzten Sommer -fortgeschafft hätten.« - -Thompson setzte sich nieder, begrub sein Gesicht in einem rotseidenen -Taschentuch und begann sich langsam hin- und herzuwiegen wie einer, der -sich wohl oder übel in das Unvermeidliche schickt. Mittlerweile war der -Duft -- wenn man das noch Duft nennen darf -- zum Ersticken geworden. -Thompsons Gesicht wurde aschgrau; das meine -- ich fühlte es -- war -leichenfahl. Zur Abwechslung stützte Thompson den Kopf in die linke -Hand, den Ellbogen auf dem Knie; mit der andern Hand fuchtelte er mit -dem Taschentuch gegen die Kiste und sagte: - -»Bin schon mit vielen gefahren -- manche davon waren beträchtlich -angegangen -- aber, weiß der Himmel, der schlägt sie alle um ein -Dutzend Nasenlängen, mit Leichtigkeit. Ich versichere Sie, die anderen -waren ~Eau de Cologne~ gegen _ihn_!« - -Ich nahm das Kompliment für meinen Freund, trotz der betrübenden -Nebenumstände, nicht ohne Genugthuung auf. - -Es wurde uns sehr bald klar, daß etwas geschehen müsse. Ich schlug -Cigarren vor; Thompson war damit einverstanden. - -»Vielleicht mildert’s etwas,« meinte er. - -Wir pafften hübsch drauf los und bildeten uns eine Weile ein, daß der -Zustand sich gebessert habe; aber es half nichts. Sehr bald, wie auf -ein verabredetes Zeichen, ließen wir beide gleichzeitig unsere Cigarren -den kraftlosen Fingern entfallen. Thompson sagte mit einem Seufzer: - -»Nein, Freund, das macht ihn nicht um ein Haar milder. Ich behaupte, es -macht ihn nur wilder. Was sollen wir aber machen, he?« - -Ich war nicht im stande, etwas vorzuschlagen, ich hatte während der -ganzen Zeit gewürgt und gewürgt und hielt es nicht für geraten, den -Mund zu öffnen. Thompson begann in abgebrochenen Sätzen über die -dumme Geschichte zu brummen, wobei er meinen Freund verschiedentlich -titulierte; die Titel wurden immer größer, je eifriger er redete. -Schließlich sagte er: - -»Wissen Sie was? Wir sollten unsern Oberst[6] weiter an das andere Ende -des Wagens bringen, etwa zehn Fuß. Er kann sich dann nicht so geltend -machen.« - - [6] Titulatur, mit der man in Amerika stark um sich wirft. - -Das leuchtete mir ein. Wir schöpften also am Fenster gehörig Atem und -faßten dann die Kiste mit dem Käse an. Thompson nickte ›Fertig‹, worauf -wir mit aller Macht auslangten; aber Thompson glitt aus, stieß mit der -Nase auf den Käse und verlor fast den Atem. Schnappend und keuchend -rappelte er sich empor und wankte auf die Thüre zu, wobei er mir heiser -zurief: »Lassen Sie mich! Ich muß sterben! Luft! Luft!« Draußen auf der -kalten Plattform kam er bald wieder zu sich und fragte mich: - -»Was meinen Sie, lassen wir unsern Generalissimus liegen, wo er liegt? --- ich fürchte, wenn er noch mehr aufgestöbert wird, wird er immer -unangenehmer.« - -»Ja, ja,« entgegnete ich, »es wird am besten sein, wir lassen ihn, wo -er ist, da er es einmal so haben will; denn wissen Sie, er hat alle -Trümpfe in der Hand, und wenn ihm da einer in die Quere kommt, kann’s -ihm schlecht bekommen.« - -Da wir in dem rasenden Sturm nicht draußen bleiben konnten, gingen wir -wieder hinein und schlossen die Thüre. Unser Leid begann von neuem -und wir lösten uns abwechselnd an dem Fenster ab. Später, als wir von -einer Station abfuhren, wo der Zug einige Minuten gehalten hatte, kam -Thompson triumphierend herein und rief: - -»So, jetzt ist’s gut! Diesmal kriegen wir Se. Excellenz unter. Da hab’ -ich einen Stoff, vor dem er gewiß die Waffen streckt.« - -Es war eine Flasche voll Karbolsäure. Er spritzte davon überall umher, -ja er tränkte buchstäblich alles damit -- Kiste, Käse und alles andere. -Dann setzten wir uns nieder -- ziemlich zuversichtlich; aber unser -Hoffen währte nicht lange. Statt sich zu bekämpfen und zu paralysieren, -vermischten sich die beiden Gerüche friedlich und stanken ~unisono~ um -die Wette. Wir griffen bald nach der Thüre, und draußen sagte Thompson -ziemlich kleinlaut: - -»Es hilft nichts; wir können nicht gegen ihn ankommen. Hören Sie, -Freund, es ist jetzt hundertmal schlimmer drinnen als anfangs. Hab’ nie -erlebt, daß einer so verdammt forsch ins Zeug geht -- wahrhaftig nicht, -Herr, seit ich diese Strecke befahre; und ich habe doch manchen von -ihnen mitgenommen, wie ich Ihnen schon sagte.« - -Wir gingen wieder hinein, nachdem wir tüchtig durchgefroren waren, -aber es war drinnen kaum zum aushalten. Es blieb uns nichts übrig, -als abwechselnd hinaus und hinein zu gehen; eine Abwechslung zwischen -Erfrieren und Auftauen. Nach einer Stunde etwa hielten wir an einer -andern Station; beim Abfahren kam Thompson mit einem Bündel herein und -sagte: - -»Ich will’s nochmals mit ihm versuchen -- nur dieses eine Mal noch; -wenn wir ihm diesmal nicht beikommen, so bleibt nichts übrig, als die -Karten wegzuwerfen und das Spiel aufzugeben. Das ist meine Meinung.« - -Er hatte ein paar Handvoll Hühnerfedern, gedörrte Aepfel, Blättertabak, -Kleiderfetzen, alte Schuhe, Schwefel, ~Asa foetida~ und noch einiges -andere mitgebracht; häufte alles auf einem Eisenblech in der Mitte des -Wagens auf und zündete es an. Das Vorausgegangene war reinste Poesie -gegen diesen Geruch, -- ich dachte, davor müsse selbst eine Leiche die -Segel streichen, aber fehlgeschlagen! Der ursprüngliche Geruch stieg -empor, gerade so triumphierend wie zuvor -- ja diese andern Gerüche -schienen ihm nur eine feste Basis zu verleihen. Ich stellte diese -Betrachtung nicht drinnen an -- dazu war ja keine Zeit gewesen, -- -sondern draußen auf der Plattform. Auf der Flucht nach der Plattform -war Thompson betäubt hingefallen, und bis ich ihn am Rockkragen -hinausgeschleppt hatte, war ich selbst halbtot. Als wir wieder zu uns -kamen, sagte Thompson verzagt: - -»Wir müssen hier außen bleiben, Freund, das müssen wir unbedingt. Es -geht nicht anders. Der Alte will einmal allein reisen -- seine Mittel -erlauben ihm das!« - -Und sogleich fügte er hinzu: - -»Wissen Sie auch, daß wir _vergiftet_ sind? ’s ist unsere letzte Fahrt, -darauf können Sie wetten. Da wird mindestens der Typhus draus. Ich -fühl’ es schon kommen.« - -Eine Stunde später hielt der Zug bei der nächsten Station, wo man uns -erstarrt und besinnungslos auf der Plattform liegen fand; ich verfiel -sogleich in ein hitziges Fieber, und kam drei Wochen lang nicht zum -Bewußtsein. Ich erfuhr alsdann, daß ich jene entsetzliche Nacht -neben einer harmlosen Gewehrkiste und einem Laib unschuldigen Käses -zugebracht hatte. Aber die Nachricht kam zu spät zu meiner Rettung: -die Phantasie hatte ihr Werk vollbracht, und meine Gesundheit war für -immer zerrüttet; weder Italien noch ein anderes Land können sie mir -zurückgeben. Es geht mit mir zu Ende; ich bin auf dem Wege nach Hause, -um dort zu sterben! - -[Illustration] - - - - -Verlag von Robert Lutz in Stuttgart - - -Deutsche Denkstätten in Italien - -Von Robert Kohlrausch - -Mit vielen Illustrationen von =A. H. Pellegrini= - -Schön ausgestattet. Geh. M. 6.--, in Lwd. geb. M. 7.-- - -Zweite Auflage - -Einige Urteile der Presse: - -_Hannoverscher Courier_: - -... So hat Robert Kohlrausch ganz Italien durchwandert und überall -mit dem Verständnis und dem scharfen Blick des Historikers die Spuren -der Ahnen betrachtet. Und ein anderes kam hinzu, diese historische -Betrachtung für ihn und den Leser fruchtbar zu machen: die Gabe, das in -Palästen, Kirchen u. Museen, auf Denkmälern, Bildern u. Schlachtfeldern -als Denkzeichen deutschen Wesens, deutschen Geistes und deutschen -Wirkens Erkannte in dichterischer Verklärung zu schauen u. längst -Vergangenes und Verklungenes mit lebendigem Gegenwartsbewußtsein zu -erfüllen ... =Ein inhaltsreiches Werk, das dem Leser eine Fülle von -neuen Eindrücken vermittelt.= ... Möchten die »Deutschen Denkstätten in -Italien« =in vielen deutschen Häusern Leser und Freunde finden=. - -_Reclams Universum_: - -... Stille Wehmut klingt aus seinen Zeilen heraus über all die unnütz -vergossenen Ströme deutschen Blutes, und zugleich ein Ton lauterer -Freude über das gewesene Große, Heldenhafte und Schöne, von dem uns so -wenig mehr geblieben ist als eine große Erinnerung. - -_Breslauer Morgenzeitung_: - -Kohlrausch’s Buch bringt eine Fülle historischen Materials, aber es -vermeidet sehr glücklich die bloße Aneinanderreihung geschichtlicher -Vorgänge. =Vielmehr liest es sich wie ein gewaltiges Epos=, dessen -einzelne Kapitel die mannigfaltigen Schicksale der deutschen Stämme und -Fürstengeschlechter bilden, die um Italiens Besitz gerungen. Kohlrausch -hat viel Fleiß verwendet, =aber noch weit höher ist die dichterische -Kraft zu bewerten=, mit der er die großen Erinnerungsstätten einer an -gewaltigen Tragödien reichen Vergangenheit wieder mit dem vollen Glanze -umkleidet, den sie dereinst besessen haben. Alle, die die Schritte -nach dem Süden lenken, werden gut tun, Kohlrausch’s Buch als kundigen -Reisebegleiter mit sich zu nehmen. - -_Posener Zeitung_: - -=Das Buch ist eine der interessantesten Neuerscheinungen dieses -Winters.= Als ein Künstler, der Italien und deutsche Vergangenheit -gleichermaßen liebt, hat Kohlrausch seine selbstgestellte Aufgabe -gelöst; er spricht zu uns in einer klaren, melodischen Sprache, die von -tiefem lyrischem Gehalt durchdrungen sich dem Stoff völlig anpaßt. - - -In der Fremdenlegion - -Erinnerungen und Eindrücke - -von - -Erwin Rosen - -Preis geheftet M. 5.--, in Leinen gbd. M. 6.--. - -Neunte Auflage. - -Viele rühmende Urteile - -Davon nur einige im Auszug: - -_=Neue Zürcher Zeitung=_: »Das Buch ist so =packend geschrieben=, daß -man es nicht aus der Hand legt, bis man es fertig gelesen und sich -darüber freuen kann, daß der Verfasser der Hölle entrinnen konnte ...« - -_=Prof. Holzhausen (Frankf. Zeitg.)=_: »Kein Leser des Werkes wird es -in Abrede stellen, daß die Lektüre, die uns der Autor vorsetzt, =etwas -wunderbar Faszinierendes hat=.« - -_=Berner Bund=_: »Man gewinnt sofort Vertrauen zu seinem Wort. Das Buch -ist ganz vorzüglich, =geradezu brillant geschrieben= und wirkt wie -schmucklose Wahrheit, ohne Übertreibung oder Tendenz.« - -_=Echo der Gegenwart=_: »Rosens Darstellungen sind Bilder =von so -packender Schilderungsschärfe=, daß man in der jüngsten Zeit kaum etwas -Gleichwertiges auf dem Gebiete der Kulturschilderung an die Seite -stellen kann.« - -_=~Dr.~ Hanns Heinz Ewers=_: »Erwin Rosen’s Buch habe ich mit großem, -stets wachsendem Interesse gelesen. Ich glaube selbst die Legion recht -gut zu kennen, bin auf den verschiedensten Plätzen dieser Erde mit ihr -in Verbindung getreten, und fühle mich daher berechtigt, ein Urteil -abgeben zu können. Dieses ist: =Rosen’s Buch ist das beste, das über -die Legion bisher geschrieben wurde, nicht nur in deutscher Sprache, -sondern überhaupt= ... Ich wünsche diesem guten Buche in Deutschland -von ganzem Herzen einen Erfolg.« - - -Die Abenteuer des Brigadiers Gerard - -Ein neues, höchst spannendes Buch von Conan Doyle, dem Verfasser der -Sherlock Holmes-Geschichten - -Preis geheftet M. 3.25, in Lwd. geb. M. 4.50. - -Die Abenteuer des unerschrockenen Brigadiers, der allen Gefahren die -Stirn bietet, gehören zu den besten Abenteuer-Geschichten, die es gibt, -und stehen an Spannung den Sherlock Holmes-Abenteuern gleichwertig zur -Seite. - -Bereits 6 Auflagen! - - - - -Memoirenbibliothek - - -Meine Erlebnisse im russisch-japanischen Krieg - -Von - -W. Weressájew - -Broschiert 5 M., gebunden 6 M., in Halbfranz 7 M. - -Achte Auflage - -Frankfurter Zeitung: - -Die Schande ist an den Tag gekommen. Das Buch enthält die denkbar -vollständigste Sammlung von Beispielen raffinierter Unterschleife durch -russische Beamte und Offiziere, unmenschlicher Gewalttaten russischer -Soldaten gegenüber der wehrlosen chinesischen Bevölkerung, grenzenloser -Inkompetenz aller militärischen Obrigkeiten, bestialischer Aeußerungen -tief eingewurzelten Alkoholismus’ usw. - -St. Galler Blätter: - -Ein wahrhaft ergreifender nationalethischer Gehalt spricht sich -in diesem Werke aus. =Es ist eine Männerlektüre von herbster -Eindringlichkeit=: dieses gewaltige Buch von furchtbarer Schuld -und furchtbaren Leiden. Man darf es sicher =zu den bedeutsamsten -Erscheinungen der neueren Geschichtsschreibung= zählen. - -Heimgarten: - -=Das Buch liest sich ähnlich wie Zolas »Zusammenbruch«.= - -Deutsche medizinische Presse: - -Wir empfehlen das Buch, das sich durch einen glänzenden Stil, -Lebendigkeit der Darstellung, scharfe Beobachtungsgabe und gesunde -Kritik auszeichnet, auf das angelegentlichste. =Man sieht in ihm -Rußland, wie es ist.= - -Pester Lloyd: - -=Weressájew liefert hier ein selten reichhaltiges und wertvolles -Material zur Geschichte des modernen Rußland in allen Zweigen seines -politischen, kulturellen, sozialen und sittlichen Lebens=, so daß -hier ein Kolossalgemälde aus dem öffentlichen Leben Rußlands =von -überwältigendem Realismus und beklemmend düsteren Farben= geboten wird -... Mit unsäglichem Kummer über menschliche Verkommenheit legt man das -Buch Weressájews aus der Hand. - -Deutsche Romanzeitung: - -=Mit Entsetzen liest man diese Darstellung russischer Zustände.= Sie -treten mit so krasser Deutlichkeit vor unser Auge, daß ich das meine -wenigstens während dieser Lektüre schaudernd schließen mußte und nur -mit Mühe weiterzulesen vermochte. - - A. B. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 83: sie → sich - {sich} zum Wohl und Heil - - S. 110: ausringt → auswringt - zweimal hineintaucht und {auswringt} - - S. 110: Ausringen → Auswringen - Sache war bis auf das {Auswringen} fertig - - S. 158: Higston → Hingston - Schnäpsen, {Hingston}, sein Reisebegleiter - - S. 202: Compstock → Combstock - Meilen die große {Combstock}-Mine - - S. 202: Compstocks → Combstocks - des ausgehöhlten {Combstocks} auseinander hielten - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GOLD- UND SILBERLAND *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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