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-The Project Gutenberg eBook of Im Gold- und Silberland, by Mark Twain
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Im Gold- und Silberland
-
-Author: Mark Twain
-
-Illustrator: Albert Richter
-
-Release Date: April 16, 2021 [eBook #65089]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GOLD- UND SILBERLAND ***
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-
- Mark Twains ausgewählte
- humoristische Schriften
-
- Illustriert von =H. Schrödter= und =Albert Richter=
-
- Fünfter Band:
-
- Im Gold- und Silberland
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz
-
-
-
-
- Im Gold- und Silberland
-
- Von
-
- Mark Twain
-
- Illustriert von =Albert Richter=
-
- Neunte Auflage
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten.
-
- Druck von A. Bonz’ Erben
- Stuttgart.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Im Gold- und Silberland.
-
- I.
-
- Seite
-
- Kapitel 1--24 7--163
-
- II.
-
- Nabobs in Nevada 165
-
- Buck Fanshaws Begräbnis 173
-
- Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte 184
-
- Der große Zeitungsroman 191
-
- Belehrendes 200
-
- Von Virginia nach San Francisco 204
-
- Goldgräber 215
-
- Erdbeben 220
-
- Am Bettelstabe 228
-
- Tom Quarz 235
-
- Die Vorlesung 247
-
- Anhang.
-
- Aus meiner Knabenzeit 255
-
- Ritters Geschichte 278
-
- Der Mann, der bei Gadsbys abstieg 301
-
- Die Geschichte des Invaliden 308
-
-
-
-
-Im Gold- und Silberland.
-
-I.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-
-In dem vorhergehenden Bande[1] habe ich den Leser über die Prärieen,
-das Felsengebirge und durch die Alkaliwüste in die Hauptstadt des
-damals neu errichteten Territoriums Nevada, nach der Stadt _Carson_
-geführt. Es war eine ›hölzerne‹ Stadt; ihre Einwohnerzahl betrug
-zweitausend. Die Hauptstraße bestand aus einer Reihe kleiner, weißer
-Bretterhäuschen mit Kaufläden, zu hoch, um darauf zu sitzen, aber
-für alle sonstigen Erfordernisse kaum hoch genug. Dieselben standen
-hart aneinandergebaut, als mangelte es an Raum auf der mächtigen
-Ebene. Den Gehweg bildeten Bretter, die mehr oder minder locker
-waren und beim Darauftreten gerne klapperten. Mitten in der Stadt,
-den Läden gegenüber, befand sich die, allen Städten jenseits des
-Felsengebirges angeborene ›Plaza‹ -- ein großer, offener, ebener Platz
-mit einem Freiheitsbaum in der Mitte, sehr geeignet zu öffentlichen
-Versteigerungen, Pferdemärkten und Volksversammlungen, sowie zum
-Absteigeplatz der Fuhrleute. Zwei andere Seiten der Plaza waren von
-Läden, Bureaus und Ställen eingefaßt. Der übrige Teil der Stadt lag
-ziemlich zerstreut.
-
- [1] Band IV: »Leben auf dem Mississippi -- Nach dem fernen
- Westen.«
-
-Auf der Poststation und auf dem Wege zum Gouverneur wurden wir
-verschiedenen Bürgern vorgestellt, darunter einem Herrn Harris, der
-sich zu Pferde befand. Derselbe begann ein Gespräch, unterbrach
-sich jedoch mit der Bemerkung: »Ich muß Sie auf einen Augenblick um
-Entschuldigung bitten; dort drüben steht der Zeuge, der geschworen hat,
-ich sei bei der Beraubung der kalifornischen Post beteiligt gewesen --
-eine ganz unverschämte Einmischung, da ich mit dem Menschen gar nicht
-bekannt bin.«
-
-[Illustration]
-
-Darauf ritt er hin und machte dem Betreffenden Vorhalt mit einem
-sechsläufigen Revolver, wogegen sich dieser mit dem seinigen
-entschuldigte. Als die Pistolen leer waren, nahm der Unbekannte sein
-Geschäft (er flickte sich seine Peitschenschnur) wieder auf, während
-Herr Harris mit höflichem Bückling an uns vorbei nach Hause ritt. Er
-hatte eine Kugel durch den einen Lungenflügel und mehrere in die Hüften
-bekommen, und die kleinen Blutströme, die dem Pferd über die Flanken
-liefen, gaben dem Tier ein ganz malerisches Aussehen. Ich habe später,
-so oft ich Harris nach jemand schießen sah, immer wieder an jenen
-ersten Tag in Carson denken müssen.
-
-Weiter sahen wir an diesem Tage nichts, denn es war zwei Uhr, und nach
-Landessitte brach jetzt der tägliche ›Washoe-Zephyr‹ los. Mit demselben
-kam eine aufsteigende Staubwehe, etwa von der Größe der Vereinigten
-Staaten, welche Nevadas Hauptstadt unsern Blicken entzog. Indes gab
-es dabei doch mancherlei zu sehen, was für Neuangekommene nicht ganz
-uninteressant war; denn die mächtige Staubwolke war dicht betüpfelt
-mit Dingen, die den höheren Luftschichten fremd sind, lebenden und
-toten, die zwischen den sich fortwälzenden Staubwirbeln hin und her
-flatterten, gingen und kamen, auftauchten und wieder verschwanden
--- mit Hüten, Hühnern und Sonnenschirmen, die hoch oben am Himmel
-hinsegelten; mit Decken, Blechschildern, Salbeigestrüpp und Schindeln,
-die etwas tiefer hin flogen; noch weiter unten mit Strohmatten und
-Büffellederröcken; mit Schaufeln und Kohlenkasten in der nächsten
-Luftschicht; Glasthüren, Katzen und kleinen Kindern in der folgenden;
-zerbrochenen Bretterzäunen, leichten Einspännern und Schubkarren in der
-nächsten; und zu unterst, bis zu höchstens dreißig oder vierzig Fuß
-Höhe über dem Boden, wehte ein Wirbelsturm auswandernder Dächer und
-leerer Bauplätze hin.
-
-Es war wirklich etwas zu sehen dabei. Ich hätte noch mehr sehen können,
-wäre ich imstande gewesen, mir die Augen staubfrei zu halten.
-
-Aber in allem Ernst, ein Washoe-Wind ist durchaus keine Kleinigkeit. Er
-bläst schwächliche Häuser um, nimmt gelegentlich Schindeldächer mit,
-rollt Blechdächer zusammen wie Notenhefte, weht dann und wann eine
-Postkutsche um und verschüttet die Reisenden; und als die Ursache der
-vielen Kahlköpfe dort zu Lande hört man überall angeben, der Wind wehe
-den Leuten die Haare vom Kopfe, während sie himmelwärts nach ihren
-Hüten schauen. Die Straßen der Stadt bieten an Sommernachmittagen
-meist ein recht belebtes Bild, da stets eine Menge Leute Jagd auf ihre
-entweichenden Hüte machen, wie Stubenmädchen auf eine Spinne.
-
-Der Washoe-Zephyr (Washoe ist ein beliebter Spitzname für Nevada) ist
-eigentlich ein recht schriftmäßiger Wind, insofern kein Mensch weiß,
-›von wannen er kommt‹, d. h. wo er entsteht. Er kommt geradeswegs über
-die Berge aus Westen, aber jenseits der Kammhöhe, auf der andern Seite
-drüben, ist nichts von ihm zu entdecken. Er wird vermutlich auf der
-Höhe des Gebirges eigens hergestellt und fliegt von dort aus; er ist
-zur Sommerszeit ein recht pünktlicher Wind. Seine Geschäftsstunden
-währen von zwei Uhr nachmittags bis zum nächsten Morgen um dieselbe
-Stunde, und wer sich während dieser zwölf Stunden auf eine Reise wagt,
-muß mit dem Winde rechnen, will er nicht ein paar Meilen leewärts von
-seinem Ziel anlangen. Und doch ist das erste, worüber sich ein Besucher
-aus Washoe in S. Francisco beklagt, daß dort die Seewinde so heftig
-wehen. So ist der Mensch nun einmal!
-
-Den Staatspalast des Gouvernements von Nevada entdeckten wir in einem
-einstöckigen weißen Bretterhause, das im Innern zwei kleine Zimmer
-enthielt und an der Stirnseite -- der Großartigkeit halber -- einen auf
-Stützen ruhenden Dachstock hatte; es zwang dem Bürger Hochachtung ab
-und erfüllte den Indianer mit Ehrfurcht. Die unlängst eingetroffenen
-richterlichen Beamten des Territoriums, der Ober- und der Hilfsrichter,
-und was sonst zur Regierungsmaschinerie gehörte, waren weniger
-glänzend untergebracht. Sie wohnten rings umher in Privathäusern zur
-Miete und hatten ihre Amtslokale in ihren Schlafstuben. Mein Bruder,
-(›Mr. Secretary‹) und ich schlugen unser Quartier in dem ›Ranch‹
-einer würdigen französischen Dame auf. Sie hieß Bridget O’Flannigan
-und gehörte zur Gefolgschaft Sr. Excellenz des Gouverneurs. In
-seinen guten Tagen, als er Oberbefehlshaber der hauptstädtischen
-Polizei in New York war, hatte sie ihn gekannt und wollte ihn nun in
-seinem Mißgeschick als Gouverneur von Nevada auch nicht verlassen.
-Unsere Stube lag im unteren Stock und ging auf die Plaza hinaus,
-und nachdem wir unser Bett, einen kleinen Tisch, zwei Stühle, den
-feuerfesten Schrank der Regierung und das Konversationslexikon darin
-untergebracht hatten, war immer noch Raum genug für einen Besuch
-vorhanden -- vielleicht sogar für zwei, aber nicht ohne Dehnung der
-Wände. Uebrigens konnten die Wände eine solche vertragen -- wenigstens
-die Zwischenwände, denn sie bestanden lediglich aus einer einzigen
-Schicht groben Baumwollstoffes, der von einer Zimmerdecke zur andern
-ausgespannt war. Dies war die Regel in Carson, eine Zwischenwand
-anderer Art bildete eine seltene Ausnahme. Wenn man in seinem dunkeln
-Zimmer stand, die Zimmernachbarn dagegen Licht brannten, so erzählten
-die Schatten an dem Tuch oft merkwürdige Geheimnisse! Sehr häufig
-waren diese Zwischenwände aus zusammengehefteten alten Mehlsäcken
-hergestellt; dann war der Unterschied zwischen der gemeinen Herde und
-der Aristokratie nur der, daß die gemeine Herde schmucklose Säcke
-hatte, während die Wände des Aristokraten durch rudimentäre Fresken,
-d. h. rote und blaue Mühlenzeichen auf den Säcken, Staunen erregten.
-Gelegentlich verschönerten die besseren Stände auch ihr Sackleinen
-durch Aufkleben von Holzschnitten aus Harpers Wochenschrift; nicht
-selten verstiegen sich die Wohlhabenden und Gebildeten sogar bis
-zu Spucknäpfen und andern Beweisen eines kostspieligen und üppigen
-Geschmackes. Wir besaßen einen Teppich und ein Waschbecken von echtem
-Steingut. Infolgedessen wurden wir von den übrigen Insassen des Ranchs
-der Dame O’Flannigan rücksichtslos gehaßt. Als wir gar noch einen
-bemalten Fenstervorhang von Wachsleinwand dazu anschafften, waren
-wir einfach unseres Lebens nicht mehr sicher. Um Blutvergießen zu
-verhüten, zog ich eine Treppe höher und schlug mein Quartier bei den
-titellosen Plebejern in einer der vierzehn weißen, schmalen Bettstellen
-aus Fichtenholz auf, die in zwei langen Reihen in dem einzigen Zimmer
-standen, welches das zweite Stockwerk bildete.
-
-Sie waren eine lustige Gesellschaft, die vierzehn. Meist hatten sie
-sich aus freien Stücken dem Gouverneur angeschlossen. Als sie in
-New York und San Francisco zu seiner Gefolgschaft stießen, hatten
-sie sich gesagt, daß sie bei der Balgerei um Aemtchen und sonstige
-im Territorium abfallende Brocken nichts zu verlieren, vielmehr
-vernünftigerweise eher vielleicht etwas zu gewinnen hätten. Sie hießen
-im Volksmund ›die irische Brigade‹, obwohl sich unter der ganzen
-Umgebung des Gouverneurs nur vier oder fünf Irländer befanden. Die
-gutmütige Excellenz war sehr verdrießlich über das Gerede, das seine
-Leibgarde hervorrief -- besonders, als sich das Gerücht verbreitete,
-es seien bezahlte Meuchelmörder, die er sich mitgebracht habe, um
-erforderlichen Falles die demokratischen Wahlstimmen in der Stille zu
-vermindern!
-
-Frau O’Flannigan gab ihnen Kost und Wohnung für je zehn Dollars die
-Woche, und sie gaben dagegen fröhlich ihre Schuldverschreibungen.
-Sie waren damit völlig zufrieden. Dagegen fand Bridget bald, daß
-uneinlösbare Schuldscheine doch keine genügende Sicherheit für eine
-Fremdenpension in Carson City bilden. So lag sie nun dem Gouverneur
-in den Ohren, für die ›Brigade‹ eine Beschäftigung aufzutreiben. Sie
-sowohl als die Leute selbst setzten ihm so lange zu, bis er in eine
-gelinde Verzweiflung geriet und schließlich die Brigade antreten
-ließ. »Meine Herren,« redete er sie an, »ich habe eine einträgliche
-und ersprießliche Thätigkeit für Sie ausgesonnen -- eine Thätigkeit,
-welche Ihnen Erholung inmitten herrlicher Landschaften gewähren und
-Ihnen ununterbrochen Gelegenheit verschaffen wird, Ihren Geist durch
-Beobachtung und Studium zu bereichern. Ich wünsche die Möglichkeit
-der Anlegung einer Eisenbahn von Carson aus nach Westen bis zu einem
-gewissen Punkte festzustellen. Beim Zusammentritt der Legislatur werde
-ich dafür sorgen, daß das erforderliche Gesetz durchgeht und eine
-entsprechende Summe bewilligt wird.«
-
-»Wie, eine Eisenbahn über die Sierra Nevada?«
-
-»Jawohl, -- und Sie sollen zu diesem Zweck die Gegend ostwärts bis zu
-einem gewissen Punkte untersuchen!«
-
-Er machte die einen zu Vermessern, die andern zu Kettenträgern u. s.
-w.; dann ließ er sie los in die Wüste. Das war eine Erholung, daß es
-eine Art hatte! Erholungsfußtouren, auf denen sie die Meßketten durch
-Sand und Salbeigestrüpp schleppten unter einer schwülen Sonne und
-zwischen Ochsengerippen, Cayoten und Taranteln. Es war die reinste,
-höchste Romantik! Sie betrieben die Vermessung sehr langsam, sehr
-bedächtig, sehr sorgfältig. Während der ersten Woche kehrten sie alle
-Abende staubbedeckt, fußkrank, müde und hungrig, aber höchst vergnügt
-zurück. Sie brachten einen großen Vorrat ungeheurer haariger Spinnen
--- Taranteln -- mit, die sie im oberen Zimmer des Ranch in zugedeckte
-Biergläser einsperrten. Nach Verlauf der ersten Woche mußten sie im
-freien Feld kampieren, denn sie waren tüchtig nach Osten vorgerückt.
-Sie erkundigten sich sehr eifrig nach der Lage jenes im unklaren
-gelassenen ›gewissen Punktes‹, ohne jedoch Aufschluß darüber zu
-erhalten. Endlich, auf eine besonders dringende Anfrage: »Wie weit
-östlich?« telegraphierte Gouverneur Nye zurück: »Bis zum atlantischen
-Ozean, Ihr Teufelsbraten! -- über den schlagt eine Brücke und macht,
-daß ihr hinüber kommt!«
-
-Darauf hin kamen die bestaubten Packesel zurück, die nun einen Bericht
-einreichten und ihre Arbeit einstellten. Der Gouverneur nahm die Sache
-fortwährend höchst gemütlich; er meinte, da Frau Flannigan sich wegen
-des Unterhalts der Brigade doch in jedem Falle irgendwie an ihn halten
-werde, so wolle er sich mit den Jungens auch so viel Spaß machen, als
-möglich; er gedenke, setzte er mit freundlichem Augenzwinkern hinzu,
-sie mit ihren Vermessungen bis nach Utah hinein zu schicken und dann an
-Brigham zu telegraphieren, er solle sie wegen Grenzverletzung hängen
-lassen.
-
-Die Vermesser brachten immer noch mehr Taranteln mit, so daß wir
-schließlich eine ganze Menagerie auf Brettern und Fenstersimsen im
-Zimmer aufgestellt hatten. Manche von diesen Spinnen konnten ihre
-haarigen muskulösen Beine über eine gewöhnliche Untertasse auseinander
-sperren; und wenn ihre Gefühle verletzt wurden oder man ihrer Würde zu
-nahe trat, so mußte man sie nach ihrem Ausdruck für die heillosesten
-Halunken im ganzen Tierreich halten. Bei jeder noch so leisen Berührung
-ihrer gläsernen Gefängnisse waren sie in einem Augenblick auf den
-Beinen und kampfgerüstet. In der ersten Nacht nach der Rückkehr der
-Brigade wehte wie gewöhnlich ein wütender Zephyr, der um Mitternacht
-das Dach eines benachbarten Stalles fortblies, so daß eine Ecke
-desselben krachend durch unsern Ranch hereingefahren kam. Es erfolgte
-ein gleichzeitiges Erwachen, eine geräuschvolle Musterung der Brigade
-im Dunkeln und ein allgemeines Stolpern und Uebereinanderpurzeln in dem
-schmalen Gange zwischen den Bettreihen. Mitten in dem Getümmel fuhr Bob
-H.-- aus seinem gesunden Schlafe auf und stieß dabei mit dem Kopfe ein
-Brett herunter. Im selben Augenblick schrie er:
-
-»Reißt aus, Jungens, die Taranteln sind los!«
-
-Einen gräßlicheren Alarmruf hätte es nicht geben können. Niemand
-wagte mehr das Zimmer zu verlassen aus Furcht, auf eine Tarantel
-zu treten. Jeder tappte nach einem Koffer oder einem Bett und
-schwang sich hinauf. Dann folgte die eigentümlichste Stille -- eine
-Stille gräßlicher Spannung, voll Erwartung, Hoffnung, Furcht. Es war
-pechfinster, und um das Schauspiel der vierzehn zu genießen, wie sie
-in höchst mangelhafter Toilette ängstlich auf Koffern und Betten
-hockten, mußte man sich schon mit der Einbildungskraft behelfen,
-denn zu sehen war schlechterdings nichts. Dann folgten gelegentlich
-kleine Unterbrechungen der Stille; man konnte an der Stimme erkennen,
-wer sprach und wo der Betreffende sich befand; auch vermochte man zu
-unterscheiden, aus welcher Richtung die sonstigen Geräusche kamen,
-die einer der armen Dulder durch sein Herumtappen oder eine Aenderung
-seiner Körperlage verursachte. Die ab und zu vernehmbaren Stimmen waren
-nicht sehr gesprächig -- man hörte nur ein schwaches ›Au!‹ gefolgt
-von einem tüchtigen Aufstampfen; dann wußte man, daß der betreffende
-Herr einen haarigen Teppich oder sonst etwas dergleichen auf der Haut
-gespürt und daraufhin einen Satz aus dem Bette auf den Stubenboden
-gemacht hatte. Darnach wieder tiefe Stille. Jetzt rief eine nach Luft
-schnappende Stimme:
-
-»Mi-mir krabbelt etwas hinten am Hals hinauf!« Alle Augenblicke konnte
-man einen halbunterdrückten Schrei, ein schwaches Strampeln und ein
-angstvolles ›ach, Herrgott!‹ vernehmen -- zum Zeichen, daß einer sich
-vor etwas zurückzog, was ihm wie eine Tarantel vorkam, und zwar ohne
-Zeitverlust. Nun schrie auf einmal hinten in der Ecke eine Stimme laut
-und wild auf:
-
-»Ich hab’ ihn! Ich hab’ ihn!« (Hierauf Pause, während der die
-Verhältnisse sich vermutlich änderten.) »Nein, er hat mich! O, geht
-denn _gar_ niemand und holt eine Laterne?«
-
-In dem Augenblick erschien die Laterne in den Händen der Frau
-O’Flannigan. Nachdem diese aus dem Bett gestiegen und Licht gemacht,
-hatte sie trotz ihrer Begier, sich von der Größe des durch das
-feindliche Dach angerichteten Schadens zu überzeugen, wohlweislich
-nicht unterlassen, eine angemessene Weile zu warten, bevor sie oben
-nachsah, ob der Wind jetzt fertig oder noch mehr Unthaten vorhabe.
-
-Die Scenerie, welche sich enthüllte, als plötzlich der Schein der
-Laterne ins Zimmer strahlte, war malerisch und wäre vielleicht manchen
-Leuten komisch vorgekommen, für uns war sie es nicht. Wir saßen zwar
-in höchst wunderlicher Stellung und in einem nicht minder wunderlichen
-Aufzug auf Kisten, Koffern und Betten herum, allein wir hatten viel zu
-große Angst und fühlten uns zu unbehaglich, um etwas Komisches darin
-zu finden; so war denn nirgends auch nur der Schein eines Lächelns zu
-bemerken. Was mich betrifft, so kann ich mir nichts Aergeres vorstellen
-als die Pein, die ich während der wenigen Minuten voll angstvoller
-Spannung im Dunkeln, umgeben von diesen kriechenden, blutgierigen
-Taranteln, erduldet hatte. In kaltem Todesschweiß war ich von Bett zu
-Bett, von Kiste zu Kiste gehüpft, und so oft ich an etwas Stacheligem
-streifte, bildete ich mir bereits ein, ich spüre die Fänge.
-
-Ich ginge lieber in den Krieg, als dieses Vorkommnis noch einmal
-mitzumachen. Es war übrigens niemand zu Schaden gekommen. Derjenige
-welcher glaubte, eine Tarantel ›habe ihn‹, irrte sich gründlich --
-er hatte sich nur die Finger in einen Kistenspalt geklemmt. Von den
-entwichenen Taranteln wurde keine jemals mehr gesehen; es waren zehn
-oder zwölf gewesen. Wir durchsuchten das Zimmer mit Licht von oben bis
-unten, jedoch ohne Erfolg. Dann gingen wir wohl zu Bette? O nein! Alles
-Gold der Welt hätte uns nicht dazu gebracht. Wir blieben die Nacht
-vollends auf, spielten ›Cribbage‹ und hielten scharfe Ausschau nach dem
-Feinde.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-
-Es war Ende August, der Himmel war wolkenlos und das Wetter prachtvoll.
-Im Laufe einiger Wochen hatte mich das merkwürdige neue Heimatland
-wunderbar bezaubert, und ich nahm mir vor, meine Rückkehr nach den
-›Staaten‹ einige Zeit aufzuschieben. Ich hatte mich völlig daran
-gewöhnt, einen schadhaften Schlapphut, ein blaues Wollhemd und
-die Hosen in den Stiefelschäften zu tragen und war stolz auf den
-Mangel von Rock, Weste und Hosenträgern. Es war mir so rüpelhaft und
-›großschnäuzig‹ zu Mute (wie der Historiker Josephus sich in seinem
-schönen Kapitel über die Zerstörung des Tempels ausdrückt). Ein so
-schönes und romantisches Leben konnte es nicht wieder geben, davon
-war ich fest überzeugt. Ich war zwar Regierungsbeamter, allein das
-diente nur zum äußeren Glanz. Das Amt war eine reine Sinekure. Ich
-hatte nichts zu thun und bezog keinen Gehalt. Ich war Privatsekretär
-Sr. Majestät des Sekretärs und für zwei gab es noch nicht Schreiberei
-genug. So widmete ich meine Zeit dem Vergnügen in Gesellschaft von
-Johnny K.--, dem jungen Sohn eines Nabobs in Ohio, der sich hier zu
-seiner Erholung aufhielt. Er fand diese auch. Wir hatten von der
-wundersamen Schönheit des Tahoe-Sees reden hören und schließlich
-trieb uns die Neugier, denselben in Augenschein zu nehmen. Drei oder
-vier Mitglieder der Brigade waren dort gewesen, hatten ein paar
-Holzschläge an seinen Ufern abgegrenzt und in ihrem Lager einen Vorrat
-von Lebensmitteln zurückgelassen. Wir schnallten uns ein paar wollene
-Decken auf den Rücken, nahmen jeder eine Axt und machten uns auf --
-denn wir wollten uns auch einen Waldranch oder so etwas anlegen und
-vornehme Leute werden.
-
-Wir waren zu Fuß. Der Leser wird es vorteilhafter finden, zu reiten.
-Man sagte uns, es sei elf Meilen Weges. Lange marschierten wir auf
-ebenem Boden, dann klommen wir mühsam einen vielleicht tausend Fuß
-hohen Berg hinauf und hielten Umschau. Kein See da. Wir stiegen auf der
-andern Seite wieder hinunter, gingen über die Thalmulde hinüber und
-quälten uns noch einen Berg hinauf, der uns drei- bis viertausend Fuß
-hoch vorkam, um abermals Umschau zu halten. Noch immer kein See. Müde
-und schweißtriefend setzten wir uns nieder und mieteten uns ein paar
-Chinesen, um die Leute zu verfluchen, die uns zum besten gehabt hatten.
-Nach dieser Erfrischung nahmen wir unsern Marsch mit erneuter Kraft
-und Entschlossenheit abermals auf. Zwei oder drei Stunden schleppten
-wir uns noch weiter, bis endlich mit einemmal der See vor uns lag
--- eine herrliche blaue Wasserfläche, sechstausend dreihundert Fuß
-über dem Meeresspiegel und von einer Kette schneebedeckter Berggipfel
-umrahmt, die sich noch volle dreitausend Fuß höher auftürmten. Es war
-ein riesiges Oval von reichlich achtzig bis hundert Meilen Umfang. Wie
-er so dalag, während die Schattenbilder der Berge sich herrlich auf
-seiner stillen Oberfläche wiederspiegelten, war ich überzeugt, daß es
-sicherlich auf der ganzen Erde kein schöneres Bild geben könne.
-
-Wir fanden den kleinen Kahn, welcher der Brigade gehörte, und fuhren
-ohne Zeitverlust über eine tiefe Einbuchtung des Sees auf die
-Meßstangen zu, welche das Lager bezeichneten. Ich ließ Johnny rudern --
-nicht aus Scheu vor der Anstrengung, sondern weil mir übel davon wird,
-wenn ich beim Arbeiten rückwärts fahre. Dagegen steuerte ich. Nach
-einer Fahrt von drei Meilen langten wir gerade mit Einbruch der Nacht
-an dem Lager an; todmüde und mit einem wahren Wolfshunger stiegen wir
-ans Land. In einer Höhlung unter den Felsen fanden wir die Vorräte und
-das Kochgeschirr und nun setzte ich mich trotz meiner Erschöpfung auf
-einen Felsblock und beaufsichtigte die Zurüstungen, während Johnny Holz
-sammelte und das Essen bereitete. Mancher, der so viel geleistet hatte,
-wie ich, hätte sich wohl vor allem nach Ruhe gesehnt.
-
-[Illustration]
-
-Es gab ein köstliches Essen -- warmes Brot, gebratenen Speck und
-schwarzen Kaffee. Und die Einsamkeit, die uns umgab, war ebenfalls
-köstlich. Drei Meilen entfernt befand sich eine Sägemühle mit einigen
-Arbeitern, außerdem gab es im ganzen weiten Umkreis des Sees keine
-fünfzehn menschliche Wesen. Als die Dunkelheit herabsank und die Sterne
-herauf kamen, so daß der gewaltige Spiegel wie ein Juwelenschmuck
-strahlte, schmauchten wir beschaulich unsere Pfeifen in der feierlichen
-Stille und vergaßen alle Sorgen und Schmerzen. Als es Zeit war,
-breiteten wir unsere Decken über den warmen Sand zwischen zwei großen
-Felsstücken und schliefen bald ein, unbekümmert um die Ameisen, welche
-in langer Reihe uns in die Kleider krochen und uns bis auf die Haut
-untersuchten. Den Schlaf, der uns umfing, vermochte nichts zu stören,
-denn wir hatten ihn redlich verdient, und wenn unser Gewissen uns
-irgend welcher Sünden beschuldigte, so mußte es das Gericht für diese
-Nacht unter allen Umständen vertagen. Der Wind erhob sich gerade, als
-uns das Bewußtsein schwand, und das Anprallen der Brandung am Ufer
-lullte uns in Schlummer.
-
-Es ist nachts stets sehr kalt am Rande dieses Sees, allein wir waren
-gut mit Decken versehen, die uns hinreichend wärmten. Die ganze Nacht
-rührten wir kein Glied; in aller Morgenfrühe erwachten wir noch in
-derselben Lage, die wir abends eingenommen, um sofort aufzuspringen,
-gründlichst erfrischt, frei von Unbehagen und zum Uebersprudeln voll
-von neuer Spannkraft. So etwas stärkt über alle Begriffe. Heute wären
-wir mit zehn so hundemüden Leuten fertig geworden, wie wir tags zuvor
-waren. In unserer Zeit brauchen viele Menschen ihrer Gesundheit wegen
-Wasser- und Terrainkuren und gehen in fremde Länder. Drei Monate
-Lagerleben am Tahoe-See würde einer ägyptischen Mumie ihre urzeitliche
-Lebenskraft wieder geben, und einen Appetit bekäme sie dadurch wie
-ein Alligator. Damit meine ich natürlich nicht die ältesten und die
-trockensten Mumien, sondern die frischeren. Die Luft da oben in den
-Wolken ist gar rein und schön, gar frisch und köstlich. Und warum
-auch nicht? -- Ist es doch dieselbe, welche die Engel atmen. Ich
-glaube, man würde die entsetzlichste Müdigkeit, die man sich überhaupt
-vorstellen kann, in einer Nacht auf dem Sande am Ufer dieses Sees
-sicher wegschlafen. Nicht unter einem Dach, sondern unter freiem
-Himmel. Es regnet dort im Sommer selten oder nie. Ich kenne jemand, der
-sterbenskrank dorthin ging; aber es wurde nichts mit dem Sterben. Als
-ein Gerippe kam er an und konnte sich kaum auf den Füßen halten; er
-hatte keinen Appetit und that nichts als Traktätchen lesen und über die
-Zukunft grübeln. Drei Monate darauf schlief er regelmäßig im Freien,
-aß dreimal am Tage so viel in ihn hineinging und pürschte zur Erholung
-dreitausend Fuß hoch im Gebirge dem Wilde nach. Dabei war er kein
-Gerippe mehr, sondern hatte ein beträchtliches Gewicht aufzuweisen.
-Das ist kein Hirngespinst, es ist die reine Wahrheit. Er hatte an der
-Schwindsucht gelitten. Ich empfehle seine Erfahrung vertrauensvoll
-anderen Gerippen zur Nachahmung.
-
-Ich begnügte mich wiederum mit der Oberaufsicht über die Küche.
-Sofort nach dem Frühstück stiegen wir ins Boot und ruderten drei
-Meilen am Seegestade entlang; dann stiegen wir aus. Die Stelle gefiel
-uns, deshalb nahmen wir etwa dreihundert Morgen davon in Besitz und
-schnitten unser Merkzeichen in einen Baum. Es war ein Bestand von
-gelben Fichten -- ein dichter Wald von Bäumen, hundert Fuß hoch und
-bis auf fünf Fuß im Durchmesser über der Wurzel. Wir mußten unser
-Besitztum jedoch einzäunen, anders konnten wir es nicht behaupten, d.
-h. wir mußten da und dort einen Baum fällen, und zwar so, daß dadurch
-eine Art Einfriedigung mit ziemlich weiten Lücken entstand. Wir fällten
-jeder drei Bäume, fanden jedoch, daß es eine so herzbrechende Arbeit
-war, daß wir beschlossen, es dabei bewenden zu lassen; sicherten sie
-unser Eigentum -- gut und schön, wenn nicht -- nun so mochte es durch
-die Lücke auslaufen und von dannen fließen; tot quälen wollten wir uns
-nicht um ein paar elende Morgen Land. Tags darauf kamen wir zurück, um
-ein Haus aufzuschlagen; denn ein Haus war gleichfalls notwendig, wenn
-wir unsern Besitz behaupten wollten.[2] Wir beschlossen, ein tüchtiges
-Blockhaus zu bauen, das den Neid der Jungen von der Brigade erregen
-sollte. Als wir jedoch den ersten Klotz gehauen und zurecht gezimmert
-hatten, kam es uns unnötig vor, soviel Sorgfalt darauf zu verwenden,
-und wir beschlossen, es aus dünnen Stämmchen zu erbauen. Indessen sahen
-wir uns nach dem Zuhauen und Abputzen zweier Stämmchen zur Anerkennung
-der Thatsache genötigt, daß selbst eine noch bescheidenere Architektur
-dem Gesetze Genüge thun würde, worauf wir beschlossen, unser Haus aus
-Reisig zu errichten. Wir widmeten dieser Arbeit den folgenden Tag,
-leisteten jedoch soviel im Herumsitzen und Schwatzen, daß wir erst um
-die Mitte des Nachmittags ein halbwegs fertiges Ding zu stande gebracht
-hatten. Während einer von uns Strauchwerk abhieb, mußte der andere
-unsern Bau bewachen, wir würden ihn sonst am Ende nicht wiedergefunden
-haben, wenn wir ihm beide den Rücken kehrten. Er hatte eine gar so
-starke Familienähnlichkeit mit dem ihn umgebenden Buschwerk. Wir waren
-indes damit zufrieden.
-
- [2] Um Regierungsland unentgeltlich zu bekommen, mußte ein
- Ansiedler in gewisser Zeit ein Blockhaus gebaut und
- sonstige Arbeiten auf dem von ihm beanspruchten Boden
- verrichtet haben.
-
-So waren wir nun Landbesitzer, in aller Form installiert und unter
-dem Schutze des Gesetzes. Wir beschlossen deshalb, unsern Wohnsitz
-auf unserem eigenen Grund und Boden aufzuschlagen und uns jenes
-großen Gefühls der Unabhängigkeit zu erfreuen, das nur eine solche
-Erfahrung verleihen kann. Spät am folgenden Nachmittag fuhren wir
-nach einer herrlichen und langen Rast von dem Lager der Brigade weg,
-samt allen Vorräten und Kochgeschirren, die wir fortbringen konnten,
-und zogen gerade mit Einbruch der Nacht das Boot auf unserem eigenen
-Landungsplatze an den Strand.
-
-Wenn es irgend ein glücklicheres Leben giebt, als dasjenige, welches
-wir von nun an zwei oder drei Wochen lang in unserer Waldhütte führten,
-so muß das eine Sorte Leben sein, die ich weder aus Büchern, noch
-aus eigener Erfahrung kennen gelernt habe. Wir sahen während der
-ganzen Zeit außer uns selbst kein lebendes Wesen und vernahmen keine
-anderen Töne als diejenigen, welche Wind und Wellen hören ließen, das
-Seufzen der Fichten und dann und wann den fernen Donner einer Lawine.
-Der Wald um uns war dicht und kühl, der Himmel über uns erstrahlte
-in wolkenlosem Sonnenschein, der breite See vor uns war je nach der
-Stimmung der Natur bald klar wie Kristall, bald von einem Lufthauch
-leicht gekräuselt und bald schwarz und sturmbewegt. Die ihn im
-Kreise überragenden Bergkuppen aber, mit Waldesgrün bekleidet, von
-Bergrutschen zerrissen, durch Schluchten und Thäler gespalten und mit
-Hauben glitzernden Schnees bedeckt, bildeten den passenden Rahmen und
-Abschluß zu dem herrlichen Bilde. Die Aussicht war stets fesselnd,
-bezaubernd, entzückend; nie wurde das Auge müde zu schauen, bei Nacht
-oder Tag, bei Ruhe oder Sturm; es kannte nur _einen_ Schmerz, nämlich,
-daß es nicht ununterbrochen schauen durfte, sondern bisweilen sich zum
-Schlafe schließen mußte.
-
-Wir schliefen im Sande, hart am Rande des Wassers, zwischen zwei
-schützenden Felsblöcken, die dafür sorgten, daß die stürmischen
-Nachtwinde uns nichts anhaben konnten. Ohne Schlafmittel schliefen
-wir stets ein und mit dem ersten Tagesgrauen waren wir wieder auf und
-liefen gleich um die Wette, um unser überschäumendes Kraftgefühl und
-unsere übermütige Laune etwas herabzustimmen, d. h. Johnny lief -- und
-ich hielt indessen seinen Hut. Während wir dann nach dem Frühstück
-die Friedenspfeife schmauchten, beobachteten wir, wie die Berggipfel
-auf ihrer hohen Warte sich in den Glanz der Sonne kleideten. Wir
-folgten dem Licht auf seinem Siegespfade, wie es zwischen den Schatten
-herabschoß und die in den Banden der Finsternis liegenden Felszacken
-und Wälder in Freiheit setzte. Wir sahen die farbigen Bilder auf dem
-Wasser immer größer und heller werden, bis jede kleine Einzelheit von
-Wald, Bergwand und Felszinne hineingewoben war und das Zauberwerk
-vollständig fertig vor uns lag. Dann ging es ans ›Geschäft‹, d. h. an
-das Herumtreiben im Boote.
-
-Wir befanden uns am Nordufer. Hier waren die Felsen auf dem Grunde grau
-oder weiß. Dadurch kommt die wunderbare Durchsichtigkeit des Wassers zu
-vollerer Geltung als sonst irgendwo auf dem See. Gewöhnlich ruderten
-wir etwa hundert Ellen weit hinaus vom Ufer, dann legten wir uns im
-Sonnenschein auf die Sitzbretter und ließen das Boot treiben, wohin es
-wollte. Selten sprachen wir ein Wort; das hätte nur die Sabbatstille
-unterbrochen und uns in den Träumen gestört, die wir unserer üppigen
-Ruhe und Trägheit verdankten. Das Ufer war allenthalben durch tiefe
-Buchten und Baien ausgezackt, die von schmalen Sandbänken begrenzt
-wurden; wo der Sand endete, stiegen die schroffen Bergwände in den
-Himmelsraum auf, wie eine ungeheure, fast senkrechte Mauer, die dicht
-mit hochragenden Fichten bewachsen ist.
-
-So eigentümlich klar war das Wasser, daß es an Stellen, wo die Tiefe
-bloß zwanzig bis dreißig Fuß betrug, den Grund mit einer Deutlichkeit
-erkennen ließ, welche die Täuschung hervorrief, als schwämme das Boot
-in der Luft. Ja, dies war sogar an Stellen von achtzig Fuß Tiefe der
-Fall.
-
-Jeder kleine Kiesel war deutlich sichtbar, jede gefleckte Forelle, jede
-Handbreit Sand. Oft, wenn wir mit dem Gesicht nach unten da lagen,
-tauchte ein granitner Block, scheinbar so groß wie eine Dorfkirche,
-blitzschnell vom Grunde nach der Oberfläche zu herauf, bis er plötzlich
-unsere Gesichter zu berühren drohte und wir dem Antrieb, nach einem
-Ruder zu greifen und die Gefahr abzuwenden, nicht zu widerstehen
-vermochten. Aber das Boot schwamm weiter, der Block senkte sich wieder,
-und wir konnten sehen, daß er, als wir uns genau über ihm befanden,
-immer noch zwanzig bis dreißig Fuß unter der Oberfläche gewesen sein
-mußte. In diesen großen Tiefen war das Wasser nicht mehr bloß einfach
-durchsichtig, sondern geradezu leuchtend und strahlend. Alle durch
-dasselbe gesehenen Gegenstände zeigten sich nicht nur in allgemeinen
-Umrissen, sondern bis zur kleinsten Einzelheit, mit solchem Glanz und
-solcher Klarheit, wie dies nicht der Fall gewesen sein würde, hätte man
-sie durch eine Luftschicht von derselben Tiefe hindurch gesehen. Der
-ganze Raum da unten kam uns so leer und luftig vor, und wir hatten so
-lebhaft das Gefühl, hoch darüber, mitten im Nichts hinzuschwimmen, daß
-wir diese Ausflüge im Boote unsere ›Luftballon-Reisen‹ nannten.
-
-Wir fischten fleißig, fingen aber im Durchschnitt kaum einen Fisch
-in der Woche. Wir konnten Forellen zu Tausenden unter uns durch den
-leeren Raum hinschwimmen oder an Sandbänken auf dem Grunde schlafen
-sehen, aber anbeißen wollten sie nicht -- vielleicht, daß sie die
-Angelschnur zu deutlich unterscheiden konnten. Oftmals lasen wir uns
-eine Forelle aus, die wir gerne haben wollten und ließen ihr den Köder
-mit unermüdlicher Geduld achtzig Fuß tief drunten dicht vor der Nase
-baumeln; aber sie schüttelte denselben nur verdrießlich ab und nahm
-eine andere Stellung ein.
-
-Gelegentlich badeten wir, doch war das Wasser, obwohl es so sonnig
-aussah, ziemlich frisch. Manchmal ruderten wir hinaus nach dem ›blauen
-Wasser‹, eine oder zwei Meilen vom Ufer. Das Wasser war dort ganz
-dunkelblau wie Indigo wegen der ungeheuren Tiefe. Der amtlichen Messung
-zufolge ist der See in der Mitte 1525 Fuß tief!
-
-Bisweilen streckten wir uns an müßigen Nachmittagen auf den Sand hin
-und lasen bei einer Pfeife ein paar alte abgegriffene Erzählungen.
-Abends am Lagerfeuer spielten wir zur Herzstärkung ›Euchre‹ und ›Seven
-Up‹, und zwar mit so fettigen und schäbigen Karten, daß nur eine den
-ganzen Sommer fortgesetzte Bekanntschaft mit ihnen es ermöglichte,
-bei gehöriger Aufmerksamkeit das Kreuz-Aß vom Schellen-Buben zu
-unterscheiden.
-
-In unserm ›Hause‹ schliefen wir niemals; das kam uns gar nicht in den
-Sinn; überdies hatten wir es ja nur gebaut, um das Anrecht auf Grund
-und Boden zu erhalten, und das genügte. Zuviel zumuten wollten wir ihm
-nicht.
-
-Allmählich begannen unsere Lebensmittel knapp zu werden; wir kehrten
-deshalb ins alte Lager zurück, um neue Vorräte zu holen. Wir waren den
-ganzen Tag fort und kamen erst mit Einbruch der Nacht ziemlich müde und
-hungrig wieder heim. Während Johnny die Hauptmasse der Lebensmittel
-zu späterem Gebrauch in unser Haus trug, schaffte ich den Brotlaib,
-etliche Schinken und den Kaffeetopf ans Ufer, stellte die Sachen an
-einem Baum ab, zündete ein Feuer an und ging dann nach dem Boote
-zurück, um die Bratpfanne zu holen. Unterwegs hörte ich einen Schrei
-von Johnny, und als ich aufblickte, sah ich mein Feuer über die ganze
-Umgegend hingaloppieren. Johnny befand sich jenseits desselben und
-mußte durch die Flammen hindurchlaufen, um das Seeufer zu gewinnen;
-dann standen wir hilflos da und beobachteten die Verwüstung, die der
-Brand anrichtete.
-
-Der Boden war mit einer hohen Schicht trockener Fichtennadeln
-bedeckt, die bei der ersten Berührung mit dem Feuer aufflammten wie
-Schießpulver. Es war merkwürdig anzusehen, mit wie rasender Eile die
-gewaltige Flammensäule sich fortbewegte. Mein Kaffeetopf war dahin
-und alles andere mit ihm. Nach anderthalb Minuten ergriff das Feuer
-einen dichten Busch trockenen Manzanita-Gesträuchs von sechs bis acht
-Fuß Höhe, und nun wurde das Brausen, Zischen und Prasseln geradezu
-fürchterlich. Die durchdringende Hitze trieb uns in das Boot, wo wir,
-wie durch einen Zauber gefesselt, verblieben.
-
-Binnen einer halben Stunde war alles vor unseren Augen ein rasendes und
-blendendes Flammenmeer. Das Feuer brauste an den nächsten Hügelkämmen
-empor, überstieg dieselben und verschwand in den jenseitigen
-Schluchten, um dann plötzlich auf ferneren und höheren Bergrücken
-abermals zum Vorschein zu kommen, wo es eine noch gewaltigere Helle
-ausstrahlte und dann wieder untertauchte. Dann flammte es wieder
-auf, höher und immer höher am Bergeshang, sandte Glutströme wie
-Plänklerketten da und dorthin aus, die sich dann in rotglühenden
-Schlangenlinien zwischen fernen Bergwänden, Klippen und Schlünden
-hinwälzten, bis die hoch aufragenden Gebirgsstöcke, so weit das Auge
-reichte, von roten Lavabächen überzogen waren, die einem verschlungenen
-Netzwerk glichen. Weithin über dem Wasser erstrahlten die Felshörner
-und Bergkuppen in grellrotem Glanz, und das Firmament droben flammte in
-einer wahren Höllenglut!
-
-Dieses Schauspiel wiederholte sich Zug für Zug in dem glühenden Spiegel
-des Sees! Beide Bilder waren erhaben, beide schön, doch zeigte das
-Spiegelbild im See eine staunenswerte Farbenpracht, welche das Auge
-noch unwiderstehlicher fesselte und entzückte.
-
-Vier lange Stunden saßen wir in uns versunken und regungslos da; wir
-dachten weder an Speise noch Trank und fühlten keine Ermüdung. Um elf
-Uhr hatte der Brand unsern Gesichtskreis überschritten und allmählich
-lagerte sich das Dunkel wieder über die Landschaft.
-
-Jetzt meldete sich der Hunger; aber es gab nichts zu essen. Die
-Lebensmittel waren ohne Zweifel sämtlich gekocht und gebraten; doch
-nahmen wir sie nicht in Augenschein. Wir waren wieder heimat- und
-besitzlose Wandervögel. Unser Zaun war fort, unser Haus verbrannt
-und nicht einmal versichert gewesen. Unser Fichtenwald war gehörig
-versengt, die abgestorbenen Bäume sämtlich verbrannt und die weiten
-Strecken Manzanita-Gebüsch weggefegt. Unsere Decken indes befanden sich
-an unserem gewohnten Schlafplatz auf dem Sande; so legten wir uns denn
-nieder und schliefen ein. Am nächsten Morgen brachen wir wieder nach
-dem alten Lager auf, aber während wir noch eine weite Strecke vom Ufer
-entfernt waren, brauste ein gewaltiger Sturm heran, so daß wir nicht zu
-landen wagten. So schöpfte ich denn die Wasserstürze aus, die uns ins
-Boot schlugen, während Johnny mit Macht durch die Wogen ruderte, bis
-wir drei oder vier Meilen jenseits des Lagers eine gute Landungsstelle
-erreicht hatten. Der Sturm blies immer stärker, und es wurde uns immer
-klarer, daß wir besser thäten, das Boot auf gut Glück auf den Strand
-laufen zu lassen, als uns der Gefahr auszusetzen, in hundert Faden
-tiefem Wasser zu versinken. So fuhren wir denn aufs Land zu, hohe,
-weiße Wellenkämme hinter uns; ich saß hinten auf dem letzten Brette
-und lenkte die Spitze des Bootes nach dem Ufer hin. Im Augenblick,
-als dasselbe aufstieß, kam eine Welle über den Stern herüber, welche
-Mannschaft und Ladung ans Ufer spülte und uns dadurch viele Mühe und
-Not ersparte. Den ganzen Tag über zitterten wir hinter einem Felsblock
-vor Frost und froren auch die ganze Nacht hindurch. Am Morgen hatte
-sich der Sturm gelegt und wir ruderten ohne jeden überflüssigen
-Aufenthalt nach dem Lager. Wir waren dermaßen ausgehungert, daß wir den
-ganzen Rest des Proviants der Brigade aufaßen; dann machten wir uns
-nach Carson auf, um ihnen zu beichten und sie um Absolution zu bitten.
-Gegen Zahlung des Schadens wurde dieselbe gewährt.
-
-Wir machten später noch manchen Ausflug nach dem See und bestanden
-haarsträubende Abenteuer, bei denen wir nur mit knapper Not davonkamen.
-Aber die Geschichte schweigt darüber.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-
-Ich kam jetzt zu dem festen Entschluß, mir ein Reitpferd anzuschaffen.
-Nie hatte ich, außer im Zirkus, eine so tolle, freie, prächtige
-Reitkunst gesehen, wie sie diese malerisch gekleideten Mexikaner,
-Kalifornier und mexikanisierten Amerikaner in Carson Tag für Tag zum
-besten gaben. Wie die ritten! Nur ein klein wenig nach vorn gebeugt,
-fegten sie durch die Straßen wie der Wind; die breite Krempe ihres
-Schlapphutes stand kerzengerade in die Höhe, und sie schwangen die
-lange Riata über dem Kopfe. Eine Minute darauf waren sie nur noch ein
-Staubwölkchen, weit draußen in der Wüste. Beim Traben waren sie stolz
-und anmutig auf dem Pferde, als wären sie mit demselben verwachsen und
-hopsten nicht auf und nieder nach der albernen Manier der Reitschulen.
-Ich hatte bald ein Pferd von einer Kuh unterscheiden gelernt und
-brannte vor Begier, noch mehr zu können; ich war entschlossen, mir ein
-Pferd zu kaufen. Während dieser Gedanke mir im Kopf herumschwirrte, kam
-der Auktionator auf einem schwarzen Tiere über die Plaza gejagt, es war
-höckerig und eckig wie ein Kamel und auch ebenso häßlich; allein es
-wurde versteigert: »zum drittenmal zweiundzwanzig -- Pferd, Sattel und
-Zügel für zweiundzwanzig Dollars, meine Herren!« und da konnte ich kaum
-widerstehen.
-
-[Illustration]
-
-Ein unbekannter Mann (wie sich später zeigte, war es der Bruder des
-Auktionators) bemerkte meine sehnsüchtigen Blicke und meinte, es sei
-doch für den Preis ein ganz respektables Pferd; der Sattel, fügte
-er bei, sei allein das Geld wert. Es war ein spanischer Sattel mit
-gewichtigen ›Tapidaros‹ und mit dem plumpen Ueberzug von Sohlenleder
-unaussprechlichen Namens. Ich sagte, ich hätte halb und halb Lust zu
-bieten. Darauf sah mich der Mensch mit seinen stechenden Augen an,
-als wollte er prüfen, wes Geistes Kind ich sei; doch ließ ich jeden
-Verdacht fallen, als er sprach, denn sein Wesen war voll argloser
-Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit.
-
-»Ich kenne dieses Pferd, -- kenne es genau,« sagte er, »Sie sind ein
-Fremder dem Anschein nach, und so können Sie vielleicht meinen, es
-sei ein amerikanisches Pferd, aber ich versichere Sie, das ist nicht
-der Fall. Es ist durchaus nichts dergleichen; es ist -- entschuldigen
-Sie, wenn ich leise spreche, es sind noch mehr Leute um den Weg -- es
-ist ohne den allermindesten Zweifel ein echter mexikanischer Stöpsel!«
-Ich wußte allerdings nicht, was ein echter mexikanischer Stöpsel war,
-allein es lag etwas so Besonderes in der Art, wie der Mann das sagte,
-daß ich mir im stillen gelobte, ich müsse einen echten mexikanischen
-Stöpsel haben, und sollte es mein Leben gelten. »Hat es sonst noch
-Vorzüge?« forschte ich mit unsicherer Stimme, indem ich meine Ungeduld
-nach Kräften zu bemeistern suchte.
-
-Er faßte mit einem Finger in die Tasche meines Wollhemdes, zog mich
-beiseite und flüsterte mir mit Nachdruck ins Ohr: »Er ist im Bocken
-jedem über in ganz Amerika!«
-
-[Illustration]
-
-»Zum dritten, zum dritten, zum drittenmal -- vierundzwanzig ein halb
-Dollars meine Her--«
-
-»Siebenundzwanzig!« schrie ich wie toll.
-
-»Gehört Ihnen!« erklärte der Auktionator, und damit übergab er mir den
-echten mexikanischen Stöpsel.
-
-Ich vermochte kaum meinen Jubel zurückzuhalten, bezahlte das Geld
-und stellte das Tier in den benachbarten Mietstall ein, damit es
-etwas zu fressen bekomme und sich ausruhe. Am Nachmittag nahm ich das
-Geschöpf mit auf die Plaza, wo ein paar Leute es an Kopf und Schwanz
-festhielten, während ich aufstieg. Sobald sie losließen, stellte der
-Gaul seine vier Füße dicht zusammen, senkte den Rücken und wölbte ihn
-dann wieder plötzlich, so daß er mich drei oder vier Fuß hoch in die
-Luft hinauf schnellte! Ich kam ganz senkrecht wieder herunter, mitten
-in den Sattel, flog aber augenblicklich wieder in die Höhe und wäre
-fast auf den hohen Sattelknopf gekommen, schoß dann ein drittesmal
-empor und kam jetzt auf den Hals des Gaules zu sitzen -- alles im
-Verlauf von drei oder vier Sekunden. Nun bäumte er sich und stand fast
-kerzengerade auf den Hinterbeinen, während ich mich verzweifelt an
-seinen mageren Hals anklammerte und so in den Sattel zurückrutschte.
-Kaum stand er wieder auf allen Vieren, so hob er sofort die Hinterbeine
-und stellte sich auf die Vorderbeine, während er mit jenen ausschlug,
-als wollte er dem Himmel eins versetzen. Sodann begann er abermals
-Flugübungen mit mir anzustellen. Als ich das drittemal emporschnellte,
-hörte ich, wie ein Fremder sagte: »O, aber der kann einmal bocken!«
-
-Ich schwebte noch in der Luft, als jemand dem Gaul einen schallenden
-Hieb mit einem Lederriemen gab, und als ich wieder herunterkam, war der
-echte mexikanische Stöpsel nicht mehr da. Ein junger Kalifornier jagte
-ihm nach, fing ihn ein und fragte, ob er einen Ritt mit ihm machen
-dürfe. Ich gestattete ihm diesen Hochgenuß. Er bestieg den Echten und
-flog ebenfalls einmal in die Höhe, rannte ihm aber, wie er herunterkam,
-die Sporen in die Rippen, worauf der Gaul davonging wie ein Telegramm.
-Er schwebte über drei Zäune wie ein Vogel und verschwand auf der Straße
-nach dem Washoe-Thal.
-
-[Illustration]
-
-Ich ließ mich mit einem Seufzer auf einen Stein nieder und suchte
-unwillkürlich mit der einen Hand die Stirn, mit der andern den Magen.
-Ich glaube, ich hatte noch nie die Unzulänglichkeit der menschlichen
-Maschinerie so gründlich erkannt, -- denn ich hätte mindestens eine
-oder zwei Hände mehr haben sollen, um sie noch an andere Stellen halten
-zu können. Keine Feder kann beschreiben, wie ich zusammengeschüttelt
-war. Keine Einbildungskraft reicht hin, um sich vorzustellen, wie ich
-gänzlich aus dem Leim gegangen, innerlich und äußerlich zerrissen,
-zerfahren und durch und durch gerüttelt war. Es hatte sich indes eine
-teilnehmende Schar um mich gesammelt, und ein Mann von ältlichem
-Aussehen spendete mir den Trost:
-
-»Fremder, Sie sind hereingefallen. Jedermann in diesem Neste kennt
-dieses Pferd. Jedes Kind, jeder Indianer hätte Ihnen sagen können,
-daß es bocken würde; es ist im Bocken der schlimmste Teufel in ganz
-Amerika. Hören Sie, was ich sage. Ich bin Curry, der alte Curry, der
-alte Abe Curry. Der Gaul ist ein echter mexikanischer Stöpsel durch
-und durch und dazu noch ein ungewöhnlich niederträchtiger. Ei, Sie
-Tausendsapperlot, wenn Sie es gescheit angegriffen hätten, so hätten
-Sie vielleicht ein amerikanisches Pferd für weit weniger kriegen
-können, als Sie für die elende, alte, fremde Krake bezahlt haben.«
-
-Ich sagte keine Silbe, aber ich nahm mir im stillen vor, falls der
-Bruder des Auktionators während meines Aufenthalts im Lande zu Grabe
-getragen werden sollte, alle andern Vergnügungen zu verschieben, um
-dieses Begräbnis nicht zu versäumen.
-
-Nach einem Galopp von sechzehn Meilen kamen der kalifornische Jüngling
-und der echte mexikanische Stöpsel wieder in die Stadt gejagt. Die
-Schaumflocken flogen um sie herum, wie um das Flugwasser, das vor einem
-Wirbelsturm dahertreibt. Mit einem letzten Satz, den sie über einen
-Schubkarren und einen Chinesen weg machten, warfen sie vor dem Ranch
-Anker.
-
-Dieses Keuchen und Schnauben! Wie die roten Nüstern des Pferdes
-arbeiteten und seine wilden Augen blitzten! Aber war der störrische
-Gaul etwa geduckt? Nein, wahrhaftig nicht. Seine Herrlichkeit der
-›Sprecher des Hauses‹ glaubte das und wollte auf ihm nach dem Kapitol
-(Regierungsgebäude) reiten. Allein sogleich machte das Geschöpf einen
-Satz über einen Haufen Telegraphenstangen weg, halb so hoch wie eine
-Kirche, und den Weg nach dem Kapitol -- eine und dreiviertel Meilen --
-_flog_ es anstatt zu laufen, d. h. es sauste schnurgerade über alles
-hinweg, indem es Zäune und Gräben den Krümmungen der Straße vorzog. Als
-der Sprecher nach dem Kapitol gelangte, war er weit mehr in der Luft
-gewesen, als auf dem Pferderücken und meinte, ihm sei zu Mute, als habe
-er die Tour auf einem Kometen gemacht.
-
-Abends kam der Sprecher zu Fuß nach Hause und ließ den ›Echten‹ hinter
-einem Steinwagen angebunden stehen. Tags darauf überließ ich das Tier
-dem Sekretär des Hauses zu einem Ritt nach der sechs Meilen entfernten
-Silbergrube von Dana; auch er kam (um sich Bewegung zu machen) zu
-Fuß zurück und ließ das Pferd angebunden stehen. Ich mochte den Gaul
-leihen, wem ich wollte, alle kamen zu Fuß zurück, alle meinten, es
-fehle ihnen sonst an der nötigen Bewegung. Trotzdem borgte ich ihn
-fortwährend jedem, der ihn haben wollte; ich dachte, wenn der Gaul sich
-dabei einen Schaden thäte, könnte ich ihn dem Betreffenden aufhalsen,
-oder er bräche das Genick, dann müsse mir der Reiter den Wert ersetzen.
-Es passierte ihm jedoch nicht das geringste. Er lieferte Stückchen,
-die noch nie ein Pferd geleistet hat, ohne Hals und Bein zu brechen;
-aber er kam immer mit heiler Haut davon. Tag für Tag unternahm er
-Sachen, die man sonst für unmöglich hielt, setzte aber alles durch.
-Manchmal verrechnete er sich allerdings ein klein wenig und brachte
-den Reiter in Schaden; aber ihm selbst wurde nie ein Haar gekrümmt.
-Natürlich hatte ich längst den Versuch gemacht, ihn zu verkaufen,
-doch fand dieses naive Unternehmen sehr wenig Anklang. Vier Tage lang
-raste der Auktionator auf ihm in den Straßen auf und ab, wobei er die
-Leute auseinanderjagte, den Verkehr störte und Kinder zu Boden ritt,
-ohne irgend ein Gebot zu erhalten -- wenigstens kein anderes als die
-achtzehn Dollars, die ein von ihm gedungener, notorisch vermögensloser
-Bummler bot. Die Leute lachten nur in aller Freundlichkeit, bezwangen
-aber ihre Kauflust, falls eine solche überhaupt bei ihnen vorlag.
-Darauf behändigte mir der Auktionator seine Rechnung und zog den
-Gaul vom Markte zurück. Nun suchten wir denselben aus freier Hand
-loszuschlagen, indem wir ihn mit Verlust gegen ausrangierte Grabsteine,
-altes Eisen, Mäßigkeitstraktätchen -- kurz gegen irgend welche Ware
-in Tausch anboten. Allein die Eigentümer so schöner Sachen waren auf
-ihrer Hut und aus dem Geschäft wurde nichts. Nie mehr machte ich den
-Versuch, den Gaul zu reiten. Für einen Menschen, wie ich, der nur über
-Brüche und andere innere Schäden u. dgl. zu klagen hatte, reichte
-das Gehen zur Bewegung vollständig hin. Endlich versuchte ich ihn zu
-verschenken, aber auch das verfing nicht. Die Leute meinten, an der
-Meeresküste seien die Erdbeben billig genug zu haben, -- sie wollten
-sich nicht selber eins anschaffen. Zuletzt verfiel ich darauf, ihn
-dem Gouverneur zum Gebrauch für die Brigade anzubieten. Im ersten
-Augenblick leuchtete sein Gesicht vor Begier auf, nahm aber bald wieder
-einen gleichgültigeren Ausdruck an, -- er meinte, die Sache wäre denn
-doch gar zu durchsichtig.
-
-Gerade um diese Zeit brachte der Inhaber des Mietstalles mir seine
-Rechnung für sechswöchige Pflege des Gauls -- Stallraum fünfzehn
-Dollars, Heu zweihundertfünfzig! Der echte mexikanische Stöpsel hatte
-eine Tonne Heu gefressen, und der Mann behauptete, wenn er ihm den
-Willen gelassen hätte, würde er wohl hundert Tonnen aufgefressen haben.
-
-Ich will hier in allem Ernste bemerken, daß der gewöhnliche Preis des
-Heus während dieses und eines Teils des folgenden Jahres wirklich
-zweihundertfünfzig Dollars die Tonne betrug. Im vergangenen Jahre hatte
-die Tonne bisweilen fünfhundert Dollars in Gold gekostet, und im Winter
-vorher war der Artikel so knapp, daß kleine Vorräte gelegentlich
-achthundert Dollars die Tonne eingebracht hatten! Die Folgen lassen
-sich leicht erraten: Die Leute trieben ihr Vieh hinaus und überließen
-es dem Hungertode; noch ehe der Frühling ins Land kam, waren die Thäler
-von Carson und Eagle mit den Leichnamen der Tiere förmlich übersäet.
-Jeder alte Ansiedler wird dies bestätigen. Ich ermöglichte es, die
-Mietstallrechnung zu zahlen, und noch am selben Tage schenkte ich den
-›echten mexikanischen Stöpsel‹ einem vorüberziehenden Auswanderer aus
-Arkansas.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-
-Nevada bildete ursprünglich einen Teil von Utah unter dem Namen Carson
-County, und es war das eine recht ansehnliche ›Grafschaft‹. In einigen
-Thälern gab es Heu in Masse und dies zog ganze Kolonieen mormonischer
-Viehzüchter und Farmer dorthin. Von Kalifornien aus kamen auch
-vereinzelt kleine Scharen rechtgläubiger Amerikaner herüber, allein
-die beiden Klassen von Ansiedlern waren einander nicht sehr hold. Es
-herrschte so gut wie gar kein freundlicher Verkehr unter ihnen, jeder
-Teil blieb für sich. Die Mormonen waren bedeutend in der Ueberzahl
-und genossen außerdem den Vorzug eines besonderen Schutzes von seiten
-der mormonischen Regierung des Territoriums. Deshalb konnten sie
-sich erlauben, hochmütig, ja selbst gebieterisch gegen ihre Nachbarn
-aufzutreten.
-
-Im Jahre 1858 wurden in Carson County Silberadern entdeckt, und damit
-gewannen die Verhältnisse ein anderes Ansehen. Kalifornier strömten
-in Scharen herein und das amerikanische Element bildete bald die
-Mehrheit. Die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber Brigham Young[3]
-und Utah wurde aufgehoben und von den Bürgern eine provisorische
-Territorial-Regierung für Washoe eingerichtet. Gouverneur Roop war
-der erste und einzige höhere Beamte. Nach Ablauf der erforderlichen
-Zeit beschloß der Kongreß die Organisation des ›Territoriums Nevada‹,
-worauf Präsident Lincoln den Gouverneur Nye an Roops Stelle schickte.
-Um jene Zeit betrug die Bevölkerung des Territoriums ungefähr zwölf-
-bis fünfzehntausend Seelen und wuchs mit reißender Schnelligkeit; man
-beutete eifrig die Silbergruben aus und errichtete Pochwerke für das
-Silbererz; Geschäfte aller Art entstanden und gediehen von Tag zu Tag
-mehr.
-
- [3] Das langjährige Staatsoberhaupt der Mormonen.
-
-Die Bewohner waren froh, eine gesetzmäßige, geordnete Regierung zu
-besitzen; dagegen waren sie nicht besonders erbaut davon, die Gewalt an
-Fremde aus weit entlegenen Staaten übertragen zu sehen -- eine höchst
-natürliche Empfindung. Sie meinten, man hätte die Beamten aus ihrer
-eigenen Mitte wählen sollen -- aus den hervorragenden Bürgern, die sich
-ein Recht auf solche Beförderung erworben hätten, die die Gefühle der
-Bevölkerung teilten und mit den Bedürfnissen des Territoriums gründlich
-vertraut wären. Dieser Gesichtspunkt war zweifellos völlig berechtigt.
-Ueberdies waren die neuen Beamten ›Auswanderer‹, und schon deshalb
-brachte man ihnen von keiner Seite Liebe und Hochachtung entgegen.
-Die neue Regierung wurde also mit beträchtlicher Kälte aufgenommen,
-sie kam nicht nur als fremder Eindringling, sondern war auch außerdem
-arm. Es verlohnte sich nicht einmal, sie zu rupfen -- höchstens für
-die elendesten der kleinen Aemterhascher und Stellenjäger. Jedermann
-wußte, daß der Kongreß nur zwanzigtausend Papier-Dollars jährlich
-für ihren Unterhalt ausgesetzt hatte -- ungefähr gerade genug, um
-ein Quarz-Pochwerk einen Monat lang in Betrieb zu erhalten. Auch war
-allgemein bekannt, daß das Geld für das erste Jahr noch in Washington
-lag und daß es lange dauern und manche Schwierigkeit machen werde, bis
-man es zu sehen bekäme. Carson City war zu unliebenswürdig und zu klug,
-um dem fremden Wechselbalg etwa mit unschicklicher Hast ein Konto zu
-eröffnen.
-
-Es liegt etwas Tragikomisches in den Kämpfen, unter denen eine
-neugeborene Territorial-Regierung sich ihren Platz in dieser
-Welt erobert; die unsrige hatte einen sehr schweren Stand. Das
-Organisations-Gesetz und die Instruktionen des Staatsdepartements
-schrieben vor, daß binnen der und der Zeit eine gesetzgebende
-Versammlung gewählt und deren Sitzungen an dem und dem Tag eröffnet
-werden sollten. Gesetzgeber zu bekommen war nicht schwer, selbst für
-drei Dollars Taggeld, obwohl Kost und Wohnung fünftehalb Dollars
-betrug, denn Würde und Ansehen haben in Nevada ihren Reiz so gut wie
-anderswo, und es gab eine Menge beschäftigungsloser patriotischer
-Seelen; aber eine Halle für die Versammlungen zu beschaffen, das
-war nicht so leicht geschehen. Carson lehnte höflich ab, einen Saal
-mietfrei herzugeben oder der Regierung auf Kredit zu überlassen. Als
-jedoch Curry von der Schwierigkeit hörte, trat er ganz allein vor, nahm
-das Staatsschiff auf seine Schultern, trug es über die Sandbank und
-machte es wieder flott. Ich meine unsern Curry -- den _alten_ Curry --
-den alten _Abe_ Curry. Ohne ihn hätte die Gesetzgebung ihre Sitzungen
-in der Wüste abhalten müssen. Er bot sein großes, massives Gebäude,
-dicht neben der Stadtgrenze, mietfrei an, was freudig angenommen wurde.
-Dann baute er eine Pferdebahn von der Stadt nach dem Kapitol, auf der
-er die Gesetzgeber gratis beförderte. Ferner lieferte er fichtene Bänke
-und Stühle für dieselben und ließ die Fußböden mit Sägspänen belegen,
-welche Teppich und Spucknapf zugleich vorstellten. Ohne Curry wäre
-die Regierung in den Windeln gestorben. Zur Trennung des Senats vom
-Repräsentantenhaus ließ der Sekretär eine Zwischenwand von Sackleinwand
-beschaffen, welche drei Dollars und vierzig Cents kostete; allein die
-Vereinigten Staaten lehnten deren Bezahlung ab. Auf den Einwurf, daß
-ja die ›Instruktionen‹ die Bezahlung eines reichlichen Mietpreises für
-einen Versammlungssaal gestatten, und daß Herrn Currys Freigebigkeit
-dem Vaterland diese Summe erspart habe, erklärten die Vereinigten
-Staaten, das ändere nichts an der Sache; die drei Dollars und vierzig
-Cents würden an dem Sekretärs-Gehalt von achtzehnhundert Dollars in
-Abzug gebracht werden -- und so geschah es auch!
-
-Eine der Hauptschwierigkeiten, mit welchen die neue Regierung
-anfänglich zu kämpfen hatte, bildeten die Drucksachen. Der Sekretär war
-eidlich zur Befolgung seiner geschriebenen Instruktionen verpflichtet,
-welche zwei Dinge mit unfehlbarer Bestimmtheit von ihm verlangten,
-nämlich:
-
-1. Die täglichen Berichte über die Verhandlungen beider Häuser drucken
-zu lassen und
-
-2. bei dieser Arbeit für den Satz anderthalb Dollars pro Tausend und
-für den Druck anderthalb Dollars pro Ries in Staatsnoten zu zahlen.
-
-Es war keine Kunst, zu schwören, daß man diesen beiden Vorschriften
-nachkommen wolle, aber mehr als eine derselben wirklich auszuführen,
-war völlig unmöglich. Als die Staatsnoten bis auf vierzig Cents für den
-Dollar gefallen waren, forderten die Druckereien allerdings anderthalb
-Dollars für das Tausend und ebensoviel für das Ries, aber in _Gold_.
-Laut seiner Instruktion hatte der Sekretär aber einen von der Regierung
-ausgegebenen Papierdollar jedem anderen von ihr ausgegebenen Dollar
-gleich zu achten. Der Druck der Berichte wurde deshalb abgebrochen.
-Daraufhin erteilten die Vereinigten Staaten dem Sekretär eine ernste
-Rüge wegen Nichtbeachtung seiner Instruktionen und ermahnten ihn,
-bessere Wege zu wandeln. Er ließ deshalb einiges drucken und schickte
-die Rechnung nach Washington unter genauer Auseinandersetzung der
-hohen Preise im Territorium und machte dabei besonders auf einen
-gedruckten Marktbericht aufmerksam, woraus man ersehen möge, daß sogar
-die Tonne Heu zweihundertfünfzig Dollars koste. Hierauf antworteten
-die Vereinigten Staaten damit, daß sie die Drucksachen-Rechnung von
-dem unglücklichen Sekretärs-Gehalt abzogen, wobei sie außerdem mit
-würdevollem Ernst beifügten, er werde in seinen Instruktionen vergebens
-nach einer Anweisung suchen, Heu zu kaufen!
-
-Auf der ganzen Welt ist nichts in eine so undurchdringliche Finsternis
-gehüllt, wie der Verstand eines Kontrolleurs im Schatzamt der
-Vereinigten Staaten. Selbst die Feuerflammen des Jenseits vermöchten
-kaum einen matten Schimmer in seinem Hirn zu verbreiten. Damals
-war nichts imstande, ihm begreiflich zu machen, wie es kam, daß
-zwanzigtausend Dollars in Nevada, wo alle Waren ungeheuer hoch im
-Preise standen, nicht soweit reichten wie in den anderen Territorien,
-wo in der Regel eine außerordentliche Billigkeit herrschte. Er war
-ein Beamter, der stets nur sein Augenmerk auf die kleinen Ausgaben
-richtete. Wie oben bereits bemerkt, benützte der Sekretär des
-Territoriums seine Schlafstube als Amtszimmer und rechnete dem
-Staat dafür keinen Mietzins an, obwohl dies in seinen Instruktionen
-vorgesehen war und er ganz gut seinen Vorteil daraus hätte ziehen
-können (was ich augenblicklich gethan haben würde, wäre ich selbst
-Sekretär gewesen.) Allein die Vereinigten Staaten zollten dieser
-Hingebung niemals Anerkennung. Ich muß wirklich annehmen, mein
-Vaterland habe sich geschämt, einen Menschen in seinem Dienst zu haben,
-der sich so wenig auf seinen Vorteil verstand. Diese oft erwähnten
-›Instruktionen‹ (wir lasen gewöhnlich ein Kapitel daraus jeden Morgen
-als geistige Turnübung und am Sabbat in der Sonntagsschule ein paar
-Kapitel, denn sie beschäftigten sich mit allem möglichen unter der
-Sonne und enthielten neben anderem statistischen Material auch viele
-höchst schätzbare Abschnitte religiösen Inhalts) schrieben vor, daß
-den Mitgliedern der Gesetzgebung Federmesser, Briefcouverts, Federn
-und Schreibpapier geliefert werden sollten. Der Sekretär schaffte
-daher diese Artikel an und besorgte deren Verteilung. Die Federmesser
-kosteten drei Dollars das Stück. Da eines zu viel da war, so gab der
-Sekretär dasselbe dem Schriftführer des Repräsentantenhauses. Die
-Vereinigten Staaten bemerkten hierauf, der Schriftführer sei kein
-›Mitglied‹ des Hauses und zogen die drei Dollars nach Gewohnheit dem
-Sekretär am Gehalt ab.
-
-Ein Weißer berechnete für das Kleinmachen einer Ladung Brennholz drei
-bis vier Dollars; der Sekretär war so scharfsinnig, sich zu sagen,
-daß die Vereinigten Staaten nimmermehr soviel dafür zahlen würden; er
-ließ daher eine Ladung Bureauholz von einem Indianer für anderthalb
-Dollars klein machen. Er fertigte die übliche Quittung dafür aus,
-aber ohne Unterschrift; statt dessen fügte er einfach die Bemerkung
-bei, ein Indianer habe die Arbeit besorgt, und zwar ganz gut und
-zufriedenstellend; derselbe habe aber in Ermangelung der erforderlichen
-Kenntnisse die Quittung nicht unterschreiben können. Der Sekretär
-durfte die anderthalb Dollars bezahlen. Er hatte gemeint, vom Staate
-Anerkennung für seine Sparsamkeit und Ehrlichkeit zu ernten, weil
-er die Arbeit zum halben Preis besorgen ließ und keine angebliche
-Unterschrift des Indianers auf die Quittung setzte. Allein man sah die
-Sache in einem andern Lichte an. Man war bei der Regierung zu sehr
-daran gewöhnt, in allen denkbaren, öffentlichen Stellungen Dollarsdiebe
-zu haben, um der Erklärung auf der Quittung den geringsten Glauben
-beizumessen. Das nächstemal dagegen, als der Indianer Holz für uns
-hackte, lehrte ich ihn, am Ende der Quittung ein Kreuz zu machen.
-Das Zeichen stand so wacklig auf den Beinen, als wäre es ein Jahr
-lang betrunken gewesen, ich ›bezeugte‹ es jedoch, und nun ging es
-ganz ordnungsmäßig durch. Die Vereinigten Staaten sagten kein Wort
-darüber. Ich bedauerte bloß, daß ich die Quittung nicht gleich für
-tausend Ladungen Holz ausgestellt hatte anstatt für eine einzige. In
-meinem Vaterlande teilt die Regierung an die ehrliche Einfalt Rüffel
-aus, während sie die geriebene Schurkenhaftigkeit hätschelt, und ich
-glaube wirklich, ich würde mich zu einem ganz geschickten Spitzbuben
-entwickelt haben, wäre ich ein oder zwei Jahre im Staatsdienste
-verblieben.
-
-Es war eine nette Vereinigung von Souveränen, diese erste gesetzgebende
-Versammlung Nevadas. Sie legten Steuern auf bis zum Betrag von dreißig-
-oder vierzigtausend Dollars und bewilligten Ausgaben im Belauf von fast
-einer Million. Und doch hatten sie, wie alle andern Körperschaften
-dieser Art, ihre zeitweiligen kleinen Anwandlungen von Sparsamkeit.
-Ein Mitglied schlug vor, durch Abschaffung des Kaplans der Nation drei
-Dollars täglich zu ersparen. Und doch brauchte dieser kurzsichtige
-Mann den Kaplan nötiger als irgend ein anderer, denn während des
-Morgengebetes hatte er meist seine Füße auf dem Pult und verzehrte rote
-Rüben.
-
-Zwei Monate tagte die Versammlung und erteilte die ganze Zeit nichts
-als Konzessionen zur Anlegung von Chausseen und Erhebung von Wegegeld.
-Als sie auseinanderging, schätzte man, daß wohl auf jeden Bürger drei
-solche Konzessionen kämen. Und man bezweifelte, ob, falls der Kongreß
-dem Territorium nicht noch einen Längengrad zulegen würde, Platz genug
-für die Unterbringung aller der Straßen vorhanden sein werde, deren
-Enden allenthalben wie Fransen über die Grenzlinie hinaushingen.
-
-Das Frachtgeschäft hatte bald einen so gewaltigen Umfang angenommen,
-daß über plötzlich erworbenes Vermögen in Chausseen beinahe dieselbe
-Aufregung herrschte, wie über die wunderbar reichen Silberminen.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-
-Nach und nach bekam ich auch das Silberfieber. Mutungsgesellschaften
-brachen Tag für Tag nach den Bergen auf, wo sie reiche, silberführende
-Adern und Quarzlager entdeckten und in Besitz nahmen. Das war ja
-ganz offenbar der Weg zum Glück. In der großen Grube ›Gould and
-Curry‹ galt zur Zeit unseres Eintreffens der Quadratfuß drei- oder
-vierhundert Dollars; zwei Monate darauf war er auf achthundert Dollars
-gestiegen; die ›Ophir-Grube‹ war das Jahr zuvor kaum eine Kleinigkeit
-wert gewesen, und jetzt wurde dort der Fuß mit nahezu viertausend
-Dollars bezahlt. Es ließ sich keine Grube nennen, die nicht in kurzer
-Zeit erstaunlich im Wert gestiegen wäre. Alle Welt sprach von diesen
-Wunderdingen. Man mochte kommen wohin man wollte, vom frühen Morgen
-bis spät in die Nacht hinein hörte man nichts anderes. Tom so und so
-hatte von der ›Amanda Smith‹ ein Stück für 40000 Dollars verkauft --
-und hatte nicht einen Cent besessen, als er vor sechs Monaten die
-Schicht in Angriff nahm. John Jones hatte die Hälfte seines Anteils
-an der Grube ›Bald Eagle und Mary Ann‹ für 65,000 Dollars verkauft
-und war nun nach den Staaten gereist, um seine Familie zu holen. Die
-Witwe Brewster war in der Grube ›Golden Fleece‹ auf reichhaltiges Erz
-gestoßen und hatte zehn Fuß für 18000 Dollars verkauft -- und doch war
-sie im letzten Frühjahr, als Sing-Sing-Tommy ihren Mann umbrachte,
-nicht einmal imstande gewesen, sich einen Krepphut anzuschaffen. Die
-Besitzer der Grube ›Last Chance‹ hatten eine ›Lehmscheide‹ gefunden und
-wußten, daß sie einer Silberschicht auf der Spur waren, so daß ein Fuß
-davon, der gestern noch ein Spottgeld wert war, heute den Wert eines
-Backsteinhauses hatte. Schäbige Anteilbesitzer, denen man gestern im
-ganzen Lande nirgends einen Schnaps geborgt hätte, brüllten heute im
-Champagnerrausch und sahen sich von Schwärmen warmer Freunde umgeben
-in einer Stadt, wo sie aus jahrelangem Mangel an Uebung nicht mehr
-gewußt hatten, wie man es macht, jemand zu grüßen oder ihm die Hand zu
-schütteln. Johnny Morgan, ein gemeiner Landstreicher, war eines Morgens
-in der Gosse mit 100,000 Dollars Vermögen aufgewacht, und zwar infolge
-der Entscheidung eines Prozesses über die Grube ›Lady Franklin and
-Rough and Ready.‹ Dergleichen Nachrichten tönten uns Tag aus Tag ein
-immer lauter in den Ohren, und immer höher loderte die Aufregung rings
-um uns empor.
-
-[Illustration]
-
-Ich hätte gar kein Mensch sein müssen, um nicht auch toll zu werden
-wie die andern. Tag für Tag kamen ganze Karrenladungen von gediegenen
-Silberbarren aus den Pochwerken herein, ein Anblick, der bewies, daß
-das tolle Gerede um mich her nicht aus der Luft gegriffen war. Ich
-glaubte daran und wurde einer der allertollsten.
-
-Alle paar Tage traf die Kunde von der Entdeckung einer nagelneuen
-Bergwerksregion ein. Sofort wimmelte es in den Zeitungen von
-Berichten über ihren Reichtum, und die ganze überschüssige Bevölkerung
-stürzte fort, um davon Besitz zu nehmen. Die Krankheit steckte mir
-jetzt gehörig in den Knochen; eben noch hatte der Zulauf der Grube
-›Esmeralda‹ gegolten, und nun fing ›Humboldt‹ an, mit lautem Geschrei
-die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Humboldt, Humboldt! so hieß
-jetzt das Losungswort, und unverzüglich füllte ›Humboldt‹, die neueste
-von den neuen, die reichste von den reichen, die wunderbarste von
-den wunderbaren Entdeckungen im Silbergebiet, zwei Spalten in den
-Tagesblättern, während ›Esmeralda‹ sich mit einer begnügen mußte.
-Ich war eben im Begriffe gewesen, nach der ›Esmeralda‹ aufzubrechen,
-ließ mich aber von der Strömung ablenken und machte mich nun nach dem
-›Humboldt‹ fertig.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-
-Jetzt hieß es flink sein! Wir verloren denn auch keine Zeit. Unsere
-Gesellschaft bestand aus vier Personen: einem sechzigjährigen
-Grobschmied, zwei jungen Advokaten und meiner Wenigkeit. Nachdem
-wir einen Wagen und zwei elende, alte Gäule gekauft, luden wir
-achtzehnhundert Pfund Lebensmittel, sowie unsere Bergmannsgeräte auf
-und fuhren an einem kalten Dezembernachmittage von Carson City ab. Die
-Pferde waren so alt und schwach, daß wir bald herausgefunden hatten,
-es würde wohl besser sein, wenn einer oder zwei von uns ausstiegen und
-den Weg zu Fuß fortsetzten. Es ging auch besser. Bald aber fanden wir,
-daß es noch besser sein werde, wenn auch ein dritter ausstiege. So war
-es denn auch. Ich hatte freiwillig das Amt des Fuhrmannes übernommen,
-obwohl ich vorher noch nie mit einem angeschirrten Pferde gefahren
-war und mancher in solcher Lage sich gerne hierauf berufen hätte, um
-eine derartige Verantwortlichkeit abzulehnen. Allein nach einer kurzen
-Weile ergab es sich, daß es wohl ratsam wäre, wenn auch der Fuhrmann
-ausstiege und zu Fuß ginge. Damit verzichtete ich auf diese Stellung,
-zu der ich nie wieder gelangen sollte. Noch vor Ablauf einer Stunde
-fanden wir, daß es nicht nur besser, sondern unbedingt notwendig war,
-immer abwechselnd zu zweien den Wagen von hinten durch den Sand zu
-schieben, so daß die schwachen Pferde kaum noch etwas zu thun hatten,
-als die Zunge nicht heraushängen zu lassen und nicht zwischen die Räder
-zu kommen. Es hat vielleicht sein Gutes, wenn man von Anfang an weiß,
-was einem bevorsteht und sich mit seinem Schicksal versöhnen kann. Wir
-hatten das unsrige an einem einzigen Nachmittag kennen gelernt. Es war
-klar, daß wir zweihundert Meilen weit durch den Sand waten würden und
-den Wagen samt den Pferden vorwärts schieben müßten. So fügten wir uns
-denn in die Umstände, und mit dem Fahren war es aus.
-
-[Illustration]
-
-Nach einem Weg von sieben Meilen lagerten wir uns in der Wüste. Der
-junge Clagett, jetzt Mitglied des Kongresses für Montana, schirrte
-die Pferde aus, fütterte und tränkte sie; Oliphant und ich schnitten
-Salbeiholz, machten Feuer und holten Wasser zum Kochen, und der alte
-Herr Ballou besorgte das Kochen selbst. Diese Teilung der Arbeit und
-diese Bestimmung der Dienstleistungen für jeden einzelnen hielten wir
-während der ganzen Reise fest. Da wir kein Zelt hatten, schliefen wir
-in der freien Ebene unter unseren Decken. Die Ermüdung verschaffte uns
-festen Schlaf.
-
-Wir brauchten zu der Reise von zweihundert Meilen fünfzehn Tage, oder
-vielmehr eigentlich nur dreizehn, denn einmal hielten wir irgendwo zwei
-Tage an, um die Pferde ausruhen zu lassen. Hätten wir diese hinten
-am Wagen angebunden, so würden wir sicherlich den Weg in zehn Tagen
-zurückgelegt haben; allein wir dachten daran erst, als es zu spät
-war, und schoben den Wagen samt den Pferden immer weiter, während wir
-uns die halbe Mühe hätten ersparen können. Leute, die uns begegneten,
-rieten uns, gelegentlich die Pferde in den Wagen zu setzen, allein
-Herr Ballou, durch dessen eisengepanzerten Ernst kein spitziges Wort
-durchdrang, meinte, das würde nicht gehen, die Lebensmittel würden
-in Gefahr kommen, weil die Pferde von langer Entbehrung ›bituminös‹
-geworden seien. Der Leser wird mich entschuldigen, wenn ich dies
-nicht übersetze. Was Herr Ballou meinte, wenn er ein langes Wort
-gebrauchte, blieb allemal ein Geheimnis zwischen ihm und seinem
-Schöpfer. Er war einer der besten, gutmütigsten Menschen, die je eine
-niedere Lebenssphäre zierten -- die Sanftmut und Einfalt selbst, und
-die Uneigennützigkeit ebenfalls. Obwohl mehr als zweimal so alt als
-der älteste von uns andern, that er doch deshalb niemals wichtig
-und verlangte niemals ein Vorrecht oder eine Ausnahmestellung. Er
-verrichtete dieselbe Arbeit wie ein junger Mann und leistete seinen
-Teil an der Unterhaltung von dem allgemeinen Standpunkte jeden Alters
-aus, nicht von der anmaßenden, Ehrfurcht heischenden Gipfelhöhe von
-sechzig Jahren. Die einzige auffallende Eigentümlichkeit an ihm war
-seine Vorliebe für lange Wörter, die er um ihrer selbst willen liebte
-und gebrauchte, ganz unbekümmert um ihre Beziehung zu dem Gedanken, den
-er auszudrücken beabsichtigte. Stets ließ er seine gewichtigen Silben
-mit behaglicher Unkenntnis ihrer Bedeutung fallen, so daß dieselben
-niemals etwas Anstößiges haben konnten. Dabei war sein Benehmen so
-natürlich und einfach, daß man immer wieder in Versuchung geriet, in
-seinen großartigen Phrasen einen Inhalt zu suchen, während sie wirklich
-ganz und gar nichts bedeuteten. War ein Wort recht lang, großartig und
-vollklingend, so reichte dies hin, ihm die Liebe des alten Mannes zu
-gewinnen; er ließ es dann in seinen Reden irgendwo an der möglichst
-unpassendsten Stelle einfließen und freute sich daran, als hätte er die
-tiefsinnigste Wahrheit ausgesprochen.
-
-Wir breiteten immer alle vier unsern ganzen Vorrat an Decken zusammen
-auf dem gefrorenen Boden aus und legten uns Seite an Seite schlafen.
-Da Oliphant einsah, daß unser dummer, hochbeiniger Hund viel tierische
-Wärme in sich habe, ließ er ihn zwischen sich und Herrn Ballou mit ins
-Bett kriechen und zog den warmen Rücken des Hundes an seine Brust, was
-er höchst behaglich fand. Aber während der Nacht fing der Köter an
-sich zu strecken und sich unter wohlgefälligem Knurren gegen Ballous
-Rücken zu stemmen und ihn fortzuschieben. Wenn er sich recht warm und
-gemütlich fühlte, trommelte er wohl auch im Uebermaß des Wohlgefühls
-voll Dankbarkeit und Glück dem Alten mit den Pfoten auf dem Rücken
-herum; ein andermal, wenn er von der Jagd träumte, zerrte er den alten
-Mann hinten an den Haaren und bellte ihm ins Ohr. Ballou beklagte sich
-zuletzt sehr sanftmütig über diese Beweise von Zuthunlichkeit und
-schloß seinen Vortrag mit der Bemerkung, so ein Hund sei kein Tier,
-das zu müden Leuten ins Bett passe, denn er sei ›meretriciös in seinen
-Bewegungen‹ und zu ›organisch in seinen Gefühlen‹. Wir warfen den Hund
-hinaus.
-
-Es war eine harte, mühselige Reise, die aber trotzdem ihre Lichtseite
-hatte, denn wenn nach Tagesschluß unser Wolfshunger mit einem warmen
-Mahl von gebratenem Speck, Brot, Syrup und schwarzem Kaffee gestillt
-war, fanden wir bei einer Pfeife, ein paar Liedern und Geschichten am
-abendlichen Lagerfeuer, in der stillen Einsamkeit der Wüste eine frohe,
-sorgenfreie Erholung, welche uns als der höchste Gipfel irdischer
-Seligkeit erschien. Eine solche Lebensweise übt auf alle Menschen einen
-mächtigen Zauber aus, gleichviel, ob sie aus der Stadt oder vom Lande
-stammen. Wir sind die Abkömmlinge wüstendurchziehender Araber, und
-endlose Zeiträume stetig fortschreitender Kulturentwicklung waren nicht
-imstande, den Wandertrieb in uns auszurotten. Niemand von uns wird
-leugnen, daß ihn bei dem Gedanken an ein Nachtlager draußen im Freien
-stets ein Wonnegefühl durchbebt. Einmal wanderten wir fünfundzwanzig
-Meilen an einem Tag und ein andermal in der großen amerikanischen
-Wüste vierzig Meilen und dann noch einmal zehn, mithin im ganzen
-fünfzig, innerhalb dreiundzwanzig Stunden, ohne uns Zeit zum Essen,
-Trinken oder Ausruhen zu gönnen. Wenn man einen Wagen samt zwei Pferden
-fünfzig Meilen weit geschoben hat, ist es ein solcher Hochgenuß sich
-auszustrecken und dem Schlafe zu überlassen, wäre es auch auf steinigem
-und gefrorenem Boden, daß einem die Wonne für den Augenblick nicht zu
-teuer erkauft scheint.
-
-Wir lagerten zwei Tage in der Nähe des Sees, in welchem sich der
-Humboldtfluß verliert. Unsere Versuche, das stark alkalische Wasser
-des Sees zu benutzen, fielen höchst kläglich aus. Es hinterließ
-einen bitteren, ganz abscheulichen Geschmack im Munde und ein höchst
-unangenehmes Brennen im Magen; es war, als tränke man starke Lauge.
-Wir thaten Syrup hinein, aber das machte es nur ganz wenig besser. Wir
-fügten eine Essiggurke hinzu, aber das Alkali schmeckte vor, und so war
-es zum Trinken nicht zu brauchen. Kaffee von diesem Wasser war das
-niederträchtigste Gebräu, das ein Mensch je erfunden hat. Er schmeckte
-wirklich noch abscheulicher als das unverbesserte Wasser selbst. Herr
-Ballou, der das Getränk gebraut hatte, fühlte sich verpflichtet, es
-herauszustreichen und zu verteidigen und trank deshalb in kleinen
-Schlückchen eine halbe Tasse davon aus, wobei er es fertig brachte,
-ihm eine zeitlang ein schwaches Lob zu singen; schließlich aber
-schüttete er den Rest weg und erklärte offen und frei, der Kaffee sei
-›zu technisch‹. Bald nachher fanden wir eine Quelle mit brauchbarem,
-frischem Wasser, worauf wir uns ohne weitere Verdrießlichkeiten und
-Störungen zur Ruhe legten.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-
-Vom See aus reisten wir eine kurze Strecke den Humboldtfluß entlang.
-Leute, die an den riesig breiten Mississippi gewöhnt sind, gewöhnen
-sich auch allmählich daran, mit dem Wort ›Fluß‹ den Begriff großartiger
-Wasserfülle zu verbinden. Infolgedessen fühlen sich solche Leute recht
-enttäuscht, wenn sie am Ufer des Carson oder Humboldt stehen und
-finden, daß ein Fluß in Nevada ein kränkliches Bächlein ist, das in
-allen Punkten ein Seitenstück zum Eriekanal bildet, nur daß der Kanal
-zweimal so lang und viermal so tief ist. Es ist eine der angenehmsten
-und gesündesten Leibesübungen, am Humboldtfluß entlang zu laufen, so
-lange hinüber und herüber zu springen, bis man tüchtig erhitzt ist, und
-ihn dann trocken zu trinken.
-
-Am fünfzehnten Tage hatten wir den zweihundert Meilen langen Marsch
-vollendet und hielten bei heftigem Schneesturm unsern Einzug in
-Unionville. Die ›Stadt‹ bestand aus elf Hütten und einem Freiheitsbaum.
-Sechs von den Hütten standen in einer Reihe am Rande einer tiefen
-Schlucht, und die andern fünf ihnen gerade gegenüber. Auf beiden Seiten
-der Schlucht stiegen öde Bergwälle so hoch zum Himmel empor, daß das
-Dörfchen gleichsam tief unten auf dem Grund einer Erdspalte lag. Es
-war auf der Höhe dieser Berge immer schon lange Tag, bevor unten die
-Dunkelheit wich und Unionville sichtbar wurde.
-
-Wir bauten uns eine kleine, rohe Hütte in der Erdspalte und deckten
-dieselbe mit Sackleinwand; eine Ecke ließen wir für den Abzug des
-Rauches offen, allein des Nachts purzelte gelegentlich das Vieh dort
-herein, so daß unser Hausgeräte Schaden litt und wir im Schlafe gestört
-wurden. Es war sehr kalt und Brennholz nur spärlich vorhanden. Indianer
-schleppten Gestrüpp und Buschholz mehrere Meilen weit auf dem Rücken
-herbei; konnten wir einen solchen beladenen Indianer fangen, so war es
-gut; konnten wir keinen fangen, -- dies war übrigens die Regel, nicht
-die Ausnahme -- so froren wir eben und fügten uns darein.
-
-[Illustration]
-
-Ich gestehe ohne Beschämung, daß ich erwartet hatte, das Silber werde
-allenthalben massenhaft auf dem Boden herumliegen und man könne es auf
-den Berggipfeln in der Sonne blinken sehen. Natürlich sagte ich nichts
-davon, denn ein inneres Gefühl flüsterte mir zu, ich könne doch am Ende
-eine übertriebene Vorstellung von der Sache haben und mich, wenn ich
-meine Gedanken verriete, lächerlich machen. Doch zweifelte ich nicht im
-geringsten, daß ich binnen einem oder zwei Tagen, spätestens in einer
-Woche, Silber genug auflesen werde, um ganz hübsch reich zu sein -- und
-so beschäftigte sich meine Einbildungskraft bereits eifrig mit Plänen
-zur Verwendung des Geldes. Bei der ersten schicklichen Gelegenheit
-schlenderte ich sorglos von der Hütte weg, behielt aber die andern
-Jungen im Auge, und wenn ich dann meinte, sie beobachteten mich, blieb
-ich stehen und betrachtete den Himmel; sobald jedoch niemand da war
-oder acht gab, floh ich von dannen, als hätte ich einen Diebstahl auf
-dem Gewissen und hielt in meinem Lauf nicht eher inne, als bis ich
-weit außer Gesichts- und Rufweite war. Dann ging ich ans Suchen in
-fieberhafter Aufregung, denn ich war voll gespannter Erwartung und
-meiner Sache fast ganz sicher. Ich kroch auf dem Boden umher, hob
-Steinbrocken auf und untersuchte sie, indem ich den Staub abblies oder
-sie an meinen Kleidern rieb und mit hoffnungsvoller Gier musterte.
-Nicht lange, so fand ich einen glänzenden Brocken, und mir hüpfte das
-Herz. Hinter einem Felsblock versteckt polierte und prüfte ich ihn
-mit nervöser Hast und einem Entzücken, welches selbst bei Erfüllung
-aller meiner Hoffnungen nicht ganz berechtigt gewesen wäre. Je genauer
-ich meinen Brocken untersuchte, desto fester war ich überzeugt, den
-Weg zum Glück gefunden zu haben. Ich bezeichnete mir den Ort und nahm
-meine Probe mit. Auf und nieder suchte ich die zerklüftete Bergflanke
-ab mit immer regerem Interesse und immer mehr von Dankbarkeit
-durchdrungen, daß ich nach dem ›Humboldt‹ gekommen war und zwar zu
-rechter Zeit. Dieses heimliche Suchen nach den verborgenen Schätzen des
-Silberlandes versetzte mich in die höchste Verzückung, die ich je im
-Leben empfunden. Es war ein wahrer Taumel schwelgerischen Genusses.
-Nicht lange nachher entdeckte ich im Bett eines seichten Baches einen
-Bodensatz glänzend gelber Schuppen. Mir blieb fast der Atem aus. Eine
-Goldgrube! Und ich war in meiner Einfalt mit Silber zufrieden gewesen!
-Vor Aufregung glaubte ich fast, meine überzeugte Einbildungskraft
-täusche mich. Dann packte mich die Furcht, man könnte mich beobachten
-und mein Geheimnis erraten. Vorsichtig ging ich im Kreis um die
-Stelle herum und stieg spähend auf einen Hügel. Ich war allein. Kein
-lebendes Wesen weit und breit. Nun kehrte ich zu meinem Fundort zurück,
-indem ich mich gegen eine mögliche Enttäuschung wappnete; aber meine
-Befürchtung war unbegründet -- die glänzenden Schuppen waren noch immer
-da. Ich machte mich daran, sie auszuschöpfen; eine Stunde lang plagte
-ich mich an den Windungen des Baches hinab und plünderte sein Bett, bis
-die sinkende Sonne dem weiteren Suchen ein Ende machte, und ich mich
-beladen mit Schätzen heimwärts wandte. Als ich so dahinschritt, konnte
-ich mich nicht enthalten, meine Aufregung über den Brocken Silbererz zu
-belächeln, da doch ein edleres Metall mir schier vor der Nase lag. In
-dieser kurzen Zeit war das erstere in meiner Achtung so tief gesunken,
-daß ich ein- oder zweimal auf dem Punkte stand, es wegzuwerfen.
-
-Während die Jungen ihren gewöhnlichen Hunger entwickelten, konnte ich
-nichts essen. Auch reden konnte ich nicht. Ich weilte im Land der
-Träume in weiter Ferne. Ihre Unterhaltung war für meine Phantasie etwas
-störend und ärgerte mich gewissermaßen. Ich verachtete die lumpigen
-und alltäglichen Dinge, von denen sie schwatzten. Allmählich fing das
-Gerede aber an, mir Spaß zu machen. Es hatte einen eigenen, komischen
-Reiz, ihnen zuzuhören, wie sie über ihre ärmlichen, kleinen Ersparnisse
-Pläne machten und über mögliche Verluste und Verlegenheiten seufzten,
-während doch eine Goldgrube dicht vor der Hütte lag, die unser volles
-Eigentum war und die ich ihnen nur zu zeigen brauchte. Die unterdrückte
-Heiterkeit begann mir bald das Herz abzudrücken. Es war nicht leicht,
-dem Antrieb zu widerstehen, in hellem Jubel loszuplatzen und alles zu
-offenbaren, aber ich widerstand. Ich nahm mir vor, die große Neuigkeit
-gelassen durch meine Lippen träufeln zu lassen, dabei so ruhig und
-heiter auszusehen wie ein Sommermorgen, und die Wirkung auf ihren
-Gesichtern zu beobachten.
-
-Ich fragte: »Wo seid ihr alle gewesen?«
-
-»›Muten‹ gegangen.«
-
-»Was habt ihr gefunden?«
-
-»Nichts.«
-
-»Nichts? Was haltet ihr von der Gegend?«
-
-»Kann’s jetzt noch nicht sagen,« erwiderte Herr Ballou, der ein alter
-Goldgräber war und auch in Silbergruben beträchtliche Erfahrungen besaß.
-
-»Nun, haben Sie sich denn nicht irgend eine Art Meinung gebildet?«
-
-»Ja, gewissermaßen schon. Es scheint freilich nicht übel hier, aber
-man hat die Sache überschätzt. Siebentausend-Dollars-Lager sind wohl
-selten. Die Sheba-Grube mag immerhin reich sein, aber sie gehört uns
-nicht, und überdies ist das Gestein so voll von schlechten Metallen,
-daß alle Wissenschaft der Welt nichts damit anfangen kann. Wir werden
-hier nicht verhungern, aber ich fürchte, wir werden auch nicht reich
-werden.«
-
-»Sie halten also die Aussicht für ziemlich gering?«
-
-»So ist’s.«
-
-»Nun, dann thäten wir wohl besser daran, heim zu gehen, nicht wahr?«
-
-»O, jetzt noch nicht -- natürlich. Wir wollen’s doch zuerst noch ein
-bißchen versuchen.«
-
-»Setzen wir einmal den Fall -- es ist eine bloße Annahme -- wißt ihr
--- setzen wir einmal den Fall, ihr könntet ein Lager finden, welches,
-sagen wir hundertfünfzig Dollars per Tonne gäbe -- würde euch das
-genügen?«
-
-»Probieren Sie’s mal mit uns!« schrie die ganze Gesellschaft.
-
-»Oder nehmen wir an -- selbstverständlich wiederum eine Vermutung --
-nehmen wir an, wir fänden eine Ader, wo die Tonne zweitausend Dollars
-Ausbeute giebt -- würde euch _das_ genügen?«
-
-»Halt -- was meinen Sie? Auf was steuern Sie los? Steckt ein Geheimnis
-hinter dem allem?«
-
-»Erhitzt euch nicht. Ich sage gar nichts. Ihr wißt ja ganz genau, daß
-es hier keine reichen Gruben giebt -- natürlich, denn ihr seid ja
-überall herumgestreift und habt gesucht. Das wäre jedem klar, wenn er
-sich hier umgesehen hätte. Gesetzt den Fall nun, es käme einer und
-spräche: ›Ach was, eine Zweitausend-Dollars-Ader ist doch rein gar
-nichts, wo doch gleich da drüben, angesichts dieser Hütte ganze Haufen
-von gediegenem Gold und Silber liegen -- ganze Berge davon, genug, um
-euch alle in vierundzwanzig Stunden zu reichen Leuten zu machen.‹ Na,
-was würdet ihr dazu sagen?«
-
-»Ich würde sagen, der ist so verrückt wie ein Tollhäusler!« sagte der
-alte Ballou, der aber trotzdem vor Erregung ganz wild wurde.
-
-»Meine Herren!« versetzte ich, »ich sage gar nichts -- _ich_ bin ja
-nicht herum gewesen, wie Sie wissen, und weiß deshalb natürlich nichts
--- aber ich bitte nur um das eine, werfen Sie einmal einen Blick auf
-das hier zum Beispiel und sagen Sie mir, was Sie davon halten!« Damit
-schüttete ich meinen Schatz vor ihnen aus.
-
-Voll Begier stürzte alles darauf los und steckte die Köpfe unter der
-brennenden Kerze zusammen. Dann sagte der alte Ballou:
-
-»Was ich davon halte? Ich halte davon, daß es nichts ist als ein Haufen
-Granitabfall und gemeines, glitzerndes Katzengold, wovon der Morgen
-nicht zehn Cents wert ist!«
-
-So schwand mein Traum dahin; so schmolz mein Reichtum, so stürzte mein
-Luftschloß zusammen, und ich blieb als ein geschlagener Mann zurück.
-
-Ich zog die Moral aus der Geschichte mit dem bekannten Sprichwort: »Es
-ist nicht alles Gold, was glänzt.« Herr Ballou meinte, ich könnte noch
-weiter gehen und zu den Schätzen meines Wissens den Satz legen, daß
-_nichts_ Gold sei, was glänze. So lernte ich denn ein für allemal, daß
-Gold im Naturzustande nichts ist als ein schwärzliches, unansehnliches
-Ding und daß nur Metalle gemeiner Art durch prahlerisches Glitzern die
-Bewunderung des Unerfahrenen erregen. Trotzdem unterschätze ich nach
-wie vor, gleich der übrigen Welt, echte Goldmenschen und verherrliche
-Katzengoldmenschen. Die Alltagsmenschennatur kann sich einmal darüber
-nicht erheben.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-
-Mit dem Geschäft des Silbergrabens wurden wir nur zu bald vertraut.
-Wir gingen mit Herrn Ballou ›muten‹. Zwischen Salbeibüschen, Felsen
-und Schneehaufen kletterten wir an den Berghängen hinauf, bis wir vor
-Erschöpfung umfallen wollten, fanden aber kein Silber und ebensowenig
-Gold. So ging es Tag für Tag. Da und dort stießen wir auf Löcher, die
-man ein paar Meter tief in die Abhänge getrieben und dann offenbar
-wieder aufgegeben hatte, und hie und da trafen wir auf ein oder zwei
-Leute, die noch emsig gruben. Aber Silber kam nirgends zum Vorschein.
-Diese Löcher waren die Ansätze von Stollen, die Hunderte von Fuß in den
-Berg getrieben werden sollten, um eines Tags auf die verborgene Schicht
-zu stoßen, in der das Silber steckte. Eines Tags! Das schien in weiter
-Ferne zu liegen, und die Sache sah sehr hoffnungslos und trübselig aus.
-Tag um Tag mühten wir uns ab, kletterten herum und suchten, und dabei
-wurden wir jüngeren Genossen der aussichtslosen Plackerei immer mehr
-überdrüssig. Endlich machten wir hoch oben auf dem Berge unter einer
-überhängenden Felswand Halt. Ballou schlug einige Stücke mit dem Hammer
-ab, prüfte sie lange und aufmerksam mit einem kleinen Augenglase,
-worauf er sie wegwarf und noch mehr abschlug; dann meinte er, dieses
-Gestein sei Quarz, und Quarz sei die Steinart, in der das Silber
-enthalten sei. _Enthalten sei!_ Ich hatte gemeint, es werde wenigstens
-außen daran kleben, wie eine Art Ueberzug. Er schlug noch mehr Stücke
-los, um sie gründlich zu untersuchen, wobei er das betreffende Stück
-hie und da mit der Zunge benetzte und durch das Glas betrachtete.
-Schließlich rief er aus: »Wir haben es!«
-
-Unsere Neugier war sofort aufs höchste gespannt. Das Gestein war rein
-und weiß an der Bruchstelle, und querdurch zog sich ein faseriger,
-blauer Faden. In diesem kleinen Faden, meinte er, stecke Silber,
-aber gemischt mit unedlen Metallen, mit Blei, Antimon und anderem
-Quark, auch seien daran ein paar Tüpfelchen Gold sichtbar. Mit großer
-Anstrengung brachten wir es dahin, ein paar kleine, gelbe Fleckchen
-zu erkennen, von denen sich annehmen ließ, daß vielleicht ein paar
-Tonnen davon einen Golddollar geben könnten. Wir waren gerade nicht
-entzückt; aber Ballou meinte, es gebe noch schlechtere Erzlager als
-dieses auf der Welt. Er hob das, was er das ›reichste Stück Gestein‹
-nannte, auf, um seinen Wert durch die sog. Feuerprobe zu bestimmen.
-Dann gaben wir der Grube den Namen ›Bergkönig‹ (Bescheidenheit ist bei
-der Namengebung in den Bergwerken kein hervorstechender Zug), und Herr
-Ballou schrieb nachstehende Bekanntmachung auf, von der er sich eine
-Abschrift aufhob, um sie in die Bücher des Syndikus der Bergwerke in
-der Stadt eintragen zu lassen.
-
-
- Bekanntmachung.
-
- Wir, die Unterzeichneten, belegen drei Stücke, jedes von
- dreihundert Fuß, (und eins für die Entdeckung) an dieser
- silberhaltigen Quarzschicht nach Norden und nach Süden von
- diesem Anschlag, mit allen Einsenkungen, Verzweigungen und
- Winkeln, Biegungen und Krümmungen, und dazu fünfzig Fuß breit
- Boden auf jeder Seite zur Bearbeitung derselben.
-
-Wir setzten unsere Namen darunter und versuchten uns in die Stimmung zu
-bringen, als sei nun unser Glück gemacht. Aber als wir die Sache mit
-Herrn Ballou durchsprachen, war uns höchst zweifelhaft zu Mute. Dieser
-Quarz an der Oberfläche, meinte er, sei nicht alles, was unsere Mine
-enthalte, vielmehr erstrecke sich die Wand oder Schicht, der wir den
-Namen ›Bergkönig‹ gegeben hatten, Hunderte und aber Hunderte von Fuß
-in die Erde hinab. Sie sei wie der Randstein eines Straßenpflasters,
-behalte ungefähr dieselbe Dicke, etwa zwanzig Fuß, bis hinab in die
-Eingeweide der Erde und sei vollständig verschieden von dem Gestein,
-das sie rings umgebe; sie bleibe für sich und behalte stets ihren
-besondern Charakter, einerlei wie tief sie in die Erde hineingehe oder
-wie weit sie sich längs der Berge und Thäler oder quer über dieselben
-erstrecke; sie könne eine Meile tief und zehn Meilen lang sein, und man
-möge über oder unter der Erde hineinbohren wo man wolle, so würde man
-Gold und Silber darin finden, aber nicht in dem geringeren Gestein,
-in das sie eingebettet sei. Unten in der großen Tiefe der Schicht,
-fuhr er fort, stecke ihr Reichtum, und mit der Tiefe nehme derselbe
-stetig zu. Deshalb müßten wir statt hier an der Oberfläche zu arbeiten
-einen Schacht einsenken, bis wir an die reichen Stellen kämen -- so
-etwa hundert Fuß tief -- oder unten vom Thal aus einen langen Stollen
-in den Bergabhang treiben und die Ader tief unter der Erde anzapfen.
-Das eine wie das andere war offenbar die Arbeit von Monaten, denn wir
-konnten täglich nur ein paar Fuß, ungefähr fünf oder sechs, ausbohren
-oder wegsprengen. Aber das war noch nicht alles. Er sagte, wenn das Erz
-herausgeschafft sei, müsse es nach einem entfernten Pochwerke gebracht
-werden, damit es zermahlen und das Silber durch einen langwierigen und
-kostspieligen Prozeß ausgeschieden werde. Eine Ewigkeit schien zwischen
-uns und unserm Glück zu liegen!
-
-Aber wir gingen ans Werk. Wir beschlossen einen Schacht einzusenken. So
-kletterten wir denn eine Woche lang auf den Berg, beladen mit Hacken,
-Drillbohrern, Meißeln, Schaufeln, Brechstangen, Fäßchen Sprengpulver
-und Rollen Lunte und arbeiteten mit aller Macht. Anfangs war der
-Fels bröckelig und locker; was wir mit den Spitzhacken abschlugen,
-schaufelten wir heraus, und das Loch machte ganz hübsche Fortschritte;
-aber allmählich wurde das Gestein fester, und nun kamen Meißel und
-Brechstange an die Arbeit. Bald aber that nichts mehr seine Wirkung
-außer dem Sprengpulver. Das war die mühseligste Arbeit! Während einer
-von uns den eisernen Drillbohrer an seine Stelle hielt, schlug ein
-anderer mit einem achtpfündigen Schmiedehammer drauf -- das reinste
-Nägeleinschlagen in großem Maßstabe. Binnen einer bis zwei Stunden
-erreichte der Bohrer eine Tiefe von zwei bis drei Fuß und hatte ein
-Loch von ein paar Zoll Durchmesser gemacht. Dann legten wir die
-Pulverladung, steckten eine halbe Elle Lunte hinein, schütteten Sand
-und Kies darauf und stampften es fest; zuletzt zündeten wir die Lunte
-an und liefen weg. Kamen wir dann nach der Explosion, bei der Steine
-und Rauch in die Luft flogen, zurück, so fanden wir ungefähr einen
-Scheffel von dem harten, widerspenstigen Quarz herausgesprengt, kein
-bißchen mehr. Nach einer Woche hatte ich genug davon. Ich verzichtete;
-Clagett und Oliphant desgleichen. Unser Schacht war erst zwölf Fuß
-tief. Wir kamen überein, daß nur ein Stollen uns zum Ziele führen könne.
-
-[Illustration]
-
-So gingen wir den Berg hinunter und arbeiteten dort eine Woche lang.
-Nach Verlauf derselben hatten wir einen Stollen ausgesprengt, in
-dem sich ungefähr ein Oxhoft unterbringen ließ, und waren zu der
-Ueberzeugung gekommen, daß wir noch um etwa neunhundert Fuß tiefer
-graben müßten, um auf die silberhaltige Schicht zu stoßen. Ich
-verzichtete auch jetzt wieder, und die andern Jungen hielten es nur
-noch einen Tag länger aus. Wir stimmten überein, daß ein Stollen nichts
-für uns tauge. Wir brauchten eine bereits ›aufgeschlossene‹ Schicht.
-Solche gab es aber im ganzen Lager nicht.
-
-Den ›Bergkönig‹ ließen wir für jetzt liegen.
-
-Mittlerweile füllte sich der Platz mit Leuten, und unsere
-Humboldt-Bergwerke riefen eine immer größere Aufregung hervor. Auch
-wir fielen der Seuche zum Opfer und strengten jeden Nerv an, um immer
-mehr ›Fuß‹ zu erwerben. Wir muteten herum und nahmen neue Stücke in
-Besitz, an die wir unsere Bekanntmachungen anschlugen und die wir mit
-hochtrabenden Namen belegten. Wir vertauschten eine Anzahl von unseren
-›Fuß‹ gegen ›Fuß‹ in fremden Grubenteilen. Bald hatten wir namhafte
-Anteile am ›Grauen Adler‹, an der ›Columbiana‹, der ›Münzfiliale‹,
-der ›Mary Jane‹, dem ›Universum‹, der ›Simson und Delila‹, der
-›Schatztruhe‹, der ›Golkonda‹, der ›Sultanin‹, dem ›Bumerang‹, der
-›Großen Republik‹, dem ›Großmogul‹ und noch fünfzig weiteren ›Gruben‹,
-die nie eine Schaufel oder eine Spitzhacke gefühlt hatten. Wir besaßen
-nicht weniger als dreißigtausend ›Fuß‹ pro Mann in den ›reichsten
-Gegenden der Erde‹, wie die verruchte Schwindlersprache es nannte
--- und konnten den Fleischer nicht bezahlen. Wir waren ganz toll
-vor Aufregung, trunken vor Glück, begraben unter Bergen künftigen
-Reichtums, voll hochmütigen Mitleids mit den Millionen, die sich im
-Schweiß ihres Angesichts abmühten, weil sie unsere wundervolle Schlucht
-nicht kannten -- aber unser Kredit beim Viktualienhändler stand
-schlecht. Es war die seltsamste Lebenslage, die man sich vorstellen
-kann -- der Festschmaus eines Bettlers. Im Distrikt geschah nichts, man
-legte keine Grube an, ließ keine Pochwerke arbeiten, man produzierte
-nichts und nahm nichts ein -- im ganzen Lager war nicht soviel Geld
-zu finden, daß man hätte in einem Städtchen des Ostens einen Bauplatz
-dafür kaufen können; und doch würde ein Fremder geglaubt haben, er
-wandle unter lauter geschwollenen Millionären. Mutende Gesellschaften
-schwärmten mit dem ersten Tagesgrauen hinaus aus der Stadt und mit
-Einbruch der Nacht wieder herein, beladen mit Beute -- Steinbrocken.
-Nichts als Steinbrocken. Jedermann hatte alle Taschen voll davon; in
-jeder Hütte war der Fußboden damit besät, mit Zetteln beklebt standen
-sie reihenweise auf den Wandsimsen.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-
-Allenthalben begegnete ich Leuten, welche tausend bis dreißigtausend
-Fuß in unaufgeschlossenen Silbergruben besaßen, von denen jeder
-einzelne Fuß ihrer Ueberzeugung nach binnen kurzem fünfzig bis tausend
-Dollars gelten mußte; und das waren oft genug Leute, die in der ganzen
-Welt keine fünfundzwanzig Dollars ihr eigen nannten. Man mochte treffen
-wen man wollte, so hatte er seine neue Grube anzupreisen und seine
-›Proben‹ bereit, und bei der ersten Gelegenheit drängte er einen
-unfehlbar in die Ecke und bot einem an, ›aus bloßer Gefälligkeit,
-nicht um etwas zu verdienen‹, ein paar Fuß im ›Goldenen Zeitalter‹
-oder ›Sarah Jane‹ oder irgend sonst einer unbekannten Schatzkammer
-herzugeben, wenn er nur so viel dafür bekäme, um sich eine ordentliche
-Mahlzeit leisten zu können. Dabei mußte man sich verpflichten, es nicht
-weiter zu sagen, daß er einem das Anerbieten zu so spottbilligem Preise
-gemacht habe, da er sich lediglich ›aus Freundschaft zu diesem Opfer
-bereit erklärte‹. Dann pflegte er ein Stück Gestein aus der Tasche
-zu fischen, sich geheimnisvoll umzusehen, (als fürchte er, man könne
-ihm auflauern und ihn berauben, wenn man ihn über dem Besitz solchen
-Reichtums ertappe), mit dem Steinbrocken an seine Zunge zu tippen, ein
-Vergrößerungsglas darüber zu halten und auszurufen:
-
-»Sehen Sie mal her! Gerade hier in dem roten Fleck! Sehen Sie! Sehen
-Sie die goldenen Punkte? Und den Streifen Silber? Das ist vom ›Onkel
-Abe‹. Davon sind hunderttausend Tonnen in Aussicht. Direkt in Aussicht,
-merken Sie wohl! Und wenn wir bis auf die rechte Stelle hinunterkommen
-und die Ader gediegen wird, dann ist des Reichtums kein Ende. Sehen Sie
-sich die Probe an! Ich verlange nicht, daß Sie _mir_ glauben. Sehen Sie
-sich nur die Probe an!«
-
-Dann langte er regelmäßig ein fettiges Papier heraus, worin bezeugt
-war, das betreffende Stück habe in der Feuerprobe den Beweis geliefert,
-daß es Gold und Silber im Verhältnis von so und so viel hundert oder
-tausend Dollars per Tonne enthalte. Ich wußte damals noch nicht,
-daß man gewohnt war, das reichste Stück aus einer Ausgrabung zum
-Probieren herauszusuchen. Sehr oft war dieses Stück von nicht mehr als
-Nußgröße der einzige Brocken in einer ganzen Tonne, der überhaupt ein
-Metallteilchen enthielt, und doch erhob es nach dem Probierzeugnis
-Anspruch darauf, den Durchschnittswert der Tonne Geröll, woraus es
-stammte, zu repräsentieren.
-
-Dieses Probiersystem war es, das die Menschheit im Humboldt-County
-verrückt gemacht hatte. Auf die Autorität solcher Probierzeugnisse hin
-schwärmten die dortigen Zeitungskorrespondenten vor Begeisterung über
-Gestein, das vier- bis siebentausend Dollars die Tonne wert sein sollte.
-
-Wir rührten weder unsern Stollen, noch unsern Schacht je wieder an.
-Warum? Weil wir nun das wahre Geheimnis des Erfolges beim Silbergraben
-entdeckt zu haben meinten -- es bestand darin, daß man nicht selbst im
-Schweiß seines Angesichts und mit seiner Hände Arbeit nach Silber grub,
-sondern die Erzschichten an die dummen Sklaven der Arbeit _verkaufte_
-und _ihnen_ das Graben überließ! --
-
-[Illustration]
-
-Vor meinem Weggang von Carson hatte ich zusammen mit dem Sekretär
-von verschiedenen Mitbesitzern der ›Esmeralda‹ eine Anzahl Fuß
-gekauft. Wir hatten sofortige Gegenleistung in ungemünztem Gold oder
-Silber erwartet, wurden aber statt dessen mit regelmäßig und ständig
-wiederkehrenden Zubußen -- d. h. Geldforderungen zum Ausbau der
-genannten Gruben -- heimgesucht. Diese Zubußen waren dermaßen drückend
-geworden, daß es notwendig erschien, sich persönlich Einblick in die
-Sache zu verschaffen. Ich beschloß deshalb eine Pilgerfahrt nach
-Carson und von dort nach Esmeralda. Nachdem ich mir ein Pferd gekauft,
-brach ich in Begleitung des Herrn Ballou und eines Herrn Ollendorff
-auf. Dieser letztere war ein Preuße -- aber nicht jener Mensch, der
-mit seinen Grammatiken fremder Sprachen mit ihren unaufhörlichen
-Wiederholungen von Fragen, die weder jemals vorgekommen sind, noch
-jemals in irgend einer Unterhaltung zwischen menschlichen Wesen
-vorzukommen Aussicht haben, der Welt so viel Leiden zugefügt hat.
-Wir ritten zwei oder drei Tage lang durch einen Schneesturm, bis wir
-vor Honey Lake Smiths einsam gelegenem Wirtshause am Carsonflusse
-ankamen. Es war ein zweistockiges Blockhaus auf einem kleinen Hügel,
-inmitten eines weiten Wüstenbeckens, durch das sich der dürftige Carson
-trübselig hinwindet. Dicht bei dem Hause standen die aus Backsteinen
-erbauten Ställe der Ueberlandpost. Mehrere Meilen rundum fand man sonst
-kein Gebäude. Gegen Sonnenuntergang trafen ungefähr zwanzig Heuwagen
-ein, die sich rings um das Haus aufstellten; sämtliche Fuhrleute
-kamen zum Abendessen herein -- eine sehr, sehr rohe Bande. Auch ein
-oder zwei Postillone der Ueberlandpost waren da, und außerdem ein
-halbes Dutzend Strolche und Landstreicher; das Haus war demnach wohl
-gefüllt. Nach dem Essen gingen wir hinaus und besuchten ein kleines
-Indianerlager in der Nachbarschaft. Die Indianer waren aus irgend einem
-Grunde in großer Aufregung, sie packten ein und eilten so schnell als
-möglich fortzukommen. »In kurz Zeit Menge Wasser,« sagten sie und gaben
-uns mit Hilfe von Zeichen zu verstehen, daß nach ihrer Meinung eine
-Ueberschwemmung im Anzug sei. Das Wetter war vollkommen klar, auch
-befanden wir uns nicht in der Regenzeit. Das unbedeutende Flüßchen
-hatte höchstens zwei Fuß Wasser; seine Oberfläche war nicht breiter als
-eine schmale Dorfgasse und seine Ufer kaum höher als ein Mannskopf.
-Wo sollte also eine Ueberschwemmung herkommen? Wir sprachen noch
-eine Weile darüber und gelangten zu dem Schlusse, es werde wohl eine
-List der Indianer sein, die für ihren eiligen Abzug sicherlich einen
-triftigeren Grund haben müßten, als die Furcht vor Ueberschwemmung bei
-maßloser Trockenheit.
-
-Um sieben Uhr abends legten wir uns im zweiten Stockwerk zu Bette,
--- in den Kleidern (unsrer Gewohnheit gemäß) und alle drei in _ein_
-Bett; denn jeder verwendbare Raum auf dem Fußboden, auf Stühlen u.
-s. w. war besetzt, und trotzdem gab es kaum Platz genug für alle
-Gäste des Wirtshauses. Nach einer Stunde weckte uns ein großer Lärm;
-wir sprangen aus dem Bett, stiegen über die in Reihen auf dem Boden
-schnarchenden Fuhrleute hinweg und gelangten so nach den Vorderfenstern
-der Stube. Ein einziger Blick enthüllte uns im Scheine des Mondlichts
-ein merkwürdiges Bild. Der vielgewundene Carson war voll bis zum Rande,
-wild rasten und schäumten seine Wasser -- mit wütender Geschwindigkeit
-schossen sie um die scharfen Biegungen und brachten auf der Oberfläche
-ein Chaos von Stämmen, Strauchwerk und allerhand Unrat mit. Eine
-Einsenkung, die früher das Bett des Flusses gebildet hatte, war schon
-beinahe voll, und an mehreren Stellen begann das Wasser über das
-Hauptufer hinauszuspülen. Die Leute rannten hin und her, um Vieh und
-Wagen dicht an das Haus zu bringen, denn die Bodenerhebung, auf der
-es stand, dehnte sich vorne nur etwa dreißig und an der Hinterseite
-vielleicht hundert Fuß weit aus. Hart neben dem vorerwähnten alten
-Flußbett stand ein kleiner Stall aus Baumstämmen, in welchem unsere
-Pferde untergebracht waren. An dieser Stelle stieg das Wasser
-zusehends so rasch, daß nach wenigen Minuten ein Wildbach an dem Stall
-vorbeibrüllte, der fortwährend höher an dem Gebälk emporschwoll. Da
-wurde uns auf einmal klar, daß diese Flut mehr sei, als ein bloßes
-Schaustück zur Kurzweil. Sie drohte Verderben, und zwar nicht nur dem
-kleinen Blockstall, sondern auch den Gebäuden der Ueberlandpost, dicht
-am Hauptflusse, denn die Wellen waren jetzt über die Ufer gestiegen,
-so daß sie die Grundmauern umspülten und in die anstoßende große
-Heuscheune eindrangen. Wir rannten hinunter und befanden uns bald
-mitten in einem Haufen aufgeregter Menschen und geängsteter Tiere.
-Bis an die Kniee wateten wir in den Stall und banden die Pferde los;
-beim Herauswaten ging uns das Wasser schon bis zu den Hüften, so rasch
-war es gestiegen. Dann stürzten alle wie ein Mann nach der Scheune
-und machten sich daran, die mächtigen Bündel Heu herauszuwerfen, die
-dann nach dem höher gelegenen Hause hinaufgewälzt wurden. Inzwischen
-hatte man entdeckt, daß ein Postillon der Ueberlandpost, Namens Owens,
-fehlte; ein Mann lief bis zu den Schenkeln im Wasser in den Stall
-hinein, fand den Vermißten schlafend und weckte ihn, worauf er wieder
-hinauswatete. Aber Owens war duselig und schlief wieder ein; jedoch
-nur auf ein paar Minuten; denn als er sich im Bett umdrehte, kam seine
-herabhängende Hand in Berührung mit dem kalten Wasser! Dieses ging
-schon bis zur Höhe der Matratze! Fast brusttief watete er heraus, und
-schon im nächsten Augenblick schmolzen die Backsteine zusammen wie
-Zucker; das mächtige Gebäude stürzte ein und war im Nu weggespült.
-
-Um elf Uhr schaute nur noch das Dach des kleinen Stalles aus dem Wasser
-heraus, und unser Wirtshaus war eine Insel im Weltmeer. Soweit das Auge
-im Mondlicht schauen konnte, war keine Wüste mehr zu erblicken, sondern
-nur noch eine weite, schimmernde Wasserfläche. Die Indianer hatten
-richtig prophezeit; aber woher hatten sie ihre Kunde erhalten? Ich weiß
-keine Antwort darauf.
-
-Acht Tage und ebenso viele Nächte blieben wir mit jener sonderbaren
-Gesellschaft zusammengepfercht. Fluchen, Trinken und Kartenspiel
-bildeten die Tagesordnung, die nur gelegentlich der Abwechslung halber
-durch eine Rauferei unterbrochen wurde. Schmutz und Ungeziefer -- doch
-davon schweige ich lieber; es genüge zu sagen, daß beides in geradezu
-unbegreiflicher Masse vorhanden war.
-
-Zwei Leute in der Gesellschaft -- doch dieses Kapitel ist schon lang
-genug.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-
-Zwei Leute in der Gesellschaft waren mir ganz besonders widerwärtig.
-Der eine war ein kleiner Schwede von ungefähr fünfundzwanzig Jahren,
-der nur ein einziges Lied konnte, das er in einem fort sang. Den Tag
-über waren wir sämtlich in einem einzigen, kleinen, zum Ersticken
-dunstigen Schenkzimmer zusammengepfercht, und so gab es vor der
-Musik dieses Menschen kein Entrinnen. Mitten durch all das Lästern,
-Whiskeysaufen, Stoßen und Zanken tönte sein langweiliger Gesang ohne
-irgend welche Abwechslung in der gleichen einförmigen Weise, so daß ich
-zuletzt gerne den Tod erlitten hätte, um dieser Marter zu entgehen.
-Der andere war ein stämmiger Raufbold, ›Arkansas‹ geheißen; im Gürtel
-trug er zwei Revolver, aus dem Stiefel sah ihm ein Bowiemesser heraus;
-er war stets betrunken und auf der Suche nach Händeln, doch fürchtete
-man ihn so sehr, daß ihm niemand den Gefallen thun wollte, mit ihm
-anzubinden. Durch allerlei kleine Kriegslisten suchte er bald diesen
-bald jenen zu einer beleidigenden Bemerkung zu verlocken, und hie und
-da leuchtete sein Gesicht freudig auf, wenn er meinte, er habe eine
-Rauferei gehörig eingefädelt; aber unfehlbar vereitelte sein Opfer alle
-Bemühungen, und dann gab er jedesmal eine Enttäuschung kund, die schier
-pathetisch war. Den Wirt, Johnson, einen bescheidenen, gutmütigen
-Menschen, nahm Arkansas bald als vielversprechenden Gegenstand aufs
-Korn und ließ ihm eine Zeitlang Tag und Nacht keine Ruhe. Am vierten
-Morgen betrank sich Arkansas und paßte auf eine gute Gelegenheit. Bald
-darauf kam Johnson, gemütlich vom Whiskey angeheitert, herein und
-begann:
-
-»Ich glaube, die Wahl in Pennsylvanien --«
-
-Arkansas erhob warnend den Finger, worauf Johnson inne hielt. Der
-andere richtete sich unsicher auf und trat ihm schwankend gegenüber mit
-den Worten:
-
-»Wa-was wissen Sie vo-von Pennsylvanien? Antworten Sie mir. Wa-was
-wissen Sie von Pennsylvanien?«
-
-»Ich wollte bloß sagen --«
-
-»Sie wollten bloß _sagen_ -- Sie! Sie wollten bloß sagen -- _was_
-wollten Sie sagen? Das ist’s! _Das_ will ich wissen. Ich will wissen,
-wa-was Sie (Schlucken) von Pennsylvanien wissen, weil Sie sich so
-verdammt breit damit machen. Antworten Sie mir darauf!«
-
-»Herr Arkansas, wenn Sie mir erlauben wollten --«
-
-»Wer hindert Sie denn? Bringen Sie keine Sticheleien gegen mich vor --
-lassen Sie das sein. Kommen Sie nicht mit großthuerischen Redensarten
-und Fluchen und Schwören wie ein Verrückter herein -- lassen Sie das
-gefälligst bleiben. Denn ich _lasse_ mir das nicht gefallen. Wenn Sie
-sich mit mir schießen wollen, heraus mit der Schlüsselbüchse! Ich bin
-dabei! Heraus damit!«
-
-Johnson flüchtete rückwärts in eine Ecke, wohin Arkansas drohend
-folgte. »Aber ich habe ja gar nichts gesagt, Herr Arkansas!« rief der
-Wirt. »Sie lassen einen ja nicht ausreden. Ich wollte bloß sagen, daß
-es in Pennsylvanien nächste Woche eine Wahl geben wird -- das war alles
--- das war das einzige, was ich sagen wollte; ich will nicht gesund
-hier stehen, wenn es nicht so war.«
-
-»Gut, aber warum sagten Sie das nicht gleich? Was kamen Sie so
-geschwollen herein und versuchten Spektakel anzufangen?«
-
-»Aber ich bin doch gar nicht geschwollen hereingekommen, Herr Arkansas,
-ich wollte ja nur --«
-
-»Ich bin also ein Lügner? Nicht wahr? Beim Geist des gr-großen Cäsar --«
-
-»Aber bitte, Herr Arkansas, ich habe so etwas durchaus nicht sagen
-wollen; ich will gleich tot sein, wenn ich daran gedacht habe. Die
-Jungens werden Ihnen alle bezeugen, daß ich stets gut von Ihnen
-gesprochen und Sie höher geachtet habe als irgend jemand im Hause.
-Fragen Sie ’mal Smith. Ist es nicht so, Smith? Habe ich nicht erst
-gestern abend gesagt, wenn ihr einen feinen Herrn haben wollt, der
-es immer und unter allen Umständen ist und bleibt, so seht euch den
-Arkansas an? Sie können jeden von den Herren hier fragen, ob das nicht
-genau meine Worte sind. Kommen Sie jetzt, Herr Arkansas, wir wollen
-einen Schluck nehmen -- wir wollen uns die Hände schütteln und ein
-Tröpfchen trinken. Kommen Sie her, alle miteinander, ich traktiere!
-Kommt her, Bill, Tom, Bob, Scotty -- kommt her. Ihr sollt alle mit
-mir und Arkansas, meinem alten Arkansas -- meinem prächtigen, alten
-Arkansas, einen Kleinen trinken. Geben Sie mir noch ’mal die Hand. Seht
-ihn an, Jungens -- nur einmal seht ihn an. Da steht der weiseste Mann
-in ganz Amerika -- und wer das leugnet, der hat’s mit mir zu thun,
-damit Punktum. Geben Sie mir die alte Tatze noch einmal.«
-
-[Illustration]
-
-Sie umarmten sich. Dies geschah von seiten des Wirtes mit trunkener
-Zärtlichkeit, welche von Arkansas, der um den Preis eines Schnapses
-wiederum seine Beute aus den Händen lassen mußte, mit lässiger
-Gleichgültigkeit hingenommen wurde. In seinem Glück darüber, daß er
-der Schlachtbank entronnen, war der Wirt so thöricht, noch weiter
-fortzuschwatzen, statt der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Dies hatte zur
-Folge, daß Arkansas bald darauf wieder gefährliche Blicke nach ihm zu
-werfen begann und sagte:
-
-»Wirt, wollen Sie ge-gefälligst diese Be-Bemerkung noch einmal machen,
-wenn es Ihnen beliebt?«
-
-»Ich sagte zu Scotty, mein Vater sei über achtzig Jahre alt gewesen,
-als er starb.«
-
-»War das alles, was Sie sagten?«
-
-»Ja, das war alles.«
-
-»Sagten Sie weiter nichts als das?«
-
-»Nein, nichts weiter.«
-
-Ein unbehagliches Schweigen folgte. Arkansas spielte einen Augenblick
-mit seinem Glase, die Ellbogen auf den Schenktisch gestützt. Dann
-kratzte er sich nachdenklich mit dem linken Stiefel am rechten
-Schienbein, während das unheildrohende Schweigen noch fortdauerte.
-Auf einmal schlenderte er mit verdrießlicher Miene nach dem Ofen
-zu, schob in grober Weise zwei oder drei Leute mit der Schulter aus
-ihren behaglichen Stellungen weg, machte sich’s bequem und gab einem
-schlafenden Hund einen Fußtritt, daß er heulend unter eine Bank fuhr;
-darauf spreizte er seine langen Beine auseinander, nahm die Schöße
-seines aus einer Pferdedecke gemachten Rockes unter die Arme und
-schickte sich an, sich die Hinterseite zu wärmen. Nach einem Weilchen
-begann er für sich zu brummen, und bald darauf schlotterte er an den
-Schenktisch zurück und sagte:
-
-»Wirt, was soll das heißen, daß Sie alte Persönlichkeiten
-zusammenkratzen und sich mit Ihrem Vater groß machen? Paßt Ihnen unsere
-Gesellschaft nicht? Hm? Wenn Ihnen diese Gesellschaft nicht recht ist,
-so thäten wir vielleicht besser, zu gehen. Ist das Ihre Meinung? Wollen
-Sie darauf hinaus?«
-
-»Ei, du meine Güte, Arkansas, ich habe an so etwas gar nicht gedacht.
-Meine Eltern --«
-
-»Wirt, fiedeln Sie mir nicht solches Zeug vor. Lassen Sie das. Wenn Sie
-durchaus Spektakel haben müssen, frisch heraus damit (Schlucken) --
-aber scharren Sie nicht vergangene, alte Dinge aus dem Boden auf, um
-sie Leuten in die Zähne zu werfen, die Frieden zu halten wünschen, wenn
-es halbwegs geht. Was ist denn überhaupt heut’ morgen mit Ihnen los?
-Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der sich so aufspielte!«
-
-»Arkansas, ich habe mir wirklich nichts Schlimmes dabei gedacht, aber
-ich will’s sein lassen, wenn es Ihnen unangenehm ist. Ich glaube, meine
-Schnäpse sind mir in den Kopf gestiegen, und dann die Ueberschwemmung
-und daß ich so viele Leute zu füttern habe und sorgen muß, daß --«
-
-»Also _das_ ist’s, was Ihnen im Kopf herumgeht? Sie wollen uns los
-sein, he? Ist’s nicht so? Heraus damit!«
-
-»Bitte, so seien Sie doch vernünftig, Arkansas. Sie wissen ja doch, daß
-ich nicht der Mann darnach bin, um --«
-
-»Wollen Sie mir drohen, he? Beim Himmel, der Mann muß erst geboren
-werden, der mich ins Bockshorn jagt. Probier’s nur nicht, mir so
-aufzuspielen, mein Lämmchen. -- Ich kann viel vertragen, aber das
-vertrag’ ich nicht. Komm hervor hinter dem Schenktisch da, daß ich dich
-Mores lehre. Du willst uns vertreiben, du schleichender, heimtückischer
-Hund. Geh heraus hinter dem Schenktisch da! Ich will dich lehren, einen
-Biedermann mit Bramarbasieren zu quälen und mit hochmütigen Blicken zu
-reizen, der dir immer alles zu lieb gethan hat!«
-
-»Bitte, Arkansas, nicht schießen, bitte! Wenn’s zu Blutvergießen
-kommt --«
-
-»Hören Sie, meine Herren? Hören Sie, wie er von Blutvergießen spricht?
-Also Blut willst du sehen, nicht wahr, du wütender Mordgeselle! Du hast
-dir vorgenommen, heut’ morgen jemand umzubringen! Das hab’ ich gleich
-gewußt. _Mich_ hast du auf dem Korn, nicht wahr? _Mir_ willst du an den
-Hals, nicht wahr? Aber ich will dir schon zuvorkommen, du diebischer
-Niggersohn mit schwarzem Herzen und weißer Leber! Heraus mit deiner
-Schlüsselbüchse!«
-
-Damit begann Arkansas zu feuern, während der Wirt in heller Todesangst
-über Bänke, Menschen und alles, was ihm im Weg stand, wegsetzte.
-Inmitten des tollen Getümmels fuhr der Wirt krachend durch eine
-Glasthüre, und als Arkansas ihm nachsprang, erschien plötzlich die Frau
-des Wirtes in der Thüröffnung und trat dem Raufbold mit einer Schere
-entgegen. Die Frau war großartig in ihrer Wut. Erhobenen Hauptes und
-blitzenden Auges stand sie einen Augenblick da, dann rückte sie mit
-gezückter Waffe vor. Verblüfft hielt der Schurke inne und trat einen
-Schritt zurück. Sie folgte ihm, trieb ihn Schritt für Schritt bis in
-die Mitte der Schenkstube und gab ihm hier vor der verwunderten Menge,
-die sich um sie sammelte und sie mit starrem Staunen betrachtete,
-eine solche Tracht Zungenhiebe, wie sie vielleicht noch nie einem
-eingeschüchterten und gründlich beschämten Prahlhans zu teil geworden
-sind. Als sie zu Ende war und sich als Siegerin zurückzog, erzitterte
-das Haus von Beifallsgebrüll und jedermann bestellte in einem Atem
-›Schnaps für die ganze Gesellschaft‹.
-
-Die Lektion war völlig genügend. Die Schreckensherrschaft war vorüber,
-Arkansas’ Macht für immer gebrochen. Während der ganzen Zeit, die wir
-noch auf unserer Insel in Gefangenschaft verbringen mußten, saß einer
-stets geduckt beiseite, mengte sich nie in einen Streit, ließ nie eine
-Prahlerei hören und nahm geduldig die Beleidigungen hin, die ihm die
-Menge, welche bisher vor ihm zu Kreuz gekrochen, jetzt unaufhörlich
-zuschleuderte -- und dies war Arkansas.
-
- * * * * *
-
-Am fünften oder sechsten Morgen verlief sich das Wasser vom Lande
-wieder, aber die Strömung im alten Flußbett war immer noch hoch und
-reißend, und keine Möglichkeit hinüberzukommen. Am achten Tage ging
-sie immer noch zu hoch, als daß man ganz ohne Gefahr hätte übersetzen
-können; allein das Leben in der Schenke war bei der Unsauberkeit,
-Trunkenheit und Rauflust der Gäste nicht länger auszuhalten, und so
-machten wir einen Versuch, fortzukommen. Bei heftigem Schneesturm
-schifften wir uns in einem Kahne ein, nahmen die Sättel mit an Bord
-und zogen die Pferde im Schlepptau an den Halftern hinter uns drein.
-Der Preuße Ollendorff befand sich vorn am Bug mit einem Ruder, Ballou
-ruderte in der Mitte und ich saß im Stern und hielt die Halfter.
-Als die Pferde den Grund verloren und zu schwimmen anfingen, wurde
-Ollendorff ängstlich; er fürchtete, die Pferde könnten uns vom
-Ziel abbringen, und es war klar, daß, falls es uns nicht gelang, an
-einer gewissen Stelle zu landen, wir, von der Strömung fortgerissen,
-unfehlbar in den Hauptarm des Carson treiben würden, der zurzeit
-einen kochenden Strudel bildete. Ein solches Mißgeschick würde aller
-Wahrscheinlichkeit nach unsern Tod bedeutet haben; denn wir wären mit
-unserm Kahn in den See geschwemmt worden oder umgestürzt und ertrunken.
-Wir mahnten Ollendorff, seine fünf Sinne zusammenzuhalten und sich
-vorsichtig zu betragen, aber es nutzte nichts. In dem Augenblick, als
-das Boot ans Ufer stieß, that er einen Sprung, so daß das Fahrzeug
-umschlug und in dem zehn Fuß tiefen Wasser herumwirbelte. Ollendorff
-erfaßte einen Strauch, an dem er sich ans Ufer zog, während Ballou
-und ich hinüberschwimmen mußten, wobei uns unsere Ueberzieher sehr
-hinderlich waren. Aber wir hielten uns an dem Kahn fest, und obwohl
-wir beinahe den Carson hinabgespült worden wären, gelang es uns
-zuletzt doch, das Boot ans Ufer zu schieben und sicher zu landen. Wir
-waren zwar durchkältet und durchnäßt, aber doch in Sicherheit. Die
-Pferde halfen sich gleichfalls ans Land; aber unsere Sättel waren
-natürlich verloren. Wir banden die Tiere an Salbeibüsche fest, wo sie
-vierundzwanzig Stunden ausharren mußten. Dann schöpften wir das Boot
-aus und schafften darin für sie Futter und wollene Decken hinüber,
-während wir selbst noch einmal in dem Wirtshause übernachteten, ehe wir
-uns abermals auf die Reise wagten.
-
-Am nächsten Morgen, als wir mit neuen Sätteln und sonstigen
-Ausrüstungsgegenständen aufbrachen, schneite es immer noch wie
-rasend. Wir stiegen auf und ritten ab. Der Schnee bedeckte den Boden
-so hoch, daß keine Spur von der Straße erkennbar war, und der Schnee
-fiel so dicht, daß wir nicht mehr als hundert Schritt weit vor uns
-sehen konnten, sonst hätten wir an den Bergketten unsere Richtung
-erkennen können. Die Sache sah bedenklich aus; allein Ollendorff
-erklärte, er habe einen Instinkt so fein wie ein Kompaß und wäre im
-stande, schnurgerade auf Carson City zuzureiten, und die Linie genau
-einzuhalten. Bei der geringsten Abweichung von derselben würde ihn sein
-Instinkt so sicher warnen wie einen Sünder sein Gewissen. Glücklich und
-zufrieden folgten wir seiner Spur. Eine halbe Stunde lang haspelten
-wir uns ziemlich mühselig weiter, dann aber trafen wir auf eine neue
-Fährte, und Ollendorff rief stolz:
-
-»Ich wußte es ja, daß ich so unfehlbar bin wie ein Kompaß, Jungens!
-Hier sind wir genau in den Fußspuren von jemand, der uns den Weg zeigen
-wird, ohne daß wir uns anzustrengen brauchen. Wir wollen uns eilen,
-damit wir uns der Gesellschaft da vorne anschließen können.«
-
-Nun ließen wir die Pferde so stark traben, als es in dem tiefen Schnee
-anging; und nicht lange, so schien es, als kämen wir den vor uns
-Reitenden näher; denn die Spuren wurden deutlicher. Eilig strebten wir
-vorwärts, und nach Verlauf einer Stunde sahen die Spuren noch neuer und
-frischer aus -- nur waren wir überrascht, daß die Zahl der Reisenden
-fortwährend zuzunehmen schien. Wir konnten uns nicht denken, wie eine
-so große Gesellschaft zu solcher Zeit in diese Einöde käme, bis einer
-von uns meinte, es müsse wohl eine Kompagnie Soldaten vom Fort sein.
-Zufrieden mit dieser Lösung des Rätsels, ritten wir noch etwas rascher
-weiter; sie konnten ja nicht mehr fern sein. Aber die Spuren vermehrten
-sich noch immer, so daß wir schon anfingen zu glauben, die Abteilung
-Soldaten müsse sich auf unerklärliche Weise zu einem Regiment vermehrt
-haben -- Ballou behauptete, es seien schon mindestens fünfhundert
-daraus geworden. Auf einmal hielt er an und sagte: »Jungens, das
-sind ja unsere eigenen Spuren! Mehr als zwei Stunden lang sind wir
-wahrhaftig wie in einem Zirkus immer wieder rundum geritten, hier außen
-in der öden Wüste! Bei Gott, das ist ja ganz ›hydraulisch‹!«
-
-Dann wurde der alte Mann wild und fing an zu schimpfen. Er gab
-Ollendorff allerhand schlimme Namen, sagte, in seinem Leben hätte er
-keinen solchen dämlichen Pinsel gesehen wie ihn, und machte zum Schluß
-die ganz besonders giftige Bemerkung, er wisse nicht einmal so viel wie
-ein Logarithmus!
-
-Wir waren richtig unseren eigenen Spuren gefolgt. Ollendorff samt
-seinem inneren Kompaß fiel von nun an in Ungnade. Am Schlusse unseres
-mühseligen Rittes befanden wir uns wieder am Ufer des Baches, während
-sich drüben durch das Schneetreiben hindurch in matten Umrissen das
-Wirtshaus zeigte. Noch überlegten wir, was nun zu thun sei, da landete
-der junge Schwede mit dem Kahn und schlug seinen Weg zu Fuß nach Carson
-City ein, immer denselben langweiligen Singsang herleiernd. Eine
-Minute darauf war er nur noch undeutlich sichtbar und versank dann
-in dem weißen Meer der Vergessenheit. Man hörte nie wieder von ihm.
-Ohne Zweifel verlor er die ruhige Besinnung, verirrte sich, sank vor
-Ermüdung in Schlaf und fiel so dem Tode in die Arme. Möglicherweise
-folgte er auch unsern verräterischen Spuren, bis er vor Erschöpfung
-zusammenbrach.
-
-Inzwischen fuhr die Ueberlandpost durch den jetzt rasch fallenden
-Bach; es war ihre erste Fahrt nach Carson seit dem Eintritt der
-Ueberschwemmung. Ohne Zeitverlust folgten wir den von ihr gezogenen
-Furchen und trabten lustig voran, denn wir setzten volles Vertrauen in
-die Lokalkenntnis des Postillons. Unsere Pferde konnten es zwar mit
-dem frischen Gespann der Post nicht aufnehmen, so daß wir diese bald
-aus dem Gesicht verloren, doch hatte dies nichts zu bedeuten, denn die
-tiefen Einschnitte, die die Räder machten, dienten uns als Wegweiser.
-Mittlerweile war es drei Uhr nachmittags geworden, und es mußte bald
-Nacht werden. Das geschieht aber dort zu Lande nicht mittelst einer
-allmählich stärker werdenden Dämmerung, sondern geht so plötzlich vor
-sich, wie wenn eine Kellerthür zugeschlagen wird. Der Schnee fiel noch
-immer gleich dicht, so daß wir keine fünfzehn Schritte vor uns sehen
-konnten; aber ringsum vermochten wir durch den Schimmer des weißen
-Schneebettes die glatten, zuckerhutförmigen Erhöhungen zu erkennen, in
-welche sich die Salbeibüsche verwandelt hatten; die beiden schmalen
-Rinnen dicht vor uns aber waren die mehr und mehr sich füllenden und
-langsam verschwindenden Wagengeleise.
-
-Nun waren jene Salbeibüsche alle von derselben Höhe, drei oder vier
-Fuß hoch, und sie standen alle etwa sieben Fuß auseinander, soweit
-das Auge reichte; jeder derselben war jetzt ein bloßer Schneehaufen;
-in jeder Richtung, die man einschlagen mochte, bewegte man sich wie
-in einem gut angelegten Obstgarten durch eine rechts und links von
-einer Reihe dieser Schneehaufen eingefaßte Gasse -- eine Gasse von
-der gewöhnlichen Breite einer Landstraße, in der Mitte sauber und
-eben, und an den Seiten ganz natürlich ansteigend. Bisher war uns das
-noch gar nicht eingefallen. Nun stelle man sich einmal vor, wie es
-uns eiskalt überlief, als uns tief in der Nacht der Gedanke kam, wir
-möchten vielleicht jetzt, da die schwache Spur der Wagenräder längst
-begraben und unsern Blicken entzogen war, in einer bloßen Allee von
-Salbeibüschen, meilenweit weg von der Straße hin irren und immer weiter
-von derselben abkommen. Wäre uns ein Eisklumpen über den nackten Rücken
-gerutscht, es hätte eine behagliche Empfindung sein müssen, verglichen
-mit diesem Gefühl. Das seit einer Stunde schläfrig gewordene Blut regte
-sich plötzlich wieder und schoß uns verzweifelt durch die Adern. Alle
-in Schlummer versunkenen Kräfte des Geistes und Körpers flammten auf.
-Sofort waren wir wach und munter, aber nur um vor Angst und Bestürzung
-zu zittern und zu klappern. Unverzüglich machten wir Halt, stiegen von
-den Pferden, und bückten uns tief, um nach den Spuren der Straße zu
-suchen. Vergeblich; denn eine Bodenvertiefung, die nicht zu erkennen
-war, wenn man sich vier oder fünf Fuß über derselben befand, ließ sich
-erst recht nicht wahrnehmen, wenn man sie fast mit der Nase berührte.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-
-Es kam uns zwar vor, als befänden wir uns auf einer Straße; aber das
-war noch kein Beweis. Denn als wir nach verschiedenen Richtungen
-hinschritten, zog jeder von uns aus den regelmäßigen Reihen von
-Schneehaufen und den dazwischen hinlaufenden Wegen den unumstößlichen
-Schluß, daß _er_ den richtigen Weg gefunden und die beiden andern sich
-geirrt hätten. Wir waren kalt und steif und die Pferde ermüdet. In
-unserer verzweifelten Lage beschlossen wir, ein Feuer aus Salbeibüschen
-anzumachen und bei demselben bis zum Morgen zu kampieren. Dies war das
-Vernünftigste, weil, falls wir von der richtigen Straße abgekommen
-waren und der Schneesturm noch einen Tag anhielt, kaum noch eine
-Rettung blieb, wofern wir weiter ritten.
-
-Wir waren alle einig darüber, daß ein Lagerfeuer uns noch am ehesten
-am Leben erhalten könnte, und so machten wir uns ohne Aufschub
-daran, ein solches herzustellen. Da wir keine Zündhölzchen finden
-konnten, versuchten wir es mit den Pistolen. Zwar hatte keiner von der
-Gesellschaft dies jemals probiert, aber wir glaubten, es werde sich
-ganz bequem machen lassen, denn wir hatten des öfteren davon in Büchern
-gelesen und verließen uns nun darauf mit derselben vertrauensvollen
-Einfalt wie auf jenen anderen Bücherschwindel, der von Indianern
-und verirrten Jägern erzählt, die sich durch Reiben von zwei dürren
-Holzstücken Feuer verschaffen.
-
-Auf den Knieen drängten wir uns in dem tiefen Schnee aneinander; die
-Pferde steckten ihre Nasen zusammen und beugten ihre Köpfe geduldig
-über uns, und so fuhren wir in unserem wichtigen Experiment fort,
-während die federigen Flocken herunterwirbelten und uns in eine Gruppe
-weißer Statuen verwandelten. Wir brachen Zweige von einem Salbeibusch,
-säuberten einen kleinen Platz vom Schnee und häuften das Holz auf,
-es mit unsern Leibern schützend. Dies nahm zehn bis fünfzehn Minuten
-in Anspruch, und nun setzte Ollendorff unter allgemeiner Stille und
-atemloser, ängstlicher Spannung seinen Revolver daran, drückte ab und
--- fort flog unser Holzhäufchen in alle Winde.
-
-Das war recht betrübend, aber es verblaßte vor einem noch größeren
-Schrecken -- die Pferde waren fort. Ich war damit betraut
-gewesen, die Zügel zu halten, hatte sie aber in der Aufregung des
-Pistolenexperiments unversehens fallen lassen, und die frei gewordenen
-Tiere waren in dem Unwetter davongelaufen. Sie aufsuchen zu wollen,
-wäre verlorene Mühe gewesen; ihre Fußtritte brachten kein Geräusch
-hervor und man konnte ihnen auf zwei Ellen nahe sein, ohne sie zu
-sehen. So gaben wir sie denn auf und verwünschten die Bücher mit
-ihren Lügen, in denen steht, daß Pferde in Zeiten der Not, Schutz und
-Gesellschaft suchend, bei ihrem Herrn bleiben.
-
-Wir waren schon vorher elend genug daran gewesen, nun fühlten wir uns
-noch viel verlassener. Geduldig, doch ohne Hoffnung brachen wir noch
-einmal Reisig ab und schichteten es auf, worauf es der Preuße abermals
-in alle Winde schoß. Offenbar war das Feueranmachen mit einem Pistol
-eine Kunst, die Uebung und Erfahrung erforderte, und eine Wüste um
-Mitternacht und bei Schneegestöber war nicht der Ort zur Erlangung
-dieser Fertigkeit. Wir gaben diesen Versuch auf und wandten uns zu dem
-andern. Ein jeder von uns nahm zwei Hölzer und machte sich daran, sie
-aneinander zu reiben. Nach Ablauf einer halben Stunde waren wir vor
-Kälte ganz erstarrt und die Hölzer nicht minder. Bitter verwünschten
-wir Indianer, Jäger und Bücher, die uns mit ihrem einfältigen Rate
-bethört hatten, und fragten uns, was nun zunächst zu thun sei. In
-diesem entscheidenden Augenblicke entdeckte Ballou in einer Tasche, die
-er bisher ganz übersehen hatte, vier Zündhölzchen. Wären es Goldbarren
-gewesen, sie würden uns, verglichen damit, als ein ärmlicher, wertloser
-Glücksfund vorgekommen sein. Man glaubt nicht, wie prächtig sich ein
-Zündholz unter solchen Umständen ausnimmt, wie lieblich und kostbar und
-von welch erhabener Schönheit umflossen es dem Auge erscheint. Voll
-hoher Hoffnungen sammelten wir nochmals Reisig, und als der Alte sich
-anschickte, das erste Hölzchen in Brand zu setzen, sahen wir ihm mit
-einem Interesse zu, das ganze Druckseiten nicht genügend zu schildern
-vermöchten. Hoffnungsvoll brannte das Zündhölzchen einen Augenblick
-lang und ging dann aus. Wäre es eine Menschenseele gewesen, man hätte
-ihr Erlöschen nicht tiefer betrauern können. Das nächste Hölzchen
-blitzte nur auf, um sogleich wieder zu ersterben. Das dritte blies
-der Wind gerade in dem Augenblick aus, als es Erfolg verhieß. Enger
-als je drückten wir uns nun zusammen und entwickelten eine peinliche
-Aufmerksamkeit, als Ballou mit unserer letzten Hoffnung über sein
-Hosenbein strich. Das Hölzchen fing Feuer, brannte zuerst blau und
-kümmerlich, flackerte dann aber zu einer kräftigen Flamme auf. Der alte
-Herr schützte sie mit der Hand und bückte sich langsam damit. Jeder von
-uns war mit ganzer Seele bei seinem Thun, Blut und Atem stockten uns.
-Endlich ergriff die Flamme die Hölzer, teilte sich allgemach mehreren
-mit -- zögerte -- gewann wieder etwas mehr Kraft -- zögerte nochmals --
-behielt fünf herzbrechende Minuten lang das Leben -- um dann wie die
-Seele eines Sterbenden noch einmal aufzuflackern und zu erlöschen.
-
-Mehrere Minuten lang sprach keiner ein Wort. Ein feierliches Schweigen
-herrschte. Selbst der Wind hielt verstohlen inne mit seinem Wehen, und
-machte nicht mehr Geräusch als die fallenden Schneeflocken, so daß eine
-unheilverkündende Stille entstand. Endlich begann man mit gepreßter
-Stimme sich auszusprechen, und es zeigte sich bald, daß einer wie
-der andere von uns in seinem Innern fest überzeugt war, diese Nacht
-sei unsere letzte in diesem Leben. Ich hatte im stillen gehofft, der
-einzige zu sein, der diese Empfindung hätte. Als die andern ruhig
-ebenfalls diese Ueberzeugung bekannten, klang es wie Grabgeläute.
-Ollendorff sagte: »Brüder, laßt uns zusammen sterben! Und laßt uns
-hinübergehen ohne ein bitteres Gefühl gegen einander. Laßt Vergangenes
-vergeben und vergessen sein. Ich weiß, ihr grollet mir, weil ich schuld
-daran war, daß gestern der Kahn umschlug und weil ich gescheit sein
-wollte und euch im Kreise im Schnee herumführte -- aber ich meinte
-es gut, verzeiht mir. Ich gestehe offen, daß ich auf Ballou böse war,
-weil er mich geschimpft und einen Logarithmus genannt hatte; was das
-ist, weiß ich nicht; es muß aber wohl etwas sein, das in Amerika für
-ungehörig und unehrenvoll gilt; es ist mir kaum einen Augenblick aus
-dem Sinn gekommen und hat mich sehr gekränkt -- aber lassen wir das,
-ich vergebe Ihnen von ganzem Herzen, Herr Ballou, und --«
-
-Der arme Ollendorff brach zusammen und Thränen liefen ihm die Wange
-herunter. Aber nicht ihm allein; denn ich brach ebenfalls in Weinen
-aus und Ballou nicht minder. Als Ollendorff wieder reden konnte,
-erteilte er mir Vergebung für verschiedenes, was ich ihm gethan und
-gesagt hatte. Dann zog er seine Schnapsflasche heraus und erklärte, ob
-er nun sterben oder am Leben bleiben möge, nie werde er wieder einen
-Tropfen anrühren. Der Hoffnung auf das Leben habe er gänzlich entsagt
-und, obwohl schlecht vorbereitet, wolle er sich doch demütig in sein
-Schicksal ergeben. Allerdings wünschte er noch eine kleine Frist, aber
-nicht aus irgend welchem selbstsüchtigen Grunde, sondern um seinen Sinn
-gründlich zu ändern, sich der Pflege der Armen zu weihen, Kranke zu
-warten und der Welt Mäßigkeit zu predigen, damit sein Leben zu einem
-heilsamen Beispiel für die Jugend werde und er es zuletzt mit dem
-tröstlichen Gedanken beschließen dürfe, daß er nicht umsonst gelebt
-habe. Seine Umkehr solle gleich in diesem Augenblick beginnen, hier im
-Angesicht des Todes, da ihm keine Zeit mehr gewährt sei, sich zum Wohl
-und Heil der Menschheit zu bethätigen -- und damit schleuderte er die
-Whiskyflasche fort.
-
-Ballou machte Bemerkungen ähnlichen Inhalts und begann die ›Umkehr‹,
-deren Fortsetzung er nicht erleben sollte, damit, daß er das alte
-Kartenspiel wegwarf, welches unsere Gefangenschaft während der letzten
-Tage behaglich, ja überhaupt erträglich gemacht hatte. Nie habe
-er gewerbsmäßig gespielt, sagte er, aber er sei überzeugt, daß die
-Beschäftigung mit den Karten unsittlich und schädlich sei, und wer ganz
-rein und tadellos sein wolle, derselben entsagen müsse, »und deshalb,«
-so fuhr er mit seinem steten wunderlichen Gebrauch von Fremdwörtern
-fort, »fühle ich mich jetzt bei diesem Akt schon in größerer Sympathie
-mit jenen zu gänzlicher und obsoleter Reform notwendigen spirituellen
-Saturnalien.« Dieser Silbenfall rührte ihn tiefer, als irgend ein
-verständlicher Satz des besten Redners es vermocht hätte; der alte Mann
-schluchzte mit einer Wehmut, die nicht ohne Beimischung einer gewissen
-Befriedigung war.
-
-Meine eigenen Bemerkungen waren in demselben Tone gehalten wie die
-meiner Kameraden, und ich weiß, daß die Gefühle, aus denen sie
-entsprungen, tief empfundene und aufrichtige waren. Wir meinten es
-alle aufrichtig und waren tief erschüttert und voll heiligen Ernstes;
-sahen wir uns doch ohne jede Hoffnung im Angesichte des Todes. Ich warf
-meine Pfeife weg mit der Empfindung, mich dadurch endlich von einem
-verhaßten Laster frei gemacht zu haben, das mich mein Lebtag beherrscht
-hat. Während ich noch sprach, überwältigte mich der Gedanke an das
-Gute, das ich in der Welt hätte thun können und an das noch größere
-Gute, das ich _von nun an_ aus höherem Antriebe und mit besseren Zielen
-und Leitsternen hätte thun können, wären mir nur noch ein paar Jahre
-beschieden gewesen -- und meine Thränen flossen wieder. Wir umschlangen
-uns mit den Armen und erwarteten die Schläfrigkeit, die dem Tode des
-Erstarrens voranzugehen pflegt. Sie stahl sich gar bald über uns, und
-wir sagten einander ein letztes Lebewohl. Ein behaglicher Traumzustand
-wob sich um meine schwindelnden Sinne, während die Schneeflocken
-meinen nunmehr besiegten Körper mit einem Leichentuche bedeckten. Das
-Bewußtsein schwand. Der Kampf des Lebens war vorüber.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-
-Ich weiß nicht, wie lange ich mich in dem Zustand völligen Vergessens
-befand, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Allmählich erwachte
-ich wieder einigermaßen zum Bewußtsein, und es stellte sich ein immer
-heftigeres, quälendes Schmerzgefühl in den Gliedern, ja im ganzen
-Körper ein. Mir schauderte, durch mein Gehirn schoß der Gedanke: Das
-ist der Tod, das ist das Jenseits.
-
-Auf einmal erhob sich neben mir etwas Weißes und eine grämliche Stimme
-sagte:
-
-»Will einer der Herren mir gefälligst einen Tritt vor den Hintern
-geben?«
-
-Es war Ballou -- wenigstens war es ein struppiger Schneemann mit
-Ballous Stimme.
-
-Ich erhob mich, und wer schildert mein Erstaunen, als ich im
-Morgengrauen keine zwanzig Schritte von uns weg die Brettergebäude
-einer Poststation erblickte und dabei unter einem offenen Schuppen
-unsere Pferde noch mit Sattel und Zaum!
-
-Eine gewölbte Schneewehe zerbarst jetzt, aus der Ollendorff auftauchte;
-und alle drei saßen wir nun da und starrten die Gebäude an, ohne ein
-Wort zu sagen. Wir hatten auch in der That nichts zu sagen. Wir standen
-wie die Ochsen am Berge. Die ganze Situation war so peinlich lächerlich
-und demütigend, daß sie sich nicht in Worte fassen läßt.
-
-Die Freude unserer Herzen über unsere Rettung war vergiftet, ja
-fast zerstört. Nicht lange, so wurden wir immer verdrießlicher und
-mürrischer; dann klopften wir, ärgerlich über einander, ärgerlich über
-uns selber, ärgerlich über alles mögliche, mit finsteren Blicken den
-Schnee von unseren Kleidern und wateten in ungeselligem Gänsemarsch zu
-unseren Gäulen hin, nahmen ihnen die Sättel ab und suchten im Posthause
-Obdach.
-
-[Illustration]
-
-Ich habe kaum eine Einzelheit dieses seltsamen und abgeschmackten
-Abenteuers übertrieben. Es trug sich fast genau so zu. Wir hatten uns
-wirklich in einer Schneewehe gelagert und hielten uns für hoffnungslos
-verloren, während sich keine zwanzig Schritte weit von uns ein bequemes
-Wirtshaus befand.
-
-Zwei ganze Stunden lang saßen wir im Posthause, jeder einzeln für sich
-in seine ärgerlichen Gedanken vertieft. Das Geheimnis war enthüllt,
-wir wußten jetzt ganz gut, warum die Pferde uns verlassen hatten. Sie
-waren gescheiter gewesen als wir, hatten sich ohne Zweifel schon nach
-wenigen Augenblicken unter dem schützenden Schuppen befunden, von dort
-aus jedenfalls alle unsere Bekenntnisse und Klagelieder mit angehört
-und sich nicht schlecht darüber gefreut.
-
-Nach dem Frühstück wurde uns besser zu Mute und die Lust am Leben kam
-bald zurück. Die Welt nahm sich wieder heiter aus und das Dasein war
-uns lieb und wert. Auf einmal überkam mich ein Gefühl des Unbehagens
-und der Unruhe. Es bohrte und nagte immer stärker an mir ohne Unterlaß.
-Ach, meine Wiedergeburt war nicht vollständig, ich war zu keinem neuen
-Leben erwacht -- ich fühlte Lust zum Rauchen!
-
-Ich widerstand mit aller Kraft, aber das Fleisch war schwach. Einsam
-wanderte ich fort und kämpfte eine ganze Stunde lang mit mir selbst.
-Ich rief mir meine guten Vorsätze in Erinnerung und hielt mir selbst
-eine ausführliche Predigt voll überzeugender Kraft, voll schwerer
-Vorwürfe. Aber es war alles umsonst. Bald sah ich mich zwischen den
-Schneewehen herumschleichen und nach meiner weggeworfenen Pfeife
-suchen. Nach langem Forschen entdeckte ich sie endlich und verkroch
-mich, um mich im Verborgenen daran zu erfreuen.
-
-Eine gute Weile blieb ich in meinem Versteck hinter der Scheune und
-legte mir die Frage vor, wie mir wohl zu Mute sein würde, falls meine
-tapferern, stärkerern, gesinnungstüchtigern Kameraden mich in dieser
-meiner Erniedrigung antreffen sollten. Endlich zündete ich mir die
-Pfeife an und kein menschliches Wesen kann sich niedriger und gemeiner
-vorkommen als ich mir damals erschien. Ich schämte mich meiner eigenen
-erbärmlichen Gesellschaft. In fortwährender Angst vor Entdeckung kam
-ich auf den Gedanken, die andere Seite der Scheune könnte vielleicht
-etwas mehr Sicherheit bieten, und so schlich ich mich um die Ecke. Als
-ich mit brennender Pfeife um dieselbe bog, kam Ollendorff mit seiner
-Flasche an den Lippen um die andere Ecke, und zwischen uns saß, ohne
-uns zu bemerken, Ballou, tief versunken in ein Spielchen ›Solitaire‹,
-mit seinen alten fettigen Karten!
-
-Das hieß denn doch die Abgeschmacktheit bis aufs äußerste treiben! Wir
-schüttelten uns die Hände und gelobten uns, nie mehr von ›Umkehren‹ und
-›Beispielen für das heranwachsende Geschlecht‹ zu reden.
-
-Unsere Poststation lag am Rande einer Wüste von sechsundzwanzig Meilen
-Länge. Hätten wir uns am Abend vorher derselben eine halbe Stunde
-früher genähert, so würden wir lautes Rufen und Pistolenschießen
-vernommen haben, denn man erwartete einige Schaftreiber mit ihren
-Herden, die sich rettungslos verirren mußten, falls sie nicht durch
-den Schall geleitet würden. Während unseres Aufenthalts auf der Station
-trafen drei von den Viehtreibern ganz erschöpft von ihren Irrfahrten
-ein, von zwei anderen aber hörte man nie wieder etwas.
-
-Rechtzeitig langten wir in Carson an, wo wir uns Erholung gönnten.
-Hierdurch, sowie durch die Vorbereitungen zu unserer Reise nach
-Esmeralda wurden wir eine Woche festgehalten, was uns die Möglichkeit
-verschaffte, dem Prozeß zwischen Hyde und Morgan wegen des großen
-Erdrutsches beizuwohnen -- eine Episode, die noch heutzutage in Nevada
-berühmt ist. Nach den notwendigen einleitenden Worten will ich diese
-eigentümliche Angelegenheit ganz so erzählen, wie sie sich zutrug.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
-
-In den Thälern von Carson, Eagle und Washoe sind die Berge sehr hoch
-und steil, und so beginnen, wenn der Schnee im Frühling schnell
-schmilzt und das warme obere Erdreich feucht und weich wird, die
-verderbenbringenden Erdrutsche. Der Leser kann nicht wissen, was ein
-Erdrutsch ist, wenn er nicht hier in der Gegend gelebt hat und gesehen,
-wie eines schönen Morgens die ganze Seite eines Berges gleichsam
-abgeblättert unten im Thale liegt, so daß nichts als eine ungeheure,
-baumlose, abschreckend kahle Wand am Bergeshange übrig bleibt, um das
-Andenken an den Vorfall lebendig zu erhalten.
-
-General Buncombe war als Anwalt der Vereinigten Staaten nach Nevada
-verschickt worden. Dieser Territorialbeamte betrachtete sich
-gleichzeitig als Sachwalter für Privatpersonen und strebte sehr eifrig
-nach einer Gelegenheit zur Bethätigung dieser Eigenschaft, teils aus
-reinem Wohlgefallen daran, teils weil sein Gehalt als Staatsbeamter
-eines Territoriums sehr mager war. Nun pflegten die älteren Bewohner
-eines neuen Territoriums auf die übrige Welt mit gelassenem,
-wohlwollendem Mitleid herabzusehen, d. h. solange man ihnen nicht in
-den Weg kommt; tritt man ihnen in den Weg, so wird man angeschnauzt.
-Bisweilen auch ziehen sie die Neulinge durch allerhand Streiche und
-Scherze auf.
-
-[Illustration]
-
-Eines Morgens erschien Dick Hyde vor General Buncombes Thür in Carson
-City zu Pferde im tollsten Lauf und stürzte zu ihm hinein, ohne
-sich nur Zeit zum Anbinden seines Pferdes zu lassen. Er befand sich
-in großer Aufregung und bat den General, einen Prozeß für ihn zu
-führen, für den er fünfhundert Dollars bekäme, falls er ihm den Sieg
-erstritte. Dann ließ er sich unter wilden Geberden und einer Flut
-gotteslästerlicher Flüche über seine Beschwerdepunkte aus. Es sei so
-ziemlich allgemein bekannt, sagte er, daß er seit etlichen Jahren im
-Distrikt Washoe eine Farm oder nach der gewöhnlichen Bezeichnung einen
-Rancho mit ganz gutem Erfolg bewirtschafte, und ebenso, daß Tom Morgan
-unmittelbar über ihm auch einen Rancho besitze. Unglücklicherweise habe
-nun ein solcher verhaßter und gefürchteter Erdrutsch stattgefunden,
-wodurch Morgans Rancho: Zäune, Hütten, Vieh, Scheunen, alles
-miteinander auf seinen Rancho herabgestürzt sei und sein Eigentum etwa
-achtunddreißig Fuß hoch vollständig zugedeckt habe. Morgan sei im
-Besitz des herabgerutschten Landes und weigere sich, es zu räumen. Er
-machte geltend, daß er in seiner eigenen Hütte sitze und niemand in der
-seinigen störe; die Hütte stehe auf demselben Erdreich und demselben
-Grundstück, wo sie immer gestanden, und er wolle den sehen, der ihn
-zwinge auszuziehen.
-
-»Und als ich ihn daran erinnerte,« fuhr Hyde weinend fort, »daß
-er gerade doch auf meinem Rancho sitze und daß er rechtswidrig in
-denselben eingebrochen sei, hatte er die höllische Unverschämtheit,
-mich zu fragen, warum ich denn nicht in meinem Rancho geblieben sei,
-um den Besitz zu behaupten, als ich ihn hätte kommen sehen. Verrückter
-Faselhans, warum ich nicht geblieben bin? -- bei Gott, als ich das
-Geprassel hörte und den Berg hinaufsah, war es gerade, als käme die
-ganze Welt den Hang herunter gepoltert und gekollert -- Splitter und
-Holzstöße, Donner und Blitz, Hagel und Schnee, Bündel Heu und Stroh
-und fürchterliche Staubwolken! -- Bäume kamen holterdipolter durch die
-Luft, Felsblöcke so groß wie ein Haus flogen aus einer Höhe von tausend
-Fuß und zerkrachten dann in zehn Millionen Stücke; Ochsen und Kühe, das
-Inwendige nach außen gekehrt, den Kopf voran, die Schwänze zwischen
-den Zähnen, kamen herunter gesaust -- und mitten in dieser ganzen
-verkehrten und zertrümmerten Welt sitzt dieser verfluchte Morgan auf
-seinem Gartenthürpfosten und fragt, warum ich nicht geblieben sei, und
-meinen Besitz behauptet habe! Meiner Seel’! Ich warf nur einen einzigen
-Blick auf die Bescherung, und in drei Sätzen war ich aus dem Bezirk.
-
-»Aber was mich wurmt, das ist, daß dieser Morgan sich darauf
-herumtreibt und von dem Rancho nicht fort will -- sagt, er gehöre ihm
-und er behalte ihn -- es gefalle ihm besser da unten, als oben am Berg.
-Zum Tollwerden! Na, ich war die beiden letzten Tage her so verdreht,
-daß ich nicht einmal den Weg in die Stadt finden konnte. Bin nach
-dem Umherlaufen in Feld und Wald ganz erschöpft; -- einen Tropfen zu
-trinken, General? Aber jetzt bin ich hier und jetzt wird prozessiert.
-Sie haben’s gehört.«
-
-Die Empörung des Generals kannte keine Grenzen. In seinem ganzen
-Leben, meinte er, sei ihm noch kein so anmaßender Mensch vorgekommen,
-wie dieser Morgan. Ein Prozeß, fuhr er fort, sei eigentlich ganz
-überflüssig; Morgan hätte keinen Schein von Recht, auf seinem jetzigen
-Platze zu bleiben -- kein Mensch auf der ganzen Welt würde ihm das
-zugestehen, kein Sachwalter seine Sache führen, kein Richter ihn
-anhören. Hyde erwiderte, da sei er im Irrtum -- die ganze Stadt gebe
-Morgan recht, Hal Brayton, ein sehr tüchtiger Anwalt, hätte seine
-Sache übernommen, und da Gerichtsferien wären, so sollte sie vor einem
-Schiedsmann verhandelt werden. Der frühere Gouverneur Roop wäre bereits
-zu diesem Amt ernannt worden und würde heute um zwei Uhr nachmittags
-in einem großen, öffentlichen Saal nahe beim Hotel die Verhandlungen
-eröffnen.
-
-Der General war außer sich vor Staunen. Er hätte, sagte er, stets
-geglaubt, die Menschen in diesem Territorium müßten verrückt sein;
-jetzt wisse er es ganz gewiß. »Aber,« fuhr er fort, »nur ruhig Blut und
-Zeugen gesammelt; denn der Sieg ist uns so sicher, als wäre das Urteil
-bereits gesprochen.« Hyde trocknete seine Thränen und zog ab.
-
-Um zwei Uhr wurde das Schiedsgericht eröffnet und Roop thronte mit so
-ehrfurchtgebietender Feierlichkeit unter seinen Sheriffs, den Zeugen
-und den Zuschauern, daß einige seiner Mitwisser schier Angst hatten,
-er habe am Ende nicht begriffen, daß es sich nur um einen Scherz
-handle. Eine unheimliche Stille herrschte, denn beim leisesten Geräusch
-sprach der Richter den ernsten Befehl aus: »Ruhe vor Gericht,« was die
-Sheriffs sofort wie ein Echo wiederholten. Kurz darauf drängte sich
-der General, beide Arme voll Gesetzbücher, durch die Menge und an sein
-Ohr schlug der Befehl des Richters: »Platz für den Herrn Anwalt der
-Vereinigten Staaten,« die erste achtungsvolle Anerkennung seiner hohen
-offiziellen Würde, die ihm bislang zu teil geworden war, und bei der es
-ihm behaglich durch alle Glieder prickelte.
-
-Die Zeugen wurden aufgerufen; Gesetzgeber, hohe Regierungsbeamte,
-Bauern, Bergleute, Chinesen, Neger. Dreiviertel derselben waren von
-dem Beklagten Morgan aufgerufen, aber umsonst; ihr Zeugnis lautete
-ausnahmslos zu Gunsten des Klägers Hyde. Jeder neue Zeuge brachte nur
-neue Beweise dafür bei, wie abgeschmackt es sei, jemandes Eigentum
-deshalb zu beanspruchen, weil die eigene Farm darauf gerutscht sei.
-Dann hielten Morgans Advokaten ihre Reden, die erbärmlich matt
-ausfielen, sie thaten in Wirklichkeit nichts für den Sieg ihres
-Schutzbefohlenen. Jetzt erhob sich mit triumphierender Miene der
-General und nahm einen leidenschaftlichen Anlauf. Er schlug mit der
-Faust auf den Tisch, klopfte auf die Gesetzbücher, schrie, brüllte und
-heulte, zitierte alle Sprachen und Schriftsteller, Poesie, Sarkasmen,
-Statistik, Geschichte, Pathetisches, Volkstümliches, Lächerliches, und
-schloß mit einem großen Schlachtruf für Redefreiheit, Preßfreiheit,
-Unterrichtsfreiheit, den ruhmreichen amerikanischen Adler und die
-Grundsätze ewiger Gerechtigkeit. (Beifall.)
-
-Als der General sich niederließ, war er im Innersten überzeugt, daß
-wenn auf günstige Zeugenaussagen, eine großartige Rede und auf die
-gläubigen und bewundernden Gesichter ringsum das mindeste zu geben
-sei, Morgan verloren sein müsse. Exgouverneur Roop stützte sein Haupt
-einige Augenblicke sinnend in die Hand, während die Menge auf seine
-Entscheidung wartete, dann erhob er sich und dachte gebeugten Hauptes
-abermals nach. Darauf ging er mit langen Schritten hin und her, das
-Kinn in der Hand, während die Menge immer noch harrte. Endlich kehrte
-er auf seinen Thron zurück, setzte sich und begann in gewichtigem Tone:
-
-»Meine Herren, ich fühle die große Verantwortlichkeit, die heute
-auf mir ruht. Dies ist kein gewöhnlicher Fall. Im Gegenteil, es ist
-der großartigste und bedeutsamste, den je ein Mensch zu entscheiden
-berufen wurde. Meine Herren, ich habe aufmerksam die Zeugenaussagen
-angehört und bemerkt, daß ihr Gewicht, ihr überwältigendes Gewicht
-zu Gunsten des Klägers Hyde spricht. Ich habe ferner mit hohem
-Interesse den Bemerkungen der Sachwalter zugehört, namentlich die
-meisterhafte und unwiderlegbare Logik des hochverehrlichen Anwalts,
-welcher den Kläger vertritt. Aber, meine Herren, lassen wir uns in
-einem so feierlichen Augenblick nicht von bloß menschlichem Zeugnis,
-menschlichem Scharfsinn und menschlichen Begriffen von Gerechtigkeit
-beeinflussen. Meine Herren, es steht uns Erdenwürmern sehr übel an,
-uns in die Beschlüsse des Himmels einzumischen. Für mich liegt es klar
-auf der Hand, daß der Himmel in seiner unerforschlichen Weisheit den
-Rancho des Angeklagten nicht ohne Grund von der Stelle gerückt hat. Wir
-sind nur Geschöpfe Gottes und müssen uns seinem Willen fügen. Wenn es
-dem Himmel beliebt hat, den Beklagten Morgan auf so merkwürdige und
-wunderbare Weise zu begünstigen, wenn der Himmel, unzufrieden mit der
-Lage von Morgans Rancho an der Bergflanke, denselben nach einer für
-seinen Besitzer bequemeren und vorteilhafteren Gegend befördern wollte,
-so steht es uns armen Eintagsfliegen nicht zu, die Gesetzmäßigkeit des
-Verfahrens in Frage zu ziehen oder nach der Ursache zu forschen, die
-dabei maßgebend war. Nein, der Himmel hat die Ranchos geschaffen, und
-es ist das Vorrecht des Himmels, sie anders zu ordnen, mit ihnen zu
-experimentieren, sie nach Belieben dahin oder dorthin zu schieben. Wir
-haben uns ohne Murren zu unterwerfen. Ich sage es euch zur Warnung,
-daß die unheiligen Hände, Köpfe und Zungen der Menschen sich mit
-diesem Ereignis nicht befassen dürfen. Meine Herren, der Wahrspruch
-des Gerichtshofs lautet, daß der Kläger Richard Hyde seines Ranchos
-durch die Heimsuchung Gottes verlustig gegangen ist! Und von dieser
-Entscheidung giebt es keine Berufung.«
-
-Buncombe packte seine Ladung Bücher zusammen und stürzte damit aus
-dem Gerichtssaal, ganz außer sich vor Entrüstung. Er hieß Roop laut
-einen Narren, einen schwärmerischen Troddel. In seinem Eifer suchte
-er ihn bei Nacht nochmals auf, machte ihm Vorstellungen wegen seines
-ungereimten Wahrspruchs und bat ihn inständig, doch einmal eine halbe
-Stunde in der Stube auf und ab zu gehen und nachzudenken, ob sich der
-Spruch denn nicht irgendwie abändern lasse. Schließlich gab Roop nach
-und stand auf. Dritthalb Stunden lief er im Zimmer hin und her, bis
-er plötzlich mit strahlendem Gesicht ausrief, jetzt sei es ihm klar
-geworden, daß der Rancho unter dem Rancho Morgans noch immer Hyde
-gehöre und daß dieser noch gerade soviel Anrecht auf denselben habe wie
-vorher; deshalb sei er der Meinung, daß Hyde berechtigt sei, sich ihn
-darunter herauszugraben und --
-
-Der General wartete nicht bis er ausgeredet hatte, er war stets
-ungeduldigen und jähzornigen Temperaments gewesen. -- Es dauerte zwei
-Monate, bis die Thatsache, daß man nur Spaß mit ihm getrieben, sich
-durch den harten Diamantfels seines Begriffsvermögens hindurch gebohrt
-hatte.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
-
-Als wir endlich nach Esmeralda abritten, bekam unsere Gesellschaft
-einen Zuwachs in der Person des Kapitäns John Nye, eines Bruders des
-Gouverneurs. Er hatte ein gutes Gedächtnis und die Zunge saß ihm am
-rechten Fleck; das sind Eigenschaften, welche der Unterhaltung ein
-ewiges Leben verleihen. Während der ganzen hundertzwanzig Meilen
-unserer Reise ließ der Kapitän das Gespräch nie matt werden oder
-stocken. Außer seiner Unterhaltungsgabe besaß er noch zwei ganz
-besondere Vorzüge. Der eine bestand in seiner außerordentlichen
-Anstelligkeit, die ihm zu allem und jedem Geschick verlieh, vom
-Abstecken einer Eisenbahn oder der Organisierung einer politischen
-Partei bis herab zum Annähen eines Knopfes, zum Beschlagen eines
-Pferdes, zum Einrichten eines gebrochenen Beins oder zum Setzen
-einer Henne. Der andere bestand in der Fähigkeit, sich jederzeit
-der Bedürfnisse, Verlegenheiten und Schwierigkeiten seiner
-Mitmenschen anzunehmen und mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und
-Geschwindigkeit Abhilfe zu schaffen, weshalb er stets leerstehende
-Betten in überfüllten Gasthäusern und eine Fülle von Vorräten in den
-leersten Speisekammern fand. Und endlich, wo er Mann, Weib oder Kind
-in einem Lager, einer Schenke oder mitten in der Wüste begegnete,
-immer kannte er entweder die Leute persönlich oder er war mit einem
-Verwandten derselben bekannt gewesen. Ein solcher Reisegefährte war
-uns bis dahin noch nicht vorgekommen.
-
-Ich kann nicht unterlassen, hier eine Probe von der Art mitzuteilen,
-wie er Schwierigkeiten beseitigte. Am zweiten Reisetag langten wir
-sehr müde und hungrig vor einem kleinen ärmlichen Wirtshaus in der
-Wüste an, wo man uns sagte, das Haus sei voll, Lebensmittel seien
-nicht vorhanden, kein Heu oder Gerste für die Pferde da -- wir
-müßten weiter gehen. Wir andern wollten eilig weiter, solange es
-noch hell war, da der Kapitän aber darauf bestand eine Weile Halt zu
-machen, stiegen wir ab und traten ein. Kein einziges Gesicht bot uns
-Willkommen. Der Kapitän ließ seine Zauberkünste spielen und hatte
-binnen zwanzig Minuten folgendes zustande gebracht: in drei Fuhrleuten
-alte Bekannte gefunden, entdeckt, daß er mit der Mutter des Wirts
-in die Schule gegangen, in dessen Frau eine Dame wieder erkannt,
-deren durchgegangenes Pferd er einst in Kalifornien aufgehalten und
-ihr dadurch das Leben gerettet hatte, einem Kinde sein zerbrochenes
-Spielzeug ausgebessert und damit die Gunst von dessen Mutter gewonnen,
-dem Hausknecht beim Aderlaß eines Pferdes geholfen, und einem andern
-Pferde, welches das Würgen hatte, etwas verschrieben, die ganze
-Gesellschaft dreimal am Schenktisch des Wirtes frei gehalten, eine
-neuere Zeitungsnummer, als irgend jemand sie seit einer Woche zu
-Gesicht bekommen hatte, zum Vorschein gebracht, sich hingesetzt und
-sie den höchst gespannten Zuhörern vorgelesen. Das Ergebnis aber war
-in Summa folgendes: Der Hausknecht fand Futter in Fülle für unsere
-Pferde, wir bekamen ein Abendessen von Forellen mit nachfolgender
-überaus gemütlicher Unterhaltung, wir erhielten gute Betten, fanden
-des andern Morgens ein überraschend feines Frühstück und bei unserm
-Abgang jammerte alle Welt, daß wir schon fort wollten. Der Kapitän
-hatte einige schlimme Eigenschaften, allein er besaß auch ungemein
-schätzenswerte Züge, die er dagegen in die Wagschale werfen konnte.
-
-Esmeralda war in vielen Beziehungen ein zweites Humboldt, jedoch
-bereits etwas weiter entwickelt. Die Bergwerksanteile, für die wir
-Zuschüsse bezahlt hatten, waren völlig wertlos, wir gaben sie auf. Der
-bedeutendste lag auf einem Hügel von vierzehn Fuß Höhe, in den die
-schlauen Direktoren einen Stollen trieben, um auf die silberhaltige
-Ader zu kommen. Derselbe würde siebzig Fuß lang geworden sein, um dann
-die Ader in einer Tiefe zu treffen, die man mit einem zwölf Fuß tiefen
-Schacht erreicht hätte. Die Herren Direktoren lebten von den ›Zubußen‹.
-Sie spürten durchaus kein Verlangen, jene Ader zu finden; denn sie
-wußten wohl, daß sie so wenig Silber enthielt wie eine Trottoirplatte.
-
-Wir belegten verschiedene Parzellen, auf denen wir Schachte und Stollen
-in Angriff nahmen, ohne aber je einen solchen fertig zu machen. Auf
-jeder derselben mußten wir eine gewisse Arbeit geleistet haben, um als
-Inhaber zu gelten, widrigenfalls jeder andere nach Ablauf von zehn
-Tagen unser Eigentum in Besitz nehmen konnte. Stets jagten wir neuen
-Parzellen nach, auf denen wir etwas Weniges arbeiteten, um dann auf
-einen Käufer zu warten, der sich aber niemals einstellte. Nie fanden
-wir Erz, das mehr als fünfzig Dollars die Tonne gegeben hätte, und
-da die Pochwerke für die Verarbeitung des Erzes und Ausscheidung des
-Silbers genau ebensoviel verlangten, schmolz uns das Geld aus der
-Tasche fortwährend weg, ohne daß anderes dafür kam. Wir bewohnten
-eine kleine Hütte, in der wir eigene Küche führten, und hatten im
-ganzen ein saures, wenn auch hoffnungsvolles Leben, -- denn wir hörten
-keinen Augenblick auf, ein Vermögen für uns und einen plötzlich sich
-einstellenden Käufer für unsern Besitz zu erwarten.
-
-Zuletzt, als das Pfund Mehl auf einen Dollar stieg und Geld auf die
-beste Sicherheit hin nicht unter acht Prozent monatlich zu haben war
-(mir fehlte es überdies an der Sicherheit), ließ ich den Bergbau fahren
-und widmete mich dem Pochwerkbetrieb, d. h. ich wurde gewöhnlicher
-Taglöhner in einem Quarzpochwerk für zehn Dollars die Woche außer der
-Kost.
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel.
-
-
-Ich hatte bereits erfahren, was für eine langwierige, harte und
-traurige Aufgabe es ist, das ersehnte Erz aus den Eingeweiden der Erde
-herauszuscharren, nun wurde ich inne, daß das Herausscharren erst
-die halbe Arbeit war, und daß die andere trübselige und mühselige
-Hälfte darin bestand, das Silber aus dem Erz herauszuziehen. Von sechs
-Uhr des Morgens bis zum Dunkelwerden dauerte die Arbeit. Gestein
-losschlagen und in die ›Batterie‹ schaufeln, in der es durch sechs von
-Dampf getriebene gewaltige Stampfen zerrieben und durch zuströmendes
-Wasser in einen festen Brei verwandelt wurde; Quecksilber, Steinsalz
-und andere Chemikalien je nach Bedürfnis in die ›Amalgamierpfannen‹
-schütten, wo das erstere sich mit den Gold- und Silberteilen verbinden
-mußte; die Rinnen und die groben Decken reinigen, durch welche
-das Wasser aus der Pfanne abfloß, damit die winzigen Teilchen der
-Edelmetalle nicht verloren würden, die sich darin ablagerten -- so ging
-die Plackerei ununterbrochen fort, und bei alledem fand ein Drittel
-des in einer Tonne Gestein enthaltenen Edelmetalls seinen Weg bis ans
-Ende der Rinnen in der Schlucht, so daß es später nochmals verarbeitet
-werden mußte. Gab es sonst nichts zu thun, so konnte man immer Sand
-durchwerfen, d. h. man konnte den getrockneten Sand, der durch die
-Rinnen in die Schlucht gespült worden war, zusammenschaufeln und
-gegen einen aufrechtstehenden Drahtschirm werfen, um ihn von Kieseln
-zu befreien und ihn so zu nochmaliger Verarbeitung vorzubereiten.
-Ohne dieses Sanddurchwerfen ging es in keinem Pochwerk ab, trotz der
-Verschiedenheit der angewandten Methoden. Von allen Erholungen der
-Welt ist aber dies Sanddurchwerfen an einem heißen Tage und mit einer
-langstieligen Schaufel am wenigsten begehrenswert.
-
-Zum Schluß der Woche wurde die Maschine angehalten und wir wuschen auf,
-d. h. wir holten den Brei aus den Pfannen und Batterien und spülten
-den Schmutz geduldig hinweg, bis nur noch die angesammelte Masse
-von Quecksilber samt den darin eingeschlossenen Schätzen übrig war,
-welche wir in Form fester Schneeballen zum Zweck der Besichtigung zu
-glänzenden prächtigen Haufen aufschichteten. Dabei kostete mich meine
-Unerfahrenheit einen schönen goldenen Ring, in den das Quecksilber
-eindrang wie Wasser in einen Schwamm, so daß er völlig zerstört wurde.
-In einer eisernen Retorte wurde durch Verdampfung das Quecksilber aus
-diesen Kugeln entfernt, der Dampf aber in einen Eimer geleitet, wo bei
-der Abkühlung das sehr kostspielige Quecksilber wieder seine natürliche
-Form erhielt. In der Retorte lag dann das Ergebnis unserer Wochenarbeit
-vor uns, ein Klumpen, zweimal so groß wie ein Mannskopf, von reinem,
-weißem Silber, das wie Rauhfrost aussah. Der Klumpen wurde schließlich
-eingeschmolzen und in eine Barrenform gegossen.
-
-Von jedem Barren wurde ein Eckchen abgeschnitten für die ›Feuerprobe‹
--- ein ganz interessantes Verfahren. Dieses Eckchen wird so dünn
-wie Papier ausgehämmert und auf einer Wage von solcher Feinheit und
-Empfindlichkeit gewogen, daß, wenn man auf ein Stückchen Papier von
-bestimmtem Gewicht mit einem groben, weichen Bleistift seinen Namen
-schreibt und es dann abermals wägt, die Wage deutlich ein höheres
-Gewicht anzeigt. Dann wird ein wenig Blei gleichfalls gewogen, mit der
-Silberflocke zusammengerollt, und die beiden bei großer Hitze in der
-sogenannten ›Kapelle‹ geschmolzen, einem kleinen Gefäße aus gepreßter
-Knochenasche in Gestalt einer Obertasse. Die unedlen Metalle oxydieren
-und werden samt dem Blei von der Kapelle aufgesogen. Ein Kügelchen, aus
-vollkommen reinem Gold und Silber bestehend, bleibt zurück, und wenn
-der Wardein dieses wägt und den Abgang notiert, erkennt er, wieviel
-unedles Metall der Barren enthält. Jetzt hat er das Gold von dem
-Silber zu scheiden. Dazu wird das Kügelchen flach und dünn gehämmert
-und einige Zeit in einem Ofen mit Rotglühhitze behandelt. Nach der
-Abkühlung rollt man es wie einen Federkiel zusammen und erhitzt es in
-einem Glasgefäß mit Salpetersäure, welche das Silber auflöst, so daß
-das Gold rein zurückbleibt und für sich gewogen werden kann. Durch
-Zugießen von Salzwasser erhält das Silber wieder seine feste Form,
-worauf nichts mehr zu thun übrig bleibt, als dieses zu wiegen; dann
-kennt man das Verhältnis der verschiedenen in dem Barren enthaltenen
-Metalle, den der Wardein nun mit einem Stempel versieht, der seinen
-Wert bezeichnet.
-
-Das Geschäft eines Wardeins war sehr einträglich, und deshalb befaßten
-sich auch gelegentlich Leute damit, denen es an der wissenschaftlichen
-Befähigung fehlte. Es war einmal ein Wardein, der aus allen Proben, die
-man ihm brachte, so reiche Resultate heraus bekam, daß er binnen kurzem
-fast das ganze Geschäft monopolisiert hatte. Aber wie alle Leute, die
-Erfolg haben, wurde er ein Gegenstand des Neides und des Verdachtes.
-Die andern Wardeine verschworen sich gegen ihn und zogen zum Beweise,
-daß sie es ehrlich meinten, einige angesehene Bürger ins Geheimnis.
-Dann schickten sie dem glücklichen Geschäftsmann einen Fremden mit
-einem Stückchen Schleifstein, den er prüfen sollte. Nach Verlauf einer
-Stunde brachte er heraus, daß eine Tonne dieses Gesteins 1284,40
-Dollars an Silber und 366,36 Dollars an Gold geben müsse.
-
-[Illustration]
-
-Die ganze Geschichte kam sofort in die Zeitung und der beliebte Wardein
-machte sich binnen zwei Tagen aus dem Staube.
-
-Ich will hier beiläufig bemerken, daß ich in der Silbermühle nur eine
-Woche blieb. Ich erklärte meinem Arbeitgeber, ohne Lohnerhöhung könne
-ich nicht länger bleiben. Mir gefalle zwar das Quarzmehlmachen, ja ich
-sei ganz bezaubert davon; nie zuvor hätte ich zu einer Beschäftigung
-in so kurzer Zeit eine so zärtliche Neigung gewonnen; nichts gäbe, wie
-es mir scheine, der geistigen Thätigkeit einen solchen Schwung, als
-eine Batterie zu füttern und Sand durch einen Drahtschirm zu werfen,
-und nichts sporne die sittlichen Eigenschaften eines Menschen so an,
-als Silber ausschmelzen und Decken waschen -- trotzdem fühle ich mich
-genötigt, um Lohnerhöhung zu bitten.
-
-Er sagte, er zahle mir zehn Dollars wöchentlich und das sei doch eine
-ganz hübsche runde Summe. Wieviel ich denn wolle?
-
-Ich erwiderte, etwa viermal hunderttausend Dollars monatlich nebst der
-Kost sei alles, was ich in Anbetracht der schweren Zeiten vernünftiger
-Weise verlangen könne.
-
-Man wies mich aus dem Hause. Und doch, wenn ich auf jene Tage
-zurückblicke und mir die maßlos schwere Arbeit, die ich in jenem
-Pochwerk verrichtete, ins Gedächtnis zurückrufe, bedauere ich nur,
-ihm nicht siebenmalhunderttausend abverlangt zu haben. Um die volle
-Kraft und Bedeutung des über ihn verhängten Fluches zu verstehen: ›Im
-Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen‹ hätte Adam aus
-dem Garten Eden von Rechts wegen geradeswegs in ein Quarzpochwerk gehen
-sollen.
-
- * * * * *
-
-Nicht lange nachher war es die geheimnisvolle, wunderbare
-›Zementgrube‹, die mir, gleich der übrigen Bevölkerung, den Verstand
-verrückte, so daß ich nur auf eine Gelegenheit lauerte, mich bei deren
-Aufspürung beteiligen zu können.
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel.
-
-
-Irgendwo in der Nachbarschaft des Monosees, nahm man an, müsse
-Whitemans wunderbare Zementgrube liegen. Alle Augenblicke hieß es,
-Whiteman sei in totenstiller Nacht verstohlen und in Verkleidung
-durch Esmeralda gekommen; dann gab es jedesmal eine tolle Aufregung,
-denn natürlich steuerte er seiner geheimnisvollen Grube zu, und da
-galt es, ihm zu folgen. Kaum drei Stunden nach Tagesanbruch waren
-dann alle Pferde, Maultiere und Esel in der Nachbarschaft aufgekauft,
-geliehen oder gestohlen, und die halbe Ortsgemeinde befand sich auf
-Whitemans Spuren unterwegs nach den Bergen. Allein Whiteman pflegte
-sich tagelang wie zwecklos in den Bergschluchten herumzutreiben, bis
-den Bergleuten die Lebensmittel ausgingen und sie wieder nach Hause
-gehen mußten. Ich habe es erlebt, daß es um elf Uhr nachts in einem
-großen Bergmannslager hieß, Whiteman sei soeben vorbei gekommen, und
-daß schon zwei Stunden darauf die sonst so stillen Straßen von Menschen
-und Tieren wimmelten. Einer wie der andere bestrebte sich dann, die
-Sache recht geheim zu halten, flüsterte aber trotzdem wenigstens einem
-Nachbar zu, Whiteman sei durchgekommen. Und lange vor Tagesanbruch --
-das letztemal mitten im tiefen Winter -- ging dann die Hetzjagd los,
-das Lager war verlassen und die gesamte Bevölkerung auf der Suche nach
-Whiteman.
-
-Der Sage zufolge waren bei der ersten Einwanderung vor länger als
-zwanzig Jahren drei junge Deutsche, Brüder, nachdem sie auf der
-Ebene bei einem von Indianern angerichteten Gemetzel mit dem Leben
-davongekommen, zu Fuß durch die Wüste gewandert, und hatten in der
-Hoffnung, Kalifornien zu erreichen, bevor sie vor Hunger umkamen,
-einfach die Richtung nach Westen eingeschlagen. Als sie eines Tages
-in einer Bergschlucht ausruhten, bemerkte einer von ihnen eine
-eigentümliche Zementader, die mit Klumpen eines schmutziggelben Metalls
-wie gespickt war. Sie sahen, daß es Gold sei und daß sich hier an einem
-einzigen Tage ein Vermögen erwerben lasse. Die Ader war etwa so breit
-wie eine Trottoirplatte und reichlich zwei Drittel derselben bestand
-aus reinem Gold. Jedes Pfund des wunderbaren Zements hatte einen Wert
-von nahezu zweihundert Dollars. Die Brüder nahmen so viel mit als sie
-tragen konnten, verwischten alle Spuren der Ader, machten eine rohe
-Zeichnung von der Oertlichkeit und den Hauptmerkmalen ihrer Umgebung
-und brachen wieder nach Westen auf. Aber ihre Not wuchs. Auf ihren
-Irrfahrten fiel der eine Bruder und brach das Bein; die andern mußten
-ihn in der Wildnis sterben lassen. Der zweite gab ermüdet und von
-Hunger erschöpft bald nachher die weitere Wanderung auf und legte sich
-gleichfalls zum Sterben nieder. Der dritte erreichte nach zwei oder
-drei Wochen voll unglaublicher Entbehrungen, entkräftet, körperlich-
-und gemütskrank, die Niederlassungen Kaliforniens. Seinen Zement hatte
-er bis auf ein paar Bruchstücke weggeworfen, aber diese genügten, um
-alle Welt in die tollste Aufregung zu versetzen. Er selbst wollte indes
-mit der Zementgegend nichts mehr zu schaffen haben und ließ sich nicht
-bewegen, jemand dorthin zu führen. Er war ganz zufrieden, als Taglöhner
-auf einer Farm arbeiten zu können. Jedoch überließ er Whiteman seine
-Zeichnungen und beschrieb ihm die Zementregion so gut er es vermochte.
-Damit übertrug er den Fluch auf ihn -- denn als ich Whiteman zufällig
-in Esmeralda einen Augenblick sah, hatte er der verlorenen Grube
-unter Hunger, Durst, Armut und Krankheit ganze zwölf oder dreizehn
-Jahre nachgespürt. Manche glaubten, er habe sie gefunden, die meisten
-waren aber entgegengesetzter Meinung. Ich sah ein Stück Zement, so
-groß wie meine Faust, das Whiteman von dem jungen Deutschen bekommen
-haben sollte, und das war in der That recht verführerischer Natur.
-Klumpen von Jungferngold saßen darin so dicht wie die Rosinen in einem
-Napfkuchen. Eine einzige Woche lang eine solche Grube ausbeuten zu
-dürfen, würde einem Menschen mit vernünftigen Wünschen genügen.
-
-Ein neuer Geschäftsfreund von uns, ein Herr Higbie, kannte Whiteman
-von Ansehen recht gut, und ein anderer von unseren Freunden, ein
-Herr van Dorn, war nicht nur mit ihm bekannt, sondern hatte auch das
-Versprechen von ihm bekommen, er solle zu rechter Zeit im stillen einen
-Wink erhalten, damit er sich der nächsten Zementexpedition anschließen
-könne. Diesen Wink hatte van Dorn versprochen auf uns auszudehnen.
-Eines Abends nun kam Higbie sehr aufgeregt herein und sagte, er glaube
-ganz sicher, daß er oben in der Stadt Whiteman erkannt habe; er sei
-verkleidet und stelle sich betrunken. Nach einem Weilchen traf van
-Dorn ebenfalls ein und bestätigte die Nachricht; wir versammelten
-uns nun in unserer Hütte, steckten die Köpfe zusammen und berieten
-flüsternd unsere Pläne.
-
-Um kein Aufsehen zu erregen, sollten wir die Stadt nach Mitternacht
-in zwei oder drei kleineren Abteilungen ruhig verlassen und uns im
-Morgengrauen auf der Wasserscheide über dem Monosee, acht bis neun
-Meilen weit entfernt, treffen. Der Aufbruch sollte ganz geräuschlos vor
-sich gehen und unterwegs kein lautes Wort gesprochen werden. Diesmal,
-meinten wir, wisse man in der Stadt nichts von Whitemans Anwesenheit
-und ahne nichts von dessen Vorhaben. Um neun Uhr ging unser Konklave
-auseinander, worauf wir uns eifrig und in tiefem Geheimnis an die
-Vorbereitungen machten. Um elf Uhr sattelten wir unsere Pferde, banden
-sie mit ihren langen Riatas oder Lassos fest und brachten dann eine
-Speckseite und einen Sack Bohnen, ein Säckchen Kaffee, etwas Zucker,
-hundert Pfund Mehl in Säckchen, ein paar Blechtassen, einen Kaffeetopf,
-eine Bratpfanne und einige sonstige notwendige Gegenstände herbei.
-Dies alles wurde dem Handpferd auf den Rücken geladen; wer aber das
-Packen nicht von einem spanischen Sachverständigen gelernt hat, soll
-nur alle Hoffnung aufgeben, es durch natürliches Geschick fertig zu
-bekommen. Higbie besaß wohl einige Erfahrung darin, aber ein Meister
-war er nicht. Nachdem er die Sachen auf dem Packsattel aufgeschichtet
-hatte, schnürte er sie mit dem Strick zusammen, machte hier und da
-einen Knoten und zog manchmal so fest an, daß dem Tier die Flanken
-einsanken und es nach Atem schnappte; dabei wurde jedesmal der Strick
-an einer anderen Stelle locker. Vollkommen brachten wir die Ladung
-nicht fest, schließlich mochte es aber doch zur Not gehen; so brachen
-wir denn auf, einer immer dicht hinter dem andern, ohne ein Wort zu
-sprechen. Es war eine dunkle Nacht. Wir hielten uns in der Mitte der
-Straße und schritten langsam an den Hüttenreihen vorüber; so oft einer
-der Bergleute unter seine Thür trat, zitterte ich vor Furcht, daß das
-Licht uns bescheinen und Neugier erregen könnte. Aber es ereignete
-sich nichts. Wir begannen den langen gewundenen Weg aus der Schlucht
-hinaufzusteigen; bald wurden die Hütten seltener und die Strecken
-zwischen ihnen immer länger, so daß ich schließlich etwas freier atmete
-und mir nicht mehr ganz wie ein Dieb und Mörder vorkam.
-
-[Illustration]
-
-Ich ritt zu hinterst und führte das Packpferd. Als der Anstieg steiler
-wurde, wollte diesem seine Last nicht mehr behagen; manchmal versuchte
-es an seiner Riata zu zerren, so daß eine Verzögerung entstand. In
-der Finsternis verlor ich meine Gefährten aus den Augen. Ich wurde
-ängstlich und schmeichelte und drohte dem Gaul so lange, bis er
-zu traben anfing; allein jetzt erschreckte ihn das Klappern der
-Blechtassen und Pfannen und er setzte sich in Lauf. Da seine Riata um
-meinen Sattelknopf geschlungen war, riß er mich vom Sattel, worauf die
-beiden Tiere munter ohne mich weiterliefen. Doch blieb ich nicht allein
--- die locker gewordene Ladung des Packpferdes purzelte herunter und
-fiel dicht neben mich. Es war fast unmittelbar vor der letzten Hütte.
-Ein Bergmann trat heraus mit dem Ruf: »Holla«.
-
-Ich war dreißig Schritt von ihm weg und wußte, daß er mich nicht sehen
-konnte, da es im Schatten des Berges sehr dunkel war. So blieb ich
-ruhig liegen. Ein zweiter Kopf erschien im Licht unter der Hüttenthür
-und bald schritten die beiden Leute auf mich zu. Zehn Schritt von mir
-blieben sie stehen und der eine machte: »Bst! Horch!«
-
-Wäre ich vor den Dienern der Gerechtigkeit geflohen und ein Preis auf
-meinen Kopf gesetzt gewesen, ich hätte mich in keiner traurigeren
-Lage befinden können. Jetzt schien mir, daß die Leute sich auf einen
-Felsblock setzten, obwohl ich nicht genau zu unterscheiden vermochte,
-was sie thaten. Der eine sagte:
-
-»Ich habe ein Geräusch vernommen, es war ganz deutlich. Dort herum muß
-es gewesen sein!«
-
-Ein Stein sauste an meinem Kopfe vorbei. Ich drückte mich so flach in
-den Staub wie eine Postmarke und dachte bei mir, wenn er das nächstemal
-ein klein wenig besser ziele, könne er wohl noch ein Geräusch zu
-hören bekommen. In meinem Innern verfluchte ich jetzt die heimlichen
-Expeditionen. Dies sollte meine letzte sein, und hätten auch die
-Sierras so viele Zementadern, wie der menschliche Körper Rippen. Nun
-sagte der eine von den Männern:
-
-»Ich will dir was sagen. Walch wußte, was er sagte, als er heute
-behauptete, er hätte Whiteman gesehen. Ich habe Pferde gehört -- das
-war das Geräusch. Ich laufe spornstreichs hinunter zu Walch!«
-
-Sie gingen, und ich war froh. Wohin sie gingen, war mir einerlei,
-wenn sie nur gingen. Mochten sie immerhin Walch aufsuchen; je eher,
-desto besser. Sobald sie die Thür der Hütte schlossen, tauchten meine
-Gefährten aus der Dunkelheit auf, sie hatten die Pferde aufgefangen und
-gewartet, bis die Luft rein war. Wir legten die Ladung dem Packpferd
-wieder auf und machten uns auf den Weg; mit Tagesanbruch erreichten wir
-die Wasserscheide und vereinigten uns mit van Dorn. Dann wanderten wir
-hinab in das Becken des Sees und hier fühlten wir uns sicher genug,
-um Halt zu machen und das Frühstück zu kochen, denn wir waren müde,
-schläfrig und hungrig. Drei Stunden darauf zog die ganze Bevölkerung
-von Esmeralda in langem Gänsemarsch über die Wasserscheide und
-verbreitete sich um den See herum, wo wir sie allmählich aus den Augen
-verloren.
-
-[Illustration]
-
-Ob mein Unfall dies veranlaßt hatte oder nicht, haben wir nie erfahren,
-eins aber war sicher -- das Geheimnis war heraus und Whiteman wollte
-sich diesmal auf das Suchen nach der Zementgrube nicht einlassen, was
-uns bitter verdroß.
-
-Wir hielten Rat und beschlossen, aus unserm Mißgeschick den möglichsten
-Nutzen zu ziehen und eine Woche Ferien an den Ufern des seltsamen
-Sees zu verleben. Derselbe wird bald Mono, bald das ›Tote Meer von
-Kalifornien‹ genannt. Er ist eine der wunderlichsten Schrullen der
-Natur, aber kaum jemals schon in Büchern erwähnt und höchst selten
-besucht, weil er abseits von der gewöhnlichen Heerstraße liegt und
-überdies so schwer zu erreichen ist, daß meist nur Leute, die an die
-stärksten Strapazen gewöhnt sind, die Beschwerlichkeit eines Ausflugs
-dahin auf sich nehmen mögen.
-
-Am Morgen des zweiten Tages zogen wir nach einer entfernten und
-besonders wildromantischen Stelle am Seeufer, wo ein Bach mit frischem,
-eiskaltem Wasser aus dem Berge hervorsprudelte und sich in den See
-ergoß, und schlugen dort ein regelrechtes Lager auf. Von dem zehn
-Meilen weiter weg wohnenden Besitzer eines einsamen Ranchos mieteten
-wir ein großes Boot und zwei Schrotflinten. An Behagen und Zerstreuung
-konnte es uns nun nicht fehlen und bald waren wir mit dem See und allen
-seinen Eigentümlichkeiten gründlich bekannt.
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel.
-
-
-Der Monosee liegt in einer toten, stillen, baumlosen, entsetzlichen
-Wüste, achttausend Fuß über der Meeresfläche, und ist von Bergen
-umschlossen, die ihn um zweitausend Fuß überragen und deren Gipfel
-stets in Wolken gehüllt sind. Diese feierliche, schweigende, von keinem
-Segel belebte Wasserfläche, an einem der einsamsten Orte auf Erden,
-bietet nur wenige anmutige und malerische Züge. Es ist eine einförmig
-graue Wasserfläche von etwa hundert Meilen Umfang, mit zwei Inseln in
-der Mitte, die nichts sind als erstarrte, blasige und rissige Lava, die
-mit einer Kruste von Bimsstein und einer grauen Aschenschicht bedeckt
-ist -- dem Leichentuch des erloschenen Vulkans, dessen ungeheuren
-Krater der See ausgefüllt hat.
-
-[Illustration]
-
-Dieser ist zweihundert Fuß tief, und seine trüben Wasser sind so
-stark mit Alkali geschwängert, daß, wenn man das allerschmutzigste
-Kleidungsstück auch nur ein- oder zweimal hineintaucht und auswringt,
-man es so rein findet, als ob es durch die Hände der geschicktesten
-Waschfrau gegangen wäre. Die Wascharbeit machte uns während unseres
-dortigen Aufenthaltes nicht viel Mühe. Wir banden die schmutzige Wäsche
-der Woche einfach hinten an unser Boot und fuhren eine Viertelmeile
-weit, und die Sache war bis auf das Auswringen fertig. Wenn wir
-uns von dem Wasser auf die Köpfe schütteten und ein paarmal darauf
-rieben, so gab es drei Zoll hohen weißen Schaum. An wunden Stellen
-oder bei aufgesprungener Haut erzeugt das Wasser begreiflicherweise
-unerträgliche Schmerzen.
-
-Im Monosee giebt es weder Fische noch Frösche, noch Schlangen noch
-Quappen, kurz nichts, was sonst einen See belebt. Auf der Oberfläche
-schwimmen Millionen wilder Enten und Seemöven, dagegen existiert unter
-derselben kein lebendes Wesen, ausgenommen ein weißer, haariger,
-halbzolllanger Wurm, der einem Stückchen ausgefransten Faden gleicht.
-In einer Gallone Wasser mögen fünfzehntausend solcher Würmer enthalten
-sein. Von ihnen erhält das Wasser die erwähnte grauweiße Farbe. Dann
-giebt es dort eine Fliege, ziemlich ähnlich unserer Hausfliege, die
-sich ans Ufer setzt, um die Würmer zu fressen, die an den Strand
-gespült werden. Man kann jeder Zeit um den See herum einen zolltiefen,
-sechs Fuß breiten Gürtel von Fliegen sehen -- also einen Gürtel von
-Fliegen, der hundert Meilen lang ist. Wirft man einen Stein unter sie,
-so schwärmen sie auf, wie eine dichte Wolke. Man kann sie so lange
-unter Wasser halten, wie man will, sie machen sich nichts daraus, und
-bilden sich sogar, wie es scheint, noch etwas darauf ein. Läßt man sie
-los, so schnellen sie an die Oberfläche, sind trocken wie ein Bericht
-aus dem Patentamt und wandeln so unbekümmert von dannen, als wären sie
-eigens zu dem Zwecke dressiert, der Menschheit auf ihre Weise eine
-belehrende Unterhaltung zu gewähren. Die Vorsehung läßt nichts planlos
-geschehen. Ein jedes Ding hat seinen Nutzen, seine bestimmte Rolle und
-seinen gehörigen Platz im Haushalt der Natur: die Enten fressen die
-Fliegen, die Fliegen die Würmer, die Indianer alle drei, die Wildkatzen
-fressen die Indianer, die weißen Leute fressen die Wildkatzen -- und so
-ist alles zur Zufriedenheit geordnet.
-
-Der Monosee liegt in gerader Linie hundert Meilen vom Meere, von
-welchem ihn zwei oder drei Bergketten trennen, und doch kommen jedes
-Jahr Tausende von Seemöven dahin, um ihre Eier zu legen und ihre Jungen
-aufzuziehen. Man könnte ebensogut Seemöven in Kansas erwarten; und
-in diesem Zusammenhang wollen wir einen andern Zug der Weisheit der
-Natur betrachten. Da die Inseln im See nur aus mit Asche und Bimsstein
-bedeckten Lavamassen bestehen und weder einen Baum noch sonst etwas
-Brennbares hervorbringen, und da Möveneier keiner Seele das mindeste
-nützen, wenn sie nicht gekocht sind, so hat die Natur auf der größeren
-Insel für eine nieversiegende Quelle siedenden Wassers gesorgt, in der
-man seine Eier binnen vier Minuten so hart kochen kann wie das härteste
-Wort, das ich in den ganzen letzten fünfzehn Jahren habe fallen lassen.
-Keine zehn Fuß weit von der kochenden Quelle befindet sich eine solche
-von reinem kaltem Wasser, das angenehm und gesund ist. So bekommt man
-auf dieser Insel Kost und Wäsche frei, und wenn die Natur noch weiter
-gegangen wäre und einen echten amerikanischen Hotelkellner geliefert
-hätte, der grob und ungefällig ist und stolz darauf, weder über die
-Abgangszeit und die Route der Eisenbahnzüge noch über sonst irgend
-etwas Auskunft geben zu können -- ich würde mir kein angenehmeres
-Kosthaus wünschen. Ein halbes Dutzend kleiner Bergwasser fließen in den
-Monosee, nicht ein einziger Bach dagegen verläßt denselben, trotzdem
-nimmt er anscheinend weder zu noch ab, und was er mit seinem Ueberfluß
-an Wasser thut, bleibt ein dunkles Geheimnis.
-
-In der Nachbarschaft des Monosees giebt es bloß zwei Jahreszeiten,
-nämlich den Abzug des einen Winters und die Ankunft des nächsten. Mehr
-als einmal habe ich in Esmeralda nach glühender Hitze -- um acht Uhr
-morgens zeigte das Thermometer neunzig Grad -- vierzehn Zoll hohen
-Schnee fallen sehen, so daß dasselbe Thermometer bis neun Uhr abends
-auf vierundvierzig Grad an geschützten Orten fiel. Unter günstigen
-Umständen schneit es in der kleinen Stadt Mono wenigstens einmal in
-jedem Monat des Jahres. So unbeständig ist daselbst die Witterung,
-daß eine Dame es kaum wagen kann, einen Ausgang zu machen, ohne ihren
-Fächer in der einen, ihre Schneeschuhe in der andern Hand mitzunehmen.
-Und wenn die Einwohner zur Feier des Nationalfestes am vierten Juli
-einen Umzug veranstalten, so schneit es ihnen gewöhnlich auf die Köpfe.
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel.
-
-
-Etwa um sieben Uhr an einem sengend heißen Morgen -- es war jetzt
-Hochsommer -- nahmen Higbie und ich das Boot und brachen zu einer
-Entdeckungsreise nach den beiden Inseln auf. Schon oft hatten wir uns
-danach gesehnt, uns jedoch durch die Furcht vor Stürmen abschrecken
-lassen; denn diese waren häufig und stark genug, um ein gewöhnliches
-Ruderboot wie das unsrige ohne große Schwierigkeit umzustürzen,
-und, einmal umgeworfen, war selbst der tüchtigste Schwimmer dem Tod
-verfallen; denn das giftige Wasser hätte ihm wie Feuer die Augen
-ausgefressen und das Innere verbrannt, wenn die Flut über ihn ging.
-Man sagte, es sei in gerader Linie bis zu den Inseln zwölf Meilen weit
--- eine lange und heiße Ruderfahrt, aber der Morgen war so ruhig und
-sonnig und der See so glatt, so glashell und totenstill, daß wir der
-Versuchung nicht zu widerstehen vermochten.
-
-So füllten wir denn zwei große Feldflaschen mit Wasser (wo die
-angeblich auf der großen Insel befindliche Quelle liege, wußten wir
-nicht) und brachen auf. Unter Higbies kräftiger Hand schoß das Boot
-rasch vorwärts; trotzdem hatten wir am Ziele das Gefühl, als hätten wir
-eher fünfzehn als zwölf Meilen weit gerudert.
-
-Wir legten an der großen Insel an und stiegen ans Land. Als wir
-das Wasser in unseren Flaschen versuchten, war es durch die Sonne
-ungenießbar geworden. Wir gossen es aus und suchten nach der Quelle;
-denn der Durst nimmt rasch zu, sobald man nichts hat, um ihn zu
-löschen. Die Insel war ein langer, mäßig hoher Aschenhügel, nichts
-als Bimsstein und graue Asche, in die wir bei jedem Schritte knietief
-einsanken, und über den ganzen Kamm des Hügels zog sich eine dräuende
-Wand von versengten und verbrannten Felsen hin. Als wir von oben
-über diese Mauer hinabstiegen, fanden wir nichts als ein seichtes,
-ausgedehntes Becken, das mit Asche wie mit einem Teppich bedeckt
-war, aus welchem hie und da ein Fleckchen feinen, weißen Sandes
-hervorschaute. An einzelnen Stellen quollen malerische Dampfstrahlen
-aus Ritzen hervor, zum Beweise, daß, obwohl dieser alte Krater sich
-zur Ruhe gesetzt hatte, ihm doch das Feuer im Ofen noch nicht ganz
-ausgegangen war. Dicht bei einem dieser Dampfstrahlen stand der
-einzige Baum der Insel, eine kleine Fichte von zierlicher Gestalt
-und untadeligem Ebenmaß, die im saftigsten Grün erglänzte, denn der
-unaufhörlich durch ihre Zweige strömende Dampf hielt sie stets feucht.
-Sie stach so seltsam von ihrer toten, unheimlichen Umgebung ab, diese
-kräftige, schöne Verbannte, wie ein heiterer Geist in einem Trauerhause.
-
-[Illustration]
-
-Wir suchten allenthalben nach der Quelle, wir durchschritten die ganze
-Länge der Insel (zwei bis drei Meilen) und gingen zweimal quer über
-dieselbe, geduldig Aschenhügel erklimmend, von denen wir auf der andern
-Seite sitzend wieder hinabrutschten, wobei erstickende Wolken grauen
-Staubes aufgerührt wurden. Allein wir fanden nichts als Einsamkeit,
-Asche und beängstigendes Schweigen. Zuletzt bemerkten wir, daß sich
-ein Wind erhoben hatte, und nun vergaßen wir unsern Durst über einer
-Sorge von größerer Wichtigkeit, -- da der See ruhig gewesen war, hatten
-wir uns keine Mühe gegeben, das Boot festzumachen. Wir eilten zu einem
-Punkte zurück, von dem aus man unseren Landungsplatz überschaute und
-siehe da -- keine Worte vermögen unsern Schreck zu schildern: das Boot
-war weg. Ein zweites Boot gab es auf dem ganzen See nicht. Unsere Lage
-war keine behagliche, sie war vielmehr geradezu entsetzlich. Wir waren
-Gefangene auf einem öden Eilande, obendrein ganz nahe bei Freunden, die
-zur Zeit völlig außer stande waren, uns zu helfen. Die Vorstellung,
-daß wir weder Nahrung noch Wasser hatten, machte die Sache noch
-unbehaglicher. Aber bald erblickten wir das Boot. Etwa fünfzig Schritt
-vom Ufer trieb es langsam dahin, geschaukelt von schaumgekrönten
-Wellen. Es trieb und trieb immer weiter, aber stets in der gleichen
-Entfernung vom Lande. Wir hielten am Ufer immer Schritt mit ihm und
-warteten auf einen günstigen Zufall. Nach Verlauf einer Stunde näherte
-sich das Boot einem kleinen Vorgebirge; Higbie lief dorthin und stellte
-sich am äußersten Rande sprungbereit auf. Wenn es mißlang, war alle
-Hoffnung für uns dahin. Das Boot trieb jetzt stetig dem Strande zu,
-aber die Frage war, ob es auch nahe genug herantreiben würde, um es von
-jenem Punkte aus erreichen zu können. Als es Higbie bis auf dreißig
-Schritte nahe kam, glaubte ich vor Aufregung meinen eigenen Herzschlag
-zu hören. Während das Boot dann langsam heranschwamm und nur noch ein
-paar Schritte außer unserem Bereiche war, meinte ich, das Herz stehe
-mir still; wie es dann aber gar an ihm vorbeikam und davonzuschwimmen
-begann, und er selbst immer noch wie eine Bildsäule dastand, fühlte ich
-wirklich, daß mein Herz nicht mehr schlug. Aber im nächsten Augenblick
-that er einen großen Sprung, der ihn in das Hinterteil des Bootes
-brachte, und ich stieß ein Freudengeschrei aus, daß die Einöde weithin
-wiederhallte.
-
-Es dämpfte meine Begeisterung freilich bedeutend, als er mir sagte,
-daß es ihm ganz gleichgültig gewesen wäre, ob das Boot auf Sprungweite
-herankam oder nicht; er würde einfach mit geschlossenem Mund und Augen
-die kurze Strecke durchschwommen haben. In meiner Dummheit hatte ich
-gar nicht daran gedacht, daß nur bei _langem_ Schwimmen ernstliche
-Gefahr drohte.
-
-Der See ging hoch und der Sturm nahm zu. Auch wurde es spät -- drei
-oder vier Uhr nachmittags. Ob wir uns nach dem Festlande hin wagen
-sollten, war eine Frage von Wichtigkeit. Allein der Durst setzte
-uns dermaßen zu, daß wir uns zu dem Versuche entschlossen; und so
-machte sich Higbie ans Rudern, während ich das Steuer ergriff. Als
-wir mühsam eine Meile weit vorwärts gekommen waren, befanden wir uns
-augenscheinlich in Gefahr; denn der Sturm war viel heftiger geworden,
-die Wogen hatten Schaumkämme und gingen sehr hoch, der Himmel hing
-voll schwarzer Wolken, der Wind blies mit großer Wut. Wir wären
-jetzt umgekehrt, allein wir wagten das Boot nicht zu drehen, denn
-sobald es in die Tiefe zwischen zwei Wogen geriet, wäre es natürlich
-umgeschlagen. Unser einziges Heil lag darin, daß wir mit dem Bug
-gegen die Wellen steuerten. Bei dem fortwährenden Heben und Senken
-des Bootes war dies ein schweres Stück Arbeit. Wenn zuweilen eines
-der Ruder von einer Welle erfaßt wurde, und zur Seite geschlagen, so
-wurde das Boot durch das andere Ruder trotz meines mühsamen Steuerns
-halb herumgeworfen. Der Gischt durchnäßte uns fortwährend und das Boot
-schöpfte manchmal Wasser. Wie stark Higbie auch war, so erschöpfte
-ihn doch allmählich die Anstrengung und er hätte gern den Platz mit
-mir gewechselt, um ein wenig ausruhen zu können. Allein ich erklärte
-ihm, daß dies unmöglich sei, denn wurde das Steuer beim Wechseln der
-Plätze auch nur einen Augenblick los gelassen, so drehte sich das Boot
-im Kreise, geriet zwischen die Wellen, schlug um, und ehe fünf Minuten
-vergangen waren, hatten wir hundert Gallonen Lauge im Leibe, die uns so
-geschwind zerfressen hätte, daß wir nicht einmal bei unserer eigenen
-Leichenschau hätten zugegen sein können.
-
-Doch alles nimmt schließlich ein Ende. Gerade mit Einbruch der Nacht
-schossen wir, den Bug voran, ans Land. Higbie ließ sein Ruder fallen,
-um Hurra zu schreien und ich ließ das meine fallen, um ihm dabei zu
-helfen; da gab der Sturm dem Boot einen Ruck und -- pardauz -- schlug
-es um!
-
-Der Höllenschmerz, den das Alkaliwasser an Beulen, Abschürfungen und
-aufgerissenen Händen verursachte, war unaussprechlich und nur durch
-vollständiges Einsalben mit Fett zu lindern; aber trotzdem schmeckte
-uns Essen, Trinken und Schlaf ganz vortrefflich.
-
-Unter den Eigentümlichkeiten des Monosees hätte ich erwähnen sollen,
-daß in gewissen Zeiträumen am Rande desselben malerische, turmartige
-Massen und Gruppen von einem weißlichen, grobkörnigen Gestein stehen,
-das wie hartgetrockneter Mörtel aussieht. Bricht man ein Stück davon
-ab, so findet man im Innern der Masse vollkommen wohlgebildete, durch
-und durch versteinerte Seemöveneier eingelagert. Wie diese wohl dahin
-kommen? Ich erzähle einfach die Thatsache und überlasse es dem in der
-Geologie bewanderten Leser, die Nuß nach Belieben zu knacken und das
-Rätsel zu lösen, wie er will.
-
-Nach einem mehrtägigen Ausflug in die Sierras, wo wir in einem kleinen
-See am Fuße des schneebedeckten Castle Peak fleißig Forellen angelten,
-kehrten wir zum Monosee zurück; da wir hier fanden, daß die Aufregung
-wegen Whitemans Zementgrube für diesmal vorüber war, packten wir auf
-und kehrten nach Esmeralda zurück. Herr Ballou rekognoszierte eine
-Weile; dann machte er sich, da ihm die Aussichten nicht gefielen,
-allein nach Humboldt auf.
-
-[Illustration]
-
-In diese Zeit fällt ein kleines Ereignis, das stets ein gewisses
-Interesse für mich gehabt hat, weil es um ein Haar Anlaß zu meinem
-Begräbnis gegeben hätte. Zur Zeit eines drohenden Indianerangriffs
-hatte einer unserer Nachbarn sechs Dosen mit Flintenpulver in der
-Bratröhre eines alten, abgedankten Kochofens verborgen, der unter
-freiem Himmel in der Nähe eines Bretterschuppens stand; dies war
-später aber vollständig vergessen worden. Nun hatten wir uns, um die
-Wäsche zu besorgen, einen halbzahmen Indianer gemietet, der mit dem
-Waschzuber sein Quartier unter dem Schuppen aufschlug, während der alte
-Ofen auf sechs Fuß Entfernung von seiner Nase der Ruhe pflegte. Der
-Indianer kam schließlich auf den Gedanken, heißes Wasser würde besser
-sein als kaltes; er ging hinaus, machte Feuer unter dem vergessenen
-Pulvermagazin, stellte einen Kessel mit Wasser auf und kehrte an
-seinen Zuber zurück. Bald nachher trat ich in den Schuppen, warf noch
-mehr Wäsche hin und wollte eben etwas sagen, als der Ofen mit einem
-gewaltigen Krach aufflog und spurlos verschwand. Volle zweihundert
-Schritt davon fielen Bruchstücke desselben in den Straßen nieder.
-Fast ein Drittel des Schuppendachs über unseren Köpfen war zerstört;
-einer der Ofendeckel schnitt einen kleinen Pfosten vor den Augen des
-Indianers halb entzwei, sauste zwischen uns durch und schlug ein Loch
-in die Bretterverschalung. Ich war weiß wie eine Kalkwand, schwach
-wie ein Kind und keines Lautes mächtig. Der Indianer dagegen verriet
-weder Angst noch Schreck, nicht einmal Unbehagen. Er hörte einfach
-mit Waschen auf, beugte sich vor, um den reingefegten Boden einen
-Augenblick zu betrachten, und sagte dann: »Hm! verdammter Ofen -- sehr
-viel weg!« -- worauf er sein Geschäft so gelassen wieder aufnahm, als
-wäre das Auffliegen bei Oefen etwas ganz Gewöhnliches.
-
-
-
-
-Neunzehntes Kapitel.
-
-
-Ich komme jetzt zu einer seltsamen Episode -- der seltsamsten, wie mir
-scheint, die ich bisher in meinem trägen, unnützen und sorgenlosen
-Lebenslauf zu verzeichnen gehabt. Gegen das obere Ende der Stadt zu
-besaß eine der ›Weite Westen‹ genannte Gesellschaft ein aller Welt
-bekanntes Quarzlager, aus dessen Schacht Gestein von ziemlich gutem,
-wenn auch keineswegs außerordentlichem Silbergehalte gefördert wurde.
-Ich bemerke hier, daß, während dem unerfahrenen Fremden aller Quarz aus
-einem bestimmten Bezirke gleichartig vorkommt, ein alter Ansässiger
-jeden Brocken Gestein von dem andern unterscheiden und mit größter
-Leichtigkeit sagen kann, aus welcher Grube derselbe stammt.
-
-[Illustration]
-
-Eine ungewöhnliche Aufregung machte sich plötzlich in der Stadt
-bemerkbar. Der ›Weite Westen‹ war auf eine reiche Ader gestoßen.
-Jedermann wollte sich die neue Entwicklung der Dinge ansehen und
-mehrere Tage lang drängte man sich um den Schacht wie zu einer
-Volksversammlung. Man sprach, man dachte und träumte von nichts
-anderem mehr, als von dem reichen Funde. Ein jeder nahm sich eine
-Probe mit, die er im Mörser zerstampfte und in seinem Hornlöffel
-ausspülte, und stierte dann sprachlos das wunderbare Ergebnis an. Es
-war schwarzes, verwittertes, bröckeliges Zeug, das, wenn es auf ein
-Papier gelegt wurde, eine starke Beimischung von Gold- und gediegenen
-Silberteilchen aufwies. Higbie brachte eine Handvoll davon in die
-Hütte mit, und als er es ausgewaschen hatte, spottete sein Staunen
-jeder Beschreibung. Die Kuxe des ›Weiten Westens‹ stiegen wie auf
-Adlerflügeln in die Höhe. Wiederholt seien tausend Dollars für den
-Fuß geboten worden, sagte man, aber ganz vergebens. Ich war tief
-unglücklich; die Welt kam mir hohl, das Dasein erbärmlich vor. Ich
-verlor den Appetit und nahm an nichts mehr Anteil. Trotzdem mußte ich
-Aermster dableiben, um den Jubel der andern mit anzuhören, weil ich
-kein Geld hatte um fortzukommen. Dem Wegtragen von ›Proben‹ setzte die
-Gesellschaft bald ein Ziel, und mit Recht; denn von dem Erz hatte jede
-Handvoll einen erheblichen Wert. Dasselbe wurde ganz so, wie es aus dem
-Schachte kam, zu einem Dollar per Pfund verkauft und hundertfünfzig
-Meilen weit über das Gebirge auf Maultieren nach San Francisco
-geschafft, und dabei rechnete der Käufer noch auf ein gutes Geschäft.
-Der Faktor erhielt strengen Befehl, außer den eigenen Arbeitern
-keinem Menschen unter irgend welchen Umständen das Einfahren in die
-Grube zu gestatten. Ich verblieb bei meinen schwarzen Träumereien,
-während Higbie ebenfalls fortwährend seinen eigenen Gedanken nachhing;
-diese waren aber anderer Art. Er grübelte hin und her über das
-Gestein, prüfte es mit einem Vergrößerungsglase, untersuchte es bei
-verschiedenem Lichte und von verschiedenen Gesichtspunkten, um nach
-jedem Versuche im Selbstgespräch stets dieselbe Meinung in der immer
-gleichen Formel kundzugeben:
-
-»Das ist kein Gestein aus dem ›Weiten Westen‹!«
-
-Um seiner Sache sicher zu sein, war er entschlossen, einen Blick in den
-Schacht zu thun, und sollte ihm dafür der Garaus gemacht werden. Mir in
-meiner Niedergeschlagenheit war es einerlei, ob er einen Einblick bekam
-oder nicht. Nach mehrmaligen vergeblichen, halsbrechenden Versuchen
-kroch er schließlich auf Händen und Füßen bis an den Rand des Schachts,
-ergriff, nachdem er schnell um sich geblickt, das Seil und glitt
-daran in die Tiefe. Als er unten eben im Dunkel eines Seitenganges
-verschwand, erschien oben am Schachtloch jemand mit dem Rufe: »Hallo!«,
-er antwortete jedoch nicht und blieb nun ungestört. Nach einer
-Stunde trat er in die Hütte, glühend heiß und beinahe platzend vor
-unterdrückter Aufregung.
-
-»Ich wußte es ja! Wir sind reiche Leute! Es ist ein blinder Gang!« rief
-er in theatralischem Flüsterton.
-
-Mir war, als wankte die Erde unter mir -- Zweifel -- Ueberzeugung --
-wiederum Zweifel -- Jubel -- Hoffnung, Staunen, Glaube, Unglaube,
-alle denkbaren Empfindungen schossen mir in tollem Wirbel durch Herz
-und Kopf, und ich war keines Wortes mächtig. Nachdem dieser geistige
-Erregungszustand kurze Zeit gedauert hatte, rüttelte ich mich zurecht
-und sagte:
-
-»Sagen Sie es noch einmal.«
-
-»Es ist ein blinder Gang.«
-
-»Donner und Doria. Es ist zum verrückt werden. Ich möchte gleich unser
-Haus anzünden -- oder jemand totschlagen! Wir wollen hinausgehen, wo
-Platz genug ist, um Hurra zu schreien! Aber, wozu? Es ist viel zu
-schön, um wahr zu sein!«
-
-»Es ist ein blinder Gang -- wette um eine Million! Hängende Wand --
-Fußwand -- Thonumhüllung -- alles, was dazu gehört!«
-
-Er schwenkte seinen Hut und stieß ein dreimaliges Freudengeschrei aus;
-ich schickte nun meinen Zweifel gleichfalls in alle Winde und stimmte
-aus Leibeskräften mit ein; ich war ja Millionär und scherte mich um
-keinen Teufel mehr.
-
-Unter einem ›blinden Gang‹ versteht man eine Gesteinsschicht oder
-Ader, welche nicht zu Tage tritt, auf die man aber beim Treiben eines
-Stollens oder beim Senken eines Schachts oft zufällig stößt. Higbie
-kannte das Gestein des ›Weiten Westens‹ so genau, daß er bei jeder
-Prüfung der neuen Ausgrabungen fester zu der Ueberzeugung gelangte,
-daß dieses Erz nicht aus der Ader des ›Weiten Westens‹ stammen könne.
-So war er allein auf den Gedanken gekommen, daß unten im Schacht ein
-blinder Gang laufe und daß die Leute vom ›Weiten Westen‹ dies selbst
-nicht ahnten. Er hatte recht. Unten im Schacht fand er, daß der blinde
-Gang ohne Zusammenhang mit der Ader des ›Weiten Westens‹ diagonal durch
-diese durchging und seine eigene Umhüllung von Gestein und Thon hatte.
-Folglich war er öffentliches Eigentum. Da die beiden Erzschichten
-vollständig von einander abgegrenzt waren, konnte jeder Bergmann leicht
-unterscheiden, welche zum ›Weiten Westen‹ gehöre und welche nicht. Wir
-hielten es für zweckmäßig, uns einen einflußreichen Freund zu sichern
-und holten deshalb noch in jener Nacht den Faktor des ›Weiten Westens‹
-in unsere Hütte, um ihm die große Ueberraschung zu offenbaren. Higbie
-sagte:
-
-»Wir werden von diesem blinden Gange Besitz nehmen; unser
-Eigentumsrecht feststellen und eintragen lassen und dann der
-Gesellschaft vom ›Weiten Westen‹ die weitere Ausbeutung von Erzen
-in diesem Gange untersagen. Sie können Ihrer Gesellschaft in dieser
-Angelegenheit nicht helfen, niemand kann ihr helfen. Ich werde mit
-Ihnen in den Schacht anfahren und Ihnen in überzeugender Weise darthun,
-daß es wirklich ein blinder Gang ist. Nun schlagen wir Ihnen vor: wir
-nehmen Sie zum Teilhaber an und belegen den blinden Gang im Namen von
-uns dreien. Was sagen Sie dazu?«
-
-Was sollte jemand sagen, dem eine Gelegenheit geboten wurde, bei
-der er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich ein Vermögen zu
-verschaffen, ohne das Geringste zu wagen und ohne jemand unrecht zu
-thun oder seinen Namen mit dem geringsten Flecken zu verunehren? Er
-konnte nur sagen: ›Einverstanden!‹
-
-Noch dieselbe Nacht wurde unsere Bekanntmachung angeschlagen und
-vor zehn Uhr in das Buch des Syndikus eingetragen. Wir belegten
-jeder zweihundert Fuß, im ganzen sechshundert; das kleinste und doch
-wertvollste Grubenfeld im ganzen Bezirk, dessen Ausbeutung überdies am
-wenigsten Mühe machte.
-
-Es wird wohl niemand so unverständig sein, zu glauben, wir hätten in
-jener Nacht geschlafen. Ich ging mit Higbie um Mitternacht zu Bett,
-aber nur, um völlig wach da zu liegen, zu träumen und Pläne zu machen.
-Die ungedielte baufällige Hütte wurde uns zum Palast, die zerrissenen,
-grauen Wolldecken zu Seidenteppichen; in unserem Hausgerät sahen wir
-Rosenholz- und Mahagonimöbel. Bei jedem neuen Prachtstück, das an
-der Oberfläche meiner Zukunftsträume erschien, wälzte ich mich im
-Bette umher oder schnellte auf, wie von einer elektrischen Batterie
-getroffen. In abgerissenen Bruchstücken flog die Unterhaltung zwischen
-uns hin und her.
-
-»Wann gehen Sie nach Hause -- nach den Staaten?[4]« fragte Higbie.
-
- [4] ›Staaten‹ -- die Staaten im Osten.
-
-»Morgen!« schrie ich, während ich mich ein paarmal umdrehte und dann
-aufsetzte. »Na -- nein, aber spätestens nächsten Monat.«
-
-»Wir wollen mit demselben Dampfer gehen.«
-
-»Einverstanden.«
-
-Pause.
-
-»Mit dem Dampfer vom Zehnten?«
-
-»Ja -- nein vom Ersten.«
-
-»Ganz recht.«
-
-Wieder eine Pause.
-
-»Wo werden Sie sich später niederlassen?«
-
-»In San Francisco.«
-
-»Ganz mein Fall.«
-
-Abermals eine Pause.
-
-»Zu hoch, zu viel Kletterei!« sagte Higbie dann.
-
-»Was ist zu hoch?«
-
-»Ich dachte an den Russenhügel -- wollte mir dort ein Haus bauen.«
-
-»Zu viel Kletterei? werden Sie sich denn nicht Wagen und Pferde halten?«
-
-»Ach natürlich; daran dachte ich nicht.«
-
-Pause.
-
-»Was für ’ne Art Haus wollen Sie sich bauen?«
-
-»Dachte eben daran. Drei Stock hoch und ein Dachgeschoß.«
-
-»Aber welches Material?«
-
-»Ja nun, das weiß ich noch nicht genau; vermutlich Backstein.«
-
-»Backstein -- Schnack.«
-
-»Warum? Was meinen Sie denn?«
-
-»Vorderseite brauner Sandstein -- Fenster französisches Spiegelglas
--- Billardzimmer hinter dem Speisesaal, Bildsäulen und Gemälde --
-Grasplatz, zwei Morgen groß, und Strauchwerk dabei -- Gewächshaus --
-ein eiserner Kandelaber am Fuß der Treppe -- Schimmel -- Landauer und
-ein Kutscher mit einer Kokarde am Hut.«
-
-»Himmeldonnerwetter!«
-
-Lange Pause, dann fragte ich Higbie:
-
-»Wann gehen Sie nach Europa?«
-
-»Je nun, daran hatte ich noch nicht gedacht. Wann gehen Sie?«
-
-»Im Frühjahr.«
-
-»Wollen den ganzen Sommer fort bleiben?«
-
-»Den ganzen Sommer? Ich bleibe drei Jahre fort.«
-
-»Nein -- wirklich in allem Ernst?«
-
-»Ei freilich.«
-
-»Dann geh’ ich mit.«
-
-»Nun, natürlich gehen Sie mit.«
-
-»Nach welchem Teil Europas gehen Sie?«
-
-»Nach allen Teilen. Nach Frankreich, England, Deutschland, Spanien,
-Italien, der Schweiz, Syrien, Griechenland, Palästina, Arabien,
-Persien, Aegypten -- allenthalben -- überall hin.«
-
-»Ich thue mit.«
-
-»Recht so.«
-
-»Das muß aber einen Prachtausflug geben!«
-
-»Vierzig bis fünfzigtausend Dollars wollen wir dran rücken, damit es
-einer wird.«
-
-Wieder große Pause.
-
-»Higbie, wir sind dem Fleischer sechs Dollars schuldig und er hat
-gedroht, uns nichts mehr --«
-
-»Zum Henker mit dem Fleischer!«
-
-»Amen.«
-
-Und so ging es fort. Um drei Uhr fanden wir, daß es mit dem Schlafen
-doch nichts sei; so standen wir auf, spielten Cribbage und schmauchten
-unsere Pfeifen, bis es hell wurde. Ich hatte diese Woche das Kochen zu
-besorgen. Das war mir stets zuwider gewesen -- jetzt war es mir ein
-Greuel.
-
-[Illustration]
-
-Die Kunde von unserem Glück hatte sich über die ganze Stadt verbreitet.
-War die Aufregung zuvor schon groß gewesen, so war sie jetzt noch
-größer. Froh und glücklich wandelte ich durch die Straßen. Ich
-hörte von Higbie, dem Faktor wären für sein Drittel an der Grube
-zweimalhunderttausend Dollars geboten worden. Ich versetzte darauf, zu
-solch einem Preis zu verkaufen, fiele mir auch nicht ein. Da hatte ich
-schon eine andere, höhere Vorstellung von der Sache. Mein Preis war
-eine Million. Und ich glaube erst noch allen Ernstes, hätte man mir
-diesen Preis geboten, es würde nur die Wirkung gehabt haben, daß ich
-meinen Anteil behalten hätte, um noch mehr dafür zu bekommen.
-
-Ich fand ein großes Vergnügen daran, reich zu sein. Man bot
-mir ein Pferd für dreihundert Dollars an gegen ein einfaches
-Zahlungsversprechen meinerseits ohne jede Bürgschaft. Dies gab mir ein
-deutlicheres Gefühl als alles andere, daß ich wirklich und zweifellos
-ein reicher Mann sei. Zahlreiche Beweise ähnlicher Art kamen nach,
-unter denen ich die Thatsache hervorhebe, daß der Fleischer uns zweimal
-so viel lieferte als wir bestellten, ohne ein Wort von der Bezahlung zu
-reden.
-
-Nach den im Bezirke geltenden Vorschriften waren diejenigen, welche
-eine Erzschicht belegten, oder in Anspruch nahmen, verpflichtet, auf
-ihrem neuen Eigentum binnen zehn Tagen vom Datum der Belegung ab
-ein ordentliches Stück Arbeit zu thun, andernfalls war das Eigentum
-verfallen und jeder, der wollte, konnte hingehen und es für sich
-nehmen. Wir beschlossen deshalb, am nächsten Tag ans Werk zu gehen. Im
-Lauf des Nachmittags begegnete ich einem Bekannten Namens Gardiner,
-der mir mitteilte, Kapitän John Nye liege auf seinem Gute gefährlich
-krank und seine Frau sei allein nicht im stande, ihm die dringend
-erforderliche Pflege und Aufmerksamkeit zu widmen. Ich erklärte ihm,
-wenn er einen Augenblick warten wolle, so würde ich mitgehen, um bei
-der Pflege des Kranken zu helfen. Ich lief nach der Hütte, um es Higbie
-zu sagen. Dieser war nicht da, ich ließ deshalb auf dem Tisch einen
-Zettel für ihn zurück und fuhr ein paar Minuten darauf in Gardiners
-Wagen aus der Stadt.
-
-
-
-
-Zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Kapitän Nye litt wirklich schwer an Rheumatismus. Der alte Herr,
-der sonst die Güte und Liebenswürdigkeit selbst war, konnte in den
-Anfällen seiner Krankheit recht unangenehm werden. Er gebärdete sich
-zuweilen ganz rasend. Ich hatte aber selbst einmal gesehen, wie er
-einen Kranken mit der größten Geduld und Hingebung pflegte und da nun
-die Reihe an ihn gekommen war, sich pflegen zu lassen, so sollte es
-mich auch nicht verdrießen. Mochte er weiter toben, wie er wollte,
-mich störte das nicht im mindesten in meiner Seelenruhe, denn, ob nun
-meine Hände müßig oder beschäftigt waren, mein Geist war Tag und Nacht
-unablässig an der Arbeit. Ich änderte und besserte an den Plänen zu
-meinem Hause und überlegte mir, ob ich das Billardzimmer nicht lieber
-ins Dachgeschoß, anstatt neben den Speisesaal verlegen solle. Ferner
-versuchte ich betreffs der Polstermöbel im Salon zu einer Entscheidung
-zwischen Grün und Blau zu gelangen! Ich gab an sich der letzteren Farbe
-den Vorzug, fürchtete jedoch, Staub und Sonnenlicht würden ihr zu viel
-Schaden thun. Sodann war ich zwar entschlossen, den Kutscher in eine
-bescheidene Livree zu stecken, dagegen noch unschlüssig betreffs des
-Bedienten. Haben mußte ich einen solchen ganz entschieden; es wäre mir
-aber lieber gewesen, wenn er ohne Livree hätte anständig erscheinen
-und seine Obliegenheiten versehen können, weil mir vor so viel Prunk
-einigermaßen bange war. Und doch fühlte ich, da mein Großvater auch
-Dienerschaft -- aber ohne Livree -- gehabt hatte, eine gewisse Neigung,
-ihn oder doch wenigstens seinen Geist auszustechen. Endlich brachte
-ich auch die Europareise in ein gehöriges System; die Reisestrecken
-und die für eine jede derselben bestimmte Zeit -- alles wurde erwogen
-und geordnet; nur eins, nämlich, ob die Reise von Kairo nach Jerusalem
-per Kamel durch die Wüste, oder lieber zu Wasser nach Beirut gehen
-sollte, um von dort mit einer Karawane fortgesetzt zu werden, blieb
-unentschieden. Inzwischen schrieb ich alle Tage an die Freunde in
-der Heimat, setzte sie von meinen Plänen und Absichten in Kenntnis
-und wies sie an, sich nach einer hübschen Wohnung für meine Mutter
-umzusehen und sich über den Mietspreis zu einigen, bis ich käme. Ferner
-beauftragte ich sie, meinen Anteil an dem Landsitz unserer Familie
-in Tennessee zu verkaufen und den Ertrag dem Witwen- und Waisenfond
-des Typographenvereins zu überweisen, dem ich seit lange als eifriges
-Mitglied angehörte.
-
-Nachdem ich den Kapitän neun Tage lang gepflegt hatte, befand er sich
-etwas besser, war aber noch sehr schwach. Während des Nachmittags hoben
-wir ihn auf einen Stuhl und gaben ihm ein alkoholisches Dampfbad, dann
-machten wir uns daran, ihn wieder zu Bett zu bringen. Dabei mußte
-äußerst behutsam zu Werke gegangen werden, denn das leiseste Anstreifen
-verursachte Schmerzen. Gardiner hielt ihn an den Schultern und ich an
-den Beinen, als ich in einem unglücklichen Augenblicke stolperte, so
-daß der Kranke schwer auf das Bett fiel und Höllenschmerzen empfand. Er
-fluchte, wie ich nie in meinem Leben etwas gehört habe, und versuchte
-in seinem Zorn einen Revolver vom Tische zu reißen, den ich schnell
-wegnahm. Nun schrie er, ich solle das Haus verlassen und schwur hoch
-und teuer, wenn er wieder auf den Beinen sei, wolle er mich umbringen,
-sobald er meiner habhaft würde. Das war nur eine vorübergehende Wut,
-die nichts zu bedeuten hatte. Ich wußte, daß er es in einer Stunde
-vergessen, vielleicht sogar bedauern würde, aber im Augenblick
-ärgerte es mich doch ein wenig, und ich beschloß daher nach Esmeralda
-zurückzugehen. Da er auf dem Kriegspfade ist, dachte ich, wird er wohl
-imstande sein, sich selbst zu helfen. So aß ich zu Abend und trat dann,
-sobald der Mond aufging, meine neun Meilen lange Fußwanderung an.
-
-Als ich auf der Höhe ankam, welche die Stadt überragt, fehlten noch
-fünfzehn Minuten zu zwölf Uhr. Ich warf einen Blick auf den Hügel
-jenseits der Schlucht und sah im hellen Mondenschein, wie anscheinend
-die halbe Bevölkerung des Städtchens sich um den Eingang zur Grube
-des ›Weiten Westens‹ drängte. Jubelnd hüpfte mein Herz, und ich sagte
-zu mir selbst: »Heute abend haben sie eine neue Schicht eröffnet
-und ganz gewiß eine reichere als je.« Ich ging zuerst darauf zu,
-kehrte mich aber wieder ab, indem ich mir sagte, die Grube würde ja
-nicht davonlaufen und ich sei für heute nacht genug auf den Bergen
-herumgeklettert. Ich ging weiter durch die Stadt, und als ich an einer
-deutschen Bäckerei vorüberkam, stürzte eine Frau heraus und bat mich,
-doch mit ihr hereinzukommen und ihr beizustehen, ihr Mann habe einen
-Anfall von Wahnsinn. Ich ging hinein und fand, daß sie recht hatte; der
-eine Anfall, den er hatte, konnte für hundert gelten. Zwei Deutsche
-waren drinnen und versuchten ihn zu halten, richteten aber nicht viel
-aus. Ich lief die Straße ein Stück hinauf und klopfte einen schlafenden
-Doktor heraus, der halb angekleidet mitging. Alle vier rangen wir dann
-mit dem Verrückten, gaben ihm Arznei, begossen ihn mit kaltem Wasser
-und ließen ihn zur Ader, was mehr als eine Stunde dauerte. Die arme
-deutsche Frau besorgte das Weinen dazu. Als der Kranke endlich ruhig
-war, zogen der Doktor und ich uns zurück und überließen ihn seinen
-Freunden.
-
-Es war kurz nach ein Uhr. Als ich müde, aber gut gelaunt durch die
-Thüre unserer Hütte trat, erblickte ich beim trüben Licht einer
-Talgkerze Higbie, der am Tische saß und wie blödsinnig auf den Zettel
-von meiner Hand stierte, den er in seinen Fingern hielt. Er sah bleich,
-alt und abgemagert aus. Als ich stehen blieb und ihn fragend ansah,
-richtete er nur einen stumpfsinnigen Blick auf mich. Ich sagte:
-
-»Higbie, was -- was ist denn?«
-
-»Wir sind ruiniert -- wir haben die Arbeit nicht gethan -- _der blinde
-Gang ist anderweitig belegt_!«
-
-Ich hatte genug gehört. Kummervoll und gebrochenen Herzens sank ich
-auf einen Stuhl. Noch eine Minute zuvor war ich reich gewesen und von
-Eitelkeit geschwellt, jetzt war ich ein demütiger Bettler. Noch eine
-Stunde saßen wir da, beschäftigt mit Gedanken, mit eitlen und nutzlosen
-Vorwürfen gegen uns selbst, mit der unaufhörlichen Frage, warum habe
-ich nur dies und warum habe ich nur jenes nicht gethan? Aber keiner von
-uns sprach ein Wort. Endlich begannen die gegenseitigen Mitteilungen,
-und das Geheimnis klärte sich auf. Higbie hatte sich auf mich, ich mich
-auf ihn, und wir beide hatten uns auf den Faktor verlassen. Welche
-Thorheit! Zum erstenmal hatte der gesetzte und stramme Higbie eine
-wichtige Angelegenheit dem Zufall überlassen und der auf ihn fallenden
-Verantwortlichkeit nicht voll entsprochen. Ach, er hatte meinen Zettel
-eben erst zu Gesicht bekommen und war wenige Augenblicke vor mir zum
-erstenmal, seit wir uns getrennt, wieder in die Hütte getreten. Auch
-er hatte an jenem verhängnisvollen Nachmittag einen Zettel für mich
-zurückgelassen. Er war vor das Haus geritten, hatte durch das Fenster
-geschaut, und da er in Eile war und mich nicht sah, den Zettel durch
-eine zerbrochene Scheibe in die Hütte geworfen. Hier war derselbe die
-neun Tage ungestört liegen geblieben, er lautete:
-
-»Versäumen Sie nicht, die Arbeit vor Ablauf der zehn Tage zu thun. W.
-ist durchgekommen und hat mir einen Wink gegeben. Am Mono-See soll ich
-ihn treffen, und von dort werden wir heute abend weiter gehen. Diesmal,
-sagte er, werden wir sie sicher finden.«
-
-W. bedeutet natürlich Whiteman. Diese dreimal verfluchte Zementader!
-
-So ging es zu. Ein alter Geizhals wie Higbie konnte dem Zauber der
-Aufregung über den geheimnisvollen Zementunsinn gerade so wenig
-widerstehen, als er sich des Essens hätte enthalten können, wäre er am
-Verhungern gewesen.
-
-[Illustration]
-
-Monatelang hatte Higbie von dem wunderbaren Zement geträumt und so war
-er jetzt gegen seine bessere Einsicht fortgegangen und hatte es darauf
-ankommen lassen, daß ich für die Sicherheit des Besitzes einer Grube
-sorge, die eine Million unentdeckter Zementadern aufwog. Man hatte die
-beiden diesmal nicht verfolgt. Neun Tage lang konnten sie ungestört
-in den Bergschluchten suchen, ohne daß sie die Ader gefunden hätten.
-Da überfiel ihn auf einmal eine entsetzliche Angst, es möchte irgend
-etwas dazwischen gekommen sein, wodurch die zur Sicherheit unseres
-Besitzrechts an dem blinden Gange erforderliche Arbeit verhindert
-würde, und sofort machte er sich eiligst auf den Heimweg. Er hätte
-Esmeralda zu rechter Zeit erreicht, wäre ihm nicht unterwegs sein
-Pferd zusammengebrochen, so daß er einen großen Teil der Strecke zu
-Fuß zurücklegen mußte. So geschah es, daß wir zu gleicher Zeit von
-verschiedenen Enden her in die Stadt kamen. Er war indes energischer
-als ich, denn er ging schnurstracks nach dem ›Weiten Westen‹, anstatt
-gleich mir vom Wege abzuschweifen, und trotzdem traf er fünf oder
-zehn Minuten zu spät dort ein. Die ›Bekanntmachung‹ war bereits
-angeschlagen, die ›Wiederbelegung unanfechtbar vollzogen‹ und die Menge
-zerstreute sich rasch. Noch bevor er den Platz verließ, erhielt er
-einige weitere Mitteilungen. Der Faktor war seit der Nacht, wo wir die
-Grube belegt hatten, nirgends in der Stadt zu sehen gewesen; wie es
-hieß, war er in einer Sache, bei der sich’s um Leben und Tod handelte,
-telegraphisch nach Kalifornien berufen worden. Jedenfalls hatte er
-keine Arbeit gethan, und die wachsamen Augen der Gemeinde hatten hievon
-Notiz genommen. Um Mitternacht jenes schmerzenreichen Tages wurde
-daher unsere Erzader ›belegbar‹ und bereits um elf Uhr stand der Berg
-schwarz von Leuten, die bereit waren, die Wiederbelegung vorzunehmen.
-Das war die Menschenmenge, die ich gesehen, als ich mir -- Dummkopf,
-der ich war! -- eingebildet hatte, man habe einen neuen reichen Gang
-aufgeschlossen. Als Mitternacht verkündet wurde, schlugen vierzehn
-Mann, gehörig bewaffnet und bereit, ihr Verfahren zu verteidigen,
-ihre Bekanntmachung an und verkündeten ihr Besitzrecht an dem blinden
-Gange unter dem neuen Grubennamen Johnson. Aber der Faktor, unser
-Geschäftsteilhaber, erschien nun auf einmal mit gespanntem Revolver
-und erklärte, wenn sein Name nicht mit in die Liste aufgenommen werde,
-würde er die Gesellschaft Johnson ›ein wenig lichten‹. Er war ein
-mannhafter, kräftiger, entschlossener Bursche, von dem man wußte, daß
-er hielt, was er sagte, und so kam es zu einem Vergleich. Sie schrieben
-ihm hundert Fuß gut, während sie sich selbst die üblichen zweihundert
-vorbehielten.
-
-Zufolge der aufregenden Nachricht von einem neuen Erzfunde wandten
-Higbie und ich am nächsten Morgen der Stadt den Rücken, froh, den
-Schauplatz unserer Leiden verlassen zu können. Nach einem oder zwei
-Monaten voll harter Arbeit und Enttäuschung kamen wir noch einmal nach
-Esmeralda zurück. Da hörten wir, daß die Gesellschaft vom ›Weiten
-Westen‹ und die Johnsonsche sich zusammengethan hatten, so daß das auf
-diese Art vereinigte Vermögen fünftausend Fuß oder Kuxe betrug, und daß
-der Faktor aus Furcht vor einem möglichen langwierigen Rechtsstreit und
-im Hinblick auf die Schwierigkeiten eines so gewaltigen Besitzes seine
-hundert Fuß für neunzigtausend Dollars in Gold verkauft und sich in den
-Osten heimbegeben hatte, um des Geldes froh zu werden. Wenn die Aktien
-jetzt, da die Gesellschaft fünftausend Anteile zählte, solchen Wert
-hatten, so schwindelte es mir bei dem Gedanken, was sie wert gewesen
-sein würden, als es nur unsere ursprünglichen sechshundert waren. Es
-war derselbe Unterschied wie zwischen einem Haus, das sechshundert, und
-einem solchen, das fünftausend Menschen gehört. Wir würden Millionäre
-gewesen sein, hätten wir einen einzigen kurzen Tag mit Hacke und Spaten
-auf unserem Eigentum gearbeitet und uns so den Besitztitel gesichert! --
-
- * * * * *
-
-Vor einem Jahre erhielt ich von meinem geschätzten und in jeder Weise
-schätzenswerten einstigen Mitmillionär Higbie aus einem obskuren
-kleinen Bergmannslager in Kalifornien die Nachricht, er sei nach neun
-oder zehn Jahren voll Schicksalsschlägen und mühseligen Ringens endlich
-so weit, um über fünfundzwanzighundert Dollars verfügen zu können und
-gedenke, nun einen bescheidenen Obsthandel anzufangen. Wie würde ihn
-ein solcher Gedanke beleidigt haben zur Zeit, da wir in unserer Hütte
-Pläne zu Europareisen und zu Häusern von braunem Sandstein auf dem
-Russenhügel schmiedeten!
-
-
-
-
-Einundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Was nun thun?
-
-Das war eine wichtige Frage. Ich war mit dreizehn Jahren in die Welt
-hinausgegangen, um für mich selbst zu sorgen; denn mein Vater hatte
-für Freunde gutgesagt und hatte uns zwar ein reichliches Erbe an Stolz
-auf seine Abstammung von einer feinen virginischen Familie und auf
-deren Verdienste um die Nation hinterlassen, doch fand ich bald, daß
-ich davon nicht leben könne, sondern dazu gelegentlich ein Stück Brot
-als Beilage haben müsse. In verschiedenen Berufsarten hatte ich meinen
-Lebensunterhalt verdient, bis jetzt aber durch meine Leistungen noch
-bei niemand Staunen erregt. Mir stand eine große Auswahl zur Verfügung,
-falls ich Arbeit suchte -- allein, nachdem ich so reich gewesen war,
-hatte ich keine Lust dazu. Ich war einmal einen Tag lang Ladenjüngling
-bei einem Krämer gewesen, hatte aber dabei eine solche Masse Zucker
-verzehrt, daß der Besitzer mich aller weiteren Dienstleistungen entband
-und sagte, es wäre ihm lieber, wenn ich bloß als Kunde in seinen
-Laden käme. Eine Woche lang hatte ich Rechtsgelehrsamkeit studiert,
-sie aber dann aufgegeben, weil sie zu prosaisch und ledern war. Dann
-warf ich mich eine kurze Zeit auf das Studium der Grobschmiedekunst,
-vertrödelte aber mit dem Versuche, die Blasebälge so einzurichten,
-daß sie von selbst bliesen, so viel Zeit, daß der Meister mich in
-Ungnaden fortjagte und behauptete, aus mir würde im Leben nichts.
-Ich trat eine Weile als Gehilfe bei einem Buchhändler ein, aber die
-Kunden quälten mich dergestalt, daß ich nicht mit Behaglichkeit lesen
-konnte, und so gab mir der Prinzipal Urlaub, vergaß aber dabei zu
-sagen, wann derselbe abgelaufen sein sollte. Dann war ich im Sommer
-eine Zeitlang Gehilfe bei einem Apotheker, aber ich hatte Unglück mit
-meinen Rezepten, so daß wir mehr Magenpumpen als sonst was absetzten
-und ich auch dort fort mußte. In dem Gefühl, daß in mir ein zweiter
-Franklin stecke, hatte ich die Schriftsetzerei leidlich erlernt. Aber
-bei der ›Union‹ in Esmeralda war keine Stelle offen, und überdies
-hatte ich immer so langsam gesetzt, daß ich die Lehrlinge nach zwei
-Jahren um ihre Leistungen beneidete; wenn ich ein Stück Satz übernahm,
-so pflegte der oberste Setzer anzudeuten, man werde es im Lauf des
-Jahres wohl einmal brauchen. Als Lotse zwischen St. Louis und New
-Orleans machte ich meine Sache ganz ordentlich und brauchte mich meiner
-Leistungen in diesem Berufszweig keineswegs zu schämen; der Lohn betrug
-zweihundertfünfzig Dollars monatlich bei freier Kost und Wohnung, und
-ich sehnte mich wirklich danach, wieder hinter dem Steuerrad zu stehen,
-statt ewig herumzuschweifen. Aber ich hatte mich in der letzten Zeit
-durch prahlerische Briefe, die ich über meinen blinden Gang und meine
-Europareise nach Hause gerichtet, so lächerlich gemacht, daß es mir
-ging, wie schon gar manchem armen enttäuschten Bergmann, der sich
-selber sagt: »Mit mir ist es jetzt aus und vorbei, und es fällt mir
-nicht ein, je wieder heimzukehren, um bemitleidet und über die Achsel
-angesehen zu werden.« Ich war Privatsekretär, Silbergräber und Arbeiter
-in einem Pochwerke gewesen, hatte es in allen diesen Fächern zu weniger
-als nichts gebracht und jetzt --
-
-Was sollte nun zunächst geschehen?
-
-Auf Higbies Bitten willigte ich ein, es nochmals mit dem Bergbau
-zu versuchen. Wir kletterten hoch am Bergeshang hinauf und machten
-uns an die Arbeit auf einer uns gehörigen kleinen, nichtsnutzigen
-Parzelle, auf der sich ein Schacht von acht Fuß Tiefe befand. Higbie
-stieg hinab und arbeitete tapfer mit seiner Spitzhacke, bis er eine
-Menge Gestein und Erde losgehauen hatte, und dann ging ich hinunter,
-um es mit einer langstieligen Schaufel, der widerwärtigsten aller
-menschlichen Erfindungen, herauszuwerfen. Man muß die Schaufel vorwärts
-schieben und mit dem Knie nachhelfen, bis sie voll ist, und sie dann
-mit kühnem Schwung über seine linke Schulter entleeren. Ich machte den
-Schwung und setzte das Geröll genau am Rande des Schachtes ab, von
-wo es mir samt und sonders wieder auf Kopf und Nacken herabkam. Ohne
-ein Wort zu sagen, stieg ich heraus, ging nach Hause und beschloß in
-meinem Innern, lieber zu verhungern, als dieses Scheibenschießen mit
-Schutt auf meine werte Person vermittelst einer langstieligen Schaufel
-noch länger zu betreiben. Ich setzte mich in die Hütte und überließ
-mich dort sozusagen einem gediegenen moralischen Katzenjammer. Nun
-hatte ich in angenehmeren Tagen zu meinem Vergnügen dann und wann der
-Hauptzeitung des Territoriums, der ›Daily Territorial Enterprise‹ in
-Virginia Berichte eingeschickt und war stets überrascht gewesen, wenn
-sie im Druck erschienen. Die Redakteure waren dabei in meiner Meinung
-nicht eben gestiegen, denn es wollte mich bedünken, als hätten sie
-etwas Besseres finden können, um ihre Spalten zu füllen, als meine
-litterarischen Leistungen. Auf dem Heimweg fand ich im Postbureau einen
-Brief, den ich zu Hause öffnete. »Heureka!« rief ich aus -- ich wußte
-allerdings nicht, was das heißt, fand aber den Klang des Wortes meiner
-Stimmung ganz angemessen -- es war ein ernstliches Anerbieten von
-fünfundzwanzig Dollars wöchentlich, falls ich nach Virginia kommen und
-Lokalredakteur des ›Enterprise‹ werden wollte.
-
-In den Tagen des ›blinden Ganges‹ würde ich den Herausgeber gefordert
-haben, jetzt hätte ich vor ihm niederfallen und ihn anbeten mögen.
-Fünfundzwanzig Dollars die Woche -- das war ein Kapital -- ein
-Vermögen! Zwar kühlte sich meine Verzückung etwas ab, wenn ich an
-meine Unerfahrenheit und meinen Mangel an jeder Befähigung für diese
-Stellung dachte, und mir die Reihe der verfehlten Versuche, etwas
-aus mir zu machen, vor Augen stellte. Allein wenn ich das Anerbieten
-ausschlug, so würde ich binnen kurzem nicht mehr mein täglich Brot
-haben und meinem Nächsten zur Last fallen; einem Menschen aber, der
-seit seinem dreizehnten Jahre nie eine solche Erniedrigung erlebt
-hatte, mußte dies notwendig zuwider sein. So wurde ich wohl oder übel
-Lokalredakteur. Not bricht Eisen. Ich bin fest überzeugt, hätte man
-mir damals das Anerbieten gemacht, gegen Gehalt den Talmud aus dem
-hebräischen Original zu übertragen, ich würde es ruhig angenommen und
-versucht haben, mich für mein Geld möglichst anständig aus der Affaire
-zu ziehen.
-
-Ich ging hinauf nach Virginia, um meine neue Stellung anzutreten.
-Für einen Lokalredakteur sah ich recht ruppig aus, das gestehe ich
-offen; ohne Rock, mit Schlapphut und blauem Wollhemd, die Hosen in den
-Stiefeln, mit einem Bart, der mir über die halbe Brust herunterhing,
-und dem üblichen Matrosen-Revolver am Gürtel. Doch verschaffte ich
-mir einen christlicheren Anzug und gab meinem Revolver den Abschied.
-Ich hatte niemals Gelegenheit gehabt, jemand tot zu schießen,
-verspürte auch kein solches mörderisches Gelüste; nur aus Rücksicht
-auf die allgemeine Anschauung hatte ich das Ding getragen, um nicht
-unangenehm aufzufallen und zu Bemerkungen Anlaß zu geben. Zu meiner
-Ueberraschung bemerkte ich jedoch, daß die andern Redakteure, sowie
-sämtliche Setzer und Drucker Revolver trugen. Ich bat den Chefredakteur
-und Eigentümer des Blattes, Herrn Goodman, um einige Anweisungen
-betreffs meiner Pflichten, worauf er mir sagte, ich solle nur durch die
-ganze Stadt gehen und allerhand Leute über alles mögliche ausfragen,
-mir die erhaltene Auskunft notieren und sie dann ausführlicher zur
-Veröffentlichung niederschreiben. Er fügte noch bei:
-
-»Sagen Sie niemals: ›wir erfahren‹, oder: ›es heißt‹, oder: ›es geht
-das Gerücht‹, oder: ›wie verlautet‹, sondern rücken Sie vor die rechte
-Schmiede, verschaffen Sie sich die absoluten Thatsachen und dann reden
-Sie von der Leber weg und sagen Sie: so und so _ist_ es. Sonst trauen
-die Leute Ihren Nachrichten nicht. Unumstößliche Gewißheit ist es, was
-einer Zeitung den festesten und wertvollsten Ruf verschafft.«
-
-Damit hatte ich das Wesen der Sache in ~nuce~, und bis auf den heutigen
-Tag beschleicht mich, so oft ich sehe, daß ein Berichterstatter
-seinen Artikel mit ›wie verlautet‹ anfängt, der Verdacht, er habe
-auf seine Erkundigung nicht Mühe genug verwandt. Freilich, solange
-ich Lokalredakteur war, habe ich nicht immer nach jener Vorschrift
-gehandelt, sondern manchmal, wenn Mißwachs an Nachrichten herrschte,
-der Phantasie die Oberherrschaft über die Thatsachen gelassen. Nie
-werde ich die Erfahrungen vergessen, die ich an meinem ersten Tage als
-Berichterstatter machte. Ich wanderte durch die ganze Stadt, fragte
-alle Welt, bohrte jedermann an, und kein Mensch wußte etwas. Nach
-fünf Stunden war mein Notizbuch noch immer leer. Ich sprach mit Herrn
-Goodman darüber. Dieser meinte:
-
-»Ihr Vorgänger Dan pflegte in der sauern Gurkenzeit, wenn’s sonst
-nichts gab, aus den Heuwagen Kapital zu schlagen. Sind keine Heuwagen
-vom Felde hereingekommen? Sind welche da, so könnten Sie von
-wiederaufgenommener Thätigkeit im Heugeschäft sprechen. Das ist zwar
-nicht besonders aufregend, aber es hilft doch das Blatt füllen und
-sieht geschäftsmäßig aus.«
-
-Ich durchstreifte die Stadt nochmals und stöberte einen einzigen
-elenden alten Heuwagen auf, der sich langsam vom Felde hereinbewegte.
-Aber ich wußte ihn zu fruktifizieren; ich multiplizierte ihn mit
-sechzehn, ließ ihn aus sechzehn verschiedenen Richtungen her in die
-Stadt fahren, machte sechzehn besondere Artikelchen über ihn und schlug
-einen Lärm über das Heu, wie er in Virginia City noch nie erlebt
-worden war.
-
-Das war ermutigend. Ich hatte zwei Spalten Nonpareille zu füllen, und
-kam damit ganz nett vorwärts. Gerade als der Stoff wieder zur Neige
-ging, brachte ein Raufbold in einer Schnapsbude einen Mann um, und
-abermals kehrte Freude bei mir ein. Niemals in meinem Leben war ich
-wegen einer Bagatelle wie diese so vergnügt gewesen. Ich sagte zu dem
-Mörder:
-
-»Mein Herr, Sie sind mir ein Fremder, aber Sie haben mir heute einen
-Gefallen gethan, den ich Ihnen nie vergessen werde. Wenn ganze Jahre
-von Dankbarkeit Ihnen einen Ersatz bieten können -- sie soll Ihnen
-zu teil werden. Ich war in Not, und Sie haben mir zu rechter Zeit
-edelmütig heraus geholfen, als alles dunkel und öde aussah. Zählen Sie
-mich fortan zu Ihren Freunden; denn ich bin nicht der Mann, der eine
-Gefälligkeit vergißt.«
-
-Wenn ich das alles nicht wirklich zu ihm sagte, so empfand ich doch
-wenigstens das Verlangen danach. Ich berichtete über die Mordthat mit
-einem wahren Heißhunger auf interessante Einzelheiten, und als ich zu
-Ende war, bedauerte ich nur, daß man nicht meinen Wohlthäter auf der
-Stelle gehenkt hatte; ich würde ihn gern auch noch verarbeitet haben.
-
-Sodann entdeckte ich ein paar Wagen mit Auswanderern, die sich eben
-anschickten, auf der Plaza ein Lager zu bilden, und von denen ich
-erfuhr, daß sie vor kurzem durch feindliches Indianergebiet gekommen
-und dabei ziemlich übel gefahren waren. Ich machte aus dieser
-Nachricht alles, was die Umstände erlaubten; wäre ich nicht durch die
-Anwesenheit der Berichterstatter anderer Blätter in strengen Grenzen
-gehalten gewesen, so würde ich zweifelsohne den Artikel durch einige
-Zuthaten noch viel interessanter gemacht haben. Einen Wagen fand ich
-jedoch, der nach Kalifornien weiter ging und zog bei dessen Besitzer
-geschickte Erkundigungen ein. Als ich aus seinen kurzen, mürrischen
-Antworten auf meine Kreuz- und Querfragen ersehen hatte, daß er ganz
-bestimmt abfahren und am nächsten Tage nicht mehr in der Stadt sein
-würde, folglich keinen Lärm schlagen konnte, lief ich den anderen
-Zeitungen den Rang ab, indem ich mir sein Personenverzeichnis abschrieb
-und seine ganze Gesellschaft unter den Toten und Verwundeten aufführte.
-Da ich mich in diesem Falle nicht zu beschränken brauchte, ließ ich den
-Wagen einen Kampf mit den Indianern bestehen, der bis auf den heutigen
-Tag in der Geschichte nicht seinesgleichen hat.
-
-[Illustration]
-
-Meine beiden Spalten waren damit gefüllt. Als ich sie am Morgen
-durchlas, fühlte ich, daß ich endlich meinen wahren Beruf gefunden
-hatte. Neuigkeiten, und zwar aufregende Neuigkeiten waren es, was die
-Zeitung brauchte, und ich fühlte in mir in ganz besonderem Grade die
-Fähigkeit, solche zu liefern. Herr Goodman meinte, ich stehe als
-Berichterstatter nicht hinter Dan zurück. Ein höheres Lob wünschte ich
-mir nicht. Auf diese Ermutigung hin fühlte ich mich stark genug, im
-Notfall den Interessen des Blattes zuliebe sämtliche Auswanderer auf
-der Ebene eines grausamen Todes durch meine Feder sterben zu lassen.
-
-
-
-
-Zweiundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Sechs Monate, nachdem ich unter die Journalisten gegangen war, begann
-die große Zeit des Silberlandes, wo es ›flott herging‹, und diese
-dauerte in unvermindertem Glanze drei Jahre lang. Alle Schwierigkeit,
-die Spalten mit Lokalnachrichten zu füllen, war nun vorüber; man
-hatte nur seine liebe Not, wie man die Unmasse von Begebenheiten und
-Vorkommnissen, die jeden Tag in unser litterarisches Netz gingen,
-unterbringen sollte trotz der Vergrößerung des Formats. Virginia
-hatte sich zur lebhaftesten Stadt entwickelt, die es in Amerika je
-gegeben, wenn man ihr Alter und ihre Einwohnerzahl in Betracht zieht.
-Die Gehwege wimmelten von Menschen -- und zwar dermaßen, daß es meist
-keine leichte Aufgabe war, durch die Menschenflut hindurchzukommen.
-Die Fahrstraßen waren nicht minder gedrängt voll von Quarzwagen,
-Frachtwagen und sonstigen Fuhrwerken in endlosem Zuge. Das Gedränge
-war derartig, daß kleine Gefährte oft eine halbe Stunde lang warten
-mußten, bis es ihnen gelang, über die Hauptstraße hinüberzukommen.
-Vergnügt strahlten alle Gesichter; eine fast wilde Anspannung sprach
-aus jedem Auge und erzählte von den Plänen zum Geldmachen, die in
-jedem Gehirn kochten, und von den hochgeschwellten Hoffnungen, die
-aller Herzen erfüllten. Geld gab es wie Sand am Meer. Jeder einzelne
-hielt sich für reich, und eine trübselige Miene war nirgends zu sehen.
-Es gab Milizkompagnien, Spritzenkompagnien, Musikchöre, Banken,
-Hotels, Theater, liederliche Tanzböden, ›Hurdy-Gurdy-Häuser‹ genannt,
-weit offenstehende Spielhöllen, politische Klubs, Bürgeraufzüge,
-Straßenkämpfe, Mordthaten, Leichenbeschauungen, Tumulte, alle
-fünfzehn Schritt eine Schnapsbrennerei, einen Gemeinderat mit einem
-Bürgermeister, einen Stadtvermesser, einen Stadtingenieur, einen
-Direktor des Feuerlöschwesens mit einem ersten, zweiten und dritten
-Assistenten, einen Polizeidirektor, einen Stadtmarschall und eine
-starke Polizistenschar, zwei Kollegien von Kuxmaklern, ein Dutzend
-Brauereien und ein halbes Dutzend Gefängnisse und Polizeistationen
-in voller Arbeit; auch sprach man davon, eine Kirche zu bauen. Der
-Aufschwung war großartig in jeglicher Beziehung. Mächtige feuerfeste
-Backsteinhäuser stiegen in den Hauptstraßen empor, und die hölzernen
-Vorstädte breiteten sich nach allen Richtungen aus. Für Bauplätze in
-der Stadt erzielte man ganz erstaunliche Preise.
-
-Die große Combstock-Erzader, reich an Edelmetall, erstreckte sich von
-Norden nach Süden durch die ganze Länge der Stadt, und ihre sämtlichen
-Gruben standen im fleißigsten Betriebe. Eine einzige dieser letzteren
-beschäftigte sechshundertfünfundsiebzig Mann, und bei Wahlen hieß es
-stets: »wie die Gould & Curry-Grube stimmt, so stimmt die ganze Stadt.«
-Der Taglohn der Arbeiter betrug vier bis sechs Dollars; sie arbeiteten
-in drei Schichten oder Abteilungen, und das Sprengen, Hacken und
-Schaufeln ging Tag und Nacht ohne Unterbrechung fort.
-
-Die Stadt Virginia thronte königlich auf halber Höhe des steil
-ansteigenden Mount Davidson 7200 Fuß über dem Meeresspiegel und war in
-der klaren Atmosphäre Nevadas bis auf fünfzig Meilen sichtbar. Ihre
-Bevölkerung betrug 15,000 bis 18,000 Seelen, und den ganzen Tag über
-schwärmte die Hälfte dieser kleinen Armee gleich Bienen durch die
-Straßen, die andere Hälfte dagegen schwärmte hundert und aber hundert
-Fuß tief unter eben diesen Straßen in den Schachten und Stollen der
-Combstock-Erzschicht. Oft fühlten wir unsere Stühle beben, während der
-schwache Knall einer Sprengung aus den Eingeweiden der Erde unter der
-Redaktion heraufklang.
-
-Der Bergabhang war so steil, daß die ganze Stadt schräg wie ein
-Dach daran hinaufging. Die Straßen bildeten sämtlich Terrassen, von
-denen eine immer vierzig bis fünfzig Fuß über der anderen lag. Es
-war ein mühseliges Klettern selbst in dieser dünnen Atmosphäre, wenn
-man von der D straße nach der A straße hinaufsteigen mußte, und man
-kam keuchend und außer Atem oben an. Dagegen brauchte man sich nur
-umzudrehen, um wie ein Pfeil wieder hinab zu fliegen. Die Luft war
-in dieser Höhe so dünn, daß einem das Blut stets durch die Haut zu
-dringen schien, und eine Stecknadelschramme ernstliche Sorgen machen
-konnte, weil leicht ein gefährlicher Rotlauf daraus entstand. Aber zur
-Entschädigung dafür waren Schußwunden wunderbar schnell geheilt, und
-so hatte man wenig Aussicht, sich durch einen Schuß, der dem Gegner
-nur durch beide Lungen ging, dauernde Genugthuung zu verschaffen; man
-konnte beinahe sicher annehmen, daß er vor Ablauf des Monats wieder
-auf dem Damm war und sich nach einem umsah und zwar nicht mit einem
-Opernglase.
-
-Von Virginias hoher Lage aus überschaute man ein mächtiges,
-weitumfassendes Panorama von Bergzügen und Wüsten, und ob nun der
-Tag hell und bewölkt war, ob die Sonne auf- oder unterging oder am
-Zenith flammte, ob es Nacht war und der Mond am Himmel leuchtete,
-immer hatte man einen schönen, unvergeßlichen Anblick. Ueber uns ragte
-der Mount Davidson mit seiner grauen Kuppel empor, während vor und
-unter uns eine wildzerrissene Schlucht sich öffnete und ein düsteres
-Thor bildete, durch welches der Blick auf die mattgefärbte, von dem
-Silberfaden eines Flusses durchzogene Wüste fiel. Die Ufer des Flusses
-waren mit Bäumen eingefaßt, die sich in der meilenweiten Entfernung nur
-wie eine zarte Franse ausnahmen. In noch weiterer Ferne erhoben die
-beschneiten Berge ihre langgezogene Schranke bis zum nebeligen Horizont
-hin -- jenseits eines Landsees, der in der Wüste wie eine vom Himmel
-gefallene Sonne flammte, obwohl auch er fünfzig Meilen entfernt lag.
-Man mochte aus seinem Fenster blicken, wohin man wollte, stets bot sich
-ein bezauberndes Bild. Selten, sehr selten kam es vor, daß Wolken am
-Himmel standen, dann aber vergoldete, rötete und verklärte die sinkende
-Sonne dieses weitausgedehnte Landschaftsbild mit einer geradezu
-verwirrenden Farbenpracht, welche das Auge wie mit Zaubergewalt
-fesselte und die Seele wie Musik ergriff.
-
-
-
-
-Dreiundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Mein Gehalt wurde auf vierzig Dollars die Woche erhöht, aber ich ließ
-ihn mir selten auszahlen. Ich hatte eine Menge anderer Hilfsquellen;
-und was bedeuteten zwei Zwanzig-Dollarstücke für einen Mann, der die
-Tasche voll von solchen Dingern und zugleich blanke Halbdollarstücke
-in Ueberfülle hatte? Das Berichterstatten war einträglich, und in der
-ganzen Stadt war jedermann freigebig mit seinem Geld und seinem ›Fuß‹.
-Die Stadt und der ganze große Bergabhang war von Schachten durchlöchert
-wie ein Sieb. Es gab mehr Bergwerke als Bergleute. Allerdings lieferten
-kaum zehn von diesen Bergwerken Erze, die es verlohnt hätte, nach
-einem Pochwerk zu schaffen, aber jedermann sagte: »Wartet nur, bis
-der Schacht so weit hinunter kommt, daß die Ader gediegen wird, dann
-werdet ihr schon sehen!« So war kein Mensch mutlos. Die Gruben waren
-fast sämtlich taub und ohne allen Gehalt, aber das glaubte damals kein
-Mensch. Jedermann war fest überzeugt, daß seine kleine taube Parzelle
-ebensogut an der ›Hauptader‹ sei, wie die ergiebigsten Combstockgruben,
-und unfehlbar tausend Dollars wert sein werde, sobald der Schacht aufs
-›Gediegene komme‹. Die armen Kerls! Sie sollten diesen Tag nie erleben,
-und es war nur gut, daß sie blind dagegen waren.
-
-So bohrten sich die tausend tauben Schachte Tag für Tag immer tiefer
-in die Erde, und jedermann war außer sich vor Hoffnung und Glück. Wie
-sie arbeiteten, prophezeiten, jubelten! Wahrlich, seit die Welt stand,
-hatte man etwas Aehnliches nicht erlebt. Von diesen Bergwerken -- oder
-vielmehr diesen Löchern über eingebildeten Bergwerken -- war ein jedes
-gesetzlich eingetragen und hatte hübsch mit Illustrationen verzierte
-Kuxe, und diese Kuxe waren verkäuflich. Mit fieberhafter Gier wurden
-dieselben Tag für Tag in den Maklerbanken verkauft und gekauft. Man
-konnte oben am Berge ein bißchen herumscharren, bis man einen Erzgang
-fand (es war kein Mangel daran), dann eine ›Bekanntmachung‹ mit einem
-prahlerischen Namen aufstecken, sich ›Anteilscheine‹ drucken lassen und
-ohne den mindesten greifbaren Beweis dafür, daß die betreffende Grube
-auch nur einen Pfifferling wert sei, das Papier auf den Markt bringen,
-wo es für Hunderte, ja Tausende von Dollars verkauft wurde. Geld zu
-machen, und zwar im Fluge, kostete nicht mehr Mühe, als ein Mittagsmahl
-zu verzehren. Jedermann besaß ›Fuß‹ in fünfzig verschiedenen tauben
-Gruben und betrachtete sich als reich. Man denke sich eine Stadt, in
-der es nicht einen einzigen armen Mann giebt. Man sollte meinen, als
-Monat auf Monat verging und immer noch keine einzige ›Wildkatzengrube‹
-(so wurden alle nicht auf der Mutterader, d. h. der Combstock-Schicht,
-belegten Parzellen genannt) eine Tonne Erz geliefert hatte, die das
-Zerstampfen lohnte, die Leute hätten sich nachgerade gefragt, ob sie
-nicht am Ende doch zu fest an ihre vermeintlichen Reichtümer glaubten,
--- aber kein Gedanke daran. Sie wühlten die Erde weiter auf, kauften
-und verkauften und waren glücklich dabei.
-
-Täglich wurden neue Stellen belegt und es herrschte dabei die
-freundliche Gepflogenheit, schnurstracks nach den Zeitungsredaktionen
-zu laufen, dem Berichterstatter vierzig oder fünfzig Fuß zu schenken,
-und ihn damit zur Besichtigung der Grube und zu einer Notiz über
-dieselbe zu gewinnen. Was man darüber sagte, war ihnen ganz eins, wenn
-man nur etwas sagte. So sagten wir gewöhnlich mit ein paar Worten, die
-›Anzeichen‹ seien gut, aber die Gesteinschicht sei sechs Fuß breit,
-oder der Fels sähe dem Combstock ähnlich, was auch der Fall war, nur
-war die Aehnlichkeit nicht so groß, daß man vor Verwunderung darüber
-auf den Rücken fiel. Versprach das Gestein einigermaßen etwas, so
-folgten wir der Landessitte, brauchten starke Eigenschaftswörter und
-priesen dieses Wunder auf dem Gebiete der Silberentdeckung dermaßen,
-daß uns der Schaum vor den Mund trat. War die Grube schon abgeteuft
-und bearbeitet, ohne brauchbares Erz aufzuweisen (natürlich war
-überhaupt kein solches darinnen), so lobten wir den Stollen, über
-den wir in den höchsten Tönen faselten, ohne aber ein Wort über das
-Gestein selbst zu verlieren. Oder wir verschwendeten auch eine halbe
-Spalte voll Lobeserhebungen auf einen Schacht oder ein neues Drahtseil
-u. dgl., oder auch auf ›das vornehme und thatkräftige Auftreten des
-Herrn Obersteigers der Grube‹, wiederum ohne über das Gestein die
-leiseste Silbe zu verlieren; und doch waren jene Leute stets froh,
-stets befriedigt. Gelegentlich flickten oder lackierten wir unsern
-Ruf verständiger Prüfung und ernster, höchst genauer Beschreibung
-dadurch, daß wir für irgend eine alte aufgegebene Parzelle in die
-Trompete stießen, daß ihr die dürren Knochen hätten rasseln sollen,
-und dann pflegte irgend jemand dieselbe zu nehmen und sie auf die ihr
-so verschaffte vergängliche Berühmtheit hin zu verkaufen. Nichts, was
-die Gestalt einer Bergwerkparzelle trug, war unverkäuflich. Wir bekamen
-Tag für Tag Geschenke von ›Fuß‹. Brauchten wir hundert Dollars oder so
-etwas, so verkauften wir ein paar davon; wo nicht, so speicherten wir
-sie auf, überzeugt, daß sie einst tausend Dollars der Fuß wert werden
-mußten. Ich hatte meinen Koffer beinahe halb voll von Kuxen. Wenn eine
-Parzelle Aufsehen auf dem Markte erregte und hoch hinaufging, suchte
-ich mein Paket durch und sah nach, ob ich von den betreffenden Kuxen
-etwas hatte; gewöhnlich fand ich auch, was ich suchte.
-
-Ich hatte aber nicht bloß als Gegenleistung für Zeitungsnotizen meine
-Kuxe geschenkt erhalten. Jedermann trug alle Taschen voll davon, und
-es war damals geradezu Landessitte, ungebeten kleine Quantitäten an
-seine Freunde zu verschenken, wie man diesen sonst Obst oder Zigarren
-anbietet. Höchstens ein ›Danke schön‹ erwartete man dafür, und selbst
-dazu war man nicht gesetzlich verpflichtet. Flotte Zeiten in der That!
-Ich dachte, sie würden ewig dauern, aber ich hatte niemals viel von
-einem Propheten an mir.
-
-Um zu zeigen, welch ein toller Geist in den Köpfen dieser
-Bergmannsgemeinde spukte, will ich bemerken, daß Parzellen sogar
-bei Kellerausgrabungen belegt wurden, wenn die Spitzhacke etwas
-bloßlegte, was einer Quarzader gleich sah. Und das waren nicht etwa
-Keller in den Vorstädten, sondern mitten im Herzen der Stadt; sofort
-wurden dann Anteilscheine ausgegeben und auf den Markt geworfen. Man
-kümmerte sich wenig darum, wem der Keller gehörte, die Ader gehörte
-dem Finder, und wenn sich nicht die Regierung der Vereinigten Staaten
-hineinmischte, die damals das Vorrecht auf Edelmetallgruben in Nevada
-besaß, so nahm man an, daß er wirklich das ausschließliche Recht habe,
-dieselbe auszubeuten. Nun stelle man sich vor, wie ein Fremder mitten
-unter den kostbaren Gewächsen unseres Vorgartens eine Stange mit der
-›Bekanntmachung‹ aufpflanzt, daß er hier ein Stück Land zu einer Grube
-belegt habe, und in größter Seelenruhe sich anschickt, den Boden mit
-Hacke, Schaufel und Sprengpulver wüste zu legen! Das ist aber in
-Kalifornien häufig vorgekommen. Mitten in einer Hauptgeschäftsstraße
-Virginias belegte jemand eine Parzelle zu einer Grube und teufte einen
-Schacht darauf ab. Er gab mir hundert Fuß von derselben, die ich jedoch
-gegen einen feinen Anzug vertauschte, weil ich befürchtete, es könnte
-jemand in den Schacht fallen und uns auf Entschädigung verklagen. An
-einer anderen gleichfalls mitten in einer Straße belegten Parzelle war
-ich Miteigentümer; und um zu zeigen, wie einfältig die Menschen sein
-können, erwähne ich, daß die Kuxe der ›East India‹, wie die Grube hieß,
-sich ganz flott verkauften, obwohl ein alter Stollen unter der Parzelle
-hinlief, in dem sich jedermann ungehindert mit eigenen Augen überzeugen
-konnte, daß er keine Quarzschicht oder irgend etwas einer solchen nur
-von weitem Aehnliches berührte.
-
-Eine Methode, plötzlich zu Reichtum zu gelangen, bestand darin,
-eine Wildkatzengrube zu ›salzen‹ und dann zu verkaufen, solange die
-Aufregung dauerte. Das Verfahren war einfach. Der Betreffende belegte
-eine wertlose Schicht, teufte einen Schacht darauf ab, kaufte eine
-Wagenladung von reichem Combstock-Erz, ließ einen Teil davon in den
-Schacht werfen und das Uebrige daneben an der Oberfläche aufschütten.
-Dann zeigte er sein Besitztum einem Einfaltspinsel, der es ihm um hohen
-Preis abkaufte. Natürlich war jene Wagenladung reiches Erz alles, was
-das Opfer bei seinem Kaufe herausschlug.
-
-Ein höchst merkwürdiger Fall von ›Salzung‹ war der, welcher bei
-der Grube ›Nord-Ophir‹ vorkam. Man behauptete, diese Ader sei eine
-entfernte Fortsetzung des eigentlichen ›Ophir‹, einer wertvollen Grube
-auf dem Combstock. Mehrere Tage sprach alle Welt von der reichen
-Ausbeute im ›Nord-Ophir‹. Es hieß, die Grube gebe vollständig reines
-Silber in gediegenen Klümpchen. Ich ging mit dem Besitzer an die Stelle
-und fand einen sechs bis acht Fuß tiefen Schacht und unten an dessen
-Sohle eine schlecht gesprengte Ader von dunklem, gelblichem, nichts
-versprechendem Gestein. Ebenso gut hätte man in einem Schleifstein
-Silber vermuten können. Wir holten eine Pfanne von dem Quark herauf
-und wuschen ihn in einer Pfütze aus und, wahrhaftig, in dem Bodensatz
-fanden wir ein halbes Dutzend runder Kügelchen von unzweifelhaftem,
-gediegenem Silber. Etwas derartiges hatte noch kein Mensch gehört; für
-die Wissenschaft war diese seltsame Neuigkeit ein völliges Rätsel. Die
-Anteilscheine stiegen auf fünfundsechzig Dollars für den Fuß und zu
-diesem Preise kaufte sich der weltberühmte Tragöde Kean Buchanan einen
-bedeutenden Vorrat davon und beschloß wieder einmal -- wie schon so oft
--- der Bühne zu entsagen. Auf einmal hieß es, die Grube sei ›gesalzen‹
-worden, aber nicht etwa nach irgend einer abgedroschenen Methode,
-sondern in ungewöhnlich kecker, frecher, eigenartiger und schandbarer
-Weise. Man entdeckte nämlich auf einem der Klümpchen gediegenen Silbers
-Bruchstücke der Münzumschrift ›~United States of America~‹, und nun lag
-es klar am Tage, daß die Grube mit geschmolzenen Halbdollars ›gesalzen‹
-worden war. Die so gewonnenen Klümpchen hatte man geschwärzt, bis
-sie gediegenem Silber im Urzustande glichen und sie dann mit dem
-losgesprengten Gestein auf dem Boden des Schachtes vermischt. Dies ist
-buchstäblich wahr. Natürlich fielen die Kuxe sofort auf Null und der
-Tragöde war ruiniert. Ohne diese Kalamität wäre Mc. Kean Buchanan uns
-für die Bühne verloren gegangen.
-
-
-
-
-Vierundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Die ›flotten Zeiten‹ gingen inzwischen munter fort. Etwas mehr als zwei
-Jahre vorher hatten Herr Goodman und ein anderer Setzer sich vierzig
-Dollars geborgt und waren damit von San Francisco aufgebrochen, um ihr
-Glück in der neuen Stadt Virginia zu versuchen. Sie fanden dort das
-›Territorial Enterprise‹, ein traurig hinsiechendes Wochenblättchen,
-das nach Atem schnappte und in den letzten Zügen lag. Sie kauften es:
-Typen, Einrichtung, Kundschaft, alles miteinander für tausend Dollars,
-die ihnen lang gestundet bleiben sollten. Redaktion, Zeitungsstube,
-Druckerei, Expedition, Schlafkammer, Wohnzimmer und Küche, alles war
-in ein Gemach zusammengepreßt, und dies war nicht einmal groß. Die
-Redakteure und Drucker schliefen auf dem Fußboden, ein Chinese besorgte
-die Küche, und der Ausschießstein war die allgemeine Speisetafel.
-Wie anders waren die Verhältnisse jetzt. Das Blatt erschien täglich
-in großem Format, es wurde mit Dampf gedruckt, fünf Redakteure und
-dreiundzwanzig Setzer arbeiteten daran, der Abonnementspreis war
-sechzehn Dollars jährlich, die Einrückungsgebühren waren maßlos hoch,
-die Spalten stets gedrängt voll. Das Blatt warf monatlich zwischen
-sechs- und zehntausend Dollars ab und wurde in einem stattlichen
-feuerfesten Hause redigiert und gedruckt. Tag für Tag wurden fünf bis
-elf Spalten neuer Anzeigen wegen Ueberhäufung entweder zurückgelegt
-oder in Extrablättern zusammen veröffentlicht.
-
-Die ›Gould & Curry-Gesellschaft‹ stand im Begriffe, ein Riesenpochwerk
-mit hundert Stampfen zu errichten, dessen Herstellungskosten nicht
-viel unter einer Million Dollars betrugen. Die Kuxe dieses Bergwerks
-zahlten schwere Dividenden -- ein seltener Fall, der nur bei den zwölf
-oder fünfzehn Parzellen vorkam, die über der Hauptader, dem Combstock,
-lagen. Der Direktor dieser Grube wohnte mietfrei in einem schönen
-Hause, das von der Gesellschaft gebaut und möbliert war. Er fuhr mit
-stattlichen Pferden, die ihm die Gesellschaft geschenkt hatte, und sein
-Gehalt betrug zwölftausend Dollars jährlich. Der Direktor einer anderen
-großen Grube reiste wie ein Fürst herum, hatte einen Jahresgehalt von
-achtundzwanzigtausend Dollars und beanspruchte später überdies noch auf
-dem Rechtswege ein Prozent der ganzen Silberausbeute als ihm zukommend.
-
-Geld war in wunderbarer Fülle vorhanden. Es zu verdienen machte keine
-Mühe, wohl aber, es auszugeben und loszuwerden. Und so traf es sich
-glücklich, daß gerade während jener Zeit der Draht die Nachricht
-brachte, daß eine große Sanitätskommission der Vereinigten Staaten
-gebildet worden sei, welche für die Soldaten und Matrosen der Union,
-die in den Spitälern des Ostens lagen, Geld brauche. Dieser Nachricht
-folgte die Kunde auf den Fersen, daß San Francisco sich an dem Werk in
-großartiger Weise beteiligt habe, ehe das Telegramm auch nur einen Tag
-alt gewesen sei. Virginia erhob sich wie ein Mann. Ein Sanitätskomitee
-wurde in aller Eile organisiert, der Präsident desselben bestieg einen
-leeren Karren in der C straße und versuchte der ungeduldigen und
-lärmenden Menge begreiflich zu machen, daß die übrigen Mitglieder des
-Komitees aus Leibeskräften arbeiteten, und daß noch vor Ablauf einer
-Stunde ein Bureau eingerichtet, Bücher aufgelegt, und das Komitee
-bereit sein werde, Beiträge anzunehmen. Seine Stimme wurde übertäubt,
-seine Mitteilung ging in einem unaufhörlichen Jubelgebrüll und dem
-Verlangen, daß das Geld sofort angenommen werden solle, verloren; die
-Leute waren wie rasend, sie wollten nicht warten. Der Präsident machte
-Vorstellungen und suchte zu beweisen, daß das nicht angehe; aber taub
-gegen alle Bitten drängte sich die Menge an den Wagen, in den sie
-Goldstücke regnen ließen, worauf alle wieder abtrabten, um noch mehr
-zu holen. Hände voll Geld erhoben sich aus dem Gedränge. Unterstützt
-von dieser beredten Gebärdensprache hofften viele sich einen Weg bahnen
-zu können. Selbst die Chinesen und Indianer wurden von der Aufregung
-angesteckt und warfen ihre halben Dollars in den Karren, ohne zu wissen
-oder sich darum zu kümmern, zu welchem Zwecke. Sauber gekleidete
-Frauen stürzten sich in das Gedränge, kämpften sich mit ihrem Gelde
-bis zum Karren durch und tauchten dann nach einer Weile mit jämmerlich
-zerzaustem Anzuge wieder aus der Menge hervor. Es war der wildeste
-Auflauf, den Virginia jemals gesehen; als zuletzt die Wut nachließ und
-alle auseinander gingen, hatte keiner mehr einen Pfennig in der Tasche.
-Um in der eigenen Sprache der Leute zu reden: mit vollem Sacke kamen
-sie, und ausgebeutelt gingen sie hinweg.
-
-Nun begann das Komitee in systematischer Ordnung zu arbeiten und
-wochenlang flossen die Beiträge wie ein Strom in seine Kasse. Einzelne
-Personen und ganze Genossenschaften legten sich eine regelmäßige Steuer
-für den Sanitätsfonds auf, die sich nach ihren Mitteln abstufte; als
-aber der berühmte ›Sanitätsmehlsack‹ zu uns kam, gab es einen zweiten
-großen allgemeinen Ausbruch. Die Geschichte des Sackes ist eigentümlich
-und interessant. In der kleinen Stadt Austin am Reeseflusse war ein
-früherer Schulkamerad von mir, Namens Reuel Gridley, Kandidat der
-demokratischen Partei für die Bürgermeisterstelle. Er kam mit dem
-republikanischen Gegenkandidaten dahin überein, daß der Unterliegende
-von dem Sieger mit einem fünfzig Pfund schweren Mehlsack beschenkt
-werden und denselben auf seiner Schulter nach Hause tragen sollte.
-Gridley unterlag und erhielt den Mehlsack von dem neuerwählten
-Bürgermeister. Er lud ihn auf die Schulter und trug ihn gegen zwei
-Meilen weit von Nieder-Austin nach Ober-Austin, begleitet von einem
-Musikchor und der ganzen Bevölkerung. Bei seiner Ankunft erklärte er,
-er brauche das Mehl nicht und fragte, was er nach der Meinung des
-Volkes am besten damit anfangen könnte. Eine Stimme rief:
-
-»Verkaufen Sie es an den Meistbietenden zu Gunsten des Sanitätsfonds!«
-
-[Illustration]
-
-Der Vorschlag wurde ringsum mit lautem Beifall begrüßt, und Gridley
-stieg auf eine Kiste, um die Rolle eines Auktionators zu übernehmen.
-Die Gebote gingen rasch in die Höhe, als die Leute sich mehr und
-mehr für die Sache erwärmten, bis der Sack zuletzt einem Müller zu
-zweihundertfünfzig Dollars zugeschlagen und dessen Anweisung in Empfang
-genommen wurde. Man fragte ihn, wo er das Mehl abgeliefert haben wolle,
-worauf er erwiderte:
-
-»Nirgends, verkauft es noch einmal!«
-
-Jetzt brachen donnernde Jubelrufe los, und die Menge geriet ins
-richtige Feuer. So stand Gridley bis zum Sonnenuntergang schreiend und
-schwitzend da, und als die Masse auseinanderging, hatte er den Sack an
-dreihundert verschiedene Leute verkauft und achttausend Dollars in Gold
-dafür eingenommen. Und noch immer war der Mehlsack in seinem Besitze.
-
-Als die Nachricht in Virginia eintraf, kam von dort ein Telegramm
-zurück:
-
-»Schickt euern Mehlsack her!«
-
-Sechsunddreißig Stunden darauf kam Gridley an; im Opernhause wurde
-eine Nachmittagsversammlung gehalten und die Auktion begann. Aber der
-Mehlsack war früher gekommen als man erwartete, die Leute waren noch
-nicht ordentlich ins Feuer geraten, und so schleppte sich der Verkauf
-matt hin. Bei Einbruch der Nacht hatte man erst fünftausend Dollars in
-Händen und es herrschte große Niedergeschlagenheit in der Gemeinde.
-
-Indes war man nicht geneigt, die Sache damit ruhen zu lassen und dem
-Dorfe Austin den Sieg zuzuerkennen.
-
-Bis spät in die Nacht hinein waren die vornehmsten Bürger am Werke,
-den Feldzug für den nächsten Tag vorzubereiten, und als sie zu Bett
-gingen, war ihnen wegen des Ergebnisses nicht mehr bange. Um elf
-Uhr am Vormittag fuhr ein langer Zug offener Wagen, begleitet von
-lärmenden Musikbanden und geschmückt mit wehenden Fahnen, die C straße
-hinunter, wo sie bald in Gefahr gerieten, von einer Hurra rufenden
-Menschenmenge eingeschlossen und am Weiterkommen verhindert zu werden.
-Im ersten Wagen saß Gridley, welcher den mit goldenen Buchstaben
-verzierten und schön geschmückten Mehlsack so hielt, daß er recht ins
-Auge fiel, ferner der Bürgermeister und der Syndikus. Die anderen
-Wagen enthielten den Stadtrat, Redakteure und Berichterstatter und
-andere Leute von Ansehen und Bedeutung. Die Menge drängte nach der
-Ecke der C- und Taylorstraße, in der Erwartung, daß der Verkauf dort
-beginnen werde; allein sie täuschte sich und erlebte zugleich eine
-unaussprechliche Ueberraschung; die Kavalkade zog weiter, als käme
-Virginia überhaupt gar nicht mehr in Betracht und nahm ihren Weg auf
-die kleine Stadt Gold Hill zu. Telegramme waren nach Gold Hill, Silver
-City und Dayton vorausgegangen, so daß deren Bevölkerung bereits in
-fieberhafter Erregung darauf wartete, sich ins Gefecht zu stürzen.
-Es war ein sehr heißer Tag und furchtbar staubig. Nach Verlauf einer
-kurzen halben Stunde stiegen wir unter Trommelschlag mit fliegenden
-Fahnen, von mächtigen Staubwolken umwallt, nach Gold Hill hinab. Die
-ganze Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, Chinesen und Indianer
-waren in der Hauptstraße versammelt, alle Flaggen der Stadt flatterten
-an den Masten und das Hurrarufen der Menge übertönte den Lärm der
-Musikbanden. Gridley erhob sich und fragte, wer auf den vaterländischen
-Sanitäts-Mehlsack das erste Gebot thun wolle. General W. erklärte:
-»Die Yellow-Jacket-Silberbergbaugesellschaft bietet tausend Dollars in
-Münze.«
-
-Ein Beifallssturm folgte. Der Telegraph trug die Kunde nach Virginia,
-binnen fünfzehn Minuten war die ganze Einwohnerschaft auf der Straße
-versammelt und verschlang die Botschaft; es gehörte nämlich mit zum
-Programm, daß jeder Drahtbericht auf den Anschlagbrettern sofort
-bekannt gemacht wurde. Alle paar Minuten erschien ein neues von Gold
-Hill her telegraphiertes Bulletin, und immer mehr wuchs die Aufregung.
-Nach Verlauf einer Stunde hatte die schwache Bevölkerung von Gold
-Hill für den Mehlsack eine Summe gezahlt, welche Virginias höchste
-Begeisterung erweckte, als das Gesamtergebnis an den Plakatstellen
-zu lesen war. Nun rückte Gridleys Kavalkade weiter -- erfrischt mit
-Strömen Lagerbiers, welches die Leute in verschwenderischem Maße an die
-Wagen brachten; nach weiteren drei Stunden hatte die Expedition Silver
-City und Dayton mit Sturm genommen und befand sich ruhmbedeckt auf
-dem Heimwege. Das alles war telegraphiert und veröffentlicht worden;
-als nun die Prozession um halb neun Uhr abends in Virginia einzog und
-die C straße hinunterkam, war die ganze Bevölkerung auf den Straßen,
-Fackeln loderten, Flaggen wehten, Musikbanden spielten, Hurra auf
-Hurra erschütterte die Luft und die Stadt war bereit, sich auf Gnade
-und Ungnade zu ergeben. Die Auktion begann; jedes Gebot wurde mit
-Beifallsausbrüchen begrüßt, und nach Verlauf von dritthalb Stunden
-hatte eine Bevölkerung von fünfzehntausend Seelen für einen fünfzig
-Pfund schweren Mehlsack eine Summe in Gold bezahlt, die in Staatsnoten
-fünfzigtausend Dollars betragen haben würde. Es kamen ungefähr drei
-Dollar auf jeden Kopf der Bevölkerung, Weiber und Kinder mitgerechnet.
-Das Gesamtergebnis würde zweimal so groß gewesen sein, aber die Straßen
-waren sehr schmal und Hunderte, die gerne mitgeboten hätten, konnten
-weder bis zum Platz des Auktionators gelangen, noch sich vernehmlich
-machen. Des Wartens überdrüssig gingen viele lange vor Schluß der
-Auktion wieder nach Hause. Dies war vielleicht der größte Tag, den
-Virginia jemals erlebte.
-
-Gridley verkaufte den Sack in Carson City und in verschiedenen
-kalifornischen Städten; dann nahm er ihn mit nach dem Osten und brachte
-ihn endlich nach St. Louis, wo ein Sanitätsbazar abgehalten und eine
-große Summe eingenommen wurde. Um die Begeisterung zu erhöhen, hatte
-man dort die aus Nevadas Schenkung erzeugten stattlichen Silberbarren
-ausgestellt. Zuletzt ließ Gridley das Mehl in kleine Kuchen backen, die
-er einzeln zu hohen Preisen verkaufte. Die Kosten seiner ungeheuren,
-mühevollen Expedition hatte der treffliche Mann wenn nicht ganz, so
-doch größtenteils aus eigener Tasche bezahlt.
-
-Als die Mission des Mehlsacks beendet war, schätzte man die
-Gesamtsumme, für die derselbe verkauft war, auf hundertfünfzigtausend
-Dollars in Papier. Dies ist wahrscheinlich der einzige Fall, den die
-Geschichte verzeichnet, in welchem gewöhnliches Brotmehl auf offenem
-Markte zu dreitausend Dollars das Pfund verkauft worden ist.
-
- * * * * *
-
-Bevor ich diesen Teil meiner Erinnerungen beschließe, will ich noch
-einer kleinen Episode gedenken. Dieselbe betrifft
-
-
-meine erste Begegnung mit Artemus Ward.
-
-Dieser berühmte, jetzt verstorbene Komiker und Humorist bereiste
-damals, als ich in Virginia City Redakteur war, die Städte im fernen
-Westen, um Vorlesungen zu halten, und kam bei dieser Gelegenheit auch
-in die genannte Stadt. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Er brachte
-mir Empfehlungsbriefe von gemeinsamen Freunden in San Francisco und
-lud mich ein, mit ihm zu frühstücken. Im Bereich der Silberminen
-galt es fast als eine heilige Pflicht, vor solcher Mahlzeit einen
-Whisky-Cocktail zu trinken. Mit echt kosmopolitischer Gesinnung pflegte
-sich Artemus stets nach den Sitten des Landes zu richten, in welchem
-er sich gerade befand; so bestellte er denn auch jetzt drei von den
-abscheulichen Schnäpsen, Hingston, sein Reisebegleiter, war auch
-zugegen. Ich sagte, ich wolle lieber keinen Whisky trinken, er würde
-mir zu sehr zu Kopfe steigen und mich in zehn Minuten so verdreht
-machen, daß ich keinen klaren Gedanken mehr fassen könne. Mich vor
-Fremden wie ein Verrückter zu gebärden, sei nicht nach meinem Sinn. Auf
-Artemus Wards freundliches Zureden trank ich aber dennoch das tückische
-Gebräu, obgleich mit Widerstreben und in dem Bewußtsein, daß ich etwas
-thue, was mich alsbald reuen würde.
-
-In kürzester Frist kam es mir vor, als umnebelten sich meine Sinne.
-Ich wartete daher mit großer Angst auf den Beginn der Unterhaltung und
-hoffte im stillen, daß sich meine Befürchtung als unbegründet erweisen
-und ich doch noch bei Verstande sein würde.
-
-Artemus ließ zuerst einige unbedeutende Bemerkungen fallen, nahm
-dann eine ganz übermenschlich ernste Miene an und hielt folgende
-erstaunliche Rede:
-
-»Noch etwas möchte ich Sie zuvörderst fragen, ehe ich es vergesse. Sie
-sind nun schon zwei oder drei Jahre hier in Nevada, im Silberland,
-und Ihre Stellung bei der Tagespresse hat es natürlich mit sich
-gebracht, daß Sie in die Bergwerke eingefahren sind, um sich über
-alle Einzelheiten zu unterrichten; der ganze Silberbergbau wird Ihnen
-daher genau bekannt sein. Was ich nun gerne wissen möchte, ist -- wie
-die Erzlager eigentlich beschaffen sind. Ich fasse es zum Beispiel
-so auf -- die Ader, welche das Silber enthält, liegt zwischen zwei
-Granitschichten eingeschlossen, wie das Fleisch in einer belegten
-Buttersemmel; sie läuft im Erdboden weiter, erstreckt sich aufwärts und
-ragt in die Höhe wie ein Meilenstein. Nehmen wir nun an, die Ader hätte
-eine Mächtigkeit -- sagen wir -- von vierzig Fuß oder achtzig oder auch
-meinetwegen hundert -- und Sie führten einen Schacht senkrecht darauf
-hinab, oder gingen mit Hilfe eines Stollens, wie man’s nennt, hinunter
-bis zu einer Tiefe von fünfhundert Fuß oder auch nur zweihundert Fuß,
-wenn Sie wollen, aber jedenfalls tief hinab -- nun wird die Ader immer
-schmaler, wo die sie einschließenden Granitschichten dichter beisammen
-sind oder sich einander nähern, wenn man’s so ausdrücken will -- das
-heißt, wenn sie wirklich näher zusammenrücken, was natürlich nicht
-immer der Fall ist, besonders nicht an Stellen, wo sie der ganzen Natur
-der Formation nach weiter auseinander gehen als anderwärts, wofür
-die Geologie bisher vergebens eine Erklärung gesucht hat, obwohl in
-dieser Wissenschaft alles auf den Beweis hinausläuft, daß bei gleichen
-Verhältnissen es so sein würde, wenn es nicht wäre, und gewiß nicht so
-sein würde, wenn es wäre -- und dann sind sie es natürlich. Ist das
-nicht auch Ihre Meinung?«
-
-Ich dachte bei mir selbst:
-
-»Also richtig -- ich wußte ja, daß es so kommen würde. Der Whisky hat
-mich ganz benebelt und keine Auster ist jetzt so schwer von Begriffen
-wie ich.«
-
-Dann sagte ich laut:
-
-»Ich -- ich -- vielleicht -- wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht
--- hätten Sie wohl die Güte -- das noch einmal zu sagen. Ich sollte
-freilich --«
-
-»O gewiß, mit Vergnügen. Sie sehen, ich bin mit dem Gegenstande gar
-nicht vertraut und drücke mich daher viel zu undeutlich aus, -- aber
-ich --«
-
-»Nein, nein, -- o nein -- Sie haben die Sache völlig klar
-auseinandergesetzt, aber, wissen Sie, der Whisky macht mich etwas
-verwirrt. Ich verstehe Sie ja im übrigen ganz gut, wenn Sie mir aber
-die Sache noch einmal vortragen wollten, würde es mir am Ende doch
-begreiflich werden -- diesmal will ich besser acht geben.«
-
-»Das, worauf es mir ankommt,« sagte er, »ist einfach Folgendes: (Er
-sprach jetzt mit noch weit größerem Nachdruck und betonte die einzelnen
-Punkte ganz besonders, indem er sie an den Fingern herzählte.) Diese
-Ader, dieser Streifen, diese Schicht oder wie Sie es nennen wollen,
-liegt zwischen zwei Lagern von Granit, wie das Fleisch zwischen den
-beiden Hälften der Buttersemmel. So weit gut. Nun gehen Sie senkrecht
-hinunter, volle tausend Fuß, vielleicht sogar zwölfhundert Fuß, --
-darauf kommt es wirklich nicht an -- ehe Sie den Stollen hineintreiben,
-einige Gänge quer über die Ader, andere in Längsrichtung, wo die
-Sulfurate -- ich glaube, man nennt sie Sulfurate, obgleich ich nicht
-recht weiß, warum man es thut, in Anbetracht dessen, daß, worauf es dem
-Bergmann hauptsächlich ankommt, nicht so liegt, wie einige behaupten,
-ohne doch völlig beweisen zu können, daß sie nicht weiterlaufen,
-solange noch eine Spur oder ein Bruchstück desselben Erzes weder
-hier noch dort in gleicher Weise enthalten ist; wogegen unter andern
-Umständen selbst die Unerfahrensten unter uns es nicht entdecken
-könnten, wenn es wäre, oder es möglicherweise übersehen, wenn es
-anginge oder den bloßen Gedanken daran mit Hohn zurückweisen würden,
-wenn man es ihnen auch noch so handgreiflich als solches vor Augen
-stellte. Habe ich nicht recht?«
-
-Ich sagte mit trübseliger Miene: »Wirklich, Herr Ward, ich muß mich vor
-mir selber schämen; ich weiß, ich sollte eigentlich alles verstehen,
-was Sie sagen, aber der abscheuliche Whiskey ist mir so in den Kopf
-gestiegen, daß jetzt der einfachste Satz über mein Verständnis geht.
-Ich habe es Ihnen ja vorausgesagt.«
-
-»O, nicht doch, nicht doch -- es liegt höchst wahrscheinlich einzig und
-allein an mir -- zwar habe ich lange darüber nachgedacht und glaubte es
-klar genug --«
-
-»Verlieren Sie, bitte, kein Wort darüber. Sie haben es so anschaulich
-dargestellt, daß es jedem sonnenklar einleuchten müßte, der nicht mit
-Blödsinn behaftet ist. Nur der verwünschte Whiskey ist an allem schuld.«
-
-»Bewahre, wo denken Sie hin. Ich will noch einmal ganz von vorn
-anfangen und Sie werden sehen --«
-
-»Ums Himmels willen, thun Sie das doch ja nicht; ich sage Ihnen, mein
-Kopf ist in solcher Verfassung, daß ich nicht auf die einfachste Frage
-Bescheid geben könnte, die man an mich richtet.«
-
-»Seien Sie ganz unbesorgt. Diesmal will ich es so schlicht und deutlich
-ausdrücken, daß Sie gar nicht umhin können, zu verstehen, was ich
-meine. Fangen wir ganz von Anfang an.« (Er lehnte sich über den Tisch
-zu mir herüber, in seinen Mienen war der felsenfeste Vorsatz zu lesen,
-sich verständlich zu machen, und er hielt den Finger bereit, um seinen
-Worten beim Aufzählen jedes einzelnen Punktes noch besonderen Nachdruck
-zu verleihen. Ich selbst beugte mich in peinlicher Erregung weit vor,
-entschlossen, ihn zu begreifen, oder zu Grunde zu gehen.)
-
-[Illustration]
-
-»Sie wissen, daß die Ader, die Schicht, das Ding, welches das
-Metall enthält, dadurch zum Medium aller andern Kräfte wird, der
-zunächstliegenden wie der entferntesten Wirkungen, die so beschaffen
-sind, daß sie die ersteren zu Gunsten der letzteren, oder die letzteren
-gegen die ersteren, oder alle oder beide beeinflussen, sofern es den
-relativen Unterschied betrifft, der innerhalb des Radius besteht, von
-dem aus die verschiedenen Grade der Aehnlichkeit sich entwickeln, in
-welchen --«
-
-»Hol’ der Henker meinen Blechschädel,« fuhr ich heraus, »ich mag mich
-anstrengen wie ich will -- aber ich verstehe nicht das Geringste. Je
-klarer Sie mir die Sache auseinander setzen, um so weniger begreife
-ich, worauf Sie hinauswollen.«
-
-Jetzt hörte ich ein verdächtiges Geräusch neben mir und als ich mich
-rasch umwandte, sah ich gerade noch, wie Hingston sich hinter ein
-Zeitungsblatt duckte und vor Lachen bersten wollte. Ich blickte wieder
-nach Ward hin -- seine feierliche Miene war verschwunden und er lachte
-gleichfalls.
-
-Da merkte ich, daß er mir einen Streich gespielt hatte, daß ich das
-Opfer eines Schwindels geworden war. Seine Rede bestand aus einer Reihe
-an einander gefädelter Sätze, die einzeln ganz verständlich klangen,
-aber im Zusammenhang auf der Gotteswelt keinen Sinn hatten.
-
-Artemus Ward war einer der besten und umgänglichsten Menschen unter
-der Sonne. Man behauptet, er habe keine fließende Unterhaltung führen
-können, aber, wenn ich an obiges Erlebnis zurückdenke, bin ich anderer
-Meinung.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Im Gold- und Silberland.
-
-II.
-
-
-
-
-Nabobs in Nevada.
-
-
-In jener herrlichen Zeit, als es in Nevada flott herging, hatte das
-Silberland auch seine Nabobs. Einige sind mir noch erinnerlich. Es
-waren meist sorgenlose, leichtlebige Menschen, aus deren Reichtümern
-das Gemeinwesen ganz ebenso viel Nutzen zog wie sie selber, in manchen
-Fällen sogar noch mehr.
-
-Einer der ersten Nabobs, die Nevada erzeugte, trug Diamanten im Werte
-von sechstausend Dollars am Busen und war unglücklich, daß ihm sein
-Geld schneller in die Taschen floß, als er es ausgeben konnte. Das
-Einkommen eines andern belief sich oft auf sechzehntausend Dollars
-monatlich. Als er zuerst ins Land kam, hatte er in dem nämlichen
-Bergwerk, aus welchem er später seine Schätze bezog, um einen Tagelohn
-von fünf Dollars gearbeitet.
-
-Von einem jener Lieblinge des Glücks, die sozusagen über Nacht aus
-drückender Armut zum größten Ueberfluß gelangten, erzählt man sich,
-er habe gern ein hohes Staatsamt bekleiden wollen und hunderttausend
-Dollars dafür geboten, es aber trotzdem nicht erhalten, da seine
-Politik nicht so vertrauenerweckend war, als sein Konto auf der Bank.
-
-[Illustration]
-
-Auch John Smith darf ich nicht vergessen. Er stammte aus dem niedern
-Volke, war eine brave, ehrliche, gutmütige Haut und von einer
-Unwissenheit, die ans Fabelhafte grenzte. Sein kleiner Rancho und
-ein Ochsengespann brachten ihm genug ein zum Lebensunterhalt; war
-die Heuernte auch nicht so groß, so wog man ihm doch diesen seltenen
-Artikel mit Gold auf -- er erhielt auf dem Markte für das Fuder 250
-bis 300 Dollars. Nach einiger Zeit tauschte Smith mehrere Morgen von
-seinem Wiesenland gegen eine noch unbearbeitete Silbergrube in Gold
-Hill ein. Er begann den Abbau und errichtete daneben ein anspruchsloses
-kleines Pochwerk. Anderthalb Jahre später gab er das Heugeschäft auf,
-denn seine Grube machte einen besseren Ertrag. Sein Einkommen wurde
-auf 30,000 Dollars monatlich geschätzt, von manchen sogar auf 60,000
-Dollars. Jedenfalls war Smith ein reicher Mann.
-
-Nun ging er auf Reisen. Bei seiner Rückkehr aus Europa konnte er
-nicht genug von den schönen Schweinen erzählen, die er in England
-gesehen hatte, von den herrlichen Schafen in Spanien und dem prächtigen
-Rindvieh in der Umgegend von Rom. Er war ganz voll von den Wundern der
-alten Welt und gab jedem den Rat, sich auf die Reise zu machen. Man
-glaube gar nicht, was es für Merkwürdigkeiten auf Erden gebe, sagte er,
-solange man sich nicht durch den Augenschein davon überzeugt habe.
-
-Während seiner Ueberfahrt setzten die Passagiere einmal einen Preis
-von fünfhundert Dollars auf denjenigen aus, der am richtigsten riete,
-wie viele Seemeilen das Schiff in den nächsten vierundzwanzig Stunden
-zurücklegen würde. Um die Mittagszeit des folgenden Tages übergab jeder
-dem Zahlmeister ein versiegeltes Couvert, in welchem die Meilenzahl
-stand. Smith triumphierte im voraus: er hatte den Maschinisten
-bestochen. Als trotzdem ein anderer den Preis gewann, sagte er:
-»Halt, das geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Anschlag kam der
-Wirklichkeit um zwei Meilen näher als seiner.«
-
-»Bewahre,« versetzte der Zahlmeister, »Sie haben es von allen am Bord
-am schlechtesten getroffen, Herr Smith; wir sind 208 Meilen gefahren.«
-
-»Nun ja,« rief Smith, »und ich habe 209 geraten. Sehen Sie sich doch
-meine Zahlen ordentlich an; eine 2 und zwei 0 sind 200, nicht wahr --
-dann noch eine 9 (2009) macht zweihundert und neun. Da muß ich denn
-doch sehr bitten, daß mir der Preis zuerkannt wird.« --
-
- * * * * *
-
-In einer Bergschlucht in unmittelbarer Nähe von Virginia City wohnte
-ein armer Mexikaner, auf dessen Anwesen eine Quelle am Felsen
-herabsickerte, die kaum eine halbe Spanne breit war. Für dieses
-Wässerchen gab ihm die Ophirgesellschaft eine kleine Parzelle von
-hundert Fuß, welche sich als der ergiebigste Teil des ganzen Bergwerks
-erwies; vier Jahre nach dem Tausch betrug ihr Marktwert mit Einschluß
-des Pochwerks 1,500,000 Dollars.
-
-Ein neunzehnjähriger Telegraphist in Virginia wurde dadurch zum reichen
-Manne, daß er die Depeschen der Grubenbesitzer las, welche ihm durch
-die Hände gingen und je nach dem Stande der Bergwerksangelegenheiten,
-durch Vermittlung eines Freundes in San Francisco, Aktien kaufte oder
-verkaufte. Einmal kündigte eine Privatdepesche aus Virginia einen
-reichen Fund in einer bedeutenden Grube an, mit der Weisung, die Sache
-solange geheim zu halten, bis die Unternehmer sich den Besitz von
-möglichst vielen Anteilscheinen gesichert hätten. Der Telegraphist
-kaufte sofort einen Kux von 40 Fuß zu 20 Dollars den Fuß, wovon er
-später die Hälfte zu 800 Dollars den Fuß verkaufte und den Rest um das
-Doppelte. Nach drei Monaten besaß er ein Vermögen von 150,000 Dollars
-und hatte seine Telegraphenstelle aufgegeben.
-
-Ein anderer Telegraphenbeamter hatte Amtsgeheimnisse verraten und
-war deshalb von seinen Vorgesetzten entlassen worden. Er versprach
-einem wohlhabenden Manne in San Francisco, ihm das Ergebnis eines
-großen Bergwerksprozesses, der in Virginia geführt wurde, mitzuteilen
-und zwar nur eine Stunde später als die streitenden Parteien in San
-Francisco davon privatim Kenntnis erhielten. Hiefür sicherte ihm sein
-Mitverschworener einen hohen Prozentsatz des Gewinns, welchen er durch
-rechtzeitigen An- und Verkauf von Aktien zu erzielen dachte. Um den
-Plan auszuführen, begab sich der verabschiedete Telegraphist, als
-Fuhrmann verkleidet, nach einer kleinen abgelegenen Telegraphenstation
-im Gebirge, machte mit dem dortigen Beamten Bekanntschaft, saß
-Tag für Tag, seine Pfeife rauchend bei ihm im Bureau und klagte,
-daß sein Gespann zu ermüdet sei und er nicht weiterfahren könne.
-Zugleich horchte er bei allen Depeschen aus Virginia auf das Ticken
-des Apparats, bis endlich ein Privattelegramm die Entscheidung des
-Prozesses verkündete. Sofort telegraphierte er an seinen Verbündeten:
-
-»Kann nicht mehr warten. Werde das Gespann verkaufen und heimgehen.«
-
-Dies war das verabredete Zeichen. Hätte er das Wort ›warten‹
-fortgelassen, so würde es den entgegengesetzten Ausgang des Prozesses
-bedeutet haben. Der Spekulant in San Francisco kaufte nun eine Menge
-der betreffenden Bergwerksaktien um niedern Preis, bevor die Nachricht
-öffentlich bekannt wurde und sicherte sich ein Vermögen.
-
-Zahllose Beispiele ähnlicher Art wären noch aus dem Silberlande zu
-verzeichnen, die angeführten werden jedoch genügen, um dem Leser einen
-Begriff von den Zuständen in jener flotten Zeit zu geben. Mit den
-meisten dieser Nabobs bin ich persönlich in Berührung gekommen; sie
-waren damals hochberühmt, aber jetzt spricht niemand mehr von ihnen, da
-fast alle wieder rasch in Armut und Dunkelheit zurückgesunken sind.
-
-In Nevada erzählte man sich ein lustiges Abenteuer, das zwei solche
-Nabobs einmal gehabt haben sollen; ich kann mich für die Wahrheit nicht
-verbürgen, und gebe es nur wieder, wie ich es gehört habe:
-
-Oberst Jim hatte früher etwas von der Welt gesehen und kannte ihr Thun
-und Treiben ein wenig, aber Oberst Jack stammte aus den Hinterwäldern,
-sein Leben war eitel Mühe und Arbeit gewesen und er war nie in eine
-Stadt gekommen. Urplötzlich reich geworden, beschlossen die beiden
-nach New York zu reisen; Oberst Jack, um die Sehenswürdigkeiten in
-Augenschein zu nehmen, und Oberst Jim, um des Freundes arglose Unschuld
-vor Schaden zu bewahren. Sie kamen bei Nacht nach San Francisco und
-segelten früh am Morgen ab. Als sie New York erreichten, sagte Oberst
-Jack:
-
-»Ich habe all mein Lebtag so viel von Equipagen reden hören, jetzt
-will ich einmal eine Spazierfahrt machen, einerlei was es kostet. Also
-vorwärts!«
-
-Oberst Jim winkte eine schöne Kutsche herbei, aber Oberst Jack sagte:
-
-»Wo denkst du hin? ich soll doch nicht etwa bloß so ’ne billige
-Spritzfahrt machen! Nein, was Ordentliches muß ich haben. Aufs Geld
-kommt’s mir nicht an, aber es soll das vornehmste Fuhrwerk sein, das
-sich sehen läßt. Schau, da kommt gerade etwas, wie ich es möchte. Rufe
-mal den gelben Wagen mit den schönen Bildern an. Sei nur ohne Sorgen --
-ich trage alle Kosten.«
-
-So stiegen sie denn in den leeren Omnibus.
-
-»Das nenne ich lustig,« rief Oberst Jack. »Kissen und Fenster und
-Bilder überall. Was wohl die Jungens sagen würden, wenn sie uns so
-vornehm durch New York kutschieren sähen? Meiner Treu, ich gäbe was
-drum, mich ihnen so zu zeigen.« Er steckte den Kopf zum Fenster hinaus.
-»Famos,« rief er dem Kutscher zu, »Herzensjunge, du gefällst mir; fahr
-nur zu, den ganzen Tag lang meinetwegen. Laß die Pferde laufen; wir
-wollen’s schon wieder wett machen, verlaß dich drauf!« Der Kutscher
-streckte die Hand durch das Guckloch nach dem Fahrgeld aus, wie es
-damals noch Sitte war. Oberst Jack schlug ein und schüttelte sie ihm
-herzlich.
-
-»Du willst Vorauszahlung, Alterchen,« rief er. »Na, nichts für ungut.
-Hier hast du etwas, das gar nicht so übel ist.«
-
-Er drückte ihm ein goldenes Zwanzigdollarstück in die Hand, und als der
-Kutscher sagte, daß er nicht wechseln könne, rief er lustig:
-
-»Laß gut sein, wir wollen’s schon verfahren. Steck’ es nur in die
-Tasche.« Dann schlug er seinem Gefährten laut klatschend auf das Bein
-und fuhr vergnügt fort: »Hol’ mich dieser und jener, ich miete das Ding
-auf die ganze Woche!«
-
-Jetzt hielt der Omnibus und eine junge Dame stieg ein. Oberst Jack
-starrte sie erst verwundert an, dann stieß er Oberst Jim mit den
-Ellenbogen. »Du, sag’ kein Wort,« flüsterte er. »Laß sie mitfahren,
-wenn sie will. An Platz fehlt’s ja wahrhaftig nicht.«
-
-Das Fräulein zog den Beutel und reichte Oberst Jack ihr Fahrgeld.
-
-»Was soll das?« fragte er.
-
-»Wollen Sie es, bitte, dem Kutscher geben.«
-
-»Behalten Sie Ihr Geld, Verehrteste, Sie dürfen nicht zahlen. Fahren
-Sie nur mit in unserer Staatskutsche, so lange Sie wollen.«
-
-Das Fräulein drückte sich verwirrt in die Ecke. Jetzt kletterte eine
-alte Frau mit dem Handkorb herauf und bot ihr Fahrgeld an.
-
-»Setzen Sie sich, gute Frau,« sagte Oberst Jack; »wir lassen Sie gern
-mitfahren, aber ohne Bezahlung. Machen Sie sich’s nur bequem und thun
-Sie ganz so, als ob es Ihr Wagen wäre.«
-
-Nach wenigen Minuten waren noch drei Herren, zwei dicke Frauen und
-mehrere Kinder eingestiegen.
-
-»Nur immer herein, meine Freunde,« rief Oberst Jack, »geniert euch
-nicht. Hier wird jeder frei gehalten.« Dann flüsterte er Oberst Jim zu:
-»Ist aber dies New York eine gesellige Stadt! Man sollte so was doch
-kaum für möglich halten!«
-
-Da er sich hartnäckig weigerte dem Kutscher das Fahrgeld der Passagiere
-einzuhändigen und jedermann freundlich willkommen hieß, ging den
-Leuten allmählich ein Licht auf. Sie steckten ihr Geld wieder ein und
-belustigten sich insgeheim über den Spaß. Es nahmen wohl noch ein
-halbes Dutzend Fahrgäste Platz. »Kommt nur, kommt,« rief Oberst Jack;
-»eine Spazierfahrt ist nichts, wenn man nicht Gesellschaft hat.« Dann
-flüsterte er Oberst Jim wieder leise zu: »Die Freundlichkeit der New
-Yorker geht doch über die Bäume und wie kaltblütig sie die Sache nehmen
--- was man nicht alles erlebt!«
-
-Immer mehr Passagiere stiegen ein, alle Plätze waren besetzt und die
-Männer, welche im Mittelgang standen, hielten sich an den Riemen fest,
-die von der Decke herabhingen. Leute mit Körben und Bündeln kletterten
-oben auf das Dach. Ein halb unterdrücktes Gelächter ließ sich von allen
-Seiten hören.
-
-»Na, wenn eine so himmlische Unverfrorenheit nicht alles übertrifft,
-was je dagewesen ist, will ich nicht Jack heißen,« flüsterte der Oberst.
-
-Jetzt drängte sich ein Chinese herein.
-
-»Nun wird mir’s aber doch zu bunt,« sagte Oberst Jack. »Halt an,
-Kutscher. Bitte, bleiben Sie sitzen, meine Damen und Herren, fahren Sie
-ruhig weiter, es ist alles bezahlt. -- Kutscher, rumpeln Sie nur fort
-mit den Herrschaften, so lange es Ihnen gefällt. Sie müssen wissen,
-es sind unsere Gäste. Zeigen Sie Ihnen alles, und wenn Sie mehr Geld
-brauchen, so kommen Sie in das Sankt Nikolas-Hotel und holen Sie
-Zuschuß. Recht vergnügte Fahrt, meine Herrschaften -- empfehle mich
-Ihnen.«
-
-Als die beiden Kameraden ausstiegen, sagte Oberst Jack:
-
-»Höre Jimmy, daß die Geselligkeit in New York so weit getrieben würde,
-hätte ich nicht für möglich gehalten. Der Chinese kam so gemütlich
-hereinspaziert, wie jeder andere; hätten wir länger gewartet, es wären
-noch ein paar Neger mitgefahren, darauf möchte ich wetten. Weißt du
-was -- heute nacht verrammeln wir aber unsere Thüren ordentlich, sonst
-wollen vielleicht ein paar von den Herzblättchen herein, um bei uns zu
-schlafen.«
-
-
-
-
-Buck Fanshaws Begräbnis.
-
-
-Irgend jemand hat einmal gesagt, daß sich der Geist, welcher in einer
-Bürgerschaft herrscht, am besten darnach beurteilen läßt, wen von ihren
-Gliedern die Gemeinde mit der größten Feierlichkeit zu Grabe trägt.
-
-Zur flotten Zeit in Virginia erwiesen die beiden Hauptklassen der
-Bevölkerung ihren großen Toten ungefähr die gleiche Ehre. Wer sich
-durch seine Wohlthaten für das Gemeinwesen den berühmtesten Namen
-gemacht hatte, erhielt ein ebenso prächtiges Begräbnis, wie der
-berühmteste Raufbold.
-
-Als Buck Fanshaw das Zeitliche segnete, machte man viel Aufhebens von
-ihm. Er galt für einen würdigen Vertreter der Bürgerschaft, stand
-einer großartigen Schankwirtschaft vor und hatte auch ›seinen Mann
-getötet‹, allerdings nicht im eigenen Streit, sondern um einen Fremden
-gegen die Angriffe der feindlichen Uebermacht zu schützen. Er hatte
-ein flottes Weibsbild besessen, von dem er sich auch ohne die Umstände
-einer Ehescheidung hätte trennen können. Bei der Feuerwehr bekleidete
-er ein hohes Amt und war ein Held ohne Gleichen in der Politik. Als er
-starb, ging eine laute Klage durch die ganze Stadt, aber ganz besonders
-wurde sein Tod in den untersten Schichten der Gesellschaft beweint.
-Die Totenschau ergab, daß Buck Fanshaw im Fieberwahn einer zehrenden
-Krankheit Arsenik genommen, sich dann in die Brust geschossen und
-die Kehle abgeschnitten hatte, worauf er vier Stock hoch aus dem
-Fenster gesprungen war und den Hals gebrochen hatte. Die Jury (d. h.
-die Behörde, welche die Totenschau vornimmt) ließ sich durch ihren
-Kummer die Klarheit des Urteils nicht trüben. Sie that nach längerer
-Verhandlung den Ausspruch, daß Fanshaws Tod durch eine ›Heimsuchung
-Gottes‹ verursacht worden sei.
-
-Für die Leichenfeier wurden die großartigsten Vorbereitungen getroffen.
-Alle Fuhrwerke im Ort waren bestellt, sämtliche Schankwirtschaften
-kleideten sich in Trauerflor, die Fahnen der Stadt und der Feuerwehr
-hingen auf Halbmast und die ganze Löschmannschaft zog in Uniform mit
-schwarzverhüllten Pumpen auf.
-
-Beiläufig muß ich noch bemerken, daß im Silberland jedes Volk der Erde
-durch irgend einen Abenteurer vertreten ist und jeder dieser Abenteurer
-das seinem Geburtsort eigentümliche Kauderwelsch mitgebracht hat.
-Es giebt daher keine reichere, kräftigere und abwechslungsvollere
-Ausdrucksweise in der ganzen Welt als die in Nevada herrschende
-Sprache. Selbst Prediger mußten sich entschließen, in diesem
-Kauderwelsch zur Gemeinde zu sprechen, wollten sie sich verständlich
-machen. Gewisse Redensarten waren fortwährend in aller Munde und
-flossen jedem ganz unbewußt über die Lippen, ohne daß sie irgendwelchen
-Sinn hatten oder den geringsten Bezug auf das Thema, das gerade
-besprochen wurde.
-
-Nachdem die Totenschau über Buck Fanshaw gehalten worden war, kam die
-trauernde Bürgerschaft zur Beratung zusammen; denn an der Küste des
-stillen Ozeans finden bei jeder Gelegenheit Versammlungen statt, um die
-Volksstimmung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Man faßte mancherlei
-Beschlüsse wegen der Bestattung und verschiedene Komitees wurden
-eingesetzt, unter anderem auch eines, das den Auftrag erhielt, die
-Leichenpredigt zu bestellen.
-
-[Illustration]
-
-Dies zu besorgen hatte Scotty Briggs übernommen, welcher denn auch
-rechtzeitig dem Geistlichen seinen Besuch machte. Letzterer, ein
-zarter, friedliebender junger Mann aus dem Osten, war eben erst auf
-einem theologischen Seminar flügge geworden und mit den Sitten und
-Gebräuchen der Bergwerksbevölkerung völlig unbekannt. Wenn er in
-spätern Jahren seine Unterredung mit Scotty, dem Komiteemitglied,
-schilderte, verlohnte es sich wohl der Mühe, zuzuhören.
-
-Scotty Briggs war ein kühner Raufbold, dessen Amtstracht bei
-feierlicher Gelegenheit -- wenn er z. B. wie jetzt im Namen des
-Komitees auftrat -- aus einem Feuerwehrhelm und einem scharlachroten
-Flanellhemde bestand; der Revolver hing ihm vom breiten Ledergürtel
-herab, den Rock trug er über dem Arm und seine Beinkleider steckten
-in hohen Stulpenstiefeln. Kein Wunder, daß er von dem blassen jungen
-Theologen gewaltig abstach. Scotty besaß übrigens, nebenbei gesagt, ein
-warmes Herz und große Anhänglichkeit an seine Freunde; auch fing er
-keine Händel an, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Meist stellte
-es sich bei Scottys Raufereien heraus, daß er ursprünglich gar nichts
-mit der Angelegenheit zu thun gehabt und sich nur aus angeborener
-Gutmütigkeit hineingemischt hatte, um dem Schwächeren beizustehen.
-Schon seit Jahren waren Buck Fanshaw und Scotty Busenfreunde und
-hatten einander getreulich geholfen in manchem Kampf und Abenteuer.
-Man erzählt zum Beispiel, daß sie eines Tages mehrere fremde Burschen
-im Handgemenge sahen, rasch die Röcke abwarfen und für den gerade
-unterliegenden Teil eintraten. Als sie sich nach schwer errungenem
-Sieg umsahen, was aus ihren Schützlingen geworden sei, waren diese
-längst über alle Berge und hatten die Röcke ihrer Beschützer zu eigenem
-Gebrauch mitgenommen.
-
-[Illustration]
-
-Doch kehren wir zu Scottys Besuch bei dem Prediger zurück. Er hatte
-eine Trauerbotschaft auszurichten und tiefer Gram sprach aus seinen
-Zügen. Ohne weiteres nahm er dem Geistlichen gegenüber Platz, stellte
-seinen Feuerwehrhelm dem Pfarrer dicht vor die Nase, gerade auf eine
-halbfertig geschriebene Predigt, wischte sich mit einem rotseidenen
-Sacktuch die Stirn ab und stieß einen schweren Seufzer aus, als
-passendste Einleitung für sein trübseliges Geschäft. Vor Rührung war
-ihm zuerst die Kehle wie zugeschnürt und seine Augen wurden feucht;
-doch bezwang er sich mannhaft und sagte mit wahrer Grabesstimme:
-
-»Sind Sie der Herr, der bei dem frommen Grubenbau hier nebenan zum
-Schichtmeister bestellt ist?«
-
-»Ob ich der -- entschuldigen Sie -- ich habe nicht recht verstanden --
-wie meinen Sie?«
-
-Scotty ließ ein schmerzliches Schluchzen vernehmen und einen noch
-tieferen Seufzer.
-
-»Sehen Sie,« sagte er, »wir sitzen in der Klemme und die Jungens
-glaubten, Sie könnten uns vielleicht heraushelfen, wenn wir Sie ins
-Schlepptau nehmen. Das heißt, im Fall ich hier an der rechten Schmiede
-bin und den Obermeister des Hallelujah-Fahrschachts hier nebenan vor
-mir habe.«
-
-»Ich bin der Hirte, dem die Sorge für die Schafe obliegt, deren Hürde
-hier in der Nachbarschaft steht.«
-
-»Wer, sagen Sie?«
-
-»Der geistliche Berater einer kleinen Schar von Gläubigen, deren
-Heiligtum dicht an mein Wohnhaus stößt.«
-
-Scotty kratzte sich hinter den Ohren, überlegte einen Augenblick und
-sagte dann:
-
-»Da sind Sie mir über. Die Karte kann ich nicht bekennen, Meister. Man
-muß den Eimer weitergeben.«
-
-»Wie meinen Sie? -- Verzeihung, aber ich weiß nicht recht --«
-
-»Mir scheint, wir sind beide noch nicht im richtigen Fahrwasser. Sie
-haben keine Witterung mit mir und ich habe keine Witterung mit Ihnen.
--- Die Sache ist nämlich so: Einer von uns Jungens kann nicht mehr
-im Geschirr gehen und wir möchten für ihn einen ordentlichen Kehraus
-haben; daher bin ich hier, um jemand aufzutreiben, der uns ein wenig
-Klingklang dazu macht, damit der Tag noch ein gutes Ende nimmt.«
-
-»Bester Freund, mir wird bei Ihren Worten immer verwirrter zu Sinn.
-Was Sie sagen, ist mir völlig unklar. Könnten Sie sich nicht etwas
-einfacher ausdrücken? Anfänglich glaubte ich schon zu verstehen,
-was Sie wünschen, aber jetzt tappe ich wieder im Dunkeln. Würde es
-nicht die Angelegenheit wesentlich beschleunigen, wenn Sie sich auf
-kategorische Angaben der Thatsachen beschränkten, ohne das Verständnis
-durch Anhäufung von Bildern und Allegorien zu erschweren?«
-
-Eine abermalige Pause und Ueberlegung. Dann bemerkte Scotty:
-
-»Ich kann wieder nicht bekennen -- ich passe.«
-
-»Wie?«
-
-»Sie haben mich übertrumpft, Meister.«
-
-»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«
-
-»Was Sie zuletzt ausgespielt haben, kann ich nicht stechen, kann auch
-nicht mit der Farbe bedienen.«
-
-Der Pfarrer lehnte sich verblüfft in seinen Stuhl zurück. Scotty
-stützte den Kopf auf und versank in tiefes Nachdenken. Bald blickte er
-jedoch wieder in die Höhe und sagte mit trübseliger Miene, aber doch
-voll Zuversicht:
-
-»Jetzt hab’ ich’s, so daß Sie’s schlucken können. Wir brauchen einen
-Predigtmacher -- einen Pfarrer.«
-
-»Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Ich bin der Geistliche
--- der Pfarrer.«
-
-»Bravo, das ist einmal ein Wort! Sie sehen, ich war zuerst gegen die
-Mauer gerannt und bin nun mit einem Satz hinüber. Schlagen Sie ein!«
-
-Er streckte seine nervige Faust aus, umschloß des Predigers kleine Hand
-und schüttelte sie in brüderlichem Mitgefühl und herzlichem Vertrauen.
-»Jetzt ist die Sache in Ordnung, Meister,« fuhr er fort; »fangen wir
-nun von Frischem an, und wenn ich dabei etwas greine, so achten Sie
-nicht weiter darauf, denn, wir sind eben in einer argen Klemme, weil
-einer von den Jungens plötzlich Schicht gemacht hat.«
-
-»Schicht gemacht?«
-
-»Ja, er hat den Eimer umgeworfen, wissen Sie.«
-
-»Ach, Sie meinen, er ist in jenes geheimnisvolle Land gefahren, von
-dessen Gestaden kein Wanderer jemals wiederkehrt?«
-
-»Nein, er kehrt nicht wieder. Die Rechnung stimmt. Er ist ja tot,
-Meister.«
-
-»Ja, ja, ich verstehe schon.«
-
-»Wirklich? Na, ich dachte doch, daß ich Sie irgendwie anhaken könnte.
-Es ist ganz richtig, er ist wieder tot --«
-
-»Wieder? Ist er denn schon früher einmal gestorben?«
-
-»Früher einmal? Bewahre! Glauben Sie denn, ein Mensch hat neun Leben
-wie eine Katze? Aber, was gilt die Wette -- jetzt ist er ganz und gar
-tot, der arme Junge; hätte ich nur den Tag nie erlebt. Einen bessern
-Freund wie Buck Fanshaw giebt es nicht auf der Welt. Ich kannte ihn
-durch und durch -- und wenn ich einen kenne und liebe, mit dem bin ich
-wie zusammengewachsen, das können Sie mir glauben. Solche Kernmenschen
-findet man nicht wieder, da kann man lange suchen. Keinen Freund hat
-Buck Fanshaw je im Stich gelassen. Aber nun ist das alles aus -- und
-vorbei. Er hat ihn doch untergekriegt.«
-
-»Wer denn?«
-
-»Nun, der Tod. -- Ja, ja, es hilft nichts, wir müssen ihn aufgeben.
-Eine arge Welt ist’s doch, in der wir leben, nicht wahr? Aber, Meister,
-das sag’ ich Ihnen, so einen Ringkämpfer wie den giebt’s nicht zum
-zweitenmal. Es war eine Lust ihm zuzusehen -- bloß seine Fäuste
-brauchte er und freien Spielraum, dann ging’s drauf und dran. Es war
-ein ganzer Teufelskerl. Ich sage Ihnen, er hielt sich dran, er blieb
-nichts schuldig.«
-
-»Wie meinen Sie?«
-
-»Nun, er zahlte heim beim Faustkampf, verstehen Sie -- wo’s gerade
-hinging: auf Schädel, Schultern, Brust! Heiliges Donnerwetter! --
-entschuldigen Sie dieses Wort, aber ich kann nicht alles so sanft und
-mild herausbringen. Und nun müssen wir ihn aufgeben, es hilft nichts,
-die Rechnung stimmt. Wenn Sie uns nun beistehen möchten bei der
-Verpflanzung --«
-
-»Ich soll die Leichenpredigt halten und der Begräbnisfeier beiwohnen?«
-
-»Begräbnisfeier -- ja, ja. Das ist’s, wo wir hinauswollen. Er war sein
-Lebtag nicht knickerig und bei seiner Bestattung soll nichts abgeknapst
-werden. Echt silberne Beschläge am Sarg und sechs Trauerfahnen über
-der Bahre; auf dem Bock ein Neger in feiner Wäsche und den Seidenhut
-auf dem Kopf -- es mag so hoch kommen wie es will. Für Sie, Meister,
-werden wir auch Sorge tragen, seien Sie nur ganz ruhig. Sie bekommen
-einen Wagen, und wenn Sie sonst noch was brauchen, nur heraus damit,
-es soll schon angeschafft werden. Im Trauerhause wird so ein Dingrich
-aufgerichtet, dahinter können Sie sich stellen. Seien Sie nur nicht
-bange, sondern blasen Sie in Ihr Horn und bringen Sie unsern Kameraden
-so glatt durch wie nur möglich. Wer ihn gekannt hat, wird Ihnen sagen,
-daß er der bravste Kerl in der ganzen Gegend war. Sie können das gar
-nicht stark genug betonen. Wenn Unrecht geschah, war er außer stande
-es mit anzusehen. Daß es hier in der Stadt so ruhig und friedlich
-zugeht, ist hauptsächlich sein Verdienst. Ich war selbst einmal dabei,
-wie er in einer einzigen Viertelstunde vier Schwindler durchgebläut
-hat. Wenn es galt, Ordnung zu stiften, sah er sich nicht lange um, wer
-wohl Hand anlegen könnte, sondern griff selbst zu. Mit den Katholiken
-wollte er nichts zu thun haben; sein Wahlspruch war: ›Irländer sind
-ausgeschlossen,‹ aber doch stand er für ihre Rechte ein, als einmal
-ein paar wüste Kerle sich Bauplätze auf dem katholischen Begräbnisort
-abstecken wollten. Die mußten gut Reißaus nehmen -- ich hab’s mit
-angesehen.«
-
-»Die Gesinnung war jedenfalls lobenswert, ob die That selbst, lasse ich
-dahingestellt. Hatte denn der Verstorbene religiöse Ueberzeugungen?
-Das heißt -- fühlte er seine Abhängigkeit von einer höheren Macht und
-unterwarf er sich ihren Fügungen?«
-
-Abermaliges Nachdenken.
-
-»Jetzt bin ich wieder wie vor den Kopf geschlagen, Meister. Könnten Sie
-das nicht noch einmal sagen -- so recht langsam?«
-
-»Ich meine nur -- um mich ganz klar auszudrücken -- hat er je in
-Verbindung mit irgend einer Gemeinschaft gestanden, die sich dem
-weltlichen Getriebe fernhielt, sich in Selbstverleugnung übte und im
-Gehorsam gegen das Sittengesetz?«
-
-»Das war ein Fehlschuß; thun Sie noch einmal Pulver auf die Pfanne.«
-
-»Was sagen Sie?«
-
-»Jedesmal, wenn Sie so loslegen, bleibe ich im Hintertreffen. Sie
-bekommen die beste Hand und ich habe kein Glück. Mischen wir lieber
-noch einmal von neuem.«
-
-»Was? Soll ich von vorn anfangen?«
-
-»Ja, das wäre mir gerade recht.«
-
-»Nun denn -- war er ein guter Mann und --«
-
-»Halt -- das leuchtet mir ein. Warten Sie erst einmal, ehe wir weiter
-gehen. Ein guter Mann -- das will ich meinen; der beste Mann von der
-Welt, Sie hätten ihn auch lieb haben müssen. Noch beim letzten Wahlgang
-hat er die Unruhen beschwichtigt, bevor sie recht zum Ausbruch kamen;
-außer ihm hätte das keiner gekonnt. Vierzehn Männer mußte man in den
-ersten fünf Minuten vom Platze tragen, so hat er’s ihnen eingetränkt.
-Er stimmte immer für den Frieden, jeder Aufruhr war ihm ein Greuel und
-sein Tod ist ein großer Verlust für die Stadt. Es würde die Jungens
-freuen, wenn Sie ihm die Gerechtigkeit erwiesen, das anzubringen.
-Schneller laufen konnte er, höher springen, derber treffen und
-flotter trinken, als irgend jemand auf hundert Meilen in der Runde.
-Das vergessen Sie nicht, Meister, die Jungens werden es Ihnen hoch
-anschlagen. Dann können Sie auch noch sagen, daß er seine Mutter nie
-geschüttelt hat.«
-
-»Warum sollte er denn das thun? das wäre ja entsetzlich.«
-
-»Das meine ich auch, aber es giebt doch Leute, die es thun.«
-
-»Aber doch niemand, der Ehre im Leibe hat!«
-
-»Doch -- welche, die sonst gar nicht so übel sind.«
-
-»Nach meiner Meinung sollte ein Mann, der die Hand gegen seine Mutter
-zu erheben wagt --«
-
-»Wo denken Sie hin, Meister -- da haben Sie ’mal gründlich
-fehlgeschossen. Was ich sagen will ist, daß er seine Mutter nicht
-abgeschüttelt hat, sie verstoßen, wissen Sie. Er hat ihr ein Haus zum
-wohnen gegeben und Ackerland und Geld die Fülle, hat für sie gesorgt
-und immer nach ihr gesehen. Und als sie die Blattern kriegte, hat er
-nachts bei ihr gesessen und sie gepflegt -- ich will verdammt sein,
-wenn’s nicht wahr ist. Bitte um Verzeihung -- das fuhr mir nur so
-heraus. Ich wollte Sie nicht kränken, Meister. Sie haben mich anständig
-behandelt; ich glaube, Sie sind weiß und rein und meinen es ehrlich.
-Ich habe Gefallen an Ihnen gefunden und jeden, der Sie nicht liebt,
-will ich durchbläuen, daß er das Aufstehen vergißt. Da, schlagen Sie
-ein!«
-
-Er schüttelte dem Pfarrer abermals herzlich die Hand und fort war er.
-
- * * * * *
-
-Das Leichenbegängnis fiel ganz so aus, wie die Jungens es sich
-wünschten. Eine solche Trauerfeier hatte Virginia noch nie erlebt. Alle
-Geschäfte waren geschlossen, die Blasinstrumente ließen Totenlieder
-erklingen, die Bahre war schwarz verhängt, die Fahnen auf Halbmast.
-Bei dem Trauergefolge sah man lange Züge von Militärpersonen,
-Feuerwehrleuten, Mitglieder geheimer Gesellschaften in Uniform,
-umflorte Feuerspritzen, Wagen mit Vertretern von Behörden, Bürger in
-allerlei Fuhrwerken und zu Fuß. Das großartige Gepränge zog Scharen von
-Zuschauern herbei, von denen die Straßen, Fenster und Dächer wimmelten.
-Noch lange Jahre nachher kannte man keinen andern Maßstab für die
-Pracht und Größe einer öffentlichen Schaustellung in Virginia, als den
-Vergleich mit Buck Fanshaws Begräbnis.
-
-Scotty Briggs ging als einer der Hauptleidtragenden hinter dem Sarge.
-Als die Leichenrede zu Ende war und das letzte Gebet für die Seele
-des Toten verhallt, sagte er mit leiser Stimme und tiefem Gefühl:
-»Amen. Irländer sind ausgeschlossen.« Dies war des Verstorbenen
-Lieblingsredensart gewesen und wahrscheinlich wiederholte sie Scotty in
-diesem Augenblick nur zum ehrenden Gedächtnis für seinen abgeschiedenen
-Freund.
-
-In späteren Jahren zeichnete sich Scotty Briggs dadurch aus, daß er
-der einzige unter den Raufbolden Virginias war, der sich für religiöse
-Belehrung zugänglich erwies. Der Mann, welcher sich aus eigenem
-Antrieb und angeborenem Edelmut stets der Sache der Schwächeren
-gegen ihre Feinde angenommen hatte, war gar kein ungeeignetes Glied
-für die Christengemeinde. Er fand als solches Gelegenheit, die
-Großmut und Unerschrockenheit seines Charakters auf einem weiteren,
-fruchtbringenden Felde zu bethätigen. Die Kinder, welche er in der
-Sonntagsschule unterrichtete, machten raschere Fortschritte als alle
-übrigen, was gar nicht zu verwundern war, denn er redete mit den
-kleinen Sprößlingen der Bergleute in einer Sprache, die sie verstanden.
-
-Noch einen Monat vor seinem Tode hatte ich das Glück, zu hören, wie er
-seiner Klasse die schöne Geschichte von Joseph und seinen Brüdern aus
-dem Kopf erzählte, ohne dabei ins Buch zu sehen. Ich überlasse es dem
-Leser, sich einen Begriff von dem Eindruck zu machen, den sie aus dem
-Munde des eifrigen Lehrers auf die kleinen Schüler hervorbrachte. Sie
-lauschten seinen Worten in atemloser Spannung und weder er noch sie
-schienen sich im geringsten bewußt, daß der biblischen Erzählung Gewalt
-angethan, ihre Heiligkeit entweiht, oder überhaupt ein Verstoß gegen
-die althergebrachte Sitte begangen werde.
-
-
-
-
-Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte.
-
-
-In den ersten sechsundzwanzig Gräbern des Kirchhofs von Virginia
-sind die Leichen von Ermordeten bestattet. Das sagte und glaubte man
-wenigstens allgemein. Das gewaltthätige Element herrscht in jedem neuen
-Bergwerksdistrikt vor; erst wenn einer ›seinen Mann getötet‹ hatte,
-wie die Redensart lautet, konnte er sich Achtung verschaffen. Mord und
-Totschlag waren daher an der Tagesordnung. Bei einem fremden Ankömmling
-fragte man nicht danach, ob er geschickt, ehrlich und arbeitsam sei,
-sondern, ob er schon ›seinen Mann getötet‹ habe. War dies nicht der
-Fall, so sank er zu der ihm gebührenden niedrigen Stellung herab, aus
-der er sich mit unbefleckten Händen nur mühsam emporarbeiten konnte.
-Ein Totschläger dagegen wurde, je nach der Zahl seiner Opfer, mit mehr
-oder weniger Herzlichkeit bewillkommnet und jeder beeilte sich, seine
-Bekanntschaft zu machen. Kein Wunder daher, daß so viele strebten,
-diesen Ruhm zu erwerben. Ich habe selbst zwei junge Leute gekannt, die
-nur zu diesem Zweck, ohne irgend welche Herausforderung, den Versuch
-machten, ›ihren Mann zu töten‹ und selbst dabei ums Leben kamen.
-
-Eine Zeitlang standen in Nevada der Anwalt, der Bankier, der
-Herausgeber der Zeitung, der stärkste Raufbold, der glücklichste
-Spieler und der Schenkwirt in gleichem Ansehen und nahmen die höchste
-gesellschaftliche Stellung ein. Wer ein einflußreiches Glied der
-Gemeinde werden wollte, für den gab es kein wohlfeileres und sichereres
-Mittel, als mit einer diamantenen Busennadel im Vorhemd hinter dem
-Schenktisch zu stehen und Whisky zu verkaufen. Der Schenkwirt besaß
-eine große Macht über die Gemüter; von ihm hing zumeist der Ausfall der
-Wahlen ab, und ohne seine Unterstützung und Leitung kam kein wichtiges
-Unternehmen zustande. Wenn der vornehmste Schenkwirt sich herabließ,
-ein obrigkeitliches Amt anzunehmen oder in den Gemeinderat zu treten,
-so galt das als eine große Gunst. Daher war denn auch meist der
-Ehrgeiz der Jugend nicht darauf gerichtet, einen hohen Posten bei der
-Verwaltung, in der Flotte oder im Heer zu bekleiden, sondern Besitzer
-einer Schenkwirtschaft zu werden.
-
-Zur höchsten Berühmtheit gelangte also, wer Schenkwirt war und ›seinen
-Mann getötet‹ hatte. Der Mörder entging meist der ihm gebührenden
-Strafe, wozu hauptsächlich die Bestimmung beitrug, daß ein Geschworener
-über den zu verhandelnden Fall in gänzlicher Unwissenheit sein muß,
-zuvor weder etwas davon gehört, noch gelesen, auch nicht öffentlich
-seine Meinung geäußert haben darf. In unserm Jahrhundert der Zeitungen
-und Telegraphen schloß man hierdurch von vornherein jeden gebildeten,
-rechtschaffenen und verständigen Mann von der Geschworenenbank aus und
-machte die Schwurgerichte oft zu einem traurigen Possenspiel.
-
-Mir ist ein derartiges Beispiel erinnerlich: Herr B., ein wackerer
-Bürger, war von einem bekannten Raufbold in übermütiger Laune kalten
-Blutes umgebracht worden. Natürlich waren alle Tagesblätter voll
-davon, wer lesen konnte, las die Berichte, wer nicht taub, stumm oder
-blödsinnig war, sprach darüber. Als es zur Wahl der Geschworenen kam,
-verwarf man alle tüchtigen, klugen und redlichen Männer; ein sehr
-angesehener Bankier, ein allgemein beliebter Prediger, ein Kaufmann
-von anerkannt rechtschaffenem Charakter, der hochachtbare Besitzer
-einer Quarzgrube, ein Bergwerksdirektor, der den besten Ruf genoß --
-sie alle wurden von der Liste gestrichen. Jeder einzelne von ihnen
-versicherte zwar, daß die umlaufenden Gerüchte und Zeitungsartikel
-sein Urteil nicht dergestalt beeinflußt hätten, daß er außer stande
-sei, sich auf Grund der Thatsachen und beschworenen Zeugenaussagen
-eine eigene Ueberzeugung zu bilden, aber das blieb unberücksichtigt.
-Die Männer waren sämtlich untauglich, da nur völlige Unwissenheit den
-Geschworenen befähigte, einen gerechten Wahrspruch zu fällen.
-
-[Illustration]
-
-Nachdem alle zuerst einberufenen verworfen waren, wählte man zwölf
-Ersatzmänner, welche beschworen, daß sie von dem Mord, den sich die
-Indianer der Steppe erzählten und die Steine auf der Gasse zuraunten,
-weder etwas gehört, noch gelesen, auch nicht darüber gesprochen und
-ihre Ansicht geäußert hätten. Diese Jury bestand aus zwei Raufbolden,
-zwei gemeinen Bierbrüdern, drei Schenkwirten, zwei Rancheros, die nicht
-lesen konnten, und drei Eseln in Menschengestalt, denen die einfachsten
-Begriffe abgingen. Natürlich verneinten sie die Schuldfrage, das ließ
-sich nicht anders erwarten.
-
-[Illustration]
-
-Wenn man Nevada in seiner ›flotten Zeit‹ schildern und dabei Mord
-und Totschlag unerwähnt lassen wollte, so könnte man ebenso gut bei
-einem Bericht über das Mormonentum die Vielweiberei mit Stillschweigen
-übergehen. Gewaltthätigkeiten waren etwas Alltägliches; der Raufbold
-stolzierte mit prahlerischer Großthuerei durch die Straßen und wenn er
-einem seiner bescheidenen Bewunderer vertraulich zunickte, so beglückte
-diesen der Gruß des berühmten Mannes für den Rest des Tages. In seinem
-langschößigen Ueberrock, der bis auf die glänzenden Stulpenstiefel
-herabhing, den Schlapphut auf dem linken Ohr, kam er den Bürgersteig
-dahergegangen und die kleinen Straßenlümmel machten Seiner Majestät
-ehrerbietigst Platz. Trat er in eine Trinkstube, so ließ der Kellner
-die Beamten und Kaufleute warten, um sich ihm dienstfertig zu erweisen.
-Wer bei dem Gedränge am Schenktisch Ellenbogenstöße von ihm erhielt,
-sah sich wohl zornig um, bat aber um Entschuldigung, sobald er ihn
-erkannt hatte. Zum Dank dafür ward ihm dann ein Blick zu teil, bei
-dem ihm das Blut in den Adern erstarrte. Der Schenkwirt aber eilte
-strahlenden Angesichts herbei, um den hohen Gast zu befriedigen, auf
-dessen Kundschaft er stolz war.
-
-Die Namen dieser langschößigen Revolverhelden waren die berühmtesten im
-ganzen Territorium; Redner, Präsidenten, Kapitalisten und Gesetzgeber
-genossen, im Vergleich mit ihnen, nur ein mäßiges Ansehen. Leute,
-wie Sam Brown, Jack Williams, Billy Mulligan, Pächter Bease, den
-pockennarbigen Jack, den sechsfingerigen Peter u. a. m., kannte man
-weit und breit; ich könnte eine lange Liste aufzählen. Es waren
-furchtbare, übermütige Gesellen, die tollkühn jeder Gefahr trotzten.
-
-Um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich noch erwähnen,
-daß sie sich meist unter einander rauften und totschlugen, die
-friedlichen Bürger aber nur selten belästigten. Einem Menschen das
-Leben zu nehmen, der nicht zum ›Schützenwild‹ gehörte, wie sie es
-nannten, und dessen Tod keine neue Perle in ihrem Ruhmeskranz bedeutet
-hätte, galt für unter ihrer Würde. Sie brachten sich gegenseitig bei
-dem geringfügigsten Anlaß um und jeder von ihnen hoffte und wartete
-auch seinerseits auf ein gewaltsames Ende, da es fast für eine Schande
-galt, anders als ›in den Stiefeln‹ zu sterben.
-
-Daß ein Raufbold es als zu leichte Beute verschmähte, einer
-Privatperson den Garaus zu machen, davon habe ich selbst ein Beispiel
-erlebt. Ich saß einmal spät beim Abendessen in einem Speisehaus mit
-zwei Berichterstattern und einem kleinen Buchdrucker, den ich Brown
-nennen will -- der Name thut nichts zur Sache. Bald darauf trat ein
-langschößiger Fremder ein und nahm Platz, ohne Browns Hut zu bemerken,
-der auf dem Stuhle lag. Als der Kleine sofort aufsprang und zu
-schimpfen begann, lächelte der Fremde nur spöttisch, glättete den Hut
-wieder und erging sich in wortreichen Entschuldigungen, indem er Brown
-mit beißendem Hohn beschwor, ihm nicht das Lebenslicht auszublasen.
-Dieser entledigte sich auf der Stelle seines Rockes und forderte den
-Gegner zum Kampf heraus, er drohte ihm, überhäufte ihn mit Schmähungen,
-äußerte Zweifel an seinem Mut, ja, endlich flehte er ihn sogar an,
-sich mit ihm zu schlagen. Noch immer spöttisch lächelnd, bat uns der
-Fremde zuerst, in scheinbarer Angst, um unsern Schutz; dann sagte er,
-plötzlich ernst werdend:
-
-»Nun, wenn Sie denn durchaus darauf bestehen, so wollen wir meinetwegen
-kämpfen. Aber, ich bitte Sie, meine Herren, stürzen Sie sich nicht
-blindlings in die Gefahr, um hernach zu klagen, daß ich Sie nicht
-gewarnt hätte. Ich kann es mit Ihnen allen zusammen aufnehmen, wenn
-ich erst einmal loslege. Das will ich Ihnen beweisen, und beharrt mein
-Freund hier dann noch auf seinem Willen, so soll er ihn haben.«
-
-Der Tisch, an welchem wir saßen, war fünf Fuß lang und ungewöhnlich
-plump und schwer. Der Fremde sagte, wir möchten das Geschirr einen
-Augenblick festhalten -- in einer der Schüsseln lag ein großer Braten.
-Dann setzte er sich an ein Ende des Tisches, hob es in die Höhe,
-stellte zwei von den Beinen auf seine Knie, nahm die Tischplatte
-zwischen die Zähne, und brachte so, ohne die Hände zu gebrauchen, den
-Tisch mit sämtlichem Gerät darauf in eine wagerechte Linie. Nach dieser
-Kraftprobe teilte er uns ferner mit, er könne ein Faß voll Nägel mit
-den Zähnen aufheben, auch biß er aus einem gewöhnlichen Trinkglas ein
-halbkreisförmiges Stück heraus. Dann zeigte er uns noch auf seiner
-nackten Brust ein ganzes Netzwerk vernarbter Stich- und Schußwunden
-und eine gleiche Menge auf seinen Armen und im Gesicht, wobei er uns
-versicherte, er habe so viele Kugeln im Leibe, daß man eine ganze
-Kanone daraus gießen könne. Schließlich nannte er uns seinen Namen,
-bei dessen gefürchtetem Klang uns angst und bange wurde; ich getraue
-mich nicht, ihn zu veröffentlichen, denn der Mann könnte kommen und
-mich in Stücke hauen. Als er zuletzt Brown fragte, ob ihn noch immer
-nach seinem Blute gelüste, überlegte dieser sich die Sache einen
-Augenblick und dann bat er ihn -- mit uns zu Nacht zu speisen.
-
-
-
-
-Der große Zeitungsroman.
-
-
-Als es in unserer ›flotten Zeit‹ am herrlichsten zuging, stand auch
-das Laster im vollsten Flor. Die Branntweinschenken waren überfüllt,
-desgleichen die Polizeiämter, die Spielhöllen, die Freudenhäuser und
-die Gefängnisse -- ein sicheres Zeichen höchsten Gedeihens in einer
-Bergwerksgegend -- vielleicht auch an andern Orten -- denn es beweist,
-daß der Handel nicht stockt und nirgends Mangel an Geld ist. Nun fehlte
-zum Höhepunkt unseres Glanzes nur noch _ein_ Ereignis, das gewöhnlich
-zuletzt kommt, dann aber auch die Herrschaft der flotten Zeit außer
-aller Frage stellt, nämlich das Erscheinen eines Unterhaltungsblattes.
-Die neu gegründete ›Wochenschrift des Westens‹ beschäftigte sämtliche
-litterarisch begabte Persönlichkeiten Virginias als Mitarbeiter und
-Herr F., ein echter Held der Feder, war der Herausgeber.
-
-Wir erwarteten große Dinge von unserer Wochenschrift, aber natürlich
-mußten wir, um sie in Fluß zu bringen, vor allem einen Originalroman
-haben, zu dessen Abfassung denn auch sofort die besten Kräfte der
-Gesellschaft aufgeboten wurden. Frau F., eine begabte Schriftstellerin
-aus der ›Schule der Ueberschwenglichen‹, die sich für Tugend und
-erhabene Gefühle begeistern, schrieb das erste Kapitel. Sie ließ darin
-eine reizende blonde Unschuld auftreten, die das Menschenmögliche
-an Vollkommenheit leistete und nur für Blumen und Verse schwärmte.
-Auch ein junger, französischer Herzog ward den Lesern vorgestellt,
-ein Muster der feinsten Bildung, der dem blonden Fräulein sein
-Herz geschenkt hatte. In der folgenden Woche führte Herr F. einen
-redegewandten Rechtsgelehrten ein, welcher trachtete, des Herzogs Güter
-und Geschäfte in Verwirrung zu bringen, ferner eine geistvolle junge
-Dame aus der höchsten Gesellschaft, die den Herzog zu fesseln suchte
-und der blonden Unschuld die Eßlust benahm.
-
-Der Verfasser des dritten Kapitels war Herr D., der düsterblickende,
-blutdürstige Redakteur für Tagesneuigkeiten; er brachte einen
-geheimnisvollen Rosenkreuzer zum Vorschein, der die Geldmacherei
-betrieb, um Mitternacht in einer Höhle Beratungen mit dem Teufel
-pflog und den Helden und Heldinnen das Horoskop stellte. Dabei sagte
-er Verwickelungen und Unglücksfälle in Menge für die Zukunft voraus,
-was die Gemüter in eine schauerliche Spannung versetzte. Auch einen
-maskierten, melodramatischen Bösewicht ließ er auftreten, der um
-blutigen Sold, in seinen Mantel gehüllt, dem Herzog bei nächtlichem
-Dunkel mit einem vergifteten Dolch auflauern sollte; ferner einen
-Irländer, der als Kutscher im Dienst bei der vornehmen Dame stand,
-nur im Dialekt sprach und als Ueberbringer von Liebesbriefchen an den
-Herzog verwendet wurde.
-
-Nun traf um diese Zeit ein Fremder in Virginia ein, welcher
-litterarische Neigungen und ausschweifende Sitten hatte; er sah etwas
-schäbig aus, schien aber sehr still und anspruchslos. Sein Wesen war
-so sanft und freundlich und sein Benehmen -- mochte er betrunken sein
-oder nüchtern -- so angenehm und rücksichtsvoll, daß, wer mit ihm in
-Berührung kam, ihm wohlgesinnt sein mußte. Da er um litterarische
-Arbeit bat und hinlängliche Beweise beibrachte, daß er eine leichte
-und wohlgeübte Feder führte, beauftragte ihn Herr F., uns bei der
-Abfassung des Romans zu helfen. Er sollte das nächste Kapitel
-schreiben und dann kam meines an die Reihe.
-
-Kaum war dies beschlossen, so hatte der Unglücksmensch nichts
-Eiligeres zu thun, als sich zu betrinken, in sein Quartier zu gehen
-und sich an die Arbeit zu machen, während in seinem Hirn noch der
-wüsteste Wirrwarr herrschte. Die Folgen kann man sich denken. Er
-überflog die Kapitel seiner Vorgänger, fand genug handelnde Personen
-darin, die ihm gefielen, und beschloß, keine neuen mehr auftreten
-zu lassen. Mit der heitern Zuversicht, welche der Branntwein seinen
-Jüngern verleiht, begann er dann in glücklichem Selbstvertrauen sein
-Werk. Er verheiratete den Kutscher mit der Dame aus der höchsten
-Gesellschaft, um Skandal zu erregen; dem Herzog gab er die Stiefmutter
-der blonden Unschuld zur Gattin, das sollte Aufsehen machen; dem
-Bösewicht verweigerte er den bedungenen Lohn; zwischen dem Teufel und
-dem Rosenkreuzer schuf er ein Mißverständnis und spielte des Herzogs
-Güter dem schlauen Advokaten in die Hände. Letzterer mußte sich dann
-aus Gewissensbissen dem Trunke ergeben, in Delirium Tremens verfallen
-und sich das Leben nehmen; hierauf brach der Kutscher den Hals, seine
-Witwe versank in Armut, Kummer und Not und bekam die Schwindsucht;
-die Blondine ertränkte sich und ließ mit ihren Kleidern am Ufer einen
-Zettel zurück, worin sie dem Herzog verzieh und die Hoffnung aussprach,
-er möchte glücklich sein. Der Herzog erkennt nun an dem herkömmlichen
-Muttermal in Form einer Erdbeere, daß er seine tot geglaubte Mutter
-geehelicht und seine längst verlorene Schwester in den Tod getrieben
-hat. Herzog und Herzogin nehmen sich darauf selbst das Leben, um der
-poetischen Gerechtigkeit Genüge zu thun; die Erde öffnet sich und
-verschlingt den Rosenkreuzer unter Donner, Blitz und Schwefelgeruch.
-Schließlich endigt der Verfasser mit dem Versprechen, daß er im
-nächsten Kapitel eine allgemeine Leichenschau halten, die noch
-überlebenden Charaktere einer Musterung unterziehen und dem geneigten
-Leser mitteilen werde, was aus dem Teufel geworden sei.
-
-[Illustration]
-
-Das alles las sich merkwürdig glatt und war mit solcher Ernsthaftigkeit
-geschrieben, daß es einem fast den Atem benahm. Die Mitarbeiter an
-dem Roman gerieten jedoch darüber in die höchste Wut und es entstand
-ein unbeschreiblicher Aufruhr. Als der Strom von Schmähungen über den
-sanften Fremdling hereinbrach, welcher noch halb im Rausch war, blickte
-er seine Widersacher der Reihe nach schüchtern und verwirrt an, ohne
-begreifen zu können, was er eigentlich verbrochen habe. Endlich trat
-nach dem Sturm eine Windstille ein und er konnte zu Worte kommen. In
-leise flehendem Ton sagte er, was er geschrieben, sei ihm nicht mehr
-recht erinnerlich, doch habe er sich gewiß alle Mühe gegeben, um den
-Roman nicht nur spannend und unterhaltend, sondern auch glaubwürdig,
-belehrend und -- man ließ ihn nicht ausreden; von allen Seiten ward
-er belagert und angefallen, mit Vorwürfen überhäuft und wegen seiner
-Behauptungen ins Lächerliche gezogen und zu nichte gemacht. Bei jedem
-Versuch, seine Widersacher zu besänftigen, goß der Fremde nur Oel ins
-Feuer; erst als er vorschlug, das Kapitel noch einmal zu schreiben,
-stellte man die Feindseligkeiten ein, die Entrüstung legte sich, es
-wurde Friede geschlossen und der Besiegte trat den Rückzug nach seiner
-eigenen Festung an.
-
-Allein, ehe er dorthin gelangte, unterlag er der Versuchung aufs neue,
-er betrank sich abermals und seine Phantasie verlor Zaum und Zügel.
-Nun warf er seine Helden und Heldinnen noch wilder durcheinander als
-das erstemal, aber auch dieses Machwerk trug wieder den Stempel der
-ehrlichsten Gesinnung und größten Zuverlässigkeit. Alle handelnden
-Personen gerieten in die ungewöhnlichste Lage und mußten ganz
-erstaunliche Dinge sagen und thun. Was der Verfasser alles vorbrachte,
-läßt sich nicht beschreiben, die Abgeschmacktheit war bis auf die
-Spitze getrieben und der Blödsinn in ein System gebracht. Auch
-erklärende Randbemerkungen waren beigefügt, die dem Text an Seltsamkeit
-nichts nachgaben.
-
-Als Beispiel des Ganzen will ich nur eine Episode mitteilen, die mir
-erinnerlich ist: Der Anwalt hatte seinen Charakter verändert, er war
-ein hochherziger, prächtiger Mensch geworden, der Ruhm und Geld besaß
-und dreiunddreißig Jahre zählte. Die blonde Unschuld entdeckte mit
-Hilfe des Rosenkreuzers, daß der Herzog sie nur um ihres Reichtums
-willen zu besitzen trachte, eigentlich aber der Dame aus der höchsten
-Gesellschaft zugethan sei. Bis ins Innerste verwundet, riß sie die
-Liebe zu ihm aus ihrem Herzen und goß die ganze Fülle derselben über
-den Anwalt aus, bei welchem sie ebenso feurige Erwiderung fand.
-Allein die Eltern erhoben Einspruch; sie wollten einen Herzog zum
-Schwiegersohn und waren nicht davon abzubringen, wiewohl sie zugaben,
-daß ihnen nächst dem Herzog der Anwalt am liebsten sei. Da nun aber die
-Blondine zu kränkeln begann, erschraken die Eltern und beschworen sie,
-doch den Herzog zu heiraten; alles Zureden war aber umsonst, sie fuhr
-fort dahinzuwelken. Unter den Umständen hielten die Eltern es für das
-beste ihr zu sagen, daß, wenn sie nach Jahresfrist noch dabei beharre,
-den Herzog zu verschmähen, so solle sie mit ihrer Einwilligung des
-Anwalts Gattin werden. Bei dieser Aussicht färbten sich des Mädchens
-Wangen wieder und mit der Hoffnung kehrte auch die Gesundheit zurück.
-Das hatte man erwartet und schritt nun rasch zur Ausführung eines
-bereits gefaßten Planes. Der Hausarzt mußte der Blondine zur völligen
-Wiedergenesung eine weite Reise zu Wasser und Land verschreiben, an
-welcher der Herzog teilnehmen sollte. Die Eltern rechneten darauf, daß
-des Herzogs stete Gegenwart und des Anwalts Abwesenheit alles zum guten
-Ende führen werde; denn den Anwalt hatten sie nicht eingeladen.
-
-Sie schifften sich auf einem Dampfer nach Amerika ein; als aber am
-dritten Tage die Seekrankheit nachließ und sie zum erstenmal bei der
-Mittagstafel erschienen, da fanden sie zu ihrem Schrecken den Anwalt
-gemütlich bei Tische sitzen. Das war eine große Verlegenheit, allein
-der Herzog und seine Reisegesellschaft setzten sich darüber hinweg so
-gut sie konnten und die Fahrt ging weiter. Etwa zweihundert Meilen von
-der amerikanischen Küste geriet das Schiff jedoch in Brand; Takelwerk
-und Masten wurden von den Flammen verzehrt und von der Mannschaft
-und den Passagieren blieben nur dreißig am Leben, darunter unsere
-Freunde. Sie trieben einen halben Tag und die ganze Nacht umher, bis
-am Morgen zwei Walfischfahrer erschienen und Boote aussetzten. Das
-Wetter war stürmisch und die Einschiffung verursachte große Verwirrung
-und Aufregung. Der Anwalt that seine Pflicht mit Mannesmut, er half
-der fast ohnmächtigen Blondine, ihren Eltern und andern seiner
-Leidensgefährten in das Boot (der Herzog stieg allein hinunter). In
-diesem Augenblick fiel am andern Ende des Wracks ein Kind ins Wasser,
-der Anwalt vernahm das Wehgeschrei der Mutter, eilte zu Hilfe und zog
-im Verein mit andern Rettern das Kind aus den Fluten. Dann lief er
-zurück, aber es war zu spät -- das Boot mit der Blondine war schon
-abgestoßen. Der Anwalt mußte das zweite Boot besteigen und wurde von
-dem andern Schiff aufgenommen. Die Wut des Sturmes wuchs, er trieb die
-Schiffe ins Weite und bald verloren sie einander aus dem Gesicht. Als
-sich drei Tage später der Wind legte, befand sich das Schiff mit der
-Blondine siebenhundert Meilen nördlich von Boston und das andere Schiff
-etwa siebenhundert Meilen südlich von diesem Hafen. Der Kapitän der
-Blondine ging im Norden des Atlantischen Ozeans auf den Walfischfang
-und der Kapitän des Anwalts hatte Befehl, im Norden des Stillen Ozeans
-zu kreuzen.
-
-Fast ein Jahr war vergangen; das eine Schiff befand sich an der
-Grönländischen Küste, das andere in der Behringsstraße. Der Blondine
-hatte man eingeredet, daß der Anwalt über Bord gespült worden sei, als
-er gerade ins Boot steigen wollte. Allmählich begann sie den Bitten
-des Herzogs und ihrer Eltern Gehör zu geben und sich mit dem Gedanken
-an die verhaßte Heirat vertraut zu machen. Doch beharrte sie fest
-darauf, daß die einmal bestimmte Frist eingehalten werde. Der Zeitpunkt
-rückte immer näher und schon begann man an Bord Vorbereitungen zu der
-Hochzeit zu treffen, die mitten unter Eisbergen und Walrossen gefeiert
-werden sollte. Nur noch fünf Tage, dann war alles vorüber. Die Blondine
-bedachte das mit Seufzen und Weinen. O, wenn der Geliebte ihres Herzens
-noch lebte, warum eilte er nicht zu ihrer Rettung herbei? --
-
-Ach, er vermochte es nicht, denn er war in diesem Augenblick in der
-Behringsstraße. Fünftausend Meilen betrug ihre Entfernung von einander
-quer durch das nördliche Eismeer gemessen und zwanzigtausend Meilen um
-das Kap Horn herum. Da des Anwalts sämtliche Habe in dem andern Boot
-geblieben war, hatte er Schiffsdienste thun müssen, um seinen Unterhalt
-zu verdienen, und war gerade beschäftigt, einen Walfisch anzuspießen.
-Er schleuderte die Harpune mit aller Kraft, verfehlte jedoch sein
-Ziel, glitt aus und fiel dem Walfisch in den offenen Schlund. Fünf
-Tage blieb er besinnungslos in des Walfischs Bauch; als er wieder zu
-sich kam, sah er das Tageslicht durch ein Loch hereinströmen, welches
-sich im Rücken des Fisches befand. Die Mannschaft vom Schiff der
-Blondine hatte den Walfisch erlegt; der Anwalt kletterte heraus und
-überraschte die Matrosen, als sie gerade den Speck des getöteten Tieres
-am Schiffsrand hinaufwanden. Er fragte nach dem Namen des Schiffes,
-eilte an Bord, traf die Hochzeitsgesellschaft am Traualtar und rief mit
-Donnerstimme: »Halt, nicht weiter -- hier bin ich! Komm in meine Arme,
-Geliebte!« --
-
-In den Anmerkungen, welche dieser erstaunlichen litterarischen Leistung
-beigefügt waren, suchte der Verfasser zu beweisen, daß der Vorgang
-keineswegs außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liege. Zum Beweis,
-daß ein Walfisch imstande sei, in fünf Tagen von der Behringsstraße
-nach der Küste von Grönland zu schwimmen, führte er einen ähnlichen
-Vorgang aus einem Buch von Charles Reade an, und dafür, daß ein Mensch
-im Bauche eines Walfischs leben könne, lieferte ihm das Abenteuer des
-Propheten Jonas ein allbekanntes Beispiel. Habe ein Prophet es drei
-Tage darin ausgehalten, so würde ein Anwalt es sicherlich fünf Tage
-ertragen, ohne Schaden zu nehmen.
-
-Der Sturm, der sich nun im Redaktionszimmer erhob, tobte wilder als
-zuvor; man warf dem Fremden sein Manuskript an den Kopf und jagte ihn
-mit Schimpf und Schande davon. Inzwischen waren die Angelegenheiten
-durch seine Schuld so sehr verzögert worden, daß keine Zeit mehr blieb,
-ein neues Kapitel zu schreiben und so kam das Blatt diese Woche ohne
-Roman heraus. Der Umstand erschütterte das Vertrauen des Publikums
-in die ›Wochenschrift des Westens‹ vermutlich so sehr, daß sie ihr
-gequältes Dasein nur noch mühsam weiter fristete und bevor die nächste
-Nummer die Presse verließ, eines stillen und friedlichen Todes starb.
-
-Mit Hilfe eines ansprechenden Titels hoffte man noch mit dem Blatt
-einen Wiederbelebungsversuch anstellen zu können. Herr F. schlug vor,
-es den ›Phönix‹ zu nennen, um anzudeuten, daß es aus der Asche in
-ungeahntem Glanze erstehen werde; statt dessen wählte man jedoch auf
-Anraten eines schlauen Kopfes den Namen ›Lazarus‹. Da nun aber die
-Leser in der biblischen Geschichte wenig bewandert waren und den vom
-Tode erweckten Lazarus mit dem elenden, kranken Bettler verwechselten,
-der vor des Reichen Thüre lag, wurde der Name zum Gespött in der ganzen
-Stadt und das brach dem Unternehmen vollends den Hals.
-
-
-
-
-Belehrendes.
-
-
-Ich erlaube mir, den geneigten Leser im voraus zu benachrichtigen,
-daß ich in diesem Kapitel einige statistische Bemerkungen zu machen
-gedenke, damit er es überschlagen kann, wenn er will.
-
-Im Jahre 1863, zur Zeit unseres höchsten Glanzes, glich Virginia einem
-wahren Bienenstock, so schwärmte es darin von Menschen und Wagen,
-doch ließ sich das von ferne schwer erkennen, da die Stadt im Sommer
-meist in eine dichte Wolke Alkalistaub eingehüllt war. Fuhr man zehn
-Meilen weit in diesem Staub dahin, so wurden Pferde und Menschen
-mit einer eintönig blaßgelben Kruste überzogen und im Wagen lag der
-Staub mindestens drei Zoll hoch, da ihn die Räder aufwühlten und
-hineinwarfen. Dabei ist dieser Alkalistaub so fein, daß er sogar in das
-luftdicht verschlossene Glasgehäuse eindringt, in welchem der Wardein
-seine äußerst empfindlichen Probierwagen aufbewahrt, deren Genauigkeit
-dadurch beeinträchtigt wird.
-
-Es war damals die Zeit der gewagtesten Spekulationen, doch wurden
-auch solide Geschäfte in Menge abgeschlossen und es herrschte der
-großartigste Handelsverkehr. Von Kalifornien aus schaffte man
-alle Frachtgüter in ungeheuren Wagen über das Gebirge, denen oft
-eine so lange Reihe von Maultieren zum Vorspann diente, daß es
-ganz den Anschein hatte, als reiche der große Wagenzug, wie eine
-endlose Prozession, von Virginia nach Kalifornien hinüber. An dem
-aufgewirbelten Staub, der sich gleich einer ungeheuren Schlange durch
-die Wüstengegend wälzte, ließ sich die Richtung der Handelsstraße in
-dem Territorium leicht erkennen.
-
-Die Lasten wurden die ganze Strecke von hundertfünfzig Meilen auf
-Transportwagen für den Preis von 100 bis 200 Dollars das Tonnengewicht
-(2000 Pfd.) nach dem Ort ihrer Bestimmung befördert. Eine einzige Firma
-in Virginia erhielt monatlich 100 Tonnen Fracht und bezahlte dafür
-10,000 Dollars. Im Winter stiegen die Preise noch bedeutend. Alles
-Edelmetall wurde in Barren mit der Post nach San Francisco geschafft.
-Ein solcher Barren war meist doppelt so groß wie eine Mulde, wie sie
-beim Bleiguß benützt wird, und zwischen 1500 und 3000 Dollars wert,
-je nach der Menge Goldes, die sich im Silber vorfand. Bei größeren
-Sendungen belief sich der Frachtsatz auf Fünfviertel Dollars für
-hundert Dollars des wirklichen Metallwerts, bei kleineren auf zwei
-Dollars. Die Fracht für einen Barren betrug daher im Durchschnitt etwas
-über 25 Dollars. Es gingen täglich drei Posten hin und her und ich
-habe oft gesehen, daß die nach Kalifornien bestimmten Postwagen eine
-Drittel-Tonne in Silberbarren mitnahmen; manchmal teilten die drei
-Wagen sogar eine Last von zwei Tonnen unter sich, doch waren das nur
-Ausnahmefälle. Zwei Tonnen Rohsilber machten etwa 40 Barren aus, deren
-Fracht über 1000 Dollars kostete. Außerdem wurde mit jeder Postkutsche
-noch viel gewöhnliche Fracht befördert und zwischen fünfzehn bis
-zwanzig Passagiere, welche ein Personengeld von 25 und 30 Dollars
-bezahlten.
-
-Die Firma Wells, Fargo und Co., in deren Händen der Postverkehr
-mit Virginia City lag, hatte demnach einen sehr bedeutenden und
-einträglichen Geschäftsbetrieb. In anderthalb Jahren wurden, wie mir
-der langjährige Agent der Firma, Valentin, mitteilte, Silberbarren im
-Wert von 5,330,000 Dollars befördert.
-
-Von Virginia und Gold Hill aus erstreckt sich in einer Länge von
-mehreren Meilen die große Combstock-Mine, eine Metallader von fünfzig
-bis achtzig Fuß Dicke, welche in Felswände eingeschlossen ist. Die
-Ader ist so breit wie manche Straße von New York. Will man sich einen
-Begriff davon machen, was das heißt, so braucht man nur zu bedenken,
-daß in Pennsylvanien ein acht Fuß breites Kohlenlager schon für
-bedeutend gilt.
-
-Außer dem Virginia über der Erde, einer geschäftigen Stadt mit vielen
-Straßen und Häusern, gab es demnach noch eine andere, unterirdische
-Stadt, in der eine zahlreiche Bevölkerung aus und ein ging. Hunderte
-von Menschen sah man sich dort durch die verworrenen Labyrinthe der
-Tunnels und Stollen drängen und beim Schein der unruhig flackernden
-Grubenlichter hierhin und dorthin huschen. Über ihren Häuptern
-erhoben sich die ungeheuren Balkengerüste, welche die Mauern des
-ausgehöhlten Combstocks auseinander hielten; die einzelnen Stützen
-hatten Manneslänge und die Grubenzimmerung ging zu so beträchtlicher
-Höhe hinauf, daß von unten kein menschliches Auge so weit zu dringen
-vermochte und sich ihr Ende im Dunkel verlor; sie war zwei Meilen lang,
-sechzig Fuß breit und höher als der höchste Kirchturm in Amerika.
-Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, was es gekostet
-haben muß, diesen Wald von Bauholz in den Tannenforsten jenseits des
-Washoe-Sees zu fällen, um ihn für unsinnige Frachtsätze bis nach dem
-Mount Davidson zu schaffen, auf dessen Höhe sich Virginia City erhebt,
-das Holz dann zuzuhauen, in den Grubenschacht hinabzulassen und dort
-zurecht zu zimmern. Wenn zwanzig reiche Kapitalisten ihr Gesamtvermögen
-zusammenthäten, so würde das kaum ausreichen, um die Zimmerung zu
-bezahlen, welche zu einer einzigen dieser großen Silberminen gehört.
-Ein spanisches Sprichwort sagt, man brauche eine Goldgrube zum Betrieb
-einer Silbergrube und das ist nur zu wahr. Wer nichts besitzt als ein
-Silberbergwerk, weder Mittel hat es auszubeuten noch Gelegenheit zum
-Verkauf, der ist der ärmste Bettler von der Welt.
-
-Ich habe von dem unterirdischen Virginia als von einer Stadt
-gesprochen. Um eine Vorstellung davon zu geben, führe ich nur an, daß
-die Gould- und Curry-Grube, welche nur _eine_ von vielen anderen ist,
-Stollen und Tunnels in der Länge von fünf Meilen hatte und 500 Arbeiter
-beschäftigte. Alles in allem aber betrug die Länge der Straßen jener
-unterirdischen Stadt einige dreißig Meilen und ihre Bevölkerung 5--6000
-Arbeiter. Manche derselben sind in einer Tiefe von 12--1600 Fuß unter
-den Häusern von Virginia und Gold Hill im Innern der Erde beschäftigt
-und man bedient sich des elektrischen Stroms, um die Signalglocken
-anzuschlagen, durch welche der Grubendirektor ihnen Anweisung bei der
-Arbeit erteilt. Stürzt einmal ein Bergmann in einen 1000 Fuß tiefen
-Schacht hinab, wie das dort zuweilen vorkommt, so begnügt man sich bei
-solchem Fall gewöhnlich damit, die Leichenschau zu halten.
-
-
-
-
-Von Virginia nach San Francisco.
-
-
-Nun war ich lange genug Berichterstatter bei dem ›Enterprise‹
-gewesen und sehnte mich nach Abwechslung. Es befriedigte mich
-nicht mehr, jährlich einmal nach Carson City zu gehen, um über die
-Gerichtsverhandlungen zu schreiben und alle drei Monate einmal
-wegen der Wettrennen und Kürbisausstellungen. Man hatte nämlich im
-Washoe-County angefangen, Kartoffeln und Kürbisse zu bauen; natürlich
-gehörte dazu vor allem eine landwirtschaftliche Ausstellung, deren
-Kosten 10,000 Dollars betrugen, während für 40 Dollars Kürbisse zu
-sehen waren.
-
-Ich wollte irgendwo anders hin, womöglich nach San Francisco.
-Was ich eigentlich wollte, wußte ich selber nicht; ich hatte das
-›Frühlingsfieber‹ und brauchte wahrscheinlich eine Luftveränderung.
-Wenn die Bergwerksanteile, welche ich besaß, hunderttausend Dollars
-wert waren, was nach meiner Ansicht bald der Fall sein mußte, gedachte
-ich sie zu verkaufen und heimzukehren. Zwar war das eine weit geringere
-Summe, als ich erwartet hatte, aber füglich konnte ich mich doch
-anständigerweise damit begnügen, ohne zu fürchten, in Not zu geraten.
-
-Die erste Veränderung verschaffte mir mein Vorgesetzter, Herr Goodman,
-welcher auf eine Woche verreiste und mich als Hauptredakteur
-zurückließ. Das war mein Verderben. Den ersten Tag schrieb ich meinen
-Leitartikel am Morgen. Am zweiten Tag fehlte mir ein Thema und ich
-verschob die Arbeit bis zum Nachmittag, den dritten Tag nahm ich
-sie erst am Abend vor und schrieb einen prächtigen Artikel aus der
-›Amerikanischen Encyklopädie‹ ab, die eine getreue Freundin der
-Redakteure im ganzen Lande ist. Am vierten Tage trödelte ich bis
-Mitternacht und nahm wieder meine Zuflucht zur Encyklopädie. Am fünften
-Tage zermarterte ich mir das Hirn und ließ die Presse warten, bis ich
-einen erbitterten Ausfall gegen sechs verschiedene Privatpersonen zu
-Papier gebracht hatte. Den sechsten Tag arbeitete ich im Schweiße
-meines Angesichts bis tief in die Nacht hinein und doch kam nichts zu
-stande; die Zeitung mußte ohne Leitartikel erscheinen. Am siebenten
-Tage gab ich es von vornherein auf. Am achten kam Herr Goodman
-wieder und fand sich in sechs Duelle verwickelt. Meine erbitterten
-Anzüglichkeiten hatten Früchte getragen.
-
-Nur wer selbst einmal Redakteur gewesen ist, weiß, was das heißt. Es
-ist leicht, aus andern Zeitungen Ausschnitte zu machen oder allerlei
-Lokalzeug zusammenzuschreiben, wenn man die Thatsachen vor sich hat,
-aber es ist unendlich schwer, Leitartikel zu verfassen. Die Themas
-sind schuld daran -- das heißt, der häufige Mangel derselben. Tag
-für Tag plagt und quält man sich, zerbricht sich den Kopf und leidet
-namenlos -- die ganze Welt ist öde und leer und doch müssen die
-Spalten des Blattes gefüllt werden. Weiß der Redakteur nur, worüber
-er schreiben soll, so ist seine Arbeit gethan, den Artikel abzufassen
-ist ein Kinderspiel; aber man stelle sich nur einmal vor, was es
-heißt, zweiundfünfzig Wochen lang jeden Tag sein Gehirn auszupumpen
--- der bloße Gedanke daran ist niederschmetternd. Was der Redakteur
-eines Tageblatts in Amerika im Laufe eines Jahres zusammenschreibt,
-würde sieben bis acht dicke Bände füllen, in zwanzig Jahren wäre
-das eine ganze Bibliothek. Was will dagegen die Fruchtbarkeit von
-Schriftstellern wie Scott, Dickens, Bulwer und Dumas sagen? Ja, wenn
-sie so massenhaft produziert hätten wie ein Zeitungsredakteur, dann
-könnte man sie wohl mit Recht anstaunen.
-
-Wie diese Menschen es aushalten, ihre entsetzliche Arbeit und den
-ungeheuern Verbrauch von Gehirnsubstanz jahraus jahrein fortzusetzen,
-ist unbegreiflich, denn ihre Beschäftigung besteht nicht etwa in einem
-mechanischen Zusammentragen von Thatsachen, sie erfordert schöpferische
-Kraft. Wenn ein Pfarrer allwöchentlich zwei Predigten zu schreiben
-hat, findet er das auf die Dauer so angreifend, daß er im Sommer zwei
-Monate Ferien haben muß. Das ist auch ganz in der Ordnung. Aber ein
-Redakteur schreibt über zehn bis zwanzig Texte jede Woche, zehn bis
-zwanzig ausführliche Artikel, und fährt das ganze Jahr hindurch ohne
-Unterbrechung damit fort -- eine unerhörte Leistung! Seit ich meine
-Woche als Redakteur überlebt habe, nehme ich keine Zeitung in die Hand,
-ohne die langen Spalten des Leitartikels mit Vergnügen zu betrachten
-und mich im stillen zu wundern, wie zum Henker man es nur fertig bringt.
-
-Herrn Goodmans Rückkehr befreite mich von aller Beschäftigung, denn
-Berichterstatter wollte ich nicht wieder werden. Wie hätte ich auch
-als Gemeiner in der Armee dienen können, nachdem ich einmal Feldherr
-gewesen war? So beschloß ich denn, die Stadt zu verlassen und in die
-weite Welt zu gehen.
-
-Gerade als dies bei mir feststand, erzählte mir mein Kollege Dan eines
-Tages beiläufig, er sei von zwei Herren aufgefordert worden, mit nach
-New York zu gehen, um ihnen beim Verkauf einer reichen Silbergrube
-zu helfen, die sie in einem neuen Bergwerksdistrikt unserer Gegend
-entdeckt hatten. Er sollte die Reisekosten vergütet erhalten und ein
-Dritteil des bei dem Verkauf zu erzielenden Gewinns. Dies Anerbieten,
-welches mir im höchsten Grade erwünscht gewesen wäre, hatte Dan
-ausgeschlagen und als ich schalt, daß er mir nicht früher etwas
-von der Sache gesagt habe, war er höchlich verwundert, daß ich aus
-Virginia fort wolle; er habe den Herren geraten, sich an Marshall, den
-Berichterstatter der andern Zeitung, zu wenden.
-
-Ich erkundigte mich nun des Näheren bei Dan, ob es sich auch nicht etwa
-um einen Schwindel handle und ob die Grube wirklich und wahrhaftig
-vorhanden sei, worauf er erwiderte, die Herren hätten ihm neun Tonnen
-des Gesteins gezeigt, das sie mit nach New York nehmen wollten.
-Er könne getrost versichern, daß er in ganz Nevada noch keine so
-erzhaltigen Proben gesehen habe; auch für das nötige Bauholz und
-den Platz zur Errichtung des Pochhammers in der Nähe der Grube sei
-bereits Sorge getragen. Als ich das hörte, hätte ich Dan am liebsten
-umgebracht, doch stand ich trotz meines Aergers davon ab, denn
-vielleicht war noch nicht alle Hoffnung verloren. Dan behauptete das
-wenigstens; er sagte, die Herren seien jetzt wieder nach ihrer Grube
-gereist und würden frühestens in zehn Tagen zurückkehren. Er habe
-versprochen, ihnen nach ihrer Zurückkunft Marshall oder sonst jemand
-als Bewerber vorzustellen. Er wolle niemand weiter etwas von der Sache
-sagen, bis sie wieder kämen und dann meine Person in Vorschlag bringen.
-
-Das war eine herrliche Aussicht. Ich legte mich an jenem Abend
-in fieberhafter Aufregung zu Bette. Bisher war es noch niemand
-eingefallen, nach dem Osten zu reisen, um eine Silbergrube in Nevada
-zu verkaufen. Eine Mine, wie sie Dan beschrieb, mußte in New York im
-Handumdrehen Abnehmer finden und eine fürstliche Summe einbringen.
-Schlafen konnte ich nicht, meine Einbildungskraft schwelgte in den
-glänzendsten Luftschlössern.
-
-Dan hatte versprochen, genau acht zu geben, wann die Herren
-wiederkämen, und so fuhr ich denn am nächsten Tage frohen Mutes mit
-der Postkutsche nach Kalifornien ab. Es fehlte auch nicht an den
-Abschiedsfeierlichkeiten für mich, wie sie dort bei der Abreise eines
-alten Bürgers üblich sind. Wenn man im Westen nur ein halbes Dutzend
-Freunde hat, so machen sie Lärm genug für hundert, damit es nur nicht
-so aussieht, als würde man ganz vernachlässigt und müßte ohne Sang und
-Klang von dannen ziehen.
-
-[Illustration]
-
-Nicht ohne Bedauern schied ich von der Stadt, in welcher ich mich
-meines Lebens gefreut hatte, wie nie zuvor. Mir ahnte wohl, daß ich
-der winzigen Flagge für immer Lebewohl sagte, die nicht größer als
-das Taschentuch einer Dame von dem höchsten Gipfel des Mount Davidson
-herunterwehte, zweitausend Fuß über den Dächern von Virginia. In
-Wirklichkeit war die Fahne dreißig Fuß lang und zehn Fuß breit.
-
-Wir rollten durch Thal und Ebene dahin, klommen in den Sierras bis zu
-den Wolken empor und schauten herab auf Kalifornien im Sommerkleide.
-Will man die kalifornische Landschaft im höchsten Reize sehen, so muß
-man sie aus der Ferne betrachten. Zwar läßt sich die Erhabenheit und
-Majestät der Berge von jedem Standpunkt aus bewundern, erst die Ferne
-aber verleiht ihnen reichere Farben und läßt ihre rauhen, zerrissenen
-Formen weniger schroff erscheinen. Auch der kalifornische Wald macht
-sich am besten in der Entfernung; da er meist Baumarten von ein und
-derselben Familie enthält: Weißtannen und Rottannen, Sprossenfichten
-und Föhren, so bieten sie von nahe gesehen ein ermüdendes Einerlei;
-alle strecken ihre starren Arme nach unten und zur Seite, als wollten
-sie den Menschen immer und immer wieder warnend zurufen: »Bst! hier
-wird nicht gesprochen -- sonst stört ihr jemand.« Auch daß es ewig
-nach Pech und Terpentin riecht, macht einen trostlosen Eindruck und
-man wird ganz schwermütig von dem fortwährenden Seufzen und Klagen
-in den Wipfeln. Schreitet man geräuschlos über den Teppich von
-zerstampfter gelber Rinde und toten Nadeln, so kommt man sich vor wie
-ein irrender Geist mit lautlosem Fußtritt. Der ewigen Nadelbüschel
-wird der Wanderer endlich überdrüssig und sehnt sich nach richtigen,
-wohlgeformten Blättern; er möchte sich auf Moos und Gras lagern und
-findet keines, denn überall wo der Boden nicht von Nadeln bedeckt ist,
-giebt es nur nackten Lehm und Schmutz, was weder für träumerisches
-Sinnen noch reinliche Kleidung günstig ist. Zwar besitzt Kalifornien
-auch Grasebenen, doch nehmen sie sich ebenfalls besser in der
-Entfernung aus, denn die Grashalme sind zwar hoch, stehen aber steif
-und selbstbewußt da, ungesellig weit von einander, mit Flecken dürren
-Sandes dazwischen.
-
-Es gehört zu dem Wunderlichsten, was ich kenne, wenn Reisende aus
-den Staaten Neuenglands über die Lieblichkeit des ›immerblühenden
-Kaliforniens‹ schwärmen. Sie würden ihre Begeisterung vielleicht
-mäßigen, wüßten sie, mit wie anbetender Bewunderung alte Kalifornier
-die Landschaften des Ostens anstaunen. Das glänzende Grün in seiner
-verschwenderischen Fülle und saftigen Frische, der üppige Reichtum
-des Laubes mit den mannigfaltigen Blätterformen und Arten erscheint
-ihnen wie ein Blick ins Paradies im Vergleich zu den staubbedeckten,
-mißfarbenen Sommergewächsen Kaliforniens. Ueber dies ernste, düstere
-Land in Entzücken zu geraten, wenn man die Wiesenflächen Neuenglands,
-seine Eichen-, Ahorn- und Ulmenbäume im Sommerschmuck gesehen hat, oder
-die vielfarbige Pracht des Herbstes, in der seine Wälder strahlen --
-wäre einfach lächerlich, wenn es nicht etwas so Rührendes hätte.
-
-Kein Land mit unveränderlichem Klima kann sehr schön sein. Nicht einmal
-die Tropen sind es, man mag von ihrem Zauber schwärmen so viel man
-will. Sie berücken uns wohl zuerst, aber der Reiz schwindet allmählich
-bei dem ewigen Einerlei. Die Natur bedarf des Wechsels, um alle
-ihre Wunder zu entfalten. In einem Lande, das vier wohl abgegrenzte
-Jahreszeiten hat, kann es weder Eintönigkeit geben noch Mangel an
-Schönheit. Jede Jahreszeit birgt dort eine Welt von Freude und
-Interesse, die sich vor uns enthüllt, sich stufenweise und harmonisch
-zu immer reicherer Schönheit entwickelt und, wenn man anfängt, sie satt
-zu bekommen, rechtzeitig verschwindet, um etwas völlig anderem Platz
-zu machen, das den Naturfreund durch neue Pracht und Herrlichkeit zu
-bezaubern weiß.
-
- * * * * *
-
-San Francisco ist eine Stadt, in der es sich prächtig lebt; es nimmt
-sich in gehöriger Entfernung auch stattlich und hübsch aus, von nahe
-gesehen merkt man aber, daß die Bauart meist altmodisch ist. Viele
-Straßen bestehen aus verfallenen, rauchgeschwärzten, hölzernen Häusern,
-und die öden Sandhügel in der nächsten Umgebung fallen gar zu sehr ins
-Auge. Selbst das heitere Klima macht sich bisweilen angenehmer, wenn
-man davon liest, als wenn man es persönlich kennen lernt; ein klarer,
-wolkenloser Himmel verliert mit der Zeit seinen Reiz, doch wenn der
-ersehnte Regen endlich eintritt, so bleibt er um so länger. Ein
-Erdbeben ist zwar lustig, doch thut man auch besser daran, es von ferne
-zu betrachten. Hierüber sind jedoch die Ansichten verschieden.
-
-Das Klima von San Francisco ist, wie gesagt, mild und gleichmäßig;
-während des ganzen Jahres steht das Thermometer ungefähr auf siebzig
-Grad F., es wechselt kaum jemals. Sommer und Winter schläft man unter
-einer leichten Decke und braucht nie ein Moskitonetz. Man trägt keinen
-Sommeranzug, sondern schwarze Tuchkleider, wenn man sie hat, im August
-wie im Januar; zieht keinen Ueberrock an und bedarf keines Fächers. In
-den Sommermonaten ist es zwar oft windig, aber wer das nicht liebt,
-kann nach Oakland hinübergehen, nur ein paar Meilen weit, wo gar kein
-Wind weht. In neunzehn Jahren hat es in San Francisco nur zweimal
-geschneit und selbst dann blieb der Schnee nur lange genug auf dem
-Boden liegen, daß die Kinder sich verwundert fragen konnten, was das
-wohl für federiges Zeug sein möchte.
-
-Acht Monate hintereinander ist der Himmel hell und wolkenlos, da
-fällt kein Tropfen Regen. Wer aber keinen Regenschirm hat, wenn die
-andern vier Monate kommen, muß sich einen stehlen, denn ohne den
-geht es nicht. Man braucht ihn nicht etwa nur einen Tag, sondern
-hundertundzwanzig Tage nacheinander ohne Ausnahme. Will man einen
-Besuch machen, in die Kirche oder ins Theater gehen, so sieht man nicht
-nach den Wolken, ob Regen droht oder nicht, man fragt nur den Kalender.
-Ist es Winter, so regnet es, ist es Sommer, so regnet es nicht, dagegen
-läßt sich nichts machen. Blitzableiter sind nicht vonnöten, denn es
-giebt keine Gewitter. Hat man sechs bis acht Wochen lang gehört, wie
-der Regen gleichförmig und trübselig herniederströmt, dann wünscht man
-von ganzem Herzen, der Donner möchte einmal durch die schläfrigen
-Himmelsräume rollen und krachen und brüllen, damit alles lebendig
-würde, der Blitz möchte das düstere Firmament zerreißen und es nur auf
-einen einzigen Augenblick mit blendendem Glanz erhellen. Was würde man
-nicht darum geben, den lieben alten Donner zu hören und zu sehen, wie
-jemand vom Blitz erschlagen wird! -- Und hat man im Sommer vier Monate
-hindurch den grellen, mitleidslosen Sonnenschein erduldet, so möchte
-man auf den Knieen um Regen, Hagel, Schnee, Donner und Blitz flehen --
-um irgend eine Abwechslung in dem trostlosen Einerlei; -- sogar mit
-einem Erdbeben wäre man zufrieden, wenn man nichts Besseres haben kann,
-und das ist noch am ersten zu bekommen.
-
-[Illustration]
-
-San Francisco ist auf Sandhügeln erbaut, aber es sind fruchtbare
-Sandhügel, die einen reichen Pflanzenwuchs erzeugen. Die seltenen
-Blumen, welche die Leute im Osten sorgfältig in Treibhäusern und Töpfen
-ziehen, gedeihen dort das ganze Jahr hindurch unter freiem Himmel in
-üppiger Fülle: Kallas, Geranien, Passionsblumen, Moosrosen -- ich
-weiß nicht den zehnten Teil von allen Namen. Wenn in New York alles
-von Schnee und Eis starrt, bedeckt sich der Boden in Kalifornien mit
-Blumen und Blüten; der Mensch braucht nur alles wachsen zu lassen wie
-es will, ohne sich hineinzumischen.
-
-Ich habe an einer anderen Stelle von dem ewigen Winter in Mono
-gesprochen und jetzt eben von dem endlosen Frühling in San Francisco.
-Reist man nun etwa hundert Meilen in direkter Linie weiter, so kommt
-man in den fortwährenden Sommer von Sacramento. In San Francisco
-hat man weder Sommerkleider noch Moskitos, aber in Sacramento ist
-beides zu finden. Nicht immer und ohne Aufhören, aber im Laufe
-von zwölf Jahren etwa 143 Monate lang. Der Leser kann sich leicht
-vorstellen, daß dort immer Blumen blühen, daß die Menschen morgens,
-mittags und nachts schwitzen, fluchen und ihre beste Lebenskraft
-damit verbrauchen, sich Luft zuzufächeln. Es ist dort heiß, aber wenn
-man nach Fort Yuma hinunterkommt, dürfte man es noch heißer finden.
-Dort steht das Thermometer fast unabänderlich auf 120 Grad ~F.~ im
-Schatten, ausgenommen, wenn es noch höher steigt. Dieser heißeste
-Ort der Erde ist ein Militärposten der Vereinigten Staaten und seine
-Bewohner gewöhnen sich so an die schreckliche Hitze, daß sie es ohne
-dieselbe nicht aushalten können. Die Sage erzählt, daß dort einst ein
-gottloser Soldat starb und natürlich sofort in den heißesten Winkel
-der Hölle hinunterfuhr. Und siehe da, am nächsten Tage telegraphierte
-er zurück, man möge ihm seine Decken schicken! -- Die Wahrheit dieser
-Ueberlieferung ist nicht zu bezweifeln; ich habe selbst die Schenke
-gesehen, in welcher der Soldat einzukehren pflegte.
-
-In dem beständigen Sommerwetter von Sacramento kann der Reisende um
-acht oder neun Uhr morgens Rosen pflücken, Erdbeeren und Gefrorenes
-essen, sich in weiße Leinwand kleiden, nach Luft schnappen und
-schwitzen. Setzt er sich dann auf die Eisenbahn, so kann er um 12
-Uhr den Pelz anziehen, die Schlittschuhe anschnallen und über den
-gefrorenen Donner-See dahinschweben, 7000 Fuß über dem Thal, zwischen
-fünfzehn Fuß hohen Schneewehen und in unmittelbarer Nähe der gewaltigen
-Berggipfel, die ihre eisigen Klippen 10000 Fuß über der Meeresfläche
-erheben. In der ganzen westlichen Hemisphäre findet sich nirgends ein
-so plötzlicher Uebergang. Die Eisenbahn fährt in kühnen Windungen durch
-die schneebedeckte Gegend 6000 Fuß über dem Meere bis zum Stillen
-Ozean. Wie ein Vogel aus der Luft schaut man herab auf den ewigen
-Sommer des Sacramento-Thales, das mit seinen fruchtbaren Feldern,
-seinen blühenden Bäumen und seinen Silberströmen in den weichen Duft
-der Atmosphäre eingehüllt ruht. Auf dies köstliche, traumhafte Bild
-aus dem Feenland blickt der Reisende durch ein furchtbares Thor von
-Eis und Schnee, durch wilde Klüfte und Abgründe -- ein wirkungsvoller
-Gegensatz, der den Eindruck mächtig erhöht.
-
-
-
-
-Goldgräber.
-
-
-Das eben geschilderte Thal des Sacramento war der Schauplatz der
-ersten und ergiebigsten Goldgräbereien. Noch jetzt sieht man viele
-Stellen in der Ebene und am Bergabhang, wo die Habgier jener Zeit das
-Erdreich aufgewühlt und ausgehöhlt hat, um nach Beute zu suchen; solche
-Verunstaltungen der Gegend findet man in Kalifornien weit und breit.
-Man kommt auch durch Strecken, wo sich jetzt nur Wiesen und Wälder
-ausdehnen, wo man kein Haus, kein lebendes Wesen erblickt, nicht einmal
-die Balken oder Steine eines verfallenen Gebäudes und kein Laut die
-Sabbatstille umher unterbricht. Da ist es schwer, sich vorzustellen,
-daß dort vor Jahren ein rasch emporgeblühtes Städtchen gestanden
-hat, mit zwei- bis dreitausend Einwohnern, die ihre Zeitung, ihre
-Feuerwehr, eine Musikkapelle, ein Freiwilligenkorps, Gasthäuser, eine
-Bank und Spielhöllen besaßen, wo Männer aus allen Nationen der Erde mit
-struppigen Bärten rauchten und fluchten, und wo der Goldstaub, der sich
-an den Spieltischen anhäufte, mehr wert war, als die Einkünfte eines
-deutschen Fürstentums.
-
-Das Leben wogte geschäftig hin und her in den Straßen, man verkaufte
-Bauplätze zu vierhundert Dollars den Fuß, es wurde dort gearbeitet,
-gelacht, getanzt, Musik gemacht, gezecht, gerauft und Dolch und
-Revolver gehandhabt. Alles war vorhanden, was zum Blühen und Gedeihen
-einer neuerstandenen Stadt nötig und förderlich ist, was das Leben
-schmückt und erfreut -- und jetzt sieht man dort nichts als eine
-verlassene, wüste Einöde, die Menschen sind fort, von den Häusern ist
-keine Spur geblieben, sogar der Name des Orts vergessen. Nirgends in
-der Welt sind in unserm Jahrhundert Städte so völlig vom Erdboden
-verschwunden, wie in den alten Goldgräbergegenden von Kalifornien.
-
-In jenen Tagen aber herrschte ein rastloses Drängen und Treiben,
-Hasten und Arbeiten unter der eigenartigen, zusammengewürfelten
-Bevölkerung des damaligen Kalifornien, wie sie sich schwerlich
-jemals wieder irgendwo beisammen finden wird. Sie bestand aus
-zweihunderttausend jungen Männern, nicht gezierten, verwöhnten,
-behandschuhten Schwächlingen, sondern kräftigen, muskelstarken,
-tapfern und unerschrockenen Leuten, voll Mut und Thatkraft, die mit
-allen Eigenschaften, welche wahrer Männlichkeit zu Schmuck und Zier
-gereichen, im vollsten Maße ausgestattet waren, die Auserlesensten
-unter den Herren der Schöpfung. Man sah dort weder Frauen noch Kinder,
-noch gebückte, hinfällige Greise, nur junge Riesengestalten mit
-aufrechtem Gang, hellem Blick, starker Hand und geschmeidigen Gliedern.
-Ein schönes, ein herrliches Volk, die tapfersten Scharen, welche
-jemals in die menschenleeren Einöden eines noch unbekannten Landes
-einzogen. Und wo sind sie nun? -- Zerstreut nach allen Enden der Welt,
-vorzeitig gealtert und verkommen, bei einem Straßenaufruhr ermordet, an
-gebrochenem Herzen und getäuschten Hoffnungen gestorben -- alle dahin,
-als Opfer auf dem Altar des goldenen Kalbes verblutet. Es ist ein
-jammervoller Gedanke.
-
-Nur starke, beherzte Männer waren ausgezogen, die Faulen,
-Schwerfälligen und Trägen hatten sie daheim gelassen; die kann man
-als Pioniere nicht gebrauchen, dazu gehören Leute von anderm Schrot
-und Korn. Aber wild ging es damals unter ihnen her. Sie schwelgten
-in Gold und Branntwein, in Raufereien und beim Fandango und waren
-unaussprechlich glücklich. Ein wackerer Goldgräber holte sich täglich
-seine hundert bis tausend Dollars aus dem Boden. Wenn dann die
-Spielhöllen und andern Vergnügungslokale dafür sorgten, daß er bis
-zum nächsten Morgen keinen Cent mehr in der Tasche hatte, konnte
-er noch von Glück sagen. Die Leute kochten sich selbst ihr Gericht
-Speck mit Bohnen, nähten sich die abgerissenen Knöpfe an und wuschen
-ihre blauwollenen Hemden. Wer öffentlich mit weißer Wäsche und einem
-hohen Hut erschien, ward in eine Schlägerei verwickelt, ehe er sich’s
-versah. In dieser wilden, freien, zügellosen Gesellschaft waren alle
-Aristokraten verhaßt, auch ließ sich weder ein ganz jugendliches, noch
-ein weibliches Element dort jemals blicken. Man sagt, die Goldgräber
-hätten sich oft scharenweise versammelt, wenn es galt, das für sie
-seltsamste und herrlichste Schauspiel, den Anblick eines Weibes, zu
-genießen.
-
-In einem ihrer Lager verbreitete sich einmal am Morgen die Nachricht,
-daß ein Weib angekommen sei. Man hatte aus einem Wagen auf dem
-Lagerplatz ein Kattunkleid heraushängen sehen -- es mochten wohl
-Auswanderer von der großen Ebene jenseits der Berge hergekommen sein.
-Alles drängte sich nach dem Wagen, und als man ein wirkliches Kleid im
-Winde flattern sah, entstand ein großes Geschrei, bis der Auswanderer
-erschien. Dann hieß es wie aus einem Munde:
-
-»Bringt sie heraus!«
-
-Er erwiderte: »Es ist meine Frau, ihr Herren, sie ist krank, die
-Indianer haben uns alles geraubt, Geld und Mundvorrat -- wir bedürfen
-der Ruhe.«
-
-»Bringt sie heraus, wir müssen sie sehen!«
-
-»Aber ihr Herren, das arme Ding kann nicht --«
-
-»Bringt sie heraus!«
-
-Als er ihnen endlich den Willen that, schwenkten sie die Hüte in der
-Luft und brachten ein dreimaliges donnerndes Hoch aus, dann umringten
-sie sie alle, betrachteten sie, berührten ihre Kleider und horchten auf
-den Ton ihrer Stimme. Die Frau schien für sie mehr eine Erinnerung aus
-früherer Zeit, als etwas Wirkliches, Lebendiges zu bedeuten. Zuletzt
-brachten sie die Summe von 2500 Dollars in Gold zusammen, händigten sie
-dem Manne ein, schwenkten abermals die Hüte, riefen wieder dreimal Hoch
-und gingen befriedigt ihrer Wege.
-
- * * * * *
-
-Ich speiste einmal bei einem Herrn, der mir ein Abenteuer erzählte,
-welches seiner Tochter begegnet war, als die Familie zuerst in San
-Francisco landete. Die junge Dame selbst erinnerte sich nicht mehr
-daran, da sie zwei Jahre zählte, als sich diese wahre Geschichte
-zutrug. Sie waren gerade vom Schiff gekommen und gingen die Straße
-hinunter, voran die Dienerin mit der Kleinen auf dem Arm. Da trat ihnen
-ein riesiger Goldgräber entgegen mit großem Bart und breitem Gürtel,
-der über und über von Waffen starrte. Augenscheinlich kam der Mann
-soeben von einem längeren Aufenthalt im Gebirge zurück. Er hielt die
-Dienerin an und betrachtete sie mit Staunen und Wohlgefallen. Nach
-einer Weile sagte er in ehrerbietigem Ton: »Wahrhaftig, ich glaube, das
-ist ein Kind!« Dann zog er ein Ledersäckchen aus der Tasche und fuhr
-zur Wärterin gewandt fort:
-
-»Dieser Sack enthält Goldstaub im Wert von hundertfünfzig Dollars.
-Lassen Sie mich das Kind einmal küssen und Sie sollen ihn haben.«
-
-Wie sich doch die Zeiten ändern. Hätte ich damals, als ich mit bei
-Tische saß und die Anekdote anhörte, die doppelte Summe für die
-Erlaubnis geboten, dies selbe Kind küssen zu dürfen, man würde es mir
-abgeschlagen haben. Der Preis hatte sich in den siebzehn Jahren, welche
-seitdem verflossen waren, sehr beträchtlich gesteigert.
-
-Hier will ich noch erwähnen, daß ich einmal bei meinem Aufenthalt
-in Star City im Humboldt-Gebirge mit einer Schar von Bergleuten im
-Gänsemarsch aufmarschiert bin, um durch den Spalt einer Hütte zu sehen,
-worin ein ganz neues, wunderbares Schauspiel unser wartete, nämlich
-der Anblick einer wirklichen, lebendigen Frau. Als endlich nach einer
-halben Stunde geduldigen Harrens die Reihe an mich kam, durch die
-Spalte zu gucken, stand sie richtig da, die eine Hand in die Seite
-gestemmt und beschäftigt, mit der andern Pfannkuchen zu stürzen. Sie
-sah aus, als sei sie hundertfünfundsechzig Jahre alt und hatte keinen
-Zahn mehr im Munde.
-
-
-
-
-Erdbeben.
-
-
-Einige Monate führte ich nun ein wahres Schmetterlingsdasein, wie ich
-es früher nie gekannt. Ich lebte in süßem Nichtsthun, war niemand
-verantwortlich und der Geldpunkt machte mir keine Sorgen. Nach den
-Alkaliwüsten und der öden Salbeigegend von Washoe erschien mir San
-Francisco wie ein Paradies und ich verliebte mich sterblich in diese
-Stadt herzlichster Geselligkeit.
-
-Ich wohnte im besten Hotel, trug meine neuen Kleider auf allen
-Hauptplätzen und Straßen zur Schau, ging jeden Abend in die Oper
-und lernte von den Klängen der Musik hingerissen zu scheinen, die
-mein ungeschultes Ohr häufiger verletzten als bezauberten. Wenn ich
-nicht die gemeine Ehrlichkeit besaß, dies einzugestehen, so bin
-ich vermutlich in diesem Punkte nicht schlimmer als die meisten
-meiner Landsleute. Ich besuchte Privatgesellschaften im prächtigsten
-Ballanzug, that zimperlich, entfaltete meine ganze natürliche Anmut
-wie ein geborener Stutzer und tanzte Polka und Schottisch mit einem
-Schritt, der mir eigentümlich ist -- mir und dem Känguruh. -- Kurz,
-ich lebte als Schmetterling, wonach ich mich längst gesehnt hatte,
-und trat wie ein Mann auf, der (voraussichtlich) seine hunderttausend
-Dollars besaß und wahrscheinlich zu unbeschränktem Ueberfluß gelangen
-würde, sobald der Verkauf jener Silbermine im Osten zum Abschluß
-kam. Inzwischen streute ich mein Geld reichlich umher, beobachtete
-das Steigen und Fallen der Aktien mit lebhaftem Interesse und behielt
-nebenbei im Auge, was sich in Nevada zutrug.
-
-Dort ereignete sich etwas sehr Wichtiges. Die besitzende Klasse
-stimmte gegen die Staatsverfassung, aber die Leute, welche nichts zu
-verlieren hatten, waren in der Majorität und setzten die Annahme der
-Verfassung durch. Das war ohne Frage ein Unglück, obgleich es anfangs
-nicht so aussah. Ich schwankte hin und her, berechnete die möglichen
-Veränderungen des Geldmarktes und entschied mich endlich dafür, nicht
-zu verkaufen.
-
-Die Aktien stiegen höher und höher und es begann ein tolles
-Spekulationsfieber. Bankiers, Kaufleute, Advokaten, Aerzte, Handwerker,
-Tagelöhner, selbst Waschfrauen und Dienstmädchen legten ihre
-Ersparnisse in Silberkuxen an. Die Spielwut hatte sich der ganzen
-Bevölkerung bemächtigt. Jede Sonne, die am Morgen aufging, schien beim
-Untergang auf Bettler, welche reich geworden und auf Reiche, die an den
-Bettelstab gebracht waren. Die Gould- und Curry-Kuxe stiegen bis auf
-6300 Dollars der Fuß; dann nahm die ganze Herrlichkeit plötzlich ein
-jähes Ende und alle Welt war zu Grunde gerichtet. Ein schrecklicher
-Schiffbruch! Das Faß hatte den Boden verloren, es blieb kaum ein
-Tropfen daran hängen. Ich war unter den ersten, die gründlich an den
-Bettelsack kamen. Meine sämtlichen Aktien konnte ich einfach wegwerfen,
-sie galten nicht einmal so viel wie das Papier, auf dem sie gedruckt
-waren. Ich hatte als glücklicher Narr mit dem Geld um mich geworfen
-und geglaubt, das Mißgeschick könne mich nicht erreichen; jetzt besaß
-ich keine fünfzig Dollars mehr im Vermögen, nachdem meine Schulden
-zusammengerechnet und bezahlt waren.
-
-Ich verließ das Hotel, bezog ein sehr bescheidenes Kosthaus, nahm eine
-Stelle als Zeitungsschreiber an und machte mich an die Arbeit. Noch
-war mir nicht jede Hoffnung geschwunden, denn ich baute zuversichtlich
-auf den Verkauf der Silbermine im Osten. Mein Freund Dan ließ jedoch
-nichts von sich hören; entweder gingen meine Briefe alle verloren, oder
-sie blieben ohne Antwort.
-
-[Illustration]
-
-Eines Tages fühlte ich mich wenig aufgelegt, meine Beschäftigung
-vorzunehmen und ging nicht ins Bureau. Als ich mich tags darauf wie
-immer gegen Mittag dort einstellte, fand ich auf meinem Pult ein
-Briefchen, das schon vierundzwanzig Stunden da gelegen hatte. Es
-war ›Marshall‹ unterzeichnet und enthielt die Bitte, ihn und seine
-Gefährten am Abend im Hotel zu besuchen. Sie seien auf der Durchreise
-nach dem Osten begriffen und wollten am nächsten Morgen absegeln. Es
-handle sich um eine große Bergwerksspekulation.
-
-So außer mir bin ich in meinem ganzen Leben nicht gewesen. Ich schalt
-mich einen Thoren, daß ich von Virginia fortgegangen war und einem
-andern die Sache überlassen hatte, statt sie selbst in die Hand zu
-nehmen. Ich war wütend, daß ich gerade den einzigen Tag im Jahre aus
-dem Bureau wegbleiben mußte, an dem ich hätte dort sein sollen. Unter
-allerlei Selbstvorwürfen trabte ich eine Meile weit bis zum Hafen
-und kam richtig gerade an als es zu spät war. Das Schiff war bereits
-abgefahren und unter Segel.
-
-Zunächst tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß vielleicht bei der
-Spekulation nichts herauskommen würde, jedenfalls ein armseliger Trost;
-dann nahm ich mein Sklavenjoch wieder auf, entschlossen, mich mit
-meinen 33 Dollars die Woche zu begnügen und mir die Sache aus dem Sinn
-zu schlagen.
-
- * * * * *
-
-Einen Monat später genoß ich mein erstes Erdbeben, welches noch lange
-nachher das ›große Erdbeben‹ genannt wurde. Es war an einem hellen
-Oktobersonntag, als ich kurz nach 12 Uhr die dritte Straße herunterkam.
-Um diese Stunde war in dem dicht bebauten und bevölkerten Stadtteil
-weit und breit nichts in Bewegung als ein Mann im Einspänner hinter
-mir und ein Omnibus, der langsam eine Nebenstraße herauffuhr. Sonst
-war alles wie gefegt und es herrschte Sabbatstille. Als ich an einem
-Bretterhaus um die Ecke bog, hörte ich ein großes Krachen und Poltern,
-es mußte wohl drinnen eine Prügelei vor sich gehen, da gab es gewiß
-etwas zu berichten. Bevor ich aber noch die Thür gefunden hatte,
-kam ein wahrhaft entsetzlicher Stoß; der Boden unter mir schien in
-wellenförmiger Bewegung, dann folgte ein heftiges Heben und Senken
-und ein dumpfes, knirschendes Geräusch, als würden Backsteinhäuser
-aneinander gerieben. Ich fiel gegen das Bretterhaus und verletzte mich
-am Ellenbogen. Jetzt wußte ich, was das bedeutete und zog aus reinem
-Reportertrieb meine Uhr heraus, um mir Zeit und Stunde zu merken. In
-diesem Augenblick erfolgte ein dritter, weit stärkerer Stoß und während
-ich noch auf dem Pflaster umhertaumelte, bemüht, mich auf den Füßen zu
-halten, hatte ich einen Anblick sondergleichen: Die ganze Vorderseite
-eines vierstöckigen Backsteinhauses ging auf wie eine Thür und stürzte
-mit lautem Geprassel quer über die Straße, daß der Staub aufwirbelte
-wie eine mächtige Rauchsäule.
-
-Indessen kam der Einspänner herbei -- der Mann flog hinunter und
-schneller als ich es zu berichten vermag, war das Fuhrwerk in kleinen
-Stücken längs der dreihundert Meter langen Straße umhergestreut. Der
-Omnibus hielt an, die Pferde drängten rückwärts und bäumten sich, die
-Fahrgäste strömten zu beiden Seiten heraus und ein dicker Herr, der mit
-halbem Leibe durch ein Glasfenster gezwängt und darin festgekeilt war,
-kreischte wie wahnsinnig, als stecke er am Spieß. Aus jeder Hausthür,
-soweit das Auge reichte, ergoß sich ein Strom menschlicher Wesen, in
-einem Moment war die ganze Straße, die ich überblicken konnte, von
-einer dichtgedrängten Menschenmasse bedeckt. Statt der feierlichen
-Stille herrschte urplötzlich das wildeste Wogen und Treiben.
-
-Das Erdbeben brachte die wunderlichsten Erscheinungen zu Tage.
-Herren und Damen, die krank waren, oder gerade ihr Mittagschläfchen
-hielten, oder nach durchschwelgter Nacht der Ruhe pflegten, kamen
-in den seltsamsten Aufzügen auf die Straße gestürzt, viele nur sehr
-mangelhaft bekleidet oder auch gar nicht. Angesehene Bürger, die für
-äußerst streng in betreff der Sonntagsheiligung galten, liefen in
-Hemdärmeln aus den Schenkstuben heraus, das Billard-Queue noch in der
-Hand. Aus den Barbierstuben flohen zu Dutzenden Leute mit umgebundenen
-Servietten, bis unter die Augen eingeseift, auf einer Seite noch die
-Bartstoppeln, während die andere bereits glatt rasiert war. In einem
-Hotel kam ein bekannter Redakteur, nur mit dem Hemd auf dem Leibe, die
-Treppe heruntergelaufen. »Was soll ich thun?« jammerte er, »wohin soll
-ich gehen?«
-
-»Am besten in einen Kleiderladen,« sagte das Zimmermädchen, dem er
-begegnete, in heiterer Unbefangenheit.
-
-Pferde brachen aus den Ställen und ein Hund sprang in seiner Angst die
-Bodenleiter zum Dach hinauf, getraute sich aber dann nicht, wieder
-denselben Weg zurückzukommen. In der Stadt fiel der Bewurf von so
-vielen Zimmerdecken herab, daß man große Felder damit hätte bestreuen
-können. Tagelang standen die Leute noch in Gruppen vor den Häusern,
-welche in breiten Zickzackrissen von oben bis unten zerborsten waren.
-Ein hundert Fuß langer Spalt that sich in einer Straße sechs Zoll breit
-auf und schloß sich dann wieder mit solcher Gewalt, daß die Erde sich
-an der Stelle wie ein Grabhügel aufwölbte. An einem Gebäude waren drei
-Schornsteine in der Mitte durchgebrochen und so herumgedreht, daß der
-Rauch keinen Abzug fand. Eine Dame fühlte plötzlich, daß der Salon,
-in dem sie saß, zu schwanken begann, gleich darauf sah sie, wie die
-Wand sich oben an der Decke zweimal aufthat und wieder schloß, wobei
-ein Backstein herunterfiel, wie ein Zahn aus einem offenen Munde.
-Eine andere Dame, welche die Treppe hinunter eilte, bemerkte zu ihrem
-Erstaunen, daß sich ein bronzener Herkules auf seinem Fußgestell zu ihr
-hinneigte, als wollte er sie mit der Keule erschlagen. Statue und Frau
-erreichten den Fuß der Treppe zu gleicher Zeit, letztere bewußtlos vor
-Entsetzen.
-
-In einer der Kirchen warf der erste Stoß drei mächtige Orgelpfeifen
-herunter. Der Geistliche stand gerade mit emporgehobenen Händen da, um
-den Gottesdienst zu schließen. »Den Segen wollen wir heute fortlassen,«
-sagte er kurz -- und an der Stelle, wo er gestanden hatte, war nur noch
-ein leerer Raum.
-
-»Bleibt auf euren Sitzen,« ruft ein Prediger in Oakland nach dem ersten
-Stoß, »wenn ihr sterben sollt, so findet ihr nirgends einen besseren
-Platz dazu als hier.« Nach dem dritten Stoß fügte er jedoch hinzu:
-»Aber draußen ist es auch nicht schlecht,« und verschwand durch eine
-Hinterthür.
-
-Die Frauen und Mädchen der Stadt erlitten schwere Verluste an
-Fläschchen mit Essenzen, Wohlgerüchen und allerlei Nippessachen, die
-das Erdbeben auf Kaminsimsen und Toilettentischen zertrümmerte.
-Aufgehängte Bilder wurden herabgeworfen, oder -- was noch häufiger
-geschah -- vom Erdbeben aus mutwilliger Laune so herumgewirbelt, daß
-die Gesichter der Wand zugekehrt waren. Von dem Schaukeln und Schwanken
-der Straßen und Fußböden bekamen viele Tausende die Seekrankheit und
-fühlten sich noch stundenlang nachher schwach und elend; einige litten
-sogar tagelang an dem Uebel und ganz verschont blieb kaum einer.
-
-Bald nach diesem Ereignis traf mich ein recht grausamer Schlag. In
-einer Nummer des ›Enterprise‹, die ich zufällig zur Hand nahm, fiel
-mein Blick auf folgende Mitteilung:
-
-
- Nevada-Bergwerke in New York.
-
- Ende Juli brachten die Herren G. M. Marshall, Sheba Hurst und
- Amos Rose Erzproben aus Gruben im Pine-Wood-Distrikt und am
- Reese-River nach New York.
-
- Die eine, im Humboldt-County gelegene Grube haben die
- Eigentümer für den Preis von drei Millionen Dollars verkauft.
- Zum Betrieb ist bereits ein Kapital von einer Million
- Dollars eingezahlt worden, und die Maschinen für das große
- Quarz-Pochwerk, welches sogleich eingerichtet werden soll,
- sind schon angeschafft. Sämtliche Aktien der Gesellschaft sind
- vollbezahlt und steuerfrei.
-
- Sheba Hurst, der Entdecker dieser Gruben, hat sich, bevor er
- seinen Fund veröffentlichte, den Besitz der besten Erzgänge
- gesichert, sowie den erforderlichen Grund und Boden und das
- nötige Bauholz. Seine Erzproben ergaben bei der Untersuchung
- einen außerordentlich reichen Gehalt an Silber und Gold; jedoch
- ist das Silber vorherrschend. Wir haben die Proben gesehen und
- uns überzeugt, daß es sich hier um keinen Schwindel handelt und
- die Gruben jenes Bezirks wirklich sehr wertvoll sind; deshalb
- vernehmen wir mit Befriedigung, daß sich das New Yorker Kapital
- bereitwillig an dem Unternehmen beteiligt.
-
-So hatte denn die mir angeborene Einfalt wieder den Sieg davon getragen
-und ich hatte eine Million verloren.
-
-Verweilen wir nicht länger bei dieser kläglichen Geschichte. Hätte
-ich sie erfunden, so wäre es mir ein Leichtes, sie humoristisch
-auszuschmücken, da sie aber nur allzu wahr ist, vermag ich sie selbst
-heutigen Tages noch nicht mit leichtem Herzen zu erzählen, trotzdem
-sie jetzt so weit hinter mir liegt. Ich will nur noch erwähnen, daß
-ich allen Mut verlor, mich in thörichtem Murren und Seufzen und
-fruchtlosem Gram verzehrte, darüber meine Pflichten versäumte und als
-Berichterstatter einer ›flotten‹ Zeitung kaum mehr zu gebrauchen war.
-Zuletzt nahm mich der Eigentümer des Blattes beiseite und erwies mir
-eine Wohlthat, deren ich mich noch jetzt voll Ehrerbietung erinnere.
-Er gab mir Gelegenheit auf die Stelle zu verzichten und rettete mich
-dadurch vor der Schande, meine Entlassung zu erhalten.
-
-
-
-
-Am Bettelstabe.
-
-
-Eine Zeitlang schrieb ich allerlei Litterarisches für die ›Goldene
-Aera‹ und andere Blätter. C. H. Webb hatte den ›Kalifornier‹ gegründet,
-ein ganz vortreffliches Wochenblatt, dessen hoher litterarischer Wert
-jedoch keine Bürgschaft für den Erfolg war. Das Journal siechte dahin
-und Webb verkaufte es an drei Drucker. Damals wurde Bret Harte für ein
-Gehalt von 20 Dollars die Woche Redakteur und ich verpflichtete mich
-für 12 Dollars allwöchentlich einen Artikel beizusteuern. Da der Absatz
-aber viel zu wünschen übrig ließ, verkauften die Drucker das Journal an
-den reichen Kapitän Opden, einen sehr angenehmen Herrn, der sich diesen
-teuern Luxus gestattete, ohne viel nach den Kosten zu fragen. Er bekam
-indessen das neue Spielzeug bald satt und gab es den Druckern zurück.
-Nicht lange darauf starb das Blatt eines sanften Todes und ich war
-wieder ohne Arbeit.
-
-In den nächsten zwei Monaten hatte ich keine andere Beschäftigung, als
-meinen Bekannten aus dem Wege zu gehen. Ich verdiente keinen Cent,
-schaffte mir nicht die geringste Kleinigkeit an und bezahlte auch Kost
-und Wohnung nicht. Dagegen erwarb ich mir eine große Geschicklichkeit,
-mich überall fortzudrücken. Von einem Hintergäßchen drückte ich mich
-ins andere; sah ich von fern ein Gesicht, das mir bekannt vorkam, so
-drückte ich mich; auch zu meinen Mahlzeiten schlich ich gedrückt,
-aß sie demütig und mit stummer Bitte um Verzeihung für jeden Bissen,
-den ich meiner großmütigen Wirtin stahl; drückte mich bis Mitternacht
-herum, jeden Ort vermeidend, wo Helligkeit und Heiterkeit zu finden
-war und schlich dann zu Bette. Ich kam mir niedriger, erbärmlicher und
-verächtlicher vor wie ein Wurm. Meine ganze Barschaft bestand in einem
-silbernen Zehn-Centstück; das hielt ich fest und wollte es um keinen
-Preis ausgeben, aus Furcht, der Gedanke, daß ich völlig mittellos
-sei, möchte mich überwältigen. Außer den Kleidern, die ich am Leibe
-trug, hatte ich alles versetzt und so hing ich denn mit verzweifelter
-Hartnäckigkeit an meinem letzten Geldstück, das schon ganz abgegriffen
-war, so oft hatte ich es durch die Finger gleiten lassen.
-
-Das Elend liebt Gesellschaft. Dann und wann stieß ich nachts an irgend
-einem abgelegenen, schwach erleuchteten Ort mit einem andern Kinde
-des Unglücks zusammen. Der Mensch sah so schmierig und verkommen, so
-heimatlos, freundlos und verlassen aus, daß ich mich zu ihm hingezogen
-fühlte, wie zu einem Bruder. Auch er muß wohl eine ähnliche Empfindung
-gehabt haben, denn die Anziehung war gegenseitig; wenigstens trafen
-wir uns allmählich häufiger, wenn auch allem Anschein nach noch immer
-zufällig. Wir sprachen zwar nicht zusammen, ließen auch nicht merken,
-daß wir einander wiedererkannten, aber sobald wir uns sahen, schwand
-die dumpfe Beklommenheit aus unserem Gemüt. Wir taumelten dann beide in
-gemessener Entfernung befriedigt weiter, freuten uns unserer stummen
-Genossenschaft und blickten aus dem nächtlichen Schatten verstohlen
-in die Fenster hinein, nach den freundlichen Lichtern und den
-Familiengruppen am traulichen Kamin.
-
-Endlich redeten wir einander an und waren seitdem unzertrennlich.
-Litten wir doch beide fast dieselben Schmerzen. Auch er war
-Berichterstatter gewesen und hatte seine Stelle eingebüßt; dann war
-er immer mehr heruntergekommen und unaufhaltsam tiefer und tiefer
-gesunken -- von der Wohnung auf dem Russenhügel zu dem Kosthaus in der
-Kearney-Straße, von dort zu Dupont und dann in eine Matrosenkneipe.
-Zuletzt hatte er sich in Warenkisten und leeren Tonnen auf der Werft
-sein Quartier gesucht. Durch das Zunähen geplatzter Getreidesäcke, die
-eingeschifft werden sollten, fristete er sich eine Zeit lang notdürftig
-das Leben; als dieser Verdienst aufhörte, suchte er sich seine Nahrung
-bald hier bald da, wie es der Zufall gerade fügte. Bei Tage ließ er
-sich nirgends mehr blicken, denn ein Reporter kennt arm und reich, hoch
-und niedrig, und kann es bei hellem Tage nicht gut vermeiden, bekannten
-Gesichtern zu begegnen.
-
-Dieser Bettler -- ich will ihn Blücher nennen -- war ein prächtiger
-Mensch, voll Hoffnung, Thatkraft und echter Philosophie. Er war gut
-belesen und fein gebildet, besaß hellen Verstand und trefflichen Witz.
-Sein freundliches Wesen und sein großmütiges Herz gaben ihm in meinen
-Augen ein wahrhaft königliches Ansehen, sein Sitz auf dem Eckstein
-erschien mir wie ein Thronsessel und sein schäbiger Hut wie eine Krone.
-
-Ein Abenteuer, das er mir erzählte, hat durch seine Absonderlichkeit
-mein Mitgefühl aufs höchste erregt und sich unauslöschlich in mein
-Gedächtnis eingegraben.
-
-[Illustration]
-
-Seit zwei Monaten besaß er keinen Heller und war in den dunkeln Straßen
-beim Schein der matt brennenden freundlichen Lichter umhergeschlichen,
-bis ihm die Sache zur zweiten Natur wurde. Endlich aber trieb ihn der
-Hunger an das Tageslicht. Achtundvierzig Stunden hatte er keinen Bissen
-genossen und konnte das müßige Warten in seinem Versteck nicht länger
-ertragen. Er schlich durch eine Hintergasse, starrte voll gierigen
-Verlangens nach den Fenstern der Bäckerläden und hätte sein Leben für
-ein Stück Brot verkaufen mögen. Der Anblick der Eßwaren verdoppelte
-seinen Hunger, aber doch war es ihm eine Wohlthat, sie wenigstens
-zu sehen und sich vorzustellen, wie ihm zu Mute sein würde, wenn
-er etwas zu essen hätte. Da sah er auf einmal mitten in der Straße
-einen glänzenden Punkt; er blickte wieder hin -- durfte er seinen
-Augen trauen? Er wandte sich ab und sah dann noch einmal nach der
-Stelle, um ganz sicher zu sein. Nein, es war keine Sinnestäuschung,
-die der Hunger erzeugte, sondern Wirklichkeit -- da lag ein silbernes
-Zehn-Centstück. Er schoß darauf zu, hob es auf, starrte es an, nahm
-es zwischen die Zähne -- kein Zweifel, es war echt. Sein Herz jubelte
-laut, er vermochte kaum ein Jauchzen und Hallelujah zu ersticken. Dann
-sah er sich um -- niemand beobachtete ihn; er warf die Münze wieder
-hin, wo sie gelegen, trat ein paar Schritte zurück, näherte sich
-abermals und that, als wisse er nicht, daß sie da sei, damit er noch
-einmal das Entzücken genießen könne, sie zu finden. Nun betrachtete
-er sie von verschiedenen Punkten aus, schlenderte, mit den Händen in
-den Taschen, umher, schaute nach den Ladenschildern, warf dann wieder
-einen raschen Blick auf das Geldstück und fühlte sich von Wonneschauern
-durchrieselt. Endlich hob er es auf und ging, es in der Tasche
-streichelnd, von dannen. Er wählte die menschenleersten Straßen, stand
-von Zeit zu Zeit in einem Thorweg oder an der Ecke still und zog seinen
-Schatz heraus, um ihn zu betrachten. In seinem Quartier, einem leeren
-Geschirrfaß, angelangt, überlegte er bis in die Nacht hinein, was er
-dafür kaufen solle. Ein schwerer Entschluß. Ihm lag daran, so viel wie
-möglich zu bekommen. In der Bergmannsschenke, das wußte er, gab man
-einen Teller voll Bohnen und ein Stück Brot für zehn Cents oder einen
-Fischkloß mit Zubehör, aber ohne Brot. In Peters Speisehaus konnte
-er ein Kalbskotelett nebst einigen Rettichen und Brot für zehn Cents
-haben, oder eine große Tasse Kaffee mit einer Brotschnitte, die aber
-schändlicherweise oft nur sehr dünn ausfiel.
-
-Um sieben Uhr empfand er einen wahren Wolfshunger, doch hatte er noch
-keine Entscheidung getroffen. Er machte sich auf den Weg, ging noch
-immer rechnend die Straße hinauf und kaute an einem Holzstückchen, wie
-es Leute, die nahe am Verhungern sind, zu thun pflegen. Vor Martins
-erleuchtetem Restaurant, dem vornehmsten der ganzen Stadt, blieb er
-stehen; in besseren Tagen hatte er da oft gespeist und Martin kannte
-ihn gut. Er trat abseits, um aus dem Bereich der Lichter zu kommen,
-blickte andächtig nach den Wachteln und Beefsteaks im Schaufenster und
-dachte, vielleicht wären die Zeiten der Märchen noch nicht vorüber,
-und ein verkleideter Prinz könnte daherkommen und ihn auffordern,
-einzutreten und zu nehmen, was er wolle. Je mehr er sich in den
-Gedanken vertiefte, um so hungriger kaute er an dem Holzstückchen.
-
-Da fühlte er plötzlich, daß jemand neben ihm stand und seinen Arm
-berührte. Er sah auf und erblickte ein Gespenst -- das wahre Bild des
-Hungers. Es war ein baumlanger, hagerer Mensch, in Lumpen gehüllt, Haar
-und Bart ungeschoren, mit ausgemergeltem Gesicht, eingesunkenen Wangen
-und Augen, die ihn jammervoll anblickten.
-
-»Kommen Sie mit mir,« sagte er und hing sich an Blüchers Arm. Als sie
-eine Stelle erreicht hatten, wo das Licht nur schwach schien und wenige
-Leute vorüber gingen, blieb er stehen und hob die Hände flehend empor.
-
-»Freund -- Fremder, sehen Sie mich an,« stammelte er. »Sie freuen sich
-Ihres Lebens in Ruhe und Behagen, wie ich einst in meiner guten Zeit.
-Sie haben dort drinnen herrlich zu Abend gespeist, ein Liedchen gesummt
-und bei sich gedacht, es ist doch schön auf der Welt. Sie haben nie
-Not gelitten, Sie wissen nicht was Kummer und Elend ist, Sie kennen
-den Hunger nicht! -- Sehen Sie mich an, Fremder, haben Sie Erbarmen
-mit einem freundlosen, heimatlosen Menschen. So wahr Gott lebt -- seit
-achtundvierzig Stunden habe ich keinen Bissen gegessen; schauen Sie mir
-ins Auge, ich lüge nicht. Geben Sie mir nur eine Kleinigkeit, mich vom
-Hungertode zu retten; was Sie wollen -- 25 Cents genügen mir. Thun Sie
-es, Fremder, ich bitte, ich beschwöre Sie. Ihnen ist es ein Leichtes
-und mein Leben hängt daran. Ich will vor Ihnen im Staube liegen und den
-Boden küssen, den Ihr Fuß betritt. Nur 25 Cents! Ich gehe zu Grunde,
-ich sterbe, ich verhungere. Um des Himmels willen, verlassen Sie mich
-nicht!«
-
-Blücher war außer sich, bis ins Innerste gerührt und ergriffen. Er
-überlegte hin und her, dann rief er von einem plötzlichen Gedanken
-beseelt:
-
-»Ja, so wird es gehen!« Den Arm des Elenden ergreifend, führte er ihn
-nach Martins Restaurant, ließ ihn dort an einem Marmortisch Platz
-nehmen, legte den Speisezettel vor ihn hin und sagte:
-
-»Bestellen Sie jetzt was Sie wollen, Freund. Es geht auf meine
-Rechnung, Herr Martin.«
-
-»Schon gut, Herr Blücher,« versetzte der Speisewirt.
-
-Gegen den Schenktisch gelehnt, sah Blücher zu, wie der Mensch ein
-Stück Buchweizenkuchen zu 75 Cents nach dem andern heißhungrig
-verschlang, verschiedene Tassen Kaffee hinunterstürzte und Beefsteaks
-die Portion zu zwei Dollars verzehrte. Als der Fremde Speisen im Wert
-von etwa sechs und einem halben Dollar vertilgt hatte und sein Hunger
-gestillt war, begab sich Blücher nach Peters Speisehaus, kaufte für
-sein Zehn-Centstück ein Kalbskotelett und ein Stück Brot, machte sich
-darüber her und schmauste wie ein König.
-
-
-
-
-Tom Quarz.
-
-
-Bald darauf traf ich einen früheren Bekannten, der Bergmann in einem
-der verlassenen Grubendistrikte Kaliforniens war. Ich ging mit ihm
-zurück und blieb mehrere Monate dort unter den Goldgräbern, welche in
-der ausgedehnten Hügel- und Waldlandschaft vier bis fünf zerstreute
-Hütten bewohnen. In der flotten Zeit, ehe die Gruben erschöpft waren,
-hatte in dieser Einöde eine blühende Stadt mit einer Bevölkerung von
-zwei- bis dreitausend Menschen gestanden; jetzt war alles spurlos
-verschwunden -- Straßen, Wohnhäuser, Läden -- und nur eine Handvoll
-Bergleute an Ort und Stelle zurückgeblieben, die sich längst in ihre
-Verbannung gefunden und die Welt vergessen hatten, wie sie von aller
-Welt verlassen waren.
-
-Einer meiner dortigen Kameraden, der seit achtzehn Jahren sein
-geplagtes Leben voll Entbehrungen und Enttäuschungen geduldig ertragen
-hatte, war Dick Baker, ein ernster, schlichter Mann, sechsundvierzig
-Jahre alt, grau wie eine Ratte, halbwegs gebildet, in schlotteriger mit
-Lehm beschmutzter Kleidung. Sein Herz aber war von kostbarerem Gold,
-als er mit seiner Schaufel je zu Tage gefördert hatte, von feinerem
-Metall als jemals gegraben oder gemünzt worden war.
-
-So oft Baker kein Glück hatte und etwas niedergeschlagen war, pflegte
-er um den Verlust einer wundervollen Katze zu trauern, die ihm früher
-gehört hatte. Wenn er von ihrer merkwürdigen Klugheit sprach, so sah
-man es ihm am Gesicht an, daß er im Innersten seines Herzens überzeugt
-war, sie müsse menschliche, -- ja sogar vielleicht übermenschliche --
-Eigenschaften besessen haben.
-
-Einmal kam er auch in meinem Beisein auf das Tier zu sprechen.
-
-[Illustration]
-
-»Acht Jahre lang,« sagte er, »hatte ich hier eine Katze, die hätte
-Sie gewiß interessiert. Sie hieß Tom Quarz, war groß und grau und
-eigentlich ein Kater, mit so viel gesundem Menschenverstand wie irgend
-einer von uns im Lager. Tom hatte auch ein gewaltiges Selbstgefühl im
-Leibe, sogar dem Gouverneur von Kalifornien würde er nicht gestattet
-haben, sich Vertraulichkeiten gegen ihn herauszunehmen. Eine Ratte
-hatte er sein Lebtag nicht gefangen -- war vermutlich zu vornehm dazu.
-Die einzige Angelegenheit, um die er sich kümmerte, war der Bergbau.
-Vom Goldgraben verstand er mehr als irgend jemand in der Welt, die
-Kenntnis war ihm förmlich angeboren, alles wußte er, was die Arbeit auf
-den Goldfeldern betraf, man konnte ihm gar nichts Neues mehr sagen.
-Er grub hinter mir und Jim drein, wenn wir die Berge durchsuchten und
-trabte oft meilenweit mit uns umher. Ein vorzügliches Urteil hatte
-er über den Boden, wo was zu finden sei; wahrhaftig, mir ist nichts
-Aehnliches wieder vorgekommen. Wenn wir an die Arbeit gingen, warf er
-nur einen Blick um sich; mißfielen ihm dann die Anzeichen, so machte
-er ein Gesicht, das bedeuten sollte: »Na, Freunde, ihr werdet mich
-wohl entschuldigen,« -- dabei hob er die Nase in die Luft und trollte
-sich nach Hause, ohne noch ein Wort zu sagen. War er aber mit dem
-Platz einverstanden, so verhielt er sich ruhig, bis die erste Pfanne
-ausgespült war, dann schlängelte er sich in unsere Nähe und wenn er
-sechs oder sieben Körner Gold sah, war er zufrieden und die Aussichten
-schienen ihm gut. Er legte sich nun auf unsere Röcke und fauchte wie
-ein Dampfboot, sobald wir jedoch auf eine ergiebige Stelle stießen,
-fuhr er blitzschnell in die Höhe und machte sich ans Besichtigen.
-
-»Jetzt kam die Zeit, wo alle Welt darauf versessen war, das Gold im
-Gestein, statt in der Erde zu suchen, alle hackten und sprengten
-nun, anstatt Erde zu schaufeln, jeder wollte einen Schacht graben,
-statt bloß an der Oberfläche zu kratzen. Jim ließ mir keine Ruhe, wir
-mußten auch nach Erz im Gestein suchen. Als wir den Schacht anzulegen
-begannen, machte Tom Quarz große Augen, was zum Henker wir denn vor
-hätten; solche Bergwerkerei schien ihm unerhört, er war ganz verblüfft
-und konnte uns nicht begreifen. Daß mein Kater aber genau wußte,
-worauf wir hinaus wollten, darauf möchte ich wetten; er sah immer aus,
-als ob er unsere Arbeit für die größte Thorheit hielt. Neumodische
-Einrichtungen konnte er nun einmal nicht ausstehen und war schwer von
-seinen alten Gewohnheiten abzubringen. Erst ganz allmählich versöhnte
-sich Tom Quarz einigermaßen mit dem neuen Betrieb, obwohl er es nie
-recht einsah, warum wir immer und ewig in den Schacht einfuhren und
-doch nichts Ordentliches herausholten. Zuletzt kam er selber herunter
-um zu versuchen, ob er sich’s klar machen könne; aber es verwirrte
-ihn nur, uns zuzusehen, er ward ärgerlich und die ganze Sache war ihm
-zuwider, zumal er wußte, daß unsere Ausgaben fortwährend anwuchsen
-und wir nicht einen Cent verdienten. So legte er sich denn auf einen
-Pulversack im Winkel, rollte sich zusammen und schlief ein.
-
-[Illustration]
-
-»Eines Tages trafen wir in dem Schacht auf so hartes Gestein, daß
-wir einen Sprengversuch vornehmen mußten, den ersten, seitdem Tom
-Quarz geboren war. Wir steckten die Lunte an, kletterten heraus und
-liefen etwa fünfzig Meter weit fort -- den Kater aber, der auf seinem
-Pulversack in festem Schlafe lag, hatten wir richtig vergessen. Eine
-Minute später sahen wir aus dem Loch eine dicke Rauchsäule aufsteigen,
-dann that es einen fürchterlichen Krach und etwa vier Millionen Tonnen
-Steine, Erde, Rauch und Splitter flogen wohl anderthalb Meilen hoch
-in die Luft; und wahrhaftig, mitten in dem Wirrwarr sauste kopfüber,
-kopfunter unser alter Tom Quarz mit in die Höhe, schnaubte, nieste und
-streckte die Klauen aus wie besessen, um sich irgendwo festzuhalten,
-aber es nützte ihn rein gar nichts.
-
-»Nun vergingen wohl dritthalb Minuten, ohne daß wir was von ihm zu
-sehen kriegten, dann fing es auf einmal an, Steine und Schmutz zu
-regnen und auch der Kater fiel herunter, etwa zehn Fuß vor dem Fleck
-wo wir standen. Na, der sah schön aus; ein erbärmlicheres Geschöpf ist
-mir all mein Lebtag nicht vorgekommen. Ein Ohr saß ihm im Nacken, der
-Schwanz stand steif in die Höhe, die Augenwimpern waren abgesengt,
-der Körper ganz von Pulver und Rauch geschwärzt und mit Schlamm und
-Schmutz überzogen. Wir starrten ihn an und brachten kein Wort heraus
--- was hätten auch alle Entschuldigungen jetzt nützen können? -- Tom
-Quarz warf einen Blick voll Ekel auf sich selber, dann aber sah er uns
-an, als wolle er sagen: »Ihr dünkt euch wohl recht schlau, daß ihr
-einer Katze, die nichts vom neuen Bergbau versteht, so mitgespielt habt
--- aber ich sehe die Sache von einem andern Gesichtspunkt an.« Damit
-machte Tom rechtsumkehrt und marschierte nach Hause, ohne noch weiter
-ein Wort zu verlieren, das war so seine Art.
-
-»Mögen Sie’s nun glauben oder nicht -- von der Zeit an gab es in der
-ganzen Welt keine Katze, die mehr gegen den Quarzbau eingenommen
-war wie er. Als er endlich wieder anfing, den Schacht zu befahren,
-verwunderten wir uns alle über seine Schlauheit. Es war wirklich
-merkwürdig -- kaum, daß wir das Pulver zum Sprengen gelegt hatten und
-die Lunte anzündeten, so warf er uns einen Blick zu, in dem zu lesen
-stand: »Nun empfehle ich mich Ihnen ergebenst --« im Nu war er dann zum
-Loch hinaus und auf einen Baum geklettert, so hoch er konnte. Was sage
-ich -- Schlauheit -- das ist gar kein Wort dafür; es war eine förmliche
-Eingebung.«
-
-»Wissen Sie, Herr Baker,« versetzte ich, »wenn man sich auf den
-Standpunkt des Katers stellt, scheint mir sein Vorurteil eigentlich
-ganz begreiflich. Haben Sie denn nie versucht, ihn davon zu heilen?«
-
-»Wo denken Sie hin! Nein, wenn Tom Quarz sich einmal etwas in den Kopf
-gesetzt hatte, so blieb er dabei durch dick und dünn. Sie hätten ihn,
-wer weiß wie oft, in die Luft sprengen können, von seiner verfluchten
-Abneigung gegen den Quarzbau wäre er doch nicht abzubringen gewesen.«
-
-Während Baker dies beredte Zeugnis für die festen Grundsätze seines
-alten Freundes ablegte, strahlte sein ganzes Gesicht vor Liebe und
-Stolz. Die Erinnerung daran wird mir stets unvergeßlich bleiben.
-
-Mein Freund Dick Baker war auch sonst ein Tierfreund. In den Wäldern
-und Bergen des abgelegenen Winkels von Kalifornien hatte er sich
-mit den Vögeln und Vierfüßlern, welche dort heimisch sind, innig
-befreundet. Er war fest davon überzeugt, daß er jede Aeußerung dieser
-Tiere verstand; ebenso wie jener amerikanische Gelehrte, der unlängst
-in eingehender Weise über die Sprache der Affen ein Werk geschrieben
-hat.
-
-Dick Baker stellte in dieser Beziehung ganz bestimmte Behauptungen
-und Regeln auf. Einige Tiere, meinte er, haben nur geringe Bildung
-genossen, und bedienen sich daher einer ganz einfachen Ausdrucksweise,
-ohne Bilder und Gleichnisse; andere dagegen verfügen über einen großen
-Wortschatz, beherrschen die Sprache vollkommen und haben einen freien,
-fließenden Vortrag. Diese sprechen gern und viel; sie sind sich ihres
-Talentes bewußt und wollen es zur Geltung bringen. Nach langer und
-sorgfältiger Beobachtung war Baker zu der Ueberzeugung gekommen,
-daß es in der ganzen Tierwelt keinen besseren Redner giebt, als den
-Blauhäher.[5]
-
- [5] Der amerikanische Blauhäher hat ein viel glänzenderes und
- buntfarbigeres Gefieder als unser gewöhnlicher Eichelhäher.
-
-»Ja,« sagte er, »hinter einen Blauhäher kommt man nicht so leicht! Man
-glaubt nicht, was für Stimmungen und Gefühle der hat und wie er sie
-alle auszudrücken versteht. Dabei spricht er nicht etwa alltägliches
-Zeug -- nein, wie ein Buch -- die schönsten Redewendungen strömen ihm
-nur so heraus. Mit der Sprache versteht er umzuspringen wie keiner;
-ihm fehlt nie ein Wort, das kommt gar nicht vor; ganz ungesucht fließen
-sie ihm zu. Und noch was habe ich bemerkt: Kein Vogel, keine Kuh oder
-sonst ein Geschöpf spricht so fein wie der Blauhäher! Eine Katze meint
-ihr? Jawohl, die spricht freilich fein -- aber laßt sie einmal in
-Aufregung geraten! Wenn sie sich nachts mit einer andern Katze auf dem
-Dach rauft, dann hört zu, in was für Ausdrücken sie sich ergeht, -- es
-wird einem übel und weh dabei.
-
-»Man kann den Häher wohl mit einem gewissen Recht zu den Vögeln zählen
--- weil er Federn hat, vielleicht auch weil er keine Steuern zahlt:
-aber in anderer Beziehung ist er ganz wie unsereins. Denn sehen Sie,
-ein Häher hat Triebe und Gaben, Gefühle und Interessen, so gut wie ein
-Mensch. Ein Häher hat keine strengeren Grundsätze als ein Roßkamm. Er
-stiehlt, er lügt und betrügt, er hintergeht jeden wo er nur kann, kein
-noch so feierliches Versprechen ist bindend für ihn. Was Pflichttreue
-ist, kann man ihm nicht begreiflich machen. Der beste Beweis aber ist,
-daß ein Häher fluchen und schwören kann, wie kein Lümmel weit und
-breit! -- Eine Katze kann auch fluchen und schwören. Jawohl, das kann
-sie freilich -- aber wenn ein Häher ’mal richtig im Zuge ist, so vermag
-es keine Macht im Himmel und auf Erden mit ihm aufzunehmen. Im Zanken
-und Schelten ist er Meister, so derb und flink, daß niemand gegen ihn
-aufkommt.
-
-»Was ein Mensch kann, das kann ein Blauhäher auch: Er kann weinen,
-lachen und sich schämen, er kann Schlüsse und Pläne machen und seine
-Sache verfechten, er liebt Geschwätz und Klatschgeschichten, hat Sinn
-für Humor, und wenn er einen dummen Streich gemacht hat, so weiß er’s
-besser als ich und Sie. Kurz, ein Häher ist ähnlich wie ein Mensch --
-das lass’ ich mir nicht nehmen.
-
-»Ich will Ihnen übrigens noch eine wahre Geschichte von den Blauhähern
-erzählen, für die ich mich verbürgen kann.
-
-»Der Vorfall trug sich zu, als ich gerade anfing, die Hähersprache
-richtig zu verstehen.
-
-»Der letzte Mensch, der außer mir in dieser Gegend wohnte, ist vor
-sieben Jahren fortgezogen; sein Blockhaus nebenan steht seitdem leer,
-es hat nur ein großes Zimmer und darüber die rohen Balken und das
-Bretterdach. An einem Sonntagmorgen saß ich nun einmal mit meiner Katze
-hier vor der Hütte, sonnte mich, sah nach den blauen Bergen hinüber,
-hörte das Laub der Bäume rauschen in der Einsamkeit und dachte an
-meine Heimat draußen in der Welt -- seit dreizehn Jahren wußte ich
-nicht mehr, wie’s dort zuging. Da fliegt ein Häher mit einer Eichel im
-Schnabel auf das Blockhaus und sagt: ›Oho, was entdecke ich da?‹ Daß
-ihm bei diesen Worten die Eichel aus dem Schnabel fällt und natürlich
-vom Dach hinabrollt, kümmert ihn wenig, er ist einzig und allein mit
-seiner Entdeckung beschäftigt. Es war ein Astloch im Dach. Den Kopf auf
-die Seite gedreht, kneift er ein Auge zu, schaut mit dem andern in das
-Loch hinein, sieht dann vergnügt in die Höhe, lüftet die Flügel ein
-paarmal vor innerm Wohlbehagen und sagt: ›Es sieht aus wie ein Loch,
-es ist wo ein Loch hingehört, -- sollte es am Ende wirklich ein Loch
-sein?!‹ --
-
-»Er hält den Kopf nach unten, guckt noch einmal hinein, blickt wieder
-auf, bewegt Flügel und Schwanz vor Freude und sagt: ›Ja, ja, es ist
-ganz richtig -- bin ich ein Glückspilz! -- ein prächtiges, ordentliches
-Loch, gewiß und wahrhaftig!‹ Dann fliegt er auf den Boden, holt die
-Eichel herauf, wirft den Kopf zurück, und mit dem süßesten Lächeln der
-Welt läßt er sie hineinfallen. Er scheint zu lauschen, seine Miene
-wird ernsthafter, und voll komischer Verwunderung sagt er endlich:
-›Ich hab’ sie doch nicht fallen hören!‹ Wieder hält er das Auge ans
-Loch, schaut lange hinein, blickt dann auf und schüttelt den Kopf. Dann
-versucht er’s von der andern Seite -- abermaliges Kopfschütteln. Um das
-ganze Loch marschiert er herum, besieht sich’s genau und schaut von
-allen Himmelsgegenden hinein. Umsonst! Nachdenklich sitzt er auf dem
-Dachfirst und kraut sich den Kopf mit dem rechten Fuß, bis er zuletzt
-sagt: ›Das geht über meine Begriffe! Das Loch muß wirklich gehörig tief
-sein! Aber länger kann ich mich nicht zum Narren machen, ich muß an die
-Arbeit. Die Sache wird schon ihre Richtigkeit haben, ich lasse es eben
-drauf ankommen.‹
-
-»Er fliegt auf und davon, kommt mit einer zweiten Eichel wieder, läßt
-sie hineinfallen und hält schnell das Auge ans Loch, um zu sehen, was
-draus wird -- aber zu spät. Wohl eine Minute lang schaut er hinein,
-dann blickt er seufzend auf: ›Alle Wetter, das ist doch zu toll, das
-versteh’ ’mal einer! -- aber ich probier’s wieder.‹
-
-»Bei der dritten Eichel thut er was er kann, um ihr noch schneller
-nachzusehen, aber vergebens. ›So ein Loch ist mir noch nicht
-vorgekommen,‹ sagt er, ›es muß wohl eine ganz neue Art sein, wie ich
-noch keins gesehen habe.‹
-
-»Nun gerät er in Zorn. Zuerst bezwingt er sich noch, stolziert auf dem
-Dachfirst auf und ab, schüttelt den Kopf und brummt in sich hinein;
-dann übermannen ihn die Gefühle und er fängt an zu schimpfen, bis er
-vor Aerger ordentlich schwarz wird. Noch nie hab’ ich einen Vogel um so
-einer Kleinigkeit willen in solcher Wut gesehen. Wie er genug gewettert
-hat, geht er wieder ans Loch, sieht lange hinein und sagt dann: ›’s ist
-ein dunkles Loch, ein tiefes Loch und ein sehr komisches Loch, aber nun
-ich einmal angefangen hab’ es zu füllen, will ich’s auch durchsetzen,
-und wenn’s hundert Jahre dauert.‹
-
-»Fort fliegt er, und all’ mein Lebtag hab’ ich noch nie einen Vogel
-so arbeiten sehen wie den. Dritthalb Stunden ging das in einem fort.
-Eichel auf Eichel warf er ins Loch, kein einzigesmal schaute er mehr
-hinein, sondern flog nur immer hin und wieder. Ich war so voll Spannung
-und Aufregung, daß ich nichts anderes sah und dachte.
-
-»Endlich ist er aber doch so abgearbeitet, daß er kaum noch die Flügel
-regen kann. In Schweiß gebadet kommt er herbeigeflogen, läßt die Eichel
-hineinfallen und sagt: ›Nun wirst du, denke ich, wohl genug haben, du
-altes Loch.‹
-
-»Er steckte den Kopf hinein, und wie er wieder aufsieht, ist er
-ordentlich blaß vor Wut, -- Sie können mir’s glauben, lieber Herr! --
-›Ausstopfen sollen sie mich und ins Museum stellen,‹ schreit er, ›wenn
-ich auch nur eine Spur von den Eicheln entdecken kann, eine ganze
-Familie könnte sich dreißig Jahre davon satt essen, so viel hab’ ich
-hineingetragen!‹
-
-»Mühsam schleppt er sich auf den Dachfirst, lehnt sich an den
-Schornstein, überdenkt die Sache und macht dann seinem Herzen Luft. Na,
-das hätten Sie hören sollen! So was von Schimpfen und Schelten ist mir
-mein Lebtag nicht vorgekommen!
-
-»Während er im besten Zuge ist, kommt ein anderer Häher vorbeigeflogen,
-hält an und fragt, was es denn giebt. Sein armer Freund trägt ihm die
-ganze Sache vor und sagt: ›Wenn du mir’s nicht glauben willst, so geh’
-und sieh’ selbst nach, -- da drüben ist das Loch!‹
-
-»Das thut der zweite Häher, und wie er alles genau betrachtet hat,
-kommt er zurück und fragt: ›Wie viele hast du denn eigentlich
-hineingeworfen?‹ -- ›Wenigstens zwei Säcke voll,‹ versetzt jener.
-
-»Der Häher geht abermals zum Loch und sieht hinein -- es scheint ihm
-ganz unerklärlich; auf seinen Ruf kommen noch drei Häher herbei. Alle
-untersuchen das Loch, lassen sich die Geschichte erzählen und streiten
-hin und her, als ob ebenso viele Menschen ihre hohlköpfigen Ansichten
-zum Besten gäben.
-
-»Noch mehr Häher werden herzugerufen, sie kommen in immer größeren
-Scharen geflogen, bis alles ringsumher ganz blau davon schimmert. Es
-mögen wohl an die fünftausend gewesen sein, und ein solches Lärmen,
-Hacken, Krähen und Schimpfen ist noch nie dagewesen. Jeder einzelne
-Häher hält das Auge ans Loch und alle kramen ihre Meinungen über das
-rätselhafte Ereignis aus -- eine immer unsinniger wie die andere. Dann
-wird das ganze Haus untersucht. Die Thüre steht halb offen und ein
-alter Häher, der in die Nähe kommt, guckt zufällig hinein. Nun war’s
-mit dem Geheimnis auf einmal vorbei: da lagen alle die Eicheln auf
-dem ganzen Boden umhergestreut. Der Häher schlägt mit den Flügeln und
-erhebt ein Geschrei: ›Hierher,‹ ruft er, ›kommt alle her, der närrische
-Kerl hat das ganze Haus mit Eicheln füllen wollen!‹
-
-»Da kamen sie herabgeschossen wie eine blaue Wolke; jeder geht zur
-Thüre, schaut hinein, und sobald ihm der ganze Unverstand des ersten
-Hähers klar wird, fällt er rücklings über und will vor Lachen bersten;
-dann kommt der nächste an die Reihe, guckt hinein und macht es ebenso.
-
-»Hierauf saßen alle wohl über eine Stunde auf dem Hausdach und ringsum
-in den Bäumen und schüttelten sich vor Lachen, gerade wie die Menschen.
-
- * * * * *
-
-»Der Blauhäher hat viel Sinn für Humor -- das lass’ ich mir nicht
-ausreden. Und ein gutes Gedächtnis hat er auch. Drei Jahre lang kamen
-Häher aus allen Staaten der Union jeden Sommer angeflogen, um in
-das Loch hinunterzusehen; auch andere Vögel brachten sie mit. Alle
-freuten sich an dem Spaß, nur eine alte Eule nicht, die auf einer
-Forschungsreise nach Naturmerkwürdigkeiten begriffen, unterwegs
-auch das wunderbare Loch besichtigen wollte. Sie sagte, sie könne
-nicht einsehen, was für ein Witz dabei sei, -- indes die andern
-Merkwürdigkeiten hatten auch nicht viel Eindruck auf sie gemacht.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Die Vorlesung.
-
-
-Nach meiner Irrfahrt befand ich mich endlich wieder zu Hause in San
-Francisco ohne Mittel und ohne Beschäftigung. Ich zermarterte mir das
-Hirn, um einen Plan zu finden, der mich retten könnte und verfiel
-zuletzt darauf, eine öffentliche Vorlesung zu halten. In fieberhafter
-Erregung setzte ich mich voll Hoffnung hin und schrieb einen Vortrag
-nieder. Ich zeigte ihn verschiedenen Freunden, aber sie schüttelten
-alle die Köpfe und meinten, höchst wahrscheinlich würde niemand kommen,
-um mir zuzuhören und ich würde beschämt wieder abziehen müssen. Aber
-selbst im Fall die Vorlesung zu stande käme, müßte sie schmählich
-mißlingen, da ich ja nie zuvor öffentlich gesprochen hätte. Das
-machte mich ganz trostlos. Endlich jedoch klopfte mir ein Redakteur
-vertraulich auf den Rücken und meinte: »Ich will Ihnen was sagen!
-Mieten Sie den größten Saal in der Stadt und fordern Sie einen Dollar
-Eintrittsgeld. Bange machen gilt nicht.«
-
-Die Tollkühnheit des Vorschlags reizte mich, umsomehr als
-viel praktische Weisheit und Weltkenntnis darin lag. Auch ein
-Theaterbesitzer hielt den Rat für gut und bot mir sein großes neues
-Opernhaus für fünfzig Dollars an -- die Hälfte des gewöhnlichen
-Preises. Aus reiner Verzweiflung ging ich darauf ein und mietete es
-auf Kredit -- aus triftigen Gründen. In drei Tagen ließ ich nun für
-150 Dollars Anzeigen und Zettel drucken und war wohl das verzagteste
-und geängstetste Menschenkind an der ganzen Küste des Stillen Ozeans.
-Schlafen konnte ich nicht, das wäre wohl unter solchen Umständen
-niemand möglich gewesen. Wenn andern Leuten die letzte Zeile meines
-Anschlagzettels vielleicht scherzhaft erschienen ist, so hatte sie doch
-für mich einen sehr kläglichen Anstrich; mir war furchtbar beklommen zu
-Mute, als ich schrieb:
-
- »Die Thüren werden um 7½ Uhr geöffnet.
- Um 8 Uhr beginnt das Unheil.«
-
-Der Satz hat manchem seither gute Dienste geleistet. Besitzer von
-Schaubuden haben ihn mir abgeborgt und einmal fand ich ihn sogar am
-Schluß einer Anzeige, durch welche den Schulzöglingen der Beginn des
-neuen Kursus nach den Ferien angekündigt wurde.
-
-Während die drei Tage in peinlicher Erwartung langsam vergingen, wurde
-ich immer unglücklicher. Ich hatte zweihundert Eintrittskarten an
-meine persönlichen Bekannten verkauft, aber ich fürchtete, sie würden
-sämtlich fortbleiben. Meine Vorlesung, die mir zuerst humoristisch
-vorgekommen war, wurde von Stunde zu Stunde langweiliger und
-trübseliger, bis auch nicht mehr der Schatten eines Witzes darin zu
-entdecken war und ich bedauerte, daß ich nicht einen Sarg auf die Bühne
-bringen und die ganze Geschichte in ein Leichenbegängnis verwandeln
-konnte.
-
-Zuletzt befiel mich eine solche Höllenangst, daß ich mich entschloß,
-drei alte Freunde -- gutherzige Gemüter und wahre Riesengestalten --
-aufzusuchen, welche Stimmen besaßen, die dem Brüllen des Sturmwinds
-glichen.
-
-»Hört einmal,« sagte ich zu ihnen, »ich falle gewiß mit der Sache
-durch; die Witze sind so tiefsinnig, daß kein Mensch sie verstehen
-wird. Würdet ihr mir wohl den Gefallen thun, euch ins Parkett zu
-setzen, um mir Beistand zu leisten?«
-
-Als sie dies versprochen hatten, ging ich zu der Frau eines bekannten
-und beliebten Bürgers, die ich bat, mit ihrem Manne in der Loge
-links von der Bühne Platz zu nehmen, wo alle Welt sie sehen könne.
-Ich stellte ihr vor, wie sehr ich ihrer Hilfe bedürfe und machte mit
-ihr aus, ich würde mich jedesmal nach ihr hinwenden und lächeln, zum
-Zeichen, daß ich einen schwerverständlichen Witz losgelassen hätte;
-»dann aber grübeln Sie, bitte, nicht lange darüber nach,« fügte ich
-hinzu, »sondern folgen Sie meinem Wink.«
-
-[Illustration]
-
-Sie gab mir ihre Zusage und ich entfernte mich. Auf der Straße
-begegnete mir ein Mann, den ich noch niemals gesehen hatte. Er war
-angetrunken und strahlte vor Gutmütigkeit.
-
-»Mein Name ist Sawyer,« sagte er, »Sie kennen mich nicht, doch das ist
-einerlei. Ich habe keinen Cent in der Tasche, aber wenn Sie wüßten,
-wie gern ich einmal lachen möchte, so schenkten Sie mir sicherlich ein
-Billet. Na, was meinen Sie dazu?«
-
-Statt der Antwort fragte ich: »Wie verhält es sich denn mit Ihren
-Lachmuskeln? Ich meine -- platzen Sie leicht heraus oder sind Sie sehr
-wählerisch in betreff der Späße?«
-
-Meine langsame, gedehnte Sprechweise kam ihm so komisch vor, daß er
-sogleich einige Proben seiner Lachkunst zum Besten gab; ich sah,
-es war gerade die Sorte, welche ich brauchte. So schenkte ich ihm
-denn ein Billet in der Mitte der zweiten Abteilung, für die er alle
-Verantwortlichkeit übernahm, und belehrte ihn darüber, wie er etwaige,
-undeutliche Scherze erkennen könne. Als wir uns trennten, kicherte er
-wohlgefällig über die Neuheit des Planes.
-
-An dem letzten der drei schicksalsschweren Tage aß ich keinen Bissen --
-ich litt nur Qualen. An diesem Tage sollte der Verkauf der reservierten
-Logenplätze stattfinden. Als ich mich gegen vier Uhr nachmittags an die
-Theaterkasse schlich, um zu sehen, ob Eintrittskarten gelöst worden
-seien, fand ich sie verschlossen -- der Billetverkäufer hatte sich
-entfernt. Ich mußte heftig schlucken, denn das Herz schlug mir bis
-in den Hals hinauf. »Also, gar nichts verkauft,« sagte ich mir; »das
-hätte ich vorher wissen können.« Ich dachte in vollem Ernst daran, die
-Flucht zu ergreifen, Krankheit vorzuschützen, oder einen Selbstmord zu
-begehen, so erbärmlich war mir zu Mute. Aber natürlich mußte ich mir
-das alles aus dem Sinn schlagen und meinem Schicksal die Stirne bieten.
-Es war mir unmöglich, bis halb 7 Uhr zu warten, ich mußte dem Greuel
-ins Angesicht sehen und damit fertig werden. Aehnliche Gefühle mag ein
-Mensch haben, der gehängt werden soll.
-
-Um sechs Uhr ging ich auf Nebenwegen nach dem Theater und trat durch
-eine Hinterthür ein. Ich stolperte an Reihen von Leinwandkoulissen
-vorüber nach der Bühne und sah den Zuschauerraum düster und stumm,
-in entsetzlicher Leere vor mir liegen. Darauf zog ich mich wieder in
-das Dunkel hinter die Koulissen zurück und verharrte dort anderthalb
-Stunden, in Grauen und Entsetzen versunken; für die ganze übrige Welt
-war mir jedes Bewußtsein geschwunden.
-
-Plötzlich vernahm ich ein Geräusch, das sich immer mehr steigerte;
-lauter und lauter wurde das Gemurmel und endete mit einem Krach, in den
-sich Hochrufe mischten. Der wahrhaft betäubende Lärm erhob sich jetzt
-ganz in meiner Nähe und ich fühlte, daß mir die Haare zu Berge standen.
-Nun folgte eine Pause, dann kam ein abermaliges Hoch und gleich darauf
-ein drittes. Ehe ich noch recht wußte, wie mir geschah, befand ich mich
-mitten auf der Bühne, vor mir wogte ein Meer von Gesichtern, der helle
-Glanz der Lichter verwirrte mich und ich zitterte an allen Gliedern vor
-tödlichem Schrecken. Das ganze Haus war gedrängt voll, selbst die Gänge
-zwischen den Sitzreihen.
-
-Es dauerte eine volle Minute, bis sich meine Aufregung in Kopf,
-Herz und Beinen beruhigt hatte und ich meine Selbstbeherrschung
-einigermaßen wieder gewann. Ich las Wohlwollen und Freundlichkeit in
-allen Gesichtern, meine Furcht verschwand allmählich und ich begann
-zu sprechen. Schon nach drei bis vier Minuten fühlte ich mich ganz
-behaglich und zufrieden. Meine drei Hauptverbündeten waren mit drei
-Gehilfen zur Hand; sie saßen beieinander im Parkett mit Knotenstöcken
-bewaffnet und kampfbereit, um beim geringsten Scherzwort zum Angriff zu
-schreiten. Bei jedem Witz, den ich zum Besten gab, stießen sie mit den
-Stöcken gewaltig auf den Boden und verzogen den Mund von einem Ohr zum
-andern. Sawyer, dessen treuherziges Gesicht sich mitten in der zweiten
-Abteilung rötlich abhob, stimmte in ihr Gelächter ein und das ganze
-Haus wurde zum Beifall fortgerissen. Selbst die mittelmäßigsten Witze
-erzielten eine nie geahnte Wirkung.
-
-Nach einer Weile kam ich an eine ernsthafte Stelle, die ich mit
-großer Salbung vortrug; es war mein Leibstück und die Zuhörerschaft
-lauschte in atemlosem Schweigen, was mir wohlthuender war als der
-rauschendste Beifall. Bei dem letzten Wort meiner Einschaltung wandte
-ich mich zufällig und begegnete dem aufmerksam und erwartungsvoll
-auf mich gerichteten Auge der Frau K. -- Mein neuliches Gespräch mit
-ihr fiel mir plötzlich ein und wie sehr ich mich auch zusammennahm,
-ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Sie hielt dies für unser
-verabredetes Zeichen und brach sogleich in ein wohlklingendes Gelächter
-aus, von welchem sich die ganze Zuhörerschar anstecken ließ. Die
-Explosion, die nun erfolgte, bildete den Triumph des ganzen Abends.
-Ich fürchtete schon, der wackere Sawyer würde vor Lachen ersticken,
-und die Knotenstöcke arbeiteten, als gälte es Pfähle einzurammen. Mein
-armes bißchen Pathos war freilich zu Grunde gerichtet; man hielt es in
-gutem Glauben für einen beabsichtigten Witz und zwar für die Krone der
-ganzen Unterhaltung. Ich war natürlich klug genug, den Irrtum nicht
-aufzuklären.
-
-Alle Zeitungen brachten am andern Morgen freundliche Besprechungen;
-meine Eßlust kehrte zurück und ich hatte Geld in Hülle und Fülle. Ende
-gut -- alles gut.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Anhang.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Aus meiner Knabenzeit.
-
-
-I.
-
-Als ich nach neunundzwanzigjähriger Abwesenheit (1882) meinem Heimatort
-einen kurzen Besuch machte, fand ich daselbst ebensoviel anders
-geworden, wie überhaupt am ganzen Mississippi. Die Stadt Hannibal, wie
-sie früher gewesen, stand mir noch klar und lebhaft im Gedächtnis,
-ich hätte sie malen können. Ich trat ans Ufer und mir war zu Mute wie
-einem Menschen aus einer längst begrabenen Generation, der wieder
-unter den Lebenden wandelt. Ein ähnliches Gefühl müssen, denke ich,
-die Gefangenen der Bastille gehabt haben, wenn sie nach jahrelanger
-Kerkerhaft ans Licht des Tages kamen und sich nun in Paris umschauten,
-wo ihnen alles so fremd und doch so vertraut war.
-
-Wohl sah ich die neuen Häuser -- sie standen ja leibhaftig vor mir
--- aber die Bilder aus alter Zeit, die in meiner Erinnerung lebten,
-berührte das nicht; durch die festgefügten Mauern hindurch sah ich
-die alten Häuser, die ehemals an ihrem Platz gestanden, mit größter
-Deutlichkeit.
-
-Es war Sonntagmorgen und alles lag noch in den Federn. So schritt ich
-denn durch die leeren Straßen, sah die Stadt nicht wie sie ist, sondern
-wie sie war und begrüßte im Geist hundert mir wohlbekannte Gegenstände,
-die vom Erdboden verschwunden waren. Schließlich stieg ich den
-Holiday-Hügel hinauf, um einen weiten Ueberblick zu gewinnen. Nun lag
-die ganze Stadt zu meinen Füßen ausgebreitet und ich konnte jedes
-Gebäude, jede einzelne Oertlichkeit genau bestimmen. Natürlich hatte
-ich Mühe, meine Rührung zu bemeistern. Ich sagte mir: »Von den Leuten,
-die ich einst in diesem friedlichen Hafen meiner Kindheit gekannt habe,
-sind schon viele in den Himmel gegangen, manche aber auch sicherlich
-nach einem andern Ort der Vergeltung.«
-
-Alles, was ich rings um mich sah, rief meine Knabengefühle wieder
-wach; ich war überzeugt, ich sei noch ein Knabe und hätte nur einen
-ungewöhnlich langen Traum gehabt. Allein, sobald ich anfing zu
-überlegen, schwand diese Vorstellung. »Da drüben stehen etwa fünfzig
-alte Häuser,« sagte ich zu mir, »und ich brauche nur einzutreten,
-um überall Männer und Frauen zu finden, die noch in der Wiege lagen
-oder nicht geboren waren, als ich zuletzt von hier oben hinabschaute,
-vielleicht sogar eine Großmutter, die damals eine blühende junge Braut
-war.«
-
-Man hat von jener Anhöhe aus einen unbegrenzten Blick den Fluß hinauf
-und hinunter und über die großen Waldungen von Illinois; die Aussicht
-ist wunderschön, fast möchte ich sagen, eine der schönsten am Ufer
-des Mississippi, aber das ist eine kühne Behauptung, denn die 800
-Meilen, die der Fluß von St. Paul nach St. Louis durchläuft, bieten
-eine ununterbrochene Reihe der reizendsten Landschaftsbilder. Möglich,
-daß meine Vorliebe für die in Frage stehende Aussicht mein Urteil
-beeinflußt -- ich weiß es nicht gewiß. Jedenfalls gewährte sie mir
-die vollste Befriedigung, denn sie hatte vor allem andern Lieben und
-Bekannten, was ich wiedersehen sollte, _eines_ voraus -- sie war ganz
-unverändert. So jung und frisch, so reizend und anmutig sah ich sie
-vor mir, wie sie je gewesen, während die Gesichter meiner ehemaligen
-Freunde natürlich alt sein mußten und voller Narben vom Kampf des
-Lebens. Sie alle trugen wohl Spuren ihrer Niederlagen und Kümmernisse
-und konnten mein Gemüt nicht erheben.
-
-Ein alter Herr, der auf seinem Morgenspaziergang begriffen war, kam
-jetzt herbei. Wir tauschten zuerst unsere Bemerkungen über das Wetter
-aus und gerieten dann auf andere Unterhaltungsstoffe. Sein Gesicht
-war mir unbekannt; er sagte, er wohne schon 28 Jahre hier am Ort, das
-war _nach_ meiner Zeit, ich hatte ihn also noch nie gesehen. Ich zog
-nun allerlei Erkundigungen ein; zuerst fragte ich nach einem meiner
-Kameraden aus der Sonntagsschule -- was wohl aus ihm geworden wäre.
-
-»Er ging mit Ehren von einer Universität im Osten ab, dann zog er in
-die weite Welt, doch nirgends wollte es ihm glücken; jetzt ist er
-längst aus aller Gedächtnis geschwunden, man glaubt, er sei gestorben
-und verdorben.«
-
-»Er war ein begabter Junge, der zu den besten Hoffnungen berechtigte.«
-
-»Jawohl, aber in Erfüllung gegangen sind sie nicht.«
-
-Nun fragte ich nach einem andern meiner Mitschüler, dem klügsten im
-ganzen Ort.
-
-»Auch seine Studien im Osten waren vom besten Erfolg gekrönt, aber im
-Leben hat er bei jedem Kampf den kürzeren gezogen; schon vor Jahren ist
-er irgendwo in den Territorien gestorben -- ein gebrochener Mann.«
-
-Ich erkundigte mich nach einem dritten begabten Jungen.
-
-»Dem ist’s gut gegangen, alles gelingt ihm, ich glaube es wird ihm
-immer glücken.«
-
-Hierauf fragte ich nach einem jungen Mann, der damals gerade in die
-Stadt gekommen war, um sich in seinem Beruf auszubilden.
-
-»Er hat umgesattelt, ehe er noch fertig war -- erst wollte er Advokat
-werden, dann Mediziner, dann noch etwas anderes. Ein Jahr lang war er
-fort, kam mit einer jungen Frau wieder, ergab sich dem Trunk, später
-auch dem Spiel; endlich brachte er seine Frau und zwei kleine Kinder zu
-ihrem Vater zurück und ging nach Mexiko, sank immer tiefer herunter und
-starb dort, ohne einen Cent, um das Bahrtuch zu bezahlen, ohne einen
-Freund, der seiner Leiche folgte.«
-
-»Schade um ihn -- es war der gutmütigste Mensch von der Welt, immer
-heiter und hoffnungsvoll.«
-
-Von einem andern Knaben, den ich nannte, hieß es:
-
-»O, mit dem ist alles in Ordnung; er hat Frau und Kinder und sein gutes
-Fortkommen.«
-
-Derselbe Bescheid ward mir noch über viele meiner früheren Kameraden.
-
-Nun fragte ich nach drei Mitschülerinnen:
-
-»Die beiden ersten leben hier mit Mann und Kindern, die dritte ist
-schon lange tot -- geheiratet hat sie nicht.«
-
-Mit Herzklopfen nannte ich jetzt den Namen einer meiner frühesten
-Flammen.
-
-»Der geht’s gut. Sie war dreimal verheiratet. Zwei Männer hat sie
-begraben, vom dritten ist sie geschieden und ich höre, daß sie jetzt
-einen alten Menschen nehmen will, der irgendwo draußen in Colorado
-lebt. Ihre Kinder sind in der ganzen Welt verstreut.«
-
-[Illustration]
-
-Auf einige Fragen lautete die Antwort sehr kurz:
-
-»Im Kriege gefallen.«
-
-Von einem Knaben, nach welchem ich fragte, hieß es:
-
-»Mit dem ist’s seltsam gegangen! Jedermann in der ganzen Stadt wußte,
-daß der Junge der reinste Strohkopf war, ein Dummrian erster Sorte, ein
-Esel, der seinesgleichen nicht hatte. Das war allbekannt, kein Mensch
-zweifelte daran. Und was ist aus ihm geworden? -- denken Sie nur: der
-angesehenste Advokat im ganzen Staate Missouri.«
-
-»Wahrhaftig?!«
-
-»Wie ich Ihnen sage. Es ist die lauterste Wahrheit.«
-
-»Wie läßt sich das aber erklären?«
-
-»Erklären läßt sich’s gar nicht. Man sieht nur daraus, daß die Leute
-in St. Louis nicht von selbst auf den Gedanken kommen, daß einer ein
-Hansnarr ist, wenn man’s ihnen nicht zuvor sagt. Eins ist sicher --
-hätte ich einen Hansnarren zu versorgen, ich schickte ihn gleich mit
-Dampf nach St. Louis, dort ist der beste Markt für dergleichen Ware. --
-Was sagen Sie dazu -- steht einem nicht der Verstand still, wenn man’s
-recht bedenkt? Ich muß gestehen, mir ist etwas so Unerhörtes nicht
-wieder vorgekommen.«
-
-»Freilich, es scheint verwunderlich. Aber, glauben Sie nicht, daß man
-den Jungen in Hannibal vielleicht falsch beurteilt hat und daß die
-Leute in St. Louis ihn richtiger zu würdigen wissen?«
-
-»Wo denken Sie hin! Hier kennt man ihn ja von klein auf und tausendmal
-besser als die Schafsköpfe in St. Louis. Nein, nein, folgen Sie nur
-meinem Rat und schicken Sie alle Hansnarren nach St. Louis, dort findet
-die Ware Absatz.«
-
-Ich fragte nun noch nach vielen meiner früheren Bekannten. Sie waren
-gestorben oder fortgezogen; manche hatten Glück gehabt, andere nichts
-als Verluste; auf etwa ein Dutzend Fragen erhielt ich die beruhigende
-Antwort:
-
-»Die sind wohl auf -- wohnen hier -- die ganze Stadt ist voll von ihren
-Kindern.«
-
-»Wie geht’s Fräulein B.?« fragte ich.
-
-»Sie starb vor drei Jahren im Irrenhaus -- ist seit dem Tage ihrer
-Aufnahme dort nicht wieder herausgekommen; es war an keine Heilung zu
-denken, sie ist immer gestört geblieben.«
-
-Dies bezog sich auf ein entsetzliches Trauerspiel, das sich in meiner
-frühesten Kindheit zutrug. Sechsunddreißig Jahre im Irrenhaus -- bloß
-weil sich ein paar Thörinnen einen dummen Spaß machen wollten! Ich
-sehe die leichtfertigen jungen Dinger noch auf den Fußspitzen ins
-Zimmer schleichen, wo Fräulein B. um Mitternacht lesend bei der Lampe
-saß. Eins der Mädchen hatte sich das Gesicht mit Mehl gepudert und ein
-Leintuch umgebunden. Sie glitt dicht zu der Lesenden heran und berührte
-ihr Opfer an der Schulter. Das Fräulein sah auf, stieß einen Schrei aus
-und verfiel in Krämpfe. Von dem Schreck hat sie sich nie wieder erholt
--- sie wurde wahnsinnig. Heutzutage scheint es uns unbegreiflich, daß
-man noch vor so kurzer Zeit an Gespenster geglaubt haben soll. Aber es
-war wirklich der Fall.
-
-Nachdem ich nach allen Leuten gefragt hatte, die mir einfielen,
-erkundigte ich mich zuletzt nach mir selber.
-
-»O, dem ist’s auch geglückt -- das ist wieder so ein Beispiel von einem
-Hansnarren. Hätte man ihn nach St. Louis spediert, er würde es früher
-zu etwas Ordentlichem gebracht haben.«
-
-Es war doch sehr weise gewesen, daß ich dem offenherzigen alten Herrn
-gleich anfangs gesagt hatte, mein Name sei Smith.
-
-
-II.
-
-Mein Gefährte verließ mich nun, und ich fuhr fort, die alten Häuser
-der Stadt drunten zu betrachten und mir ihre Bewohner aus vergangenen
-Tagen ins Gedächtnis zu rufen. Mein Blick fiel jetzt auf Lem Hacketts
-Elternhaus und ich sah mich in eine Zeitperiode zurückversetzt, in
-welcher die Menschen mit ihren Erlebnissen nicht der natürlichen und
-folgerichtigen Entwicklung allgemeiner Gesetze unterworfen zu sein
-glaubten, sondern den besonderen Anordnungen einer Vorsehung, welche
-sie strafen oder warnen wollte.
-
-Als ich noch ein kleiner Knabe war, ertrank Lem Hackett -- an einem
-Sonntag. Er fiel aus einem leeren, flachen Boot, in dem er spielte, und
-da er voll Sünden war, sank er wie ein Ambos bis auf den Grund. Er war
-im ganzen Städtchen der einzige Knabe, welcher in der darauffolgenden
-Nacht schlief; wir andern alle waren wach und thaten Buße. Es hätte
-dazu wahrlich nicht erst der Belehrung bedurft, die uns am Abend
-von der Kanzel herab zu teil wurde, nämlich, daß Lems Tod die Folge
-eines besonderen göttlichen Gerichtes sei. In jener Nacht brach ein
-schreckliches Gewitter aus, das ohne Aufhören bis zum Morgen währte:
-der Wind wehte heftig, die Fenster zitterten, der Regen fiel klatschend
-und in Strömen auf die Dächer; jeden Augenblick erhellte ein Blitz mit
-blendendem Lichte die tintenschwarze Finsternis draußen und auf diesen
-folgte ein krachender Donnerschlag, der alles in der Nachbarschaft
-in Splitter und Fetzen zu reißen schien. Zitternd und schaudernd saß
-ich im Bett und wartete auf den offenbar bevorstehenden Untergang der
-Welt. Ich fand nichts Ungereimtes darin, daß der Himmel Lem Hacketts
-wegen einen solchen Höllenlärm machte: es war das meiner Ansicht nach
-ganz gehörig und in Ordnung. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß
-die Engel versammelt waren, den Tod dieses Knaben erörterten und
-dem schrecklichen Bombardement unseres Städtchens mit Befriedigung
-und Billigung zusahen. Eines beunruhigte mich dabei aufs höchste
--- das war der Gedanke, daß diese Konzentration des himmlischen
-Interesses auf unser Städtchen unfehlbar die Aufmerksamkeit der
-überirdischen Beobachter auf Leute unter uns lenken mußte, die sonst
-der Beobachtung vielleicht Jahre lang entgangen wären. Ich fühlte,
-daß ich nicht nur zu diesen Leuten gehörte, sondern daß gerade ich am
-allerwahrscheinlichsten entdeckt werden würde. Diese Entdeckung konnte
-nur eine Folge haben: daß ich zu Lem ins höllische Feuer käme, noch
-ehe er dort recht zu sich gekommen und warm geworden war. Ich wußte,
-daß mir ganz nach Recht und Billigkeit geschähe. Dabei vergrößerte ich
-fortwährend die Chancen gegen mich, indem ich eine geheime Bitterkeit
-gegen Lem hegte, weil er diese verhängnisvolle Aufmerksamkeit auf mich
-gezogen hatte, aber ich konnte einmal nicht anders -- dieser sündige
-Gedanke setzte sich mir zum Trotz in meinem Busen fest. So oft es
-blitzte, hielt ich den Atem an und glaubte mich verloren. In meinem
-schrecklichen Elend begann ich in gemeiner Weise auf andere Knaben
-hinzudeuten und Thaten von ihnen zu erwähnen, die verruchter seien
-als meine und besonders der Strafe bedürften -- und ich versuchte mir
-einzureden, daß ich das bloß so zufällig thäte und ohne die Absicht,
-die himmlische Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, um mich selbst ihr zu
-entziehen. Mit tiefem Scharfsinn gab ich diesen Denunziationen die Form
-betrübter Erinnerungen und linkischer Fürbitten, daß die Sünden jener
-Knaben nicht heimgesucht werden möchten -- »denn sie könnten sie ja
-möglicherweise bereuen.« »Es ist wohl wahr, (sprach ich in Gedanken,)
-daß Jim Smith ein Fenster zerbrach und dann leugnete -- aber vielleicht
-that er es nicht in böser Absicht. Und wenn auch Tom Holmes garstigere
-Worte gebraucht als irgend ein anderer Knabe im Städtchen, so wird
-er doch vielleicht in sich gehen und bereuen -- wenn er das auch nie
-gesagt hat. Und obwohl es Thatsache ist, daß John Jones einmal an einem
-Sonntag ein wenig fischte, so fing er ja doch nichts als einen einzigen
-nutzlosen Schlammbeißer; und das wäre am Ende nicht so schrecklich
-gewesen, wenn er ihn wieder ins Wasser geworfen hätte, wie er behauptet
--- was aber leider nicht wahr ist. Schade, daß sie diese schrecklichen
-Dinge nicht bereuen wollten -- vielleicht thun sie es aber noch.«
-
-Während ich so listig die Aufmerksamkeit auf jene armen Burschen
-lenkte, -- die zweifellos im selben Augenblick die himmlische
-Aufmerksamkeit mir zuwandten, obwohl ich das damals durchaus
-nicht argwöhnte, -- hatte ich achtlos meine Kerze brennen lassen.
-Die Zeit war nicht danach angethan, daß man selbst geringfügige
-Vorsichtsmaßregeln hätte vernachlässigen dürfen; es war kein Grund
-vorhanden, mich selbst noch auffällig zu machen, und so löschte ich
-denn das Licht aus.
-
-Das war eine lange, lange Nacht -- vielleicht die angstvollste, die
-ich je verbracht habe. Ich litt Folterqualen der Reue über Sünden,
-von denen ich wußte, daß ich sie begangen hatte, und für andere,
-bezüglich deren ich nicht so gewiß, aber überzeugt war, daß sie in
-ein Buch eingetragen worden von einem Engel, der, weiser als ich, so
-wichtige Dinge nicht dem Gedächtnis anvertraute. Nach und nach kam
-ich zu der Einsicht, daß ich in einer Beziehung einen thörichten und
-unheilvollen Irrtum begangen hatte: zweifellos hatte ich dadurch,
-daß ich die Aufmerksamkeit auf jene andern Knaben lenkte, nicht nur
-meinen eigenen Untergang sicher beschworen, sondern auch den ihrigen
-bereits verursacht! -- Zweifellos hatte sie mittlerweile der Blitz
-alle in ihren Betten niedergestreckt! Die Angst und der Schreck,
-den dieser Gedanke mir einjagte, ließ mir die vorhergehenden Leiden
-vergleichsweise geringfügig erscheinen.
-
-Der Stand der Dinge war bedenklich geworden. Ich beschloß, mich der
-Sünde in jeder Form zu enthalten und fortan ein reines, tadelloses
-Leben zu führen. Ich wollte pünktlich in der Kirche und Sonntagsschule
-sein, die Kranken besuchen, Körbe mit Lebensmitteln zu den Armen tragen
-(bloß um die vorschriftsmäßigen Bedingungen zu erfüllen, obgleich
-ich wußte, daß bei uns niemand so arm war, daß man mir nicht überall
-den Korb an den Kopf geschmissen hätte); ich wollte andere Knaben
-auf den rechten Weg weisen und die daraus sich ergebenden Neckereien
-in Geduld ertragen; ich wollte nur noch Traktätchen lesen, wollte
-die Branntweinhöhlen aufsuchen und die Trunkenbolde ermahnen -- und
-schließlich, falls ich dem Schicksal jener entginge, die vorzeitig
-›fürs Leben zu gut werden‹, wollte ich als Missionar in ferne Lande
-ziehen.
-
-Gegen Tagesanbruch legte sich der Sturm und ich schlummerte nach und
-nach ein, mit einem Gefühl der Verpflichtung gegen Lem Hackett, weil
-er in dieser jähen Weise in die ewige Qual eingegangen war und so ein
-weit entsetzlicheres Unheil abgewendet hatte -- nämlich meinen eigenen
-Untergang. Als ich aber des Morgens, vom Schlaf erquickt, aufstand und
-fand, daß die andern Knaben sämtlich noch am Leben waren, hatte ich ein
-unbestimmtes Gefühl, die ganze Geschichte möchte doch nur ein falscher
-Alarm gewesen und der ganze Trubel nur Lem Hacketts und sonst niemands
-wegen entstanden sein. Die Welt sah so heiter und sicher aus, daß
-wirklich kein Grund vorhanden schien, ein neues Leben anzufangen. Ich
-war den Tag über und auch am nächsten Tage etwas gedrückter Stimmung;
-dann aber kam mir mein Vorsatz zur Besserung allmählich aus dem Sinn,
-und es war mir wieder ruhig und behaglich zu Mute -- bis zum nächsten
-Sturm.
-
-Dieser Sturm kam drei Wochen später und ich habe mir seinen Zweck
-nie recht erklären können, denn am Nachmittag jenes Tages war
-›Dutchy‹ ertrunken. So nannten wir einen deutschen Jungen aus der
-Sonntagsschule, der furchtbar tugendhaft war und ein fabelhaftes
-Gedächtnis hatte, im übrigen sich aber selten zu raten und zu helfen
-wußte. Eines Sonntags erregte er den Neid der gesamten Dorfjugend
-und die Bewunderung aller Erwachsenen, denn er sagte dreitausend
-Bibelsprüche in einem Zuge her, ohne nur einmal zu stocken. Und gleich
-tags darauf ertrank er jämmerlich.
-
-Das kam nämlich so: Wir badeten alle in einer schlammigen Bucht und
-wollten versuchen, wer beim Tauchen den Kopf am längsten unter Wasser
-halten könnte. In der Bucht war ein tiefes Loch, in dem die Böttcher
-ihre Stäbe zu Faßreifen einzuweichen pflegten. Der Haufen lag etwa
-zwölf Fuß unter Wasser und wir hielten uns beim Tauchen an den Stäben
-fest. ›Dutchy‹ benahm sich dabei so ungeschickt, daß er immer mit Spott
-und Gelächter empfangen wurde, so oft sein Kopf aus der Flut hervorkam.
-Das verdroß ihn endlich und er bat uns, am Ufer stehen zu bleiben und
-ganz ehrlich zu zählen, wie lange er es aushalten könne. »Jawohl,
-›Dutchy‹, nur zu! -- wir verzählen uns nicht,« schrieen wir alle,
-wechselten dabei aber verstohlene Blicke, die nichts Gutes weissagten.
-
-›Dutchy‹ tauchte unter; wir Jungen aber versteckten uns rasch
-hinter einem nahen Brombeergebüsch. Wenn ›Dutchy‹, nachdem er
-sich übermenschlich angestrengt hatte, wieder auf die Oberfläche
-kam, sollte er den Platz leer finden und keinen Menschen, der ihm
-Beifall klatschte. Der Gedanke machte uns soviel Spaß, daß wir vor
-unterdrücktem Lachen zu ersticken meinten. Nach einer Weile guckte
-einer der Kameraden durch das Gesträuch.
-
-»Hört mal,« sagte er verwundert, »noch ist er nicht wieder oben.«
-
-»Aber, _der_ taucht einmal gut!«
-
-»Na, um so gelungener ist dann der Spaß!«
-
-Es entstand eine Pause, wir lauschten mit verhaltenem Atem und zuletzt
-malte sich Furcht und Bangigkeit in allen Mienen. Noch immer lag das
-Wasser in unbeweglicher Ruhe da. Mit lautklopfendem Herzen schlichen
-wir ans Ufer zurück und starrten entsetzt bald ins Wasser, bald
-einander in die bleichen Gesichter.
-
-»Einer von uns muß hinunter, um nachzusehen.«
-
-Das war klar, aber jedem graute davor.
-
-»Das Los soll entscheiden.«
-
-Mit zitternden Händen suchten wir Strohhalme, um das Schicksal zu
-befragen. Das Los traf mich und ich sprang ins Wasser. Es war so trübe,
-daß ich nichts sehen konnte, ich fühlte nur unter den Stäben umher und
-bekam plötzlich eine leblose Hand zu fassen. In tödlichem Schrecken
-ließ ich sie fahren und rettete mich wieder ans Tageslicht.
-
-Der Knabe war zwischen die Stäbe geraten und da hilflos stecken
-geblieben. Ich verkündete die entsetzliche Nachricht, doch dachten
-wir nicht daran, den Ertrunkenen schnell herauszuziehen, damit er
-vielleicht noch zum Leben erweckt werden könne. Die kleineren Buben
-schrieen jämmerlich und jeder suchte so rasch wie möglich in seine
-Kleider zu kommen; wir zogen die ersten besten an, meist das Unterste
-zu oberst, das Innere nach außen. Dann trabten wir eilig davon und
-verbreiteten die Unglückskunde, aber keiner von uns kehrte wieder mit
-um. Wir wollten das Ende des Trauerspiels nicht sehen, wir hatten etwas
-Wichtigeres zu thun, nämlich ohne einen Augenblick zu verlieren nach
-Hause zu laufen und ein besseres Leben zu beginnen.
-
-Bald brach die Nacht herein und dann kam das schreckliche und mir
-ganz unverständliche Gewitter. Es mußte entschieden auf einem Irrtum
-beruhen, anders ließ es sich nicht erklären. Alle Elemente waren
-entfesselt, der Sturm raste in blinder Wut, die Blitze zuckten und der
-Donner tobte wie unsinnig. Ich hatte Mut und Hoffnung völlig verloren;
-verzweifelnd dachte ich bei mir: »Wenn ein Junge, der dreitausend
-Bibelsprüche auswendig kann, nicht fromm genug ist, wer soll dann dem
-Verhängnis entrinnen?«
-
-[Illustration]
-
-Natürlich zweifelte ich keinen Augenblick, daß der Sturm einzig und
-allein Dutchys wegen ausgebrochen sei; daß er, oder irgend ein anderes
-gleich unbedeutendes Wesen, einer so erhabenen Kundgebung aus der Höhe
-nicht wert sei, kam mir nicht von fern in den Sinn. Mich beunruhigte
-nur die Lehre, die ich daraus ziehen mußte. Wenn ›Dutchy‹, trotz
-all seiner Tugend, nicht Gnade fand, so war es für mich ein ganz
-vergebliches Bemühen, ein neues Leben anzufangen, ich konnte ja nun und
-nimmermehr hoffen, so vortrefflich zu werden wie er. Dennoch schien es
-mir rätlich, den Versuch der Besserung zu machen. Als nun aber Tage
-voll Sonnenschein und Heiterkeit folgten, hatte ich alle guten Vorsätze
-vergessen noch ehe ein Monat um war, und fühlte mich in meiner
-sündhaften Verstocktheit so behaglich wie je zuvor.
-
- * * * * *
-
-Während ich mir jene alten Erlebnisse ins Gedächtnis zurückrief
-und allerlei Betrachtungen daran knüpfte, war die Frühstücksstunde
-herbeigekommen. Ich versetzte mich wieder in die Gegenwart zurück und
-ging den Hügel hinunter.
-
-Auf dem Wege nach dem Hotel kam ich auch an dem Hause vorbei, das wir
-zu meiner Knabenzeit bewohnten. Seine jetzigen Insassen sind heutzutage
-nicht mehr wert als ich, aber zu jener Zeit hätten sie mindestens
-fünfhundert Dollars die Person gegolten. Es waren nämlich Farbige.
-
-Nach dem Frühstück ging ich aus, um einige Sonntagsschulen zu
-besichtigen und die Leistungen ihrer jetzigen Zöglinge mit denen meiner
-damaligen Mitschüler zu vergleichen. Die Kinder waren besser gekleidet
-und sahen sauberer aus als wir vor Zeiten und ihr Anblick rührte mich
-tief. Es waren ja die Abkömmlinge jener Knaben und Mädchen, die ich vor
-vielen, vielen Jahren von ganzem Herzen geliebt oder von ganzem Herzen
-gehaßt hatte; sie saßen jetzt auf deren Plätzen -- wo aber waren jene
-hingekommen?
-
-Ich wollte, der kahlköpfige Inspektor, der zu meiner Zeit ein
-flachshaariger Sonntagsschüler war, hätte mich nicht erkannt und mich
-ruhig meine Beobachtungen anstellen lassen. Statt dessen mußte ich nun
-den Kindern eine Ansprache halten, und für unvorbereitete Reden habe
-ich gar kein Talent. Ich konnte mich auch im Augenblick durchaus nicht
-auf das sinnlose Geschwätz besinnen, mit dem die Besucher meine Ohren
-zu beleidigen pflegten, als ich noch Schüler war. Schade! denn hätte
-ich so recht salbungsvoll reden können, so würde ich Zeit gewonnen
-haben, mir die frischen, jungen Gesichter, die da vor mir aufgereiht
-saßen, noch länger anzusehen.
-
-Der eigentliche Musterknabe schien mir aber nicht darunter zu sein.
-Der Musterknabe, den wir damals hatten -- mehr als einen hat es nie
-gegeben -- war völlig fehlerlos; fehlerlos im Benehmen, im Anzug, im
-Lebenswandel, im kindlichen Gehorsam, in äußerer Frömmigkeit; aber im
-Grunde war er ein eingebildetes Bürschchen und hatte so wenig Grütze
-im Kopf, daß man ihm ruhig statt des Schädels einen Kürbis hätte
-aufsetzen können, ohne daß jemand den Unterschied bemerkt hätte. Die
-Untadeligkeit dieses Jungen war für die ganze Jugend des Städtchens
-ein immerwährender Vorwurf. Alle Mütter bewunderten ihn und von allen
-ihren Söhnen wurde er verabscheut. Man hat mir auch gesagt, was aus ihm
-geworden ist, es war aber das Gegenteil von dem, was ich erwartete,
-daher will ich alle weiteren Einzelheiten verschweigen und nur
-erwähnen, daß er sein Glück in der Welt gemacht hat.
-
-Drei Tage lang blieb ich in der Stadt und wachte jeden Morgen mit der
-Ueberzeugung auf, daß ich noch ein Knabe sei, denn in meinen Träumen
-waren alle Gesichter wieder jung und sahen gerade so aus, wie in den
-vergangenen Zeiten. Abends aber, wenn ich zu Bette ging, kam ich mir
-mindestens hundert Jahre alt vor, denn inzwischen hatte ich mich zur
-Genüge davon überzeugt, wie jene Gesichter in Wirklichkeit aussahen.
-
-Bis ich mich an den neuen Stand der Dinge gewöhnt hatte, fiel ich immer
-aus einer Ueberraschung in die andere. Ich begegnete jungen Damen, die
-sich gar nicht verändert zu haben schienen, aber es stellte sich bald
-heraus, daß sie die Töchter meiner damaligen Bekannten waren oder auch
-ihre Enkelinnen. Wenn man uns sagt, daß eine fremde Dame von fünfzig
-Jahren Großmutter ist, so wundert uns das gar nicht; hat man sie aber
-als kleines Mädchen gekannt, so scheint es unmöglich. Wie kann ein
-kleines Mädchen eine Großmutter sein? -- Es ist gar nicht leicht, sich
-die Thatsache klar zu machen, daß wir nicht _allein_ alt werden,
-sondern unsere Zeitgenossen darin mit uns gleichen Schritt halten.
-
-Die größte Veränderung fand ich bei den Frauen, weit weniger bei den
-Männern. Diese schienen in dreißig Jahren nicht viel gealtert zu sein;
-aber ihre Frauen waren alt geworden -- wenigstens die braven. Brav zu
-sein ist sehr angreifend, es erhält nicht jung.
-
-Die Stadt Hannibal hat sich nicht weniger umgewandelt als ihre
-Bewohner. Sie ist sehr ansehnlich geworden, hat einen Bürgermeister,
-einen Gemeinderat, Gas- und Wasserleitung und wahrscheinlich Schulden.
-Die Zahl ihrer Einwohner beträgt 15,000; überall herrscht rege
-Thätigkeit und Gedeihen; auch das Pflaster ist nicht schlechter wie
-in andern Städten des Westens und Südens, wo eine gut gepflasterte
-Straße und bequeme Bürgersteige etwas so Seltenes sind, daß man seinen
-Augen nicht traut, wenn man sie einmal zu sehen bekommt. Hannibal ist
-jetzt auch der Knotenpunkt von einem halben Dutzend Eisenbahnlinien
-und besitzt einen neuen Bahnhof, der 100,000 Dollars gekostet hat. Ich
-ging auch nach der Bärenbucht, die wahrscheinlich so heißt, weil sich
-nie ein Bär dorthin verirrt hat; sie ist jetzt mit Bergen von Nutzholz
-förmlich zugebaut. Dort pflegte ich jeden Sommer regelmäßig ins Wasser
-zu fallen, aber immer kam irgend ein Mensch vorbei, holte mich heraus,
-pumpte mir Luft ein und brachte mich wieder auf die Beine. Jetzt
-ist von der ganzen Bucht nicht mehr so viel übrig, daß jemand darin
-ertrinken kann.
-
-
-III.
-
-»Erinnern Sie sich noch, wie Jimmy Finn, der Stadttrunkenbold, im
-Stockhaus verbrannte?« fragte mich ein Bürger meines Heimatortes, mit
-dem ich mich in ein Gespräch einließ.
-
-Es ist doch merkwürdig, wie eine Geschichte im Laufe der Zeit
-durch das schlechte Gedächtnis der Menschen verfälscht wird! Finn
-verbrannte nämlich nicht im Stockhaus, sondern starb eines natürlichen
-Todes in einem Lohfaß, an einer Kombination von ~Delirium tremens~
-und Selbstverbrennung. Wenn ich sage eines natürlichen Todes, so
-meine ich damit, daß es für Jimmy Finn ein natürlicher Tod war. Das
-Stadthausopfer war gar kein Einheimischer, sondern ein armer Fremder,
-ein harmloser Landstreicher und Schnapssäufer. Ich kenne seinen Fall
-genauer als sonst jemand; ja, es gab eine Zeit, wo ich mehr davon
-wußte als mir lieb war und ich mich hütete, davon zu sprechen. Jener
-Landstreicher wanderte, eine Pfeife im Munde, eines kühlen Abends in
-den Straßen umher und bat um ein Zündholz; er bekam weder Zündholz noch
-sonstige Aufmerksamkeiten -- im Gegenteil: ein Trupp böser kleiner
-Buben folgte ihm auf den Fersen und vergnügte sich damit, ihn zu necken
-und zu ärgern. Ich war auch dabei, aber eine flehentliche Bitte um
-Schonung, die der Wanderer stellte und mit einem eindringlichen Hinweis
-auf seine verlassene und freundlose Lage begleitete, rührte den Rest
-von Schamgefühl und richtiger Empfindung in mir: ich ging fort, holte
-ihm einige Streichhölzchen und eilte dann nach Hause und zu Bette,
-schwer belastet im Gewissen und in nicht sehr gehobener Stimmung. Ein
-paar Stunden später wurde der Mann arretiert und von dem Marschall
--- ein großer Name für einen Polizeidiener, aber das war sein Titel
--- in das Stockhaus gesperrt. Um zwei Uhr des Morgens verkündeten
-die Kirchenglocken Feuer, und alles verließ natürlich die Häuser --
-ich mit den übrigen. Der Landstreicher hatte seine Zündhölzchen in
-verderblicher Weise gebraucht: er hatte seinen Strohsack angezündet,
-und die Flamme hatte die eichene Vertäfelung des Zimmers ergriffen.
-Als ich den Platz erreichte, standen zweihundert Männer, Frauen und
-Kinder, von Entsetzen durchdrungen, dicht beisammen und starrten auf
-die vergitterten Kerkerfenster. Hinter den Eisenstäben, an denen er
-wie rasend zerrte, stand der Landstreicher und schrie um Hilfe. Er sah
-aus wie ein schwarzer Fleck, der sich von der Sonne abhebt, so weiß
-und intensiv war das Licht hinter seinem Rücken. Der Marschall war
-nicht zu finden, und er besaß den einzigen Schlüssel. Rasch wurde ein
-Mauerbrecher improvisiert, und der Donner seiner Stöße gegen die Thür
-tönte so ermutigend, daß die Zuschauer in wildes Jauchzen ausbrachen
-und die barmherzige That schon gelungen glaubten. Aber dem war nicht
-so. Die Balken waren zu stark; sie gaben nicht nach. Man sagte, daß
-der Mann noch im Tode die Eisenstäbe fest umklammert hielt und daß das
-Feuer ihn in dieser Stellung umhüllte und verzehrte. Ich selbst weiß
-nichts Bestimmtes darüber.
-
-[Illustration]
-
-Ich sah sein Gesicht in jener oben beschriebenen Stellung eine lange
-Zeit nachher noch jede Nacht; und ich glaubte mich so schuldig an dem
-Tode des Mannes, als ob ich ihm die Streichhölzchen absichtlich gegeben
-hätte, damit er sich damit verbrennen sollte. Ich zweifelte nicht im
-geringsten, daß ich gehängt werden würde, falls etwa meine Beteiligung
-an dieser Tragödie zu Tage käme. Die Ereignisse und Eindrücke jener
-Zeit sind unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn jemand
-von jener gräßlichen Geschichte sprach, war ich augenblicklich
-ganz Ohr und lauschte gierig auf jedes Wort, denn ich erwartete und
-fürchtete stets zu entdecken, daß man mich beargwöhne; so fein und
-empfindlich war die Wahrnehmungsgabe meines schuldigen Gewissens, daß
-es oft in den unverfänglichsten Aeußerungen einen Verdacht entdeckte,
-sogar in Mienen, Gebärden und Blicken, die keine Bedeutung hatten, die
-mich aber trotzdem mit panischem Schrecken erfüllten und von dannen
-jagten. Wenn jemand (und wäre es auch höchst sorg- und absichtslos
-gewesen) die Bemerkung fallen ließ: »Der Mord muß endlich ans Licht
-kommen,« so machte mich das ganz elend. Für einen Knaben von zehn
-Jahren trug ich schon ein hübsch gewichtiges Sorgenbündel.
-
-Während dieser ganzen Zeit dachte ich glücklicherweise nicht daran, daß
-ich die Gewohnheit hatte, im Schlafe zu sprechen. Eines Nachts aber
-erwachte ich und sah, daß mein Schlafkamerad -- mein jüngerer Bruder --
-aufrecht im Bette saß und mich beim Mondscheine betrachtete. Ich sagte:
-
-»Was hast du denn?« --
-
-»Du plauderst so viel, daß ich nicht schlafen kann.«
-
-Ich richtete mich augenblicklich im Bette auf. Mein Puls stockte und
-die Haare standen mir zu Berge.
-
-»Was hab’ ich denn gesagt? Rasch -- heraus damit -- was hab’ ich
-gesagt?«
-
-»Nichts Besonderes.«
-
-»Das ist eine Lüge -- du weißt alles.«
-
-»Alles --? Wovon denn? worüber?«
-
-»Du weißt es recht gut: _davon_.«
-
-»Wovon? -- ich weiß nicht, wovon du redest. Ich glaube, du bist krank
-oder nicht bei Sinnen oder sonst ’was. Nun, jedenfalls bist du jetzt
-wach, und ich will versuchen, ob ich wieder einschlafen kann.«
-
-Er schlief sofort ein, während ich in kaltem Schweiß gebadet dalag.
-Der Schreck hatte mich beinahe gelähmt und ich war keines andern
-Gedankens mehr fähig als: ›Wieviel habe ich enthüllt?‹ ›Wieviel
-weiß er?‹ -- Welche Qual war diese Ungewißheit! Nach und nach aber
-entwickelte sich eine Idee in mir -- ich wollte meinen Bruder aufwecken
-und ihn mit einem unterschobenen Fall auf die Probe stellen. Ich
-schüttelte ihn wach und sagte:
-
-»Angenommen, ein Mann käme betrunken zu dir --«
-
-»Das ist Unsinn -- ich betrinke mich nie.«
-
-»Ich meine nicht dich, du Dummkopf -- ich meine den Mann. Angenommen
-ein _Mann_ käme betrunken zu dir und borgte ein Messer oder einen
-Tomahawk oder ein Pistol, und du vergäßest ihm zu sagen, daß es geladen
-sei, und -- --«
-
-»Wie kannst du einen Tomahawk laden?«
-
-»Ich meine nicht den Tomahawk und sagte es auch nicht, ich sagte das
-Pistol. Und nun unterbrich mich nicht fortwährend in dieser Weise, denn
-die Sache ist ernst. Es ist ein Mann getötet worden.«
-
-»Was! in unserer Stadt?«
-
-»Ja, in unserer Stadt.«
-
-»Nun, fahre fort -- ich will kein einziges Wort mehr sagen.«
-
-»Nun also: angenommen, du vergäßest, ihm zu sagen, er solle sorgfältig
-damit umgehen, weil es geladen sei, und er ginge nun hin und erschösse
-sich mit jenem Pistol -- indem er damit spielt, weißt du, und
-wahrscheinlich zufällig, da er betrunken ist. Nun, wäre das ein Mord?«
-
-»Nein, -- ein Selbstmord.«
-
-»Nein, nein. Ich meinte nicht seine That, sondern _deine_: wärest du
-ein Mörder, weil du ihm jenes Pistol gabst?«
-
-Nach tiefem Nachdenken erfolgte die Antwort:
-
-»Nun, es scheint mir, als hätte ich mich dann schuldig gemacht -- des
-Mordes, vielleicht -- ja, wahrscheinlich des Mordes, aber ich weiß
-nicht recht.«
-
-Das machte mich sehr unruhig; indessen war es doch kein entscheidendes
-Urteil. Ich mußte ihm am Ende die wahre Sachlage erzählen -- es schien
-kein anderer Ausweg vorhanden. Aber ich wollte es vorsichtig thun und
-begann also:
-
-»Ich habe das vorigemal einen Fall ersonnen, aber jetzt komme ich
-zu dem wirklichen. Weißt du, wie es kam, daß der Mann im Stockhaus
-verbrannte?«
-
-»Nein.«
-
-»Hast nicht die geringste Idee davon?«
-
-»Nicht die geringste.«
-
-»Willst auf der Stelle sterben, wenn’s nicht so ist?«
-
-»Ja, will auf der Stelle sterben.«
-
-»Nun, die Sache war so. Der Mann verlangte Streichhölzchen, um seine
-Pfeife anzuzünden. Ein Knabe holte sie ihm; der Mann zündete mit eben
-diesen Streichhölzchen das Stockhaus an und verbrannte sich selbst.«
-
-»Ist das so?«
-
-»Ja, es ist so. Glaubst du nun, daß jener Knabe ein Mörder ist?«
-
-»Das kommt darauf an. -- Der Mann war betrunken?«
-
-»Ja, er war betrunken.«
-
-»Stark betrunken?«
-
-»Ja.«
-
-»Und der Knabe wußte es?«
-
-»Ja, er wußte es.«
-
-Es folgte eine lange Pause, dann wurde das harte Urteil verkündigt:
-
-»Wenn der Mann betrunken war und der Knabe es _wußte_, so hat der Knabe
-jenen Mann ermordet. Das ist sicher.«
-
-Durch alle Fibern meines Körpers schlich sich ein Gefühl, als müßte
-ich krank und ohnmächtig umsinken; es war mir wie einem Menschen zu
-Mute, dem sein Todesurteil verkündet wird. Ich wartete, um zu hören,
-was mein Bruder weiter sagen würde; mir ahnte, was es sein würde, und
-ich täuschte mich nicht. Er sagte:
-
-»Ich kenne den Knaben.«
-
-Ich hatte nichts zu sagen, und so schwieg ich. Ich schauderte einfach.
-Dann fügte er hinzu:
-
-»Ja, ehe du die Geschichte halb erzählt hattest, wußte ich ganz genau,
-wer der Knabe war; es war Ben Coontz!«
-
-Ich raffte mich aus meiner Betäubung empor, wie einer, der vom Tode
-aufersteht, und sagte verwundert:
-
-»Ei, wie in aller Welt hast du das erraten?«
-
-»Du hast es im Schlafe gesagt.«
-
-Ich dachte bei mir selbst: »Famos! Das ist eine Gewohnheit, die
-gepflegt werden muß.«
-
-Mein Bruder plapperte unschuldig weiter:
-
-»Als du im Schlafe sprachst, murmeltest du immerwährend etwas von
-Streichhölzchen, woraus ich nicht klug werden konnte; eben jetzt aber,
-als du mir von dem Manne und den Streichhölzchen und dem Stockhaus zu
-erzählen begannst, erinnerte ich mich, daß du Ben Coontz zwei- oder
-dreimal erwähntest; und so setzte ich mir denn dies und jenes zusammen
--- siehst du -- und wußte so augenblicklich, daß Ben den Mann verbrannt
-hat.«
-
-Ich lobte seinen Scharfsinn über die Maßen, und er fragte mich dann:
-
-»Willst du ihn dem Gericht überliefern?«
-
-»Nein,« sagte ich; »ich glaube, daß er sich die Lektion zu Herzen
-nehmen wird. Ich werde natürlich ein Auge auf ihn haben, denn das
-gehört sich; aber wenn er in sich geht und sich bessert, soll man nie
-sagen, daß ich ihn verraten habe.«
-
-»Wie gut du bist!«
-
-»Das nicht, aber ich strebe danach; mehr kann man in dieser Welt nicht
-thun.«
-
-Und jetzt, da meine Bürde auf andere Schultern gewälzt war, schwanden
-meine Sorgen und Befürchtungen wie Butter an der Sonne.
-
-
-
-
-Ritters Geschichte.
-
-
-Gegen Ende des Jahres 186-- brachte ich einige Monate in München zu. Im
-November war ich bei Fräulein Dahlweiner, Karlsstraße 1 ~a~, in Kost;
-meine Wohnung aber befand sich ein halbes Stündchen von dort entfernt,
-im Hause einer Witwe, welche an ledige Herren Zimmer vermietete und wo
-ich Gelegenheit fand, mich in der deutschen Sprache zu üben.
-
-Eines Tages, während einer Wanderung durch die Stadt, besuchte ich
-eines der zwei Gebäude, wo die Obrigkeit die Leichname aufbewahrt
-und überwachen läßt, bis die Aerzte entscheiden, daß sie wirklich
-tot und nicht scheintot sind. Es war ein schauerlicher Ort, jener
-geräumige Saal. Mit den Rücken auf schrägen Brettern ausgestreckt,
-lagen sechsunddreißig Leichname von Erwachsenen in drei langen
-Reihen -- alle mit wachsbleichen, starren Gesichtern, alle in weiße
-Leintücher gehüllt. An den Seiten des Saales waren tiefe Nischen,
-wie Bogenfenster, und in jeder lagen marmorbleiche Kinder, im ganzen
-vierzehn, -- gänzlich verborgen und begraben unter Blumen; nur die
-Gesichter und die gekreuzten Hände waren zu sehen. Jede dieser fünfzig
-stillen Formen, groß und klein, hatte an einem Finger der rechten Hand
-einen Ring, von dem ein Draht zur Decke und von da zu einer Glocke in
-ein Wachtzimmer drüben ging, wo Tag und Nacht ein Wächter saß, um zur
-Hilfe herbeizueilen, sobald einer von jener bleichen Gesellschaft aus
-dem Todesschlaf erwachen und eine Bewegung machen sollte -- denn jede,
-selbst die leiseste Bewegung bringt Draht und Glocke in Thätigkeit. Ich
-versetzte mich unwillkürlich in die Lage solch eines Totenwächters, der
-in einer stürmischen, finstern Nacht plötzlich aus dem Halbschlummer
-durch den Klang jenes unheimlichen Signals aufgeschreckt und bis ins
-tiefste Mark erschüttert wird. Wie -- so fragte ich mich -- wenn der
-Wächter beim Anblick des lebendig gewordenen Toten von einem Schlag
-getroffen würde? -- und wenn dann der Mann, der eben noch ein Leichnam
-gewesen, seinem Totenwärter, der jetzt selbst im Verscheiden ist,
-liebreich Beistand leistete? Aber ich machte mir Vorwürfe, an einem so
-feierlichen und traurigen Orte meine Phantasie mit so thörichten Fragen
-zu beschäftigen, und schlich von dannen.
-
-Am nächsten Morgen erzählte ich der Witwe von meinem Besuch, worauf sie
-ausrief:
-
-»Kommen Sie mit! Ich habe einen Zimmerherrn, der früher Leichenwärter
-dort war; der kann Ihnen über alles Auskunft geben.«
-
-Er lag im Bette und sein Kopf war hoch auf Polster gebettet; sein
-Gesicht war abgezehrt und farblos; seine tief eingesunkenen Augen
-geschlossen; seine auf der Brust ruhende Hand sah aus wie eine Kralle,
-so knochig und langfingerig war sie. Die Witwe machte uns mit einander
-bekannt. Die Augen des Kranken öffneten sich langsam und funkelten
-grimmig aus ihren Höhlen; er runzelte finster die Stirne, erhob seine
-magere Hand und winkte uns gebieterisch weg. Die Witwe aber ließ sich
-dadurch nicht irre machen und sagte ihm, daß ich ein Fremder, ein
-Amerikaner sei. Das Gesicht des Kranken änderte sofort seinen Ausdruck,
-hellte sich auf und verriet eine lebhafte Neugierde; -- im nächsten
-Augenblicke waren er und ich allein beisammen.
-
-Ich begann in schwerfälligem Deutsch; er antwortete in fließendem
-Englisch; darauf ließen wir die deutsche Sprache fallen.
-
-[Illustration]
-
-Dieser Schwindsüchtige und ich wurden gute Freunde. Ich besuchte ihn
-jeden Tag, und wir plauderten über alles Mögliche -- ausgenommen
-Weiber und Kinder. Sobald jemands Weib oder Kind erwähnt wurde,
-erfolgte stets dreierlei: in den Augen des Mannes glänzte einen Moment
-das freundlichste, zärtlichste und liebevollste Licht; im nächsten
-Augenblick verschwand es und an seiner Stelle erschien jener grimmige
-Blick, den ich bemerkt hatte, als ich ihm zuerst in die Augen sah; und
-drittens enthielt er sich von nun an den ganzen Tag über gänzlich der
-Rede, lag schweigend, geistesabwesend und wie in Gedanken versunken
-da, nahm von meinem ›Adieu‹ keinerlei Notiz und sah und hörte offenbar
-nicht, wie ich das Zimmer verließ.
-
-Als ich so zwei Monate lang der tägliche und einzige Vertraute Karl
-Ritters gewesen war, sagte er eines Tages plötzlich:
-
-»Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen!«
-
-
-Das Bekenntnis eines Sterbenden.
-
-»Ich habe nie weichgegeben, bis jetzt. Nun aber ist’s aus mit mir. Ich
-muß sterben und zwar bald. Sie bemerkten, daß Sie demnächst wieder
-an den Mississippi zurückzukehren gedächten; -- dies zusammen mit
-einem seltsamen Erlebnis der letzten Nacht hat mich zu dem Entschluß
-gebracht, Ihnen meine Geschichte zu erzählen -- denn Sie werden nach
-Napoleon in Arkansas kommen, und ich bitte Sie um meinetwillen, dort
-anzuhalten und etwas für mich zu thun -- Sie werden es gewiß gern thun,
-wenn Sie meine Erzählung gehört haben.
-
-»Ich werde die Geschichte abkürzen, wo ich kann; es ist notwendig, denn
-sie ist lang. Sie wissen bereits, wie ich dazu kam, nach Amerika zu
-gehen und mich in jener einsamen Gegend im Süden niederzulassen; aber
-Sie wissen nicht, daß ich Weib und Kind hatte. Meine Frau war jung,
-schön, liebevoll und o! so göttlich gut, tugendhaft und edel! Und unser
-kleines Mädchen war die Mutter im kleinen. Wir waren die glücklichste
-aller glücklichen Familien.
-
-»Einstmals in der Nacht -- es war gegen das Ende des Krieges --
-erwachte ich aus einer dumpfen Betäubung und fand, daß ich gebunden
-und geknebelt und die Luft mit Chloroform geschwängert war! Ich sah
-zwei Männer im Zimmer, von denen der eine dem andern in heiserem Ton
-zuflüsterte: ›Ich _sagte_ ihr, ich thue es, wenn sie Lärm mache, und
-was das Kind anbelangt, so -- --‹
-
-»Der andere unterbrach ihn mit leiser, weinerlicher Stimme:
-
-»›Du sagtest, wir wollten sie nur knebeln und berauben, aber nicht
-umbringen; sonst wäre ich nicht mitgegangen.‹
-
-»›Hör’ auf mit dem Gewinsel,‹ entgegnete der erstere, ›ich _mußte_ ja
-den Plan ändern, als sie aufwachten; du hast gethan, was du zu ihrem
-Schutze thun konntest, das laß dir genügen; und nun komm und hilf mir
-alles durchstöbern.‹
-
-»Beide Männer waren maskiert und trugen grobe, zerlumpte
-Nigger-Kleider; sie hatten eine Blendlaterne bei sich, bei deren Lichte
-ich bemerkte, daß dem sanfteren der beiden Räuber der _Daumen an der
-rechten Hand fehlte_. Sie suchten eine Weile in meiner ärmlichen
-Hütte, dann flüsterte der Hauptbandit:
-
-»›Es ist Zeitverschwendung -- er soll sagen, wo es versteckt ist. Nimm
-ihm den Knebel heraus und muntere ihn auf.‹
-
-»›Ganz recht,‹ sagte der andere, ›aber -- keine Schläge!‹
-
-»›Also keine Schläge -- d. h. wenn er sich ruhig verhält.‹
-
-»Sie näherten sich mir; da ließ sich plötzlich draußen ein Geräusch
-hören, der Schall von Stimmen und Pferdehufen; die Räuber hielten den
-Atem an und horchten; der Schall kam immer näher, und endlich hörte man
-einen Ruf:
-
-»›Heda, in dem Haus! Macht Licht, wir brauchen Wasser.‹
-
-»›Des Hauptmanns Stimme, bei Gott!‹ sagte der größere der beiden
-Schurken, und beide Räuber flohen durch die Hinterthür.
-
-»Die Fremden riefen noch mehrmals und ritten dann weiter -- es schien
-ein Dutzend Reiter zu sein -- und ich hörte nichts mehr.
-
-»Ich bemühte mich aus allen Kräften, konnte mich aber nicht aus
-meinen Banden freimachen. Ich versuchte zu sprechen, aber der Knebel
-saß so fest, daß ich keinen Laut von mir geben konnte. Ich lauschte,
-um meines Weibes oder Kindes Stimme zu hören -- lauschte lange und
-aufmerksam, aber kein Laut kam aus der andern Ecke des Zimmers, wo
-ihr Bett stand. Dies Schweigen wurde jeden Augenblick schrecklicher,
-unheilverkündender. Glauben Sie, daß Sie es eine Stunde lang ertragen
-hätten? Nein? Nun denn, so bemitleiden Sie mich, der ich deren drei
-auszuhalten hatte. Drei Stunden! -- es waren drei Menschenalter! So oft
-die Uhr schlug, schien es mir, als ob Jahre verflossen wären, seit ich
-sie das letztemal gehört hatte! Während dieser ganzen Zeit mühte ich
-mich in meinen Banden ab, und endlich, gegen Tagesanbruch, gelang es
-mir loszukommen; ich stand auf und streckte meine steifen Glieder. Der
-Fußboden war mit allerlei Sachen bestreut, welche die Räuber während
-ihrer Suche nach meinen Ersparnissen umhergeworfen hatten. Der erste
-Gegenstand, der mir in die Augen fiel, war eines von meinen Papieren,
-das der rohere der beiden Schurken flüchtig betrachtet und dann
-weggeworfen hatte. Es trug die Fingerspuren des Mörders in blutiger
-Farbe! Ich wankte an das andere Ende der Stube. O, da lagen sie, die
-armen Wehr- und Hilflosen! Ihre Leiden waren zu Ende, das meine hatte
-erst begonnen.
-
-»Ob ich das Gericht anrief? -- Was hilft’s dem durstigen Armen, wenn
-der König für ihn trinkt? O nein, nein, nein -- ich verschmähte die
-Einmischung des Gesetzes. Die Gesetze und der Galgen konnten diese
-Schuld nicht sühnen. Ich wollte den Schuldner schon finden und
-die Schuld eintreiben. Wie das anstellen, fragen Sie, da ich doch
-weder die Gesichter der Bösewichter gesehen, noch ihre unverstellte
-Stimme gehört, noch irgend eine Idee hatte, wer sie sein könnten?
-Nichtsdestoweniger war ich meiner Sache gewiß -- ganz gewiß, ganz
-zuversichtlich -- ich hatte eine Spur -- eine Spur, auf die Sie
-vielleicht keinen Wert gelegt hätten -- eine Spur, mit der selbst
-ein Detektiv nichts anzufangen gewußt hätte, weil er das Geheimnis,
-wie sie zu verwerten sei, nicht erriet. Doch, davon später. Zunächst
-wollen wir die Dinge in ihrer gehörigen Reihenfolge betrachten. Ein
-Umstand war vorhanden, der mir gleich zu Anfang einen Fingerzeig in
-einer bestimmten Richtung gab: Jene zwei Räuber waren offenbar als
-Landstreicher vermummte Soldaten, und zwar keine Neulinge mehr im
-Militärdienst, sondern alte Soldaten -- wahrscheinlich von der Linie;
-sie hatten sich ihre militärische Haltung, Gebärden und Benehmen nicht
-in einem Tage oder Monat, noch in einem Jahr angeeignet. So dachte ich,
-sagte aber nichts. Und einer von ihnen hatte gesagt: ›Des Hauptmanns
-Stimme, bei Gott!‹ -- es war der, den ich suchte. In einer Entfernung
-von etwa einer Stunde lagerten mehrere Regimenter Infanterie und zwei
-Schwadronen Kavallerie. Als ich erfuhr, daß der Hauptmann Blakely von
-der 3. Schwadron in jener Nacht an unserem Hause vorbeigeritten war,
-und zwar mit einer Begleitung von zehn Mann, sagte ich nichts, beschloß
-aber, in jener Schwadron meinen Mann zu suchen. Im Gespräch bezeichnete
-ich die Räuber absichtlich beständig als Landstreicher, und unter
-dieser Klasse stellten die Leute nutzlose Nachforschungen an. Keiner
-außer mir beargwöhnte die Soldaten.
-
-»Mit vieler Mühe flickte ich mir in nächtlicher Arbeit aus
-verschiedenen Tuchstücken und Kleiderfetzen eine Verkleidung zusammen;
-im nächsten Städtchen kaufte ich mir eine blaue Staubbrille. Als das
-Lager endlich aufgehoben und die dritte Schwadron zwanzig Meilen weiter
-nordwärts nach Napoleon beordert wurde, versteckte ich meinen kleinen
-Geldvorrat im Gürtel und machte mich in der Nacht auf den Weg. Als die
-dritte Schwadron in Arkansas ankam, war ich bereits dort; ja, ich war
-dort, in einem neuen Beruf -- als Wahrsager. Ich befreundete mich mit
-allen dort liegenden Truppen und sagte allen ihre Zukunft voraus; meine
-Hauptaufmerksamkeit aber widmete ich der dritten Schwadron. Gegen die
-Leute dieser Schwadron war ich grenzenlos zuvorkommend; sie konnten
-keine Gefälligkeit von mir verlangen, mir nichts zumuten, dem ich mich
-nicht willig unterzogen hätte. Ich wurde die geduldige Zielscheibe
-ihrer oft rohen Späße, und das erhöhte meine Popularität: ich wurde
-allgemein beliebt.
-
-»Ich entdeckte bald einen Gemeinen, dem ein Daumen fehlte -- welche
-Freude für mich! Und als ich fand, daß ihm allein von allen Angehörigen
-der Schwadron der rechte Daumen fehlte, verschwand mein letzter
-Zweifel: ich war überzeugt, daß ich die rechte Spur gefunden hatte.
-Dieser Mann war ein Deutscher Namens _Krüger_, es waren neun Deutsche
-bei der Schwadron. Ich beobachtete Krüger, um seine etwaigen Vertrauten
-ausfindig zu machen; aber er schien keine besonders vertrauten Freunde
-zu haben. Von nun an wurde ich sein Vertrauter und gab mir alle
-Mühe, unsere Intimität so viel als möglich zu befestigen. Manchmal
-dürstete ich so nach Rache, daß ich mich kaum enthalten konnte, auf
-die Kniee zu fallen und ihn zu bitten, mir den Mann, der meine Lieben
-ermordet hatte, zu nennen; aber es gelang mir, meine Zunge im Zaum zu
-halten. Ich wartete meine Zeit ab und fuhr fort wahrzusagen, wie die
-Gelegenheit sich bot.
-
-»Mein Geschäftsapparat war sehr einfach: ein bißchen rote Schminke
-und ein Stückchen weißes Papier. Kam einer zum Wahrsagen, so nahm ich
-seinen Daumenballen, bemalte ihn, nahm einen Abdruck davon auf dem
-Papier, studierte diesen in der Nacht und prophezeite am nächsten
-Morgen des Betreffenden Schicksal. Was ich mir bei diesem Unsinn
-dachte, fragen Sie? Nun, das Folgende: Als ich noch ein junger
-Mensch war, kannte ich einen alten Franzosen, der dreißig Jahre lang
-Gefängniswärter gewesen war, und der mir gesagt hatte, jeder Mensch
-habe etwas an sich, was sich von der Wiege bis zum Grabe nie ändere
--- die Linien im Daumenballen; und er hatte weiter gesagt, daß diese
-Linien sich niemals bei zwei Personen ganz genau gleich vorfänden.
-Heutzutage photographieren wir den angehenden Verbrecher und hängen
-sein Bild zum etwaigen späteren Gebrauch in der ›Spitzbubengalerie‹
-auf; jener Franzose aber pflegte seiner Zeit von jedem neuangekommenen
-Gefangenen einen Abdruck des Daumenballens zu nehmen und diesen Abdruck
-zum späteren Gebrauch aufzubewahren. Er sagte immer, daß Bilder nichts
-taugen -- spätere Verkleidungen könnten sie nutzlos machen. ›Der Daumen
-ist das einzig sichere,‹ sagte er, ›den kann man nicht verkleiden.‹ Und
-die Richtigkeit seiner Theorie erwies sich auch an meinen Freunden und
-Bekannten; seine Theorie hatte stets Erfolg.
-
-»Ich wahrsagte weiter. Jede Nacht schloß ich mich ganz allein ein
-und studierte die während des Tages erlangten Daumenabdrücke mit
-einem Vergrößerungsglas. Stellen Sie sich die verzehrende Begierde
-vor, mit der ich über den labyrinthartigen roten Spiralen brütete;
-neben mir jenes Papier aus meiner Hütte, das den Abdruck des Daumens
-und Zeigefingers des Mörders trug, gefärbt mit dem für mich teuersten
-Blute, das je auf Erden vergossen wurde! Wie oft mußte ich enttäuscht
-dieselbe Bemerkung wiederholen: ›Werden sie denn nie übereinstimmen?‹
-
-»Endlich aber wurde mein Warten belohnt; mein Lohn bestand in dem
-Daumenabdruck des 34. Mannes der dritten Schwadron, den ich untersucht
-hatte -- des Gemeinen Franz _Adler_. Eine Stunde vorher kannte ich
-weder den Namen des Mörders, noch seine Stimme, Gestalt, Nationalität
-oder seine Züge; jetzt aber wußte ich das alles und glaubte meiner
-Sache sicher zu sein.
-
-[Illustration: Daumen-Abdrücke.]
-
-»Am nächsten Morgen nahm ich Krüger beiseite, als er dienstfrei war;
-und an einem Orte, wo uns niemand sehen oder belauschen konnte, sagte
-ich eindringlich zu ihm:
-
-»›Ein Teil eures Schicksals ist so ernst und bedeutsam, daß ich es für
-das Beste hielt, es euch insgeheim zu sagen. Ihr und noch einer von
-eurer Schwadron, dessen Schicksal ich letzte Nacht erforschte, -- der
-Gemeine Adler, -- habt eine Frau und ein Kind ermordet! Ihr werdet
-verfolgt: innerhalb von fünf Tagen werdet ihr beide gemeuchelt werden.‹
-
-»Ganz außer sich vor Schreck fiel er auf die Kniee nieder und stammelte
-fünf Minuten immer dieselben Worte wie ein Geistesabwesender, und in
-derselben weinerlichen Weise, deren ich mich von jener Mordnacht her
-noch so gut erinnerte:
-
-»›Ich that’s nicht -- bei meiner Seele, ich that’s nicht; und ich
-wollte auch _ihn_ davon abhalten -- ich wollte es, Gott ist mein Zeuge.
-Er that es allein.‹
-
-»Das war alles, was ich wissen wollte, und ich wollte mich nun des
-Elenden entledigen; er klammerte sich jedoch an mich und flehte mich
-an, ihn vor dem Meuchelmörder zu retten. Er sagte:
-
-»›Ich habe Geld -- zehntausend Dollars -- versteckt, die Frucht der
-Dieberei und Plünderung; rettet mich -- sagt mir, was ich thun soll,
-und ihr sollt es haben -- bis auf den letzten Pfennig. Zwei Drittel
-davon gehören meinem Vetter Adler; aber Sie dürfen meinetwegen
-alles nehmen. Wir versteckten es, sobald wir hieherkamen; aber ich
-versteckte es gestern an einem neuen Platz, ohne ihm etwas davon zu
-sagen -- er soll es auch nie erfahren. Ich wollte desertieren und das
-Ganze mitnehmen. Es ist lauter Gold -- zu schwer, um es mit sich zu
-schleppen; aber ein Weib, das ich ins Vertrauen gezogen, sollte mit
-dem Gelde nachfolgen. Ich hatte mit ihr verabredet, wenn ich keine
-Gelegenheit fände, ihr das Versteck zu beschreiben, so wollte ich ihr
-meine silberne Taschenuhr in die Hand gleiten lassen oder sie ihr
-senden; sie wüßte dann, woran sie wäre. Im Rücken des Uhrgehäuses sei
-ein Stück Papier, das alles Nötige besage. Hier nehmt die Uhr! Sagt
-mir, was ich thun soll!‹
-
-»Er wollte mir durchaus seine Uhr aufdrängen, nahm das Papier heraus
-und erklärte es mir, als plötzlich Adler, etwa ein Dutzend Schritte von
-uns entfernt, auftauchte. Ich sagte zu dem armen Krüger:
-
-»›Steckt eure Uhr ein, ich will sie nicht. Ihr sollt nicht zu Schaden
-kommen. Geht jetzt; ich muß Adler wahrsagen. Ich werde euch bald wissen
-lassen, wie ihr dem Meuchelmörder entgehen könnt. Sagt Adler nichts
-von der Sache -- auch keinem andern.‹
-
-»Der arme Teufel entfernte sich, erfüllt von Furcht und Dankbarkeit.
-Ich wahrsagte Adler seine Zukunft -- absichtlich so ausführlich, daß
-ich nicht ganz zu Ende kommen konnte; versprach, in der Nacht auf
-Wache zu ihm zu kommen und ihm den wahrhaft wichtigen Teil seiner
-Zukunft -- den tragischen Teil, sagte ich -- zu erzählen; wir müßten
-deshalb außerhalb des Bereiches von Horchern sein. Es wurde stets eine
-Feldwache außerhalb der Stadt aufgestellt, -- bloß der Disziplin und
-Form wegen, da kein Feind in der Nähe war.
-
-»Ich erfragte die Losung, und gegen Mitternacht machte ich mich auf den
-Weg nach der einsamen Gegend, wo Adler auf Posten stehen sollte. Es war
-so dunkel, daß ich fast auf eine undeutliche Gestalt gestoßen wäre,
-noch ehe ich ein Wort hervorbringen konnte. Der Anruf des Postens und
-meine Antwort erfolgten in demselben Augenblick, ich fügte hinzu: ›Ich
-bin’s -- der Wahrsager.‹ Dann schlich ich mich an den Menschen heran
-und stieß ihm, ohne ein Wort zu sagen, meinen Dolch in das Herz! So,
-lachte ich, das war der tragische Teil deines Schicksals! Indem er laut
-aufschrie, griff er nach mir, und meine blaue Brille blieb ihm in der
-Hand; das Pferd galoppierte davon mit seinem toten Reiter.
-
-»Ich floh durch die Wälder und entkam glücklich, die mich anklagende
-Brille in des Toten Hand zurücklassend.
-
-»Das war vor fünfzehn oder sechzehn Jahren. Seit dieser Zeit bin ich
-ziellos in der Welt umhergewandert, manchmal beschäftigt, manchmal
-müßig, manchmal mit, manchmal ohne Geld, aber immer des Lebens müde
-und den Tod herbeisehnend, denn meine Mission hienieden war mit jener
-nächtlichen That beendigt, und das einzige Vergnügen, der einzige Trost
-und die einzige Genugthuung, die ich in allen jenen langwierigen
-Jahren hatte, lag in dem täglichen Gedanken: ›Ich habe ihn getötet!‹
-
-[Illustration]
-
-»Vor vier Jahren begann meine Gesundheit mich im Stiche zu lassen.
-Ich war in meiner zwecklosen Weise nach München gewandert. Da ich
-ohne Geldmittel war, suchte ich Arbeit und fand sie auch, that ein
-Jahr lang treu meine Pflicht und erhielt die Stelle des Nachtwächters
-dort in jenem Leichenhause, das Sie kürzlich besuchten. Ich
-wanderte stundenlang unter jenen starren Leichnamen umher und sah
-in ihre bleichen Gesichter. Der Ort gefiel mir; er paßte zu meiner
-Gemütsstimmung. Ich war gerne bei den Toten -- war gerne allein mit
-ihnen; je später die Stunde, desto ergreifender war es; die Stunden
-nach Mitternacht waren mir die liebsten. Manchmal schraubte ich
-die Gasflammen tiefer herab; das gab Perspektive, wissen Sie, und
-die Phantasie bekam freies Spiel; die trüben, im Hintergrund sich
-verlierenden Reihen der Toten erfüllten mich stets mit seltsamen
-fesselnden Vorstellungen. Vor zwei Jahren -- ich war damals ein Jahr
-lang dort gewesen -- saß ich ganz allein im Wachzimmer (’s war eine
-stürmische Winternacht), erkältet, fast erstarrt, unbehaglich, und war
-nahe am Einschlafen; das Heulen des Windes und das Auf- und Zuschlagen
-ferner Fensterläden drang jeden Augenblick schwächer und schwächer an
-mein Ohr, als plötzlich jene Totenglocke über meinem Haupt ein Geläute
-begann, das mir das Blut in den Adern erstarren ließ. Die Erschütterung
-lähmte mich beinahe, denn es war das erstemal, daß ich die Glocke hörte.
-
-»Ich raffte mich zusammen und eilte in den Leichensaal. Etwa in der
-Mitte der äußern Reihe saß eine mit Leintüchern umwickelte Gestalt
-aufrecht da und neigte langsam den Kopf von einer Seite zur andern --
-ein schauerlicher Anblick! Er hatte mir die Seite zugewandt; ich eilte
-hinzu und sah ihm ins Gesicht: guter Gott! es war Adler!
-
-»Können Sie erraten, was mein erster Gedanke war? In Worte gebracht
-folgender: ›Es scheint also, du bist mir doch entkommen; diesmal soll
-es anders gehen!‹
-
-»Jener Mensch litt offenbar unendliche Schreckensqualen. Stellen Sie
-sich vor: mitten in der lautlosen Stille aufzuwachen und eine grimme
-Totengemeinde zu überschauen! Welche Dankbarkeit glänzte in seinem
-knöchernen weißen Gesicht, als er ein lebendes Wesen vor sich sah! Und
-wie die Glut dieser stummen Dankbarkeit sich erhöhte, als seine Augen
-auf die lebenspendenden Stärkungsmittel fielen, die ich in den Händen
-trug! Und dann stellen Sie sich das Entsetzen vor, das über ihn kam,
-als ich diese Herzstärkungen wegstellte und höhnend sagte:
-
-»›Sprich doch, Franz Adler -- ruf’ diese Toten an. Sie werden dich ohne
-Zweifel hören und Mitleid mit dir haben; sonst wirst du schwerlich
-jemand rühren.‹
-
-»Er versuchte zu sprechen, aber jener Teil des Leintuchs, der seine
-Kinnladen zusammenhielt, hielt fest und erlaubte es ihm nicht. Er
-versuchte flehend die Hände zu erheben, aber sie waren ihm auf seiner
-Brust gekreuzt und zusammengebunden.
-
-»›Rufe doch, Franz Adler!‹ sagte ich, ›daß die Schläfer in den fernen
-Straßen dich hören und Hilfe bringen. Rufe doch -- und verliere ja
-keine Zeit, denn du hast wenig zu verlieren. Was? Du kannst nicht. Das
-ist schade; aber es macht nichts, denn es bringt ja doch nicht immer
-Hilfe. Als ihr, du und dein Vetter, in einer Hütte in Arkansas ein
-Weib und ein Kind ermordetet -- _mein_ Weib war’s und _mein_ Kind! --
-da riefen sie auch um Hilfe, wie du dich erinnerst; aber es nützte
-nichts; du erinnerst dich dessen, -- nicht wahr? Deine Zähne klappern
-ja -- warum kannst du denn nicht rufen? Mache doch die Bandagen mit den
-Händen los -- dann geht’s. Ah, ich sehe -- deine Hände sind gebunden,
-sie können dir nicht helfen. Wie seltsam sich nach langen Jahren die
-Dinge wiederholen; denn auch meine Hände waren in jener Nacht gebunden,
-nicht wahr? Ja, fast ebenso gebunden wie die deinen -- wie sonderbar
-das ist! Ich konnte mich nicht loszerren. Es fiel dir nicht ein,
-mich loszubinden, und mir fällt es nicht ein, deine Bande zu lösen.
-Pst! ein Fußtritt! er kommt hier vorüber. Horch, wie nahe er ist!
-Man kann die Schritte zählen -- eins -- zwei -- drei. Da -- es ist
-gerade da draußen. Jetzt ist es Zeit. Ruf’, Mann, ruf’! -- es ist die
-allereinzige Gelegenheit zwischen dir und der Ewigkeit! Ah, du siehst,
-daß du zu lange gezögert hast -- sie ist vorbei. Da -- der Schall
-erstirbt; es ist aus! Denke daran -- denke darüber nach -- du hast zum
-letztenmale den Schall menschlicher Schritte gehört. Wie seltsam es
-sein muß, einem so gewöhnlichen Schall wie diesem zu lauschen und zu
-wissen, daß man nie wieder seinesgleichen hören wird!‹
-
-»O, mein Freund, die Todesqual in jenem tücherumhüllten Gesicht zu
-sehen, war die höchste Wonne für mich! Ich erdachte eine neue Folter
-und wendete sie an, mit etwas lügenhafter Erfindung als Beihilfe.
-
-»›Der arme Krüger wollte mein Weib und Kind retten, zum Dank leistete
-ich ihm einen guten Dienst, als Zeit und Gelegenheit kamen. Ich
-beredete ihn, dich zu berauben, und ich und ein Weib halfen ihm, als er
-desertierte und brachten ihn in Sicherheit.‹
-
-»Eine Miene des Triumphes gleichsam, und der Ueberraschung glänzte
-einen Augenblick trübe durch die Angst im Gesichte meines Opfers. Ich
-war erregt, beunruhigt, und sagte:
-
-»›Was hast du -- entkam er denn nicht?‹
-
-»Ein verneinendes Kopfschütteln.
-
-»›Nicht? Was geschah denn?‹
-
-»Die Genugthuung in dem verhüllten Gesicht war noch deutlicher.
-Der Mann versuchte einige Worte zu murmeln -- es gelang ihm nicht;
-versuchte mit den behinderten Händen etwas auszudrücken -- auch das
-mißlang: wartete einen Augenblick und neigte dann in bedeutsamer Weise
-sein Haupt gegen den Leichnam, der ihm am nächsten lag.
-
-»›Tot?‹ fragte ich. ›Entkam nicht? -- wurde gefangen und erschossen?‹
-
-»Verneinendes Kopfschütteln.
-
-»›Was dann?‹
-
-»Wieder versuchte der Mann etwas mit den Händen zu thun. Ich
-beobachtete ihn genau, konnte aber seine Absicht nicht erraten; ich
-beugte mich über ihn und beobachtete ihn noch genauer. Er hatte einen
-Daumen herumgedreht und zeigte damit auf seine Brust.
-
-»›Ah -- erstochen meinst du?‹
-
-»Bejahendes Nicken, von einem so teuflisch-gespensterhaften Lächeln
-begleitet, daß ein grelles Licht in meinem stumpfen Gehirn aufblitzte
-und ich rief: --
-
-»›Hab’ ihn also irrtümlich für dich gehalten und erstochen? denn jener
-Stoß war nur dir zugedacht.‹
-
-»Der zum zweitenmale dem Tode geweihte Schurke nickte so zufrieden,
-als seine schwindende Kraft es auszudrücken vermochte. Ich begrub
-schluchzend das Gesicht in den Händen.
-
-»›O ich Elender!‹ rief ich, ›der ich die mitleidige Seele erschlug, die
-als Freund zu meinen Lieben stand, als sie hilflos waren, und sie, wenn
-es möglich gewesen, gerettet hätte! O, ich Elender!‹
-
-»Ich glaubte das dumpfe Gurgeln eines höhnischen Lachens zu hören; ich
-nahm die Hände vom Gesicht und sah, wie mein Feind auf sein schräges
-Brett zurücksank.
-
-»Sein Todeskampf währte eine befriedigend lange Zeit: er besaß eine
-wunderbare Lebenskraft, eine staunenswerte Konstitution. Ich holte
-mir einen Stuhl und eine Zeitung, setzte mich neben ihn und begann
-zu lesen. Gelegentlich nahm ich einen Schluck Branntwein: das war
-notwendig der Kälte wegen; ich that es aber teilweise, weil ich sah,
-daß er zuerst bei jedem Schluck erwartete, ich würde ihm auch ein
-wenig davon geben. Ich las laut: hauptsächlich erdichtete Berichte von
-Leuten, die durch einen Löffel voll Branntwein und ein warmes Bad vom
-Grabesrand zurückgerissen und dem Leben zurückgegeben wurden. Ja, er
-hatte einen recht langwierigen, harten Todeskampf -- drei Stunden sechs
-Minuten von der Zeit an, da er die Glocke läutete.
-
-»Die schaurige Kälte des Leichensaales war mir durch Mark und Bein
-gedrungen; sie verursachte und beschleunigte einen Rückfall in die
-Krankheit, die mich schon öfter befallen hatte, aber bis zu jener
-Nacht immer wieder rasch vorüber gegangen war. Jener Mann mordete mein
-Weib und Kind, und in drei Tagen von heute an werde ich meinen Lieben
-nachfolgen. Thut nichts -- Gott, wie köstlich ist die Erinnerung daran!
--- ich hatte ihn erfaßt, wie er seinem Grabe entfliehen wollte, und
-ihn wieder in dasselbe zurückgeworfen.
-
-»Nach jener Nacht war ich eine Woche lang an mein Bett gefesselt;
-sobald ich aber wieder auf den Beinen war, schlug ich in den
-Leichenhausbüchern die Adresse des Hauses auf, in dem Adler erkrankt
-war. Es war eine elende Herberge. Ich dachte, Adler werde als Krügers
-Vetter dessen Habseligkeiten in Besitz genommen haben. Ich wollte mir
-womöglich Krügers Uhr verschaffen. Aber während ich krank darniederlag,
-waren Adlers Sachen verkauft und überallhin zerstreut worden --
-alle bis auf einige alte Briefe und wertlose Kleinigkeiten. Mittels
-jener Briefe aber spürte ich einen Sohn Krügers auf -- den einzigen
-Verwandten, den er hinterließ. Er ist jetzt ein Mann von dreißig
-Jahren, seines Zeichens ein Schuhmacher, ein Witwer mit mehreren
-kleinen Kindern, und wohnt zu Mannheim, Königsstr. Nr. 14. Ohne ihm
-einen Grund zu sagen, habe ich seitdem stets zwei Drittel zu seinem
-Lebensunterhalt beigesteuert.
-
-»Was nun jene Uhr angeht, so hören Sie nur, was für seltsame Dinge
-geschehen. Ich suchte länger als ein ganzes Jahr mit Mühe und Kosten
-in ganz Deutschland nach ihr -- und fand sie endlich, bekam sie und
-war unsäglich froh; ich öffnete sie und fand nichts darin. Hätte mir
-freilich sagen können, daß jenes Stückchen Papier nicht die ganze Zeit
-hindurch darin bleiben würde. Ich hatte damals die Uhr mitsamt dem
-Schatz verschmäht -- jetzt hätte ich das Geld gerne für Krügers Sohn
-gehabt.
-
-»In der letzten Nacht fühlte ich, daß ich bald sterben würde. Ich
-verbrannte alle wertlosen Papiere; und siehe da! aus einem Briefbündel
-Adlers, das ich vorher nicht genau genug durchforscht hatte, fiel jener
-langersehnte Zettel! Ich erkannte ihn augenblicklich; er lautete wie
-folgt:
-
-»›Pferdestall aus Backsteinen mit steinernem Fundament, Mitte der
-Stadt, Ecke der Orleansstraße und des Marktplatzes; Ecke gegen das
-Gerichtshaus zu -- vierte Reihe, dritter Stein. Stecke Benachrichtigung
-dorthin mit der Angabe, wieviele kommen werden.‹
-
-»Da, nehmen Sie’s, und heben Sie es gut auf. Krüger sagte mir, daß
-jener Stein entfernt werden könne und daß er in der nördlichen Mauer
-des Gebäudes sei, in der vierten Reihe von oben, der dritte Stein von
-Westen her. Das Geld sei dahinter versteckt. Er sagte, der Schlußsatz
-sei eine Finte um irrezuführen, falls das Papier in unrechte Hände
-geraten sollte. Diese Finte scheint Adler gegenüber ihren Zweck
-erreicht zu haben.
-
-»Und nun bitte ich Sie, wenn Sie Ihre beabsichtigte Reise den
-Mississippi hinab thun, dieses versteckte Geld ausfindig zu machen und
-an Adam Krüger unter der eben erwähnten Adresse zu senden. Es wird ihn
-zu einem reichen Manne machen, und ich werde sanfter ruhen in meinem
-Grabe, wenn ich weiß, daß ich mein Möglichstes gethan habe für den Sohn
-des Mannes, der mein Weib und Kind retten wollte -- obgleich meine Hand
-ihn erschlug, während der Antrieb meines Herzens dahin gegangen wäre,
-ihn zu beschirmen und ihm dienstlich zu sein.«
-
- * * * * *
-
-»Das war Ritters Geschichte,« sagte ich zu meinen Freunden Rogers
-und Thompson, mit denen ich bald nach meiner Rückkehr von Europa den
-Mississippi hinabfuhr. Als ich geendet hatte, folgte eine tiefe,
-eindrucksvolle Stille, die beträchtliche Zeit dauerte; dann brachen
-beide in ein wahres Kreuzfeuer von erregten und bewundernden Ausrufen
-über die seltsamen Episoden der Erzählung aus, das anhielt, bis sie
-fast ganz außer Atem waren. Dann begannen meine Freunde kühler zu
-werden und sich unter dem Schutze gelegentlicher Salven in Schweigen
-und abgrundtiefe Träumerei zurückzuziehen. Etwa zehn Minuten lang
-herrschte Stillschweigen; dann sagte Rogers träumerisch --:
-
-»Zehntausend Dollars,« und nach einer langen Pause fügte er hinzu:
-»Zehntausend -- ’s ist ein Haufen Geld.«
-
-Gleich darauf fragte Thompson:
-
-»Werden Sie es ihm sogleich senden?«
-
-»Ja,« sagte ich. »Eine seltsame Frage!«
-
-Keine Antwort. Nach einer Weile fragte Rogers zögernd:
-
-»Alles? -- Das heißt -- ich meinte nur --«
-
-»_Gewiß_, alles.«
-
-Ich wollte mehr sagen, hielt aber inne, durch einen Ideengang dazu
-veranlaßt, der in mir auftauchte. Thompson sprach, aber meine Gedanken
-waren anderswo, und ich erfaßte nicht, was er sagte; doch hörte ich,
-wie Rogers antwortete:
-
-»Ja, das scheint mir so. Es sollte vollständig genügen, denn ich finde
-nicht, daß _er_ dabei etwas gethan hat.«
-
-Sogleich fiel Thompson, der Dichter, ein:
-
-»Bei Licht betrachtet, ist es _mehr_ als genügend. Denke nur --
-fünftausend Dollars. Ei, er könnte das Geld in seinem ganzen Leben
-nicht ausgeben! Und es könnte ihm leicht schaden, ihn vielleicht zu
-Grunde richten -- das ist wohl zu beachten. Wer weiß, wie lang es
-dauert, bis er alles durchgebracht hat? Dann macht er seine Bude zu,
-fängt vielleicht an zu trinken, mißhandelt seine Kinder, gerät auf
-andere Abwege und sinkt tiefer und tiefer -- --«
-
-»Ja, das ist’s,« unterbrach ihn Rogers voller Feuereifer, »ich habe das
-hundertmal -- ja, öfter als hundertmal gesehen. Wenn du einen solchen
-Mann gänzlich zu Grunde richten willst, brauchst du ihm bloß Geld in
-die Hand zu geben; ja, gieb ihm nur Geld in die Hand -- das ist alles,
-was dazu gehört; und wenn es ihn nicht herabzieht, ihm alle Würde,
-alle Selbstachtung u. s. w. raubt, dann kenne ich die menschliche
-Natur nicht -- ist’s nicht so, Thompson? Und selbst wenn wir ihm ein
-_Drittel_ davon geben; ei, in weniger als sechs Monaten -- --«
-
-»Weniger als sechs _Wochen_, sage lieber,« sagte ich, mich erwärmend
-und einfallend. »Wenn die dreitausend Dollars nicht in sicheren Händen
-wären, wo er sie nicht anrühren könnte, so würde er ebensowenig sechs
-Wochen damit reichen, als -- --«
-
-»Natürlich nicht,« sagte Thompson; »ich habe Bücher geschrieben für die
-Sorte von Leuten; sobald sie ihre Hände auf ein Besitztum legen -- auf
-dreitausend Dollars etwa, oder auf zweitausend -- --«
-
-»Ich möchte wissen, was dieser Schuster mit zweitausend Dollars soll?«
-fiel Rogers ernsthaft ein; »ein Mann, der vielleicht jetzt dort in
-Mannheim, umgeben von seinesgleichen, ganz zufrieden ist; der sein
-Brot mit dem Appetit ißt, den Mühe und Fleiß allein geben können, und
-ehrlich, aufrichtig und reinen Herzens sich seines bescheidenen Daseins
-freut; und _begnadet_ -- ja, ich sage begnadet ist vor all’ den vielen
-Tausenden, die in Sammet und Seide einhergehen und in dem hohlen,
-leeren Treiben der Gesellschaft umhergewirbelt werden -- aber man führe
-diesen Mann nur einmal in Versuchung, lege nur fünfzehnhundert Dollars
-vor ihn hin und -- --«
-
-»Fünfzehnhundert Teufel!« rief ich, »_fünf_hundert würden seine
-Grundsätze ausrotten, seinen Fleiß lähmen und ihn in den Schnapsladen
-zerren, von da in die Gosse, von da ins Armenhaus, von da in -- --«
-
-»Weshalb uns dieses Verbrechen aufbürden, meine Herren?« unterbrach
-mich der Poet ernst und flehend. »Er ist glücklich, _wo_ und _wie_ er
-ist. Jedes Gefühl der Ehre, der Menschenliebe und des hohen, heiligen
-Wohlwollens ermahnt, bestürmt und befiehlt uns, ihn in Ruhe zu lassen.
-Das ist echte, wahre Freundschaft.«
-
-Nach einigem weiteren Geplauder wurde es indessen ersichtlich, daß
-jeder von uns in seinem innersten Herzen einige Zweifel bezüglich
-dieser Erledigung der Sache hegte. Wir fühlten offenbar alle, daß wir
-dem armen Schuster _irgend etwas_ senden sollten. Dieser Punkt wurde
-lange erwogen, und endlich beschlossen, daß wir ihm ein Farbendruckbild
-senden wollten.
-
-Nun aber, da alles ganz zur Zufriedenheit geordnet schien, tauchte eine
-neue Schwierigkeit auf: es wurde mir klar, daß die beiden erwarteten,
-ich werde das Geld zu gleichen Stücken mit ihnen teilen. Das fiel
-mir gar nicht ein; ich sagte, sie könnten von Glück sagen, wenn sie
-zusammen die Hälfte bekämen. Rogers sagte darauf:
-
-»Wer würde überhaupt etwas erhalten haben, wenn ich nicht gewesen
-wäre? Ich machte die erste Andeutung -- sonst hätte der Schuster alles
-bekommen.«
-
-Thompson sagte, daß er in demselben Augenblicke daran gedacht hätte,
-als Rogers die erste Andeutung machte.
-
-Ich erwiderte, daß mir der Gedanke bald genug und ohne jede Beihilfe
-gekommen sei. »Ich denke vielleicht langsam,« sagte ich, »aber auch
-sicher.«
-
-Unsere Erörterung entwickelte sich zu einem Zank, dann zu einem
-Faustkampf, bei dem wir alle stark mitgenommen wurden. Sobald ich mein
-Aeußeres wieder einigermaßen präsentabel gemacht hatte, begab ich mich
-(in recht verdrießlicher Stimmung) aufs Oberdeck. Dort fand ich den
-Kapitän und redete ihn so freundlich wie möglich folgendermaßen an:
-
-»Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Kapitän; ich möchte bei
-Napoleon landen.«
-
-»Wo landen?«
-
-»Bei Napoleon.«
-
-Der Kapitän lachte, da er aber sah, daß ich nicht zum Scherzen
-aufgelegt war, fügte er ernster werdend hinzu:
-
-»Ist das Ihr Ernst?«
-
-»Mein voller Ernst.«
-
-Der Kapitän blickte zum Lotsenhaus hinauf und sagte:
-
-»Er will bei Napoleon landen!«
-
-»Bei _Napoleon_?«
-
-»So sagt er.«
-
-»O Geist des großen Cäsar!«
-
-Der Lotse kam auf uns zu, und der Kapitän sagte:
-
-»Onkel, unser guter Freund hier will bei Napoleon landen.«
-
-»Na, da -- --«
-
-»Nun, was soll das?« unterbrach ich ihn. »Kann man denn bei Napoleon
-nicht ans Ufer gehen, wenn man will?«
-
-»Ei, zum Henker, wißt Ihr’s denn nicht? Es _giebt_ kein Napoleon mehr,
-seit Jahren nicht mehr. Der Arkansas River brach durch, riß alles in
-Stücke und schwemmte es in den Mississippi!«
-
-»Nahm die _ganze_ Stadt mit? -- Banken, Kirchen, Gefängnisse,
-Zeitungsdruckereien, Gerichtshaus, Theater, Feuerversicherungsgebäude,
-Mietställe -- _alles_?«
-
-»Alles. Just das Werk einer Viertelstunde. Ließ weder Haut noch Haar,
-weder einen Stein oder Balken noch einen Dachziegel übrig -- einen
-Schuppen und einen Kamin aus Backsteinen ausgenommen. Das Boot hier
-fährt jetzt gerade da, wo die Mitte der Stadt war; dort ist der Kamin
--- alles, was von Napoleon übrig ist. Diese dichten Wälder zur Rechten
-waren sonst eine gute Stunde hinter der Stadt. Seht euch einmal um --
-blickt stromaufwärts -- nicht wahr, jetzt erkennt ihr die Gegend nach
-und nach wieder?«
-
-»Ja, ich erkenne sie jetzt. Das ist das Wunderbarste, was ich je gehört
-habe -- weitaus das Wunderbarste und -- Unerwartetste.«
-
-Mittlerweile waren meine Freunde Thompson und Rogers mit ihren Ränzchen
-und Regenschirmen angekommen und hatten dem Kapitän schweigend
-zugehört. Thompson drückte mir einen halben Dollar in die Hand und
-sagte leise:
-
-»Für meinen Anteil an dem Farbendruck.«
-
-Rogers folgte seinem Beispiel.
-
-Ja, es war erstaunlich, den Mississippi zwischen unbevölkerten Ufern
-und gerade über den Ort sich hinwälzen zu sehen, wo ich vor zwanzig
-Jahren eine gute, große, behäbige Stadt zu sehen gewohnt war -- eine
-Stadt, die der Hauptort eines umfangreichen und blühenden Bezirks
-war; eine Stadt, wo ich das hübscheste und liebreizendste Mädchen aus
-dem ganzen Mississippithal gekannt hatte; -- jetzt keine Stadt mehr,
-verschlungen, verschwunden, eine Beute der Fische! nichts übrig als ein
-Stück von einem Schuppen und ein verfallender Backsteinschlot!
-
-Und wo sind die zehntausend Dollars?
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der Mann, der bei Gadsbys abstieg.
-
-
-Im Winter 1867 ging ich einmal mit meinem originellen Freund
-Riley, der, wie ich, Zeitungskorrespondent in Washington war, die
-Pennsylvania-Avenue hinunter. Mitternacht war fast vorüber und ein
-heftiger Schneesturm blies uns ins Gesicht, als wir beim Schein einer
-Straßenlaterne einen Mann erblickten, der uns entgegengelaufen kam.
-
-Als er unserer ansichtig wurde, blieb er stehen und rief: »Das trifft
-sich ja prächtig! Sie sind Herr Riley, nicht wahr?«
-
-Riley besaß mehr Ruhe und Kaltblütigkeit als irgend jemand in der
-ganzen Republik. Er stand still, betrachtete den Mann von Kopf bis zu
-Fuß und sagte endlich:
-
-»Mein Name ist Riley! Wünschen Sie vielleicht etwas von mir?«
-
-»Jawohl,« sagte der Mann voller Freude, »und ich bin überglücklich,
-Sie gefunden zu haben! Ich heiße Lykins und bin Lehrer am Gymnasium in
-San Francisco; die dortige Postmeisterstelle ist vakant, ich hab’ mich
-darum beworben, und deshalb bin ich jetzt hier.«
-
-»Ja,« sagte Riley langsam und bedächtig, -- »wie Sie ganz richtig
-bemerken, Herr Lykins, sind Sie jetzt hier! Und haben Sie die Stelle
-bekommen?«
-
-»Noch nicht, aber ich bin auf dem besten Wege dazu. Das Gesuch,
-das ich einreichen will, trägt die Unterschriften des Vorstands für
-Volksunterricht, sowie sämtlicher Lehrer, und noch zweihundert anderer
-Personen. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie die Güte hätten, mich zu
-der betreffenden Zivilbehörde zu begleiten, um meine Ueberweisung
-auf den Posten ausfertigen zu lassen, denn ich möchte mit dieser
-Angelegenheit so schnell wie möglich fertig werden, und bald wieder zu
-Hause sein.«
-
-»Wenn die Sache so dringend ist,« versetzte Riley in einem Ton, aus
-dem nicht jeder den Spott herausgehört hätte, »so wäre es Ihnen wohl
-angenehm, wenn wir den Beamten noch heute abend aufsuchten?«
-
-»Jawohl, heute abend auf jeden Fall, ich habe nicht Zeit, mich lange
-herumzutreiben. Noch heute, ehe ich zu Bette gehe, muß ich die Zusage
-haben -- ich bin kein Mann von Worten, sondern von Thaten!«
-
-»Sehr wohl, -- und da sind Sie hier am rechten Platze. -- Wann sind Sie
-angekommen?«
-
-»Gerade vor einer Stunde.«
-
-»Und wann gedenken Sie wieder abzureisen?«
-
-»Morgen abend nach New York und tags darauf nach San Francisco!«
-
-»Ganz recht, -- und was wollen Sie morgen den Tag über thun?«
-
-»Nun, da muß ich mich doch mit dem Gesuch und der Ueberweisung zum
-Präsidenten begeben, um seine Unterschrift zu erhalten, nicht wahr?«
-
-»Jawohl, -- das ist ganz richtig, ganz in der Ordnung, -- und was dann?«
-
-»Dann gehe ich um zwei Uhr nachmittags in die Senatssitzung und hole
-mir die Bestätigung, das ist der letzte Schritt.«
-
-»Freilich, -- freilich,« sagte Riley wohlbedächtig, »da haben Sie
-wieder ganz recht! Dann benutzen Sie den Abendzug nach New York und am
-nächsten Morgen das Dampfboot nach San Francisco.«
-
-»So ist es -- ganz wie ich mir die Sache überlegt habe.«
-
-Riley dachte eine Weile nach, dann sagte er:
-
-»Könnten Sie nicht vielleicht einen -- oder zwei Tage länger bleiben?«
-
-»Bewahre, das wäre ganz gegen meine Grundsätze; ich kann nicht lange
-herumbummeln, -- ich bin ein Mann der That, wie ich Ihnen schon sagte.«
-
-Mitten im heulenden Sturm und dichtesten Schneewirbel stand Riley
-einige Sekunden regungslos da, augenscheinlich in tiefes Nachdenken
-versunken: -- dann blickte er auf und sagte:
-
-»Haben Sie wohl je von dem Manne gehört, der eines Tages bei Gadsbys
-abstieg? -- Aber ich sehe schon, daß Sie nichts von ihm wissen!«
-
-Damit drängte er Herrn Lykins gegen ein eisernes Gitter, hielt ihn
-am Knopfloch fest und -- wie Coleridges alter Matrose -- bannte er
-ihn auf die Stelle durch den Blick seines Auges. Dann begann er seine
-Erzählung, so friedlich und seelenruhig, als lägen wir alle behaglich
-auf einer blumigen Sommerwiese ausgestreckt, anstatt um Mitternacht vom
-Wintersturm durchblasen zu werden.
-
-»Ich will Ihnen von dem Mann erzählen: es war zur Zeit des Präsidenten
-Jackson und Gadsbys das erste Hotel der Stadt. -- Eines Morgens um 9
-Uhr kam dort ein prächtiger vierspänniger Wagen vorgefahren; auf dem
-Bock saß ein schwarzer Kutscher und ein wunderschöner großer Hund lief
-nebenher. Wirt, Kellner und Hausknecht stürzten herbei, den neuen
-Ankömmling zu empfangen. Dieser, ein Herr aus Tennessee, sprang eiligst
-heraus, befahl dem Kutscher zu warten, sagte, er habe keine Zeit,
-erst noch etwas zu essen, -- er wolle nur eine kleine Schuldforderung
-bei der Regierung einkassieren und daher schnell auf das Schatzamt
-gehen, um das Geld zu holen; dann müsse er direkt wieder nach Tennessee
-zurück, da er große Eile habe.
-
-[Illustration]
-
-Um 11 Uhr abends kam er wieder, ließ die Pferde in den Stall bringen,
-bestellte ein Zimmer und meinte, er werde die Forderung am nächsten
-Morgen einkassieren. Dies geschah an einem Mittwoch, den 3. Januar
-1834. Am 5. Februar verkaufte er den schönen Wagen und schaffte sich
-einen billigen, schon gebrauchten an; -- er meinte, darin könne er das
-Geld ebenso gut mitnehmen, und auf vornehmes Aussehen lege er kein
-Gewicht. Am 11. August verkaufte er das eine Paar Pferde, indem er
-bemerkte, es sei doch bequemer mit zwei Pferden über das steile Gebirge
-zu fahren, weil dabei große Vorsicht nötig sei; auch werde das Geld,
-das er bekäme, nicht zu schwer für einen Zweispänner sein. Am 13.
-Dezember verkaufte er das dritte Pferd und meinte, jetzt bei dem klaren
-trockenen Winterwetter seien die Straßen in so gutem Zustand, daß _ein_
-Pferd das alte Fuhrwerk schnell genug vorwärts bringen könne. -- Am
-17. Februar 1835 verkaufte er den alten Wagen und schaffte sich einen
-leichten Einspänner an, den er billig bekam. Er meinte, die Wege seien
-jetzt vom Frühlingsregen so aufgeweicht, daß jedes andere Gefährt zu
-tief einsinken würde, auch habe er schon immer gern versuchen wollen,
-wie es sich in einem Einspänner über die Berge fahren lasse. -- Am 1.
-August vertauschte er den Einspänner gegen eine kleine Chaise, die
-schon lange im Gebrauch war, und meinte, er freue sich ordentlich
-darauf, wie seine lieben Landsleute in Tennessee Mund und Augen
-aufsperren würden, wenn er in einer Chaise dahercarriolt käme, so etwas
-hätten sie gewiß ihr Lebtag nicht gesehen.
-
-Am 29. August verkaufte er auch seinen schwarzen Kutscher und meinte,
-auf seiner Chaise sei ja gar nicht Platz für zwei, da könne er keinen
-Kutscher brauchen, -- es sei ein reiner Glücksfall, daß er einen Käufer
-gefunden, der dumm genug gewesen, 900 Dollars für einen Neger von so
-zweifelhafter Qualität zu bezahlen, -- er sei den Kerl längst gern los
-gewesen, habe ihn aber doch nicht um ein Spottgeld hergeben mögen.
-
-Anderthalb Jahre später, am 15. Februar 1837, verkaufte er die Chaise,
-schaffte sich einen Sattel an und meinte, der Doktor habe ihm schon
-mehrmals gesagt, wie gut ihm das Reiten bekommen würde, außerdem würde
-es ja die reinste Thorheit sein, mitten im Winter eine Fahrt durch das
-Gebirge zu riskieren.
-
-Am 9. April verkaufte er den Sattel und meinte, bei den schmutzigen
-schlechten Wegen im April sei so ein Sattel doch ein erbärmliches Ding,
-mit dem alle Augenblicke etwas passieren könne; auf dem Pferderücken
-fühle er sich noch einmal so sicher, und warum solle er sein Leben
-unnütz aufs Spiel setzen?
-
-Am 24. April verkaufte er sein Pferd und meinte: ›Heute ist gerade
-mein siebenundfünfzigster Geburtstag, -- ich bin gesund und frisch und
-kann mir nichts Angenehmeres denken, als eine Fußtour über die Berge,
-in ihrem jungen Frühlingsgrün; es wäre eine wahre Sünde, wenn ich die
-Gelegenheit dazu versäumte, um bei dem herrlichen Wetter aufs Pferd
-zu steigen! Wenn meine Forderung einkassiert ist, kann ja der Hund
-das kleine Bündel mit Leichtigkeit tragen. Morgen in aller Frühe will
-ich mich aufmachen und nach einem donnernden Lebewohl bei Gadsbys auf
-Schusters Rappen nach Tennessee marschieren.‹
-
-Am 22. Juni verkaufte er seinen Hund und meinte: ›Wenn man so im
-Sommer durch Berg und Wald schweift, ist einem ja ein Hund überall im
-Wege, er jagt nach Eichhörnchen, bellt Tier und Menschen an, verläuft
-sich bald hier, bald dort, gerät in Bäche und Pfützen und läßt einen
-keinen Augenblick die schöne Natur in Ruhe genießen! Wenn ich mein
-Geld selber trage, ist es ohnehin viel sicherer. Auf einen Hund ist
-in Geldsachen kein Verlaß, -- das weiß man aus Erfahrung! Na, lebt
-wohl, alte Jungens, -- dies ist mein letzter Besuch, -- morgen mit dem
-frühesten bin ich über alle Berge und auf festen Sohlen nach Tennessee
-unterwegs!‹« --
-
- * * * * *
-
-Es entstand eine Pause, -- nur der Wind heulte, und der Schnee fiel in
-dichten Flocken. Endlich sagte Lykins ungeduldig:
-
-»Nun, und was weiter?«
-
-Riley versetzte:
-
-»Ja, -- das war vor dreißig Jahren!«
-
-»Gut, gut, -- aber was soll das?« --
-
-»Der alte Herr ist mein guter Freund, er besucht mich jeden Abend, um
-Abschied zu nehmen. Vor einer Stunde war er bei mir und morgen früh
-macht er sich nach Tennessee auf -- wie gewöhnlich, -- er meinte, er
-werde seine Forderung einkassiert haben und auf und davon sein, ehe
-solche Nachteulen, wie ich, sich den Schlaf aus den Augen reiben. Er
-hatte Thränen in den Augen vor Freude, daß er nun bald seine alte
-Heimat und seine Freunde wiedersehen werde!« --
-
-Es folgte eine abermalige Pause, die der Fremde unterbrach:
-
-»Ist die Geschichte zu Ende?«
-
-»Ja, das ist alles!«
-
-»Sie war auch lang genug, bei dieser Nachtzeit und in solchem Wetter.
-Aber was wollen Sie denn damit sagen?«
-
-»O, nichts Besonderes!«
-
-»Ich meine, was soll sie eigentlich bedeuten?«
-
-»Eine besondere Bedeutung hat sie nicht, -- ich dachte nur so, daß,
-wenn Sie nicht in gar zu großer Eile sind, mit Ihrer Anstellung als
-Postmeister nach San Francisco zurückzukommen, so würde ich Ihnen
-raten, bei Gadsbys abzusteigen, und sich Zeit zu nehmen. Leben Sie
-wohl, ich wünsche Ihnen recht viel Glück!«
-
-Dabei wandte sich Riley mit freundlicher Miene zum Gehen und ließ den
-verblüfften Schullehrer regungslos unter der Straßenlaterne stehen, die
-ihren hellen Schein auf den von Schneeflocken ganz weißen Mann warf. --
-
-Die Postmeisterstelle hat er aber nie erhalten.
-
-
-
-
-Die Geschichte des Invaliden.
-
-
-Ich sehe aus wie ein verheirateter Sechziger; es ist die Folge
-meiner angegriffenen und durch Leiden mitgenommenen Gesundheit; in
-Wirklichkeit bin ich Junggeselle und erst einundvierzig Jahre alt.
-Sie werden es kaum glauben können, daß ich, jetzt einem Schatten
-gleichend, vor kaum zwei Jahren noch frisch und gesund war -- ein Mann
-von Eisen, ein wahrer Athlet! -- und doch ist es die reine Wahrheit.
-Noch seltsamer aber ist die Art und Weise, wie ich meine Gesundheit
-einbüßte. Ich verlor sie, weil ich einst in einer Winternacht, während
-einer Eisenbahnfahrt von fünfzig Meilen, auf eine Kiste mit Gewehren
-achtgeben half. Ich will Ihnen die ganze Geschichte erzählen.
-
-Ich bin zu Cleveland, Staat Ohio, zu Hause. Vor zwei Jahren kam ich
-einmal beim Anbruch der Nacht während eines heftigen Schneesturms heim
-und erfuhr, sobald ich ins Haus trat, daß mein liebster Jugendfreund
-und Schulkamerad, John B. Hackett, tags vorher gestorben war; sein
-letzter Wunsch sei gewesen, ich möge seine sterblichen Ueberreste
-zu seinen armen, alten Eltern nach Wisconsin geleiten. Ich war sehr
-erschüttert und bekümmert, durfte aber keine Zeit mit Gemütsbewegungen
-verlieren; ich mußte sogleich aufbrechen. Ich steckte die Karte, auf
-welcher ›Dekan Levi Hackett, Bethlehem, Wisconsin‹ stand, zu mir und
-eilte durch den heulenden Sturm der Bahnstation zu. Dort angelangt,
-fand ich die lange weißtannene Kiste vor, die mir beschrieben worden
-war. Ich befestigte die Karte mit einigen Stiften daran, überzeugte
-mich, daß die Kiste sicher in einem Expreßwagen untergebracht wurde,
-und eilte dann in das Speisezimmer, um mich mit einem belegten
-Butterbrot und einigen Cigarren zu versorgen. Als ich herauskam, stand
-meine Sargkiste wieder da und ein junger Mensch machte sich mit einer
-Karte, einigen Stiften und einem Hammer in der Hand, daran zu schaffen.
-Ich war erstaunt und verblüfft. Er begann seine Karte anzunageln
-und ich eilte ziemlich aufgeregt hinaus zu dem Expreßwagen, um eine
-Erklärung zu verlangen. Aber siehe -- da war ja meine Kiste, sie lag im
-Güterwagen genau auf dem alten Fleck.
-
- [Thatsächlich hatte eine großartige Verwechslung stattgefunden,
- ohne daß ich etwas davon ahnte. Ich nahm die Kiste mit Gewehren
- mit, welche jener junge Mann an eine Schützengesellschaft in
- Peoria in Illinois abliefern sollte, während _er_ mit dem
- meiner Obhut anvertrauten Leichnam abreiste!]
-
-Ich hatte mich kaum überzeugt, daß meine Kiste da war, als der
-Kondukteur rief: »Einsteigen!« Ich sprang rasch in den Packwagen und
-machte mir einen bequemen Sitz auf einem Ballen zurecht. In demselben
-Wagen fuhr der Güterschaffner, ein biederer Mann in den Fünfzigern,
-mit offenem, ehrlichem, gutmütigem Gesicht. Er hatte alle Hände voll
-zu thun. Als der Zug abfuhr, sprang ein Fremder an den Wagen und
-legte einen Pack mit besonders reifem und kräftigem Limburger Käse
-auf das eine Ende meiner vermeintlichen Sargkiste. Das heißt, ich
-weiß jetzt, daß es Limburger Käse war, damals aber war mir der Inhalt
-des Packets unbekannt. Wir flogen eilig dahin durch die rauhe Nacht,
-der Sturm tobte fort. Eine große Niedergeschlagenheit bemächtigte
-sich meiner, mein Herz wurde schwerer und immer schwerer. Der alte
-Schaffner machte ein paar heitere Bemerkungen über den Sturm und das
-Nordpolwetter, schloß die Schiebethüren und Fenster recht dicht und
-ging dann geschäftig und ein Liedchen summend hin und her, indem er
-das Gepäck zurechtsetzte. Bald fiel mir auf, daß sich ein äußerst
-übler, durchdringender Geruch in der eiskalten Atmosphäre des Wagens
-verbreitete; das machte mich noch niedergeschlagener, weil ich es
-natürlich meinem armen abgeschiedenen Freunde zuschrieb. Es lag etwas
-tief Trauriges darin, daß er sich mir in dieser stummen, pathetischen
-Weise ins Gedächtnis zurückrief, und so konnte ich nur mit Mühe die
-Thränen zurückhalten; nebenbei war ich auch besorgt, der alte Schaffner
-könne etwas merken. Er summte indessen ruhig weiter. Trotzdem fühlte
-ich mich mit jeder Minute unbehaglicher, denn der Geruch wurde immer
-stärker, schon mehr ~hautgoût~. Nachdem der Schaffner alles zu seiner
-Zufriedenheit geordnet hatte, holte er einen Arm voll Holz und heizte
-in seinem Ofen tüchtig ein. Das that mir über die Maßen leid; denn
-ich war überzeugt, daß die Wärme eine schädliche Wirkung auf meinen
-armen abgeschiedenen Freund ausüben müsse. Thompson -- der Schaffner
-hieß Thompson, wie ich im Laufe der Nacht erfuhr -- ging jetzt die
-Wände betastend im Wagen umher, verstopfte alle Löcher und Ritzen, und
-bemerkte vergnügt, es möge nun draußen Wetter sein, welches es wolle,
-er werde es uns schon behaglich machen. Ich sagte nichts, zweifelte
-aber, ob er es richtig anfing. In einer Weile wurde der Ofen immer
-heißer und die Luft immer schwüler. Ich fühlte, daß mir übel und weh
-wurde, trug aber mein Leid im stillen und sagte nichts. Bald bemerkte
-ich, daß das Summen des Schaffners immer schwächer wurde, endlich hörte
-es ganz auf, und es herrschte eine unheimliche Stille. Nach einigen
-Augenblicken sagte Thompson:
-
-»Pfui! na, Zimmetholz war’s nicht, was ich in den Ofen steckte!«
-
-Er schnappte ein paarmal nach Luft, schritt dann auf die Kiste zu,
-stand einen Augenblick ganz nahe bei dem Limburger, ging dann wieder
-weg und setzte sich, augenscheinlich stark ›verschnupft‹ neben mich.
-Nach einigem Besinnen sagte er, mit dem Finger auf die Kiste zeigend:
-
-»Freund von Ihnen?«
-
-»Ja,« sagte ich mit einem Seufzer.
-
-[Illustration]
-
-»Ziemlich reif, wie’s scheint!«
-
-Etwa zwei Minuten lang wurde nichts weiter gesagt, da jeder mit seinen
-eigenen Gedanken beschäftigt war; dann sagte Thompson in leisem,
-friedlichem Tone:
-
-»Manchmal weiß man nicht recht, ob sie ganz hinüber sind; es scheint
-oft nur so, wenn man sie anfühlt. Habe Fälle in meinem Wagen gehabt,
-besonders während des Krieges, -- ich sag’ Ihnen, schauderhaft! Jeden
-Augenblick konnte man erwarten, daß sich so einer erhob und einen
-anglotzte.« Dann fügte er nach einer Pause hinzu, indem er mit dem
-Ellenbogen nach der Kiste zeigte: »Na, der da ist nicht scheintot! Für
-den stehe ich ein.«
-
-Wir saßen einige Zeit schweigend und nachdenklich da, lauschten dem
-Sausen des Windes und dem Gerassel des Bahnzugs; dann sagte Thompson
-gefühlvoll:
-
-»Nun, nun, wir werden alle einmal ›reif‹, das ist nun einmal nicht
-zu ändern. Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt nur eine kurze Zeit,
-sagt die Schrift. Ja, man mag es betrachten, wie man will, es ist
-furchtbar ernsthaft und wunderbar: Es giebt niemand, der’s ändern
-kann, alle müssen fort, einer wie der andere. Heute ist man frisch und
-gesund« -- hier unterbrach er sich, schnellte auf, riß ein Fenster auf
-und streckte seine Nase ein paar Augenblicke hinaus, dann setzte er
-sich wieder, während ich aufstand und meine Nase an derselben Stelle
-hinausstreckte, und so wechselten wir immer ab -- »und am nächsten Tag
-wird er niedergemäht wie das Gras, wie es in der Schrift steht. Ja,
-wahrhaftig -- ’s ist eine furchtbar ernste und feierliche Sache; aber
-wir müssen alle gehen, früher oder später; ’s läßt sich nicht ändern.«
-
-Es folgte wieder eine lange Pause, dann fragte Thompson:
-
-»Woran starb er denn?«
-
-Ich antwortete, es sei mir unbekannt.
-
-»Wie lange ist er denn schon tot?«
-
-Um nicht, wegen des Geruchs, zu wenig zu sagen, antwortete ich:
-
-»Zwei oder drei Tage.«
-
-Aber es half nichts; Thompson nahm es mit einer ungläubigen Miene auf,
-die deutlich besagte: Sie wollen wohl sagen: »Zwei oder drei _Jahre_!«
-Meine Angabe stillschweigend ignorierend, fuhr er dann ruhig fort, mir
-seine Ansicht auseinanderzusetzen über die Thorheit, Begräbnisse lang
-aufzuschieben. Dann schritt er zu der Kiste, blieb einen Augenblick
-davor stehen, kam eilig zurück und stattete dem Fenster einen Besuch
-ab, wobei er bemerkte:
-
-»Es wäre in jeder Hinsicht besser gewesen, wenn Sie ihn letzten Sommer
-fortgeschafft hätten.«
-
-Thompson setzte sich nieder, begrub sein Gesicht in einem rotseidenen
-Taschentuch und begann sich langsam hin- und herzuwiegen wie einer, der
-sich wohl oder übel in das Unvermeidliche schickt. Mittlerweile war der
-Duft -- wenn man das noch Duft nennen darf -- zum Ersticken geworden.
-Thompsons Gesicht wurde aschgrau; das meine -- ich fühlte es -- war
-leichenfahl. Zur Abwechslung stützte Thompson den Kopf in die linke
-Hand, den Ellbogen auf dem Knie; mit der andern Hand fuchtelte er mit
-dem Taschentuch gegen die Kiste und sagte:
-
-»Bin schon mit vielen gefahren -- manche davon waren beträchtlich
-angegangen -- aber, weiß der Himmel, der schlägt sie alle um ein
-Dutzend Nasenlängen, mit Leichtigkeit. Ich versichere Sie, die anderen
-waren ~Eau de Cologne~ gegen _ihn_!«
-
-Ich nahm das Kompliment für meinen Freund, trotz der betrübenden
-Nebenumstände, nicht ohne Genugthuung auf.
-
-Es wurde uns sehr bald klar, daß etwas geschehen müsse. Ich schlug
-Cigarren vor; Thompson war damit einverstanden.
-
-»Vielleicht mildert’s etwas,« meinte er.
-
-Wir pafften hübsch drauf los und bildeten uns eine Weile ein, daß der
-Zustand sich gebessert habe; aber es half nichts. Sehr bald, wie auf
-ein verabredetes Zeichen, ließen wir beide gleichzeitig unsere Cigarren
-den kraftlosen Fingern entfallen. Thompson sagte mit einem Seufzer:
-
-»Nein, Freund, das macht ihn nicht um ein Haar milder. Ich behaupte, es
-macht ihn nur wilder. Was sollen wir aber machen, he?«
-
-Ich war nicht im stande, etwas vorzuschlagen, ich hatte während der
-ganzen Zeit gewürgt und gewürgt und hielt es nicht für geraten, den
-Mund zu öffnen. Thompson begann in abgebrochenen Sätzen über die
-dumme Geschichte zu brummen, wobei er meinen Freund verschiedentlich
-titulierte; die Titel wurden immer größer, je eifriger er redete.
-Schließlich sagte er:
-
-»Wissen Sie was? Wir sollten unsern Oberst[6] weiter an das andere Ende
-des Wagens bringen, etwa zehn Fuß. Er kann sich dann nicht so geltend
-machen.«
-
- [6] Titulatur, mit der man in Amerika stark um sich wirft.
-
-Das leuchtete mir ein. Wir schöpften also am Fenster gehörig Atem und
-faßten dann die Kiste mit dem Käse an. Thompson nickte ›Fertig‹, worauf
-wir mit aller Macht auslangten; aber Thompson glitt aus, stieß mit der
-Nase auf den Käse und verlor fast den Atem. Schnappend und keuchend
-rappelte er sich empor und wankte auf die Thüre zu, wobei er mir heiser
-zurief: »Lassen Sie mich! Ich muß sterben! Luft! Luft!« Draußen auf der
-kalten Plattform kam er bald wieder zu sich und fragte mich:
-
-»Was meinen Sie, lassen wir unsern Generalissimus liegen, wo er liegt?
--- ich fürchte, wenn er noch mehr aufgestöbert wird, wird er immer
-unangenehmer.«
-
-»Ja, ja,« entgegnete ich, »es wird am besten sein, wir lassen ihn, wo
-er ist, da er es einmal so haben will; denn wissen Sie, er hat alle
-Trümpfe in der Hand, und wenn ihm da einer in die Quere kommt, kann’s
-ihm schlecht bekommen.«
-
-Da wir in dem rasenden Sturm nicht draußen bleiben konnten, gingen wir
-wieder hinein und schlossen die Thüre. Unser Leid begann von neuem
-und wir lösten uns abwechselnd an dem Fenster ab. Später, als wir von
-einer Station abfuhren, wo der Zug einige Minuten gehalten hatte, kam
-Thompson triumphierend herein und rief:
-
-»So, jetzt ist’s gut! Diesmal kriegen wir Se. Excellenz unter. Da hab’
-ich einen Stoff, vor dem er gewiß die Waffen streckt.«
-
-Es war eine Flasche voll Karbolsäure. Er spritzte davon überall umher,
-ja er tränkte buchstäblich alles damit -- Kiste, Käse und alles andere.
-Dann setzten wir uns nieder -- ziemlich zuversichtlich; aber unser
-Hoffen währte nicht lange. Statt sich zu bekämpfen und zu paralysieren,
-vermischten sich die beiden Gerüche friedlich und stanken ~unisono~ um
-die Wette. Wir griffen bald nach der Thüre, und draußen sagte Thompson
-ziemlich kleinlaut:
-
-»Es hilft nichts; wir können nicht gegen ihn ankommen. Hören Sie,
-Freund, es ist jetzt hundertmal schlimmer drinnen als anfangs. Hab’ nie
-erlebt, daß einer so verdammt forsch ins Zeug geht -- wahrhaftig nicht,
-Herr, seit ich diese Strecke befahre; und ich habe doch manchen von
-ihnen mitgenommen, wie ich Ihnen schon sagte.«
-
-Wir gingen wieder hinein, nachdem wir tüchtig durchgefroren waren,
-aber es war drinnen kaum zum aushalten. Es blieb uns nichts übrig,
-als abwechselnd hinaus und hinein zu gehen; eine Abwechslung zwischen
-Erfrieren und Auftauen. Nach einer Stunde etwa hielten wir an einer
-andern Station; beim Abfahren kam Thompson mit einem Bündel herein und
-sagte:
-
-»Ich will’s nochmals mit ihm versuchen -- nur dieses eine Mal noch;
-wenn wir ihm diesmal nicht beikommen, so bleibt nichts übrig, als die
-Karten wegzuwerfen und das Spiel aufzugeben. Das ist meine Meinung.«
-
-Er hatte ein paar Handvoll Hühnerfedern, gedörrte Aepfel, Blättertabak,
-Kleiderfetzen, alte Schuhe, Schwefel, ~Asa foetida~ und noch einiges
-andere mitgebracht; häufte alles auf einem Eisenblech in der Mitte des
-Wagens auf und zündete es an. Das Vorausgegangene war reinste Poesie
-gegen diesen Geruch, -- ich dachte, davor müsse selbst eine Leiche die
-Segel streichen, aber fehlgeschlagen! Der ursprüngliche Geruch stieg
-empor, gerade so triumphierend wie zuvor -- ja diese andern Gerüche
-schienen ihm nur eine feste Basis zu verleihen. Ich stellte diese
-Betrachtung nicht drinnen an -- dazu war ja keine Zeit gewesen, --
-sondern draußen auf der Plattform. Auf der Flucht nach der Plattform
-war Thompson betäubt hingefallen, und bis ich ihn am Rockkragen
-hinausgeschleppt hatte, war ich selbst halbtot. Als wir wieder zu uns
-kamen, sagte Thompson verzagt:
-
-»Wir müssen hier außen bleiben, Freund, das müssen wir unbedingt. Es
-geht nicht anders. Der Alte will einmal allein reisen -- seine Mittel
-erlauben ihm das!«
-
-Und sogleich fügte er hinzu:
-
-»Wissen Sie auch, daß wir _vergiftet_ sind? ’s ist unsere letzte Fahrt,
-darauf können Sie wetten. Da wird mindestens der Typhus draus. Ich
-fühl’ es schon kommen.«
-
-Eine Stunde später hielt der Zug bei der nächsten Station, wo man uns
-erstarrt und besinnungslos auf der Plattform liegen fand; ich verfiel
-sogleich in ein hitziges Fieber, und kam drei Wochen lang nicht zum
-Bewußtsein. Ich erfuhr alsdann, daß ich jene entsetzliche Nacht
-neben einer harmlosen Gewehrkiste und einem Laib unschuldigen Käses
-zugebracht hatte. Aber die Nachricht kam zu spät zu meiner Rettung:
-die Phantasie hatte ihr Werk vollbracht, und meine Gesundheit war für
-immer zerrüttet; weder Italien noch ein anderes Land können sie mir
-zurückgeben. Es geht mit mir zu Ende; ich bin auf dem Wege nach Hause,
-um dort zu sterben!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Verlag von Robert Lutz in Stuttgart
-
-
-Deutsche Denkstätten in Italien
-
-Von Robert Kohlrausch
-
-Mit vielen Illustrationen von =A. H. Pellegrini=
-
-Schön ausgestattet. Geh. M. 6.--, in Lwd. geb. M. 7.--
-
-Zweite Auflage
-
-Einige Urteile der Presse:
-
-_Hannoverscher Courier_:
-
-... So hat Robert Kohlrausch ganz Italien durchwandert und überall
-mit dem Verständnis und dem scharfen Blick des Historikers die Spuren
-der Ahnen betrachtet. Und ein anderes kam hinzu, diese historische
-Betrachtung für ihn und den Leser fruchtbar zu machen: die Gabe, das in
-Palästen, Kirchen u. Museen, auf Denkmälern, Bildern u. Schlachtfeldern
-als Denkzeichen deutschen Wesens, deutschen Geistes und deutschen
-Wirkens Erkannte in dichterischer Verklärung zu schauen u. längst
-Vergangenes und Verklungenes mit lebendigem Gegenwartsbewußtsein zu
-erfüllen ... =Ein inhaltsreiches Werk, das dem Leser eine Fülle von
-neuen Eindrücken vermittelt.= ... Möchten die »Deutschen Denkstätten in
-Italien« =in vielen deutschen Häusern Leser und Freunde finden=.
-
-_Reclams Universum_:
-
-... Stille Wehmut klingt aus seinen Zeilen heraus über all die unnütz
-vergossenen Ströme deutschen Blutes, und zugleich ein Ton lauterer
-Freude über das gewesene Große, Heldenhafte und Schöne, von dem uns so
-wenig mehr geblieben ist als eine große Erinnerung.
-
-_Breslauer Morgenzeitung_:
-
-Kohlrausch’s Buch bringt eine Fülle historischen Materials, aber es
-vermeidet sehr glücklich die bloße Aneinanderreihung geschichtlicher
-Vorgänge. =Vielmehr liest es sich wie ein gewaltiges Epos=, dessen
-einzelne Kapitel die mannigfaltigen Schicksale der deutschen Stämme und
-Fürstengeschlechter bilden, die um Italiens Besitz gerungen. Kohlrausch
-hat viel Fleiß verwendet, =aber noch weit höher ist die dichterische
-Kraft zu bewerten=, mit der er die großen Erinnerungsstätten einer an
-gewaltigen Tragödien reichen Vergangenheit wieder mit dem vollen Glanze
-umkleidet, den sie dereinst besessen haben. Alle, die die Schritte
-nach dem Süden lenken, werden gut tun, Kohlrausch’s Buch als kundigen
-Reisebegleiter mit sich zu nehmen.
-
-_Posener Zeitung_:
-
-=Das Buch ist eine der interessantesten Neuerscheinungen dieses
-Winters.= Als ein Künstler, der Italien und deutsche Vergangenheit
-gleichermaßen liebt, hat Kohlrausch seine selbstgestellte Aufgabe
-gelöst; er spricht zu uns in einer klaren, melodischen Sprache, die von
-tiefem lyrischem Gehalt durchdrungen sich dem Stoff völlig anpaßt.
-
-
-In der Fremdenlegion
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-Erinnerungen und Eindrücke
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-von
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-Erwin Rosen
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-Preis geheftet M. 5.--, in Leinen gbd. M. 6.--.
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-Neunte Auflage.
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-Viele rühmende Urteile
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-Davon nur einige im Auszug:
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-_=Neue Zürcher Zeitung=_: »Das Buch ist so =packend geschrieben=, daß
-man es nicht aus der Hand legt, bis man es fertig gelesen und sich
-darüber freuen kann, daß der Verfasser der Hölle entrinnen konnte ...«
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-_=Prof. Holzhausen (Frankf. Zeitg.)=_: »Kein Leser des Werkes wird es
-in Abrede stellen, daß die Lektüre, die uns der Autor vorsetzt, =etwas
-wunderbar Faszinierendes hat=.«
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-_=Berner Bund=_: »Man gewinnt sofort Vertrauen zu seinem Wort. Das Buch
-ist ganz vorzüglich, =geradezu brillant geschrieben= und wirkt wie
-schmucklose Wahrheit, ohne Übertreibung oder Tendenz.«
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-_=Echo der Gegenwart=_: »Rosens Darstellungen sind Bilder =von so
-packender Schilderungsschärfe=, daß man in der jüngsten Zeit kaum etwas
-Gleichwertiges auf dem Gebiete der Kulturschilderung an die Seite
-stellen kann.«
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-_=~Dr.~ Hanns Heinz Ewers=_: »Erwin Rosen’s Buch habe ich mit großem,
-stets wachsendem Interesse gelesen. Ich glaube selbst die Legion recht
-gut zu kennen, bin auf den verschiedensten Plätzen dieser Erde mit ihr
-in Verbindung getreten, und fühle mich daher berechtigt, ein Urteil
-abgeben zu können. Dieses ist: =Rosen’s Buch ist das beste, das über
-die Legion bisher geschrieben wurde, nicht nur in deutscher Sprache,
-sondern überhaupt= ... Ich wünsche diesem guten Buche in Deutschland
-von ganzem Herzen einen Erfolg.«
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-Die Abenteuer des Brigadiers Gerard
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-Ein neues, höchst spannendes Buch von Conan Doyle, dem Verfasser der
-Sherlock Holmes-Geschichten
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-Preis geheftet M. 3.25, in Lwd. geb. M. 4.50.
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-Die Abenteuer des unerschrockenen Brigadiers, der allen Gefahren die
-Stirn bietet, gehören zu den besten Abenteuer-Geschichten, die es gibt,
-und stehen an Spannung den Sherlock Holmes-Abenteuern gleichwertig zur
-Seite.
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-Bereits 6 Auflagen!
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-Memoirenbibliothek
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-Meine Erlebnisse im russisch-japanischen Krieg
-
-Von
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-W. Weressájew
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-Broschiert 5 M., gebunden 6 M., in Halbfranz 7 M.
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-Achte Auflage
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-Frankfurter Zeitung:
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-Die Schande ist an den Tag gekommen. Das Buch enthält die denkbar
-vollständigste Sammlung von Beispielen raffinierter Unterschleife durch
-russische Beamte und Offiziere, unmenschlicher Gewalttaten russischer
-Soldaten gegenüber der wehrlosen chinesischen Bevölkerung, grenzenloser
-Inkompetenz aller militärischen Obrigkeiten, bestialischer Aeußerungen
-tief eingewurzelten Alkoholismus’ usw.
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-St. Galler Blätter:
-
-Ein wahrhaft ergreifender nationalethischer Gehalt spricht sich
-in diesem Werke aus. =Es ist eine Männerlektüre von herbster
-Eindringlichkeit=: dieses gewaltige Buch von furchtbarer Schuld
-und furchtbaren Leiden. Man darf es sicher =zu den bedeutsamsten
-Erscheinungen der neueren Geschichtsschreibung= zählen.
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-Heimgarten:
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-=Das Buch liest sich ähnlich wie Zolas »Zusammenbruch«.=
-
-Deutsche medizinische Presse:
-
-Wir empfehlen das Buch, das sich durch einen glänzenden Stil,
-Lebendigkeit der Darstellung, scharfe Beobachtungsgabe und gesunde
-Kritik auszeichnet, auf das angelegentlichste. =Man sieht in ihm
-Rußland, wie es ist.=
-
-Pester Lloyd:
-
-=Weressájew liefert hier ein selten reichhaltiges und wertvolles
-Material zur Geschichte des modernen Rußland in allen Zweigen seines
-politischen, kulturellen, sozialen und sittlichen Lebens=, so daß
-hier ein Kolossalgemälde aus dem öffentlichen Leben Rußlands =von
-überwältigendem Realismus und beklemmend düsteren Farben= geboten wird
-... Mit unsäglichem Kummer über menschliche Verkommenheit legt man das
-Buch Weressájews aus der Hand.
-
-Deutsche Romanzeitung:
-
-=Mit Entsetzen liest man diese Darstellung russischer Zustände.= Sie
-treten mit so krasser Deutlichkeit vor unser Auge, daß ich das meine
-wenigstens während dieser Lektüre schaudernd schließen mußte und nur
-mit Mühe weiterzulesen vermochte.
-
- A. B.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 83: sie → sich
- {sich} zum Wohl und Heil
-
- S. 110: ausringt → auswringt
- zweimal hineintaucht und {auswringt}
-
- S. 110: Ausringen → Auswringen
- Sache war bis auf das {Auswringen} fertig
-
- S. 158: Higston → Hingston
- Schnäpsen, {Hingston}, sein Reisebegleiter
-
- S. 202: Compstock → Combstock
- Meilen die große {Combstock}-Mine
-
- S. 202: Compstocks → Combstocks
- des ausgehöhlten {Combstocks} auseinander hielten
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GOLD- UND SILBERLAND ***
-
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