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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Im Gold- und Silberland - -Author: Mark Twain - -Illustrator: Albert Richter - -Release Date: April 16, 2021 [eBook #65089] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GOLD- UND SILBERLAND *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Mark Twains ausgewählte - humoristische Schriften - - Illustriert von =H. Schrödter= und =Albert Richter= - - Fünfter Band: - - Im Gold- und Silberland - - [Illustration] - - Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz - - - - - Im Gold- und Silberland - - Von - - Mark Twain - - Illustriert von =Albert Richter= - - Neunte Auflage - - [Illustration] - - Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz - - - - -Alle Rechte vorbehalten. - - Druck von A. Bonz’ Erben - Stuttgart. - - - - -Inhalt. - - - Im Gold- und Silberland. - - I. - - Seite - - Kapitel 1--24 7--163 - - II. - - Nabobs in Nevada 165 - - Buck Fanshaws Begräbnis 173 - - Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte 184 - - Der große Zeitungsroman 191 - - Belehrendes 200 - - Von Virginia nach San Francisco 204 - - Goldgräber 215 - - Erdbeben 220 - - Am Bettelstabe 228 - - Tom Quarz 235 - - Die Vorlesung 247 - - Anhang. - - Aus meiner Knabenzeit 255 - - Ritters Geschichte 278 - - Der Mann, der bei Gadsbys abstieg 301 - - Die Geschichte des Invaliden 308 - - - - -Im Gold- und Silberland. - -I. - - - - -Erstes Kapitel. - - -In dem vorhergehenden Bande[1] habe ich den Leser über die Prärieen, -das Felsengebirge und durch die Alkaliwüste in die Hauptstadt des -damals neu errichteten Territoriums Nevada, nach der Stadt _Carson_ -geführt. Es war eine ›hölzerne‹ Stadt; ihre Einwohnerzahl betrug -zweitausend. Die Hauptstraße bestand aus einer Reihe kleiner, weißer -Bretterhäuschen mit Kaufläden, zu hoch, um darauf zu sitzen, aber -für alle sonstigen Erfordernisse kaum hoch genug. Dieselben standen -hart aneinandergebaut, als mangelte es an Raum auf der mächtigen -Ebene. Den Gehweg bildeten Bretter, die mehr oder minder locker -waren und beim Darauftreten gerne klapperten. Mitten in der Stadt, -den Läden gegenüber, befand sich die, allen Städten jenseits des -Felsengebirges angeborene ›Plaza‹ -- ein großer, offener, ebener Platz -mit einem Freiheitsbaum in der Mitte, sehr geeignet zu öffentlichen -Versteigerungen, Pferdemärkten und Volksversammlungen, sowie zum -Absteigeplatz der Fuhrleute. Zwei andere Seiten der Plaza waren von -Läden, Bureaus und Ställen eingefaßt. Der übrige Teil der Stadt lag -ziemlich zerstreut. - - [1] Band IV: »Leben auf dem Mississippi -- Nach dem fernen - Westen.« - -Auf der Poststation und auf dem Wege zum Gouverneur wurden wir -verschiedenen Bürgern vorgestellt, darunter einem Herrn Harris, der -sich zu Pferde befand. Derselbe begann ein Gespräch, unterbrach -sich jedoch mit der Bemerkung: »Ich muß Sie auf einen Augenblick um -Entschuldigung bitten; dort drüben steht der Zeuge, der geschworen hat, -ich sei bei der Beraubung der kalifornischen Post beteiligt gewesen -- -eine ganz unverschämte Einmischung, da ich mit dem Menschen gar nicht -bekannt bin.« - -[Illustration] - -Darauf ritt er hin und machte dem Betreffenden Vorhalt mit einem -sechsläufigen Revolver, wogegen sich dieser mit dem seinigen -entschuldigte. Als die Pistolen leer waren, nahm der Unbekannte sein -Geschäft (er flickte sich seine Peitschenschnur) wieder auf, während -Herr Harris mit höflichem Bückling an uns vorbei nach Hause ritt. Er -hatte eine Kugel durch den einen Lungenflügel und mehrere in die Hüften -bekommen, und die kleinen Blutströme, die dem Pferd über die Flanken -liefen, gaben dem Tier ein ganz malerisches Aussehen. Ich habe später, -so oft ich Harris nach jemand schießen sah, immer wieder an jenen -ersten Tag in Carson denken müssen. - -Weiter sahen wir an diesem Tage nichts, denn es war zwei Uhr, und nach -Landessitte brach jetzt der tägliche ›Washoe-Zephyr‹ los. Mit demselben -kam eine aufsteigende Staubwehe, etwa von der Größe der Vereinigten -Staaten, welche Nevadas Hauptstadt unsern Blicken entzog. Indes gab -es dabei doch mancherlei zu sehen, was für Neuangekommene nicht ganz -uninteressant war; denn die mächtige Staubwolke war dicht betüpfelt -mit Dingen, die den höheren Luftschichten fremd sind, lebenden und -toten, die zwischen den sich fortwälzenden Staubwirbeln hin und her -flatterten, gingen und kamen, auftauchten und wieder verschwanden --- mit Hüten, Hühnern und Sonnenschirmen, die hoch oben am Himmel -hinsegelten; mit Decken, Blechschildern, Salbeigestrüpp und Schindeln, -die etwas tiefer hin flogen; noch weiter unten mit Strohmatten und -Büffellederröcken; mit Schaufeln und Kohlenkasten in der nächsten -Luftschicht; Glasthüren, Katzen und kleinen Kindern in der folgenden; -zerbrochenen Bretterzäunen, leichten Einspännern und Schubkarren in der -nächsten; und zu unterst, bis zu höchstens dreißig oder vierzig Fuß -Höhe über dem Boden, wehte ein Wirbelsturm auswandernder Dächer und -leerer Bauplätze hin. - -Es war wirklich etwas zu sehen dabei. Ich hätte noch mehr sehen können, -wäre ich imstande gewesen, mir die Augen staubfrei zu halten. - -Aber in allem Ernst, ein Washoe-Wind ist durchaus keine Kleinigkeit. Er -bläst schwächliche Häuser um, nimmt gelegentlich Schindeldächer mit, -rollt Blechdächer zusammen wie Notenhefte, weht dann und wann eine -Postkutsche um und verschüttet die Reisenden; und als die Ursache der -vielen Kahlköpfe dort zu Lande hört man überall angeben, der Wind wehe -den Leuten die Haare vom Kopfe, während sie himmelwärts nach ihren -Hüten schauen. Die Straßen der Stadt bieten an Sommernachmittagen -meist ein recht belebtes Bild, da stets eine Menge Leute Jagd auf ihre -entweichenden Hüte machen, wie Stubenmädchen auf eine Spinne. - -Der Washoe-Zephyr (Washoe ist ein beliebter Spitzname für Nevada) ist -eigentlich ein recht schriftmäßiger Wind, insofern kein Mensch weiß, -›von wannen er kommt‹, d. h. wo er entsteht. Er kommt geradeswegs über -die Berge aus Westen, aber jenseits der Kammhöhe, auf der andern Seite -drüben, ist nichts von ihm zu entdecken. Er wird vermutlich auf der -Höhe des Gebirges eigens hergestellt und fliegt von dort aus; er ist -zur Sommerszeit ein recht pünktlicher Wind. Seine Geschäftsstunden -währen von zwei Uhr nachmittags bis zum nächsten Morgen um dieselbe -Stunde, und wer sich während dieser zwölf Stunden auf eine Reise wagt, -muß mit dem Winde rechnen, will er nicht ein paar Meilen leewärts von -seinem Ziel anlangen. Und doch ist das erste, worüber sich ein Besucher -aus Washoe in S. Francisco beklagt, daß dort die Seewinde so heftig -wehen. So ist der Mensch nun einmal! - -Den Staatspalast des Gouvernements von Nevada entdeckten wir in einem -einstöckigen weißen Bretterhause, das im Innern zwei kleine Zimmer -enthielt und an der Stirnseite -- der Großartigkeit halber -- einen auf -Stützen ruhenden Dachstock hatte; es zwang dem Bürger Hochachtung ab -und erfüllte den Indianer mit Ehrfurcht. Die unlängst eingetroffenen -richterlichen Beamten des Territoriums, der Ober- und der Hilfsrichter, -und was sonst zur Regierungsmaschinerie gehörte, waren weniger -glänzend untergebracht. Sie wohnten rings umher in Privathäusern zur -Miete und hatten ihre Amtslokale in ihren Schlafstuben. Mein Bruder, -(›Mr. Secretary‹) und ich schlugen unser Quartier in dem ›Ranch‹ -einer würdigen französischen Dame auf. Sie hieß Bridget O’Flannigan -und gehörte zur Gefolgschaft Sr. Excellenz des Gouverneurs. In -seinen guten Tagen, als er Oberbefehlshaber der hauptstädtischen -Polizei in New York war, hatte sie ihn gekannt und wollte ihn nun in -seinem Mißgeschick als Gouverneur von Nevada auch nicht verlassen. -Unsere Stube lag im unteren Stock und ging auf die Plaza hinaus, -und nachdem wir unser Bett, einen kleinen Tisch, zwei Stühle, den -feuerfesten Schrank der Regierung und das Konversationslexikon darin -untergebracht hatten, war immer noch Raum genug für einen Besuch -vorhanden -- vielleicht sogar für zwei, aber nicht ohne Dehnung der -Wände. Uebrigens konnten die Wände eine solche vertragen -- wenigstens -die Zwischenwände, denn sie bestanden lediglich aus einer einzigen -Schicht groben Baumwollstoffes, der von einer Zimmerdecke zur andern -ausgespannt war. Dies war die Regel in Carson, eine Zwischenwand -anderer Art bildete eine seltene Ausnahme. Wenn man in seinem dunkeln -Zimmer stand, die Zimmernachbarn dagegen Licht brannten, so erzählten -die Schatten an dem Tuch oft merkwürdige Geheimnisse! Sehr häufig -waren diese Zwischenwände aus zusammengehefteten alten Mehlsäcken -hergestellt; dann war der Unterschied zwischen der gemeinen Herde und -der Aristokratie nur der, daß die gemeine Herde schmucklose Säcke -hatte, während die Wände des Aristokraten durch rudimentäre Fresken, -d. h. rote und blaue Mühlenzeichen auf den Säcken, Staunen erregten. -Gelegentlich verschönerten die besseren Stände auch ihr Sackleinen -durch Aufkleben von Holzschnitten aus Harpers Wochenschrift; nicht -selten verstiegen sich die Wohlhabenden und Gebildeten sogar bis -zu Spucknäpfen und andern Beweisen eines kostspieligen und üppigen -Geschmackes. Wir besaßen einen Teppich und ein Waschbecken von echtem -Steingut. Infolgedessen wurden wir von den übrigen Insassen des Ranchs -der Dame O’Flannigan rücksichtslos gehaßt. Als wir gar noch einen -bemalten Fenstervorhang von Wachsleinwand dazu anschafften, waren -wir einfach unseres Lebens nicht mehr sicher. Um Blutvergießen zu -verhüten, zog ich eine Treppe höher und schlug mein Quartier bei den -titellosen Plebejern in einer der vierzehn weißen, schmalen Bettstellen -aus Fichtenholz auf, die in zwei langen Reihen in dem einzigen Zimmer -standen, welches das zweite Stockwerk bildete. - -Sie waren eine lustige Gesellschaft, die vierzehn. Meist hatten sie -sich aus freien Stücken dem Gouverneur angeschlossen. Als sie in -New York und San Francisco zu seiner Gefolgschaft stießen, hatten -sie sich gesagt, daß sie bei der Balgerei um Aemtchen und sonstige -im Territorium abfallende Brocken nichts zu verlieren, vielmehr -vernünftigerweise eher vielleicht etwas zu gewinnen hätten. Sie hießen -im Volksmund ›die irische Brigade‹, obwohl sich unter der ganzen -Umgebung des Gouverneurs nur vier oder fünf Irländer befanden. Die -gutmütige Excellenz war sehr verdrießlich über das Gerede, das seine -Leibgarde hervorrief -- besonders, als sich das Gerücht verbreitete, -es seien bezahlte Meuchelmörder, die er sich mitgebracht habe, um -erforderlichen Falles die demokratischen Wahlstimmen in der Stille zu -vermindern! - -Frau O’Flannigan gab ihnen Kost und Wohnung für je zehn Dollars die -Woche, und sie gaben dagegen fröhlich ihre Schuldverschreibungen. -Sie waren damit völlig zufrieden. Dagegen fand Bridget bald, daß -uneinlösbare Schuldscheine doch keine genügende Sicherheit für eine -Fremdenpension in Carson City bilden. So lag sie nun dem Gouverneur -in den Ohren, für die ›Brigade‹ eine Beschäftigung aufzutreiben. Sie -sowohl als die Leute selbst setzten ihm so lange zu, bis er in eine -gelinde Verzweiflung geriet und schließlich die Brigade antreten -ließ. »Meine Herren,« redete er sie an, »ich habe eine einträgliche -und ersprießliche Thätigkeit für Sie ausgesonnen -- eine Thätigkeit, -welche Ihnen Erholung inmitten herrlicher Landschaften gewähren und -Ihnen ununterbrochen Gelegenheit verschaffen wird, Ihren Geist durch -Beobachtung und Studium zu bereichern. Ich wünsche die Möglichkeit -der Anlegung einer Eisenbahn von Carson aus nach Westen bis zu einem -gewissen Punkte festzustellen. Beim Zusammentritt der Legislatur werde -ich dafür sorgen, daß das erforderliche Gesetz durchgeht und eine -entsprechende Summe bewilligt wird.« - -»Wie, eine Eisenbahn über die Sierra Nevada?« - -»Jawohl, -- und Sie sollen zu diesem Zweck die Gegend ostwärts bis zu -einem gewissen Punkte untersuchen!« - -Er machte die einen zu Vermessern, die andern zu Kettenträgern u. s. -w.; dann ließ er sie los in die Wüste. Das war eine Erholung, daß es -eine Art hatte! Erholungsfußtouren, auf denen sie die Meßketten durch -Sand und Salbeigestrüpp schleppten unter einer schwülen Sonne und -zwischen Ochsengerippen, Cayoten und Taranteln. Es war die reinste, -höchste Romantik! Sie betrieben die Vermessung sehr langsam, sehr -bedächtig, sehr sorgfältig. Während der ersten Woche kehrten sie alle -Abende staubbedeckt, fußkrank, müde und hungrig, aber höchst vergnügt -zurück. Sie brachten einen großen Vorrat ungeheurer haariger Spinnen --- Taranteln -- mit, die sie im oberen Zimmer des Ranch in zugedeckte -Biergläser einsperrten. Nach Verlauf der ersten Woche mußten sie im -freien Feld kampieren, denn sie waren tüchtig nach Osten vorgerückt. -Sie erkundigten sich sehr eifrig nach der Lage jenes im unklaren -gelassenen ›gewissen Punktes‹, ohne jedoch Aufschluß darüber zu -erhalten. Endlich, auf eine besonders dringende Anfrage: »Wie weit -östlich?« telegraphierte Gouverneur Nye zurück: »Bis zum atlantischen -Ozean, Ihr Teufelsbraten! -- über den schlagt eine Brücke und macht, -daß ihr hinüber kommt!« - -Darauf hin kamen die bestaubten Packesel zurück, die nun einen Bericht -einreichten und ihre Arbeit einstellten. Der Gouverneur nahm die Sache -fortwährend höchst gemütlich; er meinte, da Frau Flannigan sich wegen -des Unterhalts der Brigade doch in jedem Falle irgendwie an ihn halten -werde, so wolle er sich mit den Jungens auch so viel Spaß machen, als -möglich; er gedenke, setzte er mit freundlichem Augenzwinkern hinzu, -sie mit ihren Vermessungen bis nach Utah hinein zu schicken und dann an -Brigham zu telegraphieren, er solle sie wegen Grenzverletzung hängen -lassen. - -Die Vermesser brachten immer noch mehr Taranteln mit, so daß wir -schließlich eine ganze Menagerie auf Brettern und Fenstersimsen im -Zimmer aufgestellt hatten. Manche von diesen Spinnen konnten ihre -haarigen muskulösen Beine über eine gewöhnliche Untertasse auseinander -sperren; und wenn ihre Gefühle verletzt wurden oder man ihrer Würde zu -nahe trat, so mußte man sie nach ihrem Ausdruck für die heillosesten -Halunken im ganzen Tierreich halten. Bei jeder noch so leisen Berührung -ihrer gläsernen Gefängnisse waren sie in einem Augenblick auf den -Beinen und kampfgerüstet. In der ersten Nacht nach der Rückkehr der -Brigade wehte wie gewöhnlich ein wütender Zephyr, der um Mitternacht -das Dach eines benachbarten Stalles fortblies, so daß eine Ecke -desselben krachend durch unsern Ranch hereingefahren kam. Es erfolgte -ein gleichzeitiges Erwachen, eine geräuschvolle Musterung der Brigade -im Dunkeln und ein allgemeines Stolpern und Uebereinanderpurzeln in dem -schmalen Gange zwischen den Bettreihen. Mitten in dem Getümmel fuhr Bob -H.-- aus seinem gesunden Schlafe auf und stieß dabei mit dem Kopfe ein -Brett herunter. Im selben Augenblick schrie er: - -»Reißt aus, Jungens, die Taranteln sind los!« - -Einen gräßlicheren Alarmruf hätte es nicht geben können. Niemand -wagte mehr das Zimmer zu verlassen aus Furcht, auf eine Tarantel -zu treten. Jeder tappte nach einem Koffer oder einem Bett und -schwang sich hinauf. Dann folgte die eigentümlichste Stille -- eine -Stille gräßlicher Spannung, voll Erwartung, Hoffnung, Furcht. Es war -pechfinster, und um das Schauspiel der vierzehn zu genießen, wie sie -in höchst mangelhafter Toilette ängstlich auf Koffern und Betten -hockten, mußte man sich schon mit der Einbildungskraft behelfen, -denn zu sehen war schlechterdings nichts. Dann folgten gelegentlich -kleine Unterbrechungen der Stille; man konnte an der Stimme erkennen, -wer sprach und wo der Betreffende sich befand; auch vermochte man zu -unterscheiden, aus welcher Richtung die sonstigen Geräusche kamen, -die einer der armen Dulder durch sein Herumtappen oder eine Aenderung -seiner Körperlage verursachte. Die ab und zu vernehmbaren Stimmen waren -nicht sehr gesprächig -- man hörte nur ein schwaches ›Au!‹ gefolgt -von einem tüchtigen Aufstampfen; dann wußte man, daß der betreffende -Herr einen haarigen Teppich oder sonst etwas dergleichen auf der Haut -gespürt und daraufhin einen Satz aus dem Bette auf den Stubenboden -gemacht hatte. Darnach wieder tiefe Stille. Jetzt rief eine nach Luft -schnappende Stimme: - -»Mi-mir krabbelt etwas hinten am Hals hinauf!« Alle Augenblicke konnte -man einen halbunterdrückten Schrei, ein schwaches Strampeln und ein -angstvolles ›ach, Herrgott!‹ vernehmen -- zum Zeichen, daß einer sich -vor etwas zurückzog, was ihm wie eine Tarantel vorkam, und zwar ohne -Zeitverlust. Nun schrie auf einmal hinten in der Ecke eine Stimme laut -und wild auf: - -»Ich hab’ ihn! Ich hab’ ihn!« (Hierauf Pause, während der die -Verhältnisse sich vermutlich änderten.) »Nein, er hat mich! O, geht -denn _gar_ niemand und holt eine Laterne?« - -In dem Augenblick erschien die Laterne in den Händen der Frau -O’Flannigan. Nachdem diese aus dem Bett gestiegen und Licht gemacht, -hatte sie trotz ihrer Begier, sich von der Größe des durch das -feindliche Dach angerichteten Schadens zu überzeugen, wohlweislich -nicht unterlassen, eine angemessene Weile zu warten, bevor sie oben -nachsah, ob der Wind jetzt fertig oder noch mehr Unthaten vorhabe. - -Die Scenerie, welche sich enthüllte, als plötzlich der Schein der -Laterne ins Zimmer strahlte, war malerisch und wäre vielleicht manchen -Leuten komisch vorgekommen, für uns war sie es nicht. Wir saßen zwar -in höchst wunderlicher Stellung und in einem nicht minder wunderlichen -Aufzug auf Kisten, Koffern und Betten herum, allein wir hatten viel zu -große Angst und fühlten uns zu unbehaglich, um etwas Komisches darin -zu finden; so war denn nirgends auch nur der Schein eines Lächelns zu -bemerken. Was mich betrifft, so kann ich mir nichts Aergeres vorstellen -als die Pein, die ich während der wenigen Minuten voll angstvoller -Spannung im Dunkeln, umgeben von diesen kriechenden, blutgierigen -Taranteln, erduldet hatte. In kaltem Todesschweiß war ich von Bett zu -Bett, von Kiste zu Kiste gehüpft, und so oft ich an etwas Stacheligem -streifte, bildete ich mir bereits ein, ich spüre die Fänge. - -Ich ginge lieber in den Krieg, als dieses Vorkommnis noch einmal -mitzumachen. Es war übrigens niemand zu Schaden gekommen. Derjenige -welcher glaubte, eine Tarantel ›habe ihn‹, irrte sich gründlich -- -er hatte sich nur die Finger in einen Kistenspalt geklemmt. Von den -entwichenen Taranteln wurde keine jemals mehr gesehen; es waren zehn -oder zwölf gewesen. Wir durchsuchten das Zimmer mit Licht von oben bis -unten, jedoch ohne Erfolg. Dann gingen wir wohl zu Bette? O nein! Alles -Gold der Welt hätte uns nicht dazu gebracht. Wir blieben die Nacht -vollends auf, spielten ›Cribbage‹ und hielten scharfe Ausschau nach dem -Feinde. - - - - -Zweites Kapitel. - - -Es war Ende August, der Himmel war wolkenlos und das Wetter prachtvoll. -Im Laufe einiger Wochen hatte mich das merkwürdige neue Heimatland -wunderbar bezaubert, und ich nahm mir vor, meine Rückkehr nach den -›Staaten‹ einige Zeit aufzuschieben. Ich hatte mich völlig daran -gewöhnt, einen schadhaften Schlapphut, ein blaues Wollhemd und -die Hosen in den Stiefelschäften zu tragen und war stolz auf den -Mangel von Rock, Weste und Hosenträgern. Es war mir so rüpelhaft und -›großschnäuzig‹ zu Mute (wie der Historiker Josephus sich in seinem -schönen Kapitel über die Zerstörung des Tempels ausdrückt). Ein so -schönes und romantisches Leben konnte es nicht wieder geben, davon -war ich fest überzeugt. Ich war zwar Regierungsbeamter, allein das -diente nur zum äußeren Glanz. Das Amt war eine reine Sinekure. Ich -hatte nichts zu thun und bezog keinen Gehalt. Ich war Privatsekretär -Sr. Majestät des Sekretärs und für zwei gab es noch nicht Schreiberei -genug. So widmete ich meine Zeit dem Vergnügen in Gesellschaft von -Johnny K.--, dem jungen Sohn eines Nabobs in Ohio, der sich hier zu -seiner Erholung aufhielt. Er fand diese auch. Wir hatten von der -wundersamen Schönheit des Tahoe-Sees reden hören und schließlich -trieb uns die Neugier, denselben in Augenschein zu nehmen. Drei oder -vier Mitglieder der Brigade waren dort gewesen, hatten ein paar -Holzschläge an seinen Ufern abgegrenzt und in ihrem Lager einen Vorrat -von Lebensmitteln zurückgelassen. Wir schnallten uns ein paar wollene -Decken auf den Rücken, nahmen jeder eine Axt und machten uns auf -- -denn wir wollten uns auch einen Waldranch oder so etwas anlegen und -vornehme Leute werden. - -Wir waren zu Fuß. Der Leser wird es vorteilhafter finden, zu reiten. -Man sagte uns, es sei elf Meilen Weges. Lange marschierten wir auf -ebenem Boden, dann klommen wir mühsam einen vielleicht tausend Fuß -hohen Berg hinauf und hielten Umschau. Kein See da. Wir stiegen auf der -andern Seite wieder hinunter, gingen über die Thalmulde hinüber und -quälten uns noch einen Berg hinauf, der uns drei- bis viertausend Fuß -hoch vorkam, um abermals Umschau zu halten. Noch immer kein See. Müde -und schweißtriefend setzten wir uns nieder und mieteten uns ein paar -Chinesen, um die Leute zu verfluchen, die uns zum besten gehabt hatten. -Nach dieser Erfrischung nahmen wir unsern Marsch mit erneuter Kraft -und Entschlossenheit abermals auf. Zwei oder drei Stunden schleppten -wir uns noch weiter, bis endlich mit einemmal der See vor uns lag --- eine herrliche blaue Wasserfläche, sechstausend dreihundert Fuß -über dem Meeresspiegel und von einer Kette schneebedeckter Berggipfel -umrahmt, die sich noch volle dreitausend Fuß höher auftürmten. Es war -ein riesiges Oval von reichlich achtzig bis hundert Meilen Umfang. Wie -er so dalag, während die Schattenbilder der Berge sich herrlich auf -seiner stillen Oberfläche wiederspiegelten, war ich überzeugt, daß es -sicherlich auf der ganzen Erde kein schöneres Bild geben könne. - -Wir fanden den kleinen Kahn, welcher der Brigade gehörte, und fuhren -ohne Zeitverlust über eine tiefe Einbuchtung des Sees auf die -Meßstangen zu, welche das Lager bezeichneten. Ich ließ Johnny rudern -- -nicht aus Scheu vor der Anstrengung, sondern weil mir übel davon wird, -wenn ich beim Arbeiten rückwärts fahre. Dagegen steuerte ich. Nach -einer Fahrt von drei Meilen langten wir gerade mit Einbruch der Nacht -an dem Lager an; todmüde und mit einem wahren Wolfshunger stiegen wir -ans Land. In einer Höhlung unter den Felsen fanden wir die Vorräte und -das Kochgeschirr und nun setzte ich mich trotz meiner Erschöpfung auf -einen Felsblock und beaufsichtigte die Zurüstungen, während Johnny Holz -sammelte und das Essen bereitete. Mancher, der so viel geleistet hatte, -wie ich, hätte sich wohl vor allem nach Ruhe gesehnt. - -[Illustration] - -Es gab ein köstliches Essen -- warmes Brot, gebratenen Speck und -schwarzen Kaffee. Und die Einsamkeit, die uns umgab, war ebenfalls -köstlich. Drei Meilen entfernt befand sich eine Sägemühle mit einigen -Arbeitern, außerdem gab es im ganzen weiten Umkreis des Sees keine -fünfzehn menschliche Wesen. Als die Dunkelheit herabsank und die Sterne -herauf kamen, so daß der gewaltige Spiegel wie ein Juwelenschmuck -strahlte, schmauchten wir beschaulich unsere Pfeifen in der feierlichen -Stille und vergaßen alle Sorgen und Schmerzen. Als es Zeit war, -breiteten wir unsere Decken über den warmen Sand zwischen zwei großen -Felsstücken und schliefen bald ein, unbekümmert um die Ameisen, welche -in langer Reihe uns in die Kleider krochen und uns bis auf die Haut -untersuchten. Den Schlaf, der uns umfing, vermochte nichts zu stören, -denn wir hatten ihn redlich verdient, und wenn unser Gewissen uns -irgend welcher Sünden beschuldigte, so mußte es das Gericht für diese -Nacht unter allen Umständen vertagen. Der Wind erhob sich gerade, als -uns das Bewußtsein schwand, und das Anprallen der Brandung am Ufer -lullte uns in Schlummer. - -Es ist nachts stets sehr kalt am Rande dieses Sees, allein wir waren -gut mit Decken versehen, die uns hinreichend wärmten. Die ganze Nacht -rührten wir kein Glied; in aller Morgenfrühe erwachten wir noch in -derselben Lage, die wir abends eingenommen, um sofort aufzuspringen, -gründlichst erfrischt, frei von Unbehagen und zum Uebersprudeln voll -von neuer Spannkraft. So etwas stärkt über alle Begriffe. Heute wären -wir mit zehn so hundemüden Leuten fertig geworden, wie wir tags zuvor -waren. In unserer Zeit brauchen viele Menschen ihrer Gesundheit wegen -Wasser- und Terrainkuren und gehen in fremde Länder. Drei Monate -Lagerleben am Tahoe-See würde einer ägyptischen Mumie ihre urzeitliche -Lebenskraft wieder geben, und einen Appetit bekäme sie dadurch wie -ein Alligator. Damit meine ich natürlich nicht die ältesten und die -trockensten Mumien, sondern die frischeren. Die Luft da oben in den -Wolken ist gar rein und schön, gar frisch und köstlich. Und warum -auch nicht? -- Ist es doch dieselbe, welche die Engel atmen. Ich -glaube, man würde die entsetzlichste Müdigkeit, die man sich überhaupt -vorstellen kann, in einer Nacht auf dem Sande am Ufer dieses Sees -sicher wegschlafen. Nicht unter einem Dach, sondern unter freiem -Himmel. Es regnet dort im Sommer selten oder nie. Ich kenne jemand, der -sterbenskrank dorthin ging; aber es wurde nichts mit dem Sterben. Als -ein Gerippe kam er an und konnte sich kaum auf den Füßen halten; er -hatte keinen Appetit und that nichts als Traktätchen lesen und über die -Zukunft grübeln. Drei Monate darauf schlief er regelmäßig im Freien, -aß dreimal am Tage so viel in ihn hineinging und pürschte zur Erholung -dreitausend Fuß hoch im Gebirge dem Wilde nach. Dabei war er kein -Gerippe mehr, sondern hatte ein beträchtliches Gewicht aufzuweisen. -Das ist kein Hirngespinst, es ist die reine Wahrheit. Er hatte an der -Schwindsucht gelitten. Ich empfehle seine Erfahrung vertrauensvoll -anderen Gerippen zur Nachahmung. - -Ich begnügte mich wiederum mit der Oberaufsicht über die Küche. -Sofort nach dem Frühstück stiegen wir ins Boot und ruderten drei -Meilen am Seegestade entlang; dann stiegen wir aus. Die Stelle gefiel -uns, deshalb nahmen wir etwa dreihundert Morgen davon in Besitz und -schnitten unser Merkzeichen in einen Baum. Es war ein Bestand von -gelben Fichten -- ein dichter Wald von Bäumen, hundert Fuß hoch und -bis auf fünf Fuß im Durchmesser über der Wurzel. Wir mußten unser -Besitztum jedoch einzäunen, anders konnten wir es nicht behaupten, d. -h. wir mußten da und dort einen Baum fällen, und zwar so, daß dadurch -eine Art Einfriedigung mit ziemlich weiten Lücken entstand. Wir fällten -jeder drei Bäume, fanden jedoch, daß es eine so herzbrechende Arbeit -war, daß wir beschlossen, es dabei bewenden zu lassen; sicherten sie -unser Eigentum -- gut und schön, wenn nicht -- nun so mochte es durch -die Lücke auslaufen und von dannen fließen; tot quälen wollten wir uns -nicht um ein paar elende Morgen Land. Tags darauf kamen wir zurück, um -ein Haus aufzuschlagen; denn ein Haus war gleichfalls notwendig, wenn -wir unsern Besitz behaupten wollten.[2] Wir beschlossen, ein tüchtiges -Blockhaus zu bauen, das den Neid der Jungen von der Brigade erregen -sollte. Als wir jedoch den ersten Klotz gehauen und zurecht gezimmert -hatten, kam es uns unnötig vor, soviel Sorgfalt darauf zu verwenden, -und wir beschlossen, es aus dünnen Stämmchen zu erbauen. Indessen sahen -wir uns nach dem Zuhauen und Abputzen zweier Stämmchen zur Anerkennung -der Thatsache genötigt, daß selbst eine noch bescheidenere Architektur -dem Gesetze Genüge thun würde, worauf wir beschlossen, unser Haus aus -Reisig zu errichten. Wir widmeten dieser Arbeit den folgenden Tag, -leisteten jedoch soviel im Herumsitzen und Schwatzen, daß wir erst um -die Mitte des Nachmittags ein halbwegs fertiges Ding zu stande gebracht -hatten. Während einer von uns Strauchwerk abhieb, mußte der andere -unsern Bau bewachen, wir würden ihn sonst am Ende nicht wiedergefunden -haben, wenn wir ihm beide den Rücken kehrten. Er hatte eine gar so -starke Familienähnlichkeit mit dem ihn umgebenden Buschwerk. Wir waren -indes damit zufrieden. - - [2] Um Regierungsland unentgeltlich zu bekommen, mußte ein - Ansiedler in gewisser Zeit ein Blockhaus gebaut und - sonstige Arbeiten auf dem von ihm beanspruchten Boden - verrichtet haben. - -So waren wir nun Landbesitzer, in aller Form installiert und unter -dem Schutze des Gesetzes. Wir beschlossen deshalb, unsern Wohnsitz -auf unserem eigenen Grund und Boden aufzuschlagen und uns jenes -großen Gefühls der Unabhängigkeit zu erfreuen, das nur eine solche -Erfahrung verleihen kann. Spät am folgenden Nachmittag fuhren wir -nach einer herrlichen und langen Rast von dem Lager der Brigade weg, -samt allen Vorräten und Kochgeschirren, die wir fortbringen konnten, -und zogen gerade mit Einbruch der Nacht das Boot auf unserem eigenen -Landungsplatze an den Strand. - -Wenn es irgend ein glücklicheres Leben giebt, als dasjenige, welches -wir von nun an zwei oder drei Wochen lang in unserer Waldhütte führten, -so muß das eine Sorte Leben sein, die ich weder aus Büchern, noch -aus eigener Erfahrung kennen gelernt habe. Wir sahen während der -ganzen Zeit außer uns selbst kein lebendes Wesen und vernahmen keine -anderen Töne als diejenigen, welche Wind und Wellen hören ließen, das -Seufzen der Fichten und dann und wann den fernen Donner einer Lawine. -Der Wald um uns war dicht und kühl, der Himmel über uns erstrahlte -in wolkenlosem Sonnenschein, der breite See vor uns war je nach der -Stimmung der Natur bald klar wie Kristall, bald von einem Lufthauch -leicht gekräuselt und bald schwarz und sturmbewegt. Die ihn im -Kreise überragenden Bergkuppen aber, mit Waldesgrün bekleidet, von -Bergrutschen zerrissen, durch Schluchten und Thäler gespalten und mit -Hauben glitzernden Schnees bedeckt, bildeten den passenden Rahmen und -Abschluß zu dem herrlichen Bilde. Die Aussicht war stets fesselnd, -bezaubernd, entzückend; nie wurde das Auge müde zu schauen, bei Nacht -oder Tag, bei Ruhe oder Sturm; es kannte nur _einen_ Schmerz, nämlich, -daß es nicht ununterbrochen schauen durfte, sondern bisweilen sich zum -Schlafe schließen mußte. - -Wir schliefen im Sande, hart am Rande des Wassers, zwischen zwei -schützenden Felsblöcken, die dafür sorgten, daß die stürmischen -Nachtwinde uns nichts anhaben konnten. Ohne Schlafmittel schliefen -wir stets ein und mit dem ersten Tagesgrauen waren wir wieder auf und -liefen gleich um die Wette, um unser überschäumendes Kraftgefühl und -unsere übermütige Laune etwas herabzustimmen, d. h. Johnny lief -- und -ich hielt indessen seinen Hut. Während wir dann nach dem Frühstück -die Friedenspfeife schmauchten, beobachteten wir, wie die Berggipfel -auf ihrer hohen Warte sich in den Glanz der Sonne kleideten. Wir -folgten dem Licht auf seinem Siegespfade, wie es zwischen den Schatten -herabschoß und die in den Banden der Finsternis liegenden Felszacken -und Wälder in Freiheit setzte. Wir sahen die farbigen Bilder auf dem -Wasser immer größer und heller werden, bis jede kleine Einzelheit von -Wald, Bergwand und Felszinne hineingewoben war und das Zauberwerk -vollständig fertig vor uns lag. Dann ging es ans ›Geschäft‹, d. h. an -das Herumtreiben im Boote. - -Wir befanden uns am Nordufer. Hier waren die Felsen auf dem Grunde grau -oder weiß. Dadurch kommt die wunderbare Durchsichtigkeit des Wassers zu -vollerer Geltung als sonst irgendwo auf dem See. Gewöhnlich ruderten -wir etwa hundert Ellen weit hinaus vom Ufer, dann legten wir uns im -Sonnenschein auf die Sitzbretter und ließen das Boot treiben, wohin es -wollte. Selten sprachen wir ein Wort; das hätte nur die Sabbatstille -unterbrochen und uns in den Träumen gestört, die wir unserer üppigen -Ruhe und Trägheit verdankten. Das Ufer war allenthalben durch tiefe -Buchten und Baien ausgezackt, die von schmalen Sandbänken begrenzt -wurden; wo der Sand endete, stiegen die schroffen Bergwände in den -Himmelsraum auf, wie eine ungeheure, fast senkrechte Mauer, die dicht -mit hochragenden Fichten bewachsen ist. - -So eigentümlich klar war das Wasser, daß es an Stellen, wo die Tiefe -bloß zwanzig bis dreißig Fuß betrug, den Grund mit einer Deutlichkeit -erkennen ließ, welche die Täuschung hervorrief, als schwämme das Boot -in der Luft. Ja, dies war sogar an Stellen von achtzig Fuß Tiefe der -Fall. - -Jeder kleine Kiesel war deutlich sichtbar, jede gefleckte Forelle, jede -Handbreit Sand. Oft, wenn wir mit dem Gesicht nach unten da lagen, -tauchte ein granitner Block, scheinbar so groß wie eine Dorfkirche, -blitzschnell vom Grunde nach der Oberfläche zu herauf, bis er plötzlich -unsere Gesichter zu berühren drohte und wir dem Antrieb, nach einem -Ruder zu greifen und die Gefahr abzuwenden, nicht zu widerstehen -vermochten. Aber das Boot schwamm weiter, der Block senkte sich wieder, -und wir konnten sehen, daß er, als wir uns genau über ihm befanden, -immer noch zwanzig bis dreißig Fuß unter der Oberfläche gewesen sein -mußte. In diesen großen Tiefen war das Wasser nicht mehr bloß einfach -durchsichtig, sondern geradezu leuchtend und strahlend. Alle durch -dasselbe gesehenen Gegenstände zeigten sich nicht nur in allgemeinen -Umrissen, sondern bis zur kleinsten Einzelheit, mit solchem Glanz und -solcher Klarheit, wie dies nicht der Fall gewesen sein würde, hätte man -sie durch eine Luftschicht von derselben Tiefe hindurch gesehen. Der -ganze Raum da unten kam uns so leer und luftig vor, und wir hatten so -lebhaft das Gefühl, hoch darüber, mitten im Nichts hinzuschwimmen, daß -wir diese Ausflüge im Boote unsere ›Luftballon-Reisen‹ nannten. - -Wir fischten fleißig, fingen aber im Durchschnitt kaum einen Fisch -in der Woche. Wir konnten Forellen zu Tausenden unter uns durch den -leeren Raum hinschwimmen oder an Sandbänken auf dem Grunde schlafen -sehen, aber anbeißen wollten sie nicht -- vielleicht, daß sie die -Angelschnur zu deutlich unterscheiden konnten. Oftmals lasen wir uns -eine Forelle aus, die wir gerne haben wollten und ließen ihr den Köder -mit unermüdlicher Geduld achtzig Fuß tief drunten dicht vor der Nase -baumeln; aber sie schüttelte denselben nur verdrießlich ab und nahm -eine andere Stellung ein. - -Gelegentlich badeten wir, doch war das Wasser, obwohl es so sonnig -aussah, ziemlich frisch. Manchmal ruderten wir hinaus nach dem ›blauen -Wasser‹, eine oder zwei Meilen vom Ufer. Das Wasser war dort ganz -dunkelblau wie Indigo wegen der ungeheuren Tiefe. Der amtlichen Messung -zufolge ist der See in der Mitte 1525 Fuß tief! - -Bisweilen streckten wir uns an müßigen Nachmittagen auf den Sand hin -und lasen bei einer Pfeife ein paar alte abgegriffene Erzählungen. -Abends am Lagerfeuer spielten wir zur Herzstärkung ›Euchre‹ und ›Seven -Up‹, und zwar mit so fettigen und schäbigen Karten, daß nur eine den -ganzen Sommer fortgesetzte Bekanntschaft mit ihnen es ermöglichte, -bei gehöriger Aufmerksamkeit das Kreuz-Aß vom Schellen-Buben zu -unterscheiden. - -In unserm ›Hause‹ schliefen wir niemals; das kam uns gar nicht in den -Sinn; überdies hatten wir es ja nur gebaut, um das Anrecht auf Grund -und Boden zu erhalten, und das genügte. Zuviel zumuten wollten wir ihm -nicht. - -Allmählich begannen unsere Lebensmittel knapp zu werden; wir kehrten -deshalb ins alte Lager zurück, um neue Vorräte zu holen. Wir waren den -ganzen Tag fort und kamen erst mit Einbruch der Nacht ziemlich müde und -hungrig wieder heim. Während Johnny die Hauptmasse der Lebensmittel -zu späterem Gebrauch in unser Haus trug, schaffte ich den Brotlaib, -etliche Schinken und den Kaffeetopf ans Ufer, stellte die Sachen an -einem Baum ab, zündete ein Feuer an und ging dann nach dem Boote -zurück, um die Bratpfanne zu holen. Unterwegs hörte ich einen Schrei -von Johnny, und als ich aufblickte, sah ich mein Feuer über die ganze -Umgegend hingaloppieren. Johnny befand sich jenseits desselben und -mußte durch die Flammen hindurchlaufen, um das Seeufer zu gewinnen; -dann standen wir hilflos da und beobachteten die Verwüstung, die der -Brand anrichtete. - -Der Boden war mit einer hohen Schicht trockener Fichtennadeln -bedeckt, die bei der ersten Berührung mit dem Feuer aufflammten wie -Schießpulver. Es war merkwürdig anzusehen, mit wie rasender Eile die -gewaltige Flammensäule sich fortbewegte. Mein Kaffeetopf war dahin -und alles andere mit ihm. Nach anderthalb Minuten ergriff das Feuer -einen dichten Busch trockenen Manzanita-Gesträuchs von sechs bis acht -Fuß Höhe, und nun wurde das Brausen, Zischen und Prasseln geradezu -fürchterlich. Die durchdringende Hitze trieb uns in das Boot, wo wir, -wie durch einen Zauber gefesselt, verblieben. - -Binnen einer halben Stunde war alles vor unseren Augen ein rasendes und -blendendes Flammenmeer. Das Feuer brauste an den nächsten Hügelkämmen -empor, überstieg dieselben und verschwand in den jenseitigen -Schluchten, um dann plötzlich auf ferneren und höheren Bergrücken -abermals zum Vorschein zu kommen, wo es eine noch gewaltigere Helle -ausstrahlte und dann wieder untertauchte. Dann flammte es wieder -auf, höher und immer höher am Bergeshang, sandte Glutströme wie -Plänklerketten da und dorthin aus, die sich dann in rotglühenden -Schlangenlinien zwischen fernen Bergwänden, Klippen und Schlünden -hinwälzten, bis die hoch aufragenden Gebirgsstöcke, so weit das Auge -reichte, von roten Lavabächen überzogen waren, die einem verschlungenen -Netzwerk glichen. Weithin über dem Wasser erstrahlten die Felshörner -und Bergkuppen in grellrotem Glanz, und das Firmament droben flammte in -einer wahren Höllenglut! - -Dieses Schauspiel wiederholte sich Zug für Zug in dem glühenden Spiegel -des Sees! Beide Bilder waren erhaben, beide schön, doch zeigte das -Spiegelbild im See eine staunenswerte Farbenpracht, welche das Auge -noch unwiderstehlicher fesselte und entzückte. - -Vier lange Stunden saßen wir in uns versunken und regungslos da; wir -dachten weder an Speise noch Trank und fühlten keine Ermüdung. Um elf -Uhr hatte der Brand unsern Gesichtskreis überschritten und allmählich -lagerte sich das Dunkel wieder über die Landschaft. - -Jetzt meldete sich der Hunger; aber es gab nichts zu essen. Die -Lebensmittel waren ohne Zweifel sämtlich gekocht und gebraten; doch -nahmen wir sie nicht in Augenschein. Wir waren wieder heimat- und -besitzlose Wandervögel. Unser Zaun war fort, unser Haus verbrannt -und nicht einmal versichert gewesen. Unser Fichtenwald war gehörig -versengt, die abgestorbenen Bäume sämtlich verbrannt und die weiten -Strecken Manzanita-Gebüsch weggefegt. Unsere Decken indes befanden sich -an unserem gewohnten Schlafplatz auf dem Sande; so legten wir uns denn -nieder und schliefen ein. Am nächsten Morgen brachen wir wieder nach -dem alten Lager auf, aber während wir noch eine weite Strecke vom Ufer -entfernt waren, brauste ein gewaltiger Sturm heran, so daß wir nicht zu -landen wagten. So schöpfte ich denn die Wasserstürze aus, die uns ins -Boot schlugen, während Johnny mit Macht durch die Wogen ruderte, bis -wir drei oder vier Meilen jenseits des Lagers eine gute Landungsstelle -erreicht hatten. Der Sturm blies immer stärker, und es wurde uns immer -klarer, daß wir besser thäten, das Boot auf gut Glück auf den Strand -laufen zu lassen, als uns der Gefahr auszusetzen, in hundert Faden -tiefem Wasser zu versinken. So fuhren wir denn aufs Land zu, hohe, -weiße Wellenkämme hinter uns; ich saß hinten auf dem letzten Brette -und lenkte die Spitze des Bootes nach dem Ufer hin. Im Augenblick, -als dasselbe aufstieß, kam eine Welle über den Stern herüber, welche -Mannschaft und Ladung ans Ufer spülte und uns dadurch viele Mühe und -Not ersparte. Den ganzen Tag über zitterten wir hinter einem Felsblock -vor Frost und froren auch die ganze Nacht hindurch. Am Morgen hatte -sich der Sturm gelegt und wir ruderten ohne jeden überflüssigen -Aufenthalt nach dem Lager. Wir waren dermaßen ausgehungert, daß wir den -ganzen Rest des Proviants der Brigade aufaßen; dann machten wir uns -nach Carson auf, um ihnen zu beichten und sie um Absolution zu bitten. -Gegen Zahlung des Schadens wurde dieselbe gewährt. - -Wir machten später noch manchen Ausflug nach dem See und bestanden -haarsträubende Abenteuer, bei denen wir nur mit knapper Not davonkamen. -Aber die Geschichte schweigt darüber. - - - - -Drittes Kapitel. - - -Ich kam jetzt zu dem festen Entschluß, mir ein Reitpferd anzuschaffen. -Nie hatte ich, außer im Zirkus, eine so tolle, freie, prächtige -Reitkunst gesehen, wie sie diese malerisch gekleideten Mexikaner, -Kalifornier und mexikanisierten Amerikaner in Carson Tag für Tag zum -besten gaben. Wie die ritten! Nur ein klein wenig nach vorn gebeugt, -fegten sie durch die Straßen wie der Wind; die breite Krempe ihres -Schlapphutes stand kerzengerade in die Höhe, und sie schwangen die -lange Riata über dem Kopfe. Eine Minute darauf waren sie nur noch ein -Staubwölkchen, weit draußen in der Wüste. Beim Traben waren sie stolz -und anmutig auf dem Pferde, als wären sie mit demselben verwachsen und -hopsten nicht auf und nieder nach der albernen Manier der Reitschulen. -Ich hatte bald ein Pferd von einer Kuh unterscheiden gelernt und -brannte vor Begier, noch mehr zu können; ich war entschlossen, mir ein -Pferd zu kaufen. Während dieser Gedanke mir im Kopf herumschwirrte, kam -der Auktionator auf einem schwarzen Tiere über die Plaza gejagt, es war -höckerig und eckig wie ein Kamel und auch ebenso häßlich; allein es -wurde versteigert: »zum drittenmal zweiundzwanzig -- Pferd, Sattel und -Zügel für zweiundzwanzig Dollars, meine Herren!« und da konnte ich kaum -widerstehen. - -[Illustration] - -Ein unbekannter Mann (wie sich später zeigte, war es der Bruder des -Auktionators) bemerkte meine sehnsüchtigen Blicke und meinte, es sei -doch für den Preis ein ganz respektables Pferd; der Sattel, fügte -er bei, sei allein das Geld wert. Es war ein spanischer Sattel mit -gewichtigen ›Tapidaros‹ und mit dem plumpen Ueberzug von Sohlenleder -unaussprechlichen Namens. Ich sagte, ich hätte halb und halb Lust zu -bieten. Darauf sah mich der Mensch mit seinen stechenden Augen an, -als wollte er prüfen, wes Geistes Kind ich sei; doch ließ ich jeden -Verdacht fallen, als er sprach, denn sein Wesen war voll argloser -Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit. - -»Ich kenne dieses Pferd, -- kenne es genau,« sagte er, »Sie sind ein -Fremder dem Anschein nach, und so können Sie vielleicht meinen, es -sei ein amerikanisches Pferd, aber ich versichere Sie, das ist nicht -der Fall. Es ist durchaus nichts dergleichen; es ist -- entschuldigen -Sie, wenn ich leise spreche, es sind noch mehr Leute um den Weg -- es -ist ohne den allermindesten Zweifel ein echter mexikanischer Stöpsel!« -Ich wußte allerdings nicht, was ein echter mexikanischer Stöpsel war, -allein es lag etwas so Besonderes in der Art, wie der Mann das sagte, -daß ich mir im stillen gelobte, ich müsse einen echten mexikanischen -Stöpsel haben, und sollte es mein Leben gelten. »Hat es sonst noch -Vorzüge?« forschte ich mit unsicherer Stimme, indem ich meine Ungeduld -nach Kräften zu bemeistern suchte. - -Er faßte mit einem Finger in die Tasche meines Wollhemdes, zog mich -beiseite und flüsterte mir mit Nachdruck ins Ohr: »Er ist im Bocken -jedem über in ganz Amerika!« - -[Illustration] - -»Zum dritten, zum dritten, zum drittenmal -- vierundzwanzig ein halb -Dollars meine Her--« - -»Siebenundzwanzig!« schrie ich wie toll. - -»Gehört Ihnen!« erklärte der Auktionator, und damit übergab er mir den -echten mexikanischen Stöpsel. - -Ich vermochte kaum meinen Jubel zurückzuhalten, bezahlte das Geld -und stellte das Tier in den benachbarten Mietstall ein, damit es -etwas zu fressen bekomme und sich ausruhe. Am Nachmittag nahm ich das -Geschöpf mit auf die Plaza, wo ein paar Leute es an Kopf und Schwanz -festhielten, während ich aufstieg. Sobald sie losließen, stellte der -Gaul seine vier Füße dicht zusammen, senkte den Rücken und wölbte ihn -dann wieder plötzlich, so daß er mich drei oder vier Fuß hoch in die -Luft hinauf schnellte! Ich kam ganz senkrecht wieder herunter, mitten -in den Sattel, flog aber augenblicklich wieder in die Höhe und wäre -fast auf den hohen Sattelknopf gekommen, schoß dann ein drittesmal -empor und kam jetzt auf den Hals des Gaules zu sitzen -- alles im -Verlauf von drei oder vier Sekunden. Nun bäumte er sich und stand fast -kerzengerade auf den Hinterbeinen, während ich mich verzweifelt an -seinen mageren Hals anklammerte und so in den Sattel zurückrutschte. -Kaum stand er wieder auf allen Vieren, so hob er sofort die Hinterbeine -und stellte sich auf die Vorderbeine, während er mit jenen ausschlug, -als wollte er dem Himmel eins versetzen. Sodann begann er abermals -Flugübungen mit mir anzustellen. Als ich das drittemal emporschnellte, -hörte ich, wie ein Fremder sagte: »O, aber der kann einmal bocken!« - -Ich schwebte noch in der Luft, als jemand dem Gaul einen schallenden -Hieb mit einem Lederriemen gab, und als ich wieder herunterkam, war der -echte mexikanische Stöpsel nicht mehr da. Ein junger Kalifornier jagte -ihm nach, fing ihn ein und fragte, ob er einen Ritt mit ihm machen -dürfe. Ich gestattete ihm diesen Hochgenuß. Er bestieg den Echten und -flog ebenfalls einmal in die Höhe, rannte ihm aber, wie er herunterkam, -die Sporen in die Rippen, worauf der Gaul davonging wie ein Telegramm. -Er schwebte über drei Zäune wie ein Vogel und verschwand auf der Straße -nach dem Washoe-Thal. - -[Illustration] - -Ich ließ mich mit einem Seufzer auf einen Stein nieder und suchte -unwillkürlich mit der einen Hand die Stirn, mit der andern den Magen. -Ich glaube, ich hatte noch nie die Unzulänglichkeit der menschlichen -Maschinerie so gründlich erkannt, -- denn ich hätte mindestens eine -oder zwei Hände mehr haben sollen, um sie noch an andere Stellen halten -zu können. Keine Feder kann beschreiben, wie ich zusammengeschüttelt -war. Keine Einbildungskraft reicht hin, um sich vorzustellen, wie ich -gänzlich aus dem Leim gegangen, innerlich und äußerlich zerrissen, -zerfahren und durch und durch gerüttelt war. Es hatte sich indes eine -teilnehmende Schar um mich gesammelt, und ein Mann von ältlichem -Aussehen spendete mir den Trost: - -»Fremder, Sie sind hereingefallen. Jedermann in diesem Neste kennt -dieses Pferd. Jedes Kind, jeder Indianer hätte Ihnen sagen können, -daß es bocken würde; es ist im Bocken der schlimmste Teufel in ganz -Amerika. Hören Sie, was ich sage. Ich bin Curry, der alte Curry, der -alte Abe Curry. Der Gaul ist ein echter mexikanischer Stöpsel durch -und durch und dazu noch ein ungewöhnlich niederträchtiger. Ei, Sie -Tausendsapperlot, wenn Sie es gescheit angegriffen hätten, so hätten -Sie vielleicht ein amerikanisches Pferd für weit weniger kriegen -können, als Sie für die elende, alte, fremde Krake bezahlt haben.« - -Ich sagte keine Silbe, aber ich nahm mir im stillen vor, falls der -Bruder des Auktionators während meines Aufenthalts im Lande zu Grabe -getragen werden sollte, alle andern Vergnügungen zu verschieben, um -dieses Begräbnis nicht zu versäumen. - -Nach einem Galopp von sechzehn Meilen kamen der kalifornische Jüngling -und der echte mexikanische Stöpsel wieder in die Stadt gejagt. Die -Schaumflocken flogen um sie herum, wie um das Flugwasser, das vor einem -Wirbelsturm dahertreibt. Mit einem letzten Satz, den sie über einen -Schubkarren und einen Chinesen weg machten, warfen sie vor dem Ranch -Anker. - -Dieses Keuchen und Schnauben! Wie die roten Nüstern des Pferdes -arbeiteten und seine wilden Augen blitzten! Aber war der störrische -Gaul etwa geduckt? Nein, wahrhaftig nicht. Seine Herrlichkeit der -›Sprecher des Hauses‹ glaubte das und wollte auf ihm nach dem Kapitol -(Regierungsgebäude) reiten. Allein sogleich machte das Geschöpf einen -Satz über einen Haufen Telegraphenstangen weg, halb so hoch wie eine -Kirche, und den Weg nach dem Kapitol -- eine und dreiviertel Meilen -- -_flog_ es anstatt zu laufen, d. h. es sauste schnurgerade über alles -hinweg, indem es Zäune und Gräben den Krümmungen der Straße vorzog. Als -der Sprecher nach dem Kapitol gelangte, war er weit mehr in der Luft -gewesen, als auf dem Pferderücken und meinte, ihm sei zu Mute, als habe -er die Tour auf einem Kometen gemacht. - -Abends kam der Sprecher zu Fuß nach Hause und ließ den ›Echten‹ hinter -einem Steinwagen angebunden stehen. Tags darauf überließ ich das Tier -dem Sekretär des Hauses zu einem Ritt nach der sechs Meilen entfernten -Silbergrube von Dana; auch er kam (um sich Bewegung zu machen) zu -Fuß zurück und ließ das Pferd angebunden stehen. Ich mochte den Gaul -leihen, wem ich wollte, alle kamen zu Fuß zurück, alle meinten, es -fehle ihnen sonst an der nötigen Bewegung. Trotzdem borgte ich ihn -fortwährend jedem, der ihn haben wollte; ich dachte, wenn der Gaul sich -dabei einen Schaden thäte, könnte ich ihn dem Betreffenden aufhalsen, -oder er bräche das Genick, dann müsse mir der Reiter den Wert ersetzen. -Es passierte ihm jedoch nicht das geringste. Er lieferte Stückchen, -die noch nie ein Pferd geleistet hat, ohne Hals und Bein zu brechen; -aber er kam immer mit heiler Haut davon. Tag für Tag unternahm er -Sachen, die man sonst für unmöglich hielt, setzte aber alles durch. -Manchmal verrechnete er sich allerdings ein klein wenig und brachte -den Reiter in Schaden; aber ihm selbst wurde nie ein Haar gekrümmt. -Natürlich hatte ich längst den Versuch gemacht, ihn zu verkaufen, -doch fand dieses naive Unternehmen sehr wenig Anklang. Vier Tage lang -raste der Auktionator auf ihm in den Straßen auf und ab, wobei er die -Leute auseinanderjagte, den Verkehr störte und Kinder zu Boden ritt, -ohne irgend ein Gebot zu erhalten -- wenigstens kein anderes als die -achtzehn Dollars, die ein von ihm gedungener, notorisch vermögensloser -Bummler bot. Die Leute lachten nur in aller Freundlichkeit, bezwangen -aber ihre Kauflust, falls eine solche überhaupt bei ihnen vorlag. -Darauf behändigte mir der Auktionator seine Rechnung und zog den -Gaul vom Markte zurück. Nun suchten wir denselben aus freier Hand -loszuschlagen, indem wir ihn mit Verlust gegen ausrangierte Grabsteine, -altes Eisen, Mäßigkeitstraktätchen -- kurz gegen irgend welche Ware -in Tausch anboten. Allein die Eigentümer so schöner Sachen waren auf -ihrer Hut und aus dem Geschäft wurde nichts. Nie mehr machte ich den -Versuch, den Gaul zu reiten. Für einen Menschen, wie ich, der nur über -Brüche und andere innere Schäden u. dgl. zu klagen hatte, reichte -das Gehen zur Bewegung vollständig hin. Endlich versuchte ich ihn zu -verschenken, aber auch das verfing nicht. Die Leute meinten, an der -Meeresküste seien die Erdbeben billig genug zu haben, -- sie wollten -sich nicht selber eins anschaffen. Zuletzt verfiel ich darauf, ihn -dem Gouverneur zum Gebrauch für die Brigade anzubieten. Im ersten -Augenblick leuchtete sein Gesicht vor Begier auf, nahm aber bald wieder -einen gleichgültigeren Ausdruck an, -- er meinte, die Sache wäre denn -doch gar zu durchsichtig. - -Gerade um diese Zeit brachte der Inhaber des Mietstalles mir seine -Rechnung für sechswöchige Pflege des Gauls -- Stallraum fünfzehn -Dollars, Heu zweihundertfünfzig! Der echte mexikanische Stöpsel hatte -eine Tonne Heu gefressen, und der Mann behauptete, wenn er ihm den -Willen gelassen hätte, würde er wohl hundert Tonnen aufgefressen haben. - -Ich will hier in allem Ernste bemerken, daß der gewöhnliche Preis des -Heus während dieses und eines Teils des folgenden Jahres wirklich -zweihundertfünfzig Dollars die Tonne betrug. Im vergangenen Jahre hatte -die Tonne bisweilen fünfhundert Dollars in Gold gekostet, und im Winter -vorher war der Artikel so knapp, daß kleine Vorräte gelegentlich -achthundert Dollars die Tonne eingebracht hatten! Die Folgen lassen -sich leicht erraten: Die Leute trieben ihr Vieh hinaus und überließen -es dem Hungertode; noch ehe der Frühling ins Land kam, waren die Thäler -von Carson und Eagle mit den Leichnamen der Tiere förmlich übersäet. -Jeder alte Ansiedler wird dies bestätigen. Ich ermöglichte es, die -Mietstallrechnung zu zahlen, und noch am selben Tage schenkte ich den -›echten mexikanischen Stöpsel‹ einem vorüberziehenden Auswanderer aus -Arkansas. - -[Illustration] - - - - -Viertes Kapitel. - - -Nevada bildete ursprünglich einen Teil von Utah unter dem Namen Carson -County, und es war das eine recht ansehnliche ›Grafschaft‹. In einigen -Thälern gab es Heu in Masse und dies zog ganze Kolonieen mormonischer -Viehzüchter und Farmer dorthin. Von Kalifornien aus kamen auch -vereinzelt kleine Scharen rechtgläubiger Amerikaner herüber, allein -die beiden Klassen von Ansiedlern waren einander nicht sehr hold. Es -herrschte so gut wie gar kein freundlicher Verkehr unter ihnen, jeder -Teil blieb für sich. Die Mormonen waren bedeutend in der Ueberzahl -und genossen außerdem den Vorzug eines besonderen Schutzes von seiten -der mormonischen Regierung des Territoriums. Deshalb konnten sie -sich erlauben, hochmütig, ja selbst gebieterisch gegen ihre Nachbarn -aufzutreten. - -Im Jahre 1858 wurden in Carson County Silberadern entdeckt, und damit -gewannen die Verhältnisse ein anderes Ansehen. Kalifornier strömten -in Scharen herein und das amerikanische Element bildete bald die -Mehrheit. Die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber Brigham Young[3] -und Utah wurde aufgehoben und von den Bürgern eine provisorische -Territorial-Regierung für Washoe eingerichtet. Gouverneur Roop war -der erste und einzige höhere Beamte. Nach Ablauf der erforderlichen -Zeit beschloß der Kongreß die Organisation des ›Territoriums Nevada‹, -worauf Präsident Lincoln den Gouverneur Nye an Roops Stelle schickte. -Um jene Zeit betrug die Bevölkerung des Territoriums ungefähr zwölf- -bis fünfzehntausend Seelen und wuchs mit reißender Schnelligkeit; man -beutete eifrig die Silbergruben aus und errichtete Pochwerke für das -Silbererz; Geschäfte aller Art entstanden und gediehen von Tag zu Tag -mehr. - - [3] Das langjährige Staatsoberhaupt der Mormonen. - -Die Bewohner waren froh, eine gesetzmäßige, geordnete Regierung zu -besitzen; dagegen waren sie nicht besonders erbaut davon, die Gewalt an -Fremde aus weit entlegenen Staaten übertragen zu sehen -- eine höchst -natürliche Empfindung. Sie meinten, man hätte die Beamten aus ihrer -eigenen Mitte wählen sollen -- aus den hervorragenden Bürgern, die sich -ein Recht auf solche Beförderung erworben hätten, die die Gefühle der -Bevölkerung teilten und mit den Bedürfnissen des Territoriums gründlich -vertraut wären. Dieser Gesichtspunkt war zweifellos völlig berechtigt. -Ueberdies waren die neuen Beamten ›Auswanderer‹, und schon deshalb -brachte man ihnen von keiner Seite Liebe und Hochachtung entgegen. -Die neue Regierung wurde also mit beträchtlicher Kälte aufgenommen, -sie kam nicht nur als fremder Eindringling, sondern war auch außerdem -arm. Es verlohnte sich nicht einmal, sie zu rupfen -- höchstens für -die elendesten der kleinen Aemterhascher und Stellenjäger. Jedermann -wußte, daß der Kongreß nur zwanzigtausend Papier-Dollars jährlich -für ihren Unterhalt ausgesetzt hatte -- ungefähr gerade genug, um -ein Quarz-Pochwerk einen Monat lang in Betrieb zu erhalten. Auch war -allgemein bekannt, daß das Geld für das erste Jahr noch in Washington -lag und daß es lange dauern und manche Schwierigkeit machen werde, bis -man es zu sehen bekäme. Carson City war zu unliebenswürdig und zu klug, -um dem fremden Wechselbalg etwa mit unschicklicher Hast ein Konto zu -eröffnen. - -Es liegt etwas Tragikomisches in den Kämpfen, unter denen eine -neugeborene Territorial-Regierung sich ihren Platz in dieser -Welt erobert; die unsrige hatte einen sehr schweren Stand. Das -Organisations-Gesetz und die Instruktionen des Staatsdepartements -schrieben vor, daß binnen der und der Zeit eine gesetzgebende -Versammlung gewählt und deren Sitzungen an dem und dem Tag eröffnet -werden sollten. Gesetzgeber zu bekommen war nicht schwer, selbst für -drei Dollars Taggeld, obwohl Kost und Wohnung fünftehalb Dollars -betrug, denn Würde und Ansehen haben in Nevada ihren Reiz so gut wie -anderswo, und es gab eine Menge beschäftigungsloser patriotischer -Seelen; aber eine Halle für die Versammlungen zu beschaffen, das -war nicht so leicht geschehen. Carson lehnte höflich ab, einen Saal -mietfrei herzugeben oder der Regierung auf Kredit zu überlassen. Als -jedoch Curry von der Schwierigkeit hörte, trat er ganz allein vor, nahm -das Staatsschiff auf seine Schultern, trug es über die Sandbank und -machte es wieder flott. Ich meine unsern Curry -- den _alten_ Curry -- -den alten _Abe_ Curry. Ohne ihn hätte die Gesetzgebung ihre Sitzungen -in der Wüste abhalten müssen. Er bot sein großes, massives Gebäude, -dicht neben der Stadtgrenze, mietfrei an, was freudig angenommen wurde. -Dann baute er eine Pferdebahn von der Stadt nach dem Kapitol, auf der -er die Gesetzgeber gratis beförderte. Ferner lieferte er fichtene Bänke -und Stühle für dieselben und ließ die Fußböden mit Sägspänen belegen, -welche Teppich und Spucknapf zugleich vorstellten. Ohne Curry wäre -die Regierung in den Windeln gestorben. Zur Trennung des Senats vom -Repräsentantenhaus ließ der Sekretär eine Zwischenwand von Sackleinwand -beschaffen, welche drei Dollars und vierzig Cents kostete; allein die -Vereinigten Staaten lehnten deren Bezahlung ab. Auf den Einwurf, daß -ja die ›Instruktionen‹ die Bezahlung eines reichlichen Mietpreises für -einen Versammlungssaal gestatten, und daß Herrn Currys Freigebigkeit -dem Vaterland diese Summe erspart habe, erklärten die Vereinigten -Staaten, das ändere nichts an der Sache; die drei Dollars und vierzig -Cents würden an dem Sekretärs-Gehalt von achtzehnhundert Dollars in -Abzug gebracht werden -- und so geschah es auch! - -Eine der Hauptschwierigkeiten, mit welchen die neue Regierung -anfänglich zu kämpfen hatte, bildeten die Drucksachen. Der Sekretär war -eidlich zur Befolgung seiner geschriebenen Instruktionen verpflichtet, -welche zwei Dinge mit unfehlbarer Bestimmtheit von ihm verlangten, -nämlich: - -1. Die täglichen Berichte über die Verhandlungen beider Häuser drucken -zu lassen und - -2. bei dieser Arbeit für den Satz anderthalb Dollars pro Tausend und -für den Druck anderthalb Dollars pro Ries in Staatsnoten zu zahlen. - -Es war keine Kunst, zu schwören, daß man diesen beiden Vorschriften -nachkommen wolle, aber mehr als eine derselben wirklich auszuführen, -war völlig unmöglich. Als die Staatsnoten bis auf vierzig Cents für den -Dollar gefallen waren, forderten die Druckereien allerdings anderthalb -Dollars für das Tausend und ebensoviel für das Ries, aber in _Gold_. -Laut seiner Instruktion hatte der Sekretär aber einen von der Regierung -ausgegebenen Papierdollar jedem anderen von ihr ausgegebenen Dollar -gleich zu achten. Der Druck der Berichte wurde deshalb abgebrochen. -Daraufhin erteilten die Vereinigten Staaten dem Sekretär eine ernste -Rüge wegen Nichtbeachtung seiner Instruktionen und ermahnten ihn, -bessere Wege zu wandeln. Er ließ deshalb einiges drucken und schickte -die Rechnung nach Washington unter genauer Auseinandersetzung der -hohen Preise im Territorium und machte dabei besonders auf einen -gedruckten Marktbericht aufmerksam, woraus man ersehen möge, daß sogar -die Tonne Heu zweihundertfünfzig Dollars koste. Hierauf antworteten -die Vereinigten Staaten damit, daß sie die Drucksachen-Rechnung von -dem unglücklichen Sekretärs-Gehalt abzogen, wobei sie außerdem mit -würdevollem Ernst beifügten, er werde in seinen Instruktionen vergebens -nach einer Anweisung suchen, Heu zu kaufen! - -Auf der ganzen Welt ist nichts in eine so undurchdringliche Finsternis -gehüllt, wie der Verstand eines Kontrolleurs im Schatzamt der -Vereinigten Staaten. Selbst die Feuerflammen des Jenseits vermöchten -kaum einen matten Schimmer in seinem Hirn zu verbreiten. Damals -war nichts imstande, ihm begreiflich zu machen, wie es kam, daß -zwanzigtausend Dollars in Nevada, wo alle Waren ungeheuer hoch im -Preise standen, nicht soweit reichten wie in den anderen Territorien, -wo in der Regel eine außerordentliche Billigkeit herrschte. Er war -ein Beamter, der stets nur sein Augenmerk auf die kleinen Ausgaben -richtete. Wie oben bereits bemerkt, benützte der Sekretär des -Territoriums seine Schlafstube als Amtszimmer und rechnete dem -Staat dafür keinen Mietzins an, obwohl dies in seinen Instruktionen -vorgesehen war und er ganz gut seinen Vorteil daraus hätte ziehen -können (was ich augenblicklich gethan haben würde, wäre ich selbst -Sekretär gewesen.) Allein die Vereinigten Staaten zollten dieser -Hingebung niemals Anerkennung. Ich muß wirklich annehmen, mein -Vaterland habe sich geschämt, einen Menschen in seinem Dienst zu haben, -der sich so wenig auf seinen Vorteil verstand. Diese oft erwähnten -›Instruktionen‹ (wir lasen gewöhnlich ein Kapitel daraus jeden Morgen -als geistige Turnübung und am Sabbat in der Sonntagsschule ein paar -Kapitel, denn sie beschäftigten sich mit allem möglichen unter der -Sonne und enthielten neben anderem statistischen Material auch viele -höchst schätzbare Abschnitte religiösen Inhalts) schrieben vor, daß -den Mitgliedern der Gesetzgebung Federmesser, Briefcouverts, Federn -und Schreibpapier geliefert werden sollten. Der Sekretär schaffte -daher diese Artikel an und besorgte deren Verteilung. Die Federmesser -kosteten drei Dollars das Stück. Da eines zu viel da war, so gab der -Sekretär dasselbe dem Schriftführer des Repräsentantenhauses. Die -Vereinigten Staaten bemerkten hierauf, der Schriftführer sei kein -›Mitglied‹ des Hauses und zogen die drei Dollars nach Gewohnheit dem -Sekretär am Gehalt ab. - -Ein Weißer berechnete für das Kleinmachen einer Ladung Brennholz drei -bis vier Dollars; der Sekretär war so scharfsinnig, sich zu sagen, -daß die Vereinigten Staaten nimmermehr soviel dafür zahlen würden; er -ließ daher eine Ladung Bureauholz von einem Indianer für anderthalb -Dollars klein machen. Er fertigte die übliche Quittung dafür aus, -aber ohne Unterschrift; statt dessen fügte er einfach die Bemerkung -bei, ein Indianer habe die Arbeit besorgt, und zwar ganz gut und -zufriedenstellend; derselbe habe aber in Ermangelung der erforderlichen -Kenntnisse die Quittung nicht unterschreiben können. Der Sekretär -durfte die anderthalb Dollars bezahlen. Er hatte gemeint, vom Staate -Anerkennung für seine Sparsamkeit und Ehrlichkeit zu ernten, weil -er die Arbeit zum halben Preis besorgen ließ und keine angebliche -Unterschrift des Indianers auf die Quittung setzte. Allein man sah die -Sache in einem andern Lichte an. Man war bei der Regierung zu sehr -daran gewöhnt, in allen denkbaren, öffentlichen Stellungen Dollarsdiebe -zu haben, um der Erklärung auf der Quittung den geringsten Glauben -beizumessen. Das nächstemal dagegen, als der Indianer Holz für uns -hackte, lehrte ich ihn, am Ende der Quittung ein Kreuz zu machen. -Das Zeichen stand so wacklig auf den Beinen, als wäre es ein Jahr -lang betrunken gewesen, ich ›bezeugte‹ es jedoch, und nun ging es -ganz ordnungsmäßig durch. Die Vereinigten Staaten sagten kein Wort -darüber. Ich bedauerte bloß, daß ich die Quittung nicht gleich für -tausend Ladungen Holz ausgestellt hatte anstatt für eine einzige. In -meinem Vaterlande teilt die Regierung an die ehrliche Einfalt Rüffel -aus, während sie die geriebene Schurkenhaftigkeit hätschelt, und ich -glaube wirklich, ich würde mich zu einem ganz geschickten Spitzbuben -entwickelt haben, wäre ich ein oder zwei Jahre im Staatsdienste -verblieben. - -Es war eine nette Vereinigung von Souveränen, diese erste gesetzgebende -Versammlung Nevadas. Sie legten Steuern auf bis zum Betrag von dreißig- -oder vierzigtausend Dollars und bewilligten Ausgaben im Belauf von fast -einer Million. Und doch hatten sie, wie alle andern Körperschaften -dieser Art, ihre zeitweiligen kleinen Anwandlungen von Sparsamkeit. -Ein Mitglied schlug vor, durch Abschaffung des Kaplans der Nation drei -Dollars täglich zu ersparen. Und doch brauchte dieser kurzsichtige -Mann den Kaplan nötiger als irgend ein anderer, denn während des -Morgengebetes hatte er meist seine Füße auf dem Pult und verzehrte rote -Rüben. - -Zwei Monate tagte die Versammlung und erteilte die ganze Zeit nichts -als Konzessionen zur Anlegung von Chausseen und Erhebung von Wegegeld. -Als sie auseinanderging, schätzte man, daß wohl auf jeden Bürger drei -solche Konzessionen kämen. Und man bezweifelte, ob, falls der Kongreß -dem Territorium nicht noch einen Längengrad zulegen würde, Platz genug -für die Unterbringung aller der Straßen vorhanden sein werde, deren -Enden allenthalben wie Fransen über die Grenzlinie hinaushingen. - -Das Frachtgeschäft hatte bald einen so gewaltigen Umfang angenommen, -daß über plötzlich erworbenes Vermögen in Chausseen beinahe dieselbe -Aufregung herrschte, wie über die wunderbar reichen Silberminen. - - - - -Fünftes Kapitel. - - -Nach und nach bekam ich auch das Silberfieber. Mutungsgesellschaften -brachen Tag für Tag nach den Bergen auf, wo sie reiche, silberführende -Adern und Quarzlager entdeckten und in Besitz nahmen. Das war ja -ganz offenbar der Weg zum Glück. In der großen Grube ›Gould and -Curry‹ galt zur Zeit unseres Eintreffens der Quadratfuß drei- oder -vierhundert Dollars; zwei Monate darauf war er auf achthundert Dollars -gestiegen; die ›Ophir-Grube‹ war das Jahr zuvor kaum eine Kleinigkeit -wert gewesen, und jetzt wurde dort der Fuß mit nahezu viertausend -Dollars bezahlt. Es ließ sich keine Grube nennen, die nicht in kurzer -Zeit erstaunlich im Wert gestiegen wäre. Alle Welt sprach von diesen -Wunderdingen. Man mochte kommen wohin man wollte, vom frühen Morgen -bis spät in die Nacht hinein hörte man nichts anderes. Tom so und so -hatte von der ›Amanda Smith‹ ein Stück für 40000 Dollars verkauft -- -und hatte nicht einen Cent besessen, als er vor sechs Monaten die -Schicht in Angriff nahm. John Jones hatte die Hälfte seines Anteils -an der Grube ›Bald Eagle und Mary Ann‹ für 65,000 Dollars verkauft -und war nun nach den Staaten gereist, um seine Familie zu holen. Die -Witwe Brewster war in der Grube ›Golden Fleece‹ auf reichhaltiges Erz -gestoßen und hatte zehn Fuß für 18000 Dollars verkauft -- und doch war -sie im letzten Frühjahr, als Sing-Sing-Tommy ihren Mann umbrachte, -nicht einmal imstande gewesen, sich einen Krepphut anzuschaffen. Die -Besitzer der Grube ›Last Chance‹ hatten eine ›Lehmscheide‹ gefunden und -wußten, daß sie einer Silberschicht auf der Spur waren, so daß ein Fuß -davon, der gestern noch ein Spottgeld wert war, heute den Wert eines -Backsteinhauses hatte. Schäbige Anteilbesitzer, denen man gestern im -ganzen Lande nirgends einen Schnaps geborgt hätte, brüllten heute im -Champagnerrausch und sahen sich von Schwärmen warmer Freunde umgeben -in einer Stadt, wo sie aus jahrelangem Mangel an Uebung nicht mehr -gewußt hatten, wie man es macht, jemand zu grüßen oder ihm die Hand zu -schütteln. Johnny Morgan, ein gemeiner Landstreicher, war eines Morgens -in der Gosse mit 100,000 Dollars Vermögen aufgewacht, und zwar infolge -der Entscheidung eines Prozesses über die Grube ›Lady Franklin and -Rough and Ready.‹ Dergleichen Nachrichten tönten uns Tag aus Tag ein -immer lauter in den Ohren, und immer höher loderte die Aufregung rings -um uns empor. - -[Illustration] - -Ich hätte gar kein Mensch sein müssen, um nicht auch toll zu werden -wie die andern. Tag für Tag kamen ganze Karrenladungen von gediegenen -Silberbarren aus den Pochwerken herein, ein Anblick, der bewies, daß -das tolle Gerede um mich her nicht aus der Luft gegriffen war. Ich -glaubte daran und wurde einer der allertollsten. - -Alle paar Tage traf die Kunde von der Entdeckung einer nagelneuen -Bergwerksregion ein. Sofort wimmelte es in den Zeitungen von -Berichten über ihren Reichtum, und die ganze überschüssige Bevölkerung -stürzte fort, um davon Besitz zu nehmen. Die Krankheit steckte mir -jetzt gehörig in den Knochen; eben noch hatte der Zulauf der Grube -›Esmeralda‹ gegolten, und nun fing ›Humboldt‹ an, mit lautem Geschrei -die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Humboldt, Humboldt! so hieß -jetzt das Losungswort, und unverzüglich füllte ›Humboldt‹, die neueste -von den neuen, die reichste von den reichen, die wunderbarste von -den wunderbaren Entdeckungen im Silbergebiet, zwei Spalten in den -Tagesblättern, während ›Esmeralda‹ sich mit einer begnügen mußte. -Ich war eben im Begriffe gewesen, nach der ›Esmeralda‹ aufzubrechen, -ließ mich aber von der Strömung ablenken und machte mich nun nach dem -›Humboldt‹ fertig. - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Jetzt hieß es flink sein! Wir verloren denn auch keine Zeit. Unsere -Gesellschaft bestand aus vier Personen: einem sechzigjährigen -Grobschmied, zwei jungen Advokaten und meiner Wenigkeit. Nachdem -wir einen Wagen und zwei elende, alte Gäule gekauft, luden wir -achtzehnhundert Pfund Lebensmittel, sowie unsere Bergmannsgeräte auf -und fuhren an einem kalten Dezembernachmittage von Carson City ab. Die -Pferde waren so alt und schwach, daß wir bald herausgefunden hatten, -es würde wohl besser sein, wenn einer oder zwei von uns ausstiegen und -den Weg zu Fuß fortsetzten. Es ging auch besser. Bald aber fanden wir, -daß es noch besser sein werde, wenn auch ein dritter ausstiege. So war -es denn auch. Ich hatte freiwillig das Amt des Fuhrmannes übernommen, -obwohl ich vorher noch nie mit einem angeschirrten Pferde gefahren -war und mancher in solcher Lage sich gerne hierauf berufen hätte, um -eine derartige Verantwortlichkeit abzulehnen. Allein nach einer kurzen -Weile ergab es sich, daß es wohl ratsam wäre, wenn auch der Fuhrmann -ausstiege und zu Fuß ginge. Damit verzichtete ich auf diese Stellung, -zu der ich nie wieder gelangen sollte. Noch vor Ablauf einer Stunde -fanden wir, daß es nicht nur besser, sondern unbedingt notwendig war, -immer abwechselnd zu zweien den Wagen von hinten durch den Sand zu -schieben, so daß die schwachen Pferde kaum noch etwas zu thun hatten, -als die Zunge nicht heraushängen zu lassen und nicht zwischen die Räder -zu kommen. Es hat vielleicht sein Gutes, wenn man von Anfang an weiß, -was einem bevorsteht und sich mit seinem Schicksal versöhnen kann. Wir -hatten das unsrige an einem einzigen Nachmittag kennen gelernt. Es war -klar, daß wir zweihundert Meilen weit durch den Sand waten würden und -den Wagen samt den Pferden vorwärts schieben müßten. So fügten wir uns -denn in die Umstände, und mit dem Fahren war es aus. - -[Illustration] - -Nach einem Weg von sieben Meilen lagerten wir uns in der Wüste. Der -junge Clagett, jetzt Mitglied des Kongresses für Montana, schirrte -die Pferde aus, fütterte und tränkte sie; Oliphant und ich schnitten -Salbeiholz, machten Feuer und holten Wasser zum Kochen, und der alte -Herr Ballou besorgte das Kochen selbst. Diese Teilung der Arbeit und -diese Bestimmung der Dienstleistungen für jeden einzelnen hielten wir -während der ganzen Reise fest. Da wir kein Zelt hatten, schliefen wir -in der freien Ebene unter unseren Decken. Die Ermüdung verschaffte uns -festen Schlaf. - -Wir brauchten zu der Reise von zweihundert Meilen fünfzehn Tage, oder -vielmehr eigentlich nur dreizehn, denn einmal hielten wir irgendwo zwei -Tage an, um die Pferde ausruhen zu lassen. Hätten wir diese hinten -am Wagen angebunden, so würden wir sicherlich den Weg in zehn Tagen -zurückgelegt haben; allein wir dachten daran erst, als es zu spät -war, und schoben den Wagen samt den Pferden immer weiter, während wir -uns die halbe Mühe hätten ersparen können. Leute, die uns begegneten, -rieten uns, gelegentlich die Pferde in den Wagen zu setzen, allein -Herr Ballou, durch dessen eisengepanzerten Ernst kein spitziges Wort -durchdrang, meinte, das würde nicht gehen, die Lebensmittel würden -in Gefahr kommen, weil die Pferde von langer Entbehrung ›bituminös‹ -geworden seien. Der Leser wird mich entschuldigen, wenn ich dies -nicht übersetze. Was Herr Ballou meinte, wenn er ein langes Wort -gebrauchte, blieb allemal ein Geheimnis zwischen ihm und seinem -Schöpfer. Er war einer der besten, gutmütigsten Menschen, die je eine -niedere Lebenssphäre zierten -- die Sanftmut und Einfalt selbst, und -die Uneigennützigkeit ebenfalls. Obwohl mehr als zweimal so alt als -der älteste von uns andern, that er doch deshalb niemals wichtig -und verlangte niemals ein Vorrecht oder eine Ausnahmestellung. Er -verrichtete dieselbe Arbeit wie ein junger Mann und leistete seinen -Teil an der Unterhaltung von dem allgemeinen Standpunkte jeden Alters -aus, nicht von der anmaßenden, Ehrfurcht heischenden Gipfelhöhe von -sechzig Jahren. Die einzige auffallende Eigentümlichkeit an ihm war -seine Vorliebe für lange Wörter, die er um ihrer selbst willen liebte -und gebrauchte, ganz unbekümmert um ihre Beziehung zu dem Gedanken, den -er auszudrücken beabsichtigte. Stets ließ er seine gewichtigen Silben -mit behaglicher Unkenntnis ihrer Bedeutung fallen, so daß dieselben -niemals etwas Anstößiges haben konnten. Dabei war sein Benehmen so -natürlich und einfach, daß man immer wieder in Versuchung geriet, in -seinen großartigen Phrasen einen Inhalt zu suchen, während sie wirklich -ganz und gar nichts bedeuteten. War ein Wort recht lang, großartig und -vollklingend, so reichte dies hin, ihm die Liebe des alten Mannes zu -gewinnen; er ließ es dann in seinen Reden irgendwo an der möglichst -unpassendsten Stelle einfließen und freute sich daran, als hätte er die -tiefsinnigste Wahrheit ausgesprochen. - -Wir breiteten immer alle vier unsern ganzen Vorrat an Decken zusammen -auf dem gefrorenen Boden aus und legten uns Seite an Seite schlafen. -Da Oliphant einsah, daß unser dummer, hochbeiniger Hund viel tierische -Wärme in sich habe, ließ er ihn zwischen sich und Herrn Ballou mit ins -Bett kriechen und zog den warmen Rücken des Hundes an seine Brust, was -er höchst behaglich fand. Aber während der Nacht fing der Köter an -sich zu strecken und sich unter wohlgefälligem Knurren gegen Ballous -Rücken zu stemmen und ihn fortzuschieben. Wenn er sich recht warm und -gemütlich fühlte, trommelte er wohl auch im Uebermaß des Wohlgefühls -voll Dankbarkeit und Glück dem Alten mit den Pfoten auf dem Rücken -herum; ein andermal, wenn er von der Jagd träumte, zerrte er den alten -Mann hinten an den Haaren und bellte ihm ins Ohr. Ballou beklagte sich -zuletzt sehr sanftmütig über diese Beweise von Zuthunlichkeit und -schloß seinen Vortrag mit der Bemerkung, so ein Hund sei kein Tier, -das zu müden Leuten ins Bett passe, denn er sei ›meretriciös in seinen -Bewegungen‹ und zu ›organisch in seinen Gefühlen‹. Wir warfen den Hund -hinaus. - -Es war eine harte, mühselige Reise, die aber trotzdem ihre Lichtseite -hatte, denn wenn nach Tagesschluß unser Wolfshunger mit einem warmen -Mahl von gebratenem Speck, Brot, Syrup und schwarzem Kaffee gestillt -war, fanden wir bei einer Pfeife, ein paar Liedern und Geschichten am -abendlichen Lagerfeuer, in der stillen Einsamkeit der Wüste eine frohe, -sorgenfreie Erholung, welche uns als der höchste Gipfel irdischer -Seligkeit erschien. Eine solche Lebensweise übt auf alle Menschen einen -mächtigen Zauber aus, gleichviel, ob sie aus der Stadt oder vom Lande -stammen. Wir sind die Abkömmlinge wüstendurchziehender Araber, und -endlose Zeiträume stetig fortschreitender Kulturentwicklung waren nicht -imstande, den Wandertrieb in uns auszurotten. Niemand von uns wird -leugnen, daß ihn bei dem Gedanken an ein Nachtlager draußen im Freien -stets ein Wonnegefühl durchbebt. Einmal wanderten wir fünfundzwanzig -Meilen an einem Tag und ein andermal in der großen amerikanischen -Wüste vierzig Meilen und dann noch einmal zehn, mithin im ganzen -fünfzig, innerhalb dreiundzwanzig Stunden, ohne uns Zeit zum Essen, -Trinken oder Ausruhen zu gönnen. Wenn man einen Wagen samt zwei Pferden -fünfzig Meilen weit geschoben hat, ist es ein solcher Hochgenuß sich -auszustrecken und dem Schlafe zu überlassen, wäre es auch auf steinigem -und gefrorenem Boden, daß einem die Wonne für den Augenblick nicht zu -teuer erkauft scheint. - -Wir lagerten zwei Tage in der Nähe des Sees, in welchem sich der -Humboldtfluß verliert. Unsere Versuche, das stark alkalische Wasser -des Sees zu benutzen, fielen höchst kläglich aus. Es hinterließ -einen bitteren, ganz abscheulichen Geschmack im Munde und ein höchst -unangenehmes Brennen im Magen; es war, als tränke man starke Lauge. -Wir thaten Syrup hinein, aber das machte es nur ganz wenig besser. Wir -fügten eine Essiggurke hinzu, aber das Alkali schmeckte vor, und so war -es zum Trinken nicht zu brauchen. Kaffee von diesem Wasser war das -niederträchtigste Gebräu, das ein Mensch je erfunden hat. Er schmeckte -wirklich noch abscheulicher als das unverbesserte Wasser selbst. Herr -Ballou, der das Getränk gebraut hatte, fühlte sich verpflichtet, es -herauszustreichen und zu verteidigen und trank deshalb in kleinen -Schlückchen eine halbe Tasse davon aus, wobei er es fertig brachte, -ihm eine zeitlang ein schwaches Lob zu singen; schließlich aber -schüttete er den Rest weg und erklärte offen und frei, der Kaffee sei -›zu technisch‹. Bald nachher fanden wir eine Quelle mit brauchbarem, -frischem Wasser, worauf wir uns ohne weitere Verdrießlichkeiten und -Störungen zur Ruhe legten. - - - - -Siebentes Kapitel. - - -Vom See aus reisten wir eine kurze Strecke den Humboldtfluß entlang. -Leute, die an den riesig breiten Mississippi gewöhnt sind, gewöhnen -sich auch allmählich daran, mit dem Wort ›Fluß‹ den Begriff großartiger -Wasserfülle zu verbinden. Infolgedessen fühlen sich solche Leute recht -enttäuscht, wenn sie am Ufer des Carson oder Humboldt stehen und -finden, daß ein Fluß in Nevada ein kränkliches Bächlein ist, das in -allen Punkten ein Seitenstück zum Eriekanal bildet, nur daß der Kanal -zweimal so lang und viermal so tief ist. Es ist eine der angenehmsten -und gesündesten Leibesübungen, am Humboldtfluß entlang zu laufen, so -lange hinüber und herüber zu springen, bis man tüchtig erhitzt ist, und -ihn dann trocken zu trinken. - -Am fünfzehnten Tage hatten wir den zweihundert Meilen langen Marsch -vollendet und hielten bei heftigem Schneesturm unsern Einzug in -Unionville. Die ›Stadt‹ bestand aus elf Hütten und einem Freiheitsbaum. -Sechs von den Hütten standen in einer Reihe am Rande einer tiefen -Schlucht, und die andern fünf ihnen gerade gegenüber. Auf beiden Seiten -der Schlucht stiegen öde Bergwälle so hoch zum Himmel empor, daß das -Dörfchen gleichsam tief unten auf dem Grund einer Erdspalte lag. Es -war auf der Höhe dieser Berge immer schon lange Tag, bevor unten die -Dunkelheit wich und Unionville sichtbar wurde. - -Wir bauten uns eine kleine, rohe Hütte in der Erdspalte und deckten -dieselbe mit Sackleinwand; eine Ecke ließen wir für den Abzug des -Rauches offen, allein des Nachts purzelte gelegentlich das Vieh dort -herein, so daß unser Hausgeräte Schaden litt und wir im Schlafe gestört -wurden. Es war sehr kalt und Brennholz nur spärlich vorhanden. Indianer -schleppten Gestrüpp und Buschholz mehrere Meilen weit auf dem Rücken -herbei; konnten wir einen solchen beladenen Indianer fangen, so war es -gut; konnten wir keinen fangen, -- dies war übrigens die Regel, nicht -die Ausnahme -- so froren wir eben und fügten uns darein. - -[Illustration] - -Ich gestehe ohne Beschämung, daß ich erwartet hatte, das Silber werde -allenthalben massenhaft auf dem Boden herumliegen und man könne es auf -den Berggipfeln in der Sonne blinken sehen. Natürlich sagte ich nichts -davon, denn ein inneres Gefühl flüsterte mir zu, ich könne doch am Ende -eine übertriebene Vorstellung von der Sache haben und mich, wenn ich -meine Gedanken verriete, lächerlich machen. Doch zweifelte ich nicht im -geringsten, daß ich binnen einem oder zwei Tagen, spätestens in einer -Woche, Silber genug auflesen werde, um ganz hübsch reich zu sein -- und -so beschäftigte sich meine Einbildungskraft bereits eifrig mit Plänen -zur Verwendung des Geldes. Bei der ersten schicklichen Gelegenheit -schlenderte ich sorglos von der Hütte weg, behielt aber die andern -Jungen im Auge, und wenn ich dann meinte, sie beobachteten mich, blieb -ich stehen und betrachtete den Himmel; sobald jedoch niemand da war -oder acht gab, floh ich von dannen, als hätte ich einen Diebstahl auf -dem Gewissen und hielt in meinem Lauf nicht eher inne, als bis ich -weit außer Gesichts- und Rufweite war. Dann ging ich ans Suchen in -fieberhafter Aufregung, denn ich war voll gespannter Erwartung und -meiner Sache fast ganz sicher. Ich kroch auf dem Boden umher, hob -Steinbrocken auf und untersuchte sie, indem ich den Staub abblies oder -sie an meinen Kleidern rieb und mit hoffnungsvoller Gier musterte. -Nicht lange, so fand ich einen glänzenden Brocken, und mir hüpfte das -Herz. Hinter einem Felsblock versteckt polierte und prüfte ich ihn -mit nervöser Hast und einem Entzücken, welches selbst bei Erfüllung -aller meiner Hoffnungen nicht ganz berechtigt gewesen wäre. Je genauer -ich meinen Brocken untersuchte, desto fester war ich überzeugt, den -Weg zum Glück gefunden zu haben. Ich bezeichnete mir den Ort und nahm -meine Probe mit. Auf und nieder suchte ich die zerklüftete Bergflanke -ab mit immer regerem Interesse und immer mehr von Dankbarkeit -durchdrungen, daß ich nach dem ›Humboldt‹ gekommen war und zwar zu -rechter Zeit. Dieses heimliche Suchen nach den verborgenen Schätzen des -Silberlandes versetzte mich in die höchste Verzückung, die ich je im -Leben empfunden. Es war ein wahrer Taumel schwelgerischen Genusses. -Nicht lange nachher entdeckte ich im Bett eines seichten Baches einen -Bodensatz glänzend gelber Schuppen. Mir blieb fast der Atem aus. Eine -Goldgrube! Und ich war in meiner Einfalt mit Silber zufrieden gewesen! -Vor Aufregung glaubte ich fast, meine überzeugte Einbildungskraft -täusche mich. Dann packte mich die Furcht, man könnte mich beobachten -und mein Geheimnis erraten. Vorsichtig ging ich im Kreis um die -Stelle herum und stieg spähend auf einen Hügel. Ich war allein. Kein -lebendes Wesen weit und breit. Nun kehrte ich zu meinem Fundort zurück, -indem ich mich gegen eine mögliche Enttäuschung wappnete; aber meine -Befürchtung war unbegründet -- die glänzenden Schuppen waren noch immer -da. Ich machte mich daran, sie auszuschöpfen; eine Stunde lang plagte -ich mich an den Windungen des Baches hinab und plünderte sein Bett, bis -die sinkende Sonne dem weiteren Suchen ein Ende machte, und ich mich -beladen mit Schätzen heimwärts wandte. Als ich so dahinschritt, konnte -ich mich nicht enthalten, meine Aufregung über den Brocken Silbererz zu -belächeln, da doch ein edleres Metall mir schier vor der Nase lag. In -dieser kurzen Zeit war das erstere in meiner Achtung so tief gesunken, -daß ich ein- oder zweimal auf dem Punkte stand, es wegzuwerfen. - -Während die Jungen ihren gewöhnlichen Hunger entwickelten, konnte ich -nichts essen. Auch reden konnte ich nicht. Ich weilte im Land der -Träume in weiter Ferne. Ihre Unterhaltung war für meine Phantasie etwas -störend und ärgerte mich gewissermaßen. Ich verachtete die lumpigen -und alltäglichen Dinge, von denen sie schwatzten. Allmählich fing das -Gerede aber an, mir Spaß zu machen. Es hatte einen eigenen, komischen -Reiz, ihnen zuzuhören, wie sie über ihre ärmlichen, kleinen Ersparnisse -Pläne machten und über mögliche Verluste und Verlegenheiten seufzten, -während doch eine Goldgrube dicht vor der Hütte lag, die unser volles -Eigentum war und die ich ihnen nur zu zeigen brauchte. Die unterdrückte -Heiterkeit begann mir bald das Herz abzudrücken. Es war nicht leicht, -dem Antrieb zu widerstehen, in hellem Jubel loszuplatzen und alles zu -offenbaren, aber ich widerstand. Ich nahm mir vor, die große Neuigkeit -gelassen durch meine Lippen träufeln zu lassen, dabei so ruhig und -heiter auszusehen wie ein Sommermorgen, und die Wirkung auf ihren -Gesichtern zu beobachten. - -Ich fragte: »Wo seid ihr alle gewesen?« - -»›Muten‹ gegangen.« - -»Was habt ihr gefunden?« - -»Nichts.« - -»Nichts? Was haltet ihr von der Gegend?« - -»Kann’s jetzt noch nicht sagen,« erwiderte Herr Ballou, der ein alter -Goldgräber war und auch in Silbergruben beträchtliche Erfahrungen besaß. - -»Nun, haben Sie sich denn nicht irgend eine Art Meinung gebildet?« - -»Ja, gewissermaßen schon. Es scheint freilich nicht übel hier, aber -man hat die Sache überschätzt. Siebentausend-Dollars-Lager sind wohl -selten. Die Sheba-Grube mag immerhin reich sein, aber sie gehört uns -nicht, und überdies ist das Gestein so voll von schlechten Metallen, -daß alle Wissenschaft der Welt nichts damit anfangen kann. Wir werden -hier nicht verhungern, aber ich fürchte, wir werden auch nicht reich -werden.« - -»Sie halten also die Aussicht für ziemlich gering?« - -»So ist’s.« - -»Nun, dann thäten wir wohl besser daran, heim zu gehen, nicht wahr?« - -»O, jetzt noch nicht -- natürlich. Wir wollen’s doch zuerst noch ein -bißchen versuchen.« - -»Setzen wir einmal den Fall -- es ist eine bloße Annahme -- wißt ihr --- setzen wir einmal den Fall, ihr könntet ein Lager finden, welches, -sagen wir hundertfünfzig Dollars per Tonne gäbe -- würde euch das -genügen?« - -»Probieren Sie’s mal mit uns!« schrie die ganze Gesellschaft. - -»Oder nehmen wir an -- selbstverständlich wiederum eine Vermutung -- -nehmen wir an, wir fänden eine Ader, wo die Tonne zweitausend Dollars -Ausbeute giebt -- würde euch _das_ genügen?« - -»Halt -- was meinen Sie? Auf was steuern Sie los? Steckt ein Geheimnis -hinter dem allem?« - -»Erhitzt euch nicht. Ich sage gar nichts. Ihr wißt ja ganz genau, daß -es hier keine reichen Gruben giebt -- natürlich, denn ihr seid ja -überall herumgestreift und habt gesucht. Das wäre jedem klar, wenn er -sich hier umgesehen hätte. Gesetzt den Fall nun, es käme einer und -spräche: ›Ach was, eine Zweitausend-Dollars-Ader ist doch rein gar -nichts, wo doch gleich da drüben, angesichts dieser Hütte ganze Haufen -von gediegenem Gold und Silber liegen -- ganze Berge davon, genug, um -euch alle in vierundzwanzig Stunden zu reichen Leuten zu machen.‹ Na, -was würdet ihr dazu sagen?« - -»Ich würde sagen, der ist so verrückt wie ein Tollhäusler!« sagte der -alte Ballou, der aber trotzdem vor Erregung ganz wild wurde. - -»Meine Herren!« versetzte ich, »ich sage gar nichts -- _ich_ bin ja -nicht herum gewesen, wie Sie wissen, und weiß deshalb natürlich nichts --- aber ich bitte nur um das eine, werfen Sie einmal einen Blick auf -das hier zum Beispiel und sagen Sie mir, was Sie davon halten!« Damit -schüttete ich meinen Schatz vor ihnen aus. - -Voll Begier stürzte alles darauf los und steckte die Köpfe unter der -brennenden Kerze zusammen. Dann sagte der alte Ballou: - -»Was ich davon halte? Ich halte davon, daß es nichts ist als ein Haufen -Granitabfall und gemeines, glitzerndes Katzengold, wovon der Morgen -nicht zehn Cents wert ist!« - -So schwand mein Traum dahin; so schmolz mein Reichtum, so stürzte mein -Luftschloß zusammen, und ich blieb als ein geschlagener Mann zurück. - -Ich zog die Moral aus der Geschichte mit dem bekannten Sprichwort: »Es -ist nicht alles Gold, was glänzt.« Herr Ballou meinte, ich könnte noch -weiter gehen und zu den Schätzen meines Wissens den Satz legen, daß -_nichts_ Gold sei, was glänze. So lernte ich denn ein für allemal, daß -Gold im Naturzustande nichts ist als ein schwärzliches, unansehnliches -Ding und daß nur Metalle gemeiner Art durch prahlerisches Glitzern die -Bewunderung des Unerfahrenen erregen. Trotzdem unterschätze ich nach -wie vor, gleich der übrigen Welt, echte Goldmenschen und verherrliche -Katzengoldmenschen. Die Alltagsmenschennatur kann sich einmal darüber -nicht erheben. - - - - -Achtes Kapitel. - - -Mit dem Geschäft des Silbergrabens wurden wir nur zu bald vertraut. -Wir gingen mit Herrn Ballou ›muten‹. Zwischen Salbeibüschen, Felsen -und Schneehaufen kletterten wir an den Berghängen hinauf, bis wir vor -Erschöpfung umfallen wollten, fanden aber kein Silber und ebensowenig -Gold. So ging es Tag für Tag. Da und dort stießen wir auf Löcher, die -man ein paar Meter tief in die Abhänge getrieben und dann offenbar -wieder aufgegeben hatte, und hie und da trafen wir auf ein oder zwei -Leute, die noch emsig gruben. Aber Silber kam nirgends zum Vorschein. -Diese Löcher waren die Ansätze von Stollen, die Hunderte von Fuß in den -Berg getrieben werden sollten, um eines Tags auf die verborgene Schicht -zu stoßen, in der das Silber steckte. Eines Tags! Das schien in weiter -Ferne zu liegen, und die Sache sah sehr hoffnungslos und trübselig aus. -Tag um Tag mühten wir uns ab, kletterten herum und suchten, und dabei -wurden wir jüngeren Genossen der aussichtslosen Plackerei immer mehr -überdrüssig. Endlich machten wir hoch oben auf dem Berge unter einer -überhängenden Felswand Halt. Ballou schlug einige Stücke mit dem Hammer -ab, prüfte sie lange und aufmerksam mit einem kleinen Augenglase, -worauf er sie wegwarf und noch mehr abschlug; dann meinte er, dieses -Gestein sei Quarz, und Quarz sei die Steinart, in der das Silber -enthalten sei. _Enthalten sei!_ Ich hatte gemeint, es werde wenigstens -außen daran kleben, wie eine Art Ueberzug. Er schlug noch mehr Stücke -los, um sie gründlich zu untersuchen, wobei er das betreffende Stück -hie und da mit der Zunge benetzte und durch das Glas betrachtete. -Schließlich rief er aus: »Wir haben es!« - -Unsere Neugier war sofort aufs höchste gespannt. Das Gestein war rein -und weiß an der Bruchstelle, und querdurch zog sich ein faseriger, -blauer Faden. In diesem kleinen Faden, meinte er, stecke Silber, -aber gemischt mit unedlen Metallen, mit Blei, Antimon und anderem -Quark, auch seien daran ein paar Tüpfelchen Gold sichtbar. Mit großer -Anstrengung brachten wir es dahin, ein paar kleine, gelbe Fleckchen -zu erkennen, von denen sich annehmen ließ, daß vielleicht ein paar -Tonnen davon einen Golddollar geben könnten. Wir waren gerade nicht -entzückt; aber Ballou meinte, es gebe noch schlechtere Erzlager als -dieses auf der Welt. Er hob das, was er das ›reichste Stück Gestein‹ -nannte, auf, um seinen Wert durch die sog. Feuerprobe zu bestimmen. -Dann gaben wir der Grube den Namen ›Bergkönig‹ (Bescheidenheit ist bei -der Namengebung in den Bergwerken kein hervorstechender Zug), und Herr -Ballou schrieb nachstehende Bekanntmachung auf, von der er sich eine -Abschrift aufhob, um sie in die Bücher des Syndikus der Bergwerke in -der Stadt eintragen zu lassen. - - - Bekanntmachung. - - Wir, die Unterzeichneten, belegen drei Stücke, jedes von - dreihundert Fuß, (und eins für die Entdeckung) an dieser - silberhaltigen Quarzschicht nach Norden und nach Süden von - diesem Anschlag, mit allen Einsenkungen, Verzweigungen und - Winkeln, Biegungen und Krümmungen, und dazu fünfzig Fuß breit - Boden auf jeder Seite zur Bearbeitung derselben. - -Wir setzten unsere Namen darunter und versuchten uns in die Stimmung zu -bringen, als sei nun unser Glück gemacht. Aber als wir die Sache mit -Herrn Ballou durchsprachen, war uns höchst zweifelhaft zu Mute. Dieser -Quarz an der Oberfläche, meinte er, sei nicht alles, was unsere Mine -enthalte, vielmehr erstrecke sich die Wand oder Schicht, der wir den -Namen ›Bergkönig‹ gegeben hatten, Hunderte und aber Hunderte von Fuß -in die Erde hinab. Sie sei wie der Randstein eines Straßenpflasters, -behalte ungefähr dieselbe Dicke, etwa zwanzig Fuß, bis hinab in die -Eingeweide der Erde und sei vollständig verschieden von dem Gestein, -das sie rings umgebe; sie bleibe für sich und behalte stets ihren -besondern Charakter, einerlei wie tief sie in die Erde hineingehe oder -wie weit sie sich längs der Berge und Thäler oder quer über dieselben -erstrecke; sie könne eine Meile tief und zehn Meilen lang sein, und man -möge über oder unter der Erde hineinbohren wo man wolle, so würde man -Gold und Silber darin finden, aber nicht in dem geringeren Gestein, -in das sie eingebettet sei. Unten in der großen Tiefe der Schicht, -fuhr er fort, stecke ihr Reichtum, und mit der Tiefe nehme derselbe -stetig zu. Deshalb müßten wir statt hier an der Oberfläche zu arbeiten -einen Schacht einsenken, bis wir an die reichen Stellen kämen -- so -etwa hundert Fuß tief -- oder unten vom Thal aus einen langen Stollen -in den Bergabhang treiben und die Ader tief unter der Erde anzapfen. -Das eine wie das andere war offenbar die Arbeit von Monaten, denn wir -konnten täglich nur ein paar Fuß, ungefähr fünf oder sechs, ausbohren -oder wegsprengen. Aber das war noch nicht alles. Er sagte, wenn das Erz -herausgeschafft sei, müsse es nach einem entfernten Pochwerke gebracht -werden, damit es zermahlen und das Silber durch einen langwierigen und -kostspieligen Prozeß ausgeschieden werde. Eine Ewigkeit schien zwischen -uns und unserm Glück zu liegen! - -Aber wir gingen ans Werk. Wir beschlossen einen Schacht einzusenken. So -kletterten wir denn eine Woche lang auf den Berg, beladen mit Hacken, -Drillbohrern, Meißeln, Schaufeln, Brechstangen, Fäßchen Sprengpulver -und Rollen Lunte und arbeiteten mit aller Macht. Anfangs war der -Fels bröckelig und locker; was wir mit den Spitzhacken abschlugen, -schaufelten wir heraus, und das Loch machte ganz hübsche Fortschritte; -aber allmählich wurde das Gestein fester, und nun kamen Meißel und -Brechstange an die Arbeit. Bald aber that nichts mehr seine Wirkung -außer dem Sprengpulver. Das war die mühseligste Arbeit! Während einer -von uns den eisernen Drillbohrer an seine Stelle hielt, schlug ein -anderer mit einem achtpfündigen Schmiedehammer drauf -- das reinste -Nägeleinschlagen in großem Maßstabe. Binnen einer bis zwei Stunden -erreichte der Bohrer eine Tiefe von zwei bis drei Fuß und hatte ein -Loch von ein paar Zoll Durchmesser gemacht. Dann legten wir die -Pulverladung, steckten eine halbe Elle Lunte hinein, schütteten Sand -und Kies darauf und stampften es fest; zuletzt zündeten wir die Lunte -an und liefen weg. Kamen wir dann nach der Explosion, bei der Steine -und Rauch in die Luft flogen, zurück, so fanden wir ungefähr einen -Scheffel von dem harten, widerspenstigen Quarz herausgesprengt, kein -bißchen mehr. Nach einer Woche hatte ich genug davon. Ich verzichtete; -Clagett und Oliphant desgleichen. Unser Schacht war erst zwölf Fuß -tief. Wir kamen überein, daß nur ein Stollen uns zum Ziele führen könne. - -[Illustration] - -So gingen wir den Berg hinunter und arbeiteten dort eine Woche lang. -Nach Verlauf derselben hatten wir einen Stollen ausgesprengt, in -dem sich ungefähr ein Oxhoft unterbringen ließ, und waren zu der -Ueberzeugung gekommen, daß wir noch um etwa neunhundert Fuß tiefer -graben müßten, um auf die silberhaltige Schicht zu stoßen. Ich -verzichtete auch jetzt wieder, und die andern Jungen hielten es nur -noch einen Tag länger aus. Wir stimmten überein, daß ein Stollen nichts -für uns tauge. Wir brauchten eine bereits ›aufgeschlossene‹ Schicht. -Solche gab es aber im ganzen Lager nicht. - -Den ›Bergkönig‹ ließen wir für jetzt liegen. - -Mittlerweile füllte sich der Platz mit Leuten, und unsere -Humboldt-Bergwerke riefen eine immer größere Aufregung hervor. Auch -wir fielen der Seuche zum Opfer und strengten jeden Nerv an, um immer -mehr ›Fuß‹ zu erwerben. Wir muteten herum und nahmen neue Stücke in -Besitz, an die wir unsere Bekanntmachungen anschlugen und die wir mit -hochtrabenden Namen belegten. Wir vertauschten eine Anzahl von unseren -›Fuß‹ gegen ›Fuß‹ in fremden Grubenteilen. Bald hatten wir namhafte -Anteile am ›Grauen Adler‹, an der ›Columbiana‹, der ›Münzfiliale‹, -der ›Mary Jane‹, dem ›Universum‹, der ›Simson und Delila‹, der -›Schatztruhe‹, der ›Golkonda‹, der ›Sultanin‹, dem ›Bumerang‹, der -›Großen Republik‹, dem ›Großmogul‹ und noch fünfzig weiteren ›Gruben‹, -die nie eine Schaufel oder eine Spitzhacke gefühlt hatten. Wir besaßen -nicht weniger als dreißigtausend ›Fuß‹ pro Mann in den ›reichsten -Gegenden der Erde‹, wie die verruchte Schwindlersprache es nannte --- und konnten den Fleischer nicht bezahlen. Wir waren ganz toll -vor Aufregung, trunken vor Glück, begraben unter Bergen künftigen -Reichtums, voll hochmütigen Mitleids mit den Millionen, die sich im -Schweiß ihres Angesichts abmühten, weil sie unsere wundervolle Schlucht -nicht kannten -- aber unser Kredit beim Viktualienhändler stand -schlecht. Es war die seltsamste Lebenslage, die man sich vorstellen -kann -- der Festschmaus eines Bettlers. Im Distrikt geschah nichts, man -legte keine Grube an, ließ keine Pochwerke arbeiten, man produzierte -nichts und nahm nichts ein -- im ganzen Lager war nicht soviel Geld -zu finden, daß man hätte in einem Städtchen des Ostens einen Bauplatz -dafür kaufen können; und doch würde ein Fremder geglaubt haben, er -wandle unter lauter geschwollenen Millionären. Mutende Gesellschaften -schwärmten mit dem ersten Tagesgrauen hinaus aus der Stadt und mit -Einbruch der Nacht wieder herein, beladen mit Beute -- Steinbrocken. -Nichts als Steinbrocken. Jedermann hatte alle Taschen voll davon; in -jeder Hütte war der Fußboden damit besät, mit Zetteln beklebt standen -sie reihenweise auf den Wandsimsen. - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Allenthalben begegnete ich Leuten, welche tausend bis dreißigtausend -Fuß in unaufgeschlossenen Silbergruben besaßen, von denen jeder -einzelne Fuß ihrer Ueberzeugung nach binnen kurzem fünfzig bis tausend -Dollars gelten mußte; und das waren oft genug Leute, die in der ganzen -Welt keine fünfundzwanzig Dollars ihr eigen nannten. Man mochte treffen -wen man wollte, so hatte er seine neue Grube anzupreisen und seine -›Proben‹ bereit, und bei der ersten Gelegenheit drängte er einen -unfehlbar in die Ecke und bot einem an, ›aus bloßer Gefälligkeit, -nicht um etwas zu verdienen‹, ein paar Fuß im ›Goldenen Zeitalter‹ -oder ›Sarah Jane‹ oder irgend sonst einer unbekannten Schatzkammer -herzugeben, wenn er nur so viel dafür bekäme, um sich eine ordentliche -Mahlzeit leisten zu können. Dabei mußte man sich verpflichten, es nicht -weiter zu sagen, daß er einem das Anerbieten zu so spottbilligem Preise -gemacht habe, da er sich lediglich ›aus Freundschaft zu diesem Opfer -bereit erklärte‹. Dann pflegte er ein Stück Gestein aus der Tasche -zu fischen, sich geheimnisvoll umzusehen, (als fürchte er, man könne -ihm auflauern und ihn berauben, wenn man ihn über dem Besitz solchen -Reichtums ertappe), mit dem Steinbrocken an seine Zunge zu tippen, ein -Vergrößerungsglas darüber zu halten und auszurufen: - -»Sehen Sie mal her! Gerade hier in dem roten Fleck! Sehen Sie! Sehen -Sie die goldenen Punkte? Und den Streifen Silber? Das ist vom ›Onkel -Abe‹. Davon sind hunderttausend Tonnen in Aussicht. Direkt in Aussicht, -merken Sie wohl! Und wenn wir bis auf die rechte Stelle hinunterkommen -und die Ader gediegen wird, dann ist des Reichtums kein Ende. Sehen Sie -sich die Probe an! Ich verlange nicht, daß Sie _mir_ glauben. Sehen Sie -sich nur die Probe an!« - -Dann langte er regelmäßig ein fettiges Papier heraus, worin bezeugt -war, das betreffende Stück habe in der Feuerprobe den Beweis geliefert, -daß es Gold und Silber im Verhältnis von so und so viel hundert oder -tausend Dollars per Tonne enthalte. Ich wußte damals noch nicht, -daß man gewohnt war, das reichste Stück aus einer Ausgrabung zum -Probieren herauszusuchen. Sehr oft war dieses Stück von nicht mehr als -Nußgröße der einzige Brocken in einer ganzen Tonne, der überhaupt ein -Metallteilchen enthielt, und doch erhob es nach dem Probierzeugnis -Anspruch darauf, den Durchschnittswert der Tonne Geröll, woraus es -stammte, zu repräsentieren. - -Dieses Probiersystem war es, das die Menschheit im Humboldt-County -verrückt gemacht hatte. Auf die Autorität solcher Probierzeugnisse hin -schwärmten die dortigen Zeitungskorrespondenten vor Begeisterung über -Gestein, das vier- bis siebentausend Dollars die Tonne wert sein sollte. - -Wir rührten weder unsern Stollen, noch unsern Schacht je wieder an. -Warum? Weil wir nun das wahre Geheimnis des Erfolges beim Silbergraben -entdeckt zu haben meinten -- es bestand darin, daß man nicht selbst im -Schweiß seines Angesichts und mit seiner Hände Arbeit nach Silber grub, -sondern die Erzschichten an die dummen Sklaven der Arbeit _verkaufte_ -und _ihnen_ das Graben überließ! -- - -[Illustration] - -Vor meinem Weggang von Carson hatte ich zusammen mit dem Sekretär -von verschiedenen Mitbesitzern der ›Esmeralda‹ eine Anzahl Fuß -gekauft. Wir hatten sofortige Gegenleistung in ungemünztem Gold oder -Silber erwartet, wurden aber statt dessen mit regelmäßig und ständig -wiederkehrenden Zubußen -- d. h. Geldforderungen zum Ausbau der -genannten Gruben -- heimgesucht. Diese Zubußen waren dermaßen drückend -geworden, daß es notwendig erschien, sich persönlich Einblick in die -Sache zu verschaffen. Ich beschloß deshalb eine Pilgerfahrt nach -Carson und von dort nach Esmeralda. Nachdem ich mir ein Pferd gekauft, -brach ich in Begleitung des Herrn Ballou und eines Herrn Ollendorff -auf. Dieser letztere war ein Preuße -- aber nicht jener Mensch, der -mit seinen Grammatiken fremder Sprachen mit ihren unaufhörlichen -Wiederholungen von Fragen, die weder jemals vorgekommen sind, noch -jemals in irgend einer Unterhaltung zwischen menschlichen Wesen -vorzukommen Aussicht haben, der Welt so viel Leiden zugefügt hat. -Wir ritten zwei oder drei Tage lang durch einen Schneesturm, bis wir -vor Honey Lake Smiths einsam gelegenem Wirtshause am Carsonflusse -ankamen. Es war ein zweistockiges Blockhaus auf einem kleinen Hügel, -inmitten eines weiten Wüstenbeckens, durch das sich der dürftige Carson -trübselig hinwindet. Dicht bei dem Hause standen die aus Backsteinen -erbauten Ställe der Ueberlandpost. Mehrere Meilen rundum fand man sonst -kein Gebäude. Gegen Sonnenuntergang trafen ungefähr zwanzig Heuwagen -ein, die sich rings um das Haus aufstellten; sämtliche Fuhrleute -kamen zum Abendessen herein -- eine sehr, sehr rohe Bande. Auch ein -oder zwei Postillone der Ueberlandpost waren da, und außerdem ein -halbes Dutzend Strolche und Landstreicher; das Haus war demnach wohl -gefüllt. Nach dem Essen gingen wir hinaus und besuchten ein kleines -Indianerlager in der Nachbarschaft. Die Indianer waren aus irgend einem -Grunde in großer Aufregung, sie packten ein und eilten so schnell als -möglich fortzukommen. »In kurz Zeit Menge Wasser,« sagten sie und gaben -uns mit Hilfe von Zeichen zu verstehen, daß nach ihrer Meinung eine -Ueberschwemmung im Anzug sei. Das Wetter war vollkommen klar, auch -befanden wir uns nicht in der Regenzeit. Das unbedeutende Flüßchen -hatte höchstens zwei Fuß Wasser; seine Oberfläche war nicht breiter als -eine schmale Dorfgasse und seine Ufer kaum höher als ein Mannskopf. -Wo sollte also eine Ueberschwemmung herkommen? Wir sprachen noch -eine Weile darüber und gelangten zu dem Schlusse, es werde wohl eine -List der Indianer sein, die für ihren eiligen Abzug sicherlich einen -triftigeren Grund haben müßten, als die Furcht vor Ueberschwemmung bei -maßloser Trockenheit. - -Um sieben Uhr abends legten wir uns im zweiten Stockwerk zu Bette, --- in den Kleidern (unsrer Gewohnheit gemäß) und alle drei in _ein_ -Bett; denn jeder verwendbare Raum auf dem Fußboden, auf Stühlen u. -s. w. war besetzt, und trotzdem gab es kaum Platz genug für alle -Gäste des Wirtshauses. Nach einer Stunde weckte uns ein großer Lärm; -wir sprangen aus dem Bett, stiegen über die in Reihen auf dem Boden -schnarchenden Fuhrleute hinweg und gelangten so nach den Vorderfenstern -der Stube. Ein einziger Blick enthüllte uns im Scheine des Mondlichts -ein merkwürdiges Bild. Der vielgewundene Carson war voll bis zum Rande, -wild rasten und schäumten seine Wasser -- mit wütender Geschwindigkeit -schossen sie um die scharfen Biegungen und brachten auf der Oberfläche -ein Chaos von Stämmen, Strauchwerk und allerhand Unrat mit. Eine -Einsenkung, die früher das Bett des Flusses gebildet hatte, war schon -beinahe voll, und an mehreren Stellen begann das Wasser über das -Hauptufer hinauszuspülen. Die Leute rannten hin und her, um Vieh und -Wagen dicht an das Haus zu bringen, denn die Bodenerhebung, auf der -es stand, dehnte sich vorne nur etwa dreißig und an der Hinterseite -vielleicht hundert Fuß weit aus. Hart neben dem vorerwähnten alten -Flußbett stand ein kleiner Stall aus Baumstämmen, in welchem unsere -Pferde untergebracht waren. An dieser Stelle stieg das Wasser -zusehends so rasch, daß nach wenigen Minuten ein Wildbach an dem Stall -vorbeibrüllte, der fortwährend höher an dem Gebälk emporschwoll. Da -wurde uns auf einmal klar, daß diese Flut mehr sei, als ein bloßes -Schaustück zur Kurzweil. Sie drohte Verderben, und zwar nicht nur dem -kleinen Blockstall, sondern auch den Gebäuden der Ueberlandpost, dicht -am Hauptflusse, denn die Wellen waren jetzt über die Ufer gestiegen, -so daß sie die Grundmauern umspülten und in die anstoßende große -Heuscheune eindrangen. Wir rannten hinunter und befanden uns bald -mitten in einem Haufen aufgeregter Menschen und geängsteter Tiere. -Bis an die Kniee wateten wir in den Stall und banden die Pferde los; -beim Herauswaten ging uns das Wasser schon bis zu den Hüften, so rasch -war es gestiegen. Dann stürzten alle wie ein Mann nach der Scheune -und machten sich daran, die mächtigen Bündel Heu herauszuwerfen, die -dann nach dem höher gelegenen Hause hinaufgewälzt wurden. Inzwischen -hatte man entdeckt, daß ein Postillon der Ueberlandpost, Namens Owens, -fehlte; ein Mann lief bis zu den Schenkeln im Wasser in den Stall -hinein, fand den Vermißten schlafend und weckte ihn, worauf er wieder -hinauswatete. Aber Owens war duselig und schlief wieder ein; jedoch -nur auf ein paar Minuten; denn als er sich im Bett umdrehte, kam seine -herabhängende Hand in Berührung mit dem kalten Wasser! Dieses ging -schon bis zur Höhe der Matratze! Fast brusttief watete er heraus, und -schon im nächsten Augenblick schmolzen die Backsteine zusammen wie -Zucker; das mächtige Gebäude stürzte ein und war im Nu weggespült. - -Um elf Uhr schaute nur noch das Dach des kleinen Stalles aus dem Wasser -heraus, und unser Wirtshaus war eine Insel im Weltmeer. Soweit das Auge -im Mondlicht schauen konnte, war keine Wüste mehr zu erblicken, sondern -nur noch eine weite, schimmernde Wasserfläche. Die Indianer hatten -richtig prophezeit; aber woher hatten sie ihre Kunde erhalten? Ich weiß -keine Antwort darauf. - -Acht Tage und ebenso viele Nächte blieben wir mit jener sonderbaren -Gesellschaft zusammengepfercht. Fluchen, Trinken und Kartenspiel -bildeten die Tagesordnung, die nur gelegentlich der Abwechslung halber -durch eine Rauferei unterbrochen wurde. Schmutz und Ungeziefer -- doch -davon schweige ich lieber; es genüge zu sagen, daß beides in geradezu -unbegreiflicher Masse vorhanden war. - -Zwei Leute in der Gesellschaft -- doch dieses Kapitel ist schon lang -genug. - - - - -Zehntes Kapitel. - - -Zwei Leute in der Gesellschaft waren mir ganz besonders widerwärtig. -Der eine war ein kleiner Schwede von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, -der nur ein einziges Lied konnte, das er in einem fort sang. Den Tag -über waren wir sämtlich in einem einzigen, kleinen, zum Ersticken -dunstigen Schenkzimmer zusammengepfercht, und so gab es vor der -Musik dieses Menschen kein Entrinnen. Mitten durch all das Lästern, -Whiskeysaufen, Stoßen und Zanken tönte sein langweiliger Gesang ohne -irgend welche Abwechslung in der gleichen einförmigen Weise, so daß ich -zuletzt gerne den Tod erlitten hätte, um dieser Marter zu entgehen. -Der andere war ein stämmiger Raufbold, ›Arkansas‹ geheißen; im Gürtel -trug er zwei Revolver, aus dem Stiefel sah ihm ein Bowiemesser heraus; -er war stets betrunken und auf der Suche nach Händeln, doch fürchtete -man ihn so sehr, daß ihm niemand den Gefallen thun wollte, mit ihm -anzubinden. Durch allerlei kleine Kriegslisten suchte er bald diesen -bald jenen zu einer beleidigenden Bemerkung zu verlocken, und hie und -da leuchtete sein Gesicht freudig auf, wenn er meinte, er habe eine -Rauferei gehörig eingefädelt; aber unfehlbar vereitelte sein Opfer alle -Bemühungen, und dann gab er jedesmal eine Enttäuschung kund, die schier -pathetisch war. Den Wirt, Johnson, einen bescheidenen, gutmütigen -Menschen, nahm Arkansas bald als vielversprechenden Gegenstand aufs -Korn und ließ ihm eine Zeitlang Tag und Nacht keine Ruhe. Am vierten -Morgen betrank sich Arkansas und paßte auf eine gute Gelegenheit. Bald -darauf kam Johnson, gemütlich vom Whiskey angeheitert, herein und -begann: - -»Ich glaube, die Wahl in Pennsylvanien --« - -Arkansas erhob warnend den Finger, worauf Johnson inne hielt. Der -andere richtete sich unsicher auf und trat ihm schwankend gegenüber mit -den Worten: - -»Wa-was wissen Sie vo-von Pennsylvanien? Antworten Sie mir. Wa-was -wissen Sie von Pennsylvanien?« - -»Ich wollte bloß sagen --« - -»Sie wollten bloß _sagen_ -- Sie! Sie wollten bloß sagen -- _was_ -wollten Sie sagen? Das ist’s! _Das_ will ich wissen. Ich will wissen, -wa-was Sie (Schlucken) von Pennsylvanien wissen, weil Sie sich so -verdammt breit damit machen. Antworten Sie mir darauf!« - -»Herr Arkansas, wenn Sie mir erlauben wollten --« - -»Wer hindert Sie denn? Bringen Sie keine Sticheleien gegen mich vor -- -lassen Sie das sein. Kommen Sie nicht mit großthuerischen Redensarten -und Fluchen und Schwören wie ein Verrückter herein -- lassen Sie das -gefälligst bleiben. Denn ich _lasse_ mir das nicht gefallen. Wenn Sie -sich mit mir schießen wollen, heraus mit der Schlüsselbüchse! Ich bin -dabei! Heraus damit!« - -Johnson flüchtete rückwärts in eine Ecke, wohin Arkansas drohend -folgte. »Aber ich habe ja gar nichts gesagt, Herr Arkansas!« rief der -Wirt. »Sie lassen einen ja nicht ausreden. Ich wollte bloß sagen, daß -es in Pennsylvanien nächste Woche eine Wahl geben wird -- das war alles --- das war das einzige, was ich sagen wollte; ich will nicht gesund -hier stehen, wenn es nicht so war.« - -»Gut, aber warum sagten Sie das nicht gleich? Was kamen Sie so -geschwollen herein und versuchten Spektakel anzufangen?« - -»Aber ich bin doch gar nicht geschwollen hereingekommen, Herr Arkansas, -ich wollte ja nur --« - -»Ich bin also ein Lügner? Nicht wahr? Beim Geist des gr-großen Cäsar --« - -»Aber bitte, Herr Arkansas, ich habe so etwas durchaus nicht sagen -wollen; ich will gleich tot sein, wenn ich daran gedacht habe. Die -Jungens werden Ihnen alle bezeugen, daß ich stets gut von Ihnen -gesprochen und Sie höher geachtet habe als irgend jemand im Hause. -Fragen Sie ’mal Smith. Ist es nicht so, Smith? Habe ich nicht erst -gestern abend gesagt, wenn ihr einen feinen Herrn haben wollt, der -es immer und unter allen Umständen ist und bleibt, so seht euch den -Arkansas an? Sie können jeden von den Herren hier fragen, ob das nicht -genau meine Worte sind. Kommen Sie jetzt, Herr Arkansas, wir wollen -einen Schluck nehmen -- wir wollen uns die Hände schütteln und ein -Tröpfchen trinken. Kommen Sie her, alle miteinander, ich traktiere! -Kommt her, Bill, Tom, Bob, Scotty -- kommt her. Ihr sollt alle mit -mir und Arkansas, meinem alten Arkansas -- meinem prächtigen, alten -Arkansas, einen Kleinen trinken. Geben Sie mir noch ’mal die Hand. Seht -ihn an, Jungens -- nur einmal seht ihn an. Da steht der weiseste Mann -in ganz Amerika -- und wer das leugnet, der hat’s mit mir zu thun, -damit Punktum. Geben Sie mir die alte Tatze noch einmal.« - -[Illustration] - -Sie umarmten sich. Dies geschah von seiten des Wirtes mit trunkener -Zärtlichkeit, welche von Arkansas, der um den Preis eines Schnapses -wiederum seine Beute aus den Händen lassen mußte, mit lässiger -Gleichgültigkeit hingenommen wurde. In seinem Glück darüber, daß er -der Schlachtbank entronnen, war der Wirt so thöricht, noch weiter -fortzuschwatzen, statt der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Dies hatte zur -Folge, daß Arkansas bald darauf wieder gefährliche Blicke nach ihm zu -werfen begann und sagte: - -»Wirt, wollen Sie ge-gefälligst diese Be-Bemerkung noch einmal machen, -wenn es Ihnen beliebt?« - -»Ich sagte zu Scotty, mein Vater sei über achtzig Jahre alt gewesen, -als er starb.« - -»War das alles, was Sie sagten?« - -»Ja, das war alles.« - -»Sagten Sie weiter nichts als das?« - -»Nein, nichts weiter.« - -Ein unbehagliches Schweigen folgte. Arkansas spielte einen Augenblick -mit seinem Glase, die Ellbogen auf den Schenktisch gestützt. Dann -kratzte er sich nachdenklich mit dem linken Stiefel am rechten -Schienbein, während das unheildrohende Schweigen noch fortdauerte. -Auf einmal schlenderte er mit verdrießlicher Miene nach dem Ofen -zu, schob in grober Weise zwei oder drei Leute mit der Schulter aus -ihren behaglichen Stellungen weg, machte sich’s bequem und gab einem -schlafenden Hund einen Fußtritt, daß er heulend unter eine Bank fuhr; -darauf spreizte er seine langen Beine auseinander, nahm die Schöße -seines aus einer Pferdedecke gemachten Rockes unter die Arme und -schickte sich an, sich die Hinterseite zu wärmen. Nach einem Weilchen -begann er für sich zu brummen, und bald darauf schlotterte er an den -Schenktisch zurück und sagte: - -»Wirt, was soll das heißen, daß Sie alte Persönlichkeiten -zusammenkratzen und sich mit Ihrem Vater groß machen? Paßt Ihnen unsere -Gesellschaft nicht? Hm? Wenn Ihnen diese Gesellschaft nicht recht ist, -so thäten wir vielleicht besser, zu gehen. Ist das Ihre Meinung? Wollen -Sie darauf hinaus?« - -»Ei, du meine Güte, Arkansas, ich habe an so etwas gar nicht gedacht. -Meine Eltern --« - -»Wirt, fiedeln Sie mir nicht solches Zeug vor. Lassen Sie das. Wenn Sie -durchaus Spektakel haben müssen, frisch heraus damit (Schlucken) -- -aber scharren Sie nicht vergangene, alte Dinge aus dem Boden auf, um -sie Leuten in die Zähne zu werfen, die Frieden zu halten wünschen, wenn -es halbwegs geht. Was ist denn überhaupt heut’ morgen mit Ihnen los? -Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der sich so aufspielte!« - -»Arkansas, ich habe mir wirklich nichts Schlimmes dabei gedacht, aber -ich will’s sein lassen, wenn es Ihnen unangenehm ist. Ich glaube, meine -Schnäpse sind mir in den Kopf gestiegen, und dann die Ueberschwemmung -und daß ich so viele Leute zu füttern habe und sorgen muß, daß --« - -»Also _das_ ist’s, was Ihnen im Kopf herumgeht? Sie wollen uns los -sein, he? Ist’s nicht so? Heraus damit!« - -»Bitte, so seien Sie doch vernünftig, Arkansas. Sie wissen ja doch, daß -ich nicht der Mann darnach bin, um --« - -»Wollen Sie mir drohen, he? Beim Himmel, der Mann muß erst geboren -werden, der mich ins Bockshorn jagt. Probier’s nur nicht, mir so -aufzuspielen, mein Lämmchen. -- Ich kann viel vertragen, aber das -vertrag’ ich nicht. Komm hervor hinter dem Schenktisch da, daß ich dich -Mores lehre. Du willst uns vertreiben, du schleichender, heimtückischer -Hund. Geh heraus hinter dem Schenktisch da! Ich will dich lehren, einen -Biedermann mit Bramarbasieren zu quälen und mit hochmütigen Blicken zu -reizen, der dir immer alles zu lieb gethan hat!« - -»Bitte, Arkansas, nicht schießen, bitte! Wenn’s zu Blutvergießen -kommt --« - -»Hören Sie, meine Herren? Hören Sie, wie er von Blutvergießen spricht? -Also Blut willst du sehen, nicht wahr, du wütender Mordgeselle! Du hast -dir vorgenommen, heut’ morgen jemand umzubringen! Das hab’ ich gleich -gewußt. _Mich_ hast du auf dem Korn, nicht wahr? _Mir_ willst du an den -Hals, nicht wahr? Aber ich will dir schon zuvorkommen, du diebischer -Niggersohn mit schwarzem Herzen und weißer Leber! Heraus mit deiner -Schlüsselbüchse!« - -Damit begann Arkansas zu feuern, während der Wirt in heller Todesangst -über Bänke, Menschen und alles, was ihm im Weg stand, wegsetzte. -Inmitten des tollen Getümmels fuhr der Wirt krachend durch eine -Glasthüre, und als Arkansas ihm nachsprang, erschien plötzlich die Frau -des Wirtes in der Thüröffnung und trat dem Raufbold mit einer Schere -entgegen. Die Frau war großartig in ihrer Wut. Erhobenen Hauptes und -blitzenden Auges stand sie einen Augenblick da, dann rückte sie mit -gezückter Waffe vor. Verblüfft hielt der Schurke inne und trat einen -Schritt zurück. Sie folgte ihm, trieb ihn Schritt für Schritt bis in -die Mitte der Schenkstube und gab ihm hier vor der verwunderten Menge, -die sich um sie sammelte und sie mit starrem Staunen betrachtete, -eine solche Tracht Zungenhiebe, wie sie vielleicht noch nie einem -eingeschüchterten und gründlich beschämten Prahlhans zu teil geworden -sind. Als sie zu Ende war und sich als Siegerin zurückzog, erzitterte -das Haus von Beifallsgebrüll und jedermann bestellte in einem Atem -›Schnaps für die ganze Gesellschaft‹. - -Die Lektion war völlig genügend. Die Schreckensherrschaft war vorüber, -Arkansas’ Macht für immer gebrochen. Während der ganzen Zeit, die wir -noch auf unserer Insel in Gefangenschaft verbringen mußten, saß einer -stets geduckt beiseite, mengte sich nie in einen Streit, ließ nie eine -Prahlerei hören und nahm geduldig die Beleidigungen hin, die ihm die -Menge, welche bisher vor ihm zu Kreuz gekrochen, jetzt unaufhörlich -zuschleuderte -- und dies war Arkansas. - - * * * * * - -Am fünften oder sechsten Morgen verlief sich das Wasser vom Lande -wieder, aber die Strömung im alten Flußbett war immer noch hoch und -reißend, und keine Möglichkeit hinüberzukommen. Am achten Tage ging -sie immer noch zu hoch, als daß man ganz ohne Gefahr hätte übersetzen -können; allein das Leben in der Schenke war bei der Unsauberkeit, -Trunkenheit und Rauflust der Gäste nicht länger auszuhalten, und so -machten wir einen Versuch, fortzukommen. Bei heftigem Schneesturm -schifften wir uns in einem Kahne ein, nahmen die Sättel mit an Bord -und zogen die Pferde im Schlepptau an den Halftern hinter uns drein. -Der Preuße Ollendorff befand sich vorn am Bug mit einem Ruder, Ballou -ruderte in der Mitte und ich saß im Stern und hielt die Halfter. -Als die Pferde den Grund verloren und zu schwimmen anfingen, wurde -Ollendorff ängstlich; er fürchtete, die Pferde könnten uns vom -Ziel abbringen, und es war klar, daß, falls es uns nicht gelang, an -einer gewissen Stelle zu landen, wir, von der Strömung fortgerissen, -unfehlbar in den Hauptarm des Carson treiben würden, der zurzeit -einen kochenden Strudel bildete. Ein solches Mißgeschick würde aller -Wahrscheinlichkeit nach unsern Tod bedeutet haben; denn wir wären mit -unserm Kahn in den See geschwemmt worden oder umgestürzt und ertrunken. -Wir mahnten Ollendorff, seine fünf Sinne zusammenzuhalten und sich -vorsichtig zu betragen, aber es nutzte nichts. In dem Augenblick, als -das Boot ans Ufer stieß, that er einen Sprung, so daß das Fahrzeug -umschlug und in dem zehn Fuß tiefen Wasser herumwirbelte. Ollendorff -erfaßte einen Strauch, an dem er sich ans Ufer zog, während Ballou -und ich hinüberschwimmen mußten, wobei uns unsere Ueberzieher sehr -hinderlich waren. Aber wir hielten uns an dem Kahn fest, und obwohl -wir beinahe den Carson hinabgespült worden wären, gelang es uns -zuletzt doch, das Boot ans Ufer zu schieben und sicher zu landen. Wir -waren zwar durchkältet und durchnäßt, aber doch in Sicherheit. Die -Pferde halfen sich gleichfalls ans Land; aber unsere Sättel waren -natürlich verloren. Wir banden die Tiere an Salbeibüsche fest, wo sie -vierundzwanzig Stunden ausharren mußten. Dann schöpften wir das Boot -aus und schafften darin für sie Futter und wollene Decken hinüber, -während wir selbst noch einmal in dem Wirtshause übernachteten, ehe wir -uns abermals auf die Reise wagten. - -Am nächsten Morgen, als wir mit neuen Sätteln und sonstigen -Ausrüstungsgegenständen aufbrachen, schneite es immer noch wie -rasend. Wir stiegen auf und ritten ab. Der Schnee bedeckte den Boden -so hoch, daß keine Spur von der Straße erkennbar war, und der Schnee -fiel so dicht, daß wir nicht mehr als hundert Schritt weit vor uns -sehen konnten, sonst hätten wir an den Bergketten unsere Richtung -erkennen können. Die Sache sah bedenklich aus; allein Ollendorff -erklärte, er habe einen Instinkt so fein wie ein Kompaß und wäre im -stande, schnurgerade auf Carson City zuzureiten, und die Linie genau -einzuhalten. Bei der geringsten Abweichung von derselben würde ihn sein -Instinkt so sicher warnen wie einen Sünder sein Gewissen. Glücklich und -zufrieden folgten wir seiner Spur. Eine halbe Stunde lang haspelten -wir uns ziemlich mühselig weiter, dann aber trafen wir auf eine neue -Fährte, und Ollendorff rief stolz: - -»Ich wußte es ja, daß ich so unfehlbar bin wie ein Kompaß, Jungens! -Hier sind wir genau in den Fußspuren von jemand, der uns den Weg zeigen -wird, ohne daß wir uns anzustrengen brauchen. Wir wollen uns eilen, -damit wir uns der Gesellschaft da vorne anschließen können.« - -Nun ließen wir die Pferde so stark traben, als es in dem tiefen Schnee -anging; und nicht lange, so schien es, als kämen wir den vor uns -Reitenden näher; denn die Spuren wurden deutlicher. Eilig strebten wir -vorwärts, und nach Verlauf einer Stunde sahen die Spuren noch neuer und -frischer aus -- nur waren wir überrascht, daß die Zahl der Reisenden -fortwährend zuzunehmen schien. Wir konnten uns nicht denken, wie eine -so große Gesellschaft zu solcher Zeit in diese Einöde käme, bis einer -von uns meinte, es müsse wohl eine Kompagnie Soldaten vom Fort sein. -Zufrieden mit dieser Lösung des Rätsels, ritten wir noch etwas rascher -weiter; sie konnten ja nicht mehr fern sein. Aber die Spuren vermehrten -sich noch immer, so daß wir schon anfingen zu glauben, die Abteilung -Soldaten müsse sich auf unerklärliche Weise zu einem Regiment vermehrt -haben -- Ballou behauptete, es seien schon mindestens fünfhundert -daraus geworden. Auf einmal hielt er an und sagte: »Jungens, das -sind ja unsere eigenen Spuren! Mehr als zwei Stunden lang sind wir -wahrhaftig wie in einem Zirkus immer wieder rundum geritten, hier außen -in der öden Wüste! Bei Gott, das ist ja ganz ›hydraulisch‹!« - -Dann wurde der alte Mann wild und fing an zu schimpfen. Er gab -Ollendorff allerhand schlimme Namen, sagte, in seinem Leben hätte er -keinen solchen dämlichen Pinsel gesehen wie ihn, und machte zum Schluß -die ganz besonders giftige Bemerkung, er wisse nicht einmal so viel wie -ein Logarithmus! - -Wir waren richtig unseren eigenen Spuren gefolgt. Ollendorff samt -seinem inneren Kompaß fiel von nun an in Ungnade. Am Schlusse unseres -mühseligen Rittes befanden wir uns wieder am Ufer des Baches, während -sich drüben durch das Schneetreiben hindurch in matten Umrissen das -Wirtshaus zeigte. Noch überlegten wir, was nun zu thun sei, da landete -der junge Schwede mit dem Kahn und schlug seinen Weg zu Fuß nach Carson -City ein, immer denselben langweiligen Singsang herleiernd. Eine -Minute darauf war er nur noch undeutlich sichtbar und versank dann -in dem weißen Meer der Vergessenheit. Man hörte nie wieder von ihm. -Ohne Zweifel verlor er die ruhige Besinnung, verirrte sich, sank vor -Ermüdung in Schlaf und fiel so dem Tode in die Arme. Möglicherweise -folgte er auch unsern verräterischen Spuren, bis er vor Erschöpfung -zusammenbrach. - -Inzwischen fuhr die Ueberlandpost durch den jetzt rasch fallenden -Bach; es war ihre erste Fahrt nach Carson seit dem Eintritt der -Ueberschwemmung. Ohne Zeitverlust folgten wir den von ihr gezogenen -Furchen und trabten lustig voran, denn wir setzten volles Vertrauen in -die Lokalkenntnis des Postillons. Unsere Pferde konnten es zwar mit -dem frischen Gespann der Post nicht aufnehmen, so daß wir diese bald -aus dem Gesicht verloren, doch hatte dies nichts zu bedeuten, denn die -tiefen Einschnitte, die die Räder machten, dienten uns als Wegweiser. -Mittlerweile war es drei Uhr nachmittags geworden, und es mußte bald -Nacht werden. Das geschieht aber dort zu Lande nicht mittelst einer -allmählich stärker werdenden Dämmerung, sondern geht so plötzlich vor -sich, wie wenn eine Kellerthür zugeschlagen wird. Der Schnee fiel noch -immer gleich dicht, so daß wir keine fünfzehn Schritte vor uns sehen -konnten; aber ringsum vermochten wir durch den Schimmer des weißen -Schneebettes die glatten, zuckerhutförmigen Erhöhungen zu erkennen, in -welche sich die Salbeibüsche verwandelt hatten; die beiden schmalen -Rinnen dicht vor uns aber waren die mehr und mehr sich füllenden und -langsam verschwindenden Wagengeleise. - -Nun waren jene Salbeibüsche alle von derselben Höhe, drei oder vier -Fuß hoch, und sie standen alle etwa sieben Fuß auseinander, soweit -das Auge reichte; jeder derselben war jetzt ein bloßer Schneehaufen; -in jeder Richtung, die man einschlagen mochte, bewegte man sich wie -in einem gut angelegten Obstgarten durch eine rechts und links von -einer Reihe dieser Schneehaufen eingefaßte Gasse -- eine Gasse von -der gewöhnlichen Breite einer Landstraße, in der Mitte sauber und -eben, und an den Seiten ganz natürlich ansteigend. Bisher war uns das -noch gar nicht eingefallen. Nun stelle man sich einmal vor, wie es -uns eiskalt überlief, als uns tief in der Nacht der Gedanke kam, wir -möchten vielleicht jetzt, da die schwache Spur der Wagenräder längst -begraben und unsern Blicken entzogen war, in einer bloßen Allee von -Salbeibüschen, meilenweit weg von der Straße hin irren und immer weiter -von derselben abkommen. Wäre uns ein Eisklumpen über den nackten Rücken -gerutscht, es hätte eine behagliche Empfindung sein müssen, verglichen -mit diesem Gefühl. Das seit einer Stunde schläfrig gewordene Blut regte -sich plötzlich wieder und schoß uns verzweifelt durch die Adern. Alle -in Schlummer versunkenen Kräfte des Geistes und Körpers flammten auf. -Sofort waren wir wach und munter, aber nur um vor Angst und Bestürzung -zu zittern und zu klappern. Unverzüglich machten wir Halt, stiegen von -den Pferden, und bückten uns tief, um nach den Spuren der Straße zu -suchen. Vergeblich; denn eine Bodenvertiefung, die nicht zu erkennen -war, wenn man sich vier oder fünf Fuß über derselben befand, ließ sich -erst recht nicht wahrnehmen, wenn man sie fast mit der Nase berührte. - -[Illustration] - - - - -Elftes Kapitel. - - -Es kam uns zwar vor, als befänden wir uns auf einer Straße; aber das -war noch kein Beweis. Denn als wir nach verschiedenen Richtungen -hinschritten, zog jeder von uns aus den regelmäßigen Reihen von -Schneehaufen und den dazwischen hinlaufenden Wegen den unumstößlichen -Schluß, daß _er_ den richtigen Weg gefunden und die beiden andern sich -geirrt hätten. Wir waren kalt und steif und die Pferde ermüdet. In -unserer verzweifelten Lage beschlossen wir, ein Feuer aus Salbeibüschen -anzumachen und bei demselben bis zum Morgen zu kampieren. Dies war das -Vernünftigste, weil, falls wir von der richtigen Straße abgekommen -waren und der Schneesturm noch einen Tag anhielt, kaum noch eine -Rettung blieb, wofern wir weiter ritten. - -Wir waren alle einig darüber, daß ein Lagerfeuer uns noch am ehesten -am Leben erhalten könnte, und so machten wir uns ohne Aufschub -daran, ein solches herzustellen. Da wir keine Zündhölzchen finden -konnten, versuchten wir es mit den Pistolen. Zwar hatte keiner von der -Gesellschaft dies jemals probiert, aber wir glaubten, es werde sich -ganz bequem machen lassen, denn wir hatten des öfteren davon in Büchern -gelesen und verließen uns nun darauf mit derselben vertrauensvollen -Einfalt wie auf jenen anderen Bücherschwindel, der von Indianern -und verirrten Jägern erzählt, die sich durch Reiben von zwei dürren -Holzstücken Feuer verschaffen. - -Auf den Knieen drängten wir uns in dem tiefen Schnee aneinander; die -Pferde steckten ihre Nasen zusammen und beugten ihre Köpfe geduldig -über uns, und so fuhren wir in unserem wichtigen Experiment fort, -während die federigen Flocken herunterwirbelten und uns in eine Gruppe -weißer Statuen verwandelten. Wir brachen Zweige von einem Salbeibusch, -säuberten einen kleinen Platz vom Schnee und häuften das Holz auf, -es mit unsern Leibern schützend. Dies nahm zehn bis fünfzehn Minuten -in Anspruch, und nun setzte Ollendorff unter allgemeiner Stille und -atemloser, ängstlicher Spannung seinen Revolver daran, drückte ab und --- fort flog unser Holzhäufchen in alle Winde. - -Das war recht betrübend, aber es verblaßte vor einem noch größeren -Schrecken -- die Pferde waren fort. Ich war damit betraut -gewesen, die Zügel zu halten, hatte sie aber in der Aufregung des -Pistolenexperiments unversehens fallen lassen, und die frei gewordenen -Tiere waren in dem Unwetter davongelaufen. Sie aufsuchen zu wollen, -wäre verlorene Mühe gewesen; ihre Fußtritte brachten kein Geräusch -hervor und man konnte ihnen auf zwei Ellen nahe sein, ohne sie zu -sehen. So gaben wir sie denn auf und verwünschten die Bücher mit -ihren Lügen, in denen steht, daß Pferde in Zeiten der Not, Schutz und -Gesellschaft suchend, bei ihrem Herrn bleiben. - -Wir waren schon vorher elend genug daran gewesen, nun fühlten wir uns -noch viel verlassener. Geduldig, doch ohne Hoffnung brachen wir noch -einmal Reisig ab und schichteten es auf, worauf es der Preuße abermals -in alle Winde schoß. Offenbar war das Feueranmachen mit einem Pistol -eine Kunst, die Uebung und Erfahrung erforderte, und eine Wüste um -Mitternacht und bei Schneegestöber war nicht der Ort zur Erlangung -dieser Fertigkeit. Wir gaben diesen Versuch auf und wandten uns zu dem -andern. Ein jeder von uns nahm zwei Hölzer und machte sich daran, sie -aneinander zu reiben. Nach Ablauf einer halben Stunde waren wir vor -Kälte ganz erstarrt und die Hölzer nicht minder. Bitter verwünschten -wir Indianer, Jäger und Bücher, die uns mit ihrem einfältigen Rate -bethört hatten, und fragten uns, was nun zunächst zu thun sei. In -diesem entscheidenden Augenblicke entdeckte Ballou in einer Tasche, die -er bisher ganz übersehen hatte, vier Zündhölzchen. Wären es Goldbarren -gewesen, sie würden uns, verglichen damit, als ein ärmlicher, wertloser -Glücksfund vorgekommen sein. Man glaubt nicht, wie prächtig sich ein -Zündholz unter solchen Umständen ausnimmt, wie lieblich und kostbar und -von welch erhabener Schönheit umflossen es dem Auge erscheint. Voll -hoher Hoffnungen sammelten wir nochmals Reisig, und als der Alte sich -anschickte, das erste Hölzchen in Brand zu setzen, sahen wir ihm mit -einem Interesse zu, das ganze Druckseiten nicht genügend zu schildern -vermöchten. Hoffnungsvoll brannte das Zündhölzchen einen Augenblick -lang und ging dann aus. Wäre es eine Menschenseele gewesen, man hätte -ihr Erlöschen nicht tiefer betrauern können. Das nächste Hölzchen -blitzte nur auf, um sogleich wieder zu ersterben. Das dritte blies -der Wind gerade in dem Augenblick aus, als es Erfolg verhieß. Enger -als je drückten wir uns nun zusammen und entwickelten eine peinliche -Aufmerksamkeit, als Ballou mit unserer letzten Hoffnung über sein -Hosenbein strich. Das Hölzchen fing Feuer, brannte zuerst blau und -kümmerlich, flackerte dann aber zu einer kräftigen Flamme auf. Der alte -Herr schützte sie mit der Hand und bückte sich langsam damit. Jeder von -uns war mit ganzer Seele bei seinem Thun, Blut und Atem stockten uns. -Endlich ergriff die Flamme die Hölzer, teilte sich allgemach mehreren -mit -- zögerte -- gewann wieder etwas mehr Kraft -- zögerte nochmals -- -behielt fünf herzbrechende Minuten lang das Leben -- um dann wie die -Seele eines Sterbenden noch einmal aufzuflackern und zu erlöschen. - -Mehrere Minuten lang sprach keiner ein Wort. Ein feierliches Schweigen -herrschte. Selbst der Wind hielt verstohlen inne mit seinem Wehen, und -machte nicht mehr Geräusch als die fallenden Schneeflocken, so daß eine -unheilverkündende Stille entstand. Endlich begann man mit gepreßter -Stimme sich auszusprechen, und es zeigte sich bald, daß einer wie -der andere von uns in seinem Innern fest überzeugt war, diese Nacht -sei unsere letzte in diesem Leben. Ich hatte im stillen gehofft, der -einzige zu sein, der diese Empfindung hätte. Als die andern ruhig -ebenfalls diese Ueberzeugung bekannten, klang es wie Grabgeläute. -Ollendorff sagte: »Brüder, laßt uns zusammen sterben! Und laßt uns -hinübergehen ohne ein bitteres Gefühl gegen einander. Laßt Vergangenes -vergeben und vergessen sein. Ich weiß, ihr grollet mir, weil ich schuld -daran war, daß gestern der Kahn umschlug und weil ich gescheit sein -wollte und euch im Kreise im Schnee herumführte -- aber ich meinte -es gut, verzeiht mir. Ich gestehe offen, daß ich auf Ballou böse war, -weil er mich geschimpft und einen Logarithmus genannt hatte; was das -ist, weiß ich nicht; es muß aber wohl etwas sein, das in Amerika für -ungehörig und unehrenvoll gilt; es ist mir kaum einen Augenblick aus -dem Sinn gekommen und hat mich sehr gekränkt -- aber lassen wir das, -ich vergebe Ihnen von ganzem Herzen, Herr Ballou, und --« - -Der arme Ollendorff brach zusammen und Thränen liefen ihm die Wange -herunter. Aber nicht ihm allein; denn ich brach ebenfalls in Weinen -aus und Ballou nicht minder. Als Ollendorff wieder reden konnte, -erteilte er mir Vergebung für verschiedenes, was ich ihm gethan und -gesagt hatte. Dann zog er seine Schnapsflasche heraus und erklärte, ob -er nun sterben oder am Leben bleiben möge, nie werde er wieder einen -Tropfen anrühren. Der Hoffnung auf das Leben habe er gänzlich entsagt -und, obwohl schlecht vorbereitet, wolle er sich doch demütig in sein -Schicksal ergeben. Allerdings wünschte er noch eine kleine Frist, aber -nicht aus irgend welchem selbstsüchtigen Grunde, sondern um seinen Sinn -gründlich zu ändern, sich der Pflege der Armen zu weihen, Kranke zu -warten und der Welt Mäßigkeit zu predigen, damit sein Leben zu einem -heilsamen Beispiel für die Jugend werde und er es zuletzt mit dem -tröstlichen Gedanken beschließen dürfe, daß er nicht umsonst gelebt -habe. Seine Umkehr solle gleich in diesem Augenblick beginnen, hier im -Angesicht des Todes, da ihm keine Zeit mehr gewährt sei, sich zum Wohl -und Heil der Menschheit zu bethätigen -- und damit schleuderte er die -Whiskyflasche fort. - -Ballou machte Bemerkungen ähnlichen Inhalts und begann die ›Umkehr‹, -deren Fortsetzung er nicht erleben sollte, damit, daß er das alte -Kartenspiel wegwarf, welches unsere Gefangenschaft während der letzten -Tage behaglich, ja überhaupt erträglich gemacht hatte. Nie habe -er gewerbsmäßig gespielt, sagte er, aber er sei überzeugt, daß die -Beschäftigung mit den Karten unsittlich und schädlich sei, und wer ganz -rein und tadellos sein wolle, derselben entsagen müsse, »und deshalb,« -so fuhr er mit seinem steten wunderlichen Gebrauch von Fremdwörtern -fort, »fühle ich mich jetzt bei diesem Akt schon in größerer Sympathie -mit jenen zu gänzlicher und obsoleter Reform notwendigen spirituellen -Saturnalien.« Dieser Silbenfall rührte ihn tiefer, als irgend ein -verständlicher Satz des besten Redners es vermocht hätte; der alte Mann -schluchzte mit einer Wehmut, die nicht ohne Beimischung einer gewissen -Befriedigung war. - -Meine eigenen Bemerkungen waren in demselben Tone gehalten wie die -meiner Kameraden, und ich weiß, daß die Gefühle, aus denen sie -entsprungen, tief empfundene und aufrichtige waren. Wir meinten es -alle aufrichtig und waren tief erschüttert und voll heiligen Ernstes; -sahen wir uns doch ohne jede Hoffnung im Angesichte des Todes. Ich warf -meine Pfeife weg mit der Empfindung, mich dadurch endlich von einem -verhaßten Laster frei gemacht zu haben, das mich mein Lebtag beherrscht -hat. Während ich noch sprach, überwältigte mich der Gedanke an das -Gute, das ich in der Welt hätte thun können und an das noch größere -Gute, das ich _von nun an_ aus höherem Antriebe und mit besseren Zielen -und Leitsternen hätte thun können, wären mir nur noch ein paar Jahre -beschieden gewesen -- und meine Thränen flossen wieder. Wir umschlangen -uns mit den Armen und erwarteten die Schläfrigkeit, die dem Tode des -Erstarrens voranzugehen pflegt. Sie stahl sich gar bald über uns, und -wir sagten einander ein letztes Lebewohl. Ein behaglicher Traumzustand -wob sich um meine schwindelnden Sinne, während die Schneeflocken -meinen nunmehr besiegten Körper mit einem Leichentuche bedeckten. Das -Bewußtsein schwand. Der Kampf des Lebens war vorüber. - - - - -Zwölftes Kapitel. - - -Ich weiß nicht, wie lange ich mich in dem Zustand völligen Vergessens -befand, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Allmählich erwachte -ich wieder einigermaßen zum Bewußtsein, und es stellte sich ein immer -heftigeres, quälendes Schmerzgefühl in den Gliedern, ja im ganzen -Körper ein. Mir schauderte, durch mein Gehirn schoß der Gedanke: Das -ist der Tod, das ist das Jenseits. - -Auf einmal erhob sich neben mir etwas Weißes und eine grämliche Stimme -sagte: - -»Will einer der Herren mir gefälligst einen Tritt vor den Hintern -geben?« - -Es war Ballou -- wenigstens war es ein struppiger Schneemann mit -Ballous Stimme. - -Ich erhob mich, und wer schildert mein Erstaunen, als ich im -Morgengrauen keine zwanzig Schritte von uns weg die Brettergebäude -einer Poststation erblickte und dabei unter einem offenen Schuppen -unsere Pferde noch mit Sattel und Zaum! - -Eine gewölbte Schneewehe zerbarst jetzt, aus der Ollendorff auftauchte; -und alle drei saßen wir nun da und starrten die Gebäude an, ohne ein -Wort zu sagen. Wir hatten auch in der That nichts zu sagen. Wir standen -wie die Ochsen am Berge. Die ganze Situation war so peinlich lächerlich -und demütigend, daß sie sich nicht in Worte fassen läßt. - -Die Freude unserer Herzen über unsere Rettung war vergiftet, ja -fast zerstört. Nicht lange, so wurden wir immer verdrießlicher und -mürrischer; dann klopften wir, ärgerlich über einander, ärgerlich über -uns selber, ärgerlich über alles mögliche, mit finsteren Blicken den -Schnee von unseren Kleidern und wateten in ungeselligem Gänsemarsch zu -unseren Gäulen hin, nahmen ihnen die Sättel ab und suchten im Posthause -Obdach. - -[Illustration] - -Ich habe kaum eine Einzelheit dieses seltsamen und abgeschmackten -Abenteuers übertrieben. Es trug sich fast genau so zu. Wir hatten uns -wirklich in einer Schneewehe gelagert und hielten uns für hoffnungslos -verloren, während sich keine zwanzig Schritte weit von uns ein bequemes -Wirtshaus befand. - -Zwei ganze Stunden lang saßen wir im Posthause, jeder einzeln für sich -in seine ärgerlichen Gedanken vertieft. Das Geheimnis war enthüllt, -wir wußten jetzt ganz gut, warum die Pferde uns verlassen hatten. Sie -waren gescheiter gewesen als wir, hatten sich ohne Zweifel schon nach -wenigen Augenblicken unter dem schützenden Schuppen befunden, von dort -aus jedenfalls alle unsere Bekenntnisse und Klagelieder mit angehört -und sich nicht schlecht darüber gefreut. - -Nach dem Frühstück wurde uns besser zu Mute und die Lust am Leben kam -bald zurück. Die Welt nahm sich wieder heiter aus und das Dasein war -uns lieb und wert. Auf einmal überkam mich ein Gefühl des Unbehagens -und der Unruhe. Es bohrte und nagte immer stärker an mir ohne Unterlaß. -Ach, meine Wiedergeburt war nicht vollständig, ich war zu keinem neuen -Leben erwacht -- ich fühlte Lust zum Rauchen! - -Ich widerstand mit aller Kraft, aber das Fleisch war schwach. Einsam -wanderte ich fort und kämpfte eine ganze Stunde lang mit mir selbst. -Ich rief mir meine guten Vorsätze in Erinnerung und hielt mir selbst -eine ausführliche Predigt voll überzeugender Kraft, voll schwerer -Vorwürfe. Aber es war alles umsonst. Bald sah ich mich zwischen den -Schneewehen herumschleichen und nach meiner weggeworfenen Pfeife -suchen. Nach langem Forschen entdeckte ich sie endlich und verkroch -mich, um mich im Verborgenen daran zu erfreuen. - -Eine gute Weile blieb ich in meinem Versteck hinter der Scheune und -legte mir die Frage vor, wie mir wohl zu Mute sein würde, falls meine -tapferern, stärkerern, gesinnungstüchtigern Kameraden mich in dieser -meiner Erniedrigung antreffen sollten. Endlich zündete ich mir die -Pfeife an und kein menschliches Wesen kann sich niedriger und gemeiner -vorkommen als ich mir damals erschien. Ich schämte mich meiner eigenen -erbärmlichen Gesellschaft. In fortwährender Angst vor Entdeckung kam -ich auf den Gedanken, die andere Seite der Scheune könnte vielleicht -etwas mehr Sicherheit bieten, und so schlich ich mich um die Ecke. Als -ich mit brennender Pfeife um dieselbe bog, kam Ollendorff mit seiner -Flasche an den Lippen um die andere Ecke, und zwischen uns saß, ohne -uns zu bemerken, Ballou, tief versunken in ein Spielchen ›Solitaire‹, -mit seinen alten fettigen Karten! - -Das hieß denn doch die Abgeschmacktheit bis aufs äußerste treiben! Wir -schüttelten uns die Hände und gelobten uns, nie mehr von ›Umkehren‹ und -›Beispielen für das heranwachsende Geschlecht‹ zu reden. - -Unsere Poststation lag am Rande einer Wüste von sechsundzwanzig Meilen -Länge. Hätten wir uns am Abend vorher derselben eine halbe Stunde -früher genähert, so würden wir lautes Rufen und Pistolenschießen -vernommen haben, denn man erwartete einige Schaftreiber mit ihren -Herden, die sich rettungslos verirren mußten, falls sie nicht durch -den Schall geleitet würden. Während unseres Aufenthalts auf der Station -trafen drei von den Viehtreibern ganz erschöpft von ihren Irrfahrten -ein, von zwei anderen aber hörte man nie wieder etwas. - -Rechtzeitig langten wir in Carson an, wo wir uns Erholung gönnten. -Hierdurch, sowie durch die Vorbereitungen zu unserer Reise nach -Esmeralda wurden wir eine Woche festgehalten, was uns die Möglichkeit -verschaffte, dem Prozeß zwischen Hyde und Morgan wegen des großen -Erdrutsches beizuwohnen -- eine Episode, die noch heutzutage in Nevada -berühmt ist. Nach den notwendigen einleitenden Worten will ich diese -eigentümliche Angelegenheit ganz so erzählen, wie sie sich zutrug. - - - - -Dreizehntes Kapitel. - - -In den Thälern von Carson, Eagle und Washoe sind die Berge sehr hoch -und steil, und so beginnen, wenn der Schnee im Frühling schnell -schmilzt und das warme obere Erdreich feucht und weich wird, die -verderbenbringenden Erdrutsche. Der Leser kann nicht wissen, was ein -Erdrutsch ist, wenn er nicht hier in der Gegend gelebt hat und gesehen, -wie eines schönen Morgens die ganze Seite eines Berges gleichsam -abgeblättert unten im Thale liegt, so daß nichts als eine ungeheure, -baumlose, abschreckend kahle Wand am Bergeshange übrig bleibt, um das -Andenken an den Vorfall lebendig zu erhalten. - -General Buncombe war als Anwalt der Vereinigten Staaten nach Nevada -verschickt worden. Dieser Territorialbeamte betrachtete sich -gleichzeitig als Sachwalter für Privatpersonen und strebte sehr eifrig -nach einer Gelegenheit zur Bethätigung dieser Eigenschaft, teils aus -reinem Wohlgefallen daran, teils weil sein Gehalt als Staatsbeamter -eines Territoriums sehr mager war. Nun pflegten die älteren Bewohner -eines neuen Territoriums auf die übrige Welt mit gelassenem, -wohlwollendem Mitleid herabzusehen, d. h. solange man ihnen nicht in -den Weg kommt; tritt man ihnen in den Weg, so wird man angeschnauzt. -Bisweilen auch ziehen sie die Neulinge durch allerhand Streiche und -Scherze auf. - -[Illustration] - -Eines Morgens erschien Dick Hyde vor General Buncombes Thür in Carson -City zu Pferde im tollsten Lauf und stürzte zu ihm hinein, ohne -sich nur Zeit zum Anbinden seines Pferdes zu lassen. Er befand sich -in großer Aufregung und bat den General, einen Prozeß für ihn zu -führen, für den er fünfhundert Dollars bekäme, falls er ihm den Sieg -erstritte. Dann ließ er sich unter wilden Geberden und einer Flut -gotteslästerlicher Flüche über seine Beschwerdepunkte aus. Es sei so -ziemlich allgemein bekannt, sagte er, daß er seit etlichen Jahren im -Distrikt Washoe eine Farm oder nach der gewöhnlichen Bezeichnung einen -Rancho mit ganz gutem Erfolg bewirtschafte, und ebenso, daß Tom Morgan -unmittelbar über ihm auch einen Rancho besitze. Unglücklicherweise habe -nun ein solcher verhaßter und gefürchteter Erdrutsch stattgefunden, -wodurch Morgans Rancho: Zäune, Hütten, Vieh, Scheunen, alles -miteinander auf seinen Rancho herabgestürzt sei und sein Eigentum etwa -achtunddreißig Fuß hoch vollständig zugedeckt habe. Morgan sei im -Besitz des herabgerutschten Landes und weigere sich, es zu räumen. Er -machte geltend, daß er in seiner eigenen Hütte sitze und niemand in der -seinigen störe; die Hütte stehe auf demselben Erdreich und demselben -Grundstück, wo sie immer gestanden, und er wolle den sehen, der ihn -zwinge auszuziehen. - -»Und als ich ihn daran erinnerte,« fuhr Hyde weinend fort, »daß -er gerade doch auf meinem Rancho sitze und daß er rechtswidrig in -denselben eingebrochen sei, hatte er die höllische Unverschämtheit, -mich zu fragen, warum ich denn nicht in meinem Rancho geblieben sei, -um den Besitz zu behaupten, als ich ihn hätte kommen sehen. Verrückter -Faselhans, warum ich nicht geblieben bin? -- bei Gott, als ich das -Geprassel hörte und den Berg hinaufsah, war es gerade, als käme die -ganze Welt den Hang herunter gepoltert und gekollert -- Splitter und -Holzstöße, Donner und Blitz, Hagel und Schnee, Bündel Heu und Stroh -und fürchterliche Staubwolken! -- Bäume kamen holterdipolter durch die -Luft, Felsblöcke so groß wie ein Haus flogen aus einer Höhe von tausend -Fuß und zerkrachten dann in zehn Millionen Stücke; Ochsen und Kühe, das -Inwendige nach außen gekehrt, den Kopf voran, die Schwänze zwischen -den Zähnen, kamen herunter gesaust -- und mitten in dieser ganzen -verkehrten und zertrümmerten Welt sitzt dieser verfluchte Morgan auf -seinem Gartenthürpfosten und fragt, warum ich nicht geblieben sei, und -meinen Besitz behauptet habe! Meiner Seel’! Ich warf nur einen einzigen -Blick auf die Bescherung, und in drei Sätzen war ich aus dem Bezirk. - -»Aber was mich wurmt, das ist, daß dieser Morgan sich darauf -herumtreibt und von dem Rancho nicht fort will -- sagt, er gehöre ihm -und er behalte ihn -- es gefalle ihm besser da unten, als oben am Berg. -Zum Tollwerden! Na, ich war die beiden letzten Tage her so verdreht, -daß ich nicht einmal den Weg in die Stadt finden konnte. Bin nach -dem Umherlaufen in Feld und Wald ganz erschöpft; -- einen Tropfen zu -trinken, General? Aber jetzt bin ich hier und jetzt wird prozessiert. -Sie haben’s gehört.« - -Die Empörung des Generals kannte keine Grenzen. In seinem ganzen -Leben, meinte er, sei ihm noch kein so anmaßender Mensch vorgekommen, -wie dieser Morgan. Ein Prozeß, fuhr er fort, sei eigentlich ganz -überflüssig; Morgan hätte keinen Schein von Recht, auf seinem jetzigen -Platze zu bleiben -- kein Mensch auf der ganzen Welt würde ihm das -zugestehen, kein Sachwalter seine Sache führen, kein Richter ihn -anhören. Hyde erwiderte, da sei er im Irrtum -- die ganze Stadt gebe -Morgan recht, Hal Brayton, ein sehr tüchtiger Anwalt, hätte seine -Sache übernommen, und da Gerichtsferien wären, so sollte sie vor einem -Schiedsmann verhandelt werden. Der frühere Gouverneur Roop wäre bereits -zu diesem Amt ernannt worden und würde heute um zwei Uhr nachmittags -in einem großen, öffentlichen Saal nahe beim Hotel die Verhandlungen -eröffnen. - -Der General war außer sich vor Staunen. Er hätte, sagte er, stets -geglaubt, die Menschen in diesem Territorium müßten verrückt sein; -jetzt wisse er es ganz gewiß. »Aber,« fuhr er fort, »nur ruhig Blut und -Zeugen gesammelt; denn der Sieg ist uns so sicher, als wäre das Urteil -bereits gesprochen.« Hyde trocknete seine Thränen und zog ab. - -Um zwei Uhr wurde das Schiedsgericht eröffnet und Roop thronte mit so -ehrfurchtgebietender Feierlichkeit unter seinen Sheriffs, den Zeugen -und den Zuschauern, daß einige seiner Mitwisser schier Angst hatten, -er habe am Ende nicht begriffen, daß es sich nur um einen Scherz -handle. Eine unheimliche Stille herrschte, denn beim leisesten Geräusch -sprach der Richter den ernsten Befehl aus: »Ruhe vor Gericht,« was die -Sheriffs sofort wie ein Echo wiederholten. Kurz darauf drängte sich -der General, beide Arme voll Gesetzbücher, durch die Menge und an sein -Ohr schlug der Befehl des Richters: »Platz für den Herrn Anwalt der -Vereinigten Staaten,« die erste achtungsvolle Anerkennung seiner hohen -offiziellen Würde, die ihm bislang zu teil geworden war, und bei der es -ihm behaglich durch alle Glieder prickelte. - -Die Zeugen wurden aufgerufen; Gesetzgeber, hohe Regierungsbeamte, -Bauern, Bergleute, Chinesen, Neger. Dreiviertel derselben waren von -dem Beklagten Morgan aufgerufen, aber umsonst; ihr Zeugnis lautete -ausnahmslos zu Gunsten des Klägers Hyde. Jeder neue Zeuge brachte nur -neue Beweise dafür bei, wie abgeschmackt es sei, jemandes Eigentum -deshalb zu beanspruchen, weil die eigene Farm darauf gerutscht sei. -Dann hielten Morgans Advokaten ihre Reden, die erbärmlich matt -ausfielen, sie thaten in Wirklichkeit nichts für den Sieg ihres -Schutzbefohlenen. Jetzt erhob sich mit triumphierender Miene der -General und nahm einen leidenschaftlichen Anlauf. Er schlug mit der -Faust auf den Tisch, klopfte auf die Gesetzbücher, schrie, brüllte und -heulte, zitierte alle Sprachen und Schriftsteller, Poesie, Sarkasmen, -Statistik, Geschichte, Pathetisches, Volkstümliches, Lächerliches, und -schloß mit einem großen Schlachtruf für Redefreiheit, Preßfreiheit, -Unterrichtsfreiheit, den ruhmreichen amerikanischen Adler und die -Grundsätze ewiger Gerechtigkeit. (Beifall.) - -Als der General sich niederließ, war er im Innersten überzeugt, daß -wenn auf günstige Zeugenaussagen, eine großartige Rede und auf die -gläubigen und bewundernden Gesichter ringsum das mindeste zu geben -sei, Morgan verloren sein müsse. Exgouverneur Roop stützte sein Haupt -einige Augenblicke sinnend in die Hand, während die Menge auf seine -Entscheidung wartete, dann erhob er sich und dachte gebeugten Hauptes -abermals nach. Darauf ging er mit langen Schritten hin und her, das -Kinn in der Hand, während die Menge immer noch harrte. Endlich kehrte -er auf seinen Thron zurück, setzte sich und begann in gewichtigem Tone: - -»Meine Herren, ich fühle die große Verantwortlichkeit, die heute -auf mir ruht. Dies ist kein gewöhnlicher Fall. Im Gegenteil, es ist -der großartigste und bedeutsamste, den je ein Mensch zu entscheiden -berufen wurde. Meine Herren, ich habe aufmerksam die Zeugenaussagen -angehört und bemerkt, daß ihr Gewicht, ihr überwältigendes Gewicht -zu Gunsten des Klägers Hyde spricht. Ich habe ferner mit hohem -Interesse den Bemerkungen der Sachwalter zugehört, namentlich die -meisterhafte und unwiderlegbare Logik des hochverehrlichen Anwalts, -welcher den Kläger vertritt. Aber, meine Herren, lassen wir uns in -einem so feierlichen Augenblick nicht von bloß menschlichem Zeugnis, -menschlichem Scharfsinn und menschlichen Begriffen von Gerechtigkeit -beeinflussen. Meine Herren, es steht uns Erdenwürmern sehr übel an, -uns in die Beschlüsse des Himmels einzumischen. Für mich liegt es klar -auf der Hand, daß der Himmel in seiner unerforschlichen Weisheit den -Rancho des Angeklagten nicht ohne Grund von der Stelle gerückt hat. Wir -sind nur Geschöpfe Gottes und müssen uns seinem Willen fügen. Wenn es -dem Himmel beliebt hat, den Beklagten Morgan auf so merkwürdige und -wunderbare Weise zu begünstigen, wenn der Himmel, unzufrieden mit der -Lage von Morgans Rancho an der Bergflanke, denselben nach einer für -seinen Besitzer bequemeren und vorteilhafteren Gegend befördern wollte, -so steht es uns armen Eintagsfliegen nicht zu, die Gesetzmäßigkeit des -Verfahrens in Frage zu ziehen oder nach der Ursache zu forschen, die -dabei maßgebend war. Nein, der Himmel hat die Ranchos geschaffen, und -es ist das Vorrecht des Himmels, sie anders zu ordnen, mit ihnen zu -experimentieren, sie nach Belieben dahin oder dorthin zu schieben. Wir -haben uns ohne Murren zu unterwerfen. Ich sage es euch zur Warnung, -daß die unheiligen Hände, Köpfe und Zungen der Menschen sich mit -diesem Ereignis nicht befassen dürfen. Meine Herren, der Wahrspruch -des Gerichtshofs lautet, daß der Kläger Richard Hyde seines Ranchos -durch die Heimsuchung Gottes verlustig gegangen ist! Und von dieser -Entscheidung giebt es keine Berufung.« - -Buncombe packte seine Ladung Bücher zusammen und stürzte damit aus -dem Gerichtssaal, ganz außer sich vor Entrüstung. Er hieß Roop laut -einen Narren, einen schwärmerischen Troddel. In seinem Eifer suchte -er ihn bei Nacht nochmals auf, machte ihm Vorstellungen wegen seines -ungereimten Wahrspruchs und bat ihn inständig, doch einmal eine halbe -Stunde in der Stube auf und ab zu gehen und nachzudenken, ob sich der -Spruch denn nicht irgendwie abändern lasse. Schließlich gab Roop nach -und stand auf. Dritthalb Stunden lief er im Zimmer hin und her, bis -er plötzlich mit strahlendem Gesicht ausrief, jetzt sei es ihm klar -geworden, daß der Rancho unter dem Rancho Morgans noch immer Hyde -gehöre und daß dieser noch gerade soviel Anrecht auf denselben habe wie -vorher; deshalb sei er der Meinung, daß Hyde berechtigt sei, sich ihn -darunter herauszugraben und -- - -Der General wartete nicht bis er ausgeredet hatte, er war stets -ungeduldigen und jähzornigen Temperaments gewesen. -- Es dauerte zwei -Monate, bis die Thatsache, daß man nur Spaß mit ihm getrieben, sich -durch den harten Diamantfels seines Begriffsvermögens hindurch gebohrt -hatte. - - - - -Vierzehntes Kapitel. - - -Als wir endlich nach Esmeralda abritten, bekam unsere Gesellschaft -einen Zuwachs in der Person des Kapitäns John Nye, eines Bruders des -Gouverneurs. Er hatte ein gutes Gedächtnis und die Zunge saß ihm am -rechten Fleck; das sind Eigenschaften, welche der Unterhaltung ein -ewiges Leben verleihen. Während der ganzen hundertzwanzig Meilen -unserer Reise ließ der Kapitän das Gespräch nie matt werden oder -stocken. Außer seiner Unterhaltungsgabe besaß er noch zwei ganz -besondere Vorzüge. Der eine bestand in seiner außerordentlichen -Anstelligkeit, die ihm zu allem und jedem Geschick verlieh, vom -Abstecken einer Eisenbahn oder der Organisierung einer politischen -Partei bis herab zum Annähen eines Knopfes, zum Beschlagen eines -Pferdes, zum Einrichten eines gebrochenen Beins oder zum Setzen -einer Henne. Der andere bestand in der Fähigkeit, sich jederzeit -der Bedürfnisse, Verlegenheiten und Schwierigkeiten seiner -Mitmenschen anzunehmen und mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und -Geschwindigkeit Abhilfe zu schaffen, weshalb er stets leerstehende -Betten in überfüllten Gasthäusern und eine Fülle von Vorräten in den -leersten Speisekammern fand. Und endlich, wo er Mann, Weib oder Kind -in einem Lager, einer Schenke oder mitten in der Wüste begegnete, -immer kannte er entweder die Leute persönlich oder er war mit einem -Verwandten derselben bekannt gewesen. Ein solcher Reisegefährte war -uns bis dahin noch nicht vorgekommen. - -Ich kann nicht unterlassen, hier eine Probe von der Art mitzuteilen, -wie er Schwierigkeiten beseitigte. Am zweiten Reisetag langten wir -sehr müde und hungrig vor einem kleinen ärmlichen Wirtshaus in der -Wüste an, wo man uns sagte, das Haus sei voll, Lebensmittel seien -nicht vorhanden, kein Heu oder Gerste für die Pferde da -- wir -müßten weiter gehen. Wir andern wollten eilig weiter, solange es -noch hell war, da der Kapitän aber darauf bestand eine Weile Halt zu -machen, stiegen wir ab und traten ein. Kein einziges Gesicht bot uns -Willkommen. Der Kapitän ließ seine Zauberkünste spielen und hatte -binnen zwanzig Minuten folgendes zustande gebracht: in drei Fuhrleuten -alte Bekannte gefunden, entdeckt, daß er mit der Mutter des Wirts -in die Schule gegangen, in dessen Frau eine Dame wieder erkannt, -deren durchgegangenes Pferd er einst in Kalifornien aufgehalten und -ihr dadurch das Leben gerettet hatte, einem Kinde sein zerbrochenes -Spielzeug ausgebessert und damit die Gunst von dessen Mutter gewonnen, -dem Hausknecht beim Aderlaß eines Pferdes geholfen, und einem andern -Pferde, welches das Würgen hatte, etwas verschrieben, die ganze -Gesellschaft dreimal am Schenktisch des Wirtes frei gehalten, eine -neuere Zeitungsnummer, als irgend jemand sie seit einer Woche zu -Gesicht bekommen hatte, zum Vorschein gebracht, sich hingesetzt und -sie den höchst gespannten Zuhörern vorgelesen. Das Ergebnis aber war -in Summa folgendes: Der Hausknecht fand Futter in Fülle für unsere -Pferde, wir bekamen ein Abendessen von Forellen mit nachfolgender -überaus gemütlicher Unterhaltung, wir erhielten gute Betten, fanden -des andern Morgens ein überraschend feines Frühstück und bei unserm -Abgang jammerte alle Welt, daß wir schon fort wollten. Der Kapitän -hatte einige schlimme Eigenschaften, allein er besaß auch ungemein -schätzenswerte Züge, die er dagegen in die Wagschale werfen konnte. - -Esmeralda war in vielen Beziehungen ein zweites Humboldt, jedoch -bereits etwas weiter entwickelt. Die Bergwerksanteile, für die wir -Zuschüsse bezahlt hatten, waren völlig wertlos, wir gaben sie auf. Der -bedeutendste lag auf einem Hügel von vierzehn Fuß Höhe, in den die -schlauen Direktoren einen Stollen trieben, um auf die silberhaltige -Ader zu kommen. Derselbe würde siebzig Fuß lang geworden sein, um dann -die Ader in einer Tiefe zu treffen, die man mit einem zwölf Fuß tiefen -Schacht erreicht hätte. Die Herren Direktoren lebten von den ›Zubußen‹. -Sie spürten durchaus kein Verlangen, jene Ader zu finden; denn sie -wußten wohl, daß sie so wenig Silber enthielt wie eine Trottoirplatte. - -Wir belegten verschiedene Parzellen, auf denen wir Schachte und Stollen -in Angriff nahmen, ohne aber je einen solchen fertig zu machen. Auf -jeder derselben mußten wir eine gewisse Arbeit geleistet haben, um als -Inhaber zu gelten, widrigenfalls jeder andere nach Ablauf von zehn -Tagen unser Eigentum in Besitz nehmen konnte. Stets jagten wir neuen -Parzellen nach, auf denen wir etwas Weniges arbeiteten, um dann auf -einen Käufer zu warten, der sich aber niemals einstellte. Nie fanden -wir Erz, das mehr als fünfzig Dollars die Tonne gegeben hätte, und -da die Pochwerke für die Verarbeitung des Erzes und Ausscheidung des -Silbers genau ebensoviel verlangten, schmolz uns das Geld aus der -Tasche fortwährend weg, ohne daß anderes dafür kam. Wir bewohnten -eine kleine Hütte, in der wir eigene Küche führten, und hatten im -ganzen ein saures, wenn auch hoffnungsvolles Leben, -- denn wir hörten -keinen Augenblick auf, ein Vermögen für uns und einen plötzlich sich -einstellenden Käufer für unsern Besitz zu erwarten. - -Zuletzt, als das Pfund Mehl auf einen Dollar stieg und Geld auf die -beste Sicherheit hin nicht unter acht Prozent monatlich zu haben war -(mir fehlte es überdies an der Sicherheit), ließ ich den Bergbau fahren -und widmete mich dem Pochwerkbetrieb, d. h. ich wurde gewöhnlicher -Taglöhner in einem Quarzpochwerk für zehn Dollars die Woche außer der -Kost. - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - - -Ich hatte bereits erfahren, was für eine langwierige, harte und -traurige Aufgabe es ist, das ersehnte Erz aus den Eingeweiden der Erde -herauszuscharren, nun wurde ich inne, daß das Herausscharren erst -die halbe Arbeit war, und daß die andere trübselige und mühselige -Hälfte darin bestand, das Silber aus dem Erz herauszuziehen. Von sechs -Uhr des Morgens bis zum Dunkelwerden dauerte die Arbeit. Gestein -losschlagen und in die ›Batterie‹ schaufeln, in der es durch sechs von -Dampf getriebene gewaltige Stampfen zerrieben und durch zuströmendes -Wasser in einen festen Brei verwandelt wurde; Quecksilber, Steinsalz -und andere Chemikalien je nach Bedürfnis in die ›Amalgamierpfannen‹ -schütten, wo das erstere sich mit den Gold- und Silberteilen verbinden -mußte; die Rinnen und die groben Decken reinigen, durch welche -das Wasser aus der Pfanne abfloß, damit die winzigen Teilchen der -Edelmetalle nicht verloren würden, die sich darin ablagerten -- so ging -die Plackerei ununterbrochen fort, und bei alledem fand ein Drittel -des in einer Tonne Gestein enthaltenen Edelmetalls seinen Weg bis ans -Ende der Rinnen in der Schlucht, so daß es später nochmals verarbeitet -werden mußte. Gab es sonst nichts zu thun, so konnte man immer Sand -durchwerfen, d. h. man konnte den getrockneten Sand, der durch die -Rinnen in die Schlucht gespült worden war, zusammenschaufeln und -gegen einen aufrechtstehenden Drahtschirm werfen, um ihn von Kieseln -zu befreien und ihn so zu nochmaliger Verarbeitung vorzubereiten. -Ohne dieses Sanddurchwerfen ging es in keinem Pochwerk ab, trotz der -Verschiedenheit der angewandten Methoden. Von allen Erholungen der -Welt ist aber dies Sanddurchwerfen an einem heißen Tage und mit einer -langstieligen Schaufel am wenigsten begehrenswert. - -Zum Schluß der Woche wurde die Maschine angehalten und wir wuschen auf, -d. h. wir holten den Brei aus den Pfannen und Batterien und spülten -den Schmutz geduldig hinweg, bis nur noch die angesammelte Masse -von Quecksilber samt den darin eingeschlossenen Schätzen übrig war, -welche wir in Form fester Schneeballen zum Zweck der Besichtigung zu -glänzenden prächtigen Haufen aufschichteten. Dabei kostete mich meine -Unerfahrenheit einen schönen goldenen Ring, in den das Quecksilber -eindrang wie Wasser in einen Schwamm, so daß er völlig zerstört wurde. -In einer eisernen Retorte wurde durch Verdampfung das Quecksilber aus -diesen Kugeln entfernt, der Dampf aber in einen Eimer geleitet, wo bei -der Abkühlung das sehr kostspielige Quecksilber wieder seine natürliche -Form erhielt. In der Retorte lag dann das Ergebnis unserer Wochenarbeit -vor uns, ein Klumpen, zweimal so groß wie ein Mannskopf, von reinem, -weißem Silber, das wie Rauhfrost aussah. Der Klumpen wurde schließlich -eingeschmolzen und in eine Barrenform gegossen. - -Von jedem Barren wurde ein Eckchen abgeschnitten für die ›Feuerprobe‹ --- ein ganz interessantes Verfahren. Dieses Eckchen wird so dünn -wie Papier ausgehämmert und auf einer Wage von solcher Feinheit und -Empfindlichkeit gewogen, daß, wenn man auf ein Stückchen Papier von -bestimmtem Gewicht mit einem groben, weichen Bleistift seinen Namen -schreibt und es dann abermals wägt, die Wage deutlich ein höheres -Gewicht anzeigt. Dann wird ein wenig Blei gleichfalls gewogen, mit der -Silberflocke zusammengerollt, und die beiden bei großer Hitze in der -sogenannten ›Kapelle‹ geschmolzen, einem kleinen Gefäße aus gepreßter -Knochenasche in Gestalt einer Obertasse. Die unedlen Metalle oxydieren -und werden samt dem Blei von der Kapelle aufgesogen. Ein Kügelchen, aus -vollkommen reinem Gold und Silber bestehend, bleibt zurück, und wenn -der Wardein dieses wägt und den Abgang notiert, erkennt er, wieviel -unedles Metall der Barren enthält. Jetzt hat er das Gold von dem -Silber zu scheiden. Dazu wird das Kügelchen flach und dünn gehämmert -und einige Zeit in einem Ofen mit Rotglühhitze behandelt. Nach der -Abkühlung rollt man es wie einen Federkiel zusammen und erhitzt es in -einem Glasgefäß mit Salpetersäure, welche das Silber auflöst, so daß -das Gold rein zurückbleibt und für sich gewogen werden kann. Durch -Zugießen von Salzwasser erhält das Silber wieder seine feste Form, -worauf nichts mehr zu thun übrig bleibt, als dieses zu wiegen; dann -kennt man das Verhältnis der verschiedenen in dem Barren enthaltenen -Metalle, den der Wardein nun mit einem Stempel versieht, der seinen -Wert bezeichnet. - -Das Geschäft eines Wardeins war sehr einträglich, und deshalb befaßten -sich auch gelegentlich Leute damit, denen es an der wissenschaftlichen -Befähigung fehlte. Es war einmal ein Wardein, der aus allen Proben, die -man ihm brachte, so reiche Resultate heraus bekam, daß er binnen kurzem -fast das ganze Geschäft monopolisiert hatte. Aber wie alle Leute, die -Erfolg haben, wurde er ein Gegenstand des Neides und des Verdachtes. -Die andern Wardeine verschworen sich gegen ihn und zogen zum Beweise, -daß sie es ehrlich meinten, einige angesehene Bürger ins Geheimnis. -Dann schickten sie dem glücklichen Geschäftsmann einen Fremden mit -einem Stückchen Schleifstein, den er prüfen sollte. Nach Verlauf einer -Stunde brachte er heraus, daß eine Tonne dieses Gesteins 1284,40 -Dollars an Silber und 366,36 Dollars an Gold geben müsse. - -[Illustration] - -Die ganze Geschichte kam sofort in die Zeitung und der beliebte Wardein -machte sich binnen zwei Tagen aus dem Staube. - -Ich will hier beiläufig bemerken, daß ich in der Silbermühle nur eine -Woche blieb. Ich erklärte meinem Arbeitgeber, ohne Lohnerhöhung könne -ich nicht länger bleiben. Mir gefalle zwar das Quarzmehlmachen, ja ich -sei ganz bezaubert davon; nie zuvor hätte ich zu einer Beschäftigung -in so kurzer Zeit eine so zärtliche Neigung gewonnen; nichts gäbe, wie -es mir scheine, der geistigen Thätigkeit einen solchen Schwung, als -eine Batterie zu füttern und Sand durch einen Drahtschirm zu werfen, -und nichts sporne die sittlichen Eigenschaften eines Menschen so an, -als Silber ausschmelzen und Decken waschen -- trotzdem fühle ich mich -genötigt, um Lohnerhöhung zu bitten. - -Er sagte, er zahle mir zehn Dollars wöchentlich und das sei doch eine -ganz hübsche runde Summe. Wieviel ich denn wolle? - -Ich erwiderte, etwa viermal hunderttausend Dollars monatlich nebst der -Kost sei alles, was ich in Anbetracht der schweren Zeiten vernünftiger -Weise verlangen könne. - -Man wies mich aus dem Hause. Und doch, wenn ich auf jene Tage -zurückblicke und mir die maßlos schwere Arbeit, die ich in jenem -Pochwerk verrichtete, ins Gedächtnis zurückrufe, bedauere ich nur, -ihm nicht siebenmalhunderttausend abverlangt zu haben. Um die volle -Kraft und Bedeutung des über ihn verhängten Fluches zu verstehen: ›Im -Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen‹ hätte Adam aus -dem Garten Eden von Rechts wegen geradeswegs in ein Quarzpochwerk gehen -sollen. - - * * * * * - -Nicht lange nachher war es die geheimnisvolle, wunderbare -›Zementgrube‹, die mir, gleich der übrigen Bevölkerung, den Verstand -verrückte, so daß ich nur auf eine Gelegenheit lauerte, mich bei deren -Aufspürung beteiligen zu können. - - - - -Sechzehntes Kapitel. - - -Irgendwo in der Nachbarschaft des Monosees, nahm man an, müsse -Whitemans wunderbare Zementgrube liegen. Alle Augenblicke hieß es, -Whiteman sei in totenstiller Nacht verstohlen und in Verkleidung -durch Esmeralda gekommen; dann gab es jedesmal eine tolle Aufregung, -denn natürlich steuerte er seiner geheimnisvollen Grube zu, und da -galt es, ihm zu folgen. Kaum drei Stunden nach Tagesanbruch waren -dann alle Pferde, Maultiere und Esel in der Nachbarschaft aufgekauft, -geliehen oder gestohlen, und die halbe Ortsgemeinde befand sich auf -Whitemans Spuren unterwegs nach den Bergen. Allein Whiteman pflegte -sich tagelang wie zwecklos in den Bergschluchten herumzutreiben, bis -den Bergleuten die Lebensmittel ausgingen und sie wieder nach Hause -gehen mußten. Ich habe es erlebt, daß es um elf Uhr nachts in einem -großen Bergmannslager hieß, Whiteman sei soeben vorbei gekommen, und -daß schon zwei Stunden darauf die sonst so stillen Straßen von Menschen -und Tieren wimmelten. Einer wie der andere bestrebte sich dann, die -Sache recht geheim zu halten, flüsterte aber trotzdem wenigstens einem -Nachbar zu, Whiteman sei durchgekommen. Und lange vor Tagesanbruch -- -das letztemal mitten im tiefen Winter -- ging dann die Hetzjagd los, -das Lager war verlassen und die gesamte Bevölkerung auf der Suche nach -Whiteman. - -Der Sage zufolge waren bei der ersten Einwanderung vor länger als -zwanzig Jahren drei junge Deutsche, Brüder, nachdem sie auf der -Ebene bei einem von Indianern angerichteten Gemetzel mit dem Leben -davongekommen, zu Fuß durch die Wüste gewandert, und hatten in der -Hoffnung, Kalifornien zu erreichen, bevor sie vor Hunger umkamen, -einfach die Richtung nach Westen eingeschlagen. Als sie eines Tages -in einer Bergschlucht ausruhten, bemerkte einer von ihnen eine -eigentümliche Zementader, die mit Klumpen eines schmutziggelben Metalls -wie gespickt war. Sie sahen, daß es Gold sei und daß sich hier an einem -einzigen Tage ein Vermögen erwerben lasse. Die Ader war etwa so breit -wie eine Trottoirplatte und reichlich zwei Drittel derselben bestand -aus reinem Gold. Jedes Pfund des wunderbaren Zements hatte einen Wert -von nahezu zweihundert Dollars. Die Brüder nahmen so viel mit als sie -tragen konnten, verwischten alle Spuren der Ader, machten eine rohe -Zeichnung von der Oertlichkeit und den Hauptmerkmalen ihrer Umgebung -und brachen wieder nach Westen auf. Aber ihre Not wuchs. Auf ihren -Irrfahrten fiel der eine Bruder und brach das Bein; die andern mußten -ihn in der Wildnis sterben lassen. Der zweite gab ermüdet und von -Hunger erschöpft bald nachher die weitere Wanderung auf und legte sich -gleichfalls zum Sterben nieder. Der dritte erreichte nach zwei oder -drei Wochen voll unglaublicher Entbehrungen, entkräftet, körperlich- -und gemütskrank, die Niederlassungen Kaliforniens. Seinen Zement hatte -er bis auf ein paar Bruchstücke weggeworfen, aber diese genügten, um -alle Welt in die tollste Aufregung zu versetzen. Er selbst wollte indes -mit der Zementgegend nichts mehr zu schaffen haben und ließ sich nicht -bewegen, jemand dorthin zu führen. Er war ganz zufrieden, als Taglöhner -auf einer Farm arbeiten zu können. Jedoch überließ er Whiteman seine -Zeichnungen und beschrieb ihm die Zementregion so gut er es vermochte. -Damit übertrug er den Fluch auf ihn -- denn als ich Whiteman zufällig -in Esmeralda einen Augenblick sah, hatte er der verlorenen Grube -unter Hunger, Durst, Armut und Krankheit ganze zwölf oder dreizehn -Jahre nachgespürt. Manche glaubten, er habe sie gefunden, die meisten -waren aber entgegengesetzter Meinung. Ich sah ein Stück Zement, so -groß wie meine Faust, das Whiteman von dem jungen Deutschen bekommen -haben sollte, und das war in der That recht verführerischer Natur. -Klumpen von Jungferngold saßen darin so dicht wie die Rosinen in einem -Napfkuchen. Eine einzige Woche lang eine solche Grube ausbeuten zu -dürfen, würde einem Menschen mit vernünftigen Wünschen genügen. - -Ein neuer Geschäftsfreund von uns, ein Herr Higbie, kannte Whiteman -von Ansehen recht gut, und ein anderer von unseren Freunden, ein -Herr van Dorn, war nicht nur mit ihm bekannt, sondern hatte auch das -Versprechen von ihm bekommen, er solle zu rechter Zeit im stillen einen -Wink erhalten, damit er sich der nächsten Zementexpedition anschließen -könne. Diesen Wink hatte van Dorn versprochen auf uns auszudehnen. -Eines Abends nun kam Higbie sehr aufgeregt herein und sagte, er glaube -ganz sicher, daß er oben in der Stadt Whiteman erkannt habe; er sei -verkleidet und stelle sich betrunken. Nach einem Weilchen traf van -Dorn ebenfalls ein und bestätigte die Nachricht; wir versammelten -uns nun in unserer Hütte, steckten die Köpfe zusammen und berieten -flüsternd unsere Pläne. - -Um kein Aufsehen zu erregen, sollten wir die Stadt nach Mitternacht -in zwei oder drei kleineren Abteilungen ruhig verlassen und uns im -Morgengrauen auf der Wasserscheide über dem Monosee, acht bis neun -Meilen weit entfernt, treffen. Der Aufbruch sollte ganz geräuschlos vor -sich gehen und unterwegs kein lautes Wort gesprochen werden. Diesmal, -meinten wir, wisse man in der Stadt nichts von Whitemans Anwesenheit -und ahne nichts von dessen Vorhaben. Um neun Uhr ging unser Konklave -auseinander, worauf wir uns eifrig und in tiefem Geheimnis an die -Vorbereitungen machten. Um elf Uhr sattelten wir unsere Pferde, banden -sie mit ihren langen Riatas oder Lassos fest und brachten dann eine -Speckseite und einen Sack Bohnen, ein Säckchen Kaffee, etwas Zucker, -hundert Pfund Mehl in Säckchen, ein paar Blechtassen, einen Kaffeetopf, -eine Bratpfanne und einige sonstige notwendige Gegenstände herbei. -Dies alles wurde dem Handpferd auf den Rücken geladen; wer aber das -Packen nicht von einem spanischen Sachverständigen gelernt hat, soll -nur alle Hoffnung aufgeben, es durch natürliches Geschick fertig zu -bekommen. Higbie besaß wohl einige Erfahrung darin, aber ein Meister -war er nicht. Nachdem er die Sachen auf dem Packsattel aufgeschichtet -hatte, schnürte er sie mit dem Strick zusammen, machte hier und da -einen Knoten und zog manchmal so fest an, daß dem Tier die Flanken -einsanken und es nach Atem schnappte; dabei wurde jedesmal der Strick -an einer anderen Stelle locker. Vollkommen brachten wir die Ladung -nicht fest, schließlich mochte es aber doch zur Not gehen; so brachen -wir denn auf, einer immer dicht hinter dem andern, ohne ein Wort zu -sprechen. Es war eine dunkle Nacht. Wir hielten uns in der Mitte der -Straße und schritten langsam an den Hüttenreihen vorüber; so oft einer -der Bergleute unter seine Thür trat, zitterte ich vor Furcht, daß das -Licht uns bescheinen und Neugier erregen könnte. Aber es ereignete -sich nichts. Wir begannen den langen gewundenen Weg aus der Schlucht -hinaufzusteigen; bald wurden die Hütten seltener und die Strecken -zwischen ihnen immer länger, so daß ich schließlich etwas freier atmete -und mir nicht mehr ganz wie ein Dieb und Mörder vorkam. - -[Illustration] - -Ich ritt zu hinterst und führte das Packpferd. Als der Anstieg steiler -wurde, wollte diesem seine Last nicht mehr behagen; manchmal versuchte -es an seiner Riata zu zerren, so daß eine Verzögerung entstand. In -der Finsternis verlor ich meine Gefährten aus den Augen. Ich wurde -ängstlich und schmeichelte und drohte dem Gaul so lange, bis er -zu traben anfing; allein jetzt erschreckte ihn das Klappern der -Blechtassen und Pfannen und er setzte sich in Lauf. Da seine Riata um -meinen Sattelknopf geschlungen war, riß er mich vom Sattel, worauf die -beiden Tiere munter ohne mich weiterliefen. Doch blieb ich nicht allein --- die locker gewordene Ladung des Packpferdes purzelte herunter und -fiel dicht neben mich. Es war fast unmittelbar vor der letzten Hütte. -Ein Bergmann trat heraus mit dem Ruf: »Holla«. - -Ich war dreißig Schritt von ihm weg und wußte, daß er mich nicht sehen -konnte, da es im Schatten des Berges sehr dunkel war. So blieb ich -ruhig liegen. Ein zweiter Kopf erschien im Licht unter der Hüttenthür -und bald schritten die beiden Leute auf mich zu. Zehn Schritt von mir -blieben sie stehen und der eine machte: »Bst! Horch!« - -Wäre ich vor den Dienern der Gerechtigkeit geflohen und ein Preis auf -meinen Kopf gesetzt gewesen, ich hätte mich in keiner traurigeren -Lage befinden können. Jetzt schien mir, daß die Leute sich auf einen -Felsblock setzten, obwohl ich nicht genau zu unterscheiden vermochte, -was sie thaten. Der eine sagte: - -»Ich habe ein Geräusch vernommen, es war ganz deutlich. Dort herum muß -es gewesen sein!« - -Ein Stein sauste an meinem Kopfe vorbei. Ich drückte mich so flach in -den Staub wie eine Postmarke und dachte bei mir, wenn er das nächstemal -ein klein wenig besser ziele, könne er wohl noch ein Geräusch zu -hören bekommen. In meinem Innern verfluchte ich jetzt die heimlichen -Expeditionen. Dies sollte meine letzte sein, und hätten auch die -Sierras so viele Zementadern, wie der menschliche Körper Rippen. Nun -sagte der eine von den Männern: - -»Ich will dir was sagen. Walch wußte, was er sagte, als er heute -behauptete, er hätte Whiteman gesehen. Ich habe Pferde gehört -- das -war das Geräusch. Ich laufe spornstreichs hinunter zu Walch!« - -Sie gingen, und ich war froh. Wohin sie gingen, war mir einerlei, -wenn sie nur gingen. Mochten sie immerhin Walch aufsuchen; je eher, -desto besser. Sobald sie die Thür der Hütte schlossen, tauchten meine -Gefährten aus der Dunkelheit auf, sie hatten die Pferde aufgefangen und -gewartet, bis die Luft rein war. Wir legten die Ladung dem Packpferd -wieder auf und machten uns auf den Weg; mit Tagesanbruch erreichten wir -die Wasserscheide und vereinigten uns mit van Dorn. Dann wanderten wir -hinab in das Becken des Sees und hier fühlten wir uns sicher genug, -um Halt zu machen und das Frühstück zu kochen, denn wir waren müde, -schläfrig und hungrig. Drei Stunden darauf zog die ganze Bevölkerung -von Esmeralda in langem Gänsemarsch über die Wasserscheide und -verbreitete sich um den See herum, wo wir sie allmählich aus den Augen -verloren. - -[Illustration] - -Ob mein Unfall dies veranlaßt hatte oder nicht, haben wir nie erfahren, -eins aber war sicher -- das Geheimnis war heraus und Whiteman wollte -sich diesmal auf das Suchen nach der Zementgrube nicht einlassen, was -uns bitter verdroß. - -Wir hielten Rat und beschlossen, aus unserm Mißgeschick den möglichsten -Nutzen zu ziehen und eine Woche Ferien an den Ufern des seltsamen -Sees zu verleben. Derselbe wird bald Mono, bald das ›Tote Meer von -Kalifornien‹ genannt. Er ist eine der wunderlichsten Schrullen der -Natur, aber kaum jemals schon in Büchern erwähnt und höchst selten -besucht, weil er abseits von der gewöhnlichen Heerstraße liegt und -überdies so schwer zu erreichen ist, daß meist nur Leute, die an die -stärksten Strapazen gewöhnt sind, die Beschwerlichkeit eines Ausflugs -dahin auf sich nehmen mögen. - -Am Morgen des zweiten Tages zogen wir nach einer entfernten und -besonders wildromantischen Stelle am Seeufer, wo ein Bach mit frischem, -eiskaltem Wasser aus dem Berge hervorsprudelte und sich in den See -ergoß, und schlugen dort ein regelrechtes Lager auf. Von dem zehn -Meilen weiter weg wohnenden Besitzer eines einsamen Ranchos mieteten -wir ein großes Boot und zwei Schrotflinten. An Behagen und Zerstreuung -konnte es uns nun nicht fehlen und bald waren wir mit dem See und allen -seinen Eigentümlichkeiten gründlich bekannt. - - - - -Siebzehntes Kapitel. - - -Der Monosee liegt in einer toten, stillen, baumlosen, entsetzlichen -Wüste, achttausend Fuß über der Meeresfläche, und ist von Bergen -umschlossen, die ihn um zweitausend Fuß überragen und deren Gipfel -stets in Wolken gehüllt sind. Diese feierliche, schweigende, von keinem -Segel belebte Wasserfläche, an einem der einsamsten Orte auf Erden, -bietet nur wenige anmutige und malerische Züge. Es ist eine einförmig -graue Wasserfläche von etwa hundert Meilen Umfang, mit zwei Inseln in -der Mitte, die nichts sind als erstarrte, blasige und rissige Lava, die -mit einer Kruste von Bimsstein und einer grauen Aschenschicht bedeckt -ist -- dem Leichentuch des erloschenen Vulkans, dessen ungeheuren -Krater der See ausgefüllt hat. - -[Illustration] - -Dieser ist zweihundert Fuß tief, und seine trüben Wasser sind so -stark mit Alkali geschwängert, daß, wenn man das allerschmutzigste -Kleidungsstück auch nur ein- oder zweimal hineintaucht und auswringt, -man es so rein findet, als ob es durch die Hände der geschicktesten -Waschfrau gegangen wäre. Die Wascharbeit machte uns während unseres -dortigen Aufenthaltes nicht viel Mühe. Wir banden die schmutzige Wäsche -der Woche einfach hinten an unser Boot und fuhren eine Viertelmeile -weit, und die Sache war bis auf das Auswringen fertig. Wenn wir -uns von dem Wasser auf die Köpfe schütteten und ein paarmal darauf -rieben, so gab es drei Zoll hohen weißen Schaum. An wunden Stellen -oder bei aufgesprungener Haut erzeugt das Wasser begreiflicherweise -unerträgliche Schmerzen. - -Im Monosee giebt es weder Fische noch Frösche, noch Schlangen noch -Quappen, kurz nichts, was sonst einen See belebt. Auf der Oberfläche -schwimmen Millionen wilder Enten und Seemöven, dagegen existiert unter -derselben kein lebendes Wesen, ausgenommen ein weißer, haariger, -halbzolllanger Wurm, der einem Stückchen ausgefransten Faden gleicht. -In einer Gallone Wasser mögen fünfzehntausend solcher Würmer enthalten -sein. Von ihnen erhält das Wasser die erwähnte grauweiße Farbe. Dann -giebt es dort eine Fliege, ziemlich ähnlich unserer Hausfliege, die -sich ans Ufer setzt, um die Würmer zu fressen, die an den Strand -gespült werden. Man kann jeder Zeit um den See herum einen zolltiefen, -sechs Fuß breiten Gürtel von Fliegen sehen -- also einen Gürtel von -Fliegen, der hundert Meilen lang ist. Wirft man einen Stein unter sie, -so schwärmen sie auf, wie eine dichte Wolke. Man kann sie so lange -unter Wasser halten, wie man will, sie machen sich nichts daraus, und -bilden sich sogar, wie es scheint, noch etwas darauf ein. Läßt man sie -los, so schnellen sie an die Oberfläche, sind trocken wie ein Bericht -aus dem Patentamt und wandeln so unbekümmert von dannen, als wären sie -eigens zu dem Zwecke dressiert, der Menschheit auf ihre Weise eine -belehrende Unterhaltung zu gewähren. Die Vorsehung läßt nichts planlos -geschehen. Ein jedes Ding hat seinen Nutzen, seine bestimmte Rolle und -seinen gehörigen Platz im Haushalt der Natur: die Enten fressen die -Fliegen, die Fliegen die Würmer, die Indianer alle drei, die Wildkatzen -fressen die Indianer, die weißen Leute fressen die Wildkatzen -- und so -ist alles zur Zufriedenheit geordnet. - -Der Monosee liegt in gerader Linie hundert Meilen vom Meere, von -welchem ihn zwei oder drei Bergketten trennen, und doch kommen jedes -Jahr Tausende von Seemöven dahin, um ihre Eier zu legen und ihre Jungen -aufzuziehen. Man könnte ebensogut Seemöven in Kansas erwarten; und -in diesem Zusammenhang wollen wir einen andern Zug der Weisheit der -Natur betrachten. Da die Inseln im See nur aus mit Asche und Bimsstein -bedeckten Lavamassen bestehen und weder einen Baum noch sonst etwas -Brennbares hervorbringen, und da Möveneier keiner Seele das mindeste -nützen, wenn sie nicht gekocht sind, so hat die Natur auf der größeren -Insel für eine nieversiegende Quelle siedenden Wassers gesorgt, in der -man seine Eier binnen vier Minuten so hart kochen kann wie das härteste -Wort, das ich in den ganzen letzten fünfzehn Jahren habe fallen lassen. -Keine zehn Fuß weit von der kochenden Quelle befindet sich eine solche -von reinem kaltem Wasser, das angenehm und gesund ist. So bekommt man -auf dieser Insel Kost und Wäsche frei, und wenn die Natur noch weiter -gegangen wäre und einen echten amerikanischen Hotelkellner geliefert -hätte, der grob und ungefällig ist und stolz darauf, weder über die -Abgangszeit und die Route der Eisenbahnzüge noch über sonst irgend -etwas Auskunft geben zu können -- ich würde mir kein angenehmeres -Kosthaus wünschen. Ein halbes Dutzend kleiner Bergwasser fließen in den -Monosee, nicht ein einziger Bach dagegen verläßt denselben, trotzdem -nimmt er anscheinend weder zu noch ab, und was er mit seinem Ueberfluß -an Wasser thut, bleibt ein dunkles Geheimnis. - -In der Nachbarschaft des Monosees giebt es bloß zwei Jahreszeiten, -nämlich den Abzug des einen Winters und die Ankunft des nächsten. Mehr -als einmal habe ich in Esmeralda nach glühender Hitze -- um acht Uhr -morgens zeigte das Thermometer neunzig Grad -- vierzehn Zoll hohen -Schnee fallen sehen, so daß dasselbe Thermometer bis neun Uhr abends -auf vierundvierzig Grad an geschützten Orten fiel. Unter günstigen -Umständen schneit es in der kleinen Stadt Mono wenigstens einmal in -jedem Monat des Jahres. So unbeständig ist daselbst die Witterung, -daß eine Dame es kaum wagen kann, einen Ausgang zu machen, ohne ihren -Fächer in der einen, ihre Schneeschuhe in der andern Hand mitzunehmen. -Und wenn die Einwohner zur Feier des Nationalfestes am vierten Juli -einen Umzug veranstalten, so schneit es ihnen gewöhnlich auf die Köpfe. - - - - -Achtzehntes Kapitel. - - -Etwa um sieben Uhr an einem sengend heißen Morgen -- es war jetzt -Hochsommer -- nahmen Higbie und ich das Boot und brachen zu einer -Entdeckungsreise nach den beiden Inseln auf. Schon oft hatten wir uns -danach gesehnt, uns jedoch durch die Furcht vor Stürmen abschrecken -lassen; denn diese waren häufig und stark genug, um ein gewöhnliches -Ruderboot wie das unsrige ohne große Schwierigkeit umzustürzen, -und, einmal umgeworfen, war selbst der tüchtigste Schwimmer dem Tod -verfallen; denn das giftige Wasser hätte ihm wie Feuer die Augen -ausgefressen und das Innere verbrannt, wenn die Flut über ihn ging. -Man sagte, es sei in gerader Linie bis zu den Inseln zwölf Meilen weit --- eine lange und heiße Ruderfahrt, aber der Morgen war so ruhig und -sonnig und der See so glatt, so glashell und totenstill, daß wir der -Versuchung nicht zu widerstehen vermochten. - -So füllten wir denn zwei große Feldflaschen mit Wasser (wo die -angeblich auf der großen Insel befindliche Quelle liege, wußten wir -nicht) und brachen auf. Unter Higbies kräftiger Hand schoß das Boot -rasch vorwärts; trotzdem hatten wir am Ziele das Gefühl, als hätten wir -eher fünfzehn als zwölf Meilen weit gerudert. - -Wir legten an der großen Insel an und stiegen ans Land. Als wir -das Wasser in unseren Flaschen versuchten, war es durch die Sonne -ungenießbar geworden. Wir gossen es aus und suchten nach der Quelle; -denn der Durst nimmt rasch zu, sobald man nichts hat, um ihn zu -löschen. Die Insel war ein langer, mäßig hoher Aschenhügel, nichts -als Bimsstein und graue Asche, in die wir bei jedem Schritte knietief -einsanken, und über den ganzen Kamm des Hügels zog sich eine dräuende -Wand von versengten und verbrannten Felsen hin. Als wir von oben -über diese Mauer hinabstiegen, fanden wir nichts als ein seichtes, -ausgedehntes Becken, das mit Asche wie mit einem Teppich bedeckt -war, aus welchem hie und da ein Fleckchen feinen, weißen Sandes -hervorschaute. An einzelnen Stellen quollen malerische Dampfstrahlen -aus Ritzen hervor, zum Beweise, daß, obwohl dieser alte Krater sich -zur Ruhe gesetzt hatte, ihm doch das Feuer im Ofen noch nicht ganz -ausgegangen war. Dicht bei einem dieser Dampfstrahlen stand der -einzige Baum der Insel, eine kleine Fichte von zierlicher Gestalt -und untadeligem Ebenmaß, die im saftigsten Grün erglänzte, denn der -unaufhörlich durch ihre Zweige strömende Dampf hielt sie stets feucht. -Sie stach so seltsam von ihrer toten, unheimlichen Umgebung ab, diese -kräftige, schöne Verbannte, wie ein heiterer Geist in einem Trauerhause. - -[Illustration] - -Wir suchten allenthalben nach der Quelle, wir durchschritten die ganze -Länge der Insel (zwei bis drei Meilen) und gingen zweimal quer über -dieselbe, geduldig Aschenhügel erklimmend, von denen wir auf der andern -Seite sitzend wieder hinabrutschten, wobei erstickende Wolken grauen -Staubes aufgerührt wurden. Allein wir fanden nichts als Einsamkeit, -Asche und beängstigendes Schweigen. Zuletzt bemerkten wir, daß sich -ein Wind erhoben hatte, und nun vergaßen wir unsern Durst über einer -Sorge von größerer Wichtigkeit, -- da der See ruhig gewesen war, hatten -wir uns keine Mühe gegeben, das Boot festzumachen. Wir eilten zu einem -Punkte zurück, von dem aus man unseren Landungsplatz überschaute und -siehe da -- keine Worte vermögen unsern Schreck zu schildern: das Boot -war weg. Ein zweites Boot gab es auf dem ganzen See nicht. Unsere Lage -war keine behagliche, sie war vielmehr geradezu entsetzlich. Wir waren -Gefangene auf einem öden Eilande, obendrein ganz nahe bei Freunden, die -zur Zeit völlig außer stande waren, uns zu helfen. Die Vorstellung, -daß wir weder Nahrung noch Wasser hatten, machte die Sache noch -unbehaglicher. Aber bald erblickten wir das Boot. Etwa fünfzig Schritt -vom Ufer trieb es langsam dahin, geschaukelt von schaumgekrönten -Wellen. Es trieb und trieb immer weiter, aber stets in der gleichen -Entfernung vom Lande. Wir hielten am Ufer immer Schritt mit ihm und -warteten auf einen günstigen Zufall. Nach Verlauf einer Stunde näherte -sich das Boot einem kleinen Vorgebirge; Higbie lief dorthin und stellte -sich am äußersten Rande sprungbereit auf. Wenn es mißlang, war alle -Hoffnung für uns dahin. Das Boot trieb jetzt stetig dem Strande zu, -aber die Frage war, ob es auch nahe genug herantreiben würde, um es von -jenem Punkte aus erreichen zu können. Als es Higbie bis auf dreißig -Schritte nahe kam, glaubte ich vor Aufregung meinen eigenen Herzschlag -zu hören. Während das Boot dann langsam heranschwamm und nur noch ein -paar Schritte außer unserem Bereiche war, meinte ich, das Herz stehe -mir still; wie es dann aber gar an ihm vorbeikam und davonzuschwimmen -begann, und er selbst immer noch wie eine Bildsäule dastand, fühlte ich -wirklich, daß mein Herz nicht mehr schlug. Aber im nächsten Augenblick -that er einen großen Sprung, der ihn in das Hinterteil des Bootes -brachte, und ich stieß ein Freudengeschrei aus, daß die Einöde weithin -wiederhallte. - -Es dämpfte meine Begeisterung freilich bedeutend, als er mir sagte, -daß es ihm ganz gleichgültig gewesen wäre, ob das Boot auf Sprungweite -herankam oder nicht; er würde einfach mit geschlossenem Mund und Augen -die kurze Strecke durchschwommen haben. In meiner Dummheit hatte ich -gar nicht daran gedacht, daß nur bei _langem_ Schwimmen ernstliche -Gefahr drohte. - -Der See ging hoch und der Sturm nahm zu. Auch wurde es spät -- drei -oder vier Uhr nachmittags. Ob wir uns nach dem Festlande hin wagen -sollten, war eine Frage von Wichtigkeit. Allein der Durst setzte -uns dermaßen zu, daß wir uns zu dem Versuche entschlossen; und so -machte sich Higbie ans Rudern, während ich das Steuer ergriff. Als -wir mühsam eine Meile weit vorwärts gekommen waren, befanden wir uns -augenscheinlich in Gefahr; denn der Sturm war viel heftiger geworden, -die Wogen hatten Schaumkämme und gingen sehr hoch, der Himmel hing -voll schwarzer Wolken, der Wind blies mit großer Wut. Wir wären -jetzt umgekehrt, allein wir wagten das Boot nicht zu drehen, denn -sobald es in die Tiefe zwischen zwei Wogen geriet, wäre es natürlich -umgeschlagen. Unser einziges Heil lag darin, daß wir mit dem Bug -gegen die Wellen steuerten. Bei dem fortwährenden Heben und Senken -des Bootes war dies ein schweres Stück Arbeit. Wenn zuweilen eines -der Ruder von einer Welle erfaßt wurde, und zur Seite geschlagen, so -wurde das Boot durch das andere Ruder trotz meines mühsamen Steuerns -halb herumgeworfen. Der Gischt durchnäßte uns fortwährend und das Boot -schöpfte manchmal Wasser. Wie stark Higbie auch war, so erschöpfte -ihn doch allmählich die Anstrengung und er hätte gern den Platz mit -mir gewechselt, um ein wenig ausruhen zu können. Allein ich erklärte -ihm, daß dies unmöglich sei, denn wurde das Steuer beim Wechseln der -Plätze auch nur einen Augenblick los gelassen, so drehte sich das Boot -im Kreise, geriet zwischen die Wellen, schlug um, und ehe fünf Minuten -vergangen waren, hatten wir hundert Gallonen Lauge im Leibe, die uns so -geschwind zerfressen hätte, daß wir nicht einmal bei unserer eigenen -Leichenschau hätten zugegen sein können. - -Doch alles nimmt schließlich ein Ende. Gerade mit Einbruch der Nacht -schossen wir, den Bug voran, ans Land. Higbie ließ sein Ruder fallen, -um Hurra zu schreien und ich ließ das meine fallen, um ihm dabei zu -helfen; da gab der Sturm dem Boot einen Ruck und -- pardauz -- schlug -es um! - -Der Höllenschmerz, den das Alkaliwasser an Beulen, Abschürfungen und -aufgerissenen Händen verursachte, war unaussprechlich und nur durch -vollständiges Einsalben mit Fett zu lindern; aber trotzdem schmeckte -uns Essen, Trinken und Schlaf ganz vortrefflich. - -Unter den Eigentümlichkeiten des Monosees hätte ich erwähnen sollen, -daß in gewissen Zeiträumen am Rande desselben malerische, turmartige -Massen und Gruppen von einem weißlichen, grobkörnigen Gestein stehen, -das wie hartgetrockneter Mörtel aussieht. Bricht man ein Stück davon -ab, so findet man im Innern der Masse vollkommen wohlgebildete, durch -und durch versteinerte Seemöveneier eingelagert. Wie diese wohl dahin -kommen? Ich erzähle einfach die Thatsache und überlasse es dem in der -Geologie bewanderten Leser, die Nuß nach Belieben zu knacken und das -Rätsel zu lösen, wie er will. - -Nach einem mehrtägigen Ausflug in die Sierras, wo wir in einem kleinen -See am Fuße des schneebedeckten Castle Peak fleißig Forellen angelten, -kehrten wir zum Monosee zurück; da wir hier fanden, daß die Aufregung -wegen Whitemans Zementgrube für diesmal vorüber war, packten wir auf -und kehrten nach Esmeralda zurück. Herr Ballou rekognoszierte eine -Weile; dann machte er sich, da ihm die Aussichten nicht gefielen, -allein nach Humboldt auf. - -[Illustration] - -In diese Zeit fällt ein kleines Ereignis, das stets ein gewisses -Interesse für mich gehabt hat, weil es um ein Haar Anlaß zu meinem -Begräbnis gegeben hätte. Zur Zeit eines drohenden Indianerangriffs -hatte einer unserer Nachbarn sechs Dosen mit Flintenpulver in der -Bratröhre eines alten, abgedankten Kochofens verborgen, der unter -freiem Himmel in der Nähe eines Bretterschuppens stand; dies war -später aber vollständig vergessen worden. Nun hatten wir uns, um die -Wäsche zu besorgen, einen halbzahmen Indianer gemietet, der mit dem -Waschzuber sein Quartier unter dem Schuppen aufschlug, während der alte -Ofen auf sechs Fuß Entfernung von seiner Nase der Ruhe pflegte. Der -Indianer kam schließlich auf den Gedanken, heißes Wasser würde besser -sein als kaltes; er ging hinaus, machte Feuer unter dem vergessenen -Pulvermagazin, stellte einen Kessel mit Wasser auf und kehrte an -seinen Zuber zurück. Bald nachher trat ich in den Schuppen, warf noch -mehr Wäsche hin und wollte eben etwas sagen, als der Ofen mit einem -gewaltigen Krach aufflog und spurlos verschwand. Volle zweihundert -Schritt davon fielen Bruchstücke desselben in den Straßen nieder. -Fast ein Drittel des Schuppendachs über unseren Köpfen war zerstört; -einer der Ofendeckel schnitt einen kleinen Pfosten vor den Augen des -Indianers halb entzwei, sauste zwischen uns durch und schlug ein Loch -in die Bretterverschalung. Ich war weiß wie eine Kalkwand, schwach -wie ein Kind und keines Lautes mächtig. Der Indianer dagegen verriet -weder Angst noch Schreck, nicht einmal Unbehagen. Er hörte einfach -mit Waschen auf, beugte sich vor, um den reingefegten Boden einen -Augenblick zu betrachten, und sagte dann: »Hm! verdammter Ofen -- sehr -viel weg!« -- worauf er sein Geschäft so gelassen wieder aufnahm, als -wäre das Auffliegen bei Oefen etwas ganz Gewöhnliches. - - - - -Neunzehntes Kapitel. - - -Ich komme jetzt zu einer seltsamen Episode -- der seltsamsten, wie mir -scheint, die ich bisher in meinem trägen, unnützen und sorgenlosen -Lebenslauf zu verzeichnen gehabt. Gegen das obere Ende der Stadt zu -besaß eine der ›Weite Westen‹ genannte Gesellschaft ein aller Welt -bekanntes Quarzlager, aus dessen Schacht Gestein von ziemlich gutem, -wenn auch keineswegs außerordentlichem Silbergehalte gefördert wurde. -Ich bemerke hier, daß, während dem unerfahrenen Fremden aller Quarz aus -einem bestimmten Bezirke gleichartig vorkommt, ein alter Ansässiger -jeden Brocken Gestein von dem andern unterscheiden und mit größter -Leichtigkeit sagen kann, aus welcher Grube derselbe stammt. - -[Illustration] - -Eine ungewöhnliche Aufregung machte sich plötzlich in der Stadt -bemerkbar. Der ›Weite Westen‹ war auf eine reiche Ader gestoßen. -Jedermann wollte sich die neue Entwicklung der Dinge ansehen und -mehrere Tage lang drängte man sich um den Schacht wie zu einer -Volksversammlung. Man sprach, man dachte und träumte von nichts -anderem mehr, als von dem reichen Funde. Ein jeder nahm sich eine -Probe mit, die er im Mörser zerstampfte und in seinem Hornlöffel -ausspülte, und stierte dann sprachlos das wunderbare Ergebnis an. Es -war schwarzes, verwittertes, bröckeliges Zeug, das, wenn es auf ein -Papier gelegt wurde, eine starke Beimischung von Gold- und gediegenen -Silberteilchen aufwies. Higbie brachte eine Handvoll davon in die -Hütte mit, und als er es ausgewaschen hatte, spottete sein Staunen -jeder Beschreibung. Die Kuxe des ›Weiten Westens‹ stiegen wie auf -Adlerflügeln in die Höhe. Wiederholt seien tausend Dollars für den -Fuß geboten worden, sagte man, aber ganz vergebens. Ich war tief -unglücklich; die Welt kam mir hohl, das Dasein erbärmlich vor. Ich -verlor den Appetit und nahm an nichts mehr Anteil. Trotzdem mußte ich -Aermster dableiben, um den Jubel der andern mit anzuhören, weil ich -kein Geld hatte um fortzukommen. Dem Wegtragen von ›Proben‹ setzte die -Gesellschaft bald ein Ziel, und mit Recht; denn von dem Erz hatte jede -Handvoll einen erheblichen Wert. Dasselbe wurde ganz so, wie es aus dem -Schachte kam, zu einem Dollar per Pfund verkauft und hundertfünfzig -Meilen weit über das Gebirge auf Maultieren nach San Francisco -geschafft, und dabei rechnete der Käufer noch auf ein gutes Geschäft. -Der Faktor erhielt strengen Befehl, außer den eigenen Arbeitern -keinem Menschen unter irgend welchen Umständen das Einfahren in die -Grube zu gestatten. Ich verblieb bei meinen schwarzen Träumereien, -während Higbie ebenfalls fortwährend seinen eigenen Gedanken nachhing; -diese waren aber anderer Art. Er grübelte hin und her über das -Gestein, prüfte es mit einem Vergrößerungsglase, untersuchte es bei -verschiedenem Lichte und von verschiedenen Gesichtspunkten, um nach -jedem Versuche im Selbstgespräch stets dieselbe Meinung in der immer -gleichen Formel kundzugeben: - -»Das ist kein Gestein aus dem ›Weiten Westen‹!« - -Um seiner Sache sicher zu sein, war er entschlossen, einen Blick in den -Schacht zu thun, und sollte ihm dafür der Garaus gemacht werden. Mir in -meiner Niedergeschlagenheit war es einerlei, ob er einen Einblick bekam -oder nicht. Nach mehrmaligen vergeblichen, halsbrechenden Versuchen -kroch er schließlich auf Händen und Füßen bis an den Rand des Schachts, -ergriff, nachdem er schnell um sich geblickt, das Seil und glitt -daran in die Tiefe. Als er unten eben im Dunkel eines Seitenganges -verschwand, erschien oben am Schachtloch jemand mit dem Rufe: »Hallo!«, -er antwortete jedoch nicht und blieb nun ungestört. Nach einer -Stunde trat er in die Hütte, glühend heiß und beinahe platzend vor -unterdrückter Aufregung. - -»Ich wußte es ja! Wir sind reiche Leute! Es ist ein blinder Gang!« rief -er in theatralischem Flüsterton. - -Mir war, als wankte die Erde unter mir -- Zweifel -- Ueberzeugung -- -wiederum Zweifel -- Jubel -- Hoffnung, Staunen, Glaube, Unglaube, -alle denkbaren Empfindungen schossen mir in tollem Wirbel durch Herz -und Kopf, und ich war keines Wortes mächtig. Nachdem dieser geistige -Erregungszustand kurze Zeit gedauert hatte, rüttelte ich mich zurecht -und sagte: - -»Sagen Sie es noch einmal.« - -»Es ist ein blinder Gang.« - -»Donner und Doria. Es ist zum verrückt werden. Ich möchte gleich unser -Haus anzünden -- oder jemand totschlagen! Wir wollen hinausgehen, wo -Platz genug ist, um Hurra zu schreien! Aber, wozu? Es ist viel zu -schön, um wahr zu sein!« - -»Es ist ein blinder Gang -- wette um eine Million! Hängende Wand -- -Fußwand -- Thonumhüllung -- alles, was dazu gehört!« - -Er schwenkte seinen Hut und stieß ein dreimaliges Freudengeschrei aus; -ich schickte nun meinen Zweifel gleichfalls in alle Winde und stimmte -aus Leibeskräften mit ein; ich war ja Millionär und scherte mich um -keinen Teufel mehr. - -Unter einem ›blinden Gang‹ versteht man eine Gesteinsschicht oder -Ader, welche nicht zu Tage tritt, auf die man aber beim Treiben eines -Stollens oder beim Senken eines Schachts oft zufällig stößt. Higbie -kannte das Gestein des ›Weiten Westens‹ so genau, daß er bei jeder -Prüfung der neuen Ausgrabungen fester zu der Ueberzeugung gelangte, -daß dieses Erz nicht aus der Ader des ›Weiten Westens‹ stammen könne. -So war er allein auf den Gedanken gekommen, daß unten im Schacht ein -blinder Gang laufe und daß die Leute vom ›Weiten Westen‹ dies selbst -nicht ahnten. Er hatte recht. Unten im Schacht fand er, daß der blinde -Gang ohne Zusammenhang mit der Ader des ›Weiten Westens‹ diagonal durch -diese durchging und seine eigene Umhüllung von Gestein und Thon hatte. -Folglich war er öffentliches Eigentum. Da die beiden Erzschichten -vollständig von einander abgegrenzt waren, konnte jeder Bergmann leicht -unterscheiden, welche zum ›Weiten Westen‹ gehöre und welche nicht. Wir -hielten es für zweckmäßig, uns einen einflußreichen Freund zu sichern -und holten deshalb noch in jener Nacht den Faktor des ›Weiten Westens‹ -in unsere Hütte, um ihm die große Ueberraschung zu offenbaren. Higbie -sagte: - -»Wir werden von diesem blinden Gange Besitz nehmen; unser -Eigentumsrecht feststellen und eintragen lassen und dann der -Gesellschaft vom ›Weiten Westen‹ die weitere Ausbeutung von Erzen -in diesem Gange untersagen. Sie können Ihrer Gesellschaft in dieser -Angelegenheit nicht helfen, niemand kann ihr helfen. Ich werde mit -Ihnen in den Schacht anfahren und Ihnen in überzeugender Weise darthun, -daß es wirklich ein blinder Gang ist. Nun schlagen wir Ihnen vor: wir -nehmen Sie zum Teilhaber an und belegen den blinden Gang im Namen von -uns dreien. Was sagen Sie dazu?« - -Was sollte jemand sagen, dem eine Gelegenheit geboten wurde, bei -der er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich ein Vermögen zu -verschaffen, ohne das Geringste zu wagen und ohne jemand unrecht zu -thun oder seinen Namen mit dem geringsten Flecken zu verunehren? Er -konnte nur sagen: ›Einverstanden!‹ - -Noch dieselbe Nacht wurde unsere Bekanntmachung angeschlagen und -vor zehn Uhr in das Buch des Syndikus eingetragen. Wir belegten -jeder zweihundert Fuß, im ganzen sechshundert; das kleinste und doch -wertvollste Grubenfeld im ganzen Bezirk, dessen Ausbeutung überdies am -wenigsten Mühe machte. - -Es wird wohl niemand so unverständig sein, zu glauben, wir hätten in -jener Nacht geschlafen. Ich ging mit Higbie um Mitternacht zu Bett, -aber nur, um völlig wach da zu liegen, zu träumen und Pläne zu machen. -Die ungedielte baufällige Hütte wurde uns zum Palast, die zerrissenen, -grauen Wolldecken zu Seidenteppichen; in unserem Hausgerät sahen wir -Rosenholz- und Mahagonimöbel. Bei jedem neuen Prachtstück, das an -der Oberfläche meiner Zukunftsträume erschien, wälzte ich mich im -Bette umher oder schnellte auf, wie von einer elektrischen Batterie -getroffen. In abgerissenen Bruchstücken flog die Unterhaltung zwischen -uns hin und her. - -»Wann gehen Sie nach Hause -- nach den Staaten?[4]« fragte Higbie. - - [4] ›Staaten‹ -- die Staaten im Osten. - -»Morgen!« schrie ich, während ich mich ein paarmal umdrehte und dann -aufsetzte. »Na -- nein, aber spätestens nächsten Monat.« - -»Wir wollen mit demselben Dampfer gehen.« - -»Einverstanden.« - -Pause. - -»Mit dem Dampfer vom Zehnten?« - -»Ja -- nein vom Ersten.« - -»Ganz recht.« - -Wieder eine Pause. - -»Wo werden Sie sich später niederlassen?« - -»In San Francisco.« - -»Ganz mein Fall.« - -Abermals eine Pause. - -»Zu hoch, zu viel Kletterei!« sagte Higbie dann. - -»Was ist zu hoch?« - -»Ich dachte an den Russenhügel -- wollte mir dort ein Haus bauen.« - -»Zu viel Kletterei? werden Sie sich denn nicht Wagen und Pferde halten?« - -»Ach natürlich; daran dachte ich nicht.« - -Pause. - -»Was für ’ne Art Haus wollen Sie sich bauen?« - -»Dachte eben daran. Drei Stock hoch und ein Dachgeschoß.« - -»Aber welches Material?« - -»Ja nun, das weiß ich noch nicht genau; vermutlich Backstein.« - -»Backstein -- Schnack.« - -»Warum? Was meinen Sie denn?« - -»Vorderseite brauner Sandstein -- Fenster französisches Spiegelglas --- Billardzimmer hinter dem Speisesaal, Bildsäulen und Gemälde -- -Grasplatz, zwei Morgen groß, und Strauchwerk dabei -- Gewächshaus -- -ein eiserner Kandelaber am Fuß der Treppe -- Schimmel -- Landauer und -ein Kutscher mit einer Kokarde am Hut.« - -»Himmeldonnerwetter!« - -Lange Pause, dann fragte ich Higbie: - -»Wann gehen Sie nach Europa?« - -»Je nun, daran hatte ich noch nicht gedacht. Wann gehen Sie?« - -»Im Frühjahr.« - -»Wollen den ganzen Sommer fort bleiben?« - -»Den ganzen Sommer? Ich bleibe drei Jahre fort.« - -»Nein -- wirklich in allem Ernst?« - -»Ei freilich.« - -»Dann geh’ ich mit.« - -»Nun, natürlich gehen Sie mit.« - -»Nach welchem Teil Europas gehen Sie?« - -»Nach allen Teilen. Nach Frankreich, England, Deutschland, Spanien, -Italien, der Schweiz, Syrien, Griechenland, Palästina, Arabien, -Persien, Aegypten -- allenthalben -- überall hin.« - -»Ich thue mit.« - -»Recht so.« - -»Das muß aber einen Prachtausflug geben!« - -»Vierzig bis fünfzigtausend Dollars wollen wir dran rücken, damit es -einer wird.« - -Wieder große Pause. - -»Higbie, wir sind dem Fleischer sechs Dollars schuldig und er hat -gedroht, uns nichts mehr --« - -»Zum Henker mit dem Fleischer!« - -»Amen.« - -Und so ging es fort. Um drei Uhr fanden wir, daß es mit dem Schlafen -doch nichts sei; so standen wir auf, spielten Cribbage und schmauchten -unsere Pfeifen, bis es hell wurde. Ich hatte diese Woche das Kochen zu -besorgen. Das war mir stets zuwider gewesen -- jetzt war es mir ein -Greuel. - -[Illustration] - -Die Kunde von unserem Glück hatte sich über die ganze Stadt verbreitet. -War die Aufregung zuvor schon groß gewesen, so war sie jetzt noch -größer. Froh und glücklich wandelte ich durch die Straßen. Ich -hörte von Higbie, dem Faktor wären für sein Drittel an der Grube -zweimalhunderttausend Dollars geboten worden. Ich versetzte darauf, zu -solch einem Preis zu verkaufen, fiele mir auch nicht ein. Da hatte ich -schon eine andere, höhere Vorstellung von der Sache. Mein Preis war -eine Million. Und ich glaube erst noch allen Ernstes, hätte man mir -diesen Preis geboten, es würde nur die Wirkung gehabt haben, daß ich -meinen Anteil behalten hätte, um noch mehr dafür zu bekommen. - -Ich fand ein großes Vergnügen daran, reich zu sein. Man bot -mir ein Pferd für dreihundert Dollars an gegen ein einfaches -Zahlungsversprechen meinerseits ohne jede Bürgschaft. Dies gab mir ein -deutlicheres Gefühl als alles andere, daß ich wirklich und zweifellos -ein reicher Mann sei. Zahlreiche Beweise ähnlicher Art kamen nach, -unter denen ich die Thatsache hervorhebe, daß der Fleischer uns zweimal -so viel lieferte als wir bestellten, ohne ein Wort von der Bezahlung zu -reden. - -Nach den im Bezirke geltenden Vorschriften waren diejenigen, welche -eine Erzschicht belegten, oder in Anspruch nahmen, verpflichtet, auf -ihrem neuen Eigentum binnen zehn Tagen vom Datum der Belegung ab -ein ordentliches Stück Arbeit zu thun, andernfalls war das Eigentum -verfallen und jeder, der wollte, konnte hingehen und es für sich -nehmen. Wir beschlossen deshalb, am nächsten Tag ans Werk zu gehen. Im -Lauf des Nachmittags begegnete ich einem Bekannten Namens Gardiner, -der mir mitteilte, Kapitän John Nye liege auf seinem Gute gefährlich -krank und seine Frau sei allein nicht im stande, ihm die dringend -erforderliche Pflege und Aufmerksamkeit zu widmen. Ich erklärte ihm, -wenn er einen Augenblick warten wolle, so würde ich mitgehen, um bei -der Pflege des Kranken zu helfen. Ich lief nach der Hütte, um es Higbie -zu sagen. Dieser war nicht da, ich ließ deshalb auf dem Tisch einen -Zettel für ihn zurück und fuhr ein paar Minuten darauf in Gardiners -Wagen aus der Stadt. - - - - -Zwanzigstes Kapitel. - - -Kapitän Nye litt wirklich schwer an Rheumatismus. Der alte Herr, -der sonst die Güte und Liebenswürdigkeit selbst war, konnte in den -Anfällen seiner Krankheit recht unangenehm werden. Er gebärdete sich -zuweilen ganz rasend. Ich hatte aber selbst einmal gesehen, wie er -einen Kranken mit der größten Geduld und Hingebung pflegte und da nun -die Reihe an ihn gekommen war, sich pflegen zu lassen, so sollte es -mich auch nicht verdrießen. Mochte er weiter toben, wie er wollte, -mich störte das nicht im mindesten in meiner Seelenruhe, denn, ob nun -meine Hände müßig oder beschäftigt waren, mein Geist war Tag und Nacht -unablässig an der Arbeit. Ich änderte und besserte an den Plänen zu -meinem Hause und überlegte mir, ob ich das Billardzimmer nicht lieber -ins Dachgeschoß, anstatt neben den Speisesaal verlegen solle. Ferner -versuchte ich betreffs der Polstermöbel im Salon zu einer Entscheidung -zwischen Grün und Blau zu gelangen! Ich gab an sich der letzteren Farbe -den Vorzug, fürchtete jedoch, Staub und Sonnenlicht würden ihr zu viel -Schaden thun. Sodann war ich zwar entschlossen, den Kutscher in eine -bescheidene Livree zu stecken, dagegen noch unschlüssig betreffs des -Bedienten. Haben mußte ich einen solchen ganz entschieden; es wäre mir -aber lieber gewesen, wenn er ohne Livree hätte anständig erscheinen -und seine Obliegenheiten versehen können, weil mir vor so viel Prunk -einigermaßen bange war. Und doch fühlte ich, da mein Großvater auch -Dienerschaft -- aber ohne Livree -- gehabt hatte, eine gewisse Neigung, -ihn oder doch wenigstens seinen Geist auszustechen. Endlich brachte -ich auch die Europareise in ein gehöriges System; die Reisestrecken -und die für eine jede derselben bestimmte Zeit -- alles wurde erwogen -und geordnet; nur eins, nämlich, ob die Reise von Kairo nach Jerusalem -per Kamel durch die Wüste, oder lieber zu Wasser nach Beirut gehen -sollte, um von dort mit einer Karawane fortgesetzt zu werden, blieb -unentschieden. Inzwischen schrieb ich alle Tage an die Freunde in -der Heimat, setzte sie von meinen Plänen und Absichten in Kenntnis -und wies sie an, sich nach einer hübschen Wohnung für meine Mutter -umzusehen und sich über den Mietspreis zu einigen, bis ich käme. Ferner -beauftragte ich sie, meinen Anteil an dem Landsitz unserer Familie -in Tennessee zu verkaufen und den Ertrag dem Witwen- und Waisenfond -des Typographenvereins zu überweisen, dem ich seit lange als eifriges -Mitglied angehörte. - -Nachdem ich den Kapitän neun Tage lang gepflegt hatte, befand er sich -etwas besser, war aber noch sehr schwach. Während des Nachmittags hoben -wir ihn auf einen Stuhl und gaben ihm ein alkoholisches Dampfbad, dann -machten wir uns daran, ihn wieder zu Bett zu bringen. Dabei mußte -äußerst behutsam zu Werke gegangen werden, denn das leiseste Anstreifen -verursachte Schmerzen. Gardiner hielt ihn an den Schultern und ich an -den Beinen, als ich in einem unglücklichen Augenblicke stolperte, so -daß der Kranke schwer auf das Bett fiel und Höllenschmerzen empfand. Er -fluchte, wie ich nie in meinem Leben etwas gehört habe, und versuchte -in seinem Zorn einen Revolver vom Tische zu reißen, den ich schnell -wegnahm. Nun schrie er, ich solle das Haus verlassen und schwur hoch -und teuer, wenn er wieder auf den Beinen sei, wolle er mich umbringen, -sobald er meiner habhaft würde. Das war nur eine vorübergehende Wut, -die nichts zu bedeuten hatte. Ich wußte, daß er es in einer Stunde -vergessen, vielleicht sogar bedauern würde, aber im Augenblick -ärgerte es mich doch ein wenig, und ich beschloß daher nach Esmeralda -zurückzugehen. Da er auf dem Kriegspfade ist, dachte ich, wird er wohl -imstande sein, sich selbst zu helfen. So aß ich zu Abend und trat dann, -sobald der Mond aufging, meine neun Meilen lange Fußwanderung an. - -Als ich auf der Höhe ankam, welche die Stadt überragt, fehlten noch -fünfzehn Minuten zu zwölf Uhr. Ich warf einen Blick auf den Hügel -jenseits der Schlucht und sah im hellen Mondenschein, wie anscheinend -die halbe Bevölkerung des Städtchens sich um den Eingang zur Grube -des ›Weiten Westens‹ drängte. Jubelnd hüpfte mein Herz, und ich sagte -zu mir selbst: »Heute abend haben sie eine neue Schicht eröffnet -und ganz gewiß eine reichere als je.« Ich ging zuerst darauf zu, -kehrte mich aber wieder ab, indem ich mir sagte, die Grube würde ja -nicht davonlaufen und ich sei für heute nacht genug auf den Bergen -herumgeklettert. Ich ging weiter durch die Stadt, und als ich an einer -deutschen Bäckerei vorüberkam, stürzte eine Frau heraus und bat mich, -doch mit ihr hereinzukommen und ihr beizustehen, ihr Mann habe einen -Anfall von Wahnsinn. Ich ging hinein und fand, daß sie recht hatte; der -eine Anfall, den er hatte, konnte für hundert gelten. Zwei Deutsche -waren drinnen und versuchten ihn zu halten, richteten aber nicht viel -aus. Ich lief die Straße ein Stück hinauf und klopfte einen schlafenden -Doktor heraus, der halb angekleidet mitging. Alle vier rangen wir dann -mit dem Verrückten, gaben ihm Arznei, begossen ihn mit kaltem Wasser -und ließen ihn zur Ader, was mehr als eine Stunde dauerte. Die arme -deutsche Frau besorgte das Weinen dazu. Als der Kranke endlich ruhig -war, zogen der Doktor und ich uns zurück und überließen ihn seinen -Freunden. - -Es war kurz nach ein Uhr. Als ich müde, aber gut gelaunt durch die -Thüre unserer Hütte trat, erblickte ich beim trüben Licht einer -Talgkerze Higbie, der am Tische saß und wie blödsinnig auf den Zettel -von meiner Hand stierte, den er in seinen Fingern hielt. Er sah bleich, -alt und abgemagert aus. Als ich stehen blieb und ihn fragend ansah, -richtete er nur einen stumpfsinnigen Blick auf mich. Ich sagte: - -»Higbie, was -- was ist denn?« - -»Wir sind ruiniert -- wir haben die Arbeit nicht gethan -- _der blinde -Gang ist anderweitig belegt_!« - -Ich hatte genug gehört. Kummervoll und gebrochenen Herzens sank ich -auf einen Stuhl. Noch eine Minute zuvor war ich reich gewesen und von -Eitelkeit geschwellt, jetzt war ich ein demütiger Bettler. Noch eine -Stunde saßen wir da, beschäftigt mit Gedanken, mit eitlen und nutzlosen -Vorwürfen gegen uns selbst, mit der unaufhörlichen Frage, warum habe -ich nur dies und warum habe ich nur jenes nicht gethan? Aber keiner von -uns sprach ein Wort. Endlich begannen die gegenseitigen Mitteilungen, -und das Geheimnis klärte sich auf. Higbie hatte sich auf mich, ich mich -auf ihn, und wir beide hatten uns auf den Faktor verlassen. Welche -Thorheit! Zum erstenmal hatte der gesetzte und stramme Higbie eine -wichtige Angelegenheit dem Zufall überlassen und der auf ihn fallenden -Verantwortlichkeit nicht voll entsprochen. Ach, er hatte meinen Zettel -eben erst zu Gesicht bekommen und war wenige Augenblicke vor mir zum -erstenmal, seit wir uns getrennt, wieder in die Hütte getreten. Auch -er hatte an jenem verhängnisvollen Nachmittag einen Zettel für mich -zurückgelassen. Er war vor das Haus geritten, hatte durch das Fenster -geschaut, und da er in Eile war und mich nicht sah, den Zettel durch -eine zerbrochene Scheibe in die Hütte geworfen. Hier war derselbe die -neun Tage ungestört liegen geblieben, er lautete: - -»Versäumen Sie nicht, die Arbeit vor Ablauf der zehn Tage zu thun. W. -ist durchgekommen und hat mir einen Wink gegeben. Am Mono-See soll ich -ihn treffen, und von dort werden wir heute abend weiter gehen. Diesmal, -sagte er, werden wir sie sicher finden.« - -W. bedeutet natürlich Whiteman. Diese dreimal verfluchte Zementader! - -So ging es zu. Ein alter Geizhals wie Higbie konnte dem Zauber der -Aufregung über den geheimnisvollen Zementunsinn gerade so wenig -widerstehen, als er sich des Essens hätte enthalten können, wäre er am -Verhungern gewesen. - -[Illustration] - -Monatelang hatte Higbie von dem wunderbaren Zement geträumt und so war -er jetzt gegen seine bessere Einsicht fortgegangen und hatte es darauf -ankommen lassen, daß ich für die Sicherheit des Besitzes einer Grube -sorge, die eine Million unentdeckter Zementadern aufwog. Man hatte die -beiden diesmal nicht verfolgt. Neun Tage lang konnten sie ungestört -in den Bergschluchten suchen, ohne daß sie die Ader gefunden hätten. -Da überfiel ihn auf einmal eine entsetzliche Angst, es möchte irgend -etwas dazwischen gekommen sein, wodurch die zur Sicherheit unseres -Besitzrechts an dem blinden Gange erforderliche Arbeit verhindert -würde, und sofort machte er sich eiligst auf den Heimweg. Er hätte -Esmeralda zu rechter Zeit erreicht, wäre ihm nicht unterwegs sein -Pferd zusammengebrochen, so daß er einen großen Teil der Strecke zu -Fuß zurücklegen mußte. So geschah es, daß wir zu gleicher Zeit von -verschiedenen Enden her in die Stadt kamen. Er war indes energischer -als ich, denn er ging schnurstracks nach dem ›Weiten Westen‹, anstatt -gleich mir vom Wege abzuschweifen, und trotzdem traf er fünf oder -zehn Minuten zu spät dort ein. Die ›Bekanntmachung‹ war bereits -angeschlagen, die ›Wiederbelegung unanfechtbar vollzogen‹ und die Menge -zerstreute sich rasch. Noch bevor er den Platz verließ, erhielt er -einige weitere Mitteilungen. Der Faktor war seit der Nacht, wo wir die -Grube belegt hatten, nirgends in der Stadt zu sehen gewesen; wie es -hieß, war er in einer Sache, bei der sich’s um Leben und Tod handelte, -telegraphisch nach Kalifornien berufen worden. Jedenfalls hatte er -keine Arbeit gethan, und die wachsamen Augen der Gemeinde hatten hievon -Notiz genommen. Um Mitternacht jenes schmerzenreichen Tages wurde -daher unsere Erzader ›belegbar‹ und bereits um elf Uhr stand der Berg -schwarz von Leuten, die bereit waren, die Wiederbelegung vorzunehmen. -Das war die Menschenmenge, die ich gesehen, als ich mir -- Dummkopf, -der ich war! -- eingebildet hatte, man habe einen neuen reichen Gang -aufgeschlossen. Als Mitternacht verkündet wurde, schlugen vierzehn -Mann, gehörig bewaffnet und bereit, ihr Verfahren zu verteidigen, -ihre Bekanntmachung an und verkündeten ihr Besitzrecht an dem blinden -Gange unter dem neuen Grubennamen Johnson. Aber der Faktor, unser -Geschäftsteilhaber, erschien nun auf einmal mit gespanntem Revolver -und erklärte, wenn sein Name nicht mit in die Liste aufgenommen werde, -würde er die Gesellschaft Johnson ›ein wenig lichten‹. Er war ein -mannhafter, kräftiger, entschlossener Bursche, von dem man wußte, daß -er hielt, was er sagte, und so kam es zu einem Vergleich. Sie schrieben -ihm hundert Fuß gut, während sie sich selbst die üblichen zweihundert -vorbehielten. - -Zufolge der aufregenden Nachricht von einem neuen Erzfunde wandten -Higbie und ich am nächsten Morgen der Stadt den Rücken, froh, den -Schauplatz unserer Leiden verlassen zu können. Nach einem oder zwei -Monaten voll harter Arbeit und Enttäuschung kamen wir noch einmal nach -Esmeralda zurück. Da hörten wir, daß die Gesellschaft vom ›Weiten -Westen‹ und die Johnsonsche sich zusammengethan hatten, so daß das auf -diese Art vereinigte Vermögen fünftausend Fuß oder Kuxe betrug, und daß -der Faktor aus Furcht vor einem möglichen langwierigen Rechtsstreit und -im Hinblick auf die Schwierigkeiten eines so gewaltigen Besitzes seine -hundert Fuß für neunzigtausend Dollars in Gold verkauft und sich in den -Osten heimbegeben hatte, um des Geldes froh zu werden. Wenn die Aktien -jetzt, da die Gesellschaft fünftausend Anteile zählte, solchen Wert -hatten, so schwindelte es mir bei dem Gedanken, was sie wert gewesen -sein würden, als es nur unsere ursprünglichen sechshundert waren. Es -war derselbe Unterschied wie zwischen einem Haus, das sechshundert, und -einem solchen, das fünftausend Menschen gehört. Wir würden Millionäre -gewesen sein, hätten wir einen einzigen kurzen Tag mit Hacke und Spaten -auf unserem Eigentum gearbeitet und uns so den Besitztitel gesichert! -- - - * * * * * - -Vor einem Jahre erhielt ich von meinem geschätzten und in jeder Weise -schätzenswerten einstigen Mitmillionär Higbie aus einem obskuren -kleinen Bergmannslager in Kalifornien die Nachricht, er sei nach neun -oder zehn Jahren voll Schicksalsschlägen und mühseligen Ringens endlich -so weit, um über fünfundzwanzighundert Dollars verfügen zu können und -gedenke, nun einen bescheidenen Obsthandel anzufangen. Wie würde ihn -ein solcher Gedanke beleidigt haben zur Zeit, da wir in unserer Hütte -Pläne zu Europareisen und zu Häusern von braunem Sandstein auf dem -Russenhügel schmiedeten! - - - - -Einundzwanzigstes Kapitel. - - -Was nun thun? - -Das war eine wichtige Frage. Ich war mit dreizehn Jahren in die Welt -hinausgegangen, um für mich selbst zu sorgen; denn mein Vater hatte -für Freunde gutgesagt und hatte uns zwar ein reichliches Erbe an Stolz -auf seine Abstammung von einer feinen virginischen Familie und auf -deren Verdienste um die Nation hinterlassen, doch fand ich bald, daß -ich davon nicht leben könne, sondern dazu gelegentlich ein Stück Brot -als Beilage haben müsse. In verschiedenen Berufsarten hatte ich meinen -Lebensunterhalt verdient, bis jetzt aber durch meine Leistungen noch -bei niemand Staunen erregt. Mir stand eine große Auswahl zur Verfügung, -falls ich Arbeit suchte -- allein, nachdem ich so reich gewesen war, -hatte ich keine Lust dazu. Ich war einmal einen Tag lang Ladenjüngling -bei einem Krämer gewesen, hatte aber dabei eine solche Masse Zucker -verzehrt, daß der Besitzer mich aller weiteren Dienstleistungen entband -und sagte, es wäre ihm lieber, wenn ich bloß als Kunde in seinen -Laden käme. Eine Woche lang hatte ich Rechtsgelehrsamkeit studiert, -sie aber dann aufgegeben, weil sie zu prosaisch und ledern war. Dann -warf ich mich eine kurze Zeit auf das Studium der Grobschmiedekunst, -vertrödelte aber mit dem Versuche, die Blasebälge so einzurichten, -daß sie von selbst bliesen, so viel Zeit, daß der Meister mich in -Ungnaden fortjagte und behauptete, aus mir würde im Leben nichts. -Ich trat eine Weile als Gehilfe bei einem Buchhändler ein, aber die -Kunden quälten mich dergestalt, daß ich nicht mit Behaglichkeit lesen -konnte, und so gab mir der Prinzipal Urlaub, vergaß aber dabei zu -sagen, wann derselbe abgelaufen sein sollte. Dann war ich im Sommer -eine Zeitlang Gehilfe bei einem Apotheker, aber ich hatte Unglück mit -meinen Rezepten, so daß wir mehr Magenpumpen als sonst was absetzten -und ich auch dort fort mußte. In dem Gefühl, daß in mir ein zweiter -Franklin stecke, hatte ich die Schriftsetzerei leidlich erlernt. Aber -bei der ›Union‹ in Esmeralda war keine Stelle offen, und überdies -hatte ich immer so langsam gesetzt, daß ich die Lehrlinge nach zwei -Jahren um ihre Leistungen beneidete; wenn ich ein Stück Satz übernahm, -so pflegte der oberste Setzer anzudeuten, man werde es im Lauf des -Jahres wohl einmal brauchen. Als Lotse zwischen St. Louis und New -Orleans machte ich meine Sache ganz ordentlich und brauchte mich meiner -Leistungen in diesem Berufszweig keineswegs zu schämen; der Lohn betrug -zweihundertfünfzig Dollars monatlich bei freier Kost und Wohnung, und -ich sehnte mich wirklich danach, wieder hinter dem Steuerrad zu stehen, -statt ewig herumzuschweifen. Aber ich hatte mich in der letzten Zeit -durch prahlerische Briefe, die ich über meinen blinden Gang und meine -Europareise nach Hause gerichtet, so lächerlich gemacht, daß es mir -ging, wie schon gar manchem armen enttäuschten Bergmann, der sich -selber sagt: »Mit mir ist es jetzt aus und vorbei, und es fällt mir -nicht ein, je wieder heimzukehren, um bemitleidet und über die Achsel -angesehen zu werden.« Ich war Privatsekretär, Silbergräber und Arbeiter -in einem Pochwerke gewesen, hatte es in allen diesen Fächern zu weniger -als nichts gebracht und jetzt -- - -Was sollte nun zunächst geschehen? - -Auf Higbies Bitten willigte ich ein, es nochmals mit dem Bergbau -zu versuchen. Wir kletterten hoch am Bergeshang hinauf und machten -uns an die Arbeit auf einer uns gehörigen kleinen, nichtsnutzigen -Parzelle, auf der sich ein Schacht von acht Fuß Tiefe befand. Higbie -stieg hinab und arbeitete tapfer mit seiner Spitzhacke, bis er eine -Menge Gestein und Erde losgehauen hatte, und dann ging ich hinunter, -um es mit einer langstieligen Schaufel, der widerwärtigsten aller -menschlichen Erfindungen, herauszuwerfen. Man muß die Schaufel vorwärts -schieben und mit dem Knie nachhelfen, bis sie voll ist, und sie dann -mit kühnem Schwung über seine linke Schulter entleeren. Ich machte den -Schwung und setzte das Geröll genau am Rande des Schachtes ab, von -wo es mir samt und sonders wieder auf Kopf und Nacken herabkam. Ohne -ein Wort zu sagen, stieg ich heraus, ging nach Hause und beschloß in -meinem Innern, lieber zu verhungern, als dieses Scheibenschießen mit -Schutt auf meine werte Person vermittelst einer langstieligen Schaufel -noch länger zu betreiben. Ich setzte mich in die Hütte und überließ -mich dort sozusagen einem gediegenen moralischen Katzenjammer. Nun -hatte ich in angenehmeren Tagen zu meinem Vergnügen dann und wann der -Hauptzeitung des Territoriums, der ›Daily Territorial Enterprise‹ in -Virginia Berichte eingeschickt und war stets überrascht gewesen, wenn -sie im Druck erschienen. Die Redakteure waren dabei in meiner Meinung -nicht eben gestiegen, denn es wollte mich bedünken, als hätten sie -etwas Besseres finden können, um ihre Spalten zu füllen, als meine -litterarischen Leistungen. Auf dem Heimweg fand ich im Postbureau einen -Brief, den ich zu Hause öffnete. »Heureka!« rief ich aus -- ich wußte -allerdings nicht, was das heißt, fand aber den Klang des Wortes meiner -Stimmung ganz angemessen -- es war ein ernstliches Anerbieten von -fünfundzwanzig Dollars wöchentlich, falls ich nach Virginia kommen und -Lokalredakteur des ›Enterprise‹ werden wollte. - -In den Tagen des ›blinden Ganges‹ würde ich den Herausgeber gefordert -haben, jetzt hätte ich vor ihm niederfallen und ihn anbeten mögen. -Fünfundzwanzig Dollars die Woche -- das war ein Kapital -- ein -Vermögen! Zwar kühlte sich meine Verzückung etwas ab, wenn ich an -meine Unerfahrenheit und meinen Mangel an jeder Befähigung für diese -Stellung dachte, und mir die Reihe der verfehlten Versuche, etwas -aus mir zu machen, vor Augen stellte. Allein wenn ich das Anerbieten -ausschlug, so würde ich binnen kurzem nicht mehr mein täglich Brot -haben und meinem Nächsten zur Last fallen; einem Menschen aber, der -seit seinem dreizehnten Jahre nie eine solche Erniedrigung erlebt -hatte, mußte dies notwendig zuwider sein. So wurde ich wohl oder übel -Lokalredakteur. Not bricht Eisen. Ich bin fest überzeugt, hätte man -mir damals das Anerbieten gemacht, gegen Gehalt den Talmud aus dem -hebräischen Original zu übertragen, ich würde es ruhig angenommen und -versucht haben, mich für mein Geld möglichst anständig aus der Affaire -zu ziehen. - -Ich ging hinauf nach Virginia, um meine neue Stellung anzutreten. -Für einen Lokalredakteur sah ich recht ruppig aus, das gestehe ich -offen; ohne Rock, mit Schlapphut und blauem Wollhemd, die Hosen in den -Stiefeln, mit einem Bart, der mir über die halbe Brust herunterhing, -und dem üblichen Matrosen-Revolver am Gürtel. Doch verschaffte ich -mir einen christlicheren Anzug und gab meinem Revolver den Abschied. -Ich hatte niemals Gelegenheit gehabt, jemand tot zu schießen, -verspürte auch kein solches mörderisches Gelüste; nur aus Rücksicht -auf die allgemeine Anschauung hatte ich das Ding getragen, um nicht -unangenehm aufzufallen und zu Bemerkungen Anlaß zu geben. Zu meiner -Ueberraschung bemerkte ich jedoch, daß die andern Redakteure, sowie -sämtliche Setzer und Drucker Revolver trugen. Ich bat den Chefredakteur -und Eigentümer des Blattes, Herrn Goodman, um einige Anweisungen -betreffs meiner Pflichten, worauf er mir sagte, ich solle nur durch die -ganze Stadt gehen und allerhand Leute über alles mögliche ausfragen, -mir die erhaltene Auskunft notieren und sie dann ausführlicher zur -Veröffentlichung niederschreiben. Er fügte noch bei: - -»Sagen Sie niemals: ›wir erfahren‹, oder: ›es heißt‹, oder: ›es geht -das Gerücht‹, oder: ›wie verlautet‹, sondern rücken Sie vor die rechte -Schmiede, verschaffen Sie sich die absoluten Thatsachen und dann reden -Sie von der Leber weg und sagen Sie: so und so _ist_ es. Sonst trauen -die Leute Ihren Nachrichten nicht. Unumstößliche Gewißheit ist es, was -einer Zeitung den festesten und wertvollsten Ruf verschafft.« - -Damit hatte ich das Wesen der Sache in ~nuce~, und bis auf den heutigen -Tag beschleicht mich, so oft ich sehe, daß ein Berichterstatter -seinen Artikel mit ›wie verlautet‹ anfängt, der Verdacht, er habe -auf seine Erkundigung nicht Mühe genug verwandt. Freilich, solange -ich Lokalredakteur war, habe ich nicht immer nach jener Vorschrift -gehandelt, sondern manchmal, wenn Mißwachs an Nachrichten herrschte, -der Phantasie die Oberherrschaft über die Thatsachen gelassen. Nie -werde ich die Erfahrungen vergessen, die ich an meinem ersten Tage als -Berichterstatter machte. Ich wanderte durch die ganze Stadt, fragte -alle Welt, bohrte jedermann an, und kein Mensch wußte etwas. Nach -fünf Stunden war mein Notizbuch noch immer leer. Ich sprach mit Herrn -Goodman darüber. Dieser meinte: - -»Ihr Vorgänger Dan pflegte in der sauern Gurkenzeit, wenn’s sonst -nichts gab, aus den Heuwagen Kapital zu schlagen. Sind keine Heuwagen -vom Felde hereingekommen? Sind welche da, so könnten Sie von -wiederaufgenommener Thätigkeit im Heugeschäft sprechen. Das ist zwar -nicht besonders aufregend, aber es hilft doch das Blatt füllen und -sieht geschäftsmäßig aus.« - -Ich durchstreifte die Stadt nochmals und stöberte einen einzigen -elenden alten Heuwagen auf, der sich langsam vom Felde hereinbewegte. -Aber ich wußte ihn zu fruktifizieren; ich multiplizierte ihn mit -sechzehn, ließ ihn aus sechzehn verschiedenen Richtungen her in die -Stadt fahren, machte sechzehn besondere Artikelchen über ihn und schlug -einen Lärm über das Heu, wie er in Virginia City noch nie erlebt -worden war. - -Das war ermutigend. Ich hatte zwei Spalten Nonpareille zu füllen, und -kam damit ganz nett vorwärts. Gerade als der Stoff wieder zur Neige -ging, brachte ein Raufbold in einer Schnapsbude einen Mann um, und -abermals kehrte Freude bei mir ein. Niemals in meinem Leben war ich -wegen einer Bagatelle wie diese so vergnügt gewesen. Ich sagte zu dem -Mörder: - -»Mein Herr, Sie sind mir ein Fremder, aber Sie haben mir heute einen -Gefallen gethan, den ich Ihnen nie vergessen werde. Wenn ganze Jahre -von Dankbarkeit Ihnen einen Ersatz bieten können -- sie soll Ihnen -zu teil werden. Ich war in Not, und Sie haben mir zu rechter Zeit -edelmütig heraus geholfen, als alles dunkel und öde aussah. Zählen Sie -mich fortan zu Ihren Freunden; denn ich bin nicht der Mann, der eine -Gefälligkeit vergißt.« - -Wenn ich das alles nicht wirklich zu ihm sagte, so empfand ich doch -wenigstens das Verlangen danach. Ich berichtete über die Mordthat mit -einem wahren Heißhunger auf interessante Einzelheiten, und als ich zu -Ende war, bedauerte ich nur, daß man nicht meinen Wohlthäter auf der -Stelle gehenkt hatte; ich würde ihn gern auch noch verarbeitet haben. - -Sodann entdeckte ich ein paar Wagen mit Auswanderern, die sich eben -anschickten, auf der Plaza ein Lager zu bilden, und von denen ich -erfuhr, daß sie vor kurzem durch feindliches Indianergebiet gekommen -und dabei ziemlich übel gefahren waren. Ich machte aus dieser -Nachricht alles, was die Umstände erlaubten; wäre ich nicht durch die -Anwesenheit der Berichterstatter anderer Blätter in strengen Grenzen -gehalten gewesen, so würde ich zweifelsohne den Artikel durch einige -Zuthaten noch viel interessanter gemacht haben. Einen Wagen fand ich -jedoch, der nach Kalifornien weiter ging und zog bei dessen Besitzer -geschickte Erkundigungen ein. Als ich aus seinen kurzen, mürrischen -Antworten auf meine Kreuz- und Querfragen ersehen hatte, daß er ganz -bestimmt abfahren und am nächsten Tage nicht mehr in der Stadt sein -würde, folglich keinen Lärm schlagen konnte, lief ich den anderen -Zeitungen den Rang ab, indem ich mir sein Personenverzeichnis abschrieb -und seine ganze Gesellschaft unter den Toten und Verwundeten aufführte. -Da ich mich in diesem Falle nicht zu beschränken brauchte, ließ ich den -Wagen einen Kampf mit den Indianern bestehen, der bis auf den heutigen -Tag in der Geschichte nicht seinesgleichen hat. - -[Illustration] - -Meine beiden Spalten waren damit gefüllt. Als ich sie am Morgen -durchlas, fühlte ich, daß ich endlich meinen wahren Beruf gefunden -hatte. Neuigkeiten, und zwar aufregende Neuigkeiten waren es, was die -Zeitung brauchte, und ich fühlte in mir in ganz besonderem Grade die -Fähigkeit, solche zu liefern. Herr Goodman meinte, ich stehe als -Berichterstatter nicht hinter Dan zurück. Ein höheres Lob wünschte ich -mir nicht. Auf diese Ermutigung hin fühlte ich mich stark genug, im -Notfall den Interessen des Blattes zuliebe sämtliche Auswanderer auf -der Ebene eines grausamen Todes durch meine Feder sterben zu lassen. - - - - -Zweiundzwanzigstes Kapitel. - - -Sechs Monate, nachdem ich unter die Journalisten gegangen war, begann -die große Zeit des Silberlandes, wo es ›flott herging‹, und diese -dauerte in unvermindertem Glanze drei Jahre lang. Alle Schwierigkeit, -die Spalten mit Lokalnachrichten zu füllen, war nun vorüber; man -hatte nur seine liebe Not, wie man die Unmasse von Begebenheiten und -Vorkommnissen, die jeden Tag in unser litterarisches Netz gingen, -unterbringen sollte trotz der Vergrößerung des Formats. Virginia -hatte sich zur lebhaftesten Stadt entwickelt, die es in Amerika je -gegeben, wenn man ihr Alter und ihre Einwohnerzahl in Betracht zieht. -Die Gehwege wimmelten von Menschen -- und zwar dermaßen, daß es meist -keine leichte Aufgabe war, durch die Menschenflut hindurchzukommen. -Die Fahrstraßen waren nicht minder gedrängt voll von Quarzwagen, -Frachtwagen und sonstigen Fuhrwerken in endlosem Zuge. Das Gedränge -war derartig, daß kleine Gefährte oft eine halbe Stunde lang warten -mußten, bis es ihnen gelang, über die Hauptstraße hinüberzukommen. -Vergnügt strahlten alle Gesichter; eine fast wilde Anspannung sprach -aus jedem Auge und erzählte von den Plänen zum Geldmachen, die in -jedem Gehirn kochten, und von den hochgeschwellten Hoffnungen, die -aller Herzen erfüllten. Geld gab es wie Sand am Meer. Jeder einzelne -hielt sich für reich, und eine trübselige Miene war nirgends zu sehen. -Es gab Milizkompagnien, Spritzenkompagnien, Musikchöre, Banken, -Hotels, Theater, liederliche Tanzböden, ›Hurdy-Gurdy-Häuser‹ genannt, -weit offenstehende Spielhöllen, politische Klubs, Bürgeraufzüge, -Straßenkämpfe, Mordthaten, Leichenbeschauungen, Tumulte, alle -fünfzehn Schritt eine Schnapsbrennerei, einen Gemeinderat mit einem -Bürgermeister, einen Stadtvermesser, einen Stadtingenieur, einen -Direktor des Feuerlöschwesens mit einem ersten, zweiten und dritten -Assistenten, einen Polizeidirektor, einen Stadtmarschall und eine -starke Polizistenschar, zwei Kollegien von Kuxmaklern, ein Dutzend -Brauereien und ein halbes Dutzend Gefängnisse und Polizeistationen -in voller Arbeit; auch sprach man davon, eine Kirche zu bauen. Der -Aufschwung war großartig in jeglicher Beziehung. Mächtige feuerfeste -Backsteinhäuser stiegen in den Hauptstraßen empor, und die hölzernen -Vorstädte breiteten sich nach allen Richtungen aus. Für Bauplätze in -der Stadt erzielte man ganz erstaunliche Preise. - -Die große Combstock-Erzader, reich an Edelmetall, erstreckte sich von -Norden nach Süden durch die ganze Länge der Stadt, und ihre sämtlichen -Gruben standen im fleißigsten Betriebe. Eine einzige dieser letzteren -beschäftigte sechshundertfünfundsiebzig Mann, und bei Wahlen hieß es -stets: »wie die Gould & Curry-Grube stimmt, so stimmt die ganze Stadt.« -Der Taglohn der Arbeiter betrug vier bis sechs Dollars; sie arbeiteten -in drei Schichten oder Abteilungen, und das Sprengen, Hacken und -Schaufeln ging Tag und Nacht ohne Unterbrechung fort. - -Die Stadt Virginia thronte königlich auf halber Höhe des steil -ansteigenden Mount Davidson 7200 Fuß über dem Meeresspiegel und war in -der klaren Atmosphäre Nevadas bis auf fünfzig Meilen sichtbar. Ihre -Bevölkerung betrug 15,000 bis 18,000 Seelen, und den ganzen Tag über -schwärmte die Hälfte dieser kleinen Armee gleich Bienen durch die -Straßen, die andere Hälfte dagegen schwärmte hundert und aber hundert -Fuß tief unter eben diesen Straßen in den Schachten und Stollen der -Combstock-Erzschicht. Oft fühlten wir unsere Stühle beben, während der -schwache Knall einer Sprengung aus den Eingeweiden der Erde unter der -Redaktion heraufklang. - -Der Bergabhang war so steil, daß die ganze Stadt schräg wie ein -Dach daran hinaufging. Die Straßen bildeten sämtlich Terrassen, von -denen eine immer vierzig bis fünfzig Fuß über der anderen lag. Es -war ein mühseliges Klettern selbst in dieser dünnen Atmosphäre, wenn -man von der D straße nach der A straße hinaufsteigen mußte, und man -kam keuchend und außer Atem oben an. Dagegen brauchte man sich nur -umzudrehen, um wie ein Pfeil wieder hinab zu fliegen. Die Luft war -in dieser Höhe so dünn, daß einem das Blut stets durch die Haut zu -dringen schien, und eine Stecknadelschramme ernstliche Sorgen machen -konnte, weil leicht ein gefährlicher Rotlauf daraus entstand. Aber zur -Entschädigung dafür waren Schußwunden wunderbar schnell geheilt, und -so hatte man wenig Aussicht, sich durch einen Schuß, der dem Gegner -nur durch beide Lungen ging, dauernde Genugthuung zu verschaffen; man -konnte beinahe sicher annehmen, daß er vor Ablauf des Monats wieder -auf dem Damm war und sich nach einem umsah und zwar nicht mit einem -Opernglase. - -Von Virginias hoher Lage aus überschaute man ein mächtiges, -weitumfassendes Panorama von Bergzügen und Wüsten, und ob nun der -Tag hell und bewölkt war, ob die Sonne auf- oder unterging oder am -Zenith flammte, ob es Nacht war und der Mond am Himmel leuchtete, -immer hatte man einen schönen, unvergeßlichen Anblick. Ueber uns ragte -der Mount Davidson mit seiner grauen Kuppel empor, während vor und -unter uns eine wildzerrissene Schlucht sich öffnete und ein düsteres -Thor bildete, durch welches der Blick auf die mattgefärbte, von dem -Silberfaden eines Flusses durchzogene Wüste fiel. Die Ufer des Flusses -waren mit Bäumen eingefaßt, die sich in der meilenweiten Entfernung nur -wie eine zarte Franse ausnahmen. In noch weiterer Ferne erhoben die -beschneiten Berge ihre langgezogene Schranke bis zum nebeligen Horizont -hin -- jenseits eines Landsees, der in der Wüste wie eine vom Himmel -gefallene Sonne flammte, obwohl auch er fünfzig Meilen entfernt lag. -Man mochte aus seinem Fenster blicken, wohin man wollte, stets bot sich -ein bezauberndes Bild. Selten, sehr selten kam es vor, daß Wolken am -Himmel standen, dann aber vergoldete, rötete und verklärte die sinkende -Sonne dieses weitausgedehnte Landschaftsbild mit einer geradezu -verwirrenden Farbenpracht, welche das Auge wie mit Zaubergewalt -fesselte und die Seele wie Musik ergriff. - - - - -Dreiundzwanzigstes Kapitel. - - -Mein Gehalt wurde auf vierzig Dollars die Woche erhöht, aber ich ließ -ihn mir selten auszahlen. Ich hatte eine Menge anderer Hilfsquellen; -und was bedeuteten zwei Zwanzig-Dollarstücke für einen Mann, der die -Tasche voll von solchen Dingern und zugleich blanke Halbdollarstücke -in Ueberfülle hatte? Das Berichterstatten war einträglich, und in der -ganzen Stadt war jedermann freigebig mit seinem Geld und seinem ›Fuß‹. -Die Stadt und der ganze große Bergabhang war von Schachten durchlöchert -wie ein Sieb. Es gab mehr Bergwerke als Bergleute. Allerdings lieferten -kaum zehn von diesen Bergwerken Erze, die es verlohnt hätte, nach -einem Pochwerk zu schaffen, aber jedermann sagte: »Wartet nur, bis -der Schacht so weit hinunter kommt, daß die Ader gediegen wird, dann -werdet ihr schon sehen!« So war kein Mensch mutlos. Die Gruben waren -fast sämtlich taub und ohne allen Gehalt, aber das glaubte damals kein -Mensch. Jedermann war fest überzeugt, daß seine kleine taube Parzelle -ebensogut an der ›Hauptader‹ sei, wie die ergiebigsten Combstockgruben, -und unfehlbar tausend Dollars wert sein werde, sobald der Schacht aufs -›Gediegene komme‹. Die armen Kerls! Sie sollten diesen Tag nie erleben, -und es war nur gut, daß sie blind dagegen waren. - -So bohrten sich die tausend tauben Schachte Tag für Tag immer tiefer -in die Erde, und jedermann war außer sich vor Hoffnung und Glück. Wie -sie arbeiteten, prophezeiten, jubelten! Wahrlich, seit die Welt stand, -hatte man etwas Aehnliches nicht erlebt. Von diesen Bergwerken -- oder -vielmehr diesen Löchern über eingebildeten Bergwerken -- war ein jedes -gesetzlich eingetragen und hatte hübsch mit Illustrationen verzierte -Kuxe, und diese Kuxe waren verkäuflich. Mit fieberhafter Gier wurden -dieselben Tag für Tag in den Maklerbanken verkauft und gekauft. Man -konnte oben am Berge ein bißchen herumscharren, bis man einen Erzgang -fand (es war kein Mangel daran), dann eine ›Bekanntmachung‹ mit einem -prahlerischen Namen aufstecken, sich ›Anteilscheine‹ drucken lassen und -ohne den mindesten greifbaren Beweis dafür, daß die betreffende Grube -auch nur einen Pfifferling wert sei, das Papier auf den Markt bringen, -wo es für Hunderte, ja Tausende von Dollars verkauft wurde. Geld zu -machen, und zwar im Fluge, kostete nicht mehr Mühe, als ein Mittagsmahl -zu verzehren. Jedermann besaß ›Fuß‹ in fünfzig verschiedenen tauben -Gruben und betrachtete sich als reich. Man denke sich eine Stadt, in -der es nicht einen einzigen armen Mann giebt. Man sollte meinen, als -Monat auf Monat verging und immer noch keine einzige ›Wildkatzengrube‹ -(so wurden alle nicht auf der Mutterader, d. h. der Combstock-Schicht, -belegten Parzellen genannt) eine Tonne Erz geliefert hatte, die das -Zerstampfen lohnte, die Leute hätten sich nachgerade gefragt, ob sie -nicht am Ende doch zu fest an ihre vermeintlichen Reichtümer glaubten, --- aber kein Gedanke daran. Sie wühlten die Erde weiter auf, kauften -und verkauften und waren glücklich dabei. - -Täglich wurden neue Stellen belegt und es herrschte dabei die -freundliche Gepflogenheit, schnurstracks nach den Zeitungsredaktionen -zu laufen, dem Berichterstatter vierzig oder fünfzig Fuß zu schenken, -und ihn damit zur Besichtigung der Grube und zu einer Notiz über -dieselbe zu gewinnen. Was man darüber sagte, war ihnen ganz eins, wenn -man nur etwas sagte. So sagten wir gewöhnlich mit ein paar Worten, die -›Anzeichen‹ seien gut, aber die Gesteinschicht sei sechs Fuß breit, -oder der Fels sähe dem Combstock ähnlich, was auch der Fall war, nur -war die Aehnlichkeit nicht so groß, daß man vor Verwunderung darüber -auf den Rücken fiel. Versprach das Gestein einigermaßen etwas, so -folgten wir der Landessitte, brauchten starke Eigenschaftswörter und -priesen dieses Wunder auf dem Gebiete der Silberentdeckung dermaßen, -daß uns der Schaum vor den Mund trat. War die Grube schon abgeteuft -und bearbeitet, ohne brauchbares Erz aufzuweisen (natürlich war -überhaupt kein solches darinnen), so lobten wir den Stollen, über -den wir in den höchsten Tönen faselten, ohne aber ein Wort über das -Gestein selbst zu verlieren. Oder wir verschwendeten auch eine halbe -Spalte voll Lobeserhebungen auf einen Schacht oder ein neues Drahtseil -u. dgl., oder auch auf ›das vornehme und thatkräftige Auftreten des -Herrn Obersteigers der Grube‹, wiederum ohne über das Gestein die -leiseste Silbe zu verlieren; und doch waren jene Leute stets froh, -stets befriedigt. Gelegentlich flickten oder lackierten wir unsern -Ruf verständiger Prüfung und ernster, höchst genauer Beschreibung -dadurch, daß wir für irgend eine alte aufgegebene Parzelle in die -Trompete stießen, daß ihr die dürren Knochen hätten rasseln sollen, -und dann pflegte irgend jemand dieselbe zu nehmen und sie auf die ihr -so verschaffte vergängliche Berühmtheit hin zu verkaufen. Nichts, was -die Gestalt einer Bergwerkparzelle trug, war unverkäuflich. Wir bekamen -Tag für Tag Geschenke von ›Fuß‹. Brauchten wir hundert Dollars oder so -etwas, so verkauften wir ein paar davon; wo nicht, so speicherten wir -sie auf, überzeugt, daß sie einst tausend Dollars der Fuß wert werden -mußten. Ich hatte meinen Koffer beinahe halb voll von Kuxen. Wenn eine -Parzelle Aufsehen auf dem Markte erregte und hoch hinaufging, suchte -ich mein Paket durch und sah nach, ob ich von den betreffenden Kuxen -etwas hatte; gewöhnlich fand ich auch, was ich suchte. - -Ich hatte aber nicht bloß als Gegenleistung für Zeitungsnotizen meine -Kuxe geschenkt erhalten. Jedermann trug alle Taschen voll davon, und -es war damals geradezu Landessitte, ungebeten kleine Quantitäten an -seine Freunde zu verschenken, wie man diesen sonst Obst oder Zigarren -anbietet. Höchstens ein ›Danke schön‹ erwartete man dafür, und selbst -dazu war man nicht gesetzlich verpflichtet. Flotte Zeiten in der That! -Ich dachte, sie würden ewig dauern, aber ich hatte niemals viel von -einem Propheten an mir. - -Um zu zeigen, welch ein toller Geist in den Köpfen dieser -Bergmannsgemeinde spukte, will ich bemerken, daß Parzellen sogar -bei Kellerausgrabungen belegt wurden, wenn die Spitzhacke etwas -bloßlegte, was einer Quarzader gleich sah. Und das waren nicht etwa -Keller in den Vorstädten, sondern mitten im Herzen der Stadt; sofort -wurden dann Anteilscheine ausgegeben und auf den Markt geworfen. Man -kümmerte sich wenig darum, wem der Keller gehörte, die Ader gehörte -dem Finder, und wenn sich nicht die Regierung der Vereinigten Staaten -hineinmischte, die damals das Vorrecht auf Edelmetallgruben in Nevada -besaß, so nahm man an, daß er wirklich das ausschließliche Recht habe, -dieselbe auszubeuten. Nun stelle man sich vor, wie ein Fremder mitten -unter den kostbaren Gewächsen unseres Vorgartens eine Stange mit der -›Bekanntmachung‹ aufpflanzt, daß er hier ein Stück Land zu einer Grube -belegt habe, und in größter Seelenruhe sich anschickt, den Boden mit -Hacke, Schaufel und Sprengpulver wüste zu legen! Das ist aber in -Kalifornien häufig vorgekommen. Mitten in einer Hauptgeschäftsstraße -Virginias belegte jemand eine Parzelle zu einer Grube und teufte einen -Schacht darauf ab. Er gab mir hundert Fuß von derselben, die ich jedoch -gegen einen feinen Anzug vertauschte, weil ich befürchtete, es könnte -jemand in den Schacht fallen und uns auf Entschädigung verklagen. An -einer anderen gleichfalls mitten in einer Straße belegten Parzelle war -ich Miteigentümer; und um zu zeigen, wie einfältig die Menschen sein -können, erwähne ich, daß die Kuxe der ›East India‹, wie die Grube hieß, -sich ganz flott verkauften, obwohl ein alter Stollen unter der Parzelle -hinlief, in dem sich jedermann ungehindert mit eigenen Augen überzeugen -konnte, daß er keine Quarzschicht oder irgend etwas einer solchen nur -von weitem Aehnliches berührte. - -Eine Methode, plötzlich zu Reichtum zu gelangen, bestand darin, -eine Wildkatzengrube zu ›salzen‹ und dann zu verkaufen, solange die -Aufregung dauerte. Das Verfahren war einfach. Der Betreffende belegte -eine wertlose Schicht, teufte einen Schacht darauf ab, kaufte eine -Wagenladung von reichem Combstock-Erz, ließ einen Teil davon in den -Schacht werfen und das Uebrige daneben an der Oberfläche aufschütten. -Dann zeigte er sein Besitztum einem Einfaltspinsel, der es ihm um hohen -Preis abkaufte. Natürlich war jene Wagenladung reiches Erz alles, was -das Opfer bei seinem Kaufe herausschlug. - -Ein höchst merkwürdiger Fall von ›Salzung‹ war der, welcher bei -der Grube ›Nord-Ophir‹ vorkam. Man behauptete, diese Ader sei eine -entfernte Fortsetzung des eigentlichen ›Ophir‹, einer wertvollen Grube -auf dem Combstock. Mehrere Tage sprach alle Welt von der reichen -Ausbeute im ›Nord-Ophir‹. Es hieß, die Grube gebe vollständig reines -Silber in gediegenen Klümpchen. Ich ging mit dem Besitzer an die Stelle -und fand einen sechs bis acht Fuß tiefen Schacht und unten an dessen -Sohle eine schlecht gesprengte Ader von dunklem, gelblichem, nichts -versprechendem Gestein. Ebenso gut hätte man in einem Schleifstein -Silber vermuten können. Wir holten eine Pfanne von dem Quark herauf -und wuschen ihn in einer Pfütze aus und, wahrhaftig, in dem Bodensatz -fanden wir ein halbes Dutzend runder Kügelchen von unzweifelhaftem, -gediegenem Silber. Etwas derartiges hatte noch kein Mensch gehört; für -die Wissenschaft war diese seltsame Neuigkeit ein völliges Rätsel. Die -Anteilscheine stiegen auf fünfundsechzig Dollars für den Fuß und zu -diesem Preise kaufte sich der weltberühmte Tragöde Kean Buchanan einen -bedeutenden Vorrat davon und beschloß wieder einmal -- wie schon so oft --- der Bühne zu entsagen. Auf einmal hieß es, die Grube sei ›gesalzen‹ -worden, aber nicht etwa nach irgend einer abgedroschenen Methode, -sondern in ungewöhnlich kecker, frecher, eigenartiger und schandbarer -Weise. Man entdeckte nämlich auf einem der Klümpchen gediegenen Silbers -Bruchstücke der Münzumschrift ›~United States of America~‹, und nun lag -es klar am Tage, daß die Grube mit geschmolzenen Halbdollars ›gesalzen‹ -worden war. Die so gewonnenen Klümpchen hatte man geschwärzt, bis -sie gediegenem Silber im Urzustande glichen und sie dann mit dem -losgesprengten Gestein auf dem Boden des Schachtes vermischt. Dies ist -buchstäblich wahr. Natürlich fielen die Kuxe sofort auf Null und der -Tragöde war ruiniert. Ohne diese Kalamität wäre Mc. Kean Buchanan uns -für die Bühne verloren gegangen. - - - - -Vierundzwanzigstes Kapitel. - - -Die ›flotten Zeiten‹ gingen inzwischen munter fort. Etwas mehr als zwei -Jahre vorher hatten Herr Goodman und ein anderer Setzer sich vierzig -Dollars geborgt und waren damit von San Francisco aufgebrochen, um ihr -Glück in der neuen Stadt Virginia zu versuchen. Sie fanden dort das -›Territorial Enterprise‹, ein traurig hinsiechendes Wochenblättchen, -das nach Atem schnappte und in den letzten Zügen lag. Sie kauften es: -Typen, Einrichtung, Kundschaft, alles miteinander für tausend Dollars, -die ihnen lang gestundet bleiben sollten. Redaktion, Zeitungsstube, -Druckerei, Expedition, Schlafkammer, Wohnzimmer und Küche, alles war -in ein Gemach zusammengepreßt, und dies war nicht einmal groß. Die -Redakteure und Drucker schliefen auf dem Fußboden, ein Chinese besorgte -die Küche, und der Ausschießstein war die allgemeine Speisetafel. -Wie anders waren die Verhältnisse jetzt. Das Blatt erschien täglich -in großem Format, es wurde mit Dampf gedruckt, fünf Redakteure und -dreiundzwanzig Setzer arbeiteten daran, der Abonnementspreis war -sechzehn Dollars jährlich, die Einrückungsgebühren waren maßlos hoch, -die Spalten stets gedrängt voll. Das Blatt warf monatlich zwischen -sechs- und zehntausend Dollars ab und wurde in einem stattlichen -feuerfesten Hause redigiert und gedruckt. Tag für Tag wurden fünf bis -elf Spalten neuer Anzeigen wegen Ueberhäufung entweder zurückgelegt -oder in Extrablättern zusammen veröffentlicht. - -Die ›Gould & Curry-Gesellschaft‹ stand im Begriffe, ein Riesenpochwerk -mit hundert Stampfen zu errichten, dessen Herstellungskosten nicht -viel unter einer Million Dollars betrugen. Die Kuxe dieses Bergwerks -zahlten schwere Dividenden -- ein seltener Fall, der nur bei den zwölf -oder fünfzehn Parzellen vorkam, die über der Hauptader, dem Combstock, -lagen. Der Direktor dieser Grube wohnte mietfrei in einem schönen -Hause, das von der Gesellschaft gebaut und möbliert war. Er fuhr mit -stattlichen Pferden, die ihm die Gesellschaft geschenkt hatte, und sein -Gehalt betrug zwölftausend Dollars jährlich. Der Direktor einer anderen -großen Grube reiste wie ein Fürst herum, hatte einen Jahresgehalt von -achtundzwanzigtausend Dollars und beanspruchte später überdies noch auf -dem Rechtswege ein Prozent der ganzen Silberausbeute als ihm zukommend. - -Geld war in wunderbarer Fülle vorhanden. Es zu verdienen machte keine -Mühe, wohl aber, es auszugeben und loszuwerden. Und so traf es sich -glücklich, daß gerade während jener Zeit der Draht die Nachricht -brachte, daß eine große Sanitätskommission der Vereinigten Staaten -gebildet worden sei, welche für die Soldaten und Matrosen der Union, -die in den Spitälern des Ostens lagen, Geld brauche. Dieser Nachricht -folgte die Kunde auf den Fersen, daß San Francisco sich an dem Werk in -großartiger Weise beteiligt habe, ehe das Telegramm auch nur einen Tag -alt gewesen sei. Virginia erhob sich wie ein Mann. Ein Sanitätskomitee -wurde in aller Eile organisiert, der Präsident desselben bestieg einen -leeren Karren in der C straße und versuchte der ungeduldigen und -lärmenden Menge begreiflich zu machen, daß die übrigen Mitglieder des -Komitees aus Leibeskräften arbeiteten, und daß noch vor Ablauf einer -Stunde ein Bureau eingerichtet, Bücher aufgelegt, und das Komitee -bereit sein werde, Beiträge anzunehmen. Seine Stimme wurde übertäubt, -seine Mitteilung ging in einem unaufhörlichen Jubelgebrüll und dem -Verlangen, daß das Geld sofort angenommen werden solle, verloren; die -Leute waren wie rasend, sie wollten nicht warten. Der Präsident machte -Vorstellungen und suchte zu beweisen, daß das nicht angehe; aber taub -gegen alle Bitten drängte sich die Menge an den Wagen, in den sie -Goldstücke regnen ließen, worauf alle wieder abtrabten, um noch mehr -zu holen. Hände voll Geld erhoben sich aus dem Gedränge. Unterstützt -von dieser beredten Gebärdensprache hofften viele sich einen Weg bahnen -zu können. Selbst die Chinesen und Indianer wurden von der Aufregung -angesteckt und warfen ihre halben Dollars in den Karren, ohne zu wissen -oder sich darum zu kümmern, zu welchem Zwecke. Sauber gekleidete -Frauen stürzten sich in das Gedränge, kämpften sich mit ihrem Gelde -bis zum Karren durch und tauchten dann nach einer Weile mit jämmerlich -zerzaustem Anzuge wieder aus der Menge hervor. Es war der wildeste -Auflauf, den Virginia jemals gesehen; als zuletzt die Wut nachließ und -alle auseinander gingen, hatte keiner mehr einen Pfennig in der Tasche. -Um in der eigenen Sprache der Leute zu reden: mit vollem Sacke kamen -sie, und ausgebeutelt gingen sie hinweg. - -Nun begann das Komitee in systematischer Ordnung zu arbeiten und -wochenlang flossen die Beiträge wie ein Strom in seine Kasse. Einzelne -Personen und ganze Genossenschaften legten sich eine regelmäßige Steuer -für den Sanitätsfonds auf, die sich nach ihren Mitteln abstufte; als -aber der berühmte ›Sanitätsmehlsack‹ zu uns kam, gab es einen zweiten -großen allgemeinen Ausbruch. Die Geschichte des Sackes ist eigentümlich -und interessant. In der kleinen Stadt Austin am Reeseflusse war ein -früherer Schulkamerad von mir, Namens Reuel Gridley, Kandidat der -demokratischen Partei für die Bürgermeisterstelle. Er kam mit dem -republikanischen Gegenkandidaten dahin überein, daß der Unterliegende -von dem Sieger mit einem fünfzig Pfund schweren Mehlsack beschenkt -werden und denselben auf seiner Schulter nach Hause tragen sollte. -Gridley unterlag und erhielt den Mehlsack von dem neuerwählten -Bürgermeister. Er lud ihn auf die Schulter und trug ihn gegen zwei -Meilen weit von Nieder-Austin nach Ober-Austin, begleitet von einem -Musikchor und der ganzen Bevölkerung. Bei seiner Ankunft erklärte er, -er brauche das Mehl nicht und fragte, was er nach der Meinung des -Volkes am besten damit anfangen könnte. Eine Stimme rief: - -»Verkaufen Sie es an den Meistbietenden zu Gunsten des Sanitätsfonds!« - -[Illustration] - -Der Vorschlag wurde ringsum mit lautem Beifall begrüßt, und Gridley -stieg auf eine Kiste, um die Rolle eines Auktionators zu übernehmen. -Die Gebote gingen rasch in die Höhe, als die Leute sich mehr und -mehr für die Sache erwärmten, bis der Sack zuletzt einem Müller zu -zweihundertfünfzig Dollars zugeschlagen und dessen Anweisung in Empfang -genommen wurde. Man fragte ihn, wo er das Mehl abgeliefert haben wolle, -worauf er erwiderte: - -»Nirgends, verkauft es noch einmal!« - -Jetzt brachen donnernde Jubelrufe los, und die Menge geriet ins -richtige Feuer. So stand Gridley bis zum Sonnenuntergang schreiend und -schwitzend da, und als die Masse auseinanderging, hatte er den Sack an -dreihundert verschiedene Leute verkauft und achttausend Dollars in Gold -dafür eingenommen. Und noch immer war der Mehlsack in seinem Besitze. - -Als die Nachricht in Virginia eintraf, kam von dort ein Telegramm -zurück: - -»Schickt euern Mehlsack her!« - -Sechsunddreißig Stunden darauf kam Gridley an; im Opernhause wurde -eine Nachmittagsversammlung gehalten und die Auktion begann. Aber der -Mehlsack war früher gekommen als man erwartete, die Leute waren noch -nicht ordentlich ins Feuer geraten, und so schleppte sich der Verkauf -matt hin. Bei Einbruch der Nacht hatte man erst fünftausend Dollars in -Händen und es herrschte große Niedergeschlagenheit in der Gemeinde. - -Indes war man nicht geneigt, die Sache damit ruhen zu lassen und dem -Dorfe Austin den Sieg zuzuerkennen. - -Bis spät in die Nacht hinein waren die vornehmsten Bürger am Werke, -den Feldzug für den nächsten Tag vorzubereiten, und als sie zu Bett -gingen, war ihnen wegen des Ergebnisses nicht mehr bange. Um elf -Uhr am Vormittag fuhr ein langer Zug offener Wagen, begleitet von -lärmenden Musikbanden und geschmückt mit wehenden Fahnen, die C straße -hinunter, wo sie bald in Gefahr gerieten, von einer Hurra rufenden -Menschenmenge eingeschlossen und am Weiterkommen verhindert zu werden. -Im ersten Wagen saß Gridley, welcher den mit goldenen Buchstaben -verzierten und schön geschmückten Mehlsack so hielt, daß er recht ins -Auge fiel, ferner der Bürgermeister und der Syndikus. Die anderen -Wagen enthielten den Stadtrat, Redakteure und Berichterstatter und -andere Leute von Ansehen und Bedeutung. Die Menge drängte nach der -Ecke der C- und Taylorstraße, in der Erwartung, daß der Verkauf dort -beginnen werde; allein sie täuschte sich und erlebte zugleich eine -unaussprechliche Ueberraschung; die Kavalkade zog weiter, als käme -Virginia überhaupt gar nicht mehr in Betracht und nahm ihren Weg auf -die kleine Stadt Gold Hill zu. Telegramme waren nach Gold Hill, Silver -City und Dayton vorausgegangen, so daß deren Bevölkerung bereits in -fieberhafter Erregung darauf wartete, sich ins Gefecht zu stürzen. -Es war ein sehr heißer Tag und furchtbar staubig. Nach Verlauf einer -kurzen halben Stunde stiegen wir unter Trommelschlag mit fliegenden -Fahnen, von mächtigen Staubwolken umwallt, nach Gold Hill hinab. Die -ganze Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, Chinesen und Indianer -waren in der Hauptstraße versammelt, alle Flaggen der Stadt flatterten -an den Masten und das Hurrarufen der Menge übertönte den Lärm der -Musikbanden. Gridley erhob sich und fragte, wer auf den vaterländischen -Sanitäts-Mehlsack das erste Gebot thun wolle. General W. erklärte: -»Die Yellow-Jacket-Silberbergbaugesellschaft bietet tausend Dollars in -Münze.« - -Ein Beifallssturm folgte. Der Telegraph trug die Kunde nach Virginia, -binnen fünfzehn Minuten war die ganze Einwohnerschaft auf der Straße -versammelt und verschlang die Botschaft; es gehörte nämlich mit zum -Programm, daß jeder Drahtbericht auf den Anschlagbrettern sofort -bekannt gemacht wurde. Alle paar Minuten erschien ein neues von Gold -Hill her telegraphiertes Bulletin, und immer mehr wuchs die Aufregung. -Nach Verlauf einer Stunde hatte die schwache Bevölkerung von Gold -Hill für den Mehlsack eine Summe gezahlt, welche Virginias höchste -Begeisterung erweckte, als das Gesamtergebnis an den Plakatstellen -zu lesen war. Nun rückte Gridleys Kavalkade weiter -- erfrischt mit -Strömen Lagerbiers, welches die Leute in verschwenderischem Maße an die -Wagen brachten; nach weiteren drei Stunden hatte die Expedition Silver -City und Dayton mit Sturm genommen und befand sich ruhmbedeckt auf -dem Heimwege. Das alles war telegraphiert und veröffentlicht worden; -als nun die Prozession um halb neun Uhr abends in Virginia einzog und -die C straße hinunterkam, war die ganze Bevölkerung auf den Straßen, -Fackeln loderten, Flaggen wehten, Musikbanden spielten, Hurra auf -Hurra erschütterte die Luft und die Stadt war bereit, sich auf Gnade -und Ungnade zu ergeben. Die Auktion begann; jedes Gebot wurde mit -Beifallsausbrüchen begrüßt, und nach Verlauf von dritthalb Stunden -hatte eine Bevölkerung von fünfzehntausend Seelen für einen fünfzig -Pfund schweren Mehlsack eine Summe in Gold bezahlt, die in Staatsnoten -fünfzigtausend Dollars betragen haben würde. Es kamen ungefähr drei -Dollar auf jeden Kopf der Bevölkerung, Weiber und Kinder mitgerechnet. -Das Gesamtergebnis würde zweimal so groß gewesen sein, aber die Straßen -waren sehr schmal und Hunderte, die gerne mitgeboten hätten, konnten -weder bis zum Platz des Auktionators gelangen, noch sich vernehmlich -machen. Des Wartens überdrüssig gingen viele lange vor Schluß der -Auktion wieder nach Hause. Dies war vielleicht der größte Tag, den -Virginia jemals erlebte. - -Gridley verkaufte den Sack in Carson City und in verschiedenen -kalifornischen Städten; dann nahm er ihn mit nach dem Osten und brachte -ihn endlich nach St. Louis, wo ein Sanitätsbazar abgehalten und eine -große Summe eingenommen wurde. Um die Begeisterung zu erhöhen, hatte -man dort die aus Nevadas Schenkung erzeugten stattlichen Silberbarren -ausgestellt. Zuletzt ließ Gridley das Mehl in kleine Kuchen backen, die -er einzeln zu hohen Preisen verkaufte. Die Kosten seiner ungeheuren, -mühevollen Expedition hatte der treffliche Mann wenn nicht ganz, so -doch größtenteils aus eigener Tasche bezahlt. - -Als die Mission des Mehlsacks beendet war, schätzte man die -Gesamtsumme, für die derselbe verkauft war, auf hundertfünfzigtausend -Dollars in Papier. Dies ist wahrscheinlich der einzige Fall, den die -Geschichte verzeichnet, in welchem gewöhnliches Brotmehl auf offenem -Markte zu dreitausend Dollars das Pfund verkauft worden ist. - - * * * * * - -Bevor ich diesen Teil meiner Erinnerungen beschließe, will ich noch -einer kleinen Episode gedenken. Dieselbe betrifft - - -meine erste Begegnung mit Artemus Ward. - -Dieser berühmte, jetzt verstorbene Komiker und Humorist bereiste -damals, als ich in Virginia City Redakteur war, die Städte im fernen -Westen, um Vorlesungen zu halten, und kam bei dieser Gelegenheit auch -in die genannte Stadt. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Er brachte -mir Empfehlungsbriefe von gemeinsamen Freunden in San Francisco und -lud mich ein, mit ihm zu frühstücken. Im Bereich der Silberminen -galt es fast als eine heilige Pflicht, vor solcher Mahlzeit einen -Whisky-Cocktail zu trinken. Mit echt kosmopolitischer Gesinnung pflegte -sich Artemus stets nach den Sitten des Landes zu richten, in welchem -er sich gerade befand; so bestellte er denn auch jetzt drei von den -abscheulichen Schnäpsen, Hingston, sein Reisebegleiter, war auch -zugegen. Ich sagte, ich wolle lieber keinen Whisky trinken, er würde -mir zu sehr zu Kopfe steigen und mich in zehn Minuten so verdreht -machen, daß ich keinen klaren Gedanken mehr fassen könne. Mich vor -Fremden wie ein Verrückter zu gebärden, sei nicht nach meinem Sinn. Auf -Artemus Wards freundliches Zureden trank ich aber dennoch das tückische -Gebräu, obgleich mit Widerstreben und in dem Bewußtsein, daß ich etwas -thue, was mich alsbald reuen würde. - -In kürzester Frist kam es mir vor, als umnebelten sich meine Sinne. -Ich wartete daher mit großer Angst auf den Beginn der Unterhaltung und -hoffte im stillen, daß sich meine Befürchtung als unbegründet erweisen -und ich doch noch bei Verstande sein würde. - -Artemus ließ zuerst einige unbedeutende Bemerkungen fallen, nahm -dann eine ganz übermenschlich ernste Miene an und hielt folgende -erstaunliche Rede: - -»Noch etwas möchte ich Sie zuvörderst fragen, ehe ich es vergesse. Sie -sind nun schon zwei oder drei Jahre hier in Nevada, im Silberland, -und Ihre Stellung bei der Tagespresse hat es natürlich mit sich -gebracht, daß Sie in die Bergwerke eingefahren sind, um sich über -alle Einzelheiten zu unterrichten; der ganze Silberbergbau wird Ihnen -daher genau bekannt sein. Was ich nun gerne wissen möchte, ist -- wie -die Erzlager eigentlich beschaffen sind. Ich fasse es zum Beispiel -so auf -- die Ader, welche das Silber enthält, liegt zwischen zwei -Granitschichten eingeschlossen, wie das Fleisch in einer belegten -Buttersemmel; sie läuft im Erdboden weiter, erstreckt sich aufwärts und -ragt in die Höhe wie ein Meilenstein. Nehmen wir nun an, die Ader hätte -eine Mächtigkeit -- sagen wir -- von vierzig Fuß oder achtzig oder auch -meinetwegen hundert -- und Sie führten einen Schacht senkrecht darauf -hinab, oder gingen mit Hilfe eines Stollens, wie man’s nennt, hinunter -bis zu einer Tiefe von fünfhundert Fuß oder auch nur zweihundert Fuß, -wenn Sie wollen, aber jedenfalls tief hinab -- nun wird die Ader immer -schmaler, wo die sie einschließenden Granitschichten dichter beisammen -sind oder sich einander nähern, wenn man’s so ausdrücken will -- das -heißt, wenn sie wirklich näher zusammenrücken, was natürlich nicht -immer der Fall ist, besonders nicht an Stellen, wo sie der ganzen Natur -der Formation nach weiter auseinander gehen als anderwärts, wofür -die Geologie bisher vergebens eine Erklärung gesucht hat, obwohl in -dieser Wissenschaft alles auf den Beweis hinausläuft, daß bei gleichen -Verhältnissen es so sein würde, wenn es nicht wäre, und gewiß nicht so -sein würde, wenn es wäre -- und dann sind sie es natürlich. Ist das -nicht auch Ihre Meinung?« - -Ich dachte bei mir selbst: - -»Also richtig -- ich wußte ja, daß es so kommen würde. Der Whisky hat -mich ganz benebelt und keine Auster ist jetzt so schwer von Begriffen -wie ich.« - -Dann sagte ich laut: - -»Ich -- ich -- vielleicht -- wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht --- hätten Sie wohl die Güte -- das noch einmal zu sagen. Ich sollte -freilich --« - -»O gewiß, mit Vergnügen. Sie sehen, ich bin mit dem Gegenstande gar -nicht vertraut und drücke mich daher viel zu undeutlich aus, -- aber -ich --« - -»Nein, nein, -- o nein -- Sie haben die Sache völlig klar -auseinandergesetzt, aber, wissen Sie, der Whisky macht mich etwas -verwirrt. Ich verstehe Sie ja im übrigen ganz gut, wenn Sie mir aber -die Sache noch einmal vortragen wollten, würde es mir am Ende doch -begreiflich werden -- diesmal will ich besser acht geben.« - -»Das, worauf es mir ankommt,« sagte er, »ist einfach Folgendes: (Er -sprach jetzt mit noch weit größerem Nachdruck und betonte die einzelnen -Punkte ganz besonders, indem er sie an den Fingern herzählte.) Diese -Ader, dieser Streifen, diese Schicht oder wie Sie es nennen wollen, -liegt zwischen zwei Lagern von Granit, wie das Fleisch zwischen den -beiden Hälften der Buttersemmel. So weit gut. Nun gehen Sie senkrecht -hinunter, volle tausend Fuß, vielleicht sogar zwölfhundert Fuß, -- -darauf kommt es wirklich nicht an -- ehe Sie den Stollen hineintreiben, -einige Gänge quer über die Ader, andere in Längsrichtung, wo die -Sulfurate -- ich glaube, man nennt sie Sulfurate, obgleich ich nicht -recht weiß, warum man es thut, in Anbetracht dessen, daß, worauf es dem -Bergmann hauptsächlich ankommt, nicht so liegt, wie einige behaupten, -ohne doch völlig beweisen zu können, daß sie nicht weiterlaufen, -solange noch eine Spur oder ein Bruchstück desselben Erzes weder -hier noch dort in gleicher Weise enthalten ist; wogegen unter andern -Umständen selbst die Unerfahrensten unter uns es nicht entdecken -könnten, wenn es wäre, oder es möglicherweise übersehen, wenn es -anginge oder den bloßen Gedanken daran mit Hohn zurückweisen würden, -wenn man es ihnen auch noch so handgreiflich als solches vor Augen -stellte. Habe ich nicht recht?« - -Ich sagte mit trübseliger Miene: »Wirklich, Herr Ward, ich muß mich vor -mir selber schämen; ich weiß, ich sollte eigentlich alles verstehen, -was Sie sagen, aber der abscheuliche Whiskey ist mir so in den Kopf -gestiegen, daß jetzt der einfachste Satz über mein Verständnis geht. -Ich habe es Ihnen ja vorausgesagt.« - -»O, nicht doch, nicht doch -- es liegt höchst wahrscheinlich einzig und -allein an mir -- zwar habe ich lange darüber nachgedacht und glaubte es -klar genug --« - -»Verlieren Sie, bitte, kein Wort darüber. Sie haben es so anschaulich -dargestellt, daß es jedem sonnenklar einleuchten müßte, der nicht mit -Blödsinn behaftet ist. Nur der verwünschte Whiskey ist an allem schuld.« - -»Bewahre, wo denken Sie hin. Ich will noch einmal ganz von vorn -anfangen und Sie werden sehen --« - -»Ums Himmels willen, thun Sie das doch ja nicht; ich sage Ihnen, mein -Kopf ist in solcher Verfassung, daß ich nicht auf die einfachste Frage -Bescheid geben könnte, die man an mich richtet.« - -»Seien Sie ganz unbesorgt. Diesmal will ich es so schlicht und deutlich -ausdrücken, daß Sie gar nicht umhin können, zu verstehen, was ich -meine. Fangen wir ganz von Anfang an.« (Er lehnte sich über den Tisch -zu mir herüber, in seinen Mienen war der felsenfeste Vorsatz zu lesen, -sich verständlich zu machen, und er hielt den Finger bereit, um seinen -Worten beim Aufzählen jedes einzelnen Punktes noch besonderen Nachdruck -zu verleihen. Ich selbst beugte mich in peinlicher Erregung weit vor, -entschlossen, ihn zu begreifen, oder zu Grunde zu gehen.) - -[Illustration] - -»Sie wissen, daß die Ader, die Schicht, das Ding, welches das -Metall enthält, dadurch zum Medium aller andern Kräfte wird, der -zunächstliegenden wie der entferntesten Wirkungen, die so beschaffen -sind, daß sie die ersteren zu Gunsten der letzteren, oder die letzteren -gegen die ersteren, oder alle oder beide beeinflussen, sofern es den -relativen Unterschied betrifft, der innerhalb des Radius besteht, von -dem aus die verschiedenen Grade der Aehnlichkeit sich entwickeln, in -welchen --« - -»Hol’ der Henker meinen Blechschädel,« fuhr ich heraus, »ich mag mich -anstrengen wie ich will -- aber ich verstehe nicht das Geringste. Je -klarer Sie mir die Sache auseinander setzen, um so weniger begreife -ich, worauf Sie hinauswollen.« - -Jetzt hörte ich ein verdächtiges Geräusch neben mir und als ich mich -rasch umwandte, sah ich gerade noch, wie Hingston sich hinter ein -Zeitungsblatt duckte und vor Lachen bersten wollte. Ich blickte wieder -nach Ward hin -- seine feierliche Miene war verschwunden und er lachte -gleichfalls. - -Da merkte ich, daß er mir einen Streich gespielt hatte, daß ich das -Opfer eines Schwindels geworden war. Seine Rede bestand aus einer Reihe -an einander gefädelter Sätze, die einzeln ganz verständlich klangen, -aber im Zusammenhang auf der Gotteswelt keinen Sinn hatten. - -Artemus Ward war einer der besten und umgänglichsten Menschen unter -der Sonne. Man behauptet, er habe keine fließende Unterhaltung führen -können, aber, wenn ich an obiges Erlebnis zurückdenke, bin ich anderer -Meinung. - -[Illustration] - - - - -Im Gold- und Silberland. - -II. - - - - -Nabobs in Nevada. - - -In jener herrlichen Zeit, als es in Nevada flott herging, hatte das -Silberland auch seine Nabobs. Einige sind mir noch erinnerlich. Es -waren meist sorgenlose, leichtlebige Menschen, aus deren Reichtümern -das Gemeinwesen ganz ebenso viel Nutzen zog wie sie selber, in manchen -Fällen sogar noch mehr. - -Einer der ersten Nabobs, die Nevada erzeugte, trug Diamanten im Werte -von sechstausend Dollars am Busen und war unglücklich, daß ihm sein -Geld schneller in die Taschen floß, als er es ausgeben konnte. Das -Einkommen eines andern belief sich oft auf sechzehntausend Dollars -monatlich. Als er zuerst ins Land kam, hatte er in dem nämlichen -Bergwerk, aus welchem er später seine Schätze bezog, um einen Tagelohn -von fünf Dollars gearbeitet. - -Von einem jener Lieblinge des Glücks, die sozusagen über Nacht aus -drückender Armut zum größten Ueberfluß gelangten, erzählt man sich, -er habe gern ein hohes Staatsamt bekleiden wollen und hunderttausend -Dollars dafür geboten, es aber trotzdem nicht erhalten, da seine -Politik nicht so vertrauenerweckend war, als sein Konto auf der Bank. - -[Illustration] - -Auch John Smith darf ich nicht vergessen. Er stammte aus dem niedern -Volke, war eine brave, ehrliche, gutmütige Haut und von einer -Unwissenheit, die ans Fabelhafte grenzte. Sein kleiner Rancho und -ein Ochsengespann brachten ihm genug ein zum Lebensunterhalt; war -die Heuernte auch nicht so groß, so wog man ihm doch diesen seltenen -Artikel mit Gold auf -- er erhielt auf dem Markte für das Fuder 250 -bis 300 Dollars. Nach einiger Zeit tauschte Smith mehrere Morgen von -seinem Wiesenland gegen eine noch unbearbeitete Silbergrube in Gold -Hill ein. Er begann den Abbau und errichtete daneben ein anspruchsloses -kleines Pochwerk. Anderthalb Jahre später gab er das Heugeschäft auf, -denn seine Grube machte einen besseren Ertrag. Sein Einkommen wurde -auf 30,000 Dollars monatlich geschätzt, von manchen sogar auf 60,000 -Dollars. Jedenfalls war Smith ein reicher Mann. - -Nun ging er auf Reisen. Bei seiner Rückkehr aus Europa konnte er -nicht genug von den schönen Schweinen erzählen, die er in England -gesehen hatte, von den herrlichen Schafen in Spanien und dem prächtigen -Rindvieh in der Umgegend von Rom. Er war ganz voll von den Wundern der -alten Welt und gab jedem den Rat, sich auf die Reise zu machen. Man -glaube gar nicht, was es für Merkwürdigkeiten auf Erden gebe, sagte er, -solange man sich nicht durch den Augenschein davon überzeugt habe. - -Während seiner Ueberfahrt setzten die Passagiere einmal einen Preis -von fünfhundert Dollars auf denjenigen aus, der am richtigsten riete, -wie viele Seemeilen das Schiff in den nächsten vierundzwanzig Stunden -zurücklegen würde. Um die Mittagszeit des folgenden Tages übergab jeder -dem Zahlmeister ein versiegeltes Couvert, in welchem die Meilenzahl -stand. Smith triumphierte im voraus: er hatte den Maschinisten -bestochen. Als trotzdem ein anderer den Preis gewann, sagte er: -»Halt, das geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Anschlag kam der -Wirklichkeit um zwei Meilen näher als seiner.« - -»Bewahre,« versetzte der Zahlmeister, »Sie haben es von allen am Bord -am schlechtesten getroffen, Herr Smith; wir sind 208 Meilen gefahren.« - -»Nun ja,« rief Smith, »und ich habe 209 geraten. Sehen Sie sich doch -meine Zahlen ordentlich an; eine 2 und zwei 0 sind 200, nicht wahr -- -dann noch eine 9 (2009) macht zweihundert und neun. Da muß ich denn -doch sehr bitten, daß mir der Preis zuerkannt wird.« -- - - * * * * * - -In einer Bergschlucht in unmittelbarer Nähe von Virginia City wohnte -ein armer Mexikaner, auf dessen Anwesen eine Quelle am Felsen -herabsickerte, die kaum eine halbe Spanne breit war. Für dieses -Wässerchen gab ihm die Ophirgesellschaft eine kleine Parzelle von -hundert Fuß, welche sich als der ergiebigste Teil des ganzen Bergwerks -erwies; vier Jahre nach dem Tausch betrug ihr Marktwert mit Einschluß -des Pochwerks 1,500,000 Dollars. - -Ein neunzehnjähriger Telegraphist in Virginia wurde dadurch zum reichen -Manne, daß er die Depeschen der Grubenbesitzer las, welche ihm durch -die Hände gingen und je nach dem Stande der Bergwerksangelegenheiten, -durch Vermittlung eines Freundes in San Francisco, Aktien kaufte oder -verkaufte. Einmal kündigte eine Privatdepesche aus Virginia einen -reichen Fund in einer bedeutenden Grube an, mit der Weisung, die Sache -solange geheim zu halten, bis die Unternehmer sich den Besitz von -möglichst vielen Anteilscheinen gesichert hätten. Der Telegraphist -kaufte sofort einen Kux von 40 Fuß zu 20 Dollars den Fuß, wovon er -später die Hälfte zu 800 Dollars den Fuß verkaufte und den Rest um das -Doppelte. Nach drei Monaten besaß er ein Vermögen von 150,000 Dollars -und hatte seine Telegraphenstelle aufgegeben. - -Ein anderer Telegraphenbeamter hatte Amtsgeheimnisse verraten und -war deshalb von seinen Vorgesetzten entlassen worden. Er versprach -einem wohlhabenden Manne in San Francisco, ihm das Ergebnis eines -großen Bergwerksprozesses, der in Virginia geführt wurde, mitzuteilen -und zwar nur eine Stunde später als die streitenden Parteien in San -Francisco davon privatim Kenntnis erhielten. Hiefür sicherte ihm sein -Mitverschworener einen hohen Prozentsatz des Gewinns, welchen er durch -rechtzeitigen An- und Verkauf von Aktien zu erzielen dachte. Um den -Plan auszuführen, begab sich der verabschiedete Telegraphist, als -Fuhrmann verkleidet, nach einer kleinen abgelegenen Telegraphenstation -im Gebirge, machte mit dem dortigen Beamten Bekanntschaft, saß -Tag für Tag, seine Pfeife rauchend bei ihm im Bureau und klagte, -daß sein Gespann zu ermüdet sei und er nicht weiterfahren könne. -Zugleich horchte er bei allen Depeschen aus Virginia auf das Ticken -des Apparats, bis endlich ein Privattelegramm die Entscheidung des -Prozesses verkündete. Sofort telegraphierte er an seinen Verbündeten: - -»Kann nicht mehr warten. Werde das Gespann verkaufen und heimgehen.« - -Dies war das verabredete Zeichen. Hätte er das Wort ›warten‹ -fortgelassen, so würde es den entgegengesetzten Ausgang des Prozesses -bedeutet haben. Der Spekulant in San Francisco kaufte nun eine Menge -der betreffenden Bergwerksaktien um niedern Preis, bevor die Nachricht -öffentlich bekannt wurde und sicherte sich ein Vermögen. - -Zahllose Beispiele ähnlicher Art wären noch aus dem Silberlande zu -verzeichnen, die angeführten werden jedoch genügen, um dem Leser einen -Begriff von den Zuständen in jener flotten Zeit zu geben. Mit den -meisten dieser Nabobs bin ich persönlich in Berührung gekommen; sie -waren damals hochberühmt, aber jetzt spricht niemand mehr von ihnen, da -fast alle wieder rasch in Armut und Dunkelheit zurückgesunken sind. - -In Nevada erzählte man sich ein lustiges Abenteuer, das zwei solche -Nabobs einmal gehabt haben sollen; ich kann mich für die Wahrheit nicht -verbürgen, und gebe es nur wieder, wie ich es gehört habe: - -Oberst Jim hatte früher etwas von der Welt gesehen und kannte ihr Thun -und Treiben ein wenig, aber Oberst Jack stammte aus den Hinterwäldern, -sein Leben war eitel Mühe und Arbeit gewesen und er war nie in eine -Stadt gekommen. Urplötzlich reich geworden, beschlossen die beiden -nach New York zu reisen; Oberst Jack, um die Sehenswürdigkeiten in -Augenschein zu nehmen, und Oberst Jim, um des Freundes arglose Unschuld -vor Schaden zu bewahren. Sie kamen bei Nacht nach San Francisco und -segelten früh am Morgen ab. Als sie New York erreichten, sagte Oberst -Jack: - -»Ich habe all mein Lebtag so viel von Equipagen reden hören, jetzt -will ich einmal eine Spazierfahrt machen, einerlei was es kostet. Also -vorwärts!« - -Oberst Jim winkte eine schöne Kutsche herbei, aber Oberst Jack sagte: - -»Wo denkst du hin? ich soll doch nicht etwa bloß so ’ne billige -Spritzfahrt machen! Nein, was Ordentliches muß ich haben. Aufs Geld -kommt’s mir nicht an, aber es soll das vornehmste Fuhrwerk sein, das -sich sehen läßt. Schau, da kommt gerade etwas, wie ich es möchte. Rufe -mal den gelben Wagen mit den schönen Bildern an. Sei nur ohne Sorgen -- -ich trage alle Kosten.« - -So stiegen sie denn in den leeren Omnibus. - -»Das nenne ich lustig,« rief Oberst Jack. »Kissen und Fenster und -Bilder überall. Was wohl die Jungens sagen würden, wenn sie uns so -vornehm durch New York kutschieren sähen? Meiner Treu, ich gäbe was -drum, mich ihnen so zu zeigen.« Er steckte den Kopf zum Fenster hinaus. -»Famos,« rief er dem Kutscher zu, »Herzensjunge, du gefällst mir; fahr -nur zu, den ganzen Tag lang meinetwegen. Laß die Pferde laufen; wir -wollen’s schon wieder wett machen, verlaß dich drauf!« Der Kutscher -streckte die Hand durch das Guckloch nach dem Fahrgeld aus, wie es -damals noch Sitte war. Oberst Jack schlug ein und schüttelte sie ihm -herzlich. - -»Du willst Vorauszahlung, Alterchen,« rief er. »Na, nichts für ungut. -Hier hast du etwas, das gar nicht so übel ist.« - -Er drückte ihm ein goldenes Zwanzigdollarstück in die Hand, und als der -Kutscher sagte, daß er nicht wechseln könne, rief er lustig: - -»Laß gut sein, wir wollen’s schon verfahren. Steck’ es nur in die -Tasche.« Dann schlug er seinem Gefährten laut klatschend auf das Bein -und fuhr vergnügt fort: »Hol’ mich dieser und jener, ich miete das Ding -auf die ganze Woche!« - -Jetzt hielt der Omnibus und eine junge Dame stieg ein. Oberst Jack -starrte sie erst verwundert an, dann stieß er Oberst Jim mit den -Ellenbogen. »Du, sag’ kein Wort,« flüsterte er. »Laß sie mitfahren, -wenn sie will. An Platz fehlt’s ja wahrhaftig nicht.« - -Das Fräulein zog den Beutel und reichte Oberst Jack ihr Fahrgeld. - -»Was soll das?« fragte er. - -»Wollen Sie es, bitte, dem Kutscher geben.« - -»Behalten Sie Ihr Geld, Verehrteste, Sie dürfen nicht zahlen. Fahren -Sie nur mit in unserer Staatskutsche, so lange Sie wollen.« - -Das Fräulein drückte sich verwirrt in die Ecke. Jetzt kletterte eine -alte Frau mit dem Handkorb herauf und bot ihr Fahrgeld an. - -»Setzen Sie sich, gute Frau,« sagte Oberst Jack; »wir lassen Sie gern -mitfahren, aber ohne Bezahlung. Machen Sie sich’s nur bequem und thun -Sie ganz so, als ob es Ihr Wagen wäre.« - -Nach wenigen Minuten waren noch drei Herren, zwei dicke Frauen und -mehrere Kinder eingestiegen. - -»Nur immer herein, meine Freunde,« rief Oberst Jack, »geniert euch -nicht. Hier wird jeder frei gehalten.« Dann flüsterte er Oberst Jim zu: -»Ist aber dies New York eine gesellige Stadt! Man sollte so was doch -kaum für möglich halten!« - -Da er sich hartnäckig weigerte dem Kutscher das Fahrgeld der Passagiere -einzuhändigen und jedermann freundlich willkommen hieß, ging den -Leuten allmählich ein Licht auf. Sie steckten ihr Geld wieder ein und -belustigten sich insgeheim über den Spaß. Es nahmen wohl noch ein -halbes Dutzend Fahrgäste Platz. »Kommt nur, kommt,« rief Oberst Jack; -»eine Spazierfahrt ist nichts, wenn man nicht Gesellschaft hat.« Dann -flüsterte er Oberst Jim wieder leise zu: »Die Freundlichkeit der New -Yorker geht doch über die Bäume und wie kaltblütig sie die Sache nehmen --- was man nicht alles erlebt!« - -Immer mehr Passagiere stiegen ein, alle Plätze waren besetzt und die -Männer, welche im Mittelgang standen, hielten sich an den Riemen fest, -die von der Decke herabhingen. Leute mit Körben und Bündeln kletterten -oben auf das Dach. Ein halb unterdrücktes Gelächter ließ sich von allen -Seiten hören. - -»Na, wenn eine so himmlische Unverfrorenheit nicht alles übertrifft, -was je dagewesen ist, will ich nicht Jack heißen,« flüsterte der Oberst. - -Jetzt drängte sich ein Chinese herein. - -»Nun wird mir’s aber doch zu bunt,« sagte Oberst Jack. »Halt an, -Kutscher. Bitte, bleiben Sie sitzen, meine Damen und Herren, fahren Sie -ruhig weiter, es ist alles bezahlt. -- Kutscher, rumpeln Sie nur fort -mit den Herrschaften, so lange es Ihnen gefällt. Sie müssen wissen, -es sind unsere Gäste. Zeigen Sie Ihnen alles, und wenn Sie mehr Geld -brauchen, so kommen Sie in das Sankt Nikolas-Hotel und holen Sie -Zuschuß. Recht vergnügte Fahrt, meine Herrschaften -- empfehle mich -Ihnen.« - -Als die beiden Kameraden ausstiegen, sagte Oberst Jack: - -»Höre Jimmy, daß die Geselligkeit in New York so weit getrieben würde, -hätte ich nicht für möglich gehalten. Der Chinese kam so gemütlich -hereinspaziert, wie jeder andere; hätten wir länger gewartet, es wären -noch ein paar Neger mitgefahren, darauf möchte ich wetten. Weißt du -was -- heute nacht verrammeln wir aber unsere Thüren ordentlich, sonst -wollen vielleicht ein paar von den Herzblättchen herein, um bei uns zu -schlafen.« - - - - -Buck Fanshaws Begräbnis. - - -Irgend jemand hat einmal gesagt, daß sich der Geist, welcher in einer -Bürgerschaft herrscht, am besten darnach beurteilen läßt, wen von ihren -Gliedern die Gemeinde mit der größten Feierlichkeit zu Grabe trägt. - -Zur flotten Zeit in Virginia erwiesen die beiden Hauptklassen der -Bevölkerung ihren großen Toten ungefähr die gleiche Ehre. Wer sich -durch seine Wohlthaten für das Gemeinwesen den berühmtesten Namen -gemacht hatte, erhielt ein ebenso prächtiges Begräbnis, wie der -berühmteste Raufbold. - -Als Buck Fanshaw das Zeitliche segnete, machte man viel Aufhebens von -ihm. Er galt für einen würdigen Vertreter der Bürgerschaft, stand -einer großartigen Schankwirtschaft vor und hatte auch ›seinen Mann -getötet‹, allerdings nicht im eigenen Streit, sondern um einen Fremden -gegen die Angriffe der feindlichen Uebermacht zu schützen. Er hatte -ein flottes Weibsbild besessen, von dem er sich auch ohne die Umstände -einer Ehescheidung hätte trennen können. Bei der Feuerwehr bekleidete -er ein hohes Amt und war ein Held ohne Gleichen in der Politik. Als er -starb, ging eine laute Klage durch die ganze Stadt, aber ganz besonders -wurde sein Tod in den untersten Schichten der Gesellschaft beweint. -Die Totenschau ergab, daß Buck Fanshaw im Fieberwahn einer zehrenden -Krankheit Arsenik genommen, sich dann in die Brust geschossen und -die Kehle abgeschnitten hatte, worauf er vier Stock hoch aus dem -Fenster gesprungen war und den Hals gebrochen hatte. Die Jury (d. h. -die Behörde, welche die Totenschau vornimmt) ließ sich durch ihren -Kummer die Klarheit des Urteils nicht trüben. Sie that nach längerer -Verhandlung den Ausspruch, daß Fanshaws Tod durch eine ›Heimsuchung -Gottes‹ verursacht worden sei. - -Für die Leichenfeier wurden die großartigsten Vorbereitungen getroffen. -Alle Fuhrwerke im Ort waren bestellt, sämtliche Schankwirtschaften -kleideten sich in Trauerflor, die Fahnen der Stadt und der Feuerwehr -hingen auf Halbmast und die ganze Löschmannschaft zog in Uniform mit -schwarzverhüllten Pumpen auf. - -Beiläufig muß ich noch bemerken, daß im Silberland jedes Volk der Erde -durch irgend einen Abenteurer vertreten ist und jeder dieser Abenteurer -das seinem Geburtsort eigentümliche Kauderwelsch mitgebracht hat. -Es giebt daher keine reichere, kräftigere und abwechslungsvollere -Ausdrucksweise in der ganzen Welt als die in Nevada herrschende -Sprache. Selbst Prediger mußten sich entschließen, in diesem -Kauderwelsch zur Gemeinde zu sprechen, wollten sie sich verständlich -machen. Gewisse Redensarten waren fortwährend in aller Munde und -flossen jedem ganz unbewußt über die Lippen, ohne daß sie irgendwelchen -Sinn hatten oder den geringsten Bezug auf das Thema, das gerade -besprochen wurde. - -Nachdem die Totenschau über Buck Fanshaw gehalten worden war, kam die -trauernde Bürgerschaft zur Beratung zusammen; denn an der Küste des -stillen Ozeans finden bei jeder Gelegenheit Versammlungen statt, um die -Volksstimmung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Man faßte mancherlei -Beschlüsse wegen der Bestattung und verschiedene Komitees wurden -eingesetzt, unter anderem auch eines, das den Auftrag erhielt, die -Leichenpredigt zu bestellen. - -[Illustration] - -Dies zu besorgen hatte Scotty Briggs übernommen, welcher denn auch -rechtzeitig dem Geistlichen seinen Besuch machte. Letzterer, ein -zarter, friedliebender junger Mann aus dem Osten, war eben erst auf -einem theologischen Seminar flügge geworden und mit den Sitten und -Gebräuchen der Bergwerksbevölkerung völlig unbekannt. Wenn er in -spätern Jahren seine Unterredung mit Scotty, dem Komiteemitglied, -schilderte, verlohnte es sich wohl der Mühe, zuzuhören. - -Scotty Briggs war ein kühner Raufbold, dessen Amtstracht bei -feierlicher Gelegenheit -- wenn er z. B. wie jetzt im Namen des -Komitees auftrat -- aus einem Feuerwehrhelm und einem scharlachroten -Flanellhemde bestand; der Revolver hing ihm vom breiten Ledergürtel -herab, den Rock trug er über dem Arm und seine Beinkleider steckten -in hohen Stulpenstiefeln. Kein Wunder, daß er von dem blassen jungen -Theologen gewaltig abstach. Scotty besaß übrigens, nebenbei gesagt, ein -warmes Herz und große Anhänglichkeit an seine Freunde; auch fing er -keine Händel an, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Meist stellte -es sich bei Scottys Raufereien heraus, daß er ursprünglich gar nichts -mit der Angelegenheit zu thun gehabt und sich nur aus angeborener -Gutmütigkeit hineingemischt hatte, um dem Schwächeren beizustehen. -Schon seit Jahren waren Buck Fanshaw und Scotty Busenfreunde und -hatten einander getreulich geholfen in manchem Kampf und Abenteuer. -Man erzählt zum Beispiel, daß sie eines Tages mehrere fremde Burschen -im Handgemenge sahen, rasch die Röcke abwarfen und für den gerade -unterliegenden Teil eintraten. Als sie sich nach schwer errungenem -Sieg umsahen, was aus ihren Schützlingen geworden sei, waren diese -längst über alle Berge und hatten die Röcke ihrer Beschützer zu eigenem -Gebrauch mitgenommen. - -[Illustration] - -Doch kehren wir zu Scottys Besuch bei dem Prediger zurück. Er hatte -eine Trauerbotschaft auszurichten und tiefer Gram sprach aus seinen -Zügen. Ohne weiteres nahm er dem Geistlichen gegenüber Platz, stellte -seinen Feuerwehrhelm dem Pfarrer dicht vor die Nase, gerade auf eine -halbfertig geschriebene Predigt, wischte sich mit einem rotseidenen -Sacktuch die Stirn ab und stieß einen schweren Seufzer aus, als -passendste Einleitung für sein trübseliges Geschäft. Vor Rührung war -ihm zuerst die Kehle wie zugeschnürt und seine Augen wurden feucht; -doch bezwang er sich mannhaft und sagte mit wahrer Grabesstimme: - -»Sind Sie der Herr, der bei dem frommen Grubenbau hier nebenan zum -Schichtmeister bestellt ist?« - -»Ob ich der -- entschuldigen Sie -- ich habe nicht recht verstanden -- -wie meinen Sie?« - -Scotty ließ ein schmerzliches Schluchzen vernehmen und einen noch -tieferen Seufzer. - -»Sehen Sie,« sagte er, »wir sitzen in der Klemme und die Jungens -glaubten, Sie könnten uns vielleicht heraushelfen, wenn wir Sie ins -Schlepptau nehmen. Das heißt, im Fall ich hier an der rechten Schmiede -bin und den Obermeister des Hallelujah-Fahrschachts hier nebenan vor -mir habe.« - -»Ich bin der Hirte, dem die Sorge für die Schafe obliegt, deren Hürde -hier in der Nachbarschaft steht.« - -»Wer, sagen Sie?« - -»Der geistliche Berater einer kleinen Schar von Gläubigen, deren -Heiligtum dicht an mein Wohnhaus stößt.« - -Scotty kratzte sich hinter den Ohren, überlegte einen Augenblick und -sagte dann: - -»Da sind Sie mir über. Die Karte kann ich nicht bekennen, Meister. Man -muß den Eimer weitergeben.« - -»Wie meinen Sie? -- Verzeihung, aber ich weiß nicht recht --« - -»Mir scheint, wir sind beide noch nicht im richtigen Fahrwasser. Sie -haben keine Witterung mit mir und ich habe keine Witterung mit Ihnen. --- Die Sache ist nämlich so: Einer von uns Jungens kann nicht mehr -im Geschirr gehen und wir möchten für ihn einen ordentlichen Kehraus -haben; daher bin ich hier, um jemand aufzutreiben, der uns ein wenig -Klingklang dazu macht, damit der Tag noch ein gutes Ende nimmt.« - -»Bester Freund, mir wird bei Ihren Worten immer verwirrter zu Sinn. -Was Sie sagen, ist mir völlig unklar. Könnten Sie sich nicht etwas -einfacher ausdrücken? Anfänglich glaubte ich schon zu verstehen, -was Sie wünschen, aber jetzt tappe ich wieder im Dunkeln. Würde es -nicht die Angelegenheit wesentlich beschleunigen, wenn Sie sich auf -kategorische Angaben der Thatsachen beschränkten, ohne das Verständnis -durch Anhäufung von Bildern und Allegorien zu erschweren?« - -Eine abermalige Pause und Ueberlegung. Dann bemerkte Scotty: - -»Ich kann wieder nicht bekennen -- ich passe.« - -»Wie?« - -»Sie haben mich übertrumpft, Meister.« - -»Ich weiß nicht, was Sie meinen.« - -»Was Sie zuletzt ausgespielt haben, kann ich nicht stechen, kann auch -nicht mit der Farbe bedienen.« - -Der Pfarrer lehnte sich verblüfft in seinen Stuhl zurück. Scotty -stützte den Kopf auf und versank in tiefes Nachdenken. Bald blickte er -jedoch wieder in die Höhe und sagte mit trübseliger Miene, aber doch -voll Zuversicht: - -»Jetzt hab’ ich’s, so daß Sie’s schlucken können. Wir brauchen einen -Predigtmacher -- einen Pfarrer.« - -»Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Ich bin der Geistliche --- der Pfarrer.« - -»Bravo, das ist einmal ein Wort! Sie sehen, ich war zuerst gegen die -Mauer gerannt und bin nun mit einem Satz hinüber. Schlagen Sie ein!« - -Er streckte seine nervige Faust aus, umschloß des Predigers kleine Hand -und schüttelte sie in brüderlichem Mitgefühl und herzlichem Vertrauen. -»Jetzt ist die Sache in Ordnung, Meister,« fuhr er fort; »fangen wir -nun von Frischem an, und wenn ich dabei etwas greine, so achten Sie -nicht weiter darauf, denn, wir sind eben in einer argen Klemme, weil -einer von den Jungens plötzlich Schicht gemacht hat.« - -»Schicht gemacht?« - -»Ja, er hat den Eimer umgeworfen, wissen Sie.« - -»Ach, Sie meinen, er ist in jenes geheimnisvolle Land gefahren, von -dessen Gestaden kein Wanderer jemals wiederkehrt?« - -»Nein, er kehrt nicht wieder. Die Rechnung stimmt. Er ist ja tot, -Meister.« - -»Ja, ja, ich verstehe schon.« - -»Wirklich? Na, ich dachte doch, daß ich Sie irgendwie anhaken könnte. -Es ist ganz richtig, er ist wieder tot --« - -»Wieder? Ist er denn schon früher einmal gestorben?« - -»Früher einmal? Bewahre! Glauben Sie denn, ein Mensch hat neun Leben -wie eine Katze? Aber, was gilt die Wette -- jetzt ist er ganz und gar -tot, der arme Junge; hätte ich nur den Tag nie erlebt. Einen bessern -Freund wie Buck Fanshaw giebt es nicht auf der Welt. Ich kannte ihn -durch und durch -- und wenn ich einen kenne und liebe, mit dem bin ich -wie zusammengewachsen, das können Sie mir glauben. Solche Kernmenschen -findet man nicht wieder, da kann man lange suchen. Keinen Freund hat -Buck Fanshaw je im Stich gelassen. Aber nun ist das alles aus -- und -vorbei. Er hat ihn doch untergekriegt.« - -»Wer denn?« - -»Nun, der Tod. -- Ja, ja, es hilft nichts, wir müssen ihn aufgeben. -Eine arge Welt ist’s doch, in der wir leben, nicht wahr? Aber, Meister, -das sag’ ich Ihnen, so einen Ringkämpfer wie den giebt’s nicht zum -zweitenmal. Es war eine Lust ihm zuzusehen -- bloß seine Fäuste -brauchte er und freien Spielraum, dann ging’s drauf und dran. Es war -ein ganzer Teufelskerl. Ich sage Ihnen, er hielt sich dran, er blieb -nichts schuldig.« - -»Wie meinen Sie?« - -»Nun, er zahlte heim beim Faustkampf, verstehen Sie -- wo’s gerade -hinging: auf Schädel, Schultern, Brust! Heiliges Donnerwetter! -- -entschuldigen Sie dieses Wort, aber ich kann nicht alles so sanft und -mild herausbringen. Und nun müssen wir ihn aufgeben, es hilft nichts, -die Rechnung stimmt. Wenn Sie uns nun beistehen möchten bei der -Verpflanzung --« - -»Ich soll die Leichenpredigt halten und der Begräbnisfeier beiwohnen?« - -»Begräbnisfeier -- ja, ja. Das ist’s, wo wir hinauswollen. Er war sein -Lebtag nicht knickerig und bei seiner Bestattung soll nichts abgeknapst -werden. Echt silberne Beschläge am Sarg und sechs Trauerfahnen über -der Bahre; auf dem Bock ein Neger in feiner Wäsche und den Seidenhut -auf dem Kopf -- es mag so hoch kommen wie es will. Für Sie, Meister, -werden wir auch Sorge tragen, seien Sie nur ganz ruhig. Sie bekommen -einen Wagen, und wenn Sie sonst noch was brauchen, nur heraus damit, -es soll schon angeschafft werden. Im Trauerhause wird so ein Dingrich -aufgerichtet, dahinter können Sie sich stellen. Seien Sie nur nicht -bange, sondern blasen Sie in Ihr Horn und bringen Sie unsern Kameraden -so glatt durch wie nur möglich. Wer ihn gekannt hat, wird Ihnen sagen, -daß er der bravste Kerl in der ganzen Gegend war. Sie können das gar -nicht stark genug betonen. Wenn Unrecht geschah, war er außer stande -es mit anzusehen. Daß es hier in der Stadt so ruhig und friedlich -zugeht, ist hauptsächlich sein Verdienst. Ich war selbst einmal dabei, -wie er in einer einzigen Viertelstunde vier Schwindler durchgebläut -hat. Wenn es galt, Ordnung zu stiften, sah er sich nicht lange um, wer -wohl Hand anlegen könnte, sondern griff selbst zu. Mit den Katholiken -wollte er nichts zu thun haben; sein Wahlspruch war: ›Irländer sind -ausgeschlossen,‹ aber doch stand er für ihre Rechte ein, als einmal -ein paar wüste Kerle sich Bauplätze auf dem katholischen Begräbnisort -abstecken wollten. Die mußten gut Reißaus nehmen -- ich hab’s mit -angesehen.« - -»Die Gesinnung war jedenfalls lobenswert, ob die That selbst, lasse ich -dahingestellt. Hatte denn der Verstorbene religiöse Ueberzeugungen? -Das heißt -- fühlte er seine Abhängigkeit von einer höheren Macht und -unterwarf er sich ihren Fügungen?« - -Abermaliges Nachdenken. - -»Jetzt bin ich wieder wie vor den Kopf geschlagen, Meister. Könnten Sie -das nicht noch einmal sagen -- so recht langsam?« - -»Ich meine nur -- um mich ganz klar auszudrücken -- hat er je in -Verbindung mit irgend einer Gemeinschaft gestanden, die sich dem -weltlichen Getriebe fernhielt, sich in Selbstverleugnung übte und im -Gehorsam gegen das Sittengesetz?« - -»Das war ein Fehlschuß; thun Sie noch einmal Pulver auf die Pfanne.« - -»Was sagen Sie?« - -»Jedesmal, wenn Sie so loslegen, bleibe ich im Hintertreffen. Sie -bekommen die beste Hand und ich habe kein Glück. Mischen wir lieber -noch einmal von neuem.« - -»Was? Soll ich von vorn anfangen?« - -»Ja, das wäre mir gerade recht.« - -»Nun denn -- war er ein guter Mann und --« - -»Halt -- das leuchtet mir ein. Warten Sie erst einmal, ehe wir weiter -gehen. Ein guter Mann -- das will ich meinen; der beste Mann von der -Welt, Sie hätten ihn auch lieb haben müssen. Noch beim letzten Wahlgang -hat er die Unruhen beschwichtigt, bevor sie recht zum Ausbruch kamen; -außer ihm hätte das keiner gekonnt. Vierzehn Männer mußte man in den -ersten fünf Minuten vom Platze tragen, so hat er’s ihnen eingetränkt. -Er stimmte immer für den Frieden, jeder Aufruhr war ihm ein Greuel und -sein Tod ist ein großer Verlust für die Stadt. Es würde die Jungens -freuen, wenn Sie ihm die Gerechtigkeit erwiesen, das anzubringen. -Schneller laufen konnte er, höher springen, derber treffen und -flotter trinken, als irgend jemand auf hundert Meilen in der Runde. -Das vergessen Sie nicht, Meister, die Jungens werden es Ihnen hoch -anschlagen. Dann können Sie auch noch sagen, daß er seine Mutter nie -geschüttelt hat.« - -»Warum sollte er denn das thun? das wäre ja entsetzlich.« - -»Das meine ich auch, aber es giebt doch Leute, die es thun.« - -»Aber doch niemand, der Ehre im Leibe hat!« - -»Doch -- welche, die sonst gar nicht so übel sind.« - -»Nach meiner Meinung sollte ein Mann, der die Hand gegen seine Mutter -zu erheben wagt --« - -»Wo denken Sie hin, Meister -- da haben Sie ’mal gründlich -fehlgeschossen. Was ich sagen will ist, daß er seine Mutter nicht -abgeschüttelt hat, sie verstoßen, wissen Sie. Er hat ihr ein Haus zum -wohnen gegeben und Ackerland und Geld die Fülle, hat für sie gesorgt -und immer nach ihr gesehen. Und als sie die Blattern kriegte, hat er -nachts bei ihr gesessen und sie gepflegt -- ich will verdammt sein, -wenn’s nicht wahr ist. Bitte um Verzeihung -- das fuhr mir nur so -heraus. Ich wollte Sie nicht kränken, Meister. Sie haben mich anständig -behandelt; ich glaube, Sie sind weiß und rein und meinen es ehrlich. -Ich habe Gefallen an Ihnen gefunden und jeden, der Sie nicht liebt, -will ich durchbläuen, daß er das Aufstehen vergißt. Da, schlagen Sie -ein!« - -Er schüttelte dem Pfarrer abermals herzlich die Hand und fort war er. - - * * * * * - -Das Leichenbegängnis fiel ganz so aus, wie die Jungens es sich -wünschten. Eine solche Trauerfeier hatte Virginia noch nie erlebt. Alle -Geschäfte waren geschlossen, die Blasinstrumente ließen Totenlieder -erklingen, die Bahre war schwarz verhängt, die Fahnen auf Halbmast. -Bei dem Trauergefolge sah man lange Züge von Militärpersonen, -Feuerwehrleuten, Mitglieder geheimer Gesellschaften in Uniform, -umflorte Feuerspritzen, Wagen mit Vertretern von Behörden, Bürger in -allerlei Fuhrwerken und zu Fuß. Das großartige Gepränge zog Scharen von -Zuschauern herbei, von denen die Straßen, Fenster und Dächer wimmelten. -Noch lange Jahre nachher kannte man keinen andern Maßstab für die -Pracht und Größe einer öffentlichen Schaustellung in Virginia, als den -Vergleich mit Buck Fanshaws Begräbnis. - -Scotty Briggs ging als einer der Hauptleidtragenden hinter dem Sarge. -Als die Leichenrede zu Ende war und das letzte Gebet für die Seele -des Toten verhallt, sagte er mit leiser Stimme und tiefem Gefühl: -»Amen. Irländer sind ausgeschlossen.« Dies war des Verstorbenen -Lieblingsredensart gewesen und wahrscheinlich wiederholte sie Scotty in -diesem Augenblick nur zum ehrenden Gedächtnis für seinen abgeschiedenen -Freund. - -In späteren Jahren zeichnete sich Scotty Briggs dadurch aus, daß er -der einzige unter den Raufbolden Virginias war, der sich für religiöse -Belehrung zugänglich erwies. Der Mann, welcher sich aus eigenem -Antrieb und angeborenem Edelmut stets der Sache der Schwächeren -gegen ihre Feinde angenommen hatte, war gar kein ungeeignetes Glied -für die Christengemeinde. Er fand als solches Gelegenheit, die -Großmut und Unerschrockenheit seines Charakters auf einem weiteren, -fruchtbringenden Felde zu bethätigen. Die Kinder, welche er in der -Sonntagsschule unterrichtete, machten raschere Fortschritte als alle -übrigen, was gar nicht zu verwundern war, denn er redete mit den -kleinen Sprößlingen der Bergleute in einer Sprache, die sie verstanden. - -Noch einen Monat vor seinem Tode hatte ich das Glück, zu hören, wie er -seiner Klasse die schöne Geschichte von Joseph und seinen Brüdern aus -dem Kopf erzählte, ohne dabei ins Buch zu sehen. Ich überlasse es dem -Leser, sich einen Begriff von dem Eindruck zu machen, den sie aus dem -Munde des eifrigen Lehrers auf die kleinen Schüler hervorbrachte. Sie -lauschten seinen Worten in atemloser Spannung und weder er noch sie -schienen sich im geringsten bewußt, daß der biblischen Erzählung Gewalt -angethan, ihre Heiligkeit entweiht, oder überhaupt ein Verstoß gegen -die althergebrachte Sitte begangen werde. - - - - -Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte. - - -In den ersten sechsundzwanzig Gräbern des Kirchhofs von Virginia -sind die Leichen von Ermordeten bestattet. Das sagte und glaubte man -wenigstens allgemein. Das gewaltthätige Element herrscht in jedem neuen -Bergwerksdistrikt vor; erst wenn einer ›seinen Mann getötet‹ hatte, -wie die Redensart lautet, konnte er sich Achtung verschaffen. Mord und -Totschlag waren daher an der Tagesordnung. Bei einem fremden Ankömmling -fragte man nicht danach, ob er geschickt, ehrlich und arbeitsam sei, -sondern, ob er schon ›seinen Mann getötet‹ habe. War dies nicht der -Fall, so sank er zu der ihm gebührenden niedrigen Stellung herab, aus -der er sich mit unbefleckten Händen nur mühsam emporarbeiten konnte. -Ein Totschläger dagegen wurde, je nach der Zahl seiner Opfer, mit mehr -oder weniger Herzlichkeit bewillkommnet und jeder beeilte sich, seine -Bekanntschaft zu machen. Kein Wunder daher, daß so viele strebten, -diesen Ruhm zu erwerben. Ich habe selbst zwei junge Leute gekannt, die -nur zu diesem Zweck, ohne irgend welche Herausforderung, den Versuch -machten, ›ihren Mann zu töten‹ und selbst dabei ums Leben kamen. - -Eine Zeitlang standen in Nevada der Anwalt, der Bankier, der -Herausgeber der Zeitung, der stärkste Raufbold, der glücklichste -Spieler und der Schenkwirt in gleichem Ansehen und nahmen die höchste -gesellschaftliche Stellung ein. Wer ein einflußreiches Glied der -Gemeinde werden wollte, für den gab es kein wohlfeileres und sichereres -Mittel, als mit einer diamantenen Busennadel im Vorhemd hinter dem -Schenktisch zu stehen und Whisky zu verkaufen. Der Schenkwirt besaß -eine große Macht über die Gemüter; von ihm hing zumeist der Ausfall der -Wahlen ab, und ohne seine Unterstützung und Leitung kam kein wichtiges -Unternehmen zustande. Wenn der vornehmste Schenkwirt sich herabließ, -ein obrigkeitliches Amt anzunehmen oder in den Gemeinderat zu treten, -so galt das als eine große Gunst. Daher war denn auch meist der -Ehrgeiz der Jugend nicht darauf gerichtet, einen hohen Posten bei der -Verwaltung, in der Flotte oder im Heer zu bekleiden, sondern Besitzer -einer Schenkwirtschaft zu werden. - -Zur höchsten Berühmtheit gelangte also, wer Schenkwirt war und ›seinen -Mann getötet‹ hatte. Der Mörder entging meist der ihm gebührenden -Strafe, wozu hauptsächlich die Bestimmung beitrug, daß ein Geschworener -über den zu verhandelnden Fall in gänzlicher Unwissenheit sein muß, -zuvor weder etwas davon gehört, noch gelesen, auch nicht öffentlich -seine Meinung geäußert haben darf. In unserm Jahrhundert der Zeitungen -und Telegraphen schloß man hierdurch von vornherein jeden gebildeten, -rechtschaffenen und verständigen Mann von der Geschworenenbank aus und -machte die Schwurgerichte oft zu einem traurigen Possenspiel. - -Mir ist ein derartiges Beispiel erinnerlich: Herr B., ein wackerer -Bürger, war von einem bekannten Raufbold in übermütiger Laune kalten -Blutes umgebracht worden. Natürlich waren alle Tagesblätter voll -davon, wer lesen konnte, las die Berichte, wer nicht taub, stumm oder -blödsinnig war, sprach darüber. Als es zur Wahl der Geschworenen kam, -verwarf man alle tüchtigen, klugen und redlichen Männer; ein sehr -angesehener Bankier, ein allgemein beliebter Prediger, ein Kaufmann -von anerkannt rechtschaffenem Charakter, der hochachtbare Besitzer -einer Quarzgrube, ein Bergwerksdirektor, der den besten Ruf genoß -- -sie alle wurden von der Liste gestrichen. Jeder einzelne von ihnen -versicherte zwar, daß die umlaufenden Gerüchte und Zeitungsartikel -sein Urteil nicht dergestalt beeinflußt hätten, daß er außer stande -sei, sich auf Grund der Thatsachen und beschworenen Zeugenaussagen -eine eigene Ueberzeugung zu bilden, aber das blieb unberücksichtigt. -Die Männer waren sämtlich untauglich, da nur völlige Unwissenheit den -Geschworenen befähigte, einen gerechten Wahrspruch zu fällen. - -[Illustration] - -Nachdem alle zuerst einberufenen verworfen waren, wählte man zwölf -Ersatzmänner, welche beschworen, daß sie von dem Mord, den sich die -Indianer der Steppe erzählten und die Steine auf der Gasse zuraunten, -weder etwas gehört, noch gelesen, auch nicht darüber gesprochen und -ihre Ansicht geäußert hätten. Diese Jury bestand aus zwei Raufbolden, -zwei gemeinen Bierbrüdern, drei Schenkwirten, zwei Rancheros, die nicht -lesen konnten, und drei Eseln in Menschengestalt, denen die einfachsten -Begriffe abgingen. Natürlich verneinten sie die Schuldfrage, das ließ -sich nicht anders erwarten. - -[Illustration] - -Wenn man Nevada in seiner ›flotten Zeit‹ schildern und dabei Mord -und Totschlag unerwähnt lassen wollte, so könnte man ebenso gut bei -einem Bericht über das Mormonentum die Vielweiberei mit Stillschweigen -übergehen. Gewaltthätigkeiten waren etwas Alltägliches; der Raufbold -stolzierte mit prahlerischer Großthuerei durch die Straßen und wenn er -einem seiner bescheidenen Bewunderer vertraulich zunickte, so beglückte -diesen der Gruß des berühmten Mannes für den Rest des Tages. In seinem -langschößigen Ueberrock, der bis auf die glänzenden Stulpenstiefel -herabhing, den Schlapphut auf dem linken Ohr, kam er den Bürgersteig -dahergegangen und die kleinen Straßenlümmel machten Seiner Majestät -ehrerbietigst Platz. Trat er in eine Trinkstube, so ließ der Kellner -die Beamten und Kaufleute warten, um sich ihm dienstfertig zu erweisen. -Wer bei dem Gedränge am Schenktisch Ellenbogenstöße von ihm erhielt, -sah sich wohl zornig um, bat aber um Entschuldigung, sobald er ihn -erkannt hatte. Zum Dank dafür ward ihm dann ein Blick zu teil, bei -dem ihm das Blut in den Adern erstarrte. Der Schenkwirt aber eilte -strahlenden Angesichts herbei, um den hohen Gast zu befriedigen, auf -dessen Kundschaft er stolz war. - -Die Namen dieser langschößigen Revolverhelden waren die berühmtesten im -ganzen Territorium; Redner, Präsidenten, Kapitalisten und Gesetzgeber -genossen, im Vergleich mit ihnen, nur ein mäßiges Ansehen. Leute, -wie Sam Brown, Jack Williams, Billy Mulligan, Pächter Bease, den -pockennarbigen Jack, den sechsfingerigen Peter u. a. m., kannte man -weit und breit; ich könnte eine lange Liste aufzählen. Es waren -furchtbare, übermütige Gesellen, die tollkühn jeder Gefahr trotzten. - -Um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich noch erwähnen, -daß sie sich meist unter einander rauften und totschlugen, die -friedlichen Bürger aber nur selten belästigten. Einem Menschen das -Leben zu nehmen, der nicht zum ›Schützenwild‹ gehörte, wie sie es -nannten, und dessen Tod keine neue Perle in ihrem Ruhmeskranz bedeutet -hätte, galt für unter ihrer Würde. Sie brachten sich gegenseitig bei -dem geringfügigsten Anlaß um und jeder von ihnen hoffte und wartete -auch seinerseits auf ein gewaltsames Ende, da es fast für eine Schande -galt, anders als ›in den Stiefeln‹ zu sterben. - -Daß ein Raufbold es als zu leichte Beute verschmähte, einer -Privatperson den Garaus zu machen, davon habe ich selbst ein Beispiel -erlebt. Ich saß einmal spät beim Abendessen in einem Speisehaus mit -zwei Berichterstattern und einem kleinen Buchdrucker, den ich Brown -nennen will -- der Name thut nichts zur Sache. Bald darauf trat ein -langschößiger Fremder ein und nahm Platz, ohne Browns Hut zu bemerken, -der auf dem Stuhle lag. Als der Kleine sofort aufsprang und zu -schimpfen begann, lächelte der Fremde nur spöttisch, glättete den Hut -wieder und erging sich in wortreichen Entschuldigungen, indem er Brown -mit beißendem Hohn beschwor, ihm nicht das Lebenslicht auszublasen. -Dieser entledigte sich auf der Stelle seines Rockes und forderte den -Gegner zum Kampf heraus, er drohte ihm, überhäufte ihn mit Schmähungen, -äußerte Zweifel an seinem Mut, ja, endlich flehte er ihn sogar an, -sich mit ihm zu schlagen. Noch immer spöttisch lächelnd, bat uns der -Fremde zuerst, in scheinbarer Angst, um unsern Schutz; dann sagte er, -plötzlich ernst werdend: - -»Nun, wenn Sie denn durchaus darauf bestehen, so wollen wir meinetwegen -kämpfen. Aber, ich bitte Sie, meine Herren, stürzen Sie sich nicht -blindlings in die Gefahr, um hernach zu klagen, daß ich Sie nicht -gewarnt hätte. Ich kann es mit Ihnen allen zusammen aufnehmen, wenn -ich erst einmal loslege. Das will ich Ihnen beweisen, und beharrt mein -Freund hier dann noch auf seinem Willen, so soll er ihn haben.« - -Der Tisch, an welchem wir saßen, war fünf Fuß lang und ungewöhnlich -plump und schwer. Der Fremde sagte, wir möchten das Geschirr einen -Augenblick festhalten -- in einer der Schüsseln lag ein großer Braten. -Dann setzte er sich an ein Ende des Tisches, hob es in die Höhe, -stellte zwei von den Beinen auf seine Knie, nahm die Tischplatte -zwischen die Zähne, und brachte so, ohne die Hände zu gebrauchen, den -Tisch mit sämtlichem Gerät darauf in eine wagerechte Linie. Nach dieser -Kraftprobe teilte er uns ferner mit, er könne ein Faß voll Nägel mit -den Zähnen aufheben, auch biß er aus einem gewöhnlichen Trinkglas ein -halbkreisförmiges Stück heraus. Dann zeigte er uns noch auf seiner -nackten Brust ein ganzes Netzwerk vernarbter Stich- und Schußwunden -und eine gleiche Menge auf seinen Armen und im Gesicht, wobei er uns -versicherte, er habe so viele Kugeln im Leibe, daß man eine ganze -Kanone daraus gießen könne. Schließlich nannte er uns seinen Namen, -bei dessen gefürchtetem Klang uns angst und bange wurde; ich getraue -mich nicht, ihn zu veröffentlichen, denn der Mann könnte kommen und -mich in Stücke hauen. Als er zuletzt Brown fragte, ob ihn noch immer -nach seinem Blute gelüste, überlegte dieser sich die Sache einen -Augenblick und dann bat er ihn -- mit uns zu Nacht zu speisen. - - - - -Der große Zeitungsroman. - - -Als es in unserer ›flotten Zeit‹ am herrlichsten zuging, stand auch -das Laster im vollsten Flor. Die Branntweinschenken waren überfüllt, -desgleichen die Polizeiämter, die Spielhöllen, die Freudenhäuser und -die Gefängnisse -- ein sicheres Zeichen höchsten Gedeihens in einer -Bergwerksgegend -- vielleicht auch an andern Orten -- denn es beweist, -daß der Handel nicht stockt und nirgends Mangel an Geld ist. Nun fehlte -zum Höhepunkt unseres Glanzes nur noch _ein_ Ereignis, das gewöhnlich -zuletzt kommt, dann aber auch die Herrschaft der flotten Zeit außer -aller Frage stellt, nämlich das Erscheinen eines Unterhaltungsblattes. -Die neu gegründete ›Wochenschrift des Westens‹ beschäftigte sämtliche -litterarisch begabte Persönlichkeiten Virginias als Mitarbeiter und -Herr F., ein echter Held der Feder, war der Herausgeber. - -Wir erwarteten große Dinge von unserer Wochenschrift, aber natürlich -mußten wir, um sie in Fluß zu bringen, vor allem einen Originalroman -haben, zu dessen Abfassung denn auch sofort die besten Kräfte der -Gesellschaft aufgeboten wurden. Frau F., eine begabte Schriftstellerin -aus der ›Schule der Ueberschwenglichen‹, die sich für Tugend und -erhabene Gefühle begeistern, schrieb das erste Kapitel. Sie ließ darin -eine reizende blonde Unschuld auftreten, die das Menschenmögliche -an Vollkommenheit leistete und nur für Blumen und Verse schwärmte. -Auch ein junger, französischer Herzog ward den Lesern vorgestellt, -ein Muster der feinsten Bildung, der dem blonden Fräulein sein -Herz geschenkt hatte. In der folgenden Woche führte Herr F. einen -redegewandten Rechtsgelehrten ein, welcher trachtete, des Herzogs Güter -und Geschäfte in Verwirrung zu bringen, ferner eine geistvolle junge -Dame aus der höchsten Gesellschaft, die den Herzog zu fesseln suchte -und der blonden Unschuld die Eßlust benahm. - -Der Verfasser des dritten Kapitels war Herr D., der düsterblickende, -blutdürstige Redakteur für Tagesneuigkeiten; er brachte einen -geheimnisvollen Rosenkreuzer zum Vorschein, der die Geldmacherei -betrieb, um Mitternacht in einer Höhle Beratungen mit dem Teufel -pflog und den Helden und Heldinnen das Horoskop stellte. Dabei sagte -er Verwickelungen und Unglücksfälle in Menge für die Zukunft voraus, -was die Gemüter in eine schauerliche Spannung versetzte. Auch einen -maskierten, melodramatischen Bösewicht ließ er auftreten, der um -blutigen Sold, in seinen Mantel gehüllt, dem Herzog bei nächtlichem -Dunkel mit einem vergifteten Dolch auflauern sollte; ferner einen -Irländer, der als Kutscher im Dienst bei der vornehmen Dame stand, -nur im Dialekt sprach und als Ueberbringer von Liebesbriefchen an den -Herzog verwendet wurde. - -Nun traf um diese Zeit ein Fremder in Virginia ein, welcher -litterarische Neigungen und ausschweifende Sitten hatte; er sah etwas -schäbig aus, schien aber sehr still und anspruchslos. Sein Wesen war -so sanft und freundlich und sein Benehmen -- mochte er betrunken sein -oder nüchtern -- so angenehm und rücksichtsvoll, daß, wer mit ihm in -Berührung kam, ihm wohlgesinnt sein mußte. Da er um litterarische -Arbeit bat und hinlängliche Beweise beibrachte, daß er eine leichte -und wohlgeübte Feder führte, beauftragte ihn Herr F., uns bei der -Abfassung des Romans zu helfen. Er sollte das nächste Kapitel -schreiben und dann kam meines an die Reihe. - -Kaum war dies beschlossen, so hatte der Unglücksmensch nichts -Eiligeres zu thun, als sich zu betrinken, in sein Quartier zu gehen -und sich an die Arbeit zu machen, während in seinem Hirn noch der -wüsteste Wirrwarr herrschte. Die Folgen kann man sich denken. Er -überflog die Kapitel seiner Vorgänger, fand genug handelnde Personen -darin, die ihm gefielen, und beschloß, keine neuen mehr auftreten -zu lassen. Mit der heitern Zuversicht, welche der Branntwein seinen -Jüngern verleiht, begann er dann in glücklichem Selbstvertrauen sein -Werk. Er verheiratete den Kutscher mit der Dame aus der höchsten -Gesellschaft, um Skandal zu erregen; dem Herzog gab er die Stiefmutter -der blonden Unschuld zur Gattin, das sollte Aufsehen machen; dem -Bösewicht verweigerte er den bedungenen Lohn; zwischen dem Teufel und -dem Rosenkreuzer schuf er ein Mißverständnis und spielte des Herzogs -Güter dem schlauen Advokaten in die Hände. Letzterer mußte sich dann -aus Gewissensbissen dem Trunke ergeben, in Delirium Tremens verfallen -und sich das Leben nehmen; hierauf brach der Kutscher den Hals, seine -Witwe versank in Armut, Kummer und Not und bekam die Schwindsucht; -die Blondine ertränkte sich und ließ mit ihren Kleidern am Ufer einen -Zettel zurück, worin sie dem Herzog verzieh und die Hoffnung aussprach, -er möchte glücklich sein. Der Herzog erkennt nun an dem herkömmlichen -Muttermal in Form einer Erdbeere, daß er seine tot geglaubte Mutter -geehelicht und seine längst verlorene Schwester in den Tod getrieben -hat. Herzog und Herzogin nehmen sich darauf selbst das Leben, um der -poetischen Gerechtigkeit Genüge zu thun; die Erde öffnet sich und -verschlingt den Rosenkreuzer unter Donner, Blitz und Schwefelgeruch. -Schließlich endigt der Verfasser mit dem Versprechen, daß er im -nächsten Kapitel eine allgemeine Leichenschau halten, die noch -überlebenden Charaktere einer Musterung unterziehen und dem geneigten -Leser mitteilen werde, was aus dem Teufel geworden sei. - -[Illustration] - -Das alles las sich merkwürdig glatt und war mit solcher Ernsthaftigkeit -geschrieben, daß es einem fast den Atem benahm. Die Mitarbeiter an -dem Roman gerieten jedoch darüber in die höchste Wut und es entstand -ein unbeschreiblicher Aufruhr. Als der Strom von Schmähungen über den -sanften Fremdling hereinbrach, welcher noch halb im Rausch war, blickte -er seine Widersacher der Reihe nach schüchtern und verwirrt an, ohne -begreifen zu können, was er eigentlich verbrochen habe. Endlich trat -nach dem Sturm eine Windstille ein und er konnte zu Worte kommen. In -leise flehendem Ton sagte er, was er geschrieben, sei ihm nicht mehr -recht erinnerlich, doch habe er sich gewiß alle Mühe gegeben, um den -Roman nicht nur spannend und unterhaltend, sondern auch glaubwürdig, -belehrend und -- man ließ ihn nicht ausreden; von allen Seiten ward -er belagert und angefallen, mit Vorwürfen überhäuft und wegen seiner -Behauptungen ins Lächerliche gezogen und zu nichte gemacht. Bei jedem -Versuch, seine Widersacher zu besänftigen, goß der Fremde nur Oel ins -Feuer; erst als er vorschlug, das Kapitel noch einmal zu schreiben, -stellte man die Feindseligkeiten ein, die Entrüstung legte sich, es -wurde Friede geschlossen und der Besiegte trat den Rückzug nach seiner -eigenen Festung an. - -Allein, ehe er dorthin gelangte, unterlag er der Versuchung aufs neue, -er betrank sich abermals und seine Phantasie verlor Zaum und Zügel. -Nun warf er seine Helden und Heldinnen noch wilder durcheinander als -das erstemal, aber auch dieses Machwerk trug wieder den Stempel der -ehrlichsten Gesinnung und größten Zuverlässigkeit. Alle handelnden -Personen gerieten in die ungewöhnlichste Lage und mußten ganz -erstaunliche Dinge sagen und thun. Was der Verfasser alles vorbrachte, -läßt sich nicht beschreiben, die Abgeschmacktheit war bis auf die -Spitze getrieben und der Blödsinn in ein System gebracht. Auch -erklärende Randbemerkungen waren beigefügt, die dem Text an Seltsamkeit -nichts nachgaben. - -Als Beispiel des Ganzen will ich nur eine Episode mitteilen, die mir -erinnerlich ist: Der Anwalt hatte seinen Charakter verändert, er war -ein hochherziger, prächtiger Mensch geworden, der Ruhm und Geld besaß -und dreiunddreißig Jahre zählte. Die blonde Unschuld entdeckte mit -Hilfe des Rosenkreuzers, daß der Herzog sie nur um ihres Reichtums -willen zu besitzen trachte, eigentlich aber der Dame aus der höchsten -Gesellschaft zugethan sei. Bis ins Innerste verwundet, riß sie die -Liebe zu ihm aus ihrem Herzen und goß die ganze Fülle derselben über -den Anwalt aus, bei welchem sie ebenso feurige Erwiderung fand. -Allein die Eltern erhoben Einspruch; sie wollten einen Herzog zum -Schwiegersohn und waren nicht davon abzubringen, wiewohl sie zugaben, -daß ihnen nächst dem Herzog der Anwalt am liebsten sei. Da nun aber die -Blondine zu kränkeln begann, erschraken die Eltern und beschworen sie, -doch den Herzog zu heiraten; alles Zureden war aber umsonst, sie fuhr -fort dahinzuwelken. Unter den Umständen hielten die Eltern es für das -beste ihr zu sagen, daß, wenn sie nach Jahresfrist noch dabei beharre, -den Herzog zu verschmähen, so solle sie mit ihrer Einwilligung des -Anwalts Gattin werden. Bei dieser Aussicht färbten sich des Mädchens -Wangen wieder und mit der Hoffnung kehrte auch die Gesundheit zurück. -Das hatte man erwartet und schritt nun rasch zur Ausführung eines -bereits gefaßten Planes. Der Hausarzt mußte der Blondine zur völligen -Wiedergenesung eine weite Reise zu Wasser und Land verschreiben, an -welcher der Herzog teilnehmen sollte. Die Eltern rechneten darauf, daß -des Herzogs stete Gegenwart und des Anwalts Abwesenheit alles zum guten -Ende führen werde; denn den Anwalt hatten sie nicht eingeladen. - -Sie schifften sich auf einem Dampfer nach Amerika ein; als aber am -dritten Tage die Seekrankheit nachließ und sie zum erstenmal bei der -Mittagstafel erschienen, da fanden sie zu ihrem Schrecken den Anwalt -gemütlich bei Tische sitzen. Das war eine große Verlegenheit, allein -der Herzog und seine Reisegesellschaft setzten sich darüber hinweg so -gut sie konnten und die Fahrt ging weiter. Etwa zweihundert Meilen von -der amerikanischen Küste geriet das Schiff jedoch in Brand; Takelwerk -und Masten wurden von den Flammen verzehrt und von der Mannschaft -und den Passagieren blieben nur dreißig am Leben, darunter unsere -Freunde. Sie trieben einen halben Tag und die ganze Nacht umher, bis -am Morgen zwei Walfischfahrer erschienen und Boote aussetzten. Das -Wetter war stürmisch und die Einschiffung verursachte große Verwirrung -und Aufregung. Der Anwalt that seine Pflicht mit Mannesmut, er half -der fast ohnmächtigen Blondine, ihren Eltern und andern seiner -Leidensgefährten in das Boot (der Herzog stieg allein hinunter). In -diesem Augenblick fiel am andern Ende des Wracks ein Kind ins Wasser, -der Anwalt vernahm das Wehgeschrei der Mutter, eilte zu Hilfe und zog -im Verein mit andern Rettern das Kind aus den Fluten. Dann lief er -zurück, aber es war zu spät -- das Boot mit der Blondine war schon -abgestoßen. Der Anwalt mußte das zweite Boot besteigen und wurde von -dem andern Schiff aufgenommen. Die Wut des Sturmes wuchs, er trieb die -Schiffe ins Weite und bald verloren sie einander aus dem Gesicht. Als -sich drei Tage später der Wind legte, befand sich das Schiff mit der -Blondine siebenhundert Meilen nördlich von Boston und das andere Schiff -etwa siebenhundert Meilen südlich von diesem Hafen. Der Kapitän der -Blondine ging im Norden des Atlantischen Ozeans auf den Walfischfang -und der Kapitän des Anwalts hatte Befehl, im Norden des Stillen Ozeans -zu kreuzen. - -Fast ein Jahr war vergangen; das eine Schiff befand sich an der -Grönländischen Küste, das andere in der Behringsstraße. Der Blondine -hatte man eingeredet, daß der Anwalt über Bord gespült worden sei, als -er gerade ins Boot steigen wollte. Allmählich begann sie den Bitten -des Herzogs und ihrer Eltern Gehör zu geben und sich mit dem Gedanken -an die verhaßte Heirat vertraut zu machen. Doch beharrte sie fest -darauf, daß die einmal bestimmte Frist eingehalten werde. Der Zeitpunkt -rückte immer näher und schon begann man an Bord Vorbereitungen zu der -Hochzeit zu treffen, die mitten unter Eisbergen und Walrossen gefeiert -werden sollte. Nur noch fünf Tage, dann war alles vorüber. Die Blondine -bedachte das mit Seufzen und Weinen. O, wenn der Geliebte ihres Herzens -noch lebte, warum eilte er nicht zu ihrer Rettung herbei? -- - -Ach, er vermochte es nicht, denn er war in diesem Augenblick in der -Behringsstraße. Fünftausend Meilen betrug ihre Entfernung von einander -quer durch das nördliche Eismeer gemessen und zwanzigtausend Meilen um -das Kap Horn herum. Da des Anwalts sämtliche Habe in dem andern Boot -geblieben war, hatte er Schiffsdienste thun müssen, um seinen Unterhalt -zu verdienen, und war gerade beschäftigt, einen Walfisch anzuspießen. -Er schleuderte die Harpune mit aller Kraft, verfehlte jedoch sein -Ziel, glitt aus und fiel dem Walfisch in den offenen Schlund. Fünf -Tage blieb er besinnungslos in des Walfischs Bauch; als er wieder zu -sich kam, sah er das Tageslicht durch ein Loch hereinströmen, welches -sich im Rücken des Fisches befand. Die Mannschaft vom Schiff der -Blondine hatte den Walfisch erlegt; der Anwalt kletterte heraus und -überraschte die Matrosen, als sie gerade den Speck des getöteten Tieres -am Schiffsrand hinaufwanden. Er fragte nach dem Namen des Schiffes, -eilte an Bord, traf die Hochzeitsgesellschaft am Traualtar und rief mit -Donnerstimme: »Halt, nicht weiter -- hier bin ich! Komm in meine Arme, -Geliebte!« -- - -In den Anmerkungen, welche dieser erstaunlichen litterarischen Leistung -beigefügt waren, suchte der Verfasser zu beweisen, daß der Vorgang -keineswegs außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liege. Zum Beweis, -daß ein Walfisch imstande sei, in fünf Tagen von der Behringsstraße -nach der Küste von Grönland zu schwimmen, führte er einen ähnlichen -Vorgang aus einem Buch von Charles Reade an, und dafür, daß ein Mensch -im Bauche eines Walfischs leben könne, lieferte ihm das Abenteuer des -Propheten Jonas ein allbekanntes Beispiel. Habe ein Prophet es drei -Tage darin ausgehalten, so würde ein Anwalt es sicherlich fünf Tage -ertragen, ohne Schaden zu nehmen. - -Der Sturm, der sich nun im Redaktionszimmer erhob, tobte wilder als -zuvor; man warf dem Fremden sein Manuskript an den Kopf und jagte ihn -mit Schimpf und Schande davon. Inzwischen waren die Angelegenheiten -durch seine Schuld so sehr verzögert worden, daß keine Zeit mehr blieb, -ein neues Kapitel zu schreiben und so kam das Blatt diese Woche ohne -Roman heraus. Der Umstand erschütterte das Vertrauen des Publikums -in die ›Wochenschrift des Westens‹ vermutlich so sehr, daß sie ihr -gequältes Dasein nur noch mühsam weiter fristete und bevor die nächste -Nummer die Presse verließ, eines stillen und friedlichen Todes starb. - -Mit Hilfe eines ansprechenden Titels hoffte man noch mit dem Blatt -einen Wiederbelebungsversuch anstellen zu können. Herr F. schlug vor, -es den ›Phönix‹ zu nennen, um anzudeuten, daß es aus der Asche in -ungeahntem Glanze erstehen werde; statt dessen wählte man jedoch auf -Anraten eines schlauen Kopfes den Namen ›Lazarus‹. Da nun aber die -Leser in der biblischen Geschichte wenig bewandert waren und den vom -Tode erweckten Lazarus mit dem elenden, kranken Bettler verwechselten, -der vor des Reichen Thüre lag, wurde der Name zum Gespött in der ganzen -Stadt und das brach dem Unternehmen vollends den Hals. - - - - -Belehrendes. - - -Ich erlaube mir, den geneigten Leser im voraus zu benachrichtigen, -daß ich in diesem Kapitel einige statistische Bemerkungen zu machen -gedenke, damit er es überschlagen kann, wenn er will. - -Im Jahre 1863, zur Zeit unseres höchsten Glanzes, glich Virginia einem -wahren Bienenstock, so schwärmte es darin von Menschen und Wagen, -doch ließ sich das von ferne schwer erkennen, da die Stadt im Sommer -meist in eine dichte Wolke Alkalistaub eingehüllt war. Fuhr man zehn -Meilen weit in diesem Staub dahin, so wurden Pferde und Menschen -mit einer eintönig blaßgelben Kruste überzogen und im Wagen lag der -Staub mindestens drei Zoll hoch, da ihn die Räder aufwühlten und -hineinwarfen. Dabei ist dieser Alkalistaub so fein, daß er sogar in das -luftdicht verschlossene Glasgehäuse eindringt, in welchem der Wardein -seine äußerst empfindlichen Probierwagen aufbewahrt, deren Genauigkeit -dadurch beeinträchtigt wird. - -Es war damals die Zeit der gewagtesten Spekulationen, doch wurden -auch solide Geschäfte in Menge abgeschlossen und es herrschte der -großartigste Handelsverkehr. Von Kalifornien aus schaffte man -alle Frachtgüter in ungeheuren Wagen über das Gebirge, denen oft -eine so lange Reihe von Maultieren zum Vorspann diente, daß es -ganz den Anschein hatte, als reiche der große Wagenzug, wie eine -endlose Prozession, von Virginia nach Kalifornien hinüber. An dem -aufgewirbelten Staub, der sich gleich einer ungeheuren Schlange durch -die Wüstengegend wälzte, ließ sich die Richtung der Handelsstraße in -dem Territorium leicht erkennen. - -Die Lasten wurden die ganze Strecke von hundertfünfzig Meilen auf -Transportwagen für den Preis von 100 bis 200 Dollars das Tonnengewicht -(2000 Pfd.) nach dem Ort ihrer Bestimmung befördert. Eine einzige Firma -in Virginia erhielt monatlich 100 Tonnen Fracht und bezahlte dafür -10,000 Dollars. Im Winter stiegen die Preise noch bedeutend. Alles -Edelmetall wurde in Barren mit der Post nach San Francisco geschafft. -Ein solcher Barren war meist doppelt so groß wie eine Mulde, wie sie -beim Bleiguß benützt wird, und zwischen 1500 und 3000 Dollars wert, -je nach der Menge Goldes, die sich im Silber vorfand. Bei größeren -Sendungen belief sich der Frachtsatz auf Fünfviertel Dollars für -hundert Dollars des wirklichen Metallwerts, bei kleineren auf zwei -Dollars. Die Fracht für einen Barren betrug daher im Durchschnitt etwas -über 25 Dollars. Es gingen täglich drei Posten hin und her und ich -habe oft gesehen, daß die nach Kalifornien bestimmten Postwagen eine -Drittel-Tonne in Silberbarren mitnahmen; manchmal teilten die drei -Wagen sogar eine Last von zwei Tonnen unter sich, doch waren das nur -Ausnahmefälle. Zwei Tonnen Rohsilber machten etwa 40 Barren aus, deren -Fracht über 1000 Dollars kostete. Außerdem wurde mit jeder Postkutsche -noch viel gewöhnliche Fracht befördert und zwischen fünfzehn bis -zwanzig Passagiere, welche ein Personengeld von 25 und 30 Dollars -bezahlten. - -Die Firma Wells, Fargo und Co., in deren Händen der Postverkehr -mit Virginia City lag, hatte demnach einen sehr bedeutenden und -einträglichen Geschäftsbetrieb. In anderthalb Jahren wurden, wie mir -der langjährige Agent der Firma, Valentin, mitteilte, Silberbarren im -Wert von 5,330,000 Dollars befördert. - -Von Virginia und Gold Hill aus erstreckt sich in einer Länge von -mehreren Meilen die große Combstock-Mine, eine Metallader von fünfzig -bis achtzig Fuß Dicke, welche in Felswände eingeschlossen ist. Die -Ader ist so breit wie manche Straße von New York. Will man sich einen -Begriff davon machen, was das heißt, so braucht man nur zu bedenken, -daß in Pennsylvanien ein acht Fuß breites Kohlenlager schon für -bedeutend gilt. - -Außer dem Virginia über der Erde, einer geschäftigen Stadt mit vielen -Straßen und Häusern, gab es demnach noch eine andere, unterirdische -Stadt, in der eine zahlreiche Bevölkerung aus und ein ging. Hunderte -von Menschen sah man sich dort durch die verworrenen Labyrinthe der -Tunnels und Stollen drängen und beim Schein der unruhig flackernden -Grubenlichter hierhin und dorthin huschen. Über ihren Häuptern -erhoben sich die ungeheuren Balkengerüste, welche die Mauern des -ausgehöhlten Combstocks auseinander hielten; die einzelnen Stützen -hatten Manneslänge und die Grubenzimmerung ging zu so beträchtlicher -Höhe hinauf, daß von unten kein menschliches Auge so weit zu dringen -vermochte und sich ihr Ende im Dunkel verlor; sie war zwei Meilen lang, -sechzig Fuß breit und höher als der höchste Kirchturm in Amerika. -Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, was es gekostet -haben muß, diesen Wald von Bauholz in den Tannenforsten jenseits des -Washoe-Sees zu fällen, um ihn für unsinnige Frachtsätze bis nach dem -Mount Davidson zu schaffen, auf dessen Höhe sich Virginia City erhebt, -das Holz dann zuzuhauen, in den Grubenschacht hinabzulassen und dort -zurecht zu zimmern. Wenn zwanzig reiche Kapitalisten ihr Gesamtvermögen -zusammenthäten, so würde das kaum ausreichen, um die Zimmerung zu -bezahlen, welche zu einer einzigen dieser großen Silberminen gehört. -Ein spanisches Sprichwort sagt, man brauche eine Goldgrube zum Betrieb -einer Silbergrube und das ist nur zu wahr. Wer nichts besitzt als ein -Silberbergwerk, weder Mittel hat es auszubeuten noch Gelegenheit zum -Verkauf, der ist der ärmste Bettler von der Welt. - -Ich habe von dem unterirdischen Virginia als von einer Stadt -gesprochen. Um eine Vorstellung davon zu geben, führe ich nur an, daß -die Gould- und Curry-Grube, welche nur _eine_ von vielen anderen ist, -Stollen und Tunnels in der Länge von fünf Meilen hatte und 500 Arbeiter -beschäftigte. Alles in allem aber betrug die Länge der Straßen jener -unterirdischen Stadt einige dreißig Meilen und ihre Bevölkerung 5--6000 -Arbeiter. Manche derselben sind in einer Tiefe von 12--1600 Fuß unter -den Häusern von Virginia und Gold Hill im Innern der Erde beschäftigt -und man bedient sich des elektrischen Stroms, um die Signalglocken -anzuschlagen, durch welche der Grubendirektor ihnen Anweisung bei der -Arbeit erteilt. Stürzt einmal ein Bergmann in einen 1000 Fuß tiefen -Schacht hinab, wie das dort zuweilen vorkommt, so begnügt man sich bei -solchem Fall gewöhnlich damit, die Leichenschau zu halten. - - - - -Von Virginia nach San Francisco. - - -Nun war ich lange genug Berichterstatter bei dem ›Enterprise‹ -gewesen und sehnte mich nach Abwechslung. Es befriedigte mich -nicht mehr, jährlich einmal nach Carson City zu gehen, um über die -Gerichtsverhandlungen zu schreiben und alle drei Monate einmal -wegen der Wettrennen und Kürbisausstellungen. Man hatte nämlich im -Washoe-County angefangen, Kartoffeln und Kürbisse zu bauen; natürlich -gehörte dazu vor allem eine landwirtschaftliche Ausstellung, deren -Kosten 10,000 Dollars betrugen, während für 40 Dollars Kürbisse zu -sehen waren. - -Ich wollte irgendwo anders hin, womöglich nach San Francisco. -Was ich eigentlich wollte, wußte ich selber nicht; ich hatte das -›Frühlingsfieber‹ und brauchte wahrscheinlich eine Luftveränderung. -Wenn die Bergwerksanteile, welche ich besaß, hunderttausend Dollars -wert waren, was nach meiner Ansicht bald der Fall sein mußte, gedachte -ich sie zu verkaufen und heimzukehren. Zwar war das eine weit geringere -Summe, als ich erwartet hatte, aber füglich konnte ich mich doch -anständigerweise damit begnügen, ohne zu fürchten, in Not zu geraten. - -Die erste Veränderung verschaffte mir mein Vorgesetzter, Herr Goodman, -welcher auf eine Woche verreiste und mich als Hauptredakteur -zurückließ. Das war mein Verderben. Den ersten Tag schrieb ich meinen -Leitartikel am Morgen. Am zweiten Tag fehlte mir ein Thema und ich -verschob die Arbeit bis zum Nachmittag, den dritten Tag nahm ich -sie erst am Abend vor und schrieb einen prächtigen Artikel aus der -›Amerikanischen Encyklopädie‹ ab, die eine getreue Freundin der -Redakteure im ganzen Lande ist. Am vierten Tage trödelte ich bis -Mitternacht und nahm wieder meine Zuflucht zur Encyklopädie. Am fünften -Tage zermarterte ich mir das Hirn und ließ die Presse warten, bis ich -einen erbitterten Ausfall gegen sechs verschiedene Privatpersonen zu -Papier gebracht hatte. Den sechsten Tag arbeitete ich im Schweiße -meines Angesichts bis tief in die Nacht hinein und doch kam nichts zu -stande; die Zeitung mußte ohne Leitartikel erscheinen. Am siebenten -Tage gab ich es von vornherein auf. Am achten kam Herr Goodman -wieder und fand sich in sechs Duelle verwickelt. Meine erbitterten -Anzüglichkeiten hatten Früchte getragen. - -Nur wer selbst einmal Redakteur gewesen ist, weiß, was das heißt. Es -ist leicht, aus andern Zeitungen Ausschnitte zu machen oder allerlei -Lokalzeug zusammenzuschreiben, wenn man die Thatsachen vor sich hat, -aber es ist unendlich schwer, Leitartikel zu verfassen. Die Themas -sind schuld daran -- das heißt, der häufige Mangel derselben. Tag -für Tag plagt und quält man sich, zerbricht sich den Kopf und leidet -namenlos -- die ganze Welt ist öde und leer und doch müssen die -Spalten des Blattes gefüllt werden. Weiß der Redakteur nur, worüber -er schreiben soll, so ist seine Arbeit gethan, den Artikel abzufassen -ist ein Kinderspiel; aber man stelle sich nur einmal vor, was es -heißt, zweiundfünfzig Wochen lang jeden Tag sein Gehirn auszupumpen --- der bloße Gedanke daran ist niederschmetternd. Was der Redakteur -eines Tageblatts in Amerika im Laufe eines Jahres zusammenschreibt, -würde sieben bis acht dicke Bände füllen, in zwanzig Jahren wäre -das eine ganze Bibliothek. Was will dagegen die Fruchtbarkeit von -Schriftstellern wie Scott, Dickens, Bulwer und Dumas sagen? Ja, wenn -sie so massenhaft produziert hätten wie ein Zeitungsredakteur, dann -könnte man sie wohl mit Recht anstaunen. - -Wie diese Menschen es aushalten, ihre entsetzliche Arbeit und den -ungeheuern Verbrauch von Gehirnsubstanz jahraus jahrein fortzusetzen, -ist unbegreiflich, denn ihre Beschäftigung besteht nicht etwa in einem -mechanischen Zusammentragen von Thatsachen, sie erfordert schöpferische -Kraft. Wenn ein Pfarrer allwöchentlich zwei Predigten zu schreiben -hat, findet er das auf die Dauer so angreifend, daß er im Sommer zwei -Monate Ferien haben muß. Das ist auch ganz in der Ordnung. Aber ein -Redakteur schreibt über zehn bis zwanzig Texte jede Woche, zehn bis -zwanzig ausführliche Artikel, und fährt das ganze Jahr hindurch ohne -Unterbrechung damit fort -- eine unerhörte Leistung! Seit ich meine -Woche als Redakteur überlebt habe, nehme ich keine Zeitung in die Hand, -ohne die langen Spalten des Leitartikels mit Vergnügen zu betrachten -und mich im stillen zu wundern, wie zum Henker man es nur fertig bringt. - -Herrn Goodmans Rückkehr befreite mich von aller Beschäftigung, denn -Berichterstatter wollte ich nicht wieder werden. Wie hätte ich auch -als Gemeiner in der Armee dienen können, nachdem ich einmal Feldherr -gewesen war? So beschloß ich denn, die Stadt zu verlassen und in die -weite Welt zu gehen. - -Gerade als dies bei mir feststand, erzählte mir mein Kollege Dan eines -Tages beiläufig, er sei von zwei Herren aufgefordert worden, mit nach -New York zu gehen, um ihnen beim Verkauf einer reichen Silbergrube -zu helfen, die sie in einem neuen Bergwerksdistrikt unserer Gegend -entdeckt hatten. Er sollte die Reisekosten vergütet erhalten und ein -Dritteil des bei dem Verkauf zu erzielenden Gewinns. Dies Anerbieten, -welches mir im höchsten Grade erwünscht gewesen wäre, hatte Dan -ausgeschlagen und als ich schalt, daß er mir nicht früher etwas -von der Sache gesagt habe, war er höchlich verwundert, daß ich aus -Virginia fort wolle; er habe den Herren geraten, sich an Marshall, den -Berichterstatter der andern Zeitung, zu wenden. - -Ich erkundigte mich nun des Näheren bei Dan, ob es sich auch nicht etwa -um einen Schwindel handle und ob die Grube wirklich und wahrhaftig -vorhanden sei, worauf er erwiderte, die Herren hätten ihm neun Tonnen -des Gesteins gezeigt, das sie mit nach New York nehmen wollten. -Er könne getrost versichern, daß er in ganz Nevada noch keine so -erzhaltigen Proben gesehen habe; auch für das nötige Bauholz und -den Platz zur Errichtung des Pochhammers in der Nähe der Grube sei -bereits Sorge getragen. Als ich das hörte, hätte ich Dan am liebsten -umgebracht, doch stand ich trotz meines Aergers davon ab, denn -vielleicht war noch nicht alle Hoffnung verloren. Dan behauptete das -wenigstens; er sagte, die Herren seien jetzt wieder nach ihrer Grube -gereist und würden frühestens in zehn Tagen zurückkehren. Er habe -versprochen, ihnen nach ihrer Zurückkunft Marshall oder sonst jemand -als Bewerber vorzustellen. Er wolle niemand weiter etwas von der Sache -sagen, bis sie wieder kämen und dann meine Person in Vorschlag bringen. - -Das war eine herrliche Aussicht. Ich legte mich an jenem Abend -in fieberhafter Aufregung zu Bette. Bisher war es noch niemand -eingefallen, nach dem Osten zu reisen, um eine Silbergrube in Nevada -zu verkaufen. Eine Mine, wie sie Dan beschrieb, mußte in New York im -Handumdrehen Abnehmer finden und eine fürstliche Summe einbringen. -Schlafen konnte ich nicht, meine Einbildungskraft schwelgte in den -glänzendsten Luftschlössern. - -Dan hatte versprochen, genau acht zu geben, wann die Herren -wiederkämen, und so fuhr ich denn am nächsten Tage frohen Mutes mit -der Postkutsche nach Kalifornien ab. Es fehlte auch nicht an den -Abschiedsfeierlichkeiten für mich, wie sie dort bei der Abreise eines -alten Bürgers üblich sind. Wenn man im Westen nur ein halbes Dutzend -Freunde hat, so machen sie Lärm genug für hundert, damit es nur nicht -so aussieht, als würde man ganz vernachlässigt und müßte ohne Sang und -Klang von dannen ziehen. - -[Illustration] - -Nicht ohne Bedauern schied ich von der Stadt, in welcher ich mich -meines Lebens gefreut hatte, wie nie zuvor. Mir ahnte wohl, daß ich -der winzigen Flagge für immer Lebewohl sagte, die nicht größer als -das Taschentuch einer Dame von dem höchsten Gipfel des Mount Davidson -herunterwehte, zweitausend Fuß über den Dächern von Virginia. In -Wirklichkeit war die Fahne dreißig Fuß lang und zehn Fuß breit. - -Wir rollten durch Thal und Ebene dahin, klommen in den Sierras bis zu -den Wolken empor und schauten herab auf Kalifornien im Sommerkleide. -Will man die kalifornische Landschaft im höchsten Reize sehen, so muß -man sie aus der Ferne betrachten. Zwar läßt sich die Erhabenheit und -Majestät der Berge von jedem Standpunkt aus bewundern, erst die Ferne -aber verleiht ihnen reichere Farben und läßt ihre rauhen, zerrissenen -Formen weniger schroff erscheinen. Auch der kalifornische Wald macht -sich am besten in der Entfernung; da er meist Baumarten von ein und -derselben Familie enthält: Weißtannen und Rottannen, Sprossenfichten -und Föhren, so bieten sie von nahe gesehen ein ermüdendes Einerlei; -alle strecken ihre starren Arme nach unten und zur Seite, als wollten -sie den Menschen immer und immer wieder warnend zurufen: »Bst! hier -wird nicht gesprochen -- sonst stört ihr jemand.« Auch daß es ewig -nach Pech und Terpentin riecht, macht einen trostlosen Eindruck und -man wird ganz schwermütig von dem fortwährenden Seufzen und Klagen -in den Wipfeln. Schreitet man geräuschlos über den Teppich von -zerstampfter gelber Rinde und toten Nadeln, so kommt man sich vor wie -ein irrender Geist mit lautlosem Fußtritt. Der ewigen Nadelbüschel -wird der Wanderer endlich überdrüssig und sehnt sich nach richtigen, -wohlgeformten Blättern; er möchte sich auf Moos und Gras lagern und -findet keines, denn überall wo der Boden nicht von Nadeln bedeckt ist, -giebt es nur nackten Lehm und Schmutz, was weder für träumerisches -Sinnen noch reinliche Kleidung günstig ist. Zwar besitzt Kalifornien -auch Grasebenen, doch nehmen sie sich ebenfalls besser in der -Entfernung aus, denn die Grashalme sind zwar hoch, stehen aber steif -und selbstbewußt da, ungesellig weit von einander, mit Flecken dürren -Sandes dazwischen. - -Es gehört zu dem Wunderlichsten, was ich kenne, wenn Reisende aus -den Staaten Neuenglands über die Lieblichkeit des ›immerblühenden -Kaliforniens‹ schwärmen. Sie würden ihre Begeisterung vielleicht -mäßigen, wüßten sie, mit wie anbetender Bewunderung alte Kalifornier -die Landschaften des Ostens anstaunen. Das glänzende Grün in seiner -verschwenderischen Fülle und saftigen Frische, der üppige Reichtum -des Laubes mit den mannigfaltigen Blätterformen und Arten erscheint -ihnen wie ein Blick ins Paradies im Vergleich zu den staubbedeckten, -mißfarbenen Sommergewächsen Kaliforniens. Ueber dies ernste, düstere -Land in Entzücken zu geraten, wenn man die Wiesenflächen Neuenglands, -seine Eichen-, Ahorn- und Ulmenbäume im Sommerschmuck gesehen hat, oder -die vielfarbige Pracht des Herbstes, in der seine Wälder strahlen -- -wäre einfach lächerlich, wenn es nicht etwas so Rührendes hätte. - -Kein Land mit unveränderlichem Klima kann sehr schön sein. Nicht einmal -die Tropen sind es, man mag von ihrem Zauber schwärmen so viel man -will. Sie berücken uns wohl zuerst, aber der Reiz schwindet allmählich -bei dem ewigen Einerlei. Die Natur bedarf des Wechsels, um alle -ihre Wunder zu entfalten. In einem Lande, das vier wohl abgegrenzte -Jahreszeiten hat, kann es weder Eintönigkeit geben noch Mangel an -Schönheit. Jede Jahreszeit birgt dort eine Welt von Freude und -Interesse, die sich vor uns enthüllt, sich stufenweise und harmonisch -zu immer reicherer Schönheit entwickelt und, wenn man anfängt, sie satt -zu bekommen, rechtzeitig verschwindet, um etwas völlig anderem Platz -zu machen, das den Naturfreund durch neue Pracht und Herrlichkeit zu -bezaubern weiß. - - * * * * * - -San Francisco ist eine Stadt, in der es sich prächtig lebt; es nimmt -sich in gehöriger Entfernung auch stattlich und hübsch aus, von nahe -gesehen merkt man aber, daß die Bauart meist altmodisch ist. Viele -Straßen bestehen aus verfallenen, rauchgeschwärzten, hölzernen Häusern, -und die öden Sandhügel in der nächsten Umgebung fallen gar zu sehr ins -Auge. Selbst das heitere Klima macht sich bisweilen angenehmer, wenn -man davon liest, als wenn man es persönlich kennen lernt; ein klarer, -wolkenloser Himmel verliert mit der Zeit seinen Reiz, doch wenn der -ersehnte Regen endlich eintritt, so bleibt er um so länger. Ein -Erdbeben ist zwar lustig, doch thut man auch besser daran, es von ferne -zu betrachten. Hierüber sind jedoch die Ansichten verschieden. - -Das Klima von San Francisco ist, wie gesagt, mild und gleichmäßig; -während des ganzen Jahres steht das Thermometer ungefähr auf siebzig -Grad F., es wechselt kaum jemals. Sommer und Winter schläft man unter -einer leichten Decke und braucht nie ein Moskitonetz. Man trägt keinen -Sommeranzug, sondern schwarze Tuchkleider, wenn man sie hat, im August -wie im Januar; zieht keinen Ueberrock an und bedarf keines Fächers. In -den Sommermonaten ist es zwar oft windig, aber wer das nicht liebt, -kann nach Oakland hinübergehen, nur ein paar Meilen weit, wo gar kein -Wind weht. In neunzehn Jahren hat es in San Francisco nur zweimal -geschneit und selbst dann blieb der Schnee nur lange genug auf dem -Boden liegen, daß die Kinder sich verwundert fragen konnten, was das -wohl für federiges Zeug sein möchte. - -Acht Monate hintereinander ist der Himmel hell und wolkenlos, da -fällt kein Tropfen Regen. Wer aber keinen Regenschirm hat, wenn die -andern vier Monate kommen, muß sich einen stehlen, denn ohne den -geht es nicht. Man braucht ihn nicht etwa nur einen Tag, sondern -hundertundzwanzig Tage nacheinander ohne Ausnahme. Will man einen -Besuch machen, in die Kirche oder ins Theater gehen, so sieht man nicht -nach den Wolken, ob Regen droht oder nicht, man fragt nur den Kalender. -Ist es Winter, so regnet es, ist es Sommer, so regnet es nicht, dagegen -läßt sich nichts machen. Blitzableiter sind nicht vonnöten, denn es -giebt keine Gewitter. Hat man sechs bis acht Wochen lang gehört, wie -der Regen gleichförmig und trübselig herniederströmt, dann wünscht man -von ganzem Herzen, der Donner möchte einmal durch die schläfrigen -Himmelsräume rollen und krachen und brüllen, damit alles lebendig -würde, der Blitz möchte das düstere Firmament zerreißen und es nur auf -einen einzigen Augenblick mit blendendem Glanz erhellen. Was würde man -nicht darum geben, den lieben alten Donner zu hören und zu sehen, wie -jemand vom Blitz erschlagen wird! -- Und hat man im Sommer vier Monate -hindurch den grellen, mitleidslosen Sonnenschein erduldet, so möchte -man auf den Knieen um Regen, Hagel, Schnee, Donner und Blitz flehen -- -um irgend eine Abwechslung in dem trostlosen Einerlei; -- sogar mit -einem Erdbeben wäre man zufrieden, wenn man nichts Besseres haben kann, -und das ist noch am ersten zu bekommen. - -[Illustration] - -San Francisco ist auf Sandhügeln erbaut, aber es sind fruchtbare -Sandhügel, die einen reichen Pflanzenwuchs erzeugen. Die seltenen -Blumen, welche die Leute im Osten sorgfältig in Treibhäusern und Töpfen -ziehen, gedeihen dort das ganze Jahr hindurch unter freiem Himmel in -üppiger Fülle: Kallas, Geranien, Passionsblumen, Moosrosen -- ich -weiß nicht den zehnten Teil von allen Namen. Wenn in New York alles -von Schnee und Eis starrt, bedeckt sich der Boden in Kalifornien mit -Blumen und Blüten; der Mensch braucht nur alles wachsen zu lassen wie -es will, ohne sich hineinzumischen. - -Ich habe an einer anderen Stelle von dem ewigen Winter in Mono -gesprochen und jetzt eben von dem endlosen Frühling in San Francisco. -Reist man nun etwa hundert Meilen in direkter Linie weiter, so kommt -man in den fortwährenden Sommer von Sacramento. In San Francisco -hat man weder Sommerkleider noch Moskitos, aber in Sacramento ist -beides zu finden. Nicht immer und ohne Aufhören, aber im Laufe -von zwölf Jahren etwa 143 Monate lang. Der Leser kann sich leicht -vorstellen, daß dort immer Blumen blühen, daß die Menschen morgens, -mittags und nachts schwitzen, fluchen und ihre beste Lebenskraft -damit verbrauchen, sich Luft zuzufächeln. Es ist dort heiß, aber wenn -man nach Fort Yuma hinunterkommt, dürfte man es noch heißer finden. -Dort steht das Thermometer fast unabänderlich auf 120 Grad ~F.~ im -Schatten, ausgenommen, wenn es noch höher steigt. Dieser heißeste -Ort der Erde ist ein Militärposten der Vereinigten Staaten und seine -Bewohner gewöhnen sich so an die schreckliche Hitze, daß sie es ohne -dieselbe nicht aushalten können. Die Sage erzählt, daß dort einst ein -gottloser Soldat starb und natürlich sofort in den heißesten Winkel -der Hölle hinunterfuhr. Und siehe da, am nächsten Tage telegraphierte -er zurück, man möge ihm seine Decken schicken! -- Die Wahrheit dieser -Ueberlieferung ist nicht zu bezweifeln; ich habe selbst die Schenke -gesehen, in welcher der Soldat einzukehren pflegte. - -In dem beständigen Sommerwetter von Sacramento kann der Reisende um -acht oder neun Uhr morgens Rosen pflücken, Erdbeeren und Gefrorenes -essen, sich in weiße Leinwand kleiden, nach Luft schnappen und -schwitzen. Setzt er sich dann auf die Eisenbahn, so kann er um 12 -Uhr den Pelz anziehen, die Schlittschuhe anschnallen und über den -gefrorenen Donner-See dahinschweben, 7000 Fuß über dem Thal, zwischen -fünfzehn Fuß hohen Schneewehen und in unmittelbarer Nähe der gewaltigen -Berggipfel, die ihre eisigen Klippen 10000 Fuß über der Meeresfläche -erheben. In der ganzen westlichen Hemisphäre findet sich nirgends ein -so plötzlicher Uebergang. Die Eisenbahn fährt in kühnen Windungen durch -die schneebedeckte Gegend 6000 Fuß über dem Meere bis zum Stillen -Ozean. Wie ein Vogel aus der Luft schaut man herab auf den ewigen -Sommer des Sacramento-Thales, das mit seinen fruchtbaren Feldern, -seinen blühenden Bäumen und seinen Silberströmen in den weichen Duft -der Atmosphäre eingehüllt ruht. Auf dies köstliche, traumhafte Bild -aus dem Feenland blickt der Reisende durch ein furchtbares Thor von -Eis und Schnee, durch wilde Klüfte und Abgründe -- ein wirkungsvoller -Gegensatz, der den Eindruck mächtig erhöht. - - - - -Goldgräber. - - -Das eben geschilderte Thal des Sacramento war der Schauplatz der -ersten und ergiebigsten Goldgräbereien. Noch jetzt sieht man viele -Stellen in der Ebene und am Bergabhang, wo die Habgier jener Zeit das -Erdreich aufgewühlt und ausgehöhlt hat, um nach Beute zu suchen; solche -Verunstaltungen der Gegend findet man in Kalifornien weit und breit. -Man kommt auch durch Strecken, wo sich jetzt nur Wiesen und Wälder -ausdehnen, wo man kein Haus, kein lebendes Wesen erblickt, nicht einmal -die Balken oder Steine eines verfallenen Gebäudes und kein Laut die -Sabbatstille umher unterbricht. Da ist es schwer, sich vorzustellen, -daß dort vor Jahren ein rasch emporgeblühtes Städtchen gestanden -hat, mit zwei- bis dreitausend Einwohnern, die ihre Zeitung, ihre -Feuerwehr, eine Musikkapelle, ein Freiwilligenkorps, Gasthäuser, eine -Bank und Spielhöllen besaßen, wo Männer aus allen Nationen der Erde mit -struppigen Bärten rauchten und fluchten, und wo der Goldstaub, der sich -an den Spieltischen anhäufte, mehr wert war, als die Einkünfte eines -deutschen Fürstentums. - -Das Leben wogte geschäftig hin und her in den Straßen, man verkaufte -Bauplätze zu vierhundert Dollars den Fuß, es wurde dort gearbeitet, -gelacht, getanzt, Musik gemacht, gezecht, gerauft und Dolch und -Revolver gehandhabt. Alles war vorhanden, was zum Blühen und Gedeihen -einer neuerstandenen Stadt nötig und förderlich ist, was das Leben -schmückt und erfreut -- und jetzt sieht man dort nichts als eine -verlassene, wüste Einöde, die Menschen sind fort, von den Häusern ist -keine Spur geblieben, sogar der Name des Orts vergessen. Nirgends in -der Welt sind in unserm Jahrhundert Städte so völlig vom Erdboden -verschwunden, wie in den alten Goldgräbergegenden von Kalifornien. - -In jenen Tagen aber herrschte ein rastloses Drängen und Treiben, -Hasten und Arbeiten unter der eigenartigen, zusammengewürfelten -Bevölkerung des damaligen Kalifornien, wie sie sich schwerlich -jemals wieder irgendwo beisammen finden wird. Sie bestand aus -zweihunderttausend jungen Männern, nicht gezierten, verwöhnten, -behandschuhten Schwächlingen, sondern kräftigen, muskelstarken, -tapfern und unerschrockenen Leuten, voll Mut und Thatkraft, die mit -allen Eigenschaften, welche wahrer Männlichkeit zu Schmuck und Zier -gereichen, im vollsten Maße ausgestattet waren, die Auserlesensten -unter den Herren der Schöpfung. Man sah dort weder Frauen noch Kinder, -noch gebückte, hinfällige Greise, nur junge Riesengestalten mit -aufrechtem Gang, hellem Blick, starker Hand und geschmeidigen Gliedern. -Ein schönes, ein herrliches Volk, die tapfersten Scharen, welche -jemals in die menschenleeren Einöden eines noch unbekannten Landes -einzogen. Und wo sind sie nun? -- Zerstreut nach allen Enden der Welt, -vorzeitig gealtert und verkommen, bei einem Straßenaufruhr ermordet, an -gebrochenem Herzen und getäuschten Hoffnungen gestorben -- alle dahin, -als Opfer auf dem Altar des goldenen Kalbes verblutet. Es ist ein -jammervoller Gedanke. - -Nur starke, beherzte Männer waren ausgezogen, die Faulen, -Schwerfälligen und Trägen hatten sie daheim gelassen; die kann man -als Pioniere nicht gebrauchen, dazu gehören Leute von anderm Schrot -und Korn. Aber wild ging es damals unter ihnen her. Sie schwelgten -in Gold und Branntwein, in Raufereien und beim Fandango und waren -unaussprechlich glücklich. Ein wackerer Goldgräber holte sich täglich -seine hundert bis tausend Dollars aus dem Boden. Wenn dann die -Spielhöllen und andern Vergnügungslokale dafür sorgten, daß er bis -zum nächsten Morgen keinen Cent mehr in der Tasche hatte, konnte -er noch von Glück sagen. Die Leute kochten sich selbst ihr Gericht -Speck mit Bohnen, nähten sich die abgerissenen Knöpfe an und wuschen -ihre blauwollenen Hemden. Wer öffentlich mit weißer Wäsche und einem -hohen Hut erschien, ward in eine Schlägerei verwickelt, ehe er sich’s -versah. In dieser wilden, freien, zügellosen Gesellschaft waren alle -Aristokraten verhaßt, auch ließ sich weder ein ganz jugendliches, noch -ein weibliches Element dort jemals blicken. Man sagt, die Goldgräber -hätten sich oft scharenweise versammelt, wenn es galt, das für sie -seltsamste und herrlichste Schauspiel, den Anblick eines Weibes, zu -genießen. - -In einem ihrer Lager verbreitete sich einmal am Morgen die Nachricht, -daß ein Weib angekommen sei. Man hatte aus einem Wagen auf dem -Lagerplatz ein Kattunkleid heraushängen sehen -- es mochten wohl -Auswanderer von der großen Ebene jenseits der Berge hergekommen sein. -Alles drängte sich nach dem Wagen, und als man ein wirkliches Kleid im -Winde flattern sah, entstand ein großes Geschrei, bis der Auswanderer -erschien. Dann hieß es wie aus einem Munde: - -»Bringt sie heraus!« - -Er erwiderte: »Es ist meine Frau, ihr Herren, sie ist krank, die -Indianer haben uns alles geraubt, Geld und Mundvorrat -- wir bedürfen -der Ruhe.« - -»Bringt sie heraus, wir müssen sie sehen!« - -»Aber ihr Herren, das arme Ding kann nicht --« - -»Bringt sie heraus!« - -Als er ihnen endlich den Willen that, schwenkten sie die Hüte in der -Luft und brachten ein dreimaliges donnerndes Hoch aus, dann umringten -sie sie alle, betrachteten sie, berührten ihre Kleider und horchten auf -den Ton ihrer Stimme. Die Frau schien für sie mehr eine Erinnerung aus -früherer Zeit, als etwas Wirkliches, Lebendiges zu bedeuten. Zuletzt -brachten sie die Summe von 2500 Dollars in Gold zusammen, händigten sie -dem Manne ein, schwenkten abermals die Hüte, riefen wieder dreimal Hoch -und gingen befriedigt ihrer Wege. - - * * * * * - -Ich speiste einmal bei einem Herrn, der mir ein Abenteuer erzählte, -welches seiner Tochter begegnet war, als die Familie zuerst in San -Francisco landete. Die junge Dame selbst erinnerte sich nicht mehr -daran, da sie zwei Jahre zählte, als sich diese wahre Geschichte -zutrug. Sie waren gerade vom Schiff gekommen und gingen die Straße -hinunter, voran die Dienerin mit der Kleinen auf dem Arm. Da trat ihnen -ein riesiger Goldgräber entgegen mit großem Bart und breitem Gürtel, -der über und über von Waffen starrte. Augenscheinlich kam der Mann -soeben von einem längeren Aufenthalt im Gebirge zurück. Er hielt die -Dienerin an und betrachtete sie mit Staunen und Wohlgefallen. Nach -einer Weile sagte er in ehrerbietigem Ton: »Wahrhaftig, ich glaube, das -ist ein Kind!« Dann zog er ein Ledersäckchen aus der Tasche und fuhr -zur Wärterin gewandt fort: - -»Dieser Sack enthält Goldstaub im Wert von hundertfünfzig Dollars. -Lassen Sie mich das Kind einmal küssen und Sie sollen ihn haben.« - -Wie sich doch die Zeiten ändern. Hätte ich damals, als ich mit bei -Tische saß und die Anekdote anhörte, die doppelte Summe für die -Erlaubnis geboten, dies selbe Kind küssen zu dürfen, man würde es mir -abgeschlagen haben. Der Preis hatte sich in den siebzehn Jahren, welche -seitdem verflossen waren, sehr beträchtlich gesteigert. - -Hier will ich noch erwähnen, daß ich einmal bei meinem Aufenthalt -in Star City im Humboldt-Gebirge mit einer Schar von Bergleuten im -Gänsemarsch aufmarschiert bin, um durch den Spalt einer Hütte zu sehen, -worin ein ganz neues, wunderbares Schauspiel unser wartete, nämlich -der Anblick einer wirklichen, lebendigen Frau. Als endlich nach einer -halben Stunde geduldigen Harrens die Reihe an mich kam, durch die -Spalte zu gucken, stand sie richtig da, die eine Hand in die Seite -gestemmt und beschäftigt, mit der andern Pfannkuchen zu stürzen. Sie -sah aus, als sei sie hundertfünfundsechzig Jahre alt und hatte keinen -Zahn mehr im Munde. - - - - -Erdbeben. - - -Einige Monate führte ich nun ein wahres Schmetterlingsdasein, wie ich -es früher nie gekannt. Ich lebte in süßem Nichtsthun, war niemand -verantwortlich und der Geldpunkt machte mir keine Sorgen. Nach den -Alkaliwüsten und der öden Salbeigegend von Washoe erschien mir San -Francisco wie ein Paradies und ich verliebte mich sterblich in diese -Stadt herzlichster Geselligkeit. - -Ich wohnte im besten Hotel, trug meine neuen Kleider auf allen -Hauptplätzen und Straßen zur Schau, ging jeden Abend in die Oper -und lernte von den Klängen der Musik hingerissen zu scheinen, die -mein ungeschultes Ohr häufiger verletzten als bezauberten. Wenn ich -nicht die gemeine Ehrlichkeit besaß, dies einzugestehen, so bin -ich vermutlich in diesem Punkte nicht schlimmer als die meisten -meiner Landsleute. Ich besuchte Privatgesellschaften im prächtigsten -Ballanzug, that zimperlich, entfaltete meine ganze natürliche Anmut -wie ein geborener Stutzer und tanzte Polka und Schottisch mit einem -Schritt, der mir eigentümlich ist -- mir und dem Känguruh. -- Kurz, -ich lebte als Schmetterling, wonach ich mich längst gesehnt hatte, -und trat wie ein Mann auf, der (voraussichtlich) seine hunderttausend -Dollars besaß und wahrscheinlich zu unbeschränktem Ueberfluß gelangen -würde, sobald der Verkauf jener Silbermine im Osten zum Abschluß -kam. Inzwischen streute ich mein Geld reichlich umher, beobachtete -das Steigen und Fallen der Aktien mit lebhaftem Interesse und behielt -nebenbei im Auge, was sich in Nevada zutrug. - -Dort ereignete sich etwas sehr Wichtiges. Die besitzende Klasse -stimmte gegen die Staatsverfassung, aber die Leute, welche nichts zu -verlieren hatten, waren in der Majorität und setzten die Annahme der -Verfassung durch. Das war ohne Frage ein Unglück, obgleich es anfangs -nicht so aussah. Ich schwankte hin und her, berechnete die möglichen -Veränderungen des Geldmarktes und entschied mich endlich dafür, nicht -zu verkaufen. - -Die Aktien stiegen höher und höher und es begann ein tolles -Spekulationsfieber. Bankiers, Kaufleute, Advokaten, Aerzte, Handwerker, -Tagelöhner, selbst Waschfrauen und Dienstmädchen legten ihre -Ersparnisse in Silberkuxen an. Die Spielwut hatte sich der ganzen -Bevölkerung bemächtigt. Jede Sonne, die am Morgen aufging, schien beim -Untergang auf Bettler, welche reich geworden und auf Reiche, die an den -Bettelstab gebracht waren. Die Gould- und Curry-Kuxe stiegen bis auf -6300 Dollars der Fuß; dann nahm die ganze Herrlichkeit plötzlich ein -jähes Ende und alle Welt war zu Grunde gerichtet. Ein schrecklicher -Schiffbruch! Das Faß hatte den Boden verloren, es blieb kaum ein -Tropfen daran hängen. Ich war unter den ersten, die gründlich an den -Bettelsack kamen. Meine sämtlichen Aktien konnte ich einfach wegwerfen, -sie galten nicht einmal so viel wie das Papier, auf dem sie gedruckt -waren. Ich hatte als glücklicher Narr mit dem Geld um mich geworfen -und geglaubt, das Mißgeschick könne mich nicht erreichen; jetzt besaß -ich keine fünfzig Dollars mehr im Vermögen, nachdem meine Schulden -zusammengerechnet und bezahlt waren. - -Ich verließ das Hotel, bezog ein sehr bescheidenes Kosthaus, nahm eine -Stelle als Zeitungsschreiber an und machte mich an die Arbeit. Noch -war mir nicht jede Hoffnung geschwunden, denn ich baute zuversichtlich -auf den Verkauf der Silbermine im Osten. Mein Freund Dan ließ jedoch -nichts von sich hören; entweder gingen meine Briefe alle verloren, oder -sie blieben ohne Antwort. - -[Illustration] - -Eines Tages fühlte ich mich wenig aufgelegt, meine Beschäftigung -vorzunehmen und ging nicht ins Bureau. Als ich mich tags darauf wie -immer gegen Mittag dort einstellte, fand ich auf meinem Pult ein -Briefchen, das schon vierundzwanzig Stunden da gelegen hatte. Es -war ›Marshall‹ unterzeichnet und enthielt die Bitte, ihn und seine -Gefährten am Abend im Hotel zu besuchen. Sie seien auf der Durchreise -nach dem Osten begriffen und wollten am nächsten Morgen absegeln. Es -handle sich um eine große Bergwerksspekulation. - -So außer mir bin ich in meinem ganzen Leben nicht gewesen. Ich schalt -mich einen Thoren, daß ich von Virginia fortgegangen war und einem -andern die Sache überlassen hatte, statt sie selbst in die Hand zu -nehmen. Ich war wütend, daß ich gerade den einzigen Tag im Jahre aus -dem Bureau wegbleiben mußte, an dem ich hätte dort sein sollen. Unter -allerlei Selbstvorwürfen trabte ich eine Meile weit bis zum Hafen -und kam richtig gerade an als es zu spät war. Das Schiff war bereits -abgefahren und unter Segel. - -Zunächst tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß vielleicht bei der -Spekulation nichts herauskommen würde, jedenfalls ein armseliger Trost; -dann nahm ich mein Sklavenjoch wieder auf, entschlossen, mich mit -meinen 33 Dollars die Woche zu begnügen und mir die Sache aus dem Sinn -zu schlagen. - - * * * * * - -Einen Monat später genoß ich mein erstes Erdbeben, welches noch lange -nachher das ›große Erdbeben‹ genannt wurde. Es war an einem hellen -Oktobersonntag, als ich kurz nach 12 Uhr die dritte Straße herunterkam. -Um diese Stunde war in dem dicht bebauten und bevölkerten Stadtteil -weit und breit nichts in Bewegung als ein Mann im Einspänner hinter -mir und ein Omnibus, der langsam eine Nebenstraße herauffuhr. Sonst -war alles wie gefegt und es herrschte Sabbatstille. Als ich an einem -Bretterhaus um die Ecke bog, hörte ich ein großes Krachen und Poltern, -es mußte wohl drinnen eine Prügelei vor sich gehen, da gab es gewiß -etwas zu berichten. Bevor ich aber noch die Thür gefunden hatte, -kam ein wahrhaft entsetzlicher Stoß; der Boden unter mir schien in -wellenförmiger Bewegung, dann folgte ein heftiges Heben und Senken -und ein dumpfes, knirschendes Geräusch, als würden Backsteinhäuser -aneinander gerieben. Ich fiel gegen das Bretterhaus und verletzte mich -am Ellenbogen. Jetzt wußte ich, was das bedeutete und zog aus reinem -Reportertrieb meine Uhr heraus, um mir Zeit und Stunde zu merken. In -diesem Augenblick erfolgte ein dritter, weit stärkerer Stoß und während -ich noch auf dem Pflaster umhertaumelte, bemüht, mich auf den Füßen zu -halten, hatte ich einen Anblick sondergleichen: Die ganze Vorderseite -eines vierstöckigen Backsteinhauses ging auf wie eine Thür und stürzte -mit lautem Geprassel quer über die Straße, daß der Staub aufwirbelte -wie eine mächtige Rauchsäule. - -Indessen kam der Einspänner herbei -- der Mann flog hinunter und -schneller als ich es zu berichten vermag, war das Fuhrwerk in kleinen -Stücken längs der dreihundert Meter langen Straße umhergestreut. Der -Omnibus hielt an, die Pferde drängten rückwärts und bäumten sich, die -Fahrgäste strömten zu beiden Seiten heraus und ein dicker Herr, der mit -halbem Leibe durch ein Glasfenster gezwängt und darin festgekeilt war, -kreischte wie wahnsinnig, als stecke er am Spieß. Aus jeder Hausthür, -soweit das Auge reichte, ergoß sich ein Strom menschlicher Wesen, in -einem Moment war die ganze Straße, die ich überblicken konnte, von -einer dichtgedrängten Menschenmasse bedeckt. Statt der feierlichen -Stille herrschte urplötzlich das wildeste Wogen und Treiben. - -Das Erdbeben brachte die wunderlichsten Erscheinungen zu Tage. -Herren und Damen, die krank waren, oder gerade ihr Mittagschläfchen -hielten, oder nach durchschwelgter Nacht der Ruhe pflegten, kamen -in den seltsamsten Aufzügen auf die Straße gestürzt, viele nur sehr -mangelhaft bekleidet oder auch gar nicht. Angesehene Bürger, die für -äußerst streng in betreff der Sonntagsheiligung galten, liefen in -Hemdärmeln aus den Schenkstuben heraus, das Billard-Queue noch in der -Hand. Aus den Barbierstuben flohen zu Dutzenden Leute mit umgebundenen -Servietten, bis unter die Augen eingeseift, auf einer Seite noch die -Bartstoppeln, während die andere bereits glatt rasiert war. In einem -Hotel kam ein bekannter Redakteur, nur mit dem Hemd auf dem Leibe, die -Treppe heruntergelaufen. »Was soll ich thun?« jammerte er, »wohin soll -ich gehen?« - -»Am besten in einen Kleiderladen,« sagte das Zimmermädchen, dem er -begegnete, in heiterer Unbefangenheit. - -Pferde brachen aus den Ställen und ein Hund sprang in seiner Angst die -Bodenleiter zum Dach hinauf, getraute sich aber dann nicht, wieder -denselben Weg zurückzukommen. In der Stadt fiel der Bewurf von so -vielen Zimmerdecken herab, daß man große Felder damit hätte bestreuen -können. Tagelang standen die Leute noch in Gruppen vor den Häusern, -welche in breiten Zickzackrissen von oben bis unten zerborsten waren. -Ein hundert Fuß langer Spalt that sich in einer Straße sechs Zoll breit -auf und schloß sich dann wieder mit solcher Gewalt, daß die Erde sich -an der Stelle wie ein Grabhügel aufwölbte. An einem Gebäude waren drei -Schornsteine in der Mitte durchgebrochen und so herumgedreht, daß der -Rauch keinen Abzug fand. Eine Dame fühlte plötzlich, daß der Salon, -in dem sie saß, zu schwanken begann, gleich darauf sah sie, wie die -Wand sich oben an der Decke zweimal aufthat und wieder schloß, wobei -ein Backstein herunterfiel, wie ein Zahn aus einem offenen Munde. -Eine andere Dame, welche die Treppe hinunter eilte, bemerkte zu ihrem -Erstaunen, daß sich ein bronzener Herkules auf seinem Fußgestell zu ihr -hinneigte, als wollte er sie mit der Keule erschlagen. Statue und Frau -erreichten den Fuß der Treppe zu gleicher Zeit, letztere bewußtlos vor -Entsetzen. - -In einer der Kirchen warf der erste Stoß drei mächtige Orgelpfeifen -herunter. Der Geistliche stand gerade mit emporgehobenen Händen da, um -den Gottesdienst zu schließen. »Den Segen wollen wir heute fortlassen,« -sagte er kurz -- und an der Stelle, wo er gestanden hatte, war nur noch -ein leerer Raum. - -»Bleibt auf euren Sitzen,« ruft ein Prediger in Oakland nach dem ersten -Stoß, »wenn ihr sterben sollt, so findet ihr nirgends einen besseren -Platz dazu als hier.« Nach dem dritten Stoß fügte er jedoch hinzu: -»Aber draußen ist es auch nicht schlecht,« und verschwand durch eine -Hinterthür. - -Die Frauen und Mädchen der Stadt erlitten schwere Verluste an -Fläschchen mit Essenzen, Wohlgerüchen und allerlei Nippessachen, die -das Erdbeben auf Kaminsimsen und Toilettentischen zertrümmerte. -Aufgehängte Bilder wurden herabgeworfen, oder -- was noch häufiger -geschah -- vom Erdbeben aus mutwilliger Laune so herumgewirbelt, daß -die Gesichter der Wand zugekehrt waren. Von dem Schaukeln und Schwanken -der Straßen und Fußböden bekamen viele Tausende die Seekrankheit und -fühlten sich noch stundenlang nachher schwach und elend; einige litten -sogar tagelang an dem Uebel und ganz verschont blieb kaum einer. - -Bald nach diesem Ereignis traf mich ein recht grausamer Schlag. In -einer Nummer des ›Enterprise‹, die ich zufällig zur Hand nahm, fiel -mein Blick auf folgende Mitteilung: - - - Nevada-Bergwerke in New York. - - Ende Juli brachten die Herren G. M. Marshall, Sheba Hurst und - Amos Rose Erzproben aus Gruben im Pine-Wood-Distrikt und am - Reese-River nach New York. - - Die eine, im Humboldt-County gelegene Grube haben die - Eigentümer für den Preis von drei Millionen Dollars verkauft. - Zum Betrieb ist bereits ein Kapital von einer Million - Dollars eingezahlt worden, und die Maschinen für das große - Quarz-Pochwerk, welches sogleich eingerichtet werden soll, - sind schon angeschafft. Sämtliche Aktien der Gesellschaft sind - vollbezahlt und steuerfrei. - - Sheba Hurst, der Entdecker dieser Gruben, hat sich, bevor er - seinen Fund veröffentlichte, den Besitz der besten Erzgänge - gesichert, sowie den erforderlichen Grund und Boden und das - nötige Bauholz. Seine Erzproben ergaben bei der Untersuchung - einen außerordentlich reichen Gehalt an Silber und Gold; jedoch - ist das Silber vorherrschend. Wir haben die Proben gesehen und - uns überzeugt, daß es sich hier um keinen Schwindel handelt und - die Gruben jenes Bezirks wirklich sehr wertvoll sind; deshalb - vernehmen wir mit Befriedigung, daß sich das New Yorker Kapital - bereitwillig an dem Unternehmen beteiligt. - -So hatte denn die mir angeborene Einfalt wieder den Sieg davon getragen -und ich hatte eine Million verloren. - -Verweilen wir nicht länger bei dieser kläglichen Geschichte. Hätte -ich sie erfunden, so wäre es mir ein Leichtes, sie humoristisch -auszuschmücken, da sie aber nur allzu wahr ist, vermag ich sie selbst -heutigen Tages noch nicht mit leichtem Herzen zu erzählen, trotzdem -sie jetzt so weit hinter mir liegt. Ich will nur noch erwähnen, daß -ich allen Mut verlor, mich in thörichtem Murren und Seufzen und -fruchtlosem Gram verzehrte, darüber meine Pflichten versäumte und als -Berichterstatter einer ›flotten‹ Zeitung kaum mehr zu gebrauchen war. -Zuletzt nahm mich der Eigentümer des Blattes beiseite und erwies mir -eine Wohlthat, deren ich mich noch jetzt voll Ehrerbietung erinnere. -Er gab mir Gelegenheit auf die Stelle zu verzichten und rettete mich -dadurch vor der Schande, meine Entlassung zu erhalten. - - - - -Am Bettelstabe. - - -Eine Zeitlang schrieb ich allerlei Litterarisches für die ›Goldene -Aera‹ und andere Blätter. C. H. Webb hatte den ›Kalifornier‹ gegründet, -ein ganz vortreffliches Wochenblatt, dessen hoher litterarischer Wert -jedoch keine Bürgschaft für den Erfolg war. Das Journal siechte dahin -und Webb verkaufte es an drei Drucker. Damals wurde Bret Harte für ein -Gehalt von 20 Dollars die Woche Redakteur und ich verpflichtete mich -für 12 Dollars allwöchentlich einen Artikel beizusteuern. Da der Absatz -aber viel zu wünschen übrig ließ, verkauften die Drucker das Journal an -den reichen Kapitän Opden, einen sehr angenehmen Herrn, der sich diesen -teuern Luxus gestattete, ohne viel nach den Kosten zu fragen. Er bekam -indessen das neue Spielzeug bald satt und gab es den Druckern zurück. -Nicht lange darauf starb das Blatt eines sanften Todes und ich war -wieder ohne Arbeit. - -In den nächsten zwei Monaten hatte ich keine andere Beschäftigung, als -meinen Bekannten aus dem Wege zu gehen. Ich verdiente keinen Cent, -schaffte mir nicht die geringste Kleinigkeit an und bezahlte auch Kost -und Wohnung nicht. Dagegen erwarb ich mir eine große Geschicklichkeit, -mich überall fortzudrücken. Von einem Hintergäßchen drückte ich mich -ins andere; sah ich von fern ein Gesicht, das mir bekannt vorkam, so -drückte ich mich; auch zu meinen Mahlzeiten schlich ich gedrückt, -aß sie demütig und mit stummer Bitte um Verzeihung für jeden Bissen, -den ich meiner großmütigen Wirtin stahl; drückte mich bis Mitternacht -herum, jeden Ort vermeidend, wo Helligkeit und Heiterkeit zu finden -war und schlich dann zu Bette. Ich kam mir niedriger, erbärmlicher und -verächtlicher vor wie ein Wurm. Meine ganze Barschaft bestand in einem -silbernen Zehn-Centstück; das hielt ich fest und wollte es um keinen -Preis ausgeben, aus Furcht, der Gedanke, daß ich völlig mittellos -sei, möchte mich überwältigen. Außer den Kleidern, die ich am Leibe -trug, hatte ich alles versetzt und so hing ich denn mit verzweifelter -Hartnäckigkeit an meinem letzten Geldstück, das schon ganz abgegriffen -war, so oft hatte ich es durch die Finger gleiten lassen. - -Das Elend liebt Gesellschaft. Dann und wann stieß ich nachts an irgend -einem abgelegenen, schwach erleuchteten Ort mit einem andern Kinde -des Unglücks zusammen. Der Mensch sah so schmierig und verkommen, so -heimatlos, freundlos und verlassen aus, daß ich mich zu ihm hingezogen -fühlte, wie zu einem Bruder. Auch er muß wohl eine ähnliche Empfindung -gehabt haben, denn die Anziehung war gegenseitig; wenigstens trafen -wir uns allmählich häufiger, wenn auch allem Anschein nach noch immer -zufällig. Wir sprachen zwar nicht zusammen, ließen auch nicht merken, -daß wir einander wiedererkannten, aber sobald wir uns sahen, schwand -die dumpfe Beklommenheit aus unserem Gemüt. Wir taumelten dann beide in -gemessener Entfernung befriedigt weiter, freuten uns unserer stummen -Genossenschaft und blickten aus dem nächtlichen Schatten verstohlen -in die Fenster hinein, nach den freundlichen Lichtern und den -Familiengruppen am traulichen Kamin. - -Endlich redeten wir einander an und waren seitdem unzertrennlich. -Litten wir doch beide fast dieselben Schmerzen. Auch er war -Berichterstatter gewesen und hatte seine Stelle eingebüßt; dann war -er immer mehr heruntergekommen und unaufhaltsam tiefer und tiefer -gesunken -- von der Wohnung auf dem Russenhügel zu dem Kosthaus in der -Kearney-Straße, von dort zu Dupont und dann in eine Matrosenkneipe. -Zuletzt hatte er sich in Warenkisten und leeren Tonnen auf der Werft -sein Quartier gesucht. Durch das Zunähen geplatzter Getreidesäcke, die -eingeschifft werden sollten, fristete er sich eine Zeit lang notdürftig -das Leben; als dieser Verdienst aufhörte, suchte er sich seine Nahrung -bald hier bald da, wie es der Zufall gerade fügte. Bei Tage ließ er -sich nirgends mehr blicken, denn ein Reporter kennt arm und reich, hoch -und niedrig, und kann es bei hellem Tage nicht gut vermeiden, bekannten -Gesichtern zu begegnen. - -Dieser Bettler -- ich will ihn Blücher nennen -- war ein prächtiger -Mensch, voll Hoffnung, Thatkraft und echter Philosophie. Er war gut -belesen und fein gebildet, besaß hellen Verstand und trefflichen Witz. -Sein freundliches Wesen und sein großmütiges Herz gaben ihm in meinen -Augen ein wahrhaft königliches Ansehen, sein Sitz auf dem Eckstein -erschien mir wie ein Thronsessel und sein schäbiger Hut wie eine Krone. - -Ein Abenteuer, das er mir erzählte, hat durch seine Absonderlichkeit -mein Mitgefühl aufs höchste erregt und sich unauslöschlich in mein -Gedächtnis eingegraben. - -[Illustration] - -Seit zwei Monaten besaß er keinen Heller und war in den dunkeln Straßen -beim Schein der matt brennenden freundlichen Lichter umhergeschlichen, -bis ihm die Sache zur zweiten Natur wurde. Endlich aber trieb ihn der -Hunger an das Tageslicht. Achtundvierzig Stunden hatte er keinen Bissen -genossen und konnte das müßige Warten in seinem Versteck nicht länger -ertragen. Er schlich durch eine Hintergasse, starrte voll gierigen -Verlangens nach den Fenstern der Bäckerläden und hätte sein Leben für -ein Stück Brot verkaufen mögen. Der Anblick der Eßwaren verdoppelte -seinen Hunger, aber doch war es ihm eine Wohlthat, sie wenigstens -zu sehen und sich vorzustellen, wie ihm zu Mute sein würde, wenn -er etwas zu essen hätte. Da sah er auf einmal mitten in der Straße -einen glänzenden Punkt; er blickte wieder hin -- durfte er seinen -Augen trauen? Er wandte sich ab und sah dann noch einmal nach der -Stelle, um ganz sicher zu sein. Nein, es war keine Sinnestäuschung, -die der Hunger erzeugte, sondern Wirklichkeit -- da lag ein silbernes -Zehn-Centstück. Er schoß darauf zu, hob es auf, starrte es an, nahm -es zwischen die Zähne -- kein Zweifel, es war echt. Sein Herz jubelte -laut, er vermochte kaum ein Jauchzen und Hallelujah zu ersticken. Dann -sah er sich um -- niemand beobachtete ihn; er warf die Münze wieder -hin, wo sie gelegen, trat ein paar Schritte zurück, näherte sich -abermals und that, als wisse er nicht, daß sie da sei, damit er noch -einmal das Entzücken genießen könne, sie zu finden. Nun betrachtete -er sie von verschiedenen Punkten aus, schlenderte, mit den Händen in -den Taschen, umher, schaute nach den Ladenschildern, warf dann wieder -einen raschen Blick auf das Geldstück und fühlte sich von Wonneschauern -durchrieselt. Endlich hob er es auf und ging, es in der Tasche -streichelnd, von dannen. Er wählte die menschenleersten Straßen, stand -von Zeit zu Zeit in einem Thorweg oder an der Ecke still und zog seinen -Schatz heraus, um ihn zu betrachten. In seinem Quartier, einem leeren -Geschirrfaß, angelangt, überlegte er bis in die Nacht hinein, was er -dafür kaufen solle. Ein schwerer Entschluß. Ihm lag daran, so viel wie -möglich zu bekommen. In der Bergmannsschenke, das wußte er, gab man -einen Teller voll Bohnen und ein Stück Brot für zehn Cents oder einen -Fischkloß mit Zubehör, aber ohne Brot. In Peters Speisehaus konnte -er ein Kalbskotelett nebst einigen Rettichen und Brot für zehn Cents -haben, oder eine große Tasse Kaffee mit einer Brotschnitte, die aber -schändlicherweise oft nur sehr dünn ausfiel. - -Um sieben Uhr empfand er einen wahren Wolfshunger, doch hatte er noch -keine Entscheidung getroffen. Er machte sich auf den Weg, ging noch -immer rechnend die Straße hinauf und kaute an einem Holzstückchen, wie -es Leute, die nahe am Verhungern sind, zu thun pflegen. Vor Martins -erleuchtetem Restaurant, dem vornehmsten der ganzen Stadt, blieb er -stehen; in besseren Tagen hatte er da oft gespeist und Martin kannte -ihn gut. Er trat abseits, um aus dem Bereich der Lichter zu kommen, -blickte andächtig nach den Wachteln und Beefsteaks im Schaufenster und -dachte, vielleicht wären die Zeiten der Märchen noch nicht vorüber, -und ein verkleideter Prinz könnte daherkommen und ihn auffordern, -einzutreten und zu nehmen, was er wolle. Je mehr er sich in den -Gedanken vertiefte, um so hungriger kaute er an dem Holzstückchen. - -Da fühlte er plötzlich, daß jemand neben ihm stand und seinen Arm -berührte. Er sah auf und erblickte ein Gespenst -- das wahre Bild des -Hungers. Es war ein baumlanger, hagerer Mensch, in Lumpen gehüllt, Haar -und Bart ungeschoren, mit ausgemergeltem Gesicht, eingesunkenen Wangen -und Augen, die ihn jammervoll anblickten. - -»Kommen Sie mit mir,« sagte er und hing sich an Blüchers Arm. Als sie -eine Stelle erreicht hatten, wo das Licht nur schwach schien und wenige -Leute vorüber gingen, blieb er stehen und hob die Hände flehend empor. - -»Freund -- Fremder, sehen Sie mich an,« stammelte er. »Sie freuen sich -Ihres Lebens in Ruhe und Behagen, wie ich einst in meiner guten Zeit. -Sie haben dort drinnen herrlich zu Abend gespeist, ein Liedchen gesummt -und bei sich gedacht, es ist doch schön auf der Welt. Sie haben nie -Not gelitten, Sie wissen nicht was Kummer und Elend ist, Sie kennen -den Hunger nicht! -- Sehen Sie mich an, Fremder, haben Sie Erbarmen -mit einem freundlosen, heimatlosen Menschen. So wahr Gott lebt -- seit -achtundvierzig Stunden habe ich keinen Bissen gegessen; schauen Sie mir -ins Auge, ich lüge nicht. Geben Sie mir nur eine Kleinigkeit, mich vom -Hungertode zu retten; was Sie wollen -- 25 Cents genügen mir. Thun Sie -es, Fremder, ich bitte, ich beschwöre Sie. Ihnen ist es ein Leichtes -und mein Leben hängt daran. Ich will vor Ihnen im Staube liegen und den -Boden küssen, den Ihr Fuß betritt. Nur 25 Cents! Ich gehe zu Grunde, -ich sterbe, ich verhungere. Um des Himmels willen, verlassen Sie mich -nicht!« - -Blücher war außer sich, bis ins Innerste gerührt und ergriffen. Er -überlegte hin und her, dann rief er von einem plötzlichen Gedanken -beseelt: - -»Ja, so wird es gehen!« Den Arm des Elenden ergreifend, führte er ihn -nach Martins Restaurant, ließ ihn dort an einem Marmortisch Platz -nehmen, legte den Speisezettel vor ihn hin und sagte: - -»Bestellen Sie jetzt was Sie wollen, Freund. Es geht auf meine -Rechnung, Herr Martin.« - -»Schon gut, Herr Blücher,« versetzte der Speisewirt. - -Gegen den Schenktisch gelehnt, sah Blücher zu, wie der Mensch ein -Stück Buchweizenkuchen zu 75 Cents nach dem andern heißhungrig -verschlang, verschiedene Tassen Kaffee hinunterstürzte und Beefsteaks -die Portion zu zwei Dollars verzehrte. Als der Fremde Speisen im Wert -von etwa sechs und einem halben Dollar vertilgt hatte und sein Hunger -gestillt war, begab sich Blücher nach Peters Speisehaus, kaufte für -sein Zehn-Centstück ein Kalbskotelett und ein Stück Brot, machte sich -darüber her und schmauste wie ein König. - - - - -Tom Quarz. - - -Bald darauf traf ich einen früheren Bekannten, der Bergmann in einem -der verlassenen Grubendistrikte Kaliforniens war. Ich ging mit ihm -zurück und blieb mehrere Monate dort unter den Goldgräbern, welche in -der ausgedehnten Hügel- und Waldlandschaft vier bis fünf zerstreute -Hütten bewohnen. In der flotten Zeit, ehe die Gruben erschöpft waren, -hatte in dieser Einöde eine blühende Stadt mit einer Bevölkerung von -zwei- bis dreitausend Menschen gestanden; jetzt war alles spurlos -verschwunden -- Straßen, Wohnhäuser, Läden -- und nur eine Handvoll -Bergleute an Ort und Stelle zurückgeblieben, die sich längst in ihre -Verbannung gefunden und die Welt vergessen hatten, wie sie von aller -Welt verlassen waren. - -Einer meiner dortigen Kameraden, der seit achtzehn Jahren sein -geplagtes Leben voll Entbehrungen und Enttäuschungen geduldig ertragen -hatte, war Dick Baker, ein ernster, schlichter Mann, sechsundvierzig -Jahre alt, grau wie eine Ratte, halbwegs gebildet, in schlotteriger mit -Lehm beschmutzter Kleidung. Sein Herz aber war von kostbarerem Gold, -als er mit seiner Schaufel je zu Tage gefördert hatte, von feinerem -Metall als jemals gegraben oder gemünzt worden war. - -So oft Baker kein Glück hatte und etwas niedergeschlagen war, pflegte -er um den Verlust einer wundervollen Katze zu trauern, die ihm früher -gehört hatte. Wenn er von ihrer merkwürdigen Klugheit sprach, so sah -man es ihm am Gesicht an, daß er im Innersten seines Herzens überzeugt -war, sie müsse menschliche, -- ja sogar vielleicht übermenschliche -- -Eigenschaften besessen haben. - -Einmal kam er auch in meinem Beisein auf das Tier zu sprechen. - -[Illustration] - -»Acht Jahre lang,« sagte er, »hatte ich hier eine Katze, die hätte -Sie gewiß interessiert. Sie hieß Tom Quarz, war groß und grau und -eigentlich ein Kater, mit so viel gesundem Menschenverstand wie irgend -einer von uns im Lager. Tom hatte auch ein gewaltiges Selbstgefühl im -Leibe, sogar dem Gouverneur von Kalifornien würde er nicht gestattet -haben, sich Vertraulichkeiten gegen ihn herauszunehmen. Eine Ratte -hatte er sein Lebtag nicht gefangen -- war vermutlich zu vornehm dazu. -Die einzige Angelegenheit, um die er sich kümmerte, war der Bergbau. -Vom Goldgraben verstand er mehr als irgend jemand in der Welt, die -Kenntnis war ihm förmlich angeboren, alles wußte er, was die Arbeit auf -den Goldfeldern betraf, man konnte ihm gar nichts Neues mehr sagen. -Er grub hinter mir und Jim drein, wenn wir die Berge durchsuchten und -trabte oft meilenweit mit uns umher. Ein vorzügliches Urteil hatte -er über den Boden, wo was zu finden sei; wahrhaftig, mir ist nichts -Aehnliches wieder vorgekommen. Wenn wir an die Arbeit gingen, warf er -nur einen Blick um sich; mißfielen ihm dann die Anzeichen, so machte -er ein Gesicht, das bedeuten sollte: »Na, Freunde, ihr werdet mich -wohl entschuldigen,« -- dabei hob er die Nase in die Luft und trollte -sich nach Hause, ohne noch ein Wort zu sagen. War er aber mit dem -Platz einverstanden, so verhielt er sich ruhig, bis die erste Pfanne -ausgespült war, dann schlängelte er sich in unsere Nähe und wenn er -sechs oder sieben Körner Gold sah, war er zufrieden und die Aussichten -schienen ihm gut. Er legte sich nun auf unsere Röcke und fauchte wie -ein Dampfboot, sobald wir jedoch auf eine ergiebige Stelle stießen, -fuhr er blitzschnell in die Höhe und machte sich ans Besichtigen. - -»Jetzt kam die Zeit, wo alle Welt darauf versessen war, das Gold im -Gestein, statt in der Erde zu suchen, alle hackten und sprengten -nun, anstatt Erde zu schaufeln, jeder wollte einen Schacht graben, -statt bloß an der Oberfläche zu kratzen. Jim ließ mir keine Ruhe, wir -mußten auch nach Erz im Gestein suchen. Als wir den Schacht anzulegen -begannen, machte Tom Quarz große Augen, was zum Henker wir denn vor -hätten; solche Bergwerkerei schien ihm unerhört, er war ganz verblüfft -und konnte uns nicht begreifen. Daß mein Kater aber genau wußte, -worauf wir hinaus wollten, darauf möchte ich wetten; er sah immer aus, -als ob er unsere Arbeit für die größte Thorheit hielt. Neumodische -Einrichtungen konnte er nun einmal nicht ausstehen und war schwer von -seinen alten Gewohnheiten abzubringen. Erst ganz allmählich versöhnte -sich Tom Quarz einigermaßen mit dem neuen Betrieb, obwohl er es nie -recht einsah, warum wir immer und ewig in den Schacht einfuhren und -doch nichts Ordentliches herausholten. Zuletzt kam er selber herunter -um zu versuchen, ob er sich’s klar machen könne; aber es verwirrte -ihn nur, uns zuzusehen, er ward ärgerlich und die ganze Sache war ihm -zuwider, zumal er wußte, daß unsere Ausgaben fortwährend anwuchsen -und wir nicht einen Cent verdienten. So legte er sich denn auf einen -Pulversack im Winkel, rollte sich zusammen und schlief ein. - -[Illustration] - -»Eines Tages trafen wir in dem Schacht auf so hartes Gestein, daß -wir einen Sprengversuch vornehmen mußten, den ersten, seitdem Tom -Quarz geboren war. Wir steckten die Lunte an, kletterten heraus und -liefen etwa fünfzig Meter weit fort -- den Kater aber, der auf seinem -Pulversack in festem Schlafe lag, hatten wir richtig vergessen. Eine -Minute später sahen wir aus dem Loch eine dicke Rauchsäule aufsteigen, -dann that es einen fürchterlichen Krach und etwa vier Millionen Tonnen -Steine, Erde, Rauch und Splitter flogen wohl anderthalb Meilen hoch -in die Luft; und wahrhaftig, mitten in dem Wirrwarr sauste kopfüber, -kopfunter unser alter Tom Quarz mit in die Höhe, schnaubte, nieste und -streckte die Klauen aus wie besessen, um sich irgendwo festzuhalten, -aber es nützte ihn rein gar nichts. - -»Nun vergingen wohl dritthalb Minuten, ohne daß wir was von ihm zu -sehen kriegten, dann fing es auf einmal an, Steine und Schmutz zu -regnen und auch der Kater fiel herunter, etwa zehn Fuß vor dem Fleck -wo wir standen. Na, der sah schön aus; ein erbärmlicheres Geschöpf ist -mir all mein Lebtag nicht vorgekommen. Ein Ohr saß ihm im Nacken, der -Schwanz stand steif in die Höhe, die Augenwimpern waren abgesengt, -der Körper ganz von Pulver und Rauch geschwärzt und mit Schlamm und -Schmutz überzogen. Wir starrten ihn an und brachten kein Wort heraus --- was hätten auch alle Entschuldigungen jetzt nützen können? -- Tom -Quarz warf einen Blick voll Ekel auf sich selber, dann aber sah er uns -an, als wolle er sagen: »Ihr dünkt euch wohl recht schlau, daß ihr -einer Katze, die nichts vom neuen Bergbau versteht, so mitgespielt habt --- aber ich sehe die Sache von einem andern Gesichtspunkt an.« Damit -machte Tom rechtsumkehrt und marschierte nach Hause, ohne noch weiter -ein Wort zu verlieren, das war so seine Art. - -»Mögen Sie’s nun glauben oder nicht -- von der Zeit an gab es in der -ganzen Welt keine Katze, die mehr gegen den Quarzbau eingenommen -war wie er. Als er endlich wieder anfing, den Schacht zu befahren, -verwunderten wir uns alle über seine Schlauheit. Es war wirklich -merkwürdig -- kaum, daß wir das Pulver zum Sprengen gelegt hatten und -die Lunte anzündeten, so warf er uns einen Blick zu, in dem zu lesen -stand: »Nun empfehle ich mich Ihnen ergebenst --« im Nu war er dann zum -Loch hinaus und auf einen Baum geklettert, so hoch er konnte. Was sage -ich -- Schlauheit -- das ist gar kein Wort dafür; es war eine förmliche -Eingebung.« - -»Wissen Sie, Herr Baker,« versetzte ich, »wenn man sich auf den -Standpunkt des Katers stellt, scheint mir sein Vorurteil eigentlich -ganz begreiflich. Haben Sie denn nie versucht, ihn davon zu heilen?« - -»Wo denken Sie hin! Nein, wenn Tom Quarz sich einmal etwas in den Kopf -gesetzt hatte, so blieb er dabei durch dick und dünn. Sie hätten ihn, -wer weiß wie oft, in die Luft sprengen können, von seiner verfluchten -Abneigung gegen den Quarzbau wäre er doch nicht abzubringen gewesen.« - -Während Baker dies beredte Zeugnis für die festen Grundsätze seines -alten Freundes ablegte, strahlte sein ganzes Gesicht vor Liebe und -Stolz. Die Erinnerung daran wird mir stets unvergeßlich bleiben. - -Mein Freund Dick Baker war auch sonst ein Tierfreund. In den Wäldern -und Bergen des abgelegenen Winkels von Kalifornien hatte er sich -mit den Vögeln und Vierfüßlern, welche dort heimisch sind, innig -befreundet. Er war fest davon überzeugt, daß er jede Aeußerung dieser -Tiere verstand; ebenso wie jener amerikanische Gelehrte, der unlängst -in eingehender Weise über die Sprache der Affen ein Werk geschrieben -hat. - -Dick Baker stellte in dieser Beziehung ganz bestimmte Behauptungen -und Regeln auf. Einige Tiere, meinte er, haben nur geringe Bildung -genossen, und bedienen sich daher einer ganz einfachen Ausdrucksweise, -ohne Bilder und Gleichnisse; andere dagegen verfügen über einen großen -Wortschatz, beherrschen die Sprache vollkommen und haben einen freien, -fließenden Vortrag. Diese sprechen gern und viel; sie sind sich ihres -Talentes bewußt und wollen es zur Geltung bringen. Nach langer und -sorgfältiger Beobachtung war Baker zu der Ueberzeugung gekommen, -daß es in der ganzen Tierwelt keinen besseren Redner giebt, als den -Blauhäher.[5] - - [5] Der amerikanische Blauhäher hat ein viel glänzenderes und - buntfarbigeres Gefieder als unser gewöhnlicher Eichelhäher. - -»Ja,« sagte er, »hinter einen Blauhäher kommt man nicht so leicht! Man -glaubt nicht, was für Stimmungen und Gefühle der hat und wie er sie -alle auszudrücken versteht. Dabei spricht er nicht etwa alltägliches -Zeug -- nein, wie ein Buch -- die schönsten Redewendungen strömen ihm -nur so heraus. Mit der Sprache versteht er umzuspringen wie keiner; -ihm fehlt nie ein Wort, das kommt gar nicht vor; ganz ungesucht fließen -sie ihm zu. Und noch was habe ich bemerkt: Kein Vogel, keine Kuh oder -sonst ein Geschöpf spricht so fein wie der Blauhäher! Eine Katze meint -ihr? Jawohl, die spricht freilich fein -- aber laßt sie einmal in -Aufregung geraten! Wenn sie sich nachts mit einer andern Katze auf dem -Dach rauft, dann hört zu, in was für Ausdrücken sie sich ergeht, -- es -wird einem übel und weh dabei. - -»Man kann den Häher wohl mit einem gewissen Recht zu den Vögeln zählen --- weil er Federn hat, vielleicht auch weil er keine Steuern zahlt: -aber in anderer Beziehung ist er ganz wie unsereins. Denn sehen Sie, -ein Häher hat Triebe und Gaben, Gefühle und Interessen, so gut wie ein -Mensch. Ein Häher hat keine strengeren Grundsätze als ein Roßkamm. Er -stiehlt, er lügt und betrügt, er hintergeht jeden wo er nur kann, kein -noch so feierliches Versprechen ist bindend für ihn. Was Pflichttreue -ist, kann man ihm nicht begreiflich machen. Der beste Beweis aber ist, -daß ein Häher fluchen und schwören kann, wie kein Lümmel weit und -breit! -- Eine Katze kann auch fluchen und schwören. Jawohl, das kann -sie freilich -- aber wenn ein Häher ’mal richtig im Zuge ist, so vermag -es keine Macht im Himmel und auf Erden mit ihm aufzunehmen. Im Zanken -und Schelten ist er Meister, so derb und flink, daß niemand gegen ihn -aufkommt. - -»Was ein Mensch kann, das kann ein Blauhäher auch: Er kann weinen, -lachen und sich schämen, er kann Schlüsse und Pläne machen und seine -Sache verfechten, er liebt Geschwätz und Klatschgeschichten, hat Sinn -für Humor, und wenn er einen dummen Streich gemacht hat, so weiß er’s -besser als ich und Sie. Kurz, ein Häher ist ähnlich wie ein Mensch -- -das lass’ ich mir nicht nehmen. - -»Ich will Ihnen übrigens noch eine wahre Geschichte von den Blauhähern -erzählen, für die ich mich verbürgen kann. - -»Der Vorfall trug sich zu, als ich gerade anfing, die Hähersprache -richtig zu verstehen. - -»Der letzte Mensch, der außer mir in dieser Gegend wohnte, ist vor -sieben Jahren fortgezogen; sein Blockhaus nebenan steht seitdem leer, -es hat nur ein großes Zimmer und darüber die rohen Balken und das -Bretterdach. An einem Sonntagmorgen saß ich nun einmal mit meiner Katze -hier vor der Hütte, sonnte mich, sah nach den blauen Bergen hinüber, -hörte das Laub der Bäume rauschen in der Einsamkeit und dachte an -meine Heimat draußen in der Welt -- seit dreizehn Jahren wußte ich -nicht mehr, wie’s dort zuging. Da fliegt ein Häher mit einer Eichel im -Schnabel auf das Blockhaus und sagt: ›Oho, was entdecke ich da?‹ Daß -ihm bei diesen Worten die Eichel aus dem Schnabel fällt und natürlich -vom Dach hinabrollt, kümmert ihn wenig, er ist einzig und allein mit -seiner Entdeckung beschäftigt. Es war ein Astloch im Dach. Den Kopf auf -die Seite gedreht, kneift er ein Auge zu, schaut mit dem andern in das -Loch hinein, sieht dann vergnügt in die Höhe, lüftet die Flügel ein -paarmal vor innerm Wohlbehagen und sagt: ›Es sieht aus wie ein Loch, -es ist wo ein Loch hingehört, -- sollte es am Ende wirklich ein Loch -sein?!‹ -- - -»Er hält den Kopf nach unten, guckt noch einmal hinein, blickt wieder -auf, bewegt Flügel und Schwanz vor Freude und sagt: ›Ja, ja, es ist -ganz richtig -- bin ich ein Glückspilz! -- ein prächtiges, ordentliches -Loch, gewiß und wahrhaftig!‹ Dann fliegt er auf den Boden, holt die -Eichel herauf, wirft den Kopf zurück, und mit dem süßesten Lächeln der -Welt läßt er sie hineinfallen. Er scheint zu lauschen, seine Miene -wird ernsthafter, und voll komischer Verwunderung sagt er endlich: -›Ich hab’ sie doch nicht fallen hören!‹ Wieder hält er das Auge ans -Loch, schaut lange hinein, blickt dann auf und schüttelt den Kopf. Dann -versucht er’s von der andern Seite -- abermaliges Kopfschütteln. Um das -ganze Loch marschiert er herum, besieht sich’s genau und schaut von -allen Himmelsgegenden hinein. Umsonst! Nachdenklich sitzt er auf dem -Dachfirst und kraut sich den Kopf mit dem rechten Fuß, bis er zuletzt -sagt: ›Das geht über meine Begriffe! Das Loch muß wirklich gehörig tief -sein! Aber länger kann ich mich nicht zum Narren machen, ich muß an die -Arbeit. Die Sache wird schon ihre Richtigkeit haben, ich lasse es eben -drauf ankommen.‹ - -»Er fliegt auf und davon, kommt mit einer zweiten Eichel wieder, läßt -sie hineinfallen und hält schnell das Auge ans Loch, um zu sehen, was -draus wird -- aber zu spät. Wohl eine Minute lang schaut er hinein, -dann blickt er seufzend auf: ›Alle Wetter, das ist doch zu toll, das -versteh’ ’mal einer! -- aber ich probier’s wieder.‹ - -»Bei der dritten Eichel thut er was er kann, um ihr noch schneller -nachzusehen, aber vergebens. ›So ein Loch ist mir noch nicht -vorgekommen,‹ sagt er, ›es muß wohl eine ganz neue Art sein, wie ich -noch keins gesehen habe.‹ - -»Nun gerät er in Zorn. Zuerst bezwingt er sich noch, stolziert auf dem -Dachfirst auf und ab, schüttelt den Kopf und brummt in sich hinein; -dann übermannen ihn die Gefühle und er fängt an zu schimpfen, bis er -vor Aerger ordentlich schwarz wird. Noch nie hab’ ich einen Vogel um so -einer Kleinigkeit willen in solcher Wut gesehen. Wie er genug gewettert -hat, geht er wieder ans Loch, sieht lange hinein und sagt dann: ›’s ist -ein dunkles Loch, ein tiefes Loch und ein sehr komisches Loch, aber nun -ich einmal angefangen hab’ es zu füllen, will ich’s auch durchsetzen, -und wenn’s hundert Jahre dauert.‹ - -»Fort fliegt er, und all’ mein Lebtag hab’ ich noch nie einen Vogel -so arbeiten sehen wie den. Dritthalb Stunden ging das in einem fort. -Eichel auf Eichel warf er ins Loch, kein einzigesmal schaute er mehr -hinein, sondern flog nur immer hin und wieder. Ich war so voll Spannung -und Aufregung, daß ich nichts anderes sah und dachte. - -»Endlich ist er aber doch so abgearbeitet, daß er kaum noch die Flügel -regen kann. In Schweiß gebadet kommt er herbeigeflogen, läßt die Eichel -hineinfallen und sagt: ›Nun wirst du, denke ich, wohl genug haben, du -altes Loch.‹ - -»Er steckte den Kopf hinein, und wie er wieder aufsieht, ist er -ordentlich blaß vor Wut, -- Sie können mir’s glauben, lieber Herr! -- -›Ausstopfen sollen sie mich und ins Museum stellen,‹ schreit er, ›wenn -ich auch nur eine Spur von den Eicheln entdecken kann, eine ganze -Familie könnte sich dreißig Jahre davon satt essen, so viel hab’ ich -hineingetragen!‹ - -»Mühsam schleppt er sich auf den Dachfirst, lehnt sich an den -Schornstein, überdenkt die Sache und macht dann seinem Herzen Luft. Na, -das hätten Sie hören sollen! So was von Schimpfen und Schelten ist mir -mein Lebtag nicht vorgekommen! - -»Während er im besten Zuge ist, kommt ein anderer Häher vorbeigeflogen, -hält an und fragt, was es denn giebt. Sein armer Freund trägt ihm die -ganze Sache vor und sagt: ›Wenn du mir’s nicht glauben willst, so geh’ -und sieh’ selbst nach, -- da drüben ist das Loch!‹ - -»Das thut der zweite Häher, und wie er alles genau betrachtet hat, -kommt er zurück und fragt: ›Wie viele hast du denn eigentlich -hineingeworfen?‹ -- ›Wenigstens zwei Säcke voll,‹ versetzt jener. - -»Der Häher geht abermals zum Loch und sieht hinein -- es scheint ihm -ganz unerklärlich; auf seinen Ruf kommen noch drei Häher herbei. Alle -untersuchen das Loch, lassen sich die Geschichte erzählen und streiten -hin und her, als ob ebenso viele Menschen ihre hohlköpfigen Ansichten -zum Besten gäben. - -»Noch mehr Häher werden herzugerufen, sie kommen in immer größeren -Scharen geflogen, bis alles ringsumher ganz blau davon schimmert. Es -mögen wohl an die fünftausend gewesen sein, und ein solches Lärmen, -Hacken, Krähen und Schimpfen ist noch nie dagewesen. Jeder einzelne -Häher hält das Auge ans Loch und alle kramen ihre Meinungen über das -rätselhafte Ereignis aus -- eine immer unsinniger wie die andere. Dann -wird das ganze Haus untersucht. Die Thüre steht halb offen und ein -alter Häher, der in die Nähe kommt, guckt zufällig hinein. Nun war’s -mit dem Geheimnis auf einmal vorbei: da lagen alle die Eicheln auf -dem ganzen Boden umhergestreut. Der Häher schlägt mit den Flügeln und -erhebt ein Geschrei: ›Hierher,‹ ruft er, ›kommt alle her, der närrische -Kerl hat das ganze Haus mit Eicheln füllen wollen!‹ - -»Da kamen sie herabgeschossen wie eine blaue Wolke; jeder geht zur -Thüre, schaut hinein, und sobald ihm der ganze Unverstand des ersten -Hähers klar wird, fällt er rücklings über und will vor Lachen bersten; -dann kommt der nächste an die Reihe, guckt hinein und macht es ebenso. - -»Hierauf saßen alle wohl über eine Stunde auf dem Hausdach und ringsum -in den Bäumen und schüttelten sich vor Lachen, gerade wie die Menschen. - - * * * * * - -»Der Blauhäher hat viel Sinn für Humor -- das lass’ ich mir nicht -ausreden. Und ein gutes Gedächtnis hat er auch. Drei Jahre lang kamen -Häher aus allen Staaten der Union jeden Sommer angeflogen, um in -das Loch hinunterzusehen; auch andere Vögel brachten sie mit. Alle -freuten sich an dem Spaß, nur eine alte Eule nicht, die auf einer -Forschungsreise nach Naturmerkwürdigkeiten begriffen, unterwegs -auch das wunderbare Loch besichtigen wollte. Sie sagte, sie könne -nicht einsehen, was für ein Witz dabei sei, -- indes die andern -Merkwürdigkeiten hatten auch nicht viel Eindruck auf sie gemacht.« - -[Illustration] - - - - -Die Vorlesung. - - -Nach meiner Irrfahrt befand ich mich endlich wieder zu Hause in San -Francisco ohne Mittel und ohne Beschäftigung. Ich zermarterte mir das -Hirn, um einen Plan zu finden, der mich retten könnte und verfiel -zuletzt darauf, eine öffentliche Vorlesung zu halten. In fieberhafter -Erregung setzte ich mich voll Hoffnung hin und schrieb einen Vortrag -nieder. Ich zeigte ihn verschiedenen Freunden, aber sie schüttelten -alle die Köpfe und meinten, höchst wahrscheinlich würde niemand kommen, -um mir zuzuhören und ich würde beschämt wieder abziehen müssen. Aber -selbst im Fall die Vorlesung zu stande käme, müßte sie schmählich -mißlingen, da ich ja nie zuvor öffentlich gesprochen hätte. Das -machte mich ganz trostlos. Endlich jedoch klopfte mir ein Redakteur -vertraulich auf den Rücken und meinte: »Ich will Ihnen was sagen! -Mieten Sie den größten Saal in der Stadt und fordern Sie einen Dollar -Eintrittsgeld. Bange machen gilt nicht.« - -Die Tollkühnheit des Vorschlags reizte mich, umsomehr als -viel praktische Weisheit und Weltkenntnis darin lag. Auch ein -Theaterbesitzer hielt den Rat für gut und bot mir sein großes neues -Opernhaus für fünfzig Dollars an -- die Hälfte des gewöhnlichen -Preises. Aus reiner Verzweiflung ging ich darauf ein und mietete es -auf Kredit -- aus triftigen Gründen. In drei Tagen ließ ich nun für -150 Dollars Anzeigen und Zettel drucken und war wohl das verzagteste -und geängstetste Menschenkind an der ganzen Küste des Stillen Ozeans. -Schlafen konnte ich nicht, das wäre wohl unter solchen Umständen -niemand möglich gewesen. Wenn andern Leuten die letzte Zeile meines -Anschlagzettels vielleicht scherzhaft erschienen ist, so hatte sie doch -für mich einen sehr kläglichen Anstrich; mir war furchtbar beklommen zu -Mute, als ich schrieb: - - »Die Thüren werden um 7½ Uhr geöffnet. - Um 8 Uhr beginnt das Unheil.« - -Der Satz hat manchem seither gute Dienste geleistet. Besitzer von -Schaubuden haben ihn mir abgeborgt und einmal fand ich ihn sogar am -Schluß einer Anzeige, durch welche den Schulzöglingen der Beginn des -neuen Kursus nach den Ferien angekündigt wurde. - -Während die drei Tage in peinlicher Erwartung langsam vergingen, wurde -ich immer unglücklicher. Ich hatte zweihundert Eintrittskarten an -meine persönlichen Bekannten verkauft, aber ich fürchtete, sie würden -sämtlich fortbleiben. Meine Vorlesung, die mir zuerst humoristisch -vorgekommen war, wurde von Stunde zu Stunde langweiliger und -trübseliger, bis auch nicht mehr der Schatten eines Witzes darin zu -entdecken war und ich bedauerte, daß ich nicht einen Sarg auf die Bühne -bringen und die ganze Geschichte in ein Leichenbegängnis verwandeln -konnte. - -Zuletzt befiel mich eine solche Höllenangst, daß ich mich entschloß, -drei alte Freunde -- gutherzige Gemüter und wahre Riesengestalten -- -aufzusuchen, welche Stimmen besaßen, die dem Brüllen des Sturmwinds -glichen. - -»Hört einmal,« sagte ich zu ihnen, »ich falle gewiß mit der Sache -durch; die Witze sind so tiefsinnig, daß kein Mensch sie verstehen -wird. Würdet ihr mir wohl den Gefallen thun, euch ins Parkett zu -setzen, um mir Beistand zu leisten?« - -Als sie dies versprochen hatten, ging ich zu der Frau eines bekannten -und beliebten Bürgers, die ich bat, mit ihrem Manne in der Loge -links von der Bühne Platz zu nehmen, wo alle Welt sie sehen könne. -Ich stellte ihr vor, wie sehr ich ihrer Hilfe bedürfe und machte mit -ihr aus, ich würde mich jedesmal nach ihr hinwenden und lächeln, zum -Zeichen, daß ich einen schwerverständlichen Witz losgelassen hätte; -»dann aber grübeln Sie, bitte, nicht lange darüber nach,« fügte ich -hinzu, »sondern folgen Sie meinem Wink.« - -[Illustration] - -Sie gab mir ihre Zusage und ich entfernte mich. Auf der Straße -begegnete mir ein Mann, den ich noch niemals gesehen hatte. Er war -angetrunken und strahlte vor Gutmütigkeit. - -»Mein Name ist Sawyer,« sagte er, »Sie kennen mich nicht, doch das ist -einerlei. Ich habe keinen Cent in der Tasche, aber wenn Sie wüßten, -wie gern ich einmal lachen möchte, so schenkten Sie mir sicherlich ein -Billet. Na, was meinen Sie dazu?« - -Statt der Antwort fragte ich: »Wie verhält es sich denn mit Ihren -Lachmuskeln? Ich meine -- platzen Sie leicht heraus oder sind Sie sehr -wählerisch in betreff der Späße?« - -Meine langsame, gedehnte Sprechweise kam ihm so komisch vor, daß er -sogleich einige Proben seiner Lachkunst zum Besten gab; ich sah, -es war gerade die Sorte, welche ich brauchte. So schenkte ich ihm -denn ein Billet in der Mitte der zweiten Abteilung, für die er alle -Verantwortlichkeit übernahm, und belehrte ihn darüber, wie er etwaige, -undeutliche Scherze erkennen könne. Als wir uns trennten, kicherte er -wohlgefällig über die Neuheit des Planes. - -An dem letzten der drei schicksalsschweren Tage aß ich keinen Bissen -- -ich litt nur Qualen. An diesem Tage sollte der Verkauf der reservierten -Logenplätze stattfinden. Als ich mich gegen vier Uhr nachmittags an die -Theaterkasse schlich, um zu sehen, ob Eintrittskarten gelöst worden -seien, fand ich sie verschlossen -- der Billetverkäufer hatte sich -entfernt. Ich mußte heftig schlucken, denn das Herz schlug mir bis -in den Hals hinauf. »Also, gar nichts verkauft,« sagte ich mir; »das -hätte ich vorher wissen können.« Ich dachte in vollem Ernst daran, die -Flucht zu ergreifen, Krankheit vorzuschützen, oder einen Selbstmord zu -begehen, so erbärmlich war mir zu Mute. Aber natürlich mußte ich mir -das alles aus dem Sinn schlagen und meinem Schicksal die Stirne bieten. -Es war mir unmöglich, bis halb 7 Uhr zu warten, ich mußte dem Greuel -ins Angesicht sehen und damit fertig werden. Aehnliche Gefühle mag ein -Mensch haben, der gehängt werden soll. - -Um sechs Uhr ging ich auf Nebenwegen nach dem Theater und trat durch -eine Hinterthür ein. Ich stolperte an Reihen von Leinwandkoulissen -vorüber nach der Bühne und sah den Zuschauerraum düster und stumm, -in entsetzlicher Leere vor mir liegen. Darauf zog ich mich wieder in -das Dunkel hinter die Koulissen zurück und verharrte dort anderthalb -Stunden, in Grauen und Entsetzen versunken; für die ganze übrige Welt -war mir jedes Bewußtsein geschwunden. - -Plötzlich vernahm ich ein Geräusch, das sich immer mehr steigerte; -lauter und lauter wurde das Gemurmel und endete mit einem Krach, in den -sich Hochrufe mischten. Der wahrhaft betäubende Lärm erhob sich jetzt -ganz in meiner Nähe und ich fühlte, daß mir die Haare zu Berge standen. -Nun folgte eine Pause, dann kam ein abermaliges Hoch und gleich darauf -ein drittes. Ehe ich noch recht wußte, wie mir geschah, befand ich mich -mitten auf der Bühne, vor mir wogte ein Meer von Gesichtern, der helle -Glanz der Lichter verwirrte mich und ich zitterte an allen Gliedern vor -tödlichem Schrecken. Das ganze Haus war gedrängt voll, selbst die Gänge -zwischen den Sitzreihen. - -Es dauerte eine volle Minute, bis sich meine Aufregung in Kopf, -Herz und Beinen beruhigt hatte und ich meine Selbstbeherrschung -einigermaßen wieder gewann. Ich las Wohlwollen und Freundlichkeit in -allen Gesichtern, meine Furcht verschwand allmählich und ich begann -zu sprechen. Schon nach drei bis vier Minuten fühlte ich mich ganz -behaglich und zufrieden. Meine drei Hauptverbündeten waren mit drei -Gehilfen zur Hand; sie saßen beieinander im Parkett mit Knotenstöcken -bewaffnet und kampfbereit, um beim geringsten Scherzwort zum Angriff zu -schreiten. Bei jedem Witz, den ich zum Besten gab, stießen sie mit den -Stöcken gewaltig auf den Boden und verzogen den Mund von einem Ohr zum -andern. Sawyer, dessen treuherziges Gesicht sich mitten in der zweiten -Abteilung rötlich abhob, stimmte in ihr Gelächter ein und das ganze -Haus wurde zum Beifall fortgerissen. Selbst die mittelmäßigsten Witze -erzielten eine nie geahnte Wirkung. - -Nach einer Weile kam ich an eine ernsthafte Stelle, die ich mit -großer Salbung vortrug; es war mein Leibstück und die Zuhörerschaft -lauschte in atemlosem Schweigen, was mir wohlthuender war als der -rauschendste Beifall. Bei dem letzten Wort meiner Einschaltung wandte -ich mich zufällig und begegnete dem aufmerksam und erwartungsvoll -auf mich gerichteten Auge der Frau K. -- Mein neuliches Gespräch mit -ihr fiel mir plötzlich ein und wie sehr ich mich auch zusammennahm, -ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Sie hielt dies für unser -verabredetes Zeichen und brach sogleich in ein wohlklingendes Gelächter -aus, von welchem sich die ganze Zuhörerschar anstecken ließ. Die -Explosion, die nun erfolgte, bildete den Triumph des ganzen Abends. -Ich fürchtete schon, der wackere Sawyer würde vor Lachen ersticken, -und die Knotenstöcke arbeiteten, als gälte es Pfähle einzurammen. Mein -armes bißchen Pathos war freilich zu Grunde gerichtet; man hielt es in -gutem Glauben für einen beabsichtigten Witz und zwar für die Krone der -ganzen Unterhaltung. Ich war natürlich klug genug, den Irrtum nicht -aufzuklären. - -Alle Zeitungen brachten am andern Morgen freundliche Besprechungen; -meine Eßlust kehrte zurück und ich hatte Geld in Hülle und Fülle. Ende -gut -- alles gut. - -[Illustration] - - - - -Anhang. - -[Illustration] - - - - -Aus meiner Knabenzeit. - - -I. - -Als ich nach neunundzwanzigjähriger Abwesenheit (1882) meinem Heimatort -einen kurzen Besuch machte, fand ich daselbst ebensoviel anders -geworden, wie überhaupt am ganzen Mississippi. Die Stadt Hannibal, wie -sie früher gewesen, stand mir noch klar und lebhaft im Gedächtnis, -ich hätte sie malen können. Ich trat ans Ufer und mir war zu Mute wie -einem Menschen aus einer längst begrabenen Generation, der wieder -unter den Lebenden wandelt. Ein ähnliches Gefühl müssen, denke ich, -die Gefangenen der Bastille gehabt haben, wenn sie nach jahrelanger -Kerkerhaft ans Licht des Tages kamen und sich nun in Paris umschauten, -wo ihnen alles so fremd und doch so vertraut war. - -Wohl sah ich die neuen Häuser -- sie standen ja leibhaftig vor mir --- aber die Bilder aus alter Zeit, die in meiner Erinnerung lebten, -berührte das nicht; durch die festgefügten Mauern hindurch sah ich -die alten Häuser, die ehemals an ihrem Platz gestanden, mit größter -Deutlichkeit. - -Es war Sonntagmorgen und alles lag noch in den Federn. So schritt ich -denn durch die leeren Straßen, sah die Stadt nicht wie sie ist, sondern -wie sie war und begrüßte im Geist hundert mir wohlbekannte Gegenstände, -die vom Erdboden verschwunden waren. Schließlich stieg ich den -Holiday-Hügel hinauf, um einen weiten Ueberblick zu gewinnen. Nun lag -die ganze Stadt zu meinen Füßen ausgebreitet und ich konnte jedes -Gebäude, jede einzelne Oertlichkeit genau bestimmen. Natürlich hatte -ich Mühe, meine Rührung zu bemeistern. Ich sagte mir: »Von den Leuten, -die ich einst in diesem friedlichen Hafen meiner Kindheit gekannt habe, -sind schon viele in den Himmel gegangen, manche aber auch sicherlich -nach einem andern Ort der Vergeltung.« - -Alles, was ich rings um mich sah, rief meine Knabengefühle wieder -wach; ich war überzeugt, ich sei noch ein Knabe und hätte nur einen -ungewöhnlich langen Traum gehabt. Allein, sobald ich anfing zu -überlegen, schwand diese Vorstellung. »Da drüben stehen etwa fünfzig -alte Häuser,« sagte ich zu mir, »und ich brauche nur einzutreten, -um überall Männer und Frauen zu finden, die noch in der Wiege lagen -oder nicht geboren waren, als ich zuletzt von hier oben hinabschaute, -vielleicht sogar eine Großmutter, die damals eine blühende junge Braut -war.« - -Man hat von jener Anhöhe aus einen unbegrenzten Blick den Fluß hinauf -und hinunter und über die großen Waldungen von Illinois; die Aussicht -ist wunderschön, fast möchte ich sagen, eine der schönsten am Ufer -des Mississippi, aber das ist eine kühne Behauptung, denn die 800 -Meilen, die der Fluß von St. Paul nach St. Louis durchläuft, bieten -eine ununterbrochene Reihe der reizendsten Landschaftsbilder. Möglich, -daß meine Vorliebe für die in Frage stehende Aussicht mein Urteil -beeinflußt -- ich weiß es nicht gewiß. Jedenfalls gewährte sie mir -die vollste Befriedigung, denn sie hatte vor allem andern Lieben und -Bekannten, was ich wiedersehen sollte, _eines_ voraus -- sie war ganz -unverändert. So jung und frisch, so reizend und anmutig sah ich sie -vor mir, wie sie je gewesen, während die Gesichter meiner ehemaligen -Freunde natürlich alt sein mußten und voller Narben vom Kampf des -Lebens. Sie alle trugen wohl Spuren ihrer Niederlagen und Kümmernisse -und konnten mein Gemüt nicht erheben. - -Ein alter Herr, der auf seinem Morgenspaziergang begriffen war, kam -jetzt herbei. Wir tauschten zuerst unsere Bemerkungen über das Wetter -aus und gerieten dann auf andere Unterhaltungsstoffe. Sein Gesicht -war mir unbekannt; er sagte, er wohne schon 28 Jahre hier am Ort, das -war _nach_ meiner Zeit, ich hatte ihn also noch nie gesehen. Ich zog -nun allerlei Erkundigungen ein; zuerst fragte ich nach einem meiner -Kameraden aus der Sonntagsschule -- was wohl aus ihm geworden wäre. - -»Er ging mit Ehren von einer Universität im Osten ab, dann zog er in -die weite Welt, doch nirgends wollte es ihm glücken; jetzt ist er -längst aus aller Gedächtnis geschwunden, man glaubt, er sei gestorben -und verdorben.« - -»Er war ein begabter Junge, der zu den besten Hoffnungen berechtigte.« - -»Jawohl, aber in Erfüllung gegangen sind sie nicht.« - -Nun fragte ich nach einem andern meiner Mitschüler, dem klügsten im -ganzen Ort. - -»Auch seine Studien im Osten waren vom besten Erfolg gekrönt, aber im -Leben hat er bei jedem Kampf den kürzeren gezogen; schon vor Jahren ist -er irgendwo in den Territorien gestorben -- ein gebrochener Mann.« - -Ich erkundigte mich nach einem dritten begabten Jungen. - -»Dem ist’s gut gegangen, alles gelingt ihm, ich glaube es wird ihm -immer glücken.« - -Hierauf fragte ich nach einem jungen Mann, der damals gerade in die -Stadt gekommen war, um sich in seinem Beruf auszubilden. - -»Er hat umgesattelt, ehe er noch fertig war -- erst wollte er Advokat -werden, dann Mediziner, dann noch etwas anderes. Ein Jahr lang war er -fort, kam mit einer jungen Frau wieder, ergab sich dem Trunk, später -auch dem Spiel; endlich brachte er seine Frau und zwei kleine Kinder zu -ihrem Vater zurück und ging nach Mexiko, sank immer tiefer herunter und -starb dort, ohne einen Cent, um das Bahrtuch zu bezahlen, ohne einen -Freund, der seiner Leiche folgte.« - -»Schade um ihn -- es war der gutmütigste Mensch von der Welt, immer -heiter und hoffnungsvoll.« - -Von einem andern Knaben, den ich nannte, hieß es: - -»O, mit dem ist alles in Ordnung; er hat Frau und Kinder und sein gutes -Fortkommen.« - -Derselbe Bescheid ward mir noch über viele meiner früheren Kameraden. - -Nun fragte ich nach drei Mitschülerinnen: - -»Die beiden ersten leben hier mit Mann und Kindern, die dritte ist -schon lange tot -- geheiratet hat sie nicht.« - -Mit Herzklopfen nannte ich jetzt den Namen einer meiner frühesten -Flammen. - -»Der geht’s gut. Sie war dreimal verheiratet. Zwei Männer hat sie -begraben, vom dritten ist sie geschieden und ich höre, daß sie jetzt -einen alten Menschen nehmen will, der irgendwo draußen in Colorado -lebt. Ihre Kinder sind in der ganzen Welt verstreut.« - -[Illustration] - -Auf einige Fragen lautete die Antwort sehr kurz: - -»Im Kriege gefallen.« - -Von einem Knaben, nach welchem ich fragte, hieß es: - -»Mit dem ist’s seltsam gegangen! Jedermann in der ganzen Stadt wußte, -daß der Junge der reinste Strohkopf war, ein Dummrian erster Sorte, ein -Esel, der seinesgleichen nicht hatte. Das war allbekannt, kein Mensch -zweifelte daran. Und was ist aus ihm geworden? -- denken Sie nur: der -angesehenste Advokat im ganzen Staate Missouri.« - -»Wahrhaftig?!« - -»Wie ich Ihnen sage. Es ist die lauterste Wahrheit.« - -»Wie läßt sich das aber erklären?« - -»Erklären läßt sich’s gar nicht. Man sieht nur daraus, daß die Leute -in St. Louis nicht von selbst auf den Gedanken kommen, daß einer ein -Hansnarr ist, wenn man’s ihnen nicht zuvor sagt. Eins ist sicher -- -hätte ich einen Hansnarren zu versorgen, ich schickte ihn gleich mit -Dampf nach St. Louis, dort ist der beste Markt für dergleichen Ware. -- -Was sagen Sie dazu -- steht einem nicht der Verstand still, wenn man’s -recht bedenkt? Ich muß gestehen, mir ist etwas so Unerhörtes nicht -wieder vorgekommen.« - -»Freilich, es scheint verwunderlich. Aber, glauben Sie nicht, daß man -den Jungen in Hannibal vielleicht falsch beurteilt hat und daß die -Leute in St. Louis ihn richtiger zu würdigen wissen?« - -»Wo denken Sie hin! Hier kennt man ihn ja von klein auf und tausendmal -besser als die Schafsköpfe in St. Louis. Nein, nein, folgen Sie nur -meinem Rat und schicken Sie alle Hansnarren nach St. Louis, dort findet -die Ware Absatz.« - -Ich fragte nun noch nach vielen meiner früheren Bekannten. Sie waren -gestorben oder fortgezogen; manche hatten Glück gehabt, andere nichts -als Verluste; auf etwa ein Dutzend Fragen erhielt ich die beruhigende -Antwort: - -»Die sind wohl auf -- wohnen hier -- die ganze Stadt ist voll von ihren -Kindern.« - -»Wie geht’s Fräulein B.?« fragte ich. - -»Sie starb vor drei Jahren im Irrenhaus -- ist seit dem Tage ihrer -Aufnahme dort nicht wieder herausgekommen; es war an keine Heilung zu -denken, sie ist immer gestört geblieben.« - -Dies bezog sich auf ein entsetzliches Trauerspiel, das sich in meiner -frühesten Kindheit zutrug. Sechsunddreißig Jahre im Irrenhaus -- bloß -weil sich ein paar Thörinnen einen dummen Spaß machen wollten! Ich -sehe die leichtfertigen jungen Dinger noch auf den Fußspitzen ins -Zimmer schleichen, wo Fräulein B. um Mitternacht lesend bei der Lampe -saß. Eins der Mädchen hatte sich das Gesicht mit Mehl gepudert und ein -Leintuch umgebunden. Sie glitt dicht zu der Lesenden heran und berührte -ihr Opfer an der Schulter. Das Fräulein sah auf, stieß einen Schrei aus -und verfiel in Krämpfe. Von dem Schreck hat sie sich nie wieder erholt --- sie wurde wahnsinnig. Heutzutage scheint es uns unbegreiflich, daß -man noch vor so kurzer Zeit an Gespenster geglaubt haben soll. Aber es -war wirklich der Fall. - -Nachdem ich nach allen Leuten gefragt hatte, die mir einfielen, -erkundigte ich mich zuletzt nach mir selber. - -»O, dem ist’s auch geglückt -- das ist wieder so ein Beispiel von einem -Hansnarren. Hätte man ihn nach St. Louis spediert, er würde es früher -zu etwas Ordentlichem gebracht haben.« - -Es war doch sehr weise gewesen, daß ich dem offenherzigen alten Herrn -gleich anfangs gesagt hatte, mein Name sei Smith. - - -II. - -Mein Gefährte verließ mich nun, und ich fuhr fort, die alten Häuser -der Stadt drunten zu betrachten und mir ihre Bewohner aus vergangenen -Tagen ins Gedächtnis zu rufen. Mein Blick fiel jetzt auf Lem Hacketts -Elternhaus und ich sah mich in eine Zeitperiode zurückversetzt, in -welcher die Menschen mit ihren Erlebnissen nicht der natürlichen und -folgerichtigen Entwicklung allgemeiner Gesetze unterworfen zu sein -glaubten, sondern den besonderen Anordnungen einer Vorsehung, welche -sie strafen oder warnen wollte. - -Als ich noch ein kleiner Knabe war, ertrank Lem Hackett -- an einem -Sonntag. Er fiel aus einem leeren, flachen Boot, in dem er spielte, und -da er voll Sünden war, sank er wie ein Ambos bis auf den Grund. Er war -im ganzen Städtchen der einzige Knabe, welcher in der darauffolgenden -Nacht schlief; wir andern alle waren wach und thaten Buße. Es hätte -dazu wahrlich nicht erst der Belehrung bedurft, die uns am Abend -von der Kanzel herab zu teil wurde, nämlich, daß Lems Tod die Folge -eines besonderen göttlichen Gerichtes sei. In jener Nacht brach ein -schreckliches Gewitter aus, das ohne Aufhören bis zum Morgen währte: -der Wind wehte heftig, die Fenster zitterten, der Regen fiel klatschend -und in Strömen auf die Dächer; jeden Augenblick erhellte ein Blitz mit -blendendem Lichte die tintenschwarze Finsternis draußen und auf diesen -folgte ein krachender Donnerschlag, der alles in der Nachbarschaft -in Splitter und Fetzen zu reißen schien. Zitternd und schaudernd saß -ich im Bett und wartete auf den offenbar bevorstehenden Untergang der -Welt. Ich fand nichts Ungereimtes darin, daß der Himmel Lem Hacketts -wegen einen solchen Höllenlärm machte: es war das meiner Ansicht nach -ganz gehörig und in Ordnung. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß -die Engel versammelt waren, den Tod dieses Knaben erörterten und -dem schrecklichen Bombardement unseres Städtchens mit Befriedigung -und Billigung zusahen. Eines beunruhigte mich dabei aufs höchste --- das war der Gedanke, daß diese Konzentration des himmlischen -Interesses auf unser Städtchen unfehlbar die Aufmerksamkeit der -überirdischen Beobachter auf Leute unter uns lenken mußte, die sonst -der Beobachtung vielleicht Jahre lang entgangen wären. Ich fühlte, -daß ich nicht nur zu diesen Leuten gehörte, sondern daß gerade ich am -allerwahrscheinlichsten entdeckt werden würde. Diese Entdeckung konnte -nur eine Folge haben: daß ich zu Lem ins höllische Feuer käme, noch -ehe er dort recht zu sich gekommen und warm geworden war. Ich wußte, -daß mir ganz nach Recht und Billigkeit geschähe. Dabei vergrößerte ich -fortwährend die Chancen gegen mich, indem ich eine geheime Bitterkeit -gegen Lem hegte, weil er diese verhängnisvolle Aufmerksamkeit auf mich -gezogen hatte, aber ich konnte einmal nicht anders -- dieser sündige -Gedanke setzte sich mir zum Trotz in meinem Busen fest. So oft es -blitzte, hielt ich den Atem an und glaubte mich verloren. In meinem -schrecklichen Elend begann ich in gemeiner Weise auf andere Knaben -hinzudeuten und Thaten von ihnen zu erwähnen, die verruchter seien -als meine und besonders der Strafe bedürften -- und ich versuchte mir -einzureden, daß ich das bloß so zufällig thäte und ohne die Absicht, -die himmlische Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, um mich selbst ihr zu -entziehen. Mit tiefem Scharfsinn gab ich diesen Denunziationen die Form -betrübter Erinnerungen und linkischer Fürbitten, daß die Sünden jener -Knaben nicht heimgesucht werden möchten -- »denn sie könnten sie ja -möglicherweise bereuen.« »Es ist wohl wahr, (sprach ich in Gedanken,) -daß Jim Smith ein Fenster zerbrach und dann leugnete -- aber vielleicht -that er es nicht in böser Absicht. Und wenn auch Tom Holmes garstigere -Worte gebraucht als irgend ein anderer Knabe im Städtchen, so wird -er doch vielleicht in sich gehen und bereuen -- wenn er das auch nie -gesagt hat. Und obwohl es Thatsache ist, daß John Jones einmal an einem -Sonntag ein wenig fischte, so fing er ja doch nichts als einen einzigen -nutzlosen Schlammbeißer; und das wäre am Ende nicht so schrecklich -gewesen, wenn er ihn wieder ins Wasser geworfen hätte, wie er behauptet --- was aber leider nicht wahr ist. Schade, daß sie diese schrecklichen -Dinge nicht bereuen wollten -- vielleicht thun sie es aber noch.« - -Während ich so listig die Aufmerksamkeit auf jene armen Burschen -lenkte, -- die zweifellos im selben Augenblick die himmlische -Aufmerksamkeit mir zuwandten, obwohl ich das damals durchaus -nicht argwöhnte, -- hatte ich achtlos meine Kerze brennen lassen. -Die Zeit war nicht danach angethan, daß man selbst geringfügige -Vorsichtsmaßregeln hätte vernachlässigen dürfen; es war kein Grund -vorhanden, mich selbst noch auffällig zu machen, und so löschte ich -denn das Licht aus. - -Das war eine lange, lange Nacht -- vielleicht die angstvollste, die -ich je verbracht habe. Ich litt Folterqualen der Reue über Sünden, -von denen ich wußte, daß ich sie begangen hatte, und für andere, -bezüglich deren ich nicht so gewiß, aber überzeugt war, daß sie in -ein Buch eingetragen worden von einem Engel, der, weiser als ich, so -wichtige Dinge nicht dem Gedächtnis anvertraute. Nach und nach kam -ich zu der Einsicht, daß ich in einer Beziehung einen thörichten und -unheilvollen Irrtum begangen hatte: zweifellos hatte ich dadurch, -daß ich die Aufmerksamkeit auf jene andern Knaben lenkte, nicht nur -meinen eigenen Untergang sicher beschworen, sondern auch den ihrigen -bereits verursacht! -- Zweifellos hatte sie mittlerweile der Blitz -alle in ihren Betten niedergestreckt! Die Angst und der Schreck, -den dieser Gedanke mir einjagte, ließ mir die vorhergehenden Leiden -vergleichsweise geringfügig erscheinen. - -Der Stand der Dinge war bedenklich geworden. Ich beschloß, mich der -Sünde in jeder Form zu enthalten und fortan ein reines, tadelloses -Leben zu führen. Ich wollte pünktlich in der Kirche und Sonntagsschule -sein, die Kranken besuchen, Körbe mit Lebensmitteln zu den Armen tragen -(bloß um die vorschriftsmäßigen Bedingungen zu erfüllen, obgleich -ich wußte, daß bei uns niemand so arm war, daß man mir nicht überall -den Korb an den Kopf geschmissen hätte); ich wollte andere Knaben -auf den rechten Weg weisen und die daraus sich ergebenden Neckereien -in Geduld ertragen; ich wollte nur noch Traktätchen lesen, wollte -die Branntweinhöhlen aufsuchen und die Trunkenbolde ermahnen -- und -schließlich, falls ich dem Schicksal jener entginge, die vorzeitig -›fürs Leben zu gut werden‹, wollte ich als Missionar in ferne Lande -ziehen. - -Gegen Tagesanbruch legte sich der Sturm und ich schlummerte nach und -nach ein, mit einem Gefühl der Verpflichtung gegen Lem Hackett, weil -er in dieser jähen Weise in die ewige Qual eingegangen war und so ein -weit entsetzlicheres Unheil abgewendet hatte -- nämlich meinen eigenen -Untergang. Als ich aber des Morgens, vom Schlaf erquickt, aufstand und -fand, daß die andern Knaben sämtlich noch am Leben waren, hatte ich ein -unbestimmtes Gefühl, die ganze Geschichte möchte doch nur ein falscher -Alarm gewesen und der ganze Trubel nur Lem Hacketts und sonst niemands -wegen entstanden sein. Die Welt sah so heiter und sicher aus, daß -wirklich kein Grund vorhanden schien, ein neues Leben anzufangen. Ich -war den Tag über und auch am nächsten Tage etwas gedrückter Stimmung; -dann aber kam mir mein Vorsatz zur Besserung allmählich aus dem Sinn, -und es war mir wieder ruhig und behaglich zu Mute -- bis zum nächsten -Sturm. - -Dieser Sturm kam drei Wochen später und ich habe mir seinen Zweck -nie recht erklären können, denn am Nachmittag jenes Tages war -›Dutchy‹ ertrunken. So nannten wir einen deutschen Jungen aus der -Sonntagsschule, der furchtbar tugendhaft war und ein fabelhaftes -Gedächtnis hatte, im übrigen sich aber selten zu raten und zu helfen -wußte. Eines Sonntags erregte er den Neid der gesamten Dorfjugend -und die Bewunderung aller Erwachsenen, denn er sagte dreitausend -Bibelsprüche in einem Zuge her, ohne nur einmal zu stocken. Und gleich -tags darauf ertrank er jämmerlich. - -Das kam nämlich so: Wir badeten alle in einer schlammigen Bucht und -wollten versuchen, wer beim Tauchen den Kopf am längsten unter Wasser -halten könnte. In der Bucht war ein tiefes Loch, in dem die Böttcher -ihre Stäbe zu Faßreifen einzuweichen pflegten. Der Haufen lag etwa -zwölf Fuß unter Wasser und wir hielten uns beim Tauchen an den Stäben -fest. ›Dutchy‹ benahm sich dabei so ungeschickt, daß er immer mit Spott -und Gelächter empfangen wurde, so oft sein Kopf aus der Flut hervorkam. -Das verdroß ihn endlich und er bat uns, am Ufer stehen zu bleiben und -ganz ehrlich zu zählen, wie lange er es aushalten könne. »Jawohl, -›Dutchy‹, nur zu! -- wir verzählen uns nicht,« schrieen wir alle, -wechselten dabei aber verstohlene Blicke, die nichts Gutes weissagten. - -›Dutchy‹ tauchte unter; wir Jungen aber versteckten uns rasch -hinter einem nahen Brombeergebüsch. Wenn ›Dutchy‹, nachdem er -sich übermenschlich angestrengt hatte, wieder auf die Oberfläche -kam, sollte er den Platz leer finden und keinen Menschen, der ihm -Beifall klatschte. Der Gedanke machte uns soviel Spaß, daß wir vor -unterdrücktem Lachen zu ersticken meinten. Nach einer Weile guckte -einer der Kameraden durch das Gesträuch. - -»Hört mal,« sagte er verwundert, »noch ist er nicht wieder oben.« - -»Aber, _der_ taucht einmal gut!« - -»Na, um so gelungener ist dann der Spaß!« - -Es entstand eine Pause, wir lauschten mit verhaltenem Atem und zuletzt -malte sich Furcht und Bangigkeit in allen Mienen. Noch immer lag das -Wasser in unbeweglicher Ruhe da. Mit lautklopfendem Herzen schlichen -wir ans Ufer zurück und starrten entsetzt bald ins Wasser, bald -einander in die bleichen Gesichter. - -»Einer von uns muß hinunter, um nachzusehen.« - -Das war klar, aber jedem graute davor. - -»Das Los soll entscheiden.« - -Mit zitternden Händen suchten wir Strohhalme, um das Schicksal zu -befragen. Das Los traf mich und ich sprang ins Wasser. Es war so trübe, -daß ich nichts sehen konnte, ich fühlte nur unter den Stäben umher und -bekam plötzlich eine leblose Hand zu fassen. In tödlichem Schrecken -ließ ich sie fahren und rettete mich wieder ans Tageslicht. - -Der Knabe war zwischen die Stäbe geraten und da hilflos stecken -geblieben. Ich verkündete die entsetzliche Nachricht, doch dachten -wir nicht daran, den Ertrunkenen schnell herauszuziehen, damit er -vielleicht noch zum Leben erweckt werden könne. Die kleineren Buben -schrieen jämmerlich und jeder suchte so rasch wie möglich in seine -Kleider zu kommen; wir zogen die ersten besten an, meist das Unterste -zu oberst, das Innere nach außen. Dann trabten wir eilig davon und -verbreiteten die Unglückskunde, aber keiner von uns kehrte wieder mit -um. Wir wollten das Ende des Trauerspiels nicht sehen, wir hatten etwas -Wichtigeres zu thun, nämlich ohne einen Augenblick zu verlieren nach -Hause zu laufen und ein besseres Leben zu beginnen. - -Bald brach die Nacht herein und dann kam das schreckliche und mir -ganz unverständliche Gewitter. Es mußte entschieden auf einem Irrtum -beruhen, anders ließ es sich nicht erklären. Alle Elemente waren -entfesselt, der Sturm raste in blinder Wut, die Blitze zuckten und der -Donner tobte wie unsinnig. Ich hatte Mut und Hoffnung völlig verloren; -verzweifelnd dachte ich bei mir: »Wenn ein Junge, der dreitausend -Bibelsprüche auswendig kann, nicht fromm genug ist, wer soll dann dem -Verhängnis entrinnen?« - -[Illustration] - -Natürlich zweifelte ich keinen Augenblick, daß der Sturm einzig und -allein Dutchys wegen ausgebrochen sei; daß er, oder irgend ein anderes -gleich unbedeutendes Wesen, einer so erhabenen Kundgebung aus der Höhe -nicht wert sei, kam mir nicht von fern in den Sinn. Mich beunruhigte -nur die Lehre, die ich daraus ziehen mußte. Wenn ›Dutchy‹, trotz -all seiner Tugend, nicht Gnade fand, so war es für mich ein ganz -vergebliches Bemühen, ein neues Leben anzufangen, ich konnte ja nun und -nimmermehr hoffen, so vortrefflich zu werden wie er. Dennoch schien es -mir rätlich, den Versuch der Besserung zu machen. Als nun aber Tage -voll Sonnenschein und Heiterkeit folgten, hatte ich alle guten Vorsätze -vergessen noch ehe ein Monat um war, und fühlte mich in meiner -sündhaften Verstocktheit so behaglich wie je zuvor. - - * * * * * - -Während ich mir jene alten Erlebnisse ins Gedächtnis zurückrief -und allerlei Betrachtungen daran knüpfte, war die Frühstücksstunde -herbeigekommen. Ich versetzte mich wieder in die Gegenwart zurück und -ging den Hügel hinunter. - -Auf dem Wege nach dem Hotel kam ich auch an dem Hause vorbei, das wir -zu meiner Knabenzeit bewohnten. Seine jetzigen Insassen sind heutzutage -nicht mehr wert als ich, aber zu jener Zeit hätten sie mindestens -fünfhundert Dollars die Person gegolten. Es waren nämlich Farbige. - -Nach dem Frühstück ging ich aus, um einige Sonntagsschulen zu -besichtigen und die Leistungen ihrer jetzigen Zöglinge mit denen meiner -damaligen Mitschüler zu vergleichen. Die Kinder waren besser gekleidet -und sahen sauberer aus als wir vor Zeiten und ihr Anblick rührte mich -tief. Es waren ja die Abkömmlinge jener Knaben und Mädchen, die ich vor -vielen, vielen Jahren von ganzem Herzen geliebt oder von ganzem Herzen -gehaßt hatte; sie saßen jetzt auf deren Plätzen -- wo aber waren jene -hingekommen? - -Ich wollte, der kahlköpfige Inspektor, der zu meiner Zeit ein -flachshaariger Sonntagsschüler war, hätte mich nicht erkannt und mich -ruhig meine Beobachtungen anstellen lassen. Statt dessen mußte ich nun -den Kindern eine Ansprache halten, und für unvorbereitete Reden habe -ich gar kein Talent. Ich konnte mich auch im Augenblick durchaus nicht -auf das sinnlose Geschwätz besinnen, mit dem die Besucher meine Ohren -zu beleidigen pflegten, als ich noch Schüler war. Schade! denn hätte -ich so recht salbungsvoll reden können, so würde ich Zeit gewonnen -haben, mir die frischen, jungen Gesichter, die da vor mir aufgereiht -saßen, noch länger anzusehen. - -Der eigentliche Musterknabe schien mir aber nicht darunter zu sein. -Der Musterknabe, den wir damals hatten -- mehr als einen hat es nie -gegeben -- war völlig fehlerlos; fehlerlos im Benehmen, im Anzug, im -Lebenswandel, im kindlichen Gehorsam, in äußerer Frömmigkeit; aber im -Grunde war er ein eingebildetes Bürschchen und hatte so wenig Grütze -im Kopf, daß man ihm ruhig statt des Schädels einen Kürbis hätte -aufsetzen können, ohne daß jemand den Unterschied bemerkt hätte. Die -Untadeligkeit dieses Jungen war für die ganze Jugend des Städtchens -ein immerwährender Vorwurf. Alle Mütter bewunderten ihn und von allen -ihren Söhnen wurde er verabscheut. Man hat mir auch gesagt, was aus ihm -geworden ist, es war aber das Gegenteil von dem, was ich erwartete, -daher will ich alle weiteren Einzelheiten verschweigen und nur -erwähnen, daß er sein Glück in der Welt gemacht hat. - -Drei Tage lang blieb ich in der Stadt und wachte jeden Morgen mit der -Ueberzeugung auf, daß ich noch ein Knabe sei, denn in meinen Träumen -waren alle Gesichter wieder jung und sahen gerade so aus, wie in den -vergangenen Zeiten. Abends aber, wenn ich zu Bette ging, kam ich mir -mindestens hundert Jahre alt vor, denn inzwischen hatte ich mich zur -Genüge davon überzeugt, wie jene Gesichter in Wirklichkeit aussahen. - -Bis ich mich an den neuen Stand der Dinge gewöhnt hatte, fiel ich immer -aus einer Ueberraschung in die andere. Ich begegnete jungen Damen, die -sich gar nicht verändert zu haben schienen, aber es stellte sich bald -heraus, daß sie die Töchter meiner damaligen Bekannten waren oder auch -ihre Enkelinnen. Wenn man uns sagt, daß eine fremde Dame von fünfzig -Jahren Großmutter ist, so wundert uns das gar nicht; hat man sie aber -als kleines Mädchen gekannt, so scheint es unmöglich. Wie kann ein -kleines Mädchen eine Großmutter sein? -- Es ist gar nicht leicht, sich -die Thatsache klar zu machen, daß wir nicht _allein_ alt werden, -sondern unsere Zeitgenossen darin mit uns gleichen Schritt halten. - -Die größte Veränderung fand ich bei den Frauen, weit weniger bei den -Männern. Diese schienen in dreißig Jahren nicht viel gealtert zu sein; -aber ihre Frauen waren alt geworden -- wenigstens die braven. Brav zu -sein ist sehr angreifend, es erhält nicht jung. - -Die Stadt Hannibal hat sich nicht weniger umgewandelt als ihre -Bewohner. Sie ist sehr ansehnlich geworden, hat einen Bürgermeister, -einen Gemeinderat, Gas- und Wasserleitung und wahrscheinlich Schulden. -Die Zahl ihrer Einwohner beträgt 15,000; überall herrscht rege -Thätigkeit und Gedeihen; auch das Pflaster ist nicht schlechter wie -in andern Städten des Westens und Südens, wo eine gut gepflasterte -Straße und bequeme Bürgersteige etwas so Seltenes sind, daß man seinen -Augen nicht traut, wenn man sie einmal zu sehen bekommt. Hannibal ist -jetzt auch der Knotenpunkt von einem halben Dutzend Eisenbahnlinien -und besitzt einen neuen Bahnhof, der 100,000 Dollars gekostet hat. Ich -ging auch nach der Bärenbucht, die wahrscheinlich so heißt, weil sich -nie ein Bär dorthin verirrt hat; sie ist jetzt mit Bergen von Nutzholz -förmlich zugebaut. Dort pflegte ich jeden Sommer regelmäßig ins Wasser -zu fallen, aber immer kam irgend ein Mensch vorbei, holte mich heraus, -pumpte mir Luft ein und brachte mich wieder auf die Beine. Jetzt -ist von der ganzen Bucht nicht mehr so viel übrig, daß jemand darin -ertrinken kann. - - -III. - -»Erinnern Sie sich noch, wie Jimmy Finn, der Stadttrunkenbold, im -Stockhaus verbrannte?« fragte mich ein Bürger meines Heimatortes, mit -dem ich mich in ein Gespräch einließ. - -Es ist doch merkwürdig, wie eine Geschichte im Laufe der Zeit -durch das schlechte Gedächtnis der Menschen verfälscht wird! Finn -verbrannte nämlich nicht im Stockhaus, sondern starb eines natürlichen -Todes in einem Lohfaß, an einer Kombination von ~Delirium tremens~ -und Selbstverbrennung. Wenn ich sage eines natürlichen Todes, so -meine ich damit, daß es für Jimmy Finn ein natürlicher Tod war. Das -Stadthausopfer war gar kein Einheimischer, sondern ein armer Fremder, -ein harmloser Landstreicher und Schnapssäufer. Ich kenne seinen Fall -genauer als sonst jemand; ja, es gab eine Zeit, wo ich mehr davon -wußte als mir lieb war und ich mich hütete, davon zu sprechen. Jener -Landstreicher wanderte, eine Pfeife im Munde, eines kühlen Abends in -den Straßen umher und bat um ein Zündholz; er bekam weder Zündholz noch -sonstige Aufmerksamkeiten -- im Gegenteil: ein Trupp böser kleiner -Buben folgte ihm auf den Fersen und vergnügte sich damit, ihn zu necken -und zu ärgern. Ich war auch dabei, aber eine flehentliche Bitte um -Schonung, die der Wanderer stellte und mit einem eindringlichen Hinweis -auf seine verlassene und freundlose Lage begleitete, rührte den Rest -von Schamgefühl und richtiger Empfindung in mir: ich ging fort, holte -ihm einige Streichhölzchen und eilte dann nach Hause und zu Bette, -schwer belastet im Gewissen und in nicht sehr gehobener Stimmung. Ein -paar Stunden später wurde der Mann arretiert und von dem Marschall --- ein großer Name für einen Polizeidiener, aber das war sein Titel --- in das Stockhaus gesperrt. Um zwei Uhr des Morgens verkündeten -die Kirchenglocken Feuer, und alles verließ natürlich die Häuser -- -ich mit den übrigen. Der Landstreicher hatte seine Zündhölzchen in -verderblicher Weise gebraucht: er hatte seinen Strohsack angezündet, -und die Flamme hatte die eichene Vertäfelung des Zimmers ergriffen. -Als ich den Platz erreichte, standen zweihundert Männer, Frauen und -Kinder, von Entsetzen durchdrungen, dicht beisammen und starrten auf -die vergitterten Kerkerfenster. Hinter den Eisenstäben, an denen er -wie rasend zerrte, stand der Landstreicher und schrie um Hilfe. Er sah -aus wie ein schwarzer Fleck, der sich von der Sonne abhebt, so weiß -und intensiv war das Licht hinter seinem Rücken. Der Marschall war -nicht zu finden, und er besaß den einzigen Schlüssel. Rasch wurde ein -Mauerbrecher improvisiert, und der Donner seiner Stöße gegen die Thür -tönte so ermutigend, daß die Zuschauer in wildes Jauchzen ausbrachen -und die barmherzige That schon gelungen glaubten. Aber dem war nicht -so. Die Balken waren zu stark; sie gaben nicht nach. Man sagte, daß -der Mann noch im Tode die Eisenstäbe fest umklammert hielt und daß das -Feuer ihn in dieser Stellung umhüllte und verzehrte. Ich selbst weiß -nichts Bestimmtes darüber. - -[Illustration] - -Ich sah sein Gesicht in jener oben beschriebenen Stellung eine lange -Zeit nachher noch jede Nacht; und ich glaubte mich so schuldig an dem -Tode des Mannes, als ob ich ihm die Streichhölzchen absichtlich gegeben -hätte, damit er sich damit verbrennen sollte. Ich zweifelte nicht im -geringsten, daß ich gehängt werden würde, falls etwa meine Beteiligung -an dieser Tragödie zu Tage käme. Die Ereignisse und Eindrücke jener -Zeit sind unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn jemand -von jener gräßlichen Geschichte sprach, war ich augenblicklich -ganz Ohr und lauschte gierig auf jedes Wort, denn ich erwartete und -fürchtete stets zu entdecken, daß man mich beargwöhne; so fein und -empfindlich war die Wahrnehmungsgabe meines schuldigen Gewissens, daß -es oft in den unverfänglichsten Aeußerungen einen Verdacht entdeckte, -sogar in Mienen, Gebärden und Blicken, die keine Bedeutung hatten, die -mich aber trotzdem mit panischem Schrecken erfüllten und von dannen -jagten. Wenn jemand (und wäre es auch höchst sorg- und absichtslos -gewesen) die Bemerkung fallen ließ: »Der Mord muß endlich ans Licht -kommen,« so machte mich das ganz elend. Für einen Knaben von zehn -Jahren trug ich schon ein hübsch gewichtiges Sorgenbündel. - -Während dieser ganzen Zeit dachte ich glücklicherweise nicht daran, daß -ich die Gewohnheit hatte, im Schlafe zu sprechen. Eines Nachts aber -erwachte ich und sah, daß mein Schlafkamerad -- mein jüngerer Bruder -- -aufrecht im Bette saß und mich beim Mondscheine betrachtete. Ich sagte: - -»Was hast du denn?« -- - -»Du plauderst so viel, daß ich nicht schlafen kann.« - -Ich richtete mich augenblicklich im Bette auf. Mein Puls stockte und -die Haare standen mir zu Berge. - -»Was hab’ ich denn gesagt? Rasch -- heraus damit -- was hab’ ich -gesagt?« - -»Nichts Besonderes.« - -»Das ist eine Lüge -- du weißt alles.« - -»Alles --? Wovon denn? worüber?« - -»Du weißt es recht gut: _davon_.« - -»Wovon? -- ich weiß nicht, wovon du redest. Ich glaube, du bist krank -oder nicht bei Sinnen oder sonst ’was. Nun, jedenfalls bist du jetzt -wach, und ich will versuchen, ob ich wieder einschlafen kann.« - -Er schlief sofort ein, während ich in kaltem Schweiß gebadet dalag. -Der Schreck hatte mich beinahe gelähmt und ich war keines andern -Gedankens mehr fähig als: ›Wieviel habe ich enthüllt?‹ ›Wieviel -weiß er?‹ -- Welche Qual war diese Ungewißheit! Nach und nach aber -entwickelte sich eine Idee in mir -- ich wollte meinen Bruder aufwecken -und ihn mit einem unterschobenen Fall auf die Probe stellen. Ich -schüttelte ihn wach und sagte: - -»Angenommen, ein Mann käme betrunken zu dir --« - -»Das ist Unsinn -- ich betrinke mich nie.« - -»Ich meine nicht dich, du Dummkopf -- ich meine den Mann. Angenommen -ein _Mann_ käme betrunken zu dir und borgte ein Messer oder einen -Tomahawk oder ein Pistol, und du vergäßest ihm zu sagen, daß es geladen -sei, und -- --« - -»Wie kannst du einen Tomahawk laden?« - -»Ich meine nicht den Tomahawk und sagte es auch nicht, ich sagte das -Pistol. Und nun unterbrich mich nicht fortwährend in dieser Weise, denn -die Sache ist ernst. Es ist ein Mann getötet worden.« - -»Was! in unserer Stadt?« - -»Ja, in unserer Stadt.« - -»Nun, fahre fort -- ich will kein einziges Wort mehr sagen.« - -»Nun also: angenommen, du vergäßest, ihm zu sagen, er solle sorgfältig -damit umgehen, weil es geladen sei, und er ginge nun hin und erschösse -sich mit jenem Pistol -- indem er damit spielt, weißt du, und -wahrscheinlich zufällig, da er betrunken ist. Nun, wäre das ein Mord?« - -»Nein, -- ein Selbstmord.« - -»Nein, nein. Ich meinte nicht seine That, sondern _deine_: wärest du -ein Mörder, weil du ihm jenes Pistol gabst?« - -Nach tiefem Nachdenken erfolgte die Antwort: - -»Nun, es scheint mir, als hätte ich mich dann schuldig gemacht -- des -Mordes, vielleicht -- ja, wahrscheinlich des Mordes, aber ich weiß -nicht recht.« - -Das machte mich sehr unruhig; indessen war es doch kein entscheidendes -Urteil. Ich mußte ihm am Ende die wahre Sachlage erzählen -- es schien -kein anderer Ausweg vorhanden. Aber ich wollte es vorsichtig thun und -begann also: - -»Ich habe das vorigemal einen Fall ersonnen, aber jetzt komme ich -zu dem wirklichen. Weißt du, wie es kam, daß der Mann im Stockhaus -verbrannte?« - -»Nein.« - -»Hast nicht die geringste Idee davon?« - -»Nicht die geringste.« - -»Willst auf der Stelle sterben, wenn’s nicht so ist?« - -»Ja, will auf der Stelle sterben.« - -»Nun, die Sache war so. Der Mann verlangte Streichhölzchen, um seine -Pfeife anzuzünden. Ein Knabe holte sie ihm; der Mann zündete mit eben -diesen Streichhölzchen das Stockhaus an und verbrannte sich selbst.« - -»Ist das so?« - -»Ja, es ist so. Glaubst du nun, daß jener Knabe ein Mörder ist?« - -»Das kommt darauf an. -- Der Mann war betrunken?« - -»Ja, er war betrunken.« - -»Stark betrunken?« - -»Ja.« - -»Und der Knabe wußte es?« - -»Ja, er wußte es.« - -Es folgte eine lange Pause, dann wurde das harte Urteil verkündigt: - -»Wenn der Mann betrunken war und der Knabe es _wußte_, so hat der Knabe -jenen Mann ermordet. Das ist sicher.« - -Durch alle Fibern meines Körpers schlich sich ein Gefühl, als müßte -ich krank und ohnmächtig umsinken; es war mir wie einem Menschen zu -Mute, dem sein Todesurteil verkündet wird. Ich wartete, um zu hören, -was mein Bruder weiter sagen würde; mir ahnte, was es sein würde, und -ich täuschte mich nicht. Er sagte: - -»Ich kenne den Knaben.« - -Ich hatte nichts zu sagen, und so schwieg ich. Ich schauderte einfach. -Dann fügte er hinzu: - -»Ja, ehe du die Geschichte halb erzählt hattest, wußte ich ganz genau, -wer der Knabe war; es war Ben Coontz!« - -Ich raffte mich aus meiner Betäubung empor, wie einer, der vom Tode -aufersteht, und sagte verwundert: - -»Ei, wie in aller Welt hast du das erraten?« - -»Du hast es im Schlafe gesagt.« - -Ich dachte bei mir selbst: »Famos! Das ist eine Gewohnheit, die -gepflegt werden muß.« - -Mein Bruder plapperte unschuldig weiter: - -»Als du im Schlafe sprachst, murmeltest du immerwährend etwas von -Streichhölzchen, woraus ich nicht klug werden konnte; eben jetzt aber, -als du mir von dem Manne und den Streichhölzchen und dem Stockhaus zu -erzählen begannst, erinnerte ich mich, daß du Ben Coontz zwei- oder -dreimal erwähntest; und so setzte ich mir denn dies und jenes zusammen --- siehst du -- und wußte so augenblicklich, daß Ben den Mann verbrannt -hat.« - -Ich lobte seinen Scharfsinn über die Maßen, und er fragte mich dann: - -»Willst du ihn dem Gericht überliefern?« - -»Nein,« sagte ich; »ich glaube, daß er sich die Lektion zu Herzen -nehmen wird. Ich werde natürlich ein Auge auf ihn haben, denn das -gehört sich; aber wenn er in sich geht und sich bessert, soll man nie -sagen, daß ich ihn verraten habe.« - -»Wie gut du bist!« - -»Das nicht, aber ich strebe danach; mehr kann man in dieser Welt nicht -thun.« - -Und jetzt, da meine Bürde auf andere Schultern gewälzt war, schwanden -meine Sorgen und Befürchtungen wie Butter an der Sonne. - - - - -Ritters Geschichte. - - -Gegen Ende des Jahres 186-- brachte ich einige Monate in München zu. Im -November war ich bei Fräulein Dahlweiner, Karlsstraße 1 ~a~, in Kost; -meine Wohnung aber befand sich ein halbes Stündchen von dort entfernt, -im Hause einer Witwe, welche an ledige Herren Zimmer vermietete und wo -ich Gelegenheit fand, mich in der deutschen Sprache zu üben. - -Eines Tages, während einer Wanderung durch die Stadt, besuchte ich -eines der zwei Gebäude, wo die Obrigkeit die Leichname aufbewahrt -und überwachen läßt, bis die Aerzte entscheiden, daß sie wirklich -tot und nicht scheintot sind. Es war ein schauerlicher Ort, jener -geräumige Saal. Mit den Rücken auf schrägen Brettern ausgestreckt, -lagen sechsunddreißig Leichname von Erwachsenen in drei langen -Reihen -- alle mit wachsbleichen, starren Gesichtern, alle in weiße -Leintücher gehüllt. An den Seiten des Saales waren tiefe Nischen, -wie Bogenfenster, und in jeder lagen marmorbleiche Kinder, im ganzen -vierzehn, -- gänzlich verborgen und begraben unter Blumen; nur die -Gesichter und die gekreuzten Hände waren zu sehen. Jede dieser fünfzig -stillen Formen, groß und klein, hatte an einem Finger der rechten Hand -einen Ring, von dem ein Draht zur Decke und von da zu einer Glocke in -ein Wachtzimmer drüben ging, wo Tag und Nacht ein Wächter saß, um zur -Hilfe herbeizueilen, sobald einer von jener bleichen Gesellschaft aus -dem Todesschlaf erwachen und eine Bewegung machen sollte -- denn jede, -selbst die leiseste Bewegung bringt Draht und Glocke in Thätigkeit. Ich -versetzte mich unwillkürlich in die Lage solch eines Totenwächters, der -in einer stürmischen, finstern Nacht plötzlich aus dem Halbschlummer -durch den Klang jenes unheimlichen Signals aufgeschreckt und bis ins -tiefste Mark erschüttert wird. Wie -- so fragte ich mich -- wenn der -Wächter beim Anblick des lebendig gewordenen Toten von einem Schlag -getroffen würde? -- und wenn dann der Mann, der eben noch ein Leichnam -gewesen, seinem Totenwärter, der jetzt selbst im Verscheiden ist, -liebreich Beistand leistete? Aber ich machte mir Vorwürfe, an einem so -feierlichen und traurigen Orte meine Phantasie mit so thörichten Fragen -zu beschäftigen, und schlich von dannen. - -Am nächsten Morgen erzählte ich der Witwe von meinem Besuch, worauf sie -ausrief: - -»Kommen Sie mit! Ich habe einen Zimmerherrn, der früher Leichenwärter -dort war; der kann Ihnen über alles Auskunft geben.« - -Er lag im Bette und sein Kopf war hoch auf Polster gebettet; sein -Gesicht war abgezehrt und farblos; seine tief eingesunkenen Augen -geschlossen; seine auf der Brust ruhende Hand sah aus wie eine Kralle, -so knochig und langfingerig war sie. Die Witwe machte uns mit einander -bekannt. Die Augen des Kranken öffneten sich langsam und funkelten -grimmig aus ihren Höhlen; er runzelte finster die Stirne, erhob seine -magere Hand und winkte uns gebieterisch weg. Die Witwe aber ließ sich -dadurch nicht irre machen und sagte ihm, daß ich ein Fremder, ein -Amerikaner sei. Das Gesicht des Kranken änderte sofort seinen Ausdruck, -hellte sich auf und verriet eine lebhafte Neugierde; -- im nächsten -Augenblicke waren er und ich allein beisammen. - -Ich begann in schwerfälligem Deutsch; er antwortete in fließendem -Englisch; darauf ließen wir die deutsche Sprache fallen. - -[Illustration] - -Dieser Schwindsüchtige und ich wurden gute Freunde. Ich besuchte ihn -jeden Tag, und wir plauderten über alles Mögliche -- ausgenommen -Weiber und Kinder. Sobald jemands Weib oder Kind erwähnt wurde, -erfolgte stets dreierlei: in den Augen des Mannes glänzte einen Moment -das freundlichste, zärtlichste und liebevollste Licht; im nächsten -Augenblick verschwand es und an seiner Stelle erschien jener grimmige -Blick, den ich bemerkt hatte, als ich ihm zuerst in die Augen sah; und -drittens enthielt er sich von nun an den ganzen Tag über gänzlich der -Rede, lag schweigend, geistesabwesend und wie in Gedanken versunken -da, nahm von meinem ›Adieu‹ keinerlei Notiz und sah und hörte offenbar -nicht, wie ich das Zimmer verließ. - -Als ich so zwei Monate lang der tägliche und einzige Vertraute Karl -Ritters gewesen war, sagte er eines Tages plötzlich: - -»Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen!« - - -Das Bekenntnis eines Sterbenden. - -»Ich habe nie weichgegeben, bis jetzt. Nun aber ist’s aus mit mir. Ich -muß sterben und zwar bald. Sie bemerkten, daß Sie demnächst wieder -an den Mississippi zurückzukehren gedächten; -- dies zusammen mit -einem seltsamen Erlebnis der letzten Nacht hat mich zu dem Entschluß -gebracht, Ihnen meine Geschichte zu erzählen -- denn Sie werden nach -Napoleon in Arkansas kommen, und ich bitte Sie um meinetwillen, dort -anzuhalten und etwas für mich zu thun -- Sie werden es gewiß gern thun, -wenn Sie meine Erzählung gehört haben. - -»Ich werde die Geschichte abkürzen, wo ich kann; es ist notwendig, denn -sie ist lang. Sie wissen bereits, wie ich dazu kam, nach Amerika zu -gehen und mich in jener einsamen Gegend im Süden niederzulassen; aber -Sie wissen nicht, daß ich Weib und Kind hatte. Meine Frau war jung, -schön, liebevoll und o! so göttlich gut, tugendhaft und edel! Und unser -kleines Mädchen war die Mutter im kleinen. Wir waren die glücklichste -aller glücklichen Familien. - -»Einstmals in der Nacht -- es war gegen das Ende des Krieges -- -erwachte ich aus einer dumpfen Betäubung und fand, daß ich gebunden -und geknebelt und die Luft mit Chloroform geschwängert war! Ich sah -zwei Männer im Zimmer, von denen der eine dem andern in heiserem Ton -zuflüsterte: ›Ich _sagte_ ihr, ich thue es, wenn sie Lärm mache, und -was das Kind anbelangt, so -- --‹ - -»Der andere unterbrach ihn mit leiser, weinerlicher Stimme: - -»›Du sagtest, wir wollten sie nur knebeln und berauben, aber nicht -umbringen; sonst wäre ich nicht mitgegangen.‹ - -»›Hör’ auf mit dem Gewinsel,‹ entgegnete der erstere, ›ich _mußte_ ja -den Plan ändern, als sie aufwachten; du hast gethan, was du zu ihrem -Schutze thun konntest, das laß dir genügen; und nun komm und hilf mir -alles durchstöbern.‹ - -»Beide Männer waren maskiert und trugen grobe, zerlumpte -Nigger-Kleider; sie hatten eine Blendlaterne bei sich, bei deren Lichte -ich bemerkte, daß dem sanfteren der beiden Räuber der _Daumen an der -rechten Hand fehlte_. Sie suchten eine Weile in meiner ärmlichen -Hütte, dann flüsterte der Hauptbandit: - -»›Es ist Zeitverschwendung -- er soll sagen, wo es versteckt ist. Nimm -ihm den Knebel heraus und muntere ihn auf.‹ - -»›Ganz recht,‹ sagte der andere, ›aber -- keine Schläge!‹ - -»›Also keine Schläge -- d. h. wenn er sich ruhig verhält.‹ - -»Sie näherten sich mir; da ließ sich plötzlich draußen ein Geräusch -hören, der Schall von Stimmen und Pferdehufen; die Räuber hielten den -Atem an und horchten; der Schall kam immer näher, und endlich hörte man -einen Ruf: - -»›Heda, in dem Haus! Macht Licht, wir brauchen Wasser.‹ - -»›Des Hauptmanns Stimme, bei Gott!‹ sagte der größere der beiden -Schurken, und beide Räuber flohen durch die Hinterthür. - -»Die Fremden riefen noch mehrmals und ritten dann weiter -- es schien -ein Dutzend Reiter zu sein -- und ich hörte nichts mehr. - -»Ich bemühte mich aus allen Kräften, konnte mich aber nicht aus -meinen Banden freimachen. Ich versuchte zu sprechen, aber der Knebel -saß so fest, daß ich keinen Laut von mir geben konnte. Ich lauschte, -um meines Weibes oder Kindes Stimme zu hören -- lauschte lange und -aufmerksam, aber kein Laut kam aus der andern Ecke des Zimmers, wo -ihr Bett stand. Dies Schweigen wurde jeden Augenblick schrecklicher, -unheilverkündender. Glauben Sie, daß Sie es eine Stunde lang ertragen -hätten? Nein? Nun denn, so bemitleiden Sie mich, der ich deren drei -auszuhalten hatte. Drei Stunden! -- es waren drei Menschenalter! So oft -die Uhr schlug, schien es mir, als ob Jahre verflossen wären, seit ich -sie das letztemal gehört hatte! Während dieser ganzen Zeit mühte ich -mich in meinen Banden ab, und endlich, gegen Tagesanbruch, gelang es -mir loszukommen; ich stand auf und streckte meine steifen Glieder. Der -Fußboden war mit allerlei Sachen bestreut, welche die Räuber während -ihrer Suche nach meinen Ersparnissen umhergeworfen hatten. Der erste -Gegenstand, der mir in die Augen fiel, war eines von meinen Papieren, -das der rohere der beiden Schurken flüchtig betrachtet und dann -weggeworfen hatte. Es trug die Fingerspuren des Mörders in blutiger -Farbe! Ich wankte an das andere Ende der Stube. O, da lagen sie, die -armen Wehr- und Hilflosen! Ihre Leiden waren zu Ende, das meine hatte -erst begonnen. - -»Ob ich das Gericht anrief? -- Was hilft’s dem durstigen Armen, wenn -der König für ihn trinkt? O nein, nein, nein -- ich verschmähte die -Einmischung des Gesetzes. Die Gesetze und der Galgen konnten diese -Schuld nicht sühnen. Ich wollte den Schuldner schon finden und -die Schuld eintreiben. Wie das anstellen, fragen Sie, da ich doch -weder die Gesichter der Bösewichter gesehen, noch ihre unverstellte -Stimme gehört, noch irgend eine Idee hatte, wer sie sein könnten? -Nichtsdestoweniger war ich meiner Sache gewiß -- ganz gewiß, ganz -zuversichtlich -- ich hatte eine Spur -- eine Spur, auf die Sie -vielleicht keinen Wert gelegt hätten -- eine Spur, mit der selbst -ein Detektiv nichts anzufangen gewußt hätte, weil er das Geheimnis, -wie sie zu verwerten sei, nicht erriet. Doch, davon später. Zunächst -wollen wir die Dinge in ihrer gehörigen Reihenfolge betrachten. Ein -Umstand war vorhanden, der mir gleich zu Anfang einen Fingerzeig in -einer bestimmten Richtung gab: Jene zwei Räuber waren offenbar als -Landstreicher vermummte Soldaten, und zwar keine Neulinge mehr im -Militärdienst, sondern alte Soldaten -- wahrscheinlich von der Linie; -sie hatten sich ihre militärische Haltung, Gebärden und Benehmen nicht -in einem Tage oder Monat, noch in einem Jahr angeeignet. So dachte ich, -sagte aber nichts. Und einer von ihnen hatte gesagt: ›Des Hauptmanns -Stimme, bei Gott!‹ -- es war der, den ich suchte. In einer Entfernung -von etwa einer Stunde lagerten mehrere Regimenter Infanterie und zwei -Schwadronen Kavallerie. Als ich erfuhr, daß der Hauptmann Blakely von -der 3. Schwadron in jener Nacht an unserem Hause vorbeigeritten war, -und zwar mit einer Begleitung von zehn Mann, sagte ich nichts, beschloß -aber, in jener Schwadron meinen Mann zu suchen. Im Gespräch bezeichnete -ich die Räuber absichtlich beständig als Landstreicher, und unter -dieser Klasse stellten die Leute nutzlose Nachforschungen an. Keiner -außer mir beargwöhnte die Soldaten. - -»Mit vieler Mühe flickte ich mir in nächtlicher Arbeit aus -verschiedenen Tuchstücken und Kleiderfetzen eine Verkleidung zusammen; -im nächsten Städtchen kaufte ich mir eine blaue Staubbrille. Als das -Lager endlich aufgehoben und die dritte Schwadron zwanzig Meilen weiter -nordwärts nach Napoleon beordert wurde, versteckte ich meinen kleinen -Geldvorrat im Gürtel und machte mich in der Nacht auf den Weg. Als die -dritte Schwadron in Arkansas ankam, war ich bereits dort; ja, ich war -dort, in einem neuen Beruf -- als Wahrsager. Ich befreundete mich mit -allen dort liegenden Truppen und sagte allen ihre Zukunft voraus; meine -Hauptaufmerksamkeit aber widmete ich der dritten Schwadron. Gegen die -Leute dieser Schwadron war ich grenzenlos zuvorkommend; sie konnten -keine Gefälligkeit von mir verlangen, mir nichts zumuten, dem ich mich -nicht willig unterzogen hätte. Ich wurde die geduldige Zielscheibe -ihrer oft rohen Späße, und das erhöhte meine Popularität: ich wurde -allgemein beliebt. - -»Ich entdeckte bald einen Gemeinen, dem ein Daumen fehlte -- welche -Freude für mich! Und als ich fand, daß ihm allein von allen Angehörigen -der Schwadron der rechte Daumen fehlte, verschwand mein letzter -Zweifel: ich war überzeugt, daß ich die rechte Spur gefunden hatte. -Dieser Mann war ein Deutscher Namens _Krüger_, es waren neun Deutsche -bei der Schwadron. Ich beobachtete Krüger, um seine etwaigen Vertrauten -ausfindig zu machen; aber er schien keine besonders vertrauten Freunde -zu haben. Von nun an wurde ich sein Vertrauter und gab mir alle -Mühe, unsere Intimität so viel als möglich zu befestigen. Manchmal -dürstete ich so nach Rache, daß ich mich kaum enthalten konnte, auf -die Kniee zu fallen und ihn zu bitten, mir den Mann, der meine Lieben -ermordet hatte, zu nennen; aber es gelang mir, meine Zunge im Zaum zu -halten. Ich wartete meine Zeit ab und fuhr fort wahrzusagen, wie die -Gelegenheit sich bot. - -»Mein Geschäftsapparat war sehr einfach: ein bißchen rote Schminke -und ein Stückchen weißes Papier. Kam einer zum Wahrsagen, so nahm ich -seinen Daumenballen, bemalte ihn, nahm einen Abdruck davon auf dem -Papier, studierte diesen in der Nacht und prophezeite am nächsten -Morgen des Betreffenden Schicksal. Was ich mir bei diesem Unsinn -dachte, fragen Sie? Nun, das Folgende: Als ich noch ein junger -Mensch war, kannte ich einen alten Franzosen, der dreißig Jahre lang -Gefängniswärter gewesen war, und der mir gesagt hatte, jeder Mensch -habe etwas an sich, was sich von der Wiege bis zum Grabe nie ändere --- die Linien im Daumenballen; und er hatte weiter gesagt, daß diese -Linien sich niemals bei zwei Personen ganz genau gleich vorfänden. -Heutzutage photographieren wir den angehenden Verbrecher und hängen -sein Bild zum etwaigen späteren Gebrauch in der ›Spitzbubengalerie‹ -auf; jener Franzose aber pflegte seiner Zeit von jedem neuangekommenen -Gefangenen einen Abdruck des Daumenballens zu nehmen und diesen Abdruck -zum späteren Gebrauch aufzubewahren. Er sagte immer, daß Bilder nichts -taugen -- spätere Verkleidungen könnten sie nutzlos machen. ›Der Daumen -ist das einzig sichere,‹ sagte er, ›den kann man nicht verkleiden.‹ Und -die Richtigkeit seiner Theorie erwies sich auch an meinen Freunden und -Bekannten; seine Theorie hatte stets Erfolg. - -»Ich wahrsagte weiter. Jede Nacht schloß ich mich ganz allein ein -und studierte die während des Tages erlangten Daumenabdrücke mit -einem Vergrößerungsglas. Stellen Sie sich die verzehrende Begierde -vor, mit der ich über den labyrinthartigen roten Spiralen brütete; -neben mir jenes Papier aus meiner Hütte, das den Abdruck des Daumens -und Zeigefingers des Mörders trug, gefärbt mit dem für mich teuersten -Blute, das je auf Erden vergossen wurde! Wie oft mußte ich enttäuscht -dieselbe Bemerkung wiederholen: ›Werden sie denn nie übereinstimmen?‹ - -»Endlich aber wurde mein Warten belohnt; mein Lohn bestand in dem -Daumenabdruck des 34. Mannes der dritten Schwadron, den ich untersucht -hatte -- des Gemeinen Franz _Adler_. Eine Stunde vorher kannte ich -weder den Namen des Mörders, noch seine Stimme, Gestalt, Nationalität -oder seine Züge; jetzt aber wußte ich das alles und glaubte meiner -Sache sicher zu sein. - -[Illustration: Daumen-Abdrücke.] - -»Am nächsten Morgen nahm ich Krüger beiseite, als er dienstfrei war; -und an einem Orte, wo uns niemand sehen oder belauschen konnte, sagte -ich eindringlich zu ihm: - -»›Ein Teil eures Schicksals ist so ernst und bedeutsam, daß ich es für -das Beste hielt, es euch insgeheim zu sagen. Ihr und noch einer von -eurer Schwadron, dessen Schicksal ich letzte Nacht erforschte, -- der -Gemeine Adler, -- habt eine Frau und ein Kind ermordet! Ihr werdet -verfolgt: innerhalb von fünf Tagen werdet ihr beide gemeuchelt werden.‹ - -»Ganz außer sich vor Schreck fiel er auf die Kniee nieder und stammelte -fünf Minuten immer dieselben Worte wie ein Geistesabwesender, und in -derselben weinerlichen Weise, deren ich mich von jener Mordnacht her -noch so gut erinnerte: - -»›Ich that’s nicht -- bei meiner Seele, ich that’s nicht; und ich -wollte auch _ihn_ davon abhalten -- ich wollte es, Gott ist mein Zeuge. -Er that es allein.‹ - -»Das war alles, was ich wissen wollte, und ich wollte mich nun des -Elenden entledigen; er klammerte sich jedoch an mich und flehte mich -an, ihn vor dem Meuchelmörder zu retten. Er sagte: - -»›Ich habe Geld -- zehntausend Dollars -- versteckt, die Frucht der -Dieberei und Plünderung; rettet mich -- sagt mir, was ich thun soll, -und ihr sollt es haben -- bis auf den letzten Pfennig. Zwei Drittel -davon gehören meinem Vetter Adler; aber Sie dürfen meinetwegen -alles nehmen. Wir versteckten es, sobald wir hieherkamen; aber ich -versteckte es gestern an einem neuen Platz, ohne ihm etwas davon zu -sagen -- er soll es auch nie erfahren. Ich wollte desertieren und das -Ganze mitnehmen. Es ist lauter Gold -- zu schwer, um es mit sich zu -schleppen; aber ein Weib, das ich ins Vertrauen gezogen, sollte mit -dem Gelde nachfolgen. Ich hatte mit ihr verabredet, wenn ich keine -Gelegenheit fände, ihr das Versteck zu beschreiben, so wollte ich ihr -meine silberne Taschenuhr in die Hand gleiten lassen oder sie ihr -senden; sie wüßte dann, woran sie wäre. Im Rücken des Uhrgehäuses sei -ein Stück Papier, das alles Nötige besage. Hier nehmt die Uhr! Sagt -mir, was ich thun soll!‹ - -»Er wollte mir durchaus seine Uhr aufdrängen, nahm das Papier heraus -und erklärte es mir, als plötzlich Adler, etwa ein Dutzend Schritte von -uns entfernt, auftauchte. Ich sagte zu dem armen Krüger: - -»›Steckt eure Uhr ein, ich will sie nicht. Ihr sollt nicht zu Schaden -kommen. Geht jetzt; ich muß Adler wahrsagen. Ich werde euch bald wissen -lassen, wie ihr dem Meuchelmörder entgehen könnt. Sagt Adler nichts -von der Sache -- auch keinem andern.‹ - -»Der arme Teufel entfernte sich, erfüllt von Furcht und Dankbarkeit. -Ich wahrsagte Adler seine Zukunft -- absichtlich so ausführlich, daß -ich nicht ganz zu Ende kommen konnte; versprach, in der Nacht auf -Wache zu ihm zu kommen und ihm den wahrhaft wichtigen Teil seiner -Zukunft -- den tragischen Teil, sagte ich -- zu erzählen; wir müßten -deshalb außerhalb des Bereiches von Horchern sein. Es wurde stets eine -Feldwache außerhalb der Stadt aufgestellt, -- bloß der Disziplin und -Form wegen, da kein Feind in der Nähe war. - -»Ich erfragte die Losung, und gegen Mitternacht machte ich mich auf den -Weg nach der einsamen Gegend, wo Adler auf Posten stehen sollte. Es war -so dunkel, daß ich fast auf eine undeutliche Gestalt gestoßen wäre, -noch ehe ich ein Wort hervorbringen konnte. Der Anruf des Postens und -meine Antwort erfolgten in demselben Augenblick, ich fügte hinzu: ›Ich -bin’s -- der Wahrsager.‹ Dann schlich ich mich an den Menschen heran -und stieß ihm, ohne ein Wort zu sagen, meinen Dolch in das Herz! So, -lachte ich, das war der tragische Teil deines Schicksals! Indem er laut -aufschrie, griff er nach mir, und meine blaue Brille blieb ihm in der -Hand; das Pferd galoppierte davon mit seinem toten Reiter. - -»Ich floh durch die Wälder und entkam glücklich, die mich anklagende -Brille in des Toten Hand zurücklassend. - -»Das war vor fünfzehn oder sechzehn Jahren. Seit dieser Zeit bin ich -ziellos in der Welt umhergewandert, manchmal beschäftigt, manchmal -müßig, manchmal mit, manchmal ohne Geld, aber immer des Lebens müde -und den Tod herbeisehnend, denn meine Mission hienieden war mit jener -nächtlichen That beendigt, und das einzige Vergnügen, der einzige Trost -und die einzige Genugthuung, die ich in allen jenen langwierigen -Jahren hatte, lag in dem täglichen Gedanken: ›Ich habe ihn getötet!‹ - -[Illustration] - -»Vor vier Jahren begann meine Gesundheit mich im Stiche zu lassen. -Ich war in meiner zwecklosen Weise nach München gewandert. Da ich -ohne Geldmittel war, suchte ich Arbeit und fand sie auch, that ein -Jahr lang treu meine Pflicht und erhielt die Stelle des Nachtwächters -dort in jenem Leichenhause, das Sie kürzlich besuchten. Ich -wanderte stundenlang unter jenen starren Leichnamen umher und sah -in ihre bleichen Gesichter. Der Ort gefiel mir; er paßte zu meiner -Gemütsstimmung. Ich war gerne bei den Toten -- war gerne allein mit -ihnen; je später die Stunde, desto ergreifender war es; die Stunden -nach Mitternacht waren mir die liebsten. Manchmal schraubte ich -die Gasflammen tiefer herab; das gab Perspektive, wissen Sie, und -die Phantasie bekam freies Spiel; die trüben, im Hintergrund sich -verlierenden Reihen der Toten erfüllten mich stets mit seltsamen -fesselnden Vorstellungen. Vor zwei Jahren -- ich war damals ein Jahr -lang dort gewesen -- saß ich ganz allein im Wachzimmer (’s war eine -stürmische Winternacht), erkältet, fast erstarrt, unbehaglich, und war -nahe am Einschlafen; das Heulen des Windes und das Auf- und Zuschlagen -ferner Fensterläden drang jeden Augenblick schwächer und schwächer an -mein Ohr, als plötzlich jene Totenglocke über meinem Haupt ein Geläute -begann, das mir das Blut in den Adern erstarren ließ. Die Erschütterung -lähmte mich beinahe, denn es war das erstemal, daß ich die Glocke hörte. - -»Ich raffte mich zusammen und eilte in den Leichensaal. Etwa in der -Mitte der äußern Reihe saß eine mit Leintüchern umwickelte Gestalt -aufrecht da und neigte langsam den Kopf von einer Seite zur andern -- -ein schauerlicher Anblick! Er hatte mir die Seite zugewandt; ich eilte -hinzu und sah ihm ins Gesicht: guter Gott! es war Adler! - -»Können Sie erraten, was mein erster Gedanke war? In Worte gebracht -folgender: ›Es scheint also, du bist mir doch entkommen; diesmal soll -es anders gehen!‹ - -»Jener Mensch litt offenbar unendliche Schreckensqualen. Stellen Sie -sich vor: mitten in der lautlosen Stille aufzuwachen und eine grimme -Totengemeinde zu überschauen! Welche Dankbarkeit glänzte in seinem -knöchernen weißen Gesicht, als er ein lebendes Wesen vor sich sah! Und -wie die Glut dieser stummen Dankbarkeit sich erhöhte, als seine Augen -auf die lebenspendenden Stärkungsmittel fielen, die ich in den Händen -trug! Und dann stellen Sie sich das Entsetzen vor, das über ihn kam, -als ich diese Herzstärkungen wegstellte und höhnend sagte: - -»›Sprich doch, Franz Adler -- ruf’ diese Toten an. Sie werden dich ohne -Zweifel hören und Mitleid mit dir haben; sonst wirst du schwerlich -jemand rühren.‹ - -»Er versuchte zu sprechen, aber jener Teil des Leintuchs, der seine -Kinnladen zusammenhielt, hielt fest und erlaubte es ihm nicht. Er -versuchte flehend die Hände zu erheben, aber sie waren ihm auf seiner -Brust gekreuzt und zusammengebunden. - -»›Rufe doch, Franz Adler!‹ sagte ich, ›daß die Schläfer in den fernen -Straßen dich hören und Hilfe bringen. Rufe doch -- und verliere ja -keine Zeit, denn du hast wenig zu verlieren. Was? Du kannst nicht. Das -ist schade; aber es macht nichts, denn es bringt ja doch nicht immer -Hilfe. Als ihr, du und dein Vetter, in einer Hütte in Arkansas ein -Weib und ein Kind ermordetet -- _mein_ Weib war’s und _mein_ Kind! -- -da riefen sie auch um Hilfe, wie du dich erinnerst; aber es nützte -nichts; du erinnerst dich dessen, -- nicht wahr? Deine Zähne klappern -ja -- warum kannst du denn nicht rufen? Mache doch die Bandagen mit den -Händen los -- dann geht’s. Ah, ich sehe -- deine Hände sind gebunden, -sie können dir nicht helfen. Wie seltsam sich nach langen Jahren die -Dinge wiederholen; denn auch meine Hände waren in jener Nacht gebunden, -nicht wahr? Ja, fast ebenso gebunden wie die deinen -- wie sonderbar -das ist! Ich konnte mich nicht loszerren. Es fiel dir nicht ein, -mich loszubinden, und mir fällt es nicht ein, deine Bande zu lösen. -Pst! ein Fußtritt! er kommt hier vorüber. Horch, wie nahe er ist! -Man kann die Schritte zählen -- eins -- zwei -- drei. Da -- es ist -gerade da draußen. Jetzt ist es Zeit. Ruf’, Mann, ruf’! -- es ist die -allereinzige Gelegenheit zwischen dir und der Ewigkeit! Ah, du siehst, -daß du zu lange gezögert hast -- sie ist vorbei. Da -- der Schall -erstirbt; es ist aus! Denke daran -- denke darüber nach -- du hast zum -letztenmale den Schall menschlicher Schritte gehört. Wie seltsam es -sein muß, einem so gewöhnlichen Schall wie diesem zu lauschen und zu -wissen, daß man nie wieder seinesgleichen hören wird!‹ - -»O, mein Freund, die Todesqual in jenem tücherumhüllten Gesicht zu -sehen, war die höchste Wonne für mich! Ich erdachte eine neue Folter -und wendete sie an, mit etwas lügenhafter Erfindung als Beihilfe. - -»›Der arme Krüger wollte mein Weib und Kind retten, zum Dank leistete -ich ihm einen guten Dienst, als Zeit und Gelegenheit kamen. Ich -beredete ihn, dich zu berauben, und ich und ein Weib halfen ihm, als er -desertierte und brachten ihn in Sicherheit.‹ - -»Eine Miene des Triumphes gleichsam, und der Ueberraschung glänzte -einen Augenblick trübe durch die Angst im Gesichte meines Opfers. Ich -war erregt, beunruhigt, und sagte: - -»›Was hast du -- entkam er denn nicht?‹ - -»Ein verneinendes Kopfschütteln. - -»›Nicht? Was geschah denn?‹ - -»Die Genugthuung in dem verhüllten Gesicht war noch deutlicher. -Der Mann versuchte einige Worte zu murmeln -- es gelang ihm nicht; -versuchte mit den behinderten Händen etwas auszudrücken -- auch das -mißlang: wartete einen Augenblick und neigte dann in bedeutsamer Weise -sein Haupt gegen den Leichnam, der ihm am nächsten lag. - -»›Tot?‹ fragte ich. ›Entkam nicht? -- wurde gefangen und erschossen?‹ - -»Verneinendes Kopfschütteln. - -»›Was dann?‹ - -»Wieder versuchte der Mann etwas mit den Händen zu thun. Ich -beobachtete ihn genau, konnte aber seine Absicht nicht erraten; ich -beugte mich über ihn und beobachtete ihn noch genauer. Er hatte einen -Daumen herumgedreht und zeigte damit auf seine Brust. - -»›Ah -- erstochen meinst du?‹ - -»Bejahendes Nicken, von einem so teuflisch-gespensterhaften Lächeln -begleitet, daß ein grelles Licht in meinem stumpfen Gehirn aufblitzte -und ich rief: -- - -»›Hab’ ihn also irrtümlich für dich gehalten und erstochen? denn jener -Stoß war nur dir zugedacht.‹ - -»Der zum zweitenmale dem Tode geweihte Schurke nickte so zufrieden, -als seine schwindende Kraft es auszudrücken vermochte. Ich begrub -schluchzend das Gesicht in den Händen. - -»›O ich Elender!‹ rief ich, ›der ich die mitleidige Seele erschlug, die -als Freund zu meinen Lieben stand, als sie hilflos waren, und sie, wenn -es möglich gewesen, gerettet hätte! O, ich Elender!‹ - -»Ich glaubte das dumpfe Gurgeln eines höhnischen Lachens zu hören; ich -nahm die Hände vom Gesicht und sah, wie mein Feind auf sein schräges -Brett zurücksank. - -»Sein Todeskampf währte eine befriedigend lange Zeit: er besaß eine -wunderbare Lebenskraft, eine staunenswerte Konstitution. Ich holte -mir einen Stuhl und eine Zeitung, setzte mich neben ihn und begann -zu lesen. Gelegentlich nahm ich einen Schluck Branntwein: das war -notwendig der Kälte wegen; ich that es aber teilweise, weil ich sah, -daß er zuerst bei jedem Schluck erwartete, ich würde ihm auch ein -wenig davon geben. Ich las laut: hauptsächlich erdichtete Berichte von -Leuten, die durch einen Löffel voll Branntwein und ein warmes Bad vom -Grabesrand zurückgerissen und dem Leben zurückgegeben wurden. Ja, er -hatte einen recht langwierigen, harten Todeskampf -- drei Stunden sechs -Minuten von der Zeit an, da er die Glocke läutete. - -»Die schaurige Kälte des Leichensaales war mir durch Mark und Bein -gedrungen; sie verursachte und beschleunigte einen Rückfall in die -Krankheit, die mich schon öfter befallen hatte, aber bis zu jener -Nacht immer wieder rasch vorüber gegangen war. Jener Mann mordete mein -Weib und Kind, und in drei Tagen von heute an werde ich meinen Lieben -nachfolgen. Thut nichts -- Gott, wie köstlich ist die Erinnerung daran! --- ich hatte ihn erfaßt, wie er seinem Grabe entfliehen wollte, und -ihn wieder in dasselbe zurückgeworfen. - -»Nach jener Nacht war ich eine Woche lang an mein Bett gefesselt; -sobald ich aber wieder auf den Beinen war, schlug ich in den -Leichenhausbüchern die Adresse des Hauses auf, in dem Adler erkrankt -war. Es war eine elende Herberge. Ich dachte, Adler werde als Krügers -Vetter dessen Habseligkeiten in Besitz genommen haben. Ich wollte mir -womöglich Krügers Uhr verschaffen. Aber während ich krank darniederlag, -waren Adlers Sachen verkauft und überallhin zerstreut worden -- -alle bis auf einige alte Briefe und wertlose Kleinigkeiten. Mittels -jener Briefe aber spürte ich einen Sohn Krügers auf -- den einzigen -Verwandten, den er hinterließ. Er ist jetzt ein Mann von dreißig -Jahren, seines Zeichens ein Schuhmacher, ein Witwer mit mehreren -kleinen Kindern, und wohnt zu Mannheim, Königsstr. Nr. 14. Ohne ihm -einen Grund zu sagen, habe ich seitdem stets zwei Drittel zu seinem -Lebensunterhalt beigesteuert. - -»Was nun jene Uhr angeht, so hören Sie nur, was für seltsame Dinge -geschehen. Ich suchte länger als ein ganzes Jahr mit Mühe und Kosten -in ganz Deutschland nach ihr -- und fand sie endlich, bekam sie und -war unsäglich froh; ich öffnete sie und fand nichts darin. Hätte mir -freilich sagen können, daß jenes Stückchen Papier nicht die ganze Zeit -hindurch darin bleiben würde. Ich hatte damals die Uhr mitsamt dem -Schatz verschmäht -- jetzt hätte ich das Geld gerne für Krügers Sohn -gehabt. - -»In der letzten Nacht fühlte ich, daß ich bald sterben würde. Ich -verbrannte alle wertlosen Papiere; und siehe da! aus einem Briefbündel -Adlers, das ich vorher nicht genau genug durchforscht hatte, fiel jener -langersehnte Zettel! Ich erkannte ihn augenblicklich; er lautete wie -folgt: - -»›Pferdestall aus Backsteinen mit steinernem Fundament, Mitte der -Stadt, Ecke der Orleansstraße und des Marktplatzes; Ecke gegen das -Gerichtshaus zu -- vierte Reihe, dritter Stein. Stecke Benachrichtigung -dorthin mit der Angabe, wieviele kommen werden.‹ - -»Da, nehmen Sie’s, und heben Sie es gut auf. Krüger sagte mir, daß -jener Stein entfernt werden könne und daß er in der nördlichen Mauer -des Gebäudes sei, in der vierten Reihe von oben, der dritte Stein von -Westen her. Das Geld sei dahinter versteckt. Er sagte, der Schlußsatz -sei eine Finte um irrezuführen, falls das Papier in unrechte Hände -geraten sollte. Diese Finte scheint Adler gegenüber ihren Zweck -erreicht zu haben. - -»Und nun bitte ich Sie, wenn Sie Ihre beabsichtigte Reise den -Mississippi hinab thun, dieses versteckte Geld ausfindig zu machen und -an Adam Krüger unter der eben erwähnten Adresse zu senden. Es wird ihn -zu einem reichen Manne machen, und ich werde sanfter ruhen in meinem -Grabe, wenn ich weiß, daß ich mein Möglichstes gethan habe für den Sohn -des Mannes, der mein Weib und Kind retten wollte -- obgleich meine Hand -ihn erschlug, während der Antrieb meines Herzens dahin gegangen wäre, -ihn zu beschirmen und ihm dienstlich zu sein.« - - * * * * * - -»Das war Ritters Geschichte,« sagte ich zu meinen Freunden Rogers -und Thompson, mit denen ich bald nach meiner Rückkehr von Europa den -Mississippi hinabfuhr. Als ich geendet hatte, folgte eine tiefe, -eindrucksvolle Stille, die beträchtliche Zeit dauerte; dann brachen -beide in ein wahres Kreuzfeuer von erregten und bewundernden Ausrufen -über die seltsamen Episoden der Erzählung aus, das anhielt, bis sie -fast ganz außer Atem waren. Dann begannen meine Freunde kühler zu -werden und sich unter dem Schutze gelegentlicher Salven in Schweigen -und abgrundtiefe Träumerei zurückzuziehen. Etwa zehn Minuten lang -herrschte Stillschweigen; dann sagte Rogers träumerisch --: - -»Zehntausend Dollars,« und nach einer langen Pause fügte er hinzu: -»Zehntausend -- ’s ist ein Haufen Geld.« - -Gleich darauf fragte Thompson: - -»Werden Sie es ihm sogleich senden?« - -»Ja,« sagte ich. »Eine seltsame Frage!« - -Keine Antwort. Nach einer Weile fragte Rogers zögernd: - -»Alles? -- Das heißt -- ich meinte nur --« - -»_Gewiß_, alles.« - -Ich wollte mehr sagen, hielt aber inne, durch einen Ideengang dazu -veranlaßt, der in mir auftauchte. Thompson sprach, aber meine Gedanken -waren anderswo, und ich erfaßte nicht, was er sagte; doch hörte ich, -wie Rogers antwortete: - -»Ja, das scheint mir so. Es sollte vollständig genügen, denn ich finde -nicht, daß _er_ dabei etwas gethan hat.« - -Sogleich fiel Thompson, der Dichter, ein: - -»Bei Licht betrachtet, ist es _mehr_ als genügend. Denke nur -- -fünftausend Dollars. Ei, er könnte das Geld in seinem ganzen Leben -nicht ausgeben! Und es könnte ihm leicht schaden, ihn vielleicht zu -Grunde richten -- das ist wohl zu beachten. Wer weiß, wie lang es -dauert, bis er alles durchgebracht hat? Dann macht er seine Bude zu, -fängt vielleicht an zu trinken, mißhandelt seine Kinder, gerät auf -andere Abwege und sinkt tiefer und tiefer -- --« - -»Ja, das ist’s,« unterbrach ihn Rogers voller Feuereifer, »ich habe das -hundertmal -- ja, öfter als hundertmal gesehen. Wenn du einen solchen -Mann gänzlich zu Grunde richten willst, brauchst du ihm bloß Geld in -die Hand zu geben; ja, gieb ihm nur Geld in die Hand -- das ist alles, -was dazu gehört; und wenn es ihn nicht herabzieht, ihm alle Würde, -alle Selbstachtung u. s. w. raubt, dann kenne ich die menschliche -Natur nicht -- ist’s nicht so, Thompson? Und selbst wenn wir ihm ein -_Drittel_ davon geben; ei, in weniger als sechs Monaten -- --« - -»Weniger als sechs _Wochen_, sage lieber,« sagte ich, mich erwärmend -und einfallend. »Wenn die dreitausend Dollars nicht in sicheren Händen -wären, wo er sie nicht anrühren könnte, so würde er ebensowenig sechs -Wochen damit reichen, als -- --« - -»Natürlich nicht,« sagte Thompson; »ich habe Bücher geschrieben für die -Sorte von Leuten; sobald sie ihre Hände auf ein Besitztum legen -- auf -dreitausend Dollars etwa, oder auf zweitausend -- --« - -»Ich möchte wissen, was dieser Schuster mit zweitausend Dollars soll?« -fiel Rogers ernsthaft ein; »ein Mann, der vielleicht jetzt dort in -Mannheim, umgeben von seinesgleichen, ganz zufrieden ist; der sein -Brot mit dem Appetit ißt, den Mühe und Fleiß allein geben können, und -ehrlich, aufrichtig und reinen Herzens sich seines bescheidenen Daseins -freut; und _begnadet_ -- ja, ich sage begnadet ist vor all’ den vielen -Tausenden, die in Sammet und Seide einhergehen und in dem hohlen, -leeren Treiben der Gesellschaft umhergewirbelt werden -- aber man führe -diesen Mann nur einmal in Versuchung, lege nur fünfzehnhundert Dollars -vor ihn hin und -- --« - -»Fünfzehnhundert Teufel!« rief ich, »_fünf_hundert würden seine -Grundsätze ausrotten, seinen Fleiß lähmen und ihn in den Schnapsladen -zerren, von da in die Gosse, von da ins Armenhaus, von da in -- --« - -»Weshalb uns dieses Verbrechen aufbürden, meine Herren?« unterbrach -mich der Poet ernst und flehend. »Er ist glücklich, _wo_ und _wie_ er -ist. Jedes Gefühl der Ehre, der Menschenliebe und des hohen, heiligen -Wohlwollens ermahnt, bestürmt und befiehlt uns, ihn in Ruhe zu lassen. -Das ist echte, wahre Freundschaft.« - -Nach einigem weiteren Geplauder wurde es indessen ersichtlich, daß -jeder von uns in seinem innersten Herzen einige Zweifel bezüglich -dieser Erledigung der Sache hegte. Wir fühlten offenbar alle, daß wir -dem armen Schuster _irgend etwas_ senden sollten. Dieser Punkt wurde -lange erwogen, und endlich beschlossen, daß wir ihm ein Farbendruckbild -senden wollten. - -Nun aber, da alles ganz zur Zufriedenheit geordnet schien, tauchte eine -neue Schwierigkeit auf: es wurde mir klar, daß die beiden erwarteten, -ich werde das Geld zu gleichen Stücken mit ihnen teilen. Das fiel -mir gar nicht ein; ich sagte, sie könnten von Glück sagen, wenn sie -zusammen die Hälfte bekämen. Rogers sagte darauf: - -»Wer würde überhaupt etwas erhalten haben, wenn ich nicht gewesen -wäre? Ich machte die erste Andeutung -- sonst hätte der Schuster alles -bekommen.« - -Thompson sagte, daß er in demselben Augenblicke daran gedacht hätte, -als Rogers die erste Andeutung machte. - -Ich erwiderte, daß mir der Gedanke bald genug und ohne jede Beihilfe -gekommen sei. »Ich denke vielleicht langsam,« sagte ich, »aber auch -sicher.« - -Unsere Erörterung entwickelte sich zu einem Zank, dann zu einem -Faustkampf, bei dem wir alle stark mitgenommen wurden. Sobald ich mein -Aeußeres wieder einigermaßen präsentabel gemacht hatte, begab ich mich -(in recht verdrießlicher Stimmung) aufs Oberdeck. Dort fand ich den -Kapitän und redete ihn so freundlich wie möglich folgendermaßen an: - -»Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Kapitän; ich möchte bei -Napoleon landen.« - -»Wo landen?« - -»Bei Napoleon.« - -Der Kapitän lachte, da er aber sah, daß ich nicht zum Scherzen -aufgelegt war, fügte er ernster werdend hinzu: - -»Ist das Ihr Ernst?« - -»Mein voller Ernst.« - -Der Kapitän blickte zum Lotsenhaus hinauf und sagte: - -»Er will bei Napoleon landen!« - -»Bei _Napoleon_?« - -»So sagt er.« - -»O Geist des großen Cäsar!« - -Der Lotse kam auf uns zu, und der Kapitän sagte: - -»Onkel, unser guter Freund hier will bei Napoleon landen.« - -»Na, da -- --« - -»Nun, was soll das?« unterbrach ich ihn. »Kann man denn bei Napoleon -nicht ans Ufer gehen, wenn man will?« - -»Ei, zum Henker, wißt Ihr’s denn nicht? Es _giebt_ kein Napoleon mehr, -seit Jahren nicht mehr. Der Arkansas River brach durch, riß alles in -Stücke und schwemmte es in den Mississippi!« - -»Nahm die _ganze_ Stadt mit? -- Banken, Kirchen, Gefängnisse, -Zeitungsdruckereien, Gerichtshaus, Theater, Feuerversicherungsgebäude, -Mietställe -- _alles_?« - -»Alles. Just das Werk einer Viertelstunde. Ließ weder Haut noch Haar, -weder einen Stein oder Balken noch einen Dachziegel übrig -- einen -Schuppen und einen Kamin aus Backsteinen ausgenommen. Das Boot hier -fährt jetzt gerade da, wo die Mitte der Stadt war; dort ist der Kamin --- alles, was von Napoleon übrig ist. Diese dichten Wälder zur Rechten -waren sonst eine gute Stunde hinter der Stadt. Seht euch einmal um -- -blickt stromaufwärts -- nicht wahr, jetzt erkennt ihr die Gegend nach -und nach wieder?« - -»Ja, ich erkenne sie jetzt. Das ist das Wunderbarste, was ich je gehört -habe -- weitaus das Wunderbarste und -- Unerwartetste.« - -Mittlerweile waren meine Freunde Thompson und Rogers mit ihren Ränzchen -und Regenschirmen angekommen und hatten dem Kapitän schweigend -zugehört. Thompson drückte mir einen halben Dollar in die Hand und -sagte leise: - -»Für meinen Anteil an dem Farbendruck.« - -Rogers folgte seinem Beispiel. - -Ja, es war erstaunlich, den Mississippi zwischen unbevölkerten Ufern -und gerade über den Ort sich hinwälzen zu sehen, wo ich vor zwanzig -Jahren eine gute, große, behäbige Stadt zu sehen gewohnt war -- eine -Stadt, die der Hauptort eines umfangreichen und blühenden Bezirks -war; eine Stadt, wo ich das hübscheste und liebreizendste Mädchen aus -dem ganzen Mississippithal gekannt hatte; -- jetzt keine Stadt mehr, -verschlungen, verschwunden, eine Beute der Fische! nichts übrig als ein -Stück von einem Schuppen und ein verfallender Backsteinschlot! - -Und wo sind die zehntausend Dollars? - -[Illustration] - - - - -Der Mann, der bei Gadsbys abstieg. - - -Im Winter 1867 ging ich einmal mit meinem originellen Freund -Riley, der, wie ich, Zeitungskorrespondent in Washington war, die -Pennsylvania-Avenue hinunter. Mitternacht war fast vorüber und ein -heftiger Schneesturm blies uns ins Gesicht, als wir beim Schein einer -Straßenlaterne einen Mann erblickten, der uns entgegengelaufen kam. - -Als er unserer ansichtig wurde, blieb er stehen und rief: »Das trifft -sich ja prächtig! Sie sind Herr Riley, nicht wahr?« - -Riley besaß mehr Ruhe und Kaltblütigkeit als irgend jemand in der -ganzen Republik. Er stand still, betrachtete den Mann von Kopf bis zu -Fuß und sagte endlich: - -»Mein Name ist Riley! Wünschen Sie vielleicht etwas von mir?« - -»Jawohl,« sagte der Mann voller Freude, »und ich bin überglücklich, -Sie gefunden zu haben! Ich heiße Lykins und bin Lehrer am Gymnasium in -San Francisco; die dortige Postmeisterstelle ist vakant, ich hab’ mich -darum beworben, und deshalb bin ich jetzt hier.« - -»Ja,« sagte Riley langsam und bedächtig, -- »wie Sie ganz richtig -bemerken, Herr Lykins, sind Sie jetzt hier! Und haben Sie die Stelle -bekommen?« - -»Noch nicht, aber ich bin auf dem besten Wege dazu. Das Gesuch, -das ich einreichen will, trägt die Unterschriften des Vorstands für -Volksunterricht, sowie sämtlicher Lehrer, und noch zweihundert anderer -Personen. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie die Güte hätten, mich zu -der betreffenden Zivilbehörde zu begleiten, um meine Ueberweisung -auf den Posten ausfertigen zu lassen, denn ich möchte mit dieser -Angelegenheit so schnell wie möglich fertig werden, und bald wieder zu -Hause sein.« - -»Wenn die Sache so dringend ist,« versetzte Riley in einem Ton, aus -dem nicht jeder den Spott herausgehört hätte, »so wäre es Ihnen wohl -angenehm, wenn wir den Beamten noch heute abend aufsuchten?« - -»Jawohl, heute abend auf jeden Fall, ich habe nicht Zeit, mich lange -herumzutreiben. Noch heute, ehe ich zu Bette gehe, muß ich die Zusage -haben -- ich bin kein Mann von Worten, sondern von Thaten!« - -»Sehr wohl, -- und da sind Sie hier am rechten Platze. -- Wann sind Sie -angekommen?« - -»Gerade vor einer Stunde.« - -»Und wann gedenken Sie wieder abzureisen?« - -»Morgen abend nach New York und tags darauf nach San Francisco!« - -»Ganz recht, -- und was wollen Sie morgen den Tag über thun?« - -»Nun, da muß ich mich doch mit dem Gesuch und der Ueberweisung zum -Präsidenten begeben, um seine Unterschrift zu erhalten, nicht wahr?« - -»Jawohl, -- das ist ganz richtig, ganz in der Ordnung, -- und was dann?« - -»Dann gehe ich um zwei Uhr nachmittags in die Senatssitzung und hole -mir die Bestätigung, das ist der letzte Schritt.« - -»Freilich, -- freilich,« sagte Riley wohlbedächtig, »da haben Sie -wieder ganz recht! Dann benutzen Sie den Abendzug nach New York und am -nächsten Morgen das Dampfboot nach San Francisco.« - -»So ist es -- ganz wie ich mir die Sache überlegt habe.« - -Riley dachte eine Weile nach, dann sagte er: - -»Könnten Sie nicht vielleicht einen -- oder zwei Tage länger bleiben?« - -»Bewahre, das wäre ganz gegen meine Grundsätze; ich kann nicht lange -herumbummeln, -- ich bin ein Mann der That, wie ich Ihnen schon sagte.« - -Mitten im heulenden Sturm und dichtesten Schneewirbel stand Riley -einige Sekunden regungslos da, augenscheinlich in tiefes Nachdenken -versunken: -- dann blickte er auf und sagte: - -»Haben Sie wohl je von dem Manne gehört, der eines Tages bei Gadsbys -abstieg? -- Aber ich sehe schon, daß Sie nichts von ihm wissen!« - -Damit drängte er Herrn Lykins gegen ein eisernes Gitter, hielt ihn -am Knopfloch fest und -- wie Coleridges alter Matrose -- bannte er -ihn auf die Stelle durch den Blick seines Auges. Dann begann er seine -Erzählung, so friedlich und seelenruhig, als lägen wir alle behaglich -auf einer blumigen Sommerwiese ausgestreckt, anstatt um Mitternacht vom -Wintersturm durchblasen zu werden. - -»Ich will Ihnen von dem Mann erzählen: es war zur Zeit des Präsidenten -Jackson und Gadsbys das erste Hotel der Stadt. -- Eines Morgens um 9 -Uhr kam dort ein prächtiger vierspänniger Wagen vorgefahren; auf dem -Bock saß ein schwarzer Kutscher und ein wunderschöner großer Hund lief -nebenher. Wirt, Kellner und Hausknecht stürzten herbei, den neuen -Ankömmling zu empfangen. Dieser, ein Herr aus Tennessee, sprang eiligst -heraus, befahl dem Kutscher zu warten, sagte, er habe keine Zeit, -erst noch etwas zu essen, -- er wolle nur eine kleine Schuldforderung -bei der Regierung einkassieren und daher schnell auf das Schatzamt -gehen, um das Geld zu holen; dann müsse er direkt wieder nach Tennessee -zurück, da er große Eile habe. - -[Illustration] - -Um 11 Uhr abends kam er wieder, ließ die Pferde in den Stall bringen, -bestellte ein Zimmer und meinte, er werde die Forderung am nächsten -Morgen einkassieren. Dies geschah an einem Mittwoch, den 3. Januar -1834. Am 5. Februar verkaufte er den schönen Wagen und schaffte sich -einen billigen, schon gebrauchten an; -- er meinte, darin könne er das -Geld ebenso gut mitnehmen, und auf vornehmes Aussehen lege er kein -Gewicht. Am 11. August verkaufte er das eine Paar Pferde, indem er -bemerkte, es sei doch bequemer mit zwei Pferden über das steile Gebirge -zu fahren, weil dabei große Vorsicht nötig sei; auch werde das Geld, -das er bekäme, nicht zu schwer für einen Zweispänner sein. Am 13. -Dezember verkaufte er das dritte Pferd und meinte, jetzt bei dem klaren -trockenen Winterwetter seien die Straßen in so gutem Zustand, daß _ein_ -Pferd das alte Fuhrwerk schnell genug vorwärts bringen könne. -- Am -17. Februar 1835 verkaufte er den alten Wagen und schaffte sich einen -leichten Einspänner an, den er billig bekam. Er meinte, die Wege seien -jetzt vom Frühlingsregen so aufgeweicht, daß jedes andere Gefährt zu -tief einsinken würde, auch habe er schon immer gern versuchen wollen, -wie es sich in einem Einspänner über die Berge fahren lasse. -- Am 1. -August vertauschte er den Einspänner gegen eine kleine Chaise, die -schon lange im Gebrauch war, und meinte, er freue sich ordentlich -darauf, wie seine lieben Landsleute in Tennessee Mund und Augen -aufsperren würden, wenn er in einer Chaise dahercarriolt käme, so etwas -hätten sie gewiß ihr Lebtag nicht gesehen. - -Am 29. August verkaufte er auch seinen schwarzen Kutscher und meinte, -auf seiner Chaise sei ja gar nicht Platz für zwei, da könne er keinen -Kutscher brauchen, -- es sei ein reiner Glücksfall, daß er einen Käufer -gefunden, der dumm genug gewesen, 900 Dollars für einen Neger von so -zweifelhafter Qualität zu bezahlen, -- er sei den Kerl längst gern los -gewesen, habe ihn aber doch nicht um ein Spottgeld hergeben mögen. - -Anderthalb Jahre später, am 15. Februar 1837, verkaufte er die Chaise, -schaffte sich einen Sattel an und meinte, der Doktor habe ihm schon -mehrmals gesagt, wie gut ihm das Reiten bekommen würde, außerdem würde -es ja die reinste Thorheit sein, mitten im Winter eine Fahrt durch das -Gebirge zu riskieren. - -Am 9. April verkaufte er den Sattel und meinte, bei den schmutzigen -schlechten Wegen im April sei so ein Sattel doch ein erbärmliches Ding, -mit dem alle Augenblicke etwas passieren könne; auf dem Pferderücken -fühle er sich noch einmal so sicher, und warum solle er sein Leben -unnütz aufs Spiel setzen? - -Am 24. April verkaufte er sein Pferd und meinte: ›Heute ist gerade -mein siebenundfünfzigster Geburtstag, -- ich bin gesund und frisch und -kann mir nichts Angenehmeres denken, als eine Fußtour über die Berge, -in ihrem jungen Frühlingsgrün; es wäre eine wahre Sünde, wenn ich die -Gelegenheit dazu versäumte, um bei dem herrlichen Wetter aufs Pferd -zu steigen! Wenn meine Forderung einkassiert ist, kann ja der Hund -das kleine Bündel mit Leichtigkeit tragen. Morgen in aller Frühe will -ich mich aufmachen und nach einem donnernden Lebewohl bei Gadsbys auf -Schusters Rappen nach Tennessee marschieren.‹ - -Am 22. Juni verkaufte er seinen Hund und meinte: ›Wenn man so im -Sommer durch Berg und Wald schweift, ist einem ja ein Hund überall im -Wege, er jagt nach Eichhörnchen, bellt Tier und Menschen an, verläuft -sich bald hier, bald dort, gerät in Bäche und Pfützen und läßt einen -keinen Augenblick die schöne Natur in Ruhe genießen! Wenn ich mein -Geld selber trage, ist es ohnehin viel sicherer. Auf einen Hund ist -in Geldsachen kein Verlaß, -- das weiß man aus Erfahrung! Na, lebt -wohl, alte Jungens, -- dies ist mein letzter Besuch, -- morgen mit dem -frühesten bin ich über alle Berge und auf festen Sohlen nach Tennessee -unterwegs!‹« -- - - * * * * * - -Es entstand eine Pause, -- nur der Wind heulte, und der Schnee fiel in -dichten Flocken. Endlich sagte Lykins ungeduldig: - -»Nun, und was weiter?« - -Riley versetzte: - -»Ja, -- das war vor dreißig Jahren!« - -»Gut, gut, -- aber was soll das?« -- - -»Der alte Herr ist mein guter Freund, er besucht mich jeden Abend, um -Abschied zu nehmen. Vor einer Stunde war er bei mir und morgen früh -macht er sich nach Tennessee auf -- wie gewöhnlich, -- er meinte, er -werde seine Forderung einkassiert haben und auf und davon sein, ehe -solche Nachteulen, wie ich, sich den Schlaf aus den Augen reiben. Er -hatte Thränen in den Augen vor Freude, daß er nun bald seine alte -Heimat und seine Freunde wiedersehen werde!« -- - -Es folgte eine abermalige Pause, die der Fremde unterbrach: - -»Ist die Geschichte zu Ende?« - -»Ja, das ist alles!« - -»Sie war auch lang genug, bei dieser Nachtzeit und in solchem Wetter. -Aber was wollen Sie denn damit sagen?« - -»O, nichts Besonderes!« - -»Ich meine, was soll sie eigentlich bedeuten?« - -»Eine besondere Bedeutung hat sie nicht, -- ich dachte nur so, daß, -wenn Sie nicht in gar zu großer Eile sind, mit Ihrer Anstellung als -Postmeister nach San Francisco zurückzukommen, so würde ich Ihnen -raten, bei Gadsbys abzusteigen, und sich Zeit zu nehmen. Leben Sie -wohl, ich wünsche Ihnen recht viel Glück!« - -Dabei wandte sich Riley mit freundlicher Miene zum Gehen und ließ den -verblüfften Schullehrer regungslos unter der Straßenlaterne stehen, die -ihren hellen Schein auf den von Schneeflocken ganz weißen Mann warf. -- - -Die Postmeisterstelle hat er aber nie erhalten. - - - - -Die Geschichte des Invaliden. - - -Ich sehe aus wie ein verheirateter Sechziger; es ist die Folge -meiner angegriffenen und durch Leiden mitgenommenen Gesundheit; in -Wirklichkeit bin ich Junggeselle und erst einundvierzig Jahre alt. -Sie werden es kaum glauben können, daß ich, jetzt einem Schatten -gleichend, vor kaum zwei Jahren noch frisch und gesund war -- ein Mann -von Eisen, ein wahrer Athlet! -- und doch ist es die reine Wahrheit. -Noch seltsamer aber ist die Art und Weise, wie ich meine Gesundheit -einbüßte. Ich verlor sie, weil ich einst in einer Winternacht, während -einer Eisenbahnfahrt von fünfzig Meilen, auf eine Kiste mit Gewehren -achtgeben half. Ich will Ihnen die ganze Geschichte erzählen. - -Ich bin zu Cleveland, Staat Ohio, zu Hause. Vor zwei Jahren kam ich -einmal beim Anbruch der Nacht während eines heftigen Schneesturms heim -und erfuhr, sobald ich ins Haus trat, daß mein liebster Jugendfreund -und Schulkamerad, John B. Hackett, tags vorher gestorben war; sein -letzter Wunsch sei gewesen, ich möge seine sterblichen Ueberreste -zu seinen armen, alten Eltern nach Wisconsin geleiten. Ich war sehr -erschüttert und bekümmert, durfte aber keine Zeit mit Gemütsbewegungen -verlieren; ich mußte sogleich aufbrechen. Ich steckte die Karte, auf -welcher ›Dekan Levi Hackett, Bethlehem, Wisconsin‹ stand, zu mir und -eilte durch den heulenden Sturm der Bahnstation zu. Dort angelangt, -fand ich die lange weißtannene Kiste vor, die mir beschrieben worden -war. Ich befestigte die Karte mit einigen Stiften daran, überzeugte -mich, daß die Kiste sicher in einem Expreßwagen untergebracht wurde, -und eilte dann in das Speisezimmer, um mich mit einem belegten -Butterbrot und einigen Cigarren zu versorgen. Als ich herauskam, stand -meine Sargkiste wieder da und ein junger Mensch machte sich mit einer -Karte, einigen Stiften und einem Hammer in der Hand, daran zu schaffen. -Ich war erstaunt und verblüfft. Er begann seine Karte anzunageln -und ich eilte ziemlich aufgeregt hinaus zu dem Expreßwagen, um eine -Erklärung zu verlangen. Aber siehe -- da war ja meine Kiste, sie lag im -Güterwagen genau auf dem alten Fleck. - - [Thatsächlich hatte eine großartige Verwechslung stattgefunden, - ohne daß ich etwas davon ahnte. Ich nahm die Kiste mit Gewehren - mit, welche jener junge Mann an eine Schützengesellschaft in - Peoria in Illinois abliefern sollte, während _er_ mit dem - meiner Obhut anvertrauten Leichnam abreiste!] - -Ich hatte mich kaum überzeugt, daß meine Kiste da war, als der -Kondukteur rief: »Einsteigen!« Ich sprang rasch in den Packwagen und -machte mir einen bequemen Sitz auf einem Ballen zurecht. In demselben -Wagen fuhr der Güterschaffner, ein biederer Mann in den Fünfzigern, -mit offenem, ehrlichem, gutmütigem Gesicht. Er hatte alle Hände voll -zu thun. Als der Zug abfuhr, sprang ein Fremder an den Wagen und -legte einen Pack mit besonders reifem und kräftigem Limburger Käse -auf das eine Ende meiner vermeintlichen Sargkiste. Das heißt, ich -weiß jetzt, daß es Limburger Käse war, damals aber war mir der Inhalt -des Packets unbekannt. Wir flogen eilig dahin durch die rauhe Nacht, -der Sturm tobte fort. Eine große Niedergeschlagenheit bemächtigte -sich meiner, mein Herz wurde schwerer und immer schwerer. Der alte -Schaffner machte ein paar heitere Bemerkungen über den Sturm und das -Nordpolwetter, schloß die Schiebethüren und Fenster recht dicht und -ging dann geschäftig und ein Liedchen summend hin und her, indem er -das Gepäck zurechtsetzte. Bald fiel mir auf, daß sich ein äußerst -übler, durchdringender Geruch in der eiskalten Atmosphäre des Wagens -verbreitete; das machte mich noch niedergeschlagener, weil ich es -natürlich meinem armen abgeschiedenen Freunde zuschrieb. Es lag etwas -tief Trauriges darin, daß er sich mir in dieser stummen, pathetischen -Weise ins Gedächtnis zurückrief, und so konnte ich nur mit Mühe die -Thränen zurückhalten; nebenbei war ich auch besorgt, der alte Schaffner -könne etwas merken. Er summte indessen ruhig weiter. Trotzdem fühlte -ich mich mit jeder Minute unbehaglicher, denn der Geruch wurde immer -stärker, schon mehr ~hautgoût~. Nachdem der Schaffner alles zu seiner -Zufriedenheit geordnet hatte, holte er einen Arm voll Holz und heizte -in seinem Ofen tüchtig ein. Das that mir über die Maßen leid; denn -ich war überzeugt, daß die Wärme eine schädliche Wirkung auf meinen -armen abgeschiedenen Freund ausüben müsse. Thompson -- der Schaffner -hieß Thompson, wie ich im Laufe der Nacht erfuhr -- ging jetzt die -Wände betastend im Wagen umher, verstopfte alle Löcher und Ritzen, und -bemerkte vergnügt, es möge nun draußen Wetter sein, welches es wolle, -er werde es uns schon behaglich machen. Ich sagte nichts, zweifelte -aber, ob er es richtig anfing. In einer Weile wurde der Ofen immer -heißer und die Luft immer schwüler. Ich fühlte, daß mir übel und weh -wurde, trug aber mein Leid im stillen und sagte nichts. Bald bemerkte -ich, daß das Summen des Schaffners immer schwächer wurde, endlich hörte -es ganz auf, und es herrschte eine unheimliche Stille. Nach einigen -Augenblicken sagte Thompson: - -»Pfui! na, Zimmetholz war’s nicht, was ich in den Ofen steckte!« - -Er schnappte ein paarmal nach Luft, schritt dann auf die Kiste zu, -stand einen Augenblick ganz nahe bei dem Limburger, ging dann wieder -weg und setzte sich, augenscheinlich stark ›verschnupft‹ neben mich. -Nach einigem Besinnen sagte er, mit dem Finger auf die Kiste zeigend: - -»Freund von Ihnen?« - -»Ja,« sagte ich mit einem Seufzer. - -[Illustration] - -»Ziemlich reif, wie’s scheint!« - -Etwa zwei Minuten lang wurde nichts weiter gesagt, da jeder mit seinen -eigenen Gedanken beschäftigt war; dann sagte Thompson in leisem, -friedlichem Tone: - -»Manchmal weiß man nicht recht, ob sie ganz hinüber sind; es scheint -oft nur so, wenn man sie anfühlt. Habe Fälle in meinem Wagen gehabt, -besonders während des Krieges, -- ich sag’ Ihnen, schauderhaft! Jeden -Augenblick konnte man erwarten, daß sich so einer erhob und einen -anglotzte.« Dann fügte er nach einer Pause hinzu, indem er mit dem -Ellenbogen nach der Kiste zeigte: »Na, der da ist nicht scheintot! Für -den stehe ich ein.« - -Wir saßen einige Zeit schweigend und nachdenklich da, lauschten dem -Sausen des Windes und dem Gerassel des Bahnzugs; dann sagte Thompson -gefühlvoll: - -»Nun, nun, wir werden alle einmal ›reif‹, das ist nun einmal nicht -zu ändern. Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt nur eine kurze Zeit, -sagt die Schrift. Ja, man mag es betrachten, wie man will, es ist -furchtbar ernsthaft und wunderbar: Es giebt niemand, der’s ändern -kann, alle müssen fort, einer wie der andere. Heute ist man frisch und -gesund« -- hier unterbrach er sich, schnellte auf, riß ein Fenster auf -und streckte seine Nase ein paar Augenblicke hinaus, dann setzte er -sich wieder, während ich aufstand und meine Nase an derselben Stelle -hinausstreckte, und so wechselten wir immer ab -- »und am nächsten Tag -wird er niedergemäht wie das Gras, wie es in der Schrift steht. Ja, -wahrhaftig -- ’s ist eine furchtbar ernste und feierliche Sache; aber -wir müssen alle gehen, früher oder später; ’s läßt sich nicht ändern.« - -Es folgte wieder eine lange Pause, dann fragte Thompson: - -»Woran starb er denn?« - -Ich antwortete, es sei mir unbekannt. - -»Wie lange ist er denn schon tot?« - -Um nicht, wegen des Geruchs, zu wenig zu sagen, antwortete ich: - -»Zwei oder drei Tage.« - -Aber es half nichts; Thompson nahm es mit einer ungläubigen Miene auf, -die deutlich besagte: Sie wollen wohl sagen: »Zwei oder drei _Jahre_!« -Meine Angabe stillschweigend ignorierend, fuhr er dann ruhig fort, mir -seine Ansicht auseinanderzusetzen über die Thorheit, Begräbnisse lang -aufzuschieben. Dann schritt er zu der Kiste, blieb einen Augenblick -davor stehen, kam eilig zurück und stattete dem Fenster einen Besuch -ab, wobei er bemerkte: - -»Es wäre in jeder Hinsicht besser gewesen, wenn Sie ihn letzten Sommer -fortgeschafft hätten.« - -Thompson setzte sich nieder, begrub sein Gesicht in einem rotseidenen -Taschentuch und begann sich langsam hin- und herzuwiegen wie einer, der -sich wohl oder übel in das Unvermeidliche schickt. Mittlerweile war der -Duft -- wenn man das noch Duft nennen darf -- zum Ersticken geworden. -Thompsons Gesicht wurde aschgrau; das meine -- ich fühlte es -- war -leichenfahl. Zur Abwechslung stützte Thompson den Kopf in die linke -Hand, den Ellbogen auf dem Knie; mit der andern Hand fuchtelte er mit -dem Taschentuch gegen die Kiste und sagte: - -»Bin schon mit vielen gefahren -- manche davon waren beträchtlich -angegangen -- aber, weiß der Himmel, der schlägt sie alle um ein -Dutzend Nasenlängen, mit Leichtigkeit. Ich versichere Sie, die anderen -waren ~Eau de Cologne~ gegen _ihn_!« - -Ich nahm das Kompliment für meinen Freund, trotz der betrübenden -Nebenumstände, nicht ohne Genugthuung auf. - -Es wurde uns sehr bald klar, daß etwas geschehen müsse. Ich schlug -Cigarren vor; Thompson war damit einverstanden. - -»Vielleicht mildert’s etwas,« meinte er. - -Wir pafften hübsch drauf los und bildeten uns eine Weile ein, daß der -Zustand sich gebessert habe; aber es half nichts. Sehr bald, wie auf -ein verabredetes Zeichen, ließen wir beide gleichzeitig unsere Cigarren -den kraftlosen Fingern entfallen. Thompson sagte mit einem Seufzer: - -»Nein, Freund, das macht ihn nicht um ein Haar milder. Ich behaupte, es -macht ihn nur wilder. Was sollen wir aber machen, he?« - -Ich war nicht im stande, etwas vorzuschlagen, ich hatte während der -ganzen Zeit gewürgt und gewürgt und hielt es nicht für geraten, den -Mund zu öffnen. Thompson begann in abgebrochenen Sätzen über die -dumme Geschichte zu brummen, wobei er meinen Freund verschiedentlich -titulierte; die Titel wurden immer größer, je eifriger er redete. -Schließlich sagte er: - -»Wissen Sie was? Wir sollten unsern Oberst[6] weiter an das andere Ende -des Wagens bringen, etwa zehn Fuß. Er kann sich dann nicht so geltend -machen.« - - [6] Titulatur, mit der man in Amerika stark um sich wirft. - -Das leuchtete mir ein. Wir schöpften also am Fenster gehörig Atem und -faßten dann die Kiste mit dem Käse an. Thompson nickte ›Fertig‹, worauf -wir mit aller Macht auslangten; aber Thompson glitt aus, stieß mit der -Nase auf den Käse und verlor fast den Atem. Schnappend und keuchend -rappelte er sich empor und wankte auf die Thüre zu, wobei er mir heiser -zurief: »Lassen Sie mich! Ich muß sterben! Luft! Luft!« Draußen auf der -kalten Plattform kam er bald wieder zu sich und fragte mich: - -»Was meinen Sie, lassen wir unsern Generalissimus liegen, wo er liegt? --- ich fürchte, wenn er noch mehr aufgestöbert wird, wird er immer -unangenehmer.« - -»Ja, ja,« entgegnete ich, »es wird am besten sein, wir lassen ihn, wo -er ist, da er es einmal so haben will; denn wissen Sie, er hat alle -Trümpfe in der Hand, und wenn ihm da einer in die Quere kommt, kann’s -ihm schlecht bekommen.« - -Da wir in dem rasenden Sturm nicht draußen bleiben konnten, gingen wir -wieder hinein und schlossen die Thüre. Unser Leid begann von neuem -und wir lösten uns abwechselnd an dem Fenster ab. Später, als wir von -einer Station abfuhren, wo der Zug einige Minuten gehalten hatte, kam -Thompson triumphierend herein und rief: - -»So, jetzt ist’s gut! Diesmal kriegen wir Se. Excellenz unter. Da hab’ -ich einen Stoff, vor dem er gewiß die Waffen streckt.« - -Es war eine Flasche voll Karbolsäure. Er spritzte davon überall umher, -ja er tränkte buchstäblich alles damit -- Kiste, Käse und alles andere. -Dann setzten wir uns nieder -- ziemlich zuversichtlich; aber unser -Hoffen währte nicht lange. Statt sich zu bekämpfen und zu paralysieren, -vermischten sich die beiden Gerüche friedlich und stanken ~unisono~ um -die Wette. Wir griffen bald nach der Thüre, und draußen sagte Thompson -ziemlich kleinlaut: - -»Es hilft nichts; wir können nicht gegen ihn ankommen. Hören Sie, -Freund, es ist jetzt hundertmal schlimmer drinnen als anfangs. Hab’ nie -erlebt, daß einer so verdammt forsch ins Zeug geht -- wahrhaftig nicht, -Herr, seit ich diese Strecke befahre; und ich habe doch manchen von -ihnen mitgenommen, wie ich Ihnen schon sagte.« - -Wir gingen wieder hinein, nachdem wir tüchtig durchgefroren waren, -aber es war drinnen kaum zum aushalten. Es blieb uns nichts übrig, -als abwechselnd hinaus und hinein zu gehen; eine Abwechslung zwischen -Erfrieren und Auftauen. Nach einer Stunde etwa hielten wir an einer -andern Station; beim Abfahren kam Thompson mit einem Bündel herein und -sagte: - -»Ich will’s nochmals mit ihm versuchen -- nur dieses eine Mal noch; -wenn wir ihm diesmal nicht beikommen, so bleibt nichts übrig, als die -Karten wegzuwerfen und das Spiel aufzugeben. Das ist meine Meinung.« - -Er hatte ein paar Handvoll Hühnerfedern, gedörrte Aepfel, Blättertabak, -Kleiderfetzen, alte Schuhe, Schwefel, ~Asa foetida~ und noch einiges -andere mitgebracht; häufte alles auf einem Eisenblech in der Mitte des -Wagens auf und zündete es an. Das Vorausgegangene war reinste Poesie -gegen diesen Geruch, -- ich dachte, davor müsse selbst eine Leiche die -Segel streichen, aber fehlgeschlagen! Der ursprüngliche Geruch stieg -empor, gerade so triumphierend wie zuvor -- ja diese andern Gerüche -schienen ihm nur eine feste Basis zu verleihen. Ich stellte diese -Betrachtung nicht drinnen an -- dazu war ja keine Zeit gewesen, -- -sondern draußen auf der Plattform. Auf der Flucht nach der Plattform -war Thompson betäubt hingefallen, und bis ich ihn am Rockkragen -hinausgeschleppt hatte, war ich selbst halbtot. Als wir wieder zu uns -kamen, sagte Thompson verzagt: - -»Wir müssen hier außen bleiben, Freund, das müssen wir unbedingt. Es -geht nicht anders. Der Alte will einmal allein reisen -- seine Mittel -erlauben ihm das!« - -Und sogleich fügte er hinzu: - -»Wissen Sie auch, daß wir _vergiftet_ sind? ’s ist unsere letzte Fahrt, -darauf können Sie wetten. Da wird mindestens der Typhus draus. Ich -fühl’ es schon kommen.« - -Eine Stunde später hielt der Zug bei der nächsten Station, wo man uns -erstarrt und besinnungslos auf der Plattform liegen fand; ich verfiel -sogleich in ein hitziges Fieber, und kam drei Wochen lang nicht zum -Bewußtsein. Ich erfuhr alsdann, daß ich jene entsetzliche Nacht -neben einer harmlosen Gewehrkiste und einem Laib unschuldigen Käses -zugebracht hatte. Aber die Nachricht kam zu spät zu meiner Rettung: -die Phantasie hatte ihr Werk vollbracht, und meine Gesundheit war für -immer zerrüttet; weder Italien noch ein anderes Land können sie mir -zurückgeben. Es geht mit mir zu Ende; ich bin auf dem Wege nach Hause, -um dort zu sterben! - -[Illustration] - - - - -Verlag von Robert Lutz in Stuttgart - - -Deutsche Denkstätten in Italien - -Von Robert Kohlrausch - -Mit vielen Illustrationen von =A. H. Pellegrini= - -Schön ausgestattet. Geh. M. 6.--, in Lwd. geb. M. 7.-- - -Zweite Auflage - -Einige Urteile der Presse: - -_Hannoverscher Courier_: - -... So hat Robert Kohlrausch ganz Italien durchwandert und überall -mit dem Verständnis und dem scharfen Blick des Historikers die Spuren -der Ahnen betrachtet. Und ein anderes kam hinzu, diese historische -Betrachtung für ihn und den Leser fruchtbar zu machen: die Gabe, das in -Palästen, Kirchen u. Museen, auf Denkmälern, Bildern u. Schlachtfeldern -als Denkzeichen deutschen Wesens, deutschen Geistes und deutschen -Wirkens Erkannte in dichterischer Verklärung zu schauen u. längst -Vergangenes und Verklungenes mit lebendigem Gegenwartsbewußtsein zu -erfüllen ... =Ein inhaltsreiches Werk, das dem Leser eine Fülle von -neuen Eindrücken vermittelt.= ... Möchten die »Deutschen Denkstätten in -Italien« =in vielen deutschen Häusern Leser und Freunde finden=. - -_Reclams Universum_: - -... Stille Wehmut klingt aus seinen Zeilen heraus über all die unnütz -vergossenen Ströme deutschen Blutes, und zugleich ein Ton lauterer -Freude über das gewesene Große, Heldenhafte und Schöne, von dem uns so -wenig mehr geblieben ist als eine große Erinnerung. - -_Breslauer Morgenzeitung_: - -Kohlrausch’s Buch bringt eine Fülle historischen Materials, aber es -vermeidet sehr glücklich die bloße Aneinanderreihung geschichtlicher -Vorgänge. =Vielmehr liest es sich wie ein gewaltiges Epos=, dessen -einzelne Kapitel die mannigfaltigen Schicksale der deutschen Stämme und -Fürstengeschlechter bilden, die um Italiens Besitz gerungen. Kohlrausch -hat viel Fleiß verwendet, =aber noch weit höher ist die dichterische -Kraft zu bewerten=, mit der er die großen Erinnerungsstätten einer an -gewaltigen Tragödien reichen Vergangenheit wieder mit dem vollen Glanze -umkleidet, den sie dereinst besessen haben. Alle, die die Schritte -nach dem Süden lenken, werden gut tun, Kohlrausch’s Buch als kundigen -Reisebegleiter mit sich zu nehmen. - -_Posener Zeitung_: - -=Das Buch ist eine der interessantesten Neuerscheinungen dieses -Winters.= Als ein Künstler, der Italien und deutsche Vergangenheit -gleichermaßen liebt, hat Kohlrausch seine selbstgestellte Aufgabe -gelöst; er spricht zu uns in einer klaren, melodischen Sprache, die von -tiefem lyrischem Gehalt durchdrungen sich dem Stoff völlig anpaßt. - - -In der Fremdenlegion - -Erinnerungen und Eindrücke - -von - -Erwin Rosen - -Preis geheftet M. 5.--, in Leinen gbd. M. 6.--. - -Neunte Auflage. - -Viele rühmende Urteile - -Davon nur einige im Auszug: - -_=Neue Zürcher Zeitung=_: »Das Buch ist so =packend geschrieben=, daß -man es nicht aus der Hand legt, bis man es fertig gelesen und sich -darüber freuen kann, daß der Verfasser der Hölle entrinnen konnte ...« - -_=Prof. Holzhausen (Frankf. Zeitg.)=_: »Kein Leser des Werkes wird es -in Abrede stellen, daß die Lektüre, die uns der Autor vorsetzt, =etwas -wunderbar Faszinierendes hat=.« - -_=Berner Bund=_: »Man gewinnt sofort Vertrauen zu seinem Wort. Das Buch -ist ganz vorzüglich, =geradezu brillant geschrieben= und wirkt wie -schmucklose Wahrheit, ohne Übertreibung oder Tendenz.« - -_=Echo der Gegenwart=_: »Rosens Darstellungen sind Bilder =von so -packender Schilderungsschärfe=, daß man in der jüngsten Zeit kaum etwas -Gleichwertiges auf dem Gebiete der Kulturschilderung an die Seite -stellen kann.« - -_=~Dr.~ Hanns Heinz Ewers=_: »Erwin Rosen’s Buch habe ich mit großem, -stets wachsendem Interesse gelesen. Ich glaube selbst die Legion recht -gut zu kennen, bin auf den verschiedensten Plätzen dieser Erde mit ihr -in Verbindung getreten, und fühle mich daher berechtigt, ein Urteil -abgeben zu können. Dieses ist: =Rosen’s Buch ist das beste, das über -die Legion bisher geschrieben wurde, nicht nur in deutscher Sprache, -sondern überhaupt= ... Ich wünsche diesem guten Buche in Deutschland -von ganzem Herzen einen Erfolg.« - - -Die Abenteuer des Brigadiers Gerard - -Ein neues, höchst spannendes Buch von Conan Doyle, dem Verfasser der -Sherlock Holmes-Geschichten - -Preis geheftet M. 3.25, in Lwd. geb. M. 4.50. - -Die Abenteuer des unerschrockenen Brigadiers, der allen Gefahren die -Stirn bietet, gehören zu den besten Abenteuer-Geschichten, die es gibt, -und stehen an Spannung den Sherlock Holmes-Abenteuern gleichwertig zur -Seite. - -Bereits 6 Auflagen! - - - - -Memoirenbibliothek - - -Meine Erlebnisse im russisch-japanischen Krieg - -Von - -W. Weressájew - -Broschiert 5 M., gebunden 6 M., in Halbfranz 7 M. - -Achte Auflage - -Frankfurter Zeitung: - -Die Schande ist an den Tag gekommen. Das Buch enthält die denkbar -vollständigste Sammlung von Beispielen raffinierter Unterschleife durch -russische Beamte und Offiziere, unmenschlicher Gewalttaten russischer -Soldaten gegenüber der wehrlosen chinesischen Bevölkerung, grenzenloser -Inkompetenz aller militärischen Obrigkeiten, bestialischer Aeußerungen -tief eingewurzelten Alkoholismus’ usw. - -St. Galler Blätter: - -Ein wahrhaft ergreifender nationalethischer Gehalt spricht sich -in diesem Werke aus. =Es ist eine Männerlektüre von herbster -Eindringlichkeit=: dieses gewaltige Buch von furchtbarer Schuld -und furchtbaren Leiden. Man darf es sicher =zu den bedeutsamsten -Erscheinungen der neueren Geschichtsschreibung= zählen. - -Heimgarten: - -=Das Buch liest sich ähnlich wie Zolas »Zusammenbruch«.= - -Deutsche medizinische Presse: - -Wir empfehlen das Buch, das sich durch einen glänzenden Stil, -Lebendigkeit der Darstellung, scharfe Beobachtungsgabe und gesunde -Kritik auszeichnet, auf das angelegentlichste. =Man sieht in ihm -Rußland, wie es ist.= - -Pester Lloyd: - -=Weressájew liefert hier ein selten reichhaltiges und wertvolles -Material zur Geschichte des modernen Rußland in allen Zweigen seines -politischen, kulturellen, sozialen und sittlichen Lebens=, so daß -hier ein Kolossalgemälde aus dem öffentlichen Leben Rußlands =von -überwältigendem Realismus und beklemmend düsteren Farben= geboten wird -... Mit unsäglichem Kummer über menschliche Verkommenheit legt man das -Buch Weressájews aus der Hand. - -Deutsche Romanzeitung: - -=Mit Entsetzen liest man diese Darstellung russischer Zustände.= Sie -treten mit so krasser Deutlichkeit vor unser Auge, daß ich das meine -wenigstens während dieser Lektüre schaudernd schließen mußte und nur -mit Mühe weiterzulesen vermochte. - - A. B. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 83: sie → sich - {sich} zum Wohl und Heil - - S. 110: ausringt → auswringt - zweimal hineintaucht und {auswringt} - - S. 110: Ausringen → Auswringen - Sache war bis auf das {Auswringen} fertig - - S. 158: Higston → Hingston - Schnäpsen, {Hingston}, sein Reisebegleiter - - S. 202: Compstock → Combstock - Meilen die große {Combstock}-Mine - - S. 202: Compstocks → Combstocks - des ausgehöhlten {Combstocks} auseinander hielten - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GOLD- UND SILBERLAND *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/65089-0.zip b/old/65089-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index b8b126e..0000000 --- a/old/65089-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/65089-h.zip b/old/65089-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 97bcd31..0000000 --- a/old/65089-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/65089-h/65089-h.htm b/old/65089-h/65089-h.htm deleted file mode 100644 index 846e00e..0000000 --- a/old/65089-h/65089-h.htm +++ /dev/null @@ -1,11782 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - Im Gold- und Silberland, by Mark Twain—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Im Gold- und Silberland</div> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Mark Twain</div> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Illustrator: Albert Richter</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: April 16, 2021 [eBook #65089]</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div> - -<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div> - -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GOLD- UND SILBERLAND ***</div> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Mark Twains ausgewählte -humoristische Schriften</p> - -<p class="center">Illustriert von <b>H. Schrödter</b> und <b>Albert Richter</b></p> - -<p class="center">Fünfter Band:</p> - -<p class="center larger"><b>Im Gold- und Silberland</b></p> - -<div class="figcenter" id="signet"> - <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center p2">Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Im Gold- und Silberland</h1> - -<p class="center smaller">Von</p> - -<p class="h2">Mark Twain</p> - -<p class="center">Illustriert von <b>Albert Richter</b></p> - -<p class="center smaller">Neunte Auflage</p> - -<div class="figcenter" id="signet2"> - <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center p2">Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -<p class="center"> -Druck von A. Bonz’ Erben<br /> -Stuttgart. -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td class="tdh2">Im Gold- und Silberland.<br /> -I.</td><td></td> -</tr> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Kapitel 1–24</td> - <td class="tdr"><a href="#Erstes_Kapitel">7</a>–163</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdh2">II.</td><td></td> -</tr> -<tr> -<td>Nabobs in Nevada</td> - <td class="tdr"><a href="#Nabobs_in_Nevada">165</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Buck Fanshaws Begräbnis</td> - <td class="tdr"><a href="#Buck_Fanshaws_Begraebnis">173</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_angesehensten_Buerger-Schwurgerichte">184</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der große Zeitungsroman</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_grosse_Zeitungsroman">191</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Belehrendes</td> - <td class="tdr"><a href="#Belehrendes">200</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Von Virginia nach San Francisco</td> - <td class="tdr"><a href="#Von_Virginia_nach_San_Francisco">204</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Goldgräber</td> - <td class="tdr"><a href="#Goldgraeber">215</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Erdbeben</td> - <td class="tdr"><a href="#Erdbeben">220</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Am Bettelstabe</td> - <td class="tdr"><a href="#Am_Bettelstabe">228</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Tom Quarz</td> - <td class="tdr"><a href="#Tom_Quarz">235</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Vorlesung</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Vorlesung">247</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdh2">Anhang.</td><td></td> -</tr> -<tr> -<td>Aus meiner Knabenzeit</td> - <td class="tdr"><a href="#Aus_meiner_Knabenzeit">255</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ritters Geschichte</td> - <td class="tdr"><a href="#Ritters_Geschichte">278</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Mann, der bei Gadsbys abstieg</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Mann_der_bei_Gadsbys_abstieg">301</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Geschichte des Invaliden</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Geschichte_des_Invaliden">308</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Im_Gold-_und_Silberland">Im Gold- und Silberland.<br /> -I.</h2> - -<h3 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">In dem vorhergehenden Bande<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> habe ich den Leser über -die Prärieen, das Felsengebirge und durch die Alkaliwüste -in die Hauptstadt des damals neu errichteten Territoriums -Nevada, nach der Stadt <em class="gesperrt">Carson</em> geführt. Es war eine ›hölzerne‹ -Stadt; ihre Einwohnerzahl betrug zweitausend. Die Hauptstraße -bestand aus einer Reihe kleiner, weißer Bretterhäuschen -mit Kaufläden, zu hoch, um darauf zu sitzen, aber für alle -sonstigen Erfordernisse kaum hoch genug. Dieselben standen hart -aneinandergebaut, als mangelte es an Raum auf der mächtigen -Ebene. Den Gehweg bildeten Bretter, die mehr oder minder -locker waren und beim Darauftreten gerne klapperten. Mitten -in der Stadt, den Läden gegenüber, befand sich die, allen Städten -jenseits des Felsengebirges angeborene ›Plaza‹ – ein großer, -offener, ebener Platz mit einem Freiheitsbaum in der Mitte, -sehr geeignet zu öffentlichen Versteigerungen, Pferdemärkten und -Volksversammlungen, sowie zum Absteigeplatz der Fuhrleute.<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[8]</span> -Zwei andere Seiten der Plaza waren von Läden, Bureaus -und Ställen eingefaßt. Der übrige Teil der Stadt lag ziemlich -zerstreut.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Band IV: »Leben auf dem Mississippi – Nach dem fernen -Westen.«</p> -</div> -</div> - -<p>Auf der Poststation und auf dem Wege zum Gouverneur -wurden wir verschiedenen Bürgern vorgestellt, darunter einem -Herrn Harris, der sich zu Pferde befand. Derselbe begann ein -Gespräch, unterbrach sich -jedoch mit der Bemerkung: -»Ich muß Sie auf einen -Augenblick um Entschuldigung -bitten; dort -drüben steht -der Zeuge, -der geschworen -hat, ich sei bei -der Beraubung der -kalifornischen Post -beteiligt gewesen – eine -ganz unverschämte Einmischung, -da ich mit -dem Menschen gar nicht bekannt bin.«</p> - -<div class="urshapepic" id="illu-007"> -<div class="boxu box007u"> -<img src="images/illu-007.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box007r"></div> -</div> - -<p>Darauf ritt er hin und machte -dem Betreffenden Vorhalt mit einem -sechsläufigen Revolver, wogegen sich dieser mit dem seinigen -entschuldigte. Als die Pistolen leer waren, nahm der Unbekannte -sein Geschäft (er flickte sich seine Peitschenschnur) wieder auf, -während Herr Harris mit höflichem Bückling an uns vorbei -nach Hause ritt. Er hatte eine Kugel durch den einen Lungenflügel -und mehrere in die Hüften bekommen, und die kleinen -Blutströme, die dem Pferd über die Flanken liefen, gaben dem -Tier ein ganz malerisches Aussehen. Ich habe später, so oft<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span> -ich Harris nach jemand schießen sah, immer wieder an jenen -ersten Tag in Carson denken müssen.</p> - -<p>Weiter sahen wir an diesem Tage nichts, denn es war -zwei Uhr, und nach Landessitte brach jetzt der tägliche ›Washoe-Zephyr‹ -los. Mit demselben kam eine aufsteigende Staubwehe, -etwa von der Größe der Vereinigten Staaten, welche Nevadas -Hauptstadt unsern Blicken entzog. Indes gab es dabei doch -mancherlei zu sehen, was für Neuangekommene nicht ganz uninteressant -war; denn die mächtige Staubwolke war dicht betüpfelt -mit Dingen, die den höheren Luftschichten fremd sind, -lebenden und toten, die zwischen den sich fortwälzenden Staubwirbeln -hin und her flatterten, gingen und kamen, auftauchten -und wieder verschwanden – mit Hüten, Hühnern und Sonnenschirmen, -die hoch oben am Himmel hinsegelten; mit Decken, -Blechschildern, Salbeigestrüpp und Schindeln, die etwas tiefer -hin flogen; noch weiter unten mit Strohmatten und Büffellederröcken; -mit Schaufeln und Kohlenkasten in der nächsten Luftschicht; -Glasthüren, Katzen und kleinen Kindern in der folgenden; -zerbrochenen Bretterzäunen, leichten Einspännern und Schubkarren -in der nächsten; und zu unterst, bis zu höchstens dreißig -oder vierzig Fuß Höhe über dem Boden, wehte ein Wirbelsturm -auswandernder Dächer und leerer Bauplätze hin.</p> - -<p>Es war wirklich etwas zu sehen dabei. Ich hätte noch -mehr sehen können, wäre ich imstande gewesen, mir die Augen -staubfrei zu halten.</p> - -<p>Aber in allem Ernst, ein Washoe-Wind ist durchaus keine -Kleinigkeit. Er bläst schwächliche Häuser um, nimmt gelegentlich -Schindeldächer mit, rollt Blechdächer zusammen wie Notenhefte, -weht dann und wann eine Postkutsche um und verschüttet -die Reisenden; und als die Ursache der vielen Kahlköpfe dort -zu Lande hört man überall angeben, der Wind wehe den Leuten -die Haare vom Kopfe, während sie himmelwärts nach ihren<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span> -Hüten schauen. Die Straßen der Stadt bieten an Sommernachmittagen -meist ein recht belebtes Bild, da stets eine Menge -Leute Jagd auf ihre entweichenden Hüte machen, wie Stubenmädchen -auf eine Spinne.</p> - -<p>Der Washoe-Zephyr (Washoe ist ein beliebter Spitzname -für Nevada) ist eigentlich ein recht schriftmäßiger Wind, insofern -kein Mensch weiß, ›von wannen er kommt‹, d. h. wo er -entsteht. Er kommt geradeswegs über die Berge aus Westen, -aber jenseits der Kammhöhe, auf der andern Seite drüben, ist -nichts von ihm zu entdecken. Er wird vermutlich auf der Höhe -des Gebirges eigens hergestellt und fliegt von dort aus; er ist -zur Sommerszeit ein recht pünktlicher Wind. Seine Geschäftsstunden -währen von zwei Uhr nachmittags bis zum nächsten -Morgen um dieselbe Stunde, und wer sich während dieser zwölf -Stunden auf eine Reise wagt, muß mit dem Winde rechnen, -will er nicht ein paar Meilen leewärts von seinem Ziel anlangen. -Und doch ist das erste, worüber sich ein Besucher aus Washoe -in S. Francisco beklagt, daß dort die Seewinde so heftig wehen. -So ist der Mensch nun einmal!</p> - -<p>Den Staatspalast des Gouvernements von Nevada entdeckten -wir in einem einstöckigen weißen Bretterhause, das im -Innern zwei kleine Zimmer enthielt und an der Stirnseite – -der Großartigkeit halber – einen auf Stützen ruhenden Dachstock -hatte; es zwang dem Bürger Hochachtung ab und erfüllte -den Indianer mit Ehrfurcht. Die unlängst eingetroffenen richterlichen -Beamten des Territoriums, der Ober- und der Hilfsrichter, -und was sonst zur Regierungsmaschinerie gehörte, waren weniger -glänzend untergebracht. Sie wohnten rings umher in Privathäusern -zur Miete und hatten ihre Amtslokale in ihren Schlafstuben. -Mein Bruder, (›Mr. Secretary‹) und ich schlugen unser -Quartier in dem ›Ranch‹ einer würdigen französischen Dame -auf. Sie hieß Bridget O’Flannigan und gehörte zur Gefolgschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span> -Sr. Excellenz des Gouverneurs. In seinen guten Tagen, -als er Oberbefehlshaber der hauptstädtischen Polizei in New York -war, hatte sie ihn gekannt und wollte ihn nun in seinem Mißgeschick -als Gouverneur von Nevada auch nicht verlassen. Unsere -Stube lag im unteren Stock und ging auf die Plaza hinaus, -und nachdem wir unser Bett, einen kleinen Tisch, zwei Stühle, -den feuerfesten Schrank der Regierung und das Konversationslexikon -darin untergebracht hatten, war immer noch Raum genug -für einen Besuch vorhanden – vielleicht sogar für zwei, -aber nicht ohne Dehnung der Wände. Uebrigens konnten die -Wände eine solche vertragen – wenigstens die Zwischenwände, -denn sie bestanden lediglich aus einer einzigen Schicht groben -Baumwollstoffes, der von einer Zimmerdecke zur andern ausgespannt -war. Dies war die Regel in Carson, eine Zwischenwand -anderer Art bildete eine seltene Ausnahme. Wenn man -in seinem dunkeln Zimmer stand, die Zimmernachbarn dagegen -Licht brannten, so erzählten die Schatten an dem Tuch oft merkwürdige -Geheimnisse! Sehr häufig waren diese Zwischenwände -aus zusammengehefteten alten Mehlsäcken hergestellt; dann war -der Unterschied zwischen der gemeinen Herde und der Aristokratie -nur der, daß die gemeine Herde schmucklose Säcke hatte, während -die Wände des Aristokraten durch rudimentäre Fresken, -d. h. rote und blaue Mühlenzeichen auf den Säcken, Staunen -erregten. Gelegentlich verschönerten die besseren Stände auch -ihr Sackleinen durch Aufkleben von Holzschnitten aus Harpers -Wochenschrift; nicht selten verstiegen sich die Wohlhabenden und -Gebildeten sogar bis zu Spucknäpfen und andern Beweisen -eines kostspieligen und üppigen Geschmackes. Wir besaßen einen -Teppich und ein Waschbecken von echtem Steingut. Infolgedessen -wurden wir von den übrigen Insassen des Ranchs der -Dame O’Flannigan rücksichtslos gehaßt. Als wir gar noch einen -bemalten Fenstervorhang von Wachsleinwand dazu anschafften,<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span> -waren wir einfach unseres Lebens nicht mehr sicher. Um Blutvergießen -zu verhüten, zog ich eine Treppe höher und schlug -mein Quartier bei den titellosen Plebejern in einer der vierzehn -weißen, schmalen Bettstellen aus Fichtenholz auf, die in zwei -langen Reihen in dem einzigen Zimmer standen, welches das -zweite Stockwerk bildete.</p> - -<p>Sie waren eine lustige Gesellschaft, die vierzehn. Meist -hatten sie sich aus freien Stücken dem Gouverneur angeschlossen. -Als sie in New York und San Francisco zu seiner Gefolgschaft -stießen, hatten sie sich gesagt, daß sie bei der Balgerei um Aemtchen -und sonstige im Territorium abfallende Brocken nichts zu -verlieren, vielmehr vernünftigerweise eher vielleicht etwas zu -gewinnen hätten. Sie hießen im Volksmund ›die irische Brigade‹, -obwohl sich unter der ganzen Umgebung des Gouverneurs nur -vier oder fünf Irländer befanden. Die gutmütige Excellenz war -sehr verdrießlich über das Gerede, das seine Leibgarde hervorrief -– besonders, als sich das Gerücht verbreitete, es seien bezahlte -Meuchelmörder, die er sich mitgebracht habe, um erforderlichen -Falles die demokratischen Wahlstimmen in der Stille zu -vermindern!</p> - -<p>Frau O’Flannigan gab ihnen Kost und Wohnung für je -zehn Dollars die Woche, und sie gaben dagegen fröhlich ihre -Schuldverschreibungen. Sie waren damit völlig zufrieden. Dagegen -fand Bridget bald, daß uneinlösbare Schuldscheine doch -keine genügende Sicherheit für eine Fremdenpension in Carson -City bilden. So lag sie nun dem Gouverneur in den Ohren, -für die ›Brigade‹ eine Beschäftigung aufzutreiben. Sie sowohl -als die Leute selbst setzten ihm so lange zu, bis er in eine gelinde -Verzweiflung geriet und schließlich die Brigade antreten -ließ. »Meine Herren,« redete er sie an, »ich habe eine einträgliche -und ersprießliche Thätigkeit für Sie ausgesonnen – eine -Thätigkeit, welche Ihnen Erholung inmitten herrlicher Landschaften<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span> -gewähren und Ihnen ununterbrochen Gelegenheit verschaffen -wird, Ihren Geist durch Beobachtung und Studium zu -bereichern. Ich wünsche die Möglichkeit der Anlegung einer -Eisenbahn von Carson aus nach Westen bis zu einem gewissen -Punkte festzustellen. Beim Zusammentritt der Legislatur werde -ich dafür sorgen, daß das erforderliche Gesetz durchgeht und eine -entsprechende Summe bewilligt wird.«</p> - -<p>»Wie, eine Eisenbahn über die Sierra Nevada?«</p> - -<p>»Jawohl, – und Sie sollen zu diesem Zweck die Gegend -ostwärts bis zu einem gewissen Punkte untersuchen!«</p> - -<p>Er machte die einen zu Vermessern, die andern zu Kettenträgern -u. s. w.; dann ließ er sie los in die Wüste. Das war -eine Erholung, daß es eine Art hatte! Erholungsfußtouren, -auf denen sie die Meßketten durch Sand und Salbeigestrüpp -schleppten unter einer schwülen Sonne und zwischen Ochsengerippen, -Cayoten und Taranteln. Es war die reinste, höchste -Romantik! Sie betrieben die Vermessung sehr langsam, sehr -bedächtig, sehr sorgfältig. Während der ersten Woche kehrten -sie alle Abende staubbedeckt, fußkrank, müde und hungrig, aber -höchst vergnügt zurück. Sie brachten einen großen Vorrat ungeheurer -haariger Spinnen – Taranteln – mit, die sie im -oberen Zimmer des Ranch in zugedeckte Biergläser einsperrten. -Nach Verlauf der ersten Woche mußten sie im freien Feld kampieren, -denn sie waren tüchtig nach Osten vorgerückt. Sie erkundigten -sich sehr eifrig nach der Lage jenes im unklaren gelassenen -›gewissen Punktes‹, ohne jedoch Aufschluß darüber zu -erhalten. Endlich, auf eine besonders dringende Anfrage: »Wie -weit östlich?« telegraphierte Gouverneur Nye zurück: »Bis zum -atlantischen Ozean, Ihr Teufelsbraten! – über den schlagt eine -Brücke und macht, daß ihr hinüber kommt!«</p> - -<p>Darauf hin kamen die bestaubten Packesel zurück, die nun -einen Bericht einreichten und ihre Arbeit einstellten. Der Gouverneur<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span> -nahm die Sache fortwährend höchst gemütlich; er meinte, -da Frau Flannigan sich wegen des Unterhalts der Brigade doch -in jedem Falle irgendwie an ihn halten werde, so wolle er sich -mit den Jungens auch so viel Spaß machen, als möglich; er -gedenke, setzte er mit freundlichem Augenzwinkern hinzu, sie mit -ihren Vermessungen bis nach Utah hinein zu schicken und dann -an Brigham zu telegraphieren, er solle sie wegen Grenzverletzung -hängen lassen.</p> - -<p>Die Vermesser brachten immer noch mehr Taranteln mit, -so daß wir schließlich eine ganze Menagerie auf Brettern und -Fenstersimsen im Zimmer aufgestellt hatten. Manche von diesen -Spinnen konnten ihre haarigen muskulösen Beine über eine -gewöhnliche Untertasse auseinander sperren; und wenn ihre Gefühle -verletzt wurden oder man ihrer Würde zu nahe trat, so -mußte man sie nach ihrem Ausdruck für die heillosesten Halunken -im ganzen Tierreich halten. Bei jeder noch so leisen Berührung -ihrer gläsernen Gefängnisse waren sie in einem Augenblick -auf den Beinen und kampfgerüstet. In der ersten Nacht -nach der Rückkehr der Brigade wehte wie gewöhnlich ein wütender -Zephyr, der um Mitternacht das Dach eines benachbarten -Stalles fortblies, so daß eine Ecke desselben krachend durch unsern -Ranch hereingefahren kam. Es erfolgte ein gleichzeitiges Erwachen, -eine geräuschvolle Musterung der Brigade im Dunkeln -und ein allgemeines Stolpern und Uebereinanderpurzeln in dem -schmalen Gange zwischen den Bettreihen. Mitten in dem Getümmel -fuhr Bob H.– aus seinem gesunden Schlafe auf und -stieß dabei mit dem Kopfe ein Brett herunter. Im selben Augenblick -schrie er:</p> - -<p>»Reißt aus, Jungens, die Taranteln sind los!«</p> - -<p>Einen gräßlicheren Alarmruf hätte es nicht geben können. -Niemand wagte mehr das Zimmer zu verlassen aus Furcht, auf -eine Tarantel zu treten. Jeder tappte nach einem Koffer oder<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span> -einem Bett und schwang sich hinauf. Dann folgte die eigentümlichste -Stille – eine Stille gräßlicher Spannung, voll Erwartung, -Hoffnung, Furcht. Es war pechfinster, und um das -Schauspiel der vierzehn zu genießen, wie sie in höchst mangelhafter -Toilette ängstlich auf Koffern und Betten hockten, mußte -man sich schon mit der Einbildungskraft behelfen, denn zu sehen -war schlechterdings nichts. Dann folgten gelegentlich kleine Unterbrechungen -der Stille; man konnte an der Stimme erkennen, -wer sprach und wo der Betreffende sich befand; auch vermochte -man zu unterscheiden, aus welcher Richtung die sonstigen Geräusche -kamen, die einer der armen Dulder durch sein Herumtappen -oder eine Aenderung seiner Körperlage verursachte. Die -ab und zu vernehmbaren Stimmen waren nicht sehr gesprächig -– man hörte nur ein schwaches ›Au!‹ gefolgt von einem tüchtigen -Aufstampfen; dann wußte man, daß der betreffende Herr -einen haarigen Teppich oder sonst etwas dergleichen auf der -Haut gespürt und daraufhin einen Satz aus dem Bette auf den -Stubenboden gemacht hatte. Darnach wieder tiefe Stille. Jetzt -rief eine nach Luft schnappende Stimme:</p> - -<p>»Mi-mir krabbelt etwas hinten am Hals hinauf!« Alle -Augenblicke konnte man einen halbunterdrückten Schrei, ein schwaches -Strampeln und ein angstvolles ›ach, Herrgott!‹ vernehmen -– zum Zeichen, daß einer sich vor etwas zurückzog, was ihm -wie eine Tarantel vorkam, und zwar ohne Zeitverlust. Nun -schrie auf einmal hinten in der Ecke eine Stimme laut und -wild auf:</p> - -<p>»Ich hab’ ihn! Ich hab’ ihn!« (<span class="s90">Hierauf Pause, während der -die Verhältnisse sich vermutlich änderten.</span>) »Nein, er hat mich! O, -geht denn <em class="gesperrt">gar</em> niemand und holt eine Laterne?«</p> - -<p>In dem Augenblick erschien die Laterne in den Händen der -Frau O’Flannigan. Nachdem diese aus dem Bett gestiegen und -Licht gemacht, hatte sie trotz ihrer Begier, sich von der Größe<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span> -des durch das feindliche Dach angerichteten Schadens zu überzeugen, -wohlweislich nicht unterlassen, eine angemessene Weile -zu warten, bevor sie oben nachsah, ob der Wind jetzt fertig -oder noch mehr Unthaten vorhabe.</p> - -<p>Die Scenerie, welche sich enthüllte, als plötzlich der Schein -der Laterne ins Zimmer strahlte, war malerisch und wäre vielleicht -manchen Leuten komisch vorgekommen, für uns war sie es -nicht. Wir saßen zwar in höchst wunderlicher Stellung und -in einem nicht minder wunderlichen Aufzug auf Kisten, Koffern -und Betten herum, allein wir hatten viel zu große Angst und -fühlten uns zu unbehaglich, um etwas Komisches darin zu finden; -so war denn nirgends auch nur der Schein eines Lächelns zu -bemerken. Was mich betrifft, so kann ich mir nichts Aergeres -vorstellen als die Pein, die ich während der wenigen Minuten -voll angstvoller Spannung im Dunkeln, umgeben von diesen -kriechenden, blutgierigen Taranteln, erduldet hatte. In kaltem -Todesschweiß war ich von Bett zu Bett, von Kiste zu Kiste gehüpft, -und so oft ich an etwas Stacheligem streifte, bildete ich -mir bereits ein, ich spüre die Fänge.</p> - -<p>Ich ginge lieber in den Krieg, als dieses Vorkommnis noch -einmal mitzumachen. Es war übrigens niemand zu Schaden -gekommen. Derjenige welcher glaubte, eine Tarantel ›habe ihn‹, -irrte sich gründlich – er hatte sich nur die Finger in einen -Kistenspalt geklemmt. Von den entwichenen Taranteln wurde -keine jemals mehr gesehen; es waren zehn oder zwölf gewesen. -Wir durchsuchten das Zimmer mit Licht von oben bis unten, -jedoch ohne Erfolg. Dann gingen wir wohl zu Bette? O nein! -Alles Gold der Welt hätte uns nicht dazu gebracht. Wir blieben -die Nacht vollends auf, spielten ›Cribbage‹ und hielten scharfe -Ausschau nach dem Feinde.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Es war Ende August, der Himmel war wolkenlos und das -Wetter prachtvoll. Im Laufe einiger Wochen hatte mich -das merkwürdige neue Heimatland wunderbar bezaubert, und -ich nahm mir vor, meine Rückkehr nach den ›Staaten‹ einige -Zeit aufzuschieben. Ich hatte mich völlig daran gewöhnt, einen -schadhaften Schlapphut, ein blaues Wollhemd und die Hosen in -den Stiefelschäften zu tragen und war stolz auf den Mangel -von Rock, Weste und Hosenträgern. Es war mir so rüpelhaft -und ›großschnäuzig‹ zu Mute (wie der Historiker Josephus sich -in seinem schönen Kapitel über die Zerstörung des Tempels ausdrückt). -Ein so schönes und romantisches Leben konnte es nicht -wieder geben, davon war ich fest überzeugt. Ich war zwar -Regierungsbeamter, allein das diente nur zum äußeren Glanz. -Das Amt war eine reine Sinekure. Ich hatte nichts zu thun -und bezog keinen Gehalt. Ich war Privatsekretär Sr. Majestät -des Sekretärs und für zwei gab es noch nicht Schreiberei genug. -So widmete ich meine Zeit dem Vergnügen in Gesellschaft von -Johnny K.–, dem jungen Sohn eines Nabobs in Ohio, der -sich hier zu seiner Erholung aufhielt. Er fand diese auch. Wir -hatten von der wundersamen Schönheit des Tahoe-Sees reden -hören und schließlich trieb uns die Neugier, denselben in Augenschein -zu nehmen. Drei oder vier Mitglieder der Brigade waren -dort gewesen, hatten ein paar Holzschläge an seinen Ufern abgegrenzt -und in ihrem Lager einen Vorrat von Lebensmitteln -zurückgelassen. Wir schnallten uns ein paar wollene Decken auf -den Rücken, nahmen jeder eine Axt und machten uns auf – -denn wir wollten uns auch einen Waldranch oder so etwas anlegen -und vornehme Leute werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span></p> - -<p>Wir waren zu Fuß. Der Leser wird es vorteilhafter finden, -zu reiten. Man sagte uns, es sei elf Meilen Weges. Lange -marschierten wir auf ebenem Boden, dann klommen wir mühsam -einen vielleicht tausend Fuß hohen Berg hinauf und hielten -Umschau. Kein See da. Wir stiegen auf der andern Seite -wieder hinunter, gingen über die Thalmulde hinüber und quälten -uns noch einen Berg hinauf, der uns drei- bis viertausend Fuß -hoch vorkam, um abermals Umschau zu halten. Noch immer -kein See. Müde und schweißtriefend setzten wir uns nieder und -mieteten uns ein paar Chinesen, um die Leute zu verfluchen, -die uns zum besten gehabt hatten. Nach dieser Erfrischung -nahmen wir unsern Marsch mit erneuter Kraft und Entschlossenheit -abermals auf. Zwei oder drei Stunden schleppten wir uns -noch weiter, bis endlich mit einemmal der See vor uns lag – -eine herrliche blaue Wasserfläche, sechstausend dreihundert Fuß -über dem Meeresspiegel und von einer Kette schneebedeckter Berggipfel -umrahmt, die sich noch volle dreitausend Fuß höher auftürmten. -Es war ein riesiges Oval von reichlich achtzig bis -hundert Meilen Umfang. Wie er so dalag, während die Schattenbilder -der Berge sich herrlich auf seiner stillen Oberfläche wiederspiegelten, -war ich überzeugt, daß es sicherlich auf der ganzen -Erde kein schöneres Bild geben könne.</p> - -<p>Wir fanden den kleinen Kahn, welcher der Brigade gehörte, -und fuhren ohne Zeitverlust über eine tiefe Einbuchtung -des Sees auf die Meßstangen zu, welche das Lager bezeichneten. -Ich ließ Johnny rudern – nicht aus Scheu vor der Anstrengung, -sondern weil mir übel davon wird, wenn ich beim Arbeiten rückwärts -fahre. Dagegen steuerte ich. Nach einer Fahrt von drei -Meilen langten wir gerade mit Einbruch der Nacht an dem -Lager an; todmüde und mit einem wahren Wolfshunger stiegen -wir ans Land. In einer Höhlung unter den Felsen fanden wir -die Vorräte und das Kochgeschirr und nun setzte ich mich trotz<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span> -meiner Erschöpfung auf einen Felsblock und beaufsichtigte die -Zurüstungen, während Johnny Holz sammelte und das Essen -bereitete. Mancher, der so viel geleistet hatte, wie ich, hätte -sich wohl vor allem nach Ruhe gesehnt.</p> - -<div class="figright" id="illu-018"> - <img src="images/illu-018.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Es gab ein köstliches Essen – warmes Brot, gebratenen -Speck und schwarzen Kaffee. Und die Einsamkeit, die uns umgab, -war ebenfalls köstlich. Drei Meilen entfernt befand sich -eine Sägemühle mit -einigen Arbeitern, -außerdem gab es im -ganzen weiten Umkreis -des Sees keine -fünfzehn menschliche -Wesen. Als die Dunkelheit -herabsank und -die Sterne herauf -kamen, so daß der gewaltige -Spiegel wie -ein Juwelenschmuck -strahlte, schmauchten -wir beschaulich unsere -Pfeifen in der feierlichen -Stille und vergaßen -alle Sorgen und Schmerzen. Als es Zeit war, breiteten -wir unsere Decken über den warmen Sand zwischen zwei großen -Felsstücken und schliefen bald ein, unbekümmert um die Ameisen, -welche in langer Reihe uns in die Kleider krochen und uns bis -auf die Haut untersuchten. Den Schlaf, der uns umfing, vermochte -nichts zu stören, denn wir hatten ihn redlich verdient, -und wenn unser Gewissen uns irgend welcher Sünden beschuldigte, -so mußte es das Gericht für diese Nacht unter allen Umständen -vertagen. Der Wind erhob sich gerade, als uns das Bewußtsein<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span> -schwand, und das Anprallen der Brandung am Ufer lullte uns -in Schlummer.</p> - -<p>Es ist nachts stets sehr kalt am Rande dieses Sees, allein -wir waren gut mit Decken versehen, die uns hinreichend wärmten. -Die ganze Nacht rührten wir kein Glied; in aller Morgenfrühe -erwachten wir noch in derselben Lage, die wir abends eingenommen, -um sofort aufzuspringen, gründlichst erfrischt, frei -von Unbehagen und zum Uebersprudeln voll von neuer Spannkraft. -So etwas stärkt über alle Begriffe. Heute wären wir -mit zehn so hundemüden Leuten fertig geworden, wie wir tags -zuvor waren. In unserer Zeit brauchen viele Menschen ihrer -Gesundheit wegen Wasser- und Terrainkuren und gehen in fremde -Länder. Drei Monate Lagerleben am Tahoe-See würde einer -ägyptischen Mumie ihre urzeitliche Lebenskraft wieder geben, -und einen Appetit bekäme sie dadurch wie ein Alligator. Damit -meine ich natürlich nicht die ältesten und die trockensten Mumien, -sondern die frischeren. Die Luft da oben in den Wolken ist -gar rein und schön, gar frisch und köstlich. Und warum auch -nicht? – Ist es doch dieselbe, welche die Engel atmen. Ich -glaube, man würde die entsetzlichste Müdigkeit, die man sich -überhaupt vorstellen kann, in einer Nacht auf dem Sande am -Ufer dieses Sees sicher wegschlafen. Nicht unter einem Dach, -sondern unter freiem Himmel. Es regnet dort im Sommer -selten oder nie. Ich kenne jemand, der sterbenskrank dorthin -ging; aber es wurde nichts mit dem Sterben. Als ein Gerippe -kam er an und konnte sich kaum auf den Füßen halten; er hatte -keinen Appetit und that nichts als Traktätchen lesen und über -die Zukunft grübeln. Drei Monate darauf schlief er regelmäßig -im Freien, aß dreimal am Tage so viel in ihn hineinging und -pürschte zur Erholung dreitausend Fuß hoch im Gebirge dem -Wilde nach. Dabei war er kein Gerippe mehr, sondern hatte -ein beträchtliches Gewicht aufzuweisen. Das ist kein Hirngespinst,<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span> -es ist die reine Wahrheit. Er hatte an der Schwindsucht gelitten. -Ich empfehle seine Erfahrung vertrauensvoll anderen -Gerippen zur Nachahmung.</p> - -<p>Ich begnügte mich wiederum mit der Oberaufsicht über die -Küche. Sofort nach dem Frühstück stiegen wir ins Boot und -ruderten drei Meilen am Seegestade entlang; dann stiegen wir -aus. Die Stelle gefiel uns, deshalb nahmen wir etwa dreihundert -Morgen davon in Besitz und schnitten unser Merkzeichen -in einen Baum. Es war ein Bestand von gelben Fichten – -ein dichter Wald von Bäumen, hundert Fuß hoch und bis auf -fünf Fuß im Durchmesser über der Wurzel. Wir mußten unser -Besitztum jedoch einzäunen, anders konnten wir es nicht behaupten, -d. h. wir mußten da und dort einen Baum fällen, und zwar -so, daß dadurch eine Art Einfriedigung mit ziemlich weiten -Lücken entstand. Wir fällten jeder drei Bäume, fanden jedoch, -daß es eine so herzbrechende Arbeit war, daß wir beschlossen, es -dabei bewenden zu lassen; sicherten sie unser Eigentum – gut -und schön, wenn nicht – nun so mochte es durch die Lücke -auslaufen und von dannen fließen; tot quälen wollten wir uns -nicht um ein paar elende Morgen Land. Tags darauf kamen -wir zurück, um ein Haus aufzuschlagen; denn ein Haus war -gleichfalls notwendig, wenn wir unsern Besitz behaupten wollten.<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> -Wir beschlossen, ein tüchtiges Blockhaus zu bauen, das den Neid -der Jungen von der Brigade erregen sollte. Als wir jedoch -den ersten Klotz gehauen und zurecht gezimmert hatten, kam es -uns unnötig vor, soviel Sorgfalt darauf zu verwenden, und -wir beschlossen, es aus dünnen Stämmchen zu erbauen. Indessen -sahen wir uns nach dem Zuhauen und Abputzen zweier Stämmchen -zur Anerkennung der Thatsache genötigt, daß selbst eine<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span> -noch bescheidenere Architektur dem Gesetze Genüge thun würde, -worauf wir beschlossen, unser Haus aus Reisig zu errichten. -Wir widmeten dieser Arbeit den folgenden Tag, leisteten jedoch -soviel im Herumsitzen und Schwatzen, daß wir erst um die -Mitte des Nachmittags ein halbwegs fertiges Ding zu stande -gebracht hatten. Während einer von uns Strauchwerk abhieb, -mußte der andere unsern Bau bewachen, wir würden ihn sonst -am Ende nicht wiedergefunden haben, wenn wir ihm beide den -Rücken kehrten. Er hatte eine gar so starke Familienähnlichkeit -mit dem ihn umgebenden Buschwerk. Wir waren indes damit -zufrieden.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Um Regierungsland unentgeltlich zu bekommen, mußte ein Ansiedler -in gewisser Zeit ein Blockhaus gebaut und sonstige Arbeiten auf -dem von ihm beanspruchten Boden verrichtet haben.</p> -</div> -</div> - -<p>So waren wir nun Landbesitzer, in aller Form installiert -und unter dem Schutze des Gesetzes. Wir beschlossen deshalb, -unsern Wohnsitz auf unserem eigenen Grund und Boden aufzuschlagen -und uns jenes großen Gefühls der Unabhängigkeit -zu erfreuen, das nur eine solche Erfahrung verleihen kann. -Spät am folgenden Nachmittag fuhren wir nach einer herrlichen -und langen Rast von dem Lager der Brigade weg, samt allen -Vorräten und Kochgeschirren, die wir fortbringen konnten, und -zogen gerade mit Einbruch der Nacht das Boot auf unserem -eigenen Landungsplatze an den Strand.</p> - -<p>Wenn es irgend ein glücklicheres Leben giebt, als dasjenige, -welches wir von nun an zwei oder drei Wochen lang in unserer -Waldhütte führten, so muß das eine Sorte Leben sein, die ich -weder aus Büchern, noch aus eigener Erfahrung kennen gelernt -habe. Wir sahen während der ganzen Zeit außer uns selbst -kein lebendes Wesen und vernahmen keine anderen Töne als -diejenigen, welche Wind und Wellen hören ließen, das Seufzen -der Fichten und dann und wann den fernen Donner einer -Lawine. Der Wald um uns war dicht und kühl, der Himmel -über uns erstrahlte in wolkenlosem Sonnenschein, der breite See -vor uns war je nach der Stimmung der Natur bald klar wie<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span> -Kristall, bald von einem Lufthauch leicht gekräuselt und bald -schwarz und sturmbewegt. Die ihn im Kreise überragenden -Bergkuppen aber, mit Waldesgrün bekleidet, von Bergrutschen -zerrissen, durch Schluchten und Thäler gespalten und mit Hauben -glitzernden Schnees bedeckt, bildeten den passenden Rahmen und -Abschluß zu dem herrlichen Bilde. Die Aussicht war stets fesselnd, -bezaubernd, entzückend; nie wurde das Auge müde zu schauen, -bei Nacht oder Tag, bei Ruhe oder Sturm; es kannte nur -<em class="gesperrt">einen</em> Schmerz, nämlich, daß es nicht ununterbrochen schauen -durfte, sondern bisweilen sich zum Schlafe schließen mußte.</p> - -<p>Wir schliefen im Sande, hart am Rande des Wassers, -zwischen zwei schützenden Felsblöcken, die dafür sorgten, daß die -stürmischen Nachtwinde uns nichts anhaben konnten. Ohne Schlafmittel -schliefen wir stets ein und mit dem ersten Tagesgrauen -waren wir wieder auf und liefen gleich um die Wette, um -unser überschäumendes Kraftgefühl und unsere übermütige Laune -etwas herabzustimmen, d. h. Johnny lief – und ich hielt indessen -seinen Hut. Während wir dann nach dem Frühstück die -Friedenspfeife schmauchten, beobachteten wir, wie die Berggipfel -auf ihrer hohen Warte sich in den Glanz der Sonne kleideten. -Wir folgten dem Licht auf seinem Siegespfade, wie es zwischen -den Schatten herabschoß und die in den Banden der Finsternis -liegenden Felszacken und Wälder in Freiheit setzte. Wir sahen -die farbigen Bilder auf dem Wasser immer größer und heller -werden, bis jede kleine Einzelheit von Wald, Bergwand und -Felszinne hineingewoben war und das Zauberwerk vollständig -fertig vor uns lag. Dann ging es ans ›Geschäft‹, d. h. an das -Herumtreiben im Boote.</p> - -<p>Wir befanden uns am Nordufer. Hier waren die Felsen -auf dem Grunde grau oder weiß. Dadurch kommt die wunderbare -Durchsichtigkeit des Wassers zu vollerer Geltung als sonst -irgendwo auf dem See. Gewöhnlich ruderten wir etwa hundert<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span> -Ellen weit hinaus vom Ufer, dann legten wir uns im Sonnenschein -auf die Sitzbretter und ließen das Boot treiben, wohin -es wollte. Selten sprachen wir ein Wort; das hätte nur die -Sabbatstille unterbrochen und uns in den Träumen gestört, die -wir unserer üppigen Ruhe und Trägheit verdankten. Das Ufer -war allenthalben durch tiefe Buchten und Baien ausgezackt, die -von schmalen Sandbänken begrenzt wurden; wo der Sand endete, -stiegen die schroffen Bergwände in den Himmelsraum auf, wie -eine ungeheure, fast senkrechte Mauer, die dicht mit hochragenden -Fichten bewachsen ist.</p> - -<p>So eigentümlich klar war das Wasser, daß es an Stellen, -wo die Tiefe bloß zwanzig bis dreißig Fuß betrug, den Grund -mit einer Deutlichkeit erkennen ließ, welche die Täuschung hervorrief, -als schwämme das Boot in der Luft. Ja, dies war sogar -an Stellen von achtzig Fuß Tiefe der Fall.</p> - -<p>Jeder kleine Kiesel war deutlich sichtbar, jede gefleckte Forelle, -jede Handbreit Sand. Oft, wenn wir mit dem Gesicht nach -unten da lagen, tauchte ein granitner Block, scheinbar so groß -wie eine Dorfkirche, blitzschnell vom Grunde nach der Oberfläche -zu herauf, bis er plötzlich unsere Gesichter zu berühren drohte -und wir dem Antrieb, nach einem Ruder zu greifen und die -Gefahr abzuwenden, nicht zu widerstehen vermochten. Aber das -Boot schwamm weiter, der Block senkte sich wieder, und wir -konnten sehen, daß er, als wir uns genau über ihm befanden, -immer noch zwanzig bis dreißig Fuß unter der Oberfläche gewesen -sein mußte. In diesen großen Tiefen war das Wasser -nicht mehr bloß einfach durchsichtig, sondern geradezu leuchtend -und strahlend. Alle durch dasselbe gesehenen Gegenstände zeigten -sich nicht nur in allgemeinen Umrissen, sondern bis zur kleinsten -Einzelheit, mit solchem Glanz und solcher Klarheit, wie dies -nicht der Fall gewesen sein würde, hätte man sie durch eine -Luftschicht von derselben Tiefe hindurch gesehen. Der ganze<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span> -Raum da unten kam uns so leer und luftig vor, und wir hatten -so lebhaft das Gefühl, hoch darüber, mitten im Nichts hinzuschwimmen, -daß wir diese Ausflüge im Boote unsere ›Luftballon-Reisen‹ -nannten.</p> - -<p>Wir fischten fleißig, fingen aber im Durchschnitt kaum einen -Fisch in der Woche. Wir konnten Forellen zu Tausenden unter -uns durch den leeren Raum hinschwimmen oder an Sandbänken -auf dem Grunde schlafen sehen, aber anbeißen wollten sie nicht -– vielleicht, daß sie die Angelschnur zu deutlich unterscheiden -konnten. Oftmals lasen wir uns eine Forelle aus, die wir -gerne haben wollten und ließen ihr den Köder mit unermüdlicher -Geduld achtzig Fuß tief drunten dicht vor der Nase baumeln; -aber sie schüttelte denselben nur verdrießlich ab und nahm eine -andere Stellung ein.</p> - -<p>Gelegentlich badeten wir, doch war das Wasser, obwohl -es so sonnig aussah, ziemlich frisch. Manchmal ruderten wir -hinaus nach dem ›blauen Wasser‹, eine oder zwei Meilen vom -Ufer. Das Wasser war dort ganz dunkelblau wie Indigo wegen -der ungeheuren Tiefe. Der amtlichen Messung zufolge ist der -See in der Mitte 1525 Fuß tief!</p> - -<p>Bisweilen streckten wir uns an müßigen Nachmittagen auf -den Sand hin und lasen bei einer Pfeife ein paar alte abgegriffene -Erzählungen. Abends am Lagerfeuer spielten wir zur -Herzstärkung ›Euchre‹ und ›Seven Up‹, und zwar mit so fettigen -und schäbigen Karten, daß nur eine den ganzen Sommer fortgesetzte -Bekanntschaft mit ihnen es ermöglichte, bei gehöriger -Aufmerksamkeit das Kreuz-Aß vom Schellen-Buben zu unterscheiden.</p> - -<p>In unserm ›Hause‹ schliefen wir niemals; das kam uns -gar nicht in den Sinn; überdies hatten wir es ja nur gebaut, -um das Anrecht auf Grund und Boden zu erhalten, und das -genügte. Zuviel zumuten wollten wir ihm nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span></p> - -<p>Allmählich begannen unsere Lebensmittel knapp zu werden; -wir kehrten deshalb ins alte Lager zurück, um neue Vorräte zu -holen. Wir waren den ganzen Tag fort und kamen erst mit -Einbruch der Nacht ziemlich müde und hungrig wieder heim. -Während Johnny die Hauptmasse der Lebensmittel zu späterem -Gebrauch in unser Haus trug, schaffte ich den Brotlaib, etliche -Schinken und den Kaffeetopf ans Ufer, stellte die Sachen an -einem Baum ab, zündete ein Feuer an und ging dann nach dem -Boote zurück, um die Bratpfanne zu holen. Unterwegs hörte -ich einen Schrei von Johnny, und als ich aufblickte, sah ich -mein Feuer über die ganze Umgegend hingaloppieren. Johnny -befand sich jenseits desselben und mußte durch die Flammen -hindurchlaufen, um das Seeufer zu gewinnen; dann standen -wir hilflos da und beobachteten die Verwüstung, die der Brand -anrichtete.</p> - -<p>Der Boden war mit einer hohen Schicht trockener Fichtennadeln -bedeckt, die bei der ersten Berührung mit dem Feuer -aufflammten wie Schießpulver. Es war merkwürdig anzusehen, -mit wie rasender Eile die gewaltige Flammensäule sich fortbewegte. -Mein Kaffeetopf war dahin und alles andere mit -ihm. Nach anderthalb Minuten ergriff das Feuer einen dichten -Busch trockenen Manzanita-Gesträuchs von sechs bis acht Fuß -Höhe, und nun wurde das Brausen, Zischen und Prasseln geradezu -fürchterlich. Die durchdringende Hitze trieb uns in das -Boot, wo wir, wie durch einen Zauber gefesselt, verblieben.</p> - -<p>Binnen einer halben Stunde war alles vor unseren Augen -ein rasendes und blendendes Flammenmeer. Das Feuer brauste -an den nächsten Hügelkämmen empor, überstieg dieselben und -verschwand in den jenseitigen Schluchten, um dann plötzlich auf -ferneren und höheren Bergrücken abermals zum Vorschein zu -kommen, wo es eine noch gewaltigere Helle ausstrahlte und -dann wieder untertauchte. Dann flammte es wieder auf, höher<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span> -und immer höher am Bergeshang, sandte Glutströme wie Plänklerketten -da und dorthin aus, die sich dann in rotglühenden Schlangenlinien -zwischen fernen Bergwänden, Klippen und Schlünden hinwälzten, -bis die hoch aufragenden Gebirgsstöcke, so weit das Auge -reichte, von roten Lavabächen überzogen waren, die einem verschlungenen -Netzwerk glichen. Weithin über dem Wasser erstrahlten -die Felshörner und Bergkuppen in grellrotem Glanz, -und das Firmament droben flammte in einer wahren Höllenglut!</p> - -<p>Dieses Schauspiel wiederholte sich Zug für Zug in dem -glühenden Spiegel des Sees! Beide Bilder waren erhaben, -beide schön, doch zeigte das Spiegelbild im See eine staunenswerte -Farbenpracht, welche das Auge noch unwiderstehlicher -fesselte und entzückte.</p> - -<p>Vier lange Stunden saßen wir in uns versunken und -regungslos da; wir dachten weder an Speise noch Trank und -fühlten keine Ermüdung. Um elf Uhr hatte der Brand unsern -Gesichtskreis überschritten und allmählich lagerte sich das Dunkel -wieder über die Landschaft.</p> - -<p>Jetzt meldete sich der Hunger; aber es gab nichts zu essen. -Die Lebensmittel waren ohne Zweifel sämtlich gekocht und gebraten; -doch nahmen wir sie nicht in Augenschein. Wir waren -wieder heimat- und besitzlose Wandervögel. Unser Zaun war -fort, unser Haus verbrannt und nicht einmal versichert gewesen. -Unser Fichtenwald war gehörig versengt, die abgestorbenen Bäume -sämtlich verbrannt und die weiten Strecken Manzanita-Gebüsch -weggefegt. Unsere Decken indes befanden sich an unserem gewohnten -Schlafplatz auf dem Sande; so legten wir uns denn -nieder und schliefen ein. Am nächsten Morgen brachen wir -wieder nach dem alten Lager auf, aber während wir noch eine -weite Strecke vom Ufer entfernt waren, brauste ein gewaltiger -Sturm heran, so daß wir nicht zu landen wagten. So schöpfte -ich denn die Wasserstürze aus, die uns ins Boot schlugen, während<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span> -Johnny mit Macht durch die Wogen ruderte, bis wir drei -oder vier Meilen jenseits des Lagers eine gute Landungsstelle -erreicht hatten. Der Sturm blies immer stärker, und es wurde -uns immer klarer, daß wir besser thäten, das Boot auf gut -Glück auf den Strand laufen zu lassen, als uns der Gefahr -auszusetzen, in hundert Faden tiefem Wasser zu versinken. So -fuhren wir denn aufs Land zu, hohe, weiße Wellenkämme hinter -uns; ich saß hinten auf dem letzten Brette und lenkte die Spitze -des Bootes nach dem Ufer hin. Im Augenblick, als dasselbe -aufstieß, kam eine Welle über den Stern herüber, welche Mannschaft -und Ladung ans Ufer spülte und uns dadurch viele Mühe -und Not ersparte. Den ganzen Tag über zitterten wir hinter -einem Felsblock vor Frost und froren auch die ganze Nacht hindurch. -Am Morgen hatte sich der Sturm gelegt und wir ruderten -ohne jeden überflüssigen Aufenthalt nach dem Lager. Wir waren -dermaßen ausgehungert, daß wir den ganzen Rest des Proviants -der Brigade aufaßen; dann machten wir uns nach Carson auf, -um ihnen zu beichten und sie um Absolution zu bitten. Gegen -Zahlung des Schadens wurde dieselbe gewährt.</p> - -<p>Wir machten später noch manchen Ausflug nach dem See -und bestanden haarsträubende Abenteuer, bei denen wir nur -mit knapper Not davonkamen. Aber die Geschichte schweigt -darüber.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[29]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Ich kam jetzt zu dem festen Entschluß, mir ein Reitpferd -anzuschaffen. Nie hatte ich, außer im Zirkus, eine so -tolle, freie, prächtige Reitkunst gesehen, wie sie diese malerisch -gekleideten Mexikaner, Kalifornier und mexikanisierten Amerikaner -in Carson Tag für Tag zum besten gaben. Wie die ritten! -Nur ein klein wenig nach vorn gebeugt, fegten sie durch die -Straßen wie der Wind; die breite Krempe ihres Schlapphutes -stand kerzengerade in die Höhe, und sie schwangen die lange -Riata über dem Kopfe. Eine Minute darauf waren sie nur -noch ein Staubwölkchen, weit draußen in der Wüste. Beim -Traben waren sie stolz und anmutig auf dem Pferde, als wären -sie mit demselben verwachsen und hopsten nicht auf und nieder -nach der albernen Manier der Reitschulen. Ich hatte bald ein -Pferd von einer Kuh unterscheiden gelernt und brannte vor Begier, -noch mehr zu können; ich war entschlossen, mir ein Pferd -zu kaufen. Während dieser Gedanke mir im Kopf herumschwirrte, -kam der Auktionator auf einem schwarzen Tiere über die Plaza -gejagt, es war höckerig und eckig wie ein Kamel und auch -ebenso häßlich; allein es wurde versteigert: »zum drittenmal -zweiundzwanzig – Pferd, Sattel und Zügel für zweiundzwanzig -Dollars, meine Herren!« und da konnte ich kaum widerstehen.</p> - -<div class="figleft" id="illu-029"> - <img src="images/illu-029.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Ein unbekannter Mann (wie sich später zeigte, war es der -Bruder des Auktionators) bemerkte meine sehnsüchtigen Blicke -und meinte, es sei doch für den Preis ein ganz respektables -Pferd; der Sattel, fügte er bei, sei allein das Geld wert. Es -war ein spanischer Sattel mit gewichtigen ›Tapidaros‹ und mit -dem plumpen Ueberzug von Sohlenleder unaussprechlichen Namens.<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[30]</span> -Ich sagte, ich hätte halb und halb Lust zu bieten. Darauf sah -mich der Mensch mit seinen stechenden Augen an, als wollte er -prüfen, wes Geistes Kind ich sei; doch ließ ich jeden Verdacht -fallen, als er sprach, denn sein Wesen war voll argloser Aufrichtigkeit -und Wahrhaftigkeit.</p> - -<p>»Ich kenne dieses Pferd, – kenne es genau,« sagte er, -»Sie sind ein Fremder dem Anschein nach, und so können Sie -vielleicht meinen, es sei ein amerikanisches Pferd, aber ich versichere -Sie, das ist nicht der Fall. Es ist -durchaus nichts dergleichen; es ist – entschuldigen -Sie, wenn ich leise spreche, es -sind noch mehr Leute um den Weg – es -ist ohne den allermindesten Zweifel ein echter -mexikanischer Stöpsel!« Ich wußte allerdings -nicht, was ein echter mexikanischer -Stöpsel war, allein es lag etwas so Besonderes -in der Art, wie der Mann das -sagte, daß ich mir im stillen gelobte, ich -müsse einen echten mexikanischen Stöpsel -haben, und sollte es mein Leben gelten. -»Hat es sonst noch Vorzüge?« forschte ich -mit unsicherer Stimme, indem ich meine Ungeduld nach Kräften -zu bemeistern suchte.</p> - -<p>Er faßte mit einem Finger in die Tasche meines Wollhemdes, -zog mich beiseite und flüsterte mir mit Nachdruck ins -Ohr: »Er ist im Bocken jedem über in ganz Amerika!«</p> - -<div class="figright" id="illu-030"> - <img src="images/illu-030.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Zum dritten, zum dritten, zum drittenmal – vierundzwanzig -ein halb Dollars meine Her–«</p> - -<p>»Siebenundzwanzig!« schrie ich wie toll.</p> - -<p>»Gehört Ihnen!« erklärte der Auktionator, und damit übergab -er mir den echten mexikanischen Stöpsel.</p> - -<p>Ich vermochte kaum meinen Jubel zurückzuhalten, bezahlte<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[31]</span> -das Geld und stellte das Tier in den benachbarten Mietstall ein, -damit es etwas zu fressen bekomme und sich ausruhe. Am -Nachmittag nahm ich das Geschöpf mit auf die Plaza, wo ein -paar Leute es an Kopf -und Schwanz festhielten, -während ich aufstieg. Sobald -sie losließen, stellte -der Gaul seine vier Füße -dicht zusammen, senkte -den Rücken und wölbte -ihn dann wieder plötzlich, -so daß er mich drei oder -vier Fuß hoch in die Luft -hinauf schnellte! Ich kam -ganz senkrecht wieder herunter, -mitten in den Sattel, -flog aber augenblicklich -wieder in die Höhe -und wäre fast auf den -hohen Sattelknopf gekommen, -schoß dann ein -drittesmal empor und kam -jetzt auf den Hals des -Gaules zu sitzen – alles -im Verlauf von drei oder -vier Sekunden. Nun -bäumte er sich und stand fast kerzengerade auf den Hinterbeinen, -während ich mich verzweifelt an seinen mageren Hals anklammerte -und so in den Sattel zurückrutschte. Kaum stand er wieder auf -allen Vieren, so hob er sofort die Hinterbeine und stellte sich -auf die Vorderbeine, während er mit jenen ausschlug, als wollte -er dem Himmel eins versetzen. Sodann begann er abermals<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[32]</span> -Flugübungen mit mir anzustellen. Als ich das drittemal emporschnellte, -hörte ich, wie ein Fremder sagte: »O, aber der kann -einmal bocken!«</p> - -<p>Ich schwebte noch in der Luft, als jemand dem Gaul einen -schallenden Hieb mit einem Lederriemen gab, und als ich wieder -herunterkam, war -der echte mexikanische -Stöpsel nicht -mehr da. Ein junger -Kalifornier jagte -ihm nach, fing ihn -ein und fragte, ob -er einen Ritt mit -ihm machen dürfe. -Ich gestattete ihm -diesen Hochgenuß. -Er bestieg den Echten und flog ebenfalls -einmal in die Höhe, rannte -ihm aber, wie er herunterkam, die -Sporen in die Rippen, worauf der -Gaul davonging wie ein Telegramm. -Er schwebte über drei Zäune wie -ein Vogel und verschwand auf der -Straße nach dem Washoe-Thal.</p> - -<div class="ulshapepic" id="illu-031"> -<div class="boxu box031u"> -<img src="images/illu-031.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box031l"></div> -</div> - -<p>Ich ließ mich mit einem Seufzer -auf einen Stein nieder und suchte unwillkürlich mit der einen -Hand die Stirn, mit der andern den Magen. Ich glaube, ich -hatte noch nie die Unzulänglichkeit der menschlichen Maschinerie -so gründlich erkannt, – denn ich hätte mindestens eine oder -zwei Hände mehr haben sollen, um sie noch an andere Stellen -halten zu können. Keine Feder kann beschreiben, wie ich zusammengeschüttelt -war. Keine Einbildungskraft reicht hin, um<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[33]</span> -sich vorzustellen, wie ich gänzlich aus dem Leim gegangen, innerlich -und äußerlich zerrissen, zerfahren und durch und durch gerüttelt -war. Es hatte sich indes eine teilnehmende Schar um -mich gesammelt, und ein Mann von ältlichem Aussehen spendete -mir den Trost:</p> - -<p>»Fremder, Sie sind hereingefallen. Jedermann in diesem -Neste kennt dieses Pferd. Jedes Kind, jeder Indianer hätte -Ihnen sagen können, daß es bocken würde; es ist im Bocken -der schlimmste Teufel in ganz Amerika. Hören Sie, was ich -sage. Ich bin Curry, der alte Curry, der alte Abe Curry. -Der Gaul ist ein echter mexikanischer Stöpsel durch und durch -und dazu noch ein ungewöhnlich niederträchtiger. Ei, Sie Tausendsapperlot, -wenn Sie es gescheit angegriffen hätten, so hätten -Sie vielleicht ein amerikanisches Pferd für weit weniger kriegen -können, als Sie für die elende, alte, fremde Krake bezahlt haben.«</p> - -<p>Ich sagte keine Silbe, aber ich nahm mir im stillen vor, -falls der Bruder des Auktionators während meines Aufenthalts -im Lande zu Grabe getragen werden sollte, alle andern Vergnügungen -zu verschieben, um dieses Begräbnis nicht zu versäumen.</p> - -<p>Nach einem Galopp von sechzehn Meilen kamen der kalifornische -Jüngling und der echte mexikanische Stöpsel wieder in -die Stadt gejagt. Die Schaumflocken flogen um sie herum, wie -um das Flugwasser, das vor einem Wirbelsturm dahertreibt. -Mit einem letzten Satz, den sie über einen Schubkarren und -einen Chinesen weg machten, warfen sie vor dem Ranch Anker.</p> - -<p>Dieses Keuchen und Schnauben! Wie die roten Nüstern -des Pferdes arbeiteten und seine wilden Augen blitzten! Aber -war der störrische Gaul etwa geduckt? Nein, wahrhaftig nicht. -Seine Herrlichkeit der ›Sprecher des Hauses‹ glaubte das und -wollte auf ihm nach dem Kapitol (Regierungsgebäude) reiten. -Allein sogleich machte das Geschöpf einen Satz über einen Haufen<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[34]</span> -Telegraphenstangen weg, halb so hoch wie eine Kirche, und den -Weg nach dem Kapitol – eine und dreiviertel Meilen – <em class="gesperrt">flog</em> -es anstatt zu laufen, d. h. es sauste schnurgerade über alles hinweg, -indem es Zäune und Gräben den Krümmungen der Straße -vorzog. Als der Sprecher nach dem Kapitol gelangte, war er -weit mehr in der Luft gewesen, als auf dem Pferderücken und -meinte, ihm sei zu Mute, als habe er die Tour auf einem -Kometen gemacht.</p> - -<p>Abends kam der Sprecher zu Fuß nach Hause und ließ den -›Echten‹ hinter einem Steinwagen angebunden stehen. Tags -darauf überließ ich das Tier dem Sekretär des Hauses zu einem -Ritt nach der sechs Meilen entfernten Silbergrube von Dana; -auch er kam (um sich Bewegung zu machen) zu Fuß zurück und -ließ das Pferd angebunden stehen. Ich mochte den Gaul leihen, -wem ich wollte, alle kamen zu Fuß zurück, alle meinten, es fehle -ihnen sonst an der nötigen Bewegung. Trotzdem borgte ich ihn -fortwährend jedem, der ihn haben wollte; ich dachte, wenn der -Gaul sich dabei einen Schaden thäte, könnte ich ihn dem Betreffenden -aufhalsen, oder er bräche das Genick, dann müsse mir -der Reiter den Wert ersetzen. Es passierte ihm jedoch nicht das -geringste. Er lieferte Stückchen, die noch nie ein Pferd geleistet -hat, ohne Hals und Bein zu brechen; aber er kam immer mit -heiler Haut davon. Tag für Tag unternahm er Sachen, die -man sonst für unmöglich hielt, setzte aber alles durch. Manchmal -verrechnete er sich allerdings ein klein wenig und brachte -den Reiter in Schaden; aber ihm selbst wurde nie ein Haar gekrümmt. -Natürlich hatte ich längst den Versuch gemacht, ihn -zu verkaufen, doch fand dieses naive Unternehmen sehr wenig -Anklang. Vier Tage lang raste der Auktionator auf ihm in -den Straßen auf und ab, wobei er die Leute auseinanderjagte, -den Verkehr störte und Kinder zu Boden ritt, ohne irgend ein -Gebot zu erhalten – wenigstens kein anderes als die achtzehn<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[35]</span> -Dollars, die ein von ihm gedungener, notorisch vermögensloser -Bummler bot. Die Leute lachten nur in aller Freundlichkeit, -bezwangen aber ihre Kauflust, falls eine solche überhaupt bei -ihnen vorlag. Darauf behändigte mir der Auktionator seine -Rechnung und zog den Gaul vom Markte zurück. Nun suchten -wir denselben aus freier Hand loszuschlagen, indem wir ihn mit -Verlust gegen ausrangierte Grabsteine, altes Eisen, Mäßigkeitstraktätchen -– kurz gegen irgend welche Ware in Tausch anboten. -Allein die Eigentümer so schöner Sachen waren auf ihrer Hut -und aus dem Geschäft wurde nichts. Nie mehr machte ich den -Versuch, den Gaul zu reiten. Für einen Menschen, wie ich, der -nur über Brüche und andere innere Schäden u. dgl. zu klagen -hatte, reichte das Gehen zur Bewegung vollständig hin. Endlich -versuchte ich ihn zu verschenken, aber auch das verfing nicht. Die -Leute meinten, an der Meeresküste seien die Erdbeben billig genug -zu haben, – sie wollten sich nicht selber eins anschaffen. -Zuletzt verfiel ich darauf, ihn dem Gouverneur zum Gebrauch -für die Brigade anzubieten. Im ersten Augenblick leuchtete sein -Gesicht vor Begier auf, nahm aber bald wieder einen gleichgültigeren -Ausdruck an, – er meinte, die Sache wäre denn -doch gar zu durchsichtig.</p> - -<p>Gerade um diese Zeit brachte der Inhaber des Mietstalles -mir seine Rechnung für sechswöchige Pflege des Gauls – -Stallraum fünfzehn Dollars, Heu zweihundertfünfzig! Der echte -mexikanische Stöpsel hatte eine Tonne Heu gefressen, und der -Mann behauptete, wenn er ihm den Willen gelassen hätte, würde -er wohl hundert Tonnen aufgefressen haben.</p> - -<p>Ich will hier in allem Ernste bemerken, daß der gewöhnliche -Preis des Heus während dieses und eines Teils des folgenden -Jahres wirklich zweihundertfünfzig Dollars die Tonne -betrug. Im vergangenen Jahre hatte die Tonne bisweilen -fünfhundert Dollars in Gold gekostet, und im Winter vorher<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[36]</span> -war der Artikel so knapp, daß kleine Vorräte gelegentlich achthundert -Dollars die Tonne eingebracht hatten! Die Folgen -lassen sich leicht erraten: Die Leute trieben ihr Vieh hinaus -und überließen es dem Hungertode; noch ehe der Frühling ins -Land kam, waren die Thäler von Carson und Eagle mit den -Leichnamen der Tiere förmlich übersäet. Jeder alte Ansiedler -wird dies bestätigen. Ich ermöglichte es, die Mietstallrechnung -zu zahlen, und noch am selben Tage schenkte ich den ›echten -mexikanischen Stöpsel‹ einem vorüberziehenden Auswanderer aus -Arkansas.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-035"> - <img src="images/illu-035.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[37]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-n.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Nevada bildete ursprünglich einen Teil von Utah unter -dem Namen Carson County, und es war das eine recht -ansehnliche ›Grafschaft‹. In einigen Thälern gab es Heu in -Masse und dies zog ganze Kolonieen mormonischer Viehzüchter -und Farmer dorthin. Von Kalifornien aus kamen auch vereinzelt -kleine Scharen rechtgläubiger Amerikaner herüber, allein -die beiden Klassen von Ansiedlern waren einander nicht sehr -hold. Es herrschte so gut wie gar kein freundlicher Verkehr -unter ihnen, jeder Teil blieb für sich. Die Mormonen waren -bedeutend in der Ueberzahl und genossen außerdem den Vorzug -eines besonderen Schutzes von seiten der mormonischen Regierung -des Territoriums. Deshalb konnten sie sich erlauben, hochmütig, -ja selbst gebieterisch gegen ihre Nachbarn aufzutreten.</p> - -<p>Im Jahre 1858 wurden in Carson County Silberadern -entdeckt, und damit gewannen die Verhältnisse ein anderes Ansehen. -Kalifornier strömten in Scharen herein und das amerikanische -Element bildete bald die Mehrheit. Die Verpflichtung -zum Gehorsam gegenüber Brigham Young<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> und Utah wurde -aufgehoben und von den Bürgern eine provisorische Territorial-Regierung -für Washoe eingerichtet. Gouverneur Roop war -der erste und einzige höhere Beamte. Nach Ablauf der erforderlichen -Zeit beschloß der Kongreß die Organisation des ›Territoriums -Nevada‹, worauf Präsident Lincoln den Gouverneur -Nye an Roops Stelle schickte. Um jene Zeit betrug die Bevölkerung -des Territoriums ungefähr zwölf- bis fünfzehntausend<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[38]</span> -Seelen und wuchs mit reißender Schnelligkeit; man beutete -eifrig die Silbergruben aus und errichtete Pochwerke für das -Silbererz; Geschäfte aller Art entstanden und gediehen von Tag -zu Tag mehr.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Das langjährige Staatsoberhaupt der Mormonen.</p> -</div> -</div> - -<p>Die Bewohner waren froh, eine gesetzmäßige, geordnete -Regierung zu besitzen; dagegen waren sie nicht besonders erbaut -davon, die Gewalt an Fremde aus weit entlegenen Staaten -übertragen zu sehen – eine höchst natürliche Empfindung. Sie -meinten, man hätte die Beamten aus ihrer eigenen Mitte wählen -sollen – aus den hervorragenden Bürgern, die sich ein Recht -auf solche Beförderung erworben hätten, die die Gefühle der -Bevölkerung teilten und mit den Bedürfnissen des Territoriums -gründlich vertraut wären. Dieser Gesichtspunkt war zweifellos -völlig berechtigt. Ueberdies waren die neuen Beamten ›Auswanderer‹, -und schon deshalb brachte man ihnen von keiner -Seite Liebe und Hochachtung entgegen. Die neue Regierung -wurde also mit beträchtlicher Kälte aufgenommen, sie kam nicht -nur als fremder Eindringling, sondern war auch außerdem arm. -Es verlohnte sich nicht einmal, sie zu rupfen – höchstens für -die elendesten der kleinen Aemterhascher und Stellenjäger. Jedermann -wußte, daß der Kongreß nur zwanzigtausend Papier-Dollars -jährlich für ihren Unterhalt ausgesetzt hatte – ungefähr -gerade genug, um ein Quarz-Pochwerk einen Monat lang -in Betrieb zu erhalten. Auch war allgemein bekannt, daß das -Geld für das erste Jahr noch in Washington lag und daß es -lange dauern und manche Schwierigkeit machen werde, bis man -es zu sehen bekäme. Carson City war zu unliebenswürdig und -zu klug, um dem fremden Wechselbalg etwa mit unschicklicher -Hast ein Konto zu eröffnen.</p> - -<p>Es liegt etwas Tragikomisches in den Kämpfen, unter -denen eine neugeborene Territorial-Regierung sich ihren Platz -in dieser Welt erobert; die unsrige hatte einen sehr schweren<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[39]</span> -Stand. Das Organisations-Gesetz und die Instruktionen des -Staatsdepartements schrieben vor, daß binnen der und der Zeit -eine gesetzgebende Versammlung gewählt und deren Sitzungen -an dem und dem Tag eröffnet werden sollten. Gesetzgeber zu -bekommen war nicht schwer, selbst für drei Dollars Taggeld, -obwohl Kost und Wohnung fünftehalb Dollars betrug, denn -Würde und Ansehen haben in Nevada ihren Reiz so gut wie -anderswo, und es gab eine Menge beschäftigungsloser patriotischer -Seelen; aber eine Halle für die Versammlungen zu beschaffen, -das war nicht so leicht geschehen. Carson lehnte höflich -ab, einen Saal mietfrei herzugeben oder der Regierung auf -Kredit zu überlassen. Als jedoch Curry von der Schwierigkeit -hörte, trat er ganz allein vor, nahm das Staatsschiff auf seine -Schultern, trug es über die Sandbank und machte es wieder -flott. Ich meine unsern Curry – den <em class="gesperrt">alten</em> Curry – den -alten <em class="gesperrt">Abe</em> Curry. Ohne ihn hätte die Gesetzgebung ihre Sitzungen -in der Wüste abhalten müssen. Er bot sein großes, massives -Gebäude, dicht neben der Stadtgrenze, mietfrei an, was freudig -angenommen wurde. Dann baute er eine Pferdebahn von der -Stadt nach dem Kapitol, auf der er die Gesetzgeber gratis beförderte. -Ferner lieferte er fichtene Bänke und Stühle für dieselben -und ließ die Fußböden mit Sägspänen belegen, welche -Teppich und Spucknapf zugleich vorstellten. Ohne Curry wäre -die Regierung in den Windeln gestorben. Zur Trennung des -Senats vom Repräsentantenhaus ließ der Sekretär eine Zwischenwand -von Sackleinwand beschaffen, welche drei Dollars und -vierzig Cents kostete; allein die Vereinigten Staaten lehnten -deren Bezahlung ab. Auf den Einwurf, daß ja die ›Instruktionen‹ -die Bezahlung eines reichlichen Mietpreises für einen Versammlungssaal -gestatten, und daß Herrn Currys Freigebigkeit dem -Vaterland diese Summe erspart habe, erklärten die Vereinigten -Staaten, das ändere nichts an der Sache; die drei Dollars und<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[40]</span> -vierzig Cents würden an dem Sekretärs-Gehalt von achtzehnhundert -Dollars in Abzug gebracht werden – und so geschah -es auch!</p> - -<p>Eine der Hauptschwierigkeiten, mit welchen die neue Regierung -anfänglich zu kämpfen hatte, bildeten die Drucksachen. -Der Sekretär war eidlich zur Befolgung seiner geschriebenen -Instruktionen verpflichtet, welche zwei Dinge mit unfehlbarer -Bestimmtheit von ihm verlangten, nämlich:</p> - -<p>1. Die täglichen Berichte über die Verhandlungen beider -Häuser drucken zu lassen und</p> - -<p>2. bei dieser Arbeit für den Satz anderthalb Dollars pro -Tausend und für den Druck anderthalb Dollars pro Ries in -Staatsnoten zu zahlen.</p> - -<p>Es war keine Kunst, zu schwören, daß man diesen beiden -Vorschriften nachkommen wolle, aber mehr als eine derselben -wirklich auszuführen, war völlig unmöglich. Als die Staatsnoten -bis auf vierzig Cents für den Dollar gefallen waren, -forderten die Druckereien allerdings anderthalb Dollars für das -Tausend und ebensoviel für das Ries, aber in <em class="gesperrt">Gold</em>. Laut -seiner Instruktion hatte der Sekretär aber einen von der Regierung -ausgegebenen Papierdollar jedem anderen von ihr ausgegebenen -Dollar gleich zu achten. Der Druck der Berichte -wurde deshalb abgebrochen. Daraufhin erteilten die Vereinigten -Staaten dem Sekretär eine ernste Rüge wegen Nichtbeachtung -seiner Instruktionen und ermahnten ihn, bessere Wege zu wandeln. -Er ließ deshalb einiges drucken und schickte die Rechnung nach -Washington unter genauer Auseinandersetzung der hohen Preise -im Territorium und machte dabei besonders auf einen gedruckten -Marktbericht aufmerksam, woraus man ersehen möge, daß sogar -die Tonne Heu zweihundertfünfzig Dollars koste. Hierauf antworteten -die Vereinigten Staaten damit, daß sie die Drucksachen-Rechnung -von dem unglücklichen Sekretärs-Gehalt abzogen, wobei<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[41]</span> -sie außerdem mit würdevollem Ernst beifügten, er werde -in seinen Instruktionen vergebens nach einer Anweisung suchen, -Heu zu kaufen!</p> - -<p>Auf der ganzen Welt ist nichts in eine so undurchdringliche -Finsternis gehüllt, wie der Verstand eines Kontrolleurs im -Schatzamt der Vereinigten Staaten. Selbst die Feuerflammen -des Jenseits vermöchten kaum einen matten Schimmer in seinem -Hirn zu verbreiten. Damals war nichts imstande, ihm begreiflich -zu machen, wie es kam, daß zwanzigtausend Dollars in -Nevada, wo alle Waren ungeheuer hoch im Preise standen, nicht -soweit reichten wie in den anderen Territorien, wo in der Regel -eine außerordentliche Billigkeit herrschte. Er war ein Beamter, -der stets nur sein Augenmerk auf die kleinen Ausgaben richtete. -Wie oben bereits bemerkt, benützte der Sekretär des Territoriums -seine Schlafstube als Amtszimmer und rechnete dem -Staat dafür keinen Mietzins an, obwohl dies in seinen Instruktionen -vorgesehen war und er ganz gut seinen Vorteil daraus -hätte ziehen können (was ich augenblicklich gethan haben würde, -wäre ich selbst Sekretär gewesen.) Allein die Vereinigten Staaten -zollten dieser Hingebung niemals Anerkennung. Ich muß wirklich -annehmen, mein Vaterland habe sich geschämt, einen Menschen -in seinem Dienst zu haben, der sich so wenig auf seinen Vorteil -verstand. Diese oft erwähnten ›Instruktionen‹ (wir lasen -gewöhnlich ein Kapitel daraus jeden Morgen als geistige Turnübung -und am Sabbat in der Sonntagsschule ein paar Kapitel, -denn sie beschäftigten sich mit allem möglichen unter der Sonne -und enthielten neben anderem statistischen Material auch viele -höchst schätzbare Abschnitte religiösen Inhalts) schrieben vor, daß -den Mitgliedern der Gesetzgebung Federmesser, Briefcouverts, -Federn und Schreibpapier geliefert werden sollten. Der Sekretär -schaffte daher diese Artikel an und besorgte deren Verteilung. -Die Federmesser kosteten drei Dollars das Stück. Da eines<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[42]</span> -zu viel da war, so gab der Sekretär dasselbe dem Schriftführer -des Repräsentantenhauses. Die Vereinigten Staaten bemerkten -hierauf, der Schriftführer sei kein ›Mitglied‹ des Hauses und -zogen die drei Dollars nach Gewohnheit dem Sekretär am Gehalt -ab.</p> - -<p>Ein Weißer berechnete für das Kleinmachen einer Ladung -Brennholz drei bis vier Dollars; der Sekretär war so scharfsinnig, -sich zu sagen, daß die Vereinigten Staaten nimmermehr -soviel dafür zahlen würden; er ließ daher eine Ladung Bureauholz -von einem Indianer für anderthalb Dollars klein machen. -Er fertigte die übliche Quittung dafür aus, aber ohne Unterschrift; -statt dessen fügte er einfach die Bemerkung bei, ein Indianer -habe die Arbeit besorgt, und zwar ganz gut und zufriedenstellend; -derselbe habe aber in Ermangelung der erforderlichen -Kenntnisse die Quittung nicht unterschreiben können. Der -Sekretär durfte die anderthalb Dollars bezahlen. Er hatte gemeint, -vom Staate Anerkennung für seine Sparsamkeit und -Ehrlichkeit zu ernten, weil er die Arbeit zum halben Preis besorgen -ließ und keine angebliche Unterschrift des Indianers auf -die Quittung setzte. Allein man sah die Sache in einem andern -Lichte an. Man war bei der Regierung zu sehr daran gewöhnt, -in allen denkbaren, öffentlichen Stellungen Dollarsdiebe -zu haben, um der Erklärung auf der Quittung den geringsten -Glauben beizumessen. Das nächstemal dagegen, als der Indianer -Holz für uns hackte, lehrte ich ihn, am Ende der Quittung ein -Kreuz zu machen. Das Zeichen stand so wacklig auf den Beinen, -als wäre es ein Jahr lang betrunken gewesen, ich ›bezeugte‹ -es jedoch, und nun ging es ganz ordnungsmäßig durch. Die -Vereinigten Staaten sagten kein Wort darüber. Ich bedauerte -bloß, daß ich die Quittung nicht gleich für tausend Ladungen -Holz ausgestellt hatte anstatt für eine einzige. In meinem Vaterlande -teilt die Regierung an die ehrliche Einfalt Rüffel aus,<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[43]</span> -während sie die geriebene Schurkenhaftigkeit hätschelt, und ich -glaube wirklich, ich würde mich zu einem ganz geschickten Spitzbuben -entwickelt haben, wäre ich ein oder zwei Jahre im Staatsdienste -verblieben.</p> - -<p>Es war eine nette Vereinigung von Souveränen, diese erste -gesetzgebende Versammlung Nevadas. Sie legten Steuern auf -bis zum Betrag von dreißig- oder vierzigtausend Dollars und -bewilligten Ausgaben im Belauf von fast einer Million. Und -doch hatten sie, wie alle andern Körperschaften dieser Art, ihre -zeitweiligen kleinen Anwandlungen von Sparsamkeit. Ein Mitglied -schlug vor, durch Abschaffung des Kaplans der Nation -drei Dollars täglich zu ersparen. Und doch brauchte dieser kurzsichtige -Mann den Kaplan nötiger als irgend ein anderer, denn -während des Morgengebetes hatte er meist seine Füße auf dem -Pult und verzehrte rote Rüben.</p> - -<p>Zwei Monate tagte die Versammlung und erteilte die ganze -Zeit nichts als Konzessionen zur Anlegung von Chausseen und -Erhebung von Wegegeld. Als sie auseinanderging, schätzte man, -daß wohl auf jeden Bürger drei solche Konzessionen kämen. -Und man bezweifelte, ob, falls der Kongreß dem Territorium -nicht noch einen Längengrad zulegen würde, Platz genug für -die Unterbringung aller der Straßen vorhanden sein werde, -deren Enden allenthalben wie Fransen über die Grenzlinie -hinaushingen.</p> - -<p>Das Frachtgeschäft hatte bald einen so gewaltigen Umfang -angenommen, daß über plötzlich erworbenes Vermögen in -Chausseen beinahe dieselbe Aufregung herrschte, wie über die -wunderbar reichen Silberminen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[44]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-n.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Nach und nach bekam ich auch das Silberfieber. Mutungsgesellschaften -brachen Tag für Tag nach den Bergen -auf, wo sie reiche, silberführende Adern und Quarzlager entdeckten -und in Besitz nahmen. Das war ja ganz offenbar der -Weg zum Glück. In der großen Grube ›Gould and Curry‹ -galt zur Zeit unseres Eintreffens der Quadratfuß drei- oder -vierhundert Dollars; zwei Monate darauf war er auf achthundert -Dollars gestiegen; die ›Ophir-Grube‹ war das Jahr zuvor kaum -eine Kleinigkeit wert gewesen, und jetzt wurde dort der Fuß mit -nahezu viertausend Dollars bezahlt. Es ließ sich keine Grube -nennen, die nicht in kurzer Zeit erstaunlich im Wert gestiegen -wäre. Alle Welt sprach von diesen Wunderdingen. Man mochte -kommen wohin man wollte, vom frühen Morgen bis spät in -die Nacht hinein hörte man nichts anderes. Tom so und so -hatte von der ›Amanda Smith‹ ein Stück für 40 000 Dollars -verkauft – und hatte nicht einen Cent besessen, als er vor -sechs Monaten die Schicht in Angriff nahm. John Jones hatte -die Hälfte seines Anteils an der Grube ›Bald Eagle und Mary -Ann‹ für 65,000 Dollars verkauft und war nun nach den -Staaten gereist, um seine Familie zu holen. Die Witwe Brewster -war in der Grube ›Golden Fleece‹ auf reichhaltiges Erz gestoßen -und hatte zehn Fuß für 18 000 Dollars verkauft – und doch -war sie im letzten Frühjahr, als Sing-Sing-Tommy ihren Mann -umbrachte, nicht einmal imstande gewesen, sich einen Krepphut -anzuschaffen. Die Besitzer der Grube ›Last Chance‹ hatten eine -›Lehmscheide‹ gefunden und wußten, daß sie einer Silberschicht -auf der Spur waren, so daß ein Fuß davon, der gestern noch<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[45]</span> -ein Spottgeld wert war, heute den Wert eines Backsteinhauses -hatte. Schäbige Anteilbesitzer, denen man gestern im ganzen -Lande nirgends einen Schnaps geborgt hätte, brüllten heute im -Champagnerrausch und sahen sich von Schwärmen warmer Freunde -umgeben in einer Stadt, wo sie aus jahrelangem Mangel an -Uebung nicht mehr gewußt hatten, wie man es macht, jemand -zu grüßen oder ihm die Hand zu schütteln. Johnny Morgan, -ein gemeiner Landstreicher, -war eines Morgens -in der Gosse mit 100,000 -Dollars Vermögen aufgewacht, -und zwar infolge -der Entscheidung -eines Prozesses -über die Grube -›Lady Franklin -and Rough and -Ready.‹ Dergleichen -Nachrichten -tönten -uns Tag aus -Tag ein immer -lauter in den Ohren, und immer höher loderte die Aufregung -rings um uns empor.</p> - -<div class="figright" id="illu-044"> - <img src="images/illu-044.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Ich hätte gar kein Mensch sein müssen, um nicht auch toll -zu werden wie die andern. Tag für Tag kamen ganze Karrenladungen -von gediegenen Silberbarren aus den Pochwerken -herein, ein Anblick, der bewies, daß das tolle Gerede um mich -her nicht aus der Luft gegriffen war. Ich glaubte daran und -wurde einer der allertollsten.</p> - -<p>Alle paar Tage traf die Kunde von der Entdeckung einer -nagelneuen Bergwerksregion ein. Sofort wimmelte es in den<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[46]</span> -Zeitungen von Berichten über ihren Reichtum, und die ganze -überschüssige Bevölkerung stürzte fort, um davon Besitz zu nehmen. -Die Krankheit steckte mir jetzt gehörig in den Knochen; eben -noch hatte der Zulauf der Grube ›Esmeralda‹ gegolten, und nun -fing ›Humboldt‹ an, mit lautem Geschrei die Aufmerksamkeit auf -sich zu lenken. Humboldt, Humboldt! so hieß jetzt das Losungswort, -und unverzüglich füllte ›Humboldt‹, die neueste von den -neuen, die reichste von den reichen, die wunderbarste von den -wunderbaren Entdeckungen im Silbergebiet, zwei Spalten in den -Tagesblättern, während ›Esmeralda‹ sich mit einer begnügen -mußte. Ich war eben im Begriffe gewesen, nach der ›Esmeralda‹ -aufzubrechen, ließ mich aber von der Strömung ablenken und -machte mich nun nach dem ›Humboldt‹ fertig.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Jetzt hieß es flink sein! Wir verloren denn auch keine Zeit. -Unsere Gesellschaft bestand aus vier Personen: einem -sechzigjährigen Grobschmied, zwei jungen Advokaten und meiner -Wenigkeit. Nachdem wir einen Wagen und zwei elende, alte -Gäule gekauft, luden wir achtzehnhundert Pfund Lebensmittel, -sowie unsere Bergmannsgeräte auf und fuhren an einem kalten -Dezembernachmittage von Carson City ab. Die Pferde waren -so alt und schwach, daß wir bald herausgefunden hatten, es -würde wohl besser sein, wenn einer oder zwei von uns ausstiegen -und den Weg zu Fuß fortsetzten. Es ging auch besser. -Bald aber fanden wir, daß es noch besser sein werde, wenn -auch ein dritter ausstiege. So war es denn auch. Ich hatte -freiwillig das Amt des Fuhrmannes übernommen, obwohl ich<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[47]</span> -vorher noch nie mit einem angeschirrten Pferde gefahren war -und mancher in solcher Lage sich gerne hierauf berufen hätte, -um eine derartige Verantwortlichkeit abzulehnen. Allein nach -einer kurzen Weile ergab es sich, daß es wohl ratsam wäre, -wenn auch der Fuhrmann ausstiege und zu Fuß ginge. Damit -verzichtete ich auf diese Stellung, zu der ich nie wieder gelangen -sollte. Noch vor Ablauf einer Stunde fanden wir, daß es nicht -nur besser, sondern unbedingt notwendig war, immer abwechselnd -zu zweien den Wagen von hinten durch den Sand zu schieben, -so daß die schwachen -Pferde kaum noch etwas -zu thun hatten, als die Zunge nicht heraushängen -zu lassen und nicht zwischen die Räder -zu kommen. Es hat vielleicht sein Gutes, wenn man von Anfang -an weiß, was einem bevorsteht und sich mit seinem Schicksal -versöhnen kann. Wir hatten das unsrige an einem einzigen -Nachmittag kennen gelernt. Es war klar, daß wir zweihundert -Meilen weit durch den Sand waten würden und den Wagen -samt den Pferden vorwärts schieben müßten. So fügten wir -uns denn in die Umstände, und mit dem Fahren war es aus.</p> - -<div class="urshapepic" id="illu-046"> -<div class="boxu box046u"> -<img src="images/illu-046.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box046r"></div> -</div> - -<p>Nach einem Weg von sieben Meilen lagerten wir uns in -der Wüste. Der junge Clagett, jetzt Mitglied des Kongresses -für Montana, schirrte die Pferde aus, fütterte und tränkte sie; -Oliphant und ich schnitten Salbeiholz, machten Feuer und holten<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[48]</span> -Wasser zum Kochen, und der alte Herr Ballou besorgte das -Kochen selbst. Diese Teilung der Arbeit und diese Bestimmung -der Dienstleistungen für jeden einzelnen hielten wir während der -ganzen Reise fest. Da wir kein Zelt hatten, schliefen wir in -der freien Ebene unter unseren Decken. Die Ermüdung verschaffte -uns festen Schlaf.</p> - -<p>Wir brauchten zu der Reise von zweihundert Meilen fünfzehn -Tage, oder vielmehr eigentlich nur dreizehn, denn einmal -hielten wir irgendwo zwei Tage an, um die Pferde ausruhen -zu lassen. Hätten wir diese hinten am Wagen angebunden, so -würden wir sicherlich den Weg in zehn Tagen zurückgelegt haben; -allein wir dachten daran erst, als es zu spät war, und schoben -den Wagen samt den Pferden immer weiter, während wir uns -die halbe Mühe hätten ersparen können. Leute, die uns begegneten, -rieten uns, gelegentlich die Pferde in den Wagen zu -setzen, allein Herr Ballou, durch dessen eisengepanzerten Ernst -kein spitziges Wort durchdrang, meinte, das würde nicht gehen, -die Lebensmittel würden in Gefahr kommen, weil die Pferde -von langer Entbehrung ›bituminös‹ geworden seien. Der Leser -wird mich entschuldigen, wenn ich dies nicht übersetze. Was -Herr Ballou meinte, wenn er ein langes Wort gebrauchte, blieb -allemal ein Geheimnis zwischen ihm und seinem Schöpfer. Er -war einer der besten, gutmütigsten Menschen, die je eine niedere -Lebenssphäre zierten – die Sanftmut und Einfalt selbst, und -die Uneigennützigkeit ebenfalls. Obwohl mehr als zweimal so -alt als der älteste von uns andern, that er doch deshalb niemals -wichtig und verlangte niemals ein Vorrecht oder eine -Ausnahmestellung. Er verrichtete dieselbe Arbeit wie ein junger -Mann und leistete seinen Teil an der Unterhaltung von dem -allgemeinen Standpunkte jeden Alters aus, nicht von der anmaßenden, -Ehrfurcht heischenden Gipfelhöhe von sechzig Jahren. -Die einzige auffallende Eigentümlichkeit an ihm war seine Vorliebe<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[49]</span> -für lange Wörter, die er um ihrer selbst willen liebte und -gebrauchte, ganz unbekümmert um ihre Beziehung zu dem Gedanken, -den er auszudrücken beabsichtigte. Stets ließ er seine -gewichtigen Silben mit behaglicher Unkenntnis ihrer Bedeutung -fallen, so daß dieselben niemals etwas Anstößiges haben konnten. -Dabei war sein Benehmen so natürlich und einfach, daß man -immer wieder in Versuchung geriet, in seinen großartigen Phrasen -einen Inhalt zu suchen, während sie wirklich ganz und gar nichts -bedeuteten. War ein Wort recht lang, großartig und vollklingend, -so reichte dies hin, ihm die Liebe des alten Mannes zu gewinnen; -er ließ es dann in seinen Reden irgendwo an der möglichst -unpassendsten Stelle einfließen und freute sich daran, als -hätte er die tiefsinnigste Wahrheit ausgesprochen.</p> - -<p>Wir breiteten immer alle vier unsern ganzen Vorrat an -Decken zusammen auf dem gefrorenen Boden aus und legten -uns Seite an Seite schlafen. Da Oliphant einsah, daß unser -dummer, hochbeiniger Hund viel tierische Wärme in sich habe, -ließ er ihn zwischen sich und Herrn Ballou mit ins Bett kriechen -und zog den warmen Rücken des Hundes an seine Brust, was -er höchst behaglich fand. Aber während der Nacht fing der -Köter an sich zu strecken und sich unter wohlgefälligem Knurren -gegen Ballous Rücken zu stemmen und ihn fortzuschieben. Wenn -er sich recht warm und gemütlich fühlte, trommelte er wohl -auch im Uebermaß des Wohlgefühls voll Dankbarkeit und Glück -dem Alten mit den Pfoten auf dem Rücken herum; ein andermal, -wenn er von der Jagd träumte, zerrte er den alten Mann -hinten an den Haaren und bellte ihm ins Ohr. Ballou beklagte -sich zuletzt sehr sanftmütig über diese Beweise von Zuthunlichkeit -und schloß seinen Vortrag mit der Bemerkung, so ein Hund sei -kein Tier, das zu müden Leuten ins Bett passe, denn er sei -›meretriciös in seinen Bewegungen‹ und zu ›organisch in seinen -Gefühlen‹. Wir warfen den Hund hinaus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[50]</span></p> - -<p>Es war eine harte, mühselige Reise, die aber trotzdem -ihre Lichtseite hatte, denn wenn nach Tagesschluß unser Wolfshunger -mit einem warmen Mahl von gebratenem Speck, Brot, -Syrup und schwarzem Kaffee gestillt war, fanden wir bei einer -Pfeife, ein paar Liedern und Geschichten am abendlichen Lagerfeuer, -in der stillen Einsamkeit der Wüste eine frohe, sorgenfreie -Erholung, welche uns als der höchste Gipfel irdischer Seligkeit -erschien. Eine solche Lebensweise übt auf alle Menschen einen -mächtigen Zauber aus, gleichviel, ob sie aus der Stadt oder -vom Lande stammen. Wir sind die Abkömmlinge wüstendurchziehender -Araber, und endlose Zeiträume stetig fortschreitender -Kulturentwicklung waren nicht imstande, den Wandertrieb in -uns auszurotten. Niemand von uns wird leugnen, daß ihn bei -dem Gedanken an ein Nachtlager draußen im Freien stets ein -Wonnegefühl durchbebt. Einmal wanderten wir fünfundzwanzig -Meilen an einem Tag und ein andermal in der großen amerikanischen -Wüste vierzig Meilen und dann noch einmal zehn, -mithin im ganzen fünfzig, innerhalb dreiundzwanzig Stunden, -ohne uns Zeit zum Essen, Trinken oder Ausruhen zu gönnen. -Wenn man einen Wagen samt zwei Pferden fünfzig Meilen weit -geschoben hat, ist es ein solcher Hochgenuß sich auszustrecken und -dem Schlafe zu überlassen, wäre es auch auf steinigem und gefrorenem -Boden, daß einem die Wonne für den Augenblick nicht -zu teuer erkauft scheint.</p> - -<p>Wir lagerten zwei Tage in der Nähe des Sees, in welchem -sich der Humboldtfluß verliert. Unsere Versuche, das stark -alkalische Wasser des Sees zu benutzen, fielen höchst kläglich aus. -Es hinterließ einen bitteren, ganz abscheulichen Geschmack im -Munde und ein höchst unangenehmes Brennen im Magen; es -war, als tränke man starke Lauge. Wir thaten Syrup hinein, -aber das machte es nur ganz wenig besser. Wir fügten eine -Essiggurke hinzu, aber das Alkali schmeckte vor, und so war es<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[51]</span> -zum Trinken nicht zu brauchen. Kaffee von diesem Wasser war -das niederträchtigste Gebräu, das ein Mensch je erfunden hat. -Er schmeckte wirklich noch abscheulicher als das unverbesserte -Wasser selbst. Herr Ballou, der das Getränk gebraut hatte, -fühlte sich verpflichtet, es herauszustreichen und zu verteidigen -und trank deshalb in kleinen Schlückchen eine halbe Tasse davon -aus, wobei er es fertig brachte, ihm eine zeitlang ein schwaches -Lob zu singen; schließlich aber schüttete er den Rest weg und -erklärte offen und frei, der Kaffee sei ›zu technisch‹. Bald nachher -fanden wir eine Quelle mit brauchbarem, frischem Wasser, -worauf wir uns ohne weitere Verdrießlichkeiten und Störungen -zur Ruhe legten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-v.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Vom See aus reisten wir eine kurze Strecke den Humboldtfluß -entlang. Leute, die an den riesig breiten Mississippi -gewöhnt sind, gewöhnen sich auch allmählich daran, mit dem -Wort ›Fluß‹ den Begriff großartiger Wasserfülle zu verbinden. -Infolgedessen fühlen sich solche Leute recht enttäuscht, wenn sie -am Ufer des Carson oder Humboldt stehen und finden, daß ein -Fluß in Nevada ein kränkliches Bächlein ist, das in allen -Punkten ein Seitenstück zum Eriekanal bildet, nur daß der -Kanal zweimal so lang und viermal so tief ist. Es ist eine -der angenehmsten und gesündesten Leibesübungen, am Humboldtfluß -entlang zu laufen, so lange hinüber und herüber zu springen, -bis man tüchtig erhitzt ist, und ihn dann trocken zu trinken.</p> - -<p>Am fünfzehnten Tage hatten wir den zweihundert Meilen -langen Marsch vollendet und hielten bei heftigem Schneesturm<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[52]</span> -unsern Einzug in Unionville. Die ›Stadt‹ bestand aus elf Hütten -und einem Freiheitsbaum. Sechs von den Hütten standen in -einer Reihe am Rande einer tiefen Schlucht, und die andern -fünf ihnen gerade gegenüber. Auf beiden Seiten der Schlucht -stiegen öde Bergwälle so hoch zum Himmel empor, daß das -Dörfchen gleichsam tief unten auf dem Grund einer Erdspalte -lag. Es war auf der Höhe dieser Berge immer schon lange -Tag, bevor unten die Dunkelheit wich und Unionville sichtbar -wurde.</p> - -<p>Wir bauten uns eine kleine, rohe Hütte in der Erdspalte -und deckten dieselbe mit Sackleinwand; eine Ecke ließen wir für -den Abzug des Rauches offen, allein des Nachts purzelte gelegentlich -das Vieh dort herein, so daß unser Hausgeräte Schaden -litt und wir im Schlafe gestört wurden. Es war sehr kalt und -Brennholz nur spärlich vorhanden. Indianer schleppten Gestrüpp -und Buschholz mehrere Meilen weit auf dem Rücken herbei; -konnten wir einen solchen beladenen Indianer fangen, so war -es gut; konnten wir keinen fangen, – dies war übrigens die -Regel, nicht die Ausnahme – so froren wir eben und fügten -uns darein.</p> - -<div class="figright" id="illu-052"> - <img src="images/illu-052.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Ich gestehe ohne Beschämung, daß ich erwartet hatte, das -Silber werde allenthalben massenhaft auf dem Boden herumliegen -und man könne es auf den Berggipfeln in der Sonne -blinken sehen. Natürlich sagte ich nichts davon, denn ein inneres -Gefühl flüsterte mir zu, ich könne doch am Ende eine übertriebene -Vorstellung von der Sache haben und mich, wenn ich meine -Gedanken verriete, lächerlich machen. Doch zweifelte ich nicht -im geringsten, daß ich binnen einem oder zwei Tagen, spätestens -in einer Woche, Silber genug auflesen werde, um ganz hübsch -reich zu sein – und so beschäftigte sich meine Einbildungskraft -bereits eifrig mit Plänen zur Verwendung des Geldes. Bei -der ersten schicklichen Gelegenheit schlenderte ich sorglos von der<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[53]</span> -Hütte weg, behielt aber die andern Jungen im Auge, und wenn -ich dann meinte, sie beobachteten mich, blieb ich stehen und betrachtete -den Himmel; sobald jedoch niemand da war oder acht -gab, floh ich von dannen, als hätte ich einen Diebstahl auf dem -Gewissen und hielt in meinem Lauf nicht eher inne, als bis ich -weit außer Gesichts- und Rufweite -war. Dann ging ich ans Suchen -in fieberhafter Aufregung, denn -ich war voll gespannter Erwartung -und meiner Sache fast ganz sicher. -Ich kroch auf dem Boden umher, -hob Steinbrocken auf und untersuchte -sie, indem ich den Staub -abblies oder sie an meinen Kleidern -rieb und mit hoffnungsvoller Gier -musterte. Nicht lange, so fand ich -einen glänzenden Brocken, und mir -hüpfte das Herz. Hinter einem -Felsblock versteckt polierte und -prüfte ich ihn mit nervöser Hast -und einem Entzücken, welches selbst -bei Erfüllung aller meiner Hoffnungen -nicht ganz berechtigt gewesen -wäre. Je genauer ich meinen -Brocken untersuchte, desto fester war ich überzeugt, den Weg -zum Glück gefunden zu haben. Ich bezeichnete mir den Ort -und nahm meine Probe mit. Auf und nieder suchte ich die zerklüftete -Bergflanke ab mit immer regerem Interesse und immer -mehr von Dankbarkeit durchdrungen, daß ich nach dem ›Humboldt‹ -gekommen war und zwar zu rechter Zeit. Dieses heimliche -Suchen nach den verborgenen Schätzen des Silberlandes -versetzte mich in die höchste Verzückung, die ich je im Leben<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[54]</span> -empfunden. Es war ein wahrer Taumel schwelgerischen Genusses. -Nicht lange nachher entdeckte ich im Bett eines seichten -Baches einen Bodensatz glänzend gelber Schuppen. Mir blieb -fast der Atem aus. Eine Goldgrube! Und ich war in meiner -Einfalt mit Silber zufrieden gewesen! Vor Aufregung glaubte -ich fast, meine überzeugte Einbildungskraft täusche mich. Dann -packte mich die Furcht, man könnte mich beobachten und mein -Geheimnis erraten. Vorsichtig ging ich im Kreis um die Stelle -herum und stieg spähend auf einen Hügel. Ich war allein. -Kein lebendes Wesen weit und breit. Nun kehrte ich zu meinem -Fundort zurück, indem ich mich gegen eine mögliche Enttäuschung -wappnete; aber meine Befürchtung war unbegründet – die -glänzenden Schuppen waren noch immer da. Ich machte mich -daran, sie auszuschöpfen; eine Stunde lang plagte ich mich an -den Windungen des Baches hinab und plünderte sein Bett, bis -die sinkende Sonne dem weiteren Suchen ein Ende machte, und -ich mich beladen mit Schätzen heimwärts wandte. Als ich so -dahinschritt, konnte ich mich nicht enthalten, meine Aufregung -über den Brocken Silbererz zu belächeln, da doch ein edleres -Metall mir schier vor der Nase lag. In dieser kurzen Zeit war -das erstere in meiner Achtung so tief gesunken, daß ich ein- oder -zweimal auf dem Punkte stand, es wegzuwerfen.</p> - -<p>Während die Jungen ihren gewöhnlichen Hunger entwickelten, -konnte ich nichts essen. Auch reden konnte ich nicht. Ich weilte -im Land der Träume in weiter Ferne. Ihre Unterhaltung war -für meine Phantasie etwas störend und ärgerte mich gewissermaßen. -Ich verachtete die lumpigen und alltäglichen Dinge, -von denen sie schwatzten. Allmählich fing das Gerede aber an, -mir Spaß zu machen. Es hatte einen eigenen, komischen Reiz, -ihnen zuzuhören, wie sie über ihre ärmlichen, kleinen Ersparnisse -Pläne machten und über mögliche Verluste und Verlegenheiten -seufzten, während doch eine Goldgrube dicht vor der Hütte lag,<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[55]</span> -die unser volles Eigentum war und die ich ihnen nur zu zeigen -brauchte. Die unterdrückte Heiterkeit begann mir bald das Herz -abzudrücken. Es war nicht leicht, dem Antrieb zu widerstehen, -in hellem Jubel loszuplatzen und alles zu offenbaren, aber ich -widerstand. Ich nahm mir vor, die große Neuigkeit gelassen -durch meine Lippen träufeln zu lassen, dabei so ruhig und heiter -auszusehen wie ein Sommermorgen, und die Wirkung auf ihren -Gesichtern zu beobachten.</p> - -<p>Ich fragte: »Wo seid ihr alle gewesen?«</p> - -<p>»›Muten‹ gegangen.«</p> - -<p>»Was habt ihr gefunden?«</p> - -<p>»Nichts.«</p> - -<p>»Nichts? Was haltet ihr von der Gegend?«</p> - -<p>»Kann’s jetzt noch nicht sagen,« erwiderte Herr Ballou, der -ein alter Goldgräber war und auch in Silbergruben beträchtliche -Erfahrungen besaß.</p> - -<p>»Nun, haben Sie sich denn nicht irgend eine Art Meinung -gebildet?«</p> - -<p>»Ja, gewissermaßen schon. Es scheint freilich nicht übel -hier, aber man hat die Sache überschätzt. Siebentausend-Dollars-Lager -sind wohl selten. Die Sheba-Grube mag immerhin reich -sein, aber sie gehört uns nicht, und überdies ist das Gestein so -voll von schlechten Metallen, daß alle Wissenschaft der Welt nichts -damit anfangen kann. Wir werden hier nicht verhungern, aber -ich fürchte, wir werden auch nicht reich werden.«</p> - -<p>»Sie halten also die Aussicht für ziemlich gering?«</p> - -<p>»So ist’s.«</p> - -<p>»Nun, dann thäten wir wohl besser daran, heim zu gehen, -nicht wahr?«</p> - -<p>»O, jetzt noch nicht – natürlich. Wir wollen’s doch zuerst -noch ein bißchen versuchen.«</p> - -<p>»Setzen wir einmal den Fall – es ist eine bloße Annahme<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[56]</span> -– wißt ihr – setzen wir einmal den Fall, ihr könntet -ein Lager finden, welches, sagen wir hundertfünfzig Dollars per -Tonne gäbe – würde euch das genügen?«</p> - -<p>»Probieren Sie’s mal mit uns!« schrie die ganze Gesellschaft.</p> - -<p>»Oder nehmen wir an – selbstverständlich wiederum eine -Vermutung – nehmen wir an, wir fänden eine Ader, wo die -Tonne zweitausend Dollars Ausbeute giebt – würde euch <em class="gesperrt">das</em> -genügen?«</p> - -<p>»Halt – was meinen Sie? Auf was steuern Sie los? -Steckt ein Geheimnis hinter dem allem?«</p> - -<p>»Erhitzt euch nicht. Ich sage gar nichts. Ihr wißt ja -ganz genau, daß es hier keine reichen Gruben giebt – natürlich, -denn ihr seid ja überall herumgestreift und habt gesucht. -Das wäre jedem klar, wenn er sich hier umgesehen hätte. Gesetzt -den Fall nun, es käme einer und spräche: ›Ach was, eine -Zweitausend-Dollars-Ader ist doch rein gar nichts, wo doch gleich -da drüben, angesichts dieser Hütte ganze Haufen von gediegenem -Gold und Silber liegen – ganze Berge davon, genug, um euch -alle in vierundzwanzig Stunden zu reichen Leuten zu machen.‹ -Na, was würdet ihr dazu sagen?«</p> - -<p>»Ich würde sagen, der ist so verrückt wie ein Tollhäusler!« -sagte der alte Ballou, der aber trotzdem vor Erregung ganz -wild wurde.</p> - -<p>»Meine Herren!« versetzte ich, »ich sage gar nichts – -<em class="gesperrt">ich</em> bin ja nicht herum gewesen, wie Sie wissen, und weiß deshalb -natürlich nichts – aber ich bitte nur um das eine, werfen -Sie einmal einen Blick auf das hier zum Beispiel und sagen -Sie mir, was Sie davon halten!« Damit schüttete ich meinen -Schatz vor ihnen aus.</p> - -<p>Voll Begier stürzte alles darauf los und steckte die Köpfe -unter der brennenden Kerze zusammen. Dann sagte der alte Ballou:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[57]</span></p> - -<p>»Was ich davon halte? Ich halte davon, daß es nichts -ist als ein Haufen Granitabfall und gemeines, glitzerndes Katzengold, -wovon der Morgen nicht zehn Cents wert ist!«</p> - -<p>So schwand mein Traum dahin; so schmolz mein Reichtum, -so stürzte mein Luftschloß zusammen, und ich blieb als ein -geschlagener Mann zurück.</p> - -<p>Ich zog die Moral aus der Geschichte mit dem bekannten -Sprichwort: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt.« Herr -Ballou meinte, ich könnte noch weiter gehen und zu den Schätzen -meines Wissens den Satz legen, daß <em class="gesperrt">nichts</em> Gold sei, was -glänze. So lernte ich denn ein für allemal, daß Gold im Naturzustande -nichts ist als ein schwärzliches, unansehnliches Ding -und daß nur Metalle gemeiner Art durch prahlerisches Glitzern -die Bewunderung des Unerfahrenen erregen. Trotzdem unterschätze -ich nach wie vor, gleich der übrigen Welt, echte Goldmenschen -und verherrliche Katzengoldmenschen. Die Alltagsmenschennatur -kann sich einmal darüber nicht erheben.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-m.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Mit dem Geschäft des Silbergrabens wurden wir nur -zu bald vertraut. Wir gingen mit Herrn Ballou -›muten‹. Zwischen Salbeibüschen, Felsen und Schneehaufen -kletterten wir an den Berghängen hinauf, bis wir vor Erschöpfung -umfallen wollten, fanden aber kein Silber und ebensowenig -Gold. So ging es Tag für Tag. Da und dort stießen -wir auf Löcher, die man ein paar Meter tief in die Abhänge -getrieben und dann offenbar wieder aufgegeben hatte, und hie -und da trafen wir auf ein oder zwei Leute, die noch emsig<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[58]</span> -gruben. Aber Silber kam nirgends zum Vorschein. Diese Löcher -waren die Ansätze von Stollen, die Hunderte von Fuß in den -Berg getrieben werden sollten, um eines Tags auf die verborgene -Schicht zu stoßen, in der das Silber steckte. Eines Tags! Das -schien in weiter Ferne zu liegen, und die Sache sah sehr hoffnungslos -und trübselig aus. Tag um Tag mühten wir uns -ab, kletterten herum und suchten, und dabei wurden wir jüngeren -Genossen der aussichtslosen Plackerei immer mehr überdrüssig. -Endlich machten wir hoch oben auf dem Berge unter einer überhängenden -Felswand Halt. Ballou schlug einige Stücke mit -dem Hammer ab, prüfte sie lange und aufmerksam mit einem -kleinen Augenglase, worauf er sie wegwarf und noch mehr abschlug; -dann meinte er, dieses Gestein sei Quarz, und Quarz -sei die Steinart, in der das Silber enthalten sei. <em class="gesperrt">Enthalten -sei!</em> Ich hatte gemeint, es werde wenigstens außen daran -kleben, wie eine Art Ueberzug. Er schlug noch mehr Stücke -los, um sie gründlich zu untersuchen, wobei er das betreffende -Stück hie und da mit der Zunge benetzte und durch das Glas -betrachtete. Schließlich rief er aus: »Wir haben es!«</p> - -<p>Unsere Neugier war sofort aufs höchste gespannt. Das -Gestein war rein und weiß an der Bruchstelle, und querdurch -zog sich ein faseriger, blauer Faden. In diesem kleinen Faden, -meinte er, stecke Silber, aber gemischt mit unedlen Metallen, -mit Blei, Antimon und anderem Quark, auch seien daran ein -paar Tüpfelchen Gold sichtbar. Mit großer Anstrengung brachten -wir es dahin, ein paar kleine, gelbe Fleckchen zu erkennen, von -denen sich annehmen ließ, daß vielleicht ein paar Tonnen davon -einen Golddollar geben könnten. Wir waren gerade nicht entzückt; -aber Ballou meinte, es gebe noch schlechtere Erzlager als -dieses auf der Welt. Er hob das, was er das ›reichste Stück -Gestein‹ nannte, auf, um seinen Wert durch die sog. Feuerprobe -zu bestimmen. Dann gaben wir der Grube den Namen ›Bergkönig<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[59]</span>‹ -(Bescheidenheit ist bei der Namengebung in den Bergwerken -kein hervorstechender Zug), und Herr Ballou schrieb nachstehende -Bekanntmachung auf, von der er sich eine Abschrift aufhob, um -sie in die Bücher des Syndikus der Bergwerke in der Stadt -eintragen zu lassen.</p> - -<div class="blockquot s90"> -<p class="center"> -Bekanntmachung. -</p> - -<p>Wir, die Unterzeichneten, belegen drei Stücke, jedes von -dreihundert Fuß, (und eins für die Entdeckung) an dieser silberhaltigen -Quarzschicht nach Norden und nach Süden von diesem -Anschlag, mit allen Einsenkungen, Verzweigungen und Winkeln, -Biegungen und Krümmungen, und dazu fünfzig Fuß breit Boden -auf jeder Seite zur Bearbeitung derselben.</p></div> - -<p>Wir setzten unsere Namen darunter und versuchten uns in -die Stimmung zu bringen, als sei nun unser Glück gemacht. -Aber als wir die Sache mit Herrn Ballou durchsprachen, war -uns höchst zweifelhaft zu Mute. Dieser Quarz an der Oberfläche, -meinte er, sei nicht alles, was unsere Mine enthalte, -vielmehr erstrecke sich die Wand oder Schicht, der wir den Namen -›Bergkönig‹ gegeben hatten, Hunderte und aber Hunderte von Fuß -in die Erde hinab. Sie sei wie der Randstein eines Straßenpflasters, -behalte ungefähr dieselbe Dicke, etwa zwanzig Fuß, -bis hinab in die Eingeweide der Erde und sei vollständig verschieden -von dem Gestein, das sie rings umgebe; sie bleibe für -sich und behalte stets ihren besondern Charakter, einerlei wie -tief sie in die Erde hineingehe oder wie weit sie sich längs der -Berge und Thäler oder quer über dieselben erstrecke; sie könne -eine Meile tief und zehn Meilen lang sein, und man möge -über oder unter der Erde hineinbohren wo man wolle, so würde -man Gold und Silber darin finden, aber nicht in dem geringeren -Gestein, in das sie eingebettet sei. Unten in der großen Tiefe -der Schicht, fuhr er fort, stecke ihr Reichtum, und mit der Tiefe -nehme derselbe stetig zu. Deshalb müßten wir statt hier an<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[60]</span> -der Oberfläche zu arbeiten einen Schacht einsenken, bis wir an -die reichen Stellen kämen – so etwa hundert Fuß tief – oder -unten vom Thal aus einen langen Stollen in den Bergabhang -treiben und die Ader tief unter der Erde anzapfen. Das eine -wie das andere war offenbar die Arbeit von Monaten, denn -wir konnten täglich nur ein paar Fuß, ungefähr fünf oder sechs, -ausbohren oder wegsprengen. Aber das war noch nicht alles. -Er sagte, wenn das Erz herausgeschafft sei, müsse es nach einem -entfernten Pochwerke gebracht werden, damit es zermahlen und -das Silber durch einen langwierigen und kostspieligen Prozeß -ausgeschieden werde. Eine Ewigkeit schien zwischen uns und -unserm Glück zu liegen!</p> - -<p>Aber wir gingen ans Werk. Wir beschlossen einen Schacht -einzusenken. So kletterten wir denn eine Woche lang auf den -Berg, beladen mit Hacken, Drillbohrern, Meißeln, Schaufeln, -Brechstangen, Fäßchen Sprengpulver und Rollen Lunte und -arbeiteten mit aller Macht. Anfangs war der Fels bröckelig -und locker; was wir mit den Spitzhacken abschlugen, schaufelten -wir heraus, und das Loch machte ganz hübsche Fortschritte; aber -allmählich wurde das Gestein fester, und nun kamen Meißel und -Brechstange an die Arbeit. Bald aber that nichts mehr seine -Wirkung außer dem Sprengpulver. Das war die mühseligste -Arbeit! Während einer von uns den eisernen Drillbohrer an -seine Stelle hielt, schlug ein anderer mit einem achtpfündigen -Schmiedehammer drauf – das reinste Nägeleinschlagen in großem -Maßstabe. Binnen einer bis zwei Stunden erreichte der Bohrer -eine Tiefe von zwei bis drei Fuß und hatte ein Loch von ein -paar Zoll Durchmesser gemacht. Dann legten wir die Pulverladung, -steckten eine halbe Elle Lunte hinein, schütteten Sand -und Kies darauf und stampften es fest; zuletzt zündeten wir die -Lunte an und liefen weg. Kamen wir dann nach der Explosion, -bei der Steine und Rauch in die Luft flogen, zurück, so fanden<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[61]</span> -wir ungefähr einen Scheffel von dem harten, widerspenstigen -Quarz herausgesprengt, kein bißchen mehr. Nach einer Woche -hatte ich genug davon. Ich verzichtete; Clagett und Oliphant -desgleichen. Unser Schacht war erst zwölf Fuß -tief. Wir kamen überein, daß nur ein Stollen -uns zum Ziele führen könne.</p> - -<div class="figleft" id="illu-060"> - <img src="images/illu-060.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>So gingen wir den Berg hinunter und -arbeiteten dort eine Woche lang. -Nach Verlauf derselben hatten wir -einen Stollen ausgesprengt, in dem -sich ungefähr ein Oxhoft unterbringen -ließ, und waren zu der -Ueberzeugung gekommen, -daß wir noch um etwa -neunhundert Fuß tiefer -graben müßten, um auf -die silberhaltige Schicht -zu stoßen. Ich verzichtete -auch jetzt wieder, und die -andern Jungen hielten es -nur noch einen Tag länger -aus. Wir stimmten überein, -daß ein Stollen nichts -für uns tauge. Wir -brauchten eine bereits -›aufgeschlossene‹ Schicht. -Solche gab es aber im ganzen Lager nicht.</p> - -<p>Den ›Bergkönig‹ ließen wir für jetzt liegen.</p> - -<p>Mittlerweile füllte sich der Platz mit Leuten, und unsere -Humboldt-Bergwerke riefen eine immer größere Aufregung hervor. -Auch wir fielen der Seuche zum Opfer und strengten jeden -Nerv an, um immer mehr ›Fuß‹ zu erwerben. Wir muteten<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[62]</span> -herum und nahmen neue Stücke in Besitz, an die wir unsere -Bekanntmachungen anschlugen und die wir mit hochtrabenden -Namen belegten. Wir vertauschten eine Anzahl von unseren -›Fuß‹ gegen ›Fuß‹ in fremden Grubenteilen. Bald hatten wir -namhafte Anteile am ›Grauen Adler‹, an der ›Columbiana‹, der -›Münzfiliale‹, der ›Mary Jane‹, dem ›Universum‹, der ›Simson -und Delila‹, der ›Schatztruhe‹, der ›Golkonda‹, der ›Sultanin‹, -dem ›Bumerang‹, der ›Großen Republik‹, dem ›Großmogul‹ und -noch fünfzig weiteren ›Gruben‹, die nie eine Schaufel oder eine -Spitzhacke gefühlt hatten. Wir besaßen nicht weniger als dreißigtausend -›Fuß‹ pro Mann in den ›reichsten Gegenden der Erde‹, -wie die verruchte Schwindlersprache es nannte – und konnten -den Fleischer nicht bezahlen. Wir waren ganz toll vor Aufregung, -trunken vor Glück, begraben unter Bergen künftigen -Reichtums, voll hochmütigen Mitleids mit den Millionen, die -sich im Schweiß ihres Angesichts abmühten, weil sie unsere -wundervolle Schlucht nicht kannten – aber unser Kredit beim -Viktualienhändler stand schlecht. Es war die seltsamste Lebenslage, -die man sich vorstellen kann – der Festschmaus eines -Bettlers. Im Distrikt geschah nichts, man legte keine Grube -an, ließ keine Pochwerke arbeiten, man produzierte nichts und -nahm nichts ein – im ganzen Lager war nicht soviel Geld zu -finden, daß man hätte in einem Städtchen des Ostens einen -Bauplatz dafür kaufen können; und doch würde ein Fremder -geglaubt haben, er wandle unter lauter geschwollenen Millionären. -Mutende Gesellschaften schwärmten mit dem ersten Tagesgrauen -hinaus aus der Stadt und mit Einbruch der Nacht wieder herein, -beladen mit Beute – Steinbrocken. Nichts als Steinbrocken. -Jedermann hatte alle Taschen voll davon; in jeder Hütte war -der Fußboden damit besät, mit Zetteln beklebt standen sie reihenweise -auf den Wandsimsen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[63]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Allenthalben begegnete ich Leuten, welche tausend bis dreißigtausend -Fuß in unaufgeschlossenen Silbergruben besaßen, -von denen jeder einzelne Fuß ihrer Ueberzeugung nach binnen -kurzem fünfzig bis tausend Dollars gelten mußte; und das waren -oft genug Leute, die in der ganzen Welt keine fünfundzwanzig -Dollars ihr eigen nannten. Man mochte treffen wen man wollte, -so hatte er seine neue Grube anzupreisen und seine ›Proben‹ -bereit, und bei der ersten Gelegenheit drängte er einen unfehlbar -in die Ecke und bot einem an, ›aus bloßer Gefälligkeit, nicht um -etwas zu verdienen‹, ein paar Fuß im ›Goldenen Zeitalter‹ -oder ›Sarah Jane‹ oder irgend sonst einer unbekannten Schatzkammer -herzugeben, wenn er nur so viel dafür bekäme, um sich -eine ordentliche Mahlzeit leisten zu können. Dabei mußte man -sich verpflichten, es nicht weiter zu sagen, daß er einem das -Anerbieten zu so spottbilligem Preise gemacht habe, da er sich -lediglich ›aus Freundschaft zu diesem Opfer bereit erklärte‹. -Dann pflegte er ein Stück Gestein aus der Tasche zu fischen, -sich geheimnisvoll umzusehen, (als fürchte er, man könne ihm -auflauern und ihn berauben, wenn man ihn über dem Besitz -solchen Reichtums ertappe), mit dem Steinbrocken an seine Zunge -zu tippen, ein Vergrößerungsglas darüber zu halten und auszurufen:</p> - -<p>»Sehen Sie mal her! Gerade hier in dem roten Fleck! -Sehen Sie! Sehen Sie die goldenen Punkte? Und den -Streifen Silber? Das ist vom ›Onkel Abe‹. Davon sind hunderttausend -Tonnen in Aussicht. Direkt in Aussicht, merken Sie -wohl! Und wenn wir bis auf die rechte Stelle hinunterkommen<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[64]</span> -und die Ader gediegen wird, dann ist des Reichtums kein Ende. -Sehen Sie sich die Probe an! Ich verlange nicht, daß Sie -<em class="gesperrt">mir</em> glauben. Sehen Sie sich nur die Probe an!«</p> - -<p>Dann langte er regelmäßig ein fettiges Papier heraus, -worin bezeugt war, das betreffende Stück habe in der Feuerprobe -den Beweis geliefert, daß es Gold und Silber im Verhältnis -von so und so viel hundert oder tausend Dollars per -Tonne enthalte. Ich wußte damals noch nicht, daß man gewohnt -war, das reichste Stück aus einer Ausgrabung zum Probieren -herauszusuchen. Sehr oft war dieses Stück von nicht -mehr als Nußgröße der einzige Brocken in einer ganzen Tonne, -der überhaupt ein Metallteilchen enthielt, und doch erhob es nach -dem Probierzeugnis Anspruch darauf, den Durchschnittswert der -Tonne Geröll, woraus es stammte, zu repräsentieren.</p> - -<p>Dieses Probiersystem war es, das die Menschheit im Humboldt-County -verrückt gemacht hatte. Auf die Autorität solcher Probierzeugnisse -hin schwärmten die dortigen Zeitungskorrespondenten -vor Begeisterung über Gestein, das vier- bis siebentausend Dollars -die Tonne wert sein sollte.</p> - -<p>Wir rührten weder unsern Stollen, noch unsern Schacht -je wieder an. Warum? Weil wir nun das wahre Geheimnis -des Erfolges beim Silbergraben entdeckt zu haben meinten – -es bestand darin, daß man nicht selbst im Schweiß seines Angesichts -und mit seiner Hände Arbeit nach Silber grub, sondern -die Erzschichten an die dummen Sklaven der Arbeit <em class="gesperrt">verkaufte</em> -und <em class="gesperrt">ihnen</em> das Graben überließ! –</p> - -<div class="urshapepic" id="illu-064"> -<div class="boxu box064u"> -<img src="images/illu-064.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box064r"></div> -</div> - -<p>Vor meinem Weggang von Carson hatte ich zusammen mit -dem Sekretär von verschiedenen Mitbesitzern der ›Esmeralda‹ -eine Anzahl Fuß gekauft. Wir hatten sofortige Gegenleistung -in ungemünztem Gold oder Silber erwartet, wurden aber statt -dessen mit regelmäßig und ständig wiederkehrenden Zubußen – -d. h. Geldforderungen zum Ausbau der genannten Gruben –<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[65]</span> -heimgesucht. Diese Zubußen waren dermaßen drückend geworden, -daß es notwendig erschien, sich persönlich Einblick in die Sache -zu verschaffen. Ich beschloß deshalb eine Pilgerfahrt nach Carson -und von dort nach Esmeralda. Nachdem ich mir ein Pferd -gekauft, brach ich in Begleitung des Herrn Ballou und eines -Herrn Ollendorff auf. Dieser letztere war ein Preuße – aber -nicht jener Mensch, der mit seinen Grammatiken fremder Sprachen -mit ihren unaufhörlichen Wiederholungen von -Fragen, die weder jemals vorgekommen sind, -noch jemals in irgend einer Unterhaltung -zwischen menschlichen Wesen vorzukommen Aussicht haben, der Welt -so viel Leiden zugefügt hat. Wir ritten zwei oder drei Tage lang -durch einen Schneesturm, bis wir vor Honey Lake Smiths einsam -gelegenem Wirtshause am Carsonflusse ankamen. Es war ein zweistockiges -Blockhaus auf einem kleinen Hügel, inmitten eines weiten -Wüstenbeckens, durch das sich der dürftige Carson trübselig hinwindet. -Dicht bei dem Hause standen die aus Backsteinen erbauten -Ställe der Ueberlandpost. Mehrere Meilen rundum fand man sonst -kein Gebäude. Gegen Sonnenuntergang trafen ungefähr zwanzig -Heuwagen ein, die sich rings um das Haus aufstellten; sämtliche -Fuhrleute kamen zum Abendessen herein – eine sehr, sehr rohe<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[66]</span> -Bande. Auch ein oder zwei Postillone der Ueberlandpost waren -da, und außerdem ein halbes Dutzend Strolche und Landstreicher; -das Haus war demnach wohl gefüllt. Nach dem Essen gingen -wir hinaus und besuchten ein kleines Indianerlager in der -Nachbarschaft. Die Indianer waren aus irgend einem Grunde -in großer Aufregung, sie packten ein und eilten so schnell als -möglich fortzukommen. »In kurz Zeit Menge Wasser,« sagten -sie und gaben uns mit Hilfe von Zeichen zu verstehen, daß nach -ihrer Meinung eine Ueberschwemmung im Anzug sei. Das -Wetter war vollkommen klar, auch befanden wir uns nicht in -der Regenzeit. Das unbedeutende Flüßchen hatte höchstens zwei -Fuß Wasser; seine Oberfläche war nicht breiter als eine schmale -Dorfgasse und seine Ufer kaum höher als ein Mannskopf. Wo -sollte also eine Ueberschwemmung herkommen? Wir sprachen -noch eine Weile darüber und gelangten zu dem Schlusse, es -werde wohl eine List der Indianer sein, die für ihren eiligen -Abzug sicherlich einen triftigeren Grund haben müßten, als die -Furcht vor Ueberschwemmung bei maßloser Trockenheit.</p> - -<p>Um sieben Uhr abends legten wir uns im zweiten Stockwerk -zu Bette, – in den Kleidern (unsrer Gewohnheit gemäß) -und alle drei in <em class="gesperrt">ein</em> Bett; denn jeder verwendbare Raum auf -dem Fußboden, auf Stühlen u. s. w. war besetzt, und trotzdem -gab es kaum Platz genug für alle Gäste des Wirtshauses. Nach -einer Stunde weckte uns ein großer Lärm; wir sprangen aus -dem Bett, stiegen über die in Reihen auf dem Boden schnarchenden -Fuhrleute hinweg und gelangten so nach den Vorderfenstern der -Stube. Ein einziger Blick enthüllte uns im Scheine des Mondlichts -ein merkwürdiges Bild. Der vielgewundene Carson war -voll bis zum Rande, wild rasten und schäumten seine Wasser -– mit wütender Geschwindigkeit schossen sie um die scharfen -Biegungen und brachten auf der Oberfläche ein Chaos von -Stämmen, Strauchwerk und allerhand Unrat mit. Eine Einsenkung,<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[67]</span> -die früher das Bett des Flusses gebildet hatte, war -schon beinahe voll, und an mehreren Stellen begann das Wasser -über das Hauptufer hinauszuspülen. Die Leute rannten hin -und her, um Vieh und Wagen dicht an das Haus zu bringen, -denn die Bodenerhebung, auf der es stand, dehnte sich vorne -nur etwa dreißig und an der Hinterseite vielleicht hundert Fuß -weit aus. Hart neben dem vorerwähnten alten Flußbett stand -ein kleiner Stall aus Baumstämmen, in welchem unsere Pferde -untergebracht waren. An dieser Stelle stieg das Wasser zusehends -so rasch, daß nach wenigen Minuten ein Wildbach an -dem Stall vorbeibrüllte, der fortwährend höher an dem Gebälk -emporschwoll. Da wurde uns auf einmal klar, daß diese Flut -mehr sei, als ein bloßes Schaustück zur Kurzweil. Sie drohte -Verderben, und zwar nicht nur dem kleinen Blockstall, sondern -auch den Gebäuden der Ueberlandpost, dicht am Hauptflusse, -denn die Wellen waren jetzt über die Ufer gestiegen, so daß sie -die Grundmauern umspülten und in die anstoßende große Heuscheune -eindrangen. Wir rannten hinunter und befanden uns -bald mitten in einem Haufen aufgeregter Menschen und geängsteter -Tiere. Bis an die Kniee wateten wir in den Stall -und banden die Pferde los; beim Herauswaten ging uns das -Wasser schon bis zu den Hüften, so rasch war es gestiegen. -Dann stürzten alle wie ein Mann nach der Scheune und machten -sich daran, die mächtigen Bündel Heu herauszuwerfen, die dann -nach dem höher gelegenen Hause hinaufgewälzt wurden. Inzwischen -hatte man entdeckt, daß ein Postillon der Ueberlandpost, -Namens Owens, fehlte; ein Mann lief bis zu den Schenkeln -im Wasser in den Stall hinein, fand den Vermißten schlafend -und weckte ihn, worauf er wieder hinauswatete. Aber Owens -war duselig und schlief wieder ein; jedoch nur auf ein paar -Minuten; denn als er sich im Bett umdrehte, kam seine herabhängende -Hand in Berührung mit dem kalten Wasser! Dieses<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[68]</span> -ging schon bis zur Höhe der Matratze! Fast brusttief watete -er heraus, und schon im nächsten Augenblick schmolzen die Backsteine -zusammen wie Zucker; das mächtige Gebäude stürzte ein -und war im Nu weggespült.</p> - -<p>Um elf Uhr schaute nur noch das Dach des kleinen Stalles -aus dem Wasser heraus, und unser Wirtshaus war eine Insel -im Weltmeer. Soweit das Auge im Mondlicht schauen konnte, -war keine Wüste mehr zu erblicken, sondern nur noch eine weite, -schimmernde Wasserfläche. Die Indianer hatten richtig prophezeit; -aber woher hatten sie ihre Kunde erhalten? Ich weiß -keine Antwort darauf.</p> - -<p>Acht Tage und ebenso viele Nächte blieben wir mit jener -sonderbaren Gesellschaft zusammengepfercht. Fluchen, Trinken -und Kartenspiel bildeten die Tagesordnung, die nur gelegentlich -der Abwechslung halber durch eine Rauferei unterbrochen wurde. -Schmutz und Ungeziefer – doch davon schweige ich lieber; es -genüge zu sagen, daß beides in geradezu unbegreiflicher Masse -vorhanden war.</p> - -<p>Zwei Leute in der Gesellschaft – doch dieses Kapitel ist -schon lang genug.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-z.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Zwei Leute in der Gesellschaft waren mir ganz besonders -widerwärtig. Der eine war ein kleiner Schwede von -ungefähr fünfundzwanzig Jahren, der nur ein einziges Lied -konnte, das er in einem fort sang. Den Tag über waren wir -sämtlich in einem einzigen, kleinen, zum Ersticken dunstigen Schenkzimmer -zusammengepfercht, und so gab es vor der Musik dieses<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[69]</span> -Menschen kein Entrinnen. Mitten durch all das Lästern, Whiskeysaufen, -Stoßen und Zanken tönte sein langweiliger Gesang ohne -irgend welche Abwechslung in der gleichen einförmigen Weise, -so daß ich zuletzt gerne den Tod erlitten hätte, um dieser Marter -zu entgehen. Der andere war ein stämmiger Raufbold, ›Arkansas‹ -geheißen; im Gürtel trug er zwei Revolver, aus dem Stiefel -sah ihm ein Bowiemesser heraus; er war stets betrunken und -auf der Suche nach Händeln, doch fürchtete man ihn so sehr, -daß ihm niemand den Gefallen thun wollte, mit ihm anzubinden. -Durch allerlei kleine Kriegslisten suchte er bald diesen bald jenen -zu einer beleidigenden Bemerkung zu verlocken, und hie und da -leuchtete sein Gesicht freudig auf, wenn er meinte, er habe eine -Rauferei gehörig eingefädelt; aber unfehlbar vereitelte sein Opfer -alle Bemühungen, und dann gab er jedesmal eine Enttäuschung -kund, die schier pathetisch war. Den Wirt, Johnson, einen bescheidenen, -gutmütigen Menschen, nahm Arkansas bald als vielversprechenden -Gegenstand aufs Korn und ließ ihm eine Zeitlang -Tag und Nacht keine Ruhe. Am vierten Morgen betrank sich -Arkansas und paßte auf eine gute Gelegenheit. Bald darauf kam -Johnson, gemütlich vom Whiskey angeheitert, herein und begann:</p> - -<p>»Ich glaube, die Wahl in Pennsylvanien –«</p> - -<p>Arkansas erhob warnend den Finger, worauf Johnson inne -hielt. Der andere richtete sich unsicher auf und trat ihm -schwankend gegenüber mit den Worten:</p> - -<p>»Wa-was wissen Sie vo-von Pennsylvanien? Antworten -Sie mir. Wa-was wissen Sie von Pennsylvanien?«</p> - -<p>»Ich wollte bloß sagen –«</p> - -<p>»Sie wollten bloß <em class="gesperrt">sagen</em> – Sie! Sie wollten bloß sagen -– <em class="gesperrt">was</em> wollten Sie sagen? Das ist’s! <em class="gesperrt">Das</em> will ich wissen. -Ich will wissen, wa-was Sie (<span class="s90">Schlucken</span>) von Pennsylvanien -wissen, weil Sie sich so verdammt breit damit machen. Antworten -Sie mir darauf!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[70]</span></p> - -<p>»Herr Arkansas, wenn Sie mir erlauben wollten –«</p> - -<p>»Wer hindert Sie denn? Bringen Sie keine Sticheleien -gegen mich vor – lassen Sie das sein. Kommen Sie nicht -mit großthuerischen Redensarten und Fluchen und Schwören -wie ein Verrückter herein – lassen Sie das gefälligst bleiben. -Denn ich <em class="gesperrt">lasse</em> mir das nicht gefallen. Wenn Sie sich mit -mir schießen wollen, heraus mit der Schlüsselbüchse! Ich bin -dabei! Heraus damit!«</p> - -<p>Johnson flüchtete rückwärts in eine Ecke, wohin Arkansas -drohend folgte. »Aber ich habe ja gar nichts gesagt, Herr -Arkansas!« rief der Wirt. »Sie lassen einen ja nicht ausreden. -Ich wollte bloß sagen, daß es in Pennsylvanien nächste Woche -eine Wahl geben wird – das war alles – das war das einzige, -was ich sagen wollte; ich will nicht gesund hier stehen, -wenn es nicht so war.«</p> - -<p>»Gut, aber warum sagten Sie das nicht gleich? Was -kamen Sie so geschwollen herein und versuchten Spektakel anzufangen?«</p> - -<p>»Aber ich bin doch gar nicht geschwollen hereingekommen, -Herr Arkansas, ich wollte ja nur –«</p> - -<p>»Ich bin also ein Lügner? Nicht wahr? Beim Geist des -gr-großen Cäsar –«</p> - -<p>»Aber bitte, Herr Arkansas, ich habe so etwas durchaus -nicht sagen wollen; ich will gleich tot sein, wenn ich daran gedacht -habe. Die Jungens werden Ihnen alle bezeugen, daß ich -stets gut von Ihnen gesprochen und Sie höher geachtet habe -als irgend jemand im Hause. Fragen Sie ’mal Smith. Ist -es nicht so, Smith? Habe ich nicht erst gestern abend gesagt, -wenn ihr einen feinen Herrn haben wollt, der es immer und -unter allen Umständen ist und bleibt, so seht euch den Arkansas -an? Sie können jeden von den Herren hier fragen, ob das -nicht genau meine Worte sind. Kommen Sie jetzt, Herr Arkansas,<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[71]</span> -wir wollen einen Schluck nehmen – wir wollen uns die Hände -schütteln und ein Tröpfchen trinken. Kommen Sie her, alle -miteinander, ich traktiere! Kommt her, Bill, Tom, Bob, Scotty -– kommt her. Ihr sollt alle mit mir und Arkansas, meinem -alten Arkansas – meinem prächtigen, alten Arkansas, einen -Kleinen trinken. Geben Sie mir noch ’mal die Hand. Seht -ihn an, Jungens – nur einmal seht ihn -an. Da steht der weiseste Mann in ganz -Amerika – und wer das leugnet, der hat’s -mit mir zu thun, damit Punktum. Geben -Sie mir die alte Tatze noch einmal.«</p> - -<div class="figright" id="illu-070"> - <img src="images/illu-070.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Sie umarmten sich. Dies geschah von -seiten des Wirtes mit trunkener Zärtlichkeit, -welche von Arkansas, der um den Preis -eines Schnapses wiederum seine Beute aus -den Händen lassen mußte, mit lässiger Gleichgültigkeit -hingenommen wurde. In seinem -Glück darüber, daß er der Schlachtbank entronnen, -war der Wirt so thöricht, noch weiter -fortzuschwatzen, statt der Gefahr aus dem -Wege zu gehen. Dies hatte zur Folge, daß -Arkansas bald darauf wieder gefährliche Blicke -nach ihm zu werfen begann und sagte:</p> - -<p>»Wirt, wollen Sie ge-gefälligst diese -Be-Bemerkung noch einmal machen, wenn es Ihnen beliebt?«</p> - -<p>»Ich sagte zu Scotty, mein Vater sei über achtzig Jahre -alt gewesen, als er starb.«</p> - -<p>»War das alles, was Sie sagten?«</p> - -<p>»Ja, das war alles.«</p> - -<p>»Sagten Sie weiter nichts als das?«</p> - -<p>»Nein, nichts weiter.«</p> - -<p>Ein unbehagliches Schweigen folgte. Arkansas spielte einen<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[72]</span> -Augenblick mit seinem Glase, die Ellbogen auf den Schenktisch -gestützt. Dann kratzte er sich nachdenklich mit dem linken Stiefel -am rechten Schienbein, während das unheildrohende Schweigen -noch fortdauerte. Auf einmal schlenderte er mit verdrießlicher -Miene nach dem Ofen zu, schob in grober Weise zwei oder drei -Leute mit der Schulter aus ihren behaglichen Stellungen weg, -machte sich’s bequem und gab einem schlafenden Hund einen -Fußtritt, daß er heulend unter eine Bank fuhr; darauf spreizte -er seine langen Beine auseinander, nahm die Schöße seines aus -einer Pferdedecke gemachten Rockes unter die Arme und schickte -sich an, sich die Hinterseite zu wärmen. Nach einem Weilchen -begann er für sich zu brummen, und bald darauf schlotterte er -an den Schenktisch zurück und sagte:</p> - -<p>»Wirt, was soll das heißen, daß Sie alte Persönlichkeiten -zusammenkratzen und sich mit Ihrem Vater groß machen? Paßt -Ihnen unsere Gesellschaft nicht? Hm? Wenn Ihnen diese Gesellschaft -nicht recht ist, so thäten wir vielleicht besser, zu gehen. -Ist das Ihre Meinung? Wollen Sie darauf hinaus?«</p> - -<p>»Ei, du meine Güte, Arkansas, ich habe an so etwas gar -nicht gedacht. Meine Eltern –«</p> - -<p>»Wirt, fiedeln Sie mir nicht solches Zeug vor. Lassen -Sie das. Wenn Sie durchaus Spektakel haben müssen, frisch -heraus damit (<span class="s90">Schlucken</span>) – aber scharren Sie nicht vergangene, -alte Dinge aus dem Boden auf, um sie Leuten in die Zähne -zu werfen, die Frieden zu halten wünschen, wenn es halbwegs -geht. Was ist denn überhaupt heut’ morgen mit Ihnen los? -Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der sich so aufspielte!«</p> - -<p>»Arkansas, ich habe mir wirklich nichts Schlimmes dabei -gedacht, aber ich will’s sein lassen, wenn es Ihnen unangenehm -ist. Ich glaube, meine Schnäpse sind mir in den Kopf gestiegen, -und dann die Ueberschwemmung und daß ich so viele Leute zu -füttern habe und sorgen muß, daß –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[73]</span></p> - -<p>»Also <em class="gesperrt">das</em> ist’s, was Ihnen im Kopf herumgeht? Sie -wollen uns los sein, he? Ist’s nicht so? Heraus damit!«</p> - -<p>»Bitte, so seien Sie doch vernünftig, Arkansas. Sie wissen -ja doch, daß ich nicht der Mann darnach bin, um –«</p> - -<p>»Wollen Sie mir drohen, he? Beim Himmel, der Mann -muß erst geboren werden, der mich ins Bockshorn jagt. Probier’s -nur nicht, mir so aufzuspielen, mein Lämmchen. – Ich -kann viel vertragen, aber das vertrag’ ich nicht. Komm hervor -hinter dem Schenktisch da, daß ich dich Mores lehre. Du willst -uns vertreiben, du schleichender, heimtückischer Hund. Geh heraus -hinter dem Schenktisch da! Ich will dich lehren, einen Biedermann -mit Bramarbasieren zu quälen und mit hochmütigen Blicken -zu reizen, der dir immer alles zu lieb gethan hat!«</p> - -<p>»Bitte, Arkansas, nicht schießen, bitte! Wenn’s zu Blutvergießen -kommt –«</p> - -<p>»Hören Sie, meine Herren? Hören Sie, wie er von Blutvergießen -spricht? Also Blut willst du sehen, nicht wahr, du -wütender Mordgeselle! Du hast dir vorgenommen, heut’ morgen -jemand umzubringen! Das hab’ ich gleich gewußt. <em class="gesperrt">Mich</em> hast -du auf dem Korn, nicht wahr? <em class="gesperrt">Mir</em> willst du an den Hals, -nicht wahr? Aber ich will dir schon zuvorkommen, du diebischer -Niggersohn mit schwarzem Herzen und weißer Leber! Heraus -mit deiner Schlüsselbüchse!«</p> - -<p>Damit begann Arkansas zu feuern, während der Wirt in -heller Todesangst über Bänke, Menschen und alles, was ihm -im Weg stand, wegsetzte. Inmitten des tollen Getümmels fuhr -der Wirt krachend durch eine Glasthüre, und als Arkansas ihm -nachsprang, erschien plötzlich die Frau des Wirtes in der Thüröffnung -und trat dem Raufbold mit einer Schere entgegen. -Die Frau war großartig in ihrer Wut. Erhobenen Hauptes -und blitzenden Auges stand sie einen Augenblick da, dann rückte -sie mit gezückter Waffe vor. Verblüfft hielt der Schurke inne<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[74]</span> -und trat einen Schritt zurück. Sie folgte ihm, trieb ihn Schritt -für Schritt bis in die Mitte der Schenkstube und gab ihm hier -vor der verwunderten Menge, die sich um sie sammelte und sie -mit starrem Staunen betrachtete, eine solche Tracht Zungenhiebe, -wie sie vielleicht noch nie einem eingeschüchterten und gründlich -beschämten Prahlhans zu teil geworden sind. Als sie zu Ende -war und sich als Siegerin zurückzog, erzitterte das Haus von -Beifallsgebrüll und jedermann bestellte in einem Atem ›Schnaps -für die ganze Gesellschaft‹.</p> - -<p>Die Lektion war völlig genügend. Die Schreckensherrschaft -war vorüber, Arkansas’ Macht für immer gebrochen. Während -der ganzen Zeit, die wir noch auf unserer Insel in Gefangenschaft -verbringen mußten, saß einer stets geduckt beiseite, mengte sich -nie in einen Streit, ließ nie eine Prahlerei hören und nahm -geduldig die Beleidigungen hin, die ihm die Menge, welche bisher -vor ihm zu Kreuz gekrochen, jetzt unaufhörlich zuschleuderte -– und dies war Arkansas.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am fünften oder sechsten Morgen verlief sich das Wasser -vom Lande wieder, aber die Strömung im alten Flußbett war -immer noch hoch und reißend, und keine Möglichkeit hinüberzukommen. -Am achten Tage ging sie immer noch zu hoch, als -daß man ganz ohne Gefahr hätte übersetzen können; allein das -Leben in der Schenke war bei der Unsauberkeit, Trunkenheit und -Rauflust der Gäste nicht länger auszuhalten, und so machten -wir einen Versuch, fortzukommen. Bei heftigem Schneesturm -schifften wir uns in einem Kahne ein, nahmen die Sättel mit -an Bord und zogen die Pferde im Schlepptau an den Halftern -hinter uns drein. Der Preuße Ollendorff befand sich vorn am -Bug mit einem Ruder, Ballou ruderte in der Mitte und ich -saß im Stern und hielt die Halfter. Als die Pferde den Grund -verloren und zu schwimmen anfingen, wurde Ollendorff ängstlich;<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[75]</span> -er fürchtete, die Pferde könnten uns vom Ziel abbringen, und -es war klar, daß, falls es uns nicht gelang, an einer gewissen -Stelle zu landen, wir, von der Strömung fortgerissen, unfehlbar -in den Hauptarm des Carson treiben würden, der zurzeit einen -kochenden Strudel bildete. Ein solches Mißgeschick würde aller -Wahrscheinlichkeit nach unsern Tod bedeutet haben; denn wir -wären mit unserm Kahn in den See geschwemmt worden oder -umgestürzt und ertrunken. Wir mahnten Ollendorff, seine fünf -Sinne zusammenzuhalten und sich vorsichtig zu betragen, aber -es nutzte nichts. In dem Augenblick, als das Boot ans Ufer -stieß, that er einen Sprung, so daß das Fahrzeug umschlug -und in dem zehn Fuß tiefen Wasser herumwirbelte. Ollendorff -erfaßte einen Strauch, an dem er sich ans Ufer zog, während -Ballou und ich hinüberschwimmen mußten, wobei uns unsere -Ueberzieher sehr hinderlich waren. Aber wir hielten uns an -dem Kahn fest, und obwohl wir beinahe den Carson hinabgespült -worden wären, gelang es uns zuletzt doch, das Boot -ans Ufer zu schieben und sicher zu landen. Wir waren zwar -durchkältet und durchnäßt, aber doch in Sicherheit. Die Pferde -halfen sich gleichfalls ans Land; aber unsere Sättel waren -natürlich verloren. Wir banden die Tiere an Salbeibüsche fest, -wo sie vierundzwanzig Stunden ausharren mußten. Dann -schöpften wir das Boot aus und schafften darin für sie Futter -und wollene Decken hinüber, während wir selbst noch einmal -in dem Wirtshause übernachteten, ehe wir uns abermals auf -die Reise wagten.</p> - -<p>Am nächsten Morgen, als wir mit neuen Sätteln und -sonstigen Ausrüstungsgegenständen aufbrachen, schneite es immer -noch wie rasend. Wir stiegen auf und ritten ab. Der Schnee -bedeckte den Boden so hoch, daß keine Spur von der Straße -erkennbar war, und der Schnee fiel so dicht, daß wir nicht mehr -als hundert Schritt weit vor uns sehen konnten, sonst hätten<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[76]</span> -wir an den Bergketten unsere Richtung erkennen können. Die -Sache sah bedenklich aus; allein Ollendorff erklärte, er habe einen -Instinkt so fein wie ein Kompaß und wäre im stande, schnurgerade -auf Carson City zuzureiten, und die Linie genau einzuhalten. -Bei der geringsten Abweichung von derselben würde -ihn sein Instinkt so sicher warnen wie einen Sünder sein Gewissen. -Glücklich und zufrieden folgten wir seiner Spur. Eine -halbe Stunde lang haspelten wir uns ziemlich mühselig weiter, -dann aber trafen wir auf eine neue Fährte, und Ollendorff -rief stolz:</p> - -<p>»Ich wußte es ja, daß ich so unfehlbar bin wie ein Kompaß, -Jungens! Hier sind wir genau in den Fußspuren von -jemand, der uns den Weg zeigen wird, ohne daß wir uns anzustrengen -brauchen. Wir wollen uns eilen, damit wir uns der -Gesellschaft da vorne anschließen können.«</p> - -<p>Nun ließen wir die Pferde so stark traben, als es in dem -tiefen Schnee anging; und nicht lange, so schien es, als kämen -wir den vor uns Reitenden näher; denn die Spuren wurden -deutlicher. Eilig strebten wir vorwärts, und nach Verlauf einer -Stunde sahen die Spuren noch neuer und frischer aus – nur -waren wir überrascht, daß die Zahl der Reisenden fortwährend -zuzunehmen schien. Wir konnten uns nicht denken, wie eine -so große Gesellschaft zu solcher Zeit in diese Einöde käme, bis -einer von uns meinte, es müsse wohl eine Kompagnie Soldaten -vom Fort sein. Zufrieden mit dieser Lösung des Rätsels, ritten -wir noch etwas rascher weiter; sie konnten ja nicht mehr fern -sein. Aber die Spuren vermehrten sich noch immer, so daß -wir schon anfingen zu glauben, die Abteilung Soldaten müsse sich -auf unerklärliche Weise zu einem Regiment vermehrt haben – -Ballou behauptete, es seien schon mindestens fünfhundert daraus -geworden. Auf einmal hielt er an und sagte: »Jungens, das -sind ja unsere eigenen Spuren! Mehr als zwei Stunden lang<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[77]</span> -sind wir wahrhaftig wie in einem Zirkus immer wieder rundum -geritten, hier außen in der öden Wüste! Bei Gott, das ist ja -ganz ›hydraulisch‹!«</p> - -<p>Dann wurde der alte Mann wild und fing an zu schimpfen. -Er gab Ollendorff allerhand schlimme Namen, sagte, in seinem -Leben hätte er keinen solchen dämlichen Pinsel gesehen wie ihn, -und machte zum Schluß die ganz besonders giftige Bemerkung, -er wisse nicht einmal so viel wie ein Logarithmus!</p> - -<p>Wir waren richtig unseren eigenen Spuren gefolgt. Ollendorff -samt seinem inneren Kompaß fiel von nun an in Ungnade. -Am Schlusse unseres mühseligen Rittes befanden wir uns wieder -am Ufer des Baches, während sich drüben durch das Schneetreiben -hindurch in matten Umrissen das Wirtshaus zeigte. Noch -überlegten wir, was nun zu thun sei, da landete der junge -Schwede mit dem Kahn und schlug seinen Weg zu Fuß nach -Carson City ein, immer denselben langweiligen Singsang herleiernd. -Eine Minute darauf war er nur noch undeutlich sichtbar -und versank dann in dem weißen Meer der Vergessenheit. -Man hörte nie wieder von ihm. Ohne Zweifel verlor er die -ruhige Besinnung, verirrte sich, sank vor Ermüdung in Schlaf und -fiel so dem Tode in die Arme. Möglicherweise folgte er auch unsern -verräterischen Spuren, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach.</p> - -<p>Inzwischen fuhr die Ueberlandpost durch den jetzt rasch -fallenden Bach; es war ihre erste Fahrt nach Carson seit dem -Eintritt der Ueberschwemmung. Ohne Zeitverlust folgten wir -den von ihr gezogenen Furchen und trabten lustig voran, denn -wir setzten volles Vertrauen in die Lokalkenntnis des Postillons. -Unsere Pferde konnten es zwar mit dem frischen Gespann der -Post nicht aufnehmen, so daß wir diese bald aus dem Gesicht -verloren, doch hatte dies nichts zu bedeuten, denn die tiefen Einschnitte, -die die Räder machten, dienten uns als Wegweiser. -Mittlerweile war es drei Uhr nachmittags geworden, und es<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[78]</span> -mußte bald Nacht werden. Das geschieht aber dort zu Lande -nicht mittelst einer allmählich stärker werdenden Dämmerung, -sondern geht so plötzlich vor sich, wie wenn eine Kellerthür zugeschlagen -wird. Der Schnee fiel noch immer gleich dicht, so -daß wir keine fünfzehn Schritte vor uns sehen konnten; aber -ringsum vermochten wir durch den Schimmer des weißen Schneebettes -die glatten, zuckerhutförmigen Erhöhungen zu erkennen, -in welche sich die Salbeibüsche verwandelt hatten; die beiden -schmalen Rinnen dicht vor uns aber waren die mehr und mehr -sich füllenden und langsam verschwindenden Wagengeleise.</p> - -<p>Nun waren jene Salbeibüsche alle von derselben Höhe, drei -oder vier Fuß hoch, und sie standen alle etwa sieben Fuß auseinander, -soweit das Auge reichte; jeder derselben war jetzt ein -bloßer Schneehaufen; in jeder Richtung, die man einschlagen -mochte, bewegte man sich wie in einem gut angelegten Obstgarten -durch eine rechts und links von einer Reihe dieser Schneehaufen -eingefaßte Gasse – eine Gasse von der gewöhnlichen Breite -einer Landstraße, in der Mitte sauber und eben, und an den -Seiten ganz natürlich ansteigend. Bisher war uns das noch -gar nicht eingefallen. Nun stelle man sich einmal vor, wie es -uns eiskalt überlief, als uns tief in der Nacht der Gedanke -kam, wir möchten vielleicht jetzt, da die schwache Spur der -Wagenräder längst begraben und unsern Blicken entzogen war, -in einer bloßen Allee von Salbeibüschen, meilenweit weg von -der Straße hin irren und immer weiter von derselben abkommen. -Wäre uns ein Eisklumpen über den nackten Rücken gerutscht, -es hätte eine behagliche Empfindung sein müssen, verglichen mit -diesem Gefühl. Das seit einer Stunde schläfrig gewordene Blut -regte sich plötzlich wieder und schoß uns verzweifelt durch die -Adern. Alle in Schlummer versunkenen Kräfte des Geistes und -Körpers flammten auf. Sofort waren wir wach und munter, -aber nur um vor Angst und Bestürzung zu zittern und zu<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[79]</span> -klappern. Unverzüglich machten wir Halt, stiegen von den Pferden, -und bückten uns tief, um nach den Spuren der Straße zu suchen. -Vergeblich; denn eine Bodenvertiefung, die nicht zu erkennen -war, wenn man sich vier oder fünf Fuß über derselben befand, -ließ sich erst recht nicht wahrnehmen, wenn man sie fast mit -der Nase berührte.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-078"> - <img src="images/illu-078.jpg" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Es kam uns zwar vor, als befänden wir uns auf einer -Straße; aber das war noch kein Beweis. Denn als -wir nach verschiedenen Richtungen hinschritten, zog jeder von -uns aus den regelmäßigen Reihen von Schneehaufen und den -dazwischen hinlaufenden Wegen den unumstößlichen Schluß, daß -<em class="gesperrt">er</em> den richtigen Weg gefunden und die beiden andern sich geirrt -hätten. Wir waren kalt und steif und die Pferde ermüdet.<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[80]</span> -In unserer verzweifelten Lage beschlossen wir, ein Feuer aus -Salbeibüschen anzumachen und bei demselben bis zum Morgen -zu kampieren. Dies war das Vernünftigste, weil, falls wir -von der richtigen Straße abgekommen waren und der Schneesturm -noch einen Tag anhielt, kaum noch eine Rettung blieb, -wofern wir weiter ritten.</p> - -<p>Wir waren alle einig darüber, daß ein Lagerfeuer uns -noch am ehesten am Leben erhalten könnte, und so machten wir -uns ohne Aufschub daran, ein solches herzustellen. Da wir -keine Zündhölzchen finden konnten, versuchten wir es mit den -Pistolen. Zwar hatte keiner von der Gesellschaft dies jemals -probiert, aber wir glaubten, es werde sich ganz bequem machen -lassen, denn wir hatten des öfteren davon in Büchern gelesen -und verließen uns nun darauf mit derselben vertrauensvollen -Einfalt wie auf jenen anderen Bücherschwindel, der von Indianern -und verirrten Jägern erzählt, die sich durch Reiben von zwei -dürren Holzstücken Feuer verschaffen.</p> - -<p>Auf den Knieen drängten wir uns in dem tiefen Schnee -aneinander; die Pferde steckten ihre Nasen zusammen und beugten -ihre Köpfe geduldig über uns, und so fuhren wir in unserem -wichtigen Experiment fort, während die federigen Flocken herunterwirbelten -und uns in eine Gruppe weißer Statuen verwandelten. -Wir brachen Zweige von einem Salbeibusch, säuberten einen -kleinen Platz vom Schnee und häuften das Holz auf, es mit -unsern Leibern schützend. Dies nahm zehn bis fünfzehn Minuten -in Anspruch, und nun setzte Ollendorff unter allgemeiner Stille -und atemloser, ängstlicher Spannung seinen Revolver daran, -drückte ab und – fort flog unser Holzhäufchen in alle Winde.</p> - -<p>Das war recht betrübend, aber es verblaßte vor einem noch -größeren Schrecken – die Pferde waren fort. Ich war damit -betraut gewesen, die Zügel zu halten, hatte sie aber in der Aufregung -des Pistolenexperiments unversehens fallen lassen, und<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[81]</span> -die frei gewordenen Tiere waren in dem Unwetter davongelaufen. -Sie aufsuchen zu wollen, wäre verlorene Mühe gewesen; ihre -Fußtritte brachten kein Geräusch hervor und man konnte ihnen -auf zwei Ellen nahe sein, ohne sie zu sehen. So gaben wir -sie denn auf und verwünschten die Bücher mit ihren Lügen, in -denen steht, daß Pferde in Zeiten der Not, Schutz und Gesellschaft -suchend, bei ihrem Herrn bleiben.</p> - -<p>Wir waren schon vorher elend genug daran gewesen, nun -fühlten wir uns noch viel verlassener. Geduldig, doch ohne -Hoffnung brachen wir noch einmal Reisig ab und schichteten es -auf, worauf es der Preuße abermals in alle Winde schoß. Offenbar -war das Feueranmachen mit einem Pistol eine Kunst, die -Uebung und Erfahrung erforderte, und eine Wüste um Mitternacht -und bei Schneegestöber war nicht der Ort zur Erlangung -dieser Fertigkeit. Wir gaben diesen Versuch auf und wandten -uns zu dem andern. Ein jeder von uns nahm zwei Hölzer und -machte sich daran, sie aneinander zu reiben. Nach Ablauf einer -halben Stunde waren wir vor Kälte ganz erstarrt und die -Hölzer nicht minder. Bitter verwünschten wir Indianer, Jäger -und Bücher, die uns mit ihrem einfältigen Rate bethört hatten, -und fragten uns, was nun zunächst zu thun sei. In diesem -entscheidenden Augenblicke entdeckte Ballou in einer Tasche, die -er bisher ganz übersehen hatte, vier Zündhölzchen. Wären es -Goldbarren gewesen, sie würden uns, verglichen damit, als ein -ärmlicher, wertloser Glücksfund vorgekommen sein. Man glaubt -nicht, wie prächtig sich ein Zündholz unter solchen Umständen -ausnimmt, wie lieblich und kostbar und von welch erhabener -Schönheit umflossen es dem Auge erscheint. Voll hoher Hoffnungen -sammelten wir nochmals Reisig, und als der Alte sich -anschickte, das erste Hölzchen in Brand zu setzen, sahen wir ihm -mit einem Interesse zu, das ganze Druckseiten nicht genügend -zu schildern vermöchten. Hoffnungsvoll brannte das Zündhölzchen<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[82]</span> -einen Augenblick lang und ging dann aus. Wäre es eine -Menschenseele gewesen, man hätte ihr Erlöschen nicht tiefer betrauern -können. Das nächste Hölzchen blitzte nur auf, um sogleich -wieder zu ersterben. Das dritte blies der Wind gerade -in dem Augenblick aus, als es Erfolg verhieß. Enger als je -drückten wir uns nun zusammen und entwickelten eine peinliche -Aufmerksamkeit, als Ballou mit unserer letzten Hoffnung über -sein Hosenbein strich. Das Hölzchen fing Feuer, brannte zuerst -blau und kümmerlich, flackerte dann aber zu einer kräftigen -Flamme auf. Der alte Herr schützte sie mit der Hand und -bückte sich langsam damit. Jeder von uns war mit ganzer -Seele bei seinem Thun, Blut und Atem stockten uns. Endlich -ergriff die Flamme die Hölzer, teilte sich allgemach mehreren -mit – zögerte – gewann wieder etwas mehr Kraft – zögerte -nochmals – behielt fünf herzbrechende Minuten lang das Leben -– um dann wie die Seele eines Sterbenden noch einmal aufzuflackern -und zu erlöschen.</p> - -<p>Mehrere Minuten lang sprach keiner ein Wort. Ein feierliches -Schweigen herrschte. Selbst der Wind hielt verstohlen -inne mit seinem Wehen, und machte nicht mehr Geräusch als -die fallenden Schneeflocken, so daß eine unheilverkündende Stille -entstand. Endlich begann man mit gepreßter Stimme sich auszusprechen, -und es zeigte sich bald, daß einer wie der andere -von uns in seinem Innern fest überzeugt war, diese Nacht sei -unsere letzte in diesem Leben. Ich hatte im stillen gehofft, der -einzige zu sein, der diese Empfindung hätte. Als die andern -ruhig ebenfalls diese Ueberzeugung bekannten, klang es wie Grabgeläute. -Ollendorff sagte: »Brüder, laßt uns zusammen sterben! -Und laßt uns hinübergehen ohne ein bitteres Gefühl gegen einander. -Laßt Vergangenes vergeben und vergessen sein. Ich -weiß, ihr grollet mir, weil ich schuld daran war, daß gestern -der Kahn umschlug und weil ich gescheit sein wollte und euch<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[83]</span> -im Kreise im Schnee herumführte – aber ich meinte es gut, -verzeiht mir. Ich gestehe offen, daß ich auf Ballou böse war, -weil er mich geschimpft und einen Logarithmus genannt hatte; -was das ist, weiß ich nicht; es muß aber wohl etwas sein, das -in Amerika für ungehörig und unehrenvoll gilt; es ist mir kaum -einen Augenblick aus dem Sinn gekommen und hat mich sehr -gekränkt – aber lassen wir das, ich vergebe Ihnen von ganzem -Herzen, Herr Ballou, und –«</p> - -<p>Der arme Ollendorff brach zusammen und Thränen liefen -ihm die Wange herunter. Aber nicht ihm allein; denn ich brach -ebenfalls in Weinen aus und Ballou nicht minder. Als Ollendorff -wieder reden konnte, erteilte er mir Vergebung für verschiedenes, -was ich ihm gethan und gesagt hatte. Dann zog -er seine Schnapsflasche heraus und erklärte, ob er nun sterben -oder am Leben bleiben möge, nie werde er wieder einen Tropfen -anrühren. Der Hoffnung auf das Leben habe er gänzlich entsagt -und, obwohl schlecht vorbereitet, wolle er sich doch demütig -in sein Schicksal ergeben. Allerdings wünschte er noch eine -kleine Frist, aber nicht aus irgend welchem selbstsüchtigen Grunde, -sondern um seinen Sinn gründlich zu ändern, sich der Pflege -der Armen zu weihen, Kranke zu warten und der Welt Mäßigkeit -zu predigen, damit sein Leben zu einem heilsamen Beispiel für -die Jugend werde und er es zuletzt mit dem tröstlichen Gedanken -beschließen dürfe, daß er nicht umsonst gelebt habe. Seine Umkehr -solle gleich in diesem Augenblick beginnen, hier im Angesicht -des Todes, da ihm keine Zeit mehr gewährt sei, <span id="corr083">sich</span> zum Wohl -und Heil der Menschheit zu bethätigen – und damit schleuderte -er die Whiskyflasche fort.</p> - -<p>Ballou machte Bemerkungen ähnlichen Inhalts und begann -die ›Umkehr‹, deren Fortsetzung er nicht erleben sollte, damit, -daß er das alte Kartenspiel wegwarf, welches unsere Gefangenschaft -während der letzten Tage behaglich, ja überhaupt erträglich gemacht<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[84]</span> -hatte. Nie habe er gewerbsmäßig gespielt, sagte er, aber -er sei überzeugt, daß die Beschäftigung mit den Karten unsittlich -und schädlich sei, und wer ganz rein und tadellos sein wolle, -derselben entsagen müsse, »und deshalb,« so fuhr er mit seinem -steten wunderlichen Gebrauch von Fremdwörtern fort, »fühle ich -mich jetzt bei diesem Akt schon in größerer Sympathie mit jenen -zu gänzlicher und obsoleter Reform notwendigen spirituellen -Saturnalien.« Dieser Silbenfall rührte ihn tiefer, als irgend -ein verständlicher Satz des besten Redners es vermocht hätte; -der alte Mann schluchzte mit einer Wehmut, die nicht ohne Beimischung -einer gewissen Befriedigung war.</p> - -<p>Meine eigenen Bemerkungen waren in demselben Tone gehalten -wie die meiner Kameraden, und ich weiß, daß die Gefühle, -aus denen sie entsprungen, tief empfundene und aufrichtige -waren. Wir meinten es alle aufrichtig und waren tief erschüttert -und voll heiligen Ernstes; sahen wir uns doch ohne jede Hoffnung -im Angesichte des Todes. Ich warf meine Pfeife weg mit der -Empfindung, mich dadurch endlich von einem verhaßten Laster -frei gemacht zu haben, das mich mein Lebtag beherrscht hat. -Während ich noch sprach, überwältigte mich der Gedanke an das -Gute, das ich in der Welt hätte thun können und an das noch -größere Gute, das ich <em class="gesperrt">von nun an</em> aus höherem Antriebe und -mit besseren Zielen und Leitsternen hätte thun können, wären mir -nur noch ein paar Jahre beschieden gewesen – und meine Thränen -flossen wieder. Wir umschlangen uns mit den Armen und erwarteten -die Schläfrigkeit, die dem Tode des Erstarrens voranzugehen -pflegt. Sie stahl sich gar bald über uns, und wir -sagten einander ein letztes Lebewohl. Ein behaglicher Traumzustand -wob sich um meine schwindelnden Sinne, während die -Schneeflocken meinen nunmehr besiegten Körper mit einem Leichentuche -bedeckten. Das Bewußtsein schwand. Der Kampf des Lebens -war vorüber.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[85]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Ich weiß nicht, wie lange ich mich in dem Zustand völligen -Vergessens befand, aber es kam mir wie eine Ewigkeit -vor. Allmählich erwachte ich wieder einigermaßen zum Bewußtsein, -und es stellte sich ein immer heftigeres, quälendes -Schmerzgefühl in den Gliedern, ja im ganzen Körper ein. Mir -schauderte, durch mein Gehirn schoß der Gedanke: Das ist der -Tod, das ist das Jenseits.</p> - -<p>Auf einmal erhob sich neben mir etwas Weißes und eine -grämliche Stimme sagte:</p> - -<p>»Will einer der Herren mir gefälligst einen Tritt vor den -Hintern geben?«</p> - -<p>Es war Ballou – wenigstens war es ein struppiger Schneemann -mit Ballous Stimme.</p> - -<p>Ich erhob mich, und wer schildert mein Erstaunen, als ich -im Morgengrauen keine zwanzig Schritte von uns weg die -Brettergebäude einer Poststation erblickte und dabei unter einem -offenen Schuppen unsere Pferde noch mit Sattel und Zaum!</p> - -<p>Eine gewölbte Schneewehe zerbarst jetzt, aus der Ollendorff -auftauchte; und alle drei saßen wir nun da und starrten die -Gebäude an, ohne ein Wort zu sagen. Wir hatten auch in der -That nichts zu sagen. Wir standen wie die Ochsen am Berge. -Die ganze Situation war so peinlich lächerlich und demütigend, -daß sie sich nicht in Worte fassen läßt.</p> - -<p>Die Freude unserer Herzen über unsere Rettung war vergiftet, -ja fast zerstört. Nicht lange, so wurden wir immer verdrießlicher -und mürrischer; dann klopften wir, ärgerlich über -einander, ärgerlich über uns selber, ärgerlich über alles mögliche,<span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[86]</span> -mit finsteren Blicken -den Schnee von unseren -Kleidern und wateten in ungeselligem -Gänsemarsch zu unseren Gäulen hin, nahmen ihnen -die Sättel ab und suchten im Posthause Obdach.</p> - -<div class="ulshapepic" id="illu-085"> -<div class="boxu box085u"> -<img src="images/illu-085.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box085l"></div> -</div> - -<p>Ich habe kaum eine Einzelheit dieses seltsamen und abgeschmackten -Abenteuers übertrieben. Es trug sich fast genau -so zu. Wir hatten uns wirklich in einer Schneewehe gelagert -und hielten uns für hoffnungslos verloren, während sich keine -zwanzig Schritte weit von uns ein bequemes Wirtshaus befand.</p> - -<p>Zwei ganze Stunden lang saßen wir im Posthause, jeder -einzeln für sich in seine ärgerlichen Gedanken vertieft. Das -Geheimnis war enthüllt, wir wußten jetzt ganz gut, warum die -Pferde uns verlassen hatten. Sie waren gescheiter gewesen als -wir, hatten sich ohne Zweifel schon nach wenigen Augenblicken -unter dem schützenden Schuppen befunden, von dort aus jedenfalls -alle unsere Bekenntnisse und Klagelieder mit angehört und -sich nicht schlecht darüber gefreut.</p> - -<p>Nach dem Frühstück wurde uns besser zu Mute und die -Lust am Leben kam bald zurück. Die Welt nahm sich wieder -heiter aus und das Dasein war uns lieb und wert. Auf einmal -überkam mich ein Gefühl des Unbehagens und der Unruhe. -Es bohrte und nagte immer stärker an mir ohne Unterlaß. -Ach, meine Wiedergeburt war nicht vollständig, ich war zu keinem -neuen Leben erwacht – ich fühlte Lust zum Rauchen!</p> - -<p>Ich widerstand mit aller Kraft, aber das Fleisch war schwach.<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[87]</span> -Einsam wanderte ich fort und kämpfte eine ganze Stunde lang -mit mir selbst. Ich rief mir meine guten Vorsätze in Erinnerung -und hielt mir selbst eine ausführliche Predigt voll überzeugender -Kraft, voll schwerer Vorwürfe. Aber es war alles umsonst. -Bald sah ich mich zwischen den Schneewehen herumschleichen -und nach meiner weggeworfenen Pfeife suchen. Nach langem -Forschen entdeckte ich sie endlich und verkroch mich, um mich im -Verborgenen daran zu erfreuen.</p> - -<p>Eine gute Weile blieb ich in meinem Versteck hinter der -Scheune und legte mir die Frage vor, wie mir wohl zu Mute -sein würde, falls meine tapferern, stärkerern, gesinnungstüchtigern -Kameraden mich in dieser meiner Erniedrigung antreffen sollten. -Endlich zündete ich mir die Pfeife an und kein menschliches -Wesen kann sich niedriger und gemeiner vorkommen als ich mir -damals erschien. Ich schämte mich meiner eigenen erbärmlichen -Gesellschaft. In fortwährender Angst vor Entdeckung kam ich -auf den Gedanken, die andere Seite der Scheune könnte vielleicht -etwas mehr Sicherheit bieten, und so schlich ich mich um -die Ecke. Als ich mit brennender Pfeife um dieselbe bog, kam -Ollendorff mit seiner Flasche an den Lippen um die andere Ecke, -und zwischen uns saß, ohne uns zu bemerken, Ballou, tief versunken -in ein Spielchen ›Solitaire‹, mit seinen alten fettigen -Karten!</p> - -<p>Das hieß denn doch die Abgeschmacktheit bis aufs äußerste -treiben! Wir schüttelten uns die Hände und gelobten uns, nie -mehr von ›Umkehren‹ und ›Beispielen für das heranwachsende -Geschlecht‹ zu reden.</p> - -<p>Unsere Poststation lag am Rande einer Wüste von sechsundzwanzig -Meilen Länge. Hätten wir uns am Abend vorher -derselben eine halbe Stunde früher genähert, so würden wir -lautes Rufen und Pistolenschießen vernommen haben, denn man -erwartete einige Schaftreiber mit ihren Herden, die sich rettungslos<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[88]</span> -verirren mußten, falls sie nicht durch den Schall geleitet -würden. Während unseres Aufenthalts auf der Station trafen -drei von den Viehtreibern ganz erschöpft von ihren Irrfahrten -ein, von zwei anderen aber hörte man nie wieder etwas.</p> - -<p>Rechtzeitig langten wir in Carson an, wo wir uns Erholung -gönnten. Hierdurch, sowie durch die Vorbereitungen zu -unserer Reise nach Esmeralda wurden wir eine Woche festgehalten, -was uns die Möglichkeit verschaffte, dem Prozeß zwischen -Hyde und Morgan wegen des großen Erdrutsches beizuwohnen -– eine Episode, die noch heutzutage in Nevada berühmt ist. -Nach den notwendigen einleitenden Worten will ich diese eigentümliche -Angelegenheit ganz so erzählen, wie sie sich zutrug.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">In den Thälern von Carson, Eagle und Washoe sind die -Berge sehr hoch und steil, und so beginnen, wenn der -Schnee im Frühling schnell schmilzt und das warme obere Erdreich -feucht und weich wird, die verderbenbringenden Erdrutsche. -Der Leser kann nicht wissen, was ein Erdrutsch ist, wenn er -nicht hier in der Gegend gelebt hat und gesehen, wie eines -schönen Morgens die ganze Seite eines Berges gleichsam abgeblättert -unten im Thale liegt, so daß nichts als eine ungeheure, -baumlose, abschreckend kahle Wand am Bergeshange übrig bleibt, -um das Andenken an den Vorfall lebendig zu erhalten.</p> - -<p>General Buncombe war als Anwalt der Vereinigten Staaten -nach Nevada verschickt worden. Dieser Territorialbeamte betrachtete -sich gleichzeitig als Sachwalter für Privatpersonen und<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[89]</span> -strebte sehr eifrig nach einer Gelegenheit zur Bethätigung dieser -Eigenschaft, teils aus reinem Wohlgefallen daran, teils weil -sein Gehalt als Staatsbeamter eines Territoriums sehr mager -war. Nun pflegten die älteren Bewohner eines neuen Territoriums -auf die übrige Welt mit gelassenem, wohlwollendem -Mitleid herabzusehen, d. h. solange man ihnen nicht in den Weg -kommt; tritt man ihnen in den Weg, so wird man angeschnauzt. -Bisweilen auch ziehen sie die Neulinge durch allerhand Streiche -und Scherze auf.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-088"> - <img src="images/illu-088.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Eines Morgens erschien Dick Hyde vor General Buncombes -Thür in Carson City zu Pferde im tollsten Lauf und stürzte zu -ihm hinein, ohne sich nur Zeit zum Anbinden seines Pferdes -zu lassen. Er befand sich in großer Aufregung und bat den -General, einen Prozeß für ihn zu führen, für den er fünfhundert -Dollars bekäme, falls er ihm den Sieg erstritte. Dann ließ er<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[90]</span> -sich unter wilden Geberden und einer Flut gotteslästerlicher -Flüche über seine Beschwerdepunkte aus. Es sei so ziemlich allgemein -bekannt, sagte er, daß er seit etlichen Jahren im Distrikt -Washoe eine Farm oder nach der gewöhnlichen Bezeichnung -einen Rancho mit ganz gutem Erfolg bewirtschafte, und ebenso, -daß Tom Morgan unmittelbar über ihm auch einen Rancho besitze. -Unglücklicherweise habe nun ein solcher verhaßter und gefürchteter -Erdrutsch stattgefunden, wodurch Morgans Rancho: -Zäune, Hütten, Vieh, Scheunen, alles miteinander auf seinen -Rancho herabgestürzt sei und sein Eigentum etwa achtunddreißig -Fuß hoch vollständig zugedeckt habe. Morgan sei im Besitz des -herabgerutschten Landes und weigere sich, es zu räumen. Er -machte geltend, daß er in seiner eigenen Hütte sitze und niemand -in der seinigen störe; die Hütte stehe auf demselben Erdreich und -demselben Grundstück, wo sie immer gestanden, und er wolle den -sehen, der ihn zwinge auszuziehen.</p> - -<p>»Und als ich ihn daran erinnerte,« fuhr Hyde weinend -fort, »daß er gerade doch auf meinem Rancho sitze und daß er -rechtswidrig in denselben eingebrochen sei, hatte er die höllische -Unverschämtheit, mich zu fragen, warum ich denn nicht in meinem -Rancho geblieben sei, um den Besitz zu behaupten, als ich ihn -hätte kommen sehen. Verrückter Faselhans, warum ich nicht -geblieben bin? – bei Gott, als ich das Geprassel hörte und -den Berg hinaufsah, war es gerade, als käme die ganze Welt -den Hang herunter gepoltert und gekollert – Splitter und Holzstöße, -Donner und Blitz, Hagel und Schnee, Bündel Heu und -Stroh und fürchterliche Staubwolken! – Bäume kamen holterdipolter -durch die Luft, Felsblöcke so groß wie ein Haus flogen -aus einer Höhe von tausend Fuß und zerkrachten dann in zehn -Millionen Stücke; Ochsen und Kühe, das Inwendige nach außen -gekehrt, den Kopf voran, die Schwänze zwischen den Zähnen, -kamen herunter gesaust – und mitten in dieser ganzen verkehrten<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[91]</span> -und zertrümmerten Welt sitzt dieser verfluchte Morgan auf seinem -Gartenthürpfosten und fragt, warum ich nicht geblieben sei, und -meinen Besitz behauptet habe! Meiner Seel’! Ich warf nur -einen einzigen Blick auf die Bescherung, und in drei Sätzen -war ich aus dem Bezirk.</p> - -<p>»Aber was mich wurmt, das ist, daß dieser Morgan sich -darauf herumtreibt und von dem Rancho nicht fort will – sagt, -er gehöre ihm und er behalte ihn – es gefalle ihm besser da -unten, als oben am Berg. Zum Tollwerden! Na, ich war die -beiden letzten Tage her so verdreht, daß ich nicht einmal den -Weg in die Stadt finden konnte. Bin nach dem Umherlaufen -in Feld und Wald ganz erschöpft; – einen Tropfen zu trinken, -General? Aber jetzt bin ich hier und jetzt wird prozessiert. Sie -haben’s gehört.«</p> - -<p>Die Empörung des Generals kannte keine Grenzen. In -seinem ganzen Leben, meinte er, sei ihm noch kein so anmaßender -Mensch vorgekommen, wie dieser Morgan. Ein Prozeß, fuhr -er fort, sei eigentlich ganz überflüssig; Morgan hätte keinen -Schein von Recht, auf seinem jetzigen Platze zu bleiben – kein -Mensch auf der ganzen Welt würde ihm das zugestehen, kein -Sachwalter seine Sache führen, kein Richter ihn anhören. Hyde -erwiderte, da sei er im Irrtum – die ganze Stadt gebe Morgan -recht, Hal Brayton, ein sehr tüchtiger Anwalt, hätte seine Sache -übernommen, und da Gerichtsferien wären, so sollte sie vor -einem Schiedsmann verhandelt werden. Der frühere Gouverneur -Roop wäre bereits zu diesem Amt ernannt worden und -würde heute um zwei Uhr nachmittags in einem großen, öffentlichen -Saal nahe beim Hotel die Verhandlungen eröffnen.</p> - -<p>Der General war außer sich vor Staunen. Er hätte, sagte -er, stets geglaubt, die Menschen in diesem Territorium müßten -verrückt sein; jetzt wisse er es ganz gewiß. »Aber,« fuhr er -fort, »nur ruhig Blut und Zeugen gesammelt; denn der Sieg<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[92]</span> -ist uns so sicher, als wäre das Urteil bereits gesprochen.« Hyde -trocknete seine Thränen und zog ab.</p> - -<p>Um zwei Uhr wurde das Schiedsgericht eröffnet und Roop -thronte mit so ehrfurchtgebietender Feierlichkeit unter seinen -Sheriffs, den Zeugen und den Zuschauern, daß einige seiner -Mitwisser schier Angst hatten, er habe am Ende nicht begriffen, -daß es sich nur um einen Scherz handle. Eine unheimliche -Stille herrschte, denn beim leisesten Geräusch sprach der Richter -den ernsten Befehl aus: »Ruhe vor Gericht,« was die Sheriffs -sofort wie ein Echo wiederholten. Kurz darauf drängte sich der -General, beide Arme voll Gesetzbücher, durch die Menge und -an sein Ohr schlug der Befehl des Richters: »Platz für den -Herrn Anwalt der Vereinigten Staaten,« die erste achtungsvolle -Anerkennung seiner hohen offiziellen Würde, die ihm bislang -zu teil geworden war, und bei der es ihm behaglich durch alle -Glieder prickelte.</p> - -<p>Die Zeugen wurden aufgerufen; Gesetzgeber, hohe Regierungsbeamte, -Bauern, Bergleute, Chinesen, Neger. Dreiviertel -derselben waren von dem Beklagten Morgan aufgerufen, aber -umsonst; ihr Zeugnis lautete ausnahmslos zu Gunsten des -Klägers Hyde. Jeder neue Zeuge brachte nur neue Beweise -dafür bei, wie abgeschmackt es sei, jemandes Eigentum deshalb -zu beanspruchen, weil die eigene Farm darauf gerutscht sei. -Dann hielten Morgans Advokaten ihre Reden, die erbärmlich -matt ausfielen, sie thaten in Wirklichkeit nichts für den Sieg -ihres Schutzbefohlenen. Jetzt erhob sich mit triumphierender -Miene der General und nahm einen leidenschaftlichen Anlauf. -Er schlug mit der Faust auf den Tisch, klopfte auf die Gesetzbücher, -schrie, brüllte und heulte, zitierte alle Sprachen und -Schriftsteller, Poesie, Sarkasmen, Statistik, Geschichte, Pathetisches, -Volkstümliches, Lächerliches, und schloß mit einem großen -Schlachtruf für Redefreiheit, Preßfreiheit, Unterrichtsfreiheit, den<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[93]</span> -ruhmreichen amerikanischen Adler und die Grundsätze ewiger Gerechtigkeit. -(Beifall.)</p> - -<p>Als der General sich niederließ, war er im Innersten überzeugt, -daß wenn auf günstige Zeugenaussagen, eine großartige -Rede und auf die gläubigen und bewundernden Gesichter ringsum -das mindeste zu geben sei, Morgan verloren sein müsse. -Exgouverneur Roop stützte sein Haupt einige Augenblicke sinnend -in die Hand, während die Menge auf seine Entscheidung wartete, -dann erhob er sich und dachte gebeugten Hauptes abermals -nach. Darauf ging er mit langen Schritten hin und her, das -Kinn in der Hand, während die Menge immer noch harrte. -Endlich kehrte er auf seinen Thron zurück, setzte sich und begann -in gewichtigem Tone:</p> - -<p>»Meine Herren, ich fühle die große Verantwortlichkeit, die -heute auf mir ruht. Dies ist kein gewöhnlicher Fall. Im Gegenteil, -es ist der großartigste und bedeutsamste, den je ein Mensch -zu entscheiden berufen wurde. Meine Herren, ich habe aufmerksam -die Zeugenaussagen angehört und bemerkt, daß ihr Gewicht, -ihr überwältigendes Gewicht zu Gunsten des Klägers Hyde -spricht. Ich habe ferner mit hohem Interesse den Bemerkungen -der Sachwalter zugehört, namentlich die meisterhafte und unwiderlegbare -Logik des hochverehrlichen Anwalts, welcher den -Kläger vertritt. Aber, meine Herren, lassen wir uns in einem -so feierlichen Augenblick nicht von bloß menschlichem Zeugnis, -menschlichem Scharfsinn und menschlichen Begriffen von Gerechtigkeit -beeinflussen. Meine Herren, es steht uns Erdenwürmern -sehr übel an, uns in die Beschlüsse des Himmels einzumischen. -Für mich liegt es klar auf der Hand, daß der Himmel in seiner -unerforschlichen Weisheit den Rancho des Angeklagten nicht ohne -Grund von der Stelle gerückt hat. Wir sind nur Geschöpfe -Gottes und müssen uns seinem Willen fügen. Wenn es dem -Himmel beliebt hat, den Beklagten Morgan auf so merkwürdige<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[94]</span> -und wunderbare Weise zu begünstigen, wenn der Himmel, unzufrieden -mit der Lage von Morgans Rancho an der Bergflanke, -denselben nach einer für seinen Besitzer bequemeren und vorteilhafteren -Gegend befördern wollte, so steht es uns armen Eintagsfliegen -nicht zu, die Gesetzmäßigkeit des Verfahrens in Frage -zu ziehen oder nach der Ursache zu forschen, die dabei maßgebend -war. Nein, der Himmel hat die Ranchos geschaffen, und es ist -das Vorrecht des Himmels, sie anders zu ordnen, mit ihnen zu -experimentieren, sie nach Belieben dahin oder dorthin zu schieben. -Wir haben uns ohne Murren zu unterwerfen. Ich sage es euch -zur Warnung, daß die unheiligen Hände, Köpfe und Zungen -der Menschen sich mit diesem Ereignis nicht befassen dürfen. -Meine Herren, der Wahrspruch des Gerichtshofs lautet, daß der -Kläger Richard Hyde seines Ranchos durch die Heimsuchung -Gottes verlustig gegangen ist! Und von dieser Entscheidung -giebt es keine Berufung.«</p> - -<p>Buncombe packte seine Ladung Bücher zusammen und stürzte -damit aus dem Gerichtssaal, ganz außer sich vor Entrüstung. -Er hieß Roop laut einen Narren, einen schwärmerischen Troddel. -In seinem Eifer suchte er ihn bei Nacht nochmals auf, machte -ihm Vorstellungen wegen seines ungereimten Wahrspruchs und -bat ihn inständig, doch einmal eine halbe Stunde in der Stube -auf und ab zu gehen und nachzudenken, ob sich der Spruch denn -nicht irgendwie abändern lasse. Schließlich gab Roop nach und -stand auf. Dritthalb Stunden lief er im Zimmer hin und her, -bis er plötzlich mit strahlendem Gesicht ausrief, jetzt sei es ihm -klar geworden, daß der Rancho unter dem Rancho Morgans -noch immer Hyde gehöre und daß dieser noch gerade soviel -Anrecht auf denselben habe wie vorher; deshalb sei er der -Meinung, daß Hyde berechtigt sei, sich ihn darunter herauszugraben -und –</p> - -<p>Der General wartete nicht bis er ausgeredet hatte, er war<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[95]</span> -stets ungeduldigen und jähzornigen Temperaments gewesen. – -Es dauerte zwei Monate, bis die Thatsache, daß man nur Spaß -mit ihm getrieben, sich durch den harten Diamantfels seines -Begriffsvermögens hindurch gebohrt hatte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Als wir endlich nach Esmeralda abritten, bekam unsere -Gesellschaft einen Zuwachs in der Person des Kapitäns -John Nye, eines Bruders des Gouverneurs. Er hatte ein gutes -Gedächtnis und die Zunge saß ihm am rechten Fleck; das sind -Eigenschaften, welche der Unterhaltung ein ewiges Leben verleihen. -Während der ganzen hundertzwanzig Meilen unserer Reise -ließ der Kapitän das Gespräch nie matt werden oder stocken. -Außer seiner Unterhaltungsgabe besaß er noch zwei ganz besondere -Vorzüge. Der eine bestand in seiner außerordentlichen -Anstelligkeit, die ihm zu allem und jedem Geschick verlieh, vom -Abstecken einer Eisenbahn oder der Organisierung einer politischen -Partei bis herab zum Annähen eines Knopfes, zum Beschlagen -eines Pferdes, zum Einrichten eines gebrochenen Beins oder zum -Setzen einer Henne. Der andere bestand in der Fähigkeit, sich -jederzeit der Bedürfnisse, Verlegenheiten und Schwierigkeiten -seiner Mitmenschen anzunehmen und mit bewunderungswürdiger -Leichtigkeit und Geschwindigkeit Abhilfe zu schaffen, weshalb er -stets leerstehende Betten in überfüllten Gasthäusern und eine -Fülle von Vorräten in den leersten Speisekammern fand. Und -endlich, wo er Mann, Weib oder Kind in einem Lager, einer -Schenke oder mitten in der Wüste begegnete, immer kannte er -entweder die Leute persönlich oder er war mit einem Verwandten<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[96]</span> -derselben bekannt gewesen. Ein solcher Reisegefährte war uns -bis dahin noch nicht vorgekommen.</p> - -<p>Ich kann nicht unterlassen, hier eine Probe von der Art -mitzuteilen, wie er Schwierigkeiten beseitigte. Am zweiten Reisetag -langten wir sehr müde und hungrig vor einem kleinen ärmlichen -Wirtshaus in der Wüste an, wo man uns sagte, das -Haus sei voll, Lebensmittel seien nicht vorhanden, kein Heu -oder Gerste für die Pferde da – wir müßten weiter gehen. -Wir andern wollten eilig weiter, solange es noch hell war, da -der Kapitän aber darauf bestand eine Weile Halt zu machen, -stiegen wir ab und traten ein. Kein einziges Gesicht bot uns -Willkommen. Der Kapitän ließ seine Zauberkünste spielen und -hatte binnen zwanzig Minuten folgendes zustande gebracht: in -drei Fuhrleuten alte Bekannte gefunden, entdeckt, daß er mit -der Mutter des Wirts in die Schule gegangen, in dessen Frau -eine Dame wieder erkannt, deren durchgegangenes Pferd er einst -in Kalifornien aufgehalten und ihr dadurch das Leben gerettet -hatte, einem Kinde sein zerbrochenes Spielzeug ausgebessert und -damit die Gunst von dessen Mutter gewonnen, dem Hausknecht -beim Aderlaß eines Pferdes geholfen, und einem andern Pferde, -welches das Würgen hatte, etwas verschrieben, die ganze Gesellschaft -dreimal am Schenktisch des Wirtes frei gehalten, eine -neuere Zeitungsnummer, als irgend jemand sie seit einer Woche -zu Gesicht bekommen hatte, zum Vorschein gebracht, sich hingesetzt -und sie den höchst gespannten Zuhörern vorgelesen. Das -Ergebnis aber war in Summa folgendes: Der Hausknecht fand -Futter in Fülle für unsere Pferde, wir bekamen ein Abendessen -von Forellen mit nachfolgender überaus gemütlicher Unterhaltung, -wir erhielten gute Betten, fanden des andern Morgens ein -überraschend feines Frühstück und bei unserm Abgang jammerte -alle Welt, daß wir schon fort wollten. Der Kapitän hatte -einige schlimme Eigenschaften, allein er besaß auch ungemein<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[97]</span> -schätzenswerte Züge, die er dagegen in die Wagschale werfen -konnte.</p> - -<p>Esmeralda war in vielen Beziehungen ein zweites Humboldt, -jedoch bereits etwas weiter entwickelt. Die Bergwerksanteile, -für die wir Zuschüsse bezahlt hatten, waren völlig wertlos, wir -gaben sie auf. Der bedeutendste lag auf einem Hügel von vierzehn -Fuß Höhe, in den die schlauen Direktoren einen Stollen -trieben, um auf die silberhaltige Ader zu kommen. Derselbe -würde siebzig Fuß lang geworden sein, um dann die Ader in -einer Tiefe zu treffen, die man mit einem zwölf Fuß tiefen -Schacht erreicht hätte. Die Herren Direktoren lebten von den -›Zubußen‹. Sie spürten durchaus kein Verlangen, jene Ader -zu finden; denn sie wußten wohl, daß sie so wenig Silber enthielt -wie eine Trottoirplatte.</p> - -<p>Wir belegten verschiedene Parzellen, auf denen wir Schachte -und Stollen in Angriff nahmen, ohne aber je einen solchen -fertig zu machen. Auf jeder derselben mußten wir eine gewisse -Arbeit geleistet haben, um als Inhaber zu gelten, widrigenfalls -jeder andere nach Ablauf von zehn Tagen unser Eigentum in -Besitz nehmen konnte. Stets jagten wir neuen Parzellen nach, -auf denen wir etwas Weniges arbeiteten, um dann auf einen -Käufer zu warten, der sich aber niemals einstellte. Nie fanden -wir Erz, das mehr als fünfzig Dollars die Tonne gegeben hätte, -und da die Pochwerke für die Verarbeitung des Erzes und Ausscheidung -des Silbers genau ebensoviel verlangten, schmolz uns -das Geld aus der Tasche fortwährend weg, ohne daß anderes -dafür kam. Wir bewohnten eine kleine Hütte, in der wir eigene -Küche führten, und hatten im ganzen ein saures, wenn auch -hoffnungsvolles Leben, – denn wir hörten keinen Augenblick -auf, ein Vermögen für uns und einen plötzlich sich einstellenden -Käufer für unsern Besitz zu erwarten.</p> - -<p>Zuletzt, als das Pfund Mehl auf einen Dollar stieg und<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[98]</span> -Geld auf die beste Sicherheit hin nicht unter acht Prozent -monatlich zu haben war (mir fehlte es überdies an der Sicherheit), -ließ ich den Bergbau fahren und widmete mich dem Pochwerkbetrieb, -d. h. ich wurde gewöhnlicher Taglöhner in einem -Quarzpochwerk für zehn Dollars die Woche außer der Kost.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Ich hatte bereits erfahren, was für eine langwierige, harte -und traurige Aufgabe es ist, das ersehnte Erz aus den -Eingeweiden der Erde herauszuscharren, nun wurde ich inne, -daß das Herausscharren erst die halbe Arbeit war, und daß die -andere trübselige und mühselige Hälfte darin bestand, das Silber -aus dem Erz herauszuziehen. Von sechs Uhr des Morgens bis -zum Dunkelwerden dauerte die Arbeit. Gestein losschlagen und -in die ›Batterie‹ schaufeln, in der es durch sechs von Dampf -getriebene gewaltige Stampfen zerrieben und durch zuströmendes -Wasser in einen festen Brei verwandelt wurde; Quecksilber, -Steinsalz und andere Chemikalien je nach Bedürfnis in die -›Amalgamierpfannen‹ schütten, wo das erstere sich mit den -Gold- und Silberteilen verbinden mußte; die Rinnen und die -groben Decken reinigen, durch welche das Wasser aus der Pfanne -abfloß, damit die winzigen Teilchen der Edelmetalle nicht verloren -würden, die sich darin ablagerten – so ging die Plackerei -ununterbrochen fort, und bei alledem fand ein Drittel des in -einer Tonne Gestein enthaltenen Edelmetalls seinen Weg bis -ans Ende der Rinnen in der Schlucht, so daß es später nochmals -verarbeitet werden mußte. Gab es sonst nichts zu thun, -so konnte man immer Sand durchwerfen, d. h. man konnte den<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[99]</span> -getrockneten Sand, der durch die Rinnen in die Schlucht gespült -worden war, zusammenschaufeln und gegen einen aufrechtstehenden -Drahtschirm werfen, um ihn von Kieseln zu befreien und ihn -so zu nochmaliger Verarbeitung vorzubereiten. Ohne dieses Sanddurchwerfen -ging es in keinem Pochwerk ab, trotz der Verschiedenheit -der angewandten Methoden. Von allen Erholungen -der Welt ist aber dies Sanddurchwerfen an einem heißen Tage -und mit einer langstieligen Schaufel am wenigsten begehrenswert.</p> - -<p>Zum Schluß der Woche wurde die Maschine angehalten und -wir wuschen auf, d. h. wir holten den Brei aus den Pfannen -und Batterien und spülten den Schmutz geduldig hinweg, bis -nur noch die angesammelte Masse von Quecksilber samt den darin -eingeschlossenen Schätzen übrig war, welche wir in Form fester -Schneeballen zum Zweck der Besichtigung zu glänzenden prächtigen -Haufen aufschichteten. Dabei kostete mich meine Unerfahrenheit -einen schönen goldenen Ring, in den das Quecksilber eindrang -wie Wasser in einen Schwamm, so daß er völlig zerstört wurde. -In einer eisernen Retorte wurde durch Verdampfung das Quecksilber -aus diesen Kugeln entfernt, der Dampf aber in einen -Eimer geleitet, wo bei der Abkühlung das sehr kostspielige Quecksilber -wieder seine natürliche Form erhielt. In der Retorte lag -dann das Ergebnis unserer Wochenarbeit vor uns, ein Klumpen, -zweimal so groß wie ein Mannskopf, von reinem, weißem Silber, -das wie Rauhfrost aussah. Der Klumpen wurde schließlich eingeschmolzen -und in eine Barrenform gegossen.</p> - -<p>Von jedem Barren wurde ein Eckchen abgeschnitten für die -›Feuerprobe‹ – ein ganz interessantes Verfahren. Dieses Eckchen -wird so dünn wie Papier ausgehämmert und auf einer Wage -von solcher Feinheit und Empfindlichkeit gewogen, daß, wenn -man auf ein Stückchen Papier von bestimmtem Gewicht mit -einem groben, weichen Bleistift seinen Namen schreibt und es -dann abermals wägt, die Wage deutlich ein höheres Gewicht<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[100]</span> -anzeigt. Dann wird ein wenig Blei gleichfalls gewogen, mit -der Silberflocke zusammengerollt, und die beiden bei großer Hitze -in der sogenannten ›Kapelle‹ geschmolzen, einem kleinen Gefäße -aus gepreßter Knochenasche in Gestalt einer Obertasse. Die unedlen -Metalle oxydieren und werden samt dem Blei von der -Kapelle aufgesogen. Ein Kügelchen, aus vollkommen reinem -Gold und Silber bestehend, bleibt zurück, und wenn der Wardein -dieses wägt und den Abgang notiert, erkennt er, wieviel unedles -Metall der Barren enthält. Jetzt hat er das Gold von dem -Silber zu scheiden. Dazu wird das Kügelchen flach und dünn -gehämmert und einige Zeit in einem Ofen mit Rotglühhitze behandelt. -Nach der Abkühlung rollt man es wie einen Federkiel -zusammen und erhitzt es in einem Glasgefäß mit Salpetersäure, -welche das Silber auflöst, so daß das Gold rein zurückbleibt -und für sich gewogen werden kann. Durch Zugießen von Salzwasser -erhält das Silber wieder seine feste Form, worauf nichts -mehr zu thun übrig bleibt, als dieses zu wiegen; dann kennt -man das Verhältnis der verschiedenen in dem Barren enthaltenen -Metalle, den der Wardein nun mit einem Stempel versieht, der -seinen Wert bezeichnet.</p> - -<p>Das Geschäft eines Wardeins war sehr einträglich, und -deshalb befaßten sich auch gelegentlich Leute damit, denen es an -der wissenschaftlichen Befähigung fehlte. Es war einmal ein -Wardein, der aus allen Proben, die man ihm brachte, so reiche -Resultate heraus bekam, daß er binnen kurzem fast das ganze -Geschäft monopolisiert hatte. Aber wie alle Leute, die Erfolg -haben, wurde er ein Gegenstand des Neides und des Verdachtes. -Die andern Wardeine verschworen sich gegen ihn und zogen -zum Beweise, daß sie es ehrlich meinten, einige angesehene Bürger -ins Geheimnis. Dann schickten sie dem glücklichen Geschäftsmann -einen Fremden mit einem Stückchen Schleifstein, den er -prüfen sollte. Nach Verlauf einer Stunde brachte er heraus,<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[101]</span> -daß eine -Tonne dieses -Gesteins -1284,40 Dollars an Silber -und 366,36 Dollars -an Gold geben müsse.</p> - -<div class="urshapepic" id="illu-100"> -<div class="boxu box100u"> -<img src="images/illu-100.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box100r"></div> -</div> - -<p>Die ganze Geschichte kam sofort -in die Zeitung und der beliebte Wardein -machte sich binnen zwei Tagen aus dem Staube.</p> - -<p>Ich will hier beiläufig bemerken, daß ich in der Silbermühle -nur eine Woche blieb. Ich erklärte meinem Arbeitgeber, -ohne Lohnerhöhung könne ich nicht länger bleiben. Mir gefalle -zwar das Quarzmehlmachen, ja ich sei ganz bezaubert davon; -nie zuvor hätte ich zu einer Beschäftigung in so kurzer Zeit eine -so zärtliche Neigung gewonnen; nichts gäbe, wie es mir scheine, -der geistigen Thätigkeit einen solchen Schwung, als eine Batterie -zu füttern und Sand durch einen Drahtschirm zu werfen, und -nichts sporne die sittlichen Eigenschaften eines Menschen so an, -als Silber ausschmelzen und Decken waschen – trotzdem fühle -ich mich genötigt, um Lohnerhöhung zu bitten.</p> - -<p>Er sagte, er zahle mir zehn Dollars wöchentlich und das -sei doch eine ganz hübsche runde Summe. Wieviel ich denn -wolle?</p> - -<p>Ich erwiderte, etwa viermal hunderttausend Dollars monatlich -nebst der Kost sei alles, was ich in Anbetracht der schweren -Zeiten vernünftiger Weise verlangen könne.</p> - -<p>Man wies mich aus dem Hause. Und doch, wenn ich auf<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[102]</span> -jene Tage zurückblicke und mir die maßlos schwere Arbeit, die -ich in jenem Pochwerk verrichtete, ins Gedächtnis zurückrufe, -bedauere ich nur, ihm nicht siebenmalhunderttausend abverlangt -zu haben. Um die volle Kraft und Bedeutung des über ihn -verhängten Fluches zu verstehen: ›Im Schweiße deines Angesichts -sollst du dein Brot essen‹ hätte Adam aus dem Garten -Eden von Rechts wegen geradeswegs in ein Quarzpochwerk -gehen sollen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nicht lange nachher war es die geheimnisvolle, wunderbare -›Zementgrube‹, die mir, gleich der übrigen Bevölkerung, den -Verstand verrückte, so daß ich nur auf eine Gelegenheit lauerte, -mich bei deren Aufspürung beteiligen zu können.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Irgendwo in der Nachbarschaft des Monosees, nahm man -an, müsse Whitemans wunderbare Zementgrube liegen. -Alle Augenblicke hieß es, Whiteman sei in totenstiller Nacht -verstohlen und in Verkleidung durch Esmeralda gekommen; dann -gab es jedesmal eine tolle Aufregung, denn natürlich steuerte -er seiner geheimnisvollen Grube zu, und da galt es, ihm zu -folgen. Kaum drei Stunden nach Tagesanbruch waren dann -alle Pferde, Maultiere und Esel in der Nachbarschaft aufgekauft, -geliehen oder gestohlen, und die halbe Ortsgemeinde befand -sich auf Whitemans Spuren unterwegs nach den Bergen. -Allein Whiteman pflegte sich tagelang wie zwecklos in den Bergschluchten -herumzutreiben, bis den Bergleuten die Lebensmittel -ausgingen und sie wieder nach Hause gehen mußten. Ich habe<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[103]</span> -es erlebt, daß es um elf Uhr nachts in einem großen Bergmannslager -hieß, Whiteman sei soeben vorbei gekommen, und -daß schon zwei Stunden darauf die sonst so stillen Straßen von -Menschen und Tieren wimmelten. Einer wie der andere bestrebte -sich dann, die Sache recht geheim zu halten, flüsterte -aber trotzdem wenigstens einem Nachbar zu, Whiteman sei durchgekommen. -Und lange vor Tagesanbruch – das letztemal mitten -im tiefen Winter – ging dann die Hetzjagd los, das Lager -war verlassen und die gesamte Bevölkerung auf der Suche nach -Whiteman.</p> - -<p>Der Sage zufolge waren bei der ersten Einwanderung vor -länger als zwanzig Jahren drei junge Deutsche, Brüder, nachdem -sie auf der Ebene bei einem von Indianern angerichteten -Gemetzel mit dem Leben davongekommen, zu Fuß durch die -Wüste gewandert, und hatten in der Hoffnung, Kalifornien zu -erreichen, bevor sie vor Hunger umkamen, einfach die Richtung -nach Westen eingeschlagen. Als sie eines Tages in einer Bergschlucht -ausruhten, bemerkte einer von ihnen eine eigentümliche -Zementader, die mit Klumpen eines schmutziggelben Metalls wie -gespickt war. Sie sahen, daß es Gold sei und daß sich hier -an einem einzigen Tage ein Vermögen erwerben lasse. Die -Ader war etwa so breit wie eine Trottoirplatte und reichlich -zwei Drittel derselben bestand aus reinem Gold. Jedes Pfund -des wunderbaren Zements hatte einen Wert von nahezu zweihundert -Dollars. Die Brüder nahmen so viel mit als sie tragen -konnten, verwischten alle Spuren der Ader, machten eine rohe -Zeichnung von der Oertlichkeit und den Hauptmerkmalen ihrer -Umgebung und brachen wieder nach Westen auf. Aber ihre -Not wuchs. Auf ihren Irrfahrten fiel der eine Bruder und -brach das Bein; die andern mußten ihn in der Wildnis sterben -lassen. Der zweite gab ermüdet und von Hunger erschöpft -bald nachher die weitere Wanderung auf und legte sich gleichfalls<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[104]</span> -zum Sterben nieder. Der dritte erreichte nach zwei oder -drei Wochen voll unglaublicher Entbehrungen, entkräftet, körperlich- -und gemütskrank, die Niederlassungen Kaliforniens. Seinen -Zement hatte er bis auf ein paar Bruchstücke weggeworfen, -aber diese genügten, um alle Welt in die tollste Aufregung zu -versetzen. Er selbst wollte indes mit der Zementgegend nichts -mehr zu schaffen haben und ließ sich nicht bewegen, jemand -dorthin zu führen. Er war ganz zufrieden, als Taglöhner auf -einer Farm arbeiten zu können. Jedoch überließ er Whiteman -seine Zeichnungen und beschrieb ihm die Zementregion so gut -er es vermochte. Damit übertrug er den Fluch auf ihn – denn -als ich Whiteman zufällig in Esmeralda einen Augenblick sah, -hatte er der verlorenen Grube unter Hunger, Durst, Armut -und Krankheit ganze zwölf oder dreizehn Jahre nachgespürt. -Manche glaubten, er habe sie gefunden, die meisten waren aber -entgegengesetzter Meinung. Ich sah ein Stück Zement, so groß -wie meine Faust, das Whiteman von dem jungen Deutschen bekommen -haben sollte, und das war in der That recht verführerischer -Natur. Klumpen von Jungferngold saßen darin so dicht -wie die Rosinen in einem Napfkuchen. Eine einzige Woche lang -eine solche Grube ausbeuten zu dürfen, würde einem Menschen -mit vernünftigen Wünschen genügen.</p> - -<p>Ein neuer Geschäftsfreund von uns, ein Herr Higbie, kannte -Whiteman von Ansehen recht gut, und ein anderer von unseren -Freunden, ein Herr van Dorn, war nicht nur mit ihm bekannt, -sondern hatte auch das Versprechen von ihm bekommen, er solle -zu rechter Zeit im stillen einen Wink erhalten, damit er sich -der nächsten Zementexpedition anschließen könne. Diesen Wink -hatte van Dorn versprochen auf uns auszudehnen. Eines Abends -nun kam Higbie sehr aufgeregt herein und sagte, er glaube ganz -sicher, daß er oben in der Stadt Whiteman erkannt habe; er -sei verkleidet und stelle sich betrunken. Nach einem Weilchen traf<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[105]</span> -van Dorn ebenfalls ein und bestätigte die Nachricht; wir versammelten -uns nun in unserer Hütte, steckten die Köpfe zusammen -und berieten flüsternd unsere Pläne.</p> - -<p>Um kein Aufsehen zu erregen, sollten wir die Stadt nach -Mitternacht in zwei oder drei kleineren Abteilungen ruhig verlassen -und uns im Morgengrauen auf der Wasserscheide über -dem Monosee, acht bis neun Meilen weit entfernt, treffen. Der -Aufbruch sollte ganz geräuschlos vor sich gehen und unterwegs -kein lautes Wort gesprochen werden. Diesmal, meinten wir, -wisse man in der Stadt nichts von Whitemans Anwesenheit und -ahne nichts von dessen Vorhaben. Um neun Uhr ging unser -Konklave auseinander, worauf wir uns eifrig und in tiefem Geheimnis -an die Vorbereitungen machten. Um elf Uhr sattelten -wir unsere Pferde, banden sie mit ihren langen Riatas oder -Lassos fest und brachten dann eine Speckseite und einen Sack -Bohnen, ein Säckchen Kaffee, etwas Zucker, hundert Pfund Mehl -in Säckchen, ein paar Blechtassen, einen Kaffeetopf, eine Bratpfanne -und einige sonstige notwendige Gegenstände herbei. Dies -alles wurde dem Handpferd auf den Rücken geladen; wer aber -das Packen nicht von einem spanischen Sachverständigen gelernt -hat, soll nur alle Hoffnung aufgeben, es durch natürliches Geschick -fertig zu bekommen. Higbie besaß wohl einige Erfahrung -darin, aber ein Meister war er nicht. Nachdem er die Sachen -auf dem Packsattel aufgeschichtet hatte, schnürte er sie mit dem -Strick zusammen, machte hier und da einen Knoten und zog -manchmal so fest an, daß dem Tier die Flanken einsanken und -es nach Atem schnappte; dabei wurde jedesmal der Strick an -einer anderen Stelle locker. Vollkommen brachten wir die Ladung -nicht fest, schließlich mochte es aber doch zur Not gehen; so -brachen wir denn auf, einer immer dicht hinter dem andern, -ohne ein Wort zu sprechen. Es war eine dunkle Nacht. Wir -hielten uns in der Mitte der Straße und schritten langsam an<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[106]</span> -den Hüttenreihen vorüber; so -oft einer der Bergleute unter -seine Thür trat, zitterte ich -vor Furcht, daß das Licht uns -bescheinen und Neugier erregen -könnte. Aber es ereignete sich -nichts. Wir begannen den -langen gewundenen Weg aus -der Schlucht hinaufzusteigen; -bald wurden die Hütten seltener -und die Strecken zwischen -ihnen immer länger, so daß -ich schließlich etwas freier atmete -und mir nicht mehr ganz -wie ein Dieb und Mörder -vorkam.</p> - -<div class="figleft" id="illu-105"> - <img src="images/illu-105.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Ich ritt zu hinterst und -führte das Packpferd. Als -der Anstieg steiler wurde, wollte -diesem seine Last nicht mehr -behagen; manchmal versuchte -es an seiner Riata zu zerren, -so daß eine Verzögerung entstand. -In der Finsternis verlor -ich meine Gefährten aus den Augen. Ich wurde ängstlich -und schmeichelte und drohte dem Gaul so lange, bis er zu traben -anfing; allein jetzt erschreckte ihn das Klappern der Blechtassen -und Pfannen und er setzte sich in Lauf. Da seine Riata um -meinen Sattelknopf geschlungen war, riß er mich vom Sattel, -worauf die beiden Tiere munter ohne mich weiterliefen. Doch -blieb ich nicht allein – die locker gewordene Ladung des Packpferdes -purzelte herunter und fiel dicht neben mich. Es war<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[107]</span> -fast unmittelbar vor der letzten Hütte. Ein Bergmann trat -heraus mit dem Ruf: »Holla«.</p> - -<p>Ich war dreißig Schritt von ihm weg und wußte, daß er -mich nicht sehen konnte, da es im Schatten des Berges sehr -dunkel war. So blieb ich ruhig liegen. Ein zweiter Kopf erschien -im Licht unter der Hüttenthür und bald schritten die beiden -Leute auf mich zu. Zehn Schritt von mir blieben sie stehen -und der eine machte: »Bst! Horch!«</p> - -<p>Wäre ich vor den Dienern der Gerechtigkeit geflohen und -ein Preis auf meinen Kopf gesetzt gewesen, ich hätte mich in -keiner traurigeren Lage befinden können. Jetzt schien mir, daß -die Leute sich auf einen Felsblock setzten, obwohl ich nicht genau -zu unterscheiden vermochte, was sie thaten. Der eine sagte:</p> - -<p>»Ich habe ein Geräusch vernommen, es war ganz deutlich. -Dort herum muß es gewesen sein!«</p> - -<p>Ein Stein sauste an meinem Kopfe vorbei. Ich drückte -mich so flach in den Staub wie eine Postmarke und dachte bei -mir, wenn er das nächstemal ein klein wenig besser ziele, könne -er wohl noch ein Geräusch zu hören bekommen. In meinem -Innern verfluchte ich jetzt die heimlichen Expeditionen. Dies -sollte meine letzte sein, und hätten auch die Sierras so viele -Zementadern, wie der menschliche Körper Rippen. Nun sagte -der eine von den Männern:</p> - -<p>»Ich will dir was sagen. Walch wußte, was er sagte, -als er heute behauptete, er hätte Whiteman gesehen. Ich habe -Pferde gehört – das war das Geräusch. Ich laufe spornstreichs -hinunter zu Walch!«</p> - -<p>Sie gingen, und ich war froh. Wohin sie gingen, war -mir einerlei, wenn sie nur gingen. Mochten sie immerhin Walch -aufsuchen; je eher, desto besser. Sobald sie die Thür der Hütte -schlossen, tauchten meine Gefährten aus der Dunkelheit auf, sie -hatten die Pferde aufgefangen und gewartet, bis die Luft rein<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[108]</span> -war. Wir legten die Ladung dem Packpferd wieder auf und -machten uns auf den Weg; mit Tagesanbruch erreichten wir die -Wasserscheide und vereinigten uns mit van Dorn. Dann wanderten -wir hinab in das Becken des Sees und hier fühlten wir -uns sicher genug, um Halt zu machen und das Frühstück zu -kochen, denn wir waren müde, schläfrig und hungrig. Drei -Stunden darauf zog die ganze Bevölkerung von Esmeralda in -langem Gänsemarsch über die Wasserscheide und verbreitete sich -um den See herum, wo wir sie allmählich aus den Augen verloren.</p> - -<div class="urshapepic" id="illu-107"> -<div class="boxu box107u"> -<img src="images/illu-107.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box107r"></div> -</div> - -<p>Ob mein Unfall dies veranlaßt hatte oder nicht, haben wir -nie erfahren, eins aber war sicher – das Geheimnis war heraus -und Whiteman wollte sich diesmal auf das Suchen nach der -Zementgrube nicht einlassen, was uns bitter verdroß.</p> - -<p>Wir hielten Rat und beschlossen, aus unserm Mißgeschick -den möglichsten Nutzen zu ziehen und eine Woche Ferien an den -Ufern des seltsamen Sees zu verleben. Derselbe wird bald -Mono, bald das ›Tote Meer von Kalifornien‹ genannt. Er ist -eine der wunderlichsten Schrullen der Natur, aber kaum jemals -schon in Büchern erwähnt und höchst selten besucht, weil er abseits -von der gewöhnlichen Heerstraße liegt und überdies so -schwer zu erreichen ist, daß meist nur Leute, die an die stärksten -Strapazen gewöhnt sind, die Beschwerlichkeit eines Ausflugs -dahin auf sich nehmen mögen.</p> - -<p>Am Morgen des zweiten Tages zogen wir nach einer entfernten<span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[109]</span> -und besonders wildromantischen Stelle am Seeufer, wo -ein Bach mit frischem, eiskaltem Wasser aus dem Berge hervorsprudelte -und sich in den See ergoß, und schlugen dort ein regelrechtes -Lager auf. Von dem zehn Meilen weiter weg wohnenden -Besitzer eines einsamen Ranchos mieteten wir ein großes Boot -und zwei Schrotflinten. An Behagen und Zerstreuung konnte -es uns nun nicht fehlen und bald waren wir mit dem See und -allen seinen Eigentümlichkeiten gründlich bekannt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Der Monosee liegt in einer toten, stillen, baumlosen, entsetzlichen -Wüste, achttausend Fuß über der Meeresfläche, -und ist von Bergen umschlossen, die ihn um zweitausend Fuß -überragen und deren Gipfel stets in Wolken gehüllt sind. Diese -feierliche, schweigende, von keinem Segel belebte Wasserfläche, -an einem der einsamsten Orte auf Erden, bietet nur wenige -anmutige und malerische Züge. Es ist eine einförmig graue -Wasserfläche von etwa hundert Meilen Umfang, mit zwei Inseln<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[110]</span> -in der Mitte, die nichts sind als erstarrte, blasige und rissige -Lava, die mit einer Kruste von Bimsstein und einer grauen -Aschenschicht bedeckt ist – dem Leichentuch des erloschenen Vulkans, -dessen ungeheuren Krater der See ausgefüllt hat.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-108"> - <img src="images/illu-108.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Dieser ist zweihundert Fuß tief, und seine trüben Wasser -sind so stark mit Alkali geschwängert, daß, wenn man das allerschmutzigste -Kleidungsstück auch nur ein- oder zweimal hineintaucht -und <span id="corr110a">auswringt</span>, man es so rein findet, als ob es durch -die Hände der geschicktesten Waschfrau gegangen wäre. Die -Wascharbeit machte uns während unseres dortigen Aufenthaltes -nicht viel Mühe. Wir banden die schmutzige Wäsche der Woche -einfach hinten an unser Boot und fuhren eine Viertelmeile -weit, und die Sache war bis auf das <span id="corr110b">Auswringen</span> fertig. Wenn -wir uns von dem Wasser auf die Köpfe schütteten und ein paarmal -darauf rieben, so gab es drei Zoll hohen weißen Schaum. -An wunden Stellen oder bei aufgesprungener Haut erzeugt das -Wasser begreiflicherweise unerträgliche Schmerzen.</p> - -<p>Im Monosee giebt es weder Fische noch Frösche, noch -Schlangen noch Quappen, kurz nichts, was sonst einen See belebt. -Auf der Oberfläche schwimmen Millionen wilder Enten -und Seemöven, dagegen existiert unter derselben kein lebendes -Wesen, ausgenommen ein weißer, haariger, halbzolllanger Wurm, -der einem Stückchen ausgefransten Faden gleicht. In einer -Gallone Wasser mögen fünfzehntausend solcher Würmer enthalten -sein. Von ihnen erhält das Wasser die erwähnte grauweiße -Farbe. Dann giebt es dort eine Fliege, ziemlich ähnlich unserer -Hausfliege, die sich ans Ufer setzt, um die Würmer zu fressen, -die an den Strand gespült werden. Man kann jeder Zeit um -den See herum einen zolltiefen, sechs Fuß breiten Gürtel von -Fliegen sehen – also einen Gürtel von Fliegen, der hundert -Meilen lang ist. Wirft man einen Stein unter sie, so schwärmen -sie auf, wie eine dichte Wolke. Man kann sie so lange unter<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[111]</span> -Wasser halten, wie man will, sie machen sich nichts daraus, und -bilden sich sogar, wie es scheint, noch etwas darauf ein. Läßt -man sie los, so schnellen sie an die Oberfläche, sind trocken wie -ein Bericht aus dem Patentamt und wandeln so unbekümmert -von dannen, als wären sie eigens zu dem Zwecke dressiert, der -Menschheit auf ihre Weise eine belehrende Unterhaltung zu gewähren. -Die Vorsehung läßt nichts planlos geschehen. Ein -jedes Ding hat seinen Nutzen, seine bestimmte Rolle und seinen -gehörigen Platz im Haushalt der Natur: die Enten fressen die -Fliegen, die Fliegen die Würmer, die Indianer alle drei, die -Wildkatzen fressen die Indianer, die weißen Leute fressen die -Wildkatzen – und so ist alles zur Zufriedenheit geordnet.</p> - -<p>Der Monosee liegt in gerader Linie hundert Meilen vom -Meere, von welchem ihn zwei oder drei Bergketten trennen, -und doch kommen jedes Jahr Tausende von Seemöven dahin, -um ihre Eier zu legen und ihre Jungen aufzuziehen. Man -könnte ebensogut Seemöven in Kansas erwarten; und in diesem -Zusammenhang wollen wir einen andern Zug der Weisheit der -Natur betrachten. Da die Inseln im See nur aus mit Asche -und Bimsstein bedeckten Lavamassen bestehen und weder einen -Baum noch sonst etwas Brennbares hervorbringen, und da -Möveneier keiner Seele das mindeste nützen, wenn sie nicht gekocht -sind, so hat die Natur auf der größeren Insel für eine -nieversiegende Quelle siedenden Wassers gesorgt, in der man -seine Eier binnen vier Minuten so hart kochen kann wie das -härteste Wort, das ich in den ganzen letzten fünfzehn Jahren -habe fallen lassen. Keine zehn Fuß weit von der kochenden -Quelle befindet sich eine solche von reinem kaltem Wasser, das -angenehm und gesund ist. So bekommt man auf dieser Insel -Kost und Wäsche frei, und wenn die Natur noch weiter gegangen -wäre und einen echten amerikanischen Hotelkellner geliefert hätte, -der grob und ungefällig ist und stolz darauf, weder über die<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[112]</span> -Abgangszeit und die Route der Eisenbahnzüge noch über sonst -irgend etwas Auskunft geben zu können – ich würde mir kein -angenehmeres Kosthaus wünschen. Ein halbes Dutzend kleiner -Bergwasser fließen in den Monosee, nicht ein einziger Bach dagegen -verläßt denselben, trotzdem nimmt er anscheinend weder -zu noch ab, und was er mit seinem Ueberfluß an Wasser thut, -bleibt ein dunkles Geheimnis.</p> - -<p>In der Nachbarschaft des Monosees giebt es bloß zwei -Jahreszeiten, nämlich den Abzug des einen Winters und die -Ankunft des nächsten. Mehr als einmal habe ich in Esmeralda -nach glühender Hitze – um acht Uhr morgens zeigte das Thermometer -neunzig Grad – vierzehn Zoll hohen Schnee fallen -sehen, so daß dasselbe Thermometer bis neun Uhr abends auf -vierundvierzig Grad an geschützten Orten fiel. Unter günstigen -Umständen schneit es in der kleinen Stadt Mono wenigstens einmal -in jedem Monat des Jahres. So unbeständig ist daselbst -die Witterung, daß eine Dame es kaum wagen kann, einen Ausgang -zu machen, ohne ihren Fächer in der einen, ihre Schneeschuhe -in der andern Hand mitzunehmen. Und wenn die Einwohner -zur Feier des Nationalfestes am vierten Juli einen -Umzug veranstalten, so schneit es ihnen gewöhnlich auf die Köpfe.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Etwa um sieben Uhr an einem sengend heißen Morgen – -es war jetzt Hochsommer – nahmen Higbie und ich das -Boot und brachen zu einer Entdeckungsreise nach den beiden -Inseln auf. Schon oft hatten wir uns danach gesehnt, uns -jedoch durch die Furcht vor Stürmen abschrecken lassen; denn<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[113]</span> -diese waren häufig und stark genug, um ein gewöhnliches Ruderboot -wie das unsrige ohne große Schwierigkeit umzustürzen, und, -einmal umgeworfen, war selbst der tüchtigste Schwimmer dem -Tod verfallen; denn das giftige Wasser hätte ihm wie Feuer -die Augen ausgefressen und das Innere verbrannt, wenn die -Flut über ihn ging. Man sagte, es sei in gerader Linie bis -zu den Inseln zwölf Meilen weit – eine lange und heiße Ruderfahrt, -aber der Morgen war so ruhig und sonnig und der See -so glatt, so glashell und totenstill, daß wir der Versuchung nicht -zu widerstehen vermochten.</p> - -<p>So füllten wir denn zwei große Feldflaschen mit Wasser -(wo die angeblich auf der großen Insel befindliche Quelle liege, -wußten wir nicht) und brachen auf. Unter Higbies kräftiger -Hand schoß das Boot rasch vorwärts; trotzdem hatten wir am -Ziele das Gefühl, als hätten wir eher fünfzehn als zwölf Meilen -weit gerudert.</p> - -<p>Wir legten an der großen Insel an und stiegen ans Land. -Als wir das Wasser in unseren Flaschen versuchten, war es -durch die Sonne ungenießbar geworden. Wir gossen es aus -und suchten nach der Quelle; denn der Durst nimmt rasch zu, -sobald man nichts hat, um ihn zu löschen. Die Insel war ein -langer, mäßig hoher Aschenhügel, nichts als Bimsstein und graue -Asche, in die wir bei jedem Schritte knietief einsanken, und über -den ganzen Kamm des Hügels zog sich eine dräuende Wand von -versengten und verbrannten Felsen hin. Als wir von oben über -diese Mauer hinabstiegen, fanden wir nichts als ein seichtes, -ausgedehntes Becken, das mit Asche wie mit einem Teppich bedeckt -war, aus welchem hie und da ein Fleckchen feinen, weißen -Sandes hervorschaute. An einzelnen Stellen quollen malerische -Dampfstrahlen aus Ritzen hervor, zum Beweise, daß, obwohl -dieser alte Krater sich zur Ruhe gesetzt hatte, ihm doch das -Feuer im Ofen noch nicht ganz ausgegangen war. Dicht bei<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[114]</span> -einem dieser Dampfstrahlen stand der einzige Baum der Insel, -eine kleine Fichte von zierlicher Gestalt und untadeligem Ebenmaß, -die im saftigsten Grün erglänzte, denn der unaufhörlich -durch ihre Zweige strömende Dampf hielt sie stets feucht. Sie -stach so seltsam von ihrer toten, unheimlichen Umgebung ab, -diese kräftige, schöne -Verbannte, wie ein -heiterer Geist in einem -Trauerhause.</p> - -<div class="ulshapepic" id="illu-113"> -<div class="boxu box113u"> -<img src="images/illu-113.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box113l"></div> -</div> - -<p>Wir suchten allenthalben -nach der Quelle, -wir durchschritten die -ganze Länge der Insel -(zwei bis drei Meilen) -und gingen zweimal quer -über dieselbe, geduldig -Aschenhügel erklimmend, -von denen wir auf der -andern Seite sitzend wieder -hinabrutschten, wobei erstickende Wolken grauen Staubes -aufgerührt wurden. Allein wir fanden nichts als Einsamkeit, -Asche und beängstigendes Schweigen. Zuletzt bemerkten wir, -daß sich ein Wind erhoben hatte, und nun vergaßen wir unsern -Durst über einer Sorge von größerer Wichtigkeit, – da der -See ruhig gewesen war, hatten wir uns keine Mühe gegeben, -das Boot festzumachen. Wir eilten zu einem Punkte zurück,<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[115]</span> -von dem aus man unseren Landungsplatz überschaute und siehe -da – keine Worte vermögen unsern Schreck zu schildern: das -Boot war weg. Ein zweites Boot gab es auf dem ganzen See -nicht. Unsere Lage war keine behagliche, sie war vielmehr -geradezu entsetzlich. Wir waren Gefangene auf einem öden -Eilande, obendrein ganz nahe bei Freunden, die zur Zeit völlig -außer stande waren, uns zu helfen. Die Vorstellung, daß wir -weder Nahrung noch Wasser hatten, machte die Sache noch unbehaglicher. -Aber bald erblickten wir das Boot. Etwa fünfzig -Schritt vom Ufer trieb es langsam dahin, geschaukelt von schaumgekrönten -Wellen. Es trieb und trieb immer weiter, aber stets -in der gleichen Entfernung vom Lande. Wir hielten am Ufer -immer Schritt mit ihm und warteten auf einen günstigen Zufall. -Nach Verlauf einer Stunde näherte sich das Boot einem kleinen -Vorgebirge; Higbie lief dorthin und stellte sich am äußersten -Rande sprungbereit auf. Wenn es mißlang, war alle Hoffnung -für uns dahin. Das Boot trieb jetzt stetig dem Strande zu, -aber die Frage war, ob es auch nahe genug herantreiben würde, -um es von jenem Punkte aus erreichen zu können. Als es -Higbie bis auf dreißig Schritte nahe kam, glaubte ich vor Aufregung -meinen eigenen Herzschlag zu hören. Während das Boot -dann langsam heranschwamm und nur noch ein paar Schritte -außer unserem Bereiche war, meinte ich, das Herz stehe mir -still; wie es dann aber gar an ihm vorbeikam und davonzuschwimmen -begann, und er selbst immer noch wie eine Bildsäule -dastand, fühlte ich wirklich, daß mein Herz nicht mehr -schlug. Aber im nächsten Augenblick that er einen großen Sprung, -der ihn in das Hinterteil des Bootes brachte, und ich stieß ein -Freudengeschrei aus, daß die Einöde weithin wiederhallte.</p> - -<p>Es dämpfte meine Begeisterung freilich bedeutend, als er -mir sagte, daß es ihm ganz gleichgültig gewesen wäre, ob das -Boot auf Sprungweite herankam oder nicht; er würde einfach<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[116]</span> -mit geschlossenem Mund und Augen die kurze Strecke durchschwommen -haben. In meiner Dummheit hatte ich gar nicht -daran gedacht, daß nur bei <em class="gesperrt">langem</em> Schwimmen ernstliche Gefahr -drohte.</p> - -<p>Der See ging hoch und der Sturm nahm zu. Auch wurde -es spät – drei oder vier Uhr nachmittags. Ob wir uns nach -dem Festlande hin wagen sollten, war eine Frage von Wichtigkeit. -Allein der Durst setzte uns dermaßen zu, daß wir uns -zu dem Versuche entschlossen; und so machte sich Higbie ans -Rudern, während ich das Steuer ergriff. Als wir mühsam -eine Meile weit vorwärts gekommen waren, befanden wir uns -augenscheinlich in Gefahr; denn der Sturm war viel heftiger -geworden, die Wogen hatten Schaumkämme und gingen sehr -hoch, der Himmel hing voll schwarzer Wolken, der Wind blies -mit großer Wut. Wir wären jetzt umgekehrt, allein wir wagten -das Boot nicht zu drehen, denn sobald es in die Tiefe zwischen -zwei Wogen geriet, wäre es natürlich umgeschlagen. Unser -einziges Heil lag darin, daß wir mit dem Bug gegen die Wellen -steuerten. Bei dem fortwährenden Heben und Senken des Bootes -war dies ein schweres Stück Arbeit. Wenn zuweilen eines der -Ruder von einer Welle erfaßt wurde, und zur Seite geschlagen, -so wurde das Boot durch das andere Ruder trotz meines mühsamen -Steuerns halb herumgeworfen. Der Gischt durchnäßte -uns fortwährend und das Boot schöpfte manchmal Wasser. Wie -stark Higbie auch war, so erschöpfte ihn doch allmählich die Anstrengung -und er hätte gern den Platz mit mir gewechselt, um -ein wenig ausruhen zu können. Allein ich erklärte ihm, daß -dies unmöglich sei, denn wurde das Steuer beim Wechseln der -Plätze auch nur einen Augenblick los gelassen, so drehte sich das -Boot im Kreise, geriet zwischen die Wellen, schlug um, und ehe -fünf Minuten vergangen waren, hatten wir hundert Gallonen -Lauge im Leibe, die uns so geschwind zerfressen hätte, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[117]</span> -wir nicht einmal bei unserer eigenen Leichenschau hätten zugegen -sein können.</p> - -<p>Doch alles nimmt schließlich ein Ende. Gerade mit Einbruch -der Nacht schossen wir, den Bug voran, ans Land. Higbie -ließ sein Ruder fallen, um Hurra zu schreien und ich ließ das -meine fallen, um ihm dabei zu helfen; da gab der Sturm dem -Boot einen Ruck und – pardauz – schlug es um!</p> - -<p>Der Höllenschmerz, den das Alkaliwasser an Beulen, Abschürfungen -und aufgerissenen Händen verursachte, war unaussprechlich -und nur durch vollständiges Einsalben mit Fett zu -lindern; aber trotzdem schmeckte uns Essen, Trinken und Schlaf -ganz vortrefflich.</p> - -<p>Unter den Eigentümlichkeiten des Monosees hätte ich erwähnen -sollen, daß in gewissen Zeiträumen am Rande desselben -malerische, turmartige Massen und Gruppen von einem weißlichen, -grobkörnigen Gestein stehen, das wie hartgetrockneter -Mörtel aussieht. Bricht man ein Stück davon ab, so findet -man im Innern der Masse vollkommen wohlgebildete, durch und -durch versteinerte Seemöveneier eingelagert. Wie diese wohl -dahin kommen? Ich erzähle einfach die Thatsache und überlasse -es dem in der Geologie bewanderten Leser, die Nuß nach -Belieben zu knacken und das Rätsel zu lösen, wie er will.</p> - -<p>Nach einem mehrtägigen Ausflug in die Sierras, wo wir -in einem kleinen See am Fuße des schneebedeckten Castle Peak -fleißig Forellen angelten, kehrten wir zum Monosee zurück; da -wir hier fanden, daß die Aufregung wegen Whitemans Zementgrube -für diesmal vorüber war, packten wir auf und kehrten -nach Esmeralda zurück. Herr Ballou rekognoszierte eine Weile; -dann machte er sich, da ihm die Aussichten nicht gefielen, allein -nach Humboldt auf.</p> - -<div class="figleft" id="illu-117"> - <img src="images/illu-117.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>In diese Zeit fällt ein kleines Ereignis, das stets ein gewisses -Interesse für mich gehabt hat, weil es um ein Haar Anlaß<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[118]</span> -zu meinem Begräbnis gegeben hätte. Zur Zeit eines drohenden -Indianerangriffs hatte einer unserer Nachbarn sechs Dosen -mit Flintenpulver in der Bratröhre eines alten, abgedankten -Kochofens verborgen, der unter freiem Himmel in der Nähe -eines Bretterschuppens stand; dies -war später aber vollständig vergessen -worden. Nun hatten wir -uns, um die Wäsche zu besorgen, -einen halbzahmen Indianer gemietet, -der mit dem Waschzuber -sein Quartier unter dem Schuppen -aufschlug, während der alte -Ofen auf sechs Fuß Entfernung -von seiner Nase der -Ruhe pflegte. Der -Indianer kam -schließlich auf den -Gedanken, heißes -Wasser würde besser -sein als kaltes; -er ging hinaus, -machte Feuer unter -dem vergessenen -Pulvermagazin, -stellte einen -Kessel mit Wasser -auf und kehrte an seinen Zuber zurück. Bald nachher trat -ich in den Schuppen, warf noch mehr Wäsche hin und wollte -eben etwas sagen, als der Ofen mit einem gewaltigen Krach -aufflog und spurlos verschwand. Volle zweihundert Schritt davon -fielen Bruchstücke desselben in den Straßen nieder. Fast -ein Drittel des Schuppendachs über unseren Köpfen war zerstört;<span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[119]</span> -einer der Ofendeckel schnitt einen kleinen Pfosten vor den Augen -des Indianers halb entzwei, sauste zwischen uns durch und schlug -ein Loch in die Bretterverschalung. Ich war weiß wie eine -Kalkwand, schwach wie ein Kind und keines Lautes mächtig. -Der Indianer dagegen verriet weder Angst noch Schreck, nicht -einmal Unbehagen. Er hörte einfach mit Waschen auf, beugte -sich vor, um den reingefegten Boden einen Augenblick zu betrachten, -und sagte dann: »Hm! verdammter Ofen – sehr viel -weg!« – worauf er sein Geschäft so gelassen wieder aufnahm, -als wäre das Auffliegen bei Oefen etwas ganz Gewöhnliches.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Ich komme jetzt zu einer seltsamen Episode – der seltsamsten, -wie mir scheint, die ich bisher in meinem trägen, unnützen -und sorgenlosen Lebenslauf zu verzeichnen gehabt. Gegen das -obere Ende der Stadt zu besaß eine der ›Weite Westen‹ genannte -Gesellschaft ein aller Welt bekanntes Quarzlager, aus dessen -Schacht Gestein von ziemlich gutem, wenn auch keineswegs außerordentlichem -Silbergehalte gefördert wurde. Ich bemerke hier, -daß, während dem unerfahrenen Fremden aller Quarz aus einem -bestimmten Bezirke gleichartig vorkommt, ein alter Ansässiger -jeden Brocken Gestein von dem andern unterscheiden und mit -größter Leichtigkeit sagen kann, aus welcher Grube derselbe stammt.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-119"> - <img src="images/illu-119.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Eine ungewöhnliche Aufregung machte sich plötzlich in der -Stadt bemerkbar. Der ›Weite Westen‹ war auf eine reiche Ader -gestoßen. Jedermann wollte sich die neue Entwicklung der Dinge -ansehen und mehrere Tage lang drängte man sich um den Schacht -wie zu einer Volksversammlung. Man sprach, man dachte und<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[120]</span> -träumte von nichts anderem mehr, als von dem reichen Funde. -Ein jeder nahm sich eine Probe mit, die er im Mörser zerstampfte -und in seinem Hornlöffel ausspülte, und stierte dann sprachlos -das wunderbare Ergebnis an. Es war schwarzes, verwittertes, -bröckeliges Zeug, das, wenn es auf ein Papier gelegt wurde, -eine starke Beimischung von Gold- und gediegenen Silberteilchen -aufwies. Higbie brachte eine Handvoll davon in die Hütte mit, -und als er es ausgewaschen hatte, spottete sein Staunen jeder -Beschreibung. Die Kuxe des ›Weiten Westens‹ stiegen wie auf -Adlerflügeln in die Höhe. Wiederholt seien tausend Dollars -für den Fuß geboten worden, sagte man, aber ganz vergebens. -Ich war tief unglücklich; die Welt kam mir hohl, das Dasein -erbärmlich vor. Ich verlor den Appetit und nahm an nichts -mehr Anteil. Trotzdem mußte ich Aermster dableiben, um den -Jubel der andern mit anzuhören, weil ich kein Geld hatte um -fortzukommen. Dem Wegtragen -von ›Proben‹ setzte -die Gesellschaft bald ein Ziel, -und mit Recht; denn von -dem Erz hatte jede Handvoll -einen erheblichen Wert. Dasselbe -wurde ganz so, wie es -aus dem Schachte kam, zu -einem Dollar per -Pfund verkauft und -hundertfünfzig Meilen<span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[121]</span> -weit über das Gebirge auf Maultieren nach San Francisco -geschafft, und dabei rechnete der Käufer noch auf ein gutes Geschäft. -Der Faktor erhielt strengen Befehl, außer den eigenen -Arbeitern keinem Menschen unter irgend welchen Umständen das -Einfahren in die Grube zu gestatten. Ich verblieb bei meinen -schwarzen Träumereien, während Higbie ebenfalls fortwährend -seinen eigenen Gedanken nachhing; diese waren aber anderer -Art. Er grübelte hin und her über das Gestein, prüfte es mit -einem Vergrößerungsglase, untersuchte es bei verschiedenem Lichte -und von verschiedenen Gesichtspunkten, um nach jedem Versuche -im Selbstgespräch stets dieselbe Meinung in der immer gleichen -Formel kundzugeben:</p> - -<p>»Das ist kein Gestein aus dem ›Weiten Westen‹!«</p> - -<p>Um seiner Sache sicher zu sein, war er entschlossen, einen -Blick in den Schacht zu thun, und sollte ihm dafür der Garaus -gemacht werden. Mir in meiner Niedergeschlagenheit war es -einerlei, ob er einen Einblick bekam oder nicht. Nach mehrmaligen -vergeblichen, halsbrechenden Versuchen kroch er schließlich -auf Händen und Füßen bis an den Rand des Schachts, ergriff, -nachdem er schnell um sich geblickt, das Seil und glitt daran -in die Tiefe. Als er unten eben im Dunkel eines Seitenganges -verschwand, erschien oben am Schachtloch jemand mit dem Rufe: -»Hallo!«, er antwortete jedoch nicht und blieb nun ungestört. -Nach einer Stunde trat er in die Hütte, glühend heiß und beinahe -platzend vor unterdrückter Aufregung.</p> - -<p>»Ich wußte es ja! Wir sind reiche Leute! Es ist ein -blinder Gang!« rief er in theatralischem Flüsterton.</p> - -<p>Mir war, als wankte die Erde unter mir – Zweifel – -Ueberzeugung – wiederum Zweifel – Jubel – Hoffnung, -Staunen, Glaube, Unglaube, alle denkbaren Empfindungen -schossen mir in tollem Wirbel durch Herz und Kopf, und ich -war keines Wortes mächtig. Nachdem dieser geistige Erregungszustand<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[122]</span> -kurze Zeit gedauert hatte, rüttelte ich mich zurecht -und sagte:</p> - -<p>»Sagen Sie es noch einmal.«</p> - -<p>»Es ist ein blinder Gang.«</p> - -<p>»Donner und Doria. Es ist zum verrückt werden. Ich -möchte gleich unser Haus anzünden – oder jemand totschlagen! -Wir wollen hinausgehen, wo Platz genug ist, um Hurra zu -schreien! Aber, wozu? Es ist viel zu schön, um wahr zu sein!«</p> - -<p>»Es ist ein blinder Gang – wette um eine Million! -Hängende Wand – Fußwand – Thonumhüllung – alles, -was dazu gehört!«</p> - -<p>Er schwenkte seinen Hut und stieß ein dreimaliges Freudengeschrei -aus; ich schickte nun meinen Zweifel gleichfalls in alle -Winde und stimmte aus Leibeskräften mit ein; ich war ja -Millionär und scherte mich um keinen Teufel mehr.</p> - -<p>Unter einem ›blinden Gang‹ versteht man eine Gesteinsschicht -oder Ader, welche nicht zu Tage tritt, auf die man aber -beim Treiben eines Stollens oder beim Senken eines Schachts -oft zufällig stößt. Higbie kannte das Gestein des ›Weiten Westens‹ -so genau, daß er bei jeder Prüfung der neuen Ausgrabungen -fester zu der Ueberzeugung gelangte, daß dieses Erz nicht aus -der Ader des ›Weiten Westens‹ stammen könne. So war er -allein auf den Gedanken gekommen, daß unten im Schacht ein -blinder Gang laufe und daß die Leute vom ›Weiten Westen‹ -dies selbst nicht ahnten. Er hatte recht. Unten im Schacht -fand er, daß der blinde Gang ohne Zusammenhang mit der -Ader des ›Weiten Westens‹ diagonal durch diese durchging und -seine eigene Umhüllung von Gestein und Thon hatte. Folglich -war er öffentliches Eigentum. Da die beiden Erzschichten vollständig -von einander abgegrenzt waren, konnte jeder Bergmann -leicht unterscheiden, welche zum ›Weiten Westen‹ gehöre und -welche nicht. Wir hielten es für zweckmäßig, uns einen einflußreichen<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[123]</span> -Freund zu sichern und holten deshalb noch in jener Nacht -den Faktor des ›Weiten Westens‹ in unsere Hütte, um ihm die -große Ueberraschung zu offenbaren. Higbie sagte:</p> - -<p>»Wir werden von diesem blinden Gange Besitz nehmen; -unser Eigentumsrecht feststellen und eintragen lassen und dann -der Gesellschaft vom ›Weiten Westen‹ die weitere Ausbeutung -von Erzen in diesem Gange untersagen. Sie können Ihrer Gesellschaft -in dieser Angelegenheit nicht helfen, niemand kann ihr -helfen. Ich werde mit Ihnen in den Schacht anfahren und -Ihnen in überzeugender Weise darthun, daß es wirklich ein -blinder Gang ist. Nun schlagen wir Ihnen vor: wir nehmen -Sie zum Teilhaber an und belegen den blinden Gang im Namen -von uns dreien. Was sagen Sie dazu?«</p> - -<p>Was sollte jemand sagen, dem eine Gelegenheit geboten -wurde, bei der er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich -ein Vermögen zu verschaffen, ohne das Geringste zu wagen und -ohne jemand unrecht zu thun oder seinen Namen mit dem geringsten -Flecken zu verunehren? Er konnte nur sagen: ›Einverstanden!‹</p> - -<p>Noch dieselbe Nacht wurde unsere Bekanntmachung angeschlagen -und vor zehn Uhr in das Buch des Syndikus eingetragen. -Wir belegten jeder zweihundert Fuß, im ganzen sechshundert; -das kleinste und doch wertvollste Grubenfeld im ganzen -Bezirk, dessen Ausbeutung überdies am wenigsten Mühe machte.</p> - -<p>Es wird wohl niemand so unverständig sein, zu glauben, -wir hätten in jener Nacht geschlafen. Ich ging mit Higbie um -Mitternacht zu Bett, aber nur, um völlig wach da zu liegen, -zu träumen und Pläne zu machen. Die ungedielte baufällige -Hütte wurde uns zum Palast, die zerrissenen, grauen Wolldecken -zu Seidenteppichen; in unserem Hausgerät sahen wir Rosenholz- -und Mahagonimöbel. Bei jedem neuen Prachtstück, das an der -Oberfläche meiner Zukunftsträume erschien, wälzte ich mich im<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[124]</span> -Bette umher oder schnellte auf, wie von einer elektrischen Batterie -getroffen. In abgerissenen Bruchstücken flog die Unterhaltung -zwischen uns hin und her.</p> - -<p>»Wann gehen Sie nach Hause – nach den Staaten?<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>« -fragte Higbie.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> ›Staaten‹ – die Staaten im Osten.</p> -</div> -</div> - -<p>»Morgen!« schrie ich, während ich mich ein paarmal umdrehte -und dann aufsetzte. »Na – nein, aber spätestens nächsten -Monat.«</p> - -<p>»Wir wollen mit demselben Dampfer gehen.«</p> - -<p>»Einverstanden.«</p> - -<p>Pause.</p> - -<p>»Mit dem Dampfer vom Zehnten?«</p> - -<p>»Ja – nein vom Ersten.«</p> - -<p>»Ganz recht.«</p> - -<p>Wieder eine Pause.</p> - -<p>»Wo werden Sie sich später niederlassen?«</p> - -<p>»In San Francisco.«</p> - -<p>»Ganz mein Fall.«</p> - -<p>Abermals eine Pause.</p> - -<p>»Zu hoch, zu viel Kletterei!« sagte Higbie dann.</p> - -<p>»Was ist zu hoch?«</p> - -<p>»Ich dachte an den Russenhügel – wollte mir dort ein -Haus bauen.«</p> - -<p>»Zu viel Kletterei? werden Sie sich denn nicht Wagen und -Pferde halten?«</p> - -<p>»Ach natürlich; daran dachte ich nicht.«</p> - -<p>Pause.</p> - -<p>»Was für ’ne Art Haus wollen Sie sich bauen?«</p> - -<p>»Dachte eben daran. Drei Stock hoch und ein Dachgeschoß.«</p> - -<p>»Aber welches Material?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[125]</span></p> - -<p>»Ja nun, das weiß ich noch nicht genau; vermutlich Backstein.«</p> - -<p>»Backstein – Schnack.«</p> - -<p>»Warum? Was meinen Sie denn?«</p> - -<p>»Vorderseite brauner Sandstein – Fenster französisches -Spiegelglas – Billardzimmer hinter dem Speisesaal, Bildsäulen -und Gemälde – Grasplatz, zwei Morgen groß, und Strauchwerk -dabei – Gewächshaus – ein eiserner Kandelaber am -Fuß der Treppe – Schimmel – Landauer und ein Kutscher -mit einer Kokarde am Hut.«</p> - -<p>»Himmeldonnerwetter!«</p> - -<p>Lange Pause, dann fragte ich Higbie:</p> - -<p>»Wann gehen Sie nach Europa?«</p> - -<p>»Je nun, daran hatte ich noch nicht gedacht. Wann gehen Sie?«</p> - -<p>»Im Frühjahr.«</p> - -<p>»Wollen den ganzen Sommer fort bleiben?«</p> - -<p>»Den ganzen Sommer? Ich bleibe drei Jahre fort.«</p> - -<p>»Nein – wirklich in allem Ernst?«</p> - -<p>»Ei freilich.«</p> - -<p>»Dann geh’ ich mit.«</p> - -<p>»Nun, natürlich gehen Sie mit.«</p> - -<p>»Nach welchem Teil Europas gehen Sie?«</p> - -<p>»Nach allen Teilen. Nach Frankreich, England, Deutschland, -Spanien, Italien, der Schweiz, Syrien, Griechenland, Palästina, -Arabien, Persien, Aegypten – allenthalben – überall hin.«</p> - -<p>»Ich thue mit.«</p> - -<p>»Recht so.«</p> - -<p>»Das muß aber einen Prachtausflug geben!«</p> - -<p>»Vierzig bis fünfzigtausend Dollars wollen wir dran rücken, -damit es einer wird.«</p> - -<p>Wieder große Pause.</p> - -<p>»Higbie, wir sind dem Fleischer sechs Dollars schuldig und -er hat gedroht, uns nichts mehr –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[126]</span></p> - -<p>»Zum Henker mit dem Fleischer!«</p> - -<p>»Amen.«</p> - -<p>Und so ging es fort. Um drei Uhr fanden wir, daß es -mit dem Schlafen doch nichts sei; so standen wir auf, spielten -Cribbage und schmauchten unsere Pfeifen, bis es hell wurde. -Ich hatte diese Woche das Kochen zu besorgen. Das war mir -stets zuwider gewesen – -jetzt war es mir ein Greuel.</p> - -<div class="figleft" id="illu-125"> - <img src="images/illu-125.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Die Kunde von unserem -Glück hatte sich über -die ganze Stadt verbreitet. -War die Aufregung zuvor -schon groß gewesen, so -war sie jetzt noch größer. -Froh und glücklich wandelte -ich durch -die Straßen. Ich -hörte von Higbie, -dem Faktor -wären für sein -Drittel an der -Grube zweimalhunderttausend -Dollars geboten -worden. Ich versetzte darauf, zu solch einem Preis zu verkaufen, -fiele mir auch nicht ein. Da hatte ich schon eine andere, höhere -Vorstellung von der Sache. Mein Preis war eine Million. Und -ich glaube erst noch allen Ernstes, hätte man mir diesen Preis -geboten, es würde nur die Wirkung gehabt haben, daß ich meinen -Anteil behalten hätte, um noch mehr dafür zu bekommen.</p> - -<p>Ich fand ein großes Vergnügen daran, reich zu sein. Man -bot mir ein Pferd für dreihundert Dollars an gegen ein einfaches<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[127]</span> -Zahlungsversprechen meinerseits ohne jede Bürgschaft. -Dies gab mir ein deutlicheres Gefühl als alles andere, daß ich -wirklich und zweifellos ein reicher Mann sei. Zahlreiche Beweise -ähnlicher Art kamen nach, unter denen ich die Thatsache -hervorhebe, daß der Fleischer uns zweimal so viel lieferte als -wir bestellten, ohne ein Wort von der Bezahlung zu reden.</p> - -<p>Nach den im Bezirke geltenden Vorschriften waren diejenigen, -welche eine Erzschicht belegten, oder in Anspruch nahmen, -verpflichtet, auf ihrem neuen Eigentum binnen zehn Tagen -vom Datum der Belegung ab ein ordentliches Stück Arbeit zu -thun, andernfalls war das Eigentum verfallen und jeder, der -wollte, konnte hingehen und es für sich nehmen. Wir beschlossen -deshalb, am nächsten Tag ans Werk zu gehen. Im Lauf des -Nachmittags begegnete ich einem Bekannten Namens Gardiner, -der mir mitteilte, Kapitän John Nye liege auf seinem Gute -gefährlich krank und seine Frau sei allein nicht im stande, ihm -die dringend erforderliche Pflege und Aufmerksamkeit zu widmen. -Ich erklärte ihm, wenn er einen Augenblick warten wolle, so -würde ich mitgehen, um bei der Pflege des Kranken zu helfen. -Ich lief nach der Hütte, um es Higbie zu sagen. Dieser war -nicht da, ich ließ deshalb auf dem Tisch einen Zettel für ihn -zurück und fuhr ein paar Minuten darauf in Gardiners Wagen -aus der Stadt.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[128]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Zwanzigstes_Kapitel">Zwanzigstes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-k.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Kapitän Nye litt wirklich schwer an Rheumatismus. Der -alte Herr, der sonst die Güte und Liebenswürdigkeit -selbst war, konnte in den Anfällen seiner Krankheit recht unangenehm -werden. Er gebärdete sich zuweilen ganz rasend. Ich -hatte aber selbst einmal gesehen, wie er einen Kranken mit der -größten Geduld und Hingebung pflegte und da nun die Reihe -an ihn gekommen war, sich pflegen zu lassen, so sollte es mich -auch nicht verdrießen. Mochte er weiter toben, wie er wollte, -mich störte das nicht im mindesten in meiner Seelenruhe, denn, -ob nun meine Hände müßig oder beschäftigt waren, mein Geist -war Tag und Nacht unablässig an der Arbeit. Ich änderte -und besserte an den Plänen zu meinem Hause und überlegte -mir, ob ich das Billardzimmer nicht lieber ins Dachgeschoß, anstatt -neben den Speisesaal verlegen solle. Ferner versuchte ich -betreffs der Polstermöbel im Salon zu einer Entscheidung zwischen -Grün und Blau zu gelangen! Ich gab an sich der letzteren Farbe -den Vorzug, fürchtete jedoch, Staub und Sonnenlicht würden -ihr zu viel Schaden thun. Sodann war ich zwar entschlossen, -den Kutscher in eine bescheidene Livree zu stecken, dagegen noch -unschlüssig betreffs des Bedienten. Haben mußte ich einen solchen -ganz entschieden; es wäre mir aber lieber gewesen, wenn er -ohne Livree hätte anständig erscheinen und seine Obliegenheiten -versehen können, weil mir vor so viel Prunk einigermaßen bange -war. Und doch fühlte ich, da mein Großvater auch Dienerschaft -– aber ohne Livree – gehabt hatte, eine gewisse Neigung, -ihn oder doch wenigstens seinen Geist auszustechen. Endlich -brachte ich auch die Europareise in ein gehöriges System; die<span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[129]</span> -Reisestrecken und die für eine jede derselben bestimmte Zeit – -alles wurde erwogen und geordnet; nur eins, nämlich, ob die -Reise von Kairo nach Jerusalem per Kamel durch die Wüste, -oder lieber zu Wasser nach Beirut gehen sollte, um von dort -mit einer Karawane fortgesetzt zu werden, blieb unentschieden. -Inzwischen schrieb ich alle Tage an die Freunde in der Heimat, -setzte sie von meinen Plänen und Absichten in Kenntnis und -wies sie an, sich nach einer hübschen Wohnung für meine Mutter -umzusehen und sich über den Mietspreis zu einigen, bis ich -käme. Ferner beauftragte ich sie, meinen Anteil an dem Landsitz -unserer Familie in Tennessee zu verkaufen und den Ertrag -dem Witwen- und Waisenfond des Typographenvereins zu überweisen, -dem ich seit lange als eifriges Mitglied angehörte.</p> - -<p>Nachdem ich den Kapitän neun Tage lang gepflegt hatte, -befand er sich etwas besser, war aber noch sehr schwach. Während -des Nachmittags hoben wir ihn auf einen Stuhl und -gaben ihm ein alkoholisches Dampfbad, dann machten wir uns -daran, ihn wieder zu Bett zu bringen. Dabei mußte äußerst -behutsam zu Werke gegangen werden, denn das leiseste Anstreifen -verursachte Schmerzen. Gardiner hielt ihn an den Schultern -und ich an den Beinen, als ich in einem unglücklichen Augenblicke -stolperte, so daß der Kranke schwer auf das Bett fiel und -Höllenschmerzen empfand. Er fluchte, wie ich nie in meinem -Leben etwas gehört habe, und versuchte in seinem Zorn einen -Revolver vom Tische zu reißen, den ich schnell wegnahm. Nun -schrie er, ich solle das Haus verlassen und schwur hoch und -teuer, wenn er wieder auf den Beinen sei, wolle er mich umbringen, -sobald er meiner habhaft würde. Das war nur eine -vorübergehende Wut, die nichts zu bedeuten hatte. Ich wußte, -daß er es in einer Stunde vergessen, vielleicht sogar bedauern -würde, aber im Augenblick ärgerte es mich doch ein wenig, und -ich beschloß daher nach Esmeralda zurückzugehen. Da er auf<span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[130]</span> -dem Kriegspfade ist, dachte ich, wird er wohl imstande sein, sich -selbst zu helfen. So aß ich zu Abend und trat dann, sobald -der Mond aufging, meine neun Meilen lange Fußwanderung an.</p> - -<p>Als ich auf der Höhe ankam, welche die Stadt überragt, -fehlten noch fünfzehn Minuten zu zwölf Uhr. Ich warf einen -Blick auf den Hügel jenseits der Schlucht und sah im hellen -Mondenschein, wie anscheinend die halbe Bevölkerung des Städtchens -sich um den Eingang zur Grube des ›Weiten Westens‹ -drängte. Jubelnd hüpfte mein Herz, und ich sagte zu mir selbst: -»Heute abend haben sie eine neue Schicht eröffnet und ganz gewiß -eine reichere als je.« Ich ging zuerst darauf zu, kehrte -mich aber wieder ab, indem ich mir sagte, die Grube würde ja -nicht davonlaufen und ich sei für heute nacht genug auf den -Bergen herumgeklettert. Ich ging weiter durch die Stadt, und -als ich an einer deutschen Bäckerei vorüberkam, stürzte eine Frau -heraus und bat mich, doch mit ihr hereinzukommen und ihr -beizustehen, ihr Mann habe einen Anfall von Wahnsinn. Ich -ging hinein und fand, daß sie recht hatte; der eine Anfall, den -er hatte, konnte für hundert gelten. Zwei Deutsche waren drinnen -und versuchten ihn zu halten, richteten aber nicht viel aus. Ich -lief die Straße ein Stück hinauf und klopfte einen schlafenden -Doktor heraus, der halb angekleidet mitging. Alle vier rangen -wir dann mit dem Verrückten, gaben ihm Arznei, begossen ihn -mit kaltem Wasser und ließen ihn zur Ader, was mehr als eine -Stunde dauerte. Die arme deutsche Frau besorgte das Weinen -dazu. Als der Kranke endlich ruhig war, zogen der Doktor -und ich uns zurück und überließen ihn seinen Freunden.</p> - -<p>Es war kurz nach ein Uhr. Als ich müde, aber gut gelaunt -durch die Thüre unserer Hütte trat, erblickte ich beim -trüben Licht einer Talgkerze Higbie, der am Tische saß und wie -blödsinnig auf den Zettel von meiner Hand stierte, den er in -seinen Fingern hielt. Er sah bleich, alt und abgemagert aus.<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[131]</span> -Als ich stehen blieb und ihn fragend ansah, richtete er nur -einen stumpfsinnigen Blick auf mich. Ich sagte:</p> - -<p>»Higbie, was – was ist denn?«</p> - -<p>»Wir sind ruiniert – wir haben die Arbeit nicht gethan -– <em class="gesperrt">der blinde Gang ist anderweitig belegt</em>!«</p> - -<p>Ich hatte genug gehört. Kummervoll und gebrochenen -Herzens sank ich auf einen Stuhl. Noch eine Minute zuvor -war ich reich gewesen und von Eitelkeit geschwellt, jetzt war ich -ein demütiger Bettler. Noch eine Stunde saßen wir da, beschäftigt -mit Gedanken, mit eitlen und nutzlosen Vorwürfen gegen -uns selbst, mit der unaufhörlichen Frage, warum habe ich nur -dies und warum habe ich nur jenes nicht gethan? Aber keiner -von uns sprach ein Wort. Endlich begannen die gegenseitigen -Mitteilungen, und das Geheimnis klärte sich auf. Higbie hatte -sich auf mich, ich mich auf ihn, und wir beide hatten uns auf -den Faktor verlassen. Welche Thorheit! Zum erstenmal hatte -der gesetzte und stramme Higbie eine wichtige Angelegenheit dem -Zufall überlassen und der auf ihn fallenden Verantwortlichkeit -nicht voll entsprochen. Ach, er hatte meinen Zettel eben erst zu -Gesicht bekommen und war wenige Augenblicke vor mir zum -erstenmal, seit wir uns getrennt, wieder in die Hütte getreten. -Auch er hatte an jenem verhängnisvollen Nachmittag einen Zettel -für mich zurückgelassen. Er war vor das Haus geritten, hatte -durch das Fenster geschaut, und da er in Eile war und mich -nicht sah, den Zettel durch eine zerbrochene Scheibe in die Hütte -geworfen. Hier war derselbe die neun Tage ungestört liegen -geblieben, er lautete:</p> - -<p>»Versäumen Sie nicht, die Arbeit vor Ablauf der zehn -Tage zu thun. W. ist durchgekommen und hat mir einen Wink -gegeben. Am Mono-See soll ich ihn treffen, und von dort -werden wir heute abend weiter gehen. Diesmal, sagte er, werden -wir sie sicher finden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[132]</span></p> - -<p>W. bedeutet natürlich Whiteman. Diese dreimal verfluchte -Zementader!</p> - -<p>So ging es zu. Ein alter Geizhals wie Higbie konnte dem -Zauber der Aufregung über den geheimnisvollen Zementunsinn -gerade so wenig widerstehen, als er sich des Essens hätte enthalten -können, wäre er am Verhungern gewesen.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-131"> - <img src="images/illu-131.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Monatelang hatte Higbie von dem wunderbaren Zement -geträumt und so war er jetzt gegen seine bessere Einsicht fortgegangen -und hatte es darauf ankommen lassen, daß ich für die -Sicherheit des Besitzes einer Grube sorge, die eine Million unentdeckter -Zementadern aufwog. Man hatte die beiden diesmal -nicht verfolgt. Neun Tage lang konnten sie ungestört in den -Bergschluchten suchen, ohne daß sie die Ader gefunden hätten. -Da überfiel ihn auf einmal eine entsetzliche Angst, es möchte -irgend etwas dazwischen gekommen sein, wodurch die zur Sicherheit -unseres Besitzrechts an dem blinden Gange erforderliche -Arbeit verhindert würde, und sofort machte er sich eiligst auf -den Heimweg. Er hätte Esmeralda zu rechter Zeit erreicht, -wäre ihm nicht unterwegs sein Pferd zusammengebrochen, so<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[133]</span> -daß er einen großen Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen mußte. -So geschah es, daß wir zu gleicher Zeit von verschiedenen Enden -her in die Stadt kamen. Er war indes energischer als ich, -denn er ging schnurstracks nach dem ›Weiten Westen‹, anstatt -gleich mir vom Wege abzuschweifen, und trotzdem traf er fünf -oder zehn Minuten zu spät dort ein. Die ›Bekanntmachung‹ -war bereits angeschlagen, die ›Wiederbelegung unanfechtbar vollzogen‹ -und die Menge zerstreute sich rasch. Noch bevor er den -Platz verließ, erhielt er einige weitere Mitteilungen. Der Faktor -war seit der Nacht, wo wir die Grube belegt hatten, nirgends -in der Stadt zu sehen gewesen; wie es hieß, war er in einer -Sache, bei der sich’s um Leben und Tod handelte, telegraphisch -nach Kalifornien berufen worden. Jedenfalls hatte er keine -Arbeit gethan, und die wachsamen Augen der Gemeinde hatten -hievon Notiz genommen. Um Mitternacht jenes schmerzenreichen -Tages wurde daher unsere Erzader ›belegbar‹ und bereits um -elf Uhr stand der Berg schwarz von Leuten, die bereit waren, -die Wiederbelegung vorzunehmen. Das war die Menschenmenge, -die ich gesehen, als ich mir – Dummkopf, der ich war! – -eingebildet hatte, man habe einen neuen reichen Gang aufgeschlossen. -Als Mitternacht verkündet wurde, schlugen vierzehn -Mann, gehörig bewaffnet und bereit, ihr Verfahren zu verteidigen, -ihre Bekanntmachung an und verkündeten ihr Besitzrecht -an dem blinden Gange unter dem neuen Grubennamen Johnson. -Aber der Faktor, unser Geschäftsteilhaber, erschien nun auf -einmal mit gespanntem Revolver und erklärte, wenn sein Name -nicht mit in die Liste aufgenommen werde, würde er die Gesellschaft -Johnson ›ein wenig lichten‹. Er war ein mannhafter, -kräftiger, entschlossener Bursche, von dem man wußte, daß er -hielt, was er sagte, und so kam es zu einem Vergleich. Sie -schrieben ihm hundert Fuß gut, während sie sich selbst die üblichen -zweihundert vorbehielten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[134]</span></p> - -<p>Zufolge der aufregenden Nachricht von einem neuen Erzfunde -wandten Higbie und ich am nächsten Morgen der Stadt -den Rücken, froh, den Schauplatz unserer Leiden verlassen zu -können. Nach einem oder zwei Monaten voll harter Arbeit und -Enttäuschung kamen wir noch einmal nach Esmeralda zurück. -Da hörten wir, daß die Gesellschaft vom ›Weiten Westen‹ und -die Johnsonsche sich zusammengethan hatten, so daß das auf -diese Art vereinigte Vermögen fünftausend Fuß oder Kuxe betrug, -und daß der Faktor aus Furcht vor einem möglichen langwierigen -Rechtsstreit und im Hinblick auf die Schwierigkeiten -eines so gewaltigen Besitzes seine hundert Fuß für neunzigtausend -Dollars in Gold verkauft und sich in den Osten heimbegeben -hatte, um des Geldes froh zu werden. Wenn die Aktien jetzt, -da die Gesellschaft fünftausend Anteile zählte, solchen Wert hatten, -so schwindelte es mir bei dem Gedanken, was sie wert gewesen -sein würden, als es nur unsere ursprünglichen sechshundert waren. -Es war derselbe Unterschied wie zwischen einem Haus, das sechshundert, -und einem solchen, das fünftausend Menschen gehört. -Wir würden Millionäre gewesen sein, hätten wir einen einzigen -kurzen Tag mit Hacke und Spaten auf unserem Eigentum gearbeitet -und uns so den Besitztitel gesichert! –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Vor einem Jahre erhielt ich von meinem geschätzten und -in jeder Weise schätzenswerten einstigen Mitmillionär Higbie aus -einem obskuren kleinen Bergmannslager in Kalifornien die Nachricht, -er sei nach neun oder zehn Jahren voll Schicksalsschlägen -und mühseligen Ringens endlich so weit, um über fünfundzwanzighundert -Dollars verfügen zu können und gedenke, nun einen -bescheidenen Obsthandel anzufangen. Wie würde ihn ein solcher -Gedanke beleidigt haben zur Zeit, da wir in unserer Hütte Pläne -zu Europareisen und zu Häusern von braunem Sandstein auf -dem Russenhügel schmiedeten!</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[135]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Einundzwanzigstes_Kapitel">Einundzwanzigstes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Was nun thun?</p> - -<p>Das war eine wichtige Frage. Ich war mit dreizehn -Jahren in die Welt hinausgegangen, um für mich selbst zu -sorgen; denn mein Vater hatte für Freunde gutgesagt und hatte -uns zwar ein reichliches Erbe an Stolz auf seine Abstammung -von einer feinen virginischen Familie und auf deren Verdienste -um die Nation hinterlassen, doch fand ich bald, daß ich davon -nicht leben könne, sondern dazu gelegentlich ein Stück Brot als -Beilage haben müsse. In verschiedenen Berufsarten hatte ich -meinen Lebensunterhalt verdient, bis jetzt aber durch meine -Leistungen noch bei niemand Staunen erregt. Mir stand eine -große Auswahl zur Verfügung, falls ich Arbeit suchte – allein, -nachdem ich so reich gewesen war, hatte ich keine Lust dazu. -Ich war einmal einen Tag lang Ladenjüngling bei einem Krämer -gewesen, hatte aber dabei eine solche Masse Zucker verzehrt, daß -der Besitzer mich aller weiteren Dienstleistungen entband und -sagte, es wäre ihm lieber, wenn ich bloß als Kunde in seinen -Laden käme. Eine Woche lang hatte ich Rechtsgelehrsamkeit -studiert, sie aber dann aufgegeben, weil sie zu prosaisch und -ledern war. Dann warf ich mich eine kurze Zeit auf das -Studium der Grobschmiedekunst, vertrödelte aber mit dem Versuche, -die Blasebälge so einzurichten, daß sie von selbst bliesen, -so viel Zeit, daß der Meister mich in Ungnaden fortjagte und -behauptete, aus mir würde im Leben nichts. Ich trat eine -Weile als Gehilfe bei einem Buchhändler ein, aber die Kunden -quälten mich dergestalt, daß ich nicht mit Behaglichkeit lesen -konnte, und so gab mir der Prinzipal Urlaub, vergaß aber<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[136]</span> -dabei zu sagen, wann derselbe abgelaufen sein sollte. Dann war -ich im Sommer eine Zeitlang Gehilfe bei einem Apotheker, aber -ich hatte Unglück mit meinen Rezepten, so daß wir mehr Magenpumpen -als sonst was absetzten und ich auch dort fort mußte. -In dem Gefühl, daß in mir ein zweiter Franklin stecke, hatte -ich die Schriftsetzerei leidlich erlernt. Aber bei der ›Union‹ in -Esmeralda war keine Stelle offen, und überdies hatte ich immer -so langsam gesetzt, daß ich die Lehrlinge nach zwei Jahren um -ihre Leistungen beneidete; wenn ich ein Stück Satz übernahm, -so pflegte der oberste Setzer anzudeuten, man werde es im Lauf -des Jahres wohl einmal brauchen. Als Lotse zwischen St. Louis -und New Orleans machte ich meine Sache ganz ordentlich und -brauchte mich meiner Leistungen in diesem Berufszweig keineswegs -zu schämen; der Lohn betrug zweihundertfünfzig Dollars -monatlich bei freier Kost und Wohnung, und ich sehnte mich -wirklich danach, wieder hinter dem Steuerrad zu stehen, statt -ewig herumzuschweifen. Aber ich hatte mich in der letzten -Zeit durch prahlerische Briefe, die ich über meinen blinden -Gang und meine Europareise nach Hause gerichtet, so lächerlich -gemacht, daß es mir ging, wie schon gar manchem armen enttäuschten -Bergmann, der sich selber sagt: »Mit mir ist es jetzt -aus und vorbei, und es fällt mir nicht ein, je wieder heimzukehren, -um bemitleidet und über die Achsel angesehen zu -werden.« Ich war Privatsekretär, Silbergräber und Arbeiter -in einem Pochwerke gewesen, hatte es in allen diesen Fächern -zu weniger als nichts gebracht und jetzt –</p> - -<p>Was sollte nun zunächst geschehen?</p> - -<p>Auf Higbies Bitten willigte ich ein, es nochmals mit dem -Bergbau zu versuchen. Wir kletterten hoch am Bergeshang hinauf -und machten uns an die Arbeit auf einer uns gehörigen kleinen, -nichtsnutzigen Parzelle, auf der sich ein Schacht von acht Fuß -Tiefe befand. Higbie stieg hinab und arbeitete tapfer mit seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[137]</span> -Spitzhacke, bis er eine Menge Gestein und Erde losgehauen -hatte, und dann ging ich hinunter, um es mit einer langstieligen -Schaufel, der widerwärtigsten aller menschlichen Erfindungen, -herauszuwerfen. Man muß die Schaufel vorwärts schieben und -mit dem Knie nachhelfen, bis sie voll ist, und sie dann mit -kühnem Schwung über seine linke Schulter entleeren. Ich machte -den Schwung und setzte das Geröll genau am Rande des Schachtes -ab, von wo es mir samt und sonders wieder auf Kopf und -Nacken herabkam. Ohne ein Wort zu sagen, stieg ich heraus, -ging nach Hause und beschloß in meinem Innern, lieber zu verhungern, -als dieses Scheibenschießen mit Schutt auf meine werte -Person vermittelst einer langstieligen Schaufel noch länger zu -betreiben. Ich setzte mich in die Hütte und überließ mich dort -sozusagen einem gediegenen moralischen Katzenjammer. Nun -hatte ich in angenehmeren Tagen zu meinem Vergnügen dann -und wann der Hauptzeitung des Territoriums, der ›Daily Territorial -Enterprise‹ in Virginia Berichte eingeschickt und war -stets überrascht gewesen, wenn sie im Druck erschienen. Die Redakteure -waren dabei in meiner Meinung nicht eben gestiegen, -denn es wollte mich bedünken, als hätten sie etwas Besseres -finden können, um ihre Spalten zu füllen, als meine litterarischen -Leistungen. Auf dem Heimweg fand ich im Postbureau einen -Brief, den ich zu Hause öffnete. »Heureka!« rief ich aus – -ich wußte allerdings nicht, was das heißt, fand aber den Klang -des Wortes meiner Stimmung ganz angemessen – es war ein -ernstliches Anerbieten von fünfundzwanzig Dollars wöchentlich, -falls ich nach Virginia kommen und Lokalredakteur des ›Enterprise‹ -werden wollte.</p> - -<p>In den Tagen des ›blinden Ganges‹ würde ich den Herausgeber -gefordert haben, jetzt hätte ich vor ihm niederfallen und -ihn anbeten mögen. Fünfundzwanzig Dollars die Woche – -das war ein Kapital – ein Vermögen! Zwar kühlte sich meine<span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[138]</span> -Verzückung etwas ab, wenn ich an meine Unerfahrenheit und -meinen Mangel an jeder Befähigung für diese Stellung dachte, -und mir die Reihe der verfehlten Versuche, etwas aus mir zu -machen, vor Augen stellte. Allein wenn ich das Anerbieten ausschlug, -so würde ich binnen kurzem nicht mehr mein täglich -Brot haben und meinem Nächsten zur Last fallen; einem Menschen -aber, der seit seinem dreizehnten Jahre nie eine solche Erniedrigung -erlebt hatte, mußte dies notwendig zuwider sein. So -wurde ich wohl oder übel Lokalredakteur. Not bricht Eisen. Ich -bin fest überzeugt, hätte man mir damals das Anerbieten gemacht, -gegen Gehalt den Talmud aus dem hebräischen Original -zu übertragen, ich würde es ruhig angenommen und versucht haben, -mich für mein Geld möglichst anständig aus der Affaire zu ziehen.</p> - -<p>Ich ging hinauf nach Virginia, um meine neue Stellung -anzutreten. Für einen Lokalredakteur sah ich recht ruppig aus, -das gestehe ich offen; ohne Rock, mit Schlapphut und blauem -Wollhemd, die Hosen in den Stiefeln, mit einem Bart, der mir -über die halbe Brust herunterhing, und dem üblichen Matrosen-Revolver -am Gürtel. Doch verschaffte ich mir einen christlicheren -Anzug und gab meinem Revolver den Abschied. Ich hatte niemals -Gelegenheit gehabt, jemand tot zu schießen, verspürte auch -kein solches mörderisches Gelüste; nur aus Rücksicht auf die allgemeine -Anschauung hatte ich das Ding getragen, um nicht unangenehm -aufzufallen und zu Bemerkungen Anlaß zu geben. Zu -meiner Ueberraschung bemerkte ich jedoch, daß die andern Redakteure, -sowie sämtliche Setzer und Drucker Revolver trugen. -Ich bat den Chefredakteur und Eigentümer des Blattes, Herrn -Goodman, um einige Anweisungen betreffs meiner Pflichten, -worauf er mir sagte, ich solle nur durch die ganze Stadt gehen -und allerhand Leute über alles mögliche ausfragen, mir die erhaltene -Auskunft notieren und sie dann ausführlicher zur Veröffentlichung -niederschreiben. Er fügte noch bei:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[139]</span></p> - -<p>»Sagen Sie niemals: ›wir erfahren‹, oder: ›es heißt‹, oder: -›es geht das Gerücht‹, oder: ›wie verlautet‹, sondern rücken Sie -vor die rechte Schmiede, verschaffen Sie sich die absoluten Thatsachen -und dann reden Sie von der Leber weg und sagen Sie: -so und so <em class="gesperrt">ist</em> es. Sonst trauen die Leute Ihren Nachrichten -nicht. Unumstößliche Gewißheit ist es, was einer Zeitung den -festesten und wertvollsten Ruf verschafft.«</p> - -<p>Damit hatte ich das Wesen der Sache in <em class="antiqua">nuce</em>, und bis -auf den heutigen Tag beschleicht mich, so oft ich sehe, daß ein -Berichterstatter seinen Artikel mit ›wie verlautet‹ anfängt, der -Verdacht, er habe auf seine Erkundigung nicht Mühe genug verwandt. -Freilich, solange ich Lokalredakteur war, habe ich nicht -immer nach jener Vorschrift gehandelt, sondern manchmal, wenn -Mißwachs an Nachrichten herrschte, der Phantasie die Oberherrschaft -über die Thatsachen gelassen. Nie werde ich die Erfahrungen -vergessen, die ich an meinem ersten Tage als Berichterstatter -machte. Ich wanderte durch die ganze Stadt, fragte -alle Welt, bohrte jedermann an, und kein Mensch wußte etwas. -Nach fünf Stunden war mein Notizbuch noch immer leer. Ich -sprach mit Herrn Goodman darüber. Dieser meinte:</p> - -<p>»Ihr Vorgänger Dan pflegte in der sauern Gurkenzeit, -wenn’s sonst nichts gab, aus den Heuwagen Kapital zu schlagen. -Sind keine Heuwagen vom Felde hereingekommen? Sind welche -da, so könnten Sie von wiederaufgenommener Thätigkeit im -Heugeschäft sprechen. Das ist zwar nicht besonders aufregend, -aber es hilft doch das Blatt füllen und sieht geschäftsmäßig aus.«</p> - -<p>Ich durchstreifte die Stadt nochmals und stöberte einen -einzigen elenden alten Heuwagen auf, der sich langsam vom -Felde hereinbewegte. Aber ich wußte ihn zu fruktifizieren; -ich multiplizierte ihn mit sechzehn, ließ ihn aus sechzehn verschiedenen -Richtungen her in die Stadt fahren, machte sechzehn -besondere Artikelchen über ihn und schlug einen Lärm<span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[140]</span> -über das Heu, wie er in Virginia City noch nie erlebt worden -war.</p> - -<p>Das war ermutigend. Ich hatte zwei Spalten Nonpareille -zu füllen, und kam damit ganz nett vorwärts. Gerade als der -Stoff wieder zur Neige ging, brachte ein Raufbold in einer -Schnapsbude einen Mann um, und abermals kehrte Freude bei -mir ein. Niemals in meinem Leben war ich wegen einer -Bagatelle wie diese so vergnügt gewesen. Ich sagte zu dem -Mörder:</p> - -<p>»Mein Herr, Sie sind mir ein Fremder, aber Sie haben -mir heute einen Gefallen gethan, den ich Ihnen nie vergessen -werde. Wenn ganze Jahre von Dankbarkeit Ihnen einen Ersatz -bieten können – sie soll Ihnen zu teil werden. Ich war in -Not, und Sie haben mir zu rechter Zeit edelmütig heraus geholfen, -als alles dunkel und öde aussah. Zählen Sie mich -fortan zu Ihren Freunden; denn ich bin nicht der Mann, der -eine Gefälligkeit vergißt.«</p> - -<p>Wenn ich das alles nicht wirklich zu ihm sagte, so empfand -ich doch wenigstens das Verlangen danach. Ich berichtete über -die Mordthat mit einem wahren Heißhunger auf interessante -Einzelheiten, und als ich zu Ende war, bedauerte ich nur, daß -man nicht meinen Wohlthäter auf der Stelle gehenkt hatte; ich -würde ihn gern auch noch verarbeitet haben.</p> - -<p>Sodann entdeckte ich ein paar Wagen mit Auswanderern, -die sich eben anschickten, auf der Plaza ein Lager zu bilden, und -von denen ich erfuhr, daß sie vor kurzem durch feindliches Indianergebiet -gekommen und dabei ziemlich übel gefahren waren. -Ich machte aus dieser Nachricht alles, was die Umstände erlaubten; -wäre ich nicht durch die Anwesenheit der Berichterstatter -anderer Blätter in strengen Grenzen gehalten gewesen, so würde -ich zweifelsohne den Artikel durch einige Zuthaten noch viel -interessanter gemacht haben. Einen Wagen fand ich jedoch, der<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[141]</span> -nach Kalifornien weiter ging und zog bei dessen Besitzer geschickte -Erkundigungen ein. Als ich aus seinen kurzen, mürrischen -Antworten auf meine Kreuz- und Querfragen ersehen hatte, daß -er ganz bestimmt abfahren und am nächsten Tage nicht mehr -in der Stadt sein würde, folglich keinen Lärm schlagen konnte, -lief ich den anderen Zeitungen den Rang ab, indem ich mir -sein Personenverzeichnis abschrieb und seine ganze Gesellschaft -unter den Toten und Verwundeten aufführte. Da ich mich in -diesem Falle nicht zu beschränken brauchte, ließ ich den Wagen -einen Kampf mit den Indianern bestehen, der bis auf den heutigen -Tag in der Geschichte nicht seinesgleichen hat.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-140"> - <img src="images/illu-140.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Meine beiden Spalten waren damit gefüllt. Als ich sie -am Morgen durchlas, fühlte ich, daß ich endlich meinen wahren -Beruf gefunden hatte. Neuigkeiten, und zwar aufregende Neuigkeiten -waren es, was die Zeitung brauchte, und ich fühlte in -mir in ganz besonderem Grade die Fähigkeit, solche zu liefern.<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[142]</span> -Herr Goodman meinte, ich stehe als Berichterstatter nicht hinter -Dan zurück. Ein höheres Lob wünschte ich mir nicht. Auf -diese Ermutigung hin fühlte ich mich stark genug, im Notfall -den Interessen des Blattes zuliebe sämtliche Auswanderer auf -der Ebene eines grausamen Todes durch meine Feder sterben -zu lassen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel">Zweiundzwanzigstes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-s.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Sechs Monate, nachdem ich unter die Journalisten gegangen -war, begann die große Zeit des Silberlandes, wo es -›flott herging‹, und diese dauerte in unvermindertem Glanze drei -Jahre lang. Alle Schwierigkeit, die Spalten mit Lokalnachrichten -zu füllen, war nun vorüber; man hatte nur seine liebe Not, -wie man die Unmasse von Begebenheiten und Vorkommnissen, -die jeden Tag in unser litterarisches Netz gingen, unterbringen -sollte trotz der Vergrößerung des Formats. Virginia hatte sich -zur lebhaftesten Stadt entwickelt, die es in Amerika je gegeben, -wenn man ihr Alter und ihre Einwohnerzahl in Betracht zieht. -Die Gehwege wimmelten von Menschen – und zwar dermaßen, -daß es meist keine leichte Aufgabe war, durch die Menschenflut -hindurchzukommen. Die Fahrstraßen waren nicht minder gedrängt -voll von Quarzwagen, Frachtwagen und sonstigen Fuhrwerken -in endlosem Zuge. Das Gedränge war derartig, daß -kleine Gefährte oft eine halbe Stunde lang warten mußten, bis -es ihnen gelang, über die Hauptstraße hinüberzukommen. Vergnügt -strahlten alle Gesichter; eine fast wilde Anspannung sprach -aus jedem Auge und erzählte von den Plänen zum Geldmachen, -die in jedem Gehirn kochten, und von den hochgeschwellten Hoffnungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[143]</span> -die aller Herzen erfüllten. Geld gab es wie Sand am -Meer. Jeder einzelne hielt sich für reich, und eine trübselige -Miene war nirgends zu sehen. Es gab Milizkompagnien, Spritzenkompagnien, -Musikchöre, Banken, Hotels, Theater, liederliche -Tanzböden, ›Hurdy-Gurdy-Häuser‹ genannt, weit offenstehende -Spielhöllen, politische Klubs, Bürgeraufzüge, Straßenkämpfe, -Mordthaten, Leichenbeschauungen, Tumulte, alle fünfzehn Schritt -eine Schnapsbrennerei, einen Gemeinderat mit einem Bürgermeister, -einen Stadtvermesser, einen Stadtingenieur, einen Direktor -des Feuerlöschwesens mit einem ersten, zweiten und dritten -Assistenten, einen Polizeidirektor, einen Stadtmarschall und eine -starke Polizistenschar, zwei Kollegien von Kuxmaklern, ein Dutzend -Brauereien und ein halbes Dutzend Gefängnisse und Polizeistationen -in voller Arbeit; auch sprach man davon, eine Kirche -zu bauen. Der Aufschwung war großartig in jeglicher Beziehung. -Mächtige feuerfeste Backsteinhäuser stiegen in den Hauptstraßen -empor, und die hölzernen Vorstädte breiteten sich nach allen -Richtungen aus. Für Bauplätze in der Stadt erzielte man -ganz erstaunliche Preise.</p> - -<p>Die große Combstock-Erzader, reich an Edelmetall, erstreckte -sich von Norden nach Süden durch die ganze Länge der Stadt, -und ihre sämtlichen Gruben standen im fleißigsten Betriebe. Eine -einzige dieser letzteren beschäftigte sechshundertfünfundsiebzig Mann, -und bei Wahlen hieß es stets: »wie die Gould & Curry-Grube -stimmt, so stimmt die ganze Stadt.« Der Taglohn der Arbeiter -betrug vier bis sechs Dollars; sie arbeiteten in drei Schichten -oder Abteilungen, und das Sprengen, Hacken und Schaufeln -ging Tag und Nacht ohne Unterbrechung fort.</p> - -<p>Die Stadt Virginia thronte königlich auf halber Höhe des -steil ansteigenden Mount Davidson 7200 Fuß über dem Meeresspiegel -und war in der klaren Atmosphäre Nevadas bis auf -fünfzig Meilen sichtbar. Ihre Bevölkerung betrug 15,000 bis<span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[144]</span> -18,000 Seelen, und den ganzen Tag über schwärmte die Hälfte -dieser kleinen Armee gleich Bienen durch die Straßen, die andere -Hälfte dagegen schwärmte hundert und aber hundert Fuß tief -unter eben diesen Straßen in den Schachten und Stollen der -Combstock-Erzschicht. Oft fühlten wir unsere Stühle beben, während -der schwache Knall einer Sprengung aus den Eingeweiden -der Erde unter der Redaktion heraufklang.</p> - -<p>Der Bergabhang war so steil, daß die ganze Stadt schräg -wie ein Dach daran hinaufging. Die Straßen bildeten sämtlich -Terrassen, von denen eine immer vierzig bis fünfzig Fuß über -der anderen lag. Es war ein mühseliges Klettern selbst in -dieser dünnen Atmosphäre, wenn man von der D straße nach -der A straße hinaufsteigen mußte, und man kam keuchend und -außer Atem oben an. Dagegen brauchte man sich nur umzudrehen, -um wie ein Pfeil wieder hinab zu fliegen. Die Luft -war in dieser Höhe so dünn, daß einem das Blut stets durch -die Haut zu dringen schien, und eine Stecknadelschramme ernstliche -Sorgen machen konnte, weil leicht ein gefährlicher Rotlauf -daraus entstand. Aber zur Entschädigung dafür waren Schußwunden -wunderbar schnell geheilt, und so hatte man wenig -Aussicht, sich durch einen Schuß, der dem Gegner nur durch -beide Lungen ging, dauernde Genugthuung zu verschaffen; man -konnte beinahe sicher annehmen, daß er vor Ablauf des Monats -wieder auf dem Damm war und sich nach einem umsah und -zwar nicht mit einem Opernglase.</p> - -<p>Von Virginias hoher Lage aus überschaute man ein mächtiges, -weitumfassendes Panorama von Bergzügen und Wüsten, -und ob nun der Tag hell und bewölkt war, ob die Sonne auf- -oder unterging oder am Zenith flammte, ob es Nacht war und -der Mond am Himmel leuchtete, immer hatte man einen schönen, -unvergeßlichen Anblick. Ueber uns ragte der Mount Davidson -mit seiner grauen Kuppel empor, während vor und unter uns<span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[145]</span> -eine wildzerrissene Schlucht sich öffnete und ein düsteres Thor -bildete, durch welches der Blick auf die mattgefärbte, von dem -Silberfaden eines Flusses durchzogene Wüste fiel. Die Ufer -des Flusses waren mit Bäumen eingefaßt, die sich in der meilenweiten -Entfernung nur wie eine zarte Franse ausnahmen. In -noch weiterer Ferne erhoben die beschneiten Berge ihre langgezogene -Schranke bis zum nebeligen Horizont hin – jenseits -eines Landsees, der in der Wüste wie eine vom Himmel gefallene -Sonne flammte, obwohl auch er fünfzig Meilen entfernt lag. -Man mochte aus seinem Fenster blicken, wohin man wollte, -stets bot sich ein bezauberndes Bild. Selten, sehr selten kam -es vor, daß Wolken am Himmel standen, dann aber vergoldete, -rötete und verklärte die sinkende Sonne dieses weitausgedehnte -Landschaftsbild mit einer geradezu verwirrenden Farbenpracht, -welche das Auge wie mit Zaubergewalt fesselte und die Seele -wie Musik ergriff.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel">Dreiundzwanzigstes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-m.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Mein Gehalt wurde auf vierzig Dollars die Woche erhöht, -aber ich ließ ihn mir selten auszahlen. Ich hatte -eine Menge anderer Hilfsquellen; und was bedeuteten zwei -Zwanzig-Dollarstücke für einen Mann, der die Tasche voll von -solchen Dingern und zugleich blanke Halbdollarstücke in Ueberfülle -hatte? Das Berichterstatten war einträglich, und in der -ganzen Stadt war jedermann freigebig mit seinem Geld und -seinem ›Fuß‹. Die Stadt und der ganze große Bergabhang war -von Schachten durchlöchert wie ein Sieb. Es gab mehr Bergwerke -als Bergleute. Allerdings lieferten kaum zehn von diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[146]</span> -Bergwerken Erze, die es verlohnt hätte, nach einem Pochwerk -zu schaffen, aber jedermann sagte: »Wartet nur, bis der Schacht -so weit hinunter kommt, daß die Ader gediegen wird, dann -werdet ihr schon sehen!« So war kein Mensch mutlos. Die -Gruben waren fast sämtlich taub und ohne allen Gehalt, aber -das glaubte damals kein Mensch. Jedermann war fest überzeugt, -daß seine kleine taube Parzelle ebensogut an der ›Hauptader‹ -sei, wie die ergiebigsten Combstockgruben, und unfehlbar -tausend Dollars wert sein werde, sobald der Schacht aufs ›Gediegene -komme‹. Die armen Kerls! Sie sollten diesen Tag nie -erleben, und es war nur gut, daß sie blind dagegen waren.</p> - -<p>So bohrten sich die tausend tauben Schachte Tag für Tag -immer tiefer in die Erde, und jedermann war außer sich vor -Hoffnung und Glück. Wie sie arbeiteten, prophezeiten, jubelten! -Wahrlich, seit die Welt stand, hatte man etwas Aehnliches nicht -erlebt. Von diesen Bergwerken – oder vielmehr diesen Löchern -über eingebildeten Bergwerken – war ein jedes gesetzlich eingetragen -und hatte hübsch mit Illustrationen verzierte Kuxe, und -diese Kuxe waren verkäuflich. Mit fieberhafter Gier wurden -dieselben Tag für Tag in den Maklerbanken verkauft und gekauft. -Man konnte oben am Berge ein bißchen herumscharren, -bis man einen Erzgang fand (es war kein Mangel daran), dann -eine ›Bekanntmachung‹ mit einem prahlerischen Namen aufstecken, -sich ›Anteilscheine‹ drucken lassen und ohne den mindesten greifbaren -Beweis dafür, daß die betreffende Grube auch nur einen -Pfifferling wert sei, das Papier auf den Markt bringen, wo -es für Hunderte, ja Tausende von Dollars verkauft wurde. Geld -zu machen, und zwar im Fluge, kostete nicht mehr Mühe, als -ein Mittagsmahl zu verzehren. Jedermann besaß ›Fuß‹ in fünfzig -verschiedenen tauben Gruben und betrachtete sich als reich. Man -denke sich eine Stadt, in der es nicht einen einzigen armen Mann -giebt. Man sollte meinen, als Monat auf Monat verging und<span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[147]</span> -immer noch keine einzige ›Wildkatzengrube‹ (so wurden alle nicht -auf der Mutterader, d. h. der Combstock-Schicht, belegten Parzellen -genannt) eine Tonne Erz geliefert hatte, die das Zerstampfen -lohnte, die Leute hätten sich nachgerade gefragt, ob sie -nicht am Ende doch zu fest an ihre vermeintlichen Reichtümer -glaubten, – aber kein Gedanke daran. Sie wühlten die Erde -weiter auf, kauften und verkauften und waren glücklich dabei.</p> - -<p>Täglich wurden neue Stellen belegt und es herrschte dabei -die freundliche Gepflogenheit, schnurstracks nach den Zeitungsredaktionen -zu laufen, dem Berichterstatter vierzig oder fünfzig -Fuß zu schenken, und ihn damit zur Besichtigung der Grube -und zu einer Notiz über dieselbe zu gewinnen. Was man darüber -sagte, war ihnen ganz eins, wenn man nur etwas sagte. -So sagten wir gewöhnlich mit ein paar Worten, die ›Anzeichen‹ -seien gut, aber die Gesteinschicht sei sechs Fuß breit, oder der -Fels sähe dem Combstock ähnlich, was auch der Fall war, nur -war die Aehnlichkeit nicht so groß, daß man vor Verwunderung -darüber auf den Rücken fiel. Versprach das Gestein einigermaßen -etwas, so folgten wir der Landessitte, brauchten starke -Eigenschaftswörter und priesen dieses Wunder auf dem Gebiete -der Silberentdeckung dermaßen, daß uns der Schaum vor den -Mund trat. War die Grube schon abgeteuft und bearbeitet, -ohne brauchbares Erz aufzuweisen (natürlich war überhaupt kein -solches darinnen), so lobten wir den Stollen, über den wir in -den höchsten Tönen faselten, ohne aber ein Wort über das Gestein -selbst zu verlieren. Oder wir verschwendeten auch eine -halbe Spalte voll Lobeserhebungen auf einen Schacht oder ein -neues Drahtseil u. dgl., oder auch auf ›das vornehme und thatkräftige -Auftreten des Herrn Obersteigers der Grube‹, wiederum -ohne über das Gestein die leiseste Silbe zu verlieren; und doch -waren jene Leute stets froh, stets befriedigt. Gelegentlich flickten -oder lackierten wir unsern Ruf verständiger Prüfung und ernster,<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[148]</span> -höchst genauer Beschreibung dadurch, daß wir für irgend eine -alte aufgegebene Parzelle in die Trompete stießen, daß ihr die -dürren Knochen hätten rasseln sollen, und dann pflegte irgend -jemand dieselbe zu nehmen und sie auf die ihr so verschaffte vergängliche -Berühmtheit hin zu verkaufen. Nichts, was die Gestalt -einer Bergwerkparzelle trug, war unverkäuflich. Wir bekamen -Tag für Tag Geschenke von ›Fuß‹. Brauchten wir -hundert Dollars oder so etwas, so verkauften wir ein paar davon; -wo nicht, so speicherten wir sie auf, überzeugt, daß sie einst -tausend Dollars der Fuß wert werden mußten. Ich hatte meinen -Koffer beinahe halb voll von Kuxen. Wenn eine Parzelle Aufsehen -auf dem Markte erregte und hoch hinaufging, suchte ich -mein Paket durch und sah nach, ob ich von den betreffenden -Kuxen etwas hatte; gewöhnlich fand ich auch, was ich suchte.</p> - -<p>Ich hatte aber nicht bloß als Gegenleistung für Zeitungsnotizen -meine Kuxe geschenkt erhalten. Jedermann trug alle -Taschen voll davon, und es war damals geradezu Landessitte, -ungebeten kleine Quantitäten an seine Freunde zu verschenken, -wie man diesen sonst Obst oder Zigarren anbietet. Höchstens -ein ›Danke schön‹ erwartete man dafür, und selbst dazu war -man nicht gesetzlich verpflichtet. Flotte Zeiten in der That! Ich -dachte, sie würden ewig dauern, aber ich hatte niemals viel von -einem Propheten an mir.</p> - -<p>Um zu zeigen, welch ein toller Geist in den Köpfen dieser -Bergmannsgemeinde spukte, will ich bemerken, daß Parzellen -sogar bei Kellerausgrabungen belegt wurden, wenn die Spitzhacke -etwas bloßlegte, was einer Quarzader gleich sah. Und das -waren nicht etwa Keller in den Vorstädten, sondern mitten im -Herzen der Stadt; sofort wurden dann Anteilscheine ausgegeben -und auf den Markt geworfen. Man kümmerte sich wenig darum, -wem der Keller gehörte, die Ader gehörte dem Finder, und -wenn sich nicht die Regierung der Vereinigten Staaten hineinmischte,<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[149]</span> -die damals das Vorrecht auf Edelmetallgruben in Nevada -besaß, so nahm man an, daß er wirklich das ausschließliche -Recht habe, dieselbe auszubeuten. Nun stelle man sich vor, wie -ein Fremder mitten unter den kostbaren Gewächsen unseres Vorgartens -eine Stange mit der ›Bekanntmachung‹ aufpflanzt, -daß er hier ein Stück Land zu einer Grube belegt habe, und -in größter Seelenruhe sich anschickt, den Boden mit Hacke, -Schaufel und Sprengpulver wüste zu legen! Das ist aber in -Kalifornien häufig vorgekommen. Mitten in einer Hauptgeschäftsstraße -Virginias belegte jemand eine Parzelle zu einer Grube -und teufte einen Schacht darauf ab. Er gab mir hundert Fuß -von derselben, die ich jedoch gegen einen feinen Anzug vertauschte, -weil ich befürchtete, es könnte jemand in den Schacht fallen und -uns auf Entschädigung verklagen. An einer anderen gleichfalls -mitten in einer Straße belegten Parzelle war ich Miteigentümer; -und um zu zeigen, wie einfältig die Menschen sein können, erwähne -ich, daß die Kuxe der ›East India‹, wie die Grube hieß, -sich ganz flott verkauften, obwohl ein alter Stollen unter der -Parzelle hinlief, in dem sich jedermann ungehindert mit eigenen -Augen überzeugen konnte, daß er keine Quarzschicht oder irgend -etwas einer solchen nur von weitem Aehnliches berührte.</p> - -<p>Eine Methode, plötzlich zu Reichtum zu gelangen, bestand -darin, eine Wildkatzengrube zu ›salzen‹ und dann zu verkaufen, -solange die Aufregung dauerte. Das Verfahren war einfach. -Der Betreffende belegte eine wertlose Schicht, teufte einen Schacht -darauf ab, kaufte eine Wagenladung von reichem Combstock-Erz, -ließ einen Teil davon in den Schacht werfen und das Uebrige -daneben an der Oberfläche aufschütten. Dann zeigte er sein -Besitztum einem Einfaltspinsel, der es ihm um hohen Preis abkaufte. -Natürlich war jene Wagenladung reiches Erz alles, was -das Opfer bei seinem Kaufe herausschlug.</p> - -<p>Ein höchst merkwürdiger Fall von ›Salzung‹ war der,<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[150]</span> -welcher bei der Grube ›Nord-Ophir‹ vorkam. Man behauptete, -diese Ader sei eine entfernte Fortsetzung des eigentlichen ›Ophir‹, -einer wertvollen Grube auf dem Combstock. Mehrere Tage -sprach alle Welt von der reichen Ausbeute im ›Nord-Ophir‹. -Es hieß, die Grube gebe vollständig reines Silber in gediegenen -Klümpchen. Ich ging mit dem Besitzer an die Stelle und fand -einen sechs bis acht Fuß tiefen Schacht und unten an dessen -Sohle eine schlecht gesprengte Ader von dunklem, gelblichem, -nichts versprechendem Gestein. Ebenso gut hätte man in einem -Schleifstein Silber vermuten können. Wir holten eine Pfanne -von dem Quark herauf und wuschen ihn in einer Pfütze aus -und, wahrhaftig, in dem Bodensatz fanden wir ein halbes Dutzend -runder Kügelchen von unzweifelhaftem, gediegenem Silber. Etwas -derartiges hatte noch kein Mensch gehört; für die Wissenschaft -war diese seltsame Neuigkeit ein völliges Rätsel. Die Anteilscheine -stiegen auf fünfundsechzig Dollars für den Fuß und zu -diesem Preise kaufte sich der weltberühmte Tragöde Kean Buchanan -einen bedeutenden Vorrat davon und beschloß wieder einmal – -wie schon so oft – der Bühne zu entsagen. Auf einmal hieß -es, die Grube sei ›gesalzen‹ worden, aber nicht etwa nach irgend -einer abgedroschenen Methode, sondern in ungewöhnlich kecker, -frecher, eigenartiger und schandbarer Weise. Man entdeckte nämlich -auf einem der Klümpchen gediegenen Silbers Bruchstücke -der Münzumschrift ›<em class="antiqua">United States of America</em>‹, und nun lag -es klar am Tage, daß die Grube mit geschmolzenen Halbdollars -›gesalzen‹ worden war. Die so gewonnenen Klümpchen hatte man -geschwärzt, bis sie gediegenem Silber im Urzustande glichen und -sie dann mit dem losgesprengten Gestein auf dem Boden des -Schachtes vermischt. Dies ist buchstäblich wahr. Natürlich fielen -die Kuxe sofort auf Null und der Tragöde war ruiniert. Ohne -diese Kalamität wäre Mc. Kean Buchanan uns für die Bühne -verloren gegangen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[151]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Vierundzwanzigstes_Kapitel">Vierundzwanzigstes Kapitel.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Die ›flotten Zeiten‹ gingen inzwischen munter fort. Etwas -mehr als zwei Jahre vorher hatten Herr Goodman und -ein anderer Setzer sich vierzig Dollars geborgt und waren damit -von San Francisco aufgebrochen, um ihr Glück in der -neuen Stadt Virginia zu versuchen. Sie fanden dort das -›Territorial Enterprise‹, ein traurig hinsiechendes Wochenblättchen, -das nach Atem schnappte und in den letzten Zügen lag. Sie -kauften es: Typen, Einrichtung, Kundschaft, alles miteinander -für tausend Dollars, die ihnen lang gestundet bleiben sollten. -Redaktion, Zeitungsstube, Druckerei, Expedition, Schlafkammer, -Wohnzimmer und Küche, alles war in ein Gemach zusammengepreßt, -und dies war nicht einmal groß. Die Redakteure und -Drucker schliefen auf dem Fußboden, ein Chinese besorgte die -Küche, und der Ausschießstein war die allgemeine Speisetafel. -Wie anders waren die Verhältnisse jetzt. Das Blatt erschien -täglich in großem Format, es wurde mit Dampf gedruckt, fünf -Redakteure und dreiundzwanzig Setzer arbeiteten daran, der -Abonnementspreis war sechzehn Dollars jährlich, die Einrückungsgebühren -waren maßlos hoch, die Spalten stets gedrängt voll. -Das Blatt warf monatlich zwischen sechs- und zehntausend Dollars -ab und wurde in einem stattlichen feuerfesten Hause redigiert -und gedruckt. Tag für Tag wurden fünf bis elf Spalten neuer -Anzeigen wegen Ueberhäufung entweder zurückgelegt oder in -Extrablättern zusammen veröffentlicht.</p> - -<p>Die ›Gould & Curry-Gesellschaft‹ stand im Begriffe, ein -Riesenpochwerk mit hundert Stampfen zu errichten, dessen Herstellungskosten -nicht viel unter einer Million Dollars betrugen.<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[152]</span> -Die Kuxe dieses Bergwerks zahlten schwere Dividenden – ein -seltener Fall, der nur bei den zwölf oder fünfzehn Parzellen -vorkam, die über der Hauptader, dem Combstock, lagen. Der -Direktor dieser Grube wohnte mietfrei in einem schönen Hause, -das von der Gesellschaft gebaut und möbliert war. Er fuhr -mit stattlichen Pferden, die ihm die Gesellschaft geschenkt hatte, -und sein Gehalt betrug zwölftausend Dollars jährlich. Der -Direktor einer anderen großen Grube reiste wie ein Fürst herum, -hatte einen Jahresgehalt von achtundzwanzigtausend Dollars und -beanspruchte später überdies noch auf dem Rechtswege ein Prozent -der ganzen Silberausbeute als ihm zukommend.</p> - -<p>Geld war in wunderbarer Fülle vorhanden. Es zu verdienen -machte keine Mühe, wohl aber, es auszugeben und loszuwerden. -Und so traf es sich glücklich, daß gerade während -jener Zeit der Draht die Nachricht brachte, daß eine große -Sanitätskommission der Vereinigten Staaten gebildet worden sei, -welche für die Soldaten und Matrosen der Union, die in den -Spitälern des Ostens lagen, Geld brauche. Dieser Nachricht -folgte die Kunde auf den Fersen, daß San Francisco sich an -dem Werk in großartiger Weise beteiligt habe, ehe das Telegramm -auch nur einen Tag alt gewesen sei. Virginia erhob -sich wie ein Mann. Ein Sanitätskomitee wurde in aller Eile -organisiert, der Präsident desselben bestieg einen leeren Karren -in der C straße und versuchte der ungeduldigen und lärmenden -Menge begreiflich zu machen, daß die übrigen Mitglieder des -Komitees aus Leibeskräften arbeiteten, und daß noch vor Ablauf -einer Stunde ein Bureau eingerichtet, Bücher aufgelegt, -und das Komitee bereit sein werde, Beiträge anzunehmen. Seine -Stimme wurde übertäubt, seine Mitteilung ging in einem unaufhörlichen -Jubelgebrüll und dem Verlangen, daß das Geld -sofort angenommen werden solle, verloren; die Leute waren wie -rasend, sie wollten nicht warten. Der Präsident machte Vorstellungen<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[153]</span> -und suchte zu beweisen, daß das nicht angehe; aber -taub gegen alle Bitten drängte sich die Menge an den Wagen, -in den sie Goldstücke regnen ließen, worauf alle wieder abtrabten, -um noch mehr zu holen. Hände voll Geld erhoben sich aus -dem Gedränge. Unterstützt von dieser beredten Gebärdensprache -hofften viele sich einen Weg bahnen zu können. Selbst die -Chinesen und Indianer wurden von der Aufregung angesteckt -und warfen ihre halben Dollars in den Karren, ohne zu wissen -oder sich darum zu kümmern, zu welchem Zwecke. Sauber gekleidete -Frauen stürzten sich in das Gedränge, kämpften sich mit -ihrem Gelde bis zum Karren durch und tauchten dann nach einer -Weile mit jämmerlich zerzaustem Anzuge wieder aus der Menge -hervor. Es war der wildeste Auflauf, den Virginia jemals gesehen; -als zuletzt die Wut nachließ und alle auseinander gingen, -hatte keiner mehr einen Pfennig in der Tasche. Um in der -eigenen Sprache der Leute zu reden: mit vollem Sacke kamen -sie, und ausgebeutelt gingen sie hinweg.</p> - -<p>Nun begann das Komitee in systematischer Ordnung zu -arbeiten und wochenlang flossen die Beiträge wie ein Strom in -seine Kasse. Einzelne Personen und ganze Genossenschaften legten -sich eine regelmäßige Steuer für den Sanitätsfonds auf, die -sich nach ihren Mitteln abstufte; als aber der berühmte ›Sanitätsmehlsack‹ -zu uns kam, gab es einen zweiten großen allgemeinen -Ausbruch. Die Geschichte des Sackes ist eigentümlich und interessant. -In der kleinen Stadt Austin am Reeseflusse war ein -früherer Schulkamerad von mir, Namens Reuel Gridley, Kandidat -der demokratischen Partei für die Bürgermeisterstelle. Er -kam mit dem republikanischen Gegenkandidaten dahin überein, -daß der Unterliegende von dem Sieger mit einem fünfzig Pfund -schweren Mehlsack beschenkt werden und denselben auf seiner -Schulter nach Hause tragen sollte. Gridley unterlag und erhielt -den Mehlsack von dem neuerwählten Bürgermeister. Er lud ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[154]</span> -auf die Schulter und trug ihn gegen zwei Meilen weit von -Nieder-Austin nach Ober-Austin, begleitet von einem Musikchor -und der ganzen Bevölkerung. Bei seiner Ankunft erklärte er, -er brauche das Mehl nicht und fragte, was er nach der Meinung -des Volkes am besten damit anfangen könnte. Eine Stimme rief:</p> - -<p>»Verkaufen Sie es an den Meistbietenden zu Gunsten des -Sanitätsfonds!«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-153"> - <img src="images/illu-153.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Der Vorschlag wurde ringsum mit lautem Beifall begrüßt, -und Gridley stieg auf eine Kiste, um die Rolle eines Auktionators -zu übernehmen. Die Gebote gingen rasch in die Höhe, als die -Leute sich mehr und mehr für die Sache erwärmten, bis der -Sack zuletzt einem Müller zu zweihundertfünfzig -Dollars zugeschlagen -und dessen Anweisung in Empfang -genommen wurde. Man fragte -ihn, wo er das Mehl abgeliefert -haben wolle, worauf er erwiderte:</p> - -<p>»Nirgends, verkauft es noch -einmal!«</p> - -<p>Jetzt brachen donnernde -Jubelrufe los, und<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[155]</span> -die Menge geriet ins richtige Feuer. So stand Gridley bis zum -Sonnenuntergang schreiend und schwitzend da, und als die Masse -auseinanderging, hatte er den Sack an dreihundert verschiedene -Leute verkauft und achttausend Dollars in Gold dafür eingenommen. -Und noch immer war der Mehlsack in seinem Besitze.</p> - -<p>Als die Nachricht in Virginia eintraf, kam von dort ein -Telegramm zurück:</p> - -<p>»Schickt euern Mehlsack her!«</p> - -<p>Sechsunddreißig Stunden darauf kam Gridley an; im -Opernhause wurde eine Nachmittagsversammlung gehalten und -die Auktion begann. Aber der Mehlsack war früher gekommen -als man erwartete, die Leute waren noch nicht ordentlich ins -Feuer geraten, und so schleppte sich der Verkauf matt hin. Bei -Einbruch der Nacht hatte man erst fünftausend Dollars in Händen -und es herrschte große Niedergeschlagenheit in der Gemeinde.</p> - -<p>Indes war man nicht geneigt, die Sache damit ruhen zu -lassen und dem Dorfe Austin den Sieg zuzuerkennen.</p> - -<p>Bis spät in die Nacht hinein waren die vornehmsten Bürger -am Werke, den Feldzug für den nächsten Tag vorzubereiten, und -als sie zu Bett gingen, war ihnen wegen des Ergebnisses nicht -mehr bange. Um elf Uhr am Vormittag fuhr ein langer Zug -offener Wagen, begleitet von lärmenden Musikbanden und geschmückt -mit wehenden Fahnen, die C straße hinunter, wo sie -bald in Gefahr gerieten, von einer Hurra rufenden Menschenmenge -eingeschlossen und am Weiterkommen verhindert zu werden. -Im ersten Wagen saß Gridley, welcher den mit goldenen Buchstaben -verzierten und schön geschmückten Mehlsack so hielt, daß -er recht ins Auge fiel, ferner der Bürgermeister und der Syndikus. -Die anderen Wagen enthielten den Stadtrat, Redakteure -und Berichterstatter und andere Leute von Ansehen und Bedeutung. -Die Menge drängte nach der Ecke der C- und Taylorstraße, -in der Erwartung, daß der Verkauf dort beginnen werde;<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[156]</span> -allein sie täuschte sich und erlebte zugleich eine unaussprechliche -Ueberraschung; die Kavalkade zog weiter, als käme Virginia -überhaupt gar nicht mehr in Betracht und nahm ihren Weg -auf die kleine Stadt Gold Hill zu. Telegramme waren nach -Gold Hill, Silver City und Dayton vorausgegangen, so daß -deren Bevölkerung bereits in fieberhafter Erregung darauf wartete, -sich ins Gefecht zu stürzen. Es war ein sehr heißer Tag und -furchtbar staubig. Nach Verlauf einer kurzen halben Stunde -stiegen wir unter Trommelschlag mit fliegenden Fahnen, von -mächtigen Staubwolken umwallt, nach Gold Hill hinab. Die -ganze Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, Chinesen und -Indianer waren in der Hauptstraße versammelt, alle Flaggen -der Stadt flatterten an den Masten und das Hurrarufen der -Menge übertönte den Lärm der Musikbanden. Gridley erhob -sich und fragte, wer auf den vaterländischen Sanitäts-Mehlsack -das erste Gebot thun wolle. General W. erklärte: »Die Yellow-Jacket-Silberbergbaugesellschaft -bietet tausend Dollars in Münze.«</p> - -<p>Ein Beifallssturm folgte. Der Telegraph trug die Kunde -nach Virginia, binnen fünfzehn Minuten war die ganze Einwohnerschaft -auf der Straße versammelt und verschlang die -Botschaft; es gehörte nämlich mit zum Programm, daß jeder -Drahtbericht auf den Anschlagbrettern sofort bekannt gemacht -wurde. Alle paar Minuten erschien ein neues von Gold Hill -her telegraphiertes Bulletin, und immer mehr wuchs die Aufregung. -Nach Verlauf einer Stunde hatte die schwache Bevölkerung -von Gold Hill für den Mehlsack eine Summe gezahlt, -welche Virginias höchste Begeisterung erweckte, als das Gesamtergebnis -an den Plakatstellen zu lesen war. Nun rückte Gridleys -Kavalkade weiter – erfrischt mit Strömen Lagerbiers, -welches die Leute in verschwenderischem Maße an die Wagen -brachten; nach weiteren drei Stunden hatte die Expedition Silver -City und Dayton mit Sturm genommen und befand sich ruhmbedeckt<span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[157]</span> -auf dem Heimwege. Das alles war telegraphiert und -veröffentlicht worden; als nun die Prozession um halb neun Uhr -abends in Virginia einzog und die C straße hinunterkam, war -die ganze Bevölkerung auf den Straßen, Fackeln loderten, Flaggen -wehten, Musikbanden spielten, Hurra auf Hurra erschütterte die -Luft und die Stadt war bereit, sich auf Gnade und Ungnade -zu ergeben. Die Auktion begann; jedes Gebot wurde mit Beifallsausbrüchen -begrüßt, und nach Verlauf von dritthalb Stunden -hatte eine Bevölkerung von fünfzehntausend Seelen für einen -fünfzig Pfund schweren Mehlsack eine Summe in Gold bezahlt, -die in Staatsnoten fünfzigtausend Dollars betragen haben würde. -Es kamen ungefähr drei Dollar auf jeden Kopf der Bevölkerung, -Weiber und Kinder mitgerechnet. Das Gesamtergebnis würde -zweimal so groß gewesen sein, aber die Straßen waren sehr -schmal und Hunderte, die gerne mitgeboten hätten, konnten weder -bis zum Platz des Auktionators gelangen, noch sich vernehmlich -machen. Des Wartens überdrüssig gingen viele lange vor Schluß -der Auktion wieder nach Hause. Dies war vielleicht der größte -Tag, den Virginia jemals erlebte.</p> - -<p>Gridley verkaufte den Sack in Carson City und in verschiedenen -kalifornischen Städten; dann nahm er ihn mit nach -dem Osten und brachte ihn endlich nach St. Louis, wo ein -Sanitätsbazar abgehalten und eine große Summe eingenommen -wurde. Um die Begeisterung zu erhöhen, hatte man dort die -aus Nevadas Schenkung erzeugten stattlichen Silberbarren ausgestellt. -Zuletzt ließ Gridley das Mehl in kleine Kuchen backen, -die er einzeln zu hohen Preisen verkaufte. Die Kosten seiner -ungeheuren, mühevollen Expedition hatte der treffliche Mann -wenn nicht ganz, so doch größtenteils aus eigener Tasche bezahlt.</p> - -<p>Als die Mission des Mehlsacks beendet war, schätzte man -die Gesamtsumme, für die derselbe verkauft war, auf hundertfünfzigtausend -Dollars in Papier. Dies ist wahrscheinlich der<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[158]</span> -einzige Fall, den die Geschichte verzeichnet, in welchem gewöhnliches -Brotmehl auf offenem Markte zu dreitausend Dollars das -Pfund verkauft worden ist.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Bevor ich diesen Teil meiner Erinnerungen beschließe, will -ich noch einer kleinen Episode gedenken. Dieselbe betrifft</p> - -<h4>meine erste Begegnung mit Artemus Ward.</h4> - -<p>Dieser berühmte, jetzt verstorbene Komiker und Humorist -bereiste damals, als ich in Virginia City Redakteur war, die -Städte im fernen Westen, um Vorlesungen zu halten, und kam -bei dieser Gelegenheit auch in die genannte Stadt. Ich hatte -ihn noch nie gesehen. Er brachte mir Empfehlungsbriefe von -gemeinsamen Freunden in San Francisco und lud mich ein, -mit ihm zu frühstücken. Im Bereich der Silberminen galt es -fast als eine heilige Pflicht, vor solcher Mahlzeit einen Whisky-Cocktail -zu trinken. Mit echt kosmopolitischer Gesinnung pflegte -sich Artemus stets nach den Sitten des Landes zu richten, in -welchem er sich gerade befand; so bestellte er denn auch jetzt -drei von den abscheulichen Schnäpsen, <span id="corr158">Hingston</span>, sein Reisebegleiter, -war auch zugegen. Ich sagte, ich wolle lieber keinen Whisky -trinken, er würde mir zu sehr zu Kopfe steigen und mich in -zehn Minuten so verdreht machen, daß ich keinen klaren Gedanken -mehr fassen könne. Mich vor Fremden wie ein Verrückter -zu gebärden, sei nicht nach meinem Sinn. Auf Artemus Wards -freundliches Zureden trank ich aber dennoch das tückische Gebräu, -obgleich mit Widerstreben und in dem Bewußtsein, daß ich etwas -thue, was mich alsbald reuen würde.</p> - -<p>In kürzester Frist kam es mir vor, als umnebelten sich<span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[159]</span> -meine Sinne. Ich wartete daher mit großer Angst auf den -Beginn der Unterhaltung und hoffte im stillen, daß sich meine -Befürchtung als unbegründet erweisen und ich doch noch bei Verstande -sein würde.</p> - -<p>Artemus ließ zuerst einige unbedeutende Bemerkungen fallen, -nahm dann eine ganz übermenschlich ernste Miene an und hielt -folgende erstaunliche Rede:</p> - -<p>»Noch etwas möchte ich Sie zuvörderst fragen, ehe ich es -vergesse. Sie sind nun schon zwei oder drei Jahre hier in -Nevada, im Silberland, und Ihre Stellung bei der Tagespresse -hat es natürlich mit sich gebracht, daß Sie in die Bergwerke -eingefahren sind, um sich über alle Einzelheiten zu unterrichten; -der ganze Silberbergbau wird Ihnen daher genau bekannt sein. -Was ich nun gerne wissen möchte, ist – wie die Erzlager eigentlich -beschaffen sind. Ich fasse es zum Beispiel so auf – die -Ader, welche das Silber enthält, liegt zwischen zwei Granitschichten -eingeschlossen, wie das Fleisch in einer belegten Buttersemmel; -sie läuft im Erdboden weiter, erstreckt sich aufwärts -und ragt in die Höhe wie ein Meilenstein. Nehmen wir nun -an, die Ader hätte eine Mächtigkeit – sagen wir – von vierzig -Fuß oder achtzig oder auch meinetwegen hundert – und -Sie führten einen Schacht senkrecht darauf hinab, oder gingen -mit Hilfe eines Stollens, wie man’s nennt, hinunter bis zu -einer Tiefe von fünfhundert Fuß oder auch nur zweihundert -Fuß, wenn Sie wollen, aber jedenfalls tief hinab – nun wird -die Ader immer schmaler, wo die sie einschließenden Granitschichten -dichter beisammen sind oder sich einander nähern, wenn -man’s so ausdrücken will – das heißt, wenn sie wirklich näher -zusammenrücken, was natürlich nicht immer der Fall ist, besonders -nicht an Stellen, wo sie der ganzen Natur der Formation nach -weiter auseinander gehen als anderwärts, wofür die Geologie -bisher vergebens eine Erklärung gesucht hat, obwohl in dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[160]</span> -Wissenschaft alles auf den Beweis hinausläuft, daß bei gleichen -Verhältnissen es so sein würde, wenn es nicht wäre, und gewiß -nicht so sein würde, wenn es wäre – und dann sind sie es -natürlich. Ist das nicht auch Ihre Meinung?«</p> - -<p>Ich dachte bei mir selbst:</p> - -<p>»Also richtig – ich wußte ja, daß es so kommen würde. -Der Whisky hat mich ganz benebelt und keine Auster ist jetzt -so schwer von Begriffen wie ich.«</p> - -<p>Dann sagte ich laut:</p> - -<p>»Ich – ich – vielleicht – wenn es Ihnen nicht zu viel -Mühe macht – hätten Sie wohl die Güte – das noch einmal -zu sagen. Ich sollte freilich –«</p> - -<p>»O gewiß, mit Vergnügen. Sie sehen, ich bin mit dem -Gegenstande gar nicht vertraut und drücke mich daher viel zu -undeutlich aus, – aber ich –«</p> - -<p>»Nein, nein, – o nein – Sie haben die Sache völlig -klar auseinandergesetzt, aber, wissen Sie, der Whisky macht -mich etwas verwirrt. Ich verstehe Sie ja im übrigen ganz -gut, wenn Sie mir aber die Sache noch einmal vortragen wollten, -würde es mir am Ende doch begreiflich werden – diesmal will -ich besser acht geben.«</p> - -<p>»Das, worauf es mir ankommt,« sagte er, »ist einfach -Folgendes: (<span class="s90">Er sprach jetzt mit noch weit größerem Nachdruck und -betonte die einzelnen Punkte ganz besonders, indem er sie an den Fingern -herzählte.</span>) Diese Ader, dieser Streifen, diese Schicht oder wie -Sie es nennen wollen, liegt zwischen zwei Lagern von Granit, -wie das Fleisch zwischen den beiden Hälften der Buttersemmel. -So weit gut. Nun gehen Sie senkrecht hinunter, volle tausend -Fuß, vielleicht sogar zwölfhundert Fuß, – darauf kommt es -wirklich nicht an – ehe Sie den Stollen hineintreiben, einige -Gänge quer über die Ader, andere in Längsrichtung, wo die -Sulfurate – ich glaube, man nennt sie Sulfurate, obgleich ich<span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[161]</span> -nicht recht weiß, warum man es thut, in Anbetracht dessen, daß, -worauf es dem Bergmann hauptsächlich ankommt, nicht so liegt, -wie einige behaupten, ohne doch völlig beweisen zu können, daß -sie nicht weiterlaufen, solange noch eine Spur oder ein Bruchstück -desselben Erzes weder hier noch dort in gleicher Weise enthalten -ist; wogegen unter andern Umständen selbst die Unerfahrensten -unter uns es nicht entdecken könnten, wenn es wäre, -oder es möglicherweise übersehen, wenn es anginge oder den -bloßen Gedanken daran mit Hohn zurückweisen würden, wenn -man es ihnen auch noch so handgreiflich als solches vor Augen -stellte. Habe ich nicht recht?«</p> - -<p>Ich sagte mit trübseliger Miene: »Wirklich, Herr Ward, -ich muß mich vor mir selber schämen; ich weiß, ich sollte eigentlich -alles verstehen, was Sie sagen, aber der abscheuliche Whiskey -ist mir so in den Kopf gestiegen, daß jetzt der einfachste Satz -über mein Verständnis geht. Ich habe es Ihnen ja vorausgesagt.«</p> - -<p>»O, nicht doch, nicht doch – es liegt höchst wahrscheinlich -einzig und allein an mir – zwar habe ich lange darüber nachgedacht -und glaubte es klar genug –«</p> - -<p>»Verlieren Sie, bitte, kein Wort darüber. Sie haben es -so anschaulich dargestellt, daß es jedem sonnenklar einleuchten -müßte, der nicht mit Blödsinn behaftet ist. Nur der verwünschte -Whiskey ist an allem schuld.«</p> - -<p>»Bewahre, wo denken Sie hin. Ich will noch einmal ganz -von vorn anfangen und Sie werden sehen –«</p> - -<p>»Ums Himmels willen, thun Sie das doch ja nicht; ich -sage Ihnen, mein Kopf ist in solcher Verfassung, daß ich nicht -auf die einfachste Frage Bescheid geben könnte, die man an mich -richtet.«</p> - -<p>»Seien Sie ganz unbesorgt. Diesmal will ich es so schlicht -und deutlich ausdrücken, daß Sie gar nicht umhin können, zu<span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[162]</span> -verstehen, was ich meine. Fangen wir ganz von Anfang an.« -(<span class="s90">Er lehnte sich über den Tisch zu mir herüber, in seinen Mienen war der -felsenfeste Vorsatz zu lesen, sich verständlich zu machen, und er hielt den -Finger bereit, um seinen Worten beim Aufzählen jedes einzelnen Punktes -noch besonderen Nachdruck zu verleihen. Ich selbst beugte mich in peinlicher -Erregung weit vor, entschlossen, ihn zu begreifen, oder zu Grunde -zu gehen.</span>)</p> - -<div class="figcenter" id="illu-161"> - <img src="images/illu-161.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Sie wissen, daß die Ader, die Schicht, das Ding, welches -das Metall enthält, dadurch zum Medium aller andern Kräfte -wird, der zunächstliegenden wie der entferntesten Wirkungen, die -so beschaffen sind, daß sie die ersteren zu Gunsten der letzteren, -oder die letzteren gegen die ersteren, oder alle oder beide beeinflussen, -sofern es den relativen Unterschied betrifft, der innerhalb -des Radius besteht, von dem aus die verschiedenen Grade -der Aehnlichkeit sich entwickeln, in welchen –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[163]</span></p> - -<p>»Hol’ der Henker meinen Blechschädel,« fuhr ich heraus, -»ich mag mich anstrengen wie ich will – aber ich verstehe nicht -das Geringste. Je klarer Sie mir die Sache auseinander setzen, -um so weniger begreife ich, worauf Sie hinauswollen.«</p> - -<p>Jetzt hörte ich ein verdächtiges Geräusch neben mir und -als ich mich rasch umwandte, sah ich gerade noch, wie Hingston -sich hinter ein Zeitungsblatt duckte und vor Lachen bersten wollte. -Ich blickte wieder nach Ward hin – seine feierliche Miene war -verschwunden und er lachte gleichfalls.</p> - -<p>Da merkte ich, daß er mir einen Streich gespielt hatte, -daß ich das Opfer eines Schwindels geworden war. Seine Rede -bestand aus einer Reihe an einander gefädelter Sätze, die einzeln -ganz verständlich klangen, aber im Zusammenhang auf der Gotteswelt -keinen Sinn hatten.</p> - -<p>Artemus Ward war einer der besten und umgänglichsten -Menschen unter der Sonne. Man behauptet, er habe keine -fließende Unterhaltung führen können, aber, wenn ich an obiges -Erlebnis zurückdenke, bin ich anderer Meinung.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-162"> - <img src="images/illu-162.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[165]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Im_Gold-_und_Silberland_II">Im Gold- und Silberland.<br /> -II.</h2> - -<h3 class="nobreak" id="Nabobs_in_Nevada">Nabobs in Nevada.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">In jener herrlichen Zeit, als es in Nevada flott herging, -hatte das Silberland auch seine Nabobs. Einige sind -mir noch erinnerlich. Es waren meist sorgenlose, leichtlebige -Menschen, aus deren Reichtümern das Gemeinwesen ganz ebenso -viel Nutzen zog wie sie selber, in manchen Fällen sogar noch mehr.</p> - -<p>Einer der ersten Nabobs, die Nevada erzeugte, trug Diamanten -im Werte von sechstausend Dollars am Busen und war -unglücklich, daß ihm sein Geld schneller in die Taschen floß, als -er es ausgeben konnte. Das Einkommen eines andern belief -sich oft auf sechzehntausend Dollars monatlich. Als er zuerst -ins Land kam, hatte er in dem nämlichen Bergwerk, aus welchem -er später seine Schätze bezog, um einen Tagelohn von fünf -Dollars gearbeitet.</p> - -<p>Von einem jener Lieblinge des Glücks, die sozusagen über -Nacht aus drückender Armut zum größten Ueberfluß gelangten, -erzählt man sich, er habe gern ein hohes Staatsamt bekleiden -wollen und hunderttausend Dollars dafür geboten, es aber trotzdem -nicht erhalten, da seine Politik nicht so vertrauenerweckend -war, als sein Konto auf der Bank.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[166]</span></p> - -<div class="figcenter" id="illu-165"> - <img src="images/illu-165.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Auch John Smith darf ich nicht vergessen. Er stammte -aus dem niedern Volke, war eine brave, ehrliche, gutmütige -Haut und von einer Unwissenheit, die ans Fabelhafte grenzte. -Sein kleiner Rancho und ein Ochsengespann brachten ihm genug -ein zum Lebensunterhalt; war die Heuernte auch nicht so groß, -so wog man ihm doch diesen seltenen Artikel mit Gold auf – -er erhielt auf dem Markte für das Fuder 250 bis 300 Dollars. -Nach einiger Zeit tauschte Smith mehrere Morgen von seinem -Wiesenland gegen eine noch unbearbeitete Silbergrube in Gold Hill -ein. Er begann den Abbau und errichtete daneben ein anspruchsloses -kleines Pochwerk. Anderthalb Jahre später gab er das -Heugeschäft auf, denn seine Grube machte einen besseren Ertrag. -Sein Einkommen wurde auf 30,000 Dollars monatlich geschätzt, -von manchen sogar auf 60,000 Dollars. Jedenfalls war Smith -ein reicher Mann.</p> - -<p>Nun ging er auf Reisen. Bei seiner Rückkehr aus Europa<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[167]</span> -konnte er nicht genug von den schönen Schweinen erzählen, die -er in England gesehen hatte, von den herrlichen Schafen in -Spanien und dem prächtigen Rindvieh in der Umgegend von -Rom. Er war ganz voll von den Wundern der alten Welt und -gab jedem den Rat, sich auf die Reise zu machen. Man glaube -gar nicht, was es für Merkwürdigkeiten auf Erden gebe, sagte -er, solange man sich nicht durch den Augenschein davon überzeugt -habe.</p> - -<p>Während seiner Ueberfahrt setzten die Passagiere einmal -einen Preis von fünfhundert Dollars auf denjenigen aus, der -am richtigsten riete, wie viele Seemeilen das Schiff in den -nächsten vierundzwanzig Stunden zurücklegen würde. Um die -Mittagszeit des folgenden Tages übergab jeder dem Zahlmeister -ein versiegeltes Couvert, in welchem die Meilenzahl stand. Smith -triumphierte im voraus: er hatte den Maschinisten bestochen. -Als trotzdem ein anderer den Preis gewann, sagte er: »Halt, -das geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Anschlag kam der -Wirklichkeit um zwei Meilen näher als seiner.«</p> - -<p>»Bewahre,« versetzte der Zahlmeister, »Sie haben es von -allen am Bord am schlechtesten getroffen, Herr Smith; wir sind -208 Meilen gefahren.«</p> - -<p>»Nun ja,« rief Smith, »und ich habe 209 geraten. Sehen -Sie sich doch meine Zahlen ordentlich an; eine 2 und zwei 0 -sind 200, nicht wahr – dann noch eine 9 (2009) macht zweihundert -und neun. Da muß ich denn doch sehr bitten, daß -mir der Preis zuerkannt wird.« –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In einer Bergschlucht in unmittelbarer Nähe von Virginia -City wohnte ein armer Mexikaner, auf dessen Anwesen eine -Quelle am Felsen herabsickerte, die kaum eine halbe Spanne -breit war. Für dieses Wässerchen gab ihm die Ophirgesellschaft -eine kleine Parzelle von hundert Fuß, welche sich als der ergiebigste<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[168]</span> -Teil des ganzen Bergwerks erwies; vier Jahre nach -dem Tausch betrug ihr Marktwert mit Einschluß des Pochwerks -1,500,000 Dollars.</p> - -<p>Ein neunzehnjähriger Telegraphist in Virginia wurde dadurch -zum reichen Manne, daß er die Depeschen der Grubenbesitzer -las, welche ihm durch die Hände gingen und je nach -dem Stande der Bergwerksangelegenheiten, durch Vermittlung -eines Freundes in San Francisco, Aktien kaufte oder verkaufte. -Einmal kündigte eine Privatdepesche aus Virginia einen reichen -Fund in einer bedeutenden Grube an, mit der Weisung, die -Sache solange geheim zu halten, bis die Unternehmer sich den -Besitz von möglichst vielen Anteilscheinen gesichert hätten. Der -Telegraphist kaufte sofort einen Kux von 40 Fuß zu 20 Dollars -den Fuß, wovon er später die Hälfte zu 800 Dollars den -Fuß verkaufte und den Rest um das Doppelte. Nach drei -Monaten besaß er ein Vermögen von 150,000 Dollars und -hatte seine Telegraphenstelle aufgegeben.</p> - -<p>Ein anderer Telegraphenbeamter hatte Amtsgeheimnisse verraten -und war deshalb von seinen Vorgesetzten entlassen worden. -Er versprach einem wohlhabenden Manne in San Francisco, -ihm das Ergebnis eines großen Bergwerksprozesses, der in Virginia -geführt wurde, mitzuteilen und zwar nur eine Stunde -später als die streitenden Parteien in San Francisco davon -privatim Kenntnis erhielten. Hiefür sicherte ihm sein Mitverschworener -einen hohen Prozentsatz des Gewinns, welchen er -durch rechtzeitigen An- und Verkauf von Aktien zu erzielen dachte. -Um den Plan auszuführen, begab sich der verabschiedete Telegraphist, -als Fuhrmann verkleidet, nach einer kleinen abgelegenen -Telegraphenstation im Gebirge, machte mit dem dortigen Beamten -Bekanntschaft, saß Tag für Tag, seine Pfeife rauchend -bei ihm im Bureau und klagte, daß sein Gespann zu ermüdet -sei und er nicht weiterfahren könne. Zugleich horchte er bei<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[169]</span> -allen Depeschen aus Virginia auf das Ticken des Apparats, bis -endlich ein Privattelegramm die Entscheidung des Prozesses verkündete. -Sofort telegraphierte er an seinen Verbündeten:</p> - -<p>»Kann nicht mehr warten. Werde das Gespann verkaufen -und heimgehen.«</p> - -<p>Dies war das verabredete Zeichen. Hätte er das Wort -›warten‹ fortgelassen, so würde es den entgegengesetzten Ausgang -des Prozesses bedeutet haben. Der Spekulant in San -Francisco kaufte nun eine Menge der betreffenden Bergwerksaktien -um niedern Preis, bevor die Nachricht öffentlich bekannt -wurde und sicherte sich ein Vermögen.</p> - -<p>Zahllose Beispiele ähnlicher Art wären noch aus dem Silberlande -zu verzeichnen, die angeführten werden jedoch genügen, -um dem Leser einen Begriff von den Zuständen in jener flotten -Zeit zu geben. Mit den meisten dieser Nabobs bin ich persönlich -in Berührung gekommen; sie waren damals hochberühmt, -aber jetzt spricht niemand mehr von ihnen, da fast alle wieder -rasch in Armut und Dunkelheit zurückgesunken sind.</p> - -<p>In Nevada erzählte man sich ein lustiges Abenteuer, das -zwei solche Nabobs einmal gehabt haben sollen; ich kann mich -für die Wahrheit nicht verbürgen, und gebe es nur wieder, wie -ich es gehört habe:</p> - -<p>Oberst Jim hatte früher etwas von der Welt gesehen und -kannte ihr Thun und Treiben ein wenig, aber Oberst Jack -stammte aus den Hinterwäldern, sein Leben war eitel Mühe -und Arbeit gewesen und er war nie in eine Stadt gekommen. -Urplötzlich reich geworden, beschlossen die beiden nach New York -zu reisen; Oberst Jack, um die Sehenswürdigkeiten in Augenschein -zu nehmen, und Oberst Jim, um des Freundes arglose -Unschuld vor Schaden zu bewahren. Sie kamen bei Nacht nach -San Francisco und segelten früh am Morgen ab. Als sie -New York erreichten, sagte Oberst Jack:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[170]</span></p> - -<p>»Ich habe all mein Lebtag so viel von Equipagen reden -hören, jetzt will ich einmal eine Spazierfahrt machen, einerlei -was es kostet. Also vorwärts!«</p> - -<p>Oberst Jim winkte eine schöne Kutsche herbei, aber Oberst -Jack sagte:</p> - -<p>»Wo denkst du hin? ich soll doch nicht etwa bloß so ’ne -billige Spritzfahrt machen! Nein, was Ordentliches muß ich -haben. Aufs Geld kommt’s mir nicht an, aber es soll das -vornehmste Fuhrwerk sein, das sich sehen läßt. Schau, da -kommt gerade etwas, wie ich es möchte. Rufe mal den gelben -Wagen mit den schönen Bildern an. Sei nur ohne Sorgen – -ich trage alle Kosten.«</p> - -<p>So stiegen sie denn in den leeren Omnibus.</p> - -<p>»Das nenne ich lustig,« rief Oberst Jack. »Kissen und -Fenster und Bilder überall. Was wohl die Jungens sagen -würden, wenn sie uns so vornehm durch New York kutschieren -sähen? Meiner Treu, ich gäbe was drum, mich ihnen so zu -zeigen.« Er steckte den Kopf zum Fenster hinaus. »Famos,« -rief er dem Kutscher zu, »Herzensjunge, du gefällst mir; fahr -nur zu, den ganzen Tag lang meinetwegen. Laß die Pferde -laufen; wir wollen’s schon wieder wett machen, verlaß dich drauf!« -Der Kutscher streckte die Hand durch das Guckloch nach dem -Fahrgeld aus, wie es damals noch Sitte war. Oberst Jack -schlug ein und schüttelte sie ihm herzlich.</p> - -<p>»Du willst Vorauszahlung, Alterchen,« rief er. »Na, nichts -für ungut. Hier hast du etwas, das gar nicht so übel ist.«</p> - -<p>Er drückte ihm ein goldenes Zwanzigdollarstück in die Hand, -und als der Kutscher sagte, daß er nicht wechseln könne, rief er lustig:</p> - -<p>»Laß gut sein, wir wollen’s schon verfahren. Steck’ es -nur in die Tasche.« Dann schlug er seinem Gefährten laut -klatschend auf das Bein und fuhr vergnügt fort: »Hol’ mich -dieser und jener, ich miete das Ding auf die ganze Woche!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[171]</span></p> - -<p>Jetzt hielt der Omnibus und eine junge Dame stieg ein. -Oberst Jack starrte sie erst verwundert an, dann stieß er Oberst -Jim mit den Ellenbogen. »Du, sag’ kein Wort,« flüsterte er. -»Laß sie mitfahren, wenn sie will. An Platz fehlt’s ja wahrhaftig -nicht.«</p> - -<p>Das Fräulein zog den Beutel und reichte Oberst Jack ihr -Fahrgeld.</p> - -<p>»Was soll das?« fragte er.</p> - -<p>»Wollen Sie es, bitte, dem Kutscher geben.«</p> - -<p>»Behalten Sie Ihr Geld, Verehrteste, Sie dürfen nicht -zahlen. Fahren Sie nur mit in unserer Staatskutsche, so lange -Sie wollen.«</p> - -<p>Das Fräulein drückte sich verwirrt in die Ecke. Jetzt -kletterte eine alte Frau mit dem Handkorb herauf und bot ihr -Fahrgeld an.</p> - -<p>»Setzen Sie sich, gute Frau,« sagte Oberst Jack; »wir lassen -Sie gern mitfahren, aber ohne Bezahlung. Machen Sie sich’s -nur bequem und thun Sie ganz so, als ob es Ihr Wagen wäre.«</p> - -<p>Nach wenigen Minuten waren noch drei Herren, zwei dicke -Frauen und mehrere Kinder eingestiegen.</p> - -<p>»Nur immer herein, meine Freunde,« rief Oberst Jack, -»geniert euch nicht. Hier wird jeder frei gehalten.« Dann -flüsterte er Oberst Jim zu: »Ist aber dies New York eine gesellige -Stadt! Man sollte so was doch kaum für möglich halten!«</p> - -<p>Da er sich hartnäckig weigerte dem Kutscher das Fahrgeld -der Passagiere einzuhändigen und jedermann freundlich willkommen -hieß, ging den Leuten allmählich ein Licht auf. Sie -steckten ihr Geld wieder ein und belustigten sich insgeheim über -den Spaß. Es nahmen wohl noch ein halbes Dutzend Fahrgäste -Platz. »Kommt nur, kommt,« rief Oberst Jack; »eine -Spazierfahrt ist nichts, wenn man nicht Gesellschaft hat.« Dann -flüsterte er Oberst Jim wieder leise zu: »Die Freundlichkeit der<span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[172]</span> -New Yorker geht doch über die Bäume und wie kaltblütig sie -die Sache nehmen – was man nicht alles erlebt!«</p> - -<p>Immer mehr Passagiere stiegen ein, alle Plätze waren besetzt -und die Männer, welche im Mittelgang standen, hielten sich -an den Riemen fest, die von der Decke herabhingen. Leute mit -Körben und Bündeln kletterten oben auf das Dach. Ein halb -unterdrücktes Gelächter ließ sich von allen Seiten hören.</p> - -<p>»Na, wenn eine so himmlische Unverfrorenheit nicht alles -übertrifft, was je dagewesen ist, will ich nicht Jack heißen,« -flüsterte der Oberst.</p> - -<p>Jetzt drängte sich ein Chinese herein.</p> - -<p>»Nun wird mir’s aber doch zu bunt,« sagte Oberst Jack. -»Halt an, Kutscher. Bitte, bleiben Sie sitzen, meine Damen -und Herren, fahren Sie ruhig weiter, es ist alles bezahlt. – -Kutscher, rumpeln Sie nur fort mit den Herrschaften, so lange -es Ihnen gefällt. Sie müssen wissen, es sind unsere Gäste. -Zeigen Sie Ihnen alles, und wenn Sie mehr Geld brauchen, -so kommen Sie in das Sankt Nikolas-Hotel und holen Sie -Zuschuß. Recht vergnügte Fahrt, meine Herrschaften – empfehle -mich Ihnen.«</p> - -<p>Als die beiden Kameraden ausstiegen, sagte Oberst Jack:</p> - -<p>»Höre Jimmy, daß die Geselligkeit in New York so weit -getrieben würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Der -Chinese kam so gemütlich hereinspaziert, wie jeder andere; hätten -wir länger gewartet, es wären noch ein paar Neger mitgefahren, -darauf möchte ich wetten. Weißt du was – heute nacht verrammeln -wir aber unsere Thüren ordentlich, sonst wollen vielleicht -ein paar von den Herzblättchen herein, um bei uns zu -schlafen.«</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[173]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Buck_Fanshaws_Begraebnis">Buck Fanshaws Begräbnis.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Irgend jemand hat einmal gesagt, daß sich der Geist, welcher -in einer Bürgerschaft herrscht, am besten darnach beurteilen -läßt, wen von ihren Gliedern die Gemeinde mit der größten -Feierlichkeit zu Grabe trägt.</p> - -<p>Zur flotten Zeit in Virginia erwiesen die beiden Hauptklassen -der Bevölkerung ihren großen Toten ungefähr die gleiche -Ehre. Wer sich durch seine Wohlthaten für das Gemeinwesen -den berühmtesten Namen gemacht hatte, erhielt ein ebenso -prächtiges Begräbnis, wie der berühmteste Raufbold.</p> - -<p>Als Buck Fanshaw das Zeitliche segnete, machte man viel -Aufhebens von ihm. Er galt für einen würdigen Vertreter -der Bürgerschaft, stand einer großartigen Schankwirtschaft vor -und hatte auch ›seinen Mann getötet‹, allerdings nicht im eigenen -Streit, sondern um einen Fremden gegen die Angriffe der feindlichen -Uebermacht zu schützen. Er hatte ein flottes Weibsbild -besessen, von dem er sich auch ohne die Umstände einer Ehescheidung -hätte trennen können. Bei der Feuerwehr bekleidete -er ein hohes Amt und war ein Held ohne Gleichen in der -Politik. Als er starb, ging eine laute Klage durch die ganze -Stadt, aber ganz besonders wurde sein Tod in den untersten -Schichten der Gesellschaft beweint. Die Totenschau ergab, daß -Buck Fanshaw im Fieberwahn einer zehrenden Krankheit Arsenik<span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[174]</span> -genommen, sich dann in die Brust geschossen und die Kehle abgeschnitten -hatte, worauf er vier Stock hoch aus dem Fenster -gesprungen war und den Hals gebrochen hatte. Die Jury -(<span class="s90">d. h. die Behörde, welche die Totenschau vornimmt</span>) ließ sich durch -ihren Kummer die Klarheit des Urteils nicht trüben. Sie that -nach längerer Verhandlung den Ausspruch, daß Fanshaws Tod -durch eine ›Heimsuchung Gottes‹ verursacht worden sei.</p> - -<p>Für die Leichenfeier wurden die großartigsten Vorbereitungen -getroffen. Alle Fuhrwerke im Ort waren bestellt, sämtliche -Schankwirtschaften kleideten sich in Trauerflor, die Fahnen der -Stadt und der Feuerwehr hingen auf Halbmast und die ganze -Löschmannschaft zog in Uniform mit schwarzverhüllten Pumpen auf.</p> - -<p>Beiläufig muß ich noch bemerken, daß im Silberland jedes -Volk der Erde durch irgend einen Abenteurer vertreten ist und -jeder dieser Abenteurer das seinem Geburtsort eigentümliche -Kauderwelsch mitgebracht hat. Es giebt daher keine reichere, -kräftigere und abwechslungsvollere Ausdrucksweise in der ganzen -Welt als die in Nevada herrschende Sprache. Selbst Prediger -mußten sich entschließen, in diesem Kauderwelsch zur Gemeinde -zu sprechen, wollten sie sich verständlich machen. Gewisse Redensarten -waren fortwährend in aller Munde und flossen jedem ganz -unbewußt über die Lippen, ohne daß sie irgendwelchen Sinn -hatten oder den geringsten Bezug auf das Thema, das gerade -besprochen wurde.</p> - -<p>Nachdem die Totenschau über Buck Fanshaw gehalten worden -war, kam die trauernde Bürgerschaft zur Beratung zusammen; -denn an der Küste des stillen Ozeans finden bei jeder Gelegenheit -Versammlungen statt, um die Volksstimmung öffentlich zum -Ausdruck zu bringen. Man faßte mancherlei Beschlüsse wegen -der Bestattung und verschiedene Komitees wurden eingesetzt, -unter anderem auch eines, das den Auftrag erhielt, die Leichenpredigt -zu bestellen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[175]</span></p> - -<div class="figright" id="illu-174"> - <img src="images/illu-174.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Dies zu besorgen hatte Scotty Briggs übernommen, welcher -denn auch rechtzeitig dem Geistlichen seinen Besuch machte. -Letzterer, ein zarter, friedliebender junger Mann aus dem Osten, -war eben erst auf einem theologischen Seminar flügge geworden -und mit den Sitten und Gebräuchen der Bergwerksbevölkerung -völlig unbekannt. Wenn er in spätern Jahren seine Unterredung -mit Scotty, dem Komiteemitglied, schilderte, verlohnte es sich -wohl der Mühe, zuzuhören.</p> - -<p>Scotty Briggs war ein kühner Raufbold, -dessen Amtstracht bei feierlicher -Gelegenheit – wenn er z. B. wie jetzt -im Namen des Komitees auftrat – aus -einem Feuerwehrhelm und einem scharlachroten -Flanellhemde bestand; der Revolver -hing ihm vom breiten Ledergürtel -herab, den Rock trug er über dem Arm -und seine Beinkleider steckten in hohen -Stulpenstiefeln. Kein Wunder, daß er -von dem blassen jungen Theologen gewaltig -abstach. Scotty besaß übrigens, -nebenbei gesagt, ein warmes Herz und -große Anhänglichkeit an seine Freunde; -auch fing er keine Händel an, wenn es -sich irgendwie vermeiden ließ. Meist stellte es sich bei Scottys -Raufereien heraus, daß er ursprünglich gar nichts mit der Angelegenheit -zu thun gehabt und sich nur aus angeborener Gutmütigkeit -hineingemischt hatte, um dem Schwächeren beizustehen. -Schon seit Jahren waren Buck Fanshaw und Scotty Busenfreunde -und hatten einander getreulich geholfen in manchem -Kampf und Abenteuer. Man erzählt zum Beispiel, daß sie eines -Tages mehrere fremde Burschen im Handgemenge sahen, rasch -die Röcke abwarfen und für den gerade unterliegenden Teil eintraten.<span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[176]</span> -Als sie sich nach schwer errungenem Sieg umsahen, -was aus ihren Schützlingen geworden sei, waren diese längst -über alle Berge und hatten die Röcke ihrer Beschützer zu eigenem -Gebrauch mitgenommen.</p> - -<div class="figleft" id="illu-175"> - <img src="images/illu-175.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Doch kehren wir zu Scottys Besuch bei dem Prediger -zurück. Er hatte eine -Trauerbotschaft auszurichten -und tiefer Gram -sprach aus seinen Zügen. -Ohne weiteres nahm er -dem Geistlichen gegenüber -Platz, stellte seinen Feuerwehrhelm -dem Pfarrer -dicht vor die Nase, gerade -auf eine halbfertig geschriebene -Predigt, wischte -sich mit einem rotseidenen -Sacktuch die Stirn ab und -stieß einen schweren Seufzer -aus, als passendste Einleitung -für sein trübseliges -Geschäft. Vor Rührung -war ihm zuerst die Kehle -wie zugeschnürt und seine -Augen wurden feucht; doch -bezwang er sich mannhaft und sagte mit wahrer Grabesstimme:</p> - -<p>»Sind Sie der Herr, der bei dem frommen Grubenbau -hier nebenan zum Schichtmeister bestellt ist?«</p> - -<p>»Ob ich der – entschuldigen Sie – ich habe nicht recht -verstanden – wie meinen Sie?«</p> - -<p>Scotty ließ ein schmerzliches Schluchzen vernehmen und -einen noch tieferen Seufzer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[177]</span></p> - -<p>»Sehen Sie,« sagte er, »wir sitzen in der Klemme und -die Jungens glaubten, Sie könnten uns vielleicht heraushelfen, -wenn wir Sie ins Schlepptau nehmen. Das heißt, im Fall -ich hier an der rechten Schmiede bin und den Obermeister des -Hallelujah-Fahrschachts hier nebenan vor mir habe.«</p> - -<p>»Ich bin der Hirte, dem die Sorge für die Schafe obliegt, -deren Hürde hier in der Nachbarschaft steht.«</p> - -<p>»Wer, sagen Sie?«</p> - -<p>»Der geistliche Berater einer kleinen Schar von Gläubigen, -deren Heiligtum dicht an mein Wohnhaus stößt.«</p> - -<p>Scotty kratzte sich hinter den Ohren, überlegte einen Augenblick -und sagte dann:</p> - -<p>»Da sind Sie mir über. Die Karte kann ich nicht bekennen, -Meister. Man muß den Eimer weitergeben.«</p> - -<p>»Wie meinen Sie? – Verzeihung, aber ich weiß nicht recht –«</p> - -<p>»Mir scheint, wir sind beide noch nicht im richtigen Fahrwasser. -Sie haben keine Witterung mit mir und ich habe keine -Witterung mit Ihnen. – Die Sache ist nämlich so: Einer von -uns Jungens kann nicht mehr im Geschirr gehen und wir möchten -für ihn einen ordentlichen Kehraus haben; daher bin ich hier, -um jemand aufzutreiben, der uns ein wenig Klingklang dazu -macht, damit der Tag noch ein gutes Ende nimmt.«</p> - -<p>»Bester Freund, mir wird bei Ihren Worten immer verwirrter -zu Sinn. Was Sie sagen, ist mir völlig unklar. Könnten -Sie sich nicht etwas einfacher ausdrücken? Anfänglich glaubte -ich schon zu verstehen, was Sie wünschen, aber jetzt tappe ich -wieder im Dunkeln. Würde es nicht die Angelegenheit wesentlich -beschleunigen, wenn Sie sich auf kategorische Angaben der -Thatsachen beschränkten, ohne das Verständnis durch Anhäufung -von Bildern und Allegorien zu erschweren?«</p> - -<p>Eine abermalige Pause und Ueberlegung. Dann bemerkte -Scotty:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[178]</span></p> - -<p>»Ich kann wieder nicht bekennen – ich passe.«</p> - -<p>»Wie?«</p> - -<p>»Sie haben mich übertrumpft, Meister.«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«</p> - -<p>»Was Sie zuletzt ausgespielt haben, kann ich nicht stechen, -kann auch nicht mit der Farbe bedienen.«</p> - -<p>Der Pfarrer lehnte sich verblüfft in seinen Stuhl zurück. -Scotty stützte den Kopf auf und versank in tiefes Nachdenken. -Bald blickte er jedoch wieder in die Höhe und sagte mit trübseliger -Miene, aber doch voll Zuversicht:</p> - -<p>»Jetzt hab’ ich’s, so daß Sie’s schlucken können. Wir -brauchen einen Predigtmacher – einen Pfarrer.«</p> - -<p>»Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Ich -bin der Geistliche – der Pfarrer.«</p> - -<p>»Bravo, das ist einmal ein Wort! Sie sehen, ich war -zuerst gegen die Mauer gerannt und bin nun mit einem Satz -hinüber. Schlagen Sie ein!«</p> - -<p>Er streckte seine nervige Faust aus, umschloß des Predigers -kleine Hand und schüttelte sie in brüderlichem Mitgefühl und -herzlichem Vertrauen. »Jetzt ist die Sache in Ordnung, Meister,« -fuhr er fort; »fangen wir nun von Frischem an, und wenn ich -dabei etwas greine, so achten Sie nicht weiter darauf, denn, -wir sind eben in einer argen Klemme, weil einer von den Jungens -plötzlich Schicht gemacht hat.«</p> - -<p>»Schicht gemacht?«</p> - -<p>»Ja, er hat den Eimer umgeworfen, wissen Sie.«</p> - -<p>»Ach, Sie meinen, er ist in jenes geheimnisvolle Land -gefahren, von dessen Gestaden kein Wanderer jemals wiederkehrt?«</p> - -<p>»Nein, er kehrt nicht wieder. Die Rechnung stimmt. Er -ist ja tot, Meister.«</p> - -<p>»Ja, ja, ich verstehe schon.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[179]</span></p> - -<p>»Wirklich? Na, ich dachte doch, daß ich Sie irgendwie anhaken -könnte. Es ist ganz richtig, er ist wieder tot –«</p> - -<p>»Wieder? Ist er denn schon früher einmal gestorben?«</p> - -<p>»Früher einmal? Bewahre! Glauben Sie denn, ein Mensch -hat neun Leben wie eine Katze? Aber, was gilt die Wette – -jetzt ist er ganz und gar tot, der arme Junge; hätte ich nur -den Tag nie erlebt. Einen bessern Freund wie Buck Fanshaw -giebt es nicht auf der Welt. Ich kannte ihn durch und durch -– und wenn ich einen kenne und liebe, mit dem bin ich wie -zusammengewachsen, das können Sie mir glauben. Solche Kernmenschen -findet man nicht wieder, da kann man lange suchen. -Keinen Freund hat Buck Fanshaw je im Stich gelassen. Aber -nun ist das alles aus – und vorbei. Er hat ihn doch untergekriegt.«</p> - -<p>»Wer denn?«</p> - -<p>»Nun, der Tod. – Ja, ja, es hilft nichts, wir müssen ihn -aufgeben. Eine arge Welt ist’s doch, in der wir leben, nicht -wahr? Aber, Meister, das sag’ ich Ihnen, so einen Ringkämpfer -wie den giebt’s nicht zum zweitenmal. Es war eine Lust ihm -zuzusehen – bloß seine Fäuste brauchte er und freien Spielraum, -dann ging’s drauf und dran. Es war ein ganzer Teufelskerl. -Ich sage Ihnen, er hielt sich dran, er blieb nichts schuldig.«</p> - -<p>»Wie meinen Sie?«</p> - -<p>»Nun, er zahlte heim beim Faustkampf, verstehen Sie – -wo’s gerade hinging: auf Schädel, Schultern, Brust! Heiliges -Donnerwetter! – entschuldigen Sie dieses Wort, aber ich kann -nicht alles so sanft und mild herausbringen. Und nun müssen -wir ihn aufgeben, es hilft nichts, die Rechnung stimmt. Wenn -Sie uns nun beistehen möchten bei der Verpflanzung –«</p> - -<p>»Ich soll die Leichenpredigt halten und der Begräbnisfeier -beiwohnen?«</p> - -<p>»Begräbnisfeier – ja, ja. Das ist’s, wo wir hinauswollen.<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[180]</span> -Er war sein Lebtag nicht knickerig und bei seiner Bestattung -soll nichts abgeknapst werden. Echt silberne Beschläge -am Sarg und sechs Trauerfahnen über der Bahre; auf dem -Bock ein Neger in feiner Wäsche und den Seidenhut auf dem -Kopf – es mag so hoch kommen wie es will. Für Sie, Meister, -werden wir auch Sorge tragen, seien Sie nur ganz ruhig. Sie -bekommen einen Wagen, und wenn Sie sonst noch was brauchen, -nur heraus damit, es soll schon angeschafft werden. Im Trauerhause -wird so ein Dingrich aufgerichtet, dahinter können Sie -sich stellen. Seien Sie nur nicht bange, sondern blasen Sie in -Ihr Horn und bringen Sie unsern Kameraden so glatt durch -wie nur möglich. Wer ihn gekannt hat, wird Ihnen sagen, -daß er der bravste Kerl in der ganzen Gegend war. Sie können -das gar nicht stark genug betonen. Wenn Unrecht geschah, war -er außer stande es mit anzusehen. Daß es hier in der Stadt -so ruhig und friedlich zugeht, ist hauptsächlich sein Verdienst. -Ich war selbst einmal dabei, wie er in einer einzigen Viertelstunde -vier Schwindler durchgebläut hat. Wenn es galt, Ordnung -zu stiften, sah er sich nicht lange um, wer wohl Hand -anlegen könnte, sondern griff selbst zu. Mit den Katholiken -wollte er nichts zu thun haben; sein Wahlspruch war: ›Irländer -sind ausgeschlossen,‹ aber doch stand er für ihre Rechte ein, als -einmal ein paar wüste Kerle sich Bauplätze auf dem katholischen -Begräbnisort abstecken wollten. Die mußten gut Reißaus nehmen -– ich hab’s mit angesehen.«</p> - -<p>»Die Gesinnung war jedenfalls lobenswert, ob die That -selbst, lasse ich dahingestellt. Hatte denn der Verstorbene religiöse -Ueberzeugungen? Das heißt – fühlte er seine Abhängigkeit von -einer höheren Macht und unterwarf er sich ihren Fügungen?«</p> - -<p>Abermaliges Nachdenken.</p> - -<p>»Jetzt bin ich wieder wie vor den Kopf geschlagen, Meister. -Könnten Sie das nicht noch einmal sagen – so recht langsam?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[181]</span></p> - -<p>»Ich meine nur – um mich ganz klar auszudrücken – -hat er je in Verbindung mit irgend einer Gemeinschaft gestanden, -die sich dem weltlichen Getriebe fernhielt, sich in Selbstverleugnung -übte und im Gehorsam gegen das Sittengesetz?«</p> - -<p>»Das war ein Fehlschuß; thun Sie noch einmal Pulver -auf die Pfanne.«</p> - -<p>»Was sagen Sie?«</p> - -<p>»Jedesmal, wenn Sie so loslegen, bleibe ich im Hintertreffen. -Sie bekommen die beste Hand und ich habe kein Glück. -Mischen wir lieber noch einmal von neuem.«</p> - -<p>»Was? Soll ich von vorn anfangen?«</p> - -<p>»Ja, das wäre mir gerade recht.«</p> - -<p>»Nun denn – war er ein guter Mann und –«</p> - -<p>»Halt – das leuchtet mir ein. Warten Sie erst einmal, -ehe wir weiter gehen. Ein guter Mann – das will ich meinen; -der beste Mann von der Welt, Sie hätten ihn auch lieb haben -müssen. Noch beim letzten Wahlgang hat er die Unruhen beschwichtigt, -bevor sie recht zum Ausbruch kamen; außer ihm -hätte das keiner gekonnt. Vierzehn Männer mußte man in den -ersten fünf Minuten vom Platze tragen, so hat er’s ihnen eingetränkt. -Er stimmte immer für den Frieden, jeder Aufruhr -war ihm ein Greuel und sein Tod ist ein großer Verlust für -die Stadt. Es würde die Jungens freuen, wenn Sie ihm die -Gerechtigkeit erwiesen, das anzubringen. Schneller laufen konnte -er, höher springen, derber treffen und flotter trinken, als irgend -jemand auf hundert Meilen in der Runde. Das vergessen Sie -nicht, Meister, die Jungens werden es Ihnen hoch anschlagen. -Dann können Sie auch noch sagen, daß er seine Mutter nie -geschüttelt hat.«</p> - -<p>»Warum sollte er denn das thun? das wäre ja entsetzlich.«</p> - -<p>»Das meine ich auch, aber es giebt doch Leute, die es thun.«</p> - -<p>»Aber doch niemand, der Ehre im Leibe hat!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[182]</span></p> - -<p>»Doch – welche, die sonst gar nicht so übel sind.«</p> - -<p>»Nach meiner Meinung sollte ein Mann, der die Hand -gegen seine Mutter zu erheben wagt –«</p> - -<p>»Wo denken Sie hin, Meister – da haben Sie ’mal gründlich -fehlgeschossen. Was ich sagen will ist, daß er seine Mutter -nicht abgeschüttelt hat, sie verstoßen, wissen Sie. Er hat ihr -ein Haus zum wohnen gegeben und Ackerland und Geld die -Fülle, hat für sie gesorgt und immer nach ihr gesehen. Und -als sie die Blattern kriegte, hat er nachts bei ihr gesessen und -sie gepflegt – ich will verdammt sein, wenn’s nicht wahr ist. -Bitte um Verzeihung – das fuhr mir nur so heraus. Ich -wollte Sie nicht kränken, Meister. Sie haben mich anständig -behandelt; ich glaube, Sie sind weiß und rein und meinen es -ehrlich. Ich habe Gefallen an Ihnen gefunden und jeden, der -Sie nicht liebt, will ich durchbläuen, daß er das Aufstehen vergißt. -Da, schlagen Sie ein!«</p> - -<p>Er schüttelte dem Pfarrer abermals herzlich die Hand und -fort war er.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das Leichenbegängnis fiel ganz so aus, wie die Jungens -es sich wünschten. Eine solche Trauerfeier hatte Virginia noch -nie erlebt. Alle Geschäfte waren geschlossen, die Blasinstrumente -ließen Totenlieder erklingen, die Bahre war schwarz verhängt, -die Fahnen auf Halbmast. Bei dem Trauergefolge sah man -lange Züge von Militärpersonen, Feuerwehrleuten, Mitglieder -geheimer Gesellschaften in Uniform, umflorte Feuerspritzen, Wagen -mit Vertretern von Behörden, Bürger in allerlei Fuhrwerken und -zu Fuß. Das großartige Gepränge zog Scharen von Zuschauern -herbei, von denen die Straßen, Fenster und Dächer wimmelten. -Noch lange Jahre nachher kannte man keinen andern Maßstab -für die Pracht und Größe einer öffentlichen Schaustellung in -Virginia, als den Vergleich mit Buck Fanshaws Begräbnis.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[183]</span></p> - -<p>Scotty Briggs ging als einer der Hauptleidtragenden hinter -dem Sarge. Als die Leichenrede zu Ende war und das letzte -Gebet für die Seele des Toten verhallt, sagte er mit leiser -Stimme und tiefem Gefühl: »Amen. Irländer sind ausgeschlossen.« -Dies war des Verstorbenen Lieblingsredensart gewesen und -wahrscheinlich wiederholte sie Scotty in diesem Augenblick nur -zum ehrenden Gedächtnis für seinen abgeschiedenen Freund.</p> - -<p>In späteren Jahren zeichnete sich Scotty Briggs dadurch -aus, daß er der einzige unter den Raufbolden Virginias war, -der sich für religiöse Belehrung zugänglich erwies. Der Mann, -welcher sich aus eigenem Antrieb und angeborenem Edelmut stets -der Sache der Schwächeren gegen ihre Feinde angenommen hatte, -war gar kein ungeeignetes Glied für die Christengemeinde. Er -fand als solches Gelegenheit, die Großmut und Unerschrockenheit -seines Charakters auf einem weiteren, fruchtbringenden Felde zu -bethätigen. Die Kinder, welche er in der Sonntagsschule unterrichtete, -machten raschere Fortschritte als alle übrigen, was gar -nicht zu verwundern war, denn er redete mit den kleinen Sprößlingen -der Bergleute in einer Sprache, die sie verstanden.</p> - -<p>Noch einen Monat vor seinem Tode hatte ich das Glück, -zu hören, wie er seiner Klasse die schöne Geschichte von Joseph -und seinen Brüdern aus dem Kopf erzählte, ohne dabei ins Buch -zu sehen. Ich überlasse es dem Leser, sich einen Begriff von -dem Eindruck zu machen, den sie aus dem Munde des eifrigen -Lehrers auf die kleinen Schüler hervorbrachte. Sie lauschten -seinen Worten in atemloser Spannung und weder er noch sie -schienen sich im geringsten bewußt, daß der biblischen Erzählung -Gewalt angethan, ihre Heiligkeit entweiht, oder überhaupt ein -Verstoß gegen die althergebrachte Sitte begangen werde.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[184]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Die_angesehensten_Buerger-Schwurgerichte">Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">In den ersten sechsundzwanzig Gräbern des Kirchhofs von -Virginia sind die Leichen von Ermordeten bestattet. Das -sagte und glaubte man wenigstens allgemein. Das gewaltthätige -Element herrscht in jedem neuen Bergwerksdistrikt vor; erst wenn -einer ›seinen Mann getötet‹ hatte, wie die Redensart lautet, -konnte er sich Achtung verschaffen. Mord und Totschlag waren -daher an der Tagesordnung. Bei einem fremden Ankömmling -fragte man nicht danach, ob er geschickt, ehrlich und arbeitsam -sei, sondern, ob er schon ›seinen Mann getötet‹ habe. War dies -nicht der Fall, so sank er zu der ihm gebührenden niedrigen -Stellung herab, aus der er sich mit unbefleckten Händen nur -mühsam emporarbeiten konnte. Ein Totschläger dagegen wurde, -je nach der Zahl seiner Opfer, mit mehr oder weniger Herzlichkeit -bewillkommnet und jeder beeilte sich, seine Bekanntschaft -zu machen. Kein Wunder daher, daß so viele strebten, diesen -Ruhm zu erwerben. Ich habe selbst zwei junge Leute gekannt, -die nur zu diesem Zweck, ohne irgend welche Herausforderung, -den Versuch machten, ›ihren Mann zu töten‹ und selbst dabei -ums Leben kamen.</p> - -<p>Eine Zeitlang standen in Nevada der Anwalt, der Bankier, -der Herausgeber der Zeitung, der stärkste Raufbold, der glücklichste -Spieler und der Schenkwirt in gleichem Ansehen und<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[185]</span> -nahmen die höchste gesellschaftliche Stellung ein. Wer ein einflußreiches -Glied der Gemeinde werden wollte, für den gab es -kein wohlfeileres und sichereres Mittel, als mit einer diamantenen -Busennadel im Vorhemd hinter dem Schenktisch zu stehen und -Whisky zu verkaufen. Der Schenkwirt besaß eine große Macht -über die Gemüter; von ihm hing zumeist der Ausfall der Wahlen -ab, und ohne seine Unterstützung und Leitung kam kein wichtiges -Unternehmen zustande. Wenn der vornehmste Schenkwirt sich -herabließ, ein obrigkeitliches Amt anzunehmen oder in den Gemeinderat -zu treten, so galt das als eine große Gunst. Daher -war denn auch meist der Ehrgeiz der Jugend nicht darauf gerichtet, -einen hohen Posten bei der Verwaltung, in der Flotte -oder im Heer zu bekleiden, sondern Besitzer einer Schenkwirtschaft -zu werden.</p> - -<p>Zur höchsten Berühmtheit gelangte also, wer Schenkwirt -war und ›seinen Mann getötet‹ hatte. Der Mörder entging -meist der ihm gebührenden Strafe, wozu hauptsächlich die Bestimmung -beitrug, daß ein Geschworener über den zu verhandelnden -Fall in gänzlicher Unwissenheit sein muß, zuvor weder -etwas davon gehört, noch gelesen, auch nicht öffentlich seine -Meinung geäußert haben darf. In unserm Jahrhundert der -Zeitungen und Telegraphen schloß man hierdurch von vornherein -jeden gebildeten, rechtschaffenen und verständigen Mann von der -Geschworenenbank aus und machte die Schwurgerichte oft zu -einem traurigen Possenspiel.</p> - -<p>Mir ist ein derartiges Beispiel erinnerlich: Herr B., ein -wackerer Bürger, war von einem bekannten Raufbold in übermütiger -Laune kalten Blutes umgebracht worden. Natürlich -waren alle Tagesblätter voll davon, wer lesen konnte, las die -Berichte, wer nicht taub, stumm oder blödsinnig war, sprach -darüber. Als es zur Wahl der Geschworenen kam, verwarf -man alle tüchtigen, klugen und redlichen Männer; ein sehr angesehener<span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[186]</span> -Bankier, ein allgemein beliebter Prediger, ein Kaufmann -von anerkannt rechtschaffenem Charakter, der hochachtbare -Besitzer einer Quarzgrube, ein Bergwerksdirektor, der den besten -Ruf genoß – sie alle wurden von der Liste gestrichen. Jeder -einzelne von ihnen versicherte zwar, daß die umlaufenden Gerüchte -und Zeitungsartikel sein Urteil nicht dergestalt beeinflußt -hätten, daß er außer stande sei, sich auf Grund der Thatsachen -und beschworenen Zeugenaussagen eine eigene Ueberzeugung zu -bilden, aber das blieb unberücksichtigt. Die Männer waren -sämtlich untauglich, da nur völlige Unwissenheit den Geschworenen -befähigte, einen gerechten Wahrspruch zu fällen.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-185"> - <img src="images/illu-185.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Nachdem alle zuerst einberufenen verworfen waren, wählte -man zwölf Ersatzmänner, welche beschworen, daß sie von dem -Mord, den sich die Indianer der Steppe erzählten und die Steine -auf der Gasse zuraunten, weder etwas gehört, noch gelesen, auch<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[187]</span> -nicht darüber gesprochen und ihre Ansicht geäußert hätten. Diese -Jury bestand aus zwei Raufbolden, zwei gemeinen Bierbrüdern, -drei Schenkwirten, zwei Rancheros, die nicht lesen konnten, und -drei Eseln in Menschengestalt, denen -die einfachsten Begriffe abgingen. -Natürlich verneinten sie die Schuldfrage, -das ließ sich nicht anders -erwarten.</p> - -<div class="figright" id="illu-186"> - <img src="images/illu-186.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Wenn man Nevada in seiner -›flotten Zeit‹ schildern und dabei -Mord und Totschlag unerwähnt -lassen wollte, so könnte man ebenso -gut bei einem Bericht über das -Mormonentum die Vielweiberei mit -Stillschweigen übergehen. Gewaltthätigkeiten -waren etwas Alltägliches; -der Raufbold stolzierte mit -prahlerischer Großthuerei durch die -Straßen und wenn er einem seiner -bescheidenen Bewunderer vertraulich -zunickte, so beglückte diesen der -Gruß des berühmten Mannes für -den Rest des Tages. In seinem -langschößigen Ueberrock, der bis -auf die glänzenden Stulpenstiefel -herabhing, den Schlapphut auf -dem linken Ohr, kam er den Bürgersteig dahergegangen und die -kleinen Straßenlümmel machten Seiner Majestät ehrerbietigst -Platz. Trat er in eine Trinkstube, so ließ der Kellner die Beamten -und Kaufleute warten, um sich ihm dienstfertig zu erweisen. -Wer bei dem Gedränge am Schenktisch Ellenbogenstöße -von ihm erhielt, sah sich wohl zornig um, bat aber um Entschuldigung,<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[188]</span> -sobald er ihn erkannt hatte. Zum Dank dafür -ward ihm dann ein Blick zu teil, bei dem ihm das Blut in den -Adern erstarrte. Der Schenkwirt aber eilte strahlenden Angesichts -herbei, um den hohen Gast zu befriedigen, auf dessen -Kundschaft er stolz war.</p> - -<p>Die Namen dieser langschößigen Revolverhelden waren die -berühmtesten im ganzen Territorium; Redner, Präsidenten, -Kapitalisten und Gesetzgeber genossen, im Vergleich mit ihnen, -nur ein mäßiges Ansehen. Leute, wie Sam Brown, Jack -Williams, Billy Mulligan, Pächter Bease, den pockennarbigen -Jack, den sechsfingerigen Peter u. a. m., kannte man weit und -breit; ich könnte eine lange Liste aufzählen. Es waren furchtbare, -übermütige Gesellen, die tollkühn jeder Gefahr trotzten.</p> - -<p>Um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich noch -erwähnen, daß sie sich meist unter einander rauften und totschlugen, -die friedlichen Bürger aber nur selten belästigten. -Einem Menschen das Leben zu nehmen, der nicht zum ›Schützenwild‹ -gehörte, wie sie es nannten, und dessen Tod keine neue -Perle in ihrem Ruhmeskranz bedeutet hätte, galt für unter ihrer -Würde. Sie brachten sich gegenseitig bei dem geringfügigsten -Anlaß um und jeder von ihnen hoffte und wartete auch seinerseits -auf ein gewaltsames Ende, da es fast für eine Schande -galt, anders als ›in den Stiefeln‹ zu sterben.</p> - -<p>Daß ein Raufbold es als zu leichte Beute verschmähte, -einer Privatperson den Garaus zu machen, davon habe ich selbst -ein Beispiel erlebt. Ich saß einmal spät beim Abendessen in -einem Speisehaus mit zwei Berichterstattern und einem kleinen -Buchdrucker, den ich Brown nennen will – der Name thut -nichts zur Sache. Bald darauf trat ein langschößiger Fremder -ein und nahm Platz, ohne Browns Hut zu bemerken, der auf -dem Stuhle lag. Als der Kleine sofort aufsprang und zu -schimpfen begann, lächelte der Fremde nur spöttisch, glättete den<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[189]</span> -Hut wieder und erging sich in wortreichen Entschuldigungen, -indem er Brown mit beißendem Hohn beschwor, ihm nicht das -Lebenslicht auszublasen. Dieser entledigte sich auf der Stelle -seines Rockes und forderte den Gegner zum Kampf heraus, er -drohte ihm, überhäufte ihn mit Schmähungen, äußerte Zweifel -an seinem Mut, ja, endlich flehte er ihn sogar an, sich mit ihm -zu schlagen. Noch immer spöttisch lächelnd, bat uns der Fremde -zuerst, in scheinbarer Angst, um unsern Schutz; dann sagte er, -plötzlich ernst werdend:</p> - -<p>»Nun, wenn Sie denn durchaus darauf bestehen, so wollen -wir meinetwegen kämpfen. Aber, ich bitte Sie, meine Herren, -stürzen Sie sich nicht blindlings in die Gefahr, um hernach zu -klagen, daß ich Sie nicht gewarnt hätte. Ich kann es mit Ihnen -allen zusammen aufnehmen, wenn ich erst einmal loslege. Das -will ich Ihnen beweisen, und beharrt mein Freund hier dann -noch auf seinem Willen, so soll er ihn haben.«</p> - -<p>Der Tisch, an welchem wir saßen, war fünf Fuß lang -und ungewöhnlich plump und schwer. Der Fremde sagte, wir -möchten das Geschirr einen Augenblick festhalten – in einer -der Schüsseln lag ein großer Braten. Dann setzte er sich an -ein Ende des Tisches, hob es in die Höhe, stellte zwei von den -Beinen auf seine Knie, nahm die Tischplatte zwischen die Zähne, -und brachte so, ohne die Hände zu gebrauchen, den Tisch mit -sämtlichem Gerät darauf in eine wagerechte Linie. Nach dieser -Kraftprobe teilte er uns ferner mit, er könne ein Faß voll Nägel -mit den Zähnen aufheben, auch biß er aus einem gewöhnlichen -Trinkglas ein halbkreisförmiges Stück heraus. Dann zeigte er -uns noch auf seiner nackten Brust ein ganzes Netzwerk vernarbter -Stich- und Schußwunden und eine gleiche Menge auf -seinen Armen und im Gesicht, wobei er uns versicherte, er habe -so viele Kugeln im Leibe, daß man eine ganze Kanone daraus -gießen könne. Schließlich nannte er uns seinen Namen, bei<span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[190]</span> -dessen gefürchtetem Klang uns angst und bange wurde; ich getraue -mich nicht, ihn zu veröffentlichen, denn der Mann könnte -kommen und mich in Stücke hauen. Als er zuletzt Brown -fragte, ob ihn noch immer nach seinem Blute gelüste, überlegte -dieser sich die Sache einen Augenblick und dann bat er ihn – -mit uns zu Nacht zu speisen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[191]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Der_grosse_Zeitungsroman">Der große Zeitungsroman.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Als es in unserer ›flotten Zeit‹ am herrlichsten zuging, -stand auch das Laster im vollsten Flor. Die Branntweinschenken -waren überfüllt, desgleichen die Polizeiämter, die -Spielhöllen, die Freudenhäuser und die Gefängnisse – ein -sicheres Zeichen höchsten Gedeihens in einer Bergwerksgegend – -vielleicht auch an andern Orten – denn es beweist, daß der -Handel nicht stockt und nirgends Mangel an Geld ist. Nun -fehlte zum Höhepunkt unseres Glanzes nur noch <em class="gesperrt">ein</em> Ereignis, -das gewöhnlich zuletzt kommt, dann aber auch die Herrschaft -der flotten Zeit außer aller Frage stellt, nämlich das Erscheinen -eines Unterhaltungsblattes. Die neu gegründete ›Wochenschrift -des Westens‹ beschäftigte sämtliche litterarisch begabte Persönlichkeiten -Virginias als Mitarbeiter und Herr F., ein echter Held -der Feder, war der Herausgeber.</p> - -<p>Wir erwarteten große Dinge von unserer Wochenschrift, -aber natürlich mußten wir, um sie in Fluß zu bringen, vor -allem einen Originalroman haben, zu dessen Abfassung denn -auch sofort die besten Kräfte der Gesellschaft aufgeboten wurden. -Frau F., eine begabte Schriftstellerin aus der ›Schule der Ueberschwenglichen‹, -die sich für Tugend und erhabene Gefühle begeistern, -schrieb das erste Kapitel. Sie ließ darin eine reizende -blonde Unschuld auftreten, die das Menschenmögliche an Vollkommenheit<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[192]</span> -leistete und nur für Blumen und Verse schwärmte. -Auch ein junger, französischer Herzog ward den Lesern vorgestellt, -ein Muster der feinsten Bildung, der dem blonden Fräulein -sein Herz geschenkt hatte. In der folgenden Woche führte -Herr F. einen redegewandten Rechtsgelehrten ein, welcher trachtete, -des Herzogs Güter und Geschäfte in Verwirrung zu bringen, -ferner eine geistvolle junge Dame aus der höchsten Gesellschaft, -die den Herzog zu fesseln suchte und der blonden Unschuld die -Eßlust benahm.</p> - -<p>Der Verfasser des dritten Kapitels war Herr D., der düsterblickende, -blutdürstige Redakteur für Tagesneuigkeiten; er brachte -einen geheimnisvollen Rosenkreuzer zum Vorschein, der die Geldmacherei -betrieb, um Mitternacht in einer Höhle Beratungen -mit dem Teufel pflog und den Helden und Heldinnen das Horoskop -stellte. Dabei sagte er Verwickelungen und Unglücksfälle -in Menge für die Zukunft voraus, was die Gemüter in eine -schauerliche Spannung versetzte. Auch einen maskierten, melodramatischen -Bösewicht ließ er auftreten, der um blutigen Sold, -in seinen Mantel gehüllt, dem Herzog bei nächtlichem Dunkel -mit einem vergifteten Dolch auflauern sollte; ferner einen Irländer, -der als Kutscher im Dienst bei der vornehmen Dame -stand, nur im Dialekt sprach und als Ueberbringer von Liebesbriefchen -an den Herzog verwendet wurde.</p> - -<p>Nun traf um diese Zeit ein Fremder in Virginia ein, -welcher litterarische Neigungen und ausschweifende Sitten hatte; -er sah etwas schäbig aus, schien aber sehr still und anspruchslos. -Sein Wesen war so sanft und freundlich und sein Benehmen – -mochte er betrunken sein oder nüchtern – so angenehm und -rücksichtsvoll, daß, wer mit ihm in Berührung kam, ihm wohlgesinnt -sein mußte. Da er um litterarische Arbeit bat und hinlängliche -Beweise beibrachte, daß er eine leichte und wohlgeübte -Feder führte, beauftragte ihn Herr F., uns bei der Abfassung<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[193]</span> -des Romans zu helfen. Er sollte das nächste Kapitel schreiben -und dann kam meines an die Reihe.</p> - -<p>Kaum war dies beschlossen, so hatte der Unglücksmensch -nichts Eiligeres zu thun, als sich zu betrinken, in sein Quartier -zu gehen und sich an die Arbeit zu machen, während in seinem -Hirn noch der wüsteste Wirrwarr herrschte. Die Folgen kann -man sich denken. Er überflog die Kapitel seiner Vorgänger, -fand genug handelnde Personen darin, die ihm gefielen, und beschloß, -keine neuen mehr auftreten zu lassen. Mit der heitern -Zuversicht, welche der Branntwein seinen Jüngern verleiht, begann -er dann in glücklichem Selbstvertrauen sein Werk. Er -verheiratete den Kutscher mit der Dame aus der höchsten Gesellschaft, -um Skandal zu erregen; dem Herzog gab er die Stiefmutter -der blonden Unschuld zur Gattin, das sollte Aufsehen -machen; dem Bösewicht verweigerte er den bedungenen Lohn; -zwischen dem Teufel und dem Rosenkreuzer schuf er ein Mißverständnis -und spielte des Herzogs Güter dem schlauen Advokaten -in die Hände. Letzterer mußte sich dann aus Gewissensbissen -dem Trunke ergeben, in Delirium Tremens verfallen und -sich das Leben nehmen; hierauf brach der Kutscher den Hals, -seine Witwe versank in Armut, Kummer und Not und bekam -die Schwindsucht; die Blondine ertränkte sich und ließ mit ihren -Kleidern am Ufer einen Zettel zurück, worin sie dem Herzog -verzieh und die Hoffnung aussprach, er möchte glücklich sein. Der -Herzog erkennt nun an dem herkömmlichen Muttermal in Form -einer Erdbeere, daß er seine tot geglaubte Mutter geehelicht und -seine längst verlorene Schwester in den Tod getrieben hat. Herzog -und Herzogin nehmen sich darauf selbst das Leben, um der -poetischen Gerechtigkeit Genüge zu thun; die Erde öffnet sich und -verschlingt den Rosenkreuzer unter Donner, Blitz und Schwefelgeruch. -Schließlich endigt der Verfasser mit dem Versprechen, -daß er im nächsten Kapitel eine allgemeine Leichenschau halten,<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[194]</span> -die noch überlebenden Charaktere einer Musterung unterziehen -und dem geneigten Leser mitteilen werde, was aus dem Teufel -geworden sei.</p> - -<div class="figleft" id="illu-193"> - <img src="images/illu-193.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Das alles las sich merkwürdig glatt und war mit solcher -Ernsthaftigkeit geschrieben, daß es einem fast den Atem benahm. -Die Mitarbeiter an dem Roman gerieten jedoch darüber in die -höchste Wut und es entstand ein unbeschreiblicher Aufruhr. Als -der Strom von Schmähungen -über den sanften Fremdling -hereinbrach, welcher noch halb -im Rausch war, blickte er seine -Widersacher der Reihe nach -schüchtern und verwirrt an, ohne -begreifen zu können, was er -eigentlich verbrochen habe. Endlich -trat nach dem Sturm eine -Windstille ein und er konnte zu -Worte kommen. In leise flehendem -Ton sagte er, was er geschrieben, -sei ihm nicht mehr -recht erinnerlich, doch habe er -sich gewiß alle Mühe gegeben, -um den Roman nicht nur spannend -und unterhaltend, sondern auch glaubwürdig, belehrend -und – man ließ ihn nicht ausreden; von allen Seiten ward -er belagert und angefallen, mit Vorwürfen überhäuft und wegen -seiner Behauptungen ins Lächerliche gezogen und zu nichte gemacht. -Bei jedem Versuch, seine Widersacher zu besänftigen, -goß der Fremde nur Oel ins Feuer; erst als er vorschlug, das -Kapitel noch einmal zu schreiben, stellte man die Feindseligkeiten -ein, die Entrüstung legte sich, es wurde Friede geschlossen und -der Besiegte trat den Rückzug nach seiner eigenen Festung an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[195]</span></p> - -<p>Allein, ehe er dorthin gelangte, unterlag er der Versuchung -aufs neue, er betrank sich abermals und seine Phantasie verlor -Zaum und Zügel. Nun warf er seine Helden und Heldinnen -noch wilder durcheinander als das erstemal, aber auch dieses -Machwerk trug wieder den Stempel der ehrlichsten Gesinnung -und größten Zuverlässigkeit. Alle handelnden Personen gerieten -in die ungewöhnlichste Lage und mußten ganz erstaunliche Dinge -sagen und thun. Was der Verfasser alles vorbrachte, läßt sich -nicht beschreiben, die Abgeschmacktheit war bis auf die Spitze -getrieben und der Blödsinn in ein System gebracht. Auch erklärende -Randbemerkungen waren beigefügt, die dem Text an -Seltsamkeit nichts nachgaben.</p> - -<p>Als Beispiel des Ganzen will ich nur eine Episode mitteilen, -die mir erinnerlich ist: Der Anwalt hatte seinen Charakter -verändert, er war ein hochherziger, prächtiger Mensch geworden, -der Ruhm und Geld besaß und dreiunddreißig Jahre zählte. -Die blonde Unschuld entdeckte mit Hilfe des Rosenkreuzers, daß -der Herzog sie nur um ihres Reichtums willen zu besitzen trachte, -eigentlich aber der Dame aus der höchsten Gesellschaft zugethan -sei. Bis ins Innerste verwundet, riß sie die Liebe zu ihm aus -ihrem Herzen und goß die ganze Fülle derselben über den Anwalt -aus, bei welchem sie ebenso feurige Erwiderung fand. -Allein die Eltern erhoben Einspruch; sie wollten einen Herzog -zum Schwiegersohn und waren nicht davon abzubringen, wiewohl -sie zugaben, daß ihnen nächst dem Herzog der Anwalt am -liebsten sei. Da nun aber die Blondine zu kränkeln begann, -erschraken die Eltern und beschworen sie, doch den Herzog zu -heiraten; alles Zureden war aber umsonst, sie fuhr fort dahinzuwelken. -Unter den Umständen hielten die Eltern es für das -beste ihr zu sagen, daß, wenn sie nach Jahresfrist noch dabei -beharre, den Herzog zu verschmähen, so solle sie mit ihrer Einwilligung -des Anwalts Gattin werden. Bei dieser Aussicht<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[196]</span> -färbten sich des Mädchens Wangen wieder und mit der Hoffnung -kehrte auch die Gesundheit zurück. Das hatte man erwartet -und schritt nun rasch zur Ausführung eines bereits gefaßten -Planes. Der Hausarzt mußte der Blondine zur völligen Wiedergenesung -eine weite Reise zu Wasser und Land verschreiben, an -welcher der Herzog teilnehmen sollte. Die Eltern rechneten darauf, -daß des Herzogs stete Gegenwart und des Anwalts Abwesenheit -alles zum guten Ende führen werde; denn den Anwalt -hatten sie nicht eingeladen.</p> - -<p>Sie schifften sich auf einem Dampfer nach Amerika ein; -als aber am dritten Tage die Seekrankheit nachließ und sie zum -erstenmal bei der Mittagstafel erschienen, da fanden sie zu ihrem -Schrecken den Anwalt gemütlich bei Tische sitzen. Das war eine -große Verlegenheit, allein der Herzog und seine Reisegesellschaft -setzten sich darüber hinweg so gut sie konnten und die Fahrt -ging weiter. Etwa zweihundert Meilen von der amerikanischen -Küste geriet das Schiff jedoch in Brand; Takelwerk und Masten -wurden von den Flammen verzehrt und von der Mannschaft -und den Passagieren blieben nur dreißig am Leben, darunter -unsere Freunde. Sie trieben einen halben Tag und die ganze -Nacht umher, bis am Morgen zwei Walfischfahrer erschienen -und Boote aussetzten. Das Wetter war stürmisch und die Einschiffung -verursachte große Verwirrung und Aufregung. Der -Anwalt that seine Pflicht mit Mannesmut, er half der fast -ohnmächtigen Blondine, ihren Eltern und andern seiner Leidensgefährten -in das Boot (der Herzog stieg allein hinunter). In -diesem Augenblick fiel am andern Ende des Wracks ein Kind -ins Wasser, der Anwalt vernahm das Wehgeschrei der Mutter, -eilte zu Hilfe und zog im Verein mit andern Rettern das Kind -aus den Fluten. Dann lief er zurück, aber es war zu spät – -das Boot mit der Blondine war schon abgestoßen. Der Anwalt -mußte das zweite Boot besteigen und wurde von dem andern<span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[197]</span> -Schiff aufgenommen. Die Wut des Sturmes wuchs, er trieb -die Schiffe ins Weite und bald verloren sie einander aus dem -Gesicht. Als sich drei Tage später der Wind legte, befand sich -das Schiff mit der Blondine siebenhundert Meilen nördlich von -Boston und das andere Schiff etwa siebenhundert Meilen südlich -von diesem Hafen. Der Kapitän der Blondine ging im Norden -des Atlantischen Ozeans auf den Walfischfang und der Kapitän -des Anwalts hatte Befehl, im Norden des Stillen Ozeans -zu kreuzen.</p> - -<p>Fast ein Jahr war vergangen; das eine Schiff befand sich -an der Grönländischen Küste, das andere in der Behringsstraße. -Der Blondine hatte man eingeredet, daß der Anwalt über Bord -gespült worden sei, als er gerade ins Boot steigen wollte. Allmählich -begann sie den Bitten des Herzogs und ihrer Eltern -Gehör zu geben und sich mit dem Gedanken an die verhaßte -Heirat vertraut zu machen. Doch beharrte sie fest darauf, daß -die einmal bestimmte Frist eingehalten werde. Der Zeitpunkt -rückte immer näher und schon begann man an Bord Vorbereitungen -zu der Hochzeit zu treffen, die mitten unter Eisbergen -und Walrossen gefeiert werden sollte. Nur noch fünf Tage, -dann war alles vorüber. Die Blondine bedachte das mit Seufzen -und Weinen. O, wenn der Geliebte ihres Herzens noch lebte, -warum eilte er nicht zu ihrer Rettung herbei? –</p> - -<p>Ach, er vermochte es nicht, denn er war in diesem Augenblick -in der Behringsstraße. Fünftausend Meilen betrug ihre -Entfernung von einander quer durch das nördliche Eismeer gemessen -und zwanzigtausend Meilen um das Kap Horn herum. -Da des Anwalts sämtliche Habe in dem andern Boot geblieben -war, hatte er Schiffsdienste thun müssen, um seinen Unterhalt -zu verdienen, und war gerade beschäftigt, einen Walfisch anzuspießen. -Er schleuderte die Harpune mit aller Kraft, verfehlte -jedoch sein Ziel, glitt aus und fiel dem Walfisch in den offenen<span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[198]</span> -Schlund. Fünf Tage blieb er besinnungslos in des Walfischs -Bauch; als er wieder zu sich kam, sah er das Tageslicht durch -ein Loch hereinströmen, welches sich im Rücken des Fisches befand. -Die Mannschaft vom Schiff der Blondine hatte den Walfisch -erlegt; der Anwalt kletterte heraus und überraschte die -Matrosen, als sie gerade den Speck des getöteten Tieres am -Schiffsrand hinaufwanden. Er fragte nach dem Namen des -Schiffes, eilte an Bord, traf die Hochzeitsgesellschaft am Traualtar -und rief mit Donnerstimme: »Halt, nicht weiter – hier -bin ich! Komm in meine Arme, Geliebte!« –</p> - -<p>In den Anmerkungen, welche dieser erstaunlichen litterarischen -Leistung beigefügt waren, suchte der Verfasser zu beweisen, -daß der Vorgang keineswegs außerhalb des Bereichs -der Möglichkeit liege. Zum Beweis, daß ein Walfisch imstande -sei, in fünf Tagen von der Behringsstraße nach der Küste von -Grönland zu schwimmen, führte er einen ähnlichen Vorgang -aus einem Buch von Charles Reade an, und dafür, daß ein -Mensch im Bauche eines Walfischs leben könne, lieferte ihm das -Abenteuer des Propheten Jonas ein allbekanntes Beispiel. Habe -ein Prophet es drei Tage darin ausgehalten, so würde ein Anwalt -es sicherlich fünf Tage ertragen, ohne Schaden zu nehmen.</p> - -<p>Der Sturm, der sich nun im Redaktionszimmer erhob, -tobte wilder als zuvor; man warf dem Fremden sein Manuskript -an den Kopf und jagte ihn mit Schimpf und Schande -davon. Inzwischen waren die Angelegenheiten durch seine -Schuld so sehr verzögert worden, daß keine Zeit mehr blieb, -ein neues Kapitel zu schreiben und so kam das Blatt diese -Woche ohne Roman heraus. Der Umstand erschütterte das -Vertrauen des Publikums in die ›Wochenschrift des Westens‹ -vermutlich so sehr, daß sie ihr gequältes Dasein nur noch -mühsam weiter fristete und bevor die nächste Nummer die Presse -verließ, eines stillen und friedlichen Todes starb.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[199]</span></p> - -<p>Mit Hilfe eines ansprechenden Titels hoffte man noch mit -dem Blatt einen Wiederbelebungsversuch anstellen zu können. -Herr F. schlug vor, es den ›Phönix‹ zu nennen, um anzudeuten, -daß es aus der Asche in ungeahntem Glanze erstehen werde; -statt dessen wählte man jedoch auf Anraten eines schlauen Kopfes -den Namen ›Lazarus‹. Da nun aber die Leser in der biblischen -Geschichte wenig bewandert waren und den vom Tode erweckten -Lazarus mit dem elenden, kranken Bettler verwechselten, der -vor des Reichen Thüre lag, wurde der Name zum Gespött in -der ganzen Stadt und das brach dem Unternehmen vollends -den Hals.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[200]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Belehrendes">Belehrendes.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Ich erlaube mir, den geneigten Leser im voraus zu benachrichtigen, -daß ich in diesem Kapitel einige statistische Bemerkungen -zu machen gedenke, damit er es überschlagen kann, -wenn er will.</p> - -<p>Im Jahre 1863, zur Zeit unseres höchsten Glanzes, glich -Virginia einem wahren Bienenstock, so schwärmte es darin von -Menschen und Wagen, doch ließ sich das von ferne schwer erkennen, -da die Stadt im Sommer meist in eine dichte Wolke -Alkalistaub eingehüllt war. Fuhr man zehn Meilen weit in -diesem Staub dahin, so wurden Pferde und Menschen mit einer -eintönig blaßgelben Kruste überzogen und im Wagen lag der -Staub mindestens drei Zoll hoch, da ihn die Räder aufwühlten -und hineinwarfen. Dabei ist dieser Alkalistaub so fein, daß er -sogar in das luftdicht verschlossene Glasgehäuse eindringt, in -welchem der Wardein seine äußerst empfindlichen Probierwagen -aufbewahrt, deren Genauigkeit dadurch beeinträchtigt wird.</p> - -<p>Es war damals die Zeit der gewagtesten Spekulationen, -doch wurden auch solide Geschäfte in Menge abgeschlossen und -es herrschte der großartigste Handelsverkehr. Von Kalifornien -aus schaffte man alle Frachtgüter in ungeheuren Wagen über -das Gebirge, denen oft eine so lange Reihe von Maultieren -zum Vorspann diente, daß es ganz den Anschein hatte, als reiche<span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[201]</span> -der große Wagenzug, wie eine endlose Prozession, von Virginia -nach Kalifornien hinüber. An dem aufgewirbelten Staub, der -sich gleich einer ungeheuren Schlange durch die Wüstengegend -wälzte, ließ sich die Richtung der Handelsstraße in dem Territorium -leicht erkennen.</p> - -<p>Die Lasten wurden die ganze Strecke von hundertfünfzig -Meilen auf Transportwagen für den Preis von 100 bis 200 -Dollars das Tonnengewicht (2000 Pfd.) nach dem Ort ihrer -Bestimmung befördert. Eine einzige Firma in Virginia erhielt -monatlich 100 Tonnen Fracht und bezahlte dafür 10,000 Dollars. -Im Winter stiegen die Preise noch bedeutend. Alles Edelmetall -wurde in Barren mit der Post nach San Francisco geschafft. -Ein solcher Barren war meist doppelt so groß wie eine Mulde, -wie sie beim Bleiguß benützt wird, und zwischen 1500 und 3000 -Dollars wert, je nach der Menge Goldes, die sich im Silber -vorfand. Bei größeren Sendungen belief sich der Frachtsatz auf -Fünfviertel Dollars für hundert Dollars des wirklichen Metallwerts, -bei kleineren auf zwei Dollars. Die Fracht für einen -Barren betrug daher im Durchschnitt etwas über 25 Dollars. -Es gingen täglich drei Posten hin und her und ich habe oft gesehen, -daß die nach Kalifornien bestimmten Postwagen eine Drittel-Tonne -in Silberbarren mitnahmen; manchmal teilten die drei -Wagen sogar eine Last von zwei Tonnen unter sich, doch waren -das nur Ausnahmefälle. Zwei Tonnen Rohsilber machten etwa -40 Barren aus, deren Fracht über 1000 Dollars kostete. Außerdem -wurde mit jeder Postkutsche noch viel gewöhnliche Fracht -befördert und zwischen fünfzehn bis zwanzig Passagiere, welche -ein Personengeld von 25 und 30 Dollars bezahlten.</p> - -<p>Die Firma Wells, Fargo und Co., in deren Händen der -Postverkehr mit Virginia City lag, hatte demnach einen sehr -bedeutenden und einträglichen Geschäftsbetrieb. In anderthalb -Jahren wurden, wie mir der langjährige Agent der Firma,<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[202]</span> -Valentin, mitteilte, Silberbarren im Wert von 5,330,000 -Dollars befördert.</p> - -<p>Von Virginia und Gold Hill aus erstreckt sich in einer Länge -von mehreren Meilen die große <span id="corr202a">Combstock</span>-Mine, eine Metallader -von fünfzig bis achtzig Fuß Dicke, welche in Felswände eingeschlossen -ist. Die Ader ist so breit wie manche Straße von -New York. Will man sich einen Begriff davon machen, was -das heißt, so braucht man nur zu bedenken, daß in Pennsylvanien -ein acht Fuß breites Kohlenlager schon für bedeutend -gilt.</p> - -<p>Außer dem Virginia über der Erde, einer geschäftigen Stadt -mit vielen Straßen und Häusern, gab es demnach noch eine -andere, unterirdische Stadt, in der eine zahlreiche Bevölkerung -aus und ein ging. Hunderte von Menschen sah man sich dort -durch die verworrenen Labyrinthe der Tunnels und Stollen -drängen und beim Schein der unruhig flackernden Grubenlichter -hierhin und dorthin huschen. Über ihren Häuptern erhoben sich -die ungeheuren Balkengerüste, welche die Mauern des ausgehöhlten -<span id="corr202b">Combstocks</span> auseinander hielten; die einzelnen Stützen hatten -Manneslänge und die Grubenzimmerung ging zu so beträchtlicher -Höhe hinauf, daß von unten kein menschliches Auge so weit zu -dringen vermochte und sich ihr Ende im Dunkel verlor; sie war -zwei Meilen lang, sechzig Fuß breit und höher als der höchste -Kirchturm in Amerika. Man kann sich kaum eine Vorstellung -davon machen, was es gekostet haben muß, diesen Wald von -Bauholz in den Tannenforsten jenseits des Washoe-Sees zu -fällen, um ihn für unsinnige Frachtsätze bis nach dem Mount -Davidson zu schaffen, auf dessen Höhe sich Virginia City erhebt, -das Holz dann zuzuhauen, in den Grubenschacht hinabzulassen -und dort zurecht zu zimmern. Wenn zwanzig reiche Kapitalisten -ihr Gesamtvermögen zusammenthäten, so würde das kaum ausreichen, -um die Zimmerung zu bezahlen, welche zu einer einzigen<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[203]</span> -dieser großen Silberminen gehört. Ein spanisches Sprichwort -sagt, man brauche eine Goldgrube zum Betrieb einer Silbergrube -und das ist nur zu wahr. Wer nichts besitzt als ein -Silberbergwerk, weder Mittel hat es auszubeuten noch Gelegenheit -zum Verkauf, der ist der ärmste Bettler von der Welt.</p> - -<p>Ich habe von dem unterirdischen Virginia als von einer -Stadt gesprochen. Um eine Vorstellung davon zu geben, führe -ich nur an, daß die Gould- und Curry-Grube, welche nur <em class="gesperrt">eine</em> -von vielen anderen ist, Stollen und Tunnels in der Länge von -fünf Meilen hatte und 500 Arbeiter beschäftigte. Alles in -allem aber betrug die Länge der Straßen jener unterirdischen -Stadt einige dreißig Meilen und ihre Bevölkerung 5–6000 -Arbeiter. Manche derselben sind in einer Tiefe von 12–1600 -Fuß unter den Häusern von Virginia und Gold Hill im -Innern der Erde beschäftigt und man bedient sich des elektrischen -Stroms, um die Signalglocken anzuschlagen, durch welche der -Grubendirektor ihnen Anweisung bei der Arbeit erteilt. Stürzt -einmal ein Bergmann in einen 1000 Fuß tiefen Schacht hinab, -wie das dort zuweilen vorkommt, so begnügt man sich bei -solchem Fall gewöhnlich damit, die Leichenschau zu halten.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[204]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Von_Virginia_nach_San_Francisco">Von Virginia nach San Francisco.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-n.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Nun war ich lange genug Berichterstatter bei dem ›Enterprise‹ -gewesen und sehnte mich nach Abwechslung. Es -befriedigte mich nicht mehr, jährlich einmal nach Carson City -zu gehen, um über die Gerichtsverhandlungen zu schreiben und -alle drei Monate einmal wegen der Wettrennen und Kürbisausstellungen. -Man hatte nämlich im Washoe-County angefangen, -Kartoffeln und Kürbisse zu bauen; natürlich gehörte -dazu vor allem eine landwirtschaftliche Ausstellung, deren Kosten -10,000 Dollars betrugen, während für 40 Dollars Kürbisse zu -sehen waren.</p> - -<p>Ich wollte irgendwo anders hin, womöglich nach San -Francisco. Was ich eigentlich wollte, wußte ich selber nicht; -ich hatte das ›Frühlingsfieber‹ und brauchte wahrscheinlich eine -Luftveränderung. Wenn die Bergwerksanteile, welche ich besaß, -hunderttausend Dollars wert waren, was nach meiner Ansicht -bald der Fall sein mußte, gedachte ich sie zu verkaufen und -heimzukehren. Zwar war das eine weit geringere Summe, -als ich erwartet hatte, aber füglich konnte ich mich doch anständigerweise -damit begnügen, ohne zu fürchten, in Not zu -geraten.</p> - -<p>Die erste Veränderung verschaffte mir mein Vorgesetzter, -Herr Goodman, welcher auf eine Woche verreiste und mich als<span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[205]</span> -Hauptredakteur zurückließ. Das war mein Verderben. Den -ersten Tag schrieb ich meinen Leitartikel am Morgen. Am -zweiten Tag fehlte mir ein Thema und ich verschob die Arbeit -bis zum Nachmittag, den dritten Tag nahm ich sie erst am -Abend vor und schrieb einen prächtigen Artikel aus der ›Amerikanischen -Encyklopädie‹ ab, die eine getreue Freundin der Redakteure -im ganzen Lande ist. Am vierten Tage trödelte ich -bis Mitternacht und nahm wieder meine Zuflucht zur Encyklopädie. -Am fünften Tage zermarterte ich mir das Hirn und -ließ die Presse warten, bis ich einen erbitterten Ausfall gegen -sechs verschiedene Privatpersonen zu Papier gebracht hatte. -Den sechsten Tag arbeitete ich im Schweiße meines Angesichts -bis tief in die Nacht hinein und doch kam nichts zu stande; die -Zeitung mußte ohne Leitartikel erscheinen. Am siebenten Tage -gab ich es von vornherein auf. Am achten kam Herr Goodman -wieder und fand sich in sechs Duelle verwickelt. Meine erbitterten -Anzüglichkeiten hatten Früchte getragen.</p> - -<p>Nur wer selbst einmal Redakteur gewesen ist, weiß, was -das heißt. Es ist leicht, aus andern Zeitungen Ausschnitte zu -machen oder allerlei Lokalzeug zusammenzuschreiben, wenn man -die Thatsachen vor sich hat, aber es ist unendlich schwer, Leitartikel -zu verfassen. Die Themas sind schuld daran – das -heißt, der häufige Mangel derselben. Tag für Tag plagt und -quält man sich, zerbricht sich den Kopf und leidet namenlos – -die ganze Welt ist öde und leer und doch müssen die Spalten -des Blattes gefüllt werden. Weiß der Redakteur nur, worüber -er schreiben soll, so ist seine Arbeit gethan, den Artikel abzufassen -ist ein Kinderspiel; aber man stelle sich nur einmal vor, -was es heißt, zweiundfünfzig Wochen lang jeden Tag sein -Gehirn auszupumpen – der bloße Gedanke daran ist niederschmetternd. -Was der Redakteur eines Tageblatts in Amerika -im Laufe eines Jahres zusammenschreibt, würde sieben bis acht<span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[206]</span> -dicke Bände füllen, in zwanzig Jahren wäre das eine ganze -Bibliothek. Was will dagegen die Fruchtbarkeit von Schriftstellern -wie Scott, Dickens, Bulwer und Dumas sagen? Ja, -wenn sie so massenhaft produziert hätten wie ein Zeitungsredakteur, -dann könnte man sie wohl mit Recht anstaunen.</p> - -<p>Wie diese Menschen es aushalten, ihre entsetzliche Arbeit -und den ungeheuern Verbrauch von Gehirnsubstanz jahraus -jahrein fortzusetzen, ist unbegreiflich, denn ihre Beschäftigung -besteht nicht etwa in einem mechanischen Zusammentragen von -Thatsachen, sie erfordert schöpferische Kraft. Wenn ein Pfarrer -allwöchentlich zwei Predigten zu schreiben hat, findet er das -auf die Dauer so angreifend, daß er im Sommer zwei Monate -Ferien haben muß. Das ist auch ganz in der Ordnung. Aber -ein Redakteur schreibt über zehn bis zwanzig Texte jede Woche, -zehn bis zwanzig ausführliche Artikel, und fährt das ganze -Jahr hindurch ohne Unterbrechung damit fort – eine unerhörte -Leistung! Seit ich meine Woche als Redakteur überlebt habe, -nehme ich keine Zeitung in die Hand, ohne die langen Spalten -des Leitartikels mit Vergnügen zu betrachten und mich im stillen -zu wundern, wie zum Henker man es nur fertig bringt.</p> - -<p>Herrn Goodmans Rückkehr befreite mich von aller Beschäftigung, -denn Berichterstatter wollte ich nicht wieder werden. -Wie hätte ich auch als Gemeiner in der Armee dienen können, -nachdem ich einmal Feldherr gewesen war? So beschloß ich -denn, die Stadt zu verlassen und in die weite Welt zu gehen.</p> - -<p>Gerade als dies bei mir feststand, erzählte mir mein Kollege -Dan eines Tages beiläufig, er sei von zwei Herren aufgefordert -worden, mit nach New York zu gehen, um ihnen beim Verkauf -einer reichen Silbergrube zu helfen, die sie in einem neuen -Bergwerksdistrikt unserer Gegend entdeckt hatten. Er sollte die -Reisekosten vergütet erhalten und ein Dritteil des bei dem Verkauf -zu erzielenden Gewinns. Dies Anerbieten, welches mir<span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[207]</span> -im höchsten Grade erwünscht gewesen wäre, hatte Dan ausgeschlagen -und als ich schalt, daß er mir nicht früher etwas -von der Sache gesagt habe, war er höchlich verwundert, daß -ich aus Virginia fort wolle; er habe den Herren geraten, sich -an Marshall, den Berichterstatter der andern Zeitung, zu wenden.</p> - -<p>Ich erkundigte mich nun des Näheren bei Dan, ob es sich -auch nicht etwa um einen Schwindel handle und ob die Grube -wirklich und wahrhaftig vorhanden sei, worauf er erwiderte, -die Herren hätten ihm neun Tonnen des Gesteins gezeigt, das -sie mit nach New York nehmen wollten. Er könne getrost versichern, -daß er in ganz Nevada noch keine so erzhaltigen Proben -gesehen habe; auch für das nötige Bauholz und den Platz zur -Errichtung des Pochhammers in der Nähe der Grube sei bereits -Sorge getragen. Als ich das hörte, hätte ich Dan am liebsten -umgebracht, doch stand ich trotz meines Aergers davon ab, denn -vielleicht war noch nicht alle Hoffnung verloren. Dan behauptete -das wenigstens; er sagte, die Herren seien jetzt wieder nach ihrer -Grube gereist und würden frühestens in zehn Tagen zurückkehren. -Er habe versprochen, ihnen nach ihrer Zurückkunft Marshall oder -sonst jemand als Bewerber vorzustellen. Er wolle niemand -weiter etwas von der Sache sagen, bis sie wieder kämen und -dann meine Person in Vorschlag bringen.</p> - -<p>Das war eine herrliche Aussicht. Ich legte mich an jenem -Abend in fieberhafter Aufregung zu Bette. Bisher war es noch -niemand eingefallen, nach dem Osten zu reisen, um eine Silbergrube -in Nevada zu verkaufen. Eine Mine, wie sie Dan beschrieb, -mußte in New York im Handumdrehen Abnehmer finden -und eine fürstliche Summe einbringen. Schlafen konnte ich nicht, -meine Einbildungskraft schwelgte in den glänzendsten Luftschlössern.</p> - -<p>Dan hatte versprochen, genau acht zu geben, wann die -Herren wiederkämen, und so fuhr ich denn am nächsten Tage -frohen Mutes mit der Postkutsche nach Kalifornien ab. Es<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[208]</span> -fehlte auch nicht an den Abschiedsfeierlichkeiten für mich, wie sie -dort bei der Abreise eines alten Bürgers üblich sind. Wenn -man im Westen nur ein halbes Dutzend Freunde hat, so machen -sie Lärm genug für hundert, damit es nur nicht so aussieht, -als würde man ganz vernachlässigt und müßte ohne Sang und -Klang von dannen ziehen.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-207"> - <img src="images/illu-207.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Nicht ohne Bedauern schied ich von der Stadt, in welcher -ich mich meines Lebens gefreut hatte, wie nie zuvor. Mir ahnte -wohl, daß ich der winzigen Flagge für immer Lebewohl sagte, -die nicht größer als das Taschentuch einer Dame von dem -höchsten Gipfel des Mount Davidson herunterwehte, zweitausend -Fuß über den Dächern von Virginia. In Wirklichkeit war die -Fahne dreißig Fuß lang und zehn Fuß breit.</p> - -<p>Wir rollten durch Thal und Ebene dahin, klommen in den -Sierras bis zu den Wolken empor und schauten herab auf Kalifornien -im Sommerkleide. Will man die kalifornische Landschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[209]</span> -im höchsten Reize sehen, so muß man sie aus der Ferne betrachten. -Zwar läßt sich die Erhabenheit und Majestät der Berge -von jedem Standpunkt aus bewundern, erst die Ferne aber verleiht -ihnen reichere Farben und läßt ihre rauhen, zerrissenen -Formen weniger schroff erscheinen. Auch der kalifornische Wald -macht sich am besten in der Entfernung; da er meist Baumarten -von ein und derselben Familie enthält: Weißtannen und Rottannen, -Sprossenfichten und Föhren, so bieten sie von nahe gesehen -ein ermüdendes Einerlei; alle strecken ihre starren Arme -nach unten und zur Seite, als wollten sie den Menschen immer -und immer wieder warnend zurufen: »Bst! hier wird nicht gesprochen -– sonst stört ihr jemand.« Auch daß es ewig nach -Pech und Terpentin riecht, macht einen trostlosen Eindruck und -man wird ganz schwermütig von dem fortwährenden Seufzen -und Klagen in den Wipfeln. Schreitet man geräuschlos über -den Teppich von zerstampfter gelber Rinde und toten Nadeln, -so kommt man sich vor wie ein irrender Geist mit lautlosem -Fußtritt. Der ewigen Nadelbüschel wird der Wanderer endlich -überdrüssig und sehnt sich nach richtigen, wohlgeformten Blättern; -er möchte sich auf Moos und Gras lagern und findet keines, -denn überall wo der Boden nicht von Nadeln bedeckt ist, giebt -es nur nackten Lehm und Schmutz, was weder für träumerisches -Sinnen noch reinliche Kleidung günstig ist. Zwar besitzt Kalifornien -auch Grasebenen, doch nehmen sie sich ebenfalls besser -in der Entfernung aus, denn die Grashalme sind zwar hoch, -stehen aber steif und selbstbewußt da, ungesellig weit von einander, -mit Flecken dürren Sandes dazwischen.</p> - -<p>Es gehört zu dem Wunderlichsten, was ich kenne, wenn -Reisende aus den Staaten Neuenglands über die Lieblichkeit des -›immerblühenden Kaliforniens‹ schwärmen. Sie würden ihre -Begeisterung vielleicht mäßigen, wüßten sie, mit wie anbetender -Bewunderung alte Kalifornier die Landschaften des Ostens anstaunen.<span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[210]</span> -Das glänzende Grün in seiner verschwenderischen Fülle -und saftigen Frische, der üppige Reichtum des Laubes mit den -mannigfaltigen Blätterformen und Arten erscheint ihnen wie ein -Blick ins Paradies im Vergleich zu den staubbedeckten, mißfarbenen -Sommergewächsen Kaliforniens. Ueber dies ernste, -düstere Land in Entzücken zu geraten, wenn man die Wiesenflächen -Neuenglands, seine Eichen-, Ahorn- und Ulmenbäume im -Sommerschmuck gesehen hat, oder die vielfarbige Pracht des -Herbstes, in der seine Wälder strahlen – wäre einfach lächerlich, -wenn es nicht etwas so Rührendes hätte.</p> - -<p>Kein Land mit unveränderlichem Klima kann sehr schön -sein. Nicht einmal die Tropen sind es, man mag von ihrem -Zauber schwärmen so viel man will. Sie berücken uns wohl -zuerst, aber der Reiz schwindet allmählich bei dem ewigen Einerlei. -Die Natur bedarf des Wechsels, um alle ihre Wunder zu entfalten. -In einem Lande, das vier wohl abgegrenzte Jahreszeiten -hat, kann es weder Eintönigkeit geben noch Mangel an -Schönheit. Jede Jahreszeit birgt dort eine Welt von Freude -und Interesse, die sich vor uns enthüllt, sich stufenweise und -harmonisch zu immer reicherer Schönheit entwickelt und, wenn -man anfängt, sie satt zu bekommen, rechtzeitig verschwindet, um -etwas völlig anderem Platz zu machen, das den Naturfreund -durch neue Pracht und Herrlichkeit zu bezaubern weiß.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>San Francisco ist eine Stadt, in der es sich prächtig lebt; -es nimmt sich in gehöriger Entfernung auch stattlich und hübsch -aus, von nahe gesehen merkt man aber, daß die Bauart meist -altmodisch ist. Viele Straßen bestehen aus verfallenen, rauchgeschwärzten, -hölzernen Häusern, und die öden Sandhügel in -der nächsten Umgebung fallen gar zu sehr ins Auge. Selbst -das heitere Klima macht sich bisweilen angenehmer, wenn man -davon liest, als wenn man es persönlich kennen lernt; ein klarer,<span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[211]</span> -wolkenloser Himmel verliert mit der Zeit seinen Reiz, doch wenn -der ersehnte Regen endlich eintritt, so bleibt er um so länger. -Ein Erdbeben ist zwar lustig, doch thut man auch besser daran, -es von ferne zu betrachten. Hierüber sind jedoch die Ansichten -verschieden.</p> - -<p>Das Klima von San Francisco ist, wie gesagt, mild und -gleichmäßig; während des ganzen Jahres steht das Thermometer -ungefähr auf siebzig Grad F., es wechselt kaum jemals. Sommer -und Winter schläft man unter einer leichten Decke und -braucht nie ein Moskitonetz. Man trägt keinen Sommeranzug, -sondern schwarze Tuchkleider, wenn man sie hat, im August wie -im Januar; zieht keinen Ueberrock an und bedarf keines Fächers. -In den Sommermonaten ist es zwar oft windig, aber wer das -nicht liebt, kann nach Oakland hinübergehen, nur ein paar -Meilen weit, wo gar kein Wind weht. In neunzehn Jahren -hat es in San Francisco nur zweimal geschneit und selbst dann -blieb der Schnee nur lange genug auf dem Boden liegen, daß -die Kinder sich verwundert fragen konnten, was das wohl für -federiges Zeug sein möchte.</p> - -<p>Acht Monate hintereinander ist der Himmel hell und -wolkenlos, da fällt kein Tropfen Regen. Wer aber keinen -Regenschirm hat, wenn die andern vier Monate kommen, muß -sich einen stehlen, denn ohne den geht es nicht. Man braucht -ihn nicht etwa nur einen Tag, sondern hundertundzwanzig Tage -nacheinander ohne Ausnahme. Will man einen Besuch machen, -in die Kirche oder ins Theater gehen, so sieht man nicht nach -den Wolken, ob Regen droht oder nicht, man fragt nur den -Kalender. Ist es Winter, so regnet es, ist es Sommer, so -regnet es nicht, dagegen läßt sich nichts machen. Blitzableiter -sind nicht vonnöten, denn es giebt keine Gewitter. Hat man -sechs bis acht Wochen lang gehört, wie der Regen gleichförmig -und trübselig herniederströmt, dann wünscht man von ganzem<span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[212]</span> -Herzen, der Donner möchte einmal durch die schläfrigen Himmelsräume -rollen und krachen und brüllen, damit alles lebendig -würde, der Blitz möchte das düstere Firmament zerreißen und -es nur auf einen einzigen Augenblick mit blendendem Glanz -erhellen. Was würde man nicht darum geben, den lieben alten -Donner zu hören und zu sehen, wie jemand vom Blitz erschlagen -wird! – Und hat man im Sommer vier Monate hindurch den -grellen, mitleidslosen Sonnenschein erduldet, so möchte man auf -den Knieen um Regen, Hagel, Schnee, Donner und Blitz flehen -– um irgend eine Abwechslung in dem trostlosen Einerlei; – -sogar mit einem Erdbeben wäre man zufrieden, wenn man -nichts Besseres haben kann, und das ist noch am ersten zu -bekommen.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-211"> - <img src="images/illu-211.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>San Francisco ist auf Sandhügeln erbaut, aber es sind -fruchtbare Sandhügel, die einen reichen Pflanzenwuchs erzeugen. -Die seltenen Blumen, welche die Leute im Osten sorgfältig in -Treibhäusern und Töpfen ziehen, gedeihen dort das ganze Jahr -hindurch unter freiem Himmel in üppiger Fülle: Kallas, Geranien, -Passionsblumen, Moosrosen – ich weiß nicht den zehnten Teil -von allen Namen. Wenn in New York alles von Schnee und<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[213]</span> -Eis starrt, bedeckt sich der Boden in Kalifornien mit Blumen -und Blüten; der Mensch braucht nur alles wachsen zu lassen -wie es will, ohne sich hineinzumischen.</p> - -<p>Ich habe an einer anderen Stelle von dem ewigen Winter -in Mono gesprochen und jetzt eben von dem endlosen Frühling -in San Francisco. Reist man nun etwa hundert Meilen in -direkter Linie weiter, so kommt man in den fortwährenden -Sommer von Sacramento. In San Francisco hat man weder -Sommerkleider noch Moskitos, aber in Sacramento ist beides -zu finden. Nicht immer und ohne Aufhören, aber im Laufe -von zwölf Jahren etwa 143 Monate lang. Der Leser kann -sich leicht vorstellen, daß dort immer Blumen blühen, daß die -Menschen morgens, mittags und nachts schwitzen, fluchen und -ihre beste Lebenskraft damit verbrauchen, sich Luft zuzufächeln. -Es ist dort heiß, aber wenn man nach Fort Yuma hinunterkommt, -dürfte man es noch heißer finden. Dort steht das -Thermometer fast unabänderlich auf 120 Grad <em class="antiqua">F.</em> im Schatten, -ausgenommen, wenn es noch höher steigt. Dieser heißeste -Ort der Erde ist ein Militärposten der Vereinigten Staaten -und seine Bewohner gewöhnen sich so an die schreckliche Hitze, -daß sie es ohne dieselbe nicht aushalten können. Die Sage -erzählt, daß dort einst ein gottloser Soldat starb und natürlich -sofort in den heißesten Winkel der Hölle hinunterfuhr. -Und siehe da, am nächsten Tage telegraphierte er zurück, man -möge ihm seine Decken schicken! – Die Wahrheit dieser Ueberlieferung -ist nicht zu bezweifeln; ich habe selbst die Schenke gesehen, -in welcher der Soldat einzukehren pflegte.</p> - -<p>In dem beständigen Sommerwetter von Sacramento kann -der Reisende um acht oder neun Uhr morgens Rosen pflücken, -Erdbeeren und Gefrorenes essen, sich in weiße Leinwand kleiden, -nach Luft schnappen und schwitzen. Setzt er sich dann auf die -Eisenbahn, so kann er um 12 Uhr den Pelz anziehen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[214]</span> -Schlittschuhe anschnallen und über den gefrorenen Donner-See -dahinschweben, 7000 Fuß über dem Thal, zwischen fünfzehn -Fuß hohen Schneewehen und in unmittelbarer Nähe der gewaltigen -Berggipfel, die ihre eisigen Klippen 10 000 Fuß über -der Meeresfläche erheben. In der ganzen westlichen Hemisphäre -findet sich nirgends ein so plötzlicher Uebergang. Die Eisenbahn -fährt in kühnen Windungen durch die schneebedeckte Gegend -6000 Fuß über dem Meere bis zum Stillen Ozean. Wie ein -Vogel aus der Luft schaut man herab auf den ewigen Sommer -des Sacramento-Thales, das mit seinen fruchtbaren Feldern, -seinen blühenden Bäumen und seinen Silberströmen in den weichen -Duft der Atmosphäre eingehüllt ruht. Auf dies köstliche, traumhafte -Bild aus dem Feenland blickt der Reisende durch ein furchtbares -Thor von Eis und Schnee, durch wilde Klüfte und Abgründe -– ein wirkungsvoller Gegensatz, der den Eindruck mächtig -erhöht.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[215]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Goldgraeber">Goldgräber.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Das eben geschilderte Thal des Sacramento war der Schauplatz -der ersten und ergiebigsten Goldgräbereien. Noch -jetzt sieht man viele Stellen in der Ebene und am Bergabhang, -wo die Habgier jener Zeit das Erdreich aufgewühlt und ausgehöhlt -hat, um nach Beute zu suchen; solche Verunstaltungen -der Gegend findet man in Kalifornien weit und breit. Man -kommt auch durch Strecken, wo sich jetzt nur Wiesen und Wälder -ausdehnen, wo man kein Haus, kein lebendes Wesen erblickt, -nicht einmal die Balken oder Steine eines verfallenen Gebäudes -und kein Laut die Sabbatstille umher unterbricht. Da ist es -schwer, sich vorzustellen, daß dort vor Jahren ein rasch emporgeblühtes -Städtchen gestanden hat, mit zwei- bis dreitausend -Einwohnern, die ihre Zeitung, ihre Feuerwehr, eine Musikkapelle, -ein Freiwilligenkorps, Gasthäuser, eine Bank und Spielhöllen -besaßen, wo Männer aus allen Nationen der Erde mit struppigen -Bärten rauchten und fluchten, und wo der Goldstaub, der sich -an den Spieltischen anhäufte, mehr wert war, als die Einkünfte -eines deutschen Fürstentums.</p> - -<p>Das Leben wogte geschäftig hin und her in den Straßen, -man verkaufte Bauplätze zu vierhundert Dollars den Fuß, es -wurde dort gearbeitet, gelacht, getanzt, Musik gemacht, gezecht, -gerauft und Dolch und Revolver gehandhabt. Alles war vorhanden,<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[216]</span> -was zum Blühen und Gedeihen einer neuerstandenen -Stadt nötig und förderlich ist, was das Leben schmückt und erfreut -– und jetzt sieht man dort nichts als eine verlassene, wüste -Einöde, die Menschen sind fort, von den Häusern ist keine Spur -geblieben, sogar der Name des Orts vergessen. Nirgends in der -Welt sind in unserm Jahrhundert Städte so völlig vom Erdboden -verschwunden, wie in den alten Goldgräbergegenden von Kalifornien.</p> - -<p>In jenen Tagen aber herrschte ein rastloses Drängen und -Treiben, Hasten und Arbeiten unter der eigenartigen, zusammengewürfelten -Bevölkerung des damaligen Kalifornien, wie sie sich -schwerlich jemals wieder irgendwo beisammen finden wird. Sie -bestand aus zweihunderttausend jungen Männern, nicht gezierten, -verwöhnten, behandschuhten Schwächlingen, sondern kräftigen, -muskelstarken, tapfern und unerschrockenen Leuten, voll Mut und -Thatkraft, die mit allen Eigenschaften, welche wahrer Männlichkeit -zu Schmuck und Zier gereichen, im vollsten Maße ausgestattet -waren, die Auserlesensten unter den Herren der Schöpfung. -Man sah dort weder Frauen noch Kinder, noch gebückte, hinfällige -Greise, nur junge Riesengestalten mit aufrechtem Gang, -hellem Blick, starker Hand und geschmeidigen Gliedern. Ein -schönes, ein herrliches Volk, die tapfersten Scharen, welche jemals -in die menschenleeren Einöden eines noch unbekannten Landes -einzogen. Und wo sind sie nun? – Zerstreut nach allen Enden -der Welt, vorzeitig gealtert und verkommen, bei einem Straßenaufruhr -ermordet, an gebrochenem Herzen und getäuschten Hoffnungen -gestorben – alle dahin, als Opfer auf dem Altar des -goldenen Kalbes verblutet. Es ist ein jammervoller Gedanke.</p> - -<p>Nur starke, beherzte Männer waren ausgezogen, die Faulen, -Schwerfälligen und Trägen hatten sie daheim gelassen; die kann -man als Pioniere nicht gebrauchen, dazu gehören Leute von -anderm Schrot und Korn. Aber wild ging es damals unter -ihnen her. Sie schwelgten in Gold und Branntwein, in Raufereien<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[217]</span> -und beim Fandango und waren unaussprechlich glücklich. -Ein wackerer Goldgräber holte sich täglich seine hundert bis tausend -Dollars aus dem Boden. Wenn dann die Spielhöllen und -andern Vergnügungslokale dafür sorgten, daß er bis zum nächsten -Morgen keinen Cent mehr in der Tasche hatte, konnte er noch -von Glück sagen. Die Leute kochten sich selbst ihr Gericht Speck -mit Bohnen, nähten sich die abgerissenen Knöpfe an und wuschen -ihre blauwollenen Hemden. Wer öffentlich mit weißer Wäsche -und einem hohen Hut erschien, ward in eine Schlägerei verwickelt, -ehe er sich’s versah. In dieser wilden, freien, zügellosen -Gesellschaft waren alle Aristokraten verhaßt, auch ließ sich weder -ein ganz jugendliches, noch ein weibliches Element dort jemals -blicken. Man sagt, die Goldgräber hätten sich oft scharenweise -versammelt, wenn es galt, das für sie seltsamste und herrlichste -Schauspiel, den Anblick eines Weibes, zu genießen.</p> - -<p>In einem ihrer Lager verbreitete sich einmal am Morgen -die Nachricht, daß ein Weib angekommen sei. Man hatte aus -einem Wagen auf dem Lagerplatz ein Kattunkleid heraushängen -sehen – es mochten wohl Auswanderer von der großen Ebene -jenseits der Berge hergekommen sein. Alles drängte sich nach -dem Wagen, und als man ein wirkliches Kleid im Winde flattern -sah, entstand ein großes Geschrei, bis der Auswanderer erschien. -Dann hieß es wie aus einem Munde:</p> - -<p>»Bringt sie heraus!«</p> - -<p>Er erwiderte: »Es ist meine Frau, ihr Herren, sie ist krank, -die Indianer haben uns alles geraubt, Geld und Mundvorrat -– wir bedürfen der Ruhe.«</p> - -<p>»Bringt sie heraus, wir müssen sie sehen!«</p> - -<p>»Aber ihr Herren, das arme Ding kann nicht –«</p> - -<p>»Bringt sie heraus!«</p> - -<p>Als er ihnen endlich den Willen that, schwenkten sie die -Hüte in der Luft und brachten ein dreimaliges donnerndes Hoch<span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[218]</span> -aus, dann umringten sie sie alle, betrachteten sie, berührten ihre -Kleider und horchten auf den Ton ihrer Stimme. Die Frau -schien für sie mehr eine Erinnerung aus früherer Zeit, als etwas -Wirkliches, Lebendiges zu bedeuten. Zuletzt brachten sie die -Summe von 2500 Dollars in Gold zusammen, händigten sie -dem Manne ein, schwenkten abermals die Hüte, riefen wieder -dreimal Hoch und gingen befriedigt ihrer Wege.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich speiste einmal bei einem Herrn, der mir ein Abenteuer -erzählte, welches seiner Tochter begegnet war, als die Familie -zuerst in San Francisco landete. Die junge Dame selbst erinnerte -sich nicht mehr daran, da sie zwei Jahre zählte, als sich diese -wahre Geschichte zutrug. Sie waren gerade vom Schiff gekommen -und gingen die Straße hinunter, voran die Dienerin -mit der Kleinen auf dem Arm. Da trat ihnen ein riesiger Goldgräber -entgegen mit großem Bart und breitem Gürtel, der über -und über von Waffen starrte. Augenscheinlich kam der Mann -soeben von einem längeren Aufenthalt im Gebirge zurück. Er -hielt die Dienerin an und betrachtete sie mit Staunen und -Wohlgefallen. Nach einer Weile sagte er in ehrerbietigem -Ton: »Wahrhaftig, ich glaube, das ist ein Kind!« Dann zog -er ein Ledersäckchen aus der Tasche und fuhr zur Wärterin gewandt -fort:</p> - -<p>»Dieser Sack enthält Goldstaub im Wert von hundertfünfzig -Dollars. Lassen Sie mich das Kind einmal küssen und -Sie sollen ihn haben.«</p> - -<p>Wie sich doch die Zeiten ändern. Hätte ich damals, als -ich mit bei Tische saß und die Anekdote anhörte, die doppelte -Summe für die Erlaubnis geboten, dies selbe Kind küssen zu -dürfen, man würde es mir abgeschlagen haben. Der Preis hatte -sich in den siebzehn Jahren, welche seitdem verflossen waren, -sehr beträchtlich gesteigert.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[219]</span></p> - -<p>Hier will ich noch erwähnen, daß ich einmal bei meinem -Aufenthalt in Star City im Humboldt-Gebirge mit einer Schar -von Bergleuten im Gänsemarsch aufmarschiert bin, um durch -den Spalt einer Hütte zu sehen, worin ein ganz neues, wunderbares -Schauspiel unser wartete, nämlich der Anblick einer wirklichen, -lebendigen Frau. Als endlich nach einer halben Stunde -geduldigen Harrens die Reihe an mich kam, durch die Spalte -zu gucken, stand sie richtig da, die eine Hand in die Seite gestemmt -und beschäftigt, mit der andern Pfannkuchen zu stürzen. -Sie sah aus, als sei sie hundertfünfundsechzig Jahre alt und -hatte keinen Zahn mehr im Munde.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[220]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Erdbeben">Erdbeben.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Einige Monate führte ich nun ein wahres Schmetterlingsdasein, -wie ich es früher nie gekannt. Ich lebte in süßem -Nichtsthun, war niemand verantwortlich und der Geldpunkt machte -mir keine Sorgen. Nach den Alkaliwüsten und der öden Salbeigegend -von Washoe erschien mir San Francisco wie ein Paradies -und ich verliebte mich sterblich in diese Stadt herzlichster -Geselligkeit.</p> - -<p>Ich wohnte im besten Hotel, trug meine neuen Kleider auf -allen Hauptplätzen und Straßen zur Schau, ging jeden Abend -in die Oper und lernte von den Klängen der Musik hingerissen -zu scheinen, die mein ungeschultes Ohr häufiger verletzten als -bezauberten. Wenn ich nicht die gemeine Ehrlichkeit besaß, dies -einzugestehen, so bin ich vermutlich in diesem Punkte nicht -schlimmer als die meisten meiner Landsleute. Ich besuchte Privatgesellschaften -im prächtigsten Ballanzug, that zimperlich, entfaltete -meine ganze natürliche Anmut wie ein geborener Stutzer -und tanzte Polka und Schottisch mit einem Schritt, der mir -eigentümlich ist – mir und dem Känguruh. – Kurz, ich lebte -als Schmetterling, wonach ich mich längst gesehnt hatte, und -trat wie ein Mann auf, der (voraussichtlich) seine hunderttausend -Dollars besaß und wahrscheinlich zu unbeschränktem Ueberfluß -gelangen würde, sobald der Verkauf jener Silbermine im Osten<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[221]</span> -zum Abschluß kam. Inzwischen streute ich mein Geld reichlich -umher, beobachtete das Steigen und Fallen der Aktien mit lebhaftem -Interesse und behielt nebenbei im Auge, was sich in -Nevada zutrug.</p> - -<p>Dort ereignete sich etwas sehr Wichtiges. Die besitzende -Klasse stimmte gegen die Staatsverfassung, aber die Leute, welche -nichts zu verlieren hatten, waren in der Majorität und setzten -die Annahme der Verfassung durch. Das war ohne Frage ein -Unglück, obgleich es anfangs nicht so aussah. Ich schwankte -hin und her, berechnete die möglichen Veränderungen des Geldmarktes -und entschied mich endlich dafür, nicht zu verkaufen.</p> - -<p>Die Aktien stiegen höher und höher und es begann ein tolles -Spekulationsfieber. Bankiers, Kaufleute, Advokaten, Aerzte, Handwerker, -Tagelöhner, selbst Waschfrauen und Dienstmädchen legten -ihre Ersparnisse in Silberkuxen an. Die Spielwut hatte sich der -ganzen Bevölkerung bemächtigt. Jede Sonne, die am Morgen -aufging, schien beim Untergang auf Bettler, welche reich geworden -und auf Reiche, die an den Bettelstab gebracht waren. -Die Gould- und Curry-Kuxe stiegen bis auf 6300 Dollars der -Fuß; dann nahm die ganze Herrlichkeit plötzlich ein jähes Ende -und alle Welt war zu Grunde gerichtet. Ein schrecklicher Schiffbruch! -Das Faß hatte den Boden verloren, es blieb kaum ein -Tropfen daran hängen. Ich war unter den ersten, die gründlich -an den Bettelsack kamen. Meine sämtlichen Aktien konnte -ich einfach wegwerfen, sie galten nicht einmal so viel wie das -Papier, auf dem sie gedruckt waren. Ich hatte als glücklicher -Narr mit dem Geld um mich geworfen und geglaubt, das Mißgeschick -könne mich nicht erreichen; jetzt besaß ich keine fünfzig -Dollars mehr im Vermögen, nachdem meine Schulden zusammengerechnet -und bezahlt waren.</p> - -<p>Ich verließ das Hotel, bezog ein sehr bescheidenes Kosthaus, -nahm eine Stelle als Zeitungsschreiber an und machte mich an<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[222]</span> -die Arbeit. Noch war mir nicht jede Hoffnung geschwunden, -denn ich baute zuversichtlich auf den Verkauf der Silbermine -im Osten. Mein Freund Dan ließ jedoch nichts von sich hören; -entweder gingen meine Briefe alle verloren, oder sie blieben ohne -Antwort.</p> - -<div class="figleft" id="illu-221"> - <img src="images/illu-221.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Eines Tages fühlte ich mich wenig aufgelegt, meine Beschäftigung -vorzunehmen und ging nicht ins Bureau. Als ich -mich tags darauf -wie immer -gegen Mittag -dort einstellte, -fand ich auf -meinem Pult -ein Briefchen, -das schon vierundzwanzig -Stunden da gelegen -hatte. Es -war ›Marshall‹ -unterzeichnet -und enthielt die -Bitte, ihn und -seine Gefährten -am Abend im Hotel zu besuchen. Sie seien auf der Durchreise -nach dem Osten begriffen und wollten am nächsten Morgen -absegeln. Es handle sich um eine große Bergwerksspekulation.</p> - -<p>So außer mir bin ich in meinem ganzen Leben nicht gewesen. -Ich schalt mich einen Thoren, daß ich von Virginia fortgegangen -war und einem andern die Sache überlassen hatte, statt -sie selbst in die Hand zu nehmen. Ich war wütend, daß ich -gerade den einzigen Tag im Jahre aus dem Bureau wegbleiben -mußte, an dem ich hätte dort sein sollen. Unter allerlei Selbstvorwürfen<span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[223]</span> -trabte ich eine Meile weit bis zum Hafen und kam -richtig gerade an als es zu spät war. Das Schiff war bereits -abgefahren und unter Segel.</p> - -<p>Zunächst tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß vielleicht -bei der Spekulation nichts herauskommen würde, jedenfalls ein -armseliger Trost; dann nahm ich mein Sklavenjoch wieder auf, -entschlossen, mich mit meinen 33 Dollars die Woche zu begnügen -und mir die Sache aus dem Sinn zu schlagen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Einen Monat später genoß ich mein erstes Erdbeben, welches -noch lange nachher das ›große Erdbeben‹ genannt wurde. Es -war an einem hellen Oktobersonntag, als ich kurz nach 12 Uhr -die dritte Straße herunterkam. Um diese Stunde war in dem -dicht bebauten und bevölkerten Stadtteil weit und breit nichts -in Bewegung als ein Mann im Einspänner hinter mir und ein -Omnibus, der langsam eine Nebenstraße herauffuhr. Sonst war -alles wie gefegt und es herrschte Sabbatstille. Als ich an einem -Bretterhaus um die Ecke bog, hörte ich ein großes Krachen und -Poltern, es mußte wohl drinnen eine Prügelei vor sich gehen, -da gab es gewiß etwas zu berichten. Bevor ich aber noch die -Thür gefunden hatte, kam ein wahrhaft entsetzlicher Stoß; der -Boden unter mir schien in wellenförmiger Bewegung, dann folgte -ein heftiges Heben und Senken und ein dumpfes, knirschendes -Geräusch, als würden Backsteinhäuser aneinander gerieben. Ich -fiel gegen das Bretterhaus und verletzte mich am Ellenbogen. -Jetzt wußte ich, was das bedeutete und zog aus reinem Reportertrieb -meine Uhr heraus, um mir Zeit und Stunde zu merken. -In diesem Augenblick erfolgte ein dritter, weit stärkerer Stoß und -während ich noch auf dem Pflaster umhertaumelte, bemüht, mich -auf den Füßen zu halten, hatte ich einen Anblick sondergleichen: -Die ganze Vorderseite eines vierstöckigen Backsteinhauses ging -auf wie eine Thür und stürzte mit lautem Geprassel quer<span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[224]</span> -über die Straße, daß der Staub aufwirbelte wie eine mächtige -Rauchsäule.</p> - -<p>Indessen kam der Einspänner herbei – der Mann flog -hinunter und schneller als ich es zu berichten vermag, war das -Fuhrwerk in kleinen Stücken längs der dreihundert Meter langen -Straße umhergestreut. Der Omnibus hielt an, die Pferde drängten -rückwärts und bäumten sich, die Fahrgäste strömten zu beiden -Seiten heraus und ein dicker Herr, der mit halbem Leibe durch -ein Glasfenster gezwängt und darin festgekeilt war, kreischte wie -wahnsinnig, als stecke er am Spieß. Aus jeder Hausthür, soweit -das Auge reichte, ergoß sich ein Strom menschlicher Wesen, in -einem Moment war die ganze Straße, die ich überblicken konnte, -von einer dichtgedrängten Menschenmasse bedeckt. Statt der feierlichen -Stille herrschte urplötzlich das wildeste Wogen und Treiben.</p> - -<p>Das Erdbeben brachte die wunderlichsten Erscheinungen zu -Tage. Herren und Damen, die krank waren, oder gerade ihr -Mittagschläfchen hielten, oder nach durchschwelgter Nacht der -Ruhe pflegten, kamen in den seltsamsten Aufzügen auf die Straße -gestürzt, viele nur sehr mangelhaft bekleidet oder auch gar nicht. -Angesehene Bürger, die für äußerst streng in betreff der Sonntagsheiligung -galten, liefen in Hemdärmeln aus den Schenkstuben -heraus, das Billard-Queue noch in der Hand. Aus den Barbierstuben -flohen zu Dutzenden Leute mit umgebundenen Servietten, -bis unter die Augen eingeseift, auf einer Seite noch die Bartstoppeln, -während die andere bereits glatt rasiert war. In -einem Hotel kam ein bekannter Redakteur, nur mit dem Hemd -auf dem Leibe, die Treppe heruntergelaufen. »Was soll ich -thun?« jammerte er, »wohin soll ich gehen?«</p> - -<p>»Am besten in einen Kleiderladen,« sagte das Zimmermädchen, -dem er begegnete, in heiterer Unbefangenheit.</p> - -<p>Pferde brachen aus den Ställen und ein Hund sprang in -seiner Angst die Bodenleiter zum Dach hinauf, getraute sich aber<span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[225]</span> -dann nicht, wieder denselben Weg zurückzukommen. In der Stadt -fiel der Bewurf von so vielen Zimmerdecken herab, daß man -große Felder damit hätte bestreuen können. Tagelang standen -die Leute noch in Gruppen vor den Häusern, welche in breiten -Zickzackrissen von oben bis unten zerborsten waren. Ein hundert -Fuß langer Spalt that sich in einer Straße sechs Zoll breit -auf und schloß sich dann wieder mit solcher Gewalt, daß die -Erde sich an der Stelle wie ein Grabhügel aufwölbte. An einem -Gebäude waren drei Schornsteine in der Mitte durchgebrochen -und so herumgedreht, daß der Rauch keinen Abzug fand. Eine -Dame fühlte plötzlich, daß der Salon, in dem sie saß, zu schwanken -begann, gleich darauf sah sie, wie die Wand sich oben an der -Decke zweimal aufthat und wieder schloß, wobei ein Backstein -herunterfiel, wie ein Zahn aus einem offenen Munde. Eine -andere Dame, welche die Treppe hinunter eilte, bemerkte zu -ihrem Erstaunen, daß sich ein bronzener Herkules auf seinem -Fußgestell zu ihr hinneigte, als wollte er sie mit der Keule erschlagen. -Statue und Frau erreichten den Fuß der Treppe zu -gleicher Zeit, letztere bewußtlos vor Entsetzen.</p> - -<p>In einer der Kirchen warf der erste Stoß drei mächtige -Orgelpfeifen herunter. Der Geistliche stand gerade mit emporgehobenen -Händen da, um den Gottesdienst zu schließen. »Den -Segen wollen wir heute fortlassen,« sagte er kurz – und an der -Stelle, wo er gestanden hatte, war nur noch ein leerer Raum.</p> - -<p>»Bleibt auf euren Sitzen,« ruft ein Prediger in Oakland -nach dem ersten Stoß, »wenn ihr sterben sollt, so findet ihr -nirgends einen besseren Platz dazu als hier.« Nach dem dritten -Stoß fügte er jedoch hinzu: »Aber draußen ist es auch nicht -schlecht,« und verschwand durch eine Hinterthür.</p> - -<p>Die Frauen und Mädchen der Stadt erlitten schwere Verluste -an Fläschchen mit Essenzen, Wohlgerüchen und allerlei -Nippessachen, die das Erdbeben auf Kaminsimsen und Toilettentischen<span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[226]</span> -zertrümmerte. Aufgehängte Bilder wurden herabgeworfen, -oder – was noch häufiger geschah – vom Erdbeben aus mutwilliger -Laune so herumgewirbelt, daß die Gesichter der Wand -zugekehrt waren. Von dem Schaukeln und Schwanken der -Straßen und Fußböden bekamen viele Tausende die Seekrankheit -und fühlten sich noch stundenlang nachher schwach und elend; -einige litten sogar tagelang an dem Uebel und ganz verschont -blieb kaum einer.</p> - -<p>Bald nach diesem Ereignis traf mich ein recht grausamer -Schlag. In einer Nummer des ›Enterprise‹, die ich zufällig zur -Hand nahm, fiel mein Blick auf folgende Mitteilung:</p> - -<div class="blockquot s90"> -<h4> -Nevada-Bergwerke in New York.</h4> - -<p>Ende Juli brachten die Herren G. M. Marshall, Sheba -Hurst und Amos Rose Erzproben aus Gruben im Pine-Wood-Distrikt -und am Reese-River nach New York.</p> - -<p>Die eine, im Humboldt-County gelegene Grube haben die -Eigentümer für den Preis von drei Millionen Dollars verkauft. -Zum Betrieb ist bereits ein Kapital von einer Million Dollars -eingezahlt worden, und die Maschinen für das große Quarz-Pochwerk, -welches sogleich eingerichtet werden soll, sind schon -angeschafft. Sämtliche Aktien der Gesellschaft sind vollbezahlt -und steuerfrei.</p> - -<p>Sheba Hurst, der Entdecker dieser Gruben, hat sich, bevor -er seinen Fund veröffentlichte, den Besitz der besten Erzgänge -gesichert, sowie den erforderlichen Grund und Boden und das -nötige Bauholz. Seine Erzproben ergaben bei der Untersuchung -einen außerordentlich reichen Gehalt an Silber und Gold; jedoch -ist das Silber vorherrschend. Wir haben die Proben gesehen -und uns überzeugt, daß es sich hier um keinen Schwindel handelt -und die Gruben jenes Bezirks wirklich sehr wertvoll sind; deshalb -vernehmen wir mit Befriedigung, daß sich das New Yorker -Kapital bereitwillig an dem Unternehmen beteiligt.</p></div> - -<p>So hatte denn die mir angeborene Einfalt wieder den Sieg -davon getragen und ich hatte eine Million verloren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[227]</span></p> - -<p>Verweilen wir nicht länger bei dieser kläglichen Geschichte. -Hätte ich sie erfunden, so wäre es mir ein Leichtes, sie humoristisch -auszuschmücken, da sie aber nur allzu wahr ist, vermag -ich sie selbst heutigen Tages noch nicht mit leichtem Herzen zu -erzählen, trotzdem sie jetzt so weit hinter mir liegt. Ich will -nur noch erwähnen, daß ich allen Mut verlor, mich in thörichtem -Murren und Seufzen und fruchtlosem Gram verzehrte, darüber -meine Pflichten versäumte und als Berichterstatter einer ›flotten‹ -Zeitung kaum mehr zu gebrauchen war. Zuletzt nahm mich der -Eigentümer des Blattes beiseite und erwies mir eine Wohlthat, -deren ich mich noch jetzt voll Ehrerbietung erinnere. Er gab -mir Gelegenheit auf die Stelle zu verzichten und rettete mich -dadurch vor der Schande, meine Entlassung zu erhalten.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[228]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Am_Bettelstabe">Am Bettelstabe.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Eine Zeitlang schrieb ich allerlei Litterarisches für die ›Goldene -Aera‹ und andere Blätter. C. H. Webb hatte den ›Kalifornier‹ -gegründet, ein ganz vortreffliches Wochenblatt, dessen -hoher litterarischer Wert jedoch keine Bürgschaft für den Erfolg -war. Das Journal siechte dahin und Webb verkaufte es an -drei Drucker. Damals wurde Bret Harte für ein Gehalt von -20 Dollars die Woche Redakteur und ich verpflichtete mich für -12 Dollars allwöchentlich einen Artikel beizusteuern. Da der -Absatz aber viel zu wünschen übrig ließ, verkauften die Drucker -das Journal an den reichen Kapitän Opden, einen sehr angenehmen -Herrn, der sich diesen teuern Luxus gestattete, ohne -viel nach den Kosten zu fragen. Er bekam indessen das neue -Spielzeug bald satt und gab es den Druckern zurück. Nicht -lange darauf starb das Blatt eines sanften Todes und ich war -wieder ohne Arbeit.</p> - -<p>In den nächsten zwei Monaten hatte ich keine andere Beschäftigung, -als meinen Bekannten aus dem Wege zu gehen. -Ich verdiente keinen Cent, schaffte mir nicht die geringste Kleinigkeit -an und bezahlte auch Kost und Wohnung nicht. Dagegen -erwarb ich mir eine große Geschicklichkeit, mich überall fortzudrücken. -Von einem Hintergäßchen drückte ich mich ins andere; -sah ich von fern ein Gesicht, das mir bekannt vorkam, so drückte<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[229]</span> -ich mich; auch zu meinen Mahlzeiten schlich ich gedrückt, aß sie -demütig und mit stummer Bitte um Verzeihung für jeden Bissen, -den ich meiner großmütigen Wirtin stahl; drückte mich bis Mitternacht -herum, jeden Ort vermeidend, wo Helligkeit und Heiterkeit -zu finden war und schlich dann zu Bette. Ich kam mir niedriger, -erbärmlicher und verächtlicher vor wie ein Wurm. Meine ganze -Barschaft bestand in einem silbernen Zehn-Centstück; das hielt -ich fest und wollte es um keinen Preis ausgeben, aus Furcht, -der Gedanke, daß ich völlig mittellos sei, möchte mich überwältigen. -Außer den Kleidern, die ich am Leibe trug, hatte ich alles versetzt -und so hing ich denn mit verzweifelter Hartnäckigkeit an -meinem letzten Geldstück, das schon ganz abgegriffen war, so oft -hatte ich es durch die Finger gleiten lassen.</p> - -<p>Das Elend liebt Gesellschaft. Dann und wann stieß ich -nachts an irgend einem abgelegenen, schwach erleuchteten Ort -mit einem andern Kinde des Unglücks zusammen. Der Mensch -sah so schmierig und verkommen, so heimatlos, freundlos und -verlassen aus, daß ich mich zu ihm hingezogen fühlte, wie zu -einem Bruder. Auch er muß wohl eine ähnliche Empfindung -gehabt haben, denn die Anziehung war gegenseitig; wenigstens -trafen wir uns allmählich häufiger, wenn auch allem Anschein -nach noch immer zufällig. Wir sprachen zwar nicht zusammen, -ließen auch nicht merken, daß wir einander wiedererkannten, aber -sobald wir uns sahen, schwand die dumpfe Beklommenheit aus -unserem Gemüt. Wir taumelten dann beide in gemessener Entfernung -befriedigt weiter, freuten uns unserer stummen Genossenschaft -und blickten aus dem nächtlichen Schatten verstohlen in die -Fenster hinein, nach den freundlichen Lichtern und den Familiengruppen -am traulichen Kamin.</p> - -<p>Endlich redeten wir einander an und waren seitdem unzertrennlich. -Litten wir doch beide fast dieselben Schmerzen. -Auch er war Berichterstatter gewesen und hatte seine Stelle eingebüßt;<span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[230]</span> -dann war er immer mehr heruntergekommen und unaufhaltsam -tiefer und tiefer gesunken – von der Wohnung auf -dem Russenhügel zu dem Kosthaus in der Kearney-Straße, von -dort zu Dupont und dann in eine Matrosenkneipe. Zuletzt hatte -er sich in Warenkisten und leeren Tonnen auf der Werft sein -Quartier gesucht. Durch das Zunähen geplatzter Getreidesäcke, -die eingeschifft werden sollten, fristete er sich eine Zeit lang notdürftig -das Leben; als dieser Verdienst aufhörte, suchte er sich -seine Nahrung bald hier bald da, wie es der Zufall gerade fügte. -Bei Tage ließ er sich nirgends mehr blicken, denn ein Reporter -kennt arm und reich, hoch und niedrig, und kann es bei hellem -Tage nicht gut vermeiden, bekannten Gesichtern zu begegnen.</p> - -<p>Dieser Bettler – ich will ihn Blücher nennen – war ein -prächtiger Mensch, voll Hoffnung, Thatkraft und echter Philosophie. -Er war gut belesen und fein gebildet, besaß hellen Verstand und -trefflichen Witz. Sein freundliches Wesen und sein großmütiges -Herz gaben ihm in meinen Augen ein wahrhaft königliches Ansehen, -sein Sitz auf dem Eckstein erschien mir wie ein Thronsessel -und sein schäbiger Hut wie eine Krone.</p> - -<p>Ein Abenteuer, das er mir erzählte, hat durch seine Absonderlichkeit -mein Mitgefühl aufs höchste erregt und sich unauslöschlich -in mein Gedächtnis eingegraben.</p> - -<div class="figright" id="illu-230"> - <img src="images/illu-230.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Seit zwei Monaten besaß er keinen Heller und war in den -dunkeln Straßen beim Schein der matt brennenden freundlichen -Lichter umhergeschlichen, bis ihm die Sache zur zweiten Natur -wurde. Endlich aber trieb ihn der Hunger an das Tageslicht. -Achtundvierzig Stunden hatte er keinen Bissen genossen und -konnte das müßige Warten in seinem Versteck nicht länger ertragen. -Er schlich durch eine Hintergasse, starrte voll gierigen -Verlangens nach den Fenstern der Bäckerläden und hätte sein -Leben für ein Stück Brot verkaufen mögen. Der Anblick der -Eßwaren verdoppelte seinen Hunger, aber doch war es ihm eine<span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[231]</span> -Wohlthat, sie wenigstens zu sehen und sich vorzustellen, wie ihm -zu Mute sein würde, wenn er etwas zu essen hätte. Da sah -er auf einmal mitten in der Straße einen glänzenden Punkt; -er blickte wieder hin – durfte -er seinen Augen trauen? Er -wandte sich ab und sah dann -noch einmal nach der Stelle, -um ganz sicher zu sein. Nein, -es war keine Sinnestäuschung, -die der Hunger erzeugte, sondern -Wirklichkeit – da lag -ein silbernes Zehn-Centstück. -Er schoß darauf zu, hob es -auf, starrte es an, nahm es -zwischen die Zähne – kein -Zweifel, es war echt. Sein -Herz jubelte laut, er vermochte -kaum ein Jauchzen und Hallelujah -zu ersticken. Dann sah -er sich um – niemand beobachtete -ihn; er warf die -Münze wieder hin, wo sie gelegen, -trat ein paar Schritte -zurück, näherte sich abermals -und that, als wisse er nicht, -daß sie da sei, damit er noch -einmal das Entzücken genießen -könne, sie zu finden. Nun betrachtete er sie von verschiedenen -Punkten aus, schlenderte, mit den Händen in den Taschen, umher, -schaute nach den Ladenschildern, warf dann wieder einen raschen -Blick auf das Geldstück und fühlte sich von Wonneschauern durchrieselt. -Endlich hob er es auf und ging, es in der Tasche<span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[232]</span> -streichelnd, von dannen. Er wählte die menschenleersten Straßen, -stand von Zeit zu Zeit in einem Thorweg oder an der Ecke still -und zog seinen Schatz heraus, um ihn zu betrachten. In seinem -Quartier, einem leeren Geschirrfaß, angelangt, überlegte er bis -in die Nacht hinein, was er dafür kaufen solle. Ein schwerer -Entschluß. Ihm lag daran, so viel wie möglich zu bekommen. -In der Bergmannsschenke, das wußte er, gab man einen Teller -voll Bohnen und ein Stück Brot für zehn Cents oder einen -Fischkloß mit Zubehör, aber ohne Brot. In Peters Speisehaus -konnte er ein Kalbskotelett nebst einigen Rettichen und Brot für -zehn Cents haben, oder eine große Tasse Kaffee mit einer Brotschnitte, -die aber schändlicherweise oft nur sehr dünn ausfiel.</p> - -<p>Um sieben Uhr empfand er einen wahren Wolfshunger, -doch hatte er noch keine Entscheidung getroffen. Er machte sich -auf den Weg, ging noch immer rechnend die Straße hinauf und -kaute an einem Holzstückchen, wie es Leute, die nahe am Verhungern -sind, zu thun pflegen. Vor Martins erleuchtetem Restaurant, -dem vornehmsten der ganzen Stadt, blieb er stehen; -in besseren Tagen hatte er da oft gespeist und Martin kannte -ihn gut. Er trat abseits, um aus dem Bereich der Lichter zu -kommen, blickte andächtig nach den Wachteln und Beefsteaks im -Schaufenster und dachte, vielleicht wären die Zeiten der Märchen -noch nicht vorüber, und ein verkleideter Prinz könnte daherkommen -und ihn auffordern, einzutreten und zu nehmen, was -er wolle. Je mehr er sich in den Gedanken vertiefte, um so -hungriger kaute er an dem Holzstückchen.</p> - -<p>Da fühlte er plötzlich, daß jemand neben ihm stand und -seinen Arm berührte. Er sah auf und erblickte ein Gespenst – -das wahre Bild des Hungers. Es war ein baumlanger, hagerer -Mensch, in Lumpen gehüllt, Haar und Bart ungeschoren, mit -ausgemergeltem Gesicht, eingesunkenen Wangen und Augen, die -ihn jammervoll anblickten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[233]</span></p> - -<p>»Kommen Sie mit mir,« sagte er und hing sich an Blüchers -Arm. Als sie eine Stelle erreicht hatten, wo das Licht nur -schwach schien und wenige Leute vorüber gingen, blieb er stehen -und hob die Hände flehend empor.</p> - -<p>»Freund – Fremder, sehen Sie mich an,« stammelte er. -»Sie freuen sich Ihres Lebens in Ruhe und Behagen, wie ich -einst in meiner guten Zeit. Sie haben dort drinnen herrlich zu -Abend gespeist, ein Liedchen gesummt und bei sich gedacht, es -ist doch schön auf der Welt. Sie haben nie Not gelitten, Sie -wissen nicht was Kummer und Elend ist, Sie kennen den Hunger -nicht! – Sehen Sie mich an, Fremder, haben Sie Erbarmen -mit einem freundlosen, heimatlosen Menschen. So wahr Gott -lebt – seit achtundvierzig Stunden habe ich keinen Bissen gegessen; -schauen Sie mir ins Auge, ich lüge nicht. Geben Sie -mir nur eine Kleinigkeit, mich vom Hungertode zu retten; was -Sie wollen – 25 Cents genügen mir. Thun Sie es, Fremder, -ich bitte, ich beschwöre Sie. Ihnen ist es ein Leichtes und mein -Leben hängt daran. Ich will vor Ihnen im Staube liegen und -den Boden küssen, den Ihr Fuß betritt. Nur 25 Cents! Ich -gehe zu Grunde, ich sterbe, ich verhungere. Um des Himmels -willen, verlassen Sie mich nicht!«</p> - -<p>Blücher war außer sich, bis ins Innerste gerührt und ergriffen. -Er überlegte hin und her, dann rief er von einem -plötzlichen Gedanken beseelt:</p> - -<p>»Ja, so wird es gehen!« Den Arm des Elenden ergreifend, -führte er ihn nach Martins Restaurant, ließ ihn dort an einem -Marmortisch Platz nehmen, legte den Speisezettel vor ihn hin -und sagte:</p> - -<p>»Bestellen Sie jetzt was Sie wollen, Freund. Es geht auf -meine Rechnung, Herr Martin.«</p> - -<p>»Schon gut, Herr Blücher,« versetzte der Speisewirt.</p> - -<p>Gegen den Schenktisch gelehnt, sah Blücher zu, wie der<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[234]</span> -Mensch ein Stück Buchweizenkuchen zu 75 Cents nach dem andern -heißhungrig verschlang, verschiedene Tassen Kaffee hinunterstürzte -und Beefsteaks die Portion zu zwei Dollars verzehrte. Als der -Fremde Speisen im Wert von etwa sechs und einem halben -Dollar vertilgt hatte und sein Hunger gestillt war, begab sich -Blücher nach Peters Speisehaus, kaufte für sein Zehn-Centstück -ein Kalbskotelett und ein Stück Brot, machte sich darüber her -und schmauste wie ein König.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[235]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Tom_Quarz">Tom Quarz.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-b.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Bald darauf traf ich einen früheren Bekannten, der Bergmann -in einem der verlassenen Grubendistrikte Kaliforniens -war. Ich ging mit ihm zurück und blieb mehrere -Monate dort unter den Goldgräbern, welche in der ausgedehnten -Hügel- und Waldlandschaft vier bis fünf zerstreute Hütten bewohnen. -In der flotten Zeit, ehe die Gruben erschöpft waren, -hatte in dieser Einöde eine blühende Stadt mit einer Bevölkerung -von zwei- bis dreitausend Menschen gestanden; jetzt war alles -spurlos verschwunden – Straßen, Wohnhäuser, Läden – und -nur eine Handvoll Bergleute an Ort und Stelle zurückgeblieben, -die sich längst in ihre Verbannung gefunden und die Welt vergessen -hatten, wie sie von aller Welt verlassen waren.</p> - -<p>Einer meiner dortigen Kameraden, der seit achtzehn Jahren -sein geplagtes Leben voll Entbehrungen und Enttäuschungen -geduldig ertragen hatte, war Dick Baker, ein ernster, schlichter -Mann, sechsundvierzig Jahre alt, grau wie eine Ratte, halbwegs -gebildet, in schlotteriger mit Lehm beschmutzter Kleidung. -Sein Herz aber war von kostbarerem Gold, als er mit seiner -Schaufel je zu Tage gefördert hatte, von feinerem Metall als -jemals gegraben oder gemünzt worden war.</p> - -<p>So oft Baker kein Glück hatte und etwas niedergeschlagen -war, pflegte er um den Verlust einer wundervollen Katze zu<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[236]</span> -trauern, die ihm früher gehört hatte. Wenn er von ihrer merkwürdigen -Klugheit sprach, so sah man es ihm am Gesicht an, -daß er im Innersten seines Herzens überzeugt war, sie müsse -menschliche, – ja sogar vielleicht übermenschliche – Eigenschaften -besessen haben.</p> - -<p>Einmal kam er auch in meinem Beisein auf das Tier zu sprechen.</p> - -<div class="figleft" id="illu-235"> - <img src="images/illu-235.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Acht Jahre lang,« sagte er, »hatte ich hier eine Katze, -die hätte Sie gewiß interessiert. -Sie hieß Tom -Quarz, war groß und -grau und eigentlich ein -Kater, mit so viel gesundem -Menschenverstand -wie irgend einer -von uns im Lager. Tom -hatte auch ein gewaltiges -Selbstgefühl im -Leibe, sogar dem Gouverneur -von Kalifornien -würde er nicht gestattet -haben, sich Vertraulichkeiten -gegen ihn herauszunehmen. -Eine Ratte hatte er sein Lebtag nicht gefangen – -war vermutlich zu vornehm dazu. Die einzige Angelegenheit, -um die er sich kümmerte, war der Bergbau. Vom Goldgraben -verstand er mehr als irgend jemand in der Welt, die Kenntnis -war ihm förmlich angeboren, alles wußte er, was die Arbeit -auf den Goldfeldern betraf, man konnte ihm gar nichts Neues -mehr sagen. Er grub hinter mir und Jim drein, wenn wir -die Berge durchsuchten und trabte oft meilenweit mit uns umher. -Ein vorzügliches Urteil hatte er über den Boden, wo was zu -finden sei; wahrhaftig, mir ist nichts Aehnliches wieder vorgekommen.<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[237]</span> -Wenn wir an die Arbeit gingen, warf er nur einen -Blick um sich; mißfielen ihm dann die Anzeichen, so machte er -ein Gesicht, das bedeuten sollte: »Na, Freunde, ihr werdet mich -wohl entschuldigen,« – dabei hob er die Nase in die Luft und -trollte sich nach Hause, ohne noch ein Wort zu sagen. War er -aber mit dem Platz einverstanden, so verhielt er sich ruhig, bis -die erste Pfanne ausgespült war, dann schlängelte er sich in -unsere Nähe und wenn er sechs oder sieben Körner Gold sah, -war er zufrieden und die Aussichten schienen ihm gut. Er legte -sich nun auf unsere Röcke und fauchte wie ein Dampfboot, sobald -wir jedoch auf eine ergiebige Stelle stießen, fuhr er blitzschnell -in die Höhe und machte sich ans Besichtigen.</p> - -<p>»Jetzt kam die Zeit, wo alle Welt darauf versessen war, -das Gold im Gestein, statt in der Erde zu suchen, alle hackten -und sprengten nun, anstatt Erde zu schaufeln, jeder wollte einen -Schacht graben, statt bloß an der Oberfläche zu kratzen. Jim -ließ mir keine Ruhe, wir mußten auch nach Erz im Gestein -suchen. Als wir den Schacht anzulegen begannen, machte Tom -Quarz große Augen, was zum Henker wir denn vor hätten; -solche Bergwerkerei schien ihm unerhört, er war ganz verblüfft -und konnte uns nicht begreifen. Daß mein Kater aber genau -wußte, worauf wir hinaus wollten, darauf möchte ich wetten; -er sah immer aus, als ob er unsere Arbeit für die größte Thorheit -hielt. Neumodische Einrichtungen konnte er nun einmal -nicht ausstehen und war schwer von seinen alten Gewohnheiten -abzubringen. Erst ganz allmählich versöhnte sich Tom Quarz -einigermaßen mit dem neuen Betrieb, obwohl er es nie recht -einsah, warum wir immer und ewig in den Schacht einfuhren -und doch nichts Ordentliches herausholten. Zuletzt kam er selber -herunter um zu versuchen, ob er sich’s klar machen könne; aber -es verwirrte ihn nur, uns zuzusehen, er ward ärgerlich und die -ganze Sache war ihm zuwider, zumal er wußte, daß unsere<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[238]</span> -Ausgaben fortwährend anwuchsen und wir nicht einen Cent -verdienten. So legte er sich denn auf einen Pulversack im -Winkel, rollte sich zusammen und schlief ein.</p> - -<div class="figleft" id="illu-237"> - <img src="images/illu-237.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Eines Tages trafen wir in -dem Schacht auf so hartes Gestein, -daß wir einen Sprengversuch -vornehmen mußten, den -ersten, seitdem Tom Quarz geboren -war. Wir steckten die -Lunte an, kletterten heraus und -liefen etwa fünfzig Meter weit -fort – den Kater aber, der -auf seinem Pulversack in festem -Schlafe lag, hatten wir richtig -vergessen. Eine Minute später -sahen wir aus dem Loch eine -dicke Rauchsäule aufsteigen, dann -that es einen fürchterlichen Krach -und etwa vier Millionen Tonnen -Steine, Erde, Rauch und -Splitter flogen wohl anderthalb -Meilen hoch in die Luft; -und wahrhaftig, mitten in dem -Wirrwarr sauste kopfüber, kopfunter -unser alter Tom Quarz -mit in die Höhe, schnaubte, -nieste und streckte die Klauen -aus wie besessen, um sich irgendwo -festzuhalten, aber es nützte ihn rein gar nichts.</p> - -<p>»Nun vergingen wohl dritthalb Minuten, ohne daß wir -was von ihm zu sehen kriegten, dann fing es auf einmal an, -Steine und Schmutz zu regnen und auch der Kater fiel herunter,<span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[239]</span> -etwa zehn Fuß vor dem Fleck wo wir standen. Na, der sah -schön aus; ein erbärmlicheres Geschöpf ist mir all mein Lebtag -nicht vorgekommen. Ein Ohr saß ihm im Nacken, der Schwanz -stand steif in die Höhe, die Augenwimpern waren abgesengt, der -Körper ganz von Pulver und Rauch geschwärzt und mit Schlamm -und Schmutz überzogen. Wir starrten ihn an und brachten kein -Wort heraus – was hätten auch alle Entschuldigungen jetzt -nützen können? – Tom Quarz warf einen Blick voll Ekel auf -sich selber, dann aber sah er uns an, als wolle er sagen: »Ihr -dünkt euch wohl recht schlau, daß ihr einer Katze, die nichts -vom neuen Bergbau versteht, so mitgespielt habt – aber ich -sehe die Sache von einem andern Gesichtspunkt an.« Damit -machte Tom rechtsumkehrt und marschierte nach Hause, ohne -noch weiter ein Wort zu verlieren, das war so seine Art.</p> - -<p>»Mögen Sie’s nun glauben oder nicht – von der Zeit an -gab es in der ganzen Welt keine Katze, die mehr gegen den -Quarzbau eingenommen war wie er. Als er endlich wieder anfing, -den Schacht zu befahren, verwunderten wir uns alle über -seine Schlauheit. Es war wirklich merkwürdig – kaum, daß -wir das Pulver zum Sprengen gelegt hatten und die Lunte anzündeten, -so warf er uns einen Blick zu, in dem zu lesen stand: -»Nun empfehle ich mich Ihnen ergebenst –« im Nu war er -dann zum Loch hinaus und auf einen Baum geklettert, so hoch -er konnte. Was sage ich – Schlauheit – das ist gar kein -Wort dafür; es war eine förmliche Eingebung.«</p> - -<p>»Wissen Sie, Herr Baker,« versetzte ich, »wenn man sich -auf den Standpunkt des Katers stellt, scheint mir sein Vorurteil -eigentlich ganz begreiflich. Haben Sie denn nie versucht, ihn -davon zu heilen?«</p> - -<p>»Wo denken Sie hin! Nein, wenn Tom Quarz sich einmal -etwas in den Kopf gesetzt hatte, so blieb er dabei durch -dick und dünn. Sie hätten ihn, wer weiß wie oft, in die Luft<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[240]</span> -sprengen können, von seiner verfluchten Abneigung gegen den -Quarzbau wäre er doch nicht abzubringen gewesen.«</p> - -<p>Während Baker dies beredte Zeugnis für die festen Grundsätze -seines alten Freundes ablegte, strahlte sein ganzes Gesicht -vor Liebe und Stolz. Die Erinnerung daran wird mir stets -unvergeßlich bleiben.</p> - -<p>Mein Freund Dick Baker war auch sonst ein Tierfreund. -In den Wäldern und Bergen des abgelegenen Winkels von -Kalifornien hatte er sich mit den Vögeln und Vierfüßlern, welche -dort heimisch sind, innig befreundet. Er war fest davon überzeugt, -daß er jede Aeußerung dieser Tiere verstand; ebenso wie -jener amerikanische Gelehrte, der unlängst in eingehender Weise -über die Sprache der Affen ein Werk geschrieben hat.</p> - -<p>Dick Baker stellte in dieser Beziehung ganz bestimmte Behauptungen -und Regeln auf. Einige Tiere, meinte er, haben -nur geringe Bildung genossen, und bedienen sich daher einer -ganz einfachen Ausdrucksweise, ohne Bilder und Gleichnisse; -andere dagegen verfügen über einen großen Wortschatz, beherrschen -die Sprache vollkommen und haben einen freien, fließenden -Vortrag. Diese sprechen gern und viel; sie sind sich ihres -Talentes bewußt und wollen es zur Geltung bringen. Nach -langer und sorgfältiger Beobachtung war Baker zu der Ueberzeugung -gekommen, daß es in der ganzen Tierwelt keinen besseren -Redner giebt, als den Blauhäher.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Der amerikanische Blauhäher hat ein viel glänzenderes und buntfarbigeres -Gefieder als unser gewöhnlicher Eichelhäher.</p> -</div> -</div> - -<p>»Ja,« sagte er, »hinter einen Blauhäher kommt man nicht -so leicht! Man glaubt nicht, was für Stimmungen und Gefühle -der hat und wie er sie alle auszudrücken versteht. Dabei spricht -er nicht etwa alltägliches Zeug – nein, wie ein Buch – die -schönsten Redewendungen strömen ihm nur so heraus. Mit der<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[241]</span> -Sprache versteht er umzuspringen wie keiner; ihm fehlt nie ein -Wort, das kommt gar nicht vor; ganz ungesucht fließen sie ihm -zu. Und noch was habe ich bemerkt: Kein Vogel, keine Kuh -oder sonst ein Geschöpf spricht so fein wie der Blauhäher! -Eine Katze meint ihr? Jawohl, die spricht freilich fein – aber -laßt sie einmal in Aufregung geraten! Wenn sie sich nachts -mit einer andern Katze auf dem Dach rauft, dann hört zu, in -was für Ausdrücken sie sich ergeht, – es wird einem übel und -weh dabei.</p> - -<p>»Man kann den Häher wohl mit einem gewissen Recht zu -den Vögeln zählen – weil er Federn hat, vielleicht auch weil -er keine Steuern zahlt: aber in anderer Beziehung ist er ganz -wie unsereins. Denn sehen Sie, ein Häher hat Triebe und -Gaben, Gefühle und Interessen, so gut wie ein Mensch. Ein -Häher hat keine strengeren Grundsätze als ein Roßkamm. Er -stiehlt, er lügt und betrügt, er hintergeht jeden wo er nur -kann, kein noch so feierliches Versprechen ist bindend für ihn. -Was Pflichttreue ist, kann man ihm nicht begreiflich machen. -Der beste Beweis aber ist, daß ein Häher fluchen und schwören -kann, wie kein Lümmel weit und breit! – Eine Katze kann -auch fluchen und schwören. Jawohl, das kann sie freilich – -aber wenn ein Häher ’mal richtig im Zuge ist, so vermag es -keine Macht im Himmel und auf Erden mit ihm aufzunehmen. -Im Zanken und Schelten ist er Meister, so derb und flink, daß -niemand gegen ihn aufkommt.</p> - -<p>»Was ein Mensch kann, das kann ein Blauhäher auch: -Er kann weinen, lachen und sich schämen, er kann Schlüsse und -Pläne machen und seine Sache verfechten, er liebt Geschwätz und -Klatschgeschichten, hat Sinn für Humor, und wenn er einen -dummen Streich gemacht hat, so weiß er’s besser als ich und -Sie. Kurz, ein Häher ist ähnlich wie ein Mensch – das lass’ -ich mir nicht nehmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[242]</span></p> - -<p>»Ich will Ihnen übrigens noch eine wahre Geschichte von -den Blauhähern erzählen, für die ich mich verbürgen kann.</p> - -<p>»Der Vorfall trug sich zu, als ich gerade anfing, die Hähersprache -richtig zu verstehen.</p> - -<p>»Der letzte Mensch, der außer mir in dieser Gegend wohnte, -ist vor sieben Jahren fortgezogen; sein Blockhaus nebenan steht -seitdem leer, es hat nur ein großes Zimmer und darüber die -rohen Balken und das Bretterdach. An einem Sonntagmorgen -saß ich nun einmal mit meiner Katze hier vor der Hütte, sonnte -mich, sah nach den blauen Bergen hinüber, hörte das Laub der -Bäume rauschen in der Einsamkeit und dachte an meine Heimat -draußen in der Welt – seit dreizehn Jahren wußte ich nicht -mehr, wie’s dort zuging. Da fliegt ein Häher mit einer Eichel -im Schnabel auf das Blockhaus und sagt: ›Oho, was entdecke -ich da?‹ Daß ihm bei diesen Worten die Eichel aus dem Schnabel -fällt und natürlich vom Dach hinabrollt, kümmert ihn wenig, -er ist einzig und allein mit seiner Entdeckung beschäftigt. Es -war ein Astloch im Dach. Den Kopf auf die Seite gedreht, -kneift er ein Auge zu, schaut mit dem andern in das Loch hinein, -sieht dann vergnügt in die Höhe, lüftet die Flügel ein paarmal -vor innerm Wohlbehagen und sagt: ›Es sieht aus wie ein Loch, -es ist wo ein Loch hingehört, – sollte es am Ende wirklich -ein Loch sein?!‹ –</p> - -<p>»Er hält den Kopf nach unten, guckt noch einmal hinein, -blickt wieder auf, bewegt Flügel und Schwanz vor Freude und -sagt: ›Ja, ja, es ist ganz richtig – bin ich ein Glückspilz! – -ein prächtiges, ordentliches Loch, gewiß und wahrhaftig!‹ Dann -fliegt er auf den Boden, holt die Eichel herauf, wirft den Kopf -zurück, und mit dem süßesten Lächeln der Welt läßt er sie hineinfallen. -Er scheint zu lauschen, seine Miene wird ernsthafter, -und voll komischer Verwunderung sagt er endlich: ›Ich hab’ sie<span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[243]</span> -doch nicht fallen hören!‹ Wieder hält er das Auge ans Loch, -schaut lange hinein, blickt dann auf und schüttelt den Kopf. -Dann versucht er’s von der andern Seite – abermaliges Kopfschütteln. -Um das ganze Loch marschiert er herum, besieht sich’s -genau und schaut von allen Himmelsgegenden hinein. Umsonst! -Nachdenklich sitzt er auf dem Dachfirst und kraut sich den Kopf -mit dem rechten Fuß, bis er zuletzt sagt: ›Das geht über meine -Begriffe! Das Loch muß wirklich gehörig tief sein! Aber länger -kann ich mich nicht zum Narren machen, ich muß an die Arbeit. -Die Sache wird schon ihre Richtigkeit haben, ich lasse es eben -drauf ankommen.‹</p> - -<p>»Er fliegt auf und davon, kommt mit einer zweiten Eichel -wieder, läßt sie hineinfallen und hält schnell das Auge ans Loch, -um zu sehen, was draus wird – aber zu spät. Wohl eine -Minute lang schaut er hinein, dann blickt er seufzend auf: ›Alle -Wetter, das ist doch zu toll, das versteh’ ’mal einer! – aber -ich probier’s wieder.‹</p> - -<p>»Bei der dritten Eichel thut er was er kann, um ihr noch -schneller nachzusehen, aber vergebens. ›So ein Loch ist mir noch -nicht vorgekommen,‹ sagt er, ›es muß wohl eine ganz neue Art -sein, wie ich noch keins gesehen habe.‹</p> - -<p>»Nun gerät er in Zorn. Zuerst bezwingt er sich noch, -stolziert auf dem Dachfirst auf und ab, schüttelt den Kopf und -brummt in sich hinein; dann übermannen ihn die Gefühle und -er fängt an zu schimpfen, bis er vor Aerger ordentlich schwarz -wird. Noch nie hab’ ich einen Vogel um so einer Kleinigkeit -willen in solcher Wut gesehen. Wie er genug gewettert hat, -geht er wieder ans Loch, sieht lange hinein und sagt dann: -›’s ist ein dunkles Loch, ein tiefes Loch und ein sehr komisches -Loch, aber nun ich einmal angefangen hab’ es zu füllen, will -ich’s auch durchsetzen, und wenn’s hundert Jahre dauert.<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[244]</span>‹</p> - -<p>»Fort fliegt er, und all’ mein Lebtag hab’ ich noch nie -einen Vogel so arbeiten sehen wie den. Dritthalb Stunden ging -das in einem fort. Eichel auf Eichel warf er ins Loch, kein -einzigesmal schaute er mehr hinein, sondern flog nur immer hin -und wieder. Ich war so voll Spannung und Aufregung, daß -ich nichts anderes sah und dachte.</p> - -<p>»Endlich ist er aber doch so abgearbeitet, daß er kaum noch -die Flügel regen kann. In Schweiß gebadet kommt er herbeigeflogen, -läßt die Eichel hineinfallen und sagt: ›Nun wirst du, -denke ich, wohl genug haben, du altes Loch.‹</p> - -<p>»Er steckte den Kopf hinein, und wie er wieder aufsieht, -ist er ordentlich blaß vor Wut, – Sie können mir’s glauben, -lieber Herr! – ›Ausstopfen sollen sie mich und ins Museum -stellen,‹ schreit er, ›wenn ich auch nur eine Spur von den Eicheln -entdecken kann, eine ganze Familie könnte sich dreißig Jahre -davon satt essen, so viel hab’ ich hineingetragen!‹</p> - -<p>»Mühsam schleppt er sich auf den Dachfirst, lehnt sich an -den Schornstein, überdenkt die Sache und macht dann seinem -Herzen Luft. Na, das hätten Sie hören sollen! So was von -Schimpfen und Schelten ist mir mein Lebtag nicht vorgekommen!</p> - -<p>»Während er im besten Zuge ist, kommt ein anderer Häher -vorbeigeflogen, hält an und fragt, was es denn giebt. Sein -armer Freund trägt ihm die ganze Sache vor und sagt: ›Wenn -du mir’s nicht glauben willst, so geh’ und sieh’ selbst nach, – -da drüben ist das Loch!‹</p> - -<p>»Das thut der zweite Häher, und wie er alles genau betrachtet -hat, kommt er zurück und fragt: ›Wie viele hast du denn -eigentlich hineingeworfen?‹ – ›Wenigstens zwei Säcke voll,‹ versetzt -jener.</p> - -<p>»Der Häher geht abermals zum Loch und sieht hinein – -es scheint ihm ganz unerklärlich; auf seinen Ruf kommen noch<span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[245]</span> -drei Häher herbei. Alle untersuchen das Loch, lassen sich die -Geschichte erzählen und streiten hin und her, als ob ebenso viele -Menschen ihre hohlköpfigen Ansichten zum Besten gäben.</p> - -<p>»Noch mehr Häher werden herzugerufen, sie kommen in -immer größeren Scharen geflogen, bis alles ringsumher ganz -blau davon schimmert. Es mögen wohl an die fünftausend gewesen -sein, und ein solches Lärmen, Hacken, Krähen und Schimpfen -ist noch nie dagewesen. Jeder einzelne Häher hält das Auge -ans Loch und alle kramen ihre Meinungen über das rätselhafte -Ereignis aus – eine immer unsinniger wie die andere. Dann -wird das ganze Haus untersucht. Die Thüre steht halb offen -und ein alter Häher, der in die Nähe kommt, guckt zufällig -hinein. Nun war’s mit dem Geheimnis auf einmal vorbei: -da lagen alle die Eicheln auf dem ganzen Boden umhergestreut. -Der Häher schlägt mit den Flügeln und erhebt ein Geschrei: -›Hierher,‹ ruft er, ›kommt alle her, der närrische Kerl hat das -ganze Haus mit Eicheln füllen wollen!‹</p> - -<p>»Da kamen sie herabgeschossen wie eine blaue Wolke; jeder -geht zur Thüre, schaut hinein, und sobald ihm der ganze Unverstand -des ersten Hähers klar wird, fällt er rücklings über und -will vor Lachen bersten; dann kommt der nächste an die Reihe, -guckt hinein und macht es ebenso.</p> - -<p>»Hierauf saßen alle wohl über eine Stunde auf dem Hausdach -und ringsum in den Bäumen und schüttelten sich vor Lachen, -gerade wie die Menschen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Der Blauhäher hat viel Sinn für Humor – das lass’ -ich mir nicht ausreden. Und ein gutes Gedächtnis hat er auch. -Drei Jahre lang kamen Häher aus allen Staaten der Union -jeden Sommer angeflogen, um in das Loch hinunterzusehen; auch -andere Vögel brachten sie mit. Alle freuten sich an dem Spaß,<span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[246]</span> -nur eine alte Eule nicht, die auf einer Forschungsreise nach -Naturmerkwürdigkeiten begriffen, unterwegs auch das wunderbare -Loch besichtigen wollte. Sie sagte, sie könne nicht einsehen, was -für ein Witz dabei sei, – indes die andern Merkwürdigkeiten -hatten auch nicht viel Eindruck auf sie gemacht.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-245"> - <img src="images/illu-245.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[247]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Die_Vorlesung">Die Vorlesung.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-n.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Nach meiner Irrfahrt befand ich mich endlich wieder zu -Hause in San Francisco ohne Mittel und ohne Beschäftigung. -Ich zermarterte mir das Hirn, um einen Plan zu -finden, der mich retten könnte und verfiel zuletzt darauf, eine -öffentliche Vorlesung zu halten. In fieberhafter Erregung setzte -ich mich voll Hoffnung hin und schrieb einen Vortrag nieder. -Ich zeigte ihn verschiedenen Freunden, aber sie schüttelten alle -die Köpfe und meinten, höchst wahrscheinlich würde niemand -kommen, um mir zuzuhören und ich würde beschämt wieder abziehen -müssen. Aber selbst im Fall die Vorlesung zu stande -käme, müßte sie schmählich mißlingen, da ich ja nie zuvor öffentlich -gesprochen hätte. Das machte mich ganz trostlos. Endlich -jedoch klopfte mir ein Redakteur vertraulich auf den Rücken und -meinte: »Ich will Ihnen was sagen! Mieten Sie den größten -Saal in der Stadt und fordern Sie einen Dollar Eintrittsgeld. -Bange machen gilt nicht.«</p> - -<p>Die Tollkühnheit des Vorschlags reizte mich, umsomehr -als viel praktische Weisheit und Weltkenntnis darin lag. Auch -ein Theaterbesitzer hielt den Rat für gut und bot mir sein -großes neues Opernhaus für fünfzig Dollars an – die Hälfte -des gewöhnlichen Preises. Aus reiner Verzweiflung ging ich -darauf ein und mietete es auf Kredit – aus triftigen Gründen.<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[248]</span> -In drei Tagen ließ ich nun für 150 Dollars Anzeigen und -Zettel drucken und war wohl das verzagteste und geängstetste -Menschenkind an der ganzen Küste des Stillen Ozeans. Schlafen -konnte ich nicht, das wäre wohl unter solchen Umständen niemand -möglich gewesen. Wenn andern Leuten die letzte Zeile -meines Anschlagzettels vielleicht scherzhaft erschienen ist, so hatte -sie doch für mich einen sehr kläglichen Anstrich; mir war furchtbar -beklommen zu Mute, als ich schrieb:</p> - -<p class="mleft noind"> -»Die Thüren werden um 7½ Uhr geöffnet.<br /> -Um 8 Uhr beginnt das Unheil.« -</p> - -<p>Der Satz hat manchem seither gute Dienste geleistet. Besitzer -von Schaubuden haben ihn mir abgeborgt und einmal -fand ich ihn sogar am Schluß einer Anzeige, durch welche -den Schulzöglingen der Beginn des neuen Kursus nach den Ferien -angekündigt wurde.</p> - -<p>Während die drei Tage in peinlicher Erwartung langsam -vergingen, wurde ich immer unglücklicher. Ich hatte zweihundert -Eintrittskarten an meine persönlichen Bekannten verkauft, aber -ich fürchtete, sie würden sämtlich fortbleiben. Meine Vorlesung, -die mir zuerst humoristisch vorgekommen war, wurde von Stunde -zu Stunde langweiliger und trübseliger, bis auch nicht mehr der -Schatten eines Witzes darin zu entdecken war und ich bedauerte, -daß ich nicht einen Sarg auf die Bühne bringen und die ganze -Geschichte in ein Leichenbegängnis verwandeln konnte.</p> - -<p>Zuletzt befiel mich eine solche Höllenangst, daß ich mich -entschloß, drei alte Freunde – gutherzige Gemüter und wahre -Riesengestalten – aufzusuchen, welche Stimmen besaßen, die -dem Brüllen des Sturmwinds glichen.</p> - -<p>»Hört einmal,« sagte ich zu ihnen, »ich falle gewiß mit -der Sache durch; die Witze sind so tiefsinnig, daß kein Mensch -sie verstehen wird. Würdet ihr mir wohl den Gefallen thun, -euch ins Parkett zu setzen, um mir Beistand zu leisten?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[249]</span></p> - -<p>Als sie dies versprochen hatten, ging ich zu der Frau eines -bekannten und beliebten Bürgers, die ich bat, mit ihrem Manne -in der Loge links von der Bühne Platz zu nehmen, wo alle -Welt sie sehen könne. Ich stellte ihr vor, wie sehr ich ihrer -Hilfe bedürfe und machte mit ihr aus, ich würde mich jedesmal -nach ihr hinwenden und lächeln, zum Zeichen, daß ich einen -schwerverständlichen Witz losgelassen hätte; »dann aber grübeln -Sie, bitte, nicht lange darüber -nach,« fügte ich hinzu, »sondern -folgen Sie meinem Wink.«</p> - -<div class="figright" id="illu-248"> - <img src="images/illu-248.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Sie gab mir ihre Zusage -und ich entfernte mich. Auf -der Straße begegnete mir ein -Mann, den ich noch niemals -gesehen hatte. Er war angetrunken -und strahlte vor Gutmütigkeit.</p> - -<p>»Mein Name ist Sawyer,« -sagte er, »Sie kennen mich nicht, -doch das ist einerlei. Ich habe -keinen Cent in der Tasche, aber -wenn Sie wüßten, wie gern ich -einmal lachen möchte, so schenkten Sie mir sicherlich ein Billet. -Na, was meinen Sie dazu?«</p> - -<p>Statt der Antwort fragte ich: »Wie verhält es sich denn -mit Ihren Lachmuskeln? Ich meine – platzen Sie leicht heraus -oder sind Sie sehr wählerisch in betreff der Späße?«</p> - -<p>Meine langsame, gedehnte Sprechweise kam ihm so komisch -vor, daß er sogleich einige Proben seiner Lachkunst zum Besten -gab; ich sah, es war gerade die Sorte, welche ich brauchte. -So schenkte ich ihm denn ein Billet in der Mitte der zweiten -Abteilung, für die er alle Verantwortlichkeit übernahm, und belehrte<span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[250]</span> -ihn darüber, wie er etwaige, undeutliche Scherze erkennen -könne. Als wir uns trennten, kicherte er wohlgefällig über die -Neuheit des Planes.</p> - -<p>An dem letzten der drei schicksalsschweren Tage aß ich keinen -Bissen – ich litt nur Qualen. An diesem Tage sollte der Verkauf -der reservierten Logenplätze stattfinden. Als ich mich gegen -vier Uhr nachmittags an die Theaterkasse schlich, um zu sehen, -ob Eintrittskarten gelöst worden seien, fand ich sie verschlossen -– der Billetverkäufer hatte sich entfernt. Ich mußte heftig -schlucken, denn das Herz schlug mir bis in den Hals hinauf. -»Also, gar nichts verkauft,« sagte ich mir; »das hätte ich vorher -wissen können.« Ich dachte in vollem Ernst daran, die Flucht -zu ergreifen, Krankheit vorzuschützen, oder einen Selbstmord zu -begehen, so erbärmlich war mir zu Mute. Aber natürlich mußte -ich mir das alles aus dem Sinn schlagen und meinem Schicksal -die Stirne bieten. Es war mir unmöglich, bis halb 7 Uhr zu -warten, ich mußte dem Greuel ins Angesicht sehen und damit -fertig werden. Aehnliche Gefühle mag ein Mensch haben, der -gehängt werden soll.</p> - -<p>Um sechs Uhr ging ich auf Nebenwegen nach dem Theater -und trat durch eine Hinterthür ein. Ich stolperte an Reihen -von Leinwandkoulissen vorüber nach der Bühne und sah den -Zuschauerraum düster und stumm, in entsetzlicher Leere vor mir -liegen. Darauf zog ich mich wieder in das Dunkel hinter die -Koulissen zurück und verharrte dort anderthalb Stunden, in -Grauen und Entsetzen versunken; für die ganze übrige Welt war -mir jedes Bewußtsein geschwunden.</p> - -<p>Plötzlich vernahm ich ein Geräusch, das sich immer mehr -steigerte; lauter und lauter wurde das Gemurmel und endete -mit einem Krach, in den sich Hochrufe mischten. Der wahrhaft -betäubende Lärm erhob sich jetzt ganz in meiner Nähe und ich -fühlte, daß mir die Haare zu Berge standen. Nun folgte eine<span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[251]</span> -Pause, dann kam ein abermaliges Hoch und gleich darauf ein -drittes. Ehe ich noch recht wußte, wie mir geschah, befand ich -mich mitten auf der Bühne, vor mir wogte ein Meer von Gesichtern, -der helle Glanz der Lichter verwirrte mich und ich zitterte -an allen Gliedern vor tödlichem Schrecken. Das ganze Haus -war gedrängt voll, selbst die Gänge zwischen den Sitzreihen.</p> - -<p>Es dauerte eine volle Minute, bis sich meine Aufregung in -Kopf, Herz und Beinen beruhigt hatte und ich meine Selbstbeherrschung -einigermaßen wieder gewann. Ich las Wohlwollen -und Freundlichkeit in allen Gesichtern, meine Furcht verschwand -allmählich und ich begann zu sprechen. Schon nach drei bis -vier Minuten fühlte ich mich ganz behaglich und zufrieden. -Meine drei Hauptverbündeten waren mit drei Gehilfen zur Hand; -sie saßen beieinander im Parkett mit Knotenstöcken bewaffnet und -kampfbereit, um beim geringsten Scherzwort zum Angriff zu -schreiten. Bei jedem Witz, den ich zum Besten gab, stießen sie -mit den Stöcken gewaltig auf den Boden und verzogen den -Mund von einem Ohr zum andern. Sawyer, dessen treuherziges -Gesicht sich mitten in der zweiten Abteilung rötlich abhob, stimmte -in ihr Gelächter ein und das ganze Haus wurde zum Beifall -fortgerissen. Selbst die mittelmäßigsten Witze erzielten eine nie -geahnte Wirkung.</p> - -<p>Nach einer Weile kam ich an eine ernsthafte Stelle, die ich -mit großer Salbung vortrug; es war mein Leibstück und die -Zuhörerschaft lauschte in atemlosem Schweigen, was mir wohlthuender -war als der rauschendste Beifall. Bei dem letzten Wort -meiner Einschaltung wandte ich mich zufällig und begegnete dem -aufmerksam und erwartungsvoll auf mich gerichteten Auge der -Frau K. – Mein neuliches Gespräch mit ihr fiel mir plötzlich -ein und wie sehr ich mich auch zusammennahm, ich konnte ein -Lächeln nicht unterdrücken. Sie hielt dies für unser verabredetes -Zeichen und brach sogleich in ein wohlklingendes Gelächter aus,<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[252]</span> -von welchem sich die ganze Zuhörerschar anstecken ließ. Die -Explosion, die nun erfolgte, bildete den Triumph des ganzen -Abends. Ich fürchtete schon, der wackere Sawyer würde vor -Lachen ersticken, und die Knotenstöcke arbeiteten, als gälte es -Pfähle einzurammen. Mein armes bißchen Pathos war freilich -zu Grunde gerichtet; man hielt es in gutem Glauben für einen -beabsichtigten Witz und zwar für die Krone der ganzen Unterhaltung. -Ich war natürlich klug genug, den Irrtum nicht aufzuklären.</p> - -<p>Alle Zeitungen brachten am andern Morgen freundliche Besprechungen; -meine Eßlust kehrte zurück und ich hatte Geld in -Hülle und Fülle. Ende gut – alles gut.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-251"> - <img src="images/illu-251.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[253]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Anhang">Anhang.</h2> - -<div class="figcenter" id="illu-252"> - <img src="images/illu-252.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[255]</span></p> -<h3 class="nobreak" id="Aus_meiner_Knabenzeit">Aus meiner Knabenzeit.</h3> - -<h4>I.</h4> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Als ich nach neunundzwanzigjähriger Abwesenheit (1882) -meinem Heimatort einen kurzen Besuch machte, fand ich -daselbst ebensoviel anders geworden, wie überhaupt am ganzen -Mississippi. Die Stadt Hannibal, wie sie früher gewesen, stand -mir noch klar und lebhaft im Gedächtnis, ich hätte sie malen -können. Ich trat ans Ufer und mir war zu Mute wie einem -Menschen aus einer längst begrabenen Generation, der wieder -unter den Lebenden wandelt. Ein ähnliches Gefühl müssen, denke -ich, die Gefangenen der Bastille gehabt haben, wenn sie nach -jahrelanger Kerkerhaft ans Licht des Tages kamen und sich nun -in Paris umschauten, wo ihnen alles so fremd und doch so vertraut -war.</p> - -<p>Wohl sah ich die neuen Häuser – sie standen ja leibhaftig -vor mir – aber die Bilder aus alter Zeit, die in meiner Erinnerung -lebten, berührte das nicht; durch die festgefügten Mauern -hindurch sah ich die alten Häuser, die ehemals an ihrem Platz -gestanden, mit größter Deutlichkeit.</p> - -<p>Es war Sonntagmorgen und alles lag noch in den Federn. -So schritt ich denn durch die leeren Straßen, sah die Stadt -nicht wie sie ist, sondern wie sie war und begrüßte im Geist -hundert mir wohlbekannte Gegenstände, die vom Erdboden verschwunden<span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[256]</span> -waren. Schließlich stieg ich den Holiday-Hügel hinauf, -um einen weiten Ueberblick zu gewinnen. Nun lag die ganze -Stadt zu meinen Füßen ausgebreitet und ich konnte jedes Gebäude, -jede einzelne Oertlichkeit genau bestimmen. Natürlich hatte -ich Mühe, meine Rührung zu bemeistern. Ich sagte mir: »Von -den Leuten, die ich einst in diesem friedlichen Hafen meiner Kindheit -gekannt habe, sind schon viele in den Himmel gegangen, -manche aber auch sicherlich nach einem andern Ort der Vergeltung.«</p> - -<p>Alles, was ich rings um mich sah, rief meine Knabengefühle -wieder wach; ich war überzeugt, ich sei noch ein Knabe -und hätte nur einen ungewöhnlich langen Traum gehabt. Allein, -sobald ich anfing zu überlegen, schwand diese Vorstellung. »Da -drüben stehen etwa fünfzig alte Häuser,« sagte ich zu mir, »und -ich brauche nur einzutreten, um überall Männer und Frauen zu -finden, die noch in der Wiege lagen oder nicht geboren waren, -als ich zuletzt von hier oben hinabschaute, vielleicht sogar eine -Großmutter, die damals eine blühende junge Braut war.«</p> - -<p>Man hat von jener Anhöhe aus einen unbegrenzten Blick -den Fluß hinauf und hinunter und über die großen Waldungen -von Illinois; die Aussicht ist wunderschön, fast möchte ich sagen, -eine der schönsten am Ufer des Mississippi, aber das ist eine -kühne Behauptung, denn die 800 Meilen, die der Fluß von -St. Paul nach St. Louis durchläuft, bieten eine ununterbrochene -Reihe der reizendsten Landschaftsbilder. Möglich, daß meine -Vorliebe für die in Frage stehende Aussicht mein Urteil beeinflußt -– ich weiß es nicht gewiß. Jedenfalls gewährte sie mir -die vollste Befriedigung, denn sie hatte vor allem andern Lieben -und Bekannten, was ich wiedersehen sollte, <em class="gesperrt">eines</em> voraus – -sie war ganz unverändert. So jung und frisch, so reizend und -anmutig sah ich sie vor mir, wie sie je gewesen, während die -Gesichter meiner ehemaligen Freunde natürlich alt sein mußten -und voller Narben vom Kampf des Lebens. Sie alle trugen<span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[257]</span> -wohl Spuren ihrer Niederlagen und Kümmernisse und konnten -mein Gemüt nicht erheben.</p> - -<p>Ein alter Herr, der auf seinem Morgenspaziergang begriffen -war, kam jetzt herbei. Wir tauschten zuerst unsere Bemerkungen -über das Wetter aus und gerieten dann auf andere Unterhaltungsstoffe. -Sein Gesicht war mir unbekannt; er sagte, er -wohne schon 28 Jahre hier am Ort, das war <em class="gesperrt">nach</em> meiner -Zeit, ich hatte ihn also noch nie gesehen. Ich zog nun allerlei -Erkundigungen ein; zuerst fragte ich nach einem meiner Kameraden -aus der Sonntagsschule – was wohl aus ihm geworden wäre.</p> - -<p>»Er ging mit Ehren von einer Universität im Osten ab, -dann zog er in die weite Welt, doch nirgends wollte es ihm -glücken; jetzt ist er längst aus aller Gedächtnis geschwunden, -man glaubt, er sei gestorben und verdorben.«</p> - -<p>»Er war ein begabter Junge, der zu den besten Hoffnungen -berechtigte.«</p> - -<p>»Jawohl, aber in Erfüllung gegangen sind sie nicht.«</p> - -<p>Nun fragte ich nach einem andern meiner Mitschüler, dem -klügsten im ganzen Ort.</p> - -<p>»Auch seine Studien im Osten waren vom besten Erfolg -gekrönt, aber im Leben hat er bei jedem Kampf den kürzeren -gezogen; schon vor Jahren ist er irgendwo in den Territorien -gestorben – ein gebrochener Mann.«</p> - -<p>Ich erkundigte mich nach einem dritten begabten Jungen.</p> - -<p>»Dem ist’s gut gegangen, alles gelingt ihm, ich glaube es -wird ihm immer glücken.«</p> - -<p>Hierauf fragte ich nach einem jungen Mann, der damals -gerade in die Stadt gekommen war, um sich in seinem Beruf -auszubilden.</p> - -<p>»Er hat umgesattelt, ehe er noch fertig war – erst wollte -er Advokat werden, dann Mediziner, dann noch etwas anderes. -Ein Jahr lang war er fort, kam mit einer jungen Frau wieder,<span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[258]</span> -ergab sich dem Trunk, später auch dem Spiel; endlich brachte -er seine Frau und zwei kleine Kinder zu ihrem Vater zurück -und ging nach Mexiko, sank immer tiefer herunter und starb -dort, ohne einen Cent, um das Bahrtuch zu bezahlen, ohne einen -Freund, der seiner Leiche folgte.«</p> - -<p>»Schade um ihn – es war der gutmütigste Mensch von -der Welt, immer heiter und hoffnungsvoll.«</p> - -<p>Von einem andern Knaben, den ich nannte, hieß es:</p> - -<p>»O, mit dem ist alles in Ordnung; er hat Frau und Kinder -und sein gutes Fortkommen.«</p> - -<p>Derselbe Bescheid ward mir noch über viele meiner früheren -Kameraden.</p> - -<p>Nun fragte ich nach drei Mitschülerinnen:</p> - -<p>»Die beiden ersten leben hier mit Mann und Kindern, die -dritte ist schon lange tot – geheiratet hat sie nicht.«</p> - -<p>Mit Herzklopfen nannte ich jetzt den Namen einer meiner -frühesten Flammen.</p> - -<p>»Der geht’s gut. Sie war dreimal verheiratet. Zwei Männer -hat sie begraben, vom dritten ist sie geschieden und ich höre, daß sie -jetzt einen alten Menschen nehmen will, der irgendwo draußen in -Colorado lebt. Ihre Kinder sind in der ganzen Welt verstreut.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-257"> - <img src="images/illu-257.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Auf einige Fragen lautete die Antwort sehr kurz:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[259]</span></p> - -<p>»Im Kriege gefallen.«</p> - -<p>Von einem Knaben, nach welchem ich fragte, hieß es:</p> - -<p>»Mit dem ist’s seltsam gegangen! Jedermann in der ganzen -Stadt wußte, daß der Junge der reinste Strohkopf war, ein -Dummrian erster Sorte, ein Esel, der seinesgleichen nicht hatte. -Das war allbekannt, kein Mensch zweifelte daran. Und was -ist aus ihm geworden? – denken Sie nur: der angesehenste -Advokat im ganzen Staate Missouri.«</p> - -<p>»Wahrhaftig?!«</p> - -<p>»Wie ich Ihnen sage. Es ist die lauterste Wahrheit.«</p> - -<p>»Wie läßt sich das aber erklären?«</p> - -<p>»Erklären läßt sich’s gar nicht. Man sieht nur daraus, -daß die Leute in St. Louis nicht von selbst auf den Gedanken -kommen, daß einer ein Hansnarr ist, wenn man’s ihnen nicht -zuvor sagt. Eins ist sicher – hätte ich einen Hansnarren zu -versorgen, ich schickte ihn gleich mit Dampf nach St. Louis, dort -ist der beste Markt für dergleichen Ware. – Was sagen Sie -dazu – steht einem nicht der Verstand still, wenn man’s recht -bedenkt? Ich muß gestehen, mir ist etwas so Unerhörtes nicht -wieder vorgekommen.«</p> - -<p>»Freilich, es scheint verwunderlich. Aber, glauben Sie -nicht, daß man den Jungen in Hannibal vielleicht falsch beurteilt -hat und daß die Leute in St. Louis ihn richtiger zu -würdigen wissen?«</p> - -<p>»Wo denken Sie hin! Hier kennt man ihn ja von klein -auf und tausendmal besser als die Schafsköpfe in St. Louis. -Nein, nein, folgen Sie nur meinem Rat und schicken Sie alle -Hansnarren nach St. Louis, dort findet die Ware Absatz.«</p> - -<p>Ich fragte nun noch nach vielen meiner früheren Bekannten. -Sie waren gestorben oder fortgezogen; manche hatten Glück gehabt, -andere nichts als Verluste; auf etwa ein Dutzend Fragen -erhielt ich die beruhigende Antwort:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[260]</span></p> - -<p>»Die sind wohl auf – wohnen hier – die ganze Stadt -ist voll von ihren Kindern.«</p> - -<p>»Wie geht’s Fräulein B.?« fragte ich.</p> - -<p>»Sie starb vor drei Jahren im Irrenhaus – ist seit dem -Tage ihrer Aufnahme dort nicht wieder herausgekommen; es war -an keine Heilung zu denken, sie ist immer gestört geblieben.«</p> - -<p>Dies bezog sich auf ein entsetzliches Trauerspiel, das sich -in meiner frühesten Kindheit zutrug. Sechsunddreißig Jahre im -Irrenhaus – bloß weil sich ein paar Thörinnen einen dummen -Spaß machen wollten! Ich sehe die leichtfertigen jungen Dinger -noch auf den Fußspitzen ins Zimmer schleichen, wo Fräulein B. -um Mitternacht lesend bei der Lampe saß. Eins der Mädchen -hatte sich das Gesicht mit Mehl gepudert und ein Leintuch umgebunden. -Sie glitt dicht zu der Lesenden heran und berührte -ihr Opfer an der Schulter. Das Fräulein sah auf, stieß einen -Schrei aus und verfiel in Krämpfe. Von dem Schreck hat sie -sich nie wieder erholt – sie wurde wahnsinnig. Heutzutage -scheint es uns unbegreiflich, daß man noch vor so kurzer Zeit -an Gespenster geglaubt haben soll. Aber es war wirklich -der Fall.</p> - -<p>Nachdem ich nach allen Leuten gefragt hatte, die mir einfielen, -erkundigte ich mich zuletzt nach mir selber.</p> - -<p>»O, dem ist’s auch geglückt – das ist wieder so ein Beispiel -von einem Hansnarren. Hätte man ihn nach St. Louis -spediert, er würde es früher zu etwas Ordentlichem gebracht -haben.«</p> - -<p>Es war doch sehr weise gewesen, daß ich dem offenherzigen -alten Herrn gleich anfangs gesagt hatte, mein Name -sei Smith.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[261]</span></p> - -<h4>II.</h4> - -<p>Mein Gefährte verließ mich nun, und ich fuhr fort, die -alten Häuser der Stadt drunten zu betrachten und mir ihre Bewohner -aus vergangenen Tagen ins Gedächtnis zu rufen. Mein -Blick fiel jetzt auf Lem Hacketts Elternhaus und ich sah mich -in eine Zeitperiode zurückversetzt, in welcher die Menschen mit -ihren Erlebnissen nicht der natürlichen und folgerichtigen Entwicklung -allgemeiner Gesetze unterworfen zu sein glaubten, sondern -den besonderen Anordnungen einer Vorsehung, welche sie strafen -oder warnen wollte.</p> - -<p>Als ich noch ein kleiner Knabe war, ertrank Lem Hackett -– an einem Sonntag. Er fiel aus einem leeren, flachen Boot, -in dem er spielte, und da er voll Sünden war, sank er wie -ein Ambos bis auf den Grund. Er war im ganzen Städtchen -der einzige Knabe, welcher in der darauffolgenden Nacht schlief; -wir andern alle waren wach und thaten Buße. Es hätte dazu -wahrlich nicht erst der Belehrung bedurft, die uns am Abend -von der Kanzel herab zu teil wurde, nämlich, daß Lems Tod -die Folge eines besonderen göttlichen Gerichtes sei. In jener -Nacht brach ein schreckliches Gewitter aus, das ohne Aufhören -bis zum Morgen währte: der Wind wehte heftig, die Fenster -zitterten, der Regen fiel klatschend und in Strömen auf die -Dächer; jeden Augenblick erhellte ein Blitz mit blendendem Lichte -die tintenschwarze Finsternis draußen und auf diesen folgte ein -krachender Donnerschlag, der alles in der Nachbarschaft in Splitter -und Fetzen zu reißen schien. Zitternd und schaudernd saß ich -im Bett und wartete auf den offenbar bevorstehenden Untergang -der Welt. Ich fand nichts Ungereimtes darin, daß der Himmel -Lem Hacketts wegen einen solchen Höllenlärm machte: es war -das meiner Ansicht nach ganz gehörig und in Ordnung. Ich -zweifelte keinen Augenblick, daß die Engel versammelt waren,<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[262]</span> -den Tod dieses Knaben erörterten und dem schrecklichen Bombardement -unseres Städtchens mit Befriedigung und Billigung -zusahen. Eines beunruhigte mich dabei aufs höchste – das war -der Gedanke, daß diese Konzentration des himmlischen Interesses -auf unser Städtchen unfehlbar die Aufmerksamkeit der überirdischen -Beobachter auf Leute unter uns lenken mußte, die sonst der Beobachtung -vielleicht Jahre lang entgangen wären. Ich fühlte, -daß ich nicht nur zu diesen Leuten gehörte, sondern daß gerade -ich am allerwahrscheinlichsten entdeckt werden würde. Diese Entdeckung -konnte nur eine Folge haben: daß ich zu Lem ins -höllische Feuer käme, noch ehe er dort recht zu sich gekommen -und warm geworden war. Ich wußte, daß mir ganz nach Recht -und Billigkeit geschähe. Dabei vergrößerte ich fortwährend die -Chancen gegen mich, indem ich eine geheime Bitterkeit gegen -Lem hegte, weil er diese verhängnisvolle Aufmerksamkeit auf -mich gezogen hatte, aber ich konnte einmal nicht anders – -dieser sündige Gedanke setzte sich mir zum Trotz in meinem -Busen fest. So oft es blitzte, hielt ich den Atem an und glaubte -mich verloren. In meinem schrecklichen Elend begann ich in -gemeiner Weise auf andere Knaben hinzudeuten und Thaten -von ihnen zu erwähnen, die verruchter seien als meine und besonders -der Strafe bedürften – und ich versuchte mir einzureden, -daß ich das bloß so zufällig thäte und ohne die Absicht, -die himmlische Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, um mich selbst -ihr zu entziehen. Mit tiefem Scharfsinn gab ich diesen Denunziationen -die Form betrübter Erinnerungen und linkischer Fürbitten, -daß die Sünden jener Knaben nicht heimgesucht werden -möchten – »denn sie könnten sie ja möglicherweise bereuen.« -»Es ist wohl wahr, (sprach ich in Gedanken,) daß Jim Smith -ein Fenster zerbrach und dann leugnete – aber vielleicht that -er es nicht in böser Absicht. Und wenn auch Tom Holmes -garstigere Worte gebraucht als irgend ein anderer Knabe im<span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[263]</span> -Städtchen, so wird er doch vielleicht in sich gehen und bereuen -– wenn er das auch nie gesagt hat. Und obwohl es Thatsache -ist, daß John Jones einmal an einem Sonntag ein wenig -fischte, so fing er ja doch nichts als einen einzigen nutzlosen -Schlammbeißer; und das wäre am Ende nicht so schrecklich gewesen, -wenn er ihn wieder ins Wasser geworfen hätte, wie er -behauptet – was aber leider nicht wahr ist. Schade, daß sie -diese schrecklichen Dinge nicht bereuen wollten – vielleicht thun -sie es aber noch.«</p> - -<p>Während ich so listig die Aufmerksamkeit auf jene armen -Burschen lenkte, – die zweifellos im selben Augenblick die -himmlische Aufmerksamkeit mir zuwandten, obwohl ich das damals -durchaus nicht argwöhnte, – hatte ich achtlos meine Kerze -brennen lassen. Die Zeit war nicht danach angethan, daß man -selbst geringfügige Vorsichtsmaßregeln hätte vernachlässigen dürfen; -es war kein Grund vorhanden, mich selbst noch auffällig zu -machen, und so löschte ich denn das Licht aus.</p> - -<p>Das war eine lange, lange Nacht – vielleicht die angstvollste, -die ich je verbracht habe. Ich litt Folterqualen der -Reue über Sünden, von denen ich wußte, daß ich sie begangen -hatte, und für andere, bezüglich deren ich nicht so gewiß, aber -überzeugt war, daß sie in ein Buch eingetragen worden von -einem Engel, der, weiser als ich, so wichtige Dinge nicht dem -Gedächtnis anvertraute. Nach und nach kam ich zu der Einsicht, -daß ich in einer Beziehung einen thörichten und unheilvollen -Irrtum begangen hatte: zweifellos hatte ich dadurch, -daß ich die Aufmerksamkeit auf jene andern Knaben lenkte, nicht -nur meinen eigenen Untergang sicher beschworen, sondern auch -den ihrigen bereits verursacht! – Zweifellos hatte sie mittlerweile -der Blitz alle in ihren Betten niedergestreckt! Die Angst -und der Schreck, den dieser Gedanke mir einjagte, ließ mir die -vorhergehenden Leiden vergleichsweise geringfügig erscheinen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[264]</span></p> - -<p>Der Stand der Dinge war bedenklich geworden. Ich beschloß, -mich der Sünde in jeder Form zu enthalten und fortan -ein reines, tadelloses Leben zu führen. Ich wollte pünktlich in -der Kirche und Sonntagsschule sein, die Kranken besuchen, Körbe -mit Lebensmitteln zu den Armen tragen (bloß um die vorschriftsmäßigen -Bedingungen zu erfüllen, obgleich ich wußte, daß bei -uns niemand so arm war, daß man mir nicht überall den Korb -an den Kopf geschmissen hätte); ich wollte andere Knaben auf -den rechten Weg weisen und die daraus sich ergebenden Neckereien -in Geduld ertragen; ich wollte nur noch Traktätchen lesen, wollte -die Branntweinhöhlen aufsuchen und die Trunkenbolde ermahnen -– und schließlich, falls ich dem Schicksal jener entginge, die -vorzeitig ›fürs Leben zu gut werden‹, wollte ich als Missionar -in ferne Lande ziehen.</p> - -<p>Gegen Tagesanbruch legte sich der Sturm und ich schlummerte -nach und nach ein, mit einem Gefühl der Verpflichtung gegen -Lem Hackett, weil er in dieser jähen Weise in die ewige Qual -eingegangen war und so ein weit entsetzlicheres Unheil abgewendet -hatte – nämlich meinen eigenen Untergang. Als ich aber des -Morgens, vom Schlaf erquickt, aufstand und fand, daß die -andern Knaben sämtlich noch am Leben waren, hatte ich ein -unbestimmtes Gefühl, die ganze Geschichte möchte doch nur ein -falscher Alarm gewesen und der ganze Trubel nur Lem Hacketts -und sonst niemands wegen entstanden sein. Die Welt sah so -heiter und sicher aus, daß wirklich kein Grund vorhanden schien, -ein neues Leben anzufangen. Ich war den Tag über und auch -am nächsten Tage etwas gedrückter Stimmung; dann aber kam -mir mein Vorsatz zur Besserung allmählich aus dem Sinn, und -es war mir wieder ruhig und behaglich zu Mute – bis zum -nächsten Sturm.</p> - -<p>Dieser Sturm kam drei Wochen später und ich habe mir -seinen Zweck nie recht erklären können, denn am Nachmittag<span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[265]</span> -jenes Tages war ›Dutchy‹ ertrunken. So nannten wir einen -deutschen Jungen aus der Sonntagsschule, der furchtbar tugendhaft -war und ein fabelhaftes Gedächtnis hatte, im übrigen sich -aber selten zu raten und zu helfen wußte. Eines Sonntags erregte -er den Neid der gesamten Dorfjugend und die Bewunderung -aller Erwachsenen, denn er sagte dreitausend Bibelsprüche in -einem Zuge her, ohne nur einmal zu stocken. Und gleich tags -darauf ertrank er jämmerlich.</p> - -<p>Das kam nämlich so: Wir badeten alle in einer schlammigen -Bucht und wollten versuchen, wer beim Tauchen den Kopf am -längsten unter Wasser halten könnte. In der Bucht war ein -tiefes Loch, in dem die Böttcher ihre Stäbe zu Faßreifen einzuweichen -pflegten. Der Haufen lag etwa zwölf Fuß unter -Wasser und wir hielten uns beim Tauchen an den Stäben fest. -›Dutchy‹ benahm sich dabei so ungeschickt, daß er immer mit -Spott und Gelächter empfangen wurde, so oft sein Kopf aus -der Flut hervorkam. Das verdroß ihn endlich und er bat uns, -am Ufer stehen zu bleiben und ganz ehrlich zu zählen, wie lange -er es aushalten könne. »Jawohl, ›Dutchy‹, nur zu! – wir -verzählen uns nicht,« schrieen wir alle, wechselten dabei aber -verstohlene Blicke, die nichts Gutes weissagten.</p> - -<p>›Dutchy‹ tauchte unter; wir Jungen aber versteckten uns -rasch hinter einem nahen Brombeergebüsch. Wenn ›Dutchy‹, -nachdem er sich übermenschlich angestrengt hatte, wieder auf -die Oberfläche kam, sollte er den Platz leer finden und keinen -Menschen, der ihm Beifall klatschte. Der Gedanke machte uns -soviel Spaß, daß wir vor unterdrücktem Lachen zu ersticken -meinten. Nach einer Weile guckte einer der Kameraden durch -das Gesträuch.</p> - -<p>»Hört mal,« sagte er verwundert, »noch ist er nicht wieder -oben.«</p> - -<p>»Aber, <em class="gesperrt">der</em> taucht einmal gut!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[266]</span></p> - -<p>»Na, um so gelungener ist dann der Spaß!«</p> - -<p>Es entstand eine Pause, wir lauschten mit verhaltenem -Atem und zuletzt malte sich Furcht und Bangigkeit in allen -Mienen. Noch immer lag das Wasser in unbeweglicher Ruhe -da. Mit lautklopfendem Herzen schlichen wir ans Ufer zurück -und starrten entsetzt bald ins Wasser, bald einander in die bleichen -Gesichter.</p> - -<p>»Einer von uns muß hinunter, um nachzusehen.«</p> - -<p>Das war klar, aber jedem graute davor.</p> - -<p>»Das Los soll entscheiden.«</p> - -<p>Mit zitternden Händen suchten wir Strohhalme, um das -Schicksal zu befragen. Das Los traf mich und ich sprang ins -Wasser. Es war so trübe, daß ich nichts sehen konnte, ich fühlte -nur unter den Stäben umher und bekam plötzlich eine leblose -Hand zu fassen. In tödlichem Schrecken ließ ich sie fahren und -rettete mich wieder ans Tageslicht.</p> - -<p>Der Knabe war zwischen die Stäbe geraten und da hilflos -stecken geblieben. Ich verkündete die entsetzliche Nachricht, doch -dachten wir nicht daran, den Ertrunkenen schnell herauszuziehen, -damit er vielleicht noch zum Leben erweckt werden könne. Die -kleineren Buben schrieen jämmerlich und jeder suchte so rasch -wie möglich in seine Kleider zu kommen; wir zogen die ersten -besten an, meist das Unterste zu oberst, das Innere nach außen. -Dann trabten wir eilig davon und verbreiteten die Unglückskunde, -aber keiner von uns kehrte wieder mit um. Wir wollten -das Ende des Trauerspiels nicht sehen, wir hatten etwas Wichtigeres -zu thun, nämlich ohne einen Augenblick zu verlieren nach -Hause zu laufen und ein besseres Leben zu beginnen.</p> - -<p>Bald brach die Nacht herein und dann kam das schreckliche -und mir ganz unverständliche Gewitter. Es mußte entschieden -auf einem Irrtum beruhen, anders ließ es sich nicht erklären. -Alle Elemente waren entfesselt, der Sturm raste in blinder Wut,<span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[267]</span> -die Blitze zuckten und der Donner tobte wie unsinnig. Ich -hatte Mut und Hoffnung völlig verloren; verzweifelnd dachte -ich bei mir: »Wenn ein Junge, der dreitausend Bibelsprüche -auswendig kann, nicht fromm genug ist, wer soll dann dem -Verhängnis entrinnen?«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-266"> - <img src="images/illu-266.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Natürlich zweifelte ich keinen Augenblick, daß der Sturm -einzig und allein Dutchys wegen ausgebrochen sei; daß er, -oder irgend ein anderes gleich unbedeutendes Wesen, einer so -erhabenen Kundgebung aus der Höhe nicht wert sei, kam mir -nicht von fern in den Sinn. Mich beunruhigte nur die Lehre, -die ich daraus ziehen mußte. Wenn ›Dutchy‹, trotz all seiner -Tugend, nicht Gnade fand, so war es für mich ein ganz vergebliches -Bemühen, ein neues Leben anzufangen, ich konnte ja -nun und nimmermehr hoffen, so vortrefflich zu werden wie er. -Dennoch schien es mir rätlich, den Versuch der Besserung zu -machen. Als nun aber Tage voll Sonnenschein und Heiterkeit -folgten, hatte ich alle guten Vorsätze vergessen noch ehe ein<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[268]</span> -Monat um war, und fühlte mich in meiner sündhaften Verstocktheit -so behaglich wie je zuvor.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Während ich mir jene alten Erlebnisse ins Gedächtnis zurückrief -und allerlei Betrachtungen daran knüpfte, war die Frühstücksstunde -herbeigekommen. Ich versetzte mich wieder in die -Gegenwart zurück und ging den Hügel hinunter.</p> - -<p>Auf dem Wege nach dem Hotel kam ich auch an dem -Hause vorbei, das wir zu meiner Knabenzeit bewohnten. Seine -jetzigen Insassen sind heutzutage nicht mehr wert als ich, aber -zu jener Zeit hätten sie mindestens fünfhundert Dollars die -Person gegolten. Es waren nämlich Farbige.</p> - -<p>Nach dem Frühstück ging ich aus, um einige Sonntagsschulen -zu besichtigen und die Leistungen ihrer jetzigen Zöglinge -mit denen meiner damaligen Mitschüler zu vergleichen. Die -Kinder waren besser gekleidet und sahen sauberer aus als wir -vor Zeiten und ihr Anblick rührte mich tief. Es waren ja die -Abkömmlinge jener Knaben und Mädchen, die ich vor vielen, -vielen Jahren von ganzem Herzen geliebt oder von ganzem -Herzen gehaßt hatte; sie saßen jetzt auf deren Plätzen – wo -aber waren jene hingekommen?</p> - -<p>Ich wollte, der kahlköpfige Inspektor, der zu meiner Zeit -ein flachshaariger Sonntagsschüler war, hätte mich nicht erkannt -und mich ruhig meine Beobachtungen anstellen lassen. -Statt dessen mußte ich nun den Kindern eine Ansprache halten, -und für unvorbereitete Reden habe ich gar kein Talent. Ich -konnte mich auch im Augenblick durchaus nicht auf das sinnlose -Geschwätz besinnen, mit dem die Besucher meine Ohren zu beleidigen -pflegten, als ich noch Schüler war. Schade! denn hätte -ich so recht salbungsvoll reden können, so würde ich Zeit gewonnen -haben, mir die frischen, jungen Gesichter, die da vor -mir aufgereiht saßen, noch länger anzusehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[269]</span></p> - -<p>Der eigentliche Musterknabe schien mir aber nicht darunter -zu sein. Der Musterknabe, den wir damals hatten – mehr -als einen hat es nie gegeben – war völlig fehlerlos; fehlerlos -im Benehmen, im Anzug, im Lebenswandel, im kindlichen Gehorsam, -in äußerer Frömmigkeit; aber im Grunde war er ein -eingebildetes Bürschchen und hatte so wenig Grütze im Kopf, -daß man ihm ruhig statt des Schädels einen Kürbis hätte aufsetzen -können, ohne daß jemand den Unterschied bemerkt hätte. -Die Untadeligkeit dieses Jungen war für die ganze Jugend des -Städtchens ein immerwährender Vorwurf. Alle Mütter bewunderten -ihn und von allen ihren Söhnen wurde er verabscheut. -Man hat mir auch gesagt, was aus ihm geworden ist, es war -aber das Gegenteil von dem, was ich erwartete, daher will ich -alle weiteren Einzelheiten verschweigen und nur erwähnen, daß -er sein Glück in der Welt gemacht hat.</p> - -<p>Drei Tage lang blieb ich in der Stadt und wachte jeden -Morgen mit der Ueberzeugung auf, daß ich noch ein Knabe sei, -denn in meinen Träumen waren alle Gesichter wieder jung und -sahen gerade so aus, wie in den vergangenen Zeiten. Abends -aber, wenn ich zu Bette ging, kam ich mir mindestens hundert -Jahre alt vor, denn inzwischen hatte ich mich zur Genüge davon -überzeugt, wie jene Gesichter in Wirklichkeit aussahen.</p> - -<p>Bis ich mich an den neuen Stand der Dinge gewöhnt hatte, -fiel ich immer aus einer Ueberraschung in die andere. Ich begegnete -jungen Damen, die sich gar nicht verändert zu haben -schienen, aber es stellte sich bald heraus, daß sie die Töchter -meiner damaligen Bekannten waren oder auch ihre Enkelinnen. -Wenn man uns sagt, daß eine fremde Dame von fünfzig Jahren -Großmutter ist, so wundert uns das gar nicht; hat man sie -aber als kleines Mädchen gekannt, so scheint es unmöglich. Wie -kann ein kleines Mädchen eine Großmutter sein? – Es ist gar -nicht leicht, sich die Thatsache klar zu machen, daß wir nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[270]</span> -<em class="gesperrt">allein</em> alt werden, sondern unsere Zeitgenossen darin mit uns -gleichen Schritt halten.</p> - -<p>Die größte Veränderung fand ich bei den Frauen, weit -weniger bei den Männern. Diese schienen in dreißig Jahren -nicht viel gealtert zu sein; aber ihre Frauen waren alt geworden -– wenigstens die braven. Brav zu sein ist sehr angreifend, -es erhält nicht jung.</p> - -<p>Die Stadt Hannibal hat sich nicht weniger umgewandelt -als ihre Bewohner. Sie ist sehr ansehnlich geworden, hat einen -Bürgermeister, einen Gemeinderat, Gas- und Wasserleitung und -wahrscheinlich Schulden. Die Zahl ihrer Einwohner beträgt -15,000; überall herrscht rege Thätigkeit und Gedeihen; auch -das Pflaster ist nicht schlechter wie in andern Städten des -Westens und Südens, wo eine gut gepflasterte Straße und bequeme -Bürgersteige etwas so Seltenes sind, daß man seinen -Augen nicht traut, wenn man sie einmal zu sehen bekommt. -Hannibal ist jetzt auch der Knotenpunkt von einem halben Dutzend -Eisenbahnlinien und besitzt einen neuen Bahnhof, der 100,000 -Dollars gekostet hat. Ich ging auch nach der Bärenbucht, die -wahrscheinlich so heißt, weil sich nie ein Bär dorthin verirrt -hat; sie ist jetzt mit Bergen von Nutzholz förmlich zugebaut. -Dort pflegte ich jeden Sommer regelmäßig ins Wasser zu fallen, -aber immer kam irgend ein Mensch vorbei, holte mich heraus, -pumpte mir Luft ein und brachte mich wieder auf die Beine. -Jetzt ist von der ganzen Bucht nicht mehr so viel übrig, daß -jemand darin ertrinken kann.</p> - -<h4>III.</h4> - -<p>»Erinnern Sie sich noch, wie Jimmy Finn, der Stadttrunkenbold, -im Stockhaus verbrannte?« fragte mich ein Bürger -meines Heimatortes, mit dem ich mich in ein Gespräch einließ.</p> - -<p>Es ist doch merkwürdig, wie eine Geschichte im Laufe der<span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[271]</span> -Zeit durch das schlechte Gedächtnis der Menschen verfälscht wird! -Finn verbrannte nämlich nicht im Stockhaus, sondern starb eines -natürlichen Todes in einem Lohfaß, an einer Kombination von -<em class="antiqua">Delirium tremens</em> und Selbstverbrennung. Wenn ich sage eines -natürlichen Todes, so meine ich damit, daß es für Jimmy Finn -ein natürlicher Tod war. Das Stadthausopfer war gar kein -Einheimischer, sondern ein armer Fremder, ein harmloser Landstreicher -und Schnapssäufer. Ich kenne seinen Fall genauer als -sonst jemand; ja, es gab eine Zeit, wo ich mehr davon wußte -als mir lieb war und ich mich hütete, davon zu sprechen. Jener -Landstreicher wanderte, eine Pfeife im Munde, eines kühlen -Abends in den Straßen umher und bat um ein Zündholz; er -bekam weder Zündholz noch sonstige Aufmerksamkeiten – im -Gegenteil: ein Trupp böser kleiner Buben folgte ihm auf den -Fersen und vergnügte sich damit, ihn zu necken und zu ärgern. -Ich war auch dabei, aber eine flehentliche Bitte um Schonung, -die der Wanderer stellte und mit einem eindringlichen Hinweis -auf seine verlassene und freundlose Lage begleitete, rührte den -Rest von Schamgefühl und richtiger Empfindung in mir: ich -ging fort, holte ihm einige Streichhölzchen und eilte dann nach -Hause und zu Bette, schwer belastet im Gewissen und in nicht -sehr gehobener Stimmung. Ein paar Stunden später wurde -der Mann arretiert und von dem Marschall – ein großer Name -für einen Polizeidiener, aber das war sein Titel – in das -Stockhaus gesperrt. Um zwei Uhr des Morgens verkündeten -die Kirchenglocken Feuer, und alles verließ natürlich die Häuser -– ich mit den übrigen. Der Landstreicher hatte seine Zündhölzchen -in verderblicher Weise gebraucht: er hatte seinen Strohsack -angezündet, und die Flamme hatte die eichene Vertäfelung -des Zimmers ergriffen. Als ich den Platz erreichte, standen -zweihundert Männer, Frauen und Kinder, von Entsetzen durchdrungen, -dicht beisammen und starrten auf die vergitterten Kerkerfenster.<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[272]</span> -Hinter den Eisenstäben, an denen er wie rasend zerrte, -stand der Landstreicher und schrie um Hilfe. Er sah aus wie -ein schwarzer Fleck, der sich von der Sonne abhebt, so weiß -und intensiv war das Licht hinter seinem Rücken. Der Marschall -war nicht zu finden, und er besaß den einzigen Schlüssel. -Rasch wurde ein Mauerbrecher improvisiert, und der Donner -seiner Stöße gegen die Thür tönte so ermutigend, daß die -Zuschauer in wildes -Jauchzen ausbrachen -und die barmherzige -That schon gelungen -glaubten. Aber dem -war nicht so. Die -Balken waren zu stark; -sie gaben nicht nach. -Man sagte, daß der -Mann noch im Tode -die Eisenstäbe fest umklammert -hielt und -daß das Feuer ihn in -dieser Stellung umhüllte -und verzehrte. -Ich selbst weiß nichts Bestimmtes darüber.</p> - -<div class="figleft" id="illu-271"> - <img src="images/illu-271.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Ich sah sein Gesicht in jener oben beschriebenen Stellung -eine lange Zeit nachher noch jede Nacht; und ich glaubte mich -so schuldig an dem Tode des Mannes, als ob ich ihm die -Streichhölzchen absichtlich gegeben hätte, damit er sich damit verbrennen -sollte. Ich zweifelte nicht im geringsten, daß ich gehängt -werden würde, falls etwa meine Beteiligung an dieser -Tragödie zu Tage käme. Die Ereignisse und Eindrücke jener -Zeit sind unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn -jemand von jener gräßlichen Geschichte sprach, war ich augenblicklich<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[273]</span> -ganz Ohr und lauschte gierig auf jedes Wort, denn -ich erwartete und fürchtete stets zu entdecken, daß man mich beargwöhne; -so fein und empfindlich war die Wahrnehmungsgabe -meines schuldigen Gewissens, daß es oft in den unverfänglichsten -Aeußerungen einen Verdacht entdeckte, sogar in Mienen, Gebärden -und Blicken, die keine Bedeutung hatten, die mich aber -trotzdem mit panischem Schrecken erfüllten und von dannen jagten. -Wenn jemand (und wäre es auch höchst sorg- und absichtslos -gewesen) die Bemerkung fallen ließ: »Der Mord muß endlich -ans Licht kommen,« so machte mich das ganz elend. Für einen -Knaben von zehn Jahren trug ich schon ein hübsch gewichtiges -Sorgenbündel.</p> - -<p>Während dieser ganzen Zeit dachte ich glücklicherweise nicht -daran, daß ich die Gewohnheit hatte, im Schlafe zu sprechen. -Eines Nachts aber erwachte ich und sah, daß mein Schlafkamerad -– mein jüngerer Bruder – aufrecht im Bette saß -und mich beim Mondscheine betrachtete. Ich sagte:</p> - -<p>»Was hast du denn?« –</p> - -<p>»Du plauderst so viel, daß ich nicht schlafen kann.«</p> - -<p>Ich richtete mich augenblicklich im Bette auf. Mein Puls -stockte und die Haare standen mir zu Berge.</p> - -<p>»Was hab’ ich denn gesagt? Rasch – heraus damit – -was hab’ ich gesagt?«</p> - -<p>»Nichts Besonderes.«</p> - -<p>»Das ist eine Lüge – du weißt alles.«</p> - -<p>»Alles –? Wovon denn? worüber?«</p> - -<p>»Du weißt es recht gut: <em class="gesperrt">davon</em>.«</p> - -<p>»Wovon? – ich weiß nicht, wovon du redest. Ich glaube, -du bist krank oder nicht bei Sinnen oder sonst ’was. Nun, -jedenfalls bist du jetzt wach, und ich will versuchen, ob ich wieder -einschlafen kann.«</p> - -<p>Er schlief sofort ein, während ich in kaltem Schweiß gebadet<span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[274]</span> -dalag. Der Schreck hatte mich beinahe gelähmt und ich -war keines andern Gedankens mehr fähig als: ›Wieviel habe -ich enthüllt?‹ ›Wieviel weiß er?‹ – Welche Qual war diese -Ungewißheit! Nach und nach aber entwickelte sich eine Idee in -mir – ich wollte meinen Bruder aufwecken und ihn mit einem -unterschobenen Fall auf die Probe stellen. Ich schüttelte ihn -wach und sagte:</p> - -<p>»Angenommen, ein Mann käme betrunken zu dir –«</p> - -<p>»Das ist Unsinn – ich betrinke mich nie.«</p> - -<p>»Ich meine nicht dich, du Dummkopf – ich meine den -Mann. Angenommen ein <em class="gesperrt">Mann</em> käme betrunken zu dir und -borgte ein Messer oder einen Tomahawk oder ein Pistol, und -du vergäßest ihm zu sagen, daß es geladen sei, und – –«</p> - -<p>»Wie kannst du einen Tomahawk laden?«</p> - -<p>»Ich meine nicht den Tomahawk und sagte es auch nicht, -ich sagte das Pistol. Und nun unterbrich mich nicht fortwährend -in dieser Weise, denn die Sache ist ernst. Es ist ein -Mann getötet worden.«</p> - -<p>»Was! in unserer Stadt?«</p> - -<p>»Ja, in unserer Stadt.«</p> - -<p>»Nun, fahre fort – ich will kein einziges Wort mehr -sagen.«</p> - -<p>»Nun also: angenommen, du vergäßest, ihm zu sagen, er -solle sorgfältig damit umgehen, weil es geladen sei, und er -ginge nun hin und erschösse sich mit jenem Pistol – indem er -damit spielt, weißt du, und wahrscheinlich zufällig, da er betrunken -ist. Nun, wäre das ein Mord?«</p> - -<p>»Nein, – ein Selbstmord.«</p> - -<p>»Nein, nein. Ich meinte nicht seine That, sondern <em class="gesperrt">deine</em>: -wärest du ein Mörder, weil du ihm jenes Pistol gabst?«</p> - -<p>Nach tiefem Nachdenken erfolgte die Antwort:</p> - -<p>»Nun, es scheint mir, als hätte ich mich dann schuldig<span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[275]</span> -gemacht – des Mordes, vielleicht – ja, wahrscheinlich des -Mordes, aber ich weiß nicht recht.«</p> - -<p>Das machte mich sehr unruhig; indessen war es doch kein -entscheidendes Urteil. Ich mußte ihm am Ende die wahre -Sachlage erzählen – es schien kein anderer Ausweg vorhanden. -Aber ich wollte es vorsichtig thun und begann also:</p> - -<p>»Ich habe das vorigemal einen Fall ersonnen, aber jetzt -komme ich zu dem wirklichen. Weißt du, wie es kam, daß -der Mann im Stockhaus verbrannte?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Hast nicht die geringste Idee davon?«</p> - -<p>»Nicht die geringste.«</p> - -<p>»Willst auf der Stelle sterben, wenn’s nicht so ist?«</p> - -<p>»Ja, will auf der Stelle sterben.«</p> - -<p>»Nun, die Sache war so. Der Mann verlangte Streichhölzchen, -um seine Pfeife anzuzünden. Ein Knabe holte sie -ihm; der Mann zündete mit eben diesen Streichhölzchen das -Stockhaus an und verbrannte sich selbst.«</p> - -<p>»Ist das so?«</p> - -<p>»Ja, es ist so. Glaubst du nun, daß jener Knabe ein -Mörder ist?«</p> - -<p>»Das kommt darauf an. – Der Mann war betrunken?«</p> - -<p>»Ja, er war betrunken.«</p> - -<p>»Stark betrunken?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und der Knabe wußte es?«</p> - -<p>»Ja, er wußte es.«</p> - -<p>Es folgte eine lange Pause, dann wurde das harte Urteil -verkündigt:</p> - -<p>»Wenn der Mann betrunken war und der Knabe es <em class="gesperrt">wußte</em>, -so hat der Knabe jenen Mann ermordet. Das ist sicher.«</p> - -<p>Durch alle Fibern meines Körpers schlich sich ein Gefühl,<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[276]</span> -als müßte ich krank und ohnmächtig umsinken; es war mir wie -einem Menschen zu Mute, dem sein Todesurteil verkündet wird. -Ich wartete, um zu hören, was mein Bruder weiter sagen -würde; mir ahnte, was es sein würde, und ich täuschte mich -nicht. Er sagte:</p> - -<p>»Ich kenne den Knaben.«</p> - -<p>Ich hatte nichts zu sagen, und so schwieg ich. Ich schauderte -einfach. Dann fügte er hinzu:</p> - -<p>»Ja, ehe du die Geschichte halb erzählt hattest, wußte ich -ganz genau, wer der Knabe war; es war Ben Coontz!«</p> - -<p>Ich raffte mich aus meiner Betäubung empor, wie einer, -der vom Tode aufersteht, und sagte verwundert:</p> - -<p>»Ei, wie in aller Welt hast du das erraten?«</p> - -<p>»Du hast es im Schlafe gesagt.«</p> - -<p>Ich dachte bei mir selbst: »Famos! Das ist eine Gewohnheit, -die gepflegt werden muß.«</p> - -<p>Mein Bruder plapperte unschuldig weiter:</p> - -<p>»Als du im Schlafe sprachst, murmeltest du immerwährend -etwas von Streichhölzchen, woraus ich nicht klug werden konnte; -eben jetzt aber, als du mir von dem Manne und den Streichhölzchen -und dem Stockhaus zu erzählen begannst, erinnerte -ich mich, daß du Ben Coontz zwei- oder dreimal erwähntest; -und so setzte ich mir denn dies und jenes zusammen – siehst -du – und wußte so augenblicklich, daß Ben den Mann verbrannt -hat.«</p> - -<p>Ich lobte seinen Scharfsinn über die Maßen, und er fragte -mich dann:</p> - -<p>»Willst du ihn dem Gericht überliefern?«</p> - -<p>»Nein,« sagte ich; »ich glaube, daß er sich die Lektion zu -Herzen nehmen wird. Ich werde natürlich ein Auge auf ihn -haben, denn das gehört sich; aber wenn er in sich geht und -sich bessert, soll man nie sagen, daß ich ihn verraten habe.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[277]</span></p> - -<p>»Wie gut du bist!«</p> - -<p>»Das nicht, aber ich strebe danach; mehr kann man in -dieser Welt nicht thun.«</p> - -<p>Und jetzt, da meine Bürde auf andere Schultern gewälzt -war, schwanden meine Sorgen und Befürchtungen wie Butter -an der Sonne.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[278]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Ritters_Geschichte">Ritters Geschichte.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-g.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Gegen Ende des Jahres 186– brachte ich einige Monate -in München zu. Im November war ich bei Fräulein -Dahlweiner, Karlsstraße 1 <em class="antiqua">a</em>, in Kost; meine Wohnung aber -befand sich ein halbes Stündchen von dort entfernt, im Hause -einer Witwe, welche an ledige Herren Zimmer vermietete und -wo ich Gelegenheit fand, mich in der deutschen Sprache zu üben.</p> - -<p>Eines Tages, während einer Wanderung durch die Stadt, -besuchte ich eines der zwei Gebäude, wo die Obrigkeit die Leichname -aufbewahrt und überwachen läßt, bis die Aerzte entscheiden, -daß sie wirklich tot und nicht scheintot sind. Es war ein schauerlicher -Ort, jener geräumige Saal. Mit den Rücken auf schrägen -Brettern ausgestreckt, lagen sechsunddreißig Leichname von Erwachsenen -in drei langen Reihen – alle mit wachsbleichen, -starren Gesichtern, alle in weiße Leintücher gehüllt. An den -Seiten des Saales waren tiefe Nischen, wie Bogenfenster, und -in jeder lagen marmorbleiche Kinder, im ganzen vierzehn, – -gänzlich verborgen und begraben unter Blumen; nur die Gesichter -und die gekreuzten Hände waren zu sehen. Jede dieser -fünfzig stillen Formen, groß und klein, hatte an einem Finger -der rechten Hand einen Ring, von dem ein Draht zur Decke -und von da zu einer Glocke in ein Wachtzimmer drüben ging, -wo Tag und Nacht ein Wächter saß, um zur Hilfe herbeizueilen,<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[279]</span> -sobald einer von jener bleichen Gesellschaft aus dem Todesschlaf -erwachen und eine Bewegung machen sollte – denn jede, selbst -die leiseste Bewegung bringt Draht und Glocke in Thätigkeit. -Ich versetzte mich unwillkürlich in die Lage solch eines Totenwächters, -der in einer stürmischen, finstern Nacht plötzlich aus -dem Halbschlummer durch den Klang jenes unheimlichen Signals -aufgeschreckt und bis ins tiefste Mark erschüttert wird. Wie – -so fragte ich mich – wenn der Wächter beim Anblick des lebendig -gewordenen Toten von einem Schlag getroffen würde? – und -wenn dann der Mann, der eben noch ein Leichnam gewesen, -seinem Totenwärter, der jetzt selbst im Verscheiden ist, liebreich -Beistand leistete? Aber ich machte mir Vorwürfe, an einem so -feierlichen und traurigen Orte meine Phantasie mit so thörichten -Fragen zu beschäftigen, und schlich von dannen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen erzählte ich der Witwe von meinem -Besuch, worauf sie ausrief:</p> - -<p>»Kommen Sie mit! Ich habe einen Zimmerherrn, der -früher Leichenwärter dort war; der kann Ihnen über alles Auskunft -geben.«</p> - -<p>Er lag im Bette und sein Kopf war hoch auf Polster gebettet; -sein Gesicht war abgezehrt und farblos; seine tief eingesunkenen -Augen geschlossen; seine auf der Brust ruhende Hand -sah aus wie eine Kralle, so knochig und langfingerig war sie. -Die Witwe machte uns mit einander bekannt. Die Augen des -Kranken öffneten sich langsam und funkelten grimmig aus ihren -Höhlen; er runzelte finster die Stirne, erhob seine magere Hand -und winkte uns gebieterisch weg. Die Witwe aber ließ sich -dadurch nicht irre machen und sagte ihm, daß ich ein Fremder, -ein Amerikaner sei. Das Gesicht des Kranken änderte sofort -seinen Ausdruck, hellte sich auf und verriet eine lebhafte Neugierde; -– im nächsten Augenblicke waren er und ich allein beisammen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[280]</span></p> - -<p>Ich begann in schwerfälligem Deutsch; er antwortete in -fließendem Englisch; darauf ließen wir die deutsche Sprache -fallen.</p> - -<div class="figleft" id="illu-279"> - <img src="images/illu-279.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Dieser Schwindsüchtige und ich wurden gute Freunde. Ich -besuchte ihn jeden Tag, und wir plauderten über alles Mögliche -– ausgenommen Weiber und Kinder. Sobald jemands -Weib oder Kind erwähnt wurde, erfolgte stets dreierlei: in den -Augen des Mannes glänzte einen Moment das freundlichste, zärtlichste -und liebevollste -Licht; im nächsten -Augenblick verschwand -es und an seiner Stelle -erschien jener grimmige -Blick, den ich bemerkt -hatte, als ich ihm zuerst -in die Augen sah; -und drittens enthielt -er sich von nun an -den ganzen Tag über -gänzlich der Rede, lag -schweigend, geistesabwesend -und wie in Gedanken versunken da, nahm von meinem -›Adieu‹ keinerlei Notiz und sah und hörte offenbar nicht, wie -ich das Zimmer verließ.</p> - -<p>Als ich so zwei Monate lang der tägliche und einzige Vertraute -Karl Ritters gewesen war, sagte er eines Tages plötzlich:</p> - -<p>»Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen!«</p> - -<h4>Das Bekenntnis eines Sterbenden.</h4> - -<p>»Ich habe nie weichgegeben, bis jetzt. Nun aber ist’s aus -mit mir. Ich muß sterben und zwar bald. Sie bemerkten, daß -Sie demnächst wieder an den Mississippi zurückzukehren gedächten;<span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[281]</span> -– dies zusammen mit einem seltsamen Erlebnis der letzten -Nacht hat mich zu dem Entschluß gebracht, Ihnen meine Geschichte -zu erzählen – denn Sie werden nach Napoleon in Arkansas -kommen, und ich bitte Sie um meinetwillen, dort anzuhalten -und etwas für mich zu thun – Sie werden es gewiß -gern thun, wenn Sie meine Erzählung gehört haben.</p> - -<p>»Ich werde die Geschichte abkürzen, wo ich kann; es ist notwendig, -denn sie ist lang. Sie wissen bereits, wie ich dazu kam, -nach Amerika zu gehen und mich in jener einsamen Gegend im -Süden niederzulassen; aber Sie wissen nicht, daß ich Weib und -Kind hatte. Meine Frau war jung, schön, liebevoll und o! so -göttlich gut, tugendhaft und edel! Und unser kleines Mädchen -war die Mutter im kleinen. Wir waren die glücklichste aller -glücklichen Familien.</p> - -<p>»Einstmals in der Nacht – es war gegen das Ende des -Krieges – erwachte ich aus einer dumpfen Betäubung und -fand, daß ich gebunden und geknebelt und die Luft mit Chloroform -geschwängert war! Ich sah zwei Männer im Zimmer, -von denen der eine dem andern in heiserem Ton zuflüsterte: -›Ich <em class="gesperrt">sagte</em> ihr, ich thue es, wenn sie Lärm mache, und was -das Kind anbelangt, so – –‹</p> - -<p>»Der andere unterbrach ihn mit leiser, weinerlicher Stimme:</p> - -<p>»›Du sagtest, wir wollten sie nur knebeln und berauben, -aber nicht umbringen; sonst wäre ich nicht mitgegangen.‹</p> - -<p>»›Hör’ auf mit dem Gewinsel,‹ entgegnete der erstere, ›ich -<em class="gesperrt">mußte</em> ja den Plan ändern, als sie aufwachten; du hast gethan, -was du zu ihrem Schutze thun konntest, das laß dir genügen; -und nun komm und hilf mir alles durchstöbern.‹</p> - -<p>»Beide Männer waren maskiert und trugen grobe, zerlumpte -Nigger-Kleider; sie hatten eine Blendlaterne bei sich, -bei deren Lichte ich bemerkte, daß dem sanfteren der beiden -Räuber der <em class="gesperrt">Daumen an der rechten Hand fehlte</em>. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[282]</span> -suchten eine Weile in meiner ärmlichen Hütte, dann flüsterte der -Hauptbandit:</p> - -<p>»›Es ist Zeitverschwendung – er soll sagen, wo es versteckt -ist. Nimm ihm den Knebel heraus und muntere ihn auf.‹</p> - -<p>»›Ganz recht,‹ sagte der andere, ›aber – keine Schläge!‹</p> - -<p>»›Also keine Schläge – d. h. wenn er sich ruhig verhält.‹</p> - -<p>»Sie näherten sich mir; da ließ sich plötzlich draußen ein -Geräusch hören, der Schall von Stimmen und Pferdehufen; die -Räuber hielten den Atem an und horchten; der Schall kam -immer näher, und endlich hörte man einen Ruf:</p> - -<p>»›Heda, in dem Haus! Macht Licht, wir brauchen Wasser.‹</p> - -<p>»›Des Hauptmanns Stimme, bei Gott!‹ sagte der größere der -beiden Schurken, und beide Räuber flohen durch die Hinterthür.</p> - -<p>»Die Fremden riefen noch mehrmals und ritten dann weiter – -es schien ein Dutzend Reiter zu sein – und ich hörte nichts mehr.</p> - -<p>»Ich bemühte mich aus allen Kräften, konnte mich aber -nicht aus meinen Banden freimachen. Ich versuchte zu sprechen, -aber der Knebel saß so fest, daß ich keinen Laut von mir geben -konnte. Ich lauschte, um meines Weibes oder Kindes Stimme -zu hören – lauschte lange und aufmerksam, aber kein Laut -kam aus der andern Ecke des Zimmers, wo ihr Bett stand. -Dies Schweigen wurde jeden Augenblick schrecklicher, unheilverkündender. -Glauben Sie, daß Sie es eine Stunde lang ertragen -hätten? Nein? Nun denn, so bemitleiden Sie mich, der ich -deren drei auszuhalten hatte. Drei Stunden! – es waren -drei Menschenalter! So oft die Uhr schlug, schien es mir, als -ob Jahre verflossen wären, seit ich sie das letztemal gehört hatte! -Während dieser ganzen Zeit mühte ich mich in meinen Banden -ab, und endlich, gegen Tagesanbruch, gelang es mir loszukommen; -ich stand auf und streckte meine steifen Glieder. Der -Fußboden war mit allerlei Sachen bestreut, welche die Räuber -während ihrer Suche nach meinen Ersparnissen umhergeworfen<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[283]</span> -hatten. Der erste Gegenstand, der mir in die Augen fiel, war -eines von meinen Papieren, das der rohere der beiden Schurken -flüchtig betrachtet und dann weggeworfen hatte. Es trug die -Fingerspuren des Mörders in blutiger Farbe! Ich wankte an -das andere Ende der Stube. O, da lagen sie, die armen Wehr- -und Hilflosen! Ihre Leiden waren zu Ende, das meine hatte erst -begonnen.</p> - -<p>»Ob ich das Gericht anrief? – Was hilft’s dem durstigen -Armen, wenn der König für ihn trinkt? O nein, nein, nein – -ich verschmähte die Einmischung des Gesetzes. Die Gesetze und -der Galgen konnten diese Schuld nicht sühnen. Ich wollte den -Schuldner schon finden und die Schuld eintreiben. Wie das -anstellen, fragen Sie, da ich doch weder die Gesichter der Bösewichter -gesehen, noch ihre unverstellte Stimme gehört, noch irgend -eine Idee hatte, wer sie sein könnten? Nichtsdestoweniger war -ich meiner Sache gewiß – ganz gewiß, ganz zuversichtlich – -ich hatte eine Spur – eine Spur, auf die Sie vielleicht keinen -Wert gelegt hätten – eine Spur, mit der selbst ein Detektiv nichts -anzufangen gewußt hätte, weil er das Geheimnis, wie sie zu -verwerten sei, nicht erriet. Doch, davon später. Zunächst wollen -wir die Dinge in ihrer gehörigen Reihenfolge betrachten. Ein -Umstand war vorhanden, der mir gleich zu Anfang einen Fingerzeig -in einer bestimmten Richtung gab: Jene zwei Räuber waren -offenbar als Landstreicher vermummte Soldaten, und zwar keine -Neulinge mehr im Militärdienst, sondern alte Soldaten – wahrscheinlich -von der Linie; sie hatten sich ihre militärische Haltung, -Gebärden und Benehmen nicht in einem Tage oder Monat, noch -in einem Jahr angeeignet. So dachte ich, sagte aber nichts. -Und einer von ihnen hatte gesagt: ›Des Hauptmanns Stimme, -bei Gott!‹ – es war der, den ich suchte. In einer Entfernung -von etwa einer Stunde lagerten mehrere Regimenter -Infanterie und zwei Schwadronen Kavallerie. Als ich erfuhr,<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[284]</span> -daß der Hauptmann Blakely von der 3. Schwadron in jener -Nacht an unserem Hause vorbeigeritten war, und zwar mit -einer Begleitung von zehn Mann, sagte ich nichts, beschloß aber, -in jener Schwadron meinen Mann zu suchen. Im Gespräch -bezeichnete ich die Räuber absichtlich beständig als Landstreicher, -und unter dieser Klasse stellten die Leute nutzlose Nachforschungen -an. Keiner außer mir beargwöhnte die Soldaten.</p> - -<p>»Mit vieler Mühe flickte ich mir in nächtlicher Arbeit aus -verschiedenen Tuchstücken und Kleiderfetzen eine Verkleidung zusammen; -im nächsten Städtchen kaufte ich mir eine blaue Staubbrille. -Als das Lager endlich aufgehoben und die dritte Schwadron -zwanzig Meilen weiter nordwärts nach Napoleon beordert -wurde, versteckte ich meinen kleinen Geldvorrat im Gürtel und -machte mich in der Nacht auf den Weg. Als die dritte Schwadron -in Arkansas ankam, war ich bereits dort; ja, ich war dort, in -einem neuen Beruf – als Wahrsager. Ich befreundete mich -mit allen dort liegenden Truppen und sagte allen ihre Zukunft -voraus; meine Hauptaufmerksamkeit aber widmete ich der dritten -Schwadron. Gegen die Leute dieser Schwadron war ich grenzenlos -zuvorkommend; sie konnten keine Gefälligkeit von mir verlangen, -mir nichts zumuten, dem ich mich nicht willig unterzogen -hätte. Ich wurde die geduldige Zielscheibe ihrer oft rohen -Späße, und das erhöhte meine Popularität: ich wurde allgemein -beliebt.</p> - -<p>»Ich entdeckte bald einen Gemeinen, dem ein Daumen fehlte -– welche Freude für mich! Und als ich fand, daß ihm allein -von allen Angehörigen der Schwadron der rechte Daumen fehlte, -verschwand mein letzter Zweifel: ich war überzeugt, daß ich die -rechte Spur gefunden hatte. Dieser Mann war ein Deutscher -Namens <em class="gesperrt">Krüger</em>, es waren neun Deutsche bei der Schwadron. -Ich beobachtete Krüger, um seine etwaigen Vertrauten ausfindig -zu machen; aber er schien keine besonders vertrauten Freunde<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[285]</span> -zu haben. Von nun an wurde ich sein Vertrauter und gab -mir alle Mühe, unsere Intimität so viel als möglich zu befestigen. -Manchmal dürstete ich so nach Rache, daß ich mich kaum enthalten -konnte, auf die Kniee zu fallen und ihn zu bitten, mir -den Mann, der meine Lieben ermordet hatte, zu nennen; aber -es gelang mir, meine Zunge im Zaum zu halten. Ich wartete -meine Zeit ab und fuhr fort wahrzusagen, wie die Gelegenheit -sich bot.</p> - -<p>»Mein Geschäftsapparat war sehr einfach: ein bißchen rote -Schminke und ein Stückchen weißes Papier. Kam einer zum -Wahrsagen, so nahm ich seinen Daumenballen, bemalte ihn, -nahm einen Abdruck davon auf dem Papier, studierte diesen in -der Nacht und prophezeite am nächsten Morgen des Betreffenden -Schicksal. Was ich mir bei diesem Unsinn dachte, fragen Sie? -Nun, das Folgende: Als ich noch ein junger Mensch war, kannte -ich einen alten Franzosen, der dreißig Jahre lang Gefängniswärter -gewesen war, und der mir gesagt hatte, jeder Mensch -habe etwas an sich, was sich von der Wiege bis zum Grabe -nie ändere – die Linien im Daumenballen; und er hatte weiter -gesagt, daß diese Linien sich niemals bei zwei Personen ganz -genau gleich vorfänden. Heutzutage photographieren wir den -angehenden Verbrecher und hängen sein Bild zum etwaigen -späteren Gebrauch in der ›Spitzbubengalerie‹ auf; jener Franzose -aber pflegte seiner Zeit von jedem neuangekommenen Gefangenen -einen Abdruck des Daumenballens zu nehmen und -diesen Abdruck zum späteren Gebrauch aufzubewahren. Er sagte -immer, daß Bilder nichts taugen – spätere Verkleidungen -könnten sie nutzlos machen. ›Der Daumen ist das einzig sichere,‹ -sagte er, ›den kann man nicht verkleiden.‹ Und die Richtigkeit -seiner Theorie erwies sich auch an meinen Freunden und Bekannten; -seine Theorie hatte stets Erfolg.</p> - -<p>»Ich wahrsagte weiter. Jede Nacht schloß ich mich ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[286]</span> -allein ein und studierte die während des Tages erlangten Daumenabdrücke -mit einem Vergrößerungsglas. Stellen Sie sich die -verzehrende Begierde vor, mit der ich über den labyrinthartigen -roten Spiralen brütete; neben mir jenes Papier aus meiner -Hütte, das den Abdruck des Daumens und Zeigefingers des -Mörders trug, gefärbt mit dem für mich teuersten Blute, das -je auf Erden vergossen wurde! Wie oft mußte ich enttäuscht -dieselbe Bemerkung wiederholen: ›Werden sie denn nie übereinstimmen?‹</p> - -<p>»Endlich aber wurde mein Warten belohnt; mein Lohn bestand -in dem Daumenabdruck des -34. Mannes der dritten Schwadron, -den ich untersucht hatte – -des Gemeinen Franz <em class="gesperrt">Adler</em>. -Eine Stunde vorher kannte ich -weder den Namen des Mörders, -noch seine Stimme, Gestalt, Nationalität -oder seine Züge; jetzt -aber wußte ich das alles und -glaubte meiner Sache sicher zu sein.</p> - -<div class="figleft" id="illu-285"> - <img src="images/illu-285.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Daumen-Abdrücke.</div> -</div> - -<p>»Am nächsten Morgen nahm ich Krüger beiseite, als er -dienstfrei war; und an einem Orte, wo uns niemand sehen oder -belauschen konnte, sagte ich eindringlich zu ihm:</p> - -<p>»›Ein Teil eures Schicksals ist so ernst und bedeutsam, -daß ich es für das Beste hielt, es euch insgeheim zu -sagen. Ihr und noch einer von eurer Schwadron, dessen Schicksal -ich letzte Nacht erforschte, – der Gemeine Adler, – -habt eine Frau und ein Kind ermordet! Ihr werdet verfolgt: -innerhalb von fünf Tagen werdet ihr beide gemeuchelt -werden.‹</p> - -<p>»Ganz außer sich vor Schreck fiel er auf die Kniee nieder -und stammelte fünf Minuten immer dieselben Worte wie ein<span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[287]</span> -Geistesabwesender, und in derselben weinerlichen Weise, deren -ich mich von jener Mordnacht her noch so gut erinnerte:</p> - -<p>»›Ich that’s nicht – bei meiner Seele, ich that’s nicht; -und ich wollte auch <em class="gesperrt">ihn</em> davon abhalten – ich wollte es, Gott -ist mein Zeuge. Er that es allein.‹</p> - -<p>»Das war alles, was ich wissen wollte, und ich wollte mich -nun des Elenden entledigen; er klammerte sich jedoch an mich -und flehte mich an, ihn vor dem Meuchelmörder zu retten. -Er sagte:</p> - -<p>»›Ich habe Geld – zehntausend Dollars – versteckt, die -Frucht der Dieberei und Plünderung; rettet mich – sagt mir, -was ich thun soll, und ihr sollt es haben – bis auf den letzten -Pfennig. Zwei Drittel davon gehören meinem Vetter Adler; -aber Sie dürfen meinetwegen alles nehmen. Wir versteckten es, -sobald wir hieherkamen; aber ich versteckte es gestern an einem -neuen Platz, ohne ihm etwas davon zu sagen – er soll es -auch nie erfahren. Ich wollte desertieren und das Ganze mitnehmen. -Es ist lauter Gold – zu schwer, um es mit sich zu -schleppen; aber ein Weib, das ich ins Vertrauen gezogen, sollte -mit dem Gelde nachfolgen. Ich hatte mit ihr verabredet, wenn -ich keine Gelegenheit fände, ihr das Versteck zu beschreiben, so -wollte ich ihr meine silberne Taschenuhr in die Hand gleiten -lassen oder sie ihr senden; sie wüßte dann, woran sie wäre. -Im Rücken des Uhrgehäuses sei ein Stück Papier, das alles -Nötige besage. Hier nehmt die Uhr! Sagt mir, was ich thun soll!‹</p> - -<p>»Er wollte mir durchaus seine Uhr aufdrängen, nahm das -Papier heraus und erklärte es mir, als plötzlich Adler, etwa -ein Dutzend Schritte von uns entfernt, auftauchte. Ich sagte -zu dem armen Krüger:</p> - -<p>»›Steckt eure Uhr ein, ich will sie nicht. Ihr sollt nicht -zu Schaden kommen. Geht jetzt; ich muß Adler wahrsagen. -Ich werde euch bald wissen lassen, wie ihr dem Meuchelmörder<span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[288]</span> -entgehen könnt. Sagt Adler nichts von der Sache – auch -keinem andern.‹</p> - -<p>»Der arme Teufel entfernte sich, erfüllt von Furcht und -Dankbarkeit. Ich wahrsagte Adler seine Zukunft – absichtlich -so ausführlich, daß ich nicht ganz zu Ende kommen konnte; versprach, -in der Nacht auf Wache zu ihm zu kommen und ihm -den wahrhaft wichtigen Teil seiner Zukunft – den tragischen -Teil, sagte ich – zu erzählen; wir müßten deshalb außerhalb -des Bereiches von Horchern sein. Es wurde stets eine Feldwache -außerhalb der Stadt aufgestellt, – bloß der Disziplin -und Form wegen, da kein Feind in der Nähe war.</p> - -<p>»Ich erfragte die Losung, und gegen Mitternacht machte ich -mich auf den Weg nach der einsamen Gegend, wo Adler auf -Posten stehen sollte. Es war so dunkel, daß ich fast auf eine -undeutliche Gestalt gestoßen wäre, noch ehe ich ein Wort hervorbringen -konnte. Der Anruf des Postens und meine Antwort -erfolgten in demselben Augenblick, ich fügte hinzu: ›Ich bin’s -– der Wahrsager.‹ Dann schlich ich mich an den Menschen -heran und stieß ihm, ohne ein Wort zu sagen, meinen Dolch -in das Herz! So, lachte ich, das war der tragische Teil deines -Schicksals! Indem er laut aufschrie, griff er nach mir, und -meine blaue Brille blieb ihm in der Hand; das Pferd galoppierte -davon mit seinem toten Reiter.</p> - -<p>»Ich floh durch die Wälder und entkam glücklich, die mich -anklagende Brille in des Toten Hand zurücklassend.</p> - -<p>»Das war vor fünfzehn oder sechzehn Jahren. Seit dieser -Zeit bin ich ziellos in der Welt umhergewandert, manchmal beschäftigt, -manchmal müßig, manchmal mit, manchmal ohne Geld, -aber immer des Lebens müde und den Tod herbeisehnend, denn -meine Mission hienieden war mit jener nächtlichen That beendigt, -und das einzige Vergnügen, der einzige Trost und -die einzige Genugthuung, die ich in allen jenen langwierigen<span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[289]</span> -Jahren hatte, lag in dem täglichen Gedanken: ›Ich habe ihn -getötet!‹</p> - -<div class="figcenter" id="illu-288"> - <img src="images/illu-288.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Vor vier Jahren begann meine Gesundheit mich im Stiche -zu lassen. Ich war in meiner zwecklosen Weise nach München -gewandert. Da ich ohne Geldmittel war, suchte ich Arbeit und -fand sie auch, that ein Jahr lang treu meine Pflicht und erhielt -die Stelle des Nachtwächters dort in jenem Leichenhause, -das Sie kürzlich besuchten. Ich wanderte stundenlang unter -jenen starren Leichnamen umher und sah in ihre bleichen Gesichter. -Der Ort gefiel mir; er paßte zu meiner Gemütsstimmung. -Ich war gerne bei den Toten – war gerne allein mit ihnen; -je später die Stunde, desto ergreifender war es; die Stunden -nach Mitternacht waren mir die liebsten. Manchmal schraubte -ich die Gasflammen tiefer herab; das gab Perspektive, wissen -Sie, und die Phantasie bekam freies Spiel; die trüben, im<span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[290]</span> -Hintergrund sich verlierenden Reihen der Toten erfüllten mich -stets mit seltsamen fesselnden Vorstellungen. Vor zwei Jahren -– ich war damals ein Jahr lang dort gewesen – saß ich -ganz allein im Wachzimmer (’s war eine stürmische Winternacht), -erkältet, fast erstarrt, unbehaglich, und war nahe am -Einschlafen; das Heulen des Windes und das Auf- und Zuschlagen -ferner Fensterläden drang jeden Augenblick schwächer -und schwächer an mein Ohr, als plötzlich jene Totenglocke über -meinem Haupt ein Geläute begann, das mir das Blut in den -Adern erstarren ließ. Die Erschütterung lähmte mich beinahe, -denn es war das erstemal, daß ich die Glocke hörte.</p> - -<p>»Ich raffte mich zusammen und eilte in den Leichensaal. -Etwa in der Mitte der äußern Reihe saß eine mit Leintüchern -umwickelte Gestalt aufrecht da und neigte langsam den Kopf -von einer Seite zur andern – ein schauerlicher Anblick! Er -hatte mir die Seite zugewandt; ich eilte hinzu und sah ihm -ins Gesicht: guter Gott! es war Adler!</p> - -<p>»Können Sie erraten, was mein erster Gedanke war? In -Worte gebracht folgender: ›Es scheint also, du bist mir doch -entkommen; diesmal soll es anders gehen!‹</p> - -<p>»Jener Mensch litt offenbar unendliche Schreckensqualen. -Stellen Sie sich vor: mitten in der lautlosen Stille aufzuwachen -und eine grimme Totengemeinde zu überschauen! Welche Dankbarkeit -glänzte in seinem knöchernen weißen Gesicht, als er ein -lebendes Wesen vor sich sah! Und wie die Glut dieser stummen -Dankbarkeit sich erhöhte, als seine Augen auf die lebenspendenden -Stärkungsmittel fielen, die ich in den Händen trug! Und dann -stellen Sie sich das Entsetzen vor, das über ihn kam, als ich -diese Herzstärkungen wegstellte und höhnend sagte:</p> - -<p>»›Sprich doch, Franz Adler – ruf’ diese Toten an. Sie -werden dich ohne Zweifel hören und Mitleid mit dir haben; -sonst wirst du schwerlich jemand rühren.<span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[291]</span>‹</p> - -<p>»Er versuchte zu sprechen, aber jener Teil des Leintuchs, -der seine Kinnladen zusammenhielt, hielt fest und erlaubte es -ihm nicht. Er versuchte flehend die Hände zu erheben, aber sie -waren ihm auf seiner Brust gekreuzt und zusammengebunden.</p> - -<p>»›Rufe doch, Franz Adler!‹ sagte ich, ›daß die Schläfer in -den fernen Straßen dich hören und Hilfe bringen. Rufe doch -– und verliere ja keine Zeit, denn du hast wenig zu verlieren. -Was? Du kannst nicht. Das ist schade; aber es macht nichts, -denn es bringt ja doch nicht immer Hilfe. Als ihr, du und -dein Vetter, in einer Hütte in Arkansas ein Weib und ein Kind -ermordetet – <em class="gesperrt">mein</em> Weib war’s und <em class="gesperrt">mein</em> Kind! – da riefen -sie auch um Hilfe, wie du dich erinnerst; aber es nützte nichts; -du erinnerst dich dessen, – nicht wahr? Deine Zähne klappern -ja – warum kannst du denn nicht rufen? Mache doch die -Bandagen mit den Händen los – dann geht’s. Ah, ich sehe -– deine Hände sind gebunden, sie können dir nicht helfen. Wie -seltsam sich nach langen Jahren die Dinge wiederholen; denn -auch meine Hände waren in jener Nacht gebunden, nicht wahr? -Ja, fast ebenso gebunden wie die deinen – wie sonderbar das -ist! Ich konnte mich nicht loszerren. Es fiel dir nicht ein, mich -loszubinden, und mir fällt es nicht ein, deine Bande zu lösen. -Pst! ein Fußtritt! er kommt hier vorüber. Horch, wie nahe er -ist! Man kann die Schritte zählen – eins – zwei – drei. -Da – es ist gerade da draußen. Jetzt ist es Zeit. Ruf’, Mann, -ruf’! – es ist die allereinzige Gelegenheit zwischen dir und der -Ewigkeit! Ah, du siehst, daß du zu lange gezögert hast – sie -ist vorbei. Da – der Schall erstirbt; es ist aus! Denke daran -– denke darüber nach – du hast zum letztenmale den Schall -menschlicher Schritte gehört. Wie seltsam es sein muß, einem -so gewöhnlichen Schall wie diesem zu lauschen und zu wissen, -daß man nie wieder seinesgleichen hören wird!‹</p> - -<p>»O, mein Freund, die Todesqual in jenem tücherumhüllten<span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[292]</span> -Gesicht zu sehen, war die höchste Wonne für mich! Ich erdachte -eine neue Folter und wendete sie an, mit etwas lügenhafter -Erfindung als Beihilfe.</p> - -<p>»›Der arme Krüger wollte mein Weib und Kind retten, zum -Dank leistete ich ihm einen guten Dienst, als Zeit und Gelegenheit -kamen. Ich beredete ihn, dich zu berauben, und ich und ein Weib -halfen ihm, als er desertierte und brachten ihn in Sicherheit.‹</p> - -<p>»Eine Miene des Triumphes gleichsam, und der Ueberraschung -glänzte einen Augenblick trübe durch die Angst im Gesichte -meines Opfers. Ich war erregt, beunruhigt, und sagte:</p> - -<p>»›Was hast du – entkam er denn nicht?‹</p> - -<p>»Ein verneinendes Kopfschütteln.</p> - -<p>»›Nicht? Was geschah denn?‹</p> - -<p>»Die Genugthuung in dem verhüllten Gesicht war noch deutlicher. -Der Mann versuchte einige Worte zu murmeln – es -gelang ihm nicht; versuchte mit den behinderten Händen etwas -auszudrücken – auch das mißlang: wartete einen Augenblick -und neigte dann in bedeutsamer Weise sein Haupt gegen den -Leichnam, der ihm am nächsten lag.</p> - -<p>»›Tot?‹ fragte ich. ›Entkam nicht? – wurde gefangen -und erschossen?‹</p> - -<p>»Verneinendes Kopfschütteln.</p> - -<p>»›Was dann?‹</p> - -<p>»Wieder versuchte der Mann etwas mit den Händen zu thun. -Ich beobachtete ihn genau, konnte aber seine Absicht nicht erraten; -ich beugte mich über ihn und beobachtete ihn noch genauer. -Er hatte einen Daumen herumgedreht und zeigte damit -auf seine Brust.</p> - -<p>»›Ah – erstochen meinst du?‹</p> - -<p>»Bejahendes Nicken, von einem so teuflisch-gespensterhaften -Lächeln begleitet, daß ein grelles Licht in meinem stumpfen Gehirn -aufblitzte und ich rief: –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[293]</span></p> - -<p>»›Hab’ ihn also irrtümlich für dich gehalten und erstochen? -denn jener Stoß war nur dir zugedacht.‹</p> - -<p>»Der zum zweitenmale dem Tode geweihte Schurke nickte -so zufrieden, als seine schwindende Kraft es auszudrücken vermochte. -Ich begrub schluchzend das Gesicht in den Händen.</p> - -<p>»›O ich Elender!‹ rief ich, ›der ich die mitleidige Seele -erschlug, die als Freund zu meinen Lieben stand, als sie hilflos -waren, und sie, wenn es möglich gewesen, gerettet hätte! O, ich -Elender!‹</p> - -<p>»Ich glaubte das dumpfe Gurgeln eines höhnischen Lachens -zu hören; ich nahm die Hände vom Gesicht und sah, wie mein -Feind auf sein schräges Brett zurücksank.</p> - -<p>»Sein Todeskampf währte eine befriedigend lange Zeit: er -besaß eine wunderbare Lebenskraft, eine staunenswerte Konstitution. -Ich holte mir einen Stuhl und eine Zeitung, setzte -mich neben ihn und begann zu lesen. Gelegentlich nahm ich -einen Schluck Branntwein: das war notwendig der Kälte wegen; -ich that es aber teilweise, weil ich sah, daß er zuerst bei jedem -Schluck erwartete, ich würde ihm auch ein wenig davon geben. -Ich las laut: hauptsächlich erdichtete Berichte von Leuten, die -durch einen Löffel voll Branntwein und ein warmes Bad vom -Grabesrand zurückgerissen und dem Leben zurückgegeben wurden. -Ja, er hatte einen recht langwierigen, harten Todeskampf – -drei Stunden sechs Minuten von der Zeit an, da er die Glocke -läutete.</p> - -<p>»Die schaurige Kälte des Leichensaales war mir durch Mark -und Bein gedrungen; sie verursachte und beschleunigte einen -Rückfall in die Krankheit, die mich schon öfter befallen hatte, -aber bis zu jener Nacht immer wieder rasch vorüber gegangen -war. Jener Mann mordete mein Weib und Kind, und in drei -Tagen von heute an werde ich meinen Lieben nachfolgen. Thut -nichts – Gott, wie köstlich ist die Erinnerung daran! – ich<span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[294]</span> -hatte ihn erfaßt, wie er seinem Grabe entfliehen wollte, und -ihn wieder in dasselbe zurückgeworfen.</p> - -<p>»Nach jener Nacht war ich eine Woche lang an mein Bett -gefesselt; sobald ich aber wieder auf den Beinen war, schlug -ich in den Leichenhausbüchern die Adresse des Hauses auf, in -dem Adler erkrankt war. Es war eine elende Herberge. Ich -dachte, Adler werde als Krügers Vetter dessen Habseligkeiten in -Besitz genommen haben. Ich wollte mir womöglich Krügers -Uhr verschaffen. Aber während ich krank darniederlag, waren -Adlers Sachen verkauft und überallhin zerstreut worden – -alle bis auf einige alte Briefe und wertlose Kleinigkeiten. -Mittels jener Briefe aber spürte ich einen Sohn Krügers auf -– den einzigen Verwandten, den er hinterließ. Er ist jetzt ein -Mann von dreißig Jahren, seines Zeichens ein Schuhmacher, -ein Witwer mit mehreren kleinen Kindern, und wohnt zu Mannheim, -Königsstr. Nr. 14. Ohne ihm einen Grund zu sagen, -habe ich seitdem stets zwei Drittel zu seinem Lebensunterhalt -beigesteuert.</p> - -<p>»Was nun jene Uhr angeht, so hören Sie nur, was für -seltsame Dinge geschehen. Ich suchte länger als ein ganzes -Jahr mit Mühe und Kosten in ganz Deutschland nach ihr – -und fand sie endlich, bekam sie und war unsäglich froh; ich -öffnete sie und fand nichts darin. Hätte mir freilich sagen -können, daß jenes Stückchen Papier nicht die ganze Zeit hindurch -darin bleiben würde. Ich hatte damals die Uhr mitsamt -dem Schatz verschmäht – jetzt hätte ich das Geld gerne für -Krügers Sohn gehabt.</p> - -<p>»In der letzten Nacht fühlte ich, daß ich bald sterben würde. -Ich verbrannte alle wertlosen Papiere; und siehe da! aus einem -Briefbündel Adlers, das ich vorher nicht genau genug durchforscht -hatte, fiel jener langersehnte Zettel! Ich erkannte ihn -augenblicklich; er lautete wie folgt:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[295]</span></p> - -<p>»›Pferdestall aus Backsteinen mit steinernem Fundament, -Mitte der Stadt, Ecke der Orleansstraße und des Marktplatzes; -Ecke gegen das Gerichtshaus zu – vierte Reihe, dritter Stein. -Stecke Benachrichtigung dorthin mit der Angabe, wieviele kommen -werden.‹</p> - -<p>»Da, nehmen Sie’s, und heben Sie es gut auf. Krüger -sagte mir, daß jener Stein entfernt werden könne und daß er -in der nördlichen Mauer des Gebäudes sei, in der vierten Reihe -von oben, der dritte Stein von Westen her. Das Geld sei -dahinter versteckt. Er sagte, der Schlußsatz sei eine Finte um -irrezuführen, falls das Papier in unrechte Hände geraten sollte. -Diese Finte scheint Adler gegenüber ihren Zweck erreicht zu haben.</p> - -<p>»Und nun bitte ich Sie, wenn Sie Ihre beabsichtigte Reise -den Mississippi hinab thun, dieses versteckte Geld ausfindig zu -machen und an Adam Krüger unter der eben erwähnten Adresse -zu senden. Es wird ihn zu einem reichen Manne machen, und -ich werde sanfter ruhen in meinem Grabe, wenn ich weiß, daß -ich mein Möglichstes gethan habe für den Sohn des Mannes, -der mein Weib und Kind retten wollte – obgleich meine Hand -ihn erschlug, während der Antrieb meines Herzens dahin gegangen -wäre, ihn zu beschirmen und ihm dienstlich zu sein.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Das war Ritters Geschichte,« sagte ich zu meinen Freunden -Rogers und Thompson, mit denen ich bald nach meiner Rückkehr -von Europa den Mississippi hinabfuhr. Als ich geendet -hatte, folgte eine tiefe, eindrucksvolle Stille, die beträchtliche Zeit -dauerte; dann brachen beide in ein wahres Kreuzfeuer von erregten -und bewundernden Ausrufen über die seltsamen Episoden -der Erzählung aus, das anhielt, bis sie fast ganz außer Atem -waren. Dann begannen meine Freunde kühler zu werden und -sich unter dem Schutze gelegentlicher Salven in Schweigen und<span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[296]</span> -abgrundtiefe Träumerei zurückzuziehen. Etwa zehn Minuten -lang herrschte Stillschweigen; dann sagte Rogers träumerisch –:</p> - -<p>»Zehntausend Dollars,« und nach einer langen Pause fügte -er hinzu: »Zehntausend – ’s ist ein Haufen Geld.«</p> - -<p>Gleich darauf fragte Thompson:</p> - -<p>»Werden Sie es ihm sogleich senden?«</p> - -<p>»Ja,« sagte ich. »Eine seltsame Frage!«</p> - -<p>Keine Antwort. Nach einer Weile fragte Rogers zögernd:</p> - -<p>»Alles? – Das heißt – ich meinte nur –«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Gewiß</em>, alles.«</p> - -<p>Ich wollte mehr sagen, hielt aber inne, durch einen Ideengang -dazu veranlaßt, der in mir auftauchte. Thompson sprach, -aber meine Gedanken waren anderswo, und ich erfaßte nicht, -was er sagte; doch hörte ich, wie Rogers antwortete:</p> - -<p>»Ja, das scheint mir so. Es sollte vollständig genügen, -denn ich finde nicht, daß <em class="gesperrt">er</em> dabei etwas gethan hat.«</p> - -<p>Sogleich fiel Thompson, der Dichter, ein:</p> - -<p>»Bei Licht betrachtet, ist es <em class="gesperrt">mehr</em> als genügend. Denke -nur – fünftausend Dollars. Ei, er könnte das Geld in seinem -ganzen Leben nicht ausgeben! Und es könnte ihm leicht schaden, -ihn vielleicht zu Grunde richten – das ist wohl zu beachten. -Wer weiß, wie lang es dauert, bis er alles durchgebracht hat? -Dann macht er seine Bude zu, fängt vielleicht an zu trinken, -mißhandelt seine Kinder, gerät auf andere Abwege und sinkt -tiefer und tiefer – –«</p> - -<p>»Ja, das ist’s,« unterbrach ihn Rogers voller Feuereifer, -»ich habe das hundertmal – ja, öfter als hundertmal gesehen. -Wenn du einen solchen Mann gänzlich zu Grunde richten willst, -brauchst du ihm bloß Geld in die Hand zu geben; ja, gieb ihm -nur Geld in die Hand – das ist alles, was dazu gehört; -und wenn es ihn nicht herabzieht, ihm alle Würde, alle Selbstachtung -u. s. w. raubt, dann kenne ich die menschliche Natur nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[297]</span> -– ist’s nicht so, Thompson? Und selbst wenn wir ihm ein -<em class="gesperrt">Drittel</em> davon geben; ei, in weniger als sechs Monaten – –«</p> - -<p>»Weniger als sechs <em class="gesperrt">Wochen</em>, sage lieber,« sagte ich, mich -erwärmend und einfallend. »Wenn die dreitausend Dollars nicht -in sicheren Händen wären, wo er sie nicht anrühren könnte, so -würde er ebensowenig sechs Wochen damit reichen, als – –«</p> - -<p>»Natürlich nicht,« sagte Thompson; »ich habe Bücher geschrieben -für die Sorte von Leuten; sobald sie ihre Hände auf -ein Besitztum legen – auf dreitausend Dollars etwa, oder auf -zweitausend – –«</p> - -<p>»Ich möchte wissen, was dieser Schuster mit zweitausend -Dollars soll?« fiel Rogers ernsthaft ein; »ein Mann, der vielleicht -jetzt dort in Mannheim, umgeben von seinesgleichen, ganz -zufrieden ist; der sein Brot mit dem Appetit ißt, den Mühe und -Fleiß allein geben können, und ehrlich, aufrichtig und reinen -Herzens sich seines bescheidenen Daseins freut; und <em class="gesperrt">begnadet</em> -– ja, ich sage begnadet ist vor all’ den vielen Tausenden, die -in Sammet und Seide einhergehen und in dem hohlen, leeren -Treiben der Gesellschaft umhergewirbelt werden – aber man -führe diesen Mann nur einmal in Versuchung, lege nur fünfzehnhundert -Dollars vor ihn hin und – –«</p> - -<p>»Fünfzehnhundert Teufel!« rief ich, »<em class="gesperrt">fünf</em>hundert würden -seine Grundsätze ausrotten, seinen Fleiß lähmen und ihn in den -Schnapsladen zerren, von da in die Gosse, von da ins Armenhaus, -von da in – –«</p> - -<p>»Weshalb uns dieses Verbrechen aufbürden, meine Herren?« -unterbrach mich der Poet ernst und flehend. »Er ist glücklich, -<em class="gesperrt">wo</em> und <em class="gesperrt">wie</em> er ist. Jedes Gefühl der Ehre, der Menschenliebe -und des hohen, heiligen Wohlwollens ermahnt, bestürmt -und befiehlt uns, ihn in Ruhe zu lassen. Das ist echte, wahre -Freundschaft.«</p> - -<p>Nach einigem weiteren Geplauder wurde es indessen ersichtlich,<span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[298]</span> -daß jeder von uns in seinem innersten Herzen einige -Zweifel bezüglich dieser Erledigung der Sache hegte. Wir fühlten -offenbar alle, daß wir dem armen Schuster <em class="gesperrt">irgend etwas</em> senden -sollten. Dieser Punkt wurde lange erwogen, und endlich beschlossen, -daß wir ihm ein Farbendruckbild senden wollten.</p> - -<p>Nun aber, da alles ganz zur Zufriedenheit geordnet schien, -tauchte eine neue Schwierigkeit auf: es wurde mir klar, daß die -beiden erwarteten, ich werde das Geld zu gleichen Stücken mit -ihnen teilen. Das fiel mir gar nicht ein; ich sagte, sie könnten -von Glück sagen, wenn sie zusammen die Hälfte bekämen. Rogers -sagte darauf:</p> - -<p>»Wer würde überhaupt etwas erhalten haben, wenn ich -nicht gewesen wäre? Ich machte die erste Andeutung – sonst -hätte der Schuster alles bekommen.«</p> - -<p>Thompson sagte, daß er in demselben Augenblicke daran -gedacht hätte, als Rogers die erste Andeutung machte.</p> - -<p>Ich erwiderte, daß mir der Gedanke bald genug und ohne -jede Beihilfe gekommen sei. »Ich denke vielleicht langsam,« -sagte ich, »aber auch sicher.«</p> - -<p>Unsere Erörterung entwickelte sich zu einem Zank, dann zu -einem Faustkampf, bei dem wir alle stark mitgenommen wurden. -Sobald ich mein Aeußeres wieder einigermaßen präsentabel gemacht -hatte, begab ich mich (in recht verdrießlicher Stimmung) -aufs Oberdeck. Dort fand ich den Kapitän und redete ihn so -freundlich wie möglich folgendermaßen an:</p> - -<p>»Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Kapitän; ich -möchte bei Napoleon landen.«</p> - -<p>»Wo landen?«</p> - -<p>»Bei Napoleon.«</p> - -<p>Der Kapitän lachte, da er aber sah, daß ich nicht zum -Scherzen aufgelegt war, fügte er ernster werdend hinzu:</p> - -<p>»Ist das Ihr Ernst?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[299]</span></p> - -<p>»Mein voller Ernst.«</p> - -<p>Der Kapitän blickte zum Lotsenhaus hinauf und sagte:</p> - -<p>»Er will bei Napoleon landen!«</p> - -<p>»Bei <em class="gesperrt">Napoleon</em>?«</p> - -<p>»So sagt er.«</p> - -<p>»O Geist des großen Cäsar!«</p> - -<p>Der Lotse kam auf uns zu, und der Kapitän sagte:</p> - -<p>»Onkel, unser guter Freund hier will bei Napoleon landen.«</p> - -<p>»Na, da – –«</p> - -<p>»Nun, was soll das?« unterbrach ich ihn. »Kann man -denn bei Napoleon nicht ans Ufer gehen, wenn man will?«</p> - -<p>»Ei, zum Henker, wißt Ihr’s denn nicht? Es <em class="gesperrt">giebt</em> kein -Napoleon mehr, seit Jahren nicht mehr. Der Arkansas River -brach durch, riß alles in Stücke und schwemmte es in den -Mississippi!«</p> - -<p>»Nahm die <em class="gesperrt">ganze</em> Stadt mit? – Banken, Kirchen, Gefängnisse, -Zeitungsdruckereien, Gerichtshaus, Theater, Feuerversicherungsgebäude, -Mietställe – <em class="gesperrt">alles</em>?«</p> - -<p>»Alles. Just das Werk einer Viertelstunde. Ließ weder -Haut noch Haar, weder einen Stein oder Balken noch einen -Dachziegel übrig – einen Schuppen und einen Kamin aus Backsteinen -ausgenommen. Das Boot hier fährt jetzt gerade da, -wo die Mitte der Stadt war; dort ist der Kamin – alles, -was von Napoleon übrig ist. Diese dichten Wälder zur Rechten -waren sonst eine gute Stunde hinter der Stadt. Seht euch -einmal um – blickt stromaufwärts – nicht wahr, jetzt erkennt -ihr die Gegend nach und nach wieder?«</p> - -<p>»Ja, ich erkenne sie jetzt. Das ist das Wunderbarste, was -ich je gehört habe – weitaus das Wunderbarste und – Unerwartetste.«</p> - -<p>Mittlerweile waren meine Freunde Thompson und Rogers -mit ihren Ränzchen und Regenschirmen angekommen und hatten<span class="pagenum"><a id="Seite_300"></a>[300]</span> -dem Kapitän schweigend zugehört. Thompson drückte mir einen -halben Dollar in die Hand und sagte leise:</p> - -<p>»Für meinen Anteil an dem Farbendruck.«</p> - -<p>Rogers folgte seinem Beispiel.</p> - -<p>Ja, es war erstaunlich, den Mississippi zwischen unbevölkerten -Ufern und gerade über den Ort sich hinwälzen zu sehen, wo -ich vor zwanzig Jahren eine gute, große, behäbige Stadt zu -sehen gewohnt war – eine Stadt, die der Hauptort eines umfangreichen -und blühenden Bezirks war; eine Stadt, wo ich das -hübscheste und liebreizendste Mädchen aus dem ganzen Mississippithal -gekannt hatte; – jetzt keine Stadt mehr, verschlungen, verschwunden, -eine Beute der Fische! nichts übrig als ein Stück -von einem Schuppen und ein verfallender Backsteinschlot!</p> - -<p>Und wo sind die zehntausend Dollars?</p> - -<div class="figcenter" id="illu-299"> - <img src="images/illu-299.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_301"></a>[301]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Der_Mann_der_bei_Gadsbys_abstieg">Der Mann, der bei Gadsbys abstieg.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Im Winter 1867 ging ich einmal mit meinem originellen -Freund Riley, der, wie ich, Zeitungskorrespondent in -Washington war, die Pennsylvania-Avenue hinunter. Mitternacht -war fast vorüber und ein heftiger Schneesturm blies uns -ins Gesicht, als wir beim Schein einer Straßenlaterne einen -Mann erblickten, der uns entgegengelaufen kam.</p> - -<p>Als er unserer ansichtig wurde, blieb er stehen und rief: -»Das trifft sich ja prächtig! Sie sind Herr Riley, nicht wahr?«</p> - -<p>Riley besaß mehr Ruhe und Kaltblütigkeit als irgend jemand -in der ganzen Republik. Er stand still, betrachtete den -Mann von Kopf bis zu Fuß und sagte endlich:</p> - -<p>»Mein Name ist Riley! Wünschen Sie vielleicht etwas -von mir?«</p> - -<p>»Jawohl,« sagte der Mann voller Freude, »und ich bin -überglücklich, Sie gefunden zu haben! Ich heiße Lykins und bin -Lehrer am Gymnasium in San Francisco; die dortige Postmeisterstelle -ist vakant, ich hab’ mich darum beworben, und deshalb -bin ich jetzt hier.«</p> - -<p>»Ja,« sagte Riley langsam und bedächtig, – »wie Sie -ganz richtig bemerken, Herr Lykins, sind Sie jetzt hier! Und -haben Sie die Stelle bekommen?«</p> - -<p>»Noch nicht, aber ich bin auf dem besten Wege dazu. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_302"></a>[302]</span> -Gesuch, das ich einreichen will, trägt die Unterschriften des Vorstands -für Volksunterricht, sowie sämtlicher Lehrer, und noch -zweihundert anderer Personen. Ich wollte Sie nur fragen, ob -Sie die Güte hätten, mich zu der betreffenden Zivilbehörde zu -begleiten, um meine Ueberweisung auf den Posten ausfertigen -zu lassen, denn ich möchte mit dieser Angelegenheit so schnell -wie möglich fertig werden, und bald wieder zu Hause sein.«</p> - -<p>»Wenn die Sache so dringend ist,« versetzte Riley in einem -Ton, aus dem nicht jeder den Spott herausgehört hätte, »so -wäre es Ihnen wohl angenehm, wenn wir den Beamten noch -heute abend aufsuchten?«</p> - -<p>»Jawohl, heute abend auf jeden Fall, ich habe nicht Zeit, -mich lange herumzutreiben. Noch heute, ehe ich zu Bette gehe, -muß ich die Zusage haben – ich bin kein Mann von Worten, -sondern von Thaten!«</p> - -<p>»Sehr wohl, – und da sind Sie hier am rechten Platze. -– Wann sind Sie angekommen?«</p> - -<p>»Gerade vor einer Stunde.«</p> - -<p>»Und wann gedenken Sie wieder abzureisen?«</p> - -<p>»Morgen abend nach New York und tags darauf nach San -Francisco!«</p> - -<p>»Ganz recht, – und was wollen Sie morgen den Tag -über thun?«</p> - -<p>»Nun, da muß ich mich doch mit dem Gesuch und der -Ueberweisung zum Präsidenten begeben, um seine Unterschrift -zu erhalten, nicht wahr?«</p> - -<p>»Jawohl, – das ist ganz richtig, ganz in der Ordnung, -– und was dann?«</p> - -<p>»Dann gehe ich um zwei Uhr nachmittags in die Senatssitzung -und hole mir die Bestätigung, das ist der letzte Schritt.«</p> - -<p>»Freilich, – freilich,« sagte Riley wohlbedächtig, »da haben -Sie wieder ganz recht! Dann benutzen Sie den Abendzug nach<span class="pagenum"><a id="Seite_303"></a>[303]</span> -New York und am nächsten Morgen das Dampfboot nach San -Francisco.«</p> - -<p>»So ist es – ganz wie ich mir die Sache überlegt habe.«</p> - -<p>Riley dachte eine Weile nach, dann sagte er:</p> - -<p>»Könnten Sie nicht vielleicht einen – oder zwei Tage -länger bleiben?«</p> - -<p>»Bewahre, das wäre ganz gegen meine Grundsätze; ich -kann nicht lange herumbummeln, – ich bin ein Mann der That, -wie ich Ihnen schon sagte.«</p> - -<p>Mitten im heulenden Sturm und dichtesten Schneewirbel -stand Riley einige Sekunden regungslos da, augenscheinlich in -tiefes Nachdenken versunken: – dann blickte er auf und sagte:</p> - -<p>»Haben Sie wohl je von dem Manne gehört, der eines -Tages bei Gadsbys abstieg? – Aber ich sehe schon, daß Sie -nichts von ihm wissen!«</p> - -<p>Damit drängte er Herrn Lykins gegen ein eisernes Gitter, -hielt ihn am Knopfloch fest und – wie Coleridges alter Matrose – -bannte er ihn auf die Stelle durch den Blick seines Auges. Dann -begann er seine Erzählung, so friedlich und seelenruhig, als -lägen wir alle behaglich auf einer blumigen Sommerwiese ausgestreckt, -anstatt um Mitternacht vom Wintersturm durchblasen -zu werden.</p> - -<p>»Ich will Ihnen von dem Mann erzählen: es war zur -Zeit des Präsidenten Jackson und Gadsbys das erste Hotel der -Stadt. – Eines Morgens um 9 Uhr kam dort ein prächtiger -vierspänniger Wagen vorgefahren; auf dem Bock saß ein schwarzer -Kutscher und ein wunderschöner großer Hund lief nebenher. -Wirt, Kellner und Hausknecht stürzten herbei, den neuen Ankömmling -zu empfangen. Dieser, ein Herr aus Tennessee, sprang -eiligst heraus, befahl dem Kutscher zu warten, sagte, er habe -keine Zeit, erst noch etwas zu essen, – er wolle nur eine kleine -Schuldforderung bei der Regierung einkassieren und daher schnell<span class="pagenum"><a id="Seite_304"></a>[304]</span> -auf das Schatzamt gehen, um das Geld zu holen; dann müsse -er direkt wieder nach Tennessee zurück, da er große Eile habe.</p> - -<div class="figright" id="illu-303"> - <img src="images/illu-303.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Um 11 Uhr abends kam er wieder, ließ die Pferde in den -Stall bringen, bestellte ein Zimmer und meinte, er werde die -Forderung am nächsten Morgen einkassieren. Dies geschah an -einem Mittwoch, den 3. Januar 1834. Am 5. Februar verkaufte -er den schönen Wagen und schaffte sich einen billigen, -schon gebrauchten an; – er meinte, darin könne er das Geld -ebenso gut mitnehmen, und auf vornehmes Aussehen lege er -kein Gewicht. Am 11. August verkaufte -er das eine Paar Pferde, indem er bemerkte, -es sei doch bequemer mit zwei -Pferden über das steile Gebirge zu fahren, -weil dabei große Vorsicht nötig sei; auch -werde das Geld, das er bekäme, nicht -zu schwer für einen Zweispänner -sein. Am 13. Dezember -verkaufte er das -dritte Pferd und meinte, -jetzt bei dem klaren trockenen -Winterwetter seien die -Straßen in so gutem Zustand, -daß <em class="gesperrt">ein</em> Pferd das -alte Fuhrwerk -schnell genug -vorwärts bringen -könne. – -Am 17. Februar -1835 verkaufte -er den alten Wagen -und schaffte -sich einen leichten<span class="pagenum"><a id="Seite_305"></a>[305]</span> -Einspänner an, den er billig bekam. Er meinte, die Wege -seien jetzt vom Frühlingsregen so aufgeweicht, daß jedes andere -Gefährt zu tief einsinken würde, auch habe er schon immer -gern versuchen wollen, wie es sich in einem Einspänner über die -Berge fahren lasse. – Am 1. August vertauschte er den Einspänner -gegen eine kleine Chaise, die schon lange im Gebrauch -war, und meinte, er freue sich ordentlich darauf, wie seine lieben -Landsleute in Tennessee Mund und Augen aufsperren würden, -wenn er in einer Chaise dahercarriolt käme, so etwas hätten sie -gewiß ihr Lebtag nicht gesehen.</p> - -<p>Am 29. August verkaufte er auch seinen schwarzen Kutscher -und meinte, auf seiner Chaise sei ja gar nicht Platz für zwei, -da könne er keinen Kutscher brauchen, – es sei ein reiner Glücksfall, -daß er einen Käufer gefunden, der dumm genug gewesen, -900 Dollars für einen Neger von so zweifelhafter Qualität zu -bezahlen, – er sei den Kerl längst gern los gewesen, habe ihn -aber doch nicht um ein Spottgeld hergeben mögen.</p> - -<p>Anderthalb Jahre später, am 15. Februar 1837, verkaufte -er die Chaise, schaffte sich einen Sattel an und meinte, der Doktor -habe ihm schon mehrmals gesagt, wie gut ihm das Reiten bekommen -würde, außerdem würde es ja die reinste Thorheit sein, -mitten im Winter eine Fahrt durch das Gebirge zu riskieren.</p> - -<p>Am 9. April verkaufte er den Sattel und meinte, bei den -schmutzigen schlechten Wegen im April sei so ein Sattel doch -ein erbärmliches Ding, mit dem alle Augenblicke etwas passieren -könne; auf dem Pferderücken fühle er sich noch einmal so sicher, -und warum solle er sein Leben unnütz aufs Spiel setzen?</p> - -<p>Am 24. April verkaufte er sein Pferd und meinte: ›Heute -ist gerade mein siebenundfünfzigster Geburtstag, – ich bin gesund -und frisch und kann mir nichts Angenehmeres denken, als eine -Fußtour über die Berge, in ihrem jungen Frühlingsgrün; es -wäre eine wahre Sünde, wenn ich die Gelegenheit dazu versäumte,<span class="pagenum"><a id="Seite_306"></a>[306]</span> -um bei dem herrlichen Wetter aufs Pferd zu steigen! -Wenn meine Forderung einkassiert ist, kann ja der Hund das -kleine Bündel mit Leichtigkeit tragen. Morgen in aller Frühe -will ich mich aufmachen und nach einem donnernden Lebewohl -bei Gadsbys auf Schusters Rappen nach Tennessee marschieren.‹</p> - -<p>Am 22. Juni verkaufte er seinen Hund und meinte: ›Wenn -man so im Sommer durch Berg und Wald schweift, ist einem -ja ein Hund überall im Wege, er jagt nach Eichhörnchen, bellt -Tier und Menschen an, verläuft sich bald hier, bald dort, gerät -in Bäche und Pfützen und läßt einen keinen Augenblick die schöne -Natur in Ruhe genießen! Wenn ich mein Geld selber trage, ist -es ohnehin viel sicherer. Auf einen Hund ist in Geldsachen kein -Verlaß, – das weiß man aus Erfahrung! Na, lebt wohl, alte -Jungens, – dies ist mein letzter Besuch, – morgen mit dem -frühesten bin ich über alle Berge und auf festen Sohlen nach -Tennessee unterwegs!‹« –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es entstand eine Pause, – nur der Wind heulte, und der -Schnee fiel in dichten Flocken. Endlich sagte Lykins ungeduldig:</p> - -<p>»Nun, und was weiter?«</p> - -<p>Riley versetzte:</p> - -<p>»Ja, – das war vor dreißig Jahren!«</p> - -<p>»Gut, gut, – aber was soll das?« –</p> - -<p>»Der alte Herr ist mein guter Freund, er besucht mich -jeden Abend, um Abschied zu nehmen. Vor einer Stunde war -er bei mir und morgen früh macht er sich nach Tennessee auf -– wie gewöhnlich, – er meinte, er werde seine Forderung -einkassiert haben und auf und davon sein, ehe solche Nachteulen, -wie ich, sich den Schlaf aus den Augen reiben. Er hatte -Thränen in den Augen vor Freude, daß er nun bald seine alte -Heimat und seine Freunde wiedersehen werde!« –</p> - -<p>Es folgte eine abermalige Pause, die der Fremde unterbrach:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_307"></a>[307]</span></p> - -<p>»Ist die Geschichte zu Ende?«</p> - -<p>»Ja, das ist alles!«</p> - -<p>»Sie war auch lang genug, bei dieser Nachtzeit und in -solchem Wetter. Aber was wollen Sie denn damit sagen?«</p> - -<p>»O, nichts Besonderes!«</p> - -<p>»Ich meine, was soll sie eigentlich bedeuten?«</p> - -<p>»Eine besondere Bedeutung hat sie nicht, – ich dachte nur -so, daß, wenn Sie nicht in gar zu großer Eile sind, mit Ihrer -Anstellung als Postmeister nach San Francisco zurückzukommen, -so würde ich Ihnen raten, bei Gadsbys abzusteigen, und sich -Zeit zu nehmen. Leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen recht viel -Glück!«</p> - -<p>Dabei wandte sich Riley mit freundlicher Miene zum Gehen -und ließ den verblüfften Schullehrer regungslos unter der Straßenlaterne -stehen, die ihren hellen Schein auf den von Schneeflocken -ganz weißen Mann warf. –</p> - -<p>Die Postmeisterstelle hat er aber nie erhalten.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_308"></a>[308]</span></p> - -<h3 class="nobreak" id="Die_Geschichte_des_Invaliden">Die Geschichte des Invaliden.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Ich sehe aus wie ein verheirateter Sechziger; es ist die Folge -meiner angegriffenen und durch Leiden mitgenommenen -Gesundheit; in Wirklichkeit bin ich Junggeselle und erst einundvierzig -Jahre alt. Sie werden es kaum glauben können, daß -ich, jetzt einem Schatten gleichend, vor kaum zwei Jahren noch -frisch und gesund war – ein Mann von Eisen, ein wahrer -Athlet! – und doch ist es die reine Wahrheit. Noch seltsamer -aber ist die Art und Weise, wie ich meine Gesundheit einbüßte. -Ich verlor sie, weil ich einst in einer Winternacht, während -einer Eisenbahnfahrt von fünfzig Meilen, auf eine Kiste mit -Gewehren achtgeben half. Ich will Ihnen die ganze Geschichte -erzählen.</p> - -<p>Ich bin zu Cleveland, Staat Ohio, zu Hause. Vor zwei -Jahren kam ich einmal beim Anbruch der Nacht während eines -heftigen Schneesturms heim und erfuhr, sobald ich ins Haus -trat, daß mein liebster Jugendfreund und Schulkamerad, John -B. Hackett, tags vorher gestorben war; sein letzter Wunsch sei -gewesen, ich möge seine sterblichen Ueberreste zu seinen armen, -alten Eltern nach Wisconsin geleiten. Ich war sehr erschüttert -und bekümmert, durfte aber keine Zeit mit Gemütsbewegungen -verlieren; ich mußte sogleich aufbrechen. Ich steckte die Karte, -auf welcher ›Dekan Levi Hackett, Bethlehem, Wisconsin‹ stand,<span class="pagenum"><a id="Seite_309"></a>[309]</span> -zu mir und eilte durch den heulenden Sturm der Bahnstation -zu. Dort angelangt, fand ich die lange weißtannene Kiste vor, -die mir beschrieben worden war. Ich befestigte die Karte mit -einigen Stiften daran, überzeugte mich, daß die Kiste sicher in -einem Expreßwagen untergebracht wurde, und eilte dann in das -Speisezimmer, um mich mit einem belegten Butterbrot und -einigen Cigarren zu versorgen. Als ich herauskam, stand meine -Sargkiste wieder da und ein junger Mensch machte sich mit -einer Karte, einigen Stiften und einem Hammer in der Hand, -daran zu schaffen. Ich war erstaunt und verblüfft. Er begann -seine Karte anzunageln und ich eilte ziemlich aufgeregt hinaus -zu dem Expreßwagen, um eine Erklärung zu verlangen. Aber -siehe – da war ja meine Kiste, sie lag im Güterwagen genau -auf dem alten Fleck.</p> - -<div class="blockquot s90"> -<p>[Thatsächlich hatte eine großartige Verwechslung stattgefunden, -ohne daß ich etwas davon ahnte. Ich nahm die Kiste mit Gewehren -mit, welche jener junge Mann an eine Schützengesellschaft in Peoria -in Illinois abliefern sollte, während <em class="gesperrt">er</em> mit dem meiner Obhut anvertrauten -Leichnam abreiste!]</p></div> - -<p>Ich hatte mich kaum überzeugt, daß meine Kiste da war, -als der Kondukteur rief: »Einsteigen!« Ich sprang rasch in den -Packwagen und machte mir einen bequemen Sitz auf einem -Ballen zurecht. In demselben Wagen fuhr der Güterschaffner, -ein biederer Mann in den Fünfzigern, mit offenem, ehrlichem, -gutmütigem Gesicht. Er hatte alle Hände voll zu thun. Als -der Zug abfuhr, sprang ein Fremder an den Wagen und -legte einen Pack mit besonders reifem und kräftigem Limburger -Käse auf das eine Ende meiner vermeintlichen Sargkiste. Das -heißt, ich weiß jetzt, daß es Limburger Käse war, damals aber -war mir der Inhalt des Packets unbekannt. Wir flogen eilig -dahin durch die rauhe Nacht, der Sturm tobte fort. Eine große -Niedergeschlagenheit bemächtigte sich meiner, mein Herz wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_310"></a>[310]</span> -schwerer und immer schwerer. Der alte Schaffner machte ein -paar heitere Bemerkungen über den Sturm und das Nordpolwetter, -schloß die Schiebethüren und Fenster recht dicht und ging -dann geschäftig und ein Liedchen summend hin und her, indem -er das Gepäck zurechtsetzte. Bald fiel mir auf, daß sich ein -äußerst übler, durchdringender Geruch in der eiskalten Atmosphäre -des Wagens verbreitete; das machte mich noch niedergeschlagener, -weil ich es natürlich meinem armen abgeschiedenen -Freunde zuschrieb. Es lag etwas tief Trauriges darin, daß er -sich mir in dieser stummen, pathetischen Weise ins Gedächtnis -zurückrief, und so konnte ich nur mit Mühe die Thränen zurückhalten; -nebenbei war ich auch besorgt, der alte Schaffner könne -etwas merken. Er summte indessen ruhig weiter. Trotzdem -fühlte ich mich mit jeder Minute unbehaglicher, denn der Geruch -wurde immer stärker, schon mehr <em class="antiqua">hautgoût</em>. Nachdem der -Schaffner alles zu seiner Zufriedenheit geordnet hatte, holte er -einen Arm voll Holz und heizte in seinem Ofen tüchtig ein. -Das that mir über die Maßen leid; denn ich war überzeugt, -daß die Wärme eine schädliche Wirkung auf meinen armen abgeschiedenen -Freund ausüben müsse. Thompson – der Schaffner -hieß Thompson, wie ich im Laufe der Nacht erfuhr – ging -jetzt die Wände betastend im Wagen umher, verstopfte alle Löcher -und Ritzen, und bemerkte vergnügt, es möge nun draußen -Wetter sein, welches es wolle, er werde es uns schon behaglich -machen. Ich sagte nichts, zweifelte aber, ob er es richtig anfing. -In einer Weile wurde der Ofen immer heißer und die -Luft immer schwüler. Ich fühlte, daß mir übel und weh wurde, -trug aber mein Leid im stillen und sagte nichts. Bald bemerkte -ich, daß das Summen des Schaffners immer schwächer wurde, -endlich hörte es ganz auf, und es herrschte eine unheimliche -Stille. Nach einigen Augenblicken sagte Thompson:</p> - -<p>»Pfui! na, Zimmetholz war’s nicht, was ich in den Ofen steckte!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_311"></a>[311]</span></p> - -<p>Er schnappte ein paarmal nach Luft, schritt dann auf die -Kiste zu, stand einen Augenblick ganz nahe bei dem Limburger, -ging dann wieder weg und setzte sich, augenscheinlich stark ›verschnupft‹ -neben mich. Nach einigem Besinnen sagte er, mit dem -Finger auf die Kiste zeigend:</p> - -<p>»Freund von Ihnen?«</p> - -<p>»Ja,« sagte ich mit einem Seufzer.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-310"> - <img src="images/illu-310.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Ziemlich reif, wie’s scheint!«</p> - -<p>Etwa zwei Minuten lang wurde nichts weiter gesagt, da -jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war; dann sagte -Thompson in leisem, friedlichem Tone:</p> - -<p>»Manchmal weiß man nicht recht, ob sie ganz hinüber -sind; es scheint oft nur so, wenn man sie anfühlt. Habe Fälle -in meinem Wagen gehabt, besonders während des Krieges, – -ich sag’ Ihnen, schauderhaft! Jeden Augenblick konnte man -erwarten, daß sich so einer erhob und einen anglotzte.« Dann<span class="pagenum"><a id="Seite_312"></a>[312]</span> -fügte er nach einer Pause hinzu, indem er mit dem Ellenbogen -nach der Kiste zeigte: »Na, der da ist nicht scheintot! Für den -stehe ich ein.«</p> - -<p>Wir saßen einige Zeit schweigend und nachdenklich da, -lauschten dem Sausen des Windes und dem Gerassel des Bahnzugs; -dann sagte Thompson gefühlvoll:</p> - -<p>»Nun, nun, wir werden alle einmal ›reif‹, das ist nun -einmal nicht zu ändern. Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt -nur eine kurze Zeit, sagt die Schrift. Ja, man mag es betrachten, -wie man will, es ist furchtbar ernsthaft und wunderbar: -Es giebt niemand, der’s ändern kann, alle müssen fort, -einer wie der andere. Heute ist man frisch und gesund« – -hier unterbrach er sich, schnellte auf, riß ein Fenster auf und -streckte seine Nase ein paar Augenblicke hinaus, dann setzte er -sich wieder, während ich aufstand und meine Nase an derselben -Stelle hinausstreckte, und so wechselten wir immer ab – »und -am nächsten Tag wird er niedergemäht wie das Gras, wie es -in der Schrift steht. Ja, wahrhaftig – ’s ist eine furchtbar -ernste und feierliche Sache; aber wir müssen alle gehen, früher -oder später; ’s läßt sich nicht ändern.«</p> - -<p>Es folgte wieder eine lange Pause, dann fragte Thompson:</p> - -<p>»Woran starb er denn?«</p> - -<p>Ich antwortete, es sei mir unbekannt.</p> - -<p>»Wie lange ist er denn schon tot?«</p> - -<p>Um nicht, wegen des Geruchs, zu wenig zu sagen, antwortete -ich:</p> - -<p>»Zwei oder drei Tage.«</p> - -<p>Aber es half nichts; Thompson nahm es mit einer ungläubigen -Miene auf, die deutlich besagte: Sie wollen wohl -sagen: »Zwei oder drei <em class="gesperrt">Jahre</em>!« Meine Angabe stillschweigend -ignorierend, fuhr er dann ruhig fort, mir seine Ansicht auseinanderzusetzen -über die Thorheit, Begräbnisse lang aufzuschieben.<span class="pagenum"><a id="Seite_313"></a>[313]</span> -Dann schritt er zu der Kiste, blieb einen Augenblick davor stehen, -kam eilig zurück und stattete dem Fenster einen Besuch ab, wobei -er bemerkte:</p> - -<p>»Es wäre in jeder Hinsicht besser gewesen, wenn Sie ihn -letzten Sommer fortgeschafft hätten.«</p> - -<p>Thompson setzte sich nieder, begrub sein Gesicht in einem -rotseidenen Taschentuch und begann sich langsam hin- und herzuwiegen -wie einer, der sich wohl oder übel in das Unvermeidliche -schickt. Mittlerweile war der Duft – wenn man das noch -Duft nennen darf – zum Ersticken geworden. Thompsons Gesicht -wurde aschgrau; das meine – ich fühlte es – war leichenfahl. -Zur Abwechslung stützte Thompson den Kopf in die linke -Hand, den Ellbogen auf dem Knie; mit der andern Hand fuchtelte -er mit dem Taschentuch gegen die Kiste und sagte:</p> - -<p>»Bin schon mit vielen gefahren – manche davon waren beträchtlich -angegangen – aber, weiß der Himmel, der schlägt sie -alle um ein Dutzend Nasenlängen, mit Leichtigkeit. Ich versichere -Sie, die anderen waren <em class="antiqua">Eau de Cologne</em> gegen <em class="gesperrt">ihn</em>!«</p> - -<p>Ich nahm das Kompliment für meinen Freund, trotz der -betrübenden Nebenumstände, nicht ohne Genugthuung auf.</p> - -<p>Es wurde uns sehr bald klar, daß etwas geschehen müsse. -Ich schlug Cigarren vor; Thompson war damit einverstanden.</p> - -<p>»Vielleicht mildert’s etwas,« meinte er.</p> - -<p>Wir pafften hübsch drauf los und bildeten uns eine Weile -ein, daß der Zustand sich gebessert habe; aber es half nichts. -Sehr bald, wie auf ein verabredetes Zeichen, ließen wir beide -gleichzeitig unsere Cigarren den kraftlosen Fingern entfallen. -Thompson sagte mit einem Seufzer:</p> - -<p>»Nein, Freund, das macht ihn nicht um ein Haar milder. -Ich behaupte, es macht ihn nur wilder. Was sollen wir aber -machen, he?«</p> - -<p>Ich war nicht im stande, etwas vorzuschlagen, ich hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_314"></a>[314]</span> -während der ganzen Zeit gewürgt und gewürgt und hielt es -nicht für geraten, den Mund zu öffnen. Thompson begann in -abgebrochenen Sätzen über die dumme Geschichte zu brummen, -wobei er meinen Freund verschiedentlich titulierte; die Titel wurden -immer größer, je eifriger er redete. Schließlich sagte er:</p> - -<p>»Wissen Sie was? Wir sollten unsern Oberst<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> weiter an -das andere Ende des Wagens bringen, etwa zehn Fuß. Er kann -sich dann nicht so geltend machen.«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Titulatur, mit der man in Amerika stark um sich wirft.</p> -</div> -</div> - -<p>Das leuchtete mir ein. Wir schöpften also am Fenster gehörig -Atem und faßten dann die Kiste mit dem Käse an. Thompson -nickte ›Fertig‹, worauf wir mit aller Macht auslangten; aber -Thompson glitt aus, stieß mit der Nase auf den Käse und verlor -fast den Atem. Schnappend und keuchend rappelte er sich empor -und wankte auf die Thüre zu, wobei er mir heiser zurief: -»Lassen Sie mich! Ich muß sterben! Luft! Luft!« Draußen -auf der kalten Plattform kam er bald wieder zu sich und -fragte mich:</p> - -<p>»Was meinen Sie, lassen wir unsern Generalissimus liegen, -wo er liegt? – ich fürchte, wenn er noch mehr aufgestöbert wird, -wird er immer unangenehmer.«</p> - -<p>»Ja, ja,« entgegnete ich, »es wird am besten sein, wir -lassen ihn, wo er ist, da er es einmal so haben will; denn wissen -Sie, er hat alle Trümpfe in der Hand, und wenn ihm da einer -in die Quere kommt, kann’s ihm schlecht bekommen.«</p> - -<p>Da wir in dem rasenden Sturm nicht draußen bleiben -konnten, gingen wir wieder hinein und schlossen die Thüre. -Unser Leid begann von neuem und wir lösten uns abwechselnd -an dem Fenster ab. Später, als wir von einer Station abfuhren, -wo der Zug einige Minuten gehalten hatte, kam Thompson -triumphierend herein und rief:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_315"></a>[315]</span></p> - -<p>»So, jetzt ist’s gut! Diesmal kriegen wir Se. Excellenz unter. -Da hab’ ich einen Stoff, vor dem er gewiß die Waffen streckt.«</p> - -<p>Es war eine Flasche voll Karbolsäure. Er spritzte davon -überall umher, ja er tränkte buchstäblich alles damit – Kiste, -Käse und alles andere. Dann setzten wir uns nieder – ziemlich -zuversichtlich; aber unser Hoffen währte nicht lange. Statt -sich zu bekämpfen und zu paralysieren, vermischten sich die beiden -Gerüche friedlich und stanken <em class="antiqua">unisono</em> um die Wette. Wir -griffen bald nach der Thüre, und draußen sagte Thompson ziemlich -kleinlaut:</p> - -<p>»Es hilft nichts; wir können nicht gegen ihn ankommen. -Hören Sie, Freund, es ist jetzt hundertmal schlimmer drinnen -als anfangs. Hab’ nie erlebt, daß einer so verdammt forsch -ins Zeug geht – wahrhaftig nicht, Herr, seit ich diese Strecke -befahre; und ich habe doch manchen von ihnen mitgenommen, -wie ich Ihnen schon sagte.«</p> - -<p>Wir gingen wieder hinein, nachdem wir tüchtig durchgefroren -waren, aber es war drinnen kaum zum aushalten. -Es blieb uns nichts übrig, als abwechselnd hinaus und hinein -zu gehen; eine Abwechslung zwischen Erfrieren und Auftauen. -Nach einer Stunde etwa hielten wir an einer andern Station; -beim Abfahren kam Thompson mit einem Bündel herein und sagte:</p> - -<p>»Ich will’s nochmals mit ihm versuchen – nur dieses eine -Mal noch; wenn wir ihm diesmal nicht beikommen, so bleibt -nichts übrig, als die Karten wegzuwerfen und das Spiel aufzugeben. -Das ist meine Meinung.«</p> - -<p>Er hatte ein paar Handvoll Hühnerfedern, gedörrte Aepfel, -Blättertabak, Kleiderfetzen, alte Schuhe, Schwefel, <em class="antiqua">Asa foetida</em> -und noch einiges andere mitgebracht; häufte alles auf einem -Eisenblech in der Mitte des Wagens auf und zündete es an. -Das Vorausgegangene war reinste Poesie gegen diesen Geruch, -– ich dachte, davor müsse selbst eine Leiche die Segel streichen,<span class="pagenum"><a id="Seite_316"></a>[316]</span> -aber fehlgeschlagen! Der ursprüngliche Geruch stieg empor, gerade -so triumphierend wie zuvor – ja diese andern Gerüche -schienen ihm nur eine feste Basis zu verleihen. Ich stellte diese -Betrachtung nicht drinnen an – dazu war ja keine Zeit gewesen, -– sondern draußen auf der Plattform. Auf der Flucht -nach der Plattform war Thompson betäubt hingefallen, und bis -ich ihn am Rockkragen hinausgeschleppt hatte, war ich selbst -halbtot. Als wir wieder zu uns kamen, sagte Thompson verzagt:</p> - -<p>»Wir müssen hier außen bleiben, Freund, das müssen wir -unbedingt. Es geht nicht anders. Der Alte will einmal allein -reisen – seine Mittel erlauben ihm das!«</p> - -<p>Und sogleich fügte er hinzu:</p> - -<p>»Wissen Sie auch, daß wir <em class="gesperrt">vergiftet</em> sind? ’s ist unsere -letzte Fahrt, darauf können Sie wetten. Da wird mindestens -der Typhus draus. Ich fühl’ es schon kommen.«</p> - -<p>Eine Stunde später hielt der Zug bei der nächsten Station, -wo man uns erstarrt und besinnungslos auf der Plattform liegen -fand; ich verfiel sogleich in ein hitziges Fieber, und kam drei -Wochen lang nicht zum Bewußtsein. Ich erfuhr alsdann, daß -ich jene entsetzliche Nacht neben einer harmlosen Gewehrkiste und -einem Laib unschuldigen Käses zugebracht hatte. Aber die Nachricht -kam zu spät zu meiner Rettung: die Phantasie hatte ihr -Werk vollbracht, und meine Gesundheit war für immer zerrüttet; -weder Italien noch ein anderes Land können sie mir zurückgeben. -Es geht mit mir zu Ende; ich bin auf dem Wege nach Hause, -um dort zu sterben!</p> - -<div class="figcenter" id="illu-315"> - <img src="images/illu-315.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Verlag von Robert Lutz in Stuttgart</p> -</div> - -<p class="h2">Deutsche Denkstätten<br /> -⁙ in Italien ⁙</p> - -<p class="center">Von Robert Kohlrausch</p> - -<p class="center">Mit vielen Illustrationen von <b>A. H. Pellegrini</b></p> - -<p class="center">Schön ausgestattet. Geh. M. 6.–, in Lwd. geb. M. 7.–</p> - -<p class="center smaller">Zweite Auflage</p> - -<p class="center">■ ■ ■</p> - -<p class="center larger">Einige Urteile der Presse:</p> - -<p class="center"><em class="bold u">Hannoverscher Courier</em>:</p> - -<p>… So hat Robert Kohlrausch -ganz Italien durchwandert und überall -mit dem Verständnis und dem -scharfen Blick des Historikers die -Spuren der Ahnen betrachtet. Und -ein anderes kam hinzu, diese historische -Betrachtung für ihn und den -Leser fruchtbar zu machen: die Gabe, -das in Palästen, Kirchen u. Museen, -auf Denkmälern, Bildern u. Schlachtfeldern -als Denkzeichen deutschen -Wesens, deutschen Geistes und deutschen -Wirkens Erkannte in dichterischer -Verklärung zu schauen u. längst -Vergangenes und Verklungenes mit -lebendigem Gegenwartsbewußtsein -zu erfüllen … <b>Ein inhaltsreiches -Werk, das dem Leser eine Fülle von -neuen Eindrücken vermittelt.</b> … -Möchten die »Deutschen Denkstätten -in Italien« <b>in vielen deutschen -Häusern Leser und Freunde finden</b>.</p> - -<p class="center"><em class="bold u">Reclams Universum</em>:</p> - -<p>… Stille Wehmut klingt aus seinen -Zeilen heraus über all die unnütz vergossenen -Ströme deutschen Blutes, -und zugleich ein Ton lauterer Freude -über das gewesene Große, Heldenhafte -und Schöne, von dem uns so -wenig mehr geblieben ist als eine -große Erinnerung.</p> - -<p class="center"><em class="bold u">Breslauer Morgenzeitung</em>:</p> - -<p>Kohlrausch’s Buch bringt eine -Fülle historischen Materials, aber es -vermeidet sehr glücklich die bloße Aneinanderreihung -geschichtlicher Vorgänge. -<b>Vielmehr liest es sich wie ein -gewaltiges Epos</b>, dessen einzelne -Kapitel die mannigfaltigen Schicksale -der deutschen Stämme und Fürstengeschlechter -bilden, die um Italiens -Besitz gerungen. Kohlrausch hat -viel Fleiß verwendet, <b>aber noch -weit höher ist die dichterische -Kraft zu bewerten</b>, mit der er die -großen Erinnerungsstätten einer an -gewaltigen Tragödien reichen Vergangenheit -wieder mit dem vollen -Glanze umkleidet, den sie dereinst -besessen haben. Alle, die die Schritte -nach dem Süden lenken, werden gut -tun, Kohlrausch’s Buch als kundigen -Reisebegleiter mit sich zu nehmen.</p> - -<p class="center"><em class="bold u">Posener Zeitung</em>:</p> - -<p><b>Das Buch ist eine der interessantesten -Neuerscheinungen dieses -Winters.</b> Als ein Künstler, der -Italien und deutsche Vergangenheit -gleichermaßen liebt, hat Kohlrausch -seine selbstgestellte Aufgabe gelöst; -er spricht zu uns in einer klaren, -melodischen Sprache, die von tiefem -lyrischem Gehalt durchdrungen sich -dem Stoff völlig anpaßt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="h2">In der Fremdenlegion</p> - -<p class="center">Erinnerungen und Eindrücke</p> - -<p class="center smaller">von</p> - -<p class="center larger">Erwin Rosen</p> - -<p class="center">Preis geheftet M. 5.–, in Leinen gbd. M. 6.–.</p> - -<p class="center">Neunte Auflage.</p> - -<p class="center larger">Viele rühmende Urteile</p> - -<p class="center">Davon nur einige im Auszug:</p> - -<p><em class="bold u">Neue Zürcher Zeitung</em>: »Das Buch ist so <b>packend geschrieben</b>, daß -man es nicht aus der Hand legt, bis man es fertig gelesen und sich darüber -freuen kann, daß der Verfasser der Hölle entrinnen konnte …«</p> - -<p><em class="bold u">Prof. Holzhausen (Frankf. Zeitg.)</em>: »Kein Leser des Werkes wird -es in Abrede stellen, daß die Lektüre, die uns der Autor vorsetzt, <b>etwas -wunderbar Faszinierendes hat</b>.«</p> - -<p><em class="bold u">Berner Bund</em>: »Man gewinnt sofort Vertrauen zu seinem Wort. Das -Buch ist ganz vorzüglich, <b>geradezu brillant geschrieben</b> und wirkt wie -schmucklose Wahrheit, ohne Übertreibung oder Tendenz.«</p> - -<p><em class="bold u">Echo der Gegenwart</em>: »Rosens Darstellungen sind Bilder <b>von so -packender Schilderungsschärfe</b>, daß man in der jüngsten Zeit kaum etwas -Gleichwertiges auf dem Gebiete der Kulturschilderung an die Seite stellen kann.«</p> - -<p><em class="bold u"><em class="antiqua">Dr.</em> Hanns Heinz Ewers</em>: »Erwin Rosen’s Buch habe ich mit großem, -stets wachsendem Interesse gelesen. Ich glaube selbst die Legion recht gut -zu kennen, bin auf den verschiedensten Plätzen dieser Erde mit ihr in Verbindung -getreten, und fühle mich daher berechtigt, ein Urteil abgeben zu -können. Dieses ist: <b>Rosen’s Buch ist das beste, das über die Legion -bisher geschrieben wurde, nicht nur in deutscher Sprache, sondern überhaupt</b> -… Ich wünsche diesem guten Buche in Deutschland von ganzem -Herzen einen Erfolg.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="h2">Die Abenteuer -des Brigadiers -Gerard</p> - -<p class="center larger">Ein neues, höchst spannendes -Buch von Conan Doyle, dem -Verfasser der Sherlock Holmes-Geschichten</p> - -<p class="center">Preis geheftet M. 3.25, in Lwd. geb. M. 4.50.</p> - -<p class="noind">Die Abenteuer des unerschrockenen Brigadiers, -der allen Gefahren die Stirn bietet, gehören -zu den besten Abenteuer-Geschichten, die es -gibt, und stehen an Spannung den Sherlock -Holmes-Abenteuern gleichwertig zur Seite.</p> - -<p class="center larger p2">Bereits 6 Auflagen!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Memoirenbibliothek</p> -</div> - -<p class="h2">Meine Erlebnisse im -russisch-japanischen Krieg</p> - -<p class="center">Von</p> - -<p class="center larger">W. Weressájew</p> - -<p class="center">Broschiert 5 M., gebunden 6 M., in Halbfranz 7 M.</p> - -<p class="center">Achte Auflage</p> - -<p class="center bold">Frankfurter Zeitung:</p> - -<p>Die Schande ist an den Tag gekommen. Das Buch enthält die -denkbar vollständigste Sammlung von Beispielen raffinierter Unterschleife -durch russische Beamte und Offiziere, unmenschlicher Gewalttaten -russischer Soldaten gegenüber der wehrlosen chinesischen Bevölkerung, -grenzenloser Inkompetenz aller militärischen Obrigkeiten, bestialischer -Aeußerungen tief eingewurzelten Alkoholismus’ usw.</p> - -<p class="center bold">St. Galler Blätter:</p> - -<p>Ein wahrhaft ergreifender nationalethischer -Gehalt spricht sich -in diesem Werke aus. <b>Es ist eine -Männerlektüre von herbster Eindringlichkeit</b>: -dieses gewaltige -Buch von furchtbarer Schuld und -furchtbaren Leiden. Man darf es -sicher <b>zu den bedeutsamsten Erscheinungen -der neueren Geschichtsschreibung</b> -zählen.</p> - -<p class="center bold">Heimgarten:</p> - -<p><b>Das Buch liest sich ähnlich wie -Zolas »Zusammenbruch«.</b></p> - -<p class="center bold">Deutsche medizinische Presse:</p> - -<p>Wir empfehlen das Buch, das -sich durch einen glänzenden Stil, Lebendigkeit -der Darstellung, scharfe -Beobachtungsgabe und gesunde -Kritik auszeichnet, auf das angelegentlichste. -<b>Man sieht in ihm -Rußland, wie es ist.</b></p> - -<p class="center bold">Pester Lloyd:</p> - -<p><b>Weressájew liefert hier ein selten -reichhaltiges und wertvolles Material -zur Geschichte des modernen -Rußland in allen Zweigen -seines politischen, kulturellen, -sozialen und sittlichen Lebens</b>, -so daß hier ein Kolossalgemälde -aus dem öffentlichen Leben Rußlands -<b>von überwältigendem Realismus -und beklemmend düsteren -Farben</b> geboten wird … Mit -unsäglichem Kummer über menschliche -Verkommenheit legt man das -Buch Weressájews aus der Hand.</p> - -<p class="center bold">Deutsche Romanzeitung:</p> - -<p><b>Mit Entsetzen liest man diese -Darstellung russischer Zustände.</b> -Sie treten mit so krasser Deutlichkeit -vor unser Auge, daß ich -das meine wenigstens während -dieser Lektüre schaudernd schließen -mußte und nur mit Mühe weiterzulesen -vermochte.</p> - -<p class="mright"> -A. B. -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 83: sie → sich<br /> -<a href="#corr083">sich</a> zum Wohl und Heil</p> -<p> -S. 110: ausringt → auswringt<br /> -zweimal hineintaucht und <a href="#corr110a">auswringt</a></p> -<p> -S. 110: Ausringen → Auswringen<br /> -Sache war bis auf das <a href="#corr110b">Auswringen</a> fertig</p> -<p> -S. 158: Higston → Hingston<br /> -Schnäpsen, <a href="#corr158">Hingston</a>, sein Reisebegleiter</p> -<p> -S. 202: Compstock → Combstock<br /> -Meilen die große <a href="#corr202a">Combstock</a>-Mine</p> -<p> -S. 202: Compstocks → Combstocks<br /> -des ausgehöhlten <a href="#corr202b">Combstocks</a> auseinander hielten</p> -</div> -</div> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM GOLD- UND SILBERLAND ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ -electronic works. See paragraph 1.E below. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the -Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. 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Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg™ License. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format -other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg™ website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain -Vanilla ASCII” or other form. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/65089-h/images/cover.jpg b/old/65089-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f65bcc2..0000000 --- a/old/65089-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/65089-h/images/drop-a.png b/old/65089-h/images/drop-a.png Binary files differdeleted file mode 100644 index e6723cc..0000000 --- a/old/65089-h/images/drop-a.png +++ 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