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-The Project Gutenberg eBook of Skizzenbuch, by Mark Twain
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Skizzenbuch
-
-Author: Mark Twain
-
-Illustrator: H. Schrödter
-
-Release Date: March 06, 2021 [eBook #64718]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKIZZENBUCH ***
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter und
- kursiver Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Mark Twains
-
- ausgewählte
-
- Humoristische Schriften
-
- Illustriert von =H. Schrödter= u. =Albert Richter=
-
- Dritter Band
-
- Skizzenbuch
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart
-
- Verlag von Robert Lutz
-
- 1907
-
-
-
-
- Skizzenbuch
-
- Von
-
- Mark Twain
-
- Illustriert von =H. Schrödter=
-
- Stuttgart
-
- Verlag von Robert Lutz
-
- 1907
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Meine Uhr 7
-
- Einiges über Barbiere 12
-
- Wie ein Schnupfen kuriert wird 19
-
- Kinderkrankheiten 25
-
- Frau Mac Williams beim Gewitter 35
-
- Ueber frühreife Kinder 45
-
- Staatswirtschaft 50
-
- Es ist gefährlich im Bette zu liegen 60
-
- Brüder, knipst ein! 64
-
- Ein geheimnisvoller Besuch 72
-
- Redakteur und Berichterstatter:
-
- Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab 79
-
- Herrn Blokes ›Eingesandt‹ 88
-
- Zeitungswesen in Tennessee 92
-
- Ein Berichterstatterstück 102
-
- Allgemeine Antwort an Schriftsteller oder solche,
- die es werden wollen 106
-
- Antworten auf Zuschriften 112
-
- Kandidatenfreuden 121
-
- Der große Rindfleischkontrakt 130
-
- Der gestohlene weiße Elefant 141
-
- Die Geschichte des Hausierers 170
-
- Eine wahre Geschichte 179
-
- Die Liebe des jungen Alonzo Fitz Clarence und
- der schönen Rosannah Ethelton 187
-
- Die kapitolinische Venus 216
-
- Mehr Glück als Verstand 226
-
- Wie der Verfasser in Newark angeführt wurde 234
-
- Schonend beigebracht 237
-
- Trinksprüche:
-
- Auf die Weiber 239
-
- Auf die Säuglinge 242
-
- Der selige Benjamin Franklin 247
-
- Wohlthun trägt Zinsen:
-
- Der wohlwollende Schriftsteller 252
-
- Der dankbare Gatte 254
-
- Ueber Tagebücher 258
-
- Ueber das Briefschreiben 261
-
- Gedankentelegraphie 265
-
- Prinzenverehrung 280
-
- Die 1000000 Pfund-Note 285
-
-
-
-
-Meine Uhr.
-
-
-Meine schöne neue Uhr ging nun schon anderthalb Jahre weder vor noch
-nach, sie war kein einziges Mal stehen geblieben und an dem Werk war
-nichts zerbrochen. Nunmehr galt mir ihr Urteil über die Tageszeit
-für völlig untrüglich, ihre Lebenskraft und ihr Knochenbau für
-unzerstörbar. Aber endlich ließ ich sie eines Abends doch ablaufen.
-Ich trauerte darüber, als sei dies Versehen ein Vorbote von kommendem
-Unheil und Mißgeschick. Erst allmählich wurde meine Stimmung wieder
-heiterer, ich zog die Uhr auf, stellte sie nach Gutdünken und schlug
-mir alle abergläubischen Gedanken und trüben Ahnungen aus dem Sinn.
-
-Am nächsten Morgen trat ich in den Laden des ersten Uhrmachers der
-Stadt, um meine Uhr genau nach richtiger Zeit zu stellen. Der Herr nahm
-sie mir aus der Hand, um dies Geschäft für mich zu besorgen.
-
-»Sie geht vier Minuten nach,« sagte er dabei, »der Regulator muß
-vorgerückt werden.«
-
-Ich versuchte ihn daran zu hindern, versuchte ihm begreiflich zu
-machen, daß der Gang der Uhr unübertrefflich sei. Vergebens -- der
-Kohlkopf in Menschengestalt sah nur das _eine_: die Uhr ging vier
-Minuten nach und der Regulator _mußte_ vorgestellt werden. Ich bat und
-flehte, er solle es nicht thun, ich sprang in meiner Seelenpein um ihn
-herum, aber alles umsonst. Mit kaltblütiger Grausamkeit vollbrachte er
-die schändliche That.
-
-[Illustration]
-
-Von da an begann meine Uhr zu laufen -- schneller und schneller, Tag
-für Tag. Innerhalb einer Woche geriet sie in ein wahres Fieber, ihr
-Puls stieg bis auf hundertundfünfzig Grad im Schatten. Noch ehe zwei
-Monate zu Ende waren, hatte sie alle Uhren der Stadt weit hinter sich
-gelassen und war vierzehntehalb Tage vor dem Kalender voraus. Noch hing
-das bunte Oktoberlaub an den Bäumen und sie tummelte sich schon mitten
-im Novemberschnee. Die Zahltage für die Hausmiete, für alle fälligen
-Rechnungen und sonstigen Schulden kamen in so wahnsinniger Hast näher,
-daß ich mir schier kaum mehr zu helfen wußte. So brachte ich sie denn
-zum Uhrmacher, um sie regulieren zu lassen. Dieser fragte mich, ob
-sie schon jemals repariert worden sei. Als ich das mit dem Bemerken
-verneinte, es sei noch nicht nötig gewesen, glitt ein boshaftes Lächeln
-über seine Züge. Gierig öffnete er die Uhr, guckte hinein, klemmte
-sich ein Ding ins Auge, das aussah wie ein kleiner Würfelbecher, und
-betrachtete das Räderwerk genau.
-
-»Sie muß gereinigt und geölt werden,« sagte er, »und außerdem
-reguliert; -- fragen Sie in einer Woche wieder nach.«
-
-Gereinigt, geölt und reguliert war meine Uhr; aber nun ging sie
-schrecklich langsam, ihr Ticken klang wie Grabgeläute. Ich versäumte
-alle Eisenbahnzüge, hielt keine meiner Verabredungen ein und kam wegen
-Verspätung um mein Mittagessen. Allmählich machte meine Uhr aus drei
-Tagen vier; zuerst wurde es bei mir gestern, dann vorgestern, dann
-letzte Woche; ich geriet immer weiter ins Hintertreffen und konnte mich
-nicht mehr in die jetzige Welt finden.
-
-Wieder begab ich mich zum Uhrmacher. Er nahm in meinem Beisein die Uhr
-ganz auseinander und sagte, der Cylinder sei ›gequollen‹, in drei Tagen
-könne er ihn aber wieder auf das richtige Maß bringen.
-
-Hierauf ging die Uhr im Durchschnitt gut, aber auch nur im
-Durchschnitt. Den halben Tag lang raste sie wie im Donnerwetter unter
-fortwährendem Schnarren, Quieken, Schnauben und Schnaufen, so daß ich
-vor dem Lärm meine eigenen Gedanken nicht hören konnte. Keine Uhr im
-ganzen Lande hätte vermocht sie einzuholen in ihrem tollen Lauf. Den
-Rest des Tages blieb sie allmählich immer mehr zurück und trödelte
-derart, daß sie ihren ganzen Vorsprung einbüßte und sämtliche Uhren
-ihr wieder nachkamen. _Einmal_ in vierundzwanzig Stunden war sie aber
-ganz auf dem richtigen Fleck und gab die Zeit genau an. Dies hielt
-sie pünktlich ein und niemand hätte daher behaupten können, sie thue
-weniger als ihre Pflicht und Schuldigkeit, oder mehr.
-
-An die Tugend einer Uhr stellt man jedoch höhere Ansprüche, als daß
-sie nur im Großen und Ganzen richtig geht. Ich trug sie daher abermals
-zum Uhrmacher. Er sagte, der Hauptzapfen wäre zerbrochen, und ich
-sprach ihm meine Freude darüber aus, daß der Schaden nicht größer sei.
-Offen gestanden hatte ich noch nie etwas von einem Hauptzapfen gehört,
-aber ich wollte mich doch einem Fremden gegenüber nicht unwissend
-zeigen. Der Zapfen ward ausgebessert, aber das half nur wenig. Die Uhr
-ging jetzt eine Weile und dann blieb sie wieder eine Weile stehen,
-ganz nach ihrem Belieben. Jedesmal, wenn sie losging, that sie einen
-Rückschlag wie eine Muskete. Ein paar Tage lang wattierte ich mir die
-Brusttasche aus, schließlich trug ich die Uhr aber zu einem andern
-Uhrmacher. Der zerpflückte sie in lauter einzelne Stücke, drehte die
-Trümmer vor seinem Vergrößerungsglas hin und her und meinte, es müsse
-an der Hemmung etwas nicht in Ordnung sein. Das besserte er aus und
-setzte die Uhr wieder zusammen. Nun ging sie gut -- nur alle zehn
-Minuten schlossen sich die Zeiger wie eine Schere und machten die Runde
-gemeinsam weiter.
-
-Der Weiseste unter den Menschenkindern würde von solcher Uhr nicht
-herauskriegen können, was die Glocke geschlagen hat. Ich ging also
-wieder hin, um dem Uebelstand abhelfen zu lassen. Jetzt meinte der
-Mensch, der Kristall sei verbogen und die Spiralfeder krumm, auch
-müsse ein Teil des Werkes neu gefüttert werden. Alle diese Schäden
-beseitigte er und meine Uhr ließ nun nichts zu wünschen übrig, nur dann
-und wann, nachdem sie etwa acht Stunden regelmäßig gegangen war, geriet
-bei ihr inwendig alles in Bewegung, so daß sie zu summen begann wie
-eine Biene und die Zeiger sich stracks so flink im Kreise drehten, daß
-man sie nicht mehr unterscheiden konnte, sie sahen aus wie ein zartes
-Spinngewebe auf dem Zifferblatt. In sechs oder sieben Minuten hatte sie
-die ganzen nächsten vierundzwanzig Stunden durchwirbelt, dann gab es
-einen Krach und sie stand still. Mit schwerem Herzen ging ich wieder zu
-einem andern Uhrmacher und sah wie er das Werk auseinander nahm. Dabei
-rüstete ich mich, ein Kreuzverhör mit ihm anzustellen, denn das Ding
-ging mir jetzt über den Spaß. Ursprünglich hatte die Uhr zweihundert
-Dollars gekostet und ich mußte jetzt für Reparaturen zweitausend bis
-dreitausend ausgegeben haben. Während ich so dastand und dem Manne
-zusah, kam er mir plötzlich bekannt vor. Nein, ich irrte mich nicht
--- der Uhrmacher war ein früherer Dampfbootmaschinist und zwar nicht
-einmal ein guter. Er betrachtete alle Teile sorgfältig, gerade wie
-die andern Uhrmacher auch, und fällte dann seinen Urteilsspruch mit
-derselben Zuversicht.
-
-Er sagte: »Sie macht zu viel Dampf -- wir müssen den stellbaren
-Schraubenschlüssel an das Sicherheitsventil hängen!«
-
-Ich schlug ihm auf der Stelle den Schädel ein und ließ ihn auf meine
-Kosten beerdigen.
-
-Mein Onkel William -- Gott hab' ihn selig! -- pflegte zu sagen, ein
-gutes Pferd sei ein gutes Pferd, bis es einmal durchgegangen wäre,
-und eine gute Uhr eine gute Uhr, bis sie den Reparierern in die Hände
-fiele. Er zerbrach sich oftmals den Kopf, was denn eigentlich aus allen
-verdorbenen Kesselflickern, Büchsenmachern, Schustern, Grobschmieden
-und Maschinisten in der Welt schließlich würde -- aber niemand konnte
-ihm je Auskunft geben. --
-
-
-
-
-Einiges über Barbiere.
-
-
-Alle Dinge sind dem Wechsel unterworfen, ausgenommen die Barbiere, die
-Gewohnheiten der Barbiere und die Umgebung der Barbiere. Diese ändern
-sich nie. Was man erlebt und erfährt, wenn man zum erstenmal eine
-Barbierstube betritt, das erlebt und erfährt man später in allen andern
-Barbierstuben, bis an das Ende seiner Tage.
-
- * * * * *
-
-Heute morgen ließ ich mich wie gewöhnlich barbieren. Ein Mann kam von
-der Jonesstraße auf die Thür zu, als ich auf der Hauptstraße herankam
--- so trifft sich das stets. Ich beschleunigte meine Schritte, aber
-umsonst; er war mir um eine Sekunde voraus, ich folgte ihm auf den
-Fersen und sah, wie er den einzigen unbesetzten Stuhl einnahm, wo der
-erste Barbier sein Amt versah. Das trifft sich immer so. Ich setzte
-mich in der stillen Hoffnung nieder, Erbe des Stuhles zu werden,
-welcher dem besseren von den zwei übrigen Barbiergehilfen gehörte,
-denn dieser hatte schon angefangen seinem Kunden das Haar zu kämmen,
-während sein Kamerad noch damit beschäftigt war, dem seinigen die
-Locken einzuölen und einzureiben. In großer Spannung beobachtete ich,
-was für Aussichten sich mir boten. Als ich sah, daß Nr. 2 drohte
-Nr. 1 einzuholen, verwandelte sich meine Spannung in Besorgnis. Als
-Nr. 1 einen Augenblick innehielt, um einem neuen Ankömmling, der
-ein Badebillet verlangte, Geld herauszugeben und dabei im Wettlauf
-zurückblieb, wurde meine Besorgnis zur Angst. Als Nr. 1 das Versäumte
-wieder nachholte und gleichzeitig mit seinem Kameraden dem Kunden das
-Handtuch abnahm und das Pulver aus dem Gesicht wischte, so daß sich
-unmöglich voraussehen ließ, welcher von beiden zuerst ›Der nächste!‹
-rufen würde, stockte mir der Atem vor banger Erwartung. Als ich nun
-aber sah, wie sich Nr. 1 im entscheidenden Moment noch damit aufhielt,
-seinem Kunden ein paarmal mit dem Kamm durch die Augenbrauen zu fahren,
-da wußte ich, daß er den Wettlauf um dieses einzigen Augenblicks willen
-verloren habe. Entrüstet stand ich auf und verließ den Laden, um nicht
-Nr. 2 in die Hände zu fallen; denn jene beneidenswerte Festigkeit
-besitze ich nicht, die den Menschen in den Stand setzt, einem
-dienstbereiten Barbiergehilfen ruhig ins Angesicht zu sehen und ihm zu
-sagen, man wolle auf den Stuhl seines Kollegen warten.
-
-Etwa fünfzehn Minuten blieb ich draußen und kam dann wieder zurück,
-in der Hoffnung, es werde mir besser glücken. Natürlich waren jetzt
-alle Stühle besetzt und vier Männer warteten schweigend, ungesellig,
-zerstreut und mit gelangweilten Mienen, wie das immer der Fall ist,
-wenn Leute in einer Barbierstube darauf passen, daß die Reihe an sie
-kommt.
-
-Ich ließ mich auf einem steinharten alten Sofa nieder und vertrieb mir
-eine Weile die Zeit damit, die eingerahmten Anzeigen verschiedener
-Quacksalber zu lesen, die ihre Haarfärbemittel anpriesen. Dann las ich
-die fettigen Namen auf den Branntweinflaschen, welche einzelnen Kunden
-angehörten, und las auch die Namen und Zahlen auf den Barbierbecken,
-die als Privateigentum in den offenen Fächern des Schrankes standen,
-studierte die beschmutzten und schadhaften wohlfeilen Bilder an
-den Wänden, welche Schlachten darstellten, ehemalige Präsidenten,
-wollüstig zurückgelehnte Sultaninnen und das langweilige, ewig
-wiederkehrende Mädchen, das des Großvaters Brille aufsetzt. Auch
-verfluchte ich in meinem Herzen den lustigen Kanarienvogel und den
-unausstehlichen Papagei, die selten in einer Barbierstube fehlen.
-Zuletzt suchte ich mir aus den vorjährigen illustrierten Zeitungen,
-welche auf dem schmutzigen Mitteltisch herumlagen, die am wenigsten
-zerlesene heraus und starrte die unerhört falschen Abbildungen alter,
-vergessener Ereignisse an, die sie enthielt.
-
-Endlich kam ich an die Reihe. Eine Stimme rief: »Der nächste!« und
-ich geriet natürlich in die Hände von -- Nr. 2. So geht es immer. Ich
-äußerte schüchtern, daß ich Eile habe, was ihm einen gerade so tiefen
-Eindruck machte, als hätte er es nicht gehört. Er schob mir nun den
-Kopf in die Höhe und legte mir eine Serviette unters Kinn. Er fuhr mir
-mit den Fingern in den Halskragen und stopfte ein Handtuch hinein. Er
-grub seine Klauen in mein Haar und sagte, es müsse beschnitten werden.
-Ich erwiderte, ich wolle es nicht schneiden lassen. Nun wühlte er
-wieder darin und meinte, es sei für die jetzige Mode ziemlich lang,
-besonders hinten; es müsse durchaus unter die Schere. Ich sagte, es
-wäre erst vor einer Woche geschnitten worden. Darauf sann er einen
-Augenblick gedankenvoll nach und fragte dann mit verächtlicher Miene,
-wer es besorgt habe. »Sie!« antwortete ich schnell. Da war er in der
-Falle.
-
-Nun fing er an den Seifenschaum zu rühren und sich dabei im Spiegel zu
-besehen; von Zeit zu Zeit hielt er inne und trat näher herzu, um sein
-Kinn in Augenschein zu nehmen und einen kleinen Pickel zu besichtigen.
-Dann seifte er mir eine Seite des Gesichts gründlich ein und wollte
-eben die andere in Angriff nehmen, als zwei sich beißende Hunde seine
-Aufmerksamkeit fesselten. Er lief ans Fenster, blieb da stehen bis
-der Kampf vorbei war und verlor beim Wetten über den Ausgang zwei
-Schillinge an die andern Barbiergehilfen, was mir große Befriedigung
-gewährte. Nun strich er mir die Seife vollends mit dem Pinsel auf und
-begann sie mit der Hand einzureiben.
-
-[Illustration]
-
-Dann schärfte er sein Rasiermesser auf einem alten Hosenträger, wobei
-ihn ein lebhaftes Gespräch über den öffentlichen Maskenball sehr
-aufhielt, bei dem er am Abend zuvor in rotem Kattun und falschem
-Hermelin eine Art König dargestellt hatte. Daß seine Kameraden ihn mit
-einem Dämchen aufzogen, welches er durch seine Reize erobert haben
-sollte, schmeichelte ihm sehr und er trachtete die Unterhaltung auf
-jede Weise fortzusetzen, indem er sich stellte, als ärgere ihn die
-Neckerei. Dies trieb ihn auch zu einer abermaligen genauen Betrachtung
-seiner Person im Spiegel; er legte das Rasiermesser hin, bürstete sich
-das Haar mit großer Umständlichkeit, klebte sich eine kühne Locke vorn
-im Bogen auf die Stirn, machte sich hinten einen wundervollen Scheitel
-und strich sich beide Seitenflügel mit genauester Sorgfalt über die
-Ohren. Inzwischen trocknete mir der Seifenschaum im Gesicht und zehrte
-mir förmlich am Leben.
-
-Nunmehr begann er mich zu rasieren. Er drückte mir mit den Fingern im
-Gesicht herum, um die Haut auszudehnen, und warf meinen Kopf hin und
-her, wie es ihm beim Barbieren bequem war. Solange er nur die weniger
-empfindlichen Stellen berührte, litt ich keine Schmerzen, als er aber
-an meinem Kinn herum zu kratzen, zu scharren und zu schaben anfing, kam
-mir das Wasser in die Augen. Nun brauchte er meine Nase als Anfasser,
-um die Winkel meiner Oberlippe besser rasieren zu können. Bei diesem
-Anlaß machte ich die Entdeckung, daß es zu seinen Obliegenheiten im
-Laden gehörte, die Petroleumlampen zu reinigen. Ich hatte mich oft
-schon aus Langeweile gefragt, ob das wohl der Geschäftsinhaber selber
-besorge, oder die Barbiergehilfen.
-
-Indessen vergnügte ich mich damit, mir auszudenken, wo er mich heute
-wohl schneiden werde; ich hatte es jedoch hierüber noch zu keiner
-Entscheidung gebracht, als er mir zuvorkam und mir das Kinn aufritzte.
-Sogleich begann er sein Messer zu schärfen -- das hätte er vorher thun
-sollen. Ich mag nicht zu dicht an der Haut rasiert sein, daher wollte
-ich ihn nicht zum zweitenmal an mich kommen lassen und versuchte ihn
-zu überreden, das Rasiermesser fortzulegen, aus Angst, er möchte an
-die Seite meines Kinns geraten, wo meine allerempfindlichste Stelle
-ist, die kein Messer zum zweitenmal berühren darf ohne Schaden
-anzurichten. Er sagte, er müsse nur noch einige Rauhheiten glätten,
-aber ehe ich mich's versah, fuhr er schon über den verbotenen Grund
-und Boden hin und das gefürchtete Brennen und Prickeln meiner Haut
-begann sich, wie gerufen, bemerklich zu machen. Nun tauchte er das
-Handtuch in Lorbeerbranntwein und klatschte mir damit ins Gesicht,
-bald hier bald da -- ein widerliches Gefühl! Hat sich wohl je ein
-menschliches Wesen auf solche Weise gewaschen? Dann nahm er das
-trockene Ende des Handtuchs und schlug mir auch dieses ins Gesicht,
-als ob ein Menschenkind sich jemals so abtrocknete! Aber ein Barbier
-reibt einen nur selten ordentlich ab wie ein Christenmensch. Dann goß
-er mir Branntwein auf die wunde Stelle, verklebte sie mit Stärkemehl,
-feuchtete sie wieder mit Branntwein an und würde gewiß in alle Ewigkeit
-mit Kleben und Anfeuchten fortgefahren haben, wenn ich mich nicht
-dagegen aufgelehnt und ihn ersucht hätte, es bleiben zu lassen.
-
-Er puderte mir nun das ganze Gesicht ein, richtete mich in die Höhe,
-wühlte nachdenklich mit den Händen in meinem Haar und schlug vor,
-mir die Kopfhaut gründlich zu waschen, das sei ganz notwendig, ganz
-notwendig! Ich entgegnete, daß ich mir erst gestern im Bade das Haar
-tüchtig gereinigt hätte. Da war er wieder in der Falle.
-
-Hierauf empfahl er mir ›Smiths Haarverschönerungstinktur‹ und bot mir
-eine Flasche zum Kauf an. Das schlug ich aus. Nun pries er mir ›Jones'
-Wonne des Toilettentisches‹ und wollte mir von diesem neuen Wohlgeruch
-ein Gläschen verkaufen. Aber ich ging nicht darauf ein. Er drang
-endlich in mich, ein gräßliches Mundwasser seiner eigenen Erfindung
-mitzunehmen.
-
-Nachdem auch dieser letzte Versuch fehlgeschlagen war, ging er wieder
-an sein Geschäft, bestreute mich über und über mit Puder, mit Einschluß
-der Beine, fettete mir die Haare ein, obgleich ich Einsprache dagegen
-erhob, zog und riß mir dabei eine Menge mit der Wurzel aus, kämmte
-und bürstete dann den Rest, teilte mir hinten einen Scheitel ab und
-klebte mir die unvermeidliche, bogenförmige Haarlocke auf die Stirn.
-Während er mir dann meine dünnen Augenbrauen auskämmte und mit Pomade
-beschmierte, erging er sich über die Leistungen eines ihm gehörigen
-schwarz und braun gefleckten Dachshundes bis ich das Pfeifen des
-Mittagszuges hörte und wußte, daß ich zu demselben fünf Minuten zu
-spät kommen würde. Nun nahm er mir das Handtuch ab, wischte mir damit
-noch einmal über das Gesicht, fuhr mir wieder mit dem Kamm durch die
-Augenbrauen und rief munter: »Der nächste!«
-
-
-
-
-Wie ein Schnupfen kuriert wird.
-
-
-Es ist zwar etwas Gutes für die Unterhaltung des Publikums zu
-schreiben, aber etwas noch weit Höheres und Edleres ist es, wenn man
-zur Belehrung, zum Nutzen, zum wahren Wohl seiner Mitmenschen schreibt
--- und das ist der einzige Zweck der folgenden Abhandlung. Wenn es mir
-gelänge, dadurch auch nur _einem_ Leidenden wieder zur Gesundheit zu
-verhelfen, das Feuer der Hoffnung und Freude in seinem matten Blick
-aufs neue zu entzünden und seinem erstorbenen Herzen den raschen,
-fröhlichen Pulsschlag vergangener Tage zurückzugeben, so wäre mir alle
-Mühe reichlich vergolten und jene heilige Wonne würde meine Seele
-durchströmen, welche der Christ fühlt, wenn er eine gute, selbstlose
-That vollbracht hat.
-
-Da ich stets ein untadeliges Leben geführt habe, bin ich berechtigt
-zu glauben, daß niemand, der mich kennt, aus Furcht, ich hätte die
-Absicht ihn zu täuschen, meine Ratschläge zurückweisen wird. Möge das
-Publikum sich die Ehre anthun, meine hier niedergelegten Erfahrungen
-bei Behandlung eines Schnupfens zu lesen -- und dann meinem Beispiel
-folgen.
-
-Als das weiße Haus in Virginia-City abbrannte, verlor ich meine
-Häuslichkeit, meine Behaglichkeit, meine Gesundheit und meinen
-Koffer. Der Verlust der beiden erstgenannten Artikel war leicht zu
-verschmerzen; denn eine Häuslichkeit ohne eine Mutter, eine Schwester
-oder eine entfernte junge Verwandte, welche uns die schmutzige Wäsche
-wegräumt, unsere Stiefel vom Kaminsims herunternimmt und uns so daran
-erinnert, daß jemand an uns denkt und für uns sorgt, ist nicht schwer
-zu finden. Und was meine Behaglichkeit betrifft, so war ich kein
-Dichter und brauchte der Schwermut über ihren Verlust nicht lange
-nachzuhängen. Aber eine gute Gesundheit zu verlieren und einen noch
-besseren Koffer, das waren ernstliche Unglücksfälle. Am Tage der
-Feuersbrunst zog ich mir nämlich infolge der übergroßen Anstrengung,
-mit welcher ich mich anschickte etwas zu thun, eine starke Erkältung zu.
-
-Als ich das erstemal zu niesen begann, riet mir ein Freund ein warmes
-Fußbad zu nehmen und dann zu Bette zu gehen. Das that ich. Gleich
-darauf meinte ein zweiter, ich solle aufstehen und ein kaltes Sturzbad
-nehmen. Eine Stunde später versicherte mir ein dritter, man müsse einen
-›Schnupfen füttern und ein Fieber aushungern.‹ Ich litt an beiden und
-hielt es daher für das beste, mich des Schnupfens wegen voll und satt
-zu essen, dann Hausarrest zu nehmen und das Fieber eine Weile hungern
-zu lassen.
-
-Bei halben Maßregeln lasse ich es in solchem Falle nie bewenden. Ich
-aß also nach Herzenslust und wendete meine Kundschaft einem Fremden
-zu, der an jenem Morgen gerade sein Speisehaus eröffnet hatte. Er
-stand in ehrerbietigem Schweigen dabei, bis ich meinen Schnupfen genug
-gefüttert hatte und fragte dann, ob die Leute in Virginia-City häufig
-vom Schnupfen befallen würden. Als ich erwiderte das könne wohl möglich
-sein, ging er hinaus und nahm sein Wirtshausschild ab.
-
-Ich begab mich nun nach dem Bureau und begegnete unterwegs abermals
-einem vertrauten Freunde, der mir sagte, daß es auf der Welt nichts
-Wirksameres gäbe, um sich vom Schnupfen zu kurieren, als wenn man ein
-Quart warmes Salzwasser tränke. Ich zweifelte stark, daß ich noch
-Platz dafür haben könne, aber versuchen wollte ich es jedenfalls. Der
-Erfolg war überraschend. Mir war als hätte ich meine unsterbliche Seele
-von mir gegeben.
-
-Da ich meine Erfahrungen nur zum Nutzen derjenigen niederschreibe,
-welche von demselben Uebel befallen sind wie ich, halte ich es für
-angemessen, sie vor den Mitteln zu warnen, die sich bei mir als
-unwirksam erwiesen haben. Aus vollster Ueberzeugung muß ich ihnen
-daher raten, sich vor warmem Salzwasser zu hüten. Wenn ich wieder den
-Schnupfen hätte und mir nur die Wahl bliebe, meine Zuflucht zu einem
-Erdbeben oder einem Quart Salzwasser zu nehmen, so würde ich mein Heil
-mit dem Erdbeben versuchen.
-
-[Illustration]
-
-Nachdem der Sturm, der in meinem Innern wütete, sich etwas gelegt hatte
-und da zufällig kein guter Samariter mehr bei der Hand war, borgte
-ich mir wieder Taschentücher und zerschneuzte sie zu Atomen, wie ich
-es in den ersten Stadien meines Schnupfens gethan hatte. Dies trieb
-ich solange, bis ich einer Dame begegnete, die eben von jenseits der
-Prairie herkam. Sie hatte in einer Gegend gelebt, wo Mangel an Aerzten
-war, und sagte, die Not habe sie gelehrt, einfache Alltagskrankheiten
-mit vielem Geschick zu behandeln. Ich war überzeugt, daß sie eine
-lange Erfahrung hinter sich haben müsse, denn sie sah aus, als sei sie
-hundertfünfzig Jahre alt.
-
-Sie mischte einen Trank aus Sirup, Scheidewasser, Terpentin
-und allerlei Kräutern zusammen und gab mir die Anweisung, alle
-Viertelstunden ein Weinglas voll davon zu nehmen. Ich ließ es
-jedoch bei der ersten Dosis bewenden; sie reichte hin, um mich aller
-moralischen Grundsätze zu berauben und die unwürdigsten Triebe in mir
-wach zu rufen. Unter ihrem bösartigen Einfluß wälzte ich in meinem Hirn
-die ungeheuerlichsten und niederträchtigsten Pläne und Entwürfe, aber
-meine Hand war damals zu schwach, sie auszuführen. Hätten nicht die
-unfehlbaren Heilmittel für den Schnupfen durch wiederholte Angriffe
-meine Kräfte völlig erschöpft, ich wäre wahrlich imstande gewesen auf
-Leichenraub auszugehen.
-
-Wie die meisten andern Leute habe ich zuweilen gemeine Regungen und
-handle darnach; aber bis zu einem solchen Grade von unmenschlicher
-Ruchlosigkeit hatte ich es noch nie gebracht, bevor ich jene Arzenei
-einnahm, und obendrein war ich noch stolz darauf. Nach Verlauf von zwei
-Tagen war ich wieder soweit, aufs neue an mir herumdoktern zu können.
-Ich wandte noch mehrere untrügliche Mittel an und trieb mir schließlich
-die Erkältung aus dem Kopf in die Lunge.
-
-Nun bekam ich fortwährend Hustenanfälle und meine Stimme sank unter
-den Nullpunkt. Ich sprach mit den Leuten in einem grollenden Baß, zwei
-Oktaven unter meinem gewöhnlichen Tonfall. Eine regelmäßige Nachtruhe
-konnte ich nur dadurch erlangen, daß ich mich in einen Zustand
-gänzlicher Erschöpfung hineinhustete; sobald ich aber im Schlaf zu
-sprechen anfing, weckte mich der Mißlaut meiner Stimme wieder auf.
-
-Mein Fall verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Man empfahl mir
-Wacholderschnaps. Den trank ich. Dann Schnaps mit Sirup. Ich trank auch
-den. Ferner Schnaps mit Zwiebeln. Die that ich dazu und schluckte alle
-drei zusammen, jedoch ohne besonderes Ergebnis.
-
-Ich sah mich jetzt genötigt meiner Gesundheit durch Luftveränderung
-wieder aufzuhelfen und reiste mit meinem Kollegen, dem Zeitungsreporter
-Wilson, nach dem Bigler-See. Nicht ohne eine gewisse Befriedigung
-denke ich daran, daß wir auf ganz vornehme Weise reisten, wir benutzten
-nämlich die Pionierpost und mein Freund nahm sein ganzes Gepäck mit,
-welches aus zwei prachtvollen seidenen Halstüchern und dem Daguerrebild
-seiner Großmutter bestand. Dort machten wir den Tag über Segelfahrten,
-gingen auf die Jagd, auf den Fischfang und zum Tanz und die Nacht
-hindurch kurierte ich meine Erkältung. Durch diese Einrichtung gelang
-es mir, jede von den vierundzwanzig Stunden nutzbringend zu verwenden.
-Aber mein Uebel wurde nur immer schlimmer.
-
-Man riet mir nun zu einer nassen Wickelung. Bisher hatte ich kein
-einziges Heilmittel zurückgewiesen und es schien Thorheit, jetzt
-noch damit anzufangen. So beschloß ich denn die Wickelung zu
-versuchen, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das eigentlich für
-eine Veranstaltung sei. Sie wurde um Mitternacht vorgenommen und das
-Wasser war brennend kalt. Ein Leintuch, das mindestens tausend Meter
-lang zu sein schien, wurde in Eiswasser getaucht und mir um Brust und
-Rücken gewickelt, bis ich aussah wie der Wischer für eine der neuen
-Riesenkanonen.
-
-Es ist ein grausames Verfahren. Wenn der kalte Lappen das warme Fleisch
-berührt, fährt man vor Schrecken zusammen und schnappt nach Atem wie
-ein Mensch in der Todesnot. Mir erfror das Mark in den Knochen und mein
-Herzschlag schien stillzustehen. Ich glaubte mein letztes Stündlein sei
-gekommen.
-
-Ich warne hiermit jedermann vor kalten Wickelungen. Es giebt nichts
-Unbehaglicheres in der Welt -- außer vielleicht, einer Dame unserer
-Bekanntschaft zu begegnen, die aus Gründen, die sie selbst am besten
-weiß, über uns hinweg sieht, oder, wenn sie uns wirklich ansieht, uns
-nicht kennt.
-
-Aber, was ich noch sagen wollte, -- als mein Schnupfen nach der
-Wickelung nicht kuriert war, empfahl mir eine befreundete Dame ein
-Senfpflaster auf die Brust zu legen. Das hätte mich, glaube ich,
-auch wirklich geheilt, wäre der junge Wilson nicht gewesen. Beim
-Zubettegehen legte ich mir das Senfpflaster, das ganz großartig war --
-es maß achtzehn Zoll im Viereck -- bequem zur Hand, wo ich es erreichen
-konnte. Aber Wilson bekam in der Nacht Hunger und -- den Rest kann sich
-der Leser selber denken.
-
-Nach einem achttägigen Aufenthalt am Bigler-See ging ich nach
-Steamboat-Springs, wo ich Dampfbäder nahm und noch eine Masse der
-erbärmlichsten Arzneien zu schlucken bekam, die je zusammengebraut
-worden sind. Sie würden mich ganz hergestellt haben, aber ich
-mußte nach Virginia-City zurückkehren, wo ich es trotz der
-verschiedenartigsten Heilmittel, die ich jeden Tag verschlang, möglich
-machte, meine Krankheit durch Vernachlässigung und Ausgehen bei kalter
-Witterung sehr zu verschlimmern.
-
-Endlich beschloß ich nach San Francisco zu reisen. Am ersten Tag nach
-meiner Ankunft daselbst sagte mir eine Dame im Gasthaus, ich solle alle
-vierundzwanzig Stunden ein Quart Whisky trinken und ein Freund, der in
-der Stadt wohnte, gab mir denselben Rat. Das machte also zusammen zwei
-Quart oder eine halbe Gallone. Soviel trank ich und bin noch am Leben.
-
- * * * * *
-
-In obigem habe ich mit der allerbesten Absicht von der Welt das
-mannigfaltige Heilverfahren geschildert, welches ich kürzlich zur Kur
-meines Schnupfens durchzumachen hatte. Ich empfehle es besonders allen,
-die an der Schwindsucht leiden. Wenn sie einen Versuch damit anstellen
-und nicht gesund werden, so kann es sie höchstens umbringen.
-
-
-
-
-Kinderkrankheiten.
-
- Diese Geschichte hat Herr Mc Williams, ein freundlicher Herr
- aus New York, dem Verfasser erzählt, der ihn zufällig auf einer
- Reise traf.
-
-
-[Illustration]
-
-Sie können sich kaum vorstellen, Herr Mark Twain, wie schrecklich die
-unheilbare Krankheit, welche man die häutige Bräune nennt, in unserer
-Stadt gewütet hat. Ebenso schlimm als die Krankheit selbst war der
-Umstand, daß alle Mütter vor Angst und Schrecken fast den Verstand
-verloren. Hören Sie zu, was ich mit meiner Frau während jener Zeit
-erlebte. Eines Mittags kam ich nach Hause und machte meine Frau auf die
-kleine Penelope aufmerksam, indem ich bemerkte:
-
-»Mein Herz, ich würde an deiner Stelle nicht erlauben, daß das Kind an
-dem Kienspan kaut.«
-
-»Was in aller Welt soll denn das schaden?« entgegnete sie, schickte
-sich aber zugleich an, den Span fortzunehmen; -- ohne weitläufige
-Erörterung können Frauenzimmer nun einmal nicht den geringsten Rat
-befolgen, wenn dessen Weisheit auch noch so sehr auf der Hand liegt; d.
-h. _verheiratete_ Frauen.
-
-Ich erwiderte: »Herzchen, man weiß, daß keine Holzart so wenig Nährwert
-für ein Kind besitzt wie Tannenholz.«
-
-Meine Frau zog die Hand zurück, mit der sie den Span ergreifen wollte
-und legte sie wieder in den Schoß.
-
-»Du bist im Irrtum,« sagte sie merklich erregt; »alle Aerzte
-versichern, daß das Terpentin im Tannenholz für ein schwaches Rückgrat
-und für die Nieren sehr gut ist.«
-
-»Ah so -- ich bitte um Entschuldigung. Ich habe nicht gewußt, daß unser
-Kind an Rückenschwäche und an den Nieren leidet und daß der Hausarzt
-verordnet hat --«
-
-»Das Kind denkt gar nicht daran, an dergleichen zu leiden -- wie kommst
-du darauf?«
-
-»Aber liebe Frau, du hast doch angedeutet --«
-
-»Bewahre, so etwas ist mir nicht eingefallen.«
-
-»Es ist ja kaum zwei Minuten her, mein Herz, daß du sagtest --«
-
-»Dummes Zeug! Ich mag gesagt haben was ich will -- jedenfalls ist es
-kein Unglück, daß die Kleine an einem Stück Holz kaut, wenn sie Lust
-dazu hat; ich dächte, du könntest das auch einsehen. Ich verwehre es
-ihr nicht und damit ist's gut!«
-
-»Ereifere dich nicht, mein Kind; ich sehe schon ein, daß du recht hast
-und werde gleich ausgehen, um ein paar Klafter vom besten Tannenholz zu
-bestellen. Solange _ich_ lebe, soll mein Kind -- --«
-
-»O bitte, geh in dein Geschäft und laß mich einen Augenblick in Ruhe.
-Man kann auch nicht die geringste Bemerkung machen, du mußt darüber
-streiten, streiten, streiten, bis du nicht mehr weißt, wovon du
-sprichst -- wie immer.«
-
-»Nun gut, du sollst deinen Willen haben. Aber in deiner letzten
-Bemerkung war ein Mangel an Logik, der -- --«
-
-Ehe ich jedoch ausgeredet hatte, war sie zur Thüre hinausgesegelt und
-hatte das Kind mitgenommen.
-
- * * * * *
-
-Als ich am Abend desselben Tages zu Tische nach Hause kam, trat sie mir
-mit kreideweißem Gesicht entgegen.
-
-»O Mortimer, ein neuer Fall! Der kleine George vom Nachbar Gordon ist
-krank!«
-
-»Häutige Bräune?«
-
-»Häutige Bräune!«
-
-»Hat der Arzt noch Hoffnung?«
-
-»Nicht die geringste! O, was soll aus uns werden!«
-
-Kurz darauf brachte eine Wärterin die kleine Penelope herein, um uns
-gute Nacht zu sagen und das übliche Abendgebet auf der Mutter Schoß zu
-sprechen. Aber mitten in: »Jetzt leg' ich mich zu süßer Ruh,« hustete
-sie ein wenig. Meine Frau fuhr zurück als hätte sie der Schlag gerührt.
-Doch schon im nächsten Augenblick war sie auf den Füßen, der Schrecken
-spornte sie zu fieberhafter Thätigkeit.
-
-Sie befahl, das Bett des Kindes aus der Kinderstube in unser
-Schlafzimmer zu bringen, und ging selbst mit, um die Ausführung des
-Befehls zu beaufsichtigen. Natürlich mußte ich auch dabei sein, und wir
-brachten die Sache schnell in Ordnung. Für die Kinderfrau wurde ein
-Bett in dem Ankleidezimmer meiner Frau aufgeschlagen. Nun fiel ihr aber
-ein, daß wir zu weit von dem andern Kind entfernt seien, und wenn sich
-in der Nacht bei ihm Symptome zeigen sollten -- mein armes Frauchen
-wurde wieder leichenblaß.
-
-Darauf schafften wir das Kinderbett und die Kinderfrau wieder in die
-Kinderstube und schlugen für uns beide ein Bett im Nebenzimmer auf.
-Plötzlich bekam meine Frau jedoch Angst, Penelope könne den Kleinen
-anstecken. Dieser Gedanke jagte ihr ein solches Entsetzen ein, daß
-ihre ganze Hilfsmannschaft das Bettchen nicht schnell genug wieder
-hinaustragen konnte. Meine Frau half in eigener Person und riß es
-beinahe in Stücke in ihrer verzweifelten Hast.
-
-Wir zogen in den unteren Stock, aber da war nicht Platz genug, die
-Kinderfrau unterzubringen, und meine Frau meinte, ihre Erfahrung
-würde eine unschätzbare Hilfe sein. So kehrten wir denn mit Sack und
-Pack wieder in unser eigenes Schlafzimmer zurück und fühlten uns so
-glücklich, wie ein Paar vom Sturm verschlagene Vögel, die ihr warmes
-Nestchen wiederfinden.
-
-Meine Frau eilte jetzt in die Kinderstube, um zu sehen, wie es dort
-stände. Im Nu war sie aber wieder da, von neuer Furcht ergriffen.
-
-»Wie kann es nur kommen, daß der Kleine so fest schläft?«
-
-»Aber mein Herz,« sagte ich, »der Kleine schläft ja immer so fest, daß
-er aussieht wie ein Bild.«
-
-»Ich weiß, ich weiß; aber heute hat sein Schlaf etwas Unnatürliches. Er
-scheint -- er scheint so regelmäßig zu atmen.«
-
-»Aber, liebes Kind, er atmet immer regelmäßig.«
-
-»O, das weiß ich; aber heute macht es einen schrecklichen Eindruck.
-Seine Wärterin ist viel zu jung und unerfahren, Marie soll bei ihr
-bleiben, damit sie bei der Hand ist, wenn etwas passiert.«
-
-»Das ist ein guter Gedanke; aber, wer wird _dir_ helfen?«
-
-»_Du_ kannst mir alle Hilfe leisten, die ich brauche. Ich werde mich ja
-so wie so in dieser schrecklichen Zeit auf keinen Menschen verlassen,
-sondern alles selbst thun.«
-
-Ich erwiderte, daß ich mich selbst verachten würde, wenn ich zu Bette
-gehen und schlafen wollte, während sie wachte und sich um unsere Kranke
-mühte, die lange, bange Nacht. Doch endlich ließ ich mich überreden. So
-begab sich also die alte Marie wieder zurück auf ihren Posten in der
-Kinderstube.
-
-Penelope hustete ein- oder zweimal im Schlaf.
-
-»Warum nur dieser Doktor nicht kommt. -- Mortimer, es ist gewiß zu
-warm im Zimmer. Mache den Schieber zu -- schnell!«
-
-Ich schloß die Luftheizung ab, sah nach dem Thermometer und fragte
-mich, ob denn 14° wirklich zu warm sei für ein krankes Kind.
-
-Der Kutscher kam jetzt aus der Stadt mit der Nachricht, daß unser
-Hausarzt krank zu Bette liege. Meine Frau warf mir einen erlöschenden
-Blick zu und sagte mit sterbender Stimme:
-
-»Es ist der Wille der Vorsehung. So war es vorher bestimmt. -- Noch nie
-ist er krank gewesen, _nie_! Wir haben nicht so gelebt wie wir sollten,
-Mortimer. Immer und immer wieder habe ich es dir gesagt. Nun siehst du,
-wohin es führt. Danke Gott, wenn du es dir _je_ verzeihen kannst -- ich
-kann es mir nicht vergeben.«
-
-Ich sagte, ohne die Worte genau zu wählen, aber durchaus nicht in
-der Absicht, sie zu kränken, es sei mir nicht bewußt, daß wir ein so
-gottloses Leben geführt hätten.
-
-»Mortimer -- willst du das Gericht Gottes auch über der Kleinen
-heraufbeschwören?«
-
-Sie brach in Thränen aus -- aber plötzlich rief sie:
-
-»Der Doktor muß doch Arzenei geschickt haben!«
-
-»Gewiß,« versetzte ich, »hier ist sie. Ich habe nur auf den passenden
-Moment gewartet, es dir zu sagen.«
-
-»So gieb sie doch her; weißt du nicht, daß jetzt jeder Augenblick
-kostbar ist! Aber ach, wozu schickt er überhaupt Arzenei, wenn er doch
-weiß, daß alles vergebens ist.«
-
-Ich sagte, wo noch Leben wäre, sei auch noch Hoffnung.
-
-»Hoffnung! -- Mortimer, du weißt so wenig was du sprichst, wie ein
-neugeborenes Kind. Wenn du nur -- Welcher Unsinn -- die Anweisung sagt:
-alle Stunde einen Theelöffel! Einmal stündlich -- als ob wir ein ganzes
-Jahr vor uns hätten, um das Kind zu retten! Mortimer, schnell, gieb
-dem armen verschmachtenden Würmchen einen Eßlöffel voll; nur diesmal
-beeile dich!«
-
-»Aber, mein Herz, ein Eßlöffel voll könnte --«
-
-»Mache mich nicht toll! ... Hier, mein Engelchen, mein süßes, nimm das
-häßliche bittere Zeug; es ist gut für Nelly, für Mamas süßen, kleinen
-Liebling und soll sie gesund machen. Da, da, da, lege dein Köpfchen an
-Mütterchens Brust und schlaf' ein, damit du bald -- -- o, ich weiß, sie
-wird den Morgen nicht erleben! -- Mortimer, einen Eßlöffel alle halbe
-Stunde! Aber das Kind sollte auch Belladonna nehmen und Acconit. Hole
-die Fläschchen, Mortimer. Bitte, thue was ich sage; du verstehst ja
-doch nichts davon.«
-
-Wir stellten nun das Bett des Kindes dicht an das Kopfende meiner Frau
-und legten uns nieder. Das viele Durcheinander hatte mich schrecklich
-müde gemacht, und in zwei Minuten war ich halb eingeschlafen.
-
-Meine Frau weckte mich.
-
-»Männchen, ist die Luftheizung offen?«
-
-»Ich glaube nicht.«
-
-»Das habe ich mir gedacht. Bitte mache den Schieber gleich auf; das
-Zimmer ist kalt.«
-
-Ich schob ihn auf und schlief wieder ein: da wurde ich nochmals geweckt.
-
-»Bester Mann, du könntest doch so gut sein, das Bettchen an deine Seite
-zu stellen, es ist näher an der Heizung.«
-
-Ich stellte das Bett an _meine_ Seite, verwickelte mich aber in den
-Bettteppich und weckte das Kind. Wieder verfiel ich in Schlaf, während
-meine Frau die kleine Kranke beruhigte. Aber nicht lange, so kamen wie
-aus weiter Ferne durch den Nebel meiner Schlaftrunkenheit die Worte an
-mein Ohr:
-
-»Mortimer, wenn wir nur etwas Gänsefett hätten -- bitte, willst du
-klingeln.«
-
-Ich kletterte im Halbschlaf heraus und trat auf die Katze, welche mit
-einem lauten Protest antwortete; ich wollte ihr dafür einen Fußtritt
-verabreichen, aber der Stuhl bekam ihn statt der Katze.
-
-»Mortimer, was fällt dir ein? Warum drehst du den Gashahn auf? Willst
-du das Kind zum zweitenmal wecken?«
-
-»Ich will sehen, ob ich mir Schaden gethan habe, Evangeline.«
-
-»Dann sieh nur auch den Stuhl an; ich bin überzeugt, er ist in Stücken.
-Die arme Katze; wenn du nun -- --«
-
-»Die Katze ist mir völlig gleichgültig. Das alles wäre nicht geschehen,
-wenn du Marie hier behalten hättest, um diese Pflichten zu übernehmen,
-die sie angehen, und nicht mich.«
-
-»Du solltest dich schämen, Mortimer, eine solche Bemerkung zu machen.
-Wahrhaftig, wenn du die Kleinigkeiten, um die ich dich bitte, nicht
-einmal besorgen willst -- da doch unser Kind -- --«
-
-»Schon gut, ich will ja alles thun. Aber kein Mensch hört auf mein
-Läuten. Sie sind wahrscheinlich alle zu Bett gegangen. -- Wo steht das
-Gänsefett?«
-
-»Auf dem Kamin im Kinderzimmer. Wenn du hingehen willst und mit Marie
-sprechen -- --«
-
-Ich holte das Gänsefett und schlief wieder ein. Abermals wurde ich
-gerufen: »Mortimer, es ist mir schrecklich, dich zu stören, aber das
-Zimmer ist immer noch zu kalt, wenn ich die Einreibung machen soll.
-Könntest du nicht das Feuer anzünden? Es ist alles zurechtgelegt, du
-brauchst nur ein Schwefelhölzchen hineinzustecken.«
-
-Ich kroch aus dem Bett, machte das Feuer an, und setzte mich als
-Jammergestalt daneben.
-
-»Mortimer, du erkältest dich zu Tode, wenn du da sitzen bleibst. Komm'
-zu Bett!«
-
-Ich wollte hineinsteigen, da sagte sie:
-
-»Nur einen Augenblick! Bitte, gieb dem Kinde noch etwas Arzenei.« --
-Das that ich, und meine Frau benutzte die Gelegenheit, da die Kleine
-doch einmal wach war, sie auszuziehen und über und über mit dem
-Gänsefett einzuschmieren. Bald schlief ich von neuem -- aber nicht
-lange.
-
-[Illustration]
-
-»Mortimer, es zieht irgendwo; ich fühle es ganz deutlich. Nichts ist
-verhängnisvoller bei solcher Krankheit als Zugwind. Bitte, stelle das
-Kinderbett näher ans Feuer.« Das that ich und wickelte mich wieder in
-den Bettteppich, den ich dabei ins Feuer warf. Meine Frau sprang aus
-dem Bett und rettete ihn, wobei wir etwas aneinander gerieten. Nun
-folgte wieder eine kleine Schlafpause, bis mir befohlen wurde, einen
-Umschlag von Leinsamen zu machen. Dieser wurde dem Kinde auf die Brust
-gelegt, um dort seine heilende Wirkung zu üben.
-
-Ein Holzfeuer hat nicht lange Bestand. Alle zwanzig Minuten stand ich
-auf, um das unsrige anzufachen und Holz nachzulegen; dadurch verkürzten
-sich auch die Zwischenräume beim Eingeben der Arzenei um zehn Minuten,
-was meiner Frau eine große Erleichterung war. Dazwischen erneuerte ich
-die Umschläge und legte einen Senfteig oder andere Zugpflaster überall
-da auf, wo noch eine freie Stelle an dem Kinde zu finden war. Endlich,
-gegen Morgen, war das Holz verbraucht, und meine Frau meinte, ich solle
-in den Keller gehen, um welches zu holen.
-
-»Das ist eine schwere Arbeit, liebes Kind,« bemerkte ich. »Der Kleinen
-ist gewiß warm genug bei ihren vielen Umhüllungen. Wir können ihr ja
-auch noch eine Lage Brei auflegen und --«
-
-Ich kam nicht zu Ende, denn ich wurde unterbrochen. Eine Weile
-schleppte ich Holz herauf und kroch dann wieder in mein Bett. Bald
-schnarchte ich, wie nur ein Mensch schnarchen kann, der völlig
-abgemattet ist an Körper und Geist. Bei Tagesanbruch fühlte ich ein
-Rütteln an meiner Schulter, was mich schnell zur Besinnung brachte.
-Meine Frau stand mit stierem Blick vor mir und rang nach Luft. Sobald
-sie sprechen konnte, sagte sie:
-
-»Es ist alles aus -- alles aus! -- Das Kind schwitzt. Was fangen wir
-an?«
-
-»Mein Gott, wie du mich erschreckt hast! Ich weiß nicht, was ich dir
-raten soll. Vielleicht wenn wir alles abkratzten und Penelope wieder in
-den Zug brächten --«
-
-»Welcher Blödsinn! -- Jetzt ist kein Augenblick zu verlieren! Hole
-den Doktor, schnell! Du mußt _selbst_ gehen. Bringe ihn her, tot oder
-lebendig.«
-
-Ich zerrte den armen kranken Mann aus dem Bett und brachte ihn zu uns.
-Er sah das Kind an und sagte, es läge nicht im Sterben. Das war mir
-eine unaussprechliche Freude, aber meine Frau wurde so böse, als habe
-er sie persönlich beleidigt. Dann meinte er, der Husten des Kindes wäre
-nur durch einen kleinen Reiz in der Kehle verursacht. Wie er das sagte,
-fürchtete ich fast, meine Frau würde ihm die Thüre weisen. Der Doktor
-wollte die Kleine nun stärker zum Husten bringen, um die Störung zu
-beseitigen. Er gab ihr etwas ein, sie hustete heftig, und heraus kam,
--- ein kleiner Holzsplitter.
-
-»Das Kind hat keine Bräune,« sagte der Arzt. »Es hat an einem Stück
-Tannenholz gekaut, und ein paar kleine Splitter in den Hals bekommen.
-Die werden ihm nichts schaden.«
-
-»Nein,« sagte ich, »das glaube ich auch. Das Terpentin darin ist sogar
-sehr gut für einige Krankheiten, die bei Kindern vorkommen. Meine Frau
-kann Ihnen das sagen.«
-
-Aber das that sie nicht. Sie wendete sich empört von uns ab und verließ
-das Zimmer. Seit der Zeit ist in unserm ehelichen Leben _eine_ Episode,
-die wir nie erwähnen. Im übrigen fließt der Strom unserer Tage in
-ungetrübter Heiterkeit dahin.
-
- Sehr wenig Ehemänner haben ähnliche Erfahrungen gemacht, wie
- Herr Mc Williams; deshalb dachte der Verfasser dieses Buches,
- die Sache würde durch ihre Neuheit vielleicht in den Augen des
- Lesers ein flüchtiges Interesse erhalten.
-
-
-
-
-Frau Mc Williams beim Gewitter.
-
-
-Ja, fuhr Herr Mc Williams fort, -- dies war nämlich nicht der Anfang
-seiner Rede -- die Furcht vor dem Gewitter ist eine der qualvollsten
-Schwächen, von denen ein menschliches Wesen heimgesucht werden kann.
-Sie ist meistens auf Frauen beschränkt, hie und da findet sie sich
-jedoch auch bei einem kleinen Hunde und manchmal auch bei einem Manne.
-Es ist eine ganz besonders traurige Schwäche, indem sie einem Menschen
-den Verstand in höherem Grade raubt als irgend eine andere Furcht, da
-sie sich weder durch Vernunftgründe noch durch Beschämung unterdrücken
-läßt. Eine Frau, die dem Teufel selber ins Gesicht sehen könnte -- oder
-einer Maus -- verliert ihre Schneidigkeit und ist rein weg angesichts
-eines zuckenden Blitzes.
-
-Also wie ich Ihnen sagte, ich wachte auf an dem halberstickten von
-irgendwo herkommenden Schrei: »Mortimer, Mortimer!« Sobald ich meine
-fünf Sinne zusammenfassen konnte, richtete ich mich in der Dunkelheit
-auf und antwortete:
-
-»Evangeline, rufst du? was giebts? wo bist du?«
-
-»In die Wäschekammer eingeschlossen! Du solltest dich schämen,
-dazuliegen und so zu schlafen, während solch ein fürchterliches
-Gewitter losbricht.«
-
-»Nun, wie kann man sich denn schämen, wenn man schläft? Das hat ja
-keinen Sinn; ein Mensch kann sich nicht schämen, derweil er schläft,
-Evangeline.«
-
-»Das thust du freilich nie, Mortimer, das weiß _ich_ wohl!«
-
-Ich vernahm den Laut unterdrückten Schluchzens. Dieser Klang machte die
-scharfe Rede, die sich auf meine Lippen drängte, ersterben und ich ließ
-mich statt dessen folgendermaßen vernehmen:
-
-»Es thut mir leid, Liebe, es thut mir wirklich leid. Ich wollte es
-nicht thun, komm' heraus und --«
-
-»Mortimer!«
-
-»Himmel, was giebts, mein Schatz?«
-
-»Ich glaube gar, daß du _noch_ im Bett liegst?«
-
-»Warum nicht? natürlich.«
-
-[Illustration]
-
-»Augenblicklich stehe auf! Ich dächte, du solltest doch ein klein wenig
-acht auf dein Leben geben, um meinet- und der Kinder willen, wenn nicht
-schon um deinetwillen.«
-
-»Aber lieber Schatz --«
-
-»Hör' auf, Mortimer, du weißt, bei einem solchen Gewitter ist der
-allergefährlichste Platz das Bett. Das steht in allen Büchern. Aber das
-ist dir einerlei, du bleibst doch darin liegen und wirfst lieber dein
-Leben rücksichtslos weg, der Himmel weiß warum, höchstens aus ewiger
-Rechthaberei und --«
-
-»Aber zum Kuckuck, Evangeline, ich bin ja jetzt nicht mehr im Bett, ich
-bin --«
-
-Dieser Satz wurde unterbrochen durch einen plötzlichen Blitzstrahl,
-begleitet von einem unterdrückten Aufschrei meiner Frau und einem
-furchtbaren Donnerschlag.
-
-»Da! Nun siehst du, wozu das führt. O, Mortimer, wie kannst du so
-ruchlos sein, bei einem solchen Wetter zu fluchen?«
-
-»Ich habe ja nicht geflucht. Und das kam gar nicht davon her, es wäre
-ganz ebenso gekommen, auch wenn ich kein Wörtchen gesagt hätte, und du
-weißt ganz gut, Evangeline, oder solltest es wenigstens wissen, daß,
-wenn die Atmosphäre mit Elektrizität geladen ist --«
-
-»O, ja, jetzt habe nur recht und wieder recht und noch einmal recht.
-Ich begreife nicht, wie du so handeln magst, da du doch weißt, daß wir
-keinen Blitzableiter haben und daß deine arme Frau und Kinder rein
-der Gnade der Vorsehung anheimgegeben sind. -- Aber was thust du? Ein
-Zündhölzchen anstecken? bei einem solchen Wetter, bist du völlig toll?«
-
-»Zum Henker, Frau, was schadet denn das? Es ist ja hier so finster wie
-in einer Kuh und --«
-
-»Lösch' es aus, lösch' es augenblicklich aus! Willst du uns alle
-geflissentlich zu Grunde richten? Du weißt doch, daß nichts so den
-Blitz anzieht wie ein Licht.«
-
-(Fzt, -- krach! -- bum! -- bolum! -- bum!)
-
-»O, da höre, jetzt siehst du, was du angerichtet hast.«
-
-»Wieso? Ein Schwefelhölzchen kann allenfalls den Blitz anziehen, aber
-gewiß ruft es keinen Blitz hervor, -- ich stehe dafür ein. Sollte aber
-dieser Schuß dennoch meinem Zündhölzchen gegolten haben, so war er
-jämmerlich gezielt, -- eine Leistung, die unter Tausenden kaum einer
-fertig bringt.«
-
-»Schäme dich, Mortimer. Da stehen wir dem Tode Auge in Auge gegenüber,
-und doch bist du fähig, in einem so feierlichen Augenblick eine solche
-Sprache zu führen. Wenn du nicht den Wunsch hast, -- Mortimer --«
-
-»Nun?«
-
-»Hast du eigentlich heute ein Nachtgebet gesprochen?«
-
-»Ich -- ich -- war eben dabei, da fiel mir ein, auszurechnen, wie viel
-zwölfmal dreizehn ist und --«
-
-(Fzt, -- bum! -- bum! -- bumerumbum! -- bang! -- krach!)
-
-»O, wir sind verloren, rettungslos verloren. Wie konntest du so etwas
-versäumen, bei solch einem Wetter!«
-
-»Aber es war ja noch nicht so ein Wetter. Es war kein Wölkchen
-am Himmel. Wie konnte ich ahnen, daß wegen einer so kleinen
-Unterlassungssünde all dies Gerumpel und Gepolter losgehen würde? Und
-ich meine, es ist gerade nicht hübsch von dir, so viel Aufhebens davon
-zu machen, da du doch weißt, daß es so selten vorkommt. Vorher habe ich
-es nie versäumt, nie seit dem großen Erdbeben, an dem ich schuld war.«
-
-»Mortimer, wie du sprichst! Hast du das gelbe Fieber vergessen?«
-
-»Meine Liebe, du legst mir immer das gelbe Fieber zur Last, und
-ich meine doch, das ist ganz sinnlos. Wie soll denn ein kleines
-Frömmigkeitsvergehen von mir so weithin wirken? Das Erdbeben will ich
-meinetwegen auf mich nehmen, weil es in der Nachbarschaft stattfand,
-aber ich will mich hängen lassen, wenn ich verantwortlich sein soll für
-jedes lumpige --«
-
-(Fzt, bum, bum, belum, bum, bang!)
-
-»O Gott, o Gott, gewiß hat es irgendwo eingeschlagen. Wir werden keinen
-Tag mehr erleben, und dann, wenn wir nicht mehr sind, kann es dir eine
-Genugthuung sein, zu wissen, daß dein gottloses Gerede -- Mortimer!«
-
-»Nun, was ist wieder los?«
-
-»Deine Stimme klingt, wie wenn -- Mortimer, stehst du wirklich vor dem
-offenen Kamin?«
-
-»Das ist allerdings mein Verbrechen in diesem Augenblick.«
-
-»Geh' augenblicklich davon weg. Es scheint, du bist entschlossen,
-Vernichtung über uns alle zu bringen. Weißt du nicht, daß es keinen
-besseren Leiter für den Blitz giebt, als ein offenes Kamin? -- Wo bist
-du nun hingegangen?«
-
-»Da ans Fenster.«
-
-»O, um Gottes willen, hast du den Verstand verloren? Geh' weg von dort,
-augenblicklich! Die kleinsten Kinder wissen, daß es lebensgefährlich
-ist, während eines Gewitters am Fenster zu stehen. Lieber, Guter, ich
-weiß, ich erlebe keinen Tag mehr -- Mortimer?«
-
-»Ja!«
-
-»Was ist das für ein Rascheln?«
-
-»Ich bin's.«
-
-»Was thust du denn?«
-
-»Ich bemühe mich, das obere Ende meiner Unterbeinkleider zu finden.«
-
-»Schnell, wirf das Zeug weg. Du wirst doch nicht diese Kleidungsstücke
-bei einem solchen Wetter anziehen wollen? Du weißt doch, daß allen
-Autoritäten zufolge wollene Stoffe den Blitz anziehen. O, Liebster,
-Bester, ist es nicht genug, daß man aus natürlichen Ursachen stets in
-Lebensgefahr schwebt? Und du thust alles Erdenkbare, was die Gefahr
-vermehren kann. -- So singe doch nicht! Wie kannst du auf den Einfall
-kommen?«
-
-»Nun, was kann denn das schaden?«
-
-»Mortimer, ich habe dir einmal, habe dir hundertmal gesagt, daß Singen
-Schwingungen in der Atmosphäre verursacht, die den Zug des elektrischen
-Stroms unterbrechen und -- um alles in der Welt, wozu machst du die
-Thür auf?«
-
-»Gerechter Himmel, Weib, ist auch dabei Gefahr?«
-
-»Gefahr? Der Tod ist dabei. Jeder, der irgend darauf geachtet hat,
-weiß, daß einen Luftzug verursachen geradezu den Blitz herbeiziehen
-heißt. Du hast sie nur halb zugemacht, schließe sie fest und mach'
-schnell, oder wir sind alle verloren. O, es ist etwas Fürchterliches,
-bei einem solchen Wetter mit einem Wahnwitzigen eingeschlossen zu sein.
-Mortimer, was thust du?«
-
-»Nichts, ich drehe eben den Wasserhahn auf, dieses Zimmer ist zum
-Ersticken dumpf, ich muß mir Gesicht und Hände netzen.«
-
-»Du hast scheints den letzten Rest deines Verstandes verloren. Wo der
-Blitz einen andern Gegenstand _ein_mal trifft, schlägt er fünfzigmal
-ins Wasser. Drehe schnell zu. O, Lieber, ich sehe schon, daß nichts auf
-dieser Welt uns retten kann, ich glaube, daß -- -- Mortimer, was war
-das?«
-
-»Es war ein verfl... es war ein Bild, hab's heruntergestoßen.«
-
-»Dann stehst du also hart an der Wand? Eine unerhörte Unvorsichtigkeit.
-Weißt du nicht, daß es keinen besseren Leiter für den Blitz giebt, als
-eine Wand! Mach', daß du davon weg kommst. -- Und eben warst du auch
-wieder nahe daran zu fluchen. O, wie kannst du so verzweifelt gottlos
-sein, während deine Familie in solcher Gefahr schwebt? Mortimer, hast
-du ein Federbett herthun lassen, wie ich dich gebeten habe?«
-
-»Nein, hab's vergessen.«
-
-»Vergessen? Es kann dich dein Leben kosten. Hättest du jetzt ein
-Federbett, um es in die Mitte des Zimmers zu breiten und dich darauf zu
-legen, so wärst du völlig in Sicherheit. Komm' hier herein -- schnell,
-ehe du noch weitere tolle Streiche machen kannst.«
-
-Ich versuchte es, aber die Kammer vermochte uns beide bei geschlossener
-Thüre nicht zu fassen, wenn wir nicht ersticken wollten. Ich schnappte
-eine Weile nach Luft, dann stürzte ich hinaus. Meine Frau rief:
-
-»Mortimer, es muß etwas zu deiner Rettung geschehen, gieb mir das
-deutsche Buch, das auf dem Kaminsims liegt, und ein Licht, -- aber
-steck' es nicht an. In dem Buche finden sich einige Ratschläge.«
-
-Ich holte das Buch auf Kosten einer Vase und anderer zerbrechlicher
-Sachen. Meine Frau schloß sich mit ihrem Licht ein, worauf ich einen
-Augenblick Ruhe hatte, dann rief sie heraus: »Mortimer, was war das?«
-
-»Nur die Katze.«
-
-»O, Jammer. Fang' sie und sperr' sie in den Waschschrank ein. Rasch,
-lieber Schatz. Die Katzen sind voll Elektrizität, ich bekomme gewiß
-noch weiße Haare bei den furchtbaren Gefahren dieser Nacht.«
-
-Ich vernahm wieder das unterdrückte Schluchzen, sonst würde ich weder
-Hand noch Fuß geregt haben zu einem solchen Beginnen in der Dunkelheit,
-nämlich über Stühle und alle Arten von Hindernissen, die meist sehr
-hart und scharfkantig waren, auf die Katze Jagd zu machen. Endlich war
-es mir gelungen, Mieze in den Schrank zu schließen, freilich auf Kosten
-von über 400 Dollars an zerbrochenen Möbeln und Schienbeinen. Dann
-drang es dumpf aus dem Kämmerchen:
-
-»In dem deutschen Buche steht, es sei bei einem Gewitter am sichersten,
-sich mitten im Zimmer auf einen Stuhl zu stellen, -- die Stuhlbeine
-müssen durch Nichtleiter isoliert werden, d. h. du mußt die Stuhlbeine
-auf Sturzbecher von Glas stellen -- (Fzt, -- bum, bam, krach). O, höre
-doch. Eile dich, Mortimer, ehe du getroffen wirst.«
-
-Es gelang mir, die Gläser zu finden, es waren die letzten vier. Alle
-andern hatte ich zusammengeschlagen. Ich isolierte die Stuhlbeine und
-bat um weitere Verhaltungsmaßregeln.
-
-»Mortimer, dann heißt es: ›Während eines Gewitters entferne man
-Metalle, wie z. B. Uhren, Ringe, Schlüssel von sich und halte sich auch
-nicht an solchen Stellen auf, wo viele Metalle beieinander liegen, oder
-mit andern Körpern verbunden sind, wie an Herden, Oefen, Eisengittern
-u. dgl.‹ Verstehst du das, Mortimer? Heißt das, daß man Metalle bei
-sich behalten muß, oder fern von sich halten?«
-
-»Ja, ich weiß auch nicht recht, es kommt mir etwas unklar vor, ich
-kenne die Sprache nicht so genau. Wenn ich das Deutsch recht verstehe,
-so scheint es mir zu besagen, daß man Metall an sich haben soll.«
-
-»Ja, so muß es wohl sein, das sagt ja der gesunde Menschenverstand. Es
-wirkt wie beim Blitzableiter, weißt du. Setz' deinen Feuerwehrhelm auf,
-Mortimer, der ist fast ganz aus Metall.«
-
-Ich holte ihn und setzte ihn auf, -- ein recht schweres, plumpes und
-unbequemes Ding, in einer heißen Nacht in einem dumpfen Zimmer. War
-mir doch schon mein Nachtgewand mehr Bekleidung, als ich eigentlich
-bedurfte.
-
-»Mortimer, ich glaube, dein Unterleib bedarf auch eines Schutzes,
-willst du nicht so gut sein und deinen Bürgerwehrsäbel umschnallen?«
-
-Ich willfahrte.
-
-»Jetzt, Mortimer, mußt du noch etwas zum Schutz deiner Füße haben,
-bitte, schnalle deine Sporen an.«
-
-Ich that es, ohne ein Wort zu sagen, und hielt meine gute Laune
-aufrecht, so gut ich konnte.
-
-»Mortimer, es heißt in dem deutschen Buche weiter: ›Das Gewitterläuten
-ist sehr gefährlich, weil die Glocke selbst, sowie der durch das Läuten
-veranlaßte Luftzug und die Höhe des Turmes den Blitz anziehen könnten;‹
-Mortimer, heißt das, daß es gefährlich sei, die Kirchenglocken während
-eines Gewitters nicht zu läuten?«
-
-»Ja, es sieht so aus. -- Wenn dies das Partizip der Vergangenheit im
-Nominativ Singularis ist, -- und das scheint mir so --; ja, ich denke,
-es heißt, daß in Anbetracht der Höhe des Kirchturms und in Ermangelung
-von Luftzug es sehr gefährlich sein würde, während eines Gewitters die
-Glocken nicht zu läuten, -- und außerdem, siehst du nicht, daß gerade
-der Ausdruck -- --«
-
-»Schon gut, Mortimer, verliere die kostbare Zeit nicht mit Reden, hole
-die große Tischglocke, sie ist gerade dort auf dem Vorplatz. Geschwind,
-lieber Mortimer, wir sind beinahe in Sicherheit; o mein Bester, ich
-glaube, wir kommen diesmal noch davon.«
-
-Unsere kleine Sommerwohnung steht oben auf einer Hügelreihe, die
-über ein Thal hineinschaut. Mehrere Bauernhäuser sind in unserer
-Nachbarschaft, das nächste 3--400 Yards entfernt.
-
-[Illustration]
-
-Als ich auf dem Isolierstuhle stehend, die schreckliche Glocke sieben
-oder acht Minuten lang geläutet hatte, wurden unsere Läden plötzlich
-von außen aufgerissen und eine Laterne fuhr blendend an das Fenster,
-während eine Stimme also sprach: »Was in aller Welt ist hier los?«
-
-Das Fenster war voll von menschlichen Köpfen und die Köpfe voll von
-Augen, welche mein Nachtgewand, mit der kriegerischen Ausrüstung
-darüber, wild anstierten. Ich ließ die Glocke sinken, sprang verwirrt
-vom Stuhl herunter und sagte:
-
-»Es ist nichts los, gute Freunde; nur eine kleine Störung wegen des
-Gewitters; ich habe mich bemüht, den Blitz abzuhalten.«
-
-»Gewitter? Blitz? Ei, Herr Mc Williams, haben Sie den Verstand
-verloren? Es ist eine schöne sternenhelle Nacht, keine Spur von
-Gewitter.«
-
-Ich schaute hinaus und war so erstaunt, daß ich eine Zeit lang kein
-Wort herausbrachte. Dann sagte ich:
-
-»Ich begreife das nicht, wir sahen das Zucken der Blitze ganz deutlich
-durch die Vorhänge und Läden und hörten den Donner.«
-
-Die Leute legten sich nach einander auf den Boden und wälzten sich vor
-Lachen, -- zwei lachten sich zu Tode.
-
-Einer von den Ueberlebenden bemerkte: »Aber, daß Sie nicht daran
-dachten, ihre Läden aufzumachen und einmal auf den hohen Hügel dort
-hinauf zu sehen! Was Sie hörten, waren Kanonenschüsse, was Sie sahen,
-war das Feuer derselben. Wissen Sie, der Telegraph hat gerade um
-Mitternacht die Kunde gebracht, daß Cleveland ernannt ist, und darum
-die ganze Geschichte.«
-
- * * * * *
-
-»Ja, Herr Twain, wie ich gleich zu Anfang sagte,« bemerkte Herr Mc
-Williams zum Schluß, »die Vorschriften, um die Menschen vor Blitzschlag
-zu bewahren, sind so vortrefflich und so zahllos, daß es mir
-schlechterdings unbegreiflich ist, wie irgend jemand es fertig bringt
-getroffen zu werden.«
-
-Mit diesen Worten raffte er sein Bündel und seinen Schirm zusammen und
-stieg aus, denn der Zug war an seinem Wohnort angekommen.
-
-
-
-
-Ueber frühreife Kinder.
-
-
-Alle kleinen Kinder scheinen heutzutage die lästige und naseweise
-Angewohnheit zu haben, bei jeder Gelegenheit schlaue Aeußerungen
-zu thun, besonders in Zeiten, da sie ganz stillschweigen sollten.
-Nach den Witzworten dieser Art zu urteilen, welche im Durchschnitt
-veröffentlicht werden, müssen die Kinder der jüngsten Generation
-förmlich blödsinnig sein. Und ihre Eltern stehen ihnen an Dummheit
-sicherlich nur wenig nach, denn durch sie werden meist jene kindischen
-Albernheiten -- die Geistesblitze, wie sie uns aus den Zeitschriften
-entgegenleuchten -- zur allgemeinen Kenntnis gebracht.
-
-Man argwöhnt vielleicht, daß Neid oder Groll aus mir spricht, wenn ich
-mich hierüber so sehr ereifere; ich muß auch wirklich gestehen, daß
-mir ärgerlich ist zu hören, wieviele gescheite Kinder es heute auf
-der Welt giebt, weil es mich daran erinnert, wie selten _ich_ etwas
-Witziges gesagt habe, solange ich noch klein war. Zwei- oder dreimal
-habe ich es versucht, aber es fand keinen Anklang. Meine Angehörigen
-erwarteten nicht, geistreiche Bemerkungen von mir zu hören; überraschte
-ich sie damit, so wurde ich entweder vorlaut gescholten oder ich
-bekam Schläge. Mich überläuft eine Gänsehaut und das Blut erstarrt
-mir in den Adern, wenn ich bedenke, was wohl aus mir geworden wäre,
-hätte ich mich unterstanden, in Gegenwart meines Vaters einige von
-den schlauen Aeußerungen zu thun, welche man in unserer Zeit von
-vierjährigen Kindern erzählt. Mir einfach bei lebendigem Leibe die Haut
-über die Ohren zu ziehen, wäre ihm, einem solchen Sünder gegenüber, als
-verbrecherische Milde und Verletzung seiner Pflicht erschienen. Dem
-strengen ernsten Mann war alles vorlaute Wesen ein Greuel; hätte er von
-mir solche gescheite Dinge gehört, wie sie andere Kinder sagen, es wäre
-mein Tod gewesen. Ja, er würde mich sicherlich umgebracht haben, falls
-nämlich noch Zeit dazu gewesen wäre. Aber das ist zweifelhaft, denn ich
-hätte natürlich aus Vorsicht zuerst eine Dosis Strychnin genommen und
-dann meine witzige Aeußerung gethan.
-
-Ueber _eine_ Bemerkung, die ich in meiner frühsten Kindheit machte --
-es war nicht einmal ein Witzwort -- wäre es beinahe zu einem ernsten
-Zerwürfnis zwischen meinem Vater und mir gekommen. Das trug sich
-nämlich so zu: Eines Tages unterhielten sich meine Eltern mit Onkel,
-Tante und mehreren Freunden darüber, welchen Namen man mir geben solle.
-Ich lag da, beschäftigt verschiedene Gummiringe zu probieren, um die
-besten auszuwählen, weil ich es satt hatte, mir die kommenden Zähnchen
-an anderer Leute Fingern durchzubeißen, und nach einem Gegenstand
-trachtete, mit dessen Hilfe ich dies Geschäft rasch zu Ende führen und
-dann etwas Neues beginnen könne. Man weiß ja, was für eine Quälerei es
-ist, sich die Zähne am Finger der Amme durchzubeißen, oder welche Mühe
-man hat und wie man sich den Rücken fast zerbricht, wenn man die eigene
-große Zehe dazu benützen will. Wer hat nicht dabei schon die Geduld
-verloren und seine Zähne ins Pfefferland gewünscht, noch ehe ihre
-ersten Spitzchen durchguckten? -- Mir ist's, als wäre das alles erst
-gestern geschehen.
-
-Doch, ich will nicht weiter abschweifen. Also -- ich lag da und wählte
-mir meine Gummiringe; als dabei mein Blick zufällig die Uhr traf, fiel
-mir ein, daß ich in einer Stunde und fünfundzwanzig Minuten gerade
-zwei Wochen alt sein würde. Ach, wie wenig hatte ich noch gethan, um
-die Wohlthaten zu verdienen, mit denen man mich so verschwenderisch
-überhäufte!
-
-Jetzt hörte ich, wie der Vater sagte: »Abraham ist ein guter Name; mein
-Großvater hieß Abraham.«
-
-»Jawohl,« erwiderte die Mutter, »mir ist Abraham für einen seiner
-Zunamen ganz recht.«
-
-Ich wollte auch meine Meinung abgeben: »Abraham gefällt dem
-Unterzeichneten,« sagte ich.
-
-Da runzelte der Vater die Stirn, aber meine Mutter machte ein ganz
-vergnügtes Gesicht und die Tante rief: »Hört nur den lieben kleinen
-Schelm!«
-
-»Isaak ist ein guter Name,« fuhr mein Vater fort, »auch Jakob könnten
-wir wählen.«
-
-»Gewiß,« stimmte die Mutter bei, »bessere Namen giebt es gar nicht. Wir
-wollen ihn auch Isaak und Jakob nennen.«
-
-»Einverstanden,« sagte ich, »mit Isaak und Jakob bin ich zufrieden und
-verbleibe ganz der Ihrige. Bitte, gebt mir doch einmal die Klapper her;
-ich kann nicht den ganzen Tag an Gummiringen kauen.«
-
-Keine Seele machte sich Notizen von meinen Aeußerungen zum Zweck der
-Veröffentlichung. Das sah ich und that es selber, sonst wären sie
-gänzlich verloren gegangen. Statt daß man mich liebevoll ermuntert
-hätte, wie es bei andern Kindern geschieht, die sich geistig aufgeweckt
-zeigen, strafte mich der Vater mit einem Zornesblick, die Mutter sah
-ängstlich und bekümmert aus und auch die Tante schien zu meinen,
-ich hätte mir zu viel herausgenommen. Voll Ingrimm biß ich meinen
-Gummiring entzwei und zerschlug verstohlen die Klapper auf dem Kopf des
-Kätzchens, doch sagte ich nichts.
-
-»Der allerbeste Name ist Samuel,« begann mein Vater von neuem.
-
-Da wußte ich, daß ein Sturm im Anzug sei, den nichts abwenden könne.
-Ich legte meine Klapper hin, ließ des Onkels silberne Uhr über den Rand
-der Wiege fallen, desgleichen die Kleiderbürste, das hölzerne Hündchen,
-meine Zinnsoldaten, das Reibeisen und sonstige Gegenstände, mit welchen
-ich für gewöhnlich meine Untersuchungen und Beobachtungen anstellte,
-oder ein angenehmes Geräusch hervorbrachte -- gelegentlich zerschlug,
-zerbrach und zertrümmerte ich sie auch, wenn es galt, mir eine gesunde
-Bewegung zu machen. Dann zog ich mein Röckchen an, setzte mein Mützchen
-auf, nahm die kleinen Schuhe in eine Hand, das Stück Lakritze in die
-andere und kletterte auf den Fußboden hinunter.
-
-»Mag daraus werden was will,« dachte ich bei mir, »ich bin bereit.«
-
-Mit lauter, fester Stimme sagte ich nun: »Vater, das ist unmöglich --
-den Namen Samuel kann ich nicht tragen.«
-
-»Wie, mein Sohn?«
-
-»Wirklich, Vater, ich kann es nicht.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Ich habe eine unbezwingliche Abneigung dagegen.«
-
-»Das ist unverständig, mein Sohn. Viele große und gute Männer hießen
-Samuel.«
-
-»Davon ist mir kein Beispiel bekannt.«
-
-»Was? War nicht Samuel, der Prophet, groß und gut?«
-
-»Hm! Nicht so besonders.«
-
-»Aber, mein Sohn! Der Herr rief ihn doch mit seiner eigenen Stimme.«
-
-»Jawohl, aber er mußte ihn ein paarmal rufen, bis er endlich kam.«
-
-Damit ergriff ich die Flucht, und der strenge alte Mann lief mir nach.
-Um die Mittagsstunde des nächsten Tages holte er mich ein, und als
-unsere Zusammenkunft vorüber war, hatte ich richtig den Namen Samuel
-erhalten, dazu eine Tracht Schläge und manche nützliche Belehrung
-obendrein. Nachdem mein Vater die Sache auf diese Weise ausgeglichen
-hatte, war sein Zorn beschwichtigt. Gut, daß ich Vernunft annahm, sonst
-hätte unsere Uneinigkeit leicht zu einem unheilbaren Bruch führen
-können.
-
-[Illustration]
-
-Was würde mir aber mein Vater -- nach diesem Vorfall zu urteilen
--- wohl angethan haben, wenn jemals eine von den schwächlichen
-Albernheiten aus meinem Munde gekommen wäre, welche als Aeußerungen
-gescheiter zweijähriger Kinder jetzt im Druck erscheinen? -- Ich bin
-überzeugt, daraus wäre ein Fall des Kindsmords in unserer Familie
-entstanden.
-
-
-
-
-Staatswirtschaft.
-
-
-»Die Staatswirtschaft,« schrieb ich, »ist die Grundlage einer jeden
-guten Regierung. Die weisesten Männer aller Jahrhunderte haben diesem
-Gegenstand stets --«
-
-Hier wurde ich durch die Meldung unterbrochen, daß ein Fremder unten
-sei, der mich zu sprechen wünsche. Ich folgte dem Ruf, trat vor ihn hin
-und fragte nach seinem Begehr. Dabei war ich aus allen Kräften bemüht,
-die in mir gärenden staatswirtschaftlichen Gedanken festzuhalten und
-ihnen weder die Zügel schießen zu lassen noch zu dulden, daß sie sich
-im Geschirr verwickelten. Heimlich wünschte ich jedoch, der Fremde läge
-auf dem Grunde des Meeres und auf ihm eine Ladung Getreide. Ich war
-wie im Fieber; er blieb völlig kühl. Es thue ihm leid mich zu stören,
-sagte er, aber er habe im Vorbeigehen bemerkt, daß ich auf meinem Haus
-ein paar Blitzableiter brauchen könne. »Nun -- und --« sagte ich, »was
-weiter, was wollen Sie?« Er entgegnete, er wolle nichts weiter, nur
-würde er die Blitzableiter gern bei mir anbringen.
-
-Es ist noch nicht lange, daß ich einen eigenen Haushalt führe, bisher
-habe ich immer in Hotels und Kosthäusern gewohnt. Natürlich wollte
-ich aber vor einem Fremden von meiner Unerfahrenheit nichts merken
-lassen und als gewiegter Hausbesitzer auftreten: das wird jedermann
-begreiflich finden. Ich sagte daher mit ernster Miene, es sei schon
-längst meine Absicht gewesen, sechs oder acht Blitzableiter bei mir
-anbringen zu lassen, allein -- der Fremde fuhr zusammen und sah mich
-fragend an, aber ich verlor die Fassung nicht. Wenn ich Fehler machte,
-sollte er mir meine Unkenntnis wenigstens nicht im Gesicht lesen.
-Er sagte, es würde ihm lieber sein, mich zum Kunden zu haben, als
-irgend einen andern in der ganzen Stadt. »Schon gut,« versetzte ich
-und stand eben im Begriff mich wieder an die Verfolgung meines großen
-Gegenstands zu begeben, als er mich zurückrief und erklärte, erst müsse
-er genau wissen, wie viele Spitzen ich zu haben wünsche, an welchen
-Teilen des Hauses er sie anbringen solle und welcher Art von Stangen
-ich den Vorzug gäbe. Das war eine schöne Klemme für jemand, der erst
-so kurze Zeit verantwortlicher Hausbesitzer ist; aber ich hielt mich
-wacker, und er merkte mir höchst wahrscheinlich nicht einmal an, daß
-ich ein Neuling sei. Er solle acht Spitzen anbringen, sagte ich,
-sämtlich auf dem Dach, und Stangen von der besten Qualität nehmen.
-Die gewöhnliche Ware, lautete seine Antwort, könne er für zwanzig
-Cent liefern, gekupferte für fünfundzwanzig, mit Zink plattierte und
-spiralförmig gebogene für dreißig Cent den Fuß. Letztere würden jedem
-Blitzstrahl Halt gebieten, wohin er auch unterwegs sei, »seine Wirkung
-unschädlich machen und seinen weiteren Fortgang apokryph.« Ich sagte
-›apogryph‹ wäre kein schlechtes Wort, da es aus heiliger Quelle stamme,
-aber, ohne der Philologie zu nahe zu treten, zöge ich die spiralförmig
-gebogenen Blitzableiter vor und würde diese Sorte nehmen. Hierauf
-erwiderte er, man _könne_ zwar im Notfall mit zweihundertfünfzig Fuß
-auskommen; wenn die Arbeit aber ordentlich gemacht werden solle, so
-daß sie als die beste in der Stadt gelten, Gerechte und Ungerechte
-befriedigen werde und jedermann zwingen einzugestehen, er habe noch nie
-eine symmetrischere und hypothetischere Aufstellung von Blitzableitern
-gesehen, seit er das Licht der Welt erblickt -- dann würde er, um
-diesen Zweck zu erreichen, sicherlich vierhundert Fuß verbrauchen
-müssen. Doch wolle er nicht auf seinem Kopf bestehen und gewiß sein
-Möglichstes thun. »So nehmen Sie denn vierhundert,« sagte ich, »und
-machen Sie die Arbeit wie Sie wollen, nur halten Sie mich nicht länger
-auf.« Nachdem ich ihn glücklich los geworden, brauchte ich eine halbe
-Stunde, um meine staatswirtschaftlichen Gedanken wieder da anzuknüpfen,
-wo ich sie gelassen hatte und sie weiter zu spinnen, wie folgt:
-
- »nicht nur die reichsten Schätze ihres Geistes zugewandt,
- sondern auch ihre Lebenserfahrung und ihre Kenntnisse. Die
- großen Lichter der Handelsgesetzgebung, der Völkerverbrüderung
- und der verschiedensten Lebensordnungen in allen Jahrhunderten,
- allen Kulturen, allen Nationen, von ~Zoroaster~ bis auf ~Horace
- Greeley~, sind bemüht gewesen --«
-
-Hier wurde ich wieder unterbrochen und gebeten, hinunterzukommen,
-weil der Blitzableitermann noch ein Anliegen habe. Ich eilte zu ihm,
-während in mir die mächtigsten Gedanken wogten und wallten und sich in
-so majestätische Worte kleideten, daß jedes derselben in einer langen
-Prozession von Silben einherzog, die schwerlich in weniger als fünfzehn
-Minuten vorüber sein konnte. Wieder befand ich mich in fieberhafter
-Aufregung ihm gegenüber, während er sanft und ruhig blieb. Er hatte die
-beschauliche Stellung des Kolosses von Rhodus angenommen; mit einem Fuß
-stand er auf meiner neugepflanzten Tuberose, mit dem andern auf dem
-Stiefmütterchenbeet, die Hände in die Hüften gestemmt, die Hutkrempe
-ins Gesicht gezogen, ein Auge zugekniffen und das andere mit kritischem
-und bewunderndem Blick auf meinen größten Schornstein gerichtet. Ein
-solches Schauspiel zu betrachten, sagte er, sei die höchste Lebenslust.
-»Gestehen Sie selbst,« wandte er sich zu mir, »haben Sie je etwas von
-so entzückendem landschaftlichem Reiz gesehen, als acht Blitzableiter
-auf einem einzigen Schornstein?« Ich erwiderte, ich könne mich nicht
-gerade auf einen Anblick besinnen, der diesen überträfe, worauf er
-bemerkte, daß es nach seiner Ansicht auf Erden nichts gäbe, was
-sich an Naturschönheiten damit vergleichen ließe -- ausgenommen der
-Niagarafall. Um mein Haus zu einer vollkommenen Augenweide zu machen,
-brauche man nur noch die andern Schornsteine etwas auszuschmücken,
-damit der ganze ~coup d'oeil~ sich zu einer Harmonie entwickele, die
-geeignet sei, die Aufregung, in welche man durch den ersten ~coup
-d'état~ versetzt werde, einigermaßen zu mildern.
-
-[Illustration]
-
-Als ich ihn fragte, ob er seine Art sich auszudrücken aus Büchern habe,
-die ich mir vielleicht irgendwo aus einer Leihbibliothek verschaffen
-könne, lächelte er wohlgefällig und meinte, solche Redeweise lasse sich
-nicht aus Büchern lernen. Nur wer mit dem Blitz vertraut sei, dürfe
-es wagen, sich ungestraft solcher Unterhaltungsform zu bedienen. Dann
-machte er einen ungefähren Anschlag und versicherte, wenn noch acht
-Blitzableiter über das Dach verteilt würden, so ließe sich mein Zweck
-wohl erreichen; mit fünfhundert Fuß des Leitungsmaterials dächte er
-auszukommen. Bei den ersten acht hätte er sich nämlich etwas verrechnet
--- nur um eine Kleinigkeit, etwa um hundert Fuß, genau könne er es noch
-nicht angeben. Ich sagte ihm, ich sei in schrecklicher Eile und wünsche
-das Geschäft schnell abzumachen, um wieder an meine Arbeit zu kommen.
-Da entgegnete er: »Einen Augenblick habe ich wohl daran gedacht, die
-acht Blitzableiter anzubringen und dann ruhig meiner Wege zu gehen.
-Mancher würde vielleicht an meiner Stelle so gehandelt haben, aber
-ich sagte mir: Nein, ich kenne den Mann nicht und lieber möchte ich
-sterben, als einen Fremdling ins Unglück stürzen. Auf dem Haus sind
-noch nicht genug Blitzableiter und ich rühre mich nicht vom Platz, bis
-ich ihm das gesagt habe und also gethan, was ich wünschte, daß man mir
-in demselben Falle thäte. -- Fremdling, meine Pflicht ist erfüllt! Wenn
-der recalcitrante und dephlogistische Himmelsbote Ihr Haus trifft,
-so -- --«
-
-»Schon gut, schon gut,« rief ich; »pflanzen Sie die andern acht auch
-auf -- verwenden Sie meinetwegen noch fünfhundert Fuß spiralförmig
-gebogene Leitungsstangen; thun Sie, was Sie nicht lassen können;
-stillen Sie Ihr Sehnen, aber gestatten Sie Ihren Gefühlen nur so weit
-freien Lauf, als Sie mit dem Wörterbuch reichen können. Wenn wir uns
-jetzt genügend verständigt haben, möchte ich wieder an meine Arbeit
-gehen.«
-
-Nun sitze ich schon seit einer vollen Stunde hier und versuche meinen
-Gedankengang da wieder aufzunehmen, wo ich zuletzt unterbrochen wurde;
-jetzt endlich ist es mir gelungen; ich fahre also fort:
-
- »diesen großen Gegenstand zu bezwingen, aber selbst die
- Geistesmächtigsten unter ihnen haben einen würdigen Gegner
- an ihm gefunden, der sich nach jeder Niederlage nur um so
- mutiger erhebt. Der berühmte Confucius sagte, lieber wollte er
- ein tüchtiger Staatsmann sein, als Polizeipräsident. Cicero
- hat häufig den Ausspruch gethan, daß die Staatswirtschaft
- die größte Wirtschaft sei, welche der Mensch imstande sei zu
- betreiben, und selbst unser Greeley hat im allgemeinen mit
- Nachdruck angedeutet, daß _Staats_ --«
-
-Hier ließ mich der Blitzableitermann wieder abrufen und ich ging in
-einem Gemütszustand hinunter, der an Ungeduld grenzte. Er sagte, daß er
-untröstlich sei, mich noch einmal stören zu müssen -- weit lieber wäre
-er gestorben. Aber, wenn ihm eine Arbeit übertragen sei, von der man
-erwarte, daß er sie ordentlich und kunstgerecht ausführe und er nach
-Vollendung des Werkes, im Begriff sich seiner so wohl verdienten Ruhe
-und Erholung hinzugeben, noch einen betrachtenden Blick darauf werfe
-und zu seinem Schrecken gewahr werde, daß alle Berechnungen nicht genau
-genug gewesen seien und daß das Haus, für welches er ein persönliches
-Interesse fühle, falls ein Gewitter losbrechen sollte, dastehen
-werde, ohne auf der Welt einen andern Schutz zu haben als sechzehn
-Blitzableiter auf dem Dach, ja dann -- --
-
-»Kein Wort mehr,« schrie ich in wahnsinniger Erregung, »warum pflanzen
-Sie nicht hundertfünfzig auf? Zehn Stück auf die Küche, ein Dutzend
-auf die Scheune, ein paar auf die Kuh, einen auf die Köchin! Spicken
-Sie das ganze unselige Gebäude damit, bis es aussieht wie ein großes,
-zinkplattiertes, spiralförmig gewundenes, an den Spitzen versilbertes
-Stachelschwein. Fort ans Werk! Verbrauchen Sie das sämtliche
-verfügbare Material, und wenn Sie keine Blitzableiter mehr haben,
-stecken Sie Kolbenstangen auf, Ladestöcke, Wagendeichseln, Meßstangen
--- kurz alles, was Ihren schrecklichen Hunger nach künstlichen
-Landschaftsbildern zu stillen vermag, damit mein tobendes Gehirn und
-meine gemarterte Seele endlich Ruhe und Erlösung finden.«
-
-Völlig ungerührt, lächelte das eiserne Geschöpf nur freundlich,
-streifte sich die Manschetten vorsorglich zurück und sagte, jetzt wolle
-er sich dahinter machen, daß es eine Art habe.
-
-Seitdem sind drei Stunden vergangen und mir scheint, ich habe mich noch
-immer nicht genügend beruhigt, um mich aufs neue der Staatswirtschaft,
-meinem hohen Thema, wieder zuzuwenden. Ich kann jedoch dem Wunsch
-nicht widerstehen, wenigstens einen Versuch zu machen, denn von der
-ganzen Weisheit der Welt liegt meinem Herzen nichts so nahe und nichts
-beschäftigt meinen Verstand so sehr.
-
- »--_wirtschaft des Himmels beste Gabe für die Menschheit sei_.
- Als der lockere, aber begabte Byron zu Venedig im Exil war,
- soll er die Bemerkung gemacht haben, daß, wenn ihm gestattet
- wäre zurückzukehren und sein vergeudetes Leben von vorn
- anzufangen, er seine klaren und nüchternen Stunden nicht dazu
- verwenden wolle, leichtsinnige Reime zu schmieden, sondern
- Aufsätze über Staatswirtschaft zu schreiben. Washington liebte
- diese herrliche Wissenschaft, Namen wie Baker, Beckwith,
- Judson, Smith sind auf ewige Zeiten damit verbunden. Sogar der
- unsterbliche Homer sagt in dem neunten Buch seiner Iliade:
-
- ~Fiat justitia, ruat coelum
- Post mortem unum, ante bellum
- Hic jacet hoc, ex-parte res
- Politicum e-conomico est.~
-
- Der Gedankenreichtum des alten Dichters, verbunden mit der
- glücklichen Wahl der Worte, in die er seine erhabenen Bilder
- kleidet, haben diese Verse vor allen andern berühmt gemacht,
- welche jemals --«
-
-»Schweigen Sie, sage ich -- kein Wort weiter! -- Her mit Ihrer Rechnung
-und dann verschwinden Sie auf ewige Zeiten aus meinem Gesichtskreis. --
-Neunhundert Dollars? -- Ist das alles? -- Nun gut, auf diese Anweisung
-hier wird Ihnen jedes achtbare Bankhaus in Amerika Zahlung leisten.
--- Aber was bedeutet denn der Volksauflauf unten auf der Straße? --
-Nach den Blitzableitern wollen die Leute schauen? Du meine Güte! Haben
-sie denn noch nie im Leben Blitzableiter gesehen? -- ›Noch nie einen
-solchen Haufen auf einem Dach,‹ sagen Sie, wenn ich Sie recht verstehe.
-Da muß ich doch einmal hinuntergehen und mir die Menschen betrachten,
-die eine solche Unkenntnis öffentlich zur Schau tragen.«
-
- * * * * *
-
-_Drei Tage später._ Wir sind alle in einem Zustand völliger
-Erschöpfung. Unser Haus, das wie ein Stachelschwein von Blitzableitern
-starrte, war vierundzwanzig Stunden lang der Gegenstand allgemeinen
-Staunens und das einzige Stadtgespräch. Die Theater standen leer,
-denn ihre neuesten scenischen Erfindungen konnten es bei weitem
-nicht mit meinen Blitzableitern aufnehmen. Tag und Nacht war unsere
-Straße von Zuschauern belagert; viele fuhren sogar vom Lande herein,
-um das Schauspiel zu genießen. Endlich am zweiten Tage kam uns
-glücklicherweise ein Gewitter zu Hilfe. Kaum begann der Blitz auf mein
-Haus loszugehen, als sich, sozusagen, sämtliche Bänke und Galerien
-im Handumdrehen leerten. Fünf Minuten später war im Umkreis einer
-halben Meile von meinem Besitztum kein einziger Zuschauer mehr zu
-erblicken. In den ferner gelegenen hohen Häusern jedoch drängte sich
-Kopf an Kopf an den Fenstern, auf den Dächern und überall. Das war
-auch nicht zu verwundern, denn alle Sternschnuppenfälle und glänzenden
-Feuerwerke eines Menschenalters zusammengenommen und gleichzeitig in
-einer ungeheuern Feuergarbe vom Himmel herab gegen ein schutzloses
-Dach losgelassen, hätten nicht die großartige pyrotechnische Wirkung
-erzielen können, durch welche mein Haus, mitten in der Dunkelheit,
-die während des Unwetters herrschte, wie mit Strahlenglanz umleuchtet
-war. Innerhalb vierzig Minuten schlug der Blitz -- ich habe es genau
-gezählt -- siebenhundertvierundsechzigmal in mein Grundstück ein,
-jedesmal angelockt durch einen der getreuen Blitzableiter. Er glitt an
-dem spiralförmig gewundenen Eisen entlang und schoß in den Boden, bevor
-er noch selbst recht wußte, wie ihm geschah. Während dieses ganzen
-Bombardements wurde mir nur eine einzige Schieferplatte zertrümmert und
-zwar deshalb, weil sämtliche Blitzableiter der Nachbarschaft in ein
-und demselben Augenblick alle Blitze, die sie gesammelt hatten, auf
-uns übertrugen. Seit Anbeginn der Welt war ein ähnliches Schauspiel
-nie gesehen worden. Während eines ganzen Tages und einer Nacht konnte
-kein Mitglied meiner Familie den Kopf aus dem Fenster strecken, ohne
-daß ihm das Haar ausgerissen und er so glatt rasiert wurde, wie eine
-Billardkugel; daß sich eins von uns hinausgewagt hätte, davon war schon
-gar nicht die Rede. Endlich wurde aber doch die entsetzliche Belagerung
-aufgehoben, weil auch keine Spur von Elektrizität mehr in den Wolken
-über uns vorhanden war, soweit meine unersättlichen Blitzableiter
-reichen konnten.
-
-Sofort machte ich einen Ausfall, sammelte eine Schar unerschrockener
-Arbeiter um mich, und kein Bissen Brot kam über unsere Lippen, kein
-Schlaf in unsere Augen, bevor wir nicht das ganze Gebäude seiner
-schrecklichen Stachelrüstung entkleidet hatten. Nur drei Blitzableiter
-blieben auf dem Hause, einer auf der Küche, und einer auf dem
-Scheunendach, wo sie noch heutigen Tages zu sehen sind. Erst als
-dieses geschehen war, wagten die Leute es wieder, unsere Straße zu
-betreten. Beiläufig will ich hier noch bemerken, daß ich während jener
-entsetzlichen Zeit meinen Aufsatz über die Staatswirtschaft nicht
-weiter geschrieben habe. Selbst jetzt sind mir Kopf und Nerven noch so
-angegriffen, daß ich die Arbeit nicht wieder aufnehmen kann.
-
- * * * * *
-
-_Für Liebhaber._ -- Leute, welche dreitausendzweihundert und
-elf Fuß der besten, zinkplattierten, spiralförmig gewundenen
-Blitzableiterstangen und sechzehnhunderteinunddreißig versilberte
-Spitzen verwenden können -- alles in leidlichem Zustande und obgleich
-durch den Gebrauch stark abgenutzt, doch für jeden gewöhnlichen Fall
-zu benützen -- mögen sich zum Abschluß des Geschäfts an den Verfasser
-dieses Buches wenden. --
-
-
-
-
-Es ist gefährlich im Bette zu liegen.
-
-
-»Auch ein Unfallversicherungsbillet?« fragte der Mann am Schalter.
-
-»Nein,« entgegnete ich nach kurzem Ueberlegen, »nein, ich glaube nicht.
-Heute fahre ich den ganzen Tag mit der Eisenbahn. Aber -- warten Sie
-einmal -- morgen bin ich nicht auf Reisen. Geben Sie mir eins für
-morgen.«
-
-Der Mann sah mich verblüfft an. Dann sagte er:
-
-»Aber die Versicherung ist ja gerade gegen Unfälle. Und wenn Sie mit
-der Eisenbahn reisen --«
-
-»Da habe ich keine Furcht. Man läuft nur Gefahr, wenn man zu Hause
-bleibt und im Bette liegt.«
-
-Ich hatte mich über diese Angelegenheit gründlich unterrichtet. Im
-vergangenen Jahr war ich zwanzigtausend Meilen, hauptsächlich mit der
-Eisenbahn gefahren, vor zwei Jahren hatte ich fünfundzwanzigtausend
-Meilen zurückgelegt, teils mit dem Dampfboot, teils mit der Eisenbahn,
-vor drei Jahren nahe an zehntausend Meilen, ausschließlich mit der
-Eisenbahn. Wollte ich noch alle die verschiedenen kleinen Reisen in
-Anschlag bringen, die ich im Laufe der drei letzten Jahre bald hierhin
-bald dorthin unternommen habe, so würden zusammen wohl sechzigtausend
-Meilen herauskommen, -- und das alles ohne einen Unfall.
-
-Eine Zeitlang dachte ich jeden Morgen bei mir: »Na, bis jetzt bin
-ich noch immer gut weggekommen, um so größer ist aber auch die
-Wahrscheinlichkeit, daß ich diesmal etwas abkriegen werde. Ich will
-schlau sein und mir ein Unfallbillet lösen.« Aber so oft ich das
-that -- jedesmal zog ich eine Niete und legte mich am Abend mit
-heilen Knochen und ohne daß mir ein Glied ausgerenkt war, zu Bette.
-Schließlich bekam ich diese tägliche Plackerei satt und kaufte mir nur
-noch Unfallbillete, die auf einen Monat gültig waren. Ich sagte mir:
-»Wenn man ein ganzes Bündel von dreißig Stück auf einmal kauft, können
-es doch unmöglich lauter Nieten sein.«
-
-Aber ich irrte mich. In dem ganzen Haufen war nicht _ein_ Gewinn.
-Täglich las ich von Eisenbahnunfällen -- sie lagerten wie ein Nebel
-über der ganzen Zeitungsatmosphäre, aber niemals kam etwas davon auf
-mein Teil. Ich mußte mir eingestehen, daß ich in dem Unfallgeschäft
-viel Geld verthan hatte und für mich nichts herausgekommen war. Mein
-Argwohn erwachte; ich begann mich nach jemand umzusehen, der bei dieser
-Lotterie einen Treffer gezogen hatte. Zwar fand ich viele Leute, die
-ihr Geld darin anlegten, aber keinen Menschen, der je einen Unfall
-gehabt oder einen Cent damit verdient hatte. Nun kaufte ich keine
-Unfallbillete mehr, sondern begab mich ans Rechnen und kam zu einem
-erstaunlichen Ergebnis: _Die Gefahr lag nicht im Reisen, sondern im
-Zuhausebleiben._
-
-Ich verschaffte mir statistische Berichte und fand zu meiner
-Ueberraschung, daß nach all den fettgedruckten Zeitungsüberschriften,
-welche Eisenbahnunfälle ankündigten, noch nicht einmal dreihundert
-Menschen während der letzten zwölf Monate wirklich ihr Leben durch
-solche Unfälle verloren hatten. Die Eriebahn war die mörderischste
-auf der ganzen Liste. Sie hatte sechsundvierzig oder sechsundzwanzig
-Menschen umgebracht -- ich erinnere mich nicht mehr genau an die Zahl,
-nur soviel weiß ich, daß sie doppelt so groß war, als auf jeder andern
-Bahn. Doch fiel mir dabei sofort ein, daß die Eriebahn eine ungeheure
-Länge hat und den größten Geschäftsbetrieb von allen Bahnen des
-Landes; da ist es leicht begreiflich, daß sie noch einmal soviele Tote
-aufweisen kann als die übrigen.
-
-Als ich weiter rechnete, fand ich, daß zwischen New York und Rochester
-auf der Eriebahn täglich acht Personenzüge hin- und zurückfahren,
-also zusammen sechzehn, welche durchschnittlich sechstausend Reisende
-befördern. Das beträgt in sechs Monaten etwa eine Million -- soviel als
-New York Einwohner hat. Nun denn: die Eriebahn tötet von ihrer Million
-zwischen dreizehn und dreiundzwanzig Personen in sechs Monaten, und
-in der gleichen Zeit sterben von der in New York wohnenden Million
-dreizehntausend in ihren Betten!
-
-Mich überlief eine Gänsehaut, die Haare standen mir zu Berge. »Wie
-entsetzlich!« rief ich aus. »Nicht das Reisen auf der Eisenbahn bringt
-die Menschen in Gefahr, sondern daß sie sich den totbringenden Betten
-anvertrauen. Nie wieder will ich in einem Bette schlafen!«
-
-Hiernach wird es der Leser nur natürlich finden, daß ich dem
-Billetverkäufer am Schalter die obenerwähnte Antwort gab. Mit den
-Betten, vor denen mir graut, will ich es nicht noch einmal versuchen;
-für mich sind die Eisenbahnen gut genug.
-
-Auch ist mein Rat für jedermann: Bleibt so wenig zu Hause wie irgend
-möglich; aber wenn ihr einmal durchaus zu Hause bleiben müßt, dann
-kauft euch ein Paket Versicherungsbillete und legt euch nachts nicht
-schlafen. Man kann gar nicht vorsichtig genug sein.
-
-Die Moral dieses Aufsatzes ist, daß Leute, die sich nicht die Mühe
-geben nachzudenken, ganz unbilligerweise über die Eisenbahnverwaltung
-der Vereinigten Staaten murren. Wenn wir uns überlegen, daß das ganze
-Jahr hindurch, Tag und Nacht, mehr als vierzehntausend Eisenbahnzüge
-der verschiedensten Art, mit Menschen beladen, deren Leben oder Tod
-in ihrer Gewalt ist, durch die Lande donnern und jagen, so werden wir
-uns nicht _darüber_ wundern, daß sie dreihundert menschliche Wesen in
-einem Jahre umbringen, sondern vielmehr _darüber_, daß ihnen nicht
-dreihundert mal dreihundert zum Opfer fallen.
-
-
-
-
-Brüder, knipst ein!
-
-
-Darf ich den gefälligen Leser bitten, einen Blick auf nachstehende
-Verse zu werfen und mir zu sagen, ob er etwas besonders Gefährliches
-darin entdecken kann?
-
- »Schaffner, knips' ein das Fahrpapier,
- Zahlt die Taxe der Passagier.
- Acht-Cents-Fahrt ein blau' Papier,
- Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' Papier,
- Drei-Cents-Fahrt ein rot' Papier.
- Zahlt die Taxe der Passagier,
- Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier!«
-
- _Chor der Schaffner_:
- »Zahlt die Taxe der Passagier,
- Brüder knipst ein das Fahrpapier!«
-
-Kürzlich stieß ich zufällig in einem Tageblatt auf dies Reimgebimmel
-und las es ein paarmal durch. Augenblicklich war ich davon wie
-besessen; es schwirrte mir beim Frühstück fort und fort durch den Kopf
-und als ich meine Serviette zusammenlegte, wäre ich nicht imstande
-gewesen zu sagen, ob ich etwas gegessen hatte oder nicht.
-
-Ich trat nun an das Schreibpult, um mein Tagewerk zu beginnen, wie ich
-es mir schon am vergangenen Abend vorgesetzt hatte. In dem Roman, an
-welchem ich schrieb, war ich gerade bei einer erschütternden Tragödie
-angekommen. Ich griff nach der Feder, um den blutigen Auftritt zu
-schildern, aber ich dachte nichts als: »Schaffner, knips' ein das
-Fahrpapier.« Eine Stunde lang kämpfte ich aus allen Kräften dagegen an,
-allein umsonst.
-
-»Acht-Cents-Fahrt ein blau' Papier. Sechs-Cents-Fahrt ein gelb'
-Papier u. s. w. u. s. w.« summte es mir im Kopf ohne Rast und Ruh.
-Von Arbeiten konnte keine Rede sein, das lag auf der Hand. Ich gab
-es auf und schlenderte in der Stadt umher, aber bald merkte ich, daß
-meine Füße nach dem Takt jenes Reimgeklingels marschierten. Auf die
-Länge ward mir das unerträglich; ich änderte meinen Schritt, allein
-das half nichts. Die Verse paßten sich sofort der neuen Gangart an und
-verfolgten mich nach wie vor.
-
-[Illustration]
-
-Ich kehrte um und ertrug das Leiden zu Hause den Vormittag über, es
-quälte mich beim Mittagessen, welches ich mechanisch und ohne Genuß
-verzehrte, den ganzen Abend hindurch bimmelte es mir in den Ohren, ich
-ging voll Jammer zu Bett, und während ich mich ruhelos hin und her
-warf, wälzten sich mir immer wieder die Verse durch das Hirn, bis ich
-gegen Mitternacht wie wahnsinnig aufsprang und zu lesen versuchte.
-Aber die Buchstaben tanzten vor meinen Augen und alles was ich sah
-war: »Schaffner, knips' ein das Fahrpapier.« Bei Sonnenaufgang hatte
-ich den Verstand verloren und meine Angehörigen horchten mit Staunen
-und Bekümmernis auf meinen Blödsinn. »Knips' ein, o, knips' ein das
-Fahrpapier,« faselte ich immer von neuem.
-
-Zwei Tage später, am Sonnabend morgen, erhob ich mich -- eine
-jammervolle Ruine -- schwankend vom Lager. Ich suchte den Pfarrer N.,
-meinen werten Freund auf, um mit ihm, wie wir verabredet hatten, einen
-Spaziergang von zehn Meilen nach dem Talcott-Turm zu unternehmen. Er
-sah mich mit großen Augen an, lieh jedoch seiner Verwunderung keine
-Worte. Wir machten uns auf den Weg. Der Pfarrer sprach und sprach und
-sprach, wie es seine Gewohnheit ist. Ich erwiderte keine Silbe, ich
-hörte nichts.
-
-»Mark, bist du krank?« fragte mein Freund endlich, als wir eine Meile
-gegangen waren. »Du siehst entsetzlich abgehärmt und angegriffen aus.
-Thu' mir doch die Liebe und sprich einmal ein Wort.«
-
-Mit trübseliger Miene versetzte ich eintönig: »Schaffner, knips' ein
-das Fahrpapier -- Zahlt die Taxe der Passagier.«
-
-Der Pfarrer starrte mich verwirrt an:
-
-»Ich verstehe nicht recht, was das heißen soll, Mark. Mir scheint, was
-du da sagst, ist weder außergewöhnlich noch besonders betrübend --
-und doch -- es lag vielleicht an deinem Ton -- klangen die Worte so
-sterbenstraurig, wie mir im Leben noch nichts vorgekommen ist. Was hast
-du nur?«
-
-Aber ich hörte längst nichts mehr. Ich war schon in weiter Ferne, bei
-der nicht endenwollenden, unabwendbaren »Acht-Cents-Fahrt ein blau'
-Papier. -- Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' Papier -- Drei-Cents-Fahrt ein
-rot' Papier -- Zahlt die Taxe der Passagier -- Knips' ein, knips' ein
-das Fahrpapier.« -- Was während der übrigen neun Meilen geschehen ist,
-weiß ich nicht.
-
-Plötzlich jedoch legte mir der Pfarrer die Hand auf die Schulter und
-schrie mich an:
-
-»Wach' auf, wach' auf, ich beschwöre dich! Du schläfst ja mit offenen
-Augen. Dort liegt der Turm vor uns; ich habe mich taub, blind und
-stumm geredet und du giebst keine Antwort. Sieh dich doch um in der
-herrlichen Herbstlandschaft. Schau' hin und weide deine Blicke daran.
-Du bist weit gereist und hast die gepriesensten Naturschönheiten mit
-eigenen Augen gesehen. Nun sage einmal deine Meinung -- was hältst du
-von diesem Landschaftsbild?«
-
-Ich seufzte tief und murmelte: »Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' Papier --
-Drei-Cents-Fahrt ein rot' Papier -- Zahlt die Taxe der Passagier --
-Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier.« Der Pfarrer stand still und sah
-mich lange mit ernsten, teilnahmvollen Blicken an.
-
-»Mark,« sagte er endlich, »ich kann aus der Sache nicht klug werden.
-Sind das dieselben Worte wie vorhin? -- Sie klingen ganz unverfänglich
-und doch bricht es mir fast das Herz, sie dich sagen zu hören. --
-Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier -- war es nicht so?«
-
-Ich fing von vorn an und sagte Zeile für Zeile her, während mein Freund
-mit wachsendem Interesse zuhörte.
-
-»Aber, das ist ja ein wahres Reimgebimmel,« rief er vergnügt, »es
-klingt einem in den Ohren wie Musik, alles paßt und klappt so hübsch.
-Ich glaube, das muß sich leicht behalten lassen. Bitte, sage es noch
-einmal, dann kann ich es sicher auswendig.«
-
-Ich wiederholte die Reime und der Pfarrer sprach sie nach. Das erste
-Mal machte er noch einen kleinen Fehler, den ich verbesserte, das
-zweite und dritte Mal ging es aber ohne Anstoß. Mir war plötzlich eine
-Zentnerlast vom Herzen gefallen; das niederträchtige Geklingel plagte
-mich nicht länger, mein gemartertes Hirn kam endlich zur Ruhe und ein
-wonniges Gefühl des Friedens zog in meine Brust; ich hätte jauchzen und
-singen mögen. Wirklich stimmte ich auch eine halbe Stunde lang ein Lied
-nach dem andern an, während wir nach Hause marschierten. Meine Zunge,
-die wie gelähmt gewesen war, fand nun die Sprache wieder und der lange
-eingedämmte Redefluß sprudelte und strömte mir unaufhaltsam über die
-Lippen. Glückselig und jubilierend ließ ich ihm freien Lauf, bis er
-endlich versiegte. Beim Abschied schüttelte ich dem Freunde herzlich
-die Hand.
-
-»Das war einmal ein schöner Spaziergang,« rief ich, »und wie herrlich
-haben wir uns unterhalten! Aber, da fällt mir ein -- du hast ja seit
-zwei Stunden kein Sterbenswort mehr gesagt. So sprich doch etwas.«
-
-Der Pfarrer sah mich mit glanzlosen Augen an und murmelte eintönig und,
-wie mir schien, ganz unbewußt:
-
-»Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier -- Zahlt die Taxe der Passagier.«
-
-Mich überlief es siedend heiß. »Der arme Mensch,« dachte ich bei mir,
-»der arme Mensch! Jetzt hat es ihn gepackt.«
-
-Mehrere Tage vergingen, ohne daß ich mit meinem Freunde zusammentraf.
-Am Dienstag-Abend kam er jedoch in mein Zimmer geschlichen, wo er matt
-und trostlos auf einen Stuhl niedersank. Er war bleich und abgezehrt,
-nur noch ein Schatten von seinem früheren Selbst.
-
-»Mark,« sagte er, und hob den müden Blick zu mir empor, »das war eine
-Unglücksstunde, in der ich jene heillosen Reime lernte. Sie haben mich
-seitdem Tag und Nacht verfolgt, gleich bösen Geistern. Alle Qualen
-der Hölle habe ich erduldet, seit wir uns zuletzt sahen. Am Sonnabend
-wurde ich telegraphisch nach Boston berufen. Ein lieber, alter Freund
-von mir war gestorben und ich sollte ihm die Leichenrede halten. Ich
-benutzte den Nachtzug; die Predigt dachte ich mir unterwegs im Kopfe
-zurechtzulegen. Aber ich kam nur bis zu den Eingangsworten; der Zug
-ging ab, die Räder begannen ihr Gerassel -- klack, klack -- klack,
-klack, klack -- und sofort paßten sich die abscheulichen Reime dieser
-Begleitung an. Wohl eine Stunde saß ich da und sagte Silbe für Silbe
-zu dem klack, klack, klack der Eisenbahn her, bis ich so abgearbeitet
-und totmüde war, als hätte ich den ganzen Tag Holz gehackt. Mein Kopf
-schmerzte zum Zerspringen, ich glaubte wahnsinnig werden zu müssen.
-Rasch eilte ich nach dem Schlafwagen und kleidete mich aus. Kaum aber
-hatte ich mich auf das Lager gestreckt, so fing die Geschichte von
-neuem an: ›Klack, klack, klack -- Acht-Cents-Fahrt -- klack, klack,
-klack -- Ein blau' Papier -- klack, klack, klack -- Sechs-Cents-Fahrt
--- klack, klack, klack -- Ein gelb' Papier und so weiter, und so
-weiter -- Zahlt die Taxe der Passagier.‹ Schlafen? -- Ja, Prosit! Ich
-war fast für das Tollhaus reif, als der Zug in Boston ankam. Frage
-mich nicht nach der Leichenfeier. Ich that mir übermenschlichen Zwang
-an, aber jeder einzige Satz war von innen und außen übersponnen und
-durchwoben mit: ›Brüder, knipst ein das Fahrpapier -- Zahlt die Taxe
-der Passagier.‹ Das allerschrecklichste dabei war jedoch, daß ich meine
-Rede ganz in dem hüpfenden Rhythmus der entsetzlichen Reime hielt. Bald
-sah ich thatsächlich, daß verschiedene Zuhörer wie geistesabwesend
-im Takt dazu nickten. Ja, du magst mir's glauben oder nicht, Mark,
-noch bevor ich zu Ende war, wiegte die ganze Trauerversammlung, der
-Leichenbestatter und alle übrigen im feierlichen Verein mit dem Kopfe
-hin und her. Kaum hatte ich das letzte Wort gesprochen, so floh ich,
-wie vom Wahnsinn getrieben, in die Sakristei. Dort traf ich aber
-zum Unglück mit einer alten unverheirateten Tante des Verstorbenen
-zusammen, die zu spät gekommen war, um der kirchlichen Feier
-beizuwohnen.
-
-»›Ach, er ist tot, er ist tot,‹ schluchzte sie tiefbetrübt, ›und ich
-habe ihn nicht einmal mehr gesehen vor seinem Ende!‹
-
-»›Ja,‹ sagte ich, ›er ist tot -- er ist tot -- er ist tot -- o, wird
-denn diese Qual niemals aufhören!‹
-
-»›Sie haben ihn also auch geliebt, wie ich?‹
-
-»›Geliebt, -- wen?‹
-
-»›Den seligen Georg -- meinen teuern Neffen.‹
-
-»›Ach -- _den_. Jawohl -- jawohl -- freilich, freilich. Knips' ein,
-knips' ein -- ach, das Elend bringt mich noch um.‹
-
-»›Dank, Ehrwürden, tausend Dank für die Trostesworte. Auch _mir_
-schlägt der Verlust eine tiefe Wunde. Sie waren wohl bei ihm in den
-letzten Augenblicken?‹
-
-»›Letzte Augenblicke -- bei wem?‹
-
-»›Nun bei dem geliebten Verstorbenen.‹
-
-»›Ja so -- o ja -- ich glaube wohl -- ich weiß nicht. Gewiß -- ich war
-da -- ich war da!‹
-
-»›Wie beneide ich Sie um dieses Glück. Was sprach er denn noch -- o,
-teilen Sie mir seine Abschiedsworte mit!‹
-
-»›Er sagte -- er sagte -- o mein Kopf, mein Kopf, mein Kopf! Nichts,
-gar nichts sagte er als: Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier! --
-Seien Sie barmherzig, Verehrteste; ich beschwöre Sie, dringen Sie
-nicht weiter in mich, überlassen Sie mich meinem Wahnsinn, meinem
-Jammer, meiner Verzweiflung. -- Sechs-Cents-Fahrt, ein gelb' Papier --
-Drei-Cents-Fahrt, ein rot' Papier -- nein, länger ertrage ich es nicht
--- Zahlt die Taxe der Passagier.‹«
-
-Mein Freund schwieg erschöpft und sah mich wohl eine Minute lang mit
-stieren Blicken an.
-
-»Mark,« stieß er endlich mühsam heraus, »bin ich denn ganz verloren?
-Du erwiderst kein Wort, du giebst mir keine Hoffnung! Ach, ich sehe es
-ein, mir kann niemand helfen; Worte vermögen mir keinen Trost mehr zu
-geben -- mein Geschick ist unabwendbar. Eine innere Stimme sagt mir,
-daß meine Zunge verdammt ist, in alle Ewigkeit nach dem unsinnigen
-Reimgebimmel hin und her zu pendeln. Da -- da kommt es schon wieder:
-Acht-Cents-Fahrt, ein blau' Papier -- Sechs-Cents-Fahrt, ein gelb'
-Papier -- --«
-
-Schwächer und schwächer klang seine Stimme, bis er endlich in einen
-wohlthätigen Starrkrampf verfiel, der ihn auf eine kurze Frist seinen
-Qualen entrückte.
-
-Wie aber rettete ich ihn schließlich vor dem Irrenhause? Ich reiste mit
-ihm nach der ersten besten Universität und ließ ihn seine Last und Pein
-auf die armen, nichtsahnenden Studenten abladen, welche die Reime mit
-gierigen Ohren einsogen. Fragt mich nicht, in welchem Zustand sie sich
-dort jetzt befinden. Die Folgen sind zu trostlos, als daß ich sie zu
-schildern vermöchte.
-
-Was mich trieb, dies alles niederzuschreiben, war nur die edle Absicht,
-dich, lieber Leser, zu warnen. Solltest du je irgendwo auf jene
-unheilvollen Verse stoßen, so fliehe sie -- fliehe sie wie die Pest! --
-
-
-
-
-Ein geheimnisvoller Besuch.
-
-
-Der erste Mensch, welcher mich aufsuchte, nachdem ich mich in der
-Stadt niedergelassen hatte, war ein Herr, der sich damit einführte,
-daß er sagte, er sei Taxator und stehe mit der Abteilung für innere
-Einkünfte der Vereinigten Staaten in Verbindung. Ich sagte, ich hätte
-nie von diesem Geschäftszweig gehört, sei aber trotzdem sehr erfreut
-ihn zu sehen und bäte ihn, Platz zu nehmen. Er setzte sich. Mir fiel
-gerade nichts Besonderes ein, womit ich ihn unterhalten konnte, aber
-ich bedachte, daß, wer einem Hauswesen vorstehen will, auch die
-Pflicht hat, gesprächig, liebenswürdig und entgegenkommend zu sein. In
-Ermangelung von etwas anderm fragte ich ihn also, ob er seinen Laden in
-unserer Nachbarschaft eröffnen werde.
-
-Er bejahte dieses, ohne jedoch, wie ich gehofft hatte, von selbst
-zu erwähnen was er verkaufe, und ich wollte doch nicht neugierig
-erscheinen.
-
-Also versuchte ich es mit der Frage: »Geht das Geschäft gut?« und er
-erwiderte: »Hm, so so.«
-
-Darauf sagte ich, wir würden bei ihm vorsprechen und wenn man uns in
-seinem Hause ebenso gut bediene wie in andern, so wollten wir ihm
-unsere Kundschaft zuwenden.
-
-Er antwortete, sein Etablissement würde uns unzweifelhaft genügen. Ihm
-sei wenigstens noch nie jemand vorgekommen, der einen andern Vertreter
-seines Faches aufgesucht hätte, nachdem er einmal mit ihm verhandelt
-habe.
-
-Das klang ziemlich selbstbewußt, aber abgesehen von der natürlichen
-Schlechtigkeit, die uns allen im Gesicht geschrieben steht, sah der
-Mann ganz ehrlich aus.
-
-Ich erinnere mich nicht mehr _wie_ es zuging, aber allmählich tauten
-wir auf und kamen in Fluß, das heißt unsere Unterhaltung, und nun ging
-es wie ein aufgezogenes Uhrwerk.
-
-Es wurde geredet, geredet, geredet -- wenigstens meinerseits, und
-gelacht, gelacht, gelacht -- wenigstens seinerseits. Aber während
-der ganzen Zeit hatte ich die Geistesgegenwart nicht verloren,
-meine natürliche Schlauheit war auf ›vollen Dampf‹ gesetzt, wie die
-Maschinisten sagen. Ich war entschlossen alles zu erfahren, was sein
-Geschäft anging, trotz der dunkeln Antworten, die er gab, und zwar
-dachte ich es aus ihm herauszubekommen, ohne daß er es selbst gewahr
-wurde. Ich wollte ihn in eine tiefe, tiefe Falle locken, ihm alles
-über mein eigenes Geschäft erzählen und ihn dadurch so erwärmen
-und zutraulich machen, bis er nicht umhin konnte, mir ausführliche
-Mitteilungen über _sein_ Geschäft zu machen, ehe er noch merkte, um was
-es mir zu thun war. »Du ahnst nicht, mein Sohn,« dachte ich bei mir
-selbst, »mit welchem schlauen Fuchs du es zu thun hast!«
-
-»Können Sie wohl raten,« sagte ich, »wie viel ich im vergangenen Winter
-und Frühling mit meinen Vorlesungen eingenommen habe?«
-
-»Nein, gewiß nicht -- und wenn mein Kopf daran hinge! Erlauben Sie --
-etwa zweitausend Dollars, wie? -- Aber nein, nein -- so viel können Sie
-nicht verdient haben. Sagen wir siebzehnhundert.«
-
-»Haha! das hab' ich mir gedacht! Meine Einnahmen für
-Vorlesungen letzten Winter und diesen Frühling betrugen
-vierzehntausendsiebenhundertundfünfzig Dollars. Was sagen Sie dazu?«
-
-»Ja, das ist ja unglaublich, ganz unglaublich! Das werde ich mir
-merken. Und Sie meinten, das sei noch nicht einmal alles?«
-
-»Alles! -- kein Gedanke! Dazu kam noch mein Gehalt beim ›Täglichen
-Kriegsruf‹ auf vier Monate, ungefähr -- ungefähr -- nun was würden Sie
-sagen, wenn ich es auf achttausend Dollars angäbe?«
-
-»Was ich sagen würde? -- Je nun -- daß ich wohl auch in solchem Meer
-des Ueberflusses schwimmen möchte. Achttausend -- das will ich mir
-merken! Und das ist alles noch nicht genug, Sie Glückspilz! Wenn ich
-Sie recht verstehe, haben Sie noch andere Einnahmen gehabt?«
-
-»Hahaha! natürlich. Wir stehen erst beim Anfang sozusagen. Nun kommt
-noch mein Buch ›Unschuld auf Reisen‹ -- Preis drei Dollars fünfzig
-Cents bis fünf Dollars, je nach dem Einband. Sehen Sie mir ins
-Auge und hören Sie: Während der letzten fünftehalb Monate -- ganz
-abgesehen von allem was vorher verkauft worden ist -- nur während
-der letzten fünftehalb Monate haben wir fünfundneunzigtausend
-Exemplare von dem Buch abgesetzt. Fünfundneunzigtausend! Denken
-Sie einmal! Durchschnittlich vier Dollars das Exemplar, das macht
-vierhunderttausend Dollars, mein Freund -- und ich bekomme die Hälfte!«
-
-»Alle Wetter! Ich will das aufschreiben. Vierzehn -- sieben -- fünf --
-acht -- zweihundert -- Summa sagen wir -- meiner Treu, die Gesamtsumme
-macht ungefähr zweihundertdreizehn- oder vierzehntausend Dollars. Ist
-das möglich?«
-
-»Möglich? Wenn irgend ein Fehler dabei ist, so habe ich zu wenig
-angegeben. Zweihundertvierzehntausend bar ist mein diesjähriges
-Einkommen, wenn ich überhaupt rechnen kann.«
-
-Jetzt stand der Herr auf um zu gehen. Mich überfiel der peinliche
-Gedanke, ob ich am Ende meine Enthüllungen umsonst gemacht habe.
-Noch dazu hatte ich mich durch seine laute Bewunderung verführen
-lassen, die Beträge recht ansehnlich zu vergrößern. Aber, nein, im
-letzten Augenblick überreichte mir der Herr ein großes Couvert mit
-der Bemerkung, daß es seine Geschäftsanzeige enthalte, die mir jeden
-gewünschten Aufschluß geben könne, er würde stolz sein, einen Mann von
-so ungeheuerm Einkommen zum Kunden zu haben. Früher habe er gedacht,
-daß es mehrere wohlhabende Herren in der Stadt gäbe, aber sobald
-er geschäftlich mit ihnen in Verbindung getreten sei, habe es sich
-gezeigt, daß sie kaum genug besäßen, um davon leben zu können. Es sei
-wirklich eine solche Ewigkeit her, seit er einen reichen Mann von
-Angesicht gesehen, mit ihm gesprochen, und ihm die Hand gereicht habe,
-daß er sich kaum enthalten könne, mir um den Hals zu fallen -- ich
-würde ihn unendlich glücklich machen, wenn ich ihm die Erlaubnis gäbe,
-mich zu umarmen.
-
-[Illustration]
-
-Das gefiel mir so gut, daß ich nicht versuchte Widerstand zu leisten,
-sondern dem biedern Fremdling gestattete, die Arme um meinen Hals zu
-schlingen und ein paar beruhigende Thränen zu vergießen, die mir den
-Nacken herabrieselten. Dann ging er seiner Wege.
-
-Sobald er fort war, öffnete ich das Couvert mit seiner ›Anzeige‹. Ich
-studierte sie aufmerksam vier Minuten lang, dann rief ich die Köchin
-herauf und sagte:
-
-»Bitte, halten Sie mich -- ich falle in Ohnmacht -- Marie kann
-unterdessen die Pfannkuchen umwenden.«
-
-Als ich wieder zur Besinnung gekommen war, schickte ich nach dem
-nächsten Schnapsladen und mietete mir um Wochenlohn einen Mann, der
-sich aufs Fluchen verstand, damit er die ganze Nacht aufsitzen und
-jenen Fremden verwünschen sollte, und mich am Tage manchmal dabei
-ablösen, wenn ich nicht weiter wußte.
-
-Er war aber auch ein ganz abgefeimter Schurke. Seine ganze
-Geschäftsanzeige bestand aus weiter nichts als einem niederträchtigen
-Steuerzettel -- einer Kette von unverschämten Fragen über meine
-Privatangelegenheiten, die beinahe vier engbedruckte Folioseiten
-einnahmen. Fragen, die mit so erstaunlicher Spitzfindigkeit
-zusammengesetzt waren, daß die ältesten Leute nicht herausgefunden
-hätten, was sie bedeuten sollten. Fragen, die so eingerichtet waren,
-daß man sein Einkommen ungefähr viermal so hoch angeben mußte, als es
-in Wirklichkeit war, aus lauter Angst, man könne eine Lüge beschwören.
-Ich suchte nach einem Ausweg, aber es schien keinen zu geben.
-Gleich die erste Frage paßte so vollkommen auf meinen Fall, wie ein
-Regenschirm auf einen Ameisenhaufen, wenn man ihn aufspannt:
-
- »Wie hoch beliefen sich Ihre Einnahmen im vergangenen Jahr aus
- Ihrem Handel, Geschäft oder Beruf, gleichviel wo Sie denselben
- betrieben haben?«
-
-Und diese Frage zog dreizehn andere von ebenso eindringlicher Art nach
-sich, von denen die bescheidenste Aufschluß darüber verlangte, ob ich
-einen Betrug oder Straßenraub verübt hätte oder durch Brandstiftung und
-andere geheime Erwerbsquellen zu Vermögen gelangt sei, das bei meiner
-Antwort auf Nr. 1 nicht mit angegeben wäre.
-
-Es war klar, daß der Fremde mir Gelegenheit gegeben hatte, mich zu
-blamieren. Dies lag so sehr auf der Hand, daß ich ausging und mir
-noch einen Mann zum Fluchen mietete. Der Fremde hatte mich mit seinen
-Schmeicheleien verführt, ein Einkommen von zweihundertvierzehntausend
-Dollars anzugeben. Gesetzmäßig waren tausend davon steuerfrei, das
-war der einzige Abschlag, den ich entdecken konnte, und das war doch
-nur ein Tropfen im Ozean. Bei den gesetzlichen fünf Prozent mußte ich
-der Regierung die Summe von zehntausendsechshundertfünfzig Dollars
-Einkommensteuer bezahlen.
-
-(Ich will hier gleich bemerken, daß ich es nicht gethan habe.)
-
-Ich bin mit einem sehr begüterten Manne bekannt, der einen Palast
-bewohnt und eine wahrhaft fürstliche Tafel hält, dessen Ausgaben ganz
-enorm sind und der doch kein Einkommen hat, wie ich oft an seinen
-Steuerzetteln gesehen habe. Zu diesem begab ich mich in meiner Not. Er
-nahm meine schreckliche Liste von Einnahmen zur Hand, setzte sich die
-Brille auf, tauchte die Feder ein, und -- ehe ich mich's versah, war
-ich ein Bettler. Es geschah auf die einfachste Weise von der Welt und
-ward durch die Geschicklichkeit, mit der er den Paragraphen ›Abzüge‹
-benützte, ganz leicht zu stande gebracht. Er setzte meine Staats- und
-meine städtischen Steuern auf so und so viel fest, meine Verluste
-durch Schiffbruch, Feuer u. s. w. auf so und so viel; Verluste beim
-›Verkauf von Landbesitz‹ -- ›Verkauf von Viehstand‹ -- ›Zahlungen für
-Miete des Anwesens‹ -- ›Ausbesserungen, Umbauten, Zinsvergütung‹ --
-›schon vorher besteuerter Gehalt als Offizier der Armee, der Flotte u.
-s. w. u. s. w.‹ und dergleichen mehr. Aus jedem dieser Punkte wußte
-er ganz erstaunliche Abzüge herauszuschlagen. Als er fertig war und
-mir das Blatt hinreichte, sah ich auf den ersten Blick, daß während
-des ganzen Jahres meine Einnahme, das heißt der Gewinn dabei, nur
-zwölfhundertfünfzig Dollars vierzig Cent betragen hatte.
-
-»Dazu kommt,« sagte er, »daß tausend Dollars steuerfrei sind. Gehen Sie
-jetzt aufs Steueramt und beschwören Sie dies Dokument, dann bezahlen
-Sie Steuern von zweihundertfünfzig Dollars.«
-
- (Während er sprach, zog sein Söhnchen, der kleine Willy, einen
- Zweidollarschein aus des Vaters Westentasche und verschwand
- damit. Ich möchte _alles_ wetten, daß der Junge _auch_ sein
- Einkommen falsch angeben würde, wenn mein fremder Herr ihn
- morgen besuchte.)
-
-»Machen Sie die Abzüge immer auf diese Art?« fragte ich, »auch wenn Sie
-Ihre eigenen Steuern berechnen?«
-
-»Natürlich, das versteht sich von selbst. Wenn unter der Rubrik
-›Abzüge‹ nicht jene elf tröstlichen Klauseln ständen, müßte ich ja
-alljährlich an den Bettelstab kommen, nur um diese verhaßte, schlechte,
-geldgierige und tyrannische Regierung zu unterstützen.«
-
-Dieser Herr gehört zu den allerbesten und solidesten Männern der
-Stadt, zu den Männern von moralischem Gewicht, von kaufmännischer
-Ehrenhaftigkeit, von zweifelloser, unantastbarer Zuverlässigkeit --
-folglich unterwarf ich mich seinem Urteil. Ich begab mich auf das
-Steueramt -- und da stand ich, unter den Augen meines fremden Herrn,
-die mich schwer anklagten, und beschwor eine Lüge nach der andern, eine
-Schlechtigkeit nach der andern, bis meine Seele zolldick mit Meineiden
-überzogen war, und ich meine Selbstachtung auf ewige Zeiten verloren
-hatte.
-
-Aber was schadet's? Thun denn nicht Tausende der reichsten und
-stolzesten, der gerechtesten und gefeiertsten Männer in Amerika
-alljährlich dasselbe? -- --
-
-
-
-
-Redakteur und Berichterstatter.
-
-
-Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab.
-
-Als ich aushilfsweise die Redaktion einer landwirtschaftlichen Zeitung
-übernahm, that ich es nicht ohne bange Zweifel. Wenn jemand, der
-gewohnt ist auf dem Lande zu leben, plötzlich ein Schiff befehligen
-sollte, würde er wohl auch seine Besorgnis dabei haben. Ich befand mich
-jedoch in Verhältnissen, bei denen mir der Gehalt von Wichtigkeit war.
-Als daher der ständige Redakteur der Zeitung mir anbot, ihn während der
-Ferien zu vertreten, ging ich auf seine Bedingungen ein und nahm seine
-Stelle.
-
-Wieder bei der Arbeit zu sein, war ein köstliches Gefühl, und ich
-schrieb die ganze Woche hindurch mit unablässigem Vergnügen. Nachdem
-alles in der Presse war, wartete ich einen Tag lang in großer Spannung
-auf irgend ein Anzeichen, daß meine Bemühung die Aufmerksamkeit des
-Publikums erregt habe. Bei Sonnenuntergang verließ ich das Bureau und
-sah, daß eine Gruppe von Männern und Knaben, die sich am Fuß der Treppe
-versammelt hatten, sobald ich erschien, wie auf gemeinsamen Antrieb
-auseinanderstob, um mich durchzulassen. »Das ist er!« hörte ich sie zu
-einander sagen. Der Vorfall war mir natürlich sehr schmeichelhaft. Am
-nächsten Morgen bemerkte ich eine ähnliche Gruppe an der Treppe; auch
-vereinzelt und zu zweien standen die Leute vor dem Hause und drüben auf
-der andern Seite der Straße, mich mit großem Interesse beobachtend. Als
-ich näher kam, zerstreuten sie sich und wichen zurück, doch hörte ich
-noch, wie ein Mann sagte:
-
-»Seht nur mal seine Augen an.« -- Ich that, als wüßte ich nicht, was
-ich für Aufsehen machte, doch freute ich mich im stillen darüber und
-nahm mir vor, es meiner Tante zu schreiben.
-
-Während ich die wenigen Treppenstufen hinaufstieg und mich der Thür
-näherte, vernahm ich fröhliche Stimmen und schallendes Gelächter. Beim
-Eintreten gewahrte ich einen Augenblick zwei junge Männer, die wie
-Landwirte aussahen; sobald sie meiner ansichtig wurden, erbleichten
-sie, machten lange Gesichter und sprangen plötzlich mit einem großen
-Krach zum Fenster hinaus. Darüber verwunderte ich mich sehr.
-
-Etwa eine halbe Stunde später trat ein alter Herr mit lang
-herabwallendem Bart und feinen, aber strengen Gesichtszügen bei mir
-ein. Ich forderte ihn auf, Platz zu nehmen, und er setzte sich, schien
-jedoch etwas auf dem Herzen zu haben. Er nahm den Hut ab, stellte ihn
-auf den Boden und holte ein rotseidenes Taschentuch heraus, sowie ein
-Exemplar unserer Zeitung.
-
-[Illustration]
-
-Das Blatt legte er auf seine Kniee und fragte, während er sich die
-Brille mit dem Taschentuch putzte: »Sind Sie der neue Redakteur?«
-
-Ich bejahte dies.
-
-»Haben Sie schon früher ein landwirtschaftliches Blatt redigiert?«
-
-»Nein,« erwiderte ich, »dies ist mein erster Versuch.«
-
-»Das dachte ich mir. Haben Sie die Landwirtschaft praktisch betrieben?«
-
-»Nein, ich glaube nicht.«
-
-»Ein gewisser Instinkt hat mir das gesagt,« meinte der alte Herr,
-setzte seine Brille auf und maß mich über dieselbe hinweg mit strengen
-Blicken, wobei er die Zeitung in ein bequemes Format zusammenfaltete.
-»Ich will Ihnen vorlesen, was diesen Instinkt bei mir erweckt hat. Es
-war die folgende Bemerkung. Hören Sie, ob sie aus Ihrer Feder stammt:
-
- »_Rüben_ sollte man niemals pflücken, weil ihnen das schadet.
- Es ist viel besser, einen Knaben auf den Baum klettern, und sie
- herunterschütteln zu lassen.«
-
-Nun, was sagen Sie dazu -- denn ich bin fest überzeugt, Sie haben es
-geschrieben!«
-
-»Was soll ich denn sagen? Ich glaube es ist gut und verständig. Ohne
-Zweifel werden alljährlich im Umkreis dieser Stadt viele Millionen
-Scheffel Rüben verdorben, weil man sie in halbreifem Zustand abpflückt,
-während, wenn man sie durch einen Knaben vom Baum schütteln ließe --«
-
-»Warum nicht gar von Ihrer Großmutter? Rüben wachsen doch nicht auf
-Bäumen.«
-
-»O, wirklich thun sie das nicht! Wer hat denn schon gesagt, daß sie da
-wüchsen? -- Es war ja natürlich bildlich gemeint, nur bildlich! Jeder,
-der überhaupt Sinn und Verstand hat, muß doch gleich wissen, daß ich
-meinte, der Knabe sollte die Ranke schütteln.«
-
-Der alte Mann schnellte von seinem Sitze in die Höhe, zerriß die
-Zeitung in kleine Stücke, stampfte mit dem Fuß darauf, zerschlug
-allerlei Gegenstände mit seinem Stock und sagte, so viel wie ich, wüßte
-auch eine Kuh. Dann ging er hinaus und warf die Thür hinter sich ins
-Schloß. Bei diesem Benehmen kam mir der Gedanke, es müsse etwas sein
-Mißfallen erregt haben. Da ich aber nicht wußte, was ihn verdrossen
-habe, konnte ich ihm auch nicht helfen.
-
-Bald nachher kam ein langer, hagerer Mensch zur Thür hereingeschossen.
-Spärliche Locken hingen ihm bis auf die Schultern herab und sein
-Gesicht war in allen Höhen und Tiefen mit den stacheligen Bartstoppeln
-einer ganzen Woche bedeckt. Er blieb zuerst regungslos stehen und
-legte den Finger auf den Mund, dann beugte er sich lauschend vor. Kein
-Geräusch ließ sich hören. Noch immer horchte er. Als alles still blieb,
-drehte er den Schlüssel um, schlich behutsam auf den Zehen näher zu
-mir heran und stellte sich in gemessener Entfernung vor mich hin. Eine
-Weile forschte er mit großem Interesse in meinen Zügen, nahm dann ein
-zusammengefaltetes Exemplar unseres Blattes aus der Brusttasche und
-sagte:
-
-»Sehen Sie hier -- das haben Sie geschrieben. Lesen Sie es mir vor --
-rasch! Befreien Sie mich, Herr! Ich leide entsetzlich.«
-
-Ich las was folgt, und während meine Lippen Satz für Satz aussprachen,
-schien er sich zusehends erleichtert zu fühlen; die starren Muskeln
-verloren ihre Spannung, die ängstliche Besorgnis wich aus seinem
-Gesicht und Friede und Ruhe verbreiteten sich über seine Züge, wie
-lindes Mondlicht über eine öde Landschaft.
-
- »Der _Guano_ ist ein schöner Vogel, aber es bedarf großer
- Sorgfalt, wenn man ihn aufziehen will. Man darf ihn nicht
- früher als im Juni und nicht später als im September bei uns
- einführen. Im Winter muß er an einen warmen Ort gebracht
- werden, um seine Jungen ausbrüten zu können.«
-
- »Augenscheinlich werden wir mit unserer _Getreideernte_ dies
- Jahr im Rückstand bleiben. Der Landmann wird daher wohl daran
- thun, die Maiskolben und Buchweizenkuchen schon im Juli statt
- im August zu pflanzen.«
-
- »_Vom Kürbis._ Dies ist eine Lieblingsbeere der Eingeborenen
- von Neuengland. Bei der Bereitung von Obstkuchen zieht man sie
- dort zu Lande sogar der Stachelbeere vor. Sie ist vorteilhafter
- als die Himbeere zum Füttern der Kühe, da sie mehr füllt und
- stopft und ganz ebenso nahrhaft ist. Der Kürbis ist die einzige
- eßbare Abart der Familie Orangenpflanze, die im Norden gedeiht,
- ausgenommen die Melone und der Türkenbund. Man pflanzt ihn
- jedoch jetzt weniger häufig unter dem Buschwerk im Vordergarten
- an, da man allgemein die Ansicht hegt, daß der Kürbis kein Baum
- ist, welcher Schatten giebt.«
-
- »Jetzt, bei Eintritt des warmen Wetters, beginnt der
- _Gänserich_ zu laichen und --«
-
-In höchster Aufregung trat der Zuhörer dicht vor mich hin, schüttelte
-mir die Hand und sagte:
-
-»Schön, schön -- das genügt. Jetzt weiß ich, daß ich bei richtigem
-Verstande bin, denn Sie haben es gerade so gelesen wie ich, Wort
-für Wort. Aber Fremdling, als ich es heute morgen zum erstenmal
-las, sagte ich zu mir: ›Nun und nimmermehr hätte ich es für möglich
-gehalten, trotzdem meine Verwandten mich so streng bewachten, aber
-jetzt glaube ich selbst, daß ich verrückt bin.‹ Dabei stieß ich ein
-Geheul aus, das man zwei Meilen weit hören mußte, und lief fort, um
-jemand totzuschlagen. Ich wußte ja, daß es früher oder später dazu
-kommen würde und wollte lieber gleich damit anfangen. Erst las ich
-noch einmal einen Ihrer Paragraphen durch, dann brannte ich mein Haus
-nieder und brach auf. Mehreren Leuten habe ich Arme und Beine entzwei
-geschlagen, und einen Menschen auf einen Baum gejagt, wo ich ihn
-kriegen kann, sobald ich will. Beim Vorbeigehen dachte ich aber erst
-einmal bei Ihnen vorzusprechen, um meiner Sache auch ganz sicher zu
-sein. Jetzt habe ich mir nun Gewißheit verschafft und ich sage Ihnen,
-es ist ein Glück für den Burschen, der auf dem Baume sitzt. Ich hätte
-ihn unfehlbar auf dem Rückwege umgebracht. Leben Sie wohl, leben Sie
-wohl! Sie haben mir eine schwere Last von der Seele genommen. Da mein
-Verstand Ihren landwirtschaftlichen Artikel hat aushalten können, wird
-er jetzt jeden Puff vertragen. Noch einmal, bester Herr, leben Sie
-wohl!«
-
-Mir war wegen der Körperverletzungen und Brandstiftungen, mit welchen
-der Mensch sich unterhalten hatte, etwas unbehaglich zu Mute, da ich
-nicht umhin konnte mir einzugestehen, daß ich gewissermaßen daran
-beteiligt sei. Doch konnte ich diesen Gedanken nicht lange nachhängen,
-denn der ständige Redakteur trat jetzt ins Zimmer.
-
-Er sah trübselig, verlegen und niedergeschlagen aus.
-
-Er blickte auf die Zerstörung, welche die beiden jungen Landwirte und
-der alte Tumultuant angerichtet hatten und sagte: »Das ist eine böse
-Geschichte -- eine sehr böse Geschichte. Die Flasche mit dem flüssigen
-Leim ist zerbrochen, sechs Fensterscheiben, ein Spucknapf und zwei
-Leuchter in Stücke geschlagen. Aber das ist noch lange nicht das
-Schlimmste. Der Ruf des Blattes hat gelitten -- und wie ich fürchte
-für alle Zeit. Zwar ist die Nachfrage größer gewesen als jemals, noch
-nie ist eine so starke Auflage verkauft worden, nie zuvor hat das
-Blatt solche Berühmtheit erlangt -- aber man will doch nicht wegen
-Verrücktheit berühmt sein und mit Geistesschwäche Geld erwerben! Ich
-versichere Sie, Freund, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, drunten
-sitzen die Leute auf den Zäunen und wimmeln in der Straße, um zu
-warten, ob sie etwas von Ihnen zu sehen bekommen, weil sie Sie für
-verrückt halten. Das können sie auch mit gutem Grund, nachdem sie
-Ihre Artikel gelesen haben, die eine Schande für die ganze Presse
-sind. Wie in aller Welt sind Sie nur auf den Einfall gekommen, daß
-Sie imstande wären, ein solches Blatt zu redigieren? Sie scheinen ja
-nicht einmal von den ersten Anfangsgründen der Landwirtschaft eine
-Ahnung zu haben. Sie sprechen von einer Furche und einer Furt, als
-sei es ein und dasselbe; Sie reden von einer Mauserzeit der Kühe,
-und empfehlen den Iltis als Haustier, weil er voll Mutwillen sei und
-ein trefflicher Rattenfänger. Ihre Bemerkung, daß die Seeschnecken
-still zu liegen pflegen, wenn man ihnen Musik vormacht, war ganz und
-gar überflüssig. Seeschnecken lassen sich überhaupt nicht aus ihrer
-Ruhe bringen, sie liegen immer still und die Musik ist ihnen völlig
-gleichgültig. Sagen Sie nur um des Himmels willen, Freund, haben Sie
-etwa die Unwissenheit zu Ihrem Berufsstudium gemacht? Dann hätten Sie
-sich heute den Doktorhut erworben in allen Ehren. Etwas Aehnliches
-ist mir noch nicht vorgekommen. Ihre Bemerkung, daß die Roßkastanie
-sich als Handelsartikel einer stets wachsenden Gunst erfreut, ist ganz
-dazu angethan, das Blatt zu Grunde zu richten. Ich bitte Sie, das Amt
-niederzulegen und Ihrer Wege zu gehen. Ich habe schon viel zu lange
-Ferien gehabt. Einen Genuß hätte ich doch nicht mehr davon, besonders
-wenn Sie meinen Platz inne haben und ich in beständiger Angst schweben
-müßte, was Sie den Leuten zunächst empfehlen würden. Wenn ich daran
-denke, daß Sie unter dem Titel ›Landschaftsgärtnerei‹ über Austernbänke
-geschrieben haben, möchte ich aus der Haut fahren. -- Machen Sie, daß
-Sie fortkommen! Für nichts in der Welt würde ich wieder in die Ferien
-gehen. O, warum haben Sie mir nur nicht gesagt, daß Sie von der
-Landwirtschaft nicht das mindeste wissen!«
-
-»Was wollen Sie denn eigentlich, Sie Maiskolben, Sie Krautkopf, Sie
-Rübensprößling?! Schämen Sie sich Ihrer unverständigen Worte. Seit
-vierzehn Jahren arbeite ich als Redakteur und noch niemals, das
-versichere ich Ihnen, habe ich gehört, daß man besondere Kenntnisse
-haben müsse, um eine Zeitung zu redigieren. Wer schreibt denn die
-Theaterkritiken für die Tagesblätter zweiten Ranges? Irgend ein
-gelehrter Schuster oder Apothekerlehrling, der von der Schauspielkunst
-nicht mehr und nicht weniger versteht, als ich von der Landwirtschaft.
-Wer bespricht die Bücher? Menschen, die nie eins geschrieben haben.
-Wer schreibt die größten Leitartikel über Staatsfinanzen? Diejenigen,
-welche die schönste Gelegenheit gehabt haben, gar nichts davon zu
-erfahren. Wer verfaßt die Berichte über den Indianerkrieg? Herren, die
-ein Wigwam nicht von einem Tamtam unterscheiden können, die nie in den
-Fall gekommen sind, mit einem Tomahawk um die Wette zu laufen oder
-irgend einem Glied ihrer Familie Pfeile auszuziehen, um ein Lagerfeuer
-anzumachen. Wer schreibt die Aufforderung zur Mäßigkeit und jammert
-über die verführerische Flasche? -- Burschen, die keinen nüchternen
-Atemzug mehr thun werden, bis sie im Grabe liegen. Wer redigiert meist
-die landwirtschaftlichen Blätter -- Sie Runkelrübe? -- Wer anders als
-verdorbene Redakteure städtischer Zeitungen, oder Menschen, die mit dem
-Poetenhandwerk kein Glück haben, mit Schauerdramen schlechte Geschäfte
-machen und ihre gelben Eisenbahnromane nicht anbringen können. Die
-werfen sich zuletzt auf die Landwirtschaft, um noch eine Zeitlang dem
-Armenhaus zu entrinnen. Wollen _Sie_ mich etwa über das Redaktionswesen
-belehren? Das habe ich durchgemacht von A bis Z; und ich kann Ihnen
-sagen: je weniger ein Mensch weiß, um so größer ist das Geschrei, das
-er macht und der Gehalt, den er bezieht. Beim Himmel -- wäre ich nur
-unwissend statt gebildet, und unverschämt statt schüchtern gewesen, ich
-hätte mir einen Namen erwerben können in dieser kalten, selbstsüchtigen
-Welt! Herr, ich nehme meinen Abschied. Nachdem ich so behandelt worden
-bin, wie Sie mich behandelt haben, bin ich ganz bereit zu gehen.
-Meiner Pflicht habe ich genügt und meinen Kontrakt erfüllt, soweit man
-es mir gestattet hat. Ich versprach, Ihr Blatt interessant zu machen
-für alle Klassen -- das habe ich gethan. Ich sagte, ich könne Ihren
-Absatz auf zwanzigtausend Exemplare bringen -- das wäre geschehen,
-wenn Sie mir noch vierzehn Tage Zeit gelassen hätten. Obendrein würde
-ich Ihnen die beste Klasse von Lesern verschafft haben, die sich ein
-landwirtschaftliches Blatt nur wünschen kann -- kein einziger Landmann
-darunter, nicht ein Mensch, der einen Wassermelonenbaum von einer
-Pfirsichranke unterscheiden könnte. _Sie_ verlieren bei diesem Bruch,
-Sie Pastetengewächs -- nicht ich. Gehorsamer Diener!«
-
- * * * * *
-
-Dann ging ich.
-
-
-Herrn Blokes ›Eingesandt‹.
-
-[Illustration]
-
-Unser verehrter Freund, Herr John William Bloke aus Virginia-City,
-trat gestern abend spät in unser Bureau ein, wo ich als zweiter
-Redakteur thätig war. Sein Gesicht war schmerzentstellt. Mit dem
-Ausdruck herzzerreißenden Jammers, unter schweren Seufzern legte er das
-nachfolgende ›Eingesandt‹ auf das Pult und wandte sich mit abgemessenem
-Schritt dem Ausgang zu. An der Thür hielt er inne, schien mit Gewalt
-seine Gefühle zu bemeistern, nickte dann nach seinem Manuskript hin und
-hauchte, in Thränen ausbrechend, mit zitternder Stimme die Worte:
-
-»Einer meiner Freunde! ach, entsetzlich!«
-
-Sein Kummer rührte mich so sehr, daß ich ganz vergaß ihn zurückzurufen,
-um ihm Trost zuzusprechen, bis er fort und es zu spät war. Das Blatt
-befand sich schon in der Presse, aber da ich wußte, daß unser Freund
-der Veröffentlichung seiner Mitteilung große Wichtigkeit beilegte und
-hoffte, es würde seinem kummervollen Herzen einen traurigen Genuß
-bereiten, dasselbe im Druck vor Augen zu haben, ließ ich sofort die
-Maschine anhalten und den Artikel in unsere Spalten einfügen.
-
-
- »_Entsetzlicher Unglücksfall._
-
- Gestern abend 6 Uhr, als Herr William Schuyler, ein alter,
- ehrenhafter Bürger aus South-Park seine Wohnung verließ, um
- sich in die untere Stadt zu begeben, wie es seit Jahren seine
- Gewohnheit ist, von der er nur im Frühling 1850 für kurze
- Zeit eine Ausnahme machte, als er genötigt war, wegen einer
- Verletzung das Bett zu hüten, die er sich bei dem Versuch
- zugezogen, ein durchgegangenes Pferd aufzuhalten, indem er
- kopfloser Weise mit heftigen Geberden hinter ihm drein schrie,
- ein Verfahren, welches das Tier, selbst einen Augenblick
- früher, unfehlbar erschreckt statt aufgehalten haben würde, und
- das, obgleich für ihn unheilvoll genug, doch noch entsetzlicher
- gemacht wurde durch den Umstand, daß seine Schwiegermutter
- zur Stelle war und Augenzeugin des traurigen Ereignisses
- sein mußte, während sie doch möglicherweise, wenn auch nicht
- mit Sicherheit anzunehmen, ebenso gut anderswo Umschau nach
- Unglücksfällen hätte halten können, was übrigens gar nicht in
- ihrer Natur lag, vielmehr gerade im Gegenteil, wie ihre eigene
- Mutter gesagt haben soll -- Gott hab' sie selig, sie starb
- vor ungefähr drei Jahren im sechsundachtzigsten Jahr in der
- gewissen Hoffnung einer seligen Auferstehung, denn sie war eine
- christliche Frau, sozusagen ohne Falsch und ohne Vermögen, was
- dem großen Brand anno 1849 zuzuschreiben ist, der ihr sämtliche
- Habe einäscherte. Aber so geht es im Leben! Diese schauervolle
- Begebenheit möge uns allen zur Warnung dienen und uns
- anspornen, so gut zu leben, daß wir, wenn es einst ans Sterben
- geht, wissen, was wir zu thun haben. Die Hand aufs Herz! Wir
- wollen von heute an aufrichtig und ernst danach streben, die
- verhängnisvolle Flasche zu meiden.
-
- (=Morgenausgabe der California.=)«
-
-Der Chefredakteur ist hier gewesen und hat einen wahren Höllenlärm
-vollführt. Er raufte sich das Haar, stieß die Möbel in alle Ecken und
-schimpfte auf mich, als wäre ich ein Taschendieb. Er sagte, jedesmal,
-wenn mir auch nur auf eine halbe Stunde die Redaktion des Blattes
-überlassen bliebe, ließe ich mich vom ersten besten Wickelkind oder
-Tollhäusler überlisten. Er besteht darauf, daß Herrn Blokes unseliger
-Artikel der tollste Mischmasch ohne Sinn und Verstand ist, aus dem der
-Leser nicht das geringste erfährt. Es sei ein Unsinn gewesen, deswegen
-den Satz zu ändern.
-
-Das hat man davon, wenn man gutherzig ist. Wäre ich auch so ungefällig
-und teilnahmslos wie gewisse Leute, ich hätte Herrn Bloke einfach
-gesagt, zu so später Stunde würden keine Mitteilungen mehr angenommen.
-Aber nein! Sein thränenreicher Schmerz rührte mein weiches Gemüt und
-mit Freuden ergriff ich die Gelegenheit, seinen Kummer ein wenig zu
-lindern. Schnell einige Eingangszeilen zu dem Artikel geschrieben
-und fort damit in die Druckerei ohne weiter zu untersuchen! Und was
-ernte ich für meine Gutthat? Nichts als Scheltworte und allerliebste
-Ehrentitel.
-
-Nun will ich aber doch den Artikel einmal selbst lesen und sehen, ob
-all der Spektakel begründet ist. Sollte es der Fall sein, dann wehe dem
-Verfasser! --
-
- * * * * *
-
-Ich habe es gelesen und muß in der That gestehen, daß es zuerst etwas
-konfus erscheint. Aber ich probiere es noch einmal.
-
- * * * * *
-
-Ich habe es zum zweitenmal durchgegangen -- es scheint verwirrter denn
-je.
-
- * * * * *
-
-Ich habe es nun fünfmal durchgelesen, aber ich will verdammt sein,
-wenn ich auch nur eine Silbe davon verstehe. Es verträgt keine nähere
-Untersuchung. Man kann keine Klarheit hineinbringen. Erfahren wir etwa,
-was aus William Schuyler geworden ist? Nur gerade unser Interesse
-für ihn wird geweckt -- dann wird er fallen gelassen. Wer ist denn
-dieser William Schuyler überhaupt? In welchem Teil von South-Park
-lebt er eigentlich? Er verließ seine Wohnung um sechs Uhr -- ist er
-aber auch in der unteren Stadt angekommen und ist ihm irgend etwas
-zugestoßen? Ist _er_ es vielleicht, der mit dem ›entsetzlichen
-Unglücksfall‹ etwas zu thun hat? Wenn man den Wust von Einzelheiten
-in dem Artikel bedenkt, sollte man doch auch wirklich etwas mehr
-daraus erfahren können. Aber man erfährt nichts, es macht alles nur
-noch dunkler. War Herrn Schuylers Beinbruch vor fünfzehn Jahren der
-›entsetzliche Unglücksfall‹, welcher Herrn Bloke in unaussprechlichen
-Jammer versetzte und ihn veranlaßte zur Nachtzeit hier anzurücken
-und den Betrieb zu stören, damit die Welt doch ja sogleich von dem
-interessanten Umstand in Kenntnis gesetzt würde? Oder bezieht sich der
-›entsetzliche Unglücksfall‹ vielleicht auf die Mutter von Schuylers
-Schwiegermutter und ihr verlorenes Vermögen? Oder sollte ihr vor drei
-Jahren eingetretener Tod gemeint sein? (obgleich sich keine Andeutung
-findet, daß derselbe durch einen Unglücksfall herbeigeführt wurde.)
-Um es kurz zu fassen: Worin bestand der ›entsetzliche Unglücksfall‹?
-Warum schrie der Eselskopf von Schuyler unter heftigen Geberden hinter
-dem durchgebrannten Pferde her, wenn er es aufhalten wollte? Und wie
-zum Henker konnte er von einem Pferde umgeworfen werden, das schon an
-ihm vorbei war? Was sollen wir uns ›zur Warnung dienen lassen‹ und wie
-sollen wir uns aus diesem Schriftstück voll Unbegreiflichkeiten eine
-Lehre ziehen? Was kann vor allem die ›verhängnisvolle Flasche‹ damit
-zu thun haben? Es ist gar nicht gesagt, daß Schuyler ein Trunkenbold
-gewesen, oder daß seine Frau oder seine Schwiegermutter oder das
-Pferd sich dem Trunk ergeben hätten -- wozu also die Erwähnung der
-›verhängnisvollen Flasche‹? -- Mir scheint fast, daß, wenn nur Herr
-Bloke selbst die ›verhängnisvolle Flasche‹ gemieden hätte, so würde er
-gar nicht in solche Aufregung über diesen widersinnigen, eingebildeten
-Unglücksfall geraten sein. Ich habe dieses alberne ›Eingesandt‹ mit
-seinen scheinbaren Wahrscheinlichkeiten wieder und wieder gelesen, bis
-es mir ganz wirr im Kopfe war, und doch habe ich nichts herausgebracht.
-Es muß allerdings ein Unglücksfall irgend welcher Art stattgefunden
-haben, aber es ist unmöglich festzustellen, wen er betroffen hat oder
-was geschehen ist. So schwer es mir wird, es scheint mir Pflicht,
-zu verlangen, daß wenn Herrn Blokes Angehörige wieder etwas mit
-Unglücksfällen zu thun haben, er seinem Bericht jedenfalls einige
-aufklärende Notizen beifüge, damit man aus dem Unfall einigermaßen klug
-werden kann und erfährt, wer der Betroffene ist. Lieber würde ich schon
-seine sämtlichen Verwandten auf dem Totenbette sehen, als noch einmal
-bis an den Rand des Wahnsinns gebracht zu werden, in dem Bestreben, ein
-ähnliches Machwerk wie das obige zu entziffern.
-
-
-Zeitungswesen in Tennessee.
-
-Der Arzt riet mir zur Wiederherstellung meiner Gesundheit den
-Aufenthalt in einem milderen Klima an; ich ging daher nach dem Süden
-und bekam in Tennessee eine Stelle als Hilfsredakteur bei der Zeitung
-›Morgenrot und Kriegsgeschrei von Johnson County.‹
-
-[Illustration]
-
-Als ich mich zur Arbeit im Bureau einstellte, fand ich den
-Chefredakteur auf einem dreibeinigen Stuhl hintenüber gerekelt, die
-Füße auf einem Tisch von Tannenholz. Ein zweiter solcher Tisch stand
-noch im Zimmer und ein ebenso wackeliger Stuhl davor; beide waren halb
-begraben unter Haufen von Zeitungsblättern nebst Fetzen und Bogen von
-Manuskripten. Ferner befanden sich noch daselbst ein hölzerner mit
-Sand gefüllter Spucknapf, in welchem Zigarrenstummel und ausgedienter
-Kautabak lagen, und ein Ofen, dessen Thür nur noch an einer Angel
-hing. Der Chefredakteur trug einen langschößigen schwarzen Tuchrock,
-weißleinene Beinkleider und niedere, glänzend gewichste Stiefel, ein
-Hemd mit altmodischem steifem Stehkragen und gefälteltem Einsatz,
-einen großen Siegelring und ein karriertes Halstuch, dessen Zipfel
-herabhingen. Die Tracht stammte etwa aus dem Jahre 1848. Er rauchte
-eine Zigarre, suchte nach einem Wort und fuhr sich dabei in die Haare,
-daß ihm die Locken zu Berge standen. Nach seinem grimmigen Blick zu
-urteilen, mußte er gerade einen besonders beißenden Leitartikel unter
-der Feder haben. Er sagte mir, ich solle die Tageszeitungen durchgehen
-und was mir aus ihrem Inhalt interessant scheine, kurz zusammenfassen
-und zu einer ›Rundschau in der Presse von Tennessee‹ verarbeiten. Ich
-schrieb nun folgenden Artikel:
-
-
- =Rundschau in der Presse von Tennessee.=
-
- »Was die _Eisenbahn von Ballyhack_ betrifft, so ist die
- Redaktion des Wochenblatts ›Erdbeben‹ offenbar in einem
- Irrtum befangen. Es liegt keineswegs in der Absicht der
- Gesellschaft, Buzzardville seitwärts liegen zu lassen. Der
- Ort gilt im Gegenteil für einen der wichtigsten Punkte auf der
- ganzen Strecke und man hat durchaus nicht den Wunsch, daß er
- unberücksichtigt bleibt. Die Herren vom ›Erdbeben‹ werden das
- Mißverständnis natürlich mit Vergnügen berichtigen.«
-
- »Der geistvolle Redakteur des ›Donnerkeil und Schlachtrufs der
- Freiheit‹, John W. _Blossom_ von Higginsville, ist gestern in
- unserer Stadt angekommen und im Van Burenhaus abgestiegen.«
-
- »Wir bemerken, daß unser Kollege vom ›Morgengeheul‹ in
- Mud-Spring die irrtümliche Ansicht vertritt, daß die _Wahl
- Van Werters_ keine feststehende Thatsache sei. Er wird jedoch
- höchst wahrscheinlich seinen Mißgriff schon selbst entdeckt
- haben, bevor wir ihn hierdurch auf denselben aufmerksam machen.
- Unvollständige Wahlberichte mögen ihn zu seiner falschen
- Annahme verleitet haben.«
-
- »Es freut uns, mitteilen zu können, daß die Stadt
- _Blathersville_ mit einigen New Yorker Herren in Verhandlung
- steht, welche es übernehmen wollen, ihre fast grundlosen
- Straßen durch ein _Nicholsonsches Pflaster_ passierbar zu
- machen. Das ›Tägliche Hurra‹ empfiehlt diese Maßregel mit
- großem Geschick und Nachdruck und scheint den schließlichen
- Erfolg zuversichtlich zu erwarten.«
-
-Ich übergab mein Manuskript dem Chefredakteur zur Annahme, Abänderung
-oder Vernichtung. Er warf einen Blick darauf und seine Stirn umwölkte
-sich. Mit unheilverkündendem Gesichtsausdruck überlas er die Seite;
-es mußte irgend etwas nicht in Richtigkeit sein, das ließ sich leicht
-erkennen. Plötzlich sprang er auf und rief:
-
-»Himmeldonnerwetter! Halten Sie das für die Art, wie man die
-Lumpenkerle behandeln muß? Glauben Sie etwa, meine Abonnenten würden
-sich solche Milchsuppe auftischen lassen? Her mit der Feder!«
-
-Noch nie habe ich eine Feder so boshaft kratzen und streichen hören
-oder so erbarmungslos durch die Haupt-, Zeit- und Eigenschaftswörter
-eines Nebenmenschen fahren sehen. Während er noch so recht bei
-der Arbeit war, schoß jemand nach ihm durch das offene Fenster und
-verunstaltete mir das rechte Ohr.
-
-»Aha,« rief er, »das ist der Smith, der Halunke vom ›Moralischen
-Vulkan‹; den habe ich schon gestern erwartet.« Er riß einen
-Seemannsrevolver aus dem Gürtel und feuerte. Sein Gegner stürzte, in
-die Hüfte getroffen, zu Boden. Smith war eben daran gewesen zu zielen,
-um einen zweiten Schuß abzugeben, dieser ging nun vorbei und traf einen
-Unbeteiligten -- nämlich _mich_. Nur ein Finger abgeschossen.
-
-Der Chefredakteur fuhr hierauf fort auszustreichen und
-dazwischenzuschreiben. Eben war er damit zu Ende, als eine Handgranate
-durch das Ofenrohr herabschoß und den Ofen in tausend Stücke
-zertrümmerte. Sonst richtete sie keinen weitern Schaden an, außer daß
-sich ein Splitter verirrte und mir ein paar Zähne ausschlug.
-
-»Der Ofen wird gar nicht mehr zu gebrauchen sein,« sagte der
-Chefredakteur.
-
-Ich versetzte, das sei auch meine Meinung.
-
-»Na, einerlei -- bei dem Wetter können wir ihn entbehren. Ich kenne den
-Kerl schon, der das gethan hat. Der entgeht mir nicht. -- Hier, sehen
-Sie, in diesem Ton muß man reden, wenn man solche Artikel schreibt.«
-
-Ich nahm das Manuskript, in dem so viel ausgestrichen und eingeschaltet
-war, daß seine eigene Mutter es nicht wiedererkannt haben würde, hätte
-es eine gehabt. Es lautete jetzt folgendermaßen:
-
-
- =Rundschau in der Presse von Tennessee.=
-
- »Die ausbündigen Lügenmäuler vom ›Erdbeben‹ sind offenbar
- beflissen, dem edlen und hochherzigen Volk abermals eine ihrer
- niederträchtigen und gotteslästerlichen Unwahrheiten in betreff
- der erhabensten Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, der
- _Eisenbahn nach Ballyhack_, aufzubinden. Den Gedanken, man
- würde Buzzardville seitwärts liegen lassen, haben sie in ihrem
- eigenen, vermoderten Gehirn ausgeheckt. Wir raten ihnen, die
- Lüge schleunigst hinunterzuwürgen, wenn sie nicht wollen, daß
- man ihrem schlotterigen Knochengerippe die Haut durchgerbt, wie
- sie es verdienen.«
-
- »Der Schafskopf vom ›Donnerkeil und Schlachtruf für Freiheit‹,
- _Blossom aus Higginsville_, ist wieder hier, um sich im Van
- Buren-Haus zu mästen und vollzusaugen.«
-
- »Wir hören, daß der blödsinnige Schurke vom ›Morgengeheul‹
- in Mud-Spring mit seiner gewohnten Fertigkeit im Lügen
- die Nachricht verbreitet, daß _Van Werters Wahl_ nicht
- durchgegangen ist. -- Die Presse hat den heiligen Beruf, die
- Wahrheit zu verbreiten, dem Irrtum zu steuern, zu erziehen,
- zu bilden, die öffentliche Moral und Sitte zu heben und zu
- verfeinern, das Volk sanfter, tugendhafter, wohlthätiger und
- in jeder Beziehung weiser, besser und glücklicher zu machen;
- aber dieser schändliche Halunke entwürdigt sein hohes Amt
- fortgesetzt, indem er Lügen, Verleumdungen, Aufhetzungen und
- Gemeinheiten umherstreut.«
-
- »Blathersville beabsichtigt sich _Nicholsonsches Pflaster_
- anzuschaffen. Ein Gefängnis und ein Armenhaus thäten weit
- eher not. Welcher Wahnsinn -- ein Pflaster in einem lumpigen
- Ort mit zwei Schnapsbrennereien, einer Schmiede und dem
- ›Täglichen Hurra‹, diesem Senfpflaster von einer Zeitung! Das
- alte Kriechtier, der Buckner, welcher das ›Hurra‹ herausgiebt,
- kräht schon seinen gewöhnlichen Blödsinn über das Pflaster in
- die Welt hinaus und bildet sich ein, was er sagt hätte irgend
- welchen Menschenverstand.«
-
-»Sehen Sie, so muß man's machen -- gepfeffert und zur Sache. Von einer
-Schreiberei ohne Kraft und Saft wird mir's ganz übel.«
-
-Währenddem flog ein Ziegelstein durchs Fenster, das krachend
-zersplitterte, und traf mich mit aller Wucht in den Rücken. Ich schob
-meinen Stuhl aus der Schußlinie und begann zu fühlen, daß ich im Wege
-sei.
-
-Der Chef sagte: »Das muß wohl der Oberst sein, den ich schon seit zwei
-Tagen erwarte. Gleich wird er herauf kommen.«
-
-Er irrte sich nicht. Schon im nächsten Augenblick erschien der Oberst
-mit einer Dragonerpistole an der Thür.
-
-»Mein Herr,« sagte er, »habe ich die Ehre, mit dem Prahlhans zu reden,
-der diesen erbärmlichen Plunder verfaßt?«
-
-»Jawohl, mein Herr. Nehmen Sie Platz -- aber vorsichtig, der Stuhl hat
-ein Bein verloren. Ich habe wohl das Vergnügen, das Lügenmaul, Oberst
-Blatherskite Tecumseh bei mir zu sehen?«
-
-»Ganz recht, mein Herr. Wir haben noch ein Hühnchen mit einander zu
-pflücken, und wenn es Ihre Zeit erlaubt, fangen wir gleich an.«
-
-»Ich bin gerade bei einem Artikel über den erfreulichen ›Fortschritt
-der geistigen und moralischen Entwicklung in Amerika‹ -- aber das eilt
-nicht. Nur immer zu!«
-
-Beide Pistolen knallten zu gleicher Zeit los. Die Kugel des Obersten
-raubte dem Chef eine Haarlocke und drang dann in den fleischigen
-Teil meines Schenkels. Dem Oberst war ein Stück der linken Schulter
-weggeschossen. Sie feuerten zum zweitenmal, schossen aber vorbei, nur
-ich erhielt meinen Anteil -- einen Schuß in den Arm. Die dritte Ladung
-verwundete beide Herren leicht und mir ward ein Knöchel angeschossen.
-Hierauf äußerte ich, es käme mir unzart vor, noch länger bei dieser
-Privatangelegenheit zugegen zu sein; ich wolle lieber hinausgehen und
-einen Spaziergang machen. Aber die Herren baten mich sitzen zu bleiben,
-und versicherten, ich sei ihnen durchaus nicht im Wege.
-
-Sie unterhielten sich nun über die Wahlen und den Ausfall der Ernte,
-während sie wieder luden, und ich begab mich daran, meine Wunden zu
-verbinden. Darauf fingen sie von neuem mit Eifer zu feuern an und jeder
-Schuß traf -- doch muß ich bemerken, daß von sechs Kugeln fünf auf
-meine Rechnung kamen. Die sechste brachte dem Obersten eine tödliche
-Wunde bei, worauf er mit seinem Humor bemerkte, er wolle uns jetzt
-einen Guten Morgen wünschen, da er Geschäfte in der Stadt habe. Dann
-fragte er nach der Wohnung des Leichenbesorgers und entfernte sich.
-
-[Illustration]
-
-Der Chefredakteur wendete sich nun zu mir und sagte: »Ich erwarte
-Gäste zu Tische und muß mich jetzt zurecht machen. Sie thun mir wohl
-den Gefallen, unterdessen die Korrektur zu lesen und die Besucher zu
-empfangen.«
-
-Bei dem Gedanken an die Besucher ward mir etwas bange zu Mute; aber
-mir fiel nichts ein, was ich erwidern konnte, so betäubt war ich noch
-von dem Knattern der Pistolenschüsse, das mir fortwährend in den Ohren
-klang.
-
-Er fuhr fort: »Jones wird um drei Uhr hier sein -- walken Sie ihn
-tüchtig durch. Gillespie kommt vielleicht noch früher -- werfen Sie
-ihn zum Fenster hinaus. Ferguson trifft wahrscheinlich gegen vier Uhr
-ein -- schlagen Sie ihn tot. Für heute ist das alles, glaube ich. Wenn
-Sie Zeit übrig haben, schreiben Sie einen fulminanten Artikel gegen
-die Polizei; geben Sie dem Oberinspektor ein paar tüchtige Hiebe. --
-Die Knüttel liegen unter dem Tisch, die Pistolen in der Schublade,
-der Schießbedarf dort in der Ecke, Leinwand und Verbandzeug im Fach
-des Schreibtisches. Wenn Ihnen etwas zustößt, gehen Sie zu Lancet,
-dem Wundarzt, hinunter. Er macht Anzeigen in unserm Blatt und wir
-begleichen die Rechnungen tauschweise.«
-
-Fort war er. Mir schauderte. -- Nach Verlauf von drei Stunden hatte
-ich so entsetzliche Gefahren bestanden, daß alle Seelenruhe und
-Heiterkeit von mir gewichen war. Gillespie hatte sich eingefunden und
-_mich_ aus dem Fenster geworfen; Jones war pünktlich gekommen, als ich
-mich aber anschickte, ihn durchzuwalken, nahm er mir die Arbeit ab.
-Bei dem Zusammenstoß mit einem Unbekannten, der nicht auf der Liste
-stand, hatte ich mein Haar mit samt der Kopfhaut verloren. Ein anderer
-Fremder, der sich Thompson nannte, ließ mich als Trümmerhaufen und
-Lumpenbündel zurück. Zuletzt sah ich mich voll Verzweiflung in einen
-Winkel getrieben und durch eine wütende Rotte von Zeitungsschreibern,
-Gaunern, Politikern und Strolchen belagert, die alle in wilder Raserei
-tobten, fluchten und ihre Waffen über meinem Haupte schwangen,
-bis die ganze Luft von blitzendem Stahle flimmerte. Schon war ich
-im Begriff, meine Stelle bei der Zeitung aufzugeben, als der Chef
-eintrat, begleitet von einer Schar schwärmerischer Freunde und
-Anhänger. Nun entstand ein Auftritt, der jeder Beschreibung spottet,
-ein Blutbad und Gemetzel, das keine Federpose, keine Stahlfeder zu
-schildern vermag. Die Leute wurden erschossen, erdolcht, zerstückt,
-in die Luft gesprengt und aus dem Fenster geworfen. Auf einen kurzen
-Wirbelsturm von entsetzlichen Flüchen folgte noch ein wahnsinniger,
-wirrer Kriegstanz -- und alles war vorüber. Nach fünf Minuten herrschte
-Totenstille; der grimme Chef und ich saßen allein da und überschauten
-die blutigen Trümmer, welche die Diele ringsumher bedeckten.
-
-Er sagte: »Es wird Ihnen hier schon gefallen, wenn Sie sich erst an die
-Stelle gewöhnt haben.«
-
-»Sie werden mich wohl entschuldigen müssen,« entgegnete ich.
-»Vielleicht würde ich es nach einer Weile dahin bringen, daß Ihnen
-meine Schreibweise gefiele; sobald ich die Sprache gelernt hätte,
-könnte es mir bei einiger Uebung wohl nicht fehlen. Aber, offen
-gestanden, hat eine so kräftige Ausdrucksweise auch allerhand Nachteile
-und man wird bei der Arbeit zu häufig unterbrochen. Sie sehen das
-selbst. Eine kernige Schreibart mag viel zur geistigen Förderung der
-Leser beitragen, aber man lenkt dadurch die öffentliche Aufmerksamkeit
-zu sehr auf sich, und das ist mir unbehaglich. Wenn ich so oft
-gestört werde, wie heute, kann ich nicht mit Gemütsruhe schreiben.
-Die Stelle wäre mir sonst ganz angenehm, aber ich mag nicht allein
-im Bureau bleiben, um die Besucher zu empfangen. Ich gestehe zwar,
-daß die Erfahrungen, welche man dabei macht, neu und gewissermaßen
-recht unterhaltend sind, aber es geht doch nicht ganz nach Recht und
-Billigkeit zu. Ein Herr feuert nach Ihnen durch das Fenster und schießt
-mich zum Krüppel; eine Granate platzt zu Ihrem Vergnügen im Ofenrohr
-und die Ofenthür fliegt mir an den Kopf; ein Freund besucht Sie, um
-mit Ihnen Komplimente auszutauschen und sprenkelt mir die Haut mit so
-vielen Kugellöchern, daß sie kaum mehr zusammenhält. Dann, während
-Sie zum Mittagessen gehen, kommt Jones mit seinem Knüttel, Gillespie
-wirft mich aus dem Fenster, Thompson reißt mir die Kleider vom Leibe
-und ein völlig Unbekannter zieht mir mit solcher Unbefangenheit die
-Kopfhaut ab, als wären wir längst mit einander vertraut. Gleich darauf
-kommen noch sämtliche Schurken der Umgegend, erschrecken mich zu Tode
-mit ihren gräßlichen Kriegstänzen und drohen, mir mit ihren Tomahawks
-vollends den Garaus zu machen. Alles in allem habe ich in meinem ganzen
-Leben noch nicht so viele Aufregungen durchgemacht wie heute. Sonst
-habe ich nichts gegen Sie; im Gegenteil, die ruhige Art und Weise, mit
-der Sie den Besuchern Ihre Ansicht auseinandersetzen, gefällt mir;
-aber wie gesagt, mir ist sie ungewohnt. Das Herz der Südländer ist so
-ungestüm, sie sind zu freigebig in ihrer Gastfreundschaft gegen den
-Fremdling. Die Artikel, welche ich heute geschrieben habe und in deren
-kalte Sätze Ihre Meisterhand alle Glut des Zeitungsstils von Tennessee
-hineingegossen hat, werden abermals einen ganzen Hornissenschwarm
-aufstören. Die Redakteure werden sich haufenweise auf uns stürzen
-und vor Hunger jemand zum Frühstück verspeisen wollen. Deshalb sage
-ich Ihnen Lebewohl. Ich wünsche dem Festmahl nicht beizuwohnen.
-Meiner Gesundheit wegen habe ich mich in den Süden begeben -- meiner
-Gesundheit wegen muß ich machen, daß ich wieder fortkomme. Das
-Zeitungswesen in Tennessee ist zu aufregend für mich.«
-
-Hierauf trennten wir uns unter beiderseitigem Bedauern und ich suchte
-mir eine Wohnung im Hospital.
-
-
-Ein Berichterstatterstück.
-
-Jawohl, meine verehrten Herrschaften, zu jener Zeit gab es im Staate
-Nevada betriebsame Zeitungen, das kann ich Sie versichern.
-
-Mein Hauptnebenbuhler in der Presse war Boggs von der ›Union‹, ein ganz
-vorzüglicher Berichterstatter.
-
-Alle drei oder vier Monate betrank er sich einmal ein wenig, aber er
-war im allgemeinen kein unvorsichtiger oder leidenschaftlicher Trinker,
-wenn er sich auch gern dann und wann einen kleinen Spitz holte.
-
-In einer Beziehung hatte er entschieden etwas vor mir voraus; ihm stand
-nämlich stets der monatliche Schulbericht zur Verfügung und mir nicht,
-weil der Direktor der Volksschule mein Blatt, den ›Fortschritt‹, nicht
-leiden konnte.
-
-Um die Zeit, da der Bericht gewöhnlich erschien, machte ich mich einmal
-an einem Winterabend auf, kummervoll überlegend, wie ich ihn mir
-verschaffen solle.
-
-Ich war nur wenige Schritte gegangen, als ich in der fast
-menschenleeren Straße auf Boggs stieß, den ich fragte, wohin er wolle.
-
-»Den Schulbericht holen.«
-
-»Dann komme ich mit.«
-
-»Nicht doch, Verehrtester, das wäre vergebliche Mühe.«
-
-»So -- meinen Sie?«
-
-Eben trug der Kellner der nahen Schenkwirtschaft eine Bowle voll
-dampfenden Punsches an uns vorbei und Boggs sog den Wohlgeruch mit
-gierigen Zügen ein. Sehnsüchtigen Blickes folgte er dem Träger und sah
-ihn die Treppe zum Bureau des ›Fortschritt‹ hinaufsteigen.
-
-»Schade,« sagte ich, »daß Sie mir nicht zu dem Schulbericht verhelfen
-können; da das aber nun einmal unmöglich ist, will ich sehen, ob ich
-nicht in der Redaktion der ›Union‹ einen Abzug bekomme, nachdem der
-Bericht gesetzt ist. Ich glaube es zwar nicht, aber man kann's doch
-versuchen. Gute Nacht!«
-
-»Warten Sie noch einen Augenblick. Meinetwegen will ich den Bericht
-holen und dann eine Weile oben bei den Jungens sitzen bleiben, bis Sie
-ihn abgeschrieben haben. Kommen Sie nur mit zum Direktor.«
-
-»Das nenne ich einmal vernünftig gesprochen. Also vorwärts.«
-
-Wir trabten einige Straßen weiter durch den Schnee, erhielten
-den Bericht und bald war das kurze Schriftstück in unserm Bureau
-abgeschrieben.
-
-Boggs that sich derweil an dem Punsch gütlich.
-
-Nachdem ich ihm das Manuskript zurückgegeben, gingen wir beide wieder
-fort, weil es uns noch an einer Leichenschau fehlte.
-
-Um vier Uhr morgens, als unser Blatt in der Presse war, und wir wie
-gewöhnlich zur Erholung ein Konzert veranstalteten -- denn einige von
-den Setzern waren gute Sänger, andere spielten hübsch die Guitarre und
-das gräßliche Instrument: die Ziehharmonika, -- kam der Besitzer der
-›Union‹ mit großen Schritten herein und fragte, ob wir nicht wüßten,
-was aus Boggs und dem Schulbericht geworden sei.
-
-Wir teilten ihm den Sachverhalt mit und rückten dann alle aus, um nach
-dem Missethäter zu suchen.
-
-In einer Schenkstube fanden wir ihn, mit einer alten Blechlaterne in
-der einen Hand und dem Schulbericht in der andern, auf dem Tische
-stehen und einem Haufen ›angeheiterter‹ Bergleute eine Rede darüber
-halten, wie gottlos und ungerecht es sei, die öffentlichen Gelder für
-Volksunterricht zu verschleudern, während Hunderte von Arbeitern, die
-sich's redlich sauer werden ließen, buchstäblich wegen Mangels an
-Whiskey verdursten müßten.
-
-Er hatte diesen Leuten stundenlang bei einer herrlichen Kneiperei
-Gesellschaft geleistet.
-
-Wir schleppten ihn fort und brachten ihn zu Bette.
-
-[Illustration]
-
-Natürlich konnte der Schulbericht in der ›Union‹ nicht erscheinen und
-Boggs machte mich dafür verantwortlich, obwohl ich doch weder gewünscht
-noch beabsichtigt hatte, dies zu veranlassen und es mir von Herzen leid
-that, daß ihm jenes Mißgeschick zugestoßen war.
-
-Aber wir blieben trotzdem auf ganz freundschaftlichem Fuße.
-
-An dem Tage, als der Schulbericht abermals fällig war, schickte uns
-der Eigentümer des Tennessee-Bergwerks einen Einspänner mit der Bitte,
-dorthin zu fahren, sein Besitztum in Augenschein zu nehmen und es in
-der Zeitung zu besprechen -- kein ungewöhnliches Verlangen und eins,
-dem wir immer mit Vergnügen nachkamen, wenn uns dazu ein Einspänner
-geliefert wurde, denn wir machten ebenso gern Spazierfahrten als andere
-Leute.
-
-In das ›Bergwerk‹, ein 90 Fuß tiefes Loch im Boden, konnte man nur
-gelangen, wenn man sich an einem Tau festhielt und mittelst einer Winde
-herabgelassen wurde.
-
-Die Arbeiter mußten wohl gerade irgend wohin zum Essen gegangen sein.
-
-Ich war nicht stark genug, um einen Menschen von Boggs' Körpergewicht
-hinabzuwinden, so nahm ich denn eine unangezündete Kerze zwischen die
-Zähne, machte in das Ende des Taues eine Schlinge für meinen Fuß, bat
-Boggs die Winde festzuhalten, auch ja nicht einzuschlafen und schwang
-mich hinaus über den Schacht.
-
-Ich erreichte den Boden desselben wohlbehalten, wenn auch etwas
-schmutzig und mit geschundenen Ellenbogen, zündete die Kerze an,
-untersuchte die Felswand, steckte verschiedene Proben des Gesteins in
-die Tasche und rief dann Boggs zu, mich wieder hinauf zu ziehen.
-
-Keine Antwort.
-
-Bald darauf erschien oben in der Rundung ein Kopf, vom Tageslicht
-beleuchtet, und eine Stimme schallte herab:
-
-»Sind Sie ganz fertig?«
-
-»Jawohl -- winden Sie nur tapfer zu.«
-
-»Ihnen ist doch nicht unbehaglich zu Mute?«
-
-»Gar nicht.«
-
-»Könnten Sie vielleicht ein Weilchen warten?«
-
-»O ja -- ich habe keine besondere Eile.«
-
-»Nun -- dann leben Sie wohl!«
-
-»Wie so? -- wo wollen Sie hin?«
-
-»Den Schulbericht holen.«
-
-Das that er denn auch.
-
-Ich blieb eine Stunde da unten und setzte die Bergleute sehr in
-Erstaunen, als sie beim Aufwinden statt eines Kübels voll Steine einen
-Menschen am Tau hängen fanden. Dann begab ich mich nach Hause, fünf
-Meilen weit, zu Fuß und bergan.
-
-Am nächsten Morgen fehlte bei uns der Schulbericht -- aber die ›Union‹
-brachte ihn.
-
-
-
-
-Allgemeine Antwort an Schriftsteller oder solche, die es werden wollen.
-
-
-Wenn jemand die Redaktion einer Zeitung oder eines Journals übernimmt,
-so schicken ihm allerhand Leute, die sich der Schriftstellerei
-befleißigen, sofort ihre Manuskripte zu und bitten ihn um sein Urteil
-über ihre Erzeugnisse. Nachdem er in acht bis zehn Fällen diesem
-Verlangen entsprochen hat, nimmt er schließlich seine Zuflucht zu
-einer allgemeinen Predigt, die er in sein Blatt einrückt, um allen
-spätern _Briefstellern_ kund zu thun, daß dies ein für allemal seine
-Antwort ist. Auf dieser Stufe meiner litterarischen Laufbahn bin ich
-jetzt auch angelangt; ich höre auf, denen, die sich bei mir Rat holen
-wollen, privatim zu schreiben und mache mich an die Ausarbeitung meiner
-öffentlichen Predigt.
-
-Da die betreffenden Zuschriften alle denselben Inhalt haben und
-nur dem Wortlaut nach verschieden sind, so lasse ich hier als
-Durchschnittsbeispiel den letzten Brief folgen, welchen ich erhalten
-habe:
-
- »An Herrn Mark Twain, Wohlgeboren.
-
- Den 3. Oktober.
-
- Geehrter Herr!
-
- Ich bin ein junger Mann, der eben die Schule verlassen hat und
- im Begriff steht, ins Leben einzutreten. Wohin ich aber auch
- sehe, finde ich keine Beschäftigung, die mir so recht gefällt.
- Ist das Schriftstellerleben leicht und einträglich, oder ist
- es wirklich ein so saures Brot, wie man immer sagt? Es _muß_
- doch bequemer sein als viele, ja als die meisten Berufsarten;
- mich drängt es unwiderstehlich, mich darauf zu werfen. Mag
- es biegen oder brechen, ich will mein Glück damit versuchen,
- will schwimmen oder untersinken, triumphieren oder erliegen.
- Wie hat man es denn aber anzufangen, wenn es einem in der
- Litteratur glücken soll? -- Fürchten Sie sich ja nicht, mir
- die Sache genau so darzustellen, wie sie ist. Im schlimmsten
- Fall würde mein Vorhaben eben mißlingen, und davor ist man
- doch niemals geschützt. Ich habe an die juristische Laufbahn
- gedacht, auch an fünf oder sechs andere Berufsarten, aber
- überall fand ich die gleichen Uebelstände, -- alles überfüllt,
- vollgepfropft, immer mehr Angebot als Nachfrage, der Erfolg
- ein Ding der Unmöglichkeit, weil es viel zu viele Hände giebt
- und zu wenig Arbeit. Aber ich _muß_ etwas ergreifen, und da
- suche ich denn mein Heil bei der Litteratur. Eine innere
- Stimme sagt mir, daß dies das rechte Feld für meine Begabung
- ist, wenn ich überhaupt Talent dazu habe. Ich lege einige
- Proben bei. Bitte, lesen Sie dieselben und teilen Sie mir Ihre
- aufrichtige, unparteiische Meinung mit. Und dann noch eins --
- ich bedaure, Ihnen beschwerlich fallen zu müssen, aber erinnern
- Sie sich daran, daß Sie selbst einmal ein junger Anfänger
- gewesen sind und verschaffen Sie mir Arbeit für eine Zeitung.
- Sie stehen mit vielen Redaktionen in Verbindung und ich bin
- gänzlich unbekannt. Auch bitte ich Sie, mir möglichst günstige
- Bedingungen auszuwirken; ich weiß wohl, daß ich zuerst nicht
- auf hohe Bezahlung rechnen kann, aber, wie viel meinen Sie, daß
- man für Artikel wie die beifolgenden ungefähr fordern könnte?
- Ich habe noch eine Menge dergleichen in meiner Mappe; wenn Sie
- diese unterbringen und es mich wissen lassen, kann ich Ihnen
- andere schicken, die ganz ebenso gut, vielleicht sogar besser
- sind.
-
- Einer baldigen Antwort u. s. w.
-
- Ihr ergebener u. s. w.«
-
-Ich will Ihnen offen und ehrlich antworten. Ob, was ich zu sagen habe,
-von großem Werte für Sie sein wird, oder ob Sie finden werden, daß es
-sich der Mühe lohnt, meine Ratschläge zu befolgen, sind Dinge, deren
-Entscheidung ich mit Freuden Ihrem eigenen Urteil überlasse.
-
-Zunächst enthielt Ihr Brief mehrere Fragen, die jeder nur nach eigener
-Lebenserfahrung endgültig beantworten kann. Diese Fragen übergehe ich
-einfach und erwidere Ihnen Folgendes:
-
-1. Daß die Litteratur, das geistliche Amt, die Medizin, die
-Jurisprudenz und alle andern Berufsarten ins Stocken geraten sind und
-nicht die erwünschten Fortschritte machen, daran ist nicht Mangel an
-Arbeit schuld, sondern Mangel an Arbeitskräften. Wenn jemand Ihnen
-das Gegenteil versichert, so sagt er eine Unwahrheit. Wollen Sie
-prüfen, ob meine Behauptung richtig ist, so versuchen Sie doch einmal,
-einen Redakteur, Berichterstatter, Verwalter, Werkführer, Handwerker,
-Gewerbebeflissenen oder Künstler, der in seinem Fach Hervorragendes
-leistet, für irgend eine Arbeit zu gewinnen! Sie werden finden, daß
-der Mann schon eine Stelle hat und überreichlich beschäftigt ist. Er
-ist nüchtern, fleißig, tüchtig und zuverlässig und die Nachfrage nach
-ihm hört nicht auf. Keinen Tag hat er frei, außer durch besondere
-Berücksichtigung von seiten seines Arbeitgebers, der städtischen
-Verwaltung oder des Publikums im allgemeinen. Können Sie aber Faulenzer
-brauchen, Tagediebe, Halbgebildete, Leute ohne Ehrgeiz, leichtsinnige
-oder bequeme Redakteure, Berichterstatter, Anwälte, Aerzte und
-Handwerker, so wenden Sie sich wohin Sie wollen. Von _der_ Sorte sind
-Millionen zu haben, man findet sie überall und braucht nur die Hand
-auszustrecken.
-
-2. Ich werde mich wohl hüten, über den litterarischen Wert Ihrer
-Erzeugnisse eine Meinung abzugeben. Das Publikum ist der einzige
-Kritiker, dessen Urteil überhaupt etwas gilt. Sie brauchen mir das
-nicht aufs Wort zu glauben; denken Sie nur einmal einen Augenblick
-darüber nach und entscheiden Sie selbst. Hätten z. B. Sylvanus Cobb
-oder T. S. Arthur Ihnen ihre Erstlings-Manuskripte unterbreitet,
-so würden Sie mit Thränen in den Augen gesagt haben: Nein, bitte,
-schreiben Sie nichts mehr! -- Und Sie sehen doch, wie beliebt ihre
-Sachen sind. Wäre es Ihnen überlassen worden, Sie hätten vielleicht
-gesagt, der ›Marmorfaun‹ sei langweilig und das ›Verlorene Paradies‹
-nicht erheiternd genug; aber beide haben guten Absatz, wie Sie wohl
-wissen. Viele Leute, die klüger und besser waren als Sie, haben vor
-kaum zwei Jahrhunderten geringschätzig von Shakespeare gesprochen,
-der alte Herr hat sie indessen alle überlebt. Darum will und kann
-ich nicht über Ihre Schriftstellerei zu Gericht sitzen. Wenn ich Sie
-nach bestem Wissen und Gewissen lobte, könnte ich dem Publikum auf
-die Dauer die entsetzlichste Langeweile aufbürden; wenn ich Sie nach
-bestem Wissen und Gewissen für unbrauchbar erklärte, würde ich der Welt
-möglicherweise einen noch unerkannten und unentwickelten Dickens oder
-Shakespeare rauben.
-
-3. Ich schrecke vor der Aufgabe zurück, Ihnen schriftstellerische
-Arbeiten zu verschaffen, für welche Sie Honorar beanspruchen. Sobald
-Ihre Leistungen selbst den Beweis geliefert haben, daß sie wirklich
-wertvoll sind, werden Sie nie mehr herumzugehen brauchen, um nach
-litterarischer Beschäftigung zu suchen. Sie werden alle Hände voll zu
-thun bekommen und mehr Grütze im Kopf nötig haben, als Ihnen vielleicht
-jemals zur Verfügung steht, um nur die Hälfte der Arbeit zu verrichten,
-die man Ihnen antragen wird. Will der angehende Schriftsteller den
-Beweis beibringen, daß er wirklich etwas Gutes zu leisten vermag, so
-weiß ich ein ganz einfaches Mittel, ein vollkommen sicheres Verfahren,
-um diesen Zweck zu erreichen: er schreibe so lange ohne Bezahlung,
-bis ihm jemand Honorar anbietet. Wird ihm im Lauf von drei Jahren
-kein Honorar angeboten, so darf er dies mit vollem Vertrauen als ein
-Zeichen betrachten, daß ihn die Natur zum Holzhacker bestimmt hat.
-Wenn er auch nur ein Körnchen Weisheit besitzt, wird er sich mit Würde
-zurückziehen und den ihm vom Himmel verordneten Beruf ergreifen.
-
- * * * * *
-
-Ein Verfahren, wie ich es hier schildere, haben Leute wie Charles
-Dickens und andere hervorragende Schriftsteller befolgen müssen; aber
-meinem Klienten wird es schwerlich zusagen. Der junge, angehende
-Litterat ist ein sehr, sehr sonderbares Geschöpf. Er weiß, daß, wenn
-er Klempner werden wollte, der Meister von ihm ein Zeugnis über sein
-seitheriges sittliches Betragen verlangen und ihm das Versprechen
-abfordern würde, wenigstens drei -- vielleicht sogar vier Jahre -- bei
-ihm in der Lehre zu bleiben. Er müßte im ersten Jahre die Werkstatt
-fegen, Wasser holen, Feuer anzünden und in der Pause lernen, wie
-man die Oefen schwärzt. Zum Lohn für alle diese Dienste erhielte
-er seine Kost und zwei billige Anzüge. Im zweiten Jahre käme die
-Unterweisung im Handwerk an die Reihe, und als Wochenlohn würde ihm
-ein Dollar ausgezahlt, im dritten Jahr zwei, im vierten drei Dollars.
-Als ausgelernter Klempner könnte er dann wöchentlich fünfzehn bis
-zwanzig, vielleicht auch dreißig Dollars verdienen; zu einem Wochenlohn
-von fünfundsiebzig Dollars würde er es aber niemals bringen. Bei
-jedem andern Handwerk, für das er sich entscheidet, muß er dieselbe
-langwierige und schlecht bezahlte Lehrlingszeit durchmachen. Advokat
-oder Doktor zu werden ist aber noch hundertmal schwerer, denn da erhält
-er nicht nur während der ganzen Lehrzeit keinen Lohn, sondern er hat
-noch eine große Summe für seinen Unterricht zu bezahlen und genießt das
-Vorrecht, sich selbst beköstigen und kleiden zu dürfen.
-
-Das alles weiß der angehende Litterat und hat doch die Dreistigkeit
-sich zur Aufnahme in die Schriftstellergilde zu melden und seinen
-Teil von ihren hohen Ehren und Einkünften zu verlangen, ohne zur
-Rechtfertigung für seine Anmaßung auch nur eine zwölfmonatliche
-Lehrzeit nachweisen zu können. Er würde nur unschuldsvoll lächeln,
-wollte man ihm zumuten, ohne vorherige Anweisung selbst das einfachste
-kleine Blechnäpfchen anzufertigen. Aber, ohne Kenntnis der Grammatik,
-phrasenhaft, weitschweifig und mit den verschrobenen Begriffen von
-Welt und Menschen, die er sich auf irgend einem Neste im Hinterwald
-angeeignet hat, getraut sich der unwissende Gelbschnabel, die
-Feder, diese gefährliche Waffe, zur Hand zu nehmen, um damit die
-gewaltigen Mächte, Handel, Finanzen, Krieg und Politik aufs Geratewohl
-anzugreifen. Wenn es nicht so traurig wäre, würde es einfach lächerlich
-sein. Der arme Junge wagt sich ohne bestandene Lehrzeit nicht in die
-Klempnerwerkstatt hinein, aber er scheut sich nicht, mit ungeübter
-Hand ein Werkzeug zu ergreifen und zu führen, welches Königsthrone zu
-stürzen, Religionen zu ändern und das Wohl oder Wehe ganzer Völker zu
-entscheiden vermag.
-
-Wenn der Verfasser jenes Briefes für die Zeitungen, die in der
-Nachbarschaft seines Wohnorts erscheinen, unentgeltlich schreiben will,
-so ist hundert gegen eins zu wetten, daß er so viele Aufträge erhält,
-als er unter dieser Bedingung nur irgend übernehmen kann. -- Stellt
-sich dann heraus, daß seine Schreibereien wirklich etwas wert sind, so
-finden sich sicherlich eine Menge Leute, die ihm Geld dafür anbieten.
-
-Zum Schluß will ich ihm als ernste und wohlgemeinte Ermutigung noch
-einmal die Thatsache zu Gemüte führen, daß annehmbare und lesenswerte
-Schriftsteller höchst selten sind. Sowohl Buchhändler als Herausgeber
-von Zeitungen suchen unablässig nach ihnen und zwar mit solchem Eifer,
-daß sie sich bei dem Geschäft keinen Augenblick Rast oder Ruhe gönnen.
-
-
-
-
-Antworten auf Zuschriften.
-
-
-I.
-
-An einen Moral-Statistiker.
-
-Behalten Sie Ihre statistischen Notizen ein andermal für sich! Ich habe
-das ganze Bündel genommen und mir die Pfeife damit angezündet. Leute
-von Ihrem Schlage sind mir verhaßt. Sie rechnen fortwährend aus, wie
-sehr ein Mensch seiner Gesundheit schadet, wie sehr er seine Denkkraft
-schwächt und wie viele elende Dollars und Cents er vergeudet, wenn er
-sich zweiundneunzig Jahre lang den verderblichen Genuß des Rauchens
-gestattet, der ebenso verderblichen Gewohnheit des Kaffeetrinkens
-fröhnt, gelegentlich eine Partie Billard spielt, bei Tische ein Glas
-Wein trinkt u. s. w. u. s. w. Und Sie zählen sich immer an den Fingern
-her, wie viele Frauen der gefährlichen Mode, weite Reifröcke zu tragen,
-zum Opfer gefallen und verbrannt sind u. s. w.
-
-Immer sehen Sie nur die _eine_ Seite der Frage. Sie sind blind gegen
-die Thatsache, daß die meisten alten Männer in Amerika rauchen und
-Kaffee trinken, obgleich sie nach Ihrer Theorie alle jung gestorben
-sein sollten, daß rüstige alte Engländer Wein trinken und am Leben
-bleiben, daß dicke alte Holländer sowohl tüchtig trinken als rauchen
-und doch die ganze Zeit über nur immer älter und wohlbeleibter
-werden. Auch kümmern Sie sich nie darum, wie viel Behagen, Erholung
-und Vergnügen der Mensch im Lauf seines Lebens vom Rauchen hat (was
-zehnmal soviel wert ist als das Geld, welches er sparen würde, wenn er
-es bleiben ließe), und fragen gar nicht danach, was für eine ungeheure
-Menge von Wohlsein dem Menschen in seiner Lebenszeit verloren geht,
-wenn er, -- wie Ihresgleichen -- nicht raucht.
-
-Natürlich können Sie Geld sparen, wenn Sie sich fünfzig Jahre lang jene
-kleinen lasterhaften Genüsse versagen, aber was wird Ihnen das nützen,
-wozu können Sie das Geld gebrauchen? Es kann Ihre arme sündhafte
-Seele doch nicht ewig selig machen. Nützlich verwendet wird das Geld
-nur, wenn es uns in diesem Leben Genuß und Behagen verschafft; für
-Sie, der Sie ein abgesagter Feind von Genuß und Behagen sind, hat es
-daher keinerlei Zweck, Schätze aufzuhäufen. Sagen Sie nur nicht, Sie
-fänden es besser, das Geld für gute, gesunde Speisen auszugeben, Werke
-der Barmherzigkeit zu thun und sich an Traktätchen-Gesellschaften
-zu beteiligen. Sie wissen recht gut, daß Leute von Ihrer Sorte, die
-keine kleinen menschlichen Schwächen haben, nie einen Cent verschenken
-und sich die Nahrung so knapp zumessen, daß sie immer hohlwangig und
-hungrig aussehen. Sie getrauen sich ja bei Tage kaum zu lachen, aus
-Furcht, irgend ein armer Teufel, der Sie bei guter Laune sieht, möchte
-den Versuch machen, Ihnen einen Dollar abzuborgen. In der Kirche
-liegen Sie auf den Knieen und vergraben Ihr Gesicht in das Kissen,
-wenn der Klingelbeutel herankommt, und dem Steuerbeamten geben Sie nie
-den vollen Betrag Ihres Einkommens an. Das alles wissen Sie recht gut
-selber, nicht wahr? -- Nun also -- wozu sollten Sie Ihr erbärmliches
-Leben bis in ein armseliges, welkes Alter ausdehnen? Was nützt es
-Ihnen, Geld zusammenzuscharren, das doch völlig wertlos für Sie ist?
-Kurz und gut, warum legen Sie sich nicht lieber hin und sterben,
-anstatt fort und fort den Versuch zu machen, andere Leute mit Ihrer
-abscheulichen Moralstatistik zu verführen, ebenso ›tugendhaft‹ und
-unausstehlich zu werden wie Sie? Ich für meine Person billige die
-Verschwendung nicht und treibe selbst keine; aber ich hege das größte
-Mißtrauen gegen einen Menschen, der gar keine kleinen Schwächen hat und
-wünsche deshalb nichts mehr von Ihnen zu hören.
-
-
-II.
-
-An einen jungen Schriftsteller.
-
-Jawohl, Agassiz empfiehlt den Schriftstellern Fische zu essen, weil
-ihr Phosphorgehalt Gehirn erzeugt. Insofern haben Sie ganz recht.
-Aber zu einer Entscheidung der Frage, wieviel Sie davon essen müssen,
-kann ich Ihnen nicht verhelfen -- wenigstens nicht mit Sicherheit.
-Wenn der Probeaufsatz, den Sie einschicken, dem entspricht, was Sie
-im Durchschnitt leisten können, so sollte ich denken, daß für jetzt
-ein paar Walfische genügen würden. Es brauchten nicht gerade die
-allergrößten Walfische zu sein, sondern eine gute, gesunde Mittelsorte.
-
-
-III.
-
-An einen verschmähten Liebhaber.
-
-Herr Higgins in Los Angeles schreibt mir: »Mein Leben ist verfehlt. Ich
-habe sie bis zum Wahnsinn geliebt und angebetet; sie aber hat sich kalt
-von mir abgewendet und ihr Herz einem andern geschenkt. Raten Sie mir,
-was soll ich thun?«
-
-_Antwort._ Schenken Sie Ihr Herz auch einer andern -- oder mehreren,
-wenn genug zu haben sind. Thun Sie auch alles, was in Ihrer Macht
-steht, um Ihre frühere Flamme unglücklich zu machen. In Romanen findet
-man die abgeschmackte Vorstellung verbreitet, daß ein verschmähter
-Liebhaber sich um so glücklicher fühlt, je glücklicher seine Geliebte
-mit einem andern ist. Glauben Sie nur ja nicht an solchen Unsinn.
-Je mehr das Mädchen Ursache hat zu beklagen, daß es nicht Ihre Frau
-geworden ist, um so behaglicher wird Ihnen dabei zu Mute sein. Das
-klingt nicht poetisch, ist aber eine höchst vernünftige Regel.
-
-
-IV.
-
-An Arthur Augustus.
-
-Nein, da haben Sie unrecht. Das ist wohl die Art, wie man einen
-Pflasterstein oder einen Tomahawk schleudert, aber für einen
-Blumenstrauß eignet sie sich weniger; Sie könnten dabei leicht einmal
-jemand Schaden anthun. Einen Strauß hält man mit den Blumen nach
-unten, faßt ihn bei den Stengeln und wirft ihn dann im Bogen. Haben
-Sie je mit der Wurfscheibe gespielt? Gerade so muß man's machen. Die
-Sitte, ungeheuere massive Bouquets von der Größe und Schwere eines
-preisgekrönten Kohlkopfs aus den schwindelnden Höhen der Galerie
-hinabzuwerfen, ist höchst gefährlich und tadelnswert. Wissen Sie, was
-vorgestern abend in der Musikakademie geschehen ist? -- Eben hatte
-die Signorina das wundervolle Lied ›Des Sommers letzte Rose‹ zu Ende
-gesungen, da kam ein solcher Schmiedehammer aus dem Blumengeschlecht
-durch die mit Beifallssturm erfüllte Luft herniedergesaust. Hätte sie
-nicht eine schnelle Wendung nach rechts gemacht, so würde er sie wie
-einen Schindelnagel in die Bretter der Bühne hineingehämmert haben.
-Natürlich wurde der Strauß in guter Absicht geworfen, aber hätten Sie
-etwa die Zielscheibe sein mögen? Glauben Sie mir -- eine aufrichtig
-gemeinte Artigkeit wird von einer Dame stets dankbar empfunden, so
-lange man nicht versucht, sie damit zu Boden zu schmettern.
-
-
-V.
-
-Einer jungen Mutter.
-
-Sie denken also, ein kleines Kind sei allezeit ein Ausbund von
-Schönheit und eine Quelle ewiger Freude? Die Idee ist zwar ansprechend,
-aber wie mir scheint nicht ganz neu. Jede Kuh denkt dasselbe von ihrem
-Kalbe. Vielleicht denkt es die Kuh auf weniger anmutige Art, aber
-sie denkt es doch und ich rechne es der Kuh zur Ehre an. Wir alle
-schätzen dieses rührende mütterliche Gefühl, wo wir es auch finden,
-sei es im Hause der Pracht und des Reichtums oder im niedern Kuhstall.
-Aber wirklich, verehrte Frau, genau betrachtet, finde ich, daß Ihre
-Behauptung sich nicht in allen Fällen als stichhaltig erweist. Man kann
-ein schmutziges Kind, dem nicht rechtzeitig die Nase geputzt wird,
-nicht mit gutem Gewissen für einen Ausbund von Schönheit erklären, und
-da das früheste Kindesalter höchstens drei kurze Jahre umfaßt, kann
-ein kleines Kind unmöglich eine ›ewige‹ Freude sein. Es schmerzt mich,
-daß ich genötigt bin, zwei Drittteile Ihres schönen Ausspruchs mit
-einem einzigen Satz zu vernichten, aber bei meiner verantwortlichen
-Stellung als Redakteur darf ich Ihnen nicht gestatten, das Publikum mit
-wohlklingenden Redensarten zu täuschen und in die Irre zu führen.
-
-Ich kenne ein kleines Kind weiblichen Geschlechts in dieser Stadt,
-das achtzehn Monate alt ist und außer stande vierundzwanzig Stunden
-hintereinander eine Quelle der Freude zu sein -- von ›ewig‹ gar nicht
-zu reden! Es ergeht sich in den merkwürdigsten Absonderlichkeiten und
-besitzt einen Appetit, wie er mir noch nicht vorgekommen ist. Ich will
-hier aufzählen, was dieses Kind an einem einzigen Tage sich alles
-ganz allein ausgedacht, vorgenommen und ausgeführt hat, ohne Anraten
-und Hilfe seiner Mutter oder einer andern Person. Auch bemerke ich,
-daß sich meine sämtlichen Angaben durch beschworene Zeugenaussagen
-bestätigen lassen.
-
-Das Kind begann damit, ein Dutzend große Pillen samt der Schachtel
-zu verzehren, dann fiel es die Treppe hinunter und stand mit einer
-dicken blauroten Beule an der Stirn wieder auf, um sich sofort
-nach anderer Unterhaltung und Zerstreuung umzusehen. Es fand eine
-Glasbrosche mit Messingverzierung, zerbrach erst das Glas, verspeiste
-es und verschluckte dann das Messing. Hierauf trank es wohl ein
-Dutzend Eßlöffel voll starken Kampferspiritus und etwa zwanzig Tropfen
-Laudanum; wäre mehr dagewesen, es hätte noch mehr getrunken. Dann
-legte es sich auf den Rücken und steckte sich einen Spazierstock
-mit silbernem Knopf vier bis fünf Zoll weit in den Hals hinab, wo
-er so fest saß, daß die Mutter die größte Mühe hatte, ihn wieder
-herauszuziehen, ohne ein Stück von dem Kinde selbst mit herauszureißen.
-Dann verspürte es wieder Hunger nach Glas, brach ein paar Weingläser
-entzwei und begann die Scherben zu verzehren; daß es sich dabei
-verschiedene Male schnitt, machte ihm nichts aus. Ferner aß es eine
-Menge Butter, Salz, Pfeffer und Zündhölzchen; immer abwechselnd einen
-Löffel voll Butter, einen voll Salz, einen voll Pfeffer und drei
-oder vier Hölzchen. Nun wusch es sich den Kopf mit Seife und Wasser,
-aß die übrige Seife auf und trank soviel von dem Seifwasser, als
-es unterbringen konnte. Darauf spazierte es hinaus, faßte die Kuh
-vertraulich am Schwanz und erhielt von derselben einen Schlag mit dem
-Huf, daß es einen Purzelbaum schoß. Wenn diese ›Quelle der Freude‹ im
-Lauf des Tages gerade nichts anderes vorhatte, vertrieb sie sich die
-Zeit damit, auf Stühle und Tische zu klettern, herabzufallen und sich
-regelmäßig dabei weh zu thun. Trotz ihrer Jugend kann sie einzelne
-Wörter schon ganz deutlich aussprechen und da sie auch in anderer
-Hinsicht nicht hinter dem Berge hält, sondern dreist auf alles losgeht,
-eröffnet sie die Unterhaltung mit jedem Fremden, sei er männlichen oder
-weiblichen Geschlechts mit derselben Formel: »Wie geht's Jim?«
-
-[Illustration]
-
-Da ich mit den Eigenheiten der Kinder im allgemeinen nicht vertraut
-bin, habe ich vielleicht Dinge als etwas Außergewöhnliches geschildert,
-die jedem, der in der Kinderstube Bescheid weiß, höchst alltäglich
-erscheinen. Indessen kann ich doch nicht glauben, daß dies wirklich
-der Fall ist, und wiederhole daher nochmals, daß mein Bericht über die
-Thaten dieses Kindes vollkommen mit der Wahrheit übereinstimmt; sollte
-irgend jemand hieran zweifeln, so kann ich ihm das Mädchen vorführen.
-Ich will mich auch dafür verbürgen, daß es alles verschlingen wird,
-was man ihm giebt (einen Amboß möchte ich allenfalls ausnehmen), und
-überall hinunterfallen, wo man es hinsetzt.
-
-Aber ich sehe, daß ich zu weit von meinem Gegenstand abschweife,
-deshalb will ich nur noch einmal die Ueberzeugung aussprechen, daß
-nicht jedes kleine Kind ein Ausbund von Schönheit und eine Quelle
-ewiger Freude ist.
-
-
-VI.
-
-An einen gelehrten Fragesteller.
-
-Ein Arithmetikus aus Virginia in Nevada schreibt: »Ich studiere mit
-Begeisterung Mathematik und finde es recht verdrießlich, daß mein
-Fortschritt unaufhörlich durch geheimnisvolle, technische Ausdrücke der
-Gelehrten gehemmt wird. Wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, worin
-der Unterschied zwischen Geometrie und Conchologie besteht?«
-
-_Antwort_: Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihren arithmetischen Rätseln,
-mir ist der Kopf ohnehin von einem Schnupfen eingenommen, der mich
-halb tot macht. Hätten Sie den Ausdruck von Hohn sehen können, der
-noch vor einem Augenblick meine Gesichtszüge verdüsterte und sofort
-vom Mittelpunkt aus durch mein letztes Niesen nach allen Seiten hin
-gesprengt wurde, wie ein zersplittertes Spiegelglas, Sie würden diese
-schimpfliche Frage schwerlich niedergeschrieben haben.
-
-Die Conchologie ist eine Wissenschaft, die nichts mit der Mathematik zu
-thun hat; sie bezieht sich einzig und allein auf Schaltiere. Damit soll
-aber nicht gesagt sein, daß ein Mann, welcher Austerschalen für ein
-Gasthaus öffnet, oder sich einer Wageschale bedient, Schalen mit Milch
-füllt, oder Eierschalen ausbläst, ein Student der Conchologie ist --
-diese feine sarkastische Bemerkung wird an einer so hohlen Hirnschale
-wie die Ihrige wohl verschwendet sein. Nun vergleichen Sie einmal
-die Conchologie und die Geometrie mit einander, da werden Sie sehen,
-was der Unterschied ist und die Antwort auf Ihre Frage finden. Aber
-martern Sie mich nicht wieder mit Ihren arithmetischen Greueln, bis Sie
-hören, daß ich meinen Schnupfen losgeworden bin. Mich erfüllt in diesem
-Augenblick der bitterste Haß gegen Sie, weil Sie mich auf solche
-Weise nörgeln und quälen, während ich vor Wut nur niesen und meine
-Taschentücher zu Atomen zerschnauben kann. Seien Sie froh, daß Sie
-nicht im Bereich meiner Nase sind. Es wäre mir eine wahre Genugthuung,
-Sie mit einem kolossalen Nieser in alle Winde zu blasen.
-
-
-
-
-Kandidatenfreuden.
-
-
-Vor ein paar Monaten wurde ich im großen Staate New York von der Partei
-der Unabhängigen als Kandidat für den Gouverneursposten aufgestellt.
-Meine Gegenkandidaten waren John T. Smith und Blank J. Blank. Diesen
-Herren gegenüber glaubte ich erheblich im Vorteil zu sein -- ich
-erfreute mich nämlich eines guten Rufes. Wenn sie aber -- das konnte
-man leicht aus den Zeitungen ersehen -- je gewußt hatten, was es heißt,
-einen fleckenlosen Namen zu tragen, so war diese Zeit längst vorüber.
-Offenbar hatten sie sich in den letzten Jahren mit den schändlichsten
-Verbrechen ganz vertraut gemacht. Aber während ich mich noch insgeheim
-an dem Bewußtsein meiner Ueberlegenheit ergötzte, lauerte schon ein
-trübes Unbehagen im Hintergrunde meiner Seele und nagte an den Wurzeln
-meines Glücks. Mich quälte der Gedanke, daß nun mein Name fortwährend
-in Verbindung mit demjenigen solcher Menschen genannt werden würde.
-Meine Unruhe darüber wuchs von Tag zu Tage. Endlich schrieb ich es
-meiner Großmutter. Ihre Antwort traf ein und lautete sehr bestimmt wie
-folgt:
-
-»Du hast nie in deinem Leben das geringste gethan, dessen du dich zu
-schämen brauchtest, nicht das geringste. Nun wirf einen Blick in die
-Zeitungen, lies und erkenne, was für Charaktere die Herren Smith und
-Blank sind und dann prüfe dich, ob du willens bist, dich so weit zu
-erniedrigen, daß du mit ihnen den öffentlichen Wettbewerb um ein Amt
-aufnimmst.«
-
-[Illustration]
-
-Mir ganz aus der Seele gesprochen! Ich verbrachte eine schlaflose
-Nacht; aber wie ich's mir auch überlegte, zurücktreten konnte ich nicht
-mehr, ich war meinen Wählern gegenüber gebunden und mußte den Kampf
-fortsetzen. Als ich beim Frühstück mechanisch die Zeitung überblickte,
-stieß ich auf den folgenden Artikel, und, ehrlich gestanden, hat mich
-noch nie im Leben etwas dermaßen verblüfft:
-
-»_Meineid._ -- Da nun Herr M. Twain öffentlich als Kandidat für
-den Gouverneursposten auftritt, wird er sich vielleicht zu einer
-Erklärung herbeilassen, wie es kam, daß er im Jahre 1863 zu Wakawak
-in Cochinchina von vierunddreißig Zeugen des Meineids überführt
-wurde. Der Zweck dieses Meineids war, eine arme eingeborene Witwe
-und ihre hilflosen Kinder der elenden kleinen Bananenpflanzung zu
-berauben, welche ihnen in ihrer Not und Verlassenheit allein Nahrung
-und Unterhalt gewährte. Herr Twain ist es sich selbst und dem großen
-Volke schuldig, um dessen Stimmen er sich bewirbt, diese Angelegenheit
-aufzuklären. Wird er es thun?« --
-
-Ich meinte, mich rühre der Schlag vor Entsetzen. Eine so grausame und
-herzlose Beschuldigung! Cochinchina hatte ich nie gesehen und von
-Wakawak niemals gehört. Ich hätte eine Bananenpflanzung nicht von
-einem Känguruh unterscheiden können. Ich war ratlos, von Sinnen, wußte
-mir nicht zu helfen! So verging der Tag, ohne daß ich einen Entschluß
-faßte. Am nächsten Morgen brachte dieselbe Zeitung folgende kurze Notiz:
-
-»_Bezeichnend._ -- Herr Twain hüllt sich, wie man bemerkt, über den
-Cochinchina-Meineid in ein vielsagendes Schweigen.«
-
-Während des ganzen Wahlkampfes wurde ich, beiläufig gesagt, von dieser
-Zeitung nie anders erwähnt, als mit dem Beifügen: »Der schändliche,
-meineidige Twain.«
-
- * * * * *
-
-Die ›Gazette‹ brachte nun zunächst folgendes:
-
-»_Anfrage._ -- Wird der neue Gouverneurskandidat die Güte haben, einige
-seiner Mitbürger, die ihre Stimmen nicht leichtsinnig abgeben wollen,
-über einen geringfügigen Umstand aufzuklären? Wie kam es, daß seine
-Schlafgenossen in Montana dann und wann kleine Wertsachen verloren,
-die jedesmal an Herrn Twains Person oder in seinem ›Koffer‹ (einem
-Zeitungsblatt, in welches er seine Habseligkeiten einzuwickeln pflegte)
-vorgefunden wurden, bis man sich endlich veranlaßt fühlte, ihm zu
-seinem eigenen Besten eine freundliche Verwarnung zu erteilen? Man
-theerte und federte ihn, ließ ihn auf einem Balken reiten und gab ihm
-schließlich den Rat, an dem Platz, den er gewöhnlich im Lager einnahm,
-eine bleibende Lücke zu lassen. Wird er dem Rate folgen?« --
-
-Konnte man sich etwas ausgeklügelt Boshafteres vorstellen, zumal ich
-zu keiner Zeit meines Lebens in Montana gewesen bin?
-
-Von da ab nannte mich dieses Journal nie anders als den ›Montana-Dieb
-Twain.‹
-
-Ich kam so weit, daß ich mich fast fürchtete, eine Zeitung in die Hand
-zu nehmen; ungefähr wie jemand, der eine wollene Decke, die er nötig
-braucht, aufheben möchte, aber eine Klapperschlange darunter vermutet.
-Eines Tages las ich folgendes:
-
-»_Der Lügner ist entlarvt!_ -- Durch die beschworenen Aussagen der
-Herren Michael O'Flanagan, Snub Rafferty und Catty Mulligan aus
-Five-Points und Water-Street[1] wurde festgestellt, daß Herrn Mark
-Twains schändliche Behauptung, als wäre der verstorbene Großvater
-unseres edlen Bannerträgers Blank J. Blank wegen Straßenraubs gehängt
-worden, eine gemeine, aus der Luft gegriffene Lüge ist. Für tugendhafte
-Männer ist es eine niederschmetternde Erfahrung, daß man zu solchen
-unehrenhaften Mitteln greifen kann, um einen politischen Erfolg zu
-erringen, daß man sich nicht scheut, die Toten noch im Grabe zu
-beschimpfen und auf ihren geachteten Namen Verleumdungen zu häufen.
-Wenn wir an den Schmerz denken, den diese elende Lüge den unschuldigen
-Verwandten und Freunden des Verewigten bereitet haben muß, sind wir
-fast versucht, das betrogene und beleidigte Publikum zu schneller, wenn
-auch ungesetzmäßiger Rache gegen den Verleumder aufzustacheln. Aber
-nein -- überlassen wir ihn den Qualen eines gepeinigten Gewissens! --
-Sollte jedoch der Fall eintreten, daß das Publikum, von Leidenschaft
-übermannt, in blinder Wut dem Verleumder körperliche Mißhandlungen
-zufügte, so liegt es auf der Hand, daß kein Schwurgericht die Thäter
-für schuldig erklären, kein Richter sie strafen könnte.«
-
- [1] Eine berüchtigte Gegend New Yorks, wo viel irisches
- Gesindel wohnt.
-
-Der geschickt abgefaßte Schlußsatz bewirkte, daß ich noch in derselben
-Nacht in größter Eile aus dem Bette und zur Hinterthür hinausflüchten
-mußte, während das ›betrogene und beleidigte‹ Publikum vor dem Hause
-wütete und tobte wie brandende Meereswogen, in seiner gerechten
-Entrüstung beim Kommen Möbel und Fenster zerschlug und beim Gehen so
-viel von meinem Eigentum mitnahm, als es tragen konnte. Und doch kann
-ich meine Hand auf die Bibel legen und versichern, daß ich Herrn Blanks
-Großvater niemals verleumdet habe. Ja noch mehr -- ich hatte bis zu
-jener Stunde seinen Namen nicht einmal nennen hören.
-
-Gelegentlich will ich nur erwähnen, daß das Journal, welchem
-obige Mitteilung entstammt, mich von nun an immer als ›Twain, den
-Leichenschänder‹ bezeichnete.
-
- * * * * *
-
-Der nächste Zeitungsartikel, der meine Aufmerksamkeit erregte, lautete
-wie folgt:
-
-»_Ein netter Kandidat!_ -- Herr Mark Twain, der gestern abend bei der
-Volksversammlung der Unabhängigen eine donnernde Rede halten sollte,
-glänzte durch Abwesenheit. Ein Telegramm seines Arztes meldete, daß
-er von einem durchgegangenen Gespann zu Boden geworfen worden sei
-und an einem doppelten Beinbruch in großen Schmerzen darniederliege,
-und so weiter, und so weiter, noch ein ganzer Haufen ähnlichen
-Unsinns. Die Unabhängigen gaben sich alle Mühe, die elende Notlüge
-hinunterzuschlucken und zu thun, als ahnten sie den eigentlichen Grund
-der Abwesenheit jenes Verworfenen nicht, den sie zu ihrem Bannerträger
-erkoren haben. _Gestern abend sah man einen gewissen Menschen im
-Zustand viehischer Betrunkenheit_ in Herrn Twains Hotel hineintaumeln!
-Es ist unbedingt Pflicht für die Unabhängigen, zu beweisen, daß dieses
-zum Tier entwürdigte Geschöpf nicht Mark Twain selbst gewesen ist.
-Jetzt endlich sind sie gefangen -- hier giebt es kein Entrinnen! Im
-Donnerton ruft die Volksstimme: _Wer war der Mensch?_« --
-
- * * * * *
-
-Unglaublich, völlig unglaublich, daß es wirklich mein Name war, den man
-mit diesem schmachvollen Verdacht in Verbindung brachte! Waren doch
-drei Jahre über mein Haupt dahingegangen, seit ich einen Tropfen Ale,
-Bier, Wein oder überhaupt ein geistiges Getränk angerührt hatte.
-
-Es zeigt, wie abgestumpft ich schon mit der Zeit geworden war, daß ich
-es ohne Schmerz ertragen konnte, mich in der nächsten Nummer dieses
-Journals ganz selbstverständlich als Herr ›~Delirium Tremens Twain~‹
-erwähnt zu finden, obgleich ich sicher sein konnte, daß das Blatt mit
-unwandelbarer Eintönigkeit fortfahren werde, mich bis ans Ende so zu
-bezeichnen.
-
-Unter den Postsachen, welche ich täglich erhielt, begannen jetzt
-anonyme Briefe eine große Rolle zu spielen. Die Form derselben war
-meistens folgende:
-
- »Wie war's denn mit die alte Bettelfrau, die Sie von Ihrer
- Dürschwölle mit Fußdritte wegjachten?
-
- Pol Pry.«
-
-Dann weiter: --
-
- »Sie haben Dahten gethan, welche niemand bewußt sind wie mir.
- Rücken Sie nur ein bar Batzen raus an Ihren Ergebenen oder Sie
- sollen durch die Zeitungen was hören von
-
- Handy Andy.«
-
-So ungefähr lauteten sie. Auf Wunsch könnte ich damit fortfahren, bis
-der Leser übergenug hat.
-
-Bald darauf ›überführte‹ mich das bedeutendste republikanische
-Journal einer großartigen Bestechung und das demokratische Hauptblatt
-bezüchtigte mich eines niederträchtigen Erpressungsversuches. Auf diese
-Weise erwarb ich zwei neue Titel: ›Twain, der elende Verführer‹ und
-›Twain, der schändliche Räuber.‹
-
-Inzwischen verlangte man mit solchem Toben eine ›Antwort‹ auf alle die
-entsetzlichen Beschuldigungen, die gegen mich laut geworden waren, daß
-die Redakteure und die Führer meiner Partei behaupteten, es wäre mein
-politischer Ruin, wollte ich länger bei meinem Schweigen verharren. Wie
-um ihr Verlangen noch dringender zu machen, erschien schon am nächsten
-Tage folgendes in einer Zeitung:
-
-»_Seht einmal den Menschen an!_ -- Der Kandidat der Unabhängigen
-schweigt noch immer, weil er nicht zu reden wagt. Alle gegen ihn
-erhobenen Anschuldigungen sind vollauf bewiesen worden und sein
-fortgesetztes, beredtes Schweigen hat deren Wahrheit genug bestätigt,
-so daß er nunmehr für alle Zeit überführt dasteht. -- Ihr Unabhängigen,
-seht ihn euch einmal an, euern Kandidaten! Seht den verruchten
-Meineidigen, den Montana-Dieb, den Leichenschänder! Betrachtet euch
-euern ~Delirium Tremens~, den elenden Verführer, den schändlichen
-Räuber! Schaut ihn an -- genau und gründlich -- und dann sagt, ob ihr
-mit gutem Gewissen einem Schurken eure Stimme geben könnt, der sich
-durch seine entsetzlichen Verbrechen eine so grauenvolle Auswahl von
-Ehrentiteln erworben hat und es nicht wagt, den Mund aufzuthun, um auch
-nur einen einzigen von sich zu weisen.«
-
-[Illustration]
-
-Ich sah keine Möglichkeit, mir die Sache zu ersparen, und so machte
-ich mich denn tief gedemütigt daran, eine ›Antwort‹ auf den Wust von
-grundlosen Beschuldigungen und boshaften Lügen vorzubereiten. Aber
-ich brachte diese Aufgabe nicht zu stande. Schon am folgenden Morgen
-erschien nämlich eine neue gräßliche Geschichte in einem Blatt; mit
-abscheulicher Erfindungsgabe beschuldigte man mich allen Ernstes, ein
-Irrenhaus nebst sämtlichen Insassen niedergebrannt zu haben, weil
-es die Aussicht vor meinem Hause versperre. Dies versetzte mich in
-Todesschrecken. -- Ferner sollte ich noch meinen Onkel vergiftet haben,
-um sein Vermögen an mich zu bringen, und man bestand heftig darauf, das
-Grab müsse geöffnet werden. Es trieb mich an den Rand der Verzweiflung.
-Als nun noch die Anklage folgte, ich hätte als Pfleger des Findelhauses
-meine zahnlosen, altersschwachen Verwandten angestellt, um die Kost
-zu bereiten -- da begann ich zu wanken, und die Sinne schwanden mir.
-Schließlich setzte man der empörenden Verunglimpfung, die der Parteihaß
-mir angethan, noch die Krone auf, indem man neun zerlumpte Kinder, in
-allen Farbenschattierungen, die kaum laufen gelernt hatten, abrichtete,
-bei einer öffentlichen Versammlung auf die Rednertribüne zu stürzen,
-sich an mich zu drängen und mich Papa zu nennen.
-
-Das gab den Ausschlag. Ich strich die Flagge und ergab mich. Zum
-Wahlkampf im Staate New York bei Besetzung des Gouverneurpostens
-reichten meine Kräfte nicht aus. Ich sandte meinen Verzicht auf die
-Kandidatur ein und unterzeichnete mich in der Bitterkeit meines Herzens
-
- Ihr ergebener
-
- ehemaliger Ehrenmann,
-
- aber jetzt S.M. -- M.D. -- L.Sch. -- D.T. -- E.V. u. S.R.
-
- _Mark Twain_.
-
-
-
-
-Der große Rindfleisch-Kontrakt.
-
-
-Mit so wenig Worten wie möglich will ich der Nation über meine
-Beteiligung an einer Sache berichten, welche die öffentliche Meinung in
-hohem Grade beschäftigt und viel böses Blut erregt hat.
-
-Die traurige Angelegenheit ist von den Zeitungen der alten und der
-neuen Welt mit den schrecklichsten Uebertreibungen und Verzerrungen
-dargestellt worden; für alle Thatsachen, welche ich anführe, finden
-sich aber -- das kann ich versichern -- mehr als genügende urkundliche
-Beweise in den Staatsarchiven der Union vor. Der Verlauf der Sache war
-ursprünglich folgender:
-
-John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate
-New Jersey, jetzt verstorben, schloß etwa am 10. Oktober 1861 mit der
-Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er
-dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch zu liefern
-hatte.
-
-Nun gut.
-
-[Illustration]
-
-Er machte sich auf, um Sherman das Rindfleisch zu bringen, aber als er
-in Washington ankam, war der General nach Manassas unterwegs; er zog
-ihm daher mit dem Rindfleisch nach, kam aber zu spät. Nun folgte er
-ihm nach Nashville, von Nashville nach Chatanooga, von Chatanooga nach
-Atlanta -- einholen konnte er ihn jedoch nicht. In Atlanta nahm er
-einen neuen Anlauf und zog auf dem ganzen Marsch nach der Meeresküste
-hinter Sherman drein. Wieder kam er um einige Tage zu spät; da er aber
-erfuhr, der General habe sich in der ›Quaker-City‹ nach dem Heiligen
-Lande eingeschifft, ging er nach Beirut unter Segel, überzeugt, er
-werde das andere Schiff einholen können. In Jerusalem angekommen,
-erhielt er die Nachricht, der General sei nicht mit der ›Quaker-City‹
-abgesegelt, sondern nach der Prairie aufgebrochen, um gegen die
-Indianer zu kämpfen. Er kehrte daher nach Amerika zurück und zog in
-das Felsengebirge. Nach achtundsechzigtägiger, mühseliger Wanderung
-durch die Prairie, nur noch vier Meilen von Shermans Hauptquartier
-entfernt, fiel er den Indianern in die Hände, die ihn mit dem Tomahawk
-erschlugen, ihm die Kopfhaut abzogen und sich des Rindfleischs
-bemächtigten. Sie nahmen das ganze, bis auf ein Faß, welches Shermans
-Armee eroberte. Der kühne Reisende erfüllte also sogar im Tode noch
-seinen Kontrakt, wenigstens zum Teil. In seinem Testament, das er wie
-ein Tagebuch führte, vermachte er den Kontrakt seinem Sohn Bartholomäus
-W. Dieser schrieb die folgende Rechnung auf -- dann starb er:
-
-
- _Rechnung für die Ver. Staaten._
-
- _In Rechnung für _John Wilson Mackenzie_ von New Jersey, jetzt
- verstorben, 30 Fass_
-
- _eingepökeltes Rindfleisch für General _Sherman_
- à 100 Dollars_ _3000 Doll._
- _Reisespesen und Transport des
- Fleisches_ _14000 Doll._
- -------------
- _Summa 17000 Doll._
-
- _Den Betrag empfangen zu haben bescheinigt_
-
- .................................
-
-Bei seinem Ableben hinterließ er den Kontrakt dem Wm. J. Martin,
-welcher sich bemühte, die Summe zu erheben, aber darüber starb und
-seine Forderung an Barker J. Allen vermachte. Auch dieser erhielt bei
-seinen Lebzeiten keine Bezahlung und hinterließ die Schriftstücke Anson
-G. Rogers, der bei seinem Versuch, den Betrag einzukassieren, eben bis
-zum neunten Rechnungsführer gelangt war, als der Tod, der alles zum
-Abschluß bringt, ungerufen erschien und ihm die ferneren Verhandlungen
-abschnitt. Die Papiere hinterließ er einem Verwandten in Connecticut,
-Namens Vengeance Hopkins, welcher es vier Wochen und zwei Tage aushielt
-und unerhörten Erfolg hatte, denn fast wäre er bis zum zwölften
-Rechnungsführer gelangt. Er vermachte den Kontrakt testamentarisch
-seinem Onkel, der Freudenreich Johnson hieß. Aber Freudenreich ertrug
-es nicht lange. Seine letzten Worte waren: »Ich sterbe gern -- weinet
-nicht über mich!« Und er starb wirklich gern, der arme Mann. Nach
-seinem Tode erbten noch sieben andere Leute Kontrakt und Rechnung,
-die alle bald starben. So kamen die Papiere zuletzt in meinen Besitz.
-Ich erhielt sie von meinem Verwandten Betlehem Hubbard aus Indiana,
-der schon lange einen Groll gegen mich hegte. Auf seinem Totenbette
-schickte er aber nach mir, verzieh mir alles, und übergab mir mit
-Thränen in den Augen den Rindfleisch-Kontrakt.
-
-Dies ist die Vorgeschichte desselben, bis zu der Zeit, da er mein
-Eigentum wurde. Jetzt will ich den Versuch machen, mich angesichts
-der ganzen Nation wegen meines Anteils an der Sache zu rechtfertigen.
-Mit dem Kontrakt und der Rechnung über Reisespesen und Transport der
-gelieferten Ware begab ich mich zu dem Präsidenten der Vereinigten
-Staaten.
-
-»Was wünschen Sie, mein Herr,« fragte er mich. Ich erwiderte:
-»Majestät, etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson
-Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate New
-Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten Staaten
-einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß
-eingepökeltes Rindfleisch -- --«
-
-Hier fiel er mir ins Wort, freundlich, aber mit fester Stimme, und
-entließ mich. Am nächsten Tage machte ich dem Staatssekretär meine
-Aufwartung.
-
-»Ihr Begehr, mein Herr?« fragte dieser.
-
-»Königliche Hoheit,« begann ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861
-schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im
-Staate New Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten
-Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig
-Faß eingepökeltes Rindfleisch -- --«
-
-»Genug, mein Herr -- genug, sage ich! Wir haben in diesem Ministerium
-nichts mit Kontrakten über Rindfleisch zu schaffen.« Ich wurde
-hinauskomplimentiert. Nachdem ich mir die Sache reiflich überlegt
-hatte, stattete ich tags darauf dem Marineminister einen Besuch ab. Der
-sagte: »Rasch, mein Herr, bringen Sie Ihr Anliegen vor; lassen Sie mich
-nicht warten!«
-
-»Königliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861
-schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im
-Staate New Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten
-Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig
-Faß eingepökeltes Rindfleisch -- --«
-
-Weiter kam ich nicht. Auch ihn gingen die Rindfleischlieferungen für
-General Sherman nichts an. Ich dachte, das sei doch eine recht kuriose
-Regierung! Es hatte ja fast den Anschein, als habe sie überhaupt keine
-Lust, das Rindfleisch zu bezahlen. Am nächsten Tage ging ich zum
-Minister des Innern.
-
-»Kaiserliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des --«
-
-»Sparen Sie sich die Mühe, mein Herr,« fuhr er auf; »ich habe schon von
-Ihnen gehört. Machen Sie, daß Sie mit Ihrem niederträchtigen Kontrakt
-aus dem Hause kommen. Mit der Verproviantierung der Armeen hat das
-Ministerium des Innern durchaus nichts zu thun.«
-
-Ich entfernte mich; aber jetzt war ich wirklich aufgebracht. So
-leichten Kaufs sollten sie mich nicht los werden; ich nahm mir vor,
-jedes Departement dieser gottlosen Regierung heimzusuchen, bis das
-Geschäft mit dem Kontrakt geordnet sei. Entweder wollte ich das Geld
-einkassieren oder das Leben lassen bei dem Versuch, wie alle meine
-Vorgänger. Ich ging dem Generalpostmeister zu Leibe, ich belagerte das
-Ackerbauministerium, ich lauerte dem Sprecher des Repräsentantenhauses
-auf. Sie alle hatten nichts mit den Armeelieferungen von Rindfleisch zu
-schaffen. Darauf wandte ich mich an den Vorsitzenden des Patentamts.
-
-»Hochwohlgeborene Excellenz,« sagte ich, »etwa am -- --«
-
-»Zum Henker, sind Sie mit Ihrem verfluchten Rindfleisch-Kontrakt
-endlich auch hierher gelangt! Ich versichere Sie, werter Herr, uns
-gehen weder die Armeelieferungen etwas an, noch Ihr Kontrakt.«
-
-»O, das kann jeder sagen -- -- _irgend jemand_ muß das Fleisch doch
-bezahlen! Die Sache wird jetzt auf der Stelle ins reine gebracht,
-sonst lege ich Beschlag auf dies alte Patentamt, mit allem was darin
-ist.«
-
-»Aber bester Herr! --«
-
-»Es ist mir alles einerlei. Das Patentamt ist verpflichtet, das
-Rindfleisch zu bezahlen. Darauf bestehe ich. Alle Ausreden sind
-umsonst; ich wanke und weiche nicht vom Platze, bis das Patentamt
-bezahlt hat.«
-
-[Illustration]
-
-Die weiteren Einzelheiten thun nichts zu der Sache. Sie endete in einer
-Prügelei und das Patentamt behielt die Oberhand. Aber etwas hatte ich
-bei der Gelegenheit doch erfahren, was mir Vorteil brachte, nämlich,
-daß, wenn ich zur richtigen Behörde gehen wolle, ich mich an das
-Schatzamt wenden müsse. Ich begab mich dorthin und wartete drittehalb
-Stunden, dann ward ich beim ersten Lord der Schatzkammer vorgelassen.
-
-»Alleredelster, würdigster und hochgeschätztester Signor,« sagte ich,
-»etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson Macken -- --«
-
-»Nicht weiter, mein Herr -- ich weiß, ich weiß! Gehen Sie zum ersten
-Rechnungsführer.«
-
-Das that ich und er schickte mich zum zweiten Rechnungsführer. Der
-schickte mich zum Oberregistrator der Abteilung für Pökelfleisch. Das
-fing doch an geschäftsmäßig auszusehen! Er ging die Bücher durch,
-auch alle noch ungehefteten Akten, fand aber den Rindfleisch-Kontrakt
-nirgends eingetragen und schickte mich zum zweiten Registrator. Auch
-dieser sah seine Bücher und Papiere durch, aber ohne Erfolg. Jetzt
-schöpfte ich neuen Mut und kam im Lauf der Woche bis zum sechsten
-Registrator der Pökelfleisch-Abteilung. In der zweiten Woche machte ich
-die Abteilung für Schuldforderungen durch, in der dritten erledigte ich
-die Abteilung für unerfüllte Kontrakte und faßte Fuß in der Abteilung
-für unbezahlte Rechnungen. Dort waren meine Erkundigungen schon nach
-drei Tagen zu Ende.
-
-Es gab jetzt nur noch einen Ort, wo ich nachfragen konnte. Ich
-belagerte den Kommissionär für Bagatellsachen. Das heißt, er selbst war
-nicht da, ich hielt mich an einen Schreiber. In dem Zimmer befanden
-sich sechzehn wunderhübsche Damen, welche die Bücher führten, und
-sieben Schreiber von wohlgefälligem Aeußern, die ihnen zeigten, wie sie
-es machen müßten. Die jungen Damen wandten den Kopf und lächelten über
-ihre Schultern nach oben, die Schreiber lächelten zu ihnen hinab und
-es ging so lustig her, wie wenn die Glocke zur Hochzeit läutet. Zwei
-oder drei andere Schreiber, welche die Zeitung lasen, sahen mich mit
-scharfen Blicken an, fuhren aber fort zu lesen und niemand sprach ein
-Wort. An solche Zuvorkommenheit und bereitwillige Bedienung war ich
-aber in meiner ereignisreichen Laufbahn schon gewöhnt, da ich sie seit
-dem Tage, als ich das erste Bureau der Pökelfleisch-Abteilung betrat,
-bis ich das letzte verließ, um mich in die Abteilung für Bagatellsachen
-zu begeben, bei allen Schreibergehilfen der Registratoren angetroffen
-hatte. Durch viele Uebung war ich schon so weit gekommen, daß ich, von
-meinem Eintritt ins Bureau an, bis zu dem Augenblick, daß der Schreiber
-mich anredete, auf einem Bein stehen konnte, ohne dasselbe mehr als
-zwei- oder höchstens dreimal zu wechseln.
-
-Jetzt stand ich hier, bis ich das Bein viermal gewechselt hatte. Dann
-sagte ich zu einem der Schreiber, welche lasen:
-
-»Erlauchter Bummler, wo ist der Großtürke?«
-
-»Was meinen Sie, mein Herr? Wen meinen Sie? -- Wenn Sie den Bureauchef
-meinen -- der ist ausgegangen.«
-
-»Wird er heute noch den Harem besuchen?«
-
-Der junge Mann sah mich eine Weile grimmig an und vertiefte sich dann
-wieder in seine Zeitung. Aber das kümmerte mich nicht, ich kannte
-die Art dieser Schreiber und wußte, daß Hoffnung für mich vorhanden
-sei, wenn er eher fertig wurde, als die neuen Zeitungen aus New
-York eintrafen. Er war jetzt schon bei dem vorvorletzten Tageblatt
-angekommen. Nach einer Weile hatte er alles durchgelesen, dann gähnte
-er und fragte nach meinem Begehr.
-
-»Weltberühmter und hochverehrter Staatsmann, etwa am 10. --«
-
-»Ah, Sie sind der Mann mit dem Rindfleisch-Kontrakt. Geben Sie mir Ihre
-Papiere.«
-
-Er nahm sie in Empfang und wühlte dann lange Zeit in seinen
-Bagatellsachen herum. Endlich fand er die Nordwestpassage, oder
-was für mich dasselbe bedeutete, den lange verlorenen Vermerk über
-den Rindfleisch-Kontrakt -- die Klippe, an welcher so viele meiner
-Vorgänger gescheitert waren, ohne sie je zu erreichen. Meine Rührung
-war groß und doch frohlockte ich im Herzen -- denn ich lebte ja noch.
-Ich sagte mit bewegter Stimme:
-
-»Geben Sie mir das Dokument! Die Regierung wird jetzt sicherlich die
-Schuld abtragen.«
-
-Er bedeutete mir jedoch, ich solle mich gedulden, es sei vorher noch
-etwas zu erledigen.
-
-»Wo ist jener John Wilson Mackenzie?« fragte er.
-
-»Tot.«
-
-»Wann ist er gestorben?«
-
-»Gestorben ist er überhaupt nicht -- man hat ihn totgeschlagen.«
-
-»Wie das?«
-
-»Mit einem Tomahawk erschlagen.«
-
-»Wer hat ihn mit dem Tomahawk erschlagen?«
-
-»Natürlich doch ein Indianer. Sie glaubten doch nicht, der
-Superintendent einer Sonntagsschule hätte es gethan?«
-
-»Nein. Also ein Indianer war es?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Sein Name?«
-
-»Sein Name? -- Ich werde doch nicht seinen Namen wissen sollen!«
-
-»_Name_ unbedingt erforderlich. Wer hat denn gesehen, daß er mit dem
-Tomahawk erschlagen wurde?«
-
-»Das weiß ich nicht.«
-
-»Sie selbst waren also nicht zugegen?«
-
-»Nein -- wie Sie an meinen Haaren sehen können.«
-
-»Woher wissen Sie denn, daß Mackenzie tot ist?«
-
-»Weil er zu jener Zeit wirklich gestorben und seitdem auch tot
-geblieben ist, wie ich allen Grund habe zu glauben. Ja, ich weiß es
-ganz bestimmt.«
-
-»Wir müssen Beweise haben. Ist der Indianer zur Stelle?«
-
-»Natürlich nicht.«
-
-»Den müssen Sie herbeischaffen. Haben Sie den Tomahawk hier?«
-
-»Bewahre, ich denke gar nicht daran.«
-
-»Sie müssen den Tomahawk beibringen und ihn uns zusamt dem Indianer
-vorführen. Wenn sich hierdurch Mackenzies Tod beweisen läßt, haben Sie
-sich an die Kommission zu wenden, welche eingesetzt ist, um schwebende
-Forderungen zu prüfen. Vielleicht kommt dann Ihre Sache so in den Zug,
-daß Ihre Kinder die Bezahlung der Rechnung noch erleben und das Geld
-verzehren können. Aber vor allem muß der Tod jenes Mannes bewiesen
-werden. Uebrigens kann ich Ihnen gleich noch sagen, daß die Regierung
-die Transport- und Reisespesen des seligen Mackenzie nimmermehr
-bezahlen wird. _Möglicherweise_ wird sie das Faß Pökelfleisch
-bezahlen, welches Shermans Soldaten erobert haben, wenn Sie auf
-Schadenersatz klagen und der Kongreß Ihre Forderung anerkennt; aber die
-neunundzwanzig Faß, welche die Indianer aufgegessen haben, wird sie
-Ihnen nicht bezahlen.«
-
-»Demnach hätte ich nur hundert Dollars zu beanspruchen und selbst
-diese sind mir nicht sicher! Und das nach Mackenzies endlosem Hin- und
-Herreisen mit dem Pökelfleisch in Europa, Asien und Amerika, nach allen
-Beschwerden, Prüfungen und Plackereien, die er erduldet hat, nach dem
-Hinsterben so vieler Unschuldiger, die bei dem Versuch, die Rechnung
-einzukassieren, ums Leben gekommen sind! Junger Mann, warum hat mir der
-Oberregistrator der Pökelfleisch-Abteilung das nicht gleich gesagt?«
-
-»Er wußte nicht, daß Ihr Anspruch begründet war.«
-
-»Warum hat es mir der zweite, der dritte nicht gesagt -- warum erfuhr
-ich es in keiner einzigen der Abteilungen und Unterabteilungen?«
-
-»Weil man nirgends etwas davon wußte. Bei uns geschieht alles nach dem
-Geschäftsgang. Dem sind Sie gefolgt und haben in Erfahrung gebracht,
-was Sie zu wissen wünschten. Es ist das der beste Weg. Er ist ganz
-ordnungsmäßig, man kommt dabei sehr langsam, aber sehr sicher zum Ziel.«
-
-»Jawohl, zum sichern Tode. Dahin hat er die meisten der Unsrigen
-geführt. Ich fühle, daß es auch mit mir zu Ende geht. -- Junger Mann,
-Sie lieben jenes fröhliche Geschöpf da drüben mit den sanften,
-blauen Augen und dem Federhalter hinter dem Ohr -- ich sehe das
-an Ihren schmachtenden Blicken. Sie wünschen sie zu heiraten --
-aber Sie sind arm. Hier -- strecken Sie die Hand aus, hier ist der
-Rindfleisch-Kontrakt! Wohlan, nehmt euch, seid glücklich! Gott segne
-euch, meine Kinder!«
-
- * * * * *
-
-Das ist alles, was ich von dem großen Rindfleisch-Kontrakt weiß, der
-so viel Aufsehen in der Welt gemacht hat. Der Schreiber, dem ich ihn
-abgetreten habe, ist gestorben. Was weiter aus dem Kontrakte und
-seinen spätern Besitzern geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. Nur
-soviel weiß ich, daß, wenn jemand lange genug am Leben bleibt, um
-seine Sache durch das ganze Umständlichkeitsamt in Washington hindurch
-zu verfolgen, er zuletzt, nach vieler Mühe, Arbeit und Verzögerung,
-das herausfinden wird, was er am ersten Tage hätte erfahren können,
-wenn der Geschäftsgang im Umständlichkeitsamt so geschickt und
-zweckentsprechend geregelt wäre, wie in jedem großen kaufmännischen
-Institut.
-
-
-
-
-Der gestohlene weiße Elefant.
-
-
-I.
-
-Die folgende merkwürdige Geschichte wurde mir von einem Manne erzählt,
-den ich zufällig auf der Eisenbahn kennen lernte. Er war ein alter Herr
-von mehr als siebzig Jahren, dessen gutmütiges Gesicht und aufrichtiges
-Wesen jedem seiner Worte den unverkennbaren Stempel der Wahrhaftigkeit
-aufdrückte. Er sagte:
-
-Sie wissen, welche Verehrung der königliche weiße Elefant von Siam
-bei der Bevölkerung jenes Landes genießt. Sie wissen, daß er den
-Königen geweiht ist, daß nur Könige ihn besitzen dürfen und daß er in
-einer Hinsicht selbst den Königen überlegen ist, indem er nicht bloß
-geehrt, sondern auch angebetet wird. Nun gut; als sich vor fünf Jahren
-Streitigkeiten über die Grenzlinie zwischen Britisch-Indien und Siam
-erhoben, stellte sich alsbald heraus, daß Siam unrecht hatte. So wurde
-denn die Sache rasch und zur Zufriedenheit des Vertreters von England
-geregelt. Teils zum Zeichen seiner Dankbarkeit, teils auch wohl, um
-jede noch etwa vorhandene Spur von Mißstimmung auf englischer Seite zu
-verwischen, beabsichtigte der König von Siam der Königin Viktoria ein
-Geschenk zu senden -- nach orientalischen Begriffen der einzig sichere
-Weg, einen Feind zu beschwichtigen. Dieses Geschenk sollte nicht nur
-ein königliches, sondern auch in jeder Beziehung einzig sein. Was
-konnte sich dazu besser eignen, als ein weißer Elefant? Da ich eine
-angesehene Stellung im indischen Zivildienst einnahm, ward ich der Ehre
-gewürdigt, Ihrer Majestät das Geschenk zu überbringen. Man rüstete
-für mich und meine Dienerschaft nebst den Wärtern des Elefanten ein
-Schiff aus. Ich gelangte zur gehörigen Zeit im Hafen von New York an
-und brachte meinen königlichen Schutzbefohlenen in einem prächtigen
-Quartiere zu Jersey City unter. Wir mußten notgedrungen einige Zeit
-rasten, bevor wir die Reise fortsetzten, denn die Kräfte des Tieres
-verlangten Schonung.
-
-Vierzehn Tage lang ging alles gut -- dann begannen meine Nöte. Der
-weiße Elefant war gestohlen worden! Man hatte mich mitten in der Nacht
-aufgeweckt und von dem entsetzlichen Verlust benachrichtigt. Ich war
-einige Augenblicke außer mir vor Schreck und Angst; dann wurde ich
-ruhiger und sammelte meine fünf Sinne. Ich sah bald, welchen Weg ich
-einzuschlagen hatte -- für einen vernünftigen Menschen konnte es in
-der That nur einen geben. Trotz der späten Stunde eilte ich sogleich
-nach New York und ließ mich von einem Schutzmann nach dem Hauptquartier
-der Geheimpolizei führen. Ich langte noch zur rechten Zeit an, gerade
-als der Chef, der berühmte Inspektor Blunt, im Begriff war, nach
-Hause zu gehen. Er war ein Mann von mittlerer Größe und gedrungenem
-Körperbau. Schon sein Anblick flößte mir Hoffnung und Vertrauen ein.
-Wenn er in tiefes Nachdenken versunken war, hatte er eine Art, die
-Brauen zusammenzuziehen und sich mit dem Zeigefinger nachdenklich
-auf die Stirn zu klopfen, die mich sofort überzeugte, es mit keiner
-gewöhnlichen Persönlichkeit zu thun zu haben. Ich trug ihm meine Sache
-vor: sie brachte ihn nicht im geringsten aus der Fassung; ja -- machte
-sichtlich nicht mehr Eindruck auf seine eherne Selbstbeherrschung, als
-wenn es sich um einen gestohlenen Hund handelte. Er wies mir einen Sitz
-an und sagte ruhig:
-
-»Bitte, lassen Sie mich ein wenig nachdenken.«
-
-Indem er das sagte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und stützte
-den Kopf auf die Hand. Einige Schreiber arbeiteten am andern Ende des
-Zimmers; das Kratzen ihrer Federn war das einzige Geräusch, das ich
-während der nächsten sechs oder sieben Minuten hörte. Mittlerweile
-blieb der Inspektor in tiefe Gedanken versunken; endlich erhob er
-das Haupt, und in den festen Zügen seines Gesichts lag etwas, was
-mir anzeigte, daß sein Gehirn seine Schuldigkeit gethan habe und
-daß sein Plan fertig sei. Er sprach -- seine Stimme war leise und
-eindringlich --:
-
-»Kein gewöhnlicher Fall das! Jeder Schritt muß vorsichtig geschehen;
-jeder Schritt muß sicher gemacht werden, bevor der nächste gewagt wird.
-Und die Sache muß verschwiegen bleiben -- tiefes, unverbrüchliches
-Geheimnis. Sprechen Sie mit niemand darüber, nicht einmal mit den
-Reportern; ich will dafür sorgen, daß sie nur erfahren und berichten,
-was meinen Zwecken dient.« Er schellte; ein Jüngling erschien.
-»Alarich, sagen Sie den Reportern, sie sollen vorläufig dableiben.«
-Der Jüngling verschwand. »Und nun zur Sache -- und das systematisch.
-In meinem Beruf kann man es zu nichts bringen, ohne strenge und genaue
-Methode.«
-
-Er ergriff eine Feder und legte sich einen Bogen Papier zurecht. »Nun!
--- der Name des Elefanten?«
-
-»Hassan Ben Ali Ben Selim Abdallah Mohamed Moisé Alhammal
-Jamtsetjejeebhoy Dhulepp Sultan Ebu Bhudpoor.«
-
-»Sehr gut. Rufname?«
-
-»Jumbo.«
-
-»Sehr gut. Geburtsort?«
-
-»Die Hauptstadt von Siam.«
-
-»Eltern lebend?«
-
-»Nein -- tot.«
-
-»Hatten sie noch andere Nachkommenschaft?«
-
-»Nein, er war der einzige Sohn.«
-
-»Gut! diese Personalien genügen für diese Rubrik. Und nun, bitte,
-beschreiben Sie den Elefanten und lassen Sie keine Einzelheit
-aus, sei sie auch noch so unbedeutend -- d. h. unbedeutend von
-_Ihrem_ Gesichtspunkt aus. Für Leute meines Berufs _giebt_ es keine
-unbedeutenden Einzelheiten.«
-
-Ich _beschrieb_ und er schrieb _nieder_; als ich zu Ende war, sagte er:
-
-»Hören Sie zu und berichtigen Sie mich, wenn ich einen Fehler gemacht
-habe.«
-
-Er las wie folgt:
-
-»Höhe 19 Fuß; Länge von der Stirn bis zum Schwanzansatz 26 Fuß;
-Länge des Rüssels 16 Fuß; Länge des Schwanzes 6 Fuß; Totallänge
-einschließlich Rüssel und Schwanz 48 Fuß; Länge der Stoßzähne 9½ Fuß;
-Ohren, im Verhältnis zu diesen Dimensionen; Fußspur gleicht der Spur
-eines Fasses, das man im Schnee aufrecht stellt; Farbe des Elefanten
-ein schmutziges Weiß; hat in jedem Ohr ein Loch von der Größe eines
-Tellers zum Einhängen von Schmucksachen; besitzt in hohem Grade die
-Gewohnheit, Gaffer mit Wasser zu bespritzen und mit seinem Rüssel
-nicht nur Leute, mit denen er bekannt ist, sondern selbst Fremde zu
-mißhandeln; hat eine Narbe unter der Achselhöhle, hinkt ein wenig auf
-dem rechten Hinterbein und hatte, als er gestohlen wurde, auf dem
-Rücken einen Turm mit Sitzen für fünfzehn Personen und eine Satteldecke
-aus Goldbrokat von der Größe eines gewöhnlichen Teppichs.«
-
-Das Signalement war tadellos; der Inspektor schellte, händigte Alarich
-die Beschreibung ein und sagte:
-
-»Lassen Sie sogleich fünfzigtausend Exemplare von diesem Signalement
-drucken und per Bahn an alle Polizeiämter und Pfandleiher in
-Nordamerika versenden.« Alarich zog sich zurück. »So, damit wären wir
-fertig. Nun muß ich eine Photographie des gestohlenen Eigentums haben.«
-
-Ich gab ihm eine; er betrachtete sie kritisch und sagte:
-
-»Sie muß genügen, da wir keine bessere haben; aber er hat den Rüssel
-aufgerollt und in den Mund gesteckt. Das ist schade, denn es kann
-leicht irre führen, weil er natürlich den Rüssel für gewöhnlich nicht
-so trägt.« Er schellte.
-
-»Alarich, lassen Sie sogleich fünfzigtausend Abdrücke dieser
-Photographie anfertigen und mit dem Signalement versenden.«
-
-Alarich ging, um seine Befehle zu vollziehen. Der Inspektor sagte:
-
-»Man wird natürlich eine Belohnung aussetzen müssen. Wie hoch meinen
-Sie?«
-
-»Welche Summe würden Sie mir raten?«
-
-»Vorerst würde ich sagen -- nun, fünfundzwanzigtausend Dollars. Es ist
-eine verwickelte und schwierige Arbeit; es giebt tausend Gelegenheiten
-zum Entkommen und zum Verbergen. Diese Diebe haben überall Freunde und
-Helfershelfer.« -- --
-
-»Lieber Himmel, wissen Sie denn, wer sie sind?«
-
-Das kluge Gesicht, geübt im Verbergen der Gedanken und Gefühle, verriet
-mir nicht das mindeste, ebensowenig die vollkommen ruhig geäußerte
-Erwiderung:
-
-»Lassen Sie's gut sein! Vielleicht weiß ich's, vielleicht auch nicht.
-Wir gewinnen gewöhnlich einen ziemlich deutlichen Hinweis auf die
-Thäter aus der Art und Weise, wie sie zu Werk gehen und aus der Größe
-ihres Raubes. Wir haben es hier nicht mit einem Taschendieb oder
-Uhrenabzwicker zu thun, darauf können Sie Gift nehmen -- dieser
-Gegenstand wurde von keinem Anfänger ›aufgehoben‹. Aber, was ich sagen
-wollte, in Anbetracht der vielen Reisen, die gemacht werden müssen,
-und des Eifers, mit dem die Diebe ihre Spuren verwischen werden,
-mögen fünfundzwanzigtausend Dollars fast zu wenig sein; doch kann man
-immerhin damit anfangen.«
-
-So einigten wir uns denn über diese Summe für den Anfang. Dann sagte
-der Inspektor, dem nichts entging, was nur irgendwie als Fingerzeig
-dienen konnte:
-
-»Es giebt in der Polizeigeschichte Fälle, die beweisen, daß Verbrecher
-durch Eigentümlichkeiten in ihrer Geschmacksrichtung entdeckt worden
-sind. Sagen Sie, was frißt Ihr Elefant, und wieviel?«
-
-»_Was_ er frißt? -- einfach alles! Er frißt einen Menschen, er frißt
-eine Bibel -- er frißt alles, was zwischen Mensch und Bibel liegt.«
-
-»Gut, wirklich sehr gut, aber zu allgemein. Ich brauche Details --
-Details haben in unserem Berufe allein Wert. Also, die Menschen
-betreffend: wie viele davon wird er, wenn sie frisch sind, zu einer
-Mahlzeit oder -- sagen wir -- während eines Tages verzehren?«
-
-»Er wird keinen großen Unterschied machen, ob frisch oder nicht; und
-ich denke, daß fünf Menschen eine gewöhnliche Mahlzeit für ihn sind.«
-
-»Sehr gut -- fünf Menschen; wir wollen das notieren. Welche Rassen hat
-er am liebsten?«
-
-»In dieser Beziehung ist er nicht sehr wählerisch. Er zieht Bekannte
-vor, hat aber keinerlei Voreingenommenheit gegen Fremde.«
-
-»Sehr gut -- nun zu den Bibeln. Wie viele Bibeln würde er zu einer
-Mahlzeit brauchen?«
-
-»Eine ganze Auflage.«
-
-»Das ist kaum genau genug. Meinen Sie die gewöhnliche Oktavbibel oder
-die illustrierte Familienbibel?«
-
-»Ich glaube nicht, daß ihm an den Illustrationen viel liegen würde --
-d. h. er wird sie nicht höher schätzen als einfachen Druck.«
-
-»Sie haben mich nicht recht verstanden. Es kommt auf das Gewicht an.
-Die gewöhnliche Oktavbibel wiegt etwa zwei und ein halbes Pfund,
-während die Großquartbibel mit den Illustrationen von Doré zehn
-bis zwölf Pfund wiegt. Wieviel Dorébibeln würde er wohl auf einmal
-verzehren?«
-
-»Man sieht, daß Sie den Elefanten nicht kennen, sonst würden Sie nicht
-fragen. Er frißt ganz einfach soviel, als man ihm giebt.«
-
-»Gut, drücken Sie es in Dollars und Cents aus; wir müssen uns bestimmt
-fassen. Die Dorébibel kostet hundert Dollars pro Exemplar, in
-Juchtenleder gebunden ...«
-
-»Er würde für etwa fünfzigtausend Dollars brauchen -- sagen wir, eine
-Auflage von fünfhundert Exemplaren.«
-
-»So, das ist genauer; ich will's notieren. Also, er frißt gerne
-Menschen und Bibeln -- das hätten wir! Was frißt er sonst? Ich brauche
-Details.«
-
-»Hat er keine Bibeln, so frißt er Backsteine; hat er keine Backsteine,
-so frißt er Flaschen; hat er keine Flaschen, so frißt er Kleider; hat
-er keine Kleider, so frißt er Katzen; hat er keine Katzen, so frißt
-er Austern; er frißt ferner Schinken, Zucker, Pasteten, Kartoffeln,
-Kleie, Heu, Hafer und besonders Reis, denn damit wurde er hauptsächlich
-aufgezogen, kurzum er frißt alles, was er kriegen kann.«
-
-»Sehr gut. Gewöhnliche Menge zu einer Mahlzeit?«
-
-»Nun, so zwischen sieben und acht Zentner.«
-
-»Und er säuft -- --«
-
-»Alles was flüssig ist: Milch, Wasser, Schnaps, Syrup, Kastoröl,
-Kamphergeist, Karbolsäure -- es ist unnütz, auf Einzelheiten
-einzugehen; was Ihnen Flüssiges einfällt, notieren Sie getrost.«
-
-»Sehr gut. Quantität?«
-
-»Notieren Sie acht bis fünfundzwanzig Hektoliter -- sein Durst
-schwankt, sein Appetit wenig.«
-
-»Das sind alles sehr bemerkenswerte Anhaltspunkte, und sehr dienlich zu
-seiner Aufspürung.«
-
-[Illustration]
-
-Er schellte.
-
-»Alarich, senden Sie Kapitän Burns herein.«
-
-Burns erschien; Inspektor Blunt enthüllte ihm die ganze Angelegenheit
-Punkt für Punkt. Dann sagte er in der klaren, entschiedenen Weise eines
-Mannes, der sich seinen Plan genau vorgezeichnet hat und ans Befehlen
-gewöhnt ist:
-
-»Kapitän Burns, weisen Sie die Detektivpolizisten Jones, Davis, Halsey,
-Bates und Hackett an, den Elefanten aufzuspüren.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Weisen Sie die Detektivpolizisten Moses, Dakin, Murphy, Rogers,
-Tupper, Higgins und Bartholomey an, die Diebe aufzuspüren.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Senden Sie eine starke Wache -- eine Wache von dreißig auserlesenen
-Leuten mit einer Ablösung von dreißig Mann -- an den Ort, wo der
-Elefant gestohlen wurde; sie sollen dort scharfe Wache halten Tag
-und Nacht und niemand -- Reporter ausgenommen -- ohne schriftliche
-Ermächtigung von mir in die Nähe kommen lassen.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Verteilen Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung auf den Bahnhöfen,
-Dampfschiffen und Landungsdepots und auf allen Wegen, die aus
-Jersey City führen, mit dem Befehle, alle verdächtigen Personen zu
-durchsuchen.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Versehen Sie alle diese Leute mit der Photographie und dem Signalement
-des Elefanten und instruieren Sie dieselben, alle Züge und abgehenden
-Fahrzeuge genau zu visitieren.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Wenn der Elefant gefunden werden sollte, so ergreife man ihn und
-benachrichtige mich telegraphisch.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Lassen Sie mich sogleich benachrichtigen, wenn eine Spur gefunden
-werden sollte -- Fußspuren oder dergleichen.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Erlassen Sie einen Befehl an die Hafenpolizei, fleißig am Ufer zu
-patroullieren.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Senden Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung mit allen Bahnzügen ab
--- nördlich bis Kanada, westlich bis Ohio, südlich bis Washington.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Stellen Sie Sachverständige in allen Telegraphenämtern auf; dieselben
-sollen auf alle Telegramme achten und sich die chiffrierten Depeschen
-entziffern lassen.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Lassen Sie dieses alles mit der äußersten Heimlichkeit ausführen --
-hören Sie, mit der undurchdringlichsten Heimlichkeit.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Rapportieren Sie mir pünktlich zur gewöhnlichen Stunde.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Nun können Sie gehen!«
-
-»Sehr wohl, Sir« -- und fort war er.
-
-Inspektor Blunt war einen Augenblick still und nachdenklich, dann ließ
-das Feuer in seinen Augen nach und verlosch. Hierauf wandte er sich zu
-mir und sagte in ruhigem Ton:
-
-»Ich rühme mich nicht gern, es ist das nicht meine Sache; aber wir
-werden den Elefanten finden.«
-
-Ich schüttelte ihm warm die Hand und dankte ihm -- der Dank kam von
-Herzen. Je mehr ich von dem Manne gesehen hatte, desto mehr schätzte
-und bewunderte ich ihn, desto mehr staunte ich über die mysteriösen
-Wunder seines Berufs. Dann trennten wir uns für die Nacht und ich ging
-nach Hause -- mit viel leichterem Herzen als ich gekommen war.
-
-
-II.
-
-Am nächsten Morgen stand alles haarklein in den Zeitungen, sogar mit
-Zusätzen -- bestehend aus Detektiv A.'s, Detektiv B.'s und Detektiv
-N. N.'s ›Theorie‹ in Bezug auf die Ausführung des Diebstahls, auf die
-Person der Diebe und auf die Richtung, in der sie mit ihrer Beute
-entflohen waren. Es waren elf solcher Theorien zu lesen, welche alle
-Möglichkeiten erschöpften, ein Beweis, was für verständige Denker
-die Geheimpolizisten sind. Nicht zwei von den elf Theorien stimmten
-überein oder glichen sich auch nur halbwegs, außer in einem einzigen
-auffallenden Punkt, in dem alle elf Theorien einander gleich waren.
-Obgleich nämlich die Rückwand des Gebäudes herausgerissen und die
-einzige Thüre verschlossen geblieben war, stellten alle elf Theorien
-die Behauptung auf, daß der Elefant nicht durch jene Bresche, sondern
-auf irgend einem andern (noch unentdeckten) Wege entfernt worden sei,
-und daß die Diebe jene Oeffnung nur gemacht hätten, um die Polizei irre
-zu führen. Daran würde ich oder irgend ein anderer Laie vielleicht nie
-gedacht haben, die Detektivs aber hatten den Umstand auch nicht einen
-Augenblick verkannt. So war das einzige Moment, hinter dem ich kein
-Geheimnis vermutet hatte, gerade dasjenige, worin ich am weitesten
-fehlgegangen war. Alle elf Theorien nannten die vermutlichen Diebe,
-keine zwei aber dieselben; die Totalsumme der verdächtigen Personen war
-siebenunddreißig. Die verschiedenen Zeitungen schlossen alle mit der
-wichtigsten Ansicht von allen -- der des Inspektors Blunt. Dieselbe
-lautete im Auszug wie folgt:
-
-»Der Chef weiß, wer die zwei Hauptthäter sind -- nämlich Brick Duffy
-und der ›rote‹ McFadden. Zehn Tage vor der Ausführung des Diebstahls
-wußte er bereits, daß derselbe versucht werden würde, und hat sich
-in aller Stille daran gemacht, diese zwei notorischen Spitzbuben zu
-verfolgen; unglücklicherweise aber ging in der fraglichen Nacht ihre
-Spur verloren, und ehe man sie wieder auffinden konnte, war der Vogel
--- das heißt der Elefant -- ausgeflogen.
-
-»Duffy und McFadden sind die verwegensten Schurken in der ganzen
-Verbrecherzunft; der Chef hat Grund zu der Annahme, daß sie die Männer
-sind, die letzten Winter in einer bitterkalten Nacht den Ofen aus der
-Polizeiwache stahlen, infolgedessen sich vor Tagesanbruch der Chef und
-sämtliche Geheimpolizisten in ärztlicher Behandlung befanden; -- einige
-wegen erfrorener Füße, andere wegen erfrorener Hände, Ohren, Nasen und
-anderer Körperteile.«
-
-Als ich die erste Hälfte dieser Theorie las, war ich mehr als je
-erstaunt über den wunderbaren Scharfsinn des seltenen Mannes: er sah
-nicht nur alles Gegenwärtige mit klaren Augen, auch das Zukünftige
-entschleierte sich vor seinem Blicke. Ich begab mich alsbald in sein
-Bureau und sagte ihm, ich bedauere nur, daß er jene Spitzbuben nicht
-habe festnehmen lassen, wodurch das ganze Unheil verhütet worden wäre;
-aber seine Antwort war kurz und bündig:
-
-»Es ist nicht unseres Amtes, das Verbrechen zu verhindern, sondern es
-zu bestrafen. Das können wir aber erst, nachdem es begangen worden ist.«
-
-Ich bemerkte, daß die Heimlichkeit, mit der wir zu Werk gegangen, durch
-die Zeitungen verletzt worden sei, nicht nur alle Thatsächlichkeiten,
-sondern auch alle unsere Anhaltspunkte und Absichten seien enthüllt
-und selbst alle verdächtigen Personen namhaft gemacht worden --
-letztere würden sich jetzt ohne Zweifel maskieren oder ihre geheimen
-Schlupfwinkel aufsuchen.
-
-»Sie sollen's nur!« sagte der Inspektor. »Sie werden bald merken, daß,
-wenn ich es auf sie abgesehen habe, meine Hand auf sie niederfallen
-wird, so unfehlbar wie die Hand des Schicksals. Was die Zeitungen
-anbelangt, so müssen wir mit ihnen rechnen: Ruhm, Reputation,
-fortwährende öffentliche Erwähnung -- sind des Geheimpolizisten
-täglich Brot. Er muß seine Entdeckungen veröffentlichen, sonst glaubt
-man, daß er keine macht; er muß seine Theorie veröffentlichen, es
-giebt nichts Seltsameres und Ueberraschenderes, als die Theorie eines
-Polizisten, und nichts trägt ihm so viel Bewunderung und Hochachtung
-ein; wir müssen unsere Pläne veröffentlichen, denn die Zeitungen
-bestehen darauf, und wir können es ihnen nicht abschlagen, ohne sie
-zu beleidigen. Wir müssen dem Publikum zeigen, was wir thun, damit es
-nicht glaubt, daß wir nichts thun. Es ist viel angenehmer, wenn eine
-Zeitung schreibt: ›Inspektor Blunts geniale und ungewöhnliche Theorie
-lautet wie folgt,‹ als wenn sie einen unfreundlichen oder -- was noch
-schlimmer -- sarkastischen Artikel bringt.«
-
-»Ich verkenne das Zwingende dieser Gründe nicht. -- In einem Teil Ihrer
-Bemerkungen in den Morgenzeitungen fiel mir auf, daß Sie mit Ihrer
-Ansicht über einen gewissen untergeordneten Punkt zurückhielten.«
-
-»Ja, das thun wir stets; es macht immer Effekt. Uebrigens hatte ich mir
-über jenen Punkt eine Ansicht noch gar nicht gebildet.«
-
-Ich deponierte bei dem Inspektor eine beträchtliche Geldsumme zur
-Bestreitung der laufenden Ausgaben und setzte mich dann nieder, um auf
-Nachrichten zu warten; jeden Augenblick konnten Telegramme einlaufen.
-Inzwischen blätterte ich die Zeitungen und unser Zirkularsignalement
-nochmals durch und entdeckte, daß anscheinend unsere 25000 Doll.
-Belohnung nur für Detektivpolizisten ausgesetzt waren. Ich war der
-Meinung gewesen, jeder solle sie bekommen, der den Elefanten auffinden
-würde. Der Inspektor klärte mich auf:
-
-»Meine Geheimen werden den Elefanten auffinden, die Belohnung _muß_
-daher an die rechte Adresse gelangen. Wenn andere Leute das Tier
-fänden, so wäre das nur dadurch möglich, daß sie die Polizisten
-ausspionieren und aus Kenntnissen und Beobachtungen der Polizisten,
-welche sie sich zu eigen gemacht, Vorteil ziehen; an der Berechtigung
-der Polizei zu der Belohnung könnte das nichts ändern. Eine solche
-Belohnung ist dazu da, die Männer, welche dieser Art von Arbeit ihre
-Zeit und ihren ausgebildeten Scharfsinn widmen, anzuspornen, nicht
-aber dem ersten besten in den Schoß zu fallen, der zufällig einen Fang
-gemacht hat.«
-
-Das war sicher nur recht und billig. Auf einmal begann der
-Telegraphenapparat in der Ecke zu ticken, das Resultat war folgende
-Depesche:
-
- »=Flower-Station=, New York: 7.30 Vorm.
-
- Habe eine Spur. Fand eine Reihe tiefer Spuren, die über eine
- benachbarte Farm führen. Folgte ihnen eine halbe Stunde
- östlich ohne Resultat; der Elefant ging wahrscheinlich
- westlich. Werde ihm jetzt in jener Richtung nachspüren.
-
- Darley, Detektiv.«
-
-»Darley ist einer unserer tüchtigsten Polizisten,« sagte der Inspektor.
-»Wir werden bald mehr von ihm hören.«
-
-[Illustration]
-
-Telegramm Nr. 2 kam.
-
- »=Barkers=, New Jersey: 7.40 Vorm.
-
- Eben angekommen. Glasfabrik hier während der Nacht erbrochen
- und 800 Flaschen entwendet. Wasser in größerer Menge erst fünf
- Meilen von hier zu haben. Werde dahin aufbrechen. Elefant
- wahrscheinlich durstig. Flaschen waren leer.
-
- Baker, Detektiv.«
-
-»Auch das ist vielversprechend,« sagte der Inspektor. »Ich sagte Ihnen,
-seine Begierden würden keine schlechten Fingerzeige sein.«
-
-Weitere Telegramme:
-
- »=Taylorville=, Long Island: 8.15 Vorm.
-
- Ein Heuschober in der Nähe verschwand während der Nacht --
- wahrscheinlich aufgefressen. Fand eine Spur und verfolge sie
- eilig.
-
- Hubbard, Detektiv.«
-
-»Was er für Sprünge macht!« sagte der Inspektor. »Ich wußte, daß wir
-ein schwieriges Stück Arbeit vor uns hätten; aber wir werden ihn
-deshalb doch kriegen.«
-
- »=Flower-Station=, New York: 9 Vorm.
-
- Verfolgte die Spuren über eine Stunde westlich -- sind groß,
- tief und ausgezackt. Bin eben einem Farmer begegnet, der sagte,
- es seien keine Elefantenfußstapfen; sagt, es seien Löcher von
- den Bäumchen, die er letzten Winter aus dem gefrorenen Grunde
- ausgrub. Ich bitte um Verhaltungsbefehle bezüglich weiterer
- Schritte.
-
- Darley, Detektiv.«
-
-»Aha, ein Helfershelfer der Diebe! Die Sache wird ernst!« sagte der
-Inspektor und diktierte folgendes Telegramm an Darley:
-
- »Verhaften Sie den Mann und zwingen Sie ihn, seine Komplizen
- zu nennen. Verfolgen Sie die Spuren weiter -- bis zum Stillen
- Ozean, wenn's sein muß.
-
- Inspektor Blunt.«
-
-Nächstes Telegramm:
-
- »=Coney-Point=, Pennsylvania: 8.45 Vorm.
-
- Bureau der Gasanstalt hier während der Nacht erbrochen und die
- unbezahlten Gasrechnungen von drei Monaten gestohlen. Fand eine
- Spur und verfolge sie.
-
- Murphy, Detektiv.«
-
-»Himmel!« rief der Inspektor; »sollte er Gasrechnungen verzehren?«
-
-»Wahrscheinlich aus Dummheit.« --
-
-Darauf kam nachstehendes aufregendes Telegramm:
-
- »=Ironville=, New York: 9.30 Vorm.
-
- Soeben angekommen. Stadt in Aufregung. Elefant kam hier durch,
- früh 5 Uhr. Einige sagen, er ging östlich, andere sagen
- westlich, einige nördlich, andere südlich -- keiner aber
- weiß etwas Genaueres zu berichten. Er tötete ein Pferd; ich
- verschaffte mir ein Stück davon -- für alle Fälle. Tötete es
- mit seinem Rüssel; schließe aus der Wunde, daß er von links
- schlug. Aus der Lage des Pferdes schließe, daß der Elefant
- nordwärts, die Berkley-Bahn entlang, reiste. Hat 4½ Stunden
- Vorsprung; folge aber sogleich seiner Spur.
-
- Hawes, Detektiv.«
-
-Ich konnte meine Freude nicht zurückhalten. Der Inspektor blieb so
-ruhig wie eine Statue. Er schellte gelassen.
-
-»Alarich, senden Sie Kapitän Burns zu mir.«
-
-Burns erschien.
-
-»Wieviel Mann sind reisefertig?«
-
-»Sechsundneunzig, Sir.«
-
-»Senden Sie dieselben sogleich nach Norden; sie sollen sich längs der
-Berkley-Bahnlinie nördlich von Ironville konzentrieren.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Sie sollen ihre Bewegungen mit der äußersten Heimlichkeit ausführen.
-Sobald andere von den Leuten frei werden, sollen sie sich fertig
-machen!«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-»Sie können gehen.«
-
-»Sehr wohl, Sir.«
-
-Gleich darauf kam ein weiteres Telegramm:
-
- »=Sage-Corners=, New York: 10.30 Vorm.
-
- Eben angelangt. Elefant kam 8.15 hier durch. Alle bis auf einen
- Polizisten entkamen aus der Stadt. Elefant wollte anscheinend
- nicht nach dem Polizisten, sondern nach einem Laternenpfahl
- schlagen, traf aber beide. Verschaffte mir ein Stück von dem
- Polizisten, um es für alle Fälle zu behalten.
-
- Stumm, Detektiv.«
-
-»Der Elefant hat sich also gegen Westen gewendet,« sagte der Inspektor.
-»Es wird ihm aber nichts helfen, denn meine Leute sind über die ganze
-Gegend zerstreut.«
-
-Das nächste Telegramm besagte:
-
- »=Glovers=: 11.15.
-
- Eben angelangt. Stadt verlassen, ausgenommen von Kranken
- und Greisen. Elefant kam durch vor dreiviertel Stunden.
- Die Anti-Mäßigkeits-Massen-Versammlung tagte; er steckte
- seinen Rüssel durchs Fenster hinein und spritzte alles voll
- Zisternenwasser. Einige schluckten das Wasser -- starben
- seitdem; mehrere ertranken. Detektivs Croß und O'Shaugnessy
- passierten die Stadt, gingen aber südlich und verfehlten so
- den Elefanten. Ganze Gegend auf viele Stunden im Umkreis voll
- Entsetzen -- Leute fliehen aus ihrer Heimat. Allenthalben
- stoßen sie auf den Elefanten; viele werden getötet.
-
- Brant, Detektiv.«
-
-Ich hielt kaum meine Thränen zurück, so traurig stimmte mich dieses
-Gemetzel, der Inspektor aber sagte nur:
-
-»Sie sehen, wir umringen ihn. Er fühlt unsere Nähe; er hat sich wieder
-gegen Osten gewendet.«
-
-Es harrten unserer bereits neue beängstigende Nachrichten. Der
-Telegraph meldete:
-
- »=Hoganport=: 12.19 Nachm.
-
- Eben angelangt. Elefant kam vor einer halben Stunde hier durch,
- jähen Schrecken verbreitend; wütete durch die Straßen; zwei
- Arbeiter gingen vorüber -- tötete den einen, der andere entkam.
- Bedauern allgemein.
-
- O'Flaherty, Detektiv.«
-
-»Nun ist er mitten unter meinen Leuten,« sagte der Inspektor. »Jetzt
-ist kein Entrinnen für ihn möglich!«
-
-Eine Anzahl anderer Telegramme lief dazwischen ein von Detektivs, die
-über New Jersey und Pennsylvanien zerstreut waren. Aus zerstörten
-Fabriken, Scheunen und Sonntagsschulbibliotheken wiesen sie die Spur
-des Elefanten mit an Sicherheit grenzenden Ausdrücken nach.
-
-Der Inspektor sagte:
-
-»Ich wollte, ich könnte mit ihnen verkehren und sie nach Norden
-dirigieren, aber das ist unmöglich. Ein ›Geheimer‹ geht nur dann zum
-Telegraphenamt, wenn er seinen Bericht absendet; man weiß nie, wo man
-ihn fassen kann.«
-
-Nun kam folgende Depesche:
-
- »=Bridgeport=, Connecticut: 12.15 Nachm.
-
- Barnum[2] bietet Doll. 4000 jährlich für ausschließliches
- Recht, Elefant als wandernde Reklame zu benützen, von jetzt an
- bis ihn Detektivs auffinden. Will Zirkusplakate auf ihn kleben.
- Verlangt umgehende Antwort.
-
- Boggs, Detektiv.«
-
- [2] Barnum, der bekannte Schaubudenbesitzer und Meister in der
- Kunst der Reklame.
-
-»Das ist doch zu lächerlich!« rief ich aus.
-
-»Ja freilich,« sagte der Inspektor. »Herr Barnum, der sich für so
-gewitzigt hält, kennt mich offenbar nicht -- aber ich kenne ihn.«
-
-Dann diktierte er folgende Antwortdepesche:
-
- »Herrn Barnums Anerbieten abgelehnt. Entweder Doll. 7000 oder
- nichts.
-
- Inspektor Blunt.«
-
-»So. Wir werden nicht lange auf Antwort zu warten brauchen. Herr Barnum
-ist nicht zu Hause; er ist gewöhnlich auf dem Telegraphenamt, wenn es
-einen Handel gilt. Vor drei Uhr --«
-
- »Abgemacht. -- P. T. Barnum.«
-
-So unterbrach der tickende Telegraphenapparat. Ehe ich mir einen Vers
-machen konnte auf diesen ungewöhnlichen Zwischenfall, leitete folgende
-Depesche meine Gedanken in ein anderes und sehr betrübendes Fahrwasser:
-
- »=Bolivia=, New York: 12.50 Nachm.
-
- Elefant kam hier an aus dem Süden und passierte den Wald um
- 11.50, er sprengte einen daherkommenden Leichenzug auseinander
- und verminderte die Leidtragenden um zwei. Bürger feuerten
- einige Schüsse aus einem kleinen Böller auf ihn ab und flohen
- dann. Detektiv Burke und ich langten zehn Minuten später aus
- dem Norden an, hielten aber ein paar Vertiefungen fälschlich
- für Fußstapfen und verloren so ziemlich viel Zeit; endlich
- aber kamen wir auf die rechte Spur und verfolgten sie bis zu
- den Wäldern. Wir krochen nun auf Händen und Knieen vorwärts,
- verfolgten die Spur mit scharfem Auge und gelangten so ins
- Gebüsch. Burke war voraus. Unglücklicherweise hatte das Tier
- angehalten, um auszuruhen; Burke, der, auf die Spur erpicht,
- die Augen auf den Boden geheftet hatte, stieß plötzlich, ehe er
- die Nähe des Elefanten gewahr wurde, gegen dessen Hinterbeine.
- Burke sprang sogleich auf die Füße, ergriff den Schwanz und
- rief freudig aus: ›ich beanspruche die Be -- --‹, kam aber
- nicht weiter, denn ein einziger Schlag mit dem mächtigen Rüssel
- streckte den braven Burschen tot nieder. Ich floh zurück,
- aber der Elefant wandte sich um und verfolgte mich bis an den
- Rand des Gehölzes in schrecklicher Eile; ich wäre unrettbar
- verloren gewesen, wenn nicht zufällig der Rest des Leichenzuges
- dem Tiere in den Weg gekommen wäre und seine Aufmerksamkeit
- abgelenkt hätte. Erfahre soeben, daß von jenem Leichenzug
- nichts mehr vorhanden ist; schadet nichts, Stoff genug für
- andere vorhanden. Elefant mittlerweile wieder verschwunden.
-
- Mulrooney, Detektiv.«
-
-Wir hörten keine weiteren Neuigkeiten außer von den eifrigen und
-zuversichtlichen Detektivs, die über New Jersey, Pennsylvanien,
-Delaware und Virginia zerstreut waren -- sie folgten alle frischen und
-vielversprechenden Spuren -- bis kurz nach 2 Uhr nachmittags folgendes
-Telegramm ankam:
-
- »=Baxter-Centre=: 2.15 Nachm.
-
- Elefant hier gewesen, über und über mit Zirkusplakaten beklebt;
- zerstreute ein Methodisten-Revivalmeeting[3] und erschlug und
- verletzte viele, die eben im Begriffe waren, ein besseres
- Leben anzufangen. Bürger pferchten ihn ein und stellten eine
- Wache auf. Als Detektiv Brown und ich ankamen, betraten wir
- die Umzäunung und schritten zur Feststellung der Identität des
- Elefanten an der Hand der Photographie und des Signalements.
- Alle Zeichen stimmten genau, ausgenommen eines, das wir nicht
- sehen konnten -- die Narbe unter der Achselhöhle. Um sich
- darüber zu vergewissern, kroch Brown unter das Tier, -- er
- lag im nächsten Augenblick mit zerschmetterter Hirnschale am
- Boden. Alle flohen, so auch der Elefant, der mit viel Effekt
- nach rechts und links um sich schlug. Entkam, ließ aber starke
- Blutspuren von Böllerschußwunden zurück. Wiederauffindung
- gewiß. Brach südwärts durch einen dichten Wald; ich ihm
- unverzüglich nach.
-
- Brent, Detektiv.«
-
- [3] Religiöse Versammlung von Wanderpredigern, meist auf
- offenem Felde abgehalten.
-
-[Illustration]
-
-Dies war das letzte Telegramm. Gegen Abend sank ein Nebel auf alles
-herab -- so dicht, daß man auf drei Schritte Entfernung nicht das
-geringste unterscheiden konnte. Er hielt die ganze Nacht über an. Die
-Dampfboote und selbst die Omnibusse mußten ihre Fahrt einstellen.
-
-
-III.
-
-Am nächsten Morgen waren die Zeitungen ebenso voll von Theorien wie am
-vorhergehenden; sie brachten ausführlich alle uns bekannten tragischen
-Ereignisse, dazu noch eine Menge weiterer telegraphischer Berichte,
-die sie von ihren Korrespondenten erhalten hatten. Spalte auf Spalte
-begegnete ich herzzerreißenden Artikelüberschriften. Der Grundton
-derselben war stets derselbe; etwa wie folgt:
-
-»_Der weiße Elefant ist los! Er schreitet weiter auf seinem
-verhängnisvollen Marsche! Ganze Ortschaften verlassen von den
-entsetzten Einwohnern! Furcht und Schrecken gehen vor ihm her, Tod und
-Verwüstung folgen ihm. Diesen nach die Detektivs. Scheunen verwüstet.
-Werkstätten beraubt. Ernten verzehrt. Oeffentliche Versammlungen
-gesprengt, begleitet von Blutscenen, die nicht zu beschreiben sind!
-Berichte von vierunddreißig der ausgezeichnetsten Detektivpolizisten!
-Bericht des Inspektors Blunt!_«
-
-»Ah!« rief Inspektor Blunt, der Erregung nahe; »das ist prächtig!
-Das ist die größte Leistung, die je eine polizeiliche Organisation
-vollbracht hat. Die Welt wird davon sprechen.«
-
-Für mich aber gab es keine Freude; mir war zu Mute, als ob ich
-alle diese blutigen Verbrechen begangen hätte und der Elefant mein
-unverantwortliches Werkzeug wäre. Und wie die Unfallliste angewachsen
-war! In einem Orte hatte er sich in »eine Wahl gemischt und fünf
-Agitatoren getötet.« Er hatte dieser That die Vernichtung zweier
-armer Teufel folgen lassen -- armer O'Donohue, armer Mc Flannigan! --
-die »erst am Tage vorher in der Heimat der Unterdrückten aller Länder
-eine Zuflucht gefunden hatten und im Begriffe waren, zum erstenmale
-das kostbare Recht amerikanischer Bürger an der Urne auszuüben,
-als sie niedergeschmettert wurden von der mitleidslosen Hand der
-Geißel Siams.« An einem anderen Orte hatte er »einen verrückten
-Sensationsprediger niedergerannt, der eben für die nächste Saison
-seine heroischen Angriffe auf den Tanz, das Theater und ähnliches
-Teufelswerk vorbereitete.« In einem dritten Orte hatte er »einen
-Blitzableiteragenten erschlagen.« Und so ging die Liste weiter und
-wurde immer blutiger und herzzerreißender. Sechzig Personen hatte
-er getötet, zweihundertundvierzig verwundet. Alle Berichte legten
-vollgültiges Zeugnis ab von der Thätigkeit und dem hingebenden
-Eifer der Detektivs, und alle schlossen mit der Bemerkung, daß
-»dreimalhunderttausend Bürger und vier Detektivs das schreckliche Wesen
-sahen, sowie daß er zwei von letzteren ums Leben brachte.«
-
-Nur mit Angst hörte ich von neuem das Ticken des Telegraphenapparates;
-es regnete förmlich Depeschen, aber glücklicherweise rechtfertigte ihr
-Inhalt meine Befürchtungen nicht. Es stellte sich bald heraus, daß jede
-Spur des Elefanten verloren war: der Nebel hatte es ihm ermöglicht,
-sich unbemerkt ein gutes Versteck zu suchen. Telegramme von Punkten,
-die lächerlich weit entfernt waren, berichteten, daß man zu der und
-der Stunde eine ungeheure trübe Masse durch den Nebel habe schimmern
-sehen! es sei das »unzweifelhaft der Elefant gewesen!« Diese trübe
-ungeheure Masse hatte man in New Haven, in New Jersey, in Pennsylvania,
-im Staate New York, in Brooklyn und sogar in der City von New York
-selbst gesehen! Immer aber war die trübe ungeheure Masse rasch wieder
-verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Jeder von den Hunderten
-über diese ungeheure Landstrecke zerstreuten Detektivs sandte
-stündlich seinen Rapport, und jeder hatte eine Spur, verfolgte sie und
-war dem Elefanten dicht auf den Fersen.
-
-Aber der Tag verging ohne weiteres Resultat. Ebenso der nächste Tag.
-Der dritte desgleichen.
-
-Die Zeitungsberichte mit ihren nichtssagenden Thatsachen, ihren Spuren,
-die zu nichts führten, und ihren blendenden, sinnverwirrenden Theorien
-fingen an langweilig zu werden.
-
-Auf den Rat des Inspektors verdoppelte ich die Belohnung.
-
-Vier weitere eintönige Tage folgten; dann kam ein schwerer Schlag für
-die armen geplagten Detektivs -- die Zeitungen lehnten es ab, ihre
-Konjekturen zu drucken, und sagten kühl: Laßt uns in Ruhe.
-
-Vierzehn Tage nach dem Verschwinden des Elefanten erhöhte ich auf des
-Inspektors Rat die Belohnung auf 75000 Dollars. Es war das eine große
-Summe; aber ich wollte lieber mein ganzes Vermögen opfern, als mein
-Ansehen bei der Regierung einbüßen. Jetzt, da die Detektivs in Nöten
-waren, begannen die Zeitungen über sie herzufallen und die beißendsten
-Sarkasmen gegen sie zu schleudern. Das war Futter für die Bänkelsänger!
-Sie kostümierten sich als Detektivs, und führten auf der Bühne die Jagd
-nach dem verlorenen Elefanten auf. Die Karikaturenzeichner entwarfen
-Skizzen von Detektivs, die das Land mit Feldstechern absuchten, während
-der Elefant hinter ihrem Rücken ihnen Aepfel aus den Taschen holte, und
-machten das Wappenzeichen der Detektivs -- ein weitgeöffnetes Auge mit
-der Devise: »_Wir schlafen nie_« -- auf alle mögliche Weise lächerlich.
-Die Luft war geschwängert mit Sarkasmen.
-
-Aber einen Mann gab es, der bei alledem ruhig, gelassen und
-unerschüttert blieb -- es war jenes eichenfeste Herz, der Inspektor
-Blunt. Sein kühnes Auge senkte sich nie, seine heitere Zuversicht
-wankte nie; er wiederholte nur:
-
-»Laßt sie spotten; wer zuletzt lacht, lacht am besten.«
-
-Meine Bewunderung für den Mann grenzte an Vergötterung. Ich war
-stets an seiner Seite. Sein Bureau war ein qualvoller Aufenthalt für
-mich geworden und wurde es täglich mehr; doch solange er es dort
-aushalten konnte, war auch ich entschlossen zu bleiben -- solang als
-irgend möglich. So kam ich denn regelmäßig und blieb -- zu jedermanns
-Verwunderung. Es war mir oft, als müsse ich davonlaufen; wenn ich dann
-aber in jenes ruhige und anscheinend leidenschaftslose Antlitz blickte,
-hielt ich wieder stand.
-
-Etwa drei Wochen nach dem Verschwinden des Elefanten war ich eines
-Morgens eben im Begriff zu sagen: ich werde die Segel streichen und
-mich zurückziehen müssen, als der große Detektiv diesen feigen Gedanken
-wieder zurückscheuchte, indem er einen neuen meisterhaften Schachzug
-vorschlug -- nämlich, mit den Dieben einen Kompromiß zu schließen.
-Die Fruchtbarkeit der Erfindungsgabe dieses Mannes überstiegen alles,
-was ich je erlebt, und das will etwas sagen, war ich doch mit den
-auserlesensten Geistern der Welt in Berührung gekommen. Er sagte, er
-sei der besten Zuversicht, daß er für 100000 Dollars einen Kompromiß
-schließen und den Elefanten wieder erlangen könne. Ich sagte, ich würde
-am Ende die Summe auftreiben können; aber was sollte mit den armen
-Detektivs werden, die so wacker gearbeitet hatten?
-
-Er entgegnete:
-
-»Bei Kompromissen bekommen sie stets die Hälfte.«
-
-Das beseitigte meinen einzigen Einwand, und so schrieb denn der
-Inspektor zwei Noten wie folgt:
-
- »Werte Frau, -- Ihr Gatte kann sich viel Geld machen (und das
- ganz ohne Gefahr vor dem Strafgesetz), wenn er sich sogleich
- bei mir einfinden will.
-
- Chef Blunt.«
-
-Von diesen beiden Noten sandte er die eine durch seinen vertrauten
-Boten an die ›wohlgeborene Frau‹ Brick Duffys, die andere an die
-›wohlgeborene Frau‹ des roten McFadden.
-
-Innerhalb einer Stunde kamen folgende beiliegende Antworten zurück.
-
- »Sie alter Narr! Brick Duffy ist gestorben, schon vor zwei
- Jahren.
-
- Bridget Mahoney.«
-
- »Chef-Nachteule, -- der rote McFadden ist gehangen und im
- Himmel seit achtzehn Monaten. Jeder Esel außer einem Detektiv
- weiß das.
-
- Mary O'Hooligan.«
-
-»Ich hatte das lange vermutet,« sagte der Inspektor; »es beweist mir
-nur die nie irrende Schärfe meines Instinkts.«
-
-Sobald ein Mittel sich als erfolglos erwies, war er nie um ein anderes
-verlegen. Er schrieb sogleich ein Inserat für die Morgenblätter, von
-dem ich eine Abschrift aufbewahre --
-
-»A. -- xwblv. 142 N. Tjnd -- fz 328 wmlg. Ozpo, --; 2 m! ogw. Mum.«
-
-»Lebt der Dieb noch,« erklärte mir der Inspektor, »so wird ihn das
-sicher an den gewöhnlichen Rendezvousplatz bringen.« Es sei dies ein
-Platz, wo alle geschäftlichen Angelegenheiten zwischen Detektivs und
-Verbrechern abgemacht werden. Die gesuchte Begegnung solle in der
-nächsten Nacht um zwölf Uhr stattfinden. Bis dahin war nichts zu thun;
-ich verließ also ohne Verzug und dankbaren Herzens das Bureau.
-
-Um elf Uhr in der nächsten Nacht legte ich 100000 Dollars in die
-Hände des Inspektors, und gleich darauf verabschiedete er sich,
-die heldenmütige alte ungetrübte Zuversicht in seinen Augen. Eine
-fast unerträglich lange Stunde schlich zu Ende, da hörte ich seinen
-willkommenen Tritt, erhob mich keuchend und wankte ihm entgegen. Wie
-seine schönen Augen im Triumph glänzten! Er sagte --:
-
-»Wir haben einen Vergleich geschlossen! Die Spötter werden morgen ein
-anderes Lied singen! Folgen Sie mir!«
-
-Er ergriff eine brennende Kerze und schritt voran, hinab in das
-ungeheure gewölbte Erdgeschoß, wo fortwährend sechzig Detektivs
-schliefen und wo jetzt etwa zwanzig Karten spielten, um sich die Zeit
-zu vertreiben. Ich folgte ihm auf den Fersen. Er schritt rasch hinab an
-das düstere, ferne Ende des Platzes, und in dem Augenblick, da ich in
-der dicken Stickluft ohnmächtig umsank, strauchelte und fiel er über
-die ausgestreckten Gliedmaßen eines mächtigen Körpers, und ich hörte
-ihn gerade noch beim Hinfallen ausrufen:
-
-»Unser edler Beruf ist gerechtfertigt. Hier ist Ihr Elefant!«
-
-Ich wurde in das Bureau hinaufgetragen und mit Karbolsäure wieder
-zum Bewußtsein gebracht. Die ganze Detektivmannschaft schwärmte
-herein, und es folgte eine Siegesfeier, wie ich noch keine erlebt
-hatte. Die Reporter wurden geholt, der Champagner floß in Strömen,
-Toaste wurden ausgebracht, die Händedrücke und Beglückwünschungen
-waren enthusiastisch und wollten kein Ende nehmen. Der Chef war
-natürlich der Held des Tages, und sein Glück war so vollständig und
-es war mit so viel Ausdauer, Würde und Bravour verdient worden, daß
-es mich beglückte, Zeuge desselben zu sein, obgleich ich dastand als
-ein heimatloser Bettler; -- denn mein unschätzbarer Schutzbefohlener
-war _tot_ und ich meiner Stellung im Dienste meines Vaterlandes
-verlustig, weil ich unmöglich den übeln Schein, als habe ich das in
-mich gesetzte hohe Vertrauen durch eine sorglose Ausführung meines
-Auftrags getäuscht, von mir abzuwenden vermochte. Manches beredte Auge
-bezeugte seine hohe Bewunderung für den Chef, und manches Detektivs
-Stimme murmelte: »Seht ihn an, den König der Profession -- gebt ihm nur
-die Spur von einer Spur, -- und es bleibt nichts vor ihm verborgen.«
-Die Teilung der 50000 Dollars machte viel Vergnügen; als sie vollzogen
-war, hielt der Chef, während er seinen Anteil in die Tasche steckte,
-eine kleine Rede, in der er sagte: »Genießt das Geld, denn ihr habt
-es verdient; und mehr als das -- ihr habt unserem schönen Berufe
-unsterblichen Ruhm erworben.«
-
-Ein Telegramm langte an, folgenden Inhalts: --
-
- »=Monroe, Michigan=: 10. -- Nachm.
-
- Zum erstenmal seit drei Wochen erreichte ich eben ein
- Telegraphenamt. Folgte jenen Fußstapfen zu Pferde durch die
- Wälder, etwa zweihundert Meilen bis hieher; sie werden täglich
- stärker, größer und frischer. Quälen Sie sich nicht unnötig ab
- -- ehe acht Tage verflossen sind, habe ich den Elefanten -- auf
- mein Wort!
-
- Darley, Detektiv.«
-
-Der Chef brachte drei Hochrufe aus auf »Darley, einen der feinsten
-Köpfe unter der Mannschaft,« in welche sämtliche Anwesende begeistert
-einstimmten; dann ließ er an Darley telegraphieren, er möge heimkehren
-und seinen Anteil an der Belohnung in Empfang nehmen.
-
- * * * * *
-
-So endete jene wunderbare Episode von dem gestohlenen Elefanten.
-Die Zeitungen waren am nächsten Tage wieder voll Anerkennung -- mit
-einer nichtssagenden Ausnahme. Ein Blatt schrieb nämlich: »Groß ist
-der Detektiv! Er mag im Auffinden eines kleinen Gegenstandes, wie
-es ein verlorener Elefant ist, ein wenig langsam sein -- er mag ihn
-drei Wochen lang den ganzen Tag verfolgen und des Nachts neben seinem
-verwesenden Kadaver schlafen, aber er wird ihn endlich finden, --
-sobald er nur den Mann, der den Elefanten verloren hat, dahin bringt,
-ihm den Platz zu zeigen.«
-
-Der arme Hassan war auf ewig für mich verloren. Die Böllerschüsse
-hatten ihn tödlich verwundet. Er war im Nebel an jenen düsteren Platz
-gekrochen; und dort, umgeben von seinen Feinden und fortwährend in
-Gefahr entdeckt zu werden, war er dahingeschwunden vor Hunger und
-Leiden, bis der Tod ihn erlöste.
-
-Der Kompromiß kostete mich 100000 Dollars; meine Auslagen für die
-Detektivs betrugen weitere 42000 Dollars; ich bewarb mich nie wieder
-um eine Anstellung im Dienste meiner Regierung; ich bin ein ruinierter
-Mann und ein unstäter Wanderer auf Erden -- aber meine Bewunderung für
-jenen Mann, den ich für den größten Geheimpolizisten halte, welchen die
-Welt hervorgebracht hat, bleibt unvermindert bis auf diesen Tag und
-wird so bleiben bis an mein seliges Ende.
-
- * * * * *
-
- [Der Verleger kann nicht umhin, zur Ehrenrettung der
- Geheimpolizisten auf die genialen Thaten derselben, wie sie in
- den _Kriminal- und Detektivromanen_ von _Green_, _Hawthorne_,
- _Lynch_ und _Doyle_ zum glänzenden Ausdruck kommen, zu
- verweisen.]
-
-
-
-
-Die Geschichte des Hausierers.
-
-
-Der arme, melancholisch blickende Fremde! Es lag etwas in seiner
-demütigen Miene, seinem müden Blick, seinen abgeschabten, ehemals
-feinen Kleidern, das mein Mitleid erregte. Ich bemerkte eine Mappe
-unter seinem Arm, wie sie Kolporteure und Hausierer zu tragen pflegen.
-
-Nun, diese Leute flößen einem stets Interesse ein. Bevor ich mich
-dessen versah, war ich -- ganz Ohr und Teilnahme -- im Anhören seiner
-Lebensgeschichte versunken. Sie lautete ungefähr wie folgt:
-
-»Meine Eltern starben, als ich noch ein kleines, unschuldiges Kind war.
-Mein Onkel Ithuriel gewann mich lieb und nahm mich an Kindesstatt an.
-Er war mein einziger Verwandter in der weiten Welt; er war so gut und
-großmütig und dabei reich. Er erzog mich im Schoß des Ueberflusses.
-Alle meine Wünsche, die mit Geld zu befriedigen waren, wurden erfüllt.
-
-»Nachdem ich auf der Universität studiert, ging ich mit zweien meiner
-Diener -- meinem Kammerdiener und meinem Lakai -- auf Reisen in fremde
-Länder. Vier Jahre lang flatterte ich auf sorglosen Schwingen in den
-prächtigen Gefilden der Fremde umher, -- wenn Sie diese Sprache ihrem
-ergebenen Diener gestatten wollen, dessen Zunge stets poetisch gestimmt
-war; ja ich darf kühnlich also zu Ihnen sprechen, denn Ihre Augen
-verraten mir, daß auch in Ihren Adern das Feuer der holden Poesie
-glüht. In jenen fernen Landen schwelgte ich in der ambrosischen Speise,
-welche der Seele, dem Geiste, dem Herzen frommt. Was aber vor allen
-Dingen und am kräftigsten an meinen angeborenen ästhetischen Geschmack
-appellierte, war der dort unter den Reichen herrschende Brauch,
-Sammlungen von eleganten und kostbaren Seltenheiten und hübschen
-Liebhabereien anzulegen; und in einer verhängnisvollen Stunde versuchte
-ich es, in meinem Onkel Ithuriel Gefallen an dieser ausgezeichneten
-Beschäftigung zu erwecken.
-
-[Illustration]
-
-»Ich schrieb und erzählte ihm von der äußerst umfangreichen
-Muschelsammlung eines Herrn, von eines andern ausgezeichneter Sammlung
-von Meerschaumpfeifen, von eines dritten wunderbarer Sammlung von
-unentzifferbaren Autographen, eines vierten unschätzbarer Sammlung von
-chinesischem Porzellan, eines fünften bezaubernder Briefmarkensammlung
--- und so weiter und so weiter. Bald trugen meine Briefe Frucht: mein
-Onkel begann sich nach dem Gegenstand für eine Sammlung umzusehen. Sie
-wissen wohl, wie leidenschaftlich bald die Pflege einer Liebhaberei
-wird; die seinige wurde bald ein rasendes Fieber. Er begann sein großes
-Schweinegeschäft zu vernachlässigen; bald darauf zog er sich ganz von
-demselben zurück, und aus einem bequemen Lebemann wurde ein toller
-Raritätenjäger. Sein Reichtum war ungeheuer, und er sparte ihn nicht.
-Zuerst versuchte er es mit Kuhglocken. Er legte eine Sammlung an, die
-fünf große Säle füllte und alle Arten von solchen Glocken, von der
-Urzeit bis zur Gegenwart, in sich schloß -- bis auf _eine_. Diese eine
--- eine Antike und das einzige noch vorhandene Exemplar dieser Art
--- war im Besitz eines andern Sammlers, dem mein Onkel enorme Summen
-dafür bot -- vergebens. Sie können sich denken, was notwendigerweise
-folgte. Ein wahrer Sammler legt bekanntlich einer Sammlung, die nicht
-vollständig ist, nicht den mindesten Wert bei: sein glühendes Herz
-erkaltet, er verkauft seinen Schatz und wendet seinen Sinn einem andern
-Gebiet zu, das unausgebeutet zu sein scheint.
-
-»So machte es auch mein Onkel. Er versuchte es dann mit Ziegelsteinen.
-Nachdem er eine umfangreiche und äußerst interessante Sammlung davon
-angelegt hatte, stellte sich die alte Schwierigkeit ein. Mit blutendem
-Herzen verkaufte er seine abgöttisch geliebte Sammlung an einen
-früheren Bierbrauer, der den fehlenden Ziegel besaß. Dann versuchte
-er es mit steinernen Aexten und anderen Geräten des urweltlichen
-Menschen, entdeckte aber bald, daß die Fabrik, wo sie gemacht wurden,
-andere Sammler ebensowohl versorgte wie ihn selbst. Er versuchte es
-mit aztekischen Inschriften und ausgestopften Walfischen -- wieder
-ein Mißerfolg, nach unglücklichen Mühen und Kosten. Denn als seine
-Sammlung endlich vollständig schien, kam ein ausgestopfter Walfisch
-aus Grönland und eine aztekische Inschrift aus der Cundurangogegend in
-Mittelamerika an, die alle früheren Exemplare gänzlich in den Schatten
-stellten. Mein Onkel beeilte sich, diese edlen Kleinodien für sich zu
-gewinnen: er bekam den ausgestopften Walfisch, ein anderer Sammler
-aber die Inschrift. Eine echte Cundurango aber ist, wie Sie vielleicht
-wissen, ein Besitz von so köstlichem Wert, daß ein Sammler, wenn er sie
-einmal erlangt hat, eher von seiner Familie sich trennt, als von ihr.
-So verkaufte denn mein Onkel aus; er sah seine Lieblinge scheiden auf
-Nimmerwiedersehen und sein kohlschwarzes Haar wurde weiß wie Schnee in
-einer einzigen Nacht.
-
-»Nun wartete er und überlegte; er wußte, daß eine weitere Enttäuschung
-ihm das Leben kosten könnte. Er war entschlossen, das nächstemal Dinge
-zu wählen, bei welchen die Konkurrenz weniger zu fürchten war. Er
-überlegte lange und reiflich; dann machte er sich noch einmal ans Werk
--- diesmal, um eine Sammlung von Echos zu gewinnen.«
-
-»Von was?« rief ich erstaunt.
-
-»Von Echos, mein Herr. Sein erster Kauf war ein Echo in Georgia,
-das viermal wiederhallte, sein nächster ein sechsfaches Echo in
-Maryland, sein nächster ein dreizehnfaches in Maine, sein nächster ein
-neunfaches in Kansas, sein nächster ein zwölffaches Echo in Tennessee,
-das er billig bekam, weil es sozusagen baufällig war, denn ein Teil
-des Felsens, der es zurückwarf, war herabgefallen. Er glaubte es
-mit einem Aufwand von einigen Tausend Dollars reparieren lassen und
-durch Aufmauerung des Felsens die Repetierfähigkeit verdreifachen
-zu können; aber der Architekt, der die Arbeit übernahm, hatte nie
-zuvor ein Echo gebaut, und so verdarb er es denn gänzlich. Bevor er
-es verpfuschte, antwortete es wie ein keifendes Marktweib, nachher
-aber taugte es höchstens noch für ein Taubstummenasyl. Nun, nächstdem
-kaufte er eine Partie kleiner doppelläufiger Echos in verschiedenen
-Staaten und Territorien; man gewährte ihm 20% Rabatt, weil er die ganze
-Partie nahm. Dann kaufte er ein Echo, das wie eine Kruppsche Kanone
-knallte; es kostete ein Heidengeld, das kann ich Ihnen sagen. Sie
-müssen nämlich wissen, daß auf dem Echomarkt die Preisskala ansteigt
-wie die Karatskala bei den Diamanten; im Handel gelten auch dieselben
-Ausdrücke für das eine wie das andere. Ein einkarätiges Echo ist nur
-zehn Dollars über den Preis des Grundes und Bodens, auf dem es ruht,
-wert, ein zweikarätiges oder doppelläufiges Echo ist dreißig Dollars
-darüber wert, ein fünfkarätiges über neunhundert, ein zehnkarätiges
-dreizehntausend Dollars. Meines Onkels Echo in Oregon, welches er das
-›Echo des großen Pitt‹ nannte, war ein Kleinod von zweiundzwanzig
-Karaten und kostete zweihundertsechzehntausend Dollars -- man gab ihm
-das Land drein, denn es war zweihundert Stunden von einer Niederlassung
-entfernt.
-
-»Nun, während dieser Zeit war mein Lebensweg ein Rosenpfad. Ich bewarb
-mich um die einzige und liebliche Tochter eines englischen Grafen und
-wurde geliebt bis zur Raserei. In ihrer teuren Nähe schwamm ich in
-einem Meer der Wonne. Da man wußte, daß ich der alleinige Erbe meines
-Onkels sei, den man auf fünf Millionen Dollars schätzte, gaben die
-Eltern um so bereitwilliger ihre Zustimmung. Sowohl ihnen wie mir war
-es unbekannt geblieben, daß mein Onkel unter die Sammler gegangen war
--- wenigstens wußten wir nicht, daß er anders als ganz nebenbei sammle.
-
-»Die Wolken zogen sich indes über meinem unschuldigen Haupt zusammen.
-Jenes göttliche Echo, das seitdem durch die ganze Welt als der große
-Koh--i--noor oder Berg der Wiederholungen bekannt wurde, war entdeckt
-worden: es war ein fünfundsechzigkarätiger Edelstein. Aeußerte man
-nur ein Wort, so antwortete es einem fünfzehn Minuten lang, wenn das
-Wetter windstill war. Aber siehe da, zu gleicher Zeit machte mein
-Onkel die Entdeckung, daß ein zweiter Echosammler vorhanden war. Die
-beiden beeilten sich, den unvergleichlichen Kauf abzuschließen. Das
-Grundstück bestand aus zwei kleinen Hügeln mit einem seichten Thal
-dazwischen, hinten in den Ansiedelungen des Staates New York. Beide
-Männer kamen zu gleicher Zeit an Ort und Stelle an, doch wußte keiner,
-daß der andere auch da war. Das Grundstück mit dem Echo gehörte nicht
-einem Manne allein; ein gewisser Williamson Bolivar Jarvis besaß den
-einen Hügel, den anderen ein gewisser Harbison J. Bledso; das Thal
-bildete die Grenzlinie. Während nun mein Onkel Jarvis' Hügel für drei
-Millionen zweihundertundfünfundachtzigtausend Dollars kaufte, erwarb
-sein Konkurrent Bledsos Hügel für etwas über drei Millionen.
-
-»Keiner von den beiden Männern war mit diesem geteilten Eigentumsrecht
-zufrieden, doch wollte keiner seinen Anteil an den andern verkaufen und
-schließlich schritt jener andere Sammler -- mit einer Böswilligkeit,
-wie sie nur ein Sammler gegen einen Mitmenschen und Kollegen fühlen
-kann -- dazu, seinen Hügel abzutragen!
-
-»Also, da er das Echo selbst nicht erlangen konnte, wollte er es auch
-keinem andern gönnen. Alle Vorstellungen meines Onkels waren vergeblich.
-
-»Es gelang ihm zwar einen Aufschubsbefehl gegen seinen Konkurrenten zu
-erwirken, der letztere appellierte jedoch und brachte die Sache vor
-eine höhere Instanz. Sie führten den Prozeß weiter bis zum obersten
-Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Es entstand ein heilloser
-Wirrwarr. Zwei von den Richtern waren der Ansicht, ein Echo sei
-persönliches Eigentum. Obwohl nicht greifbar, sei es doch käuflich
-und verkäuflich und daher ein besteuerbarer Gegenstand; zwei andere
-Richter meinten, ein Echo sei ein Liegenschaftsobjekt, weil es offenbar
-am Grund und Boden hafte und nicht beweglich sei; andere Richter
-behaupteten, ein Echo sei überhaupt kein Eigentum.
-
-»Es wurde schließlich entschieden, daß ein Echo ein Eigentumsobjekt
-sei; daß die beiden Prozessierenden getrennte und unabhängige
-Eigentümer der beiden Hügel, aber gemeinsame Inhaber des Echos
-seien: es stehe deshalb dem Beklagten vollkommen frei, seinen Hügel
-abzutragen, da er ihm allein gehöre, aber er müsse eine Kaution von
-drei Millionen Dollars stellen als Ersatz für den Schaden, den meines
-Onkels halber Anteil an dem Echo erleiden könnte. Im weiteren verbot
-das Urteil meinem Onkel, ohne die Erlaubnis des Gegners, dessen Hügel
-zur Weckung des Echos zu benützen; er dürfe dazu nur seines eigenen
-Hügels sich bedienen; könne er unter diesen Umständen seinen Zweck
-nicht erreichen, so sei das sehr bedauerlich, aber der Gerichtshof
-könne daran nichts ändern. In derselben Weise wurde der Gegner in Bezug
-auf diesen Punkt beschieden. Sie können sich denken, was nun geschah.
-Keiner von beiden wollte dem andern die Einwilligung zur Benützung
-seines Eigentums geben, und so mußte das berühmte und erhabene Echo auf
-seine Bethätigung verzichten; seit jenem Tage gleicht das wertvolle
-Besitztum einer verzauberten Prinzessin, die auf Erlösung harrt.
-
-»Eine Woche vor meinem Hochzeitstage, während ich noch in einem Meer
-der Wonne schwamm und der hohe Adel von Fern und Nah zur Verherrlichung
-des Ereignisses sich versammelte, traf die Nachricht von dem Tode
-meines Onkels und zugleich die Abschrift seines Testaments, das mich
-zu seinem alleinigen Erben einsetzte, ein. Er war dahin -- ach! mein
-teurer Wohlthäter war nicht mehr: der Gedanke daran belastet mein
-Herz noch heute, nach so langer Zeit. Ich händigte das Testament dem
-Grafen, meinem Schwiegervater, ein, da ich es meiner Thränen wegen
-nicht lesen konnte. Der Graf las es und sagte dann finster: ›Nennen Sie
-das Reichtum, Sir? Das kann man nur in Ihrem schwindelhaften Amerika.
-Sie sind nichts weiter als der alleinige Erbe einer umfangreichen
-Sammlung von Echos, wenn man das eine Sammlung nennen kann, was weit
-und breit über das ganze amerikanische Festland zerstreut ist. Und
-das ist nicht alles, Sir; Sie stecken bis über die Ohren in Schulden;
-nicht ein Echo unter der ganzen Partie, auf dem keine Hypothek ruhte.
-Ich bin nicht hartherzig, Sir, aber ich muß das Interesse meines
-Kindes wahren. Wenn Sie nur _ein_ Echo hätten, das Sie mit Recht Ihr
-Eigentum nennen könnten, wenn Sie nur ein Echo hätten, das frei wäre
-von Lasten, so daß Sie sich mit meinem Kinde dorthin zurückziehen und
-es durch unverdrossenen Fleiß kultivieren und verbessern könnten, so
-würde ich nicht nein sagen; aber ich kann mein Kind an keinen Bettler
-verheiraten. Verlasse ihn, mein Liebling! Und Sie, Sir, nehmen Sie Ihre
-hypothekenbelasteten Echos und gehen Sie mir für immer aus den Augen.‹
-
-»Meine edle Cölestine klammerte sich in Thränen, mit liebenden Armen
-an mich und schwor, sie wolle gerne, ja mit tausend Freuden die Meine
-werden, auch wenn ich nicht _ein_ Echo in der Welt hätte. Aber es
-durfte nicht sein; wir wurden auseinander gerissen -- sie, um innerhalb
-eines Jahres sich langsam zu Tode zu härmen -- ich, um allein mich
-hinzuschleppen auf des Lebens langem, beschwerlichem Pfad, täglich,
-stündlich betend um die Erlösung, die uns wieder vereinen soll in einem
-himmlischen Reich. Und nun, mein Herr, wenn Sie so freundlich sein
-wollen, die Karten und Pläne in meiner Mappe anzusehen; ich kann Ihnen
-gewiß ein Echo billiger ablassen, als irgend jemand. Dieses hier zum
-Beispiel, welches meinen Onkel vor dreißig Jahren zehn Dollars kostete
-und eines der entzückendsten in Texas ist, will ich Ihnen für -- --«
-
-»Einen Augenblick, bitte!« sagte ich. »Mein Freund, ich habe heute
-vor lauter Hausierern noch keine Minute Ruhe gehabt. Ich habe eine
-Nähmaschine gekauft, die ich nicht brauchte; ich habe eine Landkarte
-gekauft, die voller Fehler ist; ich habe eine Uhr gekauft, die nicht
-gehen will; ich habe Mottengift gekauft, das die Motten jeder andern
-Nahrung vorziehen; ich habe eine endlose Menge nutzloser Erfindungen
-gekauft, und jetzt bin ich dieser Thorheit satt. Ich möchte keines
-von Ihren Echos auch nur geschenkt. Ich bin auf jeden wütend, der mir
-Echos zum Verkauf anbietet. Sehen Sie dieses Gewehr? Nun packen Sie
-Ihre Sammlung zusammen und sputen Sie sich; lassen Sie es nicht zum
-Blutvergießen kommen.«
-
-Aber er lächelte nur -- ein melancholisches, sanftes Lächeln -- und zog
-weitere Pläne heraus. Sie kennen die Geschichte; hat man einmal einem
-Hausierer die Thür geöffnet, so zieht man immer den kürzeren.
-
-Nach Verfluß einer unerträglichen Stunde waren wir handelseinig. Ich
-kaufte zwei doppelläufige Echos in gutem Zustand, ein drittes bekam
-ich drein, das, wie er sagte, unverkäuflich sei, weil es nur Deutsch
-spräche. »Es war einst vollkommen polyglott,« sagte er, »hat aber
-irgendwie den größten Teil seiner Sprachfertigkeit eingebüßt.«
-
-
-
-
-Eine wahre Geschichte.
-
-(Gerade so wiedererzählt wie ich sie gehört habe.)
-
-
-Es war im Sommer, zur Dämmerstunde. Wir saßen alle unter dem Vordach
-des Landhauses, Tante Rahel in bescheidener Ehrerbietung etwas tiefer
-wie wir auf den Stufen, denn sie war unsere Magd und eine Farbige. Von
-hohem Wuchs und gewaltigem Körperbau, hatte sie trotz ihrer sechzig
-Jahre ihre alte Kraft bewahrt und ihr Augenlicht war noch ungeschwächt.
-Der braven, lustigen Seele war das Lachen so natürlich wie einem Vogel
-das Singen. Wie gewöhnlich nach beendetem Tagewerk stand sie auch jetzt
-wieder im Feuer, das heißt, sie wurde unbarmherzig geneckt, und das
-machte ihr großes Vergnügen. Sie brach wieder und wieder in schallendes
-Gelächter aus und wenn sie keinen Atem mehr hatte, hielt sie ihren Kopf
-mit beiden Händen fest und schüttelte sich im Uebermaß der Wonne und
-des Entzückens.
-
-»Tante Rahel,« sagte ich zu ihr, als sie dies wieder einmal that,
-»wie kommt es, daß du sechzig Jahre alt geworden bist und gar nichts
-Trauriges erlebt hast?«
-
-Da war ihr Lachkrampf vorüber; sie schwieg einen Augenblick, sah über
-die Schulter nach mir hin und alle Fröhlichkeit war von ihr gewichen.
-
-»Ist das Ihr Ernst, Mista Charles?« fragte sie.
-
-Das überraschte mich sehr und mir verging die scherzhafte Stimmung.
-
-[Illustration]
-
-»Je nun,« entgegnete ich betroffen, »ich dachte -- das heißt, ich
-meinte nur, -- du könntest doch unmöglich jemals Kummer gehabt haben.
-Noch nie habe ich einen Seufzer von dir gehört, und wenn ich dich sehe,
-lachst du immer übers ganze Gesicht.« Sie drehte sich jetzt vollends
-herum und sah mich mit großer Ernsthaftigkeit an.
-
-»Ich -- keinen Kummer? -- Hören Sie Mista Charles, ich erzählen will
-alles und dann sagen Sie sich's selber. Ich bin geboren unter Sklaven,
-ganz da unten und weiß alle Dinge von die Sklaverei, weil ich selbst
-gewesen eine. Nun also, mein Alter -- das heißt mein Mann -- der war
-lieb und gut zu mir, wie Mista zu seiner eigenen Frau. Sieben Kinder
-wir haben gehabt und sie geliebt haben wie Mista liebt seine Kinder.
-Sie schwarz gewesen, aber uns' Herrgott können nicht machen Kinder so
-schwarz, daß ihre eigene Mutter sie nicht liebt und für nichts in der
-ganzen Welt hergeben will.
-
-»Nun, Mista Charles, groß geworden ich bin im alten Virginien, aber
-meine Mutter, sie stammte aus Maryland. -- Mein' Seel', wenn die in
-Zorn geriet, das schrecklich war; sie konnte den Leuten die Pelz
-waschen, daß die Haare flogen. Wenn sie so recht im Harnisch war, dann
-sie hatte immer bloß eine Wort, die sie sagte. Sie reckte hoch sich in
-der Höhe, stemmte die Fäuste in die Seite und sagte: ›Na, wartet, ich
-das werd' euch lehren! Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack
-und wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne
-ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ -- Sehen Sie, so Leute sich nennen,
-die in Maryland sind geboren und sind stolz darauf. Ja, ja, sie sagte
-das immer, und ich vergeß' es mein Lebtag nicht, weil sie sagte es so
-oft und auch einmal, als mein kleiner Henry sich hatte einer Loch in
-die Kopf gefallen, gerade auf der Stirn und seine Handgelenk blutig
-gerissen -- o schrecklich! Und die Nigger, sie kamen nicht gleich
-herbeigeflogen, das Kind zu helfen. Da war meine Mutter furchtbar böse
-und sie trat vor sie hin und sagte: ›Na wartet, ihr Nigger, ich das
-werd' euch lehren! Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack und
-wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne ihr
-Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ Dann trieb sie sie alle aus die Küche 'raus
-und verband die Kind selbst. Da hab' ich mich das angewöhnt, und wenn
-der Aerger über mich kommt, sag' ich auch das Wort von meine Mutter.
-
-»Nun also, mit der Zeit, meine alte Missis[4] sagt einmal, mit ihr wär'
-alles aus, sie muß verkaufen ihre Platz und alle Nigger. Wie ich aber
-höre, daß sie uns wollte verkaufen auf dem Markt in Richmond -- o du
-meine Güte, das Schrecken! Ich wußte ja, was der Glocke hat geschlagen.«
-
- [4] Herrin.
-
- (Tante Rahel war allmählich im Eifer ihrer Erzählung
- aufgestanden; ihre große Gestalt ragte jetzt über uns hinaus
- und hob sich schwarz und deutlich ab vom Sternenhimmel.)
-
-»Sie legten uns in Ketten und stellten uns auf eine Tritt so hoch wie
-der Vordach. Und die Leute standen herum, viele Haufen. Sie kamen da
-'rauf und besahen uns von vorn und von hinten, sie drückten unser Arme,
-machten uns stehen und gehen und sagten dann: der ist zu alt, der taugt
-nichts mehr. Der ist lahm. Der ist nicht viel wert. Und sie verkauften
-mein alter Mann und führten ihn weg. Dann fangen sie an und verkaufen
-meine Kinder und nehmen sie fort. Ich laut heule, aber die Mann sagt:
-Laß deine verdammte Gewinsel, und schlägt mich mit sein Hand auf meine
-Mund. Wenn alle fort sind bis auf mein kleiner Henry, ich presse ihn
-ganz fest an meine Brust und trete hin und schrei: ›den ihr dürft nicht
-nehmen mit, nein, nein, wer ihn anrührt, den schlagen ich tot.‹ Aber
-mein kleiner Henry, er spricht mir ins Ohr: ›Ich thu weglaufen, und
-dann arbeiten ich und kaufen dich los.‹ Gott segne die Kind, es war
-immer so gut! -- Und das Kerle, sie kommen und nehmen ihn, aber ich sie
-packen und reißen sie die Kleider vom Leibe und schlage sie mit meine
-Kette über die Kopf. Sie haben's tüchtig wiedergegeben mir, freilich --
-aber was kümmerten mich das!
-
-»Na also, mein Alter war fort und meine Kinder -- meine ganzen sieben
-Kinder -- und sechs davon habe ich nie wieder mit Augen gesehen bis
-zum heutigen Tag -- zweiundzwanzig Jahr letzte Ostern. Mich kaufte
-ein Mann aus Newbern und hat gebracht mich dorthin. Dann vergehen
-die Jahre und der Krieg kommt. Mein Massa[5] war ein Oberst von die
-Konförderierte und ich Köchin in seine Familie. Wie aber die Unioner
-kommen und einnehmen die Stadt, sind sie alle fortgelaufen und mich
-allein gelassen haben mit die andern Nigger in Massas großes Haus. Nun
-die großen Offiziers von die Unioner sind eingezogen und haben mich
-gefragt, will ich kochen vor ihnen. ›Na Herrje, freilich,‹ sage ich,
-›zu was wär' ich sonst da?‹
-
- [5] Herr.
-
-»Das sind keine so kleine Offiziers gewesen, nein, von die
-allergrößten, und wie die ihre Soldaten 'rumschwenken ließen! Der
-General zu mir sagt, ich soll die Kommando haben über das Küche und
-alle rausjagen, die sich mengen wollen in meinen Sachen. ›Nur nicht
-fürchten dich,‹ sagte er, ›du bist jetzt unter guten Freunden.‹
-
-»Na, ich denken bei mir, wenn mein kleiner Henry Gelegenheit gefunden
-zum Fortlaufen, so ist er natürlich nach das Norden. Und eine Tag ich
-gehe ins Wohnzimmer, wo die großen Offiziers sind, mache eine Knix
-und fange an zu erzählen von mein kleiner Henry, und sie hörten meine
-traurige Geschichte zu, gerade als ob ich eins von die weiße Leut'
-wär'. Und ich sage: ›Weswegen ich komme, das ist, weil, wenn er ist
-fortgelaufen und nach das Norden, wo die Herrens herauskommen, sie
-ihn haben vielleicht gesehen und können mir sagen, wo ich ihn finden
-wieder. Er ganz klein ist und hat eine Narben am linken Handgelenk und
-oben auf die Stirn.‹ Dann machten sie betrübte Gesicht und der General
-fragt: ›Wie lange ist es her, seit man dir dein Kind genommen hat?‹
-Und ich sage: ›Dreizehn Jahr.‹ ›Dann ist er jetzt nicht mehr klein,‹
-antwortet der General, ›er ist ein Mann.‹
-
-»Daran ich hatt' vorher nie noch gedacht, er war für mich noch immer
-die kleine Junge, mir war nie eingefallen, daß er gewachsen und groß
-geworden sein muß. Aber nun ich es verstand. Keiner von den Offiziers
-war ihm begegnet und sie konnten mir nicht helfen. Aber die ganze Zeit,
-ohne daß ich's wußte, vor vieler Jahr, war mein Henry schon fort nach
-das Norden und war ein Barbier, der für eigener Rechnung arbeiten that.
-Wie aber der Krieg kam, da hat er gesagt: ›Jetzt ich laß das scheren
-und gehe meine alte Mutter zu suchen, wenn es nicht schon tot ist.‹
-So verkauft er sein Sach' und geht hin, wo sie Soldaten werben und
-verdingt sich als Bursche bei die Oberst. Nun er marschiert überall
-mit durch allen Schlachten, sein alte Mutter zu finden, erst er war bei
-eine Offizier, dann bei eine andere, bis er ist gezogen durch das ganze
-Süden. Aber von das alles wußt' ich nicht ein Sterbenswort. Wie ich's
-sollt' auch wissen?
-
-»Nun, eine Abend hatten wir großer Soldatenball. Die Soldaten in
-Newbern immerzu wollten tanzen und jubeln, und sie tanzten oft und oft
-in meine Küche, weil die ist so arg groß. Nun wissen Sie, mir gar nicht
-das gefiel, weil ich diente die Offiziers, und es ärgerte mich zu sehen
-die gemeine Soldaten ihre Sprünge machen in meine Küche. Aber ich blieb
-immer dabei und sah nach das Rechte und wenn sie trieben es zu arg und
-ich einen Zorn kriegte, dann 'raus mit sie aus meine Küche -- hast du
-nicht gesehen!
-
-»Also einemal -- Freitag abend -- da kam eine ganze Bataillon von das
-Nigger-Regiment, das die Wache hatte beim Haus -- die Haus war der
-Hauptquartier, wissen Sie. Da kocht alles inwendig bei mir. Ich bin
-im hellen Zorn und nur warte drauf, daß sie was thun, daß ich könnte
-drunter hineinfahren. Und sie walzten und sprangen herum, heisahopsasa
--- und ich schwoll und schwoll vor Wut. Nicht lange, so kommt da ein
-junger Springinsfeld von Nigger gesegelt daher, den Arm um seine gelbe
-Tänzerin; die drehen und schwingen sich im Kreise, rund, rund, rund,
-daß einem ganz wirbelig wird, sie anzusehen. Und als sie dicht vor mir
-sind, da hopsen sie erst auf eine Fuß, dann auf die andere und lachen
-über meine große rote Kopftuch und treiben ihren Spaß. Da ich fahre
-auf sie los und sage: ›Macht, daß ihr fortkommt ihr, ihr Gesindel!‹ Da
-wird das Gesicht von der junge Nigger auf einmal ernst, aber nur eine
-Augenblick, dann war er wieder lustig und lachte wie zuvor. Indem kommt
-eine ganze Bande Nigger herein, die wo die Musik machen und immer so
-vornehm thun. Aber sobald sie das an die Abend versuchen, fahre ich
-auf sie ein. Sie lachten und da es wurde noch ärger. Die andern Nigger
-fangen auch an lachen und nun ich war wie ein Feuerbrand. Ich reckte
-mich in der Höhe, so -- gerade wie jetzt -- fast bis an die Decke,
-stemmte die Fäuste in die Seite und sagte: ›Na, wartet, ihr Nigger, ich
-das werd' euch lehren. Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack
-und wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne
-ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ Da stand die junge Mann stocksteif da,
-die Augen nach das Decke, als ob er was vergessen hätt' und sich nicht
-mehr erinnern könnt'. Ich aber gehe den Niggers zu Leibe, wie eine
-richtige General, und sie nehmen Reißaus und drängen nach die Thür. Und
-wie die junge Mann rausgeht, hör' ich, wie er zu einen andern Nigger
-sagt: ›Jim‹, sagt er, ›geh' mal hin und sag' die Hauptmann, ich würd'
-morgen früh um acht zur Hand sein; aber ich hab' was auf dem Herzen,
-schlafen ich kann heute nacht nicht mehr, geh, laß mich allein.‹
-
-»Das war um 1 Uhr in die Nacht, und wie es sieben Uhr schlug, war ich
-auf und hantierte herum, den Offiziers zu machen das Frühstück. Wie
-ich mich nun zu die Ofen bücke -- grade als wär' Ihr Fuß die Ofen --
-und die Thüre aufmache mit meine Hand und zurückstoße sie -- wie jetzt
-Ihre Fuß -- und die Pfanne mit das heiße Backwerk in die Hand halte und
-aufstehen will -- da sehe ich ein schwarzes Gesicht sich vor meines
-hinschieben und mir in die Augen schauen -- grade wie ich jetzt ansehe
-Sie -- ich rühre mich nicht und gucke und gucke nur in einem fort --
-so -- bis die Pfanne zu zittern anfängt -- und auf einmal -- da wußt'
-ich's. Die Pfanne liegt am Boden und ich packe ihn an der linken Hand,
-schiebe den Aermel zurück -- grade so, wie ich's mache mit Sie, und
-dann kommt das Stirn an die Reihe und ich streiche seine Haar zurück,
-so -- und ›Junge,‹ sag ich, ›wenn du nicht mein Henry bist, wie du
-kommst zu die Narbe am Handgelenk und die Schramme auf die Stirn?
--- Der Herrgott im Himmel gepriesen sei, ich habe meine Herzensjunge
-wieder!‹
-
- * * * * *
-
-»Ja, ja, ich hab' Kummer gehabt -- aber auch Freude, Mista Charles --
-auch Freude!«
-
-
-
-
-Die Liebe des schönen Alonzo Fitz Clarence und der schönen Rosannah
-Ethelton.
-
-
-I.
-
-Es war am Morgen eines bitterkalten Wintertages. Die Stadt Eastport im
-Staate Maine lag unter tiefem, frisch gefallenem Schnee begraben. Das
-gewöhnliche geschäftige Treiben auf den Straßen fehlte; weit und breit
-auf denselben nichts als eine weiße Decke und entsprechende Stille. Die
-Trottoirs waren nur noch lange, tiefe Gräben mit steilen Schneehügeln
-zu beiden Seiten. Hie und da konnte man das schwache, ferne Kratzen
-einer hölzernen Schaufel vernehmen und ein flüchtiges Bild von einer
-entfernten, schwarzen Gestalt erhaschen, die sich bückte und in einem
-jener Gräben verschwand, um im nächsten Augenblick wieder aufzutauchen,
-mit einer Bewegung, die das Herausschaufeln von Schnee verriet. Aber
-man mußte rasch blicken, denn jene schwarze Gestalt verweilte nicht,
-sondern ließ bald die Schaufel fallen und lief auf das Haus zu, wobei
-sie mit den Armen um sich warf, um sich zu wärmen. Ja, es war zu bitter
-kalt, als daß ein Schneeschaufler oder sonst jemand lange draußen
-bleiben konnte.
-
-Bald darauf verdüsterte sich der Himmel: der Wind hatte sich erhoben
-und wirbelte in heftigen ungleichen Stößen ganze Wolken pulverigen
-Schnees in die Höhe und nach allen Seiten. Unter der Wucht dieser
-Windstöße legten sich große weiße Schneehügel wie Gräber quer über die
-Straßen; einen Augenblick später bettete sie ein anderer Windstoß in
-anderer Richtung, wobei er einen feinen Sprühregen Schnees von ihren
-spitzen Kämmen fegte, wie eine frische Brise den Schaum von den Wogen
-spritzt; einem dritten Stoß gefiel es, den Platz so glatt zu fegen wie
-einen Tisch. Das war Tändelei, das war Spiel; aber daß es keiner von
-diesen Windstößen unterließ, einen Haufen Schnee in die Trottoirgräben
-zu werfen, das gehörte offenbar zum Geschäft.
-
-Alonzo Fitz Clarence saß in seinem behaglichen und eleganten kleinen
-Empfangszimmer, in einem blauseidenen, mit Aufschlägen und Säumen von
-karmoisinrotem Sammet besetzten Schlafrock. Die Ueberreste seines
-Frühstücks standen vor ihm, und das zierliche und kostbare Tischzeug
-fügte der Anmut, Schönheit und dem Reichtum der Ausstattung des Zimmers
-noch einen weiteren harmonischen Reiz bei. Ein lustiges Feuer prasselte
-im Kamin.
-
-Ein wütender Windstoß ließ die Fenster erzittern, und eine große
-Schneewoge rollte gegen sie, wenn man so sagen darf. Der hübsche junge
-Mann murmelte:
-
-»Das bedeutet -- keinen Ausgang heute! Nun meinetwegen. Aber wie
-steht's mit der Unterhaltung? Mutter ist ja ganz recht, Tante Susanne
-ebenso; aber diese beiden kann ich immer haben. An einem so bösen Tag
-bedarf es eines neuen Interesses, eines frischen Elements, um die
-stumpfe Schneide der Gefangenschaft zu schärfen. Eine hübsche Phrase --
-hat aber keinen Sinn! Man will ja die Schneide der Gefangenschaft nicht
-geschärft haben, sondern gerade das Gegenteil.«
-
-Er blickte auf seine hübsche französische Stutzuhr.
-
-»Die Uhr geht wieder falsch; sie weiß kaum je, was die Zeit ist, und
-wenn sie es weiß, lügt sie mich an, was auf dasselbe hinausläuft. --
-Alfred!«
-
-Keine Antwort.
-
-[Illustration]
-
-»Alfred! Ein guter Diener, aber ebenso unzuverlässig wie die Uhr.«
-
-Alonzo berührte den Knopf einer elektrischen Leitung in der Wand,
-wartete ein Weilchen und berührte ihn dann nochmals; hierauf wartete er
-wieder einige Augenblicke und sagte endlich:
-
-»Ohne Zweifel ist die Batterie nicht in Ordnung; nun ich aber einmal
-darauf aus bin, will ich auch herauskriegen, wie viel Uhr es ist.«
-Er schritt zu einem Sprachrohr in der Ecke und rief ›Mutter!‹ mit
-zweimaliger Wiederholung.
-
-»Es hilft nichts. Auch der Mutter Batterie geht nicht. Kann niemand
-drunten auf die Beine bringen -- das ist klar.«
-
-Er setzte sich vor einem Pult aus Rosenholz nieder, lehnte sein Kinn
-gegen dessen linke Kante und sprach, gleichsam gegen den Fußboden
-gewendet: »Tante Susanne!«
-
-Eine leise, angenehme Stimme antwortet: »Bist du's, Alonzo?«
-
-»Ja. Ich bin zu faul und fühle mich zu behaglich, um die Stiege
-hinabzugehen; ich bin in größter Not und kann scheints, keine Hilfe
-herbeirufen.«
-
-»Du lieber Himmel, was giebt's?«
-
-»Genug, -- das kann ich dir sagen!«
-
-»O, lasse mich nicht in Ungewißheit, Lieber. Was ist's denn?«
-
-»Ich möchte wissen, wie viel Uhr es ist.«
-
-»Du unartiger Junge; du hast mich recht in Schrecken gejagt! Ist das
-alles?«
-
-»Alles -- auf Ehre. Beruhige dich; sage mir die Zeit und empfange
-meinen Segen.«
-
-»Gerade fünf Minuten nach neun Uhr. Keine Ursache zum Danken -- behalte
-deinen Segen.«
-
-»Danke schön, Tantchen. Er würde mich nicht gerade ärmer gemacht haben,
-und dich nicht so reich, daß du ohne andere Mittel leben könntest.«
-Er stand auf und murmelte: »Gerade fünf Minuten nach neun Uhr,« und
-stellte sich seiner Uhr gegenüber. »Ah,« sagte er, »du machst deine
-Sache besser wie gewöhnlich. Du gehst nur um vierunddreißig Minuten
-falsch. Warte ... Warte ... Dreiunddreißig und einundzwanzig ist
-vierundfünfzig; viermal vierundfünfzig ist zweihundertsechsunddreißig;
-eins ab, bleibt zweihundertfünfunddreißig. So ist's recht.«[6]
-
- [6] Tante und Neffe, welche also per Telephon verkehren, sind
- weit auseinander: _sie_ in San Francisco, er in einer Stadt
- des Ostens, daher die Zeitdifferenz.
-
- Der Uebers.
-
-
-Er drehte die Uhrzeiger vorwärts, bis sie fünfundzwanzig Minuten auf
-Eins zeigten und sagte: »Nun sieh, ob du nicht eine Zeit lang richtig
-gehen kannst ... sonst werde ich dir kommen!«
-
-Er setzte sich wieder vor das Pult und sagte: »Tante Susanne!«
-
-»Ja, Lieber.«
-
-»Gefrühstückt?«
-
-»Gewiß, vor einer Stunde schon.«
-
-»Sehr beschäftigt?«
-
-»Nein -- nähe bloß ein wenig. Warum?«
-
-»Gesellschaft bei dir?«
-
-»Nein, aber ich erwarte solche um halb zehn Uhr.«
-
-»Wollte, ich auch. Ich fühle mich einsam und möchte mit jemand
-plaudern.«
-
-»Nun gut, so plaudere mit mir.«
-
-»Ja, aber ich hab' 'was ganz Privates!«
-
-»Sei unbesorgt! -- plaudre frisch drauf los; es ist außer mir niemand
-da.«
-
-»Ich weiß fast nicht, ob ich es wagen soll, aber --«
-
-»Aber was? Sprich nur! Du weißt, Alonzo, daß du mir vertrauen kannst --
-du weißt es.«
-
-»Bin überzeugt, Tante; aber die Sache ist sehr ernst; sie berührt mich
-sehr nahe -- mich und die ganze Familie -- selbst die ganze Gemeinde.«
-
-»O, Alonzo, sage mir's! Ich werde nie ein Wort davon laut werden
-lassen. Um was handelt es sich?«
-
-»Soll ich's wagen ...«
-
-»O bitte, thu's! Ich habe dich so lieb und kann dir ganz nachfühlen.
-Sage mir alles -- vertraue mir! Was hast du auf dem Herzen?«
-
-»Das Wetter!«
-
-»Zum Kuckuck mit dem Wetter! Ich weiß nicht, wie du's übers Herz
-bringen kannst, mir so mitzuspielen, Lon.«
-
-»Nun, nun, lieb' Tantchen, es thut mir leid -- wirklich, bei meiner
-Treu, ich will's nicht wieder thun. Vergiebst du mir?«
-
-»Meinetwegen, ich sollte es freilich nicht thun; denn du hältst mich
-doch wieder zum Besten, sobald ich diesen Streich vergessen habe.«
-
-»Nein, gewiß nicht -- mein Wort darauf. Aber solch ein Wetter, o, solch
-ein Wetter! Man muß seine Lebensgeister künstlich aufrecht erhalten.
-Schneeig, windig, stürmisch und bitterkalt, alles auf einmal! Wie ist
-das Wetter bei euch?«
-
-»Warm, regnerisch und trübselig. Es wimmelt auf den Straßen von
-Regenschirmen, und von dem Ende jedes Fischbeins ergießt sich ein
-Strom. Der Behaglichkeit wegen brennt ein Feuer in meinem Kamin,
-und damit es nicht so warm wird, sind die Fenster offen. Aber es
-ist umsonst: nichts kommt herein als der linde Hauch des Dezember,
-geschwängert von den Düften der Blumen, welchen die Außenwelt gehört
-und die sich ihres wonnigen Lebens freuen, während der Geist des
-Menschen niedergeschlagen ist, die ihm entgegenleuchten in bunter
-Pracht, während seine Seele in Sack und Asche gekleidet ist und sein
-Herz brechen möchte.«
-
-Alonzo öffnete die Lippen, um zu sagen: »Du solltest das drucken und
-einrahmen lassen,« unterließ es aber, als er seine Tante mit einer
-andern Person sprechen hörte. Er trat ans Fenster und schaute hinaus
-auf das winterliche Straßenbild. Der Sturmwind trieb den Schnee
-wütender als je vor sich her; die Fensterläden wurden lärmend hin- und
-hergeworfen; ein verirrter Hund mit gesenktem Kopf und eingezogenem
-Schweif drängte seinen zitternden Körper gegen eine windgeschützte
-Mauer, Obdach und Schutz suchend; ein junges Mädchen watete knietief
-durch die Schneehaufen; sie hatte das Gesicht vom Winde abgewandt, und
-die Kaputze ihres Regenmantels flatterte von hinten über ihren Kopf.
-Alonzo schauderte und er sagte mit einem Seufzer: »Lieber Kotpfützen
-und schwüler Regen, und aufdringliche Blumen, als das!«
-
-Er wandte sich vom Fenster ab, machte einen Schritt und blieb dann
-in lauschender Haltung stehen. Die schwachen, sanften Töne eines
-wohlbekannten Liedes schlugen an sein Ohr. Er blieb mit vorwärts
-gebeugtem Kopf stehen und sog die Melodie ein, -- weder Hand noch Fuß
-rührte sich, er atmete kaum. Dem Vortrag des Liedes fehlte etwas;
-unserem Alonzo aber schien das kein Fehler, sondern eher ein weiterer
-Reiz zu sein. Dieser Fehler bestand in einem auffallenden Sinken der
-Stimme bei der dritten bis siebenten Note des Refrains oder Chors des
-Liedes. Als der Gesang zu Ende war, holte Alonzo tief Atem und sagte:
-»Ah, nie zuvor habe ich ›~In the Sweet By-and-By~‹ so schön singen
-hören!«
-
-Er schritt rasch zum Pult, horchte einen Augenblick und sagte dann
-leise und vertraulich: »Tantchen, wer ist denn diese göttliche
-Sängerin?«
-
-»Es ist der Besuch, den ich erwartete. Bleibt einen bis zwei Monate bei
-mir. Will dich ihr vorstellen, -- Fräulein ...«
-
-»Um Gottes willen, warte einen Augenblick, Tante Susanne! Du überlegst
-doch auch gar nicht.«
-
-Er flog in sein Schlafzimmer und kehrte einen Augenblick später,
-merklich in seiner äußeren Erscheinung verändert, wieder, indem er
-schnippisch bemerkte: »Bei Gott, sie würde mich diesem Engel in meinem
-himmelblauen Schlafrock da, mit den feuerroten Aufschlägen, vorgestellt
-haben. Die Weiber denken doch nie, wenn sie einmal im Eifer sind.«
-
-Er eilte zu dem Pult, blieb stehen und rief halblaut: »Nun, Tante, bin
-ich fertig,« worauf er sich mit all der einschmeichelnden Eleganz, die
-ihm zu Gebote stand, lächelnd verbeugte.
-
-»Sogleich! -- Fräulein Rosannah Ethelton, darf ich Ihnen meinen
-liebsten Neffen, Herrn Alonzo Fitz Clarence vorstellen? So! Ihr seid
-beide artige Kinder, und so will ich euch denn vertrauen und allein
-beisammen lassen, derweil ich einiges fürs Haus besorge. Setzen Sie
-sich, Rosannah; setze dich, Alonzo. Adieu; ich werde bald wieder da
-sein.«
-
-Alonzo hatte sich währenddessen immerzu verbeugt und unsichtbaren
-jungen Damen unsichtbare Sitze angewiesen, jetzt aber setzte er sich
-selbst, indem er zu sich sagte: »Na, das nenn' ich Glück! Nun mögen die
-Winde sausen und der Schnee wehen und die Himmel finster drein blicken!
-Was ficht's mich an!«
-
-Während die jungen Leute sich nun in die Bekanntschaft hineinplaudern,
-nehmen wir uns die Freiheit, das Schönere und Holdere der beiden
-genauer zu betrachten. Sie saß allein, in anmutiger Ungezwungenheit,
-in einem reich möblierten Gemach, welches offenbar das Empfangszimmer
-einer feinen und reichen Dame war. Neben einem niederen, bequemen
-Sessel stand ein zierliches Arbeitstischchen, auf dem sich ein
-phantastisch gestickter flacher Korb erhob, aus dessen offenem
-Deckel sich Stickgarn von verschiedenen Farben, Litzen und Bänder
-hervordrängten und in nachlässiger Fülle herabhingen. Auf einem üppigen
-Sofa, das mit einem weichen indischen, aus schwarzen und goldenen Fäden
-gewebten, und von anderen Fäden in gedämpfteren Farben durchschossenen
-Stoffe überzogen war, lag eine noch unfertige Straminarbeit, einen
-in reichen Farben prangenden Blumenstrauß darstellend. Die Hauskatze
-schlief gerade auf diesem Kunstwerk. In einem Bogenfenster stand eine
-Staffelei mit einem unvollendeten Gemälde, Palette und Pinsel lagen
-auf einem Stuhle daneben. Bücher, wohin man sah: Robertsons Predigten,
-Tennyson, Moody und Sankey, Hawthorne, Longfellow, Kochbücher,
-Gebetbücher, Stickmusterbücher, nicht zu vergessen alle Arten von
-Büchern über Renaissancemöbel und Majolikas. Auch ein Piano war da mit
-einem Stoß Musikalien daneben. An den Wänden hing eine Menge Bilder,
-andere standen auf Kaminsims und Eckbrettern, und wo sich ein Plätzchen
-dazu fand, waren plastische Figuren, altmodischer Nippsachen-Krimskrams
-und besonders viel seltenes und kostbares chinesisches Porzellan
-aufgestellt. Das Bogenfenster ging auf einen Garten, aus dem fremde und
-einheimische Blumen und blühende Sträucher hervorstrahlten.
-
-[Illustration]
-
-Aber das holde junge Mädchen war das reizendste, was dieser Wohnsitz
-drinnen und draußen dem Auge bieten konnte: zartgeformte Züge von
-griechischem Schnitte, ihre Gesichtsfarbe der reine Schnee einer Lilie,
-auf die von einem scharlachfarbenen Gartennachbar ein schwacher Abglanz
-fällt; große, sanfte blaue Augen, mit langen, geschweiften Wimpern
-befranst; im Gesicht die Treuherzigkeit eines Kindes und die Sanftmut
-eines Rehes; der hübsche Kopf mit goldglänzendem Haar verschwenderisch
-reich gekrönt; eine geschmeidige und doch wohlgerundete Gestalt, die in
-jeder Haltung und Bewegung von natürlicher Anmut erfüllt war.
-
-Ihr Anzug und Schmuck zeigte jene ausgesuchte Harmonie, die nur von
-einem feinen natürlichen, durch Kultur vervollkommneten Geschmack
-kommen kann. Ihr Kleid war von einfachem, magentafarbenen Tüll,
-der Quere nach geschnitten und gekreuzt von drei Reihen hellblauer
-Falbeln; der Ueberwurf von dunkelrotbraunem Tarlatan, mit Stickereien
-von scharlachfarbenem Atlas; kornfarbige Polonaise ~en panier~, mit
-Perlmutterknöpfen und Silberschnüren besetzt, nach hinten aufgenommen
-und mit Litzen von lederfarbenem Sammet befestigt; Schöße von
-lavendelfarbenem Rips, mit Valenzienner Spitzen ausgeputzt; Krawatte
-von kastanienfarbenem Sammet, mit zarter Rosaseide eingefaßt; Halstuch
-von einem einfachen dreifaltigen, in der Wolle gefärbten Gewebe von
-gedämpftem Safrangelb; Korallenarmbänder und Halskette mit Medaillon;
-Haarschmuck von Vergißmeinnicht und Maiblümchen, die sich zahlreich um
-eine edle Calla drängten.
-
-Das war alles; doch selbst in diesem schlichten Anzug war sie göttlich
-schön; was müßte sie erst gewesen sein, wenn geschmückt zum Fest oder
-Ball?
-
-Ahnungslos, daß wir sie dieser Besichtigung unterzogen, hatte sie
-mittlerweile eifrig mit Alonzo geplaudert. Rasch enteilten die Minuten,
-und noch immer plauderten sie. Endlich aber blickte sie zufällig empor
-und sah auf die Uhr. Ein tiefes Erröten durchschoß ihre Wangen und sie
-rief aus:
-
-»Und nun adieu, Herr Fitz Clarence; ich muß jetzt gehen!«
-
-Sie sprang mit solcher Hast von ihrem Stuhl empor, daß sie kaum des
-jungen Mannes Abschiedsgruß hörte. Strahlend von Anmut und Schönheit
-stand sie da und schaute verwundert auf die anklagende Uhr; dann
-öffneten sich ihre vollen Lippen und sie sagte zu sich:
-
-»Fünf Minuten über elf! Fast zwei Stunden, und es schienen keine
-zwanzig Minuten zu sein. Du lieber Himmel, was wird er von mir denken!«
-
-In demselben Augenblicke starrte Alonzo auf seine Uhr und sagte dann zu
-sich:
-
-»Fünfunddreißig Minuten über zwei Uhr! Fast zwei Stunden, und ich
-glaubte, es wären keine zwei Minuten! Am Ende schwindelt die Uhr
-wieder? Fräulein Ethelton! Nur einen Augenblick, bitte. Sind Sie noch
-hier?«
-
-»Ja, aber bitte schnell! muß sogleich gehen.«
-
-»Möchten Sie so freundlich sein, mir zu sagen, wie viel Uhr es ist?«
-
-Das Mädchen errötete wieder und sagte leise für sich: »Es ist geradezu
-grausam, mich zu fragen!« und gab dann laut und mit bewundernswert
-gespielter Gleichgültigkeit zur Antwort: »Fünf Minuten über elf.«
-
-»So? ich danke Ihnen! Sie müssen also jetzt wirklich gehen?«
-
-»Ja.«
-
-»Das thut mir leid.«
-
-Keine Antwort.
-
-»Fräulein Ethelton!«
-
-»Nun?«
-
-»Sie -- Sie sind noch da, nicht wahr?«
-
-»Ja; aber bitte, beeilen Sie sich. Was wollten Sie sagen?«
-
-»Nun, ich -- nun, nichts Besonderes. Es ist so einsam hier. Es ist
-viel verlangt, ich weiß es; aber möchten Sie wohl bald wieder mit mir
-plaudern -- das heißt, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist?«
-
-»Ich weiß nicht -- aber ich will mich besinnen -- ich denke, ja.«
-
-»O, tausend Dank! Fräulein Ethelton? ... O weh, sie ist fort, und da
-sind die schwarzen Wolken und der wirbelnde Schnee und die stürmischen
-Winde wieder! Aber sie sagte _adieu_! Sie sagte nicht Guten Morgen,
-sie sagte adieu! ... Die Uhr ging also doch recht. Wie blitzbeschwingt
-diese zwei Stunden waren!«
-
-Er setzte sich nieder, blickte eine Weile träumerisch in das Feuer,
-seufzte dann tief auf und sagte:
-
-»Wie wunderbar! Vor zwei Stündchen noch war ich ein freier Mann, und
-jetzt ist mein Herz in San Francisco!«
-
-Um dieselbe Zeit saß Rosannah Ethelton, mit einem Buche in der Hand,
-in der Fensternische ihres Schlafzimmers und blickte zerstreut hinaus
-über die regnerischen Seen, die das ›goldene Thor‹ (Hafen von San
-Francisco) wuschen, und flüsterte für sich: »Wie ganz anders er doch
-ist als der arme Burley mit seinem leeren Kopf und seinem einzigen
-komödiantenhaften Talent der Nachäffung.«
-
-
-II.
-
-Vier Wochen später unterhielt Herr Sidney Algernon Burley eine
-fröhliche Frühstücksgesellschaft in einem prächtigen Salon auf
-Telegraph Hill mit einigen köstlichen Nachahmungen der Stimmen und
-Gebärden gewisser beliebter Schauspieler, gewisser Litteraten aus San
-Francisco und Bonanzaer Granden.[7] Er war eine elegante Erscheinung,
-und -- abgesehen von einem unbedeutenden Schielen -- ein hübscher
-Mensch. Er schien sehr guter Stimmung zu sein, trotzdem blickte er von
-Zeit zu Zeit voll unruhiger Erwartung nach der Thüre. Endlich erschien
-ein Lakai, welcher der Frau vom Hause eine Botschaft brachte, worauf
-die Dame verständnisvoll mit dem Kopf nickte. Das schien Burleys
-Erwartung ein Ende zu machen; seine Lebhaftigkeit nahm nach und nach ab
-und sein Gesicht einen niedergeschlagenen Ausdruck an.
-
- [7] Besitzer von großen Farmen, sogenannten ›Bonanzafarmen‹.
-
- Anm. des Uebers.
-
-
-Die Gesellschaft entfernte sich, als es an der Zeit war, und er blieb
-allein mit der Hausfrau, zu der er sagte:
-
-»Es kann kein Zweifel mehr sein: sie weicht mir aus, sie entschuldigt
-sich fortwährend. Wenn ich sie nur sehen, nur einen Augenblick mit ihr
-sprechen könnte -- aber diese Ungewißheit --«
-
-»Vielleicht ist ihr scheinbares Ausweichen bloßer Zufall. Gehen Sie in
-das kleine Empfangszimmer droben und warten Sie einen Augenblick. Ich
-muß rasch einen häuslichen Auftrag geben, der mir eben einfällt, und
-will dann auf ihr Zimmer gehen. Sie wird sich gewiß bestimmen lassen,
-Sie zu empfangen.«
-
-Herr Burley ging die Stiege hinauf in der Absicht, das kleine
-Empfangszimmer aufzusuchen; als er aber an ›Tante Susannes‹ Boudoir
-vorüberging, dessen Thüre ein wenig offen stand, hörte er ein ihm
-wohlbekanntes fröhliches Lachen; so ging er denn ohne anzuklopfen
-und unangemeldet hinein. Ehe er aber seine Nähe bemerklich machen
-konnte, hörte er Worte, die ihm schwer auf die Seele fielen und sein
-Blut erkalten machten. Er hörte vor dem Telephon eine Stimme sagen:
-»Liebste, es ist angekommen, es ist da.«
-
-Dann hörte er Rosannah Ethelton, die mit dem Rücken gegen ihn stand,
-antworten: »Das deinige auch, Teuerster!«
-
-Er sah ihre vorgebeugte Gestalt sich noch tiefer herabbeugen; er hörte
-sie etwas küssen -- nicht bloß einmal, sondern wieder und wieder! Seine
-Galle kochte in ihm. Die herzbrechende Unterredung wurde fortgesetzt:
-
-»Rosannah, ich wußte, daß du schön sein müßtest; aber dein Bild
-übertrifft meine Ahnung: ich bin völlig geblendet!«
-
-»Alonzo, es macht mich überglücklich, daß du das sagst. Ich weiß
-zwar, daß es nicht wahr ist; aber ich bin trotzdem dankbar, daß du es
-glaubst! Ich wußte, daß du edle Züge haben müßtest, aber die Anmut und
-Majestät der Wirklichkeit machen die Schöpfung meiner Phantasie zu
-einem armseligen Schattenbild.«
-
-Burley hörte wieder jenen prasselnden Schauer von Küssen.
-
-»Ich danke dir, meine Rosannah! Die Photographie schmeichelt mir, aber
-daran mußt du nicht denken. -- Mein Schätzchen?«
-
-»Ja, Alonzo?«
-
-»Ich bin so glücklich, Rosannah.«
-
-»O, Alonzo. Jetzt weiß ich, was Liebe ist. Ich schwebe in einem
-prächtigen Wolkenland, in einem grenzenlosen Himmel zauberhaften und
-sinnberauschenden Entzückens.«
-
-»O, meine Rosannah! -- denn du bist ja mein, nicht wahr?«
-
-[Illustration]
-
-»Ganz, o, ganz dein, Alonzo, jetzt und immerdar! Den ganzen Tag
-hindurch und in meinen nächtlichen Träumen höre ich immer ein Lied,
-dessen holder Refrain lautet: Alonzo Fitz Clarence, Alonzo Fitz
-Clarence zu Eastport im Staate Maine!«
-
-»Verwünscht sei er! -- ich habe jetzt wenigstens seine Adresse!«
-brüllte Burley innerlich und eilte fort.
-
-Hinter dem ahnungslosen Alonzo aber stand plötzlich seine Mutter, ein
-Bild des Staunens. Sie war vom Kopf bis zu den Füßen in Pelze gehüllt,
-so daß außer Augen und Nase nichts von ihr zu sehen war. Sie stand
-da, wie eine gute Allegorie des Winters, über und über mit feinen
-Schneeflocken bestreut.
-
-Hinter der ahnungslosen Rosannah stand Tante Susanne, ein zweites Bild
-des Staunens. Sie war eine gute Allegorie des Sommers, denn sie war
-leicht gekleidet und kühlte sich mit einem Fächer das heiße Gesicht.
-
-Beiden Frauen standen Freudenthränen in den Augen.
-
-»Haha!« rief Frau Fitz Clarence aus, »das erklärt, weshalb dich seit
-sechs Wochen niemand aus deinem Zimmer zu bringen vermochte, Alonzo!«
-
-»Aha!« rief Tante Susanne aus, »jetzt weiß ich, weshalb Sie in den
-letzten sechs Wochen eine Einsiedlerin waren, Rosannah!«
-
-[Illustration]
-
-Die jungen Leute waren im Nu auf den Füßen, und standen betreten da,
-wie Schmuggler von Gold und Juwelen, die man beim Handwerk ertappt hat.
-
-»Sei gesegnet, mein Sohn! Ich bin glücklich in eurem Glück. Komm' in
-deiner Mutter Arme, Alonzo!«
-
-»Sei gesegnet, Rosannah, um meines lieben Neffens willen. Komm' in
-meine Arme!«
-
-Die Herzen schwammen in Wonne auf Telegraph Hill und in Eastport Square.
-
-An beiden Orten wurden Diener gerufen. Dem einen wurde der Befehl
-gegeben: »Wirf noch mehr Walnußbaumholz ins Feuer und bringe mir ein
-siedheißes Glas Glühwein.« Dem andern wurde der Auftrag erteilt:
-»Lösche das Feuer und bringe mir zwei Palmblattfächer und eine Flasche
-Eiswasser.«
-
-Dann wurden die jungen Leute weggeschickt, und die beiden älteren
-setzten sich nieder, um die angenehme Ueberraschung zu besprechen und
-Heiratspläne zu entwerfen.
-
-Einige Minuten vorher stürzte Herr Burley aus dem Hause auf Telegraph
-Hill, ohne jemandem zu begegnen oder von jemand förmlichen Abschied
-zu nehmen. In unbewußter Nachahmung einer bekannten Stelle in einem
-Melodrama zischte er zwischen den Zähnen hervor: »Sein soll sie niemals
-werden! Ich hab's geschworen! Ehe die Natur ihren Winterhermelin
-abgelegt haben wird, um den Smaragdschmuck des Frühlings anzulegen,
-soll sie mein sein!«
-
-
-III.
-
-Ein paar Wochen später. -- Drei oder vier Tage lang empfing Alonzo
-alle paar Stunden den Besuch eines sehr schmuck und gottesfürchtig
-aussehenden Geistlichen, der auf einem Auge schielte; nach seiner
-Visitenkarte war er der hochwürdige Melton Hargrave aus Cincinnati.
-Er sagte, er habe sich ›seiner Gesundheit wegen‹ von der Seelsorge
-zurückgezogen; wenn er gesagt hätte: ›wegen seiner Kränklichkeit‹,
-würde ihn sein gesundes Aussehen und sein kräftiger Körperbau stark
-Lügen gestraft haben. Er stellte sich als Erfinder einer Verbesserung
-an Telephonen vor, der durch Verkauf des bezüglichen Patents sich
-seinen Lebensunterhalt zu verdienen hoffte. »Heutzutage,« sagte er,
-»kann jeder, der Lust hat, einen Telegraphendraht anzapfen, welcher ein
-Lied oder ein Konzert aus einem Staate in einen andern leitet, sein
-eigenes Telephon daranhängen und diebisch jene Musik anhören, während
-sie vorübergleitet. Meine Erfindung wird dem ein Ende machen.«
-
-»Nun,« antwortete Alonzo, »was kann dem Eigentümer der Musik daran
-liegen, wenn ihm der Diebstahl nichts schadet?«
-
-»Nichts,« sagte der Hochwürdige.
-
-»Nun, also?« sagte Alonzo fragend.
-
-»Angenommen aber,« antwortete der Hochwürdige, -- »angenommen, daß
-statt der Musik, die im Vorübergleiten gestohlen werden kann, der Draht
-Liebeszärtlichkeiten geheimster und heiligster Natur aussendet?«
-
-Alonzo schauderte vom Scheitel bis zur Zehe. »Mein Herr, ich verstehe,
-Ihre Erfindung ist unbezahlbar; ich muß sie haben -- um jeden Preis.«
-
-Aber die Erfindung, welche aus Cincinnati bestellt war, wollte nicht
-eintreffen. Alonzo verging vor Ungeduld: der Gedanke, daß Rosannahs
-liebe Worte von irgend einem elenden Neugierigen geteilt würden,
-war ihm eine Folter. Der Hochwürdige kam häufig und beklagte den
-Verzug und sprach von Maßregeln, die er getroffen, um die Ankunft zu
-beschleunigen. Das war ein kleiner Trost für Alonzo.
-
-Eines Vormittags stieg der Hochwürdige die Treppe hinan und klopfte
-an Alonzos Thür: es erfolgte keine Antwort. Er trat ein, blickte
-forschend umher und eilte dann zum Telephon. Die ausnehmend sanften
-fernen Töne des ›~Sweet By-and-By~‹ fluteten durch das Instrument. Die
-Sängerin nahm wie gewöhnlich die fünf Noten, die den beiden ersten im
-Chor folgten, um einen halben Ton zu tief, als der Hochwürdige sie --
-in einer Stimme, welche diejenige Alonzos täuschend, nur mit einem
-entfernten Anflug von Ungeduld, nachahmte -- plötzlich unterbrach:
-
-»Mein Schatz?«
-
-»Ja, Alonzo?«
-
-»Bitte, singe das in dieser Woche nicht mehr, -- probiere etwas
-Modernes.«
-
-Ein leichter Schritt, wie er zu einem glücklichen Herzen paßt, wurde
-jetzt auf der Treppe hörbar, worauf der Hochwürdige teuflisch lächelnd
-rasch Zuflucht hinter den schweren Falten der sammetnen Fenstervorhänge
-suchte. Alonzo trat ein, flog zum Telephon und sagte:
-
-»Liebste Rosannah, wollen wir zusammen singen?«
-
-»Etwas _Modernes_?« gab sie mit sarkastischer Bitterkeit zurück.
-
-»Ja, wenn dir's recht ist!«
-
-»Singen Sie's selbst, wenn es Ihnen beliebt!«
-
-Dieses schnippische Wesen verblüffte und verletzte den jungen Mann. Er
-sagte: --
-
-»Rosannah, das sah dir nicht ähnlich.«
-
-»Ich denke, es steht mir ebenso wohl an, als Ihre höfliche Rede Ihnen
-anstand, Herr Fitz Clarence.«
-
-»Herr Fitz Clarence! Rosannah, es lag nichts Unhöfliches in meinen
-Worten.«
-
-»O, wirklich! Dann habe ich Sie natürlich falsch verstanden und muß Sie
-demütig um Verzeihung bitten, ha -- ha -- ha! Ohne Zweifel sagten Sie:
-›Singe es _heute_ nicht mehr.‹«
-
-»Singe heute -- _was_ nicht mehr?«
-
-»Natürlich das Lied, das Sie erwähnten. Wie begriffsstutzig wir
-plötzlich sind!«
-
-»Ich erwähnte gar kein Lied.«
-
-»O, wirklich nicht?«
-
-»Nein, wirklich nicht!«
-
-»Ich sehe mich zu der Bemerkung gezwungen, daß Sie es _thaten_!«
-
-»Und ich sehe mich nochmals zu der Erklärung gezwungen, daß ich's
-_nicht_ that.«
-
-»Eine zweite Grobheit! Das genügt, mein Herr. Ich werde Ihnen nie
-vergeben: alles ist aus zwischen uns.«
-
-Dann hörte man ein verhaltenes Schluchzen. Alonzo sagte hastig:
-
-»O, Rosannah, nimm diese Worte zurück! Dahinter steckt ein
-schreckliches Geheimnis, irgend ein entsetzliches Mißverständnis. Im
-vollen Ernst und ganz aufrichtig gesagt, ich habe nichts von einem
-Lied erwähnt. Ich möchte dich um alles in der Welt nicht verletzen ...
-Rosannah, Liebste? ... O, sprich mit mir, ich bitte dich!«
-
-Es folgte eine Pause; dann hörte Alonzo des Mädchens Schluchzen wie
-aus weiter Ferne; sie hatte sich vom Telephon zurückgezogen. Er erhob
-sich mit einem schweren Seufzer und eilte aus dem Zimmer, vor sich
-hinmurmelnd: »Ich muß meine Mutter aufsuchen. Sie wird ihr hoffentlich
-die Ueberzeugung beibringen, daß ich sie nicht verletzen wollte.«
-
-Eine Minute später krümmte sich der Ehrwürdige über das Telephon, wie
-eine Katze, welche die Wege ihrer Beute kennt. Er brauchte nicht lange
-zu warten; nach einigen Minuten hörte man eine sanfte, bereuende, von
-Thränen zitternde Stimme sagen:
-
-»Lieber Alonzo, ich hatte unrecht; du kannst etwas so Grausames nicht
-gesagt haben. Es muß jemand gewesen sein, der deine Stimme im Scherz
-oder aus Bosheit nachahmte.«
-
-Der Hochwürdige antwortete kalt in Alonzos Stimme:
-
-»Sie haben gesagt, daß alles zwischen uns vorüber ist; und so sei es.
-Ich verschmähe Ihre angebotene Reue und verachte Sie!«
-
-Dann entfernte er sich, strahlend vor Triumph, um nie mehr mit seiner
-vorgeblichen Telephonverbesserung zurückzukehren.
-
-Vier Stunden später kam Alonzo, der seine Mutter bei Bekannten hatte
-suchen müssen, zurück. Sie riefen ihre Angehörigen in San Francisco
-an, aber es erfolgte keine Antwort. Sie warteten und warteten am
-sprachlosen Telephon.
-
-Endlich, als in San Francisco die Sonne unterging, drei und eine halbe
-Stunde nach der Dämmerung in Eastport, erfolgte eine Antwort auf den
-oft wiederholten Ruf: ›Rosannah!‹
-
-Aber ach! es war Tante Susannes Stimme, die sprach:
-
-»War den ganzen Tag nicht zu Hause; bin eben heimgekehrt. Will sie
-sogleich aufsuchen.«
-
-Die Harrenden warteten zwei -- fünf -- zehn Minuten; dann kamen in
-erschrockenem Ton folgende verhängnisvolle Worte: --
-
-»Sie ist fort, und ihr Gepäck mit ihr, um eine auswärtige Freundin
-zu besuchen, wie sie den Dienstboten sagte. Auf dem Tisch in ihrem
-Zimmer aber fand ich eine Notiz mit den Worten: ›Ich bin gegangen;
-forscht mir nicht nach; mein Herz ist gebrochen; ihr werdet mich nimmer
-wiedersehen. Sagt ihm, ich werde immer an ihn denken, wenn ich mein
-armes ›~Sweet By-and-By~‹ singe, nie aber an die unfreundlichen Worte,
-die er darüber gesprochen.‹ So lautet ihre Mitteilung. Alonzo, Alonzo,
-was hat das zu bedeuten? Was ist geschehen?«
-
-Alonzo aber saß blaß und starr da wie eine Leiche. Seine Mutter zog
-die sammetnen Vorhänge zurück und öffnete ein Fenster. Die kalte Luft
-erfrischte den Leidenden, und er erzählte seiner Tante seine trübselige
-Geschichte. Mittlerweile besichtigte seine Mutter eine Visitenkarte,
-die auf dem Fußboden zum Vorschein gekommen war, als sie die Vorhänge
-zurückzog. Auf der Karte stand: Sidney Algernon Burley, San Francisco.
-
-»Der Schurke!« rief Alonzo und stürzte hinaus, um den falschen
-Hochwürdigen zu suchen und zu vernichten. Die Karte erklärte alles,
-denn die Liebenden hatten im Verlaufe ihrer gegenseitigen Bekenntnisse
-einander alles erzählt von den Liebsten, die sie je gehabt, und
-all ihre Mängel und Schwächen unbarmherzig verdammt -- das ist bei
-Liebenden so Brauch: es hat einen eigenen Reiz für sie, und er kommt
-gleich nach dem des Girrens und Schnäbelns.
-
-
-IV.
-
-Während der nächsten zwei Monate ereignete sich viel. Es war bald
-kund geworden, daß Rosannah (die arme duldende Waise!) weder zu
-ihrer Großmutter zu Portland in Oregon zurückgekehrt war, noch
-ihr irgendwelche Nachricht gesandt hatte, außer einer Abschrift
-der leidvollen Notiz, die sie in dem Hause auf Telegraph Hill
-zurückgelassen hatte. Wer ihr auch ein Obdach gewährte, -- wenn
-sie noch lebte, -- war ohne Zweifel von ihr beredet worden, ihren
-Aufenthalt nicht zu verraten, denn alle Versuche, sie aufzufinden,
-waren mißlungen.
-
-[Illustration]
-
-Gab Alonzo sie auf? Keineswegs. Er sagte bei sich: »Sie wird jenes
-holde Lied singen, wenn sie schwermütig ist; ich werde sie finden.« Und
-so nahm er seinen Reisesack und ein tragbares Telephon und schüttelte
-den Schnee seiner Vaterstadt von seinen Füßen und ging hinaus in die
-Welt. Er wanderte weit und breit hin und her und durch viele Staaten;
-wieder und wieder blickten Fremde erstaunt auf einen abgezehrten,
-blassen, melancholischen Mann, der mühevoll an winterlichen und
-einsamen Orten eine Telegraphenstange erklomm, dort traurig eine Stunde
-saß mit dem Ohr an einem kleinen Kästchen, dann seufzend herabkam und
-müde weiterwanderte. Manchmal wurde auf ihn geschossen, weil man ihn
-für verrückt und gefährlich hielt. Seine Kleider wurden von Kugeln
-zerfetzt und er selber am Ende schwer verletzt; aber er ertrug alles
-geduldig.
-
-So verflossen langsam sieben Wochen, und endlich ergriffen ihn einige
-Menschenfreunde und brachten ihn in eine Privatirrenanstalt zu New
-York. Er wehklagte nicht, denn alle seine Kraft war dahin, und mit ihr
-aller Mut und alle Hoffnung. Der Oberaufseher trat ihm mitleidig seine
-eigenen behaglichen Gemächer, Wohn- und Schlafzimmer ab und pflegte ihn
-mit liebender Hingebung.
-
-Nach Verlauf einer Woche war der Patient imstande, zum erstenmale das
-Bett zu verlassen. Er lag, auf Kissen gestützt, bequem auf dem Sofa
-und lauschte den Klagelauten der frostigen Märzwinde und dem dumpfen
-Ton der Fußtritte auf der Straße drunten, -- denn es war etwa sechs
-Uhr abends, und New York ging von der Arbeit heim. Er hatte ein helles
-Feuer und zur Erhöhung der Behaglichkeit zwei Studierlampen, und so war
-es warm und behaglich drinnen, wenn auch draußen frostig und rauh.
-
-Ein schwaches Lächeln glitt über Alonzos Antlitz bei dem Gedanken,
-daß seine Streifereien aus Liebe ihn in den Augen der Welt zu einem
-Verrückten gemacht hatten, und er wollte eben seinen Gedankengang
-weiter verfolgen, als eine schwache, holde Melodie -- sozusagen ein
-Tonschatten, so fern und dünn schien sie -- an sein Ohr schlug. Seine
-Pulse hörten auf zu schlagen; er lauschte mit offenen Lippen und
-verhaltenem Atem. Das Lied tönte weiter -- er harrte, lauschte, erhob
-sich langsam und unbewußt aus seiner Rückenlage und rief endlich
-frohlockend aus:
-
-»Sie ist's! sie ist's! O, die göttlichen, um einen halben Ton zu tiefen
-Noten!«
-
-Er schleppte sich begierig zu der Ecke, aus der die Töne kamen, riß
-einen Vorhang auf die Seite und entdeckte ein Telephon. Er beugte sich
-darüber, und als die letzte Note erstarb, brach er in den lauten Ausruf
-aus:
-
-»O, dem Himmel sei Dank, endlich gefunden! Sprich mit mir, teuerste
-Rosannah! Das qualvolle Geheimnis ist enthüllt; es war der schurkische
-Burley, der meine Stimme nachahmte und dich mit unverschämter Rede
-beleidigte!«
-
-Es folgte eine atemlose Pause, für den wartenden Alonzo ein
-Menschenalter; dann kam ein schwacher Laut, der sich zur Rede formte:
-
-»O, sage diese köstlichen Worte nochmals, Alonzo!«
-
-»Sie sind die Wahrheit, die reinste Wahrheit, meine Rosannah, und du
-sollst den Beweis haben, glänzenden und vollen Beweis!«
-
-»O, Alonzo, bleibe bei mir! Verlasse mich keinen Augenblick! Laß mich
-fühlen, daß du mir nahe bist! Sage mir, daß wir nie wieder getrennt
-sein sollen! O, diese glückliche Stunde, diese gesegnete, denkwürdige
-Stunde!«
-
-»Wir wollen sie uns ins Gedächtnis einprägen, meine Rosannah; jedes
-Jahr, wenn die Uhr diese Stunde schlägt, werden wir sie mit Dankgebeten
-feiern, unser ganzes Leben lang.«
-
-»Das wollen wir, Alonzo, -- ja, das wollen wir!«
-
-»Vier Minuten nach sechs Uhr abends, meine Rosannah, soll hinfort -- --«
-
-»Zwölf Uhr dreiundzwanzig Minuten nachmittags -- --«
-
-»Ei, Rosannah, mein Schatz, wo bist du denn?«
-
-»In Honolulu auf den Sandwichsinseln. Und wo bist du? Bleibe bei mir;
-verlasse mich keinen Augenblick! Ich könnt' es nicht ertragen. Bist du
-daheim?«
-
-»Nein, Teure, ich bin in New York -- ein Patient in ärztlicher
-Behandlung.«
-
-Ein qualvoller Schrei drang in Alonzos Ohr, es klang wie das scharfe
-Summen einer verletzten Fliege: die Reise von ein paar tausend Meilen
-hatte die Kraft des Lautes abgeschwächt. Alonzo sagte rasch:
-
-»Beruhige dich, mein Kind. Es ist nichts; ich werde bereits wieder
-gesund durch die Heilkraft deiner holden Nähe. -- Meine Rosannah!«
-
-»Ja, Alonzo? O, wie du mich erschreckt hast! Fahre fort.«
-
-»Bestimme den Hochzeitstag, Rosannah!«
-
-Es folgte eine kleine Pause; dann antwortete eine schüchterne, leise
-Stimme: »Ich erröte -- aber vor Freude, vor Glück. Möchtest du es gerne
-bald haben?«
-
-»Noch in dieser Nacht, Rosannah! nur nicht das Wagnis eines weiteren
-Verzuges! Warum nicht gleich? -- noch in dieser Nacht, in diesem
-Augenblick!«
-
-»O, du ungeduldiger Mann! Ich habe niemand hier als meinen guten alten
-Onkel, einen früheren Missionar -- niemand als ihn und seine Frau. Es
-würde mir so von Herzen lieb sein, wenn deine Mutter und deine Tante
-Susanne -- --«
-
-»_Unsere_ Mutter und _unsere_ Tante Susanne, meine Rosannah!«
-
-»Ja, _unsere_ Mutter und _unsere_ Tante Susanne -- ich will gerne so
-sagen, wenn es dir recht ist; es wäre mir so lieb, wenn sie bei der
-Trauung zugegen wären.«
-
-»Ich möchte es auch. Wie wär's, wenn du an Tante Susanne
-telegraphiertest? Wie lange würde es dauern, bis sie käme?«
-
-»Der Dampfer geht übermorgen von San Francisco ab und ist acht Tage
-unterwegs; sie würde also am 31. März hier sein.«
-
-»Dann bestimme den 1. April, teuerste Rosannah!«
-
-»Ums Himmels willen, Alonzo, da würden wir ja zu Aprilnarren!«
-
-»Wir würden dann jedenfalls die glücklichsten, welche die Sonne jenes
-Tages auf dem ganzen weiten Erdenrund bescheint; was ficht's uns also
-an? Sage am 1. April, Teure.«
-
-»Nun denn, von Herzen gern, der 1. April soll es sein.«
-
-»Wie herrlich! Bestimme auch die Stunde, Rosannah.«
-
-»Ich liebe den Morgen mit seiner Frische und Heiterkeit. Paßt es dir um
-acht Uhr morgens, Alonzo?«
-
-»Die schönste Stunde des Tages -- da sie dich zu der meinigen macht.«
-
-Es folgte eine Pause, während welcher ein Ton hörbar war, als
-ob körperlose Geister Küsse austauschten; dann sagte Rosannah:
-»Entschuldige mich nur für einen Augenblick, Lieber; ich muß einen
-Besuch erwarten, drüben im andern Zimmer.«
-
-Das junge Mädchen eilte in das Besuchszimmer und nahm an einem Fenster
-Platz, das die Aussicht auf eine schöne Landschaft gewährte. Zur
-Linken konnte man das hübsche Nuuanathal, eingesäumt von einer üppigen
-Fülle tropischer Blumen und graziöser Kokospalmen, überschauen;
-die anstoßenden niederen Hügel waren in das leuchtende Grün von
-Zitronen- und Orangenbäumen gekleidet; die geschichtlich berühmte
-Schlucht drüben, in welche der erste Kamehameha seine dem Untergange
-geweihten Feinde hineintrieb, hatte wahrscheinlich ihre grausige
-Geschichte vergessen, denn wie gewöhnlich am Mittag wölbte sich eine
-Anzahl von Regenbogen über ihr. Gerade vor dem Fenster sah man die
-wunderlich gebaute Stadt und hie und da eine Gruppe von dunkelfarbenen
-Eingeborenen, die sich des fast unerträglich heißen Wetters freuten;
-und weitab zur Rechten lag der ruhelose Ozean, der seine weiße Mähne im
-Sonnenscheine schüttelte.
-
-Rosannah saß wartend da, in ihrem leichten weißen Gewand, und fächelte
-ihr erregtes und erhitztes Gesicht; endlich steckte ein halbnackter,
-mit einem Cylinderhut bedeckter Kanakenknabe den Kopf zur Thür herein
-und meldete: »Herr aus 'Friesko!«[8]
-
- [8] Abkürzung für San Francisco.
-
-»Weise ihn herein,« sagte das Mädchen, indem sie sich aufrichtete und
-eine entschiedene Haltung annahm. Herr Sidney Algernon Burley trat
-ein, von Kopf bis zu Fuß in blendendes Weiß, d. h. in die leichteste
-und weißeste irische Leinwand gekleidet. Er trat rasch heran, aber das
-Mädchen machte eine Bewegung mit der Hand und warf ihm einen Blick
-zu, der ihn plötzlich stehen bleiben ließ. Sie sagte kalt: »Ich bin
-hier, wie ich versprach. Ich glaubte Ihren Versicherungen, gab ihrem
-ungestümen Drängen nach und sagte, ich würde den Tag bestimmen. Ich
-bestimme den 1. April um acht Uhr des morgens. Und nun gehen Sie.«
-
-»O, meine Teuerste, wenn die Dankbarkeit einer Lebenszeit -- --«
-
-»Kein Wort mehr. Erlassen Sie mir Ihren Anblick und jeden Verkehr mit
-Ihnen bis zu jener Stunde. Nein -- keine Bitten; ich will es so haben.«
-
-Als er fort war, sank sie erschöpft in einen Stuhl, denn die lange
-Belagerung des Kummers, die sie ausgehalten, hatte ihre Kraft
-geschwächt. Gleich darauf sagte sie: »Mit knapper Not entkommen! Wenn
-er eine Stunde früher gekommen wäre, -- -- es schaudert mich, wenn ich
-daran denke! Denken zu müssen, daß es mit mir dahin gekommen wäre,
-daß ich mir einbildete, dieses betrügerische, dieses falsche, dieses
-verräterische Ungeheuer zu lieben! O, er soll seine Schurkerei bereuen!«
-
-Wir wollen diese Geschichte jetzt rasch zu Ende führen, denn es ist nur
-weniges noch zu sagen. Am 2. April enthielt der Honoluluer ›Anzeiger‹
-folgende Notiz:
-
-»_Verheiratet._ -- Dahier, per Telephon, gestern früh um acht
-Uhr, durch den hochwürdigen Herrn Nathan Hays, unter Assistenz des
-hochwürdigen Herrn Nathaniel Davis zu New York, Herr Alonzo Fitz
-Clarence von Eastport in Maine, mit Fräulein Ethelton von Portland
-in Oregon. Zugegen war Frau Susanne Howland von San Francisco, eine
-Freundin der Braut, gegenwärtig zu Gast bei Herrn und Frau Hays,
-dem Onkel und der Tante der Braut. Auch Herr Sidney Algernon Burley
-von San Francisco war zugegen, blieb aber nicht bis zum Schluß der
-Trauungsfeierlichkeit. Kapitän Hawthornes hübsche und geschmackvoll
-dekorierte Yacht wartete im Hafen, und die glückliche Braut und ihre
-Freunde brachen gleich darauf zu einem Ausflug nach Lahaina und
-Haleakala auf.«
-
-[Illustration]
-
-Die New Yorker Zeitungen vom selben Datum enthielten folgende Notiz:
-
-»_Verheiratet._ -- Dahier, gestern, per Telephon, um halb drei Uhr in
-der Frühe, durch den hochw. Herrn Nathaniel Davis, unter Assistenz
-des hochw. Herrn Nathan Hays zu Honolulu, Herr Alonzo Fitz Clarence
-von Eastport in Maine und Fräulein Rosannah Ethelton von Portland in
-Oregon. Die Eltern und mehrere Freunde des Bräutigams waren zugegen.
-Nachdem die Gesellschaft ein festliches Frühstück genossen und sich bis
-gegen Sonnenaufgang vergnügt unterhalten, brach sie zu einem Ausflug
-nach dem Aquarium auf, da des Bräutigams Gesundheitszustand keine
-ausgedehntere Reise zuläßt.«
-
-Gegen das Ende jenes denkwürdigen Tages waren Herr und Frau Alonzo
-Fitz Clarence in ein zärtliches Gespräch über die Vergnügungen ihrer
-beiderseitigen Hochzeitsausflüge vertieft, als plötzlich die junge Frau
-ausrief: »O Lonny, ich vergaß ganz! Ich that, was ich mir vorgenommen.«
-
-»Was, Geliebte?«
-
-»Ich machte _ihn_ zum Aprilnarren! Und ich sagte es ihm auch! O, es
-war eine reizende Ueberraschung! Da stand er, schmorend in einem
-schwarzen Anzug, während das Thermometer oben zur Röhre hinauswollte,
-in Erwartung der Trauung. Du hättest die Miene sehen sollen, die er
-machte, als ich es ihm ins Ohr flüsterte! Ach, seine Verruchtheit hatte
-mir viel Herzeleid gebracht und manche Thräne erpreßt; aber in jenem
-Augenblick war alles quitt. Das Gefühl der Rache wich gänzlich aus
-meinem Herzen und ich lud ihn ein zu bleiben und sagte, ich habe ihm
-alles vergeben; aber er wollte nicht. Er schwur, sich grimmig zu rächen
-und unser Leben zu einem Fluch für uns zu machen. Aber das _kann_ er
-nicht, mein Teuerster, nicht wahr?«
-
-»Niemals in dieser Welt, meine Rosannah,« antwortete Alonzo innig. --
-
- * * * * *
-
-Tante Susanne, die Großmutter in Oregon, das junge Paar und ihre
-Mutter zu Eastport sind alle glücklich, während ich dies schreibe, und
-werden es wohl auch bleiben. Tante Susanne holte die Braut von den
-Sandwichsinseln ab, begleitete sie über den amerikanischen Kontinent
-und hatte das Glück, die entzückte Begegnung zweier sich anbetender
-Ehegatten mitanzusehen, die bis dahin einander nie gesehen hatten.
-
-Ein Wort über den nichtswürdigen Burley, dessen verruchte Ränke
-beinahe die Herzen unseres lieben jungen Paares gebrochen und ihr
-Leben elend gemacht hätten, wird genügen. Bei einem Anfall auf einen
-verkrüppelten und hilflosen Arbeiter, der ihm, wie er sich einbildete,
-eine geringfügige Beleidigung angethan hatte, zersprang sein Revolver
-und tötete ihn auf der Stelle.
-
-
-
-
-Die kapitolinische Venus.
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-(Ort der Handlung: das Atelier eines Künstlers in Rom.)
-
-»O George, wie liebe ich dich!«
-
-»Meine Mary, mein geliebtes Herz, ich weiß es. Warum ist dein Vater so
-unerbittlich?«
-
-»George, er meint es gut, aber ihm ist die Kunst eine Thorheit;
-er versteht nur den Spezereihandel. Er meint, ich würde bei dir
-verhungern.«
-
-»Verwünscht sei seine Klugheit! Warum bin ich nicht ein geldmachender,
-herzloser Gewürzkrämer, statt eines gottbegabten Bildhauers -- der
-nichts zu essen hat!«
-
-»Verzage nur nicht, mein George! -- Alle seine Vorurteile werden
-schwinden, sobald du erst einmal fünfzigtausend Dollars erworb -- --«
-
-»Fünfzigtausend Teufel! -- Kind, ich bin mein Kostgeld noch
-schuldig!« --
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-(Ort der Handlung: eine Wohnung in Rom.)
-
-»Geehrter Herr, alles Reden ist unnütz. Ich habe nichts gegen Sie; aber
-ich kann meine Tochter nicht an ein Ragout von Liebe, Kunst und Hunger
-verheiraten -- und sonst haben Sie, glaube ich, nichts zu bieten.«
-
-»Mein Herr, ich bin arm, ich leugne es nicht. Aber hat denn der Ruhm
-keinen Wert? Der Senator Belem Fyoodle von Arkansas sagt, daß meine
-neue Statue der Amerika ein treffliches Werk der Bildhauerkunst ist und
-er die Ueberzeugung hegt, mein Name werde noch einmal berühmt werden.«
-
-»Leeres Geschwätz! Was versteht der Esel aus Arkansas davon? -- Auf
-den Marktpreis Ihrer marmornen Vogelscheuche kommt es an. Sechs Monate
-haben Sie daran herumgemeißelt und jetzt giebt Ihnen keiner hundert
-Dollars dafür. Nein, mein Herr. Weisen Sie mir fünfzigtausend Dollars
-vor und Sie können meine Tochter haben -- andernfalls heiratet sie den
-jungen Simper. Sie haben sechs Monate Zeit, die Summe herbeizuschaffen.
--- Guten Morgen, mein Herr.« --
-
- * * * * *
-
-»Ach, ich Unglücklicher!«
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-(Ort der Handlung: das Atelier.)
-
-»O John, Freund meiner Knabenjahre! Ich bin der unseligste der
-Menschen.«
-
-»Ein Einfaltspinsel bist du!«
-
-»Nichts bleibt mir, das ich lieben könnte, als meine Statue der Amerika
--- und ach! selbst sie zeigt kein Mitgefühl für mich in ihren kalten
-Gesichtszügen -- so schön und so herzlos!«
-
-»Du bist ein Narr!«
-
-»O John!«
-
-»O Unsinn! -- Hast du nicht gesagt, du hättest sechs Monate Zeit, um
-das Geld zusammen zu bringen?«
-
-»Spotte nicht meiner Qual, John. Wenn ich sechs Jahrhunderte hätte, was
-würde es mir nützen? Was könnte es einem armen Schlucker ohne Namen,
-ohne Kapital, ohne Freunde helfen?«
-
-»Hasenfuß, Kindskopf, Feigling, der du bist! Sechs Monate, um die Summe
-herbeizuschaffen, und fünf sind genug!«
-
-»Bist du von Sinnen?«
-
-»Sechs Monate -- Zeit die Fülle! überlasse mir's -- ich verschaffe sie
-dir.« --
-
-»Was sprichst du, John? Wie in aller Welt willst du eine so ungeheure
-Summe für mich auftreiben?« --
-
-»Das laß meine Sorge sein, du darfst dich gar nicht hineinmischen!
-Willst du die ganze Sache in meine Hände legen? Willst du geloben, dich
-allem zu unterwerfen, was ich thue? Willst du mir schwören, alle meine
-Handlungen gut zu heißen?«
-
-»Mir schwindelt -- es wird mir schwarz vor den Augen -- aber -- ich
-schwöre!«
-
-Hierauf ergreift John einen Hammer und schlägt der Amerika mit der
-größten Ruhe die Nase ab. Er holt noch einmal aus und zwei ihrer
-Finger liegen auf dem Boden; noch ein Streich und von dem einen Ohr
-fliegt ein Stück ab; noch einer und eine Reihe Zehen sind zertrümmert
-und abgehauen; ein letzter Hammerschlag und das linke Bein, vom Knie
-abwärts, liegt als Trümmerhaufen da.
-
-John nimmt seinen Hut und geht.
-
- * * * * *
-
-George starrt dreißig Sekunden lang sprachlos auf die verstümmelte
-Greuelgestalt, die vor ihm steht, dann wälzt er sich in Krämpfen am
-Boden.
-
-[Illustration]
-
-Bald darauf kehrt John mit einem Wagen zurück, ladet den Künstler mit
-dem gebrochenen Herzen, sowie die Statue mit dem gebrochenen Bein
-auf und fährt in aller Gemütsruhe leise pfeifend davon. Den Künstler
-schafft er nach dessen Wohnung, fährt mit der Statue weiter und
-verschwindet mit ihr die ~Via Quirinalis~ hinunter.
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-(Ort der Handlung: das Atelier.)
-
-»Heute um zwei Uhr sind die sechs Monate um. O Höllenqual! Mein Leben
-ist vernichtet! Ich wollte, ich wäre tot! Gestern nicht zu Nacht
-gegessen -- heute kein Frühstück! Ich wage mich in kein Speisehaus
-hinein. Aber hungrig bin ich -- o, still davon! -- Mein Schuster
-plagt mich bis aufs Blut -- mein Schneider liegt mir in den Ohren --
-mein Hauswirt mahnt mich zu zahlen. Wie elend bin ich! John habe ich
-seit jenem entsetzlichen Tage nicht wieder gesehen. _Sie_ lächelt mir
-zärtlich zu, wenn wir uns auf einer der Hauptstraßen begegnen, aber auf
-den grausamen Wink ihres Vaters mit dem Kieselherzen muß sie gleich
-nach der andern Seite sehen. -- Horch! Wer klopft an der Thür? Wer
-verfolgt mich schon wieder? Gewiß dieser boshafte Halunke, der Schuster
--- Herein!«
-
- * * * * *
-
-»Ach -- Glück und Segen über Ew. Hoheit! Der Himmel beschütze Ew.
-Gnaden. Ich habe Dero neue Stiefel gebracht. -- Bitte -- von Bezahlung
-ist gar nicht die Rede -- damit hat es keine Eile -- nicht die
-allergeringste; ich werde stolz sein, wenn der gnädige Herr mich auch
-fernerhin mit seiner Kundschaft beehren will -- ergebenster Diener --
-empfehle mich unterthänigst.«
-
-»Er bringt die Stiefel selbst! Braucht keine Bezahlung! Empfiehlt
-sich mit einem Kratzfuß wie für eine Majestät. Wünscht meine fernere
-Kundschaft! Steht denn das Ende der Welt bevor? Was bei allen --
-Herein!«
-
-»Verzeihung, Signore, aber ich bringe Ihren neuen Anzug zum --«
-
-»Herein!!«
-
-»Bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich störe, gnädiger
-Herr. Ich habe die Reihe schöner Zimmer im unteren Stock für Sie
-hergerichtet. Dieses elende Loch paßt ja durchaus nicht für --«
-
-»Herein!!!«
-
-»Ich komme Ihnen zu melden, daß Ihr Kredit in unserem Bankhause, der
-leider seit einiger Zeit unterbrochen war, in durchaus befriedigender
-Weise aufs neue wieder eröffnet ist. Wir stehen mit Vergnügen zu Ihren
-Diensten, welchen Betrag Sie auch zu entnehmen wünschen --«
-
-»Herein!!!!«
-
-»Mein wackerer Junge! Sie ist die Deinige! Sogleich wird sie hier sein.
-Nimm sie, heirate sie, liebe sie, seid glücklich! Gott segne euch
-beide. Hurra! Hoch!«
-
-»Herein!!!!!«
-
-»O George, mein Geliebter, wir sind gerettet!«
-
-»O Mary, mein teures Herz, wir sind gerettet! Aber, bei meiner Seele --
-ich weiß weder warum noch wie!« --
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-(Ort der Handlung: ein Kaffeehaus in Rom.)
-
- Mehrere amerikanische Herren sitzen beisammen. Einer derselben
- liest und übersetzt aus dem Wochenblatt: ~Il Slangwhanger di
- Roma~ den folgenden Artikel:
-
- _Wunderbare Entdeckung._
-
- »Vor etwa sechs Monaten kaufte Herr John Smith, ein Amerikaner,
- seit einigen Jahren in Rom wohnhaft, für eine unbedeutende
- Summe ein kleines Stück Land in der Campagna, gerade hinter
- dem Grabmal der Familie Scipio, von dem Eigentümer, einem
- bankerotten Verwandten der Prinzessin Borghese. Hierauf begab
- sich Herr Smith zum Minister der öffentlichen Angelegenheiten
- und ließ das Grundstück auf einen armen amerikanischen Künstler
- Namens George Arnold übertragen, indem er erklärte, er thäte
- das als Vergütung und Ersatz für einen baren Schaden,
- welchen er vor langer Zeit zufällig an Herrn Arnolds Eigentum
- angerichtet habe. Auch fügte er hinzu, er wolle, um den Herrn
- völlig zufrieden zu stellen, verschiedene Verbesserungen auf
- dem Grundstück für eigene Rechnung ausführen lassen.
-
- Vor vier Wochen nun, bei Gelegenheit einer notwendigen
- Umgrabung auf dem Grundstück, förderte Herr Smith die
- herrlichste antike Statue zu Tage, welche jemals den reichen
- Kunstschätzen Roms hinzugefügt worden ist. Es war eine
- wundervolle Frauengestalt, die, obgleich auf traurige Weise im
- Erdboden von dem Moder der Jahrhunderte beschädigt, dennoch
- jedes Auge durch ihre hinreißende Schönheit entzücken muß.
- Die Nase, das linke Bein vom Knie an, ein Ohr, zwei Finger
- einer Hand, sowie die Zehen des rechten Fußes fehlen; im
- übrigen ist die edle Gestalt aber wunderbar gut erhalten. Die
- Regierung sandte sofort eine Wache ab, um Beschlag auf die
- Statue zu legen und setzte eine Kommission von Kunstkennern,
- Altertumsforschern und Kirchenfürsten ein, um ihren Wert
- abzuschätzen und die Höhe der Entschädigung zu bestimmen,
- welche dem Besitzer des Grund und Bodens gebühre, auf dem sie
- gefunden worden. Bis zum gestrigen Abend herrschte über die
- ganze Angelegenheit das tiefste Geheimnis und die Kommission
- hielt ihre Sitzungen bei verschlossenen Thüren. Schließlich war
- einstimmig festgestellt, daß die Statue eine Venus sei und von
- einem unbekannten aber hochbegabten Künstler aus dem dritten
- Jahrhundert vor Christo herrühre. Sie ward für das tadelloseste
- Kunstwerk erklärt, das die Welt je gesehen hat.
-
- Um Mitternacht erfolgte die Schlußberatung, in welcher die
- Venus auf die ungeheure Summe von zehn Millionen Franken
- geschätzt ward. Da nach römischem Gesetz und Brauch der
- Staat zur Hälfte Eigentümer aller in der Campagna gefundenen
- Kunstschätze ist, so hat die Regierung weiter nichts zu thun,
- als Herrn Arnold fünf Millionen Franken zu zahlen und dauernden
- Besitz von der schönen Statue zu nehmen. Heute morgen wird die
- Venus auf das Kapitol geschafft und dort bleibend aufgestellt
- werden. Am Nachmittag begiebt sich darauf die Kommission
- zu Herrn Arnold, um ihm eine Anweisung für die päpstliche
- Schatzkammer zu übergeben, welche auf die fürstliche Summe von
- fünf Millionen Franken in Gold lautet.«
-
-_Chor von Stimmen_: »Ein unerhörtes Glück. So etwas ist noch gar nie
-dagewesen!«
-
-_Eine Stimme_: »Meine Herren, ich schlage vor, daß wir sofort eine
-amerikanische Aktiengesellschaft gründen zur Erwerbung von Landbesitz
-und Ausgrabung von Bildwerken. Für rechtzeitiges Steigen und Fallen der
-Papiere sollen unsere New Yorker Börsenagenten Sorge tragen.«
-
-_Alle_: »Einverstanden!«
-
-
-[Illustration]
-
-Sechstes Kapitel.
-
-(Ort der Handlung: das römische Kapitol.)
-
-(Zehn Jahre später.)
-
-»Teure Mary, dies ist die berühmteste Statue der Welt, die gefeierte
-›kapitolinische Venus‹, von der du so viel gehört hast. Da steht sie --
-ihre kleinen Schäden sind restauriert, (das heißt ausgeflickt) durch
-die angesehensten römischen Künstler. Die bloße Thatsache, daß sie an
-einer so edlen Schöpfung jene bescheidenen Ausbesserungen vorgenommen
-haben, wird ihrem Namen Glanz verleihen, so lange die Erde steht. Wie
-sonderbar kommt er mir doch vor -- dieser Ort! Einen Tag vor dem, wo
-ich zuletzt, vor zehn glücklichen Jahren, hier stand, -- war ich kein
-reicher Mann. Gott bewahre! Ich besaß nicht einen roten Heller. Und
-doch hatte ich mein redlich Thun dabei, daß Rom in den Besitz dieses
-größten Werkes antiker Kunst gelangt ist, welches die Welt kennt.«
-
-»Die angebetete, die gefeierte kapitolinische Venus! Und wie hoch
-schätzte man ihren Wert -- auf zehn Millionen Franken, nicht wahr?«
-
-»Ja -- _jetzt_.«
-
-»Aber, George, sie ist auch göttlich schön!«
-
-»Jawohl -- doch nichts gegen das, was sie war, ehe der treffliche John
-Smith ihr das Bein zerbrach und die Nase abschlug. Erfindungsreicher
-Smith! -- erleuchteter Smith! -- edler Smith! Urheber all unseres
-Glücks! -- -- -- Aber Mary, um des Himmels willen, horch! -- Weißt du,
-was das Röcheln bedeutet? -- Das Kleine hat den Keuchhusten und du
-bringst es hierher! Wirst du denn niemals lernen auf Kinder acht geben?«
-
-
-Schluß.
-
-Die kapitolinische Venus steht noch auf dem Kapitol zu Rom und ist
-immer noch das bezauberndste und berühmteste antike Kunstwerk,
-dessen die Welt sich rühmen kann. Wenn der Leser jemals das Glück
-haben sollte, davor zu stehen und in das übliche Entzücken darüber
-auszubrechen, so möge ihn diese wahre und geheime Geschichte ihres
-Ursprungs bei dem Genuß nicht stören.
-
-Wer aber von dem ›Versteinerten Menschen‹ liest, der bei Syracuse im
-Staate New York oder anderswo ausgegraben worden ist, der sei auf
-seiner Hut. Will der Barnum, der ihn dort eingegraben hat, ihn für eine
-Unsumme verkaufen, so soll er sich damit an den Papst wenden.
-
- * * * * *
-
- _Anmerkung._ Obige Skizze wurde zu einer Zeit geschrieben,
- als der Schwindel mit dem ›Versteinerten Menschen‹ in Amerika
- Aufsehen erregte.
-
-
-
-
-Mehr Glück als Verstand.
-
- (Anm. Dies ist keine erfundene Geschichte. Ein Geistlicher,
- der vor vierzig Jahren Lehrer an der englischen Kriegsschule
- in Woolwich war, hat sie mir erzählt und sich für die Wahrheit
- verbürgt. -- M. T.)
-
-
-Es war in London bei dem Festmahl, das zu Ehren einer der wenigen
-großen militärischen Berühmtheiten der Gegenwart gegeben wurde, welche
-England besitzt. Den wahren Namen und Titel dieses Kriegshelden und
-Inhabers der höchsten Orden verschweige ich aus Gründen, welche jedem
-sofort einleuchten werden. Ich will ihn Generallieutenant Arthur
-Scoresby nennen.
-
-Welcher Reiz doch in einem berühmten Namen liegt! Dort saß der Mann in
-Fleisch und Blut, von dem ich viel tausendmal gehört hatte, seit jenem
-Tage vor über dreißig Jahren, als der Glanz seines Ruhmes plötzlich
-von einem Schlachtfeld der Krim bis zu den Sternen emporstieg, um nie
-wieder zu verblassen! Ich verwandte kein Auge von dem Halbgott; sein
-Anblick war mir wie eine wahre Herzenserquickung, ich konnte mich nicht
-satt an ihm sehen. Nichts entging meiner scharfen Beobachtung: ich sah
-die Ruhe, die Zurückhaltung, den edlen Ernst seines Antlitzes, die
-biedere Redlichkeit, die sich in seinem ganzen Wesen ausprägte. Dabei
-schien er weder ein Bewußtsein von seiner eigenen Größe zu haben, noch
-zu bemerken, wie viele bewundernde Blicke auf ihn gerichtet waren,
-mit wie tiefer, aufrichtiger, liebevoller Verehrung die Herzen der
-Versammelten ihm entgegenschlugen.
-
-[Illustration]
-
-Zu meiner Rechten saß ein alter Bekannter von mir. Er war jetzt
-Pfarrer, hatte jedoch nicht immer ein geistliches Amt bekleidet,
-sondern sein halbes Leben als Lehrer in der Militärschule zu Woolwich
-und im Feldlager zugebracht. In seinen Augen schimmerte ein seltsam
-verschleierter Glanz, als er sich jetzt zu mir herabbog und auf den
-Helden deutend, dem die Feier galt, mir verstohlen zuflüsterte:
-
-»Im Vertrauen gesagt -- er ist ein Dummkopf, wie es keinen zweiten
-giebt.«
-
-Dieses Urteil überraschte mich aufs höchste. Wäre es über Napoleon,
-Sokrates oder Salomo gefällt worden, mein Staunen hätte nicht größer
-sein können. An der Wahrheitsliebe des Pfarrers zweifelte ich keinen
-Augenblick, auch wußte ich, daß er große Menschenkenntnis besaß. Daher
-stand es für mich sofort mit unumstößlicher Sicherheit fest, daß sich
-die Welt in betreff dieses Helden im Irrtum befinden müsse: er war
-wirklich ein Dummkopf. Mich interessierte nur noch, zu wissen, wie der
-Pfarrer ganz allein und auf eigene Hand dies Geheimnis entdeckt habe.
-Ich beschloß, mich bei nächster Gelegenheit danach zu erkundigen.
-
-Einige Tage später that ich das und der Pfarrer erzählte folgendes:
-
-»Vor vierzig Jahren war ich als Lehrer an der Militärschule zu Woolwich
-und hörte in der Abteilung, bei welcher sich der junge Scoresby befand,
-dem Probeexamen zu. Mit aufrichtigem Mitleid bemerkte ich, daß,
-während seine Klassengefährten kluge und richtige Antworten gaben,
-er sozusagen _gar nichts_ wußte. Er machte den Eindruck eines guten,
-freundlichen, harmlosen und liebenswürdigen jungen Menschen und es war
-mir höchst peinlich, ihn mit der größten Unbefangenheit Antworten geben
-zu hören, die eine wahrhaft beispiellose Unwissenheit und Dummheit
-verrieten. Voll innigem Mitgefühl sagte ich mir, daß er zwar beim
-Examen bestimmt durchfallen müsse, es aber doch menschenfreundlich
-wäre ihm beizustehen, damit seine Niederlage ihn nicht völlig zu Boden
-schmettere.
-
-»So nahm ich ihn denn besonders vor und entdeckte, daß er mit Cäsars
-Geschichte einigermaßen vertraut war; da er im übrigen gar nichts
-wußte, machte ich mich ans Werk und trichterte ihm, im Schweiße meines
-Angesichts, ein Dutzend Antworten auf die herkömmlichen Fragen über
-Cäsar ein. Und mit Hilfe dieser ganz oberflächlichen Einpaukerei --
-sollte man sich so etwas vorstellen -- bestand er nicht nur sein Examen
-glänzend, sondern erntete noch Lobsprüche obendrein, während andere,
-die tausendmal mehr wußten als er, einfach durchfielen. Ein merkwürdig
-glücklicher Zufall, wie er vielleicht im Laufe eines Jahrhunderts
-nicht zum zweitenmal vorkommt, hatte nämlich gewollt, daß keine Frage
-an ihn gerichtet wurde, auf welche ich ihm die Antwort nicht eingepaukt
-hatte.
-
-»So ging es auch mit den übrigen Fächern; ich lieh ihm meine
-Hilfe, denn ich hatte Erbarmen mit ihm, wie eine Mutter mit ihrem
-schwächlichen Kinde -- und siehe da -- jedesmal rettete er sich wie
-durch ein Wunder vor dem Untergang.
-
-»An der Mathematik mußte er jedoch schließlich Schiffbruch leiden, das
-war klar. Ich beschloß, ihm den Sturz so erträglich zu machen, wie es
-ging. Ich richtete ihn ab und stopfte in ihn hinein so viel ich konnte,
-paukte ihm die Antwort ein, die der Examinator aller Wahrscheinlichkeit
-nach verlangen würde, und überließ ihn dann seinem Schicksal. Nun
-denken Sie sich meine Verwunderung und Bestürzung, als er den Preis
-erhielt und alle Anwesenden seines Lobes voll waren.
-
-»Mein Gewissen ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Mir lag eine Last
-auf der Seele als hätte ich ein Verbrechen begangen. Eine Woche lang
-that ich kein Auge zu -- und doch hatte ich nur aus reinstem Mitleid
-dem armen Jungen beigestanden, damit seine Niederlage nicht gar zu
-kläglich werden möchte. Der Gedanke an ein so unerhörtes Ergebnis, wie
-das vorliegende, wäre mir auch nicht im Traume gekommen. Es konnte die
-verhängnisvollsten Folgen nach sich ziehen. Ich hatte einem völlig
-vernagelten Menschen den Weg zur glänzendsten Laufbahn eröffnet,
-vielleicht zu einer Stellung von der höchsten Verantwortlichkeit.
-Vertraute man ihm aber einen solchen Posten an, so war er und seine
-Sache bei dem ersten besten Anlaß unrettbar verloren.
-
-»Der Krimkrieg war gerade ausgebrochen. Natürlich -- dachte ich bei
-mir -- muß ein Krieg kommen, um jenem Dummkopf Gelegenheit zu geben,
-sich totschießen zu lassen, bevor seine Unfähigkeit ans Licht kam. Ich
-zitterte vor einem großen Krach -- und er blieb nicht aus. In der
-Zeitung las ich, daß der Mensch zum Hauptmann ernannt worden war und
-mit seinem Regiment ausrücken sollte. Andere Leute können alt und grau
-werden, ehe sie zu solcher Höhe emporklimmen. Wie war es nur möglich,
-daß man einer so unerfahrenen und ungeprüften Kraft eine derartige
-Verantwortung auflud? -- Hätte man ihn zum Fähnrich gemacht, ich
-würde mich vielleicht beruhigt haben -- aber zum Hauptmann -- das war
-unerhört. Ich glaubte, mich solle der Schlag rühren.
-
-»Nun hören Sie, was ich that -- ich, der ich Ruhe und Beschaulichkeit
-über alles liebe. Ich sagte mir, daß _ich_ mein Vaterland in diese
-Gefahr gebracht habe und es daher meine Pflicht sei, es, soweit es in
-meiner Macht stehe, vor Scoresby zu schützen. So beschloß ich denn,
-ihm nicht von der Seite zu weichen; ich nahm seufzend mein kleines
-Kapital zur Hand, das ich mit jahrelanger harter Arbeit und strengster
-Sparsamkeit erworben hatte, kaufte mir ein Fähnrichpatent in seiner
-Kompagnie und fort ging es auf den Kriegsschauplatz.
-
-»Aber dort -- du lieber Himmel -- was mußte ich erleben! Daß er einen
-Mißgriff nach dem andern begehen würde, verstand sich von selbst.
-Allein, niemand wußte um sein Geheimnis; man umgab ihn mit einem
-falschen Nimbus und beurteilte alle seine Thaten von einem verkehrten
-Gesichtspunkt aus -- die größten Dummheiten die er machte, galten für
-geniale Eingebungen. Es war entsetzlich! Er ließ sich Versehen zu
-Schulden kommen, von denen das geringste der Art war, daß wer nur den
-gewöhnlichsten Menschenverstand besaß, darüber hätte weinen mögen. Das
-that ich denn auch im geheimen; ja, ich weinte nicht nur, ich raste und
-schäumte vor Wut.
-
-»Was mich aber in förmlichen Angstschweiß versetzte, war die
-Beobachtung, daß jeder neue Irrtum, in den er geriet, den Glanz
-seines Namens nur vermehrte. ›Er wird so hoch steigen,‹ sagte ich
-mir, ›daß man meint, die Sonne falle vom Himmel herunter, wenn die
-unausbleibliche Entdeckung schließlich erfolgt.‹
-
-»Ueber die Leichen seiner Vorgesetzten hinweg ward er von einer Stufe
-zur andern befördert, bis endlich, im wildesten Gewühl der Schlacht bei
-* * * unser Oberst vom Pferde sank. Alles Blut strömte mir zum Herzen
--- denn Scoresby war ihm im Rang der nächste. ›Jetzt ist der Augenblick
-da,‹ dachte ich, ›noch zehn Minuten und wir sind alle zum Teufel.‹
-
-»Die Schlacht tobte fürchterlich, überall gerieten die Verbündeten ins
-Wanken. Unser Regiment nahm eine der wichtigsten Stellungen ein --
-geschah jetzt ein Mißgriff, so waren wir vernichtet.
-
-»Was aber that der Narr aller Narren in diesem entscheidungsvollen
-Augenblick? -- Er ließ das Regiment ausrücken, um einen benachbarten
-Hügel zu besetzen, auf welchem auch nicht die geringste Spur
-feindlicher Truppen zu entdecken war.
-
-»›Nur immer zu,‹ dachte ich bei mir, ›jetzt läufst du sicher in dein
-Verderben!‹
-
-»Fort stürmten wir und hatten schon den Gipfel des Hügels erreicht,
-bevor noch das wahnwitzige Unternehmen entdeckt und verhindert werden
-konnte. Was aber fanden wir? -- Eine ganze russische Reservearmee, von
-der kein Mensch etwas ahnte. Und was geschah? -- Wurden wir in Stücke
-gehauen? Das wäre in neunundneunzig Fällen unter hundert unfehlbar
-geschehen. Doch nein -- die Russen sagten sich, daß, wie die Sachen
-standen, unmöglich ein einziges Regiment den Angriff wagen könne,
-die ganze englische Armee müsse im Anzug -- die geplante Kriegslist
-entdeckt und vereitelt sein. Sie machten rechtsumkehrt und stürzten
-sich über Hals und Kopf in wildem Durcheinander den Hügel hinab auf das
-Schlachtfeld -- wir immer hinter ihnen drein. Sie selbst durchbrachen
-die feste, russische Schlachtordnung und richteten die heilloseste
-Verwirrung an. Die Niederlage der Verbündeten verwandelte sich in
-einen entscheidenden, glänzenden Sieg.
-
-»Marschall Canrobert, welcher, überwältigt von Staunen, Bewunderung und
-Entzücken, den Angriff beobachtet hatte, sandte sofort nach Scoresby,
-schloß ihn gerührt in die Arme und schmückte ihm eigenhändig, im
-Angesicht sämtlicher Heere, die Brust mit dem höchsten Orden.
-
-»Was aber war die eigentliche Veranlassung zu Scoresbys Mißgriff
-gewesen? Diesmal weiter nichts, als daß er rechts und links verwechselt
-hatte. Ihm war Befehl erteilt worden, sich zurückzuziehen, um den
-rechten Flügel zu verstärken; statt dessen rückte er vor und zog sich
-nach links den Hügel hinauf. Der Ruhm seines wunderbaren militärischen
-Genies aber ist seit jenem Tage in alle Welt hinaus geflogen und wird
-für ewige Zeiten in den Büchern der Geschichte leuchten.
-
-»Liebenswürdig ist er, freundlich, gut und anspruchslos, wie nur ein
-Mensch sein kann, aber er versteht gar nichts, in keiner Lage weiß er
-sich zu helfen und würde sich ruhig naß regnen lassen, statt unter
-Dach zu gehen. Ich versichere Sie, es ist die reinste Wahrheit: einen
-größeren Dummkopf wie ihn giebt es nicht auf der Welt. Noch vor einer
-halben Stunde aber war ich, außer ihm selbst, der einzige Mensch der
-das wußte. Jahraus, jahrein und Tag für Tag ist er von einem ganz
-unerhörten und beispiellosen Glück förmlich verfolgt worden. Er hat
-sich ein Menschenalter hindurch in allen unsern Kriegen mit Glanz
-hervorgethan. Seine militärische Laufbahn wimmelt von Mißgriffen
-aller Art, aber für jeden Fehler, den er beging, hat er entweder ein
-Ehrenzeichen erhalten, oder er ist zum Lord, zum Baron oder zu sonst
-etwas gemacht worden. Sie haben ja neulich bei dem Festmahl gesehen,
-wie seine Brust mit fremden und einheimischen Orden über und über
-bedeckt war; jeden einzigen, das können Sie mir glauben, trägt er
-zum Andenken an irgend einen haarsträubenden Irrtum, alle zusammen
-genommen aber bilden den schlagendsten Beweis, _daß Glück_ das beste
-Angebinde ist, welches einem Menschenkinde in die Wiege gelegt werden
-kann.« --
-
- * * * * *
-
- Bald nach Erscheinen dieser Satire in Harpers Monatsschrift
- kam Mark Twain nach England. Seine Freunde dort gaben ihm den
- dringenden Rat, dem _General Wolseley_ aus dem Wege zu gehen
- und es entspann sich darob folgendes Gespräch:
-
- _Mark Twain_: Warum denn? Ich bin ihm nichts schuldig.
-
- _Seine Freunde_: Das mag sein, aber vielleicht er Ihnen!
-
- _Mark Twain_: Wieso? Ich verstehe nicht.
-
- _Seine Freunde_: Nun, -- für Ihre Geschichte im letzten
- Harperschen Monatsheft.
-
- _Mark Twain_: Ach was! Für die bin ich längst bezahlt! Was geht
- ihn das an? --
-
- _Seine Freunde_: O nichts -- nur insofern, als er der Held
- dieser Geschichte ist.
-
- Es scheint, daß diese Gründe auf Mark Twain doch einen gewissen
- Eindruck gemacht haben, denn es heißt, daß er auf seiner Reise
- in England sich angelegen sein ließ, dem berühmten General aus
- dem Wege zu gehen.
-
-
-
-
-Wie der Verfasser in Newark angeführt wurde.
-
-
-Es ist nicht gerade angenehm, etwas Ungünstiges von sich selbst zu
-erzählen, aber der Mensch hat hin und wieder einmal das Bedürfnis, eine
-Beichte abzulegen. Ich fühle mich gedrungen mein Gemüt zu erleichtern,
-aber ich glaube fast, daß ich es mehr thue, um meinem Unmut über
-einen andern Luft zu machen, als um Balsam auf mein verwundetes
-Herz zu träufeln. (Was Balsam ist, weiß ich nicht; ich habe niemals
-Balsam gesehen, aber mich dünkt, das ist bei solcher Veranlassung der
-herkömmliche Ausdruck.)
-
- * * * * *
-
-Bekanntlich habe ich kürzlich in Newark vor den jungen Herren der
-Museums-Gesellschaft eine Vorlesung gehalten. Vorher sprach ich mit
-einem der jungen Herren, welcher sagte, er habe einen Onkel, der aus
-irgend einer Ursache dauernd der Fähigkeit beraubt zu sein scheine, in
-Gemütsbewegung zu geraten. Mit Thränen in den Augen rief der junge Mann:
-
-»O, könnte ich ihn nur lachen hören, könnte ich ihn nur einmal weinen
-sehen!«
-
-Ich war gerührt. Bei Schmerz und Kummer wird mir immer weich ums Herz;
-deshalb sagte ich: »Bringen Sie ihn nur mit in die Vorlesung, da will
-ich ihm schon zusetzen, bis wieder Leben in ihn kommt.«
-
-»O, wenn Sie das thun könnten -- wenn Ihnen das möglich wäre! Unsere
-ganze Familie würde Sie in alle Ewigkeit dafür segnen -- er liegt uns
-allen so sehr am Herzen! Können Sie ihn wirklich zum Lachen bringen,
-mein Wohlthäter? Können Sie die trockenen Augensterne zu lindernden
-Thränen rühren?«
-
-Ich war tief ergriffen und sagte: »Mein Sohn, bringen Sie den guten
-Alten nur mit. Es kommen in meinem Vortrag ein paar Späße vor, über die
-er lachen wird, wenn er überhaupt noch ein Zwerchfell hat. Thun diese
-keine Wirkung, so habe ich ein paar andere, die ihn weinen machen oder
-ihn umbringen -- entweder -- oder.« Da schluchzte der junge Mann an
-meinem Halse, wünschte mir Gottes Segen und suchte seinen Onkel auf.
-Er setzte ihn am Abend mir gegenüber auf die zweite Bank und -- ich
-ging ans Werk. Ich versuchte es zuerst mit feinen Scherzen und dann mit
-gröberen; ich nahm ihn mit schlechten Witzen in die Kur und hielt ihn
-mit guten Witzen zum Besten; ich bombardierte ihn mit abgedroschenen
-Späßen und beschoß ihn von allen Seiten mit gepfefferten,
-funkelnagelneuen. Ich wurde warm bei meiner Arbeit und stürmte von
-rechts und links, von vorn und hinten auf ihn ein; ich dampfte und
-schwitzte, eiferte und tobte, bis ich heiser und krank, toll und
-rasend war, aber -- ich konnte kein Leben in ihn bringen -- weder ein
-Lächeln noch eine Thräne preßte ich ihm ab. Nicht den Schatten eines
-Lächelns und keine Spur von Feuchtigkeit. Ich war starr vor Staunen.
-Endlich schloß ich den Vortrag mit einem verzweifelten Aufschrei, in
-einem wilden Ausbruch von Humor, und schleuderte ihm einen Witz von
-übernatürlicher Ungeheuerlichkeit an den Kopf. Dann setzte ich mich
-verwirrt und erschöpft nieder.
-
-Der Vorstand der Gesellschaft trat zu mir, kühlte mir die Stirn mit
-frischem Wasser und fragte: »Was hat Sie nur gegen das Ende so in
-Aufregung gebracht?«
-
-»Ich wollte den verdammten alten Narren in der zweiten Reihe durchaus
-zum Lachen bringen,« rief ich.
-
-»Ah so -- ja, da haben Sie sich umsonst bemüht,« erwiderte er; »_der_
-Mann ist taub und stumm und so blind wie ein Maulwurf.«
-
-Nun frage ich -- war es von dem Neffen des alten Mannes nicht
-unverantwortlich, einem Fremden und Waisenknaben wie mir, so
-mitzuspielen? Ich frage den Leser als Mitmenschen und Bruder, ob das
-rechtschaffen von ihm gehandelt war?
-
-
-
-
-Schonend beigebracht.
-
-
-Als der selige Richter Bagley damals im Gerichtshause stolperte, die
-Treppe hinabstürzte und den Hals brach, entstand die große Frage, wie
-man seiner armen Frau die Trauernachricht mitteilen solle. Endlich war
-die Leiche auf den Wagen unseres alten, braven Fuhrmanns geladen und
-diesem die Weisung erteilt, den Verunglückten nach Frau Bagleys Wohnung
-zu schaffen, aber dabei mit der größten Rücksicht und Behutsamkeit zu
-Werke zu gehen, insbesondere die Unglücksbotschaft ja nicht plötzlich
-und auf einmal auszurichten, sondern Frau Bagley erst gehörig darauf
-vorzubereiten.
-
-Nachdem der Fuhrmann mit seiner traurigen Last angelangt war, schrie er
-laut, bis die Frau des Richters an der Thüre erschien.
-
-Alsdann fragte er: »Wohnt hier nicht die Witwe Bagley?«
-
-»Die _Witwe_ Bagley? -- Nein, die wohnt nicht hier!«
-
-»Ich will doch gleich drauf wetten, daß sie hier wohnt! -- Aber, nichts
-für ungut -- wohnt der Richter Bagley vielleicht hier?«
-
-»Jawohl, der Richter Bagley wohnt hier.«
-
-»Ich will doch gleich drauf wetten, daß er nicht hier wohnt! Aber, wie
-Sie wollen; ich bin nicht rechthaberisch. Ist der Richter zu Hause?«
-
-»Nein, im Augenblick nicht.«
-
-»Dacht' ich mir's doch! -- Weil nämlich -- lehnen Sie sich an die Wand,
-Madame -- die Kleinigkeit, die ich Ihnen anzukündigen habe, bringt Sie
-vielleicht etwas aus dem Gleichgewicht. Es ist ein Unglück geschehen
--- draußen auf meinem Wagen liegt der alte Richter. Wenn Sie ihn näher
-ansehen, werden Sie sich überzeugen, daß hier nichts mehr zu machen
-ist, als die Totenschau über ihn zu halten.«
-
-
-
-
-Trinksprüche.
-
-
-Auf die Weiber.
-
- Bei dem Jahresfest der Schottischen Gesellschaft in London, am
- Montag-Abend, brachte Mark Twain den Toast auf die ›Damen‹ aus;
- dieser lautete nach dem ›Observer‹ wie folgt:
-
-»Es erfüllt mich mit aufrichtigem Stolz, daß ich gewählt worden bin, um
-gerade den Toast auf die ›Damen‹ auszubringen oder -- wenn Sie nichts
-dagegen haben -- auf die Weiber, denn diese Bezeichnung scheint mir
-doch besser; sie ist jedenfalls die ältere und daher die ehrwürdigere.
-(Gelächter.) Ich habe bemerkt, daß die Bibel, mit der den heiligen
-Schriften so eigentümlichen Einfachheit und Offenheit, sogar von der
-erhabenen Mutter des ganzen Menschengeschlechts nie den Ausdruck ›Dame‹
-gebraucht, sondern sie stets ein Weib nennt. (Gelächter.) Das mag
-seltsam erscheinen, aber es ist eine Thatsache. -- Ich bin besonders
-stolz auf diese Ehre, weil ich finde, daß der Trinkspruch auf die
-Weiber, sowohl von Rechts wegen als nach den Regeln der Höflichkeit
-allen andern vorausgehen sollte -- dem Toast auf das Heer, auf
-die Flotte, ja vielleicht selbst auf die Träger der Königswürde,
-obgleich letzteres heutzutage in diesem Lande nicht nötig ist, weil
-man stillschweigend die Gesundheit aller guten Frauen im allgemeinen
-ausbringt, wenn man die Königin von England und die Prinzessin von
-Wales leben läßt. (Laute Hochrufe.) Mir fällt dabei ein Gedicht ein,
-das Ihnen wohlbekannt ist; jedermann kennt es ja. Der gegenwärtige
-Trinkspruch ruft es aber uns allen so recht ins Gedächtnis und wir
-stimmen begeistert mit ein in die Worte des edelsten, reinsten,
-anmutigsten und lieblichsten unserer Dichter, wenn er sagt:
-
- ›Weib -- o Weib! -- Hm --
- Weib --‹
-
-(Gelächter.) Ohne Zweifel entsinnen Sie sich der Verse, die uns mit
-so vielem Gefühl und so anmutiger Zartheit, fast ohne daß wir's
-gewahr werden, Zug für Zug das Ideal des echten und vollkommenen
-Weibes vorführen. Wir schauen im Geist das vollendete Meisterwerk
-und preisen bewundernd den Genius, der ein so holdes Wesen durch den
-Hauch seines Mundes, durch bloße Worte zu schaffen vermocht hat. Sie
-werden sich ferner erinnern, wie der Dichter in treuer Uebereinstimmung
-mit der Geschichte des ganzen Menschengeschlechts dies schöne Kind
-seines Herzens und Verstandes den Prüfungen und Sorgen dahingiebt,
-welche früher oder später allen Erdenbewohnern beschieden sind, bis
-die traurige Geschichte zuletzt in der wilden, leidvollen Ansprache
-gipfelt, die allen vergangenen Kummer aufs neue wach ruft. Der Wortlaut
-der Zeilen ist folgender:
-
- -- Ach! -- o weh! -- ach! --
-
-und so weiter. (Gelächter.) Mir ist das übrige nicht gegenwärtig;
-aber alles in allem halte ich diese Verse für die schönste Huldigung,
-welche der Genius des Dichters den Frauen je gewidmet hat. (Gelächter.)
-Ich weiß, ich könnte stundenlang sprechen, ohne meinem großen Thema
-auf anmutigere oder vollendetere Weise Gerechtigkeit widerfahren zu
-lassen, als ich es gethan habe, indem ich einfach die unvergleichlichen
-Dichterworte anführte. (Erneutes Gelächter.)
-
-Die Entwicklungsformen des weiblichen Geschlechts sind von unendlicher
-Mannigfaltigkeit. Man betrachte welchen Typus des Weibes man will,
-immer wird man daran etwas zu achten, zu bewundern, zu lieben finden,
-etwas, das Herz und Hand beglückt. Wer besaß mehr Vaterlandsliebe als
-die Jungfrau von Orleans? Wer war tapferer? Wer hat uns ein erhabeneres
-Beispiel opferfreudiger Hingabe gezeigt? Wie deutlich, wie lebendig
-erinnern wir uns alle an die Nachricht, welche wie eine große Woge des
-Kummers zu uns heranflutete, daß Jeanne d'Arc bei Waterloo gefallen
-sei. (Stürmisches Gelächter.) Wer trauert nicht um den Tod der Sappho,
-der holden Sängerin Israels? (Gelächter.) Wer unter uns vermißt nicht
-die liebreichen Dienste, den sanften Einfluß, die demütige Frömmigkeit
-der Lucrezia Borgia? (Gelächter.) Wer kann in die herzlose Verleumdung
-einstimmen, welche sagt, das Weib sei verschwenderisch in Putz und
-Kleidung, wenn er zurückblickt und sich den einfachen Anzug unserer
-Mutter Eva ins Gedächtnis ruft, welcher der Hochlandstracht glich
--- mit geringen Abänderungen. (Schallendes Gelächter.) Verehrte
-Anwesende, die Weiber sind Kriegerinnen gewesen, sie waren Malerinnen,
-Dichterinnen. So lange es eine Sprache giebt, wird der Name Cleopatra
-in aller Munde leben. Nicht etwa, weil sie Georg den Dritten eroberte
--- (Gelächter) -- sondern weil sie die klassischen Zeilen schrieb:
-
- »Es beißt der Hund und bellt voll Lust;
- Gott schuf den Trieb ihm in der Brust!«
-
-(Lautes Gelächter.) Auf den weiten Gefilden der Geschichte ragen ganze
-Bergzüge erhabener Weiber empor -- die Königin von Saba, Josephine
-Semiramis -- die Liste ist endlos. (Gelächter.) Aber ich will nicht
-Heerschau über sie alle halten; schon bei der bloßen Andeutung steigen
-die Namen in Ihrem Gedächtnis auf, leuchtend von dem Ruhm unsterblicher
-Thaten, geheiligt durch die Liebe und Verehrung aller Guten und Edlen
-jeden Zeitalters und jeden Weltteils (Hochrufe.) Möge es unserem Stolz
-und unserer Ehrliebe genügen, daß unsere Zeit dieser Liste Namen wie
-Grace Darling und Florence Nightingale hinzugefügt hat. (Hochrufe.)
-
-Das Weib ist ganz wie es sein sollte -- sanft, geduldig, langmütig,
-vertrauensvoll, selbstlos, voll edler, hochherziger Triebe. Es ist des
-Weibes heiliger Beruf, die Traurigen zu trösten, für die Irrenden zu
-bitten, die Gefallenen aufzurichten, den Freundlosen Liebe zu erzeigen.
-Mit einem Wort, die Frau schenkt allen mißhandelten und verfolgten
-Kindern des Unglücks, die an ihre Thüre klopfen, den heilenden Balsam
-ihres Mitgefühls und gewährt ihnen eine Freistätte in ihrem Herzen.
-Jeder, der die veredelnde Gemeinschaft einer Gattin, die nie ermüdende
-Hingebung einer Mutter kennt, wird von Herzen einstimmen, wenn ich
-sage: Gott segne das Weib!« -- (Laute und andauernde Beifallsrufe.)
-
-
-Auf die Säuglinge.
-
- Als fünfzehnter programmgemäßer Toast, gehalten bei dem
- Festessen, das im November 1879 von der Tennessee-Armee ihrem
- ersten Kommandeur, General Grant, zu Ehren veranstaltet wurde.
-
-»Das lob ich mir! Wir sind nicht alle so glücklich, zum schönen
-Geschlecht zu gehören; wir können nicht alle Generale, Dichter oder
-Staatsmänner sein; aber wenn die Trinksprüche herabsteigen bis zu den
-Säuglingen, da stehen wir alle auf gemeinsamem Boden. Es ist eine
-Schande, daß Jahrtausende lang auf allen Festessen der Welt der
-Säugling ganz übergangen wurde, als wenn er gar nichts bedeutete. Wenn
-Sie einen Augenblick nachdenken und so ein, fünfzig bis hundert Jahre
-zurückblicken mögen auf die erste Zeit Ihrer Ehe, um in Gedanken wieder
-Ihren ersten Säugling zu betrachten, so werden Sie sich erinnern,
-daß er etwas zu bedeuten hatte, und mehr noch als das. Ihr Soldaten
-wißt wohl, daß, als dieser kleine Bursche im Familienhauptquartier
-sich meldete, es Zeit für euch war, euren Abschied zu nehmen; denn er
-kommandierte von nun an unumschränkt. Ihr hattet ihm als Kammerdiener
-aufzuwarten und er war kein Vorgesetzter, der Rücksicht nahm auf Zeit,
-Wetter oder sonstige Umstände. Ihr habt seinem Befehl folgen müssen,
-ob es möglich war oder nicht; und da gab es nur eine einzige Gangart
-in seinem Handbuche der Taktik und das war der -- Laufschritt. Er
-behandelte euch mit aller erdenkbaren Impertinenz und Mißachtung und
-selbst der Tapferste von euch durfte kein Wörtlein dagegen sagen. Ihr
-habt dem Tod bei Donelson und Vicksburg ins Antlitz gesehen und Hieb
-um Hieb zurückgegeben, aber wenn _er_ euch am Schnurrbart zupfte und
-euer Haar zauste und eure Nase zwickte, da habt ihr es euch ruhig
-gefallen lassen. Als die Donner der Schlacht in eure Ohren posaunten,
-da seid ihr den Batterien aufrecht gegenüber gestanden und mit stetem
-Schritt vorgerückt; aber wenn _er_ sein Schlachtgeschrei ertönen ließ,
-dann ging es bei euch an ein Avancieren in verkehrter Richtung. Wenn
-_er_ nach dem Schlotzer verlangte, wagtet ihr etwa Bemerkungen fallen
-zu lassen, daß gewisse Dienstleistungen sich für einen Offizier und
-Gentleman nicht schicken? Nein! Ihr seid einfach aufgestanden und habt
-den Schlotzer geholt. Wenn _er_ seine Trinkflasche verlangte und sie
-war nicht warm -- habt ihr Einwendungen gemacht? Ihr und Einwendungen!
-Ihr habt euch daran gemacht und sie gewärmt! Ja, ihr habt euch so
-weit herabgelassen in eurem Knechtsdienst, daß ihr diesen dummen,
-faden Stoff darin selber versucht habt, um zu wissen, ob er auch
-recht gemischt sei: drei Teile Wasser mit einem Teil Milch und eine
-Prise Zucker von wegen der Kolik, und ein Tropfen Pfeffermünze gegen
-den ewigen Schlucker. Ich habe den Geschmack noch auf der Zunge --
-puh! Poetisch gestimmte Seelen glauben immer noch an das schöne, alte
-Märchen, daß, wenn das Wiegenkind im Schlummer lächelt, ihm die Englein
-was ins Ohr flüstern. Klingt hübsch, ist aber sehr schwach -- 's kam
-einfach von einer Blähung her, meine Freunde. Wenn der Säugling einen
-Spaziergang vorschlug zu seiner beliebten Stunde, zwei Uhr morgens,
-seid ihr da nicht schnell aufgestanden mit der Bemerkung, die eurem
-Wahrheitssinn keine sonderliche Ehre macht, daß ihr denselben Vorschlag
-gerade eben hättet machen wollen. O, ihr habt euch unter guter Zucht
-befunden! Und wie ihr so im Zimmer in eurer Nachtuniform auf- und
-abgetänzelt seid, da habt ihr nicht nur angefangen, unwürdig zu lallen,
-sondern habt mit eurer Bärenstimme den Versuch gemacht, Liedchen zu
-singen, z. B.: Schlaf, Kindchen, schlaf! Was für ein Schauspiel für
-eine Armee von Tennessee! Und wenn das so weiter ging, so zwei bis drei
-Stunden lang, und euer kleiner Flaumkopf zu verstehen gab, daß ihm
-nichts lieber sei, als diese musikalische Marschübung, was habt ihr
-dann gemacht? (Seid nur ruhig!) Ihr seid einfach weiter spaziert, bis
-ihr nicht mehr konntet. Eine lächerliche Idee das: ein Säugling habe
-nichts zu sagen und zu bedeuten!!
-
-[Illustration]
-
-Ja, es war höchste Zeit für den Vorsitzenden eines Banketts, die
-Bedeutung der Säuglinge zu erkennen. Bedenkt, was kann aus der jungen
-Brut noch alles werden. Fünfzig Jahre von heute werden wir alle tot
-sein, denke ich, und dann wird dieses Sternenbanner, wenn es noch
-existiert und ich hoffe, das wird es -- über einer Republik flattern,
-die 200 Millionen Seelen zählt, gemäß den natürlichen Gesetzen
-unserer Volksvermehrung. Aus unserem gegenwärtigen Staatsschooner
-wird ein politischer Leviathan, ein Great Eastern geworden sein. Die
-Wiegenkinder von heute werden auf Deck sein. Sorgt für eine gute
-Erziehung; denn wir werden in ihren Händen ein schweres Stück Arbeit
-hinterlassen. Unter den drei bis vier Millionen Wiegen, die jetzt im
-Lande geschaukelt werden, befinden sich einige, die unsere Nation als
-Heiligtümer aufbewahren würde, wenn man nur schon wüßte, welche. In
-einer dieser Wiegen zahnt in diesem Augenblick, sich selber unbewußt,
-der Farragut[9] der Zukunft; in einer andern blinzelt der künftige
-berühmte Astronom noch ohne sonderliches Interesse die Milchstraße
-an -- der arme Kleine sehnt sich nach einer andern Milchstraße,
-nämlich seiner Amme. In einer andern liegt der zukünftige große
-Geschichtsschreiber und wird zweifelsohne dereinst fortfahren zu lügen,
-bis seine irdische Sendung vollendet ist. In einer andern beschäftigt
-sich der zukünftige Präsident mit keinem wichtigeren Staatsproblem
-als mit dem, warum er so früh keine Haare mehr hat, und in einer
-mächtigen Reihe von Wiegen liegen 60000 zukünftige Stellenjäger,
-bereit, den Präsidenten späterhin Gelegenheit zu geben, sich mit
-demselben alten Problem zum zweiten Male zu beschäftigen,[10] und in
-einer weitern Wiege irgendwo unter der Flagge liegt der zukünftige
-berühmte Feldmarschall der amerikanischen Armee, so wenig beschwert
-von seiner herannahenden Größe und Verantwortung, daß er seinen ganzen
-strategischen Scharfsinn in diesem Augenblick darauf gerichtet hat, wie
-er seinen großen Zehen in den Mund kriegen kann, ein Bestreben, das --
-mit allem Respekt gesagt -- vor 56 Jahren auch die ganze Aufmerksamkeit
-unseres heute abend gefeierten Helden in Anspruch genommen hat. Wenn
-aber das Kind nur die Vorahnung des künftigen Mannes ist, so werden
-wenige zweifeln, daß sein Bestreben von damals mit Erfolg gekrönt war.«
-
- [9] Größter Admiral der Vereinigten Staaten.
-
- [10] Anspielung auf die Sorgen, welche dem Präsidenten die
- Befriedigung der Aemterjäger seiner Partei macht.
-
-
-
-
-Der selige Benjamin Franklin.
-
- Spare nie auf morgen, was du übermorgen gerade so
- gut thun kannst. --
-
- Benjamin Franklin.
-
-
-Dieser Mensch war eins von den Individuen, welche man Philosophen
-nennt. Er kam als Doppelwesen oder als ein paar Zwillinge zur Welt,
-gleichzeitig in zwei verschiedenen Häusern von Boston. Die Häuser
-stehen noch heutigen Tages und tragen Tafeln, deren Inschriften die
-obige Thatsache bezeugen. Die Tafeln nehmen sich ganz gut aus, aber
-notwendig sind sie gerade nicht, da die Einwohner dem Fremden so wie so
-die beiden Geburtsstätten zeigen, zuweilen sogar mehrmals an einem Tage.
-
-Der Mann, von welchem diese Denkschrift handelt, war heimtückischer
-Gemütsart und mißbrauchte seine Gaben schon frühzeitig zur Erfindung
-von allerlei Lebensregeln und Denksprüchen, die darauf berechnet waren,
-dem heranwachsenden Geschlecht aller folgenden Zeitalter Schmerzen
-zu bereiten. Sogar seine alltäglichsten Handlungen verrichtete er im
-Hinblick darauf, daß sie den Knaben fort und fort zur Nacheiferung
-vorgehalten werden sollten -- den Knaben, die sich sonst hätten
-glücklich fühlen können. Aus gleicher Absicht wurde er der Sohn eines
-Seifensieders, wahrscheinlich nur, damit die Bestrebungen aller
-zukünftigen Knaben, die es zu irgend etwas bringen wollten, von
-vornherein mit Mißtrauen betrachtet werden möchten, wenn sie nicht
-Söhne von Seifensiedern wären. Mit einer Böswilligkeit, die in der
-Geschichte ohne gleichen dasteht, pflegte er den Tag über zu arbeiten
-und dann die Nacht hindurch aufzubleiben, unter dem Vorwand, daß er
-beim Schein eines glimmenden Feuers Algebra studiere -- damit alle
-andern Knaben genötigt wären das auch zu thun, weil man ihnen sonst
-Benjamin Franklin vorrückte. Ja noch mehr: es war seine Gewohnheit,
-sich nur von Wasser und Brot zu nähren und während der Mahlzeit
-Astronomie zu treiben -- das hat seitdem Millionen von Knaben, deren
-Väter Franklins verderbliche Biographie gelesen hatten, in große
-Trübsal gebracht.
-
-Seine Lebensregeln waren voll Feindseligkeit gegen die Jugend.
-Heutzutage kann kein Knabe irgend einer natürlichen Regung folgen, ohne
-daß er auf der Stelle über einen jener unvermeidlichen Denksprüche
-stolpert und von Franklin zu hören bekommt. Kauft er sich für zwei
-Cents Pfeffernüsse, so sagt sein Vater: »Weißt du nicht, mein Sohn, daß
-Franklin spricht: ›Einen Heller den Tag, einen Groschen das Jahr‹!«
--- und mit der Freude an den Pfeffernüssen ist's vorbei. Will der
-Knabe nach gethaner Arbeit Kreisel spielen, gleich mahnt der Vater:
-»Aufschub ist ein Tagedieb.« Wenn er eine gute That thut, bekommt er
-nie etwas dafür, denn »die Tugend trägt ihren Lohn in sich.« Er wird
-zu Tode gehetzt und der nötigsten Ruhe beraubt, weil Franklin in einem
-begeisterten Anflug von Bosheit einmal gereimt hat:
-
- »Früh zu Bett und früh wieder auf,
- Macht klug, gesund und reich im Kauf.«
-
-Als ob einem Knaben etwas daran läge, um solchen Preis klug, gesund
-und reich zu werden! Was _mir_ dieser Denkspruch für Leiden gebracht
-hat, als mein Vater damit Versuche bei mir anstellte, spricht keines
-Menschen Zunge aus. Das naturgemäße Ergebnis derselben ist meine
-jetzige körperliche Hinfälligkeit, Armut und Geistesschwäche. Als ich
-ein Knabe war, pflegten mich meine Eltern bisweilen schon vor neun Uhr
-des Morgens zu wecken. Hätten sie mich schlafen lassen wie es meine
-Natur verlangte -- was würde nicht aus mir geworden sein? Vielleicht
-wäre ich jetzt Ladenbesitzer und allgemein geachtet ...
-
-[Illustration]
-
-Benjamin Franklin hat viel Anerkennenswertes für sein Vaterland
-gethan und dessen jungen Namen bei andern Völkern zu hohen Ehren
-gebracht, weil es solchen Sohn erzeugt hat. Das will diese Denkschrift
-durchaus nicht bestreiten, oder mit Stillschweigen übergehen. Ihr
-Zweck ist nur, Einspruch gegen seine anmaßlichen Lebensregeln zu
-erheben, die er unter dem Schein, als wären sie von ihm erdacht, aus
-selbstverständlichen Wahrheiten zusammengestoppelt hat, welche schon
-abgedroschene Gemeinplätze waren, noch ehe sich die Völker beim Turmbau
-zu Babel zerstreuten. Mein Wunsch war lediglich, gegen die unter den
-Familienhäuptern herrschende unselige Idee zu Felde zu ziehen, als
-habe Franklin seine angeborene Geistesgröße eigens dadurch erworben,
-daß er umsonst arbeitete, bei Mondlicht studierte und in der Nacht
-aufstand, statt wie ein guter Christ bis zum Morgen zu warten -- und
-als könne dieses Programm, wenn es nur streng durchgeführt würde, aus
-jedes Vaters dummem Jungen einen Franklin machen. Es ist Zeit, daß die
-Herren Väter sich endlich klar machen, daß jenes abscheuliche Thun und
-Treiben nur die Wirkung des Genius war und nicht seine Ursache. Ich
-wollte, ich wäre lange genug der Vater meiner Eltern gewesen, um ihnen
-diese Wahrheit zu Gemüte zu führen, damit sie versuchten ihrem Sohne
-das Leben leichter zu machen. Als Kind mußte ich Seife sieden, obgleich
-mein Vater ein wohlhabender Mann war, ich mußte zeitig aufstehen, beim
-Frühstück Geometrie studieren, mit meinen eigenen Gedichten hausieren
-gehen und alles ganz so thun wie es Franklin gethan hatte. Man war der
-festen Hoffnung, ich würde auf solche Weise einst ein Franklin werden.
-Und was bin ich nun?! --
-
-
-
-
-Wohlthun trägt Zinsen.
-
-(In Beispielen.)
-
-
-Von Kindheit auf habe ich mit besonderer Vorliebe eine gewisse Sammlung
-moralischer Erzählungen gelesen, aus denen ich Vergnügen und Belehrung
-schöpfte. Das Buch lag mir stets bequem zur Hand und sobald mein Glaube
-an menschliche Tugend zu wanken drohte, griff ich danach und vertrieb
-mir alle Zweifel. Auch wenn mich ein Gefühl meiner eigenen Schwäche und
-unedlen Gesinnung niederdrückte, wies mich das Buch zurecht und zeigte
-mir den Weg, wie ich die verlorene Selbstachtung wiedergewinnen könne.
-
-Nur _eines_ vermißte ich: Die schönen Geschichten brachen alle ab,
-sobald der Höhepunkt erreicht, die glückliche Lösung erfolgt war,
-und ich hätte doch so gern von dem weitern Ergehen der großmütigen
-Wohlthäter und ihrer Schützlinge noch etwas erfahren. Mein Verlangen
-hiernach ward zuletzt so dringend, daß ich beschloß, mir über den
-ferneren Verlauf der Geschichten selbst Klarheit zu verschaffen. Ich
-unternahm zu diesem Zweck lange und mühevolle Forschungen und kam dabei
-zu merkwürdigen Ergebnissen. Ich will nachstehend nur zwei Proben davon
-zum allgemeinen Besten mitteilen. Zuerst werde ich die Geschichte,
-wie sie in den ›Beispielen des Guten‹ steht, erzählen und dann die
-Fortsetzung beifügen, wie es mir gelungen ist, sie zu ermitteln.
-
-
-Der wohlwollende Schriftsteller.
-
-Ein armer, angehender Literat hatte sich vergeblich bemüht, für seine
-Manuskripte einen Verleger zu finden. Endlich, als er schon nahe am
-Verhungern war, klagte er einem berühmten Schriftsteller seine traurige
-Lage und bat ihn um Rat und Hilfe.
-
-Der hochherzige Mann legte sogleich seine eigenen Sachen beiseite und
-begann eins der verschmähten Manuskripte durchzulesen. Als er dies
-menschenfreundliche Werk beendet hatte, schüttelte er dem jungen Manne
-herzlich die Hand und sagte: »Ihre Arbeit ist nicht schlecht; kommen
-Sie am nächsten Montag wieder.«
-
-Zur verabredeten Zeit erschien der junge Autor; der berühmte
-Schriftsteller aber öffnete, ohne ein Wort zu sagen, ein Journal, das
-soeben erst aus der Presse kam und zeigte dem Staunenden seinen eigenen
-Artikel, der in den Spalten des Blattes abgedruckt war. Der junge Mann
-sank auf die Kniee und brach in Thränen aus: »Wie kann ich mich Ihnen
-für solchen Edelmut je dankbar genug erweisen!« rief er.
-
-Der Schriftsteller, welcher dieses gethan, war der große Snodgraß und
-der junge Literat, den er aus dem Dunkel hervorzog und vom Hungertode
-errettete, kein anderer als der später nicht minder berühmte Snagsby.
-
-Möchten wir uns an diesem erfreulichen Vorgang ein Beispiel nehmen und
-bereitwillig allen Anfängern beistehen, welche der Hilfe bedürfen.
-
-
-Fortsetzung.
-
-In der folgenden Woche stellte sich Snagsby wieder ein und brachte
-fünf zurückgewiesene Manuskripte mit. Dies überraschte den
-berühmten Snodgraß einigermaßen, weil die jungen Leute, von denen
-das Buch erzählt, nie mehr als einmal der Handreichung bedurften
-um emporzukommen. Indessen arbeitete er die Schriftstücke durch,
-schnitt hier und da viele unnötige Blumen fort und rodete die
-Eigenschaftswörter scheffelweise aus. Es gelang ihm darauf wirklich
-zwei der Artikel bei Zeitschriften unterzubringen.
-
-Nach Ablauf einer Woche erschien der dankbare Snagsby mit einer neuen
-Ladung von Manuskripten. Wohl hatte es dem berühmten Autor zuerst
-eine hohe innere Befriedigung gewährt, dem strebsamen jungen Manne
-mit Erfolg helfen zu können und sich mit den großmütigen Leuten zu
-vergleichen, von denen das Geschichtenbuch berichtet; jetzt aber
-begann sich in ihm der Argwohn zu regen, daß vielleicht nicht alles in
-Richtigkeit sei. Trotzdem sich sein Enthusiasmus plötzlich abgekühlt
-hatte, gewann er es aber nicht über sich, den jungen Menschen
-zurückzustoßen, der sich in seiner vertrauensvollen Herzenseinfalt so
-fest an ihn klammerte.
-
-Das Ende vom Liede war denn auch, daß der berühmte Schriftsteller
-den armen, jungen Anfänger fortdauernd auf dem Halse behielt. Die
-schwachen Versuche, welche er anstellte, sich der Last zu entledigen,
-waren vergebens. Immer wieder mußte er Snagsby Rat erteilen und ihm
-Mut einsprechen, mußte sich bemühen die Annahme seiner Manuskripte bei
-den Zeitschriften durchzusetzen und sie vorher gehörig zustutzen, weil
-sie sonst unbrauchbar waren. Als der junge Streber endlich im Sattel
-saß, schwang er sich plötzlich mit einem kühnen Sprung auf den Gipfel
-des Ruhms. Er beschrieb nämlich das Privatleben des berühmten Autors
-bis in die kleinsten Einzelheiten mit so beißendem Witz, daß sein Buch
-einen fabelhaften Absatz fand, dem gefeierten Schriftsteller aber vor
-Kränkung darüber das Herz brach. Noch mit dem letzten Atemzug seufzte
-er: »Ach, jenes verlockende Buch hat mich betrogen; es verschweigt die
-letzte Hälfte der Geschichte. Hütet euch, meine Freunde, vor strebsamen
-jungen Literaten! Kein Mensch soll sich vermessen, jemand vom Tode zu
-retten, den Gott verhungern lassen will -- er läuft nur in sein eigenes
-Verderben.«
-
-
-Der dankbare Gatte.
-
-Eine Dame fuhr einmal mit ihrem Söhnchen durch die Hauptstraße einer
-großen Stadt, als plötzlich die Pferde scheu wurden und in wildem Laufe
-davonjagten. Der Kutscher ward vom Bock geschleudert und die Insassen
-des Wagens bebten vor Todesangst. Aber ein wackerer Jüngling, der
-gerade mit seinem Gemüsewagen des Weges fuhr, fiel den durchgehenden
-Pferden in die Zügel und es gelang ihm mit Gefahr seines eigenen
-Lebens, sie in ihrer Flucht aufzuhalten. Die gerettete Dame ließ sich
-seine Adresse sagen und erzählte daheim die Heldenthat ihrem Gatten
-(der das Buch mit den moralischen Erzählungen gelesen hatte). Dieser
-vergoß Thränen der Rührung bei dem erschütternden Bericht und dankte
-im Verein mit seinen ihm wiedergeschenkten Lieben dem Allgütigen, ohne
-dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt, für die wunderbare Hilfe.
-Dann sandte er nach dem wackern, jungen Mann, überreichte ihm einen
-Wechsel auf 500 Dollars und sagte: »Nimm dies zum Lohn für deine edle
-That, William Ferguson, und wenn du je eines Freundes bedarfst, so
-erinnere dich, daß Thomas Spadden ein dankbares Herz hat.«
-
-Laßt uns hieraus lernen, daß jede gute That dem der sie thut, nützt und
-frommt und wenn er auch aus dem niedrigsten Stande wäre.
-
-
-Fortsetzung.
-
-In der folgenden Woche fand sich William Ferguson bei Herrn Spadden
-mit der Bitte ein, er möge ihm durch seinen Einfluß eine bessere
-Beschäftigung verschaffen, da er Größeres leisten könne, als den
-Gemüsewagen zu fahren. Herr Spadden verhalf ihm denn auch zu einer
-Bureaustelle mit gutem Gehalt.
-
-Bald darauf wurde Williams Mutter krank und er -- doch ich will
-mich möglichst kurz fassen: Spadden willigte ein, sie zu sich ins
-Haus zu nehmen. Nicht lange, so fühlte sie Sehnsucht nach ihren
-jüngern Kindern, worauf Marie, Julie und Jaköbchen gleichfalls
-bei Spadden Aufnahme fanden. Jaköbchen hatte ein Taschenmesser,
-mit dem er sich eines Tages allein ins Wohnzimmer begab, und ehe
-noch Dreiviertelstunden vergingen, war das Mobiliar, welches etwa
-zehntausend Dollars gekostet hatte, so von ihm bearbeitet worden,
-daß sein Wert sich nicht mehr schätzen ließ. Einige Tage später fiel
-Jaköbchen die Treppe hinunter und brach den Hals. Siebzehn Anverwandte
-kamen in das Haus, um seiner Leiche zu folgen. Bei der Gelegenheit
-wurden sie dort bekannt und fanden sich seitdem häufig in der Küche
-ein. Auch bekamen die Spaddens vollauf zu thun, um ihnen nicht nur
-einmal Stellen zu verschaffen, sondern auch immer von neuem wieder,
-wenn sie Abwechslung brauchten.
-
-Die alte Frau Ferguson war trunksüchtig und führte oft gottlose Reden:
-da hielten es denn die Spaddens, aus Erkenntlichkeit gegen den Sohn,
-für ihre Pflicht, sie von diesen Lastern zu bekehren und widmeten sich
-der Aufgabe mit hohem Edelsinn. William kam häufig, erhielt immer
-kleinere Geldbeträge und forderte immer höhere und einträglichere
-Beschäftigung, zu welcher ihm die dankbaren Spaddens mehr oder weniger
-rasch verhalfen. Nach verschiedenen Einwendungen verstand sich Spadden
-sogar dazu, William auf die Universität zu schicken; als aber der
-Held vor den ersten Ferien das Verlangen stellte, man möge ihn aus
-Gesundheitsrücksichten nach Europa reisen lassen, da empörte sich der
-bedrängte Spadden endlich gegen seinen Tyrannen. Er schlug ihm die
-Forderung rundweg ab.
-
-William Fergusons Mutter war darüber so verblüfft, daß sie die
-Schnapsflasche fallen ließ und eine Verwünschung ihr in der Kehle
-stecken blieb. Als sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte, stieß
-sie keuchend hervor: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? Wo wäre
-Ihre Frau und Ihr Junge jetzt ohne meinen Sohn?«
-
-[Illustration]
-
-William sagte: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? Sagen Sie einmal
--- habe ich Ihrer Frau das Leben gerettet oder nicht?«
-
-Sieben Anverwandte liefen aus der Küche herbei und sagten einer nach
-dem andern: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit?«
-
-Williams Schwestern standen starr vor Verwunderung. »So also beweisen
-Sie -- --« fingen sie an, kamen jedoch nicht weiter, da ihre Mutter
-sie mit vor Schluchzen erstickter Stimme unterbrach und rief: »Und im
-Dienst eines solchen Ungeheuers hat mein seliger kleiner Jakob sein
-teueres Leben geopfert!«
-
-Da schwoll dem empörten Spadden der Mut und in der Erregung des
-Augenblicks rief er voll edlen Zornes:
-
-»Hinaus aus meinem Hause, ihr Bettlerpack! Ich weiß es jetzt, jenes
-Geschichtenbuch hat mich bethört, aber es soll mich nie wieder zum
-Narren halten. -- Ja, du hast meiner Frau das Leben gerettet,« donnerte
-er William an, »und dem nächsten, welcher das thut, mache ich auf der
-Stelle den Garaus!« --
-
- * * * * *
-
-Zum Schluß bemerke ich noch, daß sich die Geschichte mit William
-Ferguson in meiner persönlichen Bekanntschaft wirklich zugetragen hat;
-doch sind von mir alle Einzelheiten dergestalt verändert worden, daß
-William sein Spiegelbild nicht wiedererkennen wird.
-
-Jeder Leser dieser Skizze ist wohl einmal den ›Beispielen des Guten‹
-gefolgt, von welchen die Bücher berichten, und hat in irgend einer
-schönen, begeisterungsvollen Stunde seines Lebens eine edelmütige That
-vollbracht. Es wäre mir lieb zu erfahren, wie viele dieser Großmütigen
-Lust haben, über jenes Erlebnis nachträglich zu reden und sich gern an
-die Folgen erinnern lassen, welche aus demselben entstanden sind!? --
-
-
-
-
-Ueber Tagebücher.
-
-
-Zu gewissen Zeiten wird es der liebste Ehrgeiz eines Menschen, einen
-getreuen Bericht über sein Thun in einem Buche aufzubewahren, und
-er stürzt sich in diese Arbeit mit einer Begeisterung, als ob ein
-Tagebuch zu führen die heiligste Pflicht und der größte Genuß in der
-Welt sei. Aber wenn er nur einundzwanzig Tage verlebt hat, so wird er
-finden, daß nur jene seltenen Naturen voll Ausdauer, Hingebung an die
-Pflicht und unbesiegbarer Entschlossenheit sich an ein so gewaltiges
-Unternehmen, wie es das Führen eines Tagebuchs ist, wagen können, ohne
-eine schmachvolle Niederlage zu erleiden.
-
-Als ich auf der Quaker-City meine erste Reise nach Europa machte,
-hatten wir an Bord einen jungen Mann, Namens Jack. Dieser prächtige
-junge Bursche hatte ein Tagebuch angefangen und pflegte über seine
-Fortschritte jeden Morgen in der glühendsten und aufgewecktesten Weise
-zu berichten. Eines Tages fing er an:
-
-»O, ich komme höllisch gut fort damit. Ich schrieb letzte Nacht zehn
-Seiten in mein Tagebuch -- und wissen Sie, ich hatte die Nacht vorher
-neun und die Nacht vor dieser zwölf geschrieben. Je nun, das ist reiner
-Spaß.«
-
-»Was finden Sie denn Aufzeichnenswertes, Jack?«
-
-»O, alles! Längen- und Breitengrade, Mittagszeit, und wie viele Meilen
-wir in den letzten vierundzwanzig Stunden gemacht haben, und alle die
-Spiele Domino und Pferdebillard, die ich gewonnen habe, und Walfische
-und Haie und Schweinfische und Sonntags den Text der Predigt (wissen
-Sie, weil das zu Hause was gelten wird), und die Schiffe, die wir
-salutierten, und welcher Nation sie angehörten, und was für Wind war,
-und ob es eine schwere See gab, und was für Segel wir führten, obwohl
-wir eigentlich niemals welche führen, da wir immer den Wind von vorn
-haben -- möchte wissen, was der Grund davon ist -- und wie viele Lügen
-Moult uns erzählt hat. O, alles! Ich habe alles schwarz auf weiß.
-Mein Vater hieß mich dieses Tagebuch führen. Vater würde es nicht für
-tausend Dollars hergeben, wenn ich's fertig kriegte.«
-
-»Nein, Jack, es wird mehr als tausend Dollars wert sein -- wenn Sie es
-fertig kriegen.«
-
-»Meinen Sie? Aber Sie denken wohl, ich kriege es nicht fertig?«
-
-»Ja, es wird wenigstens tausend Dollars wert sein, wenn Sie es
-vollenden. Vielleicht mehr noch.«
-
-»Na, ich denke halb und halb ebenso. Ich bin nicht ungeschickt im
-Führen eines Tagebuches.«
-
-Eines Abends sagte ich später in Paris, nachdem wir uns mit der
-Besichtigung von Sehenswürdigkeiten abgearbeitet hatten, zu ihm:
-
-»Nun, ich will gehen und ein Weilchen um die Cafés herumstrolchen,
-Jack, und Ihnen Gelegenheit geben, Ihr Tagebuch weiterzuführen, alter
-Junge.«
-
-Sein Gesicht verlor sein Feuer. Er sagte:
-
-»Na, das braucht Sie nicht zu kümmern. Ich denke, ich werde dieses
-Tagebuch nicht weiter fortsetzen. Es ist furchtbar langweilig. Wissen
-Sie wohl, daß ich viertausend Seiten noch nachzureiten hätte? Ich habe
-noch gar nichts über Frankreich drin. Erst dachte ich, ich wollte
-Frankreich weglassen und von Frischem anfangen. Aber nicht wahr, das
-ginge nicht an. Der Alte würde sagen: Hallo, was ist das -- nichts von
-Frankreich gesehen? Dann dachte ich, ich wollte Frankreich aus dem
-Reiseführer abschreiben, wie der alte Badger in der Vorderkajüte, der
-ein Buch schreibt, aber es sind mehr als dreihundert Seiten darüber. O,
-mir scheint, ein Tagebuch hat gar keinen Nutzen, nicht wahr? Nichts als
-Plack und Langeweile, nicht wahr?«
-
-»Ja, ein unvollständiges Tagebuch hat gar keinen Nutzen, aber ein
-gehörig geführtes Tagebuch ist seine tausend Dollars wert -- wenn man
-es fertig hat.«
-
-»Tausend -- nun ja, das sollt' ich meinen. Ich aber möchte es für eine
-Million nicht fertig machen.«
-
-Seine Erfahrung war nur die Erfahrung der Mehrzahl derjenigen unserer
-Reisegesellschaft, welche gleich ihm ein Tagebuch führten. Wenn
-man einem jungen Menschen eine unbarmherzige und bösartige Strafe
-auferlegen will, so verpflichte man ihn, ein Jahr lang ein Tagebuch zu
-führen.
-
-
-
-
-Ueber das Briefschreiben.
-
-
-Ich glaube, es giebt kaum etwas auf der Welt, was uns allen so
-widerwärtig ist, als die Pflicht einen Brief zu schreiben -- besonders
-einen Privatbrief. Geschäftsbriefe sind übrigens nur wenig angenehmer.
-Fast alle Freude über einen Brief, den ich erhalte, wird mir durch den
-Gedanken vergällt, daß er beantwortet werden muß. Ja, ich fürchte mich
-so sehr vor der Qual, solche Antworten auf der Seele zu haben, daß mich
-häufig die Lust anwandelt, meine ganze Post ins Feuer zu werfen, statt
-sie zu öffnen.
-
-Zehn Jahre lang ist mir diese Furcht erspart geblieben, weil ich
-fortwährend umherzog, von Stadt zu Stadt, von Staat zu Staat und von
-Land zu Land. Da konnte ich, ganz nach Gefallen, sämtliche Briefe
-unbeantwortet lassen, die Absender derselben nahmen natürlich an,
-daß ich meinen Aufenthaltsort gewechselt habe und ihre Zuschriften
-fehlgegangen seien.
-
-Jetzt kann ich aber leider diese Form der Täuschung nicht mehr
-anwenden. Ich bin vor Anker gegangen, bin festgefahren -- und nun
-kommen die tödlichen Geschosse, die Briefe aller Art, schnurgerade auf
-mich losgeflogen.
-
-Es sind Briefe der verschiedensten Gattung und sie behandeln die
-mannigfaltigsten Gegenstände. Ich lese sie meist beim Frühstück und
-sehr oft verderben sie mir mein ganzes Tagewerk; sie leiten meinen
-Gedankengang in neue Kanäle, das Arbeitsprogramm, welches ich mir für
-meine Schreiberei aufgestellt habe, gerät in Verwirrung, ja es wird
-wohl auch gänzlich umgestoßen.
-
-Nach dem Frühstück werfe ich mich gewöhnlich ins Geschirr und versuche
-eine Stunde lang fleißig zu schreiben, aber ich komme nur mühsam
-vorwärts, da die Briefe immer wieder in meine Gedanken eingreifen. Die
-Sache hat keinen rechten Fluß, ich gebe sie zuletzt auf und verschiebe
-alle weiteren Bemühungen auf den nächsten Tag.
-
-Man sollte meinen, ich würde mich nun schleunigst daran machen die
-Briefe zu beantworten und aus dem Wege zu schaffen. Alle Musterknaben,
-von denen wir lesen, daß sie barfuß nach New York gewandert kommen und
-im Laufe der Zeit zu unverschämten Millionären werden, hätten damit
-sicherlich keinen Augenblick gezögert -- aber, ich bin nicht wie sie.
-
-Es fällt mir gar nicht ein, die Gewohnheiten jener Leute anzunehmen,
-denn ich werde nie ein Millionär werden. Wäre ich darauf ausgegangen,
-so hätte ich nicht gleich von vornherein den verhängnisvollen Mißgriff
-begehen dürfen, Stiefel an den Füßen zu tragen und mehr als vierzig
-Cents in der Tasche zu haben, als ich in New York einzog.
-
-Wie hätte ich nach einem so verkehrten Beginn meiner Laufbahn noch den
-Versuch machen sollen mir Reichtümer zu erwerben? Man würde mich nur
-mit größtem Mißtrauen betrachtet haben und mich einfach zum Betrüger
-stempeln.
-
-Deshalb verzichte ich also darauf in die Fußstapfen dieser Krösusse
-zu treten und meine Briefe mit kaufmännischer Pünktlichkeit und
-Schnelligkeit zu beantworten. Ich setze meine Arbeiten einen Tag lang
-aus, und die aufgeschichteten Briefe von heute bleiben bei denen
-liegen, welche gestern, vorgestern und von allen früheren Daten
-angekommen sind.
-
-Erst wenn der Haufen so angewachsen ist, daß mir angst und bange
-davon wird, blase ich zum Angriff und laufe Sturm, manchmal fünf volle
-Stunden lang, zuweilen sogar sechs.
-
-Und wie viele Briefe beantworte ich in dieser Zeit? Nie mehr als
-neun, oft auch nur fünf und sechs. Der Korrespondent in einem großen
-kaufmännischen Geschäft würde in einer solchen Reihe von Stunden
-wenigstens hundert Antworten zu Papier bringen.
-
-[Illustration]
-
-Einem Mann, der Jahre damit zugebracht hat, für die Presse zu
-schreiben, kann man aber eine solche Federgewandtheit unmöglich
-zutrauen.
-
-Aus alter Gewohnheit knüpft er dabei einen Gedanken an den andern;
-geduldig zerbricht er sich minutenlang den Kopf, um auf eine unwichtige
-Zuschrift die passende Erwiderung zusammen zu drechseln, und so
-verfließt ihm unversehens die kostbare Zeit.
-
-Mir ist es in den letzten Jahren förmlich zur andern Natur geworden,
-Schriftstücke jeder Art -- selbst Privatbriefe nicht ausgeschlossen
--- mit Sorgfalt und reiflicher Ueberlegung abzufassen. Die Folge
-davon ist, daß ich das Briefschreiben hasse, und ich habe noch bei
-allen meinen Bekannten, die für Zeitungen und Journale arbeiten, eine
-ähnliche Abneigung dagegen gefunden.
-
-Obige Bemerkungen sollen nur zur Erklärung und zu meiner Entschuldigung
-bei allen den Leuten dienen, welche mir über allerlei Angelegenheiten
-geschrieben haben, ohne eine Antwort zu erhalten.
-
-Einmal übers andere habe ich, im guten Glauben, daß es mir gelingen
-würde, wirklich versucht ihnen zu antworten. Einiges konnte ich wohl
-erledigen, aber unwiderruflich blieb doch die Mehrzahl der in der
-letzten Woche eingegangenen Briefe bis zur nächsten liegen.
-
-Die Folge war dann jedesmal, daß die sich aufhäufenden Briefe zuerst
-eine vorwurfsvolle Miene annahmen, dann mir grimmige Blicke zuwarfen,
-als wollten sie mir eine Strafpredigt halten, und zuletzt ein so
-beleidigendes, unverschämtes Gesicht machten, daß mir die Geduld
-ausging. Wenn das geschah, öffnete ich die Ofenthür und statuierte ein
-Exempel an ihnen.
-
-Und siehe da -- sofort war jedes bedrückende Gefühl über
-vernachlässigte Pflichten verschwunden und alle meine verlorene
-Seelenheiterkeit kehrte zurück.
-
-
-
-
-Gedankentelegraphie.
-
-
-Es giebt gewisse Begebenheiten im Menschenleben, welche man seit
-Anbeginn der Welt für ein Spiel des Zufalls gehalten hat. Erst in
-unsern Tagen ist es der Psychologischen Gesellschaft in England
-gelungen, der Menschheit klar zu machen, daß, was wir gewöhnlich als
-›merkwürdiges Zusammentreffen‹ bezeichnen, keineswegs auf blindem
-Zufall beruht, sondern einfach die Wirkung der Botschaft ist, welche
-ein Geist dem andern, oft weit über Land und Meer zuschickt. Beispiele
-von Gedankentelegraphie kommen viel häufiger vor als man gemeinhin
-glaubt und entstehen so wenig aus bloßem Zufall wie Abgang und Ankunft
-einer telegraphischen Depesche.
-
-Ich hatte die Entdeckung schon längst gemacht und meine Erfahrungen
-niedergeschrieben; doch konnte ich mich nicht entschließen, sie zu
-veröffentlichen, aus Furcht, man möchte für Scherz halten, was im
-vollen Ernst gemeint war. Jetzt aber erscheint die Frage in einem ganz
-neuen Licht, dank der verdienstlichen und einflußreichen Thätigkeit der
-Psychologischen Gesellschaft, und ich brauche mein altes Manuskript,
-das aus dem Jahre 1878 stammt, nicht länger im Schreibtisch zu
-verwahren: -- -- --
-
- * * * * *
-
-Schon wieder habe ich eins jener kleinen merkwürdigen Erlebnisse
-zu verzeichnen, wie sie hie und da jedem Menschen zustoßen. Man
-denkt stundenlang darüber nach und bleibt so klug wie zuvor, denn
-eine Erklärung sucht man vergebens. Die Sache, welche an sich ganz
-unbedeutend aussieht, verhielt sich wie folgt:
-
-Vor einigen Tagen sagte ich: »Es scheint, Frank Millet weiß gar nicht,
-daß wir in Deutschland sind, sonst würde er längst geschrieben haben.
-In den letzten sechs Wochen bin ich wohl ein Dutzendmal drauf und dran
-gewesen, ein paar Zeilen an ihn zu spedieren, habe aber immer wieder
-beschlossen zu warten, da er doch endlich etwas von sich hören lassen
-muß. Jetzt schreibe ich aber sofort.« Ich that es, schickte den Brief
-nach Paris und dachte bei mir: »Ehe dieser Brief fünfzig Meilen über
-Heidelberg hinaus ist, haben wir bereits Nachricht von Frank -- so geht
-es ja immer.«
-
-Und richtig, was ich gesagt hatte traf ein. Es geschieht ja
-wunderbarerweise nichts häufiger im Leben, als daß sich Briefe kreuzen;
-ob das aber auf einem Zufall beruht, möchte ich bezweifeln. Unser
-Vorgefühl, daß sich der Brief, den wir eben an eine Person schreiben,
-mit einem von derselben Person an uns gerichteten kreuzen wird, ist oft
-schon stark genug gewesen, um uns zu veranlassen, den schriftlichen
-Erguß merkwürdig kurz zu fassen, da man seine Zeit nicht unnütz
-verschwenden will -- die Briefe kreuzen sich ja doch. Ich habe die
-Erfahrung gemacht, daß mich dieses Vorgefühl meistens ergriff, wenn ich
-meinen Brief eine ganze Weile verschoben hatte, in der Hoffnung, der
-andere würde zuerst schreiben.
-
-Ich erhielt Millets Brief, der an demselben Tage abgeschickt war
-wie der meinige, in Berlin, durch Vermittlung des amerikanischen
-Gesandten. Millet schrieb, er habe sich sechs Wochen lang vergeblich
-bemüht, jemand aufzutreiben, der ihm meine deutsche Adresse mitteilen
-könne, zuletzt sei er auf den Gedanken gekommen, daß man wohl auf
-der Gesandtschaft in Berlin wissen würde, wo ich zu finden sei. --
-Vielleicht war es ein Zufall, aber ich glaube es nicht, daß er endlich
-in demselben Augenblick zur Feder griff, in welchem ich mich entschloß
-an ihn zu schreiben.
-
-Es giebt für mich nichts Aergerlicheres, als wenn ich in einer
-einfachen Geschäftsangelegenheit gewartet und gewartet habe, in der
-Hoffnung, der andere werde die Mühe des Schreibens übernehmen und mich
-zuletzt doch selbst daran machen muß, noch dazu mit der Ueberzeugung,
-daß jener sich mit mir zugleich hinsetzt, um einen Brief zu schreiben,
-der sich mit dem meinigen kreuzen wird. Wollte ich die Arbeit aber
-verschieben und vom Schreibtisch aufstehen, so würde der andere Mensch
-unfehlbar dasselbe thun, genau als wären wir zusammengespannt wie die
-siamesischen Zwillinge und genötigt die nämlichen Bewegungen zu machen.
-
-Einige Monate bevor ich mich auf Reisen begab, hatten Techniker eines
-New Yorker Geschäfts eine Arbeit in meinem Hause vorgenommen, die
-nicht zu meiner Zufriedenheit ausgefallen war. Ich benachrichtigte
-daher die Firma, daß ich die Rechnung erst bezahlen würde, nachdem
-die Sache ganz in Ordnung gebracht sei. In der Antwort bat man
-mich wegen Geschäftsüberhäufung etwas Geduld zu haben; sobald der
-Sachverständige entbehrt werden könne, solle er alles nach Wunsch
-erledigen. Ueber zwei Monate wartete ich und ertrug mit Ergebung die
-Hausgenossenschaft elektrischer Klingeln, die urplötzlich von selbst
-und wie rasend Sturm läuteten, ohne daß jemand sie berührte, und dann
-wieder keinen Ton von sich geben wollten, wenn man auch den Knopf wie
-mit einem Schmiedehammer bearbeitete. Unzähligemale nahm ich mir vor
-zu schreiben, aber immer wieder verschob ich es. Eines Abends endlich
-setzte ich mich hin und ergoß meinen Aerger ungefähr eine Seite lang;
-plötzlich aber brach ich den Brief kurz ab, denn ein deutliches Gefühl
-sagte mir, daß die Firma jetzt auch ein Lebenszeichen von sich geben
-werde. Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück erschien, war mein
-Brief noch nicht abgegangen, aber der ›elektrische Klingelmann‹ hatte
-bereits alles Nötige besorgt und war wieder verschwunden. Am Abend
-vorher hatte er von seinem Prinzipal den Auftrag erhalten und war
-sogleich mit dem Nachtzug zu uns gefahren. Wenn das auch ein ›Zufall‹
-war, so gehörten ungefähr drei Monate dazu, bis er zustande kam.
-
- * * * * *
-
-Letzten Sommer langte ich eines Abends in Washington an, stieg im
-Orlington-Hotel ab und ging auf mein Zimmer. Ich las und rauchte
-ungefähr bis zehn Uhr und da ich nicht schläfrig war, wollte ich noch
-ein wenig frische Luft schnappen. So ging ich denn im Regen hinaus und
-wanderte vergnüglich und ziellos umher. Mein Freund O. befand sich
-auch gerade in der Stadt und es hätte mich gefreut, wenn wir zufällig
-aufeinandergestoßen wären, doch ihn um Mitternacht aufzustöbern, zumal
-ich seine Wohnung nicht wußte, lag mir gänzlich fern. Da ich mich in
-den öden Straßen verlassen zu fühlen begann, trat ich gegen zwölf Uhr
-in einen Zigarrenladen, hielt mich dort eine Viertelstunde auf und
-hörte den nationalpolitischen Gesprächen einiger Kunden zu. Plötzlich
-ergriff mich der prophetische Geist und ich sprach zu mir selbst: »Wenn
-ich jetzt zu dieser Thür hinausgehe, mich links wende und zehn Schritte
-mache, werde ich O. gegenüberstehen.«
-
-Genau so traf es ein. Zwar konnte ich sein Gesicht unter dem
-Regenschirm nicht sehen, zumal es ziemlich dunkel war, aber ich
-erkannte ihn an der Stimme, als er seinem Begleiter in die Rede fiel,
-und rief ihn an.
-
-Daß ich den Laden verließ und O. begegnete war nichts, aber daß ich
-es vorher wußte, war sehr viel. Bei näherer Betrachtung ist es doch
-ein höchst merkwürdiges Erlebnis. Ich stand ganz hinten in dem
-Zigarrenladen als der Geist der Weissagung über mich kam. Fünf Schritte
-bis zur Thür, drei Stufen zum Bürgersteig hinunter, Wendung nach links,
-einige weitere Schritte und richtig -- da war mein Mann. Ist es nicht
-wunderbar, wie alles zutraf?
-
-Oft reden wir von einem Abwesenden und kaum haben wir es gethan,
-so sehen wir ihn vor uns. Wir lachen dann und sagen: »Wenn man den
-Teufel an die Wand malt u. s. w.«; dann denken wir nicht mehr an den
-sogenannten ›Zufall‹. Das ist eine recht billige und bequeme Art, über
-ein ernstes und schwieriges Rätsel hinwegzukommen, das zu lösen wohl
-der Mühe verlohnte.
-
-Nun komme ich aber auf das Sonderbarste zu sprechen, was ich je erlebt
-habe: Vor zwei oder drei Jahren lag ich eines Morgens im Bett und
-dachte an nichts Besonderes -- es war am zweiten März -- als plötzlich
-eine funkelnagelneue Idee wie eine Bombe auf mich hereingesaust kam
-und mit solcher Gewalt explodierte, daß aus der ganzen Umgegend alle
-müßigen Betrachtungen zerfetzt und zersplittert davonflogen. Diese Idee
-bestand, kurz gesagt, darin, daß jetzt der günstige Augenblick gekommen
-sei, ein gewisses Buch, dem das allgemeine Interesse nicht fehlen
-konnte, sofort zu schreiben und auf den Markt zu bringen -- ein Buch
-über die Silbergruben in Nevada. Die ›Große Bonanza-Mine‹ war damals
-ein neues Weltwunder und bildete das Tagesgespräch.
-
-Die geeignetste Person für diese Arbeit schien mir William Wright,
-ein Journalist aus Virginia in Nevada, an dessen Seite ich dort, vor
-zwölf Jahren, monatelang als Reporter Zeitungsartikel gekritzelt
-hatte. Vielleicht war er noch am Leben, vielleicht war er tot, wer
-konnte es wissen, aber jedenfalls wollte ich ihm schreiben. Ich begann
-damit, ihm bescheidentlich den Vorschlag zu machen, das bewußte Buch
-zu verfassen; im weitern Verlauf wuchs jedoch mein Eifer und ich
-ließ mich hinreißen, nach eigenem Ermessen den ganzen Plan des Werkes
-zu entwerfen, überzeugt, daß Wright, als guter Freund, meine Absicht
-nicht mißdeuten werde. Ich ging sogar auf Einzelheiten ein und besprach
-deren Anordnung und Reihenfolge. Eben wollte ich das Manuskript in
-einen Umschlag stecken, da fiel mir ein, wie unangenehm es wäre,
-wenn das Buch auf meine Veranlassung geschrieben würde und sich dann
-kein Verleger fände. Ich behielt daher den Brief einstweilen zurück,
-warf ihn in ein Fach und richtete ein paar Zeilen an meinen eigenen
-Verleger, den ich um eine geschäftliche Besprechung bat. Der Herr war
-jedoch gerade verreist, meine Zuschrift blieb unbeantwortet und nach
-einigen Tagen hatte ich die ganze Angelegenheit vergessen. Am neunten
-März brachte der Postbote verschiedene Briefe, darunter einen besonders
-dicken, dessen Aufschrift eine halbschlummernde Erinnerung in mir zu
-wecken schien. Zuerst wußte ich nicht wohin damit, aber bald ging mir
-ein Licht auf und ich sagte zu einem Verwandten, der gerade anwesend
-war:
-
-[Illustration]
-
-»Gieb acht, jetzt will ich ein Wunder thun. Ich werde dir aufs genauste
-Inhalt, Datum und Unterschrift dieses Briefes sagen, ohne ihn zu
-erbrechen. Er kommt von einem Herrn Wright aus Virginia in Nevada,
-und ist vom zweiten März datiert. Wright teilt mir darin sein Vorhaben
-mit, ein Buch über die Silberminen zu schreiben und fragt, was ich
-als Freund davon denke. Ferner setzt er mir alles Einzelne des Nähern
-auseinander und sagt, daß er zum Schluß die Geschichte des ›Großen
-Bonanza‹ erzählen wolle.«
-
-Ich öffnete nun den Brief und bewies, daß meine sämtlichen Angaben
-richtig waren. Wrights Brief enthielt in der That genau dasselbe wie
-der meinige, der, am nämlichen Datum geschrieben, seit sieben Tagen im
-Fach meines Schreibtisches lag.
-
-Mit Hellseherei, wenigstens wie _ich_ dieselbe verstehe, hatte
-dieser Vorfall, glaube ich, nichts zu thun. Ein Hellseher behauptet,
-verborgene Schrift wirklich Wort für Wort ablesen zu können. Das war
-bei mir nicht der Fall. Ich glaubte nur den Inhalt des Briefes im
-einzelnen mit vollkommener Sicherheit zu kennen, aber die Worte mußte
-ich selbst finden und gewissermaßen Wrights Ausdrucksweise in die
-meinige übersetzen.
-
-Dies Zusammentreffen aller Umstände konnte doch unmöglich auf Zufall
-beruhen. Bei einem Zufall hätte vielleicht einiges gestimmt, aber alles
-übrige wäre wesentlich abgewichen. Für mich unterlag es keinem Zweifel
--- Wrights Geist hatte am zweiten März über Gebirge und Wüste hinweg,
-trotz der Entfernung von dreitausend Meilen, mit dem meinigen in
-engster und krystallklarster Verbindung gestanden. Meiner Meinung nach
-waren wir nicht beide zugleich auf die ursprüngliche Idee gekommen,
-sondern der Geist des einen hatte sie erdacht und sie dem andern
-telegraphiert.
-
-Es reizte mich doch zu wissen, wessen Gehirn das Telegraphieren
-übernommen hatte und wer der Empfänger der Depesche gewesen war, so
-schrieb ich denn an Wright, um mich darnach zu erkundigen. Seine
-Antwort bewies mir, daß Gedanke und Botschaft von _seinem_ Geist
-ausgegangen waren und der meinige beides nur aufgenommen hatte. Sein
-Buch steckte ihm schon lange im Kopfe; es liegt daher auf der Hand, daß
-die erste Idee von ihm und nicht von mir herrührt; der Stoff lag mir
-ganz fern und ich war obendrein von andern Dingen vollauf in Anspruch
-genommen. Trotzdem vermochte es dieser Freund, an den ich seit elf
-Jahren nicht mehr gedacht hatte, mir seine Gedanken aus weiter Ferne in
-den Kopf zu blitzen, und zwar mit solchem Nachdruck, daß ich für den
-Augenblick kein anderes Interesse mehr kannte. Er hatte den Brief an
-mich geschrieben, nachdem seine Arbeit für das Morgenblatt beendet war,
-etwas nach drei Uhr. Drei Uhr morgens in Nevada ist ungefähr 6 Uhr in
-Hartford, zu welcher Zeit ich, wie erwähnt, im Bette lag und an nichts
-Besonderes dachte. Gerade um diese Zeit ergoß sich der Strom seiner
-Gedanken über den Kontinent hinweg in mein Gehirn, ich stand auf und
-schrieb sie nieder unter dem Eindruck, daß sie ausschließlich von mir
-selbst stammten.
-
-Das ist sehr bedeutungsvoll und kann von der höchsten Wichtigkeit
-werden. Man bedenke nur, wie mancher herrliche Originalgedanke einem
-so mir nichts dir nichts von einem dreitausend Meilen weit entfernten
-Menschen weggestohlen werden kann. Sollte jemand versucht sein,
-diese Thatsache anzuzweifeln, so bitte ich nur, einen Blick in das
-Konversationslexikon zu werfen und wieder einmal über den sonderbaren
-Umstand in der Geschichte der Erfindungen nachzugrübeln, der einem
-jeden schon zu denken gegeben hat -- darüber nämlich, daß so häufig
-dieselben Maschinen und Apparate gleichzeitig von mehreren Personen in
-verschiedenen Weltteilen erfunden worden sind. Es liegt nicht außer
-dem Bereich der Möglichkeit, daß die Erfinder sich, ohne es zu wollen,
-gegenseitig ihre Ideen fortstehlen, obgleich sie viel tausend Meilen
-von einander getrennt sind.
-
-Gewöhnlich erklärt man zwar dies Gedankenzusammentreffen daraus, daß
-große und bedeutsame Entdeckungen sich immer auf Fragen beziehen, mit
-welchen die hervorragendsten Geister sich bereits lange und eingehend
-beschäftigt haben. Als Beispiele solcher zugleich von verschiedenen
-Seiten gewonnener Errungenschaften auf wissenschaftlichem Gebiet
-führt man unter andern die Erfindung der Differentialrechnung an,
-die Entdeckung des Planeten Neptun, die Entzifferung der egyptischen
-Hieroglyphen, die Aufstellung der Vibrationstheorie des Lichts, die
-Erfindung des elektrischen Telegraphen und der Spektralanalyse.
-Aber vielleicht ist in jedem der angegebenen Fälle die Idee in
-dem Geist eines _einzigen_ Gelehrten entsprungen, der sie weiter
-telegraphiert hat. Schon seit einem Jahrhundert hatten die Astronomen
-jene Aberrationen beobachtet, die endlich Leverrier auf die Vermutung
-brachten, daß sich im unermeßlichen Raum ein Planet verbergen müsse,
-welcher der Urheber jener Störungen sei. Wie ging es nun aber zu,
-daß drei durch weite Entfernung von einander getrennte Menschen,
-Leverrier, Mrs. Somerville und Adams auf einmal zu gleicher Zeit
-anfingen, sich mit den Aberrationen abzuquälen und alles daran zu
-setzen, um ausfindig zu machen, was wohl die Ursache derselben sein
-könne? -- Das sonderbare Unternehmen, einen unsichtbaren Planeten zu
-messen, zu wägen, seine Bahn zu berechnen, ihm förmlich nachzujagen
-und ihn endlich einzufangen, an das noch niemand zuvor gedacht hatte,
-konnte nur in dem Kopf eines einzigen Astronomen entsprungen und durch
-Gedankentelegraphie den andern Geistern übermittelt worden sein.
-
- * * * * *
-
-Letzten Frühling kam ein litterarischer Freund von fern her, um
-mich zu besuchen. Im Lauf des Gesprächs erzählte er mir, es sei ihm
-eine vollständig neue Idee aufgegangen, wie sie sicherlich in der
-Litteratur noch nicht dagewesen wäre, und teilte mir dieselbe mit.
-Darauf überreichte ich ihm ein Manuskript, welches ich vor acht
-Tagen geschrieben hatte, mit dem Bedeuten, daß er darin seine Idee
-der Hauptsache nach getreulich wiedergegeben finden würde. Schon seit
-dem vergangenen November beschäftigte dieser Gedanke mein Gehirn --
-in das seinige geriet er aber erst vor acht Tagen, während ich das
-Schriftstück abfaßte. Da er seine Idee noch nicht zu Papier gebracht
-hatte, überließ er mir nun liebenswürdigerweise alle Rechte und Titel
-des Erfinders.
-
-Mich haben die spiritistischen Vorstellungen und Geisterkundgebungen,
-bei denen ich zugegen war, nie im geringsten überzeugen können, was
-jedoch nicht viel sagen will, da meine Erfahrungen auf diesem Felde
-nur oberflächlich sind. Daß aber der Geist eines noch -- im Fleisch
-wandelnden -- Menschen mit einem andern Menschengeist verkehren kann,
-selbst wenn beide durch große Entfernungen getrennt sind, glaube ich
-fest. Ja, es ist nicht einmal erforderlich, vorher auf künstliche
-Weise einen ›sympathetischen Zustand‹ zu erzeugen, durch welchen
-die Gedankentelegraphie vermittelt würde. Nach meiner Ueberzeugung
-findet die geistige Wechselwirkung überhaupt nur statt, wenn ein
-sympathetischer Zustand vorhanden ist; ich halte es aber nicht für
-unmöglich, daß bei ununterbrochenem sympathetischem Zustand auch der
-Gedankenverkehr ins Unbegrenzte fortgesetzt werden könnte.
-
-Wir alle haben es wohl schon erlebt, daß plötzlich eine Reihe von
-Gedanken und Empfindungen auf uns einstürmten, die wir ganz auf
-dieselbe Weise bereits in einem frühern Dasein durchgemacht zu haben
-glauben. Ein unheimliches Gefühl! -- Zwar ist ein früheres Dasein nicht
-unmöglich, aber dadurch wird dieses spukhafte Geheimnis keineswegs
-erklärt. Seine Erklärung liegt vielmehr darin, daß ein Fremder aus
-weiter Ferne uns seine Gedanken ins Bewußtsein telegraphiert, bis ein
-Gegenstrom oder irgend ein anderes Hindernis plötzlich die Verbindung
-unterbricht. Vielleicht scheint es uns etwas früher Erlebtes, weil
-es das schon Erlebte eines andern ist, das wir nur aus zweiter Hand
-übernehmen. Ob Herr Brown, der berühmte Gedankenleser, wirklich die
-Gedanken anderer liest, weiß ich nicht, -- aber _das_ weiß ich, daß
-_ich_ sie schon gelesen habe, und warum sollte es da Herr Brown nicht
-auch thun können!
-
- * * * * *
-
-Vorstehendes schrieb ich vor drei Jahren in Heidelberg und legte das
-Manuskript beiseite mit der Absicht, bei Gelegenheit neue Beispiele der
-Gedankentelegraphie, die mir vorkommen würden, hinzuzufügen. Inzwischen
-hat sich das ›Briefkreuzen‹ so unzähligemale wiederholt, daß es anfängt
-eintönig zu werden. Ich habe mir aber eine Lehre daraus gezogen: wenn
-ich jetzt die Lust verliere zu warten, ob es jemand, von dem ich gern
-Nachricht hätte, endlich gefällig sein wird zur Feder zu greifen,
-so zwinge ich ihn dazu, indem ich mich hinsetze und meinerseits an
-_ihn_ schreibe. Dann zerreiße ich meinen Brief in guter Ruhe; ihn
-abzuschicken ist unnötig, das _Schreiben_ allein genügt vollständig, um
-den säumigen Freund zum Entschluß zu bringen.
-
-Nachdem wir Heidelberg verlassen hatten, hielten wir uns eine Zeitlang
-in Venedig auf. Eines Tages fuhr ich in einer Gondel den großen Kanal
-hinab, als ich einen lauten Zuruf hinter mir hörte und mich umblickte;
-eine Gondel folgte der meinigen und der Gondelier machte heftige
-Zeichen, ich solle anhalten. Als das Boot herankam, erblickte ich
-darin eine amerikanische Dame, die sich seit längerer Zeit in Venedig
-aufhielt.
-
-»Sie müssen mir helfen,« sagte sie in großer Aufregung, als ihre Gondel
-neben der meinigen angelegt hatte. »Im Britannia-Hotel ist vor einer
-Woche ein Herr aus New York mit seiner Frau abgestiegen. Sie erwarteten
-Nachrichten von ihrem Sohn vorzufinden, von dem sie seit acht Monaten
-nichts gehört haben. Leider war ihre Hoffnung vergebens, die Dame
-liegt nun krank, sie ist in Verzweiflung und ihr Mann kann weder
-essen noch schlafen. Der Sohn ist vor acht Monaten in San Francisco
-angekommen und hat seine Ankunft den Eltern sofort brieflich angezeigt.
-Das ist die letzte Spur von ihm. Die Eltern sind inzwischen in Europa
-ruhelos von Ort zu Ort gezogen, die ganze Reise ist ihnen verdorben
-und sie haben Briefe nach allen Himmelsgegenden geschrieben in der
-Hoffnung, Nachrichten über das Verbleiben ihres Sohnes zu erhalten,
-dessen Schweigen noch immer unaufgeklärt ist.
-
-»Nun will der Herr es mit einem Kabeltelegramm versuchen. Er will nach
-San Francisco telegraphieren, hat sich aber bis jetzt noch nicht dazu
-entschließen können, aus Furcht vor was? -- ohne Zweifel aus Furcht,
-die Todesnachricht seines Sohnes zu erhalten. Er verlangt jetzt von
-mir, daß ich die Depesche abschicke, aber das _kann_ ich nicht, denn,
-wenn keine Rückantwort erfolgte -- es wäre der Tod der armen Mutter. In
-meiner Angst bin ich Ihnen nachgefahren. Sie müssen mir beistehen, den
-Mann zu überreden noch einige Wochen geduldig zu warten, der Aufschub
-ist vielleicht die Rettung seiner Frau. Kommen Sie, wir dürfen keine
-Zeit verlieren.«
-
-Ich that ihr den Willen, aber auf _meine_ Weise. Als ich dem Herrn
-vorgestellt war, sagte ich: »In dergleichen Dingen habe ich meinen
-besonderen Aberglauben, der aber wohl beachtet zu werden verdient.
-Wenn Sie sofort nach San Francisco telegraphieren, werden Sie binnen
-vierundzwanzig Stunden Nachricht erhalten, vielleicht nicht gerade von
-dort, aber jedenfalls irgendwoher. Telegraphieren Sie nur schnell, das
-ist alles was nötig ist. Die Nachricht wird in vierundzwanzig Stunden
-eintreffen, einerlei, ob Sie das Telegramm nach Peking schicken oder
-sonstwohin. Die Verzögerung ist nur dadurch entstanden, daß Sie Ihr
-Telegramm nicht sofort abgehen ließen, als Sie zuerst Neigung dazu
-verspürten.«
-
-Wie thöricht es auch erscheinen mag, der Mann ließ sich wahrhaftig
-von dem Unsinn beeinflussen; er erheiterte sich sichtlich, schickte
-die Depesche ab und als am nächsten Tage ein langer Brief von dem
-verlorenen Sohn ankam, war er mir so dankbar, als hätte mein Rat
-wirklich die Ankunft des Briefes beschleunigt. Der Sohn hatte von
-San Francisco aus eine Reise im Segelschiff angetreten und erst nach
-Monaten in dem ersten Hafen, den er berührte, Gelegenheit gefunden, den
-Eltern Nachricht zu geben.
-
-Dies Beispiel hat wenig Bedeutung und beweist nichts; _ich_ erwähne es
-nur um zu zeigen, wie sehr das ewige Briefkreuzen meinen Aberglauben
-inzwischen verstärkt hatte. Ich war so fest davon überzeugt, daß
-ein irgendwohin gerichtetes Kabeltelegramm sich mit den ersehnten
-Nachrichten kreuzen würde, daß meine Zuversicht sogar einen
-Hoffnungslosen aufzurichten und zu ermutigen vermochte.
-
-Ich lasse hier einige Beispiele von absoluter Gedankentelegraphie
-folgen:
-
-An einem Montagmorgen, als die Postsachen hereingebracht wurden, sagte
-ich, auf einen der Briefe deutend, zu meinem Freunde: »Ich will dir
-angeben, was dieser Brief enthält, ohne ihn zu öffnen. Er kommt von
-Frau X., welche schreibt, daß sie letzten Sonnabend in New York gewesen
-ist und die Absicht gehabt hat, mit dem Nachmittagszug einen Abstecher
-zu machen, um uns zu überraschen, im letzten Augenblick sich aber
-anders besonnen habe und nach Hause gefahren sei.«
-
-Alle Einzelheiten stimmten genau. Und doch hatten wir vorher nicht
-im mindesten daran gedacht, daß Frau X. nach New York kommen und
-beabsichtigen würde, uns zu besuchen.
-
- * * * * *
-
-Ich rauche ziemlich stark, ja -- ich gestehe es -- fast ohne
-Unterbrechung. Daher versuche ich seit sieben Jahren, eine Schachtel
-mit Streichhölzchen hinter einem Bild auf dem Kaminsims immer bereit
-zu haben. Leider blieb es aber bei dem Versuch, denn George, mein
-schwarzer Diener, der Feuer und Gas anzuzünden hat, brauchte dazu
-immer _meine_ Streichhölzchen, ohne daß ihm je einfiel, sie wieder an
-ihren Platz zu stellen. Sieben Jahre lang gingen Befehle und Bitten
-spurlos an ihm vorüber. Letzten Sommer nun kehrten wir nach einer
-mehrmonatlichen Abwesenheit nach Hause zurück und beim Eintreten sage
-ich zu einem Familiengliede:
-
-»Nach so langen Ferien und gänzlichem Mangel an Unterbrechungen -- --«
-
-»Ich kann den Satz für dich beenden,« fiel mein Hausgenosse ein.
-
-»Nun, so thue es,« antwortete ich.
-
-»Sollte doch George endlich gelernt haben, meine Streichhölzchen in
-Ruhe zu lassen!«
-
-[Illustration]
-
-Es stimmte ganz genau. Gerade das hatte ich sagen wollen. Und doch
-hatte ich seit drei Monaten nicht an George und die Streichhölzchen
-gedacht, auch gab der Anfang meines Satzes sicherlich nicht den
-geringsten Aufschluß über das, was folgen sollte.
-
-Dergleichen Vorkommnisse würden mich vor einigen Jahren noch in
-Erstaunen gesetzt haben, aber jetzt überraschen sie mich nicht mehr.
-Ich weiß ja nun, daß _ein_ Geist auf das innigste mit dem _andern_
-verkehren kann, ohne das unbeholfene und beschwerliche Medium der
-Sprache.
-
-Unser Zeitalter scheint sich in Erfindungen beinahe erschöpft zu
-haben, aber _eine_ wichtige Frage bleibt ihm noch zu lösen: -- die
-Erfindung des Phrenophons, das heißt, einer Methode, nach welcher
-die Gedankenwechselwirkung mit Sicherheit geleitet und in ein System
-gebracht werden kann. Der Telegraph und das Telephon fangen an für
-unsere Bedürfnisse zu langsam und wortreich zu arbeiten. Uns genügt
-nur, daß der Gedanke selbst, aus beliebiger Entfernung, unmittelbar
-mit Blitzesschnelle in unser Gehirn verpflanzt wird; wenn wir ihn
-dann durchaus noch in Worte kleiden müssen, so kann ja dieses leidige
-Geschäft später mit Muße geschehen. Das gewisse Etwas, welches den
-Gedanken durch die Luft von Gehirn zu Gehirn leitet, ist ohne Zweifel
-eine zartere und empfindlichere Form der Elektrizität, und es handelt
-sich nur darum, auf welche Weise man sie binden und dienstbar machen
-kann, ähnlich wie dies mit dem elektrischen Strom geschehen ist. Vor
-Erfindung des Telegraphen hätte man alle mit diesem verwandten Wunder
-für unausführbar gehalten, eins so gut wie das andere.
-
-Ich möchte darauf wetten, daß, während ich diese Gedanken zu Papier
-bringe, irgend jemand auf der andern Hälfte der Erdkugel dasselbe
-schreibt. Ob aber _ich_ den Betreffenden anrege oder _er_ mich, läßt
-sich nicht bestimmen.
-
-
-
-
-Prinzenverehrung.
-
-
-Bei meinem Besuche des Bayreuther Theaters bemerkte ich mit
-Verwunderung, daß, während die Menge hereinströmte, jeder einzelne
-sich umwandte und begierig nach einer Art offenen Galerie hinblickte,
-auf welcher die fürstlichen Personen Platz genommen hatten. Viele von
-den Zuschauern schienen dabei förmlich vor Entzücken zu erstarren und
-konnten sich nicht wieder losreißen.
-
-Ob bei diesem Wohlgefallen an einem Prinzen Neid oder Verehrung
-vorherrscht, weiß ich nicht, jedenfalls ist es eine Mischung von
-beiden. Auch wird der Hunger und Durst nach dem Anblick eines Fürsten
-nicht durch einmalige Betrachtung gestillt, nein, er bleibt unwandelbar
-derselbe. Vielleicht erklärt sich diese Erscheinung aus der Freude,
-welche der Mensch an einem Wertgegenstand hat, den er gewinnt, ohne
-ihn zu erwerben. Der Thaler, den du zufällig findest, freut dich
-mehr als die neunundneunzig, die dir Mühe und Arbeit gekostet haben,
-und der Gewinn im Pharo oder an der Börse thut deinem Herzen ganz
-besonders wohl. -- Ein Prinz findet umsonst, schon in der Wiege, Macht,
-Ansehen, freie Zeit, unentgeltliche Verpflegung, aus reinem Zufall,
-weil er als Prinz geboren ist; deshalb schaut die kummervolle Armut
-und Niedrigkeit zu ihm auf, wie zu einer monumentalen Verkörperung
-des Glücks. Und dann -- o größter Vorzug -- kein anderes Glück auf
-Erden ist so fest gegründet wie das seine. Der Millionär kann über
-Nacht zum Bettler werden, der große Staatsmann einen Fehler begehen,
-man läßt ihn fallen und er wird vergessen. Der berühmte General kann
-eine entscheidende Schlacht verlieren und verliert dabei zugleich sein
-Ansehen bei den Menschen. Aber _bist_ du ein Prinz, so _bleibst_ du ein
-Prinz, das heißt ein Halbgott; weder Unglück noch Niederträchtigkeit,
-weder ein hohler Kopf noch sonstige Eseleien können dich deiner Hoheit
-entkleiden. In der Huldigung der Menschen, mag sie verdient sein oder
-unverdient, besteht nach einmütigem Beschluß aller Nationen und aller
-Zeiten das höchste Gut auf Erden; folglich ist die Stellung eines
-Prinzen die wünschenswerteste unter der Sonne.
-
-Natürlich sind in _unsern_ Augen Fürstlichkeiten nicht das, was
-sie dem Europäer gelten. Wir sind nicht dazu erzogen einen Prinzen
-zu vergöttern; es würde uns genügen, ihn _einmal_ recht gründlich
-anzuschauen, dann wäre unsere Neugier befriedigt; das nächstemal würden
-wir ihm schon gleichgültiger begegnen und trachten, einen neuen zu
-Gesicht zu bekommen. Nicht so der Europäer; ihm bleibt derselbe Prinz
-immer neu und interessant, er veraltet nie.
-
- * * * * *
-
-An einem häßlichen, nebligen, naßkalten Dezembertag vor achtzehn
-Jahren war ich einmal in London und begab mich in das Haus eines
-Engländers, um, wie verabredet, seiner Frau und der verheirateten
-Tochter einen Besuch abzustatten. Ich mußte eine halbe Stunde warten,
-dann kamen die Damen halb erfroren angegangen und erzählten, daß ein
-unerwarteter Umstand sie aufgehalten habe. Während sie am Marlborough
-House vorübergingen, sahen sie, wie sich eine Volksmenge versammelte,
-und man sagte ihnen, der Prinz von Wales sei im Begriff auszufahren;
-sie blieben also stehen und warteten. Nachdem sie eine halbe Stunde auf
-dem Bürgersteig gestanden hatten und vom Frost ganz erstarrt waren,
-erfuhren sie, daß der Prinz von Wales sich anders besonnen habe, und
-gingen betrübt nach Hause. Das überraschte mich sehr.
-
-»Ist es denn möglich,« fragte ich ganz erstaunt, »daß Sie alle die
-Jahre in London leben und den Prinzen von Wales noch nicht gesehen
-haben?«
-
-Aber siehe, nun war das Erstaunen auf _ihrer_ Seite.
-
-»Was für eine Idee!« riefen sie. »Natürlich haben wir ihn schon
-hundertmal gesehen!«
-
-Sie hatten ihn schon hundertmal gesehen und doch eine halbe Stunde in
-bitterer Kälte und Dunkelheit auf ihn gewartet, eingekeilt in einem
-Haufen ebensolcher Narren, um ihn _noch_ einmal zu sehen! -- Ich traute
-meinen Ohren kaum, aber was eine Engländerin sagt, muß man glauben, mag
-es noch so unwahrscheinlich klingen. Es wurde mir schwer eine passende
-Erwiderung zu finden, endlich verfiel ich auf folgende:
-
-»Mir ist das ganz unbegreiflich. Selbst wenn ich den General Grant
-_nie_ gesehen hätte, würde ich schwerlich solche Opfer bringen, um mir
-seinen Anblick zu verschaffen.«
-
-Die verständnislosen Gesichter der Damen verrieten mir, daß der Sinn
-des Vergleichs ihnen gänzlich dunkel war. Endlich sagten sie gelassen:
-
-»Das versteht sich von selbst -- er ist ja nur ein Präsident!«
-
-Es steht also unumstößlich fest, daß nur ein Prinz von unvergänglichem,
-unerschöpflichem Interesse ist. Der General, den kein Feind besiegt
-hat, der General, der nie einen Kriegsrat brauchte, der einzige
-General, der eine Schlachtlinie befehligte, welche ununterbrochen
-zwölfhundert Meilen lang war, der Schmied, der die getrennten Teile
-unserer Republik zusammengeschweißt hat und sie so fest gefügt, daß
-sie voraussichtlich alle Monarchieen der Welt überdauern wird -- der
-war in ihren Augen schließlich nur ein Mensch. Ihr Prinz dagegen war
-weit mehr, nämlich ein Wesen aus ganz anderm Stoff, hoch erhaben
-über dem gewöhnlichen Sterblichen, den er überstrahlt wie die ewigen
-Sterne am Firmament unsere armseligen Talglichter, welche qualmen und
-verlöschen, von denen nichts zurückbleibt, als ein Häufchen Asche und
-ein schlechter Geruch.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Die 1000000 Pfund-Note.
-
-
-Mit siebenundzwanzig Jahren nahm ich in San Francisco eine Stellung auf
-dem Kontor eines Minenmaklers ein und hatte mir dabei eine gründliche
-Kenntnis dieses Geschäftszweiges erworben. Ich stand allein auf der
-Welt, nichts nannte ich mein eigen als meinen gesunden Verstand und
-einen fleckenlosen Ruf, und diese beiden Güter hatten sich mir bisher
-als kräftige Stützen auf meinem Wege zum Glück erwiesen, frohen Mutes
-schaute ich also in die Zukunft.
-
-Sonnabends hatte ich den Nachmittag für mich und brachte diese freie
-Zeit meist auf dem Wasser zu, indem ich mich in einem kleinen Segelboot
-in der Bucht herum tummelte. Eines Tages wagte ich mich zu weit hinaus
-und wurde in die offene See getrieben. Schon brach die Nacht herein,
-meine letzte Hoffnung begann zu schwinden, da nahm mich eine kleine
-Brigg, die auf ihrem Weg nach London vorüber segelte, an Bord.
-
-Sie hatte eine lange, stürmische Fahrt, und ich mußte das Reisegeld als
-gemeiner Matrose abdienen. In zerlumpten, abgeschabten Kleidern stieg
-ich in London ans Land, einen einzigen Dollar in der Tasche. Dafür
-verschaffte ich mir Nahrung und Obdach für die ersten vierundzwanzig
-Stunden. Die folgenden vierundzwanzig dagegen verbrachte ich ohne diese
-schätzenswerten irdischen Güter.
-
-Am folgenden Morgen schleppte ich mich, müde und hungrig, -- es mochte
-etwa zehn Uhr sein -- an Portland-Place vorüber, als ein Kind, das an
-der Hand seiner Wärterin des Weges kam, eine köstliche große Birne,
-die es eben erst angebissen hatte, in den Rinnstein fallen ließ. Ich
-machte natürlich sofort Halt und heftete meinen begehrlichen Blick auf
-diesen schmutztriefenden Schatz. Der Mund wässerte mir, mein Magen
-bäumte sich, jede Faser an mir lechzte darnach. Aber so oft ich Miene
-machte nach der Birne zu greifen, bemerkte jedesmal das Auge eines
-Vorübergehenden mein Vorhaben; natürlich richtete ich mich dann stets
-wieder kerzengerade auf und nahm eine gleichgiltige Miene an, als hätte
-ich überhaupt niemals im entferntesten an diese Birne gedacht. So ging
-es immer und immer wieder, und ich konnte ihrer nicht habhaft werden.
-Meine Verzweiflung hatte bereits einen solchen Grad erreicht, daß ich
-allem Schamgefühl zum Trotz im Begriffe war, die Birne aufzuheben. Da
-ging hinter mir ein Fenster auf und ein Herr richtete die Worte an mich:
-
-»Bitte, kommen Sie hier herein.«
-
-[Illustration]
-
-Ein reich galonnierter Lakai ließ mich ein und führte mich in ein
-kostbar eingerichtetes Zimmer, in welchem zwei ältliche Herren saßen.
-Nachdem sie den Diener weggeschickt, forderten sie mich auf, Platz
-zu nehmen. Sie waren eben erst mit ihrem Frühstück fertig geworden,
-und der Anblick seiner Ueberreste ging fast über meine Kräfte. Ich
-vermochte kaum meine fünf Sinne zusammenzuhalten, während ich diese
-Herrlichkeiten da vor mir stehen sah; da man mich jedoch nicht
-aufforderte, davon zu kosten, so mußte ich mich in meine Lage fügen so
-gut es ging.
-
-Der Vorgang, der sich hier kurz zuvor abgespielt hatte, blieb mir
-selbst zwar noch geraume Zeit völlig unbekannt, dem Leser dagegen will
-ich ihn gleich jetzt mitteilen. Die beiden Brüder hatten am Tage vorher
-einen ziemlich heftigen Disput gehabt, den sie ganz nach Landessitte
-schließlich in Form einer Wette beilegten.
-
-Die Bank von England hatte seinerzeit einmal bei Gelegenheit eines
-Geschäftes, das die Regierung mit einer auswärtigen Macht abschloß,
-eigens nur zu diesem Zwecke zwei Noten von je einer Million Pfund
-Sterling ausgegeben. Aus irgend einem Grunde war nur die eine der
-beiden Noten hiebei gebraucht und dann entwertet worden, während die
-andere noch in den Gewölben der Bank lag. Nun waren die beiden Brüder
-im Laufe des Gesprächs ganz zufällig auf die Erörterung der Frage
-gekommen: wie es wohl einem durchaus ehrlichen und gescheiten Fremden
-ergehen würde, der in London auftauchte, ohne dort einen Menschen
-zu kennen, zugleich ohne allen weiteren Geldbesitz außer dieser
-Millionenbanknote und endlich ohne die Möglichkeit, sich über deren
-Erwerb auszuweisen? Bruder A. behauptete, der Betreffende müsse einfach
-Hungers sterben, während Bruder B. durchaus entgegengesetzter Meinung
-war. Bruder A. machte geltend, der Besitzer der Note könnte ja die
-Note weder bei der Bank noch sonst wo anbringen, ohne auf der Stelle
-festgenommen zu werden. In dieser Weise stritten sie so lange hin und
-her, bis Bruder B. sich schließlich bereit erklärte, zwanzigtausend
-Pfund darauf zu wetten, daß der Fremde dreißig Tage lang _unfehlbar_
-von der Millionennote leben könne und zwar ohne ins Gefängnis zu
-kommen. Bruder A. nahm die Wette an, worauf Bruder B. sich ohne Verzug
-nach der Bank begab und die Note kaufte. Echt englisch, wie man sieht:
-geradeswegs forsch aufs Ziel los! Er ließ sodann von einem seiner
-Angestellten einen Brief in schöner Rundschrift dazu ausfertigen,
-und nun warteten die beiden Brüder am Fenster einen ganzen Tag lang
-auf einen Vorübergehenden, der darnach aussähe, als käme bei ihm das
-inhaltschwere Schriftstück in die richtigen Hände.
-
-Es kamen viele ehrliche Gesichter vorüber, die aber nicht gescheit
-genug aussahen; ebensoviele, bei denen das Umgekehrte der Fall war,
-viele wiederum, bei denen beides zutraf; aber diese waren dann entweder
-nicht arm genug oder, wenn auch dieses stimmte, doch keine Fremden.
-Stets hatte die Sache irgend einen Haken, bis ich auftauchte. Bei
-mir hatten beide sofort den Eindruck, daß sämtliche Erfordernisse in
-vollem Umfang erfüllt seien; die Wahl war demnach einstimmig auf mich
-gefallen, und da saß ich nun und harrte der Eröffnung, wozu man mich
-eigentlich hereingerufen habe. Zuvörderst hatte ich ein eingehendes
-Examen über meine persönlichen Verhältnisse zu bestehen, infolgedessen
-sie bald genug mit meiner ganzen Geschichte bekannt waren; das Ergebnis
-war: ich sei ganz der richtige Mann für ihr Vorhaben. Ich erwiderte,
-das sei mir höchst erfreulich, ich bäte nur, mir sagen zu wollen,
-worin dieses bestehe. Hierauf behändigte mir der eine der Beiden einen
-verschlossenen Briefumschlag mit dem Bemerken, darin sei die Erklärung
-enthalten. Ich wollte den Umschlag ohne weiteres öffnen, allein er
-ließ dies nicht zu; ich solle denselben nur mit nach Hause nehmen,
-den Inhalt aufmerksam ansehen und dann mit vollem Bedacht und ruhiger
-Ueberlegung handeln. Einigermaßen verdutzt meinte ich, es wäre mir
-doch lieber, wenn die Sache etwas genauer erörtert werden könnte, sie
-ließen sich jedoch nicht darauf ein; so verabschiedete ich mich denn,
-tief gekränkt über den schlechten Scherz, den man sich offenbar mit mir
-erlaubt hatte, und voll Grimm über meine dermalige Lage, in der ich mir
-diesen Schimpf von so reichen und mächtigen Leuten ganz ruhig mußte
-gefallen lassen.
-
-Die Birne hätte ich jetzt unfehlbar aufgehoben und vor aller Welt
-verzehrt, aber sie war nicht mehr da. Also auch um sie hatte mich
-die unselige Geschichte gebracht! Diese Vorstellung war nicht dazu
-angethan, mich den beiden alten Herren gegenüber sanfter zu stimmen.
-Sobald ich aus der Sehweite des Hauses war, öffnete ich den Umschlag.
-Ich erblickte eine Banknote! Nun erschienen mir die Herren natürlich
-auf einmal in ganz anderem Lichte. Ohne mich einen Augenblick zu
-besinnen, schob ich den Brief samt dem Geld in die Westentasche und
-lief spornstreichs nach der nächsten billigen Speisewirtschaft. Nun,
-wie ich da einhieb, das mußte man sehen! Als schließlich nichts mehr
-in mich hineinging, nahm ich die Note aus der Tasche und faltete sie
-auseinander. Beim ersten Blick darauf wäre ich beinahe in Ohnmacht
-gefallen. Fünf Millionen Dollars!! Mir wirbelte der Kopf bei der bloßen
-Vorstellung.
-
-Eine volle Minute dauerte es, bis ich aus der Betäubung, in welche
-mich der Anblick der Note versetzte, heraus und wieder ordentlich
-zu mir kam. Das erste, was mir nun ins Auge fiel, war der Wirt. Wie
-versteinert stand er da, starr den Blick auf die Banknote gerichtet.
-Es sah aus, als sei er vor lauter Verzückung nicht mehr imstande ein
-Glied zu rühren. Augenblicklich hatte ich den Entschluß gefaßt, der bei
-dieser Sachlage der einzig vernünftige war. Ich streckte ihm die Note
-hin und sagte dabei in ganz unbefangenem Tone:
-
-»Bitte, wollen Sie mir herausgeben.«
-
-Diese Anrede gab ihm sein geistiges Gleichgewicht wieder. Er erschöpfte
-sich in Entschuldigungen, daß er nicht imstande sei die Note zu
-wechseln, und wollte sie um keinen Preis annehmen. Nur anschauen wollte
-er sie, immer wieder anschauen; es war, als könnte er sich nicht
-satt daran sehen; vor ihrer Berührung dagegen scheute er zurück, als
-wäre es ein geweihter Gegenstand, viel zu heilig für die Hände eines
-Sterblichen.
-
-[Illustration]
-
-»Es thut mir leid, wenn ich Ihnen Mühe mache,« begann ich wieder,
-»allein ich muß darauf beharren, daß Sie mir auf die Note herausgeben,
-ich habe kein Geld sonst.«
-
-Das mache ganz und gar nichts, versetzte er, er lasse diese
-unbedeutende Zeche ganz gern bis zum nächstenmal stehen. Ich erwiderte,
-es könne lange dauern, bis ich wieder bei ihm vorbei komme; allein er
-versicherte abermals, das habe nichts auf sich, er könne wohl warten,
-ich könne überhaupt zu jeder Zeit bei ihm haben was ich wolle und den
-Betrag dafür stehen lassen, so lange es mir beliebe. Ich werde doch
-nicht von ihm glauben, daß er einem so reichen Herrn wie ich, bloß
-deshalb kein Vertrauen schenke, weil ich ein lustiger Kauz sei, der
-zum Ulk gerne in geringer Kleidung unter die Leute gehe. Unterdessen
-hatten sich weitere Gäste eingefunden; auch jetzt gab er mir noch
-durch Zeichen zu verstehen, ich solle das Ungetüm doch nur wieder
-einstecken; und als ich fortging, machte er einen Bückling um den
-andern hinter mir drein bis zur Thür. Ich machte mich schnurstracks
-wieder auf den Weg nach der Wohnung des Brüderpaars, um die Leutchen
-von der vorgekommenen Verwechslung in Kenntnis zu setzen, ehe ich durch
-polizeiliche Nachforschungen hiezu veranlaßt würde. Es war mir gar
-nicht recht wohl bei der Sache, ja, ich hatte eigentlich ganz gehörig
-Angst, obwohl mich natürlich durchaus keine Schuld traf. Aber ich
-kannte die Welt und wußte nur zu wohl, daß, wenn jemand aus Versehen
-einem Bettler statt einer Einpfundnote eine Millionenbanknote giebt,
-er unfehlbar in eine gräßliche Wut auf den armen Teufel gerät, anstatt
-sich für seine Kurzsichtigkeit nach Gebühr an der eigenen Nase zu
-fassen. Als ich in die Nähe des Hauses kam, begann sich meine Aufregung
-etwas zu legen, denn da war alles still und ruhig. -- Offenbar war der
-Streich noch nicht entdeckt worden. Ich klingelte. Derselbe Bediente
-wie das erstemal erschien wieder. Ich fragte nach den beiden Herrn.
-
-»Sie sind fort,« erwiderte er in dem hochmütigen, kalten Ton, den
-seinesgleichen meist an sich haben.
-
-»Fort? Wohin?«
-
-»Verreist.«
-
-»In welcher Richtung?«
-
-»Wahrscheinlich nach dem Kontinent.«
-
-»Dem Kontinent?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Welchen Weg haben sie eingeschlagen?«
-
-»Kann ich nicht sagen.«
-
-»Wann kommen sie denn zurück?«
-
-»In einem Monat, wie sie sagten.«
-
-»In einem Monat! Ach, das ist ja schrecklich! Geben Sie mir doch nur
-irgend einen noch so entfernten Anhaltspunkt, wie ich ihnen ein Wort
-zukommen lassen kann. Es ist von der allerhöchsten Wichtigkeit.«
-
-»Kann ich wirklich nicht. Ich habe keine Ahnung, wohin sie gereist
-sind.«
-
-»Dann muß ich irgend ein Angehöriges der Familie sprechen.«
-
-»Die Familie ist ebenfalls fort, auf Reisen schon seit Monaten -- in
-Aegypten, Indien, glaube ich.«
-
-»Mann, es ist ein ungeheures Versehen vorgekommen. Noch vor Nacht
-kommen die Herren gewiß zurück. Wollen Sie ihnen dann sagen, ich sei
-dagewesen und werde so lange immer wieder kommen, bis die Sache in
-Ordnung sei. Sie dürften also ganz unbesorgt sein.«
-
-»Ich will es ihnen sagen, falls sie zurückkommen, aber ich erwarte sie
-nicht zurück. Die Herren sagten, daß Sie schon in einer Stunde wieder
-erscheinen würden, um nachzufragen. Ich solle Ihnen aber nur sagen, es
-sei alles in Ordnung, sie würden schon zur rechten Zeit zurück sein und
-Sie erwarten.«
-
-Nun mußte ich mein Vorhaben freilich aufgeben und wieder fortgehen.
--- Dieses unergründliche Rätsel! Mir war, als müßte ich den Verstand
-darüber verlieren. Sie würden »zu rechter Zeit zurück sein.« Was konnte
-das zu bedeuten haben? O, in dem Briefe würde ich vielleicht Aufklärung
-darüber finden. Den hatte ich ganz vergessen. Ich zog ihn aus der
-Tasche und las ihn durch. Er lautete:
-
-»Gescheit und ehrlich sind Sie, das sieht man Ihnen am Gesichte an.
-Wie wir weiter annehmen dürfen, sind Sie außerdem mittellos und fremd.
-Inliegend finden Sie einen Geldbetrag, der zu einem unverzinslichen
-Darlehen für Sie auf die Dauer von dreißig Tagen bestimmt ist. Nach
-Verlauf dieser Zeit sprechen Sie wieder hier vor. Ich habe eine Wette
-auf Sie gemacht. Gewinne ich sie, so sollen Sie jede beliebige Stellung
-erhalten, die ich zu vergeben habe -- d. h. vorausgesetzt natürlich,
-das solche Ihrer bisherigen Thätigkeit entspricht und daß Sie die
-Fähigkeit besitzen, sie auszufüllen.«
-
--- Keine Unterschrift, keine Adresse, kein Datum. --
-
-Nun, da steckte ich in einer netten Klemme. Der Leser kennt ja die
-Vorgeschichte des Falles, ich selbst dagegen hatte keine Ahnung davon.
-Für mich war das Ganze lediglich ein unergründliches, dunkles Rätsel.
-Ich hatte nicht die entfernteste Vorstellung, um was es sich bei der
-Sache handelte und ob es dabei gut oder schlecht mit mir gemeint war.
-In einer öffentlichen Anlage ließ ich mich auf einer Bank nieder, um
-hier die Sache gründlich zu überdenken und mich über mein ferneres
-Verhalten schlüssig zu machen.
-
-[Illustration]
-
-Nach Verlauf einer Stunde hatte bei mir an der Hand meiner Erwägungen
-die folgende Auffassung endgiltige Gestalt gewonnen: Ob es die beiden
-Herren gut mit mir meinen oder schlecht, ist eine Frage, die ich nicht
-zu ergründen vermag, -- also: ruhig zusehen. Es handelt sich dabei
-um einen Scherz, eine Idee oder ein Experiment irgend welcher Art,
-worüber ich ebensowenig ins klare kommen kann, -- also wiederum ruhig
-zusehen. Man ist auf mich eine Wette eingegangen, deren Gegenstand
-ich unmöglich zu erraten imstande bin -- also abermals ruhig zusehen.
-Damit wären die unfaßbaren Größen abgethan; die übrigen in Betracht
-kommenden Faktoren sind dagegen sämtlich greifbarer, reeller Art und
-lassen sich ganz genau zum voraus bestimmen und berechnen. Wenn ich
-bei der Bank von England darum nachsuche, die Note dem Eigentümer auf
-Rechnung zu stellen, so wird man allerdings meinem Antrage nachkommen,
-denn dort kennt man ja seinen Namen, wenn auch ich ihn nicht weiß;
-aber dann wird man mich weiter fragen, wie ich in den Besitz der Note
-komme? Sage ich die Wahrheit, so sperrt man mich selbstredend in
-ein Irrenhaus, lüge ich dagegen, so erhalte ich Quartier in Numero
-Sicher. Genau ebenso würde es mir ergehen, falls ich versuchen wollte,
-die Note irgendwo sonst einzulösen oder Geld darauf aufzunehmen.
-Ich _muß_ diese unerträgliche Last mit mir herumschleppen, bis jene
-Herren zurückkommen, ob ich will, oder nicht. Sie ist ohne allen Wert
-für mich, so wertlos wie eine Hand voll Asche, und doch muß ich sie
-aufs sorgfältigste behüten und bewahren, während ich dabei auf fremde
-Mildthätigkeit angewiesen bin, um mein Leben zu fristen. Nicht einmal
-verschenken könnte ich die Note, wenn ich wollte; denn kein ehrlicher
-Bürger, ja selbst nicht der gemeinste Straßenräuber würde sie annehmen
-oder das geringste damit zu thun haben wollen. Das Bruderpaar ist in
-jedem Falle vollkommen gedeckt, -- selbst wenn ich die Note verliere
-oder verbrenne; denn im ersten Falle brauchen sie nur Zahlungssperre zu
-veranlassen, im zweiten dagegen ersetzt ihnen die Bank den vollen Wert.
-Ich dagegen muß inzwischen einen ganzen Monat voll unerhörter Qualen
-durchmachen, ohne im geringsten Entgelt oder Lohn dafür zu erhalten, --
-wofern ich nicht jene Wette gewinnen helfe, sie mag sich nun beziehen
-worauf sie wolle, und dafür die mir zugesagte Stellung erhalte. Ja
-freilich, wenn ich _die_ bekäme! -- So große Herren haben oft Pöstchen
-zu vergeben, nach denen man sich die Finger leckt.
-
-Von dem Gedanken an diesen Posten konnte ich mich nun nicht mehr
-losreißen. Ich begann, mich mit hochfliegenden Hoffnungen zu tragen.
-Zweifelsohne war ein glänzender Gehalt damit verbunden, der mit
-nächstem Monat beginnen mußte, und damit war ich ja dann wieder völlig
-flott. Diese frohen Aussichten versetzten mich rasch in eine sehr
-gehobene Stimmung, obwohl ich vorläufig noch immer ziellos in den
-Straßen umherirrte. Als ich an einem Kleiderladen vorbei kam, erfaßte
-mich das sehnlichste Verlangen, meine Lumpen abzuwerfen und mich wieder
-einmal anständig zu kleiden. Konnte ich mir das leisten? Nein, denn
-ich besaß wohl eine Millionenpfundnote, aber sonst nichts auf der
-Welt. So zwang ich mich denn, an dem Laden vorüberzugehen. Aber bald
-stand ich wieder davor. Die Versuchung war zu grausam; gewiß sechsmal
-ging ich bis an den Laden hin und wieder fort, während ich heldenmütig
-gegen sie ankämpfte. Aber schließlich gab ich mich überwunden -- ich
-konnte nicht anders. Ich fragte nach einem verschnittenen Anzug, der
-ihnen vielleicht liegen geblieben sei. Der Bedienstete, an den ich mich
-gewendet hatte, nickte nur stumm einem andern zu. Als ich auf diesen
-zuging, wies er mich in gleicher Weise an einen dritten, der mir nun
-zurief:
-
-»Werde Sie sogleich bedienen!«
-
-Ich wartete, bis er mit seinem augenblicklichen Geschäfte fertig war,
-dann führte er mich in ein Hinterzimmer, wo er aus einem ganzen Haufen
-verschnittener Anzüge den schlechtesten für mich heraussuchte. Ich zog
-ihn an. Er paßte nicht, war auch durchaus nicht hübsch, dagegen war
-er völlig neu und somit für mich höchst begehrenswert. Ich hatte also
-nichts daran auszusetzen und bemerkte in etwas unsicherem Tone:
-
-»Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie einige Tage auf den Betrag warten
-könnten. Ich habe kein kleines Geld bei mir.«
-
-Der Kerl nahm eine unverschämt spöttische Miene an und erwiderte:
-
-»Ach, wirklich! Nun, das habe ich mir gleich gedacht. Herren wie Sie,
-haben gewöhnlich nur große Scheine in der Tasche.«
-
-Aergerlich über diese Unverschämtheit versetzte ich:
-
-»Lieber Freund, Sie müssen jemand, den Sie nicht kennen, nicht immer
-nach den Kleidern beurteilen, die er trägt; ich bin wirklich ganz
-wohl imstande, den Anzug zu bezahlen. Ich wollte Ihnen nur die Mühe
-ersparen, eine große Note zu wechseln.«
-
-Darauf milderte er seinen Ton ein wenig und erwiderte, immer noch
-ziemlich von oben herab:
-
-»Ich wollte Ihnen ja nicht zu nahe treten; aber wenn wir uns denn doch
-einmal gegenseitig die Wahrheit sagen, so finde ich es nicht gerade
-am Platze, daß Sie sich daran zu zweifeln erlauben, ob wir auf eine
-Banknote, die Sie bei sich tragen, auch herausgeben können. Wir geben
-auf _jede_ heraus.«
-
-»O, das ist etwas anderes; dann bitte ich um Vergebung,« erwiderte
-ich und reichte ihm die Note hinüber. Mit einem Lächeln nahm er sie
-entgegen, mit jener Art von Lächeln, die das ganze Gesicht mit einem
-System von Falten, Runzeln und Schlangenlinien überzieht, wie die
-Ringe auf einer Wasserfläche, wenn man einen Stein hineingeworfen
-hat. Als er aber den Blick auf die Note gleiten ließ, wurde dieses
-Lächeln plötzlich zu Stein und nahm eine graugelbe Farbe an, so daß es
-aussah, wie die Lavastücke, die man zu wellenförmig gewundenen Gebilden
-erstarrt an den Abhängen des Vesuv findet. Das war das erstemal
-in meinem Leben, daß vor meinen Augen ein Lächeln so vollkommen
-unverändert stehen blieb. Immer noch stand der Mensch, die Note in der
-Hand, mit demselben Ausdruck da, bis endlich der Prinzipal herbeigeeilt
-kam, um zu sehen, was denn sei.
-
-»Nun, was giebt's?« fragte er, »was ist los? wo fehlt's?«
-
-»Es giebt gar nichts,« versetzte ich, »ich warte nur auf mein
-Kleingeld.«
-
-»So geben Sie ihm doch heraus, White, frisch vorwärts!«
-
-»Herausgeben!« rief der Commis, der nun auch wieder zum Leben erwachte,
-»das ist leicht gesagt; sehen Sie nur erst die Note einmal an!«
-
-Der Prinzipal warf einen Blick darauf, dann pfiff er in vielsagender
-Weise halblaut durch die Zähne und machte sich über den Haufen
-verschnittener Anzüge her, indem er sie fortwährend von einer Seite
-zur andern warf. Dabei machte er seiner Aufregung durch folgendes
-Selbstgespräch Luft:
-
-»Einem exzentrischen Millionär einen solch unsagbar scheußlichen Anzug
-zu verkaufen! White ist ein Narr, ein geborener Narr. Immerfort macht
-er solche Streiche. So oft ein Millionär in den Laden kommt, treibt er
-ihn mir wieder hinaus, weil er es in seinem ganzen Leben noch nicht
-so weit gebracht hat, daß er einen Millionär von einem Bettler zu
-unterscheiden imstande ist. So, da hab' ich, was ich suchte,« wandte
-er sich nun an mich. »Bitte, legen Sie doch das Zeug da wieder ab und
-werfen Sie es ins Feuer. Thun Sie mir den Gefallen und ziehen Sie dafür
-dieses Hemd an und diesen Anzug hier. Das ist das einzig Richtige,
-das einzig Wahre -- einfach und doch reich, wahrhaft fürstlich und
-doch nicht im mindesten auffallend. Wurde für eine ausländische
-Fürstlichkeit eigens angefertigt; der Besteller konnte es aber nicht
-brauchen und mußte einen Traueranzug dagegen nehmen, weil man meinte,
-seine Mutter liege im Sterben -- und dann starb sie nicht. Aber das ist
-Nebensache, es geht eben nicht immer wie wir eh, eh -- das heißt wie
-man -- Da! die Hosen sind ganz recht, sitzen Ihnen wunderbar. Jetzt
-die Weste. Aha, ebenfalls vorzüglich! Jetzt den Rock! -- Guter Gott,
-schauen Sie nur her, großartig, unübertrefflich! das Vollkommenste, was
-je aus meinem Geschäfte hervorgegangen ist.«
-
-[Illustration]
-
-Ich konnte nicht umhin, meiner Befriedigung Ausdruck zu geben.
-
-»O gewiß, gewiß. Für einen fertigen Anzug paßt er ja ganz gut, das muß
-ich selber sagen. Aber warten Sie nur, was wir Ihnen erst nach Maß
-liefern werden. Vorwärts, White, Buch und Feder, aber rasch!« Dann
-fing er an: »Beinlänge 32,« und so fort. Ehe ich eine Silbe dagegen
-vorzubringen vermochte, hatte er mir das Maß zu Gesellschaftsanzügen,
-Morgenanzügen und allem möglichen sonst genommen. Als ich endlich zu
-Worte kommen konnte, sagte ich:
-
-»Aber, mein werter Herr, ich kann das alles _unmöglich_ bestellen, wenn
-Sie nicht mit der Bezahlung auf unbestimmte Zeit warten oder die Note
-wechseln können.«
-
-»Auf unbestimmte Zeit! Das will ja gar nichts heißen, gar nichts. In
-alle Ewigkeit -- so müssen Sie sagen. White, lassen Sie die Sachen
-schleunigst anfertigen und dem Herrn dann unverzüglich in die Wohnung
-schicken. Die kleineren Kunden mögen warten. Notieren Sie die Adresse
-des Herrn.«
-
-»Ich bin eben im Umzug begriffen; ich komme dann wieder herüber und
-gebe Ihnen meine neue Adresse,« warf ich ein.
-
-»Ganz schön, ganz schön. Nur einen Augenblick, bitte, dann werde ich
-Sie zur Thür geleiten. So, hier -- habe die Ehre, mich Ihnen bestens zu
-empfehlen!«
-
-Nun, so mußte es ja wohl kommen, nicht wahr? Auf dem allernatürlichsten
-Wege war ich bald dahin gelangt, daß ich überall einfach verlangte,
-was ich haben wollte und dann beim Bezahlen mit meiner Millionennote
-vorrückte. Noch bevor eine Woche um war, wohnte ich kostbar
-eingerichtet im größten Luxus und von aller Bequemlichkeit umgeben in
-einem teuren Privathotel in Hanover Square. Hier nahm ich auch das
-Diner ein, zum Frühstück dagegen suchte ich regelmäßig die kleine
-Speisewirtschaft auf, in der mir meine Millionennote zu meinem ersten
-Mahl verholfen hatte. Die Wirtschaft gelangte durch mich zu ungeahnter
-Blüte. Allenthalben sprach man davon, daß der fremde Kauz, der die
-Millionen nur in der Westentasche herumtrage, ihr seine Gönnerschaft
-zuwende. Dies genügte, um aus dem armseligen, elenden Ding, das
-mit Mühe sein Dasein fristete, ein berühmtes, stets überfülltes
-Lokal zu machen. In seiner Dankbarkeit drängte mir der Wirt ein
-Darlehen nach dem andern auf und ließ schlechterdings keine Weigerung
-gelten, so daß ich trotz meiner Bettelarmut im Gelde schwamm und ein
-wahres Herrenleben führte. Dabei sagte ich mir wohl, daß ich einem
-unvermeidlichen Krach entgegengehe; aber nun war es einmal so weit
-gekommen und jetzt hieß es, mit dem Strome schwimmen oder untergehen.
-Man sieht, ohne dieses Vorgefühl eines drohenden Unheils würde meine
-Lage einfach lächerlich erschienen sein; aber so erhielt sie dadurch
-eine sehr ernste, nüchterne Seite, ja geradezu einen tragischen
-Zug. Nachts im Finstern drängte sich dieses Gefühl besonders in den
-Vordergrund, warnend und drohend, so daß ich mich seufzend auf meinem
-Lager herumwarf, und nur mit Mühe Schlaf finden konnte. Aber im frohen
-Schimmer des Tageslichts war dieser tragische Zug immer sehr bald
-wieder verflogen und dann schwebte ich in höheren Regionen und wiegte
-mich in einem wahren Taumel, in einem förmlichen Rausche des Glücks.
-
-Und das war auch ganz natürlich. War ich doch zu einer der
-Merkwürdigkeiten der größten Stadt der Welt geworden. Das war mir
-denn zu Kopfe gestiegen, und zwar nicht etwa nur so ein klein wenig,
-sondern ganz gehörig. Keine Zeitung im ganzen Vereinigten Königreich
-konnte man mehr zur Hand nehmen, ohne auf einen oder mehrere Artikel
-über den ›Mann mit der Million in der Westentasche‹ und auf Berichte
-über das Neueste, was er gesagt und gethan, zu stoßen. Zuerst waren
-diese Notizen am Fuße der Personalnachrichten erschienen, bald aber
-kam ich über die Ritter, dann über die Baronets und so immer höher
-hinauf, je berühmter ich wurde, bis ich schließlich den höchsten für
-mich möglichen Ehrenplatz einnahm, auf dem mir nur noch Prinzen von
-königlichem Geblüt und der Primas von ganz England vorgingen. Aber,
-wohl gemerkt, das war noch kein wahrer Ruhm, was ich bis jetzt besaß,
-nur Berühmtheit; da kam ein Knalleffekt, der mit einem Schlage das
-vergängliche Blech der Berühmtheit in das gediegene Gold des Ruhmes
-verwandelte: im ›Punch‹ erschien eine Karikatur von mir. Ja, jetzt
-war ich ein gemachter Mann; jetzt war mir mein Rang gesichert. Witze
-durfte man nun wohl noch über mich machen, aber nur ganz respektvolle,
-keine spöttischen oder rohen mehr. Man konnte über mich lächeln;
-auslachen dagegen durfte man mich nicht mehr. Diese Zeiten waren
-vorüber. Der ›Punch‹ bildete mich ab wie ich ganz in Lumpen gehüllt mit
-einem wohlgenährten Protzen um den Londoner Tower würfelte. Nun, man
-kann sich einbilden, wie das auf einen jungen Menschen wirken mußte,
-um den sich bisher kein Mensch gekümmert hatte, wenn er sah, daß er
-kein Wort mehr sagen konnte, ohne daß es aufgeschnappt und von allen
-Lippen wiederholt wurde; wenn er überall, wo er sich sehen ließ, die
-Bemerkungen von Mund zu Mund fliegen hörte: »da geht er«; »das ist
-er«; wenn er sein Frühstück nicht einnehmen konnte, ohne dabei von
-einer gaffenden Zuschauermenge umlagert zu werden und sich in keiner
-Opernloge zeigen durfte, ohne augenblicklich einem Kreuzfeuer von
-tausend Gläsern ausgesetzt zu sein. Kurz und gut -- ich schaukelte mich
-den ganzen Tag auf einem wahren Ozean von Ruhm.
-
-Ich hatte sogar meinen zerlumpten Anzug behalten und ging ab und zu
-darin aus, um das Vergnügen wieder einmal durchzukosten, mich beim
-Einkauf irgend einer Kleinigkeit beleidigen zu lassen und dann den
-Unverschämten mit meiner Millionennote niederzuschmettern. Aber lange
-konnte ich das nicht fortführen. Aus den illustrierten Zeitungen war
-meine Erscheinung so allgemein bekannt, daß ich mich in diesem Aufzuge
-stets augenblicklich erkannt und von einer Menschenmenge verfolgt
-sah; und sobald ich Miene machte, etwas kaufen zu wollen, bot mir der
-Geschäftsinhaber seinen ganzen Laden auf Kredit an, noch ehe ich dazu
-kommen konnte, meine Note auf ihn los zu lassen.
-
-Etwa zehn Tage, nachdem ich zu dieser Berühmtheit gelangt war, dachte
-ich daran, meiner patriotischen Pflicht nachzukommen, indem ich dem
-amerikanischen Gesandten meine Aufwartung machte. Er empfing mich mit
-dem meinem Falle angemessenen Entzücken, machte mir Vorwürfe, daß ich
-die Erfüllung dieser meiner Pflicht so lange habe anstehen lassen und
-erklärte mir, nur dadurch könne ich mir seine Vergebung erkaufen, daß
-ich bei einer am Abend in seinem Hause stattfindenden Gesellschaft
-den Platz eines durch Krankheit verhinderten Gastes einnehme. Ich
-sagte zu, und wir kamen allmählich tiefer ins Gespräch. Dabei stellte
-sich heraus, daß er mit meinem Vater auf einer Schulbank gesessen und
-später zusammen mit demselben im Yale College studiert und bis zu
-meines Vaters Tode Freundschaft mit ihm unterhalten hatte. So lud er
-mich denn ein, jede freie Stunde in seinem Hause zu verbringen, was
-ich natürlich mit Freuden annahm. Genauer gesagt war mir das mehr als
-angenehm, es war mir vom höchsten Werte. Bei Eintritt des Krachs war er
-doch vielleicht imstande, mich vor gänzlichem Untergang zu bewahren.
-Ich konnte mir zwar nicht recht vorstellen, wie das zugehen sollte;
-allein ich dachte, er würde vielleicht schon einen Weg dazu finden.
-Für eine Generalbeichte, die ich ihm zu Anfang meines entsetzlichen
-hiesigen Daseins ohne weiteres abgelegt haben würde, war es bereits
-zu spät. Nein, das konnte ich nicht mehr riskieren, ich steckte schon
-zu tief drinnen; das heißt wenigstens so tief, daß es nicht geraten
-schien, einem Bekannten so neuen Datums genauere Mitteilungen darüber
-zu machen, wenn sich auch in meinen eigenen Augen die Sache noch nicht
-so hoffnungslos ausnahm. Denn bei meiner ganzen Borgwirtschaft hielt
-ich mich höchst sorgfältig innerhalb der Grenzen meiner Mittel -- das
-heißt meines zukünftigen Gehaltes. Bestimmt _wissen_ konnte ich ja
-natürlich nicht, wieviel derselbe betragen würde, aber eine genügende
-Grundlage für dessen annähernde Schätzung war doch dadurch gegeben, daß
-mir der alte Herr die freie Wahl unter sämtlichen Stellungen lassen
-wollte, die er zu vergeben hätte, vorausgesetzt, daß ich dazu befähigt
-wäre -- und das war doch sicher der Fall, darüber hegte ich keinen
-Zweifel. Die Wette machte mir auch weiter keine Sorge; in _dem_ Punkte
-hatte ich stets Glück gehabt. Nun, ich schätzte also meinen Gehalt
-auf sechshundert bis tausend Pfund im Jahre; sagen wir sechshundert
-fürs erste Jahr und dann so Jahr für Jahr mehr, bis ich es durch meine
-Leistungen auf tausend gebracht hätte. Meine Schulden erreichten bis
-jetzt nur die Höhe meines ersten Jahresgehalts. Von allen Seiten hatte
-man mir Geld angeboten, allein ich hatte diese Darlehen meist unter
-irgend einem Vorwand zurückgewiesen; so beliefen sich meine daher
-stammenden Schulden auf nicht mehr als dreihundert Pfund, während
-ich die andern dreihundert zur Bestreitung meines Unterhalts und zu
-Einkäufen gebraucht hatte. Mit dem Gehalt des zweiten Jahres hoffte ich
-nun bei der nötigen Vorsicht und Sparsamkeit vollends bis zum Ende des
-Monats zu reichen, und daran wollte ich es gewiß nicht fehlen lassen.
-War dann mein Monat erst herum und mein Gönner von der Reise zurück,
-dann war ja alles wieder im schönsten Geleise; dann gedachte ich,
-einfach Anweisungen auf die beiden ersten Jahresgehalte unter meine
-Gläubiger zu verteilen und mich tüchtig an die Arbeit zu machen.
-
-Es war eine sehr angenehme Tischgesellschaft von vierzehn Personen:
-Herzog und Herzogin von S. mit Tochter, Earl und Counteß N., Viscount
-C., Lord und Lady G., einige Menschenkinder beiderlei Geschlechts
-ohne Rang und Titel, der Gesandte nebst Gemahlin und Tochter, sowie
-eine zu Besuch bei der letzteren befindliche junge Engländerin von
-zweiundzwanzig Jahren, Namens Portia Langham, in welche ich mich im
-Lauf von zwei Minuten bereits verliebt hatte, ebenso wie sie sich in
-mich -- was ich bemerken konnte, ohne eine Brille dazu nötig zu haben.
-Dann war noch ein Gast da, ein Amerikaner. -- Doch, ich eile meiner
-Erzählung etwas voraus. Während die Gesellschaft noch in sehnsüchtiger
-Erwartung des Mahles im Salon beisammen saß und die Zuspätkommenden mit
-kalter Verachtung musterte, meldete der Diener: »Mr. Lloyd Hastings.«
-
-Dieser neue Gast faßte, sobald die Förmlichkeiten der Begrüßung vorüber
-waren, mich ins Auge und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu; in
-dem Augenblick aber, wo er die meinige fassen und schütteln wollte,
-stockte er plötzlich und sagte mit verlegener Miene:
-
-»Ich bitte sehr um Vergebung, ich glaubte Sie zu kennen.«
-
-»Nun, du kennst mich auch, alter Junge.«
-
-»Nein! Bist _du_ der -- das --«
-
-»Das große Westentaschentier? Jawohl, gewiß. Du darfst mich getrost bei
-meinem Spottnamen nennen, ich bin schon daran gewöhnt.«
-
-»Na, na, na, diese Ueberraschung! Ein oder zweimal war mir dein
-Name in Verbindung mit dieser Bezeichnung zu Gesicht gekommen,
-aber es kam mir nie dabei in den Sinn, daß du der fragliche Henry
-Adams sein könntest. Es ist doch noch kein halbes Jahr her, daß du
-in San Francisco auf Hopkins' Kontor gebüffelt und um dir einen
-Nebenverdienst zu verschaffen, ganze Nächte lang mit mir an der
-Ordnung und Richtigstellung der Bücher und Geschäftsberichte der
-Gould- und Curry-Extension-Gruben gearbeitet hast. Und jetzt soll ich
-mir vorstellen, daß du hier in London als vielfacher Millionär und
-kolossale Berühmtheit herumläufst! Es ist ja das reinste Märchen aus
-Tausend und eine Nacht. Mensch, ich kann es gar nicht fassen, nicht
-begreifen -- laß mich nur erst wieder etwas zu mir kommen.«
-
-»Wahrhaftig, Lloyd, es geht mir kein Haar besser als dir. Es ist mir
-selbst unfaßlich.«
-
-»Bei Gott, wirklich ganz unerhört! Heute ist es gerade drei Monate her,
-daß wir zusammen nach dem Miners-Restaurant gingen.« --
-
-»Nein, nach dem What-Cheer.«
-
-»Richtig, jawohl, nach dem What-Cheer. Da ließen wir uns um zwei Uhr
-morgens ein Kotelett und eine Tasse Kaffee geben, nachdem wir sechs
-Stunden zusammen über den Büchern der Extension geschwitzt hatten.
-Damals wollte ich dich überreden, mit mir nach London zu kommen und
-machte mich verbindlich, dir Urlaub auszuwirken und dich völlig frei zu
-halten, versprach dir auch noch etwas extra für den Fall, daß es mir
-gelänge, die Kuxe an den Mann zu bringen. Aber da wolltest du nichts
-von der Sache wissen. Du meintest, dabei komme doch nichts heraus, und
-du könntest doch nicht aufs Ungewisse deine ganze Stellung aufgeben, um
-dann vielleicht nach Jahr und Tag wieder von vorne anfangen zu müssen.
-Und nun bist du doch hier. Welch eine merkwürdige Geschichte ist das
-doch! Was hat dich denn hierher verschlagen, und wodurch in aller Welt
-hast du dich so kolossal heraufgebracht?«
-
-»Ach, das kam ganz zufällig. Es ist eine lange Geschichte -- ein ganzer
-Roman kann man sagen. Ich erzähle dir alles, aber nicht jetzt.«
-
-»Wann denn?«
-
-»Ende dieses Monats.«
-
-»Das sind ja noch über vierzehn Tage. Das heißt doch der menschlichen
-Neugierde zuviel zumuten. Sage lieber, in einer Woche.«
-
-»Das geht nicht. Den Grund wirst du schon noch erfahren. Nun, wie steht
-es denn mit den Geschäften?«
-
-Mit einemmal war der heitere Ausdruck in seinen Mienen wie weggeblasen,
-und mit einem Seufzer erwiderte er: »Du hattest ganz recht mit deiner
-Prophezeiung, ganz recht. Wäre ich doch nicht hierher gekommen. Ich mag
-gar nicht davon reden.«
-
-»Doch, doch. Wenn wir hier fertig sind, mußt du mit mir nach Hause
-kommen und mir alles erzählen.«
-
-»Wie? Darf ich? Ist das dein Ernst?« Dabei wurden ihm die Augen feucht.
-
-»Jawohl, ich will die ganze Geschichte hören, Wort für Wort.«
-
-»Ach, wie beglückt bin ich, daß ich endlich wieder bei einem
-menschlichen Wesen in Blick und Wort einem Interesse für meine
-Angelegenheiten begegnen darf nach allem, was ich durchgemacht habe.
-Lieber Gott! Auf den Knieen möchte ich dir dafür danken!«
-
-Mit einem warmen Druck meiner Hand sprang er auf und sah in
-fröhlichster Stimmung der Mahlzeit entgegen -- aus der jedoch
-nichts wurde. Nein, es ging wie es stets geht bei der verkehrten,
-widerwärtigen englischen Sitte -- man war nicht imstande, sich über die
-Rangordnung zu einigen und so gab es keine Mahlzeit. Wenn ein Engländer
-zum Diner eingeladen wird, so ißt er sich jedesmal zu Hause satt, ein
-Fremder dagegen, der von keiner Seite gewarnt wird, geht ahnungslos in
-die Falle. Diesmal freilich kam niemand zu Schaden, wir hatten alle
-bereits zu Hause gespeist, dem einzigen Neuling unter uns, Hastings,
-hatte der Gesandte gleich bei der Einladung gesagt, daß er getreu dem
-Landesbrauche für ein Gastmahl keine Vorsorge habe treffen lassen.
-Trotzdem setzte man sich nun, um den Schein zu wahren, ein jeder Herr
-mit einer Dame am Arm, nach dem Speisesaal in Bewegung; allein dabei
-ging der Streit bereits an. Der Herzog beanspruchte den Vortritt sowie
-den Platz oben an der Tafel, indem er einem Gesandten, der nur ein
-Volk, nicht einen Monarchen vertrete, an Rang vorgehe. Dem gegenüber
-machte ich meine Rechte geltend, ohne einen Fußbreit nachzugeben. Die
-Zeitungen wiesen mir im Personalbericht den Platz vor allen Herzögen
-an, die nicht dem königlichen Hause angehörten, demnach sei es ganz
-in der Ordnung, daß mir vor _diesem_ Herzog der Vorrang gebühre. Mit
-allem Hin- und Herreden, worin wir unser Möglichstes leisteten, kam
-die Sache natürlich nicht zum Austrag. Endlich war mein Gegner so
-unbedachtsam, Geburt und Ahnen ins Feld zu führen; da übertrumpfte ich
-ihn jedoch mit dem Hinweis darauf, daß ich, wie schon mein Name zeige,
-in gerader Linie von Adam abstamme, während aus dem seinigen zusammen
-mit seiner normännischen Abkunft klar hervorgehe, daß er nur in der
-Seitenlinie mit dem Stammvater des Menschengeschlechts verwandt sei. So
-bewegte sich denn der Zug nach dem Salon zurück, wo wir, gruppenweise
-herumstehend, eine bescheidene Erfrischung -- bestehend in einem Teller
-voll Sardinen und ein paar Erdbeeren -- einnahmen. Dabei wurde es mit
-der Heiligkeit der Rangordnung etwas weniger streng genommen; die
-beiden Höchststehenden loosten miteinander, indem sie ein Geldstück
-in die Luft warfen. Der Gewinner machte sich darauf zuerst über seine
-Erdbeeren her, während der Verlierende den Schilling einsteckte. So
-ging es dann weiter, bei allen nach der Reihe. Nach der Erfrischung
-brachte man Spieltische und wir spielten sämtlich Cribbage, um sechs
-Pence die Partie. In England spielt man nämlich niemals zum bloßen
-Vergnügen. Man will durchaus gewinnen oder verlieren -- ob das eine
-oder das andere, ist gleichgiltig -- sonst verzichtet man lieber ganz.
-
-Der Abend verfloß allerliebst, wenigstens uns beiden, Miß Langham
-und mir. Ich war so bezaubert von dem holden Geschöpf, daß ich nicht
-imstande war, meine Trümpfe zu zählen, wenn es über zwei Sequenzen
-hinaus ging; und wenn ich einen Stich gemacht hatte, übersah ich es
-jedesmal und fing wieder an auszuspielen, sodaß ich eine Partie um
-die andere verloren haben würde, wäre es meiner Partnerin nicht genau
-ebenso gegangen. So war es ganz natürlich, daß keins von uns beiden
-aufkam, das fiel uns aber nicht im mindesten auf, wir wußten nur, daß
-wir glücklich waren, und weiter wollten wir auch nichts wissen und
-hatten nur den Wunsch, in diesem Gefühl nicht gestört zu sein.
-
-Ich erklärte ihr sogar -- wirklich in allem Ernste -- ich _erklärte_
-ihr, daß ich sie liebe, und sie -- nun sie wurde wohl rot bis unter die
-Haare, hatte aber nichts dagegen -- und sagte dies auch. O, es war
-der schönste Abend meines Lebens! Jedesmal, so oft ich ansagte, oder
-meine Trümpfe zählte, fügte ich als Postskript bei: »Gott, wie reizend
-Sie sind!« oder etwas Aehnliches, wofür sie mir dann bei der gleichen
-Gelegenheit die Empfangsbestätigung erteilte, indem sie zum Schluß
-anhängte: »Finden Sie das wirklich?« Und dabei ließ sie einen so süßen,
-schelmischen Blick unter ihren langen Wimpern auf mich blitzen. O, es
-war wirklich zu -- herrlich!
-
-[Illustration]
-
-Ich benahm mich übrigens vollständig offen und ehrlich dem Mädchen
-gegenüber. Ich sagte ihr, daß ich nichts auf der Welt besäße, als eben
-die eine Millionennote, von der sie schon so viel gehört habe, und daß
-selbst diese nicht mein Eigentum sei. Dies erregte ihre Neugier, und
-darauf hin erzählte ich ihr halblaut die ganze Geschichte frisch von
-der Leber weg. Sie wollte sich darüber fast totlachen. Was sie dabei
-so lächerlich fand, war mir ein Rätsel, aber so war es nun einmal.
-Jede halbe Minute erregte irgend ein Umstand ihre Lachlust aufs neue,
-sodaß ich ihr wieder anderthalb Minuten Zeit zum Atemschöpfen lassen
-mußte. Sie lachte sich buchstäblich lahm; noch nie war mir so etwas
-vorgekommen. Daß eine traurige Geschichte -- eine Geschichte, die von
-nichts anderem handelt als von den Leiden, Kümmernissen und Sorgen
-eines Menschen -- eine solche Wirkung hervorbrachte, war doch unerhört.
-Und doch hatte ich sie nur um so lieber dafür, daß sie so heiter zu
-sein wußte, wo eigentlich gar kein Grund zur Heiterkeit vorlag; sah es
-doch ganz darnach aus, als könnte ich eine derartige Frau demnächst
-recht notwendig brauchen. Ich eröffnete ihr natürlich, daß wir wohl
-ein paar Jahre würden warten müssen, bis ich in Genuß meines Gehaltes
-käme; hieraus machte sie sich aber nichts und ermahnte mich nur zur
-größten Sparsamkeit, damit nicht auch noch mein dritter Jahresgehalt
-angegriffen werden müsse. Dann wurde sie auf einmal besorgt und
-meinte, ob wir mit unseren Vermutungen über den Betrag meines ersten
-Jahresgehalts nicht doch am Ende die Rechnung ohne den Wirt machten.
-
-Diese nur zu wohl begründete Bemerkung brachte zwar mein Vertrauen in
-die Zukunft einigermaßen ins Wanken, dafür gab sie mir aber auch einen
-guten, praktischen Gedanken ein, den ich sofort frischweg aussprach:
-»Portia, mein Schatz, würde es dir etwas ausmachen, mich zu den alten
-Herren zu begleiten, wenn ich mich ihnen wieder vorstellen muß?«
-
-Sie erschrak ein wenig, sagte aber: »N -- un, wenn meine Begleitung
-dazu beitragen kann, dir Mut zu machen. Aber ist es denn auch ganz
-passend, was meinst du?«
-
-»Das wohl schwerlich, oder eigentlich nicht; aber sieh', es hängt so
-unendlich viel davon ab, daß --«
-
-»Dann gehe ich unter allen Umständen mit, ob passend oder nicht!«
-erwiderte sie mit edler Begeisterung, die ihr herrlich stand. »O, der
-Gedanke macht mich so glücklich, etwas für dich thun zu können.«
-
-»Etwas, mein Herz? Alles thust du, ganz allein. Du bist so schön, so
-lieblich, so bezaubernd, daß, wenn ich dich zur Seite habe, die guten
-alten Herren uns ohne Widerrede jeden beliebigen Gehalt bewilligen
-müssen, und sollten sie darüber zu Bettlern werden.«
-
-Ha, nun mußte man sehen, wie ihr das Blut voll in die Wangen strömte
-und ihre Augen in Glück erstrahlten!
-
-»Du böser Schmeichler! Das ist ja alles nicht wahr, was du da sagst,
-aber mit gehe ich doch. Vielleicht wird es dir bei der Gelegenheit
-klar, daß andere Leute mich mit andern Augen betrachten als du.«
-
-Hegte ich nun noch Zweifel? War mein Vertrauen noch erschüttert? Es
-wird wohl genügen, wenn ich sage, daß ich bei mir selbst in aller
-Stille meinen Gehalt unverzüglich auf zwölfhundert Pfund im Jahr
-erhöhte. Ich sagte ihr aber davon nichts; das sparte ich mir zu einer
-Ueberraschung für später auf.
-
-Auf dem ganzen Wege nach meiner Wohnung schwebte ich in höheren
-Regionen und hörte kein Wort von allem, was Hastings an mich hinsprach.
-Erst, als wir zu Hause anlangten und Hastings sich beim Eintritt in
-meinen Salon in begeisterten Lobsprüchen auf meine reiche und bequeme
-Einrichtung erging, kam ich wieder zu mir.
-
-»Erst lasse mich einen Augenblick hier stehen bleiben,« rief er, »damit
-ich mich satt sehen kann! Guter Gott, das ist ja ein Palast, der
-leibhaftige Palast! Und da fehlt nichts, bis zum behaglichen Kaminfeuer
-und dem Abendbrot. Henry, hier kommt man nicht nur zum Bewußtsein,
-wie reich du bist, nein, hier fühle ich auch im tiefsten Innern, wie
-arm ich bin, wie arm und wie elend, wie geschlagen, gebrochen, und
-vernichtet!«
-
-Hol's der Henker! Seine Worte wirkten auf mich wie ein kaltes Sturzbad.
-Mit einem Schlage war ich völlig ernüchtert und zu dem Bewußtsein
-erwacht, daß ich auf einem Vulkan stehe, der jeden Augenblick
-ausbrechen konnte. Ich hatte ja nicht gewußt, oder vielmehr, ich hatte
-eine kurze Zeit selbst nicht eingestehen wollen, daß alles nur ein
-Traum sei; aber jetzt, -- guter Himmel! Tief in Schulden, ohne einen
-Heller Geld, eines holden Mädchens Lebensglück an mein Schicksal
-gekettet und dabei nichts vor mir als die Aussicht auf einen Gehalt,
-die sich vielleicht -- ach nein, gewiß -- nie verwirklichen sollte. O,
-ich bin verloren, rettungslos verloren! --
-
-»Henry, was bei deinem Einkommen jeden Tag nur so nebenbei abfällt,
-würde, --«
-
-»Ach, mein tägliches Einkommen! Da steht ein heißer Punsch, damit
-vertreibe dir die trüben Gedanken. Profit! Oder nein, warte, du bist
-hungrig; komm, setze dich und --«
-
-»Nein, keinen Bissen; ich bringe nichts mehr hinunter; ich kann schon
-ein paar Tage lang nichts mehr essen. Aber trinken will ich mit dir,
-bis ich nicht mehr stehen kann. Komm!« --
-
-»Da thue ich mit, so lang du willst! Also, frisch drauf los! Lasse
-jetzt deine Geschichte vom Stapel, während ich den Punsch braue.«
-
-»Meine Geschichte? Wie? Noch einmal?«
-
-»Noch einmal? Wie meinst du das?«
-
-»Nun, ich meine, ob du die Geschichte zum zweitenmal von vorne anhören
-willst.«
-
-»Ob ich sie zum zweitenmal von vorne anhören will! Na, das ist wirklich
-ein toller Spaß. Halt, trinke nichts mehr, du kannst nichts mehr
-brauchen.«
-
-»Henry, du machst mir Angst. Habe ich dir denn nicht auf dem Weg
-hierher die ganze Geschichte erzählt?«
-
-»Du?«
-
-»Ja, ich.«
-
-»Ich lasse mich hängen, wenn ich ein Wort davon gehört habe.«
-
-»Henry, das ist außerm Spaß. Du beunruhigst mich. Was hast du denn bei
-dem Gesandten zu dir genommen?«
-
-Jetzt ging mir plötzlich ein wunderbares Licht auf, ich faßte mir ein
-Herz und gestand ihm frei und offen: »Das herzigste Mädel auf der Welt
-habe ich dort -- erobert!«
-
-In ungestümer Freude stürzte er auf mich los und wir schüttelten
-uns die Hände, bis sie uns wehe thaten. Darüber, daß ich von seiner
-Erzählung, die unsern anderthalb Stunden dauernden Heimweg ausfüllte,
-nicht das geringste vernommen hatte, sagte er kein Wort. Er setzte sich
-ruhig hin und erzählte mit der ihm eigenen Gutmütigkeit und Geduld die
-ganze Geschichte noch einmal von vorne.
-
-Sie lief auf folgendes hinaus: Er war im Auftrag der Besitzer der
-Gould- und Curry-Extension-Gruben nach London gekommen, um die Anteile
-zu veräußern, und es sollte dabei alles, was er über eine Million
-Dollars lösen würde, ihm verbleiben. In der Hoffnung, dabei ein
-vortreffliches Geschäft zu machen, hatte er sich keine Mühe verdrießen,
-kein ehrliches Mittel unversucht gelassen und fast seinen letzten
-eigenen Heller daran gesetzt, ohne daß es ihm jedoch gelungen wäre,
-einen einzigen Kapitalisten zum Anbeißen zu bewegen, und mit Ende des
-Monats lief seine Berechtigung ab. Mit einem Worte: er war zu Grunde
-gerichtet. Am Schlusse sprang er auf und rief:
-
-»Henry, du kannst mich retten! Du allein auf dem ganzen Erdenrund!
-Wirst du mich retten? Oder wirst du mich _nicht_ retten?«
-
-»Sage mir nur, wie ich das machen soll? Erkläre dich, mein Junge.«
-
-»Nimm mir mein Verkaufsrecht ab und zahle mir dafür eine Million und
-die Heimreise. Bitte, bitte, sage nicht nein!«
-
-Es war wirklich nicht mehr auszuhalten. Eben stand ich auf dem Punkte,
-mit dem Bekenntnis herauszuplatzen: »Lloyd, ich bin ja selbst ein
-Bettler -- ohne einen Pfennig Geld und stecke dazu noch in Schulden.«
-Aber da leuchtete plötzlich ein herrlicher Gedanke blitzähnlich in
-meinem Kopfe auf. Ich biß die Zähne zusammen und bezwang mich, bis ich
-so kalt war, wie ein Großkapitalist. Dann sagte ich mit vollkommen
-geschäftsmäßiger Ruhe: »Ich will dich retten, Lloyd.«
-
-»Dann bin ich schon gerettet; Gott segne dich ewig dafür! Wenn ich
-je --«
-
-»Laß mich ausreden, Lloyd. Ich will dich retten, aber nicht so, wie du
-meinst. Denn nach all den Mühen und Opfern, die du es dich hast kosten
-lassen, wäre das nicht anständig an dir gehandelt. Ich brauche keine
-Minenanteile; an einem Weltplatz wie London kann ich auch mein Geld
-ohne dies arbeiten lassen, es ist ja bis jetzt auch gegangen. Nein,
-wir machen die Sachen folgendermaßen: Ich kenne ja natürlich dieses
-Bergwerk ganz genau; ich weiß, welch ungeheurer Wert darin steckt und
-kann es auf Verlangen jedem eidlich bekräftigen. Du sollst im Lauf der
-nächsten vierzehn Tage für bare drei Millionen Anteilscheine verkaufen,
-indem du von meinem Namen unbeschränkten Gebrauch machst, und dann
-teilen wir den Gewinn -- halb und halb.«
-
-Lloyd geriet darüber so außer sich vor Freude, daß er wie toll
-herumtanzte und mir meine ganze Einrichtung kurz und klein geschlagen
-haben würde, hätte ich ihm nicht schließlich ein Bein gestellt und ihn
-an Händen und Füßen gebunden. Als er so dalag, rief er ganz beseligt
-aus: »Ich darf deinen Namen gebrauchen! deinen Namen! -- Stelle dir nur
-vor, Mensch! In Scharen kommen sie gelaufen, diese reichen Londoner und
-prügeln sich um die Anteile! Ich bin ein gemachter Mann, geborgen für
-alle Zeit, in meinem ganzen Leben vergesse ich dir das nicht!«
-
-Keine vierundzwanzig Stunden dauerte es, so war die Sache bereits in
-ganz London herumgekommen. Ich hatte Tag für Tag nichts zu thun, als zu
-Hause zu sitzen und all den Leuten, die bei mir erschienen, zu sagen:
-»Jawohl, ich habe ihm gestattet sich auf mich zu beziehen. Ich kenne
-ihn und kenne das Bergwerk. Er selbst verdient volles Vertrauen und die
-Anteile sind weit mehr wert, als er dafür verlangt!«
-
-Inzwischen verbrachte ich alle meine Abende bei dem Gesandten mit
-Portia. Von dem Bergwerk sagte ich ihr keine Silbe, das sparte ich mir
-zu einer späteren Ueberraschung auf. Wir sprachen immer nur von unserer
-Liebe und vom Gehalt, bald von dem einen, bald von dem andern, manchmal
-auch von beidem untereinander. Und dann, guter Gott, das Interesse,
-das Frau und Tochter des Gesandten an unserer Angelegenheit nahmen und
-die endlosen Listen und Schlauheiten, die sie ersannen, um uns vor
-Störungen zu schützen und den Gesandten nicht hinter die Sache kommen
-zu lassen -- ach, es war wirklich allerliebst von den beiden!
-
-Als der Monat um war, besaß ich ein Guthaben von einer Million
-Dollars bei der London- und County-Bank, und Hastings stand ebenso.
-In ausgesuchtester Toilette fuhr ich an Portland-Place vorbei. Als
-ich mich an dem Aussehen der Wohnung überzeugt hatte, daß meine Vögel
-wieder zu Neste geflogen sein mußten, holte ich meinen Schatz bei dem
-Gesandten ab und fuhr mit ihr zusammen wieder nach Portland Place.
-Während der ganzen Fahrt bildete der Gehalt den Gegenstand unserer
-eifrigsten Erörterungen. Die Besorgnis, in die sie sich dabei hinein
-redete, ließ sie so reizend erscheinen, daß es kaum mehr auszuhalten
-war.
-
-»Mein Herzchen,« sagte ich zu ihr, »so wie du jetzt aussiehst, wäre es
-ein Verbrechen, einen Pfennig weniger als dreitausend Pfund im Jahre zu
-verlangen.«
-
-»Henry, Henry, du richtest uns noch zu Grunde,« erwiderte sie.
-
-»Sei unbesorgt! Sieh nur so aus und verlasse dich auf mich. Ich will
-die Sache schon machen.«
-
-Es war soweit gekommen, daß ich auf dem ganzen Wege ihr Mut zusprechen
-mußte. Sie selbst redete noch fortwährend auf mich ein:
-
-»Bedenke doch, daß, wenn wir zu viel verlangen, wir vielleicht gar
-keinen Gehalt bekommen; und was soll dann aus uns werden, wenn wir
-nicht wissen, womit wir unsern Unterhalt verdienen wollen?«
-
-Es war wieder derselbe Diener, der uns einließ, und da waren sie
-auch wieder, die beiden alten Herren. Natürlich waren sie höchlich
-überrascht über das holde Geschöpf an meiner Seite. Ich erklärte jedoch:
-
-»Sie dürfen keinen Anstoß daran nehmen, meine Herren, es ist meine
-zukünftige Lebensgefährtin.« Darauf stellte ich ihr die Herren mit
-ihren Namen vor. Diese zeigten sich hierüber gar nicht erstaunt;
-sie dachten vermutlich, daß ich so gescheit gewesen sein würde, im
-Adreßbuch nachzuschlagen. Sie forderten uns auf, Platz zu nehmen und
-behandelten mich mit größter Höflichkeit, gaben sich auch alle Mühe,
-meiner Begleiterin durch freundlichen Zuspruch über ihre Verlegenheit
-hinweg zu helfen. Endlich sagte ich:
-
-»Meine Herren, ich komme, Ihnen Bericht zu erstatten.«
-
-»Das ist uns sehr angenehm,« erwiderte mein Gönner, »dann können wir ja
-die Wette zwischen mir und meinem Bruder Abel jetzt zur Entscheidung
-bringen. Falls Sie für mich gewonnen haben, dürfen Sie sich jede
-beliebige Stellung wählen, die ich zu vergeben habe. Sind Sie noch im
-Besitz der Millionennote?«
-
-»Hier ist sie.« Damit behändigte ich ihm dieselbe.
-
-»Gewonnen!« rief er und gab seinem Bruder einen Klapps auf den Rücken.
-»Nun, was sagst du jetzt, Bruder?«
-
-»Ich sage, _er_ hat es überlebt und _ich_ habe zwanzigtausend Pfund
-verloren. Ich hätte es niemals geglaubt!«
-
-»Ich habe noch mehr zu berichten,« fuhr ich fort, »und zwar ziemlich
-viel. Ich bitte, mir demnächst eine Stunde bestimmen zu wollen,
-um Ihnen meine Erlebnisse während dieses ganzen Monats genauer zu
-schildern. Sie können sich darauf verlassen, es lohnt sich den Bericht
-anzuhören. Inzwischen wollen Sie gefälligst dies hier in Augenschein
-nehmen.«
-
-»Was, Mensch, einen Depositenschein über 200000 Pfund? Gehört das
-Ihnen?«
-
-»Gehört mir. Das ist die Frucht des weisen Gebrauchs, den ich von dem
-kleinen Darlehen gemacht habe, das Sie mir gütigst gewährten. Und
-dieser Gebrauch bestand lediglich darin, daß ich von Zeit zu Zeit einen
-kleinen Einkauf machte und beim Bezahlen allemal die Banknote zum
-Wechseln hingab.«
-
-»Mensch, das ist ja äußerst merkwürdig, ganz unglaublich!«
-
-»Und doch verhält es sich so; ich werde Ihnen den Beweis liefern. Sie
-brauchen mir durchaus nicht auf mein bloßes Wort zu glauben.«
-
-Jetzt war die Reihe des Erstaunens an Portia. Mit weit geöffneten Augen
-fragte sie:
-
-»Henry, gehört dieses Geld wirklich dir? Hast du mir die Unwahrheit
-gesagt?«
-
-»Das habe ich allerdings, mein Liebchen. Aber ich weiß, du bist mir
-deswegen nicht böse.«
-
-»O, doch!« schmollte sie. »Es war abscheulich von dir, mich so hinters
-Licht zu führen.«
-
-»Ach, gewiß. Es war ja nur ein schlechter Scherz, weißt du. Komm, wir
-wollen uns jetzt verabschieden.«
-
-»Aber, so warten Sie doch. Wegen des Postens. Sie wissen ja. Ich muß
-Ihnen doch den Posten geben,« warf mein Gönner ein.
-
-»Ach,« erwiderte ich, »ich danke Ihnen tausendmal, aber ich brauche
-wirklich keinen.«
-
-»Aber ich hätte Ihnen den allerbesten gegeben, den ich zu vergeben
-habe.«
-
-»Ich danke Ihnen nochmals von ganzem Herzen, aber auch _diesen_ brauche
-ich nicht.«
-
-»Schäme dich, Henry! Du bist dem guten Herrn nicht halb so dankbar als
-er es verdiente. Darf ich ihm an deiner Statt den Dank abstatten?«
-
-»Freilich, mein Liebchen. Ich bin nur neugierig, wie du das machen
-willst.«
-
-Sie ging zu meinem Gönner hin, setzte sich ihm auf den Schoß, schlang
-ihren Arm um seinen Hals und gab ihm einen Kuß mitten auf den Mund.
-Dabei wußten sich die beiden alten Herren vor Lachen kaum zu fassen,
-während ich selbst vor Erstaunen wie versteinert dastand, bis Portia
-sagte:
-
-»Papa, er hat gesagt, von all den Posten, die du zu vergeben hast,
-wolle er keinen einzigen annehmen, und das thut mir so weh, gerade als
-ob --«
-
-»Wie, lieber Schatz, dies ist dein _Papa_?«
-
-»Jawohl, mein Stiefpapa, und zwar der allerbeste, den es auf der ganzen
-Welt giebt. Nicht wahr, nun begreifst du, warum ich bei dem Gesandten
-so lachen mußte, als du, ohne mein Verhältnis zu Papa und Onkel Abel zu
-kennen, mir die Sorgen und Nöte schildertest, in die ihr Einfall dich
-versetzt hatte.«
-
-Natürlich sprach ich jetzt ohne Scheu und Umschweife ganz wie mir ums
-Herz war.
-
-»Mein verehrter Herr,« sagte ich, »ich muß meine Erklärung
-zurücknehmen. _Eine_ Stellung haben Sie doch zu vergeben, die ich sehr
-gern haben möchte.«
-
-»Welche ist das?«
-
-»Die Stelle eines Schwiegersohnes.«
-
-[Illustration]
-
-»So? Aber wenn Sie als solcher noch nie bedienstet waren, so sind Sie
-auch nicht imstande, das Zeugnis darüber beizubringen, das in unserem
-Abkommen zur Bedingung gemacht ist und so --«
-
-»Machen Sie den Versuch mit mir, ich bitte Sie inständigst! Nur so
-dreißig bis vierzig Jahre lang probieren Sie es mit mir, und wenn
-dann --«
-
-»Nun ja, gut denn; das ist ja gar nicht viel verlangt. So nehmen Sie
-Portia.«
-
-Ob wir beide glücklich waren? Keine Sprache besitzt Worte genug, um es
-auszudrücken. Und _das_ Geschwätz und _das_ Vergnügen in ganz London,
-als nach ein paar Tagen alle meine Erlebnisse mit der Banknote bekannt
-wurden, nebst der Wendung, welche die Sache zuletzt genommen! Du guter
-Gott! --
-
-Portias Papa gab die gastliche Note der Bank zurück und ließ sich
-ihren Betrag auszahlen. Die Bank setzte sie sodann außer Kurs und
-verehrte sie ihm, worauf er uns damit ein Hochzeitsgeschenk machte.
-Seither hängt sie unter Glas und Rahmen im Allerheiligsten unseres
-Heims. Denn _ihr_ verdanke ich den Besitz meiner Portia. Wäre diese
-Note nicht gewesen, so hätte ich nicht in London bleiben können, ich
-hätte mich dem Gesandten nicht vorgestellt und wäre niemals mit Portia
-zusammengetroffen. Deshalb sage ich immer: »Sie lautete zwar klar und
-deutlich auf eine Million Pfund; und doch war es während der ganzen
-Zeit ihrer Giltigkeit nur einmal möglich, einen einzigen Gegenstand
-dafür zu kaufen, und auch dieser wurde mindestens zehnfach unter seinem
-Werte bezahlt!«
-
-
-
-
-Verlag von Robert Lutz in Stuttgart.
-
-
-_Bret Harte's_
-
-Ausgewählte Erzählungen
-
-5 Bände ~à~ 2 M. brosch., ~à~ 3 M. in Lwd. geb.
-
-= Jeder Band einzeln käuflich =
-
-I. Drei Teilhaber. Roman. -- II. Jack Hamlin als Vermittler u. a. Erz.
--- III. Die Postmeisterin von Laurel Run u. a. Erz. -- IV. Der Sheriff
-von Siskyou u. a. Erz. -- V. Das Geheimnis der Sierra.
-
-_Einige Urteile_:
-
-_Richard Weitbrecht_: »=Es ist ein wahrer Genuß=, nach so vielen
-lahmen Mittelmäßigkeiten einem temperamentvollen, =auf jeder Seite
-fesselnden, lebendigen Erzähler zu lauschen= ... Doch es bedarf nicht
-des Vergleichs mit geringerem, noch ist not, über Bret Harte's längst
-anerkannte Erzählungskunst mit ihrer glücklichen Verbindung von
-=Psychologischem=, =Abenteuerlichem= und =Romantischem= viel zu sagen.
-Mich hat's bei seinen »Drei Teilhabern« ganz merkwürdig überkommen --
-ich las fast mit denselben Gefühlen, mit denen ich einst in meiner
-Jugend Marryats und Gerstäckers amerikanische Geschichten verschlungen
-habe, und wie damals vergaß ich dabei alle Kritik. Darum soll auch
-jetzt keine geschrieben werden, und ich wünsche nur, daß andere sich an
-Bret Harte ebenso =auf ein paar Stunden jung lesen wie ich=.«
-
-_Straßburger Post_: »Sein Humor ist der Schmerz lösende und Groll
-verscheuchende, der uns stets erwärmt. Seine Gestalten haben Fleisch
-und Blut wie die des Jeremias Gotthelf und -- nirgends moralisiert
-er, was eben den echten Künstler zeigt. Bret Harte schildert für alle
-Menschen und nicht nur für Amerika; =im literarischen Weltkonzerte
-gehört er zu denen, die neue Gebiete erobert haben=.«
-
-_Deutsche Tageszeitung_: »Der kalifornische Dichter gehört zu den
-Erscheinungen der modernen amerikanischen Literatur, die verdienen,
-auch in Deutschland nicht vergessen zu werden. Niemand wird die
-Erzählungen ohne innere Befriedigung aus der Hand legen.«
-
-
-W. W. Jacobs
-
-Seemannshumor
-
-Geschichten und Schwänke von der Wasserkante
-
-=I. Band=: 13 Erzählungen. -- =II. Band=: 15 Erzählungen.
-
-Jeder Band ist einzeln käuflich
-
-zu M. 2.50 broschiert; M. 3.50 in Lwd. gebunden.
-
-Einige Urteile:
-
- Hamburger Nachrichten: »Es herrscht hier _ein wirklicher,
- behaglicher Humor_, voll der tollsten Einfälle und reger
- Phantasie. Echt und frisch sind die wetterharten Gestalten
- gezeichnet. _Es kichert und lacht_ in und zwischen den
- Zeilen.«
-
- Intern. Literaturberichte: »Wer einmal recht herzlich lachen
- will, mag getrost zu Jacobs Seemannshumor greifen.«
-
- Nordd. Allg. Zeitung: »Jede einzelne der Erzählungen ruft
- herzliches Lachen hervor.«
-
- Deutsche Tageszeitung: »Die Geschichten zeugen von einem _ganz
- prächtigen, urwüchsigen Seemannshumor_.«
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst
- wurde die Originalschreibweise beibehalten. Die Darstellung der
- Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 131: Bartholomäus M. → Bartholomäus W. (nach engl. Original)
- den Kontrakt seinem Sohn {Bartholomäus W.}
-
- S. 132: Anton E. Rogers → Anson G. Rogers (nach engl. Original)
- die Schriftstücke {Anson G. Rogers}
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