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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..835e157 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #64718 (https://www.gutenberg.org/ebooks/64718) diff --git a/old/64718-0.txt b/old/64718-0.txt deleted file mode 100644 index eb34d0f..0000000 --- a/old/64718-0.txt +++ /dev/null @@ -1,10116 +0,0 @@ -The Project Gutenberg eBook of Skizzenbuch, by Mark Twain - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Skizzenbuch - -Author: Mark Twain - -Illustrator: H. Schrödter - -Release Date: March 06, 2021 [eBook #64718] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKIZZENBUCH *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter und - kursiver Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Mark Twains - - ausgewählte - - Humoristische Schriften - - Illustriert von =H. Schrödter= u. =Albert Richter= - - Dritter Band - - Skizzenbuch - - [Illustration] - - Stuttgart - - Verlag von Robert Lutz - - 1907 - - - - - Skizzenbuch - - Von - - Mark Twain - - Illustriert von =H. Schrödter= - - Stuttgart - - Verlag von Robert Lutz - - 1907 - - - - -Alle Rechte vorbehalten. - - -Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - Meine Uhr 7 - - Einiges über Barbiere 12 - - Wie ein Schnupfen kuriert wird 19 - - Kinderkrankheiten 25 - - Frau Mac Williams beim Gewitter 35 - - Ueber frühreife Kinder 45 - - Staatswirtschaft 50 - - Es ist gefährlich im Bette zu liegen 60 - - Brüder, knipst ein! 64 - - Ein geheimnisvoller Besuch 72 - - Redakteur und Berichterstatter: - - Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab 79 - - Herrn Blokes ›Eingesandt‹ 88 - - Zeitungswesen in Tennessee 92 - - Ein Berichterstatterstück 102 - - Allgemeine Antwort an Schriftsteller oder solche, - die es werden wollen 106 - - Antworten auf Zuschriften 112 - - Kandidatenfreuden 121 - - Der große Rindfleischkontrakt 130 - - Der gestohlene weiße Elefant 141 - - Die Geschichte des Hausierers 170 - - Eine wahre Geschichte 179 - - Die Liebe des jungen Alonzo Fitz Clarence und - der schönen Rosannah Ethelton 187 - - Die kapitolinische Venus 216 - - Mehr Glück als Verstand 226 - - Wie der Verfasser in Newark angeführt wurde 234 - - Schonend beigebracht 237 - - Trinksprüche: - - Auf die Weiber 239 - - Auf die Säuglinge 242 - - Der selige Benjamin Franklin 247 - - Wohlthun trägt Zinsen: - - Der wohlwollende Schriftsteller 252 - - Der dankbare Gatte 254 - - Ueber Tagebücher 258 - - Ueber das Briefschreiben 261 - - Gedankentelegraphie 265 - - Prinzenverehrung 280 - - Die 1000000 Pfund-Note 285 - - - - -Meine Uhr. - - -Meine schöne neue Uhr ging nun schon anderthalb Jahre weder vor noch -nach, sie war kein einziges Mal stehen geblieben und an dem Werk war -nichts zerbrochen. Nunmehr galt mir ihr Urteil über die Tageszeit -für völlig untrüglich, ihre Lebenskraft und ihr Knochenbau für -unzerstörbar. Aber endlich ließ ich sie eines Abends doch ablaufen. -Ich trauerte darüber, als sei dies Versehen ein Vorbote von kommendem -Unheil und Mißgeschick. Erst allmählich wurde meine Stimmung wieder -heiterer, ich zog die Uhr auf, stellte sie nach Gutdünken und schlug -mir alle abergläubischen Gedanken und trüben Ahnungen aus dem Sinn. - -Am nächsten Morgen trat ich in den Laden des ersten Uhrmachers der -Stadt, um meine Uhr genau nach richtiger Zeit zu stellen. Der Herr nahm -sie mir aus der Hand, um dies Geschäft für mich zu besorgen. - -»Sie geht vier Minuten nach,« sagte er dabei, »der Regulator muß -vorgerückt werden.« - -Ich versuchte ihn daran zu hindern, versuchte ihm begreiflich zu -machen, daß der Gang der Uhr unübertrefflich sei. Vergebens -- der -Kohlkopf in Menschengestalt sah nur das _eine_: die Uhr ging vier -Minuten nach und der Regulator _mußte_ vorgestellt werden. Ich bat und -flehte, er solle es nicht thun, ich sprang in meiner Seelenpein um ihn -herum, aber alles umsonst. Mit kaltblütiger Grausamkeit vollbrachte er -die schändliche That. - -[Illustration] - -Von da an begann meine Uhr zu laufen -- schneller und schneller, Tag -für Tag. Innerhalb einer Woche geriet sie in ein wahres Fieber, ihr -Puls stieg bis auf hundertundfünfzig Grad im Schatten. Noch ehe zwei -Monate zu Ende waren, hatte sie alle Uhren der Stadt weit hinter sich -gelassen und war vierzehntehalb Tage vor dem Kalender voraus. Noch hing -das bunte Oktoberlaub an den Bäumen und sie tummelte sich schon mitten -im Novemberschnee. Die Zahltage für die Hausmiete, für alle fälligen -Rechnungen und sonstigen Schulden kamen in so wahnsinniger Hast näher, -daß ich mir schier kaum mehr zu helfen wußte. So brachte ich sie denn -zum Uhrmacher, um sie regulieren zu lassen. Dieser fragte mich, ob -sie schon jemals repariert worden sei. Als ich das mit dem Bemerken -verneinte, es sei noch nicht nötig gewesen, glitt ein boshaftes Lächeln -über seine Züge. Gierig öffnete er die Uhr, guckte hinein, klemmte -sich ein Ding ins Auge, das aussah wie ein kleiner Würfelbecher, und -betrachtete das Räderwerk genau. - -»Sie muß gereinigt und geölt werden,« sagte er, »und außerdem -reguliert; -- fragen Sie in einer Woche wieder nach.« - -Gereinigt, geölt und reguliert war meine Uhr; aber nun ging sie -schrecklich langsam, ihr Ticken klang wie Grabgeläute. Ich versäumte -alle Eisenbahnzüge, hielt keine meiner Verabredungen ein und kam wegen -Verspätung um mein Mittagessen. Allmählich machte meine Uhr aus drei -Tagen vier; zuerst wurde es bei mir gestern, dann vorgestern, dann -letzte Woche; ich geriet immer weiter ins Hintertreffen und konnte mich -nicht mehr in die jetzige Welt finden. - -Wieder begab ich mich zum Uhrmacher. Er nahm in meinem Beisein die Uhr -ganz auseinander und sagte, der Cylinder sei ›gequollen‹, in drei Tagen -könne er ihn aber wieder auf das richtige Maß bringen. - -Hierauf ging die Uhr im Durchschnitt gut, aber auch nur im -Durchschnitt. Den halben Tag lang raste sie wie im Donnerwetter unter -fortwährendem Schnarren, Quieken, Schnauben und Schnaufen, so daß ich -vor dem Lärm meine eigenen Gedanken nicht hören konnte. Keine Uhr im -ganzen Lande hätte vermocht sie einzuholen in ihrem tollen Lauf. Den -Rest des Tages blieb sie allmählich immer mehr zurück und trödelte -derart, daß sie ihren ganzen Vorsprung einbüßte und sämtliche Uhren -ihr wieder nachkamen. _Einmal_ in vierundzwanzig Stunden war sie aber -ganz auf dem richtigen Fleck und gab die Zeit genau an. Dies hielt -sie pünktlich ein und niemand hätte daher behaupten können, sie thue -weniger als ihre Pflicht und Schuldigkeit, oder mehr. - -An die Tugend einer Uhr stellt man jedoch höhere Ansprüche, als daß -sie nur im Großen und Ganzen richtig geht. Ich trug sie daher abermals -zum Uhrmacher. Er sagte, der Hauptzapfen wäre zerbrochen, und ich -sprach ihm meine Freude darüber aus, daß der Schaden nicht größer sei. -Offen gestanden hatte ich noch nie etwas von einem Hauptzapfen gehört, -aber ich wollte mich doch einem Fremden gegenüber nicht unwissend -zeigen. Der Zapfen ward ausgebessert, aber das half nur wenig. Die Uhr -ging jetzt eine Weile und dann blieb sie wieder eine Weile stehen, -ganz nach ihrem Belieben. Jedesmal, wenn sie losging, that sie einen -Rückschlag wie eine Muskete. Ein paar Tage lang wattierte ich mir die -Brusttasche aus, schließlich trug ich die Uhr aber zu einem andern -Uhrmacher. Der zerpflückte sie in lauter einzelne Stücke, drehte die -Trümmer vor seinem Vergrößerungsglas hin und her und meinte, es müsse -an der Hemmung etwas nicht in Ordnung sein. Das besserte er aus und -setzte die Uhr wieder zusammen. Nun ging sie gut -- nur alle zehn -Minuten schlossen sich die Zeiger wie eine Schere und machten die Runde -gemeinsam weiter. - -Der Weiseste unter den Menschenkindern würde von solcher Uhr nicht -herauskriegen können, was die Glocke geschlagen hat. Ich ging also -wieder hin, um dem Uebelstand abhelfen zu lassen. Jetzt meinte der -Mensch, der Kristall sei verbogen und die Spiralfeder krumm, auch -müsse ein Teil des Werkes neu gefüttert werden. Alle diese Schäden -beseitigte er und meine Uhr ließ nun nichts zu wünschen übrig, nur dann -und wann, nachdem sie etwa acht Stunden regelmäßig gegangen war, geriet -bei ihr inwendig alles in Bewegung, so daß sie zu summen begann wie -eine Biene und die Zeiger sich stracks so flink im Kreise drehten, daß -man sie nicht mehr unterscheiden konnte, sie sahen aus wie ein zartes -Spinngewebe auf dem Zifferblatt. In sechs oder sieben Minuten hatte sie -die ganzen nächsten vierundzwanzig Stunden durchwirbelt, dann gab es -einen Krach und sie stand still. Mit schwerem Herzen ging ich wieder zu -einem andern Uhrmacher und sah wie er das Werk auseinander nahm. Dabei -rüstete ich mich, ein Kreuzverhör mit ihm anzustellen, denn das Ding -ging mir jetzt über den Spaß. Ursprünglich hatte die Uhr zweihundert -Dollars gekostet und ich mußte jetzt für Reparaturen zweitausend bis -dreitausend ausgegeben haben. Während ich so dastand und dem Manne -zusah, kam er mir plötzlich bekannt vor. Nein, ich irrte mich nicht --- der Uhrmacher war ein früherer Dampfbootmaschinist und zwar nicht -einmal ein guter. Er betrachtete alle Teile sorgfältig, gerade wie -die andern Uhrmacher auch, und fällte dann seinen Urteilsspruch mit -derselben Zuversicht. - -Er sagte: »Sie macht zu viel Dampf -- wir müssen den stellbaren -Schraubenschlüssel an das Sicherheitsventil hängen!« - -Ich schlug ihm auf der Stelle den Schädel ein und ließ ihn auf meine -Kosten beerdigen. - -Mein Onkel William -- Gott hab' ihn selig! -- pflegte zu sagen, ein -gutes Pferd sei ein gutes Pferd, bis es einmal durchgegangen wäre, -und eine gute Uhr eine gute Uhr, bis sie den Reparierern in die Hände -fiele. Er zerbrach sich oftmals den Kopf, was denn eigentlich aus allen -verdorbenen Kesselflickern, Büchsenmachern, Schustern, Grobschmieden -und Maschinisten in der Welt schließlich würde -- aber niemand konnte -ihm je Auskunft geben. -- - - - - -Einiges über Barbiere. - - -Alle Dinge sind dem Wechsel unterworfen, ausgenommen die Barbiere, die -Gewohnheiten der Barbiere und die Umgebung der Barbiere. Diese ändern -sich nie. Was man erlebt und erfährt, wenn man zum erstenmal eine -Barbierstube betritt, das erlebt und erfährt man später in allen andern -Barbierstuben, bis an das Ende seiner Tage. - - * * * * * - -Heute morgen ließ ich mich wie gewöhnlich barbieren. Ein Mann kam von -der Jonesstraße auf die Thür zu, als ich auf der Hauptstraße herankam --- so trifft sich das stets. Ich beschleunigte meine Schritte, aber -umsonst; er war mir um eine Sekunde voraus, ich folgte ihm auf den -Fersen und sah, wie er den einzigen unbesetzten Stuhl einnahm, wo der -erste Barbier sein Amt versah. Das trifft sich immer so. Ich setzte -mich in der stillen Hoffnung nieder, Erbe des Stuhles zu werden, -welcher dem besseren von den zwei übrigen Barbiergehilfen gehörte, -denn dieser hatte schon angefangen seinem Kunden das Haar zu kämmen, -während sein Kamerad noch damit beschäftigt war, dem seinigen die -Locken einzuölen und einzureiben. In großer Spannung beobachtete ich, -was für Aussichten sich mir boten. Als ich sah, daß Nr. 2 drohte -Nr. 1 einzuholen, verwandelte sich meine Spannung in Besorgnis. Als -Nr. 1 einen Augenblick innehielt, um einem neuen Ankömmling, der -ein Badebillet verlangte, Geld herauszugeben und dabei im Wettlauf -zurückblieb, wurde meine Besorgnis zur Angst. Als Nr. 1 das Versäumte -wieder nachholte und gleichzeitig mit seinem Kameraden dem Kunden das -Handtuch abnahm und das Pulver aus dem Gesicht wischte, so daß sich -unmöglich voraussehen ließ, welcher von beiden zuerst ›Der nächste!‹ -rufen würde, stockte mir der Atem vor banger Erwartung. Als ich nun -aber sah, wie sich Nr. 1 im entscheidenden Moment noch damit aufhielt, -seinem Kunden ein paarmal mit dem Kamm durch die Augenbrauen zu fahren, -da wußte ich, daß er den Wettlauf um dieses einzigen Augenblicks willen -verloren habe. Entrüstet stand ich auf und verließ den Laden, um nicht -Nr. 2 in die Hände zu fallen; denn jene beneidenswerte Festigkeit -besitze ich nicht, die den Menschen in den Stand setzt, einem -dienstbereiten Barbiergehilfen ruhig ins Angesicht zu sehen und ihm zu -sagen, man wolle auf den Stuhl seines Kollegen warten. - -Etwa fünfzehn Minuten blieb ich draußen und kam dann wieder zurück, -in der Hoffnung, es werde mir besser glücken. Natürlich waren jetzt -alle Stühle besetzt und vier Männer warteten schweigend, ungesellig, -zerstreut und mit gelangweilten Mienen, wie das immer der Fall ist, -wenn Leute in einer Barbierstube darauf passen, daß die Reihe an sie -kommt. - -Ich ließ mich auf einem steinharten alten Sofa nieder und vertrieb mir -eine Weile die Zeit damit, die eingerahmten Anzeigen verschiedener -Quacksalber zu lesen, die ihre Haarfärbemittel anpriesen. Dann las ich -die fettigen Namen auf den Branntweinflaschen, welche einzelnen Kunden -angehörten, und las auch die Namen und Zahlen auf den Barbierbecken, -die als Privateigentum in den offenen Fächern des Schrankes standen, -studierte die beschmutzten und schadhaften wohlfeilen Bilder an -den Wänden, welche Schlachten darstellten, ehemalige Präsidenten, -wollüstig zurückgelehnte Sultaninnen und das langweilige, ewig -wiederkehrende Mädchen, das des Großvaters Brille aufsetzt. Auch -verfluchte ich in meinem Herzen den lustigen Kanarienvogel und den -unausstehlichen Papagei, die selten in einer Barbierstube fehlen. -Zuletzt suchte ich mir aus den vorjährigen illustrierten Zeitungen, -welche auf dem schmutzigen Mitteltisch herumlagen, die am wenigsten -zerlesene heraus und starrte die unerhört falschen Abbildungen alter, -vergessener Ereignisse an, die sie enthielt. - -Endlich kam ich an die Reihe. Eine Stimme rief: »Der nächste!« und -ich geriet natürlich in die Hände von -- Nr. 2. So geht es immer. Ich -äußerte schüchtern, daß ich Eile habe, was ihm einen gerade so tiefen -Eindruck machte, als hätte er es nicht gehört. Er schob mir nun den -Kopf in die Höhe und legte mir eine Serviette unters Kinn. Er fuhr mir -mit den Fingern in den Halskragen und stopfte ein Handtuch hinein. Er -grub seine Klauen in mein Haar und sagte, es müsse beschnitten werden. -Ich erwiderte, ich wolle es nicht schneiden lassen. Nun wühlte er -wieder darin und meinte, es sei für die jetzige Mode ziemlich lang, -besonders hinten; es müsse durchaus unter die Schere. Ich sagte, es -wäre erst vor einer Woche geschnitten worden. Darauf sann er einen -Augenblick gedankenvoll nach und fragte dann mit verächtlicher Miene, -wer es besorgt habe. »Sie!« antwortete ich schnell. Da war er in der -Falle. - -Nun fing er an den Seifenschaum zu rühren und sich dabei im Spiegel zu -besehen; von Zeit zu Zeit hielt er inne und trat näher herzu, um sein -Kinn in Augenschein zu nehmen und einen kleinen Pickel zu besichtigen. -Dann seifte er mir eine Seite des Gesichts gründlich ein und wollte -eben die andere in Angriff nehmen, als zwei sich beißende Hunde seine -Aufmerksamkeit fesselten. Er lief ans Fenster, blieb da stehen bis -der Kampf vorbei war und verlor beim Wetten über den Ausgang zwei -Schillinge an die andern Barbiergehilfen, was mir große Befriedigung -gewährte. Nun strich er mir die Seife vollends mit dem Pinsel auf und -begann sie mit der Hand einzureiben. - -[Illustration] - -Dann schärfte er sein Rasiermesser auf einem alten Hosenträger, wobei -ihn ein lebhaftes Gespräch über den öffentlichen Maskenball sehr -aufhielt, bei dem er am Abend zuvor in rotem Kattun und falschem -Hermelin eine Art König dargestellt hatte. Daß seine Kameraden ihn mit -einem Dämchen aufzogen, welches er durch seine Reize erobert haben -sollte, schmeichelte ihm sehr und er trachtete die Unterhaltung auf -jede Weise fortzusetzen, indem er sich stellte, als ärgere ihn die -Neckerei. Dies trieb ihn auch zu einer abermaligen genauen Betrachtung -seiner Person im Spiegel; er legte das Rasiermesser hin, bürstete sich -das Haar mit großer Umständlichkeit, klebte sich eine kühne Locke vorn -im Bogen auf die Stirn, machte sich hinten einen wundervollen Scheitel -und strich sich beide Seitenflügel mit genauester Sorgfalt über die -Ohren. Inzwischen trocknete mir der Seifenschaum im Gesicht und zehrte -mir förmlich am Leben. - -Nunmehr begann er mich zu rasieren. Er drückte mir mit den Fingern im -Gesicht herum, um die Haut auszudehnen, und warf meinen Kopf hin und -her, wie es ihm beim Barbieren bequem war. Solange er nur die weniger -empfindlichen Stellen berührte, litt ich keine Schmerzen, als er aber -an meinem Kinn herum zu kratzen, zu scharren und zu schaben anfing, kam -mir das Wasser in die Augen. Nun brauchte er meine Nase als Anfasser, -um die Winkel meiner Oberlippe besser rasieren zu können. Bei diesem -Anlaß machte ich die Entdeckung, daß es zu seinen Obliegenheiten im -Laden gehörte, die Petroleumlampen zu reinigen. Ich hatte mich oft -schon aus Langeweile gefragt, ob das wohl der Geschäftsinhaber selber -besorge, oder die Barbiergehilfen. - -Indessen vergnügte ich mich damit, mir auszudenken, wo er mich heute -wohl schneiden werde; ich hatte es jedoch hierüber noch zu keiner -Entscheidung gebracht, als er mir zuvorkam und mir das Kinn aufritzte. -Sogleich begann er sein Messer zu schärfen -- das hätte er vorher thun -sollen. Ich mag nicht zu dicht an der Haut rasiert sein, daher wollte -ich ihn nicht zum zweitenmal an mich kommen lassen und versuchte ihn -zu überreden, das Rasiermesser fortzulegen, aus Angst, er möchte an -die Seite meines Kinns geraten, wo meine allerempfindlichste Stelle -ist, die kein Messer zum zweitenmal berühren darf ohne Schaden -anzurichten. Er sagte, er müsse nur noch einige Rauhheiten glätten, -aber ehe ich mich's versah, fuhr er schon über den verbotenen Grund -und Boden hin und das gefürchtete Brennen und Prickeln meiner Haut -begann sich, wie gerufen, bemerklich zu machen. Nun tauchte er das -Handtuch in Lorbeerbranntwein und klatschte mir damit ins Gesicht, -bald hier bald da -- ein widerliches Gefühl! Hat sich wohl je ein -menschliches Wesen auf solche Weise gewaschen? Dann nahm er das -trockene Ende des Handtuchs und schlug mir auch dieses ins Gesicht, -als ob ein Menschenkind sich jemals so abtrocknete! Aber ein Barbier -reibt einen nur selten ordentlich ab wie ein Christenmensch. Dann goß -er mir Branntwein auf die wunde Stelle, verklebte sie mit Stärkemehl, -feuchtete sie wieder mit Branntwein an und würde gewiß in alle Ewigkeit -mit Kleben und Anfeuchten fortgefahren haben, wenn ich mich nicht -dagegen aufgelehnt und ihn ersucht hätte, es bleiben zu lassen. - -Er puderte mir nun das ganze Gesicht ein, richtete mich in die Höhe, -wühlte nachdenklich mit den Händen in meinem Haar und schlug vor, -mir die Kopfhaut gründlich zu waschen, das sei ganz notwendig, ganz -notwendig! Ich entgegnete, daß ich mir erst gestern im Bade das Haar -tüchtig gereinigt hätte. Da war er wieder in der Falle. - -Hierauf empfahl er mir ›Smiths Haarverschönerungstinktur‹ und bot mir -eine Flasche zum Kauf an. Das schlug ich aus. Nun pries er mir ›Jones' -Wonne des Toilettentisches‹ und wollte mir von diesem neuen Wohlgeruch -ein Gläschen verkaufen. Aber ich ging nicht darauf ein. Er drang -endlich in mich, ein gräßliches Mundwasser seiner eigenen Erfindung -mitzunehmen. - -Nachdem auch dieser letzte Versuch fehlgeschlagen war, ging er wieder -an sein Geschäft, bestreute mich über und über mit Puder, mit Einschluß -der Beine, fettete mir die Haare ein, obgleich ich Einsprache dagegen -erhob, zog und riß mir dabei eine Menge mit der Wurzel aus, kämmte -und bürstete dann den Rest, teilte mir hinten einen Scheitel ab und -klebte mir die unvermeidliche, bogenförmige Haarlocke auf die Stirn. -Während er mir dann meine dünnen Augenbrauen auskämmte und mit Pomade -beschmierte, erging er sich über die Leistungen eines ihm gehörigen -schwarz und braun gefleckten Dachshundes bis ich das Pfeifen des -Mittagszuges hörte und wußte, daß ich zu demselben fünf Minuten zu -spät kommen würde. Nun nahm er mir das Handtuch ab, wischte mir damit -noch einmal über das Gesicht, fuhr mir wieder mit dem Kamm durch die -Augenbrauen und rief munter: »Der nächste!« - - - - -Wie ein Schnupfen kuriert wird. - - -Es ist zwar etwas Gutes für die Unterhaltung des Publikums zu -schreiben, aber etwas noch weit Höheres und Edleres ist es, wenn man -zur Belehrung, zum Nutzen, zum wahren Wohl seiner Mitmenschen schreibt --- und das ist der einzige Zweck der folgenden Abhandlung. Wenn es mir -gelänge, dadurch auch nur _einem_ Leidenden wieder zur Gesundheit zu -verhelfen, das Feuer der Hoffnung und Freude in seinem matten Blick -aufs neue zu entzünden und seinem erstorbenen Herzen den raschen, -fröhlichen Pulsschlag vergangener Tage zurückzugeben, so wäre mir alle -Mühe reichlich vergolten und jene heilige Wonne würde meine Seele -durchströmen, welche der Christ fühlt, wenn er eine gute, selbstlose -That vollbracht hat. - -Da ich stets ein untadeliges Leben geführt habe, bin ich berechtigt -zu glauben, daß niemand, der mich kennt, aus Furcht, ich hätte die -Absicht ihn zu täuschen, meine Ratschläge zurückweisen wird. Möge das -Publikum sich die Ehre anthun, meine hier niedergelegten Erfahrungen -bei Behandlung eines Schnupfens zu lesen -- und dann meinem Beispiel -folgen. - -Als das weiße Haus in Virginia-City abbrannte, verlor ich meine -Häuslichkeit, meine Behaglichkeit, meine Gesundheit und meinen -Koffer. Der Verlust der beiden erstgenannten Artikel war leicht zu -verschmerzen; denn eine Häuslichkeit ohne eine Mutter, eine Schwester -oder eine entfernte junge Verwandte, welche uns die schmutzige Wäsche -wegräumt, unsere Stiefel vom Kaminsims herunternimmt und uns so daran -erinnert, daß jemand an uns denkt und für uns sorgt, ist nicht schwer -zu finden. Und was meine Behaglichkeit betrifft, so war ich kein -Dichter und brauchte der Schwermut über ihren Verlust nicht lange -nachzuhängen. Aber eine gute Gesundheit zu verlieren und einen noch -besseren Koffer, das waren ernstliche Unglücksfälle. Am Tage der -Feuersbrunst zog ich mir nämlich infolge der übergroßen Anstrengung, -mit welcher ich mich anschickte etwas zu thun, eine starke Erkältung zu. - -Als ich das erstemal zu niesen begann, riet mir ein Freund ein warmes -Fußbad zu nehmen und dann zu Bette zu gehen. Das that ich. Gleich -darauf meinte ein zweiter, ich solle aufstehen und ein kaltes Sturzbad -nehmen. Eine Stunde später versicherte mir ein dritter, man müsse einen -›Schnupfen füttern und ein Fieber aushungern.‹ Ich litt an beiden und -hielt es daher für das beste, mich des Schnupfens wegen voll und satt -zu essen, dann Hausarrest zu nehmen und das Fieber eine Weile hungern -zu lassen. - -Bei halben Maßregeln lasse ich es in solchem Falle nie bewenden. Ich -aß also nach Herzenslust und wendete meine Kundschaft einem Fremden -zu, der an jenem Morgen gerade sein Speisehaus eröffnet hatte. Er -stand in ehrerbietigem Schweigen dabei, bis ich meinen Schnupfen genug -gefüttert hatte und fragte dann, ob die Leute in Virginia-City häufig -vom Schnupfen befallen würden. Als ich erwiderte das könne wohl möglich -sein, ging er hinaus und nahm sein Wirtshausschild ab. - -Ich begab mich nun nach dem Bureau und begegnete unterwegs abermals -einem vertrauten Freunde, der mir sagte, daß es auf der Welt nichts -Wirksameres gäbe, um sich vom Schnupfen zu kurieren, als wenn man ein -Quart warmes Salzwasser tränke. Ich zweifelte stark, daß ich noch -Platz dafür haben könne, aber versuchen wollte ich es jedenfalls. Der -Erfolg war überraschend. Mir war als hätte ich meine unsterbliche Seele -von mir gegeben. - -Da ich meine Erfahrungen nur zum Nutzen derjenigen niederschreibe, -welche von demselben Uebel befallen sind wie ich, halte ich es für -angemessen, sie vor den Mitteln zu warnen, die sich bei mir als -unwirksam erwiesen haben. Aus vollster Ueberzeugung muß ich ihnen -daher raten, sich vor warmem Salzwasser zu hüten. Wenn ich wieder den -Schnupfen hätte und mir nur die Wahl bliebe, meine Zuflucht zu einem -Erdbeben oder einem Quart Salzwasser zu nehmen, so würde ich mein Heil -mit dem Erdbeben versuchen. - -[Illustration] - -Nachdem der Sturm, der in meinem Innern wütete, sich etwas gelegt hatte -und da zufällig kein guter Samariter mehr bei der Hand war, borgte -ich mir wieder Taschentücher und zerschneuzte sie zu Atomen, wie ich -es in den ersten Stadien meines Schnupfens gethan hatte. Dies trieb -ich solange, bis ich einer Dame begegnete, die eben von jenseits der -Prairie herkam. Sie hatte in einer Gegend gelebt, wo Mangel an Aerzten -war, und sagte, die Not habe sie gelehrt, einfache Alltagskrankheiten -mit vielem Geschick zu behandeln. Ich war überzeugt, daß sie eine -lange Erfahrung hinter sich haben müsse, denn sie sah aus, als sei sie -hundertfünfzig Jahre alt. - -Sie mischte einen Trank aus Sirup, Scheidewasser, Terpentin -und allerlei Kräutern zusammen und gab mir die Anweisung, alle -Viertelstunden ein Weinglas voll davon zu nehmen. Ich ließ es -jedoch bei der ersten Dosis bewenden; sie reichte hin, um mich aller -moralischen Grundsätze zu berauben und die unwürdigsten Triebe in mir -wach zu rufen. Unter ihrem bösartigen Einfluß wälzte ich in meinem Hirn -die ungeheuerlichsten und niederträchtigsten Pläne und Entwürfe, aber -meine Hand war damals zu schwach, sie auszuführen. Hätten nicht die -unfehlbaren Heilmittel für den Schnupfen durch wiederholte Angriffe -meine Kräfte völlig erschöpft, ich wäre wahrlich imstande gewesen auf -Leichenraub auszugehen. - -Wie die meisten andern Leute habe ich zuweilen gemeine Regungen und -handle darnach; aber bis zu einem solchen Grade von unmenschlicher -Ruchlosigkeit hatte ich es noch nie gebracht, bevor ich jene Arzenei -einnahm, und obendrein war ich noch stolz darauf. Nach Verlauf von zwei -Tagen war ich wieder soweit, aufs neue an mir herumdoktern zu können. -Ich wandte noch mehrere untrügliche Mittel an und trieb mir schließlich -die Erkältung aus dem Kopf in die Lunge. - -Nun bekam ich fortwährend Hustenanfälle und meine Stimme sank unter -den Nullpunkt. Ich sprach mit den Leuten in einem grollenden Baß, zwei -Oktaven unter meinem gewöhnlichen Tonfall. Eine regelmäßige Nachtruhe -konnte ich nur dadurch erlangen, daß ich mich in einen Zustand -gänzlicher Erschöpfung hineinhustete; sobald ich aber im Schlaf zu -sprechen anfing, weckte mich der Mißlaut meiner Stimme wieder auf. - -Mein Fall verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Man empfahl mir -Wacholderschnaps. Den trank ich. Dann Schnaps mit Sirup. Ich trank auch -den. Ferner Schnaps mit Zwiebeln. Die that ich dazu und schluckte alle -drei zusammen, jedoch ohne besonderes Ergebnis. - -Ich sah mich jetzt genötigt meiner Gesundheit durch Luftveränderung -wieder aufzuhelfen und reiste mit meinem Kollegen, dem Zeitungsreporter -Wilson, nach dem Bigler-See. Nicht ohne eine gewisse Befriedigung -denke ich daran, daß wir auf ganz vornehme Weise reisten, wir benutzten -nämlich die Pionierpost und mein Freund nahm sein ganzes Gepäck mit, -welches aus zwei prachtvollen seidenen Halstüchern und dem Daguerrebild -seiner Großmutter bestand. Dort machten wir den Tag über Segelfahrten, -gingen auf die Jagd, auf den Fischfang und zum Tanz und die Nacht -hindurch kurierte ich meine Erkältung. Durch diese Einrichtung gelang -es mir, jede von den vierundzwanzig Stunden nutzbringend zu verwenden. -Aber mein Uebel wurde nur immer schlimmer. - -Man riet mir nun zu einer nassen Wickelung. Bisher hatte ich kein -einziges Heilmittel zurückgewiesen und es schien Thorheit, jetzt -noch damit anzufangen. So beschloß ich denn die Wickelung zu -versuchen, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das eigentlich für -eine Veranstaltung sei. Sie wurde um Mitternacht vorgenommen und das -Wasser war brennend kalt. Ein Leintuch, das mindestens tausend Meter -lang zu sein schien, wurde in Eiswasser getaucht und mir um Brust und -Rücken gewickelt, bis ich aussah wie der Wischer für eine der neuen -Riesenkanonen. - -Es ist ein grausames Verfahren. Wenn der kalte Lappen das warme Fleisch -berührt, fährt man vor Schrecken zusammen und schnappt nach Atem wie -ein Mensch in der Todesnot. Mir erfror das Mark in den Knochen und mein -Herzschlag schien stillzustehen. Ich glaubte mein letztes Stündlein sei -gekommen. - -Ich warne hiermit jedermann vor kalten Wickelungen. Es giebt nichts -Unbehaglicheres in der Welt -- außer vielleicht, einer Dame unserer -Bekanntschaft zu begegnen, die aus Gründen, die sie selbst am besten -weiß, über uns hinweg sieht, oder, wenn sie uns wirklich ansieht, uns -nicht kennt. - -Aber, was ich noch sagen wollte, -- als mein Schnupfen nach der -Wickelung nicht kuriert war, empfahl mir eine befreundete Dame ein -Senfpflaster auf die Brust zu legen. Das hätte mich, glaube ich, -auch wirklich geheilt, wäre der junge Wilson nicht gewesen. Beim -Zubettegehen legte ich mir das Senfpflaster, das ganz großartig war -- -es maß achtzehn Zoll im Viereck -- bequem zur Hand, wo ich es erreichen -konnte. Aber Wilson bekam in der Nacht Hunger und -- den Rest kann sich -der Leser selber denken. - -Nach einem achttägigen Aufenthalt am Bigler-See ging ich nach -Steamboat-Springs, wo ich Dampfbäder nahm und noch eine Masse der -erbärmlichsten Arzneien zu schlucken bekam, die je zusammengebraut -worden sind. Sie würden mich ganz hergestellt haben, aber ich -mußte nach Virginia-City zurückkehren, wo ich es trotz der -verschiedenartigsten Heilmittel, die ich jeden Tag verschlang, möglich -machte, meine Krankheit durch Vernachlässigung und Ausgehen bei kalter -Witterung sehr zu verschlimmern. - -Endlich beschloß ich nach San Francisco zu reisen. Am ersten Tag nach -meiner Ankunft daselbst sagte mir eine Dame im Gasthaus, ich solle alle -vierundzwanzig Stunden ein Quart Whisky trinken und ein Freund, der in -der Stadt wohnte, gab mir denselben Rat. Das machte also zusammen zwei -Quart oder eine halbe Gallone. Soviel trank ich und bin noch am Leben. - - * * * * * - -In obigem habe ich mit der allerbesten Absicht von der Welt das -mannigfaltige Heilverfahren geschildert, welches ich kürzlich zur Kur -meines Schnupfens durchzumachen hatte. Ich empfehle es besonders allen, -die an der Schwindsucht leiden. Wenn sie einen Versuch damit anstellen -und nicht gesund werden, so kann es sie höchstens umbringen. - - - - -Kinderkrankheiten. - - Diese Geschichte hat Herr Mc Williams, ein freundlicher Herr - aus New York, dem Verfasser erzählt, der ihn zufällig auf einer - Reise traf. - - -[Illustration] - -Sie können sich kaum vorstellen, Herr Mark Twain, wie schrecklich die -unheilbare Krankheit, welche man die häutige Bräune nennt, in unserer -Stadt gewütet hat. Ebenso schlimm als die Krankheit selbst war der -Umstand, daß alle Mütter vor Angst und Schrecken fast den Verstand -verloren. Hören Sie zu, was ich mit meiner Frau während jener Zeit -erlebte. Eines Mittags kam ich nach Hause und machte meine Frau auf die -kleine Penelope aufmerksam, indem ich bemerkte: - -»Mein Herz, ich würde an deiner Stelle nicht erlauben, daß das Kind an -dem Kienspan kaut.« - -»Was in aller Welt soll denn das schaden?« entgegnete sie, schickte -sich aber zugleich an, den Span fortzunehmen; -- ohne weitläufige -Erörterung können Frauenzimmer nun einmal nicht den geringsten Rat -befolgen, wenn dessen Weisheit auch noch so sehr auf der Hand liegt; d. -h. _verheiratete_ Frauen. - -Ich erwiderte: »Herzchen, man weiß, daß keine Holzart so wenig Nährwert -für ein Kind besitzt wie Tannenholz.« - -Meine Frau zog die Hand zurück, mit der sie den Span ergreifen wollte -und legte sie wieder in den Schoß. - -»Du bist im Irrtum,« sagte sie merklich erregt; »alle Aerzte -versichern, daß das Terpentin im Tannenholz für ein schwaches Rückgrat -und für die Nieren sehr gut ist.« - -»Ah so -- ich bitte um Entschuldigung. Ich habe nicht gewußt, daß unser -Kind an Rückenschwäche und an den Nieren leidet und daß der Hausarzt -verordnet hat --« - -»Das Kind denkt gar nicht daran, an dergleichen zu leiden -- wie kommst -du darauf?« - -»Aber liebe Frau, du hast doch angedeutet --« - -»Bewahre, so etwas ist mir nicht eingefallen.« - -»Es ist ja kaum zwei Minuten her, mein Herz, daß du sagtest --« - -»Dummes Zeug! Ich mag gesagt haben was ich will -- jedenfalls ist es -kein Unglück, daß die Kleine an einem Stück Holz kaut, wenn sie Lust -dazu hat; ich dächte, du könntest das auch einsehen. Ich verwehre es -ihr nicht und damit ist's gut!« - -»Ereifere dich nicht, mein Kind; ich sehe schon ein, daß du recht hast -und werde gleich ausgehen, um ein paar Klafter vom besten Tannenholz zu -bestellen. Solange _ich_ lebe, soll mein Kind -- --« - -»O bitte, geh in dein Geschäft und laß mich einen Augenblick in Ruhe. -Man kann auch nicht die geringste Bemerkung machen, du mußt darüber -streiten, streiten, streiten, bis du nicht mehr weißt, wovon du -sprichst -- wie immer.« - -»Nun gut, du sollst deinen Willen haben. Aber in deiner letzten -Bemerkung war ein Mangel an Logik, der -- --« - -Ehe ich jedoch ausgeredet hatte, war sie zur Thüre hinausgesegelt und -hatte das Kind mitgenommen. - - * * * * * - -Als ich am Abend desselben Tages zu Tische nach Hause kam, trat sie mir -mit kreideweißem Gesicht entgegen. - -»O Mortimer, ein neuer Fall! Der kleine George vom Nachbar Gordon ist -krank!« - -»Häutige Bräune?« - -»Häutige Bräune!« - -»Hat der Arzt noch Hoffnung?« - -»Nicht die geringste! O, was soll aus uns werden!« - -Kurz darauf brachte eine Wärterin die kleine Penelope herein, um uns -gute Nacht zu sagen und das übliche Abendgebet auf der Mutter Schoß zu -sprechen. Aber mitten in: »Jetzt leg' ich mich zu süßer Ruh,« hustete -sie ein wenig. Meine Frau fuhr zurück als hätte sie der Schlag gerührt. -Doch schon im nächsten Augenblick war sie auf den Füßen, der Schrecken -spornte sie zu fieberhafter Thätigkeit. - -Sie befahl, das Bett des Kindes aus der Kinderstube in unser -Schlafzimmer zu bringen, und ging selbst mit, um die Ausführung des -Befehls zu beaufsichtigen. Natürlich mußte ich auch dabei sein, und wir -brachten die Sache schnell in Ordnung. Für die Kinderfrau wurde ein -Bett in dem Ankleidezimmer meiner Frau aufgeschlagen. Nun fiel ihr aber -ein, daß wir zu weit von dem andern Kind entfernt seien, und wenn sich -in der Nacht bei ihm Symptome zeigen sollten -- mein armes Frauchen -wurde wieder leichenblaß. - -Darauf schafften wir das Kinderbett und die Kinderfrau wieder in die -Kinderstube und schlugen für uns beide ein Bett im Nebenzimmer auf. -Plötzlich bekam meine Frau jedoch Angst, Penelope könne den Kleinen -anstecken. Dieser Gedanke jagte ihr ein solches Entsetzen ein, daß -ihre ganze Hilfsmannschaft das Bettchen nicht schnell genug wieder -hinaustragen konnte. Meine Frau half in eigener Person und riß es -beinahe in Stücke in ihrer verzweifelten Hast. - -Wir zogen in den unteren Stock, aber da war nicht Platz genug, die -Kinderfrau unterzubringen, und meine Frau meinte, ihre Erfahrung -würde eine unschätzbare Hilfe sein. So kehrten wir denn mit Sack und -Pack wieder in unser eigenes Schlafzimmer zurück und fühlten uns so -glücklich, wie ein Paar vom Sturm verschlagene Vögel, die ihr warmes -Nestchen wiederfinden. - -Meine Frau eilte jetzt in die Kinderstube, um zu sehen, wie es dort -stände. Im Nu war sie aber wieder da, von neuer Furcht ergriffen. - -»Wie kann es nur kommen, daß der Kleine so fest schläft?« - -»Aber mein Herz,« sagte ich, »der Kleine schläft ja immer so fest, daß -er aussieht wie ein Bild.« - -»Ich weiß, ich weiß; aber heute hat sein Schlaf etwas Unnatürliches. Er -scheint -- er scheint so regelmäßig zu atmen.« - -»Aber, liebes Kind, er atmet immer regelmäßig.« - -»O, das weiß ich; aber heute macht es einen schrecklichen Eindruck. -Seine Wärterin ist viel zu jung und unerfahren, Marie soll bei ihr -bleiben, damit sie bei der Hand ist, wenn etwas passiert.« - -»Das ist ein guter Gedanke; aber, wer wird _dir_ helfen?« - -»_Du_ kannst mir alle Hilfe leisten, die ich brauche. Ich werde mich ja -so wie so in dieser schrecklichen Zeit auf keinen Menschen verlassen, -sondern alles selbst thun.« - -Ich erwiderte, daß ich mich selbst verachten würde, wenn ich zu Bette -gehen und schlafen wollte, während sie wachte und sich um unsere Kranke -mühte, die lange, bange Nacht. Doch endlich ließ ich mich überreden. So -begab sich also die alte Marie wieder zurück auf ihren Posten in der -Kinderstube. - -Penelope hustete ein- oder zweimal im Schlaf. - -»Warum nur dieser Doktor nicht kommt. -- Mortimer, es ist gewiß zu -warm im Zimmer. Mache den Schieber zu -- schnell!« - -Ich schloß die Luftheizung ab, sah nach dem Thermometer und fragte -mich, ob denn 14° wirklich zu warm sei für ein krankes Kind. - -Der Kutscher kam jetzt aus der Stadt mit der Nachricht, daß unser -Hausarzt krank zu Bette liege. Meine Frau warf mir einen erlöschenden -Blick zu und sagte mit sterbender Stimme: - -»Es ist der Wille der Vorsehung. So war es vorher bestimmt. -- Noch nie -ist er krank gewesen, _nie_! Wir haben nicht so gelebt wie wir sollten, -Mortimer. Immer und immer wieder habe ich es dir gesagt. Nun siehst du, -wohin es führt. Danke Gott, wenn du es dir _je_ verzeihen kannst -- ich -kann es mir nicht vergeben.« - -Ich sagte, ohne die Worte genau zu wählen, aber durchaus nicht in -der Absicht, sie zu kränken, es sei mir nicht bewußt, daß wir ein so -gottloses Leben geführt hätten. - -»Mortimer -- willst du das Gericht Gottes auch über der Kleinen -heraufbeschwören?« - -Sie brach in Thränen aus -- aber plötzlich rief sie: - -»Der Doktor muß doch Arzenei geschickt haben!« - -»Gewiß,« versetzte ich, »hier ist sie. Ich habe nur auf den passenden -Moment gewartet, es dir zu sagen.« - -»So gieb sie doch her; weißt du nicht, daß jetzt jeder Augenblick -kostbar ist! Aber ach, wozu schickt er überhaupt Arzenei, wenn er doch -weiß, daß alles vergebens ist.« - -Ich sagte, wo noch Leben wäre, sei auch noch Hoffnung. - -»Hoffnung! -- Mortimer, du weißt so wenig was du sprichst, wie ein -neugeborenes Kind. Wenn du nur -- Welcher Unsinn -- die Anweisung sagt: -alle Stunde einen Theelöffel! Einmal stündlich -- als ob wir ein ganzes -Jahr vor uns hätten, um das Kind zu retten! Mortimer, schnell, gieb -dem armen verschmachtenden Würmchen einen Eßlöffel voll; nur diesmal -beeile dich!« - -»Aber, mein Herz, ein Eßlöffel voll könnte --« - -»Mache mich nicht toll! ... Hier, mein Engelchen, mein süßes, nimm das -häßliche bittere Zeug; es ist gut für Nelly, für Mamas süßen, kleinen -Liebling und soll sie gesund machen. Da, da, da, lege dein Köpfchen an -Mütterchens Brust und schlaf' ein, damit du bald -- -- o, ich weiß, sie -wird den Morgen nicht erleben! -- Mortimer, einen Eßlöffel alle halbe -Stunde! Aber das Kind sollte auch Belladonna nehmen und Acconit. Hole -die Fläschchen, Mortimer. Bitte, thue was ich sage; du verstehst ja -doch nichts davon.« - -Wir stellten nun das Bett des Kindes dicht an das Kopfende meiner Frau -und legten uns nieder. Das viele Durcheinander hatte mich schrecklich -müde gemacht, und in zwei Minuten war ich halb eingeschlafen. - -Meine Frau weckte mich. - -»Männchen, ist die Luftheizung offen?« - -»Ich glaube nicht.« - -»Das habe ich mir gedacht. Bitte mache den Schieber gleich auf; das -Zimmer ist kalt.« - -Ich schob ihn auf und schlief wieder ein: da wurde ich nochmals geweckt. - -»Bester Mann, du könntest doch so gut sein, das Bettchen an deine Seite -zu stellen, es ist näher an der Heizung.« - -Ich stellte das Bett an _meine_ Seite, verwickelte mich aber in den -Bettteppich und weckte das Kind. Wieder verfiel ich in Schlaf, während -meine Frau die kleine Kranke beruhigte. Aber nicht lange, so kamen wie -aus weiter Ferne durch den Nebel meiner Schlaftrunkenheit die Worte an -mein Ohr: - -»Mortimer, wenn wir nur etwas Gänsefett hätten -- bitte, willst du -klingeln.« - -Ich kletterte im Halbschlaf heraus und trat auf die Katze, welche mit -einem lauten Protest antwortete; ich wollte ihr dafür einen Fußtritt -verabreichen, aber der Stuhl bekam ihn statt der Katze. - -»Mortimer, was fällt dir ein? Warum drehst du den Gashahn auf? Willst -du das Kind zum zweitenmal wecken?« - -»Ich will sehen, ob ich mir Schaden gethan habe, Evangeline.« - -»Dann sieh nur auch den Stuhl an; ich bin überzeugt, er ist in Stücken. -Die arme Katze; wenn du nun -- --« - -»Die Katze ist mir völlig gleichgültig. Das alles wäre nicht geschehen, -wenn du Marie hier behalten hättest, um diese Pflichten zu übernehmen, -die sie angehen, und nicht mich.« - -»Du solltest dich schämen, Mortimer, eine solche Bemerkung zu machen. -Wahrhaftig, wenn du die Kleinigkeiten, um die ich dich bitte, nicht -einmal besorgen willst -- da doch unser Kind -- --« - -»Schon gut, ich will ja alles thun. Aber kein Mensch hört auf mein -Läuten. Sie sind wahrscheinlich alle zu Bett gegangen. -- Wo steht das -Gänsefett?« - -»Auf dem Kamin im Kinderzimmer. Wenn du hingehen willst und mit Marie -sprechen -- --« - -Ich holte das Gänsefett und schlief wieder ein. Abermals wurde ich -gerufen: »Mortimer, es ist mir schrecklich, dich zu stören, aber das -Zimmer ist immer noch zu kalt, wenn ich die Einreibung machen soll. -Könntest du nicht das Feuer anzünden? Es ist alles zurechtgelegt, du -brauchst nur ein Schwefelhölzchen hineinzustecken.« - -Ich kroch aus dem Bett, machte das Feuer an, und setzte mich als -Jammergestalt daneben. - -»Mortimer, du erkältest dich zu Tode, wenn du da sitzen bleibst. Komm' -zu Bett!« - -Ich wollte hineinsteigen, da sagte sie: - -»Nur einen Augenblick! Bitte, gieb dem Kinde noch etwas Arzenei.« -- -Das that ich, und meine Frau benutzte die Gelegenheit, da die Kleine -doch einmal wach war, sie auszuziehen und über und über mit dem -Gänsefett einzuschmieren. Bald schlief ich von neuem -- aber nicht -lange. - -[Illustration] - -»Mortimer, es zieht irgendwo; ich fühle es ganz deutlich. Nichts ist -verhängnisvoller bei solcher Krankheit als Zugwind. Bitte, stelle das -Kinderbett näher ans Feuer.« Das that ich und wickelte mich wieder in -den Bettteppich, den ich dabei ins Feuer warf. Meine Frau sprang aus -dem Bett und rettete ihn, wobei wir etwas aneinander gerieten. Nun -folgte wieder eine kleine Schlafpause, bis mir befohlen wurde, einen -Umschlag von Leinsamen zu machen. Dieser wurde dem Kinde auf die Brust -gelegt, um dort seine heilende Wirkung zu üben. - -Ein Holzfeuer hat nicht lange Bestand. Alle zwanzig Minuten stand ich -auf, um das unsrige anzufachen und Holz nachzulegen; dadurch verkürzten -sich auch die Zwischenräume beim Eingeben der Arzenei um zehn Minuten, -was meiner Frau eine große Erleichterung war. Dazwischen erneuerte ich -die Umschläge und legte einen Senfteig oder andere Zugpflaster überall -da auf, wo noch eine freie Stelle an dem Kinde zu finden war. Endlich, -gegen Morgen, war das Holz verbraucht, und meine Frau meinte, ich solle -in den Keller gehen, um welches zu holen. - -»Das ist eine schwere Arbeit, liebes Kind,« bemerkte ich. »Der Kleinen -ist gewiß warm genug bei ihren vielen Umhüllungen. Wir können ihr ja -auch noch eine Lage Brei auflegen und --« - -Ich kam nicht zu Ende, denn ich wurde unterbrochen. Eine Weile -schleppte ich Holz herauf und kroch dann wieder in mein Bett. Bald -schnarchte ich, wie nur ein Mensch schnarchen kann, der völlig -abgemattet ist an Körper und Geist. Bei Tagesanbruch fühlte ich ein -Rütteln an meiner Schulter, was mich schnell zur Besinnung brachte. -Meine Frau stand mit stierem Blick vor mir und rang nach Luft. Sobald -sie sprechen konnte, sagte sie: - -»Es ist alles aus -- alles aus! -- Das Kind schwitzt. Was fangen wir -an?« - -»Mein Gott, wie du mich erschreckt hast! Ich weiß nicht, was ich dir -raten soll. Vielleicht wenn wir alles abkratzten und Penelope wieder in -den Zug brächten --« - -»Welcher Blödsinn! -- Jetzt ist kein Augenblick zu verlieren! Hole -den Doktor, schnell! Du mußt _selbst_ gehen. Bringe ihn her, tot oder -lebendig.« - -Ich zerrte den armen kranken Mann aus dem Bett und brachte ihn zu uns. -Er sah das Kind an und sagte, es läge nicht im Sterben. Das war mir -eine unaussprechliche Freude, aber meine Frau wurde so böse, als habe -er sie persönlich beleidigt. Dann meinte er, der Husten des Kindes wäre -nur durch einen kleinen Reiz in der Kehle verursacht. Wie er das sagte, -fürchtete ich fast, meine Frau würde ihm die Thüre weisen. Der Doktor -wollte die Kleine nun stärker zum Husten bringen, um die Störung zu -beseitigen. Er gab ihr etwas ein, sie hustete heftig, und heraus kam, --- ein kleiner Holzsplitter. - -»Das Kind hat keine Bräune,« sagte der Arzt. »Es hat an einem Stück -Tannenholz gekaut, und ein paar kleine Splitter in den Hals bekommen. -Die werden ihm nichts schaden.« - -»Nein,« sagte ich, »das glaube ich auch. Das Terpentin darin ist sogar -sehr gut für einige Krankheiten, die bei Kindern vorkommen. Meine Frau -kann Ihnen das sagen.« - -Aber das that sie nicht. Sie wendete sich empört von uns ab und verließ -das Zimmer. Seit der Zeit ist in unserm ehelichen Leben _eine_ Episode, -die wir nie erwähnen. Im übrigen fließt der Strom unserer Tage in -ungetrübter Heiterkeit dahin. - - Sehr wenig Ehemänner haben ähnliche Erfahrungen gemacht, wie - Herr Mc Williams; deshalb dachte der Verfasser dieses Buches, - die Sache würde durch ihre Neuheit vielleicht in den Augen des - Lesers ein flüchtiges Interesse erhalten. - - - - -Frau Mc Williams beim Gewitter. - - -Ja, fuhr Herr Mc Williams fort, -- dies war nämlich nicht der Anfang -seiner Rede -- die Furcht vor dem Gewitter ist eine der qualvollsten -Schwächen, von denen ein menschliches Wesen heimgesucht werden kann. -Sie ist meistens auf Frauen beschränkt, hie und da findet sie sich -jedoch auch bei einem kleinen Hunde und manchmal auch bei einem Manne. -Es ist eine ganz besonders traurige Schwäche, indem sie einem Menschen -den Verstand in höherem Grade raubt als irgend eine andere Furcht, da -sie sich weder durch Vernunftgründe noch durch Beschämung unterdrücken -läßt. Eine Frau, die dem Teufel selber ins Gesicht sehen könnte -- oder -einer Maus -- verliert ihre Schneidigkeit und ist rein weg angesichts -eines zuckenden Blitzes. - -Also wie ich Ihnen sagte, ich wachte auf an dem halberstickten von -irgendwo herkommenden Schrei: »Mortimer, Mortimer!« Sobald ich meine -fünf Sinne zusammenfassen konnte, richtete ich mich in der Dunkelheit -auf und antwortete: - -»Evangeline, rufst du? was giebts? wo bist du?« - -»In die Wäschekammer eingeschlossen! Du solltest dich schämen, -dazuliegen und so zu schlafen, während solch ein fürchterliches -Gewitter losbricht.« - -»Nun, wie kann man sich denn schämen, wenn man schläft? Das hat ja -keinen Sinn; ein Mensch kann sich nicht schämen, derweil er schläft, -Evangeline.« - -»Das thust du freilich nie, Mortimer, das weiß _ich_ wohl!« - -Ich vernahm den Laut unterdrückten Schluchzens. Dieser Klang machte die -scharfe Rede, die sich auf meine Lippen drängte, ersterben und ich ließ -mich statt dessen folgendermaßen vernehmen: - -»Es thut mir leid, Liebe, es thut mir wirklich leid. Ich wollte es -nicht thun, komm' heraus und --« - -»Mortimer!« - -»Himmel, was giebts, mein Schatz?« - -»Ich glaube gar, daß du _noch_ im Bett liegst?« - -»Warum nicht? natürlich.« - -[Illustration] - -»Augenblicklich stehe auf! Ich dächte, du solltest doch ein klein wenig -acht auf dein Leben geben, um meinet- und der Kinder willen, wenn nicht -schon um deinetwillen.« - -»Aber lieber Schatz --« - -»Hör' auf, Mortimer, du weißt, bei einem solchen Gewitter ist der -allergefährlichste Platz das Bett. Das steht in allen Büchern. Aber das -ist dir einerlei, du bleibst doch darin liegen und wirfst lieber dein -Leben rücksichtslos weg, der Himmel weiß warum, höchstens aus ewiger -Rechthaberei und --« - -»Aber zum Kuckuck, Evangeline, ich bin ja jetzt nicht mehr im Bett, ich -bin --« - -Dieser Satz wurde unterbrochen durch einen plötzlichen Blitzstrahl, -begleitet von einem unterdrückten Aufschrei meiner Frau und einem -furchtbaren Donnerschlag. - -»Da! Nun siehst du, wozu das führt. O, Mortimer, wie kannst du so -ruchlos sein, bei einem solchen Wetter zu fluchen?« - -»Ich habe ja nicht geflucht. Und das kam gar nicht davon her, es wäre -ganz ebenso gekommen, auch wenn ich kein Wörtchen gesagt hätte, und du -weißt ganz gut, Evangeline, oder solltest es wenigstens wissen, daß, -wenn die Atmosphäre mit Elektrizität geladen ist --« - -»O, ja, jetzt habe nur recht und wieder recht und noch einmal recht. -Ich begreife nicht, wie du so handeln magst, da du doch weißt, daß wir -keinen Blitzableiter haben und daß deine arme Frau und Kinder rein -der Gnade der Vorsehung anheimgegeben sind. -- Aber was thust du? Ein -Zündhölzchen anstecken? bei einem solchen Wetter, bist du völlig toll?« - -»Zum Henker, Frau, was schadet denn das? Es ist ja hier so finster wie -in einer Kuh und --« - -»Lösch' es aus, lösch' es augenblicklich aus! Willst du uns alle -geflissentlich zu Grunde richten? Du weißt doch, daß nichts so den -Blitz anzieht wie ein Licht.« - -(Fzt, -- krach! -- bum! -- bolum! -- bum!) - -»O, da höre, jetzt siehst du, was du angerichtet hast.« - -»Wieso? Ein Schwefelhölzchen kann allenfalls den Blitz anziehen, aber -gewiß ruft es keinen Blitz hervor, -- ich stehe dafür ein. Sollte aber -dieser Schuß dennoch meinem Zündhölzchen gegolten haben, so war er -jämmerlich gezielt, -- eine Leistung, die unter Tausenden kaum einer -fertig bringt.« - -»Schäme dich, Mortimer. Da stehen wir dem Tode Auge in Auge gegenüber, -und doch bist du fähig, in einem so feierlichen Augenblick eine solche -Sprache zu führen. Wenn du nicht den Wunsch hast, -- Mortimer --« - -»Nun?« - -»Hast du eigentlich heute ein Nachtgebet gesprochen?« - -»Ich -- ich -- war eben dabei, da fiel mir ein, auszurechnen, wie viel -zwölfmal dreizehn ist und --« - -(Fzt, -- bum! -- bum! -- bumerumbum! -- bang! -- krach!) - -»O, wir sind verloren, rettungslos verloren. Wie konntest du so etwas -versäumen, bei solch einem Wetter!« - -»Aber es war ja noch nicht so ein Wetter. Es war kein Wölkchen -am Himmel. Wie konnte ich ahnen, daß wegen einer so kleinen -Unterlassungssünde all dies Gerumpel und Gepolter losgehen würde? Und -ich meine, es ist gerade nicht hübsch von dir, so viel Aufhebens davon -zu machen, da du doch weißt, daß es so selten vorkommt. Vorher habe ich -es nie versäumt, nie seit dem großen Erdbeben, an dem ich schuld war.« - -»Mortimer, wie du sprichst! Hast du das gelbe Fieber vergessen?« - -»Meine Liebe, du legst mir immer das gelbe Fieber zur Last, und -ich meine doch, das ist ganz sinnlos. Wie soll denn ein kleines -Frömmigkeitsvergehen von mir so weithin wirken? Das Erdbeben will ich -meinetwegen auf mich nehmen, weil es in der Nachbarschaft stattfand, -aber ich will mich hängen lassen, wenn ich verantwortlich sein soll für -jedes lumpige --« - -(Fzt, bum, bum, belum, bum, bang!) - -»O Gott, o Gott, gewiß hat es irgendwo eingeschlagen. Wir werden keinen -Tag mehr erleben, und dann, wenn wir nicht mehr sind, kann es dir eine -Genugthuung sein, zu wissen, daß dein gottloses Gerede -- Mortimer!« - -»Nun, was ist wieder los?« - -»Deine Stimme klingt, wie wenn -- Mortimer, stehst du wirklich vor dem -offenen Kamin?« - -»Das ist allerdings mein Verbrechen in diesem Augenblick.« - -»Geh' augenblicklich davon weg. Es scheint, du bist entschlossen, -Vernichtung über uns alle zu bringen. Weißt du nicht, daß es keinen -besseren Leiter für den Blitz giebt, als ein offenes Kamin? -- Wo bist -du nun hingegangen?« - -»Da ans Fenster.« - -»O, um Gottes willen, hast du den Verstand verloren? Geh' weg von dort, -augenblicklich! Die kleinsten Kinder wissen, daß es lebensgefährlich -ist, während eines Gewitters am Fenster zu stehen. Lieber, Guter, ich -weiß, ich erlebe keinen Tag mehr -- Mortimer?« - -»Ja!« - -»Was ist das für ein Rascheln?« - -»Ich bin's.« - -»Was thust du denn?« - -»Ich bemühe mich, das obere Ende meiner Unterbeinkleider zu finden.« - -»Schnell, wirf das Zeug weg. Du wirst doch nicht diese Kleidungsstücke -bei einem solchen Wetter anziehen wollen? Du weißt doch, daß allen -Autoritäten zufolge wollene Stoffe den Blitz anziehen. O, Liebster, -Bester, ist es nicht genug, daß man aus natürlichen Ursachen stets in -Lebensgefahr schwebt? Und du thust alles Erdenkbare, was die Gefahr -vermehren kann. -- So singe doch nicht! Wie kannst du auf den Einfall -kommen?« - -»Nun, was kann denn das schaden?« - -»Mortimer, ich habe dir einmal, habe dir hundertmal gesagt, daß Singen -Schwingungen in der Atmosphäre verursacht, die den Zug des elektrischen -Stroms unterbrechen und -- um alles in der Welt, wozu machst du die -Thür auf?« - -»Gerechter Himmel, Weib, ist auch dabei Gefahr?« - -»Gefahr? Der Tod ist dabei. Jeder, der irgend darauf geachtet hat, -weiß, daß einen Luftzug verursachen geradezu den Blitz herbeiziehen -heißt. Du hast sie nur halb zugemacht, schließe sie fest und mach' -schnell, oder wir sind alle verloren. O, es ist etwas Fürchterliches, -bei einem solchen Wetter mit einem Wahnwitzigen eingeschlossen zu sein. -Mortimer, was thust du?« - -»Nichts, ich drehe eben den Wasserhahn auf, dieses Zimmer ist zum -Ersticken dumpf, ich muß mir Gesicht und Hände netzen.« - -»Du hast scheints den letzten Rest deines Verstandes verloren. Wo der -Blitz einen andern Gegenstand _ein_mal trifft, schlägt er fünfzigmal -ins Wasser. Drehe schnell zu. O, Lieber, ich sehe schon, daß nichts auf -dieser Welt uns retten kann, ich glaube, daß -- -- Mortimer, was war -das?« - -»Es war ein verfl... es war ein Bild, hab's heruntergestoßen.« - -»Dann stehst du also hart an der Wand? Eine unerhörte Unvorsichtigkeit. -Weißt du nicht, daß es keinen besseren Leiter für den Blitz giebt, als -eine Wand! Mach', daß du davon weg kommst. -- Und eben warst du auch -wieder nahe daran zu fluchen. O, wie kannst du so verzweifelt gottlos -sein, während deine Familie in solcher Gefahr schwebt? Mortimer, hast -du ein Federbett herthun lassen, wie ich dich gebeten habe?« - -»Nein, hab's vergessen.« - -»Vergessen? Es kann dich dein Leben kosten. Hättest du jetzt ein -Federbett, um es in die Mitte des Zimmers zu breiten und dich darauf zu -legen, so wärst du völlig in Sicherheit. Komm' hier herein -- schnell, -ehe du noch weitere tolle Streiche machen kannst.« - -Ich versuchte es, aber die Kammer vermochte uns beide bei geschlossener -Thüre nicht zu fassen, wenn wir nicht ersticken wollten. Ich schnappte -eine Weile nach Luft, dann stürzte ich hinaus. Meine Frau rief: - -»Mortimer, es muß etwas zu deiner Rettung geschehen, gieb mir das -deutsche Buch, das auf dem Kaminsims liegt, und ein Licht, -- aber -steck' es nicht an. In dem Buche finden sich einige Ratschläge.« - -Ich holte das Buch auf Kosten einer Vase und anderer zerbrechlicher -Sachen. Meine Frau schloß sich mit ihrem Licht ein, worauf ich einen -Augenblick Ruhe hatte, dann rief sie heraus: »Mortimer, was war das?« - -»Nur die Katze.« - -»O, Jammer. Fang' sie und sperr' sie in den Waschschrank ein. Rasch, -lieber Schatz. Die Katzen sind voll Elektrizität, ich bekomme gewiß -noch weiße Haare bei den furchtbaren Gefahren dieser Nacht.« - -Ich vernahm wieder das unterdrückte Schluchzen, sonst würde ich weder -Hand noch Fuß geregt haben zu einem solchen Beginnen in der Dunkelheit, -nämlich über Stühle und alle Arten von Hindernissen, die meist sehr -hart und scharfkantig waren, auf die Katze Jagd zu machen. Endlich war -es mir gelungen, Mieze in den Schrank zu schließen, freilich auf Kosten -von über 400 Dollars an zerbrochenen Möbeln und Schienbeinen. Dann -drang es dumpf aus dem Kämmerchen: - -»In dem deutschen Buche steht, es sei bei einem Gewitter am sichersten, -sich mitten im Zimmer auf einen Stuhl zu stellen, -- die Stuhlbeine -müssen durch Nichtleiter isoliert werden, d. h. du mußt die Stuhlbeine -auf Sturzbecher von Glas stellen -- (Fzt, -- bum, bam, krach). O, höre -doch. Eile dich, Mortimer, ehe du getroffen wirst.« - -Es gelang mir, die Gläser zu finden, es waren die letzten vier. Alle -andern hatte ich zusammengeschlagen. Ich isolierte die Stuhlbeine und -bat um weitere Verhaltungsmaßregeln. - -»Mortimer, dann heißt es: ›Während eines Gewitters entferne man -Metalle, wie z. B. Uhren, Ringe, Schlüssel von sich und halte sich auch -nicht an solchen Stellen auf, wo viele Metalle beieinander liegen, oder -mit andern Körpern verbunden sind, wie an Herden, Oefen, Eisengittern -u. dgl.‹ Verstehst du das, Mortimer? Heißt das, daß man Metalle bei -sich behalten muß, oder fern von sich halten?« - -»Ja, ich weiß auch nicht recht, es kommt mir etwas unklar vor, ich -kenne die Sprache nicht so genau. Wenn ich das Deutsch recht verstehe, -so scheint es mir zu besagen, daß man Metall an sich haben soll.« - -»Ja, so muß es wohl sein, das sagt ja der gesunde Menschenverstand. Es -wirkt wie beim Blitzableiter, weißt du. Setz' deinen Feuerwehrhelm auf, -Mortimer, der ist fast ganz aus Metall.« - -Ich holte ihn und setzte ihn auf, -- ein recht schweres, plumpes und -unbequemes Ding, in einer heißen Nacht in einem dumpfen Zimmer. War -mir doch schon mein Nachtgewand mehr Bekleidung, als ich eigentlich -bedurfte. - -»Mortimer, ich glaube, dein Unterleib bedarf auch eines Schutzes, -willst du nicht so gut sein und deinen Bürgerwehrsäbel umschnallen?« - -Ich willfahrte. - -»Jetzt, Mortimer, mußt du noch etwas zum Schutz deiner Füße haben, -bitte, schnalle deine Sporen an.« - -Ich that es, ohne ein Wort zu sagen, und hielt meine gute Laune -aufrecht, so gut ich konnte. - -»Mortimer, es heißt in dem deutschen Buche weiter: ›Das Gewitterläuten -ist sehr gefährlich, weil die Glocke selbst, sowie der durch das Läuten -veranlaßte Luftzug und die Höhe des Turmes den Blitz anziehen könnten;‹ -Mortimer, heißt das, daß es gefährlich sei, die Kirchenglocken während -eines Gewitters nicht zu läuten?« - -»Ja, es sieht so aus. -- Wenn dies das Partizip der Vergangenheit im -Nominativ Singularis ist, -- und das scheint mir so --; ja, ich denke, -es heißt, daß in Anbetracht der Höhe des Kirchturms und in Ermangelung -von Luftzug es sehr gefährlich sein würde, während eines Gewitters die -Glocken nicht zu läuten, -- und außerdem, siehst du nicht, daß gerade -der Ausdruck -- --« - -»Schon gut, Mortimer, verliere die kostbare Zeit nicht mit Reden, hole -die große Tischglocke, sie ist gerade dort auf dem Vorplatz. Geschwind, -lieber Mortimer, wir sind beinahe in Sicherheit; o mein Bester, ich -glaube, wir kommen diesmal noch davon.« - -Unsere kleine Sommerwohnung steht oben auf einer Hügelreihe, die -über ein Thal hineinschaut. Mehrere Bauernhäuser sind in unserer -Nachbarschaft, das nächste 3--400 Yards entfernt. - -[Illustration] - -Als ich auf dem Isolierstuhle stehend, die schreckliche Glocke sieben -oder acht Minuten lang geläutet hatte, wurden unsere Läden plötzlich -von außen aufgerissen und eine Laterne fuhr blendend an das Fenster, -während eine Stimme also sprach: »Was in aller Welt ist hier los?« - -Das Fenster war voll von menschlichen Köpfen und die Köpfe voll von -Augen, welche mein Nachtgewand, mit der kriegerischen Ausrüstung -darüber, wild anstierten. Ich ließ die Glocke sinken, sprang verwirrt -vom Stuhl herunter und sagte: - -»Es ist nichts los, gute Freunde; nur eine kleine Störung wegen des -Gewitters; ich habe mich bemüht, den Blitz abzuhalten.« - -»Gewitter? Blitz? Ei, Herr Mc Williams, haben Sie den Verstand -verloren? Es ist eine schöne sternenhelle Nacht, keine Spur von -Gewitter.« - -Ich schaute hinaus und war so erstaunt, daß ich eine Zeit lang kein -Wort herausbrachte. Dann sagte ich: - -»Ich begreife das nicht, wir sahen das Zucken der Blitze ganz deutlich -durch die Vorhänge und Läden und hörten den Donner.« - -Die Leute legten sich nach einander auf den Boden und wälzten sich vor -Lachen, -- zwei lachten sich zu Tode. - -Einer von den Ueberlebenden bemerkte: »Aber, daß Sie nicht daran -dachten, ihre Läden aufzumachen und einmal auf den hohen Hügel dort -hinauf zu sehen! Was Sie hörten, waren Kanonenschüsse, was Sie sahen, -war das Feuer derselben. Wissen Sie, der Telegraph hat gerade um -Mitternacht die Kunde gebracht, daß Cleveland ernannt ist, und darum -die ganze Geschichte.« - - * * * * * - -»Ja, Herr Twain, wie ich gleich zu Anfang sagte,« bemerkte Herr Mc -Williams zum Schluß, »die Vorschriften, um die Menschen vor Blitzschlag -zu bewahren, sind so vortrefflich und so zahllos, daß es mir -schlechterdings unbegreiflich ist, wie irgend jemand es fertig bringt -getroffen zu werden.« - -Mit diesen Worten raffte er sein Bündel und seinen Schirm zusammen und -stieg aus, denn der Zug war an seinem Wohnort angekommen. - - - - -Ueber frühreife Kinder. - - -Alle kleinen Kinder scheinen heutzutage die lästige und naseweise -Angewohnheit zu haben, bei jeder Gelegenheit schlaue Aeußerungen -zu thun, besonders in Zeiten, da sie ganz stillschweigen sollten. -Nach den Witzworten dieser Art zu urteilen, welche im Durchschnitt -veröffentlicht werden, müssen die Kinder der jüngsten Generation -förmlich blödsinnig sein. Und ihre Eltern stehen ihnen an Dummheit -sicherlich nur wenig nach, denn durch sie werden meist jene kindischen -Albernheiten -- die Geistesblitze, wie sie uns aus den Zeitschriften -entgegenleuchten -- zur allgemeinen Kenntnis gebracht. - -Man argwöhnt vielleicht, daß Neid oder Groll aus mir spricht, wenn ich -mich hierüber so sehr ereifere; ich muß auch wirklich gestehen, daß -mir ärgerlich ist zu hören, wieviele gescheite Kinder es heute auf -der Welt giebt, weil es mich daran erinnert, wie selten _ich_ etwas -Witziges gesagt habe, solange ich noch klein war. Zwei- oder dreimal -habe ich es versucht, aber es fand keinen Anklang. Meine Angehörigen -erwarteten nicht, geistreiche Bemerkungen von mir zu hören; überraschte -ich sie damit, so wurde ich entweder vorlaut gescholten oder ich -bekam Schläge. Mich überläuft eine Gänsehaut und das Blut erstarrt -mir in den Adern, wenn ich bedenke, was wohl aus mir geworden wäre, -hätte ich mich unterstanden, in Gegenwart meines Vaters einige von -den schlauen Aeußerungen zu thun, welche man in unserer Zeit von -vierjährigen Kindern erzählt. Mir einfach bei lebendigem Leibe die Haut -über die Ohren zu ziehen, wäre ihm, einem solchen Sünder gegenüber, als -verbrecherische Milde und Verletzung seiner Pflicht erschienen. Dem -strengen ernsten Mann war alles vorlaute Wesen ein Greuel; hätte er von -mir solche gescheite Dinge gehört, wie sie andere Kinder sagen, es wäre -mein Tod gewesen. Ja, er würde mich sicherlich umgebracht haben, falls -nämlich noch Zeit dazu gewesen wäre. Aber das ist zweifelhaft, denn ich -hätte natürlich aus Vorsicht zuerst eine Dosis Strychnin genommen und -dann meine witzige Aeußerung gethan. - -Ueber _eine_ Bemerkung, die ich in meiner frühsten Kindheit machte -- -es war nicht einmal ein Witzwort -- wäre es beinahe zu einem ernsten -Zerwürfnis zwischen meinem Vater und mir gekommen. Das trug sich -nämlich so zu: Eines Tages unterhielten sich meine Eltern mit Onkel, -Tante und mehreren Freunden darüber, welchen Namen man mir geben solle. -Ich lag da, beschäftigt verschiedene Gummiringe zu probieren, um die -besten auszuwählen, weil ich es satt hatte, mir die kommenden Zähnchen -an anderer Leute Fingern durchzubeißen, und nach einem Gegenstand -trachtete, mit dessen Hilfe ich dies Geschäft rasch zu Ende führen und -dann etwas Neues beginnen könne. Man weiß ja, was für eine Quälerei es -ist, sich die Zähne am Finger der Amme durchzubeißen, oder welche Mühe -man hat und wie man sich den Rücken fast zerbricht, wenn man die eigene -große Zehe dazu benützen will. Wer hat nicht dabei schon die Geduld -verloren und seine Zähne ins Pfefferland gewünscht, noch ehe ihre -ersten Spitzchen durchguckten? -- Mir ist's, als wäre das alles erst -gestern geschehen. - -Doch, ich will nicht weiter abschweifen. Also -- ich lag da und wählte -mir meine Gummiringe; als dabei mein Blick zufällig die Uhr traf, fiel -mir ein, daß ich in einer Stunde und fünfundzwanzig Minuten gerade -zwei Wochen alt sein würde. Ach, wie wenig hatte ich noch gethan, um -die Wohlthaten zu verdienen, mit denen man mich so verschwenderisch -überhäufte! - -Jetzt hörte ich, wie der Vater sagte: »Abraham ist ein guter Name; mein -Großvater hieß Abraham.« - -»Jawohl,« erwiderte die Mutter, »mir ist Abraham für einen seiner -Zunamen ganz recht.« - -Ich wollte auch meine Meinung abgeben: »Abraham gefällt dem -Unterzeichneten,« sagte ich. - -Da runzelte der Vater die Stirn, aber meine Mutter machte ein ganz -vergnügtes Gesicht und die Tante rief: »Hört nur den lieben kleinen -Schelm!« - -»Isaak ist ein guter Name,« fuhr mein Vater fort, »auch Jakob könnten -wir wählen.« - -»Gewiß,« stimmte die Mutter bei, »bessere Namen giebt es gar nicht. Wir -wollen ihn auch Isaak und Jakob nennen.« - -»Einverstanden,« sagte ich, »mit Isaak und Jakob bin ich zufrieden und -verbleibe ganz der Ihrige. Bitte, gebt mir doch einmal die Klapper her; -ich kann nicht den ganzen Tag an Gummiringen kauen.« - -Keine Seele machte sich Notizen von meinen Aeußerungen zum Zweck der -Veröffentlichung. Das sah ich und that es selber, sonst wären sie -gänzlich verloren gegangen. Statt daß man mich liebevoll ermuntert -hätte, wie es bei andern Kindern geschieht, die sich geistig aufgeweckt -zeigen, strafte mich der Vater mit einem Zornesblick, die Mutter sah -ängstlich und bekümmert aus und auch die Tante schien zu meinen, -ich hätte mir zu viel herausgenommen. Voll Ingrimm biß ich meinen -Gummiring entzwei und zerschlug verstohlen die Klapper auf dem Kopf des -Kätzchens, doch sagte ich nichts. - -»Der allerbeste Name ist Samuel,« begann mein Vater von neuem. - -Da wußte ich, daß ein Sturm im Anzug sei, den nichts abwenden könne. -Ich legte meine Klapper hin, ließ des Onkels silberne Uhr über den Rand -der Wiege fallen, desgleichen die Kleiderbürste, das hölzerne Hündchen, -meine Zinnsoldaten, das Reibeisen und sonstige Gegenstände, mit welchen -ich für gewöhnlich meine Untersuchungen und Beobachtungen anstellte, -oder ein angenehmes Geräusch hervorbrachte -- gelegentlich zerschlug, -zerbrach und zertrümmerte ich sie auch, wenn es galt, mir eine gesunde -Bewegung zu machen. Dann zog ich mein Röckchen an, setzte mein Mützchen -auf, nahm die kleinen Schuhe in eine Hand, das Stück Lakritze in die -andere und kletterte auf den Fußboden hinunter. - -»Mag daraus werden was will,« dachte ich bei mir, »ich bin bereit.« - -Mit lauter, fester Stimme sagte ich nun: »Vater, das ist unmöglich -- -den Namen Samuel kann ich nicht tragen.« - -»Wie, mein Sohn?« - -»Wirklich, Vater, ich kann es nicht.« - -»Warum nicht?« - -»Ich habe eine unbezwingliche Abneigung dagegen.« - -»Das ist unverständig, mein Sohn. Viele große und gute Männer hießen -Samuel.« - -»Davon ist mir kein Beispiel bekannt.« - -»Was? War nicht Samuel, der Prophet, groß und gut?« - -»Hm! Nicht so besonders.« - -»Aber, mein Sohn! Der Herr rief ihn doch mit seiner eigenen Stimme.« - -»Jawohl, aber er mußte ihn ein paarmal rufen, bis er endlich kam.« - -Damit ergriff ich die Flucht, und der strenge alte Mann lief mir nach. -Um die Mittagsstunde des nächsten Tages holte er mich ein, und als -unsere Zusammenkunft vorüber war, hatte ich richtig den Namen Samuel -erhalten, dazu eine Tracht Schläge und manche nützliche Belehrung -obendrein. Nachdem mein Vater die Sache auf diese Weise ausgeglichen -hatte, war sein Zorn beschwichtigt. Gut, daß ich Vernunft annahm, sonst -hätte unsere Uneinigkeit leicht zu einem unheilbaren Bruch führen -können. - -[Illustration] - -Was würde mir aber mein Vater -- nach diesem Vorfall zu urteilen --- wohl angethan haben, wenn jemals eine von den schwächlichen -Albernheiten aus meinem Munde gekommen wäre, welche als Aeußerungen -gescheiter zweijähriger Kinder jetzt im Druck erscheinen? -- Ich bin -überzeugt, daraus wäre ein Fall des Kindsmords in unserer Familie -entstanden. - - - - -Staatswirtschaft. - - -»Die Staatswirtschaft,« schrieb ich, »ist die Grundlage einer jeden -guten Regierung. Die weisesten Männer aller Jahrhunderte haben diesem -Gegenstand stets --« - -Hier wurde ich durch die Meldung unterbrochen, daß ein Fremder unten -sei, der mich zu sprechen wünsche. Ich folgte dem Ruf, trat vor ihn hin -und fragte nach seinem Begehr. Dabei war ich aus allen Kräften bemüht, -die in mir gärenden staatswirtschaftlichen Gedanken festzuhalten und -ihnen weder die Zügel schießen zu lassen noch zu dulden, daß sie sich -im Geschirr verwickelten. Heimlich wünschte ich jedoch, der Fremde läge -auf dem Grunde des Meeres und auf ihm eine Ladung Getreide. Ich war -wie im Fieber; er blieb völlig kühl. Es thue ihm leid mich zu stören, -sagte er, aber er habe im Vorbeigehen bemerkt, daß ich auf meinem Haus -ein paar Blitzableiter brauchen könne. »Nun -- und --« sagte ich, »was -weiter, was wollen Sie?« Er entgegnete, er wolle nichts weiter, nur -würde er die Blitzableiter gern bei mir anbringen. - -Es ist noch nicht lange, daß ich einen eigenen Haushalt führe, bisher -habe ich immer in Hotels und Kosthäusern gewohnt. Natürlich wollte -ich aber vor einem Fremden von meiner Unerfahrenheit nichts merken -lassen und als gewiegter Hausbesitzer auftreten: das wird jedermann -begreiflich finden. Ich sagte daher mit ernster Miene, es sei schon -längst meine Absicht gewesen, sechs oder acht Blitzableiter bei mir -anbringen zu lassen, allein -- der Fremde fuhr zusammen und sah mich -fragend an, aber ich verlor die Fassung nicht. Wenn ich Fehler machte, -sollte er mir meine Unkenntnis wenigstens nicht im Gesicht lesen. -Er sagte, es würde ihm lieber sein, mich zum Kunden zu haben, als -irgend einen andern in der ganzen Stadt. »Schon gut,« versetzte ich -und stand eben im Begriff mich wieder an die Verfolgung meines großen -Gegenstands zu begeben, als er mich zurückrief und erklärte, erst müsse -er genau wissen, wie viele Spitzen ich zu haben wünsche, an welchen -Teilen des Hauses er sie anbringen solle und welcher Art von Stangen -ich den Vorzug gäbe. Das war eine schöne Klemme für jemand, der erst -so kurze Zeit verantwortlicher Hausbesitzer ist; aber ich hielt mich -wacker, und er merkte mir höchst wahrscheinlich nicht einmal an, daß -ich ein Neuling sei. Er solle acht Spitzen anbringen, sagte ich, -sämtlich auf dem Dach, und Stangen von der besten Qualität nehmen. -Die gewöhnliche Ware, lautete seine Antwort, könne er für zwanzig -Cent liefern, gekupferte für fünfundzwanzig, mit Zink plattierte und -spiralförmig gebogene für dreißig Cent den Fuß. Letztere würden jedem -Blitzstrahl Halt gebieten, wohin er auch unterwegs sei, »seine Wirkung -unschädlich machen und seinen weiteren Fortgang apokryph.« Ich sagte -›apogryph‹ wäre kein schlechtes Wort, da es aus heiliger Quelle stamme, -aber, ohne der Philologie zu nahe zu treten, zöge ich die spiralförmig -gebogenen Blitzableiter vor und würde diese Sorte nehmen. Hierauf -erwiderte er, man _könne_ zwar im Notfall mit zweihundertfünfzig Fuß -auskommen; wenn die Arbeit aber ordentlich gemacht werden solle, so -daß sie als die beste in der Stadt gelten, Gerechte und Ungerechte -befriedigen werde und jedermann zwingen einzugestehen, er habe noch nie -eine symmetrischere und hypothetischere Aufstellung von Blitzableitern -gesehen, seit er das Licht der Welt erblickt -- dann würde er, um -diesen Zweck zu erreichen, sicherlich vierhundert Fuß verbrauchen -müssen. Doch wolle er nicht auf seinem Kopf bestehen und gewiß sein -Möglichstes thun. »So nehmen Sie denn vierhundert,« sagte ich, »und -machen Sie die Arbeit wie Sie wollen, nur halten Sie mich nicht länger -auf.« Nachdem ich ihn glücklich los geworden, brauchte ich eine halbe -Stunde, um meine staatswirtschaftlichen Gedanken wieder da anzuknüpfen, -wo ich sie gelassen hatte und sie weiter zu spinnen, wie folgt: - - »nicht nur die reichsten Schätze ihres Geistes zugewandt, - sondern auch ihre Lebenserfahrung und ihre Kenntnisse. Die - großen Lichter der Handelsgesetzgebung, der Völkerverbrüderung - und der verschiedensten Lebensordnungen in allen Jahrhunderten, - allen Kulturen, allen Nationen, von ~Zoroaster~ bis auf ~Horace - Greeley~, sind bemüht gewesen --« - -Hier wurde ich wieder unterbrochen und gebeten, hinunterzukommen, -weil der Blitzableitermann noch ein Anliegen habe. Ich eilte zu ihm, -während in mir die mächtigsten Gedanken wogten und wallten und sich in -so majestätische Worte kleideten, daß jedes derselben in einer langen -Prozession von Silben einherzog, die schwerlich in weniger als fünfzehn -Minuten vorüber sein konnte. Wieder befand ich mich in fieberhafter -Aufregung ihm gegenüber, während er sanft und ruhig blieb. Er hatte die -beschauliche Stellung des Kolosses von Rhodus angenommen; mit einem Fuß -stand er auf meiner neugepflanzten Tuberose, mit dem andern auf dem -Stiefmütterchenbeet, die Hände in die Hüften gestemmt, die Hutkrempe -ins Gesicht gezogen, ein Auge zugekniffen und das andere mit kritischem -und bewunderndem Blick auf meinen größten Schornstein gerichtet. Ein -solches Schauspiel zu betrachten, sagte er, sei die höchste Lebenslust. -»Gestehen Sie selbst,« wandte er sich zu mir, »haben Sie je etwas von -so entzückendem landschaftlichem Reiz gesehen, als acht Blitzableiter -auf einem einzigen Schornstein?« Ich erwiderte, ich könne mich nicht -gerade auf einen Anblick besinnen, der diesen überträfe, worauf er -bemerkte, daß es nach seiner Ansicht auf Erden nichts gäbe, was -sich an Naturschönheiten damit vergleichen ließe -- ausgenommen der -Niagarafall. Um mein Haus zu einer vollkommenen Augenweide zu machen, -brauche man nur noch die andern Schornsteine etwas auszuschmücken, -damit der ganze ~coup d'oeil~ sich zu einer Harmonie entwickele, die -geeignet sei, die Aufregung, in welche man durch den ersten ~coup -d'état~ versetzt werde, einigermaßen zu mildern. - -[Illustration] - -Als ich ihn fragte, ob er seine Art sich auszudrücken aus Büchern habe, -die ich mir vielleicht irgendwo aus einer Leihbibliothek verschaffen -könne, lächelte er wohlgefällig und meinte, solche Redeweise lasse sich -nicht aus Büchern lernen. Nur wer mit dem Blitz vertraut sei, dürfe -es wagen, sich ungestraft solcher Unterhaltungsform zu bedienen. Dann -machte er einen ungefähren Anschlag und versicherte, wenn noch acht -Blitzableiter über das Dach verteilt würden, so ließe sich mein Zweck -wohl erreichen; mit fünfhundert Fuß des Leitungsmaterials dächte er -auszukommen. Bei den ersten acht hätte er sich nämlich etwas verrechnet --- nur um eine Kleinigkeit, etwa um hundert Fuß, genau könne er es noch -nicht angeben. Ich sagte ihm, ich sei in schrecklicher Eile und wünsche -das Geschäft schnell abzumachen, um wieder an meine Arbeit zu kommen. -Da entgegnete er: »Einen Augenblick habe ich wohl daran gedacht, die -acht Blitzableiter anzubringen und dann ruhig meiner Wege zu gehen. -Mancher würde vielleicht an meiner Stelle so gehandelt haben, aber -ich sagte mir: Nein, ich kenne den Mann nicht und lieber möchte ich -sterben, als einen Fremdling ins Unglück stürzen. Auf dem Haus sind -noch nicht genug Blitzableiter und ich rühre mich nicht vom Platz, bis -ich ihm das gesagt habe und also gethan, was ich wünschte, daß man mir -in demselben Falle thäte. -- Fremdling, meine Pflicht ist erfüllt! Wenn -der recalcitrante und dephlogistische Himmelsbote Ihr Haus trifft, -so -- --« - -»Schon gut, schon gut,« rief ich; »pflanzen Sie die andern acht auch -auf -- verwenden Sie meinetwegen noch fünfhundert Fuß spiralförmig -gebogene Leitungsstangen; thun Sie, was Sie nicht lassen können; -stillen Sie Ihr Sehnen, aber gestatten Sie Ihren Gefühlen nur so weit -freien Lauf, als Sie mit dem Wörterbuch reichen können. Wenn wir uns -jetzt genügend verständigt haben, möchte ich wieder an meine Arbeit -gehen.« - -Nun sitze ich schon seit einer vollen Stunde hier und versuche meinen -Gedankengang da wieder aufzunehmen, wo ich zuletzt unterbrochen wurde; -jetzt endlich ist es mir gelungen; ich fahre also fort: - - »diesen großen Gegenstand zu bezwingen, aber selbst die - Geistesmächtigsten unter ihnen haben einen würdigen Gegner - an ihm gefunden, der sich nach jeder Niederlage nur um so - mutiger erhebt. Der berühmte Confucius sagte, lieber wollte er - ein tüchtiger Staatsmann sein, als Polizeipräsident. Cicero - hat häufig den Ausspruch gethan, daß die Staatswirtschaft - die größte Wirtschaft sei, welche der Mensch imstande sei zu - betreiben, und selbst unser Greeley hat im allgemeinen mit - Nachdruck angedeutet, daß _Staats_ --« - -Hier ließ mich der Blitzableitermann wieder abrufen und ich ging in -einem Gemütszustand hinunter, der an Ungeduld grenzte. Er sagte, daß er -untröstlich sei, mich noch einmal stören zu müssen -- weit lieber wäre -er gestorben. Aber, wenn ihm eine Arbeit übertragen sei, von der man -erwarte, daß er sie ordentlich und kunstgerecht ausführe und er nach -Vollendung des Werkes, im Begriff sich seiner so wohl verdienten Ruhe -und Erholung hinzugeben, noch einen betrachtenden Blick darauf werfe -und zu seinem Schrecken gewahr werde, daß alle Berechnungen nicht genau -genug gewesen seien und daß das Haus, für welches er ein persönliches -Interesse fühle, falls ein Gewitter losbrechen sollte, dastehen -werde, ohne auf der Welt einen andern Schutz zu haben als sechzehn -Blitzableiter auf dem Dach, ja dann -- -- - -»Kein Wort mehr,« schrie ich in wahnsinniger Erregung, »warum pflanzen -Sie nicht hundertfünfzig auf? Zehn Stück auf die Küche, ein Dutzend -auf die Scheune, ein paar auf die Kuh, einen auf die Köchin! Spicken -Sie das ganze unselige Gebäude damit, bis es aussieht wie ein großes, -zinkplattiertes, spiralförmig gewundenes, an den Spitzen versilbertes -Stachelschwein. Fort ans Werk! Verbrauchen Sie das sämtliche -verfügbare Material, und wenn Sie keine Blitzableiter mehr haben, -stecken Sie Kolbenstangen auf, Ladestöcke, Wagendeichseln, Meßstangen --- kurz alles, was Ihren schrecklichen Hunger nach künstlichen -Landschaftsbildern zu stillen vermag, damit mein tobendes Gehirn und -meine gemarterte Seele endlich Ruhe und Erlösung finden.« - -Völlig ungerührt, lächelte das eiserne Geschöpf nur freundlich, -streifte sich die Manschetten vorsorglich zurück und sagte, jetzt wolle -er sich dahinter machen, daß es eine Art habe. - -Seitdem sind drei Stunden vergangen und mir scheint, ich habe mich noch -immer nicht genügend beruhigt, um mich aufs neue der Staatswirtschaft, -meinem hohen Thema, wieder zuzuwenden. Ich kann jedoch dem Wunsch -nicht widerstehen, wenigstens einen Versuch zu machen, denn von der -ganzen Weisheit der Welt liegt meinem Herzen nichts so nahe und nichts -beschäftigt meinen Verstand so sehr. - - »--_wirtschaft des Himmels beste Gabe für die Menschheit sei_. - Als der lockere, aber begabte Byron zu Venedig im Exil war, - soll er die Bemerkung gemacht haben, daß, wenn ihm gestattet - wäre zurückzukehren und sein vergeudetes Leben von vorn - anzufangen, er seine klaren und nüchternen Stunden nicht dazu - verwenden wolle, leichtsinnige Reime zu schmieden, sondern - Aufsätze über Staatswirtschaft zu schreiben. Washington liebte - diese herrliche Wissenschaft, Namen wie Baker, Beckwith, - Judson, Smith sind auf ewige Zeiten damit verbunden. Sogar der - unsterbliche Homer sagt in dem neunten Buch seiner Iliade: - - ~Fiat justitia, ruat coelum - Post mortem unum, ante bellum - Hic jacet hoc, ex-parte res - Politicum e-conomico est.~ - - Der Gedankenreichtum des alten Dichters, verbunden mit der - glücklichen Wahl der Worte, in die er seine erhabenen Bilder - kleidet, haben diese Verse vor allen andern berühmt gemacht, - welche jemals --« - -»Schweigen Sie, sage ich -- kein Wort weiter! -- Her mit Ihrer Rechnung -und dann verschwinden Sie auf ewige Zeiten aus meinem Gesichtskreis. -- -Neunhundert Dollars? -- Ist das alles? -- Nun gut, auf diese Anweisung -hier wird Ihnen jedes achtbare Bankhaus in Amerika Zahlung leisten. --- Aber was bedeutet denn der Volksauflauf unten auf der Straße? -- -Nach den Blitzableitern wollen die Leute schauen? Du meine Güte! Haben -sie denn noch nie im Leben Blitzableiter gesehen? -- ›Noch nie einen -solchen Haufen auf einem Dach,‹ sagen Sie, wenn ich Sie recht verstehe. -Da muß ich doch einmal hinuntergehen und mir die Menschen betrachten, -die eine solche Unkenntnis öffentlich zur Schau tragen.« - - * * * * * - -_Drei Tage später._ Wir sind alle in einem Zustand völliger -Erschöpfung. Unser Haus, das wie ein Stachelschwein von Blitzableitern -starrte, war vierundzwanzig Stunden lang der Gegenstand allgemeinen -Staunens und das einzige Stadtgespräch. Die Theater standen leer, -denn ihre neuesten scenischen Erfindungen konnten es bei weitem -nicht mit meinen Blitzableitern aufnehmen. Tag und Nacht war unsere -Straße von Zuschauern belagert; viele fuhren sogar vom Lande herein, -um das Schauspiel zu genießen. Endlich am zweiten Tage kam uns -glücklicherweise ein Gewitter zu Hilfe. Kaum begann der Blitz auf mein -Haus loszugehen, als sich, sozusagen, sämtliche Bänke und Galerien -im Handumdrehen leerten. Fünf Minuten später war im Umkreis einer -halben Meile von meinem Besitztum kein einziger Zuschauer mehr zu -erblicken. In den ferner gelegenen hohen Häusern jedoch drängte sich -Kopf an Kopf an den Fenstern, auf den Dächern und überall. Das war -auch nicht zu verwundern, denn alle Sternschnuppenfälle und glänzenden -Feuerwerke eines Menschenalters zusammengenommen und gleichzeitig in -einer ungeheuern Feuergarbe vom Himmel herab gegen ein schutzloses -Dach losgelassen, hätten nicht die großartige pyrotechnische Wirkung -erzielen können, durch welche mein Haus, mitten in der Dunkelheit, -die während des Unwetters herrschte, wie mit Strahlenglanz umleuchtet -war. Innerhalb vierzig Minuten schlug der Blitz -- ich habe es genau -gezählt -- siebenhundertvierundsechzigmal in mein Grundstück ein, -jedesmal angelockt durch einen der getreuen Blitzableiter. Er glitt an -dem spiralförmig gewundenen Eisen entlang und schoß in den Boden, bevor -er noch selbst recht wußte, wie ihm geschah. Während dieses ganzen -Bombardements wurde mir nur eine einzige Schieferplatte zertrümmert und -zwar deshalb, weil sämtliche Blitzableiter der Nachbarschaft in ein -und demselben Augenblick alle Blitze, die sie gesammelt hatten, auf -uns übertrugen. Seit Anbeginn der Welt war ein ähnliches Schauspiel -nie gesehen worden. Während eines ganzen Tages und einer Nacht konnte -kein Mitglied meiner Familie den Kopf aus dem Fenster strecken, ohne -daß ihm das Haar ausgerissen und er so glatt rasiert wurde, wie eine -Billardkugel; daß sich eins von uns hinausgewagt hätte, davon war schon -gar nicht die Rede. Endlich wurde aber doch die entsetzliche Belagerung -aufgehoben, weil auch keine Spur von Elektrizität mehr in den Wolken -über uns vorhanden war, soweit meine unersättlichen Blitzableiter -reichen konnten. - -Sofort machte ich einen Ausfall, sammelte eine Schar unerschrockener -Arbeiter um mich, und kein Bissen Brot kam über unsere Lippen, kein -Schlaf in unsere Augen, bevor wir nicht das ganze Gebäude seiner -schrecklichen Stachelrüstung entkleidet hatten. Nur drei Blitzableiter -blieben auf dem Hause, einer auf der Küche, und einer auf dem -Scheunendach, wo sie noch heutigen Tages zu sehen sind. Erst als -dieses geschehen war, wagten die Leute es wieder, unsere Straße zu -betreten. Beiläufig will ich hier noch bemerken, daß ich während jener -entsetzlichen Zeit meinen Aufsatz über die Staatswirtschaft nicht -weiter geschrieben habe. Selbst jetzt sind mir Kopf und Nerven noch so -angegriffen, daß ich die Arbeit nicht wieder aufnehmen kann. - - * * * * * - -_Für Liebhaber._ -- Leute, welche dreitausendzweihundert und -elf Fuß der besten, zinkplattierten, spiralförmig gewundenen -Blitzableiterstangen und sechzehnhunderteinunddreißig versilberte -Spitzen verwenden können -- alles in leidlichem Zustande und obgleich -durch den Gebrauch stark abgenutzt, doch für jeden gewöhnlichen Fall -zu benützen -- mögen sich zum Abschluß des Geschäfts an den Verfasser -dieses Buches wenden. -- - - - - -Es ist gefährlich im Bette zu liegen. - - -»Auch ein Unfallversicherungsbillet?« fragte der Mann am Schalter. - -»Nein,« entgegnete ich nach kurzem Ueberlegen, »nein, ich glaube nicht. -Heute fahre ich den ganzen Tag mit der Eisenbahn. Aber -- warten Sie -einmal -- morgen bin ich nicht auf Reisen. Geben Sie mir eins für -morgen.« - -Der Mann sah mich verblüfft an. Dann sagte er: - -»Aber die Versicherung ist ja gerade gegen Unfälle. Und wenn Sie mit -der Eisenbahn reisen --« - -»Da habe ich keine Furcht. Man läuft nur Gefahr, wenn man zu Hause -bleibt und im Bette liegt.« - -Ich hatte mich über diese Angelegenheit gründlich unterrichtet. Im -vergangenen Jahr war ich zwanzigtausend Meilen, hauptsächlich mit der -Eisenbahn gefahren, vor zwei Jahren hatte ich fünfundzwanzigtausend -Meilen zurückgelegt, teils mit dem Dampfboot, teils mit der Eisenbahn, -vor drei Jahren nahe an zehntausend Meilen, ausschließlich mit der -Eisenbahn. Wollte ich noch alle die verschiedenen kleinen Reisen in -Anschlag bringen, die ich im Laufe der drei letzten Jahre bald hierhin -bald dorthin unternommen habe, so würden zusammen wohl sechzigtausend -Meilen herauskommen, -- und das alles ohne einen Unfall. - -Eine Zeitlang dachte ich jeden Morgen bei mir: »Na, bis jetzt bin -ich noch immer gut weggekommen, um so größer ist aber auch die -Wahrscheinlichkeit, daß ich diesmal etwas abkriegen werde. Ich will -schlau sein und mir ein Unfallbillet lösen.« Aber so oft ich das -that -- jedesmal zog ich eine Niete und legte mich am Abend mit -heilen Knochen und ohne daß mir ein Glied ausgerenkt war, zu Bette. -Schließlich bekam ich diese tägliche Plackerei satt und kaufte mir nur -noch Unfallbillete, die auf einen Monat gültig waren. Ich sagte mir: -»Wenn man ein ganzes Bündel von dreißig Stück auf einmal kauft, können -es doch unmöglich lauter Nieten sein.« - -Aber ich irrte mich. In dem ganzen Haufen war nicht _ein_ Gewinn. -Täglich las ich von Eisenbahnunfällen -- sie lagerten wie ein Nebel -über der ganzen Zeitungsatmosphäre, aber niemals kam etwas davon auf -mein Teil. Ich mußte mir eingestehen, daß ich in dem Unfallgeschäft -viel Geld verthan hatte und für mich nichts herausgekommen war. Mein -Argwohn erwachte; ich begann mich nach jemand umzusehen, der bei dieser -Lotterie einen Treffer gezogen hatte. Zwar fand ich viele Leute, die -ihr Geld darin anlegten, aber keinen Menschen, der je einen Unfall -gehabt oder einen Cent damit verdient hatte. Nun kaufte ich keine -Unfallbillete mehr, sondern begab mich ans Rechnen und kam zu einem -erstaunlichen Ergebnis: _Die Gefahr lag nicht im Reisen, sondern im -Zuhausebleiben._ - -Ich verschaffte mir statistische Berichte und fand zu meiner -Ueberraschung, daß nach all den fettgedruckten Zeitungsüberschriften, -welche Eisenbahnunfälle ankündigten, noch nicht einmal dreihundert -Menschen während der letzten zwölf Monate wirklich ihr Leben durch -solche Unfälle verloren hatten. Die Eriebahn war die mörderischste -auf der ganzen Liste. Sie hatte sechsundvierzig oder sechsundzwanzig -Menschen umgebracht -- ich erinnere mich nicht mehr genau an die Zahl, -nur soviel weiß ich, daß sie doppelt so groß war, als auf jeder andern -Bahn. Doch fiel mir dabei sofort ein, daß die Eriebahn eine ungeheure -Länge hat und den größten Geschäftsbetrieb von allen Bahnen des -Landes; da ist es leicht begreiflich, daß sie noch einmal soviele Tote -aufweisen kann als die übrigen. - -Als ich weiter rechnete, fand ich, daß zwischen New York und Rochester -auf der Eriebahn täglich acht Personenzüge hin- und zurückfahren, -also zusammen sechzehn, welche durchschnittlich sechstausend Reisende -befördern. Das beträgt in sechs Monaten etwa eine Million -- soviel als -New York Einwohner hat. Nun denn: die Eriebahn tötet von ihrer Million -zwischen dreizehn und dreiundzwanzig Personen in sechs Monaten, und -in der gleichen Zeit sterben von der in New York wohnenden Million -dreizehntausend in ihren Betten! - -Mich überlief eine Gänsehaut, die Haare standen mir zu Berge. »Wie -entsetzlich!« rief ich aus. »Nicht das Reisen auf der Eisenbahn bringt -die Menschen in Gefahr, sondern daß sie sich den totbringenden Betten -anvertrauen. Nie wieder will ich in einem Bette schlafen!« - -Hiernach wird es der Leser nur natürlich finden, daß ich dem -Billetverkäufer am Schalter die obenerwähnte Antwort gab. Mit den -Betten, vor denen mir graut, will ich es nicht noch einmal versuchen; -für mich sind die Eisenbahnen gut genug. - -Auch ist mein Rat für jedermann: Bleibt so wenig zu Hause wie irgend -möglich; aber wenn ihr einmal durchaus zu Hause bleiben müßt, dann -kauft euch ein Paket Versicherungsbillete und legt euch nachts nicht -schlafen. Man kann gar nicht vorsichtig genug sein. - -Die Moral dieses Aufsatzes ist, daß Leute, die sich nicht die Mühe -geben nachzudenken, ganz unbilligerweise über die Eisenbahnverwaltung -der Vereinigten Staaten murren. Wenn wir uns überlegen, daß das ganze -Jahr hindurch, Tag und Nacht, mehr als vierzehntausend Eisenbahnzüge -der verschiedensten Art, mit Menschen beladen, deren Leben oder Tod -in ihrer Gewalt ist, durch die Lande donnern und jagen, so werden wir -uns nicht _darüber_ wundern, daß sie dreihundert menschliche Wesen in -einem Jahre umbringen, sondern vielmehr _darüber_, daß ihnen nicht -dreihundert mal dreihundert zum Opfer fallen. - - - - -Brüder, knipst ein! - - -Darf ich den gefälligen Leser bitten, einen Blick auf nachstehende -Verse zu werfen und mir zu sagen, ob er etwas besonders Gefährliches -darin entdecken kann? - - »Schaffner, knips' ein das Fahrpapier, - Zahlt die Taxe der Passagier. - Acht-Cents-Fahrt ein blau' Papier, - Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' Papier, - Drei-Cents-Fahrt ein rot' Papier. - Zahlt die Taxe der Passagier, - Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier!« - - _Chor der Schaffner_: - »Zahlt die Taxe der Passagier, - Brüder knipst ein das Fahrpapier!« - -Kürzlich stieß ich zufällig in einem Tageblatt auf dies Reimgebimmel -und las es ein paarmal durch. Augenblicklich war ich davon wie -besessen; es schwirrte mir beim Frühstück fort und fort durch den Kopf -und als ich meine Serviette zusammenlegte, wäre ich nicht imstande -gewesen zu sagen, ob ich etwas gegessen hatte oder nicht. - -Ich trat nun an das Schreibpult, um mein Tagewerk zu beginnen, wie ich -es mir schon am vergangenen Abend vorgesetzt hatte. In dem Roman, an -welchem ich schrieb, war ich gerade bei einer erschütternden Tragödie -angekommen. Ich griff nach der Feder, um den blutigen Auftritt zu -schildern, aber ich dachte nichts als: »Schaffner, knips' ein das -Fahrpapier.« Eine Stunde lang kämpfte ich aus allen Kräften dagegen an, -allein umsonst. - -»Acht-Cents-Fahrt ein blau' Papier. Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' -Papier u. s. w. u. s. w.« summte es mir im Kopf ohne Rast und Ruh. -Von Arbeiten konnte keine Rede sein, das lag auf der Hand. Ich gab -es auf und schlenderte in der Stadt umher, aber bald merkte ich, daß -meine Füße nach dem Takt jenes Reimgeklingels marschierten. Auf die -Länge ward mir das unerträglich; ich änderte meinen Schritt, allein -das half nichts. Die Verse paßten sich sofort der neuen Gangart an und -verfolgten mich nach wie vor. - -[Illustration] - -Ich kehrte um und ertrug das Leiden zu Hause den Vormittag über, es -quälte mich beim Mittagessen, welches ich mechanisch und ohne Genuß -verzehrte, den ganzen Abend hindurch bimmelte es mir in den Ohren, ich -ging voll Jammer zu Bett, und während ich mich ruhelos hin und her -warf, wälzten sich mir immer wieder die Verse durch das Hirn, bis ich -gegen Mitternacht wie wahnsinnig aufsprang und zu lesen versuchte. -Aber die Buchstaben tanzten vor meinen Augen und alles was ich sah -war: »Schaffner, knips' ein das Fahrpapier.« Bei Sonnenaufgang hatte -ich den Verstand verloren und meine Angehörigen horchten mit Staunen -und Bekümmernis auf meinen Blödsinn. »Knips' ein, o, knips' ein das -Fahrpapier,« faselte ich immer von neuem. - -Zwei Tage später, am Sonnabend morgen, erhob ich mich -- eine -jammervolle Ruine -- schwankend vom Lager. Ich suchte den Pfarrer N., -meinen werten Freund auf, um mit ihm, wie wir verabredet hatten, einen -Spaziergang von zehn Meilen nach dem Talcott-Turm zu unternehmen. Er -sah mich mit großen Augen an, lieh jedoch seiner Verwunderung keine -Worte. Wir machten uns auf den Weg. Der Pfarrer sprach und sprach und -sprach, wie es seine Gewohnheit ist. Ich erwiderte keine Silbe, ich -hörte nichts. - -»Mark, bist du krank?« fragte mein Freund endlich, als wir eine Meile -gegangen waren. »Du siehst entsetzlich abgehärmt und angegriffen aus. -Thu' mir doch die Liebe und sprich einmal ein Wort.« - -Mit trübseliger Miene versetzte ich eintönig: »Schaffner, knips' ein -das Fahrpapier -- Zahlt die Taxe der Passagier.« - -Der Pfarrer starrte mich verwirrt an: - -»Ich verstehe nicht recht, was das heißen soll, Mark. Mir scheint, was -du da sagst, ist weder außergewöhnlich noch besonders betrübend -- -und doch -- es lag vielleicht an deinem Ton -- klangen die Worte so -sterbenstraurig, wie mir im Leben noch nichts vorgekommen ist. Was hast -du nur?« - -Aber ich hörte längst nichts mehr. Ich war schon in weiter Ferne, bei -der nicht endenwollenden, unabwendbaren »Acht-Cents-Fahrt ein blau' -Papier. -- Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' Papier -- Drei-Cents-Fahrt ein -rot' Papier -- Zahlt die Taxe der Passagier -- Knips' ein, knips' ein -das Fahrpapier.« -- Was während der übrigen neun Meilen geschehen ist, -weiß ich nicht. - -Plötzlich jedoch legte mir der Pfarrer die Hand auf die Schulter und -schrie mich an: - -»Wach' auf, wach' auf, ich beschwöre dich! Du schläfst ja mit offenen -Augen. Dort liegt der Turm vor uns; ich habe mich taub, blind und -stumm geredet und du giebst keine Antwort. Sieh dich doch um in der -herrlichen Herbstlandschaft. Schau' hin und weide deine Blicke daran. -Du bist weit gereist und hast die gepriesensten Naturschönheiten mit -eigenen Augen gesehen. Nun sage einmal deine Meinung -- was hältst du -von diesem Landschaftsbild?« - -Ich seufzte tief und murmelte: »Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' Papier -- -Drei-Cents-Fahrt ein rot' Papier -- Zahlt die Taxe der Passagier -- -Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier.« Der Pfarrer stand still und sah -mich lange mit ernsten, teilnahmvollen Blicken an. - -»Mark,« sagte er endlich, »ich kann aus der Sache nicht klug werden. -Sind das dieselben Worte wie vorhin? -- Sie klingen ganz unverfänglich -und doch bricht es mir fast das Herz, sie dich sagen zu hören. -- -Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier -- war es nicht so?« - -Ich fing von vorn an und sagte Zeile für Zeile her, während mein Freund -mit wachsendem Interesse zuhörte. - -»Aber, das ist ja ein wahres Reimgebimmel,« rief er vergnügt, »es -klingt einem in den Ohren wie Musik, alles paßt und klappt so hübsch. -Ich glaube, das muß sich leicht behalten lassen. Bitte, sage es noch -einmal, dann kann ich es sicher auswendig.« - -Ich wiederholte die Reime und der Pfarrer sprach sie nach. Das erste -Mal machte er noch einen kleinen Fehler, den ich verbesserte, das -zweite und dritte Mal ging es aber ohne Anstoß. Mir war plötzlich eine -Zentnerlast vom Herzen gefallen; das niederträchtige Geklingel plagte -mich nicht länger, mein gemartertes Hirn kam endlich zur Ruhe und ein -wonniges Gefühl des Friedens zog in meine Brust; ich hätte jauchzen und -singen mögen. Wirklich stimmte ich auch eine halbe Stunde lang ein Lied -nach dem andern an, während wir nach Hause marschierten. Meine Zunge, -die wie gelähmt gewesen war, fand nun die Sprache wieder und der lange -eingedämmte Redefluß sprudelte und strömte mir unaufhaltsam über die -Lippen. Glückselig und jubilierend ließ ich ihm freien Lauf, bis er -endlich versiegte. Beim Abschied schüttelte ich dem Freunde herzlich -die Hand. - -»Das war einmal ein schöner Spaziergang,« rief ich, »und wie herrlich -haben wir uns unterhalten! Aber, da fällt mir ein -- du hast ja seit -zwei Stunden kein Sterbenswort mehr gesagt. So sprich doch etwas.« - -Der Pfarrer sah mich mit glanzlosen Augen an und murmelte eintönig und, -wie mir schien, ganz unbewußt: - -»Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier -- Zahlt die Taxe der Passagier.« - -Mich überlief es siedend heiß. »Der arme Mensch,« dachte ich bei mir, -»der arme Mensch! Jetzt hat es ihn gepackt.« - -Mehrere Tage vergingen, ohne daß ich mit meinem Freunde zusammentraf. -Am Dienstag-Abend kam er jedoch in mein Zimmer geschlichen, wo er matt -und trostlos auf einen Stuhl niedersank. Er war bleich und abgezehrt, -nur noch ein Schatten von seinem früheren Selbst. - -»Mark,« sagte er, und hob den müden Blick zu mir empor, »das war eine -Unglücksstunde, in der ich jene heillosen Reime lernte. Sie haben mich -seitdem Tag und Nacht verfolgt, gleich bösen Geistern. Alle Qualen -der Hölle habe ich erduldet, seit wir uns zuletzt sahen. Am Sonnabend -wurde ich telegraphisch nach Boston berufen. Ein lieber, alter Freund -von mir war gestorben und ich sollte ihm die Leichenrede halten. Ich -benutzte den Nachtzug; die Predigt dachte ich mir unterwegs im Kopfe -zurechtzulegen. Aber ich kam nur bis zu den Eingangsworten; der Zug -ging ab, die Räder begannen ihr Gerassel -- klack, klack -- klack, -klack, klack -- und sofort paßten sich die abscheulichen Reime dieser -Begleitung an. Wohl eine Stunde saß ich da und sagte Silbe für Silbe -zu dem klack, klack, klack der Eisenbahn her, bis ich so abgearbeitet -und totmüde war, als hätte ich den ganzen Tag Holz gehackt. Mein Kopf -schmerzte zum Zerspringen, ich glaubte wahnsinnig werden zu müssen. -Rasch eilte ich nach dem Schlafwagen und kleidete mich aus. Kaum aber -hatte ich mich auf das Lager gestreckt, so fing die Geschichte von -neuem an: ›Klack, klack, klack -- Acht-Cents-Fahrt -- klack, klack, -klack -- Ein blau' Papier -- klack, klack, klack -- Sechs-Cents-Fahrt --- klack, klack, klack -- Ein gelb' Papier und so weiter, und so -weiter -- Zahlt die Taxe der Passagier.‹ Schlafen? -- Ja, Prosit! Ich -war fast für das Tollhaus reif, als der Zug in Boston ankam. Frage -mich nicht nach der Leichenfeier. Ich that mir übermenschlichen Zwang -an, aber jeder einzige Satz war von innen und außen übersponnen und -durchwoben mit: ›Brüder, knipst ein das Fahrpapier -- Zahlt die Taxe -der Passagier.‹ Das allerschrecklichste dabei war jedoch, daß ich meine -Rede ganz in dem hüpfenden Rhythmus der entsetzlichen Reime hielt. Bald -sah ich thatsächlich, daß verschiedene Zuhörer wie geistesabwesend -im Takt dazu nickten. Ja, du magst mir's glauben oder nicht, Mark, -noch bevor ich zu Ende war, wiegte die ganze Trauerversammlung, der -Leichenbestatter und alle übrigen im feierlichen Verein mit dem Kopfe -hin und her. Kaum hatte ich das letzte Wort gesprochen, so floh ich, -wie vom Wahnsinn getrieben, in die Sakristei. Dort traf ich aber -zum Unglück mit einer alten unverheirateten Tante des Verstorbenen -zusammen, die zu spät gekommen war, um der kirchlichen Feier -beizuwohnen. - -»›Ach, er ist tot, er ist tot,‹ schluchzte sie tiefbetrübt, ›und ich -habe ihn nicht einmal mehr gesehen vor seinem Ende!‹ - -»›Ja,‹ sagte ich, ›er ist tot -- er ist tot -- er ist tot -- o, wird -denn diese Qual niemals aufhören!‹ - -»›Sie haben ihn also auch geliebt, wie ich?‹ - -»›Geliebt, -- wen?‹ - -»›Den seligen Georg -- meinen teuern Neffen.‹ - -»›Ach -- _den_. Jawohl -- jawohl -- freilich, freilich. Knips' ein, -knips' ein -- ach, das Elend bringt mich noch um.‹ - -»›Dank, Ehrwürden, tausend Dank für die Trostesworte. Auch _mir_ -schlägt der Verlust eine tiefe Wunde. Sie waren wohl bei ihm in den -letzten Augenblicken?‹ - -»›Letzte Augenblicke -- bei wem?‹ - -»›Nun bei dem geliebten Verstorbenen.‹ - -»›Ja so -- o ja -- ich glaube wohl -- ich weiß nicht. Gewiß -- ich war -da -- ich war da!‹ - -»›Wie beneide ich Sie um dieses Glück. Was sprach er denn noch -- o, -teilen Sie mir seine Abschiedsworte mit!‹ - -»›Er sagte -- er sagte -- o mein Kopf, mein Kopf, mein Kopf! Nichts, -gar nichts sagte er als: Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier! -- -Seien Sie barmherzig, Verehrteste; ich beschwöre Sie, dringen Sie -nicht weiter in mich, überlassen Sie mich meinem Wahnsinn, meinem -Jammer, meiner Verzweiflung. -- Sechs-Cents-Fahrt, ein gelb' Papier -- -Drei-Cents-Fahrt, ein rot' Papier -- nein, länger ertrage ich es nicht --- Zahlt die Taxe der Passagier.‹« - -Mein Freund schwieg erschöpft und sah mich wohl eine Minute lang mit -stieren Blicken an. - -»Mark,« stieß er endlich mühsam heraus, »bin ich denn ganz verloren? -Du erwiderst kein Wort, du giebst mir keine Hoffnung! Ach, ich sehe es -ein, mir kann niemand helfen; Worte vermögen mir keinen Trost mehr zu -geben -- mein Geschick ist unabwendbar. Eine innere Stimme sagt mir, -daß meine Zunge verdammt ist, in alle Ewigkeit nach dem unsinnigen -Reimgebimmel hin und her zu pendeln. Da -- da kommt es schon wieder: -Acht-Cents-Fahrt, ein blau' Papier -- Sechs-Cents-Fahrt, ein gelb' -Papier -- --« - -Schwächer und schwächer klang seine Stimme, bis er endlich in einen -wohlthätigen Starrkrampf verfiel, der ihn auf eine kurze Frist seinen -Qualen entrückte. - -Wie aber rettete ich ihn schließlich vor dem Irrenhause? Ich reiste mit -ihm nach der ersten besten Universität und ließ ihn seine Last und Pein -auf die armen, nichtsahnenden Studenten abladen, welche die Reime mit -gierigen Ohren einsogen. Fragt mich nicht, in welchem Zustand sie sich -dort jetzt befinden. Die Folgen sind zu trostlos, als daß ich sie zu -schildern vermöchte. - -Was mich trieb, dies alles niederzuschreiben, war nur die edle Absicht, -dich, lieber Leser, zu warnen. Solltest du je irgendwo auf jene -unheilvollen Verse stoßen, so fliehe sie -- fliehe sie wie die Pest! -- - - - - -Ein geheimnisvoller Besuch. - - -Der erste Mensch, welcher mich aufsuchte, nachdem ich mich in der -Stadt niedergelassen hatte, war ein Herr, der sich damit einführte, -daß er sagte, er sei Taxator und stehe mit der Abteilung für innere -Einkünfte der Vereinigten Staaten in Verbindung. Ich sagte, ich hätte -nie von diesem Geschäftszweig gehört, sei aber trotzdem sehr erfreut -ihn zu sehen und bäte ihn, Platz zu nehmen. Er setzte sich. Mir fiel -gerade nichts Besonderes ein, womit ich ihn unterhalten konnte, aber -ich bedachte, daß, wer einem Hauswesen vorstehen will, auch die -Pflicht hat, gesprächig, liebenswürdig und entgegenkommend zu sein. In -Ermangelung von etwas anderm fragte ich ihn also, ob er seinen Laden in -unserer Nachbarschaft eröffnen werde. - -Er bejahte dieses, ohne jedoch, wie ich gehofft hatte, von selbst -zu erwähnen was er verkaufe, und ich wollte doch nicht neugierig -erscheinen. - -Also versuchte ich es mit der Frage: »Geht das Geschäft gut?« und er -erwiderte: »Hm, so so.« - -Darauf sagte ich, wir würden bei ihm vorsprechen und wenn man uns in -seinem Hause ebenso gut bediene wie in andern, so wollten wir ihm -unsere Kundschaft zuwenden. - -Er antwortete, sein Etablissement würde uns unzweifelhaft genügen. Ihm -sei wenigstens noch nie jemand vorgekommen, der einen andern Vertreter -seines Faches aufgesucht hätte, nachdem er einmal mit ihm verhandelt -habe. - -Das klang ziemlich selbstbewußt, aber abgesehen von der natürlichen -Schlechtigkeit, die uns allen im Gesicht geschrieben steht, sah der -Mann ganz ehrlich aus. - -Ich erinnere mich nicht mehr _wie_ es zuging, aber allmählich tauten -wir auf und kamen in Fluß, das heißt unsere Unterhaltung, und nun ging -es wie ein aufgezogenes Uhrwerk. - -Es wurde geredet, geredet, geredet -- wenigstens meinerseits, und -gelacht, gelacht, gelacht -- wenigstens seinerseits. Aber während -der ganzen Zeit hatte ich die Geistesgegenwart nicht verloren, -meine natürliche Schlauheit war auf ›vollen Dampf‹ gesetzt, wie die -Maschinisten sagen. Ich war entschlossen alles zu erfahren, was sein -Geschäft anging, trotz der dunkeln Antworten, die er gab, und zwar -dachte ich es aus ihm herauszubekommen, ohne daß er es selbst gewahr -wurde. Ich wollte ihn in eine tiefe, tiefe Falle locken, ihm alles -über mein eigenes Geschäft erzählen und ihn dadurch so erwärmen -und zutraulich machen, bis er nicht umhin konnte, mir ausführliche -Mitteilungen über _sein_ Geschäft zu machen, ehe er noch merkte, um was -es mir zu thun war. »Du ahnst nicht, mein Sohn,« dachte ich bei mir -selbst, »mit welchem schlauen Fuchs du es zu thun hast!« - -»Können Sie wohl raten,« sagte ich, »wie viel ich im vergangenen Winter -und Frühling mit meinen Vorlesungen eingenommen habe?« - -»Nein, gewiß nicht -- und wenn mein Kopf daran hinge! Erlauben Sie -- -etwa zweitausend Dollars, wie? -- Aber nein, nein -- so viel können Sie -nicht verdient haben. Sagen wir siebzehnhundert.« - -»Haha! das hab' ich mir gedacht! Meine Einnahmen für -Vorlesungen letzten Winter und diesen Frühling betrugen -vierzehntausendsiebenhundertundfünfzig Dollars. Was sagen Sie dazu?« - -»Ja, das ist ja unglaublich, ganz unglaublich! Das werde ich mir -merken. Und Sie meinten, das sei noch nicht einmal alles?« - -»Alles! -- kein Gedanke! Dazu kam noch mein Gehalt beim ›Täglichen -Kriegsruf‹ auf vier Monate, ungefähr -- ungefähr -- nun was würden Sie -sagen, wenn ich es auf achttausend Dollars angäbe?« - -»Was ich sagen würde? -- Je nun -- daß ich wohl auch in solchem Meer -des Ueberflusses schwimmen möchte. Achttausend -- das will ich mir -merken! Und das ist alles noch nicht genug, Sie Glückspilz! Wenn ich -Sie recht verstehe, haben Sie noch andere Einnahmen gehabt?« - -»Hahaha! natürlich. Wir stehen erst beim Anfang sozusagen. Nun kommt -noch mein Buch ›Unschuld auf Reisen‹ -- Preis drei Dollars fünfzig -Cents bis fünf Dollars, je nach dem Einband. Sehen Sie mir ins -Auge und hören Sie: Während der letzten fünftehalb Monate -- ganz -abgesehen von allem was vorher verkauft worden ist -- nur während -der letzten fünftehalb Monate haben wir fünfundneunzigtausend -Exemplare von dem Buch abgesetzt. Fünfundneunzigtausend! Denken -Sie einmal! Durchschnittlich vier Dollars das Exemplar, das macht -vierhunderttausend Dollars, mein Freund -- und ich bekomme die Hälfte!« - -»Alle Wetter! Ich will das aufschreiben. Vierzehn -- sieben -- fünf -- -acht -- zweihundert -- Summa sagen wir -- meiner Treu, die Gesamtsumme -macht ungefähr zweihundertdreizehn- oder vierzehntausend Dollars. Ist -das möglich?« - -»Möglich? Wenn irgend ein Fehler dabei ist, so habe ich zu wenig -angegeben. Zweihundertvierzehntausend bar ist mein diesjähriges -Einkommen, wenn ich überhaupt rechnen kann.« - -Jetzt stand der Herr auf um zu gehen. Mich überfiel der peinliche -Gedanke, ob ich am Ende meine Enthüllungen umsonst gemacht habe. -Noch dazu hatte ich mich durch seine laute Bewunderung verführen -lassen, die Beträge recht ansehnlich zu vergrößern. Aber, nein, im -letzten Augenblick überreichte mir der Herr ein großes Couvert mit -der Bemerkung, daß es seine Geschäftsanzeige enthalte, die mir jeden -gewünschten Aufschluß geben könne, er würde stolz sein, einen Mann von -so ungeheuerm Einkommen zum Kunden zu haben. Früher habe er gedacht, -daß es mehrere wohlhabende Herren in der Stadt gäbe, aber sobald -er geschäftlich mit ihnen in Verbindung getreten sei, habe es sich -gezeigt, daß sie kaum genug besäßen, um davon leben zu können. Es sei -wirklich eine solche Ewigkeit her, seit er einen reichen Mann von -Angesicht gesehen, mit ihm gesprochen, und ihm die Hand gereicht habe, -daß er sich kaum enthalten könne, mir um den Hals zu fallen -- ich -würde ihn unendlich glücklich machen, wenn ich ihm die Erlaubnis gäbe, -mich zu umarmen. - -[Illustration] - -Das gefiel mir so gut, daß ich nicht versuchte Widerstand zu leisten, -sondern dem biedern Fremdling gestattete, die Arme um meinen Hals zu -schlingen und ein paar beruhigende Thränen zu vergießen, die mir den -Nacken herabrieselten. Dann ging er seiner Wege. - -Sobald er fort war, öffnete ich das Couvert mit seiner ›Anzeige‹. Ich -studierte sie aufmerksam vier Minuten lang, dann rief ich die Köchin -herauf und sagte: - -»Bitte, halten Sie mich -- ich falle in Ohnmacht -- Marie kann -unterdessen die Pfannkuchen umwenden.« - -Als ich wieder zur Besinnung gekommen war, schickte ich nach dem -nächsten Schnapsladen und mietete mir um Wochenlohn einen Mann, der -sich aufs Fluchen verstand, damit er die ganze Nacht aufsitzen und -jenen Fremden verwünschen sollte, und mich am Tage manchmal dabei -ablösen, wenn ich nicht weiter wußte. - -Er war aber auch ein ganz abgefeimter Schurke. Seine ganze -Geschäftsanzeige bestand aus weiter nichts als einem niederträchtigen -Steuerzettel -- einer Kette von unverschämten Fragen über meine -Privatangelegenheiten, die beinahe vier engbedruckte Folioseiten -einnahmen. Fragen, die mit so erstaunlicher Spitzfindigkeit -zusammengesetzt waren, daß die ältesten Leute nicht herausgefunden -hätten, was sie bedeuten sollten. Fragen, die so eingerichtet waren, -daß man sein Einkommen ungefähr viermal so hoch angeben mußte, als es -in Wirklichkeit war, aus lauter Angst, man könne eine Lüge beschwören. -Ich suchte nach einem Ausweg, aber es schien keinen zu geben. -Gleich die erste Frage paßte so vollkommen auf meinen Fall, wie ein -Regenschirm auf einen Ameisenhaufen, wenn man ihn aufspannt: - - »Wie hoch beliefen sich Ihre Einnahmen im vergangenen Jahr aus - Ihrem Handel, Geschäft oder Beruf, gleichviel wo Sie denselben - betrieben haben?« - -Und diese Frage zog dreizehn andere von ebenso eindringlicher Art nach -sich, von denen die bescheidenste Aufschluß darüber verlangte, ob ich -einen Betrug oder Straßenraub verübt hätte oder durch Brandstiftung und -andere geheime Erwerbsquellen zu Vermögen gelangt sei, das bei meiner -Antwort auf Nr. 1 nicht mit angegeben wäre. - -Es war klar, daß der Fremde mir Gelegenheit gegeben hatte, mich zu -blamieren. Dies lag so sehr auf der Hand, daß ich ausging und mir -noch einen Mann zum Fluchen mietete. Der Fremde hatte mich mit seinen -Schmeicheleien verführt, ein Einkommen von zweihundertvierzehntausend -Dollars anzugeben. Gesetzmäßig waren tausend davon steuerfrei, das -war der einzige Abschlag, den ich entdecken konnte, und das war doch -nur ein Tropfen im Ozean. Bei den gesetzlichen fünf Prozent mußte ich -der Regierung die Summe von zehntausendsechshundertfünfzig Dollars -Einkommensteuer bezahlen. - -(Ich will hier gleich bemerken, daß ich es nicht gethan habe.) - -Ich bin mit einem sehr begüterten Manne bekannt, der einen Palast -bewohnt und eine wahrhaft fürstliche Tafel hält, dessen Ausgaben ganz -enorm sind und der doch kein Einkommen hat, wie ich oft an seinen -Steuerzetteln gesehen habe. Zu diesem begab ich mich in meiner Not. Er -nahm meine schreckliche Liste von Einnahmen zur Hand, setzte sich die -Brille auf, tauchte die Feder ein, und -- ehe ich mich's versah, war -ich ein Bettler. Es geschah auf die einfachste Weise von der Welt und -ward durch die Geschicklichkeit, mit der er den Paragraphen ›Abzüge‹ -benützte, ganz leicht zu stande gebracht. Er setzte meine Staats- und -meine städtischen Steuern auf so und so viel fest, meine Verluste -durch Schiffbruch, Feuer u. s. w. auf so und so viel; Verluste beim -›Verkauf von Landbesitz‹ -- ›Verkauf von Viehstand‹ -- ›Zahlungen für -Miete des Anwesens‹ -- ›Ausbesserungen, Umbauten, Zinsvergütung‹ -- -›schon vorher besteuerter Gehalt als Offizier der Armee, der Flotte u. -s. w. u. s. w.‹ und dergleichen mehr. Aus jedem dieser Punkte wußte -er ganz erstaunliche Abzüge herauszuschlagen. Als er fertig war und -mir das Blatt hinreichte, sah ich auf den ersten Blick, daß während -des ganzen Jahres meine Einnahme, das heißt der Gewinn dabei, nur -zwölfhundertfünfzig Dollars vierzig Cent betragen hatte. - -»Dazu kommt,« sagte er, »daß tausend Dollars steuerfrei sind. Gehen Sie -jetzt aufs Steueramt und beschwören Sie dies Dokument, dann bezahlen -Sie Steuern von zweihundertfünfzig Dollars.« - - (Während er sprach, zog sein Söhnchen, der kleine Willy, einen - Zweidollarschein aus des Vaters Westentasche und verschwand - damit. Ich möchte _alles_ wetten, daß der Junge _auch_ sein - Einkommen falsch angeben würde, wenn mein fremder Herr ihn - morgen besuchte.) - -»Machen Sie die Abzüge immer auf diese Art?« fragte ich, »auch wenn Sie -Ihre eigenen Steuern berechnen?« - -»Natürlich, das versteht sich von selbst. Wenn unter der Rubrik -›Abzüge‹ nicht jene elf tröstlichen Klauseln ständen, müßte ich ja -alljährlich an den Bettelstab kommen, nur um diese verhaßte, schlechte, -geldgierige und tyrannische Regierung zu unterstützen.« - -Dieser Herr gehört zu den allerbesten und solidesten Männern der -Stadt, zu den Männern von moralischem Gewicht, von kaufmännischer -Ehrenhaftigkeit, von zweifelloser, unantastbarer Zuverlässigkeit -- -folglich unterwarf ich mich seinem Urteil. Ich begab mich auf das -Steueramt -- und da stand ich, unter den Augen meines fremden Herrn, -die mich schwer anklagten, und beschwor eine Lüge nach der andern, eine -Schlechtigkeit nach der andern, bis meine Seele zolldick mit Meineiden -überzogen war, und ich meine Selbstachtung auf ewige Zeiten verloren -hatte. - -Aber was schadet's? Thun denn nicht Tausende der reichsten und -stolzesten, der gerechtesten und gefeiertsten Männer in Amerika -alljährlich dasselbe? -- -- - - - - -Redakteur und Berichterstatter. - - -Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab. - -Als ich aushilfsweise die Redaktion einer landwirtschaftlichen Zeitung -übernahm, that ich es nicht ohne bange Zweifel. Wenn jemand, der -gewohnt ist auf dem Lande zu leben, plötzlich ein Schiff befehligen -sollte, würde er wohl auch seine Besorgnis dabei haben. Ich befand mich -jedoch in Verhältnissen, bei denen mir der Gehalt von Wichtigkeit war. -Als daher der ständige Redakteur der Zeitung mir anbot, ihn während der -Ferien zu vertreten, ging ich auf seine Bedingungen ein und nahm seine -Stelle. - -Wieder bei der Arbeit zu sein, war ein köstliches Gefühl, und ich -schrieb die ganze Woche hindurch mit unablässigem Vergnügen. Nachdem -alles in der Presse war, wartete ich einen Tag lang in großer Spannung -auf irgend ein Anzeichen, daß meine Bemühung die Aufmerksamkeit des -Publikums erregt habe. Bei Sonnenuntergang verließ ich das Bureau und -sah, daß eine Gruppe von Männern und Knaben, die sich am Fuß der Treppe -versammelt hatten, sobald ich erschien, wie auf gemeinsamen Antrieb -auseinanderstob, um mich durchzulassen. »Das ist er!« hörte ich sie zu -einander sagen. Der Vorfall war mir natürlich sehr schmeichelhaft. Am -nächsten Morgen bemerkte ich eine ähnliche Gruppe an der Treppe; auch -vereinzelt und zu zweien standen die Leute vor dem Hause und drüben auf -der andern Seite der Straße, mich mit großem Interesse beobachtend. Als -ich näher kam, zerstreuten sie sich und wichen zurück, doch hörte ich -noch, wie ein Mann sagte: - -»Seht nur mal seine Augen an.« -- Ich that, als wüßte ich nicht, was -ich für Aufsehen machte, doch freute ich mich im stillen darüber und -nahm mir vor, es meiner Tante zu schreiben. - -Während ich die wenigen Treppenstufen hinaufstieg und mich der Thür -näherte, vernahm ich fröhliche Stimmen und schallendes Gelächter. Beim -Eintreten gewahrte ich einen Augenblick zwei junge Männer, die wie -Landwirte aussahen; sobald sie meiner ansichtig wurden, erbleichten -sie, machten lange Gesichter und sprangen plötzlich mit einem großen -Krach zum Fenster hinaus. Darüber verwunderte ich mich sehr. - -Etwa eine halbe Stunde später trat ein alter Herr mit lang -herabwallendem Bart und feinen, aber strengen Gesichtszügen bei mir -ein. Ich forderte ihn auf, Platz zu nehmen, und er setzte sich, schien -jedoch etwas auf dem Herzen zu haben. Er nahm den Hut ab, stellte ihn -auf den Boden und holte ein rotseidenes Taschentuch heraus, sowie ein -Exemplar unserer Zeitung. - -[Illustration] - -Das Blatt legte er auf seine Kniee und fragte, während er sich die -Brille mit dem Taschentuch putzte: »Sind Sie der neue Redakteur?« - -Ich bejahte dies. - -»Haben Sie schon früher ein landwirtschaftliches Blatt redigiert?« - -»Nein,« erwiderte ich, »dies ist mein erster Versuch.« - -»Das dachte ich mir. Haben Sie die Landwirtschaft praktisch betrieben?« - -»Nein, ich glaube nicht.« - -»Ein gewisser Instinkt hat mir das gesagt,« meinte der alte Herr, -setzte seine Brille auf und maß mich über dieselbe hinweg mit strengen -Blicken, wobei er die Zeitung in ein bequemes Format zusammenfaltete. -»Ich will Ihnen vorlesen, was diesen Instinkt bei mir erweckt hat. Es -war die folgende Bemerkung. Hören Sie, ob sie aus Ihrer Feder stammt: - - »_Rüben_ sollte man niemals pflücken, weil ihnen das schadet. - Es ist viel besser, einen Knaben auf den Baum klettern, und sie - herunterschütteln zu lassen.« - -Nun, was sagen Sie dazu -- denn ich bin fest überzeugt, Sie haben es -geschrieben!« - -»Was soll ich denn sagen? Ich glaube es ist gut und verständig. Ohne -Zweifel werden alljährlich im Umkreis dieser Stadt viele Millionen -Scheffel Rüben verdorben, weil man sie in halbreifem Zustand abpflückt, -während, wenn man sie durch einen Knaben vom Baum schütteln ließe --« - -»Warum nicht gar von Ihrer Großmutter? Rüben wachsen doch nicht auf -Bäumen.« - -»O, wirklich thun sie das nicht! Wer hat denn schon gesagt, daß sie da -wüchsen? -- Es war ja natürlich bildlich gemeint, nur bildlich! Jeder, -der überhaupt Sinn und Verstand hat, muß doch gleich wissen, daß ich -meinte, der Knabe sollte die Ranke schütteln.« - -Der alte Mann schnellte von seinem Sitze in die Höhe, zerriß die -Zeitung in kleine Stücke, stampfte mit dem Fuß darauf, zerschlug -allerlei Gegenstände mit seinem Stock und sagte, so viel wie ich, wüßte -auch eine Kuh. Dann ging er hinaus und warf die Thür hinter sich ins -Schloß. Bei diesem Benehmen kam mir der Gedanke, es müsse etwas sein -Mißfallen erregt haben. Da ich aber nicht wußte, was ihn verdrossen -habe, konnte ich ihm auch nicht helfen. - -Bald nachher kam ein langer, hagerer Mensch zur Thür hereingeschossen. -Spärliche Locken hingen ihm bis auf die Schultern herab und sein -Gesicht war in allen Höhen und Tiefen mit den stacheligen Bartstoppeln -einer ganzen Woche bedeckt. Er blieb zuerst regungslos stehen und -legte den Finger auf den Mund, dann beugte er sich lauschend vor. Kein -Geräusch ließ sich hören. Noch immer horchte er. Als alles still blieb, -drehte er den Schlüssel um, schlich behutsam auf den Zehen näher zu -mir heran und stellte sich in gemessener Entfernung vor mich hin. Eine -Weile forschte er mit großem Interesse in meinen Zügen, nahm dann ein -zusammengefaltetes Exemplar unseres Blattes aus der Brusttasche und -sagte: - -»Sehen Sie hier -- das haben Sie geschrieben. Lesen Sie es mir vor -- -rasch! Befreien Sie mich, Herr! Ich leide entsetzlich.« - -Ich las was folgt, und während meine Lippen Satz für Satz aussprachen, -schien er sich zusehends erleichtert zu fühlen; die starren Muskeln -verloren ihre Spannung, die ängstliche Besorgnis wich aus seinem -Gesicht und Friede und Ruhe verbreiteten sich über seine Züge, wie -lindes Mondlicht über eine öde Landschaft. - - »Der _Guano_ ist ein schöner Vogel, aber es bedarf großer - Sorgfalt, wenn man ihn aufziehen will. Man darf ihn nicht - früher als im Juni und nicht später als im September bei uns - einführen. Im Winter muß er an einen warmen Ort gebracht - werden, um seine Jungen ausbrüten zu können.« - - »Augenscheinlich werden wir mit unserer _Getreideernte_ dies - Jahr im Rückstand bleiben. Der Landmann wird daher wohl daran - thun, die Maiskolben und Buchweizenkuchen schon im Juli statt - im August zu pflanzen.« - - »_Vom Kürbis._ Dies ist eine Lieblingsbeere der Eingeborenen - von Neuengland. Bei der Bereitung von Obstkuchen zieht man sie - dort zu Lande sogar der Stachelbeere vor. Sie ist vorteilhafter - als die Himbeere zum Füttern der Kühe, da sie mehr füllt und - stopft und ganz ebenso nahrhaft ist. Der Kürbis ist die einzige - eßbare Abart der Familie Orangenpflanze, die im Norden gedeiht, - ausgenommen die Melone und der Türkenbund. Man pflanzt ihn - jedoch jetzt weniger häufig unter dem Buschwerk im Vordergarten - an, da man allgemein die Ansicht hegt, daß der Kürbis kein Baum - ist, welcher Schatten giebt.« - - »Jetzt, bei Eintritt des warmen Wetters, beginnt der - _Gänserich_ zu laichen und --« - -In höchster Aufregung trat der Zuhörer dicht vor mich hin, schüttelte -mir die Hand und sagte: - -»Schön, schön -- das genügt. Jetzt weiß ich, daß ich bei richtigem -Verstande bin, denn Sie haben es gerade so gelesen wie ich, Wort -für Wort. Aber Fremdling, als ich es heute morgen zum erstenmal -las, sagte ich zu mir: ›Nun und nimmermehr hätte ich es für möglich -gehalten, trotzdem meine Verwandten mich so streng bewachten, aber -jetzt glaube ich selbst, daß ich verrückt bin.‹ Dabei stieß ich ein -Geheul aus, das man zwei Meilen weit hören mußte, und lief fort, um -jemand totzuschlagen. Ich wußte ja, daß es früher oder später dazu -kommen würde und wollte lieber gleich damit anfangen. Erst las ich -noch einmal einen Ihrer Paragraphen durch, dann brannte ich mein Haus -nieder und brach auf. Mehreren Leuten habe ich Arme und Beine entzwei -geschlagen, und einen Menschen auf einen Baum gejagt, wo ich ihn -kriegen kann, sobald ich will. Beim Vorbeigehen dachte ich aber erst -einmal bei Ihnen vorzusprechen, um meiner Sache auch ganz sicher zu -sein. Jetzt habe ich mir nun Gewißheit verschafft und ich sage Ihnen, -es ist ein Glück für den Burschen, der auf dem Baume sitzt. Ich hätte -ihn unfehlbar auf dem Rückwege umgebracht. Leben Sie wohl, leben Sie -wohl! Sie haben mir eine schwere Last von der Seele genommen. Da mein -Verstand Ihren landwirtschaftlichen Artikel hat aushalten können, wird -er jetzt jeden Puff vertragen. Noch einmal, bester Herr, leben Sie -wohl!« - -Mir war wegen der Körperverletzungen und Brandstiftungen, mit welchen -der Mensch sich unterhalten hatte, etwas unbehaglich zu Mute, da ich -nicht umhin konnte mir einzugestehen, daß ich gewissermaßen daran -beteiligt sei. Doch konnte ich diesen Gedanken nicht lange nachhängen, -denn der ständige Redakteur trat jetzt ins Zimmer. - -Er sah trübselig, verlegen und niedergeschlagen aus. - -Er blickte auf die Zerstörung, welche die beiden jungen Landwirte und -der alte Tumultuant angerichtet hatten und sagte: »Das ist eine böse -Geschichte -- eine sehr böse Geschichte. Die Flasche mit dem flüssigen -Leim ist zerbrochen, sechs Fensterscheiben, ein Spucknapf und zwei -Leuchter in Stücke geschlagen. Aber das ist noch lange nicht das -Schlimmste. Der Ruf des Blattes hat gelitten -- und wie ich fürchte -für alle Zeit. Zwar ist die Nachfrage größer gewesen als jemals, noch -nie ist eine so starke Auflage verkauft worden, nie zuvor hat das -Blatt solche Berühmtheit erlangt -- aber man will doch nicht wegen -Verrücktheit berühmt sein und mit Geistesschwäche Geld erwerben! Ich -versichere Sie, Freund, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, drunten -sitzen die Leute auf den Zäunen und wimmeln in der Straße, um zu -warten, ob sie etwas von Ihnen zu sehen bekommen, weil sie Sie für -verrückt halten. Das können sie auch mit gutem Grund, nachdem sie -Ihre Artikel gelesen haben, die eine Schande für die ganze Presse -sind. Wie in aller Welt sind Sie nur auf den Einfall gekommen, daß -Sie imstande wären, ein solches Blatt zu redigieren? Sie scheinen ja -nicht einmal von den ersten Anfangsgründen der Landwirtschaft eine -Ahnung zu haben. Sie sprechen von einer Furche und einer Furt, als -sei es ein und dasselbe; Sie reden von einer Mauserzeit der Kühe, -und empfehlen den Iltis als Haustier, weil er voll Mutwillen sei und -ein trefflicher Rattenfänger. Ihre Bemerkung, daß die Seeschnecken -still zu liegen pflegen, wenn man ihnen Musik vormacht, war ganz und -gar überflüssig. Seeschnecken lassen sich überhaupt nicht aus ihrer -Ruhe bringen, sie liegen immer still und die Musik ist ihnen völlig -gleichgültig. Sagen Sie nur um des Himmels willen, Freund, haben Sie -etwa die Unwissenheit zu Ihrem Berufsstudium gemacht? Dann hätten Sie -sich heute den Doktorhut erworben in allen Ehren. Etwas Aehnliches -ist mir noch nicht vorgekommen. Ihre Bemerkung, daß die Roßkastanie -sich als Handelsartikel einer stets wachsenden Gunst erfreut, ist ganz -dazu angethan, das Blatt zu Grunde zu richten. Ich bitte Sie, das Amt -niederzulegen und Ihrer Wege zu gehen. Ich habe schon viel zu lange -Ferien gehabt. Einen Genuß hätte ich doch nicht mehr davon, besonders -wenn Sie meinen Platz inne haben und ich in beständiger Angst schweben -müßte, was Sie den Leuten zunächst empfehlen würden. Wenn ich daran -denke, daß Sie unter dem Titel ›Landschaftsgärtnerei‹ über Austernbänke -geschrieben haben, möchte ich aus der Haut fahren. -- Machen Sie, daß -Sie fortkommen! Für nichts in der Welt würde ich wieder in die Ferien -gehen. O, warum haben Sie mir nur nicht gesagt, daß Sie von der -Landwirtschaft nicht das mindeste wissen!« - -»Was wollen Sie denn eigentlich, Sie Maiskolben, Sie Krautkopf, Sie -Rübensprößling?! Schämen Sie sich Ihrer unverständigen Worte. Seit -vierzehn Jahren arbeite ich als Redakteur und noch niemals, das -versichere ich Ihnen, habe ich gehört, daß man besondere Kenntnisse -haben müsse, um eine Zeitung zu redigieren. Wer schreibt denn die -Theaterkritiken für die Tagesblätter zweiten Ranges? Irgend ein -gelehrter Schuster oder Apothekerlehrling, der von der Schauspielkunst -nicht mehr und nicht weniger versteht, als ich von der Landwirtschaft. -Wer bespricht die Bücher? Menschen, die nie eins geschrieben haben. -Wer schreibt die größten Leitartikel über Staatsfinanzen? Diejenigen, -welche die schönste Gelegenheit gehabt haben, gar nichts davon zu -erfahren. Wer verfaßt die Berichte über den Indianerkrieg? Herren, die -ein Wigwam nicht von einem Tamtam unterscheiden können, die nie in den -Fall gekommen sind, mit einem Tomahawk um die Wette zu laufen oder -irgend einem Glied ihrer Familie Pfeile auszuziehen, um ein Lagerfeuer -anzumachen. Wer schreibt die Aufforderung zur Mäßigkeit und jammert -über die verführerische Flasche? -- Burschen, die keinen nüchternen -Atemzug mehr thun werden, bis sie im Grabe liegen. Wer redigiert meist -die landwirtschaftlichen Blätter -- Sie Runkelrübe? -- Wer anders als -verdorbene Redakteure städtischer Zeitungen, oder Menschen, die mit dem -Poetenhandwerk kein Glück haben, mit Schauerdramen schlechte Geschäfte -machen und ihre gelben Eisenbahnromane nicht anbringen können. Die -werfen sich zuletzt auf die Landwirtschaft, um noch eine Zeitlang dem -Armenhaus zu entrinnen. Wollen _Sie_ mich etwa über das Redaktionswesen -belehren? Das habe ich durchgemacht von A bis Z; und ich kann Ihnen -sagen: je weniger ein Mensch weiß, um so größer ist das Geschrei, das -er macht und der Gehalt, den er bezieht. Beim Himmel -- wäre ich nur -unwissend statt gebildet, und unverschämt statt schüchtern gewesen, ich -hätte mir einen Namen erwerben können in dieser kalten, selbstsüchtigen -Welt! Herr, ich nehme meinen Abschied. Nachdem ich so behandelt worden -bin, wie Sie mich behandelt haben, bin ich ganz bereit zu gehen. -Meiner Pflicht habe ich genügt und meinen Kontrakt erfüllt, soweit man -es mir gestattet hat. Ich versprach, Ihr Blatt interessant zu machen -für alle Klassen -- das habe ich gethan. Ich sagte, ich könne Ihren -Absatz auf zwanzigtausend Exemplare bringen -- das wäre geschehen, -wenn Sie mir noch vierzehn Tage Zeit gelassen hätten. Obendrein würde -ich Ihnen die beste Klasse von Lesern verschafft haben, die sich ein -landwirtschaftliches Blatt nur wünschen kann -- kein einziger Landmann -darunter, nicht ein Mensch, der einen Wassermelonenbaum von einer -Pfirsichranke unterscheiden könnte. _Sie_ verlieren bei diesem Bruch, -Sie Pastetengewächs -- nicht ich. Gehorsamer Diener!« - - * * * * * - -Dann ging ich. - - -Herrn Blokes ›Eingesandt‹. - -[Illustration] - -Unser verehrter Freund, Herr John William Bloke aus Virginia-City, -trat gestern abend spät in unser Bureau ein, wo ich als zweiter -Redakteur thätig war. Sein Gesicht war schmerzentstellt. Mit dem -Ausdruck herzzerreißenden Jammers, unter schweren Seufzern legte er das -nachfolgende ›Eingesandt‹ auf das Pult und wandte sich mit abgemessenem -Schritt dem Ausgang zu. An der Thür hielt er inne, schien mit Gewalt -seine Gefühle zu bemeistern, nickte dann nach seinem Manuskript hin und -hauchte, in Thränen ausbrechend, mit zitternder Stimme die Worte: - -»Einer meiner Freunde! ach, entsetzlich!« - -Sein Kummer rührte mich so sehr, daß ich ganz vergaß ihn zurückzurufen, -um ihm Trost zuzusprechen, bis er fort und es zu spät war. Das Blatt -befand sich schon in der Presse, aber da ich wußte, daß unser Freund -der Veröffentlichung seiner Mitteilung große Wichtigkeit beilegte und -hoffte, es würde seinem kummervollen Herzen einen traurigen Genuß -bereiten, dasselbe im Druck vor Augen zu haben, ließ ich sofort die -Maschine anhalten und den Artikel in unsere Spalten einfügen. - - - »_Entsetzlicher Unglücksfall._ - - Gestern abend 6 Uhr, als Herr William Schuyler, ein alter, - ehrenhafter Bürger aus South-Park seine Wohnung verließ, um - sich in die untere Stadt zu begeben, wie es seit Jahren seine - Gewohnheit ist, von der er nur im Frühling 1850 für kurze - Zeit eine Ausnahme machte, als er genötigt war, wegen einer - Verletzung das Bett zu hüten, die er sich bei dem Versuch - zugezogen, ein durchgegangenes Pferd aufzuhalten, indem er - kopfloser Weise mit heftigen Geberden hinter ihm drein schrie, - ein Verfahren, welches das Tier, selbst einen Augenblick - früher, unfehlbar erschreckt statt aufgehalten haben würde, und - das, obgleich für ihn unheilvoll genug, doch noch entsetzlicher - gemacht wurde durch den Umstand, daß seine Schwiegermutter - zur Stelle war und Augenzeugin des traurigen Ereignisses - sein mußte, während sie doch möglicherweise, wenn auch nicht - mit Sicherheit anzunehmen, ebenso gut anderswo Umschau nach - Unglücksfällen hätte halten können, was übrigens gar nicht in - ihrer Natur lag, vielmehr gerade im Gegenteil, wie ihre eigene - Mutter gesagt haben soll -- Gott hab' sie selig, sie starb - vor ungefähr drei Jahren im sechsundachtzigsten Jahr in der - gewissen Hoffnung einer seligen Auferstehung, denn sie war eine - christliche Frau, sozusagen ohne Falsch und ohne Vermögen, was - dem großen Brand anno 1849 zuzuschreiben ist, der ihr sämtliche - Habe einäscherte. Aber so geht es im Leben! Diese schauervolle - Begebenheit möge uns allen zur Warnung dienen und uns - anspornen, so gut zu leben, daß wir, wenn es einst ans Sterben - geht, wissen, was wir zu thun haben. Die Hand aufs Herz! Wir - wollen von heute an aufrichtig und ernst danach streben, die - verhängnisvolle Flasche zu meiden. - - (=Morgenausgabe der California.=)« - -Der Chefredakteur ist hier gewesen und hat einen wahren Höllenlärm -vollführt. Er raufte sich das Haar, stieß die Möbel in alle Ecken und -schimpfte auf mich, als wäre ich ein Taschendieb. Er sagte, jedesmal, -wenn mir auch nur auf eine halbe Stunde die Redaktion des Blattes -überlassen bliebe, ließe ich mich vom ersten besten Wickelkind oder -Tollhäusler überlisten. Er besteht darauf, daß Herrn Blokes unseliger -Artikel der tollste Mischmasch ohne Sinn und Verstand ist, aus dem der -Leser nicht das geringste erfährt. Es sei ein Unsinn gewesen, deswegen -den Satz zu ändern. - -Das hat man davon, wenn man gutherzig ist. Wäre ich auch so ungefällig -und teilnahmslos wie gewisse Leute, ich hätte Herrn Bloke einfach -gesagt, zu so später Stunde würden keine Mitteilungen mehr angenommen. -Aber nein! Sein thränenreicher Schmerz rührte mein weiches Gemüt und -mit Freuden ergriff ich die Gelegenheit, seinen Kummer ein wenig zu -lindern. Schnell einige Eingangszeilen zu dem Artikel geschrieben -und fort damit in die Druckerei ohne weiter zu untersuchen! Und was -ernte ich für meine Gutthat? Nichts als Scheltworte und allerliebste -Ehrentitel. - -Nun will ich aber doch den Artikel einmal selbst lesen und sehen, ob -all der Spektakel begründet ist. Sollte es der Fall sein, dann wehe dem -Verfasser! -- - - * * * * * - -Ich habe es gelesen und muß in der That gestehen, daß es zuerst etwas -konfus erscheint. Aber ich probiere es noch einmal. - - * * * * * - -Ich habe es zum zweitenmal durchgegangen -- es scheint verwirrter denn -je. - - * * * * * - -Ich habe es nun fünfmal durchgelesen, aber ich will verdammt sein, -wenn ich auch nur eine Silbe davon verstehe. Es verträgt keine nähere -Untersuchung. Man kann keine Klarheit hineinbringen. Erfahren wir etwa, -was aus William Schuyler geworden ist? Nur gerade unser Interesse -für ihn wird geweckt -- dann wird er fallen gelassen. Wer ist denn -dieser William Schuyler überhaupt? In welchem Teil von South-Park -lebt er eigentlich? Er verließ seine Wohnung um sechs Uhr -- ist er -aber auch in der unteren Stadt angekommen und ist ihm irgend etwas -zugestoßen? Ist _er_ es vielleicht, der mit dem ›entsetzlichen -Unglücksfall‹ etwas zu thun hat? Wenn man den Wust von Einzelheiten -in dem Artikel bedenkt, sollte man doch auch wirklich etwas mehr -daraus erfahren können. Aber man erfährt nichts, es macht alles nur -noch dunkler. War Herrn Schuylers Beinbruch vor fünfzehn Jahren der -›entsetzliche Unglücksfall‹, welcher Herrn Bloke in unaussprechlichen -Jammer versetzte und ihn veranlaßte zur Nachtzeit hier anzurücken -und den Betrieb zu stören, damit die Welt doch ja sogleich von dem -interessanten Umstand in Kenntnis gesetzt würde? Oder bezieht sich der -›entsetzliche Unglücksfall‹ vielleicht auf die Mutter von Schuylers -Schwiegermutter und ihr verlorenes Vermögen? Oder sollte ihr vor drei -Jahren eingetretener Tod gemeint sein? (obgleich sich keine Andeutung -findet, daß derselbe durch einen Unglücksfall herbeigeführt wurde.) -Um es kurz zu fassen: Worin bestand der ›entsetzliche Unglücksfall‹? -Warum schrie der Eselskopf von Schuyler unter heftigen Geberden hinter -dem durchgebrannten Pferde her, wenn er es aufhalten wollte? Und wie -zum Henker konnte er von einem Pferde umgeworfen werden, das schon an -ihm vorbei war? Was sollen wir uns ›zur Warnung dienen lassen‹ und wie -sollen wir uns aus diesem Schriftstück voll Unbegreiflichkeiten eine -Lehre ziehen? Was kann vor allem die ›verhängnisvolle Flasche‹ damit -zu thun haben? Es ist gar nicht gesagt, daß Schuyler ein Trunkenbold -gewesen, oder daß seine Frau oder seine Schwiegermutter oder das -Pferd sich dem Trunk ergeben hätten -- wozu also die Erwähnung der -›verhängnisvollen Flasche‹? -- Mir scheint fast, daß, wenn nur Herr -Bloke selbst die ›verhängnisvolle Flasche‹ gemieden hätte, so würde er -gar nicht in solche Aufregung über diesen widersinnigen, eingebildeten -Unglücksfall geraten sein. Ich habe dieses alberne ›Eingesandt‹ mit -seinen scheinbaren Wahrscheinlichkeiten wieder und wieder gelesen, bis -es mir ganz wirr im Kopfe war, und doch habe ich nichts herausgebracht. -Es muß allerdings ein Unglücksfall irgend welcher Art stattgefunden -haben, aber es ist unmöglich festzustellen, wen er betroffen hat oder -was geschehen ist. So schwer es mir wird, es scheint mir Pflicht, -zu verlangen, daß wenn Herrn Blokes Angehörige wieder etwas mit -Unglücksfällen zu thun haben, er seinem Bericht jedenfalls einige -aufklärende Notizen beifüge, damit man aus dem Unfall einigermaßen klug -werden kann und erfährt, wer der Betroffene ist. Lieber würde ich schon -seine sämtlichen Verwandten auf dem Totenbette sehen, als noch einmal -bis an den Rand des Wahnsinns gebracht zu werden, in dem Bestreben, ein -ähnliches Machwerk wie das obige zu entziffern. - - -Zeitungswesen in Tennessee. - -Der Arzt riet mir zur Wiederherstellung meiner Gesundheit den -Aufenthalt in einem milderen Klima an; ich ging daher nach dem Süden -und bekam in Tennessee eine Stelle als Hilfsredakteur bei der Zeitung -›Morgenrot und Kriegsgeschrei von Johnson County.‹ - -[Illustration] - -Als ich mich zur Arbeit im Bureau einstellte, fand ich den -Chefredakteur auf einem dreibeinigen Stuhl hintenüber gerekelt, die -Füße auf einem Tisch von Tannenholz. Ein zweiter solcher Tisch stand -noch im Zimmer und ein ebenso wackeliger Stuhl davor; beide waren halb -begraben unter Haufen von Zeitungsblättern nebst Fetzen und Bogen von -Manuskripten. Ferner befanden sich noch daselbst ein hölzerner mit -Sand gefüllter Spucknapf, in welchem Zigarrenstummel und ausgedienter -Kautabak lagen, und ein Ofen, dessen Thür nur noch an einer Angel -hing. Der Chefredakteur trug einen langschößigen schwarzen Tuchrock, -weißleinene Beinkleider und niedere, glänzend gewichste Stiefel, ein -Hemd mit altmodischem steifem Stehkragen und gefälteltem Einsatz, -einen großen Siegelring und ein karriertes Halstuch, dessen Zipfel -herabhingen. Die Tracht stammte etwa aus dem Jahre 1848. Er rauchte -eine Zigarre, suchte nach einem Wort und fuhr sich dabei in die Haare, -daß ihm die Locken zu Berge standen. Nach seinem grimmigen Blick zu -urteilen, mußte er gerade einen besonders beißenden Leitartikel unter -der Feder haben. Er sagte mir, ich solle die Tageszeitungen durchgehen -und was mir aus ihrem Inhalt interessant scheine, kurz zusammenfassen -und zu einer ›Rundschau in der Presse von Tennessee‹ verarbeiten. Ich -schrieb nun folgenden Artikel: - - - =Rundschau in der Presse von Tennessee.= - - »Was die _Eisenbahn von Ballyhack_ betrifft, so ist die - Redaktion des Wochenblatts ›Erdbeben‹ offenbar in einem - Irrtum befangen. Es liegt keineswegs in der Absicht der - Gesellschaft, Buzzardville seitwärts liegen zu lassen. Der - Ort gilt im Gegenteil für einen der wichtigsten Punkte auf der - ganzen Strecke und man hat durchaus nicht den Wunsch, daß er - unberücksichtigt bleibt. Die Herren vom ›Erdbeben‹ werden das - Mißverständnis natürlich mit Vergnügen berichtigen.« - - »Der geistvolle Redakteur des ›Donnerkeil und Schlachtrufs der - Freiheit‹, John W. _Blossom_ von Higginsville, ist gestern in - unserer Stadt angekommen und im Van Burenhaus abgestiegen.« - - »Wir bemerken, daß unser Kollege vom ›Morgengeheul‹ in - Mud-Spring die irrtümliche Ansicht vertritt, daß die _Wahl - Van Werters_ keine feststehende Thatsache sei. Er wird jedoch - höchst wahrscheinlich seinen Mißgriff schon selbst entdeckt - haben, bevor wir ihn hierdurch auf denselben aufmerksam machen. - Unvollständige Wahlberichte mögen ihn zu seiner falschen - Annahme verleitet haben.« - - »Es freut uns, mitteilen zu können, daß die Stadt - _Blathersville_ mit einigen New Yorker Herren in Verhandlung - steht, welche es übernehmen wollen, ihre fast grundlosen - Straßen durch ein _Nicholsonsches Pflaster_ passierbar zu - machen. Das ›Tägliche Hurra‹ empfiehlt diese Maßregel mit - großem Geschick und Nachdruck und scheint den schließlichen - Erfolg zuversichtlich zu erwarten.« - -Ich übergab mein Manuskript dem Chefredakteur zur Annahme, Abänderung -oder Vernichtung. Er warf einen Blick darauf und seine Stirn umwölkte -sich. Mit unheilverkündendem Gesichtsausdruck überlas er die Seite; -es mußte irgend etwas nicht in Richtigkeit sein, das ließ sich leicht -erkennen. Plötzlich sprang er auf und rief: - -»Himmeldonnerwetter! Halten Sie das für die Art, wie man die -Lumpenkerle behandeln muß? Glauben Sie etwa, meine Abonnenten würden -sich solche Milchsuppe auftischen lassen? Her mit der Feder!« - -Noch nie habe ich eine Feder so boshaft kratzen und streichen hören -oder so erbarmungslos durch die Haupt-, Zeit- und Eigenschaftswörter -eines Nebenmenschen fahren sehen. Während er noch so recht bei -der Arbeit war, schoß jemand nach ihm durch das offene Fenster und -verunstaltete mir das rechte Ohr. - -»Aha,« rief er, »das ist der Smith, der Halunke vom ›Moralischen -Vulkan‹; den habe ich schon gestern erwartet.« Er riß einen -Seemannsrevolver aus dem Gürtel und feuerte. Sein Gegner stürzte, in -die Hüfte getroffen, zu Boden. Smith war eben daran gewesen zu zielen, -um einen zweiten Schuß abzugeben, dieser ging nun vorbei und traf einen -Unbeteiligten -- nämlich _mich_. Nur ein Finger abgeschossen. - -Der Chefredakteur fuhr hierauf fort auszustreichen und -dazwischenzuschreiben. Eben war er damit zu Ende, als eine Handgranate -durch das Ofenrohr herabschoß und den Ofen in tausend Stücke -zertrümmerte. Sonst richtete sie keinen weitern Schaden an, außer daß -sich ein Splitter verirrte und mir ein paar Zähne ausschlug. - -»Der Ofen wird gar nicht mehr zu gebrauchen sein,« sagte der -Chefredakteur. - -Ich versetzte, das sei auch meine Meinung. - -»Na, einerlei -- bei dem Wetter können wir ihn entbehren. Ich kenne den -Kerl schon, der das gethan hat. Der entgeht mir nicht. -- Hier, sehen -Sie, in diesem Ton muß man reden, wenn man solche Artikel schreibt.« - -Ich nahm das Manuskript, in dem so viel ausgestrichen und eingeschaltet -war, daß seine eigene Mutter es nicht wiedererkannt haben würde, hätte -es eine gehabt. Es lautete jetzt folgendermaßen: - - - =Rundschau in der Presse von Tennessee.= - - »Die ausbündigen Lügenmäuler vom ›Erdbeben‹ sind offenbar - beflissen, dem edlen und hochherzigen Volk abermals eine ihrer - niederträchtigen und gotteslästerlichen Unwahrheiten in betreff - der erhabensten Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, der - _Eisenbahn nach Ballyhack_, aufzubinden. Den Gedanken, man - würde Buzzardville seitwärts liegen lassen, haben sie in ihrem - eigenen, vermoderten Gehirn ausgeheckt. Wir raten ihnen, die - Lüge schleunigst hinunterzuwürgen, wenn sie nicht wollen, daß - man ihrem schlotterigen Knochengerippe die Haut durchgerbt, wie - sie es verdienen.« - - »Der Schafskopf vom ›Donnerkeil und Schlachtruf für Freiheit‹, - _Blossom aus Higginsville_, ist wieder hier, um sich im Van - Buren-Haus zu mästen und vollzusaugen.« - - »Wir hören, daß der blödsinnige Schurke vom ›Morgengeheul‹ - in Mud-Spring mit seiner gewohnten Fertigkeit im Lügen - die Nachricht verbreitet, daß _Van Werters Wahl_ nicht - durchgegangen ist. -- Die Presse hat den heiligen Beruf, die - Wahrheit zu verbreiten, dem Irrtum zu steuern, zu erziehen, - zu bilden, die öffentliche Moral und Sitte zu heben und zu - verfeinern, das Volk sanfter, tugendhafter, wohlthätiger und - in jeder Beziehung weiser, besser und glücklicher zu machen; - aber dieser schändliche Halunke entwürdigt sein hohes Amt - fortgesetzt, indem er Lügen, Verleumdungen, Aufhetzungen und - Gemeinheiten umherstreut.« - - »Blathersville beabsichtigt sich _Nicholsonsches Pflaster_ - anzuschaffen. Ein Gefängnis und ein Armenhaus thäten weit - eher not. Welcher Wahnsinn -- ein Pflaster in einem lumpigen - Ort mit zwei Schnapsbrennereien, einer Schmiede und dem - ›Täglichen Hurra‹, diesem Senfpflaster von einer Zeitung! Das - alte Kriechtier, der Buckner, welcher das ›Hurra‹ herausgiebt, - kräht schon seinen gewöhnlichen Blödsinn über das Pflaster in - die Welt hinaus und bildet sich ein, was er sagt hätte irgend - welchen Menschenverstand.« - -»Sehen Sie, so muß man's machen -- gepfeffert und zur Sache. Von einer -Schreiberei ohne Kraft und Saft wird mir's ganz übel.« - -Währenddem flog ein Ziegelstein durchs Fenster, das krachend -zersplitterte, und traf mich mit aller Wucht in den Rücken. Ich schob -meinen Stuhl aus der Schußlinie und begann zu fühlen, daß ich im Wege -sei. - -Der Chef sagte: »Das muß wohl der Oberst sein, den ich schon seit zwei -Tagen erwarte. Gleich wird er herauf kommen.« - -Er irrte sich nicht. Schon im nächsten Augenblick erschien der Oberst -mit einer Dragonerpistole an der Thür. - -»Mein Herr,« sagte er, »habe ich die Ehre, mit dem Prahlhans zu reden, -der diesen erbärmlichen Plunder verfaßt?« - -»Jawohl, mein Herr. Nehmen Sie Platz -- aber vorsichtig, der Stuhl hat -ein Bein verloren. Ich habe wohl das Vergnügen, das Lügenmaul, Oberst -Blatherskite Tecumseh bei mir zu sehen?« - -»Ganz recht, mein Herr. Wir haben noch ein Hühnchen mit einander zu -pflücken, und wenn es Ihre Zeit erlaubt, fangen wir gleich an.« - -»Ich bin gerade bei einem Artikel über den erfreulichen ›Fortschritt -der geistigen und moralischen Entwicklung in Amerika‹ -- aber das eilt -nicht. Nur immer zu!« - -Beide Pistolen knallten zu gleicher Zeit los. Die Kugel des Obersten -raubte dem Chef eine Haarlocke und drang dann in den fleischigen -Teil meines Schenkels. Dem Oberst war ein Stück der linken Schulter -weggeschossen. Sie feuerten zum zweitenmal, schossen aber vorbei, nur -ich erhielt meinen Anteil -- einen Schuß in den Arm. Die dritte Ladung -verwundete beide Herren leicht und mir ward ein Knöchel angeschossen. -Hierauf äußerte ich, es käme mir unzart vor, noch länger bei dieser -Privatangelegenheit zugegen zu sein; ich wolle lieber hinausgehen und -einen Spaziergang machen. Aber die Herren baten mich sitzen zu bleiben, -und versicherten, ich sei ihnen durchaus nicht im Wege. - -Sie unterhielten sich nun über die Wahlen und den Ausfall der Ernte, -während sie wieder luden, und ich begab mich daran, meine Wunden zu -verbinden. Darauf fingen sie von neuem mit Eifer zu feuern an und jeder -Schuß traf -- doch muß ich bemerken, daß von sechs Kugeln fünf auf -meine Rechnung kamen. Die sechste brachte dem Obersten eine tödliche -Wunde bei, worauf er mit seinem Humor bemerkte, er wolle uns jetzt -einen Guten Morgen wünschen, da er Geschäfte in der Stadt habe. Dann -fragte er nach der Wohnung des Leichenbesorgers und entfernte sich. - -[Illustration] - -Der Chefredakteur wendete sich nun zu mir und sagte: »Ich erwarte -Gäste zu Tische und muß mich jetzt zurecht machen. Sie thun mir wohl -den Gefallen, unterdessen die Korrektur zu lesen und die Besucher zu -empfangen.« - -Bei dem Gedanken an die Besucher ward mir etwas bange zu Mute; aber -mir fiel nichts ein, was ich erwidern konnte, so betäubt war ich noch -von dem Knattern der Pistolenschüsse, das mir fortwährend in den Ohren -klang. - -Er fuhr fort: »Jones wird um drei Uhr hier sein -- walken Sie ihn -tüchtig durch. Gillespie kommt vielleicht noch früher -- werfen Sie -ihn zum Fenster hinaus. Ferguson trifft wahrscheinlich gegen vier Uhr -ein -- schlagen Sie ihn tot. Für heute ist das alles, glaube ich. Wenn -Sie Zeit übrig haben, schreiben Sie einen fulminanten Artikel gegen -die Polizei; geben Sie dem Oberinspektor ein paar tüchtige Hiebe. -- -Die Knüttel liegen unter dem Tisch, die Pistolen in der Schublade, -der Schießbedarf dort in der Ecke, Leinwand und Verbandzeug im Fach -des Schreibtisches. Wenn Ihnen etwas zustößt, gehen Sie zu Lancet, -dem Wundarzt, hinunter. Er macht Anzeigen in unserm Blatt und wir -begleichen die Rechnungen tauschweise.« - -Fort war er. Mir schauderte. -- Nach Verlauf von drei Stunden hatte -ich so entsetzliche Gefahren bestanden, daß alle Seelenruhe und -Heiterkeit von mir gewichen war. Gillespie hatte sich eingefunden und -_mich_ aus dem Fenster geworfen; Jones war pünktlich gekommen, als ich -mich aber anschickte, ihn durchzuwalken, nahm er mir die Arbeit ab. -Bei dem Zusammenstoß mit einem Unbekannten, der nicht auf der Liste -stand, hatte ich mein Haar mit samt der Kopfhaut verloren. Ein anderer -Fremder, der sich Thompson nannte, ließ mich als Trümmerhaufen und -Lumpenbündel zurück. Zuletzt sah ich mich voll Verzweiflung in einen -Winkel getrieben und durch eine wütende Rotte von Zeitungsschreibern, -Gaunern, Politikern und Strolchen belagert, die alle in wilder Raserei -tobten, fluchten und ihre Waffen über meinem Haupte schwangen, -bis die ganze Luft von blitzendem Stahle flimmerte. Schon war ich -im Begriff, meine Stelle bei der Zeitung aufzugeben, als der Chef -eintrat, begleitet von einer Schar schwärmerischer Freunde und -Anhänger. Nun entstand ein Auftritt, der jeder Beschreibung spottet, -ein Blutbad und Gemetzel, das keine Federpose, keine Stahlfeder zu -schildern vermag. Die Leute wurden erschossen, erdolcht, zerstückt, -in die Luft gesprengt und aus dem Fenster geworfen. Auf einen kurzen -Wirbelsturm von entsetzlichen Flüchen folgte noch ein wahnsinniger, -wirrer Kriegstanz -- und alles war vorüber. Nach fünf Minuten herrschte -Totenstille; der grimme Chef und ich saßen allein da und überschauten -die blutigen Trümmer, welche die Diele ringsumher bedeckten. - -Er sagte: »Es wird Ihnen hier schon gefallen, wenn Sie sich erst an die -Stelle gewöhnt haben.« - -»Sie werden mich wohl entschuldigen müssen,« entgegnete ich. -»Vielleicht würde ich es nach einer Weile dahin bringen, daß Ihnen -meine Schreibweise gefiele; sobald ich die Sprache gelernt hätte, -könnte es mir bei einiger Uebung wohl nicht fehlen. Aber, offen -gestanden, hat eine so kräftige Ausdrucksweise auch allerhand Nachteile -und man wird bei der Arbeit zu häufig unterbrochen. Sie sehen das -selbst. Eine kernige Schreibart mag viel zur geistigen Förderung der -Leser beitragen, aber man lenkt dadurch die öffentliche Aufmerksamkeit -zu sehr auf sich, und das ist mir unbehaglich. Wenn ich so oft -gestört werde, wie heute, kann ich nicht mit Gemütsruhe schreiben. -Die Stelle wäre mir sonst ganz angenehm, aber ich mag nicht allein -im Bureau bleiben, um die Besucher zu empfangen. Ich gestehe zwar, -daß die Erfahrungen, welche man dabei macht, neu und gewissermaßen -recht unterhaltend sind, aber es geht doch nicht ganz nach Recht und -Billigkeit zu. Ein Herr feuert nach Ihnen durch das Fenster und schießt -mich zum Krüppel; eine Granate platzt zu Ihrem Vergnügen im Ofenrohr -und die Ofenthür fliegt mir an den Kopf; ein Freund besucht Sie, um -mit Ihnen Komplimente auszutauschen und sprenkelt mir die Haut mit so -vielen Kugellöchern, daß sie kaum mehr zusammenhält. Dann, während -Sie zum Mittagessen gehen, kommt Jones mit seinem Knüttel, Gillespie -wirft mich aus dem Fenster, Thompson reißt mir die Kleider vom Leibe -und ein völlig Unbekannter zieht mir mit solcher Unbefangenheit die -Kopfhaut ab, als wären wir längst mit einander vertraut. Gleich darauf -kommen noch sämtliche Schurken der Umgegend, erschrecken mich zu Tode -mit ihren gräßlichen Kriegstänzen und drohen, mir mit ihren Tomahawks -vollends den Garaus zu machen. Alles in allem habe ich in meinem ganzen -Leben noch nicht so viele Aufregungen durchgemacht wie heute. Sonst -habe ich nichts gegen Sie; im Gegenteil, die ruhige Art und Weise, mit -der Sie den Besuchern Ihre Ansicht auseinandersetzen, gefällt mir; -aber wie gesagt, mir ist sie ungewohnt. Das Herz der Südländer ist so -ungestüm, sie sind zu freigebig in ihrer Gastfreundschaft gegen den -Fremdling. Die Artikel, welche ich heute geschrieben habe und in deren -kalte Sätze Ihre Meisterhand alle Glut des Zeitungsstils von Tennessee -hineingegossen hat, werden abermals einen ganzen Hornissenschwarm -aufstören. Die Redakteure werden sich haufenweise auf uns stürzen -und vor Hunger jemand zum Frühstück verspeisen wollen. Deshalb sage -ich Ihnen Lebewohl. Ich wünsche dem Festmahl nicht beizuwohnen. -Meiner Gesundheit wegen habe ich mich in den Süden begeben -- meiner -Gesundheit wegen muß ich machen, daß ich wieder fortkomme. Das -Zeitungswesen in Tennessee ist zu aufregend für mich.« - -Hierauf trennten wir uns unter beiderseitigem Bedauern und ich suchte -mir eine Wohnung im Hospital. - - -Ein Berichterstatterstück. - -Jawohl, meine verehrten Herrschaften, zu jener Zeit gab es im Staate -Nevada betriebsame Zeitungen, das kann ich Sie versichern. - -Mein Hauptnebenbuhler in der Presse war Boggs von der ›Union‹, ein ganz -vorzüglicher Berichterstatter. - -Alle drei oder vier Monate betrank er sich einmal ein wenig, aber er -war im allgemeinen kein unvorsichtiger oder leidenschaftlicher Trinker, -wenn er sich auch gern dann und wann einen kleinen Spitz holte. - -In einer Beziehung hatte er entschieden etwas vor mir voraus; ihm stand -nämlich stets der monatliche Schulbericht zur Verfügung und mir nicht, -weil der Direktor der Volksschule mein Blatt, den ›Fortschritt‹, nicht -leiden konnte. - -Um die Zeit, da der Bericht gewöhnlich erschien, machte ich mich einmal -an einem Winterabend auf, kummervoll überlegend, wie ich ihn mir -verschaffen solle. - -Ich war nur wenige Schritte gegangen, als ich in der fast -menschenleeren Straße auf Boggs stieß, den ich fragte, wohin er wolle. - -»Den Schulbericht holen.« - -»Dann komme ich mit.« - -»Nicht doch, Verehrtester, das wäre vergebliche Mühe.« - -»So -- meinen Sie?« - -Eben trug der Kellner der nahen Schenkwirtschaft eine Bowle voll -dampfenden Punsches an uns vorbei und Boggs sog den Wohlgeruch mit -gierigen Zügen ein. Sehnsüchtigen Blickes folgte er dem Träger und sah -ihn die Treppe zum Bureau des ›Fortschritt‹ hinaufsteigen. - -»Schade,« sagte ich, »daß Sie mir nicht zu dem Schulbericht verhelfen -können; da das aber nun einmal unmöglich ist, will ich sehen, ob ich -nicht in der Redaktion der ›Union‹ einen Abzug bekomme, nachdem der -Bericht gesetzt ist. Ich glaube es zwar nicht, aber man kann's doch -versuchen. Gute Nacht!« - -»Warten Sie noch einen Augenblick. Meinetwegen will ich den Bericht -holen und dann eine Weile oben bei den Jungens sitzen bleiben, bis Sie -ihn abgeschrieben haben. Kommen Sie nur mit zum Direktor.« - -»Das nenne ich einmal vernünftig gesprochen. Also vorwärts.« - -Wir trabten einige Straßen weiter durch den Schnee, erhielten -den Bericht und bald war das kurze Schriftstück in unserm Bureau -abgeschrieben. - -Boggs that sich derweil an dem Punsch gütlich. - -Nachdem ich ihm das Manuskript zurückgegeben, gingen wir beide wieder -fort, weil es uns noch an einer Leichenschau fehlte. - -Um vier Uhr morgens, als unser Blatt in der Presse war, und wir wie -gewöhnlich zur Erholung ein Konzert veranstalteten -- denn einige von -den Setzern waren gute Sänger, andere spielten hübsch die Guitarre und -das gräßliche Instrument: die Ziehharmonika, -- kam der Besitzer der -›Union‹ mit großen Schritten herein und fragte, ob wir nicht wüßten, -was aus Boggs und dem Schulbericht geworden sei. - -Wir teilten ihm den Sachverhalt mit und rückten dann alle aus, um nach -dem Missethäter zu suchen. - -In einer Schenkstube fanden wir ihn, mit einer alten Blechlaterne in -der einen Hand und dem Schulbericht in der andern, auf dem Tische -stehen und einem Haufen ›angeheiterter‹ Bergleute eine Rede darüber -halten, wie gottlos und ungerecht es sei, die öffentlichen Gelder für -Volksunterricht zu verschleudern, während Hunderte von Arbeitern, die -sich's redlich sauer werden ließen, buchstäblich wegen Mangels an -Whiskey verdursten müßten. - -Er hatte diesen Leuten stundenlang bei einer herrlichen Kneiperei -Gesellschaft geleistet. - -Wir schleppten ihn fort und brachten ihn zu Bette. - -[Illustration] - -Natürlich konnte der Schulbericht in der ›Union‹ nicht erscheinen und -Boggs machte mich dafür verantwortlich, obwohl ich doch weder gewünscht -noch beabsichtigt hatte, dies zu veranlassen und es mir von Herzen leid -that, daß ihm jenes Mißgeschick zugestoßen war. - -Aber wir blieben trotzdem auf ganz freundschaftlichem Fuße. - -An dem Tage, als der Schulbericht abermals fällig war, schickte uns -der Eigentümer des Tennessee-Bergwerks einen Einspänner mit der Bitte, -dorthin zu fahren, sein Besitztum in Augenschein zu nehmen und es in -der Zeitung zu besprechen -- kein ungewöhnliches Verlangen und eins, -dem wir immer mit Vergnügen nachkamen, wenn uns dazu ein Einspänner -geliefert wurde, denn wir machten ebenso gern Spazierfahrten als andere -Leute. - -In das ›Bergwerk‹, ein 90 Fuß tiefes Loch im Boden, konnte man nur -gelangen, wenn man sich an einem Tau festhielt und mittelst einer Winde -herabgelassen wurde. - -Die Arbeiter mußten wohl gerade irgend wohin zum Essen gegangen sein. - -Ich war nicht stark genug, um einen Menschen von Boggs' Körpergewicht -hinabzuwinden, so nahm ich denn eine unangezündete Kerze zwischen die -Zähne, machte in das Ende des Taues eine Schlinge für meinen Fuß, bat -Boggs die Winde festzuhalten, auch ja nicht einzuschlafen und schwang -mich hinaus über den Schacht. - -Ich erreichte den Boden desselben wohlbehalten, wenn auch etwas -schmutzig und mit geschundenen Ellenbogen, zündete die Kerze an, -untersuchte die Felswand, steckte verschiedene Proben des Gesteins in -die Tasche und rief dann Boggs zu, mich wieder hinauf zu ziehen. - -Keine Antwort. - -Bald darauf erschien oben in der Rundung ein Kopf, vom Tageslicht -beleuchtet, und eine Stimme schallte herab: - -»Sind Sie ganz fertig?« - -»Jawohl -- winden Sie nur tapfer zu.« - -»Ihnen ist doch nicht unbehaglich zu Mute?« - -»Gar nicht.« - -»Könnten Sie vielleicht ein Weilchen warten?« - -»O ja -- ich habe keine besondere Eile.« - -»Nun -- dann leben Sie wohl!« - -»Wie so? -- wo wollen Sie hin?« - -»Den Schulbericht holen.« - -Das that er denn auch. - -Ich blieb eine Stunde da unten und setzte die Bergleute sehr in -Erstaunen, als sie beim Aufwinden statt eines Kübels voll Steine einen -Menschen am Tau hängen fanden. Dann begab ich mich nach Hause, fünf -Meilen weit, zu Fuß und bergan. - -Am nächsten Morgen fehlte bei uns der Schulbericht -- aber die ›Union‹ -brachte ihn. - - - - -Allgemeine Antwort an Schriftsteller oder solche, die es werden wollen. - - -Wenn jemand die Redaktion einer Zeitung oder eines Journals übernimmt, -so schicken ihm allerhand Leute, die sich der Schriftstellerei -befleißigen, sofort ihre Manuskripte zu und bitten ihn um sein Urteil -über ihre Erzeugnisse. Nachdem er in acht bis zehn Fällen diesem -Verlangen entsprochen hat, nimmt er schließlich seine Zuflucht zu -einer allgemeinen Predigt, die er in sein Blatt einrückt, um allen -spätern _Briefstellern_ kund zu thun, daß dies ein für allemal seine -Antwort ist. Auf dieser Stufe meiner litterarischen Laufbahn bin ich -jetzt auch angelangt; ich höre auf, denen, die sich bei mir Rat holen -wollen, privatim zu schreiben und mache mich an die Ausarbeitung meiner -öffentlichen Predigt. - -Da die betreffenden Zuschriften alle denselben Inhalt haben und -nur dem Wortlaut nach verschieden sind, so lasse ich hier als -Durchschnittsbeispiel den letzten Brief folgen, welchen ich erhalten -habe: - - »An Herrn Mark Twain, Wohlgeboren. - - Den 3. Oktober. - - Geehrter Herr! - - Ich bin ein junger Mann, der eben die Schule verlassen hat und - im Begriff steht, ins Leben einzutreten. Wohin ich aber auch - sehe, finde ich keine Beschäftigung, die mir so recht gefällt. - Ist das Schriftstellerleben leicht und einträglich, oder ist - es wirklich ein so saures Brot, wie man immer sagt? Es _muß_ - doch bequemer sein als viele, ja als die meisten Berufsarten; - mich drängt es unwiderstehlich, mich darauf zu werfen. Mag - es biegen oder brechen, ich will mein Glück damit versuchen, - will schwimmen oder untersinken, triumphieren oder erliegen. - Wie hat man es denn aber anzufangen, wenn es einem in der - Litteratur glücken soll? -- Fürchten Sie sich ja nicht, mir - die Sache genau so darzustellen, wie sie ist. Im schlimmsten - Fall würde mein Vorhaben eben mißlingen, und davor ist man - doch niemals geschützt. Ich habe an die juristische Laufbahn - gedacht, auch an fünf oder sechs andere Berufsarten, aber - überall fand ich die gleichen Uebelstände, -- alles überfüllt, - vollgepfropft, immer mehr Angebot als Nachfrage, der Erfolg - ein Ding der Unmöglichkeit, weil es viel zu viele Hände giebt - und zu wenig Arbeit. Aber ich _muß_ etwas ergreifen, und da - suche ich denn mein Heil bei der Litteratur. Eine innere - Stimme sagt mir, daß dies das rechte Feld für meine Begabung - ist, wenn ich überhaupt Talent dazu habe. Ich lege einige - Proben bei. Bitte, lesen Sie dieselben und teilen Sie mir Ihre - aufrichtige, unparteiische Meinung mit. Und dann noch eins -- - ich bedaure, Ihnen beschwerlich fallen zu müssen, aber erinnern - Sie sich daran, daß Sie selbst einmal ein junger Anfänger - gewesen sind und verschaffen Sie mir Arbeit für eine Zeitung. - Sie stehen mit vielen Redaktionen in Verbindung und ich bin - gänzlich unbekannt. Auch bitte ich Sie, mir möglichst günstige - Bedingungen auszuwirken; ich weiß wohl, daß ich zuerst nicht - auf hohe Bezahlung rechnen kann, aber, wie viel meinen Sie, daß - man für Artikel wie die beifolgenden ungefähr fordern könnte? - Ich habe noch eine Menge dergleichen in meiner Mappe; wenn Sie - diese unterbringen und es mich wissen lassen, kann ich Ihnen - andere schicken, die ganz ebenso gut, vielleicht sogar besser - sind. - - Einer baldigen Antwort u. s. w. - - Ihr ergebener u. s. w.« - -Ich will Ihnen offen und ehrlich antworten. Ob, was ich zu sagen habe, -von großem Werte für Sie sein wird, oder ob Sie finden werden, daß es -sich der Mühe lohnt, meine Ratschläge zu befolgen, sind Dinge, deren -Entscheidung ich mit Freuden Ihrem eigenen Urteil überlasse. - -Zunächst enthielt Ihr Brief mehrere Fragen, die jeder nur nach eigener -Lebenserfahrung endgültig beantworten kann. Diese Fragen übergehe ich -einfach und erwidere Ihnen Folgendes: - -1. Daß die Litteratur, das geistliche Amt, die Medizin, die -Jurisprudenz und alle andern Berufsarten ins Stocken geraten sind und -nicht die erwünschten Fortschritte machen, daran ist nicht Mangel an -Arbeit schuld, sondern Mangel an Arbeitskräften. Wenn jemand Ihnen -das Gegenteil versichert, so sagt er eine Unwahrheit. Wollen Sie -prüfen, ob meine Behauptung richtig ist, so versuchen Sie doch einmal, -einen Redakteur, Berichterstatter, Verwalter, Werkführer, Handwerker, -Gewerbebeflissenen oder Künstler, der in seinem Fach Hervorragendes -leistet, für irgend eine Arbeit zu gewinnen! Sie werden finden, daß -der Mann schon eine Stelle hat und überreichlich beschäftigt ist. Er -ist nüchtern, fleißig, tüchtig und zuverlässig und die Nachfrage nach -ihm hört nicht auf. Keinen Tag hat er frei, außer durch besondere -Berücksichtigung von seiten seines Arbeitgebers, der städtischen -Verwaltung oder des Publikums im allgemeinen. Können Sie aber Faulenzer -brauchen, Tagediebe, Halbgebildete, Leute ohne Ehrgeiz, leichtsinnige -oder bequeme Redakteure, Berichterstatter, Anwälte, Aerzte und -Handwerker, so wenden Sie sich wohin Sie wollen. Von _der_ Sorte sind -Millionen zu haben, man findet sie überall und braucht nur die Hand -auszustrecken. - -2. Ich werde mich wohl hüten, über den litterarischen Wert Ihrer -Erzeugnisse eine Meinung abzugeben. Das Publikum ist der einzige -Kritiker, dessen Urteil überhaupt etwas gilt. Sie brauchen mir das -nicht aufs Wort zu glauben; denken Sie nur einmal einen Augenblick -darüber nach und entscheiden Sie selbst. Hätten z. B. Sylvanus Cobb -oder T. S. Arthur Ihnen ihre Erstlings-Manuskripte unterbreitet, -so würden Sie mit Thränen in den Augen gesagt haben: Nein, bitte, -schreiben Sie nichts mehr! -- Und Sie sehen doch, wie beliebt ihre -Sachen sind. Wäre es Ihnen überlassen worden, Sie hätten vielleicht -gesagt, der ›Marmorfaun‹ sei langweilig und das ›Verlorene Paradies‹ -nicht erheiternd genug; aber beide haben guten Absatz, wie Sie wohl -wissen. Viele Leute, die klüger und besser waren als Sie, haben vor -kaum zwei Jahrhunderten geringschätzig von Shakespeare gesprochen, -der alte Herr hat sie indessen alle überlebt. Darum will und kann -ich nicht über Ihre Schriftstellerei zu Gericht sitzen. Wenn ich Sie -nach bestem Wissen und Gewissen lobte, könnte ich dem Publikum auf -die Dauer die entsetzlichste Langeweile aufbürden; wenn ich Sie nach -bestem Wissen und Gewissen für unbrauchbar erklärte, würde ich der Welt -möglicherweise einen noch unerkannten und unentwickelten Dickens oder -Shakespeare rauben. - -3. Ich schrecke vor der Aufgabe zurück, Ihnen schriftstellerische -Arbeiten zu verschaffen, für welche Sie Honorar beanspruchen. Sobald -Ihre Leistungen selbst den Beweis geliefert haben, daß sie wirklich -wertvoll sind, werden Sie nie mehr herumzugehen brauchen, um nach -litterarischer Beschäftigung zu suchen. Sie werden alle Hände voll zu -thun bekommen und mehr Grütze im Kopf nötig haben, als Ihnen vielleicht -jemals zur Verfügung steht, um nur die Hälfte der Arbeit zu verrichten, -die man Ihnen antragen wird. Will der angehende Schriftsteller den -Beweis beibringen, daß er wirklich etwas Gutes zu leisten vermag, so -weiß ich ein ganz einfaches Mittel, ein vollkommen sicheres Verfahren, -um diesen Zweck zu erreichen: er schreibe so lange ohne Bezahlung, -bis ihm jemand Honorar anbietet. Wird ihm im Lauf von drei Jahren -kein Honorar angeboten, so darf er dies mit vollem Vertrauen als ein -Zeichen betrachten, daß ihn die Natur zum Holzhacker bestimmt hat. -Wenn er auch nur ein Körnchen Weisheit besitzt, wird er sich mit Würde -zurückziehen und den ihm vom Himmel verordneten Beruf ergreifen. - - * * * * * - -Ein Verfahren, wie ich es hier schildere, haben Leute wie Charles -Dickens und andere hervorragende Schriftsteller befolgen müssen; aber -meinem Klienten wird es schwerlich zusagen. Der junge, angehende -Litterat ist ein sehr, sehr sonderbares Geschöpf. Er weiß, daß, wenn -er Klempner werden wollte, der Meister von ihm ein Zeugnis über sein -seitheriges sittliches Betragen verlangen und ihm das Versprechen -abfordern würde, wenigstens drei -- vielleicht sogar vier Jahre -- bei -ihm in der Lehre zu bleiben. Er müßte im ersten Jahre die Werkstatt -fegen, Wasser holen, Feuer anzünden und in der Pause lernen, wie -man die Oefen schwärzt. Zum Lohn für alle diese Dienste erhielte -er seine Kost und zwei billige Anzüge. Im zweiten Jahre käme die -Unterweisung im Handwerk an die Reihe, und als Wochenlohn würde ihm -ein Dollar ausgezahlt, im dritten Jahr zwei, im vierten drei Dollars. -Als ausgelernter Klempner könnte er dann wöchentlich fünfzehn bis -zwanzig, vielleicht auch dreißig Dollars verdienen; zu einem Wochenlohn -von fünfundsiebzig Dollars würde er es aber niemals bringen. Bei -jedem andern Handwerk, für das er sich entscheidet, muß er dieselbe -langwierige und schlecht bezahlte Lehrlingszeit durchmachen. Advokat -oder Doktor zu werden ist aber noch hundertmal schwerer, denn da erhält -er nicht nur während der ganzen Lehrzeit keinen Lohn, sondern er hat -noch eine große Summe für seinen Unterricht zu bezahlen und genießt das -Vorrecht, sich selbst beköstigen und kleiden zu dürfen. - -Das alles weiß der angehende Litterat und hat doch die Dreistigkeit -sich zur Aufnahme in die Schriftstellergilde zu melden und seinen -Teil von ihren hohen Ehren und Einkünften zu verlangen, ohne zur -Rechtfertigung für seine Anmaßung auch nur eine zwölfmonatliche -Lehrzeit nachweisen zu können. Er würde nur unschuldsvoll lächeln, -wollte man ihm zumuten, ohne vorherige Anweisung selbst das einfachste -kleine Blechnäpfchen anzufertigen. Aber, ohne Kenntnis der Grammatik, -phrasenhaft, weitschweifig und mit den verschrobenen Begriffen von -Welt und Menschen, die er sich auf irgend einem Neste im Hinterwald -angeeignet hat, getraut sich der unwissende Gelbschnabel, die -Feder, diese gefährliche Waffe, zur Hand zu nehmen, um damit die -gewaltigen Mächte, Handel, Finanzen, Krieg und Politik aufs Geratewohl -anzugreifen. Wenn es nicht so traurig wäre, würde es einfach lächerlich -sein. Der arme Junge wagt sich ohne bestandene Lehrzeit nicht in die -Klempnerwerkstatt hinein, aber er scheut sich nicht, mit ungeübter -Hand ein Werkzeug zu ergreifen und zu führen, welches Königsthrone zu -stürzen, Religionen zu ändern und das Wohl oder Wehe ganzer Völker zu -entscheiden vermag. - -Wenn der Verfasser jenes Briefes für die Zeitungen, die in der -Nachbarschaft seines Wohnorts erscheinen, unentgeltlich schreiben will, -so ist hundert gegen eins zu wetten, daß er so viele Aufträge erhält, -als er unter dieser Bedingung nur irgend übernehmen kann. -- Stellt -sich dann heraus, daß seine Schreibereien wirklich etwas wert sind, so -finden sich sicherlich eine Menge Leute, die ihm Geld dafür anbieten. - -Zum Schluß will ich ihm als ernste und wohlgemeinte Ermutigung noch -einmal die Thatsache zu Gemüte führen, daß annehmbare und lesenswerte -Schriftsteller höchst selten sind. Sowohl Buchhändler als Herausgeber -von Zeitungen suchen unablässig nach ihnen und zwar mit solchem Eifer, -daß sie sich bei dem Geschäft keinen Augenblick Rast oder Ruhe gönnen. - - - - -Antworten auf Zuschriften. - - -I. - -An einen Moral-Statistiker. - -Behalten Sie Ihre statistischen Notizen ein andermal für sich! Ich habe -das ganze Bündel genommen und mir die Pfeife damit angezündet. Leute -von Ihrem Schlage sind mir verhaßt. Sie rechnen fortwährend aus, wie -sehr ein Mensch seiner Gesundheit schadet, wie sehr er seine Denkkraft -schwächt und wie viele elende Dollars und Cents er vergeudet, wenn er -sich zweiundneunzig Jahre lang den verderblichen Genuß des Rauchens -gestattet, der ebenso verderblichen Gewohnheit des Kaffeetrinkens -fröhnt, gelegentlich eine Partie Billard spielt, bei Tische ein Glas -Wein trinkt u. s. w. u. s. w. Und Sie zählen sich immer an den Fingern -her, wie viele Frauen der gefährlichen Mode, weite Reifröcke zu tragen, -zum Opfer gefallen und verbrannt sind u. s. w. - -Immer sehen Sie nur die _eine_ Seite der Frage. Sie sind blind gegen -die Thatsache, daß die meisten alten Männer in Amerika rauchen und -Kaffee trinken, obgleich sie nach Ihrer Theorie alle jung gestorben -sein sollten, daß rüstige alte Engländer Wein trinken und am Leben -bleiben, daß dicke alte Holländer sowohl tüchtig trinken als rauchen -und doch die ganze Zeit über nur immer älter und wohlbeleibter -werden. Auch kümmern Sie sich nie darum, wie viel Behagen, Erholung -und Vergnügen der Mensch im Lauf seines Lebens vom Rauchen hat (was -zehnmal soviel wert ist als das Geld, welches er sparen würde, wenn er -es bleiben ließe), und fragen gar nicht danach, was für eine ungeheure -Menge von Wohlsein dem Menschen in seiner Lebenszeit verloren geht, -wenn er, -- wie Ihresgleichen -- nicht raucht. - -Natürlich können Sie Geld sparen, wenn Sie sich fünfzig Jahre lang jene -kleinen lasterhaften Genüsse versagen, aber was wird Ihnen das nützen, -wozu können Sie das Geld gebrauchen? Es kann Ihre arme sündhafte -Seele doch nicht ewig selig machen. Nützlich verwendet wird das Geld -nur, wenn es uns in diesem Leben Genuß und Behagen verschafft; für -Sie, der Sie ein abgesagter Feind von Genuß und Behagen sind, hat es -daher keinerlei Zweck, Schätze aufzuhäufen. Sagen Sie nur nicht, Sie -fänden es besser, das Geld für gute, gesunde Speisen auszugeben, Werke -der Barmherzigkeit zu thun und sich an Traktätchen-Gesellschaften -zu beteiligen. Sie wissen recht gut, daß Leute von Ihrer Sorte, die -keine kleinen menschlichen Schwächen haben, nie einen Cent verschenken -und sich die Nahrung so knapp zumessen, daß sie immer hohlwangig und -hungrig aussehen. Sie getrauen sich ja bei Tage kaum zu lachen, aus -Furcht, irgend ein armer Teufel, der Sie bei guter Laune sieht, möchte -den Versuch machen, Ihnen einen Dollar abzuborgen. In der Kirche -liegen Sie auf den Knieen und vergraben Ihr Gesicht in das Kissen, -wenn der Klingelbeutel herankommt, und dem Steuerbeamten geben Sie nie -den vollen Betrag Ihres Einkommens an. Das alles wissen Sie recht gut -selber, nicht wahr? -- Nun also -- wozu sollten Sie Ihr erbärmliches -Leben bis in ein armseliges, welkes Alter ausdehnen? Was nützt es -Ihnen, Geld zusammenzuscharren, das doch völlig wertlos für Sie ist? -Kurz und gut, warum legen Sie sich nicht lieber hin und sterben, -anstatt fort und fort den Versuch zu machen, andere Leute mit Ihrer -abscheulichen Moralstatistik zu verführen, ebenso ›tugendhaft‹ und -unausstehlich zu werden wie Sie? Ich für meine Person billige die -Verschwendung nicht und treibe selbst keine; aber ich hege das größte -Mißtrauen gegen einen Menschen, der gar keine kleinen Schwächen hat und -wünsche deshalb nichts mehr von Ihnen zu hören. - - -II. - -An einen jungen Schriftsteller. - -Jawohl, Agassiz empfiehlt den Schriftstellern Fische zu essen, weil -ihr Phosphorgehalt Gehirn erzeugt. Insofern haben Sie ganz recht. -Aber zu einer Entscheidung der Frage, wieviel Sie davon essen müssen, -kann ich Ihnen nicht verhelfen -- wenigstens nicht mit Sicherheit. -Wenn der Probeaufsatz, den Sie einschicken, dem entspricht, was Sie -im Durchschnitt leisten können, so sollte ich denken, daß für jetzt -ein paar Walfische genügen würden. Es brauchten nicht gerade die -allergrößten Walfische zu sein, sondern eine gute, gesunde Mittelsorte. - - -III. - -An einen verschmähten Liebhaber. - -Herr Higgins in Los Angeles schreibt mir: »Mein Leben ist verfehlt. Ich -habe sie bis zum Wahnsinn geliebt und angebetet; sie aber hat sich kalt -von mir abgewendet und ihr Herz einem andern geschenkt. Raten Sie mir, -was soll ich thun?« - -_Antwort._ Schenken Sie Ihr Herz auch einer andern -- oder mehreren, -wenn genug zu haben sind. Thun Sie auch alles, was in Ihrer Macht -steht, um Ihre frühere Flamme unglücklich zu machen. In Romanen findet -man die abgeschmackte Vorstellung verbreitet, daß ein verschmähter -Liebhaber sich um so glücklicher fühlt, je glücklicher seine Geliebte -mit einem andern ist. Glauben Sie nur ja nicht an solchen Unsinn. -Je mehr das Mädchen Ursache hat zu beklagen, daß es nicht Ihre Frau -geworden ist, um so behaglicher wird Ihnen dabei zu Mute sein. Das -klingt nicht poetisch, ist aber eine höchst vernünftige Regel. - - -IV. - -An Arthur Augustus. - -Nein, da haben Sie unrecht. Das ist wohl die Art, wie man einen -Pflasterstein oder einen Tomahawk schleudert, aber für einen -Blumenstrauß eignet sie sich weniger; Sie könnten dabei leicht einmal -jemand Schaden anthun. Einen Strauß hält man mit den Blumen nach -unten, faßt ihn bei den Stengeln und wirft ihn dann im Bogen. Haben -Sie je mit der Wurfscheibe gespielt? Gerade so muß man's machen. Die -Sitte, ungeheuere massive Bouquets von der Größe und Schwere eines -preisgekrönten Kohlkopfs aus den schwindelnden Höhen der Galerie -hinabzuwerfen, ist höchst gefährlich und tadelnswert. Wissen Sie, was -vorgestern abend in der Musikakademie geschehen ist? -- Eben hatte -die Signorina das wundervolle Lied ›Des Sommers letzte Rose‹ zu Ende -gesungen, da kam ein solcher Schmiedehammer aus dem Blumengeschlecht -durch die mit Beifallssturm erfüllte Luft herniedergesaust. Hätte sie -nicht eine schnelle Wendung nach rechts gemacht, so würde er sie wie -einen Schindelnagel in die Bretter der Bühne hineingehämmert haben. -Natürlich wurde der Strauß in guter Absicht geworfen, aber hätten Sie -etwa die Zielscheibe sein mögen? Glauben Sie mir -- eine aufrichtig -gemeinte Artigkeit wird von einer Dame stets dankbar empfunden, so -lange man nicht versucht, sie damit zu Boden zu schmettern. - - -V. - -Einer jungen Mutter. - -Sie denken also, ein kleines Kind sei allezeit ein Ausbund von -Schönheit und eine Quelle ewiger Freude? Die Idee ist zwar ansprechend, -aber wie mir scheint nicht ganz neu. Jede Kuh denkt dasselbe von ihrem -Kalbe. Vielleicht denkt es die Kuh auf weniger anmutige Art, aber -sie denkt es doch und ich rechne es der Kuh zur Ehre an. Wir alle -schätzen dieses rührende mütterliche Gefühl, wo wir es auch finden, -sei es im Hause der Pracht und des Reichtums oder im niedern Kuhstall. -Aber wirklich, verehrte Frau, genau betrachtet, finde ich, daß Ihre -Behauptung sich nicht in allen Fällen als stichhaltig erweist. Man kann -ein schmutziges Kind, dem nicht rechtzeitig die Nase geputzt wird, -nicht mit gutem Gewissen für einen Ausbund von Schönheit erklären, und -da das früheste Kindesalter höchstens drei kurze Jahre umfaßt, kann -ein kleines Kind unmöglich eine ›ewige‹ Freude sein. Es schmerzt mich, -daß ich genötigt bin, zwei Drittteile Ihres schönen Ausspruchs mit -einem einzigen Satz zu vernichten, aber bei meiner verantwortlichen -Stellung als Redakteur darf ich Ihnen nicht gestatten, das Publikum mit -wohlklingenden Redensarten zu täuschen und in die Irre zu führen. - -Ich kenne ein kleines Kind weiblichen Geschlechts in dieser Stadt, -das achtzehn Monate alt ist und außer stande vierundzwanzig Stunden -hintereinander eine Quelle der Freude zu sein -- von ›ewig‹ gar nicht -zu reden! Es ergeht sich in den merkwürdigsten Absonderlichkeiten und -besitzt einen Appetit, wie er mir noch nicht vorgekommen ist. Ich will -hier aufzählen, was dieses Kind an einem einzigen Tage sich alles -ganz allein ausgedacht, vorgenommen und ausgeführt hat, ohne Anraten -und Hilfe seiner Mutter oder einer andern Person. Auch bemerke ich, -daß sich meine sämtlichen Angaben durch beschworene Zeugenaussagen -bestätigen lassen. - -Das Kind begann damit, ein Dutzend große Pillen samt der Schachtel -zu verzehren, dann fiel es die Treppe hinunter und stand mit einer -dicken blauroten Beule an der Stirn wieder auf, um sich sofort -nach anderer Unterhaltung und Zerstreuung umzusehen. Es fand eine -Glasbrosche mit Messingverzierung, zerbrach erst das Glas, verspeiste -es und verschluckte dann das Messing. Hierauf trank es wohl ein -Dutzend Eßlöffel voll starken Kampferspiritus und etwa zwanzig Tropfen -Laudanum; wäre mehr dagewesen, es hätte noch mehr getrunken. Dann -legte es sich auf den Rücken und steckte sich einen Spazierstock -mit silbernem Knopf vier bis fünf Zoll weit in den Hals hinab, wo -er so fest saß, daß die Mutter die größte Mühe hatte, ihn wieder -herauszuziehen, ohne ein Stück von dem Kinde selbst mit herauszureißen. -Dann verspürte es wieder Hunger nach Glas, brach ein paar Weingläser -entzwei und begann die Scherben zu verzehren; daß es sich dabei -verschiedene Male schnitt, machte ihm nichts aus. Ferner aß es eine -Menge Butter, Salz, Pfeffer und Zündhölzchen; immer abwechselnd einen -Löffel voll Butter, einen voll Salz, einen voll Pfeffer und drei -oder vier Hölzchen. Nun wusch es sich den Kopf mit Seife und Wasser, -aß die übrige Seife auf und trank soviel von dem Seifwasser, als -es unterbringen konnte. Darauf spazierte es hinaus, faßte die Kuh -vertraulich am Schwanz und erhielt von derselben einen Schlag mit dem -Huf, daß es einen Purzelbaum schoß. Wenn diese ›Quelle der Freude‹ im -Lauf des Tages gerade nichts anderes vorhatte, vertrieb sie sich die -Zeit damit, auf Stühle und Tische zu klettern, herabzufallen und sich -regelmäßig dabei weh zu thun. Trotz ihrer Jugend kann sie einzelne -Wörter schon ganz deutlich aussprechen und da sie auch in anderer -Hinsicht nicht hinter dem Berge hält, sondern dreist auf alles losgeht, -eröffnet sie die Unterhaltung mit jedem Fremden, sei er männlichen oder -weiblichen Geschlechts mit derselben Formel: »Wie geht's Jim?« - -[Illustration] - -Da ich mit den Eigenheiten der Kinder im allgemeinen nicht vertraut -bin, habe ich vielleicht Dinge als etwas Außergewöhnliches geschildert, -die jedem, der in der Kinderstube Bescheid weiß, höchst alltäglich -erscheinen. Indessen kann ich doch nicht glauben, daß dies wirklich -der Fall ist, und wiederhole daher nochmals, daß mein Bericht über die -Thaten dieses Kindes vollkommen mit der Wahrheit übereinstimmt; sollte -irgend jemand hieran zweifeln, so kann ich ihm das Mädchen vorführen. -Ich will mich auch dafür verbürgen, daß es alles verschlingen wird, -was man ihm giebt (einen Amboß möchte ich allenfalls ausnehmen), und -überall hinunterfallen, wo man es hinsetzt. - -Aber ich sehe, daß ich zu weit von meinem Gegenstand abschweife, -deshalb will ich nur noch einmal die Ueberzeugung aussprechen, daß -nicht jedes kleine Kind ein Ausbund von Schönheit und eine Quelle -ewiger Freude ist. - - -VI. - -An einen gelehrten Fragesteller. - -Ein Arithmetikus aus Virginia in Nevada schreibt: »Ich studiere mit -Begeisterung Mathematik und finde es recht verdrießlich, daß mein -Fortschritt unaufhörlich durch geheimnisvolle, technische Ausdrücke der -Gelehrten gehemmt wird. Wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, worin -der Unterschied zwischen Geometrie und Conchologie besteht?« - -_Antwort_: Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihren arithmetischen Rätseln, -mir ist der Kopf ohnehin von einem Schnupfen eingenommen, der mich -halb tot macht. Hätten Sie den Ausdruck von Hohn sehen können, der -noch vor einem Augenblick meine Gesichtszüge verdüsterte und sofort -vom Mittelpunkt aus durch mein letztes Niesen nach allen Seiten hin -gesprengt wurde, wie ein zersplittertes Spiegelglas, Sie würden diese -schimpfliche Frage schwerlich niedergeschrieben haben. - -Die Conchologie ist eine Wissenschaft, die nichts mit der Mathematik zu -thun hat; sie bezieht sich einzig und allein auf Schaltiere. Damit soll -aber nicht gesagt sein, daß ein Mann, welcher Austerschalen für ein -Gasthaus öffnet, oder sich einer Wageschale bedient, Schalen mit Milch -füllt, oder Eierschalen ausbläst, ein Student der Conchologie ist -- -diese feine sarkastische Bemerkung wird an einer so hohlen Hirnschale -wie die Ihrige wohl verschwendet sein. Nun vergleichen Sie einmal -die Conchologie und die Geometrie mit einander, da werden Sie sehen, -was der Unterschied ist und die Antwort auf Ihre Frage finden. Aber -martern Sie mich nicht wieder mit Ihren arithmetischen Greueln, bis Sie -hören, daß ich meinen Schnupfen losgeworden bin. Mich erfüllt in diesem -Augenblick der bitterste Haß gegen Sie, weil Sie mich auf solche -Weise nörgeln und quälen, während ich vor Wut nur niesen und meine -Taschentücher zu Atomen zerschnauben kann. Seien Sie froh, daß Sie -nicht im Bereich meiner Nase sind. Es wäre mir eine wahre Genugthuung, -Sie mit einem kolossalen Nieser in alle Winde zu blasen. - - - - -Kandidatenfreuden. - - -Vor ein paar Monaten wurde ich im großen Staate New York von der Partei -der Unabhängigen als Kandidat für den Gouverneursposten aufgestellt. -Meine Gegenkandidaten waren John T. Smith und Blank J. Blank. Diesen -Herren gegenüber glaubte ich erheblich im Vorteil zu sein -- ich -erfreute mich nämlich eines guten Rufes. Wenn sie aber -- das konnte -man leicht aus den Zeitungen ersehen -- je gewußt hatten, was es heißt, -einen fleckenlosen Namen zu tragen, so war diese Zeit längst vorüber. -Offenbar hatten sie sich in den letzten Jahren mit den schändlichsten -Verbrechen ganz vertraut gemacht. Aber während ich mich noch insgeheim -an dem Bewußtsein meiner Ueberlegenheit ergötzte, lauerte schon ein -trübes Unbehagen im Hintergrunde meiner Seele und nagte an den Wurzeln -meines Glücks. Mich quälte der Gedanke, daß nun mein Name fortwährend -in Verbindung mit demjenigen solcher Menschen genannt werden würde. -Meine Unruhe darüber wuchs von Tag zu Tage. Endlich schrieb ich es -meiner Großmutter. Ihre Antwort traf ein und lautete sehr bestimmt wie -folgt: - -»Du hast nie in deinem Leben das geringste gethan, dessen du dich zu -schämen brauchtest, nicht das geringste. Nun wirf einen Blick in die -Zeitungen, lies und erkenne, was für Charaktere die Herren Smith und -Blank sind und dann prüfe dich, ob du willens bist, dich so weit zu -erniedrigen, daß du mit ihnen den öffentlichen Wettbewerb um ein Amt -aufnimmst.« - -[Illustration] - -Mir ganz aus der Seele gesprochen! Ich verbrachte eine schlaflose -Nacht; aber wie ich's mir auch überlegte, zurücktreten konnte ich nicht -mehr, ich war meinen Wählern gegenüber gebunden und mußte den Kampf -fortsetzen. Als ich beim Frühstück mechanisch die Zeitung überblickte, -stieß ich auf den folgenden Artikel, und, ehrlich gestanden, hat mich -noch nie im Leben etwas dermaßen verblüfft: - -»_Meineid._ -- Da nun Herr M. Twain öffentlich als Kandidat für -den Gouverneursposten auftritt, wird er sich vielleicht zu einer -Erklärung herbeilassen, wie es kam, daß er im Jahre 1863 zu Wakawak -in Cochinchina von vierunddreißig Zeugen des Meineids überführt -wurde. Der Zweck dieses Meineids war, eine arme eingeborene Witwe -und ihre hilflosen Kinder der elenden kleinen Bananenpflanzung zu -berauben, welche ihnen in ihrer Not und Verlassenheit allein Nahrung -und Unterhalt gewährte. Herr Twain ist es sich selbst und dem großen -Volke schuldig, um dessen Stimmen er sich bewirbt, diese Angelegenheit -aufzuklären. Wird er es thun?« -- - -Ich meinte, mich rühre der Schlag vor Entsetzen. Eine so grausame und -herzlose Beschuldigung! Cochinchina hatte ich nie gesehen und von -Wakawak niemals gehört. Ich hätte eine Bananenpflanzung nicht von -einem Känguruh unterscheiden können. Ich war ratlos, von Sinnen, wußte -mir nicht zu helfen! So verging der Tag, ohne daß ich einen Entschluß -faßte. Am nächsten Morgen brachte dieselbe Zeitung folgende kurze Notiz: - -»_Bezeichnend._ -- Herr Twain hüllt sich, wie man bemerkt, über den -Cochinchina-Meineid in ein vielsagendes Schweigen.« - -Während des ganzen Wahlkampfes wurde ich, beiläufig gesagt, von dieser -Zeitung nie anders erwähnt, als mit dem Beifügen: »Der schändliche, -meineidige Twain.« - - * * * * * - -Die ›Gazette‹ brachte nun zunächst folgendes: - -»_Anfrage._ -- Wird der neue Gouverneurskandidat die Güte haben, einige -seiner Mitbürger, die ihre Stimmen nicht leichtsinnig abgeben wollen, -über einen geringfügigen Umstand aufzuklären? Wie kam es, daß seine -Schlafgenossen in Montana dann und wann kleine Wertsachen verloren, -die jedesmal an Herrn Twains Person oder in seinem ›Koffer‹ (einem -Zeitungsblatt, in welches er seine Habseligkeiten einzuwickeln pflegte) -vorgefunden wurden, bis man sich endlich veranlaßt fühlte, ihm zu -seinem eigenen Besten eine freundliche Verwarnung zu erteilen? Man -theerte und federte ihn, ließ ihn auf einem Balken reiten und gab ihm -schließlich den Rat, an dem Platz, den er gewöhnlich im Lager einnahm, -eine bleibende Lücke zu lassen. Wird er dem Rate folgen?« -- - -Konnte man sich etwas ausgeklügelt Boshafteres vorstellen, zumal ich -zu keiner Zeit meines Lebens in Montana gewesen bin? - -Von da ab nannte mich dieses Journal nie anders als den ›Montana-Dieb -Twain.‹ - -Ich kam so weit, daß ich mich fast fürchtete, eine Zeitung in die Hand -zu nehmen; ungefähr wie jemand, der eine wollene Decke, die er nötig -braucht, aufheben möchte, aber eine Klapperschlange darunter vermutet. -Eines Tages las ich folgendes: - -»_Der Lügner ist entlarvt!_ -- Durch die beschworenen Aussagen der -Herren Michael O'Flanagan, Snub Rafferty und Catty Mulligan aus -Five-Points und Water-Street[1] wurde festgestellt, daß Herrn Mark -Twains schändliche Behauptung, als wäre der verstorbene Großvater -unseres edlen Bannerträgers Blank J. Blank wegen Straßenraubs gehängt -worden, eine gemeine, aus der Luft gegriffene Lüge ist. Für tugendhafte -Männer ist es eine niederschmetternde Erfahrung, daß man zu solchen -unehrenhaften Mitteln greifen kann, um einen politischen Erfolg zu -erringen, daß man sich nicht scheut, die Toten noch im Grabe zu -beschimpfen und auf ihren geachteten Namen Verleumdungen zu häufen. -Wenn wir an den Schmerz denken, den diese elende Lüge den unschuldigen -Verwandten und Freunden des Verewigten bereitet haben muß, sind wir -fast versucht, das betrogene und beleidigte Publikum zu schneller, wenn -auch ungesetzmäßiger Rache gegen den Verleumder aufzustacheln. Aber -nein -- überlassen wir ihn den Qualen eines gepeinigten Gewissens! -- -Sollte jedoch der Fall eintreten, daß das Publikum, von Leidenschaft -übermannt, in blinder Wut dem Verleumder körperliche Mißhandlungen -zufügte, so liegt es auf der Hand, daß kein Schwurgericht die Thäter -für schuldig erklären, kein Richter sie strafen könnte.« - - [1] Eine berüchtigte Gegend New Yorks, wo viel irisches - Gesindel wohnt. - -Der geschickt abgefaßte Schlußsatz bewirkte, daß ich noch in derselben -Nacht in größter Eile aus dem Bette und zur Hinterthür hinausflüchten -mußte, während das ›betrogene und beleidigte‹ Publikum vor dem Hause -wütete und tobte wie brandende Meereswogen, in seiner gerechten -Entrüstung beim Kommen Möbel und Fenster zerschlug und beim Gehen so -viel von meinem Eigentum mitnahm, als es tragen konnte. Und doch kann -ich meine Hand auf die Bibel legen und versichern, daß ich Herrn Blanks -Großvater niemals verleumdet habe. Ja noch mehr -- ich hatte bis zu -jener Stunde seinen Namen nicht einmal nennen hören. - -Gelegentlich will ich nur erwähnen, daß das Journal, welchem -obige Mitteilung entstammt, mich von nun an immer als ›Twain, den -Leichenschänder‹ bezeichnete. - - * * * * * - -Der nächste Zeitungsartikel, der meine Aufmerksamkeit erregte, lautete -wie folgt: - -»_Ein netter Kandidat!_ -- Herr Mark Twain, der gestern abend bei der -Volksversammlung der Unabhängigen eine donnernde Rede halten sollte, -glänzte durch Abwesenheit. Ein Telegramm seines Arztes meldete, daß -er von einem durchgegangenen Gespann zu Boden geworfen worden sei -und an einem doppelten Beinbruch in großen Schmerzen darniederliege, -und so weiter, und so weiter, noch ein ganzer Haufen ähnlichen -Unsinns. Die Unabhängigen gaben sich alle Mühe, die elende Notlüge -hinunterzuschlucken und zu thun, als ahnten sie den eigentlichen Grund -der Abwesenheit jenes Verworfenen nicht, den sie zu ihrem Bannerträger -erkoren haben. _Gestern abend sah man einen gewissen Menschen im -Zustand viehischer Betrunkenheit_ in Herrn Twains Hotel hineintaumeln! -Es ist unbedingt Pflicht für die Unabhängigen, zu beweisen, daß dieses -zum Tier entwürdigte Geschöpf nicht Mark Twain selbst gewesen ist. -Jetzt endlich sind sie gefangen -- hier giebt es kein Entrinnen! Im -Donnerton ruft die Volksstimme: _Wer war der Mensch?_« -- - - * * * * * - -Unglaublich, völlig unglaublich, daß es wirklich mein Name war, den man -mit diesem schmachvollen Verdacht in Verbindung brachte! Waren doch -drei Jahre über mein Haupt dahingegangen, seit ich einen Tropfen Ale, -Bier, Wein oder überhaupt ein geistiges Getränk angerührt hatte. - -Es zeigt, wie abgestumpft ich schon mit der Zeit geworden war, daß ich -es ohne Schmerz ertragen konnte, mich in der nächsten Nummer dieses -Journals ganz selbstverständlich als Herr ›~Delirium Tremens Twain~‹ -erwähnt zu finden, obgleich ich sicher sein konnte, daß das Blatt mit -unwandelbarer Eintönigkeit fortfahren werde, mich bis ans Ende so zu -bezeichnen. - -Unter den Postsachen, welche ich täglich erhielt, begannen jetzt -anonyme Briefe eine große Rolle zu spielen. Die Form derselben war -meistens folgende: - - »Wie war's denn mit die alte Bettelfrau, die Sie von Ihrer - Dürschwölle mit Fußdritte wegjachten? - - Pol Pry.« - -Dann weiter: -- - - »Sie haben Dahten gethan, welche niemand bewußt sind wie mir. - Rücken Sie nur ein bar Batzen raus an Ihren Ergebenen oder Sie - sollen durch die Zeitungen was hören von - - Handy Andy.« - -So ungefähr lauteten sie. Auf Wunsch könnte ich damit fortfahren, bis -der Leser übergenug hat. - -Bald darauf ›überführte‹ mich das bedeutendste republikanische -Journal einer großartigen Bestechung und das demokratische Hauptblatt -bezüchtigte mich eines niederträchtigen Erpressungsversuches. Auf diese -Weise erwarb ich zwei neue Titel: ›Twain, der elende Verführer‹ und -›Twain, der schändliche Räuber.‹ - -Inzwischen verlangte man mit solchem Toben eine ›Antwort‹ auf alle die -entsetzlichen Beschuldigungen, die gegen mich laut geworden waren, daß -die Redakteure und die Führer meiner Partei behaupteten, es wäre mein -politischer Ruin, wollte ich länger bei meinem Schweigen verharren. Wie -um ihr Verlangen noch dringender zu machen, erschien schon am nächsten -Tage folgendes in einer Zeitung: - -»_Seht einmal den Menschen an!_ -- Der Kandidat der Unabhängigen -schweigt noch immer, weil er nicht zu reden wagt. Alle gegen ihn -erhobenen Anschuldigungen sind vollauf bewiesen worden und sein -fortgesetztes, beredtes Schweigen hat deren Wahrheit genug bestätigt, -so daß er nunmehr für alle Zeit überführt dasteht. -- Ihr Unabhängigen, -seht ihn euch einmal an, euern Kandidaten! Seht den verruchten -Meineidigen, den Montana-Dieb, den Leichenschänder! Betrachtet euch -euern ~Delirium Tremens~, den elenden Verführer, den schändlichen -Räuber! Schaut ihn an -- genau und gründlich -- und dann sagt, ob ihr -mit gutem Gewissen einem Schurken eure Stimme geben könnt, der sich -durch seine entsetzlichen Verbrechen eine so grauenvolle Auswahl von -Ehrentiteln erworben hat und es nicht wagt, den Mund aufzuthun, um auch -nur einen einzigen von sich zu weisen.« - -[Illustration] - -Ich sah keine Möglichkeit, mir die Sache zu ersparen, und so machte -ich mich denn tief gedemütigt daran, eine ›Antwort‹ auf den Wust von -grundlosen Beschuldigungen und boshaften Lügen vorzubereiten. Aber -ich brachte diese Aufgabe nicht zu stande. Schon am folgenden Morgen -erschien nämlich eine neue gräßliche Geschichte in einem Blatt; mit -abscheulicher Erfindungsgabe beschuldigte man mich allen Ernstes, ein -Irrenhaus nebst sämtlichen Insassen niedergebrannt zu haben, weil -es die Aussicht vor meinem Hause versperre. Dies versetzte mich in -Todesschrecken. -- Ferner sollte ich noch meinen Onkel vergiftet haben, -um sein Vermögen an mich zu bringen, und man bestand heftig darauf, das -Grab müsse geöffnet werden. Es trieb mich an den Rand der Verzweiflung. -Als nun noch die Anklage folgte, ich hätte als Pfleger des Findelhauses -meine zahnlosen, altersschwachen Verwandten angestellt, um die Kost -zu bereiten -- da begann ich zu wanken, und die Sinne schwanden mir. -Schließlich setzte man der empörenden Verunglimpfung, die der Parteihaß -mir angethan, noch die Krone auf, indem man neun zerlumpte Kinder, in -allen Farbenschattierungen, die kaum laufen gelernt hatten, abrichtete, -bei einer öffentlichen Versammlung auf die Rednertribüne zu stürzen, -sich an mich zu drängen und mich Papa zu nennen. - -Das gab den Ausschlag. Ich strich die Flagge und ergab mich. Zum -Wahlkampf im Staate New York bei Besetzung des Gouverneurpostens -reichten meine Kräfte nicht aus. Ich sandte meinen Verzicht auf die -Kandidatur ein und unterzeichnete mich in der Bitterkeit meines Herzens - - Ihr ergebener - - ehemaliger Ehrenmann, - - aber jetzt S.M. -- M.D. -- L.Sch. -- D.T. -- E.V. u. S.R. - - _Mark Twain_. - - - - -Der große Rindfleisch-Kontrakt. - - -Mit so wenig Worten wie möglich will ich der Nation über meine -Beteiligung an einer Sache berichten, welche die öffentliche Meinung in -hohem Grade beschäftigt und viel böses Blut erregt hat. - -Die traurige Angelegenheit ist von den Zeitungen der alten und der -neuen Welt mit den schrecklichsten Uebertreibungen und Verzerrungen -dargestellt worden; für alle Thatsachen, welche ich anführe, finden -sich aber -- das kann ich versichern -- mehr als genügende urkundliche -Beweise in den Staatsarchiven der Union vor. Der Verlauf der Sache war -ursprünglich folgender: - -John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate -New Jersey, jetzt verstorben, schloß etwa am 10. Oktober 1861 mit der -Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er -dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch zu liefern -hatte. - -Nun gut. - -[Illustration] - -Er machte sich auf, um Sherman das Rindfleisch zu bringen, aber als er -in Washington ankam, war der General nach Manassas unterwegs; er zog -ihm daher mit dem Rindfleisch nach, kam aber zu spät. Nun folgte er -ihm nach Nashville, von Nashville nach Chatanooga, von Chatanooga nach -Atlanta -- einholen konnte er ihn jedoch nicht. In Atlanta nahm er -einen neuen Anlauf und zog auf dem ganzen Marsch nach der Meeresküste -hinter Sherman drein. Wieder kam er um einige Tage zu spät; da er aber -erfuhr, der General habe sich in der ›Quaker-City‹ nach dem Heiligen -Lande eingeschifft, ging er nach Beirut unter Segel, überzeugt, er -werde das andere Schiff einholen können. In Jerusalem angekommen, -erhielt er die Nachricht, der General sei nicht mit der ›Quaker-City‹ -abgesegelt, sondern nach der Prairie aufgebrochen, um gegen die -Indianer zu kämpfen. Er kehrte daher nach Amerika zurück und zog in -das Felsengebirge. Nach achtundsechzigtägiger, mühseliger Wanderung -durch die Prairie, nur noch vier Meilen von Shermans Hauptquartier -entfernt, fiel er den Indianern in die Hände, die ihn mit dem Tomahawk -erschlugen, ihm die Kopfhaut abzogen und sich des Rindfleischs -bemächtigten. Sie nahmen das ganze, bis auf ein Faß, welches Shermans -Armee eroberte. Der kühne Reisende erfüllte also sogar im Tode noch -seinen Kontrakt, wenigstens zum Teil. In seinem Testament, das er wie -ein Tagebuch führte, vermachte er den Kontrakt seinem Sohn Bartholomäus -W. Dieser schrieb die folgende Rechnung auf -- dann starb er: - - - _Rechnung für die Ver. Staaten._ - - _In Rechnung für _John Wilson Mackenzie_ von New Jersey, jetzt - verstorben, 30 Fass_ - - _eingepökeltes Rindfleisch für General _Sherman_ - à 100 Dollars_ _3000 Doll._ - _Reisespesen und Transport des - Fleisches_ _14000 Doll._ - ------------- - _Summa 17000 Doll._ - - _Den Betrag empfangen zu haben bescheinigt_ - - ................................. - -Bei seinem Ableben hinterließ er den Kontrakt dem Wm. J. Martin, -welcher sich bemühte, die Summe zu erheben, aber darüber starb und -seine Forderung an Barker J. Allen vermachte. Auch dieser erhielt bei -seinen Lebzeiten keine Bezahlung und hinterließ die Schriftstücke Anson -G. Rogers, der bei seinem Versuch, den Betrag einzukassieren, eben bis -zum neunten Rechnungsführer gelangt war, als der Tod, der alles zum -Abschluß bringt, ungerufen erschien und ihm die ferneren Verhandlungen -abschnitt. Die Papiere hinterließ er einem Verwandten in Connecticut, -Namens Vengeance Hopkins, welcher es vier Wochen und zwei Tage aushielt -und unerhörten Erfolg hatte, denn fast wäre er bis zum zwölften -Rechnungsführer gelangt. Er vermachte den Kontrakt testamentarisch -seinem Onkel, der Freudenreich Johnson hieß. Aber Freudenreich ertrug -es nicht lange. Seine letzten Worte waren: »Ich sterbe gern -- weinet -nicht über mich!« Und er starb wirklich gern, der arme Mann. Nach -seinem Tode erbten noch sieben andere Leute Kontrakt und Rechnung, -die alle bald starben. So kamen die Papiere zuletzt in meinen Besitz. -Ich erhielt sie von meinem Verwandten Betlehem Hubbard aus Indiana, -der schon lange einen Groll gegen mich hegte. Auf seinem Totenbette -schickte er aber nach mir, verzieh mir alles, und übergab mir mit -Thränen in den Augen den Rindfleisch-Kontrakt. - -Dies ist die Vorgeschichte desselben, bis zu der Zeit, da er mein -Eigentum wurde. Jetzt will ich den Versuch machen, mich angesichts -der ganzen Nation wegen meines Anteils an der Sache zu rechtfertigen. -Mit dem Kontrakt und der Rechnung über Reisespesen und Transport der -gelieferten Ware begab ich mich zu dem Präsidenten der Vereinigten -Staaten. - -»Was wünschen Sie, mein Herr,« fragte er mich. Ich erwiderte: -»Majestät, etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson -Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate New -Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten Staaten -einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß -eingepökeltes Rindfleisch -- --« - -Hier fiel er mir ins Wort, freundlich, aber mit fester Stimme, und -entließ mich. Am nächsten Tage machte ich dem Staatssekretär meine -Aufwartung. - -»Ihr Begehr, mein Herr?« fragte dieser. - -»Königliche Hoheit,« begann ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 -schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im -Staate New Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten -Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig -Faß eingepökeltes Rindfleisch -- --« - -»Genug, mein Herr -- genug, sage ich! Wir haben in diesem Ministerium -nichts mit Kontrakten über Rindfleisch zu schaffen.« Ich wurde -hinauskomplimentiert. Nachdem ich mir die Sache reiflich überlegt -hatte, stattete ich tags darauf dem Marineminister einen Besuch ab. Der -sagte: »Rasch, mein Herr, bringen Sie Ihr Anliegen vor; lassen Sie mich -nicht warten!« - -»Königliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 -schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im -Staate New Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten -Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig -Faß eingepökeltes Rindfleisch -- --« - -Weiter kam ich nicht. Auch ihn gingen die Rindfleischlieferungen für -General Sherman nichts an. Ich dachte, das sei doch eine recht kuriose -Regierung! Es hatte ja fast den Anschein, als habe sie überhaupt keine -Lust, das Rindfleisch zu bezahlen. Am nächsten Tage ging ich zum -Minister des Innern. - -»Kaiserliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des --« - -»Sparen Sie sich die Mühe, mein Herr,« fuhr er auf; »ich habe schon von -Ihnen gehört. Machen Sie, daß Sie mit Ihrem niederträchtigen Kontrakt -aus dem Hause kommen. Mit der Verproviantierung der Armeen hat das -Ministerium des Innern durchaus nichts zu thun.« - -Ich entfernte mich; aber jetzt war ich wirklich aufgebracht. So -leichten Kaufs sollten sie mich nicht los werden; ich nahm mir vor, -jedes Departement dieser gottlosen Regierung heimzusuchen, bis das -Geschäft mit dem Kontrakt geordnet sei. Entweder wollte ich das Geld -einkassieren oder das Leben lassen bei dem Versuch, wie alle meine -Vorgänger. Ich ging dem Generalpostmeister zu Leibe, ich belagerte das -Ackerbauministerium, ich lauerte dem Sprecher des Repräsentantenhauses -auf. Sie alle hatten nichts mit den Armeelieferungen von Rindfleisch zu -schaffen. Darauf wandte ich mich an den Vorsitzenden des Patentamts. - -»Hochwohlgeborene Excellenz,« sagte ich, »etwa am -- --« - -»Zum Henker, sind Sie mit Ihrem verfluchten Rindfleisch-Kontrakt -endlich auch hierher gelangt! Ich versichere Sie, werter Herr, uns -gehen weder die Armeelieferungen etwas an, noch Ihr Kontrakt.« - -»O, das kann jeder sagen -- -- _irgend jemand_ muß das Fleisch doch -bezahlen! Die Sache wird jetzt auf der Stelle ins reine gebracht, -sonst lege ich Beschlag auf dies alte Patentamt, mit allem was darin -ist.« - -»Aber bester Herr! --« - -»Es ist mir alles einerlei. Das Patentamt ist verpflichtet, das -Rindfleisch zu bezahlen. Darauf bestehe ich. Alle Ausreden sind -umsonst; ich wanke und weiche nicht vom Platze, bis das Patentamt -bezahlt hat.« - -[Illustration] - -Die weiteren Einzelheiten thun nichts zu der Sache. Sie endete in einer -Prügelei und das Patentamt behielt die Oberhand. Aber etwas hatte ich -bei der Gelegenheit doch erfahren, was mir Vorteil brachte, nämlich, -daß, wenn ich zur richtigen Behörde gehen wolle, ich mich an das -Schatzamt wenden müsse. Ich begab mich dorthin und wartete drittehalb -Stunden, dann ward ich beim ersten Lord der Schatzkammer vorgelassen. - -»Alleredelster, würdigster und hochgeschätztester Signor,« sagte ich, -»etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson Macken -- --« - -»Nicht weiter, mein Herr -- ich weiß, ich weiß! Gehen Sie zum ersten -Rechnungsführer.« - -Das that ich und er schickte mich zum zweiten Rechnungsführer. Der -schickte mich zum Oberregistrator der Abteilung für Pökelfleisch. Das -fing doch an geschäftsmäßig auszusehen! Er ging die Bücher durch, -auch alle noch ungehefteten Akten, fand aber den Rindfleisch-Kontrakt -nirgends eingetragen und schickte mich zum zweiten Registrator. Auch -dieser sah seine Bücher und Papiere durch, aber ohne Erfolg. Jetzt -schöpfte ich neuen Mut und kam im Lauf der Woche bis zum sechsten -Registrator der Pökelfleisch-Abteilung. In der zweiten Woche machte ich -die Abteilung für Schuldforderungen durch, in der dritten erledigte ich -die Abteilung für unerfüllte Kontrakte und faßte Fuß in der Abteilung -für unbezahlte Rechnungen. Dort waren meine Erkundigungen schon nach -drei Tagen zu Ende. - -Es gab jetzt nur noch einen Ort, wo ich nachfragen konnte. Ich -belagerte den Kommissionär für Bagatellsachen. Das heißt, er selbst war -nicht da, ich hielt mich an einen Schreiber. In dem Zimmer befanden -sich sechzehn wunderhübsche Damen, welche die Bücher führten, und -sieben Schreiber von wohlgefälligem Aeußern, die ihnen zeigten, wie sie -es machen müßten. Die jungen Damen wandten den Kopf und lächelten über -ihre Schultern nach oben, die Schreiber lächelten zu ihnen hinab und -es ging so lustig her, wie wenn die Glocke zur Hochzeit läutet. Zwei -oder drei andere Schreiber, welche die Zeitung lasen, sahen mich mit -scharfen Blicken an, fuhren aber fort zu lesen und niemand sprach ein -Wort. An solche Zuvorkommenheit und bereitwillige Bedienung war ich -aber in meiner ereignisreichen Laufbahn schon gewöhnt, da ich sie seit -dem Tage, als ich das erste Bureau der Pökelfleisch-Abteilung betrat, -bis ich das letzte verließ, um mich in die Abteilung für Bagatellsachen -zu begeben, bei allen Schreibergehilfen der Registratoren angetroffen -hatte. Durch viele Uebung war ich schon so weit gekommen, daß ich, von -meinem Eintritt ins Bureau an, bis zu dem Augenblick, daß der Schreiber -mich anredete, auf einem Bein stehen konnte, ohne dasselbe mehr als -zwei- oder höchstens dreimal zu wechseln. - -Jetzt stand ich hier, bis ich das Bein viermal gewechselt hatte. Dann -sagte ich zu einem der Schreiber, welche lasen: - -»Erlauchter Bummler, wo ist der Großtürke?« - -»Was meinen Sie, mein Herr? Wen meinen Sie? -- Wenn Sie den Bureauchef -meinen -- der ist ausgegangen.« - -»Wird er heute noch den Harem besuchen?« - -Der junge Mann sah mich eine Weile grimmig an und vertiefte sich dann -wieder in seine Zeitung. Aber das kümmerte mich nicht, ich kannte -die Art dieser Schreiber und wußte, daß Hoffnung für mich vorhanden -sei, wenn er eher fertig wurde, als die neuen Zeitungen aus New -York eintrafen. Er war jetzt schon bei dem vorvorletzten Tageblatt -angekommen. Nach einer Weile hatte er alles durchgelesen, dann gähnte -er und fragte nach meinem Begehr. - -»Weltberühmter und hochverehrter Staatsmann, etwa am 10. --« - -»Ah, Sie sind der Mann mit dem Rindfleisch-Kontrakt. Geben Sie mir Ihre -Papiere.« - -Er nahm sie in Empfang und wühlte dann lange Zeit in seinen -Bagatellsachen herum. Endlich fand er die Nordwestpassage, oder -was für mich dasselbe bedeutete, den lange verlorenen Vermerk über -den Rindfleisch-Kontrakt -- die Klippe, an welcher so viele meiner -Vorgänger gescheitert waren, ohne sie je zu erreichen. Meine Rührung -war groß und doch frohlockte ich im Herzen -- denn ich lebte ja noch. -Ich sagte mit bewegter Stimme: - -»Geben Sie mir das Dokument! Die Regierung wird jetzt sicherlich die -Schuld abtragen.« - -Er bedeutete mir jedoch, ich solle mich gedulden, es sei vorher noch -etwas zu erledigen. - -»Wo ist jener John Wilson Mackenzie?« fragte er. - -»Tot.« - -»Wann ist er gestorben?« - -»Gestorben ist er überhaupt nicht -- man hat ihn totgeschlagen.« - -»Wie das?« - -»Mit einem Tomahawk erschlagen.« - -»Wer hat ihn mit dem Tomahawk erschlagen?« - -»Natürlich doch ein Indianer. Sie glaubten doch nicht, der -Superintendent einer Sonntagsschule hätte es gethan?« - -»Nein. Also ein Indianer war es?« - -»Jawohl.« - -»Sein Name?« - -»Sein Name? -- Ich werde doch nicht seinen Namen wissen sollen!« - -»_Name_ unbedingt erforderlich. Wer hat denn gesehen, daß er mit dem -Tomahawk erschlagen wurde?« - -»Das weiß ich nicht.« - -»Sie selbst waren also nicht zugegen?« - -»Nein -- wie Sie an meinen Haaren sehen können.« - -»Woher wissen Sie denn, daß Mackenzie tot ist?« - -»Weil er zu jener Zeit wirklich gestorben und seitdem auch tot -geblieben ist, wie ich allen Grund habe zu glauben. Ja, ich weiß es -ganz bestimmt.« - -»Wir müssen Beweise haben. Ist der Indianer zur Stelle?« - -»Natürlich nicht.« - -»Den müssen Sie herbeischaffen. Haben Sie den Tomahawk hier?« - -»Bewahre, ich denke gar nicht daran.« - -»Sie müssen den Tomahawk beibringen und ihn uns zusamt dem Indianer -vorführen. Wenn sich hierdurch Mackenzies Tod beweisen läßt, haben Sie -sich an die Kommission zu wenden, welche eingesetzt ist, um schwebende -Forderungen zu prüfen. Vielleicht kommt dann Ihre Sache so in den Zug, -daß Ihre Kinder die Bezahlung der Rechnung noch erleben und das Geld -verzehren können. Aber vor allem muß der Tod jenes Mannes bewiesen -werden. Uebrigens kann ich Ihnen gleich noch sagen, daß die Regierung -die Transport- und Reisespesen des seligen Mackenzie nimmermehr -bezahlen wird. _Möglicherweise_ wird sie das Faß Pökelfleisch -bezahlen, welches Shermans Soldaten erobert haben, wenn Sie auf -Schadenersatz klagen und der Kongreß Ihre Forderung anerkennt; aber die -neunundzwanzig Faß, welche die Indianer aufgegessen haben, wird sie -Ihnen nicht bezahlen.« - -»Demnach hätte ich nur hundert Dollars zu beanspruchen und selbst -diese sind mir nicht sicher! Und das nach Mackenzies endlosem Hin- und -Herreisen mit dem Pökelfleisch in Europa, Asien und Amerika, nach allen -Beschwerden, Prüfungen und Plackereien, die er erduldet hat, nach dem -Hinsterben so vieler Unschuldiger, die bei dem Versuch, die Rechnung -einzukassieren, ums Leben gekommen sind! Junger Mann, warum hat mir der -Oberregistrator der Pökelfleisch-Abteilung das nicht gleich gesagt?« - -»Er wußte nicht, daß Ihr Anspruch begründet war.« - -»Warum hat es mir der zweite, der dritte nicht gesagt -- warum erfuhr -ich es in keiner einzigen der Abteilungen und Unterabteilungen?« - -»Weil man nirgends etwas davon wußte. Bei uns geschieht alles nach dem -Geschäftsgang. Dem sind Sie gefolgt und haben in Erfahrung gebracht, -was Sie zu wissen wünschten. Es ist das der beste Weg. Er ist ganz -ordnungsmäßig, man kommt dabei sehr langsam, aber sehr sicher zum Ziel.« - -»Jawohl, zum sichern Tode. Dahin hat er die meisten der Unsrigen -geführt. Ich fühle, daß es auch mit mir zu Ende geht. -- Junger Mann, -Sie lieben jenes fröhliche Geschöpf da drüben mit den sanften, -blauen Augen und dem Federhalter hinter dem Ohr -- ich sehe das -an Ihren schmachtenden Blicken. Sie wünschen sie zu heiraten -- -aber Sie sind arm. Hier -- strecken Sie die Hand aus, hier ist der -Rindfleisch-Kontrakt! Wohlan, nehmt euch, seid glücklich! Gott segne -euch, meine Kinder!« - - * * * * * - -Das ist alles, was ich von dem großen Rindfleisch-Kontrakt weiß, der -so viel Aufsehen in der Welt gemacht hat. Der Schreiber, dem ich ihn -abgetreten habe, ist gestorben. Was weiter aus dem Kontrakte und -seinen spätern Besitzern geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. Nur -soviel weiß ich, daß, wenn jemand lange genug am Leben bleibt, um -seine Sache durch das ganze Umständlichkeitsamt in Washington hindurch -zu verfolgen, er zuletzt, nach vieler Mühe, Arbeit und Verzögerung, -das herausfinden wird, was er am ersten Tage hätte erfahren können, -wenn der Geschäftsgang im Umständlichkeitsamt so geschickt und -zweckentsprechend geregelt wäre, wie in jedem großen kaufmännischen -Institut. - - - - -Der gestohlene weiße Elefant. - - -I. - -Die folgende merkwürdige Geschichte wurde mir von einem Manne erzählt, -den ich zufällig auf der Eisenbahn kennen lernte. Er war ein alter Herr -von mehr als siebzig Jahren, dessen gutmütiges Gesicht und aufrichtiges -Wesen jedem seiner Worte den unverkennbaren Stempel der Wahrhaftigkeit -aufdrückte. Er sagte: - -Sie wissen, welche Verehrung der königliche weiße Elefant von Siam -bei der Bevölkerung jenes Landes genießt. Sie wissen, daß er den -Königen geweiht ist, daß nur Könige ihn besitzen dürfen und daß er in -einer Hinsicht selbst den Königen überlegen ist, indem er nicht bloß -geehrt, sondern auch angebetet wird. Nun gut; als sich vor fünf Jahren -Streitigkeiten über die Grenzlinie zwischen Britisch-Indien und Siam -erhoben, stellte sich alsbald heraus, daß Siam unrecht hatte. So wurde -denn die Sache rasch und zur Zufriedenheit des Vertreters von England -geregelt. Teils zum Zeichen seiner Dankbarkeit, teils auch wohl, um -jede noch etwa vorhandene Spur von Mißstimmung auf englischer Seite zu -verwischen, beabsichtigte der König von Siam der Königin Viktoria ein -Geschenk zu senden -- nach orientalischen Begriffen der einzig sichere -Weg, einen Feind zu beschwichtigen. Dieses Geschenk sollte nicht nur -ein königliches, sondern auch in jeder Beziehung einzig sein. Was -konnte sich dazu besser eignen, als ein weißer Elefant? Da ich eine -angesehene Stellung im indischen Zivildienst einnahm, ward ich der Ehre -gewürdigt, Ihrer Majestät das Geschenk zu überbringen. Man rüstete -für mich und meine Dienerschaft nebst den Wärtern des Elefanten ein -Schiff aus. Ich gelangte zur gehörigen Zeit im Hafen von New York an -und brachte meinen königlichen Schutzbefohlenen in einem prächtigen -Quartiere zu Jersey City unter. Wir mußten notgedrungen einige Zeit -rasten, bevor wir die Reise fortsetzten, denn die Kräfte des Tieres -verlangten Schonung. - -Vierzehn Tage lang ging alles gut -- dann begannen meine Nöte. Der -weiße Elefant war gestohlen worden! Man hatte mich mitten in der Nacht -aufgeweckt und von dem entsetzlichen Verlust benachrichtigt. Ich war -einige Augenblicke außer mir vor Schreck und Angst; dann wurde ich -ruhiger und sammelte meine fünf Sinne. Ich sah bald, welchen Weg ich -einzuschlagen hatte -- für einen vernünftigen Menschen konnte es in -der That nur einen geben. Trotz der späten Stunde eilte ich sogleich -nach New York und ließ mich von einem Schutzmann nach dem Hauptquartier -der Geheimpolizei führen. Ich langte noch zur rechten Zeit an, gerade -als der Chef, der berühmte Inspektor Blunt, im Begriff war, nach -Hause zu gehen. Er war ein Mann von mittlerer Größe und gedrungenem -Körperbau. Schon sein Anblick flößte mir Hoffnung und Vertrauen ein. -Wenn er in tiefes Nachdenken versunken war, hatte er eine Art, die -Brauen zusammenzuziehen und sich mit dem Zeigefinger nachdenklich -auf die Stirn zu klopfen, die mich sofort überzeugte, es mit keiner -gewöhnlichen Persönlichkeit zu thun zu haben. Ich trug ihm meine Sache -vor: sie brachte ihn nicht im geringsten aus der Fassung; ja -- machte -sichtlich nicht mehr Eindruck auf seine eherne Selbstbeherrschung, als -wenn es sich um einen gestohlenen Hund handelte. Er wies mir einen Sitz -an und sagte ruhig: - -»Bitte, lassen Sie mich ein wenig nachdenken.« - -Indem er das sagte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und stützte -den Kopf auf die Hand. Einige Schreiber arbeiteten am andern Ende des -Zimmers; das Kratzen ihrer Federn war das einzige Geräusch, das ich -während der nächsten sechs oder sieben Minuten hörte. Mittlerweile -blieb der Inspektor in tiefe Gedanken versunken; endlich erhob er -das Haupt, und in den festen Zügen seines Gesichts lag etwas, was -mir anzeigte, daß sein Gehirn seine Schuldigkeit gethan habe und -daß sein Plan fertig sei. Er sprach -- seine Stimme war leise und -eindringlich --: - -»Kein gewöhnlicher Fall das! Jeder Schritt muß vorsichtig geschehen; -jeder Schritt muß sicher gemacht werden, bevor der nächste gewagt wird. -Und die Sache muß verschwiegen bleiben -- tiefes, unverbrüchliches -Geheimnis. Sprechen Sie mit niemand darüber, nicht einmal mit den -Reportern; ich will dafür sorgen, daß sie nur erfahren und berichten, -was meinen Zwecken dient.« Er schellte; ein Jüngling erschien. -»Alarich, sagen Sie den Reportern, sie sollen vorläufig dableiben.« -Der Jüngling verschwand. »Und nun zur Sache -- und das systematisch. -In meinem Beruf kann man es zu nichts bringen, ohne strenge und genaue -Methode.« - -Er ergriff eine Feder und legte sich einen Bogen Papier zurecht. »Nun! --- der Name des Elefanten?« - -»Hassan Ben Ali Ben Selim Abdallah Mohamed Moisé Alhammal -Jamtsetjejeebhoy Dhulepp Sultan Ebu Bhudpoor.« - -»Sehr gut. Rufname?« - -»Jumbo.« - -»Sehr gut. Geburtsort?« - -»Die Hauptstadt von Siam.« - -»Eltern lebend?« - -»Nein -- tot.« - -»Hatten sie noch andere Nachkommenschaft?« - -»Nein, er war der einzige Sohn.« - -»Gut! diese Personalien genügen für diese Rubrik. Und nun, bitte, -beschreiben Sie den Elefanten und lassen Sie keine Einzelheit -aus, sei sie auch noch so unbedeutend -- d. h. unbedeutend von -_Ihrem_ Gesichtspunkt aus. Für Leute meines Berufs _giebt_ es keine -unbedeutenden Einzelheiten.« - -Ich _beschrieb_ und er schrieb _nieder_; als ich zu Ende war, sagte er: - -»Hören Sie zu und berichtigen Sie mich, wenn ich einen Fehler gemacht -habe.« - -Er las wie folgt: - -»Höhe 19 Fuß; Länge von der Stirn bis zum Schwanzansatz 26 Fuß; -Länge des Rüssels 16 Fuß; Länge des Schwanzes 6 Fuß; Totallänge -einschließlich Rüssel und Schwanz 48 Fuß; Länge der Stoßzähne 9½ Fuß; -Ohren, im Verhältnis zu diesen Dimensionen; Fußspur gleicht der Spur -eines Fasses, das man im Schnee aufrecht stellt; Farbe des Elefanten -ein schmutziges Weiß; hat in jedem Ohr ein Loch von der Größe eines -Tellers zum Einhängen von Schmucksachen; besitzt in hohem Grade die -Gewohnheit, Gaffer mit Wasser zu bespritzen und mit seinem Rüssel -nicht nur Leute, mit denen er bekannt ist, sondern selbst Fremde zu -mißhandeln; hat eine Narbe unter der Achselhöhle, hinkt ein wenig auf -dem rechten Hinterbein und hatte, als er gestohlen wurde, auf dem -Rücken einen Turm mit Sitzen für fünfzehn Personen und eine Satteldecke -aus Goldbrokat von der Größe eines gewöhnlichen Teppichs.« - -Das Signalement war tadellos; der Inspektor schellte, händigte Alarich -die Beschreibung ein und sagte: - -»Lassen Sie sogleich fünfzigtausend Exemplare von diesem Signalement -drucken und per Bahn an alle Polizeiämter und Pfandleiher in -Nordamerika versenden.« Alarich zog sich zurück. »So, damit wären wir -fertig. Nun muß ich eine Photographie des gestohlenen Eigentums haben.« - -Ich gab ihm eine; er betrachtete sie kritisch und sagte: - -»Sie muß genügen, da wir keine bessere haben; aber er hat den Rüssel -aufgerollt und in den Mund gesteckt. Das ist schade, denn es kann -leicht irre führen, weil er natürlich den Rüssel für gewöhnlich nicht -so trägt.« Er schellte. - -»Alarich, lassen Sie sogleich fünfzigtausend Abdrücke dieser -Photographie anfertigen und mit dem Signalement versenden.« - -Alarich ging, um seine Befehle zu vollziehen. Der Inspektor sagte: - -»Man wird natürlich eine Belohnung aussetzen müssen. Wie hoch meinen -Sie?« - -»Welche Summe würden Sie mir raten?« - -»Vorerst würde ich sagen -- nun, fünfundzwanzigtausend Dollars. Es ist -eine verwickelte und schwierige Arbeit; es giebt tausend Gelegenheiten -zum Entkommen und zum Verbergen. Diese Diebe haben überall Freunde und -Helfershelfer.« -- -- - -»Lieber Himmel, wissen Sie denn, wer sie sind?« - -Das kluge Gesicht, geübt im Verbergen der Gedanken und Gefühle, verriet -mir nicht das mindeste, ebensowenig die vollkommen ruhig geäußerte -Erwiderung: - -»Lassen Sie's gut sein! Vielleicht weiß ich's, vielleicht auch nicht. -Wir gewinnen gewöhnlich einen ziemlich deutlichen Hinweis auf die -Thäter aus der Art und Weise, wie sie zu Werk gehen und aus der Größe -ihres Raubes. Wir haben es hier nicht mit einem Taschendieb oder -Uhrenabzwicker zu thun, darauf können Sie Gift nehmen -- dieser -Gegenstand wurde von keinem Anfänger ›aufgehoben‹. Aber, was ich sagen -wollte, in Anbetracht der vielen Reisen, die gemacht werden müssen, -und des Eifers, mit dem die Diebe ihre Spuren verwischen werden, -mögen fünfundzwanzigtausend Dollars fast zu wenig sein; doch kann man -immerhin damit anfangen.« - -So einigten wir uns denn über diese Summe für den Anfang. Dann sagte -der Inspektor, dem nichts entging, was nur irgendwie als Fingerzeig -dienen konnte: - -»Es giebt in der Polizeigeschichte Fälle, die beweisen, daß Verbrecher -durch Eigentümlichkeiten in ihrer Geschmacksrichtung entdeckt worden -sind. Sagen Sie, was frißt Ihr Elefant, und wieviel?« - -»_Was_ er frißt? -- einfach alles! Er frißt einen Menschen, er frißt -eine Bibel -- er frißt alles, was zwischen Mensch und Bibel liegt.« - -»Gut, wirklich sehr gut, aber zu allgemein. Ich brauche Details -- -Details haben in unserem Berufe allein Wert. Also, die Menschen -betreffend: wie viele davon wird er, wenn sie frisch sind, zu einer -Mahlzeit oder -- sagen wir -- während eines Tages verzehren?« - -»Er wird keinen großen Unterschied machen, ob frisch oder nicht; und -ich denke, daß fünf Menschen eine gewöhnliche Mahlzeit für ihn sind.« - -»Sehr gut -- fünf Menschen; wir wollen das notieren. Welche Rassen hat -er am liebsten?« - -»In dieser Beziehung ist er nicht sehr wählerisch. Er zieht Bekannte -vor, hat aber keinerlei Voreingenommenheit gegen Fremde.« - -»Sehr gut -- nun zu den Bibeln. Wie viele Bibeln würde er zu einer -Mahlzeit brauchen?« - -»Eine ganze Auflage.« - -»Das ist kaum genau genug. Meinen Sie die gewöhnliche Oktavbibel oder -die illustrierte Familienbibel?« - -»Ich glaube nicht, daß ihm an den Illustrationen viel liegen würde -- -d. h. er wird sie nicht höher schätzen als einfachen Druck.« - -»Sie haben mich nicht recht verstanden. Es kommt auf das Gewicht an. -Die gewöhnliche Oktavbibel wiegt etwa zwei und ein halbes Pfund, -während die Großquartbibel mit den Illustrationen von Doré zehn -bis zwölf Pfund wiegt. Wieviel Dorébibeln würde er wohl auf einmal -verzehren?« - -»Man sieht, daß Sie den Elefanten nicht kennen, sonst würden Sie nicht -fragen. Er frißt ganz einfach soviel, als man ihm giebt.« - -»Gut, drücken Sie es in Dollars und Cents aus; wir müssen uns bestimmt -fassen. Die Dorébibel kostet hundert Dollars pro Exemplar, in -Juchtenleder gebunden ...« - -»Er würde für etwa fünfzigtausend Dollars brauchen -- sagen wir, eine -Auflage von fünfhundert Exemplaren.« - -»So, das ist genauer; ich will's notieren. Also, er frißt gerne -Menschen und Bibeln -- das hätten wir! Was frißt er sonst? Ich brauche -Details.« - -»Hat er keine Bibeln, so frißt er Backsteine; hat er keine Backsteine, -so frißt er Flaschen; hat er keine Flaschen, so frißt er Kleider; hat -er keine Kleider, so frißt er Katzen; hat er keine Katzen, so frißt -er Austern; er frißt ferner Schinken, Zucker, Pasteten, Kartoffeln, -Kleie, Heu, Hafer und besonders Reis, denn damit wurde er hauptsächlich -aufgezogen, kurzum er frißt alles, was er kriegen kann.« - -»Sehr gut. Gewöhnliche Menge zu einer Mahlzeit?« - -»Nun, so zwischen sieben und acht Zentner.« - -»Und er säuft -- --« - -»Alles was flüssig ist: Milch, Wasser, Schnaps, Syrup, Kastoröl, -Kamphergeist, Karbolsäure -- es ist unnütz, auf Einzelheiten -einzugehen; was Ihnen Flüssiges einfällt, notieren Sie getrost.« - -»Sehr gut. Quantität?« - -»Notieren Sie acht bis fünfundzwanzig Hektoliter -- sein Durst -schwankt, sein Appetit wenig.« - -»Das sind alles sehr bemerkenswerte Anhaltspunkte, und sehr dienlich zu -seiner Aufspürung.« - -[Illustration] - -Er schellte. - -»Alarich, senden Sie Kapitän Burns herein.« - -Burns erschien; Inspektor Blunt enthüllte ihm die ganze Angelegenheit -Punkt für Punkt. Dann sagte er in der klaren, entschiedenen Weise eines -Mannes, der sich seinen Plan genau vorgezeichnet hat und ans Befehlen -gewöhnt ist: - -»Kapitän Burns, weisen Sie die Detektivpolizisten Jones, Davis, Halsey, -Bates und Hackett an, den Elefanten aufzuspüren.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Weisen Sie die Detektivpolizisten Moses, Dakin, Murphy, Rogers, -Tupper, Higgins und Bartholomey an, die Diebe aufzuspüren.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Senden Sie eine starke Wache -- eine Wache von dreißig auserlesenen -Leuten mit einer Ablösung von dreißig Mann -- an den Ort, wo der -Elefant gestohlen wurde; sie sollen dort scharfe Wache halten Tag -und Nacht und niemand -- Reporter ausgenommen -- ohne schriftliche -Ermächtigung von mir in die Nähe kommen lassen.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Verteilen Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung auf den Bahnhöfen, -Dampfschiffen und Landungsdepots und auf allen Wegen, die aus -Jersey City führen, mit dem Befehle, alle verdächtigen Personen zu -durchsuchen.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Versehen Sie alle diese Leute mit der Photographie und dem Signalement -des Elefanten und instruieren Sie dieselben, alle Züge und abgehenden -Fahrzeuge genau zu visitieren.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Wenn der Elefant gefunden werden sollte, so ergreife man ihn und -benachrichtige mich telegraphisch.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Lassen Sie mich sogleich benachrichtigen, wenn eine Spur gefunden -werden sollte -- Fußspuren oder dergleichen.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Erlassen Sie einen Befehl an die Hafenpolizei, fleißig am Ufer zu -patroullieren.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Senden Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung mit allen Bahnzügen ab --- nördlich bis Kanada, westlich bis Ohio, südlich bis Washington.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Stellen Sie Sachverständige in allen Telegraphenämtern auf; dieselben -sollen auf alle Telegramme achten und sich die chiffrierten Depeschen -entziffern lassen.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Lassen Sie dieses alles mit der äußersten Heimlichkeit ausführen -- -hören Sie, mit der undurchdringlichsten Heimlichkeit.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Rapportieren Sie mir pünktlich zur gewöhnlichen Stunde.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Nun können Sie gehen!« - -»Sehr wohl, Sir« -- und fort war er. - -Inspektor Blunt war einen Augenblick still und nachdenklich, dann ließ -das Feuer in seinen Augen nach und verlosch. Hierauf wandte er sich zu -mir und sagte in ruhigem Ton: - -»Ich rühme mich nicht gern, es ist das nicht meine Sache; aber wir -werden den Elefanten finden.« - -Ich schüttelte ihm warm die Hand und dankte ihm -- der Dank kam von -Herzen. Je mehr ich von dem Manne gesehen hatte, desto mehr schätzte -und bewunderte ich ihn, desto mehr staunte ich über die mysteriösen -Wunder seines Berufs. Dann trennten wir uns für die Nacht und ich ging -nach Hause -- mit viel leichterem Herzen als ich gekommen war. - - -II. - -Am nächsten Morgen stand alles haarklein in den Zeitungen, sogar mit -Zusätzen -- bestehend aus Detektiv A.'s, Detektiv B.'s und Detektiv -N. N.'s ›Theorie‹ in Bezug auf die Ausführung des Diebstahls, auf die -Person der Diebe und auf die Richtung, in der sie mit ihrer Beute -entflohen waren. Es waren elf solcher Theorien zu lesen, welche alle -Möglichkeiten erschöpften, ein Beweis, was für verständige Denker -die Geheimpolizisten sind. Nicht zwei von den elf Theorien stimmten -überein oder glichen sich auch nur halbwegs, außer in einem einzigen -auffallenden Punkt, in dem alle elf Theorien einander gleich waren. -Obgleich nämlich die Rückwand des Gebäudes herausgerissen und die -einzige Thüre verschlossen geblieben war, stellten alle elf Theorien -die Behauptung auf, daß der Elefant nicht durch jene Bresche, sondern -auf irgend einem andern (noch unentdeckten) Wege entfernt worden sei, -und daß die Diebe jene Oeffnung nur gemacht hätten, um die Polizei irre -zu führen. Daran würde ich oder irgend ein anderer Laie vielleicht nie -gedacht haben, die Detektivs aber hatten den Umstand auch nicht einen -Augenblick verkannt. So war das einzige Moment, hinter dem ich kein -Geheimnis vermutet hatte, gerade dasjenige, worin ich am weitesten -fehlgegangen war. Alle elf Theorien nannten die vermutlichen Diebe, -keine zwei aber dieselben; die Totalsumme der verdächtigen Personen war -siebenunddreißig. Die verschiedenen Zeitungen schlossen alle mit der -wichtigsten Ansicht von allen -- der des Inspektors Blunt. Dieselbe -lautete im Auszug wie folgt: - -»Der Chef weiß, wer die zwei Hauptthäter sind -- nämlich Brick Duffy -und der ›rote‹ McFadden. Zehn Tage vor der Ausführung des Diebstahls -wußte er bereits, daß derselbe versucht werden würde, und hat sich -in aller Stille daran gemacht, diese zwei notorischen Spitzbuben zu -verfolgen; unglücklicherweise aber ging in der fraglichen Nacht ihre -Spur verloren, und ehe man sie wieder auffinden konnte, war der Vogel --- das heißt der Elefant -- ausgeflogen. - -»Duffy und McFadden sind die verwegensten Schurken in der ganzen -Verbrecherzunft; der Chef hat Grund zu der Annahme, daß sie die Männer -sind, die letzten Winter in einer bitterkalten Nacht den Ofen aus der -Polizeiwache stahlen, infolgedessen sich vor Tagesanbruch der Chef und -sämtliche Geheimpolizisten in ärztlicher Behandlung befanden; -- einige -wegen erfrorener Füße, andere wegen erfrorener Hände, Ohren, Nasen und -anderer Körperteile.« - -Als ich die erste Hälfte dieser Theorie las, war ich mehr als je -erstaunt über den wunderbaren Scharfsinn des seltenen Mannes: er sah -nicht nur alles Gegenwärtige mit klaren Augen, auch das Zukünftige -entschleierte sich vor seinem Blicke. Ich begab mich alsbald in sein -Bureau und sagte ihm, ich bedauere nur, daß er jene Spitzbuben nicht -habe festnehmen lassen, wodurch das ganze Unheil verhütet worden wäre; -aber seine Antwort war kurz und bündig: - -»Es ist nicht unseres Amtes, das Verbrechen zu verhindern, sondern es -zu bestrafen. Das können wir aber erst, nachdem es begangen worden ist.« - -Ich bemerkte, daß die Heimlichkeit, mit der wir zu Werk gegangen, durch -die Zeitungen verletzt worden sei, nicht nur alle Thatsächlichkeiten, -sondern auch alle unsere Anhaltspunkte und Absichten seien enthüllt -und selbst alle verdächtigen Personen namhaft gemacht worden -- -letztere würden sich jetzt ohne Zweifel maskieren oder ihre geheimen -Schlupfwinkel aufsuchen. - -»Sie sollen's nur!« sagte der Inspektor. »Sie werden bald merken, daß, -wenn ich es auf sie abgesehen habe, meine Hand auf sie niederfallen -wird, so unfehlbar wie die Hand des Schicksals. Was die Zeitungen -anbelangt, so müssen wir mit ihnen rechnen: Ruhm, Reputation, -fortwährende öffentliche Erwähnung -- sind des Geheimpolizisten -täglich Brot. Er muß seine Entdeckungen veröffentlichen, sonst glaubt -man, daß er keine macht; er muß seine Theorie veröffentlichen, es -giebt nichts Seltsameres und Ueberraschenderes, als die Theorie eines -Polizisten, und nichts trägt ihm so viel Bewunderung und Hochachtung -ein; wir müssen unsere Pläne veröffentlichen, denn die Zeitungen -bestehen darauf, und wir können es ihnen nicht abschlagen, ohne sie -zu beleidigen. Wir müssen dem Publikum zeigen, was wir thun, damit es -nicht glaubt, daß wir nichts thun. Es ist viel angenehmer, wenn eine -Zeitung schreibt: ›Inspektor Blunts geniale und ungewöhnliche Theorie -lautet wie folgt,‹ als wenn sie einen unfreundlichen oder -- was noch -schlimmer -- sarkastischen Artikel bringt.« - -»Ich verkenne das Zwingende dieser Gründe nicht. -- In einem Teil Ihrer -Bemerkungen in den Morgenzeitungen fiel mir auf, daß Sie mit Ihrer -Ansicht über einen gewissen untergeordneten Punkt zurückhielten.« - -»Ja, das thun wir stets; es macht immer Effekt. Uebrigens hatte ich mir -über jenen Punkt eine Ansicht noch gar nicht gebildet.« - -Ich deponierte bei dem Inspektor eine beträchtliche Geldsumme zur -Bestreitung der laufenden Ausgaben und setzte mich dann nieder, um auf -Nachrichten zu warten; jeden Augenblick konnten Telegramme einlaufen. -Inzwischen blätterte ich die Zeitungen und unser Zirkularsignalement -nochmals durch und entdeckte, daß anscheinend unsere 25000 Doll. -Belohnung nur für Detektivpolizisten ausgesetzt waren. Ich war der -Meinung gewesen, jeder solle sie bekommen, der den Elefanten auffinden -würde. Der Inspektor klärte mich auf: - -»Meine Geheimen werden den Elefanten auffinden, die Belohnung _muß_ -daher an die rechte Adresse gelangen. Wenn andere Leute das Tier -fänden, so wäre das nur dadurch möglich, daß sie die Polizisten -ausspionieren und aus Kenntnissen und Beobachtungen der Polizisten, -welche sie sich zu eigen gemacht, Vorteil ziehen; an der Berechtigung -der Polizei zu der Belohnung könnte das nichts ändern. Eine solche -Belohnung ist dazu da, die Männer, welche dieser Art von Arbeit ihre -Zeit und ihren ausgebildeten Scharfsinn widmen, anzuspornen, nicht -aber dem ersten besten in den Schoß zu fallen, der zufällig einen Fang -gemacht hat.« - -Das war sicher nur recht und billig. Auf einmal begann der -Telegraphenapparat in der Ecke zu ticken, das Resultat war folgende -Depesche: - - »=Flower-Station=, New York: 7.30 Vorm. - - Habe eine Spur. Fand eine Reihe tiefer Spuren, die über eine - benachbarte Farm führen. Folgte ihnen eine halbe Stunde - östlich ohne Resultat; der Elefant ging wahrscheinlich - westlich. Werde ihm jetzt in jener Richtung nachspüren. - - Darley, Detektiv.« - -»Darley ist einer unserer tüchtigsten Polizisten,« sagte der Inspektor. -»Wir werden bald mehr von ihm hören.« - -[Illustration] - -Telegramm Nr. 2 kam. - - »=Barkers=, New Jersey: 7.40 Vorm. - - Eben angekommen. Glasfabrik hier während der Nacht erbrochen - und 800 Flaschen entwendet. Wasser in größerer Menge erst fünf - Meilen von hier zu haben. Werde dahin aufbrechen. Elefant - wahrscheinlich durstig. Flaschen waren leer. - - Baker, Detektiv.« - -»Auch das ist vielversprechend,« sagte der Inspektor. »Ich sagte Ihnen, -seine Begierden würden keine schlechten Fingerzeige sein.« - -Weitere Telegramme: - - »=Taylorville=, Long Island: 8.15 Vorm. - - Ein Heuschober in der Nähe verschwand während der Nacht -- - wahrscheinlich aufgefressen. Fand eine Spur und verfolge sie - eilig. - - Hubbard, Detektiv.« - -»Was er für Sprünge macht!« sagte der Inspektor. »Ich wußte, daß wir -ein schwieriges Stück Arbeit vor uns hätten; aber wir werden ihn -deshalb doch kriegen.« - - »=Flower-Station=, New York: 9 Vorm. - - Verfolgte die Spuren über eine Stunde westlich -- sind groß, - tief und ausgezackt. Bin eben einem Farmer begegnet, der sagte, - es seien keine Elefantenfußstapfen; sagt, es seien Löcher von - den Bäumchen, die er letzten Winter aus dem gefrorenen Grunde - ausgrub. Ich bitte um Verhaltungsbefehle bezüglich weiterer - Schritte. - - Darley, Detektiv.« - -»Aha, ein Helfershelfer der Diebe! Die Sache wird ernst!« sagte der -Inspektor und diktierte folgendes Telegramm an Darley: - - »Verhaften Sie den Mann und zwingen Sie ihn, seine Komplizen - zu nennen. Verfolgen Sie die Spuren weiter -- bis zum Stillen - Ozean, wenn's sein muß. - - Inspektor Blunt.« - -Nächstes Telegramm: - - »=Coney-Point=, Pennsylvania: 8.45 Vorm. - - Bureau der Gasanstalt hier während der Nacht erbrochen und die - unbezahlten Gasrechnungen von drei Monaten gestohlen. Fand eine - Spur und verfolge sie. - - Murphy, Detektiv.« - -»Himmel!« rief der Inspektor; »sollte er Gasrechnungen verzehren?« - -»Wahrscheinlich aus Dummheit.« -- - -Darauf kam nachstehendes aufregendes Telegramm: - - »=Ironville=, New York: 9.30 Vorm. - - Soeben angekommen. Stadt in Aufregung. Elefant kam hier durch, - früh 5 Uhr. Einige sagen, er ging östlich, andere sagen - westlich, einige nördlich, andere südlich -- keiner aber - weiß etwas Genaueres zu berichten. Er tötete ein Pferd; ich - verschaffte mir ein Stück davon -- für alle Fälle. Tötete es - mit seinem Rüssel; schließe aus der Wunde, daß er von links - schlug. Aus der Lage des Pferdes schließe, daß der Elefant - nordwärts, die Berkley-Bahn entlang, reiste. Hat 4½ Stunden - Vorsprung; folge aber sogleich seiner Spur. - - Hawes, Detektiv.« - -Ich konnte meine Freude nicht zurückhalten. Der Inspektor blieb so -ruhig wie eine Statue. Er schellte gelassen. - -»Alarich, senden Sie Kapitän Burns zu mir.« - -Burns erschien. - -»Wieviel Mann sind reisefertig?« - -»Sechsundneunzig, Sir.« - -»Senden Sie dieselben sogleich nach Norden; sie sollen sich längs der -Berkley-Bahnlinie nördlich von Ironville konzentrieren.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Sie sollen ihre Bewegungen mit der äußersten Heimlichkeit ausführen. -Sobald andere von den Leuten frei werden, sollen sie sich fertig -machen!« - -»Sehr wohl, Sir.« - -»Sie können gehen.« - -»Sehr wohl, Sir.« - -Gleich darauf kam ein weiteres Telegramm: - - »=Sage-Corners=, New York: 10.30 Vorm. - - Eben angelangt. Elefant kam 8.15 hier durch. Alle bis auf einen - Polizisten entkamen aus der Stadt. Elefant wollte anscheinend - nicht nach dem Polizisten, sondern nach einem Laternenpfahl - schlagen, traf aber beide. Verschaffte mir ein Stück von dem - Polizisten, um es für alle Fälle zu behalten. - - Stumm, Detektiv.« - -»Der Elefant hat sich also gegen Westen gewendet,« sagte der Inspektor. -»Es wird ihm aber nichts helfen, denn meine Leute sind über die ganze -Gegend zerstreut.« - -Das nächste Telegramm besagte: - - »=Glovers=: 11.15. - - Eben angelangt. Stadt verlassen, ausgenommen von Kranken - und Greisen. Elefant kam durch vor dreiviertel Stunden. - Die Anti-Mäßigkeits-Massen-Versammlung tagte; er steckte - seinen Rüssel durchs Fenster hinein und spritzte alles voll - Zisternenwasser. Einige schluckten das Wasser -- starben - seitdem; mehrere ertranken. Detektivs Croß und O'Shaugnessy - passierten die Stadt, gingen aber südlich und verfehlten so - den Elefanten. Ganze Gegend auf viele Stunden im Umkreis voll - Entsetzen -- Leute fliehen aus ihrer Heimat. Allenthalben - stoßen sie auf den Elefanten; viele werden getötet. - - Brant, Detektiv.« - -Ich hielt kaum meine Thränen zurück, so traurig stimmte mich dieses -Gemetzel, der Inspektor aber sagte nur: - -»Sie sehen, wir umringen ihn. Er fühlt unsere Nähe; er hat sich wieder -gegen Osten gewendet.« - -Es harrten unserer bereits neue beängstigende Nachrichten. Der -Telegraph meldete: - - »=Hoganport=: 12.19 Nachm. - - Eben angelangt. Elefant kam vor einer halben Stunde hier durch, - jähen Schrecken verbreitend; wütete durch die Straßen; zwei - Arbeiter gingen vorüber -- tötete den einen, der andere entkam. - Bedauern allgemein. - - O'Flaherty, Detektiv.« - -»Nun ist er mitten unter meinen Leuten,« sagte der Inspektor. »Jetzt -ist kein Entrinnen für ihn möglich!« - -Eine Anzahl anderer Telegramme lief dazwischen ein von Detektivs, die -über New Jersey und Pennsylvanien zerstreut waren. Aus zerstörten -Fabriken, Scheunen und Sonntagsschulbibliotheken wiesen sie die Spur -des Elefanten mit an Sicherheit grenzenden Ausdrücken nach. - -Der Inspektor sagte: - -»Ich wollte, ich könnte mit ihnen verkehren und sie nach Norden -dirigieren, aber das ist unmöglich. Ein ›Geheimer‹ geht nur dann zum -Telegraphenamt, wenn er seinen Bericht absendet; man weiß nie, wo man -ihn fassen kann.« - -Nun kam folgende Depesche: - - »=Bridgeport=, Connecticut: 12.15 Nachm. - - Barnum[2] bietet Doll. 4000 jährlich für ausschließliches - Recht, Elefant als wandernde Reklame zu benützen, von jetzt an - bis ihn Detektivs auffinden. Will Zirkusplakate auf ihn kleben. - Verlangt umgehende Antwort. - - Boggs, Detektiv.« - - [2] Barnum, der bekannte Schaubudenbesitzer und Meister in der - Kunst der Reklame. - -»Das ist doch zu lächerlich!« rief ich aus. - -»Ja freilich,« sagte der Inspektor. »Herr Barnum, der sich für so -gewitzigt hält, kennt mich offenbar nicht -- aber ich kenne ihn.« - -Dann diktierte er folgende Antwortdepesche: - - »Herrn Barnums Anerbieten abgelehnt. Entweder Doll. 7000 oder - nichts. - - Inspektor Blunt.« - -»So. Wir werden nicht lange auf Antwort zu warten brauchen. Herr Barnum -ist nicht zu Hause; er ist gewöhnlich auf dem Telegraphenamt, wenn es -einen Handel gilt. Vor drei Uhr --« - - »Abgemacht. -- P. T. Barnum.« - -So unterbrach der tickende Telegraphenapparat. Ehe ich mir einen Vers -machen konnte auf diesen ungewöhnlichen Zwischenfall, leitete folgende -Depesche meine Gedanken in ein anderes und sehr betrübendes Fahrwasser: - - »=Bolivia=, New York: 12.50 Nachm. - - Elefant kam hier an aus dem Süden und passierte den Wald um - 11.50, er sprengte einen daherkommenden Leichenzug auseinander - und verminderte die Leidtragenden um zwei. Bürger feuerten - einige Schüsse aus einem kleinen Böller auf ihn ab und flohen - dann. Detektiv Burke und ich langten zehn Minuten später aus - dem Norden an, hielten aber ein paar Vertiefungen fälschlich - für Fußstapfen und verloren so ziemlich viel Zeit; endlich - aber kamen wir auf die rechte Spur und verfolgten sie bis zu - den Wäldern. Wir krochen nun auf Händen und Knieen vorwärts, - verfolgten die Spur mit scharfem Auge und gelangten so ins - Gebüsch. Burke war voraus. Unglücklicherweise hatte das Tier - angehalten, um auszuruhen; Burke, der, auf die Spur erpicht, - die Augen auf den Boden geheftet hatte, stieß plötzlich, ehe er - die Nähe des Elefanten gewahr wurde, gegen dessen Hinterbeine. - Burke sprang sogleich auf die Füße, ergriff den Schwanz und - rief freudig aus: ›ich beanspruche die Be -- --‹, kam aber - nicht weiter, denn ein einziger Schlag mit dem mächtigen Rüssel - streckte den braven Burschen tot nieder. Ich floh zurück, - aber der Elefant wandte sich um und verfolgte mich bis an den - Rand des Gehölzes in schrecklicher Eile; ich wäre unrettbar - verloren gewesen, wenn nicht zufällig der Rest des Leichenzuges - dem Tiere in den Weg gekommen wäre und seine Aufmerksamkeit - abgelenkt hätte. Erfahre soeben, daß von jenem Leichenzug - nichts mehr vorhanden ist; schadet nichts, Stoff genug für - andere vorhanden. Elefant mittlerweile wieder verschwunden. - - Mulrooney, Detektiv.« - -Wir hörten keine weiteren Neuigkeiten außer von den eifrigen und -zuversichtlichen Detektivs, die über New Jersey, Pennsylvanien, -Delaware und Virginia zerstreut waren -- sie folgten alle frischen und -vielversprechenden Spuren -- bis kurz nach 2 Uhr nachmittags folgendes -Telegramm ankam: - - »=Baxter-Centre=: 2.15 Nachm. - - Elefant hier gewesen, über und über mit Zirkusplakaten beklebt; - zerstreute ein Methodisten-Revivalmeeting[3] und erschlug und - verletzte viele, die eben im Begriffe waren, ein besseres - Leben anzufangen. Bürger pferchten ihn ein und stellten eine - Wache auf. Als Detektiv Brown und ich ankamen, betraten wir - die Umzäunung und schritten zur Feststellung der Identität des - Elefanten an der Hand der Photographie und des Signalements. - Alle Zeichen stimmten genau, ausgenommen eines, das wir nicht - sehen konnten -- die Narbe unter der Achselhöhle. Um sich - darüber zu vergewissern, kroch Brown unter das Tier, -- er - lag im nächsten Augenblick mit zerschmetterter Hirnschale am - Boden. Alle flohen, so auch der Elefant, der mit viel Effekt - nach rechts und links um sich schlug. Entkam, ließ aber starke - Blutspuren von Böllerschußwunden zurück. Wiederauffindung - gewiß. Brach südwärts durch einen dichten Wald; ich ihm - unverzüglich nach. - - Brent, Detektiv.« - - [3] Religiöse Versammlung von Wanderpredigern, meist auf - offenem Felde abgehalten. - -[Illustration] - -Dies war das letzte Telegramm. Gegen Abend sank ein Nebel auf alles -herab -- so dicht, daß man auf drei Schritte Entfernung nicht das -geringste unterscheiden konnte. Er hielt die ganze Nacht über an. Die -Dampfboote und selbst die Omnibusse mußten ihre Fahrt einstellen. - - -III. - -Am nächsten Morgen waren die Zeitungen ebenso voll von Theorien wie am -vorhergehenden; sie brachten ausführlich alle uns bekannten tragischen -Ereignisse, dazu noch eine Menge weiterer telegraphischer Berichte, -die sie von ihren Korrespondenten erhalten hatten. Spalte auf Spalte -begegnete ich herzzerreißenden Artikelüberschriften. Der Grundton -derselben war stets derselbe; etwa wie folgt: - -»_Der weiße Elefant ist los! Er schreitet weiter auf seinem -verhängnisvollen Marsche! Ganze Ortschaften verlassen von den -entsetzten Einwohnern! Furcht und Schrecken gehen vor ihm her, Tod und -Verwüstung folgen ihm. Diesen nach die Detektivs. Scheunen verwüstet. -Werkstätten beraubt. Ernten verzehrt. Oeffentliche Versammlungen -gesprengt, begleitet von Blutscenen, die nicht zu beschreiben sind! -Berichte von vierunddreißig der ausgezeichnetsten Detektivpolizisten! -Bericht des Inspektors Blunt!_« - -»Ah!« rief Inspektor Blunt, der Erregung nahe; »das ist prächtig! -Das ist die größte Leistung, die je eine polizeiliche Organisation -vollbracht hat. Die Welt wird davon sprechen.« - -Für mich aber gab es keine Freude; mir war zu Mute, als ob ich -alle diese blutigen Verbrechen begangen hätte und der Elefant mein -unverantwortliches Werkzeug wäre. Und wie die Unfallliste angewachsen -war! In einem Orte hatte er sich in »eine Wahl gemischt und fünf -Agitatoren getötet.« Er hatte dieser That die Vernichtung zweier -armer Teufel folgen lassen -- armer O'Donohue, armer Mc Flannigan! -- -die »erst am Tage vorher in der Heimat der Unterdrückten aller Länder -eine Zuflucht gefunden hatten und im Begriffe waren, zum erstenmale -das kostbare Recht amerikanischer Bürger an der Urne auszuüben, -als sie niedergeschmettert wurden von der mitleidslosen Hand der -Geißel Siams.« An einem anderen Orte hatte er »einen verrückten -Sensationsprediger niedergerannt, der eben für die nächste Saison -seine heroischen Angriffe auf den Tanz, das Theater und ähnliches -Teufelswerk vorbereitete.« In einem dritten Orte hatte er »einen -Blitzableiteragenten erschlagen.« Und so ging die Liste weiter und -wurde immer blutiger und herzzerreißender. Sechzig Personen hatte -er getötet, zweihundertundvierzig verwundet. Alle Berichte legten -vollgültiges Zeugnis ab von der Thätigkeit und dem hingebenden -Eifer der Detektivs, und alle schlossen mit der Bemerkung, daß -»dreimalhunderttausend Bürger und vier Detektivs das schreckliche Wesen -sahen, sowie daß er zwei von letzteren ums Leben brachte.« - -Nur mit Angst hörte ich von neuem das Ticken des Telegraphenapparates; -es regnete förmlich Depeschen, aber glücklicherweise rechtfertigte ihr -Inhalt meine Befürchtungen nicht. Es stellte sich bald heraus, daß jede -Spur des Elefanten verloren war: der Nebel hatte es ihm ermöglicht, -sich unbemerkt ein gutes Versteck zu suchen. Telegramme von Punkten, -die lächerlich weit entfernt waren, berichteten, daß man zu der und -der Stunde eine ungeheure trübe Masse durch den Nebel habe schimmern -sehen! es sei das »unzweifelhaft der Elefant gewesen!« Diese trübe -ungeheure Masse hatte man in New Haven, in New Jersey, in Pennsylvania, -im Staate New York, in Brooklyn und sogar in der City von New York -selbst gesehen! Immer aber war die trübe ungeheure Masse rasch wieder -verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Jeder von den Hunderten -über diese ungeheure Landstrecke zerstreuten Detektivs sandte -stündlich seinen Rapport, und jeder hatte eine Spur, verfolgte sie und -war dem Elefanten dicht auf den Fersen. - -Aber der Tag verging ohne weiteres Resultat. Ebenso der nächste Tag. -Der dritte desgleichen. - -Die Zeitungsberichte mit ihren nichtssagenden Thatsachen, ihren Spuren, -die zu nichts führten, und ihren blendenden, sinnverwirrenden Theorien -fingen an langweilig zu werden. - -Auf den Rat des Inspektors verdoppelte ich die Belohnung. - -Vier weitere eintönige Tage folgten; dann kam ein schwerer Schlag für -die armen geplagten Detektivs -- die Zeitungen lehnten es ab, ihre -Konjekturen zu drucken, und sagten kühl: Laßt uns in Ruhe. - -Vierzehn Tage nach dem Verschwinden des Elefanten erhöhte ich auf des -Inspektors Rat die Belohnung auf 75000 Dollars. Es war das eine große -Summe; aber ich wollte lieber mein ganzes Vermögen opfern, als mein -Ansehen bei der Regierung einbüßen. Jetzt, da die Detektivs in Nöten -waren, begannen die Zeitungen über sie herzufallen und die beißendsten -Sarkasmen gegen sie zu schleudern. Das war Futter für die Bänkelsänger! -Sie kostümierten sich als Detektivs, und führten auf der Bühne die Jagd -nach dem verlorenen Elefanten auf. Die Karikaturenzeichner entwarfen -Skizzen von Detektivs, die das Land mit Feldstechern absuchten, während -der Elefant hinter ihrem Rücken ihnen Aepfel aus den Taschen holte, und -machten das Wappenzeichen der Detektivs -- ein weitgeöffnetes Auge mit -der Devise: »_Wir schlafen nie_« -- auf alle mögliche Weise lächerlich. -Die Luft war geschwängert mit Sarkasmen. - -Aber einen Mann gab es, der bei alledem ruhig, gelassen und -unerschüttert blieb -- es war jenes eichenfeste Herz, der Inspektor -Blunt. Sein kühnes Auge senkte sich nie, seine heitere Zuversicht -wankte nie; er wiederholte nur: - -»Laßt sie spotten; wer zuletzt lacht, lacht am besten.« - -Meine Bewunderung für den Mann grenzte an Vergötterung. Ich war -stets an seiner Seite. Sein Bureau war ein qualvoller Aufenthalt für -mich geworden und wurde es täglich mehr; doch solange er es dort -aushalten konnte, war auch ich entschlossen zu bleiben -- solang als -irgend möglich. So kam ich denn regelmäßig und blieb -- zu jedermanns -Verwunderung. Es war mir oft, als müsse ich davonlaufen; wenn ich dann -aber in jenes ruhige und anscheinend leidenschaftslose Antlitz blickte, -hielt ich wieder stand. - -Etwa drei Wochen nach dem Verschwinden des Elefanten war ich eines -Morgens eben im Begriff zu sagen: ich werde die Segel streichen und -mich zurückziehen müssen, als der große Detektiv diesen feigen Gedanken -wieder zurückscheuchte, indem er einen neuen meisterhaften Schachzug -vorschlug -- nämlich, mit den Dieben einen Kompromiß zu schließen. -Die Fruchtbarkeit der Erfindungsgabe dieses Mannes überstiegen alles, -was ich je erlebt, und das will etwas sagen, war ich doch mit den -auserlesensten Geistern der Welt in Berührung gekommen. Er sagte, er -sei der besten Zuversicht, daß er für 100000 Dollars einen Kompromiß -schließen und den Elefanten wieder erlangen könne. Ich sagte, ich würde -am Ende die Summe auftreiben können; aber was sollte mit den armen -Detektivs werden, die so wacker gearbeitet hatten? - -Er entgegnete: - -»Bei Kompromissen bekommen sie stets die Hälfte.« - -Das beseitigte meinen einzigen Einwand, und so schrieb denn der -Inspektor zwei Noten wie folgt: - - »Werte Frau, -- Ihr Gatte kann sich viel Geld machen (und das - ganz ohne Gefahr vor dem Strafgesetz), wenn er sich sogleich - bei mir einfinden will. - - Chef Blunt.« - -Von diesen beiden Noten sandte er die eine durch seinen vertrauten -Boten an die ›wohlgeborene Frau‹ Brick Duffys, die andere an die -›wohlgeborene Frau‹ des roten McFadden. - -Innerhalb einer Stunde kamen folgende beiliegende Antworten zurück. - - »Sie alter Narr! Brick Duffy ist gestorben, schon vor zwei - Jahren. - - Bridget Mahoney.« - - »Chef-Nachteule, -- der rote McFadden ist gehangen und im - Himmel seit achtzehn Monaten. Jeder Esel außer einem Detektiv - weiß das. - - Mary O'Hooligan.« - -»Ich hatte das lange vermutet,« sagte der Inspektor; »es beweist mir -nur die nie irrende Schärfe meines Instinkts.« - -Sobald ein Mittel sich als erfolglos erwies, war er nie um ein anderes -verlegen. Er schrieb sogleich ein Inserat für die Morgenblätter, von -dem ich eine Abschrift aufbewahre -- - -»A. -- xwblv. 142 N. Tjnd -- fz 328 wmlg. Ozpo, --; 2 m! ogw. Mum.« - -»Lebt der Dieb noch,« erklärte mir der Inspektor, »so wird ihn das -sicher an den gewöhnlichen Rendezvousplatz bringen.« Es sei dies ein -Platz, wo alle geschäftlichen Angelegenheiten zwischen Detektivs und -Verbrechern abgemacht werden. Die gesuchte Begegnung solle in der -nächsten Nacht um zwölf Uhr stattfinden. Bis dahin war nichts zu thun; -ich verließ also ohne Verzug und dankbaren Herzens das Bureau. - -Um elf Uhr in der nächsten Nacht legte ich 100000 Dollars in die -Hände des Inspektors, und gleich darauf verabschiedete er sich, -die heldenmütige alte ungetrübte Zuversicht in seinen Augen. Eine -fast unerträglich lange Stunde schlich zu Ende, da hörte ich seinen -willkommenen Tritt, erhob mich keuchend und wankte ihm entgegen. Wie -seine schönen Augen im Triumph glänzten! Er sagte --: - -»Wir haben einen Vergleich geschlossen! Die Spötter werden morgen ein -anderes Lied singen! Folgen Sie mir!« - -Er ergriff eine brennende Kerze und schritt voran, hinab in das -ungeheure gewölbte Erdgeschoß, wo fortwährend sechzig Detektivs -schliefen und wo jetzt etwa zwanzig Karten spielten, um sich die Zeit -zu vertreiben. Ich folgte ihm auf den Fersen. Er schritt rasch hinab an -das düstere, ferne Ende des Platzes, und in dem Augenblick, da ich in -der dicken Stickluft ohnmächtig umsank, strauchelte und fiel er über -die ausgestreckten Gliedmaßen eines mächtigen Körpers, und ich hörte -ihn gerade noch beim Hinfallen ausrufen: - -»Unser edler Beruf ist gerechtfertigt. Hier ist Ihr Elefant!« - -Ich wurde in das Bureau hinaufgetragen und mit Karbolsäure wieder -zum Bewußtsein gebracht. Die ganze Detektivmannschaft schwärmte -herein, und es folgte eine Siegesfeier, wie ich noch keine erlebt -hatte. Die Reporter wurden geholt, der Champagner floß in Strömen, -Toaste wurden ausgebracht, die Händedrücke und Beglückwünschungen -waren enthusiastisch und wollten kein Ende nehmen. Der Chef war -natürlich der Held des Tages, und sein Glück war so vollständig und -es war mit so viel Ausdauer, Würde und Bravour verdient worden, daß -es mich beglückte, Zeuge desselben zu sein, obgleich ich dastand als -ein heimatloser Bettler; -- denn mein unschätzbarer Schutzbefohlener -war _tot_ und ich meiner Stellung im Dienste meines Vaterlandes -verlustig, weil ich unmöglich den übeln Schein, als habe ich das in -mich gesetzte hohe Vertrauen durch eine sorglose Ausführung meines -Auftrags getäuscht, von mir abzuwenden vermochte. Manches beredte Auge -bezeugte seine hohe Bewunderung für den Chef, und manches Detektivs -Stimme murmelte: »Seht ihn an, den König der Profession -- gebt ihm nur -die Spur von einer Spur, -- und es bleibt nichts vor ihm verborgen.« -Die Teilung der 50000 Dollars machte viel Vergnügen; als sie vollzogen -war, hielt der Chef, während er seinen Anteil in die Tasche steckte, -eine kleine Rede, in der er sagte: »Genießt das Geld, denn ihr habt -es verdient; und mehr als das -- ihr habt unserem schönen Berufe -unsterblichen Ruhm erworben.« - -Ein Telegramm langte an, folgenden Inhalts: -- - - »=Monroe, Michigan=: 10. -- Nachm. - - Zum erstenmal seit drei Wochen erreichte ich eben ein - Telegraphenamt. Folgte jenen Fußstapfen zu Pferde durch die - Wälder, etwa zweihundert Meilen bis hieher; sie werden täglich - stärker, größer und frischer. Quälen Sie sich nicht unnötig ab - -- ehe acht Tage verflossen sind, habe ich den Elefanten -- auf - mein Wort! - - Darley, Detektiv.« - -Der Chef brachte drei Hochrufe aus auf »Darley, einen der feinsten -Köpfe unter der Mannschaft,« in welche sämtliche Anwesende begeistert -einstimmten; dann ließ er an Darley telegraphieren, er möge heimkehren -und seinen Anteil an der Belohnung in Empfang nehmen. - - * * * * * - -So endete jene wunderbare Episode von dem gestohlenen Elefanten. -Die Zeitungen waren am nächsten Tage wieder voll Anerkennung -- mit -einer nichtssagenden Ausnahme. Ein Blatt schrieb nämlich: »Groß ist -der Detektiv! Er mag im Auffinden eines kleinen Gegenstandes, wie -es ein verlorener Elefant ist, ein wenig langsam sein -- er mag ihn -drei Wochen lang den ganzen Tag verfolgen und des Nachts neben seinem -verwesenden Kadaver schlafen, aber er wird ihn endlich finden, -- -sobald er nur den Mann, der den Elefanten verloren hat, dahin bringt, -ihm den Platz zu zeigen.« - -Der arme Hassan war auf ewig für mich verloren. Die Böllerschüsse -hatten ihn tödlich verwundet. Er war im Nebel an jenen düsteren Platz -gekrochen; und dort, umgeben von seinen Feinden und fortwährend in -Gefahr entdeckt zu werden, war er dahingeschwunden vor Hunger und -Leiden, bis der Tod ihn erlöste. - -Der Kompromiß kostete mich 100000 Dollars; meine Auslagen für die -Detektivs betrugen weitere 42000 Dollars; ich bewarb mich nie wieder -um eine Anstellung im Dienste meiner Regierung; ich bin ein ruinierter -Mann und ein unstäter Wanderer auf Erden -- aber meine Bewunderung für -jenen Mann, den ich für den größten Geheimpolizisten halte, welchen die -Welt hervorgebracht hat, bleibt unvermindert bis auf diesen Tag und -wird so bleiben bis an mein seliges Ende. - - * * * * * - - [Der Verleger kann nicht umhin, zur Ehrenrettung der - Geheimpolizisten auf die genialen Thaten derselben, wie sie in - den _Kriminal- und Detektivromanen_ von _Green_, _Hawthorne_, - _Lynch_ und _Doyle_ zum glänzenden Ausdruck kommen, zu - verweisen.] - - - - -Die Geschichte des Hausierers. - - -Der arme, melancholisch blickende Fremde! Es lag etwas in seiner -demütigen Miene, seinem müden Blick, seinen abgeschabten, ehemals -feinen Kleidern, das mein Mitleid erregte. Ich bemerkte eine Mappe -unter seinem Arm, wie sie Kolporteure und Hausierer zu tragen pflegen. - -Nun, diese Leute flößen einem stets Interesse ein. Bevor ich mich -dessen versah, war ich -- ganz Ohr und Teilnahme -- im Anhören seiner -Lebensgeschichte versunken. Sie lautete ungefähr wie folgt: - -»Meine Eltern starben, als ich noch ein kleines, unschuldiges Kind war. -Mein Onkel Ithuriel gewann mich lieb und nahm mich an Kindesstatt an. -Er war mein einziger Verwandter in der weiten Welt; er war so gut und -großmütig und dabei reich. Er erzog mich im Schoß des Ueberflusses. -Alle meine Wünsche, die mit Geld zu befriedigen waren, wurden erfüllt. - -»Nachdem ich auf der Universität studiert, ging ich mit zweien meiner -Diener -- meinem Kammerdiener und meinem Lakai -- auf Reisen in fremde -Länder. Vier Jahre lang flatterte ich auf sorglosen Schwingen in den -prächtigen Gefilden der Fremde umher, -- wenn Sie diese Sprache ihrem -ergebenen Diener gestatten wollen, dessen Zunge stets poetisch gestimmt -war; ja ich darf kühnlich also zu Ihnen sprechen, denn Ihre Augen -verraten mir, daß auch in Ihren Adern das Feuer der holden Poesie -glüht. In jenen fernen Landen schwelgte ich in der ambrosischen Speise, -welche der Seele, dem Geiste, dem Herzen frommt. Was aber vor allen -Dingen und am kräftigsten an meinen angeborenen ästhetischen Geschmack -appellierte, war der dort unter den Reichen herrschende Brauch, -Sammlungen von eleganten und kostbaren Seltenheiten und hübschen -Liebhabereien anzulegen; und in einer verhängnisvollen Stunde versuchte -ich es, in meinem Onkel Ithuriel Gefallen an dieser ausgezeichneten -Beschäftigung zu erwecken. - -[Illustration] - -»Ich schrieb und erzählte ihm von der äußerst umfangreichen -Muschelsammlung eines Herrn, von eines andern ausgezeichneter Sammlung -von Meerschaumpfeifen, von eines dritten wunderbarer Sammlung von -unentzifferbaren Autographen, eines vierten unschätzbarer Sammlung von -chinesischem Porzellan, eines fünften bezaubernder Briefmarkensammlung --- und so weiter und so weiter. Bald trugen meine Briefe Frucht: mein -Onkel begann sich nach dem Gegenstand für eine Sammlung umzusehen. Sie -wissen wohl, wie leidenschaftlich bald die Pflege einer Liebhaberei -wird; die seinige wurde bald ein rasendes Fieber. Er begann sein großes -Schweinegeschäft zu vernachlässigen; bald darauf zog er sich ganz von -demselben zurück, und aus einem bequemen Lebemann wurde ein toller -Raritätenjäger. Sein Reichtum war ungeheuer, und er sparte ihn nicht. -Zuerst versuchte er es mit Kuhglocken. Er legte eine Sammlung an, die -fünf große Säle füllte und alle Arten von solchen Glocken, von der -Urzeit bis zur Gegenwart, in sich schloß -- bis auf _eine_. Diese eine --- eine Antike und das einzige noch vorhandene Exemplar dieser Art --- war im Besitz eines andern Sammlers, dem mein Onkel enorme Summen -dafür bot -- vergebens. Sie können sich denken, was notwendigerweise -folgte. Ein wahrer Sammler legt bekanntlich einer Sammlung, die nicht -vollständig ist, nicht den mindesten Wert bei: sein glühendes Herz -erkaltet, er verkauft seinen Schatz und wendet seinen Sinn einem andern -Gebiet zu, das unausgebeutet zu sein scheint. - -»So machte es auch mein Onkel. Er versuchte es dann mit Ziegelsteinen. -Nachdem er eine umfangreiche und äußerst interessante Sammlung davon -angelegt hatte, stellte sich die alte Schwierigkeit ein. Mit blutendem -Herzen verkaufte er seine abgöttisch geliebte Sammlung an einen -früheren Bierbrauer, der den fehlenden Ziegel besaß. Dann versuchte -er es mit steinernen Aexten und anderen Geräten des urweltlichen -Menschen, entdeckte aber bald, daß die Fabrik, wo sie gemacht wurden, -andere Sammler ebensowohl versorgte wie ihn selbst. Er versuchte es -mit aztekischen Inschriften und ausgestopften Walfischen -- wieder -ein Mißerfolg, nach unglücklichen Mühen und Kosten. Denn als seine -Sammlung endlich vollständig schien, kam ein ausgestopfter Walfisch -aus Grönland und eine aztekische Inschrift aus der Cundurangogegend in -Mittelamerika an, die alle früheren Exemplare gänzlich in den Schatten -stellten. Mein Onkel beeilte sich, diese edlen Kleinodien für sich zu -gewinnen: er bekam den ausgestopften Walfisch, ein anderer Sammler -aber die Inschrift. Eine echte Cundurango aber ist, wie Sie vielleicht -wissen, ein Besitz von so köstlichem Wert, daß ein Sammler, wenn er sie -einmal erlangt hat, eher von seiner Familie sich trennt, als von ihr. -So verkaufte denn mein Onkel aus; er sah seine Lieblinge scheiden auf -Nimmerwiedersehen und sein kohlschwarzes Haar wurde weiß wie Schnee in -einer einzigen Nacht. - -»Nun wartete er und überlegte; er wußte, daß eine weitere Enttäuschung -ihm das Leben kosten könnte. Er war entschlossen, das nächstemal Dinge -zu wählen, bei welchen die Konkurrenz weniger zu fürchten war. Er -überlegte lange und reiflich; dann machte er sich noch einmal ans Werk --- diesmal, um eine Sammlung von Echos zu gewinnen.« - -»Von was?« rief ich erstaunt. - -»Von Echos, mein Herr. Sein erster Kauf war ein Echo in Georgia, -das viermal wiederhallte, sein nächster ein sechsfaches Echo in -Maryland, sein nächster ein dreizehnfaches in Maine, sein nächster ein -neunfaches in Kansas, sein nächster ein zwölffaches Echo in Tennessee, -das er billig bekam, weil es sozusagen baufällig war, denn ein Teil -des Felsens, der es zurückwarf, war herabgefallen. Er glaubte es -mit einem Aufwand von einigen Tausend Dollars reparieren lassen und -durch Aufmauerung des Felsens die Repetierfähigkeit verdreifachen -zu können; aber der Architekt, der die Arbeit übernahm, hatte nie -zuvor ein Echo gebaut, und so verdarb er es denn gänzlich. Bevor er -es verpfuschte, antwortete es wie ein keifendes Marktweib, nachher -aber taugte es höchstens noch für ein Taubstummenasyl. Nun, nächstdem -kaufte er eine Partie kleiner doppelläufiger Echos in verschiedenen -Staaten und Territorien; man gewährte ihm 20% Rabatt, weil er die ganze -Partie nahm. Dann kaufte er ein Echo, das wie eine Kruppsche Kanone -knallte; es kostete ein Heidengeld, das kann ich Ihnen sagen. Sie -müssen nämlich wissen, daß auf dem Echomarkt die Preisskala ansteigt -wie die Karatskala bei den Diamanten; im Handel gelten auch dieselben -Ausdrücke für das eine wie das andere. Ein einkarätiges Echo ist nur -zehn Dollars über den Preis des Grundes und Bodens, auf dem es ruht, -wert, ein zweikarätiges oder doppelläufiges Echo ist dreißig Dollars -darüber wert, ein fünfkarätiges über neunhundert, ein zehnkarätiges -dreizehntausend Dollars. Meines Onkels Echo in Oregon, welches er das -›Echo des großen Pitt‹ nannte, war ein Kleinod von zweiundzwanzig -Karaten und kostete zweihundertsechzehntausend Dollars -- man gab ihm -das Land drein, denn es war zweihundert Stunden von einer Niederlassung -entfernt. - -»Nun, während dieser Zeit war mein Lebensweg ein Rosenpfad. Ich bewarb -mich um die einzige und liebliche Tochter eines englischen Grafen und -wurde geliebt bis zur Raserei. In ihrer teuren Nähe schwamm ich in -einem Meer der Wonne. Da man wußte, daß ich der alleinige Erbe meines -Onkels sei, den man auf fünf Millionen Dollars schätzte, gaben die -Eltern um so bereitwilliger ihre Zustimmung. Sowohl ihnen wie mir war -es unbekannt geblieben, daß mein Onkel unter die Sammler gegangen war --- wenigstens wußten wir nicht, daß er anders als ganz nebenbei sammle. - -»Die Wolken zogen sich indes über meinem unschuldigen Haupt zusammen. -Jenes göttliche Echo, das seitdem durch die ganze Welt als der große -Koh--i--noor oder Berg der Wiederholungen bekannt wurde, war entdeckt -worden: es war ein fünfundsechzigkarätiger Edelstein. Aeußerte man -nur ein Wort, so antwortete es einem fünfzehn Minuten lang, wenn das -Wetter windstill war. Aber siehe da, zu gleicher Zeit machte mein -Onkel die Entdeckung, daß ein zweiter Echosammler vorhanden war. Die -beiden beeilten sich, den unvergleichlichen Kauf abzuschließen. Das -Grundstück bestand aus zwei kleinen Hügeln mit einem seichten Thal -dazwischen, hinten in den Ansiedelungen des Staates New York. Beide -Männer kamen zu gleicher Zeit an Ort und Stelle an, doch wußte keiner, -daß der andere auch da war. Das Grundstück mit dem Echo gehörte nicht -einem Manne allein; ein gewisser Williamson Bolivar Jarvis besaß den -einen Hügel, den anderen ein gewisser Harbison J. Bledso; das Thal -bildete die Grenzlinie. Während nun mein Onkel Jarvis' Hügel für drei -Millionen zweihundertundfünfundachtzigtausend Dollars kaufte, erwarb -sein Konkurrent Bledsos Hügel für etwas über drei Millionen. - -»Keiner von den beiden Männern war mit diesem geteilten Eigentumsrecht -zufrieden, doch wollte keiner seinen Anteil an den andern verkaufen und -schließlich schritt jener andere Sammler -- mit einer Böswilligkeit, -wie sie nur ein Sammler gegen einen Mitmenschen und Kollegen fühlen -kann -- dazu, seinen Hügel abzutragen! - -»Also, da er das Echo selbst nicht erlangen konnte, wollte er es auch -keinem andern gönnen. Alle Vorstellungen meines Onkels waren vergeblich. - -»Es gelang ihm zwar einen Aufschubsbefehl gegen seinen Konkurrenten zu -erwirken, der letztere appellierte jedoch und brachte die Sache vor -eine höhere Instanz. Sie führten den Prozeß weiter bis zum obersten -Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Es entstand ein heilloser -Wirrwarr. Zwei von den Richtern waren der Ansicht, ein Echo sei -persönliches Eigentum. Obwohl nicht greifbar, sei es doch käuflich -und verkäuflich und daher ein besteuerbarer Gegenstand; zwei andere -Richter meinten, ein Echo sei ein Liegenschaftsobjekt, weil es offenbar -am Grund und Boden hafte und nicht beweglich sei; andere Richter -behaupteten, ein Echo sei überhaupt kein Eigentum. - -»Es wurde schließlich entschieden, daß ein Echo ein Eigentumsobjekt -sei; daß die beiden Prozessierenden getrennte und unabhängige -Eigentümer der beiden Hügel, aber gemeinsame Inhaber des Echos -seien: es stehe deshalb dem Beklagten vollkommen frei, seinen Hügel -abzutragen, da er ihm allein gehöre, aber er müsse eine Kaution von -drei Millionen Dollars stellen als Ersatz für den Schaden, den meines -Onkels halber Anteil an dem Echo erleiden könnte. Im weiteren verbot -das Urteil meinem Onkel, ohne die Erlaubnis des Gegners, dessen Hügel -zur Weckung des Echos zu benützen; er dürfe dazu nur seines eigenen -Hügels sich bedienen; könne er unter diesen Umständen seinen Zweck -nicht erreichen, so sei das sehr bedauerlich, aber der Gerichtshof -könne daran nichts ändern. In derselben Weise wurde der Gegner in Bezug -auf diesen Punkt beschieden. Sie können sich denken, was nun geschah. -Keiner von beiden wollte dem andern die Einwilligung zur Benützung -seines Eigentums geben, und so mußte das berühmte und erhabene Echo auf -seine Bethätigung verzichten; seit jenem Tage gleicht das wertvolle -Besitztum einer verzauberten Prinzessin, die auf Erlösung harrt. - -»Eine Woche vor meinem Hochzeitstage, während ich noch in einem Meer -der Wonne schwamm und der hohe Adel von Fern und Nah zur Verherrlichung -des Ereignisses sich versammelte, traf die Nachricht von dem Tode -meines Onkels und zugleich die Abschrift seines Testaments, das mich -zu seinem alleinigen Erben einsetzte, ein. Er war dahin -- ach! mein -teurer Wohlthäter war nicht mehr: der Gedanke daran belastet mein -Herz noch heute, nach so langer Zeit. Ich händigte das Testament dem -Grafen, meinem Schwiegervater, ein, da ich es meiner Thränen wegen -nicht lesen konnte. Der Graf las es und sagte dann finster: ›Nennen Sie -das Reichtum, Sir? Das kann man nur in Ihrem schwindelhaften Amerika. -Sie sind nichts weiter als der alleinige Erbe einer umfangreichen -Sammlung von Echos, wenn man das eine Sammlung nennen kann, was weit -und breit über das ganze amerikanische Festland zerstreut ist. Und -das ist nicht alles, Sir; Sie stecken bis über die Ohren in Schulden; -nicht ein Echo unter der ganzen Partie, auf dem keine Hypothek ruhte. -Ich bin nicht hartherzig, Sir, aber ich muß das Interesse meines -Kindes wahren. Wenn Sie nur _ein_ Echo hätten, das Sie mit Recht Ihr -Eigentum nennen könnten, wenn Sie nur ein Echo hätten, das frei wäre -von Lasten, so daß Sie sich mit meinem Kinde dorthin zurückziehen und -es durch unverdrossenen Fleiß kultivieren und verbessern könnten, so -würde ich nicht nein sagen; aber ich kann mein Kind an keinen Bettler -verheiraten. Verlasse ihn, mein Liebling! Und Sie, Sir, nehmen Sie Ihre -hypothekenbelasteten Echos und gehen Sie mir für immer aus den Augen.‹ - -»Meine edle Cölestine klammerte sich in Thränen, mit liebenden Armen -an mich und schwor, sie wolle gerne, ja mit tausend Freuden die Meine -werden, auch wenn ich nicht _ein_ Echo in der Welt hätte. Aber es -durfte nicht sein; wir wurden auseinander gerissen -- sie, um innerhalb -eines Jahres sich langsam zu Tode zu härmen -- ich, um allein mich -hinzuschleppen auf des Lebens langem, beschwerlichem Pfad, täglich, -stündlich betend um die Erlösung, die uns wieder vereinen soll in einem -himmlischen Reich. Und nun, mein Herr, wenn Sie so freundlich sein -wollen, die Karten und Pläne in meiner Mappe anzusehen; ich kann Ihnen -gewiß ein Echo billiger ablassen, als irgend jemand. Dieses hier zum -Beispiel, welches meinen Onkel vor dreißig Jahren zehn Dollars kostete -und eines der entzückendsten in Texas ist, will ich Ihnen für -- --« - -»Einen Augenblick, bitte!« sagte ich. »Mein Freund, ich habe heute -vor lauter Hausierern noch keine Minute Ruhe gehabt. Ich habe eine -Nähmaschine gekauft, die ich nicht brauchte; ich habe eine Landkarte -gekauft, die voller Fehler ist; ich habe eine Uhr gekauft, die nicht -gehen will; ich habe Mottengift gekauft, das die Motten jeder andern -Nahrung vorziehen; ich habe eine endlose Menge nutzloser Erfindungen -gekauft, und jetzt bin ich dieser Thorheit satt. Ich möchte keines -von Ihren Echos auch nur geschenkt. Ich bin auf jeden wütend, der mir -Echos zum Verkauf anbietet. Sehen Sie dieses Gewehr? Nun packen Sie -Ihre Sammlung zusammen und sputen Sie sich; lassen Sie es nicht zum -Blutvergießen kommen.« - -Aber er lächelte nur -- ein melancholisches, sanftes Lächeln -- und zog -weitere Pläne heraus. Sie kennen die Geschichte; hat man einmal einem -Hausierer die Thür geöffnet, so zieht man immer den kürzeren. - -Nach Verfluß einer unerträglichen Stunde waren wir handelseinig. Ich -kaufte zwei doppelläufige Echos in gutem Zustand, ein drittes bekam -ich drein, das, wie er sagte, unverkäuflich sei, weil es nur Deutsch -spräche. »Es war einst vollkommen polyglott,« sagte er, »hat aber -irgendwie den größten Teil seiner Sprachfertigkeit eingebüßt.« - - - - -Eine wahre Geschichte. - -(Gerade so wiedererzählt wie ich sie gehört habe.) - - -Es war im Sommer, zur Dämmerstunde. Wir saßen alle unter dem Vordach -des Landhauses, Tante Rahel in bescheidener Ehrerbietung etwas tiefer -wie wir auf den Stufen, denn sie war unsere Magd und eine Farbige. Von -hohem Wuchs und gewaltigem Körperbau, hatte sie trotz ihrer sechzig -Jahre ihre alte Kraft bewahrt und ihr Augenlicht war noch ungeschwächt. -Der braven, lustigen Seele war das Lachen so natürlich wie einem Vogel -das Singen. Wie gewöhnlich nach beendetem Tagewerk stand sie auch jetzt -wieder im Feuer, das heißt, sie wurde unbarmherzig geneckt, und das -machte ihr großes Vergnügen. Sie brach wieder und wieder in schallendes -Gelächter aus und wenn sie keinen Atem mehr hatte, hielt sie ihren Kopf -mit beiden Händen fest und schüttelte sich im Uebermaß der Wonne und -des Entzückens. - -»Tante Rahel,« sagte ich zu ihr, als sie dies wieder einmal that, -»wie kommt es, daß du sechzig Jahre alt geworden bist und gar nichts -Trauriges erlebt hast?« - -Da war ihr Lachkrampf vorüber; sie schwieg einen Augenblick, sah über -die Schulter nach mir hin und alle Fröhlichkeit war von ihr gewichen. - -»Ist das Ihr Ernst, Mista Charles?« fragte sie. - -Das überraschte mich sehr und mir verging die scherzhafte Stimmung. - -[Illustration] - -»Je nun,« entgegnete ich betroffen, »ich dachte -- das heißt, ich -meinte nur, -- du könntest doch unmöglich jemals Kummer gehabt haben. -Noch nie habe ich einen Seufzer von dir gehört, und wenn ich dich sehe, -lachst du immer übers ganze Gesicht.« Sie drehte sich jetzt vollends -herum und sah mich mit großer Ernsthaftigkeit an. - -»Ich -- keinen Kummer? -- Hören Sie Mista Charles, ich erzählen will -alles und dann sagen Sie sich's selber. Ich bin geboren unter Sklaven, -ganz da unten und weiß alle Dinge von die Sklaverei, weil ich selbst -gewesen eine. Nun also, mein Alter -- das heißt mein Mann -- der war -lieb und gut zu mir, wie Mista zu seiner eigenen Frau. Sieben Kinder -wir haben gehabt und sie geliebt haben wie Mista liebt seine Kinder. -Sie schwarz gewesen, aber uns' Herrgott können nicht machen Kinder so -schwarz, daß ihre eigene Mutter sie nicht liebt und für nichts in der -ganzen Welt hergeben will. - -»Nun, Mista Charles, groß geworden ich bin im alten Virginien, aber -meine Mutter, sie stammte aus Maryland. -- Mein' Seel', wenn die in -Zorn geriet, das schrecklich war; sie konnte den Leuten die Pelz -waschen, daß die Haare flogen. Wenn sie so recht im Harnisch war, dann -sie hatte immer bloß eine Wort, die sie sagte. Sie reckte hoch sich in -der Höhe, stemmte die Fäuste in die Seite und sagte: ›Na, wartet, ich -das werd' euch lehren! Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack -und wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne -ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ -- Sehen Sie, so Leute sich nennen, -die in Maryland sind geboren und sind stolz darauf. Ja, ja, sie sagte -das immer, und ich vergeß' es mein Lebtag nicht, weil sie sagte es so -oft und auch einmal, als mein kleiner Henry sich hatte einer Loch in -die Kopf gefallen, gerade auf der Stirn und seine Handgelenk blutig -gerissen -- o schrecklich! Und die Nigger, sie kamen nicht gleich -herbeigeflogen, das Kind zu helfen. Da war meine Mutter furchtbar böse -und sie trat vor sie hin und sagte: ›Na wartet, ihr Nigger, ich das -werd' euch lehren! Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack und -wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne ihr -Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ Dann trieb sie sie alle aus die Küche 'raus -und verband die Kind selbst. Da hab' ich mich das angewöhnt, und wenn -der Aerger über mich kommt, sag' ich auch das Wort von meine Mutter. - -»Nun also, mit der Zeit, meine alte Missis[4] sagt einmal, mit ihr wär' -alles aus, sie muß verkaufen ihre Platz und alle Nigger. Wie ich aber -höre, daß sie uns wollte verkaufen auf dem Markt in Richmond -- o du -meine Güte, das Schrecken! Ich wußte ja, was der Glocke hat geschlagen.« - - [4] Herrin. - - (Tante Rahel war allmählich im Eifer ihrer Erzählung - aufgestanden; ihre große Gestalt ragte jetzt über uns hinaus - und hob sich schwarz und deutlich ab vom Sternenhimmel.) - -»Sie legten uns in Ketten und stellten uns auf eine Tritt so hoch wie -der Vordach. Und die Leute standen herum, viele Haufen. Sie kamen da -'rauf und besahen uns von vorn und von hinten, sie drückten unser Arme, -machten uns stehen und gehen und sagten dann: der ist zu alt, der taugt -nichts mehr. Der ist lahm. Der ist nicht viel wert. Und sie verkauften -mein alter Mann und führten ihn weg. Dann fangen sie an und verkaufen -meine Kinder und nehmen sie fort. Ich laut heule, aber die Mann sagt: -Laß deine verdammte Gewinsel, und schlägt mich mit sein Hand auf meine -Mund. Wenn alle fort sind bis auf mein kleiner Henry, ich presse ihn -ganz fest an meine Brust und trete hin und schrei: ›den ihr dürft nicht -nehmen mit, nein, nein, wer ihn anrührt, den schlagen ich tot.‹ Aber -mein kleiner Henry, er spricht mir ins Ohr: ›Ich thu weglaufen, und -dann arbeiten ich und kaufen dich los.‹ Gott segne die Kind, es war -immer so gut! -- Und das Kerle, sie kommen und nehmen ihn, aber ich sie -packen und reißen sie die Kleider vom Leibe und schlage sie mit meine -Kette über die Kopf. Sie haben's tüchtig wiedergegeben mir, freilich -- -aber was kümmerten mich das! - -»Na also, mein Alter war fort und meine Kinder -- meine ganzen sieben -Kinder -- und sechs davon habe ich nie wieder mit Augen gesehen bis -zum heutigen Tag -- zweiundzwanzig Jahr letzte Ostern. Mich kaufte -ein Mann aus Newbern und hat gebracht mich dorthin. Dann vergehen -die Jahre und der Krieg kommt. Mein Massa[5] war ein Oberst von die -Konförderierte und ich Köchin in seine Familie. Wie aber die Unioner -kommen und einnehmen die Stadt, sind sie alle fortgelaufen und mich -allein gelassen haben mit die andern Nigger in Massas großes Haus. Nun -die großen Offiziers von die Unioner sind eingezogen und haben mich -gefragt, will ich kochen vor ihnen. ›Na Herrje, freilich,‹ sage ich, -›zu was wär' ich sonst da?‹ - - [5] Herr. - -»Das sind keine so kleine Offiziers gewesen, nein, von die -allergrößten, und wie die ihre Soldaten 'rumschwenken ließen! Der -General zu mir sagt, ich soll die Kommando haben über das Küche und -alle rausjagen, die sich mengen wollen in meinen Sachen. ›Nur nicht -fürchten dich,‹ sagte er, ›du bist jetzt unter guten Freunden.‹ - -»Na, ich denken bei mir, wenn mein kleiner Henry Gelegenheit gefunden -zum Fortlaufen, so ist er natürlich nach das Norden. Und eine Tag ich -gehe ins Wohnzimmer, wo die großen Offiziers sind, mache eine Knix -und fange an zu erzählen von mein kleiner Henry, und sie hörten meine -traurige Geschichte zu, gerade als ob ich eins von die weiße Leut' -wär'. Und ich sage: ›Weswegen ich komme, das ist, weil, wenn er ist -fortgelaufen und nach das Norden, wo die Herrens herauskommen, sie -ihn haben vielleicht gesehen und können mir sagen, wo ich ihn finden -wieder. Er ganz klein ist und hat eine Narben am linken Handgelenk und -oben auf die Stirn.‹ Dann machten sie betrübte Gesicht und der General -fragt: ›Wie lange ist es her, seit man dir dein Kind genommen hat?‹ -Und ich sage: ›Dreizehn Jahr.‹ ›Dann ist er jetzt nicht mehr klein,‹ -antwortet der General, ›er ist ein Mann.‹ - -»Daran ich hatt' vorher nie noch gedacht, er war für mich noch immer -die kleine Junge, mir war nie eingefallen, daß er gewachsen und groß -geworden sein muß. Aber nun ich es verstand. Keiner von den Offiziers -war ihm begegnet und sie konnten mir nicht helfen. Aber die ganze Zeit, -ohne daß ich's wußte, vor vieler Jahr, war mein Henry schon fort nach -das Norden und war ein Barbier, der für eigener Rechnung arbeiten that. -Wie aber der Krieg kam, da hat er gesagt: ›Jetzt ich laß das scheren -und gehe meine alte Mutter zu suchen, wenn es nicht schon tot ist.‹ -So verkauft er sein Sach' und geht hin, wo sie Soldaten werben und -verdingt sich als Bursche bei die Oberst. Nun er marschiert überall -mit durch allen Schlachten, sein alte Mutter zu finden, erst er war bei -eine Offizier, dann bei eine andere, bis er ist gezogen durch das ganze -Süden. Aber von das alles wußt' ich nicht ein Sterbenswort. Wie ich's -sollt' auch wissen? - -»Nun, eine Abend hatten wir großer Soldatenball. Die Soldaten in -Newbern immerzu wollten tanzen und jubeln, und sie tanzten oft und oft -in meine Küche, weil die ist so arg groß. Nun wissen Sie, mir gar nicht -das gefiel, weil ich diente die Offiziers, und es ärgerte mich zu sehen -die gemeine Soldaten ihre Sprünge machen in meine Küche. Aber ich blieb -immer dabei und sah nach das Rechte und wenn sie trieben es zu arg und -ich einen Zorn kriegte, dann 'raus mit sie aus meine Küche -- hast du -nicht gesehen! - -»Also einemal -- Freitag abend -- da kam eine ganze Bataillon von das -Nigger-Regiment, das die Wache hatte beim Haus -- die Haus war der -Hauptquartier, wissen Sie. Da kocht alles inwendig bei mir. Ich bin -im hellen Zorn und nur warte drauf, daß sie was thun, daß ich könnte -drunter hineinfahren. Und sie walzten und sprangen herum, heisahopsasa --- und ich schwoll und schwoll vor Wut. Nicht lange, so kommt da ein -junger Springinsfeld von Nigger gesegelt daher, den Arm um seine gelbe -Tänzerin; die drehen und schwingen sich im Kreise, rund, rund, rund, -daß einem ganz wirbelig wird, sie anzusehen. Und als sie dicht vor mir -sind, da hopsen sie erst auf eine Fuß, dann auf die andere und lachen -über meine große rote Kopftuch und treiben ihren Spaß. Da ich fahre -auf sie los und sage: ›Macht, daß ihr fortkommt ihr, ihr Gesindel!‹ Da -wird das Gesicht von der junge Nigger auf einmal ernst, aber nur eine -Augenblick, dann war er wieder lustig und lachte wie zuvor. Indem kommt -eine ganze Bande Nigger herein, die wo die Musik machen und immer so -vornehm thun. Aber sobald sie das an die Abend versuchen, fahre ich -auf sie ein. Sie lachten und da es wurde noch ärger. Die andern Nigger -fangen auch an lachen und nun ich war wie ein Feuerbrand. Ich reckte -mich in der Höhe, so -- gerade wie jetzt -- fast bis an die Decke, -stemmte die Fäuste in die Seite und sagte: ›Na, wartet, ihr Nigger, ich -das werd' euch lehren. Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack -und wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne -ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ Da stand die junge Mann stocksteif da, -die Augen nach das Decke, als ob er was vergessen hätt' und sich nicht -mehr erinnern könnt'. Ich aber gehe den Niggers zu Leibe, wie eine -richtige General, und sie nehmen Reißaus und drängen nach die Thür. Und -wie die junge Mann rausgeht, hör' ich, wie er zu einen andern Nigger -sagt: ›Jim‹, sagt er, ›geh' mal hin und sag' die Hauptmann, ich würd' -morgen früh um acht zur Hand sein; aber ich hab' was auf dem Herzen, -schlafen ich kann heute nacht nicht mehr, geh, laß mich allein.‹ - -»Das war um 1 Uhr in die Nacht, und wie es sieben Uhr schlug, war ich -auf und hantierte herum, den Offiziers zu machen das Frühstück. Wie -ich mich nun zu die Ofen bücke -- grade als wär' Ihr Fuß die Ofen -- -und die Thüre aufmache mit meine Hand und zurückstoße sie -- wie jetzt -Ihre Fuß -- und die Pfanne mit das heiße Backwerk in die Hand halte und -aufstehen will -- da sehe ich ein schwarzes Gesicht sich vor meines -hinschieben und mir in die Augen schauen -- grade wie ich jetzt ansehe -Sie -- ich rühre mich nicht und gucke und gucke nur in einem fort -- -so -- bis die Pfanne zu zittern anfängt -- und auf einmal -- da wußt' -ich's. Die Pfanne liegt am Boden und ich packe ihn an der linken Hand, -schiebe den Aermel zurück -- grade so, wie ich's mache mit Sie, und -dann kommt das Stirn an die Reihe und ich streiche seine Haar zurück, -so -- und ›Junge,‹ sag ich, ›wenn du nicht mein Henry bist, wie du -kommst zu die Narbe am Handgelenk und die Schramme auf die Stirn? --- Der Herrgott im Himmel gepriesen sei, ich habe meine Herzensjunge -wieder!‹ - - * * * * * - -»Ja, ja, ich hab' Kummer gehabt -- aber auch Freude, Mista Charles -- -auch Freude!« - - - - -Die Liebe des schönen Alonzo Fitz Clarence und der schönen Rosannah -Ethelton. - - -I. - -Es war am Morgen eines bitterkalten Wintertages. Die Stadt Eastport im -Staate Maine lag unter tiefem, frisch gefallenem Schnee begraben. Das -gewöhnliche geschäftige Treiben auf den Straßen fehlte; weit und breit -auf denselben nichts als eine weiße Decke und entsprechende Stille. Die -Trottoirs waren nur noch lange, tiefe Gräben mit steilen Schneehügeln -zu beiden Seiten. Hie und da konnte man das schwache, ferne Kratzen -einer hölzernen Schaufel vernehmen und ein flüchtiges Bild von einer -entfernten, schwarzen Gestalt erhaschen, die sich bückte und in einem -jener Gräben verschwand, um im nächsten Augenblick wieder aufzutauchen, -mit einer Bewegung, die das Herausschaufeln von Schnee verriet. Aber -man mußte rasch blicken, denn jene schwarze Gestalt verweilte nicht, -sondern ließ bald die Schaufel fallen und lief auf das Haus zu, wobei -sie mit den Armen um sich warf, um sich zu wärmen. Ja, es war zu bitter -kalt, als daß ein Schneeschaufler oder sonst jemand lange draußen -bleiben konnte. - -Bald darauf verdüsterte sich der Himmel: der Wind hatte sich erhoben -und wirbelte in heftigen ungleichen Stößen ganze Wolken pulverigen -Schnees in die Höhe und nach allen Seiten. Unter der Wucht dieser -Windstöße legten sich große weiße Schneehügel wie Gräber quer über die -Straßen; einen Augenblick später bettete sie ein anderer Windstoß in -anderer Richtung, wobei er einen feinen Sprühregen Schnees von ihren -spitzen Kämmen fegte, wie eine frische Brise den Schaum von den Wogen -spritzt; einem dritten Stoß gefiel es, den Platz so glatt zu fegen wie -einen Tisch. Das war Tändelei, das war Spiel; aber daß es keiner von -diesen Windstößen unterließ, einen Haufen Schnee in die Trottoirgräben -zu werfen, das gehörte offenbar zum Geschäft. - -Alonzo Fitz Clarence saß in seinem behaglichen und eleganten kleinen -Empfangszimmer, in einem blauseidenen, mit Aufschlägen und Säumen von -karmoisinrotem Sammet besetzten Schlafrock. Die Ueberreste seines -Frühstücks standen vor ihm, und das zierliche und kostbare Tischzeug -fügte der Anmut, Schönheit und dem Reichtum der Ausstattung des Zimmers -noch einen weiteren harmonischen Reiz bei. Ein lustiges Feuer prasselte -im Kamin. - -Ein wütender Windstoß ließ die Fenster erzittern, und eine große -Schneewoge rollte gegen sie, wenn man so sagen darf. Der hübsche junge -Mann murmelte: - -»Das bedeutet -- keinen Ausgang heute! Nun meinetwegen. Aber wie -steht's mit der Unterhaltung? Mutter ist ja ganz recht, Tante Susanne -ebenso; aber diese beiden kann ich immer haben. An einem so bösen Tag -bedarf es eines neuen Interesses, eines frischen Elements, um die -stumpfe Schneide der Gefangenschaft zu schärfen. Eine hübsche Phrase -- -hat aber keinen Sinn! Man will ja die Schneide der Gefangenschaft nicht -geschärft haben, sondern gerade das Gegenteil.« - -Er blickte auf seine hübsche französische Stutzuhr. - -»Die Uhr geht wieder falsch; sie weiß kaum je, was die Zeit ist, und -wenn sie es weiß, lügt sie mich an, was auf dasselbe hinausläuft. -- -Alfred!« - -Keine Antwort. - -[Illustration] - -»Alfred! Ein guter Diener, aber ebenso unzuverlässig wie die Uhr.« - -Alonzo berührte den Knopf einer elektrischen Leitung in der Wand, -wartete ein Weilchen und berührte ihn dann nochmals; hierauf wartete er -wieder einige Augenblicke und sagte endlich: - -»Ohne Zweifel ist die Batterie nicht in Ordnung; nun ich aber einmal -darauf aus bin, will ich auch herauskriegen, wie viel Uhr es ist.« -Er schritt zu einem Sprachrohr in der Ecke und rief ›Mutter!‹ mit -zweimaliger Wiederholung. - -»Es hilft nichts. Auch der Mutter Batterie geht nicht. Kann niemand -drunten auf die Beine bringen -- das ist klar.« - -Er setzte sich vor einem Pult aus Rosenholz nieder, lehnte sein Kinn -gegen dessen linke Kante und sprach, gleichsam gegen den Fußboden -gewendet: »Tante Susanne!« - -Eine leise, angenehme Stimme antwortet: »Bist du's, Alonzo?« - -»Ja. Ich bin zu faul und fühle mich zu behaglich, um die Stiege -hinabzugehen; ich bin in größter Not und kann scheints, keine Hilfe -herbeirufen.« - -»Du lieber Himmel, was giebt's?« - -»Genug, -- das kann ich dir sagen!« - -»O, lasse mich nicht in Ungewißheit, Lieber. Was ist's denn?« - -»Ich möchte wissen, wie viel Uhr es ist.« - -»Du unartiger Junge; du hast mich recht in Schrecken gejagt! Ist das -alles?« - -»Alles -- auf Ehre. Beruhige dich; sage mir die Zeit und empfange -meinen Segen.« - -»Gerade fünf Minuten nach neun Uhr. Keine Ursache zum Danken -- behalte -deinen Segen.« - -»Danke schön, Tantchen. Er würde mich nicht gerade ärmer gemacht haben, -und dich nicht so reich, daß du ohne andere Mittel leben könntest.« -Er stand auf und murmelte: »Gerade fünf Minuten nach neun Uhr,« und -stellte sich seiner Uhr gegenüber. »Ah,« sagte er, »du machst deine -Sache besser wie gewöhnlich. Du gehst nur um vierunddreißig Minuten -falsch. Warte ... Warte ... Dreiunddreißig und einundzwanzig ist -vierundfünfzig; viermal vierundfünfzig ist zweihundertsechsunddreißig; -eins ab, bleibt zweihundertfünfunddreißig. So ist's recht.«[6] - - [6] Tante und Neffe, welche also per Telephon verkehren, sind - weit auseinander: _sie_ in San Francisco, er in einer Stadt - des Ostens, daher die Zeitdifferenz. - - Der Uebers. - - -Er drehte die Uhrzeiger vorwärts, bis sie fünfundzwanzig Minuten auf -Eins zeigten und sagte: »Nun sieh, ob du nicht eine Zeit lang richtig -gehen kannst ... sonst werde ich dir kommen!« - -Er setzte sich wieder vor das Pult und sagte: »Tante Susanne!« - -»Ja, Lieber.« - -»Gefrühstückt?« - -»Gewiß, vor einer Stunde schon.« - -»Sehr beschäftigt?« - -»Nein -- nähe bloß ein wenig. Warum?« - -»Gesellschaft bei dir?« - -»Nein, aber ich erwarte solche um halb zehn Uhr.« - -»Wollte, ich auch. Ich fühle mich einsam und möchte mit jemand -plaudern.« - -»Nun gut, so plaudere mit mir.« - -»Ja, aber ich hab' 'was ganz Privates!« - -»Sei unbesorgt! -- plaudre frisch drauf los; es ist außer mir niemand -da.« - -»Ich weiß fast nicht, ob ich es wagen soll, aber --« - -»Aber was? Sprich nur! Du weißt, Alonzo, daß du mir vertrauen kannst -- -du weißt es.« - -»Bin überzeugt, Tante; aber die Sache ist sehr ernst; sie berührt mich -sehr nahe -- mich und die ganze Familie -- selbst die ganze Gemeinde.« - -»O, Alonzo, sage mir's! Ich werde nie ein Wort davon laut werden -lassen. Um was handelt es sich?« - -»Soll ich's wagen ...« - -»O bitte, thu's! Ich habe dich so lieb und kann dir ganz nachfühlen. -Sage mir alles -- vertraue mir! Was hast du auf dem Herzen?« - -»Das Wetter!« - -»Zum Kuckuck mit dem Wetter! Ich weiß nicht, wie du's übers Herz -bringen kannst, mir so mitzuspielen, Lon.« - -»Nun, nun, lieb' Tantchen, es thut mir leid -- wirklich, bei meiner -Treu, ich will's nicht wieder thun. Vergiebst du mir?« - -»Meinetwegen, ich sollte es freilich nicht thun; denn du hältst mich -doch wieder zum Besten, sobald ich diesen Streich vergessen habe.« - -»Nein, gewiß nicht -- mein Wort darauf. Aber solch ein Wetter, o, solch -ein Wetter! Man muß seine Lebensgeister künstlich aufrecht erhalten. -Schneeig, windig, stürmisch und bitterkalt, alles auf einmal! Wie ist -das Wetter bei euch?« - -»Warm, regnerisch und trübselig. Es wimmelt auf den Straßen von -Regenschirmen, und von dem Ende jedes Fischbeins ergießt sich ein -Strom. Der Behaglichkeit wegen brennt ein Feuer in meinem Kamin, -und damit es nicht so warm wird, sind die Fenster offen. Aber es -ist umsonst: nichts kommt herein als der linde Hauch des Dezember, -geschwängert von den Düften der Blumen, welchen die Außenwelt gehört -und die sich ihres wonnigen Lebens freuen, während der Geist des -Menschen niedergeschlagen ist, die ihm entgegenleuchten in bunter -Pracht, während seine Seele in Sack und Asche gekleidet ist und sein -Herz brechen möchte.« - -Alonzo öffnete die Lippen, um zu sagen: »Du solltest das drucken und -einrahmen lassen,« unterließ es aber, als er seine Tante mit einer -andern Person sprechen hörte. Er trat ans Fenster und schaute hinaus -auf das winterliche Straßenbild. Der Sturmwind trieb den Schnee -wütender als je vor sich her; die Fensterläden wurden lärmend hin- und -hergeworfen; ein verirrter Hund mit gesenktem Kopf und eingezogenem -Schweif drängte seinen zitternden Körper gegen eine windgeschützte -Mauer, Obdach und Schutz suchend; ein junges Mädchen watete knietief -durch die Schneehaufen; sie hatte das Gesicht vom Winde abgewandt, und -die Kaputze ihres Regenmantels flatterte von hinten über ihren Kopf. -Alonzo schauderte und er sagte mit einem Seufzer: »Lieber Kotpfützen -und schwüler Regen, und aufdringliche Blumen, als das!« - -Er wandte sich vom Fenster ab, machte einen Schritt und blieb dann -in lauschender Haltung stehen. Die schwachen, sanften Töne eines -wohlbekannten Liedes schlugen an sein Ohr. Er blieb mit vorwärts -gebeugtem Kopf stehen und sog die Melodie ein, -- weder Hand noch Fuß -rührte sich, er atmete kaum. Dem Vortrag des Liedes fehlte etwas; -unserem Alonzo aber schien das kein Fehler, sondern eher ein weiterer -Reiz zu sein. Dieser Fehler bestand in einem auffallenden Sinken der -Stimme bei der dritten bis siebenten Note des Refrains oder Chors des -Liedes. Als der Gesang zu Ende war, holte Alonzo tief Atem und sagte: -»Ah, nie zuvor habe ich ›~In the Sweet By-and-By~‹ so schön singen -hören!« - -Er schritt rasch zum Pult, horchte einen Augenblick und sagte dann -leise und vertraulich: »Tantchen, wer ist denn diese göttliche -Sängerin?« - -»Es ist der Besuch, den ich erwartete. Bleibt einen bis zwei Monate bei -mir. Will dich ihr vorstellen, -- Fräulein ...« - -»Um Gottes willen, warte einen Augenblick, Tante Susanne! Du überlegst -doch auch gar nicht.« - -Er flog in sein Schlafzimmer und kehrte einen Augenblick später, -merklich in seiner äußeren Erscheinung verändert, wieder, indem er -schnippisch bemerkte: »Bei Gott, sie würde mich diesem Engel in meinem -himmelblauen Schlafrock da, mit den feuerroten Aufschlägen, vorgestellt -haben. Die Weiber denken doch nie, wenn sie einmal im Eifer sind.« - -Er eilte zu dem Pult, blieb stehen und rief halblaut: »Nun, Tante, bin -ich fertig,« worauf er sich mit all der einschmeichelnden Eleganz, die -ihm zu Gebote stand, lächelnd verbeugte. - -»Sogleich! -- Fräulein Rosannah Ethelton, darf ich Ihnen meinen -liebsten Neffen, Herrn Alonzo Fitz Clarence vorstellen? So! Ihr seid -beide artige Kinder, und so will ich euch denn vertrauen und allein -beisammen lassen, derweil ich einiges fürs Haus besorge. Setzen Sie -sich, Rosannah; setze dich, Alonzo. Adieu; ich werde bald wieder da -sein.« - -Alonzo hatte sich währenddessen immerzu verbeugt und unsichtbaren -jungen Damen unsichtbare Sitze angewiesen, jetzt aber setzte er sich -selbst, indem er zu sich sagte: »Na, das nenn' ich Glück! Nun mögen die -Winde sausen und der Schnee wehen und die Himmel finster drein blicken! -Was ficht's mich an!« - -Während die jungen Leute sich nun in die Bekanntschaft hineinplaudern, -nehmen wir uns die Freiheit, das Schönere und Holdere der beiden -genauer zu betrachten. Sie saß allein, in anmutiger Ungezwungenheit, -in einem reich möblierten Gemach, welches offenbar das Empfangszimmer -einer feinen und reichen Dame war. Neben einem niederen, bequemen -Sessel stand ein zierliches Arbeitstischchen, auf dem sich ein -phantastisch gestickter flacher Korb erhob, aus dessen offenem -Deckel sich Stickgarn von verschiedenen Farben, Litzen und Bänder -hervordrängten und in nachlässiger Fülle herabhingen. Auf einem üppigen -Sofa, das mit einem weichen indischen, aus schwarzen und goldenen Fäden -gewebten, und von anderen Fäden in gedämpfteren Farben durchschossenen -Stoffe überzogen war, lag eine noch unfertige Straminarbeit, einen -in reichen Farben prangenden Blumenstrauß darstellend. Die Hauskatze -schlief gerade auf diesem Kunstwerk. In einem Bogenfenster stand eine -Staffelei mit einem unvollendeten Gemälde, Palette und Pinsel lagen -auf einem Stuhle daneben. Bücher, wohin man sah: Robertsons Predigten, -Tennyson, Moody und Sankey, Hawthorne, Longfellow, Kochbücher, -Gebetbücher, Stickmusterbücher, nicht zu vergessen alle Arten von -Büchern über Renaissancemöbel und Majolikas. Auch ein Piano war da mit -einem Stoß Musikalien daneben. An den Wänden hing eine Menge Bilder, -andere standen auf Kaminsims und Eckbrettern, und wo sich ein Plätzchen -dazu fand, waren plastische Figuren, altmodischer Nippsachen-Krimskrams -und besonders viel seltenes und kostbares chinesisches Porzellan -aufgestellt. Das Bogenfenster ging auf einen Garten, aus dem fremde und -einheimische Blumen und blühende Sträucher hervorstrahlten. - -[Illustration] - -Aber das holde junge Mädchen war das reizendste, was dieser Wohnsitz -drinnen und draußen dem Auge bieten konnte: zartgeformte Züge von -griechischem Schnitte, ihre Gesichtsfarbe der reine Schnee einer Lilie, -auf die von einem scharlachfarbenen Gartennachbar ein schwacher Abglanz -fällt; große, sanfte blaue Augen, mit langen, geschweiften Wimpern -befranst; im Gesicht die Treuherzigkeit eines Kindes und die Sanftmut -eines Rehes; der hübsche Kopf mit goldglänzendem Haar verschwenderisch -reich gekrönt; eine geschmeidige und doch wohlgerundete Gestalt, die in -jeder Haltung und Bewegung von natürlicher Anmut erfüllt war. - -Ihr Anzug und Schmuck zeigte jene ausgesuchte Harmonie, die nur von -einem feinen natürlichen, durch Kultur vervollkommneten Geschmack -kommen kann. Ihr Kleid war von einfachem, magentafarbenen Tüll, -der Quere nach geschnitten und gekreuzt von drei Reihen hellblauer -Falbeln; der Ueberwurf von dunkelrotbraunem Tarlatan, mit Stickereien -von scharlachfarbenem Atlas; kornfarbige Polonaise ~en panier~, mit -Perlmutterknöpfen und Silberschnüren besetzt, nach hinten aufgenommen -und mit Litzen von lederfarbenem Sammet befestigt; Schöße von -lavendelfarbenem Rips, mit Valenzienner Spitzen ausgeputzt; Krawatte -von kastanienfarbenem Sammet, mit zarter Rosaseide eingefaßt; Halstuch -von einem einfachen dreifaltigen, in der Wolle gefärbten Gewebe von -gedämpftem Safrangelb; Korallenarmbänder und Halskette mit Medaillon; -Haarschmuck von Vergißmeinnicht und Maiblümchen, die sich zahlreich um -eine edle Calla drängten. - -Das war alles; doch selbst in diesem schlichten Anzug war sie göttlich -schön; was müßte sie erst gewesen sein, wenn geschmückt zum Fest oder -Ball? - -Ahnungslos, daß wir sie dieser Besichtigung unterzogen, hatte sie -mittlerweile eifrig mit Alonzo geplaudert. Rasch enteilten die Minuten, -und noch immer plauderten sie. Endlich aber blickte sie zufällig empor -und sah auf die Uhr. Ein tiefes Erröten durchschoß ihre Wangen und sie -rief aus: - -»Und nun adieu, Herr Fitz Clarence; ich muß jetzt gehen!« - -Sie sprang mit solcher Hast von ihrem Stuhl empor, daß sie kaum des -jungen Mannes Abschiedsgruß hörte. Strahlend von Anmut und Schönheit -stand sie da und schaute verwundert auf die anklagende Uhr; dann -öffneten sich ihre vollen Lippen und sie sagte zu sich: - -»Fünf Minuten über elf! Fast zwei Stunden, und es schienen keine -zwanzig Minuten zu sein. Du lieber Himmel, was wird er von mir denken!« - -In demselben Augenblicke starrte Alonzo auf seine Uhr und sagte dann zu -sich: - -»Fünfunddreißig Minuten über zwei Uhr! Fast zwei Stunden, und ich -glaubte, es wären keine zwei Minuten! Am Ende schwindelt die Uhr -wieder? Fräulein Ethelton! Nur einen Augenblick, bitte. Sind Sie noch -hier?« - -»Ja, aber bitte schnell! muß sogleich gehen.« - -»Möchten Sie so freundlich sein, mir zu sagen, wie viel Uhr es ist?« - -Das Mädchen errötete wieder und sagte leise für sich: »Es ist geradezu -grausam, mich zu fragen!« und gab dann laut und mit bewundernswert -gespielter Gleichgültigkeit zur Antwort: »Fünf Minuten über elf.« - -»So? ich danke Ihnen! Sie müssen also jetzt wirklich gehen?« - -»Ja.« - -»Das thut mir leid.« - -Keine Antwort. - -»Fräulein Ethelton!« - -»Nun?« - -»Sie -- Sie sind noch da, nicht wahr?« - -»Ja; aber bitte, beeilen Sie sich. Was wollten Sie sagen?« - -»Nun, ich -- nun, nichts Besonderes. Es ist so einsam hier. Es ist -viel verlangt, ich weiß es; aber möchten Sie wohl bald wieder mit mir -plaudern -- das heißt, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist?« - -»Ich weiß nicht -- aber ich will mich besinnen -- ich denke, ja.« - -»O, tausend Dank! Fräulein Ethelton? ... O weh, sie ist fort, und da -sind die schwarzen Wolken und der wirbelnde Schnee und die stürmischen -Winde wieder! Aber sie sagte _adieu_! Sie sagte nicht Guten Morgen, -sie sagte adieu! ... Die Uhr ging also doch recht. Wie blitzbeschwingt -diese zwei Stunden waren!« - -Er setzte sich nieder, blickte eine Weile träumerisch in das Feuer, -seufzte dann tief auf und sagte: - -»Wie wunderbar! Vor zwei Stündchen noch war ich ein freier Mann, und -jetzt ist mein Herz in San Francisco!« - -Um dieselbe Zeit saß Rosannah Ethelton, mit einem Buche in der Hand, -in der Fensternische ihres Schlafzimmers und blickte zerstreut hinaus -über die regnerischen Seen, die das ›goldene Thor‹ (Hafen von San -Francisco) wuschen, und flüsterte für sich: »Wie ganz anders er doch -ist als der arme Burley mit seinem leeren Kopf und seinem einzigen -komödiantenhaften Talent der Nachäffung.« - - -II. - -Vier Wochen später unterhielt Herr Sidney Algernon Burley eine -fröhliche Frühstücksgesellschaft in einem prächtigen Salon auf -Telegraph Hill mit einigen köstlichen Nachahmungen der Stimmen und -Gebärden gewisser beliebter Schauspieler, gewisser Litteraten aus San -Francisco und Bonanzaer Granden.[7] Er war eine elegante Erscheinung, -und -- abgesehen von einem unbedeutenden Schielen -- ein hübscher -Mensch. Er schien sehr guter Stimmung zu sein, trotzdem blickte er von -Zeit zu Zeit voll unruhiger Erwartung nach der Thüre. Endlich erschien -ein Lakai, welcher der Frau vom Hause eine Botschaft brachte, worauf -die Dame verständnisvoll mit dem Kopf nickte. Das schien Burleys -Erwartung ein Ende zu machen; seine Lebhaftigkeit nahm nach und nach ab -und sein Gesicht einen niedergeschlagenen Ausdruck an. - - [7] Besitzer von großen Farmen, sogenannten ›Bonanzafarmen‹. - - Anm. des Uebers. - - -Die Gesellschaft entfernte sich, als es an der Zeit war, und er blieb -allein mit der Hausfrau, zu der er sagte: - -»Es kann kein Zweifel mehr sein: sie weicht mir aus, sie entschuldigt -sich fortwährend. Wenn ich sie nur sehen, nur einen Augenblick mit ihr -sprechen könnte -- aber diese Ungewißheit --« - -»Vielleicht ist ihr scheinbares Ausweichen bloßer Zufall. Gehen Sie in -das kleine Empfangszimmer droben und warten Sie einen Augenblick. Ich -muß rasch einen häuslichen Auftrag geben, der mir eben einfällt, und -will dann auf ihr Zimmer gehen. Sie wird sich gewiß bestimmen lassen, -Sie zu empfangen.« - -Herr Burley ging die Stiege hinauf in der Absicht, das kleine -Empfangszimmer aufzusuchen; als er aber an ›Tante Susannes‹ Boudoir -vorüberging, dessen Thüre ein wenig offen stand, hörte er ein ihm -wohlbekanntes fröhliches Lachen; so ging er denn ohne anzuklopfen -und unangemeldet hinein. Ehe er aber seine Nähe bemerklich machen -konnte, hörte er Worte, die ihm schwer auf die Seele fielen und sein -Blut erkalten machten. Er hörte vor dem Telephon eine Stimme sagen: -»Liebste, es ist angekommen, es ist da.« - -Dann hörte er Rosannah Ethelton, die mit dem Rücken gegen ihn stand, -antworten: »Das deinige auch, Teuerster!« - -Er sah ihre vorgebeugte Gestalt sich noch tiefer herabbeugen; er hörte -sie etwas küssen -- nicht bloß einmal, sondern wieder und wieder! Seine -Galle kochte in ihm. Die herzbrechende Unterredung wurde fortgesetzt: - -»Rosannah, ich wußte, daß du schön sein müßtest; aber dein Bild -übertrifft meine Ahnung: ich bin völlig geblendet!« - -»Alonzo, es macht mich überglücklich, daß du das sagst. Ich weiß -zwar, daß es nicht wahr ist; aber ich bin trotzdem dankbar, daß du es -glaubst! Ich wußte, daß du edle Züge haben müßtest, aber die Anmut und -Majestät der Wirklichkeit machen die Schöpfung meiner Phantasie zu -einem armseligen Schattenbild.« - -Burley hörte wieder jenen prasselnden Schauer von Küssen. - -»Ich danke dir, meine Rosannah! Die Photographie schmeichelt mir, aber -daran mußt du nicht denken. -- Mein Schätzchen?« - -»Ja, Alonzo?« - -»Ich bin so glücklich, Rosannah.« - -»O, Alonzo. Jetzt weiß ich, was Liebe ist. Ich schwebe in einem -prächtigen Wolkenland, in einem grenzenlosen Himmel zauberhaften und -sinnberauschenden Entzückens.« - -»O, meine Rosannah! -- denn du bist ja mein, nicht wahr?« - -[Illustration] - -»Ganz, o, ganz dein, Alonzo, jetzt und immerdar! Den ganzen Tag -hindurch und in meinen nächtlichen Träumen höre ich immer ein Lied, -dessen holder Refrain lautet: Alonzo Fitz Clarence, Alonzo Fitz -Clarence zu Eastport im Staate Maine!« - -»Verwünscht sei er! -- ich habe jetzt wenigstens seine Adresse!« -brüllte Burley innerlich und eilte fort. - -Hinter dem ahnungslosen Alonzo aber stand plötzlich seine Mutter, ein -Bild des Staunens. Sie war vom Kopf bis zu den Füßen in Pelze gehüllt, -so daß außer Augen und Nase nichts von ihr zu sehen war. Sie stand -da, wie eine gute Allegorie des Winters, über und über mit feinen -Schneeflocken bestreut. - -Hinter der ahnungslosen Rosannah stand Tante Susanne, ein zweites Bild -des Staunens. Sie war eine gute Allegorie des Sommers, denn sie war -leicht gekleidet und kühlte sich mit einem Fächer das heiße Gesicht. - -Beiden Frauen standen Freudenthränen in den Augen. - -»Haha!« rief Frau Fitz Clarence aus, »das erklärt, weshalb dich seit -sechs Wochen niemand aus deinem Zimmer zu bringen vermochte, Alonzo!« - -»Aha!« rief Tante Susanne aus, »jetzt weiß ich, weshalb Sie in den -letzten sechs Wochen eine Einsiedlerin waren, Rosannah!« - -[Illustration] - -Die jungen Leute waren im Nu auf den Füßen, und standen betreten da, -wie Schmuggler von Gold und Juwelen, die man beim Handwerk ertappt hat. - -»Sei gesegnet, mein Sohn! Ich bin glücklich in eurem Glück. Komm' in -deiner Mutter Arme, Alonzo!« - -»Sei gesegnet, Rosannah, um meines lieben Neffens willen. Komm' in -meine Arme!« - -Die Herzen schwammen in Wonne auf Telegraph Hill und in Eastport Square. - -An beiden Orten wurden Diener gerufen. Dem einen wurde der Befehl -gegeben: »Wirf noch mehr Walnußbaumholz ins Feuer und bringe mir ein -siedheißes Glas Glühwein.« Dem andern wurde der Auftrag erteilt: -»Lösche das Feuer und bringe mir zwei Palmblattfächer und eine Flasche -Eiswasser.« - -Dann wurden die jungen Leute weggeschickt, und die beiden älteren -setzten sich nieder, um die angenehme Ueberraschung zu besprechen und -Heiratspläne zu entwerfen. - -Einige Minuten vorher stürzte Herr Burley aus dem Hause auf Telegraph -Hill, ohne jemandem zu begegnen oder von jemand förmlichen Abschied -zu nehmen. In unbewußter Nachahmung einer bekannten Stelle in einem -Melodrama zischte er zwischen den Zähnen hervor: »Sein soll sie niemals -werden! Ich hab's geschworen! Ehe die Natur ihren Winterhermelin -abgelegt haben wird, um den Smaragdschmuck des Frühlings anzulegen, -soll sie mein sein!« - - -III. - -Ein paar Wochen später. -- Drei oder vier Tage lang empfing Alonzo -alle paar Stunden den Besuch eines sehr schmuck und gottesfürchtig -aussehenden Geistlichen, der auf einem Auge schielte; nach seiner -Visitenkarte war er der hochwürdige Melton Hargrave aus Cincinnati. -Er sagte, er habe sich ›seiner Gesundheit wegen‹ von der Seelsorge -zurückgezogen; wenn er gesagt hätte: ›wegen seiner Kränklichkeit‹, -würde ihn sein gesundes Aussehen und sein kräftiger Körperbau stark -Lügen gestraft haben. Er stellte sich als Erfinder einer Verbesserung -an Telephonen vor, der durch Verkauf des bezüglichen Patents sich -seinen Lebensunterhalt zu verdienen hoffte. »Heutzutage,« sagte er, -»kann jeder, der Lust hat, einen Telegraphendraht anzapfen, welcher ein -Lied oder ein Konzert aus einem Staate in einen andern leitet, sein -eigenes Telephon daranhängen und diebisch jene Musik anhören, während -sie vorübergleitet. Meine Erfindung wird dem ein Ende machen.« - -»Nun,« antwortete Alonzo, »was kann dem Eigentümer der Musik daran -liegen, wenn ihm der Diebstahl nichts schadet?« - -»Nichts,« sagte der Hochwürdige. - -»Nun, also?« sagte Alonzo fragend. - -»Angenommen aber,« antwortete der Hochwürdige, -- »angenommen, daß -statt der Musik, die im Vorübergleiten gestohlen werden kann, der Draht -Liebeszärtlichkeiten geheimster und heiligster Natur aussendet?« - -Alonzo schauderte vom Scheitel bis zur Zehe. »Mein Herr, ich verstehe, -Ihre Erfindung ist unbezahlbar; ich muß sie haben -- um jeden Preis.« - -Aber die Erfindung, welche aus Cincinnati bestellt war, wollte nicht -eintreffen. Alonzo verging vor Ungeduld: der Gedanke, daß Rosannahs -liebe Worte von irgend einem elenden Neugierigen geteilt würden, -war ihm eine Folter. Der Hochwürdige kam häufig und beklagte den -Verzug und sprach von Maßregeln, die er getroffen, um die Ankunft zu -beschleunigen. Das war ein kleiner Trost für Alonzo. - -Eines Vormittags stieg der Hochwürdige die Treppe hinan und klopfte -an Alonzos Thür: es erfolgte keine Antwort. Er trat ein, blickte -forschend umher und eilte dann zum Telephon. Die ausnehmend sanften -fernen Töne des ›~Sweet By-and-By~‹ fluteten durch das Instrument. Die -Sängerin nahm wie gewöhnlich die fünf Noten, die den beiden ersten im -Chor folgten, um einen halben Ton zu tief, als der Hochwürdige sie -- -in einer Stimme, welche diejenige Alonzos täuschend, nur mit einem -entfernten Anflug von Ungeduld, nachahmte -- plötzlich unterbrach: - -»Mein Schatz?« - -»Ja, Alonzo?« - -»Bitte, singe das in dieser Woche nicht mehr, -- probiere etwas -Modernes.« - -Ein leichter Schritt, wie er zu einem glücklichen Herzen paßt, wurde -jetzt auf der Treppe hörbar, worauf der Hochwürdige teuflisch lächelnd -rasch Zuflucht hinter den schweren Falten der sammetnen Fenstervorhänge -suchte. Alonzo trat ein, flog zum Telephon und sagte: - -»Liebste Rosannah, wollen wir zusammen singen?« - -»Etwas _Modernes_?« gab sie mit sarkastischer Bitterkeit zurück. - -»Ja, wenn dir's recht ist!« - -»Singen Sie's selbst, wenn es Ihnen beliebt!« - -Dieses schnippische Wesen verblüffte und verletzte den jungen Mann. Er -sagte: -- - -»Rosannah, das sah dir nicht ähnlich.« - -»Ich denke, es steht mir ebenso wohl an, als Ihre höfliche Rede Ihnen -anstand, Herr Fitz Clarence.« - -»Herr Fitz Clarence! Rosannah, es lag nichts Unhöfliches in meinen -Worten.« - -»O, wirklich! Dann habe ich Sie natürlich falsch verstanden und muß Sie -demütig um Verzeihung bitten, ha -- ha -- ha! Ohne Zweifel sagten Sie: -›Singe es _heute_ nicht mehr.‹« - -»Singe heute -- _was_ nicht mehr?« - -»Natürlich das Lied, das Sie erwähnten. Wie begriffsstutzig wir -plötzlich sind!« - -»Ich erwähnte gar kein Lied.« - -»O, wirklich nicht?« - -»Nein, wirklich nicht!« - -»Ich sehe mich zu der Bemerkung gezwungen, daß Sie es _thaten_!« - -»Und ich sehe mich nochmals zu der Erklärung gezwungen, daß ich's -_nicht_ that.« - -»Eine zweite Grobheit! Das genügt, mein Herr. Ich werde Ihnen nie -vergeben: alles ist aus zwischen uns.« - -Dann hörte man ein verhaltenes Schluchzen. Alonzo sagte hastig: - -»O, Rosannah, nimm diese Worte zurück! Dahinter steckt ein -schreckliches Geheimnis, irgend ein entsetzliches Mißverständnis. Im -vollen Ernst und ganz aufrichtig gesagt, ich habe nichts von einem -Lied erwähnt. Ich möchte dich um alles in der Welt nicht verletzen ... -Rosannah, Liebste? ... O, sprich mit mir, ich bitte dich!« - -Es folgte eine Pause; dann hörte Alonzo des Mädchens Schluchzen wie -aus weiter Ferne; sie hatte sich vom Telephon zurückgezogen. Er erhob -sich mit einem schweren Seufzer und eilte aus dem Zimmer, vor sich -hinmurmelnd: »Ich muß meine Mutter aufsuchen. Sie wird ihr hoffentlich -die Ueberzeugung beibringen, daß ich sie nicht verletzen wollte.« - -Eine Minute später krümmte sich der Ehrwürdige über das Telephon, wie -eine Katze, welche die Wege ihrer Beute kennt. Er brauchte nicht lange -zu warten; nach einigen Minuten hörte man eine sanfte, bereuende, von -Thränen zitternde Stimme sagen: - -»Lieber Alonzo, ich hatte unrecht; du kannst etwas so Grausames nicht -gesagt haben. Es muß jemand gewesen sein, der deine Stimme im Scherz -oder aus Bosheit nachahmte.« - -Der Hochwürdige antwortete kalt in Alonzos Stimme: - -»Sie haben gesagt, daß alles zwischen uns vorüber ist; und so sei es. -Ich verschmähe Ihre angebotene Reue und verachte Sie!« - -Dann entfernte er sich, strahlend vor Triumph, um nie mehr mit seiner -vorgeblichen Telephonverbesserung zurückzukehren. - -Vier Stunden später kam Alonzo, der seine Mutter bei Bekannten hatte -suchen müssen, zurück. Sie riefen ihre Angehörigen in San Francisco -an, aber es erfolgte keine Antwort. Sie warteten und warteten am -sprachlosen Telephon. - -Endlich, als in San Francisco die Sonne unterging, drei und eine halbe -Stunde nach der Dämmerung in Eastport, erfolgte eine Antwort auf den -oft wiederholten Ruf: ›Rosannah!‹ - -Aber ach! es war Tante Susannes Stimme, die sprach: - -»War den ganzen Tag nicht zu Hause; bin eben heimgekehrt. Will sie -sogleich aufsuchen.« - -Die Harrenden warteten zwei -- fünf -- zehn Minuten; dann kamen in -erschrockenem Ton folgende verhängnisvolle Worte: -- - -»Sie ist fort, und ihr Gepäck mit ihr, um eine auswärtige Freundin -zu besuchen, wie sie den Dienstboten sagte. Auf dem Tisch in ihrem -Zimmer aber fand ich eine Notiz mit den Worten: ›Ich bin gegangen; -forscht mir nicht nach; mein Herz ist gebrochen; ihr werdet mich nimmer -wiedersehen. Sagt ihm, ich werde immer an ihn denken, wenn ich mein -armes ›~Sweet By-and-By~‹ singe, nie aber an die unfreundlichen Worte, -die er darüber gesprochen.‹ So lautet ihre Mitteilung. Alonzo, Alonzo, -was hat das zu bedeuten? Was ist geschehen?« - -Alonzo aber saß blaß und starr da wie eine Leiche. Seine Mutter zog -die sammetnen Vorhänge zurück und öffnete ein Fenster. Die kalte Luft -erfrischte den Leidenden, und er erzählte seiner Tante seine trübselige -Geschichte. Mittlerweile besichtigte seine Mutter eine Visitenkarte, -die auf dem Fußboden zum Vorschein gekommen war, als sie die Vorhänge -zurückzog. Auf der Karte stand: Sidney Algernon Burley, San Francisco. - -»Der Schurke!« rief Alonzo und stürzte hinaus, um den falschen -Hochwürdigen zu suchen und zu vernichten. Die Karte erklärte alles, -denn die Liebenden hatten im Verlaufe ihrer gegenseitigen Bekenntnisse -einander alles erzählt von den Liebsten, die sie je gehabt, und -all ihre Mängel und Schwächen unbarmherzig verdammt -- das ist bei -Liebenden so Brauch: es hat einen eigenen Reiz für sie, und er kommt -gleich nach dem des Girrens und Schnäbelns. - - -IV. - -Während der nächsten zwei Monate ereignete sich viel. Es war bald -kund geworden, daß Rosannah (die arme duldende Waise!) weder zu -ihrer Großmutter zu Portland in Oregon zurückgekehrt war, noch -ihr irgendwelche Nachricht gesandt hatte, außer einer Abschrift -der leidvollen Notiz, die sie in dem Hause auf Telegraph Hill -zurückgelassen hatte. Wer ihr auch ein Obdach gewährte, -- wenn -sie noch lebte, -- war ohne Zweifel von ihr beredet worden, ihren -Aufenthalt nicht zu verraten, denn alle Versuche, sie aufzufinden, -waren mißlungen. - -[Illustration] - -Gab Alonzo sie auf? Keineswegs. Er sagte bei sich: »Sie wird jenes -holde Lied singen, wenn sie schwermütig ist; ich werde sie finden.« Und -so nahm er seinen Reisesack und ein tragbares Telephon und schüttelte -den Schnee seiner Vaterstadt von seinen Füßen und ging hinaus in die -Welt. Er wanderte weit und breit hin und her und durch viele Staaten; -wieder und wieder blickten Fremde erstaunt auf einen abgezehrten, -blassen, melancholischen Mann, der mühevoll an winterlichen und -einsamen Orten eine Telegraphenstange erklomm, dort traurig eine Stunde -saß mit dem Ohr an einem kleinen Kästchen, dann seufzend herabkam und -müde weiterwanderte. Manchmal wurde auf ihn geschossen, weil man ihn -für verrückt und gefährlich hielt. Seine Kleider wurden von Kugeln -zerfetzt und er selber am Ende schwer verletzt; aber er ertrug alles -geduldig. - -So verflossen langsam sieben Wochen, und endlich ergriffen ihn einige -Menschenfreunde und brachten ihn in eine Privatirrenanstalt zu New -York. Er wehklagte nicht, denn alle seine Kraft war dahin, und mit ihr -aller Mut und alle Hoffnung. Der Oberaufseher trat ihm mitleidig seine -eigenen behaglichen Gemächer, Wohn- und Schlafzimmer ab und pflegte ihn -mit liebender Hingebung. - -Nach Verlauf einer Woche war der Patient imstande, zum erstenmale das -Bett zu verlassen. Er lag, auf Kissen gestützt, bequem auf dem Sofa -und lauschte den Klagelauten der frostigen Märzwinde und dem dumpfen -Ton der Fußtritte auf der Straße drunten, -- denn es war etwa sechs -Uhr abends, und New York ging von der Arbeit heim. Er hatte ein helles -Feuer und zur Erhöhung der Behaglichkeit zwei Studierlampen, und so war -es warm und behaglich drinnen, wenn auch draußen frostig und rauh. - -Ein schwaches Lächeln glitt über Alonzos Antlitz bei dem Gedanken, -daß seine Streifereien aus Liebe ihn in den Augen der Welt zu einem -Verrückten gemacht hatten, und er wollte eben seinen Gedankengang -weiter verfolgen, als eine schwache, holde Melodie -- sozusagen ein -Tonschatten, so fern und dünn schien sie -- an sein Ohr schlug. Seine -Pulse hörten auf zu schlagen; er lauschte mit offenen Lippen und -verhaltenem Atem. Das Lied tönte weiter -- er harrte, lauschte, erhob -sich langsam und unbewußt aus seiner Rückenlage und rief endlich -frohlockend aus: - -»Sie ist's! sie ist's! O, die göttlichen, um einen halben Ton zu tiefen -Noten!« - -Er schleppte sich begierig zu der Ecke, aus der die Töne kamen, riß -einen Vorhang auf die Seite und entdeckte ein Telephon. Er beugte sich -darüber, und als die letzte Note erstarb, brach er in den lauten Ausruf -aus: - -»O, dem Himmel sei Dank, endlich gefunden! Sprich mit mir, teuerste -Rosannah! Das qualvolle Geheimnis ist enthüllt; es war der schurkische -Burley, der meine Stimme nachahmte und dich mit unverschämter Rede -beleidigte!« - -Es folgte eine atemlose Pause, für den wartenden Alonzo ein -Menschenalter; dann kam ein schwacher Laut, der sich zur Rede formte: - -»O, sage diese köstlichen Worte nochmals, Alonzo!« - -»Sie sind die Wahrheit, die reinste Wahrheit, meine Rosannah, und du -sollst den Beweis haben, glänzenden und vollen Beweis!« - -»O, Alonzo, bleibe bei mir! Verlasse mich keinen Augenblick! Laß mich -fühlen, daß du mir nahe bist! Sage mir, daß wir nie wieder getrennt -sein sollen! O, diese glückliche Stunde, diese gesegnete, denkwürdige -Stunde!« - -»Wir wollen sie uns ins Gedächtnis einprägen, meine Rosannah; jedes -Jahr, wenn die Uhr diese Stunde schlägt, werden wir sie mit Dankgebeten -feiern, unser ganzes Leben lang.« - -»Das wollen wir, Alonzo, -- ja, das wollen wir!« - -»Vier Minuten nach sechs Uhr abends, meine Rosannah, soll hinfort -- --« - -»Zwölf Uhr dreiundzwanzig Minuten nachmittags -- --« - -»Ei, Rosannah, mein Schatz, wo bist du denn?« - -»In Honolulu auf den Sandwichsinseln. Und wo bist du? Bleibe bei mir; -verlasse mich keinen Augenblick! Ich könnt' es nicht ertragen. Bist du -daheim?« - -»Nein, Teure, ich bin in New York -- ein Patient in ärztlicher -Behandlung.« - -Ein qualvoller Schrei drang in Alonzos Ohr, es klang wie das scharfe -Summen einer verletzten Fliege: die Reise von ein paar tausend Meilen -hatte die Kraft des Lautes abgeschwächt. Alonzo sagte rasch: - -»Beruhige dich, mein Kind. Es ist nichts; ich werde bereits wieder -gesund durch die Heilkraft deiner holden Nähe. -- Meine Rosannah!« - -»Ja, Alonzo? O, wie du mich erschreckt hast! Fahre fort.« - -»Bestimme den Hochzeitstag, Rosannah!« - -Es folgte eine kleine Pause; dann antwortete eine schüchterne, leise -Stimme: »Ich erröte -- aber vor Freude, vor Glück. Möchtest du es gerne -bald haben?« - -»Noch in dieser Nacht, Rosannah! nur nicht das Wagnis eines weiteren -Verzuges! Warum nicht gleich? -- noch in dieser Nacht, in diesem -Augenblick!« - -»O, du ungeduldiger Mann! Ich habe niemand hier als meinen guten alten -Onkel, einen früheren Missionar -- niemand als ihn und seine Frau. Es -würde mir so von Herzen lieb sein, wenn deine Mutter und deine Tante -Susanne -- --« - -»_Unsere_ Mutter und _unsere_ Tante Susanne, meine Rosannah!« - -»Ja, _unsere_ Mutter und _unsere_ Tante Susanne -- ich will gerne so -sagen, wenn es dir recht ist; es wäre mir so lieb, wenn sie bei der -Trauung zugegen wären.« - -»Ich möchte es auch. Wie wär's, wenn du an Tante Susanne -telegraphiertest? Wie lange würde es dauern, bis sie käme?« - -»Der Dampfer geht übermorgen von San Francisco ab und ist acht Tage -unterwegs; sie würde also am 31. März hier sein.« - -»Dann bestimme den 1. April, teuerste Rosannah!« - -»Ums Himmels willen, Alonzo, da würden wir ja zu Aprilnarren!« - -»Wir würden dann jedenfalls die glücklichsten, welche die Sonne jenes -Tages auf dem ganzen weiten Erdenrund bescheint; was ficht's uns also -an? Sage am 1. April, Teure.« - -»Nun denn, von Herzen gern, der 1. April soll es sein.« - -»Wie herrlich! Bestimme auch die Stunde, Rosannah.« - -»Ich liebe den Morgen mit seiner Frische und Heiterkeit. Paßt es dir um -acht Uhr morgens, Alonzo?« - -»Die schönste Stunde des Tages -- da sie dich zu der meinigen macht.« - -Es folgte eine Pause, während welcher ein Ton hörbar war, als -ob körperlose Geister Küsse austauschten; dann sagte Rosannah: -»Entschuldige mich nur für einen Augenblick, Lieber; ich muß einen -Besuch erwarten, drüben im andern Zimmer.« - -Das junge Mädchen eilte in das Besuchszimmer und nahm an einem Fenster -Platz, das die Aussicht auf eine schöne Landschaft gewährte. Zur -Linken konnte man das hübsche Nuuanathal, eingesäumt von einer üppigen -Fülle tropischer Blumen und graziöser Kokospalmen, überschauen; -die anstoßenden niederen Hügel waren in das leuchtende Grün von -Zitronen- und Orangenbäumen gekleidet; die geschichtlich berühmte -Schlucht drüben, in welche der erste Kamehameha seine dem Untergange -geweihten Feinde hineintrieb, hatte wahrscheinlich ihre grausige -Geschichte vergessen, denn wie gewöhnlich am Mittag wölbte sich eine -Anzahl von Regenbogen über ihr. Gerade vor dem Fenster sah man die -wunderlich gebaute Stadt und hie und da eine Gruppe von dunkelfarbenen -Eingeborenen, die sich des fast unerträglich heißen Wetters freuten; -und weitab zur Rechten lag der ruhelose Ozean, der seine weiße Mähne im -Sonnenscheine schüttelte. - -Rosannah saß wartend da, in ihrem leichten weißen Gewand, und fächelte -ihr erregtes und erhitztes Gesicht; endlich steckte ein halbnackter, -mit einem Cylinderhut bedeckter Kanakenknabe den Kopf zur Thür herein -und meldete: »Herr aus 'Friesko!«[8] - - [8] Abkürzung für San Francisco. - -»Weise ihn herein,« sagte das Mädchen, indem sie sich aufrichtete und -eine entschiedene Haltung annahm. Herr Sidney Algernon Burley trat -ein, von Kopf bis zu Fuß in blendendes Weiß, d. h. in die leichteste -und weißeste irische Leinwand gekleidet. Er trat rasch heran, aber das -Mädchen machte eine Bewegung mit der Hand und warf ihm einen Blick -zu, der ihn plötzlich stehen bleiben ließ. Sie sagte kalt: »Ich bin -hier, wie ich versprach. Ich glaubte Ihren Versicherungen, gab ihrem -ungestümen Drängen nach und sagte, ich würde den Tag bestimmen. Ich -bestimme den 1. April um acht Uhr des morgens. Und nun gehen Sie.« - -»O, meine Teuerste, wenn die Dankbarkeit einer Lebenszeit -- --« - -»Kein Wort mehr. Erlassen Sie mir Ihren Anblick und jeden Verkehr mit -Ihnen bis zu jener Stunde. Nein -- keine Bitten; ich will es so haben.« - -Als er fort war, sank sie erschöpft in einen Stuhl, denn die lange -Belagerung des Kummers, die sie ausgehalten, hatte ihre Kraft -geschwächt. Gleich darauf sagte sie: »Mit knapper Not entkommen! Wenn -er eine Stunde früher gekommen wäre, -- -- es schaudert mich, wenn ich -daran denke! Denken zu müssen, daß es mit mir dahin gekommen wäre, -daß ich mir einbildete, dieses betrügerische, dieses falsche, dieses -verräterische Ungeheuer zu lieben! O, er soll seine Schurkerei bereuen!« - -Wir wollen diese Geschichte jetzt rasch zu Ende führen, denn es ist nur -weniges noch zu sagen. Am 2. April enthielt der Honoluluer ›Anzeiger‹ -folgende Notiz: - -»_Verheiratet._ -- Dahier, per Telephon, gestern früh um acht -Uhr, durch den hochwürdigen Herrn Nathan Hays, unter Assistenz des -hochwürdigen Herrn Nathaniel Davis zu New York, Herr Alonzo Fitz -Clarence von Eastport in Maine, mit Fräulein Ethelton von Portland -in Oregon. Zugegen war Frau Susanne Howland von San Francisco, eine -Freundin der Braut, gegenwärtig zu Gast bei Herrn und Frau Hays, -dem Onkel und der Tante der Braut. Auch Herr Sidney Algernon Burley -von San Francisco war zugegen, blieb aber nicht bis zum Schluß der -Trauungsfeierlichkeit. Kapitän Hawthornes hübsche und geschmackvoll -dekorierte Yacht wartete im Hafen, und die glückliche Braut und ihre -Freunde brachen gleich darauf zu einem Ausflug nach Lahaina und -Haleakala auf.« - -[Illustration] - -Die New Yorker Zeitungen vom selben Datum enthielten folgende Notiz: - -»_Verheiratet._ -- Dahier, gestern, per Telephon, um halb drei Uhr in -der Frühe, durch den hochw. Herrn Nathaniel Davis, unter Assistenz -des hochw. Herrn Nathan Hays zu Honolulu, Herr Alonzo Fitz Clarence -von Eastport in Maine und Fräulein Rosannah Ethelton von Portland in -Oregon. Die Eltern und mehrere Freunde des Bräutigams waren zugegen. -Nachdem die Gesellschaft ein festliches Frühstück genossen und sich bis -gegen Sonnenaufgang vergnügt unterhalten, brach sie zu einem Ausflug -nach dem Aquarium auf, da des Bräutigams Gesundheitszustand keine -ausgedehntere Reise zuläßt.« - -Gegen das Ende jenes denkwürdigen Tages waren Herr und Frau Alonzo -Fitz Clarence in ein zärtliches Gespräch über die Vergnügungen ihrer -beiderseitigen Hochzeitsausflüge vertieft, als plötzlich die junge Frau -ausrief: »O Lonny, ich vergaß ganz! Ich that, was ich mir vorgenommen.« - -»Was, Geliebte?« - -»Ich machte _ihn_ zum Aprilnarren! Und ich sagte es ihm auch! O, es -war eine reizende Ueberraschung! Da stand er, schmorend in einem -schwarzen Anzug, während das Thermometer oben zur Röhre hinauswollte, -in Erwartung der Trauung. Du hättest die Miene sehen sollen, die er -machte, als ich es ihm ins Ohr flüsterte! Ach, seine Verruchtheit hatte -mir viel Herzeleid gebracht und manche Thräne erpreßt; aber in jenem -Augenblick war alles quitt. Das Gefühl der Rache wich gänzlich aus -meinem Herzen und ich lud ihn ein zu bleiben und sagte, ich habe ihm -alles vergeben; aber er wollte nicht. Er schwur, sich grimmig zu rächen -und unser Leben zu einem Fluch für uns zu machen. Aber das _kann_ er -nicht, mein Teuerster, nicht wahr?« - -»Niemals in dieser Welt, meine Rosannah,« antwortete Alonzo innig. -- - - * * * * * - -Tante Susanne, die Großmutter in Oregon, das junge Paar und ihre -Mutter zu Eastport sind alle glücklich, während ich dies schreibe, und -werden es wohl auch bleiben. Tante Susanne holte die Braut von den -Sandwichsinseln ab, begleitete sie über den amerikanischen Kontinent -und hatte das Glück, die entzückte Begegnung zweier sich anbetender -Ehegatten mitanzusehen, die bis dahin einander nie gesehen hatten. - -Ein Wort über den nichtswürdigen Burley, dessen verruchte Ränke -beinahe die Herzen unseres lieben jungen Paares gebrochen und ihr -Leben elend gemacht hätten, wird genügen. Bei einem Anfall auf einen -verkrüppelten und hilflosen Arbeiter, der ihm, wie er sich einbildete, -eine geringfügige Beleidigung angethan hatte, zersprang sein Revolver -und tötete ihn auf der Stelle. - - - - -Die kapitolinische Venus. - - -Erstes Kapitel. - -(Ort der Handlung: das Atelier eines Künstlers in Rom.) - -»O George, wie liebe ich dich!« - -»Meine Mary, mein geliebtes Herz, ich weiß es. Warum ist dein Vater so -unerbittlich?« - -»George, er meint es gut, aber ihm ist die Kunst eine Thorheit; -er versteht nur den Spezereihandel. Er meint, ich würde bei dir -verhungern.« - -»Verwünscht sei seine Klugheit! Warum bin ich nicht ein geldmachender, -herzloser Gewürzkrämer, statt eines gottbegabten Bildhauers -- der -nichts zu essen hat!« - -»Verzage nur nicht, mein George! -- Alle seine Vorurteile werden -schwinden, sobald du erst einmal fünfzigtausend Dollars erworb -- --« - -»Fünfzigtausend Teufel! -- Kind, ich bin mein Kostgeld noch -schuldig!« -- - - -Zweites Kapitel. - -(Ort der Handlung: eine Wohnung in Rom.) - -»Geehrter Herr, alles Reden ist unnütz. Ich habe nichts gegen Sie; aber -ich kann meine Tochter nicht an ein Ragout von Liebe, Kunst und Hunger -verheiraten -- und sonst haben Sie, glaube ich, nichts zu bieten.« - -»Mein Herr, ich bin arm, ich leugne es nicht. Aber hat denn der Ruhm -keinen Wert? Der Senator Belem Fyoodle von Arkansas sagt, daß meine -neue Statue der Amerika ein treffliches Werk der Bildhauerkunst ist und -er die Ueberzeugung hegt, mein Name werde noch einmal berühmt werden.« - -»Leeres Geschwätz! Was versteht der Esel aus Arkansas davon? -- Auf -den Marktpreis Ihrer marmornen Vogelscheuche kommt es an. Sechs Monate -haben Sie daran herumgemeißelt und jetzt giebt Ihnen keiner hundert -Dollars dafür. Nein, mein Herr. Weisen Sie mir fünfzigtausend Dollars -vor und Sie können meine Tochter haben -- andernfalls heiratet sie den -jungen Simper. Sie haben sechs Monate Zeit, die Summe herbeizuschaffen. --- Guten Morgen, mein Herr.« -- - - * * * * * - -»Ach, ich Unglücklicher!« - - -Drittes Kapitel. - -(Ort der Handlung: das Atelier.) - -»O John, Freund meiner Knabenjahre! Ich bin der unseligste der -Menschen.« - -»Ein Einfaltspinsel bist du!« - -»Nichts bleibt mir, das ich lieben könnte, als meine Statue der Amerika --- und ach! selbst sie zeigt kein Mitgefühl für mich in ihren kalten -Gesichtszügen -- so schön und so herzlos!« - -»Du bist ein Narr!« - -»O John!« - -»O Unsinn! -- Hast du nicht gesagt, du hättest sechs Monate Zeit, um -das Geld zusammen zu bringen?« - -»Spotte nicht meiner Qual, John. Wenn ich sechs Jahrhunderte hätte, was -würde es mir nützen? Was könnte es einem armen Schlucker ohne Namen, -ohne Kapital, ohne Freunde helfen?« - -»Hasenfuß, Kindskopf, Feigling, der du bist! Sechs Monate, um die Summe -herbeizuschaffen, und fünf sind genug!« - -»Bist du von Sinnen?« - -»Sechs Monate -- Zeit die Fülle! überlasse mir's -- ich verschaffe sie -dir.« -- - -»Was sprichst du, John? Wie in aller Welt willst du eine so ungeheure -Summe für mich auftreiben?« -- - -»Das laß meine Sorge sein, du darfst dich gar nicht hineinmischen! -Willst du die ganze Sache in meine Hände legen? Willst du geloben, dich -allem zu unterwerfen, was ich thue? Willst du mir schwören, alle meine -Handlungen gut zu heißen?« - -»Mir schwindelt -- es wird mir schwarz vor den Augen -- aber -- ich -schwöre!« - -Hierauf ergreift John einen Hammer und schlägt der Amerika mit der -größten Ruhe die Nase ab. Er holt noch einmal aus und zwei ihrer -Finger liegen auf dem Boden; noch ein Streich und von dem einen Ohr -fliegt ein Stück ab; noch einer und eine Reihe Zehen sind zertrümmert -und abgehauen; ein letzter Hammerschlag und das linke Bein, vom Knie -abwärts, liegt als Trümmerhaufen da. - -John nimmt seinen Hut und geht. - - * * * * * - -George starrt dreißig Sekunden lang sprachlos auf die verstümmelte -Greuelgestalt, die vor ihm steht, dann wälzt er sich in Krämpfen am -Boden. - -[Illustration] - -Bald darauf kehrt John mit einem Wagen zurück, ladet den Künstler mit -dem gebrochenen Herzen, sowie die Statue mit dem gebrochenen Bein -auf und fährt in aller Gemütsruhe leise pfeifend davon. Den Künstler -schafft er nach dessen Wohnung, fährt mit der Statue weiter und -verschwindet mit ihr die ~Via Quirinalis~ hinunter. - - -Viertes Kapitel. - -(Ort der Handlung: das Atelier.) - -»Heute um zwei Uhr sind die sechs Monate um. O Höllenqual! Mein Leben -ist vernichtet! Ich wollte, ich wäre tot! Gestern nicht zu Nacht -gegessen -- heute kein Frühstück! Ich wage mich in kein Speisehaus -hinein. Aber hungrig bin ich -- o, still davon! -- Mein Schuster -plagt mich bis aufs Blut -- mein Schneider liegt mir in den Ohren -- -mein Hauswirt mahnt mich zu zahlen. Wie elend bin ich! John habe ich -seit jenem entsetzlichen Tage nicht wieder gesehen. _Sie_ lächelt mir -zärtlich zu, wenn wir uns auf einer der Hauptstraßen begegnen, aber auf -den grausamen Wink ihres Vaters mit dem Kieselherzen muß sie gleich -nach der andern Seite sehen. -- Horch! Wer klopft an der Thür? Wer -verfolgt mich schon wieder? Gewiß dieser boshafte Halunke, der Schuster --- Herein!« - - * * * * * - -»Ach -- Glück und Segen über Ew. Hoheit! Der Himmel beschütze Ew. -Gnaden. Ich habe Dero neue Stiefel gebracht. -- Bitte -- von Bezahlung -ist gar nicht die Rede -- damit hat es keine Eile -- nicht die -allergeringste; ich werde stolz sein, wenn der gnädige Herr mich auch -fernerhin mit seiner Kundschaft beehren will -- ergebenster Diener -- -empfehle mich unterthänigst.« - -»Er bringt die Stiefel selbst! Braucht keine Bezahlung! Empfiehlt -sich mit einem Kratzfuß wie für eine Majestät. Wünscht meine fernere -Kundschaft! Steht denn das Ende der Welt bevor? Was bei allen -- -Herein!« - -»Verzeihung, Signore, aber ich bringe Ihren neuen Anzug zum --« - -»Herein!!« - -»Bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich störe, gnädiger -Herr. Ich habe die Reihe schöner Zimmer im unteren Stock für Sie -hergerichtet. Dieses elende Loch paßt ja durchaus nicht für --« - -»Herein!!!« - -»Ich komme Ihnen zu melden, daß Ihr Kredit in unserem Bankhause, der -leider seit einiger Zeit unterbrochen war, in durchaus befriedigender -Weise aufs neue wieder eröffnet ist. Wir stehen mit Vergnügen zu Ihren -Diensten, welchen Betrag Sie auch zu entnehmen wünschen --« - -»Herein!!!!« - -»Mein wackerer Junge! Sie ist die Deinige! Sogleich wird sie hier sein. -Nimm sie, heirate sie, liebe sie, seid glücklich! Gott segne euch -beide. Hurra! Hoch!« - -»Herein!!!!!« - -»O George, mein Geliebter, wir sind gerettet!« - -»O Mary, mein teures Herz, wir sind gerettet! Aber, bei meiner Seele -- -ich weiß weder warum noch wie!« -- - - -Fünftes Kapitel. - -(Ort der Handlung: ein Kaffeehaus in Rom.) - - Mehrere amerikanische Herren sitzen beisammen. Einer derselben - liest und übersetzt aus dem Wochenblatt: ~Il Slangwhanger di - Roma~ den folgenden Artikel: - - _Wunderbare Entdeckung._ - - »Vor etwa sechs Monaten kaufte Herr John Smith, ein Amerikaner, - seit einigen Jahren in Rom wohnhaft, für eine unbedeutende - Summe ein kleines Stück Land in der Campagna, gerade hinter - dem Grabmal der Familie Scipio, von dem Eigentümer, einem - bankerotten Verwandten der Prinzessin Borghese. Hierauf begab - sich Herr Smith zum Minister der öffentlichen Angelegenheiten - und ließ das Grundstück auf einen armen amerikanischen Künstler - Namens George Arnold übertragen, indem er erklärte, er thäte - das als Vergütung und Ersatz für einen baren Schaden, - welchen er vor langer Zeit zufällig an Herrn Arnolds Eigentum - angerichtet habe. Auch fügte er hinzu, er wolle, um den Herrn - völlig zufrieden zu stellen, verschiedene Verbesserungen auf - dem Grundstück für eigene Rechnung ausführen lassen. - - Vor vier Wochen nun, bei Gelegenheit einer notwendigen - Umgrabung auf dem Grundstück, förderte Herr Smith die - herrlichste antike Statue zu Tage, welche jemals den reichen - Kunstschätzen Roms hinzugefügt worden ist. Es war eine - wundervolle Frauengestalt, die, obgleich auf traurige Weise im - Erdboden von dem Moder der Jahrhunderte beschädigt, dennoch - jedes Auge durch ihre hinreißende Schönheit entzücken muß. - Die Nase, das linke Bein vom Knie an, ein Ohr, zwei Finger - einer Hand, sowie die Zehen des rechten Fußes fehlen; im - übrigen ist die edle Gestalt aber wunderbar gut erhalten. Die - Regierung sandte sofort eine Wache ab, um Beschlag auf die - Statue zu legen und setzte eine Kommission von Kunstkennern, - Altertumsforschern und Kirchenfürsten ein, um ihren Wert - abzuschätzen und die Höhe der Entschädigung zu bestimmen, - welche dem Besitzer des Grund und Bodens gebühre, auf dem sie - gefunden worden. Bis zum gestrigen Abend herrschte über die - ganze Angelegenheit das tiefste Geheimnis und die Kommission - hielt ihre Sitzungen bei verschlossenen Thüren. Schließlich war - einstimmig festgestellt, daß die Statue eine Venus sei und von - einem unbekannten aber hochbegabten Künstler aus dem dritten - Jahrhundert vor Christo herrühre. Sie ward für das tadelloseste - Kunstwerk erklärt, das die Welt je gesehen hat. - - Um Mitternacht erfolgte die Schlußberatung, in welcher die - Venus auf die ungeheure Summe von zehn Millionen Franken - geschätzt ward. Da nach römischem Gesetz und Brauch der - Staat zur Hälfte Eigentümer aller in der Campagna gefundenen - Kunstschätze ist, so hat die Regierung weiter nichts zu thun, - als Herrn Arnold fünf Millionen Franken zu zahlen und dauernden - Besitz von der schönen Statue zu nehmen. Heute morgen wird die - Venus auf das Kapitol geschafft und dort bleibend aufgestellt - werden. Am Nachmittag begiebt sich darauf die Kommission - zu Herrn Arnold, um ihm eine Anweisung für die päpstliche - Schatzkammer zu übergeben, welche auf die fürstliche Summe von - fünf Millionen Franken in Gold lautet.« - -_Chor von Stimmen_: »Ein unerhörtes Glück. So etwas ist noch gar nie -dagewesen!« - -_Eine Stimme_: »Meine Herren, ich schlage vor, daß wir sofort eine -amerikanische Aktiengesellschaft gründen zur Erwerbung von Landbesitz -und Ausgrabung von Bildwerken. Für rechtzeitiges Steigen und Fallen der -Papiere sollen unsere New Yorker Börsenagenten Sorge tragen.« - -_Alle_: »Einverstanden!« - - -[Illustration] - -Sechstes Kapitel. - -(Ort der Handlung: das römische Kapitol.) - -(Zehn Jahre später.) - -»Teure Mary, dies ist die berühmteste Statue der Welt, die gefeierte -›kapitolinische Venus‹, von der du so viel gehört hast. Da steht sie -- -ihre kleinen Schäden sind restauriert, (das heißt ausgeflickt) durch -die angesehensten römischen Künstler. Die bloße Thatsache, daß sie an -einer so edlen Schöpfung jene bescheidenen Ausbesserungen vorgenommen -haben, wird ihrem Namen Glanz verleihen, so lange die Erde steht. Wie -sonderbar kommt er mir doch vor -- dieser Ort! Einen Tag vor dem, wo -ich zuletzt, vor zehn glücklichen Jahren, hier stand, -- war ich kein -reicher Mann. Gott bewahre! Ich besaß nicht einen roten Heller. Und -doch hatte ich mein redlich Thun dabei, daß Rom in den Besitz dieses -größten Werkes antiker Kunst gelangt ist, welches die Welt kennt.« - -»Die angebetete, die gefeierte kapitolinische Venus! Und wie hoch -schätzte man ihren Wert -- auf zehn Millionen Franken, nicht wahr?« - -»Ja -- _jetzt_.« - -»Aber, George, sie ist auch göttlich schön!« - -»Jawohl -- doch nichts gegen das, was sie war, ehe der treffliche John -Smith ihr das Bein zerbrach und die Nase abschlug. Erfindungsreicher -Smith! -- erleuchteter Smith! -- edler Smith! Urheber all unseres -Glücks! -- -- -- Aber Mary, um des Himmels willen, horch! -- Weißt du, -was das Röcheln bedeutet? -- Das Kleine hat den Keuchhusten und du -bringst es hierher! Wirst du denn niemals lernen auf Kinder acht geben?« - - -Schluß. - -Die kapitolinische Venus steht noch auf dem Kapitol zu Rom und ist -immer noch das bezauberndste und berühmteste antike Kunstwerk, -dessen die Welt sich rühmen kann. Wenn der Leser jemals das Glück -haben sollte, davor zu stehen und in das übliche Entzücken darüber -auszubrechen, so möge ihn diese wahre und geheime Geschichte ihres -Ursprungs bei dem Genuß nicht stören. - -Wer aber von dem ›Versteinerten Menschen‹ liest, der bei Syracuse im -Staate New York oder anderswo ausgegraben worden ist, der sei auf -seiner Hut. Will der Barnum, der ihn dort eingegraben hat, ihn für eine -Unsumme verkaufen, so soll er sich damit an den Papst wenden. - - * * * * * - - _Anmerkung._ Obige Skizze wurde zu einer Zeit geschrieben, - als der Schwindel mit dem ›Versteinerten Menschen‹ in Amerika - Aufsehen erregte. - - - - -Mehr Glück als Verstand. - - (Anm. Dies ist keine erfundene Geschichte. Ein Geistlicher, - der vor vierzig Jahren Lehrer an der englischen Kriegsschule - in Woolwich war, hat sie mir erzählt und sich für die Wahrheit - verbürgt. -- M. T.) - - -Es war in London bei dem Festmahl, das zu Ehren einer der wenigen -großen militärischen Berühmtheiten der Gegenwart gegeben wurde, welche -England besitzt. Den wahren Namen und Titel dieses Kriegshelden und -Inhabers der höchsten Orden verschweige ich aus Gründen, welche jedem -sofort einleuchten werden. Ich will ihn Generallieutenant Arthur -Scoresby nennen. - -Welcher Reiz doch in einem berühmten Namen liegt! Dort saß der Mann in -Fleisch und Blut, von dem ich viel tausendmal gehört hatte, seit jenem -Tage vor über dreißig Jahren, als der Glanz seines Ruhmes plötzlich -von einem Schlachtfeld der Krim bis zu den Sternen emporstieg, um nie -wieder zu verblassen! Ich verwandte kein Auge von dem Halbgott; sein -Anblick war mir wie eine wahre Herzenserquickung, ich konnte mich nicht -satt an ihm sehen. Nichts entging meiner scharfen Beobachtung: ich sah -die Ruhe, die Zurückhaltung, den edlen Ernst seines Antlitzes, die -biedere Redlichkeit, die sich in seinem ganzen Wesen ausprägte. Dabei -schien er weder ein Bewußtsein von seiner eigenen Größe zu haben, noch -zu bemerken, wie viele bewundernde Blicke auf ihn gerichtet waren, -mit wie tiefer, aufrichtiger, liebevoller Verehrung die Herzen der -Versammelten ihm entgegenschlugen. - -[Illustration] - -Zu meiner Rechten saß ein alter Bekannter von mir. Er war jetzt -Pfarrer, hatte jedoch nicht immer ein geistliches Amt bekleidet, -sondern sein halbes Leben als Lehrer in der Militärschule zu Woolwich -und im Feldlager zugebracht. In seinen Augen schimmerte ein seltsam -verschleierter Glanz, als er sich jetzt zu mir herabbog und auf den -Helden deutend, dem die Feier galt, mir verstohlen zuflüsterte: - -»Im Vertrauen gesagt -- er ist ein Dummkopf, wie es keinen zweiten -giebt.« - -Dieses Urteil überraschte mich aufs höchste. Wäre es über Napoleon, -Sokrates oder Salomo gefällt worden, mein Staunen hätte nicht größer -sein können. An der Wahrheitsliebe des Pfarrers zweifelte ich keinen -Augenblick, auch wußte ich, daß er große Menschenkenntnis besaß. Daher -stand es für mich sofort mit unumstößlicher Sicherheit fest, daß sich -die Welt in betreff dieses Helden im Irrtum befinden müsse: er war -wirklich ein Dummkopf. Mich interessierte nur noch, zu wissen, wie der -Pfarrer ganz allein und auf eigene Hand dies Geheimnis entdeckt habe. -Ich beschloß, mich bei nächster Gelegenheit danach zu erkundigen. - -Einige Tage später that ich das und der Pfarrer erzählte folgendes: - -»Vor vierzig Jahren war ich als Lehrer an der Militärschule zu Woolwich -und hörte in der Abteilung, bei welcher sich der junge Scoresby befand, -dem Probeexamen zu. Mit aufrichtigem Mitleid bemerkte ich, daß, -während seine Klassengefährten kluge und richtige Antworten gaben, -er sozusagen _gar nichts_ wußte. Er machte den Eindruck eines guten, -freundlichen, harmlosen und liebenswürdigen jungen Menschen und es war -mir höchst peinlich, ihn mit der größten Unbefangenheit Antworten geben -zu hören, die eine wahrhaft beispiellose Unwissenheit und Dummheit -verrieten. Voll innigem Mitgefühl sagte ich mir, daß er zwar beim -Examen bestimmt durchfallen müsse, es aber doch menschenfreundlich -wäre ihm beizustehen, damit seine Niederlage ihn nicht völlig zu Boden -schmettere. - -»So nahm ich ihn denn besonders vor und entdeckte, daß er mit Cäsars -Geschichte einigermaßen vertraut war; da er im übrigen gar nichts -wußte, machte ich mich ans Werk und trichterte ihm, im Schweiße meines -Angesichts, ein Dutzend Antworten auf die herkömmlichen Fragen über -Cäsar ein. Und mit Hilfe dieser ganz oberflächlichen Einpaukerei -- -sollte man sich so etwas vorstellen -- bestand er nicht nur sein Examen -glänzend, sondern erntete noch Lobsprüche obendrein, während andere, -die tausendmal mehr wußten als er, einfach durchfielen. Ein merkwürdig -glücklicher Zufall, wie er vielleicht im Laufe eines Jahrhunderts -nicht zum zweitenmal vorkommt, hatte nämlich gewollt, daß keine Frage -an ihn gerichtet wurde, auf welche ich ihm die Antwort nicht eingepaukt -hatte. - -»So ging es auch mit den übrigen Fächern; ich lieh ihm meine -Hilfe, denn ich hatte Erbarmen mit ihm, wie eine Mutter mit ihrem -schwächlichen Kinde -- und siehe da -- jedesmal rettete er sich wie -durch ein Wunder vor dem Untergang. - -»An der Mathematik mußte er jedoch schließlich Schiffbruch leiden, das -war klar. Ich beschloß, ihm den Sturz so erträglich zu machen, wie es -ging. Ich richtete ihn ab und stopfte in ihn hinein so viel ich konnte, -paukte ihm die Antwort ein, die der Examinator aller Wahrscheinlichkeit -nach verlangen würde, und überließ ihn dann seinem Schicksal. Nun -denken Sie sich meine Verwunderung und Bestürzung, als er den Preis -erhielt und alle Anwesenden seines Lobes voll waren. - -»Mein Gewissen ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Mir lag eine Last -auf der Seele als hätte ich ein Verbrechen begangen. Eine Woche lang -that ich kein Auge zu -- und doch hatte ich nur aus reinstem Mitleid -dem armen Jungen beigestanden, damit seine Niederlage nicht gar zu -kläglich werden möchte. Der Gedanke an ein so unerhörtes Ergebnis, wie -das vorliegende, wäre mir auch nicht im Traume gekommen. Es konnte die -verhängnisvollsten Folgen nach sich ziehen. Ich hatte einem völlig -vernagelten Menschen den Weg zur glänzendsten Laufbahn eröffnet, -vielleicht zu einer Stellung von der höchsten Verantwortlichkeit. -Vertraute man ihm aber einen solchen Posten an, so war er und seine -Sache bei dem ersten besten Anlaß unrettbar verloren. - -»Der Krimkrieg war gerade ausgebrochen. Natürlich -- dachte ich bei -mir -- muß ein Krieg kommen, um jenem Dummkopf Gelegenheit zu geben, -sich totschießen zu lassen, bevor seine Unfähigkeit ans Licht kam. Ich -zitterte vor einem großen Krach -- und er blieb nicht aus. In der -Zeitung las ich, daß der Mensch zum Hauptmann ernannt worden war und -mit seinem Regiment ausrücken sollte. Andere Leute können alt und grau -werden, ehe sie zu solcher Höhe emporklimmen. Wie war es nur möglich, -daß man einer so unerfahrenen und ungeprüften Kraft eine derartige -Verantwortung auflud? -- Hätte man ihn zum Fähnrich gemacht, ich -würde mich vielleicht beruhigt haben -- aber zum Hauptmann -- das war -unerhört. Ich glaubte, mich solle der Schlag rühren. - -»Nun hören Sie, was ich that -- ich, der ich Ruhe und Beschaulichkeit -über alles liebe. Ich sagte mir, daß _ich_ mein Vaterland in diese -Gefahr gebracht habe und es daher meine Pflicht sei, es, soweit es in -meiner Macht stehe, vor Scoresby zu schützen. So beschloß ich denn, -ihm nicht von der Seite zu weichen; ich nahm seufzend mein kleines -Kapital zur Hand, das ich mit jahrelanger harter Arbeit und strengster -Sparsamkeit erworben hatte, kaufte mir ein Fähnrichpatent in seiner -Kompagnie und fort ging es auf den Kriegsschauplatz. - -»Aber dort -- du lieber Himmel -- was mußte ich erleben! Daß er einen -Mißgriff nach dem andern begehen würde, verstand sich von selbst. -Allein, niemand wußte um sein Geheimnis; man umgab ihn mit einem -falschen Nimbus und beurteilte alle seine Thaten von einem verkehrten -Gesichtspunkt aus -- die größten Dummheiten die er machte, galten für -geniale Eingebungen. Es war entsetzlich! Er ließ sich Versehen zu -Schulden kommen, von denen das geringste der Art war, daß wer nur den -gewöhnlichsten Menschenverstand besaß, darüber hätte weinen mögen. Das -that ich denn auch im geheimen; ja, ich weinte nicht nur, ich raste und -schäumte vor Wut. - -»Was mich aber in förmlichen Angstschweiß versetzte, war die -Beobachtung, daß jeder neue Irrtum, in den er geriet, den Glanz -seines Namens nur vermehrte. ›Er wird so hoch steigen,‹ sagte ich -mir, ›daß man meint, die Sonne falle vom Himmel herunter, wenn die -unausbleibliche Entdeckung schließlich erfolgt.‹ - -»Ueber die Leichen seiner Vorgesetzten hinweg ward er von einer Stufe -zur andern befördert, bis endlich, im wildesten Gewühl der Schlacht bei -* * * unser Oberst vom Pferde sank. Alles Blut strömte mir zum Herzen --- denn Scoresby war ihm im Rang der nächste. ›Jetzt ist der Augenblick -da,‹ dachte ich, ›noch zehn Minuten und wir sind alle zum Teufel.‹ - -»Die Schlacht tobte fürchterlich, überall gerieten die Verbündeten ins -Wanken. Unser Regiment nahm eine der wichtigsten Stellungen ein -- -geschah jetzt ein Mißgriff, so waren wir vernichtet. - -»Was aber that der Narr aller Narren in diesem entscheidungsvollen -Augenblick? -- Er ließ das Regiment ausrücken, um einen benachbarten -Hügel zu besetzen, auf welchem auch nicht die geringste Spur -feindlicher Truppen zu entdecken war. - -»›Nur immer zu,‹ dachte ich bei mir, ›jetzt läufst du sicher in dein -Verderben!‹ - -»Fort stürmten wir und hatten schon den Gipfel des Hügels erreicht, -bevor noch das wahnwitzige Unternehmen entdeckt und verhindert werden -konnte. Was aber fanden wir? -- Eine ganze russische Reservearmee, von -der kein Mensch etwas ahnte. Und was geschah? -- Wurden wir in Stücke -gehauen? Das wäre in neunundneunzig Fällen unter hundert unfehlbar -geschehen. Doch nein -- die Russen sagten sich, daß, wie die Sachen -standen, unmöglich ein einziges Regiment den Angriff wagen könne, -die ganze englische Armee müsse im Anzug -- die geplante Kriegslist -entdeckt und vereitelt sein. Sie machten rechtsumkehrt und stürzten -sich über Hals und Kopf in wildem Durcheinander den Hügel hinab auf das -Schlachtfeld -- wir immer hinter ihnen drein. Sie selbst durchbrachen -die feste, russische Schlachtordnung und richteten die heilloseste -Verwirrung an. Die Niederlage der Verbündeten verwandelte sich in -einen entscheidenden, glänzenden Sieg. - -»Marschall Canrobert, welcher, überwältigt von Staunen, Bewunderung und -Entzücken, den Angriff beobachtet hatte, sandte sofort nach Scoresby, -schloß ihn gerührt in die Arme und schmückte ihm eigenhändig, im -Angesicht sämtlicher Heere, die Brust mit dem höchsten Orden. - -»Was aber war die eigentliche Veranlassung zu Scoresbys Mißgriff -gewesen? Diesmal weiter nichts, als daß er rechts und links verwechselt -hatte. Ihm war Befehl erteilt worden, sich zurückzuziehen, um den -rechten Flügel zu verstärken; statt dessen rückte er vor und zog sich -nach links den Hügel hinauf. Der Ruhm seines wunderbaren militärischen -Genies aber ist seit jenem Tage in alle Welt hinaus geflogen und wird -für ewige Zeiten in den Büchern der Geschichte leuchten. - -»Liebenswürdig ist er, freundlich, gut und anspruchslos, wie nur ein -Mensch sein kann, aber er versteht gar nichts, in keiner Lage weiß er -sich zu helfen und würde sich ruhig naß regnen lassen, statt unter -Dach zu gehen. Ich versichere Sie, es ist die reinste Wahrheit: einen -größeren Dummkopf wie ihn giebt es nicht auf der Welt. Noch vor einer -halben Stunde aber war ich, außer ihm selbst, der einzige Mensch der -das wußte. Jahraus, jahrein und Tag für Tag ist er von einem ganz -unerhörten und beispiellosen Glück förmlich verfolgt worden. Er hat -sich ein Menschenalter hindurch in allen unsern Kriegen mit Glanz -hervorgethan. Seine militärische Laufbahn wimmelt von Mißgriffen -aller Art, aber für jeden Fehler, den er beging, hat er entweder ein -Ehrenzeichen erhalten, oder er ist zum Lord, zum Baron oder zu sonst -etwas gemacht worden. Sie haben ja neulich bei dem Festmahl gesehen, -wie seine Brust mit fremden und einheimischen Orden über und über -bedeckt war; jeden einzigen, das können Sie mir glauben, trägt er -zum Andenken an irgend einen haarsträubenden Irrtum, alle zusammen -genommen aber bilden den schlagendsten Beweis, _daß Glück_ das beste -Angebinde ist, welches einem Menschenkinde in die Wiege gelegt werden -kann.« -- - - * * * * * - - Bald nach Erscheinen dieser Satire in Harpers Monatsschrift - kam Mark Twain nach England. Seine Freunde dort gaben ihm den - dringenden Rat, dem _General Wolseley_ aus dem Wege zu gehen - und es entspann sich darob folgendes Gespräch: - - _Mark Twain_: Warum denn? Ich bin ihm nichts schuldig. - - _Seine Freunde_: Das mag sein, aber vielleicht er Ihnen! - - _Mark Twain_: Wieso? Ich verstehe nicht. - - _Seine Freunde_: Nun, -- für Ihre Geschichte im letzten - Harperschen Monatsheft. - - _Mark Twain_: Ach was! Für die bin ich längst bezahlt! Was geht - ihn das an? -- - - _Seine Freunde_: O nichts -- nur insofern, als er der Held - dieser Geschichte ist. - - Es scheint, daß diese Gründe auf Mark Twain doch einen gewissen - Eindruck gemacht haben, denn es heißt, daß er auf seiner Reise - in England sich angelegen sein ließ, dem berühmten General aus - dem Wege zu gehen. - - - - -Wie der Verfasser in Newark angeführt wurde. - - -Es ist nicht gerade angenehm, etwas Ungünstiges von sich selbst zu -erzählen, aber der Mensch hat hin und wieder einmal das Bedürfnis, eine -Beichte abzulegen. Ich fühle mich gedrungen mein Gemüt zu erleichtern, -aber ich glaube fast, daß ich es mehr thue, um meinem Unmut über -einen andern Luft zu machen, als um Balsam auf mein verwundetes -Herz zu träufeln. (Was Balsam ist, weiß ich nicht; ich habe niemals -Balsam gesehen, aber mich dünkt, das ist bei solcher Veranlassung der -herkömmliche Ausdruck.) - - * * * * * - -Bekanntlich habe ich kürzlich in Newark vor den jungen Herren der -Museums-Gesellschaft eine Vorlesung gehalten. Vorher sprach ich mit -einem der jungen Herren, welcher sagte, er habe einen Onkel, der aus -irgend einer Ursache dauernd der Fähigkeit beraubt zu sein scheine, in -Gemütsbewegung zu geraten. Mit Thränen in den Augen rief der junge Mann: - -»O, könnte ich ihn nur lachen hören, könnte ich ihn nur einmal weinen -sehen!« - -Ich war gerührt. Bei Schmerz und Kummer wird mir immer weich ums Herz; -deshalb sagte ich: »Bringen Sie ihn nur mit in die Vorlesung, da will -ich ihm schon zusetzen, bis wieder Leben in ihn kommt.« - -»O, wenn Sie das thun könnten -- wenn Ihnen das möglich wäre! Unsere -ganze Familie würde Sie in alle Ewigkeit dafür segnen -- er liegt uns -allen so sehr am Herzen! Können Sie ihn wirklich zum Lachen bringen, -mein Wohlthäter? Können Sie die trockenen Augensterne zu lindernden -Thränen rühren?« - -Ich war tief ergriffen und sagte: »Mein Sohn, bringen Sie den guten -Alten nur mit. Es kommen in meinem Vortrag ein paar Späße vor, über die -er lachen wird, wenn er überhaupt noch ein Zwerchfell hat. Thun diese -keine Wirkung, so habe ich ein paar andere, die ihn weinen machen oder -ihn umbringen -- entweder -- oder.« Da schluchzte der junge Mann an -meinem Halse, wünschte mir Gottes Segen und suchte seinen Onkel auf. -Er setzte ihn am Abend mir gegenüber auf die zweite Bank und -- ich -ging ans Werk. Ich versuchte es zuerst mit feinen Scherzen und dann mit -gröberen; ich nahm ihn mit schlechten Witzen in die Kur und hielt ihn -mit guten Witzen zum Besten; ich bombardierte ihn mit abgedroschenen -Späßen und beschoß ihn von allen Seiten mit gepfefferten, -funkelnagelneuen. Ich wurde warm bei meiner Arbeit und stürmte von -rechts und links, von vorn und hinten auf ihn ein; ich dampfte und -schwitzte, eiferte und tobte, bis ich heiser und krank, toll und -rasend war, aber -- ich konnte kein Leben in ihn bringen -- weder ein -Lächeln noch eine Thräne preßte ich ihm ab. Nicht den Schatten eines -Lächelns und keine Spur von Feuchtigkeit. Ich war starr vor Staunen. -Endlich schloß ich den Vortrag mit einem verzweifelten Aufschrei, in -einem wilden Ausbruch von Humor, und schleuderte ihm einen Witz von -übernatürlicher Ungeheuerlichkeit an den Kopf. Dann setzte ich mich -verwirrt und erschöpft nieder. - -Der Vorstand der Gesellschaft trat zu mir, kühlte mir die Stirn mit -frischem Wasser und fragte: »Was hat Sie nur gegen das Ende so in -Aufregung gebracht?« - -»Ich wollte den verdammten alten Narren in der zweiten Reihe durchaus -zum Lachen bringen,« rief ich. - -»Ah so -- ja, da haben Sie sich umsonst bemüht,« erwiderte er; »_der_ -Mann ist taub und stumm und so blind wie ein Maulwurf.« - -Nun frage ich -- war es von dem Neffen des alten Mannes nicht -unverantwortlich, einem Fremden und Waisenknaben wie mir, so -mitzuspielen? Ich frage den Leser als Mitmenschen und Bruder, ob das -rechtschaffen von ihm gehandelt war? - - - - -Schonend beigebracht. - - -Als der selige Richter Bagley damals im Gerichtshause stolperte, die -Treppe hinabstürzte und den Hals brach, entstand die große Frage, wie -man seiner armen Frau die Trauernachricht mitteilen solle. Endlich war -die Leiche auf den Wagen unseres alten, braven Fuhrmanns geladen und -diesem die Weisung erteilt, den Verunglückten nach Frau Bagleys Wohnung -zu schaffen, aber dabei mit der größten Rücksicht und Behutsamkeit zu -Werke zu gehen, insbesondere die Unglücksbotschaft ja nicht plötzlich -und auf einmal auszurichten, sondern Frau Bagley erst gehörig darauf -vorzubereiten. - -Nachdem der Fuhrmann mit seiner traurigen Last angelangt war, schrie er -laut, bis die Frau des Richters an der Thüre erschien. - -Alsdann fragte er: »Wohnt hier nicht die Witwe Bagley?« - -»Die _Witwe_ Bagley? -- Nein, die wohnt nicht hier!« - -»Ich will doch gleich drauf wetten, daß sie hier wohnt! -- Aber, nichts -für ungut -- wohnt der Richter Bagley vielleicht hier?« - -»Jawohl, der Richter Bagley wohnt hier.« - -»Ich will doch gleich drauf wetten, daß er nicht hier wohnt! Aber, wie -Sie wollen; ich bin nicht rechthaberisch. Ist der Richter zu Hause?« - -»Nein, im Augenblick nicht.« - -»Dacht' ich mir's doch! -- Weil nämlich -- lehnen Sie sich an die Wand, -Madame -- die Kleinigkeit, die ich Ihnen anzukündigen habe, bringt Sie -vielleicht etwas aus dem Gleichgewicht. Es ist ein Unglück geschehen --- draußen auf meinem Wagen liegt der alte Richter. Wenn Sie ihn näher -ansehen, werden Sie sich überzeugen, daß hier nichts mehr zu machen -ist, als die Totenschau über ihn zu halten.« - - - - -Trinksprüche. - - -Auf die Weiber. - - Bei dem Jahresfest der Schottischen Gesellschaft in London, am - Montag-Abend, brachte Mark Twain den Toast auf die ›Damen‹ aus; - dieser lautete nach dem ›Observer‹ wie folgt: - -»Es erfüllt mich mit aufrichtigem Stolz, daß ich gewählt worden bin, um -gerade den Toast auf die ›Damen‹ auszubringen oder -- wenn Sie nichts -dagegen haben -- auf die Weiber, denn diese Bezeichnung scheint mir -doch besser; sie ist jedenfalls die ältere und daher die ehrwürdigere. -(Gelächter.) Ich habe bemerkt, daß die Bibel, mit der den heiligen -Schriften so eigentümlichen Einfachheit und Offenheit, sogar von der -erhabenen Mutter des ganzen Menschengeschlechts nie den Ausdruck ›Dame‹ -gebraucht, sondern sie stets ein Weib nennt. (Gelächter.) Das mag -seltsam erscheinen, aber es ist eine Thatsache. -- Ich bin besonders -stolz auf diese Ehre, weil ich finde, daß der Trinkspruch auf die -Weiber, sowohl von Rechts wegen als nach den Regeln der Höflichkeit -allen andern vorausgehen sollte -- dem Toast auf das Heer, auf -die Flotte, ja vielleicht selbst auf die Träger der Königswürde, -obgleich letzteres heutzutage in diesem Lande nicht nötig ist, weil -man stillschweigend die Gesundheit aller guten Frauen im allgemeinen -ausbringt, wenn man die Königin von England und die Prinzessin von -Wales leben läßt. (Laute Hochrufe.) Mir fällt dabei ein Gedicht ein, -das Ihnen wohlbekannt ist; jedermann kennt es ja. Der gegenwärtige -Trinkspruch ruft es aber uns allen so recht ins Gedächtnis und wir -stimmen begeistert mit ein in die Worte des edelsten, reinsten, -anmutigsten und lieblichsten unserer Dichter, wenn er sagt: - - ›Weib -- o Weib! -- Hm -- - Weib --‹ - -(Gelächter.) Ohne Zweifel entsinnen Sie sich der Verse, die uns mit -so vielem Gefühl und so anmutiger Zartheit, fast ohne daß wir's -gewahr werden, Zug für Zug das Ideal des echten und vollkommenen -Weibes vorführen. Wir schauen im Geist das vollendete Meisterwerk -und preisen bewundernd den Genius, der ein so holdes Wesen durch den -Hauch seines Mundes, durch bloße Worte zu schaffen vermocht hat. Sie -werden sich ferner erinnern, wie der Dichter in treuer Uebereinstimmung -mit der Geschichte des ganzen Menschengeschlechts dies schöne Kind -seines Herzens und Verstandes den Prüfungen und Sorgen dahingiebt, -welche früher oder später allen Erdenbewohnern beschieden sind, bis -die traurige Geschichte zuletzt in der wilden, leidvollen Ansprache -gipfelt, die allen vergangenen Kummer aufs neue wach ruft. Der Wortlaut -der Zeilen ist folgender: - - -- Ach! -- o weh! -- ach! -- - -und so weiter. (Gelächter.) Mir ist das übrige nicht gegenwärtig; -aber alles in allem halte ich diese Verse für die schönste Huldigung, -welche der Genius des Dichters den Frauen je gewidmet hat. (Gelächter.) -Ich weiß, ich könnte stundenlang sprechen, ohne meinem großen Thema -auf anmutigere oder vollendetere Weise Gerechtigkeit widerfahren zu -lassen, als ich es gethan habe, indem ich einfach die unvergleichlichen -Dichterworte anführte. (Erneutes Gelächter.) - -Die Entwicklungsformen des weiblichen Geschlechts sind von unendlicher -Mannigfaltigkeit. Man betrachte welchen Typus des Weibes man will, -immer wird man daran etwas zu achten, zu bewundern, zu lieben finden, -etwas, das Herz und Hand beglückt. Wer besaß mehr Vaterlandsliebe als -die Jungfrau von Orleans? Wer war tapferer? Wer hat uns ein erhabeneres -Beispiel opferfreudiger Hingabe gezeigt? Wie deutlich, wie lebendig -erinnern wir uns alle an die Nachricht, welche wie eine große Woge des -Kummers zu uns heranflutete, daß Jeanne d'Arc bei Waterloo gefallen -sei. (Stürmisches Gelächter.) Wer trauert nicht um den Tod der Sappho, -der holden Sängerin Israels? (Gelächter.) Wer unter uns vermißt nicht -die liebreichen Dienste, den sanften Einfluß, die demütige Frömmigkeit -der Lucrezia Borgia? (Gelächter.) Wer kann in die herzlose Verleumdung -einstimmen, welche sagt, das Weib sei verschwenderisch in Putz und -Kleidung, wenn er zurückblickt und sich den einfachen Anzug unserer -Mutter Eva ins Gedächtnis ruft, welcher der Hochlandstracht glich --- mit geringen Abänderungen. (Schallendes Gelächter.) Verehrte -Anwesende, die Weiber sind Kriegerinnen gewesen, sie waren Malerinnen, -Dichterinnen. So lange es eine Sprache giebt, wird der Name Cleopatra -in aller Munde leben. Nicht etwa, weil sie Georg den Dritten eroberte --- (Gelächter) -- sondern weil sie die klassischen Zeilen schrieb: - - »Es beißt der Hund und bellt voll Lust; - Gott schuf den Trieb ihm in der Brust!« - -(Lautes Gelächter.) Auf den weiten Gefilden der Geschichte ragen ganze -Bergzüge erhabener Weiber empor -- die Königin von Saba, Josephine -Semiramis -- die Liste ist endlos. (Gelächter.) Aber ich will nicht -Heerschau über sie alle halten; schon bei der bloßen Andeutung steigen -die Namen in Ihrem Gedächtnis auf, leuchtend von dem Ruhm unsterblicher -Thaten, geheiligt durch die Liebe und Verehrung aller Guten und Edlen -jeden Zeitalters und jeden Weltteils (Hochrufe.) Möge es unserem Stolz -und unserer Ehrliebe genügen, daß unsere Zeit dieser Liste Namen wie -Grace Darling und Florence Nightingale hinzugefügt hat. (Hochrufe.) - -Das Weib ist ganz wie es sein sollte -- sanft, geduldig, langmütig, -vertrauensvoll, selbstlos, voll edler, hochherziger Triebe. Es ist des -Weibes heiliger Beruf, die Traurigen zu trösten, für die Irrenden zu -bitten, die Gefallenen aufzurichten, den Freundlosen Liebe zu erzeigen. -Mit einem Wort, die Frau schenkt allen mißhandelten und verfolgten -Kindern des Unglücks, die an ihre Thüre klopfen, den heilenden Balsam -ihres Mitgefühls und gewährt ihnen eine Freistätte in ihrem Herzen. -Jeder, der die veredelnde Gemeinschaft einer Gattin, die nie ermüdende -Hingebung einer Mutter kennt, wird von Herzen einstimmen, wenn ich -sage: Gott segne das Weib!« -- (Laute und andauernde Beifallsrufe.) - - -Auf die Säuglinge. - - Als fünfzehnter programmgemäßer Toast, gehalten bei dem - Festessen, das im November 1879 von der Tennessee-Armee ihrem - ersten Kommandeur, General Grant, zu Ehren veranstaltet wurde. - -»Das lob ich mir! Wir sind nicht alle so glücklich, zum schönen -Geschlecht zu gehören; wir können nicht alle Generale, Dichter oder -Staatsmänner sein; aber wenn die Trinksprüche herabsteigen bis zu den -Säuglingen, da stehen wir alle auf gemeinsamem Boden. Es ist eine -Schande, daß Jahrtausende lang auf allen Festessen der Welt der -Säugling ganz übergangen wurde, als wenn er gar nichts bedeutete. Wenn -Sie einen Augenblick nachdenken und so ein, fünfzig bis hundert Jahre -zurückblicken mögen auf die erste Zeit Ihrer Ehe, um in Gedanken wieder -Ihren ersten Säugling zu betrachten, so werden Sie sich erinnern, -daß er etwas zu bedeuten hatte, und mehr noch als das. Ihr Soldaten -wißt wohl, daß, als dieser kleine Bursche im Familienhauptquartier -sich meldete, es Zeit für euch war, euren Abschied zu nehmen; denn er -kommandierte von nun an unumschränkt. Ihr hattet ihm als Kammerdiener -aufzuwarten und er war kein Vorgesetzter, der Rücksicht nahm auf Zeit, -Wetter oder sonstige Umstände. Ihr habt seinem Befehl folgen müssen, -ob es möglich war oder nicht; und da gab es nur eine einzige Gangart -in seinem Handbuche der Taktik und das war der -- Laufschritt. Er -behandelte euch mit aller erdenkbaren Impertinenz und Mißachtung und -selbst der Tapferste von euch durfte kein Wörtlein dagegen sagen. Ihr -habt dem Tod bei Donelson und Vicksburg ins Antlitz gesehen und Hieb -um Hieb zurückgegeben, aber wenn _er_ euch am Schnurrbart zupfte und -euer Haar zauste und eure Nase zwickte, da habt ihr es euch ruhig -gefallen lassen. Als die Donner der Schlacht in eure Ohren posaunten, -da seid ihr den Batterien aufrecht gegenüber gestanden und mit stetem -Schritt vorgerückt; aber wenn _er_ sein Schlachtgeschrei ertönen ließ, -dann ging es bei euch an ein Avancieren in verkehrter Richtung. Wenn -_er_ nach dem Schlotzer verlangte, wagtet ihr etwa Bemerkungen fallen -zu lassen, daß gewisse Dienstleistungen sich für einen Offizier und -Gentleman nicht schicken? Nein! Ihr seid einfach aufgestanden und habt -den Schlotzer geholt. Wenn _er_ seine Trinkflasche verlangte und sie -war nicht warm -- habt ihr Einwendungen gemacht? Ihr und Einwendungen! -Ihr habt euch daran gemacht und sie gewärmt! Ja, ihr habt euch so -weit herabgelassen in eurem Knechtsdienst, daß ihr diesen dummen, -faden Stoff darin selber versucht habt, um zu wissen, ob er auch -recht gemischt sei: drei Teile Wasser mit einem Teil Milch und eine -Prise Zucker von wegen der Kolik, und ein Tropfen Pfeffermünze gegen -den ewigen Schlucker. Ich habe den Geschmack noch auf der Zunge -- -puh! Poetisch gestimmte Seelen glauben immer noch an das schöne, alte -Märchen, daß, wenn das Wiegenkind im Schlummer lächelt, ihm die Englein -was ins Ohr flüstern. Klingt hübsch, ist aber sehr schwach -- 's kam -einfach von einer Blähung her, meine Freunde. Wenn der Säugling einen -Spaziergang vorschlug zu seiner beliebten Stunde, zwei Uhr morgens, -seid ihr da nicht schnell aufgestanden mit der Bemerkung, die eurem -Wahrheitssinn keine sonderliche Ehre macht, daß ihr denselben Vorschlag -gerade eben hättet machen wollen. O, ihr habt euch unter guter Zucht -befunden! Und wie ihr so im Zimmer in eurer Nachtuniform auf- und -abgetänzelt seid, da habt ihr nicht nur angefangen, unwürdig zu lallen, -sondern habt mit eurer Bärenstimme den Versuch gemacht, Liedchen zu -singen, z. B.: Schlaf, Kindchen, schlaf! Was für ein Schauspiel für -eine Armee von Tennessee! Und wenn das so weiter ging, so zwei bis drei -Stunden lang, und euer kleiner Flaumkopf zu verstehen gab, daß ihm -nichts lieber sei, als diese musikalische Marschübung, was habt ihr -dann gemacht? (Seid nur ruhig!) Ihr seid einfach weiter spaziert, bis -ihr nicht mehr konntet. Eine lächerliche Idee das: ein Säugling habe -nichts zu sagen und zu bedeuten!! - -[Illustration] - -Ja, es war höchste Zeit für den Vorsitzenden eines Banketts, die -Bedeutung der Säuglinge zu erkennen. Bedenkt, was kann aus der jungen -Brut noch alles werden. Fünfzig Jahre von heute werden wir alle tot -sein, denke ich, und dann wird dieses Sternenbanner, wenn es noch -existiert und ich hoffe, das wird es -- über einer Republik flattern, -die 200 Millionen Seelen zählt, gemäß den natürlichen Gesetzen -unserer Volksvermehrung. Aus unserem gegenwärtigen Staatsschooner -wird ein politischer Leviathan, ein Great Eastern geworden sein. Die -Wiegenkinder von heute werden auf Deck sein. Sorgt für eine gute -Erziehung; denn wir werden in ihren Händen ein schweres Stück Arbeit -hinterlassen. Unter den drei bis vier Millionen Wiegen, die jetzt im -Lande geschaukelt werden, befinden sich einige, die unsere Nation als -Heiligtümer aufbewahren würde, wenn man nur schon wüßte, welche. In -einer dieser Wiegen zahnt in diesem Augenblick, sich selber unbewußt, -der Farragut[9] der Zukunft; in einer andern blinzelt der künftige -berühmte Astronom noch ohne sonderliches Interesse die Milchstraße -an -- der arme Kleine sehnt sich nach einer andern Milchstraße, -nämlich seiner Amme. In einer andern liegt der zukünftige große -Geschichtsschreiber und wird zweifelsohne dereinst fortfahren zu lügen, -bis seine irdische Sendung vollendet ist. In einer andern beschäftigt -sich der zukünftige Präsident mit keinem wichtigeren Staatsproblem -als mit dem, warum er so früh keine Haare mehr hat, und in einer -mächtigen Reihe von Wiegen liegen 60000 zukünftige Stellenjäger, -bereit, den Präsidenten späterhin Gelegenheit zu geben, sich mit -demselben alten Problem zum zweiten Male zu beschäftigen,[10] und in -einer weitern Wiege irgendwo unter der Flagge liegt der zukünftige -berühmte Feldmarschall der amerikanischen Armee, so wenig beschwert -von seiner herannahenden Größe und Verantwortung, daß er seinen ganzen -strategischen Scharfsinn in diesem Augenblick darauf gerichtet hat, wie -er seinen großen Zehen in den Mund kriegen kann, ein Bestreben, das -- -mit allem Respekt gesagt -- vor 56 Jahren auch die ganze Aufmerksamkeit -unseres heute abend gefeierten Helden in Anspruch genommen hat. Wenn -aber das Kind nur die Vorahnung des künftigen Mannes ist, so werden -wenige zweifeln, daß sein Bestreben von damals mit Erfolg gekrönt war.« - - [9] Größter Admiral der Vereinigten Staaten. - - [10] Anspielung auf die Sorgen, welche dem Präsidenten die - Befriedigung der Aemterjäger seiner Partei macht. - - - - -Der selige Benjamin Franklin. - - Spare nie auf morgen, was du übermorgen gerade so - gut thun kannst. -- - - Benjamin Franklin. - - -Dieser Mensch war eins von den Individuen, welche man Philosophen -nennt. Er kam als Doppelwesen oder als ein paar Zwillinge zur Welt, -gleichzeitig in zwei verschiedenen Häusern von Boston. Die Häuser -stehen noch heutigen Tages und tragen Tafeln, deren Inschriften die -obige Thatsache bezeugen. Die Tafeln nehmen sich ganz gut aus, aber -notwendig sind sie gerade nicht, da die Einwohner dem Fremden so wie so -die beiden Geburtsstätten zeigen, zuweilen sogar mehrmals an einem Tage. - -Der Mann, von welchem diese Denkschrift handelt, war heimtückischer -Gemütsart und mißbrauchte seine Gaben schon frühzeitig zur Erfindung -von allerlei Lebensregeln und Denksprüchen, die darauf berechnet waren, -dem heranwachsenden Geschlecht aller folgenden Zeitalter Schmerzen -zu bereiten. Sogar seine alltäglichsten Handlungen verrichtete er im -Hinblick darauf, daß sie den Knaben fort und fort zur Nacheiferung -vorgehalten werden sollten -- den Knaben, die sich sonst hätten -glücklich fühlen können. Aus gleicher Absicht wurde er der Sohn eines -Seifensieders, wahrscheinlich nur, damit die Bestrebungen aller -zukünftigen Knaben, die es zu irgend etwas bringen wollten, von -vornherein mit Mißtrauen betrachtet werden möchten, wenn sie nicht -Söhne von Seifensiedern wären. Mit einer Böswilligkeit, die in der -Geschichte ohne gleichen dasteht, pflegte er den Tag über zu arbeiten -und dann die Nacht hindurch aufzubleiben, unter dem Vorwand, daß er -beim Schein eines glimmenden Feuers Algebra studiere -- damit alle -andern Knaben genötigt wären das auch zu thun, weil man ihnen sonst -Benjamin Franklin vorrückte. Ja noch mehr: es war seine Gewohnheit, -sich nur von Wasser und Brot zu nähren und während der Mahlzeit -Astronomie zu treiben -- das hat seitdem Millionen von Knaben, deren -Väter Franklins verderbliche Biographie gelesen hatten, in große -Trübsal gebracht. - -Seine Lebensregeln waren voll Feindseligkeit gegen die Jugend. -Heutzutage kann kein Knabe irgend einer natürlichen Regung folgen, ohne -daß er auf der Stelle über einen jener unvermeidlichen Denksprüche -stolpert und von Franklin zu hören bekommt. Kauft er sich für zwei -Cents Pfeffernüsse, so sagt sein Vater: »Weißt du nicht, mein Sohn, daß -Franklin spricht: ›Einen Heller den Tag, einen Groschen das Jahr‹!« --- und mit der Freude an den Pfeffernüssen ist's vorbei. Will der -Knabe nach gethaner Arbeit Kreisel spielen, gleich mahnt der Vater: -»Aufschub ist ein Tagedieb.« Wenn er eine gute That thut, bekommt er -nie etwas dafür, denn »die Tugend trägt ihren Lohn in sich.« Er wird -zu Tode gehetzt und der nötigsten Ruhe beraubt, weil Franklin in einem -begeisterten Anflug von Bosheit einmal gereimt hat: - - »Früh zu Bett und früh wieder auf, - Macht klug, gesund und reich im Kauf.« - -Als ob einem Knaben etwas daran läge, um solchen Preis klug, gesund -und reich zu werden! Was _mir_ dieser Denkspruch für Leiden gebracht -hat, als mein Vater damit Versuche bei mir anstellte, spricht keines -Menschen Zunge aus. Das naturgemäße Ergebnis derselben ist meine -jetzige körperliche Hinfälligkeit, Armut und Geistesschwäche. Als ich -ein Knabe war, pflegten mich meine Eltern bisweilen schon vor neun Uhr -des Morgens zu wecken. Hätten sie mich schlafen lassen wie es meine -Natur verlangte -- was würde nicht aus mir geworden sein? Vielleicht -wäre ich jetzt Ladenbesitzer und allgemein geachtet ... - -[Illustration] - -Benjamin Franklin hat viel Anerkennenswertes für sein Vaterland -gethan und dessen jungen Namen bei andern Völkern zu hohen Ehren -gebracht, weil es solchen Sohn erzeugt hat. Das will diese Denkschrift -durchaus nicht bestreiten, oder mit Stillschweigen übergehen. Ihr -Zweck ist nur, Einspruch gegen seine anmaßlichen Lebensregeln zu -erheben, die er unter dem Schein, als wären sie von ihm erdacht, aus -selbstverständlichen Wahrheiten zusammengestoppelt hat, welche schon -abgedroschene Gemeinplätze waren, noch ehe sich die Völker beim Turmbau -zu Babel zerstreuten. Mein Wunsch war lediglich, gegen die unter den -Familienhäuptern herrschende unselige Idee zu Felde zu ziehen, als -habe Franklin seine angeborene Geistesgröße eigens dadurch erworben, -daß er umsonst arbeitete, bei Mondlicht studierte und in der Nacht -aufstand, statt wie ein guter Christ bis zum Morgen zu warten -- und -als könne dieses Programm, wenn es nur streng durchgeführt würde, aus -jedes Vaters dummem Jungen einen Franklin machen. Es ist Zeit, daß die -Herren Väter sich endlich klar machen, daß jenes abscheuliche Thun und -Treiben nur die Wirkung des Genius war und nicht seine Ursache. Ich -wollte, ich wäre lange genug der Vater meiner Eltern gewesen, um ihnen -diese Wahrheit zu Gemüte zu führen, damit sie versuchten ihrem Sohne -das Leben leichter zu machen. Als Kind mußte ich Seife sieden, obgleich -mein Vater ein wohlhabender Mann war, ich mußte zeitig aufstehen, beim -Frühstück Geometrie studieren, mit meinen eigenen Gedichten hausieren -gehen und alles ganz so thun wie es Franklin gethan hatte. Man war der -festen Hoffnung, ich würde auf solche Weise einst ein Franklin werden. -Und was bin ich nun?! -- - - - - -Wohlthun trägt Zinsen. - -(In Beispielen.) - - -Von Kindheit auf habe ich mit besonderer Vorliebe eine gewisse Sammlung -moralischer Erzählungen gelesen, aus denen ich Vergnügen und Belehrung -schöpfte. Das Buch lag mir stets bequem zur Hand und sobald mein Glaube -an menschliche Tugend zu wanken drohte, griff ich danach und vertrieb -mir alle Zweifel. Auch wenn mich ein Gefühl meiner eigenen Schwäche und -unedlen Gesinnung niederdrückte, wies mich das Buch zurecht und zeigte -mir den Weg, wie ich die verlorene Selbstachtung wiedergewinnen könne. - -Nur _eines_ vermißte ich: Die schönen Geschichten brachen alle ab, -sobald der Höhepunkt erreicht, die glückliche Lösung erfolgt war, -und ich hätte doch so gern von dem weitern Ergehen der großmütigen -Wohlthäter und ihrer Schützlinge noch etwas erfahren. Mein Verlangen -hiernach ward zuletzt so dringend, daß ich beschloß, mir über den -ferneren Verlauf der Geschichten selbst Klarheit zu verschaffen. Ich -unternahm zu diesem Zweck lange und mühevolle Forschungen und kam dabei -zu merkwürdigen Ergebnissen. Ich will nachstehend nur zwei Proben davon -zum allgemeinen Besten mitteilen. Zuerst werde ich die Geschichte, -wie sie in den ›Beispielen des Guten‹ steht, erzählen und dann die -Fortsetzung beifügen, wie es mir gelungen ist, sie zu ermitteln. - - -Der wohlwollende Schriftsteller. - -Ein armer, angehender Literat hatte sich vergeblich bemüht, für seine -Manuskripte einen Verleger zu finden. Endlich, als er schon nahe am -Verhungern war, klagte er einem berühmten Schriftsteller seine traurige -Lage und bat ihn um Rat und Hilfe. - -Der hochherzige Mann legte sogleich seine eigenen Sachen beiseite und -begann eins der verschmähten Manuskripte durchzulesen. Als er dies -menschenfreundliche Werk beendet hatte, schüttelte er dem jungen Manne -herzlich die Hand und sagte: »Ihre Arbeit ist nicht schlecht; kommen -Sie am nächsten Montag wieder.« - -Zur verabredeten Zeit erschien der junge Autor; der berühmte -Schriftsteller aber öffnete, ohne ein Wort zu sagen, ein Journal, das -soeben erst aus der Presse kam und zeigte dem Staunenden seinen eigenen -Artikel, der in den Spalten des Blattes abgedruckt war. Der junge Mann -sank auf die Kniee und brach in Thränen aus: »Wie kann ich mich Ihnen -für solchen Edelmut je dankbar genug erweisen!« rief er. - -Der Schriftsteller, welcher dieses gethan, war der große Snodgraß und -der junge Literat, den er aus dem Dunkel hervorzog und vom Hungertode -errettete, kein anderer als der später nicht minder berühmte Snagsby. - -Möchten wir uns an diesem erfreulichen Vorgang ein Beispiel nehmen und -bereitwillig allen Anfängern beistehen, welche der Hilfe bedürfen. - - -Fortsetzung. - -In der folgenden Woche stellte sich Snagsby wieder ein und brachte -fünf zurückgewiesene Manuskripte mit. Dies überraschte den -berühmten Snodgraß einigermaßen, weil die jungen Leute, von denen -das Buch erzählt, nie mehr als einmal der Handreichung bedurften -um emporzukommen. Indessen arbeitete er die Schriftstücke durch, -schnitt hier und da viele unnötige Blumen fort und rodete die -Eigenschaftswörter scheffelweise aus. Es gelang ihm darauf wirklich -zwei der Artikel bei Zeitschriften unterzubringen. - -Nach Ablauf einer Woche erschien der dankbare Snagsby mit einer neuen -Ladung von Manuskripten. Wohl hatte es dem berühmten Autor zuerst -eine hohe innere Befriedigung gewährt, dem strebsamen jungen Manne -mit Erfolg helfen zu können und sich mit den großmütigen Leuten zu -vergleichen, von denen das Geschichtenbuch berichtet; jetzt aber -begann sich in ihm der Argwohn zu regen, daß vielleicht nicht alles in -Richtigkeit sei. Trotzdem sich sein Enthusiasmus plötzlich abgekühlt -hatte, gewann er es aber nicht über sich, den jungen Menschen -zurückzustoßen, der sich in seiner vertrauensvollen Herzenseinfalt so -fest an ihn klammerte. - -Das Ende vom Liede war denn auch, daß der berühmte Schriftsteller -den armen, jungen Anfänger fortdauernd auf dem Halse behielt. Die -schwachen Versuche, welche er anstellte, sich der Last zu entledigen, -waren vergebens. Immer wieder mußte er Snagsby Rat erteilen und ihm -Mut einsprechen, mußte sich bemühen die Annahme seiner Manuskripte bei -den Zeitschriften durchzusetzen und sie vorher gehörig zustutzen, weil -sie sonst unbrauchbar waren. Als der junge Streber endlich im Sattel -saß, schwang er sich plötzlich mit einem kühnen Sprung auf den Gipfel -des Ruhms. Er beschrieb nämlich das Privatleben des berühmten Autors -bis in die kleinsten Einzelheiten mit so beißendem Witz, daß sein Buch -einen fabelhaften Absatz fand, dem gefeierten Schriftsteller aber vor -Kränkung darüber das Herz brach. Noch mit dem letzten Atemzug seufzte -er: »Ach, jenes verlockende Buch hat mich betrogen; es verschweigt die -letzte Hälfte der Geschichte. Hütet euch, meine Freunde, vor strebsamen -jungen Literaten! Kein Mensch soll sich vermessen, jemand vom Tode zu -retten, den Gott verhungern lassen will -- er läuft nur in sein eigenes -Verderben.« - - -Der dankbare Gatte. - -Eine Dame fuhr einmal mit ihrem Söhnchen durch die Hauptstraße einer -großen Stadt, als plötzlich die Pferde scheu wurden und in wildem Laufe -davonjagten. Der Kutscher ward vom Bock geschleudert und die Insassen -des Wagens bebten vor Todesangst. Aber ein wackerer Jüngling, der -gerade mit seinem Gemüsewagen des Weges fuhr, fiel den durchgehenden -Pferden in die Zügel und es gelang ihm mit Gefahr seines eigenen -Lebens, sie in ihrer Flucht aufzuhalten. Die gerettete Dame ließ sich -seine Adresse sagen und erzählte daheim die Heldenthat ihrem Gatten -(der das Buch mit den moralischen Erzählungen gelesen hatte). Dieser -vergoß Thränen der Rührung bei dem erschütternden Bericht und dankte -im Verein mit seinen ihm wiedergeschenkten Lieben dem Allgütigen, ohne -dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt, für die wunderbare Hilfe. -Dann sandte er nach dem wackern, jungen Mann, überreichte ihm einen -Wechsel auf 500 Dollars und sagte: »Nimm dies zum Lohn für deine edle -That, William Ferguson, und wenn du je eines Freundes bedarfst, so -erinnere dich, daß Thomas Spadden ein dankbares Herz hat.« - -Laßt uns hieraus lernen, daß jede gute That dem der sie thut, nützt und -frommt und wenn er auch aus dem niedrigsten Stande wäre. - - -Fortsetzung. - -In der folgenden Woche fand sich William Ferguson bei Herrn Spadden -mit der Bitte ein, er möge ihm durch seinen Einfluß eine bessere -Beschäftigung verschaffen, da er Größeres leisten könne, als den -Gemüsewagen zu fahren. Herr Spadden verhalf ihm denn auch zu einer -Bureaustelle mit gutem Gehalt. - -Bald darauf wurde Williams Mutter krank und er -- doch ich will -mich möglichst kurz fassen: Spadden willigte ein, sie zu sich ins -Haus zu nehmen. Nicht lange, so fühlte sie Sehnsucht nach ihren -jüngern Kindern, worauf Marie, Julie und Jaköbchen gleichfalls -bei Spadden Aufnahme fanden. Jaköbchen hatte ein Taschenmesser, -mit dem er sich eines Tages allein ins Wohnzimmer begab, und ehe -noch Dreiviertelstunden vergingen, war das Mobiliar, welches etwa -zehntausend Dollars gekostet hatte, so von ihm bearbeitet worden, -daß sein Wert sich nicht mehr schätzen ließ. Einige Tage später fiel -Jaköbchen die Treppe hinunter und brach den Hals. Siebzehn Anverwandte -kamen in das Haus, um seiner Leiche zu folgen. Bei der Gelegenheit -wurden sie dort bekannt und fanden sich seitdem häufig in der Küche -ein. Auch bekamen die Spaddens vollauf zu thun, um ihnen nicht nur -einmal Stellen zu verschaffen, sondern auch immer von neuem wieder, -wenn sie Abwechslung brauchten. - -Die alte Frau Ferguson war trunksüchtig und führte oft gottlose Reden: -da hielten es denn die Spaddens, aus Erkenntlichkeit gegen den Sohn, -für ihre Pflicht, sie von diesen Lastern zu bekehren und widmeten sich -der Aufgabe mit hohem Edelsinn. William kam häufig, erhielt immer -kleinere Geldbeträge und forderte immer höhere und einträglichere -Beschäftigung, zu welcher ihm die dankbaren Spaddens mehr oder weniger -rasch verhalfen. Nach verschiedenen Einwendungen verstand sich Spadden -sogar dazu, William auf die Universität zu schicken; als aber der -Held vor den ersten Ferien das Verlangen stellte, man möge ihn aus -Gesundheitsrücksichten nach Europa reisen lassen, da empörte sich der -bedrängte Spadden endlich gegen seinen Tyrannen. Er schlug ihm die -Forderung rundweg ab. - -William Fergusons Mutter war darüber so verblüfft, daß sie die -Schnapsflasche fallen ließ und eine Verwünschung ihr in der Kehle -stecken blieb. Als sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte, stieß -sie keuchend hervor: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? Wo wäre -Ihre Frau und Ihr Junge jetzt ohne meinen Sohn?« - -[Illustration] - -William sagte: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? Sagen Sie einmal --- habe ich Ihrer Frau das Leben gerettet oder nicht?« - -Sieben Anverwandte liefen aus der Küche herbei und sagten einer nach -dem andern: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit?« - -Williams Schwestern standen starr vor Verwunderung. »So also beweisen -Sie -- --« fingen sie an, kamen jedoch nicht weiter, da ihre Mutter -sie mit vor Schluchzen erstickter Stimme unterbrach und rief: »Und im -Dienst eines solchen Ungeheuers hat mein seliger kleiner Jakob sein -teueres Leben geopfert!« - -Da schwoll dem empörten Spadden der Mut und in der Erregung des -Augenblicks rief er voll edlen Zornes: - -»Hinaus aus meinem Hause, ihr Bettlerpack! Ich weiß es jetzt, jenes -Geschichtenbuch hat mich bethört, aber es soll mich nie wieder zum -Narren halten. -- Ja, du hast meiner Frau das Leben gerettet,« donnerte -er William an, »und dem nächsten, welcher das thut, mache ich auf der -Stelle den Garaus!« -- - - * * * * * - -Zum Schluß bemerke ich noch, daß sich die Geschichte mit William -Ferguson in meiner persönlichen Bekanntschaft wirklich zugetragen hat; -doch sind von mir alle Einzelheiten dergestalt verändert worden, daß -William sein Spiegelbild nicht wiedererkennen wird. - -Jeder Leser dieser Skizze ist wohl einmal den ›Beispielen des Guten‹ -gefolgt, von welchen die Bücher berichten, und hat in irgend einer -schönen, begeisterungsvollen Stunde seines Lebens eine edelmütige That -vollbracht. Es wäre mir lieb zu erfahren, wie viele dieser Großmütigen -Lust haben, über jenes Erlebnis nachträglich zu reden und sich gern an -die Folgen erinnern lassen, welche aus demselben entstanden sind!? -- - - - - -Ueber Tagebücher. - - -Zu gewissen Zeiten wird es der liebste Ehrgeiz eines Menschen, einen -getreuen Bericht über sein Thun in einem Buche aufzubewahren, und -er stürzt sich in diese Arbeit mit einer Begeisterung, als ob ein -Tagebuch zu führen die heiligste Pflicht und der größte Genuß in der -Welt sei. Aber wenn er nur einundzwanzig Tage verlebt hat, so wird er -finden, daß nur jene seltenen Naturen voll Ausdauer, Hingebung an die -Pflicht und unbesiegbarer Entschlossenheit sich an ein so gewaltiges -Unternehmen, wie es das Führen eines Tagebuchs ist, wagen können, ohne -eine schmachvolle Niederlage zu erleiden. - -Als ich auf der Quaker-City meine erste Reise nach Europa machte, -hatten wir an Bord einen jungen Mann, Namens Jack. Dieser prächtige -junge Bursche hatte ein Tagebuch angefangen und pflegte über seine -Fortschritte jeden Morgen in der glühendsten und aufgewecktesten Weise -zu berichten. Eines Tages fing er an: - -»O, ich komme höllisch gut fort damit. Ich schrieb letzte Nacht zehn -Seiten in mein Tagebuch -- und wissen Sie, ich hatte die Nacht vorher -neun und die Nacht vor dieser zwölf geschrieben. Je nun, das ist reiner -Spaß.« - -»Was finden Sie denn Aufzeichnenswertes, Jack?« - -»O, alles! Längen- und Breitengrade, Mittagszeit, und wie viele Meilen -wir in den letzten vierundzwanzig Stunden gemacht haben, und alle die -Spiele Domino und Pferdebillard, die ich gewonnen habe, und Walfische -und Haie und Schweinfische und Sonntags den Text der Predigt (wissen -Sie, weil das zu Hause was gelten wird), und die Schiffe, die wir -salutierten, und welcher Nation sie angehörten, und was für Wind war, -und ob es eine schwere See gab, und was für Segel wir führten, obwohl -wir eigentlich niemals welche führen, da wir immer den Wind von vorn -haben -- möchte wissen, was der Grund davon ist -- und wie viele Lügen -Moult uns erzählt hat. O, alles! Ich habe alles schwarz auf weiß. -Mein Vater hieß mich dieses Tagebuch führen. Vater würde es nicht für -tausend Dollars hergeben, wenn ich's fertig kriegte.« - -»Nein, Jack, es wird mehr als tausend Dollars wert sein -- wenn Sie es -fertig kriegen.« - -»Meinen Sie? Aber Sie denken wohl, ich kriege es nicht fertig?« - -»Ja, es wird wenigstens tausend Dollars wert sein, wenn Sie es -vollenden. Vielleicht mehr noch.« - -»Na, ich denke halb und halb ebenso. Ich bin nicht ungeschickt im -Führen eines Tagebuches.« - -Eines Abends sagte ich später in Paris, nachdem wir uns mit der -Besichtigung von Sehenswürdigkeiten abgearbeitet hatten, zu ihm: - -»Nun, ich will gehen und ein Weilchen um die Cafés herumstrolchen, -Jack, und Ihnen Gelegenheit geben, Ihr Tagebuch weiterzuführen, alter -Junge.« - -Sein Gesicht verlor sein Feuer. Er sagte: - -»Na, das braucht Sie nicht zu kümmern. Ich denke, ich werde dieses -Tagebuch nicht weiter fortsetzen. Es ist furchtbar langweilig. Wissen -Sie wohl, daß ich viertausend Seiten noch nachzureiten hätte? Ich habe -noch gar nichts über Frankreich drin. Erst dachte ich, ich wollte -Frankreich weglassen und von Frischem anfangen. Aber nicht wahr, das -ginge nicht an. Der Alte würde sagen: Hallo, was ist das -- nichts von -Frankreich gesehen? Dann dachte ich, ich wollte Frankreich aus dem -Reiseführer abschreiben, wie der alte Badger in der Vorderkajüte, der -ein Buch schreibt, aber es sind mehr als dreihundert Seiten darüber. O, -mir scheint, ein Tagebuch hat gar keinen Nutzen, nicht wahr? Nichts als -Plack und Langeweile, nicht wahr?« - -»Ja, ein unvollständiges Tagebuch hat gar keinen Nutzen, aber ein -gehörig geführtes Tagebuch ist seine tausend Dollars wert -- wenn man -es fertig hat.« - -»Tausend -- nun ja, das sollt' ich meinen. Ich aber möchte es für eine -Million nicht fertig machen.« - -Seine Erfahrung war nur die Erfahrung der Mehrzahl derjenigen unserer -Reisegesellschaft, welche gleich ihm ein Tagebuch führten. Wenn -man einem jungen Menschen eine unbarmherzige und bösartige Strafe -auferlegen will, so verpflichte man ihn, ein Jahr lang ein Tagebuch zu -führen. - - - - -Ueber das Briefschreiben. - - -Ich glaube, es giebt kaum etwas auf der Welt, was uns allen so -widerwärtig ist, als die Pflicht einen Brief zu schreiben -- besonders -einen Privatbrief. Geschäftsbriefe sind übrigens nur wenig angenehmer. -Fast alle Freude über einen Brief, den ich erhalte, wird mir durch den -Gedanken vergällt, daß er beantwortet werden muß. Ja, ich fürchte mich -so sehr vor der Qual, solche Antworten auf der Seele zu haben, daß mich -häufig die Lust anwandelt, meine ganze Post ins Feuer zu werfen, statt -sie zu öffnen. - -Zehn Jahre lang ist mir diese Furcht erspart geblieben, weil ich -fortwährend umherzog, von Stadt zu Stadt, von Staat zu Staat und von -Land zu Land. Da konnte ich, ganz nach Gefallen, sämtliche Briefe -unbeantwortet lassen, die Absender derselben nahmen natürlich an, -daß ich meinen Aufenthaltsort gewechselt habe und ihre Zuschriften -fehlgegangen seien. - -Jetzt kann ich aber leider diese Form der Täuschung nicht mehr -anwenden. Ich bin vor Anker gegangen, bin festgefahren -- und nun -kommen die tödlichen Geschosse, die Briefe aller Art, schnurgerade auf -mich losgeflogen. - -Es sind Briefe der verschiedensten Gattung und sie behandeln die -mannigfaltigsten Gegenstände. Ich lese sie meist beim Frühstück und -sehr oft verderben sie mir mein ganzes Tagewerk; sie leiten meinen -Gedankengang in neue Kanäle, das Arbeitsprogramm, welches ich mir für -meine Schreiberei aufgestellt habe, gerät in Verwirrung, ja es wird -wohl auch gänzlich umgestoßen. - -Nach dem Frühstück werfe ich mich gewöhnlich ins Geschirr und versuche -eine Stunde lang fleißig zu schreiben, aber ich komme nur mühsam -vorwärts, da die Briefe immer wieder in meine Gedanken eingreifen. Die -Sache hat keinen rechten Fluß, ich gebe sie zuletzt auf und verschiebe -alle weiteren Bemühungen auf den nächsten Tag. - -Man sollte meinen, ich würde mich nun schleunigst daran machen die -Briefe zu beantworten und aus dem Wege zu schaffen. Alle Musterknaben, -von denen wir lesen, daß sie barfuß nach New York gewandert kommen und -im Laufe der Zeit zu unverschämten Millionären werden, hätten damit -sicherlich keinen Augenblick gezögert -- aber, ich bin nicht wie sie. - -Es fällt mir gar nicht ein, die Gewohnheiten jener Leute anzunehmen, -denn ich werde nie ein Millionär werden. Wäre ich darauf ausgegangen, -so hätte ich nicht gleich von vornherein den verhängnisvollen Mißgriff -begehen dürfen, Stiefel an den Füßen zu tragen und mehr als vierzig -Cents in der Tasche zu haben, als ich in New York einzog. - -Wie hätte ich nach einem so verkehrten Beginn meiner Laufbahn noch den -Versuch machen sollen mir Reichtümer zu erwerben? Man würde mich nur -mit größtem Mißtrauen betrachtet haben und mich einfach zum Betrüger -stempeln. - -Deshalb verzichte ich also darauf in die Fußstapfen dieser Krösusse -zu treten und meine Briefe mit kaufmännischer Pünktlichkeit und -Schnelligkeit zu beantworten. Ich setze meine Arbeiten einen Tag lang -aus, und die aufgeschichteten Briefe von heute bleiben bei denen -liegen, welche gestern, vorgestern und von allen früheren Daten -angekommen sind. - -Erst wenn der Haufen so angewachsen ist, daß mir angst und bange -davon wird, blase ich zum Angriff und laufe Sturm, manchmal fünf volle -Stunden lang, zuweilen sogar sechs. - -Und wie viele Briefe beantworte ich in dieser Zeit? Nie mehr als -neun, oft auch nur fünf und sechs. Der Korrespondent in einem großen -kaufmännischen Geschäft würde in einer solchen Reihe von Stunden -wenigstens hundert Antworten zu Papier bringen. - -[Illustration] - -Einem Mann, der Jahre damit zugebracht hat, für die Presse zu -schreiben, kann man aber eine solche Federgewandtheit unmöglich -zutrauen. - -Aus alter Gewohnheit knüpft er dabei einen Gedanken an den andern; -geduldig zerbricht er sich minutenlang den Kopf, um auf eine unwichtige -Zuschrift die passende Erwiderung zusammen zu drechseln, und so -verfließt ihm unversehens die kostbare Zeit. - -Mir ist es in den letzten Jahren förmlich zur andern Natur geworden, -Schriftstücke jeder Art -- selbst Privatbriefe nicht ausgeschlossen --- mit Sorgfalt und reiflicher Ueberlegung abzufassen. Die Folge -davon ist, daß ich das Briefschreiben hasse, und ich habe noch bei -allen meinen Bekannten, die für Zeitungen und Journale arbeiten, eine -ähnliche Abneigung dagegen gefunden. - -Obige Bemerkungen sollen nur zur Erklärung und zu meiner Entschuldigung -bei allen den Leuten dienen, welche mir über allerlei Angelegenheiten -geschrieben haben, ohne eine Antwort zu erhalten. - -Einmal übers andere habe ich, im guten Glauben, daß es mir gelingen -würde, wirklich versucht ihnen zu antworten. Einiges konnte ich wohl -erledigen, aber unwiderruflich blieb doch die Mehrzahl der in der -letzten Woche eingegangenen Briefe bis zur nächsten liegen. - -Die Folge war dann jedesmal, daß die sich aufhäufenden Briefe zuerst -eine vorwurfsvolle Miene annahmen, dann mir grimmige Blicke zuwarfen, -als wollten sie mir eine Strafpredigt halten, und zuletzt ein so -beleidigendes, unverschämtes Gesicht machten, daß mir die Geduld -ausging. Wenn das geschah, öffnete ich die Ofenthür und statuierte ein -Exempel an ihnen. - -Und siehe da -- sofort war jedes bedrückende Gefühl über -vernachlässigte Pflichten verschwunden und alle meine verlorene -Seelenheiterkeit kehrte zurück. - - - - -Gedankentelegraphie. - - -Es giebt gewisse Begebenheiten im Menschenleben, welche man seit -Anbeginn der Welt für ein Spiel des Zufalls gehalten hat. Erst in -unsern Tagen ist es der Psychologischen Gesellschaft in England -gelungen, der Menschheit klar zu machen, daß, was wir gewöhnlich als -›merkwürdiges Zusammentreffen‹ bezeichnen, keineswegs auf blindem -Zufall beruht, sondern einfach die Wirkung der Botschaft ist, welche -ein Geist dem andern, oft weit über Land und Meer zuschickt. Beispiele -von Gedankentelegraphie kommen viel häufiger vor als man gemeinhin -glaubt und entstehen so wenig aus bloßem Zufall wie Abgang und Ankunft -einer telegraphischen Depesche. - -Ich hatte die Entdeckung schon längst gemacht und meine Erfahrungen -niedergeschrieben; doch konnte ich mich nicht entschließen, sie zu -veröffentlichen, aus Furcht, man möchte für Scherz halten, was im -vollen Ernst gemeint war. Jetzt aber erscheint die Frage in einem ganz -neuen Licht, dank der verdienstlichen und einflußreichen Thätigkeit der -Psychologischen Gesellschaft, und ich brauche mein altes Manuskript, -das aus dem Jahre 1878 stammt, nicht länger im Schreibtisch zu -verwahren: -- -- -- - - * * * * * - -Schon wieder habe ich eins jener kleinen merkwürdigen Erlebnisse -zu verzeichnen, wie sie hie und da jedem Menschen zustoßen. Man -denkt stundenlang darüber nach und bleibt so klug wie zuvor, denn -eine Erklärung sucht man vergebens. Die Sache, welche an sich ganz -unbedeutend aussieht, verhielt sich wie folgt: - -Vor einigen Tagen sagte ich: »Es scheint, Frank Millet weiß gar nicht, -daß wir in Deutschland sind, sonst würde er längst geschrieben haben. -In den letzten sechs Wochen bin ich wohl ein Dutzendmal drauf und dran -gewesen, ein paar Zeilen an ihn zu spedieren, habe aber immer wieder -beschlossen zu warten, da er doch endlich etwas von sich hören lassen -muß. Jetzt schreibe ich aber sofort.« Ich that es, schickte den Brief -nach Paris und dachte bei mir: »Ehe dieser Brief fünfzig Meilen über -Heidelberg hinaus ist, haben wir bereits Nachricht von Frank -- so geht -es ja immer.« - -Und richtig, was ich gesagt hatte traf ein. Es geschieht ja -wunderbarerweise nichts häufiger im Leben, als daß sich Briefe kreuzen; -ob das aber auf einem Zufall beruht, möchte ich bezweifeln. Unser -Vorgefühl, daß sich der Brief, den wir eben an eine Person schreiben, -mit einem von derselben Person an uns gerichteten kreuzen wird, ist oft -schon stark genug gewesen, um uns zu veranlassen, den schriftlichen -Erguß merkwürdig kurz zu fassen, da man seine Zeit nicht unnütz -verschwenden will -- die Briefe kreuzen sich ja doch. Ich habe die -Erfahrung gemacht, daß mich dieses Vorgefühl meistens ergriff, wenn ich -meinen Brief eine ganze Weile verschoben hatte, in der Hoffnung, der -andere würde zuerst schreiben. - -Ich erhielt Millets Brief, der an demselben Tage abgeschickt war -wie der meinige, in Berlin, durch Vermittlung des amerikanischen -Gesandten. Millet schrieb, er habe sich sechs Wochen lang vergeblich -bemüht, jemand aufzutreiben, der ihm meine deutsche Adresse mitteilen -könne, zuletzt sei er auf den Gedanken gekommen, daß man wohl auf -der Gesandtschaft in Berlin wissen würde, wo ich zu finden sei. -- -Vielleicht war es ein Zufall, aber ich glaube es nicht, daß er endlich -in demselben Augenblick zur Feder griff, in welchem ich mich entschloß -an ihn zu schreiben. - -Es giebt für mich nichts Aergerlicheres, als wenn ich in einer -einfachen Geschäftsangelegenheit gewartet und gewartet habe, in der -Hoffnung, der andere werde die Mühe des Schreibens übernehmen und mich -zuletzt doch selbst daran machen muß, noch dazu mit der Ueberzeugung, -daß jener sich mit mir zugleich hinsetzt, um einen Brief zu schreiben, -der sich mit dem meinigen kreuzen wird. Wollte ich die Arbeit aber -verschieben und vom Schreibtisch aufstehen, so würde der andere Mensch -unfehlbar dasselbe thun, genau als wären wir zusammengespannt wie die -siamesischen Zwillinge und genötigt die nämlichen Bewegungen zu machen. - -Einige Monate bevor ich mich auf Reisen begab, hatten Techniker eines -New Yorker Geschäfts eine Arbeit in meinem Hause vorgenommen, die -nicht zu meiner Zufriedenheit ausgefallen war. Ich benachrichtigte -daher die Firma, daß ich die Rechnung erst bezahlen würde, nachdem -die Sache ganz in Ordnung gebracht sei. In der Antwort bat man -mich wegen Geschäftsüberhäufung etwas Geduld zu haben; sobald der -Sachverständige entbehrt werden könne, solle er alles nach Wunsch -erledigen. Ueber zwei Monate wartete ich und ertrug mit Ergebung die -Hausgenossenschaft elektrischer Klingeln, die urplötzlich von selbst -und wie rasend Sturm läuteten, ohne daß jemand sie berührte, und dann -wieder keinen Ton von sich geben wollten, wenn man auch den Knopf wie -mit einem Schmiedehammer bearbeitete. Unzähligemale nahm ich mir vor -zu schreiben, aber immer wieder verschob ich es. Eines Abends endlich -setzte ich mich hin und ergoß meinen Aerger ungefähr eine Seite lang; -plötzlich aber brach ich den Brief kurz ab, denn ein deutliches Gefühl -sagte mir, daß die Firma jetzt auch ein Lebenszeichen von sich geben -werde. Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück erschien, war mein -Brief noch nicht abgegangen, aber der ›elektrische Klingelmann‹ hatte -bereits alles Nötige besorgt und war wieder verschwunden. Am Abend -vorher hatte er von seinem Prinzipal den Auftrag erhalten und war -sogleich mit dem Nachtzug zu uns gefahren. Wenn das auch ein ›Zufall‹ -war, so gehörten ungefähr drei Monate dazu, bis er zustande kam. - - * * * * * - -Letzten Sommer langte ich eines Abends in Washington an, stieg im -Orlington-Hotel ab und ging auf mein Zimmer. Ich las und rauchte -ungefähr bis zehn Uhr und da ich nicht schläfrig war, wollte ich noch -ein wenig frische Luft schnappen. So ging ich denn im Regen hinaus und -wanderte vergnüglich und ziellos umher. Mein Freund O. befand sich -auch gerade in der Stadt und es hätte mich gefreut, wenn wir zufällig -aufeinandergestoßen wären, doch ihn um Mitternacht aufzustöbern, zumal -ich seine Wohnung nicht wußte, lag mir gänzlich fern. Da ich mich in -den öden Straßen verlassen zu fühlen begann, trat ich gegen zwölf Uhr -in einen Zigarrenladen, hielt mich dort eine Viertelstunde auf und -hörte den nationalpolitischen Gesprächen einiger Kunden zu. Plötzlich -ergriff mich der prophetische Geist und ich sprach zu mir selbst: »Wenn -ich jetzt zu dieser Thür hinausgehe, mich links wende und zehn Schritte -mache, werde ich O. gegenüberstehen.« - -Genau so traf es ein. Zwar konnte ich sein Gesicht unter dem -Regenschirm nicht sehen, zumal es ziemlich dunkel war, aber ich -erkannte ihn an der Stimme, als er seinem Begleiter in die Rede fiel, -und rief ihn an. - -Daß ich den Laden verließ und O. begegnete war nichts, aber daß ich -es vorher wußte, war sehr viel. Bei näherer Betrachtung ist es doch -ein höchst merkwürdiges Erlebnis. Ich stand ganz hinten in dem -Zigarrenladen als der Geist der Weissagung über mich kam. Fünf Schritte -bis zur Thür, drei Stufen zum Bürgersteig hinunter, Wendung nach links, -einige weitere Schritte und richtig -- da war mein Mann. Ist es nicht -wunderbar, wie alles zutraf? - -Oft reden wir von einem Abwesenden und kaum haben wir es gethan, -so sehen wir ihn vor uns. Wir lachen dann und sagen: »Wenn man den -Teufel an die Wand malt u. s. w.«; dann denken wir nicht mehr an den -sogenannten ›Zufall‹. Das ist eine recht billige und bequeme Art, über -ein ernstes und schwieriges Rätsel hinwegzukommen, das zu lösen wohl -der Mühe verlohnte. - -Nun komme ich aber auf das Sonderbarste zu sprechen, was ich je erlebt -habe: Vor zwei oder drei Jahren lag ich eines Morgens im Bett und -dachte an nichts Besonderes -- es war am zweiten März -- als plötzlich -eine funkelnagelneue Idee wie eine Bombe auf mich hereingesaust kam -und mit solcher Gewalt explodierte, daß aus der ganzen Umgegend alle -müßigen Betrachtungen zerfetzt und zersplittert davonflogen. Diese Idee -bestand, kurz gesagt, darin, daß jetzt der günstige Augenblick gekommen -sei, ein gewisses Buch, dem das allgemeine Interesse nicht fehlen -konnte, sofort zu schreiben und auf den Markt zu bringen -- ein Buch -über die Silbergruben in Nevada. Die ›Große Bonanza-Mine‹ war damals -ein neues Weltwunder und bildete das Tagesgespräch. - -Die geeignetste Person für diese Arbeit schien mir William Wright, -ein Journalist aus Virginia in Nevada, an dessen Seite ich dort, vor -zwölf Jahren, monatelang als Reporter Zeitungsartikel gekritzelt -hatte. Vielleicht war er noch am Leben, vielleicht war er tot, wer -konnte es wissen, aber jedenfalls wollte ich ihm schreiben. Ich begann -damit, ihm bescheidentlich den Vorschlag zu machen, das bewußte Buch -zu verfassen; im weitern Verlauf wuchs jedoch mein Eifer und ich -ließ mich hinreißen, nach eigenem Ermessen den ganzen Plan des Werkes -zu entwerfen, überzeugt, daß Wright, als guter Freund, meine Absicht -nicht mißdeuten werde. Ich ging sogar auf Einzelheiten ein und besprach -deren Anordnung und Reihenfolge. Eben wollte ich das Manuskript in -einen Umschlag stecken, da fiel mir ein, wie unangenehm es wäre, -wenn das Buch auf meine Veranlassung geschrieben würde und sich dann -kein Verleger fände. Ich behielt daher den Brief einstweilen zurück, -warf ihn in ein Fach und richtete ein paar Zeilen an meinen eigenen -Verleger, den ich um eine geschäftliche Besprechung bat. Der Herr war -jedoch gerade verreist, meine Zuschrift blieb unbeantwortet und nach -einigen Tagen hatte ich die ganze Angelegenheit vergessen. Am neunten -März brachte der Postbote verschiedene Briefe, darunter einen besonders -dicken, dessen Aufschrift eine halbschlummernde Erinnerung in mir zu -wecken schien. Zuerst wußte ich nicht wohin damit, aber bald ging mir -ein Licht auf und ich sagte zu einem Verwandten, der gerade anwesend -war: - -[Illustration] - -»Gieb acht, jetzt will ich ein Wunder thun. Ich werde dir aufs genauste -Inhalt, Datum und Unterschrift dieses Briefes sagen, ohne ihn zu -erbrechen. Er kommt von einem Herrn Wright aus Virginia in Nevada, -und ist vom zweiten März datiert. Wright teilt mir darin sein Vorhaben -mit, ein Buch über die Silberminen zu schreiben und fragt, was ich -als Freund davon denke. Ferner setzt er mir alles Einzelne des Nähern -auseinander und sagt, daß er zum Schluß die Geschichte des ›Großen -Bonanza‹ erzählen wolle.« - -Ich öffnete nun den Brief und bewies, daß meine sämtlichen Angaben -richtig waren. Wrights Brief enthielt in der That genau dasselbe wie -der meinige, der, am nämlichen Datum geschrieben, seit sieben Tagen im -Fach meines Schreibtisches lag. - -Mit Hellseherei, wenigstens wie _ich_ dieselbe verstehe, hatte -dieser Vorfall, glaube ich, nichts zu thun. Ein Hellseher behauptet, -verborgene Schrift wirklich Wort für Wort ablesen zu können. Das war -bei mir nicht der Fall. Ich glaubte nur den Inhalt des Briefes im -einzelnen mit vollkommener Sicherheit zu kennen, aber die Worte mußte -ich selbst finden und gewissermaßen Wrights Ausdrucksweise in die -meinige übersetzen. - -Dies Zusammentreffen aller Umstände konnte doch unmöglich auf Zufall -beruhen. Bei einem Zufall hätte vielleicht einiges gestimmt, aber alles -übrige wäre wesentlich abgewichen. Für mich unterlag es keinem Zweifel --- Wrights Geist hatte am zweiten März über Gebirge und Wüste hinweg, -trotz der Entfernung von dreitausend Meilen, mit dem meinigen in -engster und krystallklarster Verbindung gestanden. Meiner Meinung nach -waren wir nicht beide zugleich auf die ursprüngliche Idee gekommen, -sondern der Geist des einen hatte sie erdacht und sie dem andern -telegraphiert. - -Es reizte mich doch zu wissen, wessen Gehirn das Telegraphieren -übernommen hatte und wer der Empfänger der Depesche gewesen war, so -schrieb ich denn an Wright, um mich darnach zu erkundigen. Seine -Antwort bewies mir, daß Gedanke und Botschaft von _seinem_ Geist -ausgegangen waren und der meinige beides nur aufgenommen hatte. Sein -Buch steckte ihm schon lange im Kopfe; es liegt daher auf der Hand, daß -die erste Idee von ihm und nicht von mir herrührt; der Stoff lag mir -ganz fern und ich war obendrein von andern Dingen vollauf in Anspruch -genommen. Trotzdem vermochte es dieser Freund, an den ich seit elf -Jahren nicht mehr gedacht hatte, mir seine Gedanken aus weiter Ferne in -den Kopf zu blitzen, und zwar mit solchem Nachdruck, daß ich für den -Augenblick kein anderes Interesse mehr kannte. Er hatte den Brief an -mich geschrieben, nachdem seine Arbeit für das Morgenblatt beendet war, -etwas nach drei Uhr. Drei Uhr morgens in Nevada ist ungefähr 6 Uhr in -Hartford, zu welcher Zeit ich, wie erwähnt, im Bette lag und an nichts -Besonderes dachte. Gerade um diese Zeit ergoß sich der Strom seiner -Gedanken über den Kontinent hinweg in mein Gehirn, ich stand auf und -schrieb sie nieder unter dem Eindruck, daß sie ausschließlich von mir -selbst stammten. - -Das ist sehr bedeutungsvoll und kann von der höchsten Wichtigkeit -werden. Man bedenke nur, wie mancher herrliche Originalgedanke einem -so mir nichts dir nichts von einem dreitausend Meilen weit entfernten -Menschen weggestohlen werden kann. Sollte jemand versucht sein, -diese Thatsache anzuzweifeln, so bitte ich nur, einen Blick in das -Konversationslexikon zu werfen und wieder einmal über den sonderbaren -Umstand in der Geschichte der Erfindungen nachzugrübeln, der einem -jeden schon zu denken gegeben hat -- darüber nämlich, daß so häufig -dieselben Maschinen und Apparate gleichzeitig von mehreren Personen in -verschiedenen Weltteilen erfunden worden sind. Es liegt nicht außer -dem Bereich der Möglichkeit, daß die Erfinder sich, ohne es zu wollen, -gegenseitig ihre Ideen fortstehlen, obgleich sie viel tausend Meilen -von einander getrennt sind. - -Gewöhnlich erklärt man zwar dies Gedankenzusammentreffen daraus, daß -große und bedeutsame Entdeckungen sich immer auf Fragen beziehen, mit -welchen die hervorragendsten Geister sich bereits lange und eingehend -beschäftigt haben. Als Beispiele solcher zugleich von verschiedenen -Seiten gewonnener Errungenschaften auf wissenschaftlichem Gebiet -führt man unter andern die Erfindung der Differentialrechnung an, -die Entdeckung des Planeten Neptun, die Entzifferung der egyptischen -Hieroglyphen, die Aufstellung der Vibrationstheorie des Lichts, die -Erfindung des elektrischen Telegraphen und der Spektralanalyse. -Aber vielleicht ist in jedem der angegebenen Fälle die Idee in -dem Geist eines _einzigen_ Gelehrten entsprungen, der sie weiter -telegraphiert hat. Schon seit einem Jahrhundert hatten die Astronomen -jene Aberrationen beobachtet, die endlich Leverrier auf die Vermutung -brachten, daß sich im unermeßlichen Raum ein Planet verbergen müsse, -welcher der Urheber jener Störungen sei. Wie ging es nun aber zu, -daß drei durch weite Entfernung von einander getrennte Menschen, -Leverrier, Mrs. Somerville und Adams auf einmal zu gleicher Zeit -anfingen, sich mit den Aberrationen abzuquälen und alles daran zu -setzen, um ausfindig zu machen, was wohl die Ursache derselben sein -könne? -- Das sonderbare Unternehmen, einen unsichtbaren Planeten zu -messen, zu wägen, seine Bahn zu berechnen, ihm förmlich nachzujagen -und ihn endlich einzufangen, an das noch niemand zuvor gedacht hatte, -konnte nur in dem Kopf eines einzigen Astronomen entsprungen und durch -Gedankentelegraphie den andern Geistern übermittelt worden sein. - - * * * * * - -Letzten Frühling kam ein litterarischer Freund von fern her, um -mich zu besuchen. Im Lauf des Gesprächs erzählte er mir, es sei ihm -eine vollständig neue Idee aufgegangen, wie sie sicherlich in der -Litteratur noch nicht dagewesen wäre, und teilte mir dieselbe mit. -Darauf überreichte ich ihm ein Manuskript, welches ich vor acht -Tagen geschrieben hatte, mit dem Bedeuten, daß er darin seine Idee -der Hauptsache nach getreulich wiedergegeben finden würde. Schon seit -dem vergangenen November beschäftigte dieser Gedanke mein Gehirn -- -in das seinige geriet er aber erst vor acht Tagen, während ich das -Schriftstück abfaßte. Da er seine Idee noch nicht zu Papier gebracht -hatte, überließ er mir nun liebenswürdigerweise alle Rechte und Titel -des Erfinders. - -Mich haben die spiritistischen Vorstellungen und Geisterkundgebungen, -bei denen ich zugegen war, nie im geringsten überzeugen können, was -jedoch nicht viel sagen will, da meine Erfahrungen auf diesem Felde -nur oberflächlich sind. Daß aber der Geist eines noch -- im Fleisch -wandelnden -- Menschen mit einem andern Menschengeist verkehren kann, -selbst wenn beide durch große Entfernungen getrennt sind, glaube ich -fest. Ja, es ist nicht einmal erforderlich, vorher auf künstliche -Weise einen ›sympathetischen Zustand‹ zu erzeugen, durch welchen -die Gedankentelegraphie vermittelt würde. Nach meiner Ueberzeugung -findet die geistige Wechselwirkung überhaupt nur statt, wenn ein -sympathetischer Zustand vorhanden ist; ich halte es aber nicht für -unmöglich, daß bei ununterbrochenem sympathetischem Zustand auch der -Gedankenverkehr ins Unbegrenzte fortgesetzt werden könnte. - -Wir alle haben es wohl schon erlebt, daß plötzlich eine Reihe von -Gedanken und Empfindungen auf uns einstürmten, die wir ganz auf -dieselbe Weise bereits in einem frühern Dasein durchgemacht zu haben -glauben. Ein unheimliches Gefühl! -- Zwar ist ein früheres Dasein nicht -unmöglich, aber dadurch wird dieses spukhafte Geheimnis keineswegs -erklärt. Seine Erklärung liegt vielmehr darin, daß ein Fremder aus -weiter Ferne uns seine Gedanken ins Bewußtsein telegraphiert, bis ein -Gegenstrom oder irgend ein anderes Hindernis plötzlich die Verbindung -unterbricht. Vielleicht scheint es uns etwas früher Erlebtes, weil -es das schon Erlebte eines andern ist, das wir nur aus zweiter Hand -übernehmen. Ob Herr Brown, der berühmte Gedankenleser, wirklich die -Gedanken anderer liest, weiß ich nicht, -- aber _das_ weiß ich, daß -_ich_ sie schon gelesen habe, und warum sollte es da Herr Brown nicht -auch thun können! - - * * * * * - -Vorstehendes schrieb ich vor drei Jahren in Heidelberg und legte das -Manuskript beiseite mit der Absicht, bei Gelegenheit neue Beispiele der -Gedankentelegraphie, die mir vorkommen würden, hinzuzufügen. Inzwischen -hat sich das ›Briefkreuzen‹ so unzähligemale wiederholt, daß es anfängt -eintönig zu werden. Ich habe mir aber eine Lehre daraus gezogen: wenn -ich jetzt die Lust verliere zu warten, ob es jemand, von dem ich gern -Nachricht hätte, endlich gefällig sein wird zur Feder zu greifen, -so zwinge ich ihn dazu, indem ich mich hinsetze und meinerseits an -_ihn_ schreibe. Dann zerreiße ich meinen Brief in guter Ruhe; ihn -abzuschicken ist unnötig, das _Schreiben_ allein genügt vollständig, um -den säumigen Freund zum Entschluß zu bringen. - -Nachdem wir Heidelberg verlassen hatten, hielten wir uns eine Zeitlang -in Venedig auf. Eines Tages fuhr ich in einer Gondel den großen Kanal -hinab, als ich einen lauten Zuruf hinter mir hörte und mich umblickte; -eine Gondel folgte der meinigen und der Gondelier machte heftige -Zeichen, ich solle anhalten. Als das Boot herankam, erblickte ich -darin eine amerikanische Dame, die sich seit längerer Zeit in Venedig -aufhielt. - -»Sie müssen mir helfen,« sagte sie in großer Aufregung, als ihre Gondel -neben der meinigen angelegt hatte. »Im Britannia-Hotel ist vor einer -Woche ein Herr aus New York mit seiner Frau abgestiegen. Sie erwarteten -Nachrichten von ihrem Sohn vorzufinden, von dem sie seit acht Monaten -nichts gehört haben. Leider war ihre Hoffnung vergebens, die Dame -liegt nun krank, sie ist in Verzweiflung und ihr Mann kann weder -essen noch schlafen. Der Sohn ist vor acht Monaten in San Francisco -angekommen und hat seine Ankunft den Eltern sofort brieflich angezeigt. -Das ist die letzte Spur von ihm. Die Eltern sind inzwischen in Europa -ruhelos von Ort zu Ort gezogen, die ganze Reise ist ihnen verdorben -und sie haben Briefe nach allen Himmelsgegenden geschrieben in der -Hoffnung, Nachrichten über das Verbleiben ihres Sohnes zu erhalten, -dessen Schweigen noch immer unaufgeklärt ist. - -»Nun will der Herr es mit einem Kabeltelegramm versuchen. Er will nach -San Francisco telegraphieren, hat sich aber bis jetzt noch nicht dazu -entschließen können, aus Furcht vor was? -- ohne Zweifel aus Furcht, -die Todesnachricht seines Sohnes zu erhalten. Er verlangt jetzt von -mir, daß ich die Depesche abschicke, aber das _kann_ ich nicht, denn, -wenn keine Rückantwort erfolgte -- es wäre der Tod der armen Mutter. In -meiner Angst bin ich Ihnen nachgefahren. Sie müssen mir beistehen, den -Mann zu überreden noch einige Wochen geduldig zu warten, der Aufschub -ist vielleicht die Rettung seiner Frau. Kommen Sie, wir dürfen keine -Zeit verlieren.« - -Ich that ihr den Willen, aber auf _meine_ Weise. Als ich dem Herrn -vorgestellt war, sagte ich: »In dergleichen Dingen habe ich meinen -besonderen Aberglauben, der aber wohl beachtet zu werden verdient. -Wenn Sie sofort nach San Francisco telegraphieren, werden Sie binnen -vierundzwanzig Stunden Nachricht erhalten, vielleicht nicht gerade von -dort, aber jedenfalls irgendwoher. Telegraphieren Sie nur schnell, das -ist alles was nötig ist. Die Nachricht wird in vierundzwanzig Stunden -eintreffen, einerlei, ob Sie das Telegramm nach Peking schicken oder -sonstwohin. Die Verzögerung ist nur dadurch entstanden, daß Sie Ihr -Telegramm nicht sofort abgehen ließen, als Sie zuerst Neigung dazu -verspürten.« - -Wie thöricht es auch erscheinen mag, der Mann ließ sich wahrhaftig -von dem Unsinn beeinflussen; er erheiterte sich sichtlich, schickte -die Depesche ab und als am nächsten Tage ein langer Brief von dem -verlorenen Sohn ankam, war er mir so dankbar, als hätte mein Rat -wirklich die Ankunft des Briefes beschleunigt. Der Sohn hatte von -San Francisco aus eine Reise im Segelschiff angetreten und erst nach -Monaten in dem ersten Hafen, den er berührte, Gelegenheit gefunden, den -Eltern Nachricht zu geben. - -Dies Beispiel hat wenig Bedeutung und beweist nichts; _ich_ erwähne es -nur um zu zeigen, wie sehr das ewige Briefkreuzen meinen Aberglauben -inzwischen verstärkt hatte. Ich war so fest davon überzeugt, daß -ein irgendwohin gerichtetes Kabeltelegramm sich mit den ersehnten -Nachrichten kreuzen würde, daß meine Zuversicht sogar einen -Hoffnungslosen aufzurichten und zu ermutigen vermochte. - -Ich lasse hier einige Beispiele von absoluter Gedankentelegraphie -folgen: - -An einem Montagmorgen, als die Postsachen hereingebracht wurden, sagte -ich, auf einen der Briefe deutend, zu meinem Freunde: »Ich will dir -angeben, was dieser Brief enthält, ohne ihn zu öffnen. Er kommt von -Frau X., welche schreibt, daß sie letzten Sonnabend in New York gewesen -ist und die Absicht gehabt hat, mit dem Nachmittagszug einen Abstecher -zu machen, um uns zu überraschen, im letzten Augenblick sich aber -anders besonnen habe und nach Hause gefahren sei.« - -Alle Einzelheiten stimmten genau. Und doch hatten wir vorher nicht -im mindesten daran gedacht, daß Frau X. nach New York kommen und -beabsichtigen würde, uns zu besuchen. - - * * * * * - -Ich rauche ziemlich stark, ja -- ich gestehe es -- fast ohne -Unterbrechung. Daher versuche ich seit sieben Jahren, eine Schachtel -mit Streichhölzchen hinter einem Bild auf dem Kaminsims immer bereit -zu haben. Leider blieb es aber bei dem Versuch, denn George, mein -schwarzer Diener, der Feuer und Gas anzuzünden hat, brauchte dazu -immer _meine_ Streichhölzchen, ohne daß ihm je einfiel, sie wieder an -ihren Platz zu stellen. Sieben Jahre lang gingen Befehle und Bitten -spurlos an ihm vorüber. Letzten Sommer nun kehrten wir nach einer -mehrmonatlichen Abwesenheit nach Hause zurück und beim Eintreten sage -ich zu einem Familiengliede: - -»Nach so langen Ferien und gänzlichem Mangel an Unterbrechungen -- --« - -»Ich kann den Satz für dich beenden,« fiel mein Hausgenosse ein. - -»Nun, so thue es,« antwortete ich. - -»Sollte doch George endlich gelernt haben, meine Streichhölzchen in -Ruhe zu lassen!« - -[Illustration] - -Es stimmte ganz genau. Gerade das hatte ich sagen wollen. Und doch -hatte ich seit drei Monaten nicht an George und die Streichhölzchen -gedacht, auch gab der Anfang meines Satzes sicherlich nicht den -geringsten Aufschluß über das, was folgen sollte. - -Dergleichen Vorkommnisse würden mich vor einigen Jahren noch in -Erstaunen gesetzt haben, aber jetzt überraschen sie mich nicht mehr. -Ich weiß ja nun, daß _ein_ Geist auf das innigste mit dem _andern_ -verkehren kann, ohne das unbeholfene und beschwerliche Medium der -Sprache. - -Unser Zeitalter scheint sich in Erfindungen beinahe erschöpft zu -haben, aber _eine_ wichtige Frage bleibt ihm noch zu lösen: -- die -Erfindung des Phrenophons, das heißt, einer Methode, nach welcher -die Gedankenwechselwirkung mit Sicherheit geleitet und in ein System -gebracht werden kann. Der Telegraph und das Telephon fangen an für -unsere Bedürfnisse zu langsam und wortreich zu arbeiten. Uns genügt -nur, daß der Gedanke selbst, aus beliebiger Entfernung, unmittelbar -mit Blitzesschnelle in unser Gehirn verpflanzt wird; wenn wir ihn -dann durchaus noch in Worte kleiden müssen, so kann ja dieses leidige -Geschäft später mit Muße geschehen. Das gewisse Etwas, welches den -Gedanken durch die Luft von Gehirn zu Gehirn leitet, ist ohne Zweifel -eine zartere und empfindlichere Form der Elektrizität, und es handelt -sich nur darum, auf welche Weise man sie binden und dienstbar machen -kann, ähnlich wie dies mit dem elektrischen Strom geschehen ist. Vor -Erfindung des Telegraphen hätte man alle mit diesem verwandten Wunder -für unausführbar gehalten, eins so gut wie das andere. - -Ich möchte darauf wetten, daß, während ich diese Gedanken zu Papier -bringe, irgend jemand auf der andern Hälfte der Erdkugel dasselbe -schreibt. Ob aber _ich_ den Betreffenden anrege oder _er_ mich, läßt -sich nicht bestimmen. - - - - -Prinzenverehrung. - - -Bei meinem Besuche des Bayreuther Theaters bemerkte ich mit -Verwunderung, daß, während die Menge hereinströmte, jeder einzelne -sich umwandte und begierig nach einer Art offenen Galerie hinblickte, -auf welcher die fürstlichen Personen Platz genommen hatten. Viele von -den Zuschauern schienen dabei förmlich vor Entzücken zu erstarren und -konnten sich nicht wieder losreißen. - -Ob bei diesem Wohlgefallen an einem Prinzen Neid oder Verehrung -vorherrscht, weiß ich nicht, jedenfalls ist es eine Mischung von -beiden. Auch wird der Hunger und Durst nach dem Anblick eines Fürsten -nicht durch einmalige Betrachtung gestillt, nein, er bleibt unwandelbar -derselbe. Vielleicht erklärt sich diese Erscheinung aus der Freude, -welche der Mensch an einem Wertgegenstand hat, den er gewinnt, ohne -ihn zu erwerben. Der Thaler, den du zufällig findest, freut dich -mehr als die neunundneunzig, die dir Mühe und Arbeit gekostet haben, -und der Gewinn im Pharo oder an der Börse thut deinem Herzen ganz -besonders wohl. -- Ein Prinz findet umsonst, schon in der Wiege, Macht, -Ansehen, freie Zeit, unentgeltliche Verpflegung, aus reinem Zufall, -weil er als Prinz geboren ist; deshalb schaut die kummervolle Armut -und Niedrigkeit zu ihm auf, wie zu einer monumentalen Verkörperung -des Glücks. Und dann -- o größter Vorzug -- kein anderes Glück auf -Erden ist so fest gegründet wie das seine. Der Millionär kann über -Nacht zum Bettler werden, der große Staatsmann einen Fehler begehen, -man läßt ihn fallen und er wird vergessen. Der berühmte General kann -eine entscheidende Schlacht verlieren und verliert dabei zugleich sein -Ansehen bei den Menschen. Aber _bist_ du ein Prinz, so _bleibst_ du ein -Prinz, das heißt ein Halbgott; weder Unglück noch Niederträchtigkeit, -weder ein hohler Kopf noch sonstige Eseleien können dich deiner Hoheit -entkleiden. In der Huldigung der Menschen, mag sie verdient sein oder -unverdient, besteht nach einmütigem Beschluß aller Nationen und aller -Zeiten das höchste Gut auf Erden; folglich ist die Stellung eines -Prinzen die wünschenswerteste unter der Sonne. - -Natürlich sind in _unsern_ Augen Fürstlichkeiten nicht das, was -sie dem Europäer gelten. Wir sind nicht dazu erzogen einen Prinzen -zu vergöttern; es würde uns genügen, ihn _einmal_ recht gründlich -anzuschauen, dann wäre unsere Neugier befriedigt; das nächstemal würden -wir ihm schon gleichgültiger begegnen und trachten, einen neuen zu -Gesicht zu bekommen. Nicht so der Europäer; ihm bleibt derselbe Prinz -immer neu und interessant, er veraltet nie. - - * * * * * - -An einem häßlichen, nebligen, naßkalten Dezembertag vor achtzehn -Jahren war ich einmal in London und begab mich in das Haus eines -Engländers, um, wie verabredet, seiner Frau und der verheirateten -Tochter einen Besuch abzustatten. Ich mußte eine halbe Stunde warten, -dann kamen die Damen halb erfroren angegangen und erzählten, daß ein -unerwarteter Umstand sie aufgehalten habe. Während sie am Marlborough -House vorübergingen, sahen sie, wie sich eine Volksmenge versammelte, -und man sagte ihnen, der Prinz von Wales sei im Begriff auszufahren; -sie blieben also stehen und warteten. Nachdem sie eine halbe Stunde auf -dem Bürgersteig gestanden hatten und vom Frost ganz erstarrt waren, -erfuhren sie, daß der Prinz von Wales sich anders besonnen habe, und -gingen betrübt nach Hause. Das überraschte mich sehr. - -»Ist es denn möglich,« fragte ich ganz erstaunt, »daß Sie alle die -Jahre in London leben und den Prinzen von Wales noch nicht gesehen -haben?« - -Aber siehe, nun war das Erstaunen auf _ihrer_ Seite. - -»Was für eine Idee!« riefen sie. »Natürlich haben wir ihn schon -hundertmal gesehen!« - -Sie hatten ihn schon hundertmal gesehen und doch eine halbe Stunde in -bitterer Kälte und Dunkelheit auf ihn gewartet, eingekeilt in einem -Haufen ebensolcher Narren, um ihn _noch_ einmal zu sehen! -- Ich traute -meinen Ohren kaum, aber was eine Engländerin sagt, muß man glauben, mag -es noch so unwahrscheinlich klingen. Es wurde mir schwer eine passende -Erwiderung zu finden, endlich verfiel ich auf folgende: - -»Mir ist das ganz unbegreiflich. Selbst wenn ich den General Grant -_nie_ gesehen hätte, würde ich schwerlich solche Opfer bringen, um mir -seinen Anblick zu verschaffen.« - -Die verständnislosen Gesichter der Damen verrieten mir, daß der Sinn -des Vergleichs ihnen gänzlich dunkel war. Endlich sagten sie gelassen: - -»Das versteht sich von selbst -- er ist ja nur ein Präsident!« - -Es steht also unumstößlich fest, daß nur ein Prinz von unvergänglichem, -unerschöpflichem Interesse ist. Der General, den kein Feind besiegt -hat, der General, der nie einen Kriegsrat brauchte, der einzige -General, der eine Schlachtlinie befehligte, welche ununterbrochen -zwölfhundert Meilen lang war, der Schmied, der die getrennten Teile -unserer Republik zusammengeschweißt hat und sie so fest gefügt, daß -sie voraussichtlich alle Monarchieen der Welt überdauern wird -- der -war in ihren Augen schließlich nur ein Mensch. Ihr Prinz dagegen war -weit mehr, nämlich ein Wesen aus ganz anderm Stoff, hoch erhaben -über dem gewöhnlichen Sterblichen, den er überstrahlt wie die ewigen -Sterne am Firmament unsere armseligen Talglichter, welche qualmen und -verlöschen, von denen nichts zurückbleibt, als ein Häufchen Asche und -ein schlechter Geruch. - -[Illustration] - - - - -Die 1000000 Pfund-Note. - - -Mit siebenundzwanzig Jahren nahm ich in San Francisco eine Stellung auf -dem Kontor eines Minenmaklers ein und hatte mir dabei eine gründliche -Kenntnis dieses Geschäftszweiges erworben. Ich stand allein auf der -Welt, nichts nannte ich mein eigen als meinen gesunden Verstand und -einen fleckenlosen Ruf, und diese beiden Güter hatten sich mir bisher -als kräftige Stützen auf meinem Wege zum Glück erwiesen, frohen Mutes -schaute ich also in die Zukunft. - -Sonnabends hatte ich den Nachmittag für mich und brachte diese freie -Zeit meist auf dem Wasser zu, indem ich mich in einem kleinen Segelboot -in der Bucht herum tummelte. Eines Tages wagte ich mich zu weit hinaus -und wurde in die offene See getrieben. Schon brach die Nacht herein, -meine letzte Hoffnung begann zu schwinden, da nahm mich eine kleine -Brigg, die auf ihrem Weg nach London vorüber segelte, an Bord. - -Sie hatte eine lange, stürmische Fahrt, und ich mußte das Reisegeld als -gemeiner Matrose abdienen. In zerlumpten, abgeschabten Kleidern stieg -ich in London ans Land, einen einzigen Dollar in der Tasche. Dafür -verschaffte ich mir Nahrung und Obdach für die ersten vierundzwanzig -Stunden. Die folgenden vierundzwanzig dagegen verbrachte ich ohne diese -schätzenswerten irdischen Güter. - -Am folgenden Morgen schleppte ich mich, müde und hungrig, -- es mochte -etwa zehn Uhr sein -- an Portland-Place vorüber, als ein Kind, das an -der Hand seiner Wärterin des Weges kam, eine köstliche große Birne, -die es eben erst angebissen hatte, in den Rinnstein fallen ließ. Ich -machte natürlich sofort Halt und heftete meinen begehrlichen Blick auf -diesen schmutztriefenden Schatz. Der Mund wässerte mir, mein Magen -bäumte sich, jede Faser an mir lechzte darnach. Aber so oft ich Miene -machte nach der Birne zu greifen, bemerkte jedesmal das Auge eines -Vorübergehenden mein Vorhaben; natürlich richtete ich mich dann stets -wieder kerzengerade auf und nahm eine gleichgiltige Miene an, als hätte -ich überhaupt niemals im entferntesten an diese Birne gedacht. So ging -es immer und immer wieder, und ich konnte ihrer nicht habhaft werden. -Meine Verzweiflung hatte bereits einen solchen Grad erreicht, daß ich -allem Schamgefühl zum Trotz im Begriffe war, die Birne aufzuheben. Da -ging hinter mir ein Fenster auf und ein Herr richtete die Worte an mich: - -»Bitte, kommen Sie hier herein.« - -[Illustration] - -Ein reich galonnierter Lakai ließ mich ein und führte mich in ein -kostbar eingerichtetes Zimmer, in welchem zwei ältliche Herren saßen. -Nachdem sie den Diener weggeschickt, forderten sie mich auf, Platz -zu nehmen. Sie waren eben erst mit ihrem Frühstück fertig geworden, -und der Anblick seiner Ueberreste ging fast über meine Kräfte. Ich -vermochte kaum meine fünf Sinne zusammenzuhalten, während ich diese -Herrlichkeiten da vor mir stehen sah; da man mich jedoch nicht -aufforderte, davon zu kosten, so mußte ich mich in meine Lage fügen so -gut es ging. - -Der Vorgang, der sich hier kurz zuvor abgespielt hatte, blieb mir -selbst zwar noch geraume Zeit völlig unbekannt, dem Leser dagegen will -ich ihn gleich jetzt mitteilen. Die beiden Brüder hatten am Tage vorher -einen ziemlich heftigen Disput gehabt, den sie ganz nach Landessitte -schließlich in Form einer Wette beilegten. - -Die Bank von England hatte seinerzeit einmal bei Gelegenheit eines -Geschäftes, das die Regierung mit einer auswärtigen Macht abschloß, -eigens nur zu diesem Zwecke zwei Noten von je einer Million Pfund -Sterling ausgegeben. Aus irgend einem Grunde war nur die eine der -beiden Noten hiebei gebraucht und dann entwertet worden, während die -andere noch in den Gewölben der Bank lag. Nun waren die beiden Brüder -im Laufe des Gesprächs ganz zufällig auf die Erörterung der Frage -gekommen: wie es wohl einem durchaus ehrlichen und gescheiten Fremden -ergehen würde, der in London auftauchte, ohne dort einen Menschen -zu kennen, zugleich ohne allen weiteren Geldbesitz außer dieser -Millionenbanknote und endlich ohne die Möglichkeit, sich über deren -Erwerb auszuweisen? Bruder A. behauptete, der Betreffende müsse einfach -Hungers sterben, während Bruder B. durchaus entgegengesetzter Meinung -war. Bruder A. machte geltend, der Besitzer der Note könnte ja die -Note weder bei der Bank noch sonst wo anbringen, ohne auf der Stelle -festgenommen zu werden. In dieser Weise stritten sie so lange hin und -her, bis Bruder B. sich schließlich bereit erklärte, zwanzigtausend -Pfund darauf zu wetten, daß der Fremde dreißig Tage lang _unfehlbar_ -von der Millionennote leben könne und zwar ohne ins Gefängnis zu -kommen. Bruder A. nahm die Wette an, worauf Bruder B. sich ohne Verzug -nach der Bank begab und die Note kaufte. Echt englisch, wie man sieht: -geradeswegs forsch aufs Ziel los! Er ließ sodann von einem seiner -Angestellten einen Brief in schöner Rundschrift dazu ausfertigen, -und nun warteten die beiden Brüder am Fenster einen ganzen Tag lang -auf einen Vorübergehenden, der darnach aussähe, als käme bei ihm das -inhaltschwere Schriftstück in die richtigen Hände. - -Es kamen viele ehrliche Gesichter vorüber, die aber nicht gescheit -genug aussahen; ebensoviele, bei denen das Umgekehrte der Fall war, -viele wiederum, bei denen beides zutraf; aber diese waren dann entweder -nicht arm genug oder, wenn auch dieses stimmte, doch keine Fremden. -Stets hatte die Sache irgend einen Haken, bis ich auftauchte. Bei -mir hatten beide sofort den Eindruck, daß sämtliche Erfordernisse in -vollem Umfang erfüllt seien; die Wahl war demnach einstimmig auf mich -gefallen, und da saß ich nun und harrte der Eröffnung, wozu man mich -eigentlich hereingerufen habe. Zuvörderst hatte ich ein eingehendes -Examen über meine persönlichen Verhältnisse zu bestehen, infolgedessen -sie bald genug mit meiner ganzen Geschichte bekannt waren; das Ergebnis -war: ich sei ganz der richtige Mann für ihr Vorhaben. Ich erwiderte, -das sei mir höchst erfreulich, ich bäte nur, mir sagen zu wollen, -worin dieses bestehe. Hierauf behändigte mir der eine der Beiden einen -verschlossenen Briefumschlag mit dem Bemerken, darin sei die Erklärung -enthalten. Ich wollte den Umschlag ohne weiteres öffnen, allein er -ließ dies nicht zu; ich solle denselben nur mit nach Hause nehmen, -den Inhalt aufmerksam ansehen und dann mit vollem Bedacht und ruhiger -Ueberlegung handeln. Einigermaßen verdutzt meinte ich, es wäre mir -doch lieber, wenn die Sache etwas genauer erörtert werden könnte, sie -ließen sich jedoch nicht darauf ein; so verabschiedete ich mich denn, -tief gekränkt über den schlechten Scherz, den man sich offenbar mit mir -erlaubt hatte, und voll Grimm über meine dermalige Lage, in der ich mir -diesen Schimpf von so reichen und mächtigen Leuten ganz ruhig mußte -gefallen lassen. - -Die Birne hätte ich jetzt unfehlbar aufgehoben und vor aller Welt -verzehrt, aber sie war nicht mehr da. Also auch um sie hatte mich -die unselige Geschichte gebracht! Diese Vorstellung war nicht dazu -angethan, mich den beiden alten Herren gegenüber sanfter zu stimmen. -Sobald ich aus der Sehweite des Hauses war, öffnete ich den Umschlag. -Ich erblickte eine Banknote! Nun erschienen mir die Herren natürlich -auf einmal in ganz anderem Lichte. Ohne mich einen Augenblick zu -besinnen, schob ich den Brief samt dem Geld in die Westentasche und -lief spornstreichs nach der nächsten billigen Speisewirtschaft. Nun, -wie ich da einhieb, das mußte man sehen! Als schließlich nichts mehr -in mich hineinging, nahm ich die Note aus der Tasche und faltete sie -auseinander. Beim ersten Blick darauf wäre ich beinahe in Ohnmacht -gefallen. Fünf Millionen Dollars!! Mir wirbelte der Kopf bei der bloßen -Vorstellung. - -Eine volle Minute dauerte es, bis ich aus der Betäubung, in welche -mich der Anblick der Note versetzte, heraus und wieder ordentlich -zu mir kam. Das erste, was mir nun ins Auge fiel, war der Wirt. Wie -versteinert stand er da, starr den Blick auf die Banknote gerichtet. -Es sah aus, als sei er vor lauter Verzückung nicht mehr imstande ein -Glied zu rühren. Augenblicklich hatte ich den Entschluß gefaßt, der bei -dieser Sachlage der einzig vernünftige war. Ich streckte ihm die Note -hin und sagte dabei in ganz unbefangenem Tone: - -»Bitte, wollen Sie mir herausgeben.« - -Diese Anrede gab ihm sein geistiges Gleichgewicht wieder. Er erschöpfte -sich in Entschuldigungen, daß er nicht imstande sei die Note zu -wechseln, und wollte sie um keinen Preis annehmen. Nur anschauen wollte -er sie, immer wieder anschauen; es war, als könnte er sich nicht -satt daran sehen; vor ihrer Berührung dagegen scheute er zurück, als -wäre es ein geweihter Gegenstand, viel zu heilig für die Hände eines -Sterblichen. - -[Illustration] - -»Es thut mir leid, wenn ich Ihnen Mühe mache,« begann ich wieder, -»allein ich muß darauf beharren, daß Sie mir auf die Note herausgeben, -ich habe kein Geld sonst.« - -Das mache ganz und gar nichts, versetzte er, er lasse diese -unbedeutende Zeche ganz gern bis zum nächstenmal stehen. Ich erwiderte, -es könne lange dauern, bis ich wieder bei ihm vorbei komme; allein er -versicherte abermals, das habe nichts auf sich, er könne wohl warten, -ich könne überhaupt zu jeder Zeit bei ihm haben was ich wolle und den -Betrag dafür stehen lassen, so lange es mir beliebe. Ich werde doch -nicht von ihm glauben, daß er einem so reichen Herrn wie ich, bloß -deshalb kein Vertrauen schenke, weil ich ein lustiger Kauz sei, der -zum Ulk gerne in geringer Kleidung unter die Leute gehe. Unterdessen -hatten sich weitere Gäste eingefunden; auch jetzt gab er mir noch -durch Zeichen zu verstehen, ich solle das Ungetüm doch nur wieder -einstecken; und als ich fortging, machte er einen Bückling um den -andern hinter mir drein bis zur Thür. Ich machte mich schnurstracks -wieder auf den Weg nach der Wohnung des Brüderpaars, um die Leutchen -von der vorgekommenen Verwechslung in Kenntnis zu setzen, ehe ich durch -polizeiliche Nachforschungen hiezu veranlaßt würde. Es war mir gar -nicht recht wohl bei der Sache, ja, ich hatte eigentlich ganz gehörig -Angst, obwohl mich natürlich durchaus keine Schuld traf. Aber ich -kannte die Welt und wußte nur zu wohl, daß, wenn jemand aus Versehen -einem Bettler statt einer Einpfundnote eine Millionenbanknote giebt, -er unfehlbar in eine gräßliche Wut auf den armen Teufel gerät, anstatt -sich für seine Kurzsichtigkeit nach Gebühr an der eigenen Nase zu -fassen. Als ich in die Nähe des Hauses kam, begann sich meine Aufregung -etwas zu legen, denn da war alles still und ruhig. -- Offenbar war der -Streich noch nicht entdeckt worden. Ich klingelte. Derselbe Bediente -wie das erstemal erschien wieder. Ich fragte nach den beiden Herrn. - -»Sie sind fort,« erwiderte er in dem hochmütigen, kalten Ton, den -seinesgleichen meist an sich haben. - -»Fort? Wohin?« - -»Verreist.« - -»In welcher Richtung?« - -»Wahrscheinlich nach dem Kontinent.« - -»Dem Kontinent?« - -»Jawohl.« - -»Welchen Weg haben sie eingeschlagen?« - -»Kann ich nicht sagen.« - -»Wann kommen sie denn zurück?« - -»In einem Monat, wie sie sagten.« - -»In einem Monat! Ach, das ist ja schrecklich! Geben Sie mir doch nur -irgend einen noch so entfernten Anhaltspunkt, wie ich ihnen ein Wort -zukommen lassen kann. Es ist von der allerhöchsten Wichtigkeit.« - -»Kann ich wirklich nicht. Ich habe keine Ahnung, wohin sie gereist -sind.« - -»Dann muß ich irgend ein Angehöriges der Familie sprechen.« - -»Die Familie ist ebenfalls fort, auf Reisen schon seit Monaten -- in -Aegypten, Indien, glaube ich.« - -»Mann, es ist ein ungeheures Versehen vorgekommen. Noch vor Nacht -kommen die Herren gewiß zurück. Wollen Sie ihnen dann sagen, ich sei -dagewesen und werde so lange immer wieder kommen, bis die Sache in -Ordnung sei. Sie dürften also ganz unbesorgt sein.« - -»Ich will es ihnen sagen, falls sie zurückkommen, aber ich erwarte sie -nicht zurück. Die Herren sagten, daß Sie schon in einer Stunde wieder -erscheinen würden, um nachzufragen. Ich solle Ihnen aber nur sagen, es -sei alles in Ordnung, sie würden schon zur rechten Zeit zurück sein und -Sie erwarten.« - -Nun mußte ich mein Vorhaben freilich aufgeben und wieder fortgehen. --- Dieses unergründliche Rätsel! Mir war, als müßte ich den Verstand -darüber verlieren. Sie würden »zu rechter Zeit zurück sein.« Was konnte -das zu bedeuten haben? O, in dem Briefe würde ich vielleicht Aufklärung -darüber finden. Den hatte ich ganz vergessen. Ich zog ihn aus der -Tasche und las ihn durch. Er lautete: - -»Gescheit und ehrlich sind Sie, das sieht man Ihnen am Gesichte an. -Wie wir weiter annehmen dürfen, sind Sie außerdem mittellos und fremd. -Inliegend finden Sie einen Geldbetrag, der zu einem unverzinslichen -Darlehen für Sie auf die Dauer von dreißig Tagen bestimmt ist. Nach -Verlauf dieser Zeit sprechen Sie wieder hier vor. Ich habe eine Wette -auf Sie gemacht. Gewinne ich sie, so sollen Sie jede beliebige Stellung -erhalten, die ich zu vergeben habe -- d. h. vorausgesetzt natürlich, -das solche Ihrer bisherigen Thätigkeit entspricht und daß Sie die -Fähigkeit besitzen, sie auszufüllen.« - --- Keine Unterschrift, keine Adresse, kein Datum. -- - -Nun, da steckte ich in einer netten Klemme. Der Leser kennt ja die -Vorgeschichte des Falles, ich selbst dagegen hatte keine Ahnung davon. -Für mich war das Ganze lediglich ein unergründliches, dunkles Rätsel. -Ich hatte nicht die entfernteste Vorstellung, um was es sich bei der -Sache handelte und ob es dabei gut oder schlecht mit mir gemeint war. -In einer öffentlichen Anlage ließ ich mich auf einer Bank nieder, um -hier die Sache gründlich zu überdenken und mich über mein ferneres -Verhalten schlüssig zu machen. - -[Illustration] - -Nach Verlauf einer Stunde hatte bei mir an der Hand meiner Erwägungen -die folgende Auffassung endgiltige Gestalt gewonnen: Ob es die beiden -Herren gut mit mir meinen oder schlecht, ist eine Frage, die ich nicht -zu ergründen vermag, -- also: ruhig zusehen. Es handelt sich dabei -um einen Scherz, eine Idee oder ein Experiment irgend welcher Art, -worüber ich ebensowenig ins klare kommen kann, -- also wiederum ruhig -zusehen. Man ist auf mich eine Wette eingegangen, deren Gegenstand -ich unmöglich zu erraten imstande bin -- also abermals ruhig zusehen. -Damit wären die unfaßbaren Größen abgethan; die übrigen in Betracht -kommenden Faktoren sind dagegen sämtlich greifbarer, reeller Art und -lassen sich ganz genau zum voraus bestimmen und berechnen. Wenn ich -bei der Bank von England darum nachsuche, die Note dem Eigentümer auf -Rechnung zu stellen, so wird man allerdings meinem Antrage nachkommen, -denn dort kennt man ja seinen Namen, wenn auch ich ihn nicht weiß; -aber dann wird man mich weiter fragen, wie ich in den Besitz der Note -komme? Sage ich die Wahrheit, so sperrt man mich selbstredend in -ein Irrenhaus, lüge ich dagegen, so erhalte ich Quartier in Numero -Sicher. Genau ebenso würde es mir ergehen, falls ich versuchen wollte, -die Note irgendwo sonst einzulösen oder Geld darauf aufzunehmen. -Ich _muß_ diese unerträgliche Last mit mir herumschleppen, bis jene -Herren zurückkommen, ob ich will, oder nicht. Sie ist ohne allen Wert -für mich, so wertlos wie eine Hand voll Asche, und doch muß ich sie -aufs sorgfältigste behüten und bewahren, während ich dabei auf fremde -Mildthätigkeit angewiesen bin, um mein Leben zu fristen. Nicht einmal -verschenken könnte ich die Note, wenn ich wollte; denn kein ehrlicher -Bürger, ja selbst nicht der gemeinste Straßenräuber würde sie annehmen -oder das geringste damit zu thun haben wollen. Das Bruderpaar ist in -jedem Falle vollkommen gedeckt, -- selbst wenn ich die Note verliere -oder verbrenne; denn im ersten Falle brauchen sie nur Zahlungssperre zu -veranlassen, im zweiten dagegen ersetzt ihnen die Bank den vollen Wert. -Ich dagegen muß inzwischen einen ganzen Monat voll unerhörter Qualen -durchmachen, ohne im geringsten Entgelt oder Lohn dafür zu erhalten, -- -wofern ich nicht jene Wette gewinnen helfe, sie mag sich nun beziehen -worauf sie wolle, und dafür die mir zugesagte Stellung erhalte. Ja -freilich, wenn ich _die_ bekäme! -- So große Herren haben oft Pöstchen -zu vergeben, nach denen man sich die Finger leckt. - -Von dem Gedanken an diesen Posten konnte ich mich nun nicht mehr -losreißen. Ich begann, mich mit hochfliegenden Hoffnungen zu tragen. -Zweifelsohne war ein glänzender Gehalt damit verbunden, der mit -nächstem Monat beginnen mußte, und damit war ich ja dann wieder völlig -flott. Diese frohen Aussichten versetzten mich rasch in eine sehr -gehobene Stimmung, obwohl ich vorläufig noch immer ziellos in den -Straßen umherirrte. Als ich an einem Kleiderladen vorbei kam, erfaßte -mich das sehnlichste Verlangen, meine Lumpen abzuwerfen und mich wieder -einmal anständig zu kleiden. Konnte ich mir das leisten? Nein, denn -ich besaß wohl eine Millionenpfundnote, aber sonst nichts auf der -Welt. So zwang ich mich denn, an dem Laden vorüberzugehen. Aber bald -stand ich wieder davor. Die Versuchung war zu grausam; gewiß sechsmal -ging ich bis an den Laden hin und wieder fort, während ich heldenmütig -gegen sie ankämpfte. Aber schließlich gab ich mich überwunden -- ich -konnte nicht anders. Ich fragte nach einem verschnittenen Anzug, der -ihnen vielleicht liegen geblieben sei. Der Bedienstete, an den ich mich -gewendet hatte, nickte nur stumm einem andern zu. Als ich auf diesen -zuging, wies er mich in gleicher Weise an einen dritten, der mir nun -zurief: - -»Werde Sie sogleich bedienen!« - -Ich wartete, bis er mit seinem augenblicklichen Geschäfte fertig war, -dann führte er mich in ein Hinterzimmer, wo er aus einem ganzen Haufen -verschnittener Anzüge den schlechtesten für mich heraussuchte. Ich zog -ihn an. Er paßte nicht, war auch durchaus nicht hübsch, dagegen war -er völlig neu und somit für mich höchst begehrenswert. Ich hatte also -nichts daran auszusetzen und bemerkte in etwas unsicherem Tone: - -»Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie einige Tage auf den Betrag warten -könnten. Ich habe kein kleines Geld bei mir.« - -Der Kerl nahm eine unverschämt spöttische Miene an und erwiderte: - -»Ach, wirklich! Nun, das habe ich mir gleich gedacht. Herren wie Sie, -haben gewöhnlich nur große Scheine in der Tasche.« - -Aergerlich über diese Unverschämtheit versetzte ich: - -»Lieber Freund, Sie müssen jemand, den Sie nicht kennen, nicht immer -nach den Kleidern beurteilen, die er trägt; ich bin wirklich ganz -wohl imstande, den Anzug zu bezahlen. Ich wollte Ihnen nur die Mühe -ersparen, eine große Note zu wechseln.« - -Darauf milderte er seinen Ton ein wenig und erwiderte, immer noch -ziemlich von oben herab: - -»Ich wollte Ihnen ja nicht zu nahe treten; aber wenn wir uns denn doch -einmal gegenseitig die Wahrheit sagen, so finde ich es nicht gerade -am Platze, daß Sie sich daran zu zweifeln erlauben, ob wir auf eine -Banknote, die Sie bei sich tragen, auch herausgeben können. Wir geben -auf _jede_ heraus.« - -»O, das ist etwas anderes; dann bitte ich um Vergebung,« erwiderte -ich und reichte ihm die Note hinüber. Mit einem Lächeln nahm er sie -entgegen, mit jener Art von Lächeln, die das ganze Gesicht mit einem -System von Falten, Runzeln und Schlangenlinien überzieht, wie die -Ringe auf einer Wasserfläche, wenn man einen Stein hineingeworfen -hat. Als er aber den Blick auf die Note gleiten ließ, wurde dieses -Lächeln plötzlich zu Stein und nahm eine graugelbe Farbe an, so daß es -aussah, wie die Lavastücke, die man zu wellenförmig gewundenen Gebilden -erstarrt an den Abhängen des Vesuv findet. Das war das erstemal -in meinem Leben, daß vor meinen Augen ein Lächeln so vollkommen -unverändert stehen blieb. Immer noch stand der Mensch, die Note in der -Hand, mit demselben Ausdruck da, bis endlich der Prinzipal herbeigeeilt -kam, um zu sehen, was denn sei. - -»Nun, was giebt's?« fragte er, »was ist los? wo fehlt's?« - -»Es giebt gar nichts,« versetzte ich, »ich warte nur auf mein -Kleingeld.« - -»So geben Sie ihm doch heraus, White, frisch vorwärts!« - -»Herausgeben!« rief der Commis, der nun auch wieder zum Leben erwachte, -»das ist leicht gesagt; sehen Sie nur erst die Note einmal an!« - -Der Prinzipal warf einen Blick darauf, dann pfiff er in vielsagender -Weise halblaut durch die Zähne und machte sich über den Haufen -verschnittener Anzüge her, indem er sie fortwährend von einer Seite -zur andern warf. Dabei machte er seiner Aufregung durch folgendes -Selbstgespräch Luft: - -»Einem exzentrischen Millionär einen solch unsagbar scheußlichen Anzug -zu verkaufen! White ist ein Narr, ein geborener Narr. Immerfort macht -er solche Streiche. So oft ein Millionär in den Laden kommt, treibt er -ihn mir wieder hinaus, weil er es in seinem ganzen Leben noch nicht -so weit gebracht hat, daß er einen Millionär von einem Bettler zu -unterscheiden imstande ist. So, da hab' ich, was ich suchte,« wandte -er sich nun an mich. »Bitte, legen Sie doch das Zeug da wieder ab und -werfen Sie es ins Feuer. Thun Sie mir den Gefallen und ziehen Sie dafür -dieses Hemd an und diesen Anzug hier. Das ist das einzig Richtige, -das einzig Wahre -- einfach und doch reich, wahrhaft fürstlich und -doch nicht im mindesten auffallend. Wurde für eine ausländische -Fürstlichkeit eigens angefertigt; der Besteller konnte es aber nicht -brauchen und mußte einen Traueranzug dagegen nehmen, weil man meinte, -seine Mutter liege im Sterben -- und dann starb sie nicht. Aber das ist -Nebensache, es geht eben nicht immer wie wir eh, eh -- das heißt wie -man -- Da! die Hosen sind ganz recht, sitzen Ihnen wunderbar. Jetzt -die Weste. Aha, ebenfalls vorzüglich! Jetzt den Rock! -- Guter Gott, -schauen Sie nur her, großartig, unübertrefflich! das Vollkommenste, was -je aus meinem Geschäfte hervorgegangen ist.« - -[Illustration] - -Ich konnte nicht umhin, meiner Befriedigung Ausdruck zu geben. - -»O gewiß, gewiß. Für einen fertigen Anzug paßt er ja ganz gut, das muß -ich selber sagen. Aber warten Sie nur, was wir Ihnen erst nach Maß -liefern werden. Vorwärts, White, Buch und Feder, aber rasch!« Dann -fing er an: »Beinlänge 32,« und so fort. Ehe ich eine Silbe dagegen -vorzubringen vermochte, hatte er mir das Maß zu Gesellschaftsanzügen, -Morgenanzügen und allem möglichen sonst genommen. Als ich endlich zu -Worte kommen konnte, sagte ich: - -»Aber, mein werter Herr, ich kann das alles _unmöglich_ bestellen, wenn -Sie nicht mit der Bezahlung auf unbestimmte Zeit warten oder die Note -wechseln können.« - -»Auf unbestimmte Zeit! Das will ja gar nichts heißen, gar nichts. In -alle Ewigkeit -- so müssen Sie sagen. White, lassen Sie die Sachen -schleunigst anfertigen und dem Herrn dann unverzüglich in die Wohnung -schicken. Die kleineren Kunden mögen warten. Notieren Sie die Adresse -des Herrn.« - -»Ich bin eben im Umzug begriffen; ich komme dann wieder herüber und -gebe Ihnen meine neue Adresse,« warf ich ein. - -»Ganz schön, ganz schön. Nur einen Augenblick, bitte, dann werde ich -Sie zur Thür geleiten. So, hier -- habe die Ehre, mich Ihnen bestens zu -empfehlen!« - -Nun, so mußte es ja wohl kommen, nicht wahr? Auf dem allernatürlichsten -Wege war ich bald dahin gelangt, daß ich überall einfach verlangte, -was ich haben wollte und dann beim Bezahlen mit meiner Millionennote -vorrückte. Noch bevor eine Woche um war, wohnte ich kostbar -eingerichtet im größten Luxus und von aller Bequemlichkeit umgeben in -einem teuren Privathotel in Hanover Square. Hier nahm ich auch das -Diner ein, zum Frühstück dagegen suchte ich regelmäßig die kleine -Speisewirtschaft auf, in der mir meine Millionennote zu meinem ersten -Mahl verholfen hatte. Die Wirtschaft gelangte durch mich zu ungeahnter -Blüte. Allenthalben sprach man davon, daß der fremde Kauz, der die -Millionen nur in der Westentasche herumtrage, ihr seine Gönnerschaft -zuwende. Dies genügte, um aus dem armseligen, elenden Ding, das -mit Mühe sein Dasein fristete, ein berühmtes, stets überfülltes -Lokal zu machen. In seiner Dankbarkeit drängte mir der Wirt ein -Darlehen nach dem andern auf und ließ schlechterdings keine Weigerung -gelten, so daß ich trotz meiner Bettelarmut im Gelde schwamm und ein -wahres Herrenleben führte. Dabei sagte ich mir wohl, daß ich einem -unvermeidlichen Krach entgegengehe; aber nun war es einmal so weit -gekommen und jetzt hieß es, mit dem Strome schwimmen oder untergehen. -Man sieht, ohne dieses Vorgefühl eines drohenden Unheils würde meine -Lage einfach lächerlich erschienen sein; aber so erhielt sie dadurch -eine sehr ernste, nüchterne Seite, ja geradezu einen tragischen -Zug. Nachts im Finstern drängte sich dieses Gefühl besonders in den -Vordergrund, warnend und drohend, so daß ich mich seufzend auf meinem -Lager herumwarf, und nur mit Mühe Schlaf finden konnte. Aber im frohen -Schimmer des Tageslichts war dieser tragische Zug immer sehr bald -wieder verflogen und dann schwebte ich in höheren Regionen und wiegte -mich in einem wahren Taumel, in einem förmlichen Rausche des Glücks. - -Und das war auch ganz natürlich. War ich doch zu einer der -Merkwürdigkeiten der größten Stadt der Welt geworden. Das war mir -denn zu Kopfe gestiegen, und zwar nicht etwa nur so ein klein wenig, -sondern ganz gehörig. Keine Zeitung im ganzen Vereinigten Königreich -konnte man mehr zur Hand nehmen, ohne auf einen oder mehrere Artikel -über den ›Mann mit der Million in der Westentasche‹ und auf Berichte -über das Neueste, was er gesagt und gethan, zu stoßen. Zuerst waren -diese Notizen am Fuße der Personalnachrichten erschienen, bald aber -kam ich über die Ritter, dann über die Baronets und so immer höher -hinauf, je berühmter ich wurde, bis ich schließlich den höchsten für -mich möglichen Ehrenplatz einnahm, auf dem mir nur noch Prinzen von -königlichem Geblüt und der Primas von ganz England vorgingen. Aber, -wohl gemerkt, das war noch kein wahrer Ruhm, was ich bis jetzt besaß, -nur Berühmtheit; da kam ein Knalleffekt, der mit einem Schlage das -vergängliche Blech der Berühmtheit in das gediegene Gold des Ruhmes -verwandelte: im ›Punch‹ erschien eine Karikatur von mir. Ja, jetzt -war ich ein gemachter Mann; jetzt war mir mein Rang gesichert. Witze -durfte man nun wohl noch über mich machen, aber nur ganz respektvolle, -keine spöttischen oder rohen mehr. Man konnte über mich lächeln; -auslachen dagegen durfte man mich nicht mehr. Diese Zeiten waren -vorüber. Der ›Punch‹ bildete mich ab wie ich ganz in Lumpen gehüllt mit -einem wohlgenährten Protzen um den Londoner Tower würfelte. Nun, man -kann sich einbilden, wie das auf einen jungen Menschen wirken mußte, -um den sich bisher kein Mensch gekümmert hatte, wenn er sah, daß er -kein Wort mehr sagen konnte, ohne daß es aufgeschnappt und von allen -Lippen wiederholt wurde; wenn er überall, wo er sich sehen ließ, die -Bemerkungen von Mund zu Mund fliegen hörte: »da geht er«; »das ist -er«; wenn er sein Frühstück nicht einnehmen konnte, ohne dabei von -einer gaffenden Zuschauermenge umlagert zu werden und sich in keiner -Opernloge zeigen durfte, ohne augenblicklich einem Kreuzfeuer von -tausend Gläsern ausgesetzt zu sein. Kurz und gut -- ich schaukelte mich -den ganzen Tag auf einem wahren Ozean von Ruhm. - -Ich hatte sogar meinen zerlumpten Anzug behalten und ging ab und zu -darin aus, um das Vergnügen wieder einmal durchzukosten, mich beim -Einkauf irgend einer Kleinigkeit beleidigen zu lassen und dann den -Unverschämten mit meiner Millionennote niederzuschmettern. Aber lange -konnte ich das nicht fortführen. Aus den illustrierten Zeitungen war -meine Erscheinung so allgemein bekannt, daß ich mich in diesem Aufzuge -stets augenblicklich erkannt und von einer Menschenmenge verfolgt -sah; und sobald ich Miene machte, etwas kaufen zu wollen, bot mir der -Geschäftsinhaber seinen ganzen Laden auf Kredit an, noch ehe ich dazu -kommen konnte, meine Note auf ihn los zu lassen. - -Etwa zehn Tage, nachdem ich zu dieser Berühmtheit gelangt war, dachte -ich daran, meiner patriotischen Pflicht nachzukommen, indem ich dem -amerikanischen Gesandten meine Aufwartung machte. Er empfing mich mit -dem meinem Falle angemessenen Entzücken, machte mir Vorwürfe, daß ich -die Erfüllung dieser meiner Pflicht so lange habe anstehen lassen und -erklärte mir, nur dadurch könne ich mir seine Vergebung erkaufen, daß -ich bei einer am Abend in seinem Hause stattfindenden Gesellschaft -den Platz eines durch Krankheit verhinderten Gastes einnehme. Ich -sagte zu, und wir kamen allmählich tiefer ins Gespräch. Dabei stellte -sich heraus, daß er mit meinem Vater auf einer Schulbank gesessen und -später zusammen mit demselben im Yale College studiert und bis zu -meines Vaters Tode Freundschaft mit ihm unterhalten hatte. So lud er -mich denn ein, jede freie Stunde in seinem Hause zu verbringen, was -ich natürlich mit Freuden annahm. Genauer gesagt war mir das mehr als -angenehm, es war mir vom höchsten Werte. Bei Eintritt des Krachs war er -doch vielleicht imstande, mich vor gänzlichem Untergang zu bewahren. -Ich konnte mir zwar nicht recht vorstellen, wie das zugehen sollte; -allein ich dachte, er würde vielleicht schon einen Weg dazu finden. -Für eine Generalbeichte, die ich ihm zu Anfang meines entsetzlichen -hiesigen Daseins ohne weiteres abgelegt haben würde, war es bereits -zu spät. Nein, das konnte ich nicht mehr riskieren, ich steckte schon -zu tief drinnen; das heißt wenigstens so tief, daß es nicht geraten -schien, einem Bekannten so neuen Datums genauere Mitteilungen darüber -zu machen, wenn sich auch in meinen eigenen Augen die Sache noch nicht -so hoffnungslos ausnahm. Denn bei meiner ganzen Borgwirtschaft hielt -ich mich höchst sorgfältig innerhalb der Grenzen meiner Mittel -- das -heißt meines zukünftigen Gehaltes. Bestimmt _wissen_ konnte ich ja -natürlich nicht, wieviel derselbe betragen würde, aber eine genügende -Grundlage für dessen annähernde Schätzung war doch dadurch gegeben, daß -mir der alte Herr die freie Wahl unter sämtlichen Stellungen lassen -wollte, die er zu vergeben hätte, vorausgesetzt, daß ich dazu befähigt -wäre -- und das war doch sicher der Fall, darüber hegte ich keinen -Zweifel. Die Wette machte mir auch weiter keine Sorge; in _dem_ Punkte -hatte ich stets Glück gehabt. Nun, ich schätzte also meinen Gehalt -auf sechshundert bis tausend Pfund im Jahre; sagen wir sechshundert -fürs erste Jahr und dann so Jahr für Jahr mehr, bis ich es durch meine -Leistungen auf tausend gebracht hätte. Meine Schulden erreichten bis -jetzt nur die Höhe meines ersten Jahresgehalts. Von allen Seiten hatte -man mir Geld angeboten, allein ich hatte diese Darlehen meist unter -irgend einem Vorwand zurückgewiesen; so beliefen sich meine daher -stammenden Schulden auf nicht mehr als dreihundert Pfund, während -ich die andern dreihundert zur Bestreitung meines Unterhalts und zu -Einkäufen gebraucht hatte. Mit dem Gehalt des zweiten Jahres hoffte ich -nun bei der nötigen Vorsicht und Sparsamkeit vollends bis zum Ende des -Monats zu reichen, und daran wollte ich es gewiß nicht fehlen lassen. -War dann mein Monat erst herum und mein Gönner von der Reise zurück, -dann war ja alles wieder im schönsten Geleise; dann gedachte ich, -einfach Anweisungen auf die beiden ersten Jahresgehalte unter meine -Gläubiger zu verteilen und mich tüchtig an die Arbeit zu machen. - -Es war eine sehr angenehme Tischgesellschaft von vierzehn Personen: -Herzog und Herzogin von S. mit Tochter, Earl und Counteß N., Viscount -C., Lord und Lady G., einige Menschenkinder beiderlei Geschlechts -ohne Rang und Titel, der Gesandte nebst Gemahlin und Tochter, sowie -eine zu Besuch bei der letzteren befindliche junge Engländerin von -zweiundzwanzig Jahren, Namens Portia Langham, in welche ich mich im -Lauf von zwei Minuten bereits verliebt hatte, ebenso wie sie sich in -mich -- was ich bemerken konnte, ohne eine Brille dazu nötig zu haben. -Dann war noch ein Gast da, ein Amerikaner. -- Doch, ich eile meiner -Erzählung etwas voraus. Während die Gesellschaft noch in sehnsüchtiger -Erwartung des Mahles im Salon beisammen saß und die Zuspätkommenden mit -kalter Verachtung musterte, meldete der Diener: »Mr. Lloyd Hastings.« - -Dieser neue Gast faßte, sobald die Förmlichkeiten der Begrüßung vorüber -waren, mich ins Auge und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu; in -dem Augenblick aber, wo er die meinige fassen und schütteln wollte, -stockte er plötzlich und sagte mit verlegener Miene: - -»Ich bitte sehr um Vergebung, ich glaubte Sie zu kennen.« - -»Nun, du kennst mich auch, alter Junge.« - -»Nein! Bist _du_ der -- das --« - -»Das große Westentaschentier? Jawohl, gewiß. Du darfst mich getrost bei -meinem Spottnamen nennen, ich bin schon daran gewöhnt.« - -»Na, na, na, diese Ueberraschung! Ein oder zweimal war mir dein -Name in Verbindung mit dieser Bezeichnung zu Gesicht gekommen, -aber es kam mir nie dabei in den Sinn, daß du der fragliche Henry -Adams sein könntest. Es ist doch noch kein halbes Jahr her, daß du -in San Francisco auf Hopkins' Kontor gebüffelt und um dir einen -Nebenverdienst zu verschaffen, ganze Nächte lang mit mir an der -Ordnung und Richtigstellung der Bücher und Geschäftsberichte der -Gould- und Curry-Extension-Gruben gearbeitet hast. Und jetzt soll ich -mir vorstellen, daß du hier in London als vielfacher Millionär und -kolossale Berühmtheit herumläufst! Es ist ja das reinste Märchen aus -Tausend und eine Nacht. Mensch, ich kann es gar nicht fassen, nicht -begreifen -- laß mich nur erst wieder etwas zu mir kommen.« - -»Wahrhaftig, Lloyd, es geht mir kein Haar besser als dir. Es ist mir -selbst unfaßlich.« - -»Bei Gott, wirklich ganz unerhört! Heute ist es gerade drei Monate her, -daß wir zusammen nach dem Miners-Restaurant gingen.« -- - -»Nein, nach dem What-Cheer.« - -»Richtig, jawohl, nach dem What-Cheer. Da ließen wir uns um zwei Uhr -morgens ein Kotelett und eine Tasse Kaffee geben, nachdem wir sechs -Stunden zusammen über den Büchern der Extension geschwitzt hatten. -Damals wollte ich dich überreden, mit mir nach London zu kommen und -machte mich verbindlich, dir Urlaub auszuwirken und dich völlig frei zu -halten, versprach dir auch noch etwas extra für den Fall, daß es mir -gelänge, die Kuxe an den Mann zu bringen. Aber da wolltest du nichts -von der Sache wissen. Du meintest, dabei komme doch nichts heraus, und -du könntest doch nicht aufs Ungewisse deine ganze Stellung aufgeben, um -dann vielleicht nach Jahr und Tag wieder von vorne anfangen zu müssen. -Und nun bist du doch hier. Welch eine merkwürdige Geschichte ist das -doch! Was hat dich denn hierher verschlagen, und wodurch in aller Welt -hast du dich so kolossal heraufgebracht?« - -»Ach, das kam ganz zufällig. Es ist eine lange Geschichte -- ein ganzer -Roman kann man sagen. Ich erzähle dir alles, aber nicht jetzt.« - -»Wann denn?« - -»Ende dieses Monats.« - -»Das sind ja noch über vierzehn Tage. Das heißt doch der menschlichen -Neugierde zuviel zumuten. Sage lieber, in einer Woche.« - -»Das geht nicht. Den Grund wirst du schon noch erfahren. Nun, wie steht -es denn mit den Geschäften?« - -Mit einemmal war der heitere Ausdruck in seinen Mienen wie weggeblasen, -und mit einem Seufzer erwiderte er: »Du hattest ganz recht mit deiner -Prophezeiung, ganz recht. Wäre ich doch nicht hierher gekommen. Ich mag -gar nicht davon reden.« - -»Doch, doch. Wenn wir hier fertig sind, mußt du mit mir nach Hause -kommen und mir alles erzählen.« - -»Wie? Darf ich? Ist das dein Ernst?« Dabei wurden ihm die Augen feucht. - -»Jawohl, ich will die ganze Geschichte hören, Wort für Wort.« - -»Ach, wie beglückt bin ich, daß ich endlich wieder bei einem -menschlichen Wesen in Blick und Wort einem Interesse für meine -Angelegenheiten begegnen darf nach allem, was ich durchgemacht habe. -Lieber Gott! Auf den Knieen möchte ich dir dafür danken!« - -Mit einem warmen Druck meiner Hand sprang er auf und sah in -fröhlichster Stimmung der Mahlzeit entgegen -- aus der jedoch -nichts wurde. Nein, es ging wie es stets geht bei der verkehrten, -widerwärtigen englischen Sitte -- man war nicht imstande, sich über die -Rangordnung zu einigen und so gab es keine Mahlzeit. Wenn ein Engländer -zum Diner eingeladen wird, so ißt er sich jedesmal zu Hause satt, ein -Fremder dagegen, der von keiner Seite gewarnt wird, geht ahnungslos in -die Falle. Diesmal freilich kam niemand zu Schaden, wir hatten alle -bereits zu Hause gespeist, dem einzigen Neuling unter uns, Hastings, -hatte der Gesandte gleich bei der Einladung gesagt, daß er getreu dem -Landesbrauche für ein Gastmahl keine Vorsorge habe treffen lassen. -Trotzdem setzte man sich nun, um den Schein zu wahren, ein jeder Herr -mit einer Dame am Arm, nach dem Speisesaal in Bewegung; allein dabei -ging der Streit bereits an. Der Herzog beanspruchte den Vortritt sowie -den Platz oben an der Tafel, indem er einem Gesandten, der nur ein -Volk, nicht einen Monarchen vertrete, an Rang vorgehe. Dem gegenüber -machte ich meine Rechte geltend, ohne einen Fußbreit nachzugeben. Die -Zeitungen wiesen mir im Personalbericht den Platz vor allen Herzögen -an, die nicht dem königlichen Hause angehörten, demnach sei es ganz -in der Ordnung, daß mir vor _diesem_ Herzog der Vorrang gebühre. Mit -allem Hin- und Herreden, worin wir unser Möglichstes leisteten, kam -die Sache natürlich nicht zum Austrag. Endlich war mein Gegner so -unbedachtsam, Geburt und Ahnen ins Feld zu führen; da übertrumpfte ich -ihn jedoch mit dem Hinweis darauf, daß ich, wie schon mein Name zeige, -in gerader Linie von Adam abstamme, während aus dem seinigen zusammen -mit seiner normännischen Abkunft klar hervorgehe, daß er nur in der -Seitenlinie mit dem Stammvater des Menschengeschlechts verwandt sei. So -bewegte sich denn der Zug nach dem Salon zurück, wo wir, gruppenweise -herumstehend, eine bescheidene Erfrischung -- bestehend in einem Teller -voll Sardinen und ein paar Erdbeeren -- einnahmen. Dabei wurde es mit -der Heiligkeit der Rangordnung etwas weniger streng genommen; die -beiden Höchststehenden loosten miteinander, indem sie ein Geldstück -in die Luft warfen. Der Gewinner machte sich darauf zuerst über seine -Erdbeeren her, während der Verlierende den Schilling einsteckte. So -ging es dann weiter, bei allen nach der Reihe. Nach der Erfrischung -brachte man Spieltische und wir spielten sämtlich Cribbage, um sechs -Pence die Partie. In England spielt man nämlich niemals zum bloßen -Vergnügen. Man will durchaus gewinnen oder verlieren -- ob das eine -oder das andere, ist gleichgiltig -- sonst verzichtet man lieber ganz. - -Der Abend verfloß allerliebst, wenigstens uns beiden, Miß Langham -und mir. Ich war so bezaubert von dem holden Geschöpf, daß ich nicht -imstande war, meine Trümpfe zu zählen, wenn es über zwei Sequenzen -hinaus ging; und wenn ich einen Stich gemacht hatte, übersah ich es -jedesmal und fing wieder an auszuspielen, sodaß ich eine Partie um -die andere verloren haben würde, wäre es meiner Partnerin nicht genau -ebenso gegangen. So war es ganz natürlich, daß keins von uns beiden -aufkam, das fiel uns aber nicht im mindesten auf, wir wußten nur, daß -wir glücklich waren, und weiter wollten wir auch nichts wissen und -hatten nur den Wunsch, in diesem Gefühl nicht gestört zu sein. - -Ich erklärte ihr sogar -- wirklich in allem Ernste -- ich _erklärte_ -ihr, daß ich sie liebe, und sie -- nun sie wurde wohl rot bis unter die -Haare, hatte aber nichts dagegen -- und sagte dies auch. O, es war -der schönste Abend meines Lebens! Jedesmal, so oft ich ansagte, oder -meine Trümpfe zählte, fügte ich als Postskript bei: »Gott, wie reizend -Sie sind!« oder etwas Aehnliches, wofür sie mir dann bei der gleichen -Gelegenheit die Empfangsbestätigung erteilte, indem sie zum Schluß -anhängte: »Finden Sie das wirklich?« Und dabei ließ sie einen so süßen, -schelmischen Blick unter ihren langen Wimpern auf mich blitzen. O, es -war wirklich zu -- herrlich! - -[Illustration] - -Ich benahm mich übrigens vollständig offen und ehrlich dem Mädchen -gegenüber. Ich sagte ihr, daß ich nichts auf der Welt besäße, als eben -die eine Millionennote, von der sie schon so viel gehört habe, und daß -selbst diese nicht mein Eigentum sei. Dies erregte ihre Neugier, und -darauf hin erzählte ich ihr halblaut die ganze Geschichte frisch von -der Leber weg. Sie wollte sich darüber fast totlachen. Was sie dabei -so lächerlich fand, war mir ein Rätsel, aber so war es nun einmal. -Jede halbe Minute erregte irgend ein Umstand ihre Lachlust aufs neue, -sodaß ich ihr wieder anderthalb Minuten Zeit zum Atemschöpfen lassen -mußte. Sie lachte sich buchstäblich lahm; noch nie war mir so etwas -vorgekommen. Daß eine traurige Geschichte -- eine Geschichte, die von -nichts anderem handelt als von den Leiden, Kümmernissen und Sorgen -eines Menschen -- eine solche Wirkung hervorbrachte, war doch unerhört. -Und doch hatte ich sie nur um so lieber dafür, daß sie so heiter zu -sein wußte, wo eigentlich gar kein Grund zur Heiterkeit vorlag; sah es -doch ganz darnach aus, als könnte ich eine derartige Frau demnächst -recht notwendig brauchen. Ich eröffnete ihr natürlich, daß wir wohl -ein paar Jahre würden warten müssen, bis ich in Genuß meines Gehaltes -käme; hieraus machte sie sich aber nichts und ermahnte mich nur zur -größten Sparsamkeit, damit nicht auch noch mein dritter Jahresgehalt -angegriffen werden müsse. Dann wurde sie auf einmal besorgt und -meinte, ob wir mit unseren Vermutungen über den Betrag meines ersten -Jahresgehalts nicht doch am Ende die Rechnung ohne den Wirt machten. - -Diese nur zu wohl begründete Bemerkung brachte zwar mein Vertrauen in -die Zukunft einigermaßen ins Wanken, dafür gab sie mir aber auch einen -guten, praktischen Gedanken ein, den ich sofort frischweg aussprach: -»Portia, mein Schatz, würde es dir etwas ausmachen, mich zu den alten -Herren zu begleiten, wenn ich mich ihnen wieder vorstellen muß?« - -Sie erschrak ein wenig, sagte aber: »N -- un, wenn meine Begleitung -dazu beitragen kann, dir Mut zu machen. Aber ist es denn auch ganz -passend, was meinst du?« - -»Das wohl schwerlich, oder eigentlich nicht; aber sieh', es hängt so -unendlich viel davon ab, daß --« - -»Dann gehe ich unter allen Umständen mit, ob passend oder nicht!« -erwiderte sie mit edler Begeisterung, die ihr herrlich stand. »O, der -Gedanke macht mich so glücklich, etwas für dich thun zu können.« - -»Etwas, mein Herz? Alles thust du, ganz allein. Du bist so schön, so -lieblich, so bezaubernd, daß, wenn ich dich zur Seite habe, die guten -alten Herren uns ohne Widerrede jeden beliebigen Gehalt bewilligen -müssen, und sollten sie darüber zu Bettlern werden.« - -Ha, nun mußte man sehen, wie ihr das Blut voll in die Wangen strömte -und ihre Augen in Glück erstrahlten! - -»Du böser Schmeichler! Das ist ja alles nicht wahr, was du da sagst, -aber mit gehe ich doch. Vielleicht wird es dir bei der Gelegenheit -klar, daß andere Leute mich mit andern Augen betrachten als du.« - -Hegte ich nun noch Zweifel? War mein Vertrauen noch erschüttert? Es -wird wohl genügen, wenn ich sage, daß ich bei mir selbst in aller -Stille meinen Gehalt unverzüglich auf zwölfhundert Pfund im Jahr -erhöhte. Ich sagte ihr aber davon nichts; das sparte ich mir zu einer -Ueberraschung für später auf. - -Auf dem ganzen Wege nach meiner Wohnung schwebte ich in höheren -Regionen und hörte kein Wort von allem, was Hastings an mich hinsprach. -Erst, als wir zu Hause anlangten und Hastings sich beim Eintritt in -meinen Salon in begeisterten Lobsprüchen auf meine reiche und bequeme -Einrichtung erging, kam ich wieder zu mir. - -»Erst lasse mich einen Augenblick hier stehen bleiben,« rief er, »damit -ich mich satt sehen kann! Guter Gott, das ist ja ein Palast, der -leibhaftige Palast! Und da fehlt nichts, bis zum behaglichen Kaminfeuer -und dem Abendbrot. Henry, hier kommt man nicht nur zum Bewußtsein, -wie reich du bist, nein, hier fühle ich auch im tiefsten Innern, wie -arm ich bin, wie arm und wie elend, wie geschlagen, gebrochen, und -vernichtet!« - -Hol's der Henker! Seine Worte wirkten auf mich wie ein kaltes Sturzbad. -Mit einem Schlage war ich völlig ernüchtert und zu dem Bewußtsein -erwacht, daß ich auf einem Vulkan stehe, der jeden Augenblick -ausbrechen konnte. Ich hatte ja nicht gewußt, oder vielmehr, ich hatte -eine kurze Zeit selbst nicht eingestehen wollen, daß alles nur ein -Traum sei; aber jetzt, -- guter Himmel! Tief in Schulden, ohne einen -Heller Geld, eines holden Mädchens Lebensglück an mein Schicksal -gekettet und dabei nichts vor mir als die Aussicht auf einen Gehalt, -die sich vielleicht -- ach nein, gewiß -- nie verwirklichen sollte. O, -ich bin verloren, rettungslos verloren! -- - -»Henry, was bei deinem Einkommen jeden Tag nur so nebenbei abfällt, -würde, --« - -»Ach, mein tägliches Einkommen! Da steht ein heißer Punsch, damit -vertreibe dir die trüben Gedanken. Profit! Oder nein, warte, du bist -hungrig; komm, setze dich und --« - -»Nein, keinen Bissen; ich bringe nichts mehr hinunter; ich kann schon -ein paar Tage lang nichts mehr essen. Aber trinken will ich mit dir, -bis ich nicht mehr stehen kann. Komm!« -- - -»Da thue ich mit, so lang du willst! Also, frisch drauf los! Lasse -jetzt deine Geschichte vom Stapel, während ich den Punsch braue.« - -»Meine Geschichte? Wie? Noch einmal?« - -»Noch einmal? Wie meinst du das?« - -»Nun, ich meine, ob du die Geschichte zum zweitenmal von vorne anhören -willst.« - -»Ob ich sie zum zweitenmal von vorne anhören will! Na, das ist wirklich -ein toller Spaß. Halt, trinke nichts mehr, du kannst nichts mehr -brauchen.« - -»Henry, du machst mir Angst. Habe ich dir denn nicht auf dem Weg -hierher die ganze Geschichte erzählt?« - -»Du?« - -»Ja, ich.« - -»Ich lasse mich hängen, wenn ich ein Wort davon gehört habe.« - -»Henry, das ist außerm Spaß. Du beunruhigst mich. Was hast du denn bei -dem Gesandten zu dir genommen?« - -Jetzt ging mir plötzlich ein wunderbares Licht auf, ich faßte mir ein -Herz und gestand ihm frei und offen: »Das herzigste Mädel auf der Welt -habe ich dort -- erobert!« - -In ungestümer Freude stürzte er auf mich los und wir schüttelten -uns die Hände, bis sie uns wehe thaten. Darüber, daß ich von seiner -Erzählung, die unsern anderthalb Stunden dauernden Heimweg ausfüllte, -nicht das geringste vernommen hatte, sagte er kein Wort. Er setzte sich -ruhig hin und erzählte mit der ihm eigenen Gutmütigkeit und Geduld die -ganze Geschichte noch einmal von vorne. - -Sie lief auf folgendes hinaus: Er war im Auftrag der Besitzer der -Gould- und Curry-Extension-Gruben nach London gekommen, um die Anteile -zu veräußern, und es sollte dabei alles, was er über eine Million -Dollars lösen würde, ihm verbleiben. In der Hoffnung, dabei ein -vortreffliches Geschäft zu machen, hatte er sich keine Mühe verdrießen, -kein ehrliches Mittel unversucht gelassen und fast seinen letzten -eigenen Heller daran gesetzt, ohne daß es ihm jedoch gelungen wäre, -einen einzigen Kapitalisten zum Anbeißen zu bewegen, und mit Ende des -Monats lief seine Berechtigung ab. Mit einem Worte: er war zu Grunde -gerichtet. Am Schlusse sprang er auf und rief: - -»Henry, du kannst mich retten! Du allein auf dem ganzen Erdenrund! -Wirst du mich retten? Oder wirst du mich _nicht_ retten?« - -»Sage mir nur, wie ich das machen soll? Erkläre dich, mein Junge.« - -»Nimm mir mein Verkaufsrecht ab und zahle mir dafür eine Million und -die Heimreise. Bitte, bitte, sage nicht nein!« - -Es war wirklich nicht mehr auszuhalten. Eben stand ich auf dem Punkte, -mit dem Bekenntnis herauszuplatzen: »Lloyd, ich bin ja selbst ein -Bettler -- ohne einen Pfennig Geld und stecke dazu noch in Schulden.« -Aber da leuchtete plötzlich ein herrlicher Gedanke blitzähnlich in -meinem Kopfe auf. Ich biß die Zähne zusammen und bezwang mich, bis ich -so kalt war, wie ein Großkapitalist. Dann sagte ich mit vollkommen -geschäftsmäßiger Ruhe: »Ich will dich retten, Lloyd.« - -»Dann bin ich schon gerettet; Gott segne dich ewig dafür! Wenn ich -je --« - -»Laß mich ausreden, Lloyd. Ich will dich retten, aber nicht so, wie du -meinst. Denn nach all den Mühen und Opfern, die du es dich hast kosten -lassen, wäre das nicht anständig an dir gehandelt. Ich brauche keine -Minenanteile; an einem Weltplatz wie London kann ich auch mein Geld -ohne dies arbeiten lassen, es ist ja bis jetzt auch gegangen. Nein, -wir machen die Sachen folgendermaßen: Ich kenne ja natürlich dieses -Bergwerk ganz genau; ich weiß, welch ungeheurer Wert darin steckt und -kann es auf Verlangen jedem eidlich bekräftigen. Du sollst im Lauf der -nächsten vierzehn Tage für bare drei Millionen Anteilscheine verkaufen, -indem du von meinem Namen unbeschränkten Gebrauch machst, und dann -teilen wir den Gewinn -- halb und halb.« - -Lloyd geriet darüber so außer sich vor Freude, daß er wie toll -herumtanzte und mir meine ganze Einrichtung kurz und klein geschlagen -haben würde, hätte ich ihm nicht schließlich ein Bein gestellt und ihn -an Händen und Füßen gebunden. Als er so dalag, rief er ganz beseligt -aus: »Ich darf deinen Namen gebrauchen! deinen Namen! -- Stelle dir nur -vor, Mensch! In Scharen kommen sie gelaufen, diese reichen Londoner und -prügeln sich um die Anteile! Ich bin ein gemachter Mann, geborgen für -alle Zeit, in meinem ganzen Leben vergesse ich dir das nicht!« - -Keine vierundzwanzig Stunden dauerte es, so war die Sache bereits in -ganz London herumgekommen. Ich hatte Tag für Tag nichts zu thun, als zu -Hause zu sitzen und all den Leuten, die bei mir erschienen, zu sagen: -»Jawohl, ich habe ihm gestattet sich auf mich zu beziehen. Ich kenne -ihn und kenne das Bergwerk. Er selbst verdient volles Vertrauen und die -Anteile sind weit mehr wert, als er dafür verlangt!« - -Inzwischen verbrachte ich alle meine Abende bei dem Gesandten mit -Portia. Von dem Bergwerk sagte ich ihr keine Silbe, das sparte ich mir -zu einer späteren Ueberraschung auf. Wir sprachen immer nur von unserer -Liebe und vom Gehalt, bald von dem einen, bald von dem andern, manchmal -auch von beidem untereinander. Und dann, guter Gott, das Interesse, -das Frau und Tochter des Gesandten an unserer Angelegenheit nahmen und -die endlosen Listen und Schlauheiten, die sie ersannen, um uns vor -Störungen zu schützen und den Gesandten nicht hinter die Sache kommen -zu lassen -- ach, es war wirklich allerliebst von den beiden! - -Als der Monat um war, besaß ich ein Guthaben von einer Million -Dollars bei der London- und County-Bank, und Hastings stand ebenso. -In ausgesuchtester Toilette fuhr ich an Portland-Place vorbei. Als -ich mich an dem Aussehen der Wohnung überzeugt hatte, daß meine Vögel -wieder zu Neste geflogen sein mußten, holte ich meinen Schatz bei dem -Gesandten ab und fuhr mit ihr zusammen wieder nach Portland Place. -Während der ganzen Fahrt bildete der Gehalt den Gegenstand unserer -eifrigsten Erörterungen. Die Besorgnis, in die sie sich dabei hinein -redete, ließ sie so reizend erscheinen, daß es kaum mehr auszuhalten -war. - -»Mein Herzchen,« sagte ich zu ihr, »so wie du jetzt aussiehst, wäre es -ein Verbrechen, einen Pfennig weniger als dreitausend Pfund im Jahre zu -verlangen.« - -»Henry, Henry, du richtest uns noch zu Grunde,« erwiderte sie. - -»Sei unbesorgt! Sieh nur so aus und verlasse dich auf mich. Ich will -die Sache schon machen.« - -Es war soweit gekommen, daß ich auf dem ganzen Wege ihr Mut zusprechen -mußte. Sie selbst redete noch fortwährend auf mich ein: - -»Bedenke doch, daß, wenn wir zu viel verlangen, wir vielleicht gar -keinen Gehalt bekommen; und was soll dann aus uns werden, wenn wir -nicht wissen, womit wir unsern Unterhalt verdienen wollen?« - -Es war wieder derselbe Diener, der uns einließ, und da waren sie -auch wieder, die beiden alten Herren. Natürlich waren sie höchlich -überrascht über das holde Geschöpf an meiner Seite. Ich erklärte jedoch: - -»Sie dürfen keinen Anstoß daran nehmen, meine Herren, es ist meine -zukünftige Lebensgefährtin.« Darauf stellte ich ihr die Herren mit -ihren Namen vor. Diese zeigten sich hierüber gar nicht erstaunt; -sie dachten vermutlich, daß ich so gescheit gewesen sein würde, im -Adreßbuch nachzuschlagen. Sie forderten uns auf, Platz zu nehmen und -behandelten mich mit größter Höflichkeit, gaben sich auch alle Mühe, -meiner Begleiterin durch freundlichen Zuspruch über ihre Verlegenheit -hinweg zu helfen. Endlich sagte ich: - -»Meine Herren, ich komme, Ihnen Bericht zu erstatten.« - -»Das ist uns sehr angenehm,« erwiderte mein Gönner, »dann können wir ja -die Wette zwischen mir und meinem Bruder Abel jetzt zur Entscheidung -bringen. Falls Sie für mich gewonnen haben, dürfen Sie sich jede -beliebige Stellung wählen, die ich zu vergeben habe. Sind Sie noch im -Besitz der Millionennote?« - -»Hier ist sie.« Damit behändigte ich ihm dieselbe. - -»Gewonnen!« rief er und gab seinem Bruder einen Klapps auf den Rücken. -»Nun, was sagst du jetzt, Bruder?« - -»Ich sage, _er_ hat es überlebt und _ich_ habe zwanzigtausend Pfund -verloren. Ich hätte es niemals geglaubt!« - -»Ich habe noch mehr zu berichten,« fuhr ich fort, »und zwar ziemlich -viel. Ich bitte, mir demnächst eine Stunde bestimmen zu wollen, -um Ihnen meine Erlebnisse während dieses ganzen Monats genauer zu -schildern. Sie können sich darauf verlassen, es lohnt sich den Bericht -anzuhören. Inzwischen wollen Sie gefälligst dies hier in Augenschein -nehmen.« - -»Was, Mensch, einen Depositenschein über 200000 Pfund? Gehört das -Ihnen?« - -»Gehört mir. Das ist die Frucht des weisen Gebrauchs, den ich von dem -kleinen Darlehen gemacht habe, das Sie mir gütigst gewährten. Und -dieser Gebrauch bestand lediglich darin, daß ich von Zeit zu Zeit einen -kleinen Einkauf machte und beim Bezahlen allemal die Banknote zum -Wechseln hingab.« - -»Mensch, das ist ja äußerst merkwürdig, ganz unglaublich!« - -»Und doch verhält es sich so; ich werde Ihnen den Beweis liefern. Sie -brauchen mir durchaus nicht auf mein bloßes Wort zu glauben.« - -Jetzt war die Reihe des Erstaunens an Portia. Mit weit geöffneten Augen -fragte sie: - -»Henry, gehört dieses Geld wirklich dir? Hast du mir die Unwahrheit -gesagt?« - -»Das habe ich allerdings, mein Liebchen. Aber ich weiß, du bist mir -deswegen nicht böse.« - -»O, doch!« schmollte sie. »Es war abscheulich von dir, mich so hinters -Licht zu führen.« - -»Ach, gewiß. Es war ja nur ein schlechter Scherz, weißt du. Komm, wir -wollen uns jetzt verabschieden.« - -»Aber, so warten Sie doch. Wegen des Postens. Sie wissen ja. Ich muß -Ihnen doch den Posten geben,« warf mein Gönner ein. - -»Ach,« erwiderte ich, »ich danke Ihnen tausendmal, aber ich brauche -wirklich keinen.« - -»Aber ich hätte Ihnen den allerbesten gegeben, den ich zu vergeben -habe.« - -»Ich danke Ihnen nochmals von ganzem Herzen, aber auch _diesen_ brauche -ich nicht.« - -»Schäme dich, Henry! Du bist dem guten Herrn nicht halb so dankbar als -er es verdiente. Darf ich ihm an deiner Statt den Dank abstatten?« - -»Freilich, mein Liebchen. Ich bin nur neugierig, wie du das machen -willst.« - -Sie ging zu meinem Gönner hin, setzte sich ihm auf den Schoß, schlang -ihren Arm um seinen Hals und gab ihm einen Kuß mitten auf den Mund. -Dabei wußten sich die beiden alten Herren vor Lachen kaum zu fassen, -während ich selbst vor Erstaunen wie versteinert dastand, bis Portia -sagte: - -»Papa, er hat gesagt, von all den Posten, die du zu vergeben hast, -wolle er keinen einzigen annehmen, und das thut mir so weh, gerade als -ob --« - -»Wie, lieber Schatz, dies ist dein _Papa_?« - -»Jawohl, mein Stiefpapa, und zwar der allerbeste, den es auf der ganzen -Welt giebt. Nicht wahr, nun begreifst du, warum ich bei dem Gesandten -so lachen mußte, als du, ohne mein Verhältnis zu Papa und Onkel Abel zu -kennen, mir die Sorgen und Nöte schildertest, in die ihr Einfall dich -versetzt hatte.« - -Natürlich sprach ich jetzt ohne Scheu und Umschweife ganz wie mir ums -Herz war. - -»Mein verehrter Herr,« sagte ich, »ich muß meine Erklärung -zurücknehmen. _Eine_ Stellung haben Sie doch zu vergeben, die ich sehr -gern haben möchte.« - -»Welche ist das?« - -»Die Stelle eines Schwiegersohnes.« - -[Illustration] - -»So? Aber wenn Sie als solcher noch nie bedienstet waren, so sind Sie -auch nicht imstande, das Zeugnis darüber beizubringen, das in unserem -Abkommen zur Bedingung gemacht ist und so --« - -»Machen Sie den Versuch mit mir, ich bitte Sie inständigst! Nur so -dreißig bis vierzig Jahre lang probieren Sie es mit mir, und wenn -dann --« - -»Nun ja, gut denn; das ist ja gar nicht viel verlangt. So nehmen Sie -Portia.« - -Ob wir beide glücklich waren? Keine Sprache besitzt Worte genug, um es -auszudrücken. Und _das_ Geschwätz und _das_ Vergnügen in ganz London, -als nach ein paar Tagen alle meine Erlebnisse mit der Banknote bekannt -wurden, nebst der Wendung, welche die Sache zuletzt genommen! Du guter -Gott! -- - -Portias Papa gab die gastliche Note der Bank zurück und ließ sich -ihren Betrag auszahlen. Die Bank setzte sie sodann außer Kurs und -verehrte sie ihm, worauf er uns damit ein Hochzeitsgeschenk machte. -Seither hängt sie unter Glas und Rahmen im Allerheiligsten unseres -Heims. Denn _ihr_ verdanke ich den Besitz meiner Portia. Wäre diese -Note nicht gewesen, so hätte ich nicht in London bleiben können, ich -hätte mich dem Gesandten nicht vorgestellt und wäre niemals mit Portia -zusammengetroffen. Deshalb sage ich immer: »Sie lautete zwar klar und -deutlich auf eine Million Pfund; und doch war es während der ganzen -Zeit ihrer Giltigkeit nur einmal möglich, einen einzigen Gegenstand -dafür zu kaufen, und auch dieser wurde mindestens zehnfach unter seinem -Werte bezahlt!« - - - - -Verlag von Robert Lutz in Stuttgart. - - -_Bret Harte's_ - -Ausgewählte Erzählungen - -5 Bände ~à~ 2 M. brosch., ~à~ 3 M. in Lwd. geb. - -= Jeder Band einzeln käuflich = - -I. Drei Teilhaber. Roman. -- II. Jack Hamlin als Vermittler u. a. Erz. --- III. Die Postmeisterin von Laurel Run u. a. Erz. -- IV. Der Sheriff -von Siskyou u. a. Erz. -- V. Das Geheimnis der Sierra. - -_Einige Urteile_: - -_Richard Weitbrecht_: »=Es ist ein wahrer Genuß=, nach so vielen -lahmen Mittelmäßigkeiten einem temperamentvollen, =auf jeder Seite -fesselnden, lebendigen Erzähler zu lauschen= ... Doch es bedarf nicht -des Vergleichs mit geringerem, noch ist not, über Bret Harte's längst -anerkannte Erzählungskunst mit ihrer glücklichen Verbindung von -=Psychologischem=, =Abenteuerlichem= und =Romantischem= viel zu sagen. -Mich hat's bei seinen »Drei Teilhabern« ganz merkwürdig überkommen -- -ich las fast mit denselben Gefühlen, mit denen ich einst in meiner -Jugend Marryats und Gerstäckers amerikanische Geschichten verschlungen -habe, und wie damals vergaß ich dabei alle Kritik. Darum soll auch -jetzt keine geschrieben werden, und ich wünsche nur, daß andere sich an -Bret Harte ebenso =auf ein paar Stunden jung lesen wie ich=.« - -_Straßburger Post_: »Sein Humor ist der Schmerz lösende und Groll -verscheuchende, der uns stets erwärmt. Seine Gestalten haben Fleisch -und Blut wie die des Jeremias Gotthelf und -- nirgends moralisiert -er, was eben den echten Künstler zeigt. Bret Harte schildert für alle -Menschen und nicht nur für Amerika; =im literarischen Weltkonzerte -gehört er zu denen, die neue Gebiete erobert haben=.« - -_Deutsche Tageszeitung_: »Der kalifornische Dichter gehört zu den -Erscheinungen der modernen amerikanischen Literatur, die verdienen, -auch in Deutschland nicht vergessen zu werden. Niemand wird die -Erzählungen ohne innere Befriedigung aus der Hand legen.« - - -W. W. Jacobs - -Seemannshumor - -Geschichten und Schwänke von der Wasserkante - -=I. Band=: 13 Erzählungen. -- =II. Band=: 15 Erzählungen. - -Jeder Band ist einzeln käuflich - -zu M. 2.50 broschiert; M. 3.50 in Lwd. gebunden. - -Einige Urteile: - - Hamburger Nachrichten: »Es herrscht hier _ein wirklicher, - behaglicher Humor_, voll der tollsten Einfälle und reger - Phantasie. Echt und frisch sind die wetterharten Gestalten - gezeichnet. _Es kichert und lacht_ in und zwischen den - Zeilen.« - - Intern. Literaturberichte: »Wer einmal recht herzlich lachen - will, mag getrost zu Jacobs Seemannshumor greifen.« - - Nordd. Allg. Zeitung: »Jede einzelne der Erzählungen ruft - herzliches Lachen hervor.« - - Deutsche Tageszeitung: »Die Geschichten zeugen von einem _ganz - prächtigen, urwüchsigen Seemannshumor_.« - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst - wurde die Originalschreibweise beibehalten. Die Darstellung der - Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 131: Bartholomäus M. → Bartholomäus W. (nach engl. Original) - den Kontrakt seinem Sohn {Bartholomäus W.} - - S. 132: Anton E. Rogers → Anson G. Rogers (nach engl. Original) - die Schriftstücke {Anson G. Rogers} - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKIZZENBUCH *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/64718-0.zip b/old/64718-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 0089fe5..0000000 --- a/old/64718-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/64718-h.zip b/old/64718-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 5b72549..0000000 --- a/old/64718-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/64718-h/64718-h.htm b/old/64718-h/64718-h.htm deleted file mode 100644 index 640e1e9..0000000 --- a/old/64718-h/64718-h.htm +++ /dev/null @@ -1,12525 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - Skizzenbuch, by Mark Twain—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; 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margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Skizzenbuch</div> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Mark Twain</div> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Illustrator: H. Schrödter</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: March 06, 2021 [eBook #64718]</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div> - -<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div> - -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKIZZENBUCH ***</div> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter und kursiver Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="chapter"> -<p class="center larger">Mark Twains</p> - -<p class="center">ausgewählte</p> - -<p class="h2">Humoristische Schriften</p> - -<p class="center smaller p2">Illustriert von <b>H. Schrödter</b> u. <b>Albert Richter</b></p> - -<p class="center p2">Dritter Band</p> - -<p class="center"><b>Skizzenbuch</b></p> - -<div class="figcenter" id="signet"> - <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center larger p2">Stuttgart</p> - -<p class="center">Verlag von Robert Lutz</p> - -<p class="center">1907 -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Skizzenbuch</h1> - -<p class="center">Von</p> - -<p class="h2">Mark Twain</p> - -<p class="center p2">Illustriert von <b>H. Schrödter</b></p> - -<p class="center larger p2">Stuttgart</p> - -<p class="center">Verlag von Robert Lutz</p> - -<p class="center">1907 -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -<p class="center p2">Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdr tdb">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Meine Uhr</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Meine_Uhr">7</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Einiges über Barbiere</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Einiges_ueber_Barbiere">12</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Wie ein Schnupfen kuriert wird</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Wie_ein_Schnupfen_kuriert_wird">19</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Kinderkrankheiten</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Kinderkrankheiten">25</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Frau Mac Williams beim Gewitter</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Frau_Mc_Williams_beim_Gewitter">35</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Ueber frühreife Kinder</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Ueber_fruehreife_Kinder">45</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Staatswirtschaft</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Staatswirtschaft">50</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Es ist gefährlich im Bette zu liegen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Es_ist_gefaehrlich_im_Bette_zu_liegen">60</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Brüder, knipst ein!</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Brueder_knipst_ein">64</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Ein geheimnisvoller Besuch</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Ein_geheimnisvoller_Besuch">72</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Redakteur und Berichterstatter:</td><td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt tdind">Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Wie_ich_ein_landwirtschaftliches_Blatt">79</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt tdind">Herrn Blokes ›Eingesandt‹</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Herrn_Blokes_Eingesandt">88</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt tdind">Zeitungswesen in Tennessee</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Zeitungswesen_in_Tennessee">92</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt tdind">Ein Berichterstatterstück</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Ein_Berichterstatterstueck">102</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Allgemeine Antwort an Schriftsteller oder solche, -die es werden wollen</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Allgemeine_Antwort_an_Schriftsteller_oder">106</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Antworten auf Zuschriften</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Antworten_auf_Zuschriften">112</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Kandidatenfreuden</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Kandidatenfreuden">121</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Der große Rindfleischkontrakt</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Der_grosse_Rindfleisch-Kontrakt">130</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Der gestohlene weiße Elefant</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Der_gestohlene_weisse_Elefant">141</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Die Geschichte des Hausierers</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Die_Geschichte_des_Hausierers">170</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Eine wahre Geschichte</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Eine_wahre_Geschichte">179</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Die Liebe des jungen Alonzo Fitz Clarence und -der schönen Rosannah Ethelton</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Die_Liebe_des_schoenen_Alonzo_Fitz_Clarence">187</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Die kapitolinische Venus</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Die_kapitolinische_Venus">216</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt"><span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[6]</span> -Mehr Glück als Verstand</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Mehr_Glueck_als_Verstand">226</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Wie der Verfasser in Newark angeführt wurde</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Wie_der_Verfasser_in_Newark_angefuehrt">234</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Schonend beigebracht</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Schonend_beigebracht">237</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Trinksprüche:</td><td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt tdind">Auf die Weiber</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Auf_die_Weiber">239</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt tdind">Auf die Säuglinge</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Auf_die_Saeuglinge">242</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Der selige Benjamin Franklin</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Der_selige_Benjamin_Franklin">247</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Wohlthun trägt Zinsen:</td><td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt tdind">Der wohlwollende Schriftsteller</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Der_wohlwollende_Schriftsteller">252</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt tdind">Der dankbare Gatte</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Der_dankbare_Gatte">254</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Ueber Tagebücher</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Ueber_Tagebuecher">258</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Ueber das Briefschreiben</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Ueber_das_Briefschreiben">261</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Gedankentelegraphie</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Gedankentelegraphie">265</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Prinzenverehrung</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Prinzenverehrung">280</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdt">Die 1 000 000 Pfund-Note</td> - <td class="tdr tdb"><a href="#Die_1000000_Pfund-Note">285</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span> -<h2 class="nobreak" id="Meine_Uhr">Meine Uhr.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-m.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Meine schöne neue Uhr ging nun schon anderthalb Jahre -weder vor noch nach, sie war kein einziges Mal stehen -geblieben und an dem Werk war nichts zerbrochen. Nunmehr -galt mir ihr Urteil über die Tageszeit für völlig untrüglich, ihre -Lebenskraft und ihr Knochenbau für unzerstörbar. Aber endlich -ließ ich sie eines Abends doch ablaufen. Ich trauerte darüber, -als sei dies Versehen ein Vorbote von kommendem Unheil und -Mißgeschick. Erst allmählich wurde meine Stimmung wieder -heiterer, ich zog die Uhr auf, stellte sie nach Gutdünken und schlug -mir alle abergläubischen Gedanken und trüben Ahnungen aus -dem Sinn.</p> - -<p>Am nächsten Morgen trat ich in den Laden des ersten Uhrmachers -der Stadt, um meine Uhr genau nach richtiger Zeit zu -stellen. Der Herr nahm sie mir aus der Hand, um dies Geschäft -für mich zu besorgen.</p> - -<p>»Sie geht vier Minuten nach,« sagte er dabei, »der Regulator -muß vorgerückt werden.«</p> - -<p>Ich versuchte ihn daran zu hindern, versuchte ihm begreiflich -zu machen, daß der Gang der Uhr unübertrefflich sei. Vergebens -– der Kohlkopf in Menschengestalt sah nur das <em class="gesperrt">eine</em>: -die Uhr ging vier Minuten nach und der Regulator <em class="gesperrt">mußte</em> -vorgestellt werden. Ich bat und flehte, er solle es nicht thun,<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[8]</span> -ich sprang in meiner Seelenpein um ihn herum, aber alles umsonst. -Mit kaltblütiger Grausamkeit vollbrachte er die schändliche -That.</p> - -<div class="figleft" id="illu-007"> - <img src="images/illu-007.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Von da an begann meine Uhr zu laufen – schneller und -schneller, Tag für Tag. Innerhalb einer Woche geriet sie in -ein wahres Fieber, ihr Puls stieg bis auf hundertundfünfzig -Grad im Schatten. Noch ehe zwei Monate zu Ende waren, -hatte sie alle Uhren der Stadt weit -hinter sich gelassen und war vierzehntehalb -Tage vor dem Kalender voraus. -Noch hing das bunte Oktoberlaub an -den Bäumen und sie tummelte sich -schon mitten im Novemberschnee. Die -Zahltage für die Hausmiete, für alle -fälligen Rechnungen und sonstigen -Schulden kamen in so wahnsinniger -Hast näher, daß ich mir schier kaum -mehr zu helfen wußte. So brachte -ich sie denn zum Uhrmacher, um sie -regulieren zu lassen. Dieser fragte -mich, ob sie schon jemals repariert -worden sei. Als ich das mit dem -Bemerken verneinte, es sei noch nicht nötig gewesen, glitt ein -boshaftes Lächeln über seine Züge. Gierig öffnete er die Uhr, -guckte hinein, klemmte sich ein Ding ins Auge, das aussah wie -ein kleiner Würfelbecher, und betrachtete das Räderwerk genau.</p> - -<p>»Sie muß gereinigt und geölt werden,« sagte er, »und -außerdem reguliert; – fragen Sie in einer Woche wieder nach.«</p> - -<p>Gereinigt, geölt und reguliert war meine Uhr; aber nun -ging sie schrecklich langsam, ihr Ticken klang wie Grabgeläute. -Ich versäumte alle Eisenbahnzüge, hielt keine meiner Verabredungen -ein und kam wegen Verspätung um mein Mittagessen. Allmählich<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span> -machte meine Uhr aus drei Tagen vier; zuerst wurde es -bei mir gestern, dann vorgestern, dann letzte Woche; ich geriet -immer weiter ins Hintertreffen und konnte mich nicht mehr in -die jetzige Welt finden.</p> - -<p>Wieder begab ich mich zum Uhrmacher. Er nahm in -meinem Beisein die Uhr ganz auseinander und sagte, der Cylinder -sei ›gequollen‹, in drei Tagen könne er ihn aber wieder -auf das richtige Maß bringen.</p> - -<p>Hierauf ging die Uhr im Durchschnitt gut, aber auch nur -im Durchschnitt. Den halben Tag lang raste sie wie im Donnerwetter -unter fortwährendem Schnarren, Quieken, Schnauben und -Schnaufen, so daß ich vor dem Lärm meine eigenen Gedanken -nicht hören konnte. Keine Uhr im ganzen Lande hätte vermocht -sie einzuholen in ihrem tollen Lauf. Den Rest des Tages blieb -sie allmählich immer mehr zurück und trödelte derart, daß sie -ihren ganzen Vorsprung einbüßte und sämtliche Uhren ihr wieder -nachkamen. <em class="gesperrt">Einmal</em> in vierundzwanzig Stunden war sie aber -ganz auf dem richtigen Fleck und gab die Zeit genau an. Dies -hielt sie pünktlich ein und niemand hätte daher behaupten können, -sie thue weniger als ihre Pflicht und Schuldigkeit, oder mehr.</p> - -<p>An die Tugend einer Uhr stellt man jedoch höhere Ansprüche, -als daß sie nur im Großen und Ganzen richtig geht. -Ich trug sie daher abermals zum Uhrmacher. Er sagte, der -Hauptzapfen wäre zerbrochen, und ich sprach ihm meine Freude -darüber aus, daß der Schaden nicht größer sei. Offen gestanden -hatte ich noch nie etwas von einem Hauptzapfen gehört, aber -ich wollte mich doch einem Fremden gegenüber nicht unwissend -zeigen. Der Zapfen ward ausgebessert, aber das half nur wenig. -Die Uhr ging jetzt eine Weile und dann blieb sie wieder eine -Weile stehen, ganz nach ihrem Belieben. Jedesmal, wenn sie -losging, that sie einen Rückschlag wie eine Muskete. Ein paar -Tage lang wattierte ich mir die Brusttasche aus, schließlich trug<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span> -ich die Uhr aber zu einem andern Uhrmacher. Der zerpflückte -sie in lauter einzelne Stücke, drehte die Trümmer vor seinem -Vergrößerungsglas hin und her und meinte, es müsse an der -Hemmung etwas nicht in Ordnung sein. Das besserte er aus -und setzte die Uhr wieder zusammen. Nun ging sie gut – -nur alle zehn Minuten schlossen sich die Zeiger wie eine Schere -und machten die Runde gemeinsam weiter.</p> - -<p>Der Weiseste unter den Menschenkindern würde von solcher -Uhr nicht herauskriegen können, was die Glocke geschlagen hat. -Ich ging also wieder hin, um dem Uebelstand abhelfen zu lassen. -Jetzt meinte der Mensch, der Kristall sei verbogen und die Spiralfeder -krumm, auch müsse ein Teil des Werkes neu gefüttert -werden. Alle diese Schäden beseitigte er und meine Uhr ließ -nun nichts zu wünschen übrig, nur dann und wann, nachdem -sie etwa acht Stunden regelmäßig gegangen war, geriet bei ihr -inwendig alles in Bewegung, so daß sie zu summen begann wie -eine Biene und die Zeiger sich stracks so flink im Kreise drehten, -daß man sie nicht mehr unterscheiden konnte, sie sahen aus wie -ein zartes Spinngewebe auf dem Zifferblatt. In sechs oder -sieben Minuten hatte sie die ganzen nächsten vierundzwanzig -Stunden durchwirbelt, dann gab es einen Krach und sie stand -still. Mit schwerem Herzen ging ich wieder zu einem andern -Uhrmacher und sah wie er das Werk auseinander nahm. Dabei -rüstete ich mich, ein Kreuzverhör mit ihm anzustellen, denn das -Ding ging mir jetzt über den Spaß. Ursprünglich hatte die -Uhr zweihundert Dollars gekostet und ich mußte jetzt für Reparaturen -zweitausend bis dreitausend ausgegeben haben. Während -ich so dastand und dem Manne zusah, kam er mir plötzlich bekannt -vor. Nein, ich irrte mich nicht – der Uhrmacher war ein -früherer Dampfbootmaschinist und zwar nicht einmal ein guter. Er -betrachtete alle Teile sorgfältig, gerade wie die andern Uhrmacher -auch, und fällte dann seinen Urteilsspruch mit derselben Zuversicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span></p> - -<p>Er sagte: »Sie macht zu viel Dampf – wir müssen den -stellbaren Schraubenschlüssel an das Sicherheitsventil hängen!«</p> - -<p>Ich schlug ihm auf der Stelle den Schädel ein und ließ -ihn auf meine Kosten beerdigen.</p> - -<p>Mein Onkel William – Gott hab' ihn selig! – pflegte -zu sagen, ein gutes Pferd sei ein gutes Pferd, bis es einmal -durchgegangen wäre, und eine gute Uhr eine gute Uhr, bis sie -den Reparierern in die Hände fiele. Er zerbrach sich oftmals -den Kopf, was denn eigentlich aus allen verdorbenen Kesselflickern, -Büchsenmachern, Schustern, Grobschmieden und Maschinisten -in der Welt schließlich würde – aber niemand konnte -ihm je Auskunft geben. –</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Einiges_ueber_Barbiere">Einiges über Barbiere.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Alle Dinge sind dem Wechsel unterworfen, ausgenommen -die Barbiere, die Gewohnheiten der Barbiere und die -Umgebung der Barbiere. Diese ändern sich nie. Was man -erlebt und erfährt, wenn man zum erstenmal eine Barbierstube -betritt, das erlebt und erfährt man später in allen andern -Barbierstuben, bis an das Ende seiner Tage.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Heute morgen ließ ich mich wie gewöhnlich barbieren. Ein -Mann kam von der Jonesstraße auf die Thür zu, als ich auf -der Hauptstraße herankam – so trifft sich das stets. Ich beschleunigte -meine Schritte, aber umsonst; er war mir um eine -Sekunde voraus, ich folgte ihm auf den Fersen und sah, wie -er den einzigen unbesetzten Stuhl einnahm, wo der erste Barbier -sein Amt versah. Das trifft sich immer so. Ich setzte mich -in der stillen Hoffnung nieder, Erbe des Stuhles zu werden, -welcher dem besseren von den zwei übrigen Barbiergehilfen gehörte, -denn dieser hatte schon angefangen seinem Kunden das -Haar zu kämmen, während sein Kamerad noch damit beschäftigt -war, dem seinigen die Locken einzuölen und einzureiben. In -großer Spannung beobachtete ich, was für Aussichten sich mir -boten. Als ich sah, daß Nr. 2 drohte Nr. 1 einzuholen, verwandelte -sich meine Spannung in Besorgnis. Als Nr. 1 einen<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span> -Augenblick innehielt, um einem neuen Ankömmling, der ein -Badebillet verlangte, Geld herauszugeben und dabei im Wettlauf -zurückblieb, wurde meine Besorgnis zur Angst. Als Nr. 1 -das Versäumte wieder nachholte und gleichzeitig mit seinem -Kameraden dem Kunden das Handtuch abnahm und das Pulver -aus dem Gesicht wischte, so daß sich unmöglich voraussehen ließ, -welcher von beiden zuerst ›Der nächste!‹ rufen würde, stockte mir -der Atem vor banger Erwartung. Als ich nun aber sah, wie -sich Nr. 1 im entscheidenden Moment noch damit aufhielt, seinem -Kunden ein paarmal mit dem Kamm durch die Augenbrauen -zu fahren, da wußte ich, daß er den Wettlauf um dieses einzigen -Augenblicks willen verloren habe. Entrüstet stand ich auf und -verließ den Laden, um nicht Nr. 2 in die Hände zu fallen; denn -jene beneidenswerte Festigkeit besitze ich nicht, die den Menschen -in den Stand setzt, einem dienstbereiten Barbiergehilfen ruhig -ins Angesicht zu sehen und ihm zu sagen, man wolle auf den -Stuhl seines Kollegen warten.</p> - -<p>Etwa fünfzehn Minuten blieb ich draußen und kam dann -wieder zurück, in der Hoffnung, es werde mir besser glücken. -Natürlich waren jetzt alle Stühle besetzt und vier Männer warteten -schweigend, ungesellig, zerstreut und mit gelangweilten Mienen, -wie das immer der Fall ist, wenn Leute in einer Barbierstube -darauf passen, daß die Reihe an sie kommt.</p> - -<p>Ich ließ mich auf einem steinharten alten Sofa nieder -und vertrieb mir eine Weile die Zeit damit, die eingerahmten -Anzeigen verschiedener Quacksalber zu lesen, die ihre Haarfärbemittel -anpriesen. Dann las ich die fettigen Namen auf den -Branntweinflaschen, welche einzelnen Kunden angehörten, und -las auch die Namen und Zahlen auf den Barbierbecken, die als -Privateigentum in den offenen Fächern des Schrankes standen, -studierte die beschmutzten und schadhaften wohlfeilen Bilder an -den Wänden, welche Schlachten darstellten, ehemalige Präsidenten,<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span> -wollüstig zurückgelehnte Sultaninnen und das langweilige, ewig -wiederkehrende Mädchen, das des Großvaters Brille aufsetzt. -Auch verfluchte ich in meinem Herzen den lustigen Kanarienvogel -und den unausstehlichen Papagei, die selten in einer -Barbierstube fehlen. Zuletzt suchte ich mir aus den vorjährigen -illustrierten Zeitungen, welche auf dem schmutzigen Mitteltisch -herumlagen, die am wenigsten zerlesene heraus und starrte die -unerhört falschen Abbildungen alter, vergessener Ereignisse an, -die sie enthielt.</p> - -<p>Endlich kam ich an die Reihe. Eine Stimme rief: »Der -nächste!« und ich geriet natürlich in die Hände von – Nr. 2. -So geht es immer. Ich äußerte schüchtern, daß ich Eile habe, -was ihm einen gerade so tiefen Eindruck machte, als hätte er -es nicht gehört. Er schob mir nun den Kopf in die Höhe und -legte mir eine Serviette unters Kinn. Er fuhr mir mit den -Fingern in den Halskragen und stopfte ein Handtuch hinein. -Er grub seine Klauen in mein Haar und sagte, es müsse beschnitten -werden. Ich erwiderte, ich wolle es nicht schneiden -lassen. Nun wühlte er wieder darin und meinte, es sei für die -jetzige Mode ziemlich lang, besonders hinten; es müsse durchaus -unter die Schere. Ich sagte, es wäre erst vor einer Woche -geschnitten worden. Darauf sann er einen Augenblick gedankenvoll -nach und fragte dann mit verächtlicher Miene, wer es besorgt -habe. »Sie!« antwortete ich schnell. Da war er in -der Falle.</p> - -<p>Nun fing er an den Seifenschaum zu rühren und sich dabei -im Spiegel zu besehen; von Zeit zu Zeit hielt er inne und -trat näher herzu, um sein Kinn in Augenschein zu nehmen und -einen kleinen Pickel zu besichtigen. Dann seifte er mir eine -Seite des Gesichts gründlich ein und wollte eben die andere in -Angriff nehmen, als zwei sich beißende Hunde seine Aufmerksamkeit -fesselten. Er lief ans Fenster, blieb da stehen bis der<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span> -Kampf vorbei war und verlor beim Wetten über den Ausgang -zwei Schillinge an die andern Barbiergehilfen, was mir große -Befriedigung gewährte. Nun strich er mir die Seife vollends -mit dem Pinsel auf und begann sie mit der Hand einzureiben.</p> - -<div class="figright" id="illu-014"> - <img src="images/illu-014.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Dann schärfte -er sein Rasiermesser -auf -einem alten -Hosenträger, -wobei ihn ein -lebhaftes Gespräch -über -den öffentlichen -Maskenball -sehr aufhielt, -bei dem -er am Abend -zuvor in rotem -Kattun und -falschem Hermelin -eine Art -König dargestellt -hatte. -Daß seine Kameraden -ihn mit einem -Dämchen aufzogen, welches -er durch seine Reize erobert haben sollte, schmeichelte ihm sehr -und er trachtete die Unterhaltung auf jede Weise fortzusetzen, -indem er sich stellte, als ärgere ihn die Neckerei. Dies trieb -ihn auch zu einer abermaligen genauen Betrachtung seiner Person -im Spiegel; er legte das Rasiermesser hin, bürstete sich das -Haar mit großer Umständlichkeit, klebte sich eine kühne Locke<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span> -vorn im Bogen auf die Stirn, machte sich hinten einen wundervollen -Scheitel und strich sich beide Seitenflügel mit genauester -Sorgfalt über die Ohren. Inzwischen trocknete mir der Seifenschaum -im Gesicht und zehrte mir förmlich am Leben.</p> - -<p>Nunmehr begann er mich zu rasieren. Er drückte mir mit -den Fingern im Gesicht herum, um die Haut auszudehnen, und -warf meinen Kopf hin und her, wie es ihm beim Barbieren -bequem war. Solange er nur die weniger empfindlichen Stellen -berührte, litt ich keine Schmerzen, als er aber an meinem Kinn -herum zu kratzen, zu scharren und zu schaben anfing, kam mir -das Wasser in die Augen. Nun brauchte er meine Nase als -Anfasser, um die Winkel meiner Oberlippe besser rasieren zu -können. Bei diesem Anlaß machte ich die Entdeckung, daß es -zu seinen Obliegenheiten im Laden gehörte, die Petroleumlampen -zu reinigen. Ich hatte mich oft schon aus Langeweile gefragt, -ob das wohl der Geschäftsinhaber selber besorge, oder die Barbiergehilfen.</p> - -<p>Indessen vergnügte ich mich damit, mir auszudenken, wo -er mich heute wohl schneiden werde; ich hatte es jedoch hierüber -noch zu keiner Entscheidung gebracht, als er mir zuvorkam -und mir das Kinn aufritzte. Sogleich begann er sein -Messer zu schärfen – das hätte er vorher thun sollen. Ich -mag nicht zu dicht an der Haut rasiert sein, daher wollte ich -ihn nicht zum zweitenmal an mich kommen lassen und versuchte -ihn zu überreden, das Rasiermesser fortzulegen, aus Angst, er -möchte an die Seite meines Kinns geraten, wo meine allerempfindlichste -Stelle ist, die kein Messer zum zweitenmal berühren -darf ohne Schaden anzurichten. Er sagte, er müsse nur -noch einige Rauhheiten glätten, aber ehe ich mich's versah, fuhr -er schon über den verbotenen Grund und Boden hin und das -gefürchtete Brennen und Prickeln meiner Haut begann sich, wie -gerufen, bemerklich zu machen. Nun tauchte er das Handtuch<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span> -in Lorbeerbranntwein und klatschte mir damit ins Gesicht, bald -hier bald da – ein widerliches Gefühl! Hat sich wohl je ein -menschliches Wesen auf solche Weise gewaschen? Dann nahm -er das trockene Ende des Handtuchs und schlug mir auch dieses -ins Gesicht, als ob ein Menschenkind sich jemals so abtrocknete! -Aber ein Barbier reibt einen nur selten ordentlich ab wie ein -Christenmensch. Dann goß er mir Branntwein auf die wunde -Stelle, verklebte sie mit Stärkemehl, feuchtete sie wieder mit -Branntwein an und würde gewiß in alle Ewigkeit mit Kleben -und Anfeuchten fortgefahren haben, wenn ich mich nicht dagegen -aufgelehnt und ihn ersucht hätte, es bleiben zu lassen.</p> - -<p>Er puderte mir nun das ganze Gesicht ein, richtete mich -in die Höhe, wühlte nachdenklich mit den Händen in meinem -Haar und schlug vor, mir die Kopfhaut gründlich zu waschen, -das sei ganz notwendig, ganz notwendig! Ich entgegnete, daß -ich mir erst gestern im Bade das Haar tüchtig gereinigt hätte. -Da war er wieder in der Falle.</p> - -<p>Hierauf empfahl er mir ›Smiths Haarverschönerungstinktur‹ -und bot mir eine Flasche zum Kauf an. Das schlug ich aus. -Nun pries er mir ›Jones' Wonne des Toilettentisches‹ und -wollte mir von diesem neuen Wohlgeruch ein Gläschen verkaufen. -Aber ich ging nicht darauf ein. Er drang endlich in mich, ein -gräßliches Mundwasser seiner eigenen Erfindung mitzunehmen.</p> - -<p>Nachdem auch dieser letzte Versuch fehlgeschlagen war, ging -er wieder an sein Geschäft, bestreute mich über und über mit -Puder, mit Einschluß der Beine, fettete mir die Haare ein, obgleich -ich Einsprache dagegen erhob, zog und riß mir dabei -eine Menge mit der Wurzel aus, kämmte und bürstete dann -den Rest, teilte mir hinten einen Scheitel ab und klebte mir -die unvermeidliche, bogenförmige Haarlocke auf die Stirn. -Während er mir dann meine dünnen Augenbrauen auskämmte -und mit Pomade beschmierte, erging er sich über die Leistungen<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span> -eines ihm gehörigen schwarz und braun gefleckten Dachshundes -bis ich das Pfeifen des Mittagszuges hörte und wußte, daß -ich zu demselben fünf Minuten zu spät kommen würde. Nun -nahm er mir das Handtuch ab, wischte mir damit noch einmal -über das Gesicht, fuhr mir wieder mit dem Kamm durch die -Augenbrauen und rief munter: »Der nächste!«</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Wie_ein_Schnupfen_kuriert_wird">Wie ein Schnupfen kuriert wird.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Es ist zwar etwas Gutes für die Unterhaltung des Publikums -zu schreiben, aber etwas noch weit Höheres und -Edleres ist es, wenn man zur Belehrung, zum Nutzen, zum wahren -Wohl seiner Mitmenschen schreibt – und das ist der einzige -Zweck der folgenden Abhandlung. Wenn es mir gelänge, dadurch -auch nur <em class="gesperrt">einem</em> Leidenden wieder zur Gesundheit zu verhelfen, -das Feuer der Hoffnung und Freude in seinem matten -Blick aufs neue zu entzünden und seinem erstorbenen Herzen den -raschen, fröhlichen Pulsschlag vergangener Tage zurückzugeben, -so wäre mir alle Mühe reichlich vergolten und jene heilige Wonne -würde meine Seele durchströmen, welche der Christ fühlt, wenn -er eine gute, selbstlose That vollbracht hat.</p> - -<p>Da ich stets ein untadeliges Leben geführt habe, bin ich -berechtigt zu glauben, daß niemand, der mich kennt, aus Furcht, -ich hätte die Absicht ihn zu täuschen, meine Ratschläge zurückweisen -wird. Möge das Publikum sich die Ehre anthun, meine -hier niedergelegten Erfahrungen bei Behandlung eines Schnupfens -zu lesen – und dann meinem Beispiel folgen.</p> - -<p>Als das weiße Haus in Virginia-City abbrannte, verlor -ich meine Häuslichkeit, meine Behaglichkeit, meine Gesundheit und -meinen Koffer. Der Verlust der beiden erstgenannten Artikel -war leicht zu verschmerzen; denn eine Häuslichkeit ohne eine<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span> -Mutter, eine Schwester oder eine entfernte junge Verwandte, -welche uns die schmutzige Wäsche wegräumt, unsere Stiefel vom -Kaminsims herunternimmt und uns so daran erinnert, daß jemand -an uns denkt und für uns sorgt, ist nicht schwer zu finden. Und -was meine Behaglichkeit betrifft, so war ich kein Dichter und -brauchte der Schwermut über ihren Verlust nicht lange nachzuhängen. -Aber eine gute Gesundheit zu verlieren und einen noch -besseren Koffer, das waren ernstliche Unglücksfälle. Am Tage -der Feuersbrunst zog ich mir nämlich infolge der übergroßen -Anstrengung, mit welcher ich mich anschickte etwas zu thun, eine -starke Erkältung zu.</p> - -<p>Als ich das erstemal zu niesen begann, riet mir ein Freund -ein warmes Fußbad zu nehmen und dann zu Bette zu gehen. -Das that ich. Gleich darauf meinte ein zweiter, ich solle aufstehen -und ein kaltes Sturzbad nehmen. Eine Stunde später -versicherte mir ein dritter, man müsse einen ›Schnupfen füttern -und ein Fieber aushungern.‹ Ich litt an beiden und hielt es -daher für das beste, mich des Schnupfens wegen voll und satt -zu essen, dann Hausarrest zu nehmen und das Fieber eine Weile -hungern zu lassen.</p> - -<p>Bei halben Maßregeln lasse ich es in solchem Falle nie -bewenden. Ich aß also nach Herzenslust und wendete meine -Kundschaft einem Fremden zu, der an jenem Morgen gerade sein -Speisehaus eröffnet hatte. Er stand in ehrerbietigem Schweigen -dabei, bis ich meinen Schnupfen genug gefüttert hatte und fragte -dann, ob die Leute in Virginia-City häufig vom Schnupfen befallen -würden. Als ich erwiderte das könne wohl möglich sein, -ging er hinaus und nahm sein Wirtshausschild ab.</p> - -<p>Ich begab mich nun nach dem Bureau und begegnete unterwegs -abermals einem vertrauten Freunde, der mir sagte, daß -es auf der Welt nichts Wirksameres gäbe, um sich vom Schnupfen -zu kurieren, als wenn man ein Quart warmes Salzwasser tränke.<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span> -Ich zweifelte stark, daß ich noch Platz dafür haben könne, aber -versuchen wollte ich es jedenfalls. Der Erfolg war überraschend. -Mir war als hätte ich meine unsterbliche Seele von mir gegeben.</p> - -<p>Da ich meine Erfahrungen nur zum Nutzen derjenigen -niederschreibe, welche von demselben Uebel befallen sind wie ich, -halte ich es für angemessen, sie vor den Mitteln zu warnen, -die sich bei mir als unwirksam erwiesen haben. Aus vollster -Ueberzeugung muß ich ihnen daher raten, sich vor warmem -Salzwasser zu hüten. Wenn ich -wieder den Schnupfen hätte und -mir nur die Wahl bliebe, meine -Zuflucht zu einem Erdbeben oder -einem Quart Salzwasser zu nehmen, -so würde ich mein Heil -mit dem Erdbeben versuchen.</p> - -<div class="figright" id="illu-020"> - <img src="images/illu-020.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Nachdem der Sturm, der in meinem -Innern wütete, sich etwas gelegt hatte -und da zufällig kein guter Samariter -mehr bei der Hand war, borgte ich mir -wieder Taschentücher und zerschneuzte sie -zu Atomen, wie ich es in den ersten -Stadien meines Schnupfens gethan hatte. -Dies trieb ich solange, bis ich einer Dame begegnete, die eben -von jenseits der Prairie herkam. Sie hatte in einer Gegend -gelebt, wo Mangel an Aerzten war, und sagte, die Not habe -sie gelehrt, einfache Alltagskrankheiten mit vielem Geschick zu -behandeln. Ich war überzeugt, daß sie eine lange Erfahrung -hinter sich haben müsse, denn sie sah aus, als sei sie hundertfünfzig -Jahre alt.</p> - -<p>Sie mischte einen Trank aus Sirup, Scheidewasser, Terpentin -und allerlei Kräutern zusammen und gab mir die Anweisung, -alle Viertelstunden ein Weinglas voll davon zu nehmen.<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span> -Ich ließ es jedoch bei der ersten Dosis bewenden; sie reichte hin, -um mich aller moralischen Grundsätze zu berauben und die unwürdigsten -Triebe in mir wach zu rufen. Unter ihrem bösartigen -Einfluß wälzte ich in meinem Hirn die ungeheuerlichsten und -niederträchtigsten Pläne und Entwürfe, aber meine Hand war -damals zu schwach, sie auszuführen. Hätten nicht die unfehlbaren -Heilmittel für den Schnupfen durch wiederholte Angriffe meine -Kräfte völlig erschöpft, ich wäre wahrlich imstande gewesen auf -Leichenraub auszugehen.</p> - -<p>Wie die meisten andern Leute habe ich zuweilen gemeine -Regungen und handle darnach; aber bis zu einem solchen Grade -von unmenschlicher Ruchlosigkeit hatte ich es noch nie gebracht, bevor -ich jene Arzenei einnahm, und obendrein war ich noch stolz -darauf. Nach Verlauf von zwei Tagen war ich wieder soweit, -aufs neue an mir herumdoktern zu können. Ich wandte noch -mehrere untrügliche Mittel an und trieb mir schließlich die Erkältung -aus dem Kopf in die Lunge.</p> - -<p>Nun bekam ich fortwährend Hustenanfälle und meine Stimme -sank unter den Nullpunkt. Ich sprach mit den Leuten in einem -grollenden Baß, zwei Oktaven unter meinem gewöhnlichen Tonfall. -Eine regelmäßige Nachtruhe konnte ich nur dadurch erlangen, -daß ich mich in einen Zustand gänzlicher Erschöpfung -hineinhustete; sobald ich aber im Schlaf zu sprechen anfing, weckte -mich der Mißlaut meiner Stimme wieder auf.</p> - -<p>Mein Fall verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Man empfahl -mir Wacholderschnaps. Den trank ich. Dann Schnaps mit -Sirup. Ich trank auch den. Ferner Schnaps mit Zwiebeln. -Die that ich dazu und schluckte alle drei zusammen, jedoch ohne -besonderes Ergebnis.</p> - -<p>Ich sah mich jetzt genötigt meiner Gesundheit durch Luftveränderung -wieder aufzuhelfen und reiste mit meinem Kollegen, -dem Zeitungsreporter Wilson, nach dem Bigler-See. Nicht ohne<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span> -eine gewisse Befriedigung denke ich daran, daß wir auf ganz vornehme -Weise reisten, wir benutzten nämlich die Pionierpost und -mein Freund nahm sein ganzes Gepäck mit, welches aus zwei -prachtvollen seidenen Halstüchern und dem Daguerrebild seiner -Großmutter bestand. Dort machten wir den Tag über Segelfahrten, -gingen auf die Jagd, auf den Fischfang und zum Tanz -und die Nacht hindurch kurierte ich meine Erkältung. Durch -diese Einrichtung gelang es mir, jede von den vierundzwanzig -Stunden nutzbringend zu verwenden. Aber mein Uebel wurde -nur immer schlimmer.</p> - -<p>Man riet mir nun zu einer nassen Wickelung. Bisher hatte -ich kein einziges Heilmittel zurückgewiesen und es schien Thorheit, -jetzt noch damit anzufangen. So beschloß ich denn die Wickelung -zu versuchen, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das eigentlich -für eine Veranstaltung sei. Sie wurde um Mitternacht vorgenommen -und das Wasser war brennend kalt. Ein Leintuch, das -mindestens tausend Meter lang zu sein schien, wurde in Eiswasser -getaucht und mir um Brust und Rücken gewickelt, bis ich -aussah wie der Wischer für eine der neuen Riesenkanonen.</p> - -<p>Es ist ein grausames Verfahren. Wenn der kalte Lappen -das warme Fleisch berührt, fährt man vor Schrecken zusammen -und schnappt nach Atem wie ein Mensch in der Todesnot. Mir -erfror das Mark in den Knochen und mein Herzschlag schien stillzustehen. -Ich glaubte mein letztes Stündlein sei gekommen.</p> - -<p>Ich warne hiermit jedermann vor kalten Wickelungen. Es -giebt nichts Unbehaglicheres in der Welt – außer vielleicht, einer -Dame unserer Bekanntschaft zu begegnen, die aus Gründen, die -sie selbst am besten weiß, über uns hinweg sieht, oder, wenn sie -uns wirklich ansieht, uns nicht kennt.</p> - -<p>Aber, was ich noch sagen wollte, – als mein Schnupfen -nach der Wickelung nicht kuriert war, empfahl mir eine befreundete -Dame ein Senfpflaster auf die Brust zu legen. Das hätte<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span> -mich, glaube ich, auch wirklich geheilt, wäre der junge Wilson -nicht gewesen. Beim Zubettegehen legte ich mir das Senfpflaster, -das ganz großartig war – es maß achtzehn Zoll im Viereck – -bequem zur Hand, wo ich es erreichen konnte. Aber Wilson bekam -in der Nacht Hunger und – den Rest kann sich der Leser -selber denken.</p> - -<p>Nach einem achttägigen Aufenthalt am Bigler-See ging ich -nach Steamboat-Springs, wo ich Dampfbäder nahm und noch -eine Masse der erbärmlichsten Arzneien zu schlucken bekam, die -je zusammengebraut worden sind. Sie würden mich ganz hergestellt -haben, aber ich mußte nach Virginia-City zurückkehren, -wo ich es trotz der verschiedenartigsten Heilmittel, die ich jeden -Tag verschlang, möglich machte, meine Krankheit durch Vernachlässigung -und Ausgehen bei kalter Witterung sehr zu verschlimmern.</p> - -<p>Endlich beschloß ich nach San Francisco zu reisen. Am -ersten Tag nach meiner Ankunft daselbst sagte mir eine Dame -im Gasthaus, ich solle alle vierundzwanzig Stunden ein Quart -Whisky trinken und ein Freund, der in der Stadt wohnte, gab -mir denselben Rat. Das machte also zusammen zwei Quart oder -eine halbe Gallone. Soviel trank ich und bin noch am Leben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In obigem habe ich mit der allerbesten Absicht von der -Welt das mannigfaltige Heilverfahren geschildert, welches ich kürzlich -zur Kur meines Schnupfens durchzumachen hatte. Ich empfehle -es besonders allen, die an der Schwindsucht leiden. Wenn sie -einen Versuch damit anstellen und nicht gesund werden, so kann -es sie höchstens umbringen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kinderkrankheiten">Kinderkrankheiten.</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-024"> -<div class="boxu box024u"> -<img src="images/illu-024.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box024l"></div> -</div> - -<div class="epigraph"> -<p>Diese Geschichte hat Herr Mc Williams, -ein freundlicher Herr aus New York, -dem Verfasser erzählt, der ihn zufällig -auf einer Reise traf.</p> -</div> -</div> - -<p class="drop">Sie können sich kaum vorstellen, Herr -Mark Twain, wie schrecklich die unheilbare -Krankheit, welche man die -häutige Bräune nennt, in unserer -Stadt gewütet hat. Ebenso schlimm -als die Krankheit selbst war der Umstand, -daß alle Mütter vor Angst -und Schrecken fast den Verstand verloren. -Hören Sie zu, was ich mit -meiner Frau während jener Zeit erlebte. -Eines Mittags kam ich nach Hause und machte meine -Frau auf die kleine Penelope aufmerksam, indem ich bemerkte:</p> - -<p>»Mein Herz, ich würde an deiner Stelle nicht erlauben, -daß das Kind an dem Kienspan kaut.«</p> - -<p>»Was in aller Welt soll denn das schaden?« entgegnete -sie, schickte sich aber zugleich an, den Span fortzunehmen; – -ohne weitläufige Erörterung können Frauenzimmer nun einmal<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span> -nicht den geringsten Rat befolgen, wenn dessen Weisheit auch -noch so sehr auf der Hand liegt; d. h. <em class="gesperrt">verheiratete</em> Frauen.</p> - -<p>Ich erwiderte: »Herzchen, man weiß, daß keine Holzart so -wenig Nährwert für ein Kind besitzt wie Tannenholz.«</p> - -<p>Meine Frau zog die Hand zurück, mit der sie den Span -ergreifen wollte und legte sie wieder in den Schoß.</p> - -<p>»Du bist im Irrtum,« sagte sie merklich erregt; »alle -Aerzte versichern, daß das Terpentin im Tannenholz für ein -schwaches Rückgrat und für die Nieren sehr gut ist.«</p> - -<p>»Ah so – ich bitte um Entschuldigung. Ich habe nicht -gewußt, daß unser Kind an Rückenschwäche und an den Nieren -leidet und daß der Hausarzt verordnet hat –«</p> - -<p>»Das Kind denkt gar nicht daran, an dergleichen zu leiden -– wie kommst du darauf?«</p> - -<p>»Aber liebe Frau, du hast doch angedeutet –«</p> - -<p>»Bewahre, so etwas ist mir nicht eingefallen.«</p> - -<p>»Es ist ja kaum zwei Minuten her, mein Herz, daß du -sagtest –«</p> - -<p>»Dummes Zeug! Ich mag gesagt haben was ich will – -jedenfalls ist es kein Unglück, daß die Kleine an einem Stück -Holz kaut, wenn sie Lust dazu hat; ich dächte, du könntest das -auch einsehen. Ich verwehre es ihr nicht und damit ist's gut!«</p> - -<p>»Ereifere dich nicht, mein Kind; ich sehe schon ein, daß -du recht hast und werde gleich ausgehen, um ein paar Klafter -vom besten Tannenholz zu bestellen. Solange <em class="gesperrt">ich</em> lebe, soll -mein Kind – –«</p> - -<p>»O bitte, geh in dein Geschäft und laß mich einen Augenblick -in Ruhe. Man kann auch nicht die geringste Bemerkung -machen, du mußt darüber streiten, streiten, streiten, bis du nicht -mehr weißt, wovon du sprichst – wie immer.«</p> - -<p>»Nun gut, du sollst deinen Willen haben. Aber in deiner -letzten Bemerkung war ein Mangel an Logik, der – –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span></p> - -<p>Ehe ich jedoch ausgeredet hatte, war sie zur Thüre hinausgesegelt -und hatte das Kind mitgenommen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als ich am Abend desselben Tages zu Tische nach Hause -kam, trat sie mir mit kreideweißem Gesicht entgegen.</p> - -<p>»O Mortimer, ein neuer Fall! Der kleine George vom -Nachbar Gordon ist krank!«</p> - -<p>»Häutige Bräune?«</p> - -<p>»Häutige Bräune!«</p> - -<p>»Hat der Arzt noch Hoffnung?«</p> - -<p>»Nicht die geringste! O, was soll aus uns werden!«</p> - -<p>Kurz darauf brachte eine Wärterin die kleine Penelope herein, -um uns gute Nacht zu sagen und das übliche Abendgebet -auf der Mutter Schoß zu sprechen. Aber mitten in: »Jetzt leg' -ich mich zu süßer Ruh,« hustete sie ein wenig. Meine Frau fuhr -zurück als hätte sie der Schlag gerührt. Doch schon im nächsten -Augenblick war sie auf den Füßen, der Schrecken spornte sie zu -fieberhafter Thätigkeit.</p> - -<p>Sie befahl, das Bett des Kindes aus der Kinderstube in -unser Schlafzimmer zu bringen, und ging selbst mit, um die Ausführung -des Befehls zu beaufsichtigen. Natürlich mußte ich auch -dabei sein, und wir brachten die Sache schnell in Ordnung. Für -die Kinderfrau wurde ein Bett in dem Ankleidezimmer meiner -Frau aufgeschlagen. Nun fiel ihr aber ein, daß wir zu weit -von dem andern Kind entfernt seien, und wenn sich in der Nacht -bei ihm Symptome zeigen sollten – mein armes Frauchen wurde -wieder leichenblaß.</p> - -<p>Darauf schafften wir das Kinderbett und die Kinderfrau -wieder in die Kinderstube und schlugen für uns beide ein Bett -im Nebenzimmer auf. Plötzlich bekam meine Frau jedoch Angst, -Penelope könne den Kleinen anstecken. Dieser Gedanke jagte ihr -ein solches Entsetzen ein, daß ihre ganze Hilfsmannschaft das<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span> -Bettchen nicht schnell genug wieder hinaustragen konnte. Meine -Frau half in eigener Person und riß es beinahe in Stücke in -ihrer verzweifelten Hast.</p> - -<p>Wir zogen in den unteren Stock, aber da war nicht Platz -genug, die Kinderfrau unterzubringen, und meine Frau meinte, -ihre Erfahrung würde eine unschätzbare Hilfe sein. So kehrten -wir denn mit Sack und Pack wieder in unser eigenes Schlafzimmer -zurück und fühlten uns so glücklich, wie ein Paar vom -Sturm verschlagene Vögel, die ihr warmes Nestchen wiederfinden.</p> - -<p>Meine Frau eilte jetzt in die Kinderstube, um zu sehen, wie -es dort stände. Im Nu war sie aber wieder da, von neuer -Furcht ergriffen.</p> - -<p>»Wie kann es nur kommen, daß der Kleine so fest schläft?«</p> - -<p>»Aber mein Herz,« sagte ich, »der Kleine schläft ja immer -so fest, daß er aussieht wie ein Bild.«</p> - -<p>»Ich weiß, ich weiß; aber heute hat sein Schlaf etwas Unnatürliches. -Er scheint – er scheint so regelmäßig zu atmen.«</p> - -<p>»Aber, liebes Kind, er atmet immer regelmäßig.«</p> - -<p>»O, das weiß ich; aber heute macht es einen schrecklichen -Eindruck. Seine Wärterin ist viel zu jung und unerfahren, Marie -soll bei ihr bleiben, damit sie bei der Hand ist, wenn etwas passiert.«</p> - -<p>»Das ist ein guter Gedanke; aber, wer wird <em class="gesperrt">dir</em> helfen?«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Du</em> kannst mir alle Hilfe leisten, die ich brauche. Ich -werde mich ja so wie so in dieser schrecklichen Zeit auf keinen -Menschen verlassen, sondern alles selbst thun.«</p> - -<p>Ich erwiderte, daß ich mich selbst verachten würde, wenn -ich zu Bette gehen und schlafen wollte, während sie wachte und -sich um unsere Kranke mühte, die lange, bange Nacht. Doch -endlich ließ ich mich überreden. So begab sich also die alte -Marie wieder zurück auf ihren Posten in der Kinderstube.</p> - -<p>Penelope hustete ein- oder zweimal im Schlaf.</p> - -<p>»Warum nur dieser Doktor nicht kommt. – Mortimer,<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[29]</span> -es ist gewiß zu warm im Zimmer. Mache den Schieber zu – -schnell!«</p> - -<p>Ich schloß die Luftheizung ab, sah nach dem Thermometer -und fragte mich, ob denn 14° wirklich zu warm sei für ein -krankes Kind.</p> - -<p>Der Kutscher kam jetzt aus der Stadt mit der Nachricht, -daß unser Hausarzt krank zu Bette liege. Meine Frau warf mir -einen erlöschenden Blick zu und sagte mit sterbender Stimme:</p> - -<p>»Es ist der Wille der Vorsehung. So war es vorher bestimmt. -– Noch nie ist er krank gewesen, <em class="gesperrt">nie</em>! Wir haben nicht -so gelebt wie wir sollten, Mortimer. Immer und immer wieder -habe ich es dir gesagt. Nun siehst du, wohin es führt. Danke -Gott, wenn du es dir <em class="gesperrt">je</em> verzeihen kannst – ich kann es mir -nicht vergeben.«</p> - -<p>Ich sagte, ohne die Worte genau zu wählen, aber durchaus -nicht in der Absicht, sie zu kränken, es sei mir nicht bewußt, daß -wir ein so gottloses Leben geführt hätten.</p> - -<p>»Mortimer – willst du das Gericht Gottes auch über der -Kleinen heraufbeschwören?«</p> - -<p>Sie brach in Thränen aus – aber plötzlich rief sie:</p> - -<p>»Der Doktor muß doch Arzenei geschickt haben!«</p> - -<p>»Gewiß,« versetzte ich, »hier ist sie. Ich habe nur auf -den passenden Moment gewartet, es dir zu sagen.«</p> - -<p>»So gieb sie doch her; weißt du nicht, daß jetzt jeder Augenblick -kostbar ist! Aber ach, wozu schickt er überhaupt Arzenei, -wenn er doch weiß, daß alles vergebens ist.«</p> - -<p>Ich sagte, wo noch Leben wäre, sei auch noch Hoffnung.</p> - -<p>»Hoffnung! – Mortimer, du weißt so wenig was du sprichst, -wie ein neugeborenes Kind. Wenn du nur – Welcher Unsinn -– die Anweisung sagt: alle Stunde einen Theelöffel! Einmal -stündlich – als ob wir ein ganzes Jahr vor uns hätten, um -das Kind zu retten! Mortimer, schnell, gieb dem armen verschmachtenden<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[30]</span> -Würmchen einen Eßlöffel voll; nur diesmal beeile -dich!«</p> - -<p>»Aber, mein Herz, ein Eßlöffel voll könnte –«</p> - -<p>»Mache mich nicht toll! … Hier, mein Engelchen, -mein süßes, nimm das häßliche bittere Zeug; es ist gut für Nelly, -für Mamas süßen, kleinen Liebling und soll sie gesund machen. -Da, da, da, lege dein Köpfchen an Mütterchens Brust und schlaf' -ein, damit du bald – – o, ich weiß, sie wird den Morgen nicht -erleben! – Mortimer, einen Eßlöffel alle halbe Stunde! Aber -das Kind sollte auch Belladonna nehmen und Acconit. Hole die -Fläschchen, Mortimer. Bitte, thue was ich sage; du verstehst -ja doch nichts davon.«</p> - -<p>Wir stellten nun das Bett des Kindes dicht an das Kopfende -meiner Frau und legten uns nieder. Das viele Durcheinander -hatte mich schrecklich müde gemacht, und in zwei Minuten -war ich halb eingeschlafen.</p> - -<p>Meine Frau weckte mich.</p> - -<p>»Männchen, ist die Luftheizung offen?«</p> - -<p>»Ich glaube nicht.«</p> - -<p>»Das habe ich mir gedacht. Bitte mache den Schieber gleich -auf; das Zimmer ist kalt.«</p> - -<p>Ich schob ihn auf und schlief wieder ein: da wurde ich -nochmals geweckt.</p> - -<p>»Bester Mann, du könntest doch so gut sein, das Bettchen -an deine Seite zu stellen, es ist näher an der Heizung.«</p> - -<p>Ich stellte das Bett an <em class="gesperrt">meine</em> Seite, verwickelte mich aber -in den Bettteppich und weckte das Kind. Wieder verfiel ich in -Schlaf, während meine Frau die kleine Kranke beruhigte. Aber -nicht lange, so kamen wie aus weiter Ferne durch den Nebel -meiner Schlaftrunkenheit die Worte an mein Ohr:</p> - -<p>»Mortimer, wenn wir nur etwas Gänsefett hätten – bitte, -willst du klingeln.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[31]</span></p> - -<p>Ich kletterte im Halbschlaf heraus und trat auf die Katze, -welche mit einem lauten Protest antwortete; ich wollte ihr dafür -einen Fußtritt verabreichen, aber der Stuhl bekam ihn statt -der Katze.</p> - -<p>»Mortimer, was fällt dir ein? Warum drehst du den Gashahn -auf? Willst du das Kind zum zweitenmal wecken?«</p> - -<p>»Ich will sehen, ob ich mir Schaden gethan habe, Evangeline.«</p> - -<p>»Dann sieh nur auch den Stuhl an; ich bin überzeugt, er -ist in Stücken. Die arme Katze; wenn du nun – –«</p> - -<p>»Die Katze ist mir völlig gleichgültig. Das alles wäre -nicht geschehen, wenn du Marie hier behalten hättest, um diese -Pflichten zu übernehmen, die sie angehen, und nicht mich.«</p> - -<p>»Du solltest dich schämen, Mortimer, eine solche Bemerkung -zu machen. Wahrhaftig, wenn du die Kleinigkeiten, um die -ich dich bitte, nicht einmal besorgen willst – da doch unser -Kind – –«</p> - -<p>»Schon gut, ich will ja alles thun. Aber kein Mensch -hört auf mein Läuten. Sie sind wahrscheinlich alle zu Bett -gegangen. – Wo steht das Gänsefett?«</p> - -<p>»Auf dem Kamin im Kinderzimmer. Wenn du hingehen -willst und mit Marie sprechen – –«</p> - -<p>Ich holte das Gänsefett und schlief wieder ein. Abermals -wurde ich gerufen: »Mortimer, es ist mir schrecklich, dich zu -stören, aber das Zimmer ist immer noch zu kalt, wenn ich die -Einreibung machen soll. Könntest du nicht das Feuer anzünden? -Es ist alles zurechtgelegt, du brauchst nur ein Schwefelhölzchen -hineinzustecken.«</p> - -<p>Ich kroch aus dem Bett, machte das Feuer an, und setzte -mich als Jammergestalt daneben.</p> - -<p>»Mortimer, du erkältest dich zu Tode, wenn du da sitzen -bleibst. Komm' zu Bett!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[32]</span></p> - -<p>Ich wollte hineinsteigen, da sagte sie:</p> - -<p>»Nur einen Augenblick! Bitte, gieb dem Kinde noch etwas -Arzenei.« – Das that ich, und meine Frau benutzte die Gelegenheit, -da die Kleine doch einmal wach war, sie auszuziehen -und über und über mit -dem Gänsefett einzuschmieren. -Bald schlief ich von -neuem – aber nicht lange.</p> - -<div class="figleft" id="illu-031"> - <img src="images/illu-031.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Mortimer, es zieht -irgendwo; ich fühle es ganz -deutlich. Nichts ist verhängnisvoller -bei solcher -Krankheit als Zugwind. -Bitte, stelle das Kinderbett -näher ans Feuer.« Das -that ich und wickelte mich -wieder in den Bettteppich, -den ich dabei ins Feuer -warf. Meine Frau sprang -aus dem Bett und rettete -ihn, wobei wir etwas aneinander -gerieten. Nun -folgte wieder eine kleine -Schlafpause, bis mir befohlen -wurde, einen Umschlag -von Leinsamen zu machen. Dieser wurde dem Kinde auf -die Brust gelegt, um dort seine heilende Wirkung zu üben.</p> - -<p>Ein Holzfeuer hat nicht lange Bestand. Alle zwanzig -Minuten stand ich auf, um das unsrige anzufachen und Holz -nachzulegen; dadurch verkürzten sich auch die Zwischenräume -beim Eingeben der Arzenei um zehn Minuten, was meiner Frau -eine große Erleichterung war. Dazwischen erneuerte ich die<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[33]</span> -Umschläge und legte einen Senfteig oder andere Zugpflaster -überall da auf, wo noch eine freie Stelle an dem Kinde zu -finden war. Endlich, gegen Morgen, war das Holz verbraucht, -und meine Frau meinte, ich solle in den Keller gehen, um -welches zu holen.</p> - -<p>»Das ist eine schwere Arbeit, liebes Kind,« bemerkte ich. -»Der Kleinen ist gewiß warm genug bei ihren vielen Umhüllungen. -Wir können ihr ja auch noch eine Lage Brei auflegen -und –«</p> - -<p>Ich kam nicht zu Ende, denn ich wurde unterbrochen. Eine -Weile schleppte ich Holz herauf und kroch dann wieder in mein -Bett. Bald schnarchte ich, wie nur ein Mensch schnarchen kann, -der völlig abgemattet ist an Körper und Geist. Bei Tagesanbruch -fühlte ich ein Rütteln an meiner Schulter, was mich -schnell zur Besinnung brachte. Meine Frau stand mit stierem -Blick vor mir und rang nach Luft. Sobald sie sprechen konnte, -sagte sie:</p> - -<p>»Es ist alles aus – alles aus! – Das Kind schwitzt. Was -fangen wir an?«</p> - -<p>»Mein Gott, wie du mich erschreckt hast! Ich weiß nicht, -was ich dir raten soll. Vielleicht wenn wir alles abkratzten und -Penelope wieder in den Zug brächten –«</p> - -<p>»Welcher Blödsinn! – Jetzt ist kein Augenblick zu verlieren! -Hole den Doktor, schnell! Du mußt <em class="gesperrt">selbst</em> gehen. Bringe ihn -her, tot oder lebendig.«</p> - -<p>Ich zerrte den armen kranken Mann aus dem Bett und -brachte ihn zu uns. Er sah das Kind an und sagte, es läge -nicht im Sterben. Das war mir eine unaussprechliche Freude, -aber meine Frau wurde so böse, als habe er sie persönlich beleidigt. -Dann meinte er, der Husten des Kindes wäre nur durch -einen kleinen Reiz in der Kehle verursacht. Wie er das sagte, -fürchtete ich fast, meine Frau würde ihm die Thüre weisen. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[34]</span> -Doktor wollte die Kleine nun stärker zum Husten bringen, um -die Störung zu beseitigen. Er gab ihr etwas ein, sie hustete -heftig, und heraus kam, – ein kleiner Holzsplitter.</p> - -<p>»Das Kind hat keine Bräune,« sagte der Arzt. »Es hat -an einem Stück Tannenholz gekaut, und ein paar kleine Splitter -in den Hals bekommen. Die werden ihm nichts schaden.«</p> - -<p>»Nein,« sagte ich, »das glaube ich auch. Das Terpentin -darin ist sogar sehr gut für einige Krankheiten, die bei Kindern -vorkommen. Meine Frau kann Ihnen das sagen.«</p> - -<p>Aber das that sie nicht. Sie wendete sich empört von uns -ab und verließ das Zimmer. Seit der Zeit ist in unserm ehelichen -Leben <em class="gesperrt">eine</em> Episode, die wir nie erwähnen. Im übrigen -fließt der Strom unserer Tage in ungetrübter Heiterkeit dahin.</p> - -<div class="blockquot s90"> - -<p>Sehr wenig Ehemänner haben ähnliche Erfahrungen gemacht, -wie Herr Mc Williams; deshalb dachte der Verfasser dieses -Buches, die Sache würde durch ihre Neuheit vielleicht in den -Augen des Lesers ein flüchtiges Interesse erhalten.</p></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[35]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Frau_Mc_Williams_beim_Gewitter">Frau Mc Williams beim Gewitter.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Ja, fuhr Herr Mc Williams fort, – dies war nämlich nicht -der Anfang seiner Rede – die Furcht vor dem Gewitter -ist eine der qualvollsten Schwächen, von denen ein menschliches -Wesen heimgesucht werden kann. Sie ist meistens auf Frauen -beschränkt, hie und da findet sie sich jedoch auch bei einem kleinen -Hunde und manchmal auch bei einem Manne. Es ist eine ganz -besonders traurige Schwäche, indem sie einem Menschen den -Verstand in höherem Grade raubt als irgend eine andere Furcht, -da sie sich weder durch Vernunftgründe noch durch Beschämung -unterdrücken läßt. Eine Frau, die dem Teufel selber ins Gesicht -sehen könnte – oder einer Maus – verliert ihre Schneidigkeit -und ist rein weg angesichts eines zuckenden Blitzes.</p> - -<p>Also wie ich Ihnen sagte, ich wachte auf an dem halberstickten -von irgendwo herkommenden Schrei: »Mortimer, Mortimer!« -Sobald ich meine fünf Sinne zusammenfassen konnte, -richtete ich mich in der Dunkelheit auf und antwortete:</p> - -<p>»Evangeline, rufst du? was giebts? wo bist du?«</p> - -<p>»In die Wäschekammer eingeschlossen! Du solltest dich -schämen, dazuliegen und so zu schlafen, während solch ein fürchterliches -Gewitter losbricht.«</p> - -<p>»Nun, wie kann man sich denn schämen, wenn man schläft?<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[36]</span> -Das hat ja keinen Sinn; ein Mensch kann sich nicht schämen, -derweil er schläft, Evangeline.«</p> - -<p>»Das thust du freilich nie, Mortimer, das weiß <em class="gesperrt">ich</em> wohl!«</p> - -<p>Ich vernahm den Laut unterdrückten Schluchzens. Dieser -Klang machte die scharfe Rede, die sich auf meine Lippen drängte, -ersterben und ich ließ mich statt dessen folgendermaßen vernehmen:</p> - -<p>»Es thut mir leid, Liebe, es thut mir wirklich leid. Ich -wollte es nicht thun, -komm' heraus und –«</p> - -<p>»Mortimer!«</p> - -<p>»Himmel, was -giebts, mein Schatz?«</p> - -<p>»Ich glaube gar, -daß du <em class="gesperrt">noch</em> im Bett -liegst?«</p> - -<p>»Warum nicht? natürlich.«</p> - -<div class="figleft" id="illu-035"> - <img src="images/illu-035.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Augenblicklich stehe -auf! Ich dächte, du -solltest doch ein klein -wenig acht auf dein -Leben geben, um meinet- -und der Kinder willen, wenn nicht schon um deinetwillen.«</p> - -<p>»Aber lieber Schatz –«</p> - -<p>»Hör' auf, Mortimer, du weißt, bei einem solchen Gewitter -ist der allergefährlichste Platz das Bett. Das steht in -allen Büchern. Aber das ist dir einerlei, du bleibst doch darin -liegen und wirfst lieber dein Leben rücksichtslos weg, der Himmel -weiß warum, höchstens aus ewiger Rechthaberei und –«</p> - -<p>»Aber zum Kuckuck, Evangeline, ich bin ja jetzt nicht mehr -im Bett, ich bin –«</p> - -<p>Dieser Satz wurde unterbrochen durch einen plötzlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[37]</span> -Blitzstrahl, begleitet von einem unterdrückten Aufschrei meiner -Frau und einem furchtbaren Donnerschlag.</p> - -<p>»Da! Nun siehst du, wozu das führt. O, Mortimer, wie -kannst du so ruchlos sein, bei einem solchen Wetter zu fluchen?«</p> - -<p>»Ich habe ja nicht geflucht. Und das kam gar nicht davon -her, es wäre ganz ebenso gekommen, auch wenn ich kein -Wörtchen gesagt hätte, und du weißt ganz gut, Evangeline, oder -solltest es wenigstens wissen, daß, wenn die Atmosphäre mit -Elektrizität geladen ist –«</p> - -<p>»O, ja, jetzt habe nur recht und wieder recht und noch -einmal recht. Ich begreife nicht, wie du so handeln magst, da -du doch weißt, daß wir keinen Blitzableiter haben und daß deine -arme Frau und Kinder rein der Gnade der Vorsehung anheimgegeben -sind. – Aber was thust du? Ein Zündhölzchen anstecken? -bei einem solchen Wetter, bist du völlig toll?«</p> - -<p>»Zum Henker, Frau, was schadet denn das? Es ist ja -hier so finster wie in einer Kuh und –«</p> - -<p>»Lösch' es aus, lösch' es augenblicklich aus! Willst du -uns alle geflissentlich zu Grunde richten? Du weißt doch, daß -nichts so den Blitz anzieht wie ein Licht.«</p> - -<p>(Fzt, – krach! – bum! – bolum! – bum!)</p> - -<p>»O, da höre, jetzt siehst du, was du angerichtet hast.«</p> - -<p>»Wieso? Ein Schwefelhölzchen kann allenfalls den Blitz -anziehen, aber gewiß ruft es keinen Blitz hervor, – ich stehe -dafür ein. Sollte aber dieser Schuß dennoch meinem Zündhölzchen -gegolten haben, so war er jämmerlich gezielt, – eine -Leistung, die unter Tausenden kaum einer fertig bringt.«</p> - -<p>»Schäme dich, Mortimer. Da stehen wir dem Tode Auge -in Auge gegenüber, und doch bist du fähig, in einem so feierlichen -Augenblick eine solche Sprache zu führen. Wenn du nicht -den Wunsch hast, – Mortimer –«</p> - -<p>»Nun?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[38]</span></p> - -<p>»Hast du eigentlich heute ein Nachtgebet gesprochen?«</p> - -<p>»Ich – ich – war eben dabei, da fiel mir ein, auszurechnen, -wie viel zwölfmal dreizehn ist und –«</p> - -<p>(Fzt, – bum! – bum! – bumerumbum! – bang! -– krach!)</p> - -<p>»O, wir sind verloren, rettungslos verloren. Wie konntest -du so etwas versäumen, bei solch einem Wetter!«</p> - -<p>»Aber es war ja noch nicht so ein Wetter. Es war kein -Wölkchen am Himmel. Wie konnte ich ahnen, daß wegen einer -so kleinen Unterlassungssünde all dies Gerumpel und Gepolter -losgehen würde? Und ich meine, es ist gerade nicht hübsch von -dir, so viel Aufhebens davon zu machen, da du doch weißt, daß -es so selten vorkommt. Vorher habe ich es nie versäumt, nie -seit dem großen Erdbeben, an dem ich schuld war.«</p> - -<p>»Mortimer, wie du sprichst! Hast du das gelbe Fieber vergessen?«</p> - -<p>»Meine Liebe, du legst mir immer das gelbe Fieber zur -Last, und ich meine doch, das ist ganz sinnlos. Wie soll denn -ein kleines Frömmigkeitsvergehen von mir so weithin wirken? -Das Erdbeben will ich meinetwegen auf mich nehmen, weil es in -der Nachbarschaft stattfand, aber ich will mich hängen lassen, -wenn ich verantwortlich sein soll für jedes lumpige –«</p> - -<p>(Fzt, bum, bum, belum, bum, bang!)</p> - -<p>»O Gott, o Gott, gewiß hat es irgendwo eingeschlagen. -Wir werden keinen Tag mehr erleben, und dann, wenn wir nicht -mehr sind, kann es dir eine Genugthuung sein, zu wissen, daß -dein gottloses Gerede – Mortimer!«</p> - -<p>»Nun, was ist wieder los?«</p> - -<p>»Deine Stimme klingt, wie wenn – Mortimer, stehst du -wirklich vor dem offenen Kamin?«</p> - -<p>»Das ist allerdings mein Verbrechen in diesem Augenblick.«</p> - -<p>»Geh' augenblicklich davon weg. Es scheint, du bist entschlossen,<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[39]</span> -Vernichtung über uns alle zu bringen. Weißt du nicht, -daß es keinen besseren Leiter für den Blitz giebt, als ein offenes -Kamin? – Wo bist du nun hingegangen?«</p> - -<p>»Da ans Fenster.«</p> - -<p>»O, um Gottes willen, hast du den Verstand verloren? -Geh' weg von dort, augenblicklich! Die kleinsten Kinder wissen, -daß es lebensgefährlich ist, während eines Gewitters am Fenster -zu stehen. Lieber, Guter, ich weiß, ich erlebe keinen Tag mehr -– Mortimer?«</p> - -<p>»Ja!«</p> - -<p>»Was ist das für ein Rascheln?«</p> - -<p>»Ich bin's.«</p> - -<p>»Was thust du denn?«</p> - -<p>»Ich bemühe mich, das obere Ende meiner Unterbeinkleider -zu finden.«</p> - -<p>»Schnell, wirf das Zeug weg. Du wirst doch nicht diese -Kleidungsstücke bei einem solchen Wetter anziehen wollen? Du weißt -doch, daß allen Autoritäten zufolge wollene Stoffe den Blitz anziehen. -O, Liebster, Bester, ist es nicht genug, daß man aus -natürlichen Ursachen stets in Lebensgefahr schwebt? Und du thust -alles Erdenkbare, was die Gefahr vermehren kann. – So singe -doch nicht! Wie kannst du auf den Einfall kommen?«</p> - -<p>»Nun, was kann denn das schaden?«</p> - -<p>»Mortimer, ich habe dir einmal, habe dir hundertmal gesagt, -daß Singen Schwingungen in der Atmosphäre verursacht, -die den Zug des elektrischen Stroms unterbrechen und – um -alles in der Welt, wozu machst du die Thür auf?«</p> - -<p>»Gerechter Himmel, Weib, ist auch dabei Gefahr?«</p> - -<p>»Gefahr? Der Tod ist dabei. Jeder, der irgend darauf -geachtet hat, weiß, daß einen Luftzug verursachen geradezu den -Blitz herbeiziehen heißt. Du hast sie nur halb zugemacht, schließe -sie fest und mach' schnell, oder wir sind alle verloren. O, es<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[40]</span> -ist etwas Fürchterliches, bei einem solchen Wetter mit einem Wahnwitzigen -eingeschlossen zu sein. Mortimer, was thust du?«</p> - -<p>»Nichts, ich drehe eben den Wasserhahn auf, dieses Zimmer -ist zum Ersticken dumpf, ich muß mir Gesicht und Hände netzen.«</p> - -<p>»Du hast scheints den letzten Rest deines Verstandes verloren. -Wo der Blitz einen andern Gegenstand <em class="gesperrt">ein</em>mal trifft, -schlägt er fünfzigmal ins Wasser. Drehe schnell zu. O, Lieber, -ich sehe schon, daß nichts auf dieser Welt uns retten kann, ich -glaube, daß – – Mortimer, was war das?«</p> - -<p>»Es war ein verfl… es war ein Bild, hab's heruntergestoßen.«</p> - -<p>»Dann stehst du also hart an der Wand? Eine unerhörte -Unvorsichtigkeit. Weißt du nicht, daß es keinen besseren Leiter -für den Blitz giebt, als eine Wand! Mach', daß du davon weg -kommst. – Und eben warst du auch wieder nahe daran zu fluchen. -O, wie kannst du so verzweifelt gottlos sein, während deine -Familie in solcher Gefahr schwebt? Mortimer, hast du ein Federbett -herthun lassen, wie ich dich gebeten habe?«</p> - -<p>»Nein, hab's vergessen.«</p> - -<p>»Vergessen? Es kann dich dein Leben kosten. Hättest du -jetzt ein Federbett, um es in die Mitte des Zimmers zu breiten -und dich darauf zu legen, so wärst du völlig in Sicherheit. Komm' -hier herein – schnell, ehe du noch weitere tolle Streiche machen -kannst.«</p> - -<p>Ich versuchte es, aber die Kammer vermochte uns beide bei -geschlossener Thüre nicht zu fassen, wenn wir nicht ersticken wollten. -Ich schnappte eine Weile nach Luft, dann stürzte ich hinaus. -Meine Frau rief:</p> - -<p>»Mortimer, es muß etwas zu deiner Rettung geschehen, -gieb mir das deutsche Buch, das auf dem Kaminsims liegt, und -ein Licht, – aber steck' es nicht an. In dem Buche finden sich -einige Ratschläge.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[41]</span></p> - -<p>Ich holte das Buch auf Kosten einer Vase und anderer zerbrechlicher -Sachen. Meine Frau schloß sich mit ihrem Licht ein, -worauf ich einen Augenblick Ruhe hatte, dann rief sie heraus: -»Mortimer, was war das?«</p> - -<p>»Nur die Katze.«</p> - -<p>»O, Jammer. Fang' sie und sperr' sie in den Waschschrank ein. -Rasch, lieber Schatz. Die Katzen sind voll Elektrizität, ich bekomme -gewiß noch weiße Haare bei den furchtbaren Gefahren dieser Nacht.«</p> - -<p>Ich vernahm wieder das unterdrückte Schluchzen, sonst würde -ich weder Hand noch Fuß geregt haben zu einem solchen Beginnen -in der Dunkelheit, nämlich über Stühle und alle Arten -von Hindernissen, die meist sehr hart und scharfkantig waren, -auf die Katze Jagd zu machen. Endlich war es mir gelungen, -Mieze in den Schrank zu schließen, freilich auf Kosten von über -400 Dollars an zerbrochenen Möbeln und Schienbeinen. Dann -drang es dumpf aus dem Kämmerchen:</p> - -<p>»In dem deutschen Buche steht, es sei bei einem Gewitter -am sichersten, sich mitten im Zimmer auf einen Stuhl zu stellen, – -die Stuhlbeine müssen durch Nichtleiter isoliert werden, d. h. du -mußt die Stuhlbeine auf Sturzbecher von Glas stellen – (Fzt, -– bum, bam, krach). O, höre doch. Eile dich, Mortimer, ehe -du getroffen wirst.«</p> - -<p>Es gelang mir, die Gläser zu finden, es waren die letzten -vier. Alle andern hatte ich zusammengeschlagen. Ich isolierte -die Stuhlbeine und bat um weitere Verhaltungsmaßregeln.</p> - -<p>»Mortimer, dann heißt es: ›Während eines Gewitters entferne -man Metalle, wie z. B. Uhren, Ringe, Schlüssel von sich -und halte sich auch nicht an solchen Stellen auf, wo viele Metalle -beieinander liegen, oder mit andern Körpern verbunden sind, wie -an Herden, Oefen, Eisengittern u. dgl.‹ Verstehst du das, Mortimer? -Heißt das, daß man Metalle bei sich behalten muß, oder -fern von sich halten?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[42]</span></p> - -<p>»Ja, ich weiß auch nicht recht, es kommt mir etwas unklar -vor, ich kenne die Sprache nicht so genau. Wenn ich das Deutsch -recht verstehe, so scheint es mir zu besagen, daß man Metall an -sich haben soll.«</p> - -<p>»Ja, so muß es wohl sein, das sagt ja der gesunde Menschenverstand. -Es wirkt wie beim Blitzableiter, weißt du. Setz' deinen -Feuerwehrhelm auf, Mortimer, der ist fast ganz aus Metall.«</p> - -<p>Ich holte ihn und setzte ihn auf, – ein recht schweres, -plumpes und unbequemes Ding, in einer heißen Nacht in einem -dumpfen Zimmer. War mir doch schon mein Nachtgewand mehr -Bekleidung, als ich eigentlich bedurfte.</p> - -<p>»Mortimer, ich glaube, dein Unterleib bedarf auch eines -Schutzes, willst du nicht so gut sein und deinen Bürgerwehrsäbel -umschnallen?«</p> - -<p>Ich willfahrte.</p> - -<p>»Jetzt, Mortimer, mußt du noch etwas zum Schutz deiner -Füße haben, bitte, schnalle deine Sporen an.«</p> - -<p>Ich that es, ohne ein Wort zu sagen, und hielt meine gute -Laune aufrecht, so gut ich konnte.</p> - -<p>»Mortimer, es heißt in dem deutschen Buche weiter: ›Das -Gewitterläuten ist sehr gefährlich, weil die Glocke selbst, sowie -der durch das Läuten veranlaßte Luftzug und die Höhe des -Turmes den Blitz anziehen könnten;‹ Mortimer, heißt das, daß -es gefährlich sei, die Kirchenglocken während eines Gewitters -nicht zu läuten?«</p> - -<p>»Ja, es sieht so aus. – Wenn dies das Partizip der -Vergangenheit im Nominativ Singularis ist, – und das scheint -mir so –; ja, ich denke, es heißt, daß in Anbetracht der Höhe -des Kirchturms und in Ermangelung von Luftzug es sehr gefährlich -sein würde, während eines Gewitters die Glocken nicht -zu läuten, – und außerdem, siehst du nicht, daß gerade der -Ausdruck – –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[43]</span></p> - -<p>»Schon gut, Mortimer, verliere die kostbare Zeit nicht mit -Reden, hole die große Tischglocke, sie ist gerade dort auf dem -Vorplatz. Geschwind, lieber Mortimer, wir sind beinahe in -Sicherheit; o mein Bester, -ich glaube, wir kommen -diesmal noch davon.«</p> - -<p>Unsere kleine Sommerwohnung -steht oben -auf einer Hügelreihe, die -über ein Thal hineinschaut. -Mehrere Bauernhäuser -sind in unserer -Nachbarschaft, das nächste -3–400 Yards entfernt.</p> - -<div class="figright" id="illu-042"> - <img src="images/illu-042.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Als ich auf dem -Isolierstuhle stehend, die -schreckliche Glocke sieben -oder acht Minuten lang -geläutet hatte, wurden -unsere Läden plötzlich von -außen aufgerissen und eine -Laterne fuhr blendend an -das Fenster, während eine -Stimme also sprach: »Was -in aller Welt ist hier los?«</p> - -<p>Das Fenster war -voll von menschlichen Köpfen und die Köpfe voll von Augen, -welche mein Nachtgewand, mit der kriegerischen Ausrüstung -darüber, wild anstierten. Ich ließ die Glocke sinken, sprang -verwirrt vom Stuhl herunter und sagte:</p> - -<p>»Es ist nichts los, gute Freunde; nur eine kleine Störung -wegen des Gewitters; ich habe mich bemüht, den Blitz abzuhalten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[44]</span></p> - -<p>»Gewitter? Blitz? Ei, Herr Mc Williams, haben Sie den -Verstand verloren? Es ist eine schöne sternenhelle Nacht, keine -Spur von Gewitter.«</p> - -<p>Ich schaute hinaus und war so erstaunt, daß ich eine Zeit -lang kein Wort herausbrachte. Dann sagte ich:</p> - -<p>»Ich begreife das nicht, wir sahen das Zucken der Blitze -ganz deutlich durch die Vorhänge und Läden und hörten den -Donner.«</p> - -<p>Die Leute legten sich nach einander auf den Boden und -wälzten sich vor Lachen, – zwei lachten sich zu Tode.</p> - -<p>Einer von den Ueberlebenden bemerkte: »Aber, daß Sie -nicht daran dachten, ihre Läden aufzumachen und einmal auf -den hohen Hügel dort hinauf zu sehen! Was Sie hörten, waren -Kanonenschüsse, was Sie sahen, war das Feuer derselben. Wissen -Sie, der Telegraph hat gerade um Mitternacht die Kunde gebracht, -daß Cleveland ernannt ist, und darum die ganze Geschichte.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Ja, Herr Twain, wie ich gleich zu Anfang sagte,« bemerkte -Herr Mc Williams zum Schluß, »die Vorschriften, um -die Menschen vor Blitzschlag zu bewahren, sind so vortrefflich -und so zahllos, daß es mir schlechterdings unbegreiflich ist, wie -irgend jemand es fertig bringt getroffen zu werden.«</p> - -<p>Mit diesen Worten raffte er sein Bündel und seinen Schirm -zusammen und stieg aus, denn der Zug war an seinem Wohnort -angekommen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[45]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ueber_fruehreife_Kinder">Ueber frühreife Kinder.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Alle kleinen Kinder scheinen heutzutage die lästige und naseweise -Angewohnheit zu haben, bei jeder Gelegenheit schlaue -Aeußerungen zu thun, besonders in Zeiten, da sie ganz stillschweigen -sollten. Nach den Witzworten dieser Art zu urteilen, welche im -Durchschnitt veröffentlicht werden, müssen die Kinder der jüngsten -Generation förmlich blödsinnig sein. Und ihre Eltern stehen ihnen -an Dummheit sicherlich nur wenig nach, denn durch sie werden -meist jene kindischen Albernheiten – die Geistesblitze, wie sie -uns aus den Zeitschriften entgegenleuchten – zur allgemeinen -Kenntnis gebracht.</p> - -<p>Man argwöhnt vielleicht, daß Neid oder Groll aus mir -spricht, wenn ich mich hierüber so sehr ereifere; ich muß auch -wirklich gestehen, daß mir ärgerlich ist zu hören, wieviele gescheite -Kinder es heute auf der Welt giebt, weil es mich daran -erinnert, wie selten <em class="gesperrt">ich</em> etwas Witziges gesagt habe, solange ich -noch klein war. Zwei- oder dreimal habe ich es versucht, aber -es fand keinen Anklang. Meine Angehörigen erwarteten nicht, -geistreiche Bemerkungen von mir zu hören; überraschte ich sie -damit, so wurde ich entweder vorlaut gescholten oder ich bekam -Schläge. Mich überläuft eine Gänsehaut und das Blut erstarrt -mir in den Adern, wenn ich bedenke, was wohl aus mir geworden -wäre, hätte ich mich unterstanden, in Gegenwart meines<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[46]</span> -Vaters einige von den schlauen Aeußerungen zu thun, welche -man in unserer Zeit von vierjährigen Kindern erzählt. Mir -einfach bei lebendigem Leibe die Haut über die Ohren zu -ziehen, wäre ihm, einem solchen Sünder gegenüber, als verbrecherische -Milde und Verletzung seiner Pflicht erschienen. Dem -strengen ernsten Mann war alles vorlaute Wesen ein Greuel; -hätte er von mir solche gescheite Dinge gehört, wie sie andere -Kinder sagen, es wäre mein Tod gewesen. Ja, er würde mich -sicherlich umgebracht haben, falls nämlich noch Zeit dazu gewesen -wäre. Aber das ist zweifelhaft, denn ich hätte natürlich aus -Vorsicht zuerst eine Dosis Strychnin genommen und dann meine -witzige Aeußerung gethan.</p> - -<p>Ueber <em class="gesperrt">eine</em> Bemerkung, die ich in meiner frühsten Kindheit -machte – es war nicht einmal ein Witzwort – wäre es -beinahe zu einem ernsten Zerwürfnis zwischen meinem Vater und -mir gekommen. Das trug sich nämlich so zu: Eines Tages unterhielten -sich meine Eltern mit Onkel, Tante und mehreren Freunden -darüber, welchen Namen man mir geben solle. Ich lag da, -beschäftigt verschiedene Gummiringe zu probieren, um die besten -auszuwählen, weil ich es satt hatte, mir die kommenden Zähnchen -an anderer Leute Fingern durchzubeißen, und nach einem Gegenstand -trachtete, mit dessen Hilfe ich dies Geschäft rasch zu Ende -führen und dann etwas Neues beginnen könne. Man weiß ja, -was für eine Quälerei es ist, sich die Zähne am Finger der Amme -durchzubeißen, oder welche Mühe man hat und wie man sich den -Rücken fast zerbricht, wenn man die eigene große Zehe dazu benützen -will. Wer hat nicht dabei schon die Geduld verloren und -seine Zähne ins Pfefferland gewünscht, noch ehe ihre ersten Spitzchen -durchguckten? – Mir ist's, als wäre das alles erst gestern geschehen.</p> - -<p>Doch, ich will nicht weiter abschweifen. Also – ich lag -da und wählte mir meine Gummiringe; als dabei mein Blick<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[47]</span> -zufällig die Uhr traf, fiel mir ein, daß ich in einer Stunde und -fünfundzwanzig Minuten gerade zwei Wochen alt sein würde. -Ach, wie wenig hatte ich noch gethan, um die Wohlthaten -zu verdienen, mit denen man mich so verschwenderisch überhäufte!</p> - -<p>Jetzt hörte ich, wie der Vater sagte: »Abraham ist ein guter -Name; mein Großvater hieß Abraham.«</p> - -<p>»Jawohl,« erwiderte die Mutter, »mir ist Abraham für -einen seiner Zunamen ganz recht.«</p> - -<p>Ich wollte auch meine Meinung abgeben: »Abraham gefällt -dem Unterzeichneten,« sagte ich.</p> - -<p>Da runzelte der Vater die Stirn, aber meine Mutter machte -ein ganz vergnügtes Gesicht und die Tante rief: »Hört nur den -lieben kleinen Schelm!«</p> - -<p>»Isaak ist ein guter Name,« fuhr mein Vater fort, »auch -Jakob könnten wir wählen.«</p> - -<p>»Gewiß,« stimmte die Mutter bei, »bessere Namen giebt -es gar nicht. Wir wollen ihn auch Isaak und Jakob nennen.«</p> - -<p>»Einverstanden,« sagte ich, »mit Isaak und Jakob bin ich -zufrieden und verbleibe ganz der Ihrige. Bitte, gebt mir doch -einmal die Klapper her; ich kann nicht den ganzen Tag an -Gummiringen kauen.«</p> - -<p>Keine Seele machte sich Notizen von meinen Aeußerungen -zum Zweck der Veröffentlichung. Das sah ich und that es selber, -sonst wären sie gänzlich verloren gegangen. Statt daß man -mich liebevoll ermuntert hätte, wie es bei andern Kindern geschieht, -die sich geistig aufgeweckt zeigen, strafte mich der Vater -mit einem Zornesblick, die Mutter sah ängstlich und bekümmert -aus und auch die Tante schien zu meinen, ich hätte mir zu viel -herausgenommen. Voll Ingrimm biß ich meinen Gummiring -entzwei und zerschlug verstohlen die Klapper auf dem Kopf des -Kätzchens, doch sagte ich nichts.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[48]</span></p> - -<p>»Der allerbeste Name ist Samuel,« begann mein Vater -von neuem.</p> - -<p>Da wußte ich, daß ein Sturm im Anzug sei, den nichts -abwenden könne. Ich legte meine Klapper hin, ließ des Onkels -silberne Uhr über den Rand der Wiege fallen, desgleichen die -Kleiderbürste, das hölzerne Hündchen, meine Zinnsoldaten, das -Reibeisen und sonstige Gegenstände, mit welchen ich für gewöhnlich -meine Untersuchungen und Beobachtungen anstellte, oder ein -angenehmes Geräusch hervorbrachte – gelegentlich zerschlug, zerbrach -und zertrümmerte ich sie auch, wenn es galt, mir eine gesunde -Bewegung zu machen. Dann zog ich mein Röckchen an, -setzte mein Mützchen auf, nahm die kleinen Schuhe in eine Hand, -das Stück Lakritze in die andere und kletterte auf den Fußboden -hinunter.</p> - -<p>»Mag daraus werden was will,« dachte ich bei mir, »ich -bin bereit.«</p> - -<p>Mit lauter, fester Stimme sagte ich nun: »Vater, das ist -unmöglich – den Namen Samuel kann ich nicht tragen.«</p> - -<p>»Wie, mein Sohn?«</p> - -<p>»Wirklich, Vater, ich kann es nicht.«</p> - -<p>»Warum nicht?«</p> - -<p>»Ich habe eine unbezwingliche Abneigung dagegen.«</p> - -<p>»Das ist unverständig, mein Sohn. Viele große und gute -Männer hießen Samuel.«</p> - -<p>»Davon ist mir kein Beispiel bekannt.«</p> - -<p>»Was? War nicht Samuel, der Prophet, groß und gut?«</p> - -<p>»Hm! Nicht so besonders.«</p> - -<p>»Aber, mein Sohn! Der Herr rief ihn doch mit seiner -eigenen Stimme.«</p> - -<p>»Jawohl, aber er mußte ihn ein paarmal rufen, bis er -endlich kam.«</p> - -<p>Damit ergriff ich die Flucht, und der strenge alte Mann<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[49]</span> -lief mir nach. Um die Mittagsstunde des nächsten Tages holte -er mich ein, und als unsere Zusammenkunft vorüber war, hatte -ich richtig den Namen Samuel erhalten, dazu eine Tracht Schläge -und manche nützliche Belehrung obendrein. Nachdem mein Vater -die Sache auf diese Weise ausgeglichen hatte, war sein Zorn -beschwichtigt. Gut, daß ich Vernunft annahm, sonst hätte unsere -Uneinigkeit leicht zu einem unheilbaren Bruch führen können.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-048"> - <img src="images/illu-048.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Was würde mir aber mein Vater – nach diesem Vorfall -zu urteilen – wohl angethan haben, wenn jemals eine von -den schwächlichen Albernheiten aus meinem Munde gekommen -wäre, welche als Aeußerungen gescheiter zweijähriger Kinder jetzt -im Druck erscheinen? – Ich bin überzeugt, daraus wäre ein -Fall des Kindsmords in unserer Familie entstanden.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[50]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Staatswirtschaft">Staatswirtschaft.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop-quot">»Die Staatswirtschaft,« schrieb ich, »ist die Grundlage einer -jeden guten Regierung. Die weisesten Männer aller -Jahrhunderte haben diesem Gegenstand stets –«</p> - -<p>Hier wurde ich durch die Meldung unterbrochen, daß ein -Fremder unten sei, der mich zu sprechen wünsche. Ich folgte -dem Ruf, trat vor ihn hin und fragte nach seinem Begehr. Dabei -war ich aus allen Kräften bemüht, die in mir gärenden staatswirtschaftlichen -Gedanken festzuhalten und ihnen weder die Zügel -schießen zu lassen noch zu dulden, daß sie sich im Geschirr verwickelten. -Heimlich wünschte ich jedoch, der Fremde läge auf -dem Grunde des Meeres und auf ihm eine Ladung Getreide. -Ich war wie im Fieber; er blieb völlig kühl. Es thue ihm leid -mich zu stören, sagte er, aber er habe im Vorbeigehen bemerkt, -daß ich auf meinem Haus ein paar Blitzableiter brauchen könne. -»Nun – und –« sagte ich, »was weiter, was wollen Sie?« -Er entgegnete, er wolle nichts weiter, nur würde er die Blitzableiter -gern bei mir anbringen.</p> - -<p>Es ist noch nicht lange, daß ich einen eigenen Haushalt -führe, bisher habe ich immer in Hotels und Kosthäusern gewohnt. -Natürlich wollte ich aber vor einem Fremden von meiner Unerfahrenheit -nichts merken lassen und als gewiegter Hausbesitzer -auftreten: das wird jedermann begreiflich finden. Ich sagte daher<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[51]</span> -mit ernster Miene, es sei schon längst meine Absicht gewesen, -sechs oder acht Blitzableiter bei mir anbringen zu lassen, allein -– der Fremde fuhr zusammen und sah mich fragend an, aber -ich verlor die Fassung nicht. Wenn ich Fehler machte, sollte er -mir meine Unkenntnis wenigstens nicht im Gesicht lesen. Er -sagte, es würde ihm lieber sein, mich zum Kunden zu haben, -als irgend einen andern in der ganzen Stadt. »Schon gut,« -versetzte ich und stand eben im Begriff mich wieder an die Verfolgung -meines großen Gegenstands zu begeben, als er mich -zurückrief und erklärte, erst müsse er genau wissen, wie viele -Spitzen ich zu haben wünsche, an welchen Teilen des Hauses er -sie anbringen solle und welcher Art von Stangen ich den Vorzug -gäbe. Das war eine schöne Klemme für jemand, der erst so -kurze Zeit verantwortlicher Hausbesitzer ist; aber ich hielt mich -wacker, und er merkte mir höchst wahrscheinlich nicht einmal an, -daß ich ein Neuling sei. Er solle acht Spitzen anbringen, sagte -ich, sämtlich auf dem Dach, und Stangen von der besten Qualität -nehmen. Die gewöhnliche Ware, lautete seine Antwort, könne -er für zwanzig Cent liefern, gekupferte für fünfundzwanzig, mit -Zink plattierte und spiralförmig gebogene für dreißig Cent den -Fuß. Letztere würden jedem Blitzstrahl Halt gebieten, wohin -er auch unterwegs sei, »seine Wirkung unschädlich machen und -seinen weiteren Fortgang apokryph.« Ich sagte ›apogryph‹ wäre -kein schlechtes Wort, da es aus heiliger Quelle stamme, aber, -ohne der Philologie zu nahe zu treten, zöge ich die spiralförmig -gebogenen Blitzableiter vor und würde diese Sorte nehmen. -Hierauf erwiderte er, man <em class="gesperrt">könne</em> zwar im Notfall mit zweihundertfünfzig -Fuß auskommen; wenn die Arbeit aber ordentlich -gemacht werden solle, so daß sie als die beste in der Stadt -gelten, Gerechte und Ungerechte befriedigen werde und jedermann -zwingen einzugestehen, er habe noch nie eine symmetrischere -und hypothetischere Aufstellung von Blitzableitern gesehen, seit<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[52]</span> -er das Licht der Welt erblickt – dann würde er, um diesen -Zweck zu erreichen, sicherlich vierhundert Fuß verbrauchen müssen. -Doch wolle er nicht auf seinem Kopf bestehen und gewiß sein -Möglichstes thun. »So nehmen Sie denn vierhundert,« sagte -ich, »und machen Sie die Arbeit wie Sie wollen, nur halten -Sie mich nicht länger auf.« Nachdem ich ihn glücklich los geworden, -brauchte ich eine halbe Stunde, um meine staatswirtschaftlichen -Gedanken wieder da anzuknüpfen, wo ich sie gelassen -hatte und sie weiter zu spinnen, wie folgt:</p> - -<div class="blockquot s90"> -<p class="noind">»nicht nur die reichsten Schätze ihres Geistes zugewandt, sondern -auch ihre Lebenserfahrung und ihre Kenntnisse. Die großen -Lichter der Handelsgesetzgebung, der Völkerverbrüderung und der -verschiedensten Lebensordnungen in allen Jahrhunderten, allen -Kulturen, allen Nationen, von <em class="antiqua">Zoroaster</em> bis auf <em class="antiqua">Horace -Greeley</em>, sind bemüht gewesen –«</p></div> - -<p>Hier wurde ich wieder unterbrochen und gebeten, hinunterzukommen, -weil der Blitzableitermann noch ein Anliegen habe. -Ich eilte zu ihm, während in mir die mächtigsten Gedanken -wogten und wallten und sich in so majestätische Worte kleideten, -daß jedes derselben in einer langen Prozession von Silben einherzog, -die schwerlich in weniger als fünfzehn Minuten vorüber -sein konnte. Wieder befand ich mich in fieberhafter Aufregung -ihm gegenüber, während er sanft und ruhig blieb. Er hatte -die beschauliche Stellung des Kolosses von Rhodus angenommen; -mit einem Fuß stand er auf meiner neugepflanzten Tuberose, -mit dem andern auf dem Stiefmütterchenbeet, die Hände in die -Hüften gestemmt, die Hutkrempe ins Gesicht gezogen, ein Auge -zugekniffen und das andere mit kritischem und bewunderndem -Blick auf meinen größten Schornstein gerichtet. Ein solches -Schauspiel zu betrachten, sagte er, sei die höchste Lebenslust. -»Gestehen Sie selbst,« wandte er sich zu mir, »haben Sie je -etwas von so entzückendem landschaftlichem Reiz gesehen, als<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[53]</span> -acht Blitzableiter auf einem einzigen Schornstein?« Ich erwiderte, -ich könne mich nicht gerade auf einen Anblick besinnen, -der diesen überträfe, worauf er bemerkte, daß es nach seiner -Ansicht auf Erden -nichts gäbe, -was sich -an Naturschönheiten -damit -vergleichen -ließe – ausgenommen -der -Niagarafall. -Um mein Haus -zu einer vollkommenen -Augenweide -zu -machen, brauche -man nur -noch die andern -Schornsteine -etwas auszuschmücken, -damit -der ganze -<em class="antiqua">coup d'oeil</em> -sich zu einer -Harmonie entwickele, -die geeignet sei, die Aufregung, in welche man durch -den ersten <em class="antiqua">coup d'état</em> versetzt werde, einigermaßen zu mildern.</p> - -<div class="figright" id="illu-052"> - <img src="images/illu-052.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Als ich ihn fragte, ob er seine Art sich auszudrücken aus -Büchern habe, die ich mir vielleicht irgendwo aus einer Leihbibliothek -verschaffen könne, lächelte er wohlgefällig und meinte, -solche Redeweise lasse sich nicht aus Büchern lernen. Nur wer<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[54]</span> -mit dem Blitz vertraut sei, dürfe es wagen, sich ungestraft solcher -Unterhaltungsform zu bedienen. Dann machte er einen ungefähren -Anschlag und versicherte, wenn noch acht Blitzableiter -über das Dach verteilt würden, so ließe sich mein Zweck wohl -erreichen; mit fünfhundert Fuß des Leitungsmaterials dächte er -auszukommen. Bei den ersten acht hätte er sich nämlich etwas -verrechnet – nur um eine Kleinigkeit, etwa um hundert Fuß, -genau könne er es noch nicht angeben. Ich sagte ihm, ich sei -in schrecklicher Eile und wünsche das Geschäft schnell abzumachen, -um wieder an meine Arbeit zu kommen. Da entgegnete er: -»Einen Augenblick habe ich wohl daran gedacht, die acht Blitzableiter -anzubringen und dann ruhig meiner Wege zu gehen. -Mancher würde vielleicht an meiner Stelle so gehandelt haben, -aber ich sagte mir: Nein, ich kenne den Mann nicht und lieber -möchte ich sterben, als einen Fremdling ins Unglück stürzen. -Auf dem Haus sind noch nicht genug Blitzableiter und ich rühre -mich nicht vom Platz, bis ich ihm das gesagt habe und also -gethan, was ich wünschte, daß man mir in demselben Falle -thäte. – Fremdling, meine Pflicht ist erfüllt! Wenn der -recalcitrante und dephlogistische Himmelsbote Ihr Haus trifft, -so – –«</p> - -<p>»Schon gut, schon gut,« rief ich; »pflanzen Sie die andern -acht auch auf – verwenden Sie meinetwegen noch fünfhundert -Fuß spiralförmig gebogene Leitungsstangen; thun Sie, was Sie -nicht lassen können; stillen Sie Ihr Sehnen, aber gestatten Sie -Ihren Gefühlen nur so weit freien Lauf, als Sie mit dem Wörterbuch -reichen können. Wenn wir uns jetzt genügend verständigt -haben, möchte ich wieder an meine Arbeit gehen.«</p> - -<p>Nun sitze ich schon seit einer vollen Stunde hier und versuche -meinen Gedankengang da wieder aufzunehmen, wo ich zuletzt -unterbrochen wurde; jetzt endlich ist es mir gelungen; ich -fahre also fort:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[55]</span></p> - -<div class="blockquot s90"> - -<p class="noind">»diesen großen Gegenstand zu bezwingen, aber selbst die Geistesmächtigsten -unter ihnen haben einen würdigen Gegner an ihm -gefunden, der sich nach jeder Niederlage nur um so mutiger erhebt. -Der berühmte Confucius sagte, lieber wollte er ein tüchtiger -Staatsmann sein, als Polizeipräsident. Cicero hat häufig den -Ausspruch gethan, daß die Staatswirtschaft die größte Wirtschaft sei, -welche der Mensch imstande sei zu betreiben, und selbst unser Greeley -hat im allgemeinen mit Nachdruck angedeutet, daß <em class="gesperrt">Staats</em> –«</p></div> - -<p>Hier ließ mich der Blitzableitermann wieder abrufen und -ich ging in einem Gemütszustand hinunter, der an Ungeduld grenzte. -Er sagte, daß er untröstlich sei, mich noch einmal stören zu müssen – -weit lieber wäre er gestorben. Aber, wenn ihm eine Arbeit übertragen -sei, von der man erwarte, daß er sie ordentlich und kunstgerecht -ausführe und er nach Vollendung des Werkes, im Begriff -sich seiner so wohl verdienten Ruhe und Erholung hinzugeben, -noch einen betrachtenden Blick darauf werfe und zu seinem -Schrecken gewahr werde, daß alle Berechnungen nicht genau genug -gewesen seien und daß das Haus, für welches er ein persönliches -Interesse fühle, falls ein Gewitter losbrechen sollte, dastehen werde, -ohne auf der Welt einen andern Schutz zu haben als sechzehn -Blitzableiter auf dem Dach, ja dann – –</p> - -<p>»Kein Wort mehr,« schrie ich in wahnsinniger Erregung, -»warum pflanzen Sie nicht hundertfünfzig auf? Zehn Stück auf -die Küche, ein Dutzend auf die Scheune, ein paar auf die Kuh, -einen auf die Köchin! Spicken Sie das ganze unselige Gebäude -damit, bis es aussieht wie ein großes, zinkplattiertes, spiralförmig -gewundenes, an den Spitzen versilbertes Stachelschwein. Fort -ans Werk! Verbrauchen Sie das sämtliche verfügbare Material, -und wenn Sie keine Blitzableiter mehr haben, stecken Sie Kolbenstangen -auf, Ladestöcke, Wagendeichseln, Meßstangen – kurz alles, -was Ihren schrecklichen Hunger nach künstlichen Landschaftsbildern -zu stillen vermag, damit mein tobendes Gehirn und meine gemarterte -Seele endlich Ruhe und Erlösung finden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[56]</span></p> - -<p>Völlig ungerührt, lächelte das eiserne Geschöpf nur freundlich, -streifte sich die Manschetten vorsorglich zurück und sagte, -jetzt wolle er sich dahinter machen, daß es eine Art habe.</p> - -<p>Seitdem sind drei Stunden vergangen und mir scheint, ich -habe mich noch immer nicht genügend beruhigt, um mich aufs neue -der Staatswirtschaft, meinem hohen Thema, wieder zuzuwenden. -Ich kann jedoch dem Wunsch nicht widerstehen, wenigstens einen -Versuch zu machen, denn von der ganzen Weisheit der Welt liegt -meinem Herzen nichts so nahe und nichts beschäftigt meinen Verstand -so sehr.</p> - -<div class="blockquot s90"> - -<p class="noind">»–<em class="gesperrt">wirtschaft des Himmels beste Gabe für die Menschheit -sei</em>. Als der lockere, aber begabte Byron zu Venedig im -Exil war, soll er die Bemerkung gemacht haben, daß, wenn ihm -gestattet wäre zurückzukehren und sein vergeudetes Leben von -vorn anzufangen, er seine klaren und nüchternen Stunden nicht -dazu verwenden wolle, leichtsinnige Reime zu schmieden, sondern -Aufsätze über Staatswirtschaft zu schreiben. Washington liebte -diese herrliche Wissenschaft, Namen wie Baker, Beckwith, Judson, -Smith sind auf ewige Zeiten damit verbunden. Sogar der -unsterbliche Homer sagt in dem neunten Buch seiner Iliade:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Fiat justitia, ruat coelum</em></div> - <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Post mortem unum, ante bellum</em></div> - <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Hic jacet hoc, ex-parte res</em></div> - <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Politicum e-conomico est.</em></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Der Gedankenreichtum des alten Dichters, verbunden mit -der glücklichen Wahl der Worte, in die er seine erhabenen Bilder -kleidet, haben diese Verse vor allen andern berühmt gemacht, -welche jemals –«</p></div> - -<p>»Schweigen Sie, sage ich – kein Wort weiter! – Her -mit Ihrer Rechnung und dann verschwinden Sie auf ewige Zeiten -aus meinem Gesichtskreis. – Neunhundert Dollars? – Ist das -alles? – Nun gut, auf diese Anweisung hier wird Ihnen jedes -achtbare Bankhaus in Amerika Zahlung leisten. – Aber was<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[57]</span> -bedeutet denn der Volksauflauf unten auf der Straße? – Nach -den Blitzableitern wollen die Leute schauen? Du meine Güte! -Haben sie denn noch nie im Leben Blitzableiter gesehen? – ›Noch -nie einen solchen Haufen auf einem Dach,‹ sagen Sie, wenn ich -Sie recht verstehe. Da muß ich doch einmal hinuntergehen und -mir die Menschen betrachten, die eine solche Unkenntnis öffentlich -zur Schau tragen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><em class="gesperrt">Drei Tage später.</em> Wir sind alle in einem Zustand -völliger Erschöpfung. Unser Haus, das wie ein Stachelschwein -von Blitzableitern starrte, war vierundzwanzig Stunden lang der -Gegenstand allgemeinen Staunens und das einzige Stadtgespräch. -Die Theater standen leer, denn ihre neuesten scenischen Erfindungen -konnten es bei weitem nicht mit meinen Blitzableitern aufnehmen. -Tag und Nacht war unsere Straße von Zuschauern belagert; -viele fuhren sogar vom Lande herein, um das Schauspiel zu -genießen. Endlich am zweiten Tage kam uns glücklicherweise -ein Gewitter zu Hilfe. Kaum begann der Blitz auf mein Haus -loszugehen, als sich, sozusagen, sämtliche Bänke und Galerien -im Handumdrehen leerten. Fünf Minuten später war im Umkreis -einer halben Meile von meinem Besitztum kein einziger Zuschauer -mehr zu erblicken. In den ferner gelegenen hohen Häusern -jedoch drängte sich Kopf an Kopf an den Fenstern, auf den Dächern -und überall. Das war auch nicht zu verwundern, denn alle Sternschnuppenfälle -und glänzenden Feuerwerke eines Menschenalters zusammengenommen -und gleichzeitig in einer ungeheuern Feuergarbe -vom Himmel herab gegen ein schutzloses Dach losgelassen, hätten -nicht die großartige pyrotechnische Wirkung erzielen können, durch -welche mein Haus, mitten in der Dunkelheit, die während des -Unwetters herrschte, wie mit Strahlenglanz umleuchtet war. Innerhalb -vierzig Minuten schlug der Blitz – ich habe es genau gezählt -– siebenhundertvierundsechzigmal in mein Grundstück ein,<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[58]</span> -jedesmal angelockt durch einen der getreuen Blitzableiter. Er -glitt an dem spiralförmig gewundenen Eisen entlang und schoß -in den Boden, bevor er noch selbst recht wußte, wie ihm geschah. -Während dieses ganzen Bombardements wurde mir nur eine -einzige Schieferplatte zertrümmert und zwar deshalb, weil sämtliche -Blitzableiter der Nachbarschaft in ein und demselben Augenblick -alle Blitze, die sie gesammelt hatten, auf uns übertrugen. -Seit Anbeginn der Welt war ein ähnliches Schauspiel nie gesehen -worden. Während eines ganzen Tages und einer Nacht -konnte kein Mitglied meiner Familie den Kopf aus dem Fenster -strecken, ohne daß ihm das Haar ausgerissen und er so glatt -rasiert wurde, wie eine Billardkugel; daß sich eins von uns hinausgewagt -hätte, davon war schon gar nicht die Rede. Endlich wurde -aber doch die entsetzliche Belagerung aufgehoben, weil auch keine -Spur von Elektrizität mehr in den Wolken über uns vorhanden -war, soweit meine unersättlichen Blitzableiter reichen -konnten.</p> - -<p>Sofort machte ich einen Ausfall, sammelte eine Schar unerschrockener -Arbeiter um mich, und kein Bissen Brot kam über -unsere Lippen, kein Schlaf in unsere Augen, bevor wir nicht -das ganze Gebäude seiner schrecklichen Stachelrüstung entkleidet -hatten. Nur drei Blitzableiter blieben auf dem Hause, einer auf -der Küche, und einer auf dem Scheunendach, wo sie noch heutigen -Tages zu sehen sind. Erst als dieses geschehen war, wagten -die Leute es wieder, unsere Straße zu betreten. Beiläufig will -ich hier noch bemerken, daß ich während jener entsetzlichen Zeit -meinen Aufsatz über die Staatswirtschaft nicht weiter geschrieben -habe. Selbst jetzt sind mir Kopf und Nerven noch so angegriffen, -daß ich die Arbeit nicht wieder aufnehmen kann.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><em class="gesperrt">Für Liebhaber.</em> – Leute, welche dreitausendzweihundert -und elf Fuß der besten, zinkplattierten, spiralförmig gewundenen<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[59]</span> -Blitzableiterstangen und sechzehnhunderteinunddreißig versilberte -Spitzen verwenden können – alles in leidlichem Zustande und -obgleich durch den Gebrauch stark abgenutzt, doch für jeden gewöhnlichen -Fall zu benützen – mögen sich zum Abschluß des -Geschäfts an den Verfasser dieses Buches wenden. –</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[60]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Es_ist_gefaehrlich_im_Bette_zu_liegen">Es ist gefährlich im Bette zu liegen.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop-quot">»Auch ein Unfallversicherungsbillet?« fragte der Mann am -Schalter.</p> - -<p>»Nein,« entgegnete ich nach kurzem Ueberlegen, »nein, ich -glaube nicht. Heute fahre ich den ganzen Tag mit der Eisenbahn. -Aber – warten Sie einmal – morgen bin ich nicht -auf Reisen. Geben Sie mir eins für morgen.«</p> - -<p>Der Mann sah mich verblüfft an. Dann sagte er:</p> - -<p>»Aber die Versicherung ist ja gerade gegen Unfälle. Und -wenn Sie mit der Eisenbahn reisen –«</p> - -<p>»Da habe ich keine Furcht. Man läuft nur Gefahr, wenn -man zu Hause bleibt und im Bette liegt.«</p> - -<p>Ich hatte mich über diese Angelegenheit gründlich unterrichtet. -Im vergangenen Jahr war ich zwanzigtausend Meilen, hauptsächlich -mit der Eisenbahn gefahren, vor zwei Jahren hatte ich fünfundzwanzigtausend -Meilen zurückgelegt, teils mit dem Dampfboot, -teils mit der Eisenbahn, vor drei Jahren nahe an zehntausend -Meilen, ausschließlich mit der Eisenbahn. Wollte ich noch alle -die verschiedenen kleinen Reisen in Anschlag bringen, die ich im -Laufe der drei letzten Jahre bald hierhin bald dorthin unternommen -habe, so würden zusammen wohl sechzigtausend Meilen -herauskommen, – und das alles ohne einen Unfall.</p> - -<p>Eine Zeitlang dachte ich jeden Morgen bei mir: »Na, bis<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[61]</span> -jetzt bin ich noch immer gut weggekommen, um so größer ist -aber auch die Wahrscheinlichkeit, daß ich diesmal etwas abkriegen -werde. Ich will schlau sein und mir ein Unfallbillet lösen.« -Aber so oft ich das that – jedesmal zog ich eine Niete und -legte mich am Abend mit heilen Knochen und ohne daß mir -ein Glied ausgerenkt war, zu Bette. Schließlich bekam ich diese -tägliche Plackerei satt und kaufte mir nur noch Unfallbillete, die -auf einen Monat gültig waren. Ich sagte mir: »Wenn man -ein ganzes Bündel von dreißig Stück auf einmal kauft, können -es doch unmöglich lauter Nieten sein.«</p> - -<p>Aber ich irrte mich. In dem ganzen Haufen war nicht -<em class="gesperrt">ein</em> Gewinn. Täglich las ich von Eisenbahnunfällen – sie -lagerten wie ein Nebel über der ganzen Zeitungsatmosphäre, -aber niemals kam etwas davon auf mein Teil. Ich mußte mir -eingestehen, daß ich in dem Unfallgeschäft viel Geld verthan -hatte und für mich nichts herausgekommen war. Mein Argwohn -erwachte; ich begann mich nach jemand umzusehen, der -bei dieser Lotterie einen Treffer gezogen hatte. Zwar fand ich -viele Leute, die ihr Geld darin anlegten, aber keinen Menschen, -der je einen Unfall gehabt oder einen Cent damit verdient hatte. -Nun kaufte ich keine Unfallbillete mehr, sondern begab mich ans -Rechnen und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis: <em class="gesperrt">Die Gefahr -lag nicht im Reisen, sondern im Zuhausebleiben.</em></p> - -<p>Ich verschaffte mir statistische Berichte und fand zu meiner -Ueberraschung, daß nach all den fettgedruckten Zeitungsüberschriften, -welche Eisenbahnunfälle ankündigten, noch nicht einmal -dreihundert Menschen während der letzten zwölf Monate wirklich -ihr Leben durch solche Unfälle verloren hatten. Die Eriebahn -war die mörderischste auf der ganzen Liste. Sie hatte sechsundvierzig -oder sechsundzwanzig Menschen umgebracht – ich -erinnere mich nicht mehr genau an die Zahl, nur soviel weiß<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[62]</span> -ich, daß sie doppelt so groß war, als auf jeder andern Bahn. -Doch fiel mir dabei sofort ein, daß die Eriebahn eine ungeheure -Länge hat und den größten Geschäftsbetrieb von allen Bahnen -des Landes; da ist es leicht begreiflich, daß sie noch einmal soviele -Tote aufweisen kann als die übrigen.</p> - -<p>Als ich weiter rechnete, fand ich, daß zwischen New York -und Rochester auf der Eriebahn täglich acht Personenzüge hin- -und zurückfahren, also zusammen sechzehn, welche durchschnittlich -sechstausend Reisende befördern. Das beträgt in sechs Monaten -etwa eine Million – soviel als New York Einwohner hat. -Nun denn: die Eriebahn tötet von ihrer Million zwischen dreizehn -und dreiundzwanzig Personen in sechs Monaten, und in -der gleichen Zeit sterben von der in New York wohnenden -Million dreizehntausend in ihren Betten!</p> - -<p>Mich überlief eine Gänsehaut, die Haare standen mir zu -Berge. »Wie entsetzlich!« rief ich aus. »Nicht das Reisen auf -der Eisenbahn bringt die Menschen in Gefahr, sondern daß sie -sich den totbringenden Betten anvertrauen. Nie wieder will ich -in einem Bette schlafen!«</p> - -<p>Hiernach wird es der Leser nur natürlich finden, daß ich -dem Billetverkäufer am Schalter die obenerwähnte Antwort gab. -Mit den Betten, vor denen mir graut, will ich es nicht noch -einmal versuchen; für mich sind die Eisenbahnen gut genug.</p> - -<p>Auch ist mein Rat für jedermann: Bleibt so wenig zu -Hause wie irgend möglich; aber wenn ihr einmal durchaus zu -Hause bleiben müßt, dann kauft euch ein Paket Versicherungsbillete -und legt euch nachts nicht schlafen. Man kann gar nicht -vorsichtig genug sein.</p> - -<p>Die Moral dieses Aufsatzes ist, daß Leute, die sich nicht -die Mühe geben nachzudenken, ganz unbilligerweise über die -Eisenbahnverwaltung der Vereinigten Staaten murren. Wenn -wir uns überlegen, daß das ganze Jahr hindurch, Tag und<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[63]</span> -Nacht, mehr als vierzehntausend Eisenbahnzüge der verschiedensten -Art, mit Menschen beladen, deren Leben oder Tod in -ihrer Gewalt ist, durch die Lande donnern und jagen, so werden -wir uns nicht <em class="gesperrt">darüber</em> wundern, daß sie dreihundert menschliche -Wesen in einem Jahre umbringen, sondern vielmehr <em class="gesperrt">darüber</em>, -daß ihnen nicht dreihundert mal dreihundert zum Opfer -fallen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[64]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Brueder_knipst_ein">Brüder, knipst ein!</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Darf ich den gefälligen Leser bitten, einen Blick auf nachstehende -Verse zu werfen und mir zu sagen, ob er etwas -besonders Gefährliches darin entdecken kann?</p> - -<div class="poetry-container clear"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza s90"> - <div class="verse indent0">»Schaffner, knips' ein das Fahrpapier,</div> - <div class="verse indent0">Zahlt die Taxe der Passagier.</div> - <div class="verse indent0">Acht-Cents-Fahrt ein blau' Papier,</div> - <div class="verse indent0">Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' Papier,</div> - <div class="verse indent0">Drei-Cents-Fahrt ein rot' Papier.</div> - <div class="verse indent0">Zahlt die Taxe der Passagier,</div> - <div class="verse indent0">Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier!«</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent8"><em class="gesperrt">Chor der Schaffner</em>:</div> - </div> - <div class="stanza s90"> - <div class="verse indent2">»Zahlt die Taxe der Passagier,</div> - <div class="verse indent2">Brüder knipst ein das Fahrpapier!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Kürzlich stieß ich zufällig in einem Tageblatt auf dies Reimgebimmel -und las es ein paarmal durch. Augenblicklich war -ich davon wie besessen; es schwirrte mir beim Frühstück fort -und fort durch den Kopf und als ich meine Serviette zusammenlegte, -wäre ich nicht imstande gewesen zu sagen, ob ich etwas -gegessen hatte oder nicht.</p> - -<p>Ich trat nun an das Schreibpult, um mein Tagewerk zu -beginnen, wie ich es mir schon am vergangenen Abend vorgesetzt -hatte. In dem Roman, an welchem ich schrieb, war ich -gerade bei einer erschütternden Tragödie angekommen. Ich griff<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[65]</span> -nach der Feder, um den blutigen Auftritt zu schildern, aber -ich dachte nichts als: »Schaffner, knips' ein das Fahrpapier.« -Eine Stunde lang kämpfte ich aus allen Kräften dagegen an, -allein umsonst.</p> - -<p>»Acht-Cents-Fahrt ein blau' Papier. Sechs-Cents-Fahrt -ein gelb' Papier u. s. w. u. s. w.« summte es mir im Kopf ohne -Rast und Ruh. Von Arbeiten konnte keine Rede sein, das lag -auf der Hand. -Ich gab es auf -und schlenderte -in der Stadt -umher, aber -bald merkte -ich, daß meine -Füße nach dem -Takt jenes -Reimgeklingels -marschierten. -Auf die -Länge ward -mir das unerträglich; -ich änderte meinen -Schritt, allein das half nichts. Die Verse paßten sich sofort -der neuen Gangart an und verfolgten mich nach wie vor.</p> - -<div class="figright" id="illu-064"> - <img src="images/illu-064.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Ich kehrte um und ertrug das Leiden zu Hause den Vormittag -über, es quälte mich beim Mittagessen, welches ich mechanisch -und ohne Genuß verzehrte, den ganzen Abend hindurch -bimmelte es mir in den Ohren, ich ging voll Jammer zu Bett, -und während ich mich ruhelos hin und her warf, wälzten sich -mir immer wieder die Verse durch das Hirn, bis ich gegen -Mitternacht wie wahnsinnig aufsprang und zu lesen versuchte.<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[66]</span> -Aber die Buchstaben tanzten vor meinen Augen und alles was -ich sah war: »Schaffner, knips' ein das Fahrpapier.« Bei -Sonnenaufgang hatte ich den Verstand verloren und meine Angehörigen -horchten mit Staunen und Bekümmernis auf meinen -Blödsinn. »Knips' ein, o, knips' ein das Fahrpapier,« faselte -ich immer von neuem.</p> - -<p>Zwei Tage später, am Sonnabend morgen, erhob ich -mich – eine jammervolle Ruine – schwankend vom Lager. -Ich suchte den Pfarrer N., meinen werten Freund auf, um mit -ihm, wie wir verabredet hatten, einen Spaziergang von zehn -Meilen nach dem Talcott-Turm zu unternehmen. Er sah mich -mit großen Augen an, lieh jedoch seiner Verwunderung keine -Worte. Wir machten uns auf den Weg. Der Pfarrer sprach -und sprach und sprach, wie es seine Gewohnheit ist. Ich erwiderte -keine Silbe, ich hörte nichts.</p> - -<p>»Mark, bist du krank?« fragte mein Freund endlich, als -wir eine Meile gegangen waren. »Du siehst entsetzlich abgehärmt -und angegriffen aus. Thu' mir doch die Liebe und sprich einmal -ein Wort.«</p> - -<p>Mit trübseliger Miene versetzte ich eintönig: »Schaffner, knips' -ein das Fahrpapier – Zahlt die Taxe der Passagier.«</p> - -<p>Der Pfarrer starrte mich verwirrt an:</p> - -<p>»Ich verstehe nicht recht, was das heißen soll, Mark. Mir -scheint, was du da sagst, ist weder außergewöhnlich noch besonders -betrübend – und doch – es lag vielleicht an deinem Ton – -klangen die Worte so sterbenstraurig, wie mir im Leben noch -nichts vorgekommen ist. Was hast du nur?«</p> - -<p>Aber ich hörte längst nichts mehr. Ich war schon in weiter -Ferne, bei der nicht endenwollenden, unabwendbaren »Acht-Cents-Fahrt -ein blau' Papier. – Sechs-Cents-Fahrt ein -gelb' Papier – Drei-Cents-Fahrt ein rot' Papier – Zahlt -die Taxe der Passagier – Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier.«<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[67]</span> -– Was während der übrigen neun Meilen geschehen -ist, weiß ich nicht.</p> - -<p>Plötzlich jedoch legte mir der Pfarrer die Hand auf die -Schulter und schrie mich an:</p> - -<p>»Wach' auf, wach' auf, ich beschwöre dich! Du schläfst ja -mit offenen Augen. Dort liegt der Turm vor uns; ich habe -mich taub, blind und stumm geredet und du giebst keine Antwort. -Sieh dich doch um in der herrlichen Herbstlandschaft. Schau' -hin und weide deine Blicke daran. Du bist weit gereist und -hast die gepriesensten Naturschönheiten mit eigenen Augen gesehen. -Nun sage einmal deine Meinung – was hältst du von -diesem Landschaftsbild?«</p> - -<p>Ich seufzte tief und murmelte: »Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' -Papier – Drei-Cents-Fahrt ein rot' Papier – Zahlt die Taxe -der Passagier – Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier.« Der -Pfarrer stand still und sah mich lange mit ernsten, teilnahmvollen -Blicken an.</p> - -<p>»Mark,« sagte er endlich, »ich kann aus der Sache nicht -klug werden. Sind das dieselben Worte wie vorhin? – Sie -klingen ganz unverfänglich und doch bricht es mir fast das Herz, -sie dich sagen zu hören. – Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier -– war es nicht so?«</p> - -<p>Ich fing von vorn an und sagte Zeile für Zeile her, während -mein Freund mit wachsendem Interesse zuhörte.</p> - -<p>»Aber, das ist ja ein wahres Reimgebimmel,« rief er vergnügt, -»es klingt einem in den Ohren wie Musik, alles paßt -und klappt so hübsch. Ich glaube, das muß sich leicht behalten -lassen. Bitte, sage es noch einmal, dann kann ich es sicher -auswendig.«</p> - -<p>Ich wiederholte die Reime und der Pfarrer sprach sie nach. -Das erste Mal machte er noch einen kleinen Fehler, den ich verbesserte, -das zweite und dritte Mal ging es aber ohne Anstoß.<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[68]</span> -Mir war plötzlich eine Zentnerlast vom Herzen gefallen; das -niederträchtige Geklingel plagte mich nicht länger, mein gemartertes -Hirn kam endlich zur Ruhe und ein wonniges Gefühl des Friedens -zog in meine Brust; ich hätte jauchzen und singen mögen. Wirklich -stimmte ich auch eine halbe Stunde lang ein Lied nach dem andern -an, während wir nach Hause marschierten. Meine Zunge, die -wie gelähmt gewesen war, fand nun die Sprache wieder und -der lange eingedämmte Redefluß sprudelte und strömte mir unaufhaltsam -über die Lippen. Glückselig und jubilierend ließ ich -ihm freien Lauf, bis er endlich versiegte. Beim Abschied schüttelte -ich dem Freunde herzlich die Hand.</p> - -<p>»Das war einmal ein schöner Spaziergang,« rief ich, »und -wie herrlich haben wir uns unterhalten! Aber, da fällt mir -ein – du hast ja seit zwei Stunden kein Sterbenswort mehr -gesagt. So sprich doch etwas.«</p> - -<p>Der Pfarrer sah mich mit glanzlosen Augen an und murmelte -eintönig und, wie mir schien, ganz unbewußt:</p> - -<p>»Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier – Zahlt die Taxe -der Passagier.«</p> - -<p>Mich überlief es siedend heiß. »Der arme Mensch,« dachte -ich bei mir, »der arme Mensch! Jetzt hat es ihn gepackt.«</p> - -<p>Mehrere Tage vergingen, ohne daß ich mit meinem Freunde -zusammentraf. Am Dienstag-Abend kam er jedoch in mein -Zimmer geschlichen, wo er matt und trostlos auf einen Stuhl -niedersank. Er war bleich und abgezehrt, nur noch ein Schatten -von seinem früheren Selbst.</p> - -<p>»Mark,« sagte er, und hob den müden Blick zu mir empor, -»das war eine Unglücksstunde, in der ich jene heillosen Reime -lernte. Sie haben mich seitdem Tag und Nacht verfolgt, gleich -bösen Geistern. Alle Qualen der Hölle habe ich erduldet, seit -wir uns zuletzt sahen. Am Sonnabend wurde ich telegraphisch -nach Boston berufen. Ein lieber, alter Freund von mir war<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[69]</span> -gestorben und ich sollte ihm die Leichenrede halten. Ich benutzte -den Nachtzug; die Predigt dachte ich mir unterwegs im Kopfe -zurechtzulegen. Aber ich kam nur bis zu den Eingangsworten; -der Zug ging ab, die Räder begannen ihr Gerassel – klack, -klack – klack, klack, klack – und sofort paßten sich die abscheulichen -Reime dieser Begleitung an. Wohl eine Stunde saß ich da und -sagte Silbe für Silbe zu dem klack, klack, klack der Eisenbahn -her, bis ich so abgearbeitet und totmüde war, als hätte ich den -ganzen Tag Holz gehackt. Mein Kopf schmerzte zum Zerspringen, -ich glaubte wahnsinnig werden zu müssen. Rasch eilte ich nach -dem Schlafwagen und kleidete mich aus. Kaum aber hatte ich -mich auf das Lager gestreckt, so fing die Geschichte von neuem -an: ›Klack, klack, klack – Acht-Cents-Fahrt – klack, klack, klack – -Ein blau' Papier – klack, klack, klack – Sechs-Cents-Fahrt – -klack, klack, klack – Ein gelb' Papier und so weiter, und so -weiter – Zahlt die Taxe der Passagier.‹ Schlafen? – Ja, -Prosit! Ich war fast für das Tollhaus reif, als der Zug in -Boston ankam. Frage mich nicht nach der Leichenfeier. Ich -that mir übermenschlichen Zwang an, aber jeder einzige Satz -war von innen und außen übersponnen und durchwoben mit: -›Brüder, knipst ein das Fahrpapier – Zahlt die Taxe der -Passagier.‹ Das allerschrecklichste dabei war jedoch, daß ich meine -Rede ganz in dem hüpfenden Rhythmus der entsetzlichen Reime -hielt. Bald sah ich thatsächlich, daß verschiedene Zuhörer wie -geistesabwesend im Takt dazu nickten. Ja, du magst mir's -glauben oder nicht, Mark, noch bevor ich zu Ende war, wiegte -die ganze Trauerversammlung, der Leichenbestatter und alle übrigen -im feierlichen Verein mit dem Kopfe hin und her. Kaum hatte -ich das letzte Wort gesprochen, so floh ich, wie vom Wahnsinn -getrieben, in die Sakristei. Dort traf ich aber zum Unglück mit -einer alten unverheirateten Tante des Verstorbenen zusammen, -die zu spät gekommen war, um der kirchlichen Feier beizuwohnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[70]</span></p> - -<p>»›Ach, er ist tot, er ist tot,‹ schluchzte sie tiefbetrübt, ›und -ich habe ihn nicht einmal mehr gesehen vor seinem Ende!‹</p> - -<p>»›Ja,‹ sagte ich, ›er ist tot – er ist tot – er ist tot – -o, wird denn diese Qual niemals aufhören!‹</p> - -<p>»›Sie haben ihn also auch geliebt, wie ich?‹</p> - -<p>»›Geliebt, – wen?‹</p> - -<p>»›Den seligen Georg – meinen teuern Neffen.‹</p> - -<p>»›Ach – <em class="gesperrt">den</em>. Jawohl – jawohl – freilich, freilich. -Knips' ein, knips' ein – ach, das Elend bringt mich noch um.‹</p> - -<p>»›Dank, Ehrwürden, tausend Dank für die Trostesworte. -Auch <em class="gesperrt">mir</em> schlägt der Verlust eine tiefe Wunde. Sie waren -wohl bei ihm in den letzten Augenblicken?‹</p> - -<p>»›Letzte Augenblicke – bei wem?‹</p> - -<p>»›Nun bei dem geliebten Verstorbenen.‹</p> - -<p>»›Ja so – o ja – ich glaube wohl – ich weiß nicht. -Gewiß – ich war da – ich war da!‹</p> - -<p>»›Wie beneide ich Sie um dieses Glück. Was sprach er -denn noch – o, teilen Sie mir seine Abschiedsworte mit!‹</p> - -<p>»›Er sagte – er sagte – o mein Kopf, mein Kopf, mein -Kopf! Nichts, gar nichts sagte er als: Knips' ein, knips' ein -das Fahrpapier! – Seien Sie barmherzig, Verehrteste; ich beschwöre -Sie, dringen Sie nicht weiter in mich, überlassen Sie -mich meinem Wahnsinn, meinem Jammer, meiner Verzweiflung. – -Sechs-Cents-Fahrt, ein gelb' Papier – Drei-Cents-Fahrt, ein -rot' Papier – nein, länger ertrage ich es nicht – Zahlt die -Taxe der Passagier.‹«</p> - -<p>Mein Freund schwieg erschöpft und sah mich wohl eine -Minute lang mit stieren Blicken an.</p> - -<p>»Mark,« stieß er endlich mühsam heraus, »bin ich denn -ganz verloren? Du erwiderst kein Wort, du giebst mir keine -Hoffnung! Ach, ich sehe es ein, mir kann niemand helfen; Worte -vermögen mir keinen Trost mehr zu geben – mein Geschick ist<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[71]</span> -unabwendbar. Eine innere Stimme sagt mir, daß meine Zunge -verdammt ist, in alle Ewigkeit nach dem unsinnigen Reimgebimmel -hin und her zu pendeln. Da – da kommt es schon wieder: -Acht-Cents-Fahrt, ein blau' Papier – Sechs-Cents-Fahrt, ein -gelb' Papier – –«</p> - -<p>Schwächer und schwächer klang seine Stimme, bis er endlich -in einen wohlthätigen Starrkrampf verfiel, der ihn auf eine -kurze Frist seinen Qualen entrückte.</p> - -<p>Wie aber rettete ich ihn schließlich vor dem Irrenhause? -Ich reiste mit ihm nach der ersten besten Universität und ließ -ihn seine Last und Pein auf die armen, nichtsahnenden Studenten -abladen, welche die Reime mit gierigen Ohren einsogen. Fragt -mich nicht, in welchem Zustand sie sich dort jetzt befinden. Die -Folgen sind zu trostlos, als daß ich sie zu schildern vermöchte.</p> - -<p>Was mich trieb, dies alles niederzuschreiben, war nur die -edle Absicht, dich, lieber Leser, zu warnen. Solltest du je irgendwo -auf jene unheilvollen Verse stoßen, so fliehe sie – fliehe sie wie -die Pest! –</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[72]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ein_geheimnisvoller_Besuch">Ein geheimnisvoller Besuch.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Der erste Mensch, welcher mich aufsuchte, nachdem ich mich -in der Stadt niedergelassen hatte, war ein Herr, der sich -damit einführte, daß er sagte, er sei Taxator und stehe mit der -Abteilung für innere Einkünfte der Vereinigten Staaten in Verbindung. -Ich sagte, ich hätte nie von diesem Geschäftszweig -gehört, sei aber trotzdem sehr erfreut ihn zu sehen und bäte ihn, -Platz zu nehmen. Er setzte sich. Mir fiel gerade nichts Besonderes -ein, womit ich ihn unterhalten konnte, aber ich bedachte, -daß, wer einem Hauswesen vorstehen will, auch die Pflicht hat, -gesprächig, liebenswürdig und entgegenkommend zu sein. In -Ermangelung von etwas anderm fragte ich ihn also, ob er seinen -Laden in unserer Nachbarschaft eröffnen werde.</p> - -<p>Er bejahte dieses, ohne jedoch, wie ich gehofft hatte, von -selbst zu erwähnen was er verkaufe, und ich wollte doch nicht -neugierig erscheinen.</p> - -<p>Also versuchte ich es mit der Frage: »Geht das Geschäft -gut?« und er erwiderte: »Hm, so so.«</p> - -<p>Darauf sagte ich, wir würden bei ihm vorsprechen und wenn -man uns in seinem Hause ebenso gut bediene wie in andern, -so wollten wir ihm unsere Kundschaft zuwenden.</p> - -<p>Er antwortete, sein Etablissement würde uns unzweifelhaft -genügen. Ihm sei wenigstens noch nie jemand vorgekommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[73]</span> -der einen andern Vertreter seines Faches aufgesucht hätte, nachdem -er einmal mit ihm verhandelt habe.</p> - -<p>Das klang ziemlich selbstbewußt, aber abgesehen von der -natürlichen Schlechtigkeit, die uns allen im Gesicht geschrieben -steht, sah der Mann ganz ehrlich aus.</p> - -<p>Ich erinnere mich nicht mehr <em class="gesperrt">wie</em> es zuging, aber allmählich -tauten wir auf und kamen in Fluß, das heißt unsere Unterhaltung, -und nun ging es wie ein aufgezogenes Uhrwerk.</p> - -<p>Es wurde geredet, geredet, geredet – wenigstens meinerseits, -und gelacht, gelacht, gelacht – wenigstens seinerseits. -Aber während der ganzen Zeit hatte ich die Geistesgegenwart -nicht verloren, meine natürliche Schlauheit war auf ›vollen -Dampf‹ gesetzt, wie die Maschinisten sagen. Ich war entschlossen -alles zu erfahren, was sein Geschäft anging, trotz der dunkeln -Antworten, die er gab, und zwar dachte ich es aus ihm herauszubekommen, -ohne daß er es selbst gewahr wurde. Ich wollte -ihn in eine tiefe, tiefe Falle locken, ihm alles über mein eigenes -Geschäft erzählen und ihn dadurch so erwärmen und zutraulich -machen, bis er nicht umhin konnte, mir ausführliche Mitteilungen -über <em class="gesperrt">sein</em> Geschäft zu machen, ehe er noch merkte, um was es -mir zu thun war. »Du ahnst nicht, mein Sohn,« dachte ich -bei mir selbst, »mit welchem schlauen Fuchs du es zu thun hast!«</p> - -<p>»Können Sie wohl raten,« sagte ich, »wie viel ich im vergangenen -Winter und Frühling mit meinen Vorlesungen eingenommen -habe?«</p> - -<p>»Nein, gewiß nicht – und wenn mein Kopf daran hinge! -Erlauben Sie – etwa zweitausend Dollars, wie? – Aber -nein, nein – so viel können Sie nicht verdient haben. Sagen -wir siebzehnhundert.«</p> - -<p>»Haha! das hab' ich mir gedacht! Meine Einnahmen für -Vorlesungen letzten Winter und diesen Frühling betrugen vierzehntausendsiebenhundertundfünfzig -Dollars. Was sagen Sie dazu?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[74]</span></p> - -<p>»Ja, das ist ja unglaublich, ganz unglaublich! Das werde -ich mir merken. Und Sie meinten, das sei noch nicht einmal -alles?«</p> - -<p>»Alles! – kein Gedanke! Dazu kam noch mein Gehalt -beim ›Täglichen Kriegsruf‹ auf vier Monate, ungefähr – ungefähr -– nun was würden Sie sagen, wenn ich es auf achttausend -Dollars angäbe?«</p> - -<p>»Was ich sagen würde? – Je nun – daß ich wohl auch -in solchem Meer des Ueberflusses schwimmen möchte. Achttausend -– das will ich mir merken! Und das ist alles noch -nicht genug, Sie Glückspilz! Wenn ich Sie recht verstehe, haben -Sie noch andere Einnahmen gehabt?«</p> - -<p>»Hahaha! natürlich. Wir stehen erst beim Anfang sozusagen. -Nun kommt noch mein Buch ›Unschuld auf Reisen‹ – -Preis drei Dollars fünfzig Cents bis fünf Dollars, je nach dem -Einband. Sehen Sie mir ins Auge und hören Sie: Während -der letzten fünftehalb Monate – ganz abgesehen von allem was -vorher verkauft worden ist – nur während der letzten fünftehalb -Monate haben wir fünfundneunzigtausend Exemplare von -dem Buch abgesetzt. Fünfundneunzigtausend! Denken Sie einmal! -Durchschnittlich vier Dollars das Exemplar, das macht -vierhunderttausend Dollars, mein Freund – und ich bekomme -die Hälfte!«</p> - -<p>»Alle Wetter! Ich will das aufschreiben. Vierzehn – -sieben – fünf – acht – zweihundert – Summa sagen wir -– meiner Treu, die Gesamtsumme macht ungefähr zweihundertdreizehn- -oder vierzehntausend Dollars. Ist das möglich?«</p> - -<p>»Möglich? Wenn irgend ein Fehler dabei ist, so habe ich -zu wenig angegeben. Zweihundertvierzehntausend bar ist mein -diesjähriges Einkommen, wenn ich überhaupt rechnen kann.«</p> - -<p>Jetzt stand der Herr auf um zu gehen. Mich überfiel der -peinliche Gedanke, ob ich am Ende meine Enthüllungen umsonst<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[75]</span> -gemacht habe. Noch dazu hatte ich mich durch seine laute Bewunderung -verführen lassen, die Beträge recht ansehnlich zu vergrößern. -Aber, nein, im letzten Augenblick überreichte mir der -Herr ein großes Couvert mit der Bemerkung, daß es seine Geschäftsanzeige -enthalte, die mir jeden gewünschten Aufschluß geben -könne, er würde stolz sein, einen Mann von so ungeheuerm Einkommen -zum Kunden zu haben. Früher habe er gedacht, daß -es mehrere wohlhabende Herren in der Stadt gäbe, aber sobald -er geschäftlich -mit ihnen in Verbindung -getreten -sei, habe es sich -gezeigt, daß sie -kaum genug besäßen, -um davon -leben zu können. -Es sei wirklich -eine solche Ewigkeit -her, seit er -einen reichen -Mann von Angesicht -gesehen, -mit ihm gesprochen, -und ihm -die Hand gereicht -habe, daß er sich -kaum enthalten -könne, mir um -den Hals zu fallen -– ich würde -ihn unendlich -glücklich machen, -wenn ich ihm -die Erlaubnis -gäbe, mich zu -umarmen.</p> - -<div class="figleft" id="illu-074"> - <img src="images/illu-074.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Das gefiel mir so gut, daß ich nicht versuchte Widerstand -zu leisten, sondern dem biedern Fremdling gestattete, die Arme -um meinen Hals zu schlingen und ein paar beruhigende Thränen -zu vergießen, die mir den Nacken herabrieselten. Dann ging -er seiner Wege.</p> - -<p>Sobald er fort war, öffnete ich das Couvert mit seiner -›Anzeige‹. Ich studierte sie aufmerksam vier Minuten lang, -dann rief ich die Köchin herauf und sagte:</p> - -<p>»Bitte, halten Sie mich – ich falle in Ohnmacht – -Marie kann unterdessen die Pfannkuchen umwenden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[76]</span></p> - -<p>Als ich wieder zur Besinnung gekommen war, schickte ich -nach dem nächsten Schnapsladen und mietete mir um Wochenlohn -einen Mann, der sich aufs Fluchen verstand, damit er die -ganze Nacht aufsitzen und jenen Fremden verwünschen sollte, -und mich am Tage manchmal dabei ablösen, wenn ich nicht -weiter wußte.</p> - -<p>Er war aber auch ein ganz abgefeimter Schurke. Seine -ganze Geschäftsanzeige bestand aus weiter nichts als einem niederträchtigen -Steuerzettel – einer Kette von unverschämten Fragen -über meine Privatangelegenheiten, die beinahe vier engbedruckte -Folioseiten einnahmen. Fragen, die mit so erstaunlicher Spitzfindigkeit -zusammengesetzt waren, daß die ältesten Leute nicht herausgefunden -hätten, was sie bedeuten sollten. Fragen, die so -eingerichtet waren, daß man sein Einkommen ungefähr viermal -so hoch angeben mußte, als es in Wirklichkeit war, aus lauter -Angst, man könne eine Lüge beschwören. Ich suchte nach einem -Ausweg, aber es schien keinen zu geben. Gleich die erste Frage -paßte so vollkommen auf meinen Fall, wie ein Regenschirm auf -einen Ameisenhaufen, wenn man ihn aufspannt:</p> - -<div class="blockquot s90"> - -<p>»Wie hoch beliefen sich Ihre Einnahmen im vergangenen -Jahr aus Ihrem Handel, Geschäft oder Beruf, gleichviel wo -Sie denselben betrieben haben?«</p></div> - -<p>Und diese Frage zog dreizehn andere von ebenso eindringlicher -Art nach sich, von denen die bescheidenste Aufschluß darüber -verlangte, ob ich einen Betrug oder Straßenraub verübt hätte -oder durch Brandstiftung und andere geheime Erwerbsquellen zu -Vermögen gelangt sei, das bei meiner Antwort auf Nr. 1 nicht -mit angegeben wäre.</p> - -<p>Es war klar, daß der Fremde mir Gelegenheit gegeben hatte, -mich zu blamieren. Dies lag so sehr auf der Hand, daß ich -ausging und mir noch einen Mann zum Fluchen mietete. Der -Fremde hatte mich mit seinen Schmeicheleien verführt, ein Einkommen<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[77]</span> -von zweihundertvierzehntausend Dollars anzugeben. Gesetzmäßig -waren tausend davon steuerfrei, das war der einzige Abschlag, -den ich entdecken konnte, und das war doch nur ein Tropfen -im Ozean. Bei den gesetzlichen fünf Prozent mußte ich der Regierung -die Summe von zehntausendsechshundertfünfzig Dollars -Einkommensteuer bezahlen.</p> - -<p>(<span class="s90">Ich will hier gleich bemerken, daß ich es nicht gethan habe.</span>)</p> - -<p>Ich bin mit einem sehr begüterten Manne bekannt, der einen -Palast bewohnt und eine wahrhaft fürstliche Tafel hält, dessen -Ausgaben ganz enorm sind und der doch kein Einkommen hat, -wie ich oft an seinen Steuerzetteln gesehen habe. Zu diesem begab -ich mich in meiner Not. Er nahm meine schreckliche Liste von -Einnahmen zur Hand, setzte sich die Brille auf, tauchte die Feder -ein, und – ehe ich mich's versah, war ich ein Bettler. Es geschah -auf die einfachste Weise von der Welt und ward durch die -Geschicklichkeit, mit der er den Paragraphen ›Abzüge‹ benützte, -ganz leicht zu stande gebracht. Er setzte meine Staats- und -meine städtischen Steuern auf so und so viel fest, meine Verluste -durch Schiffbruch, Feuer u. s. w. auf so und so viel; Verluste -beim ›Verkauf von Landbesitz‹ – ›Verkauf von Viehstand‹ -– ›Zahlungen für Miete des Anwesens‹ – ›Ausbesserungen, -Umbauten, Zinsvergütung‹ – ›schon vorher besteuerter Gehalt -als Offizier der Armee, der Flotte u. s. w. u. s. w.‹ und dergleichen -mehr. Aus jedem dieser Punkte wußte er ganz erstaunliche -Abzüge herauszuschlagen. Als er fertig war und mir -das Blatt hinreichte, sah ich auf den ersten Blick, daß während -des ganzen Jahres meine Einnahme, das heißt der Gewinn dabei, -nur zwölfhundertfünfzig Dollars vierzig Cent betragen hatte.</p> - -<p>»Dazu kommt,« sagte er, »daß tausend Dollars steuerfrei -sind. Gehen Sie jetzt aufs Steueramt und beschwören Sie -dies Dokument, dann bezahlen Sie Steuern von zweihundertfünfzig -Dollars.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[78]</span></p> - -<div class="blockquot s90"> - -<p>(Während er sprach, zog sein Söhnchen, der kleine Willy, -einen Zweidollarschein aus des Vaters Westentasche und verschwand -damit. Ich möchte <em class="gesperrt">alles</em> wetten, daß der Junge <em class="gesperrt">auch</em> -sein Einkommen falsch angeben würde, wenn mein fremder Herr -ihn morgen besuchte.)</p></div> - -<p>»Machen Sie die Abzüge immer auf diese Art?« fragte -ich, »auch wenn Sie Ihre eigenen Steuern berechnen?«</p> - -<p>»Natürlich, das versteht sich von selbst. Wenn unter der -Rubrik ›Abzüge‹ nicht jene elf tröstlichen Klauseln ständen, müßte -ich ja alljährlich an den Bettelstab kommen, nur um diese verhaßte, -schlechte, geldgierige und tyrannische Regierung zu unterstützen.«</p> - -<p>Dieser Herr gehört zu den allerbesten und solidesten Männern -der Stadt, zu den Männern von moralischem Gewicht, von -kaufmännischer Ehrenhaftigkeit, von zweifelloser, unantastbarer -Zuverlässigkeit – folglich unterwarf ich mich seinem Urteil. Ich -begab mich auf das Steueramt – und da stand ich, unter den -Augen meines fremden Herrn, die mich schwer anklagten, und -beschwor eine Lüge nach der andern, eine Schlechtigkeit nach der -andern, bis meine Seele zolldick mit Meineiden überzogen war, -und ich meine Selbstachtung auf ewige Zeiten verloren hatte.</p> - -<p>Aber was schadet's? Thun denn nicht Tausende der reichsten -und stolzesten, der gerechtesten und gefeiertsten Männer in Amerika -alljährlich dasselbe? – –</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[79]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Redakteur_und_Berichterstatter">Redakteur und Berichterstatter.</h2> - -<h3 id="Wie_ich_ein_landwirtschaftliches_Blatt">Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab.</h3> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Als ich aushilfsweise die Redaktion einer landwirtschaftlichen -Zeitung übernahm, that ich es nicht ohne bange -Zweifel. Wenn jemand, der gewohnt ist auf dem Lande zu -leben, plötzlich ein Schiff befehligen sollte, würde er wohl auch -seine Besorgnis dabei haben. Ich befand mich jedoch in Verhältnissen, -bei denen mir der Gehalt von Wichtigkeit war. Als -daher der ständige Redakteur der Zeitung mir anbot, ihn während -der Ferien zu vertreten, ging ich auf seine Bedingungen ein und -nahm seine Stelle.</p> - -<p>Wieder bei der Arbeit zu sein, war ein köstliches Gefühl, -und ich schrieb die ganze Woche hindurch mit unablässigem Vergnügen. -Nachdem alles in der Presse war, wartete ich einen -Tag lang in großer Spannung auf irgend ein Anzeichen, daß -meine Bemühung die Aufmerksamkeit des Publikums erregt habe. -Bei Sonnenuntergang verließ ich das Bureau und sah, daß eine -Gruppe von Männern und Knaben, die sich am Fuß der Treppe -versammelt hatten, sobald ich erschien, wie auf gemeinsamen -Antrieb auseinanderstob, um mich durchzulassen. »Das ist er!« -hörte ich sie zu einander sagen. Der Vorfall war mir natürlich -sehr schmeichelhaft. Am nächsten Morgen bemerkte ich eine<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[80]</span> -ähnliche Gruppe an der Treppe; auch vereinzelt und zu zweien -standen die Leute vor dem Hause und drüben auf der andern -Seite der Straße, mich mit großem Interesse beobachtend. Als -ich näher kam, zerstreuten sie sich und wichen zurück, doch hörte -ich noch, wie ein Mann sagte:</p> - -<p>»Seht nur mal seine Augen an.« – Ich that, als wüßte -ich nicht, was ich für Aufsehen machte, doch freute ich mich im -stillen darüber und nahm mir vor, es meiner Tante zu schreiben.</p> - -<p>Während ich die wenigen Treppenstufen hinaufstieg und -mich der Thür näherte, vernahm ich fröhliche Stimmen und -schallendes Gelächter. Beim Eintreten gewahrte ich einen Augenblick -zwei junge Männer, die wie Landwirte aussahen; sobald -sie meiner ansichtig wurden, erbleichten sie, machten lange Gesichter -und sprangen plötzlich mit einem großen Krach zum Fenster -hinaus. Darüber verwunderte ich mich sehr.</p> - -<p>Etwa eine halbe Stunde später trat ein alter Herr mit -lang herabwallendem Bart und feinen, aber strengen Gesichtszügen -bei mir ein. Ich forderte ihn auf, Platz zu nehmen, und -er setzte sich, schien jedoch etwas auf dem Herzen zu haben. Er -nahm den Hut ab, stellte ihn auf den Boden und holte ein rotseidenes -Taschentuch heraus, sowie ein Exemplar unserer Zeitung.</p> - -<div class="ulshapepic" id="illu-080"> -<div class="boxu box080u"> -<img src="images/illu-080.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box080l"></div> -</div> - -<p>Das Blatt legte er auf seine Kniee und fragte, während -er sich die Brille mit dem Taschentuch putzte: »Sind Sie der -neue Redakteur?«</p> - -<p>Ich bejahte dies.</p> - -<p>»Haben Sie schon früher ein landwirtschaftliches Blatt redigiert?«</p> - -<p>»Nein,« erwiderte ich, »dies ist mein erster Versuch.«</p> - -<p>»Das dachte ich mir. Haben Sie die Landwirtschaft praktisch -betrieben?«</p> - -<p>»Nein, ich glaube nicht.«</p> - -<p>»Ein gewisser Instinkt hat mir das gesagt,« meinte der<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[81]</span> -alte Herr, setzte seine -Brille auf und maß -mich über dieselbe -hinweg mit strengen Blicken, -wobei er die Zeitung in ein -bequemes Format zusammenfaltete. -»Ich will Ihnen -vorlesen, was diesen Instinkt bei mir erweckt hat. Es war die -folgende Bemerkung. Hören Sie, ob sie aus Ihrer Feder stammt:</p> - -<div class="blockquot s90"> - -<p>»<em class="gesperrt">Rüben</em> sollte man niemals pflücken, weil ihnen das -schadet. Es ist viel besser, einen Knaben auf den Baum klettern, -und sie herunterschütteln zu lassen.«</p></div> - -<p class="noind">Nun, was sagen Sie dazu – denn ich bin fest überzeugt, Sie -haben es geschrieben!«</p> - -<p>»Was soll ich denn sagen? Ich glaube es ist gut und -verständig. Ohne Zweifel werden alljährlich im Umkreis dieser -Stadt viele Millionen Scheffel Rüben verdorben, weil man sie -in halbreifem Zustand abpflückt, während, wenn man sie durch -einen Knaben vom Baum schütteln ließe –«</p> - -<p>»Warum nicht gar von Ihrer Großmutter? Rüben wachsen -doch nicht auf Bäumen.«</p> - -<p>»O, wirklich thun sie das nicht! Wer hat denn schon gesagt,<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[82]</span> -daß sie da wüchsen? – Es war ja natürlich bildlich gemeint, -nur bildlich! Jeder, der überhaupt Sinn und Verstand -hat, muß doch gleich wissen, daß ich meinte, der Knabe sollte -die Ranke schütteln.«</p> - -<p>Der alte Mann schnellte von seinem Sitze in die Höhe, zerriß -die Zeitung in kleine Stücke, stampfte mit dem Fuß darauf, -zerschlug allerlei Gegenstände mit seinem Stock und sagte, so viel -wie ich, wüßte auch eine Kuh. Dann ging er hinaus und warf -die Thür hinter sich ins Schloß. Bei diesem Benehmen kam mir -der Gedanke, es müsse etwas sein Mißfallen erregt haben. Da -ich aber nicht wußte, was ihn verdrossen habe, konnte ich ihm -auch nicht helfen.</p> - -<p>Bald nachher kam ein langer, hagerer Mensch zur Thür -hereingeschossen. Spärliche Locken hingen ihm bis auf die Schultern -herab und sein Gesicht war in allen Höhen und Tiefen mit -den stacheligen Bartstoppeln einer ganzen Woche bedeckt. Er blieb -zuerst regungslos stehen und legte den Finger auf den Mund, -dann beugte er sich lauschend vor. Kein Geräusch ließ sich hören. -Noch immer horchte er. Als alles still blieb, drehte er den -Schlüssel um, schlich behutsam auf den Zehen näher zu mir heran -und stellte sich in gemessener Entfernung vor mich hin. Eine -Weile forschte er mit großem Interesse in meinen Zügen, nahm -dann ein zusammengefaltetes Exemplar unseres Blattes aus der -Brusttasche und sagte:</p> - -<p>»Sehen Sie hier – das haben Sie geschrieben. Lesen -Sie es mir vor – rasch! Befreien Sie mich, Herr! Ich leide -entsetzlich.«</p> - -<p>Ich las was folgt, und während meine Lippen Satz für -Satz aussprachen, schien er sich zusehends erleichtert zu fühlen; -die starren Muskeln verloren ihre Spannung, die ängstliche Besorgnis -wich aus seinem Gesicht und Friede und Ruhe verbreiteten -sich über seine Züge, wie lindes Mondlicht über eine öde Landschaft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[83]</span></p> - -<div class="blockquot s90"> - -<p>»Der <em class="gesperrt">Guano</em> ist ein schöner Vogel, aber es bedarf großer -Sorgfalt, wenn man ihn aufziehen will. Man darf ihn nicht -früher als im Juni und nicht später als im September bei uns -einführen. Im Winter muß er an einen warmen Ort gebracht -werden, um seine Jungen ausbrüten zu können.«</p> - -<p>»Augenscheinlich werden wir mit unserer <em class="gesperrt">Getreideernte</em> -dies Jahr im Rückstand bleiben. Der Landmann wird daher -wohl daran thun, die Maiskolben und Buchweizenkuchen schon -im Juli statt im August zu pflanzen.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Vom Kürbis.</em> Dies ist eine Lieblingsbeere der Eingeborenen -von Neuengland. Bei der Bereitung von Obstkuchen -zieht man sie dort zu Lande sogar der Stachelbeere vor. Sie -ist vorteilhafter als die Himbeere zum Füttern der Kühe, da -sie mehr füllt und stopft und ganz ebenso nahrhaft ist. Der -Kürbis ist die einzige eßbare Abart der Familie Orangenpflanze, -die im Norden gedeiht, ausgenommen die Melone und der -Türkenbund. Man pflanzt ihn jedoch jetzt weniger häufig unter -dem Buschwerk im Vordergarten an, da man allgemein die Ansicht -hegt, daß der Kürbis kein Baum ist, welcher Schatten -giebt.«</p> - -<p>»Jetzt, bei Eintritt des warmen Wetters, beginnt der -<em class="gesperrt">Gänserich</em> zu laichen und –«</p></div> - -<p>In höchster Aufregung trat der Zuhörer dicht vor mich hin, -schüttelte mir die Hand und sagte:</p> - -<p>»Schön, schön – das genügt. Jetzt weiß ich, daß ich bei -richtigem Verstande bin, denn Sie haben es gerade so gelesen -wie ich, Wort für Wort. Aber Fremdling, als ich es heute -morgen zum erstenmal las, sagte ich zu mir: ›Nun und nimmermehr -hätte ich es für möglich gehalten, trotzdem meine Verwandten -mich so streng bewachten, aber jetzt glaube ich selbst, daß -ich verrückt bin.‹ Dabei stieß ich ein Geheul aus, das man zwei -Meilen weit hören mußte, und lief fort, um jemand totzuschlagen. -Ich wußte ja, daß es früher oder später dazu kommen würde<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[84]</span> -und wollte lieber gleich damit anfangen. Erst las ich noch -einmal einen Ihrer Paragraphen durch, dann brannte ich mein -Haus nieder und brach auf. Mehreren Leuten habe ich Arme -und Beine entzwei geschlagen, und einen Menschen auf einen -Baum gejagt, wo ich ihn kriegen kann, sobald ich will. Beim -Vorbeigehen dachte ich aber erst einmal bei Ihnen vorzusprechen, -um meiner Sache auch ganz sicher zu sein. Jetzt habe ich mir -nun Gewißheit verschafft und ich sage Ihnen, es ist ein Glück -für den Burschen, der auf dem Baume sitzt. Ich hätte ihn unfehlbar -auf dem Rückwege umgebracht. Leben Sie wohl, leben -Sie wohl! Sie haben mir eine schwere Last von der Seele -genommen. Da mein Verstand Ihren landwirtschaftlichen Artikel -hat aushalten können, wird er jetzt jeden Puff vertragen. Noch -einmal, bester Herr, leben Sie wohl!«</p> - -<p>Mir war wegen der Körperverletzungen und Brandstiftungen, -mit welchen der Mensch sich unterhalten hatte, etwas unbehaglich -zu Mute, da ich nicht umhin konnte mir einzugestehen, daß -ich gewissermaßen daran beteiligt sei. Doch konnte ich diesen -Gedanken nicht lange nachhängen, denn der ständige Redakteur -trat jetzt ins Zimmer.</p> - -<p>Er sah trübselig, verlegen und niedergeschlagen aus.</p> - -<p>Er blickte auf die Zerstörung, welche die beiden jungen -Landwirte und der alte Tumultuant angerichtet hatten und sagte: -»Das ist eine böse Geschichte – eine sehr böse Geschichte. Die -Flasche mit dem flüssigen Leim ist zerbrochen, sechs Fensterscheiben, -ein Spucknapf und zwei Leuchter in Stücke geschlagen. -Aber das ist noch lange nicht das Schlimmste. Der Ruf des -Blattes hat gelitten – und wie ich fürchte für alle Zeit. Zwar -ist die Nachfrage größer gewesen als jemals, noch nie ist eine -so starke Auflage verkauft worden, nie zuvor hat das Blatt solche -Berühmtheit erlangt – aber man will doch nicht wegen Verrücktheit -berühmt sein und mit Geistesschwäche Geld erwerben!<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[85]</span> -Ich versichere Sie, Freund, so wahr ich ein ehrlicher Mann -bin, drunten sitzen die Leute auf den Zäunen und wimmeln in -der Straße, um zu warten, ob sie etwas von Ihnen zu sehen -bekommen, weil sie Sie für verrückt halten. Das können sie -auch mit gutem Grund, nachdem sie Ihre Artikel gelesen haben, -die eine Schande für die ganze Presse sind. Wie in aller Welt -sind Sie nur auf den Einfall gekommen, daß Sie imstande -wären, ein solches Blatt zu redigieren? Sie scheinen ja nicht -einmal von den ersten Anfangsgründen der Landwirtschaft eine -Ahnung zu haben. Sie sprechen von einer Furche und einer -Furt, als sei es ein und dasselbe; Sie reden von einer Mauserzeit -der Kühe, und empfehlen den Iltis als Haustier, weil er -voll Mutwillen sei und ein trefflicher Rattenfänger. Ihre Bemerkung, -daß die Seeschnecken still zu liegen pflegen, wenn man -ihnen Musik vormacht, war ganz und gar überflüssig. Seeschnecken -lassen sich überhaupt nicht aus ihrer Ruhe bringen, sie -liegen immer still und die Musik ist ihnen völlig gleichgültig. -Sagen Sie nur um des Himmels willen, Freund, haben Sie -etwa die Unwissenheit zu Ihrem Berufsstudium gemacht? Dann -hätten Sie sich heute den Doktorhut erworben in allen Ehren. -Etwas Aehnliches ist mir noch nicht vorgekommen. Ihre Bemerkung, -daß die Roßkastanie sich als Handelsartikel einer stets -wachsenden Gunst erfreut, ist ganz dazu angethan, das Blatt -zu Grunde zu richten. Ich bitte Sie, das Amt niederzulegen -und Ihrer Wege zu gehen. Ich habe schon viel zu lange Ferien -gehabt. Einen Genuß hätte ich doch nicht mehr davon, besonders -wenn Sie meinen Platz inne haben und ich in beständiger Angst -schweben müßte, was Sie den Leuten zunächst empfehlen würden. -Wenn ich daran denke, daß Sie unter dem Titel ›Landschaftsgärtnerei‹ -über Austernbänke geschrieben haben, möchte ich aus -der Haut fahren. – Machen Sie, daß Sie fortkommen! Für -nichts in der Welt würde ich wieder in die Ferien gehen. O,<span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[86]</span> -warum haben Sie mir nur nicht gesagt, daß Sie von der Landwirtschaft -nicht das mindeste wissen!«</p> - -<p>»Was wollen Sie denn eigentlich, Sie Maiskolben, Sie -Krautkopf, Sie Rübensprößling?! Schämen Sie sich Ihrer unverständigen -Worte. Seit vierzehn Jahren arbeite ich als Redakteur -und noch niemals, das versichere ich Ihnen, habe ich gehört, -daß man besondere Kenntnisse haben müsse, um eine Zeitung zu -redigieren. Wer schreibt denn die Theaterkritiken für die Tagesblätter -zweiten Ranges? Irgend ein gelehrter Schuster oder -Apothekerlehrling, der von der Schauspielkunst nicht mehr und -nicht weniger versteht, als ich von der Landwirtschaft. Wer bespricht -die Bücher? Menschen, die nie eins geschrieben haben. -Wer schreibt die größten Leitartikel über Staatsfinanzen? Diejenigen, -welche die schönste Gelegenheit gehabt haben, gar nichts -davon zu erfahren. Wer verfaßt die Berichte über den Indianerkrieg? -Herren, die ein Wigwam nicht von einem Tamtam unterscheiden -können, die nie in den Fall gekommen sind, mit einem -Tomahawk um die Wette zu laufen oder irgend einem Glied -ihrer Familie Pfeile auszuziehen, um ein Lagerfeuer anzumachen. -Wer schreibt die Aufforderung zur Mäßigkeit und jammert über -die verführerische Flasche? – Burschen, die keinen nüchternen -Atemzug mehr thun werden, bis sie im Grabe liegen. Wer -redigiert meist die landwirtschaftlichen Blätter – Sie Runkelrübe? -– Wer anders als verdorbene Redakteure städtischer -Zeitungen, oder Menschen, die mit dem Poetenhandwerk kein -Glück haben, mit Schauerdramen schlechte Geschäfte machen und -ihre gelben Eisenbahnromane nicht anbringen können. Die werfen -sich zuletzt auf die Landwirtschaft, um noch eine Zeitlang dem -Armenhaus zu entrinnen. Wollen <em class="gesperrt">Sie</em> mich etwa über das -Redaktionswesen belehren? Das habe ich durchgemacht von A -bis Z; und ich kann Ihnen sagen: je weniger ein Mensch weiß, -um so größer ist das Geschrei, das er macht und der Gehalt,<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[87]</span> -den er bezieht. Beim Himmel – wäre ich nur unwissend statt -gebildet, und unverschämt statt schüchtern gewesen, ich hätte mir -einen Namen erwerben können in dieser kalten, selbstsüchtigen -Welt! Herr, ich nehme meinen Abschied. Nachdem ich so behandelt -worden bin, wie Sie mich behandelt haben, bin ich ganz -bereit zu gehen. Meiner Pflicht habe ich genügt und meinen -Kontrakt erfüllt, soweit man es mir gestattet hat. Ich versprach, -Ihr Blatt interessant zu machen für alle Klassen – das habe ich -gethan. Ich sagte, ich könne Ihren Absatz auf zwanzigtausend -Exemplare bringen – das wäre geschehen, wenn Sie mir noch -vierzehn Tage Zeit gelassen hätten. Obendrein würde ich Ihnen -die beste Klasse von Lesern verschafft haben, die sich ein landwirtschaftliches -Blatt nur wünschen kann – kein einziger Landmann -darunter, nicht ein Mensch, der einen Wassermelonenbaum -von einer Pfirsichranke unterscheiden könnte. <em class="gesperrt">Sie</em> verlieren bei -diesem Bruch, Sie Pastetengewächs – nicht ich. Gehorsamer -Diener!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Dann ging ich.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[88]</span></p> - -<h3 id="Herrn_Blokes_Eingesandt">Herrn Blokes ›Eingesandt‹.</h3> - -<div class="ulshapepic" id="illu-087"> -<div class="boxu box087u"> -<img src="images/illu-087.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box087l"></div> -</div> - -<p class="drop">Unser verehrter Freund, Herr -John William Bloke aus Virginia-City, -trat gestern abend -spät in unser Bureau -ein, wo ich als zweiter -Redakteur thätig -war. Sein Gesicht war schmerzentstellt. -Mit dem Ausdruck herzzerreißenden Jammers, -unter schweren Seufzern legte er -das nachfolgende ›Eingesandt‹ auf das -Pult und wandte sich mit abgemessenem -Schritt dem Ausgang zu. An der Thür -hielt er inne, schien mit Gewalt seine Gefühle -zu bemeistern, nickte dann nach seinem -Manuskript hin und hauchte, in Thränen ausbrechend, -mit zitternder Stimme die Worte:</p> - -<p>»Einer meiner Freunde! ach, entsetzlich!«</p> - -<p>Sein Kummer rührte mich so sehr, daß ich ganz vergaß ihn -zurückzurufen, um ihm Trost zuzusprechen, bis er fort und es -zu spät war. Das Blatt befand sich schon in der Presse, aber -da ich wußte, daß unser Freund der Veröffentlichung seiner -Mitteilung große Wichtigkeit beilegte und hoffte, es würde seinem -kummervollen Herzen einen traurigen Genuß bereiten, dasselbe -im Druck vor Augen zu haben, ließ ich sofort die Maschine -anhalten und den Artikel in unsere Spalten einfügen.</p> - -<div class="blockquot s90 clear"> - -<p class="center">»<em class="gesperrt">Entsetzlicher Unglücksfall.</em></p> - -<p>Gestern abend 6 Uhr, als Herr William Schuyler, ein -alter, ehrenhafter Bürger aus South-Park seine Wohnung verließ,<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[89]</span> -um sich in die untere Stadt zu begeben, wie es seit Jahren -seine Gewohnheit ist, von der er nur im Frühling 1850 für -kurze Zeit eine Ausnahme machte, als er genötigt war, wegen -einer Verletzung das Bett zu hüten, die er sich bei dem Versuch -zugezogen, ein durchgegangenes Pferd aufzuhalten, indem er kopfloser -Weise mit heftigen Geberden hinter ihm drein schrie, ein -Verfahren, welches das Tier, selbst einen Augenblick früher, unfehlbar -erschreckt statt aufgehalten haben würde, und das, obgleich -für ihn unheilvoll genug, doch noch entsetzlicher gemacht wurde -durch den Umstand, daß seine Schwiegermutter zur Stelle war -und Augenzeugin des traurigen Ereignisses sein mußte, während -sie doch möglicherweise, wenn auch nicht mit Sicherheit anzunehmen, -ebenso gut anderswo Umschau nach Unglücksfällen hätte -halten können, was übrigens gar nicht in ihrer Natur lag, vielmehr -gerade im Gegenteil, wie ihre eigene Mutter gesagt haben -soll – Gott hab' sie selig, sie starb vor ungefähr drei Jahren -im sechsundachtzigsten Jahr in der gewissen Hoffnung einer seligen -Auferstehung, denn sie war eine christliche Frau, sozusagen ohne -Falsch und ohne Vermögen, was dem großen Brand anno 1849 -zuzuschreiben ist, der ihr sämtliche Habe einäscherte. Aber so -geht es im Leben! Diese schauervolle Begebenheit möge uns allen -zur Warnung dienen und uns anspornen, so gut zu leben, daß -wir, wenn es einst ans Sterben geht, wissen, was wir zu thun -haben. Die Hand aufs Herz! Wir wollen von heute an aufrichtig -und ernst danach streben, die verhängnisvolle Flasche zu -meiden.</p> - -<p class="mright"> -(<b>Morgenausgabe der California.</b>)« -</p></div> - -<p>Der Chefredakteur ist hier gewesen und hat einen wahren -Höllenlärm vollführt. Er raufte sich das Haar, stieß die Möbel -in alle Ecken und schimpfte auf mich, als wäre ich ein Taschendieb. -Er sagte, jedesmal, wenn mir auch nur auf eine halbe -Stunde die Redaktion des Blattes überlassen bliebe, ließe ich mich -vom ersten besten Wickelkind oder Tollhäusler überlisten. Er besteht -darauf, daß Herrn Blokes unseliger Artikel der tollste Mischmasch -ohne Sinn und Verstand ist, aus dem der Leser nicht das geringste -erfährt. Es sei ein Unsinn gewesen, deswegen den Satz zu ändern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[90]</span></p> - -<p>Das hat man davon, wenn man gutherzig ist. Wäre ich -auch so ungefällig und teilnahmslos wie gewisse Leute, ich hätte -Herrn Bloke einfach gesagt, zu so später Stunde würden keine -Mitteilungen mehr angenommen. Aber nein! Sein thränenreicher -Schmerz rührte mein weiches Gemüt und mit Freuden ergriff ich -die Gelegenheit, seinen Kummer ein wenig zu lindern. Schnell -einige Eingangszeilen zu dem Artikel geschrieben und fort damit -in die Druckerei ohne weiter zu untersuchen! Und was ernte ich für -meine Gutthat? Nichts als Scheltworte und allerliebste Ehrentitel.</p> - -<p>Nun will ich aber doch den Artikel einmal selbst lesen und -sehen, ob all der Spektakel begründet ist. Sollte es der Fall -sein, dann wehe dem Verfasser! –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich habe es gelesen und muß in der That gestehen, daß es -zuerst etwas konfus erscheint. Aber ich probiere es noch einmal.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich habe es zum zweitenmal durchgegangen – es scheint -verwirrter denn je.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich habe es nun fünfmal durchgelesen, aber ich will verdammt -sein, wenn ich auch nur eine Silbe davon verstehe. Es -verträgt keine nähere Untersuchung. Man kann keine Klarheit -hineinbringen. Erfahren wir etwa, was aus William Schuyler -geworden ist? Nur gerade unser Interesse für ihn wird geweckt – -dann wird er fallen gelassen. Wer ist denn dieser William Schuyler -überhaupt? In welchem Teil von South-Park lebt er eigentlich? -Er verließ seine Wohnung um sechs Uhr – ist er aber auch in der -unteren Stadt angekommen und ist ihm irgend etwas zugestoßen? -Ist <em class="gesperrt">er</em> es vielleicht, der mit dem ›entsetzlichen Unglücksfall‹ etwas -zu thun hat? Wenn man den Wust von Einzelheiten in dem -Artikel bedenkt, sollte man doch auch wirklich etwas mehr daraus -erfahren können. Aber man erfährt nichts, es macht alles nur<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[91]</span> -noch dunkler. War Herrn Schuylers Beinbruch vor fünfzehn -Jahren der ›entsetzliche Unglücksfall‹, welcher Herrn Bloke in -unaussprechlichen Jammer versetzte und ihn veranlaßte zur Nachtzeit -hier anzurücken und den Betrieb zu stören, damit die Welt -doch ja sogleich von dem interessanten Umstand in Kenntnis gesetzt -würde? Oder bezieht sich der ›entsetzliche Unglücksfall‹ vielleicht -auf die Mutter von Schuylers Schwiegermutter und ihr -verlorenes Vermögen? Oder sollte ihr vor drei Jahren eingetretener -Tod gemeint sein? (obgleich sich keine Andeutung findet, -daß derselbe durch einen Unglücksfall herbeigeführt wurde.) Um -es kurz zu fassen: Worin bestand der ›entsetzliche Unglücksfall‹? -Warum schrie der Eselskopf von Schuyler unter heftigen Geberden -hinter dem durchgebrannten Pferde her, wenn er es aufhalten -wollte? Und wie zum Henker konnte er von einem Pferde umgeworfen -werden, das schon an ihm vorbei war? Was sollen -wir uns ›zur Warnung dienen lassen‹ und wie sollen wir uns -aus diesem Schriftstück voll Unbegreiflichkeiten eine Lehre ziehen? -Was kann vor allem die ›verhängnisvolle Flasche‹ damit zu thun -haben? Es ist gar nicht gesagt, daß Schuyler ein Trunkenbold -gewesen, oder daß seine Frau oder seine Schwiegermutter oder -das Pferd sich dem Trunk ergeben hätten – wozu also die Erwähnung -der ›verhängnisvollen Flasche‹? – Mir scheint fast, -daß, wenn nur Herr Bloke selbst die ›verhängnisvolle Flasche‹ -gemieden hätte, so würde er gar nicht in solche Aufregung über -diesen widersinnigen, eingebildeten Unglücksfall geraten sein. Ich -habe dieses alberne ›Eingesandt‹ mit seinen scheinbaren Wahrscheinlichkeiten -wieder und wieder gelesen, bis es mir ganz wirr -im Kopfe war, und doch habe ich nichts herausgebracht. Es muß -allerdings ein Unglücksfall irgend welcher Art stattgefunden haben, -aber es ist unmöglich festzustellen, wen er betroffen hat oder was -geschehen ist. So schwer es mir wird, es scheint mir Pflicht, -zu verlangen, daß wenn Herrn Blokes Angehörige wieder etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[92]</span> -mit Unglücksfällen zu thun haben, er seinem Bericht jedenfalls -einige aufklärende Notizen beifüge, damit man aus dem Unfall -einigermaßen klug werden kann und erfährt, wer der Betroffene -ist. Lieber würde ich schon seine sämtlichen Verwandten auf dem -Totenbette sehen, als noch einmal bis an den Rand des Wahnsinns -gebracht zu werden, in dem Bestreben, ein ähnliches Machwerk -wie das obige zu entziffern.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3 id="Zeitungswesen_in_Tennessee">Zeitungswesen in Tennessee.</h3> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Der Arzt riet mir zur Wiederherstellung meiner Gesundheit -den Aufenthalt in einem milderen Klima an; ich ging -daher nach dem Süden und bekam in Tennessee eine Stelle als -Hilfsredakteur bei der Zeitung ›Morgenrot und Kriegsgeschrei -von Johnson County.‹</p> - -<div class="ulshapepic" id="illu-092"> -<div class="boxu box092u"> -<img src="images/illu-092.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box092l"></div> -</div> - -<p>Als ich mich zur Arbeit im Bureau einstellte, fand ich den -Chefredakteur auf einem dreibeinigen Stuhl hintenüber gerekelt, -die Füße auf einem Tisch von Tannenholz. Ein zweiter solcher -Tisch stand noch im Zimmer und ein ebenso wackeliger Stuhl -davor; beide waren halb begraben unter Haufen von Zeitungsblättern -nebst Fetzen und Bogen von Manuskripten. Ferner -befanden sich noch daselbst ein hölzerner mit Sand gefüllter Spucknapf, -in welchem Zigarrenstummel und ausgedienter Kautabak -lagen, und ein Ofen, dessen Thür nur noch an einer Angel hing. -Der Chefredakteur trug einen langschößigen schwarzen Tuchrock, -weißleinene Beinkleider und niedere, glänzend gewichste Stiefel, -ein Hemd mit altmodischem steifem Stehkragen und gefälteltem -Einsatz, einen großen Siegelring und ein karriertes Halstuch, -dessen Zipfel herabhingen. Die Tracht stammte etwa aus dem -Jahre 1848. Er rauchte eine Zigarre, suchte nach einem Wort -und fuhr sich dabei in die Haare, daß ihm die Locken zu Berge<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[93]</span> -standen. Nach seinem grimmigen -Blick zu urteilen, -mußte er gerade einen besonders beißenden -Leitartikel unter der Feder haben. Er sagte -mir, ich solle die Tageszeitungen durchgehen -und was mir aus ihrem Inhalt interessant scheine, kurz zusammenfassen -und zu einer ›Rundschau in der Presse von Tennessee‹ verarbeiten. -Ich schrieb nun folgenden Artikel:</p> - -<div class="blockquot s90"> - -<p class="center"><b>Rundschau in der Presse von Tennessee.</b></p> - -<p>»Was die <em class="gesperrt">Eisenbahn von Ballyhack</em> betrifft, so ist -die Redaktion des Wochenblatts ›Erdbeben‹ offenbar in einem -Irrtum befangen. Es liegt keineswegs in der Absicht der Gesellschaft,<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[94]</span> -Buzzardville seitwärts liegen zu lassen. Der Ort gilt -im Gegenteil für einen der wichtigsten Punkte auf der ganzen -Strecke und man hat durchaus nicht den Wunsch, daß er unberücksichtigt -bleibt. Die Herren vom ›Erdbeben‹ werden das -Mißverständnis natürlich mit Vergnügen berichtigen.«</p> - -<p>»Der geistvolle Redakteur des ›Donnerkeil und Schlachtrufs -der Freiheit‹, John W. <em class="gesperrt">Blossom</em> von Higginsville, ist gestern -in unserer Stadt angekommen und im Van Burenhaus abgestiegen.«</p> - -<p>»Wir bemerken, daß unser Kollege vom ›Morgengeheul‹ in -Mud-Spring die irrtümliche Ansicht vertritt, daß die <em class="gesperrt">Wahl -Van Werters</em> keine feststehende Thatsache sei. Er wird jedoch -höchst wahrscheinlich seinen Mißgriff schon selbst entdeckt haben, -bevor wir ihn hierdurch auf denselben aufmerksam machen. Unvollständige -Wahlberichte mögen ihn zu seiner falschen Annahme -verleitet haben.«</p> - -<p>»Es freut uns, mitteilen zu können, daß die Stadt -<em class="gesperrt">Blathersville</em> mit einigen New Yorker Herren in Verhandlung -steht, welche es übernehmen wollen, ihre fast grundlosen -Straßen durch ein <em class="gesperrt">Nicholsonsches Pflaster</em> passierbar zu -machen. Das ›Tägliche Hurra‹ empfiehlt diese Maßregel mit -großem Geschick und Nachdruck und scheint den schließlichen Erfolg -zuversichtlich zu erwarten.«</p></div> - -<p>Ich übergab mein Manuskript dem Chefredakteur zur Annahme, -Abänderung oder Vernichtung. Er warf einen Blick -darauf und seine Stirn umwölkte sich. Mit unheilverkündendem -Gesichtsausdruck überlas er die Seite; es mußte irgend etwas -nicht in Richtigkeit sein, das ließ sich leicht erkennen. Plötzlich -sprang er auf und rief:</p> - -<p>»Himmeldonnerwetter! Halten Sie das für die Art, wie -man die Lumpenkerle behandeln muß? Glauben Sie etwa, meine -Abonnenten würden sich solche Milchsuppe auftischen lassen? Her -mit der Feder!«</p> - -<p>Noch nie habe ich eine Feder so boshaft kratzen und streichen -hören oder so erbarmungslos durch die Haupt-, Zeit- und Eigenschaftswörter -eines Nebenmenschen fahren sehen. Während er<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[95]</span> -noch so recht bei der Arbeit war, schoß jemand nach ihm durch -das offene Fenster und verunstaltete mir das rechte Ohr.</p> - -<p>»Aha,« rief er, »das ist der Smith, der Halunke vom -›Moralischen Vulkan‹; den habe ich schon gestern erwartet.« Er -riß einen Seemannsrevolver aus dem Gürtel und feuerte. Sein -Gegner stürzte, in die Hüfte getroffen, zu Boden. Smith war -eben daran gewesen zu zielen, um einen zweiten Schuß abzugeben, -dieser ging nun vorbei und traf einen Unbeteiligten – nämlich -<em class="gesperrt">mich</em>. Nur ein Finger abgeschossen.</p> - -<p>Der Chefredakteur fuhr hierauf fort auszustreichen und dazwischenzuschreiben. -Eben war er damit zu Ende, als eine Handgranate -durch das Ofenrohr herabschoß und den Ofen in tausend -Stücke zertrümmerte. Sonst richtete sie keinen weitern Schaden -an, außer daß sich ein Splitter verirrte und mir ein paar Zähne -ausschlug.</p> - -<p>»Der Ofen wird gar nicht mehr zu gebrauchen sein,« sagte -der Chefredakteur.</p> - -<p>Ich versetzte, das sei auch meine Meinung.</p> - -<p>»Na, einerlei – bei dem Wetter können wir ihn entbehren. -Ich kenne den Kerl schon, der das gethan hat. Der entgeht -mir nicht. – Hier, sehen Sie, in diesem Ton muß man reden, -wenn man solche Artikel schreibt.«</p> - -<p>Ich nahm das Manuskript, in dem so viel ausgestrichen -und eingeschaltet war, daß seine eigene Mutter es nicht wiedererkannt -haben würde, hätte es eine gehabt. Es lautete jetzt -folgendermaßen:</p> - -<div class="blockquot s90"> - -<p class="center"><b>Rundschau in der Presse von Tennessee.</b></p> - -<p>»Die ausbündigen Lügenmäuler vom ›Erdbeben‹ sind offenbar -beflissen, dem edlen und hochherzigen Volk abermals eine -ihrer niederträchtigen und gotteslästerlichen Unwahrheiten in betreff -der erhabensten Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, -der <em class="gesperrt">Eisenbahn nach Ballyhack</em>, aufzubinden. Den Gedanken, -man würde Buzzardville seitwärts liegen lassen, haben sie in<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[96]</span> -ihrem eigenen, vermoderten Gehirn ausgeheckt. Wir raten ihnen, -die Lüge schleunigst hinunterzuwürgen, wenn sie nicht wollen, -daß man ihrem schlotterigen Knochengerippe die Haut durchgerbt, -wie sie es verdienen.«</p> - -<p>»Der Schafskopf vom ›Donnerkeil und Schlachtruf für -Freiheit‹, <em class="gesperrt">Blossom aus Higginsville</em>, ist wieder hier, um -sich im Van Buren-Haus zu mästen und vollzusaugen.«</p> - -<p>»Wir hören, daß der blödsinnige Schurke vom ›Morgengeheul‹ -in Mud-Spring mit seiner gewohnten Fertigkeit im -Lügen die Nachricht verbreitet, daß <em class="gesperrt">Van Werters Wahl</em> nicht -durchgegangen ist. – Die Presse hat den heiligen Beruf, die -Wahrheit zu verbreiten, dem Irrtum zu steuern, zu erziehen, zu -bilden, die öffentliche Moral und Sitte zu heben und zu verfeinern, -das Volk sanfter, tugendhafter, wohlthätiger und in -jeder Beziehung weiser, besser und glücklicher zu machen; aber -dieser schändliche Halunke entwürdigt sein hohes Amt fortgesetzt, -indem er Lügen, Verleumdungen, Aufhetzungen und Gemeinheiten -umherstreut.«</p> - -<p>»Blathersville beabsichtigt sich <em class="gesperrt">Nicholsonsches Pflaster</em> -anzuschaffen. Ein Gefängnis und ein Armenhaus thäten weit -eher not. Welcher Wahnsinn – ein Pflaster in einem lumpigen -Ort mit zwei Schnapsbrennereien, einer Schmiede und dem -›Täglichen Hurra‹, diesem Senfpflaster von einer Zeitung! Das -alte Kriechtier, der Buckner, welcher das ›Hurra‹ herausgiebt, -kräht schon seinen gewöhnlichen Blödsinn über das Pflaster in -die Welt hinaus und bildet sich ein, was er sagt hätte irgend -welchen Menschenverstand.«</p></div> - -<p>»Sehen Sie, so muß man's machen – gepfeffert und zur Sache. -Von einer Schreiberei ohne Kraft und Saft wird mir's ganz übel.«</p> - -<p>Währenddem flog ein Ziegelstein durchs Fenster, das krachend -zersplitterte, und traf mich mit aller Wucht in den Rücken. Ich -schob meinen Stuhl aus der Schußlinie und begann zu fühlen, -daß ich im Wege sei.</p> - -<p>Der Chef sagte: »Das muß wohl der Oberst sein, den ich -schon seit zwei Tagen erwarte. Gleich wird er herauf kommen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[97]</span></p> - -<p>Er irrte sich nicht. Schon im nächsten Augenblick erschien -der Oberst mit einer Dragonerpistole an der Thür.</p> - -<p>»Mein Herr,« sagte er, »habe ich die Ehre, mit dem Prahlhans -zu reden, der diesen erbärmlichen Plunder verfaßt?«</p> - -<p>»Jawohl, mein Herr. Nehmen Sie Platz – aber vorsichtig, -der Stuhl hat ein Bein verloren. Ich habe wohl das -Vergnügen, das Lügenmaul, Oberst Blatherskite Tecumseh bei -mir zu sehen?«</p> - -<p>»Ganz recht, mein Herr. Wir haben noch ein Hühnchen -mit einander zu pflücken, und wenn es Ihre Zeit erlaubt, fangen -wir gleich an.«</p> - -<p>»Ich bin gerade bei einem Artikel über den erfreulichen -›Fortschritt der geistigen und moralischen Entwicklung in Amerika‹ -– aber das eilt nicht. Nur immer zu!«</p> - -<p>Beide Pistolen knallten zu gleicher Zeit los. Die Kugel -des Obersten raubte dem Chef eine Haarlocke und drang dann -in den fleischigen Teil meines Schenkels. Dem Oberst war ein -Stück der linken Schulter weggeschossen. Sie feuerten zum -zweitenmal, schossen aber vorbei, nur ich erhielt meinen Anteil -– einen Schuß in den Arm. Die dritte Ladung verwundete -beide Herren leicht und mir ward ein Knöchel angeschossen. -Hierauf äußerte ich, es käme mir unzart vor, noch länger bei -dieser Privatangelegenheit zugegen zu sein; ich wolle lieber hinausgehen -und einen Spaziergang machen. Aber die Herren baten -mich sitzen zu bleiben, und versicherten, ich sei ihnen durchaus -nicht im Wege.</p> - -<p>Sie unterhielten sich nun über die Wahlen und den Ausfall -der Ernte, während sie wieder luden, und ich begab mich -daran, meine Wunden zu verbinden. Darauf fingen sie von -neuem mit Eifer zu feuern an und jeder Schuß traf – doch -muß ich bemerken, daß von sechs Kugeln fünf auf meine Rechnung -kamen. Die sechste brachte dem Obersten eine tödliche<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[98]</span> -Wunde bei, worauf er mit seinem Humor bemerkte, er wolle -uns jetzt einen Guten Morgen wünschen, da er Geschäfte in der -Stadt habe. Dann fragte er nach der Wohnung des Leichenbesorgers -und entfernte sich.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-097"> - <img src="images/illu-097.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Der Chefredakteur wendete sich nun zu mir und sagte: »Ich -erwarte Gäste zu Tische und muß mich jetzt zurecht machen. -Sie thun mir wohl den Gefallen, unterdessen die Korrektur zu -lesen und die Besucher zu empfangen.«</p> - -<p>Bei dem Gedanken an die Besucher ward mir etwas bange -zu Mute; aber mir fiel nichts ein, was ich erwidern konnte, so -betäubt war ich noch von dem Knattern der Pistolenschüsse, das -mir fortwährend in den Ohren klang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[99]</span></p> - -<p>Er fuhr fort: »Jones wird um drei Uhr hier sein – -walken Sie ihn tüchtig durch. Gillespie kommt vielleicht noch -früher – werfen Sie ihn zum Fenster hinaus. Ferguson trifft -wahrscheinlich gegen vier Uhr ein – schlagen Sie ihn tot. Für -heute ist das alles, glaube ich. Wenn Sie Zeit übrig haben, -schreiben Sie einen fulminanten Artikel gegen die Polizei; geben -Sie dem Oberinspektor ein paar tüchtige Hiebe. – Die Knüttel -liegen unter dem Tisch, die Pistolen in der Schublade, der -Schießbedarf dort in der Ecke, Leinwand und Verbandzeug im -Fach des Schreibtisches. Wenn Ihnen etwas zustößt, gehen Sie -zu Lancet, dem Wundarzt, hinunter. Er macht Anzeigen in -unserm Blatt und wir begleichen die Rechnungen tauschweise.«</p> - -<p>Fort war er. Mir schauderte. – Nach Verlauf von drei -Stunden hatte ich so entsetzliche Gefahren bestanden, daß alle -Seelenruhe und Heiterkeit von mir gewichen war. Gillespie -hatte sich eingefunden und <em class="gesperrt">mich</em> aus dem Fenster geworfen; -Jones war pünktlich gekommen, als ich mich aber anschickte, ihn -durchzuwalken, nahm er mir die Arbeit ab. Bei dem Zusammenstoß -mit einem Unbekannten, der nicht auf der Liste stand, hatte -ich mein Haar mit samt der Kopfhaut verloren. Ein anderer -Fremder, der sich Thompson nannte, ließ mich als Trümmerhaufen -und Lumpenbündel zurück. Zuletzt sah ich mich voll Verzweiflung -in einen Winkel getrieben und durch eine wütende -Rotte von Zeitungsschreibern, Gaunern, Politikern und Strolchen -belagert, die alle in wilder Raserei tobten, fluchten und ihre -Waffen über meinem Haupte schwangen, bis die ganze Luft von -blitzendem Stahle flimmerte. Schon war ich im Begriff, meine -Stelle bei der Zeitung aufzugeben, als der Chef eintrat, begleitet -von einer Schar schwärmerischer Freunde und Anhänger. -Nun entstand ein Auftritt, der jeder Beschreibung spottet, ein -Blutbad und Gemetzel, das keine Federpose, keine Stahlfeder -zu schildern vermag. Die Leute wurden erschossen, erdolcht,<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[100]</span> -zerstückt, in die Luft gesprengt und aus dem Fenster geworfen. -Auf einen kurzen Wirbelsturm von entsetzlichen Flüchen folgte -noch ein wahnsinniger, wirrer Kriegstanz – und alles war -vorüber. Nach fünf Minuten herrschte Totenstille; der grimme -Chef und ich saßen allein da und überschauten die blutigen -Trümmer, welche die Diele ringsumher bedeckten.</p> - -<p>Er sagte: »Es wird Ihnen hier schon gefallen, wenn Sie -sich erst an die Stelle gewöhnt haben.«</p> - -<p>»Sie werden mich wohl entschuldigen müssen,« entgegnete -ich. »Vielleicht würde ich es nach einer Weile dahin bringen, -daß Ihnen meine Schreibweise gefiele; sobald ich die Sprache -gelernt hätte, könnte es mir bei einiger Uebung wohl nicht -fehlen. Aber, offen gestanden, hat eine so kräftige Ausdrucksweise -auch allerhand Nachteile und man wird bei der Arbeit zu -häufig unterbrochen. Sie sehen das selbst. Eine kernige Schreibart -mag viel zur geistigen Förderung der Leser beitragen, aber -man lenkt dadurch die öffentliche Aufmerksamkeit zu sehr auf -sich, und das ist mir unbehaglich. Wenn ich so oft gestört werde, -wie heute, kann ich nicht mit Gemütsruhe schreiben. Die Stelle -wäre mir sonst ganz angenehm, aber ich mag nicht allein im -Bureau bleiben, um die Besucher zu empfangen. Ich gestehe -zwar, daß die Erfahrungen, welche man dabei macht, neu und -gewissermaßen recht unterhaltend sind, aber es geht doch nicht -ganz nach Recht und Billigkeit zu. Ein Herr feuert nach Ihnen -durch das Fenster und schießt mich zum Krüppel; eine Granate -platzt zu Ihrem Vergnügen im Ofenrohr und die Ofenthür fliegt -mir an den Kopf; ein Freund besucht Sie, um mit Ihnen -Komplimente auszutauschen und sprenkelt mir die Haut mit so -vielen Kugellöchern, daß sie kaum mehr zusammenhält. Dann, -während Sie zum Mittagessen gehen, kommt Jones mit seinem -Knüttel, Gillespie wirft mich aus dem Fenster, Thompson reißt -mir die Kleider vom Leibe und ein völlig Unbekannter zieht mir<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[101]</span> -mit solcher Unbefangenheit die Kopfhaut ab, als wären wir -längst mit einander vertraut. Gleich darauf kommen noch sämtliche -Schurken der Umgegend, erschrecken mich zu Tode mit ihren -gräßlichen Kriegstänzen und drohen, mir mit ihren Tomahawks -vollends den Garaus zu machen. Alles in allem habe ich in -meinem ganzen Leben noch nicht so viele Aufregungen durchgemacht -wie heute. Sonst habe ich nichts gegen Sie; im Gegenteil, -die ruhige Art und Weise, mit der Sie den Besuchern Ihre -Ansicht auseinandersetzen, gefällt mir; aber wie gesagt, mir ist -sie ungewohnt. Das Herz der Südländer ist so ungestüm, sie -sind zu freigebig in ihrer Gastfreundschaft gegen den Fremdling. -Die Artikel, welche ich heute geschrieben habe und in deren kalte -Sätze Ihre Meisterhand alle Glut des Zeitungsstils von Tennessee -hineingegossen hat, werden abermals einen ganzen Hornissenschwarm -aufstören. Die Redakteure werden sich haufenweise auf -uns stürzen und vor Hunger jemand zum Frühstück verspeisen -wollen. Deshalb sage ich Ihnen Lebewohl. Ich wünsche dem -Festmahl nicht beizuwohnen. Meiner Gesundheit wegen habe -ich mich in den Süden begeben – meiner Gesundheit wegen -muß ich machen, daß ich wieder fortkomme. Das Zeitungswesen -in Tennessee ist zu aufregend für mich.«</p> - -<p>Hierauf trennten wir uns unter beiderseitigem Bedauern -und ich suchte mir eine Wohnung im Hospital.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[102]</span></p> - -<h3 id="Ein_Berichterstatterstueck">Ein Berichterstatterstück.</h3> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Jawohl, meine verehrten Herrschaften, zu jener Zeit gab -es im Staate Nevada betriebsame Zeitungen, das kann -ich Sie versichern.</p> - -<p>Mein Hauptnebenbuhler in der Presse war Boggs von der -›Union‹, ein ganz vorzüglicher Berichterstatter.</p> - -<p>Alle drei oder vier Monate betrank er sich einmal ein wenig, -aber er war im allgemeinen kein unvorsichtiger oder leidenschaftlicher -Trinker, wenn er sich auch gern dann und wann einen -kleinen Spitz holte.</p> - -<p>In einer Beziehung hatte er entschieden etwas vor mir -voraus; ihm stand nämlich stets der monatliche Schulbericht zur -Verfügung und mir nicht, weil der Direktor der Volksschule -mein Blatt, den ›Fortschritt‹, nicht leiden konnte.</p> - -<p>Um die Zeit, da der Bericht gewöhnlich erschien, machte -ich mich einmal an einem Winterabend auf, kummervoll überlegend, -wie ich ihn mir verschaffen solle.</p> - -<p>Ich war nur wenige Schritte gegangen, als ich in der -fast menschenleeren Straße auf Boggs stieß, den ich fragte, -wohin er wolle.</p> - -<p>»Den Schulbericht holen.«</p> - -<p>»Dann komme ich mit.«</p> - -<p>»Nicht doch, Verehrtester, das wäre vergebliche Mühe.«</p> - -<p>»So – meinen Sie?«</p> - -<p>Eben trug der Kellner der nahen Schenkwirtschaft eine -Bowle voll dampfenden Punsches an uns vorbei und Boggs -sog den Wohlgeruch mit gierigen Zügen ein. Sehnsüchtigen -Blickes folgte er dem Träger und sah ihn die Treppe zum -Bureau des ›Fortschritt‹ hinaufsteigen.</p> - -<p>»Schade,« sagte ich, »daß Sie mir nicht zu dem Schulbericht<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[103]</span> -verhelfen können; da das aber nun einmal unmöglich -ist, will ich sehen, ob ich nicht in der Redaktion der ›Union‹ -einen Abzug bekomme, nachdem der Bericht gesetzt ist. Ich glaube -es zwar nicht, aber man kann's doch versuchen. Gute Nacht!«</p> - -<p>»Warten Sie noch einen Augenblick. Meinetwegen will -ich den Bericht holen und dann eine Weile oben bei den Jungens -sitzen bleiben, bis Sie ihn abgeschrieben haben. Kommen Sie -nur mit zum Direktor.«</p> - -<p>»Das nenne ich einmal vernünftig gesprochen. Also vorwärts.«</p> - -<p>Wir trabten einige Straßen weiter durch den Schnee, erhielten -den Bericht und bald war das kurze Schriftstück in unserm -Bureau abgeschrieben.</p> - -<p>Boggs that sich derweil an dem Punsch gütlich.</p> - -<p>Nachdem ich ihm das Manuskript zurückgegeben, gingen wir -beide wieder fort, weil es uns noch an einer Leichenschau fehlte.</p> - -<p>Um vier Uhr morgens, als unser Blatt in der Presse war, -und wir wie gewöhnlich zur Erholung ein Konzert veranstalteten -– denn einige von den Setzern waren gute Sänger, andere -spielten hübsch die Guitarre und das gräßliche Instrument: die -Ziehharmonika, – kam der Besitzer der ›Union‹ mit großen -Schritten herein und fragte, ob wir nicht wüßten, was aus -Boggs und dem Schulbericht geworden sei.</p> - -<p>Wir teilten ihm den Sachverhalt mit und rückten dann alle -aus, um nach dem Missethäter zu suchen.</p> - -<p>In einer Schenkstube fanden wir ihn, mit einer alten Blechlaterne -in der einen Hand und dem Schulbericht in der andern, -auf dem Tische stehen und einem Haufen ›angeheiterter‹ Bergleute -eine Rede darüber halten, wie gottlos und ungerecht es -sei, die öffentlichen Gelder für Volksunterricht zu verschleudern, -während Hunderte von Arbeitern, die sich's redlich sauer werden -ließen, buchstäblich wegen Mangels an Whiskey verdursten müßten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[104]</span></p> - -<p>Er hatte diesen Leuten stundenlang -bei einer herrlichen Kneiperei -Gesellschaft geleistet.</p> - -<p>Wir schleppten ihn fort und -brachten ihn zu Bette.</p> - -<div class="figleft" id="illu-103"> - <img src="images/illu-103.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Natürlich konnte der Schulbericht -in der ›Union‹ nicht erscheinen -und Boggs machte mich -dafür verantwortlich, obwohl ich -doch weder gewünscht noch beabsichtigt -hatte, dies zu veranlassen -und es mir von Herzen leid that, -daß ihm jenes Mißgeschick zugestoßen -war.</p> - -<p>Aber wir blieben trotzdem auf -ganz freundschaftlichem Fuße.</p> - -<p>An dem Tage, als der Schulbericht -abermals fällig war, schickte -uns der Eigentümer des Tennessee-Bergwerks -einen Einspänner mit -der Bitte, dorthin zu fahren, sein -Besitztum in Augenschein zu nehmen -und es in der Zeitung zu besprechen -– kein ungewöhnliches Verlangen -und eins, dem wir immer mit Vergnügen -nachkamen, wenn uns dazu -ein Einspänner geliefert wurde, -denn wir machten ebenso gern -Spazierfahrten als andere Leute.</p> - -<p>In das ›Bergwerk‹, ein 90 -Fuß tiefes Loch im Boden, konnte man nur gelangen, wenn man sich -an einem Tau festhielt und mittelst einer Winde herabgelassen wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[105]</span></p> - -<p>Die Arbeiter mußten wohl gerade irgend wohin zum Essen -gegangen sein.</p> - -<p>Ich war nicht stark genug, um einen Menschen von Boggs' -Körpergewicht hinabzuwinden, so nahm ich denn eine unangezündete -Kerze zwischen die Zähne, machte in das Ende des Taues eine -Schlinge für meinen Fuß, bat Boggs die Winde festzuhalten, auch -ja nicht einzuschlafen und schwang mich hinaus über den Schacht.</p> - -<p>Ich erreichte den Boden desselben wohlbehalten, wenn auch -etwas schmutzig und mit geschundenen Ellenbogen, zündete die -Kerze an, untersuchte die Felswand, steckte verschiedene Proben -des Gesteins in die Tasche und rief dann Boggs zu, mich wieder -hinauf zu ziehen.</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>Bald darauf erschien oben in der Rundung ein Kopf, vom -Tageslicht beleuchtet, und eine Stimme schallte herab:</p> - -<p>»Sind Sie ganz fertig?«</p> - -<p>»Jawohl – winden Sie nur tapfer zu.«</p> - -<p>»Ihnen ist doch nicht unbehaglich zu Mute?«</p> - -<p>»Gar nicht.«</p> - -<p>»Könnten Sie vielleicht ein Weilchen warten?«</p> - -<p>»O ja – ich habe keine besondere Eile.«</p> - -<p>»Nun – dann leben Sie wohl!«</p> - -<p>»Wie so? – wo wollen Sie hin?«</p> - -<p>»Den Schulbericht holen.«</p> - -<p>Das that er denn auch.</p> - -<p>Ich blieb eine Stunde da unten und setzte die Bergleute -sehr in Erstaunen, als sie beim Aufwinden statt eines Kübels -voll Steine einen Menschen am Tau hängen fanden. Dann -begab ich mich nach Hause, fünf Meilen weit, zu Fuß und bergan.</p> - -<p>Am nächsten Morgen fehlte bei uns der Schulbericht – -aber die ›Union‹ brachte ihn.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[106]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Allgemeine_Antwort_an_Schriftsteller_oder">Allgemeine Antwort an Schriftsteller oder -solche, die es werden wollen.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Wenn jemand die Redaktion einer Zeitung oder eines -Journals übernimmt, so schicken ihm allerhand Leute, -die sich der Schriftstellerei befleißigen, sofort ihre Manuskripte -zu und bitten ihn um sein Urteil über ihre Erzeugnisse. Nachdem -er in acht bis zehn Fällen diesem Verlangen entsprochen -hat, nimmt er schließlich seine Zuflucht zu einer allgemeinen -Predigt, die er in sein Blatt einrückt, um allen spätern <em class="gesperrt">Briefstellern</em> -kund zu thun, daß dies ein für allemal seine Antwort -ist. Auf dieser Stufe meiner litterarischen Laufbahn bin ich -jetzt auch angelangt; ich höre auf, denen, die sich bei mir Rat -holen wollen, privatim zu schreiben und mache mich an die Ausarbeitung -meiner öffentlichen Predigt.</p> - -<p>Da die betreffenden Zuschriften alle denselben Inhalt haben -und nur dem Wortlaut nach verschieden sind, so lasse ich hier -als Durchschnittsbeispiel den letzten Brief folgen, welchen ich -erhalten habe:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»An Herrn Mark Twain, Wohlgeboren.</p> -<p class="mright"> -Den 3. Oktober.</p> -<p> -Geehrter Herr! -</p> - -<p>Ich bin ein junger Mann, der eben die Schule verlassen -hat und im Begriff steht, ins Leben einzutreten. Wohin ich<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[107]</span> -aber auch sehe, finde ich keine Beschäftigung, die mir so recht -gefällt. Ist das Schriftstellerleben leicht und einträglich, oder -ist es wirklich ein so saures Brot, wie man immer sagt? Es -<em class="gesperrt">muß</em> doch bequemer sein als viele, ja als die meisten Berufsarten; -mich drängt es unwiderstehlich, mich darauf zu werfen. -Mag es biegen oder brechen, ich will mein Glück damit versuchen, -will schwimmen oder untersinken, triumphieren oder erliegen. -Wie hat man es denn aber anzufangen, wenn es einem -in der Litteratur glücken soll? – Fürchten Sie sich ja nicht, -mir die Sache genau so darzustellen, wie sie ist. Im schlimmsten -Fall würde mein Vorhaben eben mißlingen, und davor ist man -doch niemals geschützt. Ich habe an die juristische Laufbahn -gedacht, auch an fünf oder sechs andere Berufsarten, aber überall -fand ich die gleichen Uebelstände, – alles überfüllt, vollgepfropft, -immer mehr Angebot als Nachfrage, der Erfolg ein Ding der -Unmöglichkeit, weil es viel zu viele Hände giebt und zu wenig -Arbeit. Aber ich <em class="gesperrt">muß</em> etwas ergreifen, und da suche ich denn -mein Heil bei der Litteratur. Eine innere Stimme sagt mir, -daß dies das rechte Feld für meine Begabung ist, wenn ich -überhaupt Talent dazu habe. Ich lege einige Proben bei. Bitte, -lesen Sie dieselben und teilen Sie mir Ihre aufrichtige, unparteiische -Meinung mit. Und dann noch eins – ich bedaure, -Ihnen beschwerlich fallen zu müssen, aber erinnern Sie sich daran, -daß Sie selbst einmal ein junger Anfänger gewesen sind und -verschaffen Sie mir Arbeit für eine Zeitung. Sie stehen mit -vielen Redaktionen in Verbindung und ich bin gänzlich unbekannt. -Auch bitte ich Sie, mir möglichst günstige Bedingungen auszuwirken; -ich weiß wohl, daß ich zuerst nicht auf hohe Bezahlung -rechnen kann, aber, wie viel meinen Sie, daß man für Artikel -wie die beifolgenden ungefähr fordern könnte? Ich habe noch -eine Menge dergleichen in meiner Mappe; wenn Sie diese unterbringen -und es mich wissen lassen, kann ich Ihnen andere schicken, -die ganz ebenso gut, vielleicht sogar besser sind.</p> - -<p> -Einer baldigen Antwort u. s. w.</p> -<p class="center"> -Ihr ergebener u. s. w.« -</p></div> - -<p>Ich will Ihnen offen und ehrlich antworten. Ob, was ich -zu sagen habe, von großem Werte für Sie sein wird, oder ob<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[108]</span> -Sie finden werden, daß es sich der Mühe lohnt, meine Ratschläge -zu befolgen, sind Dinge, deren Entscheidung ich mit -Freuden Ihrem eigenen Urteil überlasse.</p> - -<p>Zunächst enthielt Ihr Brief mehrere Fragen, die jeder nur -nach eigener Lebenserfahrung endgültig beantworten kann. Diese -Fragen übergehe ich einfach und erwidere Ihnen Folgendes:</p> - -<p>1. Daß die Litteratur, das geistliche Amt, die Medizin, die -Jurisprudenz und alle andern Berufsarten ins Stocken geraten -sind und nicht die erwünschten Fortschritte machen, daran ist -nicht Mangel an Arbeit schuld, sondern Mangel an Arbeitskräften. -Wenn jemand Ihnen das Gegenteil versichert, so sagt er eine -Unwahrheit. Wollen Sie prüfen, ob meine Behauptung richtig -ist, so versuchen Sie doch einmal, einen Redakteur, Berichterstatter, -Verwalter, Werkführer, Handwerker, Gewerbebeflissenen oder -Künstler, der in seinem Fach Hervorragendes leistet, für irgend -eine Arbeit zu gewinnen! Sie werden finden, daß der Mann -schon eine Stelle hat und überreichlich beschäftigt ist. Er ist -nüchtern, fleißig, tüchtig und zuverlässig und die Nachfrage nach -ihm hört nicht auf. Keinen Tag hat er frei, außer durch besondere -Berücksichtigung von seiten seines Arbeitgebers, der -städtischen Verwaltung oder des Publikums im allgemeinen. -Können Sie aber Faulenzer brauchen, Tagediebe, Halbgebildete, -Leute ohne Ehrgeiz, leichtsinnige oder bequeme Redakteure, Berichterstatter, -Anwälte, Aerzte und Handwerker, so wenden Sie -sich wohin Sie wollen. Von <em class="gesperrt">der</em> Sorte sind Millionen zu haben, -man findet sie überall und braucht nur die Hand auszustrecken.</p> - -<p>2. Ich werde mich wohl hüten, über den litterarischen Wert -Ihrer Erzeugnisse eine Meinung abzugeben. Das Publikum ist -der einzige Kritiker, dessen Urteil überhaupt etwas gilt. Sie -brauchen mir das nicht aufs Wort zu glauben; denken Sie nur -einmal einen Augenblick darüber nach und entscheiden Sie selbst. -Hätten z. B. Sylvanus Cobb oder T. S. Arthur Ihnen ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[109]</span> -Erstlings-Manuskripte unterbreitet, so würden Sie mit Thränen -in den Augen gesagt haben: Nein, bitte, schreiben Sie nichts -mehr! – Und Sie sehen doch, wie beliebt ihre Sachen sind. -Wäre es Ihnen überlassen worden, Sie hätten vielleicht gesagt, -der ›Marmorfaun‹ sei langweilig und das ›Verlorene Paradies‹ -nicht erheiternd genug; aber beide haben guten Absatz, wie Sie -wohl wissen. Viele Leute, die klüger und besser waren als Sie, -haben vor kaum zwei Jahrhunderten geringschätzig von Shakespeare -gesprochen, der alte Herr hat sie indessen alle überlebt. Darum -will und kann ich nicht über Ihre Schriftstellerei zu Gericht -sitzen. Wenn ich Sie nach bestem Wissen und Gewissen lobte, -könnte ich dem Publikum auf die Dauer die entsetzlichste Langeweile -aufbürden; wenn ich Sie nach bestem Wissen und Gewissen -für unbrauchbar erklärte, würde ich der Welt möglicherweise einen -noch unerkannten und unentwickelten Dickens oder Shakespeare -rauben.</p> - -<p>3. Ich schrecke vor der Aufgabe zurück, Ihnen schriftstellerische -Arbeiten zu verschaffen, für welche Sie Honorar beanspruchen. -Sobald Ihre Leistungen selbst den Beweis geliefert -haben, daß sie wirklich wertvoll sind, werden Sie nie mehr -herumzugehen brauchen, um nach litterarischer Beschäftigung zu -suchen. Sie werden alle Hände voll zu thun bekommen und -mehr Grütze im Kopf nötig haben, als Ihnen vielleicht jemals -zur Verfügung steht, um nur die Hälfte der Arbeit zu verrichten, -die man Ihnen antragen wird. Will der angehende Schriftsteller -den Beweis beibringen, daß er wirklich etwas Gutes zu -leisten vermag, so weiß ich ein ganz einfaches Mittel, ein vollkommen -sicheres Verfahren, um diesen Zweck zu erreichen: er -schreibe so lange ohne Bezahlung, bis ihm jemand Honorar anbietet. -Wird ihm im Lauf von drei Jahren kein Honorar angeboten, -so darf er dies mit vollem Vertrauen als ein Zeichen -betrachten, daß ihn die Natur zum Holzhacker bestimmt hat.<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[110]</span> -Wenn er auch nur ein Körnchen Weisheit besitzt, wird er sich -mit Würde zurückziehen und den ihm vom Himmel verordneten -Beruf ergreifen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein Verfahren, wie ich es hier schildere, haben Leute wie -Charles Dickens und andere hervorragende Schriftsteller befolgen -müssen; aber meinem Klienten wird es schwerlich zusagen. Der -junge, angehende Litterat ist ein sehr, sehr sonderbares Geschöpf. -Er weiß, daß, wenn er Klempner werden wollte, der -Meister von ihm ein Zeugnis über sein seitheriges sittliches Betragen -verlangen und ihm das Versprechen abfordern würde, -wenigstens drei – vielleicht sogar vier Jahre – bei ihm in -der Lehre zu bleiben. Er müßte im ersten Jahre die Werkstatt -fegen, Wasser holen, Feuer anzünden und in der Pause lernen, -wie man die Oefen schwärzt. Zum Lohn für alle diese Dienste -erhielte er seine Kost und zwei billige Anzüge. Im zweiten -Jahre käme die Unterweisung im Handwerk an die Reihe, und -als Wochenlohn würde ihm ein Dollar ausgezahlt, im dritten -Jahr zwei, im vierten drei Dollars. Als ausgelernter Klempner -könnte er dann wöchentlich fünfzehn bis zwanzig, vielleicht auch -dreißig Dollars verdienen; zu einem Wochenlohn von fünfundsiebzig -Dollars würde er es aber niemals bringen. Bei jedem -andern Handwerk, für das er sich entscheidet, muß er dieselbe -langwierige und schlecht bezahlte Lehrlingszeit durchmachen. Advokat -oder Doktor zu werden ist aber noch hundertmal schwerer, -denn da erhält er nicht nur während der ganzen Lehrzeit keinen -Lohn, sondern er hat noch eine große Summe für seinen Unterricht -zu bezahlen und genießt das Vorrecht, sich selbst beköstigen -und kleiden zu dürfen.</p> - -<p>Das alles weiß der angehende Litterat und hat doch die -Dreistigkeit sich zur Aufnahme in die Schriftstellergilde zu melden -und seinen Teil von ihren hohen Ehren und Einkünften zu verlangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[111]</span> -ohne zur Rechtfertigung für seine Anmaßung auch nur -eine zwölfmonatliche Lehrzeit nachweisen zu können. Er würde -nur unschuldsvoll lächeln, wollte man ihm zumuten, ohne vorherige -Anweisung selbst das einfachste kleine Blechnäpfchen anzufertigen. -Aber, ohne Kenntnis der Grammatik, phrasenhaft, -weitschweifig und mit den verschrobenen Begriffen von Welt und -Menschen, die er sich auf irgend einem Neste im Hinterwald angeeignet -hat, getraut sich der unwissende Gelbschnabel, die Feder, -diese gefährliche Waffe, zur Hand zu nehmen, um damit die -gewaltigen Mächte, Handel, Finanzen, Krieg und Politik aufs -Geratewohl anzugreifen. Wenn es nicht so traurig wäre, würde -es einfach lächerlich sein. Der arme Junge wagt sich ohne bestandene -Lehrzeit nicht in die Klempnerwerkstatt hinein, aber er -scheut sich nicht, mit ungeübter Hand ein Werkzeug zu ergreifen -und zu führen, welches Königsthrone zu stürzen, Religionen zu -ändern und das Wohl oder Wehe ganzer Völker zu entscheiden -vermag.</p> - -<p>Wenn der Verfasser jenes Briefes für die Zeitungen, die -in der Nachbarschaft seines Wohnorts erscheinen, unentgeltlich -schreiben will, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß er so -viele Aufträge erhält, als er unter dieser Bedingung nur irgend -übernehmen kann. – Stellt sich dann heraus, daß seine Schreibereien -wirklich etwas wert sind, so finden sich sicherlich eine -Menge Leute, die ihm Geld dafür anbieten.</p> - -<p>Zum Schluß will ich ihm als ernste und wohlgemeinte Ermutigung -noch einmal die Thatsache zu Gemüte führen, daß -annehmbare und lesenswerte Schriftsteller höchst selten sind. Sowohl -Buchhändler als Herausgeber von Zeitungen suchen unablässig -nach ihnen und zwar mit solchem Eifer, daß sie sich -bei dem Geschäft keinen Augenblick Rast oder Ruhe gönnen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[112]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Antworten_auf_Zuschriften">Antworten auf Zuschriften.</h2> -</div> - -<div class="ulshapepic" id="illu-111"> -<div class="boxu box111u"> -<img src="images/illu-111.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box111l"></div> -</div> -<h3 class="noclear">I.<br /> -An einen Moral-Statistiker.</h3> - -<p class="drop">Behalten Sie Ihre statistischen -Notizen ein andermal -für sich! Ich habe -das ganze Bündel genommen -und mir die Pfeife -damit angezündet. Leute -von Ihrem Schlage sind -mir verhaßt. Sie rechnen -fortwährend aus, wie sehr ein Mensch seiner Gesundheit schadet, -wie sehr er seine Denkkraft schwächt und wie viele elende Dollars -und Cents er vergeudet, wenn er sich zweiundneunzig Jahre lang -den verderblichen Genuß des Rauchens gestattet, der ebenso verderblichen -Gewohnheit des Kaffeetrinkens fröhnt, gelegentlich eine -Partie Billard spielt, bei Tische ein Glas Wein trinkt u. s. w. u. s. w. -Und Sie zählen sich immer an den Fingern her, wie viele Frauen -der gefährlichen Mode, weite Reifröcke zu tragen, zum Opfer gefallen -und verbrannt sind u. s. w.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[113]</span></p> - -<p>Immer sehen Sie nur die <em class="gesperrt">eine</em> Seite der Frage. Sie -sind blind gegen die Thatsache, daß die meisten alten Männer -in Amerika rauchen und Kaffee trinken, obgleich sie nach Ihrer -Theorie alle jung gestorben sein sollten, daß rüstige alte Engländer -Wein trinken und am Leben bleiben, daß dicke alte -Holländer sowohl tüchtig trinken als rauchen und doch die ganze -Zeit über nur immer älter und wohlbeleibter werden. Auch -kümmern Sie sich nie darum, wie viel Behagen, Erholung und -Vergnügen der Mensch im Lauf seines Lebens vom Rauchen -hat (was zehnmal soviel wert ist als das Geld, welches er sparen -würde, wenn er es bleiben ließe), und fragen gar nicht danach, -was für eine ungeheure Menge von Wohlsein dem Menschen in -seiner Lebenszeit verloren geht, wenn er, – wie Ihresgleichen – -nicht raucht.</p> - -<p>Natürlich können Sie Geld sparen, wenn Sie sich fünfzig -Jahre lang jene kleinen lasterhaften Genüsse versagen, aber was -wird Ihnen das nützen, wozu können Sie das Geld gebrauchen? -Es kann Ihre arme sündhafte Seele doch nicht ewig selig machen. -Nützlich verwendet wird das Geld nur, wenn es uns in diesem -Leben Genuß und Behagen verschafft; für Sie, der Sie ein -abgesagter Feind von Genuß und Behagen sind, hat es daher -keinerlei Zweck, Schätze aufzuhäufen. Sagen Sie nur nicht, -Sie fänden es besser, das Geld für gute, gesunde Speisen auszugeben, -Werke der Barmherzigkeit zu thun und sich an Traktätchen-Gesellschaften -zu beteiligen. Sie wissen recht gut, daß Leute -von Ihrer Sorte, die keine kleinen menschlichen Schwächen haben, -nie einen Cent verschenken und sich die Nahrung so knapp zumessen, -daß sie immer hohlwangig und hungrig aussehen. Sie -getrauen sich ja bei Tage kaum zu lachen, aus Furcht, irgend -ein armer Teufel, der Sie bei guter Laune sieht, möchte den -Versuch machen, Ihnen einen Dollar abzuborgen. In der Kirche -liegen Sie auf den Knieen und vergraben Ihr Gesicht in das<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[114]</span> -Kissen, wenn der Klingelbeutel herankommt, und dem Steuerbeamten -geben Sie nie den vollen Betrag Ihres Einkommens -an. Das alles wissen Sie recht gut selber, nicht wahr? – -Nun also – wozu sollten Sie Ihr erbärmliches Leben bis in -ein armseliges, welkes Alter ausdehnen? Was nützt es Ihnen, -Geld zusammenzuscharren, das doch völlig wertlos für Sie ist? -Kurz und gut, warum legen Sie sich nicht lieber hin und sterben, -anstatt fort und fort den Versuch zu machen, andere Leute mit -Ihrer abscheulichen Moralstatistik zu verführen, ebenso ›tugendhaft‹ -und unausstehlich zu werden wie Sie? Ich für meine -Person billige die Verschwendung nicht und treibe selbst keine; -aber ich hege das größte Mißtrauen gegen einen Menschen, der -gar keine kleinen Schwächen hat und wünsche deshalb nichts -mehr von Ihnen zu hören.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>II.<br /> -An einen jungen Schriftsteller.</h3> - -<p>Jawohl, Agassiz empfiehlt den Schriftstellern Fische zu essen, -weil ihr Phosphorgehalt Gehirn erzeugt. Insofern haben Sie -ganz recht. Aber zu einer Entscheidung der Frage, wieviel -Sie davon essen müssen, kann ich Ihnen nicht verhelfen – -wenigstens nicht mit Sicherheit. Wenn der Probeaufsatz, den -Sie einschicken, dem entspricht, was Sie im Durchschnitt leisten -können, so sollte ich denken, daß für jetzt ein paar Walfische -genügen würden. Es brauchten nicht gerade die allergrößten -Walfische zu sein, sondern eine gute, gesunde Mittelsorte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>III.<br /> -An einen verschmähten Liebhaber.</h3> - -<p>Herr Higgins in Los Angeles schreibt mir: »Mein Leben -ist verfehlt. Ich habe sie bis zum Wahnsinn geliebt und angebetet; -sie aber hat sich kalt von mir abgewendet und ihr Herz -einem andern geschenkt. Raten Sie mir, was soll ich thun?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[115]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Antwort.</em> Schenken Sie Ihr Herz auch einer andern -– oder mehreren, wenn genug zu haben sind. Thun Sie auch -alles, was in Ihrer Macht steht, um Ihre frühere Flamme unglücklich -zu machen. In Romanen findet man die abgeschmackte -Vorstellung verbreitet, daß ein verschmähter Liebhaber sich um -so glücklicher fühlt, je glücklicher seine Geliebte mit einem andern -ist. Glauben Sie nur ja nicht an solchen Unsinn. Je mehr -das Mädchen Ursache hat zu beklagen, daß es nicht Ihre Frau -geworden ist, um so behaglicher wird Ihnen dabei zu Mute sein. -Das klingt nicht poetisch, ist aber eine höchst vernünftige Regel.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>IV.<br /> -An Arthur Augustus.</h3> - -<p>Nein, da haben Sie unrecht. Das ist wohl die Art, wie -man einen Pflasterstein oder einen Tomahawk schleudert, aber -für einen Blumenstrauß eignet sie sich weniger; Sie könnten -dabei leicht einmal jemand Schaden anthun. Einen Strauß -hält man mit den Blumen nach unten, faßt ihn bei den Stengeln -und wirft ihn dann im Bogen. Haben Sie je mit der Wurfscheibe -gespielt? Gerade so muß man's machen. Die Sitte, -ungeheuere massive Bouquets von der Größe und Schwere eines -preisgekrönten Kohlkopfs aus den schwindelnden Höhen der Galerie -hinabzuwerfen, ist höchst gefährlich und tadelnswert. Wissen Sie, -was vorgestern abend in der Musikakademie geschehen ist? – -Eben hatte die Signorina das wundervolle Lied ›Des Sommers -letzte Rose‹ zu Ende gesungen, da kam ein solcher Schmiedehammer -aus dem Blumengeschlecht durch die mit Beifallssturm -erfüllte Luft herniedergesaust. Hätte sie nicht eine schnelle Wendung -nach rechts gemacht, so würde er sie wie einen Schindelnagel -in die Bretter der Bühne hineingehämmert haben. Natürlich -wurde der Strauß in guter Absicht geworfen, aber hätten -Sie etwa die Zielscheibe sein mögen? Glauben Sie mir –<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[116]</span> -eine aufrichtig gemeinte Artigkeit wird von einer Dame stets -dankbar empfunden, so lange man nicht versucht, sie damit zu -Boden zu schmettern.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>V.<br /> -Einer jungen Mutter.</h3> - -<p>Sie denken also, ein kleines Kind sei allezeit ein Ausbund -von Schönheit und eine Quelle ewiger Freude? Die Idee ist -zwar ansprechend, aber wie mir scheint nicht ganz neu. Jede -Kuh denkt dasselbe von ihrem Kalbe. Vielleicht denkt es die -Kuh auf weniger anmutige Art, aber sie denkt es doch und ich -rechne es der Kuh zur Ehre an. Wir alle schätzen dieses rührende -mütterliche Gefühl, wo wir es auch finden, sei es im Hause der -Pracht und des Reichtums oder im niedern Kuhstall. Aber -wirklich, verehrte Frau, genau betrachtet, finde ich, daß Ihre -Behauptung sich nicht in allen Fällen als stichhaltig erweist. -Man kann ein schmutziges Kind, dem nicht rechtzeitig die Nase -geputzt wird, nicht mit gutem Gewissen für einen Ausbund von -Schönheit erklären, und da das früheste Kindesalter höchstens -drei kurze Jahre umfaßt, kann ein kleines Kind unmöglich eine -›ewige‹ Freude sein. Es schmerzt mich, daß ich genötigt bin, -zwei Drittteile Ihres schönen Ausspruchs mit einem einzigen -Satz zu vernichten, aber bei meiner verantwortlichen Stellung -als Redakteur darf ich Ihnen nicht gestatten, das Publikum mit -wohlklingenden Redensarten zu täuschen und in die Irre zu -führen.</p> - -<p>Ich kenne ein kleines Kind weiblichen Geschlechts in dieser -Stadt, das achtzehn Monate alt ist und außer stande vierundzwanzig -Stunden hintereinander eine Quelle der Freude zu -sein – von ›ewig‹ gar nicht zu reden! Es ergeht sich in den -merkwürdigsten Absonderlichkeiten und besitzt einen Appetit, wie -er mir noch nicht vorgekommen ist. Ich will hier aufzählen,<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[117]</span> -was dieses Kind an einem einzigen Tage sich alles ganz allein -ausgedacht, vorgenommen und ausgeführt hat, ohne Anraten -und Hilfe seiner Mutter oder einer andern Person. Auch bemerke -ich, daß sich meine sämtlichen Angaben durch beschworene -Zeugenaussagen bestätigen lassen.</p> - -<p>Das Kind begann damit, ein Dutzend große Pillen samt -der Schachtel zu verzehren, dann fiel es die Treppe hinunter -und stand mit einer dicken blauroten Beule an der Stirn wieder -auf, um sich sofort nach anderer Unterhaltung und Zerstreuung -umzusehen. Es fand eine Glasbrosche mit Messingverzierung, -zerbrach erst das Glas, verspeiste es und verschluckte dann das -Messing. Hierauf trank es wohl ein Dutzend Eßlöffel voll -starken Kampferspiritus und etwa zwanzig Tropfen Laudanum; -wäre mehr dagewesen, es hätte noch mehr getrunken. Dann -legte es sich auf den Rücken und steckte sich einen Spazierstock -mit silbernem Knopf vier bis fünf Zoll weit in den Hals hinab, -wo er so fest saß, daß die Mutter die größte Mühe hatte, ihn -wieder herauszuziehen, ohne ein Stück von dem Kinde selbst -mit herauszureißen. Dann verspürte es wieder Hunger nach -Glas, brach ein paar Weingläser entzwei und begann die Scherben -zu verzehren; daß es sich dabei verschiedene Male schnitt, machte -ihm nichts aus. Ferner aß es eine Menge Butter, Salz, Pfeffer -und Zündhölzchen; immer abwechselnd einen Löffel voll Butter, -einen voll Salz, einen voll Pfeffer und drei oder vier Hölzchen. -Nun wusch es sich den Kopf mit Seife und Wasser, aß die -übrige Seife auf und trank soviel von dem Seifwasser, als es -unterbringen konnte. Darauf spazierte es hinaus, faßte die -Kuh vertraulich am Schwanz und erhielt von derselben einen -Schlag mit dem Huf, daß es einen Purzelbaum schoß. Wenn -diese ›Quelle der Freude‹ im Lauf des Tages gerade nichts -anderes vorhatte, vertrieb sie sich die Zeit damit, auf Stühle -und Tische zu klettern, herabzufallen und sich regelmäßig dabei<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[118]</span> -weh zu thun. Trotz ihrer Jugend kann sie einzelne Wörter -schon ganz deutlich aussprechen und da sie auch in anderer Hinsicht -nicht hinter dem Berge hält, sondern dreist auf alles losgeht, -eröffnet sie die Unterhaltung mit jedem Fremden, sei er -männlichen oder weiblichen Geschlechts mit derselben Formel: -»Wie geht's Jim?«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-117"> - <img src="images/illu-117.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Da ich mit den Eigenheiten der Kinder im allgemeinen -nicht vertraut bin, habe ich vielleicht Dinge als etwas Außergewöhnliches -geschildert, die jedem, der in der Kinderstube Bescheid -weiß, höchst alltäglich erscheinen. Indessen kann ich doch -nicht glauben, daß dies wirklich der Fall ist, und wiederhole -daher nochmals, daß mein Bericht über die Thaten dieses -Kindes vollkommen mit der Wahrheit übereinstimmt; sollte -irgend jemand hieran zweifeln, so kann ich ihm das Mädchen -vorführen. Ich will mich auch dafür verbürgen, daß es alles -verschlingen wird, was man ihm giebt (einen Amboß möchte -ich allenfalls ausnehmen), und überall hinunterfallen, wo man -es hinsetzt.</p> - -<p>Aber ich sehe, daß ich zu weit von meinem Gegenstand -abschweife, deshalb will ich nur noch einmal die Ueberzeugung<span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[119]</span> -aussprechen, daß nicht jedes kleine Kind ein Ausbund von Schönheit -und eine Quelle ewiger Freude ist.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>VI.<br /> -An einen gelehrten Fragesteller.</h3> - -<p>Ein Arithmetikus aus Virginia in Nevada schreibt: »Ich -studiere mit Begeisterung Mathematik und finde es recht verdrießlich, -daß mein Fortschritt unaufhörlich durch geheimnisvolle, -technische Ausdrücke der Gelehrten gehemmt wird. Wollen -Sie mir nicht gefälligst sagen, worin der Unterschied zwischen -Geometrie und Conchologie besteht?«</p> - -<p><em class="gesperrt">Antwort</em>: Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihren arithmetischen -Rätseln, mir ist der Kopf ohnehin von einem Schnupfen -eingenommen, der mich halb tot macht. Hätten Sie den Ausdruck -von Hohn sehen können, der noch vor einem Augenblick -meine Gesichtszüge verdüsterte und sofort vom Mittelpunkt aus -durch mein letztes Niesen nach allen Seiten hin gesprengt wurde, -wie ein zersplittertes Spiegelglas, Sie würden diese schimpfliche -Frage schwerlich niedergeschrieben haben.</p> - -<p>Die Conchologie ist eine Wissenschaft, die nichts mit der -Mathematik zu thun hat; sie bezieht sich einzig und allein auf -Schaltiere. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß ein Mann, -welcher Austerschalen für ein Gasthaus öffnet, oder sich einer -Wageschale bedient, Schalen mit Milch füllt, oder Eierschalen -ausbläst, ein Student der Conchologie ist – diese feine sarkastische -Bemerkung wird an einer so hohlen Hirnschale wie die -Ihrige wohl verschwendet sein. Nun vergleichen Sie einmal -die Conchologie und die Geometrie mit einander, da werden -Sie sehen, was der Unterschied ist und die Antwort auf Ihre -Frage finden. Aber martern Sie mich nicht wieder mit Ihren -arithmetischen Greueln, bis Sie hören, daß ich meinen Schnupfen -losgeworden bin. Mich erfüllt in diesem Augenblick der bitterste<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[120]</span> -Haß gegen Sie, weil Sie mich auf solche Weise nörgeln und -quälen, während ich vor Wut nur niesen und meine Taschentücher -zu Atomen zerschnauben kann. Seien Sie froh, daß Sie -nicht im Bereich meiner Nase sind. Es wäre mir eine wahre -Genugthuung, Sie mit einem kolossalen Nieser in alle Winde -zu blasen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[121]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kandidatenfreuden">Kandidatenfreuden.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-v.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Vor ein paar Monaten wurde ich im großen Staate New -York von der Partei der Unabhängigen als Kandidat -für den Gouverneursposten aufgestellt. Meine Gegenkandidaten -waren John T. Smith und Blank J. Blank. Diesen Herren -gegenüber glaubte ich erheblich im Vorteil zu sein – ich erfreute -mich nämlich eines guten Rufes. Wenn sie aber – das -konnte man leicht aus den Zeitungen ersehen – je gewußt -hatten, was es heißt, einen fleckenlosen Namen zu tragen, so -war diese Zeit längst vorüber. Offenbar hatten sie sich in den -letzten Jahren mit den schändlichsten Verbrechen ganz vertraut -gemacht. Aber während ich mich noch insgeheim an dem Bewußtsein -meiner Ueberlegenheit ergötzte, lauerte schon ein trübes -Unbehagen im Hintergrunde meiner Seele und nagte an den -Wurzeln meines Glücks. Mich quälte der Gedanke, daß nun -mein Name fortwährend in Verbindung mit demjenigen solcher -Menschen genannt werden würde. Meine Unruhe darüber wuchs -von Tag zu Tage. Endlich schrieb ich es meiner Großmutter. -Ihre Antwort traf ein und lautete sehr bestimmt wie folgt:</p> - -<p>»Du hast nie in deinem Leben das geringste gethan, dessen -du dich zu schämen brauchtest, nicht das geringste. Nun wirf -einen Blick in die Zeitungen, lies und erkenne, was für Charaktere -die Herren Smith und Blank sind und dann prüfe dich,<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[122]</span> -ob du willens bist, dich so weit zu erniedrigen, daß du mit ihnen -den öffentlichen Wettbewerb um ein Amt aufnimmst.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-121"> - <img src="images/illu-121.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Mir ganz aus der Seele gesprochen! Ich verbrachte eine -schlaflose Nacht; aber wie ich's mir auch überlegte, zurücktreten -konnte ich nicht mehr, ich war meinen Wählern gegenüber gebunden -und mußte den Kampf fortsetzen. Als ich beim Frühstück -mechanisch die Zeitung überblickte, stieß ich auf den folgenden -Artikel, und, ehrlich gestanden, hat mich noch nie im Leben -etwas dermaßen verblüfft:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Meineid.</em> – Da nun Herr M. Twain öffentlich als -Kandidat für den Gouverneursposten auftritt, wird er sich vielleicht -zu einer Erklärung herbeilassen, wie es kam, daß er im -Jahre 1863 zu Wakawak in Cochinchina von vierunddreißig -Zeugen des Meineids überführt wurde. Der Zweck dieses Meineids -war, eine arme eingeborene Witwe und ihre hilflosen Kinder -der elenden kleinen Bananenpflanzung zu berauben, welche ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[123]</span> -in ihrer Not und Verlassenheit allein Nahrung und Unterhalt -gewährte. Herr Twain ist es sich selbst und dem großen Volke -schuldig, um dessen Stimmen er sich bewirbt, diese Angelegenheit -aufzuklären. Wird er es thun?« –</p> - -<p>Ich meinte, mich rühre der Schlag vor Entsetzen. Eine -so grausame und herzlose Beschuldigung! Cochinchina hatte ich -nie gesehen und von Wakawak niemals gehört. Ich hätte eine -Bananenpflanzung nicht von einem Känguruh unterscheiden können. -Ich war ratlos, von Sinnen, wußte mir nicht zu helfen! So -verging der Tag, ohne daß ich einen Entschluß faßte. Am -nächsten Morgen brachte dieselbe Zeitung folgende kurze Notiz:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Bezeichnend.</em> – Herr Twain hüllt sich, wie man bemerkt, -über den Cochinchina-Meineid in ein vielsagendes Schweigen.«</p> - -<p>Während des ganzen Wahlkampfes wurde ich, beiläufig gesagt, -von dieser Zeitung nie anders erwähnt, als mit dem Beifügen: -»Der schändliche, meineidige Twain.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die ›Gazette‹ brachte nun zunächst folgendes:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Anfrage.</em> – Wird der neue Gouverneurskandidat die -Güte haben, einige seiner Mitbürger, die ihre Stimmen nicht -leichtsinnig abgeben wollen, über einen geringfügigen Umstand -aufzuklären? Wie kam es, daß seine Schlafgenossen in Montana -dann und wann kleine Wertsachen verloren, die jedesmal an -Herrn Twains Person oder in seinem ›Koffer‹ (einem Zeitungsblatt, -in welches er seine Habseligkeiten einzuwickeln pflegte) -vorgefunden wurden, bis man sich endlich veranlaßt fühlte, ihm -zu seinem eigenen Besten eine freundliche Verwarnung zu erteilen? -Man theerte und federte ihn, ließ ihn auf einem Balken -reiten und gab ihm schließlich den Rat, an dem Platz, den er -gewöhnlich im Lager einnahm, eine bleibende Lücke zu lassen. -Wird er dem Rate folgen?« –</p> - -<p>Konnte man sich etwas ausgeklügelt Boshafteres vorstellen,<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[124]</span> -zumal ich zu keiner Zeit meines Lebens in Montana gewesen -bin?</p> - -<p>Von da ab nannte mich dieses Journal nie anders als -den ›Montana-Dieb Twain.‹</p> - -<p>Ich kam so weit, daß ich mich fast fürchtete, eine Zeitung -in die Hand zu nehmen; ungefähr wie jemand, der eine wollene -Decke, die er nötig braucht, aufheben möchte, aber eine Klapperschlange -darunter vermutet. Eines Tages las ich folgendes:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Der Lügner ist entlarvt!</em> – Durch die beschworenen -Aussagen der Herren Michael O'Flanagan, Snub Rafferty und -Catty Mulligan aus Five-Points und Water-Street<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> wurde -festgestellt, daß Herrn Mark Twains schändliche Behauptung, -als wäre der verstorbene Großvater unseres edlen Bannerträgers -Blank J. Blank wegen Straßenraubs gehängt worden, eine gemeine, -aus der Luft gegriffene Lüge ist. Für tugendhafte Männer -ist es eine niederschmetternde Erfahrung, daß man zu solchen -unehrenhaften Mitteln greifen kann, um einen politischen Erfolg -zu erringen, daß man sich nicht scheut, die Toten noch im -Grabe zu beschimpfen und auf ihren geachteten Namen Verleumdungen -zu häufen. Wenn wir an den Schmerz denken, -den diese elende Lüge den unschuldigen Verwandten und Freunden -des Verewigten bereitet haben muß, sind wir fast versucht, das -betrogene und beleidigte Publikum zu schneller, wenn auch ungesetzmäßiger -Rache gegen den Verleumder aufzustacheln. Aber -nein – überlassen wir ihn den Qualen eines gepeinigten Gewissens! -– Sollte jedoch der Fall eintreten, daß das Publikum, -von Leidenschaft übermannt, in blinder Wut dem Verleumder -körperliche Mißhandlungen zufügte, so liegt es auf der Hand, -daß kein Schwurgericht die Thäter für schuldig erklären, kein -Richter sie strafen könnte.«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Eine berüchtigte Gegend New Yorks, wo viel irisches Gesindel -wohnt.</p> -</div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[125]</span></p> - -<p>Der geschickt abgefaßte Schlußsatz bewirkte, daß ich noch -in derselben Nacht in größter Eile aus dem Bette und zur -Hinterthür hinausflüchten mußte, während das ›betrogene und -beleidigte‹ Publikum vor dem Hause wütete und tobte wie -brandende Meereswogen, in seiner gerechten Entrüstung beim -Kommen Möbel und Fenster zerschlug und beim Gehen so viel -von meinem Eigentum mitnahm, als es tragen konnte. Und -doch kann ich meine Hand auf die Bibel legen und versichern, -daß ich Herrn Blanks Großvater niemals verleumdet habe. Ja -noch mehr – ich hatte bis zu jener Stunde seinen Namen nicht -einmal nennen hören.</p> - -<p>Gelegentlich will ich nur erwähnen, daß das Journal, -welchem obige Mitteilung entstammt, mich von nun an immer -als ›Twain, den Leichenschänder‹ bezeichnete.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der nächste Zeitungsartikel, der meine Aufmerksamkeit erregte, -lautete wie folgt:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ein netter Kandidat!</em> – Herr Mark Twain, der -gestern abend bei der Volksversammlung der Unabhängigen eine -donnernde Rede halten sollte, glänzte durch Abwesenheit. Ein -Telegramm seines Arztes meldete, daß er von einem durchgegangenen -Gespann zu Boden geworfen worden sei und an -einem doppelten Beinbruch in großen Schmerzen darniederliege, -und so weiter, und so weiter, noch ein ganzer Haufen ähnlichen -Unsinns. Die Unabhängigen gaben sich alle Mühe, die elende -Notlüge hinunterzuschlucken und zu thun, als ahnten sie den -eigentlichen Grund der Abwesenheit jenes Verworfenen nicht, -den sie zu ihrem Bannerträger erkoren haben. <em class="gesperrt">Gestern abend -sah man einen gewissen Menschen im Zustand viehischer -Betrunkenheit</em> in Herrn Twains Hotel hineintaumeln! Es -ist unbedingt Pflicht für die Unabhängigen, zu beweisen, daß -dieses zum Tier entwürdigte Geschöpf nicht Mark Twain selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[126]</span> -gewesen ist. Jetzt endlich sind sie gefangen – hier giebt es -kein Entrinnen! Im Donnerton ruft die Volksstimme: <em class="gesperrt">Wer -war der Mensch?</em>« –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unglaublich, völlig unglaublich, daß es wirklich mein Name -war, den man mit diesem schmachvollen Verdacht in Verbindung -brachte! Waren doch drei Jahre über mein Haupt dahingegangen, -seit ich einen Tropfen Ale, Bier, Wein oder überhaupt ein -geistiges Getränk angerührt hatte.</p> - -<p>Es zeigt, wie abgestumpft ich schon mit der Zeit geworden -war, daß ich es ohne Schmerz ertragen konnte, mich in der -nächsten Nummer dieses Journals ganz selbstverständlich als -Herr ›<em class="antiqua">Delirium Tremens Twain</em>‹ erwähnt zu finden, obgleich -ich sicher sein konnte, daß das Blatt mit unwandelbarer Eintönigkeit -fortfahren werde, mich bis ans Ende so zu bezeichnen.</p> - -<p>Unter den Postsachen, welche ich täglich erhielt, begannen -jetzt anonyme Briefe eine große Rolle zu spielen. Die Form -derselben war meistens folgende:</p> - -<div class="blockquot"> -<p>»Wie war's denn mit die alte Bettelfrau, die Sie von -Ihrer Dürschwölle mit Fußdritte wegjachten?</p> - -<p class="mright"> -Pol Pry.« -</p> -</div> - -<p>Dann weiter: –</p> - -<div class="blockquot"> -<p>»Sie haben Dahten gethan, welche niemand bewußt sind -wie mir. Rücken Sie nur ein bar Batzen raus an Ihren Ergebenen -oder Sie sollen durch die Zeitungen was hören von</p> - -<p class="mright"> -Handy Andy.« -</p> -</div> - -<p>So ungefähr lauteten sie. Auf Wunsch könnte ich damit -fortfahren, bis der Leser übergenug hat.</p> - -<p>Bald darauf ›überführte‹ mich das bedeutendste republikanische -Journal einer großartigen Bestechung und das demokratische -Hauptblatt bezüchtigte mich eines niederträchtigen Erpressungsversuches. -Auf diese Weise erwarb ich zwei neue<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[127]</span> -Titel: ›Twain, der elende Verführer‹ und ›Twain, der schändliche -Räuber.‹</p> - -<p>Inzwischen verlangte man mit solchem Toben eine ›Antwort‹ -auf alle die entsetzlichen Beschuldigungen, die gegen mich -laut geworden waren, daß die Redakteure und die Führer meiner -Partei behaupteten, es wäre mein politischer Ruin, wollte ich -länger bei meinem Schweigen verharren. Wie um ihr Verlangen -noch dringender zu machen, erschien schon am nächsten -Tage folgendes in einer Zeitung:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Seht einmal den Menschen an!</em> – Der Kandidat der -Unabhängigen schweigt noch immer, weil er nicht zu reden wagt. -Alle gegen ihn erhobenen Anschuldigungen sind vollauf bewiesen -worden und sein fortgesetztes, beredtes Schweigen hat deren -Wahrheit genug bestätigt, so daß er nunmehr für alle Zeit überführt -dasteht. – Ihr Unabhängigen, seht ihn euch einmal an, -euern Kandidaten! Seht den verruchten Meineidigen, den Montana-Dieb, -den Leichenschänder! Betrachtet euch euern <em class="antiqua">Delirium -Tremens</em>, den elenden Verführer, den schändlichen Räuber! -Schaut ihn an – genau und gründlich – und dann sagt, ob -ihr mit gutem Gewissen einem Schurken eure Stimme geben -könnt, der sich durch seine entsetzlichen Verbrechen eine so grauenvolle -Auswahl von Ehrentiteln erworben hat und es nicht wagt, -den Mund aufzuthun, um auch nur einen einzigen von sich zu -weisen.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-127"> - <img src="images/illu-127.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Ich sah keine Möglichkeit, mir die Sache zu ersparen, und -so machte ich mich denn tief gedemütigt daran, eine ›Antwort‹ -auf den Wust von grundlosen Beschuldigungen und boshaften -Lügen vorzubereiten. Aber ich brachte diese Aufgabe nicht zu -stande. Schon am folgenden Morgen erschien nämlich eine neue -gräßliche Geschichte in einem Blatt; mit abscheulicher Erfindungsgabe -beschuldigte man mich allen Ernstes, ein Irrenhaus nebst -sämtlichen Insassen niedergebrannt zu haben, weil es die Aussicht<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[128]</span> -vor meinem Hause versperre. Dies versetzte mich in Todesschrecken. -– Ferner sollte ich noch meinen Onkel vergiftet haben, -um sein Vermögen an mich zu bringen, und man bestand heftig -darauf, das Grab müsse geöffnet werden. Es trieb mich an -den Rand der Verzweiflung. Als nun noch die Anklage folgte, -ich hätte als Pfleger des Findelhauses -meine zahnlosen, altersschwachen -Verwandten angestellt, um -die Kost zu bereiten – da begann -ich zu wanken, und die Sinne -schwanden mir. Schließlich -setzte man der empörenden -Verunglimpfung, -die der -Parteihaß mir -angethan, noch -die Krone auf, -indem man<span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[129]</span> -neun zerlumpte Kinder, in allen Farbenschattierungen, die kaum -laufen gelernt hatten, abrichtete, bei einer öffentlichen Versammlung -auf die Rednertribüne zu stürzen, sich an mich zu drängen -und mich Papa zu nennen.</p> - -<p>Das gab den Ausschlag. Ich strich die Flagge und ergab -mich. Zum Wahlkampf im Staate New York bei Besetzung -des Gouverneurpostens reichten meine Kräfte nicht aus. Ich -sandte meinen Verzicht auf die Kandidatur ein und unterzeichnete -mich in der Bitterkeit meines Herzens</p> - -<p> -Ihr ergebener</p> -<p class="center"> -ehemaliger Ehrenmann, -</p> -<p class="center"> -aber jetzt S.M. – M.D. – L.Sch. – D.T. – E.V. u. S.R.<br /> -</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Mark Twain</em>. -</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[130]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_grosse_Rindfleisch-Kontrakt">Der große Rindfleisch-Kontrakt.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Mit so wenig Worten wie möglich will ich der Nation -über meine Beteiligung an einer Sache berichten, welche -die öffentliche Meinung in hohem Grade beschäftigt und viel -böses Blut erregt hat.</p> - -<p>Die traurige Angelegenheit ist von den Zeitungen der alten -und der neuen Welt mit den schrecklichsten Uebertreibungen und -Verzerrungen dargestellt worden; für alle Thatsachen, welche -ich anführe, finden sich aber – das kann ich versichern – -mehr als genügende urkundliche Beweise in den Staatsarchiven -der Union vor. Der Verlauf der Sache war ursprünglich -folgender:</p> - -<p>John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft -Chemung im Staate New Jersey, jetzt verstorben, schloß etwa -am 10. Oktober 1861 mit der Regierung der Vereinigten Staaten -einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman -dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch zu liefern hatte.</p> - -<p>Nun gut.</p> - -<div class="ulshapepic" id="illu-130"> -<div class="boxu box130u"> -<img src="images/illu-130.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box130l"></div> -</div> -<p>Er machte sich auf, um Sherman das Rindfleisch zu bringen, -aber als er in Washington ankam, war der General nach -Manassas unterwegs; er zog ihm daher mit dem Rindfleisch -nach, kam aber zu spät. Nun folgte er ihm nach Nashville, -von Nashville nach Chatanooga, von Chatanooga nach Atlanta<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[131]</span> -– einholen konnte er ihn jedoch -nicht. In Atlanta nahm er einen -neuen Anlauf und zog auf dem ganzen Marsch -nach der Meeresküste hinter Sherman drein. -Wieder kam er um einige Tage zu spät; da -er aber erfuhr, der General habe sich in der ›Quaker-City‹ nach -dem Heiligen Lande eingeschifft, ging er nach Beirut unter Segel, -überzeugt, er werde das andere Schiff einholen können. In -Jerusalem angekommen, erhielt er die Nachricht, der General -sei nicht mit der ›Quaker-City‹ abgesegelt, sondern nach der -Prairie aufgebrochen, um gegen die Indianer zu kämpfen. Er -kehrte daher nach Amerika zurück und zog in das Felsengebirge. -Nach achtundsechzigtägiger, mühseliger Wanderung durch die -Prairie, nur noch vier Meilen von Shermans Hauptquartier -entfernt, fiel er den Indianern in die Hände, die ihn mit dem -Tomahawk erschlugen, ihm die Kopfhaut abzogen und sich des -Rindfleischs bemächtigten. Sie nahmen das ganze, bis auf ein -Faß, welches Shermans Armee eroberte. Der kühne Reisende -erfüllte also sogar im Tode noch seinen Kontrakt, wenigstens zum -Teil. In seinem Testament, das er wie ein Tagebuch führte, -vermachte er den Kontrakt seinem Sohn <span id="corr131">Bartholomäus W.</span> -Dieser schrieb die folgende Rechnung auf – dann starb er:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="center"> -<i>Rechnung für die Ver. Staaten.</i> -</p> - -<p><i>In Rechnung für <em class="gesperrt">John Wilson Mackenzie</em> -von New Jersey, jetzt verstorben, 30 Fass</i></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[132]</span></p> -<div class="hang"> -<p> -<i>eingepökeltes Rindfleisch für General <em class="gesperrt">Sherman</em> -à 100 Dollars</i></p> -<p class="right"><i>3000 Doll.</i></p> -<p> -<i>Reisespesen und Transport des Fleisches</i></p> -<p class="right"><i>14000 Doll.</i></p> -<div class="r10"><hr /></div> -<p class="right"><i>Summa 17000 Doll.</i></p> -</div> -<p class="center p2"> -<i>Den Betrag empfangen zu haben bescheinigt</i></p> -<p class="center"> -……………………………… -</p></div> - -<p>Bei seinem Ableben hinterließ er den Kontrakt dem Wm. -J. Martin, welcher sich bemühte, die Summe zu erheben, aber -darüber starb und seine Forderung an Barker J. Allen vermachte. -Auch dieser erhielt bei seinen Lebzeiten keine Bezahlung -und hinterließ die Schriftstücke <span id="corr132">Anson G. Rogers</span>, der bei seinem -Versuch, den Betrag einzukassieren, eben bis zum neunten Rechnungsführer -gelangt war, als der Tod, der alles zum Abschluß -bringt, ungerufen erschien und ihm die ferneren Verhandlungen -abschnitt. Die Papiere hinterließ er einem Verwandten in -Connecticut, Namens Vengeance Hopkins, welcher es vier Wochen -und zwei Tage aushielt und unerhörten Erfolg hatte, denn fast -wäre er bis zum zwölften Rechnungsführer gelangt. Er vermachte -den Kontrakt testamentarisch seinem Onkel, der Freudenreich -Johnson hieß. Aber Freudenreich ertrug es nicht lange. -Seine letzten Worte waren: »Ich sterbe gern – weinet nicht -über mich!« Und er starb wirklich gern, der arme Mann. Nach -seinem Tode erbten noch sieben andere Leute Kontrakt und Rechnung, -die alle bald starben. So kamen die Papiere zuletzt in -meinen Besitz. Ich erhielt sie von meinem Verwandten Betlehem -Hubbard aus Indiana, der schon lange einen Groll gegen mich -hegte. Auf seinem Totenbette schickte er aber nach mir, verzieh -mir alles, und übergab mir mit Thränen in den Augen den -Rindfleisch-Kontrakt.</p> - -<p>Dies ist die Vorgeschichte desselben, bis zu der Zeit, da er<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[133]</span> -mein Eigentum wurde. Jetzt will ich den Versuch machen, mich -angesichts der ganzen Nation wegen meines Anteils an der Sache -zu rechtfertigen. Mit dem Kontrakt und der Rechnung über -Reisespesen und Transport der gelieferten Ware begab ich mich -zu dem Präsidenten der Vereinigten Staaten.</p> - -<p>»Was wünschen Sie, mein Herr,« fragte er mich. Ich -erwiderte: »Majestät, etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 -schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft -Chemung im Staate New Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung -der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem -er dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch – –«</p> - -<p>Hier fiel er mir ins Wort, freundlich, aber mit fester -Stimme, und entließ mich. Am nächsten Tage machte ich dem -Staatssekretär meine Aufwartung.</p> - -<p>»Ihr Begehr, mein Herr?« fragte dieser.</p> - -<p>»Königliche Hoheit,« begann ich, »etwa am 10. Oktober -des Jahres 1861 schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam -in der Grafschaft Chemung im Staate New Jersey, jetzt verstorben, -mit der Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt -ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß -eingepökeltes Rindfleisch – –«</p> - -<p>»Genug, mein Herr – genug, sage ich! Wir haben in -diesem Ministerium nichts mit Kontrakten über Rindfleisch zu -schaffen.« Ich wurde hinauskomplimentiert. Nachdem ich mir -die Sache reiflich überlegt hatte, stattete ich tags darauf dem -Marineminister einen Besuch ab. Der sagte: »Rasch, mein -Herr, bringen Sie Ihr Anliegen vor; lassen Sie mich nicht -warten!«</p> - -<p>»Königliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des -Jahres 1861 schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in -der Grafschaft Chemung im Staate New Jersey, jetzt verstorben,<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[134]</span> -mit der Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, -nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes -Rindfleisch – –«</p> - -<p>Weiter kam ich nicht. Auch ihn gingen die Rindfleischlieferungen -für General Sherman nichts an. Ich dachte, das -sei doch eine recht kuriose Regierung! Es hatte ja fast den Anschein, -als habe sie überhaupt keine Lust, das Rindfleisch zu bezahlen. -Am nächsten Tage ging ich zum Minister des Innern.</p> - -<p>»Kaiserliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des –«</p> - -<p>»Sparen Sie sich die Mühe, mein Herr,« fuhr er auf; -»ich habe schon von Ihnen gehört. Machen Sie, daß Sie mit -Ihrem niederträchtigen Kontrakt aus dem Hause kommen. Mit -der Verproviantierung der Armeen hat das Ministerium des -Innern durchaus nichts zu thun.«</p> - -<p>Ich entfernte mich; aber jetzt war ich wirklich aufgebracht. -So leichten Kaufs sollten sie mich nicht los werden; ich nahm -mir vor, jedes Departement dieser gottlosen Regierung heimzusuchen, -bis das Geschäft mit dem Kontrakt geordnet sei. Entweder -wollte ich das Geld einkassieren oder das Leben lassen -bei dem Versuch, wie alle meine Vorgänger. Ich ging dem -Generalpostmeister zu Leibe, ich belagerte das Ackerbauministerium, -ich lauerte dem Sprecher des Repräsentantenhauses auf. Sie -alle hatten nichts mit den Armeelieferungen von Rindfleisch zu -schaffen. Darauf wandte ich mich an den Vorsitzenden des -Patentamts.</p> - -<p>»Hochwohlgeborene Excellenz,« sagte ich, »etwa am – –«</p> - -<p>»Zum Henker, sind Sie mit Ihrem verfluchten Rindfleisch-Kontrakt -endlich auch hierher gelangt! Ich versichere Sie, werter -Herr, uns gehen weder die Armeelieferungen etwas an, noch -Ihr Kontrakt.«</p> - -<p>»O, das kann jeder sagen – – <em class="gesperrt">irgend jemand</em> muß -das Fleisch doch bezahlen! Die Sache wird jetzt auf der Stelle<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[135]</span> -ins reine gebracht, sonst lege ich Beschlag auf dies alte Patentamt, -mit allem was darin ist.«</p> - -<p>»Aber bester Herr! –«</p> - -<p>»Es ist mir alles einerlei. Das Patentamt ist verpflichtet, -das Rindfleisch zu bezahlen. Darauf bestehe ich. Alle Ausreden -sind umsonst; ich wanke und weiche nicht -vom Platze, bis das Patentamt bezahlt -hat.«</p> - -<div class="figleft" id="illu-134"> - <img src="images/illu-134.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Die weiteren Einzelheiten thun nichts -zu der Sache. Sie endete in einer Prügelei -und das Patentamt behielt die Oberhand. -Aber etwas hatte -ich bei der Gelegenheit -doch erfahren, -was mir -Vorteil brachte, -nämlich, daß, -wenn ich zur richtigen -Behörde gehen -wolle, ich mich -an das Schatzamt -wenden müsse. Ich -begab mich dorthin -und wartete -drittehalb Stunden, dann ward ich beim ersten Lord der Schatzkammer -vorgelassen.</p> - -<p>»Alleredelster, würdigster und hochgeschätztester Signor,« -sagte ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John -Wilson Macken – –«</p> - -<p>»Nicht weiter, mein Herr – ich weiß, ich weiß! Gehen -Sie zum ersten Rechnungsführer.«</p> - -<p>Das that ich und er schickte mich zum zweiten Rechnungsführer.<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[136]</span> -Der schickte mich zum Oberregistrator der Abteilung -für Pökelfleisch. Das fing doch an geschäftsmäßig auszusehen! -Er ging die Bücher durch, auch alle noch ungehefteten Akten, -fand aber den Rindfleisch-Kontrakt nirgends eingetragen und -schickte mich zum zweiten Registrator. Auch dieser sah seine -Bücher und Papiere durch, aber ohne Erfolg. Jetzt schöpfte ich -neuen Mut und kam im Lauf der Woche bis zum sechsten Registrator -der Pökelfleisch-Abteilung. In der zweiten Woche -machte ich die Abteilung für Schuldforderungen durch, in der -dritten erledigte ich die Abteilung für unerfüllte Kontrakte und -faßte Fuß in der Abteilung für unbezahlte Rechnungen. Dort -waren meine Erkundigungen schon nach drei Tagen zu Ende.</p> - -<p>Es gab jetzt nur noch einen Ort, wo ich nachfragen konnte. -Ich belagerte den Kommissionär für Bagatellsachen. Das heißt, -er selbst war nicht da, ich hielt mich an einen Schreiber. In -dem Zimmer befanden sich sechzehn wunderhübsche Damen, welche -die Bücher führten, und sieben Schreiber von wohlgefälligem -Aeußern, die ihnen zeigten, wie sie es machen müßten. Die -jungen Damen wandten den Kopf und lächelten über ihre -Schultern nach oben, die Schreiber lächelten zu ihnen hinab und -es ging so lustig her, wie wenn die Glocke zur Hochzeit läutet. -Zwei oder drei andere Schreiber, welche die Zeitung lasen, sahen -mich mit scharfen Blicken an, fuhren aber fort zu lesen und -niemand sprach ein Wort. An solche Zuvorkommenheit und bereitwillige -Bedienung war ich aber in meiner ereignisreichen -Laufbahn schon gewöhnt, da ich sie seit dem Tage, als ich das -erste Bureau der Pökelfleisch-Abteilung betrat, bis ich das letzte -verließ, um mich in die Abteilung für Bagatellsachen zu begeben, -bei allen Schreibergehilfen der Registratoren angetroffen hatte. -Durch viele Uebung war ich schon so weit gekommen, daß ich, -von meinem Eintritt ins Bureau an, bis zu dem Augenblick, -daß der Schreiber mich anredete, auf einem Bein stehen<span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[137]</span> -konnte, ohne dasselbe mehr als zwei- oder höchstens dreimal zu -wechseln.</p> - -<p>Jetzt stand ich hier, bis ich das Bein viermal gewechselt -hatte. Dann sagte ich zu einem der Schreiber, welche lasen:</p> - -<p>»Erlauchter Bummler, wo ist der Großtürke?«</p> - -<p>»Was meinen Sie, mein Herr? Wen meinen Sie? – -Wenn Sie den Bureauchef meinen – der ist ausgegangen.«</p> - -<p>»Wird er heute noch den Harem besuchen?«</p> - -<p>Der junge Mann sah mich eine Weile grimmig an und -vertiefte sich dann wieder in seine Zeitung. Aber das kümmerte -mich nicht, ich kannte die Art dieser Schreiber und wußte, daß -Hoffnung für mich vorhanden sei, wenn er eher fertig wurde, -als die neuen Zeitungen aus New York eintrafen. Er war jetzt -schon bei dem vorvorletzten Tageblatt angekommen. Nach einer -Weile hatte er alles durchgelesen, dann gähnte er und fragte -nach meinem Begehr.</p> - -<p>»Weltberühmter und hochverehrter Staatsmann, etwa -am 10. –«</p> - -<p>»Ah, Sie sind der Mann mit dem Rindfleisch-Kontrakt. -Geben Sie mir Ihre Papiere.«</p> - -<p>Er nahm sie in Empfang und wühlte dann lange Zeit in -seinen Bagatellsachen herum. Endlich fand er die Nordwestpassage, -oder was für mich dasselbe bedeutete, den lange verlorenen -Vermerk über den Rindfleisch-Kontrakt – die Klippe, -an welcher so viele meiner Vorgänger gescheitert waren, ohne -sie je zu erreichen. Meine Rührung war groß und doch frohlockte -ich im Herzen – denn ich lebte ja noch. Ich sagte mit -bewegter Stimme:</p> - -<p>»Geben Sie mir das Dokument! Die Regierung wird -jetzt sicherlich die Schuld abtragen.«</p> - -<p>Er bedeutete mir jedoch, ich solle mich gedulden, es sei -vorher noch etwas zu erledigen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[138]</span></p> - -<p>»Wo ist jener John Wilson Mackenzie?« fragte er.</p> - -<p>»Tot.«</p> - -<p>»Wann ist er gestorben?«</p> - -<p>»Gestorben ist er überhaupt nicht – man hat ihn totgeschlagen.«</p> - -<p>»Wie das?«</p> - -<p>»Mit einem Tomahawk erschlagen.«</p> - -<p>»Wer hat ihn mit dem Tomahawk erschlagen?«</p> - -<p>»Natürlich doch ein Indianer. Sie glaubten doch nicht, -der Superintendent einer Sonntagsschule hätte es gethan?«</p> - -<p>»Nein. Also ein Indianer war es?«</p> - -<p>»Jawohl.«</p> - -<p>»Sein Name?«</p> - -<p>»Sein Name? – Ich werde doch nicht seinen Namen -wissen sollen!«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Name</em> unbedingt erforderlich. Wer hat denn gesehen, -daß er mit dem Tomahawk erschlagen wurde?«</p> - -<p>»Das weiß ich nicht.«</p> - -<p>»Sie selbst waren also nicht zugegen?«</p> - -<p>»Nein – wie Sie an meinen Haaren sehen können.«</p> - -<p>»Woher wissen Sie denn, daß Mackenzie tot ist?«</p> - -<p>»Weil er zu jener Zeit wirklich gestorben und seitdem auch -tot geblieben ist, wie ich allen Grund habe zu glauben. Ja, -ich weiß es ganz bestimmt.«</p> - -<p>»Wir müssen Beweise haben. Ist der Indianer zur Stelle?«</p> - -<p>»Natürlich nicht.«</p> - -<p>»Den müssen Sie herbeischaffen. Haben Sie den Tomahawk -hier?«</p> - -<p>»Bewahre, ich denke gar nicht daran.«</p> - -<p>»Sie müssen den Tomahawk beibringen und ihn uns zusamt -dem Indianer vorführen. Wenn sich hierdurch Mackenzies -Tod beweisen läßt, haben Sie sich an die Kommission zu wenden,<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[139]</span> -welche eingesetzt ist, um schwebende Forderungen zu prüfen. -Vielleicht kommt dann Ihre Sache so in den Zug, daß Ihre -Kinder die Bezahlung der Rechnung noch erleben und das Geld -verzehren können. Aber vor allem muß der Tod jenes Mannes -bewiesen werden. Uebrigens kann ich Ihnen gleich noch sagen, -daß die Regierung die Transport- und Reisespesen des seligen -Mackenzie nimmermehr bezahlen wird. <em class="gesperrt">Möglicherweise</em> wird -sie das Faß Pökelfleisch bezahlen, welches Shermans Soldaten -erobert haben, wenn Sie auf Schadenersatz klagen und der Kongreß -Ihre Forderung anerkennt; aber die neunundzwanzig Faß, -welche die Indianer aufgegessen haben, wird sie Ihnen nicht -bezahlen.«</p> - -<p>»Demnach hätte ich nur hundert Dollars zu beanspruchen -und selbst diese sind mir nicht sicher! Und das nach Mackenzies -endlosem Hin- und Herreisen mit dem Pökelfleisch in Europa, -Asien und Amerika, nach allen Beschwerden, Prüfungen und -Plackereien, die er erduldet hat, nach dem Hinsterben so vieler -Unschuldiger, die bei dem Versuch, die Rechnung einzukassieren, -ums Leben gekommen sind! Junger Mann, warum hat mir der -Oberregistrator der Pökelfleisch-Abteilung das nicht gleich gesagt?«</p> - -<p>»Er wußte nicht, daß Ihr Anspruch begründet war.«</p> - -<p>»Warum hat es mir der zweite, der dritte nicht gesagt – -warum erfuhr ich es in keiner einzigen der Abteilungen und -Unterabteilungen?«</p> - -<p>»Weil man nirgends etwas davon wußte. Bei uns geschieht -alles nach dem Geschäftsgang. Dem sind Sie gefolgt -und haben in Erfahrung gebracht, was Sie zu wissen wünschten. -Es ist das der beste Weg. Er ist ganz ordnungsmäßig, man -kommt dabei sehr langsam, aber sehr sicher zum Ziel.«</p> - -<p>»Jawohl, zum sichern Tode. Dahin hat er die meisten -der Unsrigen geführt. Ich fühle, daß es auch mit mir zu Ende -geht. – Junger Mann, Sie lieben jenes fröhliche Geschöpf da<span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[140]</span> -drüben mit den sanften, blauen Augen und dem Federhalter -hinter dem Ohr – ich sehe das an Ihren schmachtenden Blicken. -Sie wünschen sie zu heiraten – aber Sie sind arm. Hier – -strecken Sie die Hand aus, hier ist der Rindfleisch-Kontrakt! -Wohlan, nehmt euch, seid glücklich! Gott segne euch, meine -Kinder!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das ist alles, was ich von dem großen Rindfleisch-Kontrakt -weiß, der so viel Aufsehen in der Welt gemacht hat. Der -Schreiber, dem ich ihn abgetreten habe, ist gestorben. Was -weiter aus dem Kontrakte und seinen spätern Besitzern geworden -ist, vermag ich nicht zu sagen. Nur soviel weiß ich, daß, wenn -jemand lange genug am Leben bleibt, um seine Sache durch -das ganze Umständlichkeitsamt in Washington hindurch zu verfolgen, -er zuletzt, nach vieler Mühe, Arbeit und Verzögerung, -das herausfinden wird, was er am ersten Tage hätte erfahren -können, wenn der Geschäftsgang im Umständlichkeitsamt so geschickt -und zweckentsprechend geregelt wäre, wie in jedem großen -kaufmännischen Institut.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[141]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_gestohlene_weisse_Elefant">Der gestohlene weiße Elefant.</h2> -</div> - -<div class="ulshapepic" id="illu-140"> -<div class="boxu box140u"> -<img src="images/illu-140.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box140l"></div> -</div> - -<h3 class="noclear">I.</h3> - -<p class="drop">Die folgende merkwürdige Geschichte -wurde mir von einem -Manne erzählt, den ich zufällig -auf der Eisenbahn kennen lernte. Er -war ein alter Herr von mehr als siebzig -Jahren, dessen gutmütiges Gesicht und -aufrichtiges Wesen jedem seiner Worte -den unverkennbaren Stempel der Wahrhaftigkeit -aufdrückte. Er sagte:</p> - -<p>Sie wissen, welche Verehrung der -königliche weiße Elefant von Siam bei -der Bevölkerung jenes Landes genießt. -Sie wissen, daß er den Königen geweiht -ist, daß nur Könige ihn besitzen dürfen und daß er in einer -Hinsicht selbst den Königen überlegen ist, indem er nicht bloß -geehrt, sondern auch angebetet wird. Nun gut; als sich vor -fünf Jahren Streitigkeiten über die Grenzlinie zwischen Britisch-Indien -und Siam erhoben, stellte sich alsbald heraus, daß Siam -unrecht hatte. So wurde denn die Sache rasch und zur Zufriedenheit -des Vertreters von England geregelt. Teils zum<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[142]</span> -Zeichen seiner Dankbarkeit, teils auch wohl, um jede noch etwa -vorhandene Spur von Mißstimmung auf englischer Seite zu -verwischen, beabsichtigte der König von Siam der Königin -Viktoria ein Geschenk zu senden – nach orientalischen Begriffen -der einzig sichere Weg, einen Feind zu beschwichtigen. Dieses -Geschenk sollte nicht nur ein königliches, sondern auch in jeder -Beziehung einzig sein. Was konnte sich dazu besser eignen, als -ein weißer Elefant? Da ich eine angesehene Stellung im indischen -Zivildienst einnahm, ward ich der Ehre gewürdigt, Ihrer Majestät -das Geschenk zu überbringen. Man rüstete für mich und meine -Dienerschaft nebst den Wärtern des Elefanten ein Schiff aus. -Ich gelangte zur gehörigen Zeit im Hafen von New York an -und brachte meinen königlichen Schutzbefohlenen in einem prächtigen -Quartiere zu Jersey City unter. Wir mußten notgedrungen -einige Zeit rasten, bevor wir die Reise fortsetzten, denn die -Kräfte des Tieres verlangten Schonung.</p> - -<p>Vierzehn Tage lang ging alles gut – dann begannen -meine Nöte. Der weiße Elefant war gestohlen worden! Man -hatte mich mitten in der Nacht aufgeweckt und von dem entsetzlichen -Verlust benachrichtigt. Ich war einige Augenblicke außer -mir vor Schreck und Angst; dann wurde ich ruhiger und sammelte -meine fünf Sinne. Ich sah bald, welchen Weg ich einzuschlagen -hatte – für einen vernünftigen Menschen konnte es in der That -nur einen geben. Trotz der späten Stunde eilte ich sogleich nach -New York und ließ mich von einem Schutzmann nach dem Hauptquartier -der Geheimpolizei führen. Ich langte noch zur rechten -Zeit an, gerade als der Chef, der berühmte Inspektor Blunt, -im Begriff war, nach Hause zu gehen. Er war ein Mann von -mittlerer Größe und gedrungenem Körperbau. Schon sein Anblick -flößte mir Hoffnung und Vertrauen ein. Wenn er in tiefes -Nachdenken versunken war, hatte er eine Art, die Brauen zusammenzuziehen -und sich mit dem Zeigefinger nachdenklich auf die<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[143]</span> -Stirn zu klopfen, die mich sofort überzeugte, es mit keiner gewöhnlichen -Persönlichkeit zu thun zu haben. Ich trug ihm meine -Sache vor: sie brachte ihn nicht im geringsten aus der Fassung; -ja – machte sichtlich nicht mehr Eindruck auf seine eherne Selbstbeherrschung, -als wenn es sich um einen gestohlenen Hund handelte. -Er wies mir einen Sitz an und sagte ruhig:</p> - -<p>»Bitte, lassen Sie mich ein wenig nachdenken.«</p> - -<p>Indem er das sagte, setzte er sich an seinen Schreibtisch -und stützte den Kopf auf die Hand. Einige Schreiber arbeiteten -am andern Ende des Zimmers; das Kratzen ihrer Federn war -das einzige Geräusch, das ich während der nächsten sechs oder -sieben Minuten hörte. Mittlerweile blieb der Inspektor in tiefe -Gedanken versunken; endlich erhob er das Haupt, und in den -festen Zügen seines Gesichts lag etwas, was mir anzeigte, daß sein -Gehirn seine Schuldigkeit gethan habe und daß sein Plan fertig sei. -Er sprach – seine Stimme war leise und eindringlich –:</p> - -<p>»Kein gewöhnlicher Fall das! Jeder Schritt muß vorsichtig -geschehen; jeder Schritt muß sicher gemacht werden, bevor der -nächste gewagt wird. Und die Sache muß verschwiegen bleiben -– tiefes, unverbrüchliches Geheimnis. Sprechen Sie mit niemand -darüber, nicht einmal mit den Reportern; ich will dafür -sorgen, daß sie nur erfahren und berichten, was meinen Zwecken -dient.« Er schellte; ein Jüngling erschien. »Alarich, sagen Sie -den Reportern, sie sollen vorläufig dableiben.« Der Jüngling -verschwand. »Und nun zur Sache – und das systematisch. In -meinem Beruf kann man es zu nichts bringen, ohne strenge und -genaue Methode.«</p> - -<p>Er ergriff eine Feder und legte sich einen Bogen Papier -zurecht. »Nun! – der Name des Elefanten?«</p> - -<p>»Hassan Ben Ali Ben Selim Abdallah Mohamed Moisé -Alhammal Jamtsetjejeebhoy Dhulepp Sultan Ebu Bhudpoor.«</p> - -<p>»Sehr gut. Rufname?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[144]</span></p> - -<p>»Jumbo.«</p> - -<p>»Sehr gut. Geburtsort?«</p> - -<p>»Die Hauptstadt von Siam.«</p> - -<p>»Eltern lebend?«</p> - -<p>»Nein – tot.«</p> - -<p>»Hatten sie noch andere Nachkommenschaft?«</p> - -<p>»Nein, er war der einzige Sohn.«</p> - -<p>»Gut! diese Personalien genügen für diese Rubrik. Und -nun, bitte, beschreiben Sie den Elefanten und lassen Sie keine -Einzelheit aus, sei sie auch noch so unbedeutend – d. h. unbedeutend -von <em class="gesperrt">Ihrem</em> Gesichtspunkt aus. Für Leute meines -Berufs <em class="gesperrt">giebt</em> es keine unbedeutenden Einzelheiten.«</p> - -<p>Ich <em class="gesperrt">beschrieb</em> und er schrieb <em class="gesperrt">nieder</em>; als ich zu Ende -war, sagte er:</p> - -<p>»Hören Sie zu und berichtigen Sie mich, wenn ich einen -Fehler gemacht habe.«</p> - -<p>Er las wie folgt:</p> - -<p>»Höhe 19 Fuß; Länge von der Stirn bis zum Schwanzansatz -26 Fuß; Länge des Rüssels 16 Fuß; Länge des Schwanzes -6 Fuß; Totallänge einschließlich Rüssel und Schwanz 48 Fuß; -Länge der Stoßzähne 9½ Fuß; Ohren, im Verhältnis zu diesen -Dimensionen; Fußspur gleicht der Spur eines Fasses, das man -im Schnee aufrecht stellt; Farbe des Elefanten ein schmutziges -Weiß; hat in jedem Ohr ein Loch von der Größe eines Tellers -zum Einhängen von Schmucksachen; besitzt in hohem Grade die -Gewohnheit, Gaffer mit Wasser zu bespritzen und mit seinem -Rüssel nicht nur Leute, mit denen er bekannt ist, sondern selbst -Fremde zu mißhandeln; hat eine Narbe unter der Achselhöhle, -hinkt ein wenig auf dem rechten Hinterbein und hatte, als er -gestohlen wurde, auf dem Rücken einen Turm mit Sitzen für -fünfzehn Personen und eine Satteldecke aus Goldbrokat von der -Größe eines gewöhnlichen Teppichs.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[145]</span></p> - -<p>Das Signalement war tadellos; der Inspektor schellte, -händigte Alarich die Beschreibung ein und sagte:</p> - -<p>»Lassen Sie sogleich fünfzigtausend Exemplare von diesem -Signalement drucken und per Bahn an alle Polizeiämter und -Pfandleiher in Nordamerika versenden.« Alarich zog sich zurück. -»So, damit wären wir fertig. Nun muß ich eine Photographie -des gestohlenen Eigentums haben.«</p> - -<p>Ich gab ihm eine; er betrachtete sie kritisch und sagte:</p> - -<p>»Sie muß genügen, da wir keine bessere haben; aber er -hat den Rüssel aufgerollt und in den Mund gesteckt. Das ist -schade, denn es kann leicht irre führen, weil er natürlich den -Rüssel für gewöhnlich nicht so trägt.« Er schellte.</p> - -<p>»Alarich, lassen Sie sogleich fünfzigtausend Abdrücke dieser -Photographie anfertigen und mit dem Signalement versenden.«</p> - -<p>Alarich ging, um seine Befehle zu vollziehen. Der Inspektor -sagte:</p> - -<p>»Man wird natürlich eine Belohnung aussetzen müssen. Wie -hoch meinen Sie?«</p> - -<p>»Welche Summe würden Sie mir raten?«</p> - -<p>»Vorerst würde ich sagen – nun, fünfundzwanzigtausend -Dollars. Es ist eine verwickelte und schwierige Arbeit; es giebt -tausend Gelegenheiten zum Entkommen und zum Verbergen. Diese -Diebe haben überall Freunde und Helfershelfer.« – –</p> - -<p>»Lieber Himmel, wissen Sie denn, wer sie sind?«</p> - -<p>Das kluge Gesicht, geübt im Verbergen der Gedanken und -Gefühle, verriet mir nicht das mindeste, ebensowenig die vollkommen -ruhig geäußerte Erwiderung:</p> - -<p>»Lassen Sie's gut sein! Vielleicht weiß ich's, vielleicht auch -nicht. Wir gewinnen gewöhnlich einen ziemlich deutlichen Hinweis -auf die Thäter aus der Art und Weise, wie sie zu Werk -gehen und aus der Größe ihres Raubes. Wir haben es hier -nicht mit einem Taschendieb oder Uhrenabzwicker zu thun, darauf<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[146]</span> -können Sie Gift nehmen – dieser Gegenstand wurde von -keinem Anfänger ›aufgehoben‹. Aber, was ich sagen wollte, in -Anbetracht der vielen Reisen, die gemacht werden müssen, und -des Eifers, mit dem die Diebe ihre Spuren verwischen werden, -mögen fünfundzwanzigtausend Dollars fast zu wenig sein; doch -kann man immerhin damit anfangen.«</p> - -<p>So einigten wir uns denn über diese Summe für den Anfang. -Dann sagte der Inspektor, dem nichts entging, was nur -irgendwie als Fingerzeig dienen konnte:</p> - -<p>»Es giebt in der Polizeigeschichte Fälle, die beweisen, daß -Verbrecher durch Eigentümlichkeiten in ihrer Geschmacksrichtung -entdeckt worden sind. Sagen Sie, was frißt Ihr Elefant, und -wieviel?«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Was</em> er frißt? – einfach alles! Er frißt einen Menschen, -er frißt eine Bibel – er frißt alles, was zwischen Mensch und -Bibel liegt.«</p> - -<p>»Gut, wirklich sehr gut, aber zu allgemein. Ich brauche -Details – Details haben in unserem Berufe allein Wert. Also, -die Menschen betreffend: wie viele davon wird er, wenn sie frisch -sind, zu einer Mahlzeit oder – sagen wir – während eines -Tages verzehren?«</p> - -<p>»Er wird keinen großen Unterschied machen, ob frisch oder -nicht; und ich denke, daß fünf Menschen eine gewöhnliche Mahlzeit -für ihn sind.«</p> - -<p>»Sehr gut – fünf Menschen; wir wollen das notieren. -Welche Rassen hat er am liebsten?«</p> - -<p>»In dieser Beziehung ist er nicht sehr wählerisch. Er zieht -Bekannte vor, hat aber keinerlei Voreingenommenheit gegen -Fremde.«</p> - -<p>»Sehr gut – nun zu den Bibeln. Wie viele Bibeln würde -er zu einer Mahlzeit brauchen?«</p> - -<p>»Eine ganze Auflage.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[147]</span></p> - -<p>»Das ist kaum genau genug. Meinen Sie die gewöhnliche -Oktavbibel oder die illustrierte Familienbibel?«</p> - -<p>»Ich glaube nicht, daß ihm an den Illustrationen viel -liegen würde – d. h. er wird sie nicht höher schätzen als einfachen -Druck.«</p> - -<p>»Sie haben mich nicht recht verstanden. Es kommt auf -das Gewicht an. Die gewöhnliche Oktavbibel wiegt etwa zwei -und ein halbes Pfund, während die Großquartbibel mit den -Illustrationen von Doré zehn bis zwölf Pfund wiegt. Wieviel -Dorébibeln würde er wohl auf einmal verzehren?«</p> - -<p>»Man sieht, daß Sie den Elefanten nicht kennen, sonst -würden Sie nicht fragen. Er frißt ganz einfach soviel, als -man ihm giebt.«</p> - -<p>»Gut, drücken Sie es in Dollars und Cents aus; wir -müssen uns bestimmt fassen. Die Dorébibel kostet hundert -Dollars pro Exemplar, in Juchtenleder gebunden …«</p> - -<p>»Er würde für etwa fünfzigtausend Dollars brauchen – -sagen wir, eine Auflage von fünfhundert Exemplaren.«</p> - -<p>»So, das ist genauer; ich will's notieren. Also, er frißt -gerne Menschen und Bibeln – das hätten wir! Was frißt er -sonst? Ich brauche Details.«</p> - -<p>»Hat er keine Bibeln, so frißt er Backsteine; hat er keine -Backsteine, so frißt er Flaschen; hat er keine Flaschen, so frißt er -Kleider; hat er keine Kleider, so frißt er Katzen; hat er keine -Katzen, so frißt er Austern; er frißt ferner Schinken, Zucker, -Pasteten, Kartoffeln, Kleie, Heu, Hafer und besonders Reis, -denn damit wurde er hauptsächlich aufgezogen, kurzum er frißt -alles, was er kriegen kann.«</p> - -<p>»Sehr gut. Gewöhnliche Menge zu einer Mahlzeit?«</p> - -<p>»Nun, so zwischen sieben und acht Zentner.«</p> - -<p>»Und er säuft – –«</p> - -<p>»Alles was flüssig ist: Milch, Wasser, Schnaps, Syrup,<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[148]</span> -Kastoröl, Kamphergeist, Karbolsäure – es ist unnütz, auf Einzelheiten -einzugehen; was Ihnen Flüssiges einfällt, notieren Sie -getrost.«</p> - -<p>»Sehr gut. Quantität?«</p> - -<p>»Notieren Sie acht bis fünfundzwanzig Hektoliter – sein -Durst schwankt, sein Appetit wenig.«</p> - -<p>»Das sind alles sehr bemerkenswerte Anhaltspunkte, und -sehr dienlich zu seiner Aufspürung.«</p> - -<div class="figleft" id="illu-147"> - <img src="images/illu-147.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Er schellte.</p> - -<p>»Alarich, senden Sie -Kapitän Burns herein.«</p> - -<p>Burns erschien; Inspektor -Blunt enthüllte -ihm die ganze Angelegenheit -Punkt für Punkt. -Dann sagte er in der -klaren, entschiedenen -Weise eines Mannes, -der sich seinen Plan -genau vorgezeichnet hat -und ans Befehlen gewöhnt -ist:</p> - -<p>»Kapitän Burns, weisen Sie die Detektivpolizisten Jones, -Davis, Halsey, Bates und Hackett an, den Elefanten aufzuspüren.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Weisen Sie die Detektivpolizisten Moses, Dakin, Murphy, -Rogers, Tupper, Higgins und Bartholomey an, die Diebe aufzuspüren.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Senden Sie eine starke Wache – eine Wache von dreißig -auserlesenen Leuten mit einer Ablösung von dreißig Mann – -an den Ort, wo der Elefant gestohlen wurde; sie sollen dort<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[149]</span> -scharfe Wache halten Tag und Nacht und niemand – Reporter -ausgenommen – ohne schriftliche Ermächtigung von mir in die -Nähe kommen lassen.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Verteilen Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung auf -den Bahnhöfen, Dampfschiffen und Landungsdepots und auf -allen Wegen, die aus Jersey City führen, mit dem Befehle, alle -verdächtigen Personen zu durchsuchen.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Versehen Sie alle diese Leute mit der Photographie und -dem Signalement des Elefanten und instruieren Sie dieselben, -alle Züge und abgehenden Fahrzeuge genau zu visitieren.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Wenn der Elefant gefunden werden sollte, so ergreife man -ihn und benachrichtige mich telegraphisch.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Lassen Sie mich sogleich benachrichtigen, wenn eine Spur -gefunden werden sollte – Fußspuren oder dergleichen.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Erlassen Sie einen Befehl an die Hafenpolizei, fleißig am -Ufer zu patroullieren.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Senden Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung mit allen -Bahnzügen ab – nördlich bis Kanada, westlich bis Ohio, südlich -bis Washington.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Stellen Sie Sachverständige in allen Telegraphenämtern -auf; dieselben sollen auf alle Telegramme achten und sich die -chiffrierten Depeschen entziffern lassen.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Lassen Sie dieses alles mit der äußersten Heimlichkeit ausführen -– hören Sie, mit der undurchdringlichsten Heimlichkeit.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[150]</span></p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Rapportieren Sie mir pünktlich zur gewöhnlichen Stunde.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Nun können Sie gehen!«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir« – und fort war er.</p> - -<p>Inspektor Blunt war einen Augenblick still und nachdenklich, -dann ließ das Feuer in seinen Augen nach und verlosch. Hierauf -wandte er sich zu mir und sagte in ruhigem Ton:</p> - -<p>»Ich rühme mich nicht gern, es ist das nicht meine Sache; -aber wir werden den Elefanten finden.«</p> - -<p>Ich schüttelte ihm warm die Hand und dankte ihm – der -Dank kam von Herzen. Je mehr ich von dem Manne gesehen -hatte, desto mehr schätzte und bewunderte ich ihn, desto mehr -staunte ich über die mysteriösen Wunder seines Berufs. Dann -trennten wir uns für die Nacht und ich ging nach Hause – -mit viel leichterem Herzen als ich gekommen war.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>II.</h3> - -<p>Am nächsten Morgen stand alles haarklein in den Zeitungen, -sogar mit Zusätzen – bestehend aus Detektiv A.'s, Detektiv B.'s -und Detektiv N. N.'s ›Theorie‹ in Bezug auf die Ausführung -des Diebstahls, auf die Person der Diebe und auf die Richtung, -in der sie mit ihrer Beute entflohen waren. Es waren elf -solcher Theorien zu lesen, welche alle Möglichkeiten erschöpften, -ein Beweis, was für verständige Denker die Geheimpolizisten -sind. Nicht zwei von den elf Theorien stimmten überein oder -glichen sich auch nur halbwegs, außer in einem einzigen auffallenden -Punkt, in dem alle elf Theorien einander gleich waren. -Obgleich nämlich die Rückwand des Gebäudes herausgerissen und -die einzige Thüre verschlossen geblieben war, stellten alle elf -Theorien die Behauptung auf, daß der Elefant nicht durch jene -Bresche, sondern auf irgend einem andern (noch unentdeckten)<span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[151]</span> -Wege entfernt worden sei, und daß die Diebe jene Oeffnung nur -gemacht hätten, um die Polizei irre zu führen. Daran würde -ich oder irgend ein anderer Laie vielleicht nie gedacht haben, die -Detektivs aber hatten den Umstand auch nicht einen Augenblick -verkannt. So war das einzige Moment, hinter dem ich kein -Geheimnis vermutet hatte, gerade dasjenige, worin ich am weitesten -fehlgegangen war. Alle elf Theorien nannten die vermutlichen -Diebe, keine zwei aber dieselben; die Totalsumme der verdächtigen -Personen war siebenunddreißig. Die verschiedenen Zeitungen -schlossen alle mit der wichtigsten Ansicht von allen – der des -Inspektors Blunt. Dieselbe lautete im Auszug wie folgt:</p> - -<p>»Der Chef weiß, wer die zwei Hauptthäter sind – nämlich -Brick Duffy und der ›rote‹ McFadden. Zehn Tage vor der -Ausführung des Diebstahls wußte er bereits, daß derselbe versucht -werden würde, und hat sich in aller Stille daran gemacht, -diese zwei notorischen Spitzbuben zu verfolgen; unglücklicherweise -aber ging in der fraglichen Nacht ihre Spur verloren, und ehe -man sie wieder auffinden konnte, war der Vogel – das heißt -der Elefant – ausgeflogen.</p> - -<p>»Duffy und McFadden sind die verwegensten Schurken in -der ganzen Verbrecherzunft; der Chef hat Grund zu der Annahme, -daß sie die Männer sind, die letzten Winter in einer -bitterkalten Nacht den Ofen aus der Polizeiwache stahlen, infolgedessen -sich vor Tagesanbruch der Chef und sämtliche Geheimpolizisten -in ärztlicher Behandlung befanden; – einige wegen -erfrorener Füße, andere wegen erfrorener Hände, Ohren, Nasen -und anderer Körperteile.«</p> - -<p>Als ich die erste Hälfte dieser Theorie las, war ich mehr -als je erstaunt über den wunderbaren Scharfsinn des seltenen -Mannes: er sah nicht nur alles Gegenwärtige mit klaren Augen, -auch das Zukünftige entschleierte sich vor seinem Blicke. Ich begab -mich alsbald in sein Bureau und sagte ihm, ich bedauere<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[152]</span> -nur, daß er jene Spitzbuben nicht habe festnehmen lassen, wodurch -das ganze Unheil verhütet worden wäre; aber seine Antwort war -kurz und bündig:</p> - -<p>»Es ist nicht unseres Amtes, das Verbrechen zu verhindern, -sondern es zu bestrafen. Das können wir aber erst, nachdem -es begangen worden ist.«</p> - -<p>Ich bemerkte, daß die Heimlichkeit, mit der wir zu Werk -gegangen, durch die Zeitungen verletzt worden sei, nicht nur alle -Thatsächlichkeiten, sondern auch alle unsere Anhaltspunkte und -Absichten seien enthüllt und selbst alle verdächtigen Personen namhaft -gemacht worden – letztere würden sich jetzt ohne Zweifel -maskieren oder ihre geheimen Schlupfwinkel aufsuchen.</p> - -<p>»Sie sollen's nur!« sagte der Inspektor. »Sie werden -bald merken, daß, wenn ich es auf sie abgesehen habe, meine -Hand auf sie niederfallen wird, so unfehlbar wie die Hand des -Schicksals. Was die Zeitungen anbelangt, so müssen wir mit -ihnen rechnen: Ruhm, Reputation, fortwährende öffentliche Erwähnung -– sind des Geheimpolizisten täglich Brot. Er muß -seine Entdeckungen veröffentlichen, sonst glaubt man, daß er keine -macht; er muß seine Theorie veröffentlichen, es giebt nichts Seltsameres -und Ueberraschenderes, als die Theorie eines Polizisten, -und nichts trägt ihm so viel Bewunderung und Hochachtung ein; -wir müssen unsere Pläne veröffentlichen, denn die Zeitungen bestehen -darauf, und wir können es ihnen nicht abschlagen, ohne -sie zu beleidigen. Wir müssen dem Publikum zeigen, was wir -thun, damit es nicht glaubt, daß wir nichts thun. Es ist viel -angenehmer, wenn eine Zeitung schreibt: ›Inspektor Blunts -geniale und ungewöhnliche Theorie lautet wie folgt,‹ als wenn -sie einen unfreundlichen oder – was noch schlimmer – sarkastischen -Artikel bringt.«</p> - -<p>»Ich verkenne das Zwingende dieser Gründe nicht. – In -einem Teil Ihrer Bemerkungen in den Morgenzeitungen fiel mir<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[153]</span> -auf, daß Sie mit Ihrer Ansicht über einen gewissen untergeordneten -Punkt zurückhielten.«</p> - -<p>»Ja, das thun wir stets; es macht immer Effekt. Uebrigens -hatte ich mir über jenen Punkt eine Ansicht noch gar nicht gebildet.«</p> - -<p>Ich deponierte bei dem Inspektor eine beträchtliche Geldsumme -zur Bestreitung der laufenden Ausgaben und setzte mich -dann nieder, um auf Nachrichten zu warten; jeden Augenblick -konnten Telegramme einlaufen. Inzwischen blätterte ich die -Zeitungen und unser Zirkularsignalement nochmals durch und entdeckte, -daß anscheinend unsere 25 000 Doll. Belohnung nur für -Detektivpolizisten ausgesetzt waren. Ich war der Meinung gewesen, -jeder solle sie bekommen, der den Elefanten auffinden -würde. Der Inspektor klärte mich auf:</p> - -<p>»Meine Geheimen werden den Elefanten auffinden, die Belohnung -<em class="gesperrt">muß</em> daher an die rechte Adresse gelangen. Wenn andere -Leute das Tier fänden, so wäre das nur dadurch möglich, -daß sie die Polizisten ausspionieren und aus Kenntnissen und -Beobachtungen der Polizisten, welche sie sich zu eigen gemacht, -Vorteil ziehen; an der Berechtigung der Polizei zu der Belohnung -könnte das nichts ändern. Eine solche Belohnung ist dazu da, -die Männer, welche dieser Art von Arbeit ihre Zeit und ihren -ausgebildeten Scharfsinn widmen, anzuspornen, nicht aber dem -ersten besten in den Schoß zu fallen, der zufällig einen Fang -gemacht hat.«</p> - -<p>Das war sicher nur recht und billig. Auf einmal begann -der Telegraphenapparat in der Ecke zu ticken, das Resultat war -folgende Depesche:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Flower-Station</b>, New York: 7.30 Vorm. -</p> - -<p>Habe eine Spur. Fand eine Reihe tiefer Spuren, die -über eine benachbarte Farm führen. Folgte ihnen eine halbe<span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[154]</span> -Stunde östlich ohne Resultat; der Elefant ging wahrscheinlich -westlich. Werde ihm jetzt in jener Richtung nachspüren.</p> - -<p class="mright"> -Darley, Detektiv.« -</p></div> - -<p>»Darley ist einer unserer tüchtigsten Polizisten,« sagte der -Inspektor. »Wir werden bald mehr von ihm hören.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-153"> - <img src="images/illu-153.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Telegramm Nr. 2 kam.</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Barkers</b>, New Jersey: 7.40 Vorm. -</p> - -<p>Eben angekommen. Glasfabrik hier während der Nacht -erbrochen und 800 Flaschen entwendet. Wasser in größerer -Menge erst fünf Meilen von hier zu haben. Werde dahin aufbrechen. -Elefant wahrscheinlich durstig. Flaschen waren leer.</p> - -<p class="mright"> -Baker, Detektiv.« -</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[155]</span></p> - -<p>»Auch das ist vielversprechend,« sagte der Inspektor. »Ich -sagte Ihnen, seine Begierden würden keine schlechten Fingerzeige -sein.«</p> - -<p>Weitere Telegramme:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Taylorville</b>, Long Island: 8.15 Vorm. -</p> - -<p>Ein Heuschober in der Nähe verschwand während der -Nacht – wahrscheinlich aufgefressen. Fand eine Spur und -verfolge sie eilig.</p> - -<p class="mright"> -Hubbard, Detektiv.« -</p></div> - -<p>»Was er für Sprünge macht!« sagte der Inspektor. »Ich -wußte, daß wir ein schwieriges Stück Arbeit vor uns hätten; -aber wir werden ihn deshalb doch kriegen.«</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Flower-Station</b>, New York: 9 Vorm. -</p> - -<p>Verfolgte die Spuren über eine Stunde westlich – sind -groß, tief und ausgezackt. Bin eben einem Farmer begegnet, -der sagte, es seien keine Elefantenfußstapfen; sagt, es seien -Löcher von den Bäumchen, die er letzten Winter aus dem gefrorenen -Grunde ausgrub. Ich bitte um Verhaltungsbefehle -bezüglich weiterer Schritte.</p> - -<p class="mright"> -Darley, Detektiv.« -</p></div> - -<p>»Aha, ein Helfershelfer der Diebe! Die Sache wird -ernst!« sagte der Inspektor und diktierte folgendes Telegramm -an Darley:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Verhaften Sie den Mann und zwingen Sie ihn, seine -Komplizen zu nennen. Verfolgen Sie die Spuren weiter – -bis zum Stillen Ozean, wenn's sein muß.</p> - -<p class="mright"> -Inspektor Blunt.« -</p></div> - -<p>Nächstes Telegramm:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[156]</span></p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Coney-Point</b>, Pennsylvania: 8.45 Vorm. -</p> - -<p>Bureau der Gasanstalt hier während der Nacht erbrochen -und die unbezahlten Gasrechnungen von drei Monaten gestohlen. -Fand eine Spur und verfolge sie.</p> - -<p class="mright"> -Murphy, Detektiv.« -</p></div> - -<p>»Himmel!« rief der Inspektor; »sollte er Gasrechnungen -verzehren?«</p> - -<p>»Wahrscheinlich aus Dummheit.« –</p> - -<p>Darauf kam nachstehendes aufregendes Telegramm:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Ironville</b>, New York: 9.30 Vorm. -</p> - -<p>Soeben angekommen. Stadt in Aufregung. Elefant kam -hier durch, früh 5 Uhr. Einige sagen, er ging östlich, andere -sagen westlich, einige nördlich, andere südlich – keiner aber weiß -etwas Genaueres zu berichten. Er tötete ein Pferd; ich verschaffte -mir ein Stück davon – für alle Fälle. Tötete es mit seinem -Rüssel; schließe aus der Wunde, daß er von links schlug. Aus -der Lage des Pferdes schließe, daß der Elefant nordwärts, die -Berkley-Bahn entlang, reiste. Hat 4½ Stunden Vorsprung; -folge aber sogleich seiner Spur.</p> - -<p class="mright"> -Hawes, Detektiv.« -</p></div> - -<p>Ich konnte meine Freude nicht zurückhalten. Der Inspektor -blieb so ruhig wie eine Statue. Er schellte gelassen.</p> - -<p>»Alarich, senden Sie Kapitän Burns zu mir.«</p> - -<p>Burns erschien.</p> - -<p>»Wieviel Mann sind reisefertig?«</p> - -<p>»Sechsundneunzig, Sir.«</p> - -<p>»Senden Sie dieselben sogleich nach Norden; sie sollen sich -längs der Berkley-Bahnlinie nördlich von Ironville konzentrieren.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[157]</span></p> - -<p>»Sie sollen ihre Bewegungen mit der äußersten Heimlichkeit -ausführen. Sobald andere von den Leuten frei werden, sollen -sie sich fertig machen!«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>»Sie können gehen.«</p> - -<p>»Sehr wohl, Sir.«</p> - -<p>Gleich darauf kam ein weiteres Telegramm:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Sage-Corners</b>, New York: 10.30 Vorm. -</p> - -<p>Eben angelangt. Elefant kam 8.15 hier durch. Alle bis -auf einen Polizisten entkamen aus der Stadt. Elefant wollte -anscheinend nicht nach dem Polizisten, sondern nach einem Laternenpfahl -schlagen, traf aber beide. Verschaffte mir ein Stück von -dem Polizisten, um es für alle Fälle zu behalten.</p> - -<p class="mright"> -Stumm, Detektiv.« -</p></div> - -<p>»Der Elefant hat sich also gegen Westen gewendet,« sagte -der Inspektor. »Es wird ihm aber nichts helfen, denn meine -Leute sind über die ganze Gegend zerstreut.«</p> - -<p>Das nächste Telegramm besagte:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Glovers</b>: 11.15. -</p> - -<p>Eben angelangt. Stadt verlassen, ausgenommen von Kranken -und Greisen. Elefant kam durch vor dreiviertel Stunden. Die -Anti-Mäßigkeits-Massen-Versammlung tagte; er steckte seinen -Rüssel durchs Fenster hinein und spritzte alles voll Zisternenwasser. -Einige schluckten das Wasser – starben seitdem; mehrere -ertranken. Detektivs Croß und O'Shaugnessy passierten die Stadt, -gingen aber südlich und verfehlten so den Elefanten. Ganze -Gegend auf viele Stunden im Umkreis voll Entsetzen – Leute -fliehen aus ihrer Heimat. Allenthalben stoßen sie auf den Elefanten; -viele werden getötet.</p> - -<p class="mright"> -Brant, Detektiv.« -</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[158]</span></p> - -<p>Ich hielt kaum meine Thränen zurück, so traurig stimmte -mich dieses Gemetzel, der Inspektor aber sagte nur:</p> - -<p>»Sie sehen, wir umringen ihn. Er fühlt unsere Nähe; -er hat sich wieder gegen Osten gewendet.«</p> - -<p>Es harrten unserer bereits neue beängstigende Nachrichten. -Der Telegraph meldete:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Hoganport</b>: 12.19 Nachm. -</p> - -<p>Eben angelangt. Elefant kam vor einer halben Stunde -hier durch, jähen Schrecken verbreitend; wütete durch die Straßen; -zwei Arbeiter gingen vorüber – tötete den einen, der andere -entkam. Bedauern allgemein.</p> - -<p class="mright"> -O'Flaherty, Detektiv.« -</p></div> - -<p>»Nun ist er mitten unter meinen Leuten,« sagte der Inspektor. -»Jetzt ist kein Entrinnen für ihn möglich!«</p> - -<p>Eine Anzahl anderer Telegramme lief dazwischen ein von -Detektivs, die über New Jersey und Pennsylvanien zerstreut -waren. Aus zerstörten Fabriken, Scheunen und Sonntagsschulbibliotheken -wiesen sie die Spur des Elefanten mit an Sicherheit -grenzenden Ausdrücken nach.</p> - -<p>Der Inspektor sagte:</p> - -<p>»Ich wollte, ich könnte mit ihnen verkehren und sie nach -Norden dirigieren, aber das ist unmöglich. Ein ›Geheimer‹ -geht nur dann zum Telegraphenamt, wenn er seinen Bericht -absendet; man weiß nie, wo man ihn fassen kann.«</p> - -<p>Nun kam folgende Depesche:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Bridgeport</b>, Connecticut: 12.15 Nachm. -</p> - -<p>Barnum<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> bietet Doll. 4000 jährlich für ausschließliches -Recht, Elefant als wandernde Reklame zu benützen, von jetzt an<span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[159]</span> -bis ihn Detektivs auffinden. Will Zirkusplakate auf ihn kleben. -Verlangt umgehende Antwort.</p> - -<p class="mright"> -Boggs, Detektiv.« -</p></div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Barnum, der bekannte Schaubudenbesitzer und Meister in der -Kunst der Reklame.</p> -</div> -</div> - -<p>»Das ist doch zu lächerlich!« rief ich aus.</p> - -<p>»Ja freilich,« sagte der Inspektor. »Herr Barnum, der -sich für so gewitzigt hält, kennt mich offenbar nicht – aber ich -kenne ihn.«</p> - -<p>Dann diktierte er folgende Antwortdepesche:</p> - -<div class="blockquot"> -<p>»Herrn Barnums Anerbieten abgelehnt. Entweder Doll. -7000 oder nichts.</p> - -<p class="mright"> -Inspektor Blunt.« -</p></div> - -<p>»So. Wir werden nicht lange auf Antwort zu warten -brauchen. Herr Barnum ist nicht zu Hause; er ist gewöhnlich -auf dem Telegraphenamt, wenn es einen Handel gilt. Vor -drei Uhr –«</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Abgemacht. – P. T. Barnum.«</p> -</div> - -<p>So unterbrach der tickende Telegraphenapparat. Ehe ich -mir einen Vers machen konnte auf diesen ungewöhnlichen Zwischenfall, -leitete folgende Depesche meine Gedanken in ein anderes -und sehr betrübendes Fahrwasser:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Bolivia</b>, New York: 12.50 Nachm. -</p> - -<p>Elefant kam hier an aus dem Süden und passierte den -Wald um 11.50, er sprengte einen daherkommenden Leichenzug -auseinander und verminderte die Leidtragenden um zwei. Bürger -feuerten einige Schüsse aus einem kleinen Böller auf ihn ab -und flohen dann. Detektiv Burke und ich langten zehn Minuten -später aus dem Norden an, hielten aber ein paar Vertiefungen -fälschlich für Fußstapfen und verloren so ziemlich viel Zeit; -endlich aber kamen wir auf die rechte Spur und verfolgten sie -bis zu den Wäldern. Wir krochen nun auf Händen und Knieen<span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[160]</span> -vorwärts, verfolgten die Spur mit scharfem Auge und gelangten -so ins Gebüsch. Burke war voraus. Unglücklicherweise hatte -das Tier angehalten, um auszuruhen; Burke, der, auf die Spur -erpicht, die Augen auf den Boden geheftet hatte, stieß plötzlich, -ehe er die Nähe des Elefanten gewahr wurde, gegen dessen -Hinterbeine. Burke sprang sogleich auf die Füße, ergriff den -Schwanz und rief freudig aus: ›ich beanspruche die Be – –‹, -kam aber nicht weiter, denn ein einziger Schlag mit dem mächtigen -Rüssel streckte den braven Burschen tot nieder. Ich floh -zurück, aber der Elefant wandte sich um und verfolgte mich bis -an den Rand des Gehölzes in schrecklicher Eile; ich wäre unrettbar -verloren gewesen, wenn nicht zufällig der Rest des Leichenzuges -dem Tiere in den Weg gekommen wäre und seine Aufmerksamkeit -abgelenkt hätte. Erfahre soeben, daß von jenem -Leichenzug nichts mehr vorhanden ist; schadet nichts, Stoff genug -für andere vorhanden. Elefant mittlerweile wieder verschwunden.</p> - -<p class="mright"> -Mulrooney, Detektiv.« -</p></div> - -<p>Wir hörten keine weiteren Neuigkeiten außer von den eifrigen -und zuversichtlichen Detektivs, die über New Jersey, Pennsylvanien, -Delaware und Virginia zerstreut waren – sie folgten -alle frischen und vielversprechenden Spuren – bis kurz nach -2 Uhr nachmittags folgendes Telegramm ankam:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Baxter-Centre</b>: 2.15 Nachm. -</p> - -<p>Elefant hier gewesen, über und über mit Zirkusplakaten -beklebt; zerstreute ein Methodisten-Revivalmeeting<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> und erschlug -und verletzte viele, die eben im Begriffe waren, ein besseres -Leben anzufangen. Bürger pferchten ihn ein und stellten eine<span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[161]</span> -Wache auf. Als Detektiv Brown und ich ankamen, betraten -wir die Umzäunung und schritten zur Feststellung der Identität -des Elefanten an der Hand der Photographie und des Signalements. -Alle Zeichen stimmten genau, ausgenommen eines, das -wir nicht sehen -konnten – die -Narbe unter der -Achselhöhle. Um -sich darüber zu -vergewissern, -kroch Brown unter -das Tier, – -er lag im nächsten -Augenblick -mit zerschmetterter -Hirnschale -am Boden. Alle -flohen, so auch der Elefant, -der mit viel Effekt -nach rechts und links um -sich schlug. Entkam, ließ -aber starke Blutspuren von -Böllerschußwunden zurück. -Wiederauffindung gewiß. -Brach südwärts durch -einen dichten Wald; ich -ihm unverzüglich nach.</p> - -<p class="mright"> -Brent, Detektiv.« -</p></div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Religiöse Versammlung von Wanderpredigern, meist auf offenem -Felde abgehalten.</p> -</div> -</div> - -<div class="figcenter" id="illu-160"> - <img src="images/illu-160.jpg" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[162]</span></p> - -<p>Dies war das letzte Telegramm. Gegen Abend sank ein -Nebel auf alles herab – so dicht, daß man auf drei Schritte -Entfernung nicht das geringste unterscheiden konnte. Er hielt -die ganze Nacht über an. Die Dampfboote und selbst die -Omnibusse mußten ihre Fahrt einstellen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>III.</h3> -</div> - -<p>Am nächsten Morgen waren die Zeitungen ebenso voll von -Theorien wie am vorhergehenden; sie brachten ausführlich alle -uns bekannten tragischen Ereignisse, dazu noch eine Menge weiterer -telegraphischer Berichte, die sie von ihren Korrespondenten erhalten -hatten. Spalte auf Spalte begegnete ich herzzerreißenden -Artikelüberschriften. Der Grundton derselben war stets derselbe; -etwa wie folgt:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Der weiße Elefant ist los! Er schreitet weiter -auf seinem verhängnisvollen Marsche! Ganze Ortschaften -verlassen von den entsetzten Einwohnern! -Furcht und Schrecken gehen vor ihm her, Tod und -Verwüstung folgen ihm. Diesen nach die Detektivs. -Scheunen verwüstet. Werkstätten beraubt. Ernten verzehrt. -Oeffentliche Versammlungen gesprengt, begleitet -von Blutscenen, die nicht zu beschreiben sind! Berichte -von vierunddreißig der ausgezeichnetsten Detektivpolizisten! -Bericht des Inspektors Blunt!</em>«</p> - -<p>»Ah!« rief Inspektor Blunt, der Erregung nahe; »das ist -prächtig! Das ist die größte Leistung, die je eine polizeiliche -Organisation vollbracht hat. Die Welt wird davon sprechen.«</p> - -<p>Für mich aber gab es keine Freude; mir war zu Mute, -als ob ich alle diese blutigen Verbrechen begangen hätte und der -Elefant mein unverantwortliches Werkzeug wäre. Und wie die -Unfallliste angewachsen war! In einem Orte hatte er sich in -»eine Wahl gemischt und fünf Agitatoren getötet.« Er hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[163]</span> -dieser That die Vernichtung zweier armer Teufel folgen lassen -– armer O'Donohue, armer Mc Flannigan! – die »erst am -Tage vorher in der Heimat der Unterdrückten aller Länder eine -Zuflucht gefunden hatten und im Begriffe waren, zum erstenmale -das kostbare Recht amerikanischer Bürger an der Urne -auszuüben, als sie niedergeschmettert wurden von der mitleidslosen -Hand der Geißel Siams.« An einem anderen Orte hatte -er »einen verrückten Sensationsprediger niedergerannt, der eben -für die nächste Saison seine heroischen Angriffe auf den Tanz, -das Theater und ähnliches Teufelswerk vorbereitete.« In einem -dritten Orte hatte er »einen Blitzableiteragenten erschlagen.« -Und so ging die Liste weiter und wurde immer blutiger und -herzzerreißender. Sechzig Personen hatte er getötet, zweihundertundvierzig -verwundet. Alle Berichte legten vollgültiges Zeugnis -ab von der Thätigkeit und dem hingebenden Eifer der Detektivs, -und alle schlossen mit der Bemerkung, daß »dreimalhunderttausend -Bürger und vier Detektivs das schreckliche Wesen sahen, sowie -daß er zwei von letzteren ums Leben brachte.«</p> - -<p>Nur mit Angst hörte ich von neuem das Ticken des Telegraphenapparates; -es regnete förmlich Depeschen, aber glücklicherweise -rechtfertigte ihr Inhalt meine Befürchtungen nicht. Es -stellte sich bald heraus, daß jede Spur des Elefanten verloren -war: der Nebel hatte es ihm ermöglicht, sich unbemerkt ein -gutes Versteck zu suchen. Telegramme von Punkten, die lächerlich -weit entfernt waren, berichteten, daß man zu der und der -Stunde eine ungeheure trübe Masse durch den Nebel habe -schimmern sehen! es sei das »unzweifelhaft der Elefant gewesen!« -Diese trübe ungeheure Masse hatte man in New Haven, in -New Jersey, in Pennsylvania, im Staate New York, in Brooklyn -und sogar in der City von New York selbst gesehen! Immer -aber war die trübe ungeheure Masse rasch wieder verschwunden, -ohne eine Spur zu hinterlassen. Jeder von den Hunderten über<span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[164]</span> -diese ungeheure Landstrecke zerstreuten Detektivs sandte stündlich -seinen Rapport, und jeder hatte eine Spur, verfolgte sie und -war dem Elefanten dicht auf den Fersen.</p> - -<p>Aber der Tag verging ohne weiteres Resultat. Ebenso -der nächste Tag. Der dritte desgleichen.</p> - -<p>Die Zeitungsberichte mit ihren nichtssagenden Thatsachen, -ihren Spuren, die zu nichts führten, und ihren blendenden, sinnverwirrenden -Theorien fingen an langweilig zu werden.</p> - -<p>Auf den Rat des Inspektors verdoppelte ich die Belohnung.</p> - -<p>Vier weitere eintönige Tage folgten; dann kam ein schwerer -Schlag für die armen geplagten Detektivs – die Zeitungen -lehnten es ab, ihre Konjekturen zu drucken, und sagten kühl: -Laßt uns in Ruhe.</p> - -<p>Vierzehn Tage nach dem Verschwinden des Elefanten erhöhte -ich auf des Inspektors Rat die Belohnung auf 75 000 -Dollars. Es war das eine große Summe; aber ich wollte lieber -mein ganzes Vermögen opfern, als mein Ansehen bei der Regierung -einbüßen. Jetzt, da die Detektivs in Nöten waren, begannen -die Zeitungen über sie herzufallen und die beißendsten -Sarkasmen gegen sie zu schleudern. Das war Futter für die -Bänkelsänger! Sie kostümierten sich als Detektivs, und führten -auf der Bühne die Jagd nach dem verlorenen Elefanten auf. -Die Karikaturenzeichner entwarfen Skizzen von Detektivs, die -das Land mit Feldstechern absuchten, während der Elefant hinter -ihrem Rücken ihnen Aepfel aus den Taschen holte, und machten -das Wappenzeichen der Detektivs – ein weitgeöffnetes Auge -mit der Devise: »<em class="gesperrt">Wir schlafen nie</em>« – auf alle mögliche -Weise lächerlich. Die Luft war geschwängert mit Sarkasmen.</p> - -<p>Aber einen Mann gab es, der bei alledem ruhig, gelassen -und unerschüttert blieb – es war jenes eichenfeste Herz, der -Inspektor Blunt. Sein kühnes Auge senkte sich nie, seine heitere -Zuversicht wankte nie; er wiederholte nur:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[165]</span></p> - -<p>»Laßt sie spotten; wer zuletzt lacht, lacht am besten.«</p> - -<p>Meine Bewunderung für den Mann grenzte an Vergötterung. -Ich war stets an seiner Seite. Sein Bureau war ein qualvoller -Aufenthalt für mich geworden und wurde es täglich mehr; -doch solange er es dort aushalten konnte, war auch ich entschlossen -zu bleiben – solang als irgend möglich. So kam ich -denn regelmäßig und blieb – zu jedermanns Verwunderung. -Es war mir oft, als müsse ich davonlaufen; wenn ich dann -aber in jenes ruhige und anscheinend leidenschaftslose Antlitz -blickte, hielt ich wieder stand.</p> - -<p>Etwa drei Wochen nach dem Verschwinden des Elefanten -war ich eines Morgens eben im Begriff zu sagen: ich werde die -Segel streichen und mich zurückziehen müssen, als der große -Detektiv diesen feigen Gedanken wieder zurückscheuchte, indem er -einen neuen meisterhaften Schachzug vorschlug – nämlich, mit -den Dieben einen Kompromiß zu schließen. Die Fruchtbarkeit -der Erfindungsgabe dieses Mannes überstiegen alles, was ich -je erlebt, und das will etwas sagen, war ich doch mit den auserlesensten -Geistern der Welt in Berührung gekommen. Er -sagte, er sei der besten Zuversicht, daß er für 100 000 Dollars -einen Kompromiß schließen und den Elefanten wieder erlangen -könne. Ich sagte, ich würde am Ende die Summe auftreiben -können; aber was sollte mit den armen Detektivs werden, die -so wacker gearbeitet hatten?</p> - -<p>Er entgegnete:</p> - -<p>»Bei Kompromissen bekommen sie stets die Hälfte.«</p> - -<p>Das beseitigte meinen einzigen Einwand, und so schrieb -denn der Inspektor zwei Noten wie folgt:</p> - -<div class="blockquot"> -<p>»Werte Frau, – Ihr Gatte kann sich viel Geld machen -(und das ganz ohne Gefahr vor dem Strafgesetz), wenn er sich -sogleich bei mir einfinden will.</p> - -<p class="mright"> -Chef Blunt.« -</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[166]</span></p> - -<p>Von diesen beiden Noten sandte er die eine durch seinen -vertrauten Boten an die ›wohlgeborene Frau‹ Brick Duffys, die -andere an die ›wohlgeborene Frau‹ des roten McFadden.</p> - -<p>Innerhalb einer Stunde kamen folgende beiliegende Antworten -zurück.</p> - -<div class="blockquot"> -<p>»Sie alter Narr! Brick Duffy ist gestorben, schon vor -zwei Jahren.</p> - -<p class="mright"> -Bridget Mahoney.« -</p></div> - -<div class="blockquot"> -<p>»Chef-Nachteule, – der rote McFadden ist gehangen und -im Himmel seit achtzehn Monaten. Jeder Esel außer einem -Detektiv weiß das.</p> - -<p class="mright"> -Mary O'Hooligan.« -</p></div> - -<p>»Ich hatte das lange vermutet,« sagte der Inspektor; »es -beweist mir nur die nie irrende Schärfe meines Instinkts.«</p> - -<p>Sobald ein Mittel sich als erfolglos erwies, war er nie um -ein anderes verlegen. Er schrieb sogleich ein Inserat für die -Morgenblätter, von dem ich eine Abschrift aufbewahre –</p> - -<p>»A. – xwblv. 142 N. Tjnd – fz 328 wmlg. Ozpo, –; -2 m! ogw. Mum.«</p> - -<p>»Lebt der Dieb noch,« erklärte mir der Inspektor, »so wird -ihn das sicher an den gewöhnlichen Rendezvousplatz bringen.« -Es sei dies ein Platz, wo alle geschäftlichen Angelegenheiten -zwischen Detektivs und Verbrechern abgemacht werden. Die gesuchte -Begegnung solle in der nächsten Nacht um zwölf Uhr stattfinden. -Bis dahin war nichts zu thun; ich verließ also ohne -Verzug und dankbaren Herzens das Bureau.</p> - -<p>Um elf Uhr in der nächsten Nacht legte ich 100 000 Dollars -in die Hände des Inspektors, und gleich darauf verabschiedete -er sich, die heldenmütige alte ungetrübte Zuversicht in seinen -Augen. Eine fast unerträglich lange Stunde schlich zu Ende, da -hörte ich seinen willkommenen Tritt, erhob mich keuchend und<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[167]</span> -wankte ihm entgegen. Wie seine schönen Augen im Triumph -glänzten! Er sagte –:</p> - -<p>»Wir haben einen Vergleich geschlossen! Die Spötter werden -morgen ein anderes Lied singen! Folgen Sie mir!«</p> - -<p>Er ergriff eine brennende Kerze und schritt voran, hinab -in das ungeheure gewölbte Erdgeschoß, wo fortwährend sechzig -Detektivs schliefen und wo jetzt etwa zwanzig Karten spielten, -um sich die Zeit zu vertreiben. Ich folgte ihm auf den Fersen. -Er schritt rasch hinab an das düstere, ferne Ende des Platzes, -und in dem Augenblick, da ich in der dicken Stickluft ohnmächtig -umsank, strauchelte und fiel er über die ausgestreckten Gliedmaßen -eines mächtigen Körpers, und ich hörte ihn gerade noch beim -Hinfallen ausrufen:</p> - -<p>»Unser edler Beruf ist gerechtfertigt. Hier ist Ihr Elefant!«</p> - -<p>Ich wurde in das Bureau hinaufgetragen und mit Karbolsäure -wieder zum Bewußtsein gebracht. Die ganze Detektivmannschaft -schwärmte herein, und es folgte eine Siegesfeier, wie -ich noch keine erlebt hatte. Die Reporter wurden geholt, der -Champagner floß in Strömen, Toaste wurden ausgebracht, die -Händedrücke und Beglückwünschungen waren enthusiastisch und -wollten kein Ende nehmen. Der Chef war natürlich der Held -des Tages, und sein Glück war so vollständig und es war mit -so viel Ausdauer, Würde und Bravour verdient worden, daß es -mich beglückte, Zeuge desselben zu sein, obgleich ich dastand als -ein heimatloser Bettler; – denn mein unschätzbarer Schutzbefohlener -war <em class="gesperrt">tot</em> und ich meiner Stellung im Dienste meines -Vaterlandes verlustig, weil ich unmöglich den übeln Schein, als -habe ich das in mich gesetzte hohe Vertrauen durch eine sorglose -Ausführung meines Auftrags getäuscht, von mir abzuwenden vermochte. -Manches beredte Auge bezeugte seine hohe Bewunderung -für den Chef, und manches Detektivs Stimme murmelte: »Seht -ihn an, den König der Profession – gebt ihm nur die Spur<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[168]</span> -von einer Spur, – und es bleibt nichts vor ihm verborgen.« -Die Teilung der 50 000 Dollars machte viel Vergnügen; als -sie vollzogen war, hielt der Chef, während er seinen Anteil in -die Tasche steckte, eine kleine Rede, in der er sagte: »Genießt -das Geld, denn ihr habt es verdient; und mehr als das – ihr -habt unserem schönen Berufe unsterblichen Ruhm erworben.«</p> - -<p>Ein Telegramm langte an, folgenden Inhalts: –</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="mright"> -»<b>Monroe, Michigan</b>: 10. – Nachm. -</p> - -<p>Zum erstenmal seit drei Wochen erreichte ich eben ein Telegraphenamt. -Folgte jenen Fußstapfen zu Pferde durch die Wälder, -etwa zweihundert Meilen bis hieher; sie werden täglich stärker, -größer und frischer. Quälen Sie sich nicht unnötig ab – ehe acht -Tage verflossen sind, habe ich den Elefanten – auf mein Wort!</p> - -<p class="mright"> -Darley, Detektiv.« -</p></div> - -<p>Der Chef brachte drei Hochrufe aus auf »Darley, einen -der feinsten Köpfe unter der Mannschaft,« in welche sämtliche -Anwesende begeistert einstimmten; dann ließ er an Darley telegraphieren, -er möge heimkehren und seinen Anteil an der Belohnung -in Empfang nehmen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So endete jene wunderbare Episode von dem gestohlenen -Elefanten. Die Zeitungen waren am nächsten Tage wieder voll -Anerkennung – mit einer nichtssagenden Ausnahme. Ein Blatt -schrieb nämlich: »Groß ist der Detektiv! Er mag im Auffinden -eines kleinen Gegenstandes, wie es ein verlorener Elefant ist, ein -wenig langsam sein – er mag ihn drei Wochen lang den ganzen -Tag verfolgen und des Nachts neben seinem verwesenden Kadaver -schlafen, aber er wird ihn endlich finden, – sobald er nur den -Mann, der den Elefanten verloren hat, dahin bringt, ihm den -Platz zu zeigen.«</p> - -<p>Der arme Hassan war auf ewig für mich verloren. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[169]</span> -Böllerschüsse hatten ihn tödlich verwundet. Er war im Nebel an -jenen düsteren Platz gekrochen; und dort, umgeben von seinen -Feinden und fortwährend in Gefahr entdeckt zu werden, war er -dahingeschwunden vor Hunger und Leiden, bis der Tod ihn erlöste.</p> - -<p>Der Kompromiß kostete mich 100 000 Dollars; meine Auslagen -für die Detektivs betrugen weitere 42 000 Dollars; ich -bewarb mich nie wieder um eine Anstellung im Dienste meiner -Regierung; ich bin ein ruinierter Mann und ein unstäter Wanderer -auf Erden – aber meine Bewunderung für jenen Mann, -den ich für den größten Geheimpolizisten halte, welchen die Welt -hervorgebracht hat, bleibt unvermindert bis auf diesen Tag und -wird so bleiben bis an mein seliges Ende.</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="blockquot s90"> - -<p>[Der Verleger kann nicht umhin, zur Ehrenrettung der Geheimpolizisten -auf die genialen Thaten derselben, wie sie in den <em class="gesperrt">Kriminal- -und Detektivromanen</em> von <em class="gesperrt">Green</em>, <em class="gesperrt">Hawthorne</em>, <em class="gesperrt">Lynch</em> und <em class="gesperrt">Doyle</em> -zum glänzenden Ausdruck kommen, zu verweisen.]</p> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[170]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Geschichte_des_Hausierers">Die Geschichte des Hausierers.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Der arme, melancholisch blickende Fremde! Es lag etwas -in seiner demütigen Miene, seinem müden Blick, seinen -abgeschabten, ehemals feinen Kleidern, das mein Mitleid erregte. -Ich bemerkte eine Mappe unter seinem Arm, wie sie Kolporteure -und Hausierer zu tragen pflegen.</p> - -<p>Nun, diese Leute flößen einem stets Interesse ein. Bevor -ich mich dessen versah, war ich – ganz Ohr und Teilnahme – -im Anhören seiner Lebensgeschichte versunken. Sie lautete ungefähr -wie folgt:</p> - -<p>»Meine Eltern starben, als ich noch ein kleines, unschuldiges -Kind war. Mein Onkel Ithuriel gewann mich lieb und nahm -mich an Kindesstatt an. Er war mein einziger Verwandter in -der weiten Welt; er war so gut und großmütig und dabei reich. -Er erzog mich im Schoß des Ueberflusses. Alle meine Wünsche, -die mit Geld zu befriedigen waren, wurden erfüllt.</p> - -<p>»Nachdem ich auf der Universität studiert, ging ich mit -zweien meiner Diener – meinem Kammerdiener und meinem -Lakai – auf Reisen in fremde Länder. Vier Jahre lang -flatterte ich auf sorglosen Schwingen in den prächtigen Gefilden -der Fremde umher, – wenn Sie diese Sprache ihrem ergebenen -Diener gestatten wollen, dessen Zunge stets poetisch gestimmt -war; ja ich darf kühnlich also zu Ihnen sprechen, denn Ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[171]</span> -Augen verraten mir, daß auch in Ihren Adern das Feuer der -holden Poesie glüht. In jenen fernen Landen schwelgte ich in -der ambrosischen Speise, welche der Seele, dem Geiste, dem -Herzen frommt. Was aber -vor allen Dingen und am -kräftigsten an meinen angeborenen -ästhetischen Geschmack -appellierte, war der -dort unter den Reichen -herrschende Brauch, Sammlungen -von eleganten und -kostbaren Seltenheiten und -hübschen Liebhabereien anzulegen; -und in einer verhängnisvollen -Stunde versuchte -ich es, in meinem -Onkel Ithuriel Gefallen an -dieser ausgezeichneten Beschäftigung -zu erwecken.</p> - -<div class="figright" id="illu-170"> - <img src="images/illu-170.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Ich schrieb und erzählte -ihm von der äußerst -umfangreichen Muschelsammlung -eines Herrn, von -eines andern ausgezeichneter -Sammlung von Meerschaumpfeifen, -von eines -dritten wunderbarer Sammlung von unentzifferbaren Autographen, -eines vierten unschätzbarer Sammlung von chinesischem -Porzellan, eines fünften bezaubernder Briefmarkensammlung – -und so weiter und so weiter. Bald trugen meine Briefe Frucht: -mein Onkel begann sich nach dem Gegenstand für eine Sammlung -umzusehen. Sie wissen wohl, wie leidenschaftlich bald die<span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[172]</span> -Pflege einer Liebhaberei wird; die seinige wurde bald ein rasendes -Fieber. Er begann sein großes Schweinegeschäft zu vernachlässigen; -bald darauf zog er sich ganz von demselben zurück, und -aus einem bequemen Lebemann wurde ein toller Raritätenjäger. -Sein Reichtum war ungeheuer, und er sparte ihn nicht. Zuerst -versuchte er es mit Kuhglocken. Er legte eine Sammlung an, -die fünf große Säle füllte und alle Arten von solchen Glocken, -von der Urzeit bis zur Gegenwart, in sich schloß – bis auf -<em class="gesperrt">eine</em>. Diese eine – eine Antike und das einzige noch vorhandene -Exemplar dieser Art – war im Besitz eines andern -Sammlers, dem mein Onkel enorme Summen dafür bot – vergebens. -Sie können sich denken, was notwendigerweise folgte. -Ein wahrer Sammler legt bekanntlich einer Sammlung, die -nicht vollständig ist, nicht den mindesten Wert bei: sein glühendes -Herz erkaltet, er verkauft seinen Schatz und wendet seinen Sinn -einem andern Gebiet zu, das unausgebeutet zu sein scheint.</p> - -<p>»So machte es auch mein Onkel. Er versuchte es dann -mit Ziegelsteinen. Nachdem er eine umfangreiche und äußerst -interessante Sammlung davon angelegt hatte, stellte sich die alte -Schwierigkeit ein. Mit blutendem Herzen verkaufte er seine abgöttisch -geliebte Sammlung an einen früheren Bierbrauer, der -den fehlenden Ziegel besaß. Dann versuchte er es mit steinernen -Aexten und anderen Geräten des urweltlichen Menschen, entdeckte -aber bald, daß die Fabrik, wo sie gemacht wurden, andere -Sammler ebensowohl versorgte wie ihn selbst. Er versuchte es -mit aztekischen Inschriften und ausgestopften Walfischen – wieder -ein Mißerfolg, nach unglücklichen Mühen und Kosten. Denn -als seine Sammlung endlich vollständig schien, kam ein ausgestopfter -Walfisch aus Grönland und eine aztekische Inschrift -aus der Cundurangogegend in Mittelamerika an, die alle früheren -Exemplare gänzlich in den Schatten stellten. Mein Onkel beeilte -sich, diese edlen Kleinodien für sich zu gewinnen: er bekam den<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[173]</span> -ausgestopften Walfisch, ein anderer Sammler aber die Inschrift. -Eine echte Cundurango aber ist, wie Sie vielleicht wissen, ein -Besitz von so köstlichem Wert, daß ein Sammler, wenn er sie -einmal erlangt hat, eher von seiner Familie sich trennt, als von -ihr. So verkaufte denn mein Onkel aus; er sah seine Lieblinge -scheiden auf Nimmerwiedersehen und sein kohlschwarzes Haar -wurde weiß wie Schnee in einer einzigen Nacht.</p> - -<p>»Nun wartete er und überlegte; er wußte, daß eine weitere -Enttäuschung ihm das Leben kosten könnte. Er war entschlossen, -das nächstemal Dinge zu wählen, bei welchen die Konkurrenz -weniger zu fürchten war. Er überlegte lange und reiflich; dann -machte er sich noch einmal ans Werk – diesmal, um eine -Sammlung von Echos zu gewinnen.«</p> - -<p>»Von was?« rief ich erstaunt.</p> - -<p>»Von Echos, mein Herr. Sein erster Kauf war ein Echo -in Georgia, das viermal wiederhallte, sein nächster ein sechsfaches -Echo in Maryland, sein nächster ein dreizehnfaches in -Maine, sein nächster ein neunfaches in Kansas, sein nächster ein -zwölffaches Echo in Tennessee, das er billig bekam, weil es -sozusagen baufällig war, denn ein Teil des Felsens, der es -zurückwarf, war herabgefallen. Er glaubte es mit einem Aufwand -von einigen Tausend Dollars reparieren lassen und durch -Aufmauerung des Felsens die Repetierfähigkeit verdreifachen zu -können; aber der Architekt, der die Arbeit übernahm, hatte nie -zuvor ein Echo gebaut, und so verdarb er es denn gänzlich. -Bevor er es verpfuschte, antwortete es wie ein keifendes Marktweib, -nachher aber taugte es höchstens noch für ein Taubstummenasyl. -Nun, nächstdem kaufte er eine Partie kleiner -doppelläufiger Echos in verschiedenen Staaten und Territorien; -man gewährte ihm 20% Rabatt, weil er die ganze Partie -nahm. Dann kaufte er ein Echo, das wie eine Kruppsche -Kanone knallte; es kostete ein Heidengeld, das kann ich Ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[174]</span> -sagen. Sie müssen nämlich wissen, daß auf dem Echomarkt die -Preisskala ansteigt wie die Karatskala bei den Diamanten; im -Handel gelten auch dieselben Ausdrücke für das eine wie das -andere. Ein einkarätiges Echo ist nur zehn Dollars über den -Preis des Grundes und Bodens, auf dem es ruht, wert, ein -zweikarätiges oder doppelläufiges Echo ist dreißig Dollars darüber -wert, ein fünfkarätiges über neunhundert, ein zehnkarätiges -dreizehntausend Dollars. Meines Onkels Echo in Oregon, welches -er das ›Echo des großen Pitt‹ nannte, war ein Kleinod von -zweiundzwanzig Karaten und kostete zweihundertsechzehntausend -Dollars – man gab ihm das Land drein, denn es war zweihundert -Stunden von einer Niederlassung entfernt.</p> - -<p>»Nun, während dieser Zeit war mein Lebensweg ein Rosenpfad. -Ich bewarb mich um die einzige und liebliche Tochter -eines englischen Grafen und wurde geliebt bis zur Raserei. In -ihrer teuren Nähe schwamm ich in einem Meer der Wonne. Da -man wußte, daß ich der alleinige Erbe meines Onkels sei, den -man auf fünf Millionen Dollars schätzte, gaben die Eltern um -so bereitwilliger ihre Zustimmung. Sowohl ihnen wie mir war -es unbekannt geblieben, daß mein Onkel unter die Sammler gegangen -war – wenigstens wußten wir nicht, daß er anders als -ganz nebenbei sammle.</p> - -<p>»Die Wolken zogen sich indes über meinem unschuldigen -Haupt zusammen. Jenes göttliche Echo, das seitdem durch die -ganze Welt als der große Koh–i–noor oder Berg der Wiederholungen -bekannt wurde, war entdeckt worden: es war ein fünfundsechzigkarätiger -Edelstein. Aeußerte man nur ein Wort, so -antwortete es einem fünfzehn Minuten lang, wenn das Wetter -windstill war. Aber siehe da, zu gleicher Zeit machte mein Onkel -die Entdeckung, daß ein zweiter Echosammler vorhanden war. -Die beiden beeilten sich, den unvergleichlichen Kauf abzuschließen. -Das Grundstück bestand aus zwei kleinen Hügeln mit einem<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[175]</span> -seichten Thal dazwischen, hinten in den Ansiedelungen des Staates -New York. Beide Männer kamen zu gleicher Zeit an Ort und -Stelle an, doch wußte keiner, daß der andere auch da war. Das -Grundstück mit dem Echo gehörte nicht einem Manne allein; ein -gewisser Williamson Bolivar Jarvis besaß den einen Hügel, den -anderen ein gewisser Harbison J. Bledso; das Thal bildete die -Grenzlinie. Während nun mein Onkel Jarvis' Hügel für drei -Millionen zweihundertundfünfundachtzigtausend Dollars kaufte, erwarb -sein Konkurrent Bledsos Hügel für etwas über drei Millionen.</p> - -<p>»Keiner von den beiden Männern war mit diesem geteilten -Eigentumsrecht zufrieden, doch wollte keiner seinen Anteil an den -andern verkaufen und schließlich schritt jener andere Sammler – -mit einer Böswilligkeit, wie sie nur ein Sammler gegen einen -Mitmenschen und Kollegen fühlen kann – dazu, seinen Hügel -abzutragen!</p> - -<p>»Also, da er das Echo selbst nicht erlangen konnte, wollte -er es auch keinem andern gönnen. Alle Vorstellungen meines -Onkels waren vergeblich.</p> - -<p>»Es gelang ihm zwar einen Aufschubsbefehl gegen seinen -Konkurrenten zu erwirken, der letztere appellierte jedoch und brachte -die Sache vor eine höhere Instanz. Sie führten den Prozeß -weiter bis zum obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Es -entstand ein heilloser Wirrwarr. Zwei von den Richtern waren -der Ansicht, ein Echo sei persönliches Eigentum. Obwohl nicht -greifbar, sei es doch käuflich und verkäuflich und daher ein besteuerbarer -Gegenstand; zwei andere Richter meinten, ein Echo -sei ein Liegenschaftsobjekt, weil es offenbar am Grund und Boden -hafte und nicht beweglich sei; andere Richter behaupteten, ein -Echo sei überhaupt kein Eigentum.</p> - -<p>»Es wurde schließlich entschieden, daß ein Echo ein Eigentumsobjekt -sei; daß die beiden Prozessierenden getrennte und unabhängige -Eigentümer der beiden Hügel, aber gemeinsame Inhaber<span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[176]</span> -des Echos seien: es stehe deshalb dem Beklagten vollkommen -frei, seinen Hügel abzutragen, da er ihm allein gehöre, aber er -müsse eine Kaution von drei Millionen Dollars stellen als Ersatz -für den Schaden, den meines Onkels halber Anteil an dem Echo -erleiden könnte. Im weiteren verbot das Urteil meinem Onkel, -ohne die Erlaubnis des Gegners, dessen Hügel zur Weckung des -Echos zu benützen; er dürfe dazu nur seines eigenen Hügels sich -bedienen; könne er unter diesen Umständen seinen Zweck nicht -erreichen, so sei das sehr bedauerlich, aber der Gerichtshof könne -daran nichts ändern. In derselben Weise wurde der Gegner in -Bezug auf diesen Punkt beschieden. Sie können sich denken, was -nun geschah. Keiner von beiden wollte dem andern die Einwilligung -zur Benützung seines Eigentums geben, und so mußte -das berühmte und erhabene Echo auf seine Bethätigung verzichten; -seit jenem Tage gleicht das wertvolle Besitztum einer -verzauberten Prinzessin, die auf Erlösung harrt.</p> - -<p>»Eine Woche vor meinem Hochzeitstage, während ich noch -in einem Meer der Wonne schwamm und der hohe Adel von -Fern und Nah zur Verherrlichung des Ereignisses sich versammelte, -traf die Nachricht von dem Tode meines Onkels und zugleich die -Abschrift seines Testaments, das mich zu seinem alleinigen Erben -einsetzte, ein. Er war dahin – ach! mein teurer Wohlthäter -war nicht mehr: der Gedanke daran belastet mein Herz noch heute, -nach so langer Zeit. Ich händigte das Testament dem Grafen, -meinem Schwiegervater, ein, da ich es meiner Thränen wegen -nicht lesen konnte. Der Graf las es und sagte dann finster: -›Nennen Sie das Reichtum, Sir? Das kann man nur in Ihrem -schwindelhaften Amerika. Sie sind nichts weiter als der alleinige -Erbe einer umfangreichen Sammlung von Echos, wenn man -das eine Sammlung nennen kann, was weit und breit über -das ganze amerikanische Festland zerstreut ist. Und das ist nicht -alles, Sir; Sie stecken bis über die Ohren in Schulden; nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[177]</span> -ein Echo unter der ganzen Partie, auf dem keine Hypothek ruhte. -Ich bin nicht hartherzig, Sir, aber ich muß das Interesse meines -Kindes wahren. Wenn Sie nur <em class="gesperrt">ein</em> Echo hätten, das Sie -mit Recht Ihr Eigentum nennen könnten, wenn Sie nur ein -Echo hätten, das frei wäre von Lasten, so daß Sie sich mit -meinem Kinde dorthin zurückziehen und es durch unverdrossenen -Fleiß kultivieren und verbessern könnten, so würde ich nicht nein -sagen; aber ich kann mein Kind an keinen Bettler verheiraten. -Verlasse ihn, mein Liebling! Und Sie, Sir, nehmen Sie Ihre -hypothekenbelasteten Echos und gehen Sie mir für immer aus -den Augen.‹</p> - -<p>»Meine edle Cölestine klammerte sich in Thränen, mit -liebenden Armen an mich und schwor, sie wolle gerne, ja mit -tausend Freuden die Meine werden, auch wenn ich nicht <em class="gesperrt">ein</em> -Echo in der Welt hätte. Aber es durfte nicht sein; wir wurden -auseinander gerissen – sie, um innerhalb eines Jahres sich -langsam zu Tode zu härmen – ich, um allein mich hinzuschleppen -auf des Lebens langem, beschwerlichem Pfad, täglich, stündlich -betend um die Erlösung, die uns wieder vereinen soll in einem -himmlischen Reich. Und nun, mein Herr, wenn Sie so freundlich -sein wollen, die Karten und Pläne in meiner Mappe anzusehen; -ich kann Ihnen gewiß ein Echo billiger ablassen, als -irgend jemand. Dieses hier zum Beispiel, welches meinen Onkel -vor dreißig Jahren zehn Dollars kostete und eines der entzückendsten -in Texas ist, will ich Ihnen für – –«</p> - -<p>»Einen Augenblick, bitte!« sagte ich. »Mein Freund, ich -habe heute vor lauter Hausierern noch keine Minute Ruhe gehabt. -Ich habe eine Nähmaschine gekauft, die ich nicht brauchte; -ich habe eine Landkarte gekauft, die voller Fehler ist; ich habe -eine Uhr gekauft, die nicht gehen will; ich habe Mottengift gekauft, -das die Motten jeder andern Nahrung vorziehen; ich habe -eine endlose Menge nutzloser Erfindungen gekauft, und jetzt bin<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[178]</span> -ich dieser Thorheit satt. Ich möchte keines von Ihren Echos -auch nur geschenkt. Ich bin auf jeden wütend, der mir Echos -zum Verkauf anbietet. Sehen Sie dieses Gewehr? Nun packen -Sie Ihre Sammlung zusammen und sputen Sie sich; lassen Sie -es nicht zum Blutvergießen kommen.«</p> - -<p>Aber er lächelte nur – ein melancholisches, sanftes Lächeln – -und zog weitere Pläne heraus. Sie kennen die Geschichte; hat -man einmal einem Hausierer die Thür geöffnet, so zieht man -immer den kürzeren.</p> - -<p>Nach Verfluß einer unerträglichen Stunde waren wir handelseinig. -Ich kaufte zwei doppelläufige Echos in gutem Zustand, -ein drittes bekam ich drein, das, wie er sagte, unverkäuflich sei, -weil es nur Deutsch spräche. »Es war einst vollkommen polyglott,« -sagte er, »hat aber irgendwie den größten Teil seiner -Sprachfertigkeit eingebüßt.«</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[179]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Eine_wahre_Geschichte">Eine wahre Geschichte.</h2> -</div> - -<p class="center s90">(Gerade so wiedererzählt wie ich sie gehört habe.)</p> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Es war im Sommer, zur Dämmerstunde. Wir saßen alle -unter dem Vordach des Landhauses, Tante Rahel in bescheidener -Ehrerbietung etwas tiefer wie wir auf den Stufen, -denn sie war unsere Magd und eine Farbige. Von hohem -Wuchs und gewaltigem Körperbau, hatte sie trotz ihrer sechzig -Jahre ihre alte Kraft bewahrt und ihr Augenlicht war noch ungeschwächt. -Der braven, lustigen Seele war das Lachen so -natürlich wie einem Vogel das Singen. Wie gewöhnlich nach -beendetem Tagewerk stand sie auch jetzt wieder im Feuer, das -heißt, sie wurde unbarmherzig geneckt, und das machte ihr großes -Vergnügen. Sie brach wieder und wieder in schallendes Gelächter -aus und wenn sie keinen Atem mehr hatte, hielt sie ihren -Kopf mit beiden Händen fest und schüttelte sich im Uebermaß -der Wonne und des Entzückens.</p> - -<p>»Tante Rahel,« sagte ich zu ihr, als sie dies wieder einmal -that, »wie kommt es, daß du sechzig Jahre alt geworden -bist und gar nichts Trauriges erlebt hast?«</p> - -<p>Da war ihr Lachkrampf vorüber; sie schwieg einen Augenblick, -sah über die Schulter nach mir hin und alle Fröhlichkeit -war von ihr gewichen.</p> - -<p>»Ist das Ihr Ernst, Mista Charles?« fragte sie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[180]</span></p> - -<p>Das überraschte mich sehr und mir verging die scherzhafte -Stimmung.</p> - -<div class="figleft" id="illu-179"> - <img src="images/illu-179.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Je nun,« entgegnete ich betroffen, »ich dachte – das heißt, -ich meinte nur, – du könntest doch unmöglich jemals Kummer -gehabt haben. Noch nie -habe ich einen Seufzer -von dir gehört, und -wenn ich dich sehe, lachst -du immer übers ganze -Gesicht.« Sie drehte -sich jetzt vollends herum -und sah mich mit großer -Ernsthaftigkeit an.</p> - -<p>»Ich – keinen Kummer? -– Hören Sie -Mista Charles, ich erzählen -will alles und -dann sagen Sie sich's -selber. Ich bin geboren -unter Sklaven, ganz da -unten und weiß alle -Dinge von die Sklaverei, -weil ich selbst gewesen -eine. Nun also, -mein Alter – das heißt -mein Mann – der war -lieb und gut zu mir, wie Mista zu seiner eigenen Frau. Sieben -Kinder wir haben gehabt und sie geliebt haben wie Mista liebt -seine Kinder. Sie schwarz gewesen, aber uns' Herrgott können -nicht machen Kinder so schwarz, daß ihre eigene Mutter sie nicht -liebt und für nichts in der ganzen Welt hergeben will.</p> - -<p>»Nun, Mista Charles, groß geworden ich bin im alten Virginien,<span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[181]</span> -aber meine Mutter, sie stammte aus Maryland. – Mein' -Seel', wenn die in Zorn geriet, das schrecklich war; sie konnte -den Leuten die Pelz waschen, daß die Haare flogen. Wenn sie -so recht im Harnisch war, dann sie hatte immer bloß eine Wort, -die sie sagte. Sie reckte hoch sich in der Höhe, stemmte die Fäuste -in die Seite und sagte: ›Na, wartet, ich das werd' euch lehren! -Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack und wollt mich -narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne -ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ – Sehen Sie, so Leute sich -nennen, die in Maryland sind geboren und sind stolz darauf. -Ja, ja, sie sagte das immer, und ich vergeß' es mein Lebtag -nicht, weil sie sagte es so oft und auch einmal, als mein kleiner -Henry sich hatte einer Loch in die Kopf gefallen, gerade auf der -Stirn und seine Handgelenk blutig gerissen – o schrecklich! Und -die Nigger, sie kamen nicht gleich herbeigeflogen, das Kind zu -helfen. Da war meine Mutter furchtbar böse und sie trat vor -sie hin und sagte: ›Na wartet, ihr Nigger, ich das werd' euch -lehren! Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack und -wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue -Henne ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ Dann trieb sie sie alle -aus die Küche 'raus und verband die Kind selbst. Da hab' ich -mich das angewöhnt, und wenn der Aerger über mich kommt, -sag' ich auch das Wort von meine Mutter.</p> - -<p>»Nun also, mit der Zeit, meine alte Missis<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> sagt einmal, -mit ihr wär' alles aus, sie muß verkaufen ihre Platz und alle -Nigger. Wie ich aber höre, daß sie uns wollte verkaufen auf -dem Markt in Richmond – o du meine Güte, das Schrecken! -Ich wußte ja, was der Glocke hat geschlagen.«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Herrin.</p> -</div> -</div> - -<div class="blockquot"> - -<p>(Tante Rahel war allmählich im Eifer ihrer Erzählung aufgestanden; -ihre große Gestalt ragte jetzt über uns hinaus und -hob sich schwarz und deutlich ab vom Sternenhimmel.)</p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[182]</span></p> - -<p>»Sie legten uns in Ketten und stellten uns auf eine Tritt -so hoch wie der Vordach. Und die Leute standen herum, viele -Haufen. Sie kamen da 'rauf und besahen uns von vorn und -von hinten, sie drückten unser Arme, machten uns stehen und -gehen und sagten dann: der ist zu alt, der taugt nichts mehr. -Der ist lahm. Der ist nicht viel wert. Und sie verkauften mein -alter Mann und führten ihn weg. Dann fangen sie an und -verkaufen meine Kinder und nehmen sie fort. Ich laut heule, -aber die Mann sagt: Laß deine verdammte Gewinsel, und schlägt -mich mit sein Hand auf meine Mund. Wenn alle fort sind bis -auf mein kleiner Henry, ich presse ihn ganz fest an meine Brust -und trete hin und schrei: ›den ihr dürft nicht nehmen mit, nein, -nein, wer ihn anrührt, den schlagen ich tot.‹ Aber mein kleiner -Henry, er spricht mir ins Ohr: ›Ich thu weglaufen, und dann -arbeiten ich und kaufen dich los.‹ Gott segne die Kind, es war -immer so gut! – Und das Kerle, sie kommen und nehmen ihn, -aber ich sie packen und reißen sie die Kleider vom Leibe und -schlage sie mit meine Kette über die Kopf. Sie haben's tüchtig -wiedergegeben mir, freilich – aber was kümmerten mich das!</p> - -<p>»Na also, mein Alter war fort und meine Kinder – meine -ganzen sieben Kinder – und sechs davon habe ich nie wieder -mit Augen gesehen bis zum heutigen Tag – zweiundzwanzig -Jahr letzte Ostern. Mich kaufte ein Mann aus Newbern und -hat gebracht mich dorthin. Dann vergehen die Jahre und der -Krieg kommt. Mein Massa<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> war ein Oberst von die Konförderierte -und ich Köchin in seine Familie. Wie aber die Unioner -kommen und einnehmen die Stadt, sind sie alle fortgelaufen und -mich allein gelassen haben mit die andern Nigger in Massas -großes Haus. Nun die großen Offiziers von die Unioner sind -eingezogen und haben mich gefragt, will ich kochen vor ihnen. -›Na Herrje, freilich,‹ sage ich, ›zu was wär' ich sonst da?‹</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Herr.</p> -</div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[183]</span></p> - -<p>»Das sind keine so kleine Offiziers gewesen, nein, von die -allergrößten, und wie die ihre Soldaten 'rumschwenken ließen! -Der General zu mir sagt, ich soll die Kommando haben über -das Küche und alle rausjagen, die sich mengen wollen in meinen -Sachen. ›Nur nicht fürchten dich,‹ sagte er, ›du bist jetzt unter -guten Freunden.‹</p> - -<p>»Na, ich denken bei mir, wenn mein kleiner Henry Gelegenheit -gefunden zum Fortlaufen, so ist er natürlich nach das Norden. -Und eine Tag ich gehe ins Wohnzimmer, wo die großen -Offiziers sind, mache eine Knix und fange an zu erzählen von -mein kleiner Henry, und sie hörten meine traurige Geschichte zu, -gerade als ob ich eins von die weiße Leut' wär'. Und ich sage: -›Weswegen ich komme, das ist, weil, wenn er ist fortgelaufen -und nach das Norden, wo die Herrens herauskommen, sie ihn -haben vielleicht gesehen und können mir sagen, wo ich ihn finden -wieder. Er ganz klein ist und hat eine Narben am linken Handgelenk -und oben auf die Stirn.‹ Dann machten sie betrübte Gesicht -und der General fragt: ›Wie lange ist es her, seit man dir -dein Kind genommen hat?‹ Und ich sage: ›Dreizehn Jahr.‹ -›Dann ist er jetzt nicht mehr klein,‹ antwortet der General, ›er -ist ein Mann.‹</p> - -<p>»Daran ich hatt' vorher nie noch gedacht, er war für mich -noch immer die kleine Junge, mir war nie eingefallen, daß er -gewachsen und groß geworden sein muß. Aber nun ich es verstand. -Keiner von den Offiziers war ihm begegnet und sie konnten -mir nicht helfen. Aber die ganze Zeit, ohne daß ich's wußte, -vor vieler Jahr, war mein Henry schon fort nach das Norden -und war ein Barbier, der für eigener Rechnung arbeiten that. -Wie aber der Krieg kam, da hat er gesagt: ›Jetzt ich laß das -scheren und gehe meine alte Mutter zu suchen, wenn es nicht -schon tot ist.‹ So verkauft er sein Sach' und geht hin, wo sie -Soldaten werben und verdingt sich als Bursche bei die Oberst.<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[184]</span> -Nun er marschiert überall mit durch allen Schlachten, sein alte -Mutter zu finden, erst er war bei eine Offizier, dann bei eine -andere, bis er ist gezogen durch das ganze Süden. Aber von -das alles wußt' ich nicht ein Sterbenswort. Wie ich's sollt' -auch wissen?</p> - -<p>»Nun, eine Abend hatten wir großer Soldatenball. Die -Soldaten in Newbern immerzu wollten tanzen und jubeln, und -sie tanzten oft und oft in meine Küche, weil die ist so arg groß. -Nun wissen Sie, mir gar nicht das gefiel, weil ich diente die -Offiziers, und es ärgerte mich zu sehen die gemeine Soldaten -ihre Sprünge machen in meine Küche. Aber ich blieb immer -dabei und sah nach das Rechte und wenn sie trieben es zu arg -und ich einen Zorn kriegte, dann 'raus mit sie aus meine Küche -– hast du nicht gesehen!</p> - -<p>»Also einemal – Freitag abend – da kam eine ganze -Bataillon von das Nigger-Regiment, das die Wache hatte beim -Haus – die Haus war der Hauptquartier, wissen Sie. Da -kocht alles inwendig bei mir. Ich bin im hellen Zorn und nur -warte drauf, daß sie was thun, daß ich könnte drunter hineinfahren. -Und sie walzten und sprangen herum, heisahopsasa – -und ich schwoll und schwoll vor Wut. Nicht lange, so kommt -da ein junger Springinsfeld von Nigger gesegelt daher, den Arm -um seine gelbe Tänzerin; die drehen und schwingen sich im Kreise, -rund, rund, rund, daß einem ganz wirbelig wird, sie anzusehen. -Und als sie dicht vor mir sind, da hopsen sie erst auf eine Fuß, -dann auf die andere und lachen über meine große rote Kopftuch -und treiben ihren Spaß. Da ich fahre auf sie los und sage: -›Macht, daß ihr fortkommt ihr, ihr Gesindel!‹ Da wird das -Gesicht von der junge Nigger auf einmal ernst, aber nur eine -Augenblick, dann war er wieder lustig und lachte wie zuvor. -Indem kommt eine ganze Bande Nigger herein, die wo die Musik -machen und immer so vornehm thun. Aber sobald sie das an<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[185]</span> -die Abend versuchen, fahre ich auf sie ein. Sie lachten und da -es wurde noch ärger. Die andern Nigger fangen auch an lachen -und nun ich war wie ein Feuerbrand. Ich reckte mich in der -Höhe, so – gerade wie jetzt – fast bis an die Decke, stemmte -die Fäuste in die Seite und sagte: ›Na, wartet, ihr Nigger, ich -das werd' euch lehren. Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem -Bettelsack und wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von -die alte blaue Henne ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ Da stand -die junge Mann stocksteif da, die Augen nach das Decke, als ob -er was vergessen hätt' und sich nicht mehr erinnern könnt'. Ich -aber gehe den Niggers zu Leibe, wie eine richtige General, und -sie nehmen Reißaus und drängen nach die Thür. Und wie die -junge Mann rausgeht, hör' ich, wie er zu einen andern Nigger -sagt: ›Jim‹, sagt er, ›geh' mal hin und sag' die Hauptmann, ich -würd' morgen früh um acht zur Hand sein; aber ich hab' was -auf dem Herzen, schlafen ich kann heute nacht nicht mehr, geh, -laß mich allein.‹</p> - -<p>»Das war um 1 Uhr in die Nacht, und wie es sieben Uhr -schlug, war ich auf und hantierte herum, den Offiziers zu machen -das Frühstück. Wie ich mich nun zu die Ofen bücke – grade -als wär' Ihr Fuß die Ofen – und die Thüre aufmache mit -meine Hand und zurückstoße sie – wie jetzt Ihre Fuß – und -die Pfanne mit das heiße Backwerk in die Hand halte und aufstehen -will – da sehe ich ein schwarzes Gesicht sich vor meines -hinschieben und mir in die Augen schauen – grade wie ich jetzt -ansehe Sie – ich rühre mich nicht und gucke und gucke nur in -einem fort – so – bis die Pfanne zu zittern anfängt – und -auf einmal – da wußt' ich's. Die Pfanne liegt am Boden -und ich packe ihn an der linken Hand, schiebe den Aermel zurück -– grade so, wie ich's mache mit Sie, und dann kommt das -Stirn an die Reihe und ich streiche seine Haar zurück, so – und -›Junge,‹ sag ich, ›wenn du nicht mein Henry bist, wie du kommst<span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[186]</span> -zu die Narbe am Handgelenk und die Schramme auf die Stirn? -– Der Herrgott im Himmel gepriesen sei, ich habe meine Herzensjunge -wieder!‹</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Ja, ja, ich hab' Kummer gehabt – aber auch Freude, -Mista Charles – auch Freude!«</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[187]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Liebe_des_schoenen_Alonzo_Fitz_Clarence">Die Liebe des schönen Alonzo Fitz Clarence -und der schönen Rosannah Ethelton.</h2> -</div> - -<h3>I.</h3> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Es war am Morgen eines bitterkalten Wintertages. Die -Stadt Eastport im Staate Maine lag unter tiefem, frisch -gefallenem Schnee begraben. Das gewöhnliche geschäftige Treiben -auf den Straßen fehlte; weit und breit auf denselben nichts als -eine weiße Decke und entsprechende Stille. Die Trottoirs waren -nur noch lange, tiefe Gräben mit steilen Schneehügeln zu beiden -Seiten. Hie und da konnte man das schwache, ferne Kratzen -einer hölzernen Schaufel vernehmen und ein flüchtiges Bild von -einer entfernten, schwarzen Gestalt erhaschen, die sich bückte und -in einem jener Gräben verschwand, um im nächsten Augenblick -wieder aufzutauchen, mit einer Bewegung, die das Herausschaufeln -von Schnee verriet. Aber man mußte rasch blicken, -denn jene schwarze Gestalt verweilte nicht, sondern ließ bald die -Schaufel fallen und lief auf das Haus zu, wobei sie mit den -Armen um sich warf, um sich zu wärmen. Ja, es war zu -bitter kalt, als daß ein Schneeschaufler oder sonst jemand lange -draußen bleiben konnte.</p> - -<p>Bald darauf verdüsterte sich der Himmel: der Wind hatte -sich erhoben und wirbelte in heftigen ungleichen Stößen ganze -Wolken pulverigen Schnees in die Höhe und nach allen Seiten. -Unter der Wucht dieser Windstöße legten sich große weiße Schneehügel<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[188]</span> -wie Gräber quer über die Straßen; einen Augenblick -später bettete sie ein anderer Windstoß in anderer Richtung, -wobei er einen feinen Sprühregen Schnees von ihren spitzen -Kämmen fegte, wie eine frische Brise den Schaum von den -Wogen spritzt; einem dritten Stoß gefiel es, den Platz so glatt -zu fegen wie einen Tisch. Das war Tändelei, das war Spiel; -aber daß es keiner von diesen Windstößen unterließ, einen Haufen -Schnee in die Trottoirgräben zu werfen, das gehörte offenbar -zum Geschäft.</p> - -<p>Alonzo Fitz Clarence saß in seinem behaglichen und eleganten -kleinen Empfangszimmer, in einem blauseidenen, mit -Aufschlägen und Säumen von karmoisinrotem Sammet besetzten -Schlafrock. Die Ueberreste seines Frühstücks standen vor ihm, und -das zierliche und kostbare Tischzeug fügte der Anmut, Schönheit und -dem Reichtum der Ausstattung des Zimmers noch einen weiteren -harmonischen Reiz bei. Ein lustiges Feuer prasselte im Kamin.</p> - -<p>Ein wütender Windstoß ließ die Fenster erzittern, und eine -große Schneewoge rollte gegen sie, wenn man so sagen darf. -Der hübsche junge Mann murmelte:</p> - -<p>»Das bedeutet – keinen Ausgang heute! Nun meinetwegen. -Aber wie steht's mit der Unterhaltung? Mutter ist ja -ganz recht, Tante Susanne ebenso; aber diese beiden kann ich -immer haben. An einem so bösen Tag bedarf es eines neuen -Interesses, eines frischen Elements, um die stumpfe Schneide der -Gefangenschaft zu schärfen. Eine hübsche Phrase – hat aber -keinen Sinn! Man will ja die Schneide der Gefangenschaft -nicht geschärft haben, sondern gerade das Gegenteil.«</p> - -<p>Er blickte auf seine hübsche französische Stutzuhr.</p> - -<p>»Die Uhr geht wieder falsch; sie weiß kaum je, was die -Zeit ist, und wenn sie es weiß, lügt sie mich an, was auf dasselbe -hinausläuft. – Alfred!«</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[189]</span></p> - -<div class="urshapepic" id="illu-188"> -<div class="boxu box188u"> -<img src="images/illu-188.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box188r"></div> -</div> - -<p>»Alfred! -Ein guter -Diener, aber -ebenso unzuverlässig -wie die Uhr.«</p> - -<p>Alonzo berührte den -Knopf einer elektrischen Leitung in der Wand, wartete ein -Weilchen und berührte ihn dann nochmals; hierauf wartete er -wieder einige Augenblicke und sagte endlich:</p> - -<p>»Ohne Zweifel ist die Batterie nicht in Ordnung; nun ich -aber einmal darauf aus bin, will ich auch herauskriegen, wie -viel Uhr es ist.« Er schritt zu einem Sprachrohr in der Ecke -und rief ›Mutter!‹ mit zweimaliger Wiederholung.</p> - -<p>»Es hilft nichts. Auch der Mutter Batterie geht nicht. -Kann niemand drunten auf die Beine bringen – das ist klar.«</p> - -<p>Er setzte sich vor einem Pult aus Rosenholz nieder, lehnte -sein Kinn gegen dessen linke Kante und sprach, gleichsam gegen -den Fußboden gewendet: »Tante Susanne!«</p> - -<p>Eine leise, angenehme Stimme antwortet: »Bist du's, -Alonzo?«</p> - -<p>»Ja. Ich bin zu faul und fühle mich zu behaglich, um<span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[190]</span> -die Stiege hinabzugehen; ich bin in größter Not und kann -scheints, keine Hilfe herbeirufen.«</p> - -<p>»Du lieber Himmel, was giebt's?«</p> - -<p>»Genug, – das kann ich dir sagen!«</p> - -<p>»O, lasse mich nicht in Ungewißheit, Lieber. Was ist's -denn?«</p> - -<p>»Ich möchte wissen, wie viel Uhr es ist.«</p> - -<p>»Du unartiger Junge; du hast mich recht in Schrecken gejagt! -Ist das alles?«</p> - -<p>»Alles – auf Ehre. Beruhige dich; sage mir die Zeit -und empfange meinen Segen.«</p> - -<p>»Gerade fünf Minuten nach neun Uhr. Keine Ursache zum -Danken – behalte deinen Segen.«</p> - -<p>»Danke schön, Tantchen. Er würde mich nicht gerade ärmer -gemacht haben, und dich nicht so reich, daß du ohne andere Mittel -leben könntest.« Er stand auf und murmelte: »Gerade fünf -Minuten nach neun Uhr,« und stellte sich seiner Uhr gegenüber. -»Ah,« sagte er, »du machst deine Sache besser wie gewöhnlich. -Du gehst nur um vierunddreißig Minuten falsch. Warte … -Warte … Dreiunddreißig und einundzwanzig ist vierundfünfzig; -viermal vierundfünfzig ist zweihundertsechsunddreißig; eins ab, -bleibt zweihundertfünfunddreißig. So ist's recht.«<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Tante und Neffe, welche also per Telephon verkehren, sind weit -auseinander: <em class="gesperrt">sie</em> in San Francisco, er in einer Stadt des Ostens, daher -die Zeitdifferenz.</p> - -<p class="mright"> -Der Uebers. -</p> -</div> -</div> - -<p>Er drehte die Uhrzeiger vorwärts, bis sie fünfundzwanzig -Minuten auf Eins zeigten und sagte: »Nun sieh, ob du nicht -eine Zeit lang richtig gehen kannst … sonst werde ich dir -kommen!«</p> - -<p>Er setzte sich wieder vor das Pult und sagte: »Tante -Susanne!«</p> - -<p>»Ja, Lieber.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[191]</span></p> - -<p>»Gefrühstückt?«</p> - -<p>»Gewiß, vor einer Stunde schon.«</p> - -<p>»Sehr beschäftigt?«</p> - -<p>»Nein – nähe bloß ein wenig. Warum?«</p> - -<p>»Gesellschaft bei dir?«</p> - -<p>»Nein, aber ich erwarte solche um halb zehn Uhr.«</p> - -<p>»Wollte, ich auch. Ich fühle mich einsam und möchte mit -jemand plaudern.«</p> - -<p>»Nun gut, so plaudere mit mir.«</p> - -<p>»Ja, aber ich hab' 'was ganz Privates!«</p> - -<p>»Sei unbesorgt! – plaudre frisch drauf los; es ist außer -mir niemand da.«</p> - -<p>»Ich weiß fast nicht, ob ich es wagen soll, aber –«</p> - -<p>»Aber was? Sprich nur! Du weißt, Alonzo, daß du mir -vertrauen kannst – du weißt es.«</p> - -<p>»Bin überzeugt, Tante; aber die Sache ist sehr ernst; sie -berührt mich sehr nahe – mich und die ganze Familie – selbst -die ganze Gemeinde.«</p> - -<p>»O, Alonzo, sage mir's! Ich werde nie ein Wort davon -laut werden lassen. Um was handelt es sich?«</p> - -<p>»Soll ich's wagen …«</p> - -<p>»O bitte, thu's! Ich habe dich so lieb und kann dir ganz -nachfühlen. Sage mir alles – vertraue mir! Was hast du -auf dem Herzen?«</p> - -<p>»Das Wetter!«</p> - -<p>»Zum Kuckuck mit dem Wetter! Ich weiß nicht, wie du's -übers Herz bringen kannst, mir so mitzuspielen, Lon.«</p> - -<p>»Nun, nun, lieb' Tantchen, es thut mir leid – wirklich, -bei meiner Treu, ich will's nicht wieder thun. Vergiebst du mir?«</p> - -<p>»Meinetwegen, ich sollte es freilich nicht thun; denn du hältst -mich doch wieder zum Besten, sobald ich diesen Streich vergessen -habe.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[192]</span></p> - -<p>»Nein, gewiß nicht – mein Wort darauf. Aber solch ein -Wetter, o, solch ein Wetter! Man muß seine Lebensgeister künstlich -aufrecht erhalten. Schneeig, windig, stürmisch und bitterkalt, -alles auf einmal! Wie ist das Wetter bei euch?«</p> - -<p>»Warm, regnerisch und trübselig. Es wimmelt auf den -Straßen von Regenschirmen, und von dem Ende jedes Fischbeins -ergießt sich ein Strom. Der Behaglichkeit wegen brennt ein Feuer -in meinem Kamin, und damit es nicht so warm wird, sind die -Fenster offen. Aber es ist umsonst: nichts kommt herein als der -linde Hauch des Dezember, geschwängert von den Düften der -Blumen, welchen die Außenwelt gehört und die sich ihres wonnigen -Lebens freuen, während der Geist des Menschen niedergeschlagen -ist, die ihm entgegenleuchten in bunter Pracht, während -seine Seele in Sack und Asche gekleidet ist und sein Herz -brechen möchte.«</p> - -<p>Alonzo öffnete die Lippen, um zu sagen: »Du solltest das -drucken und einrahmen lassen,« unterließ es aber, als er seine -Tante mit einer andern Person sprechen hörte. Er trat ans -Fenster und schaute hinaus auf das winterliche Straßenbild. Der -Sturmwind trieb den Schnee wütender als je vor sich her; die -Fensterläden wurden lärmend hin- und hergeworfen; ein verirrter -Hund mit gesenktem Kopf und eingezogenem Schweif drängte -seinen zitternden Körper gegen eine windgeschützte Mauer, Obdach -und Schutz suchend; ein junges Mädchen watete knietief durch -die Schneehaufen; sie hatte das Gesicht vom Winde abgewandt, -und die Kaputze ihres Regenmantels flatterte von hinten über -ihren Kopf. Alonzo schauderte und er sagte mit einem Seufzer: -»Lieber Kotpfützen und schwüler Regen, und aufdringliche Blumen, -als das!«</p> - -<p>Er wandte sich vom Fenster ab, machte einen Schritt und -blieb dann in lauschender Haltung stehen. Die schwachen, sanften -Töne eines wohlbekannten Liedes schlugen an sein Ohr. Er blieb<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[193]</span> -mit vorwärts gebeugtem Kopf stehen und sog die Melodie ein, -– weder Hand noch Fuß rührte sich, er atmete kaum. Dem -Vortrag des Liedes fehlte etwas; unserem Alonzo aber schien -das kein Fehler, sondern eher ein weiterer Reiz zu sein. Dieser -Fehler bestand in einem auffallenden Sinken der Stimme bei -der dritten bis siebenten Note des Refrains oder Chors des -Liedes. Als der Gesang zu Ende war, holte Alonzo tief Atem -und sagte: »Ah, nie zuvor habe ich ›<em class="antiqua">In the Sweet By-and-By</em>‹ -so schön singen hören!«</p> - -<p>Er schritt rasch zum Pult, horchte einen Augenblick und -sagte dann leise und vertraulich: »Tantchen, wer ist denn diese -göttliche Sängerin?«</p> - -<p>»Es ist der Besuch, den ich erwartete. Bleibt einen bis -zwei Monate bei mir. Will dich ihr vorstellen, – Fräulein …«</p> - -<p>»Um Gottes willen, warte einen Augenblick, Tante Susanne! -Du überlegst doch auch gar nicht.«</p> - -<p>Er flog in sein Schlafzimmer und kehrte einen Augenblick -später, merklich in seiner äußeren Erscheinung verändert, wieder, -indem er schnippisch bemerkte: »Bei Gott, sie würde mich diesem -Engel in meinem himmelblauen Schlafrock da, mit den feuerroten -Aufschlägen, vorgestellt haben. Die Weiber denken doch nie, wenn -sie einmal im Eifer sind.«</p> - -<p>Er eilte zu dem Pult, blieb stehen und rief halblaut: »Nun, -Tante, bin ich fertig,« worauf er sich mit all der einschmeichelnden -Eleganz, die ihm zu Gebote stand, lächelnd verbeugte.</p> - -<p>»Sogleich! – Fräulein Rosannah Ethelton, darf ich Ihnen -meinen liebsten Neffen, Herrn Alonzo Fitz Clarence vorstellen? -So! Ihr seid beide artige Kinder, und so will ich euch denn vertrauen -und allein beisammen lassen, derweil ich einiges fürs Haus -besorge. Setzen Sie sich, Rosannah; setze dich, Alonzo. Adieu; -ich werde bald wieder da sein.«</p> - -<p>Alonzo hatte sich währenddessen immerzu verbeugt und unsichtbaren<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[194]</span> -jungen Damen unsichtbare Sitze angewiesen, jetzt aber -setzte er sich selbst, indem er zu sich sagte: »Na, das nenn' ich -Glück! Nun mögen die Winde sausen und der Schnee wehen -und die Himmel finster drein blicken! Was ficht's mich an!«</p> - -<p>Während die jungen Leute sich nun in die Bekanntschaft -hineinplaudern, nehmen wir uns die Freiheit, das Schönere und -Holdere der beiden genauer zu betrachten. Sie saß allein, in -anmutiger Ungezwungenheit, in einem reich möblierten Gemach, -welches offenbar das Empfangszimmer einer feinen und reichen -Dame war. Neben einem niederen, bequemen Sessel stand ein -zierliches Arbeitstischchen, auf dem sich ein phantastisch gestickter -flacher Korb erhob, aus dessen offenem Deckel sich Stickgarn von -verschiedenen Farben, Litzen und Bänder hervordrängten und in -nachlässiger Fülle herabhingen. Auf einem üppigen Sofa, das -mit einem weichen indischen, aus schwarzen und goldenen Fäden -gewebten, und von anderen Fäden in gedämpfteren Farben durchschossenen -Stoffe überzogen war, lag eine noch unfertige Straminarbeit, -einen in reichen Farben prangenden Blumenstrauß darstellend. -Die Hauskatze schlief gerade auf diesem Kunstwerk. In -einem Bogenfenster stand eine Staffelei mit einem unvollendeten -Gemälde, Palette und Pinsel lagen auf einem Stuhle daneben. -Bücher, wohin man sah: Robertsons Predigten, Tennyson, Moody -und Sankey, Hawthorne, Longfellow, Kochbücher, Gebetbücher, -Stickmusterbücher, nicht zu vergessen alle Arten von Büchern über -Renaissancemöbel und Majolikas. Auch ein Piano war da mit -einem Stoß Musikalien daneben. An den Wänden hing eine -Menge Bilder, andere standen auf Kaminsims und Eckbrettern, -und wo sich ein Plätzchen dazu fand, waren plastische Figuren, -altmodischer Nippsachen-Krimskrams und besonders viel seltenes -und kostbares chinesisches Porzellan aufgestellt. Das Bogenfenster -ging auf einen Garten, aus dem fremde und einheimische Blumen -und blühende Sträucher hervorstrahlten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[195]</span></p> - -<div class="urshapepic" id="illu-194"> -<div class="boxu box194u"> -<img src="images/illu-194.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box194r"></div> -</div> - -<p>Aber das holde junge Mädchen war das reizendste, was -dieser Wohnsitz drinnen und draußen dem Auge bieten konnte: -zartgeformte Züge von griechischem Schnitte, ihre Gesichtsfarbe -der reine -Schnee einer -Lilie, -auf die von -einem scharlachfarbenen -Gartennachbar -ein -schwacher -Abglanz -fällt; große, -sanfte blaue -Augen, mit -langen, geschweiften -Wimpern -befranst; im Gesicht die -Treuherzigkeit eines Kindes -und die Sanftmut -eines Rehes; der hübsche -Kopf mit goldglänzendem -Haar verschwenderisch -reich gekrönt; eine geschmeidige -und doch wohlgerundete -Gestalt, die in jeder Haltung und Bewegung von natürlicher -Anmut erfüllt war.</p> - -<p>Ihr Anzug und Schmuck zeigte jene ausgesuchte Harmonie, -die nur von einem feinen natürlichen, durch Kultur vervollkommneten -Geschmack kommen kann. Ihr Kleid war von einfachem,<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[196]</span> -magentafarbenen Tüll, der Quere nach geschnitten und gekreuzt -von drei Reihen hellblauer Falbeln; der Ueberwurf von dunkelrotbraunem -Tarlatan, mit Stickereien von scharlachfarbenem Atlas; -kornfarbige Polonaise <em class="antiqua">en panier</em>, mit Perlmutterknöpfen und -Silberschnüren besetzt, nach hinten aufgenommen und mit Litzen -von lederfarbenem Sammet befestigt; Schöße von lavendelfarbenem -Rips, mit Valenzienner Spitzen ausgeputzt; Krawatte von kastanienfarbenem -Sammet, mit zarter Rosaseide eingefaßt; Halstuch -von einem einfachen dreifaltigen, in der Wolle gefärbten -Gewebe von gedämpftem Safrangelb; Korallenarmbänder und -Halskette mit Medaillon; Haarschmuck von Vergißmeinnicht und -Maiblümchen, die sich zahlreich um eine edle Calla drängten.</p> - -<p>Das war alles; doch selbst in diesem schlichten Anzug war -sie göttlich schön; was müßte sie erst gewesen sein, wenn geschmückt -zum Fest oder Ball?</p> - -<p>Ahnungslos, daß wir sie dieser Besichtigung unterzogen, -hatte sie mittlerweile eifrig mit Alonzo geplaudert. Rasch enteilten -die Minuten, und noch immer plauderten sie. Endlich aber -blickte sie zufällig empor und sah auf die Uhr. Ein tiefes Erröten -durchschoß ihre Wangen und sie rief aus:</p> - -<p>»Und nun adieu, Herr Fitz Clarence; ich muß jetzt gehen!«</p> - -<p>Sie sprang mit solcher Hast von ihrem Stuhl empor, daß -sie kaum des jungen Mannes Abschiedsgruß hörte. Strahlend -von Anmut und Schönheit stand sie da und schaute verwundert -auf die anklagende Uhr; dann öffneten sich ihre vollen Lippen -und sie sagte zu sich:</p> - -<p>»Fünf Minuten über elf! Fast zwei Stunden, und es -schienen keine zwanzig Minuten zu sein. Du lieber Himmel, was -wird er von mir denken!«</p> - -<p>In demselben Augenblicke starrte Alonzo auf seine Uhr und -sagte dann zu sich:</p> - -<p>»Fünfunddreißig Minuten über zwei Uhr! Fast zwei Stunden,<span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[197]</span> -und ich glaubte, es wären keine zwei Minuten! Am Ende -schwindelt die Uhr wieder? Fräulein Ethelton! Nur einen Augenblick, -bitte. Sind Sie noch hier?«</p> - -<p>»Ja, aber bitte schnell! muß sogleich gehen.«</p> - -<p>»Möchten Sie so freundlich sein, mir zu sagen, wie viel -Uhr es ist?«</p> - -<p>Das Mädchen errötete wieder und sagte leise für sich: »Es -ist geradezu grausam, mich zu fragen!« und gab dann laut und -mit bewundernswert gespielter Gleichgültigkeit zur Antwort: -»Fünf Minuten über elf.«</p> - -<p>»So? ich danke Ihnen! Sie müssen also jetzt wirklich gehen?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Das thut mir leid.«</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>»Fräulein Ethelton!«</p> - -<p>»Nun?«</p> - -<p>»Sie – Sie sind noch da, nicht wahr?«</p> - -<p>»Ja; aber bitte, beeilen Sie sich. Was wollten Sie sagen?«</p> - -<p>»Nun, ich – nun, nichts Besonderes. Es ist so einsam -hier. Es ist viel verlangt, ich weiß es; aber möchten Sie wohl -bald wieder mit mir plaudern – das heißt, wenn es Ihnen -nicht unangenehm ist?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht – aber ich will mich besinnen – ich -denke, ja.«</p> - -<p>»O, tausend Dank! Fräulein Ethelton? … O weh, sie -ist fort, und da sind die schwarzen Wolken und der wirbelnde -Schnee und die stürmischen Winde wieder! Aber sie sagte <em class="gesperrt">adieu</em>! -Sie sagte nicht Guten Morgen, sie sagte adieu! … Die Uhr -ging also doch recht. Wie blitzbeschwingt diese zwei Stunden -waren!«</p> - -<p>Er setzte sich nieder, blickte eine Weile träumerisch in das -Feuer, seufzte dann tief auf und sagte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[198]</span></p> - -<p>»Wie wunderbar! Vor zwei Stündchen noch war ich ein -freier Mann, und jetzt ist mein Herz in San Francisco!«</p> - -<p>Um dieselbe Zeit saß Rosannah Ethelton, mit einem Buche -in der Hand, in der Fensternische ihres Schlafzimmers und blickte -zerstreut hinaus über die regnerischen Seen, die das ›goldene -Thor‹ (Hafen von San Francisco) wuschen, und flüsterte für -sich: »Wie ganz anders er doch ist als der arme Burley mit -seinem leeren Kopf und seinem einzigen komödiantenhaften Talent -der Nachäffung.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>II.</h3> - -<p>Vier Wochen später unterhielt Herr Sidney Algernon Burley -eine fröhliche Frühstücksgesellschaft in einem prächtigen Salon auf -Telegraph Hill mit einigen köstlichen Nachahmungen der Stimmen -und Gebärden gewisser beliebter Schauspieler, gewisser Litteraten -aus San Francisco und Bonanzaer Granden.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> Er war eine -elegante Erscheinung, und – abgesehen von einem unbedeutenden -Schielen – ein hübscher Mensch. Er schien sehr guter Stimmung -zu sein, trotzdem blickte er von Zeit zu Zeit voll unruhiger -Erwartung nach der Thüre. Endlich erschien ein Lakai, welcher -der Frau vom Hause eine Botschaft brachte, worauf die Dame -verständnisvoll mit dem Kopf nickte. Das schien Burleys Erwartung -ein Ende zu machen; seine Lebhaftigkeit nahm nach und -nach ab und sein Gesicht einen niedergeschlagenen Ausdruck an.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Besitzer von großen Farmen, sogenannten ›Bonanzafarmen‹.</p> -<p class="mright"> -Anm. des Uebers. -</p> -</div> - -</div> - -<p>Die Gesellschaft entfernte sich, als es an der Zeit war, und -er blieb allein mit der Hausfrau, zu der er sagte:</p> - -<p>»Es kann kein Zweifel mehr sein: sie weicht mir aus, sie -entschuldigt sich fortwährend. Wenn ich sie nur sehen, nur einen -Augenblick mit ihr sprechen könnte – aber diese Ungewißheit –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[199]</span></p> - -<p>»Vielleicht ist ihr scheinbares Ausweichen bloßer Zufall. -Gehen Sie in das kleine Empfangszimmer droben und warten -Sie einen Augenblick. Ich muß rasch einen häuslichen Auftrag -geben, der mir eben einfällt, und will dann auf ihr Zimmer -gehen. Sie wird sich gewiß bestimmen lassen, Sie zu empfangen.«</p> - -<p>Herr Burley ging die Stiege hinauf in der Absicht, das -kleine Empfangszimmer aufzusuchen; als er aber an ›Tante Susannes‹ -Boudoir vorüberging, dessen Thüre ein wenig offen stand, -hörte er ein ihm wohlbekanntes fröhliches Lachen; so ging er -denn ohne anzuklopfen und unangemeldet hinein. Ehe er aber -seine Nähe bemerklich machen konnte, hörte er Worte, die ihm -schwer auf die Seele fielen und sein Blut erkalten machten. Er -hörte vor dem Telephon eine Stimme sagen: »Liebste, es ist -angekommen, es ist da.«</p> - -<p>Dann hörte er Rosannah Ethelton, die mit dem Rücken -gegen ihn stand, antworten: »Das deinige auch, Teuerster!«</p> - -<p>Er sah ihre vorgebeugte Gestalt sich noch tiefer herabbeugen; -er hörte sie etwas küssen – nicht bloß einmal, sondern wieder -und wieder! Seine Galle kochte in ihm. Die herzbrechende -Unterredung wurde fortgesetzt:</p> - -<p>»Rosannah, ich wußte, daß du schön sein müßtest; aber dein -Bild übertrifft meine Ahnung: ich bin völlig geblendet!«</p> - -<p>»Alonzo, es macht mich überglücklich, daß du das sagst. -Ich weiß zwar, daß es nicht wahr ist; aber ich bin trotzdem -dankbar, daß du es glaubst! Ich wußte, daß du edle Züge -haben müßtest, aber die Anmut und Majestät der Wirklichkeit -machen die Schöpfung meiner Phantasie zu einem armseligen -Schattenbild.«</p> - -<p>Burley hörte wieder jenen prasselnden Schauer von Küssen.</p> - -<p>»Ich danke dir, meine Rosannah! Die Photographie -schmeichelt mir, aber daran mußt du nicht denken. – Mein -Schätzchen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[200]</span></p> - -<p>»Ja, Alonzo?«</p> - -<p>»Ich bin so glücklich, Rosannah.«</p> - -<p>»O, Alonzo. Jetzt weiß ich, was Liebe ist. Ich schwebe -in einem prächtigen Wolkenland, in einem grenzenlosen Himmel -zauberhaften und sinnberauschenden Entzückens.«</p> - -<p>»O, meine Rosannah! – denn -du bist ja mein, nicht wahr?«</p> - -<div class="ulshapepic" id="illu-199"> -<div class="boxu box199u"> -<img src="images/illu-199.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box199l"></div> -</div> - -<p>»Ganz, o, ganz dein, Alonzo, -jetzt und immerdar! Den ganzen Tag -hindurch und in meinen nächtlichen -Träumen höre ich immer -ein Lied, dessen holder -Refrain lautet: Alonzo -Fitz Clarence, Alonzo -Fitz Clarence -zu Eastport im -Staate Maine!«</p> - -<p>»Verwünscht -sei er! – ich -habe jetzt wenigstens -seine Adresse!« brüllte Burley innerlich -und eilte fort.</p> - -<p>Hinter dem ahnungslosen Alonzo -aber stand plötzlich seine Mutter, ein -Bild des Staunens. Sie war vom Kopf -bis zu den Füßen in Pelze gehüllt, so daß außer Augen und Nase -nichts von ihr zu sehen war. Sie stand da, wie eine gute Allegorie -des Winters, über und über mit feinen Schneeflocken bestreut.</p> - -<p>Hinter der ahnungslosen Rosannah stand Tante Susanne, -ein zweites Bild des Staunens. Sie war eine gute Allegorie -des Sommers, denn sie war leicht gekleidet und kühlte sich mit -einem Fächer das heiße Gesicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[201]</span></p> - -<p>Beiden Frauen standen Freudenthränen in den Augen.</p> - -<p>»Haha!« rief Frau Fitz Clarence aus, »das erklärt, weshalb -dich seit sechs Wochen niemand aus deinem Zimmer zu -bringen vermochte, Alonzo!«</p> - -<p>»Aha!« rief Tante Susanne aus, »jetzt weiß ich, weshalb -Sie in den letzten sechs Wochen eine Einsiedlerin waren, Rosannah!«</p> - -<div class="figright" id="illu-200"> - <img src="images/illu-200.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Die jungen Leute -waren im Nu auf -den Füßen, und standen -betreten da, wie -Schmuggler von Gold -und Juwelen, die man -beim Handwerk ertappt -hat.</p> - -<p>»Sei gesegnet, -mein Sohn! Ich bin -glücklich in eurem Glück. -Komm' in deiner Mutter -Arme, Alonzo!«</p> - -<p>»Sei gesegnet, -Rosannah, um meines -lieben Neffens -willen. Komm' in meine -Arme!«</p> - -<p>Die Herzen schwammen in Wonne auf Telegraph Hill und -in Eastport Square.</p> - -<p>An beiden Orten wurden Diener gerufen. Dem einen wurde -der Befehl gegeben: »Wirf noch mehr Walnußbaumholz ins -Feuer und bringe mir ein siedheißes Glas Glühwein.« Dem -andern wurde der Auftrag erteilt: »Lösche das Feuer und bringe -mir zwei Palmblattfächer und eine Flasche Eiswasser.«</p> - -<p>Dann wurden die jungen Leute weggeschickt, und die beiden<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[202]</span> -älteren setzten sich nieder, um die angenehme Ueberraschung zu -besprechen und Heiratspläne zu entwerfen.</p> - -<p>Einige Minuten vorher stürzte Herr Burley aus dem Hause -auf Telegraph Hill, ohne jemandem zu begegnen oder von jemand -förmlichen Abschied zu nehmen. In unbewußter Nachahmung -einer bekannten Stelle in einem Melodrama zischte er zwischen -den Zähnen hervor: »Sein soll sie niemals werden! Ich hab's -geschworen! Ehe die Natur ihren Winterhermelin abgelegt haben -wird, um den Smaragdschmuck des Frühlings anzulegen, soll -sie mein sein!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>III.</h3> - -<p>Ein paar Wochen später. – Drei oder vier Tage lang -empfing Alonzo alle paar Stunden den Besuch eines sehr schmuck -und gottesfürchtig aussehenden Geistlichen, der auf einem Auge -schielte; nach seiner Visitenkarte war er der hochwürdige Melton -Hargrave aus Cincinnati. Er sagte, er habe sich ›seiner Gesundheit -wegen‹ von der Seelsorge zurückgezogen; wenn er gesagt -hätte: ›wegen seiner Kränklichkeit‹, würde ihn sein gesundes -Aussehen und sein kräftiger Körperbau stark Lügen gestraft haben. -Er stellte sich als Erfinder einer Verbesserung an Telephonen -vor, der durch Verkauf des bezüglichen Patents sich seinen Lebensunterhalt -zu verdienen hoffte. »Heutzutage,« sagte er, »kann -jeder, der Lust hat, einen Telegraphendraht anzapfen, welcher -ein Lied oder ein Konzert aus einem Staate in einen andern -leitet, sein eigenes Telephon daranhängen und diebisch jene Musik -anhören, während sie vorübergleitet. Meine Erfindung wird -dem ein Ende machen.«</p> - -<p>»Nun,« antwortete Alonzo, »was kann dem Eigentümer -der Musik daran liegen, wenn ihm der Diebstahl nichts schadet?«</p> - -<p>»Nichts,« sagte der Hochwürdige.</p> - -<p>»Nun, also?« sagte Alonzo fragend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[203]</span></p> - -<p>»Angenommen aber,« antwortete der Hochwürdige, – »angenommen, -daß statt der Musik, die im Vorübergleiten gestohlen -werden kann, der Draht Liebeszärtlichkeiten geheimster und heiligster -Natur aussendet?«</p> - -<p>Alonzo schauderte vom Scheitel bis zur Zehe. »Mein Herr, -ich verstehe, Ihre Erfindung ist unbezahlbar; ich muß sie haben -– um jeden Preis.«</p> - -<p>Aber die Erfindung, welche aus Cincinnati bestellt war, -wollte nicht eintreffen. Alonzo verging vor Ungeduld: der Gedanke, -daß Rosannahs liebe Worte von irgend einem elenden -Neugierigen geteilt würden, war ihm eine Folter. Der Hochwürdige -kam häufig und beklagte den Verzug und sprach von -Maßregeln, die er getroffen, um die Ankunft zu beschleunigen. -Das war ein kleiner Trost für Alonzo.</p> - -<p>Eines Vormittags stieg der Hochwürdige die Treppe hinan -und klopfte an Alonzos Thür: es erfolgte keine Antwort. Er -trat ein, blickte forschend umher und eilte dann zum Telephon. -Die ausnehmend sanften fernen Töne des ›<em class="antiqua">Sweet By-and-By</em>‹ -fluteten durch das Instrument. Die Sängerin nahm wie gewöhnlich -die fünf Noten, die den beiden ersten im Chor folgten, -um einen halben Ton zu tief, als der Hochwürdige sie – in -einer Stimme, welche diejenige Alonzos täuschend, nur mit einem -entfernten Anflug von Ungeduld, nachahmte – plötzlich unterbrach:</p> - -<p>»Mein Schatz?«</p> - -<p>»Ja, Alonzo?«</p> - -<p>»Bitte, singe das in dieser Woche nicht mehr, – probiere -etwas Modernes.«</p> - -<p>Ein leichter Schritt, wie er zu einem glücklichen Herzen paßt, -wurde jetzt auf der Treppe hörbar, worauf der Hochwürdige -teuflisch lächelnd rasch Zuflucht hinter den schweren Falten der -sammetnen Fenstervorhänge suchte. Alonzo trat ein, flog zum -Telephon und sagte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[204]</span></p> - -<p>»Liebste Rosannah, wollen wir zusammen singen?«</p> - -<p>»Etwas <em class="gesperrt">Modernes</em>?« gab sie mit sarkastischer Bitterkeit -zurück.</p> - -<p>»Ja, wenn dir's recht ist!«</p> - -<p>»Singen Sie's selbst, wenn es Ihnen beliebt!«</p> - -<p>Dieses schnippische Wesen verblüffte und verletzte den jungen -Mann. Er sagte: –</p> - -<p>»Rosannah, das sah dir nicht ähnlich.«</p> - -<p>»Ich denke, es steht mir ebenso wohl an, als Ihre höfliche -Rede Ihnen anstand, Herr Fitz Clarence.«</p> - -<p>»Herr Fitz Clarence! Rosannah, es lag nichts Unhöfliches -in meinen Worten.«</p> - -<p>»O, wirklich! Dann habe ich Sie natürlich falsch verstanden -und muß Sie demütig um Verzeihung bitten, ha – ha – ha! -Ohne Zweifel sagten Sie: ›Singe es <em class="gesperrt">heute</em> nicht mehr.‹«</p> - -<p>»Singe heute – <em class="gesperrt">was</em> nicht mehr?«</p> - -<p>»Natürlich das Lied, das Sie erwähnten. Wie begriffsstutzig -wir plötzlich sind!«</p> - -<p>»Ich erwähnte gar kein Lied.«</p> - -<p>»O, wirklich nicht?«</p> - -<p>»Nein, wirklich nicht!«</p> - -<p>»Ich sehe mich zu der Bemerkung gezwungen, daß Sie -es <em class="gesperrt">thaten</em>!«</p> - -<p>»Und ich sehe mich nochmals zu der Erklärung gezwungen, -daß ich's <em class="gesperrt">nicht</em> that.«</p> - -<p>»Eine zweite Grobheit! Das genügt, mein Herr. Ich -werde Ihnen nie vergeben: alles ist aus zwischen uns.«</p> - -<p>Dann hörte man ein verhaltenes Schluchzen. Alonzo sagte -hastig:</p> - -<p>»O, Rosannah, nimm diese Worte zurück! Dahinter steckt -ein schreckliches Geheimnis, irgend ein entsetzliches Mißverständnis. -Im vollen Ernst und ganz aufrichtig gesagt, ich habe nichts<span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[205]</span> -von einem Lied erwähnt. Ich möchte dich um alles in der Welt -nicht verletzen … Rosannah, Liebste? … O, sprich mit mir, -ich bitte dich!«</p> - -<p>Es folgte eine Pause; dann hörte Alonzo des Mädchens -Schluchzen wie aus weiter Ferne; sie hatte sich vom Telephon -zurückgezogen. Er erhob sich mit einem schweren Seufzer und -eilte aus dem Zimmer, vor sich hinmurmelnd: »Ich muß meine -Mutter aufsuchen. Sie wird ihr hoffentlich die Ueberzeugung -beibringen, daß ich sie nicht verletzen wollte.«</p> - -<p>Eine Minute später krümmte sich der Ehrwürdige über das -Telephon, wie eine Katze, welche die Wege ihrer Beute kennt. -Er brauchte nicht lange zu warten; nach einigen Minuten hörte -man eine sanfte, bereuende, von Thränen zitternde Stimme -sagen:</p> - -<p>»Lieber Alonzo, ich hatte unrecht; du kannst etwas so Grausames -nicht gesagt haben. Es muß jemand gewesen sein, der -deine Stimme im Scherz oder aus Bosheit nachahmte.«</p> - -<p>Der Hochwürdige antwortete kalt in Alonzos Stimme:</p> - -<p>»Sie haben gesagt, daß alles zwischen uns vorüber ist; und -so sei es. Ich verschmähe Ihre angebotene Reue und verachte Sie!«</p> - -<p>Dann entfernte er sich, strahlend vor Triumph, um nie mehr -mit seiner vorgeblichen Telephonverbesserung zurückzukehren.</p> - -<p>Vier Stunden später kam Alonzo, der seine Mutter bei -Bekannten hatte suchen müssen, zurück. Sie riefen ihre Angehörigen -in San Francisco an, aber es erfolgte keine Antwort. -Sie warteten und warteten am sprachlosen Telephon.</p> - -<p>Endlich, als in San Francisco die Sonne unterging, drei -und eine halbe Stunde nach der Dämmerung in Eastport, erfolgte -eine Antwort auf den oft wiederholten Ruf: ›Rosannah!‹</p> - -<p>Aber ach! es war Tante Susannes Stimme, die sprach:</p> - -<p>»War den ganzen Tag nicht zu Hause; bin eben heimgekehrt. -Will sie sogleich aufsuchen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[206]</span></p> - -<p>Die Harrenden warteten zwei – fünf – zehn Minuten; -dann kamen in erschrockenem Ton folgende verhängnisvolle -Worte: –</p> - -<p>»Sie ist fort, und ihr Gepäck mit ihr, um eine auswärtige -Freundin zu besuchen, wie sie den Dienstboten sagte. Auf dem -Tisch in ihrem Zimmer aber fand ich eine Notiz mit den Worten: -›Ich bin gegangen; forscht mir nicht nach; mein Herz ist gebrochen; -ihr werdet mich nimmer wiedersehen. Sagt ihm, ich -werde immer an ihn denken, wenn ich mein armes ›<em class="antiqua">Sweet By-and-By</em>‹ -singe, nie aber an die unfreundlichen Worte, die er -darüber gesprochen.‹ So lautet ihre Mitteilung. Alonzo, Alonzo, -was hat das zu bedeuten? Was ist geschehen?«</p> - -<p>Alonzo aber saß blaß und starr da wie eine Leiche. Seine -Mutter zog die sammetnen Vorhänge zurück und öffnete ein -Fenster. Die kalte Luft erfrischte den Leidenden, und er erzählte -seiner Tante seine trübselige Geschichte. Mittlerweile besichtigte -seine Mutter eine Visitenkarte, die auf dem Fußboden zum Vorschein -gekommen war, als sie die Vorhänge zurückzog. Auf der -Karte stand: Sidney Algernon Burley, San Francisco.</p> - -<p>»Der Schurke!« rief Alonzo und stürzte hinaus, um den -falschen Hochwürdigen zu suchen und zu vernichten. Die Karte -erklärte alles, denn die Liebenden hatten im Verlaufe ihrer gegenseitigen -Bekenntnisse einander alles erzählt von den Liebsten, die -sie je gehabt, und all ihre Mängel und Schwächen unbarmherzig -verdammt – das ist bei Liebenden so Brauch: es hat einen -eigenen Reiz für sie, und er kommt gleich nach dem des Girrens -und Schnäbelns.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>IV.</h3> - -<p>Während der nächsten zwei Monate ereignete sich viel. Es -war bald kund geworden, daß Rosannah (die arme duldende -Waise!) weder zu ihrer Großmutter zu Portland in Oregon<span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[207]</span> -zurückgekehrt war, noch ihr irgendwelche Nachricht gesandt hatte, -außer einer Abschrift der leidvollen Notiz, die sie in dem Hause -auf Telegraph Hill zurückgelassen hatte. Wer ihr auch ein Obdach -gewährte, – wenn sie -noch lebte, – war ohne -Zweifel von ihr beredet worden, -ihren Aufenthalt nicht -zu verraten, denn alle Versuche, -sie aufzufinden, waren -mißlungen.</p> - -<div class="figright" id="illu-206"> - <img src="images/illu-206.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Gab Alonzo sie auf? -Keineswegs. Er sagte bei -sich: »Sie wird jenes holde -Lied singen, wenn sie schwermütig -ist; ich werde sie finden.« -Und so nahm er seinen -Reisesack und ein tragbares -Telephon und schüttelte den -Schnee seiner Vaterstadt von -seinen Füßen und ging hinaus -in die Welt. Er wanderte -weit und breit hin und -her und durch viele Staaten; -wieder und wieder blickten -Fremde erstaunt auf einen -abgezehrten, blassen, melancholischen -Mann, der mühevoll -an winterlichen und einsamen Orten eine Telegraphenstange -erklomm, dort traurig eine Stunde saß mit dem Ohr an einem -kleinen Kästchen, dann seufzend herabkam und müde weiterwanderte. -Manchmal wurde auf ihn geschossen, weil man ihn -für verrückt und gefährlich hielt. Seine Kleider wurden von<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[208]</span> -Kugeln zerfetzt und er selber am Ende schwer verletzt; aber er -ertrug alles geduldig.</p> - -<p>So verflossen langsam sieben Wochen, und endlich ergriffen -ihn einige Menschenfreunde und brachten ihn in eine Privatirrenanstalt -zu New York. Er wehklagte nicht, denn alle seine -Kraft war dahin, und mit ihr aller Mut und alle Hoffnung. -Der Oberaufseher trat ihm mitleidig seine eigenen behaglichen -Gemächer, Wohn- und Schlafzimmer ab und pflegte ihn mit -liebender Hingebung.</p> - -<p>Nach Verlauf einer Woche war der Patient imstande, zum -erstenmale das Bett zu verlassen. Er lag, auf Kissen gestützt, -bequem auf dem Sofa und lauschte den Klagelauten der frostigen -Märzwinde und dem dumpfen Ton der Fußtritte auf der Straße -drunten, – denn es war etwa sechs Uhr abends, und New York -ging von der Arbeit heim. Er hatte ein helles Feuer und zur -Erhöhung der Behaglichkeit zwei Studierlampen, und so war -es warm und behaglich drinnen, wenn auch draußen frostig -und rauh.</p> - -<p>Ein schwaches Lächeln glitt über Alonzos Antlitz bei dem -Gedanken, daß seine Streifereien aus Liebe ihn in den Augen -der Welt zu einem Verrückten gemacht hatten, und er wollte -eben seinen Gedankengang weiter verfolgen, als eine schwache, -holde Melodie – sozusagen ein Tonschatten, so fern und dünn -schien sie – an sein Ohr schlug. Seine Pulse hörten auf zu -schlagen; er lauschte mit offenen Lippen und verhaltenem Atem. -Das Lied tönte weiter – er harrte, lauschte, erhob sich langsam -und unbewußt aus seiner Rückenlage und rief endlich frohlockend -aus:</p> - -<p>»Sie ist's! sie ist's! O, die göttlichen, um einen halben -Ton zu tiefen Noten!«</p> - -<p>Er schleppte sich begierig zu der Ecke, aus der die Töne -kamen, riß einen Vorhang auf die Seite und entdeckte ein Telephon.<span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[209]</span> -Er beugte sich darüber, und als die letzte Note erstarb, brach -er in den lauten Ausruf aus:</p> - -<p>»O, dem Himmel sei Dank, endlich gefunden! Sprich mit -mir, teuerste Rosannah! Das qualvolle Geheimnis ist enthüllt; -es war der schurkische Burley, der meine Stimme nachahmte und -dich mit unverschämter Rede beleidigte!«</p> - -<p>Es folgte eine atemlose Pause, für den wartenden Alonzo -ein Menschenalter; dann kam ein schwacher Laut, der sich zur -Rede formte:</p> - -<p>»O, sage diese köstlichen Worte nochmals, Alonzo!«</p> - -<p>»Sie sind die Wahrheit, die reinste Wahrheit, meine Rosannah, -und du sollst den Beweis haben, glänzenden und vollen -Beweis!«</p> - -<p>»O, Alonzo, bleibe bei mir! Verlasse mich keinen Augenblick! -Laß mich fühlen, daß du mir nahe bist! Sage mir, daß -wir nie wieder getrennt sein sollen! O, diese glückliche Stunde, -diese gesegnete, denkwürdige Stunde!«</p> - -<p>»Wir wollen sie uns ins Gedächtnis einprägen, meine -Rosannah; jedes Jahr, wenn die Uhr diese Stunde schlägt, -werden wir sie mit Dankgebeten feiern, unser ganzes Leben lang.«</p> - -<p>»Das wollen wir, Alonzo, – ja, das wollen wir!«</p> - -<p>»Vier Minuten nach sechs Uhr abends, meine Rosannah, -soll hinfort – –«</p> - -<p>»Zwölf Uhr dreiundzwanzig Minuten nachmittags – –«</p> - -<p>»Ei, Rosannah, mein Schatz, wo bist du denn?«</p> - -<p>»In Honolulu auf den Sandwichsinseln. Und wo bist du? -Bleibe bei mir; verlasse mich keinen Augenblick! Ich könnt' es -nicht ertragen. Bist du daheim?«</p> - -<p>»Nein, Teure, ich bin in New York – ein Patient in ärztlicher -Behandlung.«</p> - -<p>Ein qualvoller Schrei drang in Alonzos Ohr, es klang wie -das scharfe Summen einer verletzten Fliege: die Reise von ein<span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[210]</span> -paar tausend Meilen hatte die Kraft des Lautes abgeschwächt. -Alonzo sagte rasch:</p> - -<p>»Beruhige dich, mein Kind. Es ist nichts; ich werde bereits -wieder gesund durch die Heilkraft deiner holden Nähe. – Meine -Rosannah!«</p> - -<p>»Ja, Alonzo? O, wie du mich erschreckt hast! Fahre fort.«</p> - -<p>»Bestimme den Hochzeitstag, Rosannah!«</p> - -<p>Es folgte eine kleine Pause; dann antwortete eine schüchterne, -leise Stimme: »Ich erröte – aber vor Freude, vor Glück. -Möchtest du es gerne bald haben?«</p> - -<p>»Noch in dieser Nacht, Rosannah! nur nicht das Wagnis -eines weiteren Verzuges! Warum nicht gleich? – noch in dieser -Nacht, in diesem Augenblick!«</p> - -<p>»O, du ungeduldiger Mann! Ich habe niemand hier als -meinen guten alten Onkel, einen früheren Missionar – niemand -als ihn und seine Frau. Es würde mir so von Herzen lieb -sein, wenn deine Mutter und deine Tante Susanne – –«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Unsere</em> Mutter und <em class="gesperrt">unsere</em> Tante Susanne, meine -Rosannah!«</p> - -<p>»Ja, <em class="gesperrt">unsere</em> Mutter und <em class="gesperrt">unsere</em> Tante Susanne – -ich will gerne so sagen, wenn es dir recht ist; es wäre mir so -lieb, wenn sie bei der Trauung zugegen wären.«</p> - -<p>»Ich möchte es auch. Wie wär's, wenn du an Tante -Susanne telegraphiertest? Wie lange würde es dauern, bis -sie käme?«</p> - -<p>»Der Dampfer geht übermorgen von San Francisco ab -und ist acht Tage unterwegs; sie würde also am 31. März -hier sein.«</p> - -<p>»Dann bestimme den 1. April, teuerste Rosannah!«</p> - -<p>»Ums Himmels willen, Alonzo, da würden wir ja zu -Aprilnarren!«</p> - -<p>»Wir würden dann jedenfalls die glücklichsten, welche die<span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[211]</span> -Sonne jenes Tages auf dem ganzen weiten Erdenrund bescheint; -was ficht's uns also an? Sage am 1. April, Teure.«</p> - -<p>»Nun denn, von Herzen gern, der 1. April soll es sein.«</p> - -<p>»Wie herrlich! Bestimme auch die Stunde, Rosannah.«</p> - -<p>»Ich liebe den Morgen mit seiner Frische und Heiterkeit. -Paßt es dir um acht Uhr morgens, Alonzo?«</p> - -<p>»Die schönste Stunde des Tages – da sie dich zu der -meinigen macht.«</p> - -<p>Es folgte eine Pause, während welcher ein Ton hörbar -war, als ob körperlose Geister Küsse austauschten; dann -sagte Rosannah: »Entschuldige mich nur für einen Augenblick, -Lieber; ich muß einen Besuch erwarten, drüben im andern -Zimmer.«</p> - -<p>Das junge Mädchen eilte in das Besuchszimmer und nahm -an einem Fenster Platz, das die Aussicht auf eine schöne Landschaft -gewährte. Zur Linken konnte man das hübsche Nuuanathal, -eingesäumt von einer üppigen Fülle tropischer Blumen -und graziöser Kokospalmen, überschauen; die anstoßenden niederen -Hügel waren in das leuchtende Grün von Zitronen- und Orangenbäumen -gekleidet; die geschichtlich berühmte Schlucht drüben, in -welche der erste Kamehameha seine dem Untergange geweihten -Feinde hineintrieb, hatte wahrscheinlich ihre grausige Geschichte -vergessen, denn wie gewöhnlich am Mittag wölbte sich eine -Anzahl von Regenbogen über ihr. Gerade vor dem Fenster -sah man die wunderlich gebaute Stadt und hie und da eine -Gruppe von dunkelfarbenen Eingeborenen, die sich des fast unerträglich -heißen Wetters freuten; und weitab zur Rechten lag -der ruhelose Ozean, der seine weiße Mähne im Sonnenscheine -schüttelte.</p> - -<p>Rosannah saß wartend da, in ihrem leichten weißen Gewand, -und fächelte ihr erregtes und erhitztes Gesicht; endlich -steckte ein halbnackter, mit einem Cylinderhut bedeckter Kanakenknabe<span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[212]</span> -den Kopf zur Thür herein und meldete: »Herr aus -'Friesko!«<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Abkürzung für San Francisco.</p> -</div> -</div> - -<p>»Weise ihn herein,« sagte das Mädchen, indem sie sich aufrichtete -und eine entschiedene Haltung annahm. Herr Sidney -Algernon Burley trat ein, von Kopf bis zu Fuß in blendendes -Weiß, d. h. in die leichteste und weißeste irische Leinwand gekleidet. -Er trat rasch heran, aber das Mädchen machte eine -Bewegung mit der Hand und warf ihm einen Blick zu, der ihn -plötzlich stehen bleiben ließ. Sie sagte kalt: »Ich bin hier, wie -ich versprach. Ich glaubte Ihren Versicherungen, gab ihrem -ungestümen Drängen nach und sagte, ich würde den Tag bestimmen. -Ich bestimme den 1. April um acht Uhr des morgens. -Und nun gehen Sie.«</p> - -<p>»O, meine Teuerste, wenn die Dankbarkeit einer Lebenszeit – –«</p> - -<p>»Kein Wort mehr. Erlassen Sie mir Ihren Anblick und -jeden Verkehr mit Ihnen bis zu jener Stunde. Nein – keine -Bitten; ich will es so haben.«</p> - -<p>Als er fort war, sank sie erschöpft in einen Stuhl, denn -die lange Belagerung des Kummers, die sie ausgehalten, hatte -ihre Kraft geschwächt. Gleich darauf sagte sie: »Mit knapper -Not entkommen! Wenn er eine Stunde früher gekommen wäre, -– – es schaudert mich, wenn ich daran denke! Denken zu -müssen, daß es mit mir dahin gekommen wäre, daß ich mir -einbildete, dieses betrügerische, dieses falsche, dieses verräterische -Ungeheuer zu lieben! O, er soll seine Schurkerei bereuen!«</p> - -<p>Wir wollen diese Geschichte jetzt rasch zu Ende führen, denn -es ist nur weniges noch zu sagen. Am 2. April enthielt der -Honoluluer ›Anzeiger‹ folgende Notiz:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Verheiratet.</em> – Dahier, per Telephon, gestern früh um<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[213]</span> -acht Uhr, durch den hochwürdigen Herrn Nathan Hays, unter -Assistenz des hochwürdigen Herrn Nathaniel Davis zu New York, -Herr Alonzo Fitz Clarence von Eastport in Maine, mit Fräulein -Ethelton von Portland in Oregon. Zugegen war Frau Susanne -Howland von San -Francisco, eine Freundin -der Braut, gegenwärtig -zu Gast bei Herrn -und Frau Hays, dem -Onkel und der Tante -der Braut. Auch Herr -Sidney Algernon Burley -von San Francisco -war zugegen, blieb aber -nicht bis zum Schluß -der Trauungsfeierlichkeit. -Kapitän Hawthornes -hübsche und geschmackvoll -dekorierte -Yacht wartete im Hafen, -und die glückliche Braut -und ihre Freunde brachen -gleich darauf zu einem -Ausflug nach Lahaina -und Haleakala auf.«</p> - -<div class="figright" id="illu-212"> - <img src="images/illu-212.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Die New Yorker Zeitungen vom selben Datum enthielten -folgende Notiz:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Verheiratet.</em> – Dahier, gestern, per Telephon, um -halb drei Uhr in der Frühe, durch den hochw. Herrn Nathaniel -Davis, unter Assistenz des hochw. Herrn Nathan Hays zu Honolulu, -Herr Alonzo Fitz Clarence von Eastport in Maine und -Fräulein Rosannah Ethelton von Portland in Oregon. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[214]</span> -Eltern und mehrere Freunde des Bräutigams waren zugegen. -Nachdem die Gesellschaft ein festliches Frühstück genossen und -sich bis gegen Sonnenaufgang vergnügt unterhalten, brach sie -zu einem Ausflug nach dem Aquarium auf, da des Bräutigams -Gesundheitszustand keine ausgedehntere Reise zuläßt.«</p> - -<p>Gegen das Ende jenes denkwürdigen Tages waren Herr -und Frau Alonzo Fitz Clarence in ein zärtliches Gespräch über -die Vergnügungen ihrer beiderseitigen Hochzeitsausflüge vertieft, -als plötzlich die junge Frau ausrief: »O Lonny, ich vergaß -ganz! Ich that, was ich mir vorgenommen.«</p> - -<p>»Was, Geliebte?«</p> - -<p>»Ich machte <em class="gesperrt">ihn</em> zum Aprilnarren! Und ich sagte es ihm -auch! O, es war eine reizende Ueberraschung! Da stand er, -schmorend in einem schwarzen Anzug, während das Thermometer -oben zur Röhre hinauswollte, in Erwartung der Trauung. Du -hättest die Miene sehen sollen, die er machte, als ich es ihm -ins Ohr flüsterte! Ach, seine Verruchtheit hatte mir viel Herzeleid -gebracht und manche Thräne erpreßt; aber in jenem Augenblick -war alles quitt. Das Gefühl der Rache wich gänzlich aus -meinem Herzen und ich lud ihn ein zu bleiben und sagte, ich -habe ihm alles vergeben; aber er wollte nicht. Er schwur, sich -grimmig zu rächen und unser Leben zu einem Fluch für uns -zu machen. Aber das <em class="gesperrt">kann</em> er nicht, mein Teuerster, nicht -wahr?«</p> - -<p>»Niemals in dieser Welt, meine Rosannah,« antwortete -Alonzo innig. –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Tante Susanne, die Großmutter in Oregon, das junge -Paar und ihre Mutter zu Eastport sind alle glücklich, während -ich dies schreibe, und werden es wohl auch bleiben. Tante -Susanne holte die Braut von den Sandwichsinseln ab, begleitete -sie über den amerikanischen Kontinent und hatte das Glück, die<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[215]</span> -entzückte Begegnung zweier sich anbetender Ehegatten mitanzusehen, -die bis dahin einander nie gesehen hatten.</p> - -<p>Ein Wort über den nichtswürdigen Burley, dessen verruchte -Ränke beinahe die Herzen unseres lieben jungen Paares gebrochen -und ihr Leben elend gemacht hätten, wird genügen. Bei -einem Anfall auf einen verkrüppelten und hilflosen Arbeiter, der -ihm, wie er sich einbildete, eine geringfügige Beleidigung angethan -hatte, zersprang sein Revolver und tötete ihn auf der -Stelle.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[216]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_kapitolinische_Venus">Die kapitolinische Venus.</h2> -</div> - -<h3>Erstes Kapitel.</h3> - -<p class="center s90">(Ort der Handlung: das Atelier eines Künstlers in Rom.)</p> - -<div><img class="drop" src="images/drop-o.png" alt="" /></div> -<p class="drop">»O George, wie liebe ich dich!«</p> - -<p>»Meine Mary, mein geliebtes Herz, ich weiß es. Warum -ist dein Vater so unerbittlich?«</p> - -<p>»George, er meint es gut, aber ihm ist die Kunst eine -Thorheit; er versteht nur den Spezereihandel. Er meint, ich -würde bei dir verhungern.«</p> - -<p>»Verwünscht sei seine Klugheit! Warum bin ich nicht ein -geldmachender, herzloser Gewürzkrämer, statt eines gottbegabten -Bildhauers – der nichts zu essen hat!«</p> - -<p>»Verzage nur nicht, mein George! – Alle seine Vorurteile -werden schwinden, sobald du erst einmal fünfzigtausend Dollars -erworb – –«</p> - -<p>»Fünfzigtausend Teufel! – Kind, ich bin mein Kostgeld -noch schuldig!« –</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>Zweites Kapitel.</h3> - -<p class="center s90">(Ort der Handlung: eine Wohnung in Rom.)</p> - -<p>»Geehrter Herr, alles Reden ist unnütz. Ich habe nichts -gegen Sie; aber ich kann meine Tochter nicht an ein Ragout<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[217]</span> -von Liebe, Kunst und Hunger verheiraten – und sonst haben -Sie, glaube ich, nichts zu bieten.«</p> - -<p>»Mein Herr, ich bin arm, ich leugne es nicht. Aber hat -denn der Ruhm keinen Wert? Der Senator Belem Fyoodle -von Arkansas sagt, daß meine neue Statue der Amerika ein -treffliches Werk der Bildhauerkunst ist und er die Ueberzeugung -hegt, mein Name werde noch einmal berühmt werden.«</p> - -<p>»Leeres Geschwätz! Was versteht der Esel aus Arkansas -davon? – Auf den Marktpreis Ihrer marmornen Vogelscheuche -kommt es an. Sechs Monate haben Sie daran herumgemeißelt -und jetzt giebt Ihnen keiner hundert Dollars dafür. Nein, -mein Herr. Weisen Sie mir fünfzigtausend Dollars vor und -Sie können meine Tochter haben – andernfalls heiratet sie den -jungen Simper. Sie haben sechs Monate Zeit, die Summe -herbeizuschaffen. – Guten Morgen, mein Herr.« –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Ach, ich Unglücklicher!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>Drittes Kapitel.</h3> - -<p class="center s90">(Ort der Handlung: das Atelier.)</p> - -<p>»O John, Freund meiner Knabenjahre! Ich bin der unseligste -der Menschen.«</p> - -<p>»Ein Einfaltspinsel bist du!«</p> - -<p>»Nichts bleibt mir, das ich lieben könnte, als meine -Statue der Amerika – und ach! selbst sie zeigt kein Mitgefühl -für mich in ihren kalten Gesichtszügen – so schön und -so herzlos!«</p> - -<p>»Du bist ein Narr!«</p> - -<p>»O John!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[218]</span></p> - -<p>»O Unsinn! – Hast du nicht gesagt, du hättest sechs -Monate Zeit, um das Geld zusammen zu bringen?«</p> - -<p>»Spotte nicht meiner Qual, John. Wenn ich sechs Jahrhunderte -hätte, was würde es mir nützen? Was könnte es -einem armen Schlucker ohne Namen, ohne Kapital, ohne Freunde -helfen?«</p> - -<p>»Hasenfuß, Kindskopf, Feigling, der du bist! Sechs -Monate, um die Summe herbeizuschaffen, und fünf sind genug!«</p> - -<p>»Bist du von Sinnen?«</p> - -<p>»Sechs Monate – Zeit die Fülle! überlasse mir's – ich -verschaffe sie dir.« –</p> - -<p>»Was sprichst du, John? Wie in aller Welt willst du -eine so ungeheure Summe für mich auftreiben?« –</p> - -<p>»Das laß meine Sorge sein, du darfst dich gar nicht -hineinmischen! Willst du die ganze Sache in meine Hände -legen? Willst du geloben, dich allem zu unterwerfen, was ich -thue? Willst du mir schwören, alle meine Handlungen gut zu -heißen?«</p> - -<p>»Mir schwindelt – es wird mir schwarz vor den Augen -– aber – ich schwöre!«</p> - -<p>Hierauf ergreift John einen Hammer und schlägt der -Amerika mit der größten Ruhe die Nase ab. Er holt noch -einmal aus und zwei ihrer Finger liegen auf dem Boden; noch -ein Streich und von dem einen Ohr fliegt ein Stück ab; noch -einer und eine Reihe Zehen sind zertrümmert und abgehauen; -ein letzter Hammerschlag und das linke Bein, vom Knie abwärts, -liegt als Trümmerhaufen da.</p> - -<p>John nimmt seinen Hut und geht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>George starrt dreißig Sekunden lang sprachlos auf die verstümmelte -Greuelgestalt, die vor ihm steht, dann wälzt er sich -in Krämpfen am Boden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[219]</span></p> - -<div class="figcenter" id="illu-218"> - <img src="images/illu-218.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Bald darauf -kehrt John mit -einem Wagen zurück, -ladet den -Künstler mit dem -gebrochenen Herzen, -sowie die -Statue mit dem -gebrochenen Bein -auf und fährt in -aller Gemütsruhe -leise pfeifend davon. -Den Künstler -schafft er nach dessen Wohnung, fährt mit der Statue weiter -und verschwindet mit ihr die <em class="antiqua">Via Quirinalis</em> hinunter.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[220]</span></p> - -<h3>Viertes Kapitel.</h3> - -<p class="center s90">(Ort der Handlung: das Atelier.)</p> - -<p>»Heute um zwei Uhr sind die sechs Monate um. O Höllenqual! -Mein Leben ist vernichtet! Ich wollte, ich wäre tot! -Gestern nicht zu Nacht gegessen – heute kein Frühstück! Ich -wage mich in kein Speisehaus hinein. Aber hungrig bin ich – -o, still davon! – Mein Schuster plagt mich bis aufs Blut – -mein Schneider liegt mir in den Ohren – mein Hauswirt mahnt -mich zu zahlen. Wie elend bin ich! John habe ich seit jenem -entsetzlichen Tage nicht wieder gesehen. <em class="gesperrt">Sie</em> lächelt mir zärtlich -zu, wenn wir uns auf einer der Hauptstraßen begegnen, aber -auf den grausamen Wink ihres Vaters mit dem Kieselherzen -muß sie gleich nach der andern Seite sehen. – Horch! Wer -klopft an der Thür? Wer verfolgt mich schon wieder? Gewiß -dieser boshafte Halunke, der Schuster – Herein!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Ach – Glück und Segen über Ew. Hoheit! Der Himmel -beschütze Ew. Gnaden. Ich habe Dero neue Stiefel gebracht. -– Bitte – von Bezahlung ist gar nicht die Rede – damit -hat es keine Eile – nicht die allergeringste; ich werde stolz -sein, wenn der gnädige Herr mich auch fernerhin mit seiner -Kundschaft beehren will – ergebenster Diener – empfehle mich -unterthänigst.«</p> - -<p>»Er bringt die Stiefel selbst! Braucht keine Bezahlung! -Empfiehlt sich mit einem Kratzfuß wie für eine Majestät. Wünscht -meine fernere Kundschaft! Steht denn das Ende der Welt bevor? -Was bei allen – Herein!«</p> - -<p>»Verzeihung, Signore, aber ich bringe Ihren neuen Anzug -zum –«</p> - -<p>»Herein!!«</p> - -<p>»Bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich störe,<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[221]</span> -gnädiger Herr. Ich habe die Reihe schöner Zimmer im unteren -Stock für Sie hergerichtet. Dieses elende Loch paßt ja durchaus -nicht für –«</p> - -<p>»Herein!!!«</p> - -<p>»Ich komme Ihnen zu melden, daß Ihr Kredit in unserem -Bankhause, der leider seit einiger Zeit unterbrochen war, in -durchaus befriedigender Weise aufs neue wieder eröffnet ist. -Wir stehen mit Vergnügen zu Ihren Diensten, welchen Betrag -Sie auch zu entnehmen wünschen –«</p> - -<p>»Herein!!!!«</p> - -<p>»Mein wackerer Junge! Sie ist die Deinige! Sogleich -wird sie hier sein. Nimm sie, heirate sie, liebe sie, seid glücklich! -Gott segne euch beide. Hurra! Hoch!«</p> - -<p>»Herein!!!!!«</p> - -<p>»O George, mein Geliebter, wir sind gerettet!«</p> - -<p>»O Mary, mein teures Herz, wir sind gerettet! Aber, -bei meiner Seele – ich weiß weder warum noch wie!« –</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>Fünftes Kapitel.</h3> - -<p class="center s90">(Ort der Handlung: ein Kaffeehaus in Rom.)</p> - -<div class="s90"> -<p>Mehrere amerikanische Herren sitzen beisammen. Einer derselben liest -und übersetzt aus dem Wochenblatt: <em class="antiqua">Il Slangwhanger di Roma</em> den -folgenden Artikel:</p> -</div> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Wunderbare Entdeckung.</em></p> - -<div class="blockquot s90"> -<p>»Vor etwa sechs Monaten kaufte Herr John Smith, ein -Amerikaner, seit einigen Jahren in Rom wohnhaft, für eine unbedeutende -Summe ein kleines Stück Land in der Campagna, gerade -hinter dem Grabmal der Familie Scipio, von dem Eigentümer, -einem bankerotten Verwandten der Prinzessin Borghese. Hierauf -begab sich Herr Smith zum Minister der öffentlichen Angelegenheiten -und ließ das Grundstück auf einen armen amerikanischen -Künstler Namens George Arnold übertragen, indem er -erklärte, er thäte das als Vergütung und Ersatz für einen baren<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[222]</span> -Schaden, welchen er vor langer Zeit zufällig an Herrn Arnolds -Eigentum angerichtet habe. Auch fügte er hinzu, er wolle, um -den Herrn völlig zufrieden zu stellen, verschiedene Verbesserungen -auf dem Grundstück für eigene Rechnung ausführen lassen.</p> - -<p>Vor vier Wochen nun, bei Gelegenheit einer notwendigen Umgrabung -auf dem Grundstück, förderte Herr Smith die herrlichste -antike Statue zu Tage, welche jemals den reichen Kunstschätzen -Roms hinzugefügt worden ist. Es war eine wundervolle Frauengestalt, -die, obgleich auf traurige Weise im Erdboden von dem -Moder der Jahrhunderte beschädigt, dennoch jedes Auge durch -ihre hinreißende Schönheit entzücken muß. Die Nase, das linke -Bein vom Knie an, ein Ohr, zwei Finger einer Hand, sowie -die Zehen des rechten Fußes fehlen; im übrigen ist die edle -Gestalt aber wunderbar gut erhalten. Die Regierung sandte -sofort eine Wache ab, um Beschlag auf die Statue zu legen -und setzte eine Kommission von Kunstkennern, Altertumsforschern -und Kirchenfürsten ein, um ihren Wert abzuschätzen und die Höhe -der Entschädigung zu bestimmen, welche dem Besitzer des Grund -und Bodens gebühre, auf dem sie gefunden worden. Bis zum -gestrigen Abend herrschte über die ganze Angelegenheit das tiefste -Geheimnis und die Kommission hielt ihre Sitzungen bei verschlossenen -Thüren. Schließlich war einstimmig festgestellt, daß -die Statue eine Venus sei und von einem unbekannten aber -hochbegabten Künstler aus dem dritten Jahrhundert vor Christo -herrühre. Sie ward für das tadelloseste Kunstwerk erklärt, das -die Welt je gesehen hat.</p> - -<p>Um Mitternacht erfolgte die Schlußberatung, in welcher -die Venus auf die ungeheure Summe von zehn Millionen Franken -geschätzt ward. Da nach römischem Gesetz und Brauch der -Staat zur Hälfte Eigentümer aller in der Campagna gefundenen -Kunstschätze ist, so hat die Regierung weiter nichts zu thun, als -Herrn Arnold fünf Millionen Franken zu zahlen und dauernden -Besitz von der schönen Statue zu nehmen. Heute morgen wird -die Venus auf das Kapitol geschafft und dort bleibend aufgestellt -werden. Am Nachmittag begiebt sich darauf die Kommission -zu Herrn Arnold, um ihm eine Anweisung für die päpstliche -Schatzkammer zu übergeben, welche auf die fürstliche Summe -von fünf Millionen Franken in Gold lautet.«</p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[223]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Chor von Stimmen</em>: »Ein unerhörtes Glück. So etwas -ist noch gar nie dagewesen!«</p> - -<p><em class="gesperrt">Eine Stimme</em>: »Meine Herren, ich schlage vor, daß wir -sofort eine amerikanische Aktiengesellschaft gründen zur Erwerbung -von Landbesitz und Ausgrabung von Bildwerken. Für rechtzeitiges -Steigen und Fallen der Papiere sollen unsere New Yorker -Börsenagenten Sorge tragen.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Alle</em>: »Einverstanden!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="figleft" id="illu-223"> - <img src="images/illu-223.jpg" alt="" /> -</div> - -<h3 class="noclear">Sechstes Kapitel.</h3> - -<p class="center s90">(Ort der Handlung: das römische Kapitol.)<br /> -(Zehn Jahre später.)</p> - -<p>»Teure Mary, dies ist die berühmteste Statue der Welt, -die gefeierte ›kapitolinische Venus‹, von der du so viel gehört -hast. Da steht sie – ihre kleinen Schäden sind restauriert, -(das heißt ausgeflickt) durch die angesehensten römischen Künstler. -Die bloße Thatsache, daß sie an einer so edlen Schöpfung jene -bescheidenen Ausbesserungen vorgenommen haben, wird ihrem -Namen Glanz verleihen, so lange die Erde steht. Wie sonderbar -kommt er mir doch vor – dieser Ort! Einen Tag vor -dem, wo ich zuletzt, vor zehn glücklichen Jahren, hier stand, – -war ich kein reicher Mann. Gott bewahre! Ich besaß nicht -einen roten Heller. Und doch hatte ich mein redlich Thun dabei, -daß Rom in den Besitz dieses größten Werkes antiker Kunst -gelangt ist, welches die Welt kennt.«</p> - -<p>»Die angebetete, die gefeierte kapitolinische Venus! Und -wie hoch schätzte man ihren Wert – auf zehn Millionen Franken, -nicht wahr?«</p> - -<p>»Ja – <em class="gesperrt">jetzt</em>.«</p> - -<p>»Aber, George, sie ist auch göttlich schön!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[224]</span></p> - -<p>»Jawohl – doch nichts gegen das, was sie war, ehe der -treffliche John Smith ihr das Bein zerbrach und die Nase abschlug. -Erfindungsreicher Smith! – erleuchteter Smith! – -edler Smith! Urheber all unseres -Glücks! – – – Aber Mary, um -des Himmels willen, horch! – -Weißt du, was das Röcheln bedeutet? -– Das Kleine hat den -Keuchhusten und du bringst es -hierher! Wirst du denn niemals -lernen auf Kinder -acht geben?«</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3>Schluß.</h3> - -<p>Die kapitolinische Venus -steht noch auf dem -Kapitol zu Rom und ist -immer noch das bezauberndste -und berühmteste -antike Kunstwerk, -dessen die Welt sich -rühmen kann. Wenn -der Leser jemals -das Glück haben -sollte, davor zu -stehen und in das -übliche Entzücken darüber auszubrechen, so möge ihn diese -wahre und geheime Geschichte ihres Ursprungs bei dem Genuß -nicht stören.</p> - -<p>Wer aber von dem ›Versteinerten Menschen‹ liest, der bei -Syracuse im Staate New York oder anderswo ausgegraben<span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[225]</span> -worden ist, der sei auf seiner Hut. Will der Barnum, der ihn -dort eingegraben hat, ihn für eine Unsumme verkaufen, so soll -er sich damit an den Papst wenden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="blockquot s90"> - -<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> Obige Skizze wurde zu einer Zeit geschrieben, -als der Schwindel mit dem ›Versteinerten Menschen‹ in Amerika Aufsehen -erregte.</p> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[226]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Mehr_Glueck_als_Verstand">Mehr Glück als Verstand.</h2> -</div> - -<div class="epigraph s90"> -<p>(Anm. Dies ist keine erfundene Geschichte. Ein Geistlicher, der vor -vierzig Jahren Lehrer an der englischen Kriegsschule in Woolwich war, -hat sie mir erzählt und sich für die Wahrheit verbürgt. – M. T.)</p></div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Es war in London bei dem Festmahl, das zu Ehren einer -der wenigen großen militärischen Berühmtheiten der Gegenwart -gegeben wurde, welche England besitzt. Den wahren -Namen und Titel dieses Kriegshelden und Inhabers der höchsten -Orden verschweige ich aus Gründen, welche jedem sofort -einleuchten werden. Ich will ihn Generallieutenant Arthur Scoresby -nennen.</p> - -<p>Welcher Reiz doch in einem berühmten Namen liegt! Dort -saß der Mann in Fleisch und Blut, von dem ich viel tausendmal -gehört hatte, seit jenem Tage vor über dreißig Jahren, -als der Glanz seines Ruhmes plötzlich von einem Schlachtfeld -der Krim bis zu den Sternen emporstieg, um nie wieder zu verblassen! -Ich verwandte kein Auge von dem Halbgott; sein Anblick -war mir wie eine wahre Herzenserquickung, ich konnte mich -nicht satt an ihm sehen. Nichts entging meiner scharfen Beobachtung: -ich sah die Ruhe, die Zurückhaltung, den edlen Ernst -seines Antlitzes, die biedere Redlichkeit, die sich in seinem ganzen -Wesen ausprägte. Dabei schien er weder ein Bewußtsein von -seiner eigenen Größe zu haben, noch zu bemerken, wie viele bewundernde<span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[227]</span> -Blicke auf ihn gerichtet waren, mit wie tiefer, aufrichtiger, -liebevoller Verehrung die Herzen der Versammelten ihm -entgegenschlugen.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-226"> - <img src="images/illu-226.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Zu meiner Rechten saß ein alter Bekannter von mir. Er -war jetzt Pfarrer, hatte jedoch nicht immer ein geistliches Amt -bekleidet, sondern sein halbes Leben als Lehrer in der Militärschule -zu Woolwich und im Feldlager zugebracht. In seinen -Augen schimmerte ein seltsam verschleierter Glanz, als er sich -jetzt zu mir herabbog und auf den Helden deutend, dem die Feier -galt, mir verstohlen zuflüsterte:</p> - -<p>»Im Vertrauen gesagt – er ist ein Dummkopf, wie es -keinen zweiten giebt.«</p> - -<p>Dieses Urteil überraschte mich aufs höchste. Wäre es über -Napoleon, Sokrates oder Salomo gefällt worden, mein Staunen -hätte nicht größer sein können. An der Wahrheitsliebe des Pfarrers<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[228]</span> -zweifelte ich keinen Augenblick, auch wußte ich, daß er große -Menschenkenntnis besaß. Daher stand es für mich sofort mit -unumstößlicher Sicherheit fest, daß sich die Welt in betreff dieses -Helden im Irrtum befinden müsse: er war wirklich ein Dummkopf. -Mich interessierte nur noch, zu wissen, wie der Pfarrer -ganz allein und auf eigene Hand dies Geheimnis entdeckt habe. -Ich beschloß, mich bei nächster Gelegenheit danach zu erkundigen.</p> - -<p>Einige Tage später that ich das und der Pfarrer erzählte -folgendes:</p> - -<p>»Vor vierzig Jahren war ich als Lehrer an der Militärschule -zu Woolwich und hörte in der Abteilung, bei welcher sich -der junge Scoresby befand, dem Probeexamen zu. Mit aufrichtigem -Mitleid bemerkte ich, daß, während seine Klassengefährten -kluge und richtige Antworten gaben, er sozusagen <em class="gesperrt">gar -nichts</em> wußte. Er machte den Eindruck eines guten, freundlichen, -harmlosen und liebenswürdigen jungen Menschen und es war -mir höchst peinlich, ihn mit der größten Unbefangenheit Antworten -geben zu hören, die eine wahrhaft beispiellose Unwissenheit -und Dummheit verrieten. Voll innigem Mitgefühl sagte -ich mir, daß er zwar beim Examen bestimmt durchfallen müsse, -es aber doch menschenfreundlich wäre ihm beizustehen, damit -seine Niederlage ihn nicht völlig zu Boden schmettere.</p> - -<p>»So nahm ich ihn denn besonders vor und entdeckte, daß -er mit Cäsars Geschichte einigermaßen vertraut war; da er im -übrigen gar nichts wußte, machte ich mich ans Werk und trichterte -ihm, im Schweiße meines Angesichts, ein Dutzend Antworten -auf die herkömmlichen Fragen über Cäsar ein. Und mit Hilfe -dieser ganz oberflächlichen Einpaukerei – sollte man sich so -etwas vorstellen – bestand er nicht nur sein Examen glänzend, -sondern erntete noch Lobsprüche obendrein, während andere, die -tausendmal mehr wußten als er, einfach durchfielen. Ein merkwürdig -glücklicher Zufall, wie er vielleicht im Laufe eines Jahrhunderts<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[229]</span> -nicht zum zweitenmal vorkommt, hatte nämlich gewollt, -daß keine Frage an ihn gerichtet wurde, auf welche ich ihm die -Antwort nicht eingepaukt hatte.</p> - -<p>»So ging es auch mit den übrigen Fächern; ich lieh ihm -meine Hilfe, denn ich hatte Erbarmen mit ihm, wie eine Mutter -mit ihrem schwächlichen Kinde – und siehe da – jedesmal -rettete er sich wie durch ein Wunder vor dem Untergang.</p> - -<p>»An der Mathematik mußte er jedoch schließlich Schiffbruch -leiden, das war klar. Ich beschloß, ihm den Sturz so erträglich -zu machen, wie es ging. Ich richtete ihn ab und stopfte -in ihn hinein so viel ich konnte, paukte ihm die Antwort ein, -die der Examinator aller Wahrscheinlichkeit nach verlangen würde, -und überließ ihn dann seinem Schicksal. Nun denken Sie sich -meine Verwunderung und Bestürzung, als er den Preis erhielt -und alle Anwesenden seines Lobes voll waren.</p> - -<p>»Mein Gewissen ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Mir -lag eine Last auf der Seele als hätte ich ein Verbrechen begangen. -Eine Woche lang that ich kein Auge zu – und doch hatte ich -nur aus reinstem Mitleid dem armen Jungen beigestanden, damit -seine Niederlage nicht gar zu kläglich werden möchte. Der -Gedanke an ein so unerhörtes Ergebnis, wie das vorliegende, -wäre mir auch nicht im Traume gekommen. Es konnte die verhängnisvollsten -Folgen nach sich ziehen. Ich hatte einem völlig -vernagelten Menschen den Weg zur glänzendsten Laufbahn eröffnet, -vielleicht zu einer Stellung von der höchsten Verantwortlichkeit. -Vertraute man ihm aber einen solchen Posten an, so -war er und seine Sache bei dem ersten besten Anlaß unrettbar -verloren.</p> - -<p>»Der Krimkrieg war gerade ausgebrochen. Natürlich – -dachte ich bei mir – muß ein Krieg kommen, um jenem Dummkopf -Gelegenheit zu geben, sich totschießen zu lassen, bevor seine -Unfähigkeit ans Licht kam. Ich zitterte vor einem großen Krach<span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[230]</span> -– und er blieb nicht aus. In der Zeitung las ich, daß der -Mensch zum Hauptmann ernannt worden war und mit seinem -Regiment ausrücken sollte. Andere Leute können alt und grau -werden, ehe sie zu solcher Höhe emporklimmen. Wie war es nur -möglich, daß man einer so unerfahrenen und ungeprüften Kraft -eine derartige Verantwortung auflud? – Hätte man ihn zum -Fähnrich gemacht, ich würde mich vielleicht beruhigt haben – -aber zum Hauptmann – das war unerhört. Ich glaubte, mich -solle der Schlag rühren.</p> - -<p>»Nun hören Sie, was ich that – ich, der ich Ruhe und -Beschaulichkeit über alles liebe. Ich sagte mir, daß <em class="gesperrt">ich</em> mein -Vaterland in diese Gefahr gebracht habe und es daher meine -Pflicht sei, es, soweit es in meiner Macht stehe, vor Scoresby -zu schützen. So beschloß ich denn, ihm nicht von der Seite zu -weichen; ich nahm seufzend mein kleines Kapital zur Hand, das -ich mit jahrelanger harter Arbeit und strengster Sparsamkeit erworben -hatte, kaufte mir ein Fähnrichpatent in seiner Kompagnie -und fort ging es auf den Kriegsschauplatz.</p> - -<p>»Aber dort – du lieber Himmel – was mußte ich erleben! -Daß er einen Mißgriff nach dem andern begehen würde, -verstand sich von selbst. Allein, niemand wußte um sein Geheimnis; -man umgab ihn mit einem falschen Nimbus und beurteilte -alle seine Thaten von einem verkehrten Gesichtspunkt -aus – die größten Dummheiten die er machte, galten für geniale -Eingebungen. Es war entsetzlich! Er ließ sich Versehen -zu Schulden kommen, von denen das geringste der Art war, daß -wer nur den gewöhnlichsten Menschenverstand besaß, darüber hätte -weinen mögen. Das that ich denn auch im geheimen; ja, ich -weinte nicht nur, ich raste und schäumte vor Wut.</p> - -<p>»Was mich aber in förmlichen Angstschweiß versetzte, war -die Beobachtung, daß jeder neue Irrtum, in den er geriet, den -Glanz seines Namens nur vermehrte. ›Er wird so hoch steigen,<span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[231]</span>‹ -sagte ich mir, ›daß man meint, die Sonne falle vom Himmel -herunter, wenn die unausbleibliche Entdeckung schließlich erfolgt.‹</p> - -<p>»Ueber die Leichen seiner Vorgesetzten hinweg ward er von -einer Stufe zur andern befördert, bis endlich, im wildesten Gewühl -der Schlacht bei * * * unser Oberst vom Pferde sank. -Alles Blut strömte mir zum Herzen – denn Scoresby war ihm -im Rang der nächste. ›Jetzt ist der Augenblick da,‹ dachte ich, -›noch zehn Minuten und wir sind alle zum Teufel.‹</p> - -<p>»Die Schlacht tobte fürchterlich, überall gerieten die Verbündeten -ins Wanken. Unser Regiment nahm eine der wichtigsten -Stellungen ein – geschah jetzt ein Mißgriff, so waren -wir vernichtet.</p> - -<p>»Was aber that der Narr aller Narren in diesem entscheidungsvollen -Augenblick? – Er ließ das Regiment ausrücken, -um einen benachbarten Hügel zu besetzen, auf welchem auch nicht -die geringste Spur feindlicher Truppen zu entdecken war.</p> - -<p>»›Nur immer zu,‹ dachte ich bei mir, ›jetzt läufst du sicher -in dein Verderben!‹</p> - -<p>»Fort stürmten wir und hatten schon den Gipfel des Hügels -erreicht, bevor noch das wahnwitzige Unternehmen entdeckt und -verhindert werden konnte. Was aber fanden wir? – Eine ganze -russische Reservearmee, von der kein Mensch etwas ahnte. Und -was geschah? – Wurden wir in Stücke gehauen? Das wäre -in neunundneunzig Fällen unter hundert unfehlbar geschehen. Doch -nein – die Russen sagten sich, daß, wie die Sachen standen, -unmöglich ein einziges Regiment den Angriff wagen könne, die -ganze englische Armee müsse im Anzug – die geplante Kriegslist -entdeckt und vereitelt sein. Sie machten rechtsumkehrt und -stürzten sich über Hals und Kopf in wildem Durcheinander den -Hügel hinab auf das Schlachtfeld – wir immer hinter ihnen -drein. Sie selbst durchbrachen die feste, russische Schlachtordnung -und richteten die heilloseste Verwirrung an. Die Niederlage der<span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[232]</span> -Verbündeten verwandelte sich in einen entscheidenden, glänzenden -Sieg.</p> - -<p>»Marschall Canrobert, welcher, überwältigt von Staunen, -Bewunderung und Entzücken, den Angriff beobachtet hatte, sandte -sofort nach Scoresby, schloß ihn gerührt in die Arme und schmückte -ihm eigenhändig, im Angesicht sämtlicher Heere, die Brust mit -dem höchsten Orden.</p> - -<p>»Was aber war die eigentliche Veranlassung zu Scoresbys -Mißgriff gewesen? Diesmal weiter nichts, als daß er rechts und -links verwechselt hatte. Ihm war Befehl erteilt worden, sich -zurückzuziehen, um den rechten Flügel zu verstärken; statt dessen -rückte er vor und zog sich nach links den Hügel hinauf. Der -Ruhm seines wunderbaren militärischen Genies aber ist seit jenem -Tage in alle Welt hinaus geflogen und wird für ewige Zeiten -in den Büchern der Geschichte leuchten.</p> - -<p>»Liebenswürdig ist er, freundlich, gut und anspruchslos, wie -nur ein Mensch sein kann, aber er versteht gar nichts, in keiner -Lage weiß er sich zu helfen und würde sich ruhig naß regnen -lassen, statt unter Dach zu gehen. Ich versichere Sie, es ist die -reinste Wahrheit: einen größeren Dummkopf wie ihn giebt es -nicht auf der Welt. Noch vor einer halben Stunde aber war -ich, außer ihm selbst, der einzige Mensch der das wußte. Jahraus, -jahrein und Tag für Tag ist er von einem ganz unerhörten -und beispiellosen Glück förmlich verfolgt worden. Er hat -sich ein Menschenalter hindurch in allen unsern Kriegen mit Glanz -hervorgethan. Seine militärische Laufbahn wimmelt von Mißgriffen -aller Art, aber für jeden Fehler, den er beging, hat er -entweder ein Ehrenzeichen erhalten, oder er ist zum Lord, zum -Baron oder zu sonst etwas gemacht worden. Sie haben ja neulich -bei dem Festmahl gesehen, wie seine Brust mit fremden und -einheimischen Orden über und über bedeckt war; jeden einzigen, -das können Sie mir glauben, trägt er zum Andenken an irgend<span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[233]</span> -einen haarsträubenden Irrtum, alle zusammen genommen aber -bilden den schlagendsten Beweis, <em class="gesperrt">daß Glück</em> das beste Angebinde -ist, welches einem Menschenkinde in die Wiege gelegt werden -kann.« –</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="blockquot s90"> -<p>Bald nach Erscheinen dieser Satire in Harpers Monatsschrift kam -Mark Twain nach England. Seine Freunde dort gaben ihm den -dringenden Rat, dem <em class="gesperrt">General Wolseley</em> aus dem Wege zu gehen und -es entspann sich darob folgendes Gespräch:</p> - -<div class="hang"> - -<p><em class="gesperrt">Mark Twain</em>: Warum denn? Ich bin ihm nichts schuldig.</p> - -<p><em class="gesperrt">Seine Freunde</em>: Das mag sein, aber vielleicht er Ihnen!</p> - -<p><em class="gesperrt">Mark Twain</em>: Wieso? Ich verstehe nicht.</p> - -<p><em class="gesperrt">Seine Freunde</em>: Nun, – für Ihre Geschichte im letzten Harperschen -Monatsheft.</p> - -<p><em class="gesperrt">Mark Twain</em>: Ach was! Für die bin ich längst bezahlt! Was -geht ihn das an? –</p> - -<p><em class="gesperrt">Seine Freunde</em>: O nichts – nur insofern, als er der Held -dieser Geschichte ist.</p></div> - -<p>Es scheint, daß diese Gründe auf Mark Twain doch einen gewissen -Eindruck gemacht haben, denn es heißt, daß er auf seiner Reise -in England sich angelegen sein ließ, dem berühmten General aus dem -Wege zu gehen.</p></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[234]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Wie_der_Verfasser_in_Newark_angefuehrt">Wie der Verfasser in Newark angeführt -wurde.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Es ist nicht gerade angenehm, etwas Ungünstiges von sich -selbst zu erzählen, aber der Mensch hat hin und wieder -einmal das Bedürfnis, eine Beichte abzulegen. Ich fühle mich -gedrungen mein Gemüt zu erleichtern, aber ich glaube fast, daß -ich es mehr thue, um meinem Unmut über einen andern Luft -zu machen, als um Balsam auf mein verwundetes Herz zu -träufeln. (Was Balsam ist, weiß ich nicht; ich habe niemals -Balsam gesehen, aber mich dünkt, das ist bei solcher Veranlassung -der herkömmliche Ausdruck.)</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Bekanntlich habe ich kürzlich in Newark vor den jungen -Herren der Museums-Gesellschaft eine Vorlesung gehalten. Vorher -sprach ich mit einem der jungen Herren, welcher sagte, er -habe einen Onkel, der aus irgend einer Ursache dauernd der -Fähigkeit beraubt zu sein scheine, in Gemütsbewegung zu geraten. -Mit Thränen in den Augen rief der junge Mann:</p> - -<p>»O, könnte ich ihn nur lachen hören, könnte ich ihn nur -einmal weinen sehen!«</p> - -<p>Ich war gerührt. Bei Schmerz und Kummer wird mir -immer weich ums Herz; deshalb sagte ich: »Bringen Sie ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[235]</span> -nur mit in die Vorlesung, da will ich ihm schon zusetzen, bis -wieder Leben in ihn kommt.«</p> - -<p>»O, wenn Sie das thun könnten – wenn Ihnen das möglich -wäre! Unsere ganze Familie würde Sie in alle Ewigkeit -dafür segnen – er liegt uns allen so sehr am Herzen! Können -Sie ihn wirklich zum Lachen bringen, mein Wohlthäter? Können -Sie die trockenen Augensterne zu lindernden Thränen rühren?«</p> - -<p>Ich war tief ergriffen und sagte: »Mein Sohn, bringen -Sie den guten Alten nur mit. Es kommen in meinem Vortrag -ein paar Späße vor, über die er lachen wird, wenn er überhaupt -noch ein Zwerchfell hat. Thun diese keine Wirkung, so -habe ich ein paar andere, die ihn weinen machen oder ihn umbringen -– entweder – oder.« Da schluchzte der junge Mann -an meinem Halse, wünschte mir Gottes Segen und suchte seinen -Onkel auf. Er setzte ihn am Abend mir gegenüber auf die -zweite Bank und – ich ging ans Werk. Ich versuchte es zuerst -mit feinen Scherzen und dann mit gröberen; ich nahm ihn mit -schlechten Witzen in die Kur und hielt ihn mit guten Witzen -zum Besten; ich bombardierte ihn mit abgedroschenen Späßen -und beschoß ihn von allen Seiten mit gepfefferten, funkelnagelneuen. -Ich wurde warm bei meiner Arbeit und stürmte von -rechts und links, von vorn und hinten auf ihn ein; ich dampfte -und schwitzte, eiferte und tobte, bis ich heiser und krank, toll -und rasend war, aber – ich konnte kein Leben in ihn bringen -– weder ein Lächeln noch eine Thräne preßte ich ihm ab. -Nicht den Schatten eines Lächelns und keine Spur von Feuchtigkeit. -Ich war starr vor Staunen. Endlich schloß ich den Vortrag -mit einem verzweifelten Aufschrei, in einem wilden Ausbruch -von Humor, und schleuderte ihm einen Witz von übernatürlicher -Ungeheuerlichkeit an den Kopf. Dann setzte ich mich verwirrt -und erschöpft nieder.</p> - -<p>Der Vorstand der Gesellschaft trat zu mir, kühlte mir die<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[236]</span> -Stirn mit frischem Wasser und fragte: »Was hat Sie nur gegen -das Ende so in Aufregung gebracht?«</p> - -<p>»Ich wollte den verdammten alten Narren in der zweiten -Reihe durchaus zum Lachen bringen,« rief ich.</p> - -<p>»Ah so – ja, da haben Sie sich umsonst bemüht,« erwiderte -er; »<em class="gesperrt">der</em> Mann ist taub und stumm und so blind wie -ein Maulwurf.«</p> - -<p>Nun frage ich – war es von dem Neffen des alten -Mannes nicht unverantwortlich, einem Fremden und Waisenknaben -wie mir, so mitzuspielen? Ich frage den Leser als -Mitmenschen und Bruder, ob das rechtschaffen von ihm gehandelt -war?</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[237]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Schonend_beigebracht">Schonend beigebracht.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Als der selige Richter Bagley damals im Gerichtshause -stolperte, die Treppe hinabstürzte und den Hals brach, -entstand die große Frage, wie man seiner armen Frau die -Trauernachricht mitteilen solle. Endlich war die Leiche auf den -Wagen unseres alten, braven Fuhrmanns geladen und diesem -die Weisung erteilt, den Verunglückten nach Frau Bagleys -Wohnung zu schaffen, aber dabei mit der größten Rücksicht und -Behutsamkeit zu Werke zu gehen, insbesondere die Unglücksbotschaft -ja nicht plötzlich und auf einmal auszurichten, sondern -Frau Bagley erst gehörig darauf vorzubereiten.</p> - -<p>Nachdem der Fuhrmann mit seiner traurigen Last angelangt -war, schrie er laut, bis die Frau des Richters an der -Thüre erschien.</p> - -<p>Alsdann fragte er: »Wohnt hier nicht die Witwe Bagley?«</p> - -<p>»Die <em class="gesperrt">Witwe</em> Bagley? – Nein, die wohnt nicht hier!«</p> - -<p>»Ich will doch gleich drauf wetten, daß sie hier wohnt! -– Aber, nichts für ungut – wohnt der Richter Bagley vielleicht -hier?«</p> - -<p>»Jawohl, der Richter Bagley wohnt hier.«</p> - -<p>»Ich will doch gleich drauf wetten, daß er nicht hier wohnt! -Aber, wie Sie wollen; ich bin nicht rechthaberisch. Ist der -Richter zu Hause?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[238]</span></p> - -<p>»Nein, im Augenblick nicht.«</p> - -<p>»Dacht' ich mir's doch! – Weil nämlich – lehnen Sie -sich an die Wand, Madame – die Kleinigkeit, die ich Ihnen -anzukündigen habe, bringt Sie vielleicht etwas aus dem Gleichgewicht. -Es ist ein Unglück geschehen – draußen auf meinem -Wagen liegt der alte Richter. Wenn Sie ihn näher ansehen, -werden Sie sich überzeugen, daß hier nichts mehr zu machen -ist, als die Totenschau über ihn zu halten.«</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[239]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Trinksprueche">Trinksprüche.</h2> -<h3 id="Auf_die_Weiber">Auf die Weiber.</h3> -</div> - -<div class="ulshapepic" id="illu-238"> -<div class="boxu box238u"> -<img src="images/illu-238.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box238l"></div> -</div> - -<div class="epigraph s90"> -<p>Bei dem Jahresfest der Schottischen Gesellschaft -in London, am Montag-Abend, -brachte Mark Twain den Toast auf die -›Damen‹ aus; dieser lautete nach dem ›Observer‹ -wie folgt:</p></div> - -<p class="drop-quot">»Es erfüllt mich mit aufrichtigem Stolz, daß -ich gewählt worden bin, um gerade den -Toast auf die ›Damen‹ auszubringen oder – -wenn Sie nichts dagegen haben – auf -die Weiber, denn diese Bezeichnung scheint -mir doch besser; sie ist jedenfalls die -ältere und daher die ehrwürdigere. (<span class="s90">Gelächter.</span>) -Ich habe bemerkt, daß die -Bibel, mit der den heiligen Schriften -so eigentümlichen Einfachheit und -Offenheit, sogar von der erhabenen -Mutter des ganzen Menschengeschlechts -nie den Ausdruck ›Dame‹ gebraucht, -sondern sie stets ein Weib nennt. -(<span class="s90">Gelächter.</span>) Das mag seltsam erscheinen, aber es ist eine Thatsache. -– Ich bin besonders stolz auf diese Ehre, weil ich finde, -daß der Trinkspruch auf die Weiber, sowohl von Rechts wegen -als nach den Regeln der Höflichkeit allen andern vorausgehen<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[240]</span> -sollte – dem Toast auf das Heer, auf die Flotte, ja vielleicht -selbst auf die Träger der Königswürde, obgleich letzteres heutzutage -in diesem Lande nicht nötig ist, weil man stillschweigend -die Gesundheit aller guten Frauen im allgemeinen ausbringt, -wenn man die Königin von England und die Prinzessin von -Wales leben läßt. (<span class="s90">Laute Hochrufe.</span>) Mir fällt dabei ein Gedicht -ein, das Ihnen wohlbekannt ist; jedermann kennt es ja. Der -gegenwärtige Trinkspruch ruft es aber uns allen so recht ins -Gedächtnis und wir stimmen begeistert mit ein in die Worte -des edelsten, reinsten, anmutigsten und lieblichsten unserer Dichter, -wenn er sagt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">›Weib – o Weib! – Hm –</div> - <div class="verse indent0">Weib –‹</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>(<span class="s90">Gelächter.</span>) Ohne Zweifel entsinnen Sie sich der Verse, die -uns mit so vielem Gefühl und so anmutiger Zartheit, fast ohne -daß wir's gewahr werden, Zug für Zug das Ideal des echten -und vollkommenen Weibes vorführen. Wir schauen im Geist -das vollendete Meisterwerk und preisen bewundernd den Genius, -der ein so holdes Wesen durch den Hauch seines Mundes, durch -bloße Worte zu schaffen vermocht hat. Sie werden sich ferner -erinnern, wie der Dichter in treuer Uebereinstimmung mit der -Geschichte des ganzen Menschengeschlechts dies schöne Kind seines -Herzens und Verstandes den Prüfungen und Sorgen dahingiebt, -welche früher oder später allen Erdenbewohnern beschieden sind, bis -die traurige Geschichte zuletzt in der wilden, leidvollen Ansprache -gipfelt, die allen vergangenen Kummer aufs neue wach ruft. -Der Wortlaut der Zeilen ist folgender:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">– Ach! – o weh! – ach! –</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">und so weiter. (<span class="s90">Gelächter.</span>) Mir ist das übrige nicht gegenwärtig; -aber alles in allem halte ich diese Verse für die schönste Huldigung, -welche der Genius des Dichters den Frauen je gewidmet -hat. (<span class="s90">Gelächter.</span>) Ich weiß, ich könnte stundenlang sprechen,<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[241]</span> -ohne meinem großen Thema auf anmutigere oder vollendetere -Weise Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als ich es gethan habe, -indem ich einfach die unvergleichlichen Dichterworte anführte. -(<span class="s90">Erneutes Gelächter.</span>)</p> - -<p>Die Entwicklungsformen des weiblichen Geschlechts sind von -unendlicher Mannigfaltigkeit. Man betrachte welchen Typus des -Weibes man will, immer wird man daran etwas zu achten, zu -bewundern, zu lieben finden, etwas, das Herz und Hand beglückt. -Wer besaß mehr Vaterlandsliebe als die Jungfrau von Orleans? -Wer war tapferer? Wer hat uns ein erhabeneres Beispiel opferfreudiger -Hingabe gezeigt? Wie deutlich, wie lebendig erinnern -wir uns alle an die Nachricht, welche wie eine große Woge des -Kummers zu uns heranflutete, daß Jeanne d'Arc bei Waterloo -gefallen sei. (<span class="s90">Stürmisches Gelächter.</span>) Wer trauert nicht um den -Tod der Sappho, der holden Sängerin Israels? (<span class="s90">Gelächter.</span>) -Wer unter uns vermißt nicht die liebreichen Dienste, den sanften -Einfluß, die demütige Frömmigkeit der Lucrezia Borgia? (<span class="s90">Gelächter.</span>) -Wer kann in die herzlose Verleumdung einstimmen, welche sagt, -das Weib sei verschwenderisch in Putz und Kleidung, wenn er -zurückblickt und sich den einfachen Anzug unserer Mutter Eva -ins Gedächtnis ruft, welcher der Hochlandstracht glich – mit geringen -Abänderungen. (<span class="s90">Schallendes Gelächter.</span>) Verehrte Anwesende, -die Weiber sind Kriegerinnen gewesen, sie waren Malerinnen, -Dichterinnen. So lange es eine Sprache giebt, wird der Name -Cleopatra in aller Munde leben. Nicht etwa, weil sie Georg den -Dritten eroberte – (<span class="s90">Gelächter</span>) – sondern weil sie die klassischen -Zeilen schrieb:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Es beißt der Hund und bellt voll Lust;</div> - <div class="verse indent0">Gott schuf den Trieb ihm in der Brust!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>(<span class="s90">Lautes Gelächter.</span>) Auf den weiten Gefilden der Geschichte -ragen ganze Bergzüge erhabener Weiber empor – die Königin -von Saba, Josephine Semiramis – die Liste ist endlos. (<span class="s90">Gelächter.</span>)<span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[242]</span> -Aber ich will nicht Heerschau über sie alle halten; schon -bei der bloßen Andeutung steigen die Namen in Ihrem Gedächtnis -auf, leuchtend von dem Ruhm unsterblicher Thaten, geheiligt -durch die Liebe und Verehrung aller Guten und Edlen jeden Zeitalters -und jeden Weltteils (<span class="s90">Hochrufe.</span>) Möge es unserem Stolz -und unserer Ehrliebe genügen, daß unsere Zeit dieser Liste Namen -wie Grace Darling und Florence Nightingale hinzugefügt hat. -(<span class="s90">Hochrufe.</span>)</p> - -<p>Das Weib ist ganz wie es sein sollte – sanft, geduldig, -langmütig, vertrauensvoll, selbstlos, voll edler, hochherziger Triebe. -Es ist des Weibes heiliger Beruf, die Traurigen zu trösten, für -die Irrenden zu bitten, die Gefallenen aufzurichten, den Freundlosen -Liebe zu erzeigen. Mit einem Wort, die Frau schenkt allen -mißhandelten und verfolgten Kindern des Unglücks, die an ihre -Thüre klopfen, den heilenden Balsam ihres Mitgefühls und gewährt -ihnen eine Freistätte in ihrem Herzen. Jeder, der die -veredelnde Gemeinschaft einer Gattin, die nie ermüdende Hingebung -einer Mutter kennt, wird von Herzen einstimmen, wenn -ich sage: Gott segne das Weib!« – (<span class="s90">Laute und andauernde Beifallsrufe.</span>)</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3 id="Auf_die_Saeuglinge">Auf die Säuglinge.</h3> - -<div class="epigraph s90"> -<p>Als fünfzehnter programmgemäßer Toast, gehalten bei dem -Festessen, das im November 1879 von der Tennessee-Armee ihrem -ersten Kommandeur, General Grant, zu Ehren veranstaltet wurde.</p></div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop-quot">»Das lob ich mir! Wir sind nicht alle so glücklich, zum -schönen Geschlecht zu gehören; wir können nicht alle -Generale, Dichter oder Staatsmänner sein; aber wenn die Trinksprüche -herabsteigen bis zu den Säuglingen, da stehen wir alle -auf gemeinsamem Boden. Es ist eine Schande, daß Jahrtausende<span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[243]</span> -lang auf allen Festessen der Welt der Säugling ganz übergangen -wurde, als wenn er gar nichts bedeutete. Wenn Sie einen -Augenblick nachdenken und so ein, fünfzig bis hundert Jahre -zurückblicken mögen auf die erste Zeit Ihrer Ehe, um in Gedanken -wieder Ihren ersten Säugling zu betrachten, so werden -Sie sich erinnern, daß er etwas zu bedeuten hatte, und mehr -noch als das. Ihr Soldaten wißt wohl, daß, als dieser kleine -Bursche im Familienhauptquartier sich meldete, es Zeit für euch -war, euren Abschied zu nehmen; denn er kommandierte von nun -an unumschränkt. Ihr hattet ihm als Kammerdiener aufzuwarten -und er war kein Vorgesetzter, der Rücksicht nahm auf Zeit, -Wetter oder sonstige Umstände. Ihr habt seinem Befehl folgen -müssen, ob es möglich war oder nicht; und da gab es nur eine -einzige Gangart in seinem Handbuche der Taktik und das war -der – Laufschritt. Er behandelte euch mit aller erdenkbaren -Impertinenz und Mißachtung und selbst der Tapferste von euch -durfte kein Wörtlein dagegen sagen. Ihr habt dem Tod bei -Donelson und Vicksburg ins Antlitz gesehen und Hieb um Hieb -zurückgegeben, aber wenn <em class="gesperrt">er</em> euch am Schnurrbart zupfte und -euer Haar zauste und eure Nase zwickte, da habt ihr es euch -ruhig gefallen lassen. Als die Donner der Schlacht in eure -Ohren posaunten, da seid ihr den Batterien aufrecht gegenüber -gestanden und mit stetem Schritt vorgerückt; aber wenn <em class="gesperrt">er</em> sein -Schlachtgeschrei ertönen ließ, dann ging es bei euch an ein -Avancieren in verkehrter Richtung. Wenn <em class="gesperrt">er</em> nach dem Schlotzer -verlangte, wagtet ihr etwa Bemerkungen fallen zu lassen, daß -gewisse Dienstleistungen sich für einen Offizier und Gentleman -nicht schicken? Nein! Ihr seid einfach aufgestanden und habt -den Schlotzer geholt. Wenn <em class="gesperrt">er</em> seine Trinkflasche verlangte und -sie war nicht warm – habt ihr Einwendungen gemacht? Ihr -und Einwendungen! Ihr habt euch daran gemacht und sie gewärmt! -Ja, ihr habt euch so weit herabgelassen in eurem<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[244]</span> -Knechtsdienst, daß ihr diesen dummen, faden Stoff darin selber -versucht habt, um zu wissen, ob er auch recht gemischt sei: drei -Teile Wasser mit einem Teil Milch und eine Prise Zucker von -wegen der Kolik, und ein Tropfen Pfeffermünze gegen den ewigen -Schlucker. Ich habe den Geschmack noch auf der Zunge – puh! -Poetisch gestimmte Seelen glauben immer noch an das schöne, -alte Märchen, daß, wenn das Wiegenkind im Schlummer lächelt, -ihm die Englein was ins Ohr flüstern. Klingt hübsch, ist aber -sehr schwach – 's kam einfach von einer Blähung her, meine -Freunde. Wenn der Säugling einen Spaziergang vorschlug zu -seiner beliebten Stunde, zwei Uhr morgens, seid ihr da nicht -schnell aufgestanden mit der Bemerkung, die eurem Wahrheitssinn -keine sonderliche Ehre macht, daß ihr denselben Vorschlag -gerade eben hättet machen wollen. O, ihr habt euch unter guter -Zucht befunden! Und wie ihr so im Zimmer in eurer Nachtuniform -auf- und abgetänzelt seid, da habt ihr nicht nur angefangen, -unwürdig zu lallen, sondern habt mit eurer Bärenstimme -den Versuch gemacht, Liedchen zu singen, z. B.: Schlaf, -Kindchen, schlaf! Was für ein Schauspiel für eine Armee von -Tennessee! Und wenn das so weiter ging, so zwei bis drei -Stunden lang, und euer kleiner Flaumkopf zu verstehen gab, -daß ihm nichts lieber sei, als diese musikalische Marschübung, -was habt ihr dann gemacht? (Seid nur ruhig!) Ihr seid einfach -weiter spaziert, bis ihr nicht mehr konntet. Eine lächerliche -Idee das: ein Säugling habe nichts zu sagen und zu bedeuten!!</p> - -<div class="figright" id="illu-244"> - <img src="images/illu-244.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Ja, es war höchste Zeit für den Vorsitzenden eines Banketts, -die Bedeutung der Säuglinge zu erkennen. Bedenkt, was kann -aus der jungen Brut noch alles werden. Fünfzig Jahre von -heute werden wir alle tot sein, denke ich, und dann wird dieses -Sternenbanner, wenn es noch existiert und ich hoffe, das wird -es – über einer Republik flattern, die 200 Millionen Seelen -zählt, gemäß den natürlichen Gesetzen unserer Volksvermehrung.<span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[245]</span> -Aus unserem gegenwärtigen Staatsschooner wird ein politischer -Leviathan, ein Great Eastern geworden sein. Die Wiegenkinder -von heute werden auf Deck sein. Sorgt für eine gute Erziehung; -denn wir werden in ihren Händen ein schweres Stück Arbeit -hinterlassen. Unter den drei bis vier Millionen Wiegen, die -jetzt im Lande geschaukelt werden, befinden sich einige, die unsere -Nation als Heiligtümer aufbewahren -würde, wenn man nur schon wüßte, -welche. In einer dieser Wiegen zahnt -in diesem Augenblick, sich selber unbewußt, -der Farragut<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> der Zukunft; -in einer andern blinzelt der künftige -berühmte Astronom noch ohne sonderliches -Interesse die Milchstraße an – -der arme Kleine sehnt sich nach einer -andern Milchstraße, nämlich seiner -Amme. In einer andern liegt der -zukünftige große Geschichtsschreiber und -wird zweifelsohne dereinst fortfahren -zu lügen, bis seine irdische Sendung -vollendet ist. In einer andern beschäftigt -sich der zukünftige Präsident -mit keinem wichtigeren Staatsproblem -als mit dem, warum er so früh keine -Haare mehr hat, und in einer mächtigen Reihe von Wiegen -liegen 60 000 zukünftige Stellenjäger, bereit, den Präsidenten -späterhin Gelegenheit zu geben, sich mit demselben alten Problem -zum zweiten Male zu beschäftigen,<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> und in einer weitern Wiege -irgendwo unter der Flagge liegt der zukünftige berühmte Feldmarschall<span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[246]</span> -der amerikanischen Armee, so wenig beschwert von -seiner herannahenden Größe und Verantwortung, daß er seinen -ganzen strategischen Scharfsinn in diesem Augenblick darauf gerichtet -hat, wie er seinen großen Zehen in den Mund kriegen -kann, ein Bestreben, das – mit allem Respekt gesagt – vor -56 Jahren auch die ganze Aufmerksamkeit unseres heute abend -gefeierten Helden in Anspruch genommen hat. Wenn aber das -Kind nur die Vorahnung des künftigen Mannes ist, so werden -wenige zweifeln, daß sein Bestreben von damals mit Erfolg -gekrönt war.«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Größter Admiral der Vereinigten Staaten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Anspielung auf die Sorgen, welche dem Präsidenten die Befriedigung -der Aemterjäger seiner Partei macht.</p> -</div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[247]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_selige_Benjamin_Franklin">Der selige Benjamin Franklin.</h2> -</div> - -<div class="epigraph"> -<p class="noind">Spare nie auf morgen, was du übermorgen gerade -so gut thun kannst. –</p> - -<p class="mright"> -Benjamin Franklin. -</p></div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Dieser Mensch war eins von den Individuen, welche man -Philosophen nennt. Er kam als Doppelwesen oder als -ein paar Zwillinge zur Welt, gleichzeitig in zwei verschiedenen -Häusern von Boston. Die Häuser stehen noch heutigen Tages -und tragen Tafeln, deren Inschriften die obige Thatsache bezeugen. -Die Tafeln nehmen sich ganz gut aus, aber notwendig -sind sie gerade nicht, da die Einwohner dem Fremden so wie so -die beiden Geburtsstätten zeigen, zuweilen sogar mehrmals an -einem Tage.</p> - -<p>Der Mann, von welchem diese Denkschrift handelt, war heimtückischer -Gemütsart und mißbrauchte seine Gaben schon frühzeitig -zur Erfindung von allerlei Lebensregeln und Denksprüchen, -die darauf berechnet waren, dem heranwachsenden Geschlecht aller -folgenden Zeitalter Schmerzen zu bereiten. Sogar seine alltäglichsten -Handlungen verrichtete er im Hinblick darauf, daß sie den -Knaben fort und fort zur Nacheiferung vorgehalten werden sollten – -den Knaben, die sich sonst hätten glücklich fühlen können. Aus gleicher -Absicht wurde er der Sohn eines Seifensieders, wahrscheinlich -nur, damit die Bestrebungen aller zukünftigen Knaben, die es -zu irgend etwas bringen wollten, von vornherein mit Mißtrauen<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[248]</span> -betrachtet werden möchten, wenn sie nicht Söhne von Seifensiedern -wären. Mit einer Böswilligkeit, die in der Geschichte -ohne gleichen dasteht, pflegte er den Tag über zu arbeiten und -dann die Nacht hindurch aufzubleiben, unter dem Vorwand, daß -er beim Schein eines glimmenden Feuers Algebra studiere – -damit alle andern Knaben genötigt wären das auch zu thun, weil -man ihnen sonst Benjamin Franklin vorrückte. Ja noch mehr: -es war seine Gewohnheit, sich nur von Wasser und Brot zu -nähren und während der Mahlzeit Astronomie zu treiben – das -hat seitdem Millionen von Knaben, deren Väter Franklins verderbliche -Biographie gelesen hatten, in große Trübsal gebracht.</p> - -<p>Seine Lebensregeln waren voll Feindseligkeit gegen die -Jugend. Heutzutage kann kein Knabe irgend einer natürlichen -Regung folgen, ohne daß er auf der Stelle über einen jener unvermeidlichen -Denksprüche stolpert und von Franklin zu hören bekommt. -Kauft er sich für zwei Cents Pfeffernüsse, so sagt sein -Vater: »Weißt du nicht, mein Sohn, daß Franklin spricht: -›Einen Heller den Tag, einen Groschen das Jahr‹!« – und mit -der Freude an den Pfeffernüssen ist's vorbei. Will der Knabe -nach gethaner Arbeit Kreisel spielen, gleich mahnt der Vater: -»Aufschub ist ein Tagedieb.« Wenn er eine gute That thut, -bekommt er nie etwas dafür, denn »die Tugend trägt ihren Lohn -in sich.« Er wird zu Tode gehetzt und der nötigsten Ruhe beraubt, -weil Franklin in einem begeisterten Anflug von Bosheit -einmal gereimt hat:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Früh zu Bett und früh wieder auf,</div> - <div class="verse indent0">Macht klug, gesund und reich im Kauf.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Als ob einem Knaben etwas daran läge, um solchen Preis -klug, gesund und reich zu werden! Was <em class="gesperrt">mir</em> dieser Denkspruch -für Leiden gebracht hat, als mein Vater damit Versuche bei mir -anstellte, spricht keines Menschen Zunge aus. Das naturgemäße -Ergebnis derselben ist meine jetzige körperliche Hinfälligkeit, Armut<span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[249]</span> -und Geistesschwäche. Als ich ein Knabe war, pflegten mich meine -Eltern bisweilen schon vor neun Uhr des Morgens zu wecken. -Hätten sie mich schlafen lassen wie es meine Natur verlangte – -was würde nicht aus mir geworden -sein? Vielleicht wäre ich -jetzt Ladenbesitzer und allgemein -geachtet …</p> - -<div class="figright" id="illu-248"> - <img src="images/illu-248.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Benjamin Franklin hat -viel Anerkennenswertes für sein -Vaterland gethan und dessen -jungen Namen bei andern Völkern -zu hohen Ehren gebracht, -weil es solchen Sohn erzeugt -hat. Das will diese Denkschrift -durchaus nicht bestreiten, oder -mit Stillschweigen übergehen. -Ihr Zweck ist nur, -Einspruch gegen seine anmaßlichen -Lebensregeln -zu erheben, die er unter -dem Schein, als wären -sie von ihm erdacht, -aus selbstverständlichen -Wahrheiten zusammengestoppelt -hat, welche -schon abgedroschene Gemeinplätze -waren, noch ehe sich die Völker beim Turmbau zu -Babel zerstreuten. Mein Wunsch war lediglich, gegen die unter -den Familienhäuptern herrschende unselige Idee zu Felde zu ziehen, -als habe Franklin seine angeborene Geistesgröße eigens dadurch -erworben, daß er umsonst arbeitete, bei Mondlicht studierte und -in der Nacht aufstand, statt wie ein guter Christ bis zum Morgen<span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[250]</span> -zu warten – und als könne dieses Programm, wenn es nur -streng durchgeführt würde, aus jedes Vaters dummem Jungen -einen Franklin machen. Es ist Zeit, daß die Herren Väter sich -endlich klar machen, daß jenes abscheuliche Thun und Treiben -nur die Wirkung des Genius war und nicht seine Ursache. Ich -wollte, ich wäre lange genug der Vater meiner Eltern gewesen, -um ihnen diese Wahrheit zu Gemüte zu führen, damit sie versuchten -ihrem Sohne das Leben leichter zu machen. Als Kind -mußte ich Seife sieden, obgleich mein Vater ein wohlhabender -Mann war, ich mußte zeitig aufstehen, beim Frühstück Geometrie -studieren, mit meinen eigenen Gedichten hausieren gehen und alles -ganz so thun wie es Franklin gethan hatte. Man war der festen -Hoffnung, ich würde auf solche Weise einst ein Franklin werden. -Und was bin ich nun?! –</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[251]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Wohlthun_traegt_Zinsen">Wohlthun trägt Zinsen.</h2> -</div> - -<p class="center s90">(In Beispielen.)</p> - -<div><img class="drop" src="images/drop-v.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Von Kindheit auf habe ich mit besonderer Vorliebe eine -gewisse Sammlung moralischer Erzählungen gelesen, aus -denen ich Vergnügen und Belehrung schöpfte. Das Buch lag mir -stets bequem zur Hand und sobald mein Glaube an menschliche -Tugend zu wanken drohte, griff ich danach und vertrieb mir alle -Zweifel. Auch wenn mich ein Gefühl meiner eigenen Schwäche -und unedlen Gesinnung niederdrückte, wies mich das Buch zurecht -und zeigte mir den Weg, wie ich die verlorene Selbstachtung -wiedergewinnen könne.</p> - -<p>Nur <em class="gesperrt">eines</em> vermißte ich: Die schönen Geschichten brachen -alle ab, sobald der Höhepunkt erreicht, die glückliche Lösung erfolgt -war, und ich hätte doch so gern von dem weitern Ergehen -der großmütigen Wohlthäter und ihrer Schützlinge noch etwas -erfahren. Mein Verlangen hiernach ward zuletzt so dringend, -daß ich beschloß, mir über den ferneren Verlauf der Geschichten -selbst Klarheit zu verschaffen. Ich unternahm zu diesem Zweck -lange und mühevolle Forschungen und kam dabei zu merkwürdigen -Ergebnissen. Ich will nachstehend nur zwei Proben davon zum -allgemeinen Besten mitteilen. Zuerst werde ich die Geschichte, -wie sie in den ›Beispielen des Guten‹ steht, erzählen und dann -die Fortsetzung beifügen, wie es mir gelungen ist, sie zu ermitteln.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[252]</span></p> - -<h3 id="Der_wohlwollende_Schriftsteller">Der wohlwollende Schriftsteller.</h3> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Ein armer, angehender Literat hatte sich vergeblich bemüht, -für seine Manuskripte einen Verleger zu finden. Endlich, -als er schon nahe am Verhungern war, klagte er einem berühmten -Schriftsteller seine traurige Lage und bat ihn um Rat und Hilfe.</p> - -<p>Der hochherzige Mann legte sogleich seine eigenen Sachen -beiseite und begann eins der verschmähten Manuskripte durchzulesen. -Als er dies menschenfreundliche Werk beendet hatte, schüttelte -er dem jungen Manne herzlich die Hand und sagte: »Ihre Arbeit -ist nicht schlecht; kommen Sie am nächsten Montag wieder.«</p> - -<p>Zur verabredeten Zeit erschien der junge Autor; der berühmte -Schriftsteller aber öffnete, ohne ein Wort zu sagen, ein -Journal, das soeben erst aus der Presse kam und zeigte dem -Staunenden seinen eigenen Artikel, der in den Spalten des Blattes -abgedruckt war. Der junge Mann sank auf die Kniee und brach -in Thränen aus: »Wie kann ich mich Ihnen für solchen Edelmut -je dankbar genug erweisen!« rief er.</p> - -<p>Der Schriftsteller, welcher dieses gethan, war der große -Snodgraß und der junge Literat, den er aus dem Dunkel hervorzog -und vom Hungertode errettete, kein anderer als der später -nicht minder berühmte Snagsby.</p> - -<p>Möchten wir uns an diesem erfreulichen Vorgang ein Beispiel -nehmen und bereitwillig allen Anfängern beistehen, welche -der Hilfe bedürfen.</p> - -<h4>Fortsetzung.</h4> - -<p>In der folgenden Woche stellte sich Snagsby wieder ein -und brachte fünf zurückgewiesene Manuskripte mit. Dies überraschte -den berühmten Snodgraß einigermaßen, weil die jungen -Leute, von denen das Buch erzählt, nie mehr als einmal der Handreichung<span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[253]</span> -bedurften um emporzukommen. Indessen arbeitete er -die Schriftstücke durch, schnitt hier und da viele unnötige Blumen -fort und rodete die Eigenschaftswörter scheffelweise aus. Es gelang -ihm darauf wirklich zwei der Artikel bei Zeitschriften unterzubringen.</p> - -<p>Nach Ablauf einer Woche erschien der dankbare Snagsby -mit einer neuen Ladung von Manuskripten. Wohl hatte es dem berühmten -Autor zuerst eine hohe innere Befriedigung gewährt, -dem strebsamen jungen Manne mit Erfolg helfen zu können und -sich mit den großmütigen Leuten zu vergleichen, von denen das -Geschichtenbuch berichtet; jetzt aber begann sich in ihm der Argwohn -zu regen, daß vielleicht nicht alles in Richtigkeit sei. Trotzdem -sich sein Enthusiasmus plötzlich abgekühlt hatte, gewann er -es aber nicht über sich, den jungen Menschen zurückzustoßen, der -sich in seiner vertrauensvollen Herzenseinfalt so fest an ihn -klammerte.</p> - -<p>Das Ende vom Liede war denn auch, daß der berühmte -Schriftsteller den armen, jungen Anfänger fortdauernd auf dem -Halse behielt. Die schwachen Versuche, welche er anstellte, sich -der Last zu entledigen, waren vergebens. Immer wieder mußte -er Snagsby Rat erteilen und ihm Mut einsprechen, mußte sich -bemühen die Annahme seiner Manuskripte bei den Zeitschriften -durchzusetzen und sie vorher gehörig zustutzen, weil sie sonst unbrauchbar -waren. Als der junge Streber endlich im Sattel saß, -schwang er sich plötzlich mit einem kühnen Sprung auf den Gipfel -des Ruhms. Er beschrieb nämlich das Privatleben des berühmten -Autors bis in die kleinsten Einzelheiten mit so beißendem Witz, -daß sein Buch einen fabelhaften Absatz fand, dem gefeierten -Schriftsteller aber vor Kränkung darüber das Herz brach. Noch -mit dem letzten Atemzug seufzte er: »Ach, jenes verlockende Buch -hat mich betrogen; es verschweigt die letzte Hälfte der Geschichte. -Hütet euch, meine Freunde, vor strebsamen jungen Literaten!<span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[254]</span> -Kein Mensch soll sich vermessen, jemand vom Tode zu retten, -den Gott verhungern lassen will – er läuft nur in sein eigenes -Verderben.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3 id="Der_dankbare_Gatte">Der dankbare Gatte.</h3> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Eine Dame fuhr einmal mit ihrem Söhnchen durch die -Hauptstraße einer großen Stadt, als plötzlich die Pferde -scheu wurden und in wildem Laufe davonjagten. Der Kutscher -ward vom Bock geschleudert und die Insassen des Wagens bebten -vor Todesangst. Aber ein wackerer Jüngling, der gerade mit -seinem Gemüsewagen des Weges fuhr, fiel den durchgehenden -Pferden in die Zügel und es gelang ihm mit Gefahr seines -eigenen Lebens, sie in ihrer Flucht aufzuhalten. Die gerettete -Dame ließ sich seine Adresse sagen und erzählte daheim die -Heldenthat ihrem Gatten (der das Buch mit den moralischen -Erzählungen gelesen hatte). Dieser vergoß Thränen der Rührung -bei dem erschütternden Bericht und dankte im Verein mit seinen -ihm wiedergeschenkten Lieben dem Allgütigen, ohne dessen Willen -kein Sperling vom Dache fällt, für die wunderbare Hilfe. Dann -sandte er nach dem wackern, jungen Mann, überreichte ihm einen -Wechsel auf 500 Dollars und sagte: »Nimm dies zum Lohn -für deine edle That, William Ferguson, und wenn du je eines -Freundes bedarfst, so erinnere dich, daß Thomas Spadden ein -dankbares Herz hat.«</p> - -<p>Laßt uns hieraus lernen, daß jede gute That dem der sie -thut, nützt und frommt und wenn er auch aus dem niedrigsten -Stande wäre.</p> - -<h4>Fortsetzung.</h4> - -<p>In der folgenden Woche fand sich William Ferguson bei -Herrn Spadden mit der Bitte ein, er möge ihm durch seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[255]</span> -Einfluß eine bessere Beschäftigung verschaffen, da er Größeres -leisten könne, als den Gemüsewagen zu fahren. Herr Spadden -verhalf ihm denn auch zu einer Bureaustelle mit gutem Gehalt.</p> - -<p>Bald darauf wurde Williams Mutter krank und er – doch -ich will mich möglichst kurz fassen: Spadden willigte ein, sie zu -sich ins Haus zu nehmen. Nicht lange, so fühlte sie Sehnsucht -nach ihren jüngern Kindern, worauf Marie, Julie und Jaköbchen -gleichfalls bei Spadden Aufnahme fanden. Jaköbchen hatte ein -Taschenmesser, mit dem er sich eines Tages allein ins Wohnzimmer -begab, und ehe noch Dreiviertelstunden vergingen, war -das Mobiliar, welches etwa zehntausend Dollars gekostet hatte, -so von ihm bearbeitet worden, daß sein Wert sich nicht mehr -schätzen ließ. Einige Tage später fiel Jaköbchen die Treppe hinunter -und brach den Hals. Siebzehn Anverwandte kamen in -das Haus, um seiner Leiche zu folgen. Bei der Gelegenheit wurden -sie dort bekannt und fanden sich seitdem häufig in der Küche ein. -Auch bekamen die Spaddens vollauf zu thun, um ihnen nicht -nur einmal Stellen zu verschaffen, sondern auch immer von neuem -wieder, wenn sie Abwechslung brauchten.</p> - -<p>Die alte Frau Ferguson war trunksüchtig und führte oft -gottlose Reden: da hielten es denn die Spaddens, aus Erkenntlichkeit -gegen den Sohn, für ihre Pflicht, sie von diesen Lastern -zu bekehren und widmeten sich der Aufgabe mit hohem Edelsinn. -William kam häufig, erhielt immer kleinere Geldbeträge und -forderte immer höhere und einträglichere Beschäftigung, zu welcher -ihm die dankbaren Spaddens mehr oder weniger rasch verhalfen. -Nach verschiedenen Einwendungen verstand sich Spadden sogar -dazu, William auf die Universität zu schicken; als aber der Held -vor den ersten Ferien das Verlangen stellte, man möge ihn aus -Gesundheitsrücksichten nach Europa reisen lassen, da empörte sich -der bedrängte Spadden endlich gegen seinen Tyrannen. Er schlug -ihm die Forderung rundweg ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[256]</span></p> - -<p>William Fergusons Mutter war darüber so verblüfft, daß -sie die Schnapsflasche fallen ließ und eine Verwünschung ihr in -der Kehle stecken blieb. Als sie sich vom ersten Schrecken erholt -hatte, stieß sie keuchend hervor: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? -Wo wäre Ihre Frau und Ihr Junge jetzt ohne meinen Sohn?«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-255"> - <img src="images/illu-255.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>William sagte: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? -Sagen Sie einmal – habe ich Ihrer Frau das Leben gerettet -oder nicht?«</p> - -<p>Sieben Anverwandte liefen aus der Küche herbei und sagten -einer nach dem andern: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit?«</p> - -<p>Williams Schwestern standen starr vor Verwunderung. »So -also beweisen Sie – –« fingen sie an, kamen jedoch nicht weiter, -da ihre Mutter sie mit vor Schluchzen erstickter Stimme unterbrach<span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[257]</span> -und rief: »Und im Dienst eines solchen Ungeheuers hat -mein seliger kleiner Jakob sein teueres Leben geopfert!«</p> - -<p>Da schwoll dem empörten Spadden der Mut und in der -Erregung des Augenblicks rief er voll edlen Zornes:</p> - -<p>»Hinaus aus meinem Hause, ihr Bettlerpack! Ich weiß es -jetzt, jenes Geschichtenbuch hat mich bethört, aber es soll mich nie -wieder zum Narren halten. – Ja, du hast meiner Frau das -Leben gerettet,« donnerte er William an, »und dem nächsten, -welcher das thut, mache ich auf der Stelle den Garaus!« –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Zum Schluß bemerke ich noch, daß sich die Geschichte mit -William Ferguson in meiner persönlichen Bekanntschaft wirklich -zugetragen hat; doch sind von mir alle Einzelheiten dergestalt -verändert worden, daß William sein Spiegelbild nicht wiedererkennen -wird.</p> - -<p>Jeder Leser dieser Skizze ist wohl einmal den ›Beispielen -des Guten‹ gefolgt, von welchen die Bücher berichten, und hat -in irgend einer schönen, begeisterungsvollen Stunde seines Lebens -eine edelmütige That vollbracht. Es wäre mir lieb zu erfahren, -wie viele dieser Großmütigen Lust haben, über jenes Erlebnis -nachträglich zu reden und sich gern an die Folgen erinnern lassen, -welche aus demselben entstanden sind!? –</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[258]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ueber_Tagebuecher">Ueber Tagebücher.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-z.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Zu gewissen Zeiten wird es der liebste Ehrgeiz eines Menschen, -einen getreuen Bericht über sein Thun in einem Buche -aufzubewahren, und er stürzt sich in diese Arbeit mit einer Begeisterung, -als ob ein Tagebuch zu führen die heiligste Pflicht -und der größte Genuß in der Welt sei. Aber wenn er nur -einundzwanzig Tage verlebt hat, so wird er finden, daß nur -jene seltenen Naturen voll Ausdauer, Hingebung an die Pflicht -und unbesiegbarer Entschlossenheit sich an ein so gewaltiges Unternehmen, -wie es das Führen eines Tagebuchs ist, wagen können, -ohne eine schmachvolle Niederlage zu erleiden.</p> - -<p>Als ich auf der Quaker-City meine erste Reise nach Europa -machte, hatten wir an Bord einen jungen Mann, Namens Jack. -Dieser prächtige junge Bursche hatte ein Tagebuch angefangen -und pflegte über seine Fortschritte jeden Morgen in der glühendsten -und aufgewecktesten Weise zu berichten. Eines Tages fing er an:</p> - -<p>»O, ich komme höllisch gut fort damit. Ich schrieb letzte -Nacht zehn Seiten in mein Tagebuch – und wissen Sie, ich -hatte die Nacht vorher neun und die Nacht vor dieser zwölf geschrieben. -Je nun, das ist reiner Spaß.«</p> - -<p>»Was finden Sie denn Aufzeichnenswertes, Jack?«</p> - -<p>»O, alles! Längen- und Breitengrade, Mittagszeit, und -wie viele Meilen wir in den letzten vierundzwanzig Stunden<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[259]</span> -gemacht haben, und alle die Spiele Domino und Pferdebillard, -die ich gewonnen habe, und Walfische und Haie und Schweinfische -und Sonntags den Text der Predigt (wissen Sie, weil -das zu Hause was gelten wird), und die Schiffe, die wir salutierten, -und welcher Nation sie angehörten, und was für Wind -war, und ob es eine schwere See gab, und was für Segel wir -führten, obwohl wir eigentlich niemals welche führen, da wir -immer den Wind von vorn haben – möchte wissen, was der -Grund davon ist – und wie viele Lügen Moult uns erzählt -hat. O, alles! Ich habe alles schwarz auf weiß. Mein Vater -hieß mich dieses Tagebuch führen. Vater würde es nicht für -tausend Dollars hergeben, wenn ich's fertig kriegte.«</p> - -<p>»Nein, Jack, es wird mehr als tausend Dollars wert sein -– wenn Sie es fertig kriegen.«</p> - -<p>»Meinen Sie? Aber Sie denken wohl, ich kriege es nicht -fertig?«</p> - -<p>»Ja, es wird wenigstens tausend Dollars wert sein, wenn -Sie es vollenden. Vielleicht mehr noch.«</p> - -<p>»Na, ich denke halb und halb ebenso. Ich bin nicht ungeschickt -im Führen eines Tagebuches.«</p> - -<p>Eines Abends sagte ich später in Paris, nachdem wir uns -mit der Besichtigung von Sehenswürdigkeiten abgearbeitet hatten, -zu ihm:</p> - -<p>»Nun, ich will gehen und ein Weilchen um die Cafés -herumstrolchen, Jack, und Ihnen Gelegenheit geben, Ihr Tagebuch -weiterzuführen, alter Junge.«</p> - -<p>Sein Gesicht verlor sein Feuer. Er sagte:</p> - -<p>»Na, das braucht Sie nicht zu kümmern. Ich denke, ich -werde dieses Tagebuch nicht weiter fortsetzen. Es ist furchtbar -langweilig. Wissen Sie wohl, daß ich viertausend Seiten noch -nachzureiten hätte? Ich habe noch gar nichts über Frankreich -drin. Erst dachte ich, ich wollte Frankreich weglassen und von<span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[260]</span> -Frischem anfangen. Aber nicht wahr, das ginge nicht an. Der -Alte würde sagen: Hallo, was ist das – nichts von Frankreich -gesehen? Dann dachte ich, ich wollte Frankreich aus dem Reiseführer -abschreiben, wie der alte Badger in der Vorderkajüte, -der ein Buch schreibt, aber es sind mehr als dreihundert Seiten -darüber. O, mir scheint, ein Tagebuch hat gar keinen Nutzen, -nicht wahr? Nichts als Plack und Langeweile, nicht wahr?«</p> - -<p>»Ja, ein unvollständiges Tagebuch hat gar keinen Nutzen, -aber ein gehörig geführtes Tagebuch ist seine tausend Dollars -wert – wenn man es fertig hat.«</p> - -<p>»Tausend – nun ja, das sollt' ich meinen. Ich aber -möchte es für eine Million nicht fertig machen.«</p> - -<p>Seine Erfahrung war nur die Erfahrung der Mehrzahl -derjenigen unserer Reisegesellschaft, welche gleich ihm ein Tagebuch -führten. Wenn man einem jungen Menschen eine unbarmherzige -und bösartige Strafe auferlegen will, so verpflichte man -ihn, ein Jahr lang ein Tagebuch zu führen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[261]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ueber_das_Briefschreiben">Ueber das Briefschreiben.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Ich glaube, es giebt kaum etwas auf der Welt, was uns -allen so widerwärtig ist, als die Pflicht einen Brief zu -schreiben – besonders einen Privatbrief. Geschäftsbriefe sind -übrigens nur wenig angenehmer. Fast alle Freude über einen -Brief, den ich erhalte, wird mir durch den Gedanken vergällt, -daß er beantwortet werden muß. Ja, ich fürchte mich so sehr -vor der Qual, solche Antworten auf der Seele zu haben, daß -mich häufig die Lust anwandelt, meine ganze Post ins Feuer zu -werfen, statt sie zu öffnen.</p> - -<p>Zehn Jahre lang ist mir diese Furcht erspart geblieben, -weil ich fortwährend umherzog, von Stadt zu Stadt, von Staat -zu Staat und von Land zu Land. Da konnte ich, ganz nach -Gefallen, sämtliche Briefe unbeantwortet lassen, die Absender -derselben nahmen natürlich an, daß ich meinen Aufenthaltsort -gewechselt habe und ihre Zuschriften fehlgegangen seien.</p> - -<p>Jetzt kann ich aber leider diese Form der Täuschung nicht -mehr anwenden. Ich bin vor Anker gegangen, bin festgefahren -– und nun kommen die tödlichen Geschosse, die Briefe aller Art, -schnurgerade auf mich losgeflogen.</p> - -<p>Es sind Briefe der verschiedensten Gattung und sie behandeln -die mannigfaltigsten Gegenstände. Ich lese sie meist beim Frühstück -und sehr oft verderben sie mir mein ganzes Tagewerk; sie<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[262]</span> -leiten meinen Gedankengang in neue Kanäle, das Arbeitsprogramm, -welches ich mir für meine Schreiberei aufgestellt habe, -gerät in Verwirrung, ja es wird wohl auch gänzlich umgestoßen.</p> - -<p>Nach dem Frühstück werfe ich mich gewöhnlich ins Geschirr -und versuche eine Stunde lang fleißig zu schreiben, aber ich -komme nur mühsam vorwärts, da die Briefe immer wieder in -meine Gedanken eingreifen. Die Sache hat keinen rechten Fluß, -ich gebe sie zuletzt auf und verschiebe alle weiteren Bemühungen -auf den nächsten Tag.</p> - -<p>Man sollte meinen, ich würde mich nun schleunigst daran -machen die Briefe zu beantworten und aus dem Wege zu schaffen. -Alle Musterknaben, von denen wir lesen, daß sie barfuß nach -New York gewandert kommen und im Laufe der Zeit zu unverschämten -Millionären werden, hätten damit sicherlich keinen -Augenblick gezögert – aber, ich bin nicht wie sie.</p> - -<p>Es fällt mir gar nicht ein, die Gewohnheiten jener Leute -anzunehmen, denn ich werde nie ein Millionär werden. Wäre -ich darauf ausgegangen, so hätte ich nicht gleich von vornherein -den verhängnisvollen Mißgriff begehen dürfen, Stiefel an den -Füßen zu tragen und mehr als vierzig Cents in der Tasche zu -haben, als ich in New York einzog.</p> - -<p>Wie hätte ich nach einem so verkehrten Beginn meiner -Laufbahn noch den Versuch machen sollen mir Reichtümer zu -erwerben? Man würde mich nur mit größtem Mißtrauen betrachtet -haben und mich einfach zum Betrüger stempeln.</p> - -<p>Deshalb verzichte ich also darauf in die Fußstapfen dieser -Krösusse zu treten und meine Briefe mit kaufmännischer Pünktlichkeit -und Schnelligkeit zu beantworten. Ich setze meine Arbeiten -einen Tag lang aus, und die aufgeschichteten Briefe von heute -bleiben bei denen liegen, welche gestern, vorgestern und von -allen früheren Daten angekommen sind.</p> - -<p>Erst wenn der Haufen so angewachsen ist, daß mir angst<span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[263]</span> -und bange davon wird, blase ich zum Angriff und laufe Sturm, -manchmal fünf volle Stunden lang, zuweilen sogar sechs.</p> - -<p>Und wie viele Briefe beantworte ich in dieser Zeit? Nie -mehr als neun, oft -auch nur fünf und -sechs. Der Korrespondent -in einem -großen kaufmännischen -Geschäft würde -in einer solchen Reihe -von Stunden wenigstens -hundert Antworten -zu Papier -bringen.</p> - -<div class="figright" id="illu-262"> - <img src="images/illu-262.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Einem Mann, -der Jahre damit zugebracht -hat, für die -Presse zu schreiben, -kann man aber eine -solche Federgewandtheit -unmöglich zutrauen.</p> - -<p>Aus alter Gewohnheit -knüpft er -dabei einen Gedanken -an den andern; geduldig -zerbricht er -sich minutenlang den -Kopf, um auf eine unwichtige Zuschrift die passende Erwiderung -zusammen zu drechseln, und so verfließt ihm unversehens die -kostbare Zeit.</p> - -<p>Mir ist es in den letzten Jahren förmlich zur andern Natur<span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[264]</span> -geworden, Schriftstücke jeder Art – selbst Privatbriefe nicht -ausgeschlossen – mit Sorgfalt und reiflicher Ueberlegung abzufassen. -Die Folge davon ist, daß ich das Briefschreiben hasse, -und ich habe noch bei allen meinen Bekannten, die für Zeitungen -und Journale arbeiten, eine ähnliche Abneigung dagegen gefunden.</p> - -<p>Obige Bemerkungen sollen nur zur Erklärung und zu meiner -Entschuldigung bei allen den Leuten dienen, welche mir über -allerlei Angelegenheiten geschrieben haben, ohne eine Antwort zu -erhalten.</p> - -<p>Einmal übers andere habe ich, im guten Glauben, daß es -mir gelingen würde, wirklich versucht ihnen zu antworten. Einiges -konnte ich wohl erledigen, aber unwiderruflich blieb doch die -Mehrzahl der in der letzten Woche eingegangenen Briefe bis zur -nächsten liegen.</p> - -<p>Die Folge war dann jedesmal, daß die sich aufhäufenden -Briefe zuerst eine vorwurfsvolle Miene annahmen, dann mir -grimmige Blicke zuwarfen, als wollten sie mir eine Strafpredigt -halten, und zuletzt ein so beleidigendes, unverschämtes Gesicht -machten, daß mir die Geduld ausging. Wenn das geschah, -öffnete ich die Ofenthür und statuierte ein Exempel an ihnen.</p> - -<p>Und siehe da – sofort war jedes bedrückende Gefühl über -vernachlässigte Pflichten verschwunden und alle meine verlorene -Seelenheiterkeit kehrte zurück.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[265]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Gedankentelegraphie">Gedankentelegraphie.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Es giebt gewisse Begebenheiten im Menschenleben, welche -man seit Anbeginn der Welt für ein Spiel des Zufalls -gehalten hat. Erst in unsern Tagen ist es der Psychologischen -Gesellschaft in England gelungen, der Menschheit klar zu machen, -daß, was wir gewöhnlich als ›merkwürdiges Zusammentreffen‹ -bezeichnen, keineswegs auf blindem Zufall beruht, sondern einfach -die Wirkung der Botschaft ist, welche ein Geist dem andern, -oft weit über Land und Meer zuschickt. Beispiele von Gedankentelegraphie -kommen viel häufiger vor als man gemeinhin glaubt -und entstehen so wenig aus bloßem Zufall wie Abgang und -Ankunft einer telegraphischen Depesche.</p> - -<p>Ich hatte die Entdeckung schon längst gemacht und meine -Erfahrungen niedergeschrieben; doch konnte ich mich nicht entschließen, -sie zu veröffentlichen, aus Furcht, man möchte für Scherz -halten, was im vollen Ernst gemeint war. Jetzt aber erscheint -die Frage in einem ganz neuen Licht, dank der verdienstlichen -und einflußreichen Thätigkeit der Psychologischen Gesellschaft, und -ich brauche mein altes Manuskript, das aus dem Jahre 1878 -stammt, nicht länger im Schreibtisch zu verwahren: – – –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Schon wieder habe ich eins jener kleinen merkwürdigen -Erlebnisse zu verzeichnen, wie sie hie und da jedem Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[266]</span> -zustoßen. Man denkt stundenlang darüber nach und bleibt so -klug wie zuvor, denn eine Erklärung sucht man vergebens. Die -Sache, welche an sich ganz unbedeutend aussieht, verhielt sich -wie folgt:</p> - -<p>Vor einigen Tagen sagte ich: »Es scheint, Frank Millet -weiß gar nicht, daß wir in Deutschland sind, sonst würde er -längst geschrieben haben. In den letzten sechs Wochen bin ich -wohl ein Dutzendmal drauf und dran gewesen, ein paar Zeilen -an ihn zu spedieren, habe aber immer wieder beschlossen zu -warten, da er doch endlich etwas von sich hören lassen muß. -Jetzt schreibe ich aber sofort.« Ich that es, schickte den Brief -nach Paris und dachte bei mir: »Ehe dieser Brief fünfzig Meilen -über Heidelberg hinaus ist, haben wir bereits Nachricht von -Frank – so geht es ja immer.«</p> - -<p>Und richtig, was ich gesagt hatte traf ein. Es geschieht ja -wunderbarerweise nichts häufiger im Leben, als daß sich Briefe -kreuzen; ob das aber auf einem Zufall beruht, möchte ich bezweifeln. -Unser Vorgefühl, daß sich der Brief, den wir eben an -eine Person schreiben, mit einem von derselben Person an uns -gerichteten kreuzen wird, ist oft schon stark genug gewesen, um -uns zu veranlassen, den schriftlichen Erguß merkwürdig kurz zu -fassen, da man seine Zeit nicht unnütz verschwenden will – die -Briefe kreuzen sich ja doch. Ich habe die Erfahrung gemacht, -daß mich dieses Vorgefühl meistens ergriff, wenn ich meinen -Brief eine ganze Weile verschoben hatte, in der Hoffnung, der -andere würde zuerst schreiben.</p> - -<p>Ich erhielt Millets Brief, der an demselben Tage abgeschickt -war wie der meinige, in Berlin, durch Vermittlung des -amerikanischen Gesandten. Millet schrieb, er habe sich sechs -Wochen lang vergeblich bemüht, jemand aufzutreiben, der ihm -meine deutsche Adresse mitteilen könne, zuletzt sei er auf den -Gedanken gekommen, daß man wohl auf der Gesandtschaft in<span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[267]</span> -Berlin wissen würde, wo ich zu finden sei. – Vielleicht war -es ein Zufall, aber ich glaube es nicht, daß er endlich in demselben -Augenblick zur Feder griff, in welchem ich mich entschloß -an ihn zu schreiben.</p> - -<p>Es giebt für mich nichts Aergerlicheres, als wenn ich in -einer einfachen Geschäftsangelegenheit gewartet und gewartet habe, -in der Hoffnung, der andere werde die Mühe des Schreibens -übernehmen und mich zuletzt doch selbst daran machen muß, -noch dazu mit der Ueberzeugung, daß jener sich mit mir zugleich -hinsetzt, um einen Brief zu schreiben, der sich mit dem meinigen -kreuzen wird. Wollte ich die Arbeit aber verschieben und vom -Schreibtisch aufstehen, so würde der andere Mensch unfehlbar -dasselbe thun, genau als wären wir zusammengespannt wie die -siamesischen Zwillinge und genötigt die nämlichen Bewegungen -zu machen.</p> - -<p>Einige Monate bevor ich mich auf Reisen begab, hatten -Techniker eines New Yorker Geschäfts eine Arbeit in meinem -Hause vorgenommen, die nicht zu meiner Zufriedenheit ausgefallen -war. Ich benachrichtigte daher die Firma, daß ich die -Rechnung erst bezahlen würde, nachdem die Sache ganz in Ordnung -gebracht sei. In der Antwort bat man mich wegen Geschäftsüberhäufung -etwas Geduld zu haben; sobald der Sachverständige -entbehrt werden könne, solle er alles nach Wunsch -erledigen. Ueber zwei Monate wartete ich und ertrug mit Ergebung -die Hausgenossenschaft elektrischer Klingeln, die urplötzlich -von selbst und wie rasend Sturm läuteten, ohne daß jemand -sie berührte, und dann wieder keinen Ton von sich geben wollten, -wenn man auch den Knopf wie mit einem Schmiedehammer bearbeitete. -Unzähligemale nahm ich mir vor zu schreiben, aber -immer wieder verschob ich es. Eines Abends endlich setzte ich -mich hin und ergoß meinen Aerger ungefähr eine Seite lang; -plötzlich aber brach ich den Brief kurz ab, denn ein deutliches<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[268]</span> -Gefühl sagte mir, daß die Firma jetzt auch ein Lebenszeichen -von sich geben werde. Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück -erschien, war mein Brief noch nicht abgegangen, aber der -›elektrische Klingelmann‹ hatte bereits alles Nötige besorgt und -war wieder verschwunden. Am Abend vorher hatte er von -seinem Prinzipal den Auftrag erhalten und war sogleich mit -dem Nachtzug zu uns gefahren. Wenn das auch ein ›Zufall‹ -war, so gehörten ungefähr drei Monate dazu, bis er zustande kam.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Letzten Sommer langte ich eines Abends in Washington -an, stieg im Orlington-Hotel ab und ging auf mein Zimmer. -Ich las und rauchte ungefähr bis zehn Uhr und da ich nicht -schläfrig war, wollte ich noch ein wenig frische Luft schnappen. -So ging ich denn im Regen hinaus und wanderte vergnüglich -und ziellos umher. Mein Freund O. befand sich auch gerade -in der Stadt und es hätte mich gefreut, wenn wir zufällig aufeinandergestoßen -wären, doch ihn um Mitternacht aufzustöbern, -zumal ich seine Wohnung nicht wußte, lag mir gänzlich fern. -Da ich mich in den öden Straßen verlassen zu fühlen begann, -trat ich gegen zwölf Uhr in einen Zigarrenladen, hielt mich -dort eine Viertelstunde auf und hörte den nationalpolitischen -Gesprächen einiger Kunden zu. Plötzlich ergriff mich der prophetische -Geist und ich sprach zu mir selbst: »Wenn ich jetzt zu -dieser Thür hinausgehe, mich links wende und zehn Schritte -mache, werde ich O. gegenüberstehen.«</p> - -<p>Genau so traf es ein. Zwar konnte ich sein Gesicht unter -dem Regenschirm nicht sehen, zumal es ziemlich dunkel war, aber -ich erkannte ihn an der Stimme, als er seinem Begleiter in die -Rede fiel, und rief ihn an.</p> - -<p>Daß ich den Laden verließ und O. begegnete war nichts, -aber daß ich es vorher wußte, war sehr viel. Bei näherer Betrachtung -ist es doch ein höchst merkwürdiges Erlebnis. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[269]</span> -stand ganz hinten in dem Zigarrenladen als der Geist der Weissagung -über mich kam. Fünf Schritte bis zur Thür, drei Stufen -zum Bürgersteig hinunter, Wendung nach links, einige weitere -Schritte und richtig – da war mein Mann. Ist es nicht -wunderbar, wie alles zutraf?</p> - -<p>Oft reden wir von einem Abwesenden und kaum haben wir -es gethan, so sehen wir ihn vor uns. Wir lachen dann und -sagen: »Wenn man den Teufel an die Wand malt u. s. w.«; -dann denken wir nicht mehr an den sogenannten ›Zufall‹. Das -ist eine recht billige und bequeme Art, über ein ernstes und -schwieriges Rätsel hinwegzukommen, das zu lösen wohl der Mühe -verlohnte.</p> - -<p>Nun komme ich aber auf das Sonderbarste zu sprechen, -was ich je erlebt habe: Vor zwei oder drei Jahren lag ich eines -Morgens im Bett und dachte an nichts Besonderes – es war -am zweiten März – als plötzlich eine funkelnagelneue Idee wie -eine Bombe auf mich hereingesaust kam und mit solcher Gewalt -explodierte, daß aus der ganzen Umgegend alle müßigen Betrachtungen -zerfetzt und zersplittert davonflogen. Diese Idee -bestand, kurz gesagt, darin, daß jetzt der günstige Augenblick gekommen -sei, ein gewisses Buch, dem das allgemeine Interesse -nicht fehlen konnte, sofort zu schreiben und auf den Markt zu -bringen – ein Buch über die Silbergruben in Nevada. Die -›Große Bonanza-Mine‹ war damals ein neues Weltwunder und -bildete das Tagesgespräch.</p> - -<p>Die geeignetste Person für diese Arbeit schien mir William -Wright, ein Journalist aus Virginia in Nevada, an dessen Seite -ich dort, vor zwölf Jahren, monatelang als Reporter Zeitungsartikel -gekritzelt hatte. Vielleicht war er noch am Leben, vielleicht -war er tot, wer konnte es wissen, aber jedenfalls wollte -ich ihm schreiben. Ich begann damit, ihm bescheidentlich den -Vorschlag zu machen, das bewußte Buch zu verfassen; im weitern<span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[270]</span> -Verlauf wuchs jedoch mein Eifer und ich ließ mich hinreißen, -nach eigenem Ermessen den ganzen Plan des Werkes zu entwerfen, -überzeugt, daß Wright, als guter Freund, meine Absicht -nicht mißdeuten werde. Ich ging sogar auf Einzelheiten ein -und besprach deren Anordnung und Reihenfolge. Eben wollte -ich das Manuskript in einen Umschlag stecken, da fiel mir ein, -wie unangenehm es wäre, wenn das Buch auf meine Veranlassung -geschrieben -würde -und sich dann -kein Verleger -fände. Ich behielt -daher den -Brief einstweilen -zurück, warf -ihn in ein Fach -und richtete ein -paar Zeilen an -meinen eigenen Verleger, -den ich um eine geschäftliche Besprechung -bat. Der Herr war jedoch -gerade verreist, meine Zuschrift blieb -unbeantwortet und nach einigen Tagen hatte ich die ganze Angelegenheit -vergessen. Am neunten März brachte der Postbote -verschiedene Briefe, darunter einen besonders dicken, dessen Aufschrift -eine halbschlummernde Erinnerung in mir zu wecken schien. -Zuerst wußte ich nicht wohin damit, aber bald ging mir ein -Licht auf und ich sagte zu einem Verwandten, der gerade anwesend -war:</p> - -<div class="figleft" id="illu-269"> - <img src="images/illu-269.jpg" alt="" /> -</div> -<p>»Gieb acht, jetzt will ich ein Wunder thun. Ich werde -dir aufs genauste Inhalt, Datum und Unterschrift dieses Briefes -sagen, ohne ihn zu erbrechen. Er kommt von einem Herrn<span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[271]</span> -Wright aus Virginia in Nevada, und ist vom zweiten März -datiert. Wright teilt mir darin sein Vorhaben mit, ein Buch -über die Silberminen zu schreiben und fragt, was ich als Freund -davon denke. Ferner setzt er mir alles Einzelne des Nähern -auseinander und sagt, daß er zum Schluß die Geschichte des -›Großen Bonanza‹ erzählen wolle.«</p> - -<p>Ich öffnete nun den Brief und bewies, daß meine sämtlichen -Angaben richtig waren. Wrights Brief enthielt in der -That genau dasselbe wie der meinige, der, am nämlichen Datum -geschrieben, seit sieben Tagen im Fach meines Schreibtisches lag.</p> - -<p>Mit Hellseherei, wenigstens wie <em class="gesperrt">ich</em> dieselbe verstehe, hatte -dieser Vorfall, glaube ich, nichts zu thun. Ein Hellseher behauptet, -verborgene Schrift wirklich Wort für Wort ablesen zu -können. Das war bei mir nicht der Fall. Ich glaubte nur -den Inhalt des Briefes im einzelnen mit vollkommener Sicherheit -zu kennen, aber die Worte mußte ich selbst finden und gewissermaßen -Wrights Ausdrucksweise in die meinige übersetzen.</p> - -<p>Dies Zusammentreffen aller Umstände konnte doch unmöglich -auf Zufall beruhen. Bei einem Zufall hätte vielleicht einiges -gestimmt, aber alles übrige wäre wesentlich abgewichen. Für -mich unterlag es keinem Zweifel – Wrights Geist hatte am -zweiten März über Gebirge und Wüste hinweg, trotz der Entfernung -von dreitausend Meilen, mit dem meinigen in engster -und krystallklarster Verbindung gestanden. Meiner Meinung nach -waren wir nicht beide zugleich auf die ursprüngliche Idee gekommen, -sondern der Geist des einen hatte sie erdacht und sie -dem andern telegraphiert.</p> - -<p>Es reizte mich doch zu wissen, wessen Gehirn das Telegraphieren -übernommen hatte und wer der Empfänger der Depesche -gewesen war, so schrieb ich denn an Wright, um mich -darnach zu erkundigen. Seine Antwort bewies mir, daß Gedanke -und Botschaft von <em class="gesperrt">seinem</em> Geist ausgegangen waren<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[272]</span> -und der meinige beides nur aufgenommen hatte. Sein Buch -steckte ihm schon lange im Kopfe; es liegt daher auf der Hand, -daß die erste Idee von ihm und nicht von mir herrührt; der -Stoff lag mir ganz fern und ich war obendrein von andern -Dingen vollauf in Anspruch genommen. Trotzdem vermochte -es dieser Freund, an den ich seit elf Jahren nicht mehr gedacht -hatte, mir seine Gedanken aus weiter Ferne in den Kopf zu -blitzen, und zwar mit solchem Nachdruck, daß ich für den Augenblick -kein anderes Interesse mehr kannte. Er hatte den Brief -an mich geschrieben, nachdem seine Arbeit für das Morgenblatt -beendet war, etwas nach drei Uhr. Drei Uhr morgens in Nevada -ist ungefähr 6 Uhr in Hartford, zu welcher Zeit ich, wie -erwähnt, im Bette lag und an nichts Besonderes dachte. Gerade -um diese Zeit ergoß sich der Strom seiner Gedanken über -den Kontinent hinweg in mein Gehirn, ich stand auf und schrieb -sie nieder unter dem Eindruck, daß sie ausschließlich von mir -selbst stammten.</p> - -<p>Das ist sehr bedeutungsvoll und kann von der höchsten -Wichtigkeit werden. Man bedenke nur, wie mancher herrliche -Originalgedanke einem so mir nichts dir nichts von einem dreitausend -Meilen weit entfernten Menschen weggestohlen werden -kann. Sollte jemand versucht sein, diese Thatsache anzuzweifeln, -so bitte ich nur, einen Blick in das Konversationslexikon zu -werfen und wieder einmal über den sonderbaren Umstand in -der Geschichte der Erfindungen nachzugrübeln, der einem jeden -schon zu denken gegeben hat – darüber nämlich, daß so häufig -dieselben Maschinen und Apparate gleichzeitig von mehreren -Personen in verschiedenen Weltteilen erfunden worden sind. Es -liegt nicht außer dem Bereich der Möglichkeit, daß die Erfinder -sich, ohne es zu wollen, gegenseitig ihre Ideen fortstehlen, obgleich -sie viel tausend Meilen von einander getrennt sind.</p> - -<p>Gewöhnlich erklärt man zwar dies Gedankenzusammentreffen<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[273]</span> -daraus, daß große und bedeutsame Entdeckungen sich immer auf -Fragen beziehen, mit welchen die hervorragendsten Geister sich -bereits lange und eingehend beschäftigt haben. Als Beispiele -solcher zugleich von verschiedenen Seiten gewonnener Errungenschaften -auf wissenschaftlichem Gebiet führt man unter andern -die Erfindung der Differentialrechnung an, die Entdeckung des -Planeten Neptun, die Entzifferung der egyptischen Hieroglyphen, -die Aufstellung der Vibrationstheorie des Lichts, die Erfindung -des elektrischen Telegraphen und der Spektralanalyse. Aber -vielleicht ist in jedem der angegebenen Fälle die Idee in dem -Geist eines <em class="gesperrt">einzigen</em> Gelehrten entsprungen, der sie weiter -telegraphiert hat. Schon seit einem Jahrhundert hatten die -Astronomen jene Aberrationen beobachtet, die endlich Leverrier -auf die Vermutung brachten, daß sich im unermeßlichen Raum -ein Planet verbergen müsse, welcher der Urheber jener Störungen -sei. Wie ging es nun aber zu, daß drei durch weite -Entfernung von einander getrennte Menschen, Leverrier, Mrs. -Somerville und Adams auf einmal zu gleicher Zeit anfingen, -sich mit den Aberrationen abzuquälen und alles daran zu setzen, -um ausfindig zu machen, was wohl die Ursache derselben sein -könne? – Das sonderbare Unternehmen, einen unsichtbaren -Planeten zu messen, zu wägen, seine Bahn zu berechnen, ihm -förmlich nachzujagen und ihn endlich einzufangen, an das noch -niemand zuvor gedacht hatte, konnte nur in dem Kopf eines -einzigen Astronomen entsprungen und durch Gedankentelegraphie -den andern Geistern übermittelt worden sein.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Letzten Frühling kam ein litterarischer Freund von fern -her, um mich zu besuchen. Im Lauf des Gesprächs erzählte er -mir, es sei ihm eine vollständig neue Idee aufgegangen, wie -sie sicherlich in der Litteratur noch nicht dagewesen wäre, und -teilte mir dieselbe mit. Darauf überreichte ich ihm ein Manuskript,<span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[274]</span> -welches ich vor acht Tagen geschrieben hatte, mit dem Bedeuten, -daß er darin seine Idee der Hauptsache nach getreulich -wiedergegeben finden würde. Schon seit dem vergangenen November -beschäftigte dieser Gedanke mein Gehirn – in das seinige -geriet er aber erst vor acht Tagen, während ich das Schriftstück -abfaßte. Da er seine Idee noch nicht zu Papier gebracht -hatte, überließ er mir nun liebenswürdigerweise alle Rechte und -Titel des Erfinders.</p> - -<p>Mich haben die spiritistischen Vorstellungen und Geisterkundgebungen, -bei denen ich zugegen war, nie im geringsten -überzeugen können, was jedoch nicht viel sagen will, da meine -Erfahrungen auf diesem Felde nur oberflächlich sind. Daß aber -der Geist eines noch – im Fleisch wandelnden – Menschen -mit einem andern Menschengeist verkehren kann, selbst wenn -beide durch große Entfernungen getrennt sind, glaube ich fest. -Ja, es ist nicht einmal erforderlich, vorher auf künstliche Weise -einen ›sympathetischen Zustand‹ zu erzeugen, durch welchen die -Gedankentelegraphie vermittelt würde. Nach meiner Ueberzeugung -findet die geistige Wechselwirkung überhaupt nur statt, wenn -ein sympathetischer Zustand vorhanden ist; ich halte es aber nicht -für unmöglich, daß bei ununterbrochenem sympathetischem Zustand -auch der Gedankenverkehr ins Unbegrenzte fortgesetzt werden -könnte.</p> - -<p>Wir alle haben es wohl schon erlebt, daß plötzlich eine -Reihe von Gedanken und Empfindungen auf uns einstürmten, -die wir ganz auf dieselbe Weise bereits in einem frühern Dasein -durchgemacht zu haben glauben. Ein unheimliches Gefühl! -– Zwar ist ein früheres Dasein nicht unmöglich, aber dadurch -wird dieses spukhafte Geheimnis keineswegs erklärt. Seine Erklärung -liegt vielmehr darin, daß ein Fremder aus weiter Ferne -uns seine Gedanken ins Bewußtsein telegraphiert, bis ein Gegenstrom -oder irgend ein anderes Hindernis plötzlich die Verbindung<span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[275]</span> -unterbricht. Vielleicht scheint es uns etwas früher Erlebtes, -weil es das schon Erlebte eines andern ist, das wir nur -aus zweiter Hand übernehmen. Ob Herr Brown, der berühmte -Gedankenleser, wirklich die Gedanken anderer liest, weiß ich nicht, -– aber <em class="gesperrt">das</em> weiß ich, daß <em class="gesperrt">ich</em> sie schon gelesen habe, und -warum sollte es da Herr Brown nicht auch thun können!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Vorstehendes schrieb ich vor drei Jahren in Heidelberg und -legte das Manuskript beiseite mit der Absicht, bei Gelegenheit -neue Beispiele der Gedankentelegraphie, die mir vorkommen -würden, hinzuzufügen. Inzwischen hat sich das ›Briefkreuzen‹ -so unzähligemale wiederholt, daß es anfängt eintönig zu werden. -Ich habe mir aber eine Lehre daraus gezogen: wenn ich jetzt -die Lust verliere zu warten, ob es jemand, von dem ich gern -Nachricht hätte, endlich gefällig sein wird zur Feder zu greifen, -so zwinge ich ihn dazu, indem ich mich hinsetze und meinerseits -an <em class="gesperrt">ihn</em> schreibe. Dann zerreiße ich meinen Brief in guter -Ruhe; ihn abzuschicken ist unnötig, das <em class="gesperrt">Schreiben</em> allein genügt -vollständig, um den säumigen Freund zum Entschluß zu bringen.</p> - -<p>Nachdem wir Heidelberg verlassen hatten, hielten wir uns -eine Zeitlang in Venedig auf. Eines Tages fuhr ich in einer -Gondel den großen Kanal hinab, als ich einen lauten Zuruf -hinter mir hörte und mich umblickte; eine Gondel folgte der -meinigen und der Gondelier machte heftige Zeichen, ich solle anhalten. -Als das Boot herankam, erblickte ich darin eine amerikanische -Dame, die sich seit längerer Zeit in Venedig aufhielt.</p> - -<p>»Sie müssen mir helfen,« sagte sie in großer Aufregung, -als ihre Gondel neben der meinigen angelegt hatte. »Im -Britannia-Hotel ist vor einer Woche ein Herr aus New York -mit seiner Frau abgestiegen. Sie erwarteten Nachrichten von -ihrem Sohn vorzufinden, von dem sie seit acht Monaten nichts -gehört haben. Leider war ihre Hoffnung vergebens, die Dame<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[276]</span> -liegt nun krank, sie ist in Verzweiflung und ihr Mann kann -weder essen noch schlafen. Der Sohn ist vor acht Monaten in -San Francisco angekommen und hat seine Ankunft den Eltern -sofort brieflich angezeigt. Das ist die letzte Spur von ihm. Die -Eltern sind inzwischen in Europa ruhelos von Ort zu Ort gezogen, -die ganze Reise ist ihnen verdorben und sie haben Briefe -nach allen Himmelsgegenden geschrieben in der Hoffnung, Nachrichten -über das Verbleiben ihres Sohnes zu erhalten, dessen -Schweigen noch immer unaufgeklärt ist.</p> - -<p>»Nun will der Herr es mit einem Kabeltelegramm versuchen. -Er will nach San Francisco telegraphieren, hat sich -aber bis jetzt noch nicht dazu entschließen können, aus Furcht -vor was? – ohne Zweifel aus Furcht, die Todesnachricht seines -Sohnes zu erhalten. Er verlangt jetzt von mir, daß ich die -Depesche abschicke, aber das <em class="gesperrt">kann</em> ich nicht, denn, wenn keine -Rückantwort erfolgte – es wäre der Tod der armen Mutter. -In meiner Angst bin ich Ihnen nachgefahren. Sie müssen mir -beistehen, den Mann zu überreden noch einige Wochen geduldig -zu warten, der Aufschub ist vielleicht die Rettung seiner Frau. -Kommen Sie, wir dürfen keine Zeit verlieren.«</p> - -<p>Ich that ihr den Willen, aber auf <em class="gesperrt">meine</em> Weise. Als ich -dem Herrn vorgestellt war, sagte ich: »In dergleichen Dingen -habe ich meinen besonderen Aberglauben, der aber wohl beachtet -zu werden verdient. Wenn Sie sofort nach San Francisco telegraphieren, -werden Sie binnen vierundzwanzig Stunden Nachricht -erhalten, vielleicht nicht gerade von dort, aber jedenfalls -irgendwoher. Telegraphieren Sie nur schnell, das ist alles was -nötig ist. Die Nachricht wird in vierundzwanzig Stunden eintreffen, -einerlei, ob Sie das Telegramm nach Peking schicken -oder sonstwohin. Die Verzögerung ist nur dadurch entstanden, -daß Sie Ihr Telegramm nicht sofort abgehen ließen, als Sie -zuerst Neigung dazu verspürten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[277]</span></p> - -<p>Wie thöricht es auch erscheinen mag, der Mann ließ sich -wahrhaftig von dem Unsinn beeinflussen; er erheiterte sich sichtlich, -schickte die Depesche ab und als am nächsten Tage ein langer -Brief von dem verlorenen Sohn ankam, war er mir so dankbar, -als hätte mein Rat wirklich die Ankunft des Briefes beschleunigt. -Der Sohn hatte von San Francisco aus eine Reise im Segelschiff -angetreten und erst nach Monaten in dem ersten Hafen, -den er berührte, Gelegenheit gefunden, den Eltern Nachricht -zu geben.</p> - -<p>Dies Beispiel hat wenig Bedeutung und beweist nichts; -<em class="gesperrt">ich</em> erwähne es nur um zu zeigen, wie sehr das ewige Briefkreuzen -meinen Aberglauben inzwischen verstärkt hatte. Ich war -so fest davon überzeugt, daß ein irgendwohin gerichtetes Kabeltelegramm -sich mit den ersehnten Nachrichten kreuzen würde, daß -meine Zuversicht sogar einen Hoffnungslosen aufzurichten und zu -ermutigen vermochte.</p> - -<p>Ich lasse hier einige Beispiele von absoluter Gedankentelegraphie -folgen:</p> - -<p>An einem Montagmorgen, als die Postsachen hereingebracht -wurden, sagte ich, auf einen der Briefe deutend, zu -meinem Freunde: »Ich will dir angeben, was dieser Brief enthält, -ohne ihn zu öffnen. Er kommt von Frau X., welche -schreibt, daß sie letzten Sonnabend in New York gewesen ist und -die Absicht gehabt hat, mit dem Nachmittagszug einen Abstecher -zu machen, um uns zu überraschen, im letzten Augenblick sich -aber anders besonnen habe und nach Hause gefahren sei.«</p> - -<p>Alle Einzelheiten stimmten genau. Und doch hatten wir -vorher nicht im mindesten daran gedacht, daß Frau X. nach -New York kommen und beabsichtigen würde, uns zu besuchen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich rauche ziemlich stark, ja – ich gestehe es – fast ohne -Unterbrechung. Daher versuche ich seit sieben Jahren, eine<span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[278]</span> -Schachtel mit Streichhölzchen hinter einem Bild auf dem Kaminsims -immer bereit zu haben. Leider blieb es aber bei dem -Versuch, denn George, mein schwarzer Diener, der Feuer und -Gas anzuzünden hat, brauchte dazu immer <em class="gesperrt">meine</em> Streichhölzchen, -ohne daß ihm je einfiel, sie wieder an ihren Platz zu -stellen. Sieben Jahre lang gingen Befehle und Bitten spurlos -an ihm vorüber. Letzten Sommer -nun kehrten wir nach einer mehrmonatlichen -Abwesenheit nach Hause -zurück und beim Eintreten sage ich -zu einem Familiengliede:</p> - -<p>»Nach so langen Ferien und -gänzlichem Mangel an -Unterbrechungen – –«</p> - -<p>»Ich kann den Satz -für dich beenden,« fiel -mein Hausgenosse ein.</p> - -<p>»Nun, so thue es,« -antwortete ich.</p> - -<p>»Sollte doch George -endlich gelernt -haben, meine Streichhölzchen -in Ruhe zu -lassen!«</p> - -<div class="figleft" id="illu-277"> - <img src="images/illu-277.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Es stimmte ganz genau. Gerade das hatte ich sagen -wollen. Und doch hatte ich seit drei Monaten nicht an George -und die Streichhölzchen gedacht, auch gab der Anfang meines -Satzes sicherlich nicht den geringsten Aufschluß über das, was -folgen sollte.</p> - -<p>Dergleichen Vorkommnisse würden mich vor einigen Jahren -noch in Erstaunen gesetzt haben, aber jetzt überraschen sie mich -nicht mehr. Ich weiß ja nun, daß <em class="gesperrt">ein</em> Geist auf das innigste<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[279]</span> -mit dem <em class="gesperrt">andern</em> verkehren kann, ohne das unbeholfene und beschwerliche -Medium der Sprache.</p> - -<p>Unser Zeitalter scheint sich in Erfindungen beinahe erschöpft -zu haben, aber <em class="gesperrt">eine</em> wichtige Frage bleibt ihm noch zu lösen: -– die Erfindung des Phrenophons, das heißt, einer Methode, -nach welcher die Gedankenwechselwirkung mit Sicherheit geleitet -und in ein System gebracht werden kann. Der Telegraph und -das Telephon fangen an für unsere Bedürfnisse zu langsam -und wortreich zu arbeiten. Uns genügt nur, daß der Gedanke -selbst, aus beliebiger Entfernung, unmittelbar mit Blitzesschnelle -in unser Gehirn verpflanzt wird; wenn wir ihn dann durchaus -noch in Worte kleiden müssen, so kann ja dieses leidige Geschäft -später mit Muße geschehen. Das gewisse Etwas, welches den -Gedanken durch die Luft von Gehirn zu Gehirn leitet, ist ohne -Zweifel eine zartere und empfindlichere Form der Elektrizität, -und es handelt sich nur darum, auf welche Weise man sie -binden und dienstbar machen kann, ähnlich wie dies mit dem -elektrischen Strom geschehen ist. Vor Erfindung des Telegraphen -hätte man alle mit diesem verwandten Wunder für unausführbar -gehalten, eins so gut wie das andere.</p> - -<p>Ich möchte darauf wetten, daß, während ich diese Gedanken -zu Papier bringe, irgend jemand auf der andern Hälfte der -Erdkugel dasselbe schreibt. Ob aber <em class="gesperrt">ich</em> den Betreffenden anrege -oder <em class="gesperrt">er</em> mich, läßt sich nicht bestimmen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[280]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Prinzenverehrung">Prinzenverehrung.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-b.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Bei meinem Besuche des Bayreuther Theaters bemerkte ich -mit Verwunderung, daß, während die Menge hereinströmte, -jeder einzelne sich umwandte und begierig nach einer -Art offenen Galerie hinblickte, auf welcher die fürstlichen Personen -Platz genommen hatten. Viele von den Zuschauern schienen -dabei förmlich vor Entzücken zu erstarren und konnten sich nicht -wieder losreißen.</p> - -<p>Ob bei diesem Wohlgefallen an einem Prinzen Neid oder -Verehrung vorherrscht, weiß ich nicht, jedenfalls ist es eine Mischung -von beiden. Auch wird der Hunger und Durst nach dem Anblick -eines Fürsten nicht durch einmalige Betrachtung gestillt, -nein, er bleibt unwandelbar derselbe. Vielleicht erklärt sich diese -Erscheinung aus der Freude, welche der Mensch an einem Wertgegenstand -hat, den er gewinnt, ohne ihn zu erwerben. Der -Thaler, den du zufällig findest, freut dich mehr als die neunundneunzig, -die dir Mühe und Arbeit gekostet haben, und der -Gewinn im Pharo oder an der Börse thut deinem Herzen ganz -besonders wohl. – Ein Prinz findet umsonst, schon in der Wiege, -Macht, Ansehen, freie Zeit, unentgeltliche Verpflegung, aus reinem -Zufall, weil er als Prinz geboren ist; deshalb schaut die -kummervolle Armut und Niedrigkeit zu ihm auf, wie zu einer -monumentalen Verkörperung des Glücks. Und dann – o größter -Vorzug – kein anderes Glück auf Erden ist so fest gegründet<span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[281]</span> -wie das seine. Der Millionär kann über Nacht zum -Bettler werden, der große Staatsmann einen Fehler begehen, -man läßt ihn fallen und er wird vergessen. Der berühmte -General kann eine entscheidende Schlacht verlieren und verliert -dabei zugleich sein Ansehen bei den Menschen. Aber <em class="gesperrt">bist</em> du -ein Prinz, so <em class="gesperrt">bleibst</em> du ein Prinz, das heißt ein Halbgott; -weder Unglück noch Niederträchtigkeit, weder ein hohler Kopf -noch sonstige Eseleien können dich deiner Hoheit entkleiden. In -der Huldigung der Menschen, mag sie verdient sein oder unverdient, -besteht nach einmütigem Beschluß aller Nationen und aller -Zeiten das höchste Gut auf Erden; folglich ist die Stellung -eines Prinzen die wünschenswerteste unter der Sonne.</p> - -<p>Natürlich sind in <em class="gesperrt">unsern</em> Augen Fürstlichkeiten nicht das, -was sie dem Europäer gelten. Wir sind nicht dazu erzogen -einen Prinzen zu vergöttern; es würde uns genügen, ihn <em class="gesperrt">einmal</em> -recht gründlich anzuschauen, dann wäre unsere Neugier befriedigt; -das nächstemal würden wir ihm schon gleichgültiger begegnen -und trachten, einen neuen zu Gesicht zu bekommen. Nicht -so der Europäer; ihm bleibt derselbe Prinz immer neu und -interessant, er veraltet nie.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>An einem häßlichen, nebligen, naßkalten Dezembertag vor -achtzehn Jahren war ich einmal in London und begab mich in -das Haus eines Engländers, um, wie verabredet, seiner Frau -und der verheirateten Tochter einen Besuch abzustatten. Ich -mußte eine halbe Stunde warten, dann kamen die Damen halb -erfroren angegangen und erzählten, daß ein unerwarteter Umstand -sie aufgehalten habe. Während sie am Marlborough House -vorübergingen, sahen sie, wie sich eine Volksmenge versammelte, -und man sagte ihnen, der Prinz von Wales sei im Begriff auszufahren; -sie blieben also stehen und warteten. Nachdem sie -eine halbe Stunde auf dem Bürgersteig gestanden hatten und<span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[282]</span> -vom Frost ganz erstarrt waren, erfuhren sie, daß der Prinz von -Wales sich anders besonnen habe, und gingen betrübt nach Hause. -Das überraschte mich sehr.</p> - -<p>»Ist es denn möglich,« fragte ich ganz erstaunt, »daß Sie -alle die Jahre in London leben und den Prinzen von Wales -noch nicht gesehen haben?«</p> - -<p>Aber siehe, nun war das Erstaunen auf <em class="gesperrt">ihrer</em> Seite.</p> - -<p>»Was für eine Idee!« riefen sie. »Natürlich haben wir -ihn schon hundertmal gesehen!«</p> - -<p>Sie hatten ihn schon hundertmal gesehen und doch eine -halbe Stunde in bitterer Kälte und Dunkelheit auf ihn gewartet, -eingekeilt in einem Haufen ebensolcher Narren, um ihn <em class="gesperrt">noch</em> -einmal zu sehen! – Ich traute meinen Ohren kaum, aber was -eine Engländerin sagt, muß man glauben, mag es noch so unwahrscheinlich -klingen. Es wurde mir schwer eine passende Erwiderung -zu finden, endlich verfiel ich auf folgende:</p> - -<p>»Mir ist das ganz unbegreiflich. Selbst wenn ich den -General Grant <em class="gesperrt">nie</em> gesehen hätte, würde ich schwerlich solche -Opfer bringen, um mir seinen Anblick zu verschaffen.«</p> - -<p>Die verständnislosen Gesichter der Damen verrieten mir, -daß der Sinn des Vergleichs ihnen gänzlich dunkel war. Endlich -sagten sie gelassen:</p> - -<p>»Das versteht sich von selbst – er ist ja nur ein Präsident!«</p> - -<p>Es steht also unumstößlich fest, daß nur ein Prinz von -unvergänglichem, unerschöpflichem Interesse ist. Der General, -den kein Feind besiegt hat, der General, der nie einen Kriegsrat -brauchte, der einzige General, der eine Schlachtlinie befehligte, -welche ununterbrochen zwölfhundert Meilen lang war, der -Schmied, der die getrennten Teile unserer Republik zusammengeschweißt -hat und sie so fest gefügt, daß sie voraussichtlich alle -Monarchieen der Welt überdauern wird – der war in ihren -Augen schließlich nur ein Mensch. Ihr Prinz dagegen war<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[283]</span> -weit -mehr, -nämlich -ein Wesen -aus -ganz anderm -Stoff, -hoch erhaben -über -dem gewöhnlichen -Sterblichen, -den er überstrahlt -wie -die ewigen -Sterne am Firmament -unsere -armseligen Talglichter, welche qualmen und verlöschen, von denen -nichts zurückbleibt, als ein Häufchen Asche und ein schlechter -Geruch.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-282"> - <img src="images/illu-282.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[284]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_1000000_Pfund-Note">Die 1 000 000 Pfund-Note.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-m.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Mit siebenundzwanzig Jahren nahm ich in San Francisco -eine Stellung auf dem Kontor eines Minenmaklers ein -und hatte mir dabei eine gründliche Kenntnis dieses Geschäftszweiges -erworben. Ich stand allein auf der Welt, nichts nannte -ich mein eigen als meinen gesunden Verstand und einen fleckenlosen -Ruf, und diese beiden Güter hatten sich mir bisher als -kräftige Stützen auf meinem Wege zum Glück erwiesen, frohen -Mutes schaute ich also in die Zukunft.</p> - -<p>Sonnabends hatte ich den Nachmittag für mich und brachte -diese freie Zeit meist auf dem Wasser zu, indem ich mich in -einem kleinen Segelboot in der Bucht herum tummelte. Eines -Tages wagte ich mich zu weit hinaus und wurde in die offene -See getrieben. Schon brach die Nacht herein, meine letzte Hoffnung -begann zu schwinden, da nahm mich eine kleine Brigg, -die auf ihrem Weg nach London vorüber segelte, an Bord.</p> - -<p>Sie hatte eine lange, stürmische Fahrt, und ich mußte das -Reisegeld als gemeiner Matrose abdienen. In zerlumpten, abgeschabten -Kleidern stieg ich in London ans Land, einen einzigen -Dollar in der Tasche. Dafür verschaffte ich mir Nahrung und -Obdach für die ersten vierundzwanzig Stunden. Die folgenden -vierundzwanzig dagegen verbrachte ich ohne diese schätzenswerten -irdischen Güter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[285]</span></p> - -<p>Am folgenden Morgen schleppte ich mich, müde und hungrig, – -es mochte etwa zehn Uhr sein – an Portland-Place vorüber, -als ein Kind, das an der Hand seiner Wärterin des Weges -kam, eine köstliche große Birne, die es eben erst angebissen hatte, -in den Rinnstein fallen ließ. Ich machte natürlich sofort Halt -und heftete meinen begehrlichen Blick auf diesen schmutztriefenden -Schatz. Der Mund wässerte mir, mein Magen -bäumte sich, jede Faser an mir lechzte darnach. -Aber so oft ich Miene machte nach der Birne -zu greifen, bemerkte jedesmal das Auge eines -Vorübergehenden mein Vorhaben; natürlich -richtete ich mich dann stets wieder kerzengerade -auf und nahm eine gleichgiltige Miene an, als -hätte ich überhaupt niemals im entferntesten -an diese Birne gedacht. So ging es immer -und immer wieder, und ich konnte ihrer nicht -habhaft werden. Meine Verzweiflung hatte -bereits einen solchen Grad erreicht, daß ich -allem Schamgefühl zum Trotz im Begriffe war, -die Birne aufzuheben. Da ging hinter -mir ein Fenster auf und ein Herr -richtete die Worte an mich:</p> - -<p>»Bitte, kommen Sie hier herein.«</p> - -<div class="figleft" id="illu-284"> - <img src="images/illu-284.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Ein reich galonnierter Lakai ließ -mich ein und führte mich in ein kostbar eingerichtetes Zimmer, -in welchem zwei ältliche Herren saßen. Nachdem sie den Diener -weggeschickt, forderten sie mich auf, Platz zu nehmen. Sie waren -eben erst mit ihrem Frühstück fertig geworden, und der Anblick -seiner Ueberreste ging fast über meine Kräfte. Ich vermochte kaum -meine fünf Sinne zusammenzuhalten, während ich diese Herrlichkeiten -da vor mir stehen sah; da man mich jedoch nicht aufforderte, -davon zu kosten, so mußte ich mich in meine Lage fügen so gut es ging.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[286]</span></p> - -<p>Der Vorgang, der sich hier kurz zuvor abgespielt hatte, -blieb mir selbst zwar noch geraume Zeit völlig unbekannt, dem -Leser dagegen will ich ihn gleich jetzt mitteilen. Die beiden -Brüder hatten am Tage vorher einen ziemlich heftigen Disput -gehabt, den sie ganz nach Landessitte schließlich in Form einer -Wette beilegten.</p> - -<p>Die Bank von England hatte seinerzeit einmal bei Gelegenheit -eines Geschäftes, das die Regierung mit einer auswärtigen -Macht abschloß, eigens nur zu diesem Zwecke zwei Noten von -je einer Million Pfund Sterling ausgegeben. Aus irgend einem -Grunde war nur die eine der beiden Noten hiebei gebraucht und -dann entwertet worden, während die andere noch in den Gewölben -der Bank lag. Nun waren die beiden Brüder im Laufe -des Gesprächs ganz zufällig auf die Erörterung der Frage gekommen: -wie es wohl einem durchaus ehrlichen und gescheiten -Fremden ergehen würde, der in London auftauchte, ohne dort -einen Menschen zu kennen, zugleich ohne allen weiteren Geldbesitz -außer dieser Millionenbanknote und endlich ohne die Möglichkeit, -sich über deren Erwerb auszuweisen? Bruder A. behauptete, -der Betreffende müsse einfach Hungers sterben, während -Bruder B. durchaus entgegengesetzter Meinung war. Bruder A. -machte geltend, der Besitzer der Note könnte ja die Note weder -bei der Bank noch sonst wo anbringen, ohne auf der Stelle festgenommen -zu werden. In dieser Weise stritten sie so lange hin -und her, bis Bruder B. sich schließlich bereit erklärte, zwanzigtausend -Pfund darauf zu wetten, daß der Fremde dreißig Tage -lang <em class="gesperrt">unfehlbar</em> von der Millionennote leben könne und zwar -ohne ins Gefängnis zu kommen. Bruder A. nahm die Wette -an, worauf Bruder B. sich ohne Verzug nach der Bank begab -und die Note kaufte. Echt englisch, wie man sieht: geradeswegs -forsch aufs Ziel los! Er ließ sodann von einem seiner Angestellten -einen Brief in schöner Rundschrift dazu ausfertigen,<span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[287]</span> -und nun warteten die beiden Brüder am Fenster einen ganzen -Tag lang auf einen Vorübergehenden, der darnach aussähe, -als käme bei ihm das inhaltschwere Schriftstück in die richtigen -Hände.</p> - -<p>Es kamen viele ehrliche Gesichter vorüber, die aber nicht -gescheit genug aussahen; ebensoviele, bei denen das Umgekehrte -der Fall war, viele wiederum, bei denen beides zutraf; aber -diese waren dann entweder nicht arm genug oder, wenn auch -dieses stimmte, doch keine Fremden. Stets hatte die Sache -irgend einen Haken, bis ich auftauchte. Bei mir hatten beide -sofort den Eindruck, daß sämtliche Erfordernisse in vollem Umfang -erfüllt seien; die Wahl war demnach einstimmig auf mich -gefallen, und da saß ich nun und harrte der Eröffnung, wozu -man mich eigentlich hereingerufen habe. Zuvörderst hatte ich ein -eingehendes Examen über meine persönlichen Verhältnisse zu -bestehen, infolgedessen sie bald genug mit meiner ganzen Geschichte -bekannt waren; das Ergebnis war: ich sei ganz der -richtige Mann für ihr Vorhaben. Ich erwiderte, das sei mir -höchst erfreulich, ich bäte nur, mir sagen zu wollen, worin dieses -bestehe. Hierauf behändigte mir der eine der Beiden einen -verschlossenen Briefumschlag mit dem Bemerken, darin sei die -Erklärung enthalten. Ich wollte den Umschlag ohne weiteres -öffnen, allein er ließ dies nicht zu; ich solle denselben nur mit -nach Hause nehmen, den Inhalt aufmerksam ansehen und dann -mit vollem Bedacht und ruhiger Ueberlegung handeln. Einigermaßen -verdutzt meinte ich, es wäre mir doch lieber, wenn die -Sache etwas genauer erörtert werden könnte, sie ließen sich jedoch -nicht darauf ein; so verabschiedete ich mich denn, tief gekränkt -über den schlechten Scherz, den man sich offenbar mit -mir erlaubt hatte, und voll Grimm über meine dermalige Lage, -in der ich mir diesen Schimpf von so reichen und mächtigen -Leuten ganz ruhig mußte gefallen lassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[288]</span></p> - -<p>Die Birne hätte ich jetzt unfehlbar aufgehoben und vor -aller Welt verzehrt, aber sie war nicht mehr da. Also auch -um sie hatte mich die unselige Geschichte gebracht! Diese Vorstellung -war nicht dazu angethan, mich den beiden alten Herren -gegenüber sanfter zu stimmen. Sobald ich aus der Sehweite -des Hauses war, öffnete ich den Umschlag. Ich erblickte eine -Banknote! Nun erschienen mir die Herren natürlich auf einmal -in ganz anderem Lichte. Ohne mich einen Augenblick zu -besinnen, schob ich den Brief samt dem Geld in die Westentasche -und lief spornstreichs nach der nächsten billigen Speisewirtschaft. -Nun, wie ich da einhieb, das mußte man sehen! Als schließlich -nichts mehr in mich hineinging, nahm ich die Note aus der -Tasche und faltete sie auseinander. Beim ersten Blick darauf -wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen. Fünf Millionen Dollars!! -Mir wirbelte der Kopf bei der bloßen Vorstellung.</p> - -<p>Eine volle Minute dauerte es, bis ich aus der Betäubung, -in welche mich der Anblick der Note versetzte, heraus und wieder -ordentlich zu mir kam. Das erste, was mir nun ins Auge fiel, -war der Wirt. Wie versteinert stand er da, starr den Blick -auf die Banknote gerichtet. Es sah aus, als sei er vor lauter -Verzückung nicht mehr imstande ein Glied zu rühren. Augenblicklich -hatte ich den Entschluß gefaßt, der bei dieser Sachlage -der einzig vernünftige war. Ich streckte ihm die Note hin und -sagte dabei in ganz unbefangenem Tone:</p> - -<p>»Bitte, wollen Sie mir herausgeben.«</p> - -<p>Diese Anrede gab ihm sein geistiges Gleichgewicht wieder. -Er erschöpfte sich in Entschuldigungen, daß er nicht imstande sei -die Note zu wechseln, und wollte sie um keinen Preis annehmen. -Nur anschauen wollte er sie, immer wieder anschauen; es war, -als könnte er sich nicht satt daran sehen; vor ihrer Berührung -dagegen scheute er zurück, als wäre es ein geweihter Gegenstand, -viel zu heilig für die Hände eines Sterblichen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[289]</span></p> - -<div class="figcenter" id="illu-288"> - <img src="images/illu-288.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Es thut mir leid, wenn ich Ihnen Mühe mache,« begann -ich wieder, »allein ich muß darauf beharren, daß Sie mir auf -die Note herausgeben, ich habe kein Geld sonst.«</p> - -<p>Das mache ganz und gar nichts, versetzte er, er lasse diese -unbedeutende Zeche ganz gern bis zum nächstenmal stehen. Ich -erwiderte, es könne lange dauern, bis ich wieder bei ihm vorbei -komme; allein er versicherte abermals, das habe nichts auf -sich, er könne wohl warten, ich könne überhaupt zu jeder Zeit -bei ihm haben was ich wolle und den Betrag dafür stehen lassen, -so lange es mir beliebe. Ich werde doch nicht von ihm glauben, -daß er einem so reichen Herrn wie ich, bloß deshalb kein Vertrauen -schenke, weil ich ein lustiger Kauz sei, der zum Ulk gerne -in geringer Kleidung unter die Leute gehe. Unterdessen hatten -sich weitere Gäste eingefunden; auch jetzt gab er mir noch durch -Zeichen zu verstehen, ich solle das Ungetüm doch nur wieder einstecken; -und als ich fortging, machte er einen Bückling um den<span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[290]</span> -andern hinter mir drein bis zur Thür. Ich machte mich schnurstracks -wieder auf den Weg nach der Wohnung des Brüderpaars, -um die Leutchen von der vorgekommenen Verwechslung in Kenntnis -zu setzen, ehe ich durch polizeiliche Nachforschungen hiezu -veranlaßt würde. Es war mir gar nicht recht wohl bei der -Sache, ja, ich hatte eigentlich ganz gehörig Angst, obwohl mich -natürlich durchaus keine Schuld traf. Aber ich kannte die Welt -und wußte nur zu wohl, daß, wenn jemand aus Versehen einem -Bettler statt einer Einpfundnote eine Millionenbanknote giebt, -er unfehlbar in eine gräßliche Wut auf den armen Teufel gerät, -anstatt sich für seine Kurzsichtigkeit nach Gebühr an der -eigenen Nase zu fassen. Als ich in die Nähe des Hauses kam, -begann sich meine Aufregung etwas zu legen, denn da war alles -still und ruhig. – Offenbar war der Streich noch nicht entdeckt -worden. Ich klingelte. Derselbe Bediente wie das erstemal -erschien wieder. Ich fragte nach den beiden Herrn.</p> - -<p>»Sie sind fort,« erwiderte er in dem hochmütigen, kalten -Ton, den seinesgleichen meist an sich haben.</p> - -<p>»Fort? Wohin?«</p> - -<p>»Verreist.«</p> - -<p>»In welcher Richtung?«</p> - -<p>»Wahrscheinlich nach dem Kontinent.«</p> - -<p>»Dem Kontinent?«</p> - -<p>»Jawohl.«</p> - -<p>»Welchen Weg haben sie eingeschlagen?«</p> - -<p>»Kann ich nicht sagen.«</p> - -<p>»Wann kommen sie denn zurück?«</p> - -<p>»In einem Monat, wie sie sagten.«</p> - -<p>»In einem Monat! Ach, das ist ja schrecklich! Geben -Sie mir doch nur irgend einen noch so entfernten Anhaltspunkt, -wie ich ihnen ein Wort zukommen lassen kann. Es ist -von der allerhöchsten Wichtigkeit.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[291]</span></p> - -<p>»Kann ich wirklich nicht. Ich habe keine Ahnung, wohin -sie gereist sind.«</p> - -<p>»Dann muß ich irgend ein Angehöriges der Familie sprechen.«</p> - -<p>»Die Familie ist ebenfalls fort, auf Reisen schon seit -Monaten – in Aegypten, Indien, glaube ich.«</p> - -<p>»Mann, es ist ein ungeheures Versehen vorgekommen. Noch -vor Nacht kommen die Herren gewiß zurück. Wollen Sie ihnen -dann sagen, ich sei dagewesen und werde so lange immer wieder -kommen, bis die Sache in Ordnung sei. Sie dürften also ganz -unbesorgt sein.«</p> - -<p>»Ich will es ihnen sagen, falls sie zurückkommen, aber ich -erwarte sie nicht zurück. Die Herren sagten, daß Sie schon in -einer Stunde wieder erscheinen würden, um nachzufragen. Ich -solle Ihnen aber nur sagen, es sei alles in Ordnung, sie würden -schon zur rechten Zeit zurück sein und Sie erwarten.«</p> - -<p>Nun mußte ich mein Vorhaben freilich aufgeben und wieder -fortgehen. – Dieses unergründliche Rätsel! Mir war, als -müßte ich den Verstand darüber verlieren. Sie würden »zu -rechter Zeit zurück sein.« Was konnte das zu bedeuten haben? -O, in dem Briefe würde ich vielleicht Aufklärung darüber finden. -Den hatte ich ganz vergessen. Ich zog ihn aus der Tasche und -las ihn durch. Er lautete:</p> - -<p>»Gescheit und ehrlich sind Sie, das sieht man Ihnen am -Gesichte an. Wie wir weiter annehmen dürfen, sind Sie außerdem -mittellos und fremd. Inliegend finden Sie einen Geldbetrag, -der zu einem unverzinslichen Darlehen für Sie auf die -Dauer von dreißig Tagen bestimmt ist. Nach Verlauf dieser -Zeit sprechen Sie wieder hier vor. Ich habe eine Wette auf -Sie gemacht. Gewinne ich sie, so sollen Sie jede beliebige -Stellung erhalten, die ich zu vergeben habe – d. h. vorausgesetzt -natürlich, das solche Ihrer bisherigen Thätigkeit entspricht und -daß Sie die Fähigkeit besitzen, sie auszufüllen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[292]</span></p> - -<p>– Keine Unterschrift, keine Adresse, kein Datum. –</p> - -<p>Nun, da steckte ich in einer netten Klemme. Der Leser -kennt ja die Vorgeschichte des Falles, ich selbst dagegen hatte -keine Ahnung davon. Für mich war das Ganze lediglich ein -unergründliches, dunkles Rätsel. Ich hatte nicht die entfernteste -Vorstellung, um was es sich bei der Sache handelte und ob es -dabei gut oder schlecht -mit mir gemeint war. -In einer öffentlichen -Anlage ließ ich mich -auf einer Bank nieder, -um hier die Sache -gründlich zu überdenken -und mich über mein -ferneres Verhalten -schlüssig zu machen.</p> - -<div class="figleft" id="illu-291"> - <img src="images/illu-291.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Nach Verlauf einer -Stunde hatte bei mir -an der Hand meiner -Erwägungen die folgende -Auffassung endgiltige -Gestalt gewonnen: -Ob es die beiden -Herren gut mit mir -meinen oder schlecht, ist eine Frage, die ich nicht zu ergründen vermag, -– also: ruhig zusehen. Es handelt sich dabei um einen -Scherz, eine Idee oder ein Experiment irgend welcher Art, worüber -ich ebensowenig ins klare kommen kann, – also wiederum ruhig -zusehen. Man ist auf mich eine Wette eingegangen, deren Gegenstand -ich unmöglich zu erraten imstande bin – also abermals -ruhig zusehen. Damit wären die unfaßbaren Größen abgethan; -die übrigen in Betracht kommenden Faktoren sind dagegen sämtlich<span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[293]</span> -greifbarer, reeller Art und lassen sich ganz genau zum voraus -bestimmen und berechnen. Wenn ich bei der Bank von England -darum nachsuche, die Note dem Eigentümer auf Rechnung zu -stellen, so wird man allerdings meinem Antrage nachkommen, -denn dort kennt man ja seinen Namen, wenn auch ich ihn nicht -weiß; aber dann wird man mich weiter fragen, wie ich in den -Besitz der Note komme? Sage ich die Wahrheit, so sperrt man -mich selbstredend in ein Irrenhaus, lüge ich dagegen, so erhalte -ich Quartier in Numero Sicher. Genau ebenso würde es mir -ergehen, falls ich versuchen wollte, die Note irgendwo sonst einzulösen -oder Geld darauf aufzunehmen. Ich <em class="gesperrt">muß</em> diese unerträgliche -Last mit mir herumschleppen, bis jene Herren zurückkommen, -ob ich will, oder nicht. Sie ist ohne allen Wert für -mich, so wertlos wie eine Hand voll Asche, und doch muß ich -sie aufs sorgfältigste behüten und bewahren, während ich dabei -auf fremde Mildthätigkeit angewiesen bin, um mein Leben zu -fristen. Nicht einmal verschenken könnte ich die Note, wenn ich -wollte; denn kein ehrlicher Bürger, ja selbst nicht der gemeinste -Straßenräuber würde sie annehmen oder das geringste damit zu -thun haben wollen. Das Bruderpaar ist in jedem Falle vollkommen -gedeckt, – selbst wenn ich die Note verliere oder verbrenne; denn -im ersten Falle brauchen sie nur Zahlungssperre zu veranlassen, im -zweiten dagegen ersetzt ihnen die Bank den vollen Wert. Ich dagegen -muß inzwischen einen ganzen Monat voll unerhörter Qualen -durchmachen, ohne im geringsten Entgelt oder Lohn dafür zu -erhalten, – wofern ich nicht jene Wette gewinnen helfe, sie -mag sich nun beziehen worauf sie wolle, und dafür die mir zugesagte -Stellung erhalte. Ja freilich, wenn ich <em class="gesperrt">die</em> bekäme! – -So große Herren haben oft Pöstchen zu vergeben, nach denen -man sich die Finger leckt.</p> - -<p>Von dem Gedanken an diesen Posten konnte ich mich nun -nicht mehr losreißen. Ich begann, mich mit hochfliegenden Hoffnungen<span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[294]</span> -zu tragen. Zweifelsohne war ein glänzender Gehalt -damit verbunden, der mit nächstem Monat beginnen mußte, und -damit war ich ja dann wieder völlig flott. Diese frohen Aussichten -versetzten mich rasch in eine sehr gehobene Stimmung, -obwohl ich vorläufig noch immer ziellos in den Straßen umherirrte. -Als ich an einem Kleiderladen vorbei kam, erfaßte mich -das sehnlichste Verlangen, meine Lumpen abzuwerfen und mich -wieder einmal anständig zu kleiden. Konnte ich mir das leisten? -Nein, denn ich besaß wohl eine Millionenpfundnote, aber sonst -nichts auf der Welt. So zwang ich mich denn, an dem Laden -vorüberzugehen. Aber bald stand ich wieder davor. Die Versuchung -war zu grausam; gewiß sechsmal ging ich bis an den -Laden hin und wieder fort, während ich heldenmütig gegen sie -ankämpfte. Aber schließlich gab ich mich überwunden – ich -konnte nicht anders. Ich fragte nach einem verschnittenen Anzug, -der ihnen vielleicht liegen geblieben sei. Der Bedienstete, an -den ich mich gewendet hatte, nickte nur stumm einem andern zu. -Als ich auf diesen zuging, wies er mich in gleicher Weise an -einen dritten, der mir nun zurief:</p> - -<p>»Werde Sie sogleich bedienen!«</p> - -<p>Ich wartete, bis er mit seinem augenblicklichen Geschäfte -fertig war, dann führte er mich in ein Hinterzimmer, wo er -aus einem ganzen Haufen verschnittener Anzüge den schlechtesten -für mich heraussuchte. Ich zog ihn an. Er paßte nicht, war -auch durchaus nicht hübsch, dagegen war er völlig neu und somit -für mich höchst begehrenswert. Ich hatte also nichts daran -auszusetzen und bemerkte in etwas unsicherem Tone:</p> - -<p>»Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie einige Tage -auf den Betrag warten könnten. Ich habe kein kleines Geld -bei mir.«</p> - -<p>Der Kerl nahm eine unverschämt spöttische Miene an und -erwiderte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[295]</span></p> - -<p>»Ach, wirklich! Nun, das habe ich mir gleich gedacht. -Herren wie Sie, haben gewöhnlich nur große Scheine in der -Tasche.«</p> - -<p>Aergerlich über diese Unverschämtheit versetzte ich:</p> - -<p>»Lieber Freund, Sie müssen jemand, den Sie nicht kennen, -nicht immer nach den Kleidern beurteilen, die er trägt; ich bin -wirklich ganz wohl imstande, den Anzug zu bezahlen. Ich wollte -Ihnen nur die Mühe ersparen, eine große Note zu wechseln.«</p> - -<p>Darauf milderte er seinen Ton ein wenig und erwiderte, -immer noch ziemlich von oben herab:</p> - -<p>»Ich wollte Ihnen ja nicht zu nahe treten; aber wenn wir -uns denn doch einmal gegenseitig die Wahrheit sagen, so finde -ich es nicht gerade am Platze, daß Sie sich daran zu zweifeln -erlauben, ob wir auf eine Banknote, die Sie bei sich tragen, -auch herausgeben können. Wir geben auf <em class="gesperrt">jede</em> heraus.«</p> - -<p>»O, das ist etwas anderes; dann bitte ich um Vergebung,« -erwiderte ich und reichte ihm die Note hinüber. Mit einem -Lächeln nahm er sie entgegen, mit jener Art von Lächeln, die -das ganze Gesicht mit einem System von Falten, Runzeln und -Schlangenlinien überzieht, wie die Ringe auf einer Wasserfläche, -wenn man einen Stein hineingeworfen hat. Als er aber den -Blick auf die Note gleiten ließ, wurde dieses Lächeln plötzlich -zu Stein und nahm eine graugelbe Farbe an, so daß es aussah, -wie die Lavastücke, die man zu wellenförmig gewundenen Gebilden -erstarrt an den Abhängen des Vesuv findet. Das war -das erstemal in meinem Leben, daß vor meinen Augen ein -Lächeln so vollkommen unverändert stehen blieb. Immer noch -stand der Mensch, die Note in der Hand, mit demselben Ausdruck -da, bis endlich der Prinzipal herbeigeeilt kam, um zu sehen, -was denn sei.</p> - -<p>»Nun, was giebt's?« fragte er, »was ist los? wo fehlt's?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[296]</span></p> - -<p>»Es giebt gar nichts,« versetzte ich, »ich warte nur auf mein -Kleingeld.«</p> - -<p>»So geben Sie ihm doch heraus, White, frisch vorwärts!«</p> - -<p>»Herausgeben!« rief der Commis, der nun auch wieder zum -Leben erwachte, »das ist leicht gesagt; sehen Sie nur erst die -Note einmal an!«</p> - -<p>Der Prinzipal warf einen Blick darauf, dann pfiff er in vielsagender -Weise halblaut durch die Zähne und machte sich über -den Haufen verschnittener Anzüge her, indem er sie fortwährend -von einer Seite zur andern warf. Dabei machte er seiner Aufregung -durch folgendes Selbstgespräch Luft:</p> - -<p>»Einem exzentrischen Millionär einen solch unsagbar scheußlichen -Anzug zu verkaufen! White ist ein Narr, ein geborener -Narr. Immerfort macht er solche Streiche. So oft ein Millionär -in den Laden kommt, treibt er ihn mir wieder hinaus, weil er -es in seinem ganzen Leben noch nicht so weit gebracht hat, daß -er einen Millionär von einem Bettler zu unterscheiden imstande -ist. So, da hab' ich, was ich suchte,« wandte er sich nun an -mich. »Bitte, legen Sie doch das Zeug da wieder ab und -werfen Sie es ins Feuer. Thun Sie mir den Gefallen und -ziehen Sie dafür dieses Hemd an und diesen Anzug hier. Das -ist das einzig Richtige, das einzig Wahre – einfach und doch -reich, wahrhaft fürstlich und doch nicht im mindesten auffallend. -Wurde für eine ausländische Fürstlichkeit eigens angefertigt; der -Besteller konnte es aber nicht brauchen und mußte einen Traueranzug -dagegen nehmen, weil man meinte, seine Mutter liege im -Sterben – und dann starb sie nicht. Aber das ist Nebensache, -es geht eben nicht immer wie wir eh, eh – das heißt wie -man – Da! die Hosen sind ganz recht, sitzen Ihnen wunderbar. -Jetzt die Weste. Aha, ebenfalls vorzüglich! Jetzt den Rock! – -Guter Gott, schauen Sie nur her, großartig, unübertrefflich! das -Vollkommenste, was je aus meinem Geschäfte hervorgegangen ist.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[297]</span></p> - -<div class="urshapepic" id="illu-296"> -<div class="boxu box296u"> -<img src="images/illu-296.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box296r"></div> -</div> - -<p>Ich konnte nicht umhin, meiner Befriedigung -Ausdruck zu geben.</p> - -<p>»O gewiß, gewiß. Für einen fertigen -Anzug paßt er ja ganz gut, das -muß ich selber sagen. Aber warten Sie -nur, was wir Ihnen erst nach Maß liefern -werden. Vorwärts, White, Buch und -Feder, aber rasch!« Dann fing er an: -»Beinlänge 32,« und so fort. Ehe ich -eine Silbe dagegen vorzubringen vermochte, -hatte er mir das Maß zu Gesellschaftsanzügen, Morgenanzügen -und allem möglichen sonst genommen. Als ich endlich -zu Worte kommen konnte, sagte ich:</p> - -<p>»Aber, mein werter Herr, ich kann das alles <em class="gesperrt">unmöglich</em> -bestellen, wenn Sie nicht mit der Bezahlung auf unbestimmte -Zeit warten oder die Note wechseln können.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[298]</span></p> - -<p>»Auf unbestimmte Zeit! Das will ja gar nichts heißen, -gar nichts. In alle Ewigkeit – so müssen Sie sagen. White, -lassen Sie die Sachen schleunigst anfertigen und dem Herrn dann -unverzüglich in die Wohnung schicken. Die kleineren Kunden -mögen warten. Notieren Sie die Adresse des Herrn.«</p> - -<p>»Ich bin eben im Umzug begriffen; ich komme dann wieder -herüber und gebe Ihnen meine neue Adresse,« warf ich ein.</p> - -<p>»Ganz schön, ganz schön. Nur einen Augenblick, bitte, -dann werde ich Sie zur Thür geleiten. So, hier – habe die -Ehre, mich Ihnen bestens zu empfehlen!«</p> - -<p>Nun, so mußte es ja wohl kommen, nicht wahr? Auf dem -allernatürlichsten Wege war ich bald dahin gelangt, daß ich -überall einfach verlangte, was ich haben wollte und dann beim -Bezahlen mit meiner Millionennote vorrückte. Noch bevor eine -Woche um war, wohnte ich kostbar eingerichtet im größten Luxus -und von aller Bequemlichkeit umgeben in einem teuren Privathotel -in Hanover Square. Hier nahm ich auch das Diner ein, -zum Frühstück dagegen suchte ich regelmäßig die kleine Speisewirtschaft -auf, in der mir meine Millionennote zu meinem ersten -Mahl verholfen hatte. Die Wirtschaft gelangte durch mich zu -ungeahnter Blüte. Allenthalben sprach man davon, daß der -fremde Kauz, der die Millionen nur in der Westentasche herumtrage, -ihr seine Gönnerschaft zuwende. Dies genügte, um aus -dem armseligen, elenden Ding, das mit Mühe sein Dasein fristete, -ein berühmtes, stets überfülltes Lokal zu machen. In seiner -Dankbarkeit drängte mir der Wirt ein Darlehen nach dem andern -auf und ließ schlechterdings keine Weigerung gelten, so daß ich -trotz meiner Bettelarmut im Gelde schwamm und ein wahres -Herrenleben führte. Dabei sagte ich mir wohl, daß ich einem -unvermeidlichen Krach entgegengehe; aber nun war es einmal -so weit gekommen und jetzt hieß es, mit dem Strome schwimmen -oder untergehen. Man sieht, ohne dieses Vorgefühl eines drohenden<span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[299]</span> -Unheils würde meine Lage einfach lächerlich erschienen sein; -aber so erhielt sie dadurch eine sehr ernste, nüchterne Seite, ja -geradezu einen tragischen Zug. Nachts im Finstern drängte sich -dieses Gefühl besonders in den Vordergrund, warnend und drohend, -so daß ich mich seufzend auf meinem Lager herumwarf, und nur -mit Mühe Schlaf finden konnte. Aber im frohen Schimmer -des Tageslichts war dieser tragische Zug immer sehr bald wieder -verflogen und dann schwebte ich in höheren Regionen und wiegte -mich in einem wahren Taumel, in einem förmlichen Rausche -des Glücks.</p> - -<p>Und das war auch ganz natürlich. War ich doch zu einer -der Merkwürdigkeiten der größten Stadt der Welt geworden. -Das war mir denn zu Kopfe gestiegen, und zwar nicht etwa -nur so ein klein wenig, sondern ganz gehörig. Keine Zeitung -im ganzen Vereinigten Königreich konnte man mehr zur Hand -nehmen, ohne auf einen oder mehrere Artikel über den ›Mann -mit der Million in der Westentasche‹ und auf Berichte über -das Neueste, was er gesagt und gethan, zu stoßen. Zuerst waren -diese Notizen am Fuße der Personalnachrichten erschienen, bald -aber kam ich über die Ritter, dann über die Baronets und so -immer höher hinauf, je berühmter ich wurde, bis ich schließlich -den höchsten für mich möglichen Ehrenplatz einnahm, auf dem -mir nur noch Prinzen von königlichem Geblüt und der Primas -von ganz England vorgingen. Aber, wohl gemerkt, das war -noch kein wahrer Ruhm, was ich bis jetzt besaß, nur Berühmtheit; -da kam ein Knalleffekt, der mit einem Schlage das vergängliche -Blech der Berühmtheit in das gediegene Gold des -Ruhmes verwandelte: im ›Punch‹ erschien eine Karikatur von -mir. Ja, jetzt war ich ein gemachter Mann; jetzt war mir -mein Rang gesichert. Witze durfte man nun wohl noch über -mich machen, aber nur ganz respektvolle, keine spöttischen oder -rohen mehr. Man konnte über mich lächeln; auslachen dagegen<span class="pagenum"><a id="Seite_300"></a>[300]</span> -durfte man mich nicht mehr. Diese Zeiten waren vorüber. Der -›Punch‹ bildete mich ab wie ich ganz in Lumpen gehüllt mit -einem wohlgenährten Protzen um den Londoner Tower würfelte. -Nun, man kann sich einbilden, wie das auf einen jungen -Menschen wirken mußte, um den sich bisher kein Mensch gekümmert -hatte, wenn er sah, daß er kein Wort mehr sagen -konnte, ohne daß es aufgeschnappt und von allen Lippen wiederholt -wurde; wenn er überall, wo er sich sehen ließ, die Bemerkungen -von Mund zu Mund fliegen hörte: »da geht er«; -»das ist er«; wenn er sein Frühstück nicht einnehmen konnte, -ohne dabei von einer gaffenden Zuschauermenge umlagert zu -werden und sich in keiner Opernloge zeigen durfte, ohne augenblicklich -einem Kreuzfeuer von tausend Gläsern ausgesetzt zu sein. -Kurz und gut – ich schaukelte mich den ganzen Tag auf einem -wahren Ozean von Ruhm.</p> - -<p>Ich hatte sogar meinen zerlumpten Anzug behalten und -ging ab und zu darin aus, um das Vergnügen wieder einmal -durchzukosten, mich beim Einkauf irgend einer Kleinigkeit beleidigen -zu lassen und dann den Unverschämten mit meiner -Millionennote niederzuschmettern. Aber lange konnte ich das -nicht fortführen. Aus den illustrierten Zeitungen war meine -Erscheinung so allgemein bekannt, daß ich mich in diesem Aufzuge -stets augenblicklich erkannt und von einer Menschenmenge -verfolgt sah; und sobald ich Miene machte, etwas kaufen zu -wollen, bot mir der Geschäftsinhaber seinen ganzen Laden auf -Kredit an, noch ehe ich dazu kommen konnte, meine Note auf -ihn los zu lassen.</p> - -<p>Etwa zehn Tage, nachdem ich zu dieser Berühmtheit gelangt -war, dachte ich daran, meiner patriotischen Pflicht nachzukommen, -indem ich dem amerikanischen Gesandten meine Aufwartung -machte. Er empfing mich mit dem meinem Falle angemessenen -Entzücken, machte mir Vorwürfe, daß ich die Erfüllung<span class="pagenum"><a id="Seite_301"></a>[301]</span> -dieser meiner Pflicht so lange habe anstehen lassen und -erklärte mir, nur dadurch könne ich mir seine Vergebung erkaufen, -daß ich bei einer am Abend in seinem Hause stattfindenden -Gesellschaft den Platz eines durch Krankheit verhinderten Gastes -einnehme. Ich sagte zu, und wir kamen allmählich tiefer ins -Gespräch. Dabei stellte sich heraus, daß er mit meinem Vater -auf einer Schulbank gesessen und später zusammen mit demselben -im Yale College studiert und bis zu meines Vaters Tode Freundschaft -mit ihm unterhalten hatte. So lud er mich denn ein, -jede freie Stunde in seinem Hause zu verbringen, was ich natürlich -mit Freuden annahm. Genauer gesagt war mir das mehr -als angenehm, es war mir vom höchsten Werte. Bei Eintritt -des Krachs war er doch vielleicht imstande, mich vor gänzlichem -Untergang zu bewahren. Ich konnte mir zwar nicht recht vorstellen, -wie das zugehen sollte; allein ich dachte, er würde vielleicht -schon einen Weg dazu finden. Für eine Generalbeichte, -die ich ihm zu Anfang meines entsetzlichen hiesigen Daseins ohne -weiteres abgelegt haben würde, war es bereits zu spät. Nein, -das konnte ich nicht mehr riskieren, ich steckte schon zu tief -drinnen; das heißt wenigstens so tief, daß es nicht geraten schien, -einem Bekannten so neuen Datums genauere Mitteilungen darüber -zu machen, wenn sich auch in meinen eigenen Augen die -Sache noch nicht so hoffnungslos ausnahm. Denn bei meiner -ganzen Borgwirtschaft hielt ich mich höchst sorgfältig innerhalb -der Grenzen meiner Mittel – das heißt meines zukünftigen Gehaltes. -Bestimmt <em class="gesperrt">wissen</em> konnte ich ja natürlich nicht, wieviel -derselbe betragen würde, aber eine genügende Grundlage -für dessen annähernde Schätzung war doch dadurch gegeben, daß -mir der alte Herr die freie Wahl unter sämtlichen Stellungen -lassen wollte, die er zu vergeben hätte, vorausgesetzt, daß ich dazu -befähigt wäre – und das war doch sicher der Fall, darüber -hegte ich keinen Zweifel. Die Wette machte mir auch weiter<span class="pagenum"><a id="Seite_302"></a>[302]</span> -keine Sorge; in <em class="gesperrt">dem</em> Punkte hatte ich stets Glück gehabt. Nun, -ich schätzte also meinen Gehalt auf sechshundert bis tausend -Pfund im Jahre; sagen wir sechshundert fürs erste Jahr und -dann so Jahr für Jahr mehr, bis ich es durch meine Leistungen -auf tausend gebracht hätte. Meine Schulden erreichten bis jetzt -nur die Höhe meines ersten Jahresgehalts. Von allen Seiten -hatte man mir Geld angeboten, allein ich hatte diese Darlehen -meist unter irgend einem Vorwand zurückgewiesen; so beliefen sich -meine daher stammenden Schulden auf nicht mehr als dreihundert -Pfund, während ich die andern dreihundert zur Bestreitung meines -Unterhalts und zu Einkäufen gebraucht hatte. Mit dem Gehalt -des zweiten Jahres hoffte ich nun bei der nötigen Vorsicht und -Sparsamkeit vollends bis zum Ende des Monats zu reichen, und -daran wollte ich es gewiß nicht fehlen lassen. War dann mein -Monat erst herum und mein Gönner von der Reise zurück, -dann war ja alles wieder im schönsten Geleise; dann gedachte ich, -einfach Anweisungen auf die beiden ersten Jahresgehalte unter meine -Gläubiger zu verteilen und mich tüchtig an die Arbeit zu machen.</p> - -<p>Es war eine sehr angenehme Tischgesellschaft von vierzehn -Personen: Herzog und Herzogin von S. mit Tochter, Earl und -Counteß N., Viscount C., Lord und Lady G., einige Menschenkinder -beiderlei Geschlechts ohne Rang und Titel, der Gesandte -nebst Gemahlin und Tochter, sowie eine zu Besuch bei der -letzteren befindliche junge Engländerin von zweiundzwanzig Jahren, -Namens Portia Langham, in welche ich mich im Lauf von zwei -Minuten bereits verliebt hatte, ebenso wie sie sich in mich – -was ich bemerken konnte, ohne eine Brille dazu nötig zu haben. -Dann war noch ein Gast da, ein Amerikaner. – Doch, ich eile -meiner Erzählung etwas voraus. Während die Gesellschaft noch -in sehnsüchtiger Erwartung des Mahles im Salon beisammen -saß und die Zuspätkommenden mit kalter Verachtung musterte, -meldete der Diener: »Mr. Lloyd Hastings.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_303"></a>[303]</span></p> - -<p>Dieser neue Gast faßte, sobald die Förmlichkeiten der Begrüßung -vorüber waren, mich ins Auge und kam mit ausgestreckter -Hand auf mich zu; in dem Augenblick aber, wo er die -meinige fassen und schütteln wollte, stockte er plötzlich und sagte -mit verlegener Miene:</p> - -<p>»Ich bitte sehr um Vergebung, ich glaubte Sie zu kennen.«</p> - -<p>»Nun, du kennst mich auch, alter Junge.«</p> - -<p>»Nein! Bist <em class="gesperrt">du</em> der – das –«</p> - -<p>»Das große Westentaschentier? Jawohl, gewiß. Du darfst -mich getrost bei meinem Spottnamen nennen, ich bin schon daran -gewöhnt.«</p> - -<p>»Na, na, na, diese Ueberraschung! Ein oder zweimal war -mir dein Name in Verbindung mit dieser Bezeichnung zu Gesicht -gekommen, aber es kam mir nie dabei in den Sinn, daß -du der fragliche Henry Adams sein könntest. Es ist doch noch -kein halbes Jahr her, daß du in San Francisco auf Hopkins' -Kontor gebüffelt und um dir einen Nebenverdienst zu verschaffen, -ganze Nächte lang mit mir an der Ordnung und Richtigstellung -der Bücher und Geschäftsberichte der Gould- und Curry-Extension-Gruben -gearbeitet hast. Und jetzt soll ich mir vorstellen, -daß du hier in London als vielfacher Millionär und kolossale -Berühmtheit herumläufst! Es ist ja das reinste Märchen aus -Tausend und eine Nacht. Mensch, ich kann es gar nicht fassen, -nicht begreifen – laß mich nur erst wieder etwas zu mir kommen.«</p> - -<p>»Wahrhaftig, Lloyd, es geht mir kein Haar besser als dir. -Es ist mir selbst unfaßlich.«</p> - -<p>»Bei Gott, wirklich ganz unerhört! Heute ist es gerade -drei Monate her, daß wir zusammen nach dem Miners-Restaurant -gingen.« –</p> - -<p>»Nein, nach dem What-Cheer.«</p> - -<p>»Richtig, jawohl, nach dem What-Cheer. Da ließen wir -uns um zwei Uhr morgens ein Kotelett und eine Tasse Kaffee<span class="pagenum"><a id="Seite_304"></a>[304]</span> -geben, nachdem wir sechs Stunden zusammen über den Büchern -der Extension geschwitzt hatten. Damals wollte ich dich überreden, -mit mir nach London zu kommen und machte mich verbindlich, -dir Urlaub auszuwirken und dich völlig frei zu halten, -versprach dir auch noch etwas extra für den Fall, daß es mir -gelänge, die Kuxe an den Mann zu bringen. Aber da wolltest -du nichts von der Sache wissen. Du meintest, dabei komme -doch nichts heraus, und du könntest doch nicht aufs Ungewisse -deine ganze Stellung aufgeben, um dann vielleicht nach Jahr -und Tag wieder von vorne anfangen zu müssen. Und nun bist -du doch hier. Welch eine merkwürdige Geschichte ist das doch! -Was hat dich denn hierher verschlagen, und wodurch in aller -Welt hast du dich so kolossal heraufgebracht?«</p> - -<p>»Ach, das kam ganz zufällig. Es ist eine lange Geschichte -– ein ganzer Roman kann man sagen. Ich erzähle dir alles, -aber nicht jetzt.«</p> - -<p>»Wann denn?«</p> - -<p>»Ende dieses Monats.«</p> - -<p>»Das sind ja noch über vierzehn Tage. Das heißt doch -der menschlichen Neugierde zuviel zumuten. Sage lieber, in einer -Woche.«</p> - -<p>»Das geht nicht. Den Grund wirst du schon noch erfahren. -Nun, wie steht es denn mit den Geschäften?«</p> - -<p>Mit einemmal war der heitere Ausdruck in seinen Mienen -wie weggeblasen, und mit einem Seufzer erwiderte er: »Du -hattest ganz recht mit deiner Prophezeiung, ganz recht. Wäre -ich doch nicht hierher gekommen. Ich mag gar nicht davon reden.«</p> - -<p>»Doch, doch. Wenn wir hier fertig sind, mußt du mit -mir nach Hause kommen und mir alles erzählen.«</p> - -<p>»Wie? Darf ich? Ist das dein Ernst?« Dabei wurden -ihm die Augen feucht.</p> - -<p>»Jawohl, ich will die ganze Geschichte hören, Wort für Wort.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305"></a>[305]</span></p> - -<p>»Ach, wie beglückt bin ich, daß ich endlich wieder bei einem -menschlichen Wesen in Blick und Wort einem Interesse für meine -Angelegenheiten begegnen darf nach allem, was ich durchgemacht -habe. Lieber Gott! Auf den Knieen möchte ich dir dafür danken!«</p> - -<p>Mit einem warmen Druck meiner Hand sprang er auf und -sah in fröhlichster Stimmung der Mahlzeit entgegen – aus der -jedoch nichts wurde. Nein, es ging wie es stets geht bei der -verkehrten, widerwärtigen englischen Sitte – man war nicht -imstande, sich über die Rangordnung zu einigen und so gab es -keine Mahlzeit. Wenn ein Engländer zum Diner eingeladen -wird, so ißt er sich jedesmal zu Hause satt, ein Fremder dagegen, -der von keiner Seite gewarnt wird, geht ahnungslos in die -Falle. Diesmal freilich kam niemand zu Schaden, wir hatten -alle bereits zu Hause gespeist, dem einzigen Neuling unter uns, -Hastings, hatte der Gesandte gleich bei der Einladung gesagt, -daß er getreu dem Landesbrauche für ein Gastmahl keine Vorsorge -habe treffen lassen. Trotzdem setzte man sich nun, um -den Schein zu wahren, ein jeder Herr mit einer Dame am -Arm, nach dem Speisesaal in Bewegung; allein dabei ging der -Streit bereits an. Der Herzog beanspruchte den Vortritt sowie -den Platz oben an der Tafel, indem er einem Gesandten, der -nur ein Volk, nicht einen Monarchen vertrete, an Rang vorgehe. -Dem gegenüber machte ich meine Rechte geltend, ohne -einen Fußbreit nachzugeben. Die Zeitungen wiesen mir im -Personalbericht den Platz vor allen Herzögen an, die nicht dem -königlichen Hause angehörten, demnach sei es ganz in der Ordnung, -daß mir vor <em class="gesperrt">diesem</em> Herzog der Vorrang gebühre. Mit -allem Hin- und Herreden, worin wir unser Möglichstes leisteten, -kam die Sache natürlich nicht zum Austrag. Endlich war mein -Gegner so unbedachtsam, Geburt und Ahnen ins Feld zu führen; -da übertrumpfte ich ihn jedoch mit dem Hinweis darauf, daß -ich, wie schon mein Name zeige, in gerader Linie von Adam<span class="pagenum"><a id="Seite_306"></a>[306]</span> -abstamme, während aus dem seinigen zusammen mit seiner normännischen -Abkunft klar hervorgehe, daß er nur in der Seitenlinie -mit dem Stammvater des Menschengeschlechts verwandt sei. -So bewegte sich denn der Zug nach dem Salon zurück, wo wir, -gruppenweise herumstehend, eine bescheidene Erfrischung – bestehend -in einem Teller voll Sardinen und ein paar Erdbeeren – -einnahmen. Dabei wurde es mit der Heiligkeit der Rangordnung -etwas weniger streng genommen; die beiden Höchststehenden loosten -miteinander, indem sie ein Geldstück in die Luft warfen. Der -Gewinner machte sich darauf zuerst über seine Erdbeeren her, -während der Verlierende den Schilling einsteckte. So ging es -dann weiter, bei allen nach der Reihe. Nach der Erfrischung -brachte man Spieltische und wir spielten sämtlich Cribbage, um -sechs Pence die Partie. In England spielt man nämlich niemals -zum bloßen Vergnügen. Man will durchaus gewinnen -oder verlieren – ob das eine oder das andere, ist gleichgiltig – -sonst verzichtet man lieber ganz.</p> - -<p>Der Abend verfloß allerliebst, wenigstens uns beiden, Miß -Langham und mir. Ich war so bezaubert von dem holden Geschöpf, -daß ich nicht imstande war, meine Trümpfe zu zählen, -wenn es über zwei Sequenzen hinaus ging; und wenn ich einen -Stich gemacht hatte, übersah ich es jedesmal und fing wieder -an auszuspielen, sodaß ich eine Partie um die andere verloren -haben würde, wäre es meiner Partnerin nicht genau ebenso gegangen. -So war es ganz natürlich, daß keins von uns beiden -aufkam, das fiel uns aber nicht im mindesten auf, wir wußten -nur, daß wir glücklich waren, und weiter wollten wir auch nichts -wissen und hatten nur den Wunsch, in diesem Gefühl nicht gestört -zu sein.</p> - -<p>Ich erklärte ihr sogar – wirklich in allem Ernste – ich -<em class="gesperrt">erklärte</em> ihr, daß ich sie liebe, und sie – nun sie wurde wohl -rot bis unter die Haare, hatte aber nichts dagegen – und sagte<span class="pagenum"><a id="Seite_307"></a>[307]</span> -dies auch. O, es war der schönste Abend meines Lebens! Jedesmal, -so oft ich ansagte, oder meine Trümpfe zählte, fügte ich -als Postskript bei: »Gott, wie reizend Sie sind!« oder etwas -Aehnliches, wofür sie mir dann bei der gleichen Gelegenheit die -Empfangsbestätigung erteilte, indem sie zum Schluß anhängte: -»Finden Sie das wirklich?« Und dabei ließ sie einen so süßen, -schelmischen Blick unter ihren langen Wimpern auf mich blitzen. -O, es war wirklich zu – herrlich!</p> - -<div class="figcenter" id="illu-306"> - <img src="images/illu-306.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Ich benahm mich übrigens vollständig offen und ehrlich dem -Mädchen gegenüber. Ich sagte ihr, daß ich nichts auf der Welt -besäße, als eben die eine Millionennote, von der sie schon so -viel gehört habe, und daß selbst diese nicht mein Eigentum sei. -Dies erregte ihre Neugier, und darauf hin erzählte ich ihr halblaut<span class="pagenum"><a id="Seite_308"></a>[308]</span> -die ganze Geschichte frisch von der Leber weg. Sie wollte -sich darüber fast totlachen. Was sie dabei so lächerlich fand, -war mir ein Rätsel, aber so war es nun einmal. Jede halbe -Minute erregte irgend ein Umstand ihre Lachlust aufs neue, sodaß -ich ihr wieder anderthalb Minuten Zeit zum Atemschöpfen -lassen mußte. Sie lachte sich buchstäblich lahm; noch nie war -mir so etwas vorgekommen. Daß eine traurige Geschichte – -eine Geschichte, die von nichts anderem handelt als von den -Leiden, Kümmernissen und Sorgen eines Menschen – eine solche -Wirkung hervorbrachte, war doch unerhört. Und doch hatte ich -sie nur um so lieber dafür, daß sie so heiter zu sein wußte, wo -eigentlich gar kein Grund zur Heiterkeit vorlag; sah es doch -ganz darnach aus, als könnte ich eine derartige Frau demnächst -recht notwendig brauchen. Ich eröffnete ihr natürlich, daß wir -wohl ein paar Jahre würden warten müssen, bis ich in Genuß -meines Gehaltes käme; hieraus machte sie sich aber nichts und -ermahnte mich nur zur größten Sparsamkeit, damit nicht auch -noch mein dritter Jahresgehalt angegriffen werden müsse. Dann -wurde sie auf einmal besorgt und meinte, ob wir mit unseren -Vermutungen über den Betrag meines ersten Jahresgehalts nicht -doch am Ende die Rechnung ohne den Wirt machten.</p> - -<p>Diese nur zu wohl begründete Bemerkung brachte zwar -mein Vertrauen in die Zukunft einigermaßen ins Wanken, dafür -gab sie mir aber auch einen guten, praktischen Gedanken ein, -den ich sofort frischweg aussprach: »Portia, mein Schatz, würde -es dir etwas ausmachen, mich zu den alten Herren zu begleiten, -wenn ich mich ihnen wieder vorstellen muß?«</p> - -<p>Sie erschrak ein wenig, sagte aber: »N – un, wenn meine -Begleitung dazu beitragen kann, dir Mut zu machen. Aber ist -es denn auch ganz passend, was meinst du?«</p> - -<p>»Das wohl schwerlich, oder eigentlich nicht; aber sieh', es -hängt so unendlich viel davon ab, daß –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_309"></a>[309]</span></p> - -<p>»Dann gehe ich unter allen Umständen mit, ob passend -oder nicht!« erwiderte sie mit edler Begeisterung, die ihr herrlich -stand. »O, der Gedanke macht mich so glücklich, etwas -für dich thun zu können.«</p> - -<p>»Etwas, mein Herz? Alles thust du, ganz allein. Du bist -so schön, so lieblich, so bezaubernd, daß, wenn ich dich zur Seite -habe, die guten alten Herren uns ohne Widerrede jeden beliebigen -Gehalt bewilligen müssen, und sollten sie darüber zu Bettlern werden.«</p> - -<p>Ha, nun mußte man sehen, wie ihr das Blut voll in die -Wangen strömte und ihre Augen in Glück erstrahlten!</p> - -<p>»Du böser Schmeichler! Das ist ja alles nicht wahr, was -du da sagst, aber mit gehe ich doch. Vielleicht wird es dir bei -der Gelegenheit klar, daß andere Leute mich mit andern Augen -betrachten als du.«</p> - -<p>Hegte ich nun noch Zweifel? War mein Vertrauen noch -erschüttert? Es wird wohl genügen, wenn ich sage, daß ich bei -mir selbst in aller Stille meinen Gehalt unverzüglich auf zwölfhundert -Pfund im Jahr erhöhte. Ich sagte ihr aber davon -nichts; das sparte ich mir zu einer Ueberraschung für später auf.</p> - -<p>Auf dem ganzen Wege nach meiner Wohnung schwebte ich -in höheren Regionen und hörte kein Wort von allem, was -Hastings an mich hinsprach. Erst, als wir zu Hause anlangten -und Hastings sich beim Eintritt in meinen Salon in begeisterten -Lobsprüchen auf meine reiche und bequeme Einrichtung erging, -kam ich wieder zu mir.</p> - -<p>»Erst lasse mich einen Augenblick hier stehen bleiben,« rief -er, »damit ich mich satt sehen kann! Guter Gott, das ist ja -ein Palast, der leibhaftige Palast! Und da fehlt nichts, bis zum -behaglichen Kaminfeuer und dem Abendbrot. Henry, hier kommt -man nicht nur zum Bewußtsein, wie reich du bist, nein, hier -fühle ich auch im tiefsten Innern, wie arm ich bin, wie arm -und wie elend, wie geschlagen, gebrochen, und vernichtet!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_310"></a>[310]</span></p> - -<p>Hol's der Henker! Seine Worte wirkten auf mich wie ein -kaltes Sturzbad. Mit einem Schlage war ich völlig ernüchtert -und zu dem Bewußtsein erwacht, daß ich auf einem Vulkan -stehe, der jeden Augenblick ausbrechen konnte. Ich hatte ja -nicht gewußt, oder vielmehr, ich hatte eine kurze Zeit selbst nicht -eingestehen wollen, daß alles nur ein Traum sei; aber jetzt, – -guter Himmel! Tief in Schulden, ohne einen Heller Geld, eines -holden Mädchens Lebensglück an mein Schicksal gekettet und -dabei nichts vor mir als die Aussicht auf einen Gehalt, die -sich vielleicht – ach nein, gewiß – nie verwirklichen sollte. O, -ich bin verloren, rettungslos verloren! –</p> - -<p>»Henry, was bei deinem Einkommen jeden Tag nur so -nebenbei abfällt, würde, –«</p> - -<p>»Ach, mein tägliches Einkommen! Da steht ein heißer Punsch, -damit vertreibe dir die trüben Gedanken. Profit! Oder nein, -warte, du bist hungrig; komm, setze dich und –«</p> - -<p>»Nein, keinen Bissen; ich bringe nichts mehr hinunter; -ich kann schon ein paar Tage lang nichts mehr essen. Aber -trinken will ich mit dir, bis ich nicht mehr stehen kann. Komm!« –</p> - -<p>»Da thue ich mit, so lang du willst! Also, frisch drauf los! -Lasse jetzt deine Geschichte vom Stapel, während ich den Punsch -braue.«</p> - -<p>»Meine Geschichte? Wie? Noch einmal?«</p> - -<p>»Noch einmal? Wie meinst du das?«</p> - -<p>»Nun, ich meine, ob du die Geschichte zum zweitenmal -von vorne anhören willst.«</p> - -<p>»Ob ich sie zum zweitenmal von vorne anhören will! Na, -das ist wirklich ein toller Spaß. Halt, trinke nichts mehr, du -kannst nichts mehr brauchen.«</p> - -<p>»Henry, du machst mir Angst. Habe ich dir denn nicht auf -dem Weg hierher die ganze Geschichte erzählt?«</p> - -<p>»Du?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_311"></a>[311]</span></p> - -<p>»Ja, ich.«</p> - -<p>»Ich lasse mich hängen, wenn ich ein Wort davon gehört -habe.«</p> - -<p>»Henry, das ist außerm Spaß. Du beunruhigst mich. Was -hast du denn bei dem Gesandten zu dir genommen?«</p> - -<p>Jetzt ging mir plötzlich ein wunderbares Licht auf, ich faßte -mir ein Herz und gestand ihm frei und offen: »Das herzigste -Mädel auf der Welt habe ich dort – erobert!«</p> - -<p>In ungestümer Freude stürzte er auf mich los und wir -schüttelten uns die Hände, bis sie uns wehe thaten. Darüber, -daß ich von seiner Erzählung, die unsern anderthalb Stunden -dauernden Heimweg ausfüllte, nicht das geringste vernommen -hatte, sagte er kein Wort. Er setzte sich ruhig hin und erzählte -mit der ihm eigenen Gutmütigkeit und Geduld die ganze Geschichte -noch einmal von vorne.</p> - -<p>Sie lief auf folgendes hinaus: Er war im Auftrag der -Besitzer der Gould- und Curry-Extension-Gruben nach London -gekommen, um die Anteile zu veräußern, und es sollte dabei -alles, was er über eine Million Dollars lösen würde, ihm verbleiben. -In der Hoffnung, dabei ein vortreffliches Geschäft zu -machen, hatte er sich keine Mühe verdrießen, kein ehrliches Mittel -unversucht gelassen und fast seinen letzten eigenen Heller daran -gesetzt, ohne daß es ihm jedoch gelungen wäre, einen einzigen -Kapitalisten zum Anbeißen zu bewegen, und mit Ende des Monats -lief seine Berechtigung ab. Mit einem Worte: er war zu Grunde -gerichtet. Am Schlusse sprang er auf und rief:</p> - -<p>»Henry, du kannst mich retten! Du allein auf dem ganzen Erdenrund! -Wirst du mich retten? Oder wirst du mich <em class="gesperrt">nicht</em> retten?«</p> - -<p>»Sage mir nur, wie ich das machen soll? Erkläre dich, -mein Junge.«</p> - -<p>»Nimm mir mein Verkaufsrecht ab und zahle mir dafür -eine Million und die Heimreise. Bitte, bitte, sage nicht nein!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_312"></a>[312]</span></p> - -<p>Es war wirklich nicht mehr auszuhalten. Eben stand ich -auf dem Punkte, mit dem Bekenntnis herauszuplatzen: »Lloyd, -ich bin ja selbst ein Bettler – ohne einen Pfennig Geld und -stecke dazu noch in Schulden.« Aber da leuchtete plötzlich ein -herrlicher Gedanke blitzähnlich in meinem Kopfe auf. Ich biß -die Zähne zusammen und bezwang mich, bis ich so kalt war, -wie ein Großkapitalist. Dann sagte ich mit vollkommen geschäftsmäßiger -Ruhe: »Ich will dich retten, Lloyd.«</p> - -<p>»Dann bin ich schon gerettet; Gott segne dich ewig dafür! -Wenn ich je –«</p> - -<p>»Laß mich ausreden, Lloyd. Ich will dich retten, aber nicht -so, wie du meinst. Denn nach all den Mühen und Opfern, -die du es dich hast kosten lassen, wäre das nicht anständig an -dir gehandelt. Ich brauche keine Minenanteile; an einem Weltplatz -wie London kann ich auch mein Geld ohne dies arbeiten -lassen, es ist ja bis jetzt auch gegangen. Nein, wir machen die -Sachen folgendermaßen: Ich kenne ja natürlich dieses Bergwerk -ganz genau; ich weiß, welch ungeheurer Wert darin steckt und -kann es auf Verlangen jedem eidlich bekräftigen. Du sollst im -Lauf der nächsten vierzehn Tage für bare drei Millionen Anteilscheine -verkaufen, indem du von meinem Namen unbeschränkten -Gebrauch machst, und dann teilen wir den Gewinn – halb -und halb.«</p> - -<p>Lloyd geriet darüber so außer sich vor Freude, daß er wie -toll herumtanzte und mir meine ganze Einrichtung kurz und -klein geschlagen haben würde, hätte ich ihm nicht schließlich ein -Bein gestellt und ihn an Händen und Füßen gebunden. Als -er so dalag, rief er ganz beseligt aus: »Ich darf deinen Namen -gebrauchen! deinen Namen! – Stelle dir nur vor, Mensch! In -Scharen kommen sie gelaufen, diese reichen Londoner und prügeln -sich um die Anteile! Ich bin ein gemachter Mann, geborgen -für alle Zeit, in meinem ganzen Leben vergesse ich dir das nicht!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_313"></a>[313]</span></p> - -<p>Keine vierundzwanzig Stunden dauerte es, so war die Sache -bereits in ganz London herumgekommen. Ich hatte Tag für -Tag nichts zu thun, als zu Hause zu sitzen und all den Leuten, -die bei mir erschienen, zu sagen: »Jawohl, ich habe ihm gestattet -sich auf mich zu beziehen. Ich kenne ihn und kenne das -Bergwerk. Er selbst verdient volles Vertrauen und die Anteile -sind weit mehr wert, als er dafür verlangt!«</p> - -<p>Inzwischen verbrachte ich alle meine Abende bei dem Gesandten -mit Portia. Von dem Bergwerk sagte ich ihr keine -Silbe, das sparte ich mir zu einer späteren Ueberraschung auf. -Wir sprachen immer nur von unserer Liebe und vom Gehalt, -bald von dem einen, bald von dem andern, manchmal auch von -beidem untereinander. Und dann, guter Gott, das Interesse, -das Frau und Tochter des Gesandten an unserer Angelegenheit -nahmen und die endlosen Listen und Schlauheiten, die sie ersannen, -um uns vor Störungen zu schützen und den Gesandten -nicht hinter die Sache kommen zu lassen – ach, es war wirklich -allerliebst von den beiden!</p> - -<p>Als der Monat um war, besaß ich ein Guthaben von einer -Million Dollars bei der London- und County-Bank, und Hastings -stand ebenso. In ausgesuchtester Toilette fuhr ich an Portland-Place -vorbei. Als ich mich an dem Aussehen der Wohnung -überzeugt hatte, daß meine Vögel wieder zu Neste geflogen sein -mußten, holte ich meinen Schatz bei dem Gesandten ab und -fuhr mit ihr zusammen wieder nach Portland Place. Während -der ganzen Fahrt bildete der Gehalt den Gegenstand unserer -eifrigsten Erörterungen. Die Besorgnis, in die sie sich dabei -hinein redete, ließ sie so reizend erscheinen, daß es kaum mehr -auszuhalten war.</p> - -<p>»Mein Herzchen,« sagte ich zu ihr, »so wie du jetzt aussiehst, -wäre es ein Verbrechen, einen Pfennig weniger als dreitausend -Pfund im Jahre zu verlangen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_314"></a>[314]</span></p> - -<p>»Henry, Henry, du richtest uns noch zu Grunde,« erwiderte -sie.</p> - -<p>»Sei unbesorgt! Sieh nur so aus und verlasse dich auf -mich. Ich will die Sache schon machen.«</p> - -<p>Es war soweit gekommen, daß ich auf dem ganzen Wege -ihr Mut zusprechen mußte. Sie selbst redete noch fortwährend -auf mich ein:</p> - -<p>»Bedenke doch, daß, wenn wir zu viel verlangen, wir -vielleicht gar keinen Gehalt bekommen; und was soll dann aus -uns werden, wenn wir nicht wissen, womit wir unsern Unterhalt -verdienen wollen?«</p> - -<p>Es war wieder derselbe Diener, der uns einließ, und da -waren sie auch wieder, die beiden alten Herren. Natürlich waren -sie höchlich überrascht über das holde Geschöpf an meiner Seite. -Ich erklärte jedoch:</p> - -<p>»Sie dürfen keinen Anstoß daran nehmen, meine Herren, -es ist meine zukünftige Lebensgefährtin.« Darauf stellte ich ihr -die Herren mit ihren Namen vor. Diese zeigten sich hierüber -gar nicht erstaunt; sie dachten vermutlich, daß ich so gescheit gewesen -sein würde, im Adreßbuch nachzuschlagen. Sie forderten -uns auf, Platz zu nehmen und behandelten mich mit größter -Höflichkeit, gaben sich auch alle Mühe, meiner Begleiterin durch -freundlichen Zuspruch über ihre Verlegenheit hinweg zu helfen. -Endlich sagte ich:</p> - -<p>»Meine Herren, ich komme, Ihnen Bericht zu erstatten.«</p> - -<p>»Das ist uns sehr angenehm,« erwiderte mein Gönner, -»dann können wir ja die Wette zwischen mir und meinem Bruder -Abel jetzt zur Entscheidung bringen. Falls Sie für mich gewonnen -haben, dürfen Sie sich jede beliebige Stellung wählen, -die ich zu vergeben habe. Sind Sie noch im Besitz der Millionennote?«</p> - -<p>»Hier ist sie.« Damit behändigte ich ihm dieselbe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_315"></a>[315]</span></p> - -<p>»Gewonnen!« rief er und gab seinem Bruder einen Klapps -auf den Rücken. »Nun, was sagst du jetzt, Bruder?«</p> - -<p>»Ich sage, <em class="gesperrt">er</em> hat es überlebt und <em class="gesperrt">ich</em> habe zwanzigtausend -Pfund verloren. Ich hätte es niemals geglaubt!«</p> - -<p>»Ich habe noch mehr zu berichten,« fuhr ich fort, »und -zwar ziemlich viel. Ich bitte, mir demnächst eine Stunde bestimmen -zu wollen, um Ihnen meine Erlebnisse während dieses -ganzen Monats genauer zu schildern. Sie können sich darauf -verlassen, es lohnt sich den Bericht anzuhören. Inzwischen wollen -Sie gefälligst dies hier in Augenschein nehmen.«</p> - -<p>»Was, Mensch, einen Depositenschein über 200 000 Pfund? -Gehört das Ihnen?«</p> - -<p>»Gehört mir. Das ist die Frucht des weisen Gebrauchs, -den ich von dem kleinen Darlehen gemacht habe, das Sie mir -gütigst gewährten. Und dieser Gebrauch bestand lediglich darin, -daß ich von Zeit zu Zeit einen kleinen Einkauf machte und beim -Bezahlen allemal die Banknote zum Wechseln hingab.«</p> - -<p>»Mensch, das ist ja äußerst merkwürdig, ganz unglaublich!«</p> - -<p>»Und doch verhält es sich so; ich werde Ihnen den Beweis -liefern. Sie brauchen mir durchaus nicht auf mein bloßes Wort -zu glauben.«</p> - -<p>Jetzt war die Reihe des Erstaunens an Portia. Mit weit -geöffneten Augen fragte sie:</p> - -<p>»Henry, gehört dieses Geld wirklich dir? Hast du mir die -Unwahrheit gesagt?«</p> - -<p>»Das habe ich allerdings, mein Liebchen. Aber ich weiß, -du bist mir deswegen nicht böse.«</p> - -<p>»O, doch!« schmollte sie. »Es war abscheulich von dir, -mich so hinters Licht zu führen.«</p> - -<p>»Ach, gewiß. Es war ja nur ein schlechter Scherz, weißt -du. Komm, wir wollen uns jetzt verabschieden.«</p> - -<p>»Aber, so warten Sie doch. Wegen des Postens. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_316"></a>[316]</span> -wissen ja. Ich muß Ihnen doch den Posten geben,« warf mein -Gönner ein.</p> - -<p>»Ach,« erwiderte ich, »ich danke Ihnen tausendmal, aber -ich brauche wirklich keinen.«</p> - -<p>»Aber ich hätte Ihnen den allerbesten gegeben, den ich zu -vergeben habe.«</p> - -<p>»Ich danke Ihnen nochmals von ganzem Herzen, aber auch -<em class="gesperrt">diesen</em> brauche ich nicht.«</p> - -<p>»Schäme dich, Henry! Du bist dem guten Herrn nicht halb -so dankbar als er es verdiente. Darf ich ihm an deiner Statt -den Dank abstatten?«</p> - -<p>»Freilich, mein Liebchen. Ich bin nur neugierig, wie du -das machen willst.«</p> - -<p>Sie ging zu meinem Gönner hin, setzte sich ihm auf den -Schoß, schlang ihren Arm um seinen Hals und gab ihm einen -Kuß mitten auf den Mund. Dabei wußten sich die beiden alten -Herren vor Lachen kaum zu fassen, während ich selbst vor Erstaunen -wie versteinert dastand, bis Portia sagte:</p> - -<p>»Papa, er hat gesagt, von all den Posten, die du zu vergeben -hast, wolle er keinen einzigen annehmen, und das thut -mir so weh, gerade als ob –«</p> - -<p>»Wie, lieber Schatz, dies ist dein <em class="gesperrt">Papa</em>?«</p> - -<p>»Jawohl, mein Stiefpapa, und zwar der allerbeste, den -es auf der ganzen Welt giebt. Nicht wahr, nun begreifst du, -warum ich bei dem Gesandten so lachen mußte, als du, ohne -mein Verhältnis zu Papa und Onkel Abel zu kennen, mir die -Sorgen und Nöte schildertest, in die ihr Einfall dich versetzt hatte.«</p> - -<p>Natürlich sprach ich jetzt ohne Scheu und Umschweife ganz -wie mir ums Herz war.</p> - -<p>»Mein verehrter Herr,« sagte ich, »ich muß meine Erklärung -zurücknehmen. <em class="gesperrt">Eine</em> Stellung haben Sie doch zu vergeben, -die ich sehr gern haben möchte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_317"></a>[317]</span></p> - -<p>»Welche ist das?«</p> - -<p>»Die Stelle eines Schwiegersohnes.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-316"> - <img src="images/illu-316.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»So? Aber wenn Sie als solcher noch nie bedienstet waren, -so sind Sie auch nicht imstande, das Zeugnis darüber beizubringen, -das in unserem Abkommen zur Bedingung gemacht ist und so –«</p> - -<p>»Machen Sie den Versuch mit mir, ich bitte Sie inständigst! -Nur so dreißig bis vierzig Jahre lang probieren Sie es mit -mir, und wenn dann –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_318"></a>[318]</span></p> - -<p>»Nun ja, gut denn; das ist ja gar nicht viel verlangt. -So nehmen Sie Portia.«</p> - -<p>Ob wir beide glücklich waren? Keine Sprache besitzt Worte -genug, um es auszudrücken. Und <em class="gesperrt">das</em> Geschwätz und <em class="gesperrt">das</em> Vergnügen -in ganz London, als nach ein paar Tagen alle meine -Erlebnisse mit der Banknote bekannt wurden, nebst der Wendung, -welche die Sache zuletzt genommen! Du guter Gott! –</p> - -<p>Portias Papa gab die gastliche Note der Bank zurück und -ließ sich ihren Betrag auszahlen. Die Bank setzte sie sodann -außer Kurs und verehrte sie ihm, worauf er uns damit ein -Hochzeitsgeschenk machte. Seither hängt sie unter Glas und -Rahmen im Allerheiligsten unseres Heims. Denn <em class="gesperrt">ihr</em> verdanke -ich den Besitz meiner Portia. Wäre diese Note nicht gewesen, -so hätte ich nicht in London bleiben können, ich hätte mich dem -Gesandten nicht vorgestellt und wäre niemals mit Portia zusammengetroffen. -Deshalb sage ich immer: »Sie lautete zwar klar -und deutlich auf eine Million Pfund; und doch war es während -der ganzen Zeit ihrer Giltigkeit nur einmal möglich, einen -einzigen Gegenstand dafür zu kaufen, und auch dieser wurde -mindestens zehnfach unter seinem Werte bezahlt!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Verlag von Robert Lutz in Stuttgart.</p> -</div> - -<p class="h2"><span class="u">Bret Harte's</span></p> - -<p class="h2">Ausgewählte Erzählungen</p> - -<p class="center">5 Bände <em class="antiqua">à</em> 2 M. brosch., <em class="antiqua">à</em> 3 M. in Lwd. geb.</p> - -<p class="center">= Jeder Band einzeln käuflich =</p> - -<div class="blockquot"> -<p>I. Drei Teilhaber. Roman. – II. Jack Hamlin -als Vermittler u. a. Erz. – III. Die Postmeisterin -von Laurel Run u. a. Erz. – IV. Der Sheriff von -Siskyou u. a. Erz. – V. Das Geheimnis der Sierra.</p> -</div> - -<p class="center"><span class="u larger">Einige Urteile</span>:</p> - -<p><span class="u larger">Richard Weitbrecht</span>: »<b>Es ist ein wahrer Genuß</b>, -nach so vielen lahmen Mittelmäßigkeiten -einem temperamentvollen, <b>auf jeder Seite fesselnden, -lebendigen Erzähler zu lauschen</b> … Doch es bedarf nicht -des Vergleichs mit geringerem, noch ist not, über Bret Harte's -längst anerkannte Erzählungskunst mit ihrer glücklichen Verbindung -von <b>Psychologischem</b>, <b>Abenteuerlichem</b> und <b>Romantischem</b> -viel zu sagen. Mich hat's bei seinen »Drei Teilhabern« ganz -merkwürdig überkommen – ich las fast mit denselben Gefühlen, -mit denen ich einst in meiner Jugend Marryats und Gerstäckers -amerikanische Geschichten verschlungen habe, und wie damals -vergaß ich dabei alle Kritik. Darum soll auch jetzt keine geschrieben -werden, und ich wünsche nur, daß andere sich an Bret -Harte ebenso <b>auf ein paar Stunden jung lesen wie ich</b>.«</p> - -<p><span class="u larger">Straßburger Post</span>: »Sein Humor ist der Schmerz -lösende und Groll verscheuchende, -der uns stets erwärmt. Seine Gestalten haben Fleisch -und Blut wie die des Jeremias Gotthelf und – nirgends moralisiert -er, was eben den echten Künstler zeigt. Bret Harte schildert -für alle Menschen und nicht nur für Amerika; <b>im literarischen -Weltkonzerte gehört er zu denen, die neue Gebiete erobert -haben</b>.«</p> - -<p><span class="u larger">Deutsche Tageszeitung</span>: -»Der kalifornische -Dichter gehört zu -den Erscheinungen der modernen amerikanischen Literatur, die -verdienen, auch in Deutschland nicht vergessen zu werden. Niemand -wird die Erzählungen ohne innere Befriedigung aus der -Hand legen.«</p> - -<p class="center larger p2">W. W. Jacobs</p> - -<p class="h2">Seemannshumor</p> - -<p class="center">Geschichten und Schwänke von der Wasserkante</p> - -<p class="center"><b>I. Band</b>: 13 Erzählungen. – <b>II. Band</b>: 15 Erzählungen.</p> - -<p class="center"><b>Jeder Band ist einzeln käuflich</b></p> - -<p class="center">zu M. 2.50 broschiert; M. 3.50 in Lwd. gebunden.</p> - -<p class="center larger">Einige Urteile:</p> - -<div class="hang"> - -<p><span class="larger">Hamburger Nachrichten</span>: »Es herrscht hier <span class="u">ein -wirklicher, behaglicher Humor</span>, voll der tollsten -Einfälle und reger Phantasie. Echt und frisch -sind die wetterharten Gestalten gezeichnet. <span class="u">Es -kichert und lacht</span> in und zwischen den Zeilen.«</p> - -<p><span class="larger">Intern. Literaturberichte</span>: »Wer einmal recht herzlich -lachen will, mag getrost zu Jacobs Seemannshumor -greifen.«</p> - -<p><span class="larger">Nordd. Allg. Zeitung</span>: »Jede einzelne der Erzählungen -ruft herzliches Lachen hervor.«</p> - -<p><span class="larger">Deutsche Tageszeitung</span>: »Die Geschichten zeugen -von einem <span class="u">ganz prächtigen, urwüchsigen Seemannshumor</span>.«</p></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Sonst wurde die Originalschreibweise beibehalten. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 131: Bartholomäus M. → Bartholomäus W. (nach engl. Original)<br /> -den Kontrakt seinem Sohn <a href="#corr131">Bartholomäus W.</a></p> -<p> -S. 132: Anton E. Rogers → Anson G. Rogers (nach engl. Original)<br /> -die Schriftstücke <a href="#corr132">Anson G. Rogers</a></p> -</div> -</div> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKIZZENBUCH ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ -electronic works. See paragraph 1.E below. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the -Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/64718-h/images/cover.jpg b/old/64718-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 3402e96..0000000 --- a/old/64718-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64718-h/images/drop-a.png b/old/64718-h/images/drop-a.png Binary files differdeleted file mode 100644 index e6723cc..0000000 --- a/old/64718-h/images/drop-a.png +++ 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