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-The Project Gutenberg eBook of Morphium, by Adine Gemberg
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Morphium
- Novellen
-
-Author: Adine Gemberg
-
-Release Date: February 01, 2021 [eBook #64442]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This book was produced from images made
- available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MORPHIUM ***
-
-
-
-
- Morphium.
-
-
- Novellen
-
- von
-
- Adine Gemberg.
-
-
- [Illustration: Decoration]
-
-
- Berlin.
-
- S. Fischer, Verlag.
-
- 1895.
-
-
-
-
-Inhalt:
-
-
- Seite
-
- Morphium 3
-
- Nach dem Tode 103
-
- Doctor Cäcilie 159
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Adine Gemberg.]
-
-
-
-
-Morphium.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-[Illustration]
-
-In einer Ecke des städtischen Kirchhofes war großer Kehraus.
-Zusammengethürmt lagen dort welke Kränze und Palmen, alle gleichmäßig
-graubraun, als wären sie nie bunt und farbenprächtig gewesen. Hie und
-da sah das schmutzige Ende einer Atlasschleife oder eine schwarz gewordene
-Goldfranze aus dem Gewirr hervor. Alte Weiber mit braunen, welken Armen und
-häßlichen, gleichgültigen Gesichtern stachen mit Mistgabeln hinein
-in den Haufen ehemaliger Gaben der Pietät, oder vielleicht auch nur der
-Convenienz. Gedankenlos schleuderten sie die Kränze auf einen Karren, und
-ein altes, blindes Pferd humpelte mühsam damit fort, um die Abfälle
-des Friedhofes dahin zu bringen, wo aller Müll und Schutt aus der Stadt
-abgeladen wurde.
-
-Mariä Himmelfahrt stand vor der Thür; deshalb war es nothwendig, den
-Kirchhof frei und sauber zu machen für die Aufnahme neuer Liebesgaben,
-neuer Kränze, neuer Palmen.
-
-»Gelobt sei'st du Maria,« sagte eines der alten Weiber und riß die
-braune Guirlande von dem Steinbilde der heiligen Jungfrau los, um sie zu
-den übrigen Kränzen zu werfen.
-
-»Und gebenedeiet in Ewigkeit, Amen,« fügte die andere Alte hinzu.
-
-Dann grüßten sie beide ehrerbietig und traten zur Seite, um zwei Nonnen
-Platz zu machen, die mit Blumen und Kerzen erschienen, das Bild der
-Himmelskönigin zum Feste zu schmücken.
-
-Die Schwestern beugten die Kniee vor der roh gearbeiteten Statue und
-begannen darauf, sie so freundlich und farbig wie möglich heraus zu
-putzen.
-
-Eine schlanke, bleiche Dame in eleganter Sommertoilette betrat den
-Kirchhof. Sie grüßte das Marienbild und dann die Schwestern. »Zünden
-Sie auch für mich eine Kerze an,« sagte sie näher tretend und drückte
-ein Geldstück in die Hand einer der Nonnen. Darauf nickte sie den
-Schwestern zu und ging langsam nach der Reihe der Erbbegräbnisse.
-
-Neugierig näherten sich die beiden alten Arbeiterinnen dem Gnadenbilde.
-»Was mag denn die Frau Geheimräthin für Kummer haben, daß sie eine
-Kerze opfert,« begann die Eine.
-
-»Wer weiß denn, ob es wegen einer Fürbitte ist; so reiche Leute haben
-der Allerheiligsten nur zu danken und können nicht genug danken, wenn sie
-auch alle Tage zehn Kerzen opfern wollten,« meinte die Andere.
-
-»Es ist wohl nur eine Festgabe zu morgen, die Geheimräthin Bremer ist
-eine liebe, gläubige Seele,« sagte die ältere der beiden Schwestern.
-
-»Nicht einmal Kränze hat sie mitgebracht für die Gräber ihrer Eltern,«
-bemerkte wieder die Alte, der die freundliche Äußerung der frommen
-Schwester durchaus nicht zu gefallen schien.
-
-»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen Moden,« stimmte die
-andere Alte ihr bei, »fromm nennt man sie doch, wenn sie auch viel weniger
-thun als Andere, denen es sauer genug wird.«
-
-»Die Fürsprache der Heiligen ist mehr werth als Gaben und Opfer,«
-verwies die jüngere der beiden Nonnen in strengem Tone. Darauf verließ
-sie mit ihrer Gefährtin den Kirchhof.
-
-Die alten Weiber rafften mit ihren Mistgabeln eine zweite Karre voller
-Kränze zusammen; die Geheimräthin Bremer ging an ihnen vorbei und ließ
-sich müde und langsam auf einer kleinen Bank nieder, die zur Seite von
-zwei, mit schwarzen Granitplatten gedeckten Gräbern aufgestellt war.
-
-»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« -- Mit Goldbuchstaben war
-dieser Spruch in die glänzend schwarze Steinplatte eingemeißelt. Als
-unbesoldeter Stadtrath hatte der Mann, dessen Leib hier ruht, gewirkt.
-In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige Leiter eines großen
-industriellen Unternehmens seine Arbeitskraft in die Dienste seiner
-Mitbürger gestellt, nachdem er die eigenen Geschäfte in die Hände
-seines Sohnes gelegt hatte. Als er dann heimging, um an der Seite seiner
-vorangegangenen Gattin von den Werken des Lebens auszuruhen, erfuhr man,
-daß er in seinem Testamente fast alle wohlthätigen Anstalten seiner
-Vaterstadt mit Legaten bedacht hatte. Nun hatten ihm die dankbaren
-Mitbürger den Denkstein gesetzt, auf dessen flimmernder Schrift die Blicke
-der einzigen Tochter sinnend ruhten. Die untergehende Sonne warf einen
-röthlichen Schein über ihr durchsichtig blasses Gesicht. Langsam hob sie
-die breiten dunklen Lider, die Augen entschleierten sich nur zum Theil,
-halb blieben die Lider über den unnatürlich weiten Pupillen liegen, was
-dem ganzen Gesichte etwas unbeschreiblich müdes, krankes gab. Sie richtete
-dann ihre Blicke gerade auf den untergehenden glutrothen Sonnenball, aber
-trotz des scharf einfallenden Lichtes zogen sich die Iris nicht zusammen,
-sondern blieben weit und dunkel geöffnet, wie bei manchen Blinden.
-
-Langsam stellte sie die Füße auf den Rand von ihres Vaters Grab, lehnte
-sich zurück in der bequem geschweiften Bank und athmete mit Genuß die von
-Blüthenduft durchtränkte Luft des Sommerabends.
-
-Eine himmlische Ruhe war um sie her. Duft, Wärme, Licht und Frieden.
-Wohin das Auge sah, waren herrlich gepflegte Blumen, freundlich schimmernde
-Steine mit Goldschrift und Kränzen bedeckt. Die Vögel zwitscherten in den
-Kronen der alten Bäume, es war so schön und so still an der Stätte
-des Todes, wie es selten da ist, wo das Leben mit all seinen Rechten noch
-herrscht.
-
-Wie ein Gebet ging der Hauch des Windes durch Blumen und Blätter. Die
-scheidende Sonne verklärte den Garten des Herrn. Alle Inschriften flammten
-und leuchteten auf, auch die auf dem Grabe des alten Stadtrathes: »Das
-Andenken der Gerechten bleibt im Segen.«
-
-Mit nervöser Hast sah die junge Frau um sich her. Sie war allein,
-ganz allein mit den Toten. Ein befriedigtes Lächeln zeigte sich einen
-Augenblick auf ihrem Gesicht. Das gab ihren traurigen müden Zügen eine
-eigenartige Schönheit.
-
-Sie hatte aus der Tasche ihres Kleides ein kleines schwarzes Etui und
-ein fest verkorktes Fläschchen genommen. Mit stiller, tief innerlicher
-Befriedigung sah sie auf den Inhalt des Fläschchens, der wasserhell und
-ganz unschuldig aussah. Nur einige kleine weiße Crystalle, die nicht ganz
-aufgelöst darin schwammen, zeigten, daß es eine starke Morphiumlösung
-war. Dieser kleine, so schwer zu erlangende Vorrath bildete einen überaus
-kostbaren Besitz für die junge Frau, an dessen Anblick sie sich erfreute
-und berauschte, ehe sie sich entschloß, das Fläschchen zu öffnen.
-
-Langsam füllte sie die kleine Spritze -- fünf Strich, -- sechs Strich
--- nein, es war nicht möglich zu widerstehen, sie zog, bis die Glasröhre
-voll war. Dann verkorkte sie erst sehr sorgfältig das Fläschchen und
-überzeugte sich, daß der Verschluß wasserdicht war. Ein verlorner
-Tropfen war ja unersetzlich.
-
-Vorsichtig schob sie das Kleinod in die Tasche des Kleides zurück. Erst
-als es da in Sicherheit war, steckte sie mit energischem Druck die Nadel
-auf das kleine Instrument. Ihre Hände zitterten dabei, theils in der
-Vorfreude des zu erwartenden Genusses, theils in der Schwäche, in der das
-Bedürfniß nach diesem Genusse beruht.
-
-Sie schob den Aermel ihres Kleides vom Handgelenk zurück. Ein
-Leinwandstreifen wurde sichtbar. Sie riß ihn rasch los. Der kleine
-Verband bedeckte eine breite, wenn auch nicht tiefe Wunde, die durch den
-Morphiumgebrauch entstanden war. Seit Jahren bedurften die kranken Nerven
-des anregenden Mittels, und um die Schönheit ihrer Arme nicht zu
-opfern, hatte sie diese eine Stelle ganz preisgegeben. Der mißhandelte
-Körpertheil wehrte sich zwar durch Schmerzen und anhaltende Eiterung
-gegen das ihm aufgezwungene Gift, aber schließlich wurde die Stelle doch
-ziemlich unempfindlich.
-
-Sie senkte auch jetzt, wie immer die Nadel hier ein. Ein leichter Schmerz
-zog für einen Augenblick ihre Brauen zusammen, aber das dauerte nicht
-lange. Der Inhalt der Morphiumspritze verschwand unter der Wunde, der
-Leinwandstreifen bedeckte rasch wieder die Stelle. Sorgfältig reinigte sie
-mit einem kleinen Stück Draht das gebrauchte Instrument, dann klappte sie
-das Etui zu, steckte es ein und lehnte sich gegen den Rücken der Bank, um
-die Wirkung zu erwarten.
-
-Mit wonnigem Behagen fühlte sie, wie ein berauschendes Empfinden ihr
-Gehirn, ihre Glieder erfüllte und zugleich lähmte. Alle Wünsche, alle
-Bedürfnisse des Körpers und Geistes lösten sich in Befriedigung und
-süße Mattigkeit. Der kranke stumpfe Ausdruck der Augen schwand und machte
-einem lebhaften, sprühenden Blicke Platz. Die Nerven wußten nichts mehr
-von Abspannung und Schwäche.
-
-Sie hätte jetzt auf jedem Feste glänzen, jede Arbeitsleistung übernehmen
-können. Dabei waren ihre Glieder aber doch schwer, so daß sie es
-entschieden als Annehmlichkeit empfand, zu keiner Bewegung genöthigt zu
-sein. Nur der Kopf war leicht und frei -- so frei, so klar, als ob ein
-vorher auf dem Gehirn lastender Druck plötzlich entfernt wäre. Sie hatte
-Durst empfunden, das war jetzt vorbei, sie fühlte sich wohl, namenlos wohl
-und zufrieden. Ihr vorher gelblich blasses Gesicht nahm etwas Farbe und
-Wärme an, sie drückte die kühlen, weißen Finger gegen ihre Wangen. Dann
-zog sie langsam, gedankenlos lächelnd die Handschuhe wieder an, die auf
-der Bank lagen.
-
-Sie hatte den Augenblick für ihren Genuß gut gewählt, denn mit der,
-vorher herrschenden Ruhe war es nun vorbei. Ein Leichenwagen fuhr durch
-das große Portal, hielt vor der Kapelle, und ein Sarg wurde zu einer
-offenstehenden Gruft getragen. Viele Menschen folgten; der Geistliche
-begann eine Rede, und wenn die einsame Frau auch davon nichts hören
-konnte, so war sie in ihrem Alleinsein dennoch gestört.
-
-Außerdem näherte sich ihr jetzt auch ein Herr, der geradeswegs auf sie
-zukam.
-
-»Was für ein entzückendes kleines refuge Sie hier besitzen, Sie sind zu
-beneiden, gnädige Frau,« begann er, sie begrüßend.
-
-Sie sah lächelnd zu dem großen blonden Manne empor. »Es sind die Gräber
-meiner Eltern, Herr Doctor Turnau,« antwortete sie mit einer einladenden
-Bewegung auf die freie Hälfte der Bank deutend.
-
-Er nahm sofort augenscheinlich erfreut Platz. »Ist das Stück Rasen, auf
-dem diese Bank steht für Sie reserviert, gnädige Frau?«
-
-»Nein, die Eltern kauften es für meine unverheirathete Schwester. Elise
-wird voraussichtlich einsam bleiben, bis sie den Rollstuhl mit dem Sarge
-vertauscht. Für meinen Mann und mich ist noch Platz im Bremerschen
-Erbbegräbnisse.«
-
-»Ich finde, es hat einen ganz eigenen Reiz, genau die Stätte zu kennen,
-die uns einmal bestimmt ist,« bemerkte er, indem er den leichten Sommerhut
-abnahm und das blonde Haar aus der hübschen weißen Stirn strich. Sie
-lachte: »Das ist wieder eine von Ihren paradoxen Ansichten, mit denen Sie
-sich manchen Menschen vielleicht interessant machen, andrerseits aber sich
-nicht nur Widerspruch zuziehen, sondern auch viele ungünstige Urtheile
-über sich hervorrufen.«
-
-»Ah -- ein offenes Wort, ich danke Ihnen dafür, gnädige Frau. Die
-ungünstigen Urtheile muß ich zu tragen wissen, aber ich strebe weder
-darnach Widerspruch zu erregen, noch mich interessant zu machen. Nur aus
-einer nervösen Beunruhigung heraus empfinde ich zuweilen das Bedürfniß,
-irgend einen Gedanken, selbst einen sonderbaren Gedanken auszusprechen,
-wenn er mir grade durch den Kopf geht.«
-
-»Dieses Bedürfniß ist natürlich,« antwortete sie, »viel natürlicher
-für einen gut situirten Mann Ihres Alters, als der Wunsch, die Stätte zu
-kennen, an der Ihr, jetzt so jugendkräftiger Körper einst zu Staub werden
-wird.«
-
-Ein trübes Lächeln glitt über die Züge des jungen Mannes. »Dieser
-jugendkräftige Körper ist der Auflösung und Verwesung näher, als es
-den Anschein hat. Wenn wir morgen übers Jahr Mariä Himmelfahrt feiern,
-brennen vielleicht auch für mich schon die Kerzen auf dem Altar.« --
-
-Sie sah ihn ruhig und forschend an. »Warum spielen Sie mit dem Gedanken
-an das Ende des Lebens?« fragte sie ernst. »Glauben Sie nicht, daß auch
-für Sie noch Stunden der Befriedigung und des Genusses möglich sind, die
-mit dem Tode aufhören müssen?«
-
-Wie sie ihn so ansah, leuchtete der rothe Strahl der Sonne in ihre
-erweiterten Pupillen hinein, er sah aufmerksam darauf hin, dann lächelte
-er: »Ich danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mich mit einer moralischen
-Bemerkung verschont haben. Ich war eigentlich schon darauf gefaßt gewesen.
-Sie haben übrigens recht, ja -- auch ich glaube noch an Stunden des
-Genusses, an Momente höchster, auf Erden möglicher Befriedigung. -- Was
-ich damit meine, verstehen Sie sicherlich, denn ich sehe, Sie gebrauchen
-Atropin. Bitte, versuchen Sie nicht, den Mediciner darüber zu täuschen,
-Sie gebrauchen Atropin, um die Einbuße an Schönheit, die das Auge des
-Morphinisten erleidet, damit auszugleichen.«
-
-Sie senkte betroffen den Blick. »Ja, ich gebrauche Atropin,« entgegnete
-sie zögernd, »aber nicht aus Eitelkeit, wie Sie vielleicht annehmen. Wenn
-Sie selbst Morphinist sind, so wissen Sie auch, daß die Koketterie des
-Weibes ebenso wie der Ehrgeiz des Mannes in der Seele des Morphinisten
-erlischt.«
-
-Er nickte verständnißvoll. »Gewiß gnädige Frau,« entgegnete er, »ich
-billige den an sich gefährlichen Atropingebrauch, weil er Ihnen den Dienst
-leistet, Ihre Umgebung über Ihren Morphinismus zu täuschen. In Ihrem
-Falle ist gewiß keine Koketterie im Spiele. Sie riskiren Ihr Augenlicht,
-aber Sie müssen es ja. Wer gönnte Ihnen den Genuß, der Ihnen
-unentbehrlich ist, und wer verdiente wohl in Ihr Geheimniß eingeweiht
-zu werden? Sie sind, wie alle Morphinisten gezwungen, eine Umgebung zu
-täuschen, die getäuscht sein will.«
-
-Erleichtert athmete Lydia auf. Es that ihr unsagbar wohl, verstanden zu
-werden. Nur Verurtheilung ihrer Leidenschaft, im günstigsten Falle Mitleid
-mit einem krankhaften Zustande hatte sie überall angetroffen, wo sie es
-je gewagt hatte, leise Andeutungen über die Erbitterung zu machen, die
-sie oft empfand, wenn es ihr fast unmöglich erschien, sich Morphium zu
-verschaffen. Die Aufregung dieser Erbitterung brachte sie dann zuweilen zum
-Sprechen.
-
-»Sie finden also meine Schwäche nicht unbedingt unmoralisch, Herr
-Doctor?« fragte die junge Frau.
-
-»Im Gegentheil,« antwortete er lebhaft. »Alle Religionsstifter der Welt
-empfehlen den Menschen, ihre Leidenschaften zu bekämpfen. Die natürliche
-Beschaffenheit unserer Nerven setzt diesen Bestrebungen unüberwindliche
-Hindernisse entgegen. Das Morphium allein besiegt die Leidenschaften in
-jeder Brust. Wenn ein neuer Prophet seinen Anhängern zur Bekämpfung ihrer
-natürlichen, menschlichen Triebe Morphium zur freien Verfügung stellte,
-so würde er bald eine Gemeinde um sich sehen, der jedes Laster fremd
-wäre.«
-
-»Ich habe augenblicklich nicht genug Morphium genossen, um dem kühnen
-Fluge einer prophetischen Phantasie bis zu dieser Höhe folgen zu
-können,« bemerkte Lydia lächelnd, erstaunt den leidenschaftlich erregten
-Mann ansehend.
-
-»Soll ich Ihnen geben, was etwa noch fehlt?« fragte er eifrig.
-
-Sie nickte glückselig und sah erwartungsvoll zu ihm auf.
-
-»Wie viel Procent gebrauchen Sie, gnädige Frau?«
-
-»Sechs,« gestand sie mit ängstlichem Zögern.
-
-»Da steht Ihnen also noch manche herrliche Steigerung bevor,« sagte er
-seufzend und zog aus seiner Brusttasche ein kleines Glas. Wie wenig er
-ihr gab, das war ja fast nichts -- ah diese Enttäuschung --! War das ein
-Scherz oder -- -- --
-
-Da ging es wie ein Ruck durch all ihre Nerven -- wie ein Schlag traf die
-ungekannt starke Lösung ihr Gehirn. Sie griff nach der Stirn und dann
-nach der Brust. Es rieselte ihr unter der Haut wie Sand, ein angstvolles
-Unbehagen erfaßte sie.
-
-Er sah, wie kalte Schweißtropfen auf ihre Stirn traten und wie ihr Gesicht
-sich entfärbte. »Habe ich Ihnen zu viel gegeben, gnädige Frau?« fragte
-er.
-
-»Nein,« stammelte sie halb bewußtlos, »bitte beobachten Sie mich nicht,
-es wird mir schon wieder wohl -- sehr wohl. --«
-
-Ihre Hände zitterten, wie sie das sagte, wie aus weiter, weiter Ferne
-hörte sie ihre eigene Stimme -- die Steigerung des Genusses! --
-
-»Ich schreibe ein Buch über den Mißbrauch der verschiedenen Narkotica
-und mache zu dem Zwecke meine Beobachtungen, bitte entschuldigen Sie daher
-den indiscreten ärztlichen Blick,« sagte er höflich.
-
-»Ein Buch?« -- Sie nahm alle Willenskraft zusammen, um zu sprechen, als
-sei nichts geschehen. Er sollte nicht denken, die Dosis sei zu stark für
-sie gewesen; sie wußte nicht, daß sie den Ehrgeiz, recht viel vertragen
-zu können, mit all ihren Leidensgenossen theilte.
-
-»Ein Buch,« -- wiederholte sie noch einmal langsam und mit schwerer
-Zunge. Es war ihr, als hätte sie Sand im Munde, sie konnte kaum sprechen,
-aber sie sprach nun doch. »Wollten Sie Ihrer ärztlichen Thätigkeit nicht
-entsagen, sagten Sie das nicht kürzlich?«
-
-»Nein,« entgegnete er, »vorläufig muß ich noch als Assistenzarzt in
-der Nervenheilanstalt thätig sein. Ich habe keine Privatpraxis, und der
-Chef läßt mir so viel freie Zeit wie möglich. Er interessirt sich selbst
-für meine Arbeit, zu der mir meine Erfahrungen in seiner Anstalt den Stoff
-bieten. Nach Fertigstellung meiner Broschüre werde ich allerdings meine
-jetzige Stellung verlassen.«
-
-»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer werden?« O
-wie mühsam brachte sie die Worte über die Lippen!
-
-»Ich will gar nichts werden,« antwortete er dumpf. »Mein Buch,« -- er
-lachte in sich hinein, es war ein so eigenes Lachen, daß Lydia selbst in
-dem Taumel ihrer Sinne davon erschreckt den Kopf hob.
-
-»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb lachen Sie?«
-
-»Ach, Verzeihung, es kann ja niemand wissen, wie komisch ich mir das
-denke, wenn einmal, natürlich nach meinem Tode, der kluge Professor, der
-den Morphinismus mit allen Waffen der Wissenschaft bekämpft, das Werk
-seines ehemaligen Assistenten lesen wird.«
-
-»Aber weshalb schreiben Sie denn das Buch, wenn Sie den Standpunkt der
-anderen Nervenärzte nicht zu theilen vermögen?« fragte Lydia, sichtlich
-unangenehm berührt von dem sonderbaren Benehmen ihres Gefährten.
-
-»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest gegen das Verbot des
-freien Verkaufes der narkotischen Mittel,« sagte er nun beinahe feierlich.
-»Persönlich leide ich nicht unter diesem Verbote, denn ich bin Arzt, aber
-ich kenne die Verzweiflung und den Jammer des Morphinisten, der sich der
-Unmöglichkeit gegenüber sieht, sich Morphium zu verschaffen. Anständige,
-hochachtbare Leute greifen in ihrer Verzweiflung zu den ehrlosesten
-Mitteln, und von diesem Jammer will ich sie zu erlösen versuchen. Ich
-habe ein Material gesammelt, welches entsetzliche Schlaglichter auf diese
-Zustände wirft. Gegen das Versprechen ihnen zu helfen, für ein einziges
-Rezept haben zahlreiche Unglückliche mir gebeichtet. Ach -- ich weiß,
-wie tief sich einige, sonst reine, unnahbare Naturen gedemüthigt haben, um
-durch Bestechung, durch Betrug, einerlei wie, zu dem zu gelangen, was sie
-bedürfen, wie der Hungrige Brod bedarf, um sich zu erhalten.«
-
-Sie erhob sich halb und sah mit gefalteten Händen zu ihm herab. »Sie
-wollen helfen, Sie könnten helfen -- o Gott Herr Doctor, nein, nein,
-Sie können auch den Wall von Härte und Verständnißlosigkeit nicht
-niederreißen, an dem Tausende rütteln und an dem Alle, Alle ohnmächtig
-abprallen.«
-
-»Ob ich es kann, weiß ich allerdings nicht, aber ich will es wenigstens
-versuchen,« sagte er, etwas zur Seite rückend, so daß sie wieder Platz
-nehmen konnte.
-
-»Ich will wenigstens vor der Welt die dunklen Wege erhellen, auf die man
-mit erbarmungsloser Härte eine Menge kranker Menschen gedrängt hat. Ich
-will es zeigen, wohin ein Gesetz führt, das nur dazu da ist, umgangen zu
-werden, weil es nicht befolgt werden kann. Die ganze Kraft meiner geistigen
-Fähigkeiten stelle ich in den Dienst dieser Aufgabe, dieses Strebens, das
-mir edel und würdig erscheint, weil es dem willkürlich Unterdrückten,
-der nichts verbrach, zu Hülfe kommen will. Die Menschheit soll darüber
-aufgeklärt werden, wie weit die Bevormundung der Polizei geht, und auch
-Nicht-Morphinisten hoffe ich für die Frage zu interessiren, die ihnen
-jetzt gleichgültig ist.«
-
-»Und dann?«
-
-»Und dann?« Träumerisch wiederholte er die bange Frage, die sie leise
-aussprach. »Ja dann, gnädige Frau -- zu Ende führen werde ich den Kampf
-nicht. Ich kann nur noch so lange leben, wie ich zu genießen vermag.
-Nennen Sie es Egoismus, Krankheit, Schwäche, wie Sie wollen, aber wenn
-einmal die Stunde kommt, in der meine Nerven aufhören zu reagiren, die
-Stunde, in der auch die letzte Steigerung und Komplication nicht mehr zum
-Genusse führt, dann lege ich die Feder aus der Hand. Mit dem Leben hört
-auch die Verpflichtung auf, weiter zu kämpfen.«
-
-»Mit dem Leben?«
-
-»Natürlich, liegt denn nicht das Ende des Lebens ebenso in unserer Hand,
-wie der Genuß, dem wir uns ergeben?«
-
-Sie schauderte doch bei dieser letzten Consequenz, zu der er so leicht
-und ruhig gelangte. Sie befand sich ja auf demselben Wege wie er. »Das
-Andenken der Gerechten bleibt im Segen«. -- Wie Feuer tanzten die
-Buchstaben der Inschrift vor ihren Augen. Genuß, Genuß des Lebens, und
-dann das Ende. Das Leben fortwerfen, das nichts mehr bietet, tönte es
-neben ihr. Sie glaubte, alles drehe sich im Kreise um sie her, nur der
-schwarze Grabstein vor ihr stand fest in dem Wirbel, aber er glühte und
-flammte von der untergehenden Sonne beleuchtet, es that ihr weh, darauf
-niederzusehen.
-
-Vorher hatte sie sich so leicht, so frei gefühlt, und nun dieser Schwindel
-und dieser Druck um die Stirn, wie von einem eisernen Bande. Das war also
-die Steigerung ihrer Genüsse.
-
-»Ist das ein Lebenszweck, Genuß, nur Genuß, der sich steigert, bis er
-aufhört, weil der Körper versagt?« fragte sie leise.
-
-»Gewiß, Frau Bremer, der Genuß ist ebenso gut ein Lebenszweck, wie die
-Arbeit,« sagte er, »es kommt nur darauf an, daß man seine moralischen
-Grundsätze damit in Einklang zu bringen versteht. Indirect dient so
-mancher ausschließlich dem Genusse des Lebens. Der Künstler schafft
-seinen Nebenmenschen und sich selbst geistige Genüsse, Andere wieder
-begnügen sich damit, sich in den Dienst des materiellen Behagens zu
-stellen. Es giebt aber noch ein Drittes im Menschen, das außer den groben
-Organen des Körpers, außer dem Geiste, fähig ist zu genießen, das sind
-die Nerven. Warum soll ich nicht meinen Lebenszweck darin suchen, Anderen
-zugänglich zu machen, was mir eine so große Befriedigung der Nerven
-bringt? Es haben schon Leute sich mit geringeren Aufgaben für ihr Dasein
-begnügt, und ich habe nicht umsonst gelebt, wenn ich auch nur einen Stoß
-führe, der das Gesetz in's Schwanken bringt, das ich bekämpfe.«
-
-»Ich wollte, ich könnte an Ihren praktischen Erfolg glauben, Sie kämpfen
-ja gegen eine empörende Ungerechtigkeit.«
-
-»Der Droguist, der Arzt, selbst Krankenwärterinnen vermögen sich stets
-Morphium zu verschaffen. So lange es unter einigen dieser Leute Armuth
-und Bestechlichkeit giebt, wird das süße Gift auch käuflich bleiben,
-indirect käuflich, -- allerdings nur um sehr hohen Preis.«
-
-»Ich glaube auch, daß es dem Unbemittelten sehr häufig positiv
-unmöglich gemacht wird, die Hindernisse zu besiegen, die das Geld
-überwindet. Ist das nicht auch eine soziale Seite unserer Frage?« meinte
-Turnau.
-
-»Der Arme hat den Alkohol,« wandte sie ein.
-
-»Den Alkohol? Ja,« er wurde bitter, fast leidenschaftlich in seinem Ton.
-»Die Genußsucht des Volkes ist eben eine brutale Macht, der man nicht mit
-einem einfachen Verbot des Verkaufs begegnen kann. Feinere Nerven brauchen
-raffinirtere Genüsse. Der Alkohol verhält sich zum Morphium wie ein
-bluttriefender Schauerroman zu einer geistvollen psychologischen Studie.
-Das Leben ist so öde und traurig; die Mittel, die es erträglich machen
-können, sollte man nicht beschränken.«
-
-Sie sah müde zu ihm auf. »Oede und traurig,« wiederholte sie sinnend.
-»Nein, ich kann das eigentlich von meinem Leben nicht behaupten; mein Mann
-ist sehr rücksichtsvoll und die Kinder -- aber Sie, wieso finden Sie Ihr
-Dasein nicht nach Ihren Wünschen?«
-
-Er antwortete nicht, und sie empfand es unbehaglich, daß sie den jungen
-Mann beinah zu einem persönlichen Vertrauen aufgefordert hatte, das er ihr
-nicht in der freundschaftlichen Weise entgegenbrachte, in welcher er sich
-bisher gegen sie ausgesprochen hatte.
-
-»Befinden Sie sich jetzt wohler, gnädige Frau?« fragte er nach einigen
-Minuten des Schweigens.
-
-»O vollkommen wohl,« versicherte sie rasch aufstehend.
-
-Er bot ihr den Arm, und sie nahm ihn unbefangen an. Er bemerkte in diesem
-Augenblicke, daß sie elegant gekleidet war. Ihre Anmuth und Grazie
-berührten ihn sympathisch, aber es lag ihm fern, sich in das schöne Weib
-eines Anderen zu verlieben. Nicht sein sittliches Bewußtsein schützte ihn
-davor; es hatte Zeiten gegeben, wo er den Vortheil seiner Lage erkannt und
-benutzt haben würde, aber diese Zeiten waren vorüber. Wie eine Lähmung
-lag der gewaltige Einfluß des Morphiums und des Aethers auf seinen Nerven
-und Sinnen.
-
-Auch Lydia, die Gattin eines älteren, pedantischen, trockenen Mannes,
-dachte nicht daran, daß in ihrem vertraulichen Verkehr mit dem jungen
-Arzte irgend etwas Unerlaubtes sein könne. Aber auch sie handelte nicht
-in vollem Bewußtsein tugendhafter Ehrbarkeit, sondern ebenfalls unter dem
-Einflusse einer krankhaften Abstumpfung ihrer natürlichen Gefühle und
-Triebe.
-
-»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen,« sagte sie leise mit einem
-Abschiedsblicke nach ihres Vaters Grab.
-
-»Wenn ich mein Vermögen der Stadt hinterlasse, bekomme ich am Ende auch
-einmal eine so schöne Grabschrift,« scherzte Turnau. Es war wieder das,
-was Lydia kokettiren mit Weltschmerz und Todesahnungen nannte. Andere
-urtheilten noch härter über diesen eigenthümlichen Characterzug des
-jungen, wohlhabenden Mannes. Man hielt ihn im allgemeinen auch nicht
-für so krank wie er war, und sah in dem aus seinem Wesen sprechenden
-Lebensüberdrusse nur die Folgen einer übermäßigen Blasirtheit, der
-nichts mehr genügte, was sich an Genüssen des täglichen Lebens ihm bot.
-
-»Soll ich dafür sorgen, daß man auch Sie nach Ihrem Tode zu den
-Gerechten erhebt?« fragte Lydia, lächelnd auf seinen Ton eingehend.
-
-»Es wäre unbescheiden, gnädige Frau; für einen armen Morphinisten wird
-sich schon noch ein demüthigeres Verslein finden.« »Wohl der Menschheit,
-wenn jeder seine Grabschrift verdient hätte,« antwortete sie, mit einem
-Blick über alle die Kreuze und Steine hinschweifend, die in steinernen
-Lettern so viel von Liebe und Tugend zu erzählen wußten, wie man im Leben
-wohl selten beisammen finden wird.
-
-Dann trat sie auf das Weihwasserbecken zu, bekreuzte sich mit dem Wasser,
-verließ an Turnaus Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm zusammen in ihrem
-Wagen, der auf sie gewartet hatte, nach Hause.
-
-Vor der Bremerschen Villa dehnte sich ein von Rosenbeeten unterbrochener
-Rasen aus, dessen Mitte ein zierlicher Springbrunnen bildete. Eine Allee
-von Kastanienbäumen führte zu dem etwas von der Straße zurückliegenden
-Gebäude und an demselben vorbei nach dem dahinter liegenden Garten.
-
-Auf dem Kieswege unter den schattigen Bäumen spielten zwei hübsche Kinder
-unter der Aufsicht einer Bonne. Als sie ihre Mutter aus dem Wagen steigen
-sahen, wollte das junge Mädchen sie zu der Ankommenden führen, um diese
-zu begrüßen. Die Kinder aber hingen sich an ihre Pflegerin und steckten
-die Köpfe in die Falten des einfachen schwarzen Wollkleides, welches das
-Fräulein trug.
-
-Die Bonne versuchte, sich von ihnen los zu machen und zeigte bei diesen
-lebhaften Bewegungen, in dem eng anschließenden, schlichten Kostüm eine
-vollendete Grazie. Sie war tadellos gewachsen, jede Bewegung war schön,
-so daß Turnau, der sonst wenig Sinn für weibliche Reize hatte, davon ganz
-betroffen war.
-
-»Wer ist die junge Dame?« fragte er leise.
-
-»Fräulein Wagner, eine Fröbel'sche Kindergärtnerin, erst seit kurzer
-Zeit bei mir,« sagte die Geheimräthin; dann begrüßte sie die Kinder,
-die endlich widerstrebend, mit scheuen Blicken auf den Begleiter ihrer
-Mutter, herbeikamen.
-
-Auch das Fräulein begrüßte jetzt ihre Herrin. Das Gesicht des jungen
-Mädchens war breit und gewöhnlich. Die Züge waren grob, selbst die
-freundlich blickenden grauen Augen zu klein und zu tief liegend, um dem
-Gesichte irgend welchen Reiz geben zu können. Trotz der schönen Gestalt
-war das Mädchen nicht hübsch, nur die Lippen waren blühend und roth, die
-Zähne glänzend weiß, und ein Ausdruck von Jugendlust, Frohsinn und Güte
-verklärte die ganze Erscheinung.
-
-»Mein Gott, Fräulein, wie albern sich die Kinder noch immer benehmen,
-wenn Gäste da sind, gewöhnen Sie ihnen das doch ab,« tadelte die junge
-Frau.
-
-Die Bonne schwieg, sie wußte nur zu wohl, daß die Kinder sich jedesmal
-weigerten, wenn sie ihre Spiele verlassen sollten, um auf einen Augenblick
-der Mutter zugeführt zu werden.
-
-Mit nervöser Hast streichelte Lydia die rosigen Gesichter und die feuchten
-Blondhaare der Kleinen. »Wie sie erhitzt sind, ist es hier denn so
-heiß?« wandte sie sich wieder an Fräulein Wagner.
-
-»Wir haben Federball gespielt, gnädige Frau, wir waren so sehr vergnügt
-dabei und haben uns so oft gebückt, davon sind wir so roth.«
-
-Dabei strahlten die Augen des jungen Mädchens und der Mund schien ein
-schelmisches Lächeln kaum unterdrücken zu können.
-
-»Es ist gut Fräulein, beschäftigen Sie die Kinder aber jetzt ruhiger,«
-entschied die todtenblasse Frau. Dann wandte sie sich mit ihrem Begleiter
-von der heiteren Gruppe der an das Mädchen geschmiegten Kinder ab.
-
-»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?« fragte sie dann den
-Doktor, der Hausthür zugehend.
-
-»Es ist mir unmöglich, gnädige Frau, ich bin nicht wohl genug dazu.«
-
-»So danke ich Ihnen um so herzlicher für Ihre Begleitung.«
-
-»O bitte, das ist kein Umweg für mich, außerdem will ich Ihnen auch
-im Vertrauen gestehen, gnädige Frau, daß der kurze Aufenthalt in Ihrem
-Garten für mich ein Genuß war.«
-
-»Ein Genuß? Ah -- da wäre ich doch begierig.«
-
-»Ja, auf die Gefahr hin, daß Sie mich auslachen. Es war ein Genuß für
-mich, Ihr neues Kinderfräulein zu sehen.«
-
-Ein sehr erstaunter Blick der Geheimräthin suchte das junge Mädchen.
-»Fräulein Wagner ist vorzüglich gewachsen, sonst aber doch beinahe
-häßlich zu nennen,« meinte sie dann.
-
-Doctor Turnau folgte mit einem unsagbar müden, schwermüthigen Blicke
-der blühenden Mädchengestalt. »Sehen Sie einmal das glatte, glänzende,
-natürliche Haar an, gnädige Frau.«
-
-Lydia lachte auf. »Aber bester Doctor, dieses schlichte, glatt
-zusammengedrehte braune Haar ist doch etwas außerordentlich Gewöhnliches,
-was finden Sie denn daran so schön?«
-
-»Die körperliche Gesundheit, die diesen Haarwuchs bedingt,« antwortete
-er nachdrücklich. »Ich behaupte durchaus nicht, daß diese junge Person
-schön sei; ich weiß auch, was schön ist, aber sie ist gesund, durch und
-durch gesund. Ein Hauch von Jugendfrische und Kraft umgiebt sie und macht
-sie reizend.«
-
-»Wäre das etwa Ihr Geschmack?« Sie zweifelte noch immer an dem Ernst
-seiner Worte.
-
-»Ich bin schon seit mehreren Jahren Kliniker,« antwortete er. »Alles,
-was mich umgiebt, ist krank und hinfällig. Auch unsere Pflegerinnen sind
-zum größten Theil überarbeitet und nervös, die meisten Collegen sind
-noch nicht in den gewissermaßen behaglichen Ruhestand der Privatpraxis
-eingetreten, sie arbeiten mit Feuereifer, keiner schont sich. Die
-entsetzliche Luft des Laboratoriums vergiftet uns alle. Viele von uns
-bedürfen auch in dieser Zeit übermäßiger, geistiger Anstrengung
-künstlicher Anregungsmittel. Es vergehen oft Tage, an denen ich factisch
-keinen einzigen normalen, gesunden Menschen sehe, -- ist es da nicht
-erklärlich, daß ein solches Bild blühender jungfräulicher Frische und
-Kraft für mich etwas sehr Anziehendes hat? Bitte, sehen sie nur die rothen
-ausgearbeiteten Hände des Fräuleins, die leidet nicht an Blutarmuth --
-ah, die ist schön!«
-
-»Ich gönne Ihnen den Anblick dieser Päonie von Herzen, lieber Freund.
-Möchten Sie sich dadurch veranlaßt fühlen, die Villa Bremer nicht mehr
-so zu vernachlässigen, wie es bisher geschah.«
-
-»Ich werde von Ihrer gütigen Erlaubniß demnächst Gebrauch machen,
-gnädige Frau.«
-
-Er berührte mit seinen Lippen einen Augenblick die wachsbleiche Hand der
-Morphinistin, verbeugte sich von weitem gegen Fräulein Wagner und verließ
-darauf den Garten.
-
-»Bitte, liebes Fräulein, besorgen Sie mir etwas Himbeerwasser,« sagte
-Lydia zur Bonne, dann setzte sie sich auf einem bequemen Gartenstuhl und
-nahm ihr zweijähriges Töchterchen auf den Schooß.
-
-»Der dumme Onkel« sagte der kleine Knabe, sich jetzt auch der Mutter
-nähernd mit einem zornigen Blick nach der Thür, hinter der soeben Doctor
-Turnau verschwand.
-
-»So etwas sagen artige Kinder nicht,« tadelte die junge Frau.
-
-Jetzt erschien die Bonne wieder mit der gewünschten Erfrischung im Garten.
-Hinter ihr ging der Geheimrath Bremer, ein schlanker, eleganter Mann mit
-schon leicht ergrauendem, dunklen Haar.
-
-»Wie kam denn dieser blasirte Turnau dazu, Dich zu begleiten?« fragte er,
-neben seiner Gattin Platz nehmend. »Er hält es doch sonst für tief unter
-seiner Würde, ein weibliches Wesen mit seiner interessanten Unterhaltung
-zu beglücken.«
-
-»Ich traf ihn zufällig auf dem Kirchhofe, und wir unterhielten uns so
-angenehm, daß mir seine Begleitung natürlich erschien.«
-
-»Wie kann dieser unnatürliche, gezierte Mensch eine vernünftige Frau
-angenehm unterhalten,« sagte Bremer beinahe ärgerlich. »Unter Männern
-ist seine Unterhaltung gar nicht geschätzt, das kann ich Dir sagen. Jung
-und sorgenfrei wie er ist, sucht er etwas darin einen Pessimismus zur Schau
-zu tragen, der eines Greises würdig wäre, dem alles im Leben gescheitert
-ist. Er leugnet jeden Genuß, jeden Glauben, er leugnet die Liebe, er
-widerspricht der Natur -- -- --«
-
-»Mit einem Worte, er ist Dir unsympathisch,« unterbrach Lydia ihren Mann.
-
-»Gewiß, das ist er mir und vielen anderen Leuten. Gefällt Dir zum
-Beispiel dieses Andeuten einer geheimnißvollen Krankheit, dieses Spielen
-mit dem Gedanken an Tod und Grab -- -- --«
-
-»Vielleicht fühlt er die Annäherung eines Gemüthsleidens.«
-
-»Ach was, Gemüthsleiden. Davon hat er Dich wohl unterhalten? Er hat
-nichts zu thun, da steckt die Wurzel des Uebels. Wenn er wie andere junge
-Aerzte des Morgens in seiner Sprechstunde sitzen und auf Patienten warten
-müßte, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, so würde er wohl frei
-bleiben von seinen interessanten Ahnungen. An ihm siehst Du, daß es
-unter Umständen sogar ein Unglück sein kann, wenn Eltern ihrem Sohne ein
-Vermögen hinterlassen.«
-
-Die kleine Lotte wurde unruhig, als sie sah, daß Fräulein Wagner mit
-dem größeren etwa vierjährigen Bruder fortgehen wollte, ohne sie
-mitzunehmen.
-
-»Bitte, Fräulein, nehmen Sie Lottchen mit,« sagte Lydia.
-
-Die kräftigen warmen Hände des jungen Mädchens hoben die Kleine hoch
-empor, jauchzend legte das Kind sein Gesichtchen an ihre weiche volle
-Wange, dann entfernten sich die Kinder mit ihrer Bonne.
-
-»Eine allerliebste, frische Person,« bemerkte der Geheimrath, »ich
-glaube, wir haben da einen glücklichen Griff gethan.«
-
-»Auch Turnau fand sie reizend,« sagte Lydia lachend. »Was für ein
-Geschmack -- dieses Vollmondsgesicht!«
-
-»So! -- Turnau auch? Solch einen unverdorbenen Geschmack hätte ich diesem
-Wüstling nicht zugetraut,« meinte Bremer nachdenklich. »Nun, er wird
-keine Gelegenheit haben, ihr etwas in den Kopf zu setzen; sonst wäre das
-Mädchen am Ende dumm genug, ihr Herz an diesen abgelebten Egoisten zu
-verlieren.«
-
-»Was für eine Idee!«
-
-Lydia fand den Gedankengang ihres Mannes unbegreiflich trivial. Warum
-sollte es denn nicht möglich sein, daß ein junges Mädchen einem Manne
-gefiel, ohne daß das Herz dabei gleich in Frage kam.
-
-Sie schwieg und trank ihr ganzes Glas Limonade leer, denn die Nachwirkung
-des Morphiums ist Durst.
-
-Ein Diener brachte dem Geheimrath Zeitungen und Briefe. Bald war der
-Hausherr in seine Lectüre vertieft, während die junge Frau sich
-leise erhob, um ihr Zimmer aufzusuchen. Dort vertauschte sie ihre
-Straßentoilette mit einem bequemen Hauskleide und legte sich nieder, einer
-bleiernen Müdigkeit, die in ihren Gliedern lag, nachgebend.
-
-
-II.
-
-Die Gewohnheit des Morphiumgebrauches hatte allmählich dahin geführt,
-daß Lydia Bremer mit freiem Kopfe, ohne irgend welche Nachwirkungen
-des Genusses erwachte, auch wenn sie am Tage vorher etwas mehr als die
-gewöhnliche Dosis ihres Mittels gebraucht hatte. Die Lösung aber, die ihr
-Turnau gegeben hatte, mußte doch wohl weit über das Maaß hinausgehen, an
-das sie gewöhnt war.
-
-Sie hatte die Absicht gehabt, an Mariä Himmelfahrt das Hochamt zu
-besuchen, das um 9 Uhr früh statt fand. Das Stubenmädchen brachte
-ihr deshalb den Kaffee zu einer etwas früheren Stunde als sonst in ihr
-Schlafzimmer. Sie richtete sich im Bette auf, um nach dem Servirbrett
-zu greifen; aber als sie den Kopf vom Kissen erhob, sank sie sofort,
-von heftigem Schwindel erfaßt, wieder zurück. Sie empfand dabei keinen
-Schmerz, nur eine drückende Benommenheit des Kopfes. In rasendem Wirbel
-schien sich alles um sie zu drehen, Kälteschauer und Unbehaglichkeit
-erfaßten ihren ganzen Körper.
-
-Sie schloß die Augen, um sich von diesem Zustande zu befreien; es war
-vergeblich. Vorsichtig, ohne sich aufzurichten, griff sie nun nach einer
-kleinen Tasche, die zwischen ihren Matratzen lag. Kaum vermochten die
-unsicher tastenden Hände das Morphiumglas zu entkorken. Nach dem Gebrauche
-des Mittels aber wurden ihre Bewegungen etwas fester, sie konnte sich
-aufrichten, der Schwindel ließ nach, aber so wie sonst war es doch immer
-noch nicht. Kurz entschlossen griff sie zum zweiten Male zum Morphium.
-
-Nun strömte ein unendliches Wohlbehagen durch ihre Nerven. Sie
-streckte sich lächelnd aus, genoß mit Bewußtsein die nun eintretende
-eigenthümliche Leichtigkeit ihrer Glieder und richtete sich dann frisch
-und elastisch auf. Sie ließ das Fräulein mit den Kindern hereinkommen,
-erfreute sich an dem Jubel der Kleinen bei den munteren Spielen, die das
-junge Mädchen anzuregen verstand und schickte endlich die fröhliche
-Gesellschaft in den Garten, um ihre Toilette beenden zu können.
-
-Zur gegebenen Zeit rief sie ihren Mann ab zum Kirchgang. Sie trug ein
-hellgraues Kleid, das zu ihrem Teint eigentlich nicht paßte. Die Taille
-war aber so geschickt mit weiß arrangirt, ebenso der Hut, eine Nadel von
-funkelnden Rubinen schloß den Spitzenkragen, so daß die Toilette doch
-tadellos und sogar vortheilhaft war.
-
-»Du bist recht hübsch angezogen, Kind,« bemerkte der Geheimrath
-wohlgefällig, als Lydia bei ihm eintrat, »indessen finde ich, daß Du
-blaß und angegriffen aussiehst. Ich habe auch in letzter Zeit tüchtig
-gearbeitet und denke, die Erholung in Heringsdorf wird uns Allen recht gut
-thun. Wie würde Dir diese Wohnung gefallen?«
-
-Er reichte seiner Frau die Photographie und den Grundriß einer kleinen
-Villa. »Die Wohnung ist bis zum Ende der Saison frei.«
-
-»Es mag ganz hübsch dort sein, ich wußte aber nicht, daß Du so bald
-reisen kannst.«
-
-»Die Saison ist schon halb zu Ende, Lydia, bist Du etwa mit Deiner
-Toilette noch nicht ganz reisefertig?«
-
-Sie schien zu überlegen. »Für die Kinder wäre noch einiges
-anzuschaffen, für mich weniger, ich möchte auch dem Fräulein etwas
-Garderobengeld für die Reise geben.« --
-
-»Brauchst Du vielleicht Geld?«
-
-»Nicht viel, fünfhundert Mark werden für den Augenblick genügen.«
-
-Er gab ihr das Geld und sie sagte, daß sie gleich nach der Kirche noch
-einige Besorgungen machen wolle.
-
-»Aber überanstrenge Dich nicht, ziehe Fräulein zu Deiner Hülfe heran,«
-bat er.
-
-Während des Gottesdienstes ruhten die Blicke des fürsorglich liebenden
-Mannes oft auf dem zarten Gesichte der jungen Frau. Er wußte, daß ihr
-der Hausarzt wegen häufiger Migräne-Anfälle ab und zu den Gebrauch der
-Morphiumspritze gewährt hatte. Dabei war er aber fest überzeugt, daß
-dieses Mittel nur durch die Hand des Arztes und mit dessen Einverständniß
-gebraucht würde. Daran, daß seine Frau das Morphium selbst und heimlich
-gebrauchen könne, dachte er nicht.
-
-Der alte Medicinalrath, der seinem Hause ein lieber Freund war hatte ihm
-gesagt, daß eng zusammengezogene Pupillen und breite glanzlose Iris der
-Augen ein untrügliches Zeichen des Morphinismus seien. An die Complication
-mit Atropin hatte der gute alte Herr selbst nicht gedacht und so wurde auch
-er durch die dunkel leuchtenden Augen der Kranken getäuscht.
-
-Bremer war fest überzeugt, daß seine Frau krank sei. Das schlaffe,
-gleichgültige Sich gehen lassen, welches er seit einiger Zeit an ihr
-bemerkte, widersprach ihrem sonstigen Wesen durchaus. Ehe er aber einen
-Specialarzt für Nervenleiden zu Rathe zog, beschloß er noch einmal
-eingehend mit dem Medicinalrath zu sprechen.
-
-Nach der Kirche trennte sich der Geheimrath von seiner Frau. Er hatte
-einige Besuche zu machen, und Lydia ging, um Einkäufe zu besorgen nach der
-belebtesten Straße, wo sich die größten Läden befanden.
-
-Ohne einen Blick auf die Auslagen in den Fenstern zu werfen eilte
-sie vorwärts. Bald bog sie in einen weniger belebten Seitenweg ein,
-durchschritt eine öffentliche Promenade und betrat einen Stadttheil, in
-dem ihre elegante Erscheinung überall auffiel. Sie befand sich zwischen
-langen Reihen hoher unschöner Häuser, die alle viele Fenstern hatten und
-von vielen Menschen bewohnt wurden. Zuletzt trat sie in den Thorweg einer
-Bierbrauerei, ging durch das Vorderhaus über den Hof, zwischen Fässern
-und Rollwagen hindurch nach dem Quergebäude.
-
-Sie drückte den Elfenbeingriff ihres weißen Spitzenschirmes fest an die
-Brust, schob den Schleier vom Gesichte zurück und stieg mit fliegendem
-Athem und zitternden Knieen in nervöser Hast die schmale halbdunkle steile
-Treppe hinauf.
-
-Bei jedem Stockwerk wurden die Entreethüren niedriger, beengter,
-schmutziger. Nach drei Treppen hörten die abgeschlossenen Wohnungen
-überhaupt auf. Eine Menge Thüren mündeten in einen engen, langen
-Gang. Es war unerträglich schwül in diesem Treppenhause, aus jeder der
-zahlreichen Wohnungen drangen Küchendämpfe und Lärm heraus. Es roch nach
-Kaffee, nach angebranntem Fett, nach trocknender Wäsche, nach Seife --
-vor allen Dingen aber nach Menschen, nach zusammengedrängten, armen,
-schmutzigen Menschen. An vielen Thüren befanden sich Visitenkarten mit dem
-Namen des Zimmerbewohners.
-
-»Friedrich Rast,« stand auf einer dieser Karten zu lesen. Lydia klopfte
-mit ihrem Schirm an die Thür. Ein junger Mann öffnete ihr und ließ sie
-ein.
-
-Das Zimmer war ganz nett und freundlich möblirt: Ein Sopha mit braunem
-Ripsüberzuge, zwei Schränke von hellem Holz, ein Spiegel zwischen
-den Fenstern, ein kleiner Teppich, auf einer Kommode eine Uhr und zwei
-Leuchter. Das Stübchen schien für den Empfang eines Besuches aufgeräumt
-worden zu sein, denn es lag nichts von den Sachen des Bewohners umher.
-Eine halb offene Thür ließ ein ebenfalls gut eingerichtetes Schlafzimmer
-sehen. An den Fenstern waren saubere Gardinen und einige blühende
-Pflanzen. Die Aussicht über ein freies Feld und eine Reihe Bäume
-entschädigte für die Häßlichkeit, die der Eingang der Wohnung bot.
-Der Inhaber dieser Stuben, ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, war
-sorgfältig, wenn auch nicht elegant gekleidet.
-
-»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Herr Rast,« sagte Lydia und sank
-erschöpft auf das kleine weiche Sopha nieder.
-
-»Der Dienstmann hat alles richtig an mich telephonirt, gnädige Frau,«
-antwortete Friedrich Rast lächelnd. »Mein durchreisender Vater wünscht
-mich zu sprechen, der Provisor hat mich daraufhin beurlaubt, hier bin
-ich, und auf meinem bescheidenen Sopha sitzt ja nun auch mein ehrwürdiger
-Alter.«
-
-»Lassen Sie die Scherze, Herr Rast, ich bin sehr aufgeregt und habe es
-eilig. Mein Mann hat unsere Abreise früher angesetzt, und mein Vorrath
-reicht höchstens noch drei oder vier Tage. Ich brauche mindestens zwölf
-Gramm für die Saison in Heringsdorf. Rechnen Sie doch -- sechs Gramm geben
-ein Fläschchen für hundert Einspritzungen, eigentlich bekommt man aber
-nur etwa achtzig heraus, durchschnittlich brauche ich vier am Tage, also in
-drei Wochen ein Fläschchen, das macht zwölf Gramm in sechs Wochen.«
-
-»Zwei Gramm jede Woche, das ist zu viel, gnädige Frau.«
-
-»Was geht Sie denn das an? Hier sind Einhundertundzwanzig Mark, das Gramm
-zu zehn Mark gerechnet; bei unserer Medicinaltaxe von sechzig Pfennigen
-für das Gramm können Sie doch mit dem Geschäfte zufrieden sein.«
-
-Der junge Apotheker schob fünf von den Goldstücken mit verlegener Miene
-zurück. »Ich habe nur zwei Gramm. -- --«
-
-»Aber Herr Rast!« Lydia wurde todtenbleich und sah den jungen Mann so
-entsetzt an, daß er einiges Mitleid empfand.
-
-»Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, Ihnen Schwierigkeiten zu machen,
-Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich. Es fehlt eine Menge
-von hundert bis hundertundfünfzig Gramm in der Apotheke. Der Chef hat
-gerast und getobt und uns Alle Morphiomanen genannt. Einer von uns muß es
-ja am Ende auch sein, denn ich habe noch nie mehr als zehn Gramm auf
-einmal genommen. Es giebt gewiß unter uns Apothekern ebenso viele
-Morphiumsüchtige wie unter den Aerzten. Vielleicht aber bin ich auch nicht
-der Einzige, der das Mittel heimlich verkauft, -- die Versuchung ist ja so
-groß.«
-
-Ein Zug, wie von körperlicher Qual trat auf Lydias Gesicht. »Herr Rast,
-denken Sie noch an den Abend, wo Sie auf der Brücke hinter dem Theater
-standen?« fragte sie mühsam.
-
-»Ja, ich denke daran, so oft sich mein Gewissen regt über das, was ich
-für Sie thue, gnädige Frau. Meine Schulden betrugen damals nur etwa
-hundert Mark, aber ich habe acht Geschwister, ich hätte doch diese
-Schulden nicht machen dürfen. Das kleine Kolonialwaarengeschäft meines
-Vaters ernährt kaum die Familie. Anstatt von meinem ersten Gehalt nach
-Hause abzugeben, was ich dank Ihrer Güte jetzt kann, mußte ich von meinem
-armen Vater hundert Mark fordern, die er mir natürlich nicht geben konnte.
-Es war hart -- eine furchtbare Strafe für meinen Leichtsinn.« -- --
-
-»Ich habe Sie damals vor einem Schritte der Verzweiflung bewahrt, wollen
-Sie mich dafür jetzt verzweifeln lassen, Herr Rast?«
-
-»Aber Frau Geheimräthin, verzweifeln Sie denn, wenn Ihre Morphiumquelle
-einmal versagt?«
-
-»Ja,« antwortete sie dumpf. »Ohne Morphium muß ich verzweifeln. O, mein
-Gott, man giebt doch den Ärmsten Almosen, warum versagt man dem Kranken
-das, was ihm Lebensbedürfniß, was ihm nöthiger ist als das tägliche
-Brot!«
-
-»Es liegt eine große Härte in dem Verbot des Verkaufes,« sagte der
-junge Mann mitleidig. »Es ist auch eine ganz unnütze Härte, denn sie
-dient nur dazu, die Verkäufer in Versuchung zu führen und die Kranken zu
-Lug und Trug zu veranlassen. Ist es nicht eine Schmach, daß eine Dame wie
-Sie, gnädige Frau, in dieses Haus kommen muß, um so einen armen Teufel
-wie mich für eine Handlung zu bezahlen, die meine Existenz kosten kann?«
-
-»Ja es ist eine Erniedrigung, eine Schande für uns Beide, für Hunderte
-außer uns, aber wir können die Ungerechtigkeit nicht aus der Welt
-schaffen, die dem Einen ruhig das anvertraut, wonach sich die Sehnsucht
-des Anderen vergeblich verzehrt. Wenn nur der Morphiumhunger nicht immer
-stärker und stärker wiederkehrte bei dem, der einmal an das Reizmittel
-gewöhnt ist. Ich kann nicht leben wenn ich kein Morphium habe, sagen Sie
-mir, wie machen es Andere, die dasselbe Bedürfniß empfinden?«
-
-»Andere fälschen Recepte.«
-
-»Und das geht?«
-
-»Ja, es geht oft. Die meisten Kranken greifen zu diesem Mittel,
-denn Wartepersonal oder Droguisten sind doch schließlich nur selten
-bestechlich. Noch seltener aber sind gefällige Aerzte, die das Mittel aus
-der Hand geben. Außerdem erhält man es auf ein gefälschtes Recept
-hin auch zum landesüblichen Preise, was ebenfalls die meisten Menschen
-berücksichtigen müssen. Natürlich werden aber in allen Apotheken die
-Recepte über Chloroform, Aether, Cocain, Chloral, Morphium und ähnliche
-Mittel genauer angesehen als andere Vorschriften.«
-
-»Und wenn man eine Fälschung entdeckt?«
-
-»Dann schickt in der Regel der Provisor das Recept demjenigen Arzte zu,
-auf dessen Namen es gefälscht wurde.«
-
-Lydia schlug die Hände in furchtbarer Aufregung vor das Gesicht und
-schluchzte krampfhaft. »Ich vermöchte eine solche Schmach nicht zu
-überleben.«
-
-»O, das passirt aber so oft,« meinte er gleichmüthig.
-
-Sie starrte fassungslos vor sich hin. »Herr Rast, wie ist das, wie wird es
-gemacht -- -- Recepte zu fälschen?«
-
-Er legte zwei abgestempelte Recepte vor sie hin. »Da sehen Sie, das sind
-zwei echte Recepte von zweien unserer ersten Chirurgen. Das eine lautet
-auf eine fünf- das andere auf eine vierprocentige Lösung. Stärkere
-Vorschriften sind gewöhnlich unecht. Hier haben Sie Papier und Feder,
-gehen Sie an die Fensterscheibe und pausen Sie die beiden Recepte durch,
-zur Vorsicht machen Sie sich zwei Exemplare von jeder Vorschrift. Dann
-können Sie durch Dienstmänner oder Kinder, die Sie dafür bezahlen, die
-Recepte beide machen lassen. Ich kann Ihnen leicht durch Abdampfen in einem
-Filtrirapparat die dünnen Lösungen etwas verstärken. Aber entschließen
-Sie sich rasch, damit ich die Recepte in das Buch zurücklegen kann, ehe
-sie vermißt werden.«
-
-Widerstrebend griff Lydia nach dem Schreibmaterial, das ihr der junge
-Mann anbot. Sie kam sich maßlos erniedrigt vor durch die gesetzwidrige
-Handlung, die sie vor diesem Zeugen zu begehen im Begriff stand.
-
-Was mußte dieser, gesellschaftlich tief unter ihr stehende leichtsinnige
-junge Mensch von ihr denken -- von ihr, die von dem eigenen Gatten, von
-allen Menschen, die sie kannte mit Auszeichnung behandelt wurde!
-
-Sie ließ die Feder, die schon einige Striche gemacht hatte, sinken.
-Thränen stürzten ihr aus den Augen. »Ich kann es nicht.« --
-
-»Dann müssen Sie aber eine Entziehungskur durchmachen, auf einmal kann
-man dem Morphium nicht entsagen,« erklärte der Apotheker. Dabei glitt
-etwas wie Freude über sein energieloses, junges Gesicht.
-
-»Ich will aber garnicht entsagen,« schluchzte die junge Frau. »Das
-Gesetz soll mich nicht dazu zwingen, das Gesetz geht mich überhaupt
-garnichts an, ich thue nichts, was irgend einem Menschen in der Welt
-Schaden zufügen könnte.«
-
-»Sie schaden sich selbst.«
-
-»Das ist doch ausschließlich meine Sache. Nein diese Bevormundung ist
-wirklich empörend!«
-
-»Wenn ich etwas bei Seite bringen kann, schicke ich es Ihnen in einem
-Briefcouvert,« tröstete er, ihr die zwei Gramm hinschiebend, die er
-besaß.
-
-Sie steckte das Pulver ein und trocknete ihre Thränen. »Haben Sie keinen
-Bekannten, der mir helfen könnte?« fragte sie aufstehend.
-
-»Vielleicht wäre das möglich,« sagte er nachdenklich. »Außer in
-Apotheken wird das Morphium in einzelnen größeren Droguengeschäften
-geführt. Dort darf allerdings nur der Besitzer die Recepte machen, die
-jungen Leute haben kein Examen gemacht und dürfen es nicht.«
-
-»Ich mache mir ja die Lösung selbst zurecht, wenn mir nur jemand die rohe
-Waare verschafft. Können Sie mir wirklich niemanden empfehlen?«
-
-»O doch ich glaube, ich kann es. Ferdinand Preyer ist ein so blutarmer
-Junge, daß er mehr als hochachtbar sein müßte, wenn er einem Angebote
-von zehn Mark für das Gramm zu widerstehen vermöchte.«
-
-»Ist er gewissenhaft und ängstlich?«
-
-»Ich fürchte allerdings, daß er das ist, aber wenn er den Betrag für
-die entnommene Waare in die Ladenkasse legt, so kann es seinem Principal
-doch einerlei sein, was dafür verkauft wurde.«
-
-»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«
-
-»Ich will thun, was ich kann. Seine Mutter ist eine arme Wittwe, zwei
-Schwestern von Preyer dienen als Stütze der Hausfrau. Die Beiden und
-Ferdinand, der neunzig Mark Gehalt im Monat hat, unterstützen die Mutter.
-Drei Kinder gehen noch in die Schule. Von irgend welchem Vergnügen ist
-für Preyer niemals die Rede. Der arme Kerl ißt sich kaum satt; -- es
-wäre einfach übermenschlich, wenn er Ihnen kein Morphium verschaffte; ich
-gönne ihm auch den Verdienst.«
-
-Lydia ging nun, nachdem sie mit Friedrich Rast verabredet hatte, Abends um
-acht Uhr wieder in dessen Wohnung zu sein, um daselbst mit Ferdinand Preyer
-zusammenzutreffen. Er versprach ihr den jungen Mann herzubestellen und ihn
-auf das an ihn gestellte Verlangen vorzubereiten.
-
-Nachdem sich der junge Apotheker überzeugt hatte, daß der Corridor
-augenblicklich menschenleer war, eilte seine Besucherin hastig die Treppe
-hinab, ängstlich den Schleier vor ihr verweintes Gesicht ziehend.
-
-In der Nähe des Hauses fand sie zufällig eine leere Droschke. Von der
-Aufregung und Angst aufs äußerste erschöpft, stieg sie ein und fuhr zu
-einer Modistin. Darauf besuchte sie noch einige Ladengeschäfte; sie zwang
-sich, dazu Einkäufe für ihre und der Kinder Toiletten zu machen, um die
-wild durch ihr Hirn stürmenden Gedanken und Besorgnisse zu überwinden. Es
-gelang ihr schließlich auch, sich wieder so weit zu fassen, daß sie ihren
-Kindern und ihrem Manne unbefangen gegenübertreten und wie gewöhnlich am
-Mittagessen theilnehmen konnte.
-
-Die Kinder waren so lebhaft, daß sie oft bei Tische Veranlassung zu
-herzlichem Lachen der Eltern wurden und auch heute führten sie wieder
-die Unterhaltung, ohne von ihrem Fräulein, das selbst so gerne lachte,
-erheblich daran gehindert zu werden.
-
-Nach dem Essen forderte Lydia das Fräulein auf, mit ihr und den Kindern
-spazieren zu fahren, während der Geheimrath, der später noch in sein
-Büreau mußte, sich etwas zur Ruhe zurückzog.
-
-Unterwegs befestigte sich in Lydia die Überzeugung, daß sie mit der Wahl
-des neuen Fräuleins ihren Kindern eine wahre Wohlthat erwiesen hatte.
-Fräulein Hedwig war so herzlich, von so natürlicher Heiterkeit und
-selbstloser Hingabe, daß die Herzen der Kinder sich ihr zuwandten
-wie Blumenkelche dem Sonnenlicht. Während der Fahrt durch den warmen
-schattigen Waldweg plauderten und jubelten die Kleinen ununterbrochen,
-während die Mutter ihnen schweigend und verstimmt gegenüber saß. Sie
-konnte ihre Gedanken nicht davon losreißen, auf welche Weise sie sich wohl
-für die Zukunft das Mittel verschaffen könne, das doch nur ihr allein ein
-egoistisches Genießen gewährte, an dem kein anderer Mensch Antheil nahm.
-
-In fröhlicher Stimmung kehrte die kleine Gesellschaft nach Hause zurück.
-Lydia fühlte ihre Nerven etwas ruhiger werden; so vermochte sie ihrem
-Manne, der die Seinen schon im Garten empfing, freundlich entgegen zu
-treten.
-
-Er gab seiner zurückkehrenden Frau einen erbrochenen Brief und
-entschuldigte sich, daß er so indiscret gewesen war, denselben zu öffnen.
-
-»Der Überbringer sagte mir auf meine Frage, daß er in einer Brauerei in
-der Humboltstraße arbeite. Das erschien mir so eigenthümlich, daß ich
-nur eine Bettelei vermuthen konnte. Ich wußte nicht, daß Dein Schuster so
-weit draußen wohnt. Bist Du denn mit Deinem bisherigen Lieferanten in der
-Hauptstraße nicht mehr zufrieden?«
-
-Lydia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg bei dieser harmlosen
-Frage ihres Mannes. Was für ein entsetzliches Verhängniß zwang sie doch,
-Lügen -- ganz gemeine Lügen zu ersinnen, wie unwürdig, wie erbärmlich
-stand sie da vor sich selbst und vor Friedrich Rast, der ihr auf diese
-Weise eine Mittheilung zukommen ließ!
-
-Sie griff nach dem Blatte: »Gnädigste Frau habe ich zu benachrichtigen,
-daß Ferdinand Preyer die gewünschten Waaren nicht liefert. Weiß nun
-nicht, ob die Schuhe mit Stahlperlen oder schwarzen Schleifen garnirt
-werden sollen und bitte um weitere Befehle. Hochachtend, Friedrich Rast.«
-
-Sie las, und es wurde ihr dunkel vor den Augen, als sie zu Ende war.
-Ferdinand Preyer lieferte also die gewünschten Waaren nicht! Der arme
-Commis, der von seinem geringen Gehalte noch seine Mutter unterstützte,
-verschmähte das Gold, das die reiche Frau ihm bot, wenn er mühelos ein
-Vorrecht benutzte, das der Zufall in seine Hand gelegt hatte. Sie hatte
-versucht, einen armen Menschen zu bestechen, ihn zu einer Pflichtverletzung
-zu verführen, sie bot ihm ein Verdienst, das seine ganze Lage ändern, ihn
-und die Seinen aller Sorgen entheben konnte und er -- -- -- »lieferte
-die gewünschten Waaren nicht.«
-
-Was für ein Ungethüm von Pedanterie mußte dieser unbestechliche junge
-Mann sein! Was für eine Willenskraft mußte er besitzen, um in seinem
-freudlosen genußleeren Dasein nicht überhaupt für seine eigene Person
-nach dem Morphium zu greifen, das ihm doch erreichbar war! Ob er wohl in
-seiner übertriebenen Pflichttreue Aehnlichkeit mit Fräulein Hedwig hatte,
-die auch ein Leben der Armuth und Arbeit mit innerer Befriedigung hinnahm,
-ohne zu einem Betäubungsmittel zu greifen? Ob er wohl auch so froh, so
-innerlich glücklich, so reich an Liebe war, wie dieses Mädchen?
-
-Etwas wie Haß und Neid regte sich in Lydia's Herzen. Sie hätte sich
-rächen mögen an dem, der ihr diese Schwierigkeiten bereitete.
-
-»Du ärgerst Dich wohl über Ferdinand Preyer, der Dir die letzte
-Ergänzung einer hübschen Toilette zu versagen scheint, Kind?«
-
-Lydia starrte noch immer wie betäubt auf das Briefblatt in ihrer Hand. Die
-Stimme ihres Mannes schreckte sie auf, sie sah in sein gütig lächelndes
-Antlitz.
-
-»Es handelt sich um eine Lederstickerei, ehe der zugeschnittene Schuh
-fertig gemacht wird, Arnold, dieser Preyer ist langsam und ungefällig,«
-log sie, halb bewußtlos vor lähmendem Schrecken.
-
-Bremer lachte. »Das Unglück scheint mir nicht groß zu sein, Liebling,«
-tröstete er. »Schwarze Schuhe sind doch immer das hübscheste für einen
-so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt.«
-
-Dann verabschiedete er sich von seiner Frau, die sich kaum noch zu
-beherrschen vermochte, küßte die Kinder und fuhr nach seinem Büreau.
-
-Als Lydia das Geräusch der sich entfernenden Räder hörte, hielt sie
-nicht länger an sich. Sie wandte sich jäh ab von den Kindern und dem
-Fräulein, stürzte die Treppe hinauf, schloß sich in ihrem Schlafzimmer
-ein und warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee.
-
-Auf irgend eine Weise mußte sie ihrer leidenschaftlichen Aufregung Luft
-machen, so drückte sie denn ihr Gesicht auf ein Kissen und schrie --
-schrie so laut und so lange wie sie konnte, bis endlich die Thränen kamen
-und ein krampfartiges hysterisches Weinen ihr Erleichterung brachte. Dann
-setzte sie sich an den Toilettentisch, nahm wieder Morphium, badete ihr
-Gesicht in kaltem Wasser und versuchte mechanisch ihren Anzug, ihr Haar und
-ihren Teint wieder in Ordnung zu bringen. »Was nun?« fragte sie sich nach
-Beendigung ihrer Toilette mit einem trüben, starren Blick in den Spiegel.
--- Ja, was nun?
-
-Sie nahm eine Gebetschnur und kniete vor dem Bilde der Mutter Gottes
-nieder. Heute an ihrem höchsten Ehrentage würde die Heilige sicherlich
-die Gebete der Menschen mit besonderer Gnade aufnehmen. Sie wollte um
-Erleuchtung bitten, um Frieden, um Ruhe der Seele. Mit Selbstüberwindung
-sprach sie die vorgeschriebenen Worte, aber die Seele ließ sich nicht
-zwingen, mit den Lippen zu beten. Ihre ganze Seele schrie nach Morphium,
-nur allein nach dem Mittel, auf dessen Erlangung sich jetzt nach den
-Enttäuschungen dieses Tages eine krankhafte Leidenschaft concentrirte.
-Sie ließ sich schließlich gehen in ihrem unstillbaren Drange. Die hohe
-göttliche Jungfrau versteht ja die Schwäche des Weibes, hat sie doch
-selbst einst in der Gestalt einer irdischen Jungfrau gelebt. So betete
-Lydia endlich ganz offen und kindlich um Morphium. »Gieb es mir,
-Gebenedeiete,« flehte sie, »ich will auch vor Dir wandeln wie eine
-Christin und meine Kinder will ich lehren, Dich zu lieben, Dich zu ehren
-und anzubeten.«
-
-Den Menschen bot sie Gold, der Himmlischen bot sie die Seelen ihrer Kinder,
-für sich aber begehrte sie nur das Eine -- mochten es ihr Menschen oder
-Engel gewähren -- nur das, was sie nicht lassen konnte, was sie haben
-mußte und was man ihr grausam versagte.
-
-Beruhigt und gestärkt stand sie vom Gebet wieder auf. Ein Gedanke, den
-ihr wahrscheinlich die Hochheilige selber eingab, blitzte durch ihr Gehirn.
-Turnau -- Doctor Turnau mußte ihr helfen. Sie war fest überzeugt, daß
-dieser Plan von der heiligen Jungfrau selbst in ihr Herz gelegt war; so
-konnte er also nicht fehlschlagen. Sie brauchte nur der Barmherzigen zu
-vertrauen, so erhielt sie gewiß, was sie so glühend ersehnte.
-
-Sie ließ eine Droschke holen und fuhr nach der Nervenheilanstalt des
-Professors Schrödter, in der Turnau wohnte.
-
-In dem ruhigen Vertrauen auf das Gelingen ihres Planes war die fieberhafte
-Aufregung, die sie vorhin erfüllte, gewichen. Sie ließ den Wagen einen
-Umweg machen und fuhr am Kirchhofe vorbei. Eine Frau mit mehreren Körben
-voller Kränze und Blumen hatte für den Festtag an der Kirchhofsthür
-einen Verkauf eingerichtet. Lydia stieg aus, kaufte zwei Kränze von
-dunkelrothen Rosen und legte sie mit einem stillen Gebet auf die Gräber
-ihrer Eltern.
-
-»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« Das war die Antwort, die
-diese Stätte der Erinnerung ihr gab, auf alle die bangen Fragen, die ihr
-Herz durchstürmten. Möchte der Segen an ihr in Erfüllung gehn auf dem
-Wege, den sie jetzt ging.
-
-Mit diesem Wunsche im Herzen betrat die junge, bildschöne Frau
-gleich darauf die Junggesellenwohnung eines eleganten Lebemannes. Die
-Leidenschaft, die sie hierhergeführt hatte, ließ sie vergessen, was in
-ihrer Lage peinlich und anstößig war.
-
-Auch Turnau trat ihr unbefangen entgegen, fast als hätte er diesen
-ungewöhnlichen Besuch erwartet.
-
-Er ergriff Lydias Hände, sah ihr in die Augen und mit einem milden
-gütigen Lächeln, das sein regelmäßiges Gesicht außerordentlich schön
-erscheinen ließ, fragte er leise: »Sie wollen Morphium haben, nicht wahr,
-Frau Bremer?«
-
-Wenn er jetzt die Arme um sie gelegt und sie an sich gezogen hätte, so
-wäre sie sein gewesen willenlos, selig, ohne jedes Widerstreben. Sie hatte
-bei ihrem Manne nie die wahre Gluth der Liebe kennen gelernt und sie
-war nie ganz verstanden. Jetzt sah sie sich verstanden und fand ein
-Entgegenkommen, das sie bis in die Tiefe des Herzens tröstete und
-beglückte.
-
-Statt aller Antwort wandte sie sich von dem Freunde ab und weinte
-bitterlich.
-
-Dieser Gefühlsausbruch setzte ihn nicht in Verlegenheit, regte ihn aber
-auch nicht auf. Er versuchte nicht, seine hübsche Freundin zu trösten,
-sondern nahm ihr gegenüber Platz und erwartete mit dem ruhig beobachtenden
-Blicke des Arztes, was sie thun würde.
-
-Sie fühlte bald, daß ihr Benehmen nicht mit den üblichen Formen des
-Verkehrs in Einklang zu bringen sei und suchte sich gewaltsam zu fassen.
-
-»Wie hübsch Sie eingerichtet sind,« sagte sie, ihre Thränen trocknend,
-»gar nicht wie ein Gelehrter, viel eher wie ein die Schönheit liebender
-Künstler -- sogar Blumen finden bei Ihnen die nöthige Pflege ...«
-
-»Ich habe ein kleines Abonnement bei einem Gärtner, gnädige Frau,« er
-nahm die Rücksicht, ihre Erregung unbeachtet zu lassen und auf den Ton
-einzugehen, den sie anzunehmen sich bemühte. »Persönlich habe ich
-eigentlich kein Interesse für Botanik, nur als Zimmerdekoration liebe ich
-Pflanzen. Ich verstehe nämlich etwas vom Decorieren, mein Talent
-dafür hätte sicherlich ausgereicht zum Tapezierer, wenn nicht gar zum
-Regisseur.«
-
-Die reiche, geschmackvolle Ausstattung des Zimmers bestätigte seine
-Worte. »Ich sehe hier gar keine anatomischen Präparate,« bemerkte Lydia,
-erstaunt um sich blickend.
-
-»Nein, damit umgebe ich mich nicht. Die Anstalt hat Räume genug, wo man
-solche Sachen aufstellen kann, ohne damit die Harmonie des einzigen Zimmers
-zu stören, das man wirklich bewohnt. Ich bin nämlich sehr häuslich,
-gnädige Frau. Die Biergespräche meiner Altersgenossen interessiren mich
-so wenig, daß ich fast jeden Abend zu Hause bleibe, um mich derjenigen
-Lectüre widmen zu können, die mich interessirt. Ich wüßte kaum, was
-ich in einer Kneipe anfangen sollte, da ich außerdem sehr mäßig in
-materiellen Genüssen bin, ich trinke beispielsweise fast nichts.«
-
-»Und doch gelten Sie für recht unsolide, darf ich es sagen -- sogar für
-blasirt.«
-
-»Ich bin auch blasirt, meine gnädigste Frau, Sie dürfen das ganz ruhig
-sagen. Eine ärmliche Umgebung wäre mir unerträglich, und wenn ich mich
-hier zwischen meinen eigenen Sachen am wohlsten fühle, so ist das nicht
-etwa häusliche Tugend, sondern Bequemlichkeit -- Blasirtheit, wenn Sie
-wollen.«
-
-»Nein, nein, machen Sie sich nur nicht schlecht,« sie konnte schon wieder
-lächeln, wie sie das sagte, »es muß und wird noch dahin kommen, daß
-Ihre Tugend allgemein anerkannt wird.«
-
-»Aber ich bin ein anspruchsvoller Genußmensch, ich interessire mich für
-Kunst und Wissenschaft, huldige dem Schönen unter allen Umständen, und
-bin außerdem dem Morphinismus ergeben, und zwar mit Leib und Seele, wie
-Sie ja wissen.«
-
-»Ich auch,« sagte sie bestimmt, beinahe trotzig.
-
-»Viele Morphinisten gehen zu Grunde.«
-
-»Das weiß ich.«
-
-»Manche werden auch schwachsinnig, oft sogar wirklich gemüthskrank.«
-
-»Das weiß ich auch.«
-
-»Und Sie bleiben dennoch dabei?«
-
-»Ja, ich kann nicht davon lassen, ich will es auch nicht.«
-
-»Nun, Sie sind erwachsen und gebildet genug, um zu wissen was Sie thun.
-Weil ich Medicin studirt habe, halte ich mich nicht für den Vormund
-anderer Menschen; ebenso wenig würde ich das thun, wenn ich zufällig
-Theologe wäre. Wenn Sie Ihre Lebenszeit abkürzen wollen, so sehen Sie zu,
-wie Sie sich mit Ihrer Lebensphilosophie darüber abfinden.«
-
-»Ich habe mich mit meiner Moral darüber abgefunden, wie --, das geht
-niemanden etwas an.«
-
-»Gewiß nicht, es giebt ja andere Gelegenheiten genug, um das Leben
-des Individuums zu verlängern. Wir können als Mediciner die
-Infectionskrankheiten bekämpfen, wir haben die herrlichen Fortschritte der
-Chirurgie, wer leben will, dem können wir mit den Mitteln der Wissenschaft
-helfen, seine Tage zu vermehren. Wer sollte wohl darauf kommen, uns
-für das vom nationalöconomischen Standpunkte geringfügige Unglück
-verantwortlich zu machen, daß eine beschränkte Anzahl von Menschen mit
-klarem Willen und vollem Bewußtsein die Lebenszeit abkürzt, die ihnen an
-sich zugemessen ist!«
-
-»Jeder Apothekerlehrling hält sich für verantwortlich wegen dieses
-Unglückes,« sagte sie bitter. »Wenn man da die äußerste Consequenz
-ziehen wollte, müßte man jeden Schenkwirth bestrafen, in dessen Local
-sich allnächtlich eine Anzahl Leute mit Branntwein vergiften.«
-
-»Ah -- das souveräne Volk -- dem muß man die Freiheit schon lassen.«
-
-»Man wird sie auch einst dem Gebildeten lassen, der den verfeinerten
-Genuß sucht, unseren Genuß, nicht wahr, Frau Bremer?«
-
-»Vorläufig scheint mir dazu sehr wenig Hoffnung vorhanden zu sein,«
-sagte sie traurig.
-
-»Ich habe heute eine entsetzliche Enttäuschung erlebt, eine Erniedrigung,
-einen Schmerz, der mich fast verzweifelt zu Ihnen getrieben hat, in der
-Hoffnung Verständniß und Hülfe bei Ihnen zu finden.«
-
-Auf seinen fragenden Blick erzählte sie ihm nun von ihren Beziehungen zu
-Friedrich Rast und von der unbestechlichen Tugend Ferdinand Preyers.
-
-»Und von den Ansichten eines solchen halbgebildeten Jungen hängt das Wohl
-und Wehe einer sensitiven vornehmen Natur ab. Eine Dame, wie Sie, muß
-die Vorstadtwohnung eines bestechlichen Commis aufsuchen, um eine
-Gesetzesvorschrift zu umgehen, die in ihrem Widersinn schon viel
-entsetzlichere Folgen gehabt hat als diese Demüthigung, unter der Sie
-heute gelitten haben.«
-
-»Noch schlimmere Folgen?«
-
-»Allerdings; bitte, wollen Sie dem Freunde, dem Arzte, dem Psychologen
-verzeihen, wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht schließlich
-verkaufen, wenn Sie keine, keine andere Möglichkeit sähen, sich Morphium
-zu verschaffen?«
-
-Sie wurde todtenbleich. »Ich würde sterben, aber ich würde nicht
-fallen.«
-
-»Dann sind Sie eben noch nicht in dem Stadium, in dem man fällt. Andere
-sind aber in dieses Stadium gekommen. Das Morphiumgesetz hat schon manche
-Frauenehre gekostet.«
-
-Lydia erhob sich. Sie fühlte das Nahen einer furchtbaren Gefahr. Der Mann,
-mit dem sie allein war, konnte ihre Wünsche erfüllen, er konnte aber auch
-ihre Ehre fordern. Sie hätte sich ihm nicht versagt, er verstand sie und
-sie fühlte, daß sie ihn liebte.
-
-Einen Augenblick lang kämpfte er mit der Versuchung, das willenlose
-liebliche Weib an sich zu reißen und ihre Liebe zu nehmen. Ah -- wie sie
-wohl zu lieben verstand!
-
-Er sah sie an und ein müdes Lächeln erschien auf seinem Gesichte, die
-leichte Erregung der Sinne war schon wieder vorüber. »Bitte, meine
-gnädige Frau, verstehen Sie mich nicht falsch,« sagte er kühl.
-
-Dann trat er an seinen Schreibtisch und nahm eine kleine Schachtel heraus,
-die er ihr gab.
-
-»Hier sind zehn Gramm Morphium, Ihre Mischung wissen Sie sich ja
-zurechtzumachen. Beruhigen Sie sich jetzt, solche furchtbaren Aufregungen
-sind Gift für die überempfindlichen Nerven des Morphinisten.«
-
-»O, Gott, wie edel Sie sind -- ich danke Ihnen.«
-
-»Nein, danken Sie mir nicht, ich werde Ihnen ein anderes Mal ein Recept
-geben, Ihre Lösung können Sie dann überall bekommen. Jetzt will ich
-Ihnen noch einmal das geben, was Sie gestern bekommen haben, damit Sie sich
-ganz beruhigen.«
-
-Mit einem Seufzer der Erleichterung und Wonne empfand sie die Wohlthat, die
-er ihr zu theil werden ließ.
-
-Sie fand keine Worte, um ihm zu danken. Schweigend ließ sie sich von ihm
-die Treppe herunterführen, schweigend stieg sie in den Wagen, der sie
-erwartete, dann ein Händedruck, und ein Blick, der dem erfahrenen Manne
-zeigte, was ihr Herz in diesem Augenblicke empfand.
-
-Sie kehrte zurück zu Mann und Kindern, zurück in das Haus, dessen Herrin
-sie war. Wie gleichgültig war ihr das alles, wie wenig dachte sie daran,
-daß sie nahe daran gewesen war, als eine Unwürdige über diese Schwelle
-zu schreiten. Eine Fremde war sie in diesen kurzen Stunden ihrem Heim
-dennoch geworden.
-
-Sie hatte nun Morphium, was ihr weder ihr Mann noch sonst jemand von ihren
-Angehörigen gönnte. Sie brauchte nicht mehr um den Erwerb des köstlichen
-Mittels zu zittern. Die tiefe Befriedigung und die wohlthätige Ruhe, die
-sie im Gegensatze zu dem bisherigen Leben der Aufregung und Angst jetzt
-empfand, dankte sie ihm, dem selbstlosen Freunde. Langsam nahm die
-Erinnerung an ihn, die Dankbarkeit, die Freundschaft und Hingabe, die
-sie ihm widmete, ihr ganzes Denken und Fühlen in Anspruch. Sie war nun
-zufrieden, sie war ruhig und still, er hatte sie glücklich gemacht. --
-
-
-III.
-
-Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft die Erlaubniß erhalten,
-eine durchreisende Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In
-freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging eilig in der
-herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends dahin. Selbst die belebtesten
-Verkehrsstraßen waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der großen
-grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts von der wundervollen Temperatur
-zu bemerken, die draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter den von
-Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen dieses Gebäudes.
-
-Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten der sich drängenden
-Menschenmasse, um sie her brauste und lärmte das Leben des großen
-Verkehrs. Ein Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter. Da
-gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft, tausendstimmig wurde er von
-der Menge zurückgegeben und brach sich wiederhallend an der Wölbung der
-Decke.
-
-Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und war unter die Räder des
-Zuges gekommen. Man zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr ab.
-Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet; als man aber sah, daß
-keine Gefahr vorhanden sei, beruhigte sich die Menschenmenge bald, die
-Panik verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche Gedränge,
-das auf den furchtbaren Schrei gefolgt war, hörte sofort wieder auf. --
-Ein eigentliches Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte nur
-noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug schon in Bewegung gesetzt
-hatte. Das alte Unglück, es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl
-besonders darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das gräßliche Ende
-eines Einzelnen den fluthenden Strom des großstädtischen Lebens ins
-Stocken gebracht.
-
-»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des Professor Schrödter
-vermißt, hier ist das Signalement, das seine Abreise verhindern soll,«
-sagte ein Schutzmann, auf den Bahnhofsvorsteher zutretend.
-
-Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen Sie uns den Verunglückten
-recognosciren, die Sache wird stimmen.«
-
-Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg durch die Menge. Der
-Tragkorb, in dem der Ueberfahrene lag, wurde niedergesetzt, es wurde
-festgestellt, daß man den vermißten Patienten der Nervenheilanstalt
-vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die Weisung, den Sterbenden
-dorthin zu bringen.
-
-Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber die Freude war ihr doch
-durch das Unglück verleidet, das sie mit angesehen hatte. --
-
-An der Thür der Klinik empfing der Professor selbst den Kranken-Transport.
-Er war im Begriffe, in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo
-er einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten hatte. In dem
-Verunglückten erkannte er sofort einen Apotheker, der ihm von seinen
-Angehörigen als Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft, den
-Kranken bald als geheilt entlassen zu können; nun sah er ihn sterbend
-vor sich, mit abgefahrenen Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte
-einen Vortrag zugesagt, er mußte fort.
-
-Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu Turnau's Station gehörte,
-dem Assistentsarzte sofort zu übergeben sei, in zwei Stunden werde er
-selbst nachsehen; damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke.
-
-Der Oberwärter leitete den Transport nach dem, in diesem Hause selten
-benutzten Operationszimmer; die diensthabende Schwester erhielt den
-Auftrag, den Stationsarzt zu benachrichtigen.
-
-Geräuschlos trat Schwester Clarissa in Turnau's Zimmer. Er lag auf
-einem niedrigen, weichen Sopha und erhob kaum den Kopf, um sich nach der
-Eintretenden umzusehen.
-
-Die junge Nonne, der vielleicht noch von ihrem weltlichen Leben her
-eine solche Formlosigkeit unangenehm war, berichtete mit den knappsten,
-nothwendigsten Worten von dem Unglücksfall und den Dispositionen, die der
-Professor darüber getroffen hatte. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ
-sie darauf den Arzt.
-
-Turnau richtete sich langsam und mit Mühe auf, sein Gesicht bedeckte eine
-fahle Blässe, die Augen waren glanzlos, die eiskalten Hände zitterten.
-Die schönen, regelmäßigen Gesichtszüge waren entstellt durch eine
-tödtliche Schwäche, die jeden Ausdruck verwischte. Schlaff lagen die
-Muskeln unter der welken Haut.
-
-Nur noch die allerconcentrirtesten Morphium-Lösungen vermochten seinen
-abgestumpften Nerven Anregung zu geben. Er combinirte seine Injectionen
-mit Aether und sogar mit Chloroform. Trotzdem versagte die Wirkung zuweilen
-schon nach ganz kurzer Zeit. Es folgte dann eine an Bewußtlosigkeit
-streifende Schwäche. Vorübergehend erinnerte dieser Zustand an Schlaf,
-bald aber pflegte der Unglückliche zu erwachen. Seine Pulse jagten, er
-hörte das Blut im Kopfe brausen und hämmern, Sehstörungen quälten
-ihn, Lichter und Funken sprangen vor ihm auf. Die Geräusche des Blutes
-steigerten sich ihm zu geheimnißvollen, grauenhaften Tönen, er
-glaubte, Worte daraus hervorklingen zu hören, Worte und Rufe, die ihn in
-Verzweiflung und Todesangst stürzten. Schließlich steigerte sich dieser
-Zustand zu einer nervösen Aufregung, die hart an die Grenze des Wahnsinns
-streifte und ihn zwang, mit zitternden Händen, mit umflorten Blicken und
-stockendem Herzschlag wieder und wieder zur Morphiumspritze zu greifen.
-
-So abgestumpft auch schließlich die Nerven waren, sie mußten angeregt,
-sie mußten künstlich gereizt werden, weil der Zustand der Ernüchterung
-einfach nicht mehr zu ertragen war.
-
-Man schläft nicht mehr, wenn man ein gewisses Stadium des Morphinismus
-hinter sich hat.
-
-Tag und Nacht verlangen die zerrütteten Nerven ihr Linderungsmittel,
-Tag und Nacht dauert die krankhafte Erregung. Kommt aber dann einmal die
-Stunde, wo die Nerven nicht mehr darauf reagiren, wo kein Mittel mehr
-hilft, so kommt auch der Tod.
-
-Unter entsetzlichen Qualen, die nichts mehr zu lindern vermag, geht der
-vergiftete Körper zu Grunde. Den Geist umnachtet dann in der Regel der
-Wahnsinn.
-
-Turnau wußte, daß er diesem Ende nicht mehr sehr fern war. Mit großer
-Energie versuchte er bisweilen einzelne Stunden der Ernüchterung
-auszuhalten. Je länger er die schmerzhafte Schwäche ertragen hatte, um
-so genußreicher war dann nachher die Wirkung der von neuem angewendeten
-Mittel.
-
-In einer solchen Stunde großer Leiden störte ihn die Botschaft seines
-Chefs.
-
-Der farbige Schleier, der die Lampe verhüllte, hatte die Schwester seinen
-Zustand übersehen lassen. Er hatte von dem, was sie gesagt hatte,
-nichts verstanden. Er wußte nur, daß sie ihn rief, daß die Erfüllung
-ärztlicher Pflichten von ihm gefordert wurde.
-
-Noch nie hatte er seine Stellung als Assistent so drückend als Fessel
-empfunden. Seine Mittel erlaubten ihm, ohne Ausübung eines Berufes zu
-leben, wo und wie er wollte. Im Interesse seines Buches, um der Studien
-willen, die er hier machte, hatte er diese Abhängigkeit bis jetzt
-ertragen. Nun fühlte er aber, daß es Zeit für ihn sei, sich frei zu
-machen. Er war noch auf zwei Monate verpflichtet. Wenn er jetzt auch
-beschloß, sich krank zu melden und Ersatz für seine Thätigkeit zu
-stellen, so konnte ihm das doch in diesem Augenblicke nicht helfen. Die
-Stationsschwester hatte ihn gerufen -- er mußte kommen.
-
-Mehrere Minuten vergingen, bis er dazu im Stande war. Seine Mittel lagen
-bereit, aber ihre Wirkung war keine unmittelbare. Erst nachdem er mehrere
-combinirte Injectionen in ganz kurzen Zwischenräumen angewendet hatte, war
-er soweit, daß er wieder zusammenhängend zu denken vermochte.
-
-Im Operationszimmer ließ er sich den Vorfall, der ihm schon berichtet war,
-noch einmal erzählen, ehe er an die Bahre trat, auf der der Verunglückte
-lag. Es war kein anderer Arzt zu Hülfe gekommen. Dem hochmüthigen und
-blasirten Turnau kam ohne eine Bitte von seiner Seite niemand auf die
-Station. Er dachte indessen nicht daran, einem seiner Collegen deshalb
-ein gutes Wort zu geben. Ein für alle Mal hielt er sich von jeder
-Vertraulichkeit, von jedem zwanglosen Verkehr fern. Jetzt war er geistig
-vollkommen klar, er beherrschte sein Wissen und seine Gedanken, er brauchte
-niemanden.
-
-Der Anblick, den der Verwundete darbot, war grauenhaft. Beide Beine waren
-an den Oberschenkeln abgequetscht. Das eine lag bei den blutigen Sachen,
-die das Wartepersonal von dem zerfetzten Körper lostrennte. Das Andere
-hing noch lose durch Fleisch und Muskeln verbunden am Körper, der
-zersplitterte Knochen lag frei.
-
-Schwester Clarissa suchte dem enormen Blutverluste vorläufig Einhalt zu
-thun.
-
-Turnau beugte sich über diese ächzenden, wimmernden Ueberreste eines
-menschlichen Leibes, er erkannte sofort, daß der Verwundete bei vollem
-Bewußtsein war.
-
-»Chloroform,« stöhnte der Mensch.
-
-»Gewiß, gleich, aber es könnte Ihnen die Besinnung zu früh nehmen, ich
-will Ihnen erst etwas anderes geben, was den Schmerz auch stillt; Sie haben
-doch vielleicht noch irgend etwas zu sagen,« antwortete Turnau.
-
-»Nein, jetzt nicht mehr, es ist zu spät, jetzt will ich kein Morphium
-mehr. Jetzt lasse ich mich ja heilen, rasch, rasch, heilt mich doch, ich
-halte ja still, ich thu's nicht mehr heimlich,« kam es kaum vernehmlich
-über die blaugrauen Lippen.
-
-Der junge Arzt legte die Flanellmaske auf. »Sind Sie ein Selbstmörder?«
-fragte er dabei.
-
-»Nein, nein, es war nur ein Fluchtversuch -- ein Unglück. Man wollte mich
-heilen, gegen meinen Willen -- ich will nicht geheilt sein --«
-
-»Ja, ich verstehe Sie. Man wollte Sie zu einem anderen Berufe zwingen,
-weil Sie als Apotheker doch wieder dem Morphium verfallen wären, das
-wollten Sie nicht.«
-
-»Ich will nicht -- ich will nicht. -- -- --«
-
-Das Bewußtsein schwand, Turnau führte die nothwendige Amputation aus,
-Schwester Clarissa arbeitete ihm wunderbar in die Hand. Augenscheinlich war
-der Körper, als die Beine unter ihm weggerissen wurden, mit furchtbarer
-Wucht hintenüber auf die Steinplatten des Bahnhofes geschleudert, denn es
-wurde auch ein complicirter Schädelbruch festgestellt.
-
-Nachdem die Verbände angelegt waren, fragte die Schwester, ob Turnau den
-Stumpf des anderen Beines, der im Nothverband lag, nicht auch abnehmen
-wolle.
-
-»Keinenfalls, ohne ausdrückliche Anweisung des Professors,« antwortete
-der junge Mann, sich eifrig die Hände waschend.
-
-»Chloroform,« stöhnte der Kranke, der schon wieder zu sich kam, da er
-als Morphinist sehr unempfänglich für die Einwirkung narkotischer Mittel
-war.
-
-Turnau trat an den Tisch heran. »Ich darf Ihnen jetzt höchstens Morphium
-geben,« erklärte er. »Die Operation ist vorüber, eine andauernde
-Narkose könnte höchstens den Erfolg haben, Ihr Leben abzukürzen,
-vielleicht sehr rasch zu enden.«
-
-»Was liegt daran« -- murmelte der Unglückliche. Turnau wendete sich an
-die dienende Schwester. »Geben Sie ihm immerhin Chloroform,« sagte er
-leise, »der arme Kerl hat das Leben satt, ein Genuß mag es auch in seiner
-Lage nicht sein.«
-
-»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie bestimmt sagen, daß der
-Kranke verloren ist?«
-
-»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte der junge
-Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen erforderte, von
-der Chirurgie gelernt hatte. »Ich will dem Menschen auch durchaus kein
-Todesurtheil sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich verantworten.«
-
-»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete die Nonne mit
-ruhiger Würde.
-
-Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht. Was für ein Räthsel
-war diese mitleidlose Härte den furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei
-einer Schwester, deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war.
-
-Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend.
-
-»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau.
-
-»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern, was Gottes Wille ist.
-Wäre es nicht der Wille der Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen
-zum Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.«
-
-»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen bei solchen
-Unglücksfällen auf der Stelle todt sind« bemerkte Turnau.
-
-»Es steht auch geschrieben »der Tod ist der Sünde Sold.«
-
-Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die Nerven des kranken
-Mannes; er sah, daß mit der frommen Schwester nichts anzufangen war; so
-ließ er sie bei ihrer Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen
-griff er selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal an das
-Operationsbett heran.
-
-Er goß auf, nahm den Puls des Kranken in die Hand und sah unwillkürlich
-um sich.
-
-Das ganze blutige Bild des Zimmers, der Geruch der Maske, des Jodoforms und
-des Karbols erregte ihm schon nach wenigen Augenblicken einen derartigen
-Ekel, daß er sich vollständig außer Stand fühlte, das einmal
-übernommene Liebeswerk zu Ende zu führen.
-
-Wie sollte er auch eigentlich dazu kommen, sich kurz vor seinem Abgange
-noch möglicher Weise mit dem Professor zu überwerfen um dieses fremden,
-gleichgültigen Menschen willen!
-
-Freilich, auch dieser Kranke war Morphinist -- gegen seinen Willen wollte
-man ihn heilen -- das Resultat des Versuches war diese Flucht, vielleicht
-war es dennoch eine Flucht aus dem Leben gewesen.
-
-Wie hatte doch die Schwester gesagt? »Der Tod ist der Sünde Sold.« Vor
-langer Zeit hatte Wilhelm Turnau diesen Spruch auch in der Schule gelernt.
-Sollte er jetzt die Bedeutung der alten Lehre erkennen?
-
-Aber immerhin war dieser Kranke kein Opfer der Verkaufsbeschränkungen,
-sondern nur ein Opfer verwandtschaftlicher Vorurtheile. Soweit hatten ihn
-seine lieben Angehörigen gebracht, nun versagte auch noch die erbarmende
-Liebe der Nonne seinen Todesqualen gegenüber.
-
-Sollte die Einsicht des mit seinen Ansichten so allein stehenden
-Sonderlings hier allein stand halten?
-
-Wieder schwand das Bewußtsein des Operirten. Der Puls setzte aus.
-
-Wenn ich noch einmal aufgieße, ist er todt, sagte sich der Arzt.
-
-Zögernd griff seine Hand nach der schwarzen Flasche.
-
-»Was liegt daran,« murmelte der Kranke in seiner Betäubung noch einmal.
-
-»Was liegt mir daran,« setzte Turnau in seinem Innern hinzu. Dann riß er
-dem Kranken die Maske herunter. »Schwester Clarissa!«
-
-»Herr Doktor wünschen?«
-
-»Sorgen Sie für die Umbettung und wenn der Professor kommt, so fragen
-Sie, ob Sie Morphium geben dürfen. Ich gehe in mein Zimmer, im Nothfalle
-rufen Sie mich.«
-
-»Ja, Herr Doctor.«
-
-Er ging, und sie that ihre Pflicht so still und gelassen an dem Kranken,
-wie an alle ihren anderen Pflegebefohlenen. Ihr war die einzelne
-Persönlichkeit wirklich gleichgültig, sie sah in jedem Armen und Elenden
-nur den ihr von Gott gesendeten Bruder, in dessen Person sie dem Herrn
-diente. Turnau dagegen war krankhaft erregt und nervös angegriffen durch
-den Anblick der entsetzlichen Wunden, durch den Geruch des Blutes und die
-ganze ungewohnte chirurgische Thätigkeit, die an ihn herangetreten war.
-
-Abgespannt und erschöpft, dabei in hohem Grade überreizt, kam er in
-seinem Zimmer wieder an. Er begab sich zur Ruhe; aber die Nacht, die er
-darauf zubrachte, war so, daß er sich selbst sagte, mehrere solche Nächte
-würden ihn dem Tode schnell entgegenführen. Die Ueberzeugung, daß
-Arbeit, Aufregung und gewaltsame Selbstüberwindung ihn ruiniren mußten,
-erregte ihn so, daß er der Verzweiflung nahe war. Wenn seine
-körperlichen Leiden jetzt rascher, als er geglaubt hatte, seine
-Auflösung herbeiführten, so hatte er das der Rücksichtslosigkeit seines
-Vorgesetzten zu danken.
-
-Der ganze Egoismus seines Characters empörte sich bei dieser Erkenntniß.
-Er gerieth in eine fieberhafte Erregung. Wie oft hatte er mit dem Gedanken
-an das Ende gespielt, wie oft hatte er geglaubt, Sehnsucht nach dem Tode zu
-empfinden. Nun hatte er dem Tode ins Auge gesehen, er fühlte die Nähe der
-Ewigkeit, und es erfaßte ihn eine namenlose grauenhafte Angst.
-
-»Der Tod ist der Sünde Sold.«
-
-Immer wieder mußte er an die Nonne denken, die so ruhig und fest auf
-dieses kalte Wort hingewiesen hatte. Er zerbrach sich den Kopf darüber,
-wie der Spruch, den sie ihm zugerufen hatte, weiter hieß. Nach langem
-Grübeln fiel es ihm ein. --
-
-Er, der elegante vornehme Mann, dem die Frauen stets entgegengekommen
-waren, hätte sich ohne Zweifel in denselben Todesqualen zu den Füßen
-der Schwester Clarissa winden können, wie jener Elende, der sich jetzt in
-ihrer Pflege befand -- sie würde nichts bei seinen Leiden empfinden,
-sie würde nichts thun, um ihm das abzunehmen, was ihm nach ihrer Ansicht
-bestimmt war zu leiden. Er würde ihr gleichgültig sein, gleichgültig wie
-jeder Andere.
-
-Als er ihr zuflüsterte, daß das Fortleben für den Verstümmelten wohl
-kaum wünschenswerth sei, hatte sie ihn angesehen, und diesen Blick konnte
-er nicht mehr vergessen.
-
-Die ganze Verachtung des irdischen Leides und des menschlichen Willens,
-gegenüber einem höhern Willen hatte in diesem Blicke gelegen. Und dabei
-war sie schön -- statuenhaft schön -- schade um solch ein Weib!
-
-Ob wohl das blühende freundliche Mädchen, das er gestern bei Bremers
-bewundert hatte, im Stande wäre Mitleid, wahres menschliches Mitleid zu
-fühlen? Vielleicht wurde es für seine übersättigten Sinne einen ganz
-neuen eigenen Reiz haben, die Liebe dieses frischen Mädchens zu gewinnen.
-Er war ja jetzt ein stets willkommener Gast bei Bremers, da konnte er sich
-dem interessanten Studium dieser reinen jungfräulichen Seele ab und zu
-widmen.
-
-Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas, die Spannung der Nerven löste sich,
-die körperliche Erschöpfung bewältigte die furchtbare Aufregung. Als der
-Morgen dämmerte, trat ein leichtes wohlthuendes Ausruhen an die Stelle der
-nervösen Ueberreiztheit.
-
-Er dachte jetzt auch über den verhängnißvollen Schritt nach, den er
-gethan hatte, als er der Frau des von ihm hochgeachteten Geheimrathes
-heimlich Morphium gab. Würde diese Frau sich nicht wieder und wieder mit
-der Bitte um Morphium an ihn wenden? Es konnten ihm Unannehmlichkeiten
-daraus entstehen, er bereute diese Verpflichtung übernommen zu haben.
-
-Wie tief stand doch dieses genußsüchtige Weib unter der sanften
-selbstlosen Nonne, unter der fröhlichen treuen Gefährtin ihrer eigenen
-Kinder! Und diese Frau war seine Gesinnungsgenossin, seine Freundin. Er
-wußte, daß er nur die Hand nach ihrem Besitze auszustrecken brauchte;
-deshalb erschien sie ihm verächtlich und erbärmlich. Sie war schön, aber
-niemals würde er sie deshalb lieben, es war seine feste Ueberzeugung, daß
-er überhaupt niemanden lieben könne.
-
-Der Gedanke aber, die Hingabe eines Weibes zu besitzen, erregte ihm einen
-Ueberdruß, der an Ekel streifte. Lydia Bremer begehrte nichts als Genuß
--- Genuß in der Liebe, Genuß im Morphium; Pflichten kannte sie nicht.
-Sie hatte Mann und Kinder, aber als sie von ihm Morphium empfing, als ihre
-Blicke ihn zum Danke dafür Liebe ahnen ließen, konnte sie das vergessen.
-
-Er aber, der im Interesse der leidenden Menschheit für eine gute Sache
-kämpfte, er hatte sich dazu hergegeben, diesem begehrlichen glühenden
-Weibe Genuß zu gewähren!
-
-Immerhin hatte er nur mit dieser Handlungsweise die Consequenzen seiner
-Gesinnung gezogen. Wenn ihm nur weiter keine Verpflichtung daraus erwuchs,
-wenn sie nur nicht etwa eine persönliche Verbindung zwischen sich und
-ihm darin sah! Ihn graute davor. -- Und dann, dann mußte er lächeln. Wie
-sonderbar, daß er in einer schlaflosen Nacht über das Wesen von drei ihm
-gleichgültigen Frauen grübelte!
-
-Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nach ihrer Pflichttreue,
-nach ihrer Moral? Was gingen ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin
-Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen Kinderfräuleins an!
-
-Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genuß an sie zu denken, sie zu
-sehen -- --
-
-Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte anfangs an eine nervöse
-Sinnestäuschung, bald aber überzeugte er sich, daß das Klopfen,
-welches er hörte, Wirklichkeit war -- Professor Schrödter hatte die
-Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assistenten morgens um fünf Uhr wecken
-zu lassen!
-
-Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in den drei Jahren seiner
-klinischen Thätigkeit nur sehr selten vorgekommen. Er war außer sich
-darüber und beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden Preis von
-dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu werden.
-
-Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon der Professor unangemeldet
-bei ihm eintrat. Er hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm
-das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten innerlich durchaus
-zuwider war. Aus sehr einfachen Verhältnissen hatte er sich durch eigene
-Kraft zu wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne sich zugleich
-äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger Formen zu fügen.
-
-»Störe ich Sie noch? -- Es ist fast halb sechs, sehr viele Menschen haben
-bereits ausgeschlafen,« begann er mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte
-genau, daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn Uhr früh
-aufstand.
-
-Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in tadelloser Haltung gegenüber.
-»Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.«
-
-»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt haben, ist gestorben. Wenn
-Sie in der Nacht einmal nachgesehen hätten, brauchte ich nicht
-hierherzukommen, um Ihnen das zu sagen.«
-
-Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf.
-
-»Habe ich bei der Amputation einen Fehler gemacht?«
-
-»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von zwei abgequetschten
-Stümpfen haben Sie den Einen amputirt und den Anderen ruhig liegen lassen.
-Als ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät. Nicht einmal alle
-Knochensplitter des Schädelbruches waren ordnungsmäßig entfernt.«
-
-»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte, wäre eine sehr
-lange Narkose nöthig gewesen. Das war aber nicht opportun wegen einer
-Herzschwäche des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.«
-
-»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?« schrie der Professor grob.
-»Sie hätten sich aber Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so
-viel wie möglich geschehen konnte.«
-
-»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache gewesen, Herr Professor. Sie
-haben den Verunglückten vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftrage
-in dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch einer der Herren Collegen
-zur Seite gestellt werden.«
-
-»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station vor. Sie hätten sich
-selbst die nöthige Hülfe verschaffen müssen. Wir sind doch keine
-Soldaten, bei denen jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe
-er handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen Herren
-benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall von vornherein für
-hoffnungslos?«
-
-»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht wagte, nach eigenem
-Ermessen irgend eine Aenderung der von Ihnen getroffenen Dispositionen
-vorzunehmen.« Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit vollster
-Selbstbeherrschung, während der Professor bei jedem Worte mehr seine Ruhe
-verlor.
-
-»So -- Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß ich allein Schuld bin?«
-fragte er wüthend.
-
-»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld sein? Es war eben ein
-Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich
-gewesen, wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.«
-
-»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor, für einen Arzt ist das ja
-eine sehr eigenthümliche Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen
-Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist, alle Hülfsmittel der
-Wissenschaft anzuwenden, um das bedrohte Menschenleben zu verlängern und
-zu erhalten?«
-
-»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische, wenn Sie wollen eine
-religiöse, aber keine medicinische Frage.« -- -- --
-
-»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen, mein Herr
-College, nicht wahr?« höhnte der aufs äußerste gereizte Mann. »In
-unserm Falle liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der Medicin,
-die Frage ist rein sachlich, und die Antwort darauf ist es ebenfalls. Diese
-Antwort aber lautet dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus
-nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um ein entfliehendes
-Menschenleben zurückzuhalten. Sie sagen, daß ich als Chef hätte genauere
-Anordnungen treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn ich
-gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich einbildet, man
-könnte kein guter Psychiatriker sein, ohne zugleich als Chirurg die
-verhängnißvollsten Fehlgriffe zu begehen.«
-
-Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende. Eine grobe Antwort auf den groben
-Angriff vermochte er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven Natur
-zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich, lehnte sich an einen Schrank,
-neben dem er stand und schwieg.
-
-Der Professor, der trotz seines polternden Tones nicht die Absicht gehabt
-hatte, den jungen Mann zu beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner
-Worte sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und er hatte im
-Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen wollen.
-
-»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthig ein. »Es liegt
-mir ja fern, Ihnen die Schuld an dem Tode eines Menschen aufbürden zu
-wollen. Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht einerlei
-ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt. Es ist doch immerhin ein
-Privatunternehmen und keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt
-gegenüber alles, was hier unter meiner Leitung geschieht. -- Wir wollen
-nachher die Obduction vornehmen, dann können wir den Fall noch eingehender
-und ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.«
-
-Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor seinem Vorgesetzten.
-
-»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert, ich muß doch
-schelten, wenn nicht in meinem Sinne operirt wird. Das passirt den
-jüngeren Herrn überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,« begann
-der Professor noch einmal.
-
-Das Schweigen des hochmüthigen jungen Menschen war ihm furchtbar peinlich.
-Er hatte das Gefühl, sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas
-vergeben zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte ihm das öfter, deshalb
-war ihm auch der in tadellos vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr
-unangenehm.
-
-»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel verdient habe, so muß ich
-ihn hinnehmen.« Turnau sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er
-sich durchaus nicht beleidigt fühle.
-
-Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest seiner Sicherheit. »Bei
-der Obduction können Sie den Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen,
-wie um auf etwas anderes zu kommen.
-
-»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren zu wollen. Ich
-hatte schon seit einiger Zeit die Absicht, mich krank zu melden und bitte
-um die Erlaubniß, für den Rest des Quartals einen Collegen zu meiner
-Vertretung engagiren zu dürfen.«
-
-Er war also doch empfindlich! »Na meinetwegen bleiben Sie von der Section
-weg. Wegen der Vertretung suchen Sie mich wohl in meiner Wohnung auf.«
-
-»Wie Sie wünschen, Herr Professor.«
-
-»Auf Wiedersehen denn.«
-
-»Auf Wiedersehen, Herr Professor.«
-
-Noch eine durchaus salonmäßige Verbeugung, die der Professor ziemlich
-ungeschickt erwiederte. Er war es gewöhnt, seine Assistenten durch einen
-Händedruck oder ein oberflächliches Kopfnicken zu grüßen. Bei Turnau
-ging das natürlich nicht. Fataler Mensch, hätte Offizier oder Diplomat
-werden sollen, blos nicht Arzt, dachte der Professor, als die schwere
-weiche Portiere von Turnaus Zimmer sich hinter ihm schloß. Na, vielleicht
-wird er mal Modearzt bei nervösen Damen -- Specialität Migräne; -- er
-war im Grunde seines Herzens froh, daß er ihn los wurde.
-
-Turnau aber fühlte sich nach diesem erneuerten Angriff auf seine
-künstlich überreizten Nerven ernstlich und körperlich krank.
-
-In tiefster Erschöpfung streckte er sich auf seinem weichen Schlafsopha
-aus, um körperlich wenigstens auszuruhen. Die nöthigen Schritte zu
-seiner Ablösung von dem Posten, den er nicht mehr auszufüllen vermochte,
-beschloß er zu einer späteren Tagesstunde zu thun.
-
-Er lag zeitweise in einer Art von Halbschlaf oder Betäubung; er wußte
-nicht wie lange er gelegen hatte, aber die Sonne schien ziemlich heiß
-durch die schweren herabgelassenen Vorhänge, als ein ungewöhnliches
-Geräusch ihn aufschreckte.
-
-Die Thür zu seinem Zimmer wurde hastig aufgerissen und mit maßlosem
-Staunen sah er Lydia Bremer unangemeldet eintreten. --
-
-Turnau verlangte von einer Dame in allererster Linie elegante sorgfältige
-Toilette, nachlässig gekleidete Frauen waren ihm gradezu abstoßend.
-Bisher war ihm der Verkehr mit Frau Bremer angenehm gewesen, weil sie in
-ihrer Erscheinung und in ihrem Benehmen eine elegante vornehme Frau
-war; mit Entsetzen bemerkte er jetzt bei ihrem ungestümen Eintritt, wie
-unvortheilhaft und verändert sie aussah. Das sonst sorgfältig frisirte
-Haar war nicht gebrannt, man sah einzelne dünne Stellen, die die Haut kaum
-bedeckten. Die Gesichtszüge waren durch eine maßlose Aufregung verzerrt,
-von Thränenspuren entstellt, die nothwendigsten Kunstgriffe der Toilette
-waren versäumt. Ein loser Abendmantel bedeckte einen Schlafrock, dessen
-zerdrückte Spitzen die deutlichen Spuren des Liegens in Sophakissen oder
-gar auf dem Bette aufwiesen.
-
-Peinlich unangenehm berührt, erhob sich der Arzt. Seine kühle
-Begrüßung durch eine ganz kurze Verbeugung schien die erregte, vielleicht
-verzweifelte Frau nicht zu sehen.
-
-»Alles ist verrathen, ich bin verloren, mein Mann hat Verdacht geschöpft,
-Professor Schrödter war eben bei uns. Mein Morphium, mein ganzer
-Vorrath« -- --
-
-Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme brach ihr.
-
-»Man hat Ihre Morphiumvorräthe gefunden und confiscirt?« fragte er.
-
-»Ja, ja -- es ist entsetzlich, ich kann nicht leben ohne Morphium.
-Erbarmen Sie sich, helfen Sie mir, ich habe ja nur Sie, alle Anderen
-verfolgen mich, hassen und quälen mich, man treibt mich in den Tod. O
-Gott, stehen Sie doch nicht so mitleidslos da -- erbarmen Sie sich.«
-
-»Das würde wenig helfen. Wenn ich Ihnen heute wieder Morphium gebe, wird
-es morgen wieder gefunden.«
-
-»Nein, geben Sie mir eine tödliche Dosis, ich verspreche Ihnen, man wird
-den Rest Ihrer Gabe nur bei meiner Leiche finden.«
-
-»Ich bedaure, gnädige Frau, einen derartigen Wunsch, in einem Augenblicke
-der höchsten nervösen Aufregung ausgesprochen, erfülle ich nicht.«
-
-»Ich werfe mich vor die Eisenbahn.«
-
-»Wenn Sie mir das vorher sagen, ist es meine Pflicht die Ausführung
-dieser Absicht zu verhindern.«
-
-»So -- sind Sie etwa mein Vormund?«
-
-»Nein -- ich bin Irrenarzt.«
-
-Ein kurzer Schrei, dann ein krampfartiges zorniges Weinen, folgte auf diese
-Ablehnung. Ruhig stand Turnau ihr gegenüber. Er war empört und angeekelt
-von dieser Scene.
-
-Wenn sie wirklich sterben wollte, so hatte sie keinen Grund, erst
-hierherzukommen und ihm ein Vertrauen aufzudrängen, nach dem er durchaus
-nicht verlangte. Er war aber überzeugt, daß sie gar nicht ernstlich daran
-dachte zu sterben. Wenn sie so ungeschickt war, ihr Geheimniß entdecken
-zu lassen, so fühlte er sich in keiner Weise berufen, ihr beizustehen.
-Ungeduldig wartete er darauf, daß sie sich so weit beruhigte, um auf gute
-Manier dahin gebracht zu werden, ihn zu verlassen.
-
-Sie faßte sich mühsam. »Wissen Sie, was mein Mann und der Professor
-beschlossen haben?«
-
-»Ich kann es mir denken. Sie sollen in eine Anstalt, um eine
-Entziehungscur durchzumachen.«
-
-»Ja« -- sie lächelte. »Ich werde auch ganz fügsam sein und gehen.«
-
-»Das freut mich.«
-
-»Sie verstehen, was ich meine?«
-
-»Nein.«
-
-»Schicken Sie mir postlagernd jede Woche, was ich brauche. Sie wissen es
-ja.«
-
-»Das geht nicht, in solchen Anstalten ist die Controlle zu streng, man
-würde jeden Stich an Ihrem Körper entdecken. Ich würde damit riskiren,
-daß mir die ärztliche Concession entzogen wird.«
-
-»So rathen Sie mir, helfen Sie mir!«
-
-»Ich kann Ihnen nicht helfen.«
-
-»Geben Sie mir Morphium, ich will abreisen, ich werde mich irgendwo
-verstecken, wo mich kein Mensch findet.«
-
-»Sind Sie denn mit Allem, was zu einer solchen Flucht gehören würde,
-versehen?«
-
-»Im Augenblicke nicht, aber bis zum Abende kann ich mir Geld und alles,
-was ich sonst noch brauche, erschaffen.«
-
-»Bis zum Abend wird Ihr Herr Gemahl im Verein mit den Aerzten die
-nöthigen Schritte gethan haben, um eine derartige Flucht zu verhindern.«
-
-»So bin ich verloren.«
-
-»Ich weiß es nicht.«
-
-Er zuckte gleichgültig die Achseln und trat ans Fenster.
-
-Zitternd erhob sie sich und ging ihm nach. Sie griff mit beiden Händen in
-die Fenstervorhänge, um sich zu halten. Die Sonne schien ihr ins Gesicht.
-Er sah, daß ihre Haut stellenweise welk war. Ihre Augen waren glasig und
-starr, plötzlich bildete er sich ein, ihre Vorderzähne wären falsch.
-Das war eine abscheuliche Ernüchterung, wenn er sie etwa bewundert hätte,
-aber das hatte er ja doch eigentlich niemals gethan.
-
-»Es gäbe eine Auskunft, eine einzige Rettung,« flüsterte sie, nahe,
-ganz nahe an seinem Ohr.
-
-Er antwortete nicht.
-
-»Fliehen Sie mit mir, Wilhelm.«
-
-»Als was -- als Ihr Arzt?«
-
-Da glitt sie an ihm nieder und umfaßte seine Kniee. »Nehmen Sie meine
-Liebe, aber geben Sie mir Morphium.«
-
-Sie bot sich ihm an -- sie war dahin gekommen, sich zu verkaufen.
-
-Er machte sich los. »Das würde ehrlos von mir sein. Ich kaufe keine
-Liebe, gnädige Frau.«
-
-»Sie brauchen auch meine Liebe nicht zu kaufen, seit Sie mir Erbarmen
-gezeigt haben, liebe ich Sie.«
-
-»Ich will Ihnen noch einmal Morphium geben, Frau Bremer, aber dann bitte,
-bitte, verlassen Sie mich, werden Sie ruhiger, überlegen Sie, was Sie thun
-wollen. Wenn man Sie hier fände, wären Sie und ich compromittirt.«
-
-Das war seine Antwort auf das Geständniß ihrer Liebe. Die Scham
-überwältigte sie; sie fühlte, daß sie etwas darbot, was er gar nicht
-zu besitzen wünschte. Sie hätte fliehen mögen und sich vor seinen, vor
-aller Menschen Blicken verbergen, aber sie rührte sich nicht. Wie gebannt
-blieb sie stehen und wartete -- wartete auf das Almosen, das er ihr
-geben wollte, um sich von ihr zu befreien. -- Sie fühlte die furchtbare
-Erniedrigung ihrer Lage -- aber für Morphium hatte sie sich vor Friedrich
-Rast erniedrigt, sie konnte nicht anders, sie mußte warten. --
-
-Turnau ging in sein Schlafzimmer, das keine verschließbare Thür vom Salon
-trennt. Die Thür vom Schlafzimmer nach dem Corridor war verschlossen.
-
-Mit einem scheuen Blick sah er sich um. Diese Frau, die ihm ihre Liebe
-aufdrängen wollte, folgte ihm also wenigstens nicht! Er sehnte sich nicht
-mehr nach Liebe. Wie war es nur möglich, daß sie das nicht begriff? Jede
-körperliche Lebensthätigkeit war ja längst bei ihm erloschen; er hatte
-geglaubt, das Weib müßte es fühlen, daß ihr in ihm überhaupt kein
-Mann gegenüberstand -- ein Gespenst, ein dem Grabe entgegeneilender
-Schatten. -- --
-
-Und an diesen Schatten wollte sie sich anklammern, sich in ihrer
-Verzweiflung an ihm halten. Wie gleichgültig sie ihm war! Er hätte über
-sie gelacht, wenn er sich nicht so todtkrank gefühlt hätte.
-
-Vorhin, ihr gegenüber, war es ihm möglich gewesen, sich bis zu sittlicher
-Entrüstung aufzuschwingen, er hatte ihr gesagt, daß es für ihn eine
-Gemeinheit sein würde, ihre Liebe zu kaufen.
-
-Vor sich selbst kam er nicht so weit -- nicht bis zum sittlichen
-Widerstreben, nur bis zum Ekel, zum allgemeinen Lebensüberdruß, zu einer
-unsagbaren Stumpfheit.
-
-In der tötlichen Erschöpfung seines Körpers und Geistes suchte er jede
-Erregung zu vermeiden, jeder Störung auszuweichen. Die Störungen aber
-verfolgten ihn gradezu.
-
-Wenn ihn nur jemand von dieser Frau befreit hätte, deren Ansprüche er
-sich durch sein Entgegenkommen selbst aufgeladen hatte! Sie wartete da auf
-ihn, aber er war nicht im Stande zu ihr zurückzukehren. Ruhe verlangten
-seine Nerven, nichts als Ruhe sein kranker Körper.
-
-Er trat an ein kleines Wandschränkchen und nahm daraus einen Kasten, in
-dem sich verschiedene kleine Flaschen befanden. Diese Flaschen enthielten
-alles, was ihm in der letzten Zeit noch Genußfähigkeit, noch eine
-scheinbare äußere Kraft zu geben vermochte. Öfter und immer öfter
-aber war jetzt die Wirkung, auch der stärksten Mittel, ausgeblieben. Die
-zerrütteten Nerven waren tot -- es war nicht mehr möglich sie anzuregen.
-Er konnte nicht mehr genießen.
-
-Er schob den Kasten von sich. Im Nebenzimmer, von welchem er nur durch eine
-Portière getrennt war, hörte er ein Geräusch. -- Richtig -- man wartet
-da auf ihn. Zitternd und verlangend verzehrte sich ein Weib nach seiner
-Liebe. --
-
-Er konnte nicht mehr lieben. Er konnte ja seit Wochen nicht mehr genießen,
--- nicht mehr schlafen.
-
-So müde, so todtmüde und doch keine Ruhe. --
-
-Nicht mehr genießen und nicht mehr leben!
-
-Hatte er das nicht immer gedacht, ausgesprochen sogar vor ihr -- und nun?
-
-Ja, nun war das Ende da, -- nicht mehr genießen! Es war unmöglich; weder
-die Morphiumspritze, noch die Liebe, noch sonst irgend etwas im Leben bot
-ihm noch irgend einen Genuß.
-
-Die kleine Freundin war da, so scharf, so spitz, so vertraut. Vielleicht
-konnte sie ihm doch noch eine -- noch eine letzte Freude gewähren!
-
-Da war ein kleines Glas -- das hatte er sich reservirt für das Ende; das
-Ende -- ja das war doch nun da.
-
-Er entkorkt das Fläschchen. Ein scharfer Alkoholdunst schlug ihm entgegen.
-Man kann Morphium höchstens bis zu zwölf Procent in Wasser auflösen,
-stärkere Lösungen erfordern Alkohol. Es ist ein Schmerz, als ob man
-ein Glied in glühende Kohlen legte, wenn man sich Alkohol unter die Haut
-spritzt. Aber jetzt -- du lieber Gott, war es denn nicht das Ende?
-
-Er biß die Zähne zusammen. Der Arm wurde dunkelroth, es war wie
-ein Brand. Aber es wirkte. Das Gefühl, als ob die Knochen des Kopfes
-auseinanderfallen wollten, ließ nach. Er vermochte beinah wieder zu
-denken.
-
-Noch einmal also! Er zog die Spritze zurück, sie rollte zur Erde.
-
-Ja richtig, um sie wieder zu erlangen, muß man sich bücken.
-
-Mit blöden Blicken stierte er darauf hin -- wozu, wozu -- wenn es doch nun
-einmal das Ende sein mußte?
-
-Wenn sich das Weib nebenan doch nur ruhig gehalten hätte! Herrgott, die
-Sache konnte doch nun nicht mehr lange dauern!
-
-Ohne hinzusehen, griff er in ein kleines Fach seines Schrankes. Er hielt
-nun einen Revolver in der Hand. Müde setzte er sich auf den Rand seines
-Bettes. Mit irrem Lächeln sah er die Waffe an. »Der Tod ist der Sünde
-Sold« -- es ging aber noch weiter, der Spruch war damit nicht aus. Wie
-doch?, wie doch?
-
-Richtig im Notizbuche, da mußte es stehn. -- Aber das Notizbuch? Aufstehen
-und es holen, oder sich bücken und die Spritze aufheben? Wozu? Wozu?
-
-Ein wahnsinniges Geräusch erfüllte plötzlich sein Hirn, wie mit eisernen
-Schrauben fühlte er seine Schläfen gepreßt. Die Alkohollösung war eine
-tötliche. Aber für ihn doch wohl nicht. -- -- Das Ende, das Ende! --
-
-Er fühlte nichts mehr, er dachte nichts mehr, seine Blicke verdunkelten
-sich. Langsam hob er den kurzen blanken Lauf des Revolvers in die Höhe,
-setzte ihn fest an seine Schläfe und drückte ab. Dumpf krachte der Schuß
-in dem kleinen von Teppichen und schweren Stoffen verhängten Raum. --
-
-Eine Secunde nur stand Lydia Bremer wie erstarrt, dann stürzte sie
-vorwärts.
-
-Ein Blick zeigte ihr, was geschehen war. Vielleicht lebte der Mann noch,
-der ihr den Schimpf angethan hatte, ihre Liebe zu verschmähen -- es war
-ihr gleichgültig; keine Minute ihrer Zeit widmete sie ihm. Sie sah das
-Kästchen mit seinem Inhalte von kleinen Flaschen. Geräuschlos glitt sie
-darauf zu und mit einem einzigen gierigen Griff ließ sie die sämmtlichen
-Gläser in ihrer Tasche verschwinden.
-
-Hastig durchwühlte sie noch den Auszug eines Tisches, aber sie fand
-nichts mehr. Kaum eine Minute blieb ihr Zeit; man hatte den Schuß im Hause
-gehört; das Zimmer füllte sich mit Menschen.
-
-Professor Schrödter stellte den Tod seines Assistenten fest. Er nahm an,
-daß Turnau in einem Augenblicke geistiger Umnachtung gehandelt habe.
-
-Kopfschüttelnd blätterte er in dem Notizbuche, das der Todte bei sich
-trug, während er geglaubt hatte, es läge im Nebenzimmer. Der Professor
-hoffte eine Aufklärung über die Beweggründe zu der traurigen That darin
-zu finden.
-
-Endlich fand er eine Notiz, die das Datum der vergangenen Nacht trug.
-»Der Tod ist der Sünde Sold, aber die Gnade Gottes ist das ewige Leben in
-Christo Jesu unserem Herrn.« Daneben stand, daß er wünsche diesen Spruch
-auf seinen Grabstein setzen zu lassen.
-
-Der Professor reichte Lydia das kleine Buch. Sie las den Spruch und schlug
-wie verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht.
-
-»Sie waren dabei, Frau Geheimräthin, sollten Sie den Zusammenhang nicht
-ahnen, wissen Sie nichts -- gar nichts?«
-
-Er sah sie durchdringend an. Sie fühlte, daß Alles für sie auf dem
-Spiele stand -- -- ihre Ehre -- -- von allen Seiten ruhten neugierige
-Blicke auf ihr.
-
-»Morphium« stammelte sie, verzweifelt, außer sich. --
-
-»Ah -- also weiter brauchen wir nach Ihrer Morphiumquelle nun nicht mehr
-zu suchen, Turnau war der Schuldige, er gab Ihnen das Gift, er selbst ging
-zu Grunde daran, o ich verstehe, ich verstehe.«
-
-Ueber das breite Gesicht einer Wärterin glitt ein höhnisches
-Lächeln. Lydia sah es, das Blut stieg ihr ins Gesicht, sie empfand eine
-leidenschaftliche Wuth, die ihrem Wesen bis dahin fremd gewesen war.
-
-»Herr Professor, was müssen Ihre Leute von mir denken, wenn Sie mich so
-fragen!«
-
-Sie bemühte sich, so kalt und so ruhig zu erscheinen wie sonst -- es war
-ihr nicht möglich. Der Professor empfand, daß er sich in irgend
-einer Weise nicht ganz correct benommen hatte. Sein Ton klang weniger
-rücksichtslos schroff, als er sie fragte, wie sie dazu gekommen sei,
-Turnau aufzusuchen, anstatt den jungen Arzt zu sich zu bitten.
-
-»Sie haben mir selbst heute den letzten Tropfen Morphium weggenommen,
-den ich besaß,« erklärte sie rasch »nur durch ein heimliches
-Zusammentreffen mit Turnau konnte ich hoffen, das Verlorene wieder zu
-erlangen.«
-
-»Es wäre aber doch eine Gemeinheit von ihm gewesen,« polterte Schrödter
-nun doch wieder los, »Sie sind meine Patientin, mein Assistent mußte
-darauf Rücksichten nehmen.«
-
-Lydias Blicke trübten sich, sie empfand mit bitterem Schmerze ihre
-Ohnmacht gegenüber der ihr aufgezwungenen Behandlung des Nervenarztes.
-
-»Doctor Turnau war heute sehr unzugänglich, mein Besuch war vergeblich,«
-sagte sie kurz.
-
-»Ein Sterbender -- das will ich glauben, -- ich habe heute zum ersten
-Male bemerkt, wie krank er war -- werfen wir keinen Stein auf den Todten.«
-
-»Wie meinen Sie das, Herr Professor?«
-
-In athemloser Spannung hingen die Augen aller Anwesenden an den Lippen des
-Arztes. Schrödter sah ein, daß es in diesem Augenblicke in seiner Hand
-lag, eine Verdächtigung, einen Makel von dem Namen der Geheimräthin
-fern zu halten -- er dachte an den Gatten der jungen Frau. Was für ein
-Heiligthum war diese Frauenehre für diesen Mann!
-
-Gewissermaßen erklärend wandte er sich an das Personal seiner Anstalt,
-das ihn jetzt fast vollzählig umstand.
-
-»Herr Doctor Turnau ist schon längere Zeit leidend gewesen, heute früh
-fand ich ihn unzurechnungsfähig, er wird in der Aufregung, die seiner
-That voranging, kaum erkannt haben, wer bei ihm war, vielleicht hat er Sie
-überhaupt nicht bemerkt, gnädige Frau.«
-
-Lydia begriff. »Doch, er hat mich erkannt, aber er ließ mich im Salon
-warten, während er die entsetzliche That im Schlafzimmer vorbereitete;
-erst nach dem Geräusch des Schusses wagte ich es, ihm zu folgen.«
-
-Nach dieser Erklärung athmete sie auf, man achtete nicht mehr so auf
-sie. Die Leute beschäftigten sich mit der Leiche, die Aerzte zogen sich
-zurück.
-
-Mit leidenschaftlichem Entzücken fühlte sie in ihrer Tasche die kleinen
-Gläser. Auf Jahre hinaus würden diese concentrirten Lösungen genügen,
-um daraus das verhältnißmäßig schwache Mittel herzustellen, dessen
-sie bedurfte. O, wie wollte sie diesen Schatz hüten, wie sorglich und
-vorsichtig wollte sie alles verstecken, man sollte sie nicht zum zweiten
-Mal überlisten. Nun aber nach Hause und vor allen Dingen Alles in
-Sicherheit bringen.
-
-Die Freude, die sie erfüllte, ließ sie die entsetzliche Demüthigung
-vergessen, die sie erlitten hatte. Sie empfand auch keinen Schmerz über
-das jähe Ende des Mannes, den sie noch vor einer Stunde zu lieben
-geglaubt hatte. Sie liebte nichts mehr auf der Welt außer dem Genusse, und
-genießen konnte sie jetzt -- maßlos, unbeschränkt, heimlich.
-
-Geräuschlos verließ sie das Zimmer des Verstorbenen und eilte die Treppe
-hinab. Das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf -- fort, nur fort.
-
-»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte mir gestatten, Sie zu
-begleiten,« Professor Schrödter stand plötzlich neben ihr, kalt und
-mißtrauisch sah er sie an.
-
-O, wie sie ihn haßte -- sie hätte ihn ins Gesicht schlagen, ihn von sich
-stoßen mögen, sie war fassungslos.
-
-»Lassen Sie mich -- der Schreck, die Aufregung -- ich möchte allein
-sein.«
-
-»Ich halte es für meine ärztliche Pflicht, Sie zu begleiten, auch wenn
-Ihnen das direct unangenehm sein sollte.«
-
-»Es ist mir so unangenehm, daß es eine Zudringlichkeit wäre, wenn Sie
-darauf bestünden.«
-
-Das war eine Beleidigung, nun mußte er sie doch lassen. Aber er wich nicht
-von ihrer Seite. »Ich werde diese Zudringlichkeit vor Ihrem Herrn Gemahl
-zu rechtfertigen wissen.«
-
-Mit diesen Worten hob er sie in den Wagen, stieg zu ihr ein und fuhr
-an ihrer Seite ihrer Wohnung zu. Es sah fast so aus, als ob er heimlich
-lächelte über ihren ohnmächtigen Zorn. Sie wurde immer bleicher, und in
-ihren Augen brannten verhaltene Thränen.
-
-Der Geheimrath erschrak, als er an den Wagenschlag trat und ihr verzerrtes,
-entstelltes Gesicht ihm entgegensah. Sie sah alt und fast häßlich aus in
-dieser wahnsinnigen Aufregung mit ihrem nachlässigen Anzuge.
-
-»Um Gottes Willen, was ist denn mit meiner Frau geschehen? Lydia, wie
-siehst Du aus! Herr Professor erklären Sie doch -- -- --«
-
-»Deshalb bin ich gekommen,« antwortete Schrödter mit überlegener Ruhe.
-»Unsere Kranke hat sich wieder Morphium zu verschaffen gewußt, es wird
-Ihre Aufgabe sein, Herr Geheimrath, alle Kleider der Patientin sorgfältig
-durchsuchen und prüfen zu lassen, damit nichts eingeschmuggelt werden
-kann, was wir nicht wissen.«
-
-»Lydia!«
-
-Sie hörte den entsetzten Ausruf ihres Mannes nicht mehr, denn sie war
-ohnmächtig zusammengebrochen bei den rücksichtslosen Worten des Arztes.
-
-Der Geheimrath rief das Kinderfräulein an den Wagen. Das junge Mädchen
-nahm rasch entschlossen die zarte Gestalt ihrer Herrin in ihre Arme und
-trug sie, ohne die Unterstützung der Herren in Anspruch zu nehmen, ins
-Haus.
-
-Das Stubenmädchen kam der Bonne zu Hülfe. Behutsam wurde die Ohnmächtige
-niedergelegt, Fräulein Wagner knöpfte ihr den Schlafrock auf, um sie, wie
-es der Arzt gewünscht hatte, zu entkleiden.
-
-Lydia kam dabei zur Besinnung.
-
-Ein kurzer Befehl ließ das Stubenmädchen zurücktreten, das Fräulein
-aber wußte, um was es sich handelte. Gewissenhaft wie sie war, ließ sie
-sich nicht abweisen und versuchte der Kranken das Kleid von den Schultern
-zu ziehen.
-
-Da nahm die verzweifelte Frau alle Kraft zusammen, mit beiden Händen
-stieß sie das junge Mädchen, das sich über sie gebeugt hatte, vor die
-Brust und sprang auf.
-
-»Ich bin nicht Ihre Gefangene, rühren Sie mich nicht an, gegen Gewalt
-wehre ich mich mit Gewalt.« Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Zähne
-schlugen wie im Fieberfrost zusammen, ihre Augen waren weit aufgerissen,
-man sah das Weiße um die Pupille herum.
-
-Das junge Mädchen war tödtlich erschrocken, sie glaubte einer
-Wahnsinnigen gegenüberzustehen. Bleich und eingeschüchtert lehnte sie
-sich an die Wand.
-
-»Gehen Sie,« herrschte die Geheimräthin das Dienstmädchen an. »Rufen
-Sie den Herrn,« rief das Fräulein ihr nach.
-
-Einen Augenblick schien es, als wollte sich die Kranke in wildem Zorn
-auf das Fräulein losstürzen, aber es war nur eine rasche Bewegung.
-Geräuschlos bog sie sich an der Bonne vorbei, erreichte die Thür und
-stürzte in ein anderes Zimmer, das sie sofort hinter sich abschloß.
-
-Das Dienstmädchen hatte inzwischen dem Hausherrn gemeldet, wie weit seine
-Frau sich gegen Fräulein Wagner vergessen hatte. Professor Schrödter
-rieth nun selbst keine Gewalt anzuwenden, sondern das im Hause versteckte
-Morphium ohne Wissen der Erregten später zu suchen.
-
-Der Professor gab der treuen, zuverlässigen Bonne noch einige
-Verhaltungsmaßregeln, ehe er ging. Bremer war wie gebrochen über das
-Unglück, das über ihn hereinbrach.
-
-Den Morphinismus hielt er für ein Laster, und einem Laster zu fröhnen war
-in seinen Augen eine Schande für sein Haus und für seinen Namen. Dazu
-kam das heimliche Einverständniß seiner Frau mit Turnau. Vom sittlichen
-Standpunkte aus sah er darin einen Makel, den auch der Tod des Schuldigen
-von seiner Ehre nicht zu tilgen vermochte. Wie Lydia als Weib zu Turnau
-gestanden hatte, wußte er nicht, er glaubte darin den Versicherungen
-des Professors nicht ganz. So krank, so todtkrank wie Schrödter ihn
-schilderte, war Turnau nach Bremer's Ansicht niemals gewesen.
-
-Es war doch nicht anzunehmen, daß dieser junge Mann eine Dame in seiner
-Wohnung empfing, nur um ihr selbstlos und in allen Ehren ein Mittel in die
-Hand zu geben, von dem sie abhing mit Leib und Seele.
-
-Diese Frage marterte den ruhigen, klaren, selbstbewußten Mann furchtbar.
-Er beschloß, unter allen Umständen ruhig und eingehend mit seiner Frau zu
-sprechen. Er wollte die Wahrheit wissen um jeden Preis; wie er sich nachher
-mit den Thatsachen abfinden würde, war ihm jetzt noch nicht klar.
-
-Vorläufig mußte er warten, bis der wilde, leidenschaftliche Sturm der
-Verzweiflung vorbei war.
-
-Er suchte seine Frau nicht auf, Fräulein Wagner hielt ihr auch die Kinder
-fern. Gegen Abend machte Professor Schrödter eine kurze, ärztliche Visite
-bei der Geheimräthin; er gab ihr für die Nacht so viel Morphium, wie sie
-gewohnt zu sein angab. Von den versteckten Vorräthen sprach er kein Wort.
-
-Lydia hatte die Empfindung, daß sie in ihrem eigenen Hause von Spionen
-umgeben sei, sie warf einen wahrhaft leidenschaftlichen Haß deswegen
-auf Fräulein Wagner. Aber sie hatte doch einen Trost, Turnaus Gläser
-gehörten jetzt ihr, wenn sie auch jetzt noch nicht wagen konnte, deren
-Inhalt zu prüfen und kennen zu lernen.
-
-Trotz der furchtbaren Erregungen, die ihr der Tag gebracht hatte, schlief
-sie in der Nacht wie todt und machte am Morgen sorgfältigere Toilette als
-an dem Unglückstage vorher.
-
-Sie war fast ruhig, als ihr Schrödter seinen Besuch machte, und versprach
-sogar, sich einigen seiner Anordnungen fügen zu wollen.
-
-Gegen Mittag hielt es der Geheimrath für möglich, sich mit seiner Frau
-auszusprechen. Er konnte es nicht länger aushalten.
-
-Tiefernst, fast finster stand er vor ihr und forderte Rechenschaft über
-die Ehre seines Hauses, die er in ihre Hände gelegt hatte, als er ihr
-seinen Namen gab.
-
-Die sonst wenig erregbare, oberflächlich heitere Frau befand sich in
-einer krankhaft gesteigerten Reizbarkeit. Bremer aber besaß zu wenig
-Verständniß für Krankheit und krankhafte psychologische Vorgänge, um
-damit zu rechnen.
-
-»Es ist nichts vorgefallen, was gestern und vorgestern, vor Wochen und vor
-Jahren nicht auch schon gewesen wäre,« beharrte sie. »Turnau war selbst
-Morphinist, er verstand meinen Kummer über die Unmöglichkeit, mir das zu
-verschaffen, was ich brauchte, um froh und um glücklich zu sein. Hättest
-Du mir nicht diesen ordinären Professor Schrödter, den ich verabscheue
-und von dem ich mich niemals behandeln lassen werde, aufgedrängt, so wäre
-heute noch Alles wie es war. Ich wäre ruhig und glücklich, und Dir wäre
-Aufregung und Aerger erspart geblieben.«
-
-»Du hättest weiter gesündigt und Dich durch ein Laster erniedrigt,
-daß Dich in der Achtung Deines Mannes, Deiner Aerzte und sogar Deiner
-Dienstboten tief herabsetzt.«
-
-»Wenn Du mit den Dienstboten vielleicht Fräulein Wagner meinst, so
-will ich Dir doch nebenbei bemerken, daß ich diese arrogante Person zu
-entlassen gedenke.«
-
-»Die pflichttreue Pflegerin ist meinen Kindern unentbehrlich, so lange
-diese keine Mutter haben.«
-
-»Du stellst diese Person über Deine Frau!«
-
-Ihre Augen flackerten, ihre Wangen brannten, er sah es, aber er begriff
-nicht, daß diese Anzeichen Schonung und Ruhe für ihre kranken Nerven
-forderten; er sah nur ihre Leidenschaft, ihren ungerechtfertigten Zorn
-gegen ein unschuldiges, reines Wesen, das in seinem Hause unter seinem
-Schutze stand.
-
-»Ja,« sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches Mädchen steht
-sittlich viel höher, als eine pflichtvergessene Mutter, die sich ihren
-Kindern entzieht, um mit sinnlicher Gier in verbotenen Genüssen zu
-schwelgen. Seit Du morphiumsüchtig bist, habe ich kein Weib mehr, meine
-Kinder haben keine Mutter, und die Ehre meines Namens lag bis heute in den
-Händen eines charakterlosen Schwächlings, der in seiner Erbärmlichkeit
-nicht anders enden konnte, wie er geendet hat, als Selbstmörder.«
-
-Lydia sah ihn starr an. Es lag etwas Unheimliches in ihren Augen, etwas wie
-verborgener Wahnsinn. »Deine Ehre in Turnaus Händen?« sie lachte.
-
-»Von seinem Mitleid habe ich gelebt, von dem Almosen, das er mir hinwarf.
-Ein willkürliches Gesetz gab ihm in die Hände, was Anderen unerreichbar
-ist. Großmüthig gab er mir von seinem Reichthum, weiter nichts. O Gott,
-Arnold -- muß ich Dir denn schwören, daß Deine Ehre rein geblieben ist,
-daß mich Turnau körperlich niemals berührt hat?«
-
-»Wenn das der Fall ist, so lag es wohl nicht an dir; du hättest dich
-vor die Hunde geworfen, um deiner Leidenschaft fröhnen zu können. Es ist
-nicht das Verdienst einer Dirne, wenn ihre Reize keinen Käufer finden.«
-
-Er erschrak selbst, als er die furchtbare Beleidigung ausgesprochen hatte.
-Die Verachtung hatte ihn überwältigt, maßlos wie seine Verzweiflung war
-der Vorwurf, den er erhob.
-
-»Du begreifst, daß diese Aeußerung unsere Ehe nun auch äußerlich
-scheidet. Innerlich getrennt sind wir, seit Du heute früh Deine
-»Dienstboten« aufgehetzt hast, mir den einzigen Genuß zu stehlen, den
-das Leben an Deiner Seite für mich überhaupt hat.«
-
-Sie wunderte sich selbst, daß sie so ruhig sprechen konnte. Wie aus weiter
-Ferne hörte sie ihre eigene Stimme. Es war in ihr wie ein Morphiumrausch
-ohne Morphium. Leise griff die Krankheit des Körpers vom Nervensystem
-aus hinüber nach der Seele. Die Grenze, die das körperliche und das
-Gemüthsleiden trennt, verschob sich unmerklich, die Leidenschaft, der Zorn
-und die Qual der Verzweiflung wurden zur Krankheit. Sie konnte nicht mehr
-kämpfen, nur noch leiden, nur noch dulden, nur noch schwach und vergehend
-sich wehren, wenn man ihr allzu wehe that.
-
-»Ehescheidung?« Er fuhr in furchtbarer Heftigkeit auf. »Glaubst Du, daß
-ich an meinen Kindern das Verbrechen begehen werde, meine Ehe scheiden zu
-lassen? Der Schwur, den ich am Altar geleistet habe, ist mir heilig. Ich
-bin und ich bleibe Dein Gatte, nur der Tod kann uns scheiden.«
-
-»Wenn das Deine Ansicht ist, so giebt es allerdings für uns Beide
-nur einen Ausweg -- tödte mich -- es wird mit meinem Einverständniß
-geschehen.«
-
-»Nein, ich will kein Verbrechen begehen, wie Du. Dank dem krankhaften
-Zustande Turnaus bist Du äußerlich wenigstens nicht entehrt, wenn Du es
-auch innerlich bist durch den Willen zur Sünde. Kehre um, bereue, bessere
-Dich und beginne ein neues Leben.«
-
-»Was giebt Dir das Recht, eine solche beleidigende Forderung an mich zu
-stellen? Ich war nicht Turnaus Geliebte, ich war nur Morphinistin, das ist
-eine Krankheit, eine Schuld ist es nicht.«
-
-»Als eine Krankheit fasse ich es auf und wie ein Unglück, wie eine
-Krankheit will ich es bekämpfen.«
-
-»Glaubst Du, daß Zwang und Gewalt, die mich zur Verzweiflung treiben, die
-mich sogar zur körperlichen Gegenwehr zwingen, der richtige Weg sind, um
-eine Krankheit zu heilen?«
-
-»Bedenke mein Entsetzen, Lydia, meine schmerzliche Ueberraschung. Deine
-Tugend, Deine Vornehmheit, Deine frauenhafte Lieblichkeit waren mein
-Heiligthum und mein Glück. Mir ist, als ob sich ein Abgrund aufgethan
-hätte, der das Alles in seine Tiefe gerissen hat; mir ist, als ob ich
-selbst vor einem Verhängniß stände, das mich zu Grunde richten muß.«
-
-»Dein ganzer Kummer ist nichts als Einbildung,« rief sie außer sich.
-»Laß morgen durch die Gnade der Heiligen eine Erleuchtung in die Welt
-kommen, die einen entsetzlichen Zwang aufhebt, laß den Morphiumverkauf
-frei werden, und ich stehe gerechtfertigt, ehrenhaft, glücklich und frei
-da, wie zuvor. Nur der Zwang, ein Gesetz umgehen zu müssen, hat mich
-unglücklich gemacht. Mit dem Fall dieses Gesetzes würde ich und Tausende
-mit mir wieder ehrlich und froh sein.«
-
-Arnold Bremer stampfte mit dem Fuße auf und griff in maßloser Wuth
-mit beiden Händen in sein graues Haar. Seine Stimme klang beinah wie
-Schluchzen.
-
-»Lydia -- wenn morgen die Strafe für Mörder aufgehoben würde, würde
-dann der Mörder aufhören ein Verbrecher zu sein?«
-
-Sie zuckte die Achseln. »Der Mörder schadet Anderen an Leib und Leben;
-der Morphinist schadet niemand, er genießt nur ein süßes Behagen, das
-ein neidischer Zwang ihm verwehrt.«
-
-»Und schadet niemand?«
-
-»Nein.« Sie sah ihn fragend an.
-
-Er lachte höhnisch außer sich auf. »Also Du glaubst, daß es nichts
-schadet, wenn ein Mensch plötzlich aufhört, diejenigen Pflichten zu
-erfüllen, die ihm Gott für sein Leben zugetheilt hat? Es schadet wohl
-nichts, wenn eine Frau, anstatt ihren Mann glücklich zu machen und
-ihre Kinder zu pflegen, in zwecklosem Genießen nur noch körperlich
-fortvegetirt, ohne geistig auf ihrem Posten zu stehen? Steht nicht
-geschrieben: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen?«
-
-»Nicht essen? -- Lieber Arnold, muß ich Dich daran erinnern, daß ich
-kein armes Mädchen war, das geheirathet hat, um versorgt zu sein?
-Unsere Renten sind ungefähr gleich. Was giebt Dir denn das Recht, mir
-vorzuhalten, daß ich ohne Gegenleistung dafür mir erlaube -- -- zu
-essen?«
-
-»Nimm das nicht buchstäblich, spiele nicht mit Worten,« rief er
-außer sich, »es ist ein frivoles Spiel. Jeder Mensch hat sein Leben zu
-durchkämpfen, wenn es sein muß, zu durchleiden, um einen gewissen Kreis
-von Pflichten zu erfüllen, die ihm zugefallen sind. Nicht Jeder braucht
-um das tägliche Brod zu arbeiten, Mancher ist zu mehr, zu Besserem, zu
-Höherem berufen. Jedes Weib ist dem Himmel verantwortlich für die Seelen
-ihrer Kinder, die sie dem ewigen Heil zuführen muß. Man muß einen
-Lebenszweck haben, begreifst Du das nicht?«
-
-Einen Lebenszweck -- -- wie eine Vision stand der Kirchhof vor ihrem
-inneren Auge; sie saß am Grabe ihrer Eltern, die rothen Sonnenstrahlen
-schimmerten auf dem schwarzen Marmor des Grabsteins. Neben ihr saß ein
-Mann, ein Freund, er verstand sie, und sie -- sie liebte ihn. Er war jetzt
-hinübergegangen zu den Todten, und von ferne, aus einer anderen Welt,
-jenseits des Grabes, aus der Welt der Erinnerung drangen Worte an ihr
-inneres Ohr -- Worte, die er einstmals gesprochen, »der Genuß ist auch
-ein Lebenszweck, so gut wie die Arbeit; es kommt nur darauf an, daß man
-seine moralischen Begriffe damit in Einklang zu bringen versteht -- -- --
--- -- -- -- -- --«
-
-Mechanisch, halblaut, wie man nachspricht, was jemand vorsagt, sprach sie
-sie aus, diese Worte des Freundes.
-
-Der erzürnte Mann vor ihr hatte diese Antwort doch nicht erwartet. Wie ein
-Schleier sank es ihm plötzlich von den Augen. Diese Frau mit dem irren,
-abwesenden, in's Leere starrenden Blick konnte er nicht für die Worte
-verantwortlich machen, die so abgerissen und ausdruckslos von den bleichen,
-zuckenden Lippen fielen. Sie war krank, unzurechnungsfähig. -- Mit
-furchtbarer Ahnung durchblitzte sein Hirn der Gedanke, sie könne
-wahnsinnig geworden sein durch die Verzweiflung, in die sein
-rücksichtsloses Vorgehen sie gestürzt hatte.
-
-»Du mußt in eine Anstalt, nachher wird Alles besser werden,« und wie sie
-zusammenzuckte, fügte er noch mitleidig und traurig hinzu: »ich will Dich
-nicht quälen.«
-
-Dann ging er hinaus. Wenn er gewünscht und gehofft hatte, seine Frau zu
-erschüttern, zu rühren und der Bereuenden vielleicht dann verzeihen zu
-können, so sah er sich bitter enttäuscht.
-
-Er hatte nichts erreicht, höchstens den Riß, den nach seiner Ansicht
-ihre Morphiumsucht in die Ehe gebracht hatte, unheilbar gemacht und endlos
-vergrößert. Seinem Auge bot sich kein Ausweg. Er wollte und mußte sie
-in eine Heilanstalt bringen, aber selbst wenn sie dort körperlich geheilt
-werden sollte, konnte er nicht hoffen, daß ihre Seele wieder gesund werden
-würde.
-
-Er hatte sie geliebt, jetzt hatte er ihre Liebe verloren. Mit heißem
-Schmerze fühlte er, daß seine Liebe zu der Kranken, Unglücklichen
-unerschütterlich treu in seinem Herzen fortleben würde, so lange er
-lebte. Vielleicht konnte diese Liebe noch wachsen und zunehmen, wenn sie
-jemals sich hülflos und verzweifelt an ihn anklammern würde, aber er
-fühlte, daß sie das, was ihm und auch ihr früher selbstverständlich
-erschienen wäre, nicht thun würde -- nie wieder. -- Es stand etwas
-zwischen ihnen, was er nicht aus dem Wege zu räumen vermochte, weil
-es überwältigend und unfaßbar war, eine Leidenschaft -- --
-»Morphium«. --
-
-Er dachte auch einen Augenblick an den blutigen Schatten des todten
-Freundes. Nein, der stand nicht zwischen ihm und ihr, den hätte die Liebe
-des Mannes überwinden können; aber gegen den Dämon konnte er nicht
-kämpfen, der ihre Seele gefesselt hatte. Mit einem schweren Seufzer blieb
-er vor der Thür ihres Zimmers stehen. Dann ging er mit festen Schritten
-hinüber in's Kinderzimmer. Nacheinander hob er beide Kinder zu sich empor,
-drückte sie fest an die Brust und küßte sie innig.
-
-»Meine Frau ist schwer krank, Fräulein, die armen Kinder werden manches
-entbehren müssen,« sagte er ernst.
-
-»Was ich thun kann, um den Kindern die Mutter, so lange es nöthig sein
-wird, zu ersetzen, soll geschehen,« antwortete Hedwig Wagner einfach und
-schlicht.
-
-In ihren grauen Augen standen Thränen, treu und freimüthig legte sie
-ihr Versprechen ab. Der Geheimrath gab ihr die Hand. Dann verließ er
-die Kinder; es war ihm, als hätte er sie in die Obhut eines Schutzengels
-gegeben.
-
-Um so schnell wie möglich die Unterbringung seiner kranken Frau in einer
-geeigneten Anstalt zu veranlassen, begab er sich gleich darauf zu Professor
-Schrödter.
-
-Lydia war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend und regungslos
-stehen geblieben. Ein weißes, langes Kleid floß weich herab an ihrer
-schlanken Gestalt, der schöngeformte, hochfrisirte Kopf sah reizend und
-jugendlich aus, aber die Augen waren glanzlos, die vorher brennenden Wangen
-waren fahl geworden, und die Hände hingen schlaff und müde herab.
-
-Sie fühlte, daß Alles zu Ende war zwischen ihrem Manne und ihr. Sie
-hatte, seit sie Morphinistin war, nicht darüber nachgedacht, ob sie ihn
-noch liebe oder nicht. Still und unmerklich war die Liebe eingeschlafen in
-ihrem Herzen. Ein zartes verständnißvolles Benehmen des Mannes hätte
-sie vielleicht leise und sanft wieder erwecken können wie ein Sonnenstrahl
-eine Blüthe, die ein Nachtfrost geschlossen hat, aber seine brutale Moral,
-sein schroffer correcter Ehrbegriff hatte die zarte, sterbende Blüthe
-zertreten.
-
-Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben und konnte ihn auch nicht wieder
-lieben, nie, im Leben nicht wieder.
-
-In erbittertem Kampfe stand er ihr gegenüber. Verachtung hatte er ihr
-entgegengeschleudert. Um ihr Laster auszurotten, wollte er sie in eine
-Heilanstalt bringen. Gegen sie, das zarte kranke Weib, rief er den rohen
-rücksichtslosen Arzt zu Hülfe, den sie verabscheute.
-
-Es ist so leicht, einen wehrlosen, kranken Menschen zu peinigen und zu
-verfolgen. Darin liegt aber eine Gemeinheit, eine moralische Roheit, die
-doch wohl eben so verächtlich ist, wie die Pflichtvergessenheit
-einer Kranken. Lydia wußte, was das Wort in sich schließt »eine
-Entziehungscur.« Professor Schrödter garantirte zwar für seine
-»Entziehungscuren ohne Qualen«, aber nur ein Morphiumkranker kann
-ermessen, wie groß die Lüge ist, die in dieser Vorspiegelung liegt.
-
-Ein Opfer dieser Qualen aber sollte sie nun sein, um nach dem Willen ihres
-Mannes ihren Pflichten zurückgegeben zu werden.
-
-Sie dachte an Turnau. Nicht mehr mit Liebe, sondern mit Neid gedachte sie
-des glücklichen Todten. Er hatte den Genuß, den das Morphium gewährt,
-auskosten dürfen bis zum Ende, ihr dagegen riß man den goldenen Kelch von
-den Lippen, jetzt wo sie noch durstig war -- durstiger als je.
-
-Ihre Seele lechzte nach Betäubung, um die Schmach zu vergessen, die ihr
-angethan worden war. Von ihrer Krankheit, von ihrer Verirrung sprach ihr
-Mann; die Aerzte, die Welt würde davon sprechen; Nachsicht und Mitleid
-würde man ihr zu Theil werden lassen -- und Achtung, äußere Achtung
-vielleicht auch wieder, ja -- das -- --
-
-Der Todte aber hatte sie besser gekannt, als alle lebenden Menschen. Er
-allein wußte, daß sie eine Schuldige -- eine Ehrlose war.
-
-»Der Tod ist der Sünde Sold«, das war das letzte Wort, was er ihr zurief
-von seiner blutigen Bahre. In frivolem Spotte hatte er gespielt mit dem
-Gedanken an ewige Dinge, und als dann der Tod kam, klammerte er, der
-Freigeist, sich an die Verheißung des Christenthums von der Gnade Gottes
-und dem ewigen Leben in Christus.
-
-O, wie sie sich schämte; in der Tiefe ihrer Seele verging sie in Scham und
-in Reue. »Der Tod ist der Sünde Sold.« Es war ihr plötzlich wie eine
-Offenbarung. Auf seinen Grabstein sollte man den Spruch setzen. Aber der
-Spruch war für sie. Wenn Menschen schweigen, so reden die Steine. Zu
-ihr, nur zu ihr sollte er sprechen, dieser Stein; nur für sie galt die
-furchtbare Mahnung: »Der Tod ist der Sünde Sold.«
-
-Mit einem wilden Schrei griff sie nach ihren hämmernden Schläfen. Dann
-stürzte sie vorwärts und riß die Schnur von ihrem Halse, an der sie den
-Schlüssel verbarg zu ihren »Schätzen.«
-
-Sie kniete nieder an dem Schränkchen und schloß es mit zitternden Händen
-auf. Da standen sie alle, alle die kleinen Gläser, die sie bei dem Todten
-gefunden, es fehlte nicht eins.
-
-Das erste beste ergriff sie und setzte es an die Lippen. Sie fühlte
-ein scharfes Brennen, aber sie wollte es überwinden, das Gläschen leer
-trinken.
-
-Da ging hinter ihr eine Thür auf. Hedwig Wagner trat ein, nahm ihr mit
-ruhiger Bestimmtheit das Gläschen vom Munde und verschloß den Schrank.
-
-»Das geht nicht, gnädige Frau. Der Professor wird Ihnen so viel Morphium
-zutheilen, wie Sie bedürfen, um nicht zu leiden,« sagte das Mädchen.
-
-Lydia antwortete keine Silbe. Scheu und traurig begegnete ihr Blick dem der
-Bonne. Dann verließ sie das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinauf, mit einer
-Hand hielt sie ihr Kleid, die andere lag an der Stirn. »Die Steine reden,
-die Steine rufen.« -- Leise und stockend sagte sie das vor sich hin,
-wieder, immer wieder.
-
-Sie ging die ganze Treppe hinauf, schritt über den Boden, noch eine kleine
-Treppe höher und stieg endlich durch eine Klappe auf das platte Dach des
-hohen Hauses. Ein niedriges Geländer umgab die Plattform.
-
-Lydia beugte sich darüber hinweg und starrte hinab auf das Steinpflaster
-des Hofes vor den Stallungen und Remisen.
-
-Die Steine da unten schimmerten grau zu ihr empor. Ein röthlicher
-Sonnenstrahl glitt drüber hin.
-
-Der Tod ist der Sünde Sold; -- »die Steine reden, die Steine rufen.« Sie
-sah sich scheu um. Nein, es war ihr niemand gefolgt, sie war allein,
-frei, vielleicht zum letzten Male frei, ehe sie die Gefangenschaft des
-Irrenhauses umgab.
-
-Wie wonnig ist doch die Freiheit, das edelste Menschenrecht -- -- -- Sie
-hatte die Freiheit benutzt.
-
-Ein Schrei, ein Fall -- die Steine der Tiefe nahmen sie auf.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Nach dem Tode.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-[Illustration]
-
-In der großen Universitätsklinik traten die Nachtwachen an. Auf jeder
-Station wachte eine Schwester, und an einzelnen Betten, wo es besonders
-verordnet war, sollten Hülfswärterinnen wachen. Vorläufig waren die zu
-diesem Dienste bestimmten Schwestern im Operationssaale versammelt; sie
-präparirten die nöthigen Medicamente, die Eisbeutel, die Getränke, die
-Compressen, kurz alles das, was in der Nacht möglicherweise gebraucht
-werden konnte.
-
-Die Wärterinnen hielten sich, so lange bis ihnen eine genaue Angabe ihrer
-Arbeit zu Theil wurde, auf dem breiten Corridor auf und klatschten.
-
-Das Elend einzelner Kranken, ihre Lebensverhältnisse, sowie die
-persönlichen Angelegenheiten der Aerzte und Schwestern bildeten
-den Gesprächsstoff. Die schauerlichen Einzelheiten der schwersten
-Unglücksfälle wurden mit wonnevollem Eifer besprochen, und hatte eine von
-diesen Mädchen und Frauen ein entsetzliches Menschenschicksal in kurzen
-Worten, und von den Ausrufen der Anderen oft unterbrochen, geschildert, so
-war auch gleich eine Andere da, die aus ihrer Spitalerfahrung etwas noch
-Trostloseres, noch Krasseres zu berichten wußte.
-
-Trotz des tieftraurigen Gegenstandes, der bei der Unterhaltung
-vorherrschte, klang doch zuweilen ein unterdrücktes Kichern, ja sogar
-lautes Lachen aus diesem Kreise.
-
-Die Oberschwester hatte den jüngeren Pflegerinnen die nöthigsten
-Anweisungen für die Nacht ertheilt und durchschritt nun den Corridor, um
-ihr Zimmer aufzusuchen. Die Wärterinnen, obgleich sie »weltlich« waren,
-drückten sich schweigend und zum Theil verlegen an die Wände, um in
-tiefster Ehrfurcht die würdige Dame an sich vorbeigehen zu lassen.
-
-In keinem von Männern versehenen Dienst- oder Verwaltungszweige herrscht
-eine so unbedingte Unterordnung unter die Person des Vorgesetzten, wie in
-dem weiblichen Staatshaushalte eines kirchlichen Jungfrauenordens.
-
-Das ganze weibliche Personal der Klinik unterwarf sich bedingungslos den
-Befehlen und Anordnungen der Schwester Domina, die als Leiterin der Anstalt
-hier voll und ganz die Würde der »Frau Mutter« vertrat.
-
-Die Schwestern verließen das Operationszimmer, in welchem sie die
-Anordnungen ihrer Oberin empfangen hatten und traten auf den Corridor
-hinaus, um sich nach den Wärterinnen umzusehen, die ihnen für die
-schwersten Arbeitsleistungen der Nacht zur Hilfe zugetheilt waren.
-
-Schwester Coelestina von der sechsten Männerstation erhielt allein drei
-Gehilfinnen für ihren Saal, Schwester Theophila ging mit zwei bewährten
-Hilfskräften nach der Diphteritis-Abtheilung der Kinderstation. Fast
-jede Schwester entfernte sich in Begleitung einer Wärterin, nur Schwester
-Clarissa schlug allein den Weg nach der dritten Frauenstation ein. Die
-Schwester Domina war der Ansicht, daß auf dem dritten Frauensaale momentan
-kein so schwerer Fall vorliege, daß die Stationsschwester nicht allein
-damit fertig werden sollte.
-
-Lautlos, fast wie schwebend bewegte sich die dunkle, schlanke Gestalt der
-jungen Nonne durch die langen, schwach beleuchteten Gänge des großen
-Krankenhauses.
-
-Im Hörsaale brannte das Gaslicht noch mit voller Flamme. Das war eine
-Nachlässigkeit des Heilgehülfen, dem die Reinigung und Ordnung dieses
-Raumes oblag. Schwester Clarissa verzichtete darauf, den Mann zur
-Erfüllung seiner Pflicht herbeizurufen, sie stieg auf einen Stuhl und
-erhob die Arme, um das Licht herunterzuschrauben. Wie ein dunkler Schatten
-breitete sich bei dieser Bewegung der Nonnenschleier aus, der ihren
-Oberkörper verhüllte; das Licht fiel ihr grell in das Gesicht, das sonst
-durch den Rand der Haube im Schatten gehalten wurde; unwillkürlich legte
-sie die Hand über die müden, vom Nachtwachen mit tiefen Ringen umgebenen
-Augen und blickte zur Seite.
-
-Da stand das Gerippe, an dem die jungen Anatomen die ersten allgemeinen
-Studien über den Knochenbau des menschlichen Körpers zu machen pflegten.
-Schwester Clarissa war unzählige Male gleichgültig an dieser Erscheinung
-vorübergegangen, aber jetzt, in der Stille der Nacht schrak sie zusammen,
-als sie den grau-weißen Schädel so unmittelbar vor sich sah.
-
-Sie schraubte die Gasflamme nieder, faßte mit beiden Händen das Kreuz,
-das an ihrer Gebetschnur hing und trat leise dem Gerippe gegenüber.
-
-»O Du unergründlicher Gott, wo mag die Seele sein, die in diesem Körper
-gewohnt hat, ist sie bei Dir? Was aber mag dieser Mensch verbrochen haben,
-daß seine Gebeine nicht ruhen dürfen, wie die Gebeine Anderer? Ich --
-eine arme demüthige Magd des Herren -- werde in wenigen Jahrzehnten auch
-nur noch ein Häuflein Gebeine sein,« betete sie, »o Du heilige Mutter,
-gieb meinem Leibe Ruhe und meiner Seele Erlösung. Wir sind von Erde
-genommen, und wir werden wieder zum Staube -- wir -- wir -- aber dieser
-nicht. Seine Knochen sind präparirt, daß sie nicht zerfallen; sie sind
-mit Draht aneinander befestigt, und statt der heiligen Ruhe des Friedhofes
-umgiebt sie das lärmende Treiben der academischen Jugend, die in diesem
-Saale ein und aus geht. Was hat er verbrochen, welches ist die Schuld, die
-sich so straft, daß der Leib keine Ruhe findet, nachdem das müde Haupt
-dahingesunken ist auf das Kissen des Sterbebettes?«
-
-Das schöne zarte Gesicht der jungen Schwester nahm einen tief wehmüthigen
-Ausdruck an. Sie wendete sich ab von dem Gerippe und nahm vom Katheder eine
-runde flache Glasschale herab.
-
-In der Schale lag ein vom Haupte abgelöstes menschliches Antlitz, ohne
-Unterkiefer. Die Frau war an einem Krebsleiden gestorben, das sich vom
-Nasenbein nach der Stirnhöhle ausgedehnt hatte. Aus diesem Grunde hatte
-einer der Professoren das Gesicht von der Leiche genommen, um an diesem
-Präparate die Krankheit zu demonstriren.
-
-Rücksichtslos hatte das Secirmesser von den Mundwinkeln aus die
-Wangen durchschnitten und das Fleisch lag nun da, bläulich grau und
-eingeschrumpft. Die Augenhöhlen waren tief eingesunken und zeigten eine
-dunklere Farbe. Schwester Clarissa hatte die Todte, die vor einem halben
-Jahre gestorben war, gepflegt. Es war eine schöne, sanfte junge Mutter
-gewesen. Sie hatte gräßlich gelitten, der Gedanke an ihre Kinder, die
-mit dem Keime des Krebsleidens geboren und nach ihrer Ansicht demselben
-traurigen Schicksale wie ihre Mutter verfallen waren, hatte ihr das Sterben
-erschwert. Die junge Nonne hatte die Protestantin veranlaßt, das Abendmahl
-zu nehmen und hatte ihr dann die Augen zugedrückt. Diese Augen, die sie
-hier in der Hand hielt, in Alkohol und Aether präparirt.
-
-Die Schwester glaubte an die Auferstehung des Fleisches. Das war ihr
-gelehrt unter denjenigen Dogmen der Kirche, an die zu glauben ein
-Erforderniß zur Seeligkeit ist.
-
-Sie betrachtete sich als eine Braut des Herren und in den Kranken, die sie
-pflegte, erbarmte sie sich des irdischen Leibes dessen, auf den ihre Seele
-harrte. Mit demüthiger Arbeit und gläubigem Beten wartete sie auf
-die Stunde, in der der himmlische Bräutigam sie rufen würde zum
-Hochzeitsfeste. Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch hoffte
-sie einzugehen zur ewigen Herrlichkeit. Das heilige Feuer eines
-leidenschaftlichen Glaubens erfüllte die Seele dieses stillen, der Welt
-abgewandten Mädchens.
-
-Jeder Buchstabe der kirchlichen Lehre war für sie eine Säule, an der man
-nicht rütteln durfte, ohne den ganzen Tempel zu gefährden, den sie dem
-Herrn in ihrem Herzen erbaut hatte. Die Auferstehung des Fleisches -- ein
-Satz des Glaubensartikels selbst -- aber war einer der Grundpfeiler, auf
-dem die Lehren, denen sie anhing, beruhten. Wie war dieser Lehrsatz aber
-zu vereinen mit diesem künstlichen Erhalten menschlicher Reste, das sie
-täglich und stündlich vor Augen hatte?
-
-Sie erinnerte sich genau, daß ein junger Arzt damals mit einem
-Photographen nach der Anatomie gegangen war, um den Kopf der Todten,
-nachdem das Gesicht bis auf Unterkiefer und Zunge abgenommen war, zu
-photographiren. Die Theile, an denen die Krankheit ihr Zerstörungswerk
-vollbracht hatte, waren in der Photographie roth bezeichnet und das
-entsetzliche Bild war im Hörsaale den Studenten erklärt worden.
-
-In grübelnden Gedanken verließ die Schwester das Auditorium und begab
-sich nach ihrer Station, um die Wache anzutreten.
-
-Zu beiden Seiten des Saales lagen im Halbdunkel die Reihen der Betten. Die
-harten schmalen Lagerstätten waren weiß gedeckt. Weiß und sauber war
-die Kleidung der Kranken. Zwischen je zwei Betten war ein genügend großer
-Zwischenraum, um mehreren Personen freie Bewegung zu gestatten.
-
-Da war kein weiches Kissen, in das die Köpfe der Schlafenden hätten
-einsinken können; keine Federdecke verwischte die Linien der ruhenden
-Körper, die sich hoch und meistens in unschönen Linien von den Matratzen
-abhoben, auf denen sie nur durch eine leichte wollene Decke verhüllt
-waren. Übrigens war das kein Nachtheil, denn es war warm im Saale; aber
-manche Kranke stöhnte doch und konnte keinen Schlaf finden auf diesen
-hygienisch correcten jedoch ungewohnt steifen Kissen.
-
-Zwanzig Frauen und Mädchen befanden sich in dem Saale, darunter war indeß
-keine Schwerkranke. Die Oberschwester hatte gesagt, daß auf keinen Fall im
-Laufe der Nacht ein Todesfall zu erwarten sei.
-
-Das Isolirzimmer der Station war leer.
-
-Tröstend trat die bleiche Nonne an die verschiedenen Betten. Sie legte
-hier das Polster zurecht, strich dort die Tücher glatt, legte Eisbeutel
-auf die Stirn der Fiebernden und hielt das Trinkglas an heiße, durstige
-Lippen.
-
-Im Allgemeinen hatte sie keine schweren Hilfsleistungen zu thun und
-ihre Vorgesetzte hatte Recht, wenn sie meinte, daß eine Wärterin hier
-überflüssig sei. Die Dienste der Wärterinnen mußten aus der Hauskasse
-besonders bezahlt werden.
-
-Gegen zehn Uhr war es ziemlich still im Saale. Schwester Clarissa kniete
-vor dem Muttergottesbilde mit der kleinen Lampe in der Ecke und betete
-ihre vorgeschriebene Zahl ab. Die Kranken waren ruhig, zum größten Theil
-schliefen sie.
-
-Plötzlich war es der wachehabenden Nonne, als höre sie das Glockensignal
-des Portiers. Sollte irgendwo ein Mensch verunglückt sein und wurde in der
-Nacht in die Klinik geschafft? Schwester Clarissa hatte das oft erlebt,
-sie vermuthete es auch jetzt, aber sie verließ ihren Saal nicht, um
-nachzusehen.
-
-»Was nicht zu Euch kommt, kümmert Euch nicht.«
-
-Dieser Grundsatz, der allerdings der weiblichen Neugierde schnurstracks
-entgegenläuft, wird den Novizen tausend und aber tausendmal eingeprägt.
-Bei Schwester Clarissa war er in Fleisch und Blut übergegangen, sie blieb
-ruhig bei ihrer Andachtsübung, trotzdem sie deutlich hörte, daß Schritte
-und Männerstimmen auf den Gängen der Station hörbar wurden. Dazwischen
-klang zuweilen ein einzelner, schriller, wie thierischer Laut.
-
-Einige Kranke richteten sich auf. »Bleiben Sie ruhig liegen, es wird
-ein Kranker gebracht, unser Saal ist voll, wir werden auf keinen Fall
-gestört,« -- so redete sie auf ihre Schutzbefohlenen ein.
-
-Einige ängstigten sich bei den wilden unarticulirten Tönen, Andere
-wollten aus Neugierde aufstehen, aber sanft und bestimmt brachte die
-Schwester Alle zur Ruhe und hielt die Ordnung im Saale aufrecht.
-
-Jetzt erschien ein Arzt in der Thür. »Schwester Clarissa, Sie bekommen
-jemanden in Ihr Isolirzimmer, haben Sie keine Wärterin?« fragte er.
-
-»Nein, Herr Doktor, hier ist nichts Besonderes zu thun,« antwortete sie
-freundlich.
-
-Einen Augenblick blieb die hohe, elegante Gestalt des jungen Arztes
-zögernd in der Thür stehen. »Das ist sehr unangenehm,« sagte er, »ich
-glaube, es ist kein anderes Isolirzimmer im Hause frei.«
-
-»Auf den Frauenstationen nicht,« bemerkte ein Wärter, der sich neugierig
-näherte.
-
-»Nun, dann müssen Sie eben Rath schaffen, Schwester,« entschied der
-Stationsarzt.
-
-Er öffnete die Thür zum Isolirzimmer, und die Nonne eilte noch einmal in
-den Saal zurück. Sie trat an das Bett einer gutmüthig aussehenden Frau in
-mittleren Jahren, die Reconvalescentin war. »Wenn hier etwas nöthig
-ist, so klingeln Sie bitte, Frau Schulz,« flüsterte sie, »ich habe hier
-nebenan zu thun.«
-
-Die Frau nickte verständnißvoll, und Schwester Clarissa huschte hinaus.
-
-Als sie das kleine überaus einfache Zimmer neben dem großen Saale betrat,
-sah sie dort eine Bahre stehen, auf der eine weibliche Gestalt in dunklen
-Umrissen zu erkennen war. Die beiden Träger entfernten sich, und der
-Schutzmann, der den Transport geleitet hatte, blieb allein mit dem Arzte,
-dem Wärter und der Schwester zurück.
-
-»Sie können mir also in keiner Weise Aufklärung darüber geben, wer die
-Person ist?« fragte Dr. Schlüter den Beamten.
-
-»Herr Doktor, ich habe sie in einer Scheune gefunden, ganz verkommen, ohne
-Bewußtsein, ohne Nahrung, niemand war bei ihr. Von der Polizeiwache aus
-hat man mich mit ihr hierher geschickt. Der Besitzer der Scheune wird ja
-wohl irgend eine Auskunft geben können, es ist von der Polizei aus schon
-nach ihm geschickt.«
-
-»Wenn wir die Kranke aufnehmen sollen, muß ich doch wissen, wer für sie
-bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen sind durch städtische
-Arme besetzt und ohne meinen Chef zu fragen, darf ich niemanden aufnehmen,
-dessen Papiere fehlen.«
-
-»Schicken Sie nach dem Armenvorstand. Herr Doktor, die Polizei kann doch
-keinen todtkranken Menschen auf der Straße verhungern lassen.«
-
-Doktor Schlüter sah das ein. »Für diese Nacht will ich sie behalten,«
-erklärte er zögernd, »das Weitere muß sich morgen früh finden.«
-
-»Zu Befehlen, Herr Doktor,« antwortete der Schutzmann, machte kehrt
-und verließ mit dröhnenden Schritten das stille Haus der Leiden und
-Schmerzen.
-
-Schwester Clarissa hatte wiederholt versucht, sich der leblosen Gestalt zu
-nähern, aber ein fürchterlicher Geruch, wie von einer verwesenden Leiche
-hatte sie stets wieder von der Bahre verscheucht. Trotzdem bewiesen
-die entsetzlichen Töne, die zuweilen aus dem weit offenen Munde der
-Bewußtlosen drangen, daß noch Leben in dieser schwarzen, formlosen Masse
-war.
-
-Mit einem Ausrufe des Ekels fuhr der Arzt zurück, als er sich
-niederbeugte, um zu sehen, was für eine Verletzung oder Krankheit hier
-eigentlich vorliege.
-
-»Ich kann sie erst untersuchen, wenn sie gebadet ist,« sagte er. »Jahn,
-Sie müssen der Schwester helfen. Hier kommt es nicht darauf an, ob ein
-Mann oder eine Frau anfaßt; wenn Sie nicht fertig werden, holen Sie noch
-einen Wärter.«
-
-Ohne sich weiter zu wundern, hing sich der Wärter den Traggurt der Bahre
-über die Schultern; Schwester Clarissa faßte am anderen Ende an, und der
-Arzt folgte den Beiden nach der Badestube.
-
-Während die Schwester die Wasserleitung aufdrehte, versuchte Jahn die
-klebrigen Lumpen von dem menschlichen Körper zu entfernen, der da vor ihm
-lag.
-
-Bei der völligen Unbeweglichkeit der Glieder ergriff er eine Scheere und
-schnitt das Zeug streifenweise vom Leibe der Bewußtlosen.
-
-Die Nonne hatte inzwischen das Bad zurechtgemacht und wandte sich dem
-Wärter zu, um ihm behülflich zu sein. Sie war seit zwei Jahren in der
-Klinik und hatte schon manchen blutigen und manchen widerwärtigen Anblick
-ertragen; aber als sie sich jetzt mit der Scheere in der Hand über den
-stinkenden Körper dieses Weibes beugte, stieß sie einen leisen Schrei aus
-und sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl nieder.
-
-Wie eine dunkle Flüssigkeit rieselte es aus den Kleidern heraus, an der
-Bahre herab auf die Steine des Bodens. Aber nicht Blut und Schlamm, sondern
-jaucheartiger Schmutz und Haufen von Ungeziefer bedeckten diese Gestalt und
-diese Kleider. -- Doktor Schlüter erkannte, daß die Aufgabe dieses
-Bades über weibliche Kräfte ging und rücksichtslos schellte er nach dem
-Oberwärter der nächsten Männerstation. Als dieser erschien, zog er
-sich selbst zurück, denn die Luft in dem kleinen, heißen Raume fing an
-unerträglich zu werden.
-
-Die beiden Männer rissen die Reste der Lumpen herunter, legten den kaum
-noch erkennbaren Frauenkörper ins Wasser, bearbeiteten ihn mit Seife,
-Karbol und Bürsten und die Schwester sammelte die schmutzigen Zeugstücke
-in einen Sack, der später im Kesselhause verbrannt wurde. Dann reinigte
-und desinfizirte sie den Raum, schnitt die Haare der Gebadeten dicht an der
-Kopfhaut ab, und die beiden Wärter erneuerten mehrmals das Wasser in
-der Badewanne, ehe sie die jetzt furchtbar schreiende und tobende Person
-abrieben und auf der Bahre festbanden.
-
-Der Oberwärter wendete sich mitleidig an die barmherzige Jungfrau: »Was,
-fromme Schwester, das haben Sie sich nicht gedacht, als Sie ins Kloster
-gingen, daß Ihnen mal so etwas -- solche -- erlauben Sie gütigst --
-Schweinerei unter die Finger kommen würde?«
-
-Schwester Clarissa neigte das Gesichtchen tief über die Bahre. »Je
-schwerer die Arbeit ist, um so größer ist die Abtödtung des irdischen
-Menschen und seiner sündigen natürlichen Empfindungen,« antwortete sie.
-»In unserem Brevier steht: Du sollst wie eine Leiche werden.«
-
-»Meine Tochter möchte auch ins Kloster, aber wenn sie nach einem solchen
-Brevier dort leben müssen, dann werde ich mir doch erst noch einmal
-überlegen, ob ich's erlaube,« brummte der Mann. Dann faßte er mit Jahn
-die Bahre an, und der traurige Zug bewegte sich langsam zurück nach der
-dritten Frauenstation.
-
-Dr. Schlüter wurde nun wieder geholt und die beiden Wärter entfernten
-sich, als sie sahen, daß die Unglückliche sich auf dem warmen, trockenen
-Lager einigermaßen ruhig zu verhalten schien.
-
-»Da scheint uns ja die Polizei ein nettes Subject hergeschickt zu haben,«
-bemerkte er im Eintreten, »Sie haben mir wirklich leid gethan, Schwester
-Clarissa.«
-
-Die Kranke brüllte auf wie ein Thier.
-
-»Um Gotteswillen,« rief der Arzt nervös, »die ganze Station kommt ja in
-Aufruhr, machen Sie so schnell wie möglich eine Morphiumeinspritzung.«
-
-Die Schwester holte das kleine Etui aus der Tasche, füllte die Spritze
-an einem Wandschranke und kniete am Bette nieder, um an dem abgezehrten,
-bräunlichen Körper eine geeignete Stelle zu suchen, wo sie den Stich
-machen konnte.
-
-Der junge Mann ließ dabei unwillkürlich sein Auge auf ihrem edlen,
-durchgeistigten Antlitze ruhen.
-
-Die Nonne war höchstens zwei oder dreiundzwanzig Jahr alt; seit zwei
-Jahren war sie hier, ein Jahr war sie als Lehrschwester im Mutterhause
-gewesen, und drei Jahre hatte sie, wie jede Andere, im Noviziate zubringen
-müssen. Sie hatte also mit sechszehn oder siebenzehn Jahren schon die Welt
-verlassen.
-
-Dr. Schlüter hatte sehr freie religiöse Ansichten und glaubte eigentlich
-auch nicht an vollkommene Frauentugend. Seit zwei Jahren aber sah er dieses
-wunderschöne Mädchen in seinem frommen, aufopfernden Wirken, in seinem
-stillen Entsagen.
-
-Er war ein sehr hübscher Mann und in der Gesellschaft, sowie bei seinen
-Patientinnen fand er zuweilen ein Entgegenkommen, das durchaus geeignet
-war, seine wenig idealen Anschauungen von der Frauenwelt zu bestätigen.
-
-Wie sonderbar war es doch, daß dieses junge Mädchen ihn noch nie anders
-angesehen hatte, als mit dem ruhigen Blick einer Gehülfin, die genau
-aufpaßte, wenn er sprach, um seine Anordnung gewissenhaft ausführen zu
-können. Sollte es denn möglich sein, daß ein Weib wunschlos aufwuchs und
-ohne Anfechtung durch's Leben gehen konnte, um wunschlos zu bleiben und wie
-eine Heilige zu sterben?
-
-Er verglich das süße, fromme Gesicht mit den verzerrten Zügen des
-verkommenen Weibes, dem sie in liebevoller Selbstverleugnung diente. War
-es möglich, daß diese beiden Frauen einer Welt, einer Kultur, einem
-Vaterlande angehörten? Er sann und sann, er begriff den Abgrund, in den
-das verlorene, sterbende Geschöpf versunken war; aber er begriff die Höhe
-nicht, auf die der Engelsfittich des Glaubens das reine Mädchen gehoben
-hatte, hoch, hoch empor über alle anderen Frauen, die er kannte und vor
-denen sie doch bescheiden zurücktrat.
-
-Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das wäre doch der größte
-Geniestreich meines Lebens, wenn ich mich in eine schöne Nonne verlieben
-würde, wie der selige Luther,« sagte er zu sich selbst.
-
-Das Morphium hatte inzwischen seine Wirkung gethan, und Schwester Clarissa
-fragte, ob sie etwas zur Untersuchung holen solle.
-
-»Nein, nein, ich danke, ich habe Alles bei mir,« sagte er hastig und
-setzte sein Hörrohr auf die Brust der Kranken.
-
-Die Untersuchung dauerte ziemlich lange, es herrschte Todtenstille in
-dem kleinen Zimmer. Doctor Schlüter trat vom Bett zurück und sah sehr
-nachdenklich und ernst aus.
-
-»Schwester,« sagte er, »es wäre ja eine Schmach für die Armenpflege
-und schließlich sogar für die Polizei, aber ich glaube, wir haben hier
-den Hungertod vor uns.«
-
-»Sie lebt ja noch, wenn es das ist, wird sie zu retten sein,« entgegnete
-die Schwester sanft.
-
-»Kaum,« antwortete er. »Sie ist am Typhus erkrankt, hat sich vielleicht
-selbst in jene Scheune geschleppt, wo man sie gefunden hat, und hat dort
-ganz allein bewußtlos und ohne jede Pflege gelegen. Bewegen konnte sie
-sich nicht, niemand sah nach ihr und so ist sie am Ende verhungert. Es
-mögen neun oder zehn Tage her sein, seit der Magen zum letzten Male
-Nahrung erhalten hat, die Krankheit hat das Uebrige gethan, und wir haben
-hier nun das letzte Stadium des Hungertyphus. Versuchen Sie immerhin, ihr
-etwas Rothwein oder Milch zu geben.« --
-
-Die Schwester war nicht entsetzt, lange nicht so erschüttert wie der Arzt.
-Ein Menschenleben -- was war das denn in der Fülle der Ewigkeit? Aber
-eine Menschenseele -- sicher hatte die Unglückliche die Tröstungen
-der Religion noch nicht empfangen. Sie war im Begriffe, die letzte Reise
-anzutreten, ohne die Wegzehrung, die die Kirche dafür spenden kann,
-empfangen zu haben.
-
-»Wird sie noch einmal zu sich kommen?«
-
-Er sah überrascht auf bei der ängstlichen Frage, dann lächelte er. --
-»Ach so, ich verstehe, sie soll wohl noch communiciren? Nein, Schwester
-Clarissa, dazu ist es zu spät. Das Bewußtsein wird wahrscheinlich nicht
-zurückkehren, weil der körperliche Widerstand gegen das Bad die letzten
-Kräfte verzehrt hat. Wenn Sie noch etwas für sie thun wollen, so geben
-sie ihr noch einmal Morphium, wenn die letzten Schmerzen kommen. Gute
-Nacht, Schwester, ich schicke Ihnen so bald wie möglich eine Ablösung.«
-
-Er wollte gehen, an der Thür kehrte er noch einmal um und trat an das
-Bett. Er schlug die Decke zurück und fuhr leicht mit der Hand über den
-erhöhten und gekrümmten Rücken des scelettartig abgezehrten Körpers.
-
-»Eine interessante Verbildung,« sagte er mehr zu sich selbst, als zu der
-Pflegerin, »eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates
-und dabei eine Verkümmerung des Brustkorbes, die eine höchst anormale
-Lage aller inneren Theile bedingt. -- Wissen Sie, Schwester, diese
-Verwachsung ist schuld, daß sie so unheimlich fremdartig aussah, als sie
-auf der Trage gebracht wurde. -- Na, gute Nacht, hoffentlich brauchen Sie
-mich nicht mehr.«
-
-Er ging jetzt wirklich, und die Schwester kniete nieder mit dem Rosenkranze
-in beiden Händen. Sie küßte das Kreuz und fing dann an, den theilweise
-sinnlosen Text eines alten Sterbeliedes zu beten: »O Du schmerzhafte
-Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes -- --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- --«
-
-Sie betete so lange wie die Leidende ruhig blieb. Bei dem ersten wilden
-Schrei, der aus dem noch immer offenen Munde drang, erhob sie sich und
-führte die Schlundsonde ein.
-
-Zuerst versuchte sie etwas Milch zu geben, aber der erschöpfte Magen
-nahm sie nicht mehr an. Die Pflegerin vermischte nun Rothwein mit einigen
-Tropfen Morphium und flößte das ein.
-
-Der Versuch erwies sich als unausführbar, die Rettung kam wirklich zu
-spät, die Auflösung hatte augenscheinlich schon begonnen. Angstvoll
-betrachtete die junge Schwester das gelbe, häßliche, von schwarzen
-Flecken entstellte Gesicht. Sie wartete auf ein letztes Wiederaufdämmern
-des Bewußtseins.
-
-Vergebens -- geheimnißvoll und grausig trat der Tod ein und erfüllte mit
-seiner Nähe das enge Gemach.
-
-Sie fühlte die Gewalt der unsichtbaren Macht, die dieses verlorene Leben
-an sich riß und erwürgte, aber sie war hülflos dem Dämon gegenüber,
-den sie so gerne verscheucht hätte bis der Tag kam, bis ein Priester
-geholt werden konnte, der nach dem Glauben der Nonne im Stande war, die
-Engel der Verdammniß zu verscheuchen, die ihre Krallen ausstreckten, um
-diese Seele zu sich hinabzuziehen in das ewige Nichts.
-
-Sie hatte schon an manchem Sterbebette gebetet, und sie kannte den Tod. Oft
-war ihr gewesen, als wären drei Personen im Zimmer, sie und der Sterbende
-und eine milde, himmlische Lichtgestalt, die einen müden Erdenpilger mit
-sanfter Hand hinüberführte in die ewige Heimath. Wie einen trauten Freund
-hatte sie ihn oft willkommen geheißen den Verklärer und Erlöser, dessen
-Nähe das Ende aller Qual und den Anfang des wahren Lebens bedeutete.
-
-Wie anders war das an diesem Sterbebette! In ihrer jungfräulichen Reinheit
-ahnte sie, daß sie eine Verlorene vor sich hatte. Die verfallenen Züge
-sprachen von einem wüsten, wilden Leben in Elend und Schuld. Diese wie
-Vogelklauen gekrümmten Finger hatten gewiß niemals die Gebetschnur
-gehalten, sich niemals gefaltet erhoben zum Altare des Herrn.
-
-Tiefer, tiefer Unfrieden, der ganze Jammer des Lasters hatte diesen Zügen
-seinen Stempel aufgedrückt. Dieses Weib war sicher eine entsetzliche
-Megäre gewesen, vielleicht war sie nicht einmal vor den gemeinsten
-Verbrechen zurückgeschreckt. --
-
-Nun kam der Tod. In finsterer Nacht der Bewußtlosigkeit nahm er sie
-hin, die betende Nonne fühlte seinen eisigen Hauch, der den Körper der
-Sterbenden umhüllte.
-
-»O, wie furchtbar ist doch das Sterben derer, die nicht Gottes Kinder
-sind,« seufzte sie und sah dann zu, wie eine entsetzliche körperliche
-Qual die Brust der Sterbenden umklammerte. Sie wischte ihr den kalten
-Schweiß von der Stirn und lauschte auf ihr Stöhnen und Aechzen.
-
-Jetzt bewegten sich die Lippen, die so starr und bläulich bisher offen
-gestanden hatten. »Hund, verfluchter Hund« tönte es leise und dann ein
-Fluch, der halb erstickt und unverständlich blieb.
-
-Schwester Clarissa machte das Zeichen des Kreuzes über das Bett, da fuhr
-die Hand der Sterbenden gegen ihren Arm, das Kreuz blieb unvollendet
-und der Schwester war es, als ob eine finstere, unheimliche Macht diese
-Bewegung mit dem Gliede der Sünderin ausgeführt habe, um das Heil zu
-hindern, das sich mit dem Zeichen des Segens auf die Unglückliche hätte
-hernieder senken können.
-
-Sie wagte nicht, den Kreuzschlag zu wiederholen, sondern griff fast
-mechanisch nach der Morphiumspritze in ihrer Tasche, um der Sterbenden
-die letzte Erleichterung zu verschaffen, die Menschenhände ihr gewähren
-konnten.
-
-Dann wachte sie an diesem Sterbebette die ganze endlos lange Nacht
-hindurch. Sie war überzeugt, eine ahnende Erkenntniß von den ewigen
-Qualen der Unseligen erhalten zu haben und bat alle Heiligen und Märtyrer,
-ihr Jammer und Leid im Erdenleben zu Theil werden zu lassen, damit sie,
-wenn ihr Ende nahte, dereinst mit dem Namen des Herrn auf den Lippen aus
-diesem Leben scheiden könne.
-
-Die Verhungerte litt entsetzlich. Nie hatte die junge Schwester einen
-ähnlichen Todeskampf gesehen. Wild bäumte der verkrüppelte Körper
-der Sterbenden sich in die Höhe, die Schwester mußte förmlich mit ihr
-ringen, um sie nieder zu halten auf dem Lager. Schließlich legte sie ihr
-einen Gurt über Brust und Beine und befestigte die Schnallen unter der
-Bettstelle, wie bei einer Tobsüchtigen.
-
-Nun folgte ein leises Wimmern, dann ein Stöhnen und Jammern der höchsten
-Angst, und doch war der ganze Kampf nur körperliche Auflösung, der Geist
-kehrte nicht wieder zurück in diese elende Hülle.
-
-Als der Morgen dämmerte, änderte sich die Farbe des Gesichtes. Die große
-fleischige Nase wurde weiß, die Wangen überzog eine fahle Blässe,
-die Schatten um die Augen vertieften sich, die Lippen färbten sich
-schwärzlich.
-
-Die Fittiche des Todesengels rauschten über dem Lager -- ein letzter
-wilder Schmerzensschrei erscholl, ein Zucken fuhr durch alle Glieder .....
-
-O du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde
-unseres Todes ...
-
-Die Nonne betete an einem Todtenbette.
-
-Mit linder Hand drückte sie die Lider auf die gebrochenen Augen herab,
-legte ein Tuch über das Gesicht der Leiche und kehrte zurück an den Altar
-im Saale, um vor dem Gnadenbilde ihre Gebete fortzusetzen.
-
-Am anderen Morgen erschien ein evangelischer Oberprediger in der Klinik.
-Die Vorstandsdamen des Frauenvereins ließen durch ihn ihre Unterstützung
-anbieten. Man hatte erfahren, daß eine unbekannte Frauensperson in
-bewußtlosem Zustande eingeliefert war, und man erklärte sich bereit für
-die Unglückliche und Nothleidende einzutreten.
-
-Dr. Schlüter hörte die großmüthige, liebenswürdige Rede des
-geistlichen Herrn ruhig an.
-
-»Ich bedaure, daß Sie sich umsonst bemüht haben, Herr Oberprediger,«
-sagte er, »die fragliche Kranke ist bereits im Laufe der Nacht
-gestorben.«
-
-»O, das bedaure ich aufrichtig. Hoffentlich wird man die Leiche
-recognosciren -- jedenfalls, wie dem auch sein möge -- die
-Begräbnißkosten -- --«
-
-»O, bitte Hochwürden,« unterbrach ihn der lächelnde Arzt, »von
-Begräbnißkosten kann gar keine Rede sein, wir besorgen das schon von der
-Anatomie aus.«
-
-»Wirklich? Das ist ja sehr menschenfreundlich, dann habe ich hier wohl
-nichts mehr zu thun und werde meinen Damen Bericht erstatten.«
-
-Die Herren reichten sich in verbindlichster Weise die Hände, und der Herr
-Pastor empfahl sich in der festen Ueberzeugung, daß Alles vortrefflich
-erledigt sei.
-
-Bald nach ihm erschien bei dem Stationsarzte wieder ein fremder
-wohlthätiger Herr.
-
-Die Armenverwaltung war von der Polizei benachrichtigt, was für
-ein seltener und überaus trauriger Fall sich der Wirksamkeit
-dieser hochgeschätzten, wohllöblichen Behörde entzogen habe. Die
-Armenverwaltung war bereit, die Verpflegungskosten für die Unbekannte zu
-tragen. Man erwartete natürlich eine angemessene Preisermäßigung.
-
-Wieder hörte der Arzt mit lächelnder, verbindlicher Miene und Haltung
-die wohlgesetzte Rede des Herrn Stadtrathes mit an. »In der That, Herr
-Stadtrath, es ist im höchsten Maaße zu bedauern,« erwiderte er, »die
-Armenverwaltung bekümmert sich doch sonst um Schwerkranke, ihrem scharfen
-Auge entgeht selten ein Fall von wirklicher Noth. Der lag hier vor.«
-
-»Gewiß, gewiß, verehrter Herr Doctor, ich habe das bereits erfahren, es
-soll sofort etwas geschehen -- --«
-
-»Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Stadtrath, die Hilfe der
-Armenverwaltung kommt zu spät, die unbekannte Arme ist bereits im Laufe
-der Nacht verstorben.«
-
-»Unglaublich! An welcher Krankheit denn?«
-
-»Am Typhus -- wenigstens war das die Krankheit, die hier vorlag. Gestorben
-ist die Person eigentlich daran nicht direct.«
-
-Typhus! Der Herr Armenpfleger gerieth ganz außer sich über die
-bodenlose Unwissenheit des Landstreichervolkes, das in dieser Krankheit
-wahrscheinlich nur ein ganz unbedenkliches Unwohlsein gesehen hatte, das
-irgend welcher Pflege nicht bedurfte.
-
-»Denken Sie sich, Herr Doctor,« erklärte der würdige Herr mit großem
-Eifer, »diese Scheune gehört einem Ackerbürger, der sich in höchst
-reducirten Verhältnissen befindet. Das Bauwerk ist vollständig
-unbenutzbar und baufällig, aber der Besitzer scheut die Reparaturkosten
-und hat die Baracke auch gar nicht gebraucht, da er seine Ernte auf dem
-Halme verkauft hat. Um wenigstens einen minimalen Nutzen zu erzielen,
-vermiethet er das einsam gelegene Obdach zuweilen an fahrendes Volk. Eine
-solche Bande, die kürzlich dort hauste, muß die hilflose Schwerkranke
-zurückgelassen haben.«
-
-»Man weiß keine Namen?«
-
-»Natürlich nicht, dieses Volk bezahlt einen Unterschlupf um so besser,
-je weniger man es daselbst controllirt. Kommen und gehen ohne Anmeldung
-und Abmeldung, das lieben diese Leute, ihre Lasten dagegen, Krankenpflege,
-Steuerzahlen und was dergleichen mehr ist, die wissen sie von sich
-abzuschieben.«
-
-»Ein trostloses Leben,« bemerkte der jüngere Mann.
-
-»Lustig genug für diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich.
-
-»Uebrigens ist es eine wahre Ehrenrettung für die Behörden, die diesen
-Fall bedauerlicher Weise übersehen haben, daß die Person wenigstens nicht
-verhungert ist. Man fand Reste von Brod und Kartoffeln, die man ihr wohl
-in dem Glauben hingelegt hatte, sie würde sich erholen und sobald als
-möglich der Gesellschaft nachkommen!«
-
-»Das ist anzunehmen, Herr Stadtrath.«
-
-»Gewiß. Uebrigens würde ja gradezu fahrlässige Tödtung vorliegen,
-wenn einer der Angehörigen gewußt hätte, daß die Person durch die
-Vernachlässigung, der sie unterlag, dem Tode überliefert wurde. Aber so
-ist dieses Volk, die Angst vor der Polizei ist so groß, daß sie lieber
-sterben und verderben, als sich an eine Behörde wenden, die bei aller
-Strenge gegen ihre Vergehen, sie in ihrer letzten leiblichen Noth doch
-nicht im Stiche lassen würde.«
-
-»Ja, es ist zu beklagen, daß das tiefste Elend oft so lichtscheu ist,
-daß man es überhaupt nicht sieht,« entgegnete der Arzt.
-
-»Glauben Sie mir, Herr Doctor,« versicherte der alte Herr, der sich über
-das Verständniß freute, das er hier fand, »das Amt eines Armenvaters ist
-dornenvoll und verantwortungsreich. Es giebt Fälle von Elend, denen man
-beim besten Willen kaum beizukommen vermag, o Sie glauben gar nicht,
-was uns da manchmal vor Augen gebracht wird -- es ist zuweilen gradezu
-himmelschreiend.«
-
-»Es giebt, wie ich hier auf meinem Posten als Polikliniker ebenfalls
-erfahre, Fälle von Menschenleid und Noth, von tiefster Verzweiflung und
-Verkommenheit, die sich jeder öffentlichen Kenntniß entziehen, aber wer
-zu lesen versteht, findet die Geschichte solcher Fälle oft zwischen den
-Zeilen des kürzesten, trockensten Polizeiberichtes.« --
-
-»Sie meinen? O -- hm indessen, die Heimathgemeinde wird ja wohl
-aufzufinden sein, indeß vorläufig -- die Begräbnißkosten -- --«
-
-»O bitte, Herr Stadtrath,« unterbrach Dr. Schlüter lächelnd, »damit
-wird die städtische Armenkasse in keiner Weise belästigt werden, das
-besorgt die Universität.«
-
-»Wie meinen Sie das?«
-
-»Ich meine die Anatomie.«
-
-»Ah so, ich verstehe, meinen verbindlichsten Dank.«
-
-Sehr befriedigt über die Wendung, die diese fatale Sache für den Säckel
-einer hochlöblichen städtischen Armenverwaltung genommen hatte, entfernte
-sich der Herr Stadtrath. Dr. Schlüter begleitete ihn zur Thür und sah
-dann nach der Uhr. Die beiden Besuche hatten ihn länger aufgehalten, als
-er gedacht hatte. Um zehn Uhr war die Section angesagt, und er hatte kaum
-noch Zeit, sich dazu umzukleiden.
-
-Der Chef der Klinik hielt vor einem großen Kreise junger Mediciner einen
-Vortrag an der Leiche. Wegen der Mißbildung des Rückens lag der nackte
-Körper auf der Seite. Der Secirtisch war blank gescheuert und kalt. Die
-Leiche sah bei dem elektrischen Lichte, das grell auf sie fiel, schauerlich
-grün aus, mit grauschwarzen Todtenflecken am ganzen Leibe. Der
-geschorene Kopf mit dem unedlen Profil und dem offenen Munde machte einen
-fratzenhaften Eindruck.
-
-Blitzend und eisig fuhr das Instrument des Professors in den Körper hinein
-und machte den ersten Schnitt. Die weitere anatomische Arbeit besorgten die
-Assistenten und Diener, aber der Professor erklärte, zeigte, sprach
-und lehrte. Der Vortrag war äußerst geistvoll, der Gegenstand
-hochinteressant.
-
-Die Universitätskasse ruinirte sich nicht bei den Begräbnißkosten dieser
-Todten, die inneren Organe, die alle mißgestaltet und ungewöhnlich
-waren, kamen fast ausnahmslos in Spiritus. Die Knochen des ganzen Körpers
-einschließlich des Kopfes wurden vom Fleische befreit, präparirt,
-gekocht, mit Chlor abgerieben, mit Draht verbunden, und es entstand aus
-ihnen das schönste anormale Scelett, was je eine medicinische Hochschule
-besessen hatte.
-
-Der Diener der Anatomie trug am späten Abend eine festzugeschraubte Kiste
-mit menschlichen Resten zum Todtengräber.
-
-Früh, ehe der Kirchhof belebt wurde, grub man dort ein Loch und schüttete
-es zu. Die Winde des Himmels aber trugen Samen darauf von Kräutern und
-Gras. Es wächst überall eigenthümlich üppiges Gras in den vergessensten
-Winkeln der Kirchhöfe.
-
-Die Polizei stellte unermüdliche Nachforschungen an nach jenen Vagabunden,
-die ein sterbendes Weib hülflos und allein in einer baufälligen Scheune
-verlassen hatten.
-
-Die Schuldigen wurden ermittelt und wegen fahrlässiger Tödtung verhört,
-man konnte ihnen aber nichts nachweisen und ließ sie laufen.
-
-In der Klinik erschien ein Polizei-Commissar, um in den Papieren der
-Anstalt nachträglich den Namen jener Todten einzutragen, die hier geendet
-hatte, ohne daß man wußte, wer sie war. Sie hieß Karoline Schwarz; der
-Beamte theilte es dem Stationsarzte mit, der gleichgültig die Achseln
-zuckte.
-
-»Ich kann sie Ihnen übrigens zeigen,« sagte Dr. Schlüter und führte
-den Herrn in den Hörsaal vor ein prachtvoll aufgebautes weibliches
-Gerippe. Man sah die Fehler, die die Natur bei der Bildung dieser Knochen
-gemacht hatte, und das erschien den Herren außerordentlich interessant.
-
-Für Schwester Clarissa war die Aufstellung dieses Präparates »eine
-Anfechtung« -- wie der kirchliche Ausdruck dafür lautet.
-
-Sie war nicht im Stande, daran vorüberzugehen wie an den anderen
-anatomischen Gegenständen ihrer Umgebung. Sie konnte diese grau-gelben
-Knochen nicht sehen, ohne an den grausigen Todeskampf zu denken, den sie
-mit angesehen hatte. Unaufhörlich stellte sie sich vor, wie die Seele,
-nachdem sie den Körper verlassen hatte, hindurchgeglitten sei durch das
-kalte, schaurige, endlose Nichts des Jenseits, um vergebens den Herrn zu
-suchen und seine Gnade.
-
-Sie glaubte zu ahnen oder beinah zu wissen, wie dann die Teufel die Seele
-ergriffen hätten und in den ewigen Pfuhl des Fegefeuers geworfen. Und sie,
-in der heiligen Armuth, die sie gelobt hatte, besaß nicht die Mittel, um
-Seelen-Messen zu ihrer Erlösung lesen zu lassen.
-
-Der dogmatische Glaube, der bis dahin Halt und Stütze der Jungfrau bei
-ihrem schweren Berufe gewesen war, bereitete ihr jetzt zum ersten Mal auch
-Schmerzen.
-
-Hätte sie dem Dr. Schlüter die Unruhe anvertraut, die sie innerlich
-verzehrte, so würde er wahrscheinlich gesagt haben, sie sei durch
-Ueberanstrengung in einen krankhaft nervösen Zustand gekommen. Er würde
-ihr Diensterleichterung und Mittel für Nervenleiden gegeben und sie
-vielleicht noch von ganzem Herzen bedauert haben.
-
-Die Nonne aber vertraute ihr Leid nicht dem Arzte, sondern dem Beichtvater.
-Der Priester hatte nicht die Einsicht, sie seinerseits an einen Arzt zu
-weisen, sondern sagte ihr, die ohnehin von drei Nächten nur zwei schlief
--- sie möge ihren Leib kasteien und von den Stunden, die ihr zum Schlafe
-gewährt seien, noch eine in jeder Nacht der Fürbitte widmen.
-
-So betete und wachte das zarte junge Mädchen und hoffte, eine Verdammte
-damit zu erlösen. Der Kaplan aber hatte das Richtige getroffen, um ihr die
-Ruhe zurückzugeben. Er kannte ganz genau den Glaubenszwang, der auf die
-Seelen der Novizen ausgeübt wird.
-
-»Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden Gott schauen.« Nach
-diesem Grundsatze behandelte er seine Beichtkinder, sofern sie Ordensleute
-waren.
-
-Schwester Clarissa glaubte, daß sie ein Werk zur Seligkeit thue und
-fühlte sich glücklich dabei. Körperlich aber überstieg die Sache ganz
-entschieden ihre Kräfte.
-
-Ihr zartes Gesicht nahm eine durchsichtige Blässe an, die Hände kamen
-wachsweiß aus den schwarzen Aermeln hervor, und die großen grauen Augen
-leuchteten mit verklärten Blicken unter dem dunklen Nonnenschleier, der
-über der weißen Stirnbinde lag.
-
-Dr. Schlüter sah die Veränderung, die mit ihr vorging. Er versuchte ihr
-Vertrauen zu erlangen, aber das war ganz vergeblich.
-
-All seinen theilnehmenden ärztlichen Fragen nach ihrem Befinden wich sie
-scheu und verlegen aus. Er brachte nichts aus ihr heraus und wendete sich
-deshalb an die Schwester Domina.
-
-Sofort befahl die Oberin, daß Schwester Clarissa wegen nervöser Folgen
-von Ueberanstrengung auf einen Monat von allen Nachtwachen zu dispensiren
-sei. Außerdem wurde ihr erlaubt, jeden Nachmittag eine Stunde im Garten
-der Anstalt zuzubringen.
-
-Diese Maßregeln waren der jungen Schwester außerordentlich unangenehm,
-indessen die Gefühle der Ordensleute werden so eingezwängt und
-eingeschraubt durch die seelische Bevormundung, die ihnen zu jeder Zeit
-zu Theil wird, daß eine Nonne ein für alle Mal jede Aeußerung ihrer
-Gefühle unterdrückt und sich schweigend fügt.
-
-Es war grade Hochsommer, und der Aufenthalt in der freien Luft schien
-wirklich eine Spur von rosiger Farbe auf das weiße Gesichtchen in der
-düsteren Umrahmung zu zaubern. Dr. Schlüter sah sie mit Befriedigung auf
-einer Bank sitzen unter einer blühenden Linde. Die schmalen weißen Hände
-hielten ein Buch. Unter den gesenkten Wimpern tropften schwere Thränen
-hervor und fielen auf die Blätter.
-
-Der Arzt sah das reizende Geschöpf von seinem Zimmer aus. Er bemerkte,
-daß sie weinte und ging hinaus in den Garten, um sich ungenirt neben sie
-auf die Bank zu setzen.
-
-»Warum weinen Sie, Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch todt
-für die Welt. Wie ist es möglich, daß ein irdischer Kummer den Frieden
-stören kann, den Sie gefunden haben?«
-
-»Ich habe einen Zweifel.« -- Zögernd, gepreßt rang sich das
-Geständniß von ihren bebenden Lippen. Der Zweifel mußte sie wohl sehr
-beunruhigen, daß sie sich entschloß, ihn vor einem Kinde der Welt laut
-werden zu lassen.
-
-»Sie -- einen Zweifel?« Er war mehr als erstaunt. »Natürlich meinen Sie
-einen religiösen Zweifel, nicht wahr?«
-
-»Nicht ganz,« antwortete sie ängstlich, »es ist eigentlich ein
-historischer Zweifel.«
-
-»Wie -- was?«
-
-Sie erklärte ihm schnell, was sie meinte. »Sehen Sie, ich lese das
-Leben der h. Agathe. Das Buch ist mit hoher erzbischöflicher Genehmigung
-herausgegeben und besonders für Ordensfrauen zum Lesen bestimmt. Sie
-wissen ja, wie die Heilige verstümmelt wurde, weil sie dem Kaiser
-Diocletian nicht als Heidin anhängen wollte.
-
-Nach ihrer Marterung verließ sie der Kaiser, und sie blieb sterbend in
-den Armen der ihren zurück. Da -- da schritt über den Markt die Jungfrau
-Maria.« ....
-
-»Nun und was weiter?«
-
-»Herr Doctor, die Jungfrau Maria war schon lange todt, als der Kaiser
-Diocletian lebte.«
-
-Der Arzt freute sich über die Entdeckung, daß die einzige Schwester, die
-ihm interessant war, aus gebildeten Kreisen zu stammen schien.
-
-Er lächelte. »Aber Schwester Clarissa, da würde ja die Weltgeschichte
-aufhören.«
-
-»Bitte, lesen Sie.«
-
-Sie reichte ihm das Buch, und der freigeistige junge Gelehrte las nun die
-Stelle.
-
-Er gab das Buch zurück. »Beruhigen Sie sich, liebe Schwester,« sagte er,
-»eine solche Erscheinung nach hundert Jahren macht der heiligen Jungfrau
-weiter keine Schwierigkeiten. Sie ist ja seitdem öfter erschienen, nach
-Bedarf wird sie auch noch ferner erscheinen.«
-
-»Also Sie erklären das durch eine Erscheinung?« fragte sie glücklich.
-Er wunderte sich, daß sie die Ironie seines Tones nicht bemerkte.
-
-»Ja, ich denke, daß es hier so gemeint ist. Die Mutter Gottes ist ja im
-Fleische auferstanden. Das heißt, Sie glauben doch an die Auferstehung des
-Fleisches?«
-
-»Ja.«
-
-Sie sagte es so feierlich, so bestimmt; aus ihren tiefen Augen leuchtete
-das Feuer einer so wahren Askese, daß er plötzlich begann, sich unsicher
-ihr gegenüber zu fühlen. Es war ja recht gut, daß sie mit seiner
-Erklärung des Gegenstandes, der sie so unglücklich gemacht hatte,
-zufrieden gewesen war.
-
-Er wollte den günstigen Eindruck nicht wieder verwischen und versuchte es
-lieber zu ermitteln wie weit dieser grüblerische, fanatisch beeinflußte
-Geist eigentlich mit wirklicher Bildung ausgestattet sei.
-
-Ganz ohne Uebergang fragte er sie plötzlich, ob sie jemals den Faust
-gelesen habe.
-
-Sie sah ihn verwundert an. »O ja, in der Welt, ehe ich ins Noviziat
-eintrat.«
-
-»Wie alt waren Sie bei Ihrem Eintritte?«
-
-»Achtzehn Jahr.«
-
-»Was haben Sie seitdem gelesen?«
-
-»Nur religiöse Bücher, alles Andere ist uns verboten.«
-
-»Und genügt Ihnen das ein für alle Mal?«
-
-»Es muß mir genügen.«
-
-Diese energische Zucht, die die Kirche an dem Geist derer übt, die sich
-ihr ganz widmen, imponirte ihm.
-
-Er fragte sie nach diesem und jenem und kam zu dem Ergebniß, daß sie eine
-tüchtige Schulbildung genossen habe, wie sie nur Töchter der höheren
-Stände erhalten. Bei seinen Fragen nach ihren früheren Verhältnissen
-schwieg sie.
-
-Einmal lächelte sie auch und sagte: »O ja, damals, als ich noch lebte;
-aber sehen Sie, ich bin doch nun todt für die Welt.«
-
-Er sah ihre lieblichen Lippen und ihre kleinen weißen Zähne an, wie
-sie das so lächelnd sagte, und der Sinn ihrer Worte blieb ihm in diesem
-Augenblicke fremd. Er sah darin eine etwas überspannte, mädchenhafte
-Auffassung des klösterlichen Berufes, nicht eine Bestätigung des
-furchtbaren Befehls, den die Kirche ihren Jüngern zuruft: Du sollst wie
-eine Leiche werden.
-
-Die Schulbildung war da, aber dann war nichts hinzugekommen, als
-einseitiges medicinisches Wissen, kirchliche Schulung aller Empfindungen
-und eine gewisse trostlose Lebenserfahrung, deren einzigen Mittelpunkt das
-Krankenbett bildete. Keine gesellschaftlichen Formen, keine Fähigkeit zum
-Plaudern und Scherzen.
-
-Und dabei war dieses Mädchen so wunderbar schön! Noch niemals hatte er um
-eines reizenden Gesichtes willen geistig eine solche Forschungsreise nach
-Herz und Bildung unternommen wie hier, bei diesem frommen, tüchtigen,
-klugen Mädchen.
-
-Er bedauerte in seinem Herzen, daß sie Nonne war, nicht weil sie ihn
-persönlich so sehr interessirte, sondern weil es ihm leid that, daß
-diesem Geiste ein für alle Mal die Flügel gebunden waren.
-
-Und so wie diese Eine, denken tausende von Mädchen, die den Schleier
-tragen. Sie dienen der Allgemeinheit still und entsagend. Niemand achtet
-auf sie, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Die Psychologie in der
-modernen Kunst dringt bis in die tiefste Herzenstiefe der Weltkinder ein,
-die Kinder der Kirche aber übersieht sie.
-
-»Weltdamen, Schauspielerinnen, Bauernmädchen, Kellnerinnen, ja sogar
-Dirnen werden beachtet, ans Licht gezogen und interessant gemacht durch das
-Interesse, das Kunst und Wissenschaft an ihnen nehmen. Ihr Aeußeres
-wie ihr Seelenleben wird geschildert, wird studirt und wird schließlich
-rückwirkend durch diese Beachtung, die es findet, beeinflußt. -- Wer
-beachtet, wer schildert das Seelenleben moderner Nonnen?«
-
-Der junge Kliniker machte hier einen schwachen Versuch dazu. Er konnte
-sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß auch die frommen Schwestern
-äußerlich mit der Zeit fortschreiten. Sie besitzen, wie er täglich sah,
-eine große chirurgische Geschicklichkeit und so viel medicinische
-und sogar anatomische Kenntnisse, daß sie die besten und beliebtesten
-Gehilfinnen der Aerzte bei der Ausübung ihres Berufes bilden. Aber dennoch
-war Dr. Schlüter der Ansicht, daß der größte Theil der Schwestern im
-Denken und Fühlen, im Glauben und Beten zurückgeblieben sei im tiefsten,
-dunkelsten Mittelalter.
-
-Es würde ihn lebhaft interessirt haben, das Leben der h. Agathe oder
-auch das der h. Elisabeth einmal durchlesen zu können. Er wußte, daß
-Schwester Clarissa diese Bücher zuweilen den Kranken, die ihres Glaubens
-waren, zu lesen gab. Er sah prüfend auf das Gesicht der neben ihm
-Sitzenden, ehe er es wagte, um diese Bücher zu bitten.
-
-Auf den reinen lieblichen Zügen lag aber nichts, als der Ausdruck
-himmlischen Friedens. Sie schien mit ihren Gedanken so fern von ihm, so
-fern von allen irdischen Dingen zu weilen, daß er es nicht wagte, noch
-einmal wieder ein Gespräch mit ihr anzufangen. Wie unschuldig rein war
-es doch, daß sie so ruhig neben ihm sitzen blieb und nicht den geringsten
-Anstoß daran nahm, daß er sie aufgesucht hatte.
-
-Er verabschiedete sich freundlich und kehrte in sein Zimmer zurück, ohne
-die Bücher, die ihn interessirten, erbeten zu haben. --
-
-Im Laufe der Nacht starb in der Anstalt ein neugeborenes Kind. Es hatte
-nur wenige Stunden gelebt, und die Mutter wurde, schwer krank an einem
-typhösen Fieber, aus dem Saale der Wöchnerinnen entfernt und in das
-Isolirzimmer der dritten Station gebracht.
-
-Schwester Clarissa pflegte die Kranke mit aufopfernder Pflichttreue, aber
-ohne persönliches Interesse. Wäre das unglückliche Mädchen unter ihren
-Händen gestorben, so würde sie ruhig für die rechtzeitige Ertheilung
-der Sacramente gesorgt haben, hätte für ihre Person die vorgeschriebenen
-Gebete gesprochen und im Uebrigen nicht weiter an den Fall gedacht.
-
-Die Unglückliche starb aber nicht. Die pflegende Schwester sah, wie
-leise, von Schwäche fast überwältigt, daß Leben und die Besinnung
-zurückkehrte.
-
-Dr. Schlüter blickte freundlich auf die Kranke herab, wie sie sich
-aufrichtete und ihn bat, ein paar Minuten bei ihr zu bleiben.
-
-»Gerne Barbara« -- er vermied es, sie Fräulein zu nennen -- »warum
-sollte ich wohl jetzt nicht einige Minuten Zeit für Sie haben? Wissen Sie
-nicht, daß Sie mich schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«
-
-»Herr Doctor,« stotterte das Mädchen in tiefster Verlegenheit, und über
-die eingesunkenen Wangen huschte ein Schein von Erröthen. »Herr Doctor
-waren Sie -- Sie auch dabei?«
-
-»Sie meinen bei Ihrer Entbindung, Barbara?«
-
-Sie nickte und sah mit tief unglücklichem Ausdrucke auf ihre mageren
-Hände herab.
-
-»Nun, mein Gott, was ist denn dabei, ich habe das schon oft erlebt,
-deshalb brauchen Sie sich nicht zu geniren.«
-
-Sie sah angstvoll zu ihm auf. »Lebte das Kind?« hauchte sie.
-
-»Ja, es lebte, aber es war noch nicht lebensfähig, es ist nach einigen
-Stunden gestorben. Machen Sie sich keinen Kummer, das Unglück wäre
-größer, wenn Sie das Kind jetzt hätten.«
-
-»Für dieses Leben ja,« erwiderte die Kranke, »aber Schwester Clarissa
-sagt, das Unglück in diesem Leben wäre ein Zeichen von der Liebe des
-Herrn.«
-
-»Ach, das haben Sie falsch verstanden,« versuchte er zu trösten, »die
-Schwester hat gemeint, Sie möchten dem Kinde weiter nicht nachtrauern,
-nicht wahr Schwester Clarissa?«
-
-»Ich meine, dieses Leben ist nur eine Station auf der Pilgerfahrt zur
-Heimath. Was wir hier erdulden, ist vergänglich; das unvergängliche Leid
-oder die ewige Freude beginnt erst nach dem Tode,« erwiderte sie.
-
-Der Arzt sah sie mißbilligend an. »Schwester ich muß Ihnen, als Ihr
-Stationschef, dessen Gehilfin Sie sind, sagen, daß es nachtheilig für die
-Kranken ist, wenn Sie mit ihnen über den Tod sprechen.«
-
-Die Schwester schwieg.
-
-»Das hat die Schwester nicht gethan,« sagte Barbara.
-
-»Nun, wovon ist denn aber die Rede?«
-
-»Von dem Kinde, Herr Doctor. Sie haben das Kind gesehen, sagen Sie mir, o
-Gott ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, sagen Sie mir die
-Wahrheit, ist mein Kind vor seinem Tode getauft?«
-
-»Getauft? Aber ich bitte Sie, wer hätte es denn taufen sollen?«
-
-Die arme Mutter schrie laut auf und warf sich auf das Kissen zurück, sie
-weinte leidenschaftlich.
-
-»Barbara, werden Sie ruhig, Sie schaden sich, ich befehle es, wenn Sie
-nicht aufhören zu schreien, gehe ich mit der Schwester hinaus.«
-
-»O, mein Kind,« schluchzte sie, »mein Kind hat nun keinen Antheil an dem
-Opfer Christi, es gehört nicht zu ihm, es ist verloren, ich werde es nie
--- niemals wiedersehen.«
-
-Er zögerte nun einen Augenblick, ob er etwas sagen dürfe, was er selbst
-nicht glaubte, endlich entschloß er sich es zu thun -- als Arzt, um ihrer
-Aufregung willen. »Was wollen Sie denn eigentlich,« polterte er ein wenig
-ungeschickt -- »wiedersehen? Natürlich werden Sie Ihr todtes Kind
-in diesem Leben nicht wiedersehen, aber später -- -- nach dem
-Tode -- -- --«
-
-Sie richtete sich etwas auf, mit dem Rücken halb nach oben, auf die
-Ellbogen gestützt. Um das bleiche Gesicht hing das wirre blonde Haar, die
-tiefliegenden blauen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der höchsten
-Angst auf Schwester Clarissa.
-
-»Schwester,« stöhnte sie, »bei den Schmerzen der heiligen Jungfrau, bei
-dem Blute Christi, sagen Sie mir die Wahrheit -- werde ich es wiedersehen,
-das ungetaufte Kind -- -- nach dem Tode?«
-
-Ein harter Zug entstellte den Mund der Nonne. »Nein,« sagte sie kurz und
-rauh.
-
-Die Kranke wurde bewußtlos, und die Pflegerin ging dem besorgten Arzte
-sachgemäß und ruhig zur Hand, wie immer. --
-
-Nach einer Viertelstunde verließ Dr. Schlüter das Isolirzimmer.
-Die Kranke lag mit den nöthigen Mitteln versehen ruhig athmend mit
-geschlossenen Augen da. Er hatte keine ernstlichen Besorgnisse für
-sie, das Interesse aber, das sich eine kurze Zeit für die Tochter der
-römischen Kirche in seinem Herzen geregt hatte, war erloschen.
-
-Er war hart angeprallt an die Scheidewand, durch die der Glaube und das
-Gelübde der Nonne diese von ihm, von der Welt und von allem Denken und
-Thun der meisten Menschen trennte.
-
-Einen Augenblick hatte es ihm weh gethan, dieses harte kalte »nein«,
-mit dem sie etwas bestätigte, was sie für wahr hielt; aber von allen
-Liebesschmerzen, die er je um dieses süßen Mädchenantlitzes willen
-empfunden, hatte ihn dieser Augenblick geheilt.
-
-Ihm schien es jetzt auf einmal, als ob dieses Gesicht, das er zuweilen von
-Locken umrahmt sich geträumt hatte, gar nirgend anders hingehöre, als
-unter die weiße Haube, die so kalt und streng vom schwarzen Schleier rings
-umwallt, die Stirn verhüllte.
-
-Er sah nur noch die barmherzige Schwester, die ihm zur Hand ging, düster
-in der Erscheinung, unnahbar im Wesen und unergründlich räthselhaft im
-Glauben. Er machte es jetzt wie alle anderen Aerzte. Er bediente sich der
-Schwester, die ihm zur Verfügung stand, wo er sie brauchte, aber ihre
-Person beschäftigte ihn nicht mehr.
-
-Er hätte es selbst nicht gedacht, daß es ihm so wenig zu Herzen gehen
-würde, als bald darauf die schöne, junge Nonne in eine Irrenanstalt
-geschickt wurde, wo ein noch viel schwererer Beruf ihrer wartete, als hier.
-
-Auf die dritte Frauenstation kam Schwester Maximile, die viel älter war
-als Schwester Clarissa, und Dr. Schlüter lebte sich ganz gut ein mit
-dieser neuen Arbeitskraft. Im Wesen und Benehmen hatte er überhaupt noch
-nie eine Verschiedenheit zwischen zwei Nonnen bemerkt, sie waren und gaben
-sich Alle wie aus einer Schablone gepreßt.
-
-Schwester Clarissa war eigentlich gar nicht anders gewesen, wie diese
-gewöhnlichen Schablonen-Schwestern; sonderbar, daß er es versucht hatte,
-ihr näher zu treten. Ihre Augen -- ja das war es, in ihren Augen hatte
-etwas gelegen, das er für Geist gehalten hatte und das schließlich nichts
-Anderes gewesen war, als Fanatismus.
-
-Der junge Gelehrte hatte übrigens nicht viel Zeit, über diese Sache
-nachzudenken und die Pflegerinnen in der Anstalt zu beobachten. Sein Beruf
-beschäftigte ihn in hohem Maaße. Er besorgte die Station, hatte oft bei
-seinem Chef zu assistiren und beschäftigte sich außerdem mit anatomischen
-Arbeiten. Im Herbst hielt er seine ersten gut besuchten Vorträge als
-Privatdocent; die Bacteriologie kostete ihm unendlich viel Zeit und
-complicirte seine Arbeiten ganz bedeutend.
-
-Von vielen Seiten wurde versucht, ihn in gesellige Kreise zu ziehen, aber
-er wich allen Vergnügungen, besonders solchen, wo er Damen treffen konnte,
-aus. Schwester Clarissa hatte ihn unsagbar angezogen und dann plötzlich
-seine ganze Seele zurückgestoßen. Eine Wunde hatte das seinem Herzen
-nicht gerade zugefügt, aber eine Wand hatte es errichtet zwischen ihm
-und dem weiblichen Geschlechte. Sein Herz war fortan umpanzert, und die
-schönsten Augen, die ihm oft freundlich genug entgegen blickten, ließen
-ihn kalt.
-
-Er kam mit der Zeit zu der Ueberzeugung, daß die fromme Schwester ganz
-unschuldig an der Enttäuschung war, die er empfand. Er hielt es für das
-höchste Ziel der Humanität, dem Menschen zu helfen, ihn zu trösten und
-zu erfreuen, so lange er auf Erden wandelte und sie -- sie erachtete die
-Freuden und Schätze dieser Welt gering, um jener herrlichen Verheißung
-willen, die sie für sich und Andere erhoffte -- -- nach dem Tode.
-
-Tod und Leben, Welt und Kirche, das waren die Gegensätze, die ihn auf
-ewig von ihr schieden. Sie aber war mit keinem Wort, mit keiner Miene,
-wahrscheinlich mit keinem Gedanken sich selbst untreu geworden. Wie die
-Nonne sein soll, so war sie -- so gab sie sich, so dachte und fühlte sie.
-Wenn je in ihrer Brust eine Leidenschaft gelebt hatte, so hatte sie sie
-überwunden. Das aber, was er zu überwinden hatte, war nicht einmal
-eine Leidenschaft, sondern nur ein inniges Wohlgefallen, ein Interesse
--- -- -- ach, was -- es war, so sagte er sich selbst und so glaubte er
-es zuletzt auch, überhaupt kein persönliches, sondern nur ein allgemeines
-Interesse gewesen. -- Diese interessante Species -- eine moderne Nonne,
-war etwas Besonderes, etwas, was man anderswo eben nicht trifft, weder in
-Büchern, noch im Leben.
-
-Hier war ihm diese Erscheinung täglich vor Augen getreten, der Psycholog
-in ihm war erwacht, er hatte geforscht in dieser schwer zugänglichen
-keuschen Seele und das Ergebniß -- -- -- -- ja, das Ergebniß war
-hinter den Erwartungen des gelehrten Forschers zurückgeblieben. Er dachte
-noch zuweilen mit leisem Schauder an ihren starren dogmatischen Glauben
-zurück. Das Fleisch abtödten und dem Geiste leben -- die Welt verachten,
-verlassen, vergessen, um einer anderen Welt willen, von der wir
-nichts Bestimmtes wissen, die vielleicht nichts ist als ein Traum. Wie
-mittelalterlich, wie fremdartig das doch war!
-
-Als echt moderner Mann dachte er gar nicht daran, einen Aufklärungsversuch
-oder sonst ein romantisches Unternehmen zu riskiren, um die Seele, die
-er auf einem Irrweg glaubte, zum Lichte der Aufklärung und Wahrheit
-zurückzuführen. Er zuckte die Achseln und wendete sich von der Jungfrau
-mit den »unmöglichen Ansichten« bedauernd ab. Seine eigene innere Ruhe
-und Selbstzufriedenheit wurden nicht ernstlich dadurch bedroht.
-
-Er stand im Hörsaale, die letzten Strahlen der Herbstsonne fielen auf sein
-blondes, wohlfrisirtes Haupt und verloren sich hinter ihm in den leeren
-Rippen des verkrümmten Scelettes, vor dem er stand. Der Todtenschädel
-war weit vornüber geneigt und hing beinahe über dem Kopfe des jungen
-Docenten. --
-
-Seine Vorlesung war zu Ende, die Studenten entfernten sich, und einer von
-den jüngsten unter ihnen, ein hübscher eleganter Pole, trat noch einmal
-mit seinem Hefte in der Hand an den Lehrer heran, ihn um irgend eine
-Erklärung zu bitten.
-
-Eifrig setzte dieser dem Jüngling die Sache auseinander, um die es
-sich handelte, und so überhörten Beide in dem Gewirre von Stimmen
-und Schritten der sich entfernenden jungen Leute, wie ein bettelhaft
-gekleideter Mann, von einem braunen, zigeunerhaft aussehenden Mädchen
-begleitet, den Saal betrat. --
-
-Der Mann war Orgeldreher und trug sein schweres Instrument an einem
-Riemen über die Schulter gehängt; das Mädchen trug das Gestell, um den
-Leierkasten aufzustellen, und eine zinnerne Schale zum Einsammeln kleiner
-Geldstücke. --
-
-Es war niemand weiter im Saale wie der Mann und das Mädchen, die beiden
-Herren und das graue hohläugige Gerippe. Der Orgeldreher war kaum mehr als
-fünfzig Jahre alt, aber seine Züge waren so verwittert und durchfurcht,
-sein Rücken so gebeugt von der schweren Last, die er zu tragen gewohnt
-war, daß er aussah wie ein Greis. Nur das Haar war noch nicht gebleicht.
-Wirr und in lockiger Fülle hing es ihm tief in die Stirn und über den
-Nacken herab.
-
-Dasselbe lockige wilde Haar hatte das Mädchen. Ihre Züge waren grob und
-gebräunt, sie hatte brennende schwarze Augen, rothe etwas zu volle Lippen
-und Glieder von einer gewissen Anmuth und Fülle, wie sie diesen wandernden
-Mädchen auf eine kurze, ganz kurze Zeit die Jugend verleiht.
-
-Dr. Schlüter bemerkte die Leute, als alle Studirenden gegangen waren.
-»Die Armenbehandlung ist von zehn bis zwölf Uhr, kommen Sie morgen um die
-Zeit, wenn Sie krank sind,« wendete er sich an den Mann.
-
-Der junge Pole betrachtete mit Wohlgefallen die Gestalt des mit ärmlichem
-Putz gekleideten Mädchens.
-
-»Ich heiße Schwarz,« sagte der Mann mit einer Sicherheit, als gebe ihm
-dieser Name ein Recht, hier zu thun, als sei er zu Hause.
-
-Der Arzt wollte einen Scherz darüber machen, ehe er, wenn es nöthig
-werden sollte, grob wurde, aber die düstere Ruhe, die auf den Zügen
-dieses Mannes lag, fiel ihm auf. Er trat einen Schritt auf ihn zu.
-
-»Was wollen Sie hier?«
-
-»Ich will wissen, wo mein Weib begraben ist, das soll hier gestorben
-sein,« sagte der Mann und wie erklärend fügte das Mädchen hinzu:
-»Meine Mutter.«
-
-»Soll? Ja wie ist denn das möglich. Kann es denn einen Mann geben,
-der nicht weiß, wo seine Frau begraben und gestorben ist?« rief Dr.
-Schlüter.
-
-Der Vagabund schwieg.
-
-»Nun?« fragte der Arzt noch einmal.
-
-Der Mann suchte immer noch vergeblich nach Worten. Er hatte sich das
-einfacher gedacht, nach seiner Frau zu forschen, er hatte geglaubt, in der
-Klinik müsse jeder Mensch wissen, wer die Karoline Schwarz war, die hier
-starb, und ihn als ihren Mann erkennen.
-
-Nun wußte hier niemand etwas davon, und dieser Herr Doctor hatte eine
-Art zu fragen, die ihn lebhaft an das Unangenehmste, was er kannte, an die
-Polizei, erinnerte. Es war ihm schon schwer genug gewesen, auf die Polizei
-zu gehen, um sich hierher schicken zu lassen, und nun mußte er es hier
-erleben, daß man, anstatt ihm Auskunft zu geben, Fragen über Fragen an
-ihn richtete.
-
-Er wußte nicht, an welchem Tage er seine Frau zuletzt gesehen hatte, nur
-ganz allgemein erinnerte er sich, daß es zu Anfang des Sommers gewesen
-sei.
-
-Noch viel weniger wußte er, wann und durch wen die Frau in die Klinik
-gebracht und wann sie gestorben war.
-
-Der Privatdocent legte die Hand an die Stirn und besann sich: »Schwarz --
-Karoline Schwarz« -- wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht, den
-Namen gehört zu haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß sie auf meiner
-Station gestorben sei?«
-
-»Ein Herr auf dem Bureau.«
-
-Herbe Enttäuschung zeigte sich auf den Gesichtern der Fremden. Sie sahen
-sich rathlos an und schienen gehen zu wollen. Der Arzt empfand Mitleid
-und mehr aus persönlicher Gutmüthigkeit, als aus dem Gefühl einer
-Verpflichtung diesen unklaren Angelegenheiten gegenüber, hielt er die
-Leute zurück.
-
-»Wie war denn das? was fehlte Ihrer Frau, vielleicht fällt es mir
-wieder ein, erzählen Sie mir etwas von ihrer Krankheit,« sagte er, »oft
-erinnert man sich besser der Krankheit, als des Kranken, wenigstens was den
-Namen betrifft.«
-
-Nun begann eine umständliche Erzählung. Das junge Mädchen glaubte oft
-mit einigen Einzelheiten den Bericht des Vaters ergänzen zu müssen. Die
-beiden Zuhörer waren erschüttert von dem Bilde menschlichen Leidens und
-Entsagens, das sich vor ihnen entrollte.
-
-Der Winter war hart gewesen, und die Leute besaßen keine Wohnung, kein
-Bett. Für die wenigen Pfennige, die sie erbettelten, mietheten sie sich
-bald hier bald da ein. In gesunden Tagen war ihnen das einerlei gewesen,
-aber als die Frau krank und mühselig wurde, schleppten sie sich kaum noch
-von Hof zu Hof. Wenn die Töne der Drehorgel erklangen, fiel es selten
-einem Menschen ein, die festgefrorenen Fenster zu öffnen und den Hungernden
-und Frierenden da draußen ein Almosen zu reichen. Sie hätten oft
-weder Nahrung noch Obdach gehabt, wenn die Tochter, die in Schenken
-allerniedrigster Art als Liedersängerin auftrat, ihnen nicht zuweilen
-einige Groschen zugewendet hätte. Die Mutter war schon lange gebrechlich
-und arbeitsunfähig gewesen. Das mehr als ärmliche Gewerbe des Mannes
-mußte sie mit ernähren. Etwas Anderes als Brod, Schnaps und höchstens
-einmal etwas Kaffee oder Kartoffeln hatten die Leute nicht zu verzehren.
-Nun kam aber das Unglück. Als der furchtbare Winter vorüber war, als das
-fahrende Volk aufathmete und mit dem neuen Lenze ein neues Leben zu
-fühlen begann, da wurde das Weib des Orgeldrehers elender, mühseliger und
-schwächer als je zuvor. Sie versuchte noch Weidenkörbe zu flicken, wie
-in früheren Jahren, aber Messer und Zange sanken ihr aus den kraftlosen
-Händen. Die Tochter blieb in der Stadt, und der arbeitsscheue Mann allein
-hatte für das Weib zu sorgen.
-
-Die Frau konnte kein Brod und keine Kartoffeln mehr vertragen, der Magen
-verweigerte die Annahme dieser Lebensmittel. -- Einige Tage hielt sie sich
-noch aufrecht durch den Genuß von Branntwein, dann brach sie zusammen.
-
-»Wir hatten damals eine Scheune gemiethet, das heißt, Herr Doctor, die
-Leute, denen das Caroussel gehörte, bezahlten die Miethe, und wir durften
-mit darin schlafen, das Weib und ich,« berichtete der Mann. »Ich drehte
-meine Orgel bei dem Caroussel und hatte einen schönen Verdienst. Da zog
-der Herr Besitzer weiter. Wenn ich nicht mitging, hätte er in einer Stunde
-einen anderen Musikanten gefunden, das war doch klar, also was sollte ich
-machen?«
-
-»Sie zogen mit und ließen das todtkranke Weib zurück, nicht wahr?«
-unterbrach ihn der Arzt, mit vor Zorn funkelnden Augen. Jetzt wußte er,
-wen er vor sich hatte. Er erinnerte sich an die nächtliche Scene, wo ihm,
-von Schmutz starrend, die am Hungertyphus sterbende Unbekannte von
-der Polizei zugeschickt wurde. Er warf einen Blick auf das Antlitz des
-Todtenschädels. Das war Karoline Schwarz, die da hinter ihm stand, nach
-ihrem Tode als Gerippe präparirt, und der Mann vor ihm erzählte ihm
-die Vorgeschichte dieses Todes, eine Kette von Elend, Hunger, armseligem
-Vortheil und gedankenlosem Egoismus. Das Ende dieses Menschenlebens hatte
-er gesehen, es war ihm furchtbar erschienen; jetzt aber erschien ihm das,
-was diesem Ende vorangegangen war, noch schauerlicher und trostloser. Ein
-Menschenschicksal -- -- was für ein Schicksal.
-
-Der Leiermann hatte sein Instrument abgestellt. Verlegen drehte er den
-breiten, schäbigen Hut zwischen den Fingern.
-
-»Was will man machen,« stotterte er -- »bei den schlechten Zeiten, ein
-so schönes Stück Geld. Bei manchen Jahrmärkten kam ich bis auf sechs
-Mark an einem Tage, sollte ich das lassen, um so ein Weib -- ein schlechtes
-Weib, -- Herr -- sollte ich mit ihr zusammen verhungern?«
-
-»Es war für Sie jedenfalls angenehmer, sie allein verhungern zu lassen,«
-bemerkte der Arzt scharf.
-
-Das Mädchen fühlte hier den Drang, ihrem Vater zu Hilfe zu kommen.
-
-»Ach, Herr Doctor,« schluchzte sie, »Mutter konnte keinen Schritt
-mehr gehen. Sie fiel um, wenn sie auf die Beine kam, und sie konnte so
-schimpfen, und sie betrank sich immer und vergriff sich an uns und sogar an
-meinem Schatz.«
-
-Diese ungeschickte, unkindliche Rede empörte die beiden Herren mehr als
-alles Andere.
-
-»Ihre Mutter ist verhungert,« -- rief der Student rücksichtslos dem
-Mädchen ins Gesicht, ohne in seinem Zorne erst abzuwarten, ob sein Lehrer
-geneigt war, das so unumwunden auszusprechen.
-
-»Verhungert? Nein Herr,« widersprach der Vagabund, »ich habe ihr Alles
-hingelegt, Brodscheiben und noch Schnaps und einen Sack voll Kartoffeln.
-Bis sie sich die alle gekocht hatte, konnte sie wohl soweit sein, daß sie
-mir nachkam, sie wußte, wo wir hinzogen.«
-
-»Aber haben Sie uns denn nicht selbst gesagt, daß die Frau Brod und
-Kartoffeln nicht genießen konnte,« fuhr ihn der Jüngling wieder voller
-Entrüstung an.
-
-»Ja Herr, ja Herr, Brod und Kartoffeln und auch noch Schnaps, das sind
-gute Dinge. Die Carousselleute meinten das auch, etwas Anderes haben arme
-Menschen nicht zu verzehren.«
-
-»Sie mögen das ja ganz gut gemeint haben,« begütigte Dr. Schlüter,
-»aber wer sollte denn nach der Kranken sehen, warum brachten Sie sie nicht
-in ein Krankenhaus?«
-
-»Wie soll unsereiner das anfangen, wir sind hier nicht unterstützungs-
-und heimathberechtigt,« warf das junge Mädchen ein.
-
-»Mutter hätte das auch nicht gethan,« erklärte der Mann zuletzt
-energisch.
-
-»Nun kurz und gut, es ist nicht mehr zu ändern, und ich will Ihnen
-erzählen, was daraus geworden ist,« sagte der Stationsarzt. »Die
-Vorräthe haben die Ratten, Fäulniß und Schimmel vertilgt, den Branntwein
-mag die Frau selbst getrunken haben. Dann wurde sie schwächer und
-schwächer, hatte fürchterliche Schmerzen und den brennendsten Durst, den
-Sie sich denken können.
-
-Kein Mensch brachte ihr einen Tropfen Wasser, niemand sorgte für ihre
-Reinlichkeit, das Ungeziefer kam und quälte sie auf ihrem nassen,
-schmutzigen Stroh, und der Durst, der Fieberdurst, der Durst derer, die das
-Trinken gewöhnt sind, kam hinzu.
-
-Dann ist sie vielleicht noch einmal wüthend geworden, hat die Menschen und
-die Welt verflucht und hat zuletzt nichts mehr von sich gewußt. So ist sie
-verkommen und bei lebendigem Leibe verfault, bis die Polizei sie fand. Die
-Polizei hatte Erbarmen und brachte sie hierher. Wir konnten ihr aber nicht
-mehr helfen, es war zu spät, sie starb nach einigen Stunden.«
-
-Er durchblätterte ein großes Buch. »Am elften Juni ist sie Abends zum
-Todtengräber gebracht. Der wird Ihnen wohl sagen können, wo sie liegt,«
-sagte er, ohne von dem Buche aufzusehen.
-
-Der Mann und das Mädchen bekreuzten sich.
-
-»Ihr ist ja nun wohl in der Erde,« schluchzte die Tochter.
-
-»Die Ruhe ist ihr zu gönnen,« fügte der Gatte hinzu, und ohne Dank,
-fast ohne Gruß verließen sie den Saal, um weiter zu suchen nach dem
-Stückchen Erde, unter dem das müde Haupt des jammervollen Weibes nach
-ihrer Ansicht ruhte.
-
-Der junge Student sprach noch einmal seine lebhafte Entrüstung über
-dieses Gesindel aus und empfahl sich dann dem Privatdocenten, der in
-Gedanken verloren vor dem Scelett der unseligen Karoline Schwarz stehen
-blieb.
-
-Er sah sie wieder vor sich auf der Bahre in ihrer fast nicht mehr
-menschlichen Verkommenheit und Häßlichkeit und herab geneigt über dieses
-Bild tiefsten irdischen Leidens ein himmlisch verklärtes, durchgeistigtes
-Antlitz, vom Nonnenschleier umrahmt, durchleuchtet von Erbarmen und Liebe.
-Liebe? -- -- --
-
-Nein, Schwester Clarissa liebte die Menschen nicht. Sie liebte nur ihren
-Herrn und Gott, die Menschen, deren sie sich erbarmte, waren ihr nur Mittel
-zum Zweck. -- »Was ihr gethan habt dieser Geringsten einem, das habt ihr
-Mir gethan.« -- Das war der Grundgedanke ihrer Barmherzigkeit. Auch in
-diesem Falle war es so gewesen. Sie hatte ihre Pflicht gethan, gefühlt
-hatte sie nichts für die Unglückliche, und diese -- diese gerade war wohl
-auch der Liebe nicht werth gewesen.
-
-Er betrachtete eine von den subtil zusammengesetzten Knochenhänden. Gegen
-Mann und Kind hatte sie den Arm erhoben; nun stand sie da, todt, ruhelos,
-mitten im Leben, ohne das Fleckchen Erde gefunden zu haben, auf dem auch
-der Aermste Anspruch hat zu ruhen -- ruhen -- nach dem Tode. --
-
-Schwere unsichere Schritte unterbrachen mit ihrem Geräusche den sinnenden
-Mann. Sollte man ihm einen Kranken bringen? Hier herein, wo doch die
-Patienten im Allgemeinen nichts zu thun hatten?
-
-Aergerlich wandte er sich nach der Thür und sah wieder den
-Straßenmusikanten mit seiner Tochter eintreten.
-
-Das unregelmäßige Gesicht des Mädchens war einen Schein blasser als
-vorher, und der Mann schwankte ein wenig, wie ein Trunkener.
-
-Ohne auf die erstaunte Frage des Arztes, was er wolle, zu antworten, ging
-er mit stierem Blicke und unsicheren Schritten durch den ganzen Saal, grade
-auf das Gerippe zu.
-
-Mit sichtbarem Erschauern blieb er hier stehen.
-
-»Line,« flüsterte er an der düsteren Gestalt herauf. --
-
-»Line, bist Du das denn wirklich? In lauter Stücke haben sie Dich
-geschnitten und ausgenommen, wie ein geschlachtetes Thier, und Deine
-Knochen blank gescheuert, und dann haben sie Dir nicht die Ruhe im Grabe
-gegönnt, und nun stehst Du da und bist todt?«
-
-»Aber was wollen Sie denn,« rief Dr. Schlüter zugleich entrüstet
-und erschrocken, »was faseln Sie, was rütteln Sie an dem Scelett? Um
-Gotteswillen, es ist mehrere hundert Mark werth, lassen Sie es los, Sie
-zerbrechen es ja.«
-
-»So -- es ist mehrere hundert Mark werth?«
-
-Der Respect vor dieser Summe lähmte den Arm des Proletariers. Er trat
-scheu zurück, aber in seinen Augen loderte eine wilde Drohung.
-
-»Sind das hier die Knochen von meiner Frau?« fragte er mit finsterer
-Miene.
-
-»Ja,« entgegnete der Arzt, »aber wer hat Ihnen das gesagt?«
-
-»Draußen Einer, ein Wärter wird es ja wohl gewesen sein,« antwortete
-die Tochter für ihren Vater.
-
-»Warum ist das Weib nicht begraben? Es war ein armes Weib und bös, ja sie
-war bös, aber ein Grab war sie doch wohl werth, man scharrt ja einen Hund
-ein,« grollte der Mann.
-
-»Darauf kommt es hier gar nicht an,« erklärte der Kliniker. »Wenn hier
-jemand stirbt, für den niemand die Verpflegungs- und die Begräbnißkosten
-bezahlt, so kann das Institut -- ich meine die Doctoren können dann mit
-der Leiche machen, was sie wollen.«
-
-»Das dürfen Sie nicht, das nicht,« kreischte das Mädchen plötzlich
-wild auf, »wenn der jüngste Tag kommt, und die Todten steigen aus
-ihren Gräbern, und das Fleisch steht auf, wo soll da so ein -- so ein
-Knochengestell sein Fleisch hernehmen, um aufzustehen von den Todten?«
-
-»Laß das Mila, das sind Glaubenssachen,« gebot ihr der Vater, »das geht
-die Herren hier nicht an, die glauben an nichts nach dem Tode.«
-
-»Nun also -- was wollen Sie denn, wozu machen Sie denn solchen Lärm?«
-fragte der Arzt erleichtert.
-
-»Was ich will?« höhnte der Mann. »Ich will wissen, was für ein
-Verbrechen und was für eine Schande es ist, wenn der Mensch arm ist. Wenn
-ein Stück Vieh fällt, so ist immer Einer zu finden, der es einscharrt,
-aber ein Mensch, -- ein armer Mensch? Wozu ist der gemacht? Im Leben zum
-Hungern, zum Betteln, zum Frieren und nach dem Tode? Nach dem Tode -- zu
-dem, was die Herren Doctoren für gut befinden, mit seinem armen Leibe zu
-machen.« Er lachte laut und wild auf.
-
-Dr. Schlüter klingelte nach dem Oberwärter. Dieser erschien. »Führen
-Sie den Mann hinaus, er ist unverschämt geworden,« sagte der Arzt.
-
-»Ja ich gehe schon,« brüllte der wüthende Mensch, »aber diese Knochen,
-diese Knochen sind mein, ich nehme sie mit, ich scharre sie ein im freien
-Walde, der niemanden gehört. Sie war kein gutes Weib, aber Ruhe, das
-bischen Ruhe im Grabe, das soll sie doch haben, sie soll.« -- -- --
-
-Er griff nach dem Scelett, das in seiner leichten Zusammenfügung bereits
-erschüttert, ein wenig schwankte. Der Oberwärter faßte den Tobenden mit
-festem Griff und rief nach Jahn, seinem Gehülfen.
-
-Der Stationsarzt war im Begriffe, den Saal zu verlassen. An der Thür
-drehte er sich noch einmal um, riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und
-schrieb einige Worte darauf.
-
-»Orgeldreher Schwarz,« sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel
-nach dem Büreau. Man wird Ihnen dort, nach Abzug eines Verpflegungstages,
-fünfzig Mark auszahlen, weil Sie den Körper Ihrer verstorbenen Frau der
-Klinik zu anatomischen Zwecken überlassen haben. Adieu.« -- --
-
-Er ging. Wie eine Pantherkatze stürzte Mila auf den Zettel zu und riß ihn
-an sich.
-
-Fünfzig Mark! ......
-
-Der Oberwärter hatte nicht mehr nöthig, einen Wüthenden zu halten. Mit
-respectvollem Gruß entfernten sich Vater und Tochter.
-
-Einen scheuen Blick noch warfen sie zurück auf das graue Gerippe der
-Gattin und Mutter. Es war ja recht traurig, daß sie nun unbegraben blieb
--- aber was wollte man machen!
-
-Fünfzig Mark erhielten sie dafür, und sie konnten das brauchen -- sie
-lebten und darbten.
-
-Die Mutter aber -- -- -- -- ja, die stand da und sah ihnen nach aus
-ihren leeren, großen Augenhöhlen. Sie war übel daran, aber sollte man
-deshalb die fünfzig Mark verschmähen? -- Ein solches Opfer für sie,
-konnte sie das wohl verlangen, noch dazu jetzt -- -- -- nach dem
-Tode? -- -- --
-
-
-Ende.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Doctor Cäcilie.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-[Illustration]
-
- Hochwürdigste, gnädige Frau!
-
- In tief trauriger Lage sehe ich keinen anderen Ausweg, als den, Sie
- mit diesen Zeilen zu belästigen. -- Meine Frau ist nach einer, wie
- es leider den Anschein hat -- vergeblichen -- Krebsoperation einer
- sachgemäß geschulten Pflegerin dringend bedürftig.
-
- Alle Bemühungen meines Hausarztes, hier eine geeignete Kraft ausfindig
- zu machen, sind von durchaus ungenügendem Ergebnisse gewesen.
-
- Die Sterbende leidet furchtbar unter den ungeschickten Händen einer
- ungebildeten Wärterin. Es handelt sich vielleicht nur noch darum, ihr
- auf wenige Tage und Nächte die letzten Qualen der Krankheit leichter
- zu machen. Kein finanzielles Opfer würde mir zu groß sein, wenn
- ich mein geliebtes Weib in die sanften, weichen Hände einer treuen
- Schwester geben könnte. Ich werde den wohlthätigen Einrichtungen
- Ihrer Anstalt die Beweise meiner Dankbarkeit zuwenden; in diesem
- Augenblicke aber flehe ich Sie an, gnädigste Gräfin, helfen Sie mir,
- schicken Sie mir eine Diakonissin und senden Sie mir ein Telegramm, mit
- welchem Zuge die Ersehnte hier eintreffen wird.
-
- Mit hochachtungsvollster Ergebenheit
-
- Ihr gehorsamster
-
- _v. Möbius_, Premierlieutenant.
-
-Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses las diesen Brief
-nachdenklich durch. Auf ihrem energischen klugen Gesichte zeigte sich ein
-Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen Briefschaften,
-die noch der Erledigung warteten, vorläufig bei Seite und ging nach der
-Frauenstation für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war, wie
-immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt, verließ aber ihre
-Arbeit, um an eines der großen Saalfenster zu treten und dort mit ihrer
-Vorgesetzten zu sprechen.
-
-Die Betten im Saale standen so weit von den Fenstern entfernt, daß die
-Kranken von der Unterhaltung der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen
-vermochten.
-
-»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann die Gräfin, nachdem die
-Schwester den Brief des Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir
-schicken?«
-
-Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz bestimmt den Kopf.
-»Niemanden, Frau Oberin,« sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause
-sind belegt, ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen
-Anforderungen zu genügen. Wir können keine Schwester entbehren; im
-Gegentheil, ich will froh sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist,
-wir haben nicht genug Schwestern.«
-
-»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht anders werden. Von allen
-Seiten werde ich gebeten, junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an
-neue Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in diesem Quartal von
-mir verlangt, und zwei Anmeldungen von jungen Mädchen, die sich ausbilden
-wollen, habe ich nur erhalten.«
-
-Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte doch der Herr die Herzen
-christlicher Jungfrauen erleuchten und segnen, daß sie in Schaaren
-herbeikommen, um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu helfen.«
-
-»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige Freibetten einstellen
-zu können,« sagte die Oberin, »bedenken Sie, daß Frau von Möbius die
-Tochter eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie für unsere
-Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr günstig.«
-
-»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch so einrichten
-können,« meinte Schwester Albertine. Die Oberin aber schien dieser Frage
-gegenüber doch einen praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute
-alte Schwester.
-
-»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar Tage, Schwester; ich
-schreibe nicht ab, ich schaffe Rath, schicken Sie mir Schwester Elisabeth
-in mein Arbeitszimmer,« entschied sie nach kurzem Nachdenken.
-
-Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch. Sie kehrte schweigend
-an ihre Arbeit zurück, und die Gräfin verließ straff aufgerichtet mit
-raschen Schritten den Saal.
-
-Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von Möbius in der Hand. Sie
-wollte seinen Wunsch erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich zu
-machen. In dem breiten Corridor vor ihrem Zimmer begegnete ihr einer von
-den Aerzten der Anstalt. Der junge Mann grüßte die vornehme Frau mit
-einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung.
-
-Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich, Ihnen meine Theilnahme an dem
-Tode Ihres Herrn Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie reichte
-ihm freundlich die Hand.
-
-Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die volle weiße Hand, die sie
-ihm gab. »Frau Oberin sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein
-armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren, er sehnte sich oft nach
-dem Tode, der ihn nun leicht und schmerzlos erlöst hat.«
-
-»Er war lange leidend, so? Das war mir gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn
-in seiner Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so viel ich weiß,
-schon seit Jahren verstorben?«
-
-»Allerdings, gnädigste Frau, ich habe aber eine Schwester, ein gesundes
-kräftiges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren. Die war durchaus zur Pflege
-meines Vaters geeignet.«
-
-Die Gräfin wurde aufmerksam. »Ich habe nie von Ihrem Fräulein Schwester
-gehört, sie muß sehr zurückgezogen leben.«
-
-»Sie hat eigenthümliche Neigungen und hält sich von ihren
-Altersgenossinnen fern. Wir Geschwister stehen jetzt allein in der
-Welt; ich werde wohl genöthigt sein, eine geeignete Stellung für meine
-Schwester zu suchen.«
-
-»Das wird Ihnen schwer werden, lieber Doctor; das Angebot gebildeter
-Damen für häusliche Stellungen ist außerordentlich groß, während die
-Nachfrage sich mehr auf weniger gebildete Kräfte richtet, die bei den
-täglichen Arbeiten mit Hand anlegen.«
-
-»Frau Oberin meinen, höhere Dienstboten werden gesucht, und
-Reisebegleiterinnen, Gesellschafterinnen und Gouvernanten bieten sich an.«
-
-»Diese Thatsache ist doch nicht zu leugnen, es ist ein eigenes Kapitel der
-sozialen Frage, die Frauen- oder eigentlich Jungfrauenfrage. Hier bei
-uns aber ist diese Frage gelöst. Sie wissen ja, wie erheblich in unserem
-Berufe die Nachfrage das Angebot übersteigt. Bringen Sie Ihre Schwester zu
-mir, Herr Doctor, sie ist kräftig und gesund, wie Sie sagen, steht grade
-im richtigen Alter und hat sich bereits in häuslicher Krankenpflege
-bewährt. Das Mutterhaus sieht in jeder neu eintretenden Schwester eine
-liebe Tochter und heißt sie herzlich willkommen. Es ist ein weites
-Arbeitsfeld da, helfen Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«
-
-»Sie haben Recht, Frau Oberin, ich will mit meiner Schwester sprechen. Sie
-hat kein Vermögen, ist durchaus nicht hübsch, eine Versorgung durch die
-Ehe ist also nicht wahrscheinlich. Sie wird vielleicht Gott danken, wenn
-sie hier freundlich aufgenommen wird.«
-
-»Dessen können Sie versichert sein, die Waise und die Schwester eines
-Arztes ist uns doppelt willkommen.«
-
-Die Gräfin nickte dem jungen Manne wohlwollend zu und trat in ihr Zimmer.
-Doctor Ehrhardt sah lange hinter ihr her. Der Vorschlag der frommen Dame
-entsprach so ganz seinen Wünschen. Wenn doch seine Schwester ihr schroffes
-eigenwilliges Wesen lassen und einmal, nur ein einziges Mal, auf ihn
-hören, seinen Wünschen sich fügen wollte!
-
-Nie hatte Cäcilie ein weibliches weiches Empfinden gezeigt, nie hatte
-sie nachzugeben gewußt. Alle Bekannten des Bruders hatten, durch ihr
-unweibliches Wesen abgestoßen, den Verkehr im Ehrhardt'schen Hause
-beschränkt, wo sie nur konnten; und doch wußte Otto, daß seine Schwester
-ein ernstes Streben verfolgte. Sie verachtete die oberflächliche Existenz
-vergnügungssüchtiger, kindlicher Mädchen. Sie sah, wie Eine dieser
-Mädchen nach der Anderen, alle ihre ehemaligen Schulgenossinnen sich
-verlobten und verheiratheten und hatte nur ein verächtliches Achselzucken
-für die Männer, die diese Wesen an ihre Seite zogen. Sie wollte mehr
-sein, etwas Anderes -- etwas Höheres. Das konnte sie jetzt werden. --
-Es erschien dem Bruder nun auf einmal wahrscheinlich, daß sie mit
-Begeisterung auf den Vorschlag der Oberin eingehen würde. Man rief sie,
-man bedurfte ihrer, warum sollte sie zögern zu kommen!
-
-Ganz erfüllt von seinem Wunsche und fast überzeugt von dessen Erfüllung
-eilte er nach Hause.
-
-Ein Möbelwagen stand vor der Thür, und fremde Leute begegneten ihm im
-eigenen Heim. Es fiel ihm jetzt erst ein, daß heute früh die freiwillige
-Versteigerung von seines Vaters Nachlaß stattgefunden hatte.
-
-Weder er noch seine Schwester waren in der Lage, eine Wohnung für all die
-Möbel, Betten, Bücher, Bilder u. s. w. zu miethen. Die Gegenstände,
-die so lange er denken konnte durch die ganze Kindheit der Geschwister
-Zeugen ihres Daseins gewesen waren, wurden heute in alle Winde zerstreut.
-Die Heimath war aufgelöst -- freiwillig aufgegeben. Nun hieß es wandern,
-ein neues Heim erwerben, den Kampf mit dem Leben bestehen.
-
-Otto ging in das Arbeitszimmer des Vaters. Die wissenschaftlichen
-Bücher, soweit sie nicht veraltet waren, und die Instrumente des alten
-Medicinalrathes lagen dort noch umher, ungeordnet, aber zum Glück
-unberührt. Wie wenig Gefühl hatte doch Cäcilie gezeigt, daß sie diese
-Andenken an den Verstorbenen, die der Sohn zu behalten wünschte, nicht
-sorglich zusammengeräumt und eingepackt hatte. Er wollte seine Schwester
-jetzt aufsuchen, aber das bittere Wort über ihren Mangel an Pietät
-unterdrückte er gewaltsam. Es galt jetzt, alle ihre Gedanken auf das Ziel
-hinzulenken, dem er sie entgegenzuführen gedachte.
-
-In einem öden ausgeräumten Zimmer, zwischen Koffern und Kisten fand er
-sie. Ueberall lag Packstroh, Heu, Papier und dicker Staub. Ein weibliches
-Wesen hätte in diesem Raume vor allen Dingen doch den Wunsch empfinden
-müssen, Ordnung und wenigstens etwas Sauberkeit herzustellen. Cäcilie
-Ehrhardt aber empfand davon nichts.
-
-Die breite, knochige Gestalt des Mädchens saß auf einer Kiste, die Arme
-waren auf die Fensterbank aufgelehnt, ohne Rücksicht auf die schwarzen
-Aermel des einfachen Trauerkleides. Der Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar
-war über ein Buch gebeugt. Sie sah nicht auf, als der Bruder eintrat.
-
-»Wenn Du Deine Lectüre unterbrechen kannst, Cäcilie, so möchte ich Dich
-bitten, über eine wichtige Frage mit mir zu sprechen.«
-
-Sie legte die griechische Grammatik, in der sie gelesen hatte, aus der
-Hand. Ein kurzer fragender Blick traf ihn durch die funkelnden Gläser
-ihrer Brille.
-
-»Ich habe Dir wenig Erfreuliches mitzutheilen,« sagte sie.
-»Die Versteigerung des alten Hausrathes hat fast nichts ergeben.
-Luxusgegenstände waren, wie Du weißt, nicht vorhanden. Der Auctionator
-wird uns morgen Rechnung ablegen.«
-
-Er nickte schmerzlich. »Ich habe von der Versteigerung nichts erwartet,
-aber wir müssen doch den Ballast los sein. Den Luxus pietätvoller
-Erinnerung können wir uns noch nicht erlauben.«
-
-»Winsele nicht,« sagte sie schroff, und stand auf.
-
-Die Lippen in dem gelben Gesicht waren breit und aufgeworfen, ein
-finsterer Zug lag zwischen den schwarzen Augenbrauen, die Nase war kurz und
-gewöhnlich geformt; das ganze Gesicht wäre häßlich gewesen, ohne den
-Ausdruck hervorragender Klugheit, der es belebte.
-
-»Dir wenigstens werde ich sicherlich nichts vorwinseln,« gab er zurück,
-»aber ich wollte mit Dir über meine Zukunft sprechen. Meine Existenz
-liegt augenblicklich in Deiner Hand.«
-
-»Bitte, erkläre Dich deutlicher.«
-
-»Ich bin schon dabei. Vater hat schon seit Jahren nicht mehr prakticirt.
-Von seinen Zinsen konnten wir nicht leben, wir haben das Kapital
-verbraucht. Wenn ich den Rest überschlage, die Ausgaben abziehe, die
-Auction hinzurechne, so denke ich, es wird uns ein baarer Rest von
-viertausend Mark bleiben.«
-
-»Wenig genug, aber es muß reichen, wir müssen uns einrichten, wir
-müssen Beide damit auskommen, bis wir uns frei gearbeitet haben.«
-
-Auf dem feinen hübschen Gesichte des jungen Mannes malte sich lebhaftes
-Staunen.
-
-»Das scheinst Du Dir sehr einfach zu denken,« sagte er endlich. »Bitte
-höre aber wenigstens zu, was ich mir für Lebenspläne gemacht habe.«
-
-Sie nickte und setzte sich wieder auf die Kiste. Die Füße streckte sie
-weit von sich und betrachtete augenscheinlich aufmerksam ihre großen
-derben Zugstiefel.
-
-Er drehte beinahe verlegen an seinem Schnurrbarte. Ein Opfer wollte er
-von ihr fordern, -- den eigensinnigen Kopf mit den männlich kurzen Haaren
-wollte er unter die weiblichste aller Trachten, unter die schlichte Haube
-der Diakonissin beugen. Er sah ängstlich auf die schwarzen kurzen Borsten
-herab. Endlich aber begann er zu sprechen.
-
-»Ich kann nicht ewig am Diakonissenhause bleiben, das mußt Du einsehen,
-Cäcilie.«
-
-»Sehe ich ein -- weiter.«
-
-»Ich bleibe dort, bis ich eine Volontairstelle bei einem Frauenarzt finde,
-ich will Specialist werden.«
-
-»Auch gut -- weiter.«
-
-»Ich werde ungefähr zwei Jahre als Assistent arbeiten, dann will ich
-versuchen, mich selbständig zu machen. Zunächst muß ich dann auf
-Patienten warten, mir eine Praxis begründen. Habe ich die, so errichte ich
-eine Privatklinik, engagire dazu eine ehemalige Diakonissin und kann, wenn
-ich Glück habe, ein schönes Vermögen erwerben.«
-
-»Das will ich Dir wünschen.« --
-
-»Du sollst mehr thun, als es mir wünschen.«
-
-»Ah -- ich wäre begierig.«
-
-»Ja, ich wollte dich bitten, mir dein Erbtheil zu überlassen. Als
-Volontair muß ich mich selbst erhalten. Sobald ich mich dann selbständig
-mache, habe ich zunächst auch keinen Verdienst. Auch eine Privatklinik
-kann ich nicht ganz ohne Vermögen übernehmen. Der ganze Nachlaß
-unseres Vaters aber würde genügen, mich über Wasser zu halten und mich
-bescheiden zu ernähren, bis meine Hoffnungen sich verwirklicht haben. Dann
-werde ich daran gehen zu sparen und dir das Doppelte von der Summe geben,
-die Du mir jetzt giebst.« --
-
-»Und ich kann mich für die nächsten zwanzig Jahre als Stütze der
-Hausfrau vermiethen, mit der verlockenden Aussicht nach Ablauf dieser Zeit
-von meinem großmüthigen Bruder viertausend Mark zu erhalten, von deren
-Zinsen ich dann in meinen alten Tagen ein wahres Schlaraffenleben werde
-führen können -- nicht wahr?«
-
-Hämischer Spott entstellte ihren Mund, sie lachte bitter auf, ihre Wangen
-glühten, sie war empört über den naiven Egoismus des Bruders.
-
-»Nein, Du sollst Dich nicht als Stütze der Hausfrau vermiethen; ich
-habe eine Versorgung für Dich, die Du nur anzunehmen brauchst, um mein
-Schicksal günstig und glücklich entscheiden zu können.«
-
-»Ich will Deine Versorgung nicht. Nach dem Egoismus, den Du eben offenbart
-hast, verlange ich nicht nach dem Almosen eines männlichen Schutzes.
-Morgen theilen wir; ich gehe meinen Weg, und Du gehst Deinen, dabei
-bleibt's.«
-
-»Cäcilie, ich komme niemals in die Höhe. Der ärztliche Beruf ist ein
-freies Gewerbe; der Concurrenzkampf ist rücksichtslos hart. Es ist ein
-Kampf um Leben und Brod. Erleichtere ihn mir, arbeite als Schwester an
-meiner Seite. Gieb mir die Mittel, deren ich bedarf, um mich durchzuringen.
-In fünf, sechs Jahren vielleicht schon rufe ich Dich zu mir und sorge für
-Dich.«
-
-»Ich soll dann wohl Deine Köchin werden? Danke für die Ehre.«
-
-»Cäcilie, die Frau Oberin hat mir heute gesagt, daß die Nachfrage nach
-jungen Diakonissinnen so außerordentlich groß ist. Sie hat mich direct
-aufgefordert, Dich ihr zuzuführen. Du hast ein gewisses medicinisches
-Interesse. Du eignest Dich zur Schwester. Geh hin, laß Dich ausbilden, und
-tritt dann auch in eine Frauenklinik ein. Lerne, arbeite, und sobald ich
-eine feste Stellung als Frauenarzt habe, komm zu mir, um mit mir zusammen
-eine Privatklinik zu gründen. Du weißt, ein Mann allein kann das nicht.
-Man ist auf eine weibliche Mitarbeiterin angewiesen, und eine geeignete
-Persönlichkeit ist nur mit den größten Geldopfern aufzutreiben. Sei
-meine Verbündete liebe Schwester, laß uns zusammen streben, zusammen
-erwerben.«
-
-Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an.
-
-»Du kommst Dir wohl noch sehr großmüthig vor in Deinem männlichen
-Egoismus,« spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden,
-soll mich ducken unter Bonzen und Pfaffen, soll Choräle singen und Fenster
-putzen? Jede grobe Arbeit thun, um Christi willen? Die Augen verdrehen,
-heucheln, dienen -- ha, ha, ha, und alles das, damit ich später
-ausgebildet bin, wenn Du so weit bist, mich zu rufen! Du willst dann der
-leitende Arzt einer Anstalt sein, Anordnungen treffen, Befehle geben,
-und ich als dienende Schwester bin grade gut genug, um Dir -- -- zu
-gehorchen!« --
-
-Er trat erschrocken zurück vor der Wuth, die er, ohne es zu wollen, zu
-diesem Ausbruch gebracht hatte.
-
-»Warum willst Du denn nicht als Schwester ärztliche Anordnungen
-ausführen?« fragte er erstaunt. »Glaubst Du denn als Lehrerin, oder
-in sonst einem weiblichen Berufe freier und selbständiger handeln zu
-können?«
-
-»Wer sagt Dir denn, daß ich einen sogenannten »weiblichen« Beruf
-wählen werde? Ist nicht der ärztliche Stand, wie Du selbst sagst, ein
-freies Gewerbe -- steht er mir nicht ebenso gut offen, wie Dir?«
-
-»Ich habe Dich für klüger gehalten, Cäcilie.«
-
-Sie lachte laut auf. »Ja für klug genug, um blutiges Verbandzeug zu
-waschen, aber nicht für klug genug, um selbst das Messer zu führen. Das
-ist ja die geheiligte Tradition aller Männer. Zu Handlangerdiensten ist
-die Frau gerne willkommen, aber um sie als ebenbürtige Berufsgenossin
-anzusehen, dazu lassen die Herren sich so leicht nicht herab!«
-
-Otto Ehrhardt versuchte es garnicht, seine Schwester von ihrer Ueberzeugung
-der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter abzubringen. Sie hatte noch
-niemals ihre Ansicht untergeordnet, in dieser Lebensfrage würde sie es am
-wenigsten thun. Er appellierte deßhalb nur an ihren, wie er wußte, stark
-entwickelten praktischen Sinn.
-
-»Die letzte Steuereinschätzung,« begann er langsam, »hat, wie Du
-vielleicht weißt, bei der größeren Hälfte aller Berliner Aerzte ein
-Berufseinkommen unter dreitausend Mark ergeben. Wenn die Aerzte noch ferner
-unter den äußeren Lebensbedingungen der höheren Stände weiter leben
-sollen, so darf dieses Einkommen nicht noch weiter heruntergedrückt
-werden; giebst Du das zu?«
-
-Sie kaute an ihren Nägeln und sah, ohne zu antworten, zu ihm empor.
-
-»Da Du schweigst, hoffe ich, daß Du mir zustimmst,« fuhr er fort. »Es
-bleibt mir also demnach nur noch zu sagen, daß dieser, schon jetzt mehr
-als überfüllte Beruf ruinirt wird, wenn noch die weibliche Concurrenz
-eintritt.«
-
-»Für hiesige Verhältnisse mag das zutreffen, aber Berlin ist nicht die
-Welt, es giebt andere Städte,« sagte sie kurz.
-
-»Die kleinste Stadt hat so viel Aerzte, daß jeder neue junge Concurrent
-Jahre lang ringen muß, bis er ein einigermaßen genügendes Einkommen hat.
-Sei klug Cäcilie, verschließe Dich nicht der Einsicht, daß grade
-dieser Beruf keinen neuen Zudrang von Arbeitskräften zu ertragen vermag.
-Vereinzelt mögen ja auch Frauen sich in diesem Fache durchringen, aber
-nur, wenn sie gegen die Möglichkeit des Mangels geschützt sind, nur wenn
-sie Vermögen besitzen.«
-
-»Ich ringe mich durch -- auch wenn ich keinen Pfennig hätte -- ich
-fühle den Beruf in mir, ich weiß, daß ich hervorragen kann in dieser
-Wissenschaft, ich erreiche das Ziel!«
-
-Er sah die Begeisterung, die ihr unschönes Gesicht bei diesen energischen
-Worten verklärte, aber er hatte kein Verständniß dafür. Er, für seine
-Person, empfand kein leidenschaftliches Interesse für seinen Beruf. Er
-hatte ihn ergriffen, weil es sein Vater wünschte und weil er eben auch
-keine andere lebhafte Neigung fühlte. Es lag ihm gänzlich fern, sich zu
-einer Größe darin aufschwingen zu wollen, ihm fehlte dazu der Eifer,
-wie auch die Begabung. Das einzige Ziel seiner Wünsche war eine sorglose
-behagliche Existenz, ein sicheres Auskommen -- der glühende Ehrgeiz seiner
-Schwester war ihm unverständlich.
-
-»O, hätte der Vater an mich gewendet, was er an Dich wandte -- ich wäre
-mehr geworden, wie Du.«
-
-Aus tiefstem Herzen kam ihr der Seufzer. Otto sah sie verwundert an. »Und
-ich?« fragte er. »Ich, der einzige Sohn des Medicinalrathes Ehrhardt, was
-hätte ich werden sollen?«
-
-»Handlanger -- das was ich jetzt werden soll. Ist denn der einzige Sohn
-eines Mannes besser, als desselben Mannes einzige Tochter? Ist es nicht
-denkbar, daß die Tochter für denselben Beruf begabter sein kann, wie der
-Sohn?«
-
-Otto war durchaus nicht geneigt, auf diese Frage einzugehen. Das Vorrecht
-des Sohnes vor der Tochter schien ihm so selbverständlich, so fest
-stehend, daß er darüber kein Wort, keinen Gedanken verlor. War es je
-vorgekommen, daß in einer ihm bekannten Familie die Töchter von den
-Eltern besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet worden wären, als die
-Söhne -- die Vertreter des starken Geschlechtes? Das war nie und nirgend
-gewesen, nie und nirgend würde es sein. --
-
-»Mein Gott -- ich verlange ja nicht, daß Du Diakonissin wirst,« meinte
-er ausweichend. »Es ist aber der einzige geachtete Frauenberuf, in welchem
-die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt, außerdem bietet
-er eine Altersversorgung. Oder glaubst Du etwa, daß Du jemals geheirathet
-wirst?«
-
-Sie lachte höhnisch auf. »Geheirathet? Das war wenigstens gut
-ausgedrückt, Otto. Nein lieber Bruder, ich bin häßlich, mein knochiger
-Körper wird niemals die sinnlichen Gefühle eines Mannes erregen. Niemand
-wird, um meine Reize zu besitzen, bereit sein, meinen Lebensunterhalt
-zu erwerben. Zum Glück sind meine Nerven aber auch nicht geschlechtlich
-erregbar -- ich werde nicht geheirathet werden und -- -- ich werde nicht
-lieben.«
-
-»Also -- was hast Du denn eigentlich beschlossen?«
-
-»Mich durchzuarbeiten. Ich werde Medicin studiren, werde mich auf
-die Augenheilkunde verlegen, werde in orientalischen Ländern meinen
-Wirkungskreis suchen und sicher -- ganz sicher wird meine Kraft und
-meine Begeisterung mich dahin bringen, daß ich tausende und abertausende
-mittelmäßiger Männer, träger gewissenloser Aerzte überflügeln
-werde und weit hinter mir lassen werde. Ich dem Namen Ehrhardt in der
-wissenschaftlichen Welt Glanz und Ansehen schaffen -- ich -- aber niemals
-wird Dir das gelingen.«
-
-»Und das alles mit der Hälfte eines väterlichen Erbes im Betrage von
-viertausend Mark?«
-
-»Ich weiß nicht womit, aber ich will es, und was ich will, das führe ich
-durch. Ich werde entbehren und arbeiten, aber ich werde siegen.«
-
-»Dann werde ich eben kein Specialist. Mein Gott, auf den Knieen werde ich
-Dich nicht anflehen, mir die Wege zu ebnen.«
-
-Er ging wüthend hinaus. Sie blieb zurück mit einem glücklichen, stillen
-Lächeln. Aus ihren Augen strahlte das Genie, das sich immer Bahn bricht im
-Leben. -- -- Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!
-
-
-II.
-
-Cäcilie Ehrhardt war als Zwischendeckspassagier ausgewandert.
-
-Freilich, eine fatale Woche. Sie, die sonst wenig Sinn für poetische Werke
-hatte, hielt sich in diesen zehn Tagen immer wieder das Shakespeare'sche
-Wort vor die Seele: »Die Stunde rollt auch durch den schwersten Tag.« Es
-wurde ihr Leitstern, beinahe ihr Halt dieses Wort: »Die Stunde rollt auch
-durch den schwersten Tag.«
-
-Weiber und Kinder, die viel schwächer waren wie sie, ertrugen diese
-Ueberfahrt in diesem Raume. Sie glaubte wohl etwas Besseres zu sein wie
-diese, weil sie ein höheres Streben besaß, aber gerade deßhalb hielt
-sie sich auch für berufen zu zeigen, wie man Widerwärtigkeiten und
-Unbequemlichkeiten erträgt.
-
-Die Mitreisenden schämten sich zu wimmern und zu jammern, dieser
-Frauengestalt gegenüber, die mit stiller Resignation fast heiter sich
-zwischen ihnen bewegte, zufrieden mit einem Winkel zum Ausruhen, mit einer
-Brodrinde zum Essen.
-
-Schließlich landete man in der Heimath der Freiheit, und Cäcilie Ehrhardt
-bekam Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß auch in Amerika eine hübsche
-Tochter reicher Eltern glattere Wege vor sich sieht, als eine arme geistige
-oder körperliche Arbeiterin.
-
-Sie that die nöthigen Schritte, um zum Studium zugelassen zu werden. Ein
-Beamter der Universität, ein ruhiger Geschäftsmann empfing sie.
-
-»Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf einige statistische Thatsachen
-aufmerksam zu machen, mein Fräulein,« begann er.
-
-»Ich bitte darum, Mr. Schäffer.«
-
-Er las ihr nun einen kürzlich veröffentlichten Bericht des Rectors der
-Genfer Universität vor, wonach von 215 Frauen, die Medicin studirten,
-nur 25 es bis zum practischen Arzte gebracht haben und auch von diesen nur
-wenige zu einer auskömmlichen Praxis.
-
-»Was glauben Sie wohl, mein Fräulein,« fragte Herr Schäffer, »in
-welchem Abgrunde die übrigen 195 gescheitert sind?«
-
-»In dem Abgrunde ihrer Mittelmäßigkeit,« antwortete sie kalt.
-
-Ein prüfender Blick glitt über das breite, gelbe Gesicht des häßlichen
-Mädchens. Wäre Cäcilie hübsch gewesen, so hätte der fromme Mann jetzt
-vielleicht seinen Arm um sie gelegt und gesagt: »Laß doch gut sein,
-süße Krabbe, es giebt ja noch ganz andere Wege, um zu etwas zu kommen.«
-
-Er rühmte sich mehrerer derartiger »Bekehrungen«. Aber Cäcilie Ehrhardt
-war nicht hübsch, durchaus nicht hübsch.
-
-Ein paar kluge, graue Augen funkelten hinter schwach geschliffenen
-Brillengläsern. Höchst unangenehme, scharfe, forschende Augen. -- Herr
-Schäffer fühlte gar keine Neigung, irgend eine Prüfung vor diesem Blick
-zu bestehen. In gleichgültigem Nachgeben kam er ihren Wünschen entgegen.
-
-Den Befähigungsnachweis zum Besuche der Universität bestand sie
-glänzend, so ließ man sie zu -- du lieber Gott, eine Ueberspannte,
-Emancipirte mehr als bisher. --
-
-Mit einer Arbeiterin, die Tags über in einer Fabrik Cigarren wickelte,
-miethete sich die Studentin zusammen in einer Dachkammer ein. Die
-Mitbewohnerin war nur in der Nacht da, so störte sie wenig.
-
-Cäcilie verlangte für sich das Recht, so lange, wie sie wollte, Abends
-Licht zu brennen. Da hatte die Andere nichts dagegen; sie ihrerseits
-verlangte gar nichts.
-
-Aber das war nur Schein. Schon nach wenigen Tagen brachte Henriette
-Abends einen Kameraden mit aus der Fabrik, und Beide profitirten von der
-Studirlampe der Anderen.
-
-Was das für ein Lachen und Kichern, für ein Küssen und Liebkosen war
--- gräßlich -- Cäcilie Ehrhardt wußte sich nicht anders zu helfen, als
-einen Ofenschirm neben sich zu stellen und sich so zu isoliren.
-
-Das zärtliche Liebespaar aber sah mit innigem Mitleid auf die einsam
-Arbeitende hin.
-
-Schließlich ließ Charley sich durch sein gutes Herz hinreißen, ihr ein
-höchst eigenthümliches Anerbieten zu machen.
-
-Mit Henriette im Arm stellte er sich neben Cäciliens schützende
-Schirmwand und trug ihr stockend und zagend vor, in seiner Fabrik da wäre
-ein Werkführer, der wäre Wittwer, hätte auch ein paar Kinder, aber doch
-wohl ein ganz annehmbarer Mann, der eine brave, fleißige Frau gerne nehmen
-würde. Nun könne sie, Fräulein Ehrhardt, ja am Ende keinen verliebten
-Jüngling beanspruchen, wäre vielleicht auch schon ein bischen darüber
-hinaus, aber doch -- sozusagen --
-
-Cäcilie begriff. Einen Mann -- aus Gnade und Barmherzigkeit bot man ihr,
-der Tüchtigen, Häßlichen, einen Mann an, der nicht Liebesgetändel
-suchte, sondern der eine thätige Frau brauchte!
-
-Die _erste_, vielleicht im Leben die einzige Möglichkeit für sie, den
-Beruf der Frau als Gattin und Mutter zu finden! --
-
-Die gesellschaftliche Zumuthung, daß man ihr, der Tochter des
-Medicinalrathes Erhardt anbot, einen Fabrikaufseher zu heirathen, die
-verletzte sie nicht. Was mochten die Liebesleute dem guten Manne von ihr
-vorphantasirt haben! Aber sie fühlte den Beruf zur Gattin und Mutter nicht
-in sich. -- Es ist doch auch nicht jeder Mann geeignet, Vaterpflichten zu
-übernehmen, und nicht jedes Weib für Mutterpflichten geschaffen.
-
-Sehr kurz, sehr kalt lehnte sie ab, auf's Innigste bedauert von dem jungen
-Paare, das nichts Anderes kannte, als seine Liebe.
-
-Ihr Leben war aber furchtbar hart auf diese Weise, denn in den ersten
-beiden Jahren ihres Studiums machte das Arbeitspensum, das sie zu erledigen
-hatte, es ihr unmöglich, sich irgend einen Erwerb zu suchen.
-
-Sie mußte leben wie eine Arbeiterin, schlechter wie eine solche, wenn sie
-zum Ziele kommen wollte.
-
-Henriette und Charley amüsirten sich Sonntags, aßen und tranken wie
-Kinder, die plötzlich Geld bekommen haben und nicht wissen, wo sie es
-lassen sollen. Sie sprachen täglich von ihrer Hochzeit und heiratheten
-nie.
-
-Cäcilie lebte Sonntags nicht besser wie Werktags und nahm nichts von dem
-an, was die Anderen ihr anboten.
-
-Die arme Person!
-
-Was das Leben wohl für einen Werth haben soll, wenn man es garnicht
-genießt! --
-
-So philosophirte das Liebespaar; Cäcilie aber arbeitete weiter allein,
-immer allein.
-
-An keinen Menschen in Deutschland hatte sie geschrieben, keiner an sie.
-
-Sie war wie todt für die Welt.
-
-In Universitätskreisen hatte sie auch keinen Anschluß gefunden, keinen
-gesucht.
-
-Die jungen Studenten amüsirten sich wie Kinder über die paar häßlichen
-Mädchen, die mit wahrem »Biereifer« die Vorträge nachstenographirten,
-um sie zu Hause auszuarbeiten. Cäcilie war von diesen die eifrigste. Sie
-versäumte keine Vorlesung -- sie arbeitete immer, immer.
-
-Arbeiten und darben! Für die Blüthe einer Jungfrau ist das nicht grade
-günstig.
-
-Mädchen blühen auf wie Maienrosen, tändeln, lachen und finden ihre
-letzte Entfaltung, ihr süßestes Geben erst in dem Verkehr mit dem Manne,
-in dem Widerstreben und Hinneigen seiner Werbung gegenüber und dann im
-Gewähren.
-
-Bete und arbeite! Keusche Mädchen blühen auf wie Lilien, dienen dem
-Nächsten und geben sich in süßer Schwärmerei ihrer Gottheit.
-
-Cäcilie achtete die Gottheit, soweit ihr deren Cultus vernünftig und
-zweckmäßig erschien. Sie achtete auch den Mann, wenn sie ihn streben,
-arbeiten, nützen sah, aber sie dachte nicht daran, sich selbst zu geben,
-weder Gott noch den Menschen.
-
-Wer hätte denn wohl auch den Wunsch gehabt, sie zu besitzen!
-
-Sie sah nichts vor sich, als die Nothwendigkeit, Andere bei Seite zu
-schieben, um für sich selbst Platz zu gewinnen.
-
-In der Ferne, in gar nicht allzuweiter Ferne sah sie die Möglichkeit, daß
-sie einmal nicht mehr arbeiten würde, um zu leben, sondern um zu nützen.
-Nicht sich selbst -- Andern, das war ihre Religion und ihre Liebe. Das
-richtete sie auf, wenn sie in schwachen Stunden sich fragte: Wozu? -- wozu
-dieser Kampf, diese Arbeit, dieses Entbehren? --
-
-Sie hörte auf, ein Weib zu sein und konnte doch kein Mann werden. Ein
-unhaltbares trostloses Wesen! Aeußerlich wenigstens, innerlich blieb sie
-jungfräulich keusch, nur vielleicht ein wenig zu herb. --
-
-Sie sah Andere neben sich untergehn. Mit derselben Gluth, wie sie, hatten
-sie angefangen, aber sie hatten nicht dieselbe Ausdauer gehabt.
-
-Ein Mann drängt sich in die Gedankenwelt, in das Innenleben des
-Mädchens. -- Ein kurzes Widerstreben, ein kurzes Gewähren und dann die
-Erkenntniß! --
-
-Die Erkenntniß war, wo sie auch hinblicken mochte immer das Ende des
-Genusses.
-
-Nach der Erkenntniß kam, wie bei dem ersten Menschenpaare, der ewige
-Fluch: Mit Schmerzen sollst Du ihm Kinder gebären. --
-
-Viele junge Studentinnen mußten die Universität verlassen. Sie versanken
-in einem Abgrund, dessen Tiefe dem guten Herrn Schäffer so räthselhaft
-schien.
-
-Andere verirrten sich in die Politik. »Gleichheit, Gleichheit« -- was
-sollen wir darben, wenn Andere genießen dürfen?
-
-Anstatt eine vernünftige, mit logischer Folgerichtigkeit und
-Nothwendigkeit sich vollziehende gesellschaftliche Umwälzung abzuwarten,
-stürmten und drängten sie dem Anarchismus entgegen.
-
-Sie vergaßen, daß sie doch selbst persönlich danach strebten,
-die Zugehörigkeit zu einem Stande zu erlangen, der seinerseits den
-privilegirten höheren, den sogenannten »besseren Ständen« sich
-zurechnete.
-
-Sie gingen unter -- der geheimnißvolle, unergründliche Abgrund nahm sie
-auf.
-
-Die Reihen lichteten sich, dem Ziel strebten nur noch Wenige entgegen, aber
-Cäcilie Ehrhardt war unter ihnen.
-
-Einmal fühlte sie sich krank. Der vom Vaterhause her an bessere Kost
-gewöhnte Körper versagte, als ihm bei dauernder geistiger Anspannung, bei
-nie unterbrochener Arbeit stets nur solche Speisen zugeführt wurden, die
-zu einer geeigneten Ernährung nicht ausreichend waren.
-
-Cäcilie empfand nach und nach einen kaum zu überwindenden Widerwillen
-gegen die billigen groben Nahrungsmittel, zu denen sie sich zwang, so lange
-sie von dem Gelde leben mußte, das sie nach Amerika mitgebracht hatte.
-
-Mit eiserner Willenskraft überwand sie diese Abneigung, berechnete genau,
-wieviel Eiweiß, wieviel Zucker, Stickstoff etc. ihr Körper täglich
-bedürfe, wog das Betreffende ab und schluckte es widerstrebend hinunter.
-
-Ihre Magennerven lieferten ihr bald den Beweis, daß der menschliche
-Körper keine chemische Retorte ist.
-
-Todtelend, fiebernd blieb sie eines Tages auf dem harten schmalen Bette in
-ihrer Dachkammer liegen, und die gute Henriette stand händeringend dabei.
-
-Ohne sich die Sache wissenschaftlich erklären zu können, fühlte die
-Arbeiterin heraus, daß ihr »Fräulein« sich wohl erholen würde, wenn
-sie sich einmal erlaubte, gut zu leben.
-
-Sie holte ein ordentliches Stück Braten aus einem benachbarten Restaurant
-und besorgte auch Wein.
-
-Cäcilie konnte nicht widerstehn, mit der Gier des Verhungernden griff
-sie nach den Nahrungsmitteln, deren Genuß sie an das Elternhaus, an die
-Heimath erinnerte.
-
-Und dann, als sie zum ersten Male seit langer langer Zeit mit Behagen,
-fast mit Genuß gegessen hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth -- die
-Nerven, wie sie meinte.
-
-Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit und Verlassenheit. --
-Liebe -- es gab überhaupt nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen.
-Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend, sank das starke
-Mädchen zurück auf das dürftige Bett.
-
-Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß doch das Fräulein, das
-immer so gut war und sie niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt
-bleiben möchte.
-
-Krankheit -- für den sorglos lebenden Menschen ist das oft ein Segen. --
-Die Ruhe, zu der der Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer
-Einkehr und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von leichter
-Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese Periode des Lebens, bleibt oft
-von einer Krankheit zurück.
-
-Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders dar. Die Krankheit ist
-ein Dämon, der dem Kämpfer die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos
-niederstreckt. Krank werden heißt untergehn. -- Der machtvoll vorwärts
-Strebende wird gezwungen, demüthigendes Almosen zu empfangen; die
-Ersparnisse werden verzehrt; die darauf begründeten Zukunftshoffnungen
-sind abgeschnitten. Niemand kann es dem erkrankten Armen ersparen, die
-Seinigen darben und, wenn es lange dauert, untergehn zu sehen.
-
-Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes, über den sie einst so
-unnachsichtlich hart geurtheilt hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres
-Besitzes verzehrte, so war sie verloren.
-
-Sie machte sich das klar und in unbestimmter Hoffnung auf irgend einen
-Erwerb fing sie an, besser zu leben.
-
-Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde ihr hier an diesem
-untergeordneten Punkte die Grenze der menschlichen Willenskraft klar.
-
-Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur einen Tag lag sie in dem
-ärmlichen Bette, von der Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit
-aussetzte, mit Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie
-niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht aufheben, nicht lesen,
-nicht arbeiten, nicht denken, nicht einmal schlafen. Nur liegen und
-ausruhn.
-
-»Du sollst den Feiertag heiligen!«
-
-Dieser eine Krankheitstag war für sie wie ein Feiertag, ein von der Natur
-ihr aufgezwungener Tag der Ruhe.
-
-Sie wollte keinen Sonntag, keine Erholung als nöthig anerkennen. Jetzt
-mußte sie lernen, daß der Durchschnittsmensch neben der Arbeit auch die
-Erholung haben muß, wenn er nicht zu Grunde gehn soll.
-
-Es war ein Ruhetag, ein einziger ganz vollkommener Feiertag, ohne Arbeit,
-ohne Denken, ohne Kampf.
-
-Am folgenden Tage raffte sie sich mit Gewalt wieder auf und arbeitete
-weiter.
-
-Sie bestand ihr erstes ärztliches Examen mit Auszeichnung.
-
-Aber es lag noch ein Studienjahr vor ihr, das ihr schwer werden mußte,
-weil ihre Mittel beinah zu Ende waren.
-
-Man hatte an der Universität ihr heißes ernstes Ringen erkannt. Nach
-und nach, zögernd und unwillig fingen die Professoren an, in ihr eine der
-wenigen »Gleichberechtigten«, eine Ausnahmenatur zu erkennen.
-
-Es gelang ihr, bei einem sehr gesuchten Frauenarzte täglich einige Stunden
-Beschäftigung zu finden.
-
-Das war der erste Erwerb. Vorläufig aber erlaubte sie sich noch nicht,
-daraufhin ihre Lebensweise zu ändern, denn sie hatte noch ein Examen vor
-sich und wünschte sich speciell in der Augenheilkunde auszubilden.
-
-Aber sie fühlte doch nun Boden unter ihren Füßen.
-
-Nach und nach lernte sie auch die praktischen Seiten des so heiß
-erstrebten Berufes und zugleich die socialen Unterschiede im Leben, über
-die sie noch wenig nachgedacht hatte, kennen.
-
-Der Augenarzt, bei dem sie ab und zu schon selbst operiren durfte, theilte
-ihr eines Tages in großer Aufregung mit, daß er wahrscheinlich
-am folgenden Tage die Ehre haben würde, die Tochter eines der
-Eisenbahnkönige des Landes zu operiren.
-
-Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame erfuhr Cäcilie, daß es sich um
-einen leichten Fall einseitigen Schielens handelte.
-
-Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten da für ein
-hervorragendes Vertrauen geschenkt werde, sie meinte sogar, das könnte
-jeder nahezu ausgebildete Anfänger ausführen, aber sie sollte über die
-Wichtigkeit dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden.
-
-Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus des Milliardärs trat, wurden
-sie zunächst von einer Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden
-Dame engagirt war. Dann führte man die beiden Aerzte zu der Kranken, die
-auf einem Ruhebette liegend, von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der
-Chef des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem Arzte und seiner --
-»Gehülfin« -- wie er Cäcilie nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen
-Leben und Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann wurde von der
-Kranken ein allseitiger Abschied genommen, als sollte sie zum Schaffot
-geführt werden, und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer
-Dienerin und der Nonne allein.
-
-Als dann der Schönheitsfehler des Auges thatsächlich korrigirt wurde,
-bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß, so lange wie die Narkose dauerte,
-die Hände ihres Vorgesetzten eiskalt waren, während sein Puls vor innerer
-Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts.
-
-Allerdings erhielt der Augenarzt später für die gelungene Operation ein
-kleines Vermögen, und auch Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt,
-daß sie endlich ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer für sich
-allein miethen konnte.
-
-Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren eigenen Augen. Von
-allem, was das Leben ihr auferlegte, erschien es ihr am schwersten niemals
-allein sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in sich
-selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit ihr intimstes
-persönliches Dasein vor fremden Augen führen zu müssen.
-
-Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr ein Heim, ein trauliches
-warmes Stübchen, eine eigene Lampe, ein eigenes Bett.
-
-Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie diese selbsterworbene
-Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen selbstverständlich erschien, fast
-wie Luxus.
-
-Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt zum ersten Male in der
-Nähe sah, machte gleichfalls einen tiefen Eindruck auf ihren scharf
-beobachtenden, stets nach Erkenntniß strebenden Geist.
-
-Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch einige Male zu der
-Reconvalescentin. Die große Zahl wenig beschäftigter Dienstboten, die sie
-in diesem Hause bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen.
-
-Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte einer Anzahl Menschen
-zu miethen, zu bezahlen und dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser
-reiche Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der Umsatz des Geldes
-jeder Zeit berechtigt ist, aber sie hielt es für einen unberechtigten
-Eingriff in die Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit
-verloren ging; sie sah darin einen moralischen Defect, der als bleibender
-Nachtheil diese vielen Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten
-Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung des Hauses
-gewährte ihr dagegen eine unbefangene Freude. Sie empfand es angenehm, die
-harmonischen Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten. Der
-Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die weichen Teppiche, die Bilder,
-die Bronzen, diese ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche
-Glück zu vervollkommnen.
-
-Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung befindlichen Tochter
-dieses Hauses nicht tauschen mögen.
-
-Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein Streben, das Glück des schwer
-errungenen Erfolges war ihr fremd.
-
-Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens Begriffen todte Pracht,
-ein Luxus, der keinem Bedürfnisse diente, der entbehrlich war, manchem
-Temperament vielleicht sogar lästig.
-
-Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur darauf warteten einen
-Befehl auszuführen, einem Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen
-der Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu beschäftigen.
-
-Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen nach dem Befinden, dieses
-Studium der Speisen und Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle
-am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die gewohnt war das Essen
-als eine menschliche Unvollkommenheit der man leider genügen müsse, zu
-betrachten. Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte sich das ruhige,
-kalt denkende Mädchen auch der größten Pracht und dem ausgesuchtesten
-Raffinement gegenüber nicht.
-
-Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand des Studiums, weiter
-nichts. --
-
-Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen, was die Anderen genossen,
-war ihrer Seele fremd. Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in
-einem Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer Uebergangszeit
-befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt hatte, und zweifelte nicht daran,
-daß auch für sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe nach
-situirt sein würde.
-
-Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth derjenigen, die nicht das
-leisteten und wußten, was sie sich in bitteren Kämpfen errungen hatte.
-
-Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen Kampfe um das nackte Leben,
-sie beobachtete mit voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden
-unter den Armen.
-
-Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden mehrere an den Augen Verletzte
-in die Klinik, an der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines
-Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt. Zerfetzt, entzündet,
-von Ruß und Qualm beschmutzt, hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln.
-
-Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich schon eine ziemlich
-selbständige Stellung errungen hatte, griff nach der Chloroformflasche, um
-den Verletzten zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte.
-
-Da wurde ihr das Medicament weggenommen und eine ärgerliche Stimme sagte:
-»Na Fräulein, Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.« --
-
-Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker war kein Arbeiter,
-für den natürlich jede Hülfeleistung bezahlt worden wäre, sondern ein
-unbekannter Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert
-hatte.
-
-Und wie litt dieser Mensch! -- Es war kaum anzusehen. --
-
-Da wurde in ihr der Entschluß fest, groß, berühmt und reich zu werden,
-um den Aermsten und Elendesten in ihrer Noth helfen zu können.
-
-Die Liebe blieb ihr fern in jeder Gestalt. Als sie die erste zögernde
-Anerkennung ihrer operativen Geschicklichkeit, die erste staunende
-Bewunderung ihrer sicheren Diagnose erfuhr, wurde ihr die
-rücksichtsvollste Achtung der Männer zu Theil. Sie hätte vielleicht
-jetzt noch einmal Gelegenheit finden können zu heirathen, so wie im
-Anfange ihrer Laufbahn, als der Cigarrenarbeiter für seinen Kameraden um
-sie warb.
-
-Aber sie dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Die Männer waren ihr so
-uninteressant, so gleichgültig. -- Die Collegen interessirten sie wohl als
-solche, aber nicht als Männer, keinen Gedanken hatte sie dafür übrig.
-
-So erwarb sie sich nach und nach einen geachteten Namen und ein weit über
-ihre Bedürfnisse hinaus gehendes Einkommen.
-
-Ob sie glücklich dabei war oder nicht, wußte niemand zu sagen, denn
-niemals sprach sie von sich selbst, sie hatte überhaupt gar keine
-Privatangelegenheiten.
-
-
-III.
-
-Otto Ehrhardt hatte bald nach Cäciliens Abreise das Diakonissenhaus, an
-dem er angestellt war, verlassen.
-
-Er bildete sich ein, die Oberin hätte die ihm vorgesetzten Aerzte gegen
-ihn eingenommen, aus Empfindlichkeit darüber, daß er ihrer Aufforderung
-nicht nachgekommen war und ihr seine Schwester Cäcilie nicht zugeführt
-hatte.
-
-In Wirklichkeit lag der Gräfin eine solche kleinliche Uebelnehmerei fern.
-Sie dachte gar nicht mehr an Cäcilie Ehrhardt, die sie niemals gesehen
-hatte, aber sie behandelte Otto geringschätzig, weil es ihrem scharfen
-erfahrenen Blicke nicht entging, daß der junge Mann für seinen Beruf
-nicht begabt war und auch kein intensives Streben besaß.
-
-Er witterte überall Intriguen, nahm es furchtbar übel, wenn bei einer
-wichtigen Operation ein jüngerer Assistent herangezogen wurde und
-versäumte dann aus Empfindlichkeit, wenigstens zuzusehen, um sich zu
-belehren. Eine gewisse natürliche Trägheit hinderte ihn, seine Studien
-fortzusetzen und sich den täglichen Fortschritten seiner Wissenschaft
-anzuschließen.
-
-So suchte ihn niemand zu halten, als er ging. Er miethete sich zwei
-hübsche Zimmer, annoncirte in den Zeitungen und verdiente am Ende so viel
-in seinen Sprechstunden, wie seine Garderobe ihn kostete. Mehr aber nicht.
-
-Keine einzige angesehene und zahlungsfähige Familie kam auf den Gedanken,
-ihn zum Hausarzt zu wählen. Er fing schließlich an, die Zeitungen
-durchzusuchen nach Annoncen, in denen Aerzte gesucht wurden, denen eine
-bestimmte Einnahme von vornherein zugesagt wurde. Er meldete sich überall,
-bekam auch oft Antwort, stets aber wünschte man -- gewissermaßen als
-Zeugniß -- ein empfehlendes Schreiben seiner früheren Vorgesetzten.
-Schließlich bemühte er sich um ein solches, aber es fiel so kühl und
-nichtssagend aus, daß es ihm wenig half.
-
-Mehr und mehr schmolz die kleine Summe zusammen, die ihn erhielt. Er sagte
-sich, daß die Berliner Wohnung ein zu großer Luxus für ihn sei, und ins
-Blaue hinein fuhr er nach einer kleinen Stadt, miethete sich im Hotel ein
-und annoncirte in der Zeitung.
-
-Es kamen arme Leute zu ihm und wollten Medicin kaufen; man hielt ihn
-nach diesem Vorgehen nicht für einen richtigen Arzt, sondern für einen
-Verkäufer irgend welcher Geheimmittel. Die Aerzte in der Stadt, denen er
-seine Visite machte, erwiderten den Besuch nicht. Er fühlte, daß er nach
-diesem Anfang im Orte unmöglich sei. Nach acht Tagen kam kein Mensch mehr
-zu ihm.
-
-Kurz entschlossen setzte er sich ins Eisenbahncoupee und fuhr nach dem
-Rhein. In einer mittleren Stadt miethete er eine Wohnung, meldete sich
-ordnungsmäßig auf der Polizei an und annoncirte dann erst in der Zeitung.
-Man erwiderte seine Besuche. Ab und zu holte man ihn zu einem Kranken.
-
-Hätte er diesen Weg doch gleich eingeschlagen, als er noch zweitausend
-Mark besaß! Bis die verbraucht waren, hätte er sich hier durchgearbeitet.
-Schon jetzt, nach zwei Monaten verdiente er etwas, aber ach, das
-väterliche Erbe war verbraucht, er stand vor dem Nichts.
-
-Manchmal bezahlte man ihm eine Bemühung in der Sprechstunde oder einen
-Besuch, dann konnte er für einige Tage sein Mittagessen bezahlen, und der
-Wirth borgte wieder weiter. Jede kleine Einnahme legte er bei Seite, um
-am Anfang des Monats die Miethe entrichten zu können. Als dann aber der
-Zahlungstag kam, hatte er nur die Hälfte der erforderlichen Summe.
-
-Der Hauswirth war gutmüthig, er versprach zu warten, er erbot sich sogar,
-seinen Miether bei seinen Bekannten zu empfehlen.
-
-Wirklich brachte diese Empfehlung ihm Nutzen, er wurde zu einer schweren
-Entbindung gerufen, bei der außer ihm noch ein anderer Arzt zugegen war.
-
-Drei Tage später war die Wöchnerin todt, das neugeborene Kind folgte ihr
-nach, und kein Mensch in der Stadt schob die Schuld auf den einheimischen
-Hausarzt der Familie, sondern jeder sah darin einen Beweis der
-Untüchtigkeit des unglücklichen Fremden.
-
-Der arme Ehrhardt konnte im Grunde genommen garnichts dafür. Eine Reihe
-unglücklicher Zufälle war zusammengetroffen; sein Hauswirth aber, außer
-sich darüber, daß er einen solchen Mann empfohlen hatte, kündigte seinem
-Miether zum nächsten Termin.
-
-Leerer und leerer wurde das Wartezimmer während der Sprechzeit. Ehrhardt
-verkaufte seine Uhr, um seine Miethe bezahlen zu können, als er auszog.
-
-Seinen Wohnungswechsel zeigte er in der Zeitung an und seinen Mittagstisch
-suchte er in der Nähe der neuen Wohnung. Der Restaurateur, bei dem er
-früher gegessen hatte, borgte nicht mehr.
-
-Wenn er doch jetzt in Berlin gewesen wäre, er hätte vielleicht in ein
-Hospital eintreten können, oder bei einem Professor. Wenigstens hätte er
-doch einige Bekannte gehabt, die ihm vielleicht etwas geborgt hätten, aber
-hier kannte er niemanden, alle Thüren blieben für ihn verschlossen.
-
-Es wurde Winter. Die Wirthin, bei der er jetzt wohnte, verlangte Vorschuß
-für Kohlen, sonst weigerte sie sich, sein Zimmer zu heizen. Er konnte doch
-seine Kranken nicht im Kalten empfangen und untersuchen; so verkaufte
-er denn, was er entbehren konnte an Wäsche und Kleidungsstücken, und
-bezahlte Miethe und Kohlen.
-
-Ein Arbeiter, dem er einen Armbruch behandelt hatte, war ihm noch die
-Bezahlung schuldig. Er ging hin, fand den Mann im Bette und in der
-Behandlung eines anderen Arztes. Er hatte seinen Arm zu früh wieder
-gebraucht, die üblen Folgen davon aber schob er auf Doctor Ehrhardts
-falsche Behandlung, und die Frau wies diesem schimpfend die Thür.
-
-Wenn er etwas haben wolle, sollte er sie nur verklagen, der Doctor Brauer,
-den man jetzt hätte, der würde schon bezeugen, wie viel Schaden die Fehler
-der ersten ärztlichen Behandlung ihrem Manne gethan hätten.
-
-Ehrhardt war nicht in der Stimmung, irgend einen Menschen zu verklagen.
-Er lebte jetzt von der Hand in den Mund. Sein einziger Wunsch war, daß
-er früh in der Sprechstunde eine Mark einnähme, um mit der Hälfte davon
-sein Essen zu bezahlen und die andere in seine Wohnungskasse zu legen.
-
-Im Januar bekam er einen Steuerzettel, er sollte angeben, wie viel die
-Ausübung seines Berufes einbrächte, um nach Maaßgabe dieser Schätzung
-zu den gesetzlichen Abgaben herangezogen zu werden.
-
-Zuweilen dachte er an seine Schwester Cäcilie. Das freie Gewerbe, bei
-dessen Ausübung er beinah verhungerte, hatte sie so unwiderstehlich
-angezogen und gereizt. Sie sah in der Zulassung zu dieser Thätigkeit ein
-geistiges Ideal. Wie fern war doch für ihn die Wirklichkeit von diesen
-phantastischen Mädchenträumen geblieben. Aber Cäcilie war ein Weib, wenn
-sie in Noth kam, so blieb ihr noch immer der Beruf einer Pflegerin, der ihr
-jede Stunde ein sicheres Brod geben konnte -- er dagegen, er konnte doch
-nicht hingehen und Arbeiter werden.
-
-Er beneidete die Bergleute, die er früh nach ihren Schächten gehen
-sah. Sie hatten alle ihr sicheres Auskommen. Keiner hatte eine geringere
-Einnahme als drei Mark jeden Tag.
-
-Er hatte dagegen momentan nichts. Wohl sagte er sich, daß es mit der Zeit
-wieder anders und besser werden würde; nach und nach würde er bekannt
-werden und eine Stellung erringen, genau so wie alle seine Collegen am Ort.
-Er mußte nur warten -- aber er konnte nicht warten. Man muß doch leben,
-während man wartet, und er hatte nichts, wovon er hätte leben können.
-
-Die Redaction einer medicinischen Zeitschrift schickte ihm eine
-Abonnementseinladung und ein Probeheft ihres Blattes. Mechanisch las er
-es durch. Unter den Notizen am Schluß fand er die Nachricht, daß Dr.
-Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende junge Aerztin, nach
-mehreren glänzend ausgeführten Operationen an der großen Augen-Klinik
-der Universität Boston mit festem Gehalt als Assistentin angestellt sei.
-
-Das Blatt fügte noch hinzu, daß diese Anstellung der Dame Zeit genug
-lasse, ihre schon jetzt bedeutende Privatpraxis ausüben zu können.
-
-Cäcilie! Also wirklich, sie hatte sich durchgearbeitet und hatte studirt
-mit derselben Summe, die ihm zugefallen war, als seine Studien vollendet
-waren und er sich nur noch eine Praxis zu suchen brauchte.
-
-War es nicht eigentlich eine Schmach, daß er sich jetzt hinsetzte, um an
-sie zu schreiben und sie um Unterstützung zu bitten?
-
-Zum Teufel auch, daran war er doch nicht schuld! Cäcilie wußte ja auch,
-daß in Deutschland der Beruf überfüllt war. Sie sollte ihm Reisegeld
-schicken, vielleicht fand sich auch für ihn in Amerika noch ein
-Wirkungskreis, der nur auf ihn harrte.
-
-Rasch entschlossen schrieb er den Brief, gar nicht sehr sentimental, eher
-mit einem bitteren Humor gewürzt und schickte ihn ab.
-
-Er überlegte, daß bis zum Eintreffen der Antwort aus Amerika mindestens
-drei Wochen vergehen würden, selbst wenn die Schwester sofort antwortete
-und sofort half.
-
-Drei Wochen -- wie sollte er leben, wie sollte er drei Wochen noch warten!
-Er besaß nichts mehr, es gab keinen Ausweg mehr als den, sich an die
-öffentliche Wohlthätigkeit zu wenden. Es gab doch Kassen, die dazu
-da waren, einen vollständig verarmten Menschen vor dem Hungertode zu
-schützen.
-
-Mechanisch griff er noch einmal nach dem Zeitungsblatt, das die Notiz
-über Cäcilie enthielt. Ihr ging es also gut, nach deutschen Begriffen
-vielleicht glänzend und er -- er wollte jetzt betteln.
-
-Er sagte das Wort ganz laut vor sich hin, um sich an den Klang zu
-gewöhnen: -- »Betteln, betteln.« --
-
-Ein letzter innerer Kampf tobte durch seine Seele. Der ganze Hochmuth
-seines Wesens, die ganzen Prinzipien seiner Erziehung empörten sich in
-ihm, aber die Ueberlegung siegte, es blieb ihm nichts anderes übrig
--- -- doch -- eine Rettung -- fast wäre er im Gebet niedergesunken vor
-Dankbarkeit und Freude über diesen Gedanken.
-
-Er brauchte nicht zu betteln, noch nicht. -- Es war ja doch möglich,
-daß ein College ihm auf diese Zeitungsnotiz hin eine kleine Summe
-leihen würde, wenn er nachwies, daß er sich um Unterstützung an die
-zahlungsfähige Schwester gewendet hatte.
-
-Beinah leichten Herzens ging er aus, um diese Hilfe zu suchen.
-
-Bald darauf stand er vor dem städtischen Kreisphysikus und trug diesem
-sein Anliegen vor.
-
-Der ältere College war ein wohlwollender Mann, der in auskömmlichen
-Verhältnissen lebte. Er hatte aber zahlreiche Kinder, so daß er von
-seinen Einnahmen nichts übrig hatte. Grade in der letzten Zeit hatte er
-allerlei unvorhergesehene Ausgaben gehabt und so gern wie er der Noth des
-jungen Mannes abgeholfen hätte, sah er sich doch dazu nicht im Stande.
-
-Es war ein entsetzlich peinlicher Augenblick für den Bittenden, das
-kühle ablehnende Achselzucken hinnehmen zu müssen, mit dem der vorsichtige
-Familienvater es ablehnte, sein Geld auf eine so unsichere Chance wie diese
-amerikanische Unterstützung hin, auszuleihen.
-
-Als Otto Ehrhardt wieder auf der Straße stand, ohne einen Pfennig erhalten
-zu haben, sagte er, fast ohne es zu wissen, wieder das furchtbare Wort vor
-sich hin: »Betteln -- betteln« --
-
-Dann ging er weiter. Er suchte jetzt einen unverheiratheten Arzt auf, der
-gleichfalls für bequem situirt galt. Als er sein Anliegen vorgetragen
-hatte, lachte der etwas cynisch angelegte Junggeselle laut auf.
-
-»Was -- auf einen weiblichen Concurrenten hin soll ich Ihnen Kredit
-geben?«
-
-»Wie denn nun, wenn Fräulein Doctor Cäcilie als echtes Weib es vorzieht,
-ihre Honorare in Toiletten und Brillanten anzulegen? Glauben Sie denn
-wirklich, bester Ehrhardt, daß diese europamüde junge Dame sich für
-Geld und gute Worte einen Bruder zu ihrem Schutze verschreiben wird,
-der« -- --
-
-»Sie kann doch ihren Bruder nicht verhungern lassen« --
-
-Fast schluchzend unterbrach der Unglückliche die lebhafte Rede des als
-Weiberfeind bekannten Collegen. Er wußte ja ganz genau, daß Dr. Brauer
-die weiblichen Aerzte als Halbverrückte verachtete -- aber darauf kam es
-doch in diesem Augenblicke nicht an, wenn er nur gab -- gab -- --
-
-Ganz verblüfft starrte Brauer seinen Besuch an. »Aber, Herr College --
-verhungern, was für ein Ausdruck, wahrhaftig« --
-
-Er lachte gezwungen, aber es wurde ihm äußerst unbehaglich, als er den
-verzweifelten Ausdruck in dem bleichen Gesichte des Anderen sah.
-
-»Wenn ich noch einen Groschen hätte, so würde ich nicht« -- er
-stockte, und dann mit grellem Lachen, auf einmal stieß er das Wort aus.
-»Betteln,« er schrie es förmlich dem Arzte in die Ohren: »betteln,
-betteln«; es war ihm wie eine Erleichterung in seiner Folterqual, als er
-es selbst hörte, dieses harte, entsetzliche Wort. --
-
-Er -- bettelte.
-
-Dr. Brauer war außerordentlich unangenehm berührt. Eigentlich hatte er
-dem Collegen sagen wollen, was schon der Kreisphysikus gesagt hatte,
-daß man etwas für ihn thun werde, ihm Beschäftigung verschaffen, sich
-erkundigen, über die Sache sprechen, aber jetzt -- der Mensch machte ihm
-ja eine Scene, er bettelte ihn an, da war alles collegiale Entgegenkommen
-unmöglich -- und wie er aussah, wie ein Irrsinniger, man konnte ihn
-vielleicht gar nicht beschäftigen. -- Dr. Brauer empfand nur noch den
-lebhaften Wunsch, den lästigen Besucher los zu werden.
-
-»Nun, ich will Ihnen wünschen, daß Ihr Fräulein Schwester Sie aus der
-Verlegenheit rettet, in der Sie sich befinden,« sagte er. Dann schloß er
-sein Pult auf, nahm Geld heraus und drückte Ehrhardt zwei Goldstücke in
-die Hand.
-
-Ohne danken zu können, wie ein Betrunkener taumelte der Beschenkte aus dem
-Zimmer. Er fühlte, daß Thränen ihm heiß in die Augen traten, Brust
-und Hals waren ihm wie zugeschnürt. Erst auf der Straße fand er seine
-Besinnung wieder. In seiner krampfhaft geschlossenen Hand befand sich ja
-Geld, nun konnte er warten -- auf Rettung, auf Erlösung warten.
-
-Er war in der nächsten Zeit nicht im Stande, sich mit irgend etwas zu
-beschäftigen. Er wartete nur, zählte täglich, stündlich, wie viel Geld
-er noch hatte, berechnete, wie weit es noch reichen würde und wartete im
-Uebrigen mit unermüdlicher Geduld.
-
-Es war doch ganz unmöglich, daß die auf Cäcilie gesetzte Hoffnung ihn
-täuschen sollte. Er erinnerte sich an die gemeinsam mit der Schwester
-verlebte Kindheit im Elternhause. Gutmüthig war Cäcilie nie gewesen, aber
-sie hatte ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. Wer ganz elend und
-hülflos war, dem strebte sie zu helfen, ohne auf die Schuldfrage des
-Unglücklichen einzugehn.
-
-Nun erfuhr sie, daß er ganz arm, ganz elend war. Nach seinem Verschulden
-würde sie sich vielleicht später erkundigen, aber zunächst würde sie
-helfen. Immer fester redete er sich das ein, immer gewisser rechnete er
-darauf.
-
-So verging die Zeit, und das Darlehn des Dr. Brauer schmolz zusammen.
-
-Schließlich erkannte der Wartende, daß er, selbst wenn er nur noch von
-Brod lebte, doch höchstens noch fünf Tage warten könne.
-
-Auf der Post kannten ihn schon alle Beamten. In Zwischenräumen von wenigen
-Stunden kam er täglich mehrmals, um zu fragen, ob kein Brief für ihn da
-sei.
-
-Er klammerte sich an die letzte Hoffnung des Lebens, er wollte nicht
-untergehn.
-
-Und dann kam der Tag, an dem die letzte Brodrinde verzehrt, der letzte
-Pfennig verausgabt war. Er hatte mehrmals an Cäcilie geschrieben, sie
-hätte längst antworten können, wenn sie seine Briefe erhalten hätte.
-
-Aus der Zeitungsnotiz, die ihm Kunde von der Schwester gebracht hatte,
-ging nur sehr ungenau deren Adresse hervor. Er hatte bei der Redaction
-angefragt, man hatte ihm Auskunft versprochen, aber diese Auskunft war noch
-nicht eingetroffen. Und jetzt war das Ende da, er stand vor dem Nichts. --
-
-In dumpfer Verzweiflung saß er in seinem Sprechzimmer und wartete auf den
-Postboten. Auf Patienten zu warten, hatte er längst aufgegeben.
-
-Es war aus mit ihm, er mußte es fassen, wenn er auch das Leben liebte,
-sich mit der ganzen Kraft seiner Jugend an das Leben zu klammern suchte, es
-war doch aus, da war nichts mehr zu machen.
-
-Aber hier, in der unbehaglichen kalten Stube konnte er nicht bleiben. Er
-wollte sein Ende suchen, aber doch nicht hier.
-
-Ein Verlangen nach frischer Luft, nach der weiten freien Natur erfüllte
-ihn plötzlich. So erhob er sich, setzte seinen Hut auf und ging hinaus.
-Er besaß schon lange keinen Ueberzieher mehr, und dabei war es empfindlich
-kalt. So schritt er rasch vorwärts aus der Stadt hinaus, immer weiter
-ins Freie. Die starke Bewegung machte ihn warm. Er ging durch einen vom
-Rauhfrost glitzernden Forst. Es war eine Stille unter den weißen Bäumen,
-wie tief in der Nacht. Die Sonne schimmerte und sprühte in all den
-feenhaften Gebilden, die den Wald erfüllten. Da hing ein Spinnennetz
-zwischen den Zweigen; wie aus leuchtenden Seidenfäden schien es gestickt,
-mit Brillantstaub bestreut. Alle Contouren waren gröber als sonst und
-dadurch erst voll erkennbar in der wunderbaren Schönheit ihrer Linien.
-Und keiner Linie konnte man folgen; das Funkeln und Leuchten der weißen
-glitzernden Crystalle that den Augen weh, verwirrte und blendete wie die
-nackte Schönheit eines menschlichen Leibes.
-
-Als es dunkel wurde, kehrte er langsam zurück in die Stadt. Der lange
-Spaziergang in der frischen Winterluft hatte ihn hungrig gemacht, der kurze
-Tag ging zu Ende, man zündete in den Straßen die Laternen an. Ehrhardt
-erinnerte sich, daß er heute überhaupt noch nichts gegessen hatte. Er
-besaß kein Geld mehr, zum ersten Male stand er vor dem Hunger.
-
-Er hatte nichts mehr, was er versetzen, was er entbehren konnte. Nichts
--- -- er besann sich, doch, ein weiches seidenes Halstuch. Er hielt
-darauf, weil er sehr empfindlich gegen Wind war, aber der Hunger fiel ihn
-an wie ein Fieber. Er war ja doch ein Bettler, wozu brauchte er da noch
-einen Luxusgegenstand, ein Stück, das geradezu elegant war!
-
-Rasch entschlossen trat er in einen kleinen Laden und verkaufte für zwei
-Mark das Tuch, welches das Sechsfache gekostet hatte.
-
-Nun hätte er essen können; aber wie er aus dem engen heißen Laden des
-Althändlers herauskam, traf ein scharfer Windstoß seinen Nacken, dem das
-warme Tuch fehlte, so daß die Kälte ihn durchschauerte bis ins Mark.
-
-Einige Arbeiter kamen sichtlich heiter mit tief gerötheten Gesichtern aus
-einem Keller, an dem er vorbeiging. Heiße mit Spiritusgeruch erfüllte
-Luft strömte aus der Thür, die sie hinter sich schlossen.
-
-Ein Schüttelfrost, der die Glieder des Arztes erfaßte, zwang ihn, in die
-Destillation einzutreten. Man gab ihm ein Glas Schnaps, so groß wie er es
-noch nie getrunken hatte; es war dabei so lächerlich billig, daß er sich
-versucht fühlte, ein Trinkgeld zu geben; aber er sah noch rechtzeitig,
-daß niemand das that und unterließ es.
-
-Der Schnaps erwärmte ihn und beseitigte das Gefühl des Hungers. Er
-überlegte, daß er ja nun das Geld, mit dem er seinen Hunger hatte stillen
-wollen, anderweitig verwenden könnte. Rasch entschlossen trat er in eine
-Apotheke und kaufte ein Medicament.
-
-Es blieben ihm noch einige kleine Münzen, die er krampfhaft in der Hand
-hielt.
-
-Halb bewußtlos kehrte er in die Destille zurück und forderte noch einmal
-Schnaps. Er trank, bis der letzte Groschen, den er in der Hand hielt,
-vertrunken war.
-
-Dann besaß er noch Klarheit genug, um sich zu sagen, daß er, ohne die
-Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken, nach seiner Wohnung gelangen
-müßte.
-
-Er ging scheinbar energisch und sicher geradeaus.
-
-Zuweilen hatte er aber das Gefühl, als weiche der Boden unter seinen
-Füßen zurück, so daß er in tiefe Löcher treten müßte. Dann hielt
-er sich ängstlich an der Mauer fest, wartete einen Augenblick und hastete
-weiter.
-
-Die Vorübergehenden sahen sich zuweilen nach ihm um, dann empfand er etwas
-wie Furcht und strebte weiter.
-
-So gelangte er schließlich in seine Wohnung. An der Schwelle seines
-dürftigen Zimmers empfing ihn seine Wirthin, die Wittwe Lorbeer.
-
-»Morgen ist der Erste, Herr Doctor. Da man von Ihnen doch wohl keine
-Miethe mehr bekommen wird, so habe ich die Wohnung an einen anderen Herrn
-vermiethet, das wollte ich Ihnen nur sagen, Herr Doctor.«
-
-Otto Ehrhardt lachte. »So, so! Sie haben schon wieder vermiethet? Nun, das
-freut mich,« sagte er.
-
-Die Frau starrte ihn ganz entsetzt an. »Herr Du meines Lebens, nun
-betrinkt sich der Mensch wohl noch gar,« zeterte sie. »Morgen Mittag um
-zwölf muß die Stube geräumt sein, ich will anständige Miether haben.
-Mit Leuten, die sich betrinken, habe ich nichts zu thun, das merken Sie
-sich.«
-
-Er steckte die Hände in die Taschen und stellte sich behaglich lachend vor
-das erboste Weib. »Ja, sehn Sie mal Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache,«
-begann er -- »so gewissermaßen ein Wettlauf« -- »Schlafen Sie Ihren
-Rausch aus und dann packen Sie sich,« schrie die Wittwe.
-
-Der grelle Ton, der Anblick des Zimmers, in dem er alle Qualen des
-hoffnungslosen Wartens durchlebt hatte, ernüchterten ihn plötzlich.
-
-»Ich bin nicht betrunken,« sagte er leise.
-
-Die Frau sah ihn mißtrauisch an und schwieg.
-
-»Also, wie Sie wollen, ich zieh' morgen aus, wenn Sie Unkosten davon haben
-sollten, so wenden Sie sich an meine Schwester, das wollte ich Ihnen noch
-sagen.«
-
-Die Wirthsfrau wurde aufmerksam.
-
-»Ach, die Frau Schwester will wohl etwas für Sie thun, Herr Doctor? Warum
-haben Sie mir denn nicht gesagt, daß Sie noch Verwandte haben?«
-
-»Hier ist die Adresse meiner Schwester.«
-
-Er reichte der Frau ein Blatt Papier und sank müde auf einen Stuhl.
-
-»Ich kann's nicht lesen ohne Brille, aber sagen Sie mir doch, wo Ihre
-Schwester lebt -- und was ist denn der Herr Schwager, wenn man fragen
-darf?«
-
-Er achtete nicht auf die Fragen der Frau. Mit halbgeschlossenen Augen
-lehnte er sich hintenüber und sprach leise und eintönig vor sich hin.
-
-»Der Vater stirbt, und die Kinder müssen den Kampf mit dem Leben
-aufnehmen. Beide haben die gleichen, dürftigen Mittel, womit sie
-durchkommen sollen. Der Mann hat einen Vorsprung, einen bedeutenden
-Vorsprung.
-
-Der Kampf beginnt -- aber die Kraft und den Muth und die Ausdauer hat das
-Weib. Der Vorsprung nützt dem Manne nichts -- sie überholt ihn doch.
-
-Sie siegt -- sie siegt, sie erreicht das Ziel. Als ein Bettler sinkt ihr
-der Bruder zu Füßen und fleht um Erbarmen. Sie aber, die Schwester,
-das siegreiche, emancipirte Mannweib, stößt den Flehenden von sich. Er
-stürzt, und über seine Leiche schreitet die -- -- die Concurrentin,
-Fräulein Doctor Cäcilie Erhardt.«
-
-Er schwieg. Frau Lorbeer aber war felsenfest überzeugt, daß ihr
-Zimmerherr trotz seiner gegentheiligen Behauptung betrunken sei.
-
-Das, was er da erzählt hatte, war doch keine vernünftige Auskunft über
-eine, möglicherweise zahlungsfähige Verwandtschaft.
-
-Kopfschüttelnd verließ die Vermietherin das Zimmer. Es gereichte ihr aber
-zur großen Beruhigung, daß sie bald darauf hörte, wie Otto Ehrhardt zu
-Bett ging. Ein Blick auf die Thürritze überzeugte sie auch, daß er das
-Licht ausgelöscht hatte.
-
-Am anderen Morgen wunderte sie sich durchaus nicht, daß er bis in den
-hellen Tag hinein schlief. Sie wußte ja, daß er am Abend vorher ein Glas
-über den Durst getrunken hatte.
-
-Gegen Mittag erschien der Geldbriefträger und verlangte Herrn Dr. Erhardt
-zu sprechen.
-
-Die Lorbeer entschloß sich nun, ihren Miether zu wecken. Alles Klopfen und
-Pochen an der Thür war jedoch vergeblich. Zweifelnd sahen die Frau und der
-Beamte sich an.
-
-»Was meinen Sie, Lorbeern, das Zimmerschloß ist nicht viel werth?«
-
-»In Gottes Namen, drücken Sie's ein, er hat mir ja gesagt, daß seine
-Schwester die Kosten bezahlt, wenn was nöthig sein sollte,« sagte die
-Frau.
-
-»Na, dann wird das wohl die Schwester sein, die das Geld schickt,«
-meinte der Briefbote, »seh'n Sie mal, das kommt hier nämlich aus Amerika,
-vierhundert Mark -- was sagen Sie dazu, Lorbeern?«
-
-»Schnell, brechen Sie die Thür auf, ich weiß, wie nöthig er es braucht,
-wird das eine Freude sein!«
-
-Mit einem einzigen Druck sprengte der Briefträger den schwachen
-Thürriegel.
-
-Frau Lorbeer stürzte auf das Bett ihres Zimmerherrn los, fuhr aber mit
-einem gellenden Aufschrei zurück.
-
-Bläulich geschwollen und entstellt lag da eine Leiche, die alle Spuren
-einer Vergiftung aufwies. --
-
-Die an den Todten adressirte Geldsumme wurde von den Collegen desselben zur
-Beerdigung verwendet. Als Absenderin auf dem Postabschnitt aber lasen die
-Herren einen Namen, der ihnen bis dahin unbekannt geblieben war. Nur Doctor
-Brauer wußte eine Erklärung darüber zu geben. Der Name lautete: »Doctor
-Cäcilie Erhardt. Boston -- Amerika.«
-
-
-_Ende!_
-
-
-Druck von A. Klarbaum, Berlin SO. 26.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Der Schmutztitel "Morphium" wurde an den Beginn des ersten Kapitels
-verschoben. Das Inhaltsverzeichnis und das Portrait der Autorin, die
-im Original hinter dem Schmutztitel stehen, wurden hinter die Titelseite
-verschoben.
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Darstellung abweichender
-Schriftarten: _gesperrt_. Römische Zahlen sowie der Titel "Dr.", die
-abweichend in Antiqua gesetzt sind, wurden in der Transkription nicht
-gesondert gekennzeichnet.
-
-Das schließende Komma in wörtlicher Rede wurde einheitlich an die
-Position vor dem Abführungszeichen gebracht.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Brod"
--- "Brot", "danach" -- "darnach, "Doctor" -- "Doktor", "erwiderte" --
-"erwiederte", "gerade" -- "grade", "tödlich" -- "tödtlich" -- "tötlich",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- im Inhaltsverzeichnis:
- "150" geändert in "159"
- (Doctor Cäcilie......159)
-
- Seite 3:
- "Freidhofes" geändert in "Friedhofes"
- (um die Abfälle des Friedhofes dahin zu bringen)
-
- Seite 5:
- "»" eingefügt
- (»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen Moden,«)
-
- Seite 5:
- "nneigennütziger" geändert in "uneigennütziger"
- (In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige Leiter)
-
- Seite 12:
- "sie" geändert in "Sie"
- (so wissen Sie auch, daß die Koketterie)
-
- Seite 12:
- "Ihrer" geändert in "ihrer"
- (Nur Verurtheilung ihrer Leidenschaft)
-
- Seite 13:
- "«" eingefügt
- (der jedes Laster fremd wäre.«)
-
- Seite 13:
- "," eingefügt
- (unter der Haut wie Sand, ein angstvolles Unbehagen)
-
- Seite 14:
- "«" eingefügt
- ( es wird mir schon wieder wohl -- sehr wohl. --«)
-
- Seite 14:
- "Genußes" geändert in "Genusses"
- (die Steigerung des Genusses! --)
-
- Seite 14:
- "»" eingefügt
- (»Ein Buch?« -- Sie nahm alle Willenskraft zusammen)
-
- Seite 14:
- "Leidens genossen" geändert in "Leidensgenossen"
- (mit all ihren Leidensgenossen theilte)
-
- Seite 15:
- "«" eingefügt
- (allerdings meine jetzige Stellung verlassen.«)
-
- Seite 15:
- "ihrem" geändert in "Ihrem"
- (»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb lachen Sie?«)
-
- Seite 15:
- "»" und "«" eingefügt
- (»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer werden?«)
-
- Seite 15:
- "«" eingefügt
- (das Werk seines ehemaligen Assistenten lesen wird.«)
-
- Seite 15:
- "»" eingefügt
- (»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest)
-
- Seite 15:
- "«" entfernt hinter "feierlich."
- (sagte er nun beinahe feierlich.)
-
- Seite 20:
- "sympatisch" geändert in "sympathisch"
- (Ihre Anmuth und Grazie berührten ihn sympathisch)
-
- Seite 21:
- "nud" geändert in "und"
- (an Turnaus Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm)
-
- Seite 23:
- "sie" geändert in "Sie"
- (»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?«)
-
- Seite 25:
- "eintreten" geändert in "eingetreten"
- (behaglichen Ruhestand der Privatpraxis eingetreten)
-
- Seite 27:
- "Sohue" geändert in "Sohne"
- (ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen)
-
- Seite 27:
- "," eingefügt
- (an ihre weiche volle Wange, dann entfernten sich)
-
- Seite 28:
- "habeu" geändert in "haben"
- (ich glaube, wir haben da einen glücklichen)
-
- Seite 30:
- "ewas" geändert in "etwas"
- (wurden ihre Bewegungen etwas fester)
-
- Seite 31:
- "«" eingefügt
- (werden für den Augenblick genügen.«)
-
- Seite 35:
- "«" entfernt hinter "Geheimräthin,"
- (Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich)
-
- Seite 38:
- "sie" geändert in "Sie"
- (gehen Sie an die Fensterscheibe)
-
- Seite 39:
- "einen" geändert in "einem"
- (was irgend einem Menschen in der Welt)
-
- Seite 39:
- "»" eingefügt
- (»Außer in Apotheken wird das Morphium)
-
- Seite 40:
- "«" eingefügt
- (»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«)
-
- Seite 44:
- "du" geändert in "Du"
- (einen so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt)
-
- Seite 45:
- "ein" geändert in "eine"
- (eine krankhafte Leidenschaft concentrirte)
-
- Seite 45:
- "Gebennedeiete«," geändert in "Gebenedeiete,«"
- (»Gieb es mir, Gebenedeiete,« flehte sie)
-
- Seite 48/49:
- "außer dem" geändert in "außerdem"
- (und bin außerdem dem Morphinismus ergeben)
-
- Seite 51:
- ":" eingefügt
- (wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht)
-
- Seite 60:
- "»" entfernt vor "Turnau"
- (Turnau trat an den Tisch heran.)
-
- Seite 66:
- "Gefährten" geändert in "Gefährtin"
- (unter der fröhlichen treuen Gefährtin)
-
- Seite 70:
- "auf" geändert in "aufs"
- (höhnte der aufs äußerste gereizte Mann)
-
- Seite 74:
- "," eingefügt
- (Mein Morphium, mein ganzer Vorrath)
-
- Seite 75:
- "den" geändert in "dem"
- (nach dem er durchaus nicht verlangte)
-
- Seite 79:
- "," eingefügt
- (so scharf, so spitz)
-
- Seite 80:
- "zuerlangen" geändert in "zu erlangen"
- (um sie wieder zu erlangen, muß man)
-
- Seite 86:
- "«" eingefügt
- (Herr Professor erklären Sie doch -- -- --«)
-
- Seite 87:
- "Fäulein" geändert in "Fräulein"
- (rief das Fräulein ihr nach)
-
- Seite 87:
- "uud" geändert in "und"
- (erreichte die Thür und stürzte)
-
- Seite 91:
- "," eingefügt
- (sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches)
-
- Seite 93:
- "du" geändert in "Du"
- (wenn Du es auch innerlich bist)
-
- Seite 94:
- "«" eingefügt
- (»Und schadet niemand?«)
-
- Seite 98:
- "," eingefügt
- (nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend)
-
- Seite 110:
- "," eingefügt
- (Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch)
-
- Seite 113:
- "«" eingefügt
- (habe hier nebenan zu thun.«)
-
- Seite 114:
- "«" und "»" eingefügt
- (wer für sie bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen)
-
- Seite 120:
- "»" eingefügt
- (»eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates)
-
- Seite 120:
- "»" entfernt vor "Wissen"
- (Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld)
-
- Seite 124:
- "zulassen" geändert in "zu lassen"
- (zu Theil werden zu lassen, damit sie)
-
- Seite 124:
- "in der Jetzt" geändert in "jetzt"
- (bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes)
-
- Seite 127:
- ";" geändert in ",", "«" entfernt hinter "ärgerlich."
- (diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich.
-
- Seite 129:
- "," eingefügt
- (die inneren Organe, die alle mißgestaltet)
-
- Seite 133:
- "«" und "»" eingefügt
- (Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch)
-
- Seite 139:
- "«" eingefügt
- (schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«)
-
- Seite 140:
- "," geändert in "?"
- (»Lebte das Kind?« hauchte sie)
-
- Seite 144:
- "," eingefügt
- (er wich allen Vergnügungen, besonders solchen)
-
- Seite 148:
- "»" eingefügt
- (wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht)
-
- Seite 149:
- "," eingefügt
- (sagte er, »oft erinnert man sich besser)
-
- Seite 152:
- "«" entfernt hinter "ein."
- (warf das junge Mädchen ein.)
-
- Seite 157:
- "," eingefügt
- (sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel)
-
- Seite 165:
- "lebend" geändert in "leben"
- (sie muß sehr zurückgezogen leben.«)
-
- Seite 165:
- "«" eingefügt
- (Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«)
-
- Seite 167:
- "," geändert in "."
- (etwas Anderes -- etwas Höheres. Das konnte sie jetzt)
-
- Seite 171:
- "«" entfernt hinter "Seite."
- (arbeite als Schwester an meiner Seite. Gieb mir)
-
- Seite 172:
- Absatz entfernt vor "»Also"
- (spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden)
-
- Seite 173:
- "," eingefügt
- (begann er langsam, »hat)
-
- Seite 175:
- "," geändert in "."
- (»Und ich?« fragte er. »Ich)
-
- Seite 176:
- "hönisch" geändert in "höhnisch"
- (Sie lachte höhnisch auf.)
-
- Seite 186:
- "begründete" geändert in "begründeten"
- (die darauf begründeten Zukunftshoffnungen sind)
-
- Seite 198:
- "," eingefügt
- (Dr. Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende junge Aerztin)
-
- Seite 202:
- "." eingefügt, "," eingefügt
- (stieß er das Wort aus. »Betteln«, er schrie es)
-
- Seite 207:
- "«" eingefügt
- Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache,« ]
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MORPHIUM ***
-
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