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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg eBook of Morphium, by Adine Gemberg
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Morphium
- Novellen
-
-Author: Adine Gemberg
-
-Release Date: February 01, 2021 [eBook #64442]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This book was produced from images made
- available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MORPHIUM ***
-
-
-
-
- Morphium.
-
-
- Novellen
-
- von
-
- Adine Gemberg.
-
-
- [Illustration: Decoration]
-
-
- Berlin.
-
- S. Fischer, Verlag.
-
- 1895.
-
-
-
-
-Inhalt:
-
-
- Seite
-
- Morphium 3
-
- Nach dem Tode 103
-
- Doctor Cäcilie 159
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Adine Gemberg.]
-
-
-
-
-Morphium.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-[Illustration]
-
-In einer Ecke des städtischen Kirchhofes war großer Kehraus.
-Zusammengethürmt lagen dort welke Kränze und Palmen, alle gleichmäßig
-graubraun, als wären sie nie bunt und farbenprächtig gewesen. Hie und
-da sah das schmutzige Ende einer Atlasschleife oder eine schwarz gewordene
-Goldfranze aus dem Gewirr hervor. Alte Weiber mit braunen, welken Armen und
-häßlichen, gleichgültigen Gesichtern stachen mit Mistgabeln hinein
-in den Haufen ehemaliger Gaben der Pietät, oder vielleicht auch nur der
-Convenienz. Gedankenlos schleuderten sie die Kränze auf einen Karren, und
-ein altes, blindes Pferd humpelte mühsam damit fort, um die Abfälle
-des Friedhofes dahin zu bringen, wo aller Müll und Schutt aus der Stadt
-abgeladen wurde.
-
-Mariä Himmelfahrt stand vor der Thür; deshalb war es nothwendig, den
-Kirchhof frei und sauber zu machen für die Aufnahme neuer Liebesgaben,
-neuer Kränze, neuer Palmen.
-
-»Gelobt sei'st du Maria,« sagte eines der alten Weiber und riß die
-braune Guirlande von dem Steinbilde der heiligen Jungfrau los, um sie zu
-den übrigen Kränzen zu werfen.
-
-»Und gebenedeiet in Ewigkeit, Amen,« fügte die andere Alte hinzu.
-
-Dann grüßten sie beide ehrerbietig und traten zur Seite, um zwei Nonnen
-Platz zu machen, die mit Blumen und Kerzen erschienen, das Bild der
-Himmelskönigin zum Feste zu schmücken.
-
-Die Schwestern beugten die Kniee vor der roh gearbeiteten Statue und
-begannen darauf, sie so freundlich und farbig wie möglich heraus zu
-putzen.
-
-Eine schlanke, bleiche Dame in eleganter Sommertoilette betrat den
-Kirchhof. Sie grüßte das Marienbild und dann die Schwestern. »Zünden
-Sie auch für mich eine Kerze an,« sagte sie näher tretend und drückte
-ein Geldstück in die Hand einer der Nonnen. Darauf nickte sie den
-Schwestern zu und ging langsam nach der Reihe der Erbbegräbnisse.
-
-Neugierig näherten sich die beiden alten Arbeiterinnen dem Gnadenbilde.
-»Was mag denn die Frau Geheimräthin für Kummer haben, daß sie eine
-Kerze opfert,« begann die Eine.
-
-»Wer weiß denn, ob es wegen einer Fürbitte ist; so reiche Leute haben
-der Allerheiligsten nur zu danken und können nicht genug danken, wenn sie
-auch alle Tage zehn Kerzen opfern wollten,« meinte die Andere.
-
-»Es ist wohl nur eine Festgabe zu morgen, die Geheimräthin Bremer ist
-eine liebe, gläubige Seele,« sagte die ältere der beiden Schwestern.
-
-»Nicht einmal Kränze hat sie mitgebracht für die Gräber ihrer Eltern,«
-bemerkte wieder die Alte, der die freundliche Äußerung der frommen
-Schwester durchaus nicht zu gefallen schien.
-
-»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen Moden,« stimmte die
-andere Alte ihr bei, »fromm nennt man sie doch, wenn sie auch viel weniger
-thun als Andere, denen es sauer genug wird.«
-
-»Die Fürsprache der Heiligen ist mehr werth als Gaben und Opfer,«
-verwies die jüngere der beiden Nonnen in strengem Tone. Darauf verließ
-sie mit ihrer Gefährtin den Kirchhof.
-
-Die alten Weiber rafften mit ihren Mistgabeln eine zweite Karre voller
-Kränze zusammen; die Geheimräthin Bremer ging an ihnen vorbei und ließ
-sich müde und langsam auf einer kleinen Bank nieder, die zur Seite von
-zwei, mit schwarzen Granitplatten gedeckten Gräbern aufgestellt war.
-
-»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« -- Mit Goldbuchstaben war
-dieser Spruch in die glänzend schwarze Steinplatte eingemeißelt. Als
-unbesoldeter Stadtrath hatte der Mann, dessen Leib hier ruht, gewirkt.
-In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige Leiter eines großen
-industriellen Unternehmens seine Arbeitskraft in die Dienste seiner
-Mitbürger gestellt, nachdem er die eigenen Geschäfte in die Hände
-seines Sohnes gelegt hatte. Als er dann heimging, um an der Seite seiner
-vorangegangenen Gattin von den Werken des Lebens auszuruhen, erfuhr man,
-daß er in seinem Testamente fast alle wohlthätigen Anstalten seiner
-Vaterstadt mit Legaten bedacht hatte. Nun hatten ihm die dankbaren
-Mitbürger den Denkstein gesetzt, auf dessen flimmernder Schrift die Blicke
-der einzigen Tochter sinnend ruhten. Die untergehende Sonne warf einen
-röthlichen Schein über ihr durchsichtig blasses Gesicht. Langsam hob sie
-die breiten dunklen Lider, die Augen entschleierten sich nur zum Theil,
-halb blieben die Lider über den unnatürlich weiten Pupillen liegen, was
-dem ganzen Gesichte etwas unbeschreiblich müdes, krankes gab. Sie richtete
-dann ihre Blicke gerade auf den untergehenden glutrothen Sonnenball, aber
-trotz des scharf einfallenden Lichtes zogen sich die Iris nicht zusammen,
-sondern blieben weit und dunkel geöffnet, wie bei manchen Blinden.
-
-Langsam stellte sie die Füße auf den Rand von ihres Vaters Grab, lehnte
-sich zurück in der bequem geschweiften Bank und athmete mit Genuß die von
-Blüthenduft durchtränkte Luft des Sommerabends.
-
-Eine himmlische Ruhe war um sie her. Duft, Wärme, Licht und Frieden.
-Wohin das Auge sah, waren herrlich gepflegte Blumen, freundlich schimmernde
-Steine mit Goldschrift und Kränzen bedeckt. Die Vögel zwitscherten in den
-Kronen der alten Bäume, es war so schön und so still an der Stätte
-des Todes, wie es selten da ist, wo das Leben mit all seinen Rechten noch
-herrscht.
-
-Wie ein Gebet ging der Hauch des Windes durch Blumen und Blätter. Die
-scheidende Sonne verklärte den Garten des Herrn. Alle Inschriften flammten
-und leuchteten auf, auch die auf dem Grabe des alten Stadtrathes: »Das
-Andenken der Gerechten bleibt im Segen.«
-
-Mit nervöser Hast sah die junge Frau um sich her. Sie war allein,
-ganz allein mit den Toten. Ein befriedigtes Lächeln zeigte sich einen
-Augenblick auf ihrem Gesicht. Das gab ihren traurigen müden Zügen eine
-eigenartige Schönheit.
-
-Sie hatte aus der Tasche ihres Kleides ein kleines schwarzes Etui und
-ein fest verkorktes Fläschchen genommen. Mit stiller, tief innerlicher
-Befriedigung sah sie auf den Inhalt des Fläschchens, der wasserhell und
-ganz unschuldig aussah. Nur einige kleine weiße Crystalle, die nicht ganz
-aufgelöst darin schwammen, zeigten, daß es eine starke Morphiumlösung
-war. Dieser kleine, so schwer zu erlangende Vorrath bildete einen überaus
-kostbaren Besitz für die junge Frau, an dessen Anblick sie sich erfreute
-und berauschte, ehe sie sich entschloß, das Fläschchen zu öffnen.
-
-Langsam füllte sie die kleine Spritze -- fünf Strich, -- sechs Strich
--- nein, es war nicht möglich zu widerstehen, sie zog, bis die Glasröhre
-voll war. Dann verkorkte sie erst sehr sorgfältig das Fläschchen und
-überzeugte sich, daß der Verschluß wasserdicht war. Ein verlorner
-Tropfen war ja unersetzlich.
-
-Vorsichtig schob sie das Kleinod in die Tasche des Kleides zurück. Erst
-als es da in Sicherheit war, steckte sie mit energischem Druck die Nadel
-auf das kleine Instrument. Ihre Hände zitterten dabei, theils in der
-Vorfreude des zu erwartenden Genusses, theils in der Schwäche, in der das
-Bedürfniß nach diesem Genusse beruht.
-
-Sie schob den Aermel ihres Kleides vom Handgelenk zurück. Ein
-Leinwandstreifen wurde sichtbar. Sie riß ihn rasch los. Der kleine
-Verband bedeckte eine breite, wenn auch nicht tiefe Wunde, die durch den
-Morphiumgebrauch entstanden war. Seit Jahren bedurften die kranken Nerven
-des anregenden Mittels, und um die Schönheit ihrer Arme nicht zu
-opfern, hatte sie diese eine Stelle ganz preisgegeben. Der mißhandelte
-Körpertheil wehrte sich zwar durch Schmerzen und anhaltende Eiterung
-gegen das ihm aufgezwungene Gift, aber schließlich wurde die Stelle doch
-ziemlich unempfindlich.
-
-Sie senkte auch jetzt, wie immer die Nadel hier ein. Ein leichter Schmerz
-zog für einen Augenblick ihre Brauen zusammen, aber das dauerte nicht
-lange. Der Inhalt der Morphiumspritze verschwand unter der Wunde, der
-Leinwandstreifen bedeckte rasch wieder die Stelle. Sorgfältig reinigte sie
-mit einem kleinen Stück Draht das gebrauchte Instrument, dann klappte sie
-das Etui zu, steckte es ein und lehnte sich gegen den Rücken der Bank, um
-die Wirkung zu erwarten.
-
-Mit wonnigem Behagen fühlte sie, wie ein berauschendes Empfinden ihr
-Gehirn, ihre Glieder erfüllte und zugleich lähmte. Alle Wünsche, alle
-Bedürfnisse des Körpers und Geistes lösten sich in Befriedigung und
-süße Mattigkeit. Der kranke stumpfe Ausdruck der Augen schwand und machte
-einem lebhaften, sprühenden Blicke Platz. Die Nerven wußten nichts mehr
-von Abspannung und Schwäche.
-
-Sie hätte jetzt auf jedem Feste glänzen, jede Arbeitsleistung übernehmen
-können. Dabei waren ihre Glieder aber doch schwer, so daß sie es
-entschieden als Annehmlichkeit empfand, zu keiner Bewegung genöthigt zu
-sein. Nur der Kopf war leicht und frei -- so frei, so klar, als ob ein
-vorher auf dem Gehirn lastender Druck plötzlich entfernt wäre. Sie hatte
-Durst empfunden, das war jetzt vorbei, sie fühlte sich wohl, namenlos wohl
-und zufrieden. Ihr vorher gelblich blasses Gesicht nahm etwas Farbe und
-Wärme an, sie drückte die kühlen, weißen Finger gegen ihre Wangen. Dann
-zog sie langsam, gedankenlos lächelnd die Handschuhe wieder an, die auf
-der Bank lagen.
-
-Sie hatte den Augenblick für ihren Genuß gut gewählt, denn mit der,
-vorher herrschenden Ruhe war es nun vorbei. Ein Leichenwagen fuhr durch
-das große Portal, hielt vor der Kapelle, und ein Sarg wurde zu einer
-offenstehenden Gruft getragen. Viele Menschen folgten; der Geistliche
-begann eine Rede, und wenn die einsame Frau auch davon nichts hören
-konnte, so war sie in ihrem Alleinsein dennoch gestört.
-
-Außerdem näherte sich ihr jetzt auch ein Herr, der geradeswegs auf sie
-zukam.
-
-»Was für ein entzückendes kleines refuge Sie hier besitzen, Sie sind zu
-beneiden, gnädige Frau,« begann er, sie begrüßend.
-
-Sie sah lächelnd zu dem großen blonden Manne empor. »Es sind die Gräber
-meiner Eltern, Herr Doctor Turnau,« antwortete sie mit einer einladenden
-Bewegung auf die freie Hälfte der Bank deutend.
-
-Er nahm sofort augenscheinlich erfreut Platz. »Ist das Stück Rasen, auf
-dem diese Bank steht für Sie reserviert, gnädige Frau?«
-
-»Nein, die Eltern kauften es für meine unverheirathete Schwester. Elise
-wird voraussichtlich einsam bleiben, bis sie den Rollstuhl mit dem Sarge
-vertauscht. Für meinen Mann und mich ist noch Platz im Bremerschen
-Erbbegräbnisse.«
-
-»Ich finde, es hat einen ganz eigenen Reiz, genau die Stätte zu kennen,
-die uns einmal bestimmt ist,« bemerkte er, indem er den leichten Sommerhut
-abnahm und das blonde Haar aus der hübschen weißen Stirn strich. Sie
-lachte: »Das ist wieder eine von Ihren paradoxen Ansichten, mit denen Sie
-sich manchen Menschen vielleicht interessant machen, andrerseits aber sich
-nicht nur Widerspruch zuziehen, sondern auch viele ungünstige Urtheile
-über sich hervorrufen.«
-
-»Ah -- ein offenes Wort, ich danke Ihnen dafür, gnädige Frau. Die
-ungünstigen Urtheile muß ich zu tragen wissen, aber ich strebe weder
-darnach Widerspruch zu erregen, noch mich interessant zu machen. Nur aus
-einer nervösen Beunruhigung heraus empfinde ich zuweilen das Bedürfniß,
-irgend einen Gedanken, selbst einen sonderbaren Gedanken auszusprechen,
-wenn er mir grade durch den Kopf geht.«
-
-»Dieses Bedürfniß ist natürlich,« antwortete sie, »viel natürlicher
-für einen gut situirten Mann Ihres Alters, als der Wunsch, die Stätte zu
-kennen, an der Ihr, jetzt so jugendkräftiger Körper einst zu Staub werden
-wird.«
-
-Ein trübes Lächeln glitt über die Züge des jungen Mannes. »Dieser
-jugendkräftige Körper ist der Auflösung und Verwesung näher, als es
-den Anschein hat. Wenn wir morgen übers Jahr Mariä Himmelfahrt feiern,
-brennen vielleicht auch für mich schon die Kerzen auf dem Altar.« --
-
-Sie sah ihn ruhig und forschend an. »Warum spielen Sie mit dem Gedanken
-an das Ende des Lebens?« fragte sie ernst. »Glauben Sie nicht, daß auch
-für Sie noch Stunden der Befriedigung und des Genusses möglich sind, die
-mit dem Tode aufhören müssen?«
-
-Wie sie ihn so ansah, leuchtete der rothe Strahl der Sonne in ihre
-erweiterten Pupillen hinein, er sah aufmerksam darauf hin, dann lächelte
-er: »Ich danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mich mit einer moralischen
-Bemerkung verschont haben. Ich war eigentlich schon darauf gefaßt gewesen.
-Sie haben übrigens recht, ja -- auch ich glaube noch an Stunden des
-Genusses, an Momente höchster, auf Erden möglicher Befriedigung. -- Was
-ich damit meine, verstehen Sie sicherlich, denn ich sehe, Sie gebrauchen
-Atropin. Bitte, versuchen Sie nicht, den Mediciner darüber zu täuschen,
-Sie gebrauchen Atropin, um die Einbuße an Schönheit, die das Auge des
-Morphinisten erleidet, damit auszugleichen.«
-
-Sie senkte betroffen den Blick. »Ja, ich gebrauche Atropin,« entgegnete
-sie zögernd, »aber nicht aus Eitelkeit, wie Sie vielleicht annehmen. Wenn
-Sie selbst Morphinist sind, so wissen Sie auch, daß die Koketterie des
-Weibes ebenso wie der Ehrgeiz des Mannes in der Seele des Morphinisten
-erlischt.«
-
-Er nickte verständnißvoll. »Gewiß gnädige Frau,« entgegnete er, »ich
-billige den an sich gefährlichen Atropingebrauch, weil er Ihnen den Dienst
-leistet, Ihre Umgebung über Ihren Morphinismus zu täuschen. In Ihrem
-Falle ist gewiß keine Koketterie im Spiele. Sie riskiren Ihr Augenlicht,
-aber Sie müssen es ja. Wer gönnte Ihnen den Genuß, der Ihnen
-unentbehrlich ist, und wer verdiente wohl in Ihr Geheimniß eingeweiht
-zu werden? Sie sind, wie alle Morphinisten gezwungen, eine Umgebung zu
-täuschen, die getäuscht sein will.«
-
-Erleichtert athmete Lydia auf. Es that ihr unsagbar wohl, verstanden zu
-werden. Nur Verurtheilung ihrer Leidenschaft, im günstigsten Falle Mitleid
-mit einem krankhaften Zustande hatte sie überall angetroffen, wo sie es
-je gewagt hatte, leise Andeutungen über die Erbitterung zu machen, die
-sie oft empfand, wenn es ihr fast unmöglich erschien, sich Morphium zu
-verschaffen. Die Aufregung dieser Erbitterung brachte sie dann zuweilen zum
-Sprechen.
-
-»Sie finden also meine Schwäche nicht unbedingt unmoralisch, Herr
-Doctor?« fragte die junge Frau.
-
-»Im Gegentheil,« antwortete er lebhaft. »Alle Religionsstifter der Welt
-empfehlen den Menschen, ihre Leidenschaften zu bekämpfen. Die natürliche
-Beschaffenheit unserer Nerven setzt diesen Bestrebungen unüberwindliche
-Hindernisse entgegen. Das Morphium allein besiegt die Leidenschaften in
-jeder Brust. Wenn ein neuer Prophet seinen Anhängern zur Bekämpfung ihrer
-natürlichen, menschlichen Triebe Morphium zur freien Verfügung stellte,
-so würde er bald eine Gemeinde um sich sehen, der jedes Laster fremd
-wäre.«
-
-»Ich habe augenblicklich nicht genug Morphium genossen, um dem kühnen
-Fluge einer prophetischen Phantasie bis zu dieser Höhe folgen zu
-können,« bemerkte Lydia lächelnd, erstaunt den leidenschaftlich erregten
-Mann ansehend.
-
-»Soll ich Ihnen geben, was etwa noch fehlt?« fragte er eifrig.
-
-Sie nickte glückselig und sah erwartungsvoll zu ihm auf.
-
-»Wie viel Procent gebrauchen Sie, gnädige Frau?«
-
-»Sechs,« gestand sie mit ängstlichem Zögern.
-
-»Da steht Ihnen also noch manche herrliche Steigerung bevor,« sagte er
-seufzend und zog aus seiner Brusttasche ein kleines Glas. Wie wenig er
-ihr gab, das war ja fast nichts -- ah diese Enttäuschung --! War das ein
-Scherz oder -- -- --
-
-Da ging es wie ein Ruck durch all ihre Nerven -- wie ein Schlag traf die
-ungekannt starke Lösung ihr Gehirn. Sie griff nach der Stirn und dann
-nach der Brust. Es rieselte ihr unter der Haut wie Sand, ein angstvolles
-Unbehagen erfaßte sie.
-
-Er sah, wie kalte Schweißtropfen auf ihre Stirn traten und wie ihr Gesicht
-sich entfärbte. »Habe ich Ihnen zu viel gegeben, gnädige Frau?« fragte
-er.
-
-»Nein,« stammelte sie halb bewußtlos, »bitte beobachten Sie mich nicht,
-es wird mir schon wieder wohl -- sehr wohl. --«
-
-Ihre Hände zitterten, wie sie das sagte, wie aus weiter, weiter Ferne
-hörte sie ihre eigene Stimme -- die Steigerung des Genusses! --
-
-»Ich schreibe ein Buch über den Mißbrauch der verschiedenen Narkotica
-und mache zu dem Zwecke meine Beobachtungen, bitte entschuldigen Sie daher
-den indiscreten ärztlichen Blick,« sagte er höflich.
-
-»Ein Buch?« -- Sie nahm alle Willenskraft zusammen, um zu sprechen, als
-sei nichts geschehen. Er sollte nicht denken, die Dosis sei zu stark für
-sie gewesen; sie wußte nicht, daß sie den Ehrgeiz, recht viel vertragen
-zu können, mit all ihren Leidensgenossen theilte.
-
-»Ein Buch,« -- wiederholte sie noch einmal langsam und mit schwerer
-Zunge. Es war ihr, als hätte sie Sand im Munde, sie konnte kaum sprechen,
-aber sie sprach nun doch. »Wollten Sie Ihrer ärztlichen Thätigkeit nicht
-entsagen, sagten Sie das nicht kürzlich?«
-
-»Nein,« entgegnete er, »vorläufig muß ich noch als Assistenzarzt in
-der Nervenheilanstalt thätig sein. Ich habe keine Privatpraxis, und der
-Chef läßt mir so viel freie Zeit wie möglich. Er interessirt sich selbst
-für meine Arbeit, zu der mir meine Erfahrungen in seiner Anstalt den Stoff
-bieten. Nach Fertigstellung meiner Broschüre werde ich allerdings meine
-jetzige Stellung verlassen.«
-
-»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer werden?« O
-wie mühsam brachte sie die Worte über die Lippen!
-
-»Ich will gar nichts werden,« antwortete er dumpf. »Mein Buch,« -- er
-lachte in sich hinein, es war ein so eigenes Lachen, daß Lydia selbst in
-dem Taumel ihrer Sinne davon erschreckt den Kopf hob.
-
-»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb lachen Sie?«
-
-»Ach, Verzeihung, es kann ja niemand wissen, wie komisch ich mir das
-denke, wenn einmal, natürlich nach meinem Tode, der kluge Professor, der
-den Morphinismus mit allen Waffen der Wissenschaft bekämpft, das Werk
-seines ehemaligen Assistenten lesen wird.«
-
-»Aber weshalb schreiben Sie denn das Buch, wenn Sie den Standpunkt der
-anderen Nervenärzte nicht zu theilen vermögen?« fragte Lydia, sichtlich
-unangenehm berührt von dem sonderbaren Benehmen ihres Gefährten.
-
-»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest gegen das Verbot des
-freien Verkaufes der narkotischen Mittel,« sagte er nun beinahe feierlich.
-»Persönlich leide ich nicht unter diesem Verbote, denn ich bin Arzt, aber
-ich kenne die Verzweiflung und den Jammer des Morphinisten, der sich der
-Unmöglichkeit gegenüber sieht, sich Morphium zu verschaffen. Anständige,
-hochachtbare Leute greifen in ihrer Verzweiflung zu den ehrlosesten
-Mitteln, und von diesem Jammer will ich sie zu erlösen versuchen. Ich
-habe ein Material gesammelt, welches entsetzliche Schlaglichter auf diese
-Zustände wirft. Gegen das Versprechen ihnen zu helfen, für ein einziges
-Rezept haben zahlreiche Unglückliche mir gebeichtet. Ach -- ich weiß,
-wie tief sich einige, sonst reine, unnahbare Naturen gedemüthigt haben, um
-durch Bestechung, durch Betrug, einerlei wie, zu dem zu gelangen, was sie
-bedürfen, wie der Hungrige Brod bedarf, um sich zu erhalten.«
-
-Sie erhob sich halb und sah mit gefalteten Händen zu ihm herab. »Sie
-wollen helfen, Sie könnten helfen -- o Gott Herr Doctor, nein, nein,
-Sie können auch den Wall von Härte und Verständnißlosigkeit nicht
-niederreißen, an dem Tausende rütteln und an dem Alle, Alle ohnmächtig
-abprallen.«
-
-»Ob ich es kann, weiß ich allerdings nicht, aber ich will es wenigstens
-versuchen,« sagte er, etwas zur Seite rückend, so daß sie wieder Platz
-nehmen konnte.
-
-»Ich will wenigstens vor der Welt die dunklen Wege erhellen, auf die man
-mit erbarmungsloser Härte eine Menge kranker Menschen gedrängt hat. Ich
-will es zeigen, wohin ein Gesetz führt, das nur dazu da ist, umgangen zu
-werden, weil es nicht befolgt werden kann. Die ganze Kraft meiner geistigen
-Fähigkeiten stelle ich in den Dienst dieser Aufgabe, dieses Strebens, das
-mir edel und würdig erscheint, weil es dem willkürlich Unterdrückten,
-der nichts verbrach, zu Hülfe kommen will. Die Menschheit soll darüber
-aufgeklärt werden, wie weit die Bevormundung der Polizei geht, und auch
-Nicht-Morphinisten hoffe ich für die Frage zu interessiren, die ihnen
-jetzt gleichgültig ist.«
-
-»Und dann?«
-
-»Und dann?« Träumerisch wiederholte er die bange Frage, die sie leise
-aussprach. »Ja dann, gnädige Frau -- zu Ende führen werde ich den Kampf
-nicht. Ich kann nur noch so lange leben, wie ich zu genießen vermag.
-Nennen Sie es Egoismus, Krankheit, Schwäche, wie Sie wollen, aber wenn
-einmal die Stunde kommt, in der meine Nerven aufhören zu reagiren, die
-Stunde, in der auch die letzte Steigerung und Komplication nicht mehr zum
-Genusse führt, dann lege ich die Feder aus der Hand. Mit dem Leben hört
-auch die Verpflichtung auf, weiter zu kämpfen.«
-
-»Mit dem Leben?«
-
-»Natürlich, liegt denn nicht das Ende des Lebens ebenso in unserer Hand,
-wie der Genuß, dem wir uns ergeben?«
-
-Sie schauderte doch bei dieser letzten Consequenz, zu der er so leicht
-und ruhig gelangte. Sie befand sich ja auf demselben Wege wie er. »Das
-Andenken der Gerechten bleibt im Segen«. -- Wie Feuer tanzten die
-Buchstaben der Inschrift vor ihren Augen. Genuß, Genuß des Lebens, und
-dann das Ende. Das Leben fortwerfen, das nichts mehr bietet, tönte es
-neben ihr. Sie glaubte, alles drehe sich im Kreise um sie her, nur der
-schwarze Grabstein vor ihr stand fest in dem Wirbel, aber er glühte und
-flammte von der untergehenden Sonne beleuchtet, es that ihr weh, darauf
-niederzusehen.
-
-Vorher hatte sie sich so leicht, so frei gefühlt, und nun dieser Schwindel
-und dieser Druck um die Stirn, wie von einem eisernen Bande. Das war also
-die Steigerung ihrer Genüsse.
-
-»Ist das ein Lebenszweck, Genuß, nur Genuß, der sich steigert, bis er
-aufhört, weil der Körper versagt?« fragte sie leise.
-
-»Gewiß, Frau Bremer, der Genuß ist ebenso gut ein Lebenszweck, wie die
-Arbeit,« sagte er, »es kommt nur darauf an, daß man seine moralischen
-Grundsätze damit in Einklang zu bringen versteht. Indirect dient so
-mancher ausschließlich dem Genusse des Lebens. Der Künstler schafft
-seinen Nebenmenschen und sich selbst geistige Genüsse, Andere wieder
-begnügen sich damit, sich in den Dienst des materiellen Behagens zu
-stellen. Es giebt aber noch ein Drittes im Menschen, das außer den groben
-Organen des Körpers, außer dem Geiste, fähig ist zu genießen, das sind
-die Nerven. Warum soll ich nicht meinen Lebenszweck darin suchen, Anderen
-zugänglich zu machen, was mir eine so große Befriedigung der Nerven
-bringt? Es haben schon Leute sich mit geringeren Aufgaben für ihr Dasein
-begnügt, und ich habe nicht umsonst gelebt, wenn ich auch nur einen Stoß
-führe, der das Gesetz in's Schwanken bringt, das ich bekämpfe.«
-
-»Ich wollte, ich könnte an Ihren praktischen Erfolg glauben, Sie kämpfen
-ja gegen eine empörende Ungerechtigkeit.«
-
-»Der Droguist, der Arzt, selbst Krankenwärterinnen vermögen sich stets
-Morphium zu verschaffen. So lange es unter einigen dieser Leute Armuth
-und Bestechlichkeit giebt, wird das süße Gift auch käuflich bleiben,
-indirect käuflich, -- allerdings nur um sehr hohen Preis.«
-
-»Ich glaube auch, daß es dem Unbemittelten sehr häufig positiv
-unmöglich gemacht wird, die Hindernisse zu besiegen, die das Geld
-überwindet. Ist das nicht auch eine soziale Seite unserer Frage?« meinte
-Turnau.
-
-»Der Arme hat den Alkohol,« wandte sie ein.
-
-»Den Alkohol? Ja,« er wurde bitter, fast leidenschaftlich in seinem Ton.
-»Die Genußsucht des Volkes ist eben eine brutale Macht, der man nicht mit
-einem einfachen Verbot des Verkaufs begegnen kann. Feinere Nerven brauchen
-raffinirtere Genüsse. Der Alkohol verhält sich zum Morphium wie ein
-bluttriefender Schauerroman zu einer geistvollen psychologischen Studie.
-Das Leben ist so öde und traurig; die Mittel, die es erträglich machen
-können, sollte man nicht beschränken.«
-
-Sie sah müde zu ihm auf. »Oede und traurig,« wiederholte sie sinnend.
-»Nein, ich kann das eigentlich von meinem Leben nicht behaupten; mein Mann
-ist sehr rücksichtsvoll und die Kinder -- aber Sie, wieso finden Sie Ihr
-Dasein nicht nach Ihren Wünschen?«
-
-Er antwortete nicht, und sie empfand es unbehaglich, daß sie den jungen
-Mann beinah zu einem persönlichen Vertrauen aufgefordert hatte, das er ihr
-nicht in der freundschaftlichen Weise entgegenbrachte, in welcher er sich
-bisher gegen sie ausgesprochen hatte.
-
-»Befinden Sie sich jetzt wohler, gnädige Frau?« fragte er nach einigen
-Minuten des Schweigens.
-
-»O vollkommen wohl,« versicherte sie rasch aufstehend.
-
-Er bot ihr den Arm, und sie nahm ihn unbefangen an. Er bemerkte in diesem
-Augenblicke, daß sie elegant gekleidet war. Ihre Anmuth und Grazie
-berührten ihn sympathisch, aber es lag ihm fern, sich in das schöne Weib
-eines Anderen zu verlieben. Nicht sein sittliches Bewußtsein schützte ihn
-davor; es hatte Zeiten gegeben, wo er den Vortheil seiner Lage erkannt und
-benutzt haben würde, aber diese Zeiten waren vorüber. Wie eine Lähmung
-lag der gewaltige Einfluß des Morphiums und des Aethers auf seinen Nerven
-und Sinnen.
-
-Auch Lydia, die Gattin eines älteren, pedantischen, trockenen Mannes,
-dachte nicht daran, daß in ihrem vertraulichen Verkehr mit dem jungen
-Arzte irgend etwas Unerlaubtes sein könne. Aber auch sie handelte nicht
-in vollem Bewußtsein tugendhafter Ehrbarkeit, sondern ebenfalls unter dem
-Einflusse einer krankhaften Abstumpfung ihrer natürlichen Gefühle und
-Triebe.
-
-»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen,« sagte sie leise mit einem
-Abschiedsblicke nach ihres Vaters Grab.
-
-»Wenn ich mein Vermögen der Stadt hinterlasse, bekomme ich am Ende auch
-einmal eine so schöne Grabschrift,« scherzte Turnau. Es war wieder das,
-was Lydia kokettiren mit Weltschmerz und Todesahnungen nannte. Andere
-urtheilten noch härter über diesen eigenthümlichen Characterzug des
-jungen, wohlhabenden Mannes. Man hielt ihn im allgemeinen auch nicht
-für so krank wie er war, und sah in dem aus seinem Wesen sprechenden
-Lebensüberdrusse nur die Folgen einer übermäßigen Blasirtheit, der
-nichts mehr genügte, was sich an Genüssen des täglichen Lebens ihm bot.
-
-»Soll ich dafür sorgen, daß man auch Sie nach Ihrem Tode zu den
-Gerechten erhebt?« fragte Lydia, lächelnd auf seinen Ton eingehend.
-
-»Es wäre unbescheiden, gnädige Frau; für einen armen Morphinisten wird
-sich schon noch ein demüthigeres Verslein finden.« »Wohl der Menschheit,
-wenn jeder seine Grabschrift verdient hätte,« antwortete sie, mit einem
-Blick über alle die Kreuze und Steine hinschweifend, die in steinernen
-Lettern so viel von Liebe und Tugend zu erzählen wußten, wie man im Leben
-wohl selten beisammen finden wird.
-
-Dann trat sie auf das Weihwasserbecken zu, bekreuzte sich mit dem Wasser,
-verließ an Turnaus Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm zusammen in ihrem
-Wagen, der auf sie gewartet hatte, nach Hause.
-
-Vor der Bremerschen Villa dehnte sich ein von Rosenbeeten unterbrochener
-Rasen aus, dessen Mitte ein zierlicher Springbrunnen bildete. Eine Allee
-von Kastanienbäumen führte zu dem etwas von der Straße zurückliegenden
-Gebäude und an demselben vorbei nach dem dahinter liegenden Garten.
-
-Auf dem Kieswege unter den schattigen Bäumen spielten zwei hübsche Kinder
-unter der Aufsicht einer Bonne. Als sie ihre Mutter aus dem Wagen steigen
-sahen, wollte das junge Mädchen sie zu der Ankommenden führen, um diese
-zu begrüßen. Die Kinder aber hingen sich an ihre Pflegerin und steckten
-die Köpfe in die Falten des einfachen schwarzen Wollkleides, welches das
-Fräulein trug.
-
-Die Bonne versuchte, sich von ihnen los zu machen und zeigte bei diesen
-lebhaften Bewegungen, in dem eng anschließenden, schlichten Kostüm eine
-vollendete Grazie. Sie war tadellos gewachsen, jede Bewegung war schön,
-so daß Turnau, der sonst wenig Sinn für weibliche Reize hatte, davon ganz
-betroffen war.
-
-»Wer ist die junge Dame?« fragte er leise.
-
-»Fräulein Wagner, eine Fröbel'sche Kindergärtnerin, erst seit kurzer
-Zeit bei mir,« sagte die Geheimräthin; dann begrüßte sie die Kinder,
-die endlich widerstrebend, mit scheuen Blicken auf den Begleiter ihrer
-Mutter, herbeikamen.
-
-Auch das Fräulein begrüßte jetzt ihre Herrin. Das Gesicht des jungen
-Mädchens war breit und gewöhnlich. Die Züge waren grob, selbst die
-freundlich blickenden grauen Augen zu klein und zu tief liegend, um dem
-Gesichte irgend welchen Reiz geben zu können. Trotz der schönen Gestalt
-war das Mädchen nicht hübsch, nur die Lippen waren blühend und roth, die
-Zähne glänzend weiß, und ein Ausdruck von Jugendlust, Frohsinn und Güte
-verklärte die ganze Erscheinung.
-
-»Mein Gott, Fräulein, wie albern sich die Kinder noch immer benehmen,
-wenn Gäste da sind, gewöhnen Sie ihnen das doch ab,« tadelte die junge
-Frau.
-
-Die Bonne schwieg, sie wußte nur zu wohl, daß die Kinder sich jedesmal
-weigerten, wenn sie ihre Spiele verlassen sollten, um auf einen Augenblick
-der Mutter zugeführt zu werden.
-
-Mit nervöser Hast streichelte Lydia die rosigen Gesichter und die feuchten
-Blondhaare der Kleinen. »Wie sie erhitzt sind, ist es hier denn so
-heiß?« wandte sie sich wieder an Fräulein Wagner.
-
-»Wir haben Federball gespielt, gnädige Frau, wir waren so sehr vergnügt
-dabei und haben uns so oft gebückt, davon sind wir so roth.«
-
-Dabei strahlten die Augen des jungen Mädchens und der Mund schien ein
-schelmisches Lächeln kaum unterdrücken zu können.
-
-»Es ist gut Fräulein, beschäftigen Sie die Kinder aber jetzt ruhiger,«
-entschied die todtenblasse Frau. Dann wandte sie sich mit ihrem Begleiter
-von der heiteren Gruppe der an das Mädchen geschmiegten Kinder ab.
-
-»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?« fragte sie dann den
-Doktor, der Hausthür zugehend.
-
-»Es ist mir unmöglich, gnädige Frau, ich bin nicht wohl genug dazu.«
-
-»So danke ich Ihnen um so herzlicher für Ihre Begleitung.«
-
-»O bitte, das ist kein Umweg für mich, außerdem will ich Ihnen auch
-im Vertrauen gestehen, gnädige Frau, daß der kurze Aufenthalt in Ihrem
-Garten für mich ein Genuß war.«
-
-»Ein Genuß? Ah -- da wäre ich doch begierig.«
-
-»Ja, auf die Gefahr hin, daß Sie mich auslachen. Es war ein Genuß für
-mich, Ihr neues Kinderfräulein zu sehen.«
-
-Ein sehr erstaunter Blick der Geheimräthin suchte das junge Mädchen.
-»Fräulein Wagner ist vorzüglich gewachsen, sonst aber doch beinahe
-häßlich zu nennen,« meinte sie dann.
-
-Doctor Turnau folgte mit einem unsagbar müden, schwermüthigen Blicke
-der blühenden Mädchengestalt. »Sehen Sie einmal das glatte, glänzende,
-natürliche Haar an, gnädige Frau.«
-
-Lydia lachte auf. »Aber bester Doctor, dieses schlichte, glatt
-zusammengedrehte braune Haar ist doch etwas außerordentlich Gewöhnliches,
-was finden Sie denn daran so schön?«
-
-»Die körperliche Gesundheit, die diesen Haarwuchs bedingt,« antwortete
-er nachdrücklich. »Ich behaupte durchaus nicht, daß diese junge Person
-schön sei; ich weiß auch, was schön ist, aber sie ist gesund, durch und
-durch gesund. Ein Hauch von Jugendfrische und Kraft umgiebt sie und macht
-sie reizend.«
-
-»Wäre das etwa Ihr Geschmack?« Sie zweifelte noch immer an dem Ernst
-seiner Worte.
-
-»Ich bin schon seit mehreren Jahren Kliniker,« antwortete er. »Alles,
-was mich umgiebt, ist krank und hinfällig. Auch unsere Pflegerinnen sind
-zum größten Theil überarbeitet und nervös, die meisten Collegen sind
-noch nicht in den gewissermaßen behaglichen Ruhestand der Privatpraxis
-eingetreten, sie arbeiten mit Feuereifer, keiner schont sich. Die
-entsetzliche Luft des Laboratoriums vergiftet uns alle. Viele von uns
-bedürfen auch in dieser Zeit übermäßiger, geistiger Anstrengung
-künstlicher Anregungsmittel. Es vergehen oft Tage, an denen ich factisch
-keinen einzigen normalen, gesunden Menschen sehe, -- ist es da nicht
-erklärlich, daß ein solches Bild blühender jungfräulicher Frische und
-Kraft für mich etwas sehr Anziehendes hat? Bitte, sehen sie nur die rothen
-ausgearbeiteten Hände des Fräuleins, die leidet nicht an Blutarmuth --
-ah, die ist schön!«
-
-»Ich gönne Ihnen den Anblick dieser Päonie von Herzen, lieber Freund.
-Möchten Sie sich dadurch veranlaßt fühlen, die Villa Bremer nicht mehr
-so zu vernachlässigen, wie es bisher geschah.«
-
-»Ich werde von Ihrer gütigen Erlaubniß demnächst Gebrauch machen,
-gnädige Frau.«
-
-Er berührte mit seinen Lippen einen Augenblick die wachsbleiche Hand der
-Morphinistin, verbeugte sich von weitem gegen Fräulein Wagner und verließ
-darauf den Garten.
-
-»Bitte, liebes Fräulein, besorgen Sie mir etwas Himbeerwasser,« sagte
-Lydia zur Bonne, dann setzte sie sich auf einem bequemen Gartenstuhl und
-nahm ihr zweijähriges Töchterchen auf den Schooß.
-
-»Der dumme Onkel« sagte der kleine Knabe, sich jetzt auch der Mutter
-nähernd mit einem zornigen Blick nach der Thür, hinter der soeben Doctor
-Turnau verschwand.
-
-»So etwas sagen artige Kinder nicht,« tadelte die junge Frau.
-
-Jetzt erschien die Bonne wieder mit der gewünschten Erfrischung im Garten.
-Hinter ihr ging der Geheimrath Bremer, ein schlanker, eleganter Mann mit
-schon leicht ergrauendem, dunklen Haar.
-
-»Wie kam denn dieser blasirte Turnau dazu, Dich zu begleiten?« fragte er,
-neben seiner Gattin Platz nehmend. »Er hält es doch sonst für tief unter
-seiner Würde, ein weibliches Wesen mit seiner interessanten Unterhaltung
-zu beglücken.«
-
-»Ich traf ihn zufällig auf dem Kirchhofe, und wir unterhielten uns so
-angenehm, daß mir seine Begleitung natürlich erschien.«
-
-»Wie kann dieser unnatürliche, gezierte Mensch eine vernünftige Frau
-angenehm unterhalten,« sagte Bremer beinahe ärgerlich. »Unter Männern
-ist seine Unterhaltung gar nicht geschätzt, das kann ich Dir sagen. Jung
-und sorgenfrei wie er ist, sucht er etwas darin einen Pessimismus zur Schau
-zu tragen, der eines Greises würdig wäre, dem alles im Leben gescheitert
-ist. Er leugnet jeden Genuß, jeden Glauben, er leugnet die Liebe, er
-widerspricht der Natur -- -- --«
-
-»Mit einem Worte, er ist Dir unsympathisch,« unterbrach Lydia ihren Mann.
-
-»Gewiß, das ist er mir und vielen anderen Leuten. Gefällt Dir zum
-Beispiel dieses Andeuten einer geheimnißvollen Krankheit, dieses Spielen
-mit dem Gedanken an Tod und Grab -- -- --«
-
-»Vielleicht fühlt er die Annäherung eines Gemüthsleidens.«
-
-»Ach was, Gemüthsleiden. Davon hat er Dich wohl unterhalten? Er hat
-nichts zu thun, da steckt die Wurzel des Uebels. Wenn er wie andere junge
-Aerzte des Morgens in seiner Sprechstunde sitzen und auf Patienten warten
-müßte, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, so würde er wohl frei
-bleiben von seinen interessanten Ahnungen. An ihm siehst Du, daß es
-unter Umständen sogar ein Unglück sein kann, wenn Eltern ihrem Sohne ein
-Vermögen hinterlassen.«
-
-Die kleine Lotte wurde unruhig, als sie sah, daß Fräulein Wagner mit
-dem größeren etwa vierjährigen Bruder fortgehen wollte, ohne sie
-mitzunehmen.
-
-»Bitte, Fräulein, nehmen Sie Lottchen mit,« sagte Lydia.
-
-Die kräftigen warmen Hände des jungen Mädchens hoben die Kleine hoch
-empor, jauchzend legte das Kind sein Gesichtchen an ihre weiche volle
-Wange, dann entfernten sich die Kinder mit ihrer Bonne.
-
-»Eine allerliebste, frische Person,« bemerkte der Geheimrath, »ich
-glaube, wir haben da einen glücklichen Griff gethan.«
-
-»Auch Turnau fand sie reizend,« sagte Lydia lachend. »Was für ein
-Geschmack -- dieses Vollmondsgesicht!«
-
-»So! -- Turnau auch? Solch einen unverdorbenen Geschmack hätte ich diesem
-Wüstling nicht zugetraut,« meinte Bremer nachdenklich. »Nun, er wird
-keine Gelegenheit haben, ihr etwas in den Kopf zu setzen; sonst wäre das
-Mädchen am Ende dumm genug, ihr Herz an diesen abgelebten Egoisten zu
-verlieren.«
-
-»Was für eine Idee!«
-
-Lydia fand den Gedankengang ihres Mannes unbegreiflich trivial. Warum
-sollte es denn nicht möglich sein, daß ein junges Mädchen einem Manne
-gefiel, ohne daß das Herz dabei gleich in Frage kam.
-
-Sie schwieg und trank ihr ganzes Glas Limonade leer, denn die Nachwirkung
-des Morphiums ist Durst.
-
-Ein Diener brachte dem Geheimrath Zeitungen und Briefe. Bald war der
-Hausherr in seine Lectüre vertieft, während die junge Frau sich
-leise erhob, um ihr Zimmer aufzusuchen. Dort vertauschte sie ihre
-Straßentoilette mit einem bequemen Hauskleide und legte sich nieder, einer
-bleiernen Müdigkeit, die in ihren Gliedern lag, nachgebend.
-
-
-II.
-
-Die Gewohnheit des Morphiumgebrauches hatte allmählich dahin geführt,
-daß Lydia Bremer mit freiem Kopfe, ohne irgend welche Nachwirkungen
-des Genusses erwachte, auch wenn sie am Tage vorher etwas mehr als die
-gewöhnliche Dosis ihres Mittels gebraucht hatte. Die Lösung aber, die ihr
-Turnau gegeben hatte, mußte doch wohl weit über das Maaß hinausgehen, an
-das sie gewöhnt war.
-
-Sie hatte die Absicht gehabt, an Mariä Himmelfahrt das Hochamt zu
-besuchen, das um 9 Uhr früh statt fand. Das Stubenmädchen brachte
-ihr deshalb den Kaffee zu einer etwas früheren Stunde als sonst in ihr
-Schlafzimmer. Sie richtete sich im Bette auf, um nach dem Servirbrett
-zu greifen; aber als sie den Kopf vom Kissen erhob, sank sie sofort,
-von heftigem Schwindel erfaßt, wieder zurück. Sie empfand dabei keinen
-Schmerz, nur eine drückende Benommenheit des Kopfes. In rasendem Wirbel
-schien sich alles um sie zu drehen, Kälteschauer und Unbehaglichkeit
-erfaßten ihren ganzen Körper.
-
-Sie schloß die Augen, um sich von diesem Zustande zu befreien; es war
-vergeblich. Vorsichtig, ohne sich aufzurichten, griff sie nun nach einer
-kleinen Tasche, die zwischen ihren Matratzen lag. Kaum vermochten die
-unsicher tastenden Hände das Morphiumglas zu entkorken. Nach dem Gebrauche
-des Mittels aber wurden ihre Bewegungen etwas fester, sie konnte sich
-aufrichten, der Schwindel ließ nach, aber so wie sonst war es doch immer
-noch nicht. Kurz entschlossen griff sie zum zweiten Male zum Morphium.
-
-Nun strömte ein unendliches Wohlbehagen durch ihre Nerven. Sie
-streckte sich lächelnd aus, genoß mit Bewußtsein die nun eintretende
-eigenthümliche Leichtigkeit ihrer Glieder und richtete sich dann frisch
-und elastisch auf. Sie ließ das Fräulein mit den Kindern hereinkommen,
-erfreute sich an dem Jubel der Kleinen bei den munteren Spielen, die das
-junge Mädchen anzuregen verstand und schickte endlich die fröhliche
-Gesellschaft in den Garten, um ihre Toilette beenden zu können.
-
-Zur gegebenen Zeit rief sie ihren Mann ab zum Kirchgang. Sie trug ein
-hellgraues Kleid, das zu ihrem Teint eigentlich nicht paßte. Die Taille
-war aber so geschickt mit weiß arrangirt, ebenso der Hut, eine Nadel von
-funkelnden Rubinen schloß den Spitzenkragen, so daß die Toilette doch
-tadellos und sogar vortheilhaft war.
-
-»Du bist recht hübsch angezogen, Kind,« bemerkte der Geheimrath
-wohlgefällig, als Lydia bei ihm eintrat, »indessen finde ich, daß Du
-blaß und angegriffen aussiehst. Ich habe auch in letzter Zeit tüchtig
-gearbeitet und denke, die Erholung in Heringsdorf wird uns Allen recht gut
-thun. Wie würde Dir diese Wohnung gefallen?«
-
-Er reichte seiner Frau die Photographie und den Grundriß einer kleinen
-Villa. »Die Wohnung ist bis zum Ende der Saison frei.«
-
-»Es mag ganz hübsch dort sein, ich wußte aber nicht, daß Du so bald
-reisen kannst.«
-
-»Die Saison ist schon halb zu Ende, Lydia, bist Du etwa mit Deiner
-Toilette noch nicht ganz reisefertig?«
-
-Sie schien zu überlegen. »Für die Kinder wäre noch einiges
-anzuschaffen, für mich weniger, ich möchte auch dem Fräulein etwas
-Garderobengeld für die Reise geben.« --
-
-»Brauchst Du vielleicht Geld?«
-
-»Nicht viel, fünfhundert Mark werden für den Augenblick genügen.«
-
-Er gab ihr das Geld und sie sagte, daß sie gleich nach der Kirche noch
-einige Besorgungen machen wolle.
-
-»Aber überanstrenge Dich nicht, ziehe Fräulein zu Deiner Hülfe heran,«
-bat er.
-
-Während des Gottesdienstes ruhten die Blicke des fürsorglich liebenden
-Mannes oft auf dem zarten Gesichte der jungen Frau. Er wußte, daß ihr
-der Hausarzt wegen häufiger Migräne-Anfälle ab und zu den Gebrauch der
-Morphiumspritze gewährt hatte. Dabei war er aber fest überzeugt, daß
-dieses Mittel nur durch die Hand des Arztes und mit dessen Einverständniß
-gebraucht würde. Daran, daß seine Frau das Morphium selbst und heimlich
-gebrauchen könne, dachte er nicht.
-
-Der alte Medicinalrath, der seinem Hause ein lieber Freund war hatte ihm
-gesagt, daß eng zusammengezogene Pupillen und breite glanzlose Iris der
-Augen ein untrügliches Zeichen des Morphinismus seien. An die Complication
-mit Atropin hatte der gute alte Herr selbst nicht gedacht und so wurde auch
-er durch die dunkel leuchtenden Augen der Kranken getäuscht.
-
-Bremer war fest überzeugt, daß seine Frau krank sei. Das schlaffe,
-gleichgültige Sich gehen lassen, welches er seit einiger Zeit an ihr
-bemerkte, widersprach ihrem sonstigen Wesen durchaus. Ehe er aber einen
-Specialarzt für Nervenleiden zu Rathe zog, beschloß er noch einmal
-eingehend mit dem Medicinalrath zu sprechen.
-
-Nach der Kirche trennte sich der Geheimrath von seiner Frau. Er hatte
-einige Besuche zu machen, und Lydia ging, um Einkäufe zu besorgen nach der
-belebtesten Straße, wo sich die größten Läden befanden.
-
-Ohne einen Blick auf die Auslagen in den Fenstern zu werfen eilte
-sie vorwärts. Bald bog sie in einen weniger belebten Seitenweg ein,
-durchschritt eine öffentliche Promenade und betrat einen Stadttheil, in
-dem ihre elegante Erscheinung überall auffiel. Sie befand sich zwischen
-langen Reihen hoher unschöner Häuser, die alle viele Fenstern hatten und
-von vielen Menschen bewohnt wurden. Zuletzt trat sie in den Thorweg einer
-Bierbrauerei, ging durch das Vorderhaus über den Hof, zwischen Fässern
-und Rollwagen hindurch nach dem Quergebäude.
-
-Sie drückte den Elfenbeingriff ihres weißen Spitzenschirmes fest an die
-Brust, schob den Schleier vom Gesichte zurück und stieg mit fliegendem
-Athem und zitternden Knieen in nervöser Hast die schmale halbdunkle steile
-Treppe hinauf.
-
-Bei jedem Stockwerk wurden die Entreethüren niedriger, beengter,
-schmutziger. Nach drei Treppen hörten die abgeschlossenen Wohnungen
-überhaupt auf. Eine Menge Thüren mündeten in einen engen, langen
-Gang. Es war unerträglich schwül in diesem Treppenhause, aus jeder der
-zahlreichen Wohnungen drangen Küchendämpfe und Lärm heraus. Es roch nach
-Kaffee, nach angebranntem Fett, nach trocknender Wäsche, nach Seife --
-vor allen Dingen aber nach Menschen, nach zusammengedrängten, armen,
-schmutzigen Menschen. An vielen Thüren befanden sich Visitenkarten mit dem
-Namen des Zimmerbewohners.
-
-»Friedrich Rast,« stand auf einer dieser Karten zu lesen. Lydia klopfte
-mit ihrem Schirm an die Thür. Ein junger Mann öffnete ihr und ließ sie
-ein.
-
-Das Zimmer war ganz nett und freundlich möblirt: Ein Sopha mit braunem
-Ripsüberzuge, zwei Schränke von hellem Holz, ein Spiegel zwischen
-den Fenstern, ein kleiner Teppich, auf einer Kommode eine Uhr und zwei
-Leuchter. Das Stübchen schien für den Empfang eines Besuches aufgeräumt
-worden zu sein, denn es lag nichts von den Sachen des Bewohners umher.
-Eine halb offene Thür ließ ein ebenfalls gut eingerichtetes Schlafzimmer
-sehen. An den Fenstern waren saubere Gardinen und einige blühende
-Pflanzen. Die Aussicht über ein freies Feld und eine Reihe Bäume
-entschädigte für die Häßlichkeit, die der Eingang der Wohnung bot.
-Der Inhaber dieser Stuben, ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, war
-sorgfältig, wenn auch nicht elegant gekleidet.
-
-»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Herr Rast,« sagte Lydia und sank
-erschöpft auf das kleine weiche Sopha nieder.
-
-»Der Dienstmann hat alles richtig an mich telephonirt, gnädige Frau,«
-antwortete Friedrich Rast lächelnd. »Mein durchreisender Vater wünscht
-mich zu sprechen, der Provisor hat mich daraufhin beurlaubt, hier bin
-ich, und auf meinem bescheidenen Sopha sitzt ja nun auch mein ehrwürdiger
-Alter.«
-
-»Lassen Sie die Scherze, Herr Rast, ich bin sehr aufgeregt und habe es
-eilig. Mein Mann hat unsere Abreise früher angesetzt, und mein Vorrath
-reicht höchstens noch drei oder vier Tage. Ich brauche mindestens zwölf
-Gramm für die Saison in Heringsdorf. Rechnen Sie doch -- sechs Gramm geben
-ein Fläschchen für hundert Einspritzungen, eigentlich bekommt man aber
-nur etwa achtzig heraus, durchschnittlich brauche ich vier am Tage, also in
-drei Wochen ein Fläschchen, das macht zwölf Gramm in sechs Wochen.«
-
-»Zwei Gramm jede Woche, das ist zu viel, gnädige Frau.«
-
-»Was geht Sie denn das an? Hier sind Einhundertundzwanzig Mark, das Gramm
-zu zehn Mark gerechnet; bei unserer Medicinaltaxe von sechzig Pfennigen
-für das Gramm können Sie doch mit dem Geschäfte zufrieden sein.«
-
-Der junge Apotheker schob fünf von den Goldstücken mit verlegener Miene
-zurück. »Ich habe nur zwei Gramm. -- --«
-
-»Aber Herr Rast!« Lydia wurde todtenbleich und sah den jungen Mann so
-entsetzt an, daß er einiges Mitleid empfand.
-
-»Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, Ihnen Schwierigkeiten zu machen,
-Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich. Es fehlt eine Menge
-von hundert bis hundertundfünfzig Gramm in der Apotheke. Der Chef hat
-gerast und getobt und uns Alle Morphiomanen genannt. Einer von uns muß es
-ja am Ende auch sein, denn ich habe noch nie mehr als zehn Gramm auf
-einmal genommen. Es giebt gewiß unter uns Apothekern ebenso viele
-Morphiumsüchtige wie unter den Aerzten. Vielleicht aber bin ich auch nicht
-der Einzige, der das Mittel heimlich verkauft, -- die Versuchung ist ja so
-groß.«
-
-Ein Zug, wie von körperlicher Qual trat auf Lydias Gesicht. »Herr Rast,
-denken Sie noch an den Abend, wo Sie auf der Brücke hinter dem Theater
-standen?« fragte sie mühsam.
-
-»Ja, ich denke daran, so oft sich mein Gewissen regt über das, was ich
-für Sie thue, gnädige Frau. Meine Schulden betrugen damals nur etwa
-hundert Mark, aber ich habe acht Geschwister, ich hätte doch diese
-Schulden nicht machen dürfen. Das kleine Kolonialwaarengeschäft meines
-Vaters ernährt kaum die Familie. Anstatt von meinem ersten Gehalt nach
-Hause abzugeben, was ich dank Ihrer Güte jetzt kann, mußte ich von meinem
-armen Vater hundert Mark fordern, die er mir natürlich nicht geben konnte.
-Es war hart -- eine furchtbare Strafe für meinen Leichtsinn.« -- --
-
-»Ich habe Sie damals vor einem Schritte der Verzweiflung bewahrt, wollen
-Sie mich dafür jetzt verzweifeln lassen, Herr Rast?«
-
-»Aber Frau Geheimräthin, verzweifeln Sie denn, wenn Ihre Morphiumquelle
-einmal versagt?«
-
-»Ja,« antwortete sie dumpf. »Ohne Morphium muß ich verzweifeln. O, mein
-Gott, man giebt doch den Ärmsten Almosen, warum versagt man dem Kranken
-das, was ihm Lebensbedürfniß, was ihm nöthiger ist als das tägliche
-Brot!«
-
-»Es liegt eine große Härte in dem Verbot des Verkaufes,« sagte der
-junge Mann mitleidig. »Es ist auch eine ganz unnütze Härte, denn sie
-dient nur dazu, die Verkäufer in Versuchung zu führen und die Kranken zu
-Lug und Trug zu veranlassen. Ist es nicht eine Schmach, daß eine Dame wie
-Sie, gnädige Frau, in dieses Haus kommen muß, um so einen armen Teufel
-wie mich für eine Handlung zu bezahlen, die meine Existenz kosten kann?«
-
-»Ja es ist eine Erniedrigung, eine Schande für uns Beide, für Hunderte
-außer uns, aber wir können die Ungerechtigkeit nicht aus der Welt
-schaffen, die dem Einen ruhig das anvertraut, wonach sich die Sehnsucht
-des Anderen vergeblich verzehrt. Wenn nur der Morphiumhunger nicht immer
-stärker und stärker wiederkehrte bei dem, der einmal an das Reizmittel
-gewöhnt ist. Ich kann nicht leben wenn ich kein Morphium habe, sagen Sie
-mir, wie machen es Andere, die dasselbe Bedürfniß empfinden?«
-
-»Andere fälschen Recepte.«
-
-»Und das geht?«
-
-»Ja, es geht oft. Die meisten Kranken greifen zu diesem Mittel,
-denn Wartepersonal oder Droguisten sind doch schließlich nur selten
-bestechlich. Noch seltener aber sind gefällige Aerzte, die das Mittel aus
-der Hand geben. Außerdem erhält man es auf ein gefälschtes Recept
-hin auch zum landesüblichen Preise, was ebenfalls die meisten Menschen
-berücksichtigen müssen. Natürlich werden aber in allen Apotheken die
-Recepte über Chloroform, Aether, Cocain, Chloral, Morphium und ähnliche
-Mittel genauer angesehen als andere Vorschriften.«
-
-»Und wenn man eine Fälschung entdeckt?«
-
-»Dann schickt in der Regel der Provisor das Recept demjenigen Arzte zu,
-auf dessen Namen es gefälscht wurde.«
-
-Lydia schlug die Hände in furchtbarer Aufregung vor das Gesicht und
-schluchzte krampfhaft. »Ich vermöchte eine solche Schmach nicht zu
-überleben.«
-
-»O, das passirt aber so oft,« meinte er gleichmüthig.
-
-Sie starrte fassungslos vor sich hin. »Herr Rast, wie ist das, wie wird es
-gemacht -- -- Recepte zu fälschen?«
-
-Er legte zwei abgestempelte Recepte vor sie hin. »Da sehen Sie, das sind
-zwei echte Recepte von zweien unserer ersten Chirurgen. Das eine lautet
-auf eine fünf- das andere auf eine vierprocentige Lösung. Stärkere
-Vorschriften sind gewöhnlich unecht. Hier haben Sie Papier und Feder,
-gehen Sie an die Fensterscheibe und pausen Sie die beiden Recepte durch,
-zur Vorsicht machen Sie sich zwei Exemplare von jeder Vorschrift. Dann
-können Sie durch Dienstmänner oder Kinder, die Sie dafür bezahlen, die
-Recepte beide machen lassen. Ich kann Ihnen leicht durch Abdampfen in einem
-Filtrirapparat die dünnen Lösungen etwas verstärken. Aber entschließen
-Sie sich rasch, damit ich die Recepte in das Buch zurücklegen kann, ehe
-sie vermißt werden.«
-
-Widerstrebend griff Lydia nach dem Schreibmaterial, das ihr der junge
-Mann anbot. Sie kam sich maßlos erniedrigt vor durch die gesetzwidrige
-Handlung, die sie vor diesem Zeugen zu begehen im Begriff stand.
-
-Was mußte dieser, gesellschaftlich tief unter ihr stehende leichtsinnige
-junge Mensch von ihr denken -- von ihr, die von dem eigenen Gatten, von
-allen Menschen, die sie kannte mit Auszeichnung behandelt wurde!
-
-Sie ließ die Feder, die schon einige Striche gemacht hatte, sinken.
-Thränen stürzten ihr aus den Augen. »Ich kann es nicht.« --
-
-»Dann müssen Sie aber eine Entziehungskur durchmachen, auf einmal kann
-man dem Morphium nicht entsagen,« erklärte der Apotheker. Dabei glitt
-etwas wie Freude über sein energieloses, junges Gesicht.
-
-»Ich will aber garnicht entsagen,« schluchzte die junge Frau. »Das
-Gesetz soll mich nicht dazu zwingen, das Gesetz geht mich überhaupt
-garnichts an, ich thue nichts, was irgend einem Menschen in der Welt
-Schaden zufügen könnte.«
-
-»Sie schaden sich selbst.«
-
-»Das ist doch ausschließlich meine Sache. Nein diese Bevormundung ist
-wirklich empörend!«
-
-»Wenn ich etwas bei Seite bringen kann, schicke ich es Ihnen in einem
-Briefcouvert,« tröstete er, ihr die zwei Gramm hinschiebend, die er
-besaß.
-
-Sie steckte das Pulver ein und trocknete ihre Thränen. »Haben Sie keinen
-Bekannten, der mir helfen könnte?« fragte sie aufstehend.
-
-»Vielleicht wäre das möglich,« sagte er nachdenklich. »Außer in
-Apotheken wird das Morphium in einzelnen größeren Droguengeschäften
-geführt. Dort darf allerdings nur der Besitzer die Recepte machen, die
-jungen Leute haben kein Examen gemacht und dürfen es nicht.«
-
-»Ich mache mir ja die Lösung selbst zurecht, wenn mir nur jemand die rohe
-Waare verschafft. Können Sie mir wirklich niemanden empfehlen?«
-
-»O doch ich glaube, ich kann es. Ferdinand Preyer ist ein so blutarmer
-Junge, daß er mehr als hochachtbar sein müßte, wenn er einem Angebote
-von zehn Mark für das Gramm zu widerstehen vermöchte.«
-
-»Ist er gewissenhaft und ängstlich?«
-
-»Ich fürchte allerdings, daß er das ist, aber wenn er den Betrag für
-die entnommene Waare in die Ladenkasse legt, so kann es seinem Principal
-doch einerlei sein, was dafür verkauft wurde.«
-
-»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«
-
-»Ich will thun, was ich kann. Seine Mutter ist eine arme Wittwe, zwei
-Schwestern von Preyer dienen als Stütze der Hausfrau. Die Beiden und
-Ferdinand, der neunzig Mark Gehalt im Monat hat, unterstützen die Mutter.
-Drei Kinder gehen noch in die Schule. Von irgend welchem Vergnügen ist
-für Preyer niemals die Rede. Der arme Kerl ißt sich kaum satt; -- es
-wäre einfach übermenschlich, wenn er Ihnen kein Morphium verschaffte; ich
-gönne ihm auch den Verdienst.«
-
-Lydia ging nun, nachdem sie mit Friedrich Rast verabredet hatte, Abends um
-acht Uhr wieder in dessen Wohnung zu sein, um daselbst mit Ferdinand Preyer
-zusammenzutreffen. Er versprach ihr den jungen Mann herzubestellen und ihn
-auf das an ihn gestellte Verlangen vorzubereiten.
-
-Nachdem sich der junge Apotheker überzeugt hatte, daß der Corridor
-augenblicklich menschenleer war, eilte seine Besucherin hastig die Treppe
-hinab, ängstlich den Schleier vor ihr verweintes Gesicht ziehend.
-
-In der Nähe des Hauses fand sie zufällig eine leere Droschke. Von der
-Aufregung und Angst aufs äußerste erschöpft, stieg sie ein und fuhr zu
-einer Modistin. Darauf besuchte sie noch einige Ladengeschäfte; sie zwang
-sich, dazu Einkäufe für ihre und der Kinder Toiletten zu machen, um die
-wild durch ihr Hirn stürmenden Gedanken und Besorgnisse zu überwinden. Es
-gelang ihr schließlich auch, sich wieder so weit zu fassen, daß sie ihren
-Kindern und ihrem Manne unbefangen gegenübertreten und wie gewöhnlich am
-Mittagessen theilnehmen konnte.
-
-Die Kinder waren so lebhaft, daß sie oft bei Tische Veranlassung zu
-herzlichem Lachen der Eltern wurden und auch heute führten sie wieder
-die Unterhaltung, ohne von ihrem Fräulein, das selbst so gerne lachte,
-erheblich daran gehindert zu werden.
-
-Nach dem Essen forderte Lydia das Fräulein auf, mit ihr und den Kindern
-spazieren zu fahren, während der Geheimrath, der später noch in sein
-Büreau mußte, sich etwas zur Ruhe zurückzog.
-
-Unterwegs befestigte sich in Lydia die Überzeugung, daß sie mit der Wahl
-des neuen Fräuleins ihren Kindern eine wahre Wohlthat erwiesen hatte.
-Fräulein Hedwig war so herzlich, von so natürlicher Heiterkeit und
-selbstloser Hingabe, daß die Herzen der Kinder sich ihr zuwandten
-wie Blumenkelche dem Sonnenlicht. Während der Fahrt durch den warmen
-schattigen Waldweg plauderten und jubelten die Kleinen ununterbrochen,
-während die Mutter ihnen schweigend und verstimmt gegenüber saß. Sie
-konnte ihre Gedanken nicht davon losreißen, auf welche Weise sie sich wohl
-für die Zukunft das Mittel verschaffen könne, das doch nur ihr allein ein
-egoistisches Genießen gewährte, an dem kein anderer Mensch Antheil nahm.
-
-In fröhlicher Stimmung kehrte die kleine Gesellschaft nach Hause zurück.
-Lydia fühlte ihre Nerven etwas ruhiger werden; so vermochte sie ihrem
-Manne, der die Seinen schon im Garten empfing, freundlich entgegen zu
-treten.
-
-Er gab seiner zurückkehrenden Frau einen erbrochenen Brief und
-entschuldigte sich, daß er so indiscret gewesen war, denselben zu öffnen.
-
-»Der Überbringer sagte mir auf meine Frage, daß er in einer Brauerei in
-der Humboltstraße arbeite. Das erschien mir so eigenthümlich, daß ich
-nur eine Bettelei vermuthen konnte. Ich wußte nicht, daß Dein Schuster so
-weit draußen wohnt. Bist Du denn mit Deinem bisherigen Lieferanten in der
-Hauptstraße nicht mehr zufrieden?«
-
-Lydia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg bei dieser harmlosen
-Frage ihres Mannes. Was für ein entsetzliches Verhängniß zwang sie doch,
-Lügen -- ganz gemeine Lügen zu ersinnen, wie unwürdig, wie erbärmlich
-stand sie da vor sich selbst und vor Friedrich Rast, der ihr auf diese
-Weise eine Mittheilung zukommen ließ!
-
-Sie griff nach dem Blatte: »Gnädigste Frau habe ich zu benachrichtigen,
-daß Ferdinand Preyer die gewünschten Waaren nicht liefert. Weiß nun
-nicht, ob die Schuhe mit Stahlperlen oder schwarzen Schleifen garnirt
-werden sollen und bitte um weitere Befehle. Hochachtend, Friedrich Rast.«
-
-Sie las, und es wurde ihr dunkel vor den Augen, als sie zu Ende war.
-Ferdinand Preyer lieferte also die gewünschten Waaren nicht! Der arme
-Commis, der von seinem geringen Gehalte noch seine Mutter unterstützte,
-verschmähte das Gold, das die reiche Frau ihm bot, wenn er mühelos ein
-Vorrecht benutzte, das der Zufall in seine Hand gelegt hatte. Sie hatte
-versucht, einen armen Menschen zu bestechen, ihn zu einer Pflichtverletzung
-zu verführen, sie bot ihm ein Verdienst, das seine ganze Lage ändern, ihn
-und die Seinen aller Sorgen entheben konnte und er -- -- -- »lieferte
-die gewünschten Waaren nicht.«
-
-Was für ein Ungethüm von Pedanterie mußte dieser unbestechliche junge
-Mann sein! Was für eine Willenskraft mußte er besitzen, um in seinem
-freudlosen genußleeren Dasein nicht überhaupt für seine eigene Person
-nach dem Morphium zu greifen, das ihm doch erreichbar war! Ob er wohl in
-seiner übertriebenen Pflichttreue Aehnlichkeit mit Fräulein Hedwig hatte,
-die auch ein Leben der Armuth und Arbeit mit innerer Befriedigung hinnahm,
-ohne zu einem Betäubungsmittel zu greifen? Ob er wohl auch so froh, so
-innerlich glücklich, so reich an Liebe war, wie dieses Mädchen?
-
-Etwas wie Haß und Neid regte sich in Lydia's Herzen. Sie hätte sich
-rächen mögen an dem, der ihr diese Schwierigkeiten bereitete.
-
-»Du ärgerst Dich wohl über Ferdinand Preyer, der Dir die letzte
-Ergänzung einer hübschen Toilette zu versagen scheint, Kind?«
-
-Lydia starrte noch immer wie betäubt auf das Briefblatt in ihrer Hand. Die
-Stimme ihres Mannes schreckte sie auf, sie sah in sein gütig lächelndes
-Antlitz.
-
-»Es handelt sich um eine Lederstickerei, ehe der zugeschnittene Schuh
-fertig gemacht wird, Arnold, dieser Preyer ist langsam und ungefällig,«
-log sie, halb bewußtlos vor lähmendem Schrecken.
-
-Bremer lachte. »Das Unglück scheint mir nicht groß zu sein, Liebling,«
-tröstete er. »Schwarze Schuhe sind doch immer das hübscheste für einen
-so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt.«
-
-Dann verabschiedete er sich von seiner Frau, die sich kaum noch zu
-beherrschen vermochte, küßte die Kinder und fuhr nach seinem Büreau.
-
-Als Lydia das Geräusch der sich entfernenden Räder hörte, hielt sie
-nicht länger an sich. Sie wandte sich jäh ab von den Kindern und dem
-Fräulein, stürzte die Treppe hinauf, schloß sich in ihrem Schlafzimmer
-ein und warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee.
-
-Auf irgend eine Weise mußte sie ihrer leidenschaftlichen Aufregung Luft
-machen, so drückte sie denn ihr Gesicht auf ein Kissen und schrie --
-schrie so laut und so lange wie sie konnte, bis endlich die Thränen kamen
-und ein krampfartiges hysterisches Weinen ihr Erleichterung brachte. Dann
-setzte sie sich an den Toilettentisch, nahm wieder Morphium, badete ihr
-Gesicht in kaltem Wasser und versuchte mechanisch ihren Anzug, ihr Haar und
-ihren Teint wieder in Ordnung zu bringen. »Was nun?« fragte sie sich nach
-Beendigung ihrer Toilette mit einem trüben, starren Blick in den Spiegel.
--- Ja, was nun?
-
-Sie nahm eine Gebetschnur und kniete vor dem Bilde der Mutter Gottes
-nieder. Heute an ihrem höchsten Ehrentage würde die Heilige sicherlich
-die Gebete der Menschen mit besonderer Gnade aufnehmen. Sie wollte um
-Erleuchtung bitten, um Frieden, um Ruhe der Seele. Mit Selbstüberwindung
-sprach sie die vorgeschriebenen Worte, aber die Seele ließ sich nicht
-zwingen, mit den Lippen zu beten. Ihre ganze Seele schrie nach Morphium,
-nur allein nach dem Mittel, auf dessen Erlangung sich jetzt nach den
-Enttäuschungen dieses Tages eine krankhafte Leidenschaft concentrirte.
-Sie ließ sich schließlich gehen in ihrem unstillbaren Drange. Die hohe
-göttliche Jungfrau versteht ja die Schwäche des Weibes, hat sie doch
-selbst einst in der Gestalt einer irdischen Jungfrau gelebt. So betete
-Lydia endlich ganz offen und kindlich um Morphium. »Gieb es mir,
-Gebenedeiete,« flehte sie, »ich will auch vor Dir wandeln wie eine
-Christin und meine Kinder will ich lehren, Dich zu lieben, Dich zu ehren
-und anzubeten.«
-
-Den Menschen bot sie Gold, der Himmlischen bot sie die Seelen ihrer Kinder,
-für sich aber begehrte sie nur das Eine -- mochten es ihr Menschen oder
-Engel gewähren -- nur das, was sie nicht lassen konnte, was sie haben
-mußte und was man ihr grausam versagte.
-
-Beruhigt und gestärkt stand sie vom Gebet wieder auf. Ein Gedanke, den
-ihr wahrscheinlich die Hochheilige selber eingab, blitzte durch ihr Gehirn.
-Turnau -- Doctor Turnau mußte ihr helfen. Sie war fest überzeugt, daß
-dieser Plan von der heiligen Jungfrau selbst in ihr Herz gelegt war; so
-konnte er also nicht fehlschlagen. Sie brauchte nur der Barmherzigen zu
-vertrauen, so erhielt sie gewiß, was sie so glühend ersehnte.
-
-Sie ließ eine Droschke holen und fuhr nach der Nervenheilanstalt des
-Professors Schrödter, in der Turnau wohnte.
-
-In dem ruhigen Vertrauen auf das Gelingen ihres Planes war die fieberhafte
-Aufregung, die sie vorhin erfüllte, gewichen. Sie ließ den Wagen einen
-Umweg machen und fuhr am Kirchhofe vorbei. Eine Frau mit mehreren Körben
-voller Kränze und Blumen hatte für den Festtag an der Kirchhofsthür
-einen Verkauf eingerichtet. Lydia stieg aus, kaufte zwei Kränze von
-dunkelrothen Rosen und legte sie mit einem stillen Gebet auf die Gräber
-ihrer Eltern.
-
-»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« Das war die Antwort, die
-diese Stätte der Erinnerung ihr gab, auf alle die bangen Fragen, die ihr
-Herz durchstürmten. Möchte der Segen an ihr in Erfüllung gehn auf dem
-Wege, den sie jetzt ging.
-
-Mit diesem Wunsche im Herzen betrat die junge, bildschöne Frau
-gleich darauf die Junggesellenwohnung eines eleganten Lebemannes. Die
-Leidenschaft, die sie hierhergeführt hatte, ließ sie vergessen, was in
-ihrer Lage peinlich und anstößig war.
-
-Auch Turnau trat ihr unbefangen entgegen, fast als hätte er diesen
-ungewöhnlichen Besuch erwartet.
-
-Er ergriff Lydias Hände, sah ihr in die Augen und mit einem milden
-gütigen Lächeln, das sein regelmäßiges Gesicht außerordentlich schön
-erscheinen ließ, fragte er leise: »Sie wollen Morphium haben, nicht wahr,
-Frau Bremer?«
-
-Wenn er jetzt die Arme um sie gelegt und sie an sich gezogen hätte, so
-wäre sie sein gewesen willenlos, selig, ohne jedes Widerstreben. Sie hatte
-bei ihrem Manne nie die wahre Gluth der Liebe kennen gelernt und sie
-war nie ganz verstanden. Jetzt sah sie sich verstanden und fand ein
-Entgegenkommen, das sie bis in die Tiefe des Herzens tröstete und
-beglückte.
-
-Statt aller Antwort wandte sie sich von dem Freunde ab und weinte
-bitterlich.
-
-Dieser Gefühlsausbruch setzte ihn nicht in Verlegenheit, regte ihn aber
-auch nicht auf. Er versuchte nicht, seine hübsche Freundin zu trösten,
-sondern nahm ihr gegenüber Platz und erwartete mit dem ruhig beobachtenden
-Blicke des Arztes, was sie thun würde.
-
-Sie fühlte bald, daß ihr Benehmen nicht mit den üblichen Formen des
-Verkehrs in Einklang zu bringen sei und suchte sich gewaltsam zu fassen.
-
-»Wie hübsch Sie eingerichtet sind,« sagte sie, ihre Thränen trocknend,
-»gar nicht wie ein Gelehrter, viel eher wie ein die Schönheit liebender
-Künstler -- sogar Blumen finden bei Ihnen die nöthige Pflege ...«
-
-»Ich habe ein kleines Abonnement bei einem Gärtner, gnädige Frau,« er
-nahm die Rücksicht, ihre Erregung unbeachtet zu lassen und auf den Ton
-einzugehen, den sie anzunehmen sich bemühte. »Persönlich habe ich
-eigentlich kein Interesse für Botanik, nur als Zimmerdekoration liebe ich
-Pflanzen. Ich verstehe nämlich etwas vom Decorieren, mein Talent
-dafür hätte sicherlich ausgereicht zum Tapezierer, wenn nicht gar zum
-Regisseur.«
-
-Die reiche, geschmackvolle Ausstattung des Zimmers bestätigte seine
-Worte. »Ich sehe hier gar keine anatomischen Präparate,« bemerkte Lydia,
-erstaunt um sich blickend.
-
-»Nein, damit umgebe ich mich nicht. Die Anstalt hat Räume genug, wo man
-solche Sachen aufstellen kann, ohne damit die Harmonie des einzigen Zimmers
-zu stören, das man wirklich bewohnt. Ich bin nämlich sehr häuslich,
-gnädige Frau. Die Biergespräche meiner Altersgenossen interessiren mich
-so wenig, daß ich fast jeden Abend zu Hause bleibe, um mich derjenigen
-Lectüre widmen zu können, die mich interessirt. Ich wüßte kaum, was
-ich in einer Kneipe anfangen sollte, da ich außerdem sehr mäßig in
-materiellen Genüssen bin, ich trinke beispielsweise fast nichts.«
-
-»Und doch gelten Sie für recht unsolide, darf ich es sagen -- sogar für
-blasirt.«
-
-»Ich bin auch blasirt, meine gnädigste Frau, Sie dürfen das ganz ruhig
-sagen. Eine ärmliche Umgebung wäre mir unerträglich, und wenn ich mich
-hier zwischen meinen eigenen Sachen am wohlsten fühle, so ist das nicht
-etwa häusliche Tugend, sondern Bequemlichkeit -- Blasirtheit, wenn Sie
-wollen.«
-
-»Nein, nein, machen Sie sich nur nicht schlecht,« sie konnte schon wieder
-lächeln, wie sie das sagte, »es muß und wird noch dahin kommen, daß
-Ihre Tugend allgemein anerkannt wird.«
-
-»Aber ich bin ein anspruchsvoller Genußmensch, ich interessire mich für
-Kunst und Wissenschaft, huldige dem Schönen unter allen Umständen, und
-bin außerdem dem Morphinismus ergeben, und zwar mit Leib und Seele, wie
-Sie ja wissen.«
-
-»Ich auch,« sagte sie bestimmt, beinahe trotzig.
-
-»Viele Morphinisten gehen zu Grunde.«
-
-»Das weiß ich.«
-
-»Manche werden auch schwachsinnig, oft sogar wirklich gemüthskrank.«
-
-»Das weiß ich auch.«
-
-»Und Sie bleiben dennoch dabei?«
-
-»Ja, ich kann nicht davon lassen, ich will es auch nicht.«
-
-»Nun, Sie sind erwachsen und gebildet genug, um zu wissen was Sie thun.
-Weil ich Medicin studirt habe, halte ich mich nicht für den Vormund
-anderer Menschen; ebenso wenig würde ich das thun, wenn ich zufällig
-Theologe wäre. Wenn Sie Ihre Lebenszeit abkürzen wollen, so sehen Sie zu,
-wie Sie sich mit Ihrer Lebensphilosophie darüber abfinden.«
-
-»Ich habe mich mit meiner Moral darüber abgefunden, wie --, das geht
-niemanden etwas an.«
-
-»Gewiß nicht, es giebt ja andere Gelegenheiten genug, um das Leben
-des Individuums zu verlängern. Wir können als Mediciner die
-Infectionskrankheiten bekämpfen, wir haben die herrlichen Fortschritte der
-Chirurgie, wer leben will, dem können wir mit den Mitteln der Wissenschaft
-helfen, seine Tage zu vermehren. Wer sollte wohl darauf kommen, uns
-für das vom nationalöconomischen Standpunkte geringfügige Unglück
-verantwortlich zu machen, daß eine beschränkte Anzahl von Menschen mit
-klarem Willen und vollem Bewußtsein die Lebenszeit abkürzt, die ihnen an
-sich zugemessen ist!«
-
-»Jeder Apothekerlehrling hält sich für verantwortlich wegen dieses
-Unglückes,« sagte sie bitter. »Wenn man da die äußerste Consequenz
-ziehen wollte, müßte man jeden Schenkwirth bestrafen, in dessen Local
-sich allnächtlich eine Anzahl Leute mit Branntwein vergiften.«
-
-»Ah -- das souveräne Volk -- dem muß man die Freiheit schon lassen.«
-
-»Man wird sie auch einst dem Gebildeten lassen, der den verfeinerten
-Genuß sucht, unseren Genuß, nicht wahr, Frau Bremer?«
-
-»Vorläufig scheint mir dazu sehr wenig Hoffnung vorhanden zu sein,«
-sagte sie traurig.
-
-»Ich habe heute eine entsetzliche Enttäuschung erlebt, eine Erniedrigung,
-einen Schmerz, der mich fast verzweifelt zu Ihnen getrieben hat, in der
-Hoffnung Verständniß und Hülfe bei Ihnen zu finden.«
-
-Auf seinen fragenden Blick erzählte sie ihm nun von ihren Beziehungen zu
-Friedrich Rast und von der unbestechlichen Tugend Ferdinand Preyers.
-
-»Und von den Ansichten eines solchen halbgebildeten Jungen hängt das Wohl
-und Wehe einer sensitiven vornehmen Natur ab. Eine Dame, wie Sie, muß
-die Vorstadtwohnung eines bestechlichen Commis aufsuchen, um eine
-Gesetzesvorschrift zu umgehen, die in ihrem Widersinn schon viel
-entsetzlichere Folgen gehabt hat als diese Demüthigung, unter der Sie
-heute gelitten haben.«
-
-»Noch schlimmere Folgen?«
-
-»Allerdings; bitte, wollen Sie dem Freunde, dem Arzte, dem Psychologen
-verzeihen, wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht schließlich
-verkaufen, wenn Sie keine, keine andere Möglichkeit sähen, sich Morphium
-zu verschaffen?«
-
-Sie wurde todtenbleich. »Ich würde sterben, aber ich würde nicht
-fallen.«
-
-»Dann sind Sie eben noch nicht in dem Stadium, in dem man fällt. Andere
-sind aber in dieses Stadium gekommen. Das Morphiumgesetz hat schon manche
-Frauenehre gekostet.«
-
-Lydia erhob sich. Sie fühlte das Nahen einer furchtbaren Gefahr. Der Mann,
-mit dem sie allein war, konnte ihre Wünsche erfüllen, er konnte aber auch
-ihre Ehre fordern. Sie hätte sich ihm nicht versagt, er verstand sie und
-sie fühlte, daß sie ihn liebte.
-
-Einen Augenblick lang kämpfte er mit der Versuchung, das willenlose
-liebliche Weib an sich zu reißen und ihre Liebe zu nehmen. Ah -- wie sie
-wohl zu lieben verstand!
-
-Er sah sie an und ein müdes Lächeln erschien auf seinem Gesichte, die
-leichte Erregung der Sinne war schon wieder vorüber. »Bitte, meine
-gnädige Frau, verstehen Sie mich nicht falsch,« sagte er kühl.
-
-Dann trat er an seinen Schreibtisch und nahm eine kleine Schachtel heraus,
-die er ihr gab.
-
-»Hier sind zehn Gramm Morphium, Ihre Mischung wissen Sie sich ja
-zurechtzumachen. Beruhigen Sie sich jetzt, solche furchtbaren Aufregungen
-sind Gift für die überempfindlichen Nerven des Morphinisten.«
-
-»O, Gott, wie edel Sie sind -- ich danke Ihnen.«
-
-»Nein, danken Sie mir nicht, ich werde Ihnen ein anderes Mal ein Recept
-geben, Ihre Lösung können Sie dann überall bekommen. Jetzt will ich
-Ihnen noch einmal das geben, was Sie gestern bekommen haben, damit Sie sich
-ganz beruhigen.«
-
-Mit einem Seufzer der Erleichterung und Wonne empfand sie die Wohlthat, die
-er ihr zu theil werden ließ.
-
-Sie fand keine Worte, um ihm zu danken. Schweigend ließ sie sich von ihm
-die Treppe herunterführen, schweigend stieg sie in den Wagen, der sie
-erwartete, dann ein Händedruck, und ein Blick, der dem erfahrenen Manne
-zeigte, was ihr Herz in diesem Augenblicke empfand.
-
-Sie kehrte zurück zu Mann und Kindern, zurück in das Haus, dessen Herrin
-sie war. Wie gleichgültig war ihr das alles, wie wenig dachte sie daran,
-daß sie nahe daran gewesen war, als eine Unwürdige über diese Schwelle
-zu schreiten. Eine Fremde war sie in diesen kurzen Stunden ihrem Heim
-dennoch geworden.
-
-Sie hatte nun Morphium, was ihr weder ihr Mann noch sonst jemand von ihren
-Angehörigen gönnte. Sie brauchte nicht mehr um den Erwerb des köstlichen
-Mittels zu zittern. Die tiefe Befriedigung und die wohlthätige Ruhe, die
-sie im Gegensatze zu dem bisherigen Leben der Aufregung und Angst jetzt
-empfand, dankte sie ihm, dem selbstlosen Freunde. Langsam nahm die
-Erinnerung an ihn, die Dankbarkeit, die Freundschaft und Hingabe, die
-sie ihm widmete, ihr ganzes Denken und Fühlen in Anspruch. Sie war nun
-zufrieden, sie war ruhig und still, er hatte sie glücklich gemacht. --
-
-
-III.
-
-Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft die Erlaubniß erhalten,
-eine durchreisende Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In
-freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging eilig in der
-herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends dahin. Selbst die belebtesten
-Verkehrsstraßen waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der großen
-grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts von der wundervollen Temperatur
-zu bemerken, die draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter den von
-Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen dieses Gebäudes.
-
-Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten der sich drängenden
-Menschenmasse, um sie her brauste und lärmte das Leben des großen
-Verkehrs. Ein Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter. Da
-gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft, tausendstimmig wurde er von
-der Menge zurückgegeben und brach sich wiederhallend an der Wölbung der
-Decke.
-
-Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und war unter die Räder des
-Zuges gekommen. Man zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr ab.
-Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet; als man aber sah, daß
-keine Gefahr vorhanden sei, beruhigte sich die Menschenmenge bald, die
-Panik verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche Gedränge,
-das auf den furchtbaren Schrei gefolgt war, hörte sofort wieder auf. --
-Ein eigentliches Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte nur
-noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug schon in Bewegung gesetzt
-hatte. Das alte Unglück, es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl
-besonders darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das gräßliche Ende
-eines Einzelnen den fluthenden Strom des großstädtischen Lebens ins
-Stocken gebracht.
-
-»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des Professor Schrödter
-vermißt, hier ist das Signalement, das seine Abreise verhindern soll,«
-sagte ein Schutzmann, auf den Bahnhofsvorsteher zutretend.
-
-Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen Sie uns den Verunglückten
-recognosciren, die Sache wird stimmen.«
-
-Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg durch die Menge. Der
-Tragkorb, in dem der Ueberfahrene lag, wurde niedergesetzt, es wurde
-festgestellt, daß man den vermißten Patienten der Nervenheilanstalt
-vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die Weisung, den Sterbenden
-dorthin zu bringen.
-
-Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber die Freude war ihr doch
-durch das Unglück verleidet, das sie mit angesehen hatte. --
-
-An der Thür der Klinik empfing der Professor selbst den Kranken-Transport.
-Er war im Begriffe, in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo
-er einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten hatte. In dem
-Verunglückten erkannte er sofort einen Apotheker, der ihm von seinen
-Angehörigen als Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft, den
-Kranken bald als geheilt entlassen zu können; nun sah er ihn sterbend
-vor sich, mit abgefahrenen Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte
-einen Vortrag zugesagt, er mußte fort.
-
-Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu Turnau's Station gehörte,
-dem Assistentsarzte sofort zu übergeben sei, in zwei Stunden werde er
-selbst nachsehen; damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke.
-
-Der Oberwärter leitete den Transport nach dem, in diesem Hause selten
-benutzten Operationszimmer; die diensthabende Schwester erhielt den
-Auftrag, den Stationsarzt zu benachrichtigen.
-
-Geräuschlos trat Schwester Clarissa in Turnau's Zimmer. Er lag auf
-einem niedrigen, weichen Sopha und erhob kaum den Kopf, um sich nach der
-Eintretenden umzusehen.
-
-Die junge Nonne, der vielleicht noch von ihrem weltlichen Leben her
-eine solche Formlosigkeit unangenehm war, berichtete mit den knappsten,
-nothwendigsten Worten von dem Unglücksfall und den Dispositionen, die der
-Professor darüber getroffen hatte. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ
-sie darauf den Arzt.
-
-Turnau richtete sich langsam und mit Mühe auf, sein Gesicht bedeckte eine
-fahle Blässe, die Augen waren glanzlos, die eiskalten Hände zitterten.
-Die schönen, regelmäßigen Gesichtszüge waren entstellt durch eine
-tödtliche Schwäche, die jeden Ausdruck verwischte. Schlaff lagen die
-Muskeln unter der welken Haut.
-
-Nur noch die allerconcentrirtesten Morphium-Lösungen vermochten seinen
-abgestumpften Nerven Anregung zu geben. Er combinirte seine Injectionen
-mit Aether und sogar mit Chloroform. Trotzdem versagte die Wirkung zuweilen
-schon nach ganz kurzer Zeit. Es folgte dann eine an Bewußtlosigkeit
-streifende Schwäche. Vorübergehend erinnerte dieser Zustand an Schlaf,
-bald aber pflegte der Unglückliche zu erwachen. Seine Pulse jagten, er
-hörte das Blut im Kopfe brausen und hämmern, Sehstörungen quälten
-ihn, Lichter und Funken sprangen vor ihm auf. Die Geräusche des Blutes
-steigerten sich ihm zu geheimnißvollen, grauenhaften Tönen, er
-glaubte, Worte daraus hervorklingen zu hören, Worte und Rufe, die ihn in
-Verzweiflung und Todesangst stürzten. Schließlich steigerte sich dieser
-Zustand zu einer nervösen Aufregung, die hart an die Grenze des Wahnsinns
-streifte und ihn zwang, mit zitternden Händen, mit umflorten Blicken und
-stockendem Herzschlag wieder und wieder zur Morphiumspritze zu greifen.
-
-So abgestumpft auch schließlich die Nerven waren, sie mußten angeregt,
-sie mußten künstlich gereizt werden, weil der Zustand der Ernüchterung
-einfach nicht mehr zu ertragen war.
-
-Man schläft nicht mehr, wenn man ein gewisses Stadium des Morphinismus
-hinter sich hat.
-
-Tag und Nacht verlangen die zerrütteten Nerven ihr Linderungsmittel,
-Tag und Nacht dauert die krankhafte Erregung. Kommt aber dann einmal die
-Stunde, wo die Nerven nicht mehr darauf reagiren, wo kein Mittel mehr
-hilft, so kommt auch der Tod.
-
-Unter entsetzlichen Qualen, die nichts mehr zu lindern vermag, geht der
-vergiftete Körper zu Grunde. Den Geist umnachtet dann in der Regel der
-Wahnsinn.
-
-Turnau wußte, daß er diesem Ende nicht mehr sehr fern war. Mit großer
-Energie versuchte er bisweilen einzelne Stunden der Ernüchterung
-auszuhalten. Je länger er die schmerzhafte Schwäche ertragen hatte, um
-so genußreicher war dann nachher die Wirkung der von neuem angewendeten
-Mittel.
-
-In einer solchen Stunde großer Leiden störte ihn die Botschaft seines
-Chefs.
-
-Der farbige Schleier, der die Lampe verhüllte, hatte die Schwester seinen
-Zustand übersehen lassen. Er hatte von dem, was sie gesagt hatte,
-nichts verstanden. Er wußte nur, daß sie ihn rief, daß die Erfüllung
-ärztlicher Pflichten von ihm gefordert wurde.
-
-Noch nie hatte er seine Stellung als Assistent so drückend als Fessel
-empfunden. Seine Mittel erlaubten ihm, ohne Ausübung eines Berufes zu
-leben, wo und wie er wollte. Im Interesse seines Buches, um der Studien
-willen, die er hier machte, hatte er diese Abhängigkeit bis jetzt
-ertragen. Nun fühlte er aber, daß es Zeit für ihn sei, sich frei zu
-machen. Er war noch auf zwei Monate verpflichtet. Wenn er jetzt auch
-beschloß, sich krank zu melden und Ersatz für seine Thätigkeit zu
-stellen, so konnte ihm das doch in diesem Augenblicke nicht helfen. Die
-Stationsschwester hatte ihn gerufen -- er mußte kommen.
-
-Mehrere Minuten vergingen, bis er dazu im Stande war. Seine Mittel lagen
-bereit, aber ihre Wirkung war keine unmittelbare. Erst nachdem er mehrere
-combinirte Injectionen in ganz kurzen Zwischenräumen angewendet hatte, war
-er soweit, daß er wieder zusammenhängend zu denken vermochte.
-
-Im Operationszimmer ließ er sich den Vorfall, der ihm schon berichtet war,
-noch einmal erzählen, ehe er an die Bahre trat, auf der der Verunglückte
-lag. Es war kein anderer Arzt zu Hülfe gekommen. Dem hochmüthigen und
-blasirten Turnau kam ohne eine Bitte von seiner Seite niemand auf die
-Station. Er dachte indessen nicht daran, einem seiner Collegen deshalb
-ein gutes Wort zu geben. Ein für alle Mal hielt er sich von jeder
-Vertraulichkeit, von jedem zwanglosen Verkehr fern. Jetzt war er geistig
-vollkommen klar, er beherrschte sein Wissen und seine Gedanken, er brauchte
-niemanden.
-
-Der Anblick, den der Verwundete darbot, war grauenhaft. Beide Beine waren
-an den Oberschenkeln abgequetscht. Das eine lag bei den blutigen Sachen,
-die das Wartepersonal von dem zerfetzten Körper lostrennte. Das Andere
-hing noch lose durch Fleisch und Muskeln verbunden am Körper, der
-zersplitterte Knochen lag frei.
-
-Schwester Clarissa suchte dem enormen Blutverluste vorläufig Einhalt zu
-thun.
-
-Turnau beugte sich über diese ächzenden, wimmernden Ueberreste eines
-menschlichen Leibes, er erkannte sofort, daß der Verwundete bei vollem
-Bewußtsein war.
-
-»Chloroform,« stöhnte der Mensch.
-
-»Gewiß, gleich, aber es könnte Ihnen die Besinnung zu früh nehmen, ich
-will Ihnen erst etwas anderes geben, was den Schmerz auch stillt; Sie haben
-doch vielleicht noch irgend etwas zu sagen,« antwortete Turnau.
-
-»Nein, jetzt nicht mehr, es ist zu spät, jetzt will ich kein Morphium
-mehr. Jetzt lasse ich mich ja heilen, rasch, rasch, heilt mich doch, ich
-halte ja still, ich thu's nicht mehr heimlich,« kam es kaum vernehmlich
-über die blaugrauen Lippen.
-
-Der junge Arzt legte die Flanellmaske auf. »Sind Sie ein Selbstmörder?«
-fragte er dabei.
-
-»Nein, nein, es war nur ein Fluchtversuch -- ein Unglück. Man wollte mich
-heilen, gegen meinen Willen -- ich will nicht geheilt sein --«
-
-»Ja, ich verstehe Sie. Man wollte Sie zu einem anderen Berufe zwingen,
-weil Sie als Apotheker doch wieder dem Morphium verfallen wären, das
-wollten Sie nicht.«
-
-»Ich will nicht -- ich will nicht. -- -- --«
-
-Das Bewußtsein schwand, Turnau führte die nothwendige Amputation aus,
-Schwester Clarissa arbeitete ihm wunderbar in die Hand. Augenscheinlich war
-der Körper, als die Beine unter ihm weggerissen wurden, mit furchtbarer
-Wucht hintenüber auf die Steinplatten des Bahnhofes geschleudert, denn es
-wurde auch ein complicirter Schädelbruch festgestellt.
-
-Nachdem die Verbände angelegt waren, fragte die Schwester, ob Turnau den
-Stumpf des anderen Beines, der im Nothverband lag, nicht auch abnehmen
-wolle.
-
-»Keinenfalls, ohne ausdrückliche Anweisung des Professors,« antwortete
-der junge Mann, sich eifrig die Hände waschend.
-
-»Chloroform,« stöhnte der Kranke, der schon wieder zu sich kam, da er
-als Morphinist sehr unempfänglich für die Einwirkung narkotischer Mittel
-war.
-
-Turnau trat an den Tisch heran. »Ich darf Ihnen jetzt höchstens Morphium
-geben,« erklärte er. »Die Operation ist vorüber, eine andauernde
-Narkose könnte höchstens den Erfolg haben, Ihr Leben abzukürzen,
-vielleicht sehr rasch zu enden.«
-
-»Was liegt daran« -- murmelte der Unglückliche. Turnau wendete sich an
-die dienende Schwester. »Geben Sie ihm immerhin Chloroform,« sagte er
-leise, »der arme Kerl hat das Leben satt, ein Genuß mag es auch in seiner
-Lage nicht sein.«
-
-»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie bestimmt sagen, daß der
-Kranke verloren ist?«
-
-»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte der junge
-Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen erforderte, von
-der Chirurgie gelernt hatte. »Ich will dem Menschen auch durchaus kein
-Todesurtheil sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich verantworten.«
-
-»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete die Nonne mit
-ruhiger Würde.
-
-Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht. Was für ein Räthsel
-war diese mitleidlose Härte den furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei
-einer Schwester, deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war.
-
-Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend.
-
-»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau.
-
-»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern, was Gottes Wille ist.
-Wäre es nicht der Wille der Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen
-zum Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.«
-
-»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen bei solchen
-Unglücksfällen auf der Stelle todt sind« bemerkte Turnau.
-
-»Es steht auch geschrieben »der Tod ist der Sünde Sold.«
-
-Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die Nerven des kranken
-Mannes; er sah, daß mit der frommen Schwester nichts anzufangen war; so
-ließ er sie bei ihrer Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen
-griff er selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal an das
-Operationsbett heran.
-
-Er goß auf, nahm den Puls des Kranken in die Hand und sah unwillkürlich
-um sich.
-
-Das ganze blutige Bild des Zimmers, der Geruch der Maske, des Jodoforms und
-des Karbols erregte ihm schon nach wenigen Augenblicken einen derartigen
-Ekel, daß er sich vollständig außer Stand fühlte, das einmal
-übernommene Liebeswerk zu Ende zu führen.
-
-Wie sollte er auch eigentlich dazu kommen, sich kurz vor seinem Abgange
-noch möglicher Weise mit dem Professor zu überwerfen um dieses fremden,
-gleichgültigen Menschen willen!
-
-Freilich, auch dieser Kranke war Morphinist -- gegen seinen Willen wollte
-man ihn heilen -- das Resultat des Versuches war diese Flucht, vielleicht
-war es dennoch eine Flucht aus dem Leben gewesen.
-
-Wie hatte doch die Schwester gesagt? »Der Tod ist der Sünde Sold.« Vor
-langer Zeit hatte Wilhelm Turnau diesen Spruch auch in der Schule gelernt.
-Sollte er jetzt die Bedeutung der alten Lehre erkennen?
-
-Aber immerhin war dieser Kranke kein Opfer der Verkaufsbeschränkungen,
-sondern nur ein Opfer verwandtschaftlicher Vorurtheile. Soweit hatten ihn
-seine lieben Angehörigen gebracht, nun versagte auch noch die erbarmende
-Liebe der Nonne seinen Todesqualen gegenüber.
-
-Sollte die Einsicht des mit seinen Ansichten so allein stehenden
-Sonderlings hier allein stand halten?
-
-Wieder schwand das Bewußtsein des Operirten. Der Puls setzte aus.
-
-Wenn ich noch einmal aufgieße, ist er todt, sagte sich der Arzt.
-
-Zögernd griff seine Hand nach der schwarzen Flasche.
-
-»Was liegt daran,« murmelte der Kranke in seiner Betäubung noch einmal.
-
-»Was liegt mir daran,« setzte Turnau in seinem Innern hinzu. Dann riß er
-dem Kranken die Maske herunter. »Schwester Clarissa!«
-
-»Herr Doktor wünschen?«
-
-»Sorgen Sie für die Umbettung und wenn der Professor kommt, so fragen
-Sie, ob Sie Morphium geben dürfen. Ich gehe in mein Zimmer, im Nothfalle
-rufen Sie mich.«
-
-»Ja, Herr Doctor.«
-
-Er ging, und sie that ihre Pflicht so still und gelassen an dem Kranken,
-wie an alle ihren anderen Pflegebefohlenen. Ihr war die einzelne
-Persönlichkeit wirklich gleichgültig, sie sah in jedem Armen und Elenden
-nur den ihr von Gott gesendeten Bruder, in dessen Person sie dem Herrn
-diente. Turnau dagegen war krankhaft erregt und nervös angegriffen durch
-den Anblick der entsetzlichen Wunden, durch den Geruch des Blutes und die
-ganze ungewohnte chirurgische Thätigkeit, die an ihn herangetreten war.
-
-Abgespannt und erschöpft, dabei in hohem Grade überreizt, kam er in
-seinem Zimmer wieder an. Er begab sich zur Ruhe; aber die Nacht, die er
-darauf zubrachte, war so, daß er sich selbst sagte, mehrere solche Nächte
-würden ihn dem Tode schnell entgegenführen. Die Ueberzeugung, daß
-Arbeit, Aufregung und gewaltsame Selbstüberwindung ihn ruiniren mußten,
-erregte ihn so, daß er der Verzweiflung nahe war. Wenn seine
-körperlichen Leiden jetzt rascher, als er geglaubt hatte, seine
-Auflösung herbeiführten, so hatte er das der Rücksichtslosigkeit seines
-Vorgesetzten zu danken.
-
-Der ganze Egoismus seines Characters empörte sich bei dieser Erkenntniß.
-Er gerieth in eine fieberhafte Erregung. Wie oft hatte er mit dem Gedanken
-an das Ende gespielt, wie oft hatte er geglaubt, Sehnsucht nach dem Tode zu
-empfinden. Nun hatte er dem Tode ins Auge gesehen, er fühlte die Nähe der
-Ewigkeit, und es erfaßte ihn eine namenlose grauenhafte Angst.
-
-»Der Tod ist der Sünde Sold.«
-
-Immer wieder mußte er an die Nonne denken, die so ruhig und fest auf
-dieses kalte Wort hingewiesen hatte. Er zerbrach sich den Kopf darüber,
-wie der Spruch, den sie ihm zugerufen hatte, weiter hieß. Nach langem
-Grübeln fiel es ihm ein. --
-
-Er, der elegante vornehme Mann, dem die Frauen stets entgegengekommen
-waren, hätte sich ohne Zweifel in denselben Todesqualen zu den Füßen
-der Schwester Clarissa winden können, wie jener Elende, der sich jetzt in
-ihrer Pflege befand -- sie würde nichts bei seinen Leiden empfinden,
-sie würde nichts thun, um ihm das abzunehmen, was ihm nach ihrer Ansicht
-bestimmt war zu leiden. Er würde ihr gleichgültig sein, gleichgültig wie
-jeder Andere.
-
-Als er ihr zuflüsterte, daß das Fortleben für den Verstümmelten wohl
-kaum wünschenswerth sei, hatte sie ihn angesehen, und diesen Blick konnte
-er nicht mehr vergessen.
-
-Die ganze Verachtung des irdischen Leides und des menschlichen Willens,
-gegenüber einem höhern Willen hatte in diesem Blicke gelegen. Und dabei
-war sie schön -- statuenhaft schön -- schade um solch ein Weib!
-
-Ob wohl das blühende freundliche Mädchen, das er gestern bei Bremers
-bewundert hatte, im Stande wäre Mitleid, wahres menschliches Mitleid zu
-fühlen? Vielleicht wurde es für seine übersättigten Sinne einen ganz
-neuen eigenen Reiz haben, die Liebe dieses frischen Mädchens zu gewinnen.
-Er war ja jetzt ein stets willkommener Gast bei Bremers, da konnte er sich
-dem interessanten Studium dieser reinen jungfräulichen Seele ab und zu
-widmen.
-
-Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas, die Spannung der Nerven löste sich,
-die körperliche Erschöpfung bewältigte die furchtbare Aufregung. Als der
-Morgen dämmerte, trat ein leichtes wohlthuendes Ausruhen an die Stelle der
-nervösen Ueberreiztheit.
-
-Er dachte jetzt auch über den verhängnißvollen Schritt nach, den er
-gethan hatte, als er der Frau des von ihm hochgeachteten Geheimrathes
-heimlich Morphium gab. Würde diese Frau sich nicht wieder und wieder mit
-der Bitte um Morphium an ihn wenden? Es konnten ihm Unannehmlichkeiten
-daraus entstehen, er bereute diese Verpflichtung übernommen zu haben.
-
-Wie tief stand doch dieses genußsüchtige Weib unter der sanften
-selbstlosen Nonne, unter der fröhlichen treuen Gefährtin ihrer eigenen
-Kinder! Und diese Frau war seine Gesinnungsgenossin, seine Freundin. Er
-wußte, daß er nur die Hand nach ihrem Besitze auszustrecken brauchte;
-deshalb erschien sie ihm verächtlich und erbärmlich. Sie war schön, aber
-niemals würde er sie deshalb lieben, es war seine feste Ueberzeugung, daß
-er überhaupt niemanden lieben könne.
-
-Der Gedanke aber, die Hingabe eines Weibes zu besitzen, erregte ihm einen
-Ueberdruß, der an Ekel streifte. Lydia Bremer begehrte nichts als Genuß
--- Genuß in der Liebe, Genuß im Morphium; Pflichten kannte sie nicht.
-Sie hatte Mann und Kinder, aber als sie von ihm Morphium empfing, als ihre
-Blicke ihn zum Danke dafür Liebe ahnen ließen, konnte sie das vergessen.
-
-Er aber, der im Interesse der leidenden Menschheit für eine gute Sache
-kämpfte, er hatte sich dazu hergegeben, diesem begehrlichen glühenden
-Weibe Genuß zu gewähren!
-
-Immerhin hatte er nur mit dieser Handlungsweise die Consequenzen seiner
-Gesinnung gezogen. Wenn ihm nur weiter keine Verpflichtung daraus erwuchs,
-wenn sie nur nicht etwa eine persönliche Verbindung zwischen sich und
-ihm darin sah! Ihn graute davor. -- Und dann, dann mußte er lächeln. Wie
-sonderbar, daß er in einer schlaflosen Nacht über das Wesen von drei ihm
-gleichgültigen Frauen grübelte!
-
-Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nach ihrer Pflichttreue,
-nach ihrer Moral? Was gingen ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin
-Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen Kinderfräuleins an!
-
-Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genuß an sie zu denken, sie zu
-sehen -- --
-
-Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte anfangs an eine nervöse
-Sinnestäuschung, bald aber überzeugte er sich, daß das Klopfen,
-welches er hörte, Wirklichkeit war -- Professor Schrödter hatte die
-Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assistenten morgens um fünf Uhr wecken
-zu lassen!
-
-Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in den drei Jahren seiner
-klinischen Thätigkeit nur sehr selten vorgekommen. Er war außer sich
-darüber und beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden Preis von
-dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu werden.
-
-Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon der Professor unangemeldet
-bei ihm eintrat. Er hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm
-das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten innerlich durchaus
-zuwider war. Aus sehr einfachen Verhältnissen hatte er sich durch eigene
-Kraft zu wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne sich zugleich
-äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger Formen zu fügen.
-
-»Störe ich Sie noch? -- Es ist fast halb sechs, sehr viele Menschen haben
-bereits ausgeschlafen,« begann er mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte
-genau, daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn Uhr früh
-aufstand.
-
-Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in tadelloser Haltung gegenüber.
-»Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.«
-
-»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt haben, ist gestorben. Wenn
-Sie in der Nacht einmal nachgesehen hätten, brauchte ich nicht
-hierherzukommen, um Ihnen das zu sagen.«
-
-Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf.
-
-»Habe ich bei der Amputation einen Fehler gemacht?«
-
-»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von zwei abgequetschten
-Stümpfen haben Sie den Einen amputirt und den Anderen ruhig liegen lassen.
-Als ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät. Nicht einmal alle
-Knochensplitter des Schädelbruches waren ordnungsmäßig entfernt.«
-
-»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte, wäre eine sehr
-lange Narkose nöthig gewesen. Das war aber nicht opportun wegen einer
-Herzschwäche des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.«
-
-»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?« schrie der Professor grob.
-»Sie hätten sich aber Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so
-viel wie möglich geschehen konnte.«
-
-»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache gewesen, Herr Professor. Sie
-haben den Verunglückten vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftrage
-in dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch einer der Herren Collegen
-zur Seite gestellt werden.«
-
-»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station vor. Sie hätten sich
-selbst die nöthige Hülfe verschaffen müssen. Wir sind doch keine
-Soldaten, bei denen jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe
-er handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen Herren
-benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall von vornherein für
-hoffnungslos?«
-
-»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht wagte, nach eigenem
-Ermessen irgend eine Aenderung der von Ihnen getroffenen Dispositionen
-vorzunehmen.« Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit vollster
-Selbstbeherrschung, während der Professor bei jedem Worte mehr seine Ruhe
-verlor.
-
-»So -- Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß ich allein Schuld bin?«
-fragte er wüthend.
-
-»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld sein? Es war eben ein
-Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich
-gewesen, wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.«
-
-»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor, für einen Arzt ist das ja
-eine sehr eigenthümliche Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen
-Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist, alle Hülfsmittel der
-Wissenschaft anzuwenden, um das bedrohte Menschenleben zu verlängern und
-zu erhalten?«
-
-»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische, wenn Sie wollen eine
-religiöse, aber keine medicinische Frage.« -- -- --
-
-»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen, mein Herr
-College, nicht wahr?« höhnte der aufs äußerste gereizte Mann. »In
-unserm Falle liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der Medicin,
-die Frage ist rein sachlich, und die Antwort darauf ist es ebenfalls. Diese
-Antwort aber lautet dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus
-nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um ein entfliehendes
-Menschenleben zurückzuhalten. Sie sagen, daß ich als Chef hätte genauere
-Anordnungen treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn ich
-gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich einbildet, man
-könnte kein guter Psychiatriker sein, ohne zugleich als Chirurg die
-verhängnißvollsten Fehlgriffe zu begehen.«
-
-Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende. Eine grobe Antwort auf den groben
-Angriff vermochte er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven Natur
-zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich, lehnte sich an einen Schrank,
-neben dem er stand und schwieg.
-
-Der Professor, der trotz seines polternden Tones nicht die Absicht gehabt
-hatte, den jungen Mann zu beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner
-Worte sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und er hatte im
-Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen wollen.
-
-»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthig ein. »Es liegt
-mir ja fern, Ihnen die Schuld an dem Tode eines Menschen aufbürden zu
-wollen. Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht einerlei
-ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt. Es ist doch immerhin ein
-Privatunternehmen und keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt
-gegenüber alles, was hier unter meiner Leitung geschieht. -- Wir wollen
-nachher die Obduction vornehmen, dann können wir den Fall noch eingehender
-und ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.«
-
-Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor seinem Vorgesetzten.
-
-»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert, ich muß doch
-schelten, wenn nicht in meinem Sinne operirt wird. Das passirt den
-jüngeren Herrn überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,« begann
-der Professor noch einmal.
-
-Das Schweigen des hochmüthigen jungen Menschen war ihm furchtbar peinlich.
-Er hatte das Gefühl, sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas
-vergeben zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte ihm das öfter, deshalb
-war ihm auch der in tadellos vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr
-unangenehm.
-
-»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel verdient habe, so muß ich
-ihn hinnehmen.« Turnau sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er
-sich durchaus nicht beleidigt fühle.
-
-Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest seiner Sicherheit. »Bei
-der Obduction können Sie den Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen,
-wie um auf etwas anderes zu kommen.
-
-»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren zu wollen. Ich
-hatte schon seit einiger Zeit die Absicht, mich krank zu melden und bitte
-um die Erlaubniß, für den Rest des Quartals einen Collegen zu meiner
-Vertretung engagiren zu dürfen.«
-
-Er war also doch empfindlich! »Na meinetwegen bleiben Sie von der Section
-weg. Wegen der Vertretung suchen Sie mich wohl in meiner Wohnung auf.«
-
-»Wie Sie wünschen, Herr Professor.«
-
-»Auf Wiedersehen denn.«
-
-»Auf Wiedersehen, Herr Professor.«
-
-Noch eine durchaus salonmäßige Verbeugung, die der Professor ziemlich
-ungeschickt erwiederte. Er war es gewöhnt, seine Assistenten durch einen
-Händedruck oder ein oberflächliches Kopfnicken zu grüßen. Bei Turnau
-ging das natürlich nicht. Fataler Mensch, hätte Offizier oder Diplomat
-werden sollen, blos nicht Arzt, dachte der Professor, als die schwere
-weiche Portiere von Turnaus Zimmer sich hinter ihm schloß. Na, vielleicht
-wird er mal Modearzt bei nervösen Damen -- Specialität Migräne; -- er
-war im Grunde seines Herzens froh, daß er ihn los wurde.
-
-Turnau aber fühlte sich nach diesem erneuerten Angriff auf seine
-künstlich überreizten Nerven ernstlich und körperlich krank.
-
-In tiefster Erschöpfung streckte er sich auf seinem weichen Schlafsopha
-aus, um körperlich wenigstens auszuruhen. Die nöthigen Schritte zu
-seiner Ablösung von dem Posten, den er nicht mehr auszufüllen vermochte,
-beschloß er zu einer späteren Tagesstunde zu thun.
-
-Er lag zeitweise in einer Art von Halbschlaf oder Betäubung; er wußte
-nicht wie lange er gelegen hatte, aber die Sonne schien ziemlich heiß
-durch die schweren herabgelassenen Vorhänge, als ein ungewöhnliches
-Geräusch ihn aufschreckte.
-
-Die Thür zu seinem Zimmer wurde hastig aufgerissen und mit maßlosem
-Staunen sah er Lydia Bremer unangemeldet eintreten. --
-
-Turnau verlangte von einer Dame in allererster Linie elegante sorgfältige
-Toilette, nachlässig gekleidete Frauen waren ihm gradezu abstoßend.
-Bisher war ihm der Verkehr mit Frau Bremer angenehm gewesen, weil sie in
-ihrer Erscheinung und in ihrem Benehmen eine elegante vornehme Frau
-war; mit Entsetzen bemerkte er jetzt bei ihrem ungestümen Eintritt, wie
-unvortheilhaft und verändert sie aussah. Das sonst sorgfältig frisirte
-Haar war nicht gebrannt, man sah einzelne dünne Stellen, die die Haut kaum
-bedeckten. Die Gesichtszüge waren durch eine maßlose Aufregung verzerrt,
-von Thränenspuren entstellt, die nothwendigsten Kunstgriffe der Toilette
-waren versäumt. Ein loser Abendmantel bedeckte einen Schlafrock, dessen
-zerdrückte Spitzen die deutlichen Spuren des Liegens in Sophakissen oder
-gar auf dem Bette aufwiesen.
-
-Peinlich unangenehm berührt, erhob sich der Arzt. Seine kühle
-Begrüßung durch eine ganz kurze Verbeugung schien die erregte, vielleicht
-verzweifelte Frau nicht zu sehen.
-
-»Alles ist verrathen, ich bin verloren, mein Mann hat Verdacht geschöpft,
-Professor Schrödter war eben bei uns. Mein Morphium, mein ganzer
-Vorrath« -- --
-
-Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme brach ihr.
-
-»Man hat Ihre Morphiumvorräthe gefunden und confiscirt?« fragte er.
-
-»Ja, ja -- es ist entsetzlich, ich kann nicht leben ohne Morphium.
-Erbarmen Sie sich, helfen Sie mir, ich habe ja nur Sie, alle Anderen
-verfolgen mich, hassen und quälen mich, man treibt mich in den Tod. O
-Gott, stehen Sie doch nicht so mitleidslos da -- erbarmen Sie sich.«
-
-»Das würde wenig helfen. Wenn ich Ihnen heute wieder Morphium gebe, wird
-es morgen wieder gefunden.«
-
-»Nein, geben Sie mir eine tödliche Dosis, ich verspreche Ihnen, man wird
-den Rest Ihrer Gabe nur bei meiner Leiche finden.«
-
-»Ich bedaure, gnädige Frau, einen derartigen Wunsch, in einem Augenblicke
-der höchsten nervösen Aufregung ausgesprochen, erfülle ich nicht.«
-
-»Ich werfe mich vor die Eisenbahn.«
-
-»Wenn Sie mir das vorher sagen, ist es meine Pflicht die Ausführung
-dieser Absicht zu verhindern.«
-
-»So -- sind Sie etwa mein Vormund?«
-
-»Nein -- ich bin Irrenarzt.«
-
-Ein kurzer Schrei, dann ein krampfartiges zorniges Weinen, folgte auf diese
-Ablehnung. Ruhig stand Turnau ihr gegenüber. Er war empört und angeekelt
-von dieser Scene.
-
-Wenn sie wirklich sterben wollte, so hatte sie keinen Grund, erst
-hierherzukommen und ihm ein Vertrauen aufzudrängen, nach dem er durchaus
-nicht verlangte. Er war aber überzeugt, daß sie gar nicht ernstlich daran
-dachte zu sterben. Wenn sie so ungeschickt war, ihr Geheimniß entdecken
-zu lassen, so fühlte er sich in keiner Weise berufen, ihr beizustehen.
-Ungeduldig wartete er darauf, daß sie sich so weit beruhigte, um auf gute
-Manier dahin gebracht zu werden, ihn zu verlassen.
-
-Sie faßte sich mühsam. »Wissen Sie, was mein Mann und der Professor
-beschlossen haben?«
-
-»Ich kann es mir denken. Sie sollen in eine Anstalt, um eine
-Entziehungscur durchzumachen.«
-
-»Ja« -- sie lächelte. »Ich werde auch ganz fügsam sein und gehen.«
-
-»Das freut mich.«
-
-»Sie verstehen, was ich meine?«
-
-»Nein.«
-
-»Schicken Sie mir postlagernd jede Woche, was ich brauche. Sie wissen es
-ja.«
-
-»Das geht nicht, in solchen Anstalten ist die Controlle zu streng, man
-würde jeden Stich an Ihrem Körper entdecken. Ich würde damit riskiren,
-daß mir die ärztliche Concession entzogen wird.«
-
-»So rathen Sie mir, helfen Sie mir!«
-
-»Ich kann Ihnen nicht helfen.«
-
-»Geben Sie mir Morphium, ich will abreisen, ich werde mich irgendwo
-verstecken, wo mich kein Mensch findet.«
-
-»Sind Sie denn mit Allem, was zu einer solchen Flucht gehören würde,
-versehen?«
-
-»Im Augenblicke nicht, aber bis zum Abende kann ich mir Geld und alles,
-was ich sonst noch brauche, erschaffen.«
-
-»Bis zum Abend wird Ihr Herr Gemahl im Verein mit den Aerzten die
-nöthigen Schritte gethan haben, um eine derartige Flucht zu verhindern.«
-
-»So bin ich verloren.«
-
-»Ich weiß es nicht.«
-
-Er zuckte gleichgültig die Achseln und trat ans Fenster.
-
-Zitternd erhob sie sich und ging ihm nach. Sie griff mit beiden Händen in
-die Fenstervorhänge, um sich zu halten. Die Sonne schien ihr ins Gesicht.
-Er sah, daß ihre Haut stellenweise welk war. Ihre Augen waren glasig und
-starr, plötzlich bildete er sich ein, ihre Vorderzähne wären falsch.
-Das war eine abscheuliche Ernüchterung, wenn er sie etwa bewundert hätte,
-aber das hatte er ja doch eigentlich niemals gethan.
-
-»Es gäbe eine Auskunft, eine einzige Rettung,« flüsterte sie, nahe,
-ganz nahe an seinem Ohr.
-
-Er antwortete nicht.
-
-»Fliehen Sie mit mir, Wilhelm.«
-
-»Als was -- als Ihr Arzt?«
-
-Da glitt sie an ihm nieder und umfaßte seine Kniee. »Nehmen Sie meine
-Liebe, aber geben Sie mir Morphium.«
-
-Sie bot sich ihm an -- sie war dahin gekommen, sich zu verkaufen.
-
-Er machte sich los. »Das würde ehrlos von mir sein. Ich kaufe keine
-Liebe, gnädige Frau.«
-
-»Sie brauchen auch meine Liebe nicht zu kaufen, seit Sie mir Erbarmen
-gezeigt haben, liebe ich Sie.«
-
-»Ich will Ihnen noch einmal Morphium geben, Frau Bremer, aber dann bitte,
-bitte, verlassen Sie mich, werden Sie ruhiger, überlegen Sie, was Sie thun
-wollen. Wenn man Sie hier fände, wären Sie und ich compromittirt.«
-
-Das war seine Antwort auf das Geständniß ihrer Liebe. Die Scham
-überwältigte sie; sie fühlte, daß sie etwas darbot, was er gar nicht
-zu besitzen wünschte. Sie hätte fliehen mögen und sich vor seinen, vor
-aller Menschen Blicken verbergen, aber sie rührte sich nicht. Wie gebannt
-blieb sie stehen und wartete -- wartete auf das Almosen, das er ihr
-geben wollte, um sich von ihr zu befreien. -- Sie fühlte die furchtbare
-Erniedrigung ihrer Lage -- aber für Morphium hatte sie sich vor Friedrich
-Rast erniedrigt, sie konnte nicht anders, sie mußte warten. --
-
-Turnau ging in sein Schlafzimmer, das keine verschließbare Thür vom Salon
-trennt. Die Thür vom Schlafzimmer nach dem Corridor war verschlossen.
-
-Mit einem scheuen Blick sah er sich um. Diese Frau, die ihm ihre Liebe
-aufdrängen wollte, folgte ihm also wenigstens nicht! Er sehnte sich nicht
-mehr nach Liebe. Wie war es nur möglich, daß sie das nicht begriff? Jede
-körperliche Lebensthätigkeit war ja längst bei ihm erloschen; er hatte
-geglaubt, das Weib müßte es fühlen, daß ihr in ihm überhaupt kein
-Mann gegenüberstand -- ein Gespenst, ein dem Grabe entgegeneilender
-Schatten. -- --
-
-Und an diesen Schatten wollte sie sich anklammern, sich in ihrer
-Verzweiflung an ihm halten. Wie gleichgültig sie ihm war! Er hätte über
-sie gelacht, wenn er sich nicht so todtkrank gefühlt hätte.
-
-Vorhin, ihr gegenüber, war es ihm möglich gewesen, sich bis zu sittlicher
-Entrüstung aufzuschwingen, er hatte ihr gesagt, daß es für ihn eine
-Gemeinheit sein würde, ihre Liebe zu kaufen.
-
-Vor sich selbst kam er nicht so weit -- nicht bis zum sittlichen
-Widerstreben, nur bis zum Ekel, zum allgemeinen Lebensüberdruß, zu einer
-unsagbaren Stumpfheit.
-
-In der tötlichen Erschöpfung seines Körpers und Geistes suchte er jede
-Erregung zu vermeiden, jeder Störung auszuweichen. Die Störungen aber
-verfolgten ihn gradezu.
-
-Wenn ihn nur jemand von dieser Frau befreit hätte, deren Ansprüche er
-sich durch sein Entgegenkommen selbst aufgeladen hatte! Sie wartete da auf
-ihn, aber er war nicht im Stande zu ihr zurückzukehren. Ruhe verlangten
-seine Nerven, nichts als Ruhe sein kranker Körper.
-
-Er trat an ein kleines Wandschränkchen und nahm daraus einen Kasten, in
-dem sich verschiedene kleine Flaschen befanden. Diese Flaschen enthielten
-alles, was ihm in der letzten Zeit noch Genußfähigkeit, noch eine
-scheinbare äußere Kraft zu geben vermochte. Öfter und immer öfter
-aber war jetzt die Wirkung, auch der stärksten Mittel, ausgeblieben. Die
-zerrütteten Nerven waren tot -- es war nicht mehr möglich sie anzuregen.
-Er konnte nicht mehr genießen.
-
-Er schob den Kasten von sich. Im Nebenzimmer, von welchem er nur durch eine
-Portière getrennt war, hörte er ein Geräusch. -- Richtig -- man wartet
-da auf ihn. Zitternd und verlangend verzehrte sich ein Weib nach seiner
-Liebe. --
-
-Er konnte nicht mehr lieben. Er konnte ja seit Wochen nicht mehr genießen,
--- nicht mehr schlafen.
-
-So müde, so todtmüde und doch keine Ruhe. --
-
-Nicht mehr genießen und nicht mehr leben!
-
-Hatte er das nicht immer gedacht, ausgesprochen sogar vor ihr -- und nun?
-
-Ja, nun war das Ende da, -- nicht mehr genießen! Es war unmöglich; weder
-die Morphiumspritze, noch die Liebe, noch sonst irgend etwas im Leben bot
-ihm noch irgend einen Genuß.
-
-Die kleine Freundin war da, so scharf, so spitz, so vertraut. Vielleicht
-konnte sie ihm doch noch eine -- noch eine letzte Freude gewähren!
-
-Da war ein kleines Glas -- das hatte er sich reservirt für das Ende; das
-Ende -- ja das war doch nun da.
-
-Er entkorkt das Fläschchen. Ein scharfer Alkoholdunst schlug ihm entgegen.
-Man kann Morphium höchstens bis zu zwölf Procent in Wasser auflösen,
-stärkere Lösungen erfordern Alkohol. Es ist ein Schmerz, als ob man
-ein Glied in glühende Kohlen legte, wenn man sich Alkohol unter die Haut
-spritzt. Aber jetzt -- du lieber Gott, war es denn nicht das Ende?
-
-Er biß die Zähne zusammen. Der Arm wurde dunkelroth, es war wie
-ein Brand. Aber es wirkte. Das Gefühl, als ob die Knochen des Kopfes
-auseinanderfallen wollten, ließ nach. Er vermochte beinah wieder zu
-denken.
-
-Noch einmal also! Er zog die Spritze zurück, sie rollte zur Erde.
-
-Ja richtig, um sie wieder zu erlangen, muß man sich bücken.
-
-Mit blöden Blicken stierte er darauf hin -- wozu, wozu -- wenn es doch nun
-einmal das Ende sein mußte?
-
-Wenn sich das Weib nebenan doch nur ruhig gehalten hätte! Herrgott, die
-Sache konnte doch nun nicht mehr lange dauern!
-
-Ohne hinzusehen, griff er in ein kleines Fach seines Schrankes. Er hielt
-nun einen Revolver in der Hand. Müde setzte er sich auf den Rand seines
-Bettes. Mit irrem Lächeln sah er die Waffe an. »Der Tod ist der Sünde
-Sold« -- es ging aber noch weiter, der Spruch war damit nicht aus. Wie
-doch?, wie doch?
-
-Richtig im Notizbuche, da mußte es stehn. -- Aber das Notizbuch? Aufstehen
-und es holen, oder sich bücken und die Spritze aufheben? Wozu? Wozu?
-
-Ein wahnsinniges Geräusch erfüllte plötzlich sein Hirn, wie mit eisernen
-Schrauben fühlte er seine Schläfen gepreßt. Die Alkohollösung war eine
-tötliche. Aber für ihn doch wohl nicht. -- -- Das Ende, das Ende! --
-
-Er fühlte nichts mehr, er dachte nichts mehr, seine Blicke verdunkelten
-sich. Langsam hob er den kurzen blanken Lauf des Revolvers in die Höhe,
-setzte ihn fest an seine Schläfe und drückte ab. Dumpf krachte der Schuß
-in dem kleinen von Teppichen und schweren Stoffen verhängten Raum. --
-
-Eine Secunde nur stand Lydia Bremer wie erstarrt, dann stürzte sie
-vorwärts.
-
-Ein Blick zeigte ihr, was geschehen war. Vielleicht lebte der Mann noch,
-der ihr den Schimpf angethan hatte, ihre Liebe zu verschmähen -- es war
-ihr gleichgültig; keine Minute ihrer Zeit widmete sie ihm. Sie sah das
-Kästchen mit seinem Inhalte von kleinen Flaschen. Geräuschlos glitt sie
-darauf zu und mit einem einzigen gierigen Griff ließ sie die sämmtlichen
-Gläser in ihrer Tasche verschwinden.
-
-Hastig durchwühlte sie noch den Auszug eines Tisches, aber sie fand
-nichts mehr. Kaum eine Minute blieb ihr Zeit; man hatte den Schuß im Hause
-gehört; das Zimmer füllte sich mit Menschen.
-
-Professor Schrödter stellte den Tod seines Assistenten fest. Er nahm an,
-daß Turnau in einem Augenblicke geistiger Umnachtung gehandelt habe.
-
-Kopfschüttelnd blätterte er in dem Notizbuche, das der Todte bei sich
-trug, während er geglaubt hatte, es läge im Nebenzimmer. Der Professor
-hoffte eine Aufklärung über die Beweggründe zu der traurigen That darin
-zu finden.
-
-Endlich fand er eine Notiz, die das Datum der vergangenen Nacht trug.
-»Der Tod ist der Sünde Sold, aber die Gnade Gottes ist das ewige Leben in
-Christo Jesu unserem Herrn.« Daneben stand, daß er wünsche diesen Spruch
-auf seinen Grabstein setzen zu lassen.
-
-Der Professor reichte Lydia das kleine Buch. Sie las den Spruch und schlug
-wie verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht.
-
-»Sie waren dabei, Frau Geheimräthin, sollten Sie den Zusammenhang nicht
-ahnen, wissen Sie nichts -- gar nichts?«
-
-Er sah sie durchdringend an. Sie fühlte, daß Alles für sie auf dem
-Spiele stand -- -- ihre Ehre -- -- von allen Seiten ruhten neugierige
-Blicke auf ihr.
-
-»Morphium« stammelte sie, verzweifelt, außer sich. --
-
-»Ah -- also weiter brauchen wir nach Ihrer Morphiumquelle nun nicht mehr
-zu suchen, Turnau war der Schuldige, er gab Ihnen das Gift, er selbst ging
-zu Grunde daran, o ich verstehe, ich verstehe.«
-
-Ueber das breite Gesicht einer Wärterin glitt ein höhnisches
-Lächeln. Lydia sah es, das Blut stieg ihr ins Gesicht, sie empfand eine
-leidenschaftliche Wuth, die ihrem Wesen bis dahin fremd gewesen war.
-
-»Herr Professor, was müssen Ihre Leute von mir denken, wenn Sie mich so
-fragen!«
-
-Sie bemühte sich, so kalt und so ruhig zu erscheinen wie sonst -- es war
-ihr nicht möglich. Der Professor empfand, daß er sich in irgend
-einer Weise nicht ganz correct benommen hatte. Sein Ton klang weniger
-rücksichtslos schroff, als er sie fragte, wie sie dazu gekommen sei,
-Turnau aufzusuchen, anstatt den jungen Arzt zu sich zu bitten.
-
-»Sie haben mir selbst heute den letzten Tropfen Morphium weggenommen,
-den ich besaß,« erklärte sie rasch »nur durch ein heimliches
-Zusammentreffen mit Turnau konnte ich hoffen, das Verlorene wieder zu
-erlangen.«
-
-»Es wäre aber doch eine Gemeinheit von ihm gewesen,« polterte Schrödter
-nun doch wieder los, »Sie sind meine Patientin, mein Assistent mußte
-darauf Rücksichten nehmen.«
-
-Lydias Blicke trübten sich, sie empfand mit bitterem Schmerze ihre
-Ohnmacht gegenüber der ihr aufgezwungenen Behandlung des Nervenarztes.
-
-»Doctor Turnau war heute sehr unzugänglich, mein Besuch war vergeblich,«
-sagte sie kurz.
-
-»Ein Sterbender -- das will ich glauben, -- ich habe heute zum ersten
-Male bemerkt, wie krank er war -- werfen wir keinen Stein auf den Todten.«
-
-»Wie meinen Sie das, Herr Professor?«
-
-In athemloser Spannung hingen die Augen aller Anwesenden an den Lippen des
-Arztes. Schrödter sah ein, daß es in diesem Augenblicke in seiner Hand
-lag, eine Verdächtigung, einen Makel von dem Namen der Geheimräthin
-fern zu halten -- er dachte an den Gatten der jungen Frau. Was für ein
-Heiligthum war diese Frauenehre für diesen Mann!
-
-Gewissermaßen erklärend wandte er sich an das Personal seiner Anstalt,
-das ihn jetzt fast vollzählig umstand.
-
-»Herr Doctor Turnau ist schon längere Zeit leidend gewesen, heute früh
-fand ich ihn unzurechnungsfähig, er wird in der Aufregung, die seiner
-That voranging, kaum erkannt haben, wer bei ihm war, vielleicht hat er Sie
-überhaupt nicht bemerkt, gnädige Frau.«
-
-Lydia begriff. »Doch, er hat mich erkannt, aber er ließ mich im Salon
-warten, während er die entsetzliche That im Schlafzimmer vorbereitete;
-erst nach dem Geräusch des Schusses wagte ich es, ihm zu folgen.«
-
-Nach dieser Erklärung athmete sie auf, man achtete nicht mehr so auf
-sie. Die Leute beschäftigten sich mit der Leiche, die Aerzte zogen sich
-zurück.
-
-Mit leidenschaftlichem Entzücken fühlte sie in ihrer Tasche die kleinen
-Gläser. Auf Jahre hinaus würden diese concentrirten Lösungen genügen,
-um daraus das verhältnißmäßig schwache Mittel herzustellen, dessen
-sie bedurfte. O, wie wollte sie diesen Schatz hüten, wie sorglich und
-vorsichtig wollte sie alles verstecken, man sollte sie nicht zum zweiten
-Mal überlisten. Nun aber nach Hause und vor allen Dingen Alles in
-Sicherheit bringen.
-
-Die Freude, die sie erfüllte, ließ sie die entsetzliche Demüthigung
-vergessen, die sie erlitten hatte. Sie empfand auch keinen Schmerz über
-das jähe Ende des Mannes, den sie noch vor einer Stunde zu lieben
-geglaubt hatte. Sie liebte nichts mehr auf der Welt außer dem Genusse, und
-genießen konnte sie jetzt -- maßlos, unbeschränkt, heimlich.
-
-Geräuschlos verließ sie das Zimmer des Verstorbenen und eilte die Treppe
-hinab. Das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf -- fort, nur fort.
-
-»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte mir gestatten, Sie zu
-begleiten,« Professor Schrödter stand plötzlich neben ihr, kalt und
-mißtrauisch sah er sie an.
-
-O, wie sie ihn haßte -- sie hätte ihn ins Gesicht schlagen, ihn von sich
-stoßen mögen, sie war fassungslos.
-
-»Lassen Sie mich -- der Schreck, die Aufregung -- ich möchte allein
-sein.«
-
-»Ich halte es für meine ärztliche Pflicht, Sie zu begleiten, auch wenn
-Ihnen das direct unangenehm sein sollte.«
-
-»Es ist mir so unangenehm, daß es eine Zudringlichkeit wäre, wenn Sie
-darauf bestünden.«
-
-Das war eine Beleidigung, nun mußte er sie doch lassen. Aber er wich nicht
-von ihrer Seite. »Ich werde diese Zudringlichkeit vor Ihrem Herrn Gemahl
-zu rechtfertigen wissen.«
-
-Mit diesen Worten hob er sie in den Wagen, stieg zu ihr ein und fuhr
-an ihrer Seite ihrer Wohnung zu. Es sah fast so aus, als ob er heimlich
-lächelte über ihren ohnmächtigen Zorn. Sie wurde immer bleicher, und in
-ihren Augen brannten verhaltene Thränen.
-
-Der Geheimrath erschrak, als er an den Wagenschlag trat und ihr verzerrtes,
-entstelltes Gesicht ihm entgegensah. Sie sah alt und fast häßlich aus in
-dieser wahnsinnigen Aufregung mit ihrem nachlässigen Anzuge.
-
-»Um Gottes Willen, was ist denn mit meiner Frau geschehen? Lydia, wie
-siehst Du aus! Herr Professor erklären Sie doch -- -- --«
-
-»Deshalb bin ich gekommen,« antwortete Schrödter mit überlegener Ruhe.
-»Unsere Kranke hat sich wieder Morphium zu verschaffen gewußt, es wird
-Ihre Aufgabe sein, Herr Geheimrath, alle Kleider der Patientin sorgfältig
-durchsuchen und prüfen zu lassen, damit nichts eingeschmuggelt werden
-kann, was wir nicht wissen.«
-
-»Lydia!«
-
-Sie hörte den entsetzten Ausruf ihres Mannes nicht mehr, denn sie war
-ohnmächtig zusammengebrochen bei den rücksichtslosen Worten des Arztes.
-
-Der Geheimrath rief das Kinderfräulein an den Wagen. Das junge Mädchen
-nahm rasch entschlossen die zarte Gestalt ihrer Herrin in ihre Arme und
-trug sie, ohne die Unterstützung der Herren in Anspruch zu nehmen, ins
-Haus.
-
-Das Stubenmädchen kam der Bonne zu Hülfe. Behutsam wurde die Ohnmächtige
-niedergelegt, Fräulein Wagner knöpfte ihr den Schlafrock auf, um sie, wie
-es der Arzt gewünscht hatte, zu entkleiden.
-
-Lydia kam dabei zur Besinnung.
-
-Ein kurzer Befehl ließ das Stubenmädchen zurücktreten, das Fräulein
-aber wußte, um was es sich handelte. Gewissenhaft wie sie war, ließ sie
-sich nicht abweisen und versuchte der Kranken das Kleid von den Schultern
-zu ziehen.
-
-Da nahm die verzweifelte Frau alle Kraft zusammen, mit beiden Händen
-stieß sie das junge Mädchen, das sich über sie gebeugt hatte, vor die
-Brust und sprang auf.
-
-»Ich bin nicht Ihre Gefangene, rühren Sie mich nicht an, gegen Gewalt
-wehre ich mich mit Gewalt.« Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Zähne
-schlugen wie im Fieberfrost zusammen, ihre Augen waren weit aufgerissen,
-man sah das Weiße um die Pupille herum.
-
-Das junge Mädchen war tödtlich erschrocken, sie glaubte einer
-Wahnsinnigen gegenüberzustehen. Bleich und eingeschüchtert lehnte sie
-sich an die Wand.
-
-»Gehen Sie,« herrschte die Geheimräthin das Dienstmädchen an. »Rufen
-Sie den Herrn,« rief das Fräulein ihr nach.
-
-Einen Augenblick schien es, als wollte sich die Kranke in wildem Zorn
-auf das Fräulein losstürzen, aber es war nur eine rasche Bewegung.
-Geräuschlos bog sie sich an der Bonne vorbei, erreichte die Thür und
-stürzte in ein anderes Zimmer, das sie sofort hinter sich abschloß.
-
-Das Dienstmädchen hatte inzwischen dem Hausherrn gemeldet, wie weit seine
-Frau sich gegen Fräulein Wagner vergessen hatte. Professor Schrödter
-rieth nun selbst keine Gewalt anzuwenden, sondern das im Hause versteckte
-Morphium ohne Wissen der Erregten später zu suchen.
-
-Der Professor gab der treuen, zuverlässigen Bonne noch einige
-Verhaltungsmaßregeln, ehe er ging. Bremer war wie gebrochen über das
-Unglück, das über ihn hereinbrach.
-
-Den Morphinismus hielt er für ein Laster, und einem Laster zu fröhnen war
-in seinen Augen eine Schande für sein Haus und für seinen Namen. Dazu
-kam das heimliche Einverständniß seiner Frau mit Turnau. Vom sittlichen
-Standpunkte aus sah er darin einen Makel, den auch der Tod des Schuldigen
-von seiner Ehre nicht zu tilgen vermochte. Wie Lydia als Weib zu Turnau
-gestanden hatte, wußte er nicht, er glaubte darin den Versicherungen
-des Professors nicht ganz. So krank, so todtkrank wie Schrödter ihn
-schilderte, war Turnau nach Bremer's Ansicht niemals gewesen.
-
-Es war doch nicht anzunehmen, daß dieser junge Mann eine Dame in seiner
-Wohnung empfing, nur um ihr selbstlos und in allen Ehren ein Mittel in die
-Hand zu geben, von dem sie abhing mit Leib und Seele.
-
-Diese Frage marterte den ruhigen, klaren, selbstbewußten Mann furchtbar.
-Er beschloß, unter allen Umständen ruhig und eingehend mit seiner Frau zu
-sprechen. Er wollte die Wahrheit wissen um jeden Preis; wie er sich nachher
-mit den Thatsachen abfinden würde, war ihm jetzt noch nicht klar.
-
-Vorläufig mußte er warten, bis der wilde, leidenschaftliche Sturm der
-Verzweiflung vorbei war.
-
-Er suchte seine Frau nicht auf, Fräulein Wagner hielt ihr auch die Kinder
-fern. Gegen Abend machte Professor Schrödter eine kurze, ärztliche Visite
-bei der Geheimräthin; er gab ihr für die Nacht so viel Morphium, wie sie
-gewohnt zu sein angab. Von den versteckten Vorräthen sprach er kein Wort.
-
-Lydia hatte die Empfindung, daß sie in ihrem eigenen Hause von Spionen
-umgeben sei, sie warf einen wahrhaft leidenschaftlichen Haß deswegen
-auf Fräulein Wagner. Aber sie hatte doch einen Trost, Turnaus Gläser
-gehörten jetzt ihr, wenn sie auch jetzt noch nicht wagen konnte, deren
-Inhalt zu prüfen und kennen zu lernen.
-
-Trotz der furchtbaren Erregungen, die ihr der Tag gebracht hatte, schlief
-sie in der Nacht wie todt und machte am Morgen sorgfältigere Toilette als
-an dem Unglückstage vorher.
-
-Sie war fast ruhig, als ihr Schrödter seinen Besuch machte, und versprach
-sogar, sich einigen seiner Anordnungen fügen zu wollen.
-
-Gegen Mittag hielt es der Geheimrath für möglich, sich mit seiner Frau
-auszusprechen. Er konnte es nicht länger aushalten.
-
-Tiefernst, fast finster stand er vor ihr und forderte Rechenschaft über
-die Ehre seines Hauses, die er in ihre Hände gelegt hatte, als er ihr
-seinen Namen gab.
-
-Die sonst wenig erregbare, oberflächlich heitere Frau befand sich in
-einer krankhaft gesteigerten Reizbarkeit. Bremer aber besaß zu wenig
-Verständniß für Krankheit und krankhafte psychologische Vorgänge, um
-damit zu rechnen.
-
-»Es ist nichts vorgefallen, was gestern und vorgestern, vor Wochen und vor
-Jahren nicht auch schon gewesen wäre,« beharrte sie. »Turnau war selbst
-Morphinist, er verstand meinen Kummer über die Unmöglichkeit, mir das zu
-verschaffen, was ich brauchte, um froh und um glücklich zu sein. Hättest
-Du mir nicht diesen ordinären Professor Schrödter, den ich verabscheue
-und von dem ich mich niemals behandeln lassen werde, aufgedrängt, so wäre
-heute noch Alles wie es war. Ich wäre ruhig und glücklich, und Dir wäre
-Aufregung und Aerger erspart geblieben.«
-
-»Du hättest weiter gesündigt und Dich durch ein Laster erniedrigt,
-daß Dich in der Achtung Deines Mannes, Deiner Aerzte und sogar Deiner
-Dienstboten tief herabsetzt.«
-
-»Wenn Du mit den Dienstboten vielleicht Fräulein Wagner meinst, so
-will ich Dir doch nebenbei bemerken, daß ich diese arrogante Person zu
-entlassen gedenke.«
-
-»Die pflichttreue Pflegerin ist meinen Kindern unentbehrlich, so lange
-diese keine Mutter haben.«
-
-»Du stellst diese Person über Deine Frau!«
-
-Ihre Augen flackerten, ihre Wangen brannten, er sah es, aber er begriff
-nicht, daß diese Anzeichen Schonung und Ruhe für ihre kranken Nerven
-forderten; er sah nur ihre Leidenschaft, ihren ungerechtfertigten Zorn
-gegen ein unschuldiges, reines Wesen, das in seinem Hause unter seinem
-Schutze stand.
-
-»Ja,« sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches Mädchen steht
-sittlich viel höher, als eine pflichtvergessene Mutter, die sich ihren
-Kindern entzieht, um mit sinnlicher Gier in verbotenen Genüssen zu
-schwelgen. Seit Du morphiumsüchtig bist, habe ich kein Weib mehr, meine
-Kinder haben keine Mutter, und die Ehre meines Namens lag bis heute in den
-Händen eines charakterlosen Schwächlings, der in seiner Erbärmlichkeit
-nicht anders enden konnte, wie er geendet hat, als Selbstmörder.«
-
-Lydia sah ihn starr an. Es lag etwas Unheimliches in ihren Augen, etwas wie
-verborgener Wahnsinn. »Deine Ehre in Turnaus Händen?« sie lachte.
-
-»Von seinem Mitleid habe ich gelebt, von dem Almosen, das er mir hinwarf.
-Ein willkürliches Gesetz gab ihm in die Hände, was Anderen unerreichbar
-ist. Großmüthig gab er mir von seinem Reichthum, weiter nichts. O Gott,
-Arnold -- muß ich Dir denn schwören, daß Deine Ehre rein geblieben ist,
-daß mich Turnau körperlich niemals berührt hat?«
-
-»Wenn das der Fall ist, so lag es wohl nicht an dir; du hättest dich
-vor die Hunde geworfen, um deiner Leidenschaft fröhnen zu können. Es ist
-nicht das Verdienst einer Dirne, wenn ihre Reize keinen Käufer finden.«
-
-Er erschrak selbst, als er die furchtbare Beleidigung ausgesprochen hatte.
-Die Verachtung hatte ihn überwältigt, maßlos wie seine Verzweiflung war
-der Vorwurf, den er erhob.
-
-»Du begreifst, daß diese Aeußerung unsere Ehe nun auch äußerlich
-scheidet. Innerlich getrennt sind wir, seit Du heute früh Deine
-»Dienstboten« aufgehetzt hast, mir den einzigen Genuß zu stehlen, den
-das Leben an Deiner Seite für mich überhaupt hat.«
-
-Sie wunderte sich selbst, daß sie so ruhig sprechen konnte. Wie aus weiter
-Ferne hörte sie ihre eigene Stimme. Es war in ihr wie ein Morphiumrausch
-ohne Morphium. Leise griff die Krankheit des Körpers vom Nervensystem
-aus hinüber nach der Seele. Die Grenze, die das körperliche und das
-Gemüthsleiden trennt, verschob sich unmerklich, die Leidenschaft, der Zorn
-und die Qual der Verzweiflung wurden zur Krankheit. Sie konnte nicht mehr
-kämpfen, nur noch leiden, nur noch dulden, nur noch schwach und vergehend
-sich wehren, wenn man ihr allzu wehe that.
-
-»Ehescheidung?« Er fuhr in furchtbarer Heftigkeit auf. »Glaubst Du, daß
-ich an meinen Kindern das Verbrechen begehen werde, meine Ehe scheiden zu
-lassen? Der Schwur, den ich am Altar geleistet habe, ist mir heilig. Ich
-bin und ich bleibe Dein Gatte, nur der Tod kann uns scheiden.«
-
-»Wenn das Deine Ansicht ist, so giebt es allerdings für uns Beide
-nur einen Ausweg -- tödte mich -- es wird mit meinem Einverständniß
-geschehen.«
-
-»Nein, ich will kein Verbrechen begehen, wie Du. Dank dem krankhaften
-Zustande Turnaus bist Du äußerlich wenigstens nicht entehrt, wenn Du es
-auch innerlich bist durch den Willen zur Sünde. Kehre um, bereue, bessere
-Dich und beginne ein neues Leben.«
-
-»Was giebt Dir das Recht, eine solche beleidigende Forderung an mich zu
-stellen? Ich war nicht Turnaus Geliebte, ich war nur Morphinistin, das ist
-eine Krankheit, eine Schuld ist es nicht.«
-
-»Als eine Krankheit fasse ich es auf und wie ein Unglück, wie eine
-Krankheit will ich es bekämpfen.«
-
-»Glaubst Du, daß Zwang und Gewalt, die mich zur Verzweiflung treiben, die
-mich sogar zur körperlichen Gegenwehr zwingen, der richtige Weg sind, um
-eine Krankheit zu heilen?«
-
-»Bedenke mein Entsetzen, Lydia, meine schmerzliche Ueberraschung. Deine
-Tugend, Deine Vornehmheit, Deine frauenhafte Lieblichkeit waren mein
-Heiligthum und mein Glück. Mir ist, als ob sich ein Abgrund aufgethan
-hätte, der das Alles in seine Tiefe gerissen hat; mir ist, als ob ich
-selbst vor einem Verhängniß stände, das mich zu Grunde richten muß.«
-
-»Dein ganzer Kummer ist nichts als Einbildung,« rief sie außer sich.
-»Laß morgen durch die Gnade der Heiligen eine Erleuchtung in die Welt
-kommen, die einen entsetzlichen Zwang aufhebt, laß den Morphiumverkauf
-frei werden, und ich stehe gerechtfertigt, ehrenhaft, glücklich und frei
-da, wie zuvor. Nur der Zwang, ein Gesetz umgehen zu müssen, hat mich
-unglücklich gemacht. Mit dem Fall dieses Gesetzes würde ich und Tausende
-mit mir wieder ehrlich und froh sein.«
-
-Arnold Bremer stampfte mit dem Fuße auf und griff in maßloser Wuth
-mit beiden Händen in sein graues Haar. Seine Stimme klang beinah wie
-Schluchzen.
-
-»Lydia -- wenn morgen die Strafe für Mörder aufgehoben würde, würde
-dann der Mörder aufhören ein Verbrecher zu sein?«
-
-Sie zuckte die Achseln. »Der Mörder schadet Anderen an Leib und Leben;
-der Morphinist schadet niemand, er genießt nur ein süßes Behagen, das
-ein neidischer Zwang ihm verwehrt.«
-
-»Und schadet niemand?«
-
-»Nein.« Sie sah ihn fragend an.
-
-Er lachte höhnisch außer sich auf. »Also Du glaubst, daß es nichts
-schadet, wenn ein Mensch plötzlich aufhört, diejenigen Pflichten zu
-erfüllen, die ihm Gott für sein Leben zugetheilt hat? Es schadet wohl
-nichts, wenn eine Frau, anstatt ihren Mann glücklich zu machen und
-ihre Kinder zu pflegen, in zwecklosem Genießen nur noch körperlich
-fortvegetirt, ohne geistig auf ihrem Posten zu stehen? Steht nicht
-geschrieben: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen?«
-
-»Nicht essen? -- Lieber Arnold, muß ich Dich daran erinnern, daß ich
-kein armes Mädchen war, das geheirathet hat, um versorgt zu sein?
-Unsere Renten sind ungefähr gleich. Was giebt Dir denn das Recht, mir
-vorzuhalten, daß ich ohne Gegenleistung dafür mir erlaube -- -- zu
-essen?«
-
-»Nimm das nicht buchstäblich, spiele nicht mit Worten,« rief er
-außer sich, »es ist ein frivoles Spiel. Jeder Mensch hat sein Leben zu
-durchkämpfen, wenn es sein muß, zu durchleiden, um einen gewissen Kreis
-von Pflichten zu erfüllen, die ihm zugefallen sind. Nicht Jeder braucht
-um das tägliche Brod zu arbeiten, Mancher ist zu mehr, zu Besserem, zu
-Höherem berufen. Jedes Weib ist dem Himmel verantwortlich für die Seelen
-ihrer Kinder, die sie dem ewigen Heil zuführen muß. Man muß einen
-Lebenszweck haben, begreifst Du das nicht?«
-
-Einen Lebenszweck -- -- wie eine Vision stand der Kirchhof vor ihrem
-inneren Auge; sie saß am Grabe ihrer Eltern, die rothen Sonnenstrahlen
-schimmerten auf dem schwarzen Marmor des Grabsteins. Neben ihr saß ein
-Mann, ein Freund, er verstand sie, und sie -- sie liebte ihn. Er war jetzt
-hinübergegangen zu den Todten, und von ferne, aus einer anderen Welt,
-jenseits des Grabes, aus der Welt der Erinnerung drangen Worte an ihr
-inneres Ohr -- Worte, die er einstmals gesprochen, »der Genuß ist auch
-ein Lebenszweck, so gut wie die Arbeit; es kommt nur darauf an, daß man
-seine moralischen Begriffe damit in Einklang zu bringen versteht -- -- --
--- -- -- -- -- --«
-
-Mechanisch, halblaut, wie man nachspricht, was jemand vorsagt, sprach sie
-sie aus, diese Worte des Freundes.
-
-Der erzürnte Mann vor ihr hatte diese Antwort doch nicht erwartet. Wie ein
-Schleier sank es ihm plötzlich von den Augen. Diese Frau mit dem irren,
-abwesenden, in's Leere starrenden Blick konnte er nicht für die Worte
-verantwortlich machen, die so abgerissen und ausdruckslos von den bleichen,
-zuckenden Lippen fielen. Sie war krank, unzurechnungsfähig. -- Mit
-furchtbarer Ahnung durchblitzte sein Hirn der Gedanke, sie könne
-wahnsinnig geworden sein durch die Verzweiflung, in die sein
-rücksichtsloses Vorgehen sie gestürzt hatte.
-
-»Du mußt in eine Anstalt, nachher wird Alles besser werden,« und wie sie
-zusammenzuckte, fügte er noch mitleidig und traurig hinzu: »ich will Dich
-nicht quälen.«
-
-Dann ging er hinaus. Wenn er gewünscht und gehofft hatte, seine Frau zu
-erschüttern, zu rühren und der Bereuenden vielleicht dann verzeihen zu
-können, so sah er sich bitter enttäuscht.
-
-Er hatte nichts erreicht, höchstens den Riß, den nach seiner Ansicht
-ihre Morphiumsucht in die Ehe gebracht hatte, unheilbar gemacht und endlos
-vergrößert. Seinem Auge bot sich kein Ausweg. Er wollte und mußte sie
-in eine Heilanstalt bringen, aber selbst wenn sie dort körperlich geheilt
-werden sollte, konnte er nicht hoffen, daß ihre Seele wieder gesund werden
-würde.
-
-Er hatte sie geliebt, jetzt hatte er ihre Liebe verloren. Mit heißem
-Schmerze fühlte er, daß seine Liebe zu der Kranken, Unglücklichen
-unerschütterlich treu in seinem Herzen fortleben würde, so lange er
-lebte. Vielleicht konnte diese Liebe noch wachsen und zunehmen, wenn sie
-jemals sich hülflos und verzweifelt an ihn anklammern würde, aber er
-fühlte, daß sie das, was ihm und auch ihr früher selbstverständlich
-erschienen wäre, nicht thun würde -- nie wieder. -- Es stand etwas
-zwischen ihnen, was er nicht aus dem Wege zu räumen vermochte, weil
-es überwältigend und unfaßbar war, eine Leidenschaft -- --
-»Morphium«. --
-
-Er dachte auch einen Augenblick an den blutigen Schatten des todten
-Freundes. Nein, der stand nicht zwischen ihm und ihr, den hätte die Liebe
-des Mannes überwinden können; aber gegen den Dämon konnte er nicht
-kämpfen, der ihre Seele gefesselt hatte. Mit einem schweren Seufzer blieb
-er vor der Thür ihres Zimmers stehen. Dann ging er mit festen Schritten
-hinüber in's Kinderzimmer. Nacheinander hob er beide Kinder zu sich empor,
-drückte sie fest an die Brust und küßte sie innig.
-
-»Meine Frau ist schwer krank, Fräulein, die armen Kinder werden manches
-entbehren müssen,« sagte er ernst.
-
-»Was ich thun kann, um den Kindern die Mutter, so lange es nöthig sein
-wird, zu ersetzen, soll geschehen,« antwortete Hedwig Wagner einfach und
-schlicht.
-
-In ihren grauen Augen standen Thränen, treu und freimüthig legte sie
-ihr Versprechen ab. Der Geheimrath gab ihr die Hand. Dann verließ er
-die Kinder; es war ihm, als hätte er sie in die Obhut eines Schutzengels
-gegeben.
-
-Um so schnell wie möglich die Unterbringung seiner kranken Frau in einer
-geeigneten Anstalt zu veranlassen, begab er sich gleich darauf zu Professor
-Schrödter.
-
-Lydia war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend und regungslos
-stehen geblieben. Ein weißes, langes Kleid floß weich herab an ihrer
-schlanken Gestalt, der schöngeformte, hochfrisirte Kopf sah reizend und
-jugendlich aus, aber die Augen waren glanzlos, die vorher brennenden Wangen
-waren fahl geworden, und die Hände hingen schlaff und müde herab.
-
-Sie fühlte, daß Alles zu Ende war zwischen ihrem Manne und ihr. Sie
-hatte, seit sie Morphinistin war, nicht darüber nachgedacht, ob sie ihn
-noch liebe oder nicht. Still und unmerklich war die Liebe eingeschlafen in
-ihrem Herzen. Ein zartes verständnißvolles Benehmen des Mannes hätte
-sie vielleicht leise und sanft wieder erwecken können wie ein Sonnenstrahl
-eine Blüthe, die ein Nachtfrost geschlossen hat, aber seine brutale Moral,
-sein schroffer correcter Ehrbegriff hatte die zarte, sterbende Blüthe
-zertreten.
-
-Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben und konnte ihn auch nicht wieder
-lieben, nie, im Leben nicht wieder.
-
-In erbittertem Kampfe stand er ihr gegenüber. Verachtung hatte er ihr
-entgegengeschleudert. Um ihr Laster auszurotten, wollte er sie in eine
-Heilanstalt bringen. Gegen sie, das zarte kranke Weib, rief er den rohen
-rücksichtslosen Arzt zu Hülfe, den sie verabscheute.
-
-Es ist so leicht, einen wehrlosen, kranken Menschen zu peinigen und zu
-verfolgen. Darin liegt aber eine Gemeinheit, eine moralische Roheit, die
-doch wohl eben so verächtlich ist, wie die Pflichtvergessenheit
-einer Kranken. Lydia wußte, was das Wort in sich schließt »eine
-Entziehungscur.« Professor Schrödter garantirte zwar für seine
-»Entziehungscuren ohne Qualen«, aber nur ein Morphiumkranker kann
-ermessen, wie groß die Lüge ist, die in dieser Vorspiegelung liegt.
-
-Ein Opfer dieser Qualen aber sollte sie nun sein, um nach dem Willen ihres
-Mannes ihren Pflichten zurückgegeben zu werden.
-
-Sie dachte an Turnau. Nicht mehr mit Liebe, sondern mit Neid gedachte sie
-des glücklichen Todten. Er hatte den Genuß, den das Morphium gewährt,
-auskosten dürfen bis zum Ende, ihr dagegen riß man den goldenen Kelch von
-den Lippen, jetzt wo sie noch durstig war -- durstiger als je.
-
-Ihre Seele lechzte nach Betäubung, um die Schmach zu vergessen, die ihr
-angethan worden war. Von ihrer Krankheit, von ihrer Verirrung sprach ihr
-Mann; die Aerzte, die Welt würde davon sprechen; Nachsicht und Mitleid
-würde man ihr zu Theil werden lassen -- und Achtung, äußere Achtung
-vielleicht auch wieder, ja -- das -- --
-
-Der Todte aber hatte sie besser gekannt, als alle lebenden Menschen. Er
-allein wußte, daß sie eine Schuldige -- eine Ehrlose war.
-
-»Der Tod ist der Sünde Sold«, das war das letzte Wort, was er ihr zurief
-von seiner blutigen Bahre. In frivolem Spotte hatte er gespielt mit dem
-Gedanken an ewige Dinge, und als dann der Tod kam, klammerte er, der
-Freigeist, sich an die Verheißung des Christenthums von der Gnade Gottes
-und dem ewigen Leben in Christus.
-
-O, wie sie sich schämte; in der Tiefe ihrer Seele verging sie in Scham und
-in Reue. »Der Tod ist der Sünde Sold.« Es war ihr plötzlich wie eine
-Offenbarung. Auf seinen Grabstein sollte man den Spruch setzen. Aber der
-Spruch war für sie. Wenn Menschen schweigen, so reden die Steine. Zu
-ihr, nur zu ihr sollte er sprechen, dieser Stein; nur für sie galt die
-furchtbare Mahnung: »Der Tod ist der Sünde Sold.«
-
-Mit einem wilden Schrei griff sie nach ihren hämmernden Schläfen. Dann
-stürzte sie vorwärts und riß die Schnur von ihrem Halse, an der sie den
-Schlüssel verbarg zu ihren »Schätzen.«
-
-Sie kniete nieder an dem Schränkchen und schloß es mit zitternden Händen
-auf. Da standen sie alle, alle die kleinen Gläser, die sie bei dem Todten
-gefunden, es fehlte nicht eins.
-
-Das erste beste ergriff sie und setzte es an die Lippen. Sie fühlte
-ein scharfes Brennen, aber sie wollte es überwinden, das Gläschen leer
-trinken.
-
-Da ging hinter ihr eine Thür auf. Hedwig Wagner trat ein, nahm ihr mit
-ruhiger Bestimmtheit das Gläschen vom Munde und verschloß den Schrank.
-
-»Das geht nicht, gnädige Frau. Der Professor wird Ihnen so viel Morphium
-zutheilen, wie Sie bedürfen, um nicht zu leiden,« sagte das Mädchen.
-
-Lydia antwortete keine Silbe. Scheu und traurig begegnete ihr Blick dem der
-Bonne. Dann verließ sie das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinauf, mit einer
-Hand hielt sie ihr Kleid, die andere lag an der Stirn. »Die Steine reden,
-die Steine rufen.« -- Leise und stockend sagte sie das vor sich hin,
-wieder, immer wieder.
-
-Sie ging die ganze Treppe hinauf, schritt über den Boden, noch eine kleine
-Treppe höher und stieg endlich durch eine Klappe auf das platte Dach des
-hohen Hauses. Ein niedriges Geländer umgab die Plattform.
-
-Lydia beugte sich darüber hinweg und starrte hinab auf das Steinpflaster
-des Hofes vor den Stallungen und Remisen.
-
-Die Steine da unten schimmerten grau zu ihr empor. Ein röthlicher
-Sonnenstrahl glitt drüber hin.
-
-Der Tod ist der Sünde Sold; -- »die Steine reden, die Steine rufen.« Sie
-sah sich scheu um. Nein, es war ihr niemand gefolgt, sie war allein,
-frei, vielleicht zum letzten Male frei, ehe sie die Gefangenschaft des
-Irrenhauses umgab.
-
-Wie wonnig ist doch die Freiheit, das edelste Menschenrecht -- -- -- Sie
-hatte die Freiheit benutzt.
-
-Ein Schrei, ein Fall -- die Steine der Tiefe nahmen sie auf.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Nach dem Tode.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-[Illustration]
-
-In der großen Universitätsklinik traten die Nachtwachen an. Auf jeder
-Station wachte eine Schwester, und an einzelnen Betten, wo es besonders
-verordnet war, sollten Hülfswärterinnen wachen. Vorläufig waren die zu
-diesem Dienste bestimmten Schwestern im Operationssaale versammelt; sie
-präparirten die nöthigen Medicamente, die Eisbeutel, die Getränke, die
-Compressen, kurz alles das, was in der Nacht möglicherweise gebraucht
-werden konnte.
-
-Die Wärterinnen hielten sich, so lange bis ihnen eine genaue Angabe ihrer
-Arbeit zu Theil wurde, auf dem breiten Corridor auf und klatschten.
-
-Das Elend einzelner Kranken, ihre Lebensverhältnisse, sowie die
-persönlichen Angelegenheiten der Aerzte und Schwestern bildeten
-den Gesprächsstoff. Die schauerlichen Einzelheiten der schwersten
-Unglücksfälle wurden mit wonnevollem Eifer besprochen, und hatte eine von
-diesen Mädchen und Frauen ein entsetzliches Menschenschicksal in kurzen
-Worten, und von den Ausrufen der Anderen oft unterbrochen, geschildert, so
-war auch gleich eine Andere da, die aus ihrer Spitalerfahrung etwas noch
-Trostloseres, noch Krasseres zu berichten wußte.
-
-Trotz des tieftraurigen Gegenstandes, der bei der Unterhaltung
-vorherrschte, klang doch zuweilen ein unterdrücktes Kichern, ja sogar
-lautes Lachen aus diesem Kreise.
-
-Die Oberschwester hatte den jüngeren Pflegerinnen die nöthigsten
-Anweisungen für die Nacht ertheilt und durchschritt nun den Corridor, um
-ihr Zimmer aufzusuchen. Die Wärterinnen, obgleich sie »weltlich« waren,
-drückten sich schweigend und zum Theil verlegen an die Wände, um in
-tiefster Ehrfurcht die würdige Dame an sich vorbeigehen zu lassen.
-
-In keinem von Männern versehenen Dienst- oder Verwaltungszweige herrscht
-eine so unbedingte Unterordnung unter die Person des Vorgesetzten, wie in
-dem weiblichen Staatshaushalte eines kirchlichen Jungfrauenordens.
-
-Das ganze weibliche Personal der Klinik unterwarf sich bedingungslos den
-Befehlen und Anordnungen der Schwester Domina, die als Leiterin der Anstalt
-hier voll und ganz die Würde der »Frau Mutter« vertrat.
-
-Die Schwestern verließen das Operationszimmer, in welchem sie die
-Anordnungen ihrer Oberin empfangen hatten und traten auf den Corridor
-hinaus, um sich nach den Wärterinnen umzusehen, die ihnen für die
-schwersten Arbeitsleistungen der Nacht zur Hilfe zugetheilt waren.
-
-Schwester Coelestina von der sechsten Männerstation erhielt allein drei
-Gehilfinnen für ihren Saal, Schwester Theophila ging mit zwei bewährten
-Hilfskräften nach der Diphteritis-Abtheilung der Kinderstation. Fast
-jede Schwester entfernte sich in Begleitung einer Wärterin, nur Schwester
-Clarissa schlug allein den Weg nach der dritten Frauenstation ein. Die
-Schwester Domina war der Ansicht, daß auf dem dritten Frauensaale momentan
-kein so schwerer Fall vorliege, daß die Stationsschwester nicht allein
-damit fertig werden sollte.
-
-Lautlos, fast wie schwebend bewegte sich die dunkle, schlanke Gestalt der
-jungen Nonne durch die langen, schwach beleuchteten Gänge des großen
-Krankenhauses.
-
-Im Hörsaale brannte das Gaslicht noch mit voller Flamme. Das war eine
-Nachlässigkeit des Heilgehülfen, dem die Reinigung und Ordnung dieses
-Raumes oblag. Schwester Clarissa verzichtete darauf, den Mann zur
-Erfüllung seiner Pflicht herbeizurufen, sie stieg auf einen Stuhl und
-erhob die Arme, um das Licht herunterzuschrauben. Wie ein dunkler Schatten
-breitete sich bei dieser Bewegung der Nonnenschleier aus, der ihren
-Oberkörper verhüllte; das Licht fiel ihr grell in das Gesicht, das sonst
-durch den Rand der Haube im Schatten gehalten wurde; unwillkürlich legte
-sie die Hand über die müden, vom Nachtwachen mit tiefen Ringen umgebenen
-Augen und blickte zur Seite.
-
-Da stand das Gerippe, an dem die jungen Anatomen die ersten allgemeinen
-Studien über den Knochenbau des menschlichen Körpers zu machen pflegten.
-Schwester Clarissa war unzählige Male gleichgültig an dieser Erscheinung
-vorübergegangen, aber jetzt, in der Stille der Nacht schrak sie zusammen,
-als sie den grau-weißen Schädel so unmittelbar vor sich sah.
-
-Sie schraubte die Gasflamme nieder, faßte mit beiden Händen das Kreuz,
-das an ihrer Gebetschnur hing und trat leise dem Gerippe gegenüber.
-
-»O Du unergründlicher Gott, wo mag die Seele sein, die in diesem Körper
-gewohnt hat, ist sie bei Dir? Was aber mag dieser Mensch verbrochen haben,
-daß seine Gebeine nicht ruhen dürfen, wie die Gebeine Anderer? Ich --
-eine arme demüthige Magd des Herren -- werde in wenigen Jahrzehnten auch
-nur noch ein Häuflein Gebeine sein,« betete sie, »o Du heilige Mutter,
-gieb meinem Leibe Ruhe und meiner Seele Erlösung. Wir sind von Erde
-genommen, und wir werden wieder zum Staube -- wir -- wir -- aber dieser
-nicht. Seine Knochen sind präparirt, daß sie nicht zerfallen; sie sind
-mit Draht aneinander befestigt, und statt der heiligen Ruhe des Friedhofes
-umgiebt sie das lärmende Treiben der academischen Jugend, die in diesem
-Saale ein und aus geht. Was hat er verbrochen, welches ist die Schuld, die
-sich so straft, daß der Leib keine Ruhe findet, nachdem das müde Haupt
-dahingesunken ist auf das Kissen des Sterbebettes?«
-
-Das schöne zarte Gesicht der jungen Schwester nahm einen tief wehmüthigen
-Ausdruck an. Sie wendete sich ab von dem Gerippe und nahm vom Katheder eine
-runde flache Glasschale herab.
-
-In der Schale lag ein vom Haupte abgelöstes menschliches Antlitz, ohne
-Unterkiefer. Die Frau war an einem Krebsleiden gestorben, das sich vom
-Nasenbein nach der Stirnhöhle ausgedehnt hatte. Aus diesem Grunde hatte
-einer der Professoren das Gesicht von der Leiche genommen, um an diesem
-Präparate die Krankheit zu demonstriren.
-
-Rücksichtslos hatte das Secirmesser von den Mundwinkeln aus die
-Wangen durchschnitten und das Fleisch lag nun da, bläulich grau und
-eingeschrumpft. Die Augenhöhlen waren tief eingesunken und zeigten eine
-dunklere Farbe. Schwester Clarissa hatte die Todte, die vor einem halben
-Jahre gestorben war, gepflegt. Es war eine schöne, sanfte junge Mutter
-gewesen. Sie hatte gräßlich gelitten, der Gedanke an ihre Kinder, die
-mit dem Keime des Krebsleidens geboren und nach ihrer Ansicht demselben
-traurigen Schicksale wie ihre Mutter verfallen waren, hatte ihr das Sterben
-erschwert. Die junge Nonne hatte die Protestantin veranlaßt, das Abendmahl
-zu nehmen und hatte ihr dann die Augen zugedrückt. Diese Augen, die sie
-hier in der Hand hielt, in Alkohol und Aether präparirt.
-
-Die Schwester glaubte an die Auferstehung des Fleisches. Das war ihr
-gelehrt unter denjenigen Dogmen der Kirche, an die zu glauben ein
-Erforderniß zur Seeligkeit ist.
-
-Sie betrachtete sich als eine Braut des Herren und in den Kranken, die sie
-pflegte, erbarmte sie sich des irdischen Leibes dessen, auf den ihre Seele
-harrte. Mit demüthiger Arbeit und gläubigem Beten wartete sie auf
-die Stunde, in der der himmlische Bräutigam sie rufen würde zum
-Hochzeitsfeste. Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch hoffte
-sie einzugehen zur ewigen Herrlichkeit. Das heilige Feuer eines
-leidenschaftlichen Glaubens erfüllte die Seele dieses stillen, der Welt
-abgewandten Mädchens.
-
-Jeder Buchstabe der kirchlichen Lehre war für sie eine Säule, an der man
-nicht rütteln durfte, ohne den ganzen Tempel zu gefährden, den sie dem
-Herrn in ihrem Herzen erbaut hatte. Die Auferstehung des Fleisches -- ein
-Satz des Glaubensartikels selbst -- aber war einer der Grundpfeiler, auf
-dem die Lehren, denen sie anhing, beruhten. Wie war dieser Lehrsatz aber
-zu vereinen mit diesem künstlichen Erhalten menschlicher Reste, das sie
-täglich und stündlich vor Augen hatte?
-
-Sie erinnerte sich genau, daß ein junger Arzt damals mit einem
-Photographen nach der Anatomie gegangen war, um den Kopf der Todten,
-nachdem das Gesicht bis auf Unterkiefer und Zunge abgenommen war, zu
-photographiren. Die Theile, an denen die Krankheit ihr Zerstörungswerk
-vollbracht hatte, waren in der Photographie roth bezeichnet und das
-entsetzliche Bild war im Hörsaale den Studenten erklärt worden.
-
-In grübelnden Gedanken verließ die Schwester das Auditorium und begab
-sich nach ihrer Station, um die Wache anzutreten.
-
-Zu beiden Seiten des Saales lagen im Halbdunkel die Reihen der Betten. Die
-harten schmalen Lagerstätten waren weiß gedeckt. Weiß und sauber war
-die Kleidung der Kranken. Zwischen je zwei Betten war ein genügend großer
-Zwischenraum, um mehreren Personen freie Bewegung zu gestatten.
-
-Da war kein weiches Kissen, in das die Köpfe der Schlafenden hätten
-einsinken können; keine Federdecke verwischte die Linien der ruhenden
-Körper, die sich hoch und meistens in unschönen Linien von den Matratzen
-abhoben, auf denen sie nur durch eine leichte wollene Decke verhüllt
-waren. Übrigens war das kein Nachtheil, denn es war warm im Saale; aber
-manche Kranke stöhnte doch und konnte keinen Schlaf finden auf diesen
-hygienisch correcten jedoch ungewohnt steifen Kissen.
-
-Zwanzig Frauen und Mädchen befanden sich in dem Saale, darunter war indeß
-keine Schwerkranke. Die Oberschwester hatte gesagt, daß auf keinen Fall im
-Laufe der Nacht ein Todesfall zu erwarten sei.
-
-Das Isolirzimmer der Station war leer.
-
-Tröstend trat die bleiche Nonne an die verschiedenen Betten. Sie legte
-hier das Polster zurecht, strich dort die Tücher glatt, legte Eisbeutel
-auf die Stirn der Fiebernden und hielt das Trinkglas an heiße, durstige
-Lippen.
-
-Im Allgemeinen hatte sie keine schweren Hilfsleistungen zu thun und
-ihre Vorgesetzte hatte Recht, wenn sie meinte, daß eine Wärterin hier
-überflüssig sei. Die Dienste der Wärterinnen mußten aus der Hauskasse
-besonders bezahlt werden.
-
-Gegen zehn Uhr war es ziemlich still im Saale. Schwester Clarissa kniete
-vor dem Muttergottesbilde mit der kleinen Lampe in der Ecke und betete
-ihre vorgeschriebene Zahl ab. Die Kranken waren ruhig, zum größten Theil
-schliefen sie.
-
-Plötzlich war es der wachehabenden Nonne, als höre sie das Glockensignal
-des Portiers. Sollte irgendwo ein Mensch verunglückt sein und wurde in der
-Nacht in die Klinik geschafft? Schwester Clarissa hatte das oft erlebt,
-sie vermuthete es auch jetzt, aber sie verließ ihren Saal nicht, um
-nachzusehen.
-
-»Was nicht zu Euch kommt, kümmert Euch nicht.«
-
-Dieser Grundsatz, der allerdings der weiblichen Neugierde schnurstracks
-entgegenläuft, wird den Novizen tausend und aber tausendmal eingeprägt.
-Bei Schwester Clarissa war er in Fleisch und Blut übergegangen, sie blieb
-ruhig bei ihrer Andachtsübung, trotzdem sie deutlich hörte, daß Schritte
-und Männerstimmen auf den Gängen der Station hörbar wurden. Dazwischen
-klang zuweilen ein einzelner, schriller, wie thierischer Laut.
-
-Einige Kranke richteten sich auf. »Bleiben Sie ruhig liegen, es wird
-ein Kranker gebracht, unser Saal ist voll, wir werden auf keinen Fall
-gestört,« -- so redete sie auf ihre Schutzbefohlenen ein.
-
-Einige ängstigten sich bei den wilden unarticulirten Tönen, Andere
-wollten aus Neugierde aufstehen, aber sanft und bestimmt brachte die
-Schwester Alle zur Ruhe und hielt die Ordnung im Saale aufrecht.
-
-Jetzt erschien ein Arzt in der Thür. »Schwester Clarissa, Sie bekommen
-jemanden in Ihr Isolirzimmer, haben Sie keine Wärterin?« fragte er.
-
-»Nein, Herr Doktor, hier ist nichts Besonderes zu thun,« antwortete sie
-freundlich.
-
-Einen Augenblick blieb die hohe, elegante Gestalt des jungen Arztes
-zögernd in der Thür stehen. »Das ist sehr unangenehm,« sagte er, »ich
-glaube, es ist kein anderes Isolirzimmer im Hause frei.«
-
-»Auf den Frauenstationen nicht,« bemerkte ein Wärter, der sich neugierig
-näherte.
-
-»Nun, dann müssen Sie eben Rath schaffen, Schwester,« entschied der
-Stationsarzt.
-
-Er öffnete die Thür zum Isolirzimmer, und die Nonne eilte noch einmal in
-den Saal zurück. Sie trat an das Bett einer gutmüthig aussehenden Frau in
-mittleren Jahren, die Reconvalescentin war. »Wenn hier etwas nöthig
-ist, so klingeln Sie bitte, Frau Schulz,« flüsterte sie, »ich habe hier
-nebenan zu thun.«
-
-Die Frau nickte verständnißvoll, und Schwester Clarissa huschte hinaus.
-
-Als sie das kleine überaus einfache Zimmer neben dem großen Saale betrat,
-sah sie dort eine Bahre stehen, auf der eine weibliche Gestalt in dunklen
-Umrissen zu erkennen war. Die beiden Träger entfernten sich, und der
-Schutzmann, der den Transport geleitet hatte, blieb allein mit dem Arzte,
-dem Wärter und der Schwester zurück.
-
-»Sie können mir also in keiner Weise Aufklärung darüber geben, wer die
-Person ist?« fragte Dr. Schlüter den Beamten.
-
-»Herr Doktor, ich habe sie in einer Scheune gefunden, ganz verkommen, ohne
-Bewußtsein, ohne Nahrung, niemand war bei ihr. Von der Polizeiwache aus
-hat man mich mit ihr hierher geschickt. Der Besitzer der Scheune wird ja
-wohl irgend eine Auskunft geben können, es ist von der Polizei aus schon
-nach ihm geschickt.«
-
-»Wenn wir die Kranke aufnehmen sollen, muß ich doch wissen, wer für sie
-bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen sind durch städtische
-Arme besetzt und ohne meinen Chef zu fragen, darf ich niemanden aufnehmen,
-dessen Papiere fehlen.«
-
-»Schicken Sie nach dem Armenvorstand. Herr Doktor, die Polizei kann doch
-keinen todtkranken Menschen auf der Straße verhungern lassen.«
-
-Doktor Schlüter sah das ein. »Für diese Nacht will ich sie behalten,«
-erklärte er zögernd, »das Weitere muß sich morgen früh finden.«
-
-»Zu Befehlen, Herr Doktor,« antwortete der Schutzmann, machte kehrt
-und verließ mit dröhnenden Schritten das stille Haus der Leiden und
-Schmerzen.
-
-Schwester Clarissa hatte wiederholt versucht, sich der leblosen Gestalt zu
-nähern, aber ein fürchterlicher Geruch, wie von einer verwesenden Leiche
-hatte sie stets wieder von der Bahre verscheucht. Trotzdem bewiesen
-die entsetzlichen Töne, die zuweilen aus dem weit offenen Munde der
-Bewußtlosen drangen, daß noch Leben in dieser schwarzen, formlosen Masse
-war.
-
-Mit einem Ausrufe des Ekels fuhr der Arzt zurück, als er sich
-niederbeugte, um zu sehen, was für eine Verletzung oder Krankheit hier
-eigentlich vorliege.
-
-»Ich kann sie erst untersuchen, wenn sie gebadet ist,« sagte er. »Jahn,
-Sie müssen der Schwester helfen. Hier kommt es nicht darauf an, ob ein
-Mann oder eine Frau anfaßt; wenn Sie nicht fertig werden, holen Sie noch
-einen Wärter.«
-
-Ohne sich weiter zu wundern, hing sich der Wärter den Traggurt der Bahre
-über die Schultern; Schwester Clarissa faßte am anderen Ende an, und der
-Arzt folgte den Beiden nach der Badestube.
-
-Während die Schwester die Wasserleitung aufdrehte, versuchte Jahn die
-klebrigen Lumpen von dem menschlichen Körper zu entfernen, der da vor ihm
-lag.
-
-Bei der völligen Unbeweglichkeit der Glieder ergriff er eine Scheere und
-schnitt das Zeug streifenweise vom Leibe der Bewußtlosen.
-
-Die Nonne hatte inzwischen das Bad zurechtgemacht und wandte sich dem
-Wärter zu, um ihm behülflich zu sein. Sie war seit zwei Jahren in der
-Klinik und hatte schon manchen blutigen und manchen widerwärtigen Anblick
-ertragen; aber als sie sich jetzt mit der Scheere in der Hand über den
-stinkenden Körper dieses Weibes beugte, stieß sie einen leisen Schrei aus
-und sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl nieder.
-
-Wie eine dunkle Flüssigkeit rieselte es aus den Kleidern heraus, an der
-Bahre herab auf die Steine des Bodens. Aber nicht Blut und Schlamm, sondern
-jaucheartiger Schmutz und Haufen von Ungeziefer bedeckten diese Gestalt und
-diese Kleider. -- Doktor Schlüter erkannte, daß die Aufgabe dieses
-Bades über weibliche Kräfte ging und rücksichtslos schellte er nach dem
-Oberwärter der nächsten Männerstation. Als dieser erschien, zog er
-sich selbst zurück, denn die Luft in dem kleinen, heißen Raume fing an
-unerträglich zu werden.
-
-Die beiden Männer rissen die Reste der Lumpen herunter, legten den kaum
-noch erkennbaren Frauenkörper ins Wasser, bearbeiteten ihn mit Seife,
-Karbol und Bürsten und die Schwester sammelte die schmutzigen Zeugstücke
-in einen Sack, der später im Kesselhause verbrannt wurde. Dann reinigte
-und desinfizirte sie den Raum, schnitt die Haare der Gebadeten dicht an der
-Kopfhaut ab, und die beiden Wärter erneuerten mehrmals das Wasser in
-der Badewanne, ehe sie die jetzt furchtbar schreiende und tobende Person
-abrieben und auf der Bahre festbanden.
-
-Der Oberwärter wendete sich mitleidig an die barmherzige Jungfrau: »Was,
-fromme Schwester, das haben Sie sich nicht gedacht, als Sie ins Kloster
-gingen, daß Ihnen mal so etwas -- solche -- erlauben Sie gütigst --
-Schweinerei unter die Finger kommen würde?«
-
-Schwester Clarissa neigte das Gesichtchen tief über die Bahre. »Je
-schwerer die Arbeit ist, um so größer ist die Abtödtung des irdischen
-Menschen und seiner sündigen natürlichen Empfindungen,« antwortete sie.
-»In unserem Brevier steht: Du sollst wie eine Leiche werden.«
-
-»Meine Tochter möchte auch ins Kloster, aber wenn sie nach einem solchen
-Brevier dort leben müssen, dann werde ich mir doch erst noch einmal
-überlegen, ob ich's erlaube,« brummte der Mann. Dann faßte er mit Jahn
-die Bahre an, und der traurige Zug bewegte sich langsam zurück nach der
-dritten Frauenstation.
-
-Dr. Schlüter wurde nun wieder geholt und die beiden Wärter entfernten
-sich, als sie sahen, daß die Unglückliche sich auf dem warmen, trockenen
-Lager einigermaßen ruhig zu verhalten schien.
-
-»Da scheint uns ja die Polizei ein nettes Subject hergeschickt zu haben,«
-bemerkte er im Eintreten, »Sie haben mir wirklich leid gethan, Schwester
-Clarissa.«
-
-Die Kranke brüllte auf wie ein Thier.
-
-»Um Gotteswillen,« rief der Arzt nervös, »die ganze Station kommt ja in
-Aufruhr, machen Sie so schnell wie möglich eine Morphiumeinspritzung.«
-
-Die Schwester holte das kleine Etui aus der Tasche, füllte die Spritze
-an einem Wandschranke und kniete am Bette nieder, um an dem abgezehrten,
-bräunlichen Körper eine geeignete Stelle zu suchen, wo sie den Stich
-machen konnte.
-
-Der junge Mann ließ dabei unwillkürlich sein Auge auf ihrem edlen,
-durchgeistigten Antlitze ruhen.
-
-Die Nonne war höchstens zwei oder dreiundzwanzig Jahr alt; seit zwei
-Jahren war sie hier, ein Jahr war sie als Lehrschwester im Mutterhause
-gewesen, und drei Jahre hatte sie, wie jede Andere, im Noviziate zubringen
-müssen. Sie hatte also mit sechszehn oder siebenzehn Jahren schon die Welt
-verlassen.
-
-Dr. Schlüter hatte sehr freie religiöse Ansichten und glaubte eigentlich
-auch nicht an vollkommene Frauentugend. Seit zwei Jahren aber sah er dieses
-wunderschöne Mädchen in seinem frommen, aufopfernden Wirken, in seinem
-stillen Entsagen.
-
-Er war ein sehr hübscher Mann und in der Gesellschaft, sowie bei seinen
-Patientinnen fand er zuweilen ein Entgegenkommen, das durchaus geeignet
-war, seine wenig idealen Anschauungen von der Frauenwelt zu bestätigen.
-
-Wie sonderbar war es doch, daß dieses junge Mädchen ihn noch nie anders
-angesehen hatte, als mit dem ruhigen Blick einer Gehülfin, die genau
-aufpaßte, wenn er sprach, um seine Anordnung gewissenhaft ausführen zu
-können. Sollte es denn möglich sein, daß ein Weib wunschlos aufwuchs und
-ohne Anfechtung durch's Leben gehen konnte, um wunschlos zu bleiben und wie
-eine Heilige zu sterben?
-
-Er verglich das süße, fromme Gesicht mit den verzerrten Zügen des
-verkommenen Weibes, dem sie in liebevoller Selbstverleugnung diente. War
-es möglich, daß diese beiden Frauen einer Welt, einer Kultur, einem
-Vaterlande angehörten? Er sann und sann, er begriff den Abgrund, in den
-das verlorene, sterbende Geschöpf versunken war; aber er begriff die Höhe
-nicht, auf die der Engelsfittich des Glaubens das reine Mädchen gehoben
-hatte, hoch, hoch empor über alle anderen Frauen, die er kannte und vor
-denen sie doch bescheiden zurücktrat.
-
-Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das wäre doch der größte
-Geniestreich meines Lebens, wenn ich mich in eine schöne Nonne verlieben
-würde, wie der selige Luther,« sagte er zu sich selbst.
-
-Das Morphium hatte inzwischen seine Wirkung gethan, und Schwester Clarissa
-fragte, ob sie etwas zur Untersuchung holen solle.
-
-»Nein, nein, ich danke, ich habe Alles bei mir,« sagte er hastig und
-setzte sein Hörrohr auf die Brust der Kranken.
-
-Die Untersuchung dauerte ziemlich lange, es herrschte Todtenstille in
-dem kleinen Zimmer. Doctor Schlüter trat vom Bett zurück und sah sehr
-nachdenklich und ernst aus.
-
-»Schwester,« sagte er, »es wäre ja eine Schmach für die Armenpflege
-und schließlich sogar für die Polizei, aber ich glaube, wir haben hier
-den Hungertod vor uns.«
-
-»Sie lebt ja noch, wenn es das ist, wird sie zu retten sein,« entgegnete
-die Schwester sanft.
-
-»Kaum,« antwortete er. »Sie ist am Typhus erkrankt, hat sich vielleicht
-selbst in jene Scheune geschleppt, wo man sie gefunden hat, und hat dort
-ganz allein bewußtlos und ohne jede Pflege gelegen. Bewegen konnte sie
-sich nicht, niemand sah nach ihr und so ist sie am Ende verhungert. Es
-mögen neun oder zehn Tage her sein, seit der Magen zum letzten Male
-Nahrung erhalten hat, die Krankheit hat das Uebrige gethan, und wir haben
-hier nun das letzte Stadium des Hungertyphus. Versuchen Sie immerhin, ihr
-etwas Rothwein oder Milch zu geben.« --
-
-Die Schwester war nicht entsetzt, lange nicht so erschüttert wie der Arzt.
-Ein Menschenleben -- was war das denn in der Fülle der Ewigkeit? Aber
-eine Menschenseele -- sicher hatte die Unglückliche die Tröstungen
-der Religion noch nicht empfangen. Sie war im Begriffe, die letzte Reise
-anzutreten, ohne die Wegzehrung, die die Kirche dafür spenden kann,
-empfangen zu haben.
-
-»Wird sie noch einmal zu sich kommen?«
-
-Er sah überrascht auf bei der ängstlichen Frage, dann lächelte er. --
-»Ach so, ich verstehe, sie soll wohl noch communiciren? Nein, Schwester
-Clarissa, dazu ist es zu spät. Das Bewußtsein wird wahrscheinlich nicht
-zurückkehren, weil der körperliche Widerstand gegen das Bad die letzten
-Kräfte verzehrt hat. Wenn Sie noch etwas für sie thun wollen, so geben
-sie ihr noch einmal Morphium, wenn die letzten Schmerzen kommen. Gute
-Nacht, Schwester, ich schicke Ihnen so bald wie möglich eine Ablösung.«
-
-Er wollte gehen, an der Thür kehrte er noch einmal um und trat an das
-Bett. Er schlug die Decke zurück und fuhr leicht mit der Hand über den
-erhöhten und gekrümmten Rücken des scelettartig abgezehrten Körpers.
-
-»Eine interessante Verbildung,« sagte er mehr zu sich selbst, als zu der
-Pflegerin, »eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates
-und dabei eine Verkümmerung des Brustkorbes, die eine höchst anormale
-Lage aller inneren Theile bedingt. -- Wissen Sie, Schwester, diese
-Verwachsung ist schuld, daß sie so unheimlich fremdartig aussah, als sie
-auf der Trage gebracht wurde. -- Na, gute Nacht, hoffentlich brauchen Sie
-mich nicht mehr.«
-
-Er ging jetzt wirklich, und die Schwester kniete nieder mit dem Rosenkranze
-in beiden Händen. Sie küßte das Kreuz und fing dann an, den theilweise
-sinnlosen Text eines alten Sterbeliedes zu beten: »O Du schmerzhafte
-Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes -- --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- --«
-
-Sie betete so lange wie die Leidende ruhig blieb. Bei dem ersten wilden
-Schrei, der aus dem noch immer offenen Munde drang, erhob sie sich und
-führte die Schlundsonde ein.
-
-Zuerst versuchte sie etwas Milch zu geben, aber der erschöpfte Magen
-nahm sie nicht mehr an. Die Pflegerin vermischte nun Rothwein mit einigen
-Tropfen Morphium und flößte das ein.
-
-Der Versuch erwies sich als unausführbar, die Rettung kam wirklich zu
-spät, die Auflösung hatte augenscheinlich schon begonnen. Angstvoll
-betrachtete die junge Schwester das gelbe, häßliche, von schwarzen
-Flecken entstellte Gesicht. Sie wartete auf ein letztes Wiederaufdämmern
-des Bewußtseins.
-
-Vergebens -- geheimnißvoll und grausig trat der Tod ein und erfüllte mit
-seiner Nähe das enge Gemach.
-
-Sie fühlte die Gewalt der unsichtbaren Macht, die dieses verlorene Leben
-an sich riß und erwürgte, aber sie war hülflos dem Dämon gegenüber,
-den sie so gerne verscheucht hätte bis der Tag kam, bis ein Priester
-geholt werden konnte, der nach dem Glauben der Nonne im Stande war, die
-Engel der Verdammniß zu verscheuchen, die ihre Krallen ausstreckten, um
-diese Seele zu sich hinabzuziehen in das ewige Nichts.
-
-Sie hatte schon an manchem Sterbebette gebetet, und sie kannte den Tod. Oft
-war ihr gewesen, als wären drei Personen im Zimmer, sie und der Sterbende
-und eine milde, himmlische Lichtgestalt, die einen müden Erdenpilger mit
-sanfter Hand hinüberführte in die ewige Heimath. Wie einen trauten Freund
-hatte sie ihn oft willkommen geheißen den Verklärer und Erlöser, dessen
-Nähe das Ende aller Qual und den Anfang des wahren Lebens bedeutete.
-
-Wie anders war das an diesem Sterbebette! In ihrer jungfräulichen Reinheit
-ahnte sie, daß sie eine Verlorene vor sich hatte. Die verfallenen Züge
-sprachen von einem wüsten, wilden Leben in Elend und Schuld. Diese wie
-Vogelklauen gekrümmten Finger hatten gewiß niemals die Gebetschnur
-gehalten, sich niemals gefaltet erhoben zum Altare des Herrn.
-
-Tiefer, tiefer Unfrieden, der ganze Jammer des Lasters hatte diesen Zügen
-seinen Stempel aufgedrückt. Dieses Weib war sicher eine entsetzliche
-Megäre gewesen, vielleicht war sie nicht einmal vor den gemeinsten
-Verbrechen zurückgeschreckt. --
-
-Nun kam der Tod. In finsterer Nacht der Bewußtlosigkeit nahm er sie
-hin, die betende Nonne fühlte seinen eisigen Hauch, der den Körper der
-Sterbenden umhüllte.
-
-»O, wie furchtbar ist doch das Sterben derer, die nicht Gottes Kinder
-sind,« seufzte sie und sah dann zu, wie eine entsetzliche körperliche
-Qual die Brust der Sterbenden umklammerte. Sie wischte ihr den kalten
-Schweiß von der Stirn und lauschte auf ihr Stöhnen und Aechzen.
-
-Jetzt bewegten sich die Lippen, die so starr und bläulich bisher offen
-gestanden hatten. »Hund, verfluchter Hund« tönte es leise und dann ein
-Fluch, der halb erstickt und unverständlich blieb.
-
-Schwester Clarissa machte das Zeichen des Kreuzes über das Bett, da fuhr
-die Hand der Sterbenden gegen ihren Arm, das Kreuz blieb unvollendet
-und der Schwester war es, als ob eine finstere, unheimliche Macht diese
-Bewegung mit dem Gliede der Sünderin ausgeführt habe, um das Heil zu
-hindern, das sich mit dem Zeichen des Segens auf die Unglückliche hätte
-hernieder senken können.
-
-Sie wagte nicht, den Kreuzschlag zu wiederholen, sondern griff fast
-mechanisch nach der Morphiumspritze in ihrer Tasche, um der Sterbenden
-die letzte Erleichterung zu verschaffen, die Menschenhände ihr gewähren
-konnten.
-
-Dann wachte sie an diesem Sterbebette die ganze endlos lange Nacht
-hindurch. Sie war überzeugt, eine ahnende Erkenntniß von den ewigen
-Qualen der Unseligen erhalten zu haben und bat alle Heiligen und Märtyrer,
-ihr Jammer und Leid im Erdenleben zu Theil werden zu lassen, damit sie,
-wenn ihr Ende nahte, dereinst mit dem Namen des Herrn auf den Lippen aus
-diesem Leben scheiden könne.
-
-Die Verhungerte litt entsetzlich. Nie hatte die junge Schwester einen
-ähnlichen Todeskampf gesehen. Wild bäumte der verkrüppelte Körper
-der Sterbenden sich in die Höhe, die Schwester mußte förmlich mit ihr
-ringen, um sie nieder zu halten auf dem Lager. Schließlich legte sie ihr
-einen Gurt über Brust und Beine und befestigte die Schnallen unter der
-Bettstelle, wie bei einer Tobsüchtigen.
-
-Nun folgte ein leises Wimmern, dann ein Stöhnen und Jammern der höchsten
-Angst, und doch war der ganze Kampf nur körperliche Auflösung, der Geist
-kehrte nicht wieder zurück in diese elende Hülle.
-
-Als der Morgen dämmerte, änderte sich die Farbe des Gesichtes. Die große
-fleischige Nase wurde weiß, die Wangen überzog eine fahle Blässe,
-die Schatten um die Augen vertieften sich, die Lippen färbten sich
-schwärzlich.
-
-Die Fittiche des Todesengels rauschten über dem Lager -- ein letzter
-wilder Schmerzensschrei erscholl, ein Zucken fuhr durch alle Glieder .....
-
-O du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde
-unseres Todes ...
-
-Die Nonne betete an einem Todtenbette.
-
-Mit linder Hand drückte sie die Lider auf die gebrochenen Augen herab,
-legte ein Tuch über das Gesicht der Leiche und kehrte zurück an den Altar
-im Saale, um vor dem Gnadenbilde ihre Gebete fortzusetzen.
-
-Am anderen Morgen erschien ein evangelischer Oberprediger in der Klinik.
-Die Vorstandsdamen des Frauenvereins ließen durch ihn ihre Unterstützung
-anbieten. Man hatte erfahren, daß eine unbekannte Frauensperson in
-bewußtlosem Zustande eingeliefert war, und man erklärte sich bereit für
-die Unglückliche und Nothleidende einzutreten.
-
-Dr. Schlüter hörte die großmüthige, liebenswürdige Rede des
-geistlichen Herrn ruhig an.
-
-»Ich bedaure, daß Sie sich umsonst bemüht haben, Herr Oberprediger,«
-sagte er, »die fragliche Kranke ist bereits im Laufe der Nacht
-gestorben.«
-
-»O, das bedaure ich aufrichtig. Hoffentlich wird man die Leiche
-recognosciren -- jedenfalls, wie dem auch sein möge -- die
-Begräbnißkosten -- --«
-
-»O, bitte Hochwürden,« unterbrach ihn der lächelnde Arzt, »von
-Begräbnißkosten kann gar keine Rede sein, wir besorgen das schon von der
-Anatomie aus.«
-
-»Wirklich? Das ist ja sehr menschenfreundlich, dann habe ich hier wohl
-nichts mehr zu thun und werde meinen Damen Bericht erstatten.«
-
-Die Herren reichten sich in verbindlichster Weise die Hände, und der Herr
-Pastor empfahl sich in der festen Ueberzeugung, daß Alles vortrefflich
-erledigt sei.
-
-Bald nach ihm erschien bei dem Stationsarzte wieder ein fremder
-wohlthätiger Herr.
-
-Die Armenverwaltung war von der Polizei benachrichtigt, was für
-ein seltener und überaus trauriger Fall sich der Wirksamkeit
-dieser hochgeschätzten, wohllöblichen Behörde entzogen habe. Die
-Armenverwaltung war bereit, die Verpflegungskosten für die Unbekannte zu
-tragen. Man erwartete natürlich eine angemessene Preisermäßigung.
-
-Wieder hörte der Arzt mit lächelnder, verbindlicher Miene und Haltung
-die wohlgesetzte Rede des Herrn Stadtrathes mit an. »In der That, Herr
-Stadtrath, es ist im höchsten Maaße zu bedauern,« erwiderte er, »die
-Armenverwaltung bekümmert sich doch sonst um Schwerkranke, ihrem scharfen
-Auge entgeht selten ein Fall von wirklicher Noth. Der lag hier vor.«
-
-»Gewiß, gewiß, verehrter Herr Doctor, ich habe das bereits erfahren, es
-soll sofort etwas geschehen -- --«
-
-»Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Stadtrath, die Hilfe der
-Armenverwaltung kommt zu spät, die unbekannte Arme ist bereits im Laufe
-der Nacht verstorben.«
-
-»Unglaublich! An welcher Krankheit denn?«
-
-»Am Typhus -- wenigstens war das die Krankheit, die hier vorlag. Gestorben
-ist die Person eigentlich daran nicht direct.«
-
-Typhus! Der Herr Armenpfleger gerieth ganz außer sich über die
-bodenlose Unwissenheit des Landstreichervolkes, das in dieser Krankheit
-wahrscheinlich nur ein ganz unbedenkliches Unwohlsein gesehen hatte, das
-irgend welcher Pflege nicht bedurfte.
-
-»Denken Sie sich, Herr Doctor,« erklärte der würdige Herr mit großem
-Eifer, »diese Scheune gehört einem Ackerbürger, der sich in höchst
-reducirten Verhältnissen befindet. Das Bauwerk ist vollständig
-unbenutzbar und baufällig, aber der Besitzer scheut die Reparaturkosten
-und hat die Baracke auch gar nicht gebraucht, da er seine Ernte auf dem
-Halme verkauft hat. Um wenigstens einen minimalen Nutzen zu erzielen,
-vermiethet er das einsam gelegene Obdach zuweilen an fahrendes Volk. Eine
-solche Bande, die kürzlich dort hauste, muß die hilflose Schwerkranke
-zurückgelassen haben.«
-
-»Man weiß keine Namen?«
-
-»Natürlich nicht, dieses Volk bezahlt einen Unterschlupf um so besser,
-je weniger man es daselbst controllirt. Kommen und gehen ohne Anmeldung
-und Abmeldung, das lieben diese Leute, ihre Lasten dagegen, Krankenpflege,
-Steuerzahlen und was dergleichen mehr ist, die wissen sie von sich
-abzuschieben.«
-
-»Ein trostloses Leben,« bemerkte der jüngere Mann.
-
-»Lustig genug für diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich.
-
-»Uebrigens ist es eine wahre Ehrenrettung für die Behörden, die diesen
-Fall bedauerlicher Weise übersehen haben, daß die Person wenigstens nicht
-verhungert ist. Man fand Reste von Brod und Kartoffeln, die man ihr wohl
-in dem Glauben hingelegt hatte, sie würde sich erholen und sobald als
-möglich der Gesellschaft nachkommen!«
-
-»Das ist anzunehmen, Herr Stadtrath.«
-
-»Gewiß. Uebrigens würde ja gradezu fahrlässige Tödtung vorliegen,
-wenn einer der Angehörigen gewußt hätte, daß die Person durch die
-Vernachlässigung, der sie unterlag, dem Tode überliefert wurde. Aber so
-ist dieses Volk, die Angst vor der Polizei ist so groß, daß sie lieber
-sterben und verderben, als sich an eine Behörde wenden, die bei aller
-Strenge gegen ihre Vergehen, sie in ihrer letzten leiblichen Noth doch
-nicht im Stiche lassen würde.«
-
-»Ja, es ist zu beklagen, daß das tiefste Elend oft so lichtscheu ist,
-daß man es überhaupt nicht sieht,« entgegnete der Arzt.
-
-»Glauben Sie mir, Herr Doctor,« versicherte der alte Herr, der sich über
-das Verständniß freute, das er hier fand, »das Amt eines Armenvaters ist
-dornenvoll und verantwortungsreich. Es giebt Fälle von Elend, denen man
-beim besten Willen kaum beizukommen vermag, o Sie glauben gar nicht,
-was uns da manchmal vor Augen gebracht wird -- es ist zuweilen gradezu
-himmelschreiend.«
-
-»Es giebt, wie ich hier auf meinem Posten als Polikliniker ebenfalls
-erfahre, Fälle von Menschenleid und Noth, von tiefster Verzweiflung und
-Verkommenheit, die sich jeder öffentlichen Kenntniß entziehen, aber wer
-zu lesen versteht, findet die Geschichte solcher Fälle oft zwischen den
-Zeilen des kürzesten, trockensten Polizeiberichtes.« --
-
-»Sie meinen? O -- hm indessen, die Heimathgemeinde wird ja wohl
-aufzufinden sein, indeß vorläufig -- die Begräbnißkosten -- --«
-
-»O bitte, Herr Stadtrath,« unterbrach Dr. Schlüter lächelnd, »damit
-wird die städtische Armenkasse in keiner Weise belästigt werden, das
-besorgt die Universität.«
-
-»Wie meinen Sie das?«
-
-»Ich meine die Anatomie.«
-
-»Ah so, ich verstehe, meinen verbindlichsten Dank.«
-
-Sehr befriedigt über die Wendung, die diese fatale Sache für den Säckel
-einer hochlöblichen städtischen Armenverwaltung genommen hatte, entfernte
-sich der Herr Stadtrath. Dr. Schlüter begleitete ihn zur Thür und sah
-dann nach der Uhr. Die beiden Besuche hatten ihn länger aufgehalten, als
-er gedacht hatte. Um zehn Uhr war die Section angesagt, und er hatte kaum
-noch Zeit, sich dazu umzukleiden.
-
-Der Chef der Klinik hielt vor einem großen Kreise junger Mediciner einen
-Vortrag an der Leiche. Wegen der Mißbildung des Rückens lag der nackte
-Körper auf der Seite. Der Secirtisch war blank gescheuert und kalt. Die
-Leiche sah bei dem elektrischen Lichte, das grell auf sie fiel, schauerlich
-grün aus, mit grauschwarzen Todtenflecken am ganzen Leibe. Der
-geschorene Kopf mit dem unedlen Profil und dem offenen Munde machte einen
-fratzenhaften Eindruck.
-
-Blitzend und eisig fuhr das Instrument des Professors in den Körper hinein
-und machte den ersten Schnitt. Die weitere anatomische Arbeit besorgten die
-Assistenten und Diener, aber der Professor erklärte, zeigte, sprach
-und lehrte. Der Vortrag war äußerst geistvoll, der Gegenstand
-hochinteressant.
-
-Die Universitätskasse ruinirte sich nicht bei den Begräbnißkosten dieser
-Todten, die inneren Organe, die alle mißgestaltet und ungewöhnlich
-waren, kamen fast ausnahmslos in Spiritus. Die Knochen des ganzen Körpers
-einschließlich des Kopfes wurden vom Fleische befreit, präparirt,
-gekocht, mit Chlor abgerieben, mit Draht verbunden, und es entstand aus
-ihnen das schönste anormale Scelett, was je eine medicinische Hochschule
-besessen hatte.
-
-Der Diener der Anatomie trug am späten Abend eine festzugeschraubte Kiste
-mit menschlichen Resten zum Todtengräber.
-
-Früh, ehe der Kirchhof belebt wurde, grub man dort ein Loch und schüttete
-es zu. Die Winde des Himmels aber trugen Samen darauf von Kräutern und
-Gras. Es wächst überall eigenthümlich üppiges Gras in den vergessensten
-Winkeln der Kirchhöfe.
-
-Die Polizei stellte unermüdliche Nachforschungen an nach jenen Vagabunden,
-die ein sterbendes Weib hülflos und allein in einer baufälligen Scheune
-verlassen hatten.
-
-Die Schuldigen wurden ermittelt und wegen fahrlässiger Tödtung verhört,
-man konnte ihnen aber nichts nachweisen und ließ sie laufen.
-
-In der Klinik erschien ein Polizei-Commissar, um in den Papieren der
-Anstalt nachträglich den Namen jener Todten einzutragen, die hier geendet
-hatte, ohne daß man wußte, wer sie war. Sie hieß Karoline Schwarz; der
-Beamte theilte es dem Stationsarzte mit, der gleichgültig die Achseln
-zuckte.
-
-»Ich kann sie Ihnen übrigens zeigen,« sagte Dr. Schlüter und führte
-den Herrn in den Hörsaal vor ein prachtvoll aufgebautes weibliches
-Gerippe. Man sah die Fehler, die die Natur bei der Bildung dieser Knochen
-gemacht hatte, und das erschien den Herren außerordentlich interessant.
-
-Für Schwester Clarissa war die Aufstellung dieses Präparates »eine
-Anfechtung« -- wie der kirchliche Ausdruck dafür lautet.
-
-Sie war nicht im Stande, daran vorüberzugehen wie an den anderen
-anatomischen Gegenständen ihrer Umgebung. Sie konnte diese grau-gelben
-Knochen nicht sehen, ohne an den grausigen Todeskampf zu denken, den sie
-mit angesehen hatte. Unaufhörlich stellte sie sich vor, wie die Seele,
-nachdem sie den Körper verlassen hatte, hindurchgeglitten sei durch das
-kalte, schaurige, endlose Nichts des Jenseits, um vergebens den Herrn zu
-suchen und seine Gnade.
-
-Sie glaubte zu ahnen oder beinah zu wissen, wie dann die Teufel die Seele
-ergriffen hätten und in den ewigen Pfuhl des Fegefeuers geworfen. Und sie,
-in der heiligen Armuth, die sie gelobt hatte, besaß nicht die Mittel, um
-Seelen-Messen zu ihrer Erlösung lesen zu lassen.
-
-Der dogmatische Glaube, der bis dahin Halt und Stütze der Jungfrau bei
-ihrem schweren Berufe gewesen war, bereitete ihr jetzt zum ersten Mal auch
-Schmerzen.
-
-Hätte sie dem Dr. Schlüter die Unruhe anvertraut, die sie innerlich
-verzehrte, so würde er wahrscheinlich gesagt haben, sie sei durch
-Ueberanstrengung in einen krankhaft nervösen Zustand gekommen. Er würde
-ihr Diensterleichterung und Mittel für Nervenleiden gegeben und sie
-vielleicht noch von ganzem Herzen bedauert haben.
-
-Die Nonne aber vertraute ihr Leid nicht dem Arzte, sondern dem Beichtvater.
-Der Priester hatte nicht die Einsicht, sie seinerseits an einen Arzt zu
-weisen, sondern sagte ihr, die ohnehin von drei Nächten nur zwei schlief
--- sie möge ihren Leib kasteien und von den Stunden, die ihr zum Schlafe
-gewährt seien, noch eine in jeder Nacht der Fürbitte widmen.
-
-So betete und wachte das zarte junge Mädchen und hoffte, eine Verdammte
-damit zu erlösen. Der Kaplan aber hatte das Richtige getroffen, um ihr die
-Ruhe zurückzugeben. Er kannte ganz genau den Glaubenszwang, der auf die
-Seelen der Novizen ausgeübt wird.
-
-»Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden Gott schauen.« Nach
-diesem Grundsatze behandelte er seine Beichtkinder, sofern sie Ordensleute
-waren.
-
-Schwester Clarissa glaubte, daß sie ein Werk zur Seligkeit thue und
-fühlte sich glücklich dabei. Körperlich aber überstieg die Sache ganz
-entschieden ihre Kräfte.
-
-Ihr zartes Gesicht nahm eine durchsichtige Blässe an, die Hände kamen
-wachsweiß aus den schwarzen Aermeln hervor, und die großen grauen Augen
-leuchteten mit verklärten Blicken unter dem dunklen Nonnenschleier, der
-über der weißen Stirnbinde lag.
-
-Dr. Schlüter sah die Veränderung, die mit ihr vorging. Er versuchte ihr
-Vertrauen zu erlangen, aber das war ganz vergeblich.
-
-All seinen theilnehmenden ärztlichen Fragen nach ihrem Befinden wich sie
-scheu und verlegen aus. Er brachte nichts aus ihr heraus und wendete sich
-deshalb an die Schwester Domina.
-
-Sofort befahl die Oberin, daß Schwester Clarissa wegen nervöser Folgen
-von Ueberanstrengung auf einen Monat von allen Nachtwachen zu dispensiren
-sei. Außerdem wurde ihr erlaubt, jeden Nachmittag eine Stunde im Garten
-der Anstalt zuzubringen.
-
-Diese Maßregeln waren der jungen Schwester außerordentlich unangenehm,
-indessen die Gefühle der Ordensleute werden so eingezwängt und
-eingeschraubt durch die seelische Bevormundung, die ihnen zu jeder Zeit
-zu Theil wird, daß eine Nonne ein für alle Mal jede Aeußerung ihrer
-Gefühle unterdrückt und sich schweigend fügt.
-
-Es war grade Hochsommer, und der Aufenthalt in der freien Luft schien
-wirklich eine Spur von rosiger Farbe auf das weiße Gesichtchen in der
-düsteren Umrahmung zu zaubern. Dr. Schlüter sah sie mit Befriedigung auf
-einer Bank sitzen unter einer blühenden Linde. Die schmalen weißen Hände
-hielten ein Buch. Unter den gesenkten Wimpern tropften schwere Thränen
-hervor und fielen auf die Blätter.
-
-Der Arzt sah das reizende Geschöpf von seinem Zimmer aus. Er bemerkte,
-daß sie weinte und ging hinaus in den Garten, um sich ungenirt neben sie
-auf die Bank zu setzen.
-
-»Warum weinen Sie, Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch todt
-für die Welt. Wie ist es möglich, daß ein irdischer Kummer den Frieden
-stören kann, den Sie gefunden haben?«
-
-»Ich habe einen Zweifel.« -- Zögernd, gepreßt rang sich das
-Geständniß von ihren bebenden Lippen. Der Zweifel mußte sie wohl sehr
-beunruhigen, daß sie sich entschloß, ihn vor einem Kinde der Welt laut
-werden zu lassen.
-
-»Sie -- einen Zweifel?« Er war mehr als erstaunt. »Natürlich meinen Sie
-einen religiösen Zweifel, nicht wahr?«
-
-»Nicht ganz,« antwortete sie ängstlich, »es ist eigentlich ein
-historischer Zweifel.«
-
-»Wie -- was?«
-
-Sie erklärte ihm schnell, was sie meinte. »Sehen Sie, ich lese das
-Leben der h. Agathe. Das Buch ist mit hoher erzbischöflicher Genehmigung
-herausgegeben und besonders für Ordensfrauen zum Lesen bestimmt. Sie
-wissen ja, wie die Heilige verstümmelt wurde, weil sie dem Kaiser
-Diocletian nicht als Heidin anhängen wollte.
-
-Nach ihrer Marterung verließ sie der Kaiser, und sie blieb sterbend in
-den Armen der ihren zurück. Da -- da schritt über den Markt die Jungfrau
-Maria.« ....
-
-»Nun und was weiter?«
-
-»Herr Doctor, die Jungfrau Maria war schon lange todt, als der Kaiser
-Diocletian lebte.«
-
-Der Arzt freute sich über die Entdeckung, daß die einzige Schwester, die
-ihm interessant war, aus gebildeten Kreisen zu stammen schien.
-
-Er lächelte. »Aber Schwester Clarissa, da würde ja die Weltgeschichte
-aufhören.«
-
-»Bitte, lesen Sie.«
-
-Sie reichte ihm das Buch, und der freigeistige junge Gelehrte las nun die
-Stelle.
-
-Er gab das Buch zurück. »Beruhigen Sie sich, liebe Schwester,« sagte er,
-»eine solche Erscheinung nach hundert Jahren macht der heiligen Jungfrau
-weiter keine Schwierigkeiten. Sie ist ja seitdem öfter erschienen, nach
-Bedarf wird sie auch noch ferner erscheinen.«
-
-»Also Sie erklären das durch eine Erscheinung?« fragte sie glücklich.
-Er wunderte sich, daß sie die Ironie seines Tones nicht bemerkte.
-
-»Ja, ich denke, daß es hier so gemeint ist. Die Mutter Gottes ist ja im
-Fleische auferstanden. Das heißt, Sie glauben doch an die Auferstehung des
-Fleisches?«
-
-»Ja.«
-
-Sie sagte es so feierlich, so bestimmt; aus ihren tiefen Augen leuchtete
-das Feuer einer so wahren Askese, daß er plötzlich begann, sich unsicher
-ihr gegenüber zu fühlen. Es war ja recht gut, daß sie mit seiner
-Erklärung des Gegenstandes, der sie so unglücklich gemacht hatte,
-zufrieden gewesen war.
-
-Er wollte den günstigen Eindruck nicht wieder verwischen und versuchte es
-lieber zu ermitteln wie weit dieser grüblerische, fanatisch beeinflußte
-Geist eigentlich mit wirklicher Bildung ausgestattet sei.
-
-Ganz ohne Uebergang fragte er sie plötzlich, ob sie jemals den Faust
-gelesen habe.
-
-Sie sah ihn verwundert an. »O ja, in der Welt, ehe ich ins Noviziat
-eintrat.«
-
-»Wie alt waren Sie bei Ihrem Eintritte?«
-
-»Achtzehn Jahr.«
-
-»Was haben Sie seitdem gelesen?«
-
-»Nur religiöse Bücher, alles Andere ist uns verboten.«
-
-»Und genügt Ihnen das ein für alle Mal?«
-
-»Es muß mir genügen.«
-
-Diese energische Zucht, die die Kirche an dem Geist derer übt, die sich
-ihr ganz widmen, imponirte ihm.
-
-Er fragte sie nach diesem und jenem und kam zu dem Ergebniß, daß sie eine
-tüchtige Schulbildung genossen habe, wie sie nur Töchter der höheren
-Stände erhalten. Bei seinen Fragen nach ihren früheren Verhältnissen
-schwieg sie.
-
-Einmal lächelte sie auch und sagte: »O ja, damals, als ich noch lebte;
-aber sehen Sie, ich bin doch nun todt für die Welt.«
-
-Er sah ihre lieblichen Lippen und ihre kleinen weißen Zähne an, wie
-sie das so lächelnd sagte, und der Sinn ihrer Worte blieb ihm in diesem
-Augenblicke fremd. Er sah darin eine etwas überspannte, mädchenhafte
-Auffassung des klösterlichen Berufes, nicht eine Bestätigung des
-furchtbaren Befehls, den die Kirche ihren Jüngern zuruft: Du sollst wie
-eine Leiche werden.
-
-Die Schulbildung war da, aber dann war nichts hinzugekommen, als
-einseitiges medicinisches Wissen, kirchliche Schulung aller Empfindungen
-und eine gewisse trostlose Lebenserfahrung, deren einzigen Mittelpunkt das
-Krankenbett bildete. Keine gesellschaftlichen Formen, keine Fähigkeit zum
-Plaudern und Scherzen.
-
-Und dabei war dieses Mädchen so wunderbar schön! Noch niemals hatte er um
-eines reizenden Gesichtes willen geistig eine solche Forschungsreise nach
-Herz und Bildung unternommen wie hier, bei diesem frommen, tüchtigen,
-klugen Mädchen.
-
-Er bedauerte in seinem Herzen, daß sie Nonne war, nicht weil sie ihn
-persönlich so sehr interessirte, sondern weil es ihm leid that, daß
-diesem Geiste ein für alle Mal die Flügel gebunden waren.
-
-Und so wie diese Eine, denken tausende von Mädchen, die den Schleier
-tragen. Sie dienen der Allgemeinheit still und entsagend. Niemand achtet
-auf sie, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Die Psychologie in der
-modernen Kunst dringt bis in die tiefste Herzenstiefe der Weltkinder ein,
-die Kinder der Kirche aber übersieht sie.
-
-»Weltdamen, Schauspielerinnen, Bauernmädchen, Kellnerinnen, ja sogar
-Dirnen werden beachtet, ans Licht gezogen und interessant gemacht durch das
-Interesse, das Kunst und Wissenschaft an ihnen nehmen. Ihr Aeußeres
-wie ihr Seelenleben wird geschildert, wird studirt und wird schließlich
-rückwirkend durch diese Beachtung, die es findet, beeinflußt. -- Wer
-beachtet, wer schildert das Seelenleben moderner Nonnen?«
-
-Der junge Kliniker machte hier einen schwachen Versuch dazu. Er konnte
-sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß auch die frommen Schwestern
-äußerlich mit der Zeit fortschreiten. Sie besitzen, wie er täglich sah,
-eine große chirurgische Geschicklichkeit und so viel medicinische
-und sogar anatomische Kenntnisse, daß sie die besten und beliebtesten
-Gehilfinnen der Aerzte bei der Ausübung ihres Berufes bilden. Aber dennoch
-war Dr. Schlüter der Ansicht, daß der größte Theil der Schwestern im
-Denken und Fühlen, im Glauben und Beten zurückgeblieben sei im tiefsten,
-dunkelsten Mittelalter.
-
-Es würde ihn lebhaft interessirt haben, das Leben der h. Agathe oder
-auch das der h. Elisabeth einmal durchlesen zu können. Er wußte, daß
-Schwester Clarissa diese Bücher zuweilen den Kranken, die ihres Glaubens
-waren, zu lesen gab. Er sah prüfend auf das Gesicht der neben ihm
-Sitzenden, ehe er es wagte, um diese Bücher zu bitten.
-
-Auf den reinen lieblichen Zügen lag aber nichts, als der Ausdruck
-himmlischen Friedens. Sie schien mit ihren Gedanken so fern von ihm, so
-fern von allen irdischen Dingen zu weilen, daß er es nicht wagte, noch
-einmal wieder ein Gespräch mit ihr anzufangen. Wie unschuldig rein war
-es doch, daß sie so ruhig neben ihm sitzen blieb und nicht den geringsten
-Anstoß daran nahm, daß er sie aufgesucht hatte.
-
-Er verabschiedete sich freundlich und kehrte in sein Zimmer zurück, ohne
-die Bücher, die ihn interessirten, erbeten zu haben. --
-
-Im Laufe der Nacht starb in der Anstalt ein neugeborenes Kind. Es hatte
-nur wenige Stunden gelebt, und die Mutter wurde, schwer krank an einem
-typhösen Fieber, aus dem Saale der Wöchnerinnen entfernt und in das
-Isolirzimmer der dritten Station gebracht.
-
-Schwester Clarissa pflegte die Kranke mit aufopfernder Pflichttreue, aber
-ohne persönliches Interesse. Wäre das unglückliche Mädchen unter ihren
-Händen gestorben, so würde sie ruhig für die rechtzeitige Ertheilung
-der Sacramente gesorgt haben, hätte für ihre Person die vorgeschriebenen
-Gebete gesprochen und im Uebrigen nicht weiter an den Fall gedacht.
-
-Die Unglückliche starb aber nicht. Die pflegende Schwester sah, wie
-leise, von Schwäche fast überwältigt, daß Leben und die Besinnung
-zurückkehrte.
-
-Dr. Schlüter blickte freundlich auf die Kranke herab, wie sie sich
-aufrichtete und ihn bat, ein paar Minuten bei ihr zu bleiben.
-
-»Gerne Barbara« -- er vermied es, sie Fräulein zu nennen -- »warum
-sollte ich wohl jetzt nicht einige Minuten Zeit für Sie haben? Wissen Sie
-nicht, daß Sie mich schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«
-
-»Herr Doctor,« stotterte das Mädchen in tiefster Verlegenheit, und über
-die eingesunkenen Wangen huschte ein Schein von Erröthen. »Herr Doctor
-waren Sie -- Sie auch dabei?«
-
-»Sie meinen bei Ihrer Entbindung, Barbara?«
-
-Sie nickte und sah mit tief unglücklichem Ausdrucke auf ihre mageren
-Hände herab.
-
-»Nun, mein Gott, was ist denn dabei, ich habe das schon oft erlebt,
-deshalb brauchen Sie sich nicht zu geniren.«
-
-Sie sah angstvoll zu ihm auf. »Lebte das Kind?« hauchte sie.
-
-»Ja, es lebte, aber es war noch nicht lebensfähig, es ist nach einigen
-Stunden gestorben. Machen Sie sich keinen Kummer, das Unglück wäre
-größer, wenn Sie das Kind jetzt hätten.«
-
-»Für dieses Leben ja,« erwiderte die Kranke, »aber Schwester Clarissa
-sagt, das Unglück in diesem Leben wäre ein Zeichen von der Liebe des
-Herrn.«
-
-»Ach, das haben Sie falsch verstanden,« versuchte er zu trösten, »die
-Schwester hat gemeint, Sie möchten dem Kinde weiter nicht nachtrauern,
-nicht wahr Schwester Clarissa?«
-
-»Ich meine, dieses Leben ist nur eine Station auf der Pilgerfahrt zur
-Heimath. Was wir hier erdulden, ist vergänglich; das unvergängliche Leid
-oder die ewige Freude beginnt erst nach dem Tode,« erwiderte sie.
-
-Der Arzt sah sie mißbilligend an. »Schwester ich muß Ihnen, als Ihr
-Stationschef, dessen Gehilfin Sie sind, sagen, daß es nachtheilig für die
-Kranken ist, wenn Sie mit ihnen über den Tod sprechen.«
-
-Die Schwester schwieg.
-
-»Das hat die Schwester nicht gethan,« sagte Barbara.
-
-»Nun, wovon ist denn aber die Rede?«
-
-»Von dem Kinde, Herr Doctor. Sie haben das Kind gesehen, sagen Sie mir, o
-Gott ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, sagen Sie mir die
-Wahrheit, ist mein Kind vor seinem Tode getauft?«
-
-»Getauft? Aber ich bitte Sie, wer hätte es denn taufen sollen?«
-
-Die arme Mutter schrie laut auf und warf sich auf das Kissen zurück, sie
-weinte leidenschaftlich.
-
-»Barbara, werden Sie ruhig, Sie schaden sich, ich befehle es, wenn Sie
-nicht aufhören zu schreien, gehe ich mit der Schwester hinaus.«
-
-»O, mein Kind,« schluchzte sie, »mein Kind hat nun keinen Antheil an dem
-Opfer Christi, es gehört nicht zu ihm, es ist verloren, ich werde es nie
--- niemals wiedersehen.«
-
-Er zögerte nun einen Augenblick, ob er etwas sagen dürfe, was er selbst
-nicht glaubte, endlich entschloß er sich es zu thun -- als Arzt, um ihrer
-Aufregung willen. »Was wollen Sie denn eigentlich,« polterte er ein wenig
-ungeschickt -- »wiedersehen? Natürlich werden Sie Ihr todtes Kind
-in diesem Leben nicht wiedersehen, aber später -- -- nach dem
-Tode -- -- --«
-
-Sie richtete sich etwas auf, mit dem Rücken halb nach oben, auf die
-Ellbogen gestützt. Um das bleiche Gesicht hing das wirre blonde Haar, die
-tiefliegenden blauen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der höchsten
-Angst auf Schwester Clarissa.
-
-»Schwester,« stöhnte sie, »bei den Schmerzen der heiligen Jungfrau, bei
-dem Blute Christi, sagen Sie mir die Wahrheit -- werde ich es wiedersehen,
-das ungetaufte Kind -- -- nach dem Tode?«
-
-Ein harter Zug entstellte den Mund der Nonne. »Nein,« sagte sie kurz und
-rauh.
-
-Die Kranke wurde bewußtlos, und die Pflegerin ging dem besorgten Arzte
-sachgemäß und ruhig zur Hand, wie immer. --
-
-Nach einer Viertelstunde verließ Dr. Schlüter das Isolirzimmer.
-Die Kranke lag mit den nöthigen Mitteln versehen ruhig athmend mit
-geschlossenen Augen da. Er hatte keine ernstlichen Besorgnisse für
-sie, das Interesse aber, das sich eine kurze Zeit für die Tochter der
-römischen Kirche in seinem Herzen geregt hatte, war erloschen.
-
-Er war hart angeprallt an die Scheidewand, durch die der Glaube und das
-Gelübde der Nonne diese von ihm, von der Welt und von allem Denken und
-Thun der meisten Menschen trennte.
-
-Einen Augenblick hatte es ihm weh gethan, dieses harte kalte »nein«,
-mit dem sie etwas bestätigte, was sie für wahr hielt; aber von allen
-Liebesschmerzen, die er je um dieses süßen Mädchenantlitzes willen
-empfunden, hatte ihn dieser Augenblick geheilt.
-
-Ihm schien es jetzt auf einmal, als ob dieses Gesicht, das er zuweilen von
-Locken umrahmt sich geträumt hatte, gar nirgend anders hingehöre, als
-unter die weiße Haube, die so kalt und streng vom schwarzen Schleier rings
-umwallt, die Stirn verhüllte.
-
-Er sah nur noch die barmherzige Schwester, die ihm zur Hand ging, düster
-in der Erscheinung, unnahbar im Wesen und unergründlich räthselhaft im
-Glauben. Er machte es jetzt wie alle anderen Aerzte. Er bediente sich der
-Schwester, die ihm zur Verfügung stand, wo er sie brauchte, aber ihre
-Person beschäftigte ihn nicht mehr.
-
-Er hätte es selbst nicht gedacht, daß es ihm so wenig zu Herzen gehen
-würde, als bald darauf die schöne, junge Nonne in eine Irrenanstalt
-geschickt wurde, wo ein noch viel schwererer Beruf ihrer wartete, als hier.
-
-Auf die dritte Frauenstation kam Schwester Maximile, die viel älter war
-als Schwester Clarissa, und Dr. Schlüter lebte sich ganz gut ein mit
-dieser neuen Arbeitskraft. Im Wesen und Benehmen hatte er überhaupt noch
-nie eine Verschiedenheit zwischen zwei Nonnen bemerkt, sie waren und gaben
-sich Alle wie aus einer Schablone gepreßt.
-
-Schwester Clarissa war eigentlich gar nicht anders gewesen, wie diese
-gewöhnlichen Schablonen-Schwestern; sonderbar, daß er es versucht hatte,
-ihr näher zu treten. Ihre Augen -- ja das war es, in ihren Augen hatte
-etwas gelegen, das er für Geist gehalten hatte und das schließlich nichts
-Anderes gewesen war, als Fanatismus.
-
-Der junge Gelehrte hatte übrigens nicht viel Zeit, über diese Sache
-nachzudenken und die Pflegerinnen in der Anstalt zu beobachten. Sein Beruf
-beschäftigte ihn in hohem Maaße. Er besorgte die Station, hatte oft bei
-seinem Chef zu assistiren und beschäftigte sich außerdem mit anatomischen
-Arbeiten. Im Herbst hielt er seine ersten gut besuchten Vorträge als
-Privatdocent; die Bacteriologie kostete ihm unendlich viel Zeit und
-complicirte seine Arbeiten ganz bedeutend.
-
-Von vielen Seiten wurde versucht, ihn in gesellige Kreise zu ziehen, aber
-er wich allen Vergnügungen, besonders solchen, wo er Damen treffen konnte,
-aus. Schwester Clarissa hatte ihn unsagbar angezogen und dann plötzlich
-seine ganze Seele zurückgestoßen. Eine Wunde hatte das seinem Herzen
-nicht gerade zugefügt, aber eine Wand hatte es errichtet zwischen ihm
-und dem weiblichen Geschlechte. Sein Herz war fortan umpanzert, und die
-schönsten Augen, die ihm oft freundlich genug entgegen blickten, ließen
-ihn kalt.
-
-Er kam mit der Zeit zu der Ueberzeugung, daß die fromme Schwester ganz
-unschuldig an der Enttäuschung war, die er empfand. Er hielt es für das
-höchste Ziel der Humanität, dem Menschen zu helfen, ihn zu trösten und
-zu erfreuen, so lange er auf Erden wandelte und sie -- sie erachtete die
-Freuden und Schätze dieser Welt gering, um jener herrlichen Verheißung
-willen, die sie für sich und Andere erhoffte -- -- nach dem Tode.
-
-Tod und Leben, Welt und Kirche, das waren die Gegensätze, die ihn auf
-ewig von ihr schieden. Sie aber war mit keinem Wort, mit keiner Miene,
-wahrscheinlich mit keinem Gedanken sich selbst untreu geworden. Wie die
-Nonne sein soll, so war sie -- so gab sie sich, so dachte und fühlte sie.
-Wenn je in ihrer Brust eine Leidenschaft gelebt hatte, so hatte sie sie
-überwunden. Das aber, was er zu überwinden hatte, war nicht einmal
-eine Leidenschaft, sondern nur ein inniges Wohlgefallen, ein Interesse
--- -- -- ach, was -- es war, so sagte er sich selbst und so glaubte er
-es zuletzt auch, überhaupt kein persönliches, sondern nur ein allgemeines
-Interesse gewesen. -- Diese interessante Species -- eine moderne Nonne,
-war etwas Besonderes, etwas, was man anderswo eben nicht trifft, weder in
-Büchern, noch im Leben.
-
-Hier war ihm diese Erscheinung täglich vor Augen getreten, der Psycholog
-in ihm war erwacht, er hatte geforscht in dieser schwer zugänglichen
-keuschen Seele und das Ergebniß -- -- -- -- ja, das Ergebniß war
-hinter den Erwartungen des gelehrten Forschers zurückgeblieben. Er dachte
-noch zuweilen mit leisem Schauder an ihren starren dogmatischen Glauben
-zurück. Das Fleisch abtödten und dem Geiste leben -- die Welt verachten,
-verlassen, vergessen, um einer anderen Welt willen, von der wir
-nichts Bestimmtes wissen, die vielleicht nichts ist als ein Traum. Wie
-mittelalterlich, wie fremdartig das doch war!
-
-Als echt moderner Mann dachte er gar nicht daran, einen Aufklärungsversuch
-oder sonst ein romantisches Unternehmen zu riskiren, um die Seele, die
-er auf einem Irrweg glaubte, zum Lichte der Aufklärung und Wahrheit
-zurückzuführen. Er zuckte die Achseln und wendete sich von der Jungfrau
-mit den »unmöglichen Ansichten« bedauernd ab. Seine eigene innere Ruhe
-und Selbstzufriedenheit wurden nicht ernstlich dadurch bedroht.
-
-Er stand im Hörsaale, die letzten Strahlen der Herbstsonne fielen auf sein
-blondes, wohlfrisirtes Haupt und verloren sich hinter ihm in den leeren
-Rippen des verkrümmten Scelettes, vor dem er stand. Der Todtenschädel
-war weit vornüber geneigt und hing beinahe über dem Kopfe des jungen
-Docenten. --
-
-Seine Vorlesung war zu Ende, die Studenten entfernten sich, und einer von
-den jüngsten unter ihnen, ein hübscher eleganter Pole, trat noch einmal
-mit seinem Hefte in der Hand an den Lehrer heran, ihn um irgend eine
-Erklärung zu bitten.
-
-Eifrig setzte dieser dem Jüngling die Sache auseinander, um die es
-sich handelte, und so überhörten Beide in dem Gewirre von Stimmen
-und Schritten der sich entfernenden jungen Leute, wie ein bettelhaft
-gekleideter Mann, von einem braunen, zigeunerhaft aussehenden Mädchen
-begleitet, den Saal betrat. --
-
-Der Mann war Orgeldreher und trug sein schweres Instrument an einem
-Riemen über die Schulter gehängt; das Mädchen trug das Gestell, um den
-Leierkasten aufzustellen, und eine zinnerne Schale zum Einsammeln kleiner
-Geldstücke. --
-
-Es war niemand weiter im Saale wie der Mann und das Mädchen, die beiden
-Herren und das graue hohläugige Gerippe. Der Orgeldreher war kaum mehr als
-fünfzig Jahre alt, aber seine Züge waren so verwittert und durchfurcht,
-sein Rücken so gebeugt von der schweren Last, die er zu tragen gewohnt
-war, daß er aussah wie ein Greis. Nur das Haar war noch nicht gebleicht.
-Wirr und in lockiger Fülle hing es ihm tief in die Stirn und über den
-Nacken herab.
-
-Dasselbe lockige wilde Haar hatte das Mädchen. Ihre Züge waren grob und
-gebräunt, sie hatte brennende schwarze Augen, rothe etwas zu volle Lippen
-und Glieder von einer gewissen Anmuth und Fülle, wie sie diesen wandernden
-Mädchen auf eine kurze, ganz kurze Zeit die Jugend verleiht.
-
-Dr. Schlüter bemerkte die Leute, als alle Studirenden gegangen waren.
-»Die Armenbehandlung ist von zehn bis zwölf Uhr, kommen Sie morgen um die
-Zeit, wenn Sie krank sind,« wendete er sich an den Mann.
-
-Der junge Pole betrachtete mit Wohlgefallen die Gestalt des mit ärmlichem
-Putz gekleideten Mädchens.
-
-»Ich heiße Schwarz,« sagte der Mann mit einer Sicherheit, als gebe ihm
-dieser Name ein Recht, hier zu thun, als sei er zu Hause.
-
-Der Arzt wollte einen Scherz darüber machen, ehe er, wenn es nöthig
-werden sollte, grob wurde, aber die düstere Ruhe, die auf den Zügen
-dieses Mannes lag, fiel ihm auf. Er trat einen Schritt auf ihn zu.
-
-»Was wollen Sie hier?«
-
-»Ich will wissen, wo mein Weib begraben ist, das soll hier gestorben
-sein,« sagte der Mann und wie erklärend fügte das Mädchen hinzu:
-»Meine Mutter.«
-
-»Soll? Ja wie ist denn das möglich. Kann es denn einen Mann geben,
-der nicht weiß, wo seine Frau begraben und gestorben ist?« rief Dr.
-Schlüter.
-
-Der Vagabund schwieg.
-
-»Nun?« fragte der Arzt noch einmal.
-
-Der Mann suchte immer noch vergeblich nach Worten. Er hatte sich das
-einfacher gedacht, nach seiner Frau zu forschen, er hatte geglaubt, in der
-Klinik müsse jeder Mensch wissen, wer die Karoline Schwarz war, die hier
-starb, und ihn als ihren Mann erkennen.
-
-Nun wußte hier niemand etwas davon, und dieser Herr Doctor hatte eine
-Art zu fragen, die ihn lebhaft an das Unangenehmste, was er kannte, an die
-Polizei, erinnerte. Es war ihm schon schwer genug gewesen, auf die Polizei
-zu gehen, um sich hierher schicken zu lassen, und nun mußte er es hier
-erleben, daß man, anstatt ihm Auskunft zu geben, Fragen über Fragen an
-ihn richtete.
-
-Er wußte nicht, an welchem Tage er seine Frau zuletzt gesehen hatte, nur
-ganz allgemein erinnerte er sich, daß es zu Anfang des Sommers gewesen
-sei.
-
-Noch viel weniger wußte er, wann und durch wen die Frau in die Klinik
-gebracht und wann sie gestorben war.
-
-Der Privatdocent legte die Hand an die Stirn und besann sich: »Schwarz --
-Karoline Schwarz« -- wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht, den
-Namen gehört zu haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß sie auf meiner
-Station gestorben sei?«
-
-»Ein Herr auf dem Bureau.«
-
-Herbe Enttäuschung zeigte sich auf den Gesichtern der Fremden. Sie sahen
-sich rathlos an und schienen gehen zu wollen. Der Arzt empfand Mitleid
-und mehr aus persönlicher Gutmüthigkeit, als aus dem Gefühl einer
-Verpflichtung diesen unklaren Angelegenheiten gegenüber, hielt er die
-Leute zurück.
-
-»Wie war denn das? was fehlte Ihrer Frau, vielleicht fällt es mir
-wieder ein, erzählen Sie mir etwas von ihrer Krankheit,« sagte er, »oft
-erinnert man sich besser der Krankheit, als des Kranken, wenigstens was den
-Namen betrifft.«
-
-Nun begann eine umständliche Erzählung. Das junge Mädchen glaubte oft
-mit einigen Einzelheiten den Bericht des Vaters ergänzen zu müssen. Die
-beiden Zuhörer waren erschüttert von dem Bilde menschlichen Leidens und
-Entsagens, das sich vor ihnen entrollte.
-
-Der Winter war hart gewesen, und die Leute besaßen keine Wohnung, kein
-Bett. Für die wenigen Pfennige, die sie erbettelten, mietheten sie sich
-bald hier bald da ein. In gesunden Tagen war ihnen das einerlei gewesen,
-aber als die Frau krank und mühselig wurde, schleppten sie sich kaum noch
-von Hof zu Hof. Wenn die Töne der Drehorgel erklangen, fiel es selten
-einem Menschen ein, die festgefrorenen Fenster zu öffnen und den Hungernden
-und Frierenden da draußen ein Almosen zu reichen. Sie hätten oft
-weder Nahrung noch Obdach gehabt, wenn die Tochter, die in Schenken
-allerniedrigster Art als Liedersängerin auftrat, ihnen nicht zuweilen
-einige Groschen zugewendet hätte. Die Mutter war schon lange gebrechlich
-und arbeitsunfähig gewesen. Das mehr als ärmliche Gewerbe des Mannes
-mußte sie mit ernähren. Etwas Anderes als Brod, Schnaps und höchstens
-einmal etwas Kaffee oder Kartoffeln hatten die Leute nicht zu verzehren.
-Nun kam aber das Unglück. Als der furchtbare Winter vorüber war, als das
-fahrende Volk aufathmete und mit dem neuen Lenze ein neues Leben zu
-fühlen begann, da wurde das Weib des Orgeldrehers elender, mühseliger und
-schwächer als je zuvor. Sie versuchte noch Weidenkörbe zu flicken, wie
-in früheren Jahren, aber Messer und Zange sanken ihr aus den kraftlosen
-Händen. Die Tochter blieb in der Stadt, und der arbeitsscheue Mann allein
-hatte für das Weib zu sorgen.
-
-Die Frau konnte kein Brod und keine Kartoffeln mehr vertragen, der Magen
-verweigerte die Annahme dieser Lebensmittel. -- Einige Tage hielt sie sich
-noch aufrecht durch den Genuß von Branntwein, dann brach sie zusammen.
-
-»Wir hatten damals eine Scheune gemiethet, das heißt, Herr Doctor, die
-Leute, denen das Caroussel gehörte, bezahlten die Miethe, und wir durften
-mit darin schlafen, das Weib und ich,« berichtete der Mann. »Ich drehte
-meine Orgel bei dem Caroussel und hatte einen schönen Verdienst. Da zog
-der Herr Besitzer weiter. Wenn ich nicht mitging, hätte er in einer Stunde
-einen anderen Musikanten gefunden, das war doch klar, also was sollte ich
-machen?«
-
-»Sie zogen mit und ließen das todtkranke Weib zurück, nicht wahr?«
-unterbrach ihn der Arzt, mit vor Zorn funkelnden Augen. Jetzt wußte er,
-wen er vor sich hatte. Er erinnerte sich an die nächtliche Scene, wo ihm,
-von Schmutz starrend, die am Hungertyphus sterbende Unbekannte von
-der Polizei zugeschickt wurde. Er warf einen Blick auf das Antlitz des
-Todtenschädels. Das war Karoline Schwarz, die da hinter ihm stand, nach
-ihrem Tode als Gerippe präparirt, und der Mann vor ihm erzählte ihm
-die Vorgeschichte dieses Todes, eine Kette von Elend, Hunger, armseligem
-Vortheil und gedankenlosem Egoismus. Das Ende dieses Menschenlebens hatte
-er gesehen, es war ihm furchtbar erschienen; jetzt aber erschien ihm das,
-was diesem Ende vorangegangen war, noch schauerlicher und trostloser. Ein
-Menschenschicksal -- -- was für ein Schicksal.
-
-Der Leiermann hatte sein Instrument abgestellt. Verlegen drehte er den
-breiten, schäbigen Hut zwischen den Fingern.
-
-»Was will man machen,« stotterte er -- »bei den schlechten Zeiten, ein
-so schönes Stück Geld. Bei manchen Jahrmärkten kam ich bis auf sechs
-Mark an einem Tage, sollte ich das lassen, um so ein Weib -- ein schlechtes
-Weib, -- Herr -- sollte ich mit ihr zusammen verhungern?«
-
-»Es war für Sie jedenfalls angenehmer, sie allein verhungern zu lassen,«
-bemerkte der Arzt scharf.
-
-Das Mädchen fühlte hier den Drang, ihrem Vater zu Hilfe zu kommen.
-
-»Ach, Herr Doctor,« schluchzte sie, »Mutter konnte keinen Schritt
-mehr gehen. Sie fiel um, wenn sie auf die Beine kam, und sie konnte so
-schimpfen, und sie betrank sich immer und vergriff sich an uns und sogar an
-meinem Schatz.«
-
-Diese ungeschickte, unkindliche Rede empörte die beiden Herren mehr als
-alles Andere.
-
-»Ihre Mutter ist verhungert,« -- rief der Student rücksichtslos dem
-Mädchen ins Gesicht, ohne in seinem Zorne erst abzuwarten, ob sein Lehrer
-geneigt war, das so unumwunden auszusprechen.
-
-»Verhungert? Nein Herr,« widersprach der Vagabund, »ich habe ihr Alles
-hingelegt, Brodscheiben und noch Schnaps und einen Sack voll Kartoffeln.
-Bis sie sich die alle gekocht hatte, konnte sie wohl soweit sein, daß sie
-mir nachkam, sie wußte, wo wir hinzogen.«
-
-»Aber haben Sie uns denn nicht selbst gesagt, daß die Frau Brod und
-Kartoffeln nicht genießen konnte,« fuhr ihn der Jüngling wieder voller
-Entrüstung an.
-
-»Ja Herr, ja Herr, Brod und Kartoffeln und auch noch Schnaps, das sind
-gute Dinge. Die Carousselleute meinten das auch, etwas Anderes haben arme
-Menschen nicht zu verzehren.«
-
-»Sie mögen das ja ganz gut gemeint haben,« begütigte Dr. Schlüter,
-»aber wer sollte denn nach der Kranken sehen, warum brachten Sie sie nicht
-in ein Krankenhaus?«
-
-»Wie soll unsereiner das anfangen, wir sind hier nicht unterstützungs-
-und heimathberechtigt,« warf das junge Mädchen ein.
-
-»Mutter hätte das auch nicht gethan,« erklärte der Mann zuletzt
-energisch.
-
-»Nun kurz und gut, es ist nicht mehr zu ändern, und ich will Ihnen
-erzählen, was daraus geworden ist,« sagte der Stationsarzt. »Die
-Vorräthe haben die Ratten, Fäulniß und Schimmel vertilgt, den Branntwein
-mag die Frau selbst getrunken haben. Dann wurde sie schwächer und
-schwächer, hatte fürchterliche Schmerzen und den brennendsten Durst, den
-Sie sich denken können.
-
-Kein Mensch brachte ihr einen Tropfen Wasser, niemand sorgte für ihre
-Reinlichkeit, das Ungeziefer kam und quälte sie auf ihrem nassen,
-schmutzigen Stroh, und der Durst, der Fieberdurst, der Durst derer, die das
-Trinken gewöhnt sind, kam hinzu.
-
-Dann ist sie vielleicht noch einmal wüthend geworden, hat die Menschen und
-die Welt verflucht und hat zuletzt nichts mehr von sich gewußt. So ist sie
-verkommen und bei lebendigem Leibe verfault, bis die Polizei sie fand. Die
-Polizei hatte Erbarmen und brachte sie hierher. Wir konnten ihr aber nicht
-mehr helfen, es war zu spät, sie starb nach einigen Stunden.«
-
-Er durchblätterte ein großes Buch. »Am elften Juni ist sie Abends zum
-Todtengräber gebracht. Der wird Ihnen wohl sagen können, wo sie liegt,«
-sagte er, ohne von dem Buche aufzusehen.
-
-Der Mann und das Mädchen bekreuzten sich.
-
-»Ihr ist ja nun wohl in der Erde,« schluchzte die Tochter.
-
-»Die Ruhe ist ihr zu gönnen,« fügte der Gatte hinzu, und ohne Dank,
-fast ohne Gruß verließen sie den Saal, um weiter zu suchen nach dem
-Stückchen Erde, unter dem das müde Haupt des jammervollen Weibes nach
-ihrer Ansicht ruhte.
-
-Der junge Student sprach noch einmal seine lebhafte Entrüstung über
-dieses Gesindel aus und empfahl sich dann dem Privatdocenten, der in
-Gedanken verloren vor dem Scelett der unseligen Karoline Schwarz stehen
-blieb.
-
-Er sah sie wieder vor sich auf der Bahre in ihrer fast nicht mehr
-menschlichen Verkommenheit und Häßlichkeit und herab geneigt über dieses
-Bild tiefsten irdischen Leidens ein himmlisch verklärtes, durchgeistigtes
-Antlitz, vom Nonnenschleier umrahmt, durchleuchtet von Erbarmen und Liebe.
-Liebe? -- -- --
-
-Nein, Schwester Clarissa liebte die Menschen nicht. Sie liebte nur ihren
-Herrn und Gott, die Menschen, deren sie sich erbarmte, waren ihr nur Mittel
-zum Zweck. -- »Was ihr gethan habt dieser Geringsten einem, das habt ihr
-Mir gethan.« -- Das war der Grundgedanke ihrer Barmherzigkeit. Auch in
-diesem Falle war es so gewesen. Sie hatte ihre Pflicht gethan, gefühlt
-hatte sie nichts für die Unglückliche, und diese -- diese gerade war wohl
-auch der Liebe nicht werth gewesen.
-
-Er betrachtete eine von den subtil zusammengesetzten Knochenhänden. Gegen
-Mann und Kind hatte sie den Arm erhoben; nun stand sie da, todt, ruhelos,
-mitten im Leben, ohne das Fleckchen Erde gefunden zu haben, auf dem auch
-der Aermste Anspruch hat zu ruhen -- ruhen -- nach dem Tode. --
-
-Schwere unsichere Schritte unterbrachen mit ihrem Geräusche den sinnenden
-Mann. Sollte man ihm einen Kranken bringen? Hier herein, wo doch die
-Patienten im Allgemeinen nichts zu thun hatten?
-
-Aergerlich wandte er sich nach der Thür und sah wieder den
-Straßenmusikanten mit seiner Tochter eintreten.
-
-Das unregelmäßige Gesicht des Mädchens war einen Schein blasser als
-vorher, und der Mann schwankte ein wenig, wie ein Trunkener.
-
-Ohne auf die erstaunte Frage des Arztes, was er wolle, zu antworten, ging
-er mit stierem Blicke und unsicheren Schritten durch den ganzen Saal, grade
-auf das Gerippe zu.
-
-Mit sichtbarem Erschauern blieb er hier stehen.
-
-»Line,« flüsterte er an der düsteren Gestalt herauf. --
-
-»Line, bist Du das denn wirklich? In lauter Stücke haben sie Dich
-geschnitten und ausgenommen, wie ein geschlachtetes Thier, und Deine
-Knochen blank gescheuert, und dann haben sie Dir nicht die Ruhe im Grabe
-gegönnt, und nun stehst Du da und bist todt?«
-
-»Aber was wollen Sie denn,« rief Dr. Schlüter zugleich entrüstet
-und erschrocken, »was faseln Sie, was rütteln Sie an dem Scelett? Um
-Gotteswillen, es ist mehrere hundert Mark werth, lassen Sie es los, Sie
-zerbrechen es ja.«
-
-»So -- es ist mehrere hundert Mark werth?«
-
-Der Respect vor dieser Summe lähmte den Arm des Proletariers. Er trat
-scheu zurück, aber in seinen Augen loderte eine wilde Drohung.
-
-»Sind das hier die Knochen von meiner Frau?« fragte er mit finsterer
-Miene.
-
-»Ja,« entgegnete der Arzt, »aber wer hat Ihnen das gesagt?«
-
-»Draußen Einer, ein Wärter wird es ja wohl gewesen sein,« antwortete
-die Tochter für ihren Vater.
-
-»Warum ist das Weib nicht begraben? Es war ein armes Weib und bös, ja sie
-war bös, aber ein Grab war sie doch wohl werth, man scharrt ja einen Hund
-ein,« grollte der Mann.
-
-»Darauf kommt es hier gar nicht an,« erklärte der Kliniker. »Wenn hier
-jemand stirbt, für den niemand die Verpflegungs- und die Begräbnißkosten
-bezahlt, so kann das Institut -- ich meine die Doctoren können dann mit
-der Leiche machen, was sie wollen.«
-
-»Das dürfen Sie nicht, das nicht,« kreischte das Mädchen plötzlich
-wild auf, »wenn der jüngste Tag kommt, und die Todten steigen aus
-ihren Gräbern, und das Fleisch steht auf, wo soll da so ein -- so ein
-Knochengestell sein Fleisch hernehmen, um aufzustehen von den Todten?«
-
-»Laß das Mila, das sind Glaubenssachen,« gebot ihr der Vater, »das geht
-die Herren hier nicht an, die glauben an nichts nach dem Tode.«
-
-»Nun also -- was wollen Sie denn, wozu machen Sie denn solchen Lärm?«
-fragte der Arzt erleichtert.
-
-»Was ich will?« höhnte der Mann. »Ich will wissen, was für ein
-Verbrechen und was für eine Schande es ist, wenn der Mensch arm ist. Wenn
-ein Stück Vieh fällt, so ist immer Einer zu finden, der es einscharrt,
-aber ein Mensch, -- ein armer Mensch? Wozu ist der gemacht? Im Leben zum
-Hungern, zum Betteln, zum Frieren und nach dem Tode? Nach dem Tode -- zu
-dem, was die Herren Doctoren für gut befinden, mit seinem armen Leibe zu
-machen.« Er lachte laut und wild auf.
-
-Dr. Schlüter klingelte nach dem Oberwärter. Dieser erschien. »Führen
-Sie den Mann hinaus, er ist unverschämt geworden,« sagte der Arzt.
-
-»Ja ich gehe schon,« brüllte der wüthende Mensch, »aber diese Knochen,
-diese Knochen sind mein, ich nehme sie mit, ich scharre sie ein im freien
-Walde, der niemanden gehört. Sie war kein gutes Weib, aber Ruhe, das
-bischen Ruhe im Grabe, das soll sie doch haben, sie soll.« -- -- --
-
-Er griff nach dem Scelett, das in seiner leichten Zusammenfügung bereits
-erschüttert, ein wenig schwankte. Der Oberwärter faßte den Tobenden mit
-festem Griff und rief nach Jahn, seinem Gehülfen.
-
-Der Stationsarzt war im Begriffe, den Saal zu verlassen. An der Thür
-drehte er sich noch einmal um, riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und
-schrieb einige Worte darauf.
-
-»Orgeldreher Schwarz,« sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel
-nach dem Büreau. Man wird Ihnen dort, nach Abzug eines Verpflegungstages,
-fünfzig Mark auszahlen, weil Sie den Körper Ihrer verstorbenen Frau der
-Klinik zu anatomischen Zwecken überlassen haben. Adieu.« -- --
-
-Er ging. Wie eine Pantherkatze stürzte Mila auf den Zettel zu und riß ihn
-an sich.
-
-Fünfzig Mark! ......
-
-Der Oberwärter hatte nicht mehr nöthig, einen Wüthenden zu halten. Mit
-respectvollem Gruß entfernten sich Vater und Tochter.
-
-Einen scheuen Blick noch warfen sie zurück auf das graue Gerippe der
-Gattin und Mutter. Es war ja recht traurig, daß sie nun unbegraben blieb
--- aber was wollte man machen!
-
-Fünfzig Mark erhielten sie dafür, und sie konnten das brauchen -- sie
-lebten und darbten.
-
-Die Mutter aber -- -- -- -- ja, die stand da und sah ihnen nach aus
-ihren leeren, großen Augenhöhlen. Sie war übel daran, aber sollte man
-deshalb die fünfzig Mark verschmähen? -- Ein solches Opfer für sie,
-konnte sie das wohl verlangen, noch dazu jetzt -- -- -- nach dem
-Tode? -- -- --
-
-
-Ende.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Doctor Cäcilie.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-[Illustration]
-
- Hochwürdigste, gnädige Frau!
-
- In tief trauriger Lage sehe ich keinen anderen Ausweg, als den, Sie
- mit diesen Zeilen zu belästigen. -- Meine Frau ist nach einer, wie
- es leider den Anschein hat -- vergeblichen -- Krebsoperation einer
- sachgemäß geschulten Pflegerin dringend bedürftig.
-
- Alle Bemühungen meines Hausarztes, hier eine geeignete Kraft ausfindig
- zu machen, sind von durchaus ungenügendem Ergebnisse gewesen.
-
- Die Sterbende leidet furchtbar unter den ungeschickten Händen einer
- ungebildeten Wärterin. Es handelt sich vielleicht nur noch darum, ihr
- auf wenige Tage und Nächte die letzten Qualen der Krankheit leichter
- zu machen. Kein finanzielles Opfer würde mir zu groß sein, wenn
- ich mein geliebtes Weib in die sanften, weichen Hände einer treuen
- Schwester geben könnte. Ich werde den wohlthätigen Einrichtungen
- Ihrer Anstalt die Beweise meiner Dankbarkeit zuwenden; in diesem
- Augenblicke aber flehe ich Sie an, gnädigste Gräfin, helfen Sie mir,
- schicken Sie mir eine Diakonissin und senden Sie mir ein Telegramm, mit
- welchem Zuge die Ersehnte hier eintreffen wird.
-
- Mit hochachtungsvollster Ergebenheit
-
- Ihr gehorsamster
-
- _v. Möbius_, Premierlieutenant.
-
-Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses las diesen Brief
-nachdenklich durch. Auf ihrem energischen klugen Gesichte zeigte sich ein
-Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen Briefschaften,
-die noch der Erledigung warteten, vorläufig bei Seite und ging nach der
-Frauenstation für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war, wie
-immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt, verließ aber ihre
-Arbeit, um an eines der großen Saalfenster zu treten und dort mit ihrer
-Vorgesetzten zu sprechen.
-
-Die Betten im Saale standen so weit von den Fenstern entfernt, daß die
-Kranken von der Unterhaltung der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen
-vermochten.
-
-»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann die Gräfin, nachdem die
-Schwester den Brief des Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir
-schicken?«
-
-Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz bestimmt den Kopf.
-»Niemanden, Frau Oberin,« sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause
-sind belegt, ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen
-Anforderungen zu genügen. Wir können keine Schwester entbehren; im
-Gegentheil, ich will froh sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist,
-wir haben nicht genug Schwestern.«
-
-»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht anders werden. Von allen
-Seiten werde ich gebeten, junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an
-neue Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in diesem Quartal von
-mir verlangt, und zwei Anmeldungen von jungen Mädchen, die sich ausbilden
-wollen, habe ich nur erhalten.«
-
-Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte doch der Herr die Herzen
-christlicher Jungfrauen erleuchten und segnen, daß sie in Schaaren
-herbeikommen, um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu helfen.«
-
-»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige Freibetten einstellen
-zu können,« sagte die Oberin, »bedenken Sie, daß Frau von Möbius die
-Tochter eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie für unsere
-Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr günstig.«
-
-»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch so einrichten
-können,« meinte Schwester Albertine. Die Oberin aber schien dieser Frage
-gegenüber doch einen praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute
-alte Schwester.
-
-»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar Tage, Schwester; ich
-schreibe nicht ab, ich schaffe Rath, schicken Sie mir Schwester Elisabeth
-in mein Arbeitszimmer,« entschied sie nach kurzem Nachdenken.
-
-Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch. Sie kehrte schweigend
-an ihre Arbeit zurück, und die Gräfin verließ straff aufgerichtet mit
-raschen Schritten den Saal.
-
-Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von Möbius in der Hand. Sie
-wollte seinen Wunsch erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich zu
-machen. In dem breiten Corridor vor ihrem Zimmer begegnete ihr einer von
-den Aerzten der Anstalt. Der junge Mann grüßte die vornehme Frau mit
-einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung.
-
-Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich, Ihnen meine Theilnahme an dem
-Tode Ihres Herrn Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie reichte
-ihm freundlich die Hand.
-
-Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die volle weiße Hand, die sie
-ihm gab. »Frau Oberin sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein
-armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren, er sehnte sich oft nach
-dem Tode, der ihn nun leicht und schmerzlos erlöst hat.«
-
-»Er war lange leidend, so? Das war mir gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn
-in seiner Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so viel ich weiß,
-schon seit Jahren verstorben?«
-
-»Allerdings, gnädigste Frau, ich habe aber eine Schwester, ein gesundes
-kräftiges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren. Die war durchaus zur Pflege
-meines Vaters geeignet.«
-
-Die Gräfin wurde aufmerksam. »Ich habe nie von Ihrem Fräulein Schwester
-gehört, sie muß sehr zurückgezogen leben.«
-
-»Sie hat eigenthümliche Neigungen und hält sich von ihren
-Altersgenossinnen fern. Wir Geschwister stehen jetzt allein in der
-Welt; ich werde wohl genöthigt sein, eine geeignete Stellung für meine
-Schwester zu suchen.«
-
-»Das wird Ihnen schwer werden, lieber Doctor; das Angebot gebildeter
-Damen für häusliche Stellungen ist außerordentlich groß, während die
-Nachfrage sich mehr auf weniger gebildete Kräfte richtet, die bei den
-täglichen Arbeiten mit Hand anlegen.«
-
-»Frau Oberin meinen, höhere Dienstboten werden gesucht, und
-Reisebegleiterinnen, Gesellschafterinnen und Gouvernanten bieten sich an.«
-
-»Diese Thatsache ist doch nicht zu leugnen, es ist ein eigenes Kapitel der
-sozialen Frage, die Frauen- oder eigentlich Jungfrauenfrage. Hier bei
-uns aber ist diese Frage gelöst. Sie wissen ja, wie erheblich in unserem
-Berufe die Nachfrage das Angebot übersteigt. Bringen Sie Ihre Schwester zu
-mir, Herr Doctor, sie ist kräftig und gesund, wie Sie sagen, steht grade
-im richtigen Alter und hat sich bereits in häuslicher Krankenpflege
-bewährt. Das Mutterhaus sieht in jeder neu eintretenden Schwester eine
-liebe Tochter und heißt sie herzlich willkommen. Es ist ein weites
-Arbeitsfeld da, helfen Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«
-
-»Sie haben Recht, Frau Oberin, ich will mit meiner Schwester sprechen. Sie
-hat kein Vermögen, ist durchaus nicht hübsch, eine Versorgung durch die
-Ehe ist also nicht wahrscheinlich. Sie wird vielleicht Gott danken, wenn
-sie hier freundlich aufgenommen wird.«
-
-»Dessen können Sie versichert sein, die Waise und die Schwester eines
-Arztes ist uns doppelt willkommen.«
-
-Die Gräfin nickte dem jungen Manne wohlwollend zu und trat in ihr Zimmer.
-Doctor Ehrhardt sah lange hinter ihr her. Der Vorschlag der frommen Dame
-entsprach so ganz seinen Wünschen. Wenn doch seine Schwester ihr schroffes
-eigenwilliges Wesen lassen und einmal, nur ein einziges Mal, auf ihn
-hören, seinen Wünschen sich fügen wollte!
-
-Nie hatte Cäcilie ein weibliches weiches Empfinden gezeigt, nie hatte
-sie nachzugeben gewußt. Alle Bekannten des Bruders hatten, durch ihr
-unweibliches Wesen abgestoßen, den Verkehr im Ehrhardt'schen Hause
-beschränkt, wo sie nur konnten; und doch wußte Otto, daß seine Schwester
-ein ernstes Streben verfolgte. Sie verachtete die oberflächliche Existenz
-vergnügungssüchtiger, kindlicher Mädchen. Sie sah, wie Eine dieser
-Mädchen nach der Anderen, alle ihre ehemaligen Schulgenossinnen sich
-verlobten und verheiratheten und hatte nur ein verächtliches Achselzucken
-für die Männer, die diese Wesen an ihre Seite zogen. Sie wollte mehr
-sein, etwas Anderes -- etwas Höheres. Das konnte sie jetzt werden. --
-Es erschien dem Bruder nun auf einmal wahrscheinlich, daß sie mit
-Begeisterung auf den Vorschlag der Oberin eingehen würde. Man rief sie,
-man bedurfte ihrer, warum sollte sie zögern zu kommen!
-
-Ganz erfüllt von seinem Wunsche und fast überzeugt von dessen Erfüllung
-eilte er nach Hause.
-
-Ein Möbelwagen stand vor der Thür, und fremde Leute begegneten ihm im
-eigenen Heim. Es fiel ihm jetzt erst ein, daß heute früh die freiwillige
-Versteigerung von seines Vaters Nachlaß stattgefunden hatte.
-
-Weder er noch seine Schwester waren in der Lage, eine Wohnung für all die
-Möbel, Betten, Bücher, Bilder u. s. w. zu miethen. Die Gegenstände,
-die so lange er denken konnte durch die ganze Kindheit der Geschwister
-Zeugen ihres Daseins gewesen waren, wurden heute in alle Winde zerstreut.
-Die Heimath war aufgelöst -- freiwillig aufgegeben. Nun hieß es wandern,
-ein neues Heim erwerben, den Kampf mit dem Leben bestehen.
-
-Otto ging in das Arbeitszimmer des Vaters. Die wissenschaftlichen
-Bücher, soweit sie nicht veraltet waren, und die Instrumente des alten
-Medicinalrathes lagen dort noch umher, ungeordnet, aber zum Glück
-unberührt. Wie wenig Gefühl hatte doch Cäcilie gezeigt, daß sie diese
-Andenken an den Verstorbenen, die der Sohn zu behalten wünschte, nicht
-sorglich zusammengeräumt und eingepackt hatte. Er wollte seine Schwester
-jetzt aufsuchen, aber das bittere Wort über ihren Mangel an Pietät
-unterdrückte er gewaltsam. Es galt jetzt, alle ihre Gedanken auf das Ziel
-hinzulenken, dem er sie entgegenzuführen gedachte.
-
-In einem öden ausgeräumten Zimmer, zwischen Koffern und Kisten fand er
-sie. Ueberall lag Packstroh, Heu, Papier und dicker Staub. Ein weibliches
-Wesen hätte in diesem Raume vor allen Dingen doch den Wunsch empfinden
-müssen, Ordnung und wenigstens etwas Sauberkeit herzustellen. Cäcilie
-Ehrhardt aber empfand davon nichts.
-
-Die breite, knochige Gestalt des Mädchens saß auf einer Kiste, die Arme
-waren auf die Fensterbank aufgelehnt, ohne Rücksicht auf die schwarzen
-Aermel des einfachen Trauerkleides. Der Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar
-war über ein Buch gebeugt. Sie sah nicht auf, als der Bruder eintrat.
-
-»Wenn Du Deine Lectüre unterbrechen kannst, Cäcilie, so möchte ich Dich
-bitten, über eine wichtige Frage mit mir zu sprechen.«
-
-Sie legte die griechische Grammatik, in der sie gelesen hatte, aus der
-Hand. Ein kurzer fragender Blick traf ihn durch die funkelnden Gläser
-ihrer Brille.
-
-»Ich habe Dir wenig Erfreuliches mitzutheilen,« sagte sie.
-»Die Versteigerung des alten Hausrathes hat fast nichts ergeben.
-Luxusgegenstände waren, wie Du weißt, nicht vorhanden. Der Auctionator
-wird uns morgen Rechnung ablegen.«
-
-Er nickte schmerzlich. »Ich habe von der Versteigerung nichts erwartet,
-aber wir müssen doch den Ballast los sein. Den Luxus pietätvoller
-Erinnerung können wir uns noch nicht erlauben.«
-
-»Winsele nicht,« sagte sie schroff, und stand auf.
-
-Die Lippen in dem gelben Gesicht waren breit und aufgeworfen, ein
-finsterer Zug lag zwischen den schwarzen Augenbrauen, die Nase war kurz und
-gewöhnlich geformt; das ganze Gesicht wäre häßlich gewesen, ohne den
-Ausdruck hervorragender Klugheit, der es belebte.
-
-»Dir wenigstens werde ich sicherlich nichts vorwinseln,« gab er zurück,
-»aber ich wollte mit Dir über meine Zukunft sprechen. Meine Existenz
-liegt augenblicklich in Deiner Hand.«
-
-»Bitte, erkläre Dich deutlicher.«
-
-»Ich bin schon dabei. Vater hat schon seit Jahren nicht mehr prakticirt.
-Von seinen Zinsen konnten wir nicht leben, wir haben das Kapital
-verbraucht. Wenn ich den Rest überschlage, die Ausgaben abziehe, die
-Auction hinzurechne, so denke ich, es wird uns ein baarer Rest von
-viertausend Mark bleiben.«
-
-»Wenig genug, aber es muß reichen, wir müssen uns einrichten, wir
-müssen Beide damit auskommen, bis wir uns frei gearbeitet haben.«
-
-Auf dem feinen hübschen Gesichte des jungen Mannes malte sich lebhaftes
-Staunen.
-
-»Das scheinst Du Dir sehr einfach zu denken,« sagte er endlich. »Bitte
-höre aber wenigstens zu, was ich mir für Lebenspläne gemacht habe.«
-
-Sie nickte und setzte sich wieder auf die Kiste. Die Füße streckte sie
-weit von sich und betrachtete augenscheinlich aufmerksam ihre großen
-derben Zugstiefel.
-
-Er drehte beinahe verlegen an seinem Schnurrbarte. Ein Opfer wollte er
-von ihr fordern, -- den eigensinnigen Kopf mit den männlich kurzen Haaren
-wollte er unter die weiblichste aller Trachten, unter die schlichte Haube
-der Diakonissin beugen. Er sah ängstlich auf die schwarzen kurzen Borsten
-herab. Endlich aber begann er zu sprechen.
-
-»Ich kann nicht ewig am Diakonissenhause bleiben, das mußt Du einsehen,
-Cäcilie.«
-
-»Sehe ich ein -- weiter.«
-
-»Ich bleibe dort, bis ich eine Volontairstelle bei einem Frauenarzt finde,
-ich will Specialist werden.«
-
-»Auch gut -- weiter.«
-
-»Ich werde ungefähr zwei Jahre als Assistent arbeiten, dann will ich
-versuchen, mich selbständig zu machen. Zunächst muß ich dann auf
-Patienten warten, mir eine Praxis begründen. Habe ich die, so errichte ich
-eine Privatklinik, engagire dazu eine ehemalige Diakonissin und kann, wenn
-ich Glück habe, ein schönes Vermögen erwerben.«
-
-»Das will ich Dir wünschen.« --
-
-»Du sollst mehr thun, als es mir wünschen.«
-
-»Ah -- ich wäre begierig.«
-
-»Ja, ich wollte dich bitten, mir dein Erbtheil zu überlassen. Als
-Volontair muß ich mich selbst erhalten. Sobald ich mich dann selbständig
-mache, habe ich zunächst auch keinen Verdienst. Auch eine Privatklinik
-kann ich nicht ganz ohne Vermögen übernehmen. Der ganze Nachlaß
-unseres Vaters aber würde genügen, mich über Wasser zu halten und mich
-bescheiden zu ernähren, bis meine Hoffnungen sich verwirklicht haben. Dann
-werde ich daran gehen zu sparen und dir das Doppelte von der Summe geben,
-die Du mir jetzt giebst.« --
-
-»Und ich kann mich für die nächsten zwanzig Jahre als Stütze der
-Hausfrau vermiethen, mit der verlockenden Aussicht nach Ablauf dieser Zeit
-von meinem großmüthigen Bruder viertausend Mark zu erhalten, von deren
-Zinsen ich dann in meinen alten Tagen ein wahres Schlaraffenleben werde
-führen können -- nicht wahr?«
-
-Hämischer Spott entstellte ihren Mund, sie lachte bitter auf, ihre Wangen
-glühten, sie war empört über den naiven Egoismus des Bruders.
-
-»Nein, Du sollst Dich nicht als Stütze der Hausfrau vermiethen; ich
-habe eine Versorgung für Dich, die Du nur anzunehmen brauchst, um mein
-Schicksal günstig und glücklich entscheiden zu können.«
-
-»Ich will Deine Versorgung nicht. Nach dem Egoismus, den Du eben offenbart
-hast, verlange ich nicht nach dem Almosen eines männlichen Schutzes.
-Morgen theilen wir; ich gehe meinen Weg, und Du gehst Deinen, dabei
-bleibt's.«
-
-»Cäcilie, ich komme niemals in die Höhe. Der ärztliche Beruf ist ein
-freies Gewerbe; der Concurrenzkampf ist rücksichtslos hart. Es ist ein
-Kampf um Leben und Brod. Erleichtere ihn mir, arbeite als Schwester an
-meiner Seite. Gieb mir die Mittel, deren ich bedarf, um mich durchzuringen.
-In fünf, sechs Jahren vielleicht schon rufe ich Dich zu mir und sorge für
-Dich.«
-
-»Ich soll dann wohl Deine Köchin werden? Danke für die Ehre.«
-
-»Cäcilie, die Frau Oberin hat mir heute gesagt, daß die Nachfrage nach
-jungen Diakonissinnen so außerordentlich groß ist. Sie hat mich direct
-aufgefordert, Dich ihr zuzuführen. Du hast ein gewisses medicinisches
-Interesse. Du eignest Dich zur Schwester. Geh hin, laß Dich ausbilden, und
-tritt dann auch in eine Frauenklinik ein. Lerne, arbeite, und sobald ich
-eine feste Stellung als Frauenarzt habe, komm zu mir, um mit mir zusammen
-eine Privatklinik zu gründen. Du weißt, ein Mann allein kann das nicht.
-Man ist auf eine weibliche Mitarbeiterin angewiesen, und eine geeignete
-Persönlichkeit ist nur mit den größten Geldopfern aufzutreiben. Sei
-meine Verbündete liebe Schwester, laß uns zusammen streben, zusammen
-erwerben.«
-
-Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an.
-
-»Du kommst Dir wohl noch sehr großmüthig vor in Deinem männlichen
-Egoismus,« spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden,
-soll mich ducken unter Bonzen und Pfaffen, soll Choräle singen und Fenster
-putzen? Jede grobe Arbeit thun, um Christi willen? Die Augen verdrehen,
-heucheln, dienen -- ha, ha, ha, und alles das, damit ich später
-ausgebildet bin, wenn Du so weit bist, mich zu rufen! Du willst dann der
-leitende Arzt einer Anstalt sein, Anordnungen treffen, Befehle geben,
-und ich als dienende Schwester bin grade gut genug, um Dir -- -- zu
-gehorchen!« --
-
-Er trat erschrocken zurück vor der Wuth, die er, ohne es zu wollen, zu
-diesem Ausbruch gebracht hatte.
-
-»Warum willst Du denn nicht als Schwester ärztliche Anordnungen
-ausführen?« fragte er erstaunt. »Glaubst Du denn als Lehrerin, oder
-in sonst einem weiblichen Berufe freier und selbständiger handeln zu
-können?«
-
-»Wer sagt Dir denn, daß ich einen sogenannten »weiblichen« Beruf
-wählen werde? Ist nicht der ärztliche Stand, wie Du selbst sagst, ein
-freies Gewerbe -- steht er mir nicht ebenso gut offen, wie Dir?«
-
-»Ich habe Dich für klüger gehalten, Cäcilie.«
-
-Sie lachte laut auf. »Ja für klug genug, um blutiges Verbandzeug zu
-waschen, aber nicht für klug genug, um selbst das Messer zu führen. Das
-ist ja die geheiligte Tradition aller Männer. Zu Handlangerdiensten ist
-die Frau gerne willkommen, aber um sie als ebenbürtige Berufsgenossin
-anzusehen, dazu lassen die Herren sich so leicht nicht herab!«
-
-Otto Ehrhardt versuchte es garnicht, seine Schwester von ihrer Ueberzeugung
-der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter abzubringen. Sie hatte noch
-niemals ihre Ansicht untergeordnet, in dieser Lebensfrage würde sie es am
-wenigsten thun. Er appellierte deßhalb nur an ihren, wie er wußte, stark
-entwickelten praktischen Sinn.
-
-»Die letzte Steuereinschätzung,« begann er langsam, »hat, wie Du
-vielleicht weißt, bei der größeren Hälfte aller Berliner Aerzte ein
-Berufseinkommen unter dreitausend Mark ergeben. Wenn die Aerzte noch ferner
-unter den äußeren Lebensbedingungen der höheren Stände weiter leben
-sollen, so darf dieses Einkommen nicht noch weiter heruntergedrückt
-werden; giebst Du das zu?«
-
-Sie kaute an ihren Nägeln und sah, ohne zu antworten, zu ihm empor.
-
-»Da Du schweigst, hoffe ich, daß Du mir zustimmst,« fuhr er fort. »Es
-bleibt mir also demnach nur noch zu sagen, daß dieser, schon jetzt mehr
-als überfüllte Beruf ruinirt wird, wenn noch die weibliche Concurrenz
-eintritt.«
-
-»Für hiesige Verhältnisse mag das zutreffen, aber Berlin ist nicht die
-Welt, es giebt andere Städte,« sagte sie kurz.
-
-»Die kleinste Stadt hat so viel Aerzte, daß jeder neue junge Concurrent
-Jahre lang ringen muß, bis er ein einigermaßen genügendes Einkommen hat.
-Sei klug Cäcilie, verschließe Dich nicht der Einsicht, daß grade
-dieser Beruf keinen neuen Zudrang von Arbeitskräften zu ertragen vermag.
-Vereinzelt mögen ja auch Frauen sich in diesem Fache durchringen, aber
-nur, wenn sie gegen die Möglichkeit des Mangels geschützt sind, nur wenn
-sie Vermögen besitzen.«
-
-»Ich ringe mich durch -- auch wenn ich keinen Pfennig hätte -- ich
-fühle den Beruf in mir, ich weiß, daß ich hervorragen kann in dieser
-Wissenschaft, ich erreiche das Ziel!«
-
-Er sah die Begeisterung, die ihr unschönes Gesicht bei diesen energischen
-Worten verklärte, aber er hatte kein Verständniß dafür. Er, für seine
-Person, empfand kein leidenschaftliches Interesse für seinen Beruf. Er
-hatte ihn ergriffen, weil es sein Vater wünschte und weil er eben auch
-keine andere lebhafte Neigung fühlte. Es lag ihm gänzlich fern, sich zu
-einer Größe darin aufschwingen zu wollen, ihm fehlte dazu der Eifer,
-wie auch die Begabung. Das einzige Ziel seiner Wünsche war eine sorglose
-behagliche Existenz, ein sicheres Auskommen -- der glühende Ehrgeiz seiner
-Schwester war ihm unverständlich.
-
-»O, hätte der Vater an mich gewendet, was er an Dich wandte -- ich wäre
-mehr geworden, wie Du.«
-
-Aus tiefstem Herzen kam ihr der Seufzer. Otto sah sie verwundert an. »Und
-ich?« fragte er. »Ich, der einzige Sohn des Medicinalrathes Ehrhardt, was
-hätte ich werden sollen?«
-
-»Handlanger -- das was ich jetzt werden soll. Ist denn der einzige Sohn
-eines Mannes besser, als desselben Mannes einzige Tochter? Ist es nicht
-denkbar, daß die Tochter für denselben Beruf begabter sein kann, wie der
-Sohn?«
-
-Otto war durchaus nicht geneigt, auf diese Frage einzugehen. Das Vorrecht
-des Sohnes vor der Tochter schien ihm so selbverständlich, so fest
-stehend, daß er darüber kein Wort, keinen Gedanken verlor. War es je
-vorgekommen, daß in einer ihm bekannten Familie die Töchter von den
-Eltern besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet worden wären, als die
-Söhne -- die Vertreter des starken Geschlechtes? Das war nie und nirgend
-gewesen, nie und nirgend würde es sein. --
-
-»Mein Gott -- ich verlange ja nicht, daß Du Diakonissin wirst,« meinte
-er ausweichend. »Es ist aber der einzige geachtete Frauenberuf, in welchem
-die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt, außerdem bietet
-er eine Altersversorgung. Oder glaubst Du etwa, daß Du jemals geheirathet
-wirst?«
-
-Sie lachte höhnisch auf. »Geheirathet? Das war wenigstens gut
-ausgedrückt, Otto. Nein lieber Bruder, ich bin häßlich, mein knochiger
-Körper wird niemals die sinnlichen Gefühle eines Mannes erregen. Niemand
-wird, um meine Reize zu besitzen, bereit sein, meinen Lebensunterhalt
-zu erwerben. Zum Glück sind meine Nerven aber auch nicht geschlechtlich
-erregbar -- ich werde nicht geheirathet werden und -- -- ich werde nicht
-lieben.«
-
-»Also -- was hast Du denn eigentlich beschlossen?«
-
-»Mich durchzuarbeiten. Ich werde Medicin studiren, werde mich auf
-die Augenheilkunde verlegen, werde in orientalischen Ländern meinen
-Wirkungskreis suchen und sicher -- ganz sicher wird meine Kraft und
-meine Begeisterung mich dahin bringen, daß ich tausende und abertausende
-mittelmäßiger Männer, träger gewissenloser Aerzte überflügeln
-werde und weit hinter mir lassen werde. Ich dem Namen Ehrhardt in der
-wissenschaftlichen Welt Glanz und Ansehen schaffen -- ich -- aber niemals
-wird Dir das gelingen.«
-
-»Und das alles mit der Hälfte eines väterlichen Erbes im Betrage von
-viertausend Mark?«
-
-»Ich weiß nicht womit, aber ich will es, und was ich will, das führe ich
-durch. Ich werde entbehren und arbeiten, aber ich werde siegen.«
-
-»Dann werde ich eben kein Specialist. Mein Gott, auf den Knieen werde ich
-Dich nicht anflehen, mir die Wege zu ebnen.«
-
-Er ging wüthend hinaus. Sie blieb zurück mit einem glücklichen, stillen
-Lächeln. Aus ihren Augen strahlte das Genie, das sich immer Bahn bricht im
-Leben. -- -- Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!
-
-
-II.
-
-Cäcilie Ehrhardt war als Zwischendeckspassagier ausgewandert.
-
-Freilich, eine fatale Woche. Sie, die sonst wenig Sinn für poetische Werke
-hatte, hielt sich in diesen zehn Tagen immer wieder das Shakespeare'sche
-Wort vor die Seele: »Die Stunde rollt auch durch den schwersten Tag.« Es
-wurde ihr Leitstern, beinahe ihr Halt dieses Wort: »Die Stunde rollt auch
-durch den schwersten Tag.«
-
-Weiber und Kinder, die viel schwächer waren wie sie, ertrugen diese
-Ueberfahrt in diesem Raume. Sie glaubte wohl etwas Besseres zu sein wie
-diese, weil sie ein höheres Streben besaß, aber gerade deßhalb hielt
-sie sich auch für berufen zu zeigen, wie man Widerwärtigkeiten und
-Unbequemlichkeiten erträgt.
-
-Die Mitreisenden schämten sich zu wimmern und zu jammern, dieser
-Frauengestalt gegenüber, die mit stiller Resignation fast heiter sich
-zwischen ihnen bewegte, zufrieden mit einem Winkel zum Ausruhen, mit einer
-Brodrinde zum Essen.
-
-Schließlich landete man in der Heimath der Freiheit, und Cäcilie Ehrhardt
-bekam Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß auch in Amerika eine hübsche
-Tochter reicher Eltern glattere Wege vor sich sieht, als eine arme geistige
-oder körperliche Arbeiterin.
-
-Sie that die nöthigen Schritte, um zum Studium zugelassen zu werden. Ein
-Beamter der Universität, ein ruhiger Geschäftsmann empfing sie.
-
-»Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf einige statistische Thatsachen
-aufmerksam zu machen, mein Fräulein,« begann er.
-
-»Ich bitte darum, Mr. Schäffer.«
-
-Er las ihr nun einen kürzlich veröffentlichten Bericht des Rectors der
-Genfer Universität vor, wonach von 215 Frauen, die Medicin studirten,
-nur 25 es bis zum practischen Arzte gebracht haben und auch von diesen nur
-wenige zu einer auskömmlichen Praxis.
-
-»Was glauben Sie wohl, mein Fräulein,« fragte Herr Schäffer, »in
-welchem Abgrunde die übrigen 195 gescheitert sind?«
-
-»In dem Abgrunde ihrer Mittelmäßigkeit,« antwortete sie kalt.
-
-Ein prüfender Blick glitt über das breite, gelbe Gesicht des häßlichen
-Mädchens. Wäre Cäcilie hübsch gewesen, so hätte der fromme Mann jetzt
-vielleicht seinen Arm um sie gelegt und gesagt: »Laß doch gut sein,
-süße Krabbe, es giebt ja noch ganz andere Wege, um zu etwas zu kommen.«
-
-Er rühmte sich mehrerer derartiger »Bekehrungen«. Aber Cäcilie Ehrhardt
-war nicht hübsch, durchaus nicht hübsch.
-
-Ein paar kluge, graue Augen funkelten hinter schwach geschliffenen
-Brillengläsern. Höchst unangenehme, scharfe, forschende Augen. -- Herr
-Schäffer fühlte gar keine Neigung, irgend eine Prüfung vor diesem Blick
-zu bestehen. In gleichgültigem Nachgeben kam er ihren Wünschen entgegen.
-
-Den Befähigungsnachweis zum Besuche der Universität bestand sie
-glänzend, so ließ man sie zu -- du lieber Gott, eine Ueberspannte,
-Emancipirte mehr als bisher. --
-
-Mit einer Arbeiterin, die Tags über in einer Fabrik Cigarren wickelte,
-miethete sich die Studentin zusammen in einer Dachkammer ein. Die
-Mitbewohnerin war nur in der Nacht da, so störte sie wenig.
-
-Cäcilie verlangte für sich das Recht, so lange, wie sie wollte, Abends
-Licht zu brennen. Da hatte die Andere nichts dagegen; sie ihrerseits
-verlangte gar nichts.
-
-Aber das war nur Schein. Schon nach wenigen Tagen brachte Henriette
-Abends einen Kameraden mit aus der Fabrik, und Beide profitirten von der
-Studirlampe der Anderen.
-
-Was das für ein Lachen und Kichern, für ein Küssen und Liebkosen war
--- gräßlich -- Cäcilie Ehrhardt wußte sich nicht anders zu helfen, als
-einen Ofenschirm neben sich zu stellen und sich so zu isoliren.
-
-Das zärtliche Liebespaar aber sah mit innigem Mitleid auf die einsam
-Arbeitende hin.
-
-Schließlich ließ Charley sich durch sein gutes Herz hinreißen, ihr ein
-höchst eigenthümliches Anerbieten zu machen.
-
-Mit Henriette im Arm stellte er sich neben Cäciliens schützende
-Schirmwand und trug ihr stockend und zagend vor, in seiner Fabrik da wäre
-ein Werkführer, der wäre Wittwer, hätte auch ein paar Kinder, aber doch
-wohl ein ganz annehmbarer Mann, der eine brave, fleißige Frau gerne nehmen
-würde. Nun könne sie, Fräulein Ehrhardt, ja am Ende keinen verliebten
-Jüngling beanspruchen, wäre vielleicht auch schon ein bischen darüber
-hinaus, aber doch -- sozusagen --
-
-Cäcilie begriff. Einen Mann -- aus Gnade und Barmherzigkeit bot man ihr,
-der Tüchtigen, Häßlichen, einen Mann an, der nicht Liebesgetändel
-suchte, sondern der eine thätige Frau brauchte!
-
-Die _erste_, vielleicht im Leben die einzige Möglichkeit für sie, den
-Beruf der Frau als Gattin und Mutter zu finden! --
-
-Die gesellschaftliche Zumuthung, daß man ihr, der Tochter des
-Medicinalrathes Erhardt anbot, einen Fabrikaufseher zu heirathen, die
-verletzte sie nicht. Was mochten die Liebesleute dem guten Manne von ihr
-vorphantasirt haben! Aber sie fühlte den Beruf zur Gattin und Mutter nicht
-in sich. -- Es ist doch auch nicht jeder Mann geeignet, Vaterpflichten zu
-übernehmen, und nicht jedes Weib für Mutterpflichten geschaffen.
-
-Sehr kurz, sehr kalt lehnte sie ab, auf's Innigste bedauert von dem jungen
-Paare, das nichts Anderes kannte, als seine Liebe.
-
-Ihr Leben war aber furchtbar hart auf diese Weise, denn in den ersten
-beiden Jahren ihres Studiums machte das Arbeitspensum, das sie zu erledigen
-hatte, es ihr unmöglich, sich irgend einen Erwerb zu suchen.
-
-Sie mußte leben wie eine Arbeiterin, schlechter wie eine solche, wenn sie
-zum Ziele kommen wollte.
-
-Henriette und Charley amüsirten sich Sonntags, aßen und tranken wie
-Kinder, die plötzlich Geld bekommen haben und nicht wissen, wo sie es
-lassen sollen. Sie sprachen täglich von ihrer Hochzeit und heiratheten
-nie.
-
-Cäcilie lebte Sonntags nicht besser wie Werktags und nahm nichts von dem
-an, was die Anderen ihr anboten.
-
-Die arme Person!
-
-Was das Leben wohl für einen Werth haben soll, wenn man es garnicht
-genießt! --
-
-So philosophirte das Liebespaar; Cäcilie aber arbeitete weiter allein,
-immer allein.
-
-An keinen Menschen in Deutschland hatte sie geschrieben, keiner an sie.
-
-Sie war wie todt für die Welt.
-
-In Universitätskreisen hatte sie auch keinen Anschluß gefunden, keinen
-gesucht.
-
-Die jungen Studenten amüsirten sich wie Kinder über die paar häßlichen
-Mädchen, die mit wahrem »Biereifer« die Vorträge nachstenographirten,
-um sie zu Hause auszuarbeiten. Cäcilie war von diesen die eifrigste. Sie
-versäumte keine Vorlesung -- sie arbeitete immer, immer.
-
-Arbeiten und darben! Für die Blüthe einer Jungfrau ist das nicht grade
-günstig.
-
-Mädchen blühen auf wie Maienrosen, tändeln, lachen und finden ihre
-letzte Entfaltung, ihr süßestes Geben erst in dem Verkehr mit dem Manne,
-in dem Widerstreben und Hinneigen seiner Werbung gegenüber und dann im
-Gewähren.
-
-Bete und arbeite! Keusche Mädchen blühen auf wie Lilien, dienen dem
-Nächsten und geben sich in süßer Schwärmerei ihrer Gottheit.
-
-Cäcilie achtete die Gottheit, soweit ihr deren Cultus vernünftig und
-zweckmäßig erschien. Sie achtete auch den Mann, wenn sie ihn streben,
-arbeiten, nützen sah, aber sie dachte nicht daran, sich selbst zu geben,
-weder Gott noch den Menschen.
-
-Wer hätte denn wohl auch den Wunsch gehabt, sie zu besitzen!
-
-Sie sah nichts vor sich, als die Nothwendigkeit, Andere bei Seite zu
-schieben, um für sich selbst Platz zu gewinnen.
-
-In der Ferne, in gar nicht allzuweiter Ferne sah sie die Möglichkeit, daß
-sie einmal nicht mehr arbeiten würde, um zu leben, sondern um zu nützen.
-Nicht sich selbst -- Andern, das war ihre Religion und ihre Liebe. Das
-richtete sie auf, wenn sie in schwachen Stunden sich fragte: Wozu? -- wozu
-dieser Kampf, diese Arbeit, dieses Entbehren? --
-
-Sie hörte auf, ein Weib zu sein und konnte doch kein Mann werden. Ein
-unhaltbares trostloses Wesen! Aeußerlich wenigstens, innerlich blieb sie
-jungfräulich keusch, nur vielleicht ein wenig zu herb. --
-
-Sie sah Andere neben sich untergehn. Mit derselben Gluth, wie sie, hatten
-sie angefangen, aber sie hatten nicht dieselbe Ausdauer gehabt.
-
-Ein Mann drängt sich in die Gedankenwelt, in das Innenleben des
-Mädchens. -- Ein kurzes Widerstreben, ein kurzes Gewähren und dann die
-Erkenntniß! --
-
-Die Erkenntniß war, wo sie auch hinblicken mochte immer das Ende des
-Genusses.
-
-Nach der Erkenntniß kam, wie bei dem ersten Menschenpaare, der ewige
-Fluch: Mit Schmerzen sollst Du ihm Kinder gebären. --
-
-Viele junge Studentinnen mußten die Universität verlassen. Sie versanken
-in einem Abgrund, dessen Tiefe dem guten Herrn Schäffer so räthselhaft
-schien.
-
-Andere verirrten sich in die Politik. »Gleichheit, Gleichheit« -- was
-sollen wir darben, wenn Andere genießen dürfen?
-
-Anstatt eine vernünftige, mit logischer Folgerichtigkeit und
-Nothwendigkeit sich vollziehende gesellschaftliche Umwälzung abzuwarten,
-stürmten und drängten sie dem Anarchismus entgegen.
-
-Sie vergaßen, daß sie doch selbst persönlich danach strebten,
-die Zugehörigkeit zu einem Stande zu erlangen, der seinerseits den
-privilegirten höheren, den sogenannten »besseren Ständen« sich
-zurechnete.
-
-Sie gingen unter -- der geheimnißvolle, unergründliche Abgrund nahm sie
-auf.
-
-Die Reihen lichteten sich, dem Ziel strebten nur noch Wenige entgegen, aber
-Cäcilie Ehrhardt war unter ihnen.
-
-Einmal fühlte sie sich krank. Der vom Vaterhause her an bessere Kost
-gewöhnte Körper versagte, als ihm bei dauernder geistiger Anspannung, bei
-nie unterbrochener Arbeit stets nur solche Speisen zugeführt wurden, die
-zu einer geeigneten Ernährung nicht ausreichend waren.
-
-Cäcilie empfand nach und nach einen kaum zu überwindenden Widerwillen
-gegen die billigen groben Nahrungsmittel, zu denen sie sich zwang, so lange
-sie von dem Gelde leben mußte, das sie nach Amerika mitgebracht hatte.
-
-Mit eiserner Willenskraft überwand sie diese Abneigung, berechnete genau,
-wieviel Eiweiß, wieviel Zucker, Stickstoff etc. ihr Körper täglich
-bedürfe, wog das Betreffende ab und schluckte es widerstrebend hinunter.
-
-Ihre Magennerven lieferten ihr bald den Beweis, daß der menschliche
-Körper keine chemische Retorte ist.
-
-Todtelend, fiebernd blieb sie eines Tages auf dem harten schmalen Bette in
-ihrer Dachkammer liegen, und die gute Henriette stand händeringend dabei.
-
-Ohne sich die Sache wissenschaftlich erklären zu können, fühlte die
-Arbeiterin heraus, daß ihr »Fräulein« sich wohl erholen würde, wenn
-sie sich einmal erlaubte, gut zu leben.
-
-Sie holte ein ordentliches Stück Braten aus einem benachbarten Restaurant
-und besorgte auch Wein.
-
-Cäcilie konnte nicht widerstehn, mit der Gier des Verhungernden griff
-sie nach den Nahrungsmitteln, deren Genuß sie an das Elternhaus, an die
-Heimath erinnerte.
-
-Und dann, als sie zum ersten Male seit langer langer Zeit mit Behagen,
-fast mit Genuß gegessen hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth -- die
-Nerven, wie sie meinte.
-
-Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit und Verlassenheit. --
-Liebe -- es gab überhaupt nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen.
-Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend, sank das starke
-Mädchen zurück auf das dürftige Bett.
-
-Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß doch das Fräulein, das
-immer so gut war und sie niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt
-bleiben möchte.
-
-Krankheit -- für den sorglos lebenden Menschen ist das oft ein Segen. --
-Die Ruhe, zu der der Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer
-Einkehr und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von leichter
-Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese Periode des Lebens, bleibt oft
-von einer Krankheit zurück.
-
-Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders dar. Die Krankheit ist
-ein Dämon, der dem Kämpfer die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos
-niederstreckt. Krank werden heißt untergehn. -- Der machtvoll vorwärts
-Strebende wird gezwungen, demüthigendes Almosen zu empfangen; die
-Ersparnisse werden verzehrt; die darauf begründeten Zukunftshoffnungen
-sind abgeschnitten. Niemand kann es dem erkrankten Armen ersparen, die
-Seinigen darben und, wenn es lange dauert, untergehn zu sehen.
-
-Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes, über den sie einst so
-unnachsichtlich hart geurtheilt hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres
-Besitzes verzehrte, so war sie verloren.
-
-Sie machte sich das klar und in unbestimmter Hoffnung auf irgend einen
-Erwerb fing sie an, besser zu leben.
-
-Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde ihr hier an diesem
-untergeordneten Punkte die Grenze der menschlichen Willenskraft klar.
-
-Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur einen Tag lag sie in dem
-ärmlichen Bette, von der Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit
-aussetzte, mit Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie
-niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht aufheben, nicht lesen,
-nicht arbeiten, nicht denken, nicht einmal schlafen. Nur liegen und
-ausruhn.
-
-»Du sollst den Feiertag heiligen!«
-
-Dieser eine Krankheitstag war für sie wie ein Feiertag, ein von der Natur
-ihr aufgezwungener Tag der Ruhe.
-
-Sie wollte keinen Sonntag, keine Erholung als nöthig anerkennen. Jetzt
-mußte sie lernen, daß der Durchschnittsmensch neben der Arbeit auch die
-Erholung haben muß, wenn er nicht zu Grunde gehn soll.
-
-Es war ein Ruhetag, ein einziger ganz vollkommener Feiertag, ohne Arbeit,
-ohne Denken, ohne Kampf.
-
-Am folgenden Tage raffte sie sich mit Gewalt wieder auf und arbeitete
-weiter.
-
-Sie bestand ihr erstes ärztliches Examen mit Auszeichnung.
-
-Aber es lag noch ein Studienjahr vor ihr, das ihr schwer werden mußte,
-weil ihre Mittel beinah zu Ende waren.
-
-Man hatte an der Universität ihr heißes ernstes Ringen erkannt. Nach
-und nach, zögernd und unwillig fingen die Professoren an, in ihr eine der
-wenigen »Gleichberechtigten«, eine Ausnahmenatur zu erkennen.
-
-Es gelang ihr, bei einem sehr gesuchten Frauenarzte täglich einige Stunden
-Beschäftigung zu finden.
-
-Das war der erste Erwerb. Vorläufig aber erlaubte sie sich noch nicht,
-daraufhin ihre Lebensweise zu ändern, denn sie hatte noch ein Examen vor
-sich und wünschte sich speciell in der Augenheilkunde auszubilden.
-
-Aber sie fühlte doch nun Boden unter ihren Füßen.
-
-Nach und nach lernte sie auch die praktischen Seiten des so heiß
-erstrebten Berufes und zugleich die socialen Unterschiede im Leben, über
-die sie noch wenig nachgedacht hatte, kennen.
-
-Der Augenarzt, bei dem sie ab und zu schon selbst operiren durfte, theilte
-ihr eines Tages in großer Aufregung mit, daß er wahrscheinlich
-am folgenden Tage die Ehre haben würde, die Tochter eines der
-Eisenbahnkönige des Landes zu operiren.
-
-Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame erfuhr Cäcilie, daß es sich um
-einen leichten Fall einseitigen Schielens handelte.
-
-Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten da für ein
-hervorragendes Vertrauen geschenkt werde, sie meinte sogar, das könnte
-jeder nahezu ausgebildete Anfänger ausführen, aber sie sollte über die
-Wichtigkeit dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden.
-
-Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus des Milliardärs trat, wurden
-sie zunächst von einer Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden
-Dame engagirt war. Dann führte man die beiden Aerzte zu der Kranken, die
-auf einem Ruhebette liegend, von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der
-Chef des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem Arzte und seiner --
-»Gehülfin« -- wie er Cäcilie nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen
-Leben und Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann wurde von der
-Kranken ein allseitiger Abschied genommen, als sollte sie zum Schaffot
-geführt werden, und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer
-Dienerin und der Nonne allein.
-
-Als dann der Schönheitsfehler des Auges thatsächlich korrigirt wurde,
-bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß, so lange wie die Narkose dauerte,
-die Hände ihres Vorgesetzten eiskalt waren, während sein Puls vor innerer
-Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts.
-
-Allerdings erhielt der Augenarzt später für die gelungene Operation ein
-kleines Vermögen, und auch Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt,
-daß sie endlich ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer für sich
-allein miethen konnte.
-
-Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren eigenen Augen. Von
-allem, was das Leben ihr auferlegte, erschien es ihr am schwersten niemals
-allein sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in sich
-selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit ihr intimstes
-persönliches Dasein vor fremden Augen führen zu müssen.
-
-Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr ein Heim, ein trauliches
-warmes Stübchen, eine eigene Lampe, ein eigenes Bett.
-
-Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie diese selbsterworbene
-Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen selbstverständlich erschien, fast
-wie Luxus.
-
-Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt zum ersten Male in der
-Nähe sah, machte gleichfalls einen tiefen Eindruck auf ihren scharf
-beobachtenden, stets nach Erkenntniß strebenden Geist.
-
-Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch einige Male zu der
-Reconvalescentin. Die große Zahl wenig beschäftigter Dienstboten, die sie
-in diesem Hause bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen.
-
-Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte einer Anzahl Menschen
-zu miethen, zu bezahlen und dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser
-reiche Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der Umsatz des Geldes
-jeder Zeit berechtigt ist, aber sie hielt es für einen unberechtigten
-Eingriff in die Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit
-verloren ging; sie sah darin einen moralischen Defect, der als bleibender
-Nachtheil diese vielen Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten
-Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung des Hauses
-gewährte ihr dagegen eine unbefangene Freude. Sie empfand es angenehm, die
-harmonischen Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten. Der
-Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die weichen Teppiche, die Bilder,
-die Bronzen, diese ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche
-Glück zu vervollkommnen.
-
-Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung befindlichen Tochter
-dieses Hauses nicht tauschen mögen.
-
-Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein Streben, das Glück des schwer
-errungenen Erfolges war ihr fremd.
-
-Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens Begriffen todte Pracht,
-ein Luxus, der keinem Bedürfnisse diente, der entbehrlich war, manchem
-Temperament vielleicht sogar lästig.
-
-Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur darauf warteten einen
-Befehl auszuführen, einem Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen
-der Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu beschäftigen.
-
-Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen nach dem Befinden, dieses
-Studium der Speisen und Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle
-am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die gewohnt war das Essen
-als eine menschliche Unvollkommenheit der man leider genügen müsse, zu
-betrachten. Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte sich das ruhige,
-kalt denkende Mädchen auch der größten Pracht und dem ausgesuchtesten
-Raffinement gegenüber nicht.
-
-Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand des Studiums, weiter
-nichts. --
-
-Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen, was die Anderen genossen,
-war ihrer Seele fremd. Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in
-einem Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer Uebergangszeit
-befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt hatte, und zweifelte nicht daran,
-daß auch für sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe nach
-situirt sein würde.
-
-Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth derjenigen, die nicht das
-leisteten und wußten, was sie sich in bitteren Kämpfen errungen hatte.
-
-Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen Kampfe um das nackte Leben,
-sie beobachtete mit voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden
-unter den Armen.
-
-Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden mehrere an den Augen Verletzte
-in die Klinik, an der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines
-Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt. Zerfetzt, entzündet,
-von Ruß und Qualm beschmutzt, hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln.
-
-Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich schon eine ziemlich
-selbständige Stellung errungen hatte, griff nach der Chloroformflasche, um
-den Verletzten zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte.
-
-Da wurde ihr das Medicament weggenommen und eine ärgerliche Stimme sagte:
-»Na Fräulein, Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.« --
-
-Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker war kein Arbeiter,
-für den natürlich jede Hülfeleistung bezahlt worden wäre, sondern ein
-unbekannter Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert
-hatte.
-
-Und wie litt dieser Mensch! -- Es war kaum anzusehen. --
-
-Da wurde in ihr der Entschluß fest, groß, berühmt und reich zu werden,
-um den Aermsten und Elendesten in ihrer Noth helfen zu können.
-
-Die Liebe blieb ihr fern in jeder Gestalt. Als sie die erste zögernde
-Anerkennung ihrer operativen Geschicklichkeit, die erste staunende
-Bewunderung ihrer sicheren Diagnose erfuhr, wurde ihr die
-rücksichtsvollste Achtung der Männer zu Theil. Sie hätte vielleicht
-jetzt noch einmal Gelegenheit finden können zu heirathen, so wie im
-Anfange ihrer Laufbahn, als der Cigarrenarbeiter für seinen Kameraden um
-sie warb.
-
-Aber sie dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Die Männer waren ihr so
-uninteressant, so gleichgültig. -- Die Collegen interessirten sie wohl als
-solche, aber nicht als Männer, keinen Gedanken hatte sie dafür übrig.
-
-So erwarb sie sich nach und nach einen geachteten Namen und ein weit über
-ihre Bedürfnisse hinaus gehendes Einkommen.
-
-Ob sie glücklich dabei war oder nicht, wußte niemand zu sagen, denn
-niemals sprach sie von sich selbst, sie hatte überhaupt gar keine
-Privatangelegenheiten.
-
-
-III.
-
-Otto Ehrhardt hatte bald nach Cäciliens Abreise das Diakonissenhaus, an
-dem er angestellt war, verlassen.
-
-Er bildete sich ein, die Oberin hätte die ihm vorgesetzten Aerzte gegen
-ihn eingenommen, aus Empfindlichkeit darüber, daß er ihrer Aufforderung
-nicht nachgekommen war und ihr seine Schwester Cäcilie nicht zugeführt
-hatte.
-
-In Wirklichkeit lag der Gräfin eine solche kleinliche Uebelnehmerei fern.
-Sie dachte gar nicht mehr an Cäcilie Ehrhardt, die sie niemals gesehen
-hatte, aber sie behandelte Otto geringschätzig, weil es ihrem scharfen
-erfahrenen Blicke nicht entging, daß der junge Mann für seinen Beruf
-nicht begabt war und auch kein intensives Streben besaß.
-
-Er witterte überall Intriguen, nahm es furchtbar übel, wenn bei einer
-wichtigen Operation ein jüngerer Assistent herangezogen wurde und
-versäumte dann aus Empfindlichkeit, wenigstens zuzusehen, um sich zu
-belehren. Eine gewisse natürliche Trägheit hinderte ihn, seine Studien
-fortzusetzen und sich den täglichen Fortschritten seiner Wissenschaft
-anzuschließen.
-
-So suchte ihn niemand zu halten, als er ging. Er miethete sich zwei
-hübsche Zimmer, annoncirte in den Zeitungen und verdiente am Ende so viel
-in seinen Sprechstunden, wie seine Garderobe ihn kostete. Mehr aber nicht.
-
-Keine einzige angesehene und zahlungsfähige Familie kam auf den Gedanken,
-ihn zum Hausarzt zu wählen. Er fing schließlich an, die Zeitungen
-durchzusuchen nach Annoncen, in denen Aerzte gesucht wurden, denen eine
-bestimmte Einnahme von vornherein zugesagt wurde. Er meldete sich überall,
-bekam auch oft Antwort, stets aber wünschte man -- gewissermaßen als
-Zeugniß -- ein empfehlendes Schreiben seiner früheren Vorgesetzten.
-Schließlich bemühte er sich um ein solches, aber es fiel so kühl und
-nichtssagend aus, daß es ihm wenig half.
-
-Mehr und mehr schmolz die kleine Summe zusammen, die ihn erhielt. Er sagte
-sich, daß die Berliner Wohnung ein zu großer Luxus für ihn sei, und ins
-Blaue hinein fuhr er nach einer kleinen Stadt, miethete sich im Hotel ein
-und annoncirte in der Zeitung.
-
-Es kamen arme Leute zu ihm und wollten Medicin kaufen; man hielt ihn
-nach diesem Vorgehen nicht für einen richtigen Arzt, sondern für einen
-Verkäufer irgend welcher Geheimmittel. Die Aerzte in der Stadt, denen er
-seine Visite machte, erwiderten den Besuch nicht. Er fühlte, daß er nach
-diesem Anfang im Orte unmöglich sei. Nach acht Tagen kam kein Mensch mehr
-zu ihm.
-
-Kurz entschlossen setzte er sich ins Eisenbahncoupee und fuhr nach dem
-Rhein. In einer mittleren Stadt miethete er eine Wohnung, meldete sich
-ordnungsmäßig auf der Polizei an und annoncirte dann erst in der Zeitung.
-Man erwiderte seine Besuche. Ab und zu holte man ihn zu einem Kranken.
-
-Hätte er diesen Weg doch gleich eingeschlagen, als er noch zweitausend
-Mark besaß! Bis die verbraucht waren, hätte er sich hier durchgearbeitet.
-Schon jetzt, nach zwei Monaten verdiente er etwas, aber ach, das
-väterliche Erbe war verbraucht, er stand vor dem Nichts.
-
-Manchmal bezahlte man ihm eine Bemühung in der Sprechstunde oder einen
-Besuch, dann konnte er für einige Tage sein Mittagessen bezahlen, und der
-Wirth borgte wieder weiter. Jede kleine Einnahme legte er bei Seite, um
-am Anfang des Monats die Miethe entrichten zu können. Als dann aber der
-Zahlungstag kam, hatte er nur die Hälfte der erforderlichen Summe.
-
-Der Hauswirth war gutmüthig, er versprach zu warten, er erbot sich sogar,
-seinen Miether bei seinen Bekannten zu empfehlen.
-
-Wirklich brachte diese Empfehlung ihm Nutzen, er wurde zu einer schweren
-Entbindung gerufen, bei der außer ihm noch ein anderer Arzt zugegen war.
-
-Drei Tage später war die Wöchnerin todt, das neugeborene Kind folgte ihr
-nach, und kein Mensch in der Stadt schob die Schuld auf den einheimischen
-Hausarzt der Familie, sondern jeder sah darin einen Beweis der
-Untüchtigkeit des unglücklichen Fremden.
-
-Der arme Ehrhardt konnte im Grunde genommen garnichts dafür. Eine Reihe
-unglücklicher Zufälle war zusammengetroffen; sein Hauswirth aber, außer
-sich darüber, daß er einen solchen Mann empfohlen hatte, kündigte seinem
-Miether zum nächsten Termin.
-
-Leerer und leerer wurde das Wartezimmer während der Sprechzeit. Ehrhardt
-verkaufte seine Uhr, um seine Miethe bezahlen zu können, als er auszog.
-
-Seinen Wohnungswechsel zeigte er in der Zeitung an und seinen Mittagstisch
-suchte er in der Nähe der neuen Wohnung. Der Restaurateur, bei dem er
-früher gegessen hatte, borgte nicht mehr.
-
-Wenn er doch jetzt in Berlin gewesen wäre, er hätte vielleicht in ein
-Hospital eintreten können, oder bei einem Professor. Wenigstens hätte er
-doch einige Bekannte gehabt, die ihm vielleicht etwas geborgt hätten, aber
-hier kannte er niemanden, alle Thüren blieben für ihn verschlossen.
-
-Es wurde Winter. Die Wirthin, bei der er jetzt wohnte, verlangte Vorschuß
-für Kohlen, sonst weigerte sie sich, sein Zimmer zu heizen. Er konnte doch
-seine Kranken nicht im Kalten empfangen und untersuchen; so verkaufte
-er denn, was er entbehren konnte an Wäsche und Kleidungsstücken, und
-bezahlte Miethe und Kohlen.
-
-Ein Arbeiter, dem er einen Armbruch behandelt hatte, war ihm noch die
-Bezahlung schuldig. Er ging hin, fand den Mann im Bette und in der
-Behandlung eines anderen Arztes. Er hatte seinen Arm zu früh wieder
-gebraucht, die üblen Folgen davon aber schob er auf Doctor Ehrhardts
-falsche Behandlung, und die Frau wies diesem schimpfend die Thür.
-
-Wenn er etwas haben wolle, sollte er sie nur verklagen, der Doctor Brauer,
-den man jetzt hätte, der würde schon bezeugen, wie viel Schaden die Fehler
-der ersten ärztlichen Behandlung ihrem Manne gethan hätten.
-
-Ehrhardt war nicht in der Stimmung, irgend einen Menschen zu verklagen.
-Er lebte jetzt von der Hand in den Mund. Sein einziger Wunsch war, daß
-er früh in der Sprechstunde eine Mark einnähme, um mit der Hälfte davon
-sein Essen zu bezahlen und die andere in seine Wohnungskasse zu legen.
-
-Im Januar bekam er einen Steuerzettel, er sollte angeben, wie viel die
-Ausübung seines Berufes einbrächte, um nach Maaßgabe dieser Schätzung
-zu den gesetzlichen Abgaben herangezogen zu werden.
-
-Zuweilen dachte er an seine Schwester Cäcilie. Das freie Gewerbe, bei
-dessen Ausübung er beinah verhungerte, hatte sie so unwiderstehlich
-angezogen und gereizt. Sie sah in der Zulassung zu dieser Thätigkeit ein
-geistiges Ideal. Wie fern war doch für ihn die Wirklichkeit von diesen
-phantastischen Mädchenträumen geblieben. Aber Cäcilie war ein Weib, wenn
-sie in Noth kam, so blieb ihr noch immer der Beruf einer Pflegerin, der ihr
-jede Stunde ein sicheres Brod geben konnte -- er dagegen, er konnte doch
-nicht hingehen und Arbeiter werden.
-
-Er beneidete die Bergleute, die er früh nach ihren Schächten gehen
-sah. Sie hatten alle ihr sicheres Auskommen. Keiner hatte eine geringere
-Einnahme als drei Mark jeden Tag.
-
-Er hatte dagegen momentan nichts. Wohl sagte er sich, daß es mit der Zeit
-wieder anders und besser werden würde; nach und nach würde er bekannt
-werden und eine Stellung erringen, genau so wie alle seine Collegen am Ort.
-Er mußte nur warten -- aber er konnte nicht warten. Man muß doch leben,
-während man wartet, und er hatte nichts, wovon er hätte leben können.
-
-Die Redaction einer medicinischen Zeitschrift schickte ihm eine
-Abonnementseinladung und ein Probeheft ihres Blattes. Mechanisch las er
-es durch. Unter den Notizen am Schluß fand er die Nachricht, daß Dr.
-Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende junge Aerztin, nach
-mehreren glänzend ausgeführten Operationen an der großen Augen-Klinik
-der Universität Boston mit festem Gehalt als Assistentin angestellt sei.
-
-Das Blatt fügte noch hinzu, daß diese Anstellung der Dame Zeit genug
-lasse, ihre schon jetzt bedeutende Privatpraxis ausüben zu können.
-
-Cäcilie! Also wirklich, sie hatte sich durchgearbeitet und hatte studirt
-mit derselben Summe, die ihm zugefallen war, als seine Studien vollendet
-waren und er sich nur noch eine Praxis zu suchen brauchte.
-
-War es nicht eigentlich eine Schmach, daß er sich jetzt hinsetzte, um an
-sie zu schreiben und sie um Unterstützung zu bitten?
-
-Zum Teufel auch, daran war er doch nicht schuld! Cäcilie wußte ja auch,
-daß in Deutschland der Beruf überfüllt war. Sie sollte ihm Reisegeld
-schicken, vielleicht fand sich auch für ihn in Amerika noch ein
-Wirkungskreis, der nur auf ihn harrte.
-
-Rasch entschlossen schrieb er den Brief, gar nicht sehr sentimental, eher
-mit einem bitteren Humor gewürzt und schickte ihn ab.
-
-Er überlegte, daß bis zum Eintreffen der Antwort aus Amerika mindestens
-drei Wochen vergehen würden, selbst wenn die Schwester sofort antwortete
-und sofort half.
-
-Drei Wochen -- wie sollte er leben, wie sollte er drei Wochen noch warten!
-Er besaß nichts mehr, es gab keinen Ausweg mehr als den, sich an die
-öffentliche Wohlthätigkeit zu wenden. Es gab doch Kassen, die dazu
-da waren, einen vollständig verarmten Menschen vor dem Hungertode zu
-schützen.
-
-Mechanisch griff er noch einmal nach dem Zeitungsblatt, das die Notiz
-über Cäcilie enthielt. Ihr ging es also gut, nach deutschen Begriffen
-vielleicht glänzend und er -- er wollte jetzt betteln.
-
-Er sagte das Wort ganz laut vor sich hin, um sich an den Klang zu
-gewöhnen: -- »Betteln, betteln.« --
-
-Ein letzter innerer Kampf tobte durch seine Seele. Der ganze Hochmuth
-seines Wesens, die ganzen Prinzipien seiner Erziehung empörten sich in
-ihm, aber die Ueberlegung siegte, es blieb ihm nichts anderes übrig
--- -- doch -- eine Rettung -- fast wäre er im Gebet niedergesunken vor
-Dankbarkeit und Freude über diesen Gedanken.
-
-Er brauchte nicht zu betteln, noch nicht. -- Es war ja doch möglich,
-daß ein College ihm auf diese Zeitungsnotiz hin eine kleine Summe
-leihen würde, wenn er nachwies, daß er sich um Unterstützung an die
-zahlungsfähige Schwester gewendet hatte.
-
-Beinah leichten Herzens ging er aus, um diese Hilfe zu suchen.
-
-Bald darauf stand er vor dem städtischen Kreisphysikus und trug diesem
-sein Anliegen vor.
-
-Der ältere College war ein wohlwollender Mann, der in auskömmlichen
-Verhältnissen lebte. Er hatte aber zahlreiche Kinder, so daß er von
-seinen Einnahmen nichts übrig hatte. Grade in der letzten Zeit hatte er
-allerlei unvorhergesehene Ausgaben gehabt und so gern wie er der Noth des
-jungen Mannes abgeholfen hätte, sah er sich doch dazu nicht im Stande.
-
-Es war ein entsetzlich peinlicher Augenblick für den Bittenden, das
-kühle ablehnende Achselzucken hinnehmen zu müssen, mit dem der vorsichtige
-Familienvater es ablehnte, sein Geld auf eine so unsichere Chance wie diese
-amerikanische Unterstützung hin, auszuleihen.
-
-Als Otto Ehrhardt wieder auf der Straße stand, ohne einen Pfennig erhalten
-zu haben, sagte er, fast ohne es zu wissen, wieder das furchtbare Wort vor
-sich hin: »Betteln -- betteln« --
-
-Dann ging er weiter. Er suchte jetzt einen unverheiratheten Arzt auf, der
-gleichfalls für bequem situirt galt. Als er sein Anliegen vorgetragen
-hatte, lachte der etwas cynisch angelegte Junggeselle laut auf.
-
-»Was -- auf einen weiblichen Concurrenten hin soll ich Ihnen Kredit
-geben?«
-
-»Wie denn nun, wenn Fräulein Doctor Cäcilie als echtes Weib es vorzieht,
-ihre Honorare in Toiletten und Brillanten anzulegen? Glauben Sie denn
-wirklich, bester Ehrhardt, daß diese europamüde junge Dame sich für
-Geld und gute Worte einen Bruder zu ihrem Schutze verschreiben wird,
-der« -- --
-
-»Sie kann doch ihren Bruder nicht verhungern lassen« --
-
-Fast schluchzend unterbrach der Unglückliche die lebhafte Rede des als
-Weiberfeind bekannten Collegen. Er wußte ja ganz genau, daß Dr. Brauer
-die weiblichen Aerzte als Halbverrückte verachtete -- aber darauf kam es
-doch in diesem Augenblicke nicht an, wenn er nur gab -- gab -- --
-
-Ganz verblüfft starrte Brauer seinen Besuch an. »Aber, Herr College --
-verhungern, was für ein Ausdruck, wahrhaftig« --
-
-Er lachte gezwungen, aber es wurde ihm äußerst unbehaglich, als er den
-verzweifelten Ausdruck in dem bleichen Gesichte des Anderen sah.
-
-»Wenn ich noch einen Groschen hätte, so würde ich nicht« -- er
-stockte, und dann mit grellem Lachen, auf einmal stieß er das Wort aus.
-»Betteln,« er schrie es förmlich dem Arzte in die Ohren: »betteln,
-betteln«; es war ihm wie eine Erleichterung in seiner Folterqual, als er
-es selbst hörte, dieses harte, entsetzliche Wort. --
-
-Er -- bettelte.
-
-Dr. Brauer war außerordentlich unangenehm berührt. Eigentlich hatte er
-dem Collegen sagen wollen, was schon der Kreisphysikus gesagt hatte,
-daß man etwas für ihn thun werde, ihm Beschäftigung verschaffen, sich
-erkundigen, über die Sache sprechen, aber jetzt -- der Mensch machte ihm
-ja eine Scene, er bettelte ihn an, da war alles collegiale Entgegenkommen
-unmöglich -- und wie er aussah, wie ein Irrsinniger, man konnte ihn
-vielleicht gar nicht beschäftigen. -- Dr. Brauer empfand nur noch den
-lebhaften Wunsch, den lästigen Besucher los zu werden.
-
-»Nun, ich will Ihnen wünschen, daß Ihr Fräulein Schwester Sie aus der
-Verlegenheit rettet, in der Sie sich befinden,« sagte er. Dann schloß er
-sein Pult auf, nahm Geld heraus und drückte Ehrhardt zwei Goldstücke in
-die Hand.
-
-Ohne danken zu können, wie ein Betrunkener taumelte der Beschenkte aus dem
-Zimmer. Er fühlte, daß Thränen ihm heiß in die Augen traten, Brust
-und Hals waren ihm wie zugeschnürt. Erst auf der Straße fand er seine
-Besinnung wieder. In seiner krampfhaft geschlossenen Hand befand sich ja
-Geld, nun konnte er warten -- auf Rettung, auf Erlösung warten.
-
-Er war in der nächsten Zeit nicht im Stande, sich mit irgend etwas zu
-beschäftigen. Er wartete nur, zählte täglich, stündlich, wie viel Geld
-er noch hatte, berechnete, wie weit es noch reichen würde und wartete im
-Uebrigen mit unermüdlicher Geduld.
-
-Es war doch ganz unmöglich, daß die auf Cäcilie gesetzte Hoffnung ihn
-täuschen sollte. Er erinnerte sich an die gemeinsam mit der Schwester
-verlebte Kindheit im Elternhause. Gutmüthig war Cäcilie nie gewesen, aber
-sie hatte ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. Wer ganz elend und
-hülflos war, dem strebte sie zu helfen, ohne auf die Schuldfrage des
-Unglücklichen einzugehn.
-
-Nun erfuhr sie, daß er ganz arm, ganz elend war. Nach seinem Verschulden
-würde sie sich vielleicht später erkundigen, aber zunächst würde sie
-helfen. Immer fester redete er sich das ein, immer gewisser rechnete er
-darauf.
-
-So verging die Zeit, und das Darlehn des Dr. Brauer schmolz zusammen.
-
-Schließlich erkannte der Wartende, daß er, selbst wenn er nur noch von
-Brod lebte, doch höchstens noch fünf Tage warten könne.
-
-Auf der Post kannten ihn schon alle Beamten. In Zwischenräumen von wenigen
-Stunden kam er täglich mehrmals, um zu fragen, ob kein Brief für ihn da
-sei.
-
-Er klammerte sich an die letzte Hoffnung des Lebens, er wollte nicht
-untergehn.
-
-Und dann kam der Tag, an dem die letzte Brodrinde verzehrt, der letzte
-Pfennig verausgabt war. Er hatte mehrmals an Cäcilie geschrieben, sie
-hätte längst antworten können, wenn sie seine Briefe erhalten hätte.
-
-Aus der Zeitungsnotiz, die ihm Kunde von der Schwester gebracht hatte,
-ging nur sehr ungenau deren Adresse hervor. Er hatte bei der Redaction
-angefragt, man hatte ihm Auskunft versprochen, aber diese Auskunft war noch
-nicht eingetroffen. Und jetzt war das Ende da, er stand vor dem Nichts. --
-
-In dumpfer Verzweiflung saß er in seinem Sprechzimmer und wartete auf den
-Postboten. Auf Patienten zu warten, hatte er längst aufgegeben.
-
-Es war aus mit ihm, er mußte es fassen, wenn er auch das Leben liebte,
-sich mit der ganzen Kraft seiner Jugend an das Leben zu klammern suchte, es
-war doch aus, da war nichts mehr zu machen.
-
-Aber hier, in der unbehaglichen kalten Stube konnte er nicht bleiben. Er
-wollte sein Ende suchen, aber doch nicht hier.
-
-Ein Verlangen nach frischer Luft, nach der weiten freien Natur erfüllte
-ihn plötzlich. So erhob er sich, setzte seinen Hut auf und ging hinaus.
-Er besaß schon lange keinen Ueberzieher mehr, und dabei war es empfindlich
-kalt. So schritt er rasch vorwärts aus der Stadt hinaus, immer weiter
-ins Freie. Die starke Bewegung machte ihn warm. Er ging durch einen vom
-Rauhfrost glitzernden Forst. Es war eine Stille unter den weißen Bäumen,
-wie tief in der Nacht. Die Sonne schimmerte und sprühte in all den
-feenhaften Gebilden, die den Wald erfüllten. Da hing ein Spinnennetz
-zwischen den Zweigen; wie aus leuchtenden Seidenfäden schien es gestickt,
-mit Brillantstaub bestreut. Alle Contouren waren gröber als sonst und
-dadurch erst voll erkennbar in der wunderbaren Schönheit ihrer Linien.
-Und keiner Linie konnte man folgen; das Funkeln und Leuchten der weißen
-glitzernden Crystalle that den Augen weh, verwirrte und blendete wie die
-nackte Schönheit eines menschlichen Leibes.
-
-Als es dunkel wurde, kehrte er langsam zurück in die Stadt. Der lange
-Spaziergang in der frischen Winterluft hatte ihn hungrig gemacht, der kurze
-Tag ging zu Ende, man zündete in den Straßen die Laternen an. Ehrhardt
-erinnerte sich, daß er heute überhaupt noch nichts gegessen hatte. Er
-besaß kein Geld mehr, zum ersten Male stand er vor dem Hunger.
-
-Er hatte nichts mehr, was er versetzen, was er entbehren konnte. Nichts
--- -- er besann sich, doch, ein weiches seidenes Halstuch. Er hielt
-darauf, weil er sehr empfindlich gegen Wind war, aber der Hunger fiel ihn
-an wie ein Fieber. Er war ja doch ein Bettler, wozu brauchte er da noch
-einen Luxusgegenstand, ein Stück, das geradezu elegant war!
-
-Rasch entschlossen trat er in einen kleinen Laden und verkaufte für zwei
-Mark das Tuch, welches das Sechsfache gekostet hatte.
-
-Nun hätte er essen können; aber wie er aus dem engen heißen Laden des
-Althändlers herauskam, traf ein scharfer Windstoß seinen Nacken, dem das
-warme Tuch fehlte, so daß die Kälte ihn durchschauerte bis ins Mark.
-
-Einige Arbeiter kamen sichtlich heiter mit tief gerötheten Gesichtern aus
-einem Keller, an dem er vorbeiging. Heiße mit Spiritusgeruch erfüllte
-Luft strömte aus der Thür, die sie hinter sich schlossen.
-
-Ein Schüttelfrost, der die Glieder des Arztes erfaßte, zwang ihn, in die
-Destillation einzutreten. Man gab ihm ein Glas Schnaps, so groß wie er es
-noch nie getrunken hatte; es war dabei so lächerlich billig, daß er sich
-versucht fühlte, ein Trinkgeld zu geben; aber er sah noch rechtzeitig,
-daß niemand das that und unterließ es.
-
-Der Schnaps erwärmte ihn und beseitigte das Gefühl des Hungers. Er
-überlegte, daß er ja nun das Geld, mit dem er seinen Hunger hatte stillen
-wollen, anderweitig verwenden könnte. Rasch entschlossen trat er in eine
-Apotheke und kaufte ein Medicament.
-
-Es blieben ihm noch einige kleine Münzen, die er krampfhaft in der Hand
-hielt.
-
-Halb bewußtlos kehrte er in die Destille zurück und forderte noch einmal
-Schnaps. Er trank, bis der letzte Groschen, den er in der Hand hielt,
-vertrunken war.
-
-Dann besaß er noch Klarheit genug, um sich zu sagen, daß er, ohne die
-Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken, nach seiner Wohnung gelangen
-müßte.
-
-Er ging scheinbar energisch und sicher geradeaus.
-
-Zuweilen hatte er aber das Gefühl, als weiche der Boden unter seinen
-Füßen zurück, so daß er in tiefe Löcher treten müßte. Dann hielt
-er sich ängstlich an der Mauer fest, wartete einen Augenblick und hastete
-weiter.
-
-Die Vorübergehenden sahen sich zuweilen nach ihm um, dann empfand er etwas
-wie Furcht und strebte weiter.
-
-So gelangte er schließlich in seine Wohnung. An der Schwelle seines
-dürftigen Zimmers empfing ihn seine Wirthin, die Wittwe Lorbeer.
-
-»Morgen ist der Erste, Herr Doctor. Da man von Ihnen doch wohl keine
-Miethe mehr bekommen wird, so habe ich die Wohnung an einen anderen Herrn
-vermiethet, das wollte ich Ihnen nur sagen, Herr Doctor.«
-
-Otto Ehrhardt lachte. »So, so! Sie haben schon wieder vermiethet? Nun, das
-freut mich,« sagte er.
-
-Die Frau starrte ihn ganz entsetzt an. »Herr Du meines Lebens, nun
-betrinkt sich der Mensch wohl noch gar,« zeterte sie. »Morgen Mittag um
-zwölf muß die Stube geräumt sein, ich will anständige Miether haben.
-Mit Leuten, die sich betrinken, habe ich nichts zu thun, das merken Sie
-sich.«
-
-Er steckte die Hände in die Taschen und stellte sich behaglich lachend vor
-das erboste Weib. »Ja, sehn Sie mal Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache,«
-begann er -- »so gewissermaßen ein Wettlauf« -- »Schlafen Sie Ihren
-Rausch aus und dann packen Sie sich,« schrie die Wittwe.
-
-Der grelle Ton, der Anblick des Zimmers, in dem er alle Qualen des
-hoffnungslosen Wartens durchlebt hatte, ernüchterten ihn plötzlich.
-
-»Ich bin nicht betrunken,« sagte er leise.
-
-Die Frau sah ihn mißtrauisch an und schwieg.
-
-»Also, wie Sie wollen, ich zieh' morgen aus, wenn Sie Unkosten davon haben
-sollten, so wenden Sie sich an meine Schwester, das wollte ich Ihnen noch
-sagen.«
-
-Die Wirthsfrau wurde aufmerksam.
-
-»Ach, die Frau Schwester will wohl etwas für Sie thun, Herr Doctor? Warum
-haben Sie mir denn nicht gesagt, daß Sie noch Verwandte haben?«
-
-»Hier ist die Adresse meiner Schwester.«
-
-Er reichte der Frau ein Blatt Papier und sank müde auf einen Stuhl.
-
-»Ich kann's nicht lesen ohne Brille, aber sagen Sie mir doch, wo Ihre
-Schwester lebt -- und was ist denn der Herr Schwager, wenn man fragen
-darf?«
-
-Er achtete nicht auf die Fragen der Frau. Mit halbgeschlossenen Augen
-lehnte er sich hintenüber und sprach leise und eintönig vor sich hin.
-
-»Der Vater stirbt, und die Kinder müssen den Kampf mit dem Leben
-aufnehmen. Beide haben die gleichen, dürftigen Mittel, womit sie
-durchkommen sollen. Der Mann hat einen Vorsprung, einen bedeutenden
-Vorsprung.
-
-Der Kampf beginnt -- aber die Kraft und den Muth und die Ausdauer hat das
-Weib. Der Vorsprung nützt dem Manne nichts -- sie überholt ihn doch.
-
-Sie siegt -- sie siegt, sie erreicht das Ziel. Als ein Bettler sinkt ihr
-der Bruder zu Füßen und fleht um Erbarmen. Sie aber, die Schwester,
-das siegreiche, emancipirte Mannweib, stößt den Flehenden von sich. Er
-stürzt, und über seine Leiche schreitet die -- -- die Concurrentin,
-Fräulein Doctor Cäcilie Erhardt.«
-
-Er schwieg. Frau Lorbeer aber war felsenfest überzeugt, daß ihr
-Zimmerherr trotz seiner gegentheiligen Behauptung betrunken sei.
-
-Das, was er da erzählt hatte, war doch keine vernünftige Auskunft über
-eine, möglicherweise zahlungsfähige Verwandtschaft.
-
-Kopfschüttelnd verließ die Vermietherin das Zimmer. Es gereichte ihr aber
-zur großen Beruhigung, daß sie bald darauf hörte, wie Otto Ehrhardt zu
-Bett ging. Ein Blick auf die Thürritze überzeugte sie auch, daß er das
-Licht ausgelöscht hatte.
-
-Am anderen Morgen wunderte sie sich durchaus nicht, daß er bis in den
-hellen Tag hinein schlief. Sie wußte ja, daß er am Abend vorher ein Glas
-über den Durst getrunken hatte.
-
-Gegen Mittag erschien der Geldbriefträger und verlangte Herrn Dr. Erhardt
-zu sprechen.
-
-Die Lorbeer entschloß sich nun, ihren Miether zu wecken. Alles Klopfen und
-Pochen an der Thür war jedoch vergeblich. Zweifelnd sahen die Frau und der
-Beamte sich an.
-
-»Was meinen Sie, Lorbeern, das Zimmerschloß ist nicht viel werth?«
-
-»In Gottes Namen, drücken Sie's ein, er hat mir ja gesagt, daß seine
-Schwester die Kosten bezahlt, wenn was nöthig sein sollte,« sagte die
-Frau.
-
-»Na, dann wird das wohl die Schwester sein, die das Geld schickt,«
-meinte der Briefbote, »seh'n Sie mal, das kommt hier nämlich aus Amerika,
-vierhundert Mark -- was sagen Sie dazu, Lorbeern?«
-
-»Schnell, brechen Sie die Thür auf, ich weiß, wie nöthig er es braucht,
-wird das eine Freude sein!«
-
-Mit einem einzigen Druck sprengte der Briefträger den schwachen
-Thürriegel.
-
-Frau Lorbeer stürzte auf das Bett ihres Zimmerherrn los, fuhr aber mit
-einem gellenden Aufschrei zurück.
-
-Bläulich geschwollen und entstellt lag da eine Leiche, die alle Spuren
-einer Vergiftung aufwies. --
-
-Die an den Todten adressirte Geldsumme wurde von den Collegen desselben zur
-Beerdigung verwendet. Als Absenderin auf dem Postabschnitt aber lasen die
-Herren einen Namen, der ihnen bis dahin unbekannt geblieben war. Nur Doctor
-Brauer wußte eine Erklärung darüber zu geben. Der Name lautete: »Doctor
-Cäcilie Erhardt. Boston -- Amerika.«
-
-
-_Ende!_
-
-
-Druck von A. Klarbaum, Berlin SO. 26.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Der Schmutztitel "Morphium" wurde an den Beginn des ersten Kapitels
-verschoben. Das Inhaltsverzeichnis und das Portrait der Autorin, die
-im Original hinter dem Schmutztitel stehen, wurden hinter die Titelseite
-verschoben.
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Darstellung abweichender
-Schriftarten: _gesperrt_. Römische Zahlen sowie der Titel "Dr.", die
-abweichend in Antiqua gesetzt sind, wurden in der Transkription nicht
-gesondert gekennzeichnet.
-
-Das schließende Komma in wörtlicher Rede wurde einheitlich an die
-Position vor dem Abführungszeichen gebracht.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Brod"
--- "Brot", "danach" -- "darnach, "Doctor" -- "Doktor", "erwiderte" --
-"erwiederte", "gerade" -- "grade", "tödlich" -- "tödtlich" -- "tötlich",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- im Inhaltsverzeichnis:
- "150" geändert in "159"
- (Doctor Cäcilie......159)
-
- Seite 3:
- "Freidhofes" geändert in "Friedhofes"
- (um die Abfälle des Friedhofes dahin zu bringen)
-
- Seite 5:
- "»" eingefügt
- (»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen Moden,«)
-
- Seite 5:
- "nneigennütziger" geändert in "uneigennütziger"
- (In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige Leiter)
-
- Seite 12:
- "sie" geändert in "Sie"
- (so wissen Sie auch, daß die Koketterie)
-
- Seite 12:
- "Ihrer" geändert in "ihrer"
- (Nur Verurtheilung ihrer Leidenschaft)
-
- Seite 13:
- "«" eingefügt
- (der jedes Laster fremd wäre.«)
-
- Seite 13:
- "," eingefügt
- (unter der Haut wie Sand, ein angstvolles Unbehagen)
-
- Seite 14:
- "«" eingefügt
- ( es wird mir schon wieder wohl -- sehr wohl. --«)
-
- Seite 14:
- "Genußes" geändert in "Genusses"
- (die Steigerung des Genusses! --)
-
- Seite 14:
- "»" eingefügt
- (»Ein Buch?« -- Sie nahm alle Willenskraft zusammen)
-
- Seite 14:
- "Leidens genossen" geändert in "Leidensgenossen"
- (mit all ihren Leidensgenossen theilte)
-
- Seite 15:
- "«" eingefügt
- (allerdings meine jetzige Stellung verlassen.«)
-
- Seite 15:
- "ihrem" geändert in "Ihrem"
- (»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb lachen Sie?«)
-
- Seite 15:
- "»" und "«" eingefügt
- (»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer werden?«)
-
- Seite 15:
- "«" eingefügt
- (das Werk seines ehemaligen Assistenten lesen wird.«)
-
- Seite 15:
- "»" eingefügt
- (»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest)
-
- Seite 15:
- "«" entfernt hinter "feierlich."
- (sagte er nun beinahe feierlich.)
-
- Seite 20:
- "sympatisch" geändert in "sympathisch"
- (Ihre Anmuth und Grazie berührten ihn sympathisch)
-
- Seite 21:
- "nud" geändert in "und"
- (an Turnaus Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm)
-
- Seite 23:
- "sie" geändert in "Sie"
- (»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?«)
-
- Seite 25:
- "eintreten" geändert in "eingetreten"
- (behaglichen Ruhestand der Privatpraxis eingetreten)
-
- Seite 27:
- "Sohue" geändert in "Sohne"
- (ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen)
-
- Seite 27:
- "," eingefügt
- (an ihre weiche volle Wange, dann entfernten sich)
-
- Seite 28:
- "habeu" geändert in "haben"
- (ich glaube, wir haben da einen glücklichen)
-
- Seite 30:
- "ewas" geändert in "etwas"
- (wurden ihre Bewegungen etwas fester)
-
- Seite 31:
- "«" eingefügt
- (werden für den Augenblick genügen.«)
-
- Seite 35:
- "«" entfernt hinter "Geheimräthin,"
- (Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich)
-
- Seite 38:
- "sie" geändert in "Sie"
- (gehen Sie an die Fensterscheibe)
-
- Seite 39:
- "einen" geändert in "einem"
- (was irgend einem Menschen in der Welt)
-
- Seite 39:
- "»" eingefügt
- (»Außer in Apotheken wird das Morphium)
-
- Seite 40:
- "«" eingefügt
- (»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«)
-
- Seite 44:
- "du" geändert in "Du"
- (einen so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt)
-
- Seite 45:
- "ein" geändert in "eine"
- (eine krankhafte Leidenschaft concentrirte)
-
- Seite 45:
- "Gebennedeiete«," geändert in "Gebenedeiete,«"
- (»Gieb es mir, Gebenedeiete,« flehte sie)
-
- Seite 48/49:
- "außer dem" geändert in "außerdem"
- (und bin außerdem dem Morphinismus ergeben)
-
- Seite 51:
- ":" eingefügt
- (wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht)
-
- Seite 60:
- "»" entfernt vor "Turnau"
- (Turnau trat an den Tisch heran.)
-
- Seite 66:
- "Gefährten" geändert in "Gefährtin"
- (unter der fröhlichen treuen Gefährtin)
-
- Seite 70:
- "auf" geändert in "aufs"
- (höhnte der aufs äußerste gereizte Mann)
-
- Seite 74:
- "," eingefügt
- (Mein Morphium, mein ganzer Vorrath)
-
- Seite 75:
- "den" geändert in "dem"
- (nach dem er durchaus nicht verlangte)
-
- Seite 79:
- "," eingefügt
- (so scharf, so spitz)
-
- Seite 80:
- "zuerlangen" geändert in "zu erlangen"
- (um sie wieder zu erlangen, muß man)
-
- Seite 86:
- "«" eingefügt
- (Herr Professor erklären Sie doch -- -- --«)
-
- Seite 87:
- "Fäulein" geändert in "Fräulein"
- (rief das Fräulein ihr nach)
-
- Seite 87:
- "uud" geändert in "und"
- (erreichte die Thür und stürzte)
-
- Seite 91:
- "," eingefügt
- (sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches)
-
- Seite 93:
- "du" geändert in "Du"
- (wenn Du es auch innerlich bist)
-
- Seite 94:
- "«" eingefügt
- (»Und schadet niemand?«)
-
- Seite 98:
- "," eingefügt
- (nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend)
-
- Seite 110:
- "," eingefügt
- (Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch)
-
- Seite 113:
- "«" eingefügt
- (habe hier nebenan zu thun.«)
-
- Seite 114:
- "«" und "»" eingefügt
- (wer für sie bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen)
-
- Seite 120:
- "»" eingefügt
- (»eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates)
-
- Seite 120:
- "»" entfernt vor "Wissen"
- (Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld)
-
- Seite 124:
- "zulassen" geändert in "zu lassen"
- (zu Theil werden zu lassen, damit sie)
-
- Seite 124:
- "in der Jetzt" geändert in "jetzt"
- (bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes)
-
- Seite 127:
- ";" geändert in ",", "«" entfernt hinter "ärgerlich."
- (diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich.
-
- Seite 129:
- "," eingefügt
- (die inneren Organe, die alle mißgestaltet)
-
- Seite 133:
- "«" und "»" eingefügt
- (Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch)
-
- Seite 139:
- "«" eingefügt
- (schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«)
-
- Seite 140:
- "," geändert in "?"
- (»Lebte das Kind?« hauchte sie)
-
- Seite 144:
- "," eingefügt
- (er wich allen Vergnügungen, besonders solchen)
-
- Seite 148:
- "»" eingefügt
- (wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht)
-
- Seite 149:
- "," eingefügt
- (sagte er, »oft erinnert man sich besser)
-
- Seite 152:
- "«" entfernt hinter "ein."
- (warf das junge Mädchen ein.)
-
- Seite 157:
- "," eingefügt
- (sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel)
-
- Seite 165:
- "lebend" geändert in "leben"
- (sie muß sehr zurückgezogen leben.«)
-
- Seite 165:
- "«" eingefügt
- (Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«)
-
- Seite 167:
- "," geändert in "."
- (etwas Anderes -- etwas Höheres. Das konnte sie jetzt)
-
- Seite 171:
- "«" entfernt hinter "Seite."
- (arbeite als Schwester an meiner Seite. Gieb mir)
-
- Seite 172:
- Absatz entfernt vor "»Also"
- (spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden)
-
- Seite 173:
- "," eingefügt
- (begann er langsam, »hat)
-
- Seite 175:
- "," geändert in "."
- (»Und ich?« fragte er. »Ich)
-
- Seite 176:
- "hönisch" geändert in "höhnisch"
- (Sie lachte höhnisch auf.)
-
- Seite 186:
- "begründete" geändert in "begründeten"
- (die darauf begründeten Zukunftshoffnungen sind)
-
- Seite 198:
- "," eingefügt
- (Dr. Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende junge Aerztin)
-
- Seite 202:
- "." eingefügt, "," eingefügt
- (stieß er das Wort aus. »Betteln«, er schrie es)
-
- Seite 207:
- "«" eingefügt
- Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache,« ]
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MORPHIUM ***
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-
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Morphium
-by
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Morphium, by Adine Gemberg</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-
-<table style='padding:0; margin-left:0; border-collapse:collapse'>
- <tr><td>Title:</td><td>Morphium</td></tr>
- <tr><td></td><td>Novellen</td></tr>
-</table>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Adine Gemberg</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: February 01, 2021 [eBook #64442]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MORPHIUM ***</div>
-
-
-<h1><span class="ge">Morphium.</span></h1>
-
-
-<p class="ce lh2"><span class="fsl ge">Novellen</span><br />
-von<br />
-<span class="fsxl"><b>Adine Gemberg.</b></span></p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/p001i.jpg" alt="" /></p>
-
-<p class="ce fsl lh1 mt2">Berlin.<br />
-S. Fischer, Verlag.<br />
-1895.</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="fsl ge"><b>Inhalt:</b></span></h2>
-
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="3">
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td class="tdr fsxs">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Morphium</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_003">3</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Nach dem Tode</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_103">103</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Doctor Cäcilie&emsp;&emsp;</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_159">159</a></td>
- </tr>
-</table>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/a002i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4 ce"><img class="imwi1 bo" src="images/a003i.jpg" alt="" /><br />
-<b>Adine Gemberg.</b></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-<span class="fsl ge"><b>Morphium.</b></span></h2>
-
-<p class="ce mt4 mb4"><img src="images/a001i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-<h3 class="pb mt0 mb0"><span class="fs0">I.</span></h3>
-
-<p class="ce"><img class="imwi2 bo" src="images/p003i.jpg" alt="" /></p>
-
-<p class="in0"><b>I</b>n einer Ecke des städtischen Kirchhofes war
-großer Kehraus. Zusammengethürmt lagen
-dort welke Kränze und Palmen, alle gleichmäßig graubraun,
-als wären sie nie bunt und farbenprächtig
-gewesen. Hie und da sah das schmutzige Ende einer
-Atlasschleife oder eine schwarz gewordene Goldfranze
-aus dem Gewirr hervor. Alte Weiber mit braunen,
-welken Armen und häßlichen, gleichgültigen Gesichtern
-stachen mit Mistgabeln hinein in den Haufen ehemaliger
-Gaben der Pietät, oder vielleicht auch nur
-der Convenienz. Gedankenlos schleuderten sie die
-Kränze auf einen Karren, und ein altes, blindes Pferd
-humpelte mühsam damit fort, um die Abfälle des
-Friedhofes dahin zu bringen, wo aller Müll und
-Schutt aus der Stadt abgeladen wurde.</p>
-
-<p>Mariä Himmelfahrt stand vor der Thür; deshalb
-war es nothwendig, den Kirchhof frei und sauber
-zu machen für die Aufnahme neuer Liebesgaben,
-neuer Kränze, neuer Palmen.</p>
-
-<p>»Gelobt sei'st du Maria,« sagte eines der alten
-Weiber und riß die braune Guirlande von dem Steinbilde
-der heiligen Jungfrau los, um sie zu den
-übrigen Kränzen zu werfen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-»Und gebenedeiet in Ewigkeit, Amen,« fügte die
-andere Alte hinzu.</p>
-
-<p>Dann grüßten sie beide ehrerbietig und traten zur
-Seite, um zwei Nonnen Platz zu machen, die mit
-Blumen und Kerzen erschienen, das Bild der Himmelskönigin
-zum Feste zu schmücken.</p>
-
-<p>Die Schwestern beugten die Kniee vor der roh
-gearbeiteten Statue und begannen darauf, sie so
-freundlich und farbig wie möglich heraus zu putzen.</p>
-
-<p>Eine schlanke, bleiche Dame in eleganter Sommertoilette
-betrat den Kirchhof. Sie grüßte das Marienbild
-und dann die Schwestern. »Zünden Sie auch
-für mich eine Kerze an,« sagte sie näher tretend und
-drückte ein Geldstück in die Hand einer der Nonnen.
-Darauf nickte sie den Schwestern zu und ging langsam
-nach der Reihe der Erbbegräbnisse.</p>
-
-<p>Neugierig näherten sich die beiden alten Arbeiterinnen
-dem Gnadenbilde. »Was mag denn die
-Frau Geheimräthin für Kummer haben, daß sie eine
-Kerze opfert,« begann die Eine.</p>
-
-<p>»Wer weiß denn, ob es wegen einer Fürbitte ist;
-so reiche Leute haben der Allerheiligsten nur zu danken
-und können nicht genug danken, wenn sie auch alle
-Tage zehn Kerzen opfern wollten,« meinte die Andere.</p>
-
-<p>»Es ist wohl nur eine Festgabe zu morgen, die
-Geheimräthin Bremer ist eine liebe, gläubige Seele,«
-sagte die ältere der beiden Schwestern.</p>
-
-<p>»Nicht einmal Kränze hat sie mitgebracht für die
-Gräber ihrer Eltern,« bemerkte wieder die Alte, der
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-die freundliche Äußerung der frommen Schwester
-durchaus nicht zu gefallen schien.</p>
-
-<p>»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen
-Moden,« stimmte die andere Alte ihr bei, »fromm
-nennt man sie doch, wenn sie auch viel weniger thun
-als Andere, denen es sauer genug wird.«</p>
-
-<p>»Die Fürsprache der Heiligen ist mehr werth als
-Gaben und Opfer,« verwies die jüngere der beiden
-Nonnen in strengem Tone. Darauf verließ sie mit
-ihrer Gefährtin den Kirchhof.</p>
-
-<p>Die alten Weiber rafften mit ihren Mistgabeln
-eine zweite Karre voller Kränze zusammen; die Geheimräthin
-Bremer ging an ihnen vorbei und ließ sich
-müde und langsam auf einer kleinen Bank nieder,
-die zur Seite von zwei, mit schwarzen Granitplatten
-gedeckten Gräbern aufgestellt war.</p>
-
-<p>»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« &ndash;
-Mit Goldbuchstaben war dieser Spruch in die glänzend
-schwarze Steinplatte eingemeißelt. Als unbesoldeter
-Stadtrath hatte der Mann, dessen Leib hier ruht,
-gewirkt. In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige
-Leiter eines großen industriellen Unternehmens
-seine Arbeitskraft in die Dienste seiner Mitbürger
-gestellt, nachdem er die eigenen Geschäfte in die Hände
-seines Sohnes gelegt hatte. Als er dann heimging,
-um an der Seite seiner vorangegangenen Gattin
-von den Werken des Lebens auszuruhen, erfuhr man,
-daß er in seinem Testamente fast alle wohlthätigen
-Anstalten seiner Vaterstadt mit Legaten bedacht hatte.
-Nun hatten ihm die dankbaren Mitbürger den Denkstein
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-gesetzt, auf dessen flimmernder Schrift die Blicke
-der einzigen Tochter sinnend ruhten. Die untergehende
-Sonne warf einen röthlichen Schein über
-ihr durchsichtig blasses Gesicht. Langsam hob sie die
-breiten dunklen Lider, die Augen entschleierten sich
-nur zum Theil, halb blieben die Lider über den unnatürlich
-weiten Pupillen liegen, was dem ganzen
-Gesichte etwas unbeschreiblich müdes, krankes gab.
-Sie richtete dann ihre Blicke gerade auf den untergehenden
-glutrothen Sonnenball, aber trotz des scharf
-einfallenden Lichtes zogen sich die Iris nicht zusammen,
-sondern blieben weit und dunkel geöffnet,
-wie bei manchen Blinden.</p>
-
-<p>Langsam stellte sie die Füße auf den Rand von
-ihres Vaters Grab, lehnte sich zurück in der bequem
-geschweiften Bank und athmete mit Genuß die von
-Blüthenduft durchtränkte Luft des Sommerabends.</p>
-
-<p>Eine himmlische Ruhe war um sie her. Duft,
-Wärme, Licht und Frieden. Wohin das Auge sah,
-waren herrlich gepflegte Blumen, freundlich schimmernde
-Steine mit Goldschrift und Kränzen bedeckt. Die
-Vögel zwitscherten in den Kronen der alten Bäume,
-es war so schön und so still an der Stätte des Todes,
-wie es selten da ist, wo das Leben mit all seinen
-Rechten noch herrscht.</p>
-
-<p>Wie ein Gebet ging der Hauch des Windes durch
-Blumen und Blätter. Die scheidende Sonne verklärte
-den Garten des Herrn. Alle Inschriften flammten
-und leuchteten auf, auch die auf dem Grabe des alten
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Stadtrathes: »Das Andenken der Gerechten bleibt im
-Segen.«</p>
-
-<p>Mit nervöser Hast sah die junge Frau um sich
-her. Sie war allein, ganz allein mit den Toten.
-Ein befriedigtes Lächeln zeigte sich einen Augenblick
-auf ihrem Gesicht. Das gab ihren traurigen müden
-Zügen eine eigenartige Schönheit.</p>
-
-<p>Sie hatte aus der Tasche ihres Kleides ein
-kleines schwarzes Etui und ein fest verkorktes Fläschchen
-genommen. Mit stiller, tief innerlicher Befriedigung
-sah sie auf den Inhalt des Fläschchens, der wasserhell
-und ganz unschuldig aussah. Nur einige kleine weiße
-Crystalle, die nicht ganz aufgelöst darin schwammen,
-zeigten, daß es eine starke Morphiumlösung war.
-Dieser kleine, so schwer zu erlangende Vorrath bildete
-einen überaus kostbaren Besitz für die junge Frau,
-an dessen Anblick sie sich erfreute und berauschte, ehe
-sie sich entschloß, das Fläschchen zu öffnen.</p>
-
-<p>Langsam füllte sie die kleine Spritze &ndash; fünf Strich,
-&ndash; sechs Strich &ndash; nein, es war nicht möglich zu
-widerstehen, sie zog, bis die Glasröhre voll war.
-Dann verkorkte sie erst sehr sorgfältig das Fläschchen
-und überzeugte sich, daß der Verschluß wasserdicht
-war. Ein verlorner Tropfen war ja unersetzlich.</p>
-
-<p>Vorsichtig schob sie das Kleinod in die Tasche
-des Kleides zurück. Erst als es da in Sicherheit
-war, steckte sie mit energischem Druck die Nadel auf
-das kleine Instrument. Ihre Hände zitterten dabei,
-theils in der Vorfreude des zu erwartenden Genusses,
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-theils in der Schwäche, in der das Bedürfniß nach
-diesem Genusse beruht.</p>
-
-<p>Sie schob den Aermel ihres Kleides vom Handgelenk
-zurück. Ein Leinwandstreifen wurde sichtbar.
-Sie riß ihn rasch los. Der kleine Verband bedeckte
-eine breite, wenn auch nicht tiefe Wunde, die durch
-den Morphiumgebrauch entstanden war. Seit Jahren
-bedurften die kranken Nerven des anregenden Mittels,
-und um die Schönheit ihrer Arme nicht zu opfern,
-hatte sie diese eine Stelle ganz preisgegeben. Der
-mißhandelte Körpertheil wehrte sich zwar durch
-Schmerzen und anhaltende Eiterung gegen das ihm
-aufgezwungene Gift, aber schließlich wurde die Stelle
-doch ziemlich unempfindlich.</p>
-
-<p>Sie senkte auch jetzt, wie immer die Nadel hier
-ein. Ein leichter Schmerz zog für einen Augenblick
-ihre Brauen zusammen, aber das dauerte nicht lange.
-Der Inhalt der Morphiumspritze verschwand unter
-der Wunde, der Leinwandstreifen bedeckte rasch wieder
-die Stelle. Sorgfältig reinigte sie mit einem kleinen
-Stück Draht das gebrauchte Instrument, dann klappte
-sie das Etui zu, steckte es ein und lehnte sich
-gegen den Rücken der Bank, um die Wirkung zu
-erwarten.</p>
-
-<p>Mit wonnigem Behagen fühlte sie, wie ein
-berauschendes Empfinden ihr Gehirn, ihre Glieder
-erfüllte und zugleich lähmte. Alle Wünsche, alle
-Bedürfnisse des Körpers und Geistes lösten sich in
-Befriedigung und süße Mattigkeit. Der kranke stumpfe
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-Ausdruck der Augen schwand und machte einem
-lebhaften, sprühenden Blicke Platz. Die Nerven wußten
-nichts mehr von Abspannung und Schwäche.</p>
-
-<p>Sie hätte jetzt auf jedem Feste glänzen, jede
-Arbeitsleistung übernehmen können. Dabei waren
-ihre Glieder aber doch schwer, so daß sie es entschieden
-als Annehmlichkeit empfand, zu keiner Bewegung
-genöthigt zu sein. Nur der Kopf war leicht und
-frei &ndash; so frei, so klar, als ob ein vorher auf dem
-Gehirn lastender Druck plötzlich entfernt wäre. Sie
-hatte Durst empfunden, das war jetzt vorbei, sie
-fühlte sich wohl, namenlos wohl und zufrieden.
-Ihr vorher gelblich blasses Gesicht nahm etwas
-Farbe und Wärme an, sie drückte die kühlen, weißen
-Finger gegen ihre Wangen. Dann zog sie langsam,
-gedankenlos lächelnd die Handschuhe wieder an, die
-auf der Bank lagen.</p>
-
-<p>Sie hatte den Augenblick für ihren Genuß gut
-gewählt, denn mit der, vorher herrschenden Ruhe war
-es nun vorbei. Ein Leichenwagen fuhr durch das
-große Portal, hielt vor der Kapelle, und ein Sarg
-wurde zu einer offenstehenden Gruft getragen. Viele
-Menschen folgten; der Geistliche begann eine Rede,
-und wenn die einsame Frau auch davon nichts hören
-konnte, so war sie in ihrem Alleinsein dennoch gestört.</p>
-
-<p>Außerdem näherte sich ihr jetzt auch ein Herr,
-der geradeswegs auf sie zukam.</p>
-
-<p>»Was für ein entzückendes kleines refuge Sie
-hier besitzen, Sie sind zu beneiden, gnädige Frau,«
-begann er, sie begrüßend.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-Sie sah lächelnd zu dem großen blonden Manne
-empor. »Es sind die Gräber meiner Eltern, Herr
-Doctor Turnau,« antwortete sie mit einer einladenden
-Bewegung auf die freie Hälfte der Bank deutend.</p>
-
-<p>Er nahm sofort augenscheinlich erfreut Platz.
-»Ist das Stück Rasen, auf dem diese Bank steht für
-Sie reserviert, gnädige Frau?«</p>
-
-<p>»Nein, die Eltern kauften es für meine unverheirathete
-Schwester. Elise wird voraussichtlich einsam
-bleiben, bis sie den Rollstuhl mit dem Sarge
-vertauscht. Für meinen Mann und mich ist noch
-Platz im Bremerschen Erbbegräbnisse.«</p>
-
-<p>»Ich finde, es hat einen ganz eigenen Reiz, genau
-die Stätte zu kennen, die uns einmal bestimmt ist,«
-bemerkte er, indem er den leichten Sommerhut abnahm
-und das blonde Haar aus der hübschen weißen Stirn
-strich. Sie lachte: »Das ist wieder eine von Ihren
-paradoxen Ansichten, mit denen Sie sich manchen
-Menschen vielleicht interessant machen, andrerseits aber
-sich nicht nur Widerspruch zuziehen, sondern auch viele
-ungünstige Urtheile über sich hervorrufen.«</p>
-
-<p>»Ah &ndash; ein offenes Wort, ich danke Ihnen dafür,
-gnädige Frau. Die ungünstigen Urtheile muß ich
-zu tragen wissen, aber ich strebe weder darnach Widerspruch
-zu erregen, noch mich interessant zu machen.
-Nur aus einer nervösen Beunruhigung heraus empfinde
-ich zuweilen das Bedürfniß, irgend einen Gedanken,
-selbst einen sonderbaren Gedanken auszusprechen,
-wenn er mir grade durch den Kopf geht.«</p>
-
-<p>»Dieses Bedürfniß ist natürlich,« antwortete sie,
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-»viel natürlicher für einen gut situirten Mann Ihres
-Alters, als der Wunsch, die Stätte zu kennen, an der
-Ihr, jetzt so jugendkräftiger Körper einst zu Staub
-werden wird.«</p>
-
-<p>Ein trübes Lächeln glitt über die Züge des jungen
-Mannes. »Dieser jugendkräftige Körper ist der Auflösung
-und Verwesung näher, als es den Anschein
-hat. Wenn wir morgen übers Jahr Mariä Himmelfahrt
-feiern, brennen vielleicht auch für mich schon
-die Kerzen auf dem Altar.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie sah ihn ruhig und forschend an. »Warum
-spielen Sie mit dem Gedanken an das Ende des
-Lebens?« fragte sie ernst. »Glauben Sie nicht, daß
-auch für Sie noch Stunden der Befriedigung und
-des Genusses möglich sind, die mit dem Tode aufhören
-müssen?«</p>
-
-<p>Wie sie ihn so ansah, leuchtete der rothe Strahl
-der Sonne in ihre erweiterten Pupillen hinein, er
-sah aufmerksam darauf hin, dann lächelte er: »Ich
-danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mich mit einer
-moralischen Bemerkung verschont haben. Ich war
-eigentlich schon darauf gefaßt gewesen. Sie haben
-übrigens recht, ja &ndash; auch ich glaube noch an Stunden
-des Genusses, an Momente höchster, auf Erden möglicher
-Befriedigung. &ndash; Was ich damit meine, verstehen
-Sie sicherlich, denn ich sehe, Sie gebrauchen
-Atropin. Bitte, versuchen Sie nicht, den Mediciner
-darüber zu täuschen, Sie gebrauchen Atropin, um die
-Einbuße an Schönheit, die das Auge des Morphinisten
-erleidet, damit auszugleichen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-Sie senkte betroffen den Blick. »Ja, ich gebrauche
-Atropin,« entgegnete sie zögernd, »aber nicht aus
-Eitelkeit, wie Sie vielleicht annehmen. Wenn Sie
-selbst Morphinist sind, so wissen Sie auch, daß die
-Koketterie des Weibes ebenso wie der Ehrgeiz des
-Mannes in der Seele des Morphinisten erlischt.«</p>
-
-<p>Er nickte verständnißvoll. »Gewiß gnädige Frau,«
-entgegnete er, »ich billige den an sich gefährlichen
-Atropingebrauch, weil er Ihnen den Dienst leistet,
-Ihre Umgebung über Ihren Morphinismus zu täuschen.
-In Ihrem Falle ist gewiß keine Koketterie im Spiele.
-Sie riskiren Ihr Augenlicht, aber Sie müssen es ja.
-Wer gönnte Ihnen den Genuß, der Ihnen unentbehrlich
-ist, und wer verdiente wohl in Ihr Geheimniß
-eingeweiht zu werden? Sie sind, wie alle Morphinisten
-gezwungen, eine Umgebung zu täuschen, die
-getäuscht sein will.«</p>
-
-<p>Erleichtert athmete Lydia auf. Es that ihr unsagbar
-wohl, verstanden zu werden. Nur Verurtheilung
-ihrer Leidenschaft, im günstigsten Falle
-Mitleid mit einem krankhaften Zustande hatte sie
-überall angetroffen, wo sie es je gewagt hatte, leise
-Andeutungen über die Erbitterung zu machen, die sie
-oft empfand, wenn es ihr fast unmöglich erschien,
-sich Morphium zu verschaffen. Die Aufregung dieser
-Erbitterung brachte sie dann zuweilen zum Sprechen.</p>
-
-<p>»Sie finden also meine Schwäche nicht unbedingt
-unmoralisch, Herr Doctor?« fragte die junge Frau.</p>
-
-<p>»Im Gegentheil,« antwortete er lebhaft. »Alle
-Religionsstifter der Welt empfehlen den Menschen, ihre
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-Leidenschaften zu bekämpfen. Die natürliche Beschaffenheit
-unserer Nerven setzt diesen Bestrebungen unüberwindliche
-Hindernisse entgegen. Das Morphium
-allein besiegt die Leidenschaften in jeder Brust. Wenn
-ein neuer Prophet seinen Anhängern zur Bekämpfung
-ihrer natürlichen, menschlichen Triebe Morphium zur
-freien Verfügung stellte, so würde er bald eine
-Gemeinde um sich sehen, der jedes Laster fremd wäre.«</p>
-
-<p>»Ich habe augenblicklich nicht genug Morphium
-genossen, um dem kühnen Fluge einer prophetischen
-Phantasie bis zu dieser Höhe folgen zu können,«
-bemerkte Lydia lächelnd, erstaunt den leidenschaftlich
-erregten Mann ansehend.</p>
-
-<p>»Soll ich Ihnen geben, was etwa noch fehlt?«
-fragte er eifrig.</p>
-
-<p>Sie nickte glückselig und sah erwartungsvoll zu
-ihm auf.</p>
-
-<p>»Wie viel Procent gebrauchen Sie, gnädige Frau?«</p>
-
-<p>»Sechs,« gestand sie mit ängstlichem Zögern.</p>
-
-<p>»Da steht Ihnen also noch manche herrliche
-Steigerung bevor,« sagte er seufzend und zog aus
-seiner Brusttasche ein kleines Glas. Wie wenig er
-ihr gab, das war ja fast nichts &ndash; ah diese Enttäuschung&nbsp;&ndash;!
-War das ein Scherz oder&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da ging es wie ein Ruck durch all ihre Nerven
-&ndash; wie ein Schlag traf die ungekannt starke Lösung
-ihr Gehirn. Sie griff nach der Stirn und dann nach
-der Brust. Es rieselte ihr unter der Haut wie Sand,
-ein angstvolles Unbehagen erfaßte sie.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-Er sah, wie kalte Schweißtropfen auf ihre Stirn
-traten und wie ihr Gesicht sich entfärbte. »Habe ich
-Ihnen zu viel gegeben, gnädige Frau?« fragte er.</p>
-
-<p>»Nein,« stammelte sie halb bewußtlos, »bitte
-beobachten Sie mich nicht, es wird mir schon wieder
-wohl &ndash; sehr wohl.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ihre Hände zitterten, wie sie das sagte, wie aus
-weiter, weiter Ferne hörte sie ihre eigene Stimme &ndash;
-die Steigerung des Genusses!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ich schreibe ein Buch über den Mißbrauch der
-verschiedenen Narkotica und mache zu dem Zwecke
-meine Beobachtungen, bitte entschuldigen Sie daher
-den indiscreten ärztlichen Blick,« sagte er höflich.</p>
-
-<p>»Ein Buch?« &ndash; Sie nahm alle Willenskraft
-zusammen, um zu sprechen, als sei nichts geschehen.
-Er sollte nicht denken, die Dosis sei zu stark
-für sie gewesen; sie wußte nicht, daß sie den Ehrgeiz,
-recht viel vertragen zu können, mit all ihren Leidensgenossen
-theilte.</p>
-
-<p>»Ein Buch,« &ndash; wiederholte sie noch einmal
-langsam und mit schwerer Zunge. Es war ihr, als
-hätte sie Sand im Munde, sie konnte kaum sprechen,
-aber sie sprach nun doch. »Wollten Sie Ihrer
-ärztlichen Thätigkeit nicht entsagen, sagten Sie das
-nicht kürzlich?«</p>
-
-<p>»Nein,« entgegnete er, »vorläufig muß ich noch
-als Assistenzarzt in der Nervenheilanstalt thätig sein.
-Ich habe keine Privatpraxis, und der Chef läßt mir
-so viel freie Zeit wie möglich. Er interessirt sich
-selbst für meine Arbeit, zu der mir meine Erfahrungen
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-in seiner Anstalt den Stoff bieten. Nach Fertigstellung
-meiner Broschüre werde ich allerdings meine jetzige
-Stellung verlassen.«</p>
-
-<p>»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer
-werden?« O wie mühsam brachte sie die
-Worte über die Lippen!</p>
-
-<p>»Ich will gar nichts werden,« antwortete er dumpf.
-»Mein Buch,« &ndash; er lachte in sich hinein, es war
-ein so eigenes Lachen, daß Lydia selbst in dem
-Taumel ihrer Sinne davon erschreckt den Kopf hob.</p>
-
-<p>»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb
-lachen Sie?«</p>
-
-<p>»Ach, Verzeihung, es kann ja niemand wissen,
-wie komisch ich mir das denke, wenn einmal, natürlich
-nach meinem Tode, der kluge Professor, der den
-Morphinismus mit allen Waffen der Wissenschaft
-bekämpft, das Werk seines ehemaligen Assistenten lesen
-wird.«</p>
-
-<p>»Aber weshalb schreiben Sie denn das Buch,
-wenn Sie den Standpunkt der anderen Nervenärzte
-nicht zu theilen vermögen?« fragte Lydia, sichtlich
-unangenehm berührt von dem sonderbaren Benehmen
-ihres Gefährten.</p>
-
-<p>»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest
-gegen das Verbot des freien Verkaufes der narkotischen
-Mittel,« sagte er nun beinahe feierlich. »Persönlich
-leide ich nicht unter diesem Verbote, denn ich bin
-Arzt, aber ich kenne die Verzweiflung und den
-Jammer des Morphinisten, der sich der Unmöglichkeit
-gegenüber sieht, sich Morphium zu verschaffen.
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Anständige, hochachtbare Leute greifen in ihrer Verzweiflung
-zu den ehrlosesten Mitteln, und von diesem
-Jammer will ich sie zu erlösen versuchen. Ich habe
-ein Material gesammelt, welches entsetzliche Schlaglichter
-auf diese Zustände wirft. Gegen das Versprechen
-ihnen zu helfen, für ein einziges Rezept haben
-zahlreiche Unglückliche mir gebeichtet. Ach &ndash; ich
-weiß, wie tief sich einige, sonst reine, unnahbare
-Naturen gedemüthigt haben, um durch Bestechung,
-durch Betrug, einerlei wie, zu dem zu gelangen, was
-sie bedürfen, wie der Hungrige Brod bedarf, um sich
-zu erhalten.«</p>
-
-<p>Sie erhob sich halb und sah mit gefalteten Händen
-zu ihm herab. »Sie wollen helfen, Sie könnten
-helfen &ndash; o Gott Herr Doctor, nein, nein, Sie können
-auch den Wall von Härte und Verständnißlosigkeit
-nicht niederreißen, an dem Tausende rütteln und an
-dem Alle, Alle ohnmächtig abprallen.«</p>
-
-<p>»Ob ich es kann, weiß ich allerdings nicht, aber
-ich will es wenigstens versuchen,« sagte er, etwas zur
-Seite rückend, so daß sie wieder Platz nehmen konnte.</p>
-
-<p>»Ich will wenigstens vor der Welt die dunklen
-Wege erhellen, auf die man mit erbarmungsloser
-Härte eine Menge kranker Menschen gedrängt hat.
-Ich will es zeigen, wohin ein Gesetz führt, das nur
-dazu da ist, umgangen zu werden, weil es nicht befolgt
-werden kann. Die ganze Kraft meiner geistigen
-Fähigkeiten stelle ich in den Dienst dieser Aufgabe,
-dieses Strebens, das mir edel und würdig erscheint,
-weil es dem willkürlich Unterdrückten, der nichts
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-verbrach, zu Hülfe kommen will. Die Menschheit
-soll darüber aufgeklärt werden, wie weit die Bevormundung
-der Polizei geht, und auch Nicht-Morphinisten
-hoffe ich für die Frage zu interessiren, die
-ihnen jetzt gleichgültig ist.«</p>
-
-<p>»Und dann?«</p>
-
-<p>»Und dann?« Träumerisch wiederholte er die
-bange Frage, die sie leise aussprach. »Ja dann,
-gnädige Frau &ndash; zu Ende führen werde ich den Kampf
-nicht. Ich kann nur noch so lange leben, wie ich zu
-genießen vermag. Nennen Sie es Egoismus, Krankheit,
-Schwäche, wie Sie wollen, aber wenn einmal
-die Stunde kommt, in der meine Nerven aufhören
-zu reagiren, die Stunde, in der auch die letzte Steigerung
-und Komplication nicht mehr zum Genusse
-führt, dann lege ich die Feder aus der Hand. Mit
-dem Leben hört auch die Verpflichtung auf, weiter
-zu kämpfen.«</p>
-
-<p>»Mit dem Leben?«</p>
-
-<p>»Natürlich, liegt denn nicht das Ende des Lebens
-ebenso in unserer Hand, wie der Genuß, dem wir
-uns ergeben?«</p>
-
-<p>Sie schauderte doch bei dieser letzten Consequenz,
-zu der er so leicht und ruhig gelangte. Sie befand
-sich ja auf demselben Wege wie er. »Das Andenken
-der Gerechten bleibt im Segen«. &ndash; Wie Feuer tanzten
-die Buchstaben der Inschrift vor ihren Augen. Genuß,
-Genuß des Lebens, und dann das Ende. Das
-Leben fortwerfen, das nichts mehr bietet, tönte es
-neben ihr. Sie glaubte, alles drehe sich im Kreise
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-um sie her, nur der schwarze Grabstein vor ihr stand
-fest in dem Wirbel, aber er glühte und flammte von
-der untergehenden Sonne beleuchtet, es that ihr weh,
-darauf niederzusehen.</p>
-
-<p>Vorher hatte sie sich so leicht, so frei gefühlt,
-und nun dieser Schwindel und dieser Druck um die
-Stirn, wie von einem eisernen Bande. Das war
-also die Steigerung ihrer Genüsse.</p>
-
-<p>»Ist das ein Lebenszweck, Genuß, nur Genuß,
-der sich steigert, bis er aufhört, weil der Körper versagt?«
-fragte sie leise.</p>
-
-<p>»Gewiß, Frau Bremer, der Genuß ist ebenso
-gut ein Lebenszweck, wie die Arbeit,« sagte er, »es
-kommt nur darauf an, daß man seine moralischen
-Grundsätze damit in Einklang zu bringen versteht.
-Indirect dient so mancher ausschließlich dem Genusse
-des Lebens. Der Künstler schafft seinen Nebenmenschen
-und sich selbst geistige Genüsse, Andere
-wieder begnügen sich damit, sich in den Dienst des
-materiellen Behagens zu stellen. Es giebt aber noch
-ein Drittes im Menschen, das außer den groben
-Organen des Körpers, außer dem Geiste, fähig ist zu
-genießen, das sind die Nerven. Warum soll ich nicht
-meinen Lebenszweck darin suchen, Anderen zugänglich
-zu machen, was mir eine so große Befriedigung der
-Nerven bringt? Es haben schon Leute sich mit geringeren
-Aufgaben für ihr Dasein begnügt, und ich
-habe nicht umsonst gelebt, wenn ich auch nur einen
-Stoß führe, der das Gesetz in's Schwanken bringt,
-das ich bekämpfe.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-»Ich wollte, ich könnte an Ihren praktischen
-Erfolg glauben, Sie kämpfen ja gegen eine empörende
-Ungerechtigkeit.«</p>
-
-<p>»Der Droguist, der Arzt, selbst Krankenwärterinnen
-vermögen sich stets Morphium zu verschaffen.
-So lange es unter einigen dieser Leute Armuth und
-Bestechlichkeit giebt, wird das süße Gift auch käuflich
-bleiben, indirect käuflich, &ndash; allerdings nur um sehr
-hohen Preis.«</p>
-
-<p>»Ich glaube auch, daß es dem Unbemittelten
-sehr häufig positiv unmöglich gemacht wird, die Hindernisse
-zu besiegen, die das Geld überwindet. Ist das
-nicht auch eine soziale Seite unserer Frage?« meinte
-Turnau.</p>
-
-<p>»Der Arme hat den Alkohol,« wandte sie ein.</p>
-
-<p>»Den Alkohol? Ja,« er wurde bitter, fast leidenschaftlich
-in seinem Ton. »Die Genußsucht des Volkes
-ist eben eine brutale Macht, der man nicht mit einem
-einfachen Verbot des Verkaufs begegnen kann. Feinere
-Nerven brauchen raffinirtere Genüsse. Der Alkohol
-verhält sich zum Morphium wie ein bluttriefender
-Schauerroman zu einer geistvollen psychologischen
-Studie. Das Leben ist so öde und traurig; die
-Mittel, die es erträglich machen können, sollte man
-nicht beschränken.«</p>
-
-<p>Sie sah müde zu ihm auf. »Oede und traurig,«
-wiederholte sie sinnend. »Nein, ich kann das eigentlich
-von meinem Leben nicht behaupten; mein Mann
-ist sehr rücksichtsvoll und die Kinder &ndash; aber Sie,
-wieso finden Sie Ihr Dasein nicht nach Ihren Wünschen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-Er antwortete nicht, und sie empfand es unbehaglich,
-daß sie den jungen Mann beinah zu einem
-persönlichen Vertrauen aufgefordert hatte, das er ihr
-nicht in der freundschaftlichen Weise entgegenbrachte,
-in welcher er sich bisher gegen sie ausgesprochen hatte.</p>
-
-<p>»Befinden Sie sich jetzt wohler, gnädige Frau?«
-fragte er nach einigen Minuten des Schweigens.</p>
-
-<p>»O vollkommen wohl,« versicherte sie rasch aufstehend.</p>
-
-<p>Er bot ihr den Arm, und sie nahm ihn unbefangen
-an. Er bemerkte in diesem Augenblicke, daß
-sie elegant gekleidet war. Ihre Anmuth und Grazie
-berührten ihn sympathisch, aber es lag ihm fern, sich
-in das schöne Weib eines Anderen zu verlieben. Nicht
-sein sittliches Bewußtsein schützte ihn davor; es hatte
-Zeiten gegeben, wo er den Vortheil seiner Lage erkannt
-und benutzt haben würde, aber diese Zeiten
-waren vorüber. Wie eine Lähmung lag der gewaltige
-Einfluß des Morphiums und des Aethers auf seinen
-Nerven und Sinnen.</p>
-
-<p>Auch Lydia, die Gattin eines älteren, pedantischen,
-trockenen Mannes, dachte nicht daran, daß in ihrem
-vertraulichen Verkehr mit dem jungen Arzte irgend
-etwas Unerlaubtes sein könne. Aber auch sie handelte
-nicht in vollem Bewußtsein tugendhafter Ehrbarkeit,
-sondern ebenfalls unter dem Einflusse einer krankhaften
-Abstumpfung ihrer natürlichen Gefühle und Triebe.</p>
-
-<p>»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen,«
-sagte sie leise mit einem Abschiedsblicke nach ihres
-Vaters Grab.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-»Wenn ich mein Vermögen der Stadt hinterlasse,
-bekomme ich am Ende auch einmal eine so schöne
-Grabschrift,« scherzte Turnau. Es war wieder das,
-was Lydia kokettiren mit Weltschmerz und Todesahnungen
-nannte. Andere urtheilten noch härter über
-diesen eigenthümlichen Characterzug des jungen, wohlhabenden
-Mannes. Man hielt ihn im allgemeinen
-auch nicht für so krank wie er war, und sah in dem
-aus seinem Wesen sprechenden Lebensüberdrusse nur
-die Folgen einer übermäßigen Blasirtheit, der nichts
-mehr genügte, was sich an Genüssen des täglichen
-Lebens ihm bot.</p>
-
-<p>»Soll ich dafür sorgen, daß man auch Sie nach
-Ihrem Tode zu den Gerechten erhebt?« fragte Lydia,
-lächelnd auf seinen Ton eingehend.</p>
-
-<p>»Es wäre unbescheiden, gnädige Frau; für einen
-armen Morphinisten wird sich schon noch ein
-demüthigeres Verslein finden.« »Wohl der Menschheit,
-wenn jeder seine Grabschrift verdient hätte,«
-antwortete sie, mit einem Blick über alle die Kreuze
-und Steine hinschweifend, die in steinernen Lettern
-so viel von Liebe und Tugend zu erzählen wußten,
-wie man im Leben wohl selten beisammen finden wird.</p>
-
-<p>Dann trat sie auf das Weihwasserbecken zu, bekreuzte
-sich mit dem Wasser, verließ an Turnaus
-Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm zusammen in
-ihrem Wagen, der auf sie gewartet hatte, nach Hause.</p>
-
-<p>Vor der Bremerschen Villa dehnte sich ein von
-Rosenbeeten unterbrochener Rasen aus, dessen Mitte
-ein zierlicher Springbrunnen bildete. Eine Allee von
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-Kastanienbäumen führte zu dem etwas von der
-Straße zurückliegenden Gebäude und an demselben
-vorbei nach dem dahinter liegenden Garten.</p>
-
-<p>Auf dem Kieswege unter den schattigen Bäumen
-spielten zwei hübsche Kinder unter der Aufsicht einer
-Bonne. Als sie ihre Mutter aus dem Wagen steigen
-sahen, wollte das junge Mädchen sie zu der Ankommenden
-führen, um diese zu begrüßen. Die
-Kinder aber hingen sich an ihre Pflegerin und steckten
-die Köpfe in die Falten des einfachen schwarzen
-Wollkleides, welches das Fräulein trug.</p>
-
-<p>Die Bonne versuchte, sich von ihnen los zu machen
-und zeigte bei diesen lebhaften Bewegungen, in dem
-eng anschließenden, schlichten Kostüm eine vollendete
-Grazie. Sie war tadellos gewachsen, jede Bewegung
-war schön, so daß Turnau, der sonst wenig Sinn
-für weibliche Reize hatte, davon ganz betroffen war.</p>
-
-<p>»Wer ist die junge Dame?« fragte er leise.</p>
-
-<p>»Fräulein Wagner, eine Fröbel'sche Kindergärtnerin,
-erst seit kurzer Zeit bei mir,« sagte die Geheimräthin;
-dann begrüßte sie die Kinder, die endlich widerstrebend,
-mit scheuen Blicken auf den Begleiter ihrer Mutter,
-herbeikamen.</p>
-
-<p>Auch das Fräulein begrüßte jetzt ihre Herrin.
-Das Gesicht des jungen Mädchens war breit und
-gewöhnlich. Die Züge waren grob, selbst die freundlich
-blickenden grauen Augen zu klein und zu tief
-liegend, um dem Gesichte irgend welchen Reiz geben
-zu können. Trotz der schönen Gestalt war das Mädchen
-nicht hübsch, nur die Lippen waren blühend und
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-roth, die Zähne glänzend weiß, und ein Ausdruck von
-Jugendlust, Frohsinn und Güte verklärte die ganze
-Erscheinung.</p>
-
-<p>»Mein Gott, Fräulein, wie albern sich die Kinder
-noch immer benehmen, wenn Gäste da sind, gewöhnen
-Sie ihnen das doch ab,« tadelte die junge Frau.</p>
-
-<p>Die Bonne schwieg, sie wußte nur zu wohl, daß
-die Kinder sich jedesmal weigerten, wenn sie ihre Spiele
-verlassen sollten, um auf einen Augenblick der Mutter
-zugeführt zu werden.</p>
-
-<p>Mit nervöser Hast streichelte Lydia die rosigen
-Gesichter und die feuchten Blondhaare der Kleinen.
-»Wie sie erhitzt sind, ist es hier denn so heiß?«
-wandte sie sich wieder an Fräulein Wagner.</p>
-
-<p>»Wir haben Federball gespielt, gnädige Frau, wir
-waren so sehr vergnügt dabei und haben uns so oft
-gebückt, davon sind wir so roth.«</p>
-
-<p>Dabei strahlten die Augen des jungen Mädchens
-und der Mund schien ein schelmisches Lächeln kaum
-unterdrücken zu können.</p>
-
-<p>»Es ist gut Fräulein, beschäftigen Sie die Kinder
-aber jetzt ruhiger,« entschied die todtenblasse Frau.
-Dann wandte sie sich mit ihrem Begleiter von der
-heiteren Gruppe der an das Mädchen geschmiegten
-Kinder ab.</p>
-
-<p>»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?«
-fragte sie dann den Doktor, der Hausthür zugehend.</p>
-
-<p>»Es ist mir unmöglich, gnädige Frau, ich bin
-nicht wohl genug dazu.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-»So danke ich Ihnen um so herzlicher für Ihre
-Begleitung.«</p>
-
-<p>»O bitte, das ist kein Umweg für mich, außerdem
-will ich Ihnen auch im Vertrauen gestehen, gnädige
-Frau, daß der kurze Aufenthalt in Ihrem Garten
-für mich ein Genuß war.«</p>
-
-<p>»Ein Genuß? Ah &ndash; da wäre ich doch begierig.«</p>
-
-<p>»Ja, auf die Gefahr hin, daß Sie mich auslachen.
-Es war ein Genuß für mich, Ihr neues Kinderfräulein
-zu sehen.«</p>
-
-<p>Ein sehr erstaunter Blick der Geheimräthin suchte
-das junge Mädchen. »Fräulein Wagner ist vorzüglich
-gewachsen, sonst aber doch beinahe häßlich zu nennen,«
-meinte sie dann.</p>
-
-<p>Doctor Turnau folgte mit einem unsagbar müden,
-schwermüthigen Blicke der blühenden Mädchengestalt.
-»Sehen Sie einmal das glatte, glänzende, natürliche
-Haar an, gnädige Frau.«</p>
-
-<p>Lydia lachte auf. »Aber bester Doctor, dieses
-schlichte, glatt zusammengedrehte braune Haar ist doch
-etwas außerordentlich Gewöhnliches, was finden Sie
-denn daran so schön?«</p>
-
-<p>»Die körperliche Gesundheit, die diesen Haarwuchs
-bedingt,« antwortete er nachdrücklich. »Ich behaupte
-durchaus nicht, daß diese junge Person schön sei;
-ich weiß auch, was schön ist, aber sie ist gesund, durch
-und durch gesund. Ein Hauch von Jugendfrische
-und Kraft umgiebt sie und macht sie reizend.«</p>
-
-<p>»Wäre das etwa Ihr Geschmack?« Sie zweifelte
-noch immer an dem Ernst seiner Worte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-»Ich bin schon seit mehreren Jahren Kliniker,«
-antwortete er. »Alles, was mich umgiebt, ist krank
-und hinfällig. Auch unsere Pflegerinnen sind zum
-größten Theil überarbeitet und nervös, die meisten
-Collegen sind noch nicht in den gewissermaßen behaglichen
-Ruhestand der Privatpraxis eingetreten, sie arbeiten
-mit Feuereifer, keiner schont sich. Die entsetzliche
-Luft des Laboratoriums vergiftet uns alle. Viele
-von uns bedürfen auch in dieser Zeit übermäßiger,
-geistiger Anstrengung künstlicher Anregungsmittel.
-Es vergehen oft Tage, an denen ich factisch keinen
-einzigen normalen, gesunden Menschen sehe, &ndash; ist
-es da nicht erklärlich, daß ein solches Bild blühender
-jungfräulicher Frische und Kraft für mich etwas sehr
-Anziehendes hat? Bitte, sehen sie nur die rothen
-ausgearbeiteten Hände des Fräuleins, die leidet nicht
-an Blutarmuth &ndash; ah, die ist schön!«</p>
-
-<p>»Ich gönne Ihnen den Anblick dieser Päonie von
-Herzen, lieber Freund. Möchten Sie sich dadurch veranlaßt
-fühlen, die Villa Bremer nicht mehr so zu vernachlässigen,
-wie es bisher geschah.«</p>
-
-<p>»Ich werde von Ihrer gütigen Erlaubniß demnächst
-Gebrauch machen, gnädige Frau.«</p>
-
-<p>Er berührte mit seinen Lippen einen Augenblick
-die wachsbleiche Hand der Morphinistin, verbeugte
-sich von weitem gegen Fräulein Wagner und verließ
-darauf den Garten.</p>
-
-<p>»Bitte, liebes Fräulein, besorgen Sie mir etwas
-Himbeerwasser,« sagte Lydia zur Bonne, dann setzte
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-sie sich auf einem bequemen Gartenstuhl und nahm
-ihr zweijähriges Töchterchen auf den Schooß.</p>
-
-<p>»Der dumme Onkel« sagte der kleine Knabe, sich
-jetzt auch der Mutter nähernd mit einem zornigen
-Blick nach der Thür, hinter der soeben Doctor
-Turnau verschwand.</p>
-
-<p>»So etwas sagen artige Kinder nicht,« tadelte die
-junge Frau.</p>
-
-<p>Jetzt erschien die Bonne wieder mit der gewünschten
-Erfrischung im Garten. Hinter ihr ging der Geheimrath
-Bremer, ein schlanker, eleganter Mann mit schon
-leicht ergrauendem, dunklen Haar.</p>
-
-<p>»Wie kam denn dieser blasirte Turnau dazu, Dich
-zu begleiten?« fragte er, neben seiner Gattin Platz
-nehmend. »Er hält es doch sonst für tief unter seiner
-Würde, ein weibliches Wesen mit seiner interessanten
-Unterhaltung zu beglücken.«</p>
-
-<p>»Ich traf ihn zufällig auf dem Kirchhofe, und
-wir unterhielten uns so angenehm, daß mir seine
-Begleitung natürlich erschien.«</p>
-
-<p>»Wie kann dieser unnatürliche, gezierte Mensch
-eine vernünftige Frau angenehm unterhalten,« sagte
-Bremer beinahe ärgerlich. »Unter Männern ist seine
-Unterhaltung gar nicht geschätzt, das kann ich Dir
-sagen. Jung und sorgenfrei wie er ist, sucht er etwas
-darin einen Pessimismus zur Schau zu tragen, der
-eines Greises würdig wäre, dem alles im Leben gescheitert
-ist. Er leugnet jeden Genuß, jeden Glauben,
-er leugnet die Liebe, er widerspricht der Natur&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-»Mit einem Worte, er ist Dir unsympathisch,«
-unterbrach Lydia ihren Mann.</p>
-
-<p>»Gewiß, das ist er mir und vielen anderen
-Leuten. Gefällt Dir zum Beispiel dieses Andeuten
-einer geheimnißvollen Krankheit, dieses Spielen mit
-dem Gedanken an Tod und Grab&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Vielleicht fühlt er die Annäherung eines Gemüthsleidens.«</p>
-
-<p>»Ach was, Gemüthsleiden. Davon hat er Dich
-wohl unterhalten? Er hat nichts zu thun, da steckt
-die Wurzel des Uebels. Wenn er wie andere junge
-Aerzte des Morgens in seiner Sprechstunde sitzen und
-auf Patienten warten müßte, um seinen Lebensunterhalt
-zu gewinnen, so würde er wohl frei bleiben von
-seinen interessanten Ahnungen. An ihm siehst Du,
-daß es unter Umständen sogar ein Unglück sein kann,
-wenn Eltern ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen.«</p>
-
-<p>Die kleine Lotte wurde unruhig, als sie sah,
-daß Fräulein Wagner mit dem größeren etwa vierjährigen
-Bruder fortgehen wollte, ohne sie mitzunehmen.</p>
-
-<p>»Bitte, Fräulein, nehmen Sie Lottchen mit,«
-sagte Lydia.</p>
-
-<p>Die kräftigen warmen Hände des jungen Mädchens
-hoben die Kleine hoch empor, jauchzend legte
-das Kind sein Gesichtchen an ihre weiche volle Wange,
-dann entfernten sich die Kinder mit ihrer Bonne.</p>
-
-<p>»Eine allerliebste, frische Person,« bemerkte der
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-Geheimrath, »ich glaube, wir haben da einen glücklichen
-Griff gethan.«</p>
-
-<p>»Auch Turnau fand sie reizend,« sagte Lydia
-lachend. »Was für ein Geschmack &ndash; dieses Vollmondsgesicht!«</p>
-
-<p>»So! &ndash; Turnau auch? Solch einen unverdorbenen
-Geschmack hätte ich diesem Wüstling nicht
-zugetraut,« meinte Bremer nachdenklich. »Nun, er
-wird keine Gelegenheit haben, ihr etwas in den Kopf
-zu setzen; sonst wäre das Mädchen am Ende dumm
-genug, ihr Herz an diesen abgelebten Egoisten zu
-verlieren.«</p>
-
-<p>»Was für eine Idee!«</p>
-
-<p>Lydia fand den Gedankengang ihres Mannes
-unbegreiflich trivial. Warum sollte es denn nicht
-möglich sein, daß ein junges Mädchen einem Manne
-gefiel, ohne daß das Herz dabei gleich in Frage kam.</p>
-
-<p>Sie schwieg und trank ihr ganzes Glas Limonade
-leer, denn die Nachwirkung des Morphiums
-ist Durst.</p>
-
-<p>Ein Diener brachte dem Geheimrath Zeitungen
-und Briefe. Bald war der Hausherr in seine Lectüre
-vertieft, während die junge Frau sich leise erhob, um
-ihr Zimmer aufzusuchen. Dort vertauschte sie ihre
-Straßentoilette mit einem bequemen Hauskleide und
-legte sich nieder, einer bleiernen Müdigkeit, die in
-ihren Gliedern lag, nachgebend.</p>
-
-
-<h3><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-II.</h3>
-
-<p>Die Gewohnheit des Morphiumgebrauches hatte
-allmählich dahin geführt, daß Lydia Bremer mit
-freiem Kopfe, ohne irgend welche Nachwirkungen des
-Genusses erwachte, auch wenn sie am Tage vorher
-etwas mehr als die gewöhnliche Dosis ihres Mittels
-gebraucht hatte. Die Lösung aber, die ihr Turnau
-gegeben hatte, mußte doch wohl weit über das Maaß
-hinausgehen, an das sie gewöhnt war.</p>
-
-<p>Sie hatte die Absicht gehabt, an Mariä Himmelfahrt
-das Hochamt zu besuchen, das um 9&nbsp;Uhr früh
-statt fand. Das Stubenmädchen brachte ihr deshalb
-den Kaffee zu einer etwas früheren Stunde als sonst
-in ihr Schlafzimmer. Sie richtete sich im Bette auf,
-um nach dem Servirbrett zu greifen; aber als sie
-den Kopf vom Kissen erhob, sank sie sofort, von
-heftigem Schwindel erfaßt, wieder zurück. Sie empfand
-dabei keinen Schmerz, nur eine drückende Benommenheit
-des Kopfes. In rasendem Wirbel schien sich
-alles um sie zu drehen, Kälteschauer und Unbehaglichkeit
-erfaßten ihren ganzen Körper.</p>
-
-<p>Sie schloß die Augen, um sich von diesem Zustande
-zu befreien; es war vergeblich. Vorsichtig,
-ohne sich aufzurichten, griff sie nun nach einer kleinen
-Tasche, die zwischen ihren Matratzen lag. Kaum vermochten
-die unsicher tastenden Hände das Morphiumglas
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-zu entkorken. Nach dem Gebrauche des Mittels
-aber wurden ihre Bewegungen etwas fester, sie
-konnte sich aufrichten, der Schwindel ließ nach,
-aber so wie sonst war es doch immer noch nicht.
-Kurz entschlossen griff sie zum zweiten Male zum
-Morphium.</p>
-
-<p>Nun strömte ein unendliches Wohlbehagen durch
-ihre Nerven. Sie streckte sich lächelnd aus, genoß
-mit Bewußtsein die nun eintretende eigenthümliche
-Leichtigkeit ihrer Glieder und richtete sich dann frisch
-und elastisch auf. Sie ließ das Fräulein mit den
-Kindern hereinkommen, erfreute sich an dem Jubel
-der Kleinen bei den munteren Spielen, die das junge
-Mädchen anzuregen verstand und schickte endlich die
-fröhliche Gesellschaft in den Garten, um ihre Toilette
-beenden zu können.</p>
-
-<p>Zur gegebenen Zeit rief sie ihren Mann ab zum
-Kirchgang. Sie trug ein hellgraues Kleid, das zu
-ihrem Teint eigentlich nicht paßte. Die Taille war
-aber so geschickt mit weiß arrangirt, ebenso der Hut,
-eine Nadel von funkelnden Rubinen schloß den Spitzenkragen,
-so daß die Toilette doch tadellos und sogar
-vortheilhaft war.</p>
-
-<p>»Du bist recht hübsch angezogen, Kind,« bemerkte
-der Geheimrath wohlgefällig, als Lydia bei ihm eintrat,
-»indessen finde ich, daß Du blaß und angegriffen
-aussiehst. Ich habe auch in letzter Zeit
-tüchtig gearbeitet und denke, die Erholung in Heringsdorf
-wird uns Allen recht gut thun. Wie würde
-Dir diese Wohnung gefallen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Er reichte seiner Frau die Photographie und den
-Grundriß einer kleinen Villa. »Die Wohnung ist
-bis zum Ende der Saison frei.«</p>
-
-<p>»Es mag ganz hübsch dort sein, ich wußte aber
-nicht, daß Du so bald reisen kannst.«</p>
-
-<p>»Die Saison ist schon halb zu Ende, Lydia, bist
-Du etwa mit Deiner Toilette noch nicht ganz reisefertig?«</p>
-
-<p>Sie schien zu überlegen. »Für die Kinder wäre
-noch einiges anzuschaffen, für mich weniger, ich möchte
-auch dem Fräulein etwas Garderobengeld für die
-Reise geben.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Brauchst Du vielleicht Geld?«</p>
-
-<p>»Nicht viel, fünfhundert Mark werden für den
-Augenblick genügen.«</p>
-
-<p>Er gab ihr das Geld und sie sagte, daß sie gleich
-nach der Kirche noch einige Besorgungen machen wolle.</p>
-
-<p>»Aber überanstrenge Dich nicht, ziehe Fräulein zu
-Deiner Hülfe heran,« bat er.</p>
-
-<p>Während des Gottesdienstes ruhten die Blicke des
-fürsorglich liebenden Mannes oft auf dem zarten
-Gesichte der jungen Frau. Er wußte, daß ihr der
-Hausarzt wegen häufiger Migräne-Anfälle ab und
-zu den Gebrauch der Morphiumspritze gewährt hatte.
-Dabei war er aber fest überzeugt, daß dieses Mittel
-nur durch die Hand des Arztes und mit dessen Einverständniß
-gebraucht würde. Daran, daß seine Frau
-das Morphium selbst und heimlich gebrauchen könne,
-dachte er nicht.</p>
-
-<p>Der alte Medicinalrath, der seinem Hause ein
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-lieber Freund war hatte ihm gesagt, daß eng zusammengezogene
-Pupillen und breite glanzlose Iris
-der Augen ein untrügliches Zeichen des Morphinismus
-seien. An die Complication mit Atropin hatte der
-gute alte Herr selbst nicht gedacht und so wurde auch
-er durch die dunkel leuchtenden Augen der Kranken
-getäuscht.</p>
-
-<p>Bremer war fest überzeugt, daß seine Frau krank
-sei. Das schlaffe, gleichgültige Sich gehen lassen,
-welches er seit einiger Zeit an ihr bemerkte, widersprach
-ihrem sonstigen Wesen durchaus. Ehe er aber
-einen Specialarzt für Nervenleiden zu Rathe zog,
-beschloß er noch einmal eingehend mit dem Medicinalrath
-zu sprechen.</p>
-
-<p>Nach der Kirche trennte sich der Geheimrath von
-seiner Frau. Er hatte einige Besuche zu machen, und
-Lydia ging, um Einkäufe zu besorgen nach der belebtesten
-Straße, wo sich die größten Läden befanden.</p>
-
-<p>Ohne einen Blick auf die Auslagen in den Fenstern
-zu werfen eilte sie vorwärts. Bald bog sie in einen
-weniger belebten Seitenweg ein, durchschritt eine
-öffentliche Promenade und betrat einen Stadttheil,
-in dem ihre elegante Erscheinung überall auffiel.
-Sie befand sich zwischen langen Reihen hoher unschöner
-Häuser, die alle viele Fenstern hatten und von vielen
-Menschen bewohnt wurden. Zuletzt trat sie in den
-Thorweg einer Bierbrauerei, ging durch das Vorderhaus
-über den Hof, zwischen Fässern und Rollwagen
-hindurch nach dem Quergebäude.</p>
-
-<p>Sie drückte den Elfenbeingriff ihres weißen Spitzenschirmes
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-fest an die Brust, schob den Schleier vom
-Gesichte zurück und stieg mit fliegendem Athem und
-zitternden Knieen in nervöser Hast die schmale halbdunkle
-steile Treppe hinauf.</p>
-
-<p>Bei jedem Stockwerk wurden die Entreethüren
-niedriger, beengter, schmutziger. Nach drei Treppen
-hörten die abgeschlossenen Wohnungen überhaupt auf.
-Eine Menge Thüren mündeten in einen engen, langen
-Gang. Es war unerträglich schwül in diesem Treppenhause,
-aus jeder der zahlreichen Wohnungen drangen
-Küchendämpfe und Lärm heraus. Es roch nach
-Kaffee, nach angebranntem Fett, nach trocknender
-Wäsche, nach Seife &ndash; vor allen Dingen aber nach
-Menschen, nach zusammengedrängten, armen, schmutzigen
-Menschen. An vielen Thüren befanden sich Visitenkarten
-mit dem Namen des Zimmerbewohners.</p>
-
-<p>»Friedrich Rast,« stand auf einer dieser Karten
-zu lesen. Lydia klopfte mit ihrem Schirm an die
-Thür. Ein junger Mann öffnete ihr und ließ sie ein.</p>
-
-<p>Das Zimmer war ganz nett und freundlich möblirt:
-Ein Sopha mit braunem Ripsüberzuge, zwei Schränke
-von hellem Holz, ein Spiegel zwischen den Fenstern, ein
-kleiner Teppich, auf einer Kommode eine Uhr und zwei
-Leuchter. Das Stübchen schien für den Empfang
-eines Besuches aufgeräumt worden zu sein, denn es
-lag nichts von den Sachen des Bewohners umher.
-Eine halb offene Thür ließ ein ebenfalls gut eingerichtetes
-Schlafzimmer sehen. An den Fenstern
-waren saubere Gardinen und einige blühende Pflanzen.
-Die Aussicht über ein freies Feld und eine Reihe
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-Bäume entschädigte für die Häßlichkeit, die der Eingang
-der Wohnung bot. Der Inhaber dieser Stuben,
-ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, war
-sorgfältig, wenn auch nicht elegant gekleidet.</p>
-
-<p>»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Herr Rast,«
-sagte Lydia und sank erschöpft auf das kleine weiche
-Sopha nieder.</p>
-
-<p>»Der Dienstmann hat alles richtig an mich telephonirt,
-gnädige Frau,« antwortete Friedrich Rast
-lächelnd. »Mein durchreisender Vater wünscht mich
-zu sprechen, der Provisor hat mich daraufhin beurlaubt,
-hier bin ich, und auf meinem bescheidenen
-Sopha sitzt ja nun auch mein ehrwürdiger Alter.«</p>
-
-<p>»Lassen Sie die Scherze, Herr Rast, ich bin sehr
-aufgeregt und habe es eilig. Mein Mann hat unsere
-Abreise früher angesetzt, und mein Vorrath reicht höchstens
-noch drei oder vier Tage. Ich brauche mindestens
-zwölf Gramm für die Saison in Heringsdorf.
-Rechnen Sie doch &ndash; sechs Gramm geben ein Fläschchen
-für hundert Einspritzungen, eigentlich bekommt man
-aber nur etwa achtzig heraus, durchschnittlich brauche
-ich vier am Tage, also in drei Wochen ein Fläschchen,
-das macht zwölf Gramm in sechs Wochen.«</p>
-
-<p>»Zwei Gramm jede Woche, das ist zu viel, gnädige
-Frau.«</p>
-
-<p>»Was geht Sie denn das an? Hier sind Einhundertundzwanzig
-Mark, das Gramm zu zehn Mark
-gerechnet; bei unserer Medicinaltaxe von sechzig Pfennigen
-für das Gramm können Sie doch mit dem
-Geschäfte zufrieden sein.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Der junge Apotheker schob fünf von den Goldstücken
-mit verlegener Miene zurück. »Ich habe nur
-zwei Gramm.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber Herr Rast!« Lydia wurde todtenbleich und
-sah den jungen Mann so entsetzt an, daß er einiges
-Mitleid empfand.</p>
-
-<p>»Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, Ihnen
-Schwierigkeiten zu machen, Frau Geheimräthin, aber
-heute war es nicht möglich. Es fehlt eine Menge
-von hundert bis hundertundfünfzig Gramm in der
-Apotheke. Der Chef hat gerast und getobt und uns
-Alle Morphiomanen genannt. Einer von uns muß
-es ja am Ende auch sein, denn ich habe noch nie
-mehr als zehn Gramm auf einmal genommen. Es
-giebt gewiß unter uns Apothekern ebenso viele Morphiumsüchtige
-wie unter den Aerzten. Vielleicht aber
-bin ich auch nicht der Einzige, der das Mittel heimlich
-verkauft, &ndash; die Versuchung ist ja so groß.«</p>
-
-<p>Ein Zug, wie von körperlicher Qual trat auf
-Lydias Gesicht. »Herr Rast, denken Sie noch an
-den Abend, wo Sie auf der Brücke hinter dem
-Theater standen?« fragte sie mühsam.</p>
-
-<p>»Ja, ich denke daran, so oft sich mein Gewissen
-regt über das, was ich für Sie thue, gnädige Frau.
-Meine Schulden betrugen damals nur etwa hundert
-Mark, aber ich habe acht Geschwister, ich hätte doch
-diese Schulden nicht machen dürfen. Das kleine
-Kolonialwaarengeschäft meines Vaters ernährt kaum
-die Familie. Anstatt von meinem ersten Gehalt
-nach Hause abzugeben, was ich dank Ihrer Güte
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-jetzt kann, mußte ich von meinem armen Vater hundert
-Mark fordern, die er mir natürlich nicht geben konnte.
-Es war hart &ndash; eine furchtbare Strafe für meinen
-Leichtsinn.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ich habe Sie damals vor einem Schritte der
-Verzweiflung bewahrt, wollen Sie mich dafür jetzt
-verzweifeln lassen, Herr Rast?«</p>
-
-<p>»Aber Frau Geheimräthin, verzweifeln Sie denn,
-wenn Ihre Morphiumquelle einmal versagt?«</p>
-
-<p>»Ja,« antwortete sie dumpf. »Ohne Morphium
-muß ich verzweifeln. O, mein Gott, man giebt doch
-den Ärmsten Almosen, warum versagt man dem
-Kranken das, was ihm Lebensbedürfniß, was ihm
-nöthiger ist als das tägliche Brot!«</p>
-
-<p>»Es liegt eine große Härte in dem Verbot des
-Verkaufes,« sagte der junge Mann mitleidig. »Es
-ist auch eine ganz unnütze Härte, denn sie dient nur
-dazu, die Verkäufer in Versuchung zu führen und
-die Kranken zu Lug und Trug zu veranlassen. Ist
-es nicht eine Schmach, daß eine Dame wie Sie,
-gnädige Frau, in dieses Haus kommen muß, um so
-einen armen Teufel wie mich für eine Handlung zu
-bezahlen, die meine Existenz kosten kann?«</p>
-
-<p>»Ja es ist eine Erniedrigung, eine Schande für
-uns Beide, für Hunderte außer uns, aber wir können
-die Ungerechtigkeit nicht aus der Welt schaffen, die
-dem Einen ruhig das anvertraut, wonach sich die
-Sehnsucht des Anderen vergeblich verzehrt. Wenn
-nur der Morphiumhunger nicht immer stärker und
-stärker wiederkehrte bei dem, der einmal an das Reizmittel
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-gewöhnt ist. Ich kann nicht leben wenn ich
-kein Morphium habe, sagen Sie mir, wie machen es
-Andere, die dasselbe Bedürfniß empfinden?«</p>
-
-<p>»Andere fälschen Recepte.«</p>
-
-<p>»Und das geht?«</p>
-
-<p>»Ja, es geht oft. Die meisten Kranken greifen
-zu diesem Mittel, denn Wartepersonal oder Droguisten
-sind doch schließlich nur selten bestechlich. Noch seltener
-aber sind gefällige Aerzte, die das Mittel aus der
-Hand geben. Außerdem erhält man es auf ein gefälschtes
-Recept hin auch zum landesüblichen Preise,
-was ebenfalls die meisten Menschen berücksichtigen
-müssen. Natürlich werden aber in allen Apotheken
-die Recepte über Chloroform, Aether, Cocain, Chloral,
-Morphium und ähnliche Mittel genauer angesehen als
-andere Vorschriften.«</p>
-
-<p>»Und wenn man eine Fälschung entdeckt?«</p>
-
-<p>»Dann schickt in der Regel der Provisor das
-Recept demjenigen Arzte zu, auf dessen Namen es
-gefälscht wurde.«</p>
-
-<p>Lydia schlug die Hände in furchtbarer Aufregung
-vor das Gesicht und schluchzte krampfhaft. »Ich
-vermöchte eine solche Schmach nicht zu überleben.«</p>
-
-<p>»O, das passirt aber so oft,« meinte er gleichmüthig.</p>
-
-<p>Sie starrte fassungslos vor sich hin. »Herr Rast,
-wie ist das, wie wird es gemacht &ndash;&nbsp;&ndash; Recepte zu
-fälschen?«</p>
-
-<p>Er legte zwei abgestempelte Recepte vor sie hin.
-»Da sehen Sie, das sind zwei echte Recepte von
-zweien unserer ersten Chirurgen. Das eine lautet auf
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-eine fünf- das andere auf eine vierprocentige Lösung.
-Stärkere Vorschriften sind gewöhnlich unecht. Hier
-haben Sie Papier und Feder, gehen Sie an die Fensterscheibe
-und pausen Sie die beiden Recepte durch, zur
-Vorsicht machen Sie sich zwei Exemplare von jeder
-Vorschrift. Dann können Sie durch Dienstmänner
-oder Kinder, die Sie dafür bezahlen, die Recepte
-beide machen lassen. Ich kann Ihnen leicht durch
-Abdampfen in einem Filtrirapparat die dünnen
-Lösungen etwas verstärken. Aber entschließen Sie
-sich rasch, damit ich die Recepte in das Buch zurücklegen
-kann, ehe sie vermißt werden.«</p>
-
-<p>Widerstrebend griff Lydia nach dem Schreibmaterial,
-das ihr der junge Mann anbot. Sie kam sich maßlos
-erniedrigt vor durch die gesetzwidrige Handlung,
-die sie vor diesem Zeugen zu begehen im Begriff stand.</p>
-
-<p>Was mußte dieser, gesellschaftlich tief unter ihr
-stehende leichtsinnige junge Mensch von ihr denken
-&ndash; von ihr, die von dem eigenen Gatten, von allen
-Menschen, die sie kannte mit Auszeichnung behandelt
-wurde!</p>
-
-<p>Sie ließ die Feder, die schon einige Striche gemacht
-hatte, sinken. Thränen stürzten ihr aus den
-Augen. »Ich kann es nicht.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Dann müssen Sie aber eine Entziehungskur
-durchmachen, auf einmal kann man dem Morphium
-nicht entsagen,« erklärte der Apotheker. Dabei glitt
-etwas wie Freude über sein energieloses, junges Gesicht.</p>
-
-<p>»Ich will aber garnicht entsagen,« schluchzte die
-junge Frau. »Das Gesetz soll mich nicht dazu
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-zwingen, das Gesetz geht mich überhaupt garnichts an,
-ich thue nichts, was irgend einem Menschen in der
-Welt Schaden zufügen könnte.«</p>
-
-<p>»Sie schaden sich selbst.«</p>
-
-<p>»Das ist doch ausschließlich meine Sache. Nein
-diese Bevormundung ist wirklich empörend!«</p>
-
-<p>»Wenn ich etwas bei Seite bringen kann, schicke
-ich es Ihnen in einem Briefcouvert,« tröstete er, ihr
-die zwei Gramm hinschiebend, die er besaß.</p>
-
-<p>Sie steckte das Pulver ein und trocknete ihre
-Thränen. »Haben Sie keinen Bekannten, der mir
-helfen könnte?« fragte sie aufstehend.</p>
-
-<p>»Vielleicht wäre das möglich,« sagte er nachdenklich.
-»Außer in Apotheken wird das Morphium in
-einzelnen größeren Droguengeschäften geführt. Dort
-darf allerdings nur der Besitzer die Recepte machen,
-die jungen Leute haben kein Examen gemacht und
-dürfen es nicht.«</p>
-
-<p>»Ich mache mir ja die Lösung selbst zurecht, wenn
-mir nur jemand die rohe Waare verschafft. Können
-Sie mir wirklich niemanden empfehlen?«</p>
-
-<p>»O doch ich glaube, ich kann es. Ferdinand
-Preyer ist ein so blutarmer Junge, daß er mehr als
-hochachtbar sein müßte, wenn er einem Angebote von zehn
-Mark für das Gramm zu widerstehen vermöchte.«</p>
-
-<p>»Ist er gewissenhaft und ängstlich?«</p>
-
-<p>»Ich fürchte allerdings, daß er das ist, aber
-wenn er den Betrag für die entnommene Waare in
-die Ladenkasse legt, so kann es seinem Principal
-doch einerlei sein, was dafür verkauft wurde.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«</p>
-
-<p>»Ich will thun, was ich kann. Seine Mutter ist
-eine arme Wittwe, zwei Schwestern von Preyer dienen
-als Stütze der Hausfrau. Die Beiden und Ferdinand,
-der neunzig Mark Gehalt im Monat hat, unterstützen
-die Mutter. Drei Kinder gehen noch in die
-Schule. Von irgend welchem Vergnügen ist für
-Preyer niemals die Rede. Der arme Kerl ißt sich
-kaum satt; &ndash; es wäre einfach übermenschlich, wenn
-er Ihnen kein Morphium verschaffte; ich gönne ihm
-auch den Verdienst.«</p>
-
-<p>Lydia ging nun, nachdem sie mit Friedrich Rast
-verabredet hatte, Abends um acht Uhr wieder in
-dessen Wohnung zu sein, um daselbst mit Ferdinand
-Preyer zusammenzutreffen. Er versprach ihr den
-jungen Mann herzubestellen und ihn auf das an ihn
-gestellte Verlangen vorzubereiten.</p>
-
-<p>Nachdem sich der junge Apotheker überzeugt
-hatte, daß der Corridor augenblicklich menschenleer
-war, eilte seine Besucherin hastig die Treppe hinab,
-ängstlich den Schleier vor ihr verweintes Gesicht
-ziehend.</p>
-
-<p>In der Nähe des Hauses fand sie zufällig eine
-leere Droschke. Von der Aufregung und Angst aufs
-äußerste erschöpft, stieg sie ein und fuhr zu einer
-Modistin. Darauf besuchte sie noch einige Ladengeschäfte;
-sie zwang sich, dazu Einkäufe für ihre
-und der Kinder Toiletten zu machen, um die wild
-durch ihr Hirn stürmenden Gedanken und Besorgnisse
-zu überwinden. Es gelang ihr schließlich auch, sich
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-wieder so weit zu fassen, daß sie ihren Kindern und
-ihrem Manne unbefangen gegenübertreten und wie
-gewöhnlich am Mittagessen theilnehmen konnte.</p>
-
-<p>Die Kinder waren so lebhaft, daß sie oft bei
-Tische Veranlassung zu herzlichem Lachen der Eltern
-wurden und auch heute führten sie wieder die Unterhaltung,
-ohne von ihrem Fräulein, das selbst so gerne
-lachte, erheblich daran gehindert zu werden.</p>
-
-<p>Nach dem Essen forderte Lydia das Fräulein auf,
-mit ihr und den Kindern spazieren zu fahren,
-während der Geheimrath, der später noch in sein
-Büreau mußte, sich etwas zur Ruhe zurückzog.</p>
-
-<p>Unterwegs befestigte sich in Lydia die Überzeugung,
-daß sie mit der Wahl des neuen Fräuleins ihren
-Kindern eine wahre Wohlthat erwiesen hatte. Fräulein
-Hedwig war so herzlich, von so natürlicher Heiterkeit
-und selbstloser Hingabe, daß die Herzen der Kinder
-sich ihr zuwandten wie Blumenkelche dem Sonnenlicht.
-Während der Fahrt durch den warmen schattigen
-Waldweg plauderten und jubelten die Kleinen
-ununterbrochen, während die Mutter ihnen schweigend
-und verstimmt gegenüber saß. Sie konnte ihre
-Gedanken nicht davon losreißen, auf welche Weise sie
-sich wohl für die Zukunft das Mittel verschaffen
-könne, das doch nur ihr allein ein egoistisches Genießen
-gewährte, an dem kein anderer Mensch Antheil
-nahm.</p>
-
-<p>In fröhlicher Stimmung kehrte die kleine Gesellschaft
-nach Hause zurück. Lydia fühlte ihre Nerven
-etwas ruhiger werden; so vermochte sie ihrem Manne,
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-der die Seinen schon im Garten empfing, freundlich
-entgegen zu treten.</p>
-
-<p>Er gab seiner zurückkehrenden Frau einen erbrochenen
-Brief und entschuldigte sich, daß er so indiscret
-gewesen war, denselben zu öffnen.</p>
-
-<p>»Der Überbringer sagte mir auf meine Frage,
-daß er in einer Brauerei in der Humboltstraße
-arbeite. Das erschien mir so eigenthümlich, daß ich
-nur eine Bettelei vermuthen konnte. Ich wußte nicht,
-daß Dein Schuster so weit draußen wohnt. Bist Du
-denn mit Deinem bisherigen Lieferanten in der Hauptstraße
-nicht mehr zufrieden?«</p>
-
-<p>Lydia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen
-stieg bei dieser harmlosen Frage ihres Mannes. Was
-für ein entsetzliches Verhängniß zwang sie doch,
-Lügen &ndash; ganz gemeine Lügen zu ersinnen, wie unwürdig,
-wie erbärmlich stand sie da vor sich selbst
-und vor Friedrich Rast, der ihr auf diese Weise
-eine Mittheilung zukommen ließ!</p>
-
-<p>Sie griff nach dem Blatte: »Gnädigste Frau
-habe ich zu benachrichtigen, daß Ferdinand Preyer
-die gewünschten Waaren nicht liefert. Weiß nun
-nicht, ob die Schuhe mit Stahlperlen oder schwarzen
-Schleifen garnirt werden sollen und bitte um weitere
-Befehle. Hochachtend, Friedrich Rast.«</p>
-
-<p>Sie las, und es wurde ihr dunkel vor den Augen,
-als sie zu Ende war. Ferdinand Preyer lieferte also
-die gewünschten Waaren nicht! Der arme Commis,
-der von seinem geringen Gehalte noch seine Mutter
-unterstützte, verschmähte das Gold, das die reiche
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-Frau ihm bot, wenn er mühelos ein Vorrecht benutzte,
-das der Zufall in seine Hand gelegt hatte. Sie hatte
-versucht, einen armen Menschen zu bestechen, ihn zu
-einer Pflichtverletzung zu verführen, sie bot ihm ein
-Verdienst, das seine ganze Lage ändern, ihn und die
-Seinen aller Sorgen entheben konnte und er &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-»lieferte die gewünschten Waaren nicht.«</p>
-
-<p>Was für ein Ungethüm von Pedanterie mußte
-dieser unbestechliche junge Mann sein! Was für eine
-Willenskraft mußte er besitzen, um in seinem freudlosen
-genußleeren Dasein nicht überhaupt für seine
-eigene Person nach dem Morphium zu greifen, das
-ihm doch erreichbar war! Ob er wohl in seiner
-übertriebenen Pflichttreue Aehnlichkeit mit Fräulein
-Hedwig hatte, die auch ein Leben der Armuth und Arbeit
-mit innerer Befriedigung hinnahm, ohne zu einem Betäubungsmittel
-zu greifen? Ob er wohl auch so
-froh, so innerlich glücklich, so reich an Liebe war,
-wie dieses Mädchen?</p>
-
-<p>Etwas wie Haß und Neid regte sich in Lydia's
-Herzen. Sie hätte sich rächen mögen an dem, der
-ihr diese Schwierigkeiten bereitete.</p>
-
-<p>»Du ärgerst Dich wohl über Ferdinand Preyer, der
-Dir die letzte Ergänzung einer hübschen Toilette zu
-versagen scheint, Kind?«</p>
-
-<p>Lydia starrte noch immer wie betäubt auf das
-Briefblatt in ihrer Hand. Die Stimme ihres Mannes
-schreckte sie auf, sie sah in sein gütig lächelndes Antlitz.</p>
-
-<p>»Es handelt sich um eine Lederstickerei, ehe der
-zugeschnittene Schuh fertig gemacht wird, Arnold,
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-dieser Preyer ist langsam und ungefällig,« log sie,
-halb bewußtlos vor lähmendem Schrecken.</p>
-
-<p>Bremer lachte. »Das Unglück scheint mir nicht
-groß zu sein, Liebling,« tröstete er. »Schwarze Schuhe
-sind doch immer das hübscheste für einen so zierlichen
-Fuß, wie Du ihn besitzt.«</p>
-
-<p>Dann verabschiedete er sich von seiner Frau, die
-sich kaum noch zu beherrschen vermochte, küßte die
-Kinder und fuhr nach seinem Büreau.</p>
-
-<p>Als Lydia das Geräusch der sich entfernenden
-Räder hörte, hielt sie nicht länger an sich. Sie wandte
-sich jäh ab von den Kindern und dem Fräulein, stürzte
-die Treppe hinauf, schloß sich in ihrem Schlafzimmer
-ein und warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee.</p>
-
-<p>Auf irgend eine Weise mußte sie ihrer leidenschaftlichen
-Aufregung Luft machen, so drückte sie denn ihr
-Gesicht auf ein Kissen und schrie &ndash; schrie so laut
-und so lange wie sie konnte, bis endlich die Thränen
-kamen und ein krampfartiges hysterisches Weinen ihr
-Erleichterung brachte. Dann setzte sie sich an den
-Toilettentisch, nahm wieder Morphium, badete ihr
-Gesicht in kaltem Wasser und versuchte mechanisch
-ihren Anzug, ihr Haar und ihren Teint wieder in
-Ordnung zu bringen. »Was nun?« fragte sie sich nach
-Beendigung ihrer Toilette mit einem trüben, starren
-Blick in den Spiegel. &ndash; Ja, was nun?</p>
-
-<p>Sie nahm eine Gebetschnur und kniete vor dem
-Bilde der Mutter Gottes nieder. Heute an ihrem
-höchsten Ehrentage würde die Heilige sicherlich die
-Gebete der Menschen mit besonderer Gnade aufnehmen.
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-Sie wollte um Erleuchtung bitten, um Frieden, um
-Ruhe der Seele. Mit Selbstüberwindung sprach sie
-die vorgeschriebenen Worte, aber die Seele ließ sich
-nicht zwingen, mit den Lippen zu beten. Ihre ganze
-Seele schrie nach Morphium, nur allein nach dem
-Mittel, auf dessen Erlangung sich jetzt nach den Enttäuschungen
-dieses Tages eine krankhafte Leidenschaft
-concentrirte. Sie ließ sich schließlich gehen in ihrem
-unstillbaren Drange. Die hohe göttliche Jungfrau
-versteht ja die Schwäche des Weibes, hat sie doch
-selbst einst in der Gestalt einer irdischen Jungfrau
-gelebt. So betete Lydia endlich ganz offen und
-kindlich um Morphium. »Gieb es mir, Gebenedeiete,«
-flehte sie, »ich will auch vor Dir wandeln wie eine
-Christin und meine Kinder will ich lehren, Dich zu
-lieben, Dich zu ehren und anzubeten.«</p>
-
-<p>Den Menschen bot sie Gold, der Himmlischen
-bot sie die Seelen ihrer Kinder, für sich aber begehrte
-sie nur das Eine &ndash; mochten es ihr Menschen oder
-Engel gewähren &ndash; nur das, was sie nicht lassen
-konnte, was sie haben mußte und was man ihr grausam
-versagte.</p>
-
-<p>Beruhigt und gestärkt stand sie vom Gebet wieder
-auf. Ein Gedanke, den ihr wahrscheinlich die Hochheilige
-selber eingab, blitzte durch ihr Gehirn. Turnau
-&ndash; Doctor Turnau mußte ihr helfen. Sie war fest
-überzeugt, daß dieser Plan von der heiligen Jungfrau
-selbst in ihr Herz gelegt war; so konnte er also nicht
-fehlschlagen. Sie brauchte nur der Barmherzigen zu vertrauen,
-so erhielt sie gewiß, was sie so glühend ersehnte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Sie ließ eine Droschke holen und fuhr nach der
-Nervenheilanstalt des Professors Schrödter, in der
-Turnau wohnte.</p>
-
-<p>In dem ruhigen Vertrauen auf das Gelingen ihres
-Planes war die fieberhafte Aufregung, die sie vorhin erfüllte,
-gewichen. Sie ließ den Wagen einen Umweg
-machen und fuhr am Kirchhofe vorbei. Eine Frau mit
-mehreren Körben voller Kränze und Blumen hatte
-für den Festtag an der Kirchhofsthür einen Verkauf
-eingerichtet. Lydia stieg aus, kaufte zwei Kränze von
-dunkelrothen Rosen und legte sie mit einem stillen
-Gebet auf die Gräber ihrer Eltern.</p>
-
-<p>»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.«
-Das war die Antwort, die diese Stätte der Erinnerung
-ihr gab, auf alle die bangen Fragen, die ihr Herz
-durchstürmten. Möchte der Segen an ihr in Erfüllung
-gehn auf dem Wege, den sie jetzt ging.</p>
-
-<p>Mit diesem Wunsche im Herzen betrat die junge,
-bildschöne Frau gleich darauf die Junggesellenwohnung
-eines eleganten Lebemannes. Die Leidenschaft, die
-sie hierhergeführt hatte, ließ sie vergessen, was in ihrer
-Lage peinlich und anstößig war.</p>
-
-<p>Auch Turnau trat ihr unbefangen entgegen, fast
-als hätte er diesen ungewöhnlichen Besuch erwartet.</p>
-
-<p>Er ergriff Lydias Hände, sah ihr in die Augen
-und mit einem milden gütigen Lächeln, das sein regelmäßiges
-Gesicht außerordentlich schön erscheinen ließ,
-fragte er leise: »Sie wollen Morphium haben, nicht
-wahr, Frau Bremer?«</p>
-
-<p>Wenn er jetzt die Arme um sie gelegt und sie an
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-sich gezogen hätte, so wäre sie sein gewesen willenlos,
-selig, ohne jedes Widerstreben. Sie hatte bei ihrem
-Manne nie die wahre Gluth der Liebe kennen gelernt
-und sie war nie ganz verstanden. Jetzt sah sie sich
-verstanden und fand ein Entgegenkommen, das sie
-bis in die Tiefe des Herzens tröstete und beglückte.</p>
-
-<p>Statt aller Antwort wandte sie sich von dem Freunde
-ab und weinte bitterlich.</p>
-
-<p>Dieser Gefühlsausbruch setzte ihn nicht in Verlegenheit,
-regte ihn aber auch nicht auf. Er versuchte
-nicht, seine hübsche Freundin zu trösten, sondern
-nahm ihr gegenüber Platz und erwartete mit
-dem ruhig beobachtenden Blicke des Arztes, was sie
-thun würde.</p>
-
-<p>Sie fühlte bald, daß ihr Benehmen nicht mit den
-üblichen Formen des Verkehrs in Einklang zu bringen
-sei und suchte sich gewaltsam zu fassen.</p>
-
-<p>»Wie hübsch Sie eingerichtet sind,« sagte sie, ihre
-Thränen trocknend, »gar nicht wie ein Gelehrter, viel
-eher wie ein die Schönheit liebender Künstler &ndash; sogar
-Blumen finden bei Ihnen die nöthige Pflege&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Ich habe ein kleines Abonnement bei einem
-Gärtner, gnädige Frau,« er nahm die Rücksicht, ihre
-Erregung unbeachtet zu lassen und auf den Ton einzugehen,
-den sie anzunehmen sich bemühte. »Persönlich
-habe ich eigentlich kein Interesse für Botanik, nur
-als Zimmerdekoration liebe ich Pflanzen. Ich verstehe
-nämlich etwas vom Decorieren, mein Talent
-dafür hätte sicherlich ausgereicht zum Tapezierer, wenn
-nicht gar zum Regisseur.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-Die reiche, geschmackvolle Ausstattung des Zimmers
-bestätigte seine Worte. »Ich sehe hier gar keine
-anatomischen Präparate,« bemerkte Lydia, erstaunt
-um sich blickend.</p>
-
-<p>»Nein, damit umgebe ich mich nicht. Die Anstalt
-hat Räume genug, wo man solche Sachen aufstellen
-kann, ohne damit die Harmonie des einzigen Zimmers
-zu stören, das man wirklich bewohnt. Ich bin
-nämlich sehr häuslich, gnädige Frau. Die Biergespräche
-meiner Altersgenossen interessiren mich so wenig, daß
-ich fast jeden Abend zu Hause bleibe, um mich derjenigen
-Lectüre widmen zu können, die mich interessirt.
-Ich wüßte kaum, was ich in einer Kneipe anfangen
-sollte, da ich außerdem sehr mäßig in materiellen Genüssen
-bin, ich trinke beispielsweise fast nichts.«</p>
-
-<p>»Und doch gelten Sie für recht unsolide, darf ich
-es sagen &ndash; sogar für blasirt.«</p>
-
-<p>»Ich bin auch blasirt, meine gnädigste Frau, Sie
-dürfen das ganz ruhig sagen. Eine ärmliche Umgebung
-wäre mir unerträglich, und wenn ich mich
-hier zwischen meinen eigenen Sachen am wohlsten
-fühle, so ist das nicht etwa häusliche Tugend, sondern
-Bequemlichkeit &ndash; Blasirtheit, wenn Sie wollen.«</p>
-
-<p>»Nein, nein, machen Sie sich nur nicht schlecht,«
-sie konnte schon wieder lächeln, wie sie das sagte, »es
-muß und wird noch dahin kommen, daß Ihre Tugend
-allgemein anerkannt wird.«</p>
-
-<p>»Aber ich bin ein anspruchsvoller Genußmensch,
-ich interessire mich für Kunst und Wissenschaft, huldige
-dem Schönen unter allen Umständen, und bin außerdem
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-dem Morphinismus ergeben, und zwar mit Leib
-und Seele, wie Sie ja wissen.«</p>
-
-<p>»Ich auch,« sagte sie bestimmt, beinahe trotzig.</p>
-
-<p>»Viele Morphinisten gehen zu Grunde.«</p>
-
-<p>»Das weiß ich.«</p>
-
-<p>»Manche werden auch schwachsinnig, oft sogar
-wirklich gemüthskrank.«</p>
-
-<p>»Das weiß ich auch.«</p>
-
-<p>»Und Sie bleiben dennoch dabei?«</p>
-
-<p>»Ja, ich kann nicht davon lassen, ich will es auch
-nicht.«</p>
-
-<p>»Nun, Sie sind erwachsen und gebildet genug, um
-zu wissen was Sie thun. Weil ich Medicin studirt
-habe, halte ich mich nicht für den Vormund anderer
-Menschen; ebenso wenig würde ich das thun, wenn
-ich zufällig Theologe wäre. Wenn Sie Ihre Lebenszeit
-abkürzen wollen, so sehen Sie zu, wie Sie sich
-mit Ihrer Lebensphilosophie darüber abfinden.«</p>
-
-<p>»Ich habe mich mit meiner Moral darüber abgefunden,
-wie&nbsp;&ndash;, das geht niemanden etwas an.«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht, es giebt ja andere Gelegenheiten
-genug, um das Leben des Individuums zu verlängern.
-Wir können als Mediciner die Infectionskrankheiten
-bekämpfen, wir haben die herrlichen Fortschritte der
-Chirurgie, wer leben will, dem können wir mit den
-Mitteln der Wissenschaft helfen, seine Tage zu vermehren.
-Wer sollte wohl darauf kommen, uns für
-das vom nationalöconomischen Standpunkte geringfügige
-Unglück verantwortlich zu machen, daß eine
-beschränkte Anzahl von Menschen mit klarem Willen
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-und vollem Bewußtsein die Lebenszeit abkürzt, die
-ihnen an sich zugemessen ist!«</p>
-
-<p>»Jeder Apothekerlehrling hält sich für verantwortlich
-wegen dieses Unglückes,« sagte sie bitter.
-»Wenn man da die äußerste Consequenz ziehen wollte,
-müßte man jeden Schenkwirth bestrafen, in dessen
-Local sich allnächtlich eine Anzahl Leute mit Branntwein
-vergiften.«</p>
-
-<p>»Ah &ndash; das souveräne Volk &ndash; dem muß man
-die Freiheit schon lassen.«</p>
-
-<p>»Man wird sie auch einst dem Gebildeten lassen,
-der den verfeinerten Genuß sucht, unseren Genuß,
-nicht wahr, Frau Bremer?«</p>
-
-<p>»Vorläufig scheint mir dazu sehr wenig Hoffnung
-vorhanden zu sein,« sagte sie traurig.</p>
-
-<p>»Ich habe heute eine entsetzliche Enttäuschung erlebt,
-eine Erniedrigung, einen Schmerz, der mich fast
-verzweifelt zu Ihnen getrieben hat, in der Hoffnung
-Verständniß und Hülfe bei Ihnen zu finden.«</p>
-
-<p>Auf seinen fragenden Blick erzählte sie ihm nun
-von ihren Beziehungen zu Friedrich Rast und von
-der unbestechlichen Tugend Ferdinand Preyers.</p>
-
-<p>»Und von den Ansichten eines solchen halbgebildeten
-Jungen hängt das Wohl und Wehe einer sensitiven
-vornehmen Natur ab. Eine Dame, wie Sie,
-muß die Vorstadtwohnung eines bestechlichen Commis
-aufsuchen, um eine Gesetzesvorschrift zu umgehen, die
-in ihrem Widersinn schon viel entsetzlichere Folgen
-gehabt hat als diese Demüthigung, unter der Sie
-heute gelitten haben.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-»Noch schlimmere Folgen?«</p>
-
-<p>»Allerdings; bitte, wollen Sie dem Freunde, dem
-Arzte, dem Psychologen verzeihen, wenn ich Sie frage:
-würden Sie sich nicht schließlich verkaufen, wenn Sie
-keine, keine andere Möglichkeit sähen, sich Morphium
-zu verschaffen?«</p>
-
-<p>Sie wurde todtenbleich. »Ich würde sterben,
-aber ich würde nicht fallen.«</p>
-
-<p>»Dann sind Sie eben noch nicht in dem Stadium,
-in dem man fällt. Andere sind aber in dieses Stadium
-gekommen. Das Morphiumgesetz hat schon manche
-Frauenehre gekostet.«</p>
-
-<p>Lydia erhob sich. Sie fühlte das Nahen einer
-furchtbaren Gefahr. Der Mann, mit dem sie allein
-war, konnte ihre Wünsche erfüllen, er konnte aber
-auch ihre Ehre fordern. Sie hätte sich ihm nicht
-versagt, er verstand sie und sie fühlte, daß sie ihn liebte.</p>
-
-<p>Einen Augenblick lang kämpfte er mit der Versuchung,
-das willenlose liebliche Weib an sich zu
-reißen und ihre Liebe zu nehmen. Ah &ndash; wie sie
-wohl zu lieben verstand!</p>
-
-<p>Er sah sie an und ein müdes Lächeln erschien
-auf seinem Gesichte, die leichte Erregung der Sinne
-war schon wieder vorüber. »Bitte, meine gnädige
-Frau, verstehen Sie mich nicht falsch,« sagte er kühl.</p>
-
-<p>Dann trat er an seinen Schreibtisch und nahm
-eine kleine Schachtel heraus, die er ihr gab.</p>
-
-<p>»Hier sind zehn Gramm Morphium, Ihre Mischung
-wissen Sie sich ja zurechtzumachen. Beruhigen Sie
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-sich jetzt, solche furchtbaren Aufregungen sind Gift
-für die überempfindlichen Nerven des Morphinisten.«</p>
-
-<p>»O, Gott, wie edel Sie sind &ndash; ich danke Ihnen.«</p>
-
-<p>»Nein, danken Sie mir nicht, ich werde Ihnen
-ein anderes Mal ein Recept geben, Ihre Lösung
-können Sie dann überall bekommen. Jetzt will ich
-Ihnen noch einmal das geben, was Sie gestern
-bekommen haben, damit Sie sich ganz beruhigen.«</p>
-
-<p>Mit einem Seufzer der Erleichterung und Wonne
-empfand sie die Wohlthat, die er ihr zu theil
-werden ließ.</p>
-
-<p>Sie fand keine Worte, um ihm zu danken.
-Schweigend ließ sie sich von ihm die Treppe herunterführen,
-schweigend stieg sie in den Wagen, der sie
-erwartete, dann ein Händedruck, und ein Blick, der
-dem erfahrenen Manne zeigte, was ihr Herz in
-diesem Augenblicke empfand.</p>
-
-<p>Sie kehrte zurück zu Mann und Kindern, zurück
-in das Haus, dessen Herrin sie war. Wie gleichgültig
-war ihr das alles, wie wenig dachte sie daran, daß
-sie nahe daran gewesen war, als eine Unwürdige
-über diese Schwelle zu schreiten. Eine Fremde
-war sie in diesen kurzen Stunden ihrem Heim
-dennoch geworden.</p>
-
-<p>Sie hatte nun Morphium, was ihr weder ihr
-Mann noch sonst jemand von ihren Angehörigen
-gönnte. Sie brauchte nicht mehr um den Erwerb
-des köstlichen Mittels zu zittern. Die tiefe Befriedigung
-und die wohlthätige Ruhe, die sie im Gegensatze
-zu dem bisherigen Leben der Aufregung und Angst
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-jetzt empfand, dankte sie ihm, dem selbstlosen Freunde.
-Langsam nahm die Erinnerung an ihn, die Dankbarkeit,
-die Freundschaft und Hingabe, die sie ihm
-widmete, ihr ganzes Denken und Fühlen in Anspruch.
-Sie war nun zufrieden, sie war ruhig und still, er
-hatte sie glücklich gemacht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-
-<h3>III.</h3>
-
-<p>Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft
-die Erlaubniß erhalten, eine durchreisende
-Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In
-freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging
-eilig in der herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends
-dahin. Selbst die belebtesten Verkehrsstraßen
-waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der
-großen grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts
-von der wundervollen Temperatur zu bemerken, die
-draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter
-den von Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen
-dieses Gebäudes.</p>
-
-<p>Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten
-der sich drängenden Menschenmasse, um sie her brauste
-und lärmte das Leben des großen Verkehrs. Ein
-Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter.
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-Da gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft,
-tausendstimmig wurde er von der Menge zurückgegeben
-und brach sich wiederhallend an der Wölbung der
-Decke.</p>
-
-<p>Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und
-war unter die Räder des Zuges gekommen. Man
-zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr
-ab. Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet;
-als man aber sah, daß keine Gefahr vorhanden sei,
-beruhigte sich die Menschenmenge bald, die Panik
-verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche
-Gedränge, das auf den furchtbaren Schrei
-gefolgt war, hörte sofort wieder auf. &ndash; Ein eigentliches
-Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte
-nur noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug
-schon in Bewegung gesetzt hatte. Das alte Unglück,
-es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl besonders
-darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das
-gräßliche Ende eines Einzelnen den fluthenden Strom
-des großstädtischen Lebens ins Stocken gebracht.</p>
-
-<p>»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des
-Professor Schrödter vermißt, hier ist das Signalement,
-das seine Abreise verhindern soll,« sagte ein Schutzmann,
-auf den Bahnhofsvorsteher zutretend.</p>
-
-<p>Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen
-Sie uns den Verunglückten recognosciren, die Sache
-wird stimmen.«</p>
-
-<p>Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg
-durch die Menge. Der Tragkorb, in dem der Ueberfahrene
-lag, wurde niedergesetzt, es wurde festgestellt,
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-daß man den vermißten Patienten der Nervenheilanstalt
-vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die
-Weisung, den Sterbenden dorthin zu bringen.</p>
-
-<p>Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber
-die Freude war ihr doch durch das Unglück verleidet,
-das sie mit angesehen hatte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>An der Thür der Klinik empfing der Professor
-selbst den Kranken-Transport. Er war im Begriffe,
-in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo er
-einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten
-hatte. In dem Verunglückten erkannte er sofort
-einen Apotheker, der ihm von seinen Angehörigen als
-Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft,
-den Kranken bald als geheilt entlassen zu können;
-nun sah er ihn sterbend vor sich, mit abgefahrenen
-Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte
-einen Vortrag zugesagt, er mußte fort.</p>
-
-<p>Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu
-Turnau's Station gehörte, dem Assistentsarzte sofort zu
-übergeben sei, in zwei Stunden werde er selbst nachsehen;
-damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke.</p>
-
-<p>Der Oberwärter leitete den Transport nach dem,
-in diesem Hause selten benutzten Operationszimmer;
-die diensthabende Schwester erhielt den Auftrag, den
-Stationsarzt zu benachrichtigen.</p>
-
-<p>Geräuschlos trat Schwester Clarissa in Turnau's
-Zimmer. Er lag auf einem niedrigen, weichen Sopha
-und erhob kaum den Kopf, um sich nach der Eintretenden
-umzusehen.</p>
-
-<p>Die junge Nonne, der vielleicht noch von ihrem
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-weltlichen Leben her eine solche Formlosigkeit unangenehm
-war, berichtete mit den knappsten, nothwendigsten
-Worten von dem Unglücksfall und den Dispositionen,
-die der Professor darüber getroffen hatte. Ohne eine
-Antwort abzuwarten, verließ sie darauf den Arzt.</p>
-
-<p>Turnau richtete sich langsam und mit Mühe auf,
-sein Gesicht bedeckte eine fahle Blässe, die Augen
-waren glanzlos, die eiskalten Hände zitterten.
-Die schönen, regelmäßigen Gesichtszüge waren entstellt
-durch eine tödtliche Schwäche, die jeden Ausdruck
-verwischte. Schlaff lagen die Muskeln unter der
-welken Haut.</p>
-
-<p>Nur noch die allerconcentrirtesten Morphium-Lösungen
-vermochten seinen abgestumpften Nerven
-Anregung zu geben. Er combinirte seine Injectionen
-mit Aether und sogar mit Chloroform. Trotzdem
-versagte die Wirkung zuweilen schon nach ganz kurzer
-Zeit. Es folgte dann eine an Bewußtlosigkeit streifende
-Schwäche. Vorübergehend erinnerte dieser Zustand
-an Schlaf, bald aber pflegte der Unglückliche zu
-erwachen. Seine Pulse jagten, er hörte das Blut im
-Kopfe brausen und hämmern, Sehstörungen quälten
-ihn, Lichter und Funken sprangen vor ihm auf. Die
-Geräusche des Blutes steigerten sich ihm zu geheimnißvollen,
-grauenhaften Tönen, er glaubte, Worte daraus
-hervorklingen zu hören, Worte und Rufe, die ihn in
-Verzweiflung und Todesangst stürzten. Schließlich
-steigerte sich dieser Zustand zu einer nervösen Aufregung,
-die hart an die Grenze des Wahnsinns streifte
-und ihn zwang, mit zitternden Händen, mit umflorten
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-Blicken und stockendem Herzschlag wieder und wieder
-zur Morphiumspritze zu greifen.</p>
-
-<p>So abgestumpft auch schließlich die Nerven waren,
-sie mußten angeregt, sie mußten künstlich gereizt
-werden, weil der Zustand der Ernüchterung einfach
-nicht mehr zu ertragen war.</p>
-
-<p>Man schläft nicht mehr, wenn man ein gewisses
-Stadium des Morphinismus hinter sich hat.</p>
-
-<p>Tag und Nacht verlangen die zerrütteten Nerven
-ihr Linderungsmittel, Tag und Nacht dauert die krankhafte
-Erregung. Kommt aber dann einmal die Stunde,
-wo die Nerven nicht mehr darauf reagiren, wo kein
-Mittel mehr hilft, so kommt auch der Tod.</p>
-
-<p>Unter entsetzlichen Qualen, die nichts mehr zu
-lindern vermag, geht der vergiftete Körper zu Grunde.
-Den Geist umnachtet dann in der Regel der Wahnsinn.</p>
-
-<p>Turnau wußte, daß er diesem Ende nicht mehr
-sehr fern war. Mit großer Energie versuchte er bisweilen
-einzelne Stunden der Ernüchterung auszuhalten.
-Je länger er die schmerzhafte Schwäche ertragen hatte,
-um so genußreicher war dann nachher die Wirkung
-der von neuem angewendeten Mittel.</p>
-
-<p>In einer solchen Stunde großer Leiden störte ihn
-die Botschaft seines Chefs.</p>
-
-<p>Der farbige Schleier, der die Lampe verhüllte,
-hatte die Schwester seinen Zustand übersehen lassen.
-Er hatte von dem, was sie gesagt hatte, nichts verstanden.
-Er wußte nur, daß sie ihn rief, daß die
-Erfüllung ärztlicher Pflichten von ihm gefordert
-wurde.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-Noch nie hatte er seine Stellung als Assistent
-so drückend als Fessel empfunden. Seine Mittel
-erlaubten ihm, ohne Ausübung eines Berufes zu
-leben, wo und wie er wollte. Im Interesse seines
-Buches, um der Studien willen, die er hier machte,
-hatte er diese Abhängigkeit bis jetzt ertragen. Nun
-fühlte er aber, daß es Zeit für ihn sei, sich frei zu
-machen. Er war noch auf zwei Monate verpflichtet.
-Wenn er jetzt auch beschloß, sich krank zu melden und
-Ersatz für seine Thätigkeit zu stellen, so konnte ihm
-das doch in diesem Augenblicke nicht helfen. Die
-Stationsschwester hatte ihn gerufen &ndash; er mußte kommen.</p>
-
-<p>Mehrere Minuten vergingen, bis er dazu im
-Stande war. Seine Mittel lagen bereit, aber ihre
-Wirkung war keine unmittelbare. Erst nachdem er
-mehrere combinirte Injectionen in ganz kurzen Zwischenräumen
-angewendet hatte, war er soweit, daß er
-wieder zusammenhängend zu denken vermochte.</p>
-
-<p>Im Operationszimmer ließ er sich den Vorfall,
-der ihm schon berichtet war, noch einmal erzählen,
-ehe er an die Bahre trat, auf der der Verunglückte
-lag. Es war kein anderer Arzt zu Hülfe gekommen.
-Dem hochmüthigen und blasirten Turnau kam ohne
-eine Bitte von seiner Seite niemand auf die Station.
-Er dachte indessen nicht daran, einem seiner Collegen
-deshalb ein gutes Wort zu geben. Ein für alle Mal
-hielt er sich von jeder Vertraulichkeit, von jedem zwanglosen
-Verkehr fern. Jetzt war er geistig vollkommen
-klar, er beherrschte sein Wissen und seine Gedanken,
-er brauchte niemanden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-Der Anblick, den der Verwundete darbot, war
-grauenhaft. Beide Beine waren an den Oberschenkeln
-abgequetscht. Das eine lag bei den blutigen Sachen,
-die das Wartepersonal von dem zerfetzten Körper lostrennte.
-Das Andere hing noch lose durch Fleisch
-und Muskeln verbunden am Körper, der zersplitterte
-Knochen lag frei.</p>
-
-<p>Schwester Clarissa suchte dem enormen Blutverluste
-vorläufig Einhalt zu thun.</p>
-
-<p>Turnau beugte sich über diese ächzenden, wimmernden
-Ueberreste eines menschlichen Leibes, er erkannte
-sofort, daß der Verwundete bei vollem Bewußtsein war.</p>
-
-<p>»Chloroform,« stöhnte der Mensch.</p>
-
-<p>»Gewiß, gleich, aber es könnte Ihnen die Besinnung
-zu früh nehmen, ich will Ihnen erst etwas
-anderes geben, was den Schmerz auch stillt; Sie haben
-doch vielleicht noch irgend etwas zu sagen,« antwortete
-Turnau.</p>
-
-<p>»Nein, jetzt nicht mehr, es ist zu spät, jetzt will
-ich kein Morphium mehr. Jetzt lasse ich mich ja
-heilen, rasch, rasch, heilt mich doch, ich halte ja still,
-ich thu's nicht mehr heimlich,« kam es kaum vernehmlich
-über die blaugrauen Lippen.</p>
-
-<p>Der junge Arzt legte die Flanellmaske auf. »Sind
-Sie ein Selbstmörder?« fragte er dabei.</p>
-
-<p>»Nein, nein, es war nur ein Fluchtversuch &ndash;
-ein Unglück. Man wollte mich heilen, gegen meinen
-Willen &ndash; ich will nicht geheilt sein&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ja, ich verstehe Sie. Man wollte Sie zu einem
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-anderen Berufe zwingen, weil Sie als Apotheker
-doch wieder dem Morphium verfallen wären, das
-wollten Sie nicht.«</p>
-
-<p>»Ich will nicht &ndash; ich will nicht.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Das Bewußtsein schwand, Turnau führte die
-nothwendige Amputation aus, Schwester Clarissa
-arbeitete ihm wunderbar in die Hand. Augenscheinlich
-war der Körper, als die Beine unter ihm
-weggerissen wurden, mit furchtbarer Wucht hintenüber
-auf die Steinplatten des Bahnhofes geschleudert, denn
-es wurde auch ein complicirter Schädelbruch festgestellt.</p>
-
-<p>Nachdem die Verbände angelegt waren, fragte
-die Schwester, ob Turnau den Stumpf des anderen
-Beines, der im Nothverband lag, nicht auch abnehmen
-wolle.</p>
-
-<p>»Keinenfalls, ohne ausdrückliche Anweisung des
-Professors,« antwortete der junge Mann, sich eifrig
-die Hände waschend.</p>
-
-<p>»Chloroform,« stöhnte der Kranke, der schon
-wieder zu sich kam, da er als Morphinist sehr unempfänglich
-für die Einwirkung narkotischer Mittel
-war.</p>
-
-<p>Turnau trat an den Tisch heran. »Ich darf
-Ihnen jetzt höchstens Morphium geben,« erklärte er.
-»Die Operation ist vorüber, eine andauernde Narkose
-könnte höchstens den Erfolg haben, Ihr Leben abzukürzen,
-vielleicht sehr rasch zu enden.«</p>
-
-<p>»Was liegt daran« &ndash; murmelte der Unglückliche.
-Turnau wendete sich an die dienende Schwester. »Geben
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-Sie ihm immerhin Chloroform,« sagte er leise, »der
-arme Kerl hat das Leben satt, ein Genuß mag es auch
-in seiner Lage nicht sein.«</p>
-
-<p>»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie
-bestimmt sagen, daß der Kranke verloren ist?«</p>
-
-<p>»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte
-der junge Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen
-erforderte, von der Chirurgie gelernt hatte.
-»Ich will dem Menschen auch durchaus kein Todesurtheil
-sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich
-verantworten.«</p>
-
-<p>»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete
-die Nonne mit ruhiger Würde.</p>
-
-<p>Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht.
-Was für ein Räthsel war diese mitleidlose Härte den
-furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei einer Schwester,
-deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war.</p>
-
-<p>Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend.</p>
-
-<p>»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau.</p>
-
-<p>»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern,
-was Gottes Wille ist. Wäre es nicht der Wille der
-Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen zum
-Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.«</p>
-
-<p>»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen
-bei solchen Unglücksfällen auf der Stelle todt sind«
-bemerkte Turnau.</p>
-
-<p>»Es steht auch geschrieben »der Tod ist der Sünde
-Sold.«</p>
-
-<p>Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die
-Nerven des kranken Mannes; er sah, daß mit der frommen
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-Schwester nichts anzufangen war; so ließ er sie bei ihrer
-Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen griff er
-selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal
-an das Operationsbett heran.</p>
-
-<p>Er goß auf, nahm den Puls des Kranken in die
-Hand und sah unwillkürlich um sich.</p>
-
-<p>Das ganze blutige Bild des Zimmers, der Geruch
-der Maske, des Jodoforms und des Karbols
-erregte ihm schon nach wenigen Augenblicken einen derartigen
-Ekel, daß er sich vollständig außer Stand fühlte,
-das einmal übernommene Liebeswerk zu Ende zu führen.</p>
-
-<p>Wie sollte er auch eigentlich dazu kommen, sich
-kurz vor seinem Abgange noch möglicher Weise mit
-dem Professor zu überwerfen um dieses fremden, gleichgültigen
-Menschen willen!</p>
-
-<p>Freilich, auch dieser Kranke war Morphinist &ndash;
-gegen seinen Willen wollte man ihn heilen &ndash; das
-Resultat des Versuches war diese Flucht, vielleicht
-war es dennoch eine Flucht aus dem Leben gewesen.</p>
-
-<p>Wie hatte doch die Schwester gesagt? »Der Tod
-ist der Sünde Sold.« Vor langer Zeit hatte Wilhelm
-Turnau diesen Spruch auch in der Schule gelernt.
-Sollte er jetzt die Bedeutung der alten Lehre erkennen?</p>
-
-<p>Aber immerhin war dieser Kranke kein Opfer der Verkaufsbeschränkungen,
-sondern nur ein Opfer verwandtschaftlicher
-Vorurtheile. Soweit hatten ihn seine lieben
-Angehörigen gebracht, nun versagte auch noch die erbarmende
-Liebe der Nonne seinen Todesqualen gegenüber.</p>
-
-<p>Sollte die Einsicht des mit seinen Ansichten so
-allein stehenden Sonderlings hier allein stand halten?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-Wieder schwand das Bewußtsein des Operirten.
-Der Puls setzte aus.</p>
-
-<p>Wenn ich noch einmal aufgieße, ist er todt, sagte
-sich der Arzt.</p>
-
-<p>Zögernd griff seine Hand nach der schwarzen Flasche.</p>
-
-<p>»Was liegt daran,« murmelte der Kranke in seiner
-Betäubung noch einmal.</p>
-
-<p>»Was liegt mir daran,« setzte Turnau in seinem
-Innern hinzu. Dann riß er dem Kranken die Maske
-herunter. »Schwester Clarissa!«</p>
-
-<p>»Herr Doktor wünschen?«</p>
-
-<p>»Sorgen Sie für die Umbettung und wenn der
-Professor kommt, so fragen Sie, ob Sie Morphium
-geben dürfen. Ich gehe in mein Zimmer, im Nothfalle
-rufen Sie mich.«</p>
-
-<p>»Ja, Herr Doctor.«</p>
-
-<p>Er ging, und sie that ihre Pflicht so still und
-gelassen an dem Kranken, wie an alle ihren anderen
-Pflegebefohlenen. Ihr war die einzelne Persönlichkeit
-wirklich gleichgültig, sie sah in jedem Armen und
-Elenden nur den ihr von Gott gesendeten Bruder,
-in dessen Person sie dem Herrn diente. Turnau dagegen
-war krankhaft erregt und nervös angegriffen
-durch den Anblick der entsetzlichen Wunden, durch den
-Geruch des Blutes und die ganze ungewohnte chirurgische
-Thätigkeit, die an ihn herangetreten war.</p>
-
-<p>Abgespannt und erschöpft, dabei in hohem Grade
-überreizt, kam er in seinem Zimmer wieder an. Er
-begab sich zur Ruhe; aber die Nacht, die er darauf
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-zubrachte, war so, daß er sich selbst sagte, mehrere solche
-Nächte würden ihn dem Tode schnell entgegenführen.
-Die Ueberzeugung, daß Arbeit, Aufregung und gewaltsame
-Selbstüberwindung ihn ruiniren mußten,
-erregte ihn so, daß er der Verzweiflung nahe war.
-Wenn seine körperlichen Leiden jetzt rascher, als er
-geglaubt hatte, seine Auflösung herbeiführten, so hatte
-er das der Rücksichtslosigkeit seines Vorgesetzten zu danken.</p>
-
-<p>Der ganze Egoismus seines Characters empörte
-sich bei dieser Erkenntniß. Er gerieth in eine fieberhafte
-Erregung. Wie oft hatte er mit dem Gedanken
-an das Ende gespielt, wie oft hatte er geglaubt, Sehnsucht
-nach dem Tode zu empfinden. Nun hatte er dem Tode
-ins Auge gesehen, er fühlte die Nähe der Ewigkeit, und
-es erfaßte ihn eine namenlose grauenhafte Angst.</p>
-
-<p>»Der Tod ist der Sünde Sold.«</p>
-
-<p>Immer wieder mußte er an die Nonne denken,
-die so ruhig und fest auf dieses kalte Wort hingewiesen
-hatte. Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie
-der Spruch, den sie ihm zugerufen hatte, weiter hieß.
-Nach langem Grübeln fiel es ihm ein.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er, der elegante vornehme Mann, dem die Frauen
-stets entgegengekommen waren, hätte sich ohne Zweifel
-in denselben Todesqualen zu den Füßen der Schwester
-Clarissa winden können, wie jener Elende, der sich
-jetzt in ihrer Pflege befand &ndash; sie würde nichts bei
-seinen Leiden empfinden, sie würde nichts thun, um
-ihm das abzunehmen, was ihm nach ihrer Ansicht
-bestimmt war zu leiden. Er würde ihr gleichgültig
-sein, gleichgültig wie jeder Andere.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-Als er ihr zuflüsterte, daß das Fortleben für den
-Verstümmelten wohl kaum wünschenswerth sei, hatte
-sie ihn angesehen, und diesen Blick konnte er nicht
-mehr vergessen.</p>
-
-<p>Die ganze Verachtung des irdischen Leides und
-des menschlichen Willens, gegenüber einem höhern
-Willen hatte in diesem Blicke gelegen. Und dabei
-war sie schön &ndash; statuenhaft schön &ndash; schade um
-solch ein Weib!</p>
-
-<p>Ob wohl das blühende freundliche Mädchen, das
-er gestern bei Bremers bewundert hatte, im Stande
-wäre Mitleid, wahres menschliches Mitleid zu fühlen?
-Vielleicht wurde es für seine übersättigten Sinne einen
-ganz neuen eigenen Reiz haben, die Liebe dieses
-frischen Mädchens zu gewinnen. Er war ja jetzt ein
-stets willkommener Gast bei Bremers, da konnte er
-sich dem interessanten Studium dieser reinen jungfräulichen
-Seele ab und zu widmen.</p>
-
-<p>Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas, die Spannung
-der Nerven löste sich, die körperliche Erschöpfung bewältigte
-die furchtbare Aufregung. Als der Morgen
-dämmerte, trat ein leichtes wohlthuendes Ausruhen
-an die Stelle der nervösen Ueberreiztheit.</p>
-
-<p>Er dachte jetzt auch über den verhängnißvollen Schritt
-nach, den er gethan hatte, als er der Frau des von
-ihm hochgeachteten Geheimrathes heimlich Morphium
-gab. Würde diese Frau sich nicht wieder und wieder
-mit der Bitte um Morphium an ihn wenden? Es
-konnten ihm Unannehmlichkeiten daraus entstehen, er
-bereute diese Verpflichtung übernommen zu haben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-Wie tief stand doch dieses genußsüchtige Weib
-unter der sanften selbstlosen Nonne, unter der fröhlichen
-treuen Gefährtin ihrer eigenen Kinder! Und diese
-Frau war seine Gesinnungsgenossin, seine Freundin.
-Er wußte, daß er nur die Hand nach ihrem Besitze
-auszustrecken brauchte; deshalb erschien sie ihm verächtlich
-und erbärmlich. Sie war schön, aber niemals
-würde er sie deshalb lieben, es war seine feste Ueberzeugung,
-daß er überhaupt niemanden lieben könne.</p>
-
-<p>Der Gedanke aber, die Hingabe eines Weibes zu
-besitzen, erregte ihm einen Ueberdruß, der an Ekel
-streifte. Lydia Bremer begehrte nichts als Genuß &ndash;
-Genuß in der Liebe, Genuß im Morphium; Pflichten
-kannte sie nicht. Sie hatte Mann und Kinder, aber
-als sie von ihm Morphium empfing, als ihre Blicke
-ihn zum Danke dafür Liebe ahnen ließen, konnte sie
-das vergessen.</p>
-
-<p>Er aber, der im Interesse der leidenden Menschheit
-für eine gute Sache kämpfte, er hatte sich dazu
-hergegeben, diesem begehrlichen glühenden Weibe Genuß
-zu gewähren!</p>
-
-<p>Immerhin hatte er nur mit dieser Handlungsweise
-die Consequenzen seiner Gesinnung gezogen. Wenn
-ihm nur weiter keine Verpflichtung daraus erwuchs,
-wenn sie nur nicht etwa eine persönliche Verbindung
-zwischen sich und ihm darin sah! Ihn graute davor. &ndash;
-Und dann, dann mußte er lächeln. Wie sonderbar, daß
-er in einer schlaflosen Nacht über das Wesen von drei
-ihm gleichgültigen Frauen grübelte!</p>
-
-<p>Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nach
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-ihrer Pflichttreue, nach ihrer Moral? Was gingen
-ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin
-Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen
-Kinderfräuleins an!</p>
-
-<p>Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genuß an
-sie zu denken, sie zu sehen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte
-anfangs an eine nervöse Sinnestäuschung, bald aber
-überzeugte er sich, daß das Klopfen, welches er hörte,
-Wirklichkeit war &ndash; Professor Schrödter hatte die
-Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assistenten morgens um
-fünf Uhr wecken zu lassen!</p>
-
-<p>Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in
-den drei Jahren seiner klinischen Thätigkeit nur sehr
-selten vorgekommen. Er war außer sich darüber und
-beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden
-Preis von dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu
-werden.</p>
-
-<p>Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon
-der Professor unangemeldet bei ihm eintrat. Er
-hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm
-das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten
-innerlich durchaus zuwider war. Aus sehr einfachen
-Verhältnissen hatte er sich durch eigene Kraft zu
-wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne
-sich zugleich äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger
-Formen zu fügen.</p>
-
-<p>»Störe ich Sie noch? &ndash; Es ist fast halb sechs,
-sehr viele Menschen haben bereits ausgeschlafen,« begann
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-er mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte genau,
-daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn
-Uhr früh aufstand.</p>
-
-<p>Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in
-tadelloser Haltung gegenüber. »Selbstverständlich stehe
-ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.«</p>
-
-<p>»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt
-haben, ist gestorben. Wenn Sie in der Nacht einmal
-nachgesehen hätten, brauchte ich nicht hierherzukommen,
-um Ihnen das zu sagen.«</p>
-
-<p>Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf.</p>
-
-<p>»Habe ich bei der Amputation einen Fehler
-gemacht?«</p>
-
-<p>»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von
-zwei abgequetschten Stümpfen haben Sie den Einen
-amputirt und den Anderen ruhig liegen lassen. Als
-ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät.
-Nicht einmal alle Knochensplitter des Schädelbruches
-waren ordnungsmäßig entfernt.«</p>
-
-<p>»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte,
-wäre eine sehr lange Narkose nöthig gewesen. Das
-war aber nicht opportun wegen einer Herzschwäche
-des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.«</p>
-
-<p>»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?«
-schrie der Professor grob. »Sie hätten sich aber
-Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so viel
-wie möglich geschehen konnte.«</p>
-
-<p>»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache
-gewesen, Herr Professor. Sie haben den Verunglückten
-vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftrage
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-in dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch
-einer der Herren Collegen zur Seite gestellt werden.«</p>
-
-<p>»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station
-vor. Sie hätten sich selbst die nöthige Hülfe verschaffen
-müssen. Wir sind doch keine Soldaten, bei denen
-jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe er
-handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen
-Herren benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall
-von vornherein für hoffnungslos?«</p>
-
-<p>»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht
-wagte, nach eigenem Ermessen irgend eine Aenderung
-der von Ihnen getroffenen Dispositionen vorzunehmen.«
-Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit
-vollster Selbstbeherrschung, während der Professor
-bei jedem Worte mehr seine Ruhe verlor.</p>
-
-<p>»So &ndash; Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß
-ich allein Schuld bin?« fragte er wüthend.</p>
-
-<p>»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld
-sein? Es war eben ein Unglücksfall mit tödtlichem
-Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich gewesen,
-wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.«</p>
-
-<p>»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor,
-für einen Arzt ist das ja eine sehr eigenthümliche
-Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen
-Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist,
-alle Hülfsmittel der Wissenschaft anzuwenden, um
-das bedrohte Menschenleben zu verlängern und zu
-erhalten?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische,
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-wenn Sie wollen eine religiöse, aber keine medicinische
-Frage.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen,
-mein Herr College, nicht wahr?« höhnte
-der aufs äußerste gereizte Mann. »In unserm Falle
-liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der
-Medicin, die Frage ist rein sachlich, und die Antwort
-darauf ist es ebenfalls. Diese Antwort aber lautet
-dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus
-nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um
-ein entfliehendes Menschenleben zurückzuhalten. Sie
-sagen, daß ich als Chef hätte genauere Anordnungen
-treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn
-ich gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich
-einbildet, man könnte kein guter Psychiatriker sein,
-ohne zugleich als Chirurg die verhängnißvollsten
-Fehlgriffe zu begehen.«</p>
-
-<p>Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende.
-Eine grobe Antwort auf den groben Angriff vermochte
-er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven
-Natur zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich,
-lehnte sich an einen Schrank, neben dem er stand
-und schwieg.</p>
-
-<p>Der Professor, der trotz seines polternden Tones
-nicht die Absicht gehabt hatte, den jungen Mann zu
-beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner Worte
-sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und
-er hatte im Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen
-wollen.</p>
-
-<p>»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthig
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-ein. »Es liegt mir ja fern, Ihnen die Schuld
-an dem Tode eines Menschen aufbürden zu wollen.
-Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht
-einerlei ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt.
-Es ist doch immerhin ein Privatunternehmen und
-keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt gegenüber
-alles, was hier unter meiner Leitung geschieht.
-&ndash; Wir wollen nachher die Obduction vornehmen,
-dann können wir den Fall noch eingehender und
-ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.«</p>
-
-<p>Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor
-seinem Vorgesetzten.</p>
-
-<p>»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert,
-ich muß doch schelten, wenn nicht in meinem
-Sinne operirt wird. Das passirt den jüngeren Herrn
-überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,«
-begann der Professor noch einmal.</p>
-
-<p>Das Schweigen des hochmüthigen jungen Menschen
-war ihm furchtbar peinlich. Er hatte das Gefühl,
-sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas vergeben
-zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte
-ihm das öfter, deshalb war ihm auch der in tadellos
-vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr unangenehm.</p>
-
-<p>»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel
-verdient habe, so muß ich ihn hinnehmen.« Turnau
-sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er sich
-durchaus nicht beleidigt fühle.</p>
-
-<p>Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest
-seiner Sicherheit. »Bei der Obduction können Sie
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-den Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen, wie
-um auf etwas anderes zu kommen.</p>
-
-<p>»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren
-zu wollen. Ich hatte schon seit einiger Zeit
-die Absicht, mich krank zu melden und bitte um die
-Erlaubniß, für den Rest des Quartals einen Collegen
-zu meiner Vertretung engagiren zu dürfen.«</p>
-
-<p>Er war also doch empfindlich! »Na meinetwegen
-bleiben Sie von der Section weg. Wegen der Vertretung
-suchen Sie mich wohl in meiner Wohnung auf.«</p>
-
-<p>»Wie Sie wünschen, Herr Professor.«</p>
-
-<p>»Auf Wiedersehen denn.«</p>
-
-<p>»Auf Wiedersehen, Herr Professor.«</p>
-
-<p>Noch eine durchaus salonmäßige Verbeugung, die
-der Professor ziemlich ungeschickt erwiederte. Er war
-es gewöhnt, seine Assistenten durch einen Händedruck
-oder ein oberflächliches Kopfnicken zu grüßen. Bei
-Turnau ging das natürlich nicht. Fataler Mensch,
-hätte Offizier oder Diplomat werden sollen, blos
-nicht Arzt, dachte der Professor, als die schwere
-weiche Portiere von Turnaus Zimmer sich hinter ihm
-schloß. Na, vielleicht wird er mal Modearzt bei
-nervösen Damen &ndash; Specialität Migräne; &ndash; er war
-im Grunde seines Herzens froh, daß er ihn los wurde.</p>
-
-<p>Turnau aber fühlte sich nach diesem erneuerten
-Angriff auf seine künstlich überreizten Nerven ernstlich
-und körperlich krank.</p>
-
-<p>In tiefster Erschöpfung streckte er sich auf seinem
-weichen Schlafsopha aus, um körperlich wenigstens
-auszuruhen. Die nöthigen Schritte zu seiner Ablösung
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-von dem Posten, den er nicht mehr auszufüllen
-vermochte, beschloß er zu einer späteren Tagesstunde
-zu thun.</p>
-
-<p>Er lag zeitweise in einer Art von Halbschlaf oder
-Betäubung; er wußte nicht wie lange er gelegen hatte,
-aber die Sonne schien ziemlich heiß durch die schweren
-herabgelassenen Vorhänge, als ein ungewöhnliches
-Geräusch ihn aufschreckte.</p>
-
-<p>Die Thür zu seinem Zimmer wurde hastig aufgerissen
-und mit maßlosem Staunen sah er Lydia
-Bremer unangemeldet eintreten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Turnau verlangte von einer Dame in allererster
-Linie elegante sorgfältige Toilette, nachlässig gekleidete
-Frauen waren ihm gradezu abstoßend. Bisher war
-ihm der Verkehr mit Frau Bremer angenehm
-gewesen, weil sie in ihrer Erscheinung und in ihrem
-Benehmen eine elegante vornehme Frau war; mit
-Entsetzen bemerkte er jetzt bei ihrem ungestümen
-Eintritt, wie unvortheilhaft und verändert sie aussah.
-Das sonst sorgfältig frisirte Haar war nicht gebrannt,
-man sah einzelne dünne Stellen, die die Haut kaum
-bedeckten. Die Gesichtszüge waren durch eine maßlose
-Aufregung verzerrt, von Thränenspuren entstellt, die
-nothwendigsten Kunstgriffe der Toilette waren versäumt.
-Ein loser Abendmantel bedeckte einen Schlafrock, dessen
-zerdrückte Spitzen die deutlichen Spuren des Liegens
-in Sophakissen oder gar auf dem Bette aufwiesen.</p>
-
-<p>Peinlich unangenehm berührt, erhob sich der Arzt.
-Seine kühle Begrüßung durch eine ganz kurze Verbeugung
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-schien die erregte, vielleicht verzweifelte Frau
-nicht zu sehen.</p>
-
-<p>»Alles ist verrathen, ich bin verloren, mein Mann
-hat Verdacht geschöpft, Professor Schrödter war eben
-bei uns. Mein Morphium, mein ganzer Vorrath«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme
-brach ihr.</p>
-
-<p>»Man hat Ihre Morphiumvorräthe gefunden und
-confiscirt?« fragte er.</p>
-
-<p>»Ja, ja &ndash; es ist entsetzlich, ich kann nicht leben
-ohne Morphium. Erbarmen Sie sich, helfen Sie
-mir, ich habe ja nur Sie, alle Anderen verfolgen
-mich, hassen und quälen mich, man treibt mich in
-den Tod. O Gott, stehen Sie doch nicht so mitleidslos
-da &ndash; erbarmen Sie sich.«</p>
-
-<p>»Das würde wenig helfen. Wenn ich Ihnen
-heute wieder Morphium gebe, wird es morgen
-wieder gefunden.«</p>
-
-<p>»Nein, geben Sie mir eine tödliche Dosis, ich
-verspreche Ihnen, man wird den Rest Ihrer Gabe
-nur bei meiner Leiche finden.«</p>
-
-<p>»Ich bedaure, gnädige Frau, einen derartigen
-Wunsch, in einem Augenblicke der höchsten nervösen
-Aufregung ausgesprochen, erfülle ich nicht.«</p>
-
-<p>»Ich werfe mich vor die Eisenbahn.«</p>
-
-<p>»Wenn Sie mir das vorher sagen, ist es meine
-Pflicht die Ausführung dieser Absicht zu verhindern.«</p>
-
-<p>»So &ndash; sind Sie etwa mein Vormund?«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; ich bin Irrenarzt.«</p>
-
-<p>Ein kurzer Schrei, dann ein krampfartiges
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-zorniges Weinen, folgte auf diese Ablehnung. Ruhig
-stand Turnau ihr gegenüber. Er war empört und
-angeekelt von dieser Scene.</p>
-
-<p>Wenn sie wirklich sterben wollte, so hatte sie
-keinen Grund, erst hierherzukommen und ihm ein
-Vertrauen aufzudrängen, nach dem er durchaus nicht
-verlangte. Er war aber überzeugt, daß sie gar nicht
-ernstlich daran dachte zu sterben. Wenn sie so ungeschickt
-war, ihr Geheimniß entdecken zu lassen, so
-fühlte er sich in keiner Weise berufen, ihr beizustehen.
-Ungeduldig wartete er darauf, daß sie sich so weit
-beruhigte, um auf gute Manier dahin gebracht zu
-werden, ihn zu verlassen.</p>
-
-<p>Sie faßte sich mühsam. »Wissen Sie, was mein
-Mann und der Professor beschlossen haben?«</p>
-
-<p>»Ich kann es mir denken. Sie sollen in eine
-Anstalt, um eine Entziehungscur durchzumachen.«</p>
-
-<p>»Ja« &ndash; sie lächelte. »Ich werde auch ganz
-fügsam sein und gehen.«</p>
-
-<p>»Das freut mich.«</p>
-
-<p>»Sie verstehen, was ich meine?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Schicken Sie mir postlagernd jede Woche, was
-ich brauche. Sie wissen es ja.«</p>
-
-<p>»Das geht nicht, in solchen Anstalten ist die
-Controlle zu streng, man würde jeden Stich an
-Ihrem Körper entdecken. Ich würde damit riskiren,
-daß mir die ärztliche Concession entzogen wird.«</p>
-
-<p>»So rathen Sie mir, helfen Sie mir!«</p>
-
-<p>»Ich kann Ihnen nicht helfen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-»Geben Sie mir Morphium, ich will abreisen,
-ich werde mich irgendwo verstecken, wo mich kein
-Mensch findet.«</p>
-
-<p>»Sind Sie denn mit Allem, was zu einer solchen
-Flucht gehören würde, versehen?«</p>
-
-<p>»Im Augenblicke nicht, aber bis zum Abende
-kann ich mir Geld und alles, was ich sonst noch
-brauche, erschaffen.«</p>
-
-<p>»Bis zum Abend wird Ihr Herr Gemahl im
-Verein mit den Aerzten die nöthigen Schritte gethan
-haben, um eine derartige Flucht zu verhindern.«</p>
-
-<p>»So bin ich verloren.«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht.«</p>
-
-<p>Er zuckte gleichgültig die Achseln und trat ans
-Fenster.</p>
-
-<p>Zitternd erhob sie sich und ging ihm nach. Sie
-griff mit beiden Händen in die Fenstervorhänge, um
-sich zu halten. Die Sonne schien ihr ins Gesicht.
-Er sah, daß ihre Haut stellenweise welk war. Ihre
-Augen waren glasig und starr, plötzlich bildete er sich
-ein, ihre Vorderzähne wären falsch. Das war eine
-abscheuliche Ernüchterung, wenn er sie etwa bewundert
-hätte, aber das hatte er ja doch eigentlich niemals
-gethan.</p>
-
-<p>»Es gäbe eine Auskunft, eine einzige Rettung,«
-flüsterte sie, nahe, ganz nahe an seinem Ohr.</p>
-
-<p>Er antwortete nicht.</p>
-
-<p>»Fliehen Sie mit mir, Wilhelm.«</p>
-
-<p>»Als was &ndash; als Ihr Arzt?«</p>
-
-<p>Da glitt sie an ihm nieder und umfaßte seine
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Kniee. »Nehmen Sie meine Liebe, aber geben Sie
-mir Morphium.«</p>
-
-<p>Sie bot sich ihm an &ndash; sie war dahin gekommen,
-sich zu verkaufen.</p>
-
-<p>Er machte sich los. »Das würde ehrlos von
-mir sein. Ich kaufe keine Liebe, gnädige Frau.«</p>
-
-<p>»Sie brauchen auch meine Liebe nicht zu kaufen,
-seit Sie mir Erbarmen gezeigt haben, liebe ich Sie.«</p>
-
-<p>»Ich will Ihnen noch einmal Morphium geben,
-Frau Bremer, aber dann bitte, bitte, verlassen Sie
-mich, werden Sie ruhiger, überlegen Sie, was Sie
-thun wollen. Wenn man Sie hier fände, wären
-Sie und ich compromittirt.«</p>
-
-<p>Das war seine Antwort auf das Geständniß
-ihrer Liebe. Die Scham überwältigte sie; sie fühlte,
-daß sie etwas darbot, was er gar nicht zu besitzen
-wünschte. Sie hätte fliehen mögen und sich vor seinen,
-vor aller Menschen Blicken verbergen, aber sie rührte
-sich nicht. Wie gebannt blieb sie stehen und wartete &ndash;
-wartete auf das Almosen, das er ihr geben wollte,
-um sich von ihr zu befreien. &ndash; Sie fühlte die
-furchtbare Erniedrigung ihrer Lage &ndash; aber für
-Morphium hatte sie sich vor Friedrich Rast erniedrigt,
-sie konnte nicht anders, sie mußte warten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Turnau ging in sein Schlafzimmer, das keine
-verschließbare Thür vom Salon trennt. Die Thür
-vom Schlafzimmer nach dem Corridor war verschlossen.</p>
-
-<p>Mit einem scheuen Blick sah er sich um. Diese
-Frau, die ihm ihre Liebe aufdrängen wollte, folgte ihm
-also wenigstens nicht! Er sehnte sich nicht mehr
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-nach Liebe. Wie war es nur möglich, daß sie das
-nicht begriff? Jede körperliche Lebensthätigkeit war
-ja längst bei ihm erloschen; er hatte geglaubt, das
-Weib müßte es fühlen, daß ihr in ihm überhaupt
-kein Mann gegenüberstand &ndash; ein Gespenst, ein dem
-Grabe entgegeneilender Schatten.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und an diesen Schatten wollte sie sich anklammern,
-sich in ihrer Verzweiflung an ihm halten. Wie
-gleichgültig sie ihm war! Er hätte über sie gelacht,
-wenn er sich nicht so todtkrank gefühlt hätte.</p>
-
-<p>Vorhin, ihr gegenüber, war es ihm möglich gewesen,
-sich bis zu sittlicher Entrüstung aufzuschwingen,
-er hatte ihr gesagt, daß es für ihn eine Gemeinheit
-sein würde, ihre Liebe zu kaufen.</p>
-
-<p>Vor sich selbst kam er nicht so weit &ndash; nicht bis
-zum sittlichen Widerstreben, nur bis zum Ekel, zum
-allgemeinen Lebensüberdruß, zu einer unsagbaren
-Stumpfheit.</p>
-
-<p>In der tötlichen Erschöpfung seines Körpers und
-Geistes suchte er jede Erregung zu vermeiden, jeder
-Störung auszuweichen. Die Störungen aber verfolgten
-ihn gradezu.</p>
-
-<p>Wenn ihn nur jemand von dieser Frau befreit
-hätte, deren Ansprüche er sich durch sein Entgegenkommen
-selbst aufgeladen hatte! Sie wartete da auf
-ihn, aber er war nicht im Stande zu ihr zurückzukehren.
-Ruhe verlangten seine Nerven, nichts als
-Ruhe sein kranker Körper.</p>
-
-<p>Er trat an ein kleines Wandschränkchen und nahm
-daraus einen Kasten, in dem sich verschiedene kleine
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-Flaschen befanden. Diese Flaschen enthielten alles,
-was ihm in der letzten Zeit noch Genußfähigkeit,
-noch eine scheinbare äußere Kraft zu geben vermochte.
-Öfter und immer öfter aber war jetzt die Wirkung,
-auch der stärksten Mittel, ausgeblieben. Die zerrütteten
-Nerven waren tot &ndash; es war nicht mehr möglich
-sie anzuregen. Er konnte nicht mehr genießen.</p>
-
-<p>Er schob den Kasten von sich. Im Nebenzimmer,
-von welchem er nur durch eine Portière getrennt war,
-hörte er ein Geräusch. &ndash; Richtig &ndash; man wartet da
-auf ihn. Zitternd und verlangend verzehrte sich ein
-Weib nach seiner Liebe.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er konnte nicht mehr lieben. Er konnte ja seit
-Wochen nicht mehr genießen, &ndash; nicht mehr schlafen.</p>
-
-<p>So müde, so todtmüde und doch keine Ruhe.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nicht mehr genießen und nicht mehr leben!</p>
-
-<p>Hatte er das nicht immer gedacht, ausgesprochen
-sogar vor ihr &ndash; und nun?</p>
-
-<p>Ja, nun war das Ende da, &ndash; nicht mehr
-genießen! Es war unmöglich; weder die Morphiumspritze,
-noch die Liebe, noch sonst irgend etwas im
-Leben bot ihm noch irgend einen Genuß.</p>
-
-<p>Die kleine Freundin war da, so scharf, so spitz,
-so vertraut. Vielleicht konnte sie ihm doch noch
-eine &ndash; noch eine letzte Freude gewähren!</p>
-
-<p>Da war ein kleines Glas &ndash; das hatte er sich
-reservirt für das Ende; das Ende &ndash; ja das war
-doch nun da.</p>
-
-<p>Er entkorkt das Fläschchen. Ein scharfer Alkoholdunst
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-schlug ihm entgegen. Man kann Morphium
-höchstens bis zu zwölf Procent in Wasser auflösen,
-stärkere Lösungen erfordern Alkohol. Es ist ein
-Schmerz, als ob man ein Glied in glühende Kohlen
-legte, wenn man sich Alkohol unter die Haut spritzt.
-Aber jetzt &ndash; du lieber Gott, war es denn nicht das
-Ende?</p>
-
-<p>Er biß die Zähne zusammen. Der Arm wurde
-dunkelroth, es war wie ein Brand. Aber es wirkte.
-Das Gefühl, als ob die Knochen des Kopfes auseinanderfallen
-wollten, ließ nach. Er vermochte beinah
-wieder zu denken.</p>
-
-<p>Noch einmal also! Er zog die Spritze zurück,
-sie rollte zur Erde.</p>
-
-<p>Ja richtig, um sie wieder zu erlangen, muß man
-sich bücken.</p>
-
-<p>Mit blöden Blicken stierte er darauf hin &ndash; wozu,
-wozu &ndash; wenn es doch nun einmal das Ende sein
-mußte?</p>
-
-<p>Wenn sich das Weib nebenan doch nur ruhig
-gehalten hätte! Herrgott, die Sache konnte doch nun
-nicht mehr lange dauern!</p>
-
-<p>Ohne hinzusehen, griff er in ein kleines Fach
-seines Schrankes. Er hielt nun einen Revolver in
-der Hand. Müde setzte er sich auf den Rand seines
-Bettes. Mit irrem Lächeln sah er die Waffe an.
-»Der Tod ist der Sünde Sold« &ndash; es ging aber
-noch weiter, der Spruch war damit nicht aus. Wie
-doch?, wie doch?</p>
-
-<p>Richtig im Notizbuche, da mußte es stehn. &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Aber das Notizbuch? Aufstehen und es holen, oder
-sich bücken und die Spritze aufheben? Wozu? Wozu?</p>
-
-<p>Ein wahnsinniges Geräusch erfüllte plötzlich sein
-Hirn, wie mit eisernen Schrauben fühlte er seine
-Schläfen gepreßt. Die Alkohollösung war eine tötliche.
-Aber für ihn doch wohl nicht. &ndash;&nbsp;&ndash; Das Ende, das
-Ende!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er fühlte nichts mehr, er dachte nichts mehr,
-seine Blicke verdunkelten sich. Langsam hob er den
-kurzen blanken Lauf des Revolvers in die Höhe,
-setzte ihn fest an seine Schläfe und drückte ab.
-Dumpf krachte der Schuß in dem kleinen von Teppichen
-und schweren Stoffen verhängten Raum.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Eine Secunde nur stand Lydia Bremer wie erstarrt,
-dann stürzte sie vorwärts.</p>
-
-<p>Ein Blick zeigte ihr, was geschehen war. Vielleicht
-lebte der Mann noch, der ihr den Schimpf
-angethan hatte, ihre Liebe zu verschmähen &ndash; es war
-ihr gleichgültig; keine Minute ihrer Zeit widmete sie
-ihm. Sie sah das Kästchen mit seinem Inhalte von
-kleinen Flaschen. Geräuschlos glitt sie darauf zu und mit
-einem einzigen gierigen Griff ließ sie die sämmtlichen
-Gläser in ihrer Tasche verschwinden.</p>
-
-<p>Hastig durchwühlte sie noch den Auszug eines
-Tisches, aber sie fand nichts mehr. Kaum eine Minute
-blieb ihr Zeit; man hatte den Schuß im Hause
-gehört; das Zimmer füllte sich mit Menschen.</p>
-
-<p>Professor Schrödter stellte den Tod seines Assistenten
-fest. Er nahm an, daß Turnau in einem
-Augenblicke geistiger Umnachtung gehandelt habe.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-Kopfschüttelnd blätterte er in dem Notizbuche, das
-der Todte bei sich trug, während er geglaubt hatte,
-es läge im Nebenzimmer. Der Professor hoffte eine
-Aufklärung über die Beweggründe zu der traurigen
-That darin zu finden.</p>
-
-<p>Endlich fand er eine Notiz, die das Datum der
-vergangenen Nacht trug. »Der Tod ist der Sünde
-Sold, aber die Gnade Gottes ist das ewige Leben in
-Christo Jesu unserem Herrn.« Daneben stand, daß
-er wünsche diesen Spruch auf seinen Grabstein setzen
-zu lassen.</p>
-
-<p>Der Professor reichte Lydia das kleine Buch.
-Sie las den Spruch und schlug wie verzweifelt die
-Hände vor ihr Gesicht.</p>
-
-<p>»Sie waren dabei, Frau Geheimräthin, sollten
-Sie den Zusammenhang nicht ahnen, wissen Sie nichts
-&ndash; gar nichts?«</p>
-
-<p>Er sah sie durchdringend an. Sie fühlte, daß
-Alles für sie auf dem Spiele stand &ndash;&nbsp;&ndash; ihre Ehre
-&ndash;&nbsp;&ndash; von allen Seiten ruhten neugierige Blicke
-auf ihr.</p>
-
-<p>»Morphium« stammelte sie, verzweifelt, außer
-sich.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ah &ndash; also weiter brauchen wir nach Ihrer
-Morphiumquelle nun nicht mehr zu suchen, Turnau
-war der Schuldige, er gab Ihnen das Gift, er selbst
-ging zu Grunde daran, o ich verstehe, ich verstehe.«</p>
-
-<p>Ueber das breite Gesicht einer Wärterin glitt ein
-höhnisches Lächeln. Lydia sah es, das Blut stieg ihr
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-ins Gesicht, sie empfand eine leidenschaftliche Wuth,
-die ihrem Wesen bis dahin fremd gewesen war.</p>
-
-<p>»Herr Professor, was müssen Ihre Leute von mir
-denken, wenn Sie mich so fragen!«</p>
-
-<p>Sie bemühte sich, so kalt und so ruhig zu erscheinen
-wie sonst &ndash; es war ihr nicht möglich. Der Professor
-empfand, daß er sich in irgend einer Weise nicht
-ganz correct benommen hatte. Sein Ton klang weniger
-rücksichtslos schroff, als er sie fragte, wie sie dazu
-gekommen sei, Turnau aufzusuchen, anstatt den jungen
-Arzt zu sich zu bitten.</p>
-
-<p>»Sie haben mir selbst heute den letzten Tropfen
-Morphium weggenommen, den ich besaß,« erklärte sie
-rasch »nur durch ein heimliches Zusammentreffen mit
-Turnau konnte ich hoffen, das Verlorene wieder zu
-erlangen.«</p>
-
-<p>»Es wäre aber doch eine Gemeinheit von ihm
-gewesen,« polterte Schrödter nun doch wieder los,
-»Sie sind meine Patientin, mein Assistent mußte
-darauf Rücksichten nehmen.«</p>
-
-<p>Lydias Blicke trübten sich, sie empfand mit bitterem
-Schmerze ihre Ohnmacht gegenüber der ihr aufgezwungenen
-Behandlung des Nervenarztes.</p>
-
-<p>»Doctor Turnau war heute sehr unzugänglich,
-mein Besuch war vergeblich,« sagte sie kurz.</p>
-
-<p>»Ein Sterbender &ndash; das will ich glauben, &ndash; ich
-habe heute zum ersten Male bemerkt, wie krank er
-war &ndash; werfen wir keinen Stein auf den Todten.«</p>
-
-<p>»Wie meinen Sie das, Herr Professor?«</p>
-
-<p>In athemloser Spannung hingen die Augen aller
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-Anwesenden an den Lippen des Arztes. Schrödter
-sah ein, daß es in diesem Augenblicke in seiner Hand
-lag, eine Verdächtigung, einen Makel von dem Namen
-der Geheimräthin fern zu halten &ndash; er dachte an den
-Gatten der jungen Frau. Was für ein Heiligthum
-war diese Frauenehre für diesen Mann!</p>
-
-<p>Gewissermaßen erklärend wandte er sich an das
-Personal seiner Anstalt, das ihn jetzt fast vollzählig
-umstand.</p>
-
-<p>»Herr Doctor Turnau ist schon längere Zeit leidend
-gewesen, heute früh fand ich ihn unzurechnungsfähig, er
-wird in der Aufregung, die seiner That voranging, kaum
-erkannt haben, wer bei ihm war, vielleicht hat er
-Sie überhaupt nicht bemerkt, gnädige Frau.«</p>
-
-<p>Lydia begriff. »Doch, er hat mich erkannt, aber
-er ließ mich im Salon warten, während er die entsetzliche
-That im Schlafzimmer vorbereitete; erst nach
-dem Geräusch des Schusses wagte ich es, ihm zu folgen.«</p>
-
-<p>Nach dieser Erklärung athmete sie auf, man achtete
-nicht mehr so auf sie. Die Leute beschäftigten sich
-mit der Leiche, die Aerzte zogen sich zurück.</p>
-
-<p>Mit leidenschaftlichem Entzücken fühlte sie in ihrer
-Tasche die kleinen Gläser. Auf Jahre hinaus würden
-diese concentrirten Lösungen genügen, um daraus
-das verhältnißmäßig schwache Mittel herzustellen,
-dessen sie bedurfte. O, wie wollte sie diesen Schatz
-hüten, wie sorglich und vorsichtig wollte sie alles
-verstecken, man sollte sie nicht zum zweiten Mal
-überlisten. Nun aber nach Hause und vor allen
-Dingen Alles in Sicherheit bringen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-Die Freude, die sie erfüllte, ließ sie die entsetzliche
-Demüthigung vergessen, die sie erlitten hatte.
-Sie empfand auch keinen Schmerz über das jähe Ende
-des Mannes, den sie noch vor einer Stunde zu lieben
-geglaubt hatte. Sie liebte nichts mehr auf der Welt
-außer dem Genusse, und genießen konnte sie jetzt &ndash;
-maßlos, unbeschränkt, heimlich.</p>
-
-<p>Geräuschlos verließ sie das Zimmer des Verstorbenen
-und eilte die Treppe hinab. Das Herz schlug
-ihr bis zum Halse hinauf &ndash; fort, nur fort.</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte mir
-gestatten, Sie zu begleiten,« Professor Schrödter stand
-plötzlich neben ihr, kalt und mißtrauisch sah er sie an.</p>
-
-<p>O, wie sie ihn haßte &ndash; sie hätte ihn ins Gesicht
-schlagen, ihn von sich stoßen mögen, sie war fassungslos.</p>
-
-<p>»Lassen Sie mich &ndash; der Schreck, die Aufregung
-&ndash; ich möchte allein sein.«</p>
-
-<p>»Ich halte es für meine ärztliche Pflicht, Sie zu
-begleiten, auch wenn Ihnen das direct unangenehm
-sein sollte.«</p>
-
-<p>»Es ist mir so unangenehm, daß es eine Zudringlichkeit
-wäre, wenn Sie darauf bestünden.«</p>
-
-<p>Das war eine Beleidigung, nun mußte er sie doch
-lassen. Aber er wich nicht von ihrer Seite. »Ich
-werde diese Zudringlichkeit vor Ihrem Herrn Gemahl
-zu rechtfertigen wissen.«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten hob er sie in den Wagen, stieg
-zu ihr ein und fuhr an ihrer Seite ihrer Wohnung
-zu. Es sah fast so aus, als ob er heimlich lächelte
-über ihren ohnmächtigen Zorn. Sie wurde immer
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-bleicher, und in ihren Augen brannten verhaltene
-Thränen.</p>
-
-<p>Der Geheimrath erschrak, als er an den Wagenschlag
-trat und ihr verzerrtes, entstelltes Gesicht ihm
-entgegensah. Sie sah alt und fast häßlich aus in
-dieser wahnsinnigen Aufregung mit ihrem nachlässigen
-Anzuge.</p>
-
-<p>»Um Gottes Willen, was ist denn mit meiner
-Frau geschehen? Lydia, wie siehst Du aus! Herr
-Professor erklären Sie doch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Deshalb bin ich gekommen,« antwortete Schrödter
-mit überlegener Ruhe. »Unsere Kranke hat sich wieder
-Morphium zu verschaffen gewußt, es wird Ihre Aufgabe
-sein, Herr Geheimrath, alle Kleider der Patientin
-sorgfältig durchsuchen und prüfen zu lassen, damit
-nichts eingeschmuggelt werden kann, was wir nicht
-wissen.«</p>
-
-<p>»Lydia!«</p>
-
-<p>Sie hörte den entsetzten Ausruf ihres Mannes
-nicht mehr, denn sie war ohnmächtig zusammengebrochen
-bei den rücksichtslosen Worten des Arztes.</p>
-
-<p>Der Geheimrath rief das Kinderfräulein an den
-Wagen. Das junge Mädchen nahm rasch entschlossen
-die zarte Gestalt ihrer Herrin in ihre Arme und trug
-sie, ohne die Unterstützung der Herren in Anspruch
-zu nehmen, ins Haus.</p>
-
-<p>Das Stubenmädchen kam der Bonne zu Hülfe.
-Behutsam wurde die Ohnmächtige niedergelegt, Fräulein
-Wagner knöpfte ihr den Schlafrock auf, um sie, wie
-es der Arzt gewünscht hatte, zu entkleiden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Lydia kam dabei zur Besinnung.</p>
-
-<p>Ein kurzer Befehl ließ das Stubenmädchen zurücktreten,
-das Fräulein aber wußte, um was es sich
-handelte. Gewissenhaft wie sie war, ließ sie sich nicht
-abweisen und versuchte der Kranken das Kleid von
-den Schultern zu ziehen.</p>
-
-<p>Da nahm die verzweifelte Frau alle Kraft zusammen,
-mit beiden Händen stieß sie das junge
-Mädchen, das sich über sie gebeugt hatte, vor die
-Brust und sprang auf.</p>
-
-<p>»Ich bin nicht Ihre Gefangene, rühren Sie mich
-nicht an, gegen Gewalt wehre ich mich mit Gewalt.«
-Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Zähne schlugen
-wie im Fieberfrost zusammen, ihre Augen waren weit
-aufgerissen, man sah das Weiße um die Pupille
-herum.</p>
-
-<p>Das junge Mädchen war tödtlich erschrocken, sie
-glaubte einer Wahnsinnigen gegenüberzustehen. Bleich
-und eingeschüchtert lehnte sie sich an die Wand.</p>
-
-<p>»Gehen Sie,« herrschte die Geheimräthin das
-Dienstmädchen an. »Rufen Sie den Herrn,« rief
-das Fräulein ihr nach.</p>
-
-<p>Einen Augenblick schien es, als wollte sich die
-Kranke in wildem Zorn auf das Fräulein losstürzen,
-aber es war nur eine rasche Bewegung. Geräuschlos
-bog sie sich an der Bonne vorbei, erreichte die
-Thür und stürzte in ein anderes Zimmer, das sie
-sofort hinter sich abschloß.</p>
-
-<p>Das Dienstmädchen hatte inzwischen dem Hausherrn
-gemeldet, wie weit seine Frau sich gegen Fräulein
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-Wagner vergessen hatte. Professor Schrödter rieth
-nun selbst keine Gewalt anzuwenden, sondern das
-im Hause versteckte Morphium ohne Wissen der Erregten
-später zu suchen.</p>
-
-<p>Der Professor gab der treuen, zuverlässigen Bonne
-noch einige Verhaltungsmaßregeln, ehe er ging.
-Bremer war wie gebrochen über das Unglück, das
-über ihn hereinbrach.</p>
-
-<p>Den Morphinismus hielt er für ein Laster, und
-einem Laster zu fröhnen war in seinen Augen eine
-Schande für sein Haus und für seinen Namen. Dazu
-kam das heimliche Einverständniß seiner Frau mit
-Turnau. Vom sittlichen Standpunkte aus sah er
-darin einen Makel, den auch der Tod des Schuldigen
-von seiner Ehre nicht zu tilgen vermochte. Wie
-Lydia als Weib zu Turnau gestanden hatte, wußte
-er nicht, er glaubte darin den Versicherungen des Professors
-nicht ganz. So krank, so todtkrank wie Schrödter
-ihn schilderte, war Turnau nach Bremer's Ansicht
-niemals gewesen.</p>
-
-<p>Es war doch nicht anzunehmen, daß dieser
-junge Mann eine Dame in seiner Wohnung empfing,
-nur um ihr selbstlos und in allen Ehren ein Mittel
-in die Hand zu geben, von dem sie abhing mit Leib
-und Seele.</p>
-
-<p>Diese Frage marterte den ruhigen, klaren, selbstbewußten
-Mann furchtbar. Er beschloß, unter allen
-Umständen ruhig und eingehend mit seiner Frau zu
-sprechen. Er wollte die Wahrheit wissen um jeden
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-Preis; wie er sich nachher mit den Thatsachen abfinden
-würde, war ihm jetzt noch nicht klar.</p>
-
-<p>Vorläufig mußte er warten, bis der wilde, leidenschaftliche
-Sturm der Verzweiflung vorbei war.</p>
-
-<p>Er suchte seine Frau nicht auf, Fräulein Wagner
-hielt ihr auch die Kinder fern. Gegen Abend
-machte Professor Schrödter eine kurze, ärztliche
-Visite bei der Geheimräthin; er gab ihr für die
-Nacht so viel Morphium, wie sie gewohnt zu
-sein angab. Von den versteckten Vorräthen sprach er
-kein Wort.</p>
-
-<p>Lydia hatte die Empfindung, daß sie in ihrem
-eigenen Hause von Spionen umgeben sei, sie warf
-einen wahrhaft leidenschaftlichen Haß deswegen auf
-Fräulein Wagner. Aber sie hatte doch einen Trost,
-Turnaus Gläser gehörten jetzt ihr, wenn sie auch jetzt
-noch nicht wagen konnte, deren Inhalt zu prüfen und
-kennen zu lernen.</p>
-
-<p>Trotz der furchtbaren Erregungen, die ihr der
-Tag gebracht hatte, schlief sie in der Nacht wie todt
-und machte am Morgen sorgfältigere Toilette als an
-dem Unglückstage vorher.</p>
-
-<p>Sie war fast ruhig, als ihr Schrödter seinen
-Besuch machte, und versprach sogar, sich einigen seiner
-Anordnungen fügen zu wollen.</p>
-
-<p>Gegen Mittag hielt es der Geheimrath für möglich,
-sich mit seiner Frau auszusprechen. Er konnte
-es nicht länger aushalten.</p>
-
-<p>Tiefernst, fast finster stand er vor ihr und forderte
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-Rechenschaft über die Ehre seines Hauses, die er in
-ihre Hände gelegt hatte, als er ihr seinen Namen gab.</p>
-
-<p>Die sonst wenig erregbare, oberflächlich heitere
-Frau befand sich in einer krankhaft gesteigerten Reizbarkeit.
-Bremer aber besaß zu wenig Verständniß
-für Krankheit und krankhafte psychologische Vorgänge,
-um damit zu rechnen.</p>
-
-<p>»Es ist nichts vorgefallen, was gestern und vorgestern,
-vor Wochen und vor Jahren nicht auch schon
-gewesen wäre,« beharrte sie. »Turnau war selbst
-Morphinist, er verstand meinen Kummer über die
-Unmöglichkeit, mir das zu verschaffen, was ich brauchte,
-um froh und um glücklich zu sein. Hättest Du mir
-nicht diesen ordinären Professor Schrödter, den ich
-verabscheue und von dem ich mich niemals behandeln
-lassen werde, aufgedrängt, so wäre heute noch Alles
-wie es war. Ich wäre ruhig und glücklich, und Dir
-wäre Aufregung und Aerger erspart geblieben.«</p>
-
-<p>»Du hättest weiter gesündigt und Dich durch ein
-Laster erniedrigt, daß Dich in der Achtung Deines
-Mannes, Deiner Aerzte und sogar Deiner Dienstboten
-tief herabsetzt.«</p>
-
-<p>»Wenn Du mit den Dienstboten vielleicht Fräulein
-Wagner meinst, so will ich Dir doch nebenbei bemerken,
-daß ich diese arrogante Person zu entlassen gedenke.«</p>
-
-<p>»Die pflichttreue Pflegerin ist meinen Kindern
-unentbehrlich, so lange diese keine Mutter haben.«</p>
-
-<p>»Du stellst diese Person über Deine Frau!«</p>
-
-<p>Ihre Augen flackerten, ihre Wangen brannten, er
-sah es, aber er begriff nicht, daß diese Anzeichen
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-Schonung und Ruhe für ihre kranken Nerven forderten;
-er sah nur ihre Leidenschaft, ihren ungerechtfertigten
-Zorn gegen ein unschuldiges, reines Wesen, das in
-seinem Hause unter seinem Schutze stand.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches
-Mädchen steht sittlich viel höher, als eine
-pflichtvergessene Mutter, die sich ihren Kindern entzieht,
-um mit sinnlicher Gier in verbotenen Genüssen zu
-schwelgen. Seit Du morphiumsüchtig bist, habe ich
-kein Weib mehr, meine Kinder haben keine Mutter,
-und die Ehre meines Namens lag bis heute in den
-Händen eines charakterlosen Schwächlings, der in
-seiner Erbärmlichkeit nicht anders enden konnte, wie
-er geendet hat, als Selbstmörder.«</p>
-
-<p>Lydia sah ihn starr an. Es lag etwas Unheimliches
-in ihren Augen, etwas wie verborgener Wahnsinn.
-»Deine Ehre in Turnaus Händen?« sie lachte.</p>
-
-<p>»Von seinem Mitleid habe ich gelebt, von dem
-Almosen, das er mir hinwarf. Ein willkürliches Gesetz
-gab ihm in die Hände, was Anderen unerreichbar
-ist. Großmüthig gab er mir von seinem Reichthum,
-weiter nichts. O Gott, Arnold &ndash; muß ich Dir denn
-schwören, daß Deine Ehre rein geblieben ist, daß mich
-Turnau körperlich niemals berührt hat?«</p>
-
-<p>»Wenn das der Fall ist, so lag es wohl nicht an
-dir; du hättest dich vor die Hunde geworfen, um
-deiner Leidenschaft fröhnen zu können. Es ist nicht
-das Verdienst einer Dirne, wenn ihre Reize keinen
-Käufer finden.«</p>
-
-<p>Er erschrak selbst, als er die furchtbare Beleidigung
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-ausgesprochen hatte. Die Verachtung hatte ihn überwältigt,
-maßlos wie seine Verzweiflung war der Vorwurf,
-den er erhob.</p>
-
-<p>»Du begreifst, daß diese Aeußerung unsere Ehe nun
-auch äußerlich scheidet. Innerlich getrennt sind wir, seit
-Du heute früh Deine »Dienstboten« aufgehetzt hast,
-mir den einzigen Genuß zu stehlen, den das Leben
-an Deiner Seite für mich überhaupt hat.«</p>
-
-<p>Sie wunderte sich selbst, daß sie so ruhig sprechen
-konnte. Wie aus weiter Ferne hörte sie ihre eigene
-Stimme. Es war in ihr wie ein Morphiumrausch ohne
-Morphium. Leise griff die Krankheit des Körpers
-vom Nervensystem aus hinüber nach der Seele. Die
-Grenze, die das körperliche und das Gemüthsleiden
-trennt, verschob sich unmerklich, die Leidenschaft, der
-Zorn und die Qual der Verzweiflung wurden zur
-Krankheit. Sie konnte nicht mehr kämpfen, nur noch
-leiden, nur noch dulden, nur noch schwach und vergehend
-sich wehren, wenn man ihr allzu wehe that.</p>
-
-<p>»Ehescheidung?« Er fuhr in furchtbarer Heftigkeit
-auf. »Glaubst Du, daß ich an meinen Kindern das
-Verbrechen begehen werde, meine Ehe scheiden zu
-lassen? Der Schwur, den ich am Altar geleistet habe,
-ist mir heilig. Ich bin und ich bleibe Dein Gatte,
-nur der Tod kann uns scheiden.«</p>
-
-<p>»Wenn das Deine Ansicht ist, so giebt es allerdings
-für uns Beide nur einen Ausweg &ndash; tödte
-mich &ndash; es wird mit meinem Einverständniß geschehen.«</p>
-
-<p>»Nein, ich will kein Verbrechen begehen, wie
-Du. Dank dem krankhaften Zustande Turnaus
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-bist Du äußerlich wenigstens nicht entehrt, wenn
-Du es auch innerlich bist durch den Willen zur
-Sünde. Kehre um, bereue, bessere Dich und beginne
-ein neues Leben.«</p>
-
-<p>»Was giebt Dir das Recht, eine solche beleidigende
-Forderung an mich zu stellen? Ich war nicht Turnaus
-Geliebte, ich war nur Morphinistin, das ist
-eine Krankheit, eine Schuld ist es nicht.«</p>
-
-<p>»Als eine Krankheit fasse ich es auf und wie ein
-Unglück, wie eine Krankheit will ich es bekämpfen.«</p>
-
-<p>»Glaubst Du, daß Zwang und Gewalt, die mich
-zur Verzweiflung treiben, die mich sogar zur körperlichen
-Gegenwehr zwingen, der richtige Weg sind,
-um eine Krankheit zu heilen?«</p>
-
-<p>»Bedenke mein Entsetzen, Lydia, meine schmerzliche
-Ueberraschung. Deine Tugend, Deine Vornehmheit,
-Deine frauenhafte Lieblichkeit waren mein Heiligthum
-und mein Glück. Mir ist, als ob sich ein Abgrund
-aufgethan hätte, der das Alles in seine Tiefe
-gerissen hat; mir ist, als ob ich selbst vor einem
-Verhängniß stände, das mich zu Grunde richten
-muß.«</p>
-
-<p>»Dein ganzer Kummer ist nichts als Einbildung,«
-rief sie außer sich. »Laß morgen durch die Gnade
-der Heiligen eine Erleuchtung in die Welt kommen,
-die einen entsetzlichen Zwang aufhebt, laß den Morphiumverkauf
-frei werden, und ich stehe gerechtfertigt,
-ehrenhaft, glücklich und frei da, wie zuvor. Nur der
-Zwang, ein Gesetz umgehen zu müssen, hat mich
-unglücklich gemacht. Mit dem Fall dieses Gesetzes
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-würde ich und Tausende mit mir wieder ehrlich
-und froh sein.«</p>
-
-<p>Arnold Bremer stampfte mit dem Fuße auf und
-griff in maßloser Wuth mit beiden Händen in sein
-graues Haar. Seine Stimme klang beinah wie
-Schluchzen.</p>
-
-<p>»Lydia &ndash; wenn morgen die Strafe für Mörder
-aufgehoben würde, würde dann der Mörder aufhören
-ein Verbrecher zu sein?«</p>
-
-<p>Sie zuckte die Achseln. »Der Mörder schadet
-Anderen an Leib und Leben; der Morphinist schadet
-niemand, er genießt nur ein süßes Behagen, das ein
-neidischer Zwang ihm verwehrt.«</p>
-
-<p>»Und schadet niemand?«</p>
-
-<p>»Nein.« Sie sah ihn fragend an.</p>
-
-<p>Er lachte höhnisch außer sich auf. »Also Du
-glaubst, daß es nichts schadet, wenn ein Mensch
-plötzlich aufhört, diejenigen Pflichten zu erfüllen, die
-ihm Gott für sein Leben zugetheilt hat? Es schadet
-wohl nichts, wenn eine Frau, anstatt ihren Mann
-glücklich zu machen und ihre Kinder zu pflegen, in
-zwecklosem Genießen nur noch körperlich fortvegetirt,
-ohne geistig auf ihrem Posten zu stehen? Steht
-nicht geschrieben: Wer nicht arbeitet, der soll auch
-nicht essen?«</p>
-
-<p>»Nicht essen? &ndash; Lieber Arnold, muß ich Dich
-daran erinnern, daß ich kein armes Mädchen war,
-das geheirathet hat, um versorgt zu sein? Unsere
-Renten sind ungefähr gleich. Was giebt Dir denn
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-das Recht, mir vorzuhalten, daß ich ohne Gegenleistung
-dafür mir erlaube &ndash;&nbsp;&ndash; zu essen?«</p>
-
-<p>»Nimm das nicht buchstäblich, spiele nicht mit
-Worten,« rief er außer sich, »es ist ein frivoles
-Spiel. Jeder Mensch hat sein Leben zu durchkämpfen,
-wenn es sein muß, zu durchleiden, um einen gewissen
-Kreis von Pflichten zu erfüllen, die ihm zugefallen
-sind. Nicht Jeder braucht um das tägliche Brod zu
-arbeiten, Mancher ist zu mehr, zu Besserem, zu
-Höherem berufen. Jedes Weib ist dem Himmel verantwortlich
-für die Seelen ihrer Kinder, die sie dem
-ewigen Heil zuführen muß. Man muß einen Lebenszweck
-haben, begreifst Du das nicht?«</p>
-
-<p>Einen Lebenszweck &ndash;&nbsp;&ndash; wie eine Vision stand
-der Kirchhof vor ihrem inneren Auge; sie saß am
-Grabe ihrer Eltern, die rothen Sonnenstrahlen schimmerten
-auf dem schwarzen Marmor des Grabsteins.
-Neben ihr saß ein Mann, ein Freund, er verstand
-sie, und sie &ndash; sie liebte ihn. Er war jetzt hinübergegangen
-zu den Todten, und von ferne, aus einer
-anderen Welt, jenseits des Grabes, aus der Welt der
-Erinnerung drangen Worte an ihr inneres Ohr &ndash;
-Worte, die er einstmals gesprochen, »der Genuß ist
-auch ein Lebenszweck, so gut wie die Arbeit; es
-kommt nur darauf an, daß man seine moralischen
-Begriffe damit in Einklang zu bringen versteht &ndash;
-&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Mechanisch, halblaut, wie man nachspricht, was
-jemand vorsagt, sprach sie sie aus, diese Worte des
-Freundes.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-Der erzürnte Mann vor ihr hatte diese Antwort
-doch nicht erwartet. Wie ein Schleier sank es ihm
-plötzlich von den Augen. Diese Frau mit dem irren,
-abwesenden, in's Leere starrenden Blick konnte er nicht
-für die Worte verantwortlich machen, die so abgerissen
-und ausdruckslos von den bleichen, zuckenden Lippen
-fielen. Sie war krank, unzurechnungsfähig. &ndash; Mit
-furchtbarer Ahnung durchblitzte sein Hirn der Gedanke,
-sie könne wahnsinnig geworden sein durch die Verzweiflung,
-in die sein rücksichtsloses Vorgehen sie gestürzt
-hatte.</p>
-
-<p>»Du mußt in eine Anstalt, nachher wird Alles
-besser werden,« und wie sie zusammenzuckte, fügte er
-noch mitleidig und traurig hinzu: »ich will Dich
-nicht quälen.«</p>
-
-<p>Dann ging er hinaus. Wenn er gewünscht und
-gehofft hatte, seine Frau zu erschüttern, zu rühren
-und der Bereuenden vielleicht dann verzeihen zu
-können, so sah er sich bitter enttäuscht.</p>
-
-<p>Er hatte nichts erreicht, höchstens den Riß, den
-nach seiner Ansicht ihre Morphiumsucht in die Ehe
-gebracht hatte, unheilbar gemacht und endlos vergrößert.
-Seinem Auge bot sich kein Ausweg. Er
-wollte und mußte sie in eine Heilanstalt bringen,
-aber selbst wenn sie dort körperlich geheilt werden
-sollte, konnte er nicht hoffen, daß ihre Seele wieder
-gesund werden würde.</p>
-
-<p>Er hatte sie geliebt, jetzt hatte er ihre Liebe verloren.
-Mit heißem Schmerze fühlte er, daß seine
-Liebe zu der Kranken, Unglücklichen unerschütterlich
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-treu in seinem Herzen fortleben würde, so lange er
-lebte. Vielleicht konnte diese Liebe noch wachsen und
-zunehmen, wenn sie jemals sich hülflos und verzweifelt
-an ihn anklammern würde, aber er fühlte,
-daß sie das, was ihm und auch ihr früher selbstverständlich
-erschienen wäre, nicht thun würde &ndash; nie
-wieder. &ndash; Es stand etwas zwischen ihnen, was er
-nicht aus dem Wege zu räumen vermochte, weil es
-überwältigend und unfaßbar war, eine Leidenschaft
-&ndash;&nbsp;&ndash; »Morphium«.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er dachte auch einen Augenblick an den blutigen
-Schatten des todten Freundes. Nein, der stand nicht
-zwischen ihm und ihr, den hätte die Liebe des Mannes
-überwinden können; aber gegen den Dämon konnte
-er nicht kämpfen, der ihre Seele gefesselt hatte. Mit
-einem schweren Seufzer blieb er vor der Thür ihres
-Zimmers stehen. Dann ging er mit festen Schritten
-hinüber in's Kinderzimmer. Nacheinander hob er
-beide Kinder zu sich empor, drückte sie fest an die
-Brust und küßte sie innig.</p>
-
-<p>»Meine Frau ist schwer krank, Fräulein, die
-armen Kinder werden manches entbehren müssen,«
-sagte er ernst.</p>
-
-<p>»Was ich thun kann, um den Kindern die Mutter,
-so lange es nöthig sein wird, zu ersetzen, soll geschehen,«
-antwortete Hedwig Wagner einfach und
-schlicht.</p>
-
-<p>In ihren grauen Augen standen Thränen, treu
-und freimüthig legte sie ihr Versprechen ab. Der
-Geheimrath gab ihr die Hand. Dann verließ er die
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-Kinder; es war ihm, als hätte er sie in die Obhut
-eines Schutzengels gegeben.</p>
-
-<p>Um so schnell wie möglich die Unterbringung
-seiner kranken Frau in einer geeigneten Anstalt zu
-veranlassen, begab er sich gleich darauf zu Professor
-Schrödter.</p>
-
-<p>Lydia war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte,
-träumend und regungslos stehen geblieben. Ein
-weißes, langes Kleid floß weich herab an ihrer
-schlanken Gestalt, der schöngeformte, hochfrisirte Kopf
-sah reizend und jugendlich aus, aber die Augen
-waren glanzlos, die vorher brennenden Wangen
-waren fahl geworden, und die Hände hingen schlaff
-und müde herab.</p>
-
-<p>Sie fühlte, daß Alles zu Ende war zwischen
-ihrem Manne und ihr. Sie hatte, seit sie Morphinistin
-war, nicht darüber nachgedacht, ob sie ihn noch liebe
-oder nicht. Still und unmerklich war die Liebe
-eingeschlafen in ihrem Herzen. Ein zartes verständnißvolles
-Benehmen des Mannes hätte sie vielleicht leise
-und sanft wieder erwecken können wie ein Sonnenstrahl
-eine Blüthe, die ein Nachtfrost geschlossen hat,
-aber seine brutale Moral, sein schroffer correcter
-Ehrbegriff hatte die zarte, sterbende Blüthe zertreten.</p>
-
-<p>Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben und konnte
-ihn auch nicht wieder lieben, nie, im Leben nicht
-wieder.</p>
-
-<p>In erbittertem Kampfe stand er ihr gegenüber.
-Verachtung hatte er ihr entgegengeschleudert. Um
-ihr Laster auszurotten, wollte er sie in eine Heilanstalt
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-bringen. Gegen sie, das zarte kranke Weib,
-rief er den rohen rücksichtslosen Arzt zu Hülfe, den
-sie verabscheute.</p>
-
-<p>Es ist so leicht, einen wehrlosen, kranken Menschen
-zu peinigen und zu verfolgen. Darin liegt aber
-eine Gemeinheit, eine moralische Roheit, die doch
-wohl eben so verächtlich ist, wie die Pflichtvergessenheit
-einer Kranken. Lydia wußte, was das Wort in sich
-schließt »eine Entziehungscur.« Professor Schrödter
-garantirte zwar für seine »Entziehungscuren ohne
-Qualen«, aber nur ein Morphiumkranker kann ermessen,
-wie groß die Lüge ist, die in dieser Vorspiegelung
-liegt.</p>
-
-<p>Ein Opfer dieser Qualen aber sollte sie nun
-sein, um nach dem Willen ihres Mannes ihren
-Pflichten zurückgegeben zu werden.</p>
-
-<p>Sie dachte an Turnau. Nicht mehr mit Liebe,
-sondern mit Neid gedachte sie des glücklichen Todten.
-Er hatte den Genuß, den das Morphium gewährt,
-auskosten dürfen bis zum Ende, ihr dagegen riß man
-den goldenen Kelch von den Lippen, jetzt wo sie noch
-durstig war &ndash; durstiger als je.</p>
-
-<p>Ihre Seele lechzte nach Betäubung, um die
-Schmach zu vergessen, die ihr angethan worden war.
-Von ihrer Krankheit, von ihrer Verirrung sprach ihr
-Mann; die Aerzte, die Welt würde davon sprechen;
-Nachsicht und Mitleid würde man ihr zu Theil werden
-lassen &ndash; und Achtung, äußere Achtung vielleicht
-auch wieder, ja &ndash; das&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Todte aber hatte sie besser gekannt, als alle
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-lebenden Menschen. Er allein wußte, daß sie eine
-Schuldige &ndash; eine Ehrlose war.</p>
-
-<p>»Der Tod ist der Sünde Sold«, das war das
-letzte Wort, was er ihr zurief von seiner blutigen
-Bahre. In frivolem Spotte hatte er gespielt mit
-dem Gedanken an ewige Dinge, und als dann der
-Tod kam, klammerte er, der Freigeist, sich an die
-Verheißung des Christenthums von der Gnade Gottes
-und dem ewigen Leben in Christus.</p>
-
-<p>O, wie sie sich schämte; in der Tiefe ihrer Seele
-verging sie in Scham und in Reue. »Der Tod ist der
-Sünde Sold.« Es war ihr plötzlich wie eine Offenbarung.
-Auf seinen Grabstein sollte man den Spruch
-setzen. Aber der Spruch war für sie. Wenn Menschen
-schweigen, so reden die Steine. Zu ihr, nur zu ihr
-sollte er sprechen, dieser Stein; nur für sie galt die
-furchtbare Mahnung: »Der Tod ist der Sünde Sold.«</p>
-
-<p>Mit einem wilden Schrei griff sie nach ihren
-hämmernden Schläfen. Dann stürzte sie vorwärts
-und riß die Schnur von ihrem Halse, an der sie den
-Schlüssel verbarg zu ihren »Schätzen.«</p>
-
-<p>Sie kniete nieder an dem Schränkchen und schloß
-es mit zitternden Händen auf. Da standen sie alle,
-alle die kleinen Gläser, die sie bei dem Todten gefunden,
-es fehlte nicht eins.</p>
-
-<p>Das erste beste ergriff sie und setzte es an die
-Lippen. Sie fühlte ein scharfes Brennen, aber sie
-wollte es überwinden, das Gläschen leer trinken.</p>
-
-<p>Da ging hinter ihr eine Thür auf. Hedwig Wagner
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-trat ein, nahm ihr mit ruhiger Bestimmtheit das
-Gläschen vom Munde und verschloß den
-Schrank.</p>
-
-<p>»Das geht nicht, gnädige Frau. Der Professor
-wird Ihnen so viel Morphium zutheilen, wie Sie
-bedürfen, um nicht zu leiden,« sagte das
-Mädchen.</p>
-
-<p>Lydia antwortete keine Silbe. Scheu und traurig
-begegnete ihr Blick dem der Bonne. Dann verließ
-sie das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinauf, mit
-einer Hand hielt sie ihr Kleid, die andere lag an der
-Stirn. »Die Steine reden, die Steine rufen.« &ndash;
-Leise und stockend sagte sie das vor sich hin, wieder,
-immer wieder.</p>
-
-<p>Sie ging die ganze Treppe hinauf, schritt über
-den Boden, noch eine kleine Treppe höher und stieg
-endlich durch eine Klappe auf das platte Dach des
-hohen Hauses. Ein niedriges Geländer umgab die
-Plattform.</p>
-
-<p>Lydia beugte sich darüber hinweg und starrte hinab
-auf das Steinpflaster des Hofes vor den Stallungen
-und Remisen.</p>
-
-<p>Die Steine da unten schimmerten grau zu ihr
-empor. Ein röthlicher Sonnenstrahl glitt drüber hin.</p>
-
-<p>Der Tod ist der Sünde Sold; &ndash; »die Steine
-reden, die Steine rufen.« Sie sah sich scheu um.
-Nein, es war ihr niemand gefolgt, sie war allein,
-frei, vielleicht zum letzten Male frei, ehe sie die Gefangenschaft
-des Irrenhauses umgab.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-Wie wonnig ist doch die Freiheit, das edelste
-Menschenrecht &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Sie hatte die Freiheit
-benutzt.</p>
-
-<p>Ein Schrei, ein Fall &ndash; die Steine der Tiefe
-nahmen sie auf.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/p102i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-<span class="fsl ge"><b>Nach dem Tode.</b></span></h2>
-
-<p class="ce mt4 mb4"><img src="images/p103i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-<p class="pb ce"><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-<img class="imwi2 bo" src="images/p105i.jpg" alt="" /></p>
-
-<p class="in0"><b>I</b>n der großen Universitätsklinik traten die Nachtwachen
-an. Auf jeder Station wachte eine
-Schwester, und an einzelnen Betten, wo es besonders
-verordnet war, sollten Hülfswärterinnen wachen.
-Vorläufig waren die zu diesem Dienste bestimmten
-Schwestern im Operationssaale versammelt; sie präparirten
-die nöthigen Medicamente, die Eisbeutel, die
-Getränke, die Compressen, kurz alles das, was in der
-Nacht möglicherweise gebraucht werden konnte.</p>
-
-<p>Die Wärterinnen hielten sich, so lange bis ihnen
-eine genaue Angabe ihrer Arbeit zu Theil wurde, auf
-dem breiten Corridor auf und klatschten.</p>
-
-<p>Das Elend einzelner Kranken, ihre Lebensverhältnisse,
-sowie die persönlichen Angelegenheiten der
-Aerzte und Schwestern bildeten den Gesprächsstoff.
-Die schauerlichen Einzelheiten der schwersten Unglücksfälle
-wurden mit wonnevollem Eifer besprochen, und
-hatte eine von diesen Mädchen und Frauen ein entsetzliches
-Menschenschicksal in kurzen Worten, und von den
-Ausrufen der Anderen oft unterbrochen, geschildert,
-so war auch gleich eine Andere da, die aus ihrer
-Spitalerfahrung etwas noch Trostloseres, noch Krasseres
-zu berichten wußte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-Trotz des tieftraurigen Gegenstandes, der bei
-der Unterhaltung vorherrschte, klang doch zuweilen
-ein unterdrücktes Kichern, ja sogar lautes Lachen aus
-diesem Kreise.</p>
-
-<p>Die Oberschwester hatte den jüngeren Pflegerinnen
-die nöthigsten Anweisungen für die Nacht ertheilt und
-durchschritt nun den Corridor, um ihr Zimmer aufzusuchen.
-Die Wärterinnen, obgleich sie »weltlich«
-waren, drückten sich schweigend und zum Theil verlegen
-an die Wände, um in tiefster Ehrfurcht die
-würdige Dame an sich vorbeigehen zu lassen.</p>
-
-<p>In keinem von Männern versehenen Dienst- oder
-Verwaltungszweige herrscht eine so unbedingte Unterordnung
-unter die Person des Vorgesetzten, wie in
-dem weiblichen Staatshaushalte eines kirchlichen
-Jungfrauenordens.</p>
-
-<p>Das ganze weibliche Personal der Klinik unterwarf
-sich bedingungslos den Befehlen und Anordnungen der
-Schwester Domina, die als Leiterin der Anstalt hier
-voll und ganz die Würde der »Frau Mutter« vertrat.</p>
-
-<p>Die Schwestern verließen das Operationszimmer,
-in welchem sie die Anordnungen ihrer Oberin empfangen
-hatten und traten auf den Corridor hinaus,
-um sich nach den Wärterinnen umzusehen, die ihnen
-für die schwersten Arbeitsleistungen der Nacht zur
-Hilfe zugetheilt waren.</p>
-
-<p>Schwester Coelestina von der sechsten Männerstation
-erhielt allein drei Gehilfinnen für ihren Saal,
-Schwester Theophila ging mit zwei bewährten Hilfskräften
-nach der Diphteritis-Abtheilung der Kinderstation.
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-Fast jede Schwester entfernte sich in Begleitung
-einer Wärterin, nur Schwester Clarissa schlug
-allein den Weg nach der dritten Frauenstation ein.
-Die Schwester Domina war der Ansicht, daß auf dem
-dritten Frauensaale momentan kein so schwerer Fall
-vorliege, daß die Stationsschwester nicht allein damit
-fertig werden sollte.</p>
-
-<p>Lautlos, fast wie schwebend bewegte sich die dunkle,
-schlanke Gestalt der jungen Nonne durch die langen,
-schwach beleuchteten Gänge des großen Krankenhauses.</p>
-
-<p>Im Hörsaale brannte das Gaslicht noch mit voller
-Flamme. Das war eine Nachlässigkeit des Heilgehülfen,
-dem die Reinigung und Ordnung dieses Raumes
-oblag. Schwester Clarissa verzichtete darauf, den
-Mann zur Erfüllung seiner Pflicht herbeizurufen, sie
-stieg auf einen Stuhl und erhob die Arme, um das
-Licht herunterzuschrauben. Wie ein dunkler Schatten
-breitete sich bei dieser Bewegung der Nonnenschleier
-aus, der ihren Oberkörper verhüllte; das Licht fiel
-ihr grell in das Gesicht, das sonst durch den Rand
-der Haube im Schatten gehalten wurde; unwillkürlich
-legte sie die Hand über die müden, vom Nachtwachen
-mit tiefen Ringen umgebenen Augen und blickte zur
-Seite.</p>
-
-<p>Da stand das Gerippe, an dem die jungen
-Anatomen die ersten allgemeinen Studien über den
-Knochenbau des menschlichen Körpers zu machen
-pflegten. Schwester Clarissa war unzählige Male
-gleichgültig an dieser Erscheinung vorübergegangen,
-aber jetzt, in der Stille der Nacht schrak sie zusammen,
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-als sie den grau-weißen Schädel so unmittelbar vor
-sich sah.</p>
-
-<p>Sie schraubte die Gasflamme nieder, faßte mit
-beiden Händen das Kreuz, das an ihrer Gebetschnur
-hing und trat leise dem Gerippe gegenüber.</p>
-
-<p>»O Du unergründlicher Gott, wo mag die Seele
-sein, die in diesem Körper gewohnt hat, ist sie bei
-Dir? Was aber mag dieser Mensch verbrochen haben,
-daß seine Gebeine nicht ruhen dürfen, wie die Gebeine
-Anderer? Ich &ndash; eine arme demüthige Magd des
-Herren &ndash; werde in wenigen Jahrzehnten auch nur
-noch ein Häuflein Gebeine sein,« betete sie, »o Du heilige
-Mutter, gieb meinem Leibe Ruhe und meiner Seele
-Erlösung. Wir sind von Erde genommen, und wir
-werden wieder zum Staube &ndash; wir &ndash; wir &ndash; aber
-dieser nicht. Seine Knochen sind präparirt, daß sie
-nicht zerfallen; sie sind mit Draht aneinander befestigt,
-und statt der heiligen Ruhe des Friedhofes umgiebt
-sie das lärmende Treiben der academischen Jugend,
-die in diesem Saale ein und aus geht. Was hat
-er verbrochen, welches ist die Schuld, die sich so
-straft, daß der Leib keine Ruhe findet, nachdem das
-müde Haupt dahingesunken ist auf das Kissen des
-Sterbebettes?«</p>
-
-<p>Das schöne zarte Gesicht der jungen Schwester
-nahm einen tief wehmüthigen Ausdruck an. Sie
-wendete sich ab von dem Gerippe und nahm vom
-Katheder eine runde flache Glasschale herab.</p>
-
-<p>In der Schale lag ein vom Haupte abgelöstes
-menschliches Antlitz, ohne Unterkiefer. Die Frau
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-war an einem Krebsleiden gestorben, das sich vom
-Nasenbein nach der Stirnhöhle ausgedehnt hatte.
-Aus diesem Grunde hatte einer der Professoren das
-Gesicht von der Leiche genommen, um an diesem
-Präparate die Krankheit zu demonstriren.</p>
-
-<p>Rücksichtslos hatte das Secirmesser von den
-Mundwinkeln aus die Wangen durchschnitten und
-das Fleisch lag nun da, bläulich grau und eingeschrumpft.
-Die Augenhöhlen waren tief eingesunken
-und zeigten eine dunklere Farbe. Schwester Clarissa
-hatte die Todte, die vor einem halben Jahre gestorben
-war, gepflegt. Es war eine schöne, sanfte junge
-Mutter gewesen. Sie hatte gräßlich gelitten, der
-Gedanke an ihre Kinder, die mit dem Keime des
-Krebsleidens geboren und nach ihrer Ansicht demselben
-traurigen Schicksale wie ihre Mutter verfallen waren,
-hatte ihr das Sterben erschwert. Die junge Nonne
-hatte die Protestantin veranlaßt, das Abendmahl zu
-nehmen und hatte ihr dann die Augen zugedrückt.
-Diese Augen, die sie hier in der Hand hielt, in
-Alkohol und Aether präparirt.</p>
-
-<p>Die Schwester glaubte an die Auferstehung des
-Fleisches. Das war ihr gelehrt unter denjenigen
-Dogmen der Kirche, an die zu glauben ein Erforderniß
-zur Seeligkeit ist.</p>
-
-<p>Sie betrachtete sich als eine Braut des Herren
-und in den Kranken, die sie pflegte, erbarmte sie sich
-des irdischen Leibes dessen, auf den ihre Seele harrte.
-Mit demüthiger Arbeit und gläubigem Beten wartete
-sie auf die Stunde, in der der himmlische Bräutigam
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-sie rufen würde zum Hochzeitsfeste. Durch Tod,
-Grab und Auferstehung hindurch hoffte sie einzugehen
-zur ewigen Herrlichkeit. Das heilige Feuer eines
-leidenschaftlichen Glaubens erfüllte die Seele dieses
-stillen, der Welt abgewandten Mädchens.</p>
-
-<p>Jeder Buchstabe der kirchlichen Lehre war für sie
-eine Säule, an der man nicht rütteln durfte, ohne
-den ganzen Tempel zu gefährden, den sie dem Herrn
-in ihrem Herzen erbaut hatte. Die Auferstehung des
-Fleisches &ndash; ein Satz des Glaubensartikels selbst &ndash;
-aber war einer der Grundpfeiler, auf dem die Lehren,
-denen sie anhing, beruhten. Wie war dieser Lehrsatz
-aber zu vereinen mit diesem künstlichen Erhalten
-menschlicher Reste, das sie täglich und stündlich vor
-Augen hatte?</p>
-
-<p>Sie erinnerte sich genau, daß ein junger Arzt
-damals mit einem Photographen nach der Anatomie
-gegangen war, um den Kopf der Todten, nachdem
-das Gesicht bis auf Unterkiefer und Zunge abgenommen
-war, zu photographiren. Die Theile, an denen die
-Krankheit ihr Zerstörungswerk vollbracht hatte, waren
-in der Photographie roth bezeichnet und das entsetzliche
-Bild war im Hörsaale den Studenten erklärt worden.</p>
-
-<p>In grübelnden Gedanken verließ die Schwester
-das Auditorium und begab sich nach ihrer Station,
-um die Wache anzutreten.</p>
-
-<p>Zu beiden Seiten des Saales lagen im Halbdunkel
-die Reihen der Betten. Die harten schmalen
-Lagerstätten waren weiß gedeckt. Weiß und sauber
-war die Kleidung der Kranken. Zwischen je zwei
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-Betten war ein genügend großer Zwischenraum, um
-mehreren Personen freie Bewegung zu gestatten.</p>
-
-<p>Da war kein weiches Kissen, in das die Köpfe der
-Schlafenden hätten einsinken können; keine Federdecke
-verwischte die Linien der ruhenden Körper, die sich
-hoch und meistens in unschönen Linien von den
-Matratzen abhoben, auf denen sie nur durch eine
-leichte wollene Decke verhüllt waren. Übrigens war
-das kein Nachtheil, denn es war warm im Saale;
-aber manche Kranke stöhnte doch und konnte keinen
-Schlaf finden auf diesen hygienisch correcten jedoch
-ungewohnt steifen Kissen.</p>
-
-<p>Zwanzig Frauen und Mädchen befanden sich in
-dem Saale, darunter war indeß keine Schwerkranke.
-Die Oberschwester hatte gesagt, daß auf keinen Fall
-im Laufe der Nacht ein Todesfall zu erwarten sei.</p>
-
-<p>Das Isolirzimmer der Station war leer.</p>
-
-<p>Tröstend trat die bleiche Nonne an die verschiedenen
-Betten. Sie legte hier das Polster zurecht, strich
-dort die Tücher glatt, legte Eisbeutel auf die Stirn
-der Fiebernden und hielt das Trinkglas an heiße,
-durstige Lippen.</p>
-
-<p>Im Allgemeinen hatte sie keine schweren Hilfsleistungen
-zu thun und ihre Vorgesetzte hatte Recht,
-wenn sie meinte, daß eine Wärterin hier überflüssig
-sei. Die Dienste der Wärterinnen mußten aus der
-Hauskasse besonders bezahlt werden.</p>
-
-<p>Gegen zehn Uhr war es ziemlich still im Saale.
-Schwester Clarissa kniete vor dem Muttergottesbilde
-mit der kleinen Lampe in der Ecke und betete ihre
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-vorgeschriebene Zahl ab. Die Kranken waren ruhig,
-zum größten Theil schliefen sie.</p>
-
-<p>Plötzlich war es der wachehabenden Nonne, als
-höre sie das Glockensignal des Portiers. Sollte
-irgendwo ein Mensch verunglückt sein und wurde in
-der Nacht in die Klinik geschafft? Schwester Clarissa
-hatte das oft erlebt, sie vermuthete es auch jetzt, aber
-sie verließ ihren Saal nicht, um nachzusehen.</p>
-
-<p>»Was nicht zu Euch kommt, kümmert Euch nicht.«</p>
-
-<p>Dieser Grundsatz, der allerdings der weiblichen
-Neugierde schnurstracks entgegenläuft, wird den Novizen
-tausend und aber tausendmal eingeprägt. Bei
-Schwester Clarissa war er in Fleisch und Blut übergegangen,
-sie blieb ruhig bei ihrer Andachtsübung,
-trotzdem sie deutlich hörte, daß Schritte und
-Männerstimmen auf den Gängen der Station hörbar
-wurden. Dazwischen klang zuweilen ein einzelner,
-schriller, wie thierischer Laut.</p>
-
-<p>Einige Kranke richteten sich auf. »Bleiben Sie
-ruhig liegen, es wird ein Kranker gebracht, unser Saal
-ist voll, wir werden auf keinen Fall gestört,« &ndash; so
-redete sie auf ihre Schutzbefohlenen ein.</p>
-
-<p>Einige ängstigten sich bei den wilden unarticulirten
-Tönen, Andere wollten aus Neugierde aufstehen, aber
-sanft und bestimmt brachte die Schwester Alle zur
-Ruhe und hielt die Ordnung im Saale aufrecht.</p>
-
-<p>Jetzt erschien ein Arzt in der Thür. »Schwester
-Clarissa, Sie bekommen jemanden in Ihr Isolirzimmer,
-haben Sie keine Wärterin?« fragte er.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-»Nein, Herr Doktor, hier ist nichts Besonderes zu
-thun,« antwortete sie freundlich.</p>
-
-<p>Einen Augenblick blieb die hohe, elegante Gestalt
-des jungen Arztes zögernd in der Thür stehen. »Das
-ist sehr unangenehm,« sagte er, »ich glaube, es ist
-kein anderes Isolirzimmer im Hause frei.«</p>
-
-<p>»Auf den Frauenstationen nicht,« bemerkte ein
-Wärter, der sich neugierig näherte.</p>
-
-<p>»Nun, dann müssen Sie eben Rath schaffen,
-Schwester,« entschied der Stationsarzt.</p>
-
-<p>Er öffnete die Thür zum Isolirzimmer, und die
-Nonne eilte noch einmal in den Saal zurück. Sie
-trat an das Bett einer gutmüthig aussehenden Frau
-in mittleren Jahren, die Reconvalescentin war.
-»Wenn hier etwas nöthig ist, so klingeln Sie bitte,
-Frau Schulz,« flüsterte sie, »ich habe hier nebenan zu
-thun.«</p>
-
-<p>Die Frau nickte verständnißvoll, und Schwester
-Clarissa huschte hinaus.</p>
-
-<p>Als sie das kleine überaus einfache Zimmer neben
-dem großen Saale betrat, sah sie dort eine Bahre
-stehen, auf der eine weibliche Gestalt in dunklen Umrissen
-zu erkennen war. Die beiden Träger entfernten
-sich, und der Schutzmann, der den Transport geleitet
-hatte, blieb allein mit dem Arzte, dem Wärter und
-der Schwester zurück.</p>
-
-<p>»Sie können mir also in keiner Weise Aufklärung
-darüber geben, wer die Person ist?« fragte Dr.
-Schlüter den Beamten.</p>
-
-<p>»Herr Doktor, ich habe sie in einer Scheune gefunden,
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-ganz verkommen, ohne Bewußtsein, ohne
-Nahrung, niemand war bei ihr. Von der Polizeiwache
-aus hat man mich mit ihr hierher geschickt.
-Der Besitzer der Scheune wird ja wohl irgend eine
-Auskunft geben können, es ist von der Polizei aus
-schon nach ihm geschickt.«</p>
-
-<p>»Wenn wir die Kranke aufnehmen sollen, muß
-ich doch wissen, wer für sie bezahlt,« entgegnete der
-Arzt. »Alle Freistellen sind durch städtische Arme
-besetzt und ohne meinen Chef zu fragen, darf ich
-niemanden aufnehmen, dessen Papiere fehlen.«</p>
-
-<p>»Schicken Sie nach dem Armenvorstand. Herr
-Doktor, die Polizei kann doch keinen todtkranken
-Menschen auf der Straße verhungern lassen.«</p>
-
-<p>Doktor Schlüter sah das ein. »Für diese Nacht
-will ich sie behalten,« erklärte er zögernd, »das Weitere
-muß sich morgen früh finden.«</p>
-
-<p>»Zu Befehlen, Herr Doktor,« antwortete der
-Schutzmann, machte kehrt und verließ mit dröhnenden
-Schritten das stille Haus der Leiden und Schmerzen.</p>
-
-<p>Schwester Clarissa hatte wiederholt versucht, sich
-der leblosen Gestalt zu nähern, aber ein fürchterlicher
-Geruch, wie von einer verwesenden Leiche hatte sie
-stets wieder von der Bahre verscheucht. Trotzdem
-bewiesen die entsetzlichen Töne, die zuweilen aus dem
-weit offenen Munde der Bewußtlosen drangen, daß
-noch Leben in dieser schwarzen, formlosen Masse war.</p>
-
-<p>Mit einem Ausrufe des Ekels fuhr der Arzt zurück,
-als er sich niederbeugte, um zu sehen, was für
-eine Verletzung oder Krankheit hier eigentlich vorliege.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-»Ich kann sie erst untersuchen, wenn sie gebadet
-ist,« sagte er. »Jahn, Sie müssen der Schwester
-helfen. Hier kommt es nicht darauf an, ob ein Mann
-oder eine Frau anfaßt; wenn Sie nicht fertig werden,
-holen Sie noch einen Wärter.«</p>
-
-<p>Ohne sich weiter zu wundern, hing sich der Wärter
-den Traggurt der Bahre über die Schultern; Schwester
-Clarissa faßte am anderen Ende an, und der Arzt
-folgte den Beiden nach der Badestube.</p>
-
-<p>Während die Schwester die Wasserleitung aufdrehte,
-versuchte Jahn die klebrigen Lumpen von dem
-menschlichen Körper zu entfernen, der da vor ihm
-lag.</p>
-
-<p>Bei der völligen Unbeweglichkeit der Glieder ergriff
-er eine Scheere und schnitt das Zeug streifenweise
-vom Leibe der Bewußtlosen.</p>
-
-<p>Die Nonne hatte inzwischen das Bad zurechtgemacht
-und wandte sich dem Wärter zu, um ihm behülflich
-zu sein. Sie war seit zwei Jahren in der
-Klinik und hatte schon manchen blutigen und manchen
-widerwärtigen Anblick ertragen; aber als sie sich jetzt
-mit der Scheere in der Hand über den stinkenden
-Körper dieses Weibes beugte, stieß sie einen leisen Schrei
-aus und sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl
-nieder.</p>
-
-<p>Wie eine dunkle Flüssigkeit rieselte es aus den
-Kleidern heraus, an der Bahre herab auf die Steine
-des Bodens. Aber nicht Blut und Schlamm, sondern
-jaucheartiger Schmutz und Haufen von Ungeziefer
-bedeckten diese Gestalt und diese Kleider. &ndash; Doktor
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-Schlüter erkannte, daß die Aufgabe dieses Bades über
-weibliche Kräfte ging und rücksichtslos schellte er nach
-dem Oberwärter der nächsten Männerstation. Als
-dieser erschien, zog er sich selbst zurück, denn die Luft
-in dem kleinen, heißen Raume fing an unerträglich
-zu werden.</p>
-
-<p>Die beiden Männer rissen die Reste der Lumpen
-herunter, legten den kaum noch erkennbaren Frauenkörper
-ins Wasser, bearbeiteten ihn mit Seife, Karbol
-und Bürsten und die Schwester sammelte die schmutzigen
-Zeugstücke in einen Sack, der später im Kesselhause
-verbrannt wurde. Dann reinigte und desinfizirte
-sie den Raum, schnitt die Haare der Gebadeten dicht
-an der Kopfhaut ab, und die beiden Wärter erneuerten
-mehrmals das Wasser in der Badewanne, ehe sie die
-jetzt furchtbar schreiende und tobende Person abrieben
-und auf der Bahre festbanden.</p>
-
-<p>Der Oberwärter wendete sich mitleidig an die
-barmherzige Jungfrau: »Was, fromme Schwester, das
-haben Sie sich nicht gedacht, als Sie ins Kloster
-gingen, daß Ihnen mal so etwas &ndash; solche &ndash; erlauben
-Sie gütigst &ndash; Schweinerei unter die Finger kommen
-würde?«</p>
-
-<p>Schwester Clarissa neigte das Gesichtchen tief über
-die Bahre. »Je schwerer die Arbeit ist, um so größer
-ist die Abtödtung des irdischen Menschen und seiner
-sündigen natürlichen Empfindungen,« antwortete sie.
-»In unserem Brevier steht: Du sollst wie eine Leiche
-werden.«</p>
-
-<p>»Meine Tochter möchte auch ins Kloster, aber
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-wenn sie nach einem solchen Brevier dort leben müssen,
-dann werde ich mir doch erst noch einmal überlegen,
-ob ich's erlaube,« brummte der Mann. Dann faßte
-er mit Jahn die Bahre an, und der traurige Zug
-bewegte sich langsam zurück nach der dritten Frauenstation.</p>
-
-<p>Dr. Schlüter wurde nun wieder geholt und die
-beiden Wärter entfernten sich, als sie sahen, daß die
-Unglückliche sich auf dem warmen, trockenen Lager
-einigermaßen ruhig zu verhalten schien.</p>
-
-<p>»Da scheint uns ja die Polizei ein nettes Subject
-hergeschickt zu haben,« bemerkte er im Eintreten, »Sie
-haben mir wirklich leid gethan, Schwester Clarissa.«</p>
-
-<p>Die Kranke brüllte auf wie ein Thier.</p>
-
-<p>»Um Gotteswillen,« rief der Arzt nervös, »die
-ganze Station kommt ja in Aufruhr, machen Sie
-so schnell wie möglich eine Morphiumeinspritzung.«</p>
-
-<p>Die Schwester holte das kleine Etui aus der
-Tasche, füllte die Spritze an einem Wandschranke und
-kniete am Bette nieder, um an dem abgezehrten,
-bräunlichen Körper eine geeignete Stelle zu suchen,
-wo sie den Stich machen konnte.</p>
-
-<p>Der junge Mann ließ dabei unwillkürlich sein
-Auge auf ihrem edlen, durchgeistigten Antlitze ruhen.</p>
-
-<p>Die Nonne war höchstens zwei oder dreiundzwanzig
-Jahr alt; seit zwei Jahren war sie hier,
-ein Jahr war sie als Lehrschwester im Mutterhause
-gewesen, und drei Jahre hatte sie, wie jede Andere,
-im Noviziate zubringen müssen. Sie hatte also mit
-sechszehn oder siebenzehn Jahren schon die Welt verlassen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-Dr. Schlüter hatte sehr freie religiöse Ansichten
-und glaubte eigentlich auch nicht an vollkommene
-Frauentugend. Seit zwei Jahren aber sah er dieses
-wunderschöne Mädchen in seinem frommen, aufopfernden
-Wirken, in seinem stillen Entsagen.</p>
-
-<p>Er war ein sehr hübscher Mann und in der Gesellschaft,
-sowie bei seinen Patientinnen fand er zuweilen
-ein Entgegenkommen, das durchaus geeignet
-war, seine wenig idealen Anschauungen von der Frauenwelt
-zu bestätigen.</p>
-
-<p>Wie sonderbar war es doch, daß dieses junge
-Mädchen ihn noch nie anders angesehen hatte, als
-mit dem ruhigen Blick einer Gehülfin, die genau
-aufpaßte, wenn er sprach, um seine Anordnung gewissenhaft
-ausführen zu können. Sollte es denn
-möglich sein, daß ein Weib wunschlos aufwuchs und
-ohne Anfechtung durch's Leben gehen konnte, um
-wunschlos zu bleiben und wie eine Heilige zu sterben?</p>
-
-<p>Er verglich das süße, fromme Gesicht mit den
-verzerrten Zügen des verkommenen Weibes, dem sie
-in liebevoller Selbstverleugnung diente. War es
-möglich, daß diese beiden Frauen einer Welt, einer
-Kultur, einem Vaterlande angehörten? Er sann und
-sann, er begriff den Abgrund, in den das verlorene,
-sterbende Geschöpf versunken war; aber er begriff die
-Höhe nicht, auf die der Engelsfittich des Glaubens
-das reine Mädchen gehoben hatte, hoch, hoch empor
-über alle anderen Frauen, die er kannte und vor denen sie
-doch bescheiden zurücktrat.</p>
-
-<p>Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-wäre doch der größte Geniestreich meines Lebens, wenn
-ich mich in eine schöne Nonne verlieben würde, wie der
-selige Luther,« sagte er zu sich selbst.</p>
-
-<p>Das Morphium hatte inzwischen seine Wirkung
-gethan, und Schwester Clarissa fragte, ob sie etwas
-zur Untersuchung holen solle.</p>
-
-<p>»Nein, nein, ich danke, ich habe Alles bei mir,«
-sagte er hastig und setzte sein Hörrohr auf die Brust
-der Kranken.</p>
-
-<p>Die Untersuchung dauerte ziemlich lange, es herrschte
-Todtenstille in dem kleinen Zimmer. Doctor Schlüter
-trat vom Bett zurück und sah sehr nachdenklich und
-ernst aus.</p>
-
-<p>»Schwester,« sagte er, »es wäre ja eine Schmach
-für die Armenpflege und schließlich sogar für die
-Polizei, aber ich glaube, wir haben hier den Hungertod
-vor uns.«</p>
-
-<p>»Sie lebt ja noch, wenn es das ist, wird sie zu
-retten sein,« entgegnete die Schwester sanft.</p>
-
-<p>»Kaum,« antwortete er. »Sie ist am Typhus
-erkrankt, hat sich vielleicht selbst in jene Scheune geschleppt,
-wo man sie gefunden hat, und hat dort ganz
-allein bewußtlos und ohne jede Pflege gelegen. Bewegen
-konnte sie sich nicht, niemand sah nach ihr und
-so ist sie am Ende verhungert. Es mögen neun
-oder zehn Tage her sein, seit der Magen zum letzten
-Male Nahrung erhalten hat, die Krankheit hat das
-Uebrige gethan, und wir haben hier nun das letzte
-Stadium des Hungertyphus. Versuchen Sie immerhin,
-ihr etwas Rothwein oder Milch zu geben.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-Die Schwester war nicht entsetzt, lange nicht so
-erschüttert wie der Arzt. Ein Menschenleben &ndash; was
-war das denn in der Fülle der Ewigkeit? Aber
-eine Menschenseele &ndash; sicher hatte die Unglückliche die
-Tröstungen der Religion noch nicht empfangen. Sie
-war im Begriffe, die letzte Reise anzutreten, ohne die
-Wegzehrung, die die Kirche dafür spenden kann,
-empfangen zu haben.</p>
-
-<p>»Wird sie noch einmal zu sich kommen?«</p>
-
-<p>Er sah überrascht auf bei der ängstlichen Frage,
-dann lächelte er. &ndash; »Ach so, ich verstehe, sie soll
-wohl noch communiciren? Nein, Schwester Clarissa,
-dazu ist es zu spät. Das Bewußtsein wird wahrscheinlich
-nicht zurückkehren, weil der körperliche
-Widerstand gegen das Bad die letzten Kräfte verzehrt
-hat. Wenn Sie noch etwas für sie thun wollen, so
-geben sie ihr noch einmal Morphium, wenn die letzten
-Schmerzen kommen. Gute Nacht, Schwester, ich
-schicke Ihnen so bald wie möglich eine Ablösung.«</p>
-
-<p>Er wollte gehen, an der Thür kehrte er noch einmal
-um und trat an das Bett. Er schlug die Decke
-zurück und fuhr leicht mit der Hand über den erhöhten
-und gekrümmten Rücken des scelettartig abgezehrten
-Körpers.</p>
-
-<p>»Eine interessante Verbildung,« sagte er mehr zu
-sich selbst, als zu der Pflegerin, »eine seitliche und
-hochtretende Verkrümmung des Rückgrates und dabei
-eine Verkümmerung des Brustkorbes, die eine höchst
-anormale Lage aller inneren Theile bedingt. &ndash;
-Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld,
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-daß sie so unheimlich fremdartig aussah, als sie auf
-der Trage gebracht wurde. &ndash; Na, gute Nacht, hoffentlich
-brauchen Sie mich nicht mehr.«</p>
-
-<p>Er ging jetzt wirklich, und die Schwester kniete
-nieder mit dem Rosenkranze in beiden Händen. Sie
-küßte das Kreuz und fing dann an, den theilweise
-sinnlosen Text eines alten Sterbeliedes zu beten:
-»O Du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns
-jetzt und in der Stunde unseres Todes &ndash;
-&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie betete so lange wie die Leidende ruhig blieb.
-Bei dem ersten wilden Schrei, der aus dem noch
-immer offenen Munde drang, erhob sie sich und führte
-die Schlundsonde ein.</p>
-
-<p>Zuerst versuchte sie etwas Milch zu geben, aber
-der erschöpfte Magen nahm sie nicht mehr an. Die
-Pflegerin vermischte nun Rothwein mit einigen Tropfen
-Morphium und flößte das ein.</p>
-
-<p>Der Versuch erwies sich als unausführbar, die
-Rettung kam wirklich zu spät, die Auflösung hatte
-augenscheinlich schon begonnen. Angstvoll betrachtete
-die junge Schwester das gelbe, häßliche, von schwarzen
-Flecken entstellte Gesicht. Sie wartete auf ein letztes
-Wiederaufdämmern des Bewußtseins.</p>
-
-<p>Vergebens &ndash; geheimnißvoll und grausig trat der
-Tod ein und erfüllte mit seiner Nähe das enge
-Gemach.</p>
-
-<p>Sie fühlte die Gewalt der unsichtbaren Macht,
-die dieses verlorene Leben an sich riß und erwürgte,
-aber sie war hülflos dem Dämon gegenüber, den
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-sie so gerne verscheucht hätte bis der Tag kam, bis
-ein Priester geholt werden konnte, der nach dem
-Glauben der Nonne im Stande war, die Engel der
-Verdammniß zu verscheuchen, die ihre Krallen ausstreckten,
-um diese Seele zu sich hinabzuziehen in das
-ewige Nichts.</p>
-
-<p>Sie hatte schon an manchem Sterbebette gebetet,
-und sie kannte den Tod. Oft war ihr gewesen, als
-wären drei Personen im Zimmer, sie und der
-Sterbende und eine milde, himmlische Lichtgestalt,
-die einen müden Erdenpilger mit sanfter Hand
-hinüberführte in die ewige Heimath. Wie einen
-trauten Freund hatte sie ihn oft willkommen geheißen
-den Verklärer und Erlöser, dessen Nähe das Ende
-aller Qual und den Anfang des wahren Lebens
-bedeutete.</p>
-
-<p>Wie anders war das an diesem Sterbebette! In
-ihrer jungfräulichen Reinheit ahnte sie, daß sie eine
-Verlorene vor sich hatte. Die verfallenen Züge
-sprachen von einem wüsten, wilden Leben in Elend
-und Schuld. Diese wie Vogelklauen gekrümmten
-Finger hatten gewiß niemals die Gebetschnur gehalten,
-sich niemals gefaltet erhoben zum Altare des Herrn.</p>
-
-<p>Tiefer, tiefer Unfrieden, der ganze Jammer des
-Lasters hatte diesen Zügen seinen Stempel aufgedrückt.
-Dieses Weib war sicher eine entsetzliche Megäre
-gewesen, vielleicht war sie nicht einmal vor den
-gemeinsten Verbrechen zurückgeschreckt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun kam der Tod. In finsterer Nacht der
-Bewußtlosigkeit nahm er sie hin, die betende Nonne
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-fühlte seinen eisigen Hauch, der den Körper der
-Sterbenden umhüllte.</p>
-
-<p>»O, wie furchtbar ist doch das Sterben derer, die
-nicht Gottes Kinder sind,« seufzte sie und sah dann
-zu, wie eine entsetzliche körperliche Qual die Brust
-der Sterbenden umklammerte. Sie wischte ihr den
-kalten Schweiß von der Stirn und lauschte auf ihr
-Stöhnen und Aechzen.</p>
-
-<p>Jetzt bewegten sich die Lippen, die so starr und
-bläulich bisher offen gestanden hatten. »Hund, verfluchter
-Hund« tönte es leise und dann ein Fluch, der
-halb erstickt und unverständlich blieb.</p>
-
-<p>Schwester Clarissa machte das Zeichen des Kreuzes
-über das Bett, da fuhr die Hand der Sterbenden
-gegen ihren Arm, das Kreuz blieb unvollendet und
-der Schwester war es, als ob eine finstere, unheimliche
-Macht diese Bewegung mit dem Gliede der Sünderin
-ausgeführt habe, um das Heil zu hindern, das sich
-mit dem Zeichen des Segens auf die Unglückliche
-hätte hernieder senken können.</p>
-
-<p>Sie wagte nicht, den Kreuzschlag zu wiederholen,
-sondern griff fast mechanisch nach der Morphiumspritze
-in ihrer Tasche, um der Sterbenden die letzte Erleichterung
-zu verschaffen, die Menschenhände ihr
-gewähren konnten.</p>
-
-<p>Dann wachte sie an diesem Sterbebette die ganze
-endlos lange Nacht hindurch. Sie war überzeugt,
-eine ahnende Erkenntniß von den ewigen Qualen
-der Unseligen erhalten zu haben und bat alle Heiligen
-und Märtyrer, ihr Jammer und Leid im Erdenleben
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-zu Theil werden zu lassen, damit sie, wenn ihr Ende
-nahte, dereinst mit dem Namen des Herrn auf den
-Lippen aus diesem Leben scheiden könne.</p>
-
-<p>Die Verhungerte litt entsetzlich. Nie hatte die junge
-Schwester einen ähnlichen Todeskampf gesehen. Wild
-bäumte der verkrüppelte Körper der Sterbenden sich in die
-Höhe, die Schwester mußte förmlich mit ihr ringen, um
-sie nieder zu halten auf dem Lager. Schließlich legte
-sie ihr einen Gurt über Brust und Beine und befestigte
-die Schnallen unter der Bettstelle, wie bei einer Tobsüchtigen.</p>
-
-<p>Nun folgte ein leises Wimmern, dann ein Stöhnen
-und Jammern der höchsten Angst, und doch war
-der ganze Kampf nur körperliche Auflösung, der Geist
-kehrte nicht wieder zurück in diese elende Hülle.</p>
-
-<p>Als der Morgen dämmerte, änderte sich die Farbe
-des Gesichtes. Die große fleischige Nase wurde weiß,
-die Wangen überzog eine fahle Blässe, die Schatten
-um die Augen vertieften sich, die Lippen färbten sich
-schwärzlich.</p>
-
-<p>Die Fittiche des Todesengels rauschten über dem
-Lager &ndash; ein letzter wilder Schmerzensschrei erscholl,
-ein Zucken fuhr durch alle Glieder&nbsp;.....</p>
-
-<p>O du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns
-jetzt und in der Stunde unseres Todes&nbsp;...</p>
-
-<p>Die Nonne betete an einem Todtenbette.</p>
-
-<p>Mit linder Hand drückte sie die Lider auf die
-gebrochenen Augen herab, legte ein Tuch über das
-Gesicht der Leiche und kehrte zurück an den Altar im
-Saale, um vor dem Gnadenbilde ihre Gebete fortzusetzen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-Am anderen Morgen erschien ein evangelischer
-Oberprediger in der Klinik. Die Vorstandsdamen
-des Frauenvereins ließen durch ihn ihre Unterstützung
-anbieten. Man hatte erfahren, daß eine unbekannte
-Frauensperson in bewußtlosem Zustande eingeliefert
-war, und man erklärte sich bereit für die Unglückliche
-und Nothleidende einzutreten.</p>
-
-<p>Dr. Schlüter hörte die großmüthige, liebenswürdige
-Rede des geistlichen Herrn ruhig an.</p>
-
-<p>»Ich bedaure, daß Sie sich umsonst bemüht haben,
-Herr Oberprediger,« sagte er, »die fragliche Kranke
-ist bereits im Laufe der Nacht gestorben.«</p>
-
-<p>»O, das bedaure ich aufrichtig. Hoffentlich wird
-man die Leiche recognosciren &ndash; jedenfalls, wie dem
-auch sein möge &ndash; die Begräbnißkosten&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»O, bitte Hochwürden,« unterbrach ihn der lächelnde
-Arzt, »von Begräbnißkosten kann gar keine Rede sein,
-wir besorgen das schon von der Anatomie aus.«</p>
-
-<p>»Wirklich? Das ist ja sehr menschenfreundlich,
-dann habe ich hier wohl nichts mehr zu thun und
-werde meinen Damen Bericht erstatten.«</p>
-
-<p>Die Herren reichten sich in verbindlichster Weise
-die Hände, und der Herr Pastor empfahl sich in der
-festen Ueberzeugung, daß Alles vortrefflich erledigt sei.</p>
-
-<p>Bald nach ihm erschien bei dem Stationsarzte
-wieder ein fremder wohlthätiger Herr.</p>
-
-<p>Die Armenverwaltung war von der Polizei benachrichtigt,
-was für ein seltener und überaus trauriger
-Fall sich der Wirksamkeit dieser hochgeschätzten, wohllöblichen
-Behörde entzogen habe. Die Armenverwaltung
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-war bereit, die Verpflegungskosten für die Unbekannte
-zu tragen. Man erwartete natürlich eine angemessene
-Preisermäßigung.</p>
-
-<p>Wieder hörte der Arzt mit lächelnder, verbindlicher
-Miene und Haltung die wohlgesetzte Rede des Herrn
-Stadtrathes mit an. »In der That, Herr Stadtrath,
-es ist im höchsten Maaße zu bedauern,« erwiderte er,
-»die Armenverwaltung bekümmert sich doch sonst um
-Schwerkranke, ihrem scharfen Auge entgeht selten ein
-Fall von wirklicher Noth. Der lag hier vor.«</p>
-
-<p>»Gewiß, gewiß, verehrter Herr Doctor, ich habe das
-bereits erfahren, es soll sofort etwas geschehen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Stadtrath,
-die Hilfe der Armenverwaltung kommt zu spät, die
-unbekannte Arme ist bereits im Laufe der Nacht verstorben.«</p>
-
-<p>»Unglaublich! An welcher Krankheit denn?«</p>
-
-<p>»Am Typhus &ndash; wenigstens war das die Krankheit,
-die hier vorlag. Gestorben ist die Person
-eigentlich daran nicht direct.«</p>
-
-<p>Typhus! Der Herr Armenpfleger gerieth ganz
-außer sich über die bodenlose Unwissenheit des Landstreichervolkes,
-das in dieser Krankheit wahrscheinlich
-nur ein ganz unbedenkliches Unwohlsein gesehen hatte,
-das irgend welcher Pflege nicht bedurfte.</p>
-
-<p>»Denken Sie sich, Herr Doctor,« erklärte der
-würdige Herr mit großem Eifer, »diese Scheune gehört
-einem Ackerbürger, der sich in höchst reducirten
-Verhältnissen befindet. Das Bauwerk ist vollständig
-unbenutzbar und baufällig, aber der Besitzer scheut
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-die Reparaturkosten und hat die Baracke auch gar
-nicht gebraucht, da er seine Ernte auf dem Halme
-verkauft hat. Um wenigstens einen minimalen Nutzen
-zu erzielen, vermiethet er das einsam gelegene Obdach
-zuweilen an fahrendes Volk. Eine solche Bande, die
-kürzlich dort hauste, muß die hilflose Schwerkranke
-zurückgelassen haben.«</p>
-
-<p>»Man weiß keine Namen?«</p>
-
-<p>»Natürlich nicht, dieses Volk bezahlt einen Unterschlupf
-um so besser, je weniger man es daselbst controllirt.
-Kommen und gehen ohne Anmeldung und Abmeldung,
-das lieben diese Leute, ihre Lasten dagegen, Krankenpflege,
-Steuerzahlen und was dergleichen mehr ist, die
-wissen sie von sich abzuschieben.«</p>
-
-<p>»Ein trostloses Leben,« bemerkte der jüngere Mann.</p>
-
-<p>»Lustig genug für diese Sorte,« entgegnete der
-Andere ärgerlich.</p>
-
-<p>»Uebrigens ist es eine wahre Ehrenrettung für die
-Behörden, die diesen Fall bedauerlicher Weise übersehen
-haben, daß die Person wenigstens nicht verhungert
-ist. Man fand Reste von Brod und Kartoffeln, die
-man ihr wohl in dem Glauben hingelegt hatte, sie
-würde sich erholen und sobald als möglich der Gesellschaft
-nachkommen!«</p>
-
-<p>»Das ist anzunehmen, Herr Stadtrath.«</p>
-
-<p>»Gewiß. Uebrigens würde ja gradezu fahrlässige
-Tödtung vorliegen, wenn einer der Angehörigen gewußt
-hätte, daß die Person durch die Vernachlässigung,
-der sie unterlag, dem Tode überliefert wurde. Aber
-so ist dieses Volk, die Angst vor der Polizei ist
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-so groß, daß sie lieber sterben und verderben, als sich
-an eine Behörde wenden, die bei aller Strenge gegen
-ihre Vergehen, sie in ihrer letzten leiblichen Noth doch
-nicht im Stiche lassen würde.«</p>
-
-<p>»Ja, es ist zu beklagen, daß das tiefste Elend
-oft so lichtscheu ist, daß man es überhaupt nicht
-sieht,« entgegnete der Arzt.</p>
-
-<p>»Glauben Sie mir, Herr Doctor,« versicherte der
-alte Herr, der sich über das Verständniß freute, das
-er hier fand, »das Amt eines Armenvaters ist dornenvoll
-und verantwortungsreich. Es giebt Fälle von
-Elend, denen man beim besten Willen kaum beizukommen
-vermag, o Sie glauben gar nicht, was uns
-da manchmal vor Augen gebracht wird &ndash; es ist zuweilen
-gradezu himmelschreiend.«</p>
-
-<p>»Es giebt, wie ich hier auf meinem Posten als Polikliniker
-ebenfalls erfahre, Fälle von Menschenleid und
-Noth, von tiefster Verzweiflung und Verkommenheit, die
-sich jeder öffentlichen Kenntniß entziehen, aber wer zu lesen
-versteht, findet die Geschichte solcher Fälle oft zwischen
-den Zeilen des kürzesten, trockensten Polizeiberichtes.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Sie meinen? O &ndash; hm indessen, die Heimathgemeinde
-wird ja wohl aufzufinden sein, indeß vorläufig
-&ndash; die Begräbnißkosten&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»O bitte, Herr Stadtrath,« unterbrach Dr. Schlüter
-lächelnd, »damit wird die städtische Armenkasse in
-keiner Weise belästigt werden, das besorgt die
-Universität.«</p>
-
-<p>»Wie meinen Sie das?«</p>
-
-<p>»Ich meine die Anatomie.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-»Ah so, ich verstehe, meinen verbindlichsten Dank.«</p>
-
-<p>Sehr befriedigt über die Wendung, die diese fatale
-Sache für den Säckel einer hochlöblichen städtischen
-Armenverwaltung genommen hatte, entfernte sich der
-Herr Stadtrath. Dr. Schlüter begleitete ihn zur
-Thür und sah dann nach der Uhr. Die beiden Besuche
-hatten ihn länger aufgehalten, als er gedacht
-hatte. Um zehn Uhr war die Section angesagt, und
-er hatte kaum noch Zeit, sich dazu umzukleiden.</p>
-
-<p>Der Chef der Klinik hielt vor einem großen
-Kreise junger Mediciner einen Vortrag an der Leiche.
-Wegen der Mißbildung des Rückens lag der nackte
-Körper auf der Seite. Der Secirtisch war blank
-gescheuert und kalt. Die Leiche sah bei dem
-elektrischen Lichte, das grell auf sie fiel, schauerlich
-grün aus, mit grauschwarzen Todtenflecken am ganzen
-Leibe. Der geschorene Kopf mit dem unedlen Profil
-und dem offenen Munde machte einen fratzenhaften
-Eindruck.</p>
-
-<p>Blitzend und eisig fuhr das Instrument des
-Professors in den Körper hinein und machte den
-ersten Schnitt. Die weitere anatomische Arbeit besorgten
-die Assistenten und Diener, aber der Professor
-erklärte, zeigte, sprach und lehrte. Der Vortrag war
-äußerst geistvoll, der Gegenstand hochinteressant.</p>
-
-<p>Die Universitätskasse ruinirte sich nicht bei den
-Begräbnißkosten dieser Todten, die inneren Organe,
-die alle mißgestaltet und ungewöhnlich waren, kamen
-fast ausnahmslos in Spiritus. Die Knochen des
-ganzen Körpers einschließlich des Kopfes wurden vom
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Fleische befreit, präparirt, gekocht, mit Chlor abgerieben,
-mit Draht verbunden, und es entstand aus
-ihnen das schönste anormale Scelett, was je eine
-medicinische Hochschule besessen hatte.</p>
-
-<p>Der Diener der Anatomie trug am späten Abend
-eine festzugeschraubte Kiste mit menschlichen Resten
-zum Todtengräber.</p>
-
-<p>Früh, ehe der Kirchhof belebt wurde, grub man
-dort ein Loch und schüttete es zu. Die Winde des
-Himmels aber trugen Samen darauf von Kräutern
-und Gras. Es wächst überall eigenthümlich üppiges
-Gras in den vergessensten Winkeln der Kirchhöfe.</p>
-
-<p>Die Polizei stellte unermüdliche Nachforschungen
-an nach jenen Vagabunden, die ein sterbendes Weib
-hülflos und allein in einer baufälligen Scheune verlassen
-hatten.</p>
-
-<p>Die Schuldigen wurden ermittelt und wegen
-fahrlässiger Tödtung verhört, man konnte ihnen aber
-nichts nachweisen und ließ sie laufen.</p>
-
-<p>In der Klinik erschien ein Polizei-Commissar, um
-in den Papieren der Anstalt nachträglich den Namen
-jener Todten einzutragen, die hier geendet hatte,
-ohne daß man wußte, wer sie war. Sie hieß Karoline
-Schwarz; der Beamte theilte es dem Stationsarzte
-mit, der gleichgültig die Achseln zuckte.</p>
-
-<p>»Ich kann sie Ihnen übrigens zeigen,« sagte
-Dr. Schlüter und führte den Herrn in den Hörsaal
-vor ein prachtvoll aufgebautes weibliches Gerippe.
-Man sah die Fehler, die die Natur bei der Bildung
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-dieser Knochen gemacht hatte, und das erschien den
-Herren außerordentlich interessant.</p>
-
-<p>Für Schwester Clarissa war die Aufstellung dieses
-Präparates »eine Anfechtung« &ndash; wie der kirchliche
-Ausdruck dafür lautet.</p>
-
-<p>Sie war nicht im Stande, daran vorüberzugehen
-wie an den anderen anatomischen Gegenständen
-ihrer Umgebung. Sie konnte diese grau-gelben
-Knochen nicht sehen, ohne an den grausigen Todeskampf
-zu denken, den sie mit angesehen hatte. Unaufhörlich
-stellte sie sich vor, wie die Seele, nachdem
-sie den Körper verlassen hatte, hindurchgeglitten sei
-durch das kalte, schaurige, endlose Nichts des Jenseits,
-um vergebens den Herrn zu suchen und seine
-Gnade.</p>
-
-<p>Sie glaubte zu ahnen oder beinah zu wissen, wie
-dann die Teufel die Seele ergriffen hätten und in
-den ewigen Pfuhl des Fegefeuers geworfen. Und sie,
-in der heiligen Armuth, die sie gelobt hatte, besaß
-nicht die Mittel, um Seelen-Messen zu ihrer Erlösung
-lesen zu lassen.</p>
-
-<p>Der dogmatische Glaube, der bis dahin Halt
-und Stütze der Jungfrau bei ihrem schweren
-Berufe gewesen war, bereitete ihr jetzt zum ersten Mal
-auch Schmerzen.</p>
-
-<p>Hätte sie dem Dr. Schlüter die Unruhe anvertraut,
-die sie innerlich verzehrte, so würde er wahrscheinlich
-gesagt haben, sie sei durch Ueberanstrengung
-in einen krankhaft nervösen Zustand gekommen. Er
-würde ihr Diensterleichterung und Mittel für Nervenleiden
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-gegeben und sie vielleicht noch von ganzem
-Herzen bedauert haben.</p>
-
-<p>Die Nonne aber vertraute ihr Leid nicht dem
-Arzte, sondern dem Beichtvater. Der Priester hatte
-nicht die Einsicht, sie seinerseits an einen Arzt zu
-weisen, sondern sagte ihr, die ohnehin von drei Nächten
-nur zwei schlief &ndash; sie möge ihren Leib kasteien und
-von den Stunden, die ihr zum Schlafe gewährt seien,
-noch eine in jeder Nacht der Fürbitte widmen.</p>
-
-<p>So betete und wachte das zarte junge Mädchen
-und hoffte, eine Verdammte damit zu erlösen. Der
-Kaplan aber hatte das Richtige getroffen, um ihr die
-Ruhe zurückzugeben. Er kannte ganz genau den
-Glaubenszwang, der auf die Seelen der Novizen ausgeübt
-wird.</p>
-
-<p>»Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden
-Gott schauen.« Nach diesem Grundsatze behandelte
-er seine Beichtkinder, sofern sie Ordensleute waren.</p>
-
-<p>Schwester Clarissa glaubte, daß sie ein Werk zur
-Seligkeit thue und fühlte sich glücklich dabei. Körperlich
-aber überstieg die Sache ganz entschieden ihre
-Kräfte.</p>
-
-<p>Ihr zartes Gesicht nahm eine durchsichtige Blässe
-an, die Hände kamen wachsweiß aus den schwarzen
-Aermeln hervor, und die großen grauen Augen leuchteten
-mit verklärten Blicken unter dem dunklen Nonnenschleier,
-der über der weißen Stirnbinde lag.</p>
-
-<p>Dr. Schlüter sah die Veränderung, die mit ihr
-vorging. Er versuchte ihr Vertrauen zu erlangen,
-aber das war ganz vergeblich.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-All seinen theilnehmenden ärztlichen Fragen nach
-ihrem Befinden wich sie scheu und verlegen aus. Er
-brachte nichts aus ihr heraus und wendete sich deshalb
-an die Schwester Domina.</p>
-
-<p>Sofort befahl die Oberin, daß Schwester Clarissa
-wegen nervöser Folgen von Ueberanstrengung auf
-einen Monat von allen Nachtwachen zu dispensiren
-sei. Außerdem wurde ihr erlaubt, jeden Nachmittag
-eine Stunde im Garten der Anstalt zuzubringen.</p>
-
-<p>Diese Maßregeln waren der jungen Schwester
-außerordentlich unangenehm, indessen die Gefühle der
-Ordensleute werden so eingezwängt und eingeschraubt
-durch die seelische Bevormundung, die ihnen zu jeder
-Zeit zu Theil wird, daß eine Nonne ein für alle
-Mal jede Aeußerung ihrer Gefühle unterdrückt und
-sich schweigend fügt.</p>
-
-<p>Es war grade Hochsommer, und der Aufenthalt
-in der freien Luft schien wirklich eine Spur von
-rosiger Farbe auf das weiße Gesichtchen in der
-düsteren Umrahmung zu zaubern. Dr. Schlüter sah
-sie mit Befriedigung auf einer Bank sitzen unter einer
-blühenden Linde. Die schmalen weißen Hände hielten
-ein Buch. Unter den gesenkten Wimpern tropften
-schwere Thränen hervor und fielen auf die Blätter.</p>
-
-<p>Der Arzt sah das reizende Geschöpf von seinem
-Zimmer aus. Er bemerkte, daß sie weinte und ging
-hinaus in den Garten, um sich ungenirt neben sie
-auf die Bank zu setzen.</p>
-
-<p>»Warum weinen Sie, Schwester,« fragte er
-freundlich. »Sie sind doch todt für die Welt. Wie
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-ist es möglich, daß ein irdischer Kummer den Frieden
-stören kann, den Sie gefunden haben?«</p>
-
-<p>»Ich habe einen Zweifel.« &ndash; Zögernd, gepreßt
-rang sich das Geständniß von ihren bebenden Lippen.
-Der Zweifel mußte sie wohl sehr beunruhigen, daß
-sie sich entschloß, ihn vor einem Kinde der Welt laut
-werden zu lassen.</p>
-
-<p>»Sie &ndash; einen Zweifel?« Er war mehr als erstaunt.
-»Natürlich meinen Sie einen religiösen Zweifel,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Nicht ganz,« antwortete sie ängstlich, »es ist eigentlich
-ein historischer Zweifel.«</p>
-
-<p>»Wie &ndash; was?«</p>
-
-<p>Sie erklärte ihm schnell, was sie meinte. »Sehen
-Sie, ich lese das Leben der h.&nbsp;Agathe. Das Buch
-ist mit hoher erzbischöflicher Genehmigung herausgegeben
-und besonders für Ordensfrauen zum Lesen
-bestimmt. Sie wissen ja, wie die Heilige verstümmelt
-wurde, weil sie dem Kaiser Diocletian nicht als
-Heidin anhängen wollte.</p>
-
-<p>Nach ihrer Marterung verließ sie der Kaiser, und
-sie blieb sterbend in den Armen der ihren zurück.
-Da &ndash; da schritt über den Markt die Jungfrau
-Maria.«&nbsp;....</p>
-
-<p>»Nun und was weiter?«</p>
-
-<p>»Herr Doctor, die Jungfrau Maria war schon
-lange todt, als der Kaiser Diocletian lebte.«</p>
-
-<p>Der Arzt freute sich über die Entdeckung, daß die
-einzige Schwester, die ihm interessant war, aus gebildeten
-Kreisen zu stammen schien.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-Er lächelte. »Aber Schwester Clarissa, da würde
-ja die Weltgeschichte aufhören.«</p>
-
-<p>»Bitte, lesen Sie.«</p>
-
-<p>Sie reichte ihm das Buch, und der freigeistige
-junge Gelehrte las nun die Stelle.</p>
-
-<p>Er gab das Buch zurück. »Beruhigen Sie sich,
-liebe Schwester,« sagte er, »eine solche Erscheinung
-nach hundert Jahren macht der heiligen Jungfrau
-weiter keine Schwierigkeiten. Sie ist ja seitdem öfter
-erschienen, nach Bedarf wird sie auch noch ferner
-erscheinen.«</p>
-
-<p>»Also Sie erklären das durch eine Erscheinung?«
-fragte sie glücklich. Er wunderte sich, daß sie die
-Ironie seines Tones nicht bemerkte.</p>
-
-<p>»Ja, ich denke, daß es hier so gemeint ist. Die
-Mutter Gottes ist ja im Fleische auferstanden. Das
-heißt, Sie glauben doch an die Auferstehung des
-Fleisches?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>Sie sagte es so feierlich, so bestimmt; aus ihren
-tiefen Augen leuchtete das Feuer einer so wahren
-Askese, daß er plötzlich begann, sich unsicher ihr gegenüber
-zu fühlen. Es war ja recht gut, daß sie
-mit seiner Erklärung des Gegenstandes, der sie so
-unglücklich gemacht hatte, zufrieden gewesen war.</p>
-
-<p>Er wollte den günstigen Eindruck nicht wieder
-verwischen und versuchte es lieber zu ermitteln wie
-weit dieser grüblerische, fanatisch beeinflußte Geist
-eigentlich mit wirklicher Bildung ausgestattet sei.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Ganz ohne Uebergang fragte er sie plötzlich, ob
-sie jemals den Faust gelesen habe.</p>
-
-<p>Sie sah ihn verwundert an. »O ja, in der Welt,
-ehe ich ins Noviziat eintrat.«</p>
-
-<p>»Wie alt waren Sie bei Ihrem Eintritte?«</p>
-
-<p>»Achtzehn Jahr.«</p>
-
-<p>»Was haben Sie seitdem gelesen?«</p>
-
-<p>»Nur religiöse Bücher, alles Andere ist uns verboten.«</p>
-
-<p>»Und genügt Ihnen das ein für alle Mal?«</p>
-
-<p>»Es muß mir genügen.«</p>
-
-<p>Diese energische Zucht, die die Kirche an dem
-Geist derer übt, die sich ihr ganz widmen, imponirte ihm.</p>
-
-<p>Er fragte sie nach diesem und jenem und kam
-zu dem Ergebniß, daß sie eine tüchtige Schulbildung
-genossen habe, wie sie nur Töchter der höheren Stände
-erhalten. Bei seinen Fragen nach ihren früheren Verhältnissen
-schwieg sie.</p>
-
-<p>Einmal lächelte sie auch und sagte: »O ja, damals,
-als ich noch lebte; aber sehen Sie, ich bin doch nun
-todt für die Welt.«</p>
-
-<p>Er sah ihre lieblichen Lippen und ihre kleinen
-weißen Zähne an, wie sie das so lächelnd sagte, und
-der Sinn ihrer Worte blieb ihm in diesem Augenblicke
-fremd. Er sah darin eine etwas überspannte,
-mädchenhafte Auffassung des klösterlichen Berufes,
-nicht eine Bestätigung des furchtbaren Befehls, den
-die Kirche ihren Jüngern zuruft: Du sollst wie eine
-Leiche werden.</p>
-
-<p>Die Schulbildung war da, aber dann war nichts
-hinzugekommen, als einseitiges medicinisches Wissen,
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-kirchliche Schulung aller Empfindungen und eine
-gewisse trostlose Lebenserfahrung, deren einzigen Mittelpunkt
-das Krankenbett bildete. Keine gesellschaftlichen
-Formen, keine Fähigkeit zum Plaudern und Scherzen.</p>
-
-<p>Und dabei war dieses Mädchen so wunderbar schön!
-Noch niemals hatte er um eines reizenden Gesichtes
-willen geistig eine solche Forschungsreise nach Herz
-und Bildung unternommen wie hier, bei diesem
-frommen, tüchtigen, klugen Mädchen.</p>
-
-<p>Er bedauerte in seinem Herzen, daß sie Nonne
-war, nicht weil sie ihn persönlich so sehr interessirte,
-sondern weil es ihm leid that, daß diesem Geiste ein
-für alle Mal die Flügel gebunden waren.</p>
-
-<p>Und so wie diese Eine, denken tausende von
-Mädchen, die den Schleier tragen. Sie dienen der
-Allgemeinheit still und entsagend. Niemand achtet
-auf sie, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Die
-Psychologie in der modernen Kunst dringt bis in die
-tiefste Herzenstiefe der Weltkinder ein, die Kinder
-der Kirche aber übersieht sie.</p>
-
-<p>»Weltdamen, Schauspielerinnen, Bauernmädchen,
-Kellnerinnen, ja sogar Dirnen werden beachtet, ans
-Licht gezogen und interessant gemacht durch das
-Interesse, das Kunst und Wissenschaft an ihnen nehmen.
-Ihr Aeußeres wie ihr Seelenleben wird geschildert,
-wird studirt und wird schließlich rückwirkend durch
-diese Beachtung, die es findet, beeinflußt. &ndash; Wer beachtet,
-wer schildert das Seelenleben moderner Nonnen?«</p>
-
-<p>Der junge Kliniker machte hier einen schwachen
-Versuch dazu. Er konnte sich der Ueberzeugung nicht
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-verschließen, daß auch die frommen Schwestern äußerlich
-mit der Zeit fortschreiten. Sie besitzen, wie er
-täglich sah, eine große chirurgische Geschicklichkeit und
-so viel medicinische und sogar anatomische Kenntnisse,
-daß sie die besten und beliebtesten Gehilfinnen der
-Aerzte bei der Ausübung ihres Berufes bilden. Aber
-dennoch war Dr. Schlüter der Ansicht, daß der
-größte Theil der Schwestern im Denken und Fühlen,
-im Glauben und Beten zurückgeblieben sei im tiefsten,
-dunkelsten Mittelalter.</p>
-
-<p>Es würde ihn lebhaft interessirt haben, das Leben
-der h.&nbsp;Agathe oder auch das der h.&nbsp;Elisabeth einmal
-durchlesen zu können. Er wußte, daß Schwester
-Clarissa diese Bücher zuweilen den Kranken, die ihres
-Glaubens waren, zu lesen gab. Er sah prüfend auf
-das Gesicht der neben ihm Sitzenden, ehe er es wagte,
-um diese Bücher zu bitten.</p>
-
-<p>Auf den reinen lieblichen Zügen lag aber nichts,
-als der Ausdruck himmlischen Friedens. Sie schien
-mit ihren Gedanken so fern von ihm, so fern von
-allen irdischen Dingen zu weilen, daß er es nicht
-wagte, noch einmal wieder ein Gespräch mit ihr anzufangen.
-Wie unschuldig rein war es doch, daß sie
-so ruhig neben ihm sitzen blieb und nicht den geringsten
-Anstoß daran nahm, daß er sie aufgesucht
-hatte.</p>
-
-<p>Er verabschiedete sich freundlich und kehrte in sein
-Zimmer zurück, ohne die Bücher, die ihn interessirten,
-erbeten zu haben.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Im Laufe der Nacht starb in der Anstalt ein neugeborenes
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Kind. Es hatte nur wenige Stunden gelebt,
-und die Mutter wurde, schwer krank an einem
-typhösen Fieber, aus dem Saale der Wöchnerinnen
-entfernt und in das Isolirzimmer der dritten Station
-gebracht.</p>
-
-<p>Schwester Clarissa pflegte die Kranke mit aufopfernder
-Pflichttreue, aber ohne persönliches Interesse.
-Wäre das unglückliche Mädchen unter ihren Händen
-gestorben, so würde sie ruhig für die rechtzeitige Ertheilung
-der Sacramente gesorgt haben, hätte für ihre
-Person die vorgeschriebenen Gebete gesprochen und im
-Uebrigen nicht weiter an den Fall gedacht.</p>
-
-<p>Die Unglückliche starb aber nicht. Die pflegende
-Schwester sah, wie leise, von Schwäche fast überwältigt,
-daß Leben und die Besinnung zurückkehrte.</p>
-
-<p>Dr. Schlüter blickte freundlich auf die Kranke
-herab, wie sie sich aufrichtete und ihn bat, ein paar
-Minuten bei ihr zu bleiben.</p>
-
-<p>»Gerne Barbara« &ndash; er vermied es, sie Fräulein
-zu nennen &ndash; »warum sollte ich wohl jetzt nicht
-einige Minuten Zeit für Sie haben? Wissen Sie
-nicht, daß Sie mich schon Stunden meiner Zeit gekostet
-haben?«</p>
-
-<p>»Herr Doctor,« stotterte das Mädchen in tiefster
-Verlegenheit, und über die eingesunkenen Wangen
-huschte ein Schein von Erröthen. »Herr Doctor
-waren Sie &ndash; Sie auch dabei?«</p>
-
-<p>»Sie meinen bei Ihrer Entbindung, Barbara?«</p>
-
-<p>Sie nickte und sah mit tief unglücklichem Ausdrucke
-auf ihre mageren Hände herab.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-»Nun, mein Gott, was ist denn dabei, ich habe
-das schon oft erlebt, deshalb brauchen Sie sich nicht
-zu geniren.«</p>
-
-<p>Sie sah angstvoll zu ihm auf. »Lebte das
-Kind?« hauchte sie.</p>
-
-<p>»Ja, es lebte, aber es war noch nicht lebensfähig,
-es ist nach einigen Stunden gestorben. Machen Sie
-sich keinen Kummer, das Unglück wäre größer, wenn
-Sie das Kind jetzt hätten.«</p>
-
-<p>»Für dieses Leben ja,« erwiderte die Kranke,
-»aber Schwester Clarissa sagt, das Unglück in diesem
-Leben wäre ein Zeichen von der Liebe des Herrn.«</p>
-
-<p>»Ach, das haben Sie falsch verstanden,« versuchte
-er zu trösten, »die Schwester hat gemeint, Sie möchten
-dem Kinde weiter nicht nachtrauern, nicht wahr
-Schwester Clarissa?«</p>
-
-<p>»Ich meine, dieses Leben ist nur eine Station
-auf der Pilgerfahrt zur Heimath. Was wir hier erdulden,
-ist vergänglich; das unvergängliche Leid oder
-die ewige Freude beginnt erst nach dem Tode,« erwiderte
-sie.</p>
-
-<p>Der Arzt sah sie mißbilligend an. »Schwester
-ich muß Ihnen, als Ihr Stationschef, dessen Gehilfin
-Sie sind, sagen, daß es nachtheilig für die Kranken
-ist, wenn Sie mit ihnen über den Tod sprechen.«</p>
-
-<p>Die Schwester schwieg.</p>
-
-<p>»Das hat die Schwester nicht gethan,« sagte
-Barbara.</p>
-
-<p>»Nun, wovon ist denn aber die Rede?«</p>
-
-<p>»Von dem Kinde, Herr Doctor. Sie haben das
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-Kind gesehen, sagen Sie mir, o Gott ich beschwöre
-Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, sagen Sie mir
-die Wahrheit, ist mein Kind vor seinem Tode getauft?«</p>
-
-<p>»Getauft? Aber ich bitte Sie, wer hätte es
-denn taufen sollen?«</p>
-
-<p>Die arme Mutter schrie laut auf und warf sich
-auf das Kissen zurück, sie weinte leidenschaftlich.</p>
-
-<p>»Barbara, werden Sie ruhig, Sie schaden sich,
-ich befehle es, wenn Sie nicht aufhören zu schreien,
-gehe ich mit der Schwester hinaus.«</p>
-
-<p>»O, mein Kind,« schluchzte sie, »mein Kind hat
-nun keinen Antheil an dem Opfer Christi, es gehört
-nicht zu ihm, es ist verloren, ich werde es nie &ndash;
-niemals wiedersehen.«</p>
-
-<p>Er zögerte nun einen Augenblick, ob er etwas
-sagen dürfe, was er selbst nicht glaubte, endlich entschloß
-er sich es zu thun &ndash; als Arzt, um ihrer
-Aufregung willen. »Was wollen Sie denn eigentlich,«
-polterte er ein wenig ungeschickt &ndash; »wiedersehen?
-Natürlich werden Sie Ihr todtes Kind in diesem Leben
-nicht wiedersehen, aber später &ndash;&nbsp;&ndash; nach dem
-Tode&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie richtete sich etwas auf, mit dem Rücken halb
-nach oben, auf die Ellbogen gestützt. Um das bleiche
-Gesicht hing das wirre blonde Haar, die tiefliegenden
-blauen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der
-höchsten Angst auf Schwester Clarissa.</p>
-
-<p>»Schwester,« stöhnte sie, »bei den Schmerzen der
-heiligen Jungfrau, bei dem Blute Christi, sagen Sie
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-mir die Wahrheit &ndash; werde ich es wiedersehen, das
-ungetaufte Kind &ndash;&nbsp;&ndash; nach dem Tode?«</p>
-
-<p>Ein harter Zug entstellte den Mund der Nonne.
-»Nein,« sagte sie kurz und rauh.</p>
-
-<p>Die Kranke wurde bewußtlos, und die Pflegerin
-ging dem besorgten Arzte sachgemäß und ruhig zur
-Hand, wie immer.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nach einer Viertelstunde verließ Dr. Schlüter das
-Isolirzimmer. Die Kranke lag mit den nöthigen
-Mitteln versehen ruhig athmend mit geschlossenen
-Augen da. Er hatte keine ernstlichen Besorgnisse für
-sie, das Interesse aber, das sich eine kurze Zeit für
-die Tochter der römischen Kirche in seinem Herzen
-geregt hatte, war erloschen.</p>
-
-<p>Er war hart angeprallt an die Scheidewand, durch
-die der Glaube und das Gelübde der Nonne diese
-von ihm, von der Welt und von allem Denken und
-Thun der meisten Menschen trennte.</p>
-
-<p>Einen Augenblick hatte es ihm weh gethan, dieses
-harte kalte »nein«, mit dem sie etwas bestätigte, was
-sie für wahr hielt; aber von allen Liebesschmerzen,
-die er je um dieses süßen Mädchenantlitzes willen
-empfunden, hatte ihn dieser Augenblick geheilt.</p>
-
-<p>Ihm schien es jetzt auf einmal, als ob dieses Gesicht,
-das er zuweilen von Locken umrahmt sich geträumt
-hatte, gar nirgend anders hingehöre, als unter die
-weiße Haube, die so kalt und streng vom schwarzen
-Schleier rings umwallt, die Stirn verhüllte.</p>
-
-<p>Er sah nur noch die barmherzige Schwester, die
-ihm zur Hand ging, düster in der Erscheinung, unnahbar
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-im Wesen und unergründlich räthselhaft im
-Glauben. Er machte es jetzt wie alle anderen Aerzte.
-Er bediente sich der Schwester, die ihm zur Verfügung
-stand, wo er sie brauchte, aber ihre Person beschäftigte
-ihn nicht mehr.</p>
-
-<p>Er hätte es selbst nicht gedacht, daß es ihm so
-wenig zu Herzen gehen würde, als bald darauf die
-schöne, junge Nonne in eine Irrenanstalt geschickt
-wurde, wo ein noch viel schwererer Beruf ihrer
-wartete, als hier.</p>
-
-<p>Auf die dritte Frauenstation kam Schwester
-Maximile, die viel älter war als Schwester Clarissa,
-und Dr. Schlüter lebte sich ganz gut ein mit dieser
-neuen Arbeitskraft. Im Wesen und Benehmen hatte
-er überhaupt noch nie eine Verschiedenheit zwischen
-zwei Nonnen bemerkt, sie waren und gaben sich Alle
-wie aus einer Schablone gepreßt.</p>
-
-<p>Schwester Clarissa war eigentlich gar nicht anders
-gewesen, wie diese gewöhnlichen Schablonen-Schwestern;
-sonderbar, daß er es versucht hatte, ihr näher zu
-treten. Ihre Augen &ndash; ja das war es, in ihren
-Augen hatte etwas gelegen, das er für Geist gehalten
-hatte und das schließlich nichts Anderes gewesen war,
-als Fanatismus.</p>
-
-<p>Der junge Gelehrte hatte übrigens nicht viel Zeit,
-über diese Sache nachzudenken und die Pflegerinnen
-in der Anstalt zu beobachten. Sein Beruf beschäftigte
-ihn in hohem Maaße. Er besorgte die Station, hatte
-oft bei seinem Chef zu assistiren und beschäftigte sich
-außerdem mit anatomischen Arbeiten. Im Herbst
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-hielt er seine ersten gut besuchten Vorträge als Privatdocent;
-die Bacteriologie kostete ihm unendlich viel
-Zeit und complicirte seine Arbeiten ganz bedeutend.</p>
-
-<p>Von vielen Seiten wurde versucht, ihn in gesellige
-Kreise zu ziehen, aber er wich allen Vergnügungen,
-besonders solchen, wo er Damen treffen konnte, aus.
-Schwester Clarissa hatte ihn unsagbar angezogen und
-dann plötzlich seine ganze Seele zurückgestoßen. Eine
-Wunde hatte das seinem Herzen nicht gerade zugefügt,
-aber eine Wand hatte es errichtet zwischen ihm und
-dem weiblichen Geschlechte. Sein Herz war fortan umpanzert,
-und die schönsten Augen, die ihm oft
-freundlich genug entgegen blickten, ließen ihn kalt.</p>
-
-<p>Er kam mit der Zeit zu der Ueberzeugung, daß
-die fromme Schwester ganz unschuldig an der Enttäuschung
-war, die er empfand. Er hielt es für das
-höchste Ziel der Humanität, dem Menschen zu helfen,
-ihn zu trösten und zu erfreuen, so lange er auf
-Erden wandelte und sie &ndash; sie erachtete die Freuden
-und Schätze dieser Welt gering, um jener herrlichen
-Verheißung willen, die sie für sich und Andere erhoffte
-&ndash;&nbsp;&ndash; nach dem Tode.</p>
-
-<p>Tod und Leben, Welt und Kirche, das waren die
-Gegensätze, die ihn auf ewig von ihr schieden. Sie
-aber war mit keinem Wort, mit keiner Miene, wahrscheinlich
-mit keinem Gedanken sich selbst untreu geworden.
-Wie die Nonne sein soll, so war sie &ndash; so
-gab sie sich, so dachte und fühlte sie. Wenn je in
-ihrer Brust eine Leidenschaft gelebt hatte, so hatte sie
-sie überwunden. Das aber, was er zu überwinden
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-hatte, war nicht einmal eine Leidenschaft, sondern nur
-ein inniges Wohlgefallen, ein Interesse &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; ach,
-was &ndash; es war, so sagte er sich selbst und so glaubte
-er es zuletzt auch, überhaupt kein persönliches, sondern
-nur ein allgemeines Interesse gewesen. &ndash; Diese interessante
-Species &ndash; eine moderne Nonne, war etwas
-Besonderes, etwas, was man anderswo eben nicht
-trifft, weder in Büchern, noch im Leben.</p>
-
-<p>Hier war ihm diese Erscheinung täglich vor Augen
-getreten, der Psycholog in ihm war erwacht, er hatte
-geforscht in dieser schwer zugänglichen keuschen Seele
-und das Ergebniß &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; ja, das Ergebniß
-war hinter den Erwartungen des gelehrten Forschers
-zurückgeblieben. Er dachte noch zuweilen mit leisem
-Schauder an ihren starren dogmatischen Glauben zurück.
-Das Fleisch abtödten und dem Geiste leben &ndash;
-die Welt verachten, verlassen, vergessen, um einer
-anderen Welt willen, von der wir nichts Bestimmtes
-wissen, die vielleicht nichts ist als ein Traum. Wie
-mittelalterlich, wie fremdartig das doch war!</p>
-
-<p>Als echt moderner Mann dachte er gar nicht
-daran, einen Aufklärungsversuch oder sonst ein romantisches
-Unternehmen zu riskiren, um die Seele,
-die er auf einem Irrweg glaubte, zum Lichte der
-Aufklärung und Wahrheit zurückzuführen. Er zuckte
-die Achseln und wendete sich von der Jungfrau mit
-den »unmöglichen Ansichten« bedauernd ab. Seine
-eigene innere Ruhe und Selbstzufriedenheit wurden
-nicht ernstlich dadurch bedroht.</p>
-
-<p>Er stand im Hörsaale, die letzten Strahlen der
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-Herbstsonne fielen auf sein blondes, wohlfrisirtes
-Haupt und verloren sich hinter ihm in den leeren
-Rippen des verkrümmten Scelettes, vor dem er stand.
-Der Todtenschädel war weit vornüber geneigt und
-hing beinahe über dem Kopfe des jungen Docenten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Seine Vorlesung war zu Ende, die Studenten
-entfernten sich, und einer von den jüngsten unter
-ihnen, ein hübscher eleganter Pole, trat noch einmal
-mit seinem Hefte in der Hand an den Lehrer heran,
-ihn um irgend eine Erklärung zu bitten.</p>
-
-<p>Eifrig setzte dieser dem Jüngling die Sache auseinander,
-um die es sich handelte, und so überhörten
-Beide in dem Gewirre von Stimmen und Schritten
-der sich entfernenden jungen Leute, wie ein bettelhaft
-gekleideter Mann, von einem braunen, zigeunerhaft
-aussehenden Mädchen begleitet, den Saal betrat.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Mann war Orgeldreher und trug sein schweres
-Instrument an einem Riemen über die Schulter gehängt;
-das Mädchen trug das Gestell, um den Leierkasten
-aufzustellen, und eine zinnerne Schale zum
-Einsammeln kleiner Geldstücke.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es war niemand weiter im Saale wie der Mann
-und das Mädchen, die beiden Herren und das graue
-hohläugige Gerippe. Der Orgeldreher war kaum mehr
-als fünfzig Jahre alt, aber seine Züge waren so verwittert
-und durchfurcht, sein Rücken so gebeugt von
-der schweren Last, die er zu tragen gewohnt war,
-daß er aussah wie ein Greis. Nur das Haar war
-noch nicht gebleicht. Wirr und in lockiger Fülle hing
-es ihm tief in die Stirn und über den Nacken herab.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-Dasselbe lockige wilde Haar hatte das Mädchen.
-Ihre Züge waren grob und gebräunt, sie hatte
-brennende schwarze Augen, rothe etwas zu volle Lippen
-und Glieder von einer gewissen Anmuth und Fülle,
-wie sie diesen wandernden Mädchen auf eine kurze,
-ganz kurze Zeit die Jugend verleiht.</p>
-
-<p>Dr. Schlüter bemerkte die Leute, als alle Studirenden
-gegangen waren. »Die Armenbehandlung ist von
-zehn bis zwölf Uhr, kommen Sie morgen um die
-Zeit, wenn Sie krank sind,« wendete er sich an den
-Mann.</p>
-
-<p>Der junge Pole betrachtete mit Wohlgefallen die
-Gestalt des mit ärmlichem Putz gekleideten Mädchens.</p>
-
-<p>»Ich heiße Schwarz,« sagte der Mann mit einer
-Sicherheit, als gebe ihm dieser Name ein Recht, hier
-zu thun, als sei er zu Hause.</p>
-
-<p>Der Arzt wollte einen Scherz darüber machen,
-ehe er, wenn es nöthig werden sollte, grob wurde,
-aber die düstere Ruhe, die auf den Zügen dieses
-Mannes lag, fiel ihm auf. Er trat einen Schritt
-auf ihn zu.</p>
-
-<p>»Was wollen Sie hier?«</p>
-
-<p>»Ich will wissen, wo mein Weib begraben ist,
-das soll hier gestorben sein,« sagte der Mann und
-wie erklärend fügte das Mädchen hinzu: »Meine
-Mutter.«</p>
-
-<p>»Soll? Ja wie ist denn das möglich. Kann es
-denn einen Mann geben, der nicht weiß, wo seine
-Frau begraben und gestorben ist?« rief Dr. Schlüter.</p>
-
-<p>Der Vagabund schwieg.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-»Nun?« fragte der Arzt noch einmal.</p>
-
-<p>Der Mann suchte immer noch vergeblich nach
-Worten. Er hatte sich das einfacher gedacht, nach
-seiner Frau zu forschen, er hatte geglaubt, in der
-Klinik müsse jeder Mensch wissen, wer die Karoline
-Schwarz war, die hier starb, und ihn als ihren
-Mann erkennen.</p>
-
-<p>Nun wußte hier niemand etwas davon, und
-dieser Herr Doctor hatte eine Art zu fragen, die ihn
-lebhaft an das Unangenehmste, was er kannte, an
-die Polizei, erinnerte. Es war ihm schon schwer
-genug gewesen, auf die Polizei zu gehen, um sich
-hierher schicken zu lassen, und nun mußte er es hier
-erleben, daß man, anstatt ihm Auskunft zu geben,
-Fragen über Fragen an ihn richtete.</p>
-
-<p>Er wußte nicht, an welchem Tage er seine Frau
-zuletzt gesehen hatte, nur ganz allgemein erinnerte er
-sich, daß es zu Anfang des Sommers gewesen sei.</p>
-
-<p>Noch viel weniger wußte er, wann und durch
-wen die Frau in die Klinik gebracht und wann sie
-gestorben war.</p>
-
-<p>Der Privatdocent legte die Hand an die Stirn
-und besann sich: »Schwarz &ndash; Karoline Schwarz« &ndash;
-wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht, den Namen
-gehört zu haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß
-sie auf meiner Station gestorben sei?«</p>
-
-<p>»Ein Herr auf dem Bureau.«</p>
-
-<p>Herbe Enttäuschung zeigte sich auf den Gesichtern
-der Fremden. Sie sahen sich rathlos an und schienen
-gehen zu wollen. Der Arzt empfand Mitleid und
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-mehr aus persönlicher Gutmüthigkeit, als aus dem
-Gefühl einer Verpflichtung diesen unklaren Angelegenheiten
-gegenüber, hielt er die Leute zurück.</p>
-
-<p>»Wie war denn das? was fehlte Ihrer Frau,
-vielleicht fällt es mir wieder ein, erzählen Sie mir
-etwas von ihrer Krankheit,« sagte er, »oft erinnert
-man sich besser der Krankheit, als des Kranken,
-wenigstens was den Namen betrifft.«</p>
-
-<p>Nun begann eine umständliche Erzählung. Das
-junge Mädchen glaubte oft mit einigen Einzelheiten
-den Bericht des Vaters ergänzen zu müssen. Die
-beiden Zuhörer waren erschüttert von dem Bilde
-menschlichen Leidens und Entsagens, das sich vor
-ihnen entrollte.</p>
-
-<p>Der Winter war hart gewesen, und die Leute
-besaßen keine Wohnung, kein Bett. Für die wenigen
-Pfennige, die sie erbettelten, mietheten sie sich bald hier
-bald da ein. In gesunden Tagen war ihnen das einerlei
-gewesen, aber als die Frau krank und mühselig wurde,
-schleppten sie sich kaum noch von Hof zu Hof. Wenn
-die Töne der Drehorgel erklangen, fiel es selten einem
-Menschen ein, die festgefrorenen Fenster zu öffnen
-und den Hungernden und Frierenden da draußen
-ein Almosen zu reichen. Sie hätten oft weder
-Nahrung noch Obdach gehabt, wenn die Tochter, die
-in Schenken allerniedrigster Art als Liedersängerin
-auftrat, ihnen nicht zuweilen einige Groschen zugewendet
-hätte. Die Mutter war schon lange gebrechlich
-und arbeitsunfähig gewesen. Das mehr als ärmliche
-Gewerbe des Mannes mußte sie mit ernähren. Etwas
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-Anderes als Brod, Schnaps und höchstens einmal
-etwas Kaffee oder Kartoffeln hatten die Leute nicht
-zu verzehren. Nun kam aber das Unglück. Als der
-furchtbare Winter vorüber war, als das fahrende
-Volk aufathmete und mit dem neuen Lenze ein neues
-Leben zu fühlen begann, da wurde das Weib des
-Orgeldrehers elender, mühseliger und schwächer als
-je zuvor. Sie versuchte noch Weidenkörbe zu flicken,
-wie in früheren Jahren, aber Messer und Zange
-sanken ihr aus den kraftlosen Händen. Die Tochter
-blieb in der Stadt, und der arbeitsscheue Mann
-allein hatte für das Weib zu sorgen.</p>
-
-<p>Die Frau konnte kein Brod und keine Kartoffeln
-mehr vertragen, der Magen verweigerte die Annahme
-dieser Lebensmittel. &ndash; Einige Tage hielt sie sich noch
-aufrecht durch den Genuß von Branntwein, dann
-brach sie zusammen.</p>
-
-<p>»Wir hatten damals eine Scheune gemiethet, das
-heißt, Herr Doctor, die Leute, denen das Caroussel
-gehörte, bezahlten die Miethe, und wir durften mit
-darin schlafen, das Weib und ich,« berichtete der
-Mann. »Ich drehte meine Orgel bei dem Caroussel
-und hatte einen schönen Verdienst. Da zog der
-Herr Besitzer weiter. Wenn ich nicht mitging, hätte
-er in einer Stunde einen anderen Musikanten gefunden,
-das war doch klar, also was sollte ich machen?«</p>
-
-<p>»Sie zogen mit und ließen das todtkranke Weib
-zurück, nicht wahr?« unterbrach ihn der Arzt, mit
-vor Zorn funkelnden Augen. Jetzt wußte er, wen
-er vor sich hatte. Er erinnerte sich an die nächtliche
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-Scene, wo ihm, von Schmutz starrend, die am Hungertyphus
-sterbende Unbekannte von der Polizei zugeschickt
-wurde. Er warf einen Blick auf das Antlitz
-des Todtenschädels. Das war Karoline Schwarz,
-die da hinter ihm stand, nach ihrem Tode als Gerippe
-präparirt, und der Mann vor ihm erzählte ihm
-die Vorgeschichte dieses Todes, eine Kette von Elend,
-Hunger, armseligem Vortheil und gedankenlosem Egoismus.
-Das Ende dieses Menschenlebens hatte er gesehen,
-es war ihm furchtbar erschienen; jetzt aber
-erschien ihm das, was diesem Ende vorangegangen
-war, noch schauerlicher und trostloser. Ein Menschenschicksal
-&ndash;&nbsp;&ndash; was für ein Schicksal.</p>
-
-<p>Der Leiermann hatte sein Instrument abgestellt.
-Verlegen drehte er den breiten, schäbigen Hut zwischen
-den Fingern.</p>
-
-<p>»Was will man machen,« stotterte er &ndash; »bei
-den schlechten Zeiten, ein so schönes Stück Geld. Bei
-manchen Jahrmärkten kam ich bis auf sechs Mark
-an einem Tage, sollte ich das lassen, um so ein Weib
-&ndash; ein schlechtes Weib, &ndash; Herr &ndash; sollte ich mit ihr
-zusammen verhungern?«</p>
-
-<p>»Es war für Sie jedenfalls angenehmer, sie allein
-verhungern zu lassen,« bemerkte der Arzt scharf.</p>
-
-<p>Das Mädchen fühlte hier den Drang, ihrem Vater
-zu Hilfe zu kommen.</p>
-
-<p>»Ach, Herr Doctor,« schluchzte sie, »Mutter konnte
-keinen Schritt mehr gehen. Sie fiel um, wenn sie
-auf die Beine kam, und sie konnte so schimpfen, und
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-sie betrank sich immer und vergriff sich an uns und
-sogar an meinem Schatz.«</p>
-
-<p>Diese ungeschickte, unkindliche Rede empörte die
-beiden Herren mehr als alles Andere.</p>
-
-<p>»Ihre Mutter ist verhungert,« &ndash; rief der Student
-rücksichtslos dem Mädchen ins Gesicht, ohne in seinem
-Zorne erst abzuwarten, ob sein Lehrer geneigt war,
-das so unumwunden auszusprechen.</p>
-
-<p>»Verhungert? Nein Herr,« widersprach der Vagabund,
-»ich habe ihr Alles hingelegt, Brodscheiben
-und noch Schnaps und einen Sack voll Kartoffeln. Bis
-sie sich die alle gekocht hatte, konnte sie wohl soweit
-sein, daß sie mir nachkam, sie wußte, wo wir hinzogen.«</p>
-
-<p>»Aber haben Sie uns denn nicht selbst gesagt,
-daß die Frau Brod und Kartoffeln nicht genießen
-konnte,« fuhr ihn der Jüngling wieder voller Entrüstung
-an.</p>
-
-<p>»Ja Herr, ja Herr, Brod und Kartoffeln und
-auch noch Schnaps, das sind gute Dinge. Die Carousselleute
-meinten das auch, etwas Anderes haben arme
-Menschen nicht zu verzehren.«</p>
-
-<p>»Sie mögen das ja ganz gut gemeint haben,«
-begütigte Dr. Schlüter, »aber wer sollte denn nach
-der Kranken sehen, warum brachten Sie sie nicht in
-ein Krankenhaus?«</p>
-
-<p>»Wie soll unsereiner das anfangen, wir sind hier
-nicht unterstützungs- und heimathberechtigt,« warf
-das junge Mädchen ein.</p>
-
-<p>»Mutter hätte das auch nicht gethan,« erklärte
-der Mann zuletzt energisch.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-»Nun kurz und gut, es ist nicht mehr zu ändern,
-und ich will Ihnen erzählen, was daraus geworden
-ist,« sagte der Stationsarzt. »Die Vorräthe
-haben die Ratten, Fäulniß und Schimmel vertilgt,
-den Branntwein mag die Frau selbst getrunken haben.
-Dann wurde sie schwächer und schwächer, hatte fürchterliche
-Schmerzen und den brennendsten Durst, den Sie
-sich denken können.</p>
-
-<p>Kein Mensch brachte ihr einen Tropfen Wasser,
-niemand sorgte für ihre Reinlichkeit, das Ungeziefer
-kam und quälte sie auf ihrem nassen, schmutzigen
-Stroh, und der Durst, der Fieberdurst, der Durst
-derer, die das Trinken gewöhnt sind, kam hinzu.</p>
-
-<p>Dann ist sie vielleicht noch einmal wüthend geworden,
-hat die Menschen und die Welt verflucht und
-hat zuletzt nichts mehr von sich gewußt. So ist sie
-verkommen und bei lebendigem Leibe verfault, bis die
-Polizei sie fand. Die Polizei hatte Erbarmen und
-brachte sie hierher. Wir konnten ihr aber nicht mehr
-helfen, es war zu spät, sie starb nach einigen Stunden.«</p>
-
-<p>Er durchblätterte ein großes Buch. »Am elften
-Juni ist sie Abends zum Todtengräber gebracht. Der
-wird Ihnen wohl sagen können, wo sie liegt,« sagte
-er, ohne von dem Buche aufzusehen.</p>
-
-<p>Der Mann und das Mädchen bekreuzten sich.</p>
-
-<p>»Ihr ist ja nun wohl in der Erde,« schluchzte
-die Tochter.</p>
-
-<p>»Die Ruhe ist ihr zu gönnen,« fügte der Gatte
-hinzu, und ohne Dank, fast ohne Gruß verließen sie
-den Saal, um weiter zu suchen nach dem Stückchen
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-Erde, unter dem das müde Haupt des jammervollen
-Weibes nach ihrer Ansicht ruhte.</p>
-
-<p>Der junge Student sprach noch einmal seine lebhafte
-Entrüstung über dieses Gesindel aus und empfahl
-sich dann dem Privatdocenten, der in Gedanken verloren
-vor dem Scelett der unseligen Karoline Schwarz
-stehen blieb.</p>
-
-<p>Er sah sie wieder vor sich auf der Bahre in ihrer
-fast nicht mehr menschlichen Verkommenheit und Häßlichkeit
-und herab geneigt über dieses Bild tiefsten
-irdischen Leidens ein himmlisch verklärtes, durchgeistigtes
-Antlitz, vom Nonnenschleier umrahmt, durchleuchtet
-von Erbarmen und Liebe. Liebe?&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nein, Schwester Clarissa liebte die Menschen
-nicht. Sie liebte nur ihren Herrn und Gott, die
-Menschen, deren sie sich erbarmte, waren ihr nur
-Mittel zum Zweck. &ndash; »Was ihr gethan habt dieser
-Geringsten einem, das habt ihr Mir gethan.« &ndash; Das
-war der Grundgedanke ihrer Barmherzigkeit. Auch in
-diesem Falle war es so gewesen. Sie hatte ihre Pflicht
-gethan, gefühlt hatte sie nichts für die Unglückliche,
-und diese &ndash; diese gerade war wohl auch der Liebe
-nicht werth gewesen.</p>
-
-<p>Er betrachtete eine von den subtil zusammengesetzten
-Knochenhänden. Gegen Mann und Kind hatte
-sie den Arm erhoben; nun stand sie da, todt,
-ruhelos, mitten im Leben, ohne das Fleckchen Erde
-gefunden zu haben, auf dem auch der Aermste Anspruch
-hat zu ruhen &ndash; ruhen &ndash; nach dem Tode.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schwere unsichere Schritte unterbrachen mit ihrem
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-Geräusche den sinnenden Mann. Sollte man ihm
-einen Kranken bringen? Hier herein, wo doch
-die Patienten im Allgemeinen nichts zu thun hatten?</p>
-
-<p>Aergerlich wandte er sich nach der Thür und sah
-wieder den Straßenmusikanten mit seiner Tochter
-eintreten.</p>
-
-<p>Das unregelmäßige Gesicht des Mädchens war
-einen Schein blasser als vorher, und der Mann
-schwankte ein wenig, wie ein Trunkener.</p>
-
-<p>Ohne auf die erstaunte Frage des Arztes, was er wolle,
-zu antworten, ging er mit stierem Blicke und unsicheren
-Schritten durch den ganzen Saal, grade auf
-das Gerippe zu.</p>
-
-<p>Mit sichtbarem Erschauern blieb er hier stehen.</p>
-
-<p>»Line,« flüsterte er an der düsteren Gestalt herauf.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Line, bist Du das denn wirklich? In lauter
-Stücke haben sie Dich geschnitten und ausgenommen,
-wie ein geschlachtetes Thier, und Deine Knochen blank
-gescheuert, und dann haben sie Dir nicht die Ruhe
-im Grabe gegönnt, und nun stehst Du da und bist
-todt?«</p>
-
-<p>»Aber was wollen Sie denn,« rief Dr. Schlüter
-zugleich entrüstet und erschrocken, »was faseln Sie,
-was rütteln Sie an dem Scelett? Um Gotteswillen,
-es ist mehrere hundert Mark werth, lassen Sie es
-los, Sie zerbrechen es ja.«</p>
-
-<p>»So &ndash; es ist mehrere hundert Mark werth?«</p>
-
-<p>Der Respect vor dieser Summe lähmte den Arm
-des Proletariers. Er trat scheu zurück, aber in seinen
-Augen loderte eine wilde Drohung.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-»Sind das hier die Knochen von meiner Frau?«
-fragte er mit finsterer Miene.</p>
-
-<p>»Ja,« entgegnete der Arzt, »aber wer hat Ihnen
-das gesagt?«</p>
-
-<p>»Draußen Einer, ein Wärter wird es ja wohl
-gewesen sein,« antwortete die Tochter für ihren Vater.</p>
-
-<p>»Warum ist das Weib nicht begraben? Es war
-ein armes Weib und bös, ja sie war bös, aber ein
-Grab war sie doch wohl werth, man scharrt ja einen
-Hund ein,« grollte der Mann.</p>
-
-<p>»Darauf kommt es hier gar nicht an,« erklärte
-der Kliniker. »Wenn hier jemand stirbt, für den
-niemand die Verpflegungs- und die Begräbnißkosten
-bezahlt, so kann das Institut &ndash; ich meine die
-Doctoren können dann mit der Leiche machen, was
-sie wollen.«</p>
-
-<p>»Das dürfen Sie nicht, das nicht,« kreischte das
-Mädchen plötzlich wild auf, »wenn der jüngste Tag
-kommt, und die Todten steigen aus ihren Gräbern,
-und das Fleisch steht auf, wo soll da so ein &ndash; so
-ein Knochengestell sein Fleisch hernehmen, um aufzustehen
-von den Todten?«</p>
-
-<p>»Laß das Mila, das sind Glaubenssachen,« gebot
-ihr der Vater, »das geht die Herren hier nicht
-an, die glauben an nichts nach dem Tode.«</p>
-
-<p>»Nun also &ndash; was wollen Sie denn, wozu machen
-Sie denn solchen Lärm?« fragte der Arzt erleichtert.</p>
-
-<p>»Was ich will?« höhnte der Mann. »Ich will
-wissen, was für ein Verbrechen und was für eine
-Schande es ist, wenn der Mensch arm ist. Wenn ein
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-Stück Vieh fällt, so ist immer Einer zu finden,
-der es einscharrt, aber ein Mensch, &ndash; ein armer
-Mensch? Wozu ist der gemacht? Im Leben zum
-Hungern, zum Betteln, zum Frieren und nach dem
-Tode? Nach dem Tode &ndash; zu dem, was die Herren
-Doctoren für gut befinden, mit seinem armen Leibe
-zu machen.« Er lachte laut und wild auf.</p>
-
-<p>Dr. Schlüter klingelte nach dem Oberwärter.
-Dieser erschien. »Führen Sie den Mann hinaus,
-er ist unverschämt geworden,« sagte der Arzt.</p>
-
-<p>»Ja ich gehe schon,« brüllte der wüthende Mensch,
-»aber diese Knochen, diese Knochen sind mein, ich
-nehme sie mit, ich scharre sie ein im freien Walde,
-der niemanden gehört. Sie war kein gutes Weib,
-aber Ruhe, das bischen Ruhe im Grabe, das soll
-sie doch haben, sie soll.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er griff nach dem Scelett, das in seiner leichten
-Zusammenfügung bereits erschüttert, ein wenig
-schwankte. Der Oberwärter faßte den Tobenden mit
-festem Griff und rief nach Jahn, seinem Gehülfen.</p>
-
-<p>Der Stationsarzt war im Begriffe, den Saal zu
-verlassen. An der Thür drehte er sich noch einmal
-um, riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und schrieb
-einige Worte darauf.</p>
-
-<p>»Orgeldreher Schwarz,« sagte er laut, »gehen Sie
-mit diesem Zettel nach dem Büreau. Man wird
-Ihnen dort, nach Abzug eines Verpflegungstages,
-fünfzig Mark auszahlen, weil Sie den Körper Ihrer
-verstorbenen Frau der Klinik zu anatomischen Zwecken
-überlassen haben. Adieu.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-Er ging. Wie eine Pantherkatze stürzte Mila auf
-den Zettel zu und riß ihn an sich.</p>
-
-<p>Fünfzig Mark!&nbsp;......</p>
-
-<p>Der Oberwärter hatte nicht mehr nöthig, einen
-Wüthenden zu halten. Mit respectvollem Gruß
-entfernten sich Vater und Tochter.</p>
-
-<p>Einen scheuen Blick noch warfen sie zurück auf
-das graue Gerippe der Gattin und Mutter. Es war
-ja recht traurig, daß sie nun unbegraben blieb &ndash;
-aber was wollte man machen!</p>
-
-<p>Fünfzig Mark erhielten sie dafür, und sie konnten
-das brauchen &ndash; sie lebten und darbten.</p>
-
-<p>Die Mutter aber &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; ja, die stand da
-und sah ihnen nach aus ihren leeren, großen Augenhöhlen.
-Sie war übel daran, aber sollte man deshalb
-die fünfzig Mark verschmähen? &ndash; Ein solches
-Opfer für sie, konnte sie das wohl verlangen, noch
-dazu jetzt &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; nach dem Tode?&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="nopb">
-<p class="ce mt2">Ende.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/p158i.jpg" alt="" /></p>
-</div>
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-<span class="fsl ge"><b>Doctor Cäcilie.</b></span></h2>
-
-<p class="ce mt4 mb4"><img src="images/p159i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-<h3 class="pb mt0 mb0"><span class="fs0">I.</span></h3>
-
-<p class="pb ce"><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-<img class="imwi2 bo" src="images/p161i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-<div class="ci mt2 mb2">
-<p>&emsp;Hochwürdigste, gnädige Frau!</p>
-
-<p>In tief trauriger Lage sehe ich keinen anderen
-Ausweg, als den, Sie mit diesen Zeilen zu belästigen.
-&ndash; Meine Frau ist nach einer, wie es leider den
-Anschein hat &ndash; vergeblichen &ndash; Krebsoperation einer
-sachgemäß geschulten Pflegerin dringend bedürftig.</p>
-
-<p>Alle Bemühungen meines Hausarztes, hier eine
-geeignete Kraft ausfindig zu machen, sind von durchaus
-ungenügendem Ergebnisse gewesen.</p>
-
-<p>Die Sterbende leidet furchtbar unter den ungeschickten
-Händen einer ungebildeten Wärterin. Es
-handelt sich vielleicht nur noch darum, ihr auf wenige
-Tage und Nächte die letzten Qualen der Krankheit
-leichter zu machen. Kein finanzielles Opfer würde
-mir zu groß sein, wenn ich mein geliebtes Weib in
-die sanften, weichen Hände einer treuen Schwester
-geben könnte. Ich werde den wohlthätigen Einrichtungen
-Ihrer Anstalt die Beweise meiner Dankbarkeit zuwenden;
-in diesem Augenblicke aber flehe ich Sie an, gnädigste
-Gräfin, helfen Sie mir, schicken Sie mir eine Diakonissin
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-und senden Sie mir ein Telegramm, mit
-welchem Zuge die Ersehnte hier eintreffen wird.</p>
-
-<p>&emsp;Mit hochachtungsvollster Ergebenheit</p>
-
-<p class="ce">Ihr gehorsamster</p>
-
-<p class="si"><em class="ge">v. Möbius</em>, Premierlieutenant.</p>
-</div>
-
-<p>Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses
-las diesen Brief nachdenklich durch. Auf ihrem
-energischen klugen Gesichte zeigte sich ein Ausdruck
-des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen
-Briefschaften, die noch der Erledigung warteten,
-vorläufig bei Seite und ging nach der Frauenstation
-für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war,
-wie immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt,
-verließ aber ihre Arbeit, um an eines der großen
-Saalfenster zu treten und dort mit ihrer Vorgesetzten
-zu sprechen.</p>
-
-<p>Die Betten im Saale standen so weit von den
-Fenstern entfernt, daß die Kranken von der Unterhaltung
-der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen
-vermochten.</p>
-
-<p>»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann
-die Gräfin, nachdem die Schwester den Brief des
-Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir schicken?«</p>
-
-<p>Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz
-bestimmt den Kopf. »Niemanden, Frau Oberin,«
-sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause sind belegt,
-ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen
-Anforderungen zu genügen. Wir können keine
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-Schwester entbehren; im Gegentheil, ich will froh
-sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist, wir
-haben nicht genug Schwestern.«</p>
-
-<p>»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht
-anders werden. Von allen Seiten werde ich gebeten,
-junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an neue
-Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in
-diesem Quartal von mir verlangt, und zwei Anmeldungen
-von jungen Mädchen, die sich ausbilden
-wollen, habe ich nur erhalten.«</p>
-
-<p>Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte
-doch der Herr die Herzen christlicher Jungfrauen erleuchten
-und segnen, daß sie in Schaaren herbeikommen,
-um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu
-helfen.«</p>
-
-<p>»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige
-Freibetten einstellen zu können,« sagte die Oberin,
-»bedenken Sie, daß Frau von Möbius die Tochter
-eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie
-für unsere Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr
-günstig.«</p>
-
-<p>»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch
-so einrichten können,« meinte Schwester Albertine. Die
-Oberin aber schien dieser Frage gegenüber doch einen
-praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute
-alte Schwester.</p>
-
-<p>»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar
-Tage, Schwester; ich schreibe nicht ab, ich schaffe Rath,
-schicken Sie mir Schwester Elisabeth in mein Arbeitszimmer,«
-entschied sie nach kurzem Nachdenken.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch.
-Sie kehrte schweigend an ihre Arbeit zurück, und die
-Gräfin verließ straff aufgerichtet mit raschen Schritten
-den Saal.</p>
-
-<p>Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von
-Möbius in der Hand. Sie wollte seinen Wunsch
-erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich
-zu machen. In dem breiten Corridor vor ihrem
-Zimmer begegnete ihr einer von den Aerzten der Anstalt.
-Der junge Mann grüßte die vornehme Frau
-mit einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung.</p>
-
-<p>Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich,
-Ihnen meine Theilnahme an dem Tode Ihres Herrn
-Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie
-reichte ihm freundlich die Hand.</p>
-
-<p>Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die
-volle weiße Hand, die sie ihm gab. »Frau Oberin
-sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein
-armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren,
-er sehnte sich oft nach dem Tode, der ihn nun leicht
-und schmerzlos erlöst hat.«</p>
-
-<p>»Er war lange leidend, so? Das war mir
-gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn in seiner
-Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so
-viel ich weiß, schon seit Jahren verstorben?«</p>
-
-<p>»Allerdings, gnädigste Frau, ich habe aber eine
-Schwester, ein gesundes kräftiges Mädchen von zweiundzwanzig
-Jahren. Die war durchaus zur Pflege
-meines Vaters geeignet.«</p>
-
-<p>Die Gräfin wurde aufmerksam. »Ich habe nie
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-von Ihrem Fräulein Schwester gehört, sie muß sehr
-zurückgezogen leben.«</p>
-
-<p>»Sie hat eigenthümliche Neigungen und hält sich
-von ihren Altersgenossinnen fern. Wir Geschwister
-stehen jetzt allein in der Welt; ich werde wohl genöthigt
-sein, eine geeignete Stellung für meine Schwester
-zu suchen.«</p>
-
-<p>»Das wird Ihnen schwer werden, lieber Doctor;
-das Angebot gebildeter Damen für häusliche Stellungen
-ist außerordentlich groß, während die Nachfrage sich
-mehr auf weniger gebildete Kräfte richtet, die bei den
-täglichen Arbeiten mit Hand anlegen.«</p>
-
-<p>»Frau Oberin meinen, höhere Dienstboten werden
-gesucht, und Reisebegleiterinnen, Gesellschafterinnen
-und Gouvernanten bieten sich an.«</p>
-
-<p>»Diese Thatsache ist doch nicht zu leugnen, es ist
-ein eigenes Kapitel der sozialen Frage, die Frauen-
-oder eigentlich Jungfrauenfrage. Hier bei uns aber
-ist diese Frage gelöst. Sie wissen ja, wie erheblich
-in unserem Berufe die Nachfrage das Angebot übersteigt.
-Bringen Sie Ihre Schwester zu mir, Herr
-Doctor, sie ist kräftig und gesund, wie Sie sagen,
-steht grade im richtigen Alter und hat sich bereits in
-häuslicher Krankenpflege bewährt. Das Mutterhaus
-sieht in jeder neu eintretenden Schwester eine liebe
-Tochter und heißt sie herzlich willkommen. Es ist
-ein weites Arbeitsfeld da, helfen Sie mir, demselben
-eine neue Kraft zuzuführen.«</p>
-
-<p>»Sie haben Recht, Frau Oberin, ich will mit
-meiner Schwester sprechen. Sie hat kein Vermögen,
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-ist durchaus nicht hübsch, eine Versorgung durch die
-Ehe ist also nicht wahrscheinlich. Sie wird vielleicht
-Gott danken, wenn sie hier freundlich aufgenommen
-wird.«</p>
-
-<p>»Dessen können Sie versichert sein, die Waise und
-die Schwester eines Arztes ist uns doppelt willkommen.«</p>
-
-<p>Die Gräfin nickte dem jungen Manne wohlwollend
-zu und trat in ihr Zimmer. Doctor Ehrhardt sah
-lange hinter ihr her. Der Vorschlag der frommen
-Dame entsprach so ganz seinen Wünschen. Wenn
-doch seine Schwester ihr schroffes eigenwilliges Wesen
-lassen und einmal, nur ein einziges Mal, auf ihn
-hören, seinen Wünschen sich fügen wollte!</p>
-
-<p>Nie hatte Cäcilie ein weibliches weiches Empfinden
-gezeigt, nie hatte sie nachzugeben gewußt. Alle Bekannten
-des Bruders hatten, durch ihr unweibliches
-Wesen abgestoßen, den Verkehr im Ehrhardt'schen
-Hause beschränkt, wo sie nur konnten; und doch wußte
-Otto, daß seine Schwester ein ernstes Streben verfolgte.
-Sie verachtete die oberflächliche Existenz vergnügungssüchtiger,
-kindlicher Mädchen. Sie sah, wie
-Eine dieser Mädchen nach der Anderen, alle ihre
-ehemaligen Schulgenossinnen sich verlobten und verheiratheten
-und hatte nur ein verächtliches Achselzucken
-für die Männer, die diese Wesen an ihre Seite zogen.
-Sie wollte mehr sein, etwas Anderes &ndash; etwas Höheres.
-Das konnte sie jetzt werden. &ndash; Es erschien dem
-Bruder nun auf einmal wahrscheinlich, daß sie mit
-Begeisterung auf den Vorschlag der Oberin eingehen
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-würde. Man rief sie, man bedurfte ihrer, warum
-sollte sie zögern zu kommen!</p>
-
-<p>Ganz erfüllt von seinem Wunsche und fast überzeugt
-von dessen Erfüllung eilte er nach Hause.</p>
-
-<p>Ein Möbelwagen stand vor der Thür, und fremde
-Leute begegneten ihm im eigenen Heim. Es fiel
-ihm jetzt erst ein, daß heute früh die freiwillige Versteigerung
-von seines Vaters Nachlaß stattgefunden
-hatte.</p>
-
-<p>Weder er noch seine Schwester waren in der Lage,
-eine Wohnung für all die Möbel, Betten, Bücher,
-Bilder u.&nbsp;s.&nbsp;w. zu miethen. Die Gegenstände, die so
-lange er denken konnte durch die ganze Kindheit der
-Geschwister Zeugen ihres Daseins gewesen waren,
-wurden heute in alle Winde zerstreut. Die Heimath
-war aufgelöst &ndash; freiwillig aufgegeben. Nun hieß
-es wandern, ein neues Heim erwerben, den Kampf
-mit dem Leben bestehen.</p>
-
-<p>Otto ging in das Arbeitszimmer des Vaters.
-Die wissenschaftlichen Bücher, soweit sie nicht veraltet
-waren, und die Instrumente des alten Medicinalrathes
-lagen dort noch umher, ungeordnet, aber zum Glück
-unberührt. Wie wenig Gefühl hatte doch Cäcilie
-gezeigt, daß sie diese Andenken an den Verstorbenen,
-die der Sohn zu behalten wünschte, nicht sorglich
-zusammengeräumt und eingepackt hatte. Er wollte
-seine Schwester jetzt aufsuchen, aber das bittere Wort
-über ihren Mangel an Pietät unterdrückte er gewaltsam.
-Es galt jetzt, alle ihre Gedanken auf das Ziel hinzulenken,
-dem er sie entgegenzuführen gedachte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-In einem öden ausgeräumten Zimmer, zwischen
-Koffern und Kisten fand er sie. Ueberall lag Packstroh,
-Heu, Papier und dicker Staub. Ein weibliches Wesen
-hätte in diesem Raume vor allen Dingen doch den
-Wunsch empfinden müssen, Ordnung und wenigstens
-etwas Sauberkeit herzustellen. Cäcilie Ehrhardt aber
-empfand davon nichts.</p>
-
-<p>Die breite, knochige Gestalt des Mädchens saß auf
-einer Kiste, die Arme waren auf die Fensterbank
-aufgelehnt, ohne Rücksicht auf die schwarzen Aermel
-des einfachen Trauerkleides. Der Kopf mit dem kurzgeschnittenen
-Haar war über ein Buch gebeugt. Sie
-sah nicht auf, als der Bruder eintrat.</p>
-
-<p>»Wenn Du Deine Lectüre unterbrechen kannst,
-Cäcilie, so möchte ich Dich bitten, über eine wichtige
-Frage mit mir zu sprechen.«</p>
-
-<p>Sie legte die griechische Grammatik, in der sie
-gelesen hatte, aus der Hand. Ein kurzer fragender
-Blick traf ihn durch die funkelnden Gläser ihrer Brille.</p>
-
-<p>»Ich habe Dir wenig Erfreuliches mitzutheilen,«
-sagte sie. »Die Versteigerung des alten Hausrathes
-hat fast nichts ergeben. Luxusgegenstände waren, wie
-Du weißt, nicht vorhanden. Der Auctionator wird
-uns morgen Rechnung ablegen.«</p>
-
-<p>Er nickte schmerzlich. »Ich habe von der Versteigerung
-nichts erwartet, aber wir müssen doch den
-Ballast los sein. Den Luxus pietätvoller
-Erinnerung können wir uns noch nicht erlauben.«</p>
-
-<p>»Winsele nicht,« sagte sie schroff, und stand auf.</p>
-
-<p>Die Lippen in dem gelben Gesicht waren breit
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-und aufgeworfen, ein finsterer Zug lag zwischen den
-schwarzen Augenbrauen, die Nase war kurz und
-gewöhnlich geformt; das ganze Gesicht wäre häßlich
-gewesen, ohne den Ausdruck hervorragender Klugheit,
-der es belebte.</p>
-
-<p>»Dir wenigstens werde ich sicherlich nichts vorwinseln,«
-gab er zurück, »aber ich wollte mit Dir
-über meine Zukunft sprechen. Meine Existenz liegt
-augenblicklich in Deiner Hand.«</p>
-
-<p>»Bitte, erkläre Dich deutlicher.«</p>
-
-<p>»Ich bin schon dabei. Vater hat schon seit
-Jahren nicht mehr prakticirt. Von seinen Zinsen
-konnten wir nicht leben, wir haben das Kapital
-verbraucht. Wenn ich den Rest überschlage, die
-Ausgaben abziehe, die Auction hinzurechne, so denke
-ich, es wird uns ein baarer Rest von viertausend
-Mark bleiben.«</p>
-
-<p>»Wenig genug, aber es muß reichen, wir müssen
-uns einrichten, wir müssen Beide damit auskommen,
-bis wir uns frei gearbeitet haben.«</p>
-
-<p>Auf dem feinen hübschen Gesichte des jungen
-Mannes malte sich lebhaftes Staunen.</p>
-
-<p>»Das scheinst Du Dir sehr einfach zu denken,«
-sagte er endlich. »Bitte höre aber wenigstens zu,
-was ich mir für Lebenspläne gemacht habe.«</p>
-
-<p>Sie nickte und setzte sich wieder auf die Kiste.
-Die Füße streckte sie weit von sich und betrachtete
-augenscheinlich aufmerksam ihre großen derben Zugstiefel.</p>
-
-<p>Er drehte beinahe verlegen an seinem Schnurrbarte.
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-Ein Opfer wollte er von ihr fordern, &ndash; den
-eigensinnigen Kopf mit den männlich kurzen Haaren
-wollte er unter die weiblichste aller Trachten, unter
-die schlichte Haube der Diakonissin beugen. Er sah
-ängstlich auf die schwarzen kurzen Borsten herab.
-Endlich aber begann er zu sprechen.</p>
-
-<p>»Ich kann nicht ewig am Diakonissenhause bleiben,
-das mußt Du einsehen, Cäcilie.«</p>
-
-<p>»Sehe ich ein &ndash; weiter.«</p>
-
-<p>»Ich bleibe dort, bis ich eine Volontairstelle bei
-einem Frauenarzt finde, ich will Specialist werden.«</p>
-
-<p>»Auch gut &ndash; weiter.«</p>
-
-<p>»Ich werde ungefähr zwei Jahre als Assistent
-arbeiten, dann will ich versuchen, mich selbständig zu
-machen. Zunächst muß ich dann auf Patienten warten,
-mir eine Praxis begründen. Habe ich die, so errichte
-ich eine Privatklinik, engagire dazu eine ehemalige
-Diakonissin und kann, wenn ich Glück habe, ein
-schönes Vermögen erwerben.«</p>
-
-<p>»Das will ich Dir wünschen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Du sollst mehr thun, als es mir wünschen.«</p>
-
-<p>»Ah &ndash; ich wäre begierig.«</p>
-
-<p>»Ja, ich wollte dich bitten, mir dein Erbtheil zu
-überlassen. Als Volontair muß ich mich selbst erhalten.
-Sobald ich mich dann selbständig mache,
-habe ich zunächst auch keinen Verdienst. Auch eine
-Privatklinik kann ich nicht ganz ohne Vermögen übernehmen.
-Der ganze Nachlaß unseres Vaters aber
-würde genügen, mich über Wasser zu halten und
-mich bescheiden zu ernähren, bis meine Hoffnungen
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-sich verwirklicht haben. Dann werde ich daran gehen
-zu sparen und dir das Doppelte von der Summe
-geben, die Du mir jetzt giebst.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Und ich kann mich für die nächsten zwanzig
-Jahre als Stütze der Hausfrau vermiethen, mit der
-verlockenden Aussicht nach Ablauf dieser Zeit von
-meinem großmüthigen Bruder viertausend Mark zu
-erhalten, von deren Zinsen ich dann in meinen alten
-Tagen ein wahres Schlaraffenleben werde führen
-können &ndash; nicht wahr?«</p>
-
-<p>Hämischer Spott entstellte ihren Mund, sie
-lachte bitter auf, ihre Wangen glühten, sie war empört
-über den naiven Egoismus des Bruders.</p>
-
-<p>»Nein, Du sollst Dich nicht als Stütze der Hausfrau
-vermiethen; ich habe eine Versorgung für Dich,
-die Du nur anzunehmen brauchst, um mein Schicksal
-günstig und glücklich entscheiden zu können.«</p>
-
-<p>»Ich will Deine Versorgung nicht. Nach dem
-Egoismus, den Du eben offenbart hast, verlange ich
-nicht nach dem Almosen eines männlichen Schutzes.
-Morgen theilen wir; ich gehe meinen Weg, und Du
-gehst Deinen, dabei bleibt's.«</p>
-
-<p>»Cäcilie, ich komme niemals in die Höhe. Der
-ärztliche Beruf ist ein freies Gewerbe; der Concurrenzkampf
-ist rücksichtslos hart. Es ist ein Kampf
-um Leben und Brod. Erleichtere ihn mir, arbeite
-als Schwester an meiner Seite. Gieb mir die
-Mittel, deren ich bedarf, um mich durchzuringen. In
-fünf, sechs Jahren vielleicht schon rufe ich Dich zu
-mir und sorge für Dich.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-»Ich soll dann wohl Deine Köchin werden? Danke
-für die Ehre.«</p>
-
-<p>»Cäcilie, die Frau Oberin hat mir heute gesagt,
-daß die Nachfrage nach jungen Diakonissinnen so
-außerordentlich groß ist. Sie hat mich direct aufgefordert,
-Dich ihr zuzuführen. Du hast ein gewisses
-medicinisches Interesse. Du eignest Dich zur Schwester.
-Geh hin, laß Dich ausbilden, und tritt dann auch in
-eine Frauenklinik ein. Lerne, arbeite, und sobald ich
-eine feste Stellung als Frauenarzt habe, komm zu
-mir, um mit mir zusammen eine Privatklinik zu
-gründen. Du weißt, ein Mann allein kann das nicht.
-Man ist auf eine weibliche Mitarbeiterin angewiesen,
-und eine geeignete Persönlichkeit ist nur mit den größten
-Geldopfern aufzutreiben. Sei meine Verbündete liebe
-Schwester, laß uns zusammen streben, zusammen erwerben.«</p>
-
-<p>Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an.</p>
-
-<p>»Du kommst Dir wohl noch sehr großmüthig
-vor in Deinem männlichen Egoismus,« spottete sie.
-»Also ich soll jetzt fromme Schwester werden, soll
-mich ducken unter Bonzen und Pfaffen, soll Choräle
-singen und Fenster putzen? Jede grobe Arbeit thun,
-um Christi willen? Die Augen verdrehen, heucheln,
-dienen &ndash; ha, ha, ha, und alles das, damit ich später
-ausgebildet bin, wenn Du so weit bist, mich zu
-rufen! Du willst dann der leitende Arzt einer Anstalt
-sein, Anordnungen treffen, Befehle geben, und
-ich als dienende Schwester bin grade gut genug, um
-Dir &ndash;&nbsp;&ndash; zu gehorchen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-Er trat erschrocken zurück vor der Wuth, die er,
-ohne es zu wollen, zu diesem Ausbruch gebracht hatte.</p>
-
-<p>»Warum willst Du denn nicht als Schwester ärztliche
-Anordnungen ausführen?« fragte er erstaunt.
-»Glaubst Du denn als Lehrerin, oder in sonst einem
-weiblichen Berufe freier und selbständiger handeln
-zu können?«</p>
-
-<p>»Wer sagt Dir denn, daß ich einen sogenannten
-»weiblichen« Beruf wählen werde? Ist nicht der
-ärztliche Stand, wie Du selbst sagst, ein freies Gewerbe
-&ndash; steht er mir nicht ebenso gut offen, wie Dir?«</p>
-
-<p>»Ich habe Dich für klüger gehalten, Cäcilie.«</p>
-
-<p>Sie lachte laut auf. »Ja für klug genug, um
-blutiges Verbandzeug zu waschen, aber nicht für
-klug genug, um selbst das Messer zu führen. Das
-ist ja die geheiligte Tradition aller Männer. Zu
-Handlangerdiensten ist die Frau gerne willkommen,
-aber um sie als ebenbürtige Berufsgenossin anzusehen,
-dazu lassen die Herren sich so leicht nicht herab!«</p>
-
-<p>Otto Ehrhardt versuchte es garnicht, seine Schwester
-von ihrer Ueberzeugung der vollen Gleichberechtigung
-der Geschlechter abzubringen. Sie hatte noch niemals
-ihre Ansicht untergeordnet, in dieser Lebensfrage würde
-sie es am wenigsten thun. Er appellierte deßhalb
-nur an ihren, wie er wußte, stark entwickelten praktischen
-Sinn.</p>
-
-<p>»Die letzte Steuereinschätzung,« begann er langsam,
-»hat, wie Du vielleicht weißt, bei der größeren
-Hälfte aller Berliner Aerzte ein Berufseinkommen
-unter dreitausend Mark ergeben. Wenn die Aerzte
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-noch ferner unter den äußeren Lebensbedingungen
-der höheren Stände weiter leben sollen, so darf dieses
-Einkommen nicht noch weiter heruntergedrückt werden;
-giebst Du das zu?«</p>
-
-<p>Sie kaute an ihren Nägeln und sah, ohne zu
-antworten, zu ihm empor.</p>
-
-<p>»Da Du schweigst, hoffe ich, daß Du mir zustimmst,«
-fuhr er fort. »Es bleibt mir also demnach
-nur noch zu sagen, daß dieser, schon jetzt mehr als
-überfüllte Beruf ruinirt wird, wenn noch die weibliche
-Concurrenz eintritt.«</p>
-
-<p>»Für hiesige Verhältnisse mag das zutreffen, aber
-Berlin ist nicht die Welt, es giebt andere Städte,«
-sagte sie kurz.</p>
-
-<p>»Die kleinste Stadt hat so viel Aerzte, daß jeder
-neue junge Concurrent Jahre lang ringen muß, bis
-er ein einigermaßen genügendes Einkommen hat.
-Sei klug Cäcilie, verschließe Dich nicht der Einsicht,
-daß grade dieser Beruf keinen neuen Zudrang von Arbeitskräften
-zu ertragen vermag. Vereinzelt mögen ja auch
-Frauen sich in diesem Fache durchringen, aber nur, wenn
-sie gegen die Möglichkeit des Mangels geschützt sind,
-nur wenn sie Vermögen besitzen.«</p>
-
-<p>»Ich ringe mich durch &ndash; auch wenn ich keinen
-Pfennig hätte &ndash; ich fühle den Beruf in mir, ich
-weiß, daß ich hervorragen kann in dieser Wissenschaft,
-ich erreiche das Ziel!«</p>
-
-<p>Er sah die Begeisterung, die ihr unschönes Gesicht
-bei diesen energischen Worten verklärte, aber er
-hatte kein Verständniß dafür. Er, für seine Person,
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-empfand kein leidenschaftliches Interesse für seinen
-Beruf. Er hatte ihn ergriffen, weil es sein Vater
-wünschte und weil er eben auch keine andere lebhafte
-Neigung fühlte. Es lag ihm gänzlich fern, sich zu
-einer Größe darin aufschwingen zu wollen, ihm fehlte
-dazu der Eifer, wie auch die Begabung. Das einzige
-Ziel seiner Wünsche war eine sorglose behagliche
-Existenz, ein sicheres Auskommen &ndash; der glühende
-Ehrgeiz seiner Schwester war ihm unverständlich.</p>
-
-<p>»O, hätte der Vater an mich gewendet, was er an
-Dich wandte &ndash; ich wäre mehr geworden, wie Du.«</p>
-
-<p>Aus tiefstem Herzen kam ihr der Seufzer. Otto
-sah sie verwundert an. »Und ich?« fragte er. »Ich,
-der einzige Sohn des Medicinalrathes Ehrhardt, was
-hätte ich werden sollen?«</p>
-
-<p>»Handlanger &ndash; das was ich jetzt werden soll.
-Ist denn der einzige Sohn eines Mannes besser,
-als desselben Mannes einzige Tochter? Ist es nicht
-denkbar, daß die Tochter für denselben Beruf begabter
-sein kann, wie der Sohn?«</p>
-
-<p>Otto war durchaus nicht geneigt, auf diese Frage
-einzugehen. Das Vorrecht des Sohnes vor der
-Tochter schien ihm so selbverständlich, so fest stehend,
-daß er darüber kein Wort, keinen Gedanken verlor.
-War es je vorgekommen, daß in einer ihm bekannten
-Familie die Töchter von den Eltern besser für den
-Kampf ums Dasein ausgerüstet worden wären, als
-die Söhne &ndash; die Vertreter des starken Geschlechtes?
-Das war nie und nirgend gewesen, nie und nirgend
-würde es sein.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-»Mein Gott &ndash; ich verlange ja nicht, daß Du
-Diakonissin wirst,« meinte er ausweichend. »Es ist
-aber der einzige geachtete Frauenberuf, in welchem
-die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt,
-außerdem bietet er eine Altersversorgung.
-Oder glaubst Du etwa, daß Du jemals geheirathet
-wirst?«</p>
-
-<p>Sie lachte höhnisch auf. »Geheirathet? Das war
-wenigstens gut ausgedrückt, Otto. Nein lieber Bruder,
-ich bin häßlich, mein knochiger Körper wird niemals
-die sinnlichen Gefühle eines Mannes erregen. Niemand
-wird, um meine Reize zu besitzen, bereit sein,
-meinen Lebensunterhalt zu erwerben. Zum Glück
-sind meine Nerven aber auch nicht geschlechtlich
-erregbar &ndash; ich werde nicht geheirathet werden und &ndash;&nbsp;&ndash;
-ich werde nicht lieben.«</p>
-
-<p>»Also &ndash; was hast Du denn eigentlich beschlossen?«</p>
-
-<p>»Mich durchzuarbeiten. Ich werde Medicin studiren,
-werde mich auf die Augenheilkunde verlegen, werde
-in orientalischen Ländern meinen Wirkungskreis suchen
-und sicher &ndash; ganz sicher wird meine Kraft und
-meine Begeisterung mich dahin bringen, daß ich
-tausende und abertausende mittelmäßiger Männer,
-träger gewissenloser Aerzte überflügeln werde und weit
-hinter mir lassen werde. Ich dem Namen Ehrhardt in
-der wissenschaftlichen Welt Glanz und Ansehen
-schaffen &ndash; ich &ndash; aber niemals wird Dir das gelingen.«</p>
-
-<p>»Und das alles mit der Hälfte eines väterlichen
-Erbes im Betrage von viertausend Mark?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht womit, aber ich will es, und
-<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-was ich will, das führe ich durch. Ich werde entbehren
-und arbeiten, aber ich werde siegen.«</p>
-
-<p>»Dann werde ich eben kein Specialist. Mein
-Gott, auf den Knieen werde ich Dich nicht anflehen,
-mir die Wege zu ebnen.«</p>
-
-<p>Er ging wüthend hinaus. Sie blieb zurück mit
-einem glücklichen, stillen Lächeln. Aus ihren Augen
-strahlte das Genie, das sich immer Bahn bricht im
-Leben. &ndash;&nbsp;&ndash; Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!</p>
-
-
-<h3>II.</h3>
-
-<p>Cäcilie Ehrhardt war als Zwischendeckspassagier
-ausgewandert.</p>
-
-<p>Freilich, eine fatale Woche. Sie, die sonst wenig
-Sinn für poetische Werke hatte, hielt sich in diesen
-zehn Tagen immer wieder das Shakespeare'sche Wort
-vor die Seele: »Die Stunde rollt auch durch den
-schwersten Tag.« Es wurde ihr Leitstern, beinahe ihr
-Halt dieses Wort: »Die Stunde rollt auch durch den
-schwersten Tag.«</p>
-
-<p>Weiber und Kinder, die viel schwächer waren wie
-sie, ertrugen diese Ueberfahrt in diesem Raume. Sie
-glaubte wohl etwas Besseres zu sein wie diese, weil
-sie ein höheres Streben besaß, aber gerade deßhalb
-hielt sie sich auch für berufen zu zeigen, wie man
-Widerwärtigkeiten und Unbequemlichkeiten erträgt.</p>
-
-<p>Die Mitreisenden schämten sich zu wimmern und
-zu jammern, dieser Frauengestalt gegenüber, die mit
-<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-stiller Resignation fast heiter sich zwischen ihnen bewegte,
-zufrieden mit einem Winkel zum Ausruhen,
-mit einer Brodrinde zum Essen.</p>
-
-<p>Schließlich landete man in der Heimath der Freiheit,
-und Cäcilie Ehrhardt bekam Gelegenheit, sich zu
-überzeugen, daß auch in Amerika eine hübsche Tochter
-reicher Eltern glattere Wege vor sich sieht, als eine
-arme geistige oder körperliche Arbeiterin.</p>
-
-<p>Sie that die nöthigen Schritte, um zum Studium
-zugelassen zu werden. Ein Beamter der Universität,
-ein ruhiger Geschäftsmann empfing sie.</p>
-
-<p>»Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf einige
-statistische Thatsachen aufmerksam zu machen, mein
-Fräulein,« begann er.</p>
-
-<p>»Ich bitte darum, Mr. Schäffer.«</p>
-
-<p>Er las ihr nun einen kürzlich veröffentlichten
-Bericht des Rectors der Genfer Universität vor, wonach
-von 215 Frauen, die Medicin studirten, nur 25 es bis
-zum practischen Arzte gebracht haben und auch von
-diesen nur wenige zu einer auskömmlichen Praxis.</p>
-
-<p>»Was glauben Sie wohl, mein Fräulein,« fragte
-Herr Schäffer, »in welchem Abgrunde die übrigen 195
-gescheitert sind?«</p>
-
-<p>»In dem Abgrunde ihrer Mittelmäßigkeit,« antwortete
-sie kalt.</p>
-
-<p>Ein prüfender Blick glitt über das breite, gelbe
-Gesicht des häßlichen Mädchens. Wäre Cäcilie hübsch
-gewesen, so hätte der fromme Mann jetzt vielleicht
-seinen Arm um sie gelegt und gesagt: »Laß doch
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-gut sein, süße Krabbe, es giebt ja noch ganz andere
-Wege, um zu etwas zu kommen.«</p>
-
-<p>Er rühmte sich mehrerer derartiger »Bekehrungen«.
-Aber Cäcilie Ehrhardt war nicht hübsch, durchaus
-nicht hübsch.</p>
-
-<p>Ein paar kluge, graue Augen funkelten hinter
-schwach geschliffenen Brillengläsern. Höchst unangenehme,
-scharfe, forschende Augen. &ndash; Herr Schäffer
-fühlte gar keine Neigung, irgend eine Prüfung vor
-diesem Blick zu bestehen. In gleichgültigem Nachgeben
-kam er ihren Wünschen entgegen.</p>
-
-<p>Den Befähigungsnachweis zum Besuche der Universität
-bestand sie glänzend, so ließ man sie zu &ndash;
-du lieber Gott, eine Ueberspannte, Emancipirte mehr
-als bisher.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mit einer Arbeiterin, die Tags über in einer
-Fabrik Cigarren wickelte, miethete sich die Studentin
-zusammen in einer Dachkammer ein. Die Mitbewohnerin
-war nur in der Nacht da, so störte sie wenig.</p>
-
-<p>Cäcilie verlangte für sich das Recht, so lange,
-wie sie wollte, Abends Licht zu brennen. Da hatte
-die Andere nichts dagegen; sie ihrerseits verlangte
-gar nichts.</p>
-
-<p>Aber das war nur Schein. Schon nach wenigen
-Tagen brachte Henriette Abends einen Kameraden
-mit aus der Fabrik, und Beide profitirten von der
-Studirlampe der Anderen.</p>
-
-<p>Was das für ein Lachen und Kichern, für ein
-Küssen und Liebkosen war &ndash; gräßlich &ndash; Cäcilie
-Ehrhardt wußte sich nicht anders zu helfen, als
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-einen Ofenschirm neben sich zu stellen und sich so zu
-isoliren.</p>
-
-<p>Das zärtliche Liebespaar aber sah mit innigem
-Mitleid auf die einsam Arbeitende hin.</p>
-
-<p>Schließlich ließ Charley sich durch sein gutes Herz
-hinreißen, ihr ein höchst eigenthümliches Anerbieten
-zu machen.</p>
-
-<p>Mit Henriette im Arm stellte er sich neben
-Cäciliens schützende Schirmwand und trug ihr stockend
-und zagend vor, in seiner Fabrik da wäre ein Werkführer,
-der wäre Wittwer, hätte auch ein paar Kinder,
-aber doch wohl ein ganz annehmbarer Mann, der
-eine brave, fleißige Frau gerne nehmen würde. Nun
-könne sie, Fräulein Ehrhardt, ja am Ende keinen
-verliebten Jüngling beanspruchen, wäre vielleicht auch
-schon ein bischen darüber hinaus, aber doch &ndash; sozusagen&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Cäcilie begriff. Einen Mann &ndash; aus Gnade und
-Barmherzigkeit bot man ihr, der Tüchtigen, Häßlichen,
-einen Mann an, der nicht Liebesgetändel suchte, sondern
-der eine thätige Frau brauchte!</p>
-
-<p>Die <em class="ge">erste</em>, vielleicht im Leben die einzige Möglichkeit
-für sie, den Beruf der Frau als Gattin und
-Mutter zu finden!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die gesellschaftliche Zumuthung, daß man ihr,
-der Tochter des Medicinalrathes Erhardt anbot, einen
-Fabrikaufseher zu heirathen, die verletzte sie nicht.
-Was mochten die Liebesleute dem guten Manne von
-ihr vorphantasirt haben! Aber sie fühlte den Beruf
-zur Gattin und Mutter nicht in sich. &ndash; Es ist doch
-<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-auch nicht jeder Mann geeignet, Vaterpflichten zu
-übernehmen, und nicht jedes Weib für Mutterpflichten
-geschaffen.</p>
-
-<p>Sehr kurz, sehr kalt lehnte sie ab, auf's Innigste
-bedauert von dem jungen Paare, das nichts Anderes
-kannte, als seine Liebe.</p>
-
-<p>Ihr Leben war aber furchtbar hart auf diese Weise,
-denn in den ersten beiden Jahren ihres Studiums
-machte das Arbeitspensum, das sie zu erledigen hatte,
-es ihr unmöglich, sich irgend einen Erwerb zu suchen.</p>
-
-<p>Sie mußte leben wie eine Arbeiterin, schlechter
-wie eine solche, wenn sie zum Ziele kommen wollte.</p>
-
-<p>Henriette und Charley amüsirten sich Sonntags,
-aßen und tranken wie Kinder, die plötzlich Geld bekommen
-haben und nicht wissen, wo sie es lassen
-sollen. Sie sprachen täglich von ihrer Hochzeit und
-heiratheten nie.</p>
-
-<p>Cäcilie lebte Sonntags nicht besser wie Werktags
-und nahm nichts von dem an, was die Anderen ihr
-anboten.</p>
-
-<p>Die arme Person!</p>
-
-<p>Was das Leben wohl für einen Werth haben
-soll, wenn man es garnicht genießt!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So philosophirte das Liebespaar; Cäcilie aber
-arbeitete weiter allein, immer allein.</p>
-
-<p>An keinen Menschen in Deutschland hatte sie geschrieben,
-keiner an sie.</p>
-
-<p>Sie war wie todt für die Welt.</p>
-
-<p>In Universitätskreisen hatte sie auch keinen Anschluß
-gefunden, keinen gesucht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-Die jungen Studenten amüsirten sich wie
-Kinder über die paar häßlichen Mädchen, die mit
-wahrem »Biereifer« die Vorträge nachstenographirten,
-um sie zu Hause auszuarbeiten. Cäcilie war von
-diesen die eifrigste. Sie versäumte keine Vorlesung
-&ndash; sie arbeitete immer, immer.</p>
-
-<p>Arbeiten und darben! Für die Blüthe einer
-Jungfrau ist das nicht grade günstig.</p>
-
-<p>Mädchen blühen auf wie Maienrosen, tändeln,
-lachen und finden ihre letzte Entfaltung, ihr süßestes
-Geben erst in dem Verkehr mit dem Manne, in dem
-Widerstreben und Hinneigen seiner Werbung gegenüber
-und dann im Gewähren.</p>
-
-<p>Bete und arbeite! Keusche Mädchen blühen auf
-wie Lilien, dienen dem Nächsten und geben sich in
-süßer Schwärmerei ihrer Gottheit.</p>
-
-<p>Cäcilie achtete die Gottheit, soweit ihr deren
-Cultus vernünftig und zweckmäßig erschien. Sie
-achtete auch den Mann, wenn sie ihn streben, arbeiten,
-nützen sah, aber sie dachte nicht daran, sich selbst zu
-geben, weder Gott noch den Menschen.</p>
-
-<p>Wer hätte denn wohl auch den Wunsch gehabt,
-sie zu besitzen!</p>
-
-<p>Sie sah nichts vor sich, als die Nothwendigkeit,
-Andere bei Seite zu schieben, um für sich selbst Platz
-zu gewinnen.</p>
-
-<p>In der Ferne, in gar nicht allzuweiter Ferne
-sah sie die Möglichkeit, daß sie einmal nicht mehr
-arbeiten würde, um zu leben, sondern um zu nützen.
-Nicht sich selbst &ndash; Andern, das war ihre Religion
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-und ihre Liebe. Das richtete sie auf, wenn sie in
-schwachen Stunden sich fragte: Wozu? &ndash; wozu
-dieser Kampf, diese Arbeit, dieses Entbehren?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie hörte auf, ein Weib zu sein und konnte doch
-kein Mann werden. Ein unhaltbares trostloses
-Wesen! Aeußerlich wenigstens, innerlich blieb sie
-jungfräulich keusch, nur vielleicht ein wenig zu
-herb.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie sah Andere neben sich untergehn. Mit derselben
-Gluth, wie sie, hatten sie angefangen, aber sie
-hatten nicht dieselbe Ausdauer gehabt.</p>
-
-<p>Ein Mann drängt sich in die Gedankenwelt, in
-das Innenleben des Mädchens. &ndash; Ein kurzes Widerstreben,
-ein kurzes Gewähren und dann die
-Erkenntniß!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Erkenntniß war, wo sie auch hinblicken
-mochte immer das Ende des Genusses.</p>
-
-<p>Nach der Erkenntniß kam, wie bei dem ersten
-Menschenpaare, der ewige Fluch: Mit Schmerzen
-sollst Du ihm Kinder gebären.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Viele junge Studentinnen mußten die Universität
-verlassen. Sie versanken in einem Abgrund, dessen
-Tiefe dem guten Herrn Schäffer so räthselhaft schien.</p>
-
-<p>Andere verirrten sich in die Politik. »Gleichheit,
-Gleichheit« &ndash; was sollen wir darben, wenn Andere
-genießen dürfen?</p>
-
-<p>Anstatt eine vernünftige, mit logischer Folgerichtigkeit
-und Nothwendigkeit sich vollziehende gesellschaftliche
-Umwälzung abzuwarten, stürmten und drängten
-sie dem Anarchismus entgegen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-Sie vergaßen, daß sie doch selbst persönlich danach
-strebten, die Zugehörigkeit zu einem Stande zu erlangen,
-der seinerseits den privilegirten höheren, den
-sogenannten »besseren Ständen« sich zurechnete.</p>
-
-<p>Sie gingen unter &ndash; der geheimnißvolle, unergründliche
-Abgrund nahm sie auf.</p>
-
-<p>Die Reihen lichteten sich, dem Ziel strebten nur
-noch Wenige entgegen, aber Cäcilie Ehrhardt war
-unter ihnen.</p>
-
-<p>Einmal fühlte sie sich krank. Der vom Vaterhause
-her an bessere Kost gewöhnte Körper versagte,
-als ihm bei dauernder geistiger Anspannung, bei nie
-unterbrochener Arbeit stets nur solche Speisen zugeführt
-wurden, die zu einer geeigneten Ernährung nicht ausreichend
-waren.</p>
-
-<p>Cäcilie empfand nach und nach einen kaum zu
-überwindenden Widerwillen gegen die billigen groben
-Nahrungsmittel, zu denen sie sich zwang, so lange
-sie von dem Gelde leben mußte, das sie nach Amerika
-mitgebracht hatte.</p>
-
-<p>Mit eiserner Willenskraft überwand sie diese Abneigung,
-berechnete genau, wieviel Eiweiß, wieviel
-Zucker, Stickstoff etc. ihr Körper täglich bedürfe, wog das
-Betreffende ab und schluckte es widerstrebend hinunter.</p>
-
-<p>Ihre Magennerven lieferten ihr bald den Beweis,
-daß der menschliche Körper keine chemische Retorte ist.</p>
-
-<p>Todtelend, fiebernd blieb sie eines Tages auf dem
-harten schmalen Bette in ihrer Dachkammer liegen,
-und die gute Henriette stand händeringend dabei.</p>
-
-<p>Ohne sich die Sache wissenschaftlich erklären zu
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-können, fühlte die Arbeiterin heraus, daß ihr »Fräulein«
-sich wohl erholen würde, wenn sie sich einmal erlaubte,
-gut zu leben.</p>
-
-<p>Sie holte ein ordentliches Stück Braten aus
-einem benachbarten Restaurant und besorgte auch Wein.</p>
-
-<p>Cäcilie konnte nicht widerstehn, mit der Gier
-des Verhungernden griff sie nach den Nahrungsmitteln,
-deren Genuß sie an das Elternhaus, an die Heimath
-erinnerte.</p>
-
-<p>Und dann, als sie zum ersten Male seit langer
-langer Zeit mit Behagen, fast mit Genuß gegessen
-hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth &ndash; die
-Nerven, wie sie meinte.</p>
-
-<p>Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit
-und Verlassenheit. &ndash; Liebe &ndash; es gab überhaupt
-nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen.
-Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend,
-sank das starke Mädchen zurück auf das dürftige Bett.</p>
-
-<p>Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß
-doch das Fräulein, das immer so gut war und sie
-niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt
-bleiben möchte.</p>
-
-<p>Krankheit &ndash; für den sorglos lebenden Menschen
-ist das oft ein Segen. &ndash; Die Ruhe, zu der der
-Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer Einkehr
-und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von
-leichter Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese
-Periode des Lebens, bleibt oft von einer Krankheit zurück.</p>
-
-<p>Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders
-dar. Die Krankheit ist ein Dämon, der dem Kämpfer
-<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos
-niederstreckt. Krank werden heißt untergehn. &ndash; Der
-machtvoll vorwärts Strebende wird gezwungen, demüthigendes
-Almosen zu empfangen; die Ersparnisse
-werden verzehrt; die darauf begründeten Zukunftshoffnungen
-sind abgeschnitten. Niemand kann es dem
-erkrankten Armen ersparen, die Seinigen darben und,
-wenn es lange dauert, untergehn zu sehen.</p>
-
-<p>Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes,
-über den sie einst so unnachsichtlich hart geurtheilt
-hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres Besitzes
-verzehrte, so war sie verloren.</p>
-
-<p>Sie machte sich das klar und in unbestimmter
-Hoffnung auf irgend einen Erwerb fing sie an, besser
-zu leben.</p>
-
-<p>Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde
-ihr hier an diesem untergeordneten Punkte die Grenze
-der menschlichen Willenskraft klar.</p>
-
-<p>Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur
-einen Tag lag sie in dem ärmlichen Bette, von der
-Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit aussetzte, mit
-Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie
-niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht
-aufheben, nicht lesen, nicht arbeiten, nicht denken,
-nicht einmal schlafen. Nur liegen und ausruhn.</p>
-
-<p>»Du sollst den Feiertag heiligen!«</p>
-
-<p>Dieser eine Krankheitstag war für sie wie ein
-Feiertag, ein von der Natur ihr aufgezwungener Tag
-der Ruhe.</p>
-
-<p>Sie wollte keinen Sonntag, keine Erholung als
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-nöthig anerkennen. Jetzt mußte sie lernen, daß der
-Durchschnittsmensch neben der Arbeit auch die Erholung
-haben muß, wenn er nicht zu Grunde gehn soll.</p>
-
-<p>Es war ein Ruhetag, ein einziger ganz vollkommener
-Feiertag, ohne Arbeit, ohne Denken, ohne
-Kampf.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage raffte sie sich mit Gewalt
-wieder auf und arbeitete weiter.</p>
-
-<p>Sie bestand ihr erstes ärztliches Examen mit Auszeichnung.</p>
-
-<p>Aber es lag noch ein Studienjahr vor ihr, das
-ihr schwer werden mußte, weil ihre Mittel beinah
-zu Ende waren.</p>
-
-<p>Man hatte an der Universität ihr heißes ernstes
-Ringen erkannt. Nach und nach, zögernd und unwillig
-fingen die Professoren an, in ihr eine der
-wenigen »Gleichberechtigten«, eine Ausnahmenatur zu
-erkennen.</p>
-
-<p>Es gelang ihr, bei einem sehr gesuchten Frauenarzte
-täglich einige Stunden Beschäftigung zu finden.</p>
-
-<p>Das war der erste Erwerb. Vorläufig aber erlaubte
-sie sich noch nicht, daraufhin ihre Lebensweise zu
-ändern, denn sie hatte noch ein Examen vor sich und
-wünschte sich speciell in der Augenheilkunde auszubilden.</p>
-
-<p>Aber sie fühlte doch nun Boden unter ihren
-Füßen.</p>
-
-<p>Nach und nach lernte sie auch die praktischen
-Seiten des so heiß erstrebten Berufes und zugleich
-die socialen Unterschiede im Leben, über die sie noch
-wenig nachgedacht hatte, kennen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-Der Augenarzt, bei dem sie ab und zu schon selbst
-operiren durfte, theilte ihr eines Tages in großer Aufregung
-mit, daß er wahrscheinlich am folgenden Tage
-die Ehre haben würde, die Tochter eines der Eisenbahnkönige
-des Landes zu operiren.</p>
-
-<p>Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame
-erfuhr Cäcilie, daß es sich um einen leichten Fall
-einseitigen Schielens handelte.</p>
-
-<p>Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten
-da für ein hervorragendes Vertrauen geschenkt werde,
-sie meinte sogar, das könnte jeder nahezu ausgebildete
-Anfänger ausführen, aber sie sollte über die Wichtigkeit
-dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden.</p>
-
-<p>Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus
-des Milliardärs trat, wurden sie zunächst von einer
-Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden
-Dame engagirt war. Dann führte man die beiden
-Aerzte zu der Kranken, die auf einem Ruhebette liegend,
-von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der Chef
-des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem
-Arzte und seiner &ndash; »Gehülfin« &ndash; wie er Cäcilie
-nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen Leben und
-Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann
-wurde von der Kranken ein allseitiger Abschied
-genommen, als sollte sie zum Schaffot geführt werden,
-und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer
-Dienerin und der Nonne allein.</p>
-
-<p>Als dann der Schönheitsfehler des Auges thatsächlich
-korrigirt wurde, bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß,
-so lange wie die Narkose dauerte, die Hände ihres Vorgesetzten
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-eiskalt waren, während sein Puls vor innerer
-Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts.</p>
-
-<p>Allerdings erhielt der Augenarzt später für die
-gelungene Operation ein kleines Vermögen, und auch
-Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt, daß sie endlich
-ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer
-für sich allein miethen konnte.</p>
-
-<p>Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren
-eigenen Augen. Von allem, was das Leben ihr auferlegte,
-erschien es ihr am schwersten niemals allein
-sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in
-sich selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit
-ihr intimstes persönliches Dasein vor fremden Augen
-führen zu müssen.</p>
-
-<p>Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr
-ein Heim, ein trauliches warmes Stübchen, eine
-eigene Lampe, ein eigenes Bett.</p>
-
-<p>Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie
-diese selbsterworbene Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen
-selbstverständlich erschien, fast wie Luxus.</p>
-
-<p>Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt
-zum ersten Male in der Nähe sah, machte gleichfalls
-einen tiefen Eindruck auf ihren scharf beobachtenden,
-stets nach Erkenntniß strebenden Geist.</p>
-
-<p>Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch
-einige Male zu der Reconvalescentin. Die große Zahl
-wenig beschäftigter Dienstboten, die sie in diesem Hause
-bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen.</p>
-
-<p>Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte
-einer Anzahl Menschen zu miethen, zu bezahlen und
-<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser reiche
-Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der
-Umsatz des Geldes jeder Zeit berechtigt ist, aber sie
-hielt es für einen unberechtigten Eingriff in die
-Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit
-verloren ging; sie sah darin einen moralischen
-Defect, der als bleibender Nachtheil diese vielen
-Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten
-Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung
-des Hauses gewährte ihr dagegen eine unbefangene
-Freude. Sie empfand es angenehm, die harmonischen
-Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten.
-Der Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die
-weichen Teppiche, die Bilder, die Bronzen, diese
-ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche
-Glück zu vervollkommnen.</p>
-
-<p>Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung
-befindlichen Tochter dieses Hauses nicht tauschen mögen.</p>
-
-<p>Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein
-Streben, das Glück des schwer errungenen Erfolges
-war ihr fremd.</p>
-
-<p>Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens
-Begriffen todte Pracht, ein Luxus, der keinem Bedürfnisse
-diente, der entbehrlich war, manchem Temperament
-vielleicht sogar lästig.</p>
-
-<p>Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur
-darauf warteten einen Befehl auszuführen, einem
-Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen der
-Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu
-beschäftigen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen
-nach dem Befinden, dieses Studium der Speisen und
-Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle
-am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die
-gewohnt war das Essen als eine menschliche Unvollkommenheit
-der man leider genügen müsse, zu betrachten.
-Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte
-sich das ruhige, kalt denkende Mädchen auch der
-größten Pracht und dem ausgesuchtesten Raffinement
-gegenüber nicht.</p>
-
-<p>Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand
-des Studiums, weiter nichts.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen,
-was die Anderen genossen, war ihrer Seele fremd.
-Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in einem
-Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer
-Uebergangszeit befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt
-hatte, und zweifelte nicht daran, daß auch für
-sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe
-nach situirt sein würde.</p>
-
-<p>Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth
-derjenigen, die nicht das leisteten und wußten, was sie
-sich in bitteren Kämpfen errungen hatte.</p>
-
-<p>Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen
-Kampfe um das nackte Leben, sie beobachtete mit
-voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden
-unter den Armen.</p>
-
-<p>Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden
-mehrere an den Augen Verletzte in die Klinik, an
-der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt.
-Zerfetzt, entzündet, von Ruß und Qualm beschmutzt,
-hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln.</p>
-
-<p>Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich
-schon eine ziemlich selbständige Stellung errungen
-hatte, griff nach der Chloroformflasche, um den Verletzten
-zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte.</p>
-
-<p>Da wurde ihr das Medicament weggenommen
-und eine ärgerliche Stimme sagte: »Na Fräulein,
-Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker
-war kein Arbeiter, für den natürlich jede Hülfeleistung
-bezahlt worden wäre, sondern ein unbekannter
-Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert
-hatte.</p>
-
-<p>Und wie litt dieser Mensch! &ndash; Es war kaum
-anzusehen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da wurde in ihr der Entschluß fest, groß, berühmt
-und reich zu werden, um den Aermsten und Elendesten
-in ihrer Noth helfen zu können.</p>
-
-<p>Die Liebe blieb ihr fern in jeder Gestalt. Als
-sie die erste zögernde Anerkennung ihrer operativen
-Geschicklichkeit, die erste staunende Bewunderung ihrer
-sicheren Diagnose erfuhr, wurde ihr die rücksichtsvollste
-Achtung der Männer zu Theil. Sie hätte
-vielleicht jetzt noch einmal Gelegenheit finden können
-zu heirathen, so wie im Anfange ihrer Laufbahn,
-als der Cigarrenarbeiter für seinen Kameraden um
-sie warb.</p>
-
-<p>Aber sie dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Die
-<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-Männer waren ihr so uninteressant, so gleichgültig. &ndash;
-Die Collegen interessirten sie wohl als solche, aber
-nicht als Männer, keinen Gedanken hatte sie dafür
-übrig.</p>
-
-<p>So erwarb sie sich nach und nach einen geachteten
-Namen und ein weit über ihre Bedürfnisse hinaus
-gehendes Einkommen.</p>
-
-<p>Ob sie glücklich dabei war oder nicht, wußte niemand
-zu sagen, denn niemals sprach sie von sich
-selbst, sie hatte überhaupt gar keine Privatangelegenheiten.</p>
-
-
-<h3>III.</h3>
-
-<p>Otto Ehrhardt hatte bald nach Cäciliens Abreise
-das Diakonissenhaus, an dem er angestellt war, verlassen.</p>
-
-<p>Er bildete sich ein, die Oberin hätte die ihm vorgesetzten
-Aerzte gegen ihn eingenommen, aus Empfindlichkeit
-darüber, daß er ihrer Aufforderung nicht
-nachgekommen war und ihr seine Schwester Cäcilie
-nicht zugeführt hatte.</p>
-
-<p>In Wirklichkeit lag der Gräfin eine solche kleinliche
-Uebelnehmerei fern. Sie dachte gar nicht mehr
-an Cäcilie Ehrhardt, die sie niemals gesehen hatte,
-aber sie behandelte Otto geringschätzig, weil es ihrem
-scharfen erfahrenen Blicke nicht entging, daß der
-junge Mann für seinen Beruf nicht begabt war und
-auch kein intensives Streben besaß.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-Er witterte überall Intriguen, nahm es furchtbar
-übel, wenn bei einer wichtigen Operation ein jüngerer
-Assistent herangezogen wurde und versäumte dann
-aus Empfindlichkeit, wenigstens zuzusehen, um sich
-zu belehren. Eine gewisse natürliche Trägheit hinderte
-ihn, seine Studien fortzusetzen und sich den täglichen
-Fortschritten seiner Wissenschaft anzuschließen.</p>
-
-<p>So suchte ihn niemand zu halten, als er ging.
-Er miethete sich zwei hübsche Zimmer, annoncirte in
-den Zeitungen und verdiente am Ende so viel in
-seinen Sprechstunden, wie seine Garderobe ihn kostete.
-Mehr aber nicht.</p>
-
-<p>Keine einzige angesehene und zahlungsfähige Familie
-kam auf den Gedanken, ihn zum Hausarzt zu
-wählen. Er fing schließlich an, die Zeitungen durchzusuchen
-nach Annoncen, in denen Aerzte gesucht
-wurden, denen eine bestimmte Einnahme von vornherein
-zugesagt wurde. Er meldete sich überall, bekam
-auch oft Antwort, stets aber wünschte man &ndash;
-gewissermaßen als Zeugniß &ndash; ein empfehlendes Schreiben
-seiner früheren Vorgesetzten. Schließlich bemühte er
-sich um ein solches, aber es fiel so kühl und nichtssagend
-aus, daß es ihm wenig half.</p>
-
-<p>Mehr und mehr schmolz die kleine Summe zusammen,
-die ihn erhielt. Er sagte sich, daß die
-Berliner Wohnung ein zu großer Luxus für ihn sei,
-und ins Blaue hinein fuhr er nach einer kleinen
-Stadt, miethete sich im Hotel ein und annoncirte in
-der Zeitung.</p>
-
-<p>Es kamen arme Leute zu ihm und wollten Medicin
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-kaufen; man hielt ihn nach diesem Vorgehen
-nicht für einen richtigen Arzt, sondern für einen Verkäufer
-irgend welcher Geheimmittel. Die Aerzte in
-der Stadt, denen er seine Visite machte, erwiderten
-den Besuch nicht. Er fühlte, daß er nach diesem
-Anfang im Orte unmöglich sei. Nach acht Tagen
-kam kein Mensch mehr zu ihm.</p>
-
-<p>Kurz entschlossen setzte er sich ins Eisenbahncoupee
-und fuhr nach dem Rhein. In einer mittleren Stadt
-miethete er eine Wohnung, meldete sich ordnungsmäßig
-auf der Polizei an und annoncirte dann erst in der
-Zeitung. Man erwiderte seine Besuche. Ab und zu
-holte man ihn zu einem Kranken.</p>
-
-<p>Hätte er diesen Weg doch gleich eingeschlagen, als
-er noch zweitausend Mark besaß! Bis die verbraucht
-waren, hätte er sich hier durchgearbeitet. Schon jetzt,
-nach zwei Monaten verdiente er etwas, aber ach, das
-väterliche Erbe war verbraucht, er stand vor dem
-Nichts.</p>
-
-<p>Manchmal bezahlte man ihm eine Bemühung in
-der Sprechstunde oder einen Besuch, dann konnte er
-für einige Tage sein Mittagessen bezahlen, und der
-Wirth borgte wieder weiter. Jede kleine Einnahme
-legte er bei Seite, um am Anfang des Monats die
-Miethe entrichten zu können. Als dann aber der
-Zahlungstag kam, hatte er nur die Hälfte der erforderlichen
-Summe.</p>
-
-<p>Der Hauswirth war gutmüthig, er versprach zu
-warten, er erbot sich sogar, seinen Miether bei seinen
-Bekannten zu empfehlen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-Wirklich brachte diese Empfehlung ihm Nutzen, er
-wurde zu einer schweren Entbindung gerufen, bei der
-außer ihm noch ein anderer Arzt zugegen war.</p>
-
-<p>Drei Tage später war die Wöchnerin todt, das
-neugeborene Kind folgte ihr nach, und kein Mensch
-in der Stadt schob die Schuld auf den einheimischen
-Hausarzt der Familie, sondern jeder sah darin einen
-Beweis der Untüchtigkeit des unglücklichen Fremden.</p>
-
-<p>Der arme Ehrhardt konnte im Grunde genommen
-garnichts dafür. Eine Reihe unglücklicher Zufälle
-war zusammengetroffen; sein Hauswirth aber, außer
-sich darüber, daß er einen solchen Mann empfohlen
-hatte, kündigte seinem Miether zum nächsten Termin.</p>
-
-<p>Leerer und leerer wurde das Wartezimmer während
-der Sprechzeit. Ehrhardt verkaufte seine Uhr, um
-seine Miethe bezahlen zu können, als er auszog.</p>
-
-<p>Seinen Wohnungswechsel zeigte er in der Zeitung
-an und seinen Mittagstisch suchte er in der Nähe
-der neuen Wohnung. Der Restaurateur, bei dem er
-früher gegessen hatte, borgte nicht mehr.</p>
-
-<p>Wenn er doch jetzt in Berlin gewesen wäre, er
-hätte vielleicht in ein Hospital eintreten können,
-oder bei einem Professor. Wenigstens hätte er doch
-einige Bekannte gehabt, die ihm vielleicht etwas geborgt
-hätten, aber hier kannte er niemanden, alle Thüren
-blieben für ihn verschlossen.</p>
-
-<p>Es wurde Winter. Die Wirthin, bei der er jetzt
-wohnte, verlangte Vorschuß für Kohlen, sonst weigerte
-sie sich, sein Zimmer zu heizen. Er konnte doch
-seine Kranken nicht im Kalten empfangen und untersuchen;
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-so verkaufte er denn, was er entbehren konnte
-an Wäsche und Kleidungsstücken, und bezahlte Miethe
-und Kohlen.</p>
-
-<p>Ein Arbeiter, dem er einen Armbruch behandelt
-hatte, war ihm noch die Bezahlung schuldig. Er
-ging hin, fand den Mann im Bette und in der Behandlung
-eines anderen Arztes. Er hatte seinen
-Arm zu früh wieder gebraucht, die üblen Folgen davon
-aber schob er auf Doctor Ehrhardts falsche
-Behandlung, und die Frau wies diesem schimpfend
-die Thür.</p>
-
-<p>Wenn er etwas haben wolle, sollte er sie nur
-verklagen, der Doctor Brauer, den man jetzt hätte,
-der würde schon bezeugen, wie viel Schaden die Fehler
-der ersten ärztlichen Behandlung ihrem Manne gethan
-hätten.</p>
-
-<p>Ehrhardt war nicht in der Stimmung, irgend
-einen Menschen zu verklagen. Er lebte jetzt von der
-Hand in den Mund. Sein einziger Wunsch war,
-daß er früh in der Sprechstunde eine Mark einnähme,
-um mit der Hälfte davon sein Essen zu bezahlen und
-die andere in seine Wohnungskasse zu legen.</p>
-
-<p>Im Januar bekam er einen Steuerzettel, er sollte
-angeben, wie viel die Ausübung seines Berufes einbrächte,
-um nach Maaßgabe dieser Schätzung zu den
-gesetzlichen Abgaben herangezogen zu werden.</p>
-
-<p>Zuweilen dachte er an seine Schwester Cäcilie.
-Das freie Gewerbe, bei dessen Ausübung er beinah
-verhungerte, hatte sie so unwiderstehlich angezogen und
-gereizt. Sie sah in der Zulassung zu dieser Thätigkeit
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-ein geistiges Ideal. Wie fern war doch für ihn die Wirklichkeit
-von diesen phantastischen Mädchenträumen geblieben.
-Aber Cäcilie war ein Weib, wenn sie in Noth kam, so blieb
-ihr noch immer der Beruf einer Pflegerin, der ihr jede
-Stunde ein sicheres Brod geben konnte &ndash; er dagegen,
-er konnte doch nicht hingehen und Arbeiter werden.</p>
-
-<p>Er beneidete die Bergleute, die er früh nach ihren
-Schächten gehen sah. Sie hatten alle ihr sicheres
-Auskommen. Keiner hatte eine geringere Einnahme
-als drei Mark jeden Tag.</p>
-
-<p>Er hatte dagegen momentan nichts. Wohl sagte
-er sich, daß es mit der Zeit wieder anders und besser
-werden würde; nach und nach würde er bekannt
-werden und eine Stellung erringen, genau so wie
-alle seine Collegen am Ort. Er mußte nur warten &ndash;
-aber er konnte nicht warten. Man muß doch leben,
-während man wartet, und er hatte nichts, wovon er
-hätte leben können.</p>
-
-<p>Die Redaction einer medicinischen Zeitschrift
-schickte ihm eine Abonnementseinladung und ein Probeheft
-ihres Blattes. Mechanisch las er es durch.
-Unter den Notizen am Schluß fand er die Nachricht,
-daß Dr. Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende
-junge Aerztin, nach mehreren glänzend
-ausgeführten Operationen an der großen Augen-Klinik
-der Universität Boston mit festem Gehalt als
-Assistentin angestellt sei.</p>
-
-<p>Das Blatt fügte noch hinzu, daß diese Anstellung
-der Dame Zeit genug lasse, ihre schon jetzt bedeutende
-Privatpraxis ausüben zu können.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-Cäcilie! Also wirklich, sie hatte sich durchgearbeitet
-und hatte studirt mit derselben Summe, die
-ihm zugefallen war, als seine Studien vollendet
-waren und er sich nur noch eine Praxis zu suchen
-brauchte.</p>
-
-<p>War es nicht eigentlich eine Schmach, daß er sich
-jetzt hinsetzte, um an sie zu schreiben und sie um
-Unterstützung zu bitten?</p>
-
-<p>Zum Teufel auch, daran war er doch nicht schuld!
-Cäcilie wußte ja auch, daß in Deutschland der Beruf
-überfüllt war. Sie sollte ihm Reisegeld schicken,
-vielleicht fand sich auch für ihn in Amerika noch ein
-Wirkungskreis, der nur auf ihn harrte.</p>
-
-<p>Rasch entschlossen schrieb er den Brief, gar nicht
-sehr sentimental, eher mit einem bitteren Humor
-gewürzt und schickte ihn ab.</p>
-
-<p>Er überlegte, daß bis zum Eintreffen der Antwort
-aus Amerika mindestens drei Wochen vergehen
-würden, selbst wenn die Schwester sofort antwortete
-und sofort half.</p>
-
-<p>Drei Wochen &ndash; wie sollte er leben, wie sollte
-er drei Wochen noch warten! Er besaß nichts mehr,
-es gab keinen Ausweg mehr als den, sich an die
-öffentliche Wohlthätigkeit zu wenden. Es gab doch
-Kassen, die dazu da waren, einen vollständig verarmten
-Menschen vor dem Hungertode zu schützen.</p>
-
-<p>Mechanisch griff er noch einmal nach dem Zeitungsblatt,
-das die Notiz über Cäcilie enthielt. Ihr ging
-es also gut, nach deutschen Begriffen vielleicht glänzend
-und er &ndash; er wollte jetzt betteln.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-Er sagte das Wort ganz laut vor sich hin, um
-sich an den Klang zu gewöhnen: &ndash; »Betteln, betteln.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein letzter innerer Kampf tobte durch seine Seele.
-Der ganze Hochmuth seines Wesens, die ganzen Prinzipien
-seiner Erziehung empörten sich in ihm, aber die
-Ueberlegung siegte, es blieb ihm nichts anderes übrig
-&ndash;&nbsp;&ndash; doch &ndash; eine Rettung &ndash; fast wäre er im
-Gebet niedergesunken vor Dankbarkeit und Freude
-über diesen Gedanken.</p>
-
-<p>Er brauchte nicht zu betteln, noch nicht. &ndash; Es war
-ja doch möglich, daß ein College ihm auf diese
-Zeitungsnotiz hin eine kleine Summe leihen würde,
-wenn er nachwies, daß er sich um Unterstützung an
-die zahlungsfähige Schwester gewendet hatte.</p>
-
-<p>Beinah leichten Herzens ging er aus, um diese
-Hilfe zu suchen.</p>
-
-<p>Bald darauf stand er vor dem städtischen Kreisphysikus
-und trug diesem sein Anliegen vor.</p>
-
-<p>Der ältere College war ein wohlwollender Mann,
-der in auskömmlichen Verhältnissen lebte. Er hatte
-aber zahlreiche Kinder, so daß er von seinen Einnahmen
-nichts übrig hatte. Grade in der letzten Zeit hatte
-er allerlei unvorhergesehene Ausgaben gehabt und so
-gern wie er der Noth des jungen Mannes abgeholfen
-hätte, sah er sich doch dazu nicht im Stande.</p>
-
-<p>Es war ein entsetzlich peinlicher Augenblick für
-den Bittenden, das kühle ablehnende Achselzucken hinnehmen
-zu müssen, mit dem der vorsichtige Familienvater
-es ablehnte, sein Geld auf eine so unsichere Chance
-wie diese amerikanische Unterstützung hin, auszuleihen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-Als Otto Ehrhardt wieder auf der Straße stand,
-ohne einen Pfennig erhalten zu haben, sagte er, fast
-ohne es zu wissen, wieder das furchtbare Wort vor
-sich hin: »Betteln &ndash; betteln«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dann ging er weiter. Er suchte jetzt einen
-unverheiratheten Arzt auf, der gleichfalls für bequem
-situirt galt. Als er sein Anliegen vorgetragen hatte,
-lachte der etwas cynisch angelegte Junggeselle laut auf.</p>
-
-<p>»Was &ndash; auf einen weiblichen Concurrenten hin
-soll ich Ihnen Kredit geben?«</p>
-
-<p>»Wie denn nun, wenn Fräulein Doctor Cäcilie
-als echtes Weib es vorzieht, ihre Honorare in Toiletten
-und Brillanten anzulegen? Glauben Sie denn wirklich,
-bester Ehrhardt, daß diese europamüde junge Dame
-sich für Geld und gute Worte einen Bruder zu ihrem
-Schutze verschreiben wird, der«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Sie kann doch ihren Bruder nicht verhungern
-lassen«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Fast schluchzend unterbrach der Unglückliche die
-lebhafte Rede des als Weiberfeind bekannten Collegen.
-Er wußte ja ganz genau, daß Dr. Brauer die
-weiblichen Aerzte als Halbverrückte verachtete &ndash; aber
-darauf kam es doch in diesem Augenblicke nicht an,
-wenn er nur gab &ndash; gab&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ganz verblüfft starrte Brauer seinen Besuch an.
-»Aber, Herr College &ndash; verhungern, was für ein
-Ausdruck, wahrhaftig«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er lachte gezwungen, aber es wurde ihm äußerst
-unbehaglich, als er den verzweifelten Ausdruck in
-dem bleichen Gesichte des Anderen sah.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-»Wenn ich noch einen Groschen hätte, so würde
-ich nicht« &ndash; er stockte, und dann mit grellem Lachen,
-auf einmal stieß er das Wort aus. »Betteln,« er schrie
-es förmlich dem Arzte in die Ohren: »betteln, betteln«;
-es war ihm wie eine Erleichterung in seiner Folterqual,
-als er es selbst hörte, dieses harte, entsetzliche
-Wort.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er &ndash; bettelte.</p>
-
-<p>Dr. Brauer war außerordentlich unangenehm
-berührt. Eigentlich hatte er dem Collegen sagen
-wollen, was schon der Kreisphysikus gesagt hatte,
-daß man etwas für ihn thun werde, ihm Beschäftigung
-verschaffen, sich erkundigen, über die Sache sprechen,
-aber jetzt &ndash; der Mensch machte ihm ja eine Scene,
-er bettelte ihn an, da war alles collegiale Entgegenkommen
-unmöglich &ndash; und wie er aussah, wie ein
-Irrsinniger, man konnte ihn vielleicht gar nicht beschäftigen.
-&ndash; Dr. Brauer empfand nur noch den
-lebhaften Wunsch, den lästigen Besucher los zu werden.</p>
-
-<p>»Nun, ich will Ihnen wünschen, daß Ihr Fräulein
-Schwester Sie aus der Verlegenheit rettet, in der
-Sie sich befinden,« sagte er. Dann schloß er sein
-Pult auf, nahm Geld heraus und drückte Ehrhardt
-zwei Goldstücke in die Hand.</p>
-
-<p>Ohne danken zu können, wie ein Betrunkener
-taumelte der Beschenkte aus dem Zimmer. Er fühlte,
-daß Thränen ihm heiß in die Augen traten, Brust
-und Hals waren ihm wie zugeschnürt. Erst auf der
-Straße fand er seine Besinnung wieder. In seiner
-krampfhaft geschlossenen Hand befand sich ja Geld,
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-nun konnte er warten &ndash; auf Rettung, auf Erlösung
-warten.</p>
-
-<p>Er war in der nächsten Zeit nicht im Stande,
-sich mit irgend etwas zu beschäftigen. Er wartete
-nur, zählte täglich, stündlich, wie viel Geld er noch
-hatte, berechnete, wie weit es noch reichen würde
-und wartete im Uebrigen mit unermüdlicher Geduld.</p>
-
-<p>Es war doch ganz unmöglich, daß die auf Cäcilie
-gesetzte Hoffnung ihn täuschen sollte. Er erinnerte
-sich an die gemeinsam mit der Schwester verlebte
-Kindheit im Elternhause. Gutmüthig war Cäcilie
-nie gewesen, aber sie hatte ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl.
-Wer ganz elend und hülflos war,
-dem strebte sie zu helfen, ohne auf die Schuldfrage
-des Unglücklichen einzugehn.</p>
-
-<p>Nun erfuhr sie, daß er ganz arm, ganz elend
-war. Nach seinem Verschulden würde sie sich vielleicht
-später erkundigen, aber zunächst würde sie helfen.
-Immer fester redete er sich das ein, immer gewisser
-rechnete er darauf.</p>
-
-<p>So verging die Zeit, und das Darlehn des Dr.
-Brauer schmolz zusammen.</p>
-
-<p>Schließlich erkannte der Wartende, daß er, selbst
-wenn er nur noch von Brod lebte, doch höchstens noch
-fünf Tage warten könne.</p>
-
-<p>Auf der Post kannten ihn schon alle Beamten.
-In Zwischenräumen von wenigen Stunden kam er
-täglich mehrmals, um zu fragen, ob kein Brief für
-ihn da sei.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-Er klammerte sich an die letzte Hoffnung des
-Lebens, er wollte nicht untergehn.</p>
-
-<p>Und dann kam der Tag, an dem die letzte Brodrinde
-verzehrt, der letzte Pfennig verausgabt war.
-Er hatte mehrmals an Cäcilie geschrieben, sie hätte
-längst antworten können, wenn sie seine Briefe erhalten
-hätte.</p>
-
-<p>Aus der Zeitungsnotiz, die ihm Kunde von der
-Schwester gebracht hatte, ging nur sehr ungenau deren
-Adresse hervor. Er hatte bei der Redaction angefragt,
-man hatte ihm Auskunft versprochen, aber diese Auskunft
-war noch nicht eingetroffen. Und jetzt war das
-Ende da, er stand vor dem Nichts.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In dumpfer Verzweiflung saß er in seinem Sprechzimmer
-und wartete auf den Postboten. Auf Patienten
-zu warten, hatte er längst aufgegeben.</p>
-
-<p>Es war aus mit ihm, er mußte es fassen, wenn
-er auch das Leben liebte, sich mit der ganzen Kraft
-seiner Jugend an das Leben zu klammern suchte, es
-war doch aus, da war nichts mehr zu machen.</p>
-
-<p>Aber hier, in der unbehaglichen kalten Stube
-konnte er nicht bleiben. Er wollte sein Ende
-suchen, aber doch nicht hier.</p>
-
-<p>Ein Verlangen nach frischer Luft, nach der weiten
-freien Natur erfüllte ihn plötzlich. So erhob er sich,
-setzte seinen Hut auf und ging hinaus. Er besaß
-schon lange keinen Ueberzieher mehr, und dabei war
-es empfindlich kalt. So schritt er rasch vorwärts aus
-der Stadt hinaus, immer weiter ins Freie. Die
-starke Bewegung machte ihn warm. Er ging durch
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-einen vom Rauhfrost glitzernden Forst. Es war eine
-Stille unter den weißen Bäumen, wie tief in der
-Nacht. Die Sonne schimmerte und sprühte in all
-den feenhaften Gebilden, die den Wald erfüllten.
-Da hing ein Spinnennetz zwischen den Zweigen; wie
-aus leuchtenden Seidenfäden schien es gestickt, mit
-Brillantstaub bestreut. Alle Contouren waren gröber
-als sonst und dadurch erst voll erkennbar in der
-wunderbaren Schönheit ihrer Linien. Und keiner
-Linie konnte man folgen; das Funkeln und Leuchten
-der weißen glitzernden Crystalle that den Augen weh,
-verwirrte und blendete wie die nackte Schönheit eines
-menschlichen Leibes.</p>
-
-<p>Als es dunkel wurde, kehrte er langsam zurück
-in die Stadt. Der lange Spaziergang in der frischen
-Winterluft hatte ihn hungrig gemacht, der kurze Tag
-ging zu Ende, man zündete in den Straßen die
-Laternen an. Ehrhardt erinnerte sich, daß er heute
-überhaupt noch nichts gegessen hatte. Er besaß kein
-Geld mehr, zum ersten Male stand er vor dem Hunger.</p>
-
-<p>Er hatte nichts mehr, was er versetzen, was er
-entbehren konnte. Nichts &ndash;&nbsp;&ndash; er besann sich, doch,
-ein weiches seidenes Halstuch. Er hielt darauf, weil
-er sehr empfindlich gegen Wind war, aber der Hunger
-fiel ihn an wie ein Fieber. Er war ja doch ein
-Bettler, wozu brauchte er da noch einen Luxusgegenstand,
-ein Stück, das geradezu elegant war!</p>
-
-<p>Rasch entschlossen trat er in einen kleinen Laden
-und verkaufte für zwei Mark das Tuch, welches das
-Sechsfache gekostet hatte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-Nun hätte er essen können; aber wie er aus dem
-engen heißen Laden des Althändlers herauskam, traf
-ein scharfer Windstoß seinen Nacken, dem das warme
-Tuch fehlte, so daß die Kälte ihn durchschauerte bis
-ins Mark.</p>
-
-<p>Einige Arbeiter kamen sichtlich heiter mit tief gerötheten
-Gesichtern aus einem Keller, an dem er
-vorbeiging. Heiße mit Spiritusgeruch erfüllte Luft
-strömte aus der Thür, die sie hinter sich schlossen.</p>
-
-<p>Ein Schüttelfrost, der die Glieder des Arztes erfaßte,
-zwang ihn, in die Destillation einzutreten. Man
-gab ihm ein Glas Schnaps, so groß wie er es noch
-nie getrunken hatte; es war dabei so lächerlich billig,
-daß er sich versucht fühlte, ein Trinkgeld zu geben;
-aber er sah noch rechtzeitig, daß niemand das that
-und unterließ es.</p>
-
-<p>Der Schnaps erwärmte ihn und beseitigte das
-Gefühl des Hungers. Er überlegte, daß er ja nun
-das Geld, mit dem er seinen Hunger hatte stillen
-wollen, anderweitig verwenden könnte. Rasch entschlossen
-trat er in eine Apotheke und kaufte ein
-Medicament.</p>
-
-<p>Es blieben ihm noch einige kleine Münzen, die
-er krampfhaft in der Hand hielt.</p>
-
-<p>Halb bewußtlos kehrte er in die Destille zurück
-und forderte noch einmal Schnaps. Er trank, bis
-der letzte Groschen, den er in der Hand hielt, vertrunken
-war.</p>
-
-<p>Dann besaß er noch Klarheit genug, um sich zu
-sagen, daß er, ohne die Aufmerksamkeit der Leute
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-auf sich zu lenken, nach seiner Wohnung gelangen
-müßte.</p>
-
-<p>Er ging scheinbar energisch und sicher geradeaus.</p>
-
-<p>Zuweilen hatte er aber das Gefühl, als weiche
-der Boden unter seinen Füßen zurück, so daß er in
-tiefe Löcher treten müßte. Dann hielt er sich ängstlich
-an der Mauer fest, wartete einen Augenblick und
-hastete weiter.</p>
-
-<p>Die Vorübergehenden sahen sich zuweilen nach
-ihm um, dann empfand er etwas wie Furcht und
-strebte weiter.</p>
-
-<p>So gelangte er schließlich in seine Wohnung. An
-der Schwelle seines dürftigen Zimmers empfing ihn
-seine Wirthin, die Wittwe Lorbeer.</p>
-
-<p>»Morgen ist der Erste, Herr Doctor. Da man
-von Ihnen doch wohl keine Miethe mehr bekommen
-wird, so habe ich die Wohnung an einen anderen
-Herrn vermiethet, das wollte ich Ihnen nur sagen,
-Herr Doctor.«</p>
-
-<p>Otto Ehrhardt lachte. »So, so! Sie haben schon
-wieder vermiethet? Nun, das freut mich,« sagte er.</p>
-
-<p>Die Frau starrte ihn ganz entsetzt an. »Herr
-Du meines Lebens, nun betrinkt sich der Mensch
-wohl noch gar,« zeterte sie. »Morgen Mittag um
-zwölf muß die Stube geräumt sein, ich will anständige
-Miether haben. Mit Leuten, die sich betrinken,
-habe ich nichts zu thun, das merken Sie sich.«</p>
-
-<p>Er steckte die Hände in die Taschen und stellte
-sich behaglich lachend vor das erboste Weib. »Ja,
-sehn Sie mal Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache,«
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-begann er &ndash; »so gewissermaßen ein Wettlauf« &ndash;
-»Schlafen Sie Ihren Rausch aus und dann packen
-Sie sich,« schrie die Wittwe.</p>
-
-<p>Der grelle Ton, der Anblick des Zimmers, in
-dem er alle Qualen des hoffnungslosen Wartens
-durchlebt hatte, ernüchterten ihn plötzlich.</p>
-
-<p>»Ich bin nicht betrunken,« sagte er leise.</p>
-
-<p>Die Frau sah ihn mißtrauisch an und schwieg.</p>
-
-<p>»Also, wie Sie wollen, ich zieh' morgen aus,
-wenn Sie Unkosten davon haben sollten, so wenden
-Sie sich an meine Schwester, das wollte ich Ihnen
-noch sagen.«</p>
-
-<p>Die Wirthsfrau wurde aufmerksam.</p>
-
-<p>»Ach, die Frau Schwester will wohl etwas für
-Sie thun, Herr Doctor? Warum haben Sie mir
-denn nicht gesagt, daß Sie noch Verwandte haben?«</p>
-
-<p>»Hier ist die Adresse meiner Schwester.«</p>
-
-<p>Er reichte der Frau ein Blatt Papier und sank
-müde auf einen Stuhl.</p>
-
-<p>»Ich kann's nicht lesen ohne Brille, aber sagen
-Sie mir doch, wo Ihre Schwester lebt &ndash; und was
-ist denn der Herr Schwager, wenn man fragen darf?«</p>
-
-<p>Er achtete nicht auf die Fragen der Frau. Mit
-halbgeschlossenen Augen lehnte er sich hintenüber und
-sprach leise und eintönig vor sich hin.</p>
-
-<p>»Der Vater stirbt, und die Kinder müssen den
-Kampf mit dem Leben aufnehmen. Beide haben die
-gleichen, dürftigen Mittel, womit sie durchkommen
-sollen. Der Mann hat einen Vorsprung, einen bedeutenden
-Vorsprung.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-Der Kampf beginnt &ndash; aber die Kraft und den
-Muth und die Ausdauer hat das Weib. Der Vorsprung
-nützt dem Manne nichts &ndash; sie überholt ihn doch.</p>
-
-<p>Sie siegt &ndash; sie siegt, sie erreicht das Ziel. Als
-ein Bettler sinkt ihr der Bruder zu Füßen und fleht
-um Erbarmen. Sie aber, die Schwester, das siegreiche,
-emancipirte Mannweib, stößt den Flehenden von sich.
-Er stürzt, und über seine Leiche schreitet die &ndash;&nbsp;&ndash;
-die Concurrentin, Fräulein Doctor Cäcilie Erhardt.«</p>
-
-<p>Er schwieg. Frau Lorbeer aber war felsenfest
-überzeugt, daß ihr Zimmerherr trotz seiner gegentheiligen
-Behauptung betrunken sei.</p>
-
-<p>Das, was er da erzählt hatte, war doch keine vernünftige
-Auskunft über eine, möglicherweise zahlungsfähige
-Verwandtschaft.</p>
-
-<p>Kopfschüttelnd verließ die Vermietherin das
-Zimmer. Es gereichte ihr aber zur großen Beruhigung,
-daß sie bald darauf hörte, wie Otto Ehrhardt
-zu Bett ging. Ein Blick auf die Thürritze überzeugte
-sie auch, daß er das Licht ausgelöscht hatte.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen wunderte sie sich durchaus
-nicht, daß er bis in den hellen Tag hinein schlief.
-Sie wußte ja, daß er am Abend vorher ein Glas
-über den Durst getrunken hatte.</p>
-
-<p>Gegen Mittag erschien der Geldbriefträger und
-verlangte Herrn Dr. Erhardt zu sprechen.</p>
-
-<p>Die Lorbeer entschloß sich nun, ihren Miether zu
-wecken. Alles Klopfen und Pochen an der Thür war
-jedoch vergeblich. Zweifelnd sahen die Frau und
-der Beamte sich an.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-»Was meinen Sie, Lorbeern, das Zimmerschloß
-ist nicht viel werth?«</p>
-
-<p>»In Gottes Namen, drücken Sie's ein, er hat
-mir ja gesagt, daß seine Schwester die Kosten bezahlt,
-wenn was nöthig sein sollte,« sagte die Frau.</p>
-
-<p>»Na, dann wird das wohl die Schwester sein,
-die das Geld schickt,« meinte der Briefbote, »seh'n
-Sie mal, das kommt hier nämlich aus Amerika, vierhundert
-Mark &ndash; was sagen Sie dazu, Lorbeern?«</p>
-
-<p>»Schnell, brechen Sie die Thür auf, ich weiß,
-wie nöthig er es braucht, wird das eine Freude sein!«</p>
-
-<p>Mit einem einzigen Druck sprengte der Briefträger
-den schwachen Thürriegel.</p>
-
-<p>Frau Lorbeer stürzte auf das Bett ihres Zimmerherrn
-los, fuhr aber mit einem gellenden Aufschrei
-zurück.</p>
-
-<p>Bläulich geschwollen und entstellt lag da eine
-Leiche, die alle Spuren einer Vergiftung aufwies.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die an den Todten adressirte Geldsumme wurde
-von den Collegen desselben zur Beerdigung verwendet.
-Als Absenderin auf dem Postabschnitt aber lasen die
-Herren einen Namen, der ihnen bis dahin unbekannt
-geblieben war. Nur Doctor Brauer wußte eine
-Erklärung darüber zu geben. Der Name lautete:
-»Doctor Cäcilie Erhardt. Boston &ndash; Amerika.«</p>
-
-<div class="nopb">
-<p class="ce mt2"><span class="ge">Ende!</span></p>
-
-<p class="ce mt2 fsxs">Druck von A. Klarbaum, Berlin SO.&nbsp;26.</p>
-</div>
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Der Schmutztitel "Morphium" wurde an den Beginn des ersten Kapitels
-verschoben. Das Inhaltsverzeichnis und das Portrait der Autorin,
-die im Original hinter dem Schmutztitel stehen, wurden hinter die Titelseite
-verschoben. </p>
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
-Darstellung abweichender Schriftarten: <span class="ge">gesperrt</span>.
-Römische Zahlen sowie der Titel "Dr.",
-die abweichend in Antiqua gesetzt sind, wurden in der Transkription nicht
-gesondert gekennzeichnet.</p>
-
-<p class="in0">Das schließende Komma in wörtlicher Rede wurde einheitlich
-an die Position vor dem Abführungszeichen gebracht.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"Brod" &ndash; "Brot", "danach" &ndash; "darnach, "Doctor" &ndash; "Doktor",
-"erwiderte" &ndash; "erwiederte", "gerade" &ndash; "grade",
-"tödlich" &ndash; "tödtlich" &ndash; "tötlich",</p>
-
-<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">im Inhaltsverzeichnis:<br />
-"150" geändert in "159"<br />
-(Doctor Cäcilie......159)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_003">3</a>:<br />
-"Freidhofes" geändert in "Friedhofes"<br />
-(um die Abfälle des Friedhofes dahin zu bringen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen Moden,«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br />
-"nneigennütziger" geändert in "uneigennütziger"<br />
-(In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige Leiter)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_012">12</a>:<br />
-"sie" geändert in "Sie"<br />
-(so wissen Sie auch, daß die Koketterie)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_012">12</a>:<br />
-"Ihrer" geändert in "ihrer"<br />
-(Nur Verurtheilung ihrer Leidenschaft)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_013">13</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(der jedes Laster fremd wäre.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_013">13</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(unter der Haut wie Sand, ein angstvolles Unbehagen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_014">14</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-( es wird mir schon wieder wohl &ndash; sehr wohl.&nbsp;&ndash;«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_014">14</a>:<br />
-"Genußes" geändert in "Genusses"<br />
-(die Steigerung des Genusses!&nbsp;&ndash;)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_014">14</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Ein Buch?« &ndash; Sie nahm alle Willenskraft zusammen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_014">14</a>:<br />
-"Leidens genossen" geändert in "Leidensgenossen"<br />
-(mit all ihren Leidensgenossen theilte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(allerdings meine jetzige Stellung verlassen.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br />
-"ihrem" geändert in "Ihrem"<br />
-(»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb lachen Sie?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br />
-"»" und "«" eingefügt<br />
-(»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer werden?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(das Werk seines ehemaligen Assistenten lesen wird.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br />
-"«" entfernt hinter "feierlich."<br />
-(sagte er nun beinahe feierlich.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_020">20</a>:<br />
-"sympatisch" geändert in "sympathisch"<br />
-(Ihre Anmuth und Grazie berührten ihn sympathisch)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_021">21</a>:<br />
-"nud" geändert in "und"<br />
-(an Turnaus Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_023">23</a>:<br />
-"sie" geändert in "Sie"<br />
-(»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_025">25</a>:<br />
-"eintreten" geändert in "eingetreten"<br />
-(behaglichen Ruhestand der Privatpraxis eingetreten)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_027">27</a>:<br />
-"Sohue" geändert in "Sohne"<br />
-(ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_027">27</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(an ihre weiche volle Wange, dann entfernten sich)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_028">28</a>:<br />
-"habeu" geändert in "haben"<br />
-(ich glaube, wir haben da einen glücklichen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_030">30</a>:<br />
-"ewas" geändert in "etwas"<br />
-(wurden ihre Bewegungen etwas fester)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_031">31</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(werden für den Augenblick genügen.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_035">35</a>:<br />
-"«" entfernt hinter "Geheimräthin,"<br />
-(Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_038">38</a>:<br />
-"sie" geändert in "Sie"<br />
-(gehen Sie an die Fensterscheibe)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_039">39</a>:<br />
-"einen" geändert in "einem"<br />
-(was irgend einem Menschen in der Welt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_039">39</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Außer in Apotheken wird das Morphium)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_044">44</a>:<br />
-"du" geändert in "Du"<br />
-(einen so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br />
-"ein" geändert in "eine"<br />
-(eine krankhafte Leidenschaft concentrirte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br />
-"Gebennedeiete«," geändert in "Gebenedeiete,«"<br />
-(»Gieb es mir, Gebenedeiete,« flehte sie)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_048">48/49</a>:<br />
-"außer dem" geändert in "außerdem"<br />
-(und bin außerdem dem Morphinismus ergeben)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_051">51</a>:<br />
-":" eingefügt<br />
-(wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br />
-"»" entfernt vor "Turnau"<br />
-(Turnau trat an den Tisch heran.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_066">66</a>:<br />
-"Gefährten" geändert in "Gefährtin"<br />
-(unter der fröhlichen treuen Gefährtin)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_070">70</a>:<br />
-"auf" geändert in "aufs"<br />
-(höhnte der aufs äußerste gereizte Mann)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_074">74</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(Mein Morphium, mein ganzer Vorrath)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_075">75</a>:<br />
-"den" geändert in "dem"<br />
-(nach dem er durchaus nicht verlangte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_079">79</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(so scharf, so spitz)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_080">80</a>:<br />
-"zuerlangen" geändert in "zu erlangen"<br />
-(um sie wieder zu erlangen, muß man)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_086">86</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(Herr Professor erklären Sie doch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br />
-"Fäulein" geändert in "Fräulein"<br />
-(rief das Fräulein ihr nach)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br />
-"uud" geändert in "und"<br />
-(erreichte die Thür und stürzte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_091">91</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_093">93</a>:<br />
-"du" geändert in "Du"<br />
-(wenn Du es auch innerlich bist)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_094">94</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(»Und schadet niemand?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_098">98</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_110">110</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_113">113</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(habe hier nebenan zu thun.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_114">114</a>:<br />
-"«" und "»" eingefügt<br />
-(wer für sie bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_120">120</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_120">120</a>:<br />
-"»" entfernt vor "Wissen"<br />
-(Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_124">124</a>:<br />
-"zulassen" geändert in "zu lassen"<br />
-(zu Theil werden zu lassen, damit sie)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_124">124</a>:<br />
-"in der Jetzt" geändert in "jetzt"<br />
-(bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_127">127</a>:<br />
-";" geändert in ",", "«" entfernt hinter "ärgerlich."<br />
-(diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich.</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_129">129</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(die inneren Organe, die alle mißgestaltet)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_133">133</a>:<br />
-"«" und "»" eingefügt<br />
-(Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_139">139</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_140">140</a>:<br />
-"," geändert in "?"<br />
-(»Lebte das Kind?« hauchte sie)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_144">144</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(er wich allen Vergnügungen, besonders solchen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_148">148</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_149">149</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(sagte er, »oft erinnert man sich besser)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_152">152</a>:<br />
-"«" entfernt hinter "ein."<br />
-(warf das junge Mädchen ein.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_157">157</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_165">165</a>:<br />
-"lebend" geändert in "leben"<br />
-(sie muß sehr zurückgezogen leben.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_165">165</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_167">167</a>:<br />
-"," geändert in "."<br />
-(etwas Anderes &ndash; etwas Höheres. Das konnte sie jetzt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_171">171</a>:<br />
-"«" entfernt hinter "Seite."<br />
-(arbeite als Schwester an meiner Seite. Gieb mir)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_172">172</a>:<br />
-Absatz entfernt vor "»Also"<br />
-(spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_173">173</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(begann er langsam, »hat)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_175">175</a>:<br />
-"," geändert in "."<br />
-(»Und ich?« fragte er. »Ich)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_176">176</a>:<br />
-"hönisch" geändert in "höhnisch"<br />
-(Sie lachte höhnisch auf.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_186">186</a>:<br />
-"begründete" geändert in "begründeten"<br />
-(die darauf begründeten Zukunftshoffnungen sind)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_198">198</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(Dr. Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende junge Aerztin)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_202">202</a>:<br />
-"." eingefügt, "," eingefügt<br />
-(stieß er das Wort aus. »Betteln«, er schrie es)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_207">207</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache,«)</p>
-
-<hr />
-
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MORPHIUM ***</div>
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-</div>
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-Defect you cause.
-</div>
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</body>
-</html>
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