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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Morphium - Novellen - -Author: Adine Gemberg - -Release Date: February 01, 2021 [eBook #64442] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This book was produced from images made - available by the HathiTrust Digital Library.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MORPHIUM *** - - - - - Morphium. - - - Novellen - - von - - Adine Gemberg. - - - [Illustration: Decoration] - - - Berlin. - - S. Fischer, Verlag. - - 1895. - - - - -Inhalt: - - - Seite - - Morphium 3 - - Nach dem Tode 103 - - Doctor Cäcilie 159 - -[Illustration: Decoration] - - - - -[Illustration: Adine Gemberg.] - - - - -Morphium. - -[Illustration: Decoration] - - -[Illustration] - -In einer Ecke des städtischen Kirchhofes war großer Kehraus. -Zusammengethürmt lagen dort welke Kränze und Palmen, alle gleichmäßig -graubraun, als wären sie nie bunt und farbenprächtig gewesen. Hie und -da sah das schmutzige Ende einer Atlasschleife oder eine schwarz gewordene -Goldfranze aus dem Gewirr hervor. Alte Weiber mit braunen, welken Armen und -häßlichen, gleichgültigen Gesichtern stachen mit Mistgabeln hinein -in den Haufen ehemaliger Gaben der Pietät, oder vielleicht auch nur der -Convenienz. Gedankenlos schleuderten sie die Kränze auf einen Karren, und -ein altes, blindes Pferd humpelte mühsam damit fort, um die Abfälle -des Friedhofes dahin zu bringen, wo aller Müll und Schutt aus der Stadt -abgeladen wurde. - -Mariä Himmelfahrt stand vor der Thür; deshalb war es nothwendig, den -Kirchhof frei und sauber zu machen für die Aufnahme neuer Liebesgaben, -neuer Kränze, neuer Palmen. - -»Gelobt sei'st du Maria,« sagte eines der alten Weiber und riß die -braune Guirlande von dem Steinbilde der heiligen Jungfrau los, um sie zu -den übrigen Kränzen zu werfen. - -»Und gebenedeiet in Ewigkeit, Amen,« fügte die andere Alte hinzu. - -Dann grüßten sie beide ehrerbietig und traten zur Seite, um zwei Nonnen -Platz zu machen, die mit Blumen und Kerzen erschienen, das Bild der -Himmelskönigin zum Feste zu schmücken. - -Die Schwestern beugten die Kniee vor der roh gearbeiteten Statue und -begannen darauf, sie so freundlich und farbig wie möglich heraus zu -putzen. - -Eine schlanke, bleiche Dame in eleganter Sommertoilette betrat den -Kirchhof. Sie grüßte das Marienbild und dann die Schwestern. »Zünden -Sie auch für mich eine Kerze an,« sagte sie näher tretend und drückte -ein Geldstück in die Hand einer der Nonnen. Darauf nickte sie den -Schwestern zu und ging langsam nach der Reihe der Erbbegräbnisse. - -Neugierig näherten sich die beiden alten Arbeiterinnen dem Gnadenbilde. -»Was mag denn die Frau Geheimräthin für Kummer haben, daß sie eine -Kerze opfert,« begann die Eine. - -»Wer weiß denn, ob es wegen einer Fürbitte ist; so reiche Leute haben -der Allerheiligsten nur zu danken und können nicht genug danken, wenn sie -auch alle Tage zehn Kerzen opfern wollten,« meinte die Andere. - -»Es ist wohl nur eine Festgabe zu morgen, die Geheimräthin Bremer ist -eine liebe, gläubige Seele,« sagte die ältere der beiden Schwestern. - -»Nicht einmal Kränze hat sie mitgebracht für die Gräber ihrer Eltern,« -bemerkte wieder die Alte, der die freundliche Äußerung der frommen -Schwester durchaus nicht zu gefallen schien. - -»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen Moden,« stimmte die -andere Alte ihr bei, »fromm nennt man sie doch, wenn sie auch viel weniger -thun als Andere, denen es sauer genug wird.« - -»Die Fürsprache der Heiligen ist mehr werth als Gaben und Opfer,« -verwies die jüngere der beiden Nonnen in strengem Tone. Darauf verließ -sie mit ihrer Gefährtin den Kirchhof. - -Die alten Weiber rafften mit ihren Mistgabeln eine zweite Karre voller -Kränze zusammen; die Geheimräthin Bremer ging an ihnen vorbei und ließ -sich müde und langsam auf einer kleinen Bank nieder, die zur Seite von -zwei, mit schwarzen Granitplatten gedeckten Gräbern aufgestellt war. - -»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« -- Mit Goldbuchstaben war -dieser Spruch in die glänzend schwarze Steinplatte eingemeißelt. Als -unbesoldeter Stadtrath hatte der Mann, dessen Leib hier ruht, gewirkt. -In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige Leiter eines großen -industriellen Unternehmens seine Arbeitskraft in die Dienste seiner -Mitbürger gestellt, nachdem er die eigenen Geschäfte in die Hände -seines Sohnes gelegt hatte. Als er dann heimging, um an der Seite seiner -vorangegangenen Gattin von den Werken des Lebens auszuruhen, erfuhr man, -daß er in seinem Testamente fast alle wohlthätigen Anstalten seiner -Vaterstadt mit Legaten bedacht hatte. Nun hatten ihm die dankbaren -Mitbürger den Denkstein gesetzt, auf dessen flimmernder Schrift die Blicke -der einzigen Tochter sinnend ruhten. Die untergehende Sonne warf einen -röthlichen Schein über ihr durchsichtig blasses Gesicht. Langsam hob sie -die breiten dunklen Lider, die Augen entschleierten sich nur zum Theil, -halb blieben die Lider über den unnatürlich weiten Pupillen liegen, was -dem ganzen Gesichte etwas unbeschreiblich müdes, krankes gab. Sie richtete -dann ihre Blicke gerade auf den untergehenden glutrothen Sonnenball, aber -trotz des scharf einfallenden Lichtes zogen sich die Iris nicht zusammen, -sondern blieben weit und dunkel geöffnet, wie bei manchen Blinden. - -Langsam stellte sie die Füße auf den Rand von ihres Vaters Grab, lehnte -sich zurück in der bequem geschweiften Bank und athmete mit Genuß die von -Blüthenduft durchtränkte Luft des Sommerabends. - -Eine himmlische Ruhe war um sie her. Duft, Wärme, Licht und Frieden. -Wohin das Auge sah, waren herrlich gepflegte Blumen, freundlich schimmernde -Steine mit Goldschrift und Kränzen bedeckt. Die Vögel zwitscherten in den -Kronen der alten Bäume, es war so schön und so still an der Stätte -des Todes, wie es selten da ist, wo das Leben mit all seinen Rechten noch -herrscht. - -Wie ein Gebet ging der Hauch des Windes durch Blumen und Blätter. Die -scheidende Sonne verklärte den Garten des Herrn. Alle Inschriften flammten -und leuchteten auf, auch die auf dem Grabe des alten Stadtrathes: »Das -Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« - -Mit nervöser Hast sah die junge Frau um sich her. Sie war allein, -ganz allein mit den Toten. Ein befriedigtes Lächeln zeigte sich einen -Augenblick auf ihrem Gesicht. Das gab ihren traurigen müden Zügen eine -eigenartige Schönheit. - -Sie hatte aus der Tasche ihres Kleides ein kleines schwarzes Etui und -ein fest verkorktes Fläschchen genommen. Mit stiller, tief innerlicher -Befriedigung sah sie auf den Inhalt des Fläschchens, der wasserhell und -ganz unschuldig aussah. Nur einige kleine weiße Crystalle, die nicht ganz -aufgelöst darin schwammen, zeigten, daß es eine starke Morphiumlösung -war. Dieser kleine, so schwer zu erlangende Vorrath bildete einen überaus -kostbaren Besitz für die junge Frau, an dessen Anblick sie sich erfreute -und berauschte, ehe sie sich entschloß, das Fläschchen zu öffnen. - -Langsam füllte sie die kleine Spritze -- fünf Strich, -- sechs Strich --- nein, es war nicht möglich zu widerstehen, sie zog, bis die Glasröhre -voll war. Dann verkorkte sie erst sehr sorgfältig das Fläschchen und -überzeugte sich, daß der Verschluß wasserdicht war. Ein verlorner -Tropfen war ja unersetzlich. - -Vorsichtig schob sie das Kleinod in die Tasche des Kleides zurück. Erst -als es da in Sicherheit war, steckte sie mit energischem Druck die Nadel -auf das kleine Instrument. Ihre Hände zitterten dabei, theils in der -Vorfreude des zu erwartenden Genusses, theils in der Schwäche, in der das -Bedürfniß nach diesem Genusse beruht. - -Sie schob den Aermel ihres Kleides vom Handgelenk zurück. Ein -Leinwandstreifen wurde sichtbar. Sie riß ihn rasch los. Der kleine -Verband bedeckte eine breite, wenn auch nicht tiefe Wunde, die durch den -Morphiumgebrauch entstanden war. Seit Jahren bedurften die kranken Nerven -des anregenden Mittels, und um die Schönheit ihrer Arme nicht zu -opfern, hatte sie diese eine Stelle ganz preisgegeben. Der mißhandelte -Körpertheil wehrte sich zwar durch Schmerzen und anhaltende Eiterung -gegen das ihm aufgezwungene Gift, aber schließlich wurde die Stelle doch -ziemlich unempfindlich. - -Sie senkte auch jetzt, wie immer die Nadel hier ein. Ein leichter Schmerz -zog für einen Augenblick ihre Brauen zusammen, aber das dauerte nicht -lange. Der Inhalt der Morphiumspritze verschwand unter der Wunde, der -Leinwandstreifen bedeckte rasch wieder die Stelle. Sorgfältig reinigte sie -mit einem kleinen Stück Draht das gebrauchte Instrument, dann klappte sie -das Etui zu, steckte es ein und lehnte sich gegen den Rücken der Bank, um -die Wirkung zu erwarten. - -Mit wonnigem Behagen fühlte sie, wie ein berauschendes Empfinden ihr -Gehirn, ihre Glieder erfüllte und zugleich lähmte. Alle Wünsche, alle -Bedürfnisse des Körpers und Geistes lösten sich in Befriedigung und -süße Mattigkeit. Der kranke stumpfe Ausdruck der Augen schwand und machte -einem lebhaften, sprühenden Blicke Platz. Die Nerven wußten nichts mehr -von Abspannung und Schwäche. - -Sie hätte jetzt auf jedem Feste glänzen, jede Arbeitsleistung übernehmen -können. Dabei waren ihre Glieder aber doch schwer, so daß sie es -entschieden als Annehmlichkeit empfand, zu keiner Bewegung genöthigt zu -sein. Nur der Kopf war leicht und frei -- so frei, so klar, als ob ein -vorher auf dem Gehirn lastender Druck plötzlich entfernt wäre. Sie hatte -Durst empfunden, das war jetzt vorbei, sie fühlte sich wohl, namenlos wohl -und zufrieden. Ihr vorher gelblich blasses Gesicht nahm etwas Farbe und -Wärme an, sie drückte die kühlen, weißen Finger gegen ihre Wangen. Dann -zog sie langsam, gedankenlos lächelnd die Handschuhe wieder an, die auf -der Bank lagen. - -Sie hatte den Augenblick für ihren Genuß gut gewählt, denn mit der, -vorher herrschenden Ruhe war es nun vorbei. Ein Leichenwagen fuhr durch -das große Portal, hielt vor der Kapelle, und ein Sarg wurde zu einer -offenstehenden Gruft getragen. Viele Menschen folgten; der Geistliche -begann eine Rede, und wenn die einsame Frau auch davon nichts hören -konnte, so war sie in ihrem Alleinsein dennoch gestört. - -Außerdem näherte sich ihr jetzt auch ein Herr, der geradeswegs auf sie -zukam. - -»Was für ein entzückendes kleines refuge Sie hier besitzen, Sie sind zu -beneiden, gnädige Frau,« begann er, sie begrüßend. - -Sie sah lächelnd zu dem großen blonden Manne empor. »Es sind die Gräber -meiner Eltern, Herr Doctor Turnau,« antwortete sie mit einer einladenden -Bewegung auf die freie Hälfte der Bank deutend. - -Er nahm sofort augenscheinlich erfreut Platz. »Ist das Stück Rasen, auf -dem diese Bank steht für Sie reserviert, gnädige Frau?« - -»Nein, die Eltern kauften es für meine unverheirathete Schwester. Elise -wird voraussichtlich einsam bleiben, bis sie den Rollstuhl mit dem Sarge -vertauscht. Für meinen Mann und mich ist noch Platz im Bremerschen -Erbbegräbnisse.« - -»Ich finde, es hat einen ganz eigenen Reiz, genau die Stätte zu kennen, -die uns einmal bestimmt ist,« bemerkte er, indem er den leichten Sommerhut -abnahm und das blonde Haar aus der hübschen weißen Stirn strich. Sie -lachte: »Das ist wieder eine von Ihren paradoxen Ansichten, mit denen Sie -sich manchen Menschen vielleicht interessant machen, andrerseits aber sich -nicht nur Widerspruch zuziehen, sondern auch viele ungünstige Urtheile -über sich hervorrufen.« - -»Ah -- ein offenes Wort, ich danke Ihnen dafür, gnädige Frau. Die -ungünstigen Urtheile muß ich zu tragen wissen, aber ich strebe weder -darnach Widerspruch zu erregen, noch mich interessant zu machen. Nur aus -einer nervösen Beunruhigung heraus empfinde ich zuweilen das Bedürfniß, -irgend einen Gedanken, selbst einen sonderbaren Gedanken auszusprechen, -wenn er mir grade durch den Kopf geht.« - -»Dieses Bedürfniß ist natürlich,« antwortete sie, »viel natürlicher -für einen gut situirten Mann Ihres Alters, als der Wunsch, die Stätte zu -kennen, an der Ihr, jetzt so jugendkräftiger Körper einst zu Staub werden -wird.« - -Ein trübes Lächeln glitt über die Züge des jungen Mannes. »Dieser -jugendkräftige Körper ist der Auflösung und Verwesung näher, als es -den Anschein hat. Wenn wir morgen übers Jahr Mariä Himmelfahrt feiern, -brennen vielleicht auch für mich schon die Kerzen auf dem Altar.« -- - -Sie sah ihn ruhig und forschend an. »Warum spielen Sie mit dem Gedanken -an das Ende des Lebens?« fragte sie ernst. »Glauben Sie nicht, daß auch -für Sie noch Stunden der Befriedigung und des Genusses möglich sind, die -mit dem Tode aufhören müssen?« - -Wie sie ihn so ansah, leuchtete der rothe Strahl der Sonne in ihre -erweiterten Pupillen hinein, er sah aufmerksam darauf hin, dann lächelte -er: »Ich danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mich mit einer moralischen -Bemerkung verschont haben. Ich war eigentlich schon darauf gefaßt gewesen. -Sie haben übrigens recht, ja -- auch ich glaube noch an Stunden des -Genusses, an Momente höchster, auf Erden möglicher Befriedigung. -- Was -ich damit meine, verstehen Sie sicherlich, denn ich sehe, Sie gebrauchen -Atropin. Bitte, versuchen Sie nicht, den Mediciner darüber zu täuschen, -Sie gebrauchen Atropin, um die Einbuße an Schönheit, die das Auge des -Morphinisten erleidet, damit auszugleichen.« - -Sie senkte betroffen den Blick. »Ja, ich gebrauche Atropin,« entgegnete -sie zögernd, »aber nicht aus Eitelkeit, wie Sie vielleicht annehmen. Wenn -Sie selbst Morphinist sind, so wissen Sie auch, daß die Koketterie des -Weibes ebenso wie der Ehrgeiz des Mannes in der Seele des Morphinisten -erlischt.« - -Er nickte verständnißvoll. »Gewiß gnädige Frau,« entgegnete er, »ich -billige den an sich gefährlichen Atropingebrauch, weil er Ihnen den Dienst -leistet, Ihre Umgebung über Ihren Morphinismus zu täuschen. In Ihrem -Falle ist gewiß keine Koketterie im Spiele. Sie riskiren Ihr Augenlicht, -aber Sie müssen es ja. Wer gönnte Ihnen den Genuß, der Ihnen -unentbehrlich ist, und wer verdiente wohl in Ihr Geheimniß eingeweiht -zu werden? Sie sind, wie alle Morphinisten gezwungen, eine Umgebung zu -täuschen, die getäuscht sein will.« - -Erleichtert athmete Lydia auf. Es that ihr unsagbar wohl, verstanden zu -werden. Nur Verurtheilung ihrer Leidenschaft, im günstigsten Falle Mitleid -mit einem krankhaften Zustande hatte sie überall angetroffen, wo sie es -je gewagt hatte, leise Andeutungen über die Erbitterung zu machen, die -sie oft empfand, wenn es ihr fast unmöglich erschien, sich Morphium zu -verschaffen. Die Aufregung dieser Erbitterung brachte sie dann zuweilen zum -Sprechen. - -»Sie finden also meine Schwäche nicht unbedingt unmoralisch, Herr -Doctor?« fragte die junge Frau. - -»Im Gegentheil,« antwortete er lebhaft. »Alle Religionsstifter der Welt -empfehlen den Menschen, ihre Leidenschaften zu bekämpfen. Die natürliche -Beschaffenheit unserer Nerven setzt diesen Bestrebungen unüberwindliche -Hindernisse entgegen. Das Morphium allein besiegt die Leidenschaften in -jeder Brust. Wenn ein neuer Prophet seinen Anhängern zur Bekämpfung ihrer -natürlichen, menschlichen Triebe Morphium zur freien Verfügung stellte, -so würde er bald eine Gemeinde um sich sehen, der jedes Laster fremd -wäre.« - -»Ich habe augenblicklich nicht genug Morphium genossen, um dem kühnen -Fluge einer prophetischen Phantasie bis zu dieser Höhe folgen zu -können,« bemerkte Lydia lächelnd, erstaunt den leidenschaftlich erregten -Mann ansehend. - -»Soll ich Ihnen geben, was etwa noch fehlt?« fragte er eifrig. - -Sie nickte glückselig und sah erwartungsvoll zu ihm auf. - -»Wie viel Procent gebrauchen Sie, gnädige Frau?« - -»Sechs,« gestand sie mit ängstlichem Zögern. - -»Da steht Ihnen also noch manche herrliche Steigerung bevor,« sagte er -seufzend und zog aus seiner Brusttasche ein kleines Glas. Wie wenig er -ihr gab, das war ja fast nichts -- ah diese Enttäuschung --! War das ein -Scherz oder -- -- -- - -Da ging es wie ein Ruck durch all ihre Nerven -- wie ein Schlag traf die -ungekannt starke Lösung ihr Gehirn. Sie griff nach der Stirn und dann -nach der Brust. Es rieselte ihr unter der Haut wie Sand, ein angstvolles -Unbehagen erfaßte sie. - -Er sah, wie kalte Schweißtropfen auf ihre Stirn traten und wie ihr Gesicht -sich entfärbte. »Habe ich Ihnen zu viel gegeben, gnädige Frau?« fragte -er. - -»Nein,« stammelte sie halb bewußtlos, »bitte beobachten Sie mich nicht, -es wird mir schon wieder wohl -- sehr wohl. --« - -Ihre Hände zitterten, wie sie das sagte, wie aus weiter, weiter Ferne -hörte sie ihre eigene Stimme -- die Steigerung des Genusses! -- - -»Ich schreibe ein Buch über den Mißbrauch der verschiedenen Narkotica -und mache zu dem Zwecke meine Beobachtungen, bitte entschuldigen Sie daher -den indiscreten ärztlichen Blick,« sagte er höflich. - -»Ein Buch?« -- Sie nahm alle Willenskraft zusammen, um zu sprechen, als -sei nichts geschehen. Er sollte nicht denken, die Dosis sei zu stark für -sie gewesen; sie wußte nicht, daß sie den Ehrgeiz, recht viel vertragen -zu können, mit all ihren Leidensgenossen theilte. - -»Ein Buch,« -- wiederholte sie noch einmal langsam und mit schwerer -Zunge. Es war ihr, als hätte sie Sand im Munde, sie konnte kaum sprechen, -aber sie sprach nun doch. »Wollten Sie Ihrer ärztlichen Thätigkeit nicht -entsagen, sagten Sie das nicht kürzlich?« - -»Nein,« entgegnete er, »vorläufig muß ich noch als Assistenzarzt in -der Nervenheilanstalt thätig sein. Ich habe keine Privatpraxis, und der -Chef läßt mir so viel freie Zeit wie möglich. Er interessirt sich selbst -für meine Arbeit, zu der mir meine Erfahrungen in seiner Anstalt den Stoff -bieten. Nach Fertigstellung meiner Broschüre werde ich allerdings meine -jetzige Stellung verlassen.« - -»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer werden?« O -wie mühsam brachte sie die Worte über die Lippen! - -»Ich will gar nichts werden,« antwortete er dumpf. »Mein Buch,« -- er -lachte in sich hinein, es war ein so eigenes Lachen, daß Lydia selbst in -dem Taumel ihrer Sinne davon erschreckt den Kopf hob. - -»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb lachen Sie?« - -»Ach, Verzeihung, es kann ja niemand wissen, wie komisch ich mir das -denke, wenn einmal, natürlich nach meinem Tode, der kluge Professor, der -den Morphinismus mit allen Waffen der Wissenschaft bekämpft, das Werk -seines ehemaligen Assistenten lesen wird.« - -»Aber weshalb schreiben Sie denn das Buch, wenn Sie den Standpunkt der -anderen Nervenärzte nicht zu theilen vermögen?« fragte Lydia, sichtlich -unangenehm berührt von dem sonderbaren Benehmen ihres Gefährten. - -»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest gegen das Verbot des -freien Verkaufes der narkotischen Mittel,« sagte er nun beinahe feierlich. -»Persönlich leide ich nicht unter diesem Verbote, denn ich bin Arzt, aber -ich kenne die Verzweiflung und den Jammer des Morphinisten, der sich der -Unmöglichkeit gegenüber sieht, sich Morphium zu verschaffen. Anständige, -hochachtbare Leute greifen in ihrer Verzweiflung zu den ehrlosesten -Mitteln, und von diesem Jammer will ich sie zu erlösen versuchen. Ich -habe ein Material gesammelt, welches entsetzliche Schlaglichter auf diese -Zustände wirft. Gegen das Versprechen ihnen zu helfen, für ein einziges -Rezept haben zahlreiche Unglückliche mir gebeichtet. Ach -- ich weiß, -wie tief sich einige, sonst reine, unnahbare Naturen gedemüthigt haben, um -durch Bestechung, durch Betrug, einerlei wie, zu dem zu gelangen, was sie -bedürfen, wie der Hungrige Brod bedarf, um sich zu erhalten.« - -Sie erhob sich halb und sah mit gefalteten Händen zu ihm herab. »Sie -wollen helfen, Sie könnten helfen -- o Gott Herr Doctor, nein, nein, -Sie können auch den Wall von Härte und Verständnißlosigkeit nicht -niederreißen, an dem Tausende rütteln und an dem Alle, Alle ohnmächtig -abprallen.« - -»Ob ich es kann, weiß ich allerdings nicht, aber ich will es wenigstens -versuchen,« sagte er, etwas zur Seite rückend, so daß sie wieder Platz -nehmen konnte. - -»Ich will wenigstens vor der Welt die dunklen Wege erhellen, auf die man -mit erbarmungsloser Härte eine Menge kranker Menschen gedrängt hat. Ich -will es zeigen, wohin ein Gesetz führt, das nur dazu da ist, umgangen zu -werden, weil es nicht befolgt werden kann. Die ganze Kraft meiner geistigen -Fähigkeiten stelle ich in den Dienst dieser Aufgabe, dieses Strebens, das -mir edel und würdig erscheint, weil es dem willkürlich Unterdrückten, -der nichts verbrach, zu Hülfe kommen will. Die Menschheit soll darüber -aufgeklärt werden, wie weit die Bevormundung der Polizei geht, und auch -Nicht-Morphinisten hoffe ich für die Frage zu interessiren, die ihnen -jetzt gleichgültig ist.« - -»Und dann?« - -»Und dann?« Träumerisch wiederholte er die bange Frage, die sie leise -aussprach. »Ja dann, gnädige Frau -- zu Ende führen werde ich den Kampf -nicht. Ich kann nur noch so lange leben, wie ich zu genießen vermag. -Nennen Sie es Egoismus, Krankheit, Schwäche, wie Sie wollen, aber wenn -einmal die Stunde kommt, in der meine Nerven aufhören zu reagiren, die -Stunde, in der auch die letzte Steigerung und Komplication nicht mehr zum -Genusse führt, dann lege ich die Feder aus der Hand. Mit dem Leben hört -auch die Verpflichtung auf, weiter zu kämpfen.« - -»Mit dem Leben?« - -»Natürlich, liegt denn nicht das Ende des Lebens ebenso in unserer Hand, -wie der Genuß, dem wir uns ergeben?« - -Sie schauderte doch bei dieser letzten Consequenz, zu der er so leicht -und ruhig gelangte. Sie befand sich ja auf demselben Wege wie er. »Das -Andenken der Gerechten bleibt im Segen«. -- Wie Feuer tanzten die -Buchstaben der Inschrift vor ihren Augen. Genuß, Genuß des Lebens, und -dann das Ende. Das Leben fortwerfen, das nichts mehr bietet, tönte es -neben ihr. Sie glaubte, alles drehe sich im Kreise um sie her, nur der -schwarze Grabstein vor ihr stand fest in dem Wirbel, aber er glühte und -flammte von der untergehenden Sonne beleuchtet, es that ihr weh, darauf -niederzusehen. - -Vorher hatte sie sich so leicht, so frei gefühlt, und nun dieser Schwindel -und dieser Druck um die Stirn, wie von einem eisernen Bande. Das war also -die Steigerung ihrer Genüsse. - -»Ist das ein Lebenszweck, Genuß, nur Genuß, der sich steigert, bis er -aufhört, weil der Körper versagt?« fragte sie leise. - -»Gewiß, Frau Bremer, der Genuß ist ebenso gut ein Lebenszweck, wie die -Arbeit,« sagte er, »es kommt nur darauf an, daß man seine moralischen -Grundsätze damit in Einklang zu bringen versteht. Indirect dient so -mancher ausschließlich dem Genusse des Lebens. Der Künstler schafft -seinen Nebenmenschen und sich selbst geistige Genüsse, Andere wieder -begnügen sich damit, sich in den Dienst des materiellen Behagens zu -stellen. Es giebt aber noch ein Drittes im Menschen, das außer den groben -Organen des Körpers, außer dem Geiste, fähig ist zu genießen, das sind -die Nerven. Warum soll ich nicht meinen Lebenszweck darin suchen, Anderen -zugänglich zu machen, was mir eine so große Befriedigung der Nerven -bringt? Es haben schon Leute sich mit geringeren Aufgaben für ihr Dasein -begnügt, und ich habe nicht umsonst gelebt, wenn ich auch nur einen Stoß -führe, der das Gesetz in's Schwanken bringt, das ich bekämpfe.« - -»Ich wollte, ich könnte an Ihren praktischen Erfolg glauben, Sie kämpfen -ja gegen eine empörende Ungerechtigkeit.« - -»Der Droguist, der Arzt, selbst Krankenwärterinnen vermögen sich stets -Morphium zu verschaffen. So lange es unter einigen dieser Leute Armuth -und Bestechlichkeit giebt, wird das süße Gift auch käuflich bleiben, -indirect käuflich, -- allerdings nur um sehr hohen Preis.« - -»Ich glaube auch, daß es dem Unbemittelten sehr häufig positiv -unmöglich gemacht wird, die Hindernisse zu besiegen, die das Geld -überwindet. Ist das nicht auch eine soziale Seite unserer Frage?« meinte -Turnau. - -»Der Arme hat den Alkohol,« wandte sie ein. - -»Den Alkohol? Ja,« er wurde bitter, fast leidenschaftlich in seinem Ton. -»Die Genußsucht des Volkes ist eben eine brutale Macht, der man nicht mit -einem einfachen Verbot des Verkaufs begegnen kann. Feinere Nerven brauchen -raffinirtere Genüsse. Der Alkohol verhält sich zum Morphium wie ein -bluttriefender Schauerroman zu einer geistvollen psychologischen Studie. -Das Leben ist so öde und traurig; die Mittel, die es erträglich machen -können, sollte man nicht beschränken.« - -Sie sah müde zu ihm auf. »Oede und traurig,« wiederholte sie sinnend. -»Nein, ich kann das eigentlich von meinem Leben nicht behaupten; mein Mann -ist sehr rücksichtsvoll und die Kinder -- aber Sie, wieso finden Sie Ihr -Dasein nicht nach Ihren Wünschen?« - -Er antwortete nicht, und sie empfand es unbehaglich, daß sie den jungen -Mann beinah zu einem persönlichen Vertrauen aufgefordert hatte, das er ihr -nicht in der freundschaftlichen Weise entgegenbrachte, in welcher er sich -bisher gegen sie ausgesprochen hatte. - -»Befinden Sie sich jetzt wohler, gnädige Frau?« fragte er nach einigen -Minuten des Schweigens. - -»O vollkommen wohl,« versicherte sie rasch aufstehend. - -Er bot ihr den Arm, und sie nahm ihn unbefangen an. Er bemerkte in diesem -Augenblicke, daß sie elegant gekleidet war. Ihre Anmuth und Grazie -berührten ihn sympathisch, aber es lag ihm fern, sich in das schöne Weib -eines Anderen zu verlieben. Nicht sein sittliches Bewußtsein schützte ihn -davor; es hatte Zeiten gegeben, wo er den Vortheil seiner Lage erkannt und -benutzt haben würde, aber diese Zeiten waren vorüber. Wie eine Lähmung -lag der gewaltige Einfluß des Morphiums und des Aethers auf seinen Nerven -und Sinnen. - -Auch Lydia, die Gattin eines älteren, pedantischen, trockenen Mannes, -dachte nicht daran, daß in ihrem vertraulichen Verkehr mit dem jungen -Arzte irgend etwas Unerlaubtes sein könne. Aber auch sie handelte nicht -in vollem Bewußtsein tugendhafter Ehrbarkeit, sondern ebenfalls unter dem -Einflusse einer krankhaften Abstumpfung ihrer natürlichen Gefühle und -Triebe. - -»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen,« sagte sie leise mit einem -Abschiedsblicke nach ihres Vaters Grab. - -»Wenn ich mein Vermögen der Stadt hinterlasse, bekomme ich am Ende auch -einmal eine so schöne Grabschrift,« scherzte Turnau. Es war wieder das, -was Lydia kokettiren mit Weltschmerz und Todesahnungen nannte. Andere -urtheilten noch härter über diesen eigenthümlichen Characterzug des -jungen, wohlhabenden Mannes. Man hielt ihn im allgemeinen auch nicht -für so krank wie er war, und sah in dem aus seinem Wesen sprechenden -Lebensüberdrusse nur die Folgen einer übermäßigen Blasirtheit, der -nichts mehr genügte, was sich an Genüssen des täglichen Lebens ihm bot. - -»Soll ich dafür sorgen, daß man auch Sie nach Ihrem Tode zu den -Gerechten erhebt?« fragte Lydia, lächelnd auf seinen Ton eingehend. - -»Es wäre unbescheiden, gnädige Frau; für einen armen Morphinisten wird -sich schon noch ein demüthigeres Verslein finden.« »Wohl der Menschheit, -wenn jeder seine Grabschrift verdient hätte,« antwortete sie, mit einem -Blick über alle die Kreuze und Steine hinschweifend, die in steinernen -Lettern so viel von Liebe und Tugend zu erzählen wußten, wie man im Leben -wohl selten beisammen finden wird. - -Dann trat sie auf das Weihwasserbecken zu, bekreuzte sich mit dem Wasser, -verließ an Turnaus Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm zusammen in ihrem -Wagen, der auf sie gewartet hatte, nach Hause. - -Vor der Bremerschen Villa dehnte sich ein von Rosenbeeten unterbrochener -Rasen aus, dessen Mitte ein zierlicher Springbrunnen bildete. Eine Allee -von Kastanienbäumen führte zu dem etwas von der Straße zurückliegenden -Gebäude und an demselben vorbei nach dem dahinter liegenden Garten. - -Auf dem Kieswege unter den schattigen Bäumen spielten zwei hübsche Kinder -unter der Aufsicht einer Bonne. Als sie ihre Mutter aus dem Wagen steigen -sahen, wollte das junge Mädchen sie zu der Ankommenden führen, um diese -zu begrüßen. Die Kinder aber hingen sich an ihre Pflegerin und steckten -die Köpfe in die Falten des einfachen schwarzen Wollkleides, welches das -Fräulein trug. - -Die Bonne versuchte, sich von ihnen los zu machen und zeigte bei diesen -lebhaften Bewegungen, in dem eng anschließenden, schlichten Kostüm eine -vollendete Grazie. Sie war tadellos gewachsen, jede Bewegung war schön, -so daß Turnau, der sonst wenig Sinn für weibliche Reize hatte, davon ganz -betroffen war. - -»Wer ist die junge Dame?« fragte er leise. - -»Fräulein Wagner, eine Fröbel'sche Kindergärtnerin, erst seit kurzer -Zeit bei mir,« sagte die Geheimräthin; dann begrüßte sie die Kinder, -die endlich widerstrebend, mit scheuen Blicken auf den Begleiter ihrer -Mutter, herbeikamen. - -Auch das Fräulein begrüßte jetzt ihre Herrin. Das Gesicht des jungen -Mädchens war breit und gewöhnlich. Die Züge waren grob, selbst die -freundlich blickenden grauen Augen zu klein und zu tief liegend, um dem -Gesichte irgend welchen Reiz geben zu können. Trotz der schönen Gestalt -war das Mädchen nicht hübsch, nur die Lippen waren blühend und roth, die -Zähne glänzend weiß, und ein Ausdruck von Jugendlust, Frohsinn und Güte -verklärte die ganze Erscheinung. - -»Mein Gott, Fräulein, wie albern sich die Kinder noch immer benehmen, -wenn Gäste da sind, gewöhnen Sie ihnen das doch ab,« tadelte die junge -Frau. - -Die Bonne schwieg, sie wußte nur zu wohl, daß die Kinder sich jedesmal -weigerten, wenn sie ihre Spiele verlassen sollten, um auf einen Augenblick -der Mutter zugeführt zu werden. - -Mit nervöser Hast streichelte Lydia die rosigen Gesichter und die feuchten -Blondhaare der Kleinen. »Wie sie erhitzt sind, ist es hier denn so -heiß?« wandte sie sich wieder an Fräulein Wagner. - -»Wir haben Federball gespielt, gnädige Frau, wir waren so sehr vergnügt -dabei und haben uns so oft gebückt, davon sind wir so roth.« - -Dabei strahlten die Augen des jungen Mädchens und der Mund schien ein -schelmisches Lächeln kaum unterdrücken zu können. - -»Es ist gut Fräulein, beschäftigen Sie die Kinder aber jetzt ruhiger,« -entschied die todtenblasse Frau. Dann wandte sie sich mit ihrem Begleiter -von der heiteren Gruppe der an das Mädchen geschmiegten Kinder ab. - -»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?« fragte sie dann den -Doktor, der Hausthür zugehend. - -»Es ist mir unmöglich, gnädige Frau, ich bin nicht wohl genug dazu.« - -»So danke ich Ihnen um so herzlicher für Ihre Begleitung.« - -»O bitte, das ist kein Umweg für mich, außerdem will ich Ihnen auch -im Vertrauen gestehen, gnädige Frau, daß der kurze Aufenthalt in Ihrem -Garten für mich ein Genuß war.« - -»Ein Genuß? Ah -- da wäre ich doch begierig.« - -»Ja, auf die Gefahr hin, daß Sie mich auslachen. Es war ein Genuß für -mich, Ihr neues Kinderfräulein zu sehen.« - -Ein sehr erstaunter Blick der Geheimräthin suchte das junge Mädchen. -»Fräulein Wagner ist vorzüglich gewachsen, sonst aber doch beinahe -häßlich zu nennen,« meinte sie dann. - -Doctor Turnau folgte mit einem unsagbar müden, schwermüthigen Blicke -der blühenden Mädchengestalt. »Sehen Sie einmal das glatte, glänzende, -natürliche Haar an, gnädige Frau.« - -Lydia lachte auf. »Aber bester Doctor, dieses schlichte, glatt -zusammengedrehte braune Haar ist doch etwas außerordentlich Gewöhnliches, -was finden Sie denn daran so schön?« - -»Die körperliche Gesundheit, die diesen Haarwuchs bedingt,« antwortete -er nachdrücklich. »Ich behaupte durchaus nicht, daß diese junge Person -schön sei; ich weiß auch, was schön ist, aber sie ist gesund, durch und -durch gesund. Ein Hauch von Jugendfrische und Kraft umgiebt sie und macht -sie reizend.« - -»Wäre das etwa Ihr Geschmack?« Sie zweifelte noch immer an dem Ernst -seiner Worte. - -»Ich bin schon seit mehreren Jahren Kliniker,« antwortete er. »Alles, -was mich umgiebt, ist krank und hinfällig. Auch unsere Pflegerinnen sind -zum größten Theil überarbeitet und nervös, die meisten Collegen sind -noch nicht in den gewissermaßen behaglichen Ruhestand der Privatpraxis -eingetreten, sie arbeiten mit Feuereifer, keiner schont sich. Die -entsetzliche Luft des Laboratoriums vergiftet uns alle. Viele von uns -bedürfen auch in dieser Zeit übermäßiger, geistiger Anstrengung -künstlicher Anregungsmittel. Es vergehen oft Tage, an denen ich factisch -keinen einzigen normalen, gesunden Menschen sehe, -- ist es da nicht -erklärlich, daß ein solches Bild blühender jungfräulicher Frische und -Kraft für mich etwas sehr Anziehendes hat? Bitte, sehen sie nur die rothen -ausgearbeiteten Hände des Fräuleins, die leidet nicht an Blutarmuth -- -ah, die ist schön!« - -»Ich gönne Ihnen den Anblick dieser Päonie von Herzen, lieber Freund. -Möchten Sie sich dadurch veranlaßt fühlen, die Villa Bremer nicht mehr -so zu vernachlässigen, wie es bisher geschah.« - -»Ich werde von Ihrer gütigen Erlaubniß demnächst Gebrauch machen, -gnädige Frau.« - -Er berührte mit seinen Lippen einen Augenblick die wachsbleiche Hand der -Morphinistin, verbeugte sich von weitem gegen Fräulein Wagner und verließ -darauf den Garten. - -»Bitte, liebes Fräulein, besorgen Sie mir etwas Himbeerwasser,« sagte -Lydia zur Bonne, dann setzte sie sich auf einem bequemen Gartenstuhl und -nahm ihr zweijähriges Töchterchen auf den Schooß. - -»Der dumme Onkel« sagte der kleine Knabe, sich jetzt auch der Mutter -nähernd mit einem zornigen Blick nach der Thür, hinter der soeben Doctor -Turnau verschwand. - -»So etwas sagen artige Kinder nicht,« tadelte die junge Frau. - -Jetzt erschien die Bonne wieder mit der gewünschten Erfrischung im Garten. -Hinter ihr ging der Geheimrath Bremer, ein schlanker, eleganter Mann mit -schon leicht ergrauendem, dunklen Haar. - -»Wie kam denn dieser blasirte Turnau dazu, Dich zu begleiten?« fragte er, -neben seiner Gattin Platz nehmend. »Er hält es doch sonst für tief unter -seiner Würde, ein weibliches Wesen mit seiner interessanten Unterhaltung -zu beglücken.« - -»Ich traf ihn zufällig auf dem Kirchhofe, und wir unterhielten uns so -angenehm, daß mir seine Begleitung natürlich erschien.« - -»Wie kann dieser unnatürliche, gezierte Mensch eine vernünftige Frau -angenehm unterhalten,« sagte Bremer beinahe ärgerlich. »Unter Männern -ist seine Unterhaltung gar nicht geschätzt, das kann ich Dir sagen. Jung -und sorgenfrei wie er ist, sucht er etwas darin einen Pessimismus zur Schau -zu tragen, der eines Greises würdig wäre, dem alles im Leben gescheitert -ist. Er leugnet jeden Genuß, jeden Glauben, er leugnet die Liebe, er -widerspricht der Natur -- -- --« - -»Mit einem Worte, er ist Dir unsympathisch,« unterbrach Lydia ihren Mann. - -»Gewiß, das ist er mir und vielen anderen Leuten. Gefällt Dir zum -Beispiel dieses Andeuten einer geheimnißvollen Krankheit, dieses Spielen -mit dem Gedanken an Tod und Grab -- -- --« - -»Vielleicht fühlt er die Annäherung eines Gemüthsleidens.« - -»Ach was, Gemüthsleiden. Davon hat er Dich wohl unterhalten? Er hat -nichts zu thun, da steckt die Wurzel des Uebels. Wenn er wie andere junge -Aerzte des Morgens in seiner Sprechstunde sitzen und auf Patienten warten -müßte, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, so würde er wohl frei -bleiben von seinen interessanten Ahnungen. An ihm siehst Du, daß es -unter Umständen sogar ein Unglück sein kann, wenn Eltern ihrem Sohne ein -Vermögen hinterlassen.« - -Die kleine Lotte wurde unruhig, als sie sah, daß Fräulein Wagner mit -dem größeren etwa vierjährigen Bruder fortgehen wollte, ohne sie -mitzunehmen. - -»Bitte, Fräulein, nehmen Sie Lottchen mit,« sagte Lydia. - -Die kräftigen warmen Hände des jungen Mädchens hoben die Kleine hoch -empor, jauchzend legte das Kind sein Gesichtchen an ihre weiche volle -Wange, dann entfernten sich die Kinder mit ihrer Bonne. - -»Eine allerliebste, frische Person,« bemerkte der Geheimrath, »ich -glaube, wir haben da einen glücklichen Griff gethan.« - -»Auch Turnau fand sie reizend,« sagte Lydia lachend. »Was für ein -Geschmack -- dieses Vollmondsgesicht!« - -»So! -- Turnau auch? Solch einen unverdorbenen Geschmack hätte ich diesem -Wüstling nicht zugetraut,« meinte Bremer nachdenklich. »Nun, er wird -keine Gelegenheit haben, ihr etwas in den Kopf zu setzen; sonst wäre das -Mädchen am Ende dumm genug, ihr Herz an diesen abgelebten Egoisten zu -verlieren.« - -»Was für eine Idee!« - -Lydia fand den Gedankengang ihres Mannes unbegreiflich trivial. Warum -sollte es denn nicht möglich sein, daß ein junges Mädchen einem Manne -gefiel, ohne daß das Herz dabei gleich in Frage kam. - -Sie schwieg und trank ihr ganzes Glas Limonade leer, denn die Nachwirkung -des Morphiums ist Durst. - -Ein Diener brachte dem Geheimrath Zeitungen und Briefe. Bald war der -Hausherr in seine Lectüre vertieft, während die junge Frau sich -leise erhob, um ihr Zimmer aufzusuchen. Dort vertauschte sie ihre -Straßentoilette mit einem bequemen Hauskleide und legte sich nieder, einer -bleiernen Müdigkeit, die in ihren Gliedern lag, nachgebend. - - -II. - -Die Gewohnheit des Morphiumgebrauches hatte allmählich dahin geführt, -daß Lydia Bremer mit freiem Kopfe, ohne irgend welche Nachwirkungen -des Genusses erwachte, auch wenn sie am Tage vorher etwas mehr als die -gewöhnliche Dosis ihres Mittels gebraucht hatte. Die Lösung aber, die ihr -Turnau gegeben hatte, mußte doch wohl weit über das Maaß hinausgehen, an -das sie gewöhnt war. - -Sie hatte die Absicht gehabt, an Mariä Himmelfahrt das Hochamt zu -besuchen, das um 9 Uhr früh statt fand. Das Stubenmädchen brachte -ihr deshalb den Kaffee zu einer etwas früheren Stunde als sonst in ihr -Schlafzimmer. Sie richtete sich im Bette auf, um nach dem Servirbrett -zu greifen; aber als sie den Kopf vom Kissen erhob, sank sie sofort, -von heftigem Schwindel erfaßt, wieder zurück. Sie empfand dabei keinen -Schmerz, nur eine drückende Benommenheit des Kopfes. In rasendem Wirbel -schien sich alles um sie zu drehen, Kälteschauer und Unbehaglichkeit -erfaßten ihren ganzen Körper. - -Sie schloß die Augen, um sich von diesem Zustande zu befreien; es war -vergeblich. Vorsichtig, ohne sich aufzurichten, griff sie nun nach einer -kleinen Tasche, die zwischen ihren Matratzen lag. Kaum vermochten die -unsicher tastenden Hände das Morphiumglas zu entkorken. Nach dem Gebrauche -des Mittels aber wurden ihre Bewegungen etwas fester, sie konnte sich -aufrichten, der Schwindel ließ nach, aber so wie sonst war es doch immer -noch nicht. Kurz entschlossen griff sie zum zweiten Male zum Morphium. - -Nun strömte ein unendliches Wohlbehagen durch ihre Nerven. Sie -streckte sich lächelnd aus, genoß mit Bewußtsein die nun eintretende -eigenthümliche Leichtigkeit ihrer Glieder und richtete sich dann frisch -und elastisch auf. Sie ließ das Fräulein mit den Kindern hereinkommen, -erfreute sich an dem Jubel der Kleinen bei den munteren Spielen, die das -junge Mädchen anzuregen verstand und schickte endlich die fröhliche -Gesellschaft in den Garten, um ihre Toilette beenden zu können. - -Zur gegebenen Zeit rief sie ihren Mann ab zum Kirchgang. Sie trug ein -hellgraues Kleid, das zu ihrem Teint eigentlich nicht paßte. Die Taille -war aber so geschickt mit weiß arrangirt, ebenso der Hut, eine Nadel von -funkelnden Rubinen schloß den Spitzenkragen, so daß die Toilette doch -tadellos und sogar vortheilhaft war. - -»Du bist recht hübsch angezogen, Kind,« bemerkte der Geheimrath -wohlgefällig, als Lydia bei ihm eintrat, »indessen finde ich, daß Du -blaß und angegriffen aussiehst. Ich habe auch in letzter Zeit tüchtig -gearbeitet und denke, die Erholung in Heringsdorf wird uns Allen recht gut -thun. Wie würde Dir diese Wohnung gefallen?« - -Er reichte seiner Frau die Photographie und den Grundriß einer kleinen -Villa. »Die Wohnung ist bis zum Ende der Saison frei.« - -»Es mag ganz hübsch dort sein, ich wußte aber nicht, daß Du so bald -reisen kannst.« - -»Die Saison ist schon halb zu Ende, Lydia, bist Du etwa mit Deiner -Toilette noch nicht ganz reisefertig?« - -Sie schien zu überlegen. »Für die Kinder wäre noch einiges -anzuschaffen, für mich weniger, ich möchte auch dem Fräulein etwas -Garderobengeld für die Reise geben.« -- - -»Brauchst Du vielleicht Geld?« - -»Nicht viel, fünfhundert Mark werden für den Augenblick genügen.« - -Er gab ihr das Geld und sie sagte, daß sie gleich nach der Kirche noch -einige Besorgungen machen wolle. - -»Aber überanstrenge Dich nicht, ziehe Fräulein zu Deiner Hülfe heran,« -bat er. - -Während des Gottesdienstes ruhten die Blicke des fürsorglich liebenden -Mannes oft auf dem zarten Gesichte der jungen Frau. Er wußte, daß ihr -der Hausarzt wegen häufiger Migräne-Anfälle ab und zu den Gebrauch der -Morphiumspritze gewährt hatte. Dabei war er aber fest überzeugt, daß -dieses Mittel nur durch die Hand des Arztes und mit dessen Einverständniß -gebraucht würde. Daran, daß seine Frau das Morphium selbst und heimlich -gebrauchen könne, dachte er nicht. - -Der alte Medicinalrath, der seinem Hause ein lieber Freund war hatte ihm -gesagt, daß eng zusammengezogene Pupillen und breite glanzlose Iris der -Augen ein untrügliches Zeichen des Morphinismus seien. An die Complication -mit Atropin hatte der gute alte Herr selbst nicht gedacht und so wurde auch -er durch die dunkel leuchtenden Augen der Kranken getäuscht. - -Bremer war fest überzeugt, daß seine Frau krank sei. Das schlaffe, -gleichgültige Sich gehen lassen, welches er seit einiger Zeit an ihr -bemerkte, widersprach ihrem sonstigen Wesen durchaus. Ehe er aber einen -Specialarzt für Nervenleiden zu Rathe zog, beschloß er noch einmal -eingehend mit dem Medicinalrath zu sprechen. - -Nach der Kirche trennte sich der Geheimrath von seiner Frau. Er hatte -einige Besuche zu machen, und Lydia ging, um Einkäufe zu besorgen nach der -belebtesten Straße, wo sich die größten Läden befanden. - -Ohne einen Blick auf die Auslagen in den Fenstern zu werfen eilte -sie vorwärts. Bald bog sie in einen weniger belebten Seitenweg ein, -durchschritt eine öffentliche Promenade und betrat einen Stadttheil, in -dem ihre elegante Erscheinung überall auffiel. Sie befand sich zwischen -langen Reihen hoher unschöner Häuser, die alle viele Fenstern hatten und -von vielen Menschen bewohnt wurden. Zuletzt trat sie in den Thorweg einer -Bierbrauerei, ging durch das Vorderhaus über den Hof, zwischen Fässern -und Rollwagen hindurch nach dem Quergebäude. - -Sie drückte den Elfenbeingriff ihres weißen Spitzenschirmes fest an die -Brust, schob den Schleier vom Gesichte zurück und stieg mit fliegendem -Athem und zitternden Knieen in nervöser Hast die schmale halbdunkle steile -Treppe hinauf. - -Bei jedem Stockwerk wurden die Entreethüren niedriger, beengter, -schmutziger. Nach drei Treppen hörten die abgeschlossenen Wohnungen -überhaupt auf. Eine Menge Thüren mündeten in einen engen, langen -Gang. Es war unerträglich schwül in diesem Treppenhause, aus jeder der -zahlreichen Wohnungen drangen Küchendämpfe und Lärm heraus. Es roch nach -Kaffee, nach angebranntem Fett, nach trocknender Wäsche, nach Seife -- -vor allen Dingen aber nach Menschen, nach zusammengedrängten, armen, -schmutzigen Menschen. An vielen Thüren befanden sich Visitenkarten mit dem -Namen des Zimmerbewohners. - -»Friedrich Rast,« stand auf einer dieser Karten zu lesen. Lydia klopfte -mit ihrem Schirm an die Thür. Ein junger Mann öffnete ihr und ließ sie -ein. - -Das Zimmer war ganz nett und freundlich möblirt: Ein Sopha mit braunem -Ripsüberzuge, zwei Schränke von hellem Holz, ein Spiegel zwischen -den Fenstern, ein kleiner Teppich, auf einer Kommode eine Uhr und zwei -Leuchter. Das Stübchen schien für den Empfang eines Besuches aufgeräumt -worden zu sein, denn es lag nichts von den Sachen des Bewohners umher. -Eine halb offene Thür ließ ein ebenfalls gut eingerichtetes Schlafzimmer -sehen. An den Fenstern waren saubere Gardinen und einige blühende -Pflanzen. Die Aussicht über ein freies Feld und eine Reihe Bäume -entschädigte für die Häßlichkeit, die der Eingang der Wohnung bot. -Der Inhaber dieser Stuben, ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, war -sorgfältig, wenn auch nicht elegant gekleidet. - -»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Herr Rast,« sagte Lydia und sank -erschöpft auf das kleine weiche Sopha nieder. - -»Der Dienstmann hat alles richtig an mich telephonirt, gnädige Frau,« -antwortete Friedrich Rast lächelnd. »Mein durchreisender Vater wünscht -mich zu sprechen, der Provisor hat mich daraufhin beurlaubt, hier bin -ich, und auf meinem bescheidenen Sopha sitzt ja nun auch mein ehrwürdiger -Alter.« - -»Lassen Sie die Scherze, Herr Rast, ich bin sehr aufgeregt und habe es -eilig. Mein Mann hat unsere Abreise früher angesetzt, und mein Vorrath -reicht höchstens noch drei oder vier Tage. Ich brauche mindestens zwölf -Gramm für die Saison in Heringsdorf. Rechnen Sie doch -- sechs Gramm geben -ein Fläschchen für hundert Einspritzungen, eigentlich bekommt man aber -nur etwa achtzig heraus, durchschnittlich brauche ich vier am Tage, also in -drei Wochen ein Fläschchen, das macht zwölf Gramm in sechs Wochen.« - -»Zwei Gramm jede Woche, das ist zu viel, gnädige Frau.« - -»Was geht Sie denn das an? Hier sind Einhundertundzwanzig Mark, das Gramm -zu zehn Mark gerechnet; bei unserer Medicinaltaxe von sechzig Pfennigen -für das Gramm können Sie doch mit dem Geschäfte zufrieden sein.« - -Der junge Apotheker schob fünf von den Goldstücken mit verlegener Miene -zurück. »Ich habe nur zwei Gramm. -- --« - -»Aber Herr Rast!« Lydia wurde todtenbleich und sah den jungen Mann so -entsetzt an, daß er einiges Mitleid empfand. - -»Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, Ihnen Schwierigkeiten zu machen, -Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich. Es fehlt eine Menge -von hundert bis hundertundfünfzig Gramm in der Apotheke. Der Chef hat -gerast und getobt und uns Alle Morphiomanen genannt. Einer von uns muß es -ja am Ende auch sein, denn ich habe noch nie mehr als zehn Gramm auf -einmal genommen. Es giebt gewiß unter uns Apothekern ebenso viele -Morphiumsüchtige wie unter den Aerzten. Vielleicht aber bin ich auch nicht -der Einzige, der das Mittel heimlich verkauft, -- die Versuchung ist ja so -groß.« - -Ein Zug, wie von körperlicher Qual trat auf Lydias Gesicht. »Herr Rast, -denken Sie noch an den Abend, wo Sie auf der Brücke hinter dem Theater -standen?« fragte sie mühsam. - -»Ja, ich denke daran, so oft sich mein Gewissen regt über das, was ich -für Sie thue, gnädige Frau. Meine Schulden betrugen damals nur etwa -hundert Mark, aber ich habe acht Geschwister, ich hätte doch diese -Schulden nicht machen dürfen. Das kleine Kolonialwaarengeschäft meines -Vaters ernährt kaum die Familie. Anstatt von meinem ersten Gehalt nach -Hause abzugeben, was ich dank Ihrer Güte jetzt kann, mußte ich von meinem -armen Vater hundert Mark fordern, die er mir natürlich nicht geben konnte. -Es war hart -- eine furchtbare Strafe für meinen Leichtsinn.« -- -- - -»Ich habe Sie damals vor einem Schritte der Verzweiflung bewahrt, wollen -Sie mich dafür jetzt verzweifeln lassen, Herr Rast?« - -»Aber Frau Geheimräthin, verzweifeln Sie denn, wenn Ihre Morphiumquelle -einmal versagt?« - -»Ja,« antwortete sie dumpf. »Ohne Morphium muß ich verzweifeln. O, mein -Gott, man giebt doch den Ärmsten Almosen, warum versagt man dem Kranken -das, was ihm Lebensbedürfniß, was ihm nöthiger ist als das tägliche -Brot!« - -»Es liegt eine große Härte in dem Verbot des Verkaufes,« sagte der -junge Mann mitleidig. »Es ist auch eine ganz unnütze Härte, denn sie -dient nur dazu, die Verkäufer in Versuchung zu führen und die Kranken zu -Lug und Trug zu veranlassen. Ist es nicht eine Schmach, daß eine Dame wie -Sie, gnädige Frau, in dieses Haus kommen muß, um so einen armen Teufel -wie mich für eine Handlung zu bezahlen, die meine Existenz kosten kann?« - -»Ja es ist eine Erniedrigung, eine Schande für uns Beide, für Hunderte -außer uns, aber wir können die Ungerechtigkeit nicht aus der Welt -schaffen, die dem Einen ruhig das anvertraut, wonach sich die Sehnsucht -des Anderen vergeblich verzehrt. Wenn nur der Morphiumhunger nicht immer -stärker und stärker wiederkehrte bei dem, der einmal an das Reizmittel -gewöhnt ist. Ich kann nicht leben wenn ich kein Morphium habe, sagen Sie -mir, wie machen es Andere, die dasselbe Bedürfniß empfinden?« - -»Andere fälschen Recepte.« - -»Und das geht?« - -»Ja, es geht oft. Die meisten Kranken greifen zu diesem Mittel, -denn Wartepersonal oder Droguisten sind doch schließlich nur selten -bestechlich. Noch seltener aber sind gefällige Aerzte, die das Mittel aus -der Hand geben. Außerdem erhält man es auf ein gefälschtes Recept -hin auch zum landesüblichen Preise, was ebenfalls die meisten Menschen -berücksichtigen müssen. Natürlich werden aber in allen Apotheken die -Recepte über Chloroform, Aether, Cocain, Chloral, Morphium und ähnliche -Mittel genauer angesehen als andere Vorschriften.« - -»Und wenn man eine Fälschung entdeckt?« - -»Dann schickt in der Regel der Provisor das Recept demjenigen Arzte zu, -auf dessen Namen es gefälscht wurde.« - -Lydia schlug die Hände in furchtbarer Aufregung vor das Gesicht und -schluchzte krampfhaft. »Ich vermöchte eine solche Schmach nicht zu -überleben.« - -»O, das passirt aber so oft,« meinte er gleichmüthig. - -Sie starrte fassungslos vor sich hin. »Herr Rast, wie ist das, wie wird es -gemacht -- -- Recepte zu fälschen?« - -Er legte zwei abgestempelte Recepte vor sie hin. »Da sehen Sie, das sind -zwei echte Recepte von zweien unserer ersten Chirurgen. Das eine lautet -auf eine fünf- das andere auf eine vierprocentige Lösung. Stärkere -Vorschriften sind gewöhnlich unecht. Hier haben Sie Papier und Feder, -gehen Sie an die Fensterscheibe und pausen Sie die beiden Recepte durch, -zur Vorsicht machen Sie sich zwei Exemplare von jeder Vorschrift. Dann -können Sie durch Dienstmänner oder Kinder, die Sie dafür bezahlen, die -Recepte beide machen lassen. Ich kann Ihnen leicht durch Abdampfen in einem -Filtrirapparat die dünnen Lösungen etwas verstärken. Aber entschließen -Sie sich rasch, damit ich die Recepte in das Buch zurücklegen kann, ehe -sie vermißt werden.« - -Widerstrebend griff Lydia nach dem Schreibmaterial, das ihr der junge -Mann anbot. Sie kam sich maßlos erniedrigt vor durch die gesetzwidrige -Handlung, die sie vor diesem Zeugen zu begehen im Begriff stand. - -Was mußte dieser, gesellschaftlich tief unter ihr stehende leichtsinnige -junge Mensch von ihr denken -- von ihr, die von dem eigenen Gatten, von -allen Menschen, die sie kannte mit Auszeichnung behandelt wurde! - -Sie ließ die Feder, die schon einige Striche gemacht hatte, sinken. -Thränen stürzten ihr aus den Augen. »Ich kann es nicht.« -- - -»Dann müssen Sie aber eine Entziehungskur durchmachen, auf einmal kann -man dem Morphium nicht entsagen,« erklärte der Apotheker. Dabei glitt -etwas wie Freude über sein energieloses, junges Gesicht. - -»Ich will aber garnicht entsagen,« schluchzte die junge Frau. »Das -Gesetz soll mich nicht dazu zwingen, das Gesetz geht mich überhaupt -garnichts an, ich thue nichts, was irgend einem Menschen in der Welt -Schaden zufügen könnte.« - -»Sie schaden sich selbst.« - -»Das ist doch ausschließlich meine Sache. Nein diese Bevormundung ist -wirklich empörend!« - -»Wenn ich etwas bei Seite bringen kann, schicke ich es Ihnen in einem -Briefcouvert,« tröstete er, ihr die zwei Gramm hinschiebend, die er -besaß. - -Sie steckte das Pulver ein und trocknete ihre Thränen. »Haben Sie keinen -Bekannten, der mir helfen könnte?« fragte sie aufstehend. - -»Vielleicht wäre das möglich,« sagte er nachdenklich. »Außer in -Apotheken wird das Morphium in einzelnen größeren Droguengeschäften -geführt. Dort darf allerdings nur der Besitzer die Recepte machen, die -jungen Leute haben kein Examen gemacht und dürfen es nicht.« - -»Ich mache mir ja die Lösung selbst zurecht, wenn mir nur jemand die rohe -Waare verschafft. Können Sie mir wirklich niemanden empfehlen?« - -»O doch ich glaube, ich kann es. Ferdinand Preyer ist ein so blutarmer -Junge, daß er mehr als hochachtbar sein müßte, wenn er einem Angebote -von zehn Mark für das Gramm zu widerstehen vermöchte.« - -»Ist er gewissenhaft und ängstlich?« - -»Ich fürchte allerdings, daß er das ist, aber wenn er den Betrag für -die entnommene Waare in die Ladenkasse legt, so kann es seinem Principal -doch einerlei sein, was dafür verkauft wurde.« - -»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.« - -»Ich will thun, was ich kann. Seine Mutter ist eine arme Wittwe, zwei -Schwestern von Preyer dienen als Stütze der Hausfrau. Die Beiden und -Ferdinand, der neunzig Mark Gehalt im Monat hat, unterstützen die Mutter. -Drei Kinder gehen noch in die Schule. Von irgend welchem Vergnügen ist -für Preyer niemals die Rede. Der arme Kerl ißt sich kaum satt; -- es -wäre einfach übermenschlich, wenn er Ihnen kein Morphium verschaffte; ich -gönne ihm auch den Verdienst.« - -Lydia ging nun, nachdem sie mit Friedrich Rast verabredet hatte, Abends um -acht Uhr wieder in dessen Wohnung zu sein, um daselbst mit Ferdinand Preyer -zusammenzutreffen. Er versprach ihr den jungen Mann herzubestellen und ihn -auf das an ihn gestellte Verlangen vorzubereiten. - -Nachdem sich der junge Apotheker überzeugt hatte, daß der Corridor -augenblicklich menschenleer war, eilte seine Besucherin hastig die Treppe -hinab, ängstlich den Schleier vor ihr verweintes Gesicht ziehend. - -In der Nähe des Hauses fand sie zufällig eine leere Droschke. Von der -Aufregung und Angst aufs äußerste erschöpft, stieg sie ein und fuhr zu -einer Modistin. Darauf besuchte sie noch einige Ladengeschäfte; sie zwang -sich, dazu Einkäufe für ihre und der Kinder Toiletten zu machen, um die -wild durch ihr Hirn stürmenden Gedanken und Besorgnisse zu überwinden. Es -gelang ihr schließlich auch, sich wieder so weit zu fassen, daß sie ihren -Kindern und ihrem Manne unbefangen gegenübertreten und wie gewöhnlich am -Mittagessen theilnehmen konnte. - -Die Kinder waren so lebhaft, daß sie oft bei Tische Veranlassung zu -herzlichem Lachen der Eltern wurden und auch heute führten sie wieder -die Unterhaltung, ohne von ihrem Fräulein, das selbst so gerne lachte, -erheblich daran gehindert zu werden. - -Nach dem Essen forderte Lydia das Fräulein auf, mit ihr und den Kindern -spazieren zu fahren, während der Geheimrath, der später noch in sein -Büreau mußte, sich etwas zur Ruhe zurückzog. - -Unterwegs befestigte sich in Lydia die Überzeugung, daß sie mit der Wahl -des neuen Fräuleins ihren Kindern eine wahre Wohlthat erwiesen hatte. -Fräulein Hedwig war so herzlich, von so natürlicher Heiterkeit und -selbstloser Hingabe, daß die Herzen der Kinder sich ihr zuwandten -wie Blumenkelche dem Sonnenlicht. Während der Fahrt durch den warmen -schattigen Waldweg plauderten und jubelten die Kleinen ununterbrochen, -während die Mutter ihnen schweigend und verstimmt gegenüber saß. Sie -konnte ihre Gedanken nicht davon losreißen, auf welche Weise sie sich wohl -für die Zukunft das Mittel verschaffen könne, das doch nur ihr allein ein -egoistisches Genießen gewährte, an dem kein anderer Mensch Antheil nahm. - -In fröhlicher Stimmung kehrte die kleine Gesellschaft nach Hause zurück. -Lydia fühlte ihre Nerven etwas ruhiger werden; so vermochte sie ihrem -Manne, der die Seinen schon im Garten empfing, freundlich entgegen zu -treten. - -Er gab seiner zurückkehrenden Frau einen erbrochenen Brief und -entschuldigte sich, daß er so indiscret gewesen war, denselben zu öffnen. - -»Der Überbringer sagte mir auf meine Frage, daß er in einer Brauerei in -der Humboltstraße arbeite. Das erschien mir so eigenthümlich, daß ich -nur eine Bettelei vermuthen konnte. Ich wußte nicht, daß Dein Schuster so -weit draußen wohnt. Bist Du denn mit Deinem bisherigen Lieferanten in der -Hauptstraße nicht mehr zufrieden?« - -Lydia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg bei dieser harmlosen -Frage ihres Mannes. Was für ein entsetzliches Verhängniß zwang sie doch, -Lügen -- ganz gemeine Lügen zu ersinnen, wie unwürdig, wie erbärmlich -stand sie da vor sich selbst und vor Friedrich Rast, der ihr auf diese -Weise eine Mittheilung zukommen ließ! - -Sie griff nach dem Blatte: »Gnädigste Frau habe ich zu benachrichtigen, -daß Ferdinand Preyer die gewünschten Waaren nicht liefert. Weiß nun -nicht, ob die Schuhe mit Stahlperlen oder schwarzen Schleifen garnirt -werden sollen und bitte um weitere Befehle. Hochachtend, Friedrich Rast.« - -Sie las, und es wurde ihr dunkel vor den Augen, als sie zu Ende war. -Ferdinand Preyer lieferte also die gewünschten Waaren nicht! Der arme -Commis, der von seinem geringen Gehalte noch seine Mutter unterstützte, -verschmähte das Gold, das die reiche Frau ihm bot, wenn er mühelos ein -Vorrecht benutzte, das der Zufall in seine Hand gelegt hatte. Sie hatte -versucht, einen armen Menschen zu bestechen, ihn zu einer Pflichtverletzung -zu verführen, sie bot ihm ein Verdienst, das seine ganze Lage ändern, ihn -und die Seinen aller Sorgen entheben konnte und er -- -- -- »lieferte -die gewünschten Waaren nicht.« - -Was für ein Ungethüm von Pedanterie mußte dieser unbestechliche junge -Mann sein! Was für eine Willenskraft mußte er besitzen, um in seinem -freudlosen genußleeren Dasein nicht überhaupt für seine eigene Person -nach dem Morphium zu greifen, das ihm doch erreichbar war! Ob er wohl in -seiner übertriebenen Pflichttreue Aehnlichkeit mit Fräulein Hedwig hatte, -die auch ein Leben der Armuth und Arbeit mit innerer Befriedigung hinnahm, -ohne zu einem Betäubungsmittel zu greifen? Ob er wohl auch so froh, so -innerlich glücklich, so reich an Liebe war, wie dieses Mädchen? - -Etwas wie Haß und Neid regte sich in Lydia's Herzen. Sie hätte sich -rächen mögen an dem, der ihr diese Schwierigkeiten bereitete. - -»Du ärgerst Dich wohl über Ferdinand Preyer, der Dir die letzte -Ergänzung einer hübschen Toilette zu versagen scheint, Kind?« - -Lydia starrte noch immer wie betäubt auf das Briefblatt in ihrer Hand. Die -Stimme ihres Mannes schreckte sie auf, sie sah in sein gütig lächelndes -Antlitz. - -»Es handelt sich um eine Lederstickerei, ehe der zugeschnittene Schuh -fertig gemacht wird, Arnold, dieser Preyer ist langsam und ungefällig,« -log sie, halb bewußtlos vor lähmendem Schrecken. - -Bremer lachte. »Das Unglück scheint mir nicht groß zu sein, Liebling,« -tröstete er. »Schwarze Schuhe sind doch immer das hübscheste für einen -so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt.« - -Dann verabschiedete er sich von seiner Frau, die sich kaum noch zu -beherrschen vermochte, küßte die Kinder und fuhr nach seinem Büreau. - -Als Lydia das Geräusch der sich entfernenden Räder hörte, hielt sie -nicht länger an sich. Sie wandte sich jäh ab von den Kindern und dem -Fräulein, stürzte die Treppe hinauf, schloß sich in ihrem Schlafzimmer -ein und warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee. - -Auf irgend eine Weise mußte sie ihrer leidenschaftlichen Aufregung Luft -machen, so drückte sie denn ihr Gesicht auf ein Kissen und schrie -- -schrie so laut und so lange wie sie konnte, bis endlich die Thränen kamen -und ein krampfartiges hysterisches Weinen ihr Erleichterung brachte. Dann -setzte sie sich an den Toilettentisch, nahm wieder Morphium, badete ihr -Gesicht in kaltem Wasser und versuchte mechanisch ihren Anzug, ihr Haar und -ihren Teint wieder in Ordnung zu bringen. »Was nun?« fragte sie sich nach -Beendigung ihrer Toilette mit einem trüben, starren Blick in den Spiegel. --- Ja, was nun? - -Sie nahm eine Gebetschnur und kniete vor dem Bilde der Mutter Gottes -nieder. Heute an ihrem höchsten Ehrentage würde die Heilige sicherlich -die Gebete der Menschen mit besonderer Gnade aufnehmen. Sie wollte um -Erleuchtung bitten, um Frieden, um Ruhe der Seele. Mit Selbstüberwindung -sprach sie die vorgeschriebenen Worte, aber die Seele ließ sich nicht -zwingen, mit den Lippen zu beten. Ihre ganze Seele schrie nach Morphium, -nur allein nach dem Mittel, auf dessen Erlangung sich jetzt nach den -Enttäuschungen dieses Tages eine krankhafte Leidenschaft concentrirte. -Sie ließ sich schließlich gehen in ihrem unstillbaren Drange. Die hohe -göttliche Jungfrau versteht ja die Schwäche des Weibes, hat sie doch -selbst einst in der Gestalt einer irdischen Jungfrau gelebt. So betete -Lydia endlich ganz offen und kindlich um Morphium. »Gieb es mir, -Gebenedeiete,« flehte sie, »ich will auch vor Dir wandeln wie eine -Christin und meine Kinder will ich lehren, Dich zu lieben, Dich zu ehren -und anzubeten.« - -Den Menschen bot sie Gold, der Himmlischen bot sie die Seelen ihrer Kinder, -für sich aber begehrte sie nur das Eine -- mochten es ihr Menschen oder -Engel gewähren -- nur das, was sie nicht lassen konnte, was sie haben -mußte und was man ihr grausam versagte. - -Beruhigt und gestärkt stand sie vom Gebet wieder auf. Ein Gedanke, den -ihr wahrscheinlich die Hochheilige selber eingab, blitzte durch ihr Gehirn. -Turnau -- Doctor Turnau mußte ihr helfen. Sie war fest überzeugt, daß -dieser Plan von der heiligen Jungfrau selbst in ihr Herz gelegt war; so -konnte er also nicht fehlschlagen. Sie brauchte nur der Barmherzigen zu -vertrauen, so erhielt sie gewiß, was sie so glühend ersehnte. - -Sie ließ eine Droschke holen und fuhr nach der Nervenheilanstalt des -Professors Schrödter, in der Turnau wohnte. - -In dem ruhigen Vertrauen auf das Gelingen ihres Planes war die fieberhafte -Aufregung, die sie vorhin erfüllte, gewichen. Sie ließ den Wagen einen -Umweg machen und fuhr am Kirchhofe vorbei. Eine Frau mit mehreren Körben -voller Kränze und Blumen hatte für den Festtag an der Kirchhofsthür -einen Verkauf eingerichtet. Lydia stieg aus, kaufte zwei Kränze von -dunkelrothen Rosen und legte sie mit einem stillen Gebet auf die Gräber -ihrer Eltern. - -»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« Das war die Antwort, die -diese Stätte der Erinnerung ihr gab, auf alle die bangen Fragen, die ihr -Herz durchstürmten. Möchte der Segen an ihr in Erfüllung gehn auf dem -Wege, den sie jetzt ging. - -Mit diesem Wunsche im Herzen betrat die junge, bildschöne Frau -gleich darauf die Junggesellenwohnung eines eleganten Lebemannes. Die -Leidenschaft, die sie hierhergeführt hatte, ließ sie vergessen, was in -ihrer Lage peinlich und anstößig war. - -Auch Turnau trat ihr unbefangen entgegen, fast als hätte er diesen -ungewöhnlichen Besuch erwartet. - -Er ergriff Lydias Hände, sah ihr in die Augen und mit einem milden -gütigen Lächeln, das sein regelmäßiges Gesicht außerordentlich schön -erscheinen ließ, fragte er leise: »Sie wollen Morphium haben, nicht wahr, -Frau Bremer?« - -Wenn er jetzt die Arme um sie gelegt und sie an sich gezogen hätte, so -wäre sie sein gewesen willenlos, selig, ohne jedes Widerstreben. Sie hatte -bei ihrem Manne nie die wahre Gluth der Liebe kennen gelernt und sie -war nie ganz verstanden. Jetzt sah sie sich verstanden und fand ein -Entgegenkommen, das sie bis in die Tiefe des Herzens tröstete und -beglückte. - -Statt aller Antwort wandte sie sich von dem Freunde ab und weinte -bitterlich. - -Dieser Gefühlsausbruch setzte ihn nicht in Verlegenheit, regte ihn aber -auch nicht auf. Er versuchte nicht, seine hübsche Freundin zu trösten, -sondern nahm ihr gegenüber Platz und erwartete mit dem ruhig beobachtenden -Blicke des Arztes, was sie thun würde. - -Sie fühlte bald, daß ihr Benehmen nicht mit den üblichen Formen des -Verkehrs in Einklang zu bringen sei und suchte sich gewaltsam zu fassen. - -»Wie hübsch Sie eingerichtet sind,« sagte sie, ihre Thränen trocknend, -»gar nicht wie ein Gelehrter, viel eher wie ein die Schönheit liebender -Künstler -- sogar Blumen finden bei Ihnen die nöthige Pflege ...« - -»Ich habe ein kleines Abonnement bei einem Gärtner, gnädige Frau,« er -nahm die Rücksicht, ihre Erregung unbeachtet zu lassen und auf den Ton -einzugehen, den sie anzunehmen sich bemühte. »Persönlich habe ich -eigentlich kein Interesse für Botanik, nur als Zimmerdekoration liebe ich -Pflanzen. Ich verstehe nämlich etwas vom Decorieren, mein Talent -dafür hätte sicherlich ausgereicht zum Tapezierer, wenn nicht gar zum -Regisseur.« - -Die reiche, geschmackvolle Ausstattung des Zimmers bestätigte seine -Worte. »Ich sehe hier gar keine anatomischen Präparate,« bemerkte Lydia, -erstaunt um sich blickend. - -»Nein, damit umgebe ich mich nicht. Die Anstalt hat Räume genug, wo man -solche Sachen aufstellen kann, ohne damit die Harmonie des einzigen Zimmers -zu stören, das man wirklich bewohnt. Ich bin nämlich sehr häuslich, -gnädige Frau. Die Biergespräche meiner Altersgenossen interessiren mich -so wenig, daß ich fast jeden Abend zu Hause bleibe, um mich derjenigen -Lectüre widmen zu können, die mich interessirt. Ich wüßte kaum, was -ich in einer Kneipe anfangen sollte, da ich außerdem sehr mäßig in -materiellen Genüssen bin, ich trinke beispielsweise fast nichts.« - -»Und doch gelten Sie für recht unsolide, darf ich es sagen -- sogar für -blasirt.« - -»Ich bin auch blasirt, meine gnädigste Frau, Sie dürfen das ganz ruhig -sagen. Eine ärmliche Umgebung wäre mir unerträglich, und wenn ich mich -hier zwischen meinen eigenen Sachen am wohlsten fühle, so ist das nicht -etwa häusliche Tugend, sondern Bequemlichkeit -- Blasirtheit, wenn Sie -wollen.« - -»Nein, nein, machen Sie sich nur nicht schlecht,« sie konnte schon wieder -lächeln, wie sie das sagte, »es muß und wird noch dahin kommen, daß -Ihre Tugend allgemein anerkannt wird.« - -»Aber ich bin ein anspruchsvoller Genußmensch, ich interessire mich für -Kunst und Wissenschaft, huldige dem Schönen unter allen Umständen, und -bin außerdem dem Morphinismus ergeben, und zwar mit Leib und Seele, wie -Sie ja wissen.« - -»Ich auch,« sagte sie bestimmt, beinahe trotzig. - -»Viele Morphinisten gehen zu Grunde.« - -»Das weiß ich.« - -»Manche werden auch schwachsinnig, oft sogar wirklich gemüthskrank.« - -»Das weiß ich auch.« - -»Und Sie bleiben dennoch dabei?« - -»Ja, ich kann nicht davon lassen, ich will es auch nicht.« - -»Nun, Sie sind erwachsen und gebildet genug, um zu wissen was Sie thun. -Weil ich Medicin studirt habe, halte ich mich nicht für den Vormund -anderer Menschen; ebenso wenig würde ich das thun, wenn ich zufällig -Theologe wäre. Wenn Sie Ihre Lebenszeit abkürzen wollen, so sehen Sie zu, -wie Sie sich mit Ihrer Lebensphilosophie darüber abfinden.« - -»Ich habe mich mit meiner Moral darüber abgefunden, wie --, das geht -niemanden etwas an.« - -»Gewiß nicht, es giebt ja andere Gelegenheiten genug, um das Leben -des Individuums zu verlängern. Wir können als Mediciner die -Infectionskrankheiten bekämpfen, wir haben die herrlichen Fortschritte der -Chirurgie, wer leben will, dem können wir mit den Mitteln der Wissenschaft -helfen, seine Tage zu vermehren. Wer sollte wohl darauf kommen, uns -für das vom nationalöconomischen Standpunkte geringfügige Unglück -verantwortlich zu machen, daß eine beschränkte Anzahl von Menschen mit -klarem Willen und vollem Bewußtsein die Lebenszeit abkürzt, die ihnen an -sich zugemessen ist!« - -»Jeder Apothekerlehrling hält sich für verantwortlich wegen dieses -Unglückes,« sagte sie bitter. »Wenn man da die äußerste Consequenz -ziehen wollte, müßte man jeden Schenkwirth bestrafen, in dessen Local -sich allnächtlich eine Anzahl Leute mit Branntwein vergiften.« - -»Ah -- das souveräne Volk -- dem muß man die Freiheit schon lassen.« - -»Man wird sie auch einst dem Gebildeten lassen, der den verfeinerten -Genuß sucht, unseren Genuß, nicht wahr, Frau Bremer?« - -»Vorläufig scheint mir dazu sehr wenig Hoffnung vorhanden zu sein,« -sagte sie traurig. - -»Ich habe heute eine entsetzliche Enttäuschung erlebt, eine Erniedrigung, -einen Schmerz, der mich fast verzweifelt zu Ihnen getrieben hat, in der -Hoffnung Verständniß und Hülfe bei Ihnen zu finden.« - -Auf seinen fragenden Blick erzählte sie ihm nun von ihren Beziehungen zu -Friedrich Rast und von der unbestechlichen Tugend Ferdinand Preyers. - -»Und von den Ansichten eines solchen halbgebildeten Jungen hängt das Wohl -und Wehe einer sensitiven vornehmen Natur ab. Eine Dame, wie Sie, muß -die Vorstadtwohnung eines bestechlichen Commis aufsuchen, um eine -Gesetzesvorschrift zu umgehen, die in ihrem Widersinn schon viel -entsetzlichere Folgen gehabt hat als diese Demüthigung, unter der Sie -heute gelitten haben.« - -»Noch schlimmere Folgen?« - -»Allerdings; bitte, wollen Sie dem Freunde, dem Arzte, dem Psychologen -verzeihen, wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht schließlich -verkaufen, wenn Sie keine, keine andere Möglichkeit sähen, sich Morphium -zu verschaffen?« - -Sie wurde todtenbleich. »Ich würde sterben, aber ich würde nicht -fallen.« - -»Dann sind Sie eben noch nicht in dem Stadium, in dem man fällt. Andere -sind aber in dieses Stadium gekommen. Das Morphiumgesetz hat schon manche -Frauenehre gekostet.« - -Lydia erhob sich. Sie fühlte das Nahen einer furchtbaren Gefahr. Der Mann, -mit dem sie allein war, konnte ihre Wünsche erfüllen, er konnte aber auch -ihre Ehre fordern. Sie hätte sich ihm nicht versagt, er verstand sie und -sie fühlte, daß sie ihn liebte. - -Einen Augenblick lang kämpfte er mit der Versuchung, das willenlose -liebliche Weib an sich zu reißen und ihre Liebe zu nehmen. Ah -- wie sie -wohl zu lieben verstand! - -Er sah sie an und ein müdes Lächeln erschien auf seinem Gesichte, die -leichte Erregung der Sinne war schon wieder vorüber. »Bitte, meine -gnädige Frau, verstehen Sie mich nicht falsch,« sagte er kühl. - -Dann trat er an seinen Schreibtisch und nahm eine kleine Schachtel heraus, -die er ihr gab. - -»Hier sind zehn Gramm Morphium, Ihre Mischung wissen Sie sich ja -zurechtzumachen. Beruhigen Sie sich jetzt, solche furchtbaren Aufregungen -sind Gift für die überempfindlichen Nerven des Morphinisten.« - -»O, Gott, wie edel Sie sind -- ich danke Ihnen.« - -»Nein, danken Sie mir nicht, ich werde Ihnen ein anderes Mal ein Recept -geben, Ihre Lösung können Sie dann überall bekommen. Jetzt will ich -Ihnen noch einmal das geben, was Sie gestern bekommen haben, damit Sie sich -ganz beruhigen.« - -Mit einem Seufzer der Erleichterung und Wonne empfand sie die Wohlthat, die -er ihr zu theil werden ließ. - -Sie fand keine Worte, um ihm zu danken. Schweigend ließ sie sich von ihm -die Treppe herunterführen, schweigend stieg sie in den Wagen, der sie -erwartete, dann ein Händedruck, und ein Blick, der dem erfahrenen Manne -zeigte, was ihr Herz in diesem Augenblicke empfand. - -Sie kehrte zurück zu Mann und Kindern, zurück in das Haus, dessen Herrin -sie war. Wie gleichgültig war ihr das alles, wie wenig dachte sie daran, -daß sie nahe daran gewesen war, als eine Unwürdige über diese Schwelle -zu schreiten. Eine Fremde war sie in diesen kurzen Stunden ihrem Heim -dennoch geworden. - -Sie hatte nun Morphium, was ihr weder ihr Mann noch sonst jemand von ihren -Angehörigen gönnte. Sie brauchte nicht mehr um den Erwerb des köstlichen -Mittels zu zittern. Die tiefe Befriedigung und die wohlthätige Ruhe, die -sie im Gegensatze zu dem bisherigen Leben der Aufregung und Angst jetzt -empfand, dankte sie ihm, dem selbstlosen Freunde. Langsam nahm die -Erinnerung an ihn, die Dankbarkeit, die Freundschaft und Hingabe, die -sie ihm widmete, ihr ganzes Denken und Fühlen in Anspruch. Sie war nun -zufrieden, sie war ruhig und still, er hatte sie glücklich gemacht. -- - - -III. - -Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft die Erlaubniß erhalten, -eine durchreisende Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In -freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging eilig in der -herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends dahin. Selbst die belebtesten -Verkehrsstraßen waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der großen -grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts von der wundervollen Temperatur -zu bemerken, die draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter den von -Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen dieses Gebäudes. - -Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten der sich drängenden -Menschenmasse, um sie her brauste und lärmte das Leben des großen -Verkehrs. Ein Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter. Da -gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft, tausendstimmig wurde er von -der Menge zurückgegeben und brach sich wiederhallend an der Wölbung der -Decke. - -Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und war unter die Räder des -Zuges gekommen. Man zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr ab. -Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet; als man aber sah, daß -keine Gefahr vorhanden sei, beruhigte sich die Menschenmenge bald, die -Panik verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche Gedränge, -das auf den furchtbaren Schrei gefolgt war, hörte sofort wieder auf. -- -Ein eigentliches Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte nur -noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug schon in Bewegung gesetzt -hatte. Das alte Unglück, es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl -besonders darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das gräßliche Ende -eines Einzelnen den fluthenden Strom des großstädtischen Lebens ins -Stocken gebracht. - -»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des Professor Schrödter -vermißt, hier ist das Signalement, das seine Abreise verhindern soll,« -sagte ein Schutzmann, auf den Bahnhofsvorsteher zutretend. - -Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen Sie uns den Verunglückten -recognosciren, die Sache wird stimmen.« - -Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg durch die Menge. Der -Tragkorb, in dem der Ueberfahrene lag, wurde niedergesetzt, es wurde -festgestellt, daß man den vermißten Patienten der Nervenheilanstalt -vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die Weisung, den Sterbenden -dorthin zu bringen. - -Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber die Freude war ihr doch -durch das Unglück verleidet, das sie mit angesehen hatte. -- - -An der Thür der Klinik empfing der Professor selbst den Kranken-Transport. -Er war im Begriffe, in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo -er einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten hatte. In dem -Verunglückten erkannte er sofort einen Apotheker, der ihm von seinen -Angehörigen als Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft, den -Kranken bald als geheilt entlassen zu können; nun sah er ihn sterbend -vor sich, mit abgefahrenen Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte -einen Vortrag zugesagt, er mußte fort. - -Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu Turnau's Station gehörte, -dem Assistentsarzte sofort zu übergeben sei, in zwei Stunden werde er -selbst nachsehen; damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke. - -Der Oberwärter leitete den Transport nach dem, in diesem Hause selten -benutzten Operationszimmer; die diensthabende Schwester erhielt den -Auftrag, den Stationsarzt zu benachrichtigen. - -Geräuschlos trat Schwester Clarissa in Turnau's Zimmer. Er lag auf -einem niedrigen, weichen Sopha und erhob kaum den Kopf, um sich nach der -Eintretenden umzusehen. - -Die junge Nonne, der vielleicht noch von ihrem weltlichen Leben her -eine solche Formlosigkeit unangenehm war, berichtete mit den knappsten, -nothwendigsten Worten von dem Unglücksfall und den Dispositionen, die der -Professor darüber getroffen hatte. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ -sie darauf den Arzt. - -Turnau richtete sich langsam und mit Mühe auf, sein Gesicht bedeckte eine -fahle Blässe, die Augen waren glanzlos, die eiskalten Hände zitterten. -Die schönen, regelmäßigen Gesichtszüge waren entstellt durch eine -tödtliche Schwäche, die jeden Ausdruck verwischte. Schlaff lagen die -Muskeln unter der welken Haut. - -Nur noch die allerconcentrirtesten Morphium-Lösungen vermochten seinen -abgestumpften Nerven Anregung zu geben. Er combinirte seine Injectionen -mit Aether und sogar mit Chloroform. Trotzdem versagte die Wirkung zuweilen -schon nach ganz kurzer Zeit. Es folgte dann eine an Bewußtlosigkeit -streifende Schwäche. Vorübergehend erinnerte dieser Zustand an Schlaf, -bald aber pflegte der Unglückliche zu erwachen. Seine Pulse jagten, er -hörte das Blut im Kopfe brausen und hämmern, Sehstörungen quälten -ihn, Lichter und Funken sprangen vor ihm auf. Die Geräusche des Blutes -steigerten sich ihm zu geheimnißvollen, grauenhaften Tönen, er -glaubte, Worte daraus hervorklingen zu hören, Worte und Rufe, die ihn in -Verzweiflung und Todesangst stürzten. Schließlich steigerte sich dieser -Zustand zu einer nervösen Aufregung, die hart an die Grenze des Wahnsinns -streifte und ihn zwang, mit zitternden Händen, mit umflorten Blicken und -stockendem Herzschlag wieder und wieder zur Morphiumspritze zu greifen. - -So abgestumpft auch schließlich die Nerven waren, sie mußten angeregt, -sie mußten künstlich gereizt werden, weil der Zustand der Ernüchterung -einfach nicht mehr zu ertragen war. - -Man schläft nicht mehr, wenn man ein gewisses Stadium des Morphinismus -hinter sich hat. - -Tag und Nacht verlangen die zerrütteten Nerven ihr Linderungsmittel, -Tag und Nacht dauert die krankhafte Erregung. Kommt aber dann einmal die -Stunde, wo die Nerven nicht mehr darauf reagiren, wo kein Mittel mehr -hilft, so kommt auch der Tod. - -Unter entsetzlichen Qualen, die nichts mehr zu lindern vermag, geht der -vergiftete Körper zu Grunde. Den Geist umnachtet dann in der Regel der -Wahnsinn. - -Turnau wußte, daß er diesem Ende nicht mehr sehr fern war. Mit großer -Energie versuchte er bisweilen einzelne Stunden der Ernüchterung -auszuhalten. Je länger er die schmerzhafte Schwäche ertragen hatte, um -so genußreicher war dann nachher die Wirkung der von neuem angewendeten -Mittel. - -In einer solchen Stunde großer Leiden störte ihn die Botschaft seines -Chefs. - -Der farbige Schleier, der die Lampe verhüllte, hatte die Schwester seinen -Zustand übersehen lassen. Er hatte von dem, was sie gesagt hatte, -nichts verstanden. Er wußte nur, daß sie ihn rief, daß die Erfüllung -ärztlicher Pflichten von ihm gefordert wurde. - -Noch nie hatte er seine Stellung als Assistent so drückend als Fessel -empfunden. Seine Mittel erlaubten ihm, ohne Ausübung eines Berufes zu -leben, wo und wie er wollte. Im Interesse seines Buches, um der Studien -willen, die er hier machte, hatte er diese Abhängigkeit bis jetzt -ertragen. Nun fühlte er aber, daß es Zeit für ihn sei, sich frei zu -machen. Er war noch auf zwei Monate verpflichtet. Wenn er jetzt auch -beschloß, sich krank zu melden und Ersatz für seine Thätigkeit zu -stellen, so konnte ihm das doch in diesem Augenblicke nicht helfen. Die -Stationsschwester hatte ihn gerufen -- er mußte kommen. - -Mehrere Minuten vergingen, bis er dazu im Stande war. Seine Mittel lagen -bereit, aber ihre Wirkung war keine unmittelbare. Erst nachdem er mehrere -combinirte Injectionen in ganz kurzen Zwischenräumen angewendet hatte, war -er soweit, daß er wieder zusammenhängend zu denken vermochte. - -Im Operationszimmer ließ er sich den Vorfall, der ihm schon berichtet war, -noch einmal erzählen, ehe er an die Bahre trat, auf der der Verunglückte -lag. Es war kein anderer Arzt zu Hülfe gekommen. Dem hochmüthigen und -blasirten Turnau kam ohne eine Bitte von seiner Seite niemand auf die -Station. Er dachte indessen nicht daran, einem seiner Collegen deshalb -ein gutes Wort zu geben. Ein für alle Mal hielt er sich von jeder -Vertraulichkeit, von jedem zwanglosen Verkehr fern. Jetzt war er geistig -vollkommen klar, er beherrschte sein Wissen und seine Gedanken, er brauchte -niemanden. - -Der Anblick, den der Verwundete darbot, war grauenhaft. Beide Beine waren -an den Oberschenkeln abgequetscht. Das eine lag bei den blutigen Sachen, -die das Wartepersonal von dem zerfetzten Körper lostrennte. Das Andere -hing noch lose durch Fleisch und Muskeln verbunden am Körper, der -zersplitterte Knochen lag frei. - -Schwester Clarissa suchte dem enormen Blutverluste vorläufig Einhalt zu -thun. - -Turnau beugte sich über diese ächzenden, wimmernden Ueberreste eines -menschlichen Leibes, er erkannte sofort, daß der Verwundete bei vollem -Bewußtsein war. - -»Chloroform,« stöhnte der Mensch. - -»Gewiß, gleich, aber es könnte Ihnen die Besinnung zu früh nehmen, ich -will Ihnen erst etwas anderes geben, was den Schmerz auch stillt; Sie haben -doch vielleicht noch irgend etwas zu sagen,« antwortete Turnau. - -»Nein, jetzt nicht mehr, es ist zu spät, jetzt will ich kein Morphium -mehr. Jetzt lasse ich mich ja heilen, rasch, rasch, heilt mich doch, ich -halte ja still, ich thu's nicht mehr heimlich,« kam es kaum vernehmlich -über die blaugrauen Lippen. - -Der junge Arzt legte die Flanellmaske auf. »Sind Sie ein Selbstmörder?« -fragte er dabei. - -»Nein, nein, es war nur ein Fluchtversuch -- ein Unglück. Man wollte mich -heilen, gegen meinen Willen -- ich will nicht geheilt sein --« - -»Ja, ich verstehe Sie. Man wollte Sie zu einem anderen Berufe zwingen, -weil Sie als Apotheker doch wieder dem Morphium verfallen wären, das -wollten Sie nicht.« - -»Ich will nicht -- ich will nicht. -- -- --« - -Das Bewußtsein schwand, Turnau führte die nothwendige Amputation aus, -Schwester Clarissa arbeitete ihm wunderbar in die Hand. Augenscheinlich war -der Körper, als die Beine unter ihm weggerissen wurden, mit furchtbarer -Wucht hintenüber auf die Steinplatten des Bahnhofes geschleudert, denn es -wurde auch ein complicirter Schädelbruch festgestellt. - -Nachdem die Verbände angelegt waren, fragte die Schwester, ob Turnau den -Stumpf des anderen Beines, der im Nothverband lag, nicht auch abnehmen -wolle. - -»Keinenfalls, ohne ausdrückliche Anweisung des Professors,« antwortete -der junge Mann, sich eifrig die Hände waschend. - -»Chloroform,« stöhnte der Kranke, der schon wieder zu sich kam, da er -als Morphinist sehr unempfänglich für die Einwirkung narkotischer Mittel -war. - -Turnau trat an den Tisch heran. »Ich darf Ihnen jetzt höchstens Morphium -geben,« erklärte er. »Die Operation ist vorüber, eine andauernde -Narkose könnte höchstens den Erfolg haben, Ihr Leben abzukürzen, -vielleicht sehr rasch zu enden.« - -»Was liegt daran« -- murmelte der Unglückliche. Turnau wendete sich an -die dienende Schwester. »Geben Sie ihm immerhin Chloroform,« sagte er -leise, »der arme Kerl hat das Leben satt, ein Genuß mag es auch in seiner -Lage nicht sein.« - -»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie bestimmt sagen, daß der -Kranke verloren ist?« - -»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte der junge -Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen erforderte, von -der Chirurgie gelernt hatte. »Ich will dem Menschen auch durchaus kein -Todesurtheil sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich verantworten.« - -»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete die Nonne mit -ruhiger Würde. - -Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht. Was für ein Räthsel -war diese mitleidlose Härte den furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei -einer Schwester, deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war. - -Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend. - -»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau. - -»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern, was Gottes Wille ist. -Wäre es nicht der Wille der Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen -zum Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.« - -»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen bei solchen -Unglücksfällen auf der Stelle todt sind« bemerkte Turnau. - -»Es steht auch geschrieben »der Tod ist der Sünde Sold.« - -Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die Nerven des kranken -Mannes; er sah, daß mit der frommen Schwester nichts anzufangen war; so -ließ er sie bei ihrer Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen -griff er selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal an das -Operationsbett heran. - -Er goß auf, nahm den Puls des Kranken in die Hand und sah unwillkürlich -um sich. - -Das ganze blutige Bild des Zimmers, der Geruch der Maske, des Jodoforms und -des Karbols erregte ihm schon nach wenigen Augenblicken einen derartigen -Ekel, daß er sich vollständig außer Stand fühlte, das einmal -übernommene Liebeswerk zu Ende zu führen. - -Wie sollte er auch eigentlich dazu kommen, sich kurz vor seinem Abgange -noch möglicher Weise mit dem Professor zu überwerfen um dieses fremden, -gleichgültigen Menschen willen! - -Freilich, auch dieser Kranke war Morphinist -- gegen seinen Willen wollte -man ihn heilen -- das Resultat des Versuches war diese Flucht, vielleicht -war es dennoch eine Flucht aus dem Leben gewesen. - -Wie hatte doch die Schwester gesagt? »Der Tod ist der Sünde Sold.« Vor -langer Zeit hatte Wilhelm Turnau diesen Spruch auch in der Schule gelernt. -Sollte er jetzt die Bedeutung der alten Lehre erkennen? - -Aber immerhin war dieser Kranke kein Opfer der Verkaufsbeschränkungen, -sondern nur ein Opfer verwandtschaftlicher Vorurtheile. Soweit hatten ihn -seine lieben Angehörigen gebracht, nun versagte auch noch die erbarmende -Liebe der Nonne seinen Todesqualen gegenüber. - -Sollte die Einsicht des mit seinen Ansichten so allein stehenden -Sonderlings hier allein stand halten? - -Wieder schwand das Bewußtsein des Operirten. Der Puls setzte aus. - -Wenn ich noch einmal aufgieße, ist er todt, sagte sich der Arzt. - -Zögernd griff seine Hand nach der schwarzen Flasche. - -»Was liegt daran,« murmelte der Kranke in seiner Betäubung noch einmal. - -»Was liegt mir daran,« setzte Turnau in seinem Innern hinzu. Dann riß er -dem Kranken die Maske herunter. »Schwester Clarissa!« - -»Herr Doktor wünschen?« - -»Sorgen Sie für die Umbettung und wenn der Professor kommt, so fragen -Sie, ob Sie Morphium geben dürfen. Ich gehe in mein Zimmer, im Nothfalle -rufen Sie mich.« - -»Ja, Herr Doctor.« - -Er ging, und sie that ihre Pflicht so still und gelassen an dem Kranken, -wie an alle ihren anderen Pflegebefohlenen. Ihr war die einzelne -Persönlichkeit wirklich gleichgültig, sie sah in jedem Armen und Elenden -nur den ihr von Gott gesendeten Bruder, in dessen Person sie dem Herrn -diente. Turnau dagegen war krankhaft erregt und nervös angegriffen durch -den Anblick der entsetzlichen Wunden, durch den Geruch des Blutes und die -ganze ungewohnte chirurgische Thätigkeit, die an ihn herangetreten war. - -Abgespannt und erschöpft, dabei in hohem Grade überreizt, kam er in -seinem Zimmer wieder an. Er begab sich zur Ruhe; aber die Nacht, die er -darauf zubrachte, war so, daß er sich selbst sagte, mehrere solche Nächte -würden ihn dem Tode schnell entgegenführen. Die Ueberzeugung, daß -Arbeit, Aufregung und gewaltsame Selbstüberwindung ihn ruiniren mußten, -erregte ihn so, daß er der Verzweiflung nahe war. Wenn seine -körperlichen Leiden jetzt rascher, als er geglaubt hatte, seine -Auflösung herbeiführten, so hatte er das der Rücksichtslosigkeit seines -Vorgesetzten zu danken. - -Der ganze Egoismus seines Characters empörte sich bei dieser Erkenntniß. -Er gerieth in eine fieberhafte Erregung. Wie oft hatte er mit dem Gedanken -an das Ende gespielt, wie oft hatte er geglaubt, Sehnsucht nach dem Tode zu -empfinden. Nun hatte er dem Tode ins Auge gesehen, er fühlte die Nähe der -Ewigkeit, und es erfaßte ihn eine namenlose grauenhafte Angst. - -»Der Tod ist der Sünde Sold.« - -Immer wieder mußte er an die Nonne denken, die so ruhig und fest auf -dieses kalte Wort hingewiesen hatte. Er zerbrach sich den Kopf darüber, -wie der Spruch, den sie ihm zugerufen hatte, weiter hieß. Nach langem -Grübeln fiel es ihm ein. -- - -Er, der elegante vornehme Mann, dem die Frauen stets entgegengekommen -waren, hätte sich ohne Zweifel in denselben Todesqualen zu den Füßen -der Schwester Clarissa winden können, wie jener Elende, der sich jetzt in -ihrer Pflege befand -- sie würde nichts bei seinen Leiden empfinden, -sie würde nichts thun, um ihm das abzunehmen, was ihm nach ihrer Ansicht -bestimmt war zu leiden. Er würde ihr gleichgültig sein, gleichgültig wie -jeder Andere. - -Als er ihr zuflüsterte, daß das Fortleben für den Verstümmelten wohl -kaum wünschenswerth sei, hatte sie ihn angesehen, und diesen Blick konnte -er nicht mehr vergessen. - -Die ganze Verachtung des irdischen Leides und des menschlichen Willens, -gegenüber einem höhern Willen hatte in diesem Blicke gelegen. Und dabei -war sie schön -- statuenhaft schön -- schade um solch ein Weib! - -Ob wohl das blühende freundliche Mädchen, das er gestern bei Bremers -bewundert hatte, im Stande wäre Mitleid, wahres menschliches Mitleid zu -fühlen? Vielleicht wurde es für seine übersättigten Sinne einen ganz -neuen eigenen Reiz haben, die Liebe dieses frischen Mädchens zu gewinnen. -Er war ja jetzt ein stets willkommener Gast bei Bremers, da konnte er sich -dem interessanten Studium dieser reinen jungfräulichen Seele ab und zu -widmen. - -Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas, die Spannung der Nerven löste sich, -die körperliche Erschöpfung bewältigte die furchtbare Aufregung. Als der -Morgen dämmerte, trat ein leichtes wohlthuendes Ausruhen an die Stelle der -nervösen Ueberreiztheit. - -Er dachte jetzt auch über den verhängnißvollen Schritt nach, den er -gethan hatte, als er der Frau des von ihm hochgeachteten Geheimrathes -heimlich Morphium gab. Würde diese Frau sich nicht wieder und wieder mit -der Bitte um Morphium an ihn wenden? Es konnten ihm Unannehmlichkeiten -daraus entstehen, er bereute diese Verpflichtung übernommen zu haben. - -Wie tief stand doch dieses genußsüchtige Weib unter der sanften -selbstlosen Nonne, unter der fröhlichen treuen Gefährtin ihrer eigenen -Kinder! Und diese Frau war seine Gesinnungsgenossin, seine Freundin. Er -wußte, daß er nur die Hand nach ihrem Besitze auszustrecken brauchte; -deshalb erschien sie ihm verächtlich und erbärmlich. Sie war schön, aber -niemals würde er sie deshalb lieben, es war seine feste Ueberzeugung, daß -er überhaupt niemanden lieben könne. - -Der Gedanke aber, die Hingabe eines Weibes zu besitzen, erregte ihm einen -Ueberdruß, der an Ekel streifte. Lydia Bremer begehrte nichts als Genuß --- Genuß in der Liebe, Genuß im Morphium; Pflichten kannte sie nicht. -Sie hatte Mann und Kinder, aber als sie von ihm Morphium empfing, als ihre -Blicke ihn zum Danke dafür Liebe ahnen ließen, konnte sie das vergessen. - -Er aber, der im Interesse der leidenden Menschheit für eine gute Sache -kämpfte, er hatte sich dazu hergegeben, diesem begehrlichen glühenden -Weibe Genuß zu gewähren! - -Immerhin hatte er nur mit dieser Handlungsweise die Consequenzen seiner -Gesinnung gezogen. Wenn ihm nur weiter keine Verpflichtung daraus erwuchs, -wenn sie nur nicht etwa eine persönliche Verbindung zwischen sich und -ihm darin sah! Ihn graute davor. -- Und dann, dann mußte er lächeln. Wie -sonderbar, daß er in einer schlaflosen Nacht über das Wesen von drei ihm -gleichgültigen Frauen grübelte! - -Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nach ihrer Pflichttreue, -nach ihrer Moral? Was gingen ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin -Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen Kinderfräuleins an! - -Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genuß an sie zu denken, sie zu -sehen -- -- - -Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte anfangs an eine nervöse -Sinnestäuschung, bald aber überzeugte er sich, daß das Klopfen, -welches er hörte, Wirklichkeit war -- Professor Schrödter hatte die -Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assistenten morgens um fünf Uhr wecken -zu lassen! - -Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in den drei Jahren seiner -klinischen Thätigkeit nur sehr selten vorgekommen. Er war außer sich -darüber und beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden Preis von -dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu werden. - -Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon der Professor unangemeldet -bei ihm eintrat. Er hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm -das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten innerlich durchaus -zuwider war. Aus sehr einfachen Verhältnissen hatte er sich durch eigene -Kraft zu wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne sich zugleich -äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger Formen zu fügen. - -»Störe ich Sie noch? -- Es ist fast halb sechs, sehr viele Menschen haben -bereits ausgeschlafen,« begann er mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte -genau, daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn Uhr früh -aufstand. - -Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in tadelloser Haltung gegenüber. -»Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.« - -»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt haben, ist gestorben. Wenn -Sie in der Nacht einmal nachgesehen hätten, brauchte ich nicht -hierherzukommen, um Ihnen das zu sagen.« - -Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf. - -»Habe ich bei der Amputation einen Fehler gemacht?« - -»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von zwei abgequetschten -Stümpfen haben Sie den Einen amputirt und den Anderen ruhig liegen lassen. -Als ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät. Nicht einmal alle -Knochensplitter des Schädelbruches waren ordnungsmäßig entfernt.« - -»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte, wäre eine sehr -lange Narkose nöthig gewesen. Das war aber nicht opportun wegen einer -Herzschwäche des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.« - -»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?« schrie der Professor grob. -»Sie hätten sich aber Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so -viel wie möglich geschehen konnte.« - -»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache gewesen, Herr Professor. Sie -haben den Verunglückten vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftrage -in dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch einer der Herren Collegen -zur Seite gestellt werden.« - -»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station vor. Sie hätten sich -selbst die nöthige Hülfe verschaffen müssen. Wir sind doch keine -Soldaten, bei denen jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe -er handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen Herren -benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall von vornherein für -hoffnungslos?« - -»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht wagte, nach eigenem -Ermessen irgend eine Aenderung der von Ihnen getroffenen Dispositionen -vorzunehmen.« Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit vollster -Selbstbeherrschung, während der Professor bei jedem Worte mehr seine Ruhe -verlor. - -»So -- Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß ich allein Schuld bin?« -fragte er wüthend. - -»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld sein? Es war eben ein -Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich -gewesen, wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.« - -»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor, für einen Arzt ist das ja -eine sehr eigenthümliche Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen -Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist, alle Hülfsmittel der -Wissenschaft anzuwenden, um das bedrohte Menschenleben zu verlängern und -zu erhalten?« - -»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische, wenn Sie wollen eine -religiöse, aber keine medicinische Frage.« -- -- -- - -»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen, mein Herr -College, nicht wahr?« höhnte der aufs äußerste gereizte Mann. »In -unserm Falle liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der Medicin, -die Frage ist rein sachlich, und die Antwort darauf ist es ebenfalls. Diese -Antwort aber lautet dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus -nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um ein entfliehendes -Menschenleben zurückzuhalten. Sie sagen, daß ich als Chef hätte genauere -Anordnungen treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn ich -gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich einbildet, man -könnte kein guter Psychiatriker sein, ohne zugleich als Chirurg die -verhängnißvollsten Fehlgriffe zu begehen.« - -Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende. Eine grobe Antwort auf den groben -Angriff vermochte er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven Natur -zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich, lehnte sich an einen Schrank, -neben dem er stand und schwieg. - -Der Professor, der trotz seines polternden Tones nicht die Absicht gehabt -hatte, den jungen Mann zu beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner -Worte sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und er hatte im -Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen wollen. - -»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthig ein. »Es liegt -mir ja fern, Ihnen die Schuld an dem Tode eines Menschen aufbürden zu -wollen. Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht einerlei -ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt. Es ist doch immerhin ein -Privatunternehmen und keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt -gegenüber alles, was hier unter meiner Leitung geschieht. -- Wir wollen -nachher die Obduction vornehmen, dann können wir den Fall noch eingehender -und ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.« - -Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor seinem Vorgesetzten. - -»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert, ich muß doch -schelten, wenn nicht in meinem Sinne operirt wird. Das passirt den -jüngeren Herrn überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,« begann -der Professor noch einmal. - -Das Schweigen des hochmüthigen jungen Menschen war ihm furchtbar peinlich. -Er hatte das Gefühl, sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas -vergeben zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte ihm das öfter, deshalb -war ihm auch der in tadellos vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr -unangenehm. - -»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel verdient habe, so muß ich -ihn hinnehmen.« Turnau sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er -sich durchaus nicht beleidigt fühle. - -Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest seiner Sicherheit. »Bei -der Obduction können Sie den Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen, -wie um auf etwas anderes zu kommen. - -»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren zu wollen. Ich -hatte schon seit einiger Zeit die Absicht, mich krank zu melden und bitte -um die Erlaubniß, für den Rest des Quartals einen Collegen zu meiner -Vertretung engagiren zu dürfen.« - -Er war also doch empfindlich! »Na meinetwegen bleiben Sie von der Section -weg. Wegen der Vertretung suchen Sie mich wohl in meiner Wohnung auf.« - -»Wie Sie wünschen, Herr Professor.« - -»Auf Wiedersehen denn.« - -»Auf Wiedersehen, Herr Professor.« - -Noch eine durchaus salonmäßige Verbeugung, die der Professor ziemlich -ungeschickt erwiederte. Er war es gewöhnt, seine Assistenten durch einen -Händedruck oder ein oberflächliches Kopfnicken zu grüßen. Bei Turnau -ging das natürlich nicht. Fataler Mensch, hätte Offizier oder Diplomat -werden sollen, blos nicht Arzt, dachte der Professor, als die schwere -weiche Portiere von Turnaus Zimmer sich hinter ihm schloß. Na, vielleicht -wird er mal Modearzt bei nervösen Damen -- Specialität Migräne; -- er -war im Grunde seines Herzens froh, daß er ihn los wurde. - -Turnau aber fühlte sich nach diesem erneuerten Angriff auf seine -künstlich überreizten Nerven ernstlich und körperlich krank. - -In tiefster Erschöpfung streckte er sich auf seinem weichen Schlafsopha -aus, um körperlich wenigstens auszuruhen. Die nöthigen Schritte zu -seiner Ablösung von dem Posten, den er nicht mehr auszufüllen vermochte, -beschloß er zu einer späteren Tagesstunde zu thun. - -Er lag zeitweise in einer Art von Halbschlaf oder Betäubung; er wußte -nicht wie lange er gelegen hatte, aber die Sonne schien ziemlich heiß -durch die schweren herabgelassenen Vorhänge, als ein ungewöhnliches -Geräusch ihn aufschreckte. - -Die Thür zu seinem Zimmer wurde hastig aufgerissen und mit maßlosem -Staunen sah er Lydia Bremer unangemeldet eintreten. -- - -Turnau verlangte von einer Dame in allererster Linie elegante sorgfältige -Toilette, nachlässig gekleidete Frauen waren ihm gradezu abstoßend. -Bisher war ihm der Verkehr mit Frau Bremer angenehm gewesen, weil sie in -ihrer Erscheinung und in ihrem Benehmen eine elegante vornehme Frau -war; mit Entsetzen bemerkte er jetzt bei ihrem ungestümen Eintritt, wie -unvortheilhaft und verändert sie aussah. Das sonst sorgfältig frisirte -Haar war nicht gebrannt, man sah einzelne dünne Stellen, die die Haut kaum -bedeckten. Die Gesichtszüge waren durch eine maßlose Aufregung verzerrt, -von Thränenspuren entstellt, die nothwendigsten Kunstgriffe der Toilette -waren versäumt. Ein loser Abendmantel bedeckte einen Schlafrock, dessen -zerdrückte Spitzen die deutlichen Spuren des Liegens in Sophakissen oder -gar auf dem Bette aufwiesen. - -Peinlich unangenehm berührt, erhob sich der Arzt. Seine kühle -Begrüßung durch eine ganz kurze Verbeugung schien die erregte, vielleicht -verzweifelte Frau nicht zu sehen. - -»Alles ist verrathen, ich bin verloren, mein Mann hat Verdacht geschöpft, -Professor Schrödter war eben bei uns. Mein Morphium, mein ganzer -Vorrath« -- -- - -Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme brach ihr. - -»Man hat Ihre Morphiumvorräthe gefunden und confiscirt?« fragte er. - -»Ja, ja -- es ist entsetzlich, ich kann nicht leben ohne Morphium. -Erbarmen Sie sich, helfen Sie mir, ich habe ja nur Sie, alle Anderen -verfolgen mich, hassen und quälen mich, man treibt mich in den Tod. O -Gott, stehen Sie doch nicht so mitleidslos da -- erbarmen Sie sich.« - -»Das würde wenig helfen. Wenn ich Ihnen heute wieder Morphium gebe, wird -es morgen wieder gefunden.« - -»Nein, geben Sie mir eine tödliche Dosis, ich verspreche Ihnen, man wird -den Rest Ihrer Gabe nur bei meiner Leiche finden.« - -»Ich bedaure, gnädige Frau, einen derartigen Wunsch, in einem Augenblicke -der höchsten nervösen Aufregung ausgesprochen, erfülle ich nicht.« - -»Ich werfe mich vor die Eisenbahn.« - -»Wenn Sie mir das vorher sagen, ist es meine Pflicht die Ausführung -dieser Absicht zu verhindern.« - -»So -- sind Sie etwa mein Vormund?« - -»Nein -- ich bin Irrenarzt.« - -Ein kurzer Schrei, dann ein krampfartiges zorniges Weinen, folgte auf diese -Ablehnung. Ruhig stand Turnau ihr gegenüber. Er war empört und angeekelt -von dieser Scene. - -Wenn sie wirklich sterben wollte, so hatte sie keinen Grund, erst -hierherzukommen und ihm ein Vertrauen aufzudrängen, nach dem er durchaus -nicht verlangte. Er war aber überzeugt, daß sie gar nicht ernstlich daran -dachte zu sterben. Wenn sie so ungeschickt war, ihr Geheimniß entdecken -zu lassen, so fühlte er sich in keiner Weise berufen, ihr beizustehen. -Ungeduldig wartete er darauf, daß sie sich so weit beruhigte, um auf gute -Manier dahin gebracht zu werden, ihn zu verlassen. - -Sie faßte sich mühsam. »Wissen Sie, was mein Mann und der Professor -beschlossen haben?« - -»Ich kann es mir denken. Sie sollen in eine Anstalt, um eine -Entziehungscur durchzumachen.« - -»Ja« -- sie lächelte. »Ich werde auch ganz fügsam sein und gehen.« - -»Das freut mich.« - -»Sie verstehen, was ich meine?« - -»Nein.« - -»Schicken Sie mir postlagernd jede Woche, was ich brauche. Sie wissen es -ja.« - -»Das geht nicht, in solchen Anstalten ist die Controlle zu streng, man -würde jeden Stich an Ihrem Körper entdecken. Ich würde damit riskiren, -daß mir die ärztliche Concession entzogen wird.« - -»So rathen Sie mir, helfen Sie mir!« - -»Ich kann Ihnen nicht helfen.« - -»Geben Sie mir Morphium, ich will abreisen, ich werde mich irgendwo -verstecken, wo mich kein Mensch findet.« - -»Sind Sie denn mit Allem, was zu einer solchen Flucht gehören würde, -versehen?« - -»Im Augenblicke nicht, aber bis zum Abende kann ich mir Geld und alles, -was ich sonst noch brauche, erschaffen.« - -»Bis zum Abend wird Ihr Herr Gemahl im Verein mit den Aerzten die -nöthigen Schritte gethan haben, um eine derartige Flucht zu verhindern.« - -»So bin ich verloren.« - -»Ich weiß es nicht.« - -Er zuckte gleichgültig die Achseln und trat ans Fenster. - -Zitternd erhob sie sich und ging ihm nach. Sie griff mit beiden Händen in -die Fenstervorhänge, um sich zu halten. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. -Er sah, daß ihre Haut stellenweise welk war. Ihre Augen waren glasig und -starr, plötzlich bildete er sich ein, ihre Vorderzähne wären falsch. -Das war eine abscheuliche Ernüchterung, wenn er sie etwa bewundert hätte, -aber das hatte er ja doch eigentlich niemals gethan. - -»Es gäbe eine Auskunft, eine einzige Rettung,« flüsterte sie, nahe, -ganz nahe an seinem Ohr. - -Er antwortete nicht. - -»Fliehen Sie mit mir, Wilhelm.« - -»Als was -- als Ihr Arzt?« - -Da glitt sie an ihm nieder und umfaßte seine Kniee. »Nehmen Sie meine -Liebe, aber geben Sie mir Morphium.« - -Sie bot sich ihm an -- sie war dahin gekommen, sich zu verkaufen. - -Er machte sich los. »Das würde ehrlos von mir sein. Ich kaufe keine -Liebe, gnädige Frau.« - -»Sie brauchen auch meine Liebe nicht zu kaufen, seit Sie mir Erbarmen -gezeigt haben, liebe ich Sie.« - -»Ich will Ihnen noch einmal Morphium geben, Frau Bremer, aber dann bitte, -bitte, verlassen Sie mich, werden Sie ruhiger, überlegen Sie, was Sie thun -wollen. Wenn man Sie hier fände, wären Sie und ich compromittirt.« - -Das war seine Antwort auf das Geständniß ihrer Liebe. Die Scham -überwältigte sie; sie fühlte, daß sie etwas darbot, was er gar nicht -zu besitzen wünschte. Sie hätte fliehen mögen und sich vor seinen, vor -aller Menschen Blicken verbergen, aber sie rührte sich nicht. Wie gebannt -blieb sie stehen und wartete -- wartete auf das Almosen, das er ihr -geben wollte, um sich von ihr zu befreien. -- Sie fühlte die furchtbare -Erniedrigung ihrer Lage -- aber für Morphium hatte sie sich vor Friedrich -Rast erniedrigt, sie konnte nicht anders, sie mußte warten. -- - -Turnau ging in sein Schlafzimmer, das keine verschließbare Thür vom Salon -trennt. Die Thür vom Schlafzimmer nach dem Corridor war verschlossen. - -Mit einem scheuen Blick sah er sich um. Diese Frau, die ihm ihre Liebe -aufdrängen wollte, folgte ihm also wenigstens nicht! Er sehnte sich nicht -mehr nach Liebe. Wie war es nur möglich, daß sie das nicht begriff? Jede -körperliche Lebensthätigkeit war ja längst bei ihm erloschen; er hatte -geglaubt, das Weib müßte es fühlen, daß ihr in ihm überhaupt kein -Mann gegenüberstand -- ein Gespenst, ein dem Grabe entgegeneilender -Schatten. -- -- - -Und an diesen Schatten wollte sie sich anklammern, sich in ihrer -Verzweiflung an ihm halten. Wie gleichgültig sie ihm war! Er hätte über -sie gelacht, wenn er sich nicht so todtkrank gefühlt hätte. - -Vorhin, ihr gegenüber, war es ihm möglich gewesen, sich bis zu sittlicher -Entrüstung aufzuschwingen, er hatte ihr gesagt, daß es für ihn eine -Gemeinheit sein würde, ihre Liebe zu kaufen. - -Vor sich selbst kam er nicht so weit -- nicht bis zum sittlichen -Widerstreben, nur bis zum Ekel, zum allgemeinen Lebensüberdruß, zu einer -unsagbaren Stumpfheit. - -In der tötlichen Erschöpfung seines Körpers und Geistes suchte er jede -Erregung zu vermeiden, jeder Störung auszuweichen. Die Störungen aber -verfolgten ihn gradezu. - -Wenn ihn nur jemand von dieser Frau befreit hätte, deren Ansprüche er -sich durch sein Entgegenkommen selbst aufgeladen hatte! Sie wartete da auf -ihn, aber er war nicht im Stande zu ihr zurückzukehren. Ruhe verlangten -seine Nerven, nichts als Ruhe sein kranker Körper. - -Er trat an ein kleines Wandschränkchen und nahm daraus einen Kasten, in -dem sich verschiedene kleine Flaschen befanden. Diese Flaschen enthielten -alles, was ihm in der letzten Zeit noch Genußfähigkeit, noch eine -scheinbare äußere Kraft zu geben vermochte. Öfter und immer öfter -aber war jetzt die Wirkung, auch der stärksten Mittel, ausgeblieben. Die -zerrütteten Nerven waren tot -- es war nicht mehr möglich sie anzuregen. -Er konnte nicht mehr genießen. - -Er schob den Kasten von sich. Im Nebenzimmer, von welchem er nur durch eine -Portière getrennt war, hörte er ein Geräusch. -- Richtig -- man wartet -da auf ihn. Zitternd und verlangend verzehrte sich ein Weib nach seiner -Liebe. -- - -Er konnte nicht mehr lieben. Er konnte ja seit Wochen nicht mehr genießen, --- nicht mehr schlafen. - -So müde, so todtmüde und doch keine Ruhe. -- - -Nicht mehr genießen und nicht mehr leben! - -Hatte er das nicht immer gedacht, ausgesprochen sogar vor ihr -- und nun? - -Ja, nun war das Ende da, -- nicht mehr genießen! Es war unmöglich; weder -die Morphiumspritze, noch die Liebe, noch sonst irgend etwas im Leben bot -ihm noch irgend einen Genuß. - -Die kleine Freundin war da, so scharf, so spitz, so vertraut. Vielleicht -konnte sie ihm doch noch eine -- noch eine letzte Freude gewähren! - -Da war ein kleines Glas -- das hatte er sich reservirt für das Ende; das -Ende -- ja das war doch nun da. - -Er entkorkt das Fläschchen. Ein scharfer Alkoholdunst schlug ihm entgegen. -Man kann Morphium höchstens bis zu zwölf Procent in Wasser auflösen, -stärkere Lösungen erfordern Alkohol. Es ist ein Schmerz, als ob man -ein Glied in glühende Kohlen legte, wenn man sich Alkohol unter die Haut -spritzt. Aber jetzt -- du lieber Gott, war es denn nicht das Ende? - -Er biß die Zähne zusammen. Der Arm wurde dunkelroth, es war wie -ein Brand. Aber es wirkte. Das Gefühl, als ob die Knochen des Kopfes -auseinanderfallen wollten, ließ nach. Er vermochte beinah wieder zu -denken. - -Noch einmal also! Er zog die Spritze zurück, sie rollte zur Erde. - -Ja richtig, um sie wieder zu erlangen, muß man sich bücken. - -Mit blöden Blicken stierte er darauf hin -- wozu, wozu -- wenn es doch nun -einmal das Ende sein mußte? - -Wenn sich das Weib nebenan doch nur ruhig gehalten hätte! Herrgott, die -Sache konnte doch nun nicht mehr lange dauern! - -Ohne hinzusehen, griff er in ein kleines Fach seines Schrankes. Er hielt -nun einen Revolver in der Hand. Müde setzte er sich auf den Rand seines -Bettes. Mit irrem Lächeln sah er die Waffe an. »Der Tod ist der Sünde -Sold« -- es ging aber noch weiter, der Spruch war damit nicht aus. Wie -doch?, wie doch? - -Richtig im Notizbuche, da mußte es stehn. -- Aber das Notizbuch? Aufstehen -und es holen, oder sich bücken und die Spritze aufheben? Wozu? Wozu? - -Ein wahnsinniges Geräusch erfüllte plötzlich sein Hirn, wie mit eisernen -Schrauben fühlte er seine Schläfen gepreßt. Die Alkohollösung war eine -tötliche. Aber für ihn doch wohl nicht. -- -- Das Ende, das Ende! -- - -Er fühlte nichts mehr, er dachte nichts mehr, seine Blicke verdunkelten -sich. Langsam hob er den kurzen blanken Lauf des Revolvers in die Höhe, -setzte ihn fest an seine Schläfe und drückte ab. Dumpf krachte der Schuß -in dem kleinen von Teppichen und schweren Stoffen verhängten Raum. -- - -Eine Secunde nur stand Lydia Bremer wie erstarrt, dann stürzte sie -vorwärts. - -Ein Blick zeigte ihr, was geschehen war. Vielleicht lebte der Mann noch, -der ihr den Schimpf angethan hatte, ihre Liebe zu verschmähen -- es war -ihr gleichgültig; keine Minute ihrer Zeit widmete sie ihm. Sie sah das -Kästchen mit seinem Inhalte von kleinen Flaschen. Geräuschlos glitt sie -darauf zu und mit einem einzigen gierigen Griff ließ sie die sämmtlichen -Gläser in ihrer Tasche verschwinden. - -Hastig durchwühlte sie noch den Auszug eines Tisches, aber sie fand -nichts mehr. Kaum eine Minute blieb ihr Zeit; man hatte den Schuß im Hause -gehört; das Zimmer füllte sich mit Menschen. - -Professor Schrödter stellte den Tod seines Assistenten fest. Er nahm an, -daß Turnau in einem Augenblicke geistiger Umnachtung gehandelt habe. - -Kopfschüttelnd blätterte er in dem Notizbuche, das der Todte bei sich -trug, während er geglaubt hatte, es läge im Nebenzimmer. Der Professor -hoffte eine Aufklärung über die Beweggründe zu der traurigen That darin -zu finden. - -Endlich fand er eine Notiz, die das Datum der vergangenen Nacht trug. -»Der Tod ist der Sünde Sold, aber die Gnade Gottes ist das ewige Leben in -Christo Jesu unserem Herrn.« Daneben stand, daß er wünsche diesen Spruch -auf seinen Grabstein setzen zu lassen. - -Der Professor reichte Lydia das kleine Buch. Sie las den Spruch und schlug -wie verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht. - -»Sie waren dabei, Frau Geheimräthin, sollten Sie den Zusammenhang nicht -ahnen, wissen Sie nichts -- gar nichts?« - -Er sah sie durchdringend an. Sie fühlte, daß Alles für sie auf dem -Spiele stand -- -- ihre Ehre -- -- von allen Seiten ruhten neugierige -Blicke auf ihr. - -»Morphium« stammelte sie, verzweifelt, außer sich. -- - -»Ah -- also weiter brauchen wir nach Ihrer Morphiumquelle nun nicht mehr -zu suchen, Turnau war der Schuldige, er gab Ihnen das Gift, er selbst ging -zu Grunde daran, o ich verstehe, ich verstehe.« - -Ueber das breite Gesicht einer Wärterin glitt ein höhnisches -Lächeln. Lydia sah es, das Blut stieg ihr ins Gesicht, sie empfand eine -leidenschaftliche Wuth, die ihrem Wesen bis dahin fremd gewesen war. - -»Herr Professor, was müssen Ihre Leute von mir denken, wenn Sie mich so -fragen!« - -Sie bemühte sich, so kalt und so ruhig zu erscheinen wie sonst -- es war -ihr nicht möglich. Der Professor empfand, daß er sich in irgend -einer Weise nicht ganz correct benommen hatte. Sein Ton klang weniger -rücksichtslos schroff, als er sie fragte, wie sie dazu gekommen sei, -Turnau aufzusuchen, anstatt den jungen Arzt zu sich zu bitten. - -»Sie haben mir selbst heute den letzten Tropfen Morphium weggenommen, -den ich besaß,« erklärte sie rasch »nur durch ein heimliches -Zusammentreffen mit Turnau konnte ich hoffen, das Verlorene wieder zu -erlangen.« - -»Es wäre aber doch eine Gemeinheit von ihm gewesen,« polterte Schrödter -nun doch wieder los, »Sie sind meine Patientin, mein Assistent mußte -darauf Rücksichten nehmen.« - -Lydias Blicke trübten sich, sie empfand mit bitterem Schmerze ihre -Ohnmacht gegenüber der ihr aufgezwungenen Behandlung des Nervenarztes. - -»Doctor Turnau war heute sehr unzugänglich, mein Besuch war vergeblich,« -sagte sie kurz. - -»Ein Sterbender -- das will ich glauben, -- ich habe heute zum ersten -Male bemerkt, wie krank er war -- werfen wir keinen Stein auf den Todten.« - -»Wie meinen Sie das, Herr Professor?« - -In athemloser Spannung hingen die Augen aller Anwesenden an den Lippen des -Arztes. Schrödter sah ein, daß es in diesem Augenblicke in seiner Hand -lag, eine Verdächtigung, einen Makel von dem Namen der Geheimräthin -fern zu halten -- er dachte an den Gatten der jungen Frau. Was für ein -Heiligthum war diese Frauenehre für diesen Mann! - -Gewissermaßen erklärend wandte er sich an das Personal seiner Anstalt, -das ihn jetzt fast vollzählig umstand. - -»Herr Doctor Turnau ist schon längere Zeit leidend gewesen, heute früh -fand ich ihn unzurechnungsfähig, er wird in der Aufregung, die seiner -That voranging, kaum erkannt haben, wer bei ihm war, vielleicht hat er Sie -überhaupt nicht bemerkt, gnädige Frau.« - -Lydia begriff. »Doch, er hat mich erkannt, aber er ließ mich im Salon -warten, während er die entsetzliche That im Schlafzimmer vorbereitete; -erst nach dem Geräusch des Schusses wagte ich es, ihm zu folgen.« - -Nach dieser Erklärung athmete sie auf, man achtete nicht mehr so auf -sie. Die Leute beschäftigten sich mit der Leiche, die Aerzte zogen sich -zurück. - -Mit leidenschaftlichem Entzücken fühlte sie in ihrer Tasche die kleinen -Gläser. Auf Jahre hinaus würden diese concentrirten Lösungen genügen, -um daraus das verhältnißmäßig schwache Mittel herzustellen, dessen -sie bedurfte. O, wie wollte sie diesen Schatz hüten, wie sorglich und -vorsichtig wollte sie alles verstecken, man sollte sie nicht zum zweiten -Mal überlisten. Nun aber nach Hause und vor allen Dingen Alles in -Sicherheit bringen. - -Die Freude, die sie erfüllte, ließ sie die entsetzliche Demüthigung -vergessen, die sie erlitten hatte. Sie empfand auch keinen Schmerz über -das jähe Ende des Mannes, den sie noch vor einer Stunde zu lieben -geglaubt hatte. Sie liebte nichts mehr auf der Welt außer dem Genusse, und -genießen konnte sie jetzt -- maßlos, unbeschränkt, heimlich. - -Geräuschlos verließ sie das Zimmer des Verstorbenen und eilte die Treppe -hinab. Das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf -- fort, nur fort. - -»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte mir gestatten, Sie zu -begleiten,« Professor Schrödter stand plötzlich neben ihr, kalt und -mißtrauisch sah er sie an. - -O, wie sie ihn haßte -- sie hätte ihn ins Gesicht schlagen, ihn von sich -stoßen mögen, sie war fassungslos. - -»Lassen Sie mich -- der Schreck, die Aufregung -- ich möchte allein -sein.« - -»Ich halte es für meine ärztliche Pflicht, Sie zu begleiten, auch wenn -Ihnen das direct unangenehm sein sollte.« - -»Es ist mir so unangenehm, daß es eine Zudringlichkeit wäre, wenn Sie -darauf bestünden.« - -Das war eine Beleidigung, nun mußte er sie doch lassen. Aber er wich nicht -von ihrer Seite. »Ich werde diese Zudringlichkeit vor Ihrem Herrn Gemahl -zu rechtfertigen wissen.« - -Mit diesen Worten hob er sie in den Wagen, stieg zu ihr ein und fuhr -an ihrer Seite ihrer Wohnung zu. Es sah fast so aus, als ob er heimlich -lächelte über ihren ohnmächtigen Zorn. Sie wurde immer bleicher, und in -ihren Augen brannten verhaltene Thränen. - -Der Geheimrath erschrak, als er an den Wagenschlag trat und ihr verzerrtes, -entstelltes Gesicht ihm entgegensah. Sie sah alt und fast häßlich aus in -dieser wahnsinnigen Aufregung mit ihrem nachlässigen Anzuge. - -»Um Gottes Willen, was ist denn mit meiner Frau geschehen? Lydia, wie -siehst Du aus! Herr Professor erklären Sie doch -- -- --« - -»Deshalb bin ich gekommen,« antwortete Schrödter mit überlegener Ruhe. -»Unsere Kranke hat sich wieder Morphium zu verschaffen gewußt, es wird -Ihre Aufgabe sein, Herr Geheimrath, alle Kleider der Patientin sorgfältig -durchsuchen und prüfen zu lassen, damit nichts eingeschmuggelt werden -kann, was wir nicht wissen.« - -»Lydia!« - -Sie hörte den entsetzten Ausruf ihres Mannes nicht mehr, denn sie war -ohnmächtig zusammengebrochen bei den rücksichtslosen Worten des Arztes. - -Der Geheimrath rief das Kinderfräulein an den Wagen. Das junge Mädchen -nahm rasch entschlossen die zarte Gestalt ihrer Herrin in ihre Arme und -trug sie, ohne die Unterstützung der Herren in Anspruch zu nehmen, ins -Haus. - -Das Stubenmädchen kam der Bonne zu Hülfe. Behutsam wurde die Ohnmächtige -niedergelegt, Fräulein Wagner knöpfte ihr den Schlafrock auf, um sie, wie -es der Arzt gewünscht hatte, zu entkleiden. - -Lydia kam dabei zur Besinnung. - -Ein kurzer Befehl ließ das Stubenmädchen zurücktreten, das Fräulein -aber wußte, um was es sich handelte. Gewissenhaft wie sie war, ließ sie -sich nicht abweisen und versuchte der Kranken das Kleid von den Schultern -zu ziehen. - -Da nahm die verzweifelte Frau alle Kraft zusammen, mit beiden Händen -stieß sie das junge Mädchen, das sich über sie gebeugt hatte, vor die -Brust und sprang auf. - -»Ich bin nicht Ihre Gefangene, rühren Sie mich nicht an, gegen Gewalt -wehre ich mich mit Gewalt.« Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Zähne -schlugen wie im Fieberfrost zusammen, ihre Augen waren weit aufgerissen, -man sah das Weiße um die Pupille herum. - -Das junge Mädchen war tödtlich erschrocken, sie glaubte einer -Wahnsinnigen gegenüberzustehen. Bleich und eingeschüchtert lehnte sie -sich an die Wand. - -»Gehen Sie,« herrschte die Geheimräthin das Dienstmädchen an. »Rufen -Sie den Herrn,« rief das Fräulein ihr nach. - -Einen Augenblick schien es, als wollte sich die Kranke in wildem Zorn -auf das Fräulein losstürzen, aber es war nur eine rasche Bewegung. -Geräuschlos bog sie sich an der Bonne vorbei, erreichte die Thür und -stürzte in ein anderes Zimmer, das sie sofort hinter sich abschloß. - -Das Dienstmädchen hatte inzwischen dem Hausherrn gemeldet, wie weit seine -Frau sich gegen Fräulein Wagner vergessen hatte. Professor Schrödter -rieth nun selbst keine Gewalt anzuwenden, sondern das im Hause versteckte -Morphium ohne Wissen der Erregten später zu suchen. - -Der Professor gab der treuen, zuverlässigen Bonne noch einige -Verhaltungsmaßregeln, ehe er ging. Bremer war wie gebrochen über das -Unglück, das über ihn hereinbrach. - -Den Morphinismus hielt er für ein Laster, und einem Laster zu fröhnen war -in seinen Augen eine Schande für sein Haus und für seinen Namen. Dazu -kam das heimliche Einverständniß seiner Frau mit Turnau. Vom sittlichen -Standpunkte aus sah er darin einen Makel, den auch der Tod des Schuldigen -von seiner Ehre nicht zu tilgen vermochte. Wie Lydia als Weib zu Turnau -gestanden hatte, wußte er nicht, er glaubte darin den Versicherungen -des Professors nicht ganz. So krank, so todtkrank wie Schrödter ihn -schilderte, war Turnau nach Bremer's Ansicht niemals gewesen. - -Es war doch nicht anzunehmen, daß dieser junge Mann eine Dame in seiner -Wohnung empfing, nur um ihr selbstlos und in allen Ehren ein Mittel in die -Hand zu geben, von dem sie abhing mit Leib und Seele. - -Diese Frage marterte den ruhigen, klaren, selbstbewußten Mann furchtbar. -Er beschloß, unter allen Umständen ruhig und eingehend mit seiner Frau zu -sprechen. Er wollte die Wahrheit wissen um jeden Preis; wie er sich nachher -mit den Thatsachen abfinden würde, war ihm jetzt noch nicht klar. - -Vorläufig mußte er warten, bis der wilde, leidenschaftliche Sturm der -Verzweiflung vorbei war. - -Er suchte seine Frau nicht auf, Fräulein Wagner hielt ihr auch die Kinder -fern. Gegen Abend machte Professor Schrödter eine kurze, ärztliche Visite -bei der Geheimräthin; er gab ihr für die Nacht so viel Morphium, wie sie -gewohnt zu sein angab. Von den versteckten Vorräthen sprach er kein Wort. - -Lydia hatte die Empfindung, daß sie in ihrem eigenen Hause von Spionen -umgeben sei, sie warf einen wahrhaft leidenschaftlichen Haß deswegen -auf Fräulein Wagner. Aber sie hatte doch einen Trost, Turnaus Gläser -gehörten jetzt ihr, wenn sie auch jetzt noch nicht wagen konnte, deren -Inhalt zu prüfen und kennen zu lernen. - -Trotz der furchtbaren Erregungen, die ihr der Tag gebracht hatte, schlief -sie in der Nacht wie todt und machte am Morgen sorgfältigere Toilette als -an dem Unglückstage vorher. - -Sie war fast ruhig, als ihr Schrödter seinen Besuch machte, und versprach -sogar, sich einigen seiner Anordnungen fügen zu wollen. - -Gegen Mittag hielt es der Geheimrath für möglich, sich mit seiner Frau -auszusprechen. Er konnte es nicht länger aushalten. - -Tiefernst, fast finster stand er vor ihr und forderte Rechenschaft über -die Ehre seines Hauses, die er in ihre Hände gelegt hatte, als er ihr -seinen Namen gab. - -Die sonst wenig erregbare, oberflächlich heitere Frau befand sich in -einer krankhaft gesteigerten Reizbarkeit. Bremer aber besaß zu wenig -Verständniß für Krankheit und krankhafte psychologische Vorgänge, um -damit zu rechnen. - -»Es ist nichts vorgefallen, was gestern und vorgestern, vor Wochen und vor -Jahren nicht auch schon gewesen wäre,« beharrte sie. »Turnau war selbst -Morphinist, er verstand meinen Kummer über die Unmöglichkeit, mir das zu -verschaffen, was ich brauchte, um froh und um glücklich zu sein. Hättest -Du mir nicht diesen ordinären Professor Schrödter, den ich verabscheue -und von dem ich mich niemals behandeln lassen werde, aufgedrängt, so wäre -heute noch Alles wie es war. Ich wäre ruhig und glücklich, und Dir wäre -Aufregung und Aerger erspart geblieben.« - -»Du hättest weiter gesündigt und Dich durch ein Laster erniedrigt, -daß Dich in der Achtung Deines Mannes, Deiner Aerzte und sogar Deiner -Dienstboten tief herabsetzt.« - -»Wenn Du mit den Dienstboten vielleicht Fräulein Wagner meinst, so -will ich Dir doch nebenbei bemerken, daß ich diese arrogante Person zu -entlassen gedenke.« - -»Die pflichttreue Pflegerin ist meinen Kindern unentbehrlich, so lange -diese keine Mutter haben.« - -»Du stellst diese Person über Deine Frau!« - -Ihre Augen flackerten, ihre Wangen brannten, er sah es, aber er begriff -nicht, daß diese Anzeichen Schonung und Ruhe für ihre kranken Nerven -forderten; er sah nur ihre Leidenschaft, ihren ungerechtfertigten Zorn -gegen ein unschuldiges, reines Wesen, das in seinem Hause unter seinem -Schutze stand. - -»Ja,« sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches Mädchen steht -sittlich viel höher, als eine pflichtvergessene Mutter, die sich ihren -Kindern entzieht, um mit sinnlicher Gier in verbotenen Genüssen zu -schwelgen. Seit Du morphiumsüchtig bist, habe ich kein Weib mehr, meine -Kinder haben keine Mutter, und die Ehre meines Namens lag bis heute in den -Händen eines charakterlosen Schwächlings, der in seiner Erbärmlichkeit -nicht anders enden konnte, wie er geendet hat, als Selbstmörder.« - -Lydia sah ihn starr an. Es lag etwas Unheimliches in ihren Augen, etwas wie -verborgener Wahnsinn. »Deine Ehre in Turnaus Händen?« sie lachte. - -»Von seinem Mitleid habe ich gelebt, von dem Almosen, das er mir hinwarf. -Ein willkürliches Gesetz gab ihm in die Hände, was Anderen unerreichbar -ist. Großmüthig gab er mir von seinem Reichthum, weiter nichts. O Gott, -Arnold -- muß ich Dir denn schwören, daß Deine Ehre rein geblieben ist, -daß mich Turnau körperlich niemals berührt hat?« - -»Wenn das der Fall ist, so lag es wohl nicht an dir; du hättest dich -vor die Hunde geworfen, um deiner Leidenschaft fröhnen zu können. Es ist -nicht das Verdienst einer Dirne, wenn ihre Reize keinen Käufer finden.« - -Er erschrak selbst, als er die furchtbare Beleidigung ausgesprochen hatte. -Die Verachtung hatte ihn überwältigt, maßlos wie seine Verzweiflung war -der Vorwurf, den er erhob. - -»Du begreifst, daß diese Aeußerung unsere Ehe nun auch äußerlich -scheidet. Innerlich getrennt sind wir, seit Du heute früh Deine -»Dienstboten« aufgehetzt hast, mir den einzigen Genuß zu stehlen, den -das Leben an Deiner Seite für mich überhaupt hat.« - -Sie wunderte sich selbst, daß sie so ruhig sprechen konnte. Wie aus weiter -Ferne hörte sie ihre eigene Stimme. Es war in ihr wie ein Morphiumrausch -ohne Morphium. Leise griff die Krankheit des Körpers vom Nervensystem -aus hinüber nach der Seele. Die Grenze, die das körperliche und das -Gemüthsleiden trennt, verschob sich unmerklich, die Leidenschaft, der Zorn -und die Qual der Verzweiflung wurden zur Krankheit. Sie konnte nicht mehr -kämpfen, nur noch leiden, nur noch dulden, nur noch schwach und vergehend -sich wehren, wenn man ihr allzu wehe that. - -»Ehescheidung?« Er fuhr in furchtbarer Heftigkeit auf. »Glaubst Du, daß -ich an meinen Kindern das Verbrechen begehen werde, meine Ehe scheiden zu -lassen? Der Schwur, den ich am Altar geleistet habe, ist mir heilig. Ich -bin und ich bleibe Dein Gatte, nur der Tod kann uns scheiden.« - -»Wenn das Deine Ansicht ist, so giebt es allerdings für uns Beide -nur einen Ausweg -- tödte mich -- es wird mit meinem Einverständniß -geschehen.« - -»Nein, ich will kein Verbrechen begehen, wie Du. Dank dem krankhaften -Zustande Turnaus bist Du äußerlich wenigstens nicht entehrt, wenn Du es -auch innerlich bist durch den Willen zur Sünde. Kehre um, bereue, bessere -Dich und beginne ein neues Leben.« - -»Was giebt Dir das Recht, eine solche beleidigende Forderung an mich zu -stellen? Ich war nicht Turnaus Geliebte, ich war nur Morphinistin, das ist -eine Krankheit, eine Schuld ist es nicht.« - -»Als eine Krankheit fasse ich es auf und wie ein Unglück, wie eine -Krankheit will ich es bekämpfen.« - -»Glaubst Du, daß Zwang und Gewalt, die mich zur Verzweiflung treiben, die -mich sogar zur körperlichen Gegenwehr zwingen, der richtige Weg sind, um -eine Krankheit zu heilen?« - -»Bedenke mein Entsetzen, Lydia, meine schmerzliche Ueberraschung. Deine -Tugend, Deine Vornehmheit, Deine frauenhafte Lieblichkeit waren mein -Heiligthum und mein Glück. Mir ist, als ob sich ein Abgrund aufgethan -hätte, der das Alles in seine Tiefe gerissen hat; mir ist, als ob ich -selbst vor einem Verhängniß stände, das mich zu Grunde richten muß.« - -»Dein ganzer Kummer ist nichts als Einbildung,« rief sie außer sich. -»Laß morgen durch die Gnade der Heiligen eine Erleuchtung in die Welt -kommen, die einen entsetzlichen Zwang aufhebt, laß den Morphiumverkauf -frei werden, und ich stehe gerechtfertigt, ehrenhaft, glücklich und frei -da, wie zuvor. Nur der Zwang, ein Gesetz umgehen zu müssen, hat mich -unglücklich gemacht. Mit dem Fall dieses Gesetzes würde ich und Tausende -mit mir wieder ehrlich und froh sein.« - -Arnold Bremer stampfte mit dem Fuße auf und griff in maßloser Wuth -mit beiden Händen in sein graues Haar. Seine Stimme klang beinah wie -Schluchzen. - -»Lydia -- wenn morgen die Strafe für Mörder aufgehoben würde, würde -dann der Mörder aufhören ein Verbrecher zu sein?« - -Sie zuckte die Achseln. »Der Mörder schadet Anderen an Leib und Leben; -der Morphinist schadet niemand, er genießt nur ein süßes Behagen, das -ein neidischer Zwang ihm verwehrt.« - -»Und schadet niemand?« - -»Nein.« Sie sah ihn fragend an. - -Er lachte höhnisch außer sich auf. »Also Du glaubst, daß es nichts -schadet, wenn ein Mensch plötzlich aufhört, diejenigen Pflichten zu -erfüllen, die ihm Gott für sein Leben zugetheilt hat? Es schadet wohl -nichts, wenn eine Frau, anstatt ihren Mann glücklich zu machen und -ihre Kinder zu pflegen, in zwecklosem Genießen nur noch körperlich -fortvegetirt, ohne geistig auf ihrem Posten zu stehen? Steht nicht -geschrieben: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen?« - -»Nicht essen? -- Lieber Arnold, muß ich Dich daran erinnern, daß ich -kein armes Mädchen war, das geheirathet hat, um versorgt zu sein? -Unsere Renten sind ungefähr gleich. Was giebt Dir denn das Recht, mir -vorzuhalten, daß ich ohne Gegenleistung dafür mir erlaube -- -- zu -essen?« - -»Nimm das nicht buchstäblich, spiele nicht mit Worten,« rief er -außer sich, »es ist ein frivoles Spiel. Jeder Mensch hat sein Leben zu -durchkämpfen, wenn es sein muß, zu durchleiden, um einen gewissen Kreis -von Pflichten zu erfüllen, die ihm zugefallen sind. Nicht Jeder braucht -um das tägliche Brod zu arbeiten, Mancher ist zu mehr, zu Besserem, zu -Höherem berufen. Jedes Weib ist dem Himmel verantwortlich für die Seelen -ihrer Kinder, die sie dem ewigen Heil zuführen muß. Man muß einen -Lebenszweck haben, begreifst Du das nicht?« - -Einen Lebenszweck -- -- wie eine Vision stand der Kirchhof vor ihrem -inneren Auge; sie saß am Grabe ihrer Eltern, die rothen Sonnenstrahlen -schimmerten auf dem schwarzen Marmor des Grabsteins. Neben ihr saß ein -Mann, ein Freund, er verstand sie, und sie -- sie liebte ihn. Er war jetzt -hinübergegangen zu den Todten, und von ferne, aus einer anderen Welt, -jenseits des Grabes, aus der Welt der Erinnerung drangen Worte an ihr -inneres Ohr -- Worte, die er einstmals gesprochen, »der Genuß ist auch -ein Lebenszweck, so gut wie die Arbeit; es kommt nur darauf an, daß man -seine moralischen Begriffe damit in Einklang zu bringen versteht -- -- -- --- -- -- -- -- --« - -Mechanisch, halblaut, wie man nachspricht, was jemand vorsagt, sprach sie -sie aus, diese Worte des Freundes. - -Der erzürnte Mann vor ihr hatte diese Antwort doch nicht erwartet. Wie ein -Schleier sank es ihm plötzlich von den Augen. Diese Frau mit dem irren, -abwesenden, in's Leere starrenden Blick konnte er nicht für die Worte -verantwortlich machen, die so abgerissen und ausdruckslos von den bleichen, -zuckenden Lippen fielen. Sie war krank, unzurechnungsfähig. -- Mit -furchtbarer Ahnung durchblitzte sein Hirn der Gedanke, sie könne -wahnsinnig geworden sein durch die Verzweiflung, in die sein -rücksichtsloses Vorgehen sie gestürzt hatte. - -»Du mußt in eine Anstalt, nachher wird Alles besser werden,« und wie sie -zusammenzuckte, fügte er noch mitleidig und traurig hinzu: »ich will Dich -nicht quälen.« - -Dann ging er hinaus. Wenn er gewünscht und gehofft hatte, seine Frau zu -erschüttern, zu rühren und der Bereuenden vielleicht dann verzeihen zu -können, so sah er sich bitter enttäuscht. - -Er hatte nichts erreicht, höchstens den Riß, den nach seiner Ansicht -ihre Morphiumsucht in die Ehe gebracht hatte, unheilbar gemacht und endlos -vergrößert. Seinem Auge bot sich kein Ausweg. Er wollte und mußte sie -in eine Heilanstalt bringen, aber selbst wenn sie dort körperlich geheilt -werden sollte, konnte er nicht hoffen, daß ihre Seele wieder gesund werden -würde. - -Er hatte sie geliebt, jetzt hatte er ihre Liebe verloren. Mit heißem -Schmerze fühlte er, daß seine Liebe zu der Kranken, Unglücklichen -unerschütterlich treu in seinem Herzen fortleben würde, so lange er -lebte. Vielleicht konnte diese Liebe noch wachsen und zunehmen, wenn sie -jemals sich hülflos und verzweifelt an ihn anklammern würde, aber er -fühlte, daß sie das, was ihm und auch ihr früher selbstverständlich -erschienen wäre, nicht thun würde -- nie wieder. -- Es stand etwas -zwischen ihnen, was er nicht aus dem Wege zu räumen vermochte, weil -es überwältigend und unfaßbar war, eine Leidenschaft -- -- -»Morphium«. -- - -Er dachte auch einen Augenblick an den blutigen Schatten des todten -Freundes. Nein, der stand nicht zwischen ihm und ihr, den hätte die Liebe -des Mannes überwinden können; aber gegen den Dämon konnte er nicht -kämpfen, der ihre Seele gefesselt hatte. Mit einem schweren Seufzer blieb -er vor der Thür ihres Zimmers stehen. Dann ging er mit festen Schritten -hinüber in's Kinderzimmer. Nacheinander hob er beide Kinder zu sich empor, -drückte sie fest an die Brust und küßte sie innig. - -»Meine Frau ist schwer krank, Fräulein, die armen Kinder werden manches -entbehren müssen,« sagte er ernst. - -»Was ich thun kann, um den Kindern die Mutter, so lange es nöthig sein -wird, zu ersetzen, soll geschehen,« antwortete Hedwig Wagner einfach und -schlicht. - -In ihren grauen Augen standen Thränen, treu und freimüthig legte sie -ihr Versprechen ab. Der Geheimrath gab ihr die Hand. Dann verließ er -die Kinder; es war ihm, als hätte er sie in die Obhut eines Schutzengels -gegeben. - -Um so schnell wie möglich die Unterbringung seiner kranken Frau in einer -geeigneten Anstalt zu veranlassen, begab er sich gleich darauf zu Professor -Schrödter. - -Lydia war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend und regungslos -stehen geblieben. Ein weißes, langes Kleid floß weich herab an ihrer -schlanken Gestalt, der schöngeformte, hochfrisirte Kopf sah reizend und -jugendlich aus, aber die Augen waren glanzlos, die vorher brennenden Wangen -waren fahl geworden, und die Hände hingen schlaff und müde herab. - -Sie fühlte, daß Alles zu Ende war zwischen ihrem Manne und ihr. Sie -hatte, seit sie Morphinistin war, nicht darüber nachgedacht, ob sie ihn -noch liebe oder nicht. Still und unmerklich war die Liebe eingeschlafen in -ihrem Herzen. Ein zartes verständnißvolles Benehmen des Mannes hätte -sie vielleicht leise und sanft wieder erwecken können wie ein Sonnenstrahl -eine Blüthe, die ein Nachtfrost geschlossen hat, aber seine brutale Moral, -sein schroffer correcter Ehrbegriff hatte die zarte, sterbende Blüthe -zertreten. - -Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben und konnte ihn auch nicht wieder -lieben, nie, im Leben nicht wieder. - -In erbittertem Kampfe stand er ihr gegenüber. Verachtung hatte er ihr -entgegengeschleudert. Um ihr Laster auszurotten, wollte er sie in eine -Heilanstalt bringen. Gegen sie, das zarte kranke Weib, rief er den rohen -rücksichtslosen Arzt zu Hülfe, den sie verabscheute. - -Es ist so leicht, einen wehrlosen, kranken Menschen zu peinigen und zu -verfolgen. Darin liegt aber eine Gemeinheit, eine moralische Roheit, die -doch wohl eben so verächtlich ist, wie die Pflichtvergessenheit -einer Kranken. Lydia wußte, was das Wort in sich schließt »eine -Entziehungscur.« Professor Schrödter garantirte zwar für seine -»Entziehungscuren ohne Qualen«, aber nur ein Morphiumkranker kann -ermessen, wie groß die Lüge ist, die in dieser Vorspiegelung liegt. - -Ein Opfer dieser Qualen aber sollte sie nun sein, um nach dem Willen ihres -Mannes ihren Pflichten zurückgegeben zu werden. - -Sie dachte an Turnau. Nicht mehr mit Liebe, sondern mit Neid gedachte sie -des glücklichen Todten. Er hatte den Genuß, den das Morphium gewährt, -auskosten dürfen bis zum Ende, ihr dagegen riß man den goldenen Kelch von -den Lippen, jetzt wo sie noch durstig war -- durstiger als je. - -Ihre Seele lechzte nach Betäubung, um die Schmach zu vergessen, die ihr -angethan worden war. Von ihrer Krankheit, von ihrer Verirrung sprach ihr -Mann; die Aerzte, die Welt würde davon sprechen; Nachsicht und Mitleid -würde man ihr zu Theil werden lassen -- und Achtung, äußere Achtung -vielleicht auch wieder, ja -- das -- -- - -Der Todte aber hatte sie besser gekannt, als alle lebenden Menschen. Er -allein wußte, daß sie eine Schuldige -- eine Ehrlose war. - -»Der Tod ist der Sünde Sold«, das war das letzte Wort, was er ihr zurief -von seiner blutigen Bahre. In frivolem Spotte hatte er gespielt mit dem -Gedanken an ewige Dinge, und als dann der Tod kam, klammerte er, der -Freigeist, sich an die Verheißung des Christenthums von der Gnade Gottes -und dem ewigen Leben in Christus. - -O, wie sie sich schämte; in der Tiefe ihrer Seele verging sie in Scham und -in Reue. »Der Tod ist der Sünde Sold.« Es war ihr plötzlich wie eine -Offenbarung. Auf seinen Grabstein sollte man den Spruch setzen. Aber der -Spruch war für sie. Wenn Menschen schweigen, so reden die Steine. Zu -ihr, nur zu ihr sollte er sprechen, dieser Stein; nur für sie galt die -furchtbare Mahnung: »Der Tod ist der Sünde Sold.« - -Mit einem wilden Schrei griff sie nach ihren hämmernden Schläfen. Dann -stürzte sie vorwärts und riß die Schnur von ihrem Halse, an der sie den -Schlüssel verbarg zu ihren »Schätzen.« - -Sie kniete nieder an dem Schränkchen und schloß es mit zitternden Händen -auf. Da standen sie alle, alle die kleinen Gläser, die sie bei dem Todten -gefunden, es fehlte nicht eins. - -Das erste beste ergriff sie und setzte es an die Lippen. Sie fühlte -ein scharfes Brennen, aber sie wollte es überwinden, das Gläschen leer -trinken. - -Da ging hinter ihr eine Thür auf. Hedwig Wagner trat ein, nahm ihr mit -ruhiger Bestimmtheit das Gläschen vom Munde und verschloß den Schrank. - -»Das geht nicht, gnädige Frau. Der Professor wird Ihnen so viel Morphium -zutheilen, wie Sie bedürfen, um nicht zu leiden,« sagte das Mädchen. - -Lydia antwortete keine Silbe. Scheu und traurig begegnete ihr Blick dem der -Bonne. Dann verließ sie das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinauf, mit einer -Hand hielt sie ihr Kleid, die andere lag an der Stirn. »Die Steine reden, -die Steine rufen.« -- Leise und stockend sagte sie das vor sich hin, -wieder, immer wieder. - -Sie ging die ganze Treppe hinauf, schritt über den Boden, noch eine kleine -Treppe höher und stieg endlich durch eine Klappe auf das platte Dach des -hohen Hauses. Ein niedriges Geländer umgab die Plattform. - -Lydia beugte sich darüber hinweg und starrte hinab auf das Steinpflaster -des Hofes vor den Stallungen und Remisen. - -Die Steine da unten schimmerten grau zu ihr empor. Ein röthlicher -Sonnenstrahl glitt drüber hin. - -Der Tod ist der Sünde Sold; -- »die Steine reden, die Steine rufen.« Sie -sah sich scheu um. Nein, es war ihr niemand gefolgt, sie war allein, -frei, vielleicht zum letzten Male frei, ehe sie die Gefangenschaft des -Irrenhauses umgab. - -Wie wonnig ist doch die Freiheit, das edelste Menschenrecht -- -- -- Sie -hatte die Freiheit benutzt. - -Ein Schrei, ein Fall -- die Steine der Tiefe nahmen sie auf. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Nach dem Tode. - -[Illustration: Decoration] - - -[Illustration] - -In der großen Universitätsklinik traten die Nachtwachen an. Auf jeder -Station wachte eine Schwester, und an einzelnen Betten, wo es besonders -verordnet war, sollten Hülfswärterinnen wachen. Vorläufig waren die zu -diesem Dienste bestimmten Schwestern im Operationssaale versammelt; sie -präparirten die nöthigen Medicamente, die Eisbeutel, die Getränke, die -Compressen, kurz alles das, was in der Nacht möglicherweise gebraucht -werden konnte. - -Die Wärterinnen hielten sich, so lange bis ihnen eine genaue Angabe ihrer -Arbeit zu Theil wurde, auf dem breiten Corridor auf und klatschten. - -Das Elend einzelner Kranken, ihre Lebensverhältnisse, sowie die -persönlichen Angelegenheiten der Aerzte und Schwestern bildeten -den Gesprächsstoff. Die schauerlichen Einzelheiten der schwersten -Unglücksfälle wurden mit wonnevollem Eifer besprochen, und hatte eine von -diesen Mädchen und Frauen ein entsetzliches Menschenschicksal in kurzen -Worten, und von den Ausrufen der Anderen oft unterbrochen, geschildert, so -war auch gleich eine Andere da, die aus ihrer Spitalerfahrung etwas noch -Trostloseres, noch Krasseres zu berichten wußte. - -Trotz des tieftraurigen Gegenstandes, der bei der Unterhaltung -vorherrschte, klang doch zuweilen ein unterdrücktes Kichern, ja sogar -lautes Lachen aus diesem Kreise. - -Die Oberschwester hatte den jüngeren Pflegerinnen die nöthigsten -Anweisungen für die Nacht ertheilt und durchschritt nun den Corridor, um -ihr Zimmer aufzusuchen. Die Wärterinnen, obgleich sie »weltlich« waren, -drückten sich schweigend und zum Theil verlegen an die Wände, um in -tiefster Ehrfurcht die würdige Dame an sich vorbeigehen zu lassen. - -In keinem von Männern versehenen Dienst- oder Verwaltungszweige herrscht -eine so unbedingte Unterordnung unter die Person des Vorgesetzten, wie in -dem weiblichen Staatshaushalte eines kirchlichen Jungfrauenordens. - -Das ganze weibliche Personal der Klinik unterwarf sich bedingungslos den -Befehlen und Anordnungen der Schwester Domina, die als Leiterin der Anstalt -hier voll und ganz die Würde der »Frau Mutter« vertrat. - -Die Schwestern verließen das Operationszimmer, in welchem sie die -Anordnungen ihrer Oberin empfangen hatten und traten auf den Corridor -hinaus, um sich nach den Wärterinnen umzusehen, die ihnen für die -schwersten Arbeitsleistungen der Nacht zur Hilfe zugetheilt waren. - -Schwester Coelestina von der sechsten Männerstation erhielt allein drei -Gehilfinnen für ihren Saal, Schwester Theophila ging mit zwei bewährten -Hilfskräften nach der Diphteritis-Abtheilung der Kinderstation. Fast -jede Schwester entfernte sich in Begleitung einer Wärterin, nur Schwester -Clarissa schlug allein den Weg nach der dritten Frauenstation ein. Die -Schwester Domina war der Ansicht, daß auf dem dritten Frauensaale momentan -kein so schwerer Fall vorliege, daß die Stationsschwester nicht allein -damit fertig werden sollte. - -Lautlos, fast wie schwebend bewegte sich die dunkle, schlanke Gestalt der -jungen Nonne durch die langen, schwach beleuchteten Gänge des großen -Krankenhauses. - -Im Hörsaale brannte das Gaslicht noch mit voller Flamme. Das war eine -Nachlässigkeit des Heilgehülfen, dem die Reinigung und Ordnung dieses -Raumes oblag. Schwester Clarissa verzichtete darauf, den Mann zur -Erfüllung seiner Pflicht herbeizurufen, sie stieg auf einen Stuhl und -erhob die Arme, um das Licht herunterzuschrauben. Wie ein dunkler Schatten -breitete sich bei dieser Bewegung der Nonnenschleier aus, der ihren -Oberkörper verhüllte; das Licht fiel ihr grell in das Gesicht, das sonst -durch den Rand der Haube im Schatten gehalten wurde; unwillkürlich legte -sie die Hand über die müden, vom Nachtwachen mit tiefen Ringen umgebenen -Augen und blickte zur Seite. - -Da stand das Gerippe, an dem die jungen Anatomen die ersten allgemeinen -Studien über den Knochenbau des menschlichen Körpers zu machen pflegten. -Schwester Clarissa war unzählige Male gleichgültig an dieser Erscheinung -vorübergegangen, aber jetzt, in der Stille der Nacht schrak sie zusammen, -als sie den grau-weißen Schädel so unmittelbar vor sich sah. - -Sie schraubte die Gasflamme nieder, faßte mit beiden Händen das Kreuz, -das an ihrer Gebetschnur hing und trat leise dem Gerippe gegenüber. - -»O Du unergründlicher Gott, wo mag die Seele sein, die in diesem Körper -gewohnt hat, ist sie bei Dir? Was aber mag dieser Mensch verbrochen haben, -daß seine Gebeine nicht ruhen dürfen, wie die Gebeine Anderer? Ich -- -eine arme demüthige Magd des Herren -- werde in wenigen Jahrzehnten auch -nur noch ein Häuflein Gebeine sein,« betete sie, »o Du heilige Mutter, -gieb meinem Leibe Ruhe und meiner Seele Erlösung. Wir sind von Erde -genommen, und wir werden wieder zum Staube -- wir -- wir -- aber dieser -nicht. Seine Knochen sind präparirt, daß sie nicht zerfallen; sie sind -mit Draht aneinander befestigt, und statt der heiligen Ruhe des Friedhofes -umgiebt sie das lärmende Treiben der academischen Jugend, die in diesem -Saale ein und aus geht. Was hat er verbrochen, welches ist die Schuld, die -sich so straft, daß der Leib keine Ruhe findet, nachdem das müde Haupt -dahingesunken ist auf das Kissen des Sterbebettes?« - -Das schöne zarte Gesicht der jungen Schwester nahm einen tief wehmüthigen -Ausdruck an. Sie wendete sich ab von dem Gerippe und nahm vom Katheder eine -runde flache Glasschale herab. - -In der Schale lag ein vom Haupte abgelöstes menschliches Antlitz, ohne -Unterkiefer. Die Frau war an einem Krebsleiden gestorben, das sich vom -Nasenbein nach der Stirnhöhle ausgedehnt hatte. Aus diesem Grunde hatte -einer der Professoren das Gesicht von der Leiche genommen, um an diesem -Präparate die Krankheit zu demonstriren. - -Rücksichtslos hatte das Secirmesser von den Mundwinkeln aus die -Wangen durchschnitten und das Fleisch lag nun da, bläulich grau und -eingeschrumpft. Die Augenhöhlen waren tief eingesunken und zeigten eine -dunklere Farbe. Schwester Clarissa hatte die Todte, die vor einem halben -Jahre gestorben war, gepflegt. Es war eine schöne, sanfte junge Mutter -gewesen. Sie hatte gräßlich gelitten, der Gedanke an ihre Kinder, die -mit dem Keime des Krebsleidens geboren und nach ihrer Ansicht demselben -traurigen Schicksale wie ihre Mutter verfallen waren, hatte ihr das Sterben -erschwert. Die junge Nonne hatte die Protestantin veranlaßt, das Abendmahl -zu nehmen und hatte ihr dann die Augen zugedrückt. Diese Augen, die sie -hier in der Hand hielt, in Alkohol und Aether präparirt. - -Die Schwester glaubte an die Auferstehung des Fleisches. Das war ihr -gelehrt unter denjenigen Dogmen der Kirche, an die zu glauben ein -Erforderniß zur Seeligkeit ist. - -Sie betrachtete sich als eine Braut des Herren und in den Kranken, die sie -pflegte, erbarmte sie sich des irdischen Leibes dessen, auf den ihre Seele -harrte. Mit demüthiger Arbeit und gläubigem Beten wartete sie auf -die Stunde, in der der himmlische Bräutigam sie rufen würde zum -Hochzeitsfeste. Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch hoffte -sie einzugehen zur ewigen Herrlichkeit. Das heilige Feuer eines -leidenschaftlichen Glaubens erfüllte die Seele dieses stillen, der Welt -abgewandten Mädchens. - -Jeder Buchstabe der kirchlichen Lehre war für sie eine Säule, an der man -nicht rütteln durfte, ohne den ganzen Tempel zu gefährden, den sie dem -Herrn in ihrem Herzen erbaut hatte. Die Auferstehung des Fleisches -- ein -Satz des Glaubensartikels selbst -- aber war einer der Grundpfeiler, auf -dem die Lehren, denen sie anhing, beruhten. Wie war dieser Lehrsatz aber -zu vereinen mit diesem künstlichen Erhalten menschlicher Reste, das sie -täglich und stündlich vor Augen hatte? - -Sie erinnerte sich genau, daß ein junger Arzt damals mit einem -Photographen nach der Anatomie gegangen war, um den Kopf der Todten, -nachdem das Gesicht bis auf Unterkiefer und Zunge abgenommen war, zu -photographiren. Die Theile, an denen die Krankheit ihr Zerstörungswerk -vollbracht hatte, waren in der Photographie roth bezeichnet und das -entsetzliche Bild war im Hörsaale den Studenten erklärt worden. - -In grübelnden Gedanken verließ die Schwester das Auditorium und begab -sich nach ihrer Station, um die Wache anzutreten. - -Zu beiden Seiten des Saales lagen im Halbdunkel die Reihen der Betten. Die -harten schmalen Lagerstätten waren weiß gedeckt. Weiß und sauber war -die Kleidung der Kranken. Zwischen je zwei Betten war ein genügend großer -Zwischenraum, um mehreren Personen freie Bewegung zu gestatten. - -Da war kein weiches Kissen, in das die Köpfe der Schlafenden hätten -einsinken können; keine Federdecke verwischte die Linien der ruhenden -Körper, die sich hoch und meistens in unschönen Linien von den Matratzen -abhoben, auf denen sie nur durch eine leichte wollene Decke verhüllt -waren. Übrigens war das kein Nachtheil, denn es war warm im Saale; aber -manche Kranke stöhnte doch und konnte keinen Schlaf finden auf diesen -hygienisch correcten jedoch ungewohnt steifen Kissen. - -Zwanzig Frauen und Mädchen befanden sich in dem Saale, darunter war indeß -keine Schwerkranke. Die Oberschwester hatte gesagt, daß auf keinen Fall im -Laufe der Nacht ein Todesfall zu erwarten sei. - -Das Isolirzimmer der Station war leer. - -Tröstend trat die bleiche Nonne an die verschiedenen Betten. Sie legte -hier das Polster zurecht, strich dort die Tücher glatt, legte Eisbeutel -auf die Stirn der Fiebernden und hielt das Trinkglas an heiße, durstige -Lippen. - -Im Allgemeinen hatte sie keine schweren Hilfsleistungen zu thun und -ihre Vorgesetzte hatte Recht, wenn sie meinte, daß eine Wärterin hier -überflüssig sei. Die Dienste der Wärterinnen mußten aus der Hauskasse -besonders bezahlt werden. - -Gegen zehn Uhr war es ziemlich still im Saale. Schwester Clarissa kniete -vor dem Muttergottesbilde mit der kleinen Lampe in der Ecke und betete -ihre vorgeschriebene Zahl ab. Die Kranken waren ruhig, zum größten Theil -schliefen sie. - -Plötzlich war es der wachehabenden Nonne, als höre sie das Glockensignal -des Portiers. Sollte irgendwo ein Mensch verunglückt sein und wurde in der -Nacht in die Klinik geschafft? Schwester Clarissa hatte das oft erlebt, -sie vermuthete es auch jetzt, aber sie verließ ihren Saal nicht, um -nachzusehen. - -»Was nicht zu Euch kommt, kümmert Euch nicht.« - -Dieser Grundsatz, der allerdings der weiblichen Neugierde schnurstracks -entgegenläuft, wird den Novizen tausend und aber tausendmal eingeprägt. -Bei Schwester Clarissa war er in Fleisch und Blut übergegangen, sie blieb -ruhig bei ihrer Andachtsübung, trotzdem sie deutlich hörte, daß Schritte -und Männerstimmen auf den Gängen der Station hörbar wurden. Dazwischen -klang zuweilen ein einzelner, schriller, wie thierischer Laut. - -Einige Kranke richteten sich auf. »Bleiben Sie ruhig liegen, es wird -ein Kranker gebracht, unser Saal ist voll, wir werden auf keinen Fall -gestört,« -- so redete sie auf ihre Schutzbefohlenen ein. - -Einige ängstigten sich bei den wilden unarticulirten Tönen, Andere -wollten aus Neugierde aufstehen, aber sanft und bestimmt brachte die -Schwester Alle zur Ruhe und hielt die Ordnung im Saale aufrecht. - -Jetzt erschien ein Arzt in der Thür. »Schwester Clarissa, Sie bekommen -jemanden in Ihr Isolirzimmer, haben Sie keine Wärterin?« fragte er. - -»Nein, Herr Doktor, hier ist nichts Besonderes zu thun,« antwortete sie -freundlich. - -Einen Augenblick blieb die hohe, elegante Gestalt des jungen Arztes -zögernd in der Thür stehen. »Das ist sehr unangenehm,« sagte er, »ich -glaube, es ist kein anderes Isolirzimmer im Hause frei.« - -»Auf den Frauenstationen nicht,« bemerkte ein Wärter, der sich neugierig -näherte. - -»Nun, dann müssen Sie eben Rath schaffen, Schwester,« entschied der -Stationsarzt. - -Er öffnete die Thür zum Isolirzimmer, und die Nonne eilte noch einmal in -den Saal zurück. Sie trat an das Bett einer gutmüthig aussehenden Frau in -mittleren Jahren, die Reconvalescentin war. »Wenn hier etwas nöthig -ist, so klingeln Sie bitte, Frau Schulz,« flüsterte sie, »ich habe hier -nebenan zu thun.« - -Die Frau nickte verständnißvoll, und Schwester Clarissa huschte hinaus. - -Als sie das kleine überaus einfache Zimmer neben dem großen Saale betrat, -sah sie dort eine Bahre stehen, auf der eine weibliche Gestalt in dunklen -Umrissen zu erkennen war. Die beiden Träger entfernten sich, und der -Schutzmann, der den Transport geleitet hatte, blieb allein mit dem Arzte, -dem Wärter und der Schwester zurück. - -»Sie können mir also in keiner Weise Aufklärung darüber geben, wer die -Person ist?« fragte Dr. Schlüter den Beamten. - -»Herr Doktor, ich habe sie in einer Scheune gefunden, ganz verkommen, ohne -Bewußtsein, ohne Nahrung, niemand war bei ihr. Von der Polizeiwache aus -hat man mich mit ihr hierher geschickt. Der Besitzer der Scheune wird ja -wohl irgend eine Auskunft geben können, es ist von der Polizei aus schon -nach ihm geschickt.« - -»Wenn wir die Kranke aufnehmen sollen, muß ich doch wissen, wer für sie -bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen sind durch städtische -Arme besetzt und ohne meinen Chef zu fragen, darf ich niemanden aufnehmen, -dessen Papiere fehlen.« - -»Schicken Sie nach dem Armenvorstand. Herr Doktor, die Polizei kann doch -keinen todtkranken Menschen auf der Straße verhungern lassen.« - -Doktor Schlüter sah das ein. »Für diese Nacht will ich sie behalten,« -erklärte er zögernd, »das Weitere muß sich morgen früh finden.« - -»Zu Befehlen, Herr Doktor,« antwortete der Schutzmann, machte kehrt -und verließ mit dröhnenden Schritten das stille Haus der Leiden und -Schmerzen. - -Schwester Clarissa hatte wiederholt versucht, sich der leblosen Gestalt zu -nähern, aber ein fürchterlicher Geruch, wie von einer verwesenden Leiche -hatte sie stets wieder von der Bahre verscheucht. Trotzdem bewiesen -die entsetzlichen Töne, die zuweilen aus dem weit offenen Munde der -Bewußtlosen drangen, daß noch Leben in dieser schwarzen, formlosen Masse -war. - -Mit einem Ausrufe des Ekels fuhr der Arzt zurück, als er sich -niederbeugte, um zu sehen, was für eine Verletzung oder Krankheit hier -eigentlich vorliege. - -»Ich kann sie erst untersuchen, wenn sie gebadet ist,« sagte er. »Jahn, -Sie müssen der Schwester helfen. Hier kommt es nicht darauf an, ob ein -Mann oder eine Frau anfaßt; wenn Sie nicht fertig werden, holen Sie noch -einen Wärter.« - -Ohne sich weiter zu wundern, hing sich der Wärter den Traggurt der Bahre -über die Schultern; Schwester Clarissa faßte am anderen Ende an, und der -Arzt folgte den Beiden nach der Badestube. - -Während die Schwester die Wasserleitung aufdrehte, versuchte Jahn die -klebrigen Lumpen von dem menschlichen Körper zu entfernen, der da vor ihm -lag. - -Bei der völligen Unbeweglichkeit der Glieder ergriff er eine Scheere und -schnitt das Zeug streifenweise vom Leibe der Bewußtlosen. - -Die Nonne hatte inzwischen das Bad zurechtgemacht und wandte sich dem -Wärter zu, um ihm behülflich zu sein. Sie war seit zwei Jahren in der -Klinik und hatte schon manchen blutigen und manchen widerwärtigen Anblick -ertragen; aber als sie sich jetzt mit der Scheere in der Hand über den -stinkenden Körper dieses Weibes beugte, stieß sie einen leisen Schrei aus -und sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl nieder. - -Wie eine dunkle Flüssigkeit rieselte es aus den Kleidern heraus, an der -Bahre herab auf die Steine des Bodens. Aber nicht Blut und Schlamm, sondern -jaucheartiger Schmutz und Haufen von Ungeziefer bedeckten diese Gestalt und -diese Kleider. -- Doktor Schlüter erkannte, daß die Aufgabe dieses -Bades über weibliche Kräfte ging und rücksichtslos schellte er nach dem -Oberwärter der nächsten Männerstation. Als dieser erschien, zog er -sich selbst zurück, denn die Luft in dem kleinen, heißen Raume fing an -unerträglich zu werden. - -Die beiden Männer rissen die Reste der Lumpen herunter, legten den kaum -noch erkennbaren Frauenkörper ins Wasser, bearbeiteten ihn mit Seife, -Karbol und Bürsten und die Schwester sammelte die schmutzigen Zeugstücke -in einen Sack, der später im Kesselhause verbrannt wurde. Dann reinigte -und desinfizirte sie den Raum, schnitt die Haare der Gebadeten dicht an der -Kopfhaut ab, und die beiden Wärter erneuerten mehrmals das Wasser in -der Badewanne, ehe sie die jetzt furchtbar schreiende und tobende Person -abrieben und auf der Bahre festbanden. - -Der Oberwärter wendete sich mitleidig an die barmherzige Jungfrau: »Was, -fromme Schwester, das haben Sie sich nicht gedacht, als Sie ins Kloster -gingen, daß Ihnen mal so etwas -- solche -- erlauben Sie gütigst -- -Schweinerei unter die Finger kommen würde?« - -Schwester Clarissa neigte das Gesichtchen tief über die Bahre. »Je -schwerer die Arbeit ist, um so größer ist die Abtödtung des irdischen -Menschen und seiner sündigen natürlichen Empfindungen,« antwortete sie. -»In unserem Brevier steht: Du sollst wie eine Leiche werden.« - -»Meine Tochter möchte auch ins Kloster, aber wenn sie nach einem solchen -Brevier dort leben müssen, dann werde ich mir doch erst noch einmal -überlegen, ob ich's erlaube,« brummte der Mann. Dann faßte er mit Jahn -die Bahre an, und der traurige Zug bewegte sich langsam zurück nach der -dritten Frauenstation. - -Dr. Schlüter wurde nun wieder geholt und die beiden Wärter entfernten -sich, als sie sahen, daß die Unglückliche sich auf dem warmen, trockenen -Lager einigermaßen ruhig zu verhalten schien. - -»Da scheint uns ja die Polizei ein nettes Subject hergeschickt zu haben,« -bemerkte er im Eintreten, »Sie haben mir wirklich leid gethan, Schwester -Clarissa.« - -Die Kranke brüllte auf wie ein Thier. - -»Um Gotteswillen,« rief der Arzt nervös, »die ganze Station kommt ja in -Aufruhr, machen Sie so schnell wie möglich eine Morphiumeinspritzung.« - -Die Schwester holte das kleine Etui aus der Tasche, füllte die Spritze -an einem Wandschranke und kniete am Bette nieder, um an dem abgezehrten, -bräunlichen Körper eine geeignete Stelle zu suchen, wo sie den Stich -machen konnte. - -Der junge Mann ließ dabei unwillkürlich sein Auge auf ihrem edlen, -durchgeistigten Antlitze ruhen. - -Die Nonne war höchstens zwei oder dreiundzwanzig Jahr alt; seit zwei -Jahren war sie hier, ein Jahr war sie als Lehrschwester im Mutterhause -gewesen, und drei Jahre hatte sie, wie jede Andere, im Noviziate zubringen -müssen. Sie hatte also mit sechszehn oder siebenzehn Jahren schon die Welt -verlassen. - -Dr. Schlüter hatte sehr freie religiöse Ansichten und glaubte eigentlich -auch nicht an vollkommene Frauentugend. Seit zwei Jahren aber sah er dieses -wunderschöne Mädchen in seinem frommen, aufopfernden Wirken, in seinem -stillen Entsagen. - -Er war ein sehr hübscher Mann und in der Gesellschaft, sowie bei seinen -Patientinnen fand er zuweilen ein Entgegenkommen, das durchaus geeignet -war, seine wenig idealen Anschauungen von der Frauenwelt zu bestätigen. - -Wie sonderbar war es doch, daß dieses junge Mädchen ihn noch nie anders -angesehen hatte, als mit dem ruhigen Blick einer Gehülfin, die genau -aufpaßte, wenn er sprach, um seine Anordnung gewissenhaft ausführen zu -können. Sollte es denn möglich sein, daß ein Weib wunschlos aufwuchs und -ohne Anfechtung durch's Leben gehen konnte, um wunschlos zu bleiben und wie -eine Heilige zu sterben? - -Er verglich das süße, fromme Gesicht mit den verzerrten Zügen des -verkommenen Weibes, dem sie in liebevoller Selbstverleugnung diente. War -es möglich, daß diese beiden Frauen einer Welt, einer Kultur, einem -Vaterlande angehörten? Er sann und sann, er begriff den Abgrund, in den -das verlorene, sterbende Geschöpf versunken war; aber er begriff die Höhe -nicht, auf die der Engelsfittich des Glaubens das reine Mädchen gehoben -hatte, hoch, hoch empor über alle anderen Frauen, die er kannte und vor -denen sie doch bescheiden zurücktrat. - -Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das wäre doch der größte -Geniestreich meines Lebens, wenn ich mich in eine schöne Nonne verlieben -würde, wie der selige Luther,« sagte er zu sich selbst. - -Das Morphium hatte inzwischen seine Wirkung gethan, und Schwester Clarissa -fragte, ob sie etwas zur Untersuchung holen solle. - -»Nein, nein, ich danke, ich habe Alles bei mir,« sagte er hastig und -setzte sein Hörrohr auf die Brust der Kranken. - -Die Untersuchung dauerte ziemlich lange, es herrschte Todtenstille in -dem kleinen Zimmer. Doctor Schlüter trat vom Bett zurück und sah sehr -nachdenklich und ernst aus. - -»Schwester,« sagte er, »es wäre ja eine Schmach für die Armenpflege -und schließlich sogar für die Polizei, aber ich glaube, wir haben hier -den Hungertod vor uns.« - -»Sie lebt ja noch, wenn es das ist, wird sie zu retten sein,« entgegnete -die Schwester sanft. - -»Kaum,« antwortete er. »Sie ist am Typhus erkrankt, hat sich vielleicht -selbst in jene Scheune geschleppt, wo man sie gefunden hat, und hat dort -ganz allein bewußtlos und ohne jede Pflege gelegen. Bewegen konnte sie -sich nicht, niemand sah nach ihr und so ist sie am Ende verhungert. Es -mögen neun oder zehn Tage her sein, seit der Magen zum letzten Male -Nahrung erhalten hat, die Krankheit hat das Uebrige gethan, und wir haben -hier nun das letzte Stadium des Hungertyphus. Versuchen Sie immerhin, ihr -etwas Rothwein oder Milch zu geben.« -- - -Die Schwester war nicht entsetzt, lange nicht so erschüttert wie der Arzt. -Ein Menschenleben -- was war das denn in der Fülle der Ewigkeit? Aber -eine Menschenseele -- sicher hatte die Unglückliche die Tröstungen -der Religion noch nicht empfangen. Sie war im Begriffe, die letzte Reise -anzutreten, ohne die Wegzehrung, die die Kirche dafür spenden kann, -empfangen zu haben. - -»Wird sie noch einmal zu sich kommen?« - -Er sah überrascht auf bei der ängstlichen Frage, dann lächelte er. -- -»Ach so, ich verstehe, sie soll wohl noch communiciren? Nein, Schwester -Clarissa, dazu ist es zu spät. Das Bewußtsein wird wahrscheinlich nicht -zurückkehren, weil der körperliche Widerstand gegen das Bad die letzten -Kräfte verzehrt hat. Wenn Sie noch etwas für sie thun wollen, so geben -sie ihr noch einmal Morphium, wenn die letzten Schmerzen kommen. Gute -Nacht, Schwester, ich schicke Ihnen so bald wie möglich eine Ablösung.« - -Er wollte gehen, an der Thür kehrte er noch einmal um und trat an das -Bett. Er schlug die Decke zurück und fuhr leicht mit der Hand über den -erhöhten und gekrümmten Rücken des scelettartig abgezehrten Körpers. - -»Eine interessante Verbildung,« sagte er mehr zu sich selbst, als zu der -Pflegerin, »eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates -und dabei eine Verkümmerung des Brustkorbes, die eine höchst anormale -Lage aller inneren Theile bedingt. -- Wissen Sie, Schwester, diese -Verwachsung ist schuld, daß sie so unheimlich fremdartig aussah, als sie -auf der Trage gebracht wurde. -- Na, gute Nacht, hoffentlich brauchen Sie -mich nicht mehr.« - -Er ging jetzt wirklich, und die Schwester kniete nieder mit dem Rosenkranze -in beiden Händen. Sie küßte das Kreuz und fing dann an, den theilweise -sinnlosen Text eines alten Sterbeliedes zu beten: »O Du schmerzhafte -Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- --« - -Sie betete so lange wie die Leidende ruhig blieb. Bei dem ersten wilden -Schrei, der aus dem noch immer offenen Munde drang, erhob sie sich und -führte die Schlundsonde ein. - -Zuerst versuchte sie etwas Milch zu geben, aber der erschöpfte Magen -nahm sie nicht mehr an. Die Pflegerin vermischte nun Rothwein mit einigen -Tropfen Morphium und flößte das ein. - -Der Versuch erwies sich als unausführbar, die Rettung kam wirklich zu -spät, die Auflösung hatte augenscheinlich schon begonnen. Angstvoll -betrachtete die junge Schwester das gelbe, häßliche, von schwarzen -Flecken entstellte Gesicht. Sie wartete auf ein letztes Wiederaufdämmern -des Bewußtseins. - -Vergebens -- geheimnißvoll und grausig trat der Tod ein und erfüllte mit -seiner Nähe das enge Gemach. - -Sie fühlte die Gewalt der unsichtbaren Macht, die dieses verlorene Leben -an sich riß und erwürgte, aber sie war hülflos dem Dämon gegenüber, -den sie so gerne verscheucht hätte bis der Tag kam, bis ein Priester -geholt werden konnte, der nach dem Glauben der Nonne im Stande war, die -Engel der Verdammniß zu verscheuchen, die ihre Krallen ausstreckten, um -diese Seele zu sich hinabzuziehen in das ewige Nichts. - -Sie hatte schon an manchem Sterbebette gebetet, und sie kannte den Tod. Oft -war ihr gewesen, als wären drei Personen im Zimmer, sie und der Sterbende -und eine milde, himmlische Lichtgestalt, die einen müden Erdenpilger mit -sanfter Hand hinüberführte in die ewige Heimath. Wie einen trauten Freund -hatte sie ihn oft willkommen geheißen den Verklärer und Erlöser, dessen -Nähe das Ende aller Qual und den Anfang des wahren Lebens bedeutete. - -Wie anders war das an diesem Sterbebette! In ihrer jungfräulichen Reinheit -ahnte sie, daß sie eine Verlorene vor sich hatte. Die verfallenen Züge -sprachen von einem wüsten, wilden Leben in Elend und Schuld. Diese wie -Vogelklauen gekrümmten Finger hatten gewiß niemals die Gebetschnur -gehalten, sich niemals gefaltet erhoben zum Altare des Herrn. - -Tiefer, tiefer Unfrieden, der ganze Jammer des Lasters hatte diesen Zügen -seinen Stempel aufgedrückt. Dieses Weib war sicher eine entsetzliche -Megäre gewesen, vielleicht war sie nicht einmal vor den gemeinsten -Verbrechen zurückgeschreckt. -- - -Nun kam der Tod. In finsterer Nacht der Bewußtlosigkeit nahm er sie -hin, die betende Nonne fühlte seinen eisigen Hauch, der den Körper der -Sterbenden umhüllte. - -»O, wie furchtbar ist doch das Sterben derer, die nicht Gottes Kinder -sind,« seufzte sie und sah dann zu, wie eine entsetzliche körperliche -Qual die Brust der Sterbenden umklammerte. Sie wischte ihr den kalten -Schweiß von der Stirn und lauschte auf ihr Stöhnen und Aechzen. - -Jetzt bewegten sich die Lippen, die so starr und bläulich bisher offen -gestanden hatten. »Hund, verfluchter Hund« tönte es leise und dann ein -Fluch, der halb erstickt und unverständlich blieb. - -Schwester Clarissa machte das Zeichen des Kreuzes über das Bett, da fuhr -die Hand der Sterbenden gegen ihren Arm, das Kreuz blieb unvollendet -und der Schwester war es, als ob eine finstere, unheimliche Macht diese -Bewegung mit dem Gliede der Sünderin ausgeführt habe, um das Heil zu -hindern, das sich mit dem Zeichen des Segens auf die Unglückliche hätte -hernieder senken können. - -Sie wagte nicht, den Kreuzschlag zu wiederholen, sondern griff fast -mechanisch nach der Morphiumspritze in ihrer Tasche, um der Sterbenden -die letzte Erleichterung zu verschaffen, die Menschenhände ihr gewähren -konnten. - -Dann wachte sie an diesem Sterbebette die ganze endlos lange Nacht -hindurch. Sie war überzeugt, eine ahnende Erkenntniß von den ewigen -Qualen der Unseligen erhalten zu haben und bat alle Heiligen und Märtyrer, -ihr Jammer und Leid im Erdenleben zu Theil werden zu lassen, damit sie, -wenn ihr Ende nahte, dereinst mit dem Namen des Herrn auf den Lippen aus -diesem Leben scheiden könne. - -Die Verhungerte litt entsetzlich. Nie hatte die junge Schwester einen -ähnlichen Todeskampf gesehen. Wild bäumte der verkrüppelte Körper -der Sterbenden sich in die Höhe, die Schwester mußte förmlich mit ihr -ringen, um sie nieder zu halten auf dem Lager. Schließlich legte sie ihr -einen Gurt über Brust und Beine und befestigte die Schnallen unter der -Bettstelle, wie bei einer Tobsüchtigen. - -Nun folgte ein leises Wimmern, dann ein Stöhnen und Jammern der höchsten -Angst, und doch war der ganze Kampf nur körperliche Auflösung, der Geist -kehrte nicht wieder zurück in diese elende Hülle. - -Als der Morgen dämmerte, änderte sich die Farbe des Gesichtes. Die große -fleischige Nase wurde weiß, die Wangen überzog eine fahle Blässe, -die Schatten um die Augen vertieften sich, die Lippen färbten sich -schwärzlich. - -Die Fittiche des Todesengels rauschten über dem Lager -- ein letzter -wilder Schmerzensschrei erscholl, ein Zucken fuhr durch alle Glieder ..... - -O du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde -unseres Todes ... - -Die Nonne betete an einem Todtenbette. - -Mit linder Hand drückte sie die Lider auf die gebrochenen Augen herab, -legte ein Tuch über das Gesicht der Leiche und kehrte zurück an den Altar -im Saale, um vor dem Gnadenbilde ihre Gebete fortzusetzen. - -Am anderen Morgen erschien ein evangelischer Oberprediger in der Klinik. -Die Vorstandsdamen des Frauenvereins ließen durch ihn ihre Unterstützung -anbieten. Man hatte erfahren, daß eine unbekannte Frauensperson in -bewußtlosem Zustande eingeliefert war, und man erklärte sich bereit für -die Unglückliche und Nothleidende einzutreten. - -Dr. Schlüter hörte die großmüthige, liebenswürdige Rede des -geistlichen Herrn ruhig an. - -»Ich bedaure, daß Sie sich umsonst bemüht haben, Herr Oberprediger,« -sagte er, »die fragliche Kranke ist bereits im Laufe der Nacht -gestorben.« - -»O, das bedaure ich aufrichtig. Hoffentlich wird man die Leiche -recognosciren -- jedenfalls, wie dem auch sein möge -- die -Begräbnißkosten -- --« - -»O, bitte Hochwürden,« unterbrach ihn der lächelnde Arzt, »von -Begräbnißkosten kann gar keine Rede sein, wir besorgen das schon von der -Anatomie aus.« - -»Wirklich? Das ist ja sehr menschenfreundlich, dann habe ich hier wohl -nichts mehr zu thun und werde meinen Damen Bericht erstatten.« - -Die Herren reichten sich in verbindlichster Weise die Hände, und der Herr -Pastor empfahl sich in der festen Ueberzeugung, daß Alles vortrefflich -erledigt sei. - -Bald nach ihm erschien bei dem Stationsarzte wieder ein fremder -wohlthätiger Herr. - -Die Armenverwaltung war von der Polizei benachrichtigt, was für -ein seltener und überaus trauriger Fall sich der Wirksamkeit -dieser hochgeschätzten, wohllöblichen Behörde entzogen habe. Die -Armenverwaltung war bereit, die Verpflegungskosten für die Unbekannte zu -tragen. Man erwartete natürlich eine angemessene Preisermäßigung. - -Wieder hörte der Arzt mit lächelnder, verbindlicher Miene und Haltung -die wohlgesetzte Rede des Herrn Stadtrathes mit an. »In der That, Herr -Stadtrath, es ist im höchsten Maaße zu bedauern,« erwiderte er, »die -Armenverwaltung bekümmert sich doch sonst um Schwerkranke, ihrem scharfen -Auge entgeht selten ein Fall von wirklicher Noth. Der lag hier vor.« - -»Gewiß, gewiß, verehrter Herr Doctor, ich habe das bereits erfahren, es -soll sofort etwas geschehen -- --« - -»Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Stadtrath, die Hilfe der -Armenverwaltung kommt zu spät, die unbekannte Arme ist bereits im Laufe -der Nacht verstorben.« - -»Unglaublich! An welcher Krankheit denn?« - -»Am Typhus -- wenigstens war das die Krankheit, die hier vorlag. Gestorben -ist die Person eigentlich daran nicht direct.« - -Typhus! Der Herr Armenpfleger gerieth ganz außer sich über die -bodenlose Unwissenheit des Landstreichervolkes, das in dieser Krankheit -wahrscheinlich nur ein ganz unbedenkliches Unwohlsein gesehen hatte, das -irgend welcher Pflege nicht bedurfte. - -»Denken Sie sich, Herr Doctor,« erklärte der würdige Herr mit großem -Eifer, »diese Scheune gehört einem Ackerbürger, der sich in höchst -reducirten Verhältnissen befindet. Das Bauwerk ist vollständig -unbenutzbar und baufällig, aber der Besitzer scheut die Reparaturkosten -und hat die Baracke auch gar nicht gebraucht, da er seine Ernte auf dem -Halme verkauft hat. Um wenigstens einen minimalen Nutzen zu erzielen, -vermiethet er das einsam gelegene Obdach zuweilen an fahrendes Volk. Eine -solche Bande, die kürzlich dort hauste, muß die hilflose Schwerkranke -zurückgelassen haben.« - -»Man weiß keine Namen?« - -»Natürlich nicht, dieses Volk bezahlt einen Unterschlupf um so besser, -je weniger man es daselbst controllirt. Kommen und gehen ohne Anmeldung -und Abmeldung, das lieben diese Leute, ihre Lasten dagegen, Krankenpflege, -Steuerzahlen und was dergleichen mehr ist, die wissen sie von sich -abzuschieben.« - -»Ein trostloses Leben,« bemerkte der jüngere Mann. - -»Lustig genug für diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich. - -»Uebrigens ist es eine wahre Ehrenrettung für die Behörden, die diesen -Fall bedauerlicher Weise übersehen haben, daß die Person wenigstens nicht -verhungert ist. Man fand Reste von Brod und Kartoffeln, die man ihr wohl -in dem Glauben hingelegt hatte, sie würde sich erholen und sobald als -möglich der Gesellschaft nachkommen!« - -»Das ist anzunehmen, Herr Stadtrath.« - -»Gewiß. Uebrigens würde ja gradezu fahrlässige Tödtung vorliegen, -wenn einer der Angehörigen gewußt hätte, daß die Person durch die -Vernachlässigung, der sie unterlag, dem Tode überliefert wurde. Aber so -ist dieses Volk, die Angst vor der Polizei ist so groß, daß sie lieber -sterben und verderben, als sich an eine Behörde wenden, die bei aller -Strenge gegen ihre Vergehen, sie in ihrer letzten leiblichen Noth doch -nicht im Stiche lassen würde.« - -»Ja, es ist zu beklagen, daß das tiefste Elend oft so lichtscheu ist, -daß man es überhaupt nicht sieht,« entgegnete der Arzt. - -»Glauben Sie mir, Herr Doctor,« versicherte der alte Herr, der sich über -das Verständniß freute, das er hier fand, »das Amt eines Armenvaters ist -dornenvoll und verantwortungsreich. Es giebt Fälle von Elend, denen man -beim besten Willen kaum beizukommen vermag, o Sie glauben gar nicht, -was uns da manchmal vor Augen gebracht wird -- es ist zuweilen gradezu -himmelschreiend.« - -»Es giebt, wie ich hier auf meinem Posten als Polikliniker ebenfalls -erfahre, Fälle von Menschenleid und Noth, von tiefster Verzweiflung und -Verkommenheit, die sich jeder öffentlichen Kenntniß entziehen, aber wer -zu lesen versteht, findet die Geschichte solcher Fälle oft zwischen den -Zeilen des kürzesten, trockensten Polizeiberichtes.« -- - -»Sie meinen? O -- hm indessen, die Heimathgemeinde wird ja wohl -aufzufinden sein, indeß vorläufig -- die Begräbnißkosten -- --« - -»O bitte, Herr Stadtrath,« unterbrach Dr. Schlüter lächelnd, »damit -wird die städtische Armenkasse in keiner Weise belästigt werden, das -besorgt die Universität.« - -»Wie meinen Sie das?« - -»Ich meine die Anatomie.« - -»Ah so, ich verstehe, meinen verbindlichsten Dank.« - -Sehr befriedigt über die Wendung, die diese fatale Sache für den Säckel -einer hochlöblichen städtischen Armenverwaltung genommen hatte, entfernte -sich der Herr Stadtrath. Dr. Schlüter begleitete ihn zur Thür und sah -dann nach der Uhr. Die beiden Besuche hatten ihn länger aufgehalten, als -er gedacht hatte. Um zehn Uhr war die Section angesagt, und er hatte kaum -noch Zeit, sich dazu umzukleiden. - -Der Chef der Klinik hielt vor einem großen Kreise junger Mediciner einen -Vortrag an der Leiche. Wegen der Mißbildung des Rückens lag der nackte -Körper auf der Seite. Der Secirtisch war blank gescheuert und kalt. Die -Leiche sah bei dem elektrischen Lichte, das grell auf sie fiel, schauerlich -grün aus, mit grauschwarzen Todtenflecken am ganzen Leibe. Der -geschorene Kopf mit dem unedlen Profil und dem offenen Munde machte einen -fratzenhaften Eindruck. - -Blitzend und eisig fuhr das Instrument des Professors in den Körper hinein -und machte den ersten Schnitt. Die weitere anatomische Arbeit besorgten die -Assistenten und Diener, aber der Professor erklärte, zeigte, sprach -und lehrte. Der Vortrag war äußerst geistvoll, der Gegenstand -hochinteressant. - -Die Universitätskasse ruinirte sich nicht bei den Begräbnißkosten dieser -Todten, die inneren Organe, die alle mißgestaltet und ungewöhnlich -waren, kamen fast ausnahmslos in Spiritus. Die Knochen des ganzen Körpers -einschließlich des Kopfes wurden vom Fleische befreit, präparirt, -gekocht, mit Chlor abgerieben, mit Draht verbunden, und es entstand aus -ihnen das schönste anormale Scelett, was je eine medicinische Hochschule -besessen hatte. - -Der Diener der Anatomie trug am späten Abend eine festzugeschraubte Kiste -mit menschlichen Resten zum Todtengräber. - -Früh, ehe der Kirchhof belebt wurde, grub man dort ein Loch und schüttete -es zu. Die Winde des Himmels aber trugen Samen darauf von Kräutern und -Gras. Es wächst überall eigenthümlich üppiges Gras in den vergessensten -Winkeln der Kirchhöfe. - -Die Polizei stellte unermüdliche Nachforschungen an nach jenen Vagabunden, -die ein sterbendes Weib hülflos und allein in einer baufälligen Scheune -verlassen hatten. - -Die Schuldigen wurden ermittelt und wegen fahrlässiger Tödtung verhört, -man konnte ihnen aber nichts nachweisen und ließ sie laufen. - -In der Klinik erschien ein Polizei-Commissar, um in den Papieren der -Anstalt nachträglich den Namen jener Todten einzutragen, die hier geendet -hatte, ohne daß man wußte, wer sie war. Sie hieß Karoline Schwarz; der -Beamte theilte es dem Stationsarzte mit, der gleichgültig die Achseln -zuckte. - -»Ich kann sie Ihnen übrigens zeigen,« sagte Dr. Schlüter und führte -den Herrn in den Hörsaal vor ein prachtvoll aufgebautes weibliches -Gerippe. Man sah die Fehler, die die Natur bei der Bildung dieser Knochen -gemacht hatte, und das erschien den Herren außerordentlich interessant. - -Für Schwester Clarissa war die Aufstellung dieses Präparates »eine -Anfechtung« -- wie der kirchliche Ausdruck dafür lautet. - -Sie war nicht im Stande, daran vorüberzugehen wie an den anderen -anatomischen Gegenständen ihrer Umgebung. Sie konnte diese grau-gelben -Knochen nicht sehen, ohne an den grausigen Todeskampf zu denken, den sie -mit angesehen hatte. Unaufhörlich stellte sie sich vor, wie die Seele, -nachdem sie den Körper verlassen hatte, hindurchgeglitten sei durch das -kalte, schaurige, endlose Nichts des Jenseits, um vergebens den Herrn zu -suchen und seine Gnade. - -Sie glaubte zu ahnen oder beinah zu wissen, wie dann die Teufel die Seele -ergriffen hätten und in den ewigen Pfuhl des Fegefeuers geworfen. Und sie, -in der heiligen Armuth, die sie gelobt hatte, besaß nicht die Mittel, um -Seelen-Messen zu ihrer Erlösung lesen zu lassen. - -Der dogmatische Glaube, der bis dahin Halt und Stütze der Jungfrau bei -ihrem schweren Berufe gewesen war, bereitete ihr jetzt zum ersten Mal auch -Schmerzen. - -Hätte sie dem Dr. Schlüter die Unruhe anvertraut, die sie innerlich -verzehrte, so würde er wahrscheinlich gesagt haben, sie sei durch -Ueberanstrengung in einen krankhaft nervösen Zustand gekommen. Er würde -ihr Diensterleichterung und Mittel für Nervenleiden gegeben und sie -vielleicht noch von ganzem Herzen bedauert haben. - -Die Nonne aber vertraute ihr Leid nicht dem Arzte, sondern dem Beichtvater. -Der Priester hatte nicht die Einsicht, sie seinerseits an einen Arzt zu -weisen, sondern sagte ihr, die ohnehin von drei Nächten nur zwei schlief --- sie möge ihren Leib kasteien und von den Stunden, die ihr zum Schlafe -gewährt seien, noch eine in jeder Nacht der Fürbitte widmen. - -So betete und wachte das zarte junge Mädchen und hoffte, eine Verdammte -damit zu erlösen. Der Kaplan aber hatte das Richtige getroffen, um ihr die -Ruhe zurückzugeben. Er kannte ganz genau den Glaubenszwang, der auf die -Seelen der Novizen ausgeübt wird. - -»Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden Gott schauen.« Nach -diesem Grundsatze behandelte er seine Beichtkinder, sofern sie Ordensleute -waren. - -Schwester Clarissa glaubte, daß sie ein Werk zur Seligkeit thue und -fühlte sich glücklich dabei. Körperlich aber überstieg die Sache ganz -entschieden ihre Kräfte. - -Ihr zartes Gesicht nahm eine durchsichtige Blässe an, die Hände kamen -wachsweiß aus den schwarzen Aermeln hervor, und die großen grauen Augen -leuchteten mit verklärten Blicken unter dem dunklen Nonnenschleier, der -über der weißen Stirnbinde lag. - -Dr. Schlüter sah die Veränderung, die mit ihr vorging. Er versuchte ihr -Vertrauen zu erlangen, aber das war ganz vergeblich. - -All seinen theilnehmenden ärztlichen Fragen nach ihrem Befinden wich sie -scheu und verlegen aus. Er brachte nichts aus ihr heraus und wendete sich -deshalb an die Schwester Domina. - -Sofort befahl die Oberin, daß Schwester Clarissa wegen nervöser Folgen -von Ueberanstrengung auf einen Monat von allen Nachtwachen zu dispensiren -sei. Außerdem wurde ihr erlaubt, jeden Nachmittag eine Stunde im Garten -der Anstalt zuzubringen. - -Diese Maßregeln waren der jungen Schwester außerordentlich unangenehm, -indessen die Gefühle der Ordensleute werden so eingezwängt und -eingeschraubt durch die seelische Bevormundung, die ihnen zu jeder Zeit -zu Theil wird, daß eine Nonne ein für alle Mal jede Aeußerung ihrer -Gefühle unterdrückt und sich schweigend fügt. - -Es war grade Hochsommer, und der Aufenthalt in der freien Luft schien -wirklich eine Spur von rosiger Farbe auf das weiße Gesichtchen in der -düsteren Umrahmung zu zaubern. Dr. Schlüter sah sie mit Befriedigung auf -einer Bank sitzen unter einer blühenden Linde. Die schmalen weißen Hände -hielten ein Buch. Unter den gesenkten Wimpern tropften schwere Thränen -hervor und fielen auf die Blätter. - -Der Arzt sah das reizende Geschöpf von seinem Zimmer aus. Er bemerkte, -daß sie weinte und ging hinaus in den Garten, um sich ungenirt neben sie -auf die Bank zu setzen. - -»Warum weinen Sie, Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch todt -für die Welt. Wie ist es möglich, daß ein irdischer Kummer den Frieden -stören kann, den Sie gefunden haben?« - -»Ich habe einen Zweifel.« -- Zögernd, gepreßt rang sich das -Geständniß von ihren bebenden Lippen. Der Zweifel mußte sie wohl sehr -beunruhigen, daß sie sich entschloß, ihn vor einem Kinde der Welt laut -werden zu lassen. - -»Sie -- einen Zweifel?« Er war mehr als erstaunt. »Natürlich meinen Sie -einen religiösen Zweifel, nicht wahr?« - -»Nicht ganz,« antwortete sie ängstlich, »es ist eigentlich ein -historischer Zweifel.« - -»Wie -- was?« - -Sie erklärte ihm schnell, was sie meinte. »Sehen Sie, ich lese das -Leben der h. Agathe. Das Buch ist mit hoher erzbischöflicher Genehmigung -herausgegeben und besonders für Ordensfrauen zum Lesen bestimmt. Sie -wissen ja, wie die Heilige verstümmelt wurde, weil sie dem Kaiser -Diocletian nicht als Heidin anhängen wollte. - -Nach ihrer Marterung verließ sie der Kaiser, und sie blieb sterbend in -den Armen der ihren zurück. Da -- da schritt über den Markt die Jungfrau -Maria.« .... - -»Nun und was weiter?« - -»Herr Doctor, die Jungfrau Maria war schon lange todt, als der Kaiser -Diocletian lebte.« - -Der Arzt freute sich über die Entdeckung, daß die einzige Schwester, die -ihm interessant war, aus gebildeten Kreisen zu stammen schien. - -Er lächelte. »Aber Schwester Clarissa, da würde ja die Weltgeschichte -aufhören.« - -»Bitte, lesen Sie.« - -Sie reichte ihm das Buch, und der freigeistige junge Gelehrte las nun die -Stelle. - -Er gab das Buch zurück. »Beruhigen Sie sich, liebe Schwester,« sagte er, -»eine solche Erscheinung nach hundert Jahren macht der heiligen Jungfrau -weiter keine Schwierigkeiten. Sie ist ja seitdem öfter erschienen, nach -Bedarf wird sie auch noch ferner erscheinen.« - -»Also Sie erklären das durch eine Erscheinung?« fragte sie glücklich. -Er wunderte sich, daß sie die Ironie seines Tones nicht bemerkte. - -»Ja, ich denke, daß es hier so gemeint ist. Die Mutter Gottes ist ja im -Fleische auferstanden. Das heißt, Sie glauben doch an die Auferstehung des -Fleisches?« - -»Ja.« - -Sie sagte es so feierlich, so bestimmt; aus ihren tiefen Augen leuchtete -das Feuer einer so wahren Askese, daß er plötzlich begann, sich unsicher -ihr gegenüber zu fühlen. Es war ja recht gut, daß sie mit seiner -Erklärung des Gegenstandes, der sie so unglücklich gemacht hatte, -zufrieden gewesen war. - -Er wollte den günstigen Eindruck nicht wieder verwischen und versuchte es -lieber zu ermitteln wie weit dieser grüblerische, fanatisch beeinflußte -Geist eigentlich mit wirklicher Bildung ausgestattet sei. - -Ganz ohne Uebergang fragte er sie plötzlich, ob sie jemals den Faust -gelesen habe. - -Sie sah ihn verwundert an. »O ja, in der Welt, ehe ich ins Noviziat -eintrat.« - -»Wie alt waren Sie bei Ihrem Eintritte?« - -»Achtzehn Jahr.« - -»Was haben Sie seitdem gelesen?« - -»Nur religiöse Bücher, alles Andere ist uns verboten.« - -»Und genügt Ihnen das ein für alle Mal?« - -»Es muß mir genügen.« - -Diese energische Zucht, die die Kirche an dem Geist derer übt, die sich -ihr ganz widmen, imponirte ihm. - -Er fragte sie nach diesem und jenem und kam zu dem Ergebniß, daß sie eine -tüchtige Schulbildung genossen habe, wie sie nur Töchter der höheren -Stände erhalten. Bei seinen Fragen nach ihren früheren Verhältnissen -schwieg sie. - -Einmal lächelte sie auch und sagte: »O ja, damals, als ich noch lebte; -aber sehen Sie, ich bin doch nun todt für die Welt.« - -Er sah ihre lieblichen Lippen und ihre kleinen weißen Zähne an, wie -sie das so lächelnd sagte, und der Sinn ihrer Worte blieb ihm in diesem -Augenblicke fremd. Er sah darin eine etwas überspannte, mädchenhafte -Auffassung des klösterlichen Berufes, nicht eine Bestätigung des -furchtbaren Befehls, den die Kirche ihren Jüngern zuruft: Du sollst wie -eine Leiche werden. - -Die Schulbildung war da, aber dann war nichts hinzugekommen, als -einseitiges medicinisches Wissen, kirchliche Schulung aller Empfindungen -und eine gewisse trostlose Lebenserfahrung, deren einzigen Mittelpunkt das -Krankenbett bildete. Keine gesellschaftlichen Formen, keine Fähigkeit zum -Plaudern und Scherzen. - -Und dabei war dieses Mädchen so wunderbar schön! Noch niemals hatte er um -eines reizenden Gesichtes willen geistig eine solche Forschungsreise nach -Herz und Bildung unternommen wie hier, bei diesem frommen, tüchtigen, -klugen Mädchen. - -Er bedauerte in seinem Herzen, daß sie Nonne war, nicht weil sie ihn -persönlich so sehr interessirte, sondern weil es ihm leid that, daß -diesem Geiste ein für alle Mal die Flügel gebunden waren. - -Und so wie diese Eine, denken tausende von Mädchen, die den Schleier -tragen. Sie dienen der Allgemeinheit still und entsagend. Niemand achtet -auf sie, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Die Psychologie in der -modernen Kunst dringt bis in die tiefste Herzenstiefe der Weltkinder ein, -die Kinder der Kirche aber übersieht sie. - -»Weltdamen, Schauspielerinnen, Bauernmädchen, Kellnerinnen, ja sogar -Dirnen werden beachtet, ans Licht gezogen und interessant gemacht durch das -Interesse, das Kunst und Wissenschaft an ihnen nehmen. Ihr Aeußeres -wie ihr Seelenleben wird geschildert, wird studirt und wird schließlich -rückwirkend durch diese Beachtung, die es findet, beeinflußt. -- Wer -beachtet, wer schildert das Seelenleben moderner Nonnen?« - -Der junge Kliniker machte hier einen schwachen Versuch dazu. Er konnte -sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß auch die frommen Schwestern -äußerlich mit der Zeit fortschreiten. Sie besitzen, wie er täglich sah, -eine große chirurgische Geschicklichkeit und so viel medicinische -und sogar anatomische Kenntnisse, daß sie die besten und beliebtesten -Gehilfinnen der Aerzte bei der Ausübung ihres Berufes bilden. Aber dennoch -war Dr. Schlüter der Ansicht, daß der größte Theil der Schwestern im -Denken und Fühlen, im Glauben und Beten zurückgeblieben sei im tiefsten, -dunkelsten Mittelalter. - -Es würde ihn lebhaft interessirt haben, das Leben der h. Agathe oder -auch das der h. Elisabeth einmal durchlesen zu können. Er wußte, daß -Schwester Clarissa diese Bücher zuweilen den Kranken, die ihres Glaubens -waren, zu lesen gab. Er sah prüfend auf das Gesicht der neben ihm -Sitzenden, ehe er es wagte, um diese Bücher zu bitten. - -Auf den reinen lieblichen Zügen lag aber nichts, als der Ausdruck -himmlischen Friedens. Sie schien mit ihren Gedanken so fern von ihm, so -fern von allen irdischen Dingen zu weilen, daß er es nicht wagte, noch -einmal wieder ein Gespräch mit ihr anzufangen. Wie unschuldig rein war -es doch, daß sie so ruhig neben ihm sitzen blieb und nicht den geringsten -Anstoß daran nahm, daß er sie aufgesucht hatte. - -Er verabschiedete sich freundlich und kehrte in sein Zimmer zurück, ohne -die Bücher, die ihn interessirten, erbeten zu haben. -- - -Im Laufe der Nacht starb in der Anstalt ein neugeborenes Kind. Es hatte -nur wenige Stunden gelebt, und die Mutter wurde, schwer krank an einem -typhösen Fieber, aus dem Saale der Wöchnerinnen entfernt und in das -Isolirzimmer der dritten Station gebracht. - -Schwester Clarissa pflegte die Kranke mit aufopfernder Pflichttreue, aber -ohne persönliches Interesse. Wäre das unglückliche Mädchen unter ihren -Händen gestorben, so würde sie ruhig für die rechtzeitige Ertheilung -der Sacramente gesorgt haben, hätte für ihre Person die vorgeschriebenen -Gebete gesprochen und im Uebrigen nicht weiter an den Fall gedacht. - -Die Unglückliche starb aber nicht. Die pflegende Schwester sah, wie -leise, von Schwäche fast überwältigt, daß Leben und die Besinnung -zurückkehrte. - -Dr. Schlüter blickte freundlich auf die Kranke herab, wie sie sich -aufrichtete und ihn bat, ein paar Minuten bei ihr zu bleiben. - -»Gerne Barbara« -- er vermied es, sie Fräulein zu nennen -- »warum -sollte ich wohl jetzt nicht einige Minuten Zeit für Sie haben? Wissen Sie -nicht, daß Sie mich schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?« - -»Herr Doctor,« stotterte das Mädchen in tiefster Verlegenheit, und über -die eingesunkenen Wangen huschte ein Schein von Erröthen. »Herr Doctor -waren Sie -- Sie auch dabei?« - -»Sie meinen bei Ihrer Entbindung, Barbara?« - -Sie nickte und sah mit tief unglücklichem Ausdrucke auf ihre mageren -Hände herab. - -»Nun, mein Gott, was ist denn dabei, ich habe das schon oft erlebt, -deshalb brauchen Sie sich nicht zu geniren.« - -Sie sah angstvoll zu ihm auf. »Lebte das Kind?« hauchte sie. - -»Ja, es lebte, aber es war noch nicht lebensfähig, es ist nach einigen -Stunden gestorben. Machen Sie sich keinen Kummer, das Unglück wäre -größer, wenn Sie das Kind jetzt hätten.« - -»Für dieses Leben ja,« erwiderte die Kranke, »aber Schwester Clarissa -sagt, das Unglück in diesem Leben wäre ein Zeichen von der Liebe des -Herrn.« - -»Ach, das haben Sie falsch verstanden,« versuchte er zu trösten, »die -Schwester hat gemeint, Sie möchten dem Kinde weiter nicht nachtrauern, -nicht wahr Schwester Clarissa?« - -»Ich meine, dieses Leben ist nur eine Station auf der Pilgerfahrt zur -Heimath. Was wir hier erdulden, ist vergänglich; das unvergängliche Leid -oder die ewige Freude beginnt erst nach dem Tode,« erwiderte sie. - -Der Arzt sah sie mißbilligend an. »Schwester ich muß Ihnen, als Ihr -Stationschef, dessen Gehilfin Sie sind, sagen, daß es nachtheilig für die -Kranken ist, wenn Sie mit ihnen über den Tod sprechen.« - -Die Schwester schwieg. - -»Das hat die Schwester nicht gethan,« sagte Barbara. - -»Nun, wovon ist denn aber die Rede?« - -»Von dem Kinde, Herr Doctor. Sie haben das Kind gesehen, sagen Sie mir, o -Gott ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, sagen Sie mir die -Wahrheit, ist mein Kind vor seinem Tode getauft?« - -»Getauft? Aber ich bitte Sie, wer hätte es denn taufen sollen?« - -Die arme Mutter schrie laut auf und warf sich auf das Kissen zurück, sie -weinte leidenschaftlich. - -»Barbara, werden Sie ruhig, Sie schaden sich, ich befehle es, wenn Sie -nicht aufhören zu schreien, gehe ich mit der Schwester hinaus.« - -»O, mein Kind,« schluchzte sie, »mein Kind hat nun keinen Antheil an dem -Opfer Christi, es gehört nicht zu ihm, es ist verloren, ich werde es nie --- niemals wiedersehen.« - -Er zögerte nun einen Augenblick, ob er etwas sagen dürfe, was er selbst -nicht glaubte, endlich entschloß er sich es zu thun -- als Arzt, um ihrer -Aufregung willen. »Was wollen Sie denn eigentlich,« polterte er ein wenig -ungeschickt -- »wiedersehen? Natürlich werden Sie Ihr todtes Kind -in diesem Leben nicht wiedersehen, aber später -- -- nach dem -Tode -- -- --« - -Sie richtete sich etwas auf, mit dem Rücken halb nach oben, auf die -Ellbogen gestützt. Um das bleiche Gesicht hing das wirre blonde Haar, die -tiefliegenden blauen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der höchsten -Angst auf Schwester Clarissa. - -»Schwester,« stöhnte sie, »bei den Schmerzen der heiligen Jungfrau, bei -dem Blute Christi, sagen Sie mir die Wahrheit -- werde ich es wiedersehen, -das ungetaufte Kind -- -- nach dem Tode?« - -Ein harter Zug entstellte den Mund der Nonne. »Nein,« sagte sie kurz und -rauh. - -Die Kranke wurde bewußtlos, und die Pflegerin ging dem besorgten Arzte -sachgemäß und ruhig zur Hand, wie immer. -- - -Nach einer Viertelstunde verließ Dr. Schlüter das Isolirzimmer. -Die Kranke lag mit den nöthigen Mitteln versehen ruhig athmend mit -geschlossenen Augen da. Er hatte keine ernstlichen Besorgnisse für -sie, das Interesse aber, das sich eine kurze Zeit für die Tochter der -römischen Kirche in seinem Herzen geregt hatte, war erloschen. - -Er war hart angeprallt an die Scheidewand, durch die der Glaube und das -Gelübde der Nonne diese von ihm, von der Welt und von allem Denken und -Thun der meisten Menschen trennte. - -Einen Augenblick hatte es ihm weh gethan, dieses harte kalte »nein«, -mit dem sie etwas bestätigte, was sie für wahr hielt; aber von allen -Liebesschmerzen, die er je um dieses süßen Mädchenantlitzes willen -empfunden, hatte ihn dieser Augenblick geheilt. - -Ihm schien es jetzt auf einmal, als ob dieses Gesicht, das er zuweilen von -Locken umrahmt sich geträumt hatte, gar nirgend anders hingehöre, als -unter die weiße Haube, die so kalt und streng vom schwarzen Schleier rings -umwallt, die Stirn verhüllte. - -Er sah nur noch die barmherzige Schwester, die ihm zur Hand ging, düster -in der Erscheinung, unnahbar im Wesen und unergründlich räthselhaft im -Glauben. Er machte es jetzt wie alle anderen Aerzte. Er bediente sich der -Schwester, die ihm zur Verfügung stand, wo er sie brauchte, aber ihre -Person beschäftigte ihn nicht mehr. - -Er hätte es selbst nicht gedacht, daß es ihm so wenig zu Herzen gehen -würde, als bald darauf die schöne, junge Nonne in eine Irrenanstalt -geschickt wurde, wo ein noch viel schwererer Beruf ihrer wartete, als hier. - -Auf die dritte Frauenstation kam Schwester Maximile, die viel älter war -als Schwester Clarissa, und Dr. Schlüter lebte sich ganz gut ein mit -dieser neuen Arbeitskraft. Im Wesen und Benehmen hatte er überhaupt noch -nie eine Verschiedenheit zwischen zwei Nonnen bemerkt, sie waren und gaben -sich Alle wie aus einer Schablone gepreßt. - -Schwester Clarissa war eigentlich gar nicht anders gewesen, wie diese -gewöhnlichen Schablonen-Schwestern; sonderbar, daß er es versucht hatte, -ihr näher zu treten. Ihre Augen -- ja das war es, in ihren Augen hatte -etwas gelegen, das er für Geist gehalten hatte und das schließlich nichts -Anderes gewesen war, als Fanatismus. - -Der junge Gelehrte hatte übrigens nicht viel Zeit, über diese Sache -nachzudenken und die Pflegerinnen in der Anstalt zu beobachten. Sein Beruf -beschäftigte ihn in hohem Maaße. Er besorgte die Station, hatte oft bei -seinem Chef zu assistiren und beschäftigte sich außerdem mit anatomischen -Arbeiten. Im Herbst hielt er seine ersten gut besuchten Vorträge als -Privatdocent; die Bacteriologie kostete ihm unendlich viel Zeit und -complicirte seine Arbeiten ganz bedeutend. - -Von vielen Seiten wurde versucht, ihn in gesellige Kreise zu ziehen, aber -er wich allen Vergnügungen, besonders solchen, wo er Damen treffen konnte, -aus. Schwester Clarissa hatte ihn unsagbar angezogen und dann plötzlich -seine ganze Seele zurückgestoßen. Eine Wunde hatte das seinem Herzen -nicht gerade zugefügt, aber eine Wand hatte es errichtet zwischen ihm -und dem weiblichen Geschlechte. Sein Herz war fortan umpanzert, und die -schönsten Augen, die ihm oft freundlich genug entgegen blickten, ließen -ihn kalt. - -Er kam mit der Zeit zu der Ueberzeugung, daß die fromme Schwester ganz -unschuldig an der Enttäuschung war, die er empfand. Er hielt es für das -höchste Ziel der Humanität, dem Menschen zu helfen, ihn zu trösten und -zu erfreuen, so lange er auf Erden wandelte und sie -- sie erachtete die -Freuden und Schätze dieser Welt gering, um jener herrlichen Verheißung -willen, die sie für sich und Andere erhoffte -- -- nach dem Tode. - -Tod und Leben, Welt und Kirche, das waren die Gegensätze, die ihn auf -ewig von ihr schieden. Sie aber war mit keinem Wort, mit keiner Miene, -wahrscheinlich mit keinem Gedanken sich selbst untreu geworden. Wie die -Nonne sein soll, so war sie -- so gab sie sich, so dachte und fühlte sie. -Wenn je in ihrer Brust eine Leidenschaft gelebt hatte, so hatte sie sie -überwunden. Das aber, was er zu überwinden hatte, war nicht einmal -eine Leidenschaft, sondern nur ein inniges Wohlgefallen, ein Interesse --- -- -- ach, was -- es war, so sagte er sich selbst und so glaubte er -es zuletzt auch, überhaupt kein persönliches, sondern nur ein allgemeines -Interesse gewesen. -- Diese interessante Species -- eine moderne Nonne, -war etwas Besonderes, etwas, was man anderswo eben nicht trifft, weder in -Büchern, noch im Leben. - -Hier war ihm diese Erscheinung täglich vor Augen getreten, der Psycholog -in ihm war erwacht, er hatte geforscht in dieser schwer zugänglichen -keuschen Seele und das Ergebniß -- -- -- -- ja, das Ergebniß war -hinter den Erwartungen des gelehrten Forschers zurückgeblieben. Er dachte -noch zuweilen mit leisem Schauder an ihren starren dogmatischen Glauben -zurück. Das Fleisch abtödten und dem Geiste leben -- die Welt verachten, -verlassen, vergessen, um einer anderen Welt willen, von der wir -nichts Bestimmtes wissen, die vielleicht nichts ist als ein Traum. Wie -mittelalterlich, wie fremdartig das doch war! - -Als echt moderner Mann dachte er gar nicht daran, einen Aufklärungsversuch -oder sonst ein romantisches Unternehmen zu riskiren, um die Seele, die -er auf einem Irrweg glaubte, zum Lichte der Aufklärung und Wahrheit -zurückzuführen. Er zuckte die Achseln und wendete sich von der Jungfrau -mit den »unmöglichen Ansichten« bedauernd ab. Seine eigene innere Ruhe -und Selbstzufriedenheit wurden nicht ernstlich dadurch bedroht. - -Er stand im Hörsaale, die letzten Strahlen der Herbstsonne fielen auf sein -blondes, wohlfrisirtes Haupt und verloren sich hinter ihm in den leeren -Rippen des verkrümmten Scelettes, vor dem er stand. Der Todtenschädel -war weit vornüber geneigt und hing beinahe über dem Kopfe des jungen -Docenten. -- - -Seine Vorlesung war zu Ende, die Studenten entfernten sich, und einer von -den jüngsten unter ihnen, ein hübscher eleganter Pole, trat noch einmal -mit seinem Hefte in der Hand an den Lehrer heran, ihn um irgend eine -Erklärung zu bitten. - -Eifrig setzte dieser dem Jüngling die Sache auseinander, um die es -sich handelte, und so überhörten Beide in dem Gewirre von Stimmen -und Schritten der sich entfernenden jungen Leute, wie ein bettelhaft -gekleideter Mann, von einem braunen, zigeunerhaft aussehenden Mädchen -begleitet, den Saal betrat. -- - -Der Mann war Orgeldreher und trug sein schweres Instrument an einem -Riemen über die Schulter gehängt; das Mädchen trug das Gestell, um den -Leierkasten aufzustellen, und eine zinnerne Schale zum Einsammeln kleiner -Geldstücke. -- - -Es war niemand weiter im Saale wie der Mann und das Mädchen, die beiden -Herren und das graue hohläugige Gerippe. Der Orgeldreher war kaum mehr als -fünfzig Jahre alt, aber seine Züge waren so verwittert und durchfurcht, -sein Rücken so gebeugt von der schweren Last, die er zu tragen gewohnt -war, daß er aussah wie ein Greis. Nur das Haar war noch nicht gebleicht. -Wirr und in lockiger Fülle hing es ihm tief in die Stirn und über den -Nacken herab. - -Dasselbe lockige wilde Haar hatte das Mädchen. Ihre Züge waren grob und -gebräunt, sie hatte brennende schwarze Augen, rothe etwas zu volle Lippen -und Glieder von einer gewissen Anmuth und Fülle, wie sie diesen wandernden -Mädchen auf eine kurze, ganz kurze Zeit die Jugend verleiht. - -Dr. Schlüter bemerkte die Leute, als alle Studirenden gegangen waren. -»Die Armenbehandlung ist von zehn bis zwölf Uhr, kommen Sie morgen um die -Zeit, wenn Sie krank sind,« wendete er sich an den Mann. - -Der junge Pole betrachtete mit Wohlgefallen die Gestalt des mit ärmlichem -Putz gekleideten Mädchens. - -»Ich heiße Schwarz,« sagte der Mann mit einer Sicherheit, als gebe ihm -dieser Name ein Recht, hier zu thun, als sei er zu Hause. - -Der Arzt wollte einen Scherz darüber machen, ehe er, wenn es nöthig -werden sollte, grob wurde, aber die düstere Ruhe, die auf den Zügen -dieses Mannes lag, fiel ihm auf. Er trat einen Schritt auf ihn zu. - -»Was wollen Sie hier?« - -»Ich will wissen, wo mein Weib begraben ist, das soll hier gestorben -sein,« sagte der Mann und wie erklärend fügte das Mädchen hinzu: -»Meine Mutter.« - -»Soll? Ja wie ist denn das möglich. Kann es denn einen Mann geben, -der nicht weiß, wo seine Frau begraben und gestorben ist?« rief Dr. -Schlüter. - -Der Vagabund schwieg. - -»Nun?« fragte der Arzt noch einmal. - -Der Mann suchte immer noch vergeblich nach Worten. Er hatte sich das -einfacher gedacht, nach seiner Frau zu forschen, er hatte geglaubt, in der -Klinik müsse jeder Mensch wissen, wer die Karoline Schwarz war, die hier -starb, und ihn als ihren Mann erkennen. - -Nun wußte hier niemand etwas davon, und dieser Herr Doctor hatte eine -Art zu fragen, die ihn lebhaft an das Unangenehmste, was er kannte, an die -Polizei, erinnerte. Es war ihm schon schwer genug gewesen, auf die Polizei -zu gehen, um sich hierher schicken zu lassen, und nun mußte er es hier -erleben, daß man, anstatt ihm Auskunft zu geben, Fragen über Fragen an -ihn richtete. - -Er wußte nicht, an welchem Tage er seine Frau zuletzt gesehen hatte, nur -ganz allgemein erinnerte er sich, daß es zu Anfang des Sommers gewesen -sei. - -Noch viel weniger wußte er, wann und durch wen die Frau in die Klinik -gebracht und wann sie gestorben war. - -Der Privatdocent legte die Hand an die Stirn und besann sich: »Schwarz -- -Karoline Schwarz« -- wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht, den -Namen gehört zu haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß sie auf meiner -Station gestorben sei?« - -»Ein Herr auf dem Bureau.« - -Herbe Enttäuschung zeigte sich auf den Gesichtern der Fremden. Sie sahen -sich rathlos an und schienen gehen zu wollen. Der Arzt empfand Mitleid -und mehr aus persönlicher Gutmüthigkeit, als aus dem Gefühl einer -Verpflichtung diesen unklaren Angelegenheiten gegenüber, hielt er die -Leute zurück. - -»Wie war denn das? was fehlte Ihrer Frau, vielleicht fällt es mir -wieder ein, erzählen Sie mir etwas von ihrer Krankheit,« sagte er, »oft -erinnert man sich besser der Krankheit, als des Kranken, wenigstens was den -Namen betrifft.« - -Nun begann eine umständliche Erzählung. Das junge Mädchen glaubte oft -mit einigen Einzelheiten den Bericht des Vaters ergänzen zu müssen. Die -beiden Zuhörer waren erschüttert von dem Bilde menschlichen Leidens und -Entsagens, das sich vor ihnen entrollte. - -Der Winter war hart gewesen, und die Leute besaßen keine Wohnung, kein -Bett. Für die wenigen Pfennige, die sie erbettelten, mietheten sie sich -bald hier bald da ein. In gesunden Tagen war ihnen das einerlei gewesen, -aber als die Frau krank und mühselig wurde, schleppten sie sich kaum noch -von Hof zu Hof. Wenn die Töne der Drehorgel erklangen, fiel es selten -einem Menschen ein, die festgefrorenen Fenster zu öffnen und den Hungernden -und Frierenden da draußen ein Almosen zu reichen. Sie hätten oft -weder Nahrung noch Obdach gehabt, wenn die Tochter, die in Schenken -allerniedrigster Art als Liedersängerin auftrat, ihnen nicht zuweilen -einige Groschen zugewendet hätte. Die Mutter war schon lange gebrechlich -und arbeitsunfähig gewesen. Das mehr als ärmliche Gewerbe des Mannes -mußte sie mit ernähren. Etwas Anderes als Brod, Schnaps und höchstens -einmal etwas Kaffee oder Kartoffeln hatten die Leute nicht zu verzehren. -Nun kam aber das Unglück. Als der furchtbare Winter vorüber war, als das -fahrende Volk aufathmete und mit dem neuen Lenze ein neues Leben zu -fühlen begann, da wurde das Weib des Orgeldrehers elender, mühseliger und -schwächer als je zuvor. Sie versuchte noch Weidenkörbe zu flicken, wie -in früheren Jahren, aber Messer und Zange sanken ihr aus den kraftlosen -Händen. Die Tochter blieb in der Stadt, und der arbeitsscheue Mann allein -hatte für das Weib zu sorgen. - -Die Frau konnte kein Brod und keine Kartoffeln mehr vertragen, der Magen -verweigerte die Annahme dieser Lebensmittel. -- Einige Tage hielt sie sich -noch aufrecht durch den Genuß von Branntwein, dann brach sie zusammen. - -»Wir hatten damals eine Scheune gemiethet, das heißt, Herr Doctor, die -Leute, denen das Caroussel gehörte, bezahlten die Miethe, und wir durften -mit darin schlafen, das Weib und ich,« berichtete der Mann. »Ich drehte -meine Orgel bei dem Caroussel und hatte einen schönen Verdienst. Da zog -der Herr Besitzer weiter. Wenn ich nicht mitging, hätte er in einer Stunde -einen anderen Musikanten gefunden, das war doch klar, also was sollte ich -machen?« - -»Sie zogen mit und ließen das todtkranke Weib zurück, nicht wahr?« -unterbrach ihn der Arzt, mit vor Zorn funkelnden Augen. Jetzt wußte er, -wen er vor sich hatte. Er erinnerte sich an die nächtliche Scene, wo ihm, -von Schmutz starrend, die am Hungertyphus sterbende Unbekannte von -der Polizei zugeschickt wurde. Er warf einen Blick auf das Antlitz des -Todtenschädels. Das war Karoline Schwarz, die da hinter ihm stand, nach -ihrem Tode als Gerippe präparirt, und der Mann vor ihm erzählte ihm -die Vorgeschichte dieses Todes, eine Kette von Elend, Hunger, armseligem -Vortheil und gedankenlosem Egoismus. Das Ende dieses Menschenlebens hatte -er gesehen, es war ihm furchtbar erschienen; jetzt aber erschien ihm das, -was diesem Ende vorangegangen war, noch schauerlicher und trostloser. Ein -Menschenschicksal -- -- was für ein Schicksal. - -Der Leiermann hatte sein Instrument abgestellt. Verlegen drehte er den -breiten, schäbigen Hut zwischen den Fingern. - -»Was will man machen,« stotterte er -- »bei den schlechten Zeiten, ein -so schönes Stück Geld. Bei manchen Jahrmärkten kam ich bis auf sechs -Mark an einem Tage, sollte ich das lassen, um so ein Weib -- ein schlechtes -Weib, -- Herr -- sollte ich mit ihr zusammen verhungern?« - -»Es war für Sie jedenfalls angenehmer, sie allein verhungern zu lassen,« -bemerkte der Arzt scharf. - -Das Mädchen fühlte hier den Drang, ihrem Vater zu Hilfe zu kommen. - -»Ach, Herr Doctor,« schluchzte sie, »Mutter konnte keinen Schritt -mehr gehen. Sie fiel um, wenn sie auf die Beine kam, und sie konnte so -schimpfen, und sie betrank sich immer und vergriff sich an uns und sogar an -meinem Schatz.« - -Diese ungeschickte, unkindliche Rede empörte die beiden Herren mehr als -alles Andere. - -»Ihre Mutter ist verhungert,« -- rief der Student rücksichtslos dem -Mädchen ins Gesicht, ohne in seinem Zorne erst abzuwarten, ob sein Lehrer -geneigt war, das so unumwunden auszusprechen. - -»Verhungert? Nein Herr,« widersprach der Vagabund, »ich habe ihr Alles -hingelegt, Brodscheiben und noch Schnaps und einen Sack voll Kartoffeln. -Bis sie sich die alle gekocht hatte, konnte sie wohl soweit sein, daß sie -mir nachkam, sie wußte, wo wir hinzogen.« - -»Aber haben Sie uns denn nicht selbst gesagt, daß die Frau Brod und -Kartoffeln nicht genießen konnte,« fuhr ihn der Jüngling wieder voller -Entrüstung an. - -»Ja Herr, ja Herr, Brod und Kartoffeln und auch noch Schnaps, das sind -gute Dinge. Die Carousselleute meinten das auch, etwas Anderes haben arme -Menschen nicht zu verzehren.« - -»Sie mögen das ja ganz gut gemeint haben,« begütigte Dr. Schlüter, -»aber wer sollte denn nach der Kranken sehen, warum brachten Sie sie nicht -in ein Krankenhaus?« - -»Wie soll unsereiner das anfangen, wir sind hier nicht unterstützungs- -und heimathberechtigt,« warf das junge Mädchen ein. - -»Mutter hätte das auch nicht gethan,« erklärte der Mann zuletzt -energisch. - -»Nun kurz und gut, es ist nicht mehr zu ändern, und ich will Ihnen -erzählen, was daraus geworden ist,« sagte der Stationsarzt. »Die -Vorräthe haben die Ratten, Fäulniß und Schimmel vertilgt, den Branntwein -mag die Frau selbst getrunken haben. Dann wurde sie schwächer und -schwächer, hatte fürchterliche Schmerzen und den brennendsten Durst, den -Sie sich denken können. - -Kein Mensch brachte ihr einen Tropfen Wasser, niemand sorgte für ihre -Reinlichkeit, das Ungeziefer kam und quälte sie auf ihrem nassen, -schmutzigen Stroh, und der Durst, der Fieberdurst, der Durst derer, die das -Trinken gewöhnt sind, kam hinzu. - -Dann ist sie vielleicht noch einmal wüthend geworden, hat die Menschen und -die Welt verflucht und hat zuletzt nichts mehr von sich gewußt. So ist sie -verkommen und bei lebendigem Leibe verfault, bis die Polizei sie fand. Die -Polizei hatte Erbarmen und brachte sie hierher. Wir konnten ihr aber nicht -mehr helfen, es war zu spät, sie starb nach einigen Stunden.« - -Er durchblätterte ein großes Buch. »Am elften Juni ist sie Abends zum -Todtengräber gebracht. Der wird Ihnen wohl sagen können, wo sie liegt,« -sagte er, ohne von dem Buche aufzusehen. - -Der Mann und das Mädchen bekreuzten sich. - -»Ihr ist ja nun wohl in der Erde,« schluchzte die Tochter. - -»Die Ruhe ist ihr zu gönnen,« fügte der Gatte hinzu, und ohne Dank, -fast ohne Gruß verließen sie den Saal, um weiter zu suchen nach dem -Stückchen Erde, unter dem das müde Haupt des jammervollen Weibes nach -ihrer Ansicht ruhte. - -Der junge Student sprach noch einmal seine lebhafte Entrüstung über -dieses Gesindel aus und empfahl sich dann dem Privatdocenten, der in -Gedanken verloren vor dem Scelett der unseligen Karoline Schwarz stehen -blieb. - -Er sah sie wieder vor sich auf der Bahre in ihrer fast nicht mehr -menschlichen Verkommenheit und Häßlichkeit und herab geneigt über dieses -Bild tiefsten irdischen Leidens ein himmlisch verklärtes, durchgeistigtes -Antlitz, vom Nonnenschleier umrahmt, durchleuchtet von Erbarmen und Liebe. -Liebe? -- -- -- - -Nein, Schwester Clarissa liebte die Menschen nicht. Sie liebte nur ihren -Herrn und Gott, die Menschen, deren sie sich erbarmte, waren ihr nur Mittel -zum Zweck. -- »Was ihr gethan habt dieser Geringsten einem, das habt ihr -Mir gethan.« -- Das war der Grundgedanke ihrer Barmherzigkeit. Auch in -diesem Falle war es so gewesen. Sie hatte ihre Pflicht gethan, gefühlt -hatte sie nichts für die Unglückliche, und diese -- diese gerade war wohl -auch der Liebe nicht werth gewesen. - -Er betrachtete eine von den subtil zusammengesetzten Knochenhänden. Gegen -Mann und Kind hatte sie den Arm erhoben; nun stand sie da, todt, ruhelos, -mitten im Leben, ohne das Fleckchen Erde gefunden zu haben, auf dem auch -der Aermste Anspruch hat zu ruhen -- ruhen -- nach dem Tode. -- - -Schwere unsichere Schritte unterbrachen mit ihrem Geräusche den sinnenden -Mann. Sollte man ihm einen Kranken bringen? Hier herein, wo doch die -Patienten im Allgemeinen nichts zu thun hatten? - -Aergerlich wandte er sich nach der Thür und sah wieder den -Straßenmusikanten mit seiner Tochter eintreten. - -Das unregelmäßige Gesicht des Mädchens war einen Schein blasser als -vorher, und der Mann schwankte ein wenig, wie ein Trunkener. - -Ohne auf die erstaunte Frage des Arztes, was er wolle, zu antworten, ging -er mit stierem Blicke und unsicheren Schritten durch den ganzen Saal, grade -auf das Gerippe zu. - -Mit sichtbarem Erschauern blieb er hier stehen. - -»Line,« flüsterte er an der düsteren Gestalt herauf. -- - -»Line, bist Du das denn wirklich? In lauter Stücke haben sie Dich -geschnitten und ausgenommen, wie ein geschlachtetes Thier, und Deine -Knochen blank gescheuert, und dann haben sie Dir nicht die Ruhe im Grabe -gegönnt, und nun stehst Du da und bist todt?« - -»Aber was wollen Sie denn,« rief Dr. Schlüter zugleich entrüstet -und erschrocken, »was faseln Sie, was rütteln Sie an dem Scelett? Um -Gotteswillen, es ist mehrere hundert Mark werth, lassen Sie es los, Sie -zerbrechen es ja.« - -»So -- es ist mehrere hundert Mark werth?« - -Der Respect vor dieser Summe lähmte den Arm des Proletariers. Er trat -scheu zurück, aber in seinen Augen loderte eine wilde Drohung. - -»Sind das hier die Knochen von meiner Frau?« fragte er mit finsterer -Miene. - -»Ja,« entgegnete der Arzt, »aber wer hat Ihnen das gesagt?« - -»Draußen Einer, ein Wärter wird es ja wohl gewesen sein,« antwortete -die Tochter für ihren Vater. - -»Warum ist das Weib nicht begraben? Es war ein armes Weib und bös, ja sie -war bös, aber ein Grab war sie doch wohl werth, man scharrt ja einen Hund -ein,« grollte der Mann. - -»Darauf kommt es hier gar nicht an,« erklärte der Kliniker. »Wenn hier -jemand stirbt, für den niemand die Verpflegungs- und die Begräbnißkosten -bezahlt, so kann das Institut -- ich meine die Doctoren können dann mit -der Leiche machen, was sie wollen.« - -»Das dürfen Sie nicht, das nicht,« kreischte das Mädchen plötzlich -wild auf, »wenn der jüngste Tag kommt, und die Todten steigen aus -ihren Gräbern, und das Fleisch steht auf, wo soll da so ein -- so ein -Knochengestell sein Fleisch hernehmen, um aufzustehen von den Todten?« - -»Laß das Mila, das sind Glaubenssachen,« gebot ihr der Vater, »das geht -die Herren hier nicht an, die glauben an nichts nach dem Tode.« - -»Nun also -- was wollen Sie denn, wozu machen Sie denn solchen Lärm?« -fragte der Arzt erleichtert. - -»Was ich will?« höhnte der Mann. »Ich will wissen, was für ein -Verbrechen und was für eine Schande es ist, wenn der Mensch arm ist. Wenn -ein Stück Vieh fällt, so ist immer Einer zu finden, der es einscharrt, -aber ein Mensch, -- ein armer Mensch? Wozu ist der gemacht? Im Leben zum -Hungern, zum Betteln, zum Frieren und nach dem Tode? Nach dem Tode -- zu -dem, was die Herren Doctoren für gut befinden, mit seinem armen Leibe zu -machen.« Er lachte laut und wild auf. - -Dr. Schlüter klingelte nach dem Oberwärter. Dieser erschien. »Führen -Sie den Mann hinaus, er ist unverschämt geworden,« sagte der Arzt. - -»Ja ich gehe schon,« brüllte der wüthende Mensch, »aber diese Knochen, -diese Knochen sind mein, ich nehme sie mit, ich scharre sie ein im freien -Walde, der niemanden gehört. Sie war kein gutes Weib, aber Ruhe, das -bischen Ruhe im Grabe, das soll sie doch haben, sie soll.« -- -- -- - -Er griff nach dem Scelett, das in seiner leichten Zusammenfügung bereits -erschüttert, ein wenig schwankte. Der Oberwärter faßte den Tobenden mit -festem Griff und rief nach Jahn, seinem Gehülfen. - -Der Stationsarzt war im Begriffe, den Saal zu verlassen. An der Thür -drehte er sich noch einmal um, riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und -schrieb einige Worte darauf. - -»Orgeldreher Schwarz,« sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel -nach dem Büreau. Man wird Ihnen dort, nach Abzug eines Verpflegungstages, -fünfzig Mark auszahlen, weil Sie den Körper Ihrer verstorbenen Frau der -Klinik zu anatomischen Zwecken überlassen haben. Adieu.« -- -- - -Er ging. Wie eine Pantherkatze stürzte Mila auf den Zettel zu und riß ihn -an sich. - -Fünfzig Mark! ...... - -Der Oberwärter hatte nicht mehr nöthig, einen Wüthenden zu halten. Mit -respectvollem Gruß entfernten sich Vater und Tochter. - -Einen scheuen Blick noch warfen sie zurück auf das graue Gerippe der -Gattin und Mutter. Es war ja recht traurig, daß sie nun unbegraben blieb --- aber was wollte man machen! - -Fünfzig Mark erhielten sie dafür, und sie konnten das brauchen -- sie -lebten und darbten. - -Die Mutter aber -- -- -- -- ja, die stand da und sah ihnen nach aus -ihren leeren, großen Augenhöhlen. Sie war übel daran, aber sollte man -deshalb die fünfzig Mark verschmähen? -- Ein solches Opfer für sie, -konnte sie das wohl verlangen, noch dazu jetzt -- -- -- nach dem -Tode? -- -- -- - - -Ende. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Doctor Cäcilie. - -[Illustration: Decoration] - - -[Illustration] - - Hochwürdigste, gnädige Frau! - - In tief trauriger Lage sehe ich keinen anderen Ausweg, als den, Sie - mit diesen Zeilen zu belästigen. -- Meine Frau ist nach einer, wie - es leider den Anschein hat -- vergeblichen -- Krebsoperation einer - sachgemäß geschulten Pflegerin dringend bedürftig. - - Alle Bemühungen meines Hausarztes, hier eine geeignete Kraft ausfindig - zu machen, sind von durchaus ungenügendem Ergebnisse gewesen. - - Die Sterbende leidet furchtbar unter den ungeschickten Händen einer - ungebildeten Wärterin. Es handelt sich vielleicht nur noch darum, ihr - auf wenige Tage und Nächte die letzten Qualen der Krankheit leichter - zu machen. Kein finanzielles Opfer würde mir zu groß sein, wenn - ich mein geliebtes Weib in die sanften, weichen Hände einer treuen - Schwester geben könnte. Ich werde den wohlthätigen Einrichtungen - Ihrer Anstalt die Beweise meiner Dankbarkeit zuwenden; in diesem - Augenblicke aber flehe ich Sie an, gnädigste Gräfin, helfen Sie mir, - schicken Sie mir eine Diakonissin und senden Sie mir ein Telegramm, mit - welchem Zuge die Ersehnte hier eintreffen wird. - - Mit hochachtungsvollster Ergebenheit - - Ihr gehorsamster - - _v. Möbius_, Premierlieutenant. - -Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses las diesen Brief -nachdenklich durch. Auf ihrem energischen klugen Gesichte zeigte sich ein -Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen Briefschaften, -die noch der Erledigung warteten, vorläufig bei Seite und ging nach der -Frauenstation für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war, wie -immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt, verließ aber ihre -Arbeit, um an eines der großen Saalfenster zu treten und dort mit ihrer -Vorgesetzten zu sprechen. - -Die Betten im Saale standen so weit von den Fenstern entfernt, daß die -Kranken von der Unterhaltung der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen -vermochten. - -»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann die Gräfin, nachdem die -Schwester den Brief des Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir -schicken?« - -Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz bestimmt den Kopf. -»Niemanden, Frau Oberin,« sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause -sind belegt, ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen -Anforderungen zu genügen. Wir können keine Schwester entbehren; im -Gegentheil, ich will froh sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist, -wir haben nicht genug Schwestern.« - -»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht anders werden. Von allen -Seiten werde ich gebeten, junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an -neue Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in diesem Quartal von -mir verlangt, und zwei Anmeldungen von jungen Mädchen, die sich ausbilden -wollen, habe ich nur erhalten.« - -Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte doch der Herr die Herzen -christlicher Jungfrauen erleuchten und segnen, daß sie in Schaaren -herbeikommen, um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu helfen.« - -»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige Freibetten einstellen -zu können,« sagte die Oberin, »bedenken Sie, daß Frau von Möbius die -Tochter eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie für unsere -Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr günstig.« - -»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch so einrichten -können,« meinte Schwester Albertine. Die Oberin aber schien dieser Frage -gegenüber doch einen praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute -alte Schwester. - -»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar Tage, Schwester; ich -schreibe nicht ab, ich schaffe Rath, schicken Sie mir Schwester Elisabeth -in mein Arbeitszimmer,« entschied sie nach kurzem Nachdenken. - -Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch. Sie kehrte schweigend -an ihre Arbeit zurück, und die Gräfin verließ straff aufgerichtet mit -raschen Schritten den Saal. - -Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von Möbius in der Hand. Sie -wollte seinen Wunsch erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich zu -machen. In dem breiten Corridor vor ihrem Zimmer begegnete ihr einer von -den Aerzten der Anstalt. Der junge Mann grüßte die vornehme Frau mit -einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung. - -Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich, Ihnen meine Theilnahme an dem -Tode Ihres Herrn Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie reichte -ihm freundlich die Hand. - -Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die volle weiße Hand, die sie -ihm gab. »Frau Oberin sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein -armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren, er sehnte sich oft nach -dem Tode, der ihn nun leicht und schmerzlos erlöst hat.« - -»Er war lange leidend, so? Das war mir gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn -in seiner Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so viel ich weiß, -schon seit Jahren verstorben?« - -»Allerdings, gnädigste Frau, ich habe aber eine Schwester, ein gesundes -kräftiges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren. Die war durchaus zur Pflege -meines Vaters geeignet.« - -Die Gräfin wurde aufmerksam. »Ich habe nie von Ihrem Fräulein Schwester -gehört, sie muß sehr zurückgezogen leben.« - -»Sie hat eigenthümliche Neigungen und hält sich von ihren -Altersgenossinnen fern. Wir Geschwister stehen jetzt allein in der -Welt; ich werde wohl genöthigt sein, eine geeignete Stellung für meine -Schwester zu suchen.« - -»Das wird Ihnen schwer werden, lieber Doctor; das Angebot gebildeter -Damen für häusliche Stellungen ist außerordentlich groß, während die -Nachfrage sich mehr auf weniger gebildete Kräfte richtet, die bei den -täglichen Arbeiten mit Hand anlegen.« - -»Frau Oberin meinen, höhere Dienstboten werden gesucht, und -Reisebegleiterinnen, Gesellschafterinnen und Gouvernanten bieten sich an.« - -»Diese Thatsache ist doch nicht zu leugnen, es ist ein eigenes Kapitel der -sozialen Frage, die Frauen- oder eigentlich Jungfrauenfrage. Hier bei -uns aber ist diese Frage gelöst. Sie wissen ja, wie erheblich in unserem -Berufe die Nachfrage das Angebot übersteigt. Bringen Sie Ihre Schwester zu -mir, Herr Doctor, sie ist kräftig und gesund, wie Sie sagen, steht grade -im richtigen Alter und hat sich bereits in häuslicher Krankenpflege -bewährt. Das Mutterhaus sieht in jeder neu eintretenden Schwester eine -liebe Tochter und heißt sie herzlich willkommen. Es ist ein weites -Arbeitsfeld da, helfen Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.« - -»Sie haben Recht, Frau Oberin, ich will mit meiner Schwester sprechen. Sie -hat kein Vermögen, ist durchaus nicht hübsch, eine Versorgung durch die -Ehe ist also nicht wahrscheinlich. Sie wird vielleicht Gott danken, wenn -sie hier freundlich aufgenommen wird.« - -»Dessen können Sie versichert sein, die Waise und die Schwester eines -Arztes ist uns doppelt willkommen.« - -Die Gräfin nickte dem jungen Manne wohlwollend zu und trat in ihr Zimmer. -Doctor Ehrhardt sah lange hinter ihr her. Der Vorschlag der frommen Dame -entsprach so ganz seinen Wünschen. Wenn doch seine Schwester ihr schroffes -eigenwilliges Wesen lassen und einmal, nur ein einziges Mal, auf ihn -hören, seinen Wünschen sich fügen wollte! - -Nie hatte Cäcilie ein weibliches weiches Empfinden gezeigt, nie hatte -sie nachzugeben gewußt. Alle Bekannten des Bruders hatten, durch ihr -unweibliches Wesen abgestoßen, den Verkehr im Ehrhardt'schen Hause -beschränkt, wo sie nur konnten; und doch wußte Otto, daß seine Schwester -ein ernstes Streben verfolgte. Sie verachtete die oberflächliche Existenz -vergnügungssüchtiger, kindlicher Mädchen. Sie sah, wie Eine dieser -Mädchen nach der Anderen, alle ihre ehemaligen Schulgenossinnen sich -verlobten und verheiratheten und hatte nur ein verächtliches Achselzucken -für die Männer, die diese Wesen an ihre Seite zogen. Sie wollte mehr -sein, etwas Anderes -- etwas Höheres. Das konnte sie jetzt werden. -- -Es erschien dem Bruder nun auf einmal wahrscheinlich, daß sie mit -Begeisterung auf den Vorschlag der Oberin eingehen würde. Man rief sie, -man bedurfte ihrer, warum sollte sie zögern zu kommen! - -Ganz erfüllt von seinem Wunsche und fast überzeugt von dessen Erfüllung -eilte er nach Hause. - -Ein Möbelwagen stand vor der Thür, und fremde Leute begegneten ihm im -eigenen Heim. Es fiel ihm jetzt erst ein, daß heute früh die freiwillige -Versteigerung von seines Vaters Nachlaß stattgefunden hatte. - -Weder er noch seine Schwester waren in der Lage, eine Wohnung für all die -Möbel, Betten, Bücher, Bilder u. s. w. zu miethen. Die Gegenstände, -die so lange er denken konnte durch die ganze Kindheit der Geschwister -Zeugen ihres Daseins gewesen waren, wurden heute in alle Winde zerstreut. -Die Heimath war aufgelöst -- freiwillig aufgegeben. Nun hieß es wandern, -ein neues Heim erwerben, den Kampf mit dem Leben bestehen. - -Otto ging in das Arbeitszimmer des Vaters. Die wissenschaftlichen -Bücher, soweit sie nicht veraltet waren, und die Instrumente des alten -Medicinalrathes lagen dort noch umher, ungeordnet, aber zum Glück -unberührt. Wie wenig Gefühl hatte doch Cäcilie gezeigt, daß sie diese -Andenken an den Verstorbenen, die der Sohn zu behalten wünschte, nicht -sorglich zusammengeräumt und eingepackt hatte. Er wollte seine Schwester -jetzt aufsuchen, aber das bittere Wort über ihren Mangel an Pietät -unterdrückte er gewaltsam. Es galt jetzt, alle ihre Gedanken auf das Ziel -hinzulenken, dem er sie entgegenzuführen gedachte. - -In einem öden ausgeräumten Zimmer, zwischen Koffern und Kisten fand er -sie. Ueberall lag Packstroh, Heu, Papier und dicker Staub. Ein weibliches -Wesen hätte in diesem Raume vor allen Dingen doch den Wunsch empfinden -müssen, Ordnung und wenigstens etwas Sauberkeit herzustellen. Cäcilie -Ehrhardt aber empfand davon nichts. - -Die breite, knochige Gestalt des Mädchens saß auf einer Kiste, die Arme -waren auf die Fensterbank aufgelehnt, ohne Rücksicht auf die schwarzen -Aermel des einfachen Trauerkleides. Der Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar -war über ein Buch gebeugt. Sie sah nicht auf, als der Bruder eintrat. - -»Wenn Du Deine Lectüre unterbrechen kannst, Cäcilie, so möchte ich Dich -bitten, über eine wichtige Frage mit mir zu sprechen.« - -Sie legte die griechische Grammatik, in der sie gelesen hatte, aus der -Hand. Ein kurzer fragender Blick traf ihn durch die funkelnden Gläser -ihrer Brille. - -»Ich habe Dir wenig Erfreuliches mitzutheilen,« sagte sie. -»Die Versteigerung des alten Hausrathes hat fast nichts ergeben. -Luxusgegenstände waren, wie Du weißt, nicht vorhanden. Der Auctionator -wird uns morgen Rechnung ablegen.« - -Er nickte schmerzlich. »Ich habe von der Versteigerung nichts erwartet, -aber wir müssen doch den Ballast los sein. Den Luxus pietätvoller -Erinnerung können wir uns noch nicht erlauben.« - -»Winsele nicht,« sagte sie schroff, und stand auf. - -Die Lippen in dem gelben Gesicht waren breit und aufgeworfen, ein -finsterer Zug lag zwischen den schwarzen Augenbrauen, die Nase war kurz und -gewöhnlich geformt; das ganze Gesicht wäre häßlich gewesen, ohne den -Ausdruck hervorragender Klugheit, der es belebte. - -»Dir wenigstens werde ich sicherlich nichts vorwinseln,« gab er zurück, -»aber ich wollte mit Dir über meine Zukunft sprechen. Meine Existenz -liegt augenblicklich in Deiner Hand.« - -»Bitte, erkläre Dich deutlicher.« - -»Ich bin schon dabei. Vater hat schon seit Jahren nicht mehr prakticirt. -Von seinen Zinsen konnten wir nicht leben, wir haben das Kapital -verbraucht. Wenn ich den Rest überschlage, die Ausgaben abziehe, die -Auction hinzurechne, so denke ich, es wird uns ein baarer Rest von -viertausend Mark bleiben.« - -»Wenig genug, aber es muß reichen, wir müssen uns einrichten, wir -müssen Beide damit auskommen, bis wir uns frei gearbeitet haben.« - -Auf dem feinen hübschen Gesichte des jungen Mannes malte sich lebhaftes -Staunen. - -»Das scheinst Du Dir sehr einfach zu denken,« sagte er endlich. »Bitte -höre aber wenigstens zu, was ich mir für Lebenspläne gemacht habe.« - -Sie nickte und setzte sich wieder auf die Kiste. Die Füße streckte sie -weit von sich und betrachtete augenscheinlich aufmerksam ihre großen -derben Zugstiefel. - -Er drehte beinahe verlegen an seinem Schnurrbarte. Ein Opfer wollte er -von ihr fordern, -- den eigensinnigen Kopf mit den männlich kurzen Haaren -wollte er unter die weiblichste aller Trachten, unter die schlichte Haube -der Diakonissin beugen. Er sah ängstlich auf die schwarzen kurzen Borsten -herab. Endlich aber begann er zu sprechen. - -»Ich kann nicht ewig am Diakonissenhause bleiben, das mußt Du einsehen, -Cäcilie.« - -»Sehe ich ein -- weiter.« - -»Ich bleibe dort, bis ich eine Volontairstelle bei einem Frauenarzt finde, -ich will Specialist werden.« - -»Auch gut -- weiter.« - -»Ich werde ungefähr zwei Jahre als Assistent arbeiten, dann will ich -versuchen, mich selbständig zu machen. Zunächst muß ich dann auf -Patienten warten, mir eine Praxis begründen. Habe ich die, so errichte ich -eine Privatklinik, engagire dazu eine ehemalige Diakonissin und kann, wenn -ich Glück habe, ein schönes Vermögen erwerben.« - -»Das will ich Dir wünschen.« -- - -»Du sollst mehr thun, als es mir wünschen.« - -»Ah -- ich wäre begierig.« - -»Ja, ich wollte dich bitten, mir dein Erbtheil zu überlassen. Als -Volontair muß ich mich selbst erhalten. Sobald ich mich dann selbständig -mache, habe ich zunächst auch keinen Verdienst. Auch eine Privatklinik -kann ich nicht ganz ohne Vermögen übernehmen. Der ganze Nachlaß -unseres Vaters aber würde genügen, mich über Wasser zu halten und mich -bescheiden zu ernähren, bis meine Hoffnungen sich verwirklicht haben. Dann -werde ich daran gehen zu sparen und dir das Doppelte von der Summe geben, -die Du mir jetzt giebst.« -- - -»Und ich kann mich für die nächsten zwanzig Jahre als Stütze der -Hausfrau vermiethen, mit der verlockenden Aussicht nach Ablauf dieser Zeit -von meinem großmüthigen Bruder viertausend Mark zu erhalten, von deren -Zinsen ich dann in meinen alten Tagen ein wahres Schlaraffenleben werde -führen können -- nicht wahr?« - -Hämischer Spott entstellte ihren Mund, sie lachte bitter auf, ihre Wangen -glühten, sie war empört über den naiven Egoismus des Bruders. - -»Nein, Du sollst Dich nicht als Stütze der Hausfrau vermiethen; ich -habe eine Versorgung für Dich, die Du nur anzunehmen brauchst, um mein -Schicksal günstig und glücklich entscheiden zu können.« - -»Ich will Deine Versorgung nicht. Nach dem Egoismus, den Du eben offenbart -hast, verlange ich nicht nach dem Almosen eines männlichen Schutzes. -Morgen theilen wir; ich gehe meinen Weg, und Du gehst Deinen, dabei -bleibt's.« - -»Cäcilie, ich komme niemals in die Höhe. Der ärztliche Beruf ist ein -freies Gewerbe; der Concurrenzkampf ist rücksichtslos hart. Es ist ein -Kampf um Leben und Brod. Erleichtere ihn mir, arbeite als Schwester an -meiner Seite. Gieb mir die Mittel, deren ich bedarf, um mich durchzuringen. -In fünf, sechs Jahren vielleicht schon rufe ich Dich zu mir und sorge für -Dich.« - -»Ich soll dann wohl Deine Köchin werden? Danke für die Ehre.« - -»Cäcilie, die Frau Oberin hat mir heute gesagt, daß die Nachfrage nach -jungen Diakonissinnen so außerordentlich groß ist. Sie hat mich direct -aufgefordert, Dich ihr zuzuführen. Du hast ein gewisses medicinisches -Interesse. Du eignest Dich zur Schwester. Geh hin, laß Dich ausbilden, und -tritt dann auch in eine Frauenklinik ein. Lerne, arbeite, und sobald ich -eine feste Stellung als Frauenarzt habe, komm zu mir, um mit mir zusammen -eine Privatklinik zu gründen. Du weißt, ein Mann allein kann das nicht. -Man ist auf eine weibliche Mitarbeiterin angewiesen, und eine geeignete -Persönlichkeit ist nur mit den größten Geldopfern aufzutreiben. Sei -meine Verbündete liebe Schwester, laß uns zusammen streben, zusammen -erwerben.« - -Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an. - -»Du kommst Dir wohl noch sehr großmüthig vor in Deinem männlichen -Egoismus,« spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden, -soll mich ducken unter Bonzen und Pfaffen, soll Choräle singen und Fenster -putzen? Jede grobe Arbeit thun, um Christi willen? Die Augen verdrehen, -heucheln, dienen -- ha, ha, ha, und alles das, damit ich später -ausgebildet bin, wenn Du so weit bist, mich zu rufen! Du willst dann der -leitende Arzt einer Anstalt sein, Anordnungen treffen, Befehle geben, -und ich als dienende Schwester bin grade gut genug, um Dir -- -- zu -gehorchen!« -- - -Er trat erschrocken zurück vor der Wuth, die er, ohne es zu wollen, zu -diesem Ausbruch gebracht hatte. - -»Warum willst Du denn nicht als Schwester ärztliche Anordnungen -ausführen?« fragte er erstaunt. »Glaubst Du denn als Lehrerin, oder -in sonst einem weiblichen Berufe freier und selbständiger handeln zu -können?« - -»Wer sagt Dir denn, daß ich einen sogenannten »weiblichen« Beruf -wählen werde? Ist nicht der ärztliche Stand, wie Du selbst sagst, ein -freies Gewerbe -- steht er mir nicht ebenso gut offen, wie Dir?« - -»Ich habe Dich für klüger gehalten, Cäcilie.« - -Sie lachte laut auf. »Ja für klug genug, um blutiges Verbandzeug zu -waschen, aber nicht für klug genug, um selbst das Messer zu führen. Das -ist ja die geheiligte Tradition aller Männer. Zu Handlangerdiensten ist -die Frau gerne willkommen, aber um sie als ebenbürtige Berufsgenossin -anzusehen, dazu lassen die Herren sich so leicht nicht herab!« - -Otto Ehrhardt versuchte es garnicht, seine Schwester von ihrer Ueberzeugung -der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter abzubringen. Sie hatte noch -niemals ihre Ansicht untergeordnet, in dieser Lebensfrage würde sie es am -wenigsten thun. Er appellierte deßhalb nur an ihren, wie er wußte, stark -entwickelten praktischen Sinn. - -»Die letzte Steuereinschätzung,« begann er langsam, »hat, wie Du -vielleicht weißt, bei der größeren Hälfte aller Berliner Aerzte ein -Berufseinkommen unter dreitausend Mark ergeben. Wenn die Aerzte noch ferner -unter den äußeren Lebensbedingungen der höheren Stände weiter leben -sollen, so darf dieses Einkommen nicht noch weiter heruntergedrückt -werden; giebst Du das zu?« - -Sie kaute an ihren Nägeln und sah, ohne zu antworten, zu ihm empor. - -»Da Du schweigst, hoffe ich, daß Du mir zustimmst,« fuhr er fort. »Es -bleibt mir also demnach nur noch zu sagen, daß dieser, schon jetzt mehr -als überfüllte Beruf ruinirt wird, wenn noch die weibliche Concurrenz -eintritt.« - -»Für hiesige Verhältnisse mag das zutreffen, aber Berlin ist nicht die -Welt, es giebt andere Städte,« sagte sie kurz. - -»Die kleinste Stadt hat so viel Aerzte, daß jeder neue junge Concurrent -Jahre lang ringen muß, bis er ein einigermaßen genügendes Einkommen hat. -Sei klug Cäcilie, verschließe Dich nicht der Einsicht, daß grade -dieser Beruf keinen neuen Zudrang von Arbeitskräften zu ertragen vermag. -Vereinzelt mögen ja auch Frauen sich in diesem Fache durchringen, aber -nur, wenn sie gegen die Möglichkeit des Mangels geschützt sind, nur wenn -sie Vermögen besitzen.« - -»Ich ringe mich durch -- auch wenn ich keinen Pfennig hätte -- ich -fühle den Beruf in mir, ich weiß, daß ich hervorragen kann in dieser -Wissenschaft, ich erreiche das Ziel!« - -Er sah die Begeisterung, die ihr unschönes Gesicht bei diesen energischen -Worten verklärte, aber er hatte kein Verständniß dafür. Er, für seine -Person, empfand kein leidenschaftliches Interesse für seinen Beruf. Er -hatte ihn ergriffen, weil es sein Vater wünschte und weil er eben auch -keine andere lebhafte Neigung fühlte. Es lag ihm gänzlich fern, sich zu -einer Größe darin aufschwingen zu wollen, ihm fehlte dazu der Eifer, -wie auch die Begabung. Das einzige Ziel seiner Wünsche war eine sorglose -behagliche Existenz, ein sicheres Auskommen -- der glühende Ehrgeiz seiner -Schwester war ihm unverständlich. - -»O, hätte der Vater an mich gewendet, was er an Dich wandte -- ich wäre -mehr geworden, wie Du.« - -Aus tiefstem Herzen kam ihr der Seufzer. Otto sah sie verwundert an. »Und -ich?« fragte er. »Ich, der einzige Sohn des Medicinalrathes Ehrhardt, was -hätte ich werden sollen?« - -»Handlanger -- das was ich jetzt werden soll. Ist denn der einzige Sohn -eines Mannes besser, als desselben Mannes einzige Tochter? Ist es nicht -denkbar, daß die Tochter für denselben Beruf begabter sein kann, wie der -Sohn?« - -Otto war durchaus nicht geneigt, auf diese Frage einzugehen. Das Vorrecht -des Sohnes vor der Tochter schien ihm so selbverständlich, so fest -stehend, daß er darüber kein Wort, keinen Gedanken verlor. War es je -vorgekommen, daß in einer ihm bekannten Familie die Töchter von den -Eltern besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet worden wären, als die -Söhne -- die Vertreter des starken Geschlechtes? Das war nie und nirgend -gewesen, nie und nirgend würde es sein. -- - -»Mein Gott -- ich verlange ja nicht, daß Du Diakonissin wirst,« meinte -er ausweichend. »Es ist aber der einzige geachtete Frauenberuf, in welchem -die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt, außerdem bietet -er eine Altersversorgung. Oder glaubst Du etwa, daß Du jemals geheirathet -wirst?« - -Sie lachte höhnisch auf. »Geheirathet? Das war wenigstens gut -ausgedrückt, Otto. Nein lieber Bruder, ich bin häßlich, mein knochiger -Körper wird niemals die sinnlichen Gefühle eines Mannes erregen. Niemand -wird, um meine Reize zu besitzen, bereit sein, meinen Lebensunterhalt -zu erwerben. Zum Glück sind meine Nerven aber auch nicht geschlechtlich -erregbar -- ich werde nicht geheirathet werden und -- -- ich werde nicht -lieben.« - -»Also -- was hast Du denn eigentlich beschlossen?« - -»Mich durchzuarbeiten. Ich werde Medicin studiren, werde mich auf -die Augenheilkunde verlegen, werde in orientalischen Ländern meinen -Wirkungskreis suchen und sicher -- ganz sicher wird meine Kraft und -meine Begeisterung mich dahin bringen, daß ich tausende und abertausende -mittelmäßiger Männer, träger gewissenloser Aerzte überflügeln -werde und weit hinter mir lassen werde. Ich dem Namen Ehrhardt in der -wissenschaftlichen Welt Glanz und Ansehen schaffen -- ich -- aber niemals -wird Dir das gelingen.« - -»Und das alles mit der Hälfte eines väterlichen Erbes im Betrage von -viertausend Mark?« - -»Ich weiß nicht womit, aber ich will es, und was ich will, das führe ich -durch. Ich werde entbehren und arbeiten, aber ich werde siegen.« - -»Dann werde ich eben kein Specialist. Mein Gott, auf den Knieen werde ich -Dich nicht anflehen, mir die Wege zu ebnen.« - -Er ging wüthend hinaus. Sie blieb zurück mit einem glücklichen, stillen -Lächeln. Aus ihren Augen strahlte das Genie, das sich immer Bahn bricht im -Leben. -- -- Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg! - - -II. - -Cäcilie Ehrhardt war als Zwischendeckspassagier ausgewandert. - -Freilich, eine fatale Woche. Sie, die sonst wenig Sinn für poetische Werke -hatte, hielt sich in diesen zehn Tagen immer wieder das Shakespeare'sche -Wort vor die Seele: »Die Stunde rollt auch durch den schwersten Tag.« Es -wurde ihr Leitstern, beinahe ihr Halt dieses Wort: »Die Stunde rollt auch -durch den schwersten Tag.« - -Weiber und Kinder, die viel schwächer waren wie sie, ertrugen diese -Ueberfahrt in diesem Raume. Sie glaubte wohl etwas Besseres zu sein wie -diese, weil sie ein höheres Streben besaß, aber gerade deßhalb hielt -sie sich auch für berufen zu zeigen, wie man Widerwärtigkeiten und -Unbequemlichkeiten erträgt. - -Die Mitreisenden schämten sich zu wimmern und zu jammern, dieser -Frauengestalt gegenüber, die mit stiller Resignation fast heiter sich -zwischen ihnen bewegte, zufrieden mit einem Winkel zum Ausruhen, mit einer -Brodrinde zum Essen. - -Schließlich landete man in der Heimath der Freiheit, und Cäcilie Ehrhardt -bekam Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß auch in Amerika eine hübsche -Tochter reicher Eltern glattere Wege vor sich sieht, als eine arme geistige -oder körperliche Arbeiterin. - -Sie that die nöthigen Schritte, um zum Studium zugelassen zu werden. Ein -Beamter der Universität, ein ruhiger Geschäftsmann empfing sie. - -»Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf einige statistische Thatsachen -aufmerksam zu machen, mein Fräulein,« begann er. - -»Ich bitte darum, Mr. Schäffer.« - -Er las ihr nun einen kürzlich veröffentlichten Bericht des Rectors der -Genfer Universität vor, wonach von 215 Frauen, die Medicin studirten, -nur 25 es bis zum practischen Arzte gebracht haben und auch von diesen nur -wenige zu einer auskömmlichen Praxis. - -»Was glauben Sie wohl, mein Fräulein,« fragte Herr Schäffer, »in -welchem Abgrunde die übrigen 195 gescheitert sind?« - -»In dem Abgrunde ihrer Mittelmäßigkeit,« antwortete sie kalt. - -Ein prüfender Blick glitt über das breite, gelbe Gesicht des häßlichen -Mädchens. Wäre Cäcilie hübsch gewesen, so hätte der fromme Mann jetzt -vielleicht seinen Arm um sie gelegt und gesagt: »Laß doch gut sein, -süße Krabbe, es giebt ja noch ganz andere Wege, um zu etwas zu kommen.« - -Er rühmte sich mehrerer derartiger »Bekehrungen«. Aber Cäcilie Ehrhardt -war nicht hübsch, durchaus nicht hübsch. - -Ein paar kluge, graue Augen funkelten hinter schwach geschliffenen -Brillengläsern. Höchst unangenehme, scharfe, forschende Augen. -- Herr -Schäffer fühlte gar keine Neigung, irgend eine Prüfung vor diesem Blick -zu bestehen. In gleichgültigem Nachgeben kam er ihren Wünschen entgegen. - -Den Befähigungsnachweis zum Besuche der Universität bestand sie -glänzend, so ließ man sie zu -- du lieber Gott, eine Ueberspannte, -Emancipirte mehr als bisher. -- - -Mit einer Arbeiterin, die Tags über in einer Fabrik Cigarren wickelte, -miethete sich die Studentin zusammen in einer Dachkammer ein. Die -Mitbewohnerin war nur in der Nacht da, so störte sie wenig. - -Cäcilie verlangte für sich das Recht, so lange, wie sie wollte, Abends -Licht zu brennen. Da hatte die Andere nichts dagegen; sie ihrerseits -verlangte gar nichts. - -Aber das war nur Schein. Schon nach wenigen Tagen brachte Henriette -Abends einen Kameraden mit aus der Fabrik, und Beide profitirten von der -Studirlampe der Anderen. - -Was das für ein Lachen und Kichern, für ein Küssen und Liebkosen war --- gräßlich -- Cäcilie Ehrhardt wußte sich nicht anders zu helfen, als -einen Ofenschirm neben sich zu stellen und sich so zu isoliren. - -Das zärtliche Liebespaar aber sah mit innigem Mitleid auf die einsam -Arbeitende hin. - -Schließlich ließ Charley sich durch sein gutes Herz hinreißen, ihr ein -höchst eigenthümliches Anerbieten zu machen. - -Mit Henriette im Arm stellte er sich neben Cäciliens schützende -Schirmwand und trug ihr stockend und zagend vor, in seiner Fabrik da wäre -ein Werkführer, der wäre Wittwer, hätte auch ein paar Kinder, aber doch -wohl ein ganz annehmbarer Mann, der eine brave, fleißige Frau gerne nehmen -würde. Nun könne sie, Fräulein Ehrhardt, ja am Ende keinen verliebten -Jüngling beanspruchen, wäre vielleicht auch schon ein bischen darüber -hinaus, aber doch -- sozusagen -- - -Cäcilie begriff. Einen Mann -- aus Gnade und Barmherzigkeit bot man ihr, -der Tüchtigen, Häßlichen, einen Mann an, der nicht Liebesgetändel -suchte, sondern der eine thätige Frau brauchte! - -Die _erste_, vielleicht im Leben die einzige Möglichkeit für sie, den -Beruf der Frau als Gattin und Mutter zu finden! -- - -Die gesellschaftliche Zumuthung, daß man ihr, der Tochter des -Medicinalrathes Erhardt anbot, einen Fabrikaufseher zu heirathen, die -verletzte sie nicht. Was mochten die Liebesleute dem guten Manne von ihr -vorphantasirt haben! Aber sie fühlte den Beruf zur Gattin und Mutter nicht -in sich. -- Es ist doch auch nicht jeder Mann geeignet, Vaterpflichten zu -übernehmen, und nicht jedes Weib für Mutterpflichten geschaffen. - -Sehr kurz, sehr kalt lehnte sie ab, auf's Innigste bedauert von dem jungen -Paare, das nichts Anderes kannte, als seine Liebe. - -Ihr Leben war aber furchtbar hart auf diese Weise, denn in den ersten -beiden Jahren ihres Studiums machte das Arbeitspensum, das sie zu erledigen -hatte, es ihr unmöglich, sich irgend einen Erwerb zu suchen. - -Sie mußte leben wie eine Arbeiterin, schlechter wie eine solche, wenn sie -zum Ziele kommen wollte. - -Henriette und Charley amüsirten sich Sonntags, aßen und tranken wie -Kinder, die plötzlich Geld bekommen haben und nicht wissen, wo sie es -lassen sollen. Sie sprachen täglich von ihrer Hochzeit und heiratheten -nie. - -Cäcilie lebte Sonntags nicht besser wie Werktags und nahm nichts von dem -an, was die Anderen ihr anboten. - -Die arme Person! - -Was das Leben wohl für einen Werth haben soll, wenn man es garnicht -genießt! -- - -So philosophirte das Liebespaar; Cäcilie aber arbeitete weiter allein, -immer allein. - -An keinen Menschen in Deutschland hatte sie geschrieben, keiner an sie. - -Sie war wie todt für die Welt. - -In Universitätskreisen hatte sie auch keinen Anschluß gefunden, keinen -gesucht. - -Die jungen Studenten amüsirten sich wie Kinder über die paar häßlichen -Mädchen, die mit wahrem »Biereifer« die Vorträge nachstenographirten, -um sie zu Hause auszuarbeiten. Cäcilie war von diesen die eifrigste. Sie -versäumte keine Vorlesung -- sie arbeitete immer, immer. - -Arbeiten und darben! Für die Blüthe einer Jungfrau ist das nicht grade -günstig. - -Mädchen blühen auf wie Maienrosen, tändeln, lachen und finden ihre -letzte Entfaltung, ihr süßestes Geben erst in dem Verkehr mit dem Manne, -in dem Widerstreben und Hinneigen seiner Werbung gegenüber und dann im -Gewähren. - -Bete und arbeite! Keusche Mädchen blühen auf wie Lilien, dienen dem -Nächsten und geben sich in süßer Schwärmerei ihrer Gottheit. - -Cäcilie achtete die Gottheit, soweit ihr deren Cultus vernünftig und -zweckmäßig erschien. Sie achtete auch den Mann, wenn sie ihn streben, -arbeiten, nützen sah, aber sie dachte nicht daran, sich selbst zu geben, -weder Gott noch den Menschen. - -Wer hätte denn wohl auch den Wunsch gehabt, sie zu besitzen! - -Sie sah nichts vor sich, als die Nothwendigkeit, Andere bei Seite zu -schieben, um für sich selbst Platz zu gewinnen. - -In der Ferne, in gar nicht allzuweiter Ferne sah sie die Möglichkeit, daß -sie einmal nicht mehr arbeiten würde, um zu leben, sondern um zu nützen. -Nicht sich selbst -- Andern, das war ihre Religion und ihre Liebe. Das -richtete sie auf, wenn sie in schwachen Stunden sich fragte: Wozu? -- wozu -dieser Kampf, diese Arbeit, dieses Entbehren? -- - -Sie hörte auf, ein Weib zu sein und konnte doch kein Mann werden. Ein -unhaltbares trostloses Wesen! Aeußerlich wenigstens, innerlich blieb sie -jungfräulich keusch, nur vielleicht ein wenig zu herb. -- - -Sie sah Andere neben sich untergehn. Mit derselben Gluth, wie sie, hatten -sie angefangen, aber sie hatten nicht dieselbe Ausdauer gehabt. - -Ein Mann drängt sich in die Gedankenwelt, in das Innenleben des -Mädchens. -- Ein kurzes Widerstreben, ein kurzes Gewähren und dann die -Erkenntniß! -- - -Die Erkenntniß war, wo sie auch hinblicken mochte immer das Ende des -Genusses. - -Nach der Erkenntniß kam, wie bei dem ersten Menschenpaare, der ewige -Fluch: Mit Schmerzen sollst Du ihm Kinder gebären. -- - -Viele junge Studentinnen mußten die Universität verlassen. Sie versanken -in einem Abgrund, dessen Tiefe dem guten Herrn Schäffer so räthselhaft -schien. - -Andere verirrten sich in die Politik. »Gleichheit, Gleichheit« -- was -sollen wir darben, wenn Andere genießen dürfen? - -Anstatt eine vernünftige, mit logischer Folgerichtigkeit und -Nothwendigkeit sich vollziehende gesellschaftliche Umwälzung abzuwarten, -stürmten und drängten sie dem Anarchismus entgegen. - -Sie vergaßen, daß sie doch selbst persönlich danach strebten, -die Zugehörigkeit zu einem Stande zu erlangen, der seinerseits den -privilegirten höheren, den sogenannten »besseren Ständen« sich -zurechnete. - -Sie gingen unter -- der geheimnißvolle, unergründliche Abgrund nahm sie -auf. - -Die Reihen lichteten sich, dem Ziel strebten nur noch Wenige entgegen, aber -Cäcilie Ehrhardt war unter ihnen. - -Einmal fühlte sie sich krank. Der vom Vaterhause her an bessere Kost -gewöhnte Körper versagte, als ihm bei dauernder geistiger Anspannung, bei -nie unterbrochener Arbeit stets nur solche Speisen zugeführt wurden, die -zu einer geeigneten Ernährung nicht ausreichend waren. - -Cäcilie empfand nach und nach einen kaum zu überwindenden Widerwillen -gegen die billigen groben Nahrungsmittel, zu denen sie sich zwang, so lange -sie von dem Gelde leben mußte, das sie nach Amerika mitgebracht hatte. - -Mit eiserner Willenskraft überwand sie diese Abneigung, berechnete genau, -wieviel Eiweiß, wieviel Zucker, Stickstoff etc. ihr Körper täglich -bedürfe, wog das Betreffende ab und schluckte es widerstrebend hinunter. - -Ihre Magennerven lieferten ihr bald den Beweis, daß der menschliche -Körper keine chemische Retorte ist. - -Todtelend, fiebernd blieb sie eines Tages auf dem harten schmalen Bette in -ihrer Dachkammer liegen, und die gute Henriette stand händeringend dabei. - -Ohne sich die Sache wissenschaftlich erklären zu können, fühlte die -Arbeiterin heraus, daß ihr »Fräulein« sich wohl erholen würde, wenn -sie sich einmal erlaubte, gut zu leben. - -Sie holte ein ordentliches Stück Braten aus einem benachbarten Restaurant -und besorgte auch Wein. - -Cäcilie konnte nicht widerstehn, mit der Gier des Verhungernden griff -sie nach den Nahrungsmitteln, deren Genuß sie an das Elternhaus, an die -Heimath erinnerte. - -Und dann, als sie zum ersten Male seit langer langer Zeit mit Behagen, -fast mit Genuß gegessen hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth -- die -Nerven, wie sie meinte. - -Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit und Verlassenheit. -- -Liebe -- es gab überhaupt nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen. -Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend, sank das starke -Mädchen zurück auf das dürftige Bett. - -Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß doch das Fräulein, das -immer so gut war und sie niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt -bleiben möchte. - -Krankheit -- für den sorglos lebenden Menschen ist das oft ein Segen. -- -Die Ruhe, zu der der Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer -Einkehr und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von leichter -Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese Periode des Lebens, bleibt oft -von einer Krankheit zurück. - -Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders dar. Die Krankheit ist -ein Dämon, der dem Kämpfer die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos -niederstreckt. Krank werden heißt untergehn. -- Der machtvoll vorwärts -Strebende wird gezwungen, demüthigendes Almosen zu empfangen; die -Ersparnisse werden verzehrt; die darauf begründeten Zukunftshoffnungen -sind abgeschnitten. Niemand kann es dem erkrankten Armen ersparen, die -Seinigen darben und, wenn es lange dauert, untergehn zu sehen. - -Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes, über den sie einst so -unnachsichtlich hart geurtheilt hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres -Besitzes verzehrte, so war sie verloren. - -Sie machte sich das klar und in unbestimmter Hoffnung auf irgend einen -Erwerb fing sie an, besser zu leben. - -Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde ihr hier an diesem -untergeordneten Punkte die Grenze der menschlichen Willenskraft klar. - -Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur einen Tag lag sie in dem -ärmlichen Bette, von der Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit -aussetzte, mit Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie -niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht aufheben, nicht lesen, -nicht arbeiten, nicht denken, nicht einmal schlafen. Nur liegen und -ausruhn. - -»Du sollst den Feiertag heiligen!« - -Dieser eine Krankheitstag war für sie wie ein Feiertag, ein von der Natur -ihr aufgezwungener Tag der Ruhe. - -Sie wollte keinen Sonntag, keine Erholung als nöthig anerkennen. Jetzt -mußte sie lernen, daß der Durchschnittsmensch neben der Arbeit auch die -Erholung haben muß, wenn er nicht zu Grunde gehn soll. - -Es war ein Ruhetag, ein einziger ganz vollkommener Feiertag, ohne Arbeit, -ohne Denken, ohne Kampf. - -Am folgenden Tage raffte sie sich mit Gewalt wieder auf und arbeitete -weiter. - -Sie bestand ihr erstes ärztliches Examen mit Auszeichnung. - -Aber es lag noch ein Studienjahr vor ihr, das ihr schwer werden mußte, -weil ihre Mittel beinah zu Ende waren. - -Man hatte an der Universität ihr heißes ernstes Ringen erkannt. Nach -und nach, zögernd und unwillig fingen die Professoren an, in ihr eine der -wenigen »Gleichberechtigten«, eine Ausnahmenatur zu erkennen. - -Es gelang ihr, bei einem sehr gesuchten Frauenarzte täglich einige Stunden -Beschäftigung zu finden. - -Das war der erste Erwerb. Vorläufig aber erlaubte sie sich noch nicht, -daraufhin ihre Lebensweise zu ändern, denn sie hatte noch ein Examen vor -sich und wünschte sich speciell in der Augenheilkunde auszubilden. - -Aber sie fühlte doch nun Boden unter ihren Füßen. - -Nach und nach lernte sie auch die praktischen Seiten des so heiß -erstrebten Berufes und zugleich die socialen Unterschiede im Leben, über -die sie noch wenig nachgedacht hatte, kennen. - -Der Augenarzt, bei dem sie ab und zu schon selbst operiren durfte, theilte -ihr eines Tages in großer Aufregung mit, daß er wahrscheinlich -am folgenden Tage die Ehre haben würde, die Tochter eines der -Eisenbahnkönige des Landes zu operiren. - -Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame erfuhr Cäcilie, daß es sich um -einen leichten Fall einseitigen Schielens handelte. - -Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten da für ein -hervorragendes Vertrauen geschenkt werde, sie meinte sogar, das könnte -jeder nahezu ausgebildete Anfänger ausführen, aber sie sollte über die -Wichtigkeit dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden. - -Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus des Milliardärs trat, wurden -sie zunächst von einer Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden -Dame engagirt war. Dann führte man die beiden Aerzte zu der Kranken, die -auf einem Ruhebette liegend, von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der -Chef des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem Arzte und seiner -- -»Gehülfin« -- wie er Cäcilie nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen -Leben und Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann wurde von der -Kranken ein allseitiger Abschied genommen, als sollte sie zum Schaffot -geführt werden, und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer -Dienerin und der Nonne allein. - -Als dann der Schönheitsfehler des Auges thatsächlich korrigirt wurde, -bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß, so lange wie die Narkose dauerte, -die Hände ihres Vorgesetzten eiskalt waren, während sein Puls vor innerer -Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts. - -Allerdings erhielt der Augenarzt später für die gelungene Operation ein -kleines Vermögen, und auch Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt, -daß sie endlich ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer für sich -allein miethen konnte. - -Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren eigenen Augen. Von -allem, was das Leben ihr auferlegte, erschien es ihr am schwersten niemals -allein sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in sich -selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit ihr intimstes -persönliches Dasein vor fremden Augen führen zu müssen. - -Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr ein Heim, ein trauliches -warmes Stübchen, eine eigene Lampe, ein eigenes Bett. - -Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie diese selbsterworbene -Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen selbstverständlich erschien, fast -wie Luxus. - -Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt zum ersten Male in der -Nähe sah, machte gleichfalls einen tiefen Eindruck auf ihren scharf -beobachtenden, stets nach Erkenntniß strebenden Geist. - -Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch einige Male zu der -Reconvalescentin. Die große Zahl wenig beschäftigter Dienstboten, die sie -in diesem Hause bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen. - -Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte einer Anzahl Menschen -zu miethen, zu bezahlen und dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser -reiche Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der Umsatz des Geldes -jeder Zeit berechtigt ist, aber sie hielt es für einen unberechtigten -Eingriff in die Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit -verloren ging; sie sah darin einen moralischen Defect, der als bleibender -Nachtheil diese vielen Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten -Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung des Hauses -gewährte ihr dagegen eine unbefangene Freude. Sie empfand es angenehm, die -harmonischen Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten. Der -Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die weichen Teppiche, die Bilder, -die Bronzen, diese ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche -Glück zu vervollkommnen. - -Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung befindlichen Tochter -dieses Hauses nicht tauschen mögen. - -Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein Streben, das Glück des schwer -errungenen Erfolges war ihr fremd. - -Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens Begriffen todte Pracht, -ein Luxus, der keinem Bedürfnisse diente, der entbehrlich war, manchem -Temperament vielleicht sogar lästig. - -Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur darauf warteten einen -Befehl auszuführen, einem Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen -der Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu beschäftigen. - -Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen nach dem Befinden, dieses -Studium der Speisen und Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle -am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die gewohnt war das Essen -als eine menschliche Unvollkommenheit der man leider genügen müsse, zu -betrachten. Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte sich das ruhige, -kalt denkende Mädchen auch der größten Pracht und dem ausgesuchtesten -Raffinement gegenüber nicht. - -Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand des Studiums, weiter -nichts. -- - -Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen, was die Anderen genossen, -war ihrer Seele fremd. Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in -einem Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer Uebergangszeit -befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt hatte, und zweifelte nicht daran, -daß auch für sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe nach -situirt sein würde. - -Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth derjenigen, die nicht das -leisteten und wußten, was sie sich in bitteren Kämpfen errungen hatte. - -Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen Kampfe um das nackte Leben, -sie beobachtete mit voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden -unter den Armen. - -Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden mehrere an den Augen Verletzte -in die Klinik, an der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines -Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt. Zerfetzt, entzündet, -von Ruß und Qualm beschmutzt, hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln. - -Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich schon eine ziemlich -selbständige Stellung errungen hatte, griff nach der Chloroformflasche, um -den Verletzten zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte. - -Da wurde ihr das Medicament weggenommen und eine ärgerliche Stimme sagte: -»Na Fräulein, Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.« -- - -Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker war kein Arbeiter, -für den natürlich jede Hülfeleistung bezahlt worden wäre, sondern ein -unbekannter Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert -hatte. - -Und wie litt dieser Mensch! -- Es war kaum anzusehen. -- - -Da wurde in ihr der Entschluß fest, groß, berühmt und reich zu werden, -um den Aermsten und Elendesten in ihrer Noth helfen zu können. - -Die Liebe blieb ihr fern in jeder Gestalt. Als sie die erste zögernde -Anerkennung ihrer operativen Geschicklichkeit, die erste staunende -Bewunderung ihrer sicheren Diagnose erfuhr, wurde ihr die -rücksichtsvollste Achtung der Männer zu Theil. Sie hätte vielleicht -jetzt noch einmal Gelegenheit finden können zu heirathen, so wie im -Anfange ihrer Laufbahn, als der Cigarrenarbeiter für seinen Kameraden um -sie warb. - -Aber sie dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Die Männer waren ihr so -uninteressant, so gleichgültig. -- Die Collegen interessirten sie wohl als -solche, aber nicht als Männer, keinen Gedanken hatte sie dafür übrig. - -So erwarb sie sich nach und nach einen geachteten Namen und ein weit über -ihre Bedürfnisse hinaus gehendes Einkommen. - -Ob sie glücklich dabei war oder nicht, wußte niemand zu sagen, denn -niemals sprach sie von sich selbst, sie hatte überhaupt gar keine -Privatangelegenheiten. - - -III. - -Otto Ehrhardt hatte bald nach Cäciliens Abreise das Diakonissenhaus, an -dem er angestellt war, verlassen. - -Er bildete sich ein, die Oberin hätte die ihm vorgesetzten Aerzte gegen -ihn eingenommen, aus Empfindlichkeit darüber, daß er ihrer Aufforderung -nicht nachgekommen war und ihr seine Schwester Cäcilie nicht zugeführt -hatte. - -In Wirklichkeit lag der Gräfin eine solche kleinliche Uebelnehmerei fern. -Sie dachte gar nicht mehr an Cäcilie Ehrhardt, die sie niemals gesehen -hatte, aber sie behandelte Otto geringschätzig, weil es ihrem scharfen -erfahrenen Blicke nicht entging, daß der junge Mann für seinen Beruf -nicht begabt war und auch kein intensives Streben besaß. - -Er witterte überall Intriguen, nahm es furchtbar übel, wenn bei einer -wichtigen Operation ein jüngerer Assistent herangezogen wurde und -versäumte dann aus Empfindlichkeit, wenigstens zuzusehen, um sich zu -belehren. Eine gewisse natürliche Trägheit hinderte ihn, seine Studien -fortzusetzen und sich den täglichen Fortschritten seiner Wissenschaft -anzuschließen. - -So suchte ihn niemand zu halten, als er ging. Er miethete sich zwei -hübsche Zimmer, annoncirte in den Zeitungen und verdiente am Ende so viel -in seinen Sprechstunden, wie seine Garderobe ihn kostete. Mehr aber nicht. - -Keine einzige angesehene und zahlungsfähige Familie kam auf den Gedanken, -ihn zum Hausarzt zu wählen. Er fing schließlich an, die Zeitungen -durchzusuchen nach Annoncen, in denen Aerzte gesucht wurden, denen eine -bestimmte Einnahme von vornherein zugesagt wurde. Er meldete sich überall, -bekam auch oft Antwort, stets aber wünschte man -- gewissermaßen als -Zeugniß -- ein empfehlendes Schreiben seiner früheren Vorgesetzten. -Schließlich bemühte er sich um ein solches, aber es fiel so kühl und -nichtssagend aus, daß es ihm wenig half. - -Mehr und mehr schmolz die kleine Summe zusammen, die ihn erhielt. Er sagte -sich, daß die Berliner Wohnung ein zu großer Luxus für ihn sei, und ins -Blaue hinein fuhr er nach einer kleinen Stadt, miethete sich im Hotel ein -und annoncirte in der Zeitung. - -Es kamen arme Leute zu ihm und wollten Medicin kaufen; man hielt ihn -nach diesem Vorgehen nicht für einen richtigen Arzt, sondern für einen -Verkäufer irgend welcher Geheimmittel. Die Aerzte in der Stadt, denen er -seine Visite machte, erwiderten den Besuch nicht. Er fühlte, daß er nach -diesem Anfang im Orte unmöglich sei. Nach acht Tagen kam kein Mensch mehr -zu ihm. - -Kurz entschlossen setzte er sich ins Eisenbahncoupee und fuhr nach dem -Rhein. In einer mittleren Stadt miethete er eine Wohnung, meldete sich -ordnungsmäßig auf der Polizei an und annoncirte dann erst in der Zeitung. -Man erwiderte seine Besuche. Ab und zu holte man ihn zu einem Kranken. - -Hätte er diesen Weg doch gleich eingeschlagen, als er noch zweitausend -Mark besaß! Bis die verbraucht waren, hätte er sich hier durchgearbeitet. -Schon jetzt, nach zwei Monaten verdiente er etwas, aber ach, das -väterliche Erbe war verbraucht, er stand vor dem Nichts. - -Manchmal bezahlte man ihm eine Bemühung in der Sprechstunde oder einen -Besuch, dann konnte er für einige Tage sein Mittagessen bezahlen, und der -Wirth borgte wieder weiter. Jede kleine Einnahme legte er bei Seite, um -am Anfang des Monats die Miethe entrichten zu können. Als dann aber der -Zahlungstag kam, hatte er nur die Hälfte der erforderlichen Summe. - -Der Hauswirth war gutmüthig, er versprach zu warten, er erbot sich sogar, -seinen Miether bei seinen Bekannten zu empfehlen. - -Wirklich brachte diese Empfehlung ihm Nutzen, er wurde zu einer schweren -Entbindung gerufen, bei der außer ihm noch ein anderer Arzt zugegen war. - -Drei Tage später war die Wöchnerin todt, das neugeborene Kind folgte ihr -nach, und kein Mensch in der Stadt schob die Schuld auf den einheimischen -Hausarzt der Familie, sondern jeder sah darin einen Beweis der -Untüchtigkeit des unglücklichen Fremden. - -Der arme Ehrhardt konnte im Grunde genommen garnichts dafür. Eine Reihe -unglücklicher Zufälle war zusammengetroffen; sein Hauswirth aber, außer -sich darüber, daß er einen solchen Mann empfohlen hatte, kündigte seinem -Miether zum nächsten Termin. - -Leerer und leerer wurde das Wartezimmer während der Sprechzeit. Ehrhardt -verkaufte seine Uhr, um seine Miethe bezahlen zu können, als er auszog. - -Seinen Wohnungswechsel zeigte er in der Zeitung an und seinen Mittagstisch -suchte er in der Nähe der neuen Wohnung. Der Restaurateur, bei dem er -früher gegessen hatte, borgte nicht mehr. - -Wenn er doch jetzt in Berlin gewesen wäre, er hätte vielleicht in ein -Hospital eintreten können, oder bei einem Professor. Wenigstens hätte er -doch einige Bekannte gehabt, die ihm vielleicht etwas geborgt hätten, aber -hier kannte er niemanden, alle Thüren blieben für ihn verschlossen. - -Es wurde Winter. Die Wirthin, bei der er jetzt wohnte, verlangte Vorschuß -für Kohlen, sonst weigerte sie sich, sein Zimmer zu heizen. Er konnte doch -seine Kranken nicht im Kalten empfangen und untersuchen; so verkaufte -er denn, was er entbehren konnte an Wäsche und Kleidungsstücken, und -bezahlte Miethe und Kohlen. - -Ein Arbeiter, dem er einen Armbruch behandelt hatte, war ihm noch die -Bezahlung schuldig. Er ging hin, fand den Mann im Bette und in der -Behandlung eines anderen Arztes. Er hatte seinen Arm zu früh wieder -gebraucht, die üblen Folgen davon aber schob er auf Doctor Ehrhardts -falsche Behandlung, und die Frau wies diesem schimpfend die Thür. - -Wenn er etwas haben wolle, sollte er sie nur verklagen, der Doctor Brauer, -den man jetzt hätte, der würde schon bezeugen, wie viel Schaden die Fehler -der ersten ärztlichen Behandlung ihrem Manne gethan hätten. - -Ehrhardt war nicht in der Stimmung, irgend einen Menschen zu verklagen. -Er lebte jetzt von der Hand in den Mund. Sein einziger Wunsch war, daß -er früh in der Sprechstunde eine Mark einnähme, um mit der Hälfte davon -sein Essen zu bezahlen und die andere in seine Wohnungskasse zu legen. - -Im Januar bekam er einen Steuerzettel, er sollte angeben, wie viel die -Ausübung seines Berufes einbrächte, um nach Maaßgabe dieser Schätzung -zu den gesetzlichen Abgaben herangezogen zu werden. - -Zuweilen dachte er an seine Schwester Cäcilie. Das freie Gewerbe, bei -dessen Ausübung er beinah verhungerte, hatte sie so unwiderstehlich -angezogen und gereizt. Sie sah in der Zulassung zu dieser Thätigkeit ein -geistiges Ideal. Wie fern war doch für ihn die Wirklichkeit von diesen -phantastischen Mädchenträumen geblieben. Aber Cäcilie war ein Weib, wenn -sie in Noth kam, so blieb ihr noch immer der Beruf einer Pflegerin, der ihr -jede Stunde ein sicheres Brod geben konnte -- er dagegen, er konnte doch -nicht hingehen und Arbeiter werden. - -Er beneidete die Bergleute, die er früh nach ihren Schächten gehen -sah. Sie hatten alle ihr sicheres Auskommen. Keiner hatte eine geringere -Einnahme als drei Mark jeden Tag. - -Er hatte dagegen momentan nichts. Wohl sagte er sich, daß es mit der Zeit -wieder anders und besser werden würde; nach und nach würde er bekannt -werden und eine Stellung erringen, genau so wie alle seine Collegen am Ort. -Er mußte nur warten -- aber er konnte nicht warten. Man muß doch leben, -während man wartet, und er hatte nichts, wovon er hätte leben können. - -Die Redaction einer medicinischen Zeitschrift schickte ihm eine -Abonnementseinladung und ein Probeheft ihres Blattes. Mechanisch las er -es durch. Unter den Notizen am Schluß fand er die Nachricht, daß Dr. -Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende junge Aerztin, nach -mehreren glänzend ausgeführten Operationen an der großen Augen-Klinik -der Universität Boston mit festem Gehalt als Assistentin angestellt sei. - -Das Blatt fügte noch hinzu, daß diese Anstellung der Dame Zeit genug -lasse, ihre schon jetzt bedeutende Privatpraxis ausüben zu können. - -Cäcilie! Also wirklich, sie hatte sich durchgearbeitet und hatte studirt -mit derselben Summe, die ihm zugefallen war, als seine Studien vollendet -waren und er sich nur noch eine Praxis zu suchen brauchte. - -War es nicht eigentlich eine Schmach, daß er sich jetzt hinsetzte, um an -sie zu schreiben und sie um Unterstützung zu bitten? - -Zum Teufel auch, daran war er doch nicht schuld! Cäcilie wußte ja auch, -daß in Deutschland der Beruf überfüllt war. Sie sollte ihm Reisegeld -schicken, vielleicht fand sich auch für ihn in Amerika noch ein -Wirkungskreis, der nur auf ihn harrte. - -Rasch entschlossen schrieb er den Brief, gar nicht sehr sentimental, eher -mit einem bitteren Humor gewürzt und schickte ihn ab. - -Er überlegte, daß bis zum Eintreffen der Antwort aus Amerika mindestens -drei Wochen vergehen würden, selbst wenn die Schwester sofort antwortete -und sofort half. - -Drei Wochen -- wie sollte er leben, wie sollte er drei Wochen noch warten! -Er besaß nichts mehr, es gab keinen Ausweg mehr als den, sich an die -öffentliche Wohlthätigkeit zu wenden. Es gab doch Kassen, die dazu -da waren, einen vollständig verarmten Menschen vor dem Hungertode zu -schützen. - -Mechanisch griff er noch einmal nach dem Zeitungsblatt, das die Notiz -über Cäcilie enthielt. Ihr ging es also gut, nach deutschen Begriffen -vielleicht glänzend und er -- er wollte jetzt betteln. - -Er sagte das Wort ganz laut vor sich hin, um sich an den Klang zu -gewöhnen: -- »Betteln, betteln.« -- - -Ein letzter innerer Kampf tobte durch seine Seele. Der ganze Hochmuth -seines Wesens, die ganzen Prinzipien seiner Erziehung empörten sich in -ihm, aber die Ueberlegung siegte, es blieb ihm nichts anderes übrig --- -- doch -- eine Rettung -- fast wäre er im Gebet niedergesunken vor -Dankbarkeit und Freude über diesen Gedanken. - -Er brauchte nicht zu betteln, noch nicht. -- Es war ja doch möglich, -daß ein College ihm auf diese Zeitungsnotiz hin eine kleine Summe -leihen würde, wenn er nachwies, daß er sich um Unterstützung an die -zahlungsfähige Schwester gewendet hatte. - -Beinah leichten Herzens ging er aus, um diese Hilfe zu suchen. - -Bald darauf stand er vor dem städtischen Kreisphysikus und trug diesem -sein Anliegen vor. - -Der ältere College war ein wohlwollender Mann, der in auskömmlichen -Verhältnissen lebte. Er hatte aber zahlreiche Kinder, so daß er von -seinen Einnahmen nichts übrig hatte. Grade in der letzten Zeit hatte er -allerlei unvorhergesehene Ausgaben gehabt und so gern wie er der Noth des -jungen Mannes abgeholfen hätte, sah er sich doch dazu nicht im Stande. - -Es war ein entsetzlich peinlicher Augenblick für den Bittenden, das -kühle ablehnende Achselzucken hinnehmen zu müssen, mit dem der vorsichtige -Familienvater es ablehnte, sein Geld auf eine so unsichere Chance wie diese -amerikanische Unterstützung hin, auszuleihen. - -Als Otto Ehrhardt wieder auf der Straße stand, ohne einen Pfennig erhalten -zu haben, sagte er, fast ohne es zu wissen, wieder das furchtbare Wort vor -sich hin: »Betteln -- betteln« -- - -Dann ging er weiter. Er suchte jetzt einen unverheiratheten Arzt auf, der -gleichfalls für bequem situirt galt. Als er sein Anliegen vorgetragen -hatte, lachte der etwas cynisch angelegte Junggeselle laut auf. - -»Was -- auf einen weiblichen Concurrenten hin soll ich Ihnen Kredit -geben?« - -»Wie denn nun, wenn Fräulein Doctor Cäcilie als echtes Weib es vorzieht, -ihre Honorare in Toiletten und Brillanten anzulegen? Glauben Sie denn -wirklich, bester Ehrhardt, daß diese europamüde junge Dame sich für -Geld und gute Worte einen Bruder zu ihrem Schutze verschreiben wird, -der« -- -- - -»Sie kann doch ihren Bruder nicht verhungern lassen« -- - -Fast schluchzend unterbrach der Unglückliche die lebhafte Rede des als -Weiberfeind bekannten Collegen. Er wußte ja ganz genau, daß Dr. Brauer -die weiblichen Aerzte als Halbverrückte verachtete -- aber darauf kam es -doch in diesem Augenblicke nicht an, wenn er nur gab -- gab -- -- - -Ganz verblüfft starrte Brauer seinen Besuch an. »Aber, Herr College -- -verhungern, was für ein Ausdruck, wahrhaftig« -- - -Er lachte gezwungen, aber es wurde ihm äußerst unbehaglich, als er den -verzweifelten Ausdruck in dem bleichen Gesichte des Anderen sah. - -»Wenn ich noch einen Groschen hätte, so würde ich nicht« -- er -stockte, und dann mit grellem Lachen, auf einmal stieß er das Wort aus. -»Betteln,« er schrie es förmlich dem Arzte in die Ohren: »betteln, -betteln«; es war ihm wie eine Erleichterung in seiner Folterqual, als er -es selbst hörte, dieses harte, entsetzliche Wort. -- - -Er -- bettelte. - -Dr. Brauer war außerordentlich unangenehm berührt. Eigentlich hatte er -dem Collegen sagen wollen, was schon der Kreisphysikus gesagt hatte, -daß man etwas für ihn thun werde, ihm Beschäftigung verschaffen, sich -erkundigen, über die Sache sprechen, aber jetzt -- der Mensch machte ihm -ja eine Scene, er bettelte ihn an, da war alles collegiale Entgegenkommen -unmöglich -- und wie er aussah, wie ein Irrsinniger, man konnte ihn -vielleicht gar nicht beschäftigen. -- Dr. Brauer empfand nur noch den -lebhaften Wunsch, den lästigen Besucher los zu werden. - -»Nun, ich will Ihnen wünschen, daß Ihr Fräulein Schwester Sie aus der -Verlegenheit rettet, in der Sie sich befinden,« sagte er. Dann schloß er -sein Pult auf, nahm Geld heraus und drückte Ehrhardt zwei Goldstücke in -die Hand. - -Ohne danken zu können, wie ein Betrunkener taumelte der Beschenkte aus dem -Zimmer. Er fühlte, daß Thränen ihm heiß in die Augen traten, Brust -und Hals waren ihm wie zugeschnürt. Erst auf der Straße fand er seine -Besinnung wieder. In seiner krampfhaft geschlossenen Hand befand sich ja -Geld, nun konnte er warten -- auf Rettung, auf Erlösung warten. - -Er war in der nächsten Zeit nicht im Stande, sich mit irgend etwas zu -beschäftigen. Er wartete nur, zählte täglich, stündlich, wie viel Geld -er noch hatte, berechnete, wie weit es noch reichen würde und wartete im -Uebrigen mit unermüdlicher Geduld. - -Es war doch ganz unmöglich, daß die auf Cäcilie gesetzte Hoffnung ihn -täuschen sollte. Er erinnerte sich an die gemeinsam mit der Schwester -verlebte Kindheit im Elternhause. Gutmüthig war Cäcilie nie gewesen, aber -sie hatte ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. Wer ganz elend und -hülflos war, dem strebte sie zu helfen, ohne auf die Schuldfrage des -Unglücklichen einzugehn. - -Nun erfuhr sie, daß er ganz arm, ganz elend war. Nach seinem Verschulden -würde sie sich vielleicht später erkundigen, aber zunächst würde sie -helfen. Immer fester redete er sich das ein, immer gewisser rechnete er -darauf. - -So verging die Zeit, und das Darlehn des Dr. Brauer schmolz zusammen. - -Schließlich erkannte der Wartende, daß er, selbst wenn er nur noch von -Brod lebte, doch höchstens noch fünf Tage warten könne. - -Auf der Post kannten ihn schon alle Beamten. In Zwischenräumen von wenigen -Stunden kam er täglich mehrmals, um zu fragen, ob kein Brief für ihn da -sei. - -Er klammerte sich an die letzte Hoffnung des Lebens, er wollte nicht -untergehn. - -Und dann kam der Tag, an dem die letzte Brodrinde verzehrt, der letzte -Pfennig verausgabt war. Er hatte mehrmals an Cäcilie geschrieben, sie -hätte längst antworten können, wenn sie seine Briefe erhalten hätte. - -Aus der Zeitungsnotiz, die ihm Kunde von der Schwester gebracht hatte, -ging nur sehr ungenau deren Adresse hervor. Er hatte bei der Redaction -angefragt, man hatte ihm Auskunft versprochen, aber diese Auskunft war noch -nicht eingetroffen. Und jetzt war das Ende da, er stand vor dem Nichts. -- - -In dumpfer Verzweiflung saß er in seinem Sprechzimmer und wartete auf den -Postboten. Auf Patienten zu warten, hatte er längst aufgegeben. - -Es war aus mit ihm, er mußte es fassen, wenn er auch das Leben liebte, -sich mit der ganzen Kraft seiner Jugend an das Leben zu klammern suchte, es -war doch aus, da war nichts mehr zu machen. - -Aber hier, in der unbehaglichen kalten Stube konnte er nicht bleiben. Er -wollte sein Ende suchen, aber doch nicht hier. - -Ein Verlangen nach frischer Luft, nach der weiten freien Natur erfüllte -ihn plötzlich. So erhob er sich, setzte seinen Hut auf und ging hinaus. -Er besaß schon lange keinen Ueberzieher mehr, und dabei war es empfindlich -kalt. So schritt er rasch vorwärts aus der Stadt hinaus, immer weiter -ins Freie. Die starke Bewegung machte ihn warm. Er ging durch einen vom -Rauhfrost glitzernden Forst. Es war eine Stille unter den weißen Bäumen, -wie tief in der Nacht. Die Sonne schimmerte und sprühte in all den -feenhaften Gebilden, die den Wald erfüllten. Da hing ein Spinnennetz -zwischen den Zweigen; wie aus leuchtenden Seidenfäden schien es gestickt, -mit Brillantstaub bestreut. Alle Contouren waren gröber als sonst und -dadurch erst voll erkennbar in der wunderbaren Schönheit ihrer Linien. -Und keiner Linie konnte man folgen; das Funkeln und Leuchten der weißen -glitzernden Crystalle that den Augen weh, verwirrte und blendete wie die -nackte Schönheit eines menschlichen Leibes. - -Als es dunkel wurde, kehrte er langsam zurück in die Stadt. Der lange -Spaziergang in der frischen Winterluft hatte ihn hungrig gemacht, der kurze -Tag ging zu Ende, man zündete in den Straßen die Laternen an. Ehrhardt -erinnerte sich, daß er heute überhaupt noch nichts gegessen hatte. Er -besaß kein Geld mehr, zum ersten Male stand er vor dem Hunger. - -Er hatte nichts mehr, was er versetzen, was er entbehren konnte. Nichts --- -- er besann sich, doch, ein weiches seidenes Halstuch. Er hielt -darauf, weil er sehr empfindlich gegen Wind war, aber der Hunger fiel ihn -an wie ein Fieber. Er war ja doch ein Bettler, wozu brauchte er da noch -einen Luxusgegenstand, ein Stück, das geradezu elegant war! - -Rasch entschlossen trat er in einen kleinen Laden und verkaufte für zwei -Mark das Tuch, welches das Sechsfache gekostet hatte. - -Nun hätte er essen können; aber wie er aus dem engen heißen Laden des -Althändlers herauskam, traf ein scharfer Windstoß seinen Nacken, dem das -warme Tuch fehlte, so daß die Kälte ihn durchschauerte bis ins Mark. - -Einige Arbeiter kamen sichtlich heiter mit tief gerötheten Gesichtern aus -einem Keller, an dem er vorbeiging. Heiße mit Spiritusgeruch erfüllte -Luft strömte aus der Thür, die sie hinter sich schlossen. - -Ein Schüttelfrost, der die Glieder des Arztes erfaßte, zwang ihn, in die -Destillation einzutreten. Man gab ihm ein Glas Schnaps, so groß wie er es -noch nie getrunken hatte; es war dabei so lächerlich billig, daß er sich -versucht fühlte, ein Trinkgeld zu geben; aber er sah noch rechtzeitig, -daß niemand das that und unterließ es. - -Der Schnaps erwärmte ihn und beseitigte das Gefühl des Hungers. Er -überlegte, daß er ja nun das Geld, mit dem er seinen Hunger hatte stillen -wollen, anderweitig verwenden könnte. Rasch entschlossen trat er in eine -Apotheke und kaufte ein Medicament. - -Es blieben ihm noch einige kleine Münzen, die er krampfhaft in der Hand -hielt. - -Halb bewußtlos kehrte er in die Destille zurück und forderte noch einmal -Schnaps. Er trank, bis der letzte Groschen, den er in der Hand hielt, -vertrunken war. - -Dann besaß er noch Klarheit genug, um sich zu sagen, daß er, ohne die -Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken, nach seiner Wohnung gelangen -müßte. - -Er ging scheinbar energisch und sicher geradeaus. - -Zuweilen hatte er aber das Gefühl, als weiche der Boden unter seinen -Füßen zurück, so daß er in tiefe Löcher treten müßte. Dann hielt -er sich ängstlich an der Mauer fest, wartete einen Augenblick und hastete -weiter. - -Die Vorübergehenden sahen sich zuweilen nach ihm um, dann empfand er etwas -wie Furcht und strebte weiter. - -So gelangte er schließlich in seine Wohnung. An der Schwelle seines -dürftigen Zimmers empfing ihn seine Wirthin, die Wittwe Lorbeer. - -»Morgen ist der Erste, Herr Doctor. Da man von Ihnen doch wohl keine -Miethe mehr bekommen wird, so habe ich die Wohnung an einen anderen Herrn -vermiethet, das wollte ich Ihnen nur sagen, Herr Doctor.« - -Otto Ehrhardt lachte. »So, so! Sie haben schon wieder vermiethet? Nun, das -freut mich,« sagte er. - -Die Frau starrte ihn ganz entsetzt an. »Herr Du meines Lebens, nun -betrinkt sich der Mensch wohl noch gar,« zeterte sie. »Morgen Mittag um -zwölf muß die Stube geräumt sein, ich will anständige Miether haben. -Mit Leuten, die sich betrinken, habe ich nichts zu thun, das merken Sie -sich.« - -Er steckte die Hände in die Taschen und stellte sich behaglich lachend vor -das erboste Weib. »Ja, sehn Sie mal Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache,« -begann er -- »so gewissermaßen ein Wettlauf« -- »Schlafen Sie Ihren -Rausch aus und dann packen Sie sich,« schrie die Wittwe. - -Der grelle Ton, der Anblick des Zimmers, in dem er alle Qualen des -hoffnungslosen Wartens durchlebt hatte, ernüchterten ihn plötzlich. - -»Ich bin nicht betrunken,« sagte er leise. - -Die Frau sah ihn mißtrauisch an und schwieg. - -»Also, wie Sie wollen, ich zieh' morgen aus, wenn Sie Unkosten davon haben -sollten, so wenden Sie sich an meine Schwester, das wollte ich Ihnen noch -sagen.« - -Die Wirthsfrau wurde aufmerksam. - -»Ach, die Frau Schwester will wohl etwas für Sie thun, Herr Doctor? Warum -haben Sie mir denn nicht gesagt, daß Sie noch Verwandte haben?« - -»Hier ist die Adresse meiner Schwester.« - -Er reichte der Frau ein Blatt Papier und sank müde auf einen Stuhl. - -»Ich kann's nicht lesen ohne Brille, aber sagen Sie mir doch, wo Ihre -Schwester lebt -- und was ist denn der Herr Schwager, wenn man fragen -darf?« - -Er achtete nicht auf die Fragen der Frau. Mit halbgeschlossenen Augen -lehnte er sich hintenüber und sprach leise und eintönig vor sich hin. - -»Der Vater stirbt, und die Kinder müssen den Kampf mit dem Leben -aufnehmen. Beide haben die gleichen, dürftigen Mittel, womit sie -durchkommen sollen. Der Mann hat einen Vorsprung, einen bedeutenden -Vorsprung. - -Der Kampf beginnt -- aber die Kraft und den Muth und die Ausdauer hat das -Weib. Der Vorsprung nützt dem Manne nichts -- sie überholt ihn doch. - -Sie siegt -- sie siegt, sie erreicht das Ziel. Als ein Bettler sinkt ihr -der Bruder zu Füßen und fleht um Erbarmen. Sie aber, die Schwester, -das siegreiche, emancipirte Mannweib, stößt den Flehenden von sich. Er -stürzt, und über seine Leiche schreitet die -- -- die Concurrentin, -Fräulein Doctor Cäcilie Erhardt.« - -Er schwieg. Frau Lorbeer aber war felsenfest überzeugt, daß ihr -Zimmerherr trotz seiner gegentheiligen Behauptung betrunken sei. - -Das, was er da erzählt hatte, war doch keine vernünftige Auskunft über -eine, möglicherweise zahlungsfähige Verwandtschaft. - -Kopfschüttelnd verließ die Vermietherin das Zimmer. Es gereichte ihr aber -zur großen Beruhigung, daß sie bald darauf hörte, wie Otto Ehrhardt zu -Bett ging. Ein Blick auf die Thürritze überzeugte sie auch, daß er das -Licht ausgelöscht hatte. - -Am anderen Morgen wunderte sie sich durchaus nicht, daß er bis in den -hellen Tag hinein schlief. Sie wußte ja, daß er am Abend vorher ein Glas -über den Durst getrunken hatte. - -Gegen Mittag erschien der Geldbriefträger und verlangte Herrn Dr. Erhardt -zu sprechen. - -Die Lorbeer entschloß sich nun, ihren Miether zu wecken. Alles Klopfen und -Pochen an der Thür war jedoch vergeblich. Zweifelnd sahen die Frau und der -Beamte sich an. - -»Was meinen Sie, Lorbeern, das Zimmerschloß ist nicht viel werth?« - -»In Gottes Namen, drücken Sie's ein, er hat mir ja gesagt, daß seine -Schwester die Kosten bezahlt, wenn was nöthig sein sollte,« sagte die -Frau. - -»Na, dann wird das wohl die Schwester sein, die das Geld schickt,« -meinte der Briefbote, »seh'n Sie mal, das kommt hier nämlich aus Amerika, -vierhundert Mark -- was sagen Sie dazu, Lorbeern?« - -»Schnell, brechen Sie die Thür auf, ich weiß, wie nöthig er es braucht, -wird das eine Freude sein!« - -Mit einem einzigen Druck sprengte der Briefträger den schwachen -Thürriegel. - -Frau Lorbeer stürzte auf das Bett ihres Zimmerherrn los, fuhr aber mit -einem gellenden Aufschrei zurück. - -Bläulich geschwollen und entstellt lag da eine Leiche, die alle Spuren -einer Vergiftung aufwies. -- - -Die an den Todten adressirte Geldsumme wurde von den Collegen desselben zur -Beerdigung verwendet. Als Absenderin auf dem Postabschnitt aber lasen die -Herren einen Namen, der ihnen bis dahin unbekannt geblieben war. Nur Doctor -Brauer wußte eine Erklärung darüber zu geben. Der Name lautete: »Doctor -Cäcilie Erhardt. Boston -- Amerika.« - - -_Ende!_ - - -Druck von A. Klarbaum, Berlin SO. 26. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Der Schmutztitel "Morphium" wurde an den Beginn des ersten Kapitels -verschoben. Das Inhaltsverzeichnis und das Portrait der Autorin, die -im Original hinter dem Schmutztitel stehen, wurden hinter die Titelseite -verschoben. - -Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Darstellung abweichender -Schriftarten: _gesperrt_. Römische Zahlen sowie der Titel "Dr.", die -abweichend in Antiqua gesetzt sind, wurden in der Transkription nicht -gesondert gekennzeichnet. - -Das schließende Komma in wörtlicher Rede wurde einheitlich an die -Position vor dem Abführungszeichen gebracht. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Brod" --- "Brot", "danach" -- "darnach, "Doctor" -- "Doktor", "erwiderte" -- -"erwiederte", "gerade" -- "grade", "tödlich" -- "tödtlich" -- "tötlich", - -mit folgenden Ausnahmen, - - im Inhaltsverzeichnis: - "150" geändert in "159" - (Doctor Cäcilie......159) - - Seite 3: - "Freidhofes" geändert in "Friedhofes" - (um die Abfälle des Friedhofes dahin zu bringen) - - Seite 5: - "»" eingefügt - (»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen Moden,«) - - Seite 5: - "nneigennütziger" geändert in "uneigennütziger" - (In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige Leiter) - - Seite 12: - "sie" geändert in "Sie" - (so wissen Sie auch, daß die Koketterie) - - Seite 12: - "Ihrer" geändert in "ihrer" - (Nur Verurtheilung ihrer Leidenschaft) - - Seite 13: - "«" eingefügt - (der jedes Laster fremd wäre.«) - - Seite 13: - "," eingefügt - (unter der Haut wie Sand, ein angstvolles Unbehagen) - - Seite 14: - "«" eingefügt - ( es wird mir schon wieder wohl -- sehr wohl. --«) - - Seite 14: - "Genußes" geändert in "Genusses" - (die Steigerung des Genusses! --) - - Seite 14: - "»" eingefügt - (»Ein Buch?« -- Sie nahm alle Willenskraft zusammen) - - Seite 14: - "Leidens genossen" geändert in "Leidensgenossen" - (mit all ihren Leidensgenossen theilte) - - Seite 15: - "«" eingefügt - (allerdings meine jetzige Stellung verlassen.«) - - Seite 15: - "ihrem" geändert in "Ihrem" - (»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb lachen Sie?«) - - Seite 15: - "»" und "«" eingefügt - (»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer werden?«) - - Seite 15: - "«" eingefügt - (das Werk seines ehemaligen Assistenten lesen wird.«) - - Seite 15: - "»" eingefügt - (»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest) - - Seite 15: - "«" entfernt hinter "feierlich." - (sagte er nun beinahe feierlich.) - - Seite 20: - "sympatisch" geändert in "sympathisch" - (Ihre Anmuth und Grazie berührten ihn sympathisch) - - Seite 21: - "nud" geändert in "und" - (an Turnaus Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm) - - Seite 23: - "sie" geändert in "Sie" - (»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?«) - - Seite 25: - "eintreten" geändert in "eingetreten" - (behaglichen Ruhestand der Privatpraxis eingetreten) - - Seite 27: - "Sohue" geändert in "Sohne" - (ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen) - - Seite 27: - "," eingefügt - (an ihre weiche volle Wange, dann entfernten sich) - - Seite 28: - "habeu" geändert in "haben" - (ich glaube, wir haben da einen glücklichen) - - Seite 30: - "ewas" geändert in "etwas" - (wurden ihre Bewegungen etwas fester) - - Seite 31: - "«" eingefügt - (werden für den Augenblick genügen.«) - - Seite 35: - "«" entfernt hinter "Geheimräthin," - (Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich) - - Seite 38: - "sie" geändert in "Sie" - (gehen Sie an die Fensterscheibe) - - Seite 39: - "einen" geändert in "einem" - (was irgend einem Menschen in der Welt) - - Seite 39: - "»" eingefügt - (»Außer in Apotheken wird das Morphium) - - Seite 40: - "«" eingefügt - (»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«) - - Seite 44: - "du" geändert in "Du" - (einen so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt) - - Seite 45: - "ein" geändert in "eine" - (eine krankhafte Leidenschaft concentrirte) - - Seite 45: - "Gebennedeiete«," geändert in "Gebenedeiete,«" - (»Gieb es mir, Gebenedeiete,« flehte sie) - - Seite 48/49: - "außer dem" geändert in "außerdem" - (und bin außerdem dem Morphinismus ergeben) - - Seite 51: - ":" eingefügt - (wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht) - - Seite 60: - "»" entfernt vor "Turnau" - (Turnau trat an den Tisch heran.) - - Seite 66: - "Gefährten" geändert in "Gefährtin" - (unter der fröhlichen treuen Gefährtin) - - Seite 70: - "auf" geändert in "aufs" - (höhnte der aufs äußerste gereizte Mann) - - Seite 74: - "," eingefügt - (Mein Morphium, mein ganzer Vorrath) - - Seite 75: - "den" geändert in "dem" - (nach dem er durchaus nicht verlangte) - - Seite 79: - "," eingefügt - (so scharf, so spitz) - - Seite 80: - "zuerlangen" geändert in "zu erlangen" - (um sie wieder zu erlangen, muß man) - - Seite 86: - "«" eingefügt - (Herr Professor erklären Sie doch -- -- --«) - - Seite 87: - "Fäulein" geändert in "Fräulein" - (rief das Fräulein ihr nach) - - Seite 87: - "uud" geändert in "und" - (erreichte die Thür und stürzte) - - Seite 91: - "," eingefügt - (sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches) - - Seite 93: - "du" geändert in "Du" - (wenn Du es auch innerlich bist) - - Seite 94: - "«" eingefügt - (»Und schadet niemand?«) - - Seite 98: - "," eingefügt - (nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend) - - Seite 110: - "," eingefügt - (Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch) - - Seite 113: - "«" eingefügt - (habe hier nebenan zu thun.«) - - Seite 114: - "«" und "»" eingefügt - (wer für sie bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen) - - Seite 120: - "»" eingefügt - (»eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates) - - Seite 120: - "»" entfernt vor "Wissen" - (Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld) - - Seite 124: - "zulassen" geändert in "zu lassen" - (zu Theil werden zu lassen, damit sie) - - Seite 124: - "in der Jetzt" geändert in "jetzt" - (bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes) - - Seite 127: - ";" geändert in ",", "«" entfernt hinter "ärgerlich." - (diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich. - - Seite 129: - "," eingefügt - (die inneren Organe, die alle mißgestaltet) - - Seite 133: - "«" und "»" eingefügt - (Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch) - - Seite 139: - "«" eingefügt - (schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«) - - Seite 140: - "," geändert in "?" - (»Lebte das Kind?« hauchte sie) - - Seite 144: - "," eingefügt - (er wich allen Vergnügungen, besonders solchen) - - Seite 148: - "»" eingefügt - (wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht) - - Seite 149: - "," eingefügt - (sagte er, »oft erinnert man sich besser) - - Seite 152: - "«" entfernt hinter "ein." - (warf das junge Mädchen ein.) - - Seite 157: - "," eingefügt - (sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel) - - Seite 165: - "lebend" geändert in "leben" - (sie muß sehr zurückgezogen leben.«) - - Seite 165: - "«" eingefügt - (Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«) - - Seite 167: - "," geändert in "." - (etwas Anderes -- etwas Höheres. Das konnte sie jetzt) - - Seite 171: - "«" entfernt hinter "Seite." - (arbeite als Schwester an meiner Seite. Gieb mir) - - Seite 172: - Absatz entfernt vor "»Also" - (spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden) - - Seite 173: - "," eingefügt - (begann er langsam, »hat) - - Seite 175: - "," geändert in "." - (»Und ich?« fragte er. »Ich) - - Seite 176: - "hönisch" geändert in "höhnisch" - (Sie lachte höhnisch auf.) - - Seite 186: - "begründete" geändert in "begründeten" - (die darauf begründeten Zukunftshoffnungen sind) - - Seite 198: - "," eingefügt - (Dr. Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende junge Aerztin) - - Seite 202: - "." eingefügt, "," eingefügt - (stieß er das Wort aus. »Betteln«, er schrie es) - - Seite 207: - "«" eingefügt - Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache,« ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MORPHIUM *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Fischer, Verlag.<br /> -1895.</p> - - - - -<h2><span class="fsl ge"><b>Inhalt:</b></span></h2> - - -<table summary="" border="0" cellpadding="3"> - <tr> - <td> </td> - <td class="tdr fsxs">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Morphium</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_003">3</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Nach dem Tode</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_103">103</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Doctor Cäcilie  </td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_159">159</a></td> - </tr> -</table> - -<p class="ce mt2"><img src="images/a002i.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4 ce"><img class="imwi1 bo" src="images/a003i.jpg" alt="" /><br /> -<b>Adine Gemberg.</b></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -<span class="fsl ge"><b>Morphium.</b></span></h2> - -<p class="ce mt4 mb4"><img src="images/a001i.jpg" alt="" /></p> - - -<h3 class="pb mt0 mb0"><span class="fs0">I.</span></h3> - -<p class="ce"><img class="imwi2 bo" src="images/p003i.jpg" alt="" /></p> - -<p class="in0"><b>I</b>n einer Ecke des städtischen Kirchhofes war -großer Kehraus. Zusammengethürmt lagen -dort welke Kränze und Palmen, alle gleichmäßig graubraun, -als wären sie nie bunt und farbenprächtig -gewesen. Hie und da sah das schmutzige Ende einer -Atlasschleife oder eine schwarz gewordene Goldfranze -aus dem Gewirr hervor. Alte Weiber mit braunen, -welken Armen und häßlichen, gleichgültigen Gesichtern -stachen mit Mistgabeln hinein in den Haufen ehemaliger -Gaben der Pietät, oder vielleicht auch nur -der Convenienz. Gedankenlos schleuderten sie die -Kränze auf einen Karren, und ein altes, blindes Pferd -humpelte mühsam damit fort, um die Abfälle des -Friedhofes dahin zu bringen, wo aller Müll und -Schutt aus der Stadt abgeladen wurde.</p> - -<p>Mariä Himmelfahrt stand vor der Thür; deshalb -war es nothwendig, den Kirchhof frei und sauber -zu machen für die Aufnahme neuer Liebesgaben, -neuer Kränze, neuer Palmen.</p> - -<p>»Gelobt sei'st du Maria,« sagte eines der alten -Weiber und riß die braune Guirlande von dem Steinbilde -der heiligen Jungfrau los, um sie zu den -übrigen Kränzen zu werfen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -»Und gebenedeiet in Ewigkeit, Amen,« fügte die -andere Alte hinzu.</p> - -<p>Dann grüßten sie beide ehrerbietig und traten zur -Seite, um zwei Nonnen Platz zu machen, die mit -Blumen und Kerzen erschienen, das Bild der Himmelskönigin -zum Feste zu schmücken.</p> - -<p>Die Schwestern beugten die Kniee vor der roh -gearbeiteten Statue und begannen darauf, sie so -freundlich und farbig wie möglich heraus zu putzen.</p> - -<p>Eine schlanke, bleiche Dame in eleganter Sommertoilette -betrat den Kirchhof. Sie grüßte das Marienbild -und dann die Schwestern. »Zünden Sie auch -für mich eine Kerze an,« sagte sie näher tretend und -drückte ein Geldstück in die Hand einer der Nonnen. -Darauf nickte sie den Schwestern zu und ging langsam -nach der Reihe der Erbbegräbnisse.</p> - -<p>Neugierig näherten sich die beiden alten Arbeiterinnen -dem Gnadenbilde. »Was mag denn die -Frau Geheimräthin für Kummer haben, daß sie eine -Kerze opfert,« begann die Eine.</p> - -<p>»Wer weiß denn, ob es wegen einer Fürbitte ist; -so reiche Leute haben der Allerheiligsten nur zu danken -und können nicht genug danken, wenn sie auch alle -Tage zehn Kerzen opfern wollten,« meinte die Andere.</p> - -<p>»Es ist wohl nur eine Festgabe zu morgen, die -Geheimräthin Bremer ist eine liebe, gläubige Seele,« -sagte die ältere der beiden Schwestern.</p> - -<p>»Nicht einmal Kränze hat sie mitgebracht für die -Gräber ihrer Eltern,« bemerkte wieder die Alte, der -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -die freundliche Äußerung der frommen Schwester -durchaus nicht zu gefallen schien.</p> - -<p>»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen -Moden,« stimmte die andere Alte ihr bei, »fromm -nennt man sie doch, wenn sie auch viel weniger thun -als Andere, denen es sauer genug wird.«</p> - -<p>»Die Fürsprache der Heiligen ist mehr werth als -Gaben und Opfer,« verwies die jüngere der beiden -Nonnen in strengem Tone. Darauf verließ sie mit -ihrer Gefährtin den Kirchhof.</p> - -<p>Die alten Weiber rafften mit ihren Mistgabeln -eine zweite Karre voller Kränze zusammen; die Geheimräthin -Bremer ging an ihnen vorbei und ließ sich -müde und langsam auf einer kleinen Bank nieder, -die zur Seite von zwei, mit schwarzen Granitplatten -gedeckten Gräbern aufgestellt war.</p> - -<p>»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« – -Mit Goldbuchstaben war dieser Spruch in die glänzend -schwarze Steinplatte eingemeißelt. Als unbesoldeter -Stadtrath hatte der Mann, dessen Leib hier ruht, -gewirkt. In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige -Leiter eines großen industriellen Unternehmens -seine Arbeitskraft in die Dienste seiner Mitbürger -gestellt, nachdem er die eigenen Geschäfte in die Hände -seines Sohnes gelegt hatte. Als er dann heimging, -um an der Seite seiner vorangegangenen Gattin -von den Werken des Lebens auszuruhen, erfuhr man, -daß er in seinem Testamente fast alle wohlthätigen -Anstalten seiner Vaterstadt mit Legaten bedacht hatte. -Nun hatten ihm die dankbaren Mitbürger den Denkstein -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -gesetzt, auf dessen flimmernder Schrift die Blicke -der einzigen Tochter sinnend ruhten. Die untergehende -Sonne warf einen röthlichen Schein über -ihr durchsichtig blasses Gesicht. Langsam hob sie die -breiten dunklen Lider, die Augen entschleierten sich -nur zum Theil, halb blieben die Lider über den unnatürlich -weiten Pupillen liegen, was dem ganzen -Gesichte etwas unbeschreiblich müdes, krankes gab. -Sie richtete dann ihre Blicke gerade auf den untergehenden -glutrothen Sonnenball, aber trotz des scharf -einfallenden Lichtes zogen sich die Iris nicht zusammen, -sondern blieben weit und dunkel geöffnet, -wie bei manchen Blinden.</p> - -<p>Langsam stellte sie die Füße auf den Rand von -ihres Vaters Grab, lehnte sich zurück in der bequem -geschweiften Bank und athmete mit Genuß die von -Blüthenduft durchtränkte Luft des Sommerabends.</p> - -<p>Eine himmlische Ruhe war um sie her. Duft, -Wärme, Licht und Frieden. Wohin das Auge sah, -waren herrlich gepflegte Blumen, freundlich schimmernde -Steine mit Goldschrift und Kränzen bedeckt. Die -Vögel zwitscherten in den Kronen der alten Bäume, -es war so schön und so still an der Stätte des Todes, -wie es selten da ist, wo das Leben mit all seinen -Rechten noch herrscht.</p> - -<p>Wie ein Gebet ging der Hauch des Windes durch -Blumen und Blätter. Die scheidende Sonne verklärte -den Garten des Herrn. Alle Inschriften flammten -und leuchteten auf, auch die auf dem Grabe des alten -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Stadtrathes: »Das Andenken der Gerechten bleibt im -Segen.«</p> - -<p>Mit nervöser Hast sah die junge Frau um sich -her. Sie war allein, ganz allein mit den Toten. -Ein befriedigtes Lächeln zeigte sich einen Augenblick -auf ihrem Gesicht. Das gab ihren traurigen müden -Zügen eine eigenartige Schönheit.</p> - -<p>Sie hatte aus der Tasche ihres Kleides ein -kleines schwarzes Etui und ein fest verkorktes Fläschchen -genommen. Mit stiller, tief innerlicher Befriedigung -sah sie auf den Inhalt des Fläschchens, der wasserhell -und ganz unschuldig aussah. Nur einige kleine weiße -Crystalle, die nicht ganz aufgelöst darin schwammen, -zeigten, daß es eine starke Morphiumlösung war. -Dieser kleine, so schwer zu erlangende Vorrath bildete -einen überaus kostbaren Besitz für die junge Frau, -an dessen Anblick sie sich erfreute und berauschte, ehe -sie sich entschloß, das Fläschchen zu öffnen.</p> - -<p>Langsam füllte sie die kleine Spritze – fünf Strich, -– sechs Strich – nein, es war nicht möglich zu -widerstehen, sie zog, bis die Glasröhre voll war. -Dann verkorkte sie erst sehr sorgfältig das Fläschchen -und überzeugte sich, daß der Verschluß wasserdicht -war. Ein verlorner Tropfen war ja unersetzlich.</p> - -<p>Vorsichtig schob sie das Kleinod in die Tasche -des Kleides zurück. Erst als es da in Sicherheit -war, steckte sie mit energischem Druck die Nadel auf -das kleine Instrument. Ihre Hände zitterten dabei, -theils in der Vorfreude des zu erwartenden Genusses, -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -theils in der Schwäche, in der das Bedürfniß nach -diesem Genusse beruht.</p> - -<p>Sie schob den Aermel ihres Kleides vom Handgelenk -zurück. Ein Leinwandstreifen wurde sichtbar. -Sie riß ihn rasch los. Der kleine Verband bedeckte -eine breite, wenn auch nicht tiefe Wunde, die durch -den Morphiumgebrauch entstanden war. Seit Jahren -bedurften die kranken Nerven des anregenden Mittels, -und um die Schönheit ihrer Arme nicht zu opfern, -hatte sie diese eine Stelle ganz preisgegeben. Der -mißhandelte Körpertheil wehrte sich zwar durch -Schmerzen und anhaltende Eiterung gegen das ihm -aufgezwungene Gift, aber schließlich wurde die Stelle -doch ziemlich unempfindlich.</p> - -<p>Sie senkte auch jetzt, wie immer die Nadel hier -ein. Ein leichter Schmerz zog für einen Augenblick -ihre Brauen zusammen, aber das dauerte nicht lange. -Der Inhalt der Morphiumspritze verschwand unter -der Wunde, der Leinwandstreifen bedeckte rasch wieder -die Stelle. Sorgfältig reinigte sie mit einem kleinen -Stück Draht das gebrauchte Instrument, dann klappte -sie das Etui zu, steckte es ein und lehnte sich -gegen den Rücken der Bank, um die Wirkung zu -erwarten.</p> - -<p>Mit wonnigem Behagen fühlte sie, wie ein -berauschendes Empfinden ihr Gehirn, ihre Glieder -erfüllte und zugleich lähmte. Alle Wünsche, alle -Bedürfnisse des Körpers und Geistes lösten sich in -Befriedigung und süße Mattigkeit. Der kranke stumpfe -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -Ausdruck der Augen schwand und machte einem -lebhaften, sprühenden Blicke Platz. Die Nerven wußten -nichts mehr von Abspannung und Schwäche.</p> - -<p>Sie hätte jetzt auf jedem Feste glänzen, jede -Arbeitsleistung übernehmen können. Dabei waren -ihre Glieder aber doch schwer, so daß sie es entschieden -als Annehmlichkeit empfand, zu keiner Bewegung -genöthigt zu sein. Nur der Kopf war leicht und -frei – so frei, so klar, als ob ein vorher auf dem -Gehirn lastender Druck plötzlich entfernt wäre. Sie -hatte Durst empfunden, das war jetzt vorbei, sie -fühlte sich wohl, namenlos wohl und zufrieden. -Ihr vorher gelblich blasses Gesicht nahm etwas -Farbe und Wärme an, sie drückte die kühlen, weißen -Finger gegen ihre Wangen. Dann zog sie langsam, -gedankenlos lächelnd die Handschuhe wieder an, die -auf der Bank lagen.</p> - -<p>Sie hatte den Augenblick für ihren Genuß gut -gewählt, denn mit der, vorher herrschenden Ruhe war -es nun vorbei. Ein Leichenwagen fuhr durch das -große Portal, hielt vor der Kapelle, und ein Sarg -wurde zu einer offenstehenden Gruft getragen. Viele -Menschen folgten; der Geistliche begann eine Rede, -und wenn die einsame Frau auch davon nichts hören -konnte, so war sie in ihrem Alleinsein dennoch gestört.</p> - -<p>Außerdem näherte sich ihr jetzt auch ein Herr, -der geradeswegs auf sie zukam.</p> - -<p>»Was für ein entzückendes kleines refuge Sie -hier besitzen, Sie sind zu beneiden, gnädige Frau,« -begann er, sie begrüßend.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -Sie sah lächelnd zu dem großen blonden Manne -empor. »Es sind die Gräber meiner Eltern, Herr -Doctor Turnau,« antwortete sie mit einer einladenden -Bewegung auf die freie Hälfte der Bank deutend.</p> - -<p>Er nahm sofort augenscheinlich erfreut Platz. -»Ist das Stück Rasen, auf dem diese Bank steht für -Sie reserviert, gnädige Frau?«</p> - -<p>»Nein, die Eltern kauften es für meine unverheirathete -Schwester. Elise wird voraussichtlich einsam -bleiben, bis sie den Rollstuhl mit dem Sarge -vertauscht. Für meinen Mann und mich ist noch -Platz im Bremerschen Erbbegräbnisse.«</p> - -<p>»Ich finde, es hat einen ganz eigenen Reiz, genau -die Stätte zu kennen, die uns einmal bestimmt ist,« -bemerkte er, indem er den leichten Sommerhut abnahm -und das blonde Haar aus der hübschen weißen Stirn -strich. Sie lachte: »Das ist wieder eine von Ihren -paradoxen Ansichten, mit denen Sie sich manchen -Menschen vielleicht interessant machen, andrerseits aber -sich nicht nur Widerspruch zuziehen, sondern auch viele -ungünstige Urtheile über sich hervorrufen.«</p> - -<p>»Ah – ein offenes Wort, ich danke Ihnen dafür, -gnädige Frau. Die ungünstigen Urtheile muß ich -zu tragen wissen, aber ich strebe weder darnach Widerspruch -zu erregen, noch mich interessant zu machen. -Nur aus einer nervösen Beunruhigung heraus empfinde -ich zuweilen das Bedürfniß, irgend einen Gedanken, -selbst einen sonderbaren Gedanken auszusprechen, -wenn er mir grade durch den Kopf geht.«</p> - -<p>»Dieses Bedürfniß ist natürlich,« antwortete sie, -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -»viel natürlicher für einen gut situirten Mann Ihres -Alters, als der Wunsch, die Stätte zu kennen, an der -Ihr, jetzt so jugendkräftiger Körper einst zu Staub -werden wird.«</p> - -<p>Ein trübes Lächeln glitt über die Züge des jungen -Mannes. »Dieser jugendkräftige Körper ist der Auflösung -und Verwesung näher, als es den Anschein -hat. Wenn wir morgen übers Jahr Mariä Himmelfahrt -feiern, brennen vielleicht auch für mich schon -die Kerzen auf dem Altar.« –</p> - -<p>Sie sah ihn ruhig und forschend an. »Warum -spielen Sie mit dem Gedanken an das Ende des -Lebens?« fragte sie ernst. »Glauben Sie nicht, daß -auch für Sie noch Stunden der Befriedigung und -des Genusses möglich sind, die mit dem Tode aufhören -müssen?«</p> - -<p>Wie sie ihn so ansah, leuchtete der rothe Strahl -der Sonne in ihre erweiterten Pupillen hinein, er -sah aufmerksam darauf hin, dann lächelte er: »Ich -danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mich mit einer -moralischen Bemerkung verschont haben. Ich war -eigentlich schon darauf gefaßt gewesen. Sie haben -übrigens recht, ja – auch ich glaube noch an Stunden -des Genusses, an Momente höchster, auf Erden möglicher -Befriedigung. – Was ich damit meine, verstehen -Sie sicherlich, denn ich sehe, Sie gebrauchen -Atropin. Bitte, versuchen Sie nicht, den Mediciner -darüber zu täuschen, Sie gebrauchen Atropin, um die -Einbuße an Schönheit, die das Auge des Morphinisten -erleidet, damit auszugleichen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -Sie senkte betroffen den Blick. »Ja, ich gebrauche -Atropin,« entgegnete sie zögernd, »aber nicht aus -Eitelkeit, wie Sie vielleicht annehmen. Wenn Sie -selbst Morphinist sind, so wissen Sie auch, daß die -Koketterie des Weibes ebenso wie der Ehrgeiz des -Mannes in der Seele des Morphinisten erlischt.«</p> - -<p>Er nickte verständnißvoll. »Gewiß gnädige Frau,« -entgegnete er, »ich billige den an sich gefährlichen -Atropingebrauch, weil er Ihnen den Dienst leistet, -Ihre Umgebung über Ihren Morphinismus zu täuschen. -In Ihrem Falle ist gewiß keine Koketterie im Spiele. -Sie riskiren Ihr Augenlicht, aber Sie müssen es ja. -Wer gönnte Ihnen den Genuß, der Ihnen unentbehrlich -ist, und wer verdiente wohl in Ihr Geheimniß -eingeweiht zu werden? Sie sind, wie alle Morphinisten -gezwungen, eine Umgebung zu täuschen, die -getäuscht sein will.«</p> - -<p>Erleichtert athmete Lydia auf. Es that ihr unsagbar -wohl, verstanden zu werden. Nur Verurtheilung -ihrer Leidenschaft, im günstigsten Falle -Mitleid mit einem krankhaften Zustande hatte sie -überall angetroffen, wo sie es je gewagt hatte, leise -Andeutungen über die Erbitterung zu machen, die sie -oft empfand, wenn es ihr fast unmöglich erschien, -sich Morphium zu verschaffen. Die Aufregung dieser -Erbitterung brachte sie dann zuweilen zum Sprechen.</p> - -<p>»Sie finden also meine Schwäche nicht unbedingt -unmoralisch, Herr Doctor?« fragte die junge Frau.</p> - -<p>»Im Gegentheil,« antwortete er lebhaft. »Alle -Religionsstifter der Welt empfehlen den Menschen, ihre -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -Leidenschaften zu bekämpfen. Die natürliche Beschaffenheit -unserer Nerven setzt diesen Bestrebungen unüberwindliche -Hindernisse entgegen. Das Morphium -allein besiegt die Leidenschaften in jeder Brust. Wenn -ein neuer Prophet seinen Anhängern zur Bekämpfung -ihrer natürlichen, menschlichen Triebe Morphium zur -freien Verfügung stellte, so würde er bald eine -Gemeinde um sich sehen, der jedes Laster fremd wäre.«</p> - -<p>»Ich habe augenblicklich nicht genug Morphium -genossen, um dem kühnen Fluge einer prophetischen -Phantasie bis zu dieser Höhe folgen zu können,« -bemerkte Lydia lächelnd, erstaunt den leidenschaftlich -erregten Mann ansehend.</p> - -<p>»Soll ich Ihnen geben, was etwa noch fehlt?« -fragte er eifrig.</p> - -<p>Sie nickte glückselig und sah erwartungsvoll zu -ihm auf.</p> - -<p>»Wie viel Procent gebrauchen Sie, gnädige Frau?«</p> - -<p>»Sechs,« gestand sie mit ängstlichem Zögern.</p> - -<p>»Da steht Ihnen also noch manche herrliche -Steigerung bevor,« sagte er seufzend und zog aus -seiner Brusttasche ein kleines Glas. Wie wenig er -ihr gab, das war ja fast nichts – ah diese Enttäuschung –! -War das ein Scherz oder – – –</p> - -<p>Da ging es wie ein Ruck durch all ihre Nerven -– wie ein Schlag traf die ungekannt starke Lösung -ihr Gehirn. Sie griff nach der Stirn und dann nach -der Brust. Es rieselte ihr unter der Haut wie Sand, -ein angstvolles Unbehagen erfaßte sie.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -Er sah, wie kalte Schweißtropfen auf ihre Stirn -traten und wie ihr Gesicht sich entfärbte. »Habe ich -Ihnen zu viel gegeben, gnädige Frau?« fragte er.</p> - -<p>»Nein,« stammelte sie halb bewußtlos, »bitte -beobachten Sie mich nicht, es wird mir schon wieder -wohl – sehr wohl. –«</p> - -<p>Ihre Hände zitterten, wie sie das sagte, wie aus -weiter, weiter Ferne hörte sie ihre eigene Stimme – -die Steigerung des Genusses! –</p> - -<p>»Ich schreibe ein Buch über den Mißbrauch der -verschiedenen Narkotica und mache zu dem Zwecke -meine Beobachtungen, bitte entschuldigen Sie daher -den indiscreten ärztlichen Blick,« sagte er höflich.</p> - -<p>»Ein Buch?« – Sie nahm alle Willenskraft -zusammen, um zu sprechen, als sei nichts geschehen. -Er sollte nicht denken, die Dosis sei zu stark -für sie gewesen; sie wußte nicht, daß sie den Ehrgeiz, -recht viel vertragen zu können, mit all ihren Leidensgenossen -theilte.</p> - -<p>»Ein Buch,« – wiederholte sie noch einmal -langsam und mit schwerer Zunge. Es war ihr, als -hätte sie Sand im Munde, sie konnte kaum sprechen, -aber sie sprach nun doch. »Wollten Sie Ihrer -ärztlichen Thätigkeit nicht entsagen, sagten Sie das -nicht kürzlich?«</p> - -<p>»Nein,« entgegnete er, »vorläufig muß ich noch -als Assistenzarzt in der Nervenheilanstalt thätig sein. -Ich habe keine Privatpraxis, und der Chef läßt mir -so viel freie Zeit wie möglich. Er interessirt sich -selbst für meine Arbeit, zu der mir meine Erfahrungen -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -in seiner Anstalt den Stoff bieten. Nach Fertigstellung -meiner Broschüre werde ich allerdings meine jetzige -Stellung verlassen.«</p> - -<p>»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer -werden?« O wie mühsam brachte sie die -Worte über die Lippen!</p> - -<p>»Ich will gar nichts werden,« antwortete er dumpf. -»Mein Buch,« – er lachte in sich hinein, es war -ein so eigenes Lachen, daß Lydia selbst in dem -Taumel ihrer Sinne davon erschreckt den Kopf hob.</p> - -<p>»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb -lachen Sie?«</p> - -<p>»Ach, Verzeihung, es kann ja niemand wissen, -wie komisch ich mir das denke, wenn einmal, natürlich -nach meinem Tode, der kluge Professor, der den -Morphinismus mit allen Waffen der Wissenschaft -bekämpft, das Werk seines ehemaligen Assistenten lesen -wird.«</p> - -<p>»Aber weshalb schreiben Sie denn das Buch, -wenn Sie den Standpunkt der anderen Nervenärzte -nicht zu theilen vermögen?« fragte Lydia, sichtlich -unangenehm berührt von dem sonderbaren Benehmen -ihres Gefährten.</p> - -<p>»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest -gegen das Verbot des freien Verkaufes der narkotischen -Mittel,« sagte er nun beinahe feierlich. »Persönlich -leide ich nicht unter diesem Verbote, denn ich bin -Arzt, aber ich kenne die Verzweiflung und den -Jammer des Morphinisten, der sich der Unmöglichkeit -gegenüber sieht, sich Morphium zu verschaffen. -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Anständige, hochachtbare Leute greifen in ihrer Verzweiflung -zu den ehrlosesten Mitteln, und von diesem -Jammer will ich sie zu erlösen versuchen. Ich habe -ein Material gesammelt, welches entsetzliche Schlaglichter -auf diese Zustände wirft. Gegen das Versprechen -ihnen zu helfen, für ein einziges Rezept haben -zahlreiche Unglückliche mir gebeichtet. Ach – ich -weiß, wie tief sich einige, sonst reine, unnahbare -Naturen gedemüthigt haben, um durch Bestechung, -durch Betrug, einerlei wie, zu dem zu gelangen, was -sie bedürfen, wie der Hungrige Brod bedarf, um sich -zu erhalten.«</p> - -<p>Sie erhob sich halb und sah mit gefalteten Händen -zu ihm herab. »Sie wollen helfen, Sie könnten -helfen – o Gott Herr Doctor, nein, nein, Sie können -auch den Wall von Härte und Verständnißlosigkeit -nicht niederreißen, an dem Tausende rütteln und an -dem Alle, Alle ohnmächtig abprallen.«</p> - -<p>»Ob ich es kann, weiß ich allerdings nicht, aber -ich will es wenigstens versuchen,« sagte er, etwas zur -Seite rückend, so daß sie wieder Platz nehmen konnte.</p> - -<p>»Ich will wenigstens vor der Welt die dunklen -Wege erhellen, auf die man mit erbarmungsloser -Härte eine Menge kranker Menschen gedrängt hat. -Ich will es zeigen, wohin ein Gesetz führt, das nur -dazu da ist, umgangen zu werden, weil es nicht befolgt -werden kann. Die ganze Kraft meiner geistigen -Fähigkeiten stelle ich in den Dienst dieser Aufgabe, -dieses Strebens, das mir edel und würdig erscheint, -weil es dem willkürlich Unterdrückten, der nichts -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -verbrach, zu Hülfe kommen will. Die Menschheit -soll darüber aufgeklärt werden, wie weit die Bevormundung -der Polizei geht, und auch Nicht-Morphinisten -hoffe ich für die Frage zu interessiren, die -ihnen jetzt gleichgültig ist.«</p> - -<p>»Und dann?«</p> - -<p>»Und dann?« Träumerisch wiederholte er die -bange Frage, die sie leise aussprach. »Ja dann, -gnädige Frau – zu Ende führen werde ich den Kampf -nicht. Ich kann nur noch so lange leben, wie ich zu -genießen vermag. Nennen Sie es Egoismus, Krankheit, -Schwäche, wie Sie wollen, aber wenn einmal -die Stunde kommt, in der meine Nerven aufhören -zu reagiren, die Stunde, in der auch die letzte Steigerung -und Komplication nicht mehr zum Genusse -führt, dann lege ich die Feder aus der Hand. Mit -dem Leben hört auch die Verpflichtung auf, weiter -zu kämpfen.«</p> - -<p>»Mit dem Leben?«</p> - -<p>»Natürlich, liegt denn nicht das Ende des Lebens -ebenso in unserer Hand, wie der Genuß, dem wir -uns ergeben?«</p> - -<p>Sie schauderte doch bei dieser letzten Consequenz, -zu der er so leicht und ruhig gelangte. Sie befand -sich ja auf demselben Wege wie er. »Das Andenken -der Gerechten bleibt im Segen«. – Wie Feuer tanzten -die Buchstaben der Inschrift vor ihren Augen. Genuß, -Genuß des Lebens, und dann das Ende. Das -Leben fortwerfen, das nichts mehr bietet, tönte es -neben ihr. Sie glaubte, alles drehe sich im Kreise -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -um sie her, nur der schwarze Grabstein vor ihr stand -fest in dem Wirbel, aber er glühte und flammte von -der untergehenden Sonne beleuchtet, es that ihr weh, -darauf niederzusehen.</p> - -<p>Vorher hatte sie sich so leicht, so frei gefühlt, -und nun dieser Schwindel und dieser Druck um die -Stirn, wie von einem eisernen Bande. Das war -also die Steigerung ihrer Genüsse.</p> - -<p>»Ist das ein Lebenszweck, Genuß, nur Genuß, -der sich steigert, bis er aufhört, weil der Körper versagt?« -fragte sie leise.</p> - -<p>»Gewiß, Frau Bremer, der Genuß ist ebenso -gut ein Lebenszweck, wie die Arbeit,« sagte er, »es -kommt nur darauf an, daß man seine moralischen -Grundsätze damit in Einklang zu bringen versteht. -Indirect dient so mancher ausschließlich dem Genusse -des Lebens. Der Künstler schafft seinen Nebenmenschen -und sich selbst geistige Genüsse, Andere -wieder begnügen sich damit, sich in den Dienst des -materiellen Behagens zu stellen. Es giebt aber noch -ein Drittes im Menschen, das außer den groben -Organen des Körpers, außer dem Geiste, fähig ist zu -genießen, das sind die Nerven. Warum soll ich nicht -meinen Lebenszweck darin suchen, Anderen zugänglich -zu machen, was mir eine so große Befriedigung der -Nerven bringt? Es haben schon Leute sich mit geringeren -Aufgaben für ihr Dasein begnügt, und ich -habe nicht umsonst gelebt, wenn ich auch nur einen -Stoß führe, der das Gesetz in's Schwanken bringt, -das ich bekämpfe.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -»Ich wollte, ich könnte an Ihren praktischen -Erfolg glauben, Sie kämpfen ja gegen eine empörende -Ungerechtigkeit.«</p> - -<p>»Der Droguist, der Arzt, selbst Krankenwärterinnen -vermögen sich stets Morphium zu verschaffen. -So lange es unter einigen dieser Leute Armuth und -Bestechlichkeit giebt, wird das süße Gift auch käuflich -bleiben, indirect käuflich, – allerdings nur um sehr -hohen Preis.«</p> - -<p>»Ich glaube auch, daß es dem Unbemittelten -sehr häufig positiv unmöglich gemacht wird, die Hindernisse -zu besiegen, die das Geld überwindet. Ist das -nicht auch eine soziale Seite unserer Frage?« meinte -Turnau.</p> - -<p>»Der Arme hat den Alkohol,« wandte sie ein.</p> - -<p>»Den Alkohol? Ja,« er wurde bitter, fast leidenschaftlich -in seinem Ton. »Die Genußsucht des Volkes -ist eben eine brutale Macht, der man nicht mit einem -einfachen Verbot des Verkaufs begegnen kann. Feinere -Nerven brauchen raffinirtere Genüsse. Der Alkohol -verhält sich zum Morphium wie ein bluttriefender -Schauerroman zu einer geistvollen psychologischen -Studie. Das Leben ist so öde und traurig; die -Mittel, die es erträglich machen können, sollte man -nicht beschränken.«</p> - -<p>Sie sah müde zu ihm auf. »Oede und traurig,« -wiederholte sie sinnend. »Nein, ich kann das eigentlich -von meinem Leben nicht behaupten; mein Mann -ist sehr rücksichtsvoll und die Kinder – aber Sie, -wieso finden Sie Ihr Dasein nicht nach Ihren Wünschen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -Er antwortete nicht, und sie empfand es unbehaglich, -daß sie den jungen Mann beinah zu einem -persönlichen Vertrauen aufgefordert hatte, das er ihr -nicht in der freundschaftlichen Weise entgegenbrachte, -in welcher er sich bisher gegen sie ausgesprochen hatte.</p> - -<p>»Befinden Sie sich jetzt wohler, gnädige Frau?« -fragte er nach einigen Minuten des Schweigens.</p> - -<p>»O vollkommen wohl,« versicherte sie rasch aufstehend.</p> - -<p>Er bot ihr den Arm, und sie nahm ihn unbefangen -an. Er bemerkte in diesem Augenblicke, daß -sie elegant gekleidet war. Ihre Anmuth und Grazie -berührten ihn sympathisch, aber es lag ihm fern, sich -in das schöne Weib eines Anderen zu verlieben. Nicht -sein sittliches Bewußtsein schützte ihn davor; es hatte -Zeiten gegeben, wo er den Vortheil seiner Lage erkannt -und benutzt haben würde, aber diese Zeiten -waren vorüber. Wie eine Lähmung lag der gewaltige -Einfluß des Morphiums und des Aethers auf seinen -Nerven und Sinnen.</p> - -<p>Auch Lydia, die Gattin eines älteren, pedantischen, -trockenen Mannes, dachte nicht daran, daß in ihrem -vertraulichen Verkehr mit dem jungen Arzte irgend -etwas Unerlaubtes sein könne. Aber auch sie handelte -nicht in vollem Bewußtsein tugendhafter Ehrbarkeit, -sondern ebenfalls unter dem Einflusse einer krankhaften -Abstumpfung ihrer natürlichen Gefühle und Triebe.</p> - -<p>»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen,« -sagte sie leise mit einem Abschiedsblicke nach ihres -Vaters Grab.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -»Wenn ich mein Vermögen der Stadt hinterlasse, -bekomme ich am Ende auch einmal eine so schöne -Grabschrift,« scherzte Turnau. Es war wieder das, -was Lydia kokettiren mit Weltschmerz und Todesahnungen -nannte. Andere urtheilten noch härter über -diesen eigenthümlichen Characterzug des jungen, wohlhabenden -Mannes. Man hielt ihn im allgemeinen -auch nicht für so krank wie er war, und sah in dem -aus seinem Wesen sprechenden Lebensüberdrusse nur -die Folgen einer übermäßigen Blasirtheit, der nichts -mehr genügte, was sich an Genüssen des täglichen -Lebens ihm bot.</p> - -<p>»Soll ich dafür sorgen, daß man auch Sie nach -Ihrem Tode zu den Gerechten erhebt?« fragte Lydia, -lächelnd auf seinen Ton eingehend.</p> - -<p>»Es wäre unbescheiden, gnädige Frau; für einen -armen Morphinisten wird sich schon noch ein -demüthigeres Verslein finden.« »Wohl der Menschheit, -wenn jeder seine Grabschrift verdient hätte,« -antwortete sie, mit einem Blick über alle die Kreuze -und Steine hinschweifend, die in steinernen Lettern -so viel von Liebe und Tugend zu erzählen wußten, -wie man im Leben wohl selten beisammen finden wird.</p> - -<p>Dann trat sie auf das Weihwasserbecken zu, bekreuzte -sich mit dem Wasser, verließ an Turnaus -Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm zusammen in -ihrem Wagen, der auf sie gewartet hatte, nach Hause.</p> - -<p>Vor der Bremerschen Villa dehnte sich ein von -Rosenbeeten unterbrochener Rasen aus, dessen Mitte -ein zierlicher Springbrunnen bildete. Eine Allee von -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -Kastanienbäumen führte zu dem etwas von der -Straße zurückliegenden Gebäude und an demselben -vorbei nach dem dahinter liegenden Garten.</p> - -<p>Auf dem Kieswege unter den schattigen Bäumen -spielten zwei hübsche Kinder unter der Aufsicht einer -Bonne. Als sie ihre Mutter aus dem Wagen steigen -sahen, wollte das junge Mädchen sie zu der Ankommenden -führen, um diese zu begrüßen. Die -Kinder aber hingen sich an ihre Pflegerin und steckten -die Köpfe in die Falten des einfachen schwarzen -Wollkleides, welches das Fräulein trug.</p> - -<p>Die Bonne versuchte, sich von ihnen los zu machen -und zeigte bei diesen lebhaften Bewegungen, in dem -eng anschließenden, schlichten Kostüm eine vollendete -Grazie. Sie war tadellos gewachsen, jede Bewegung -war schön, so daß Turnau, der sonst wenig Sinn -für weibliche Reize hatte, davon ganz betroffen war.</p> - -<p>»Wer ist die junge Dame?« fragte er leise.</p> - -<p>»Fräulein Wagner, eine Fröbel'sche Kindergärtnerin, -erst seit kurzer Zeit bei mir,« sagte die Geheimräthin; -dann begrüßte sie die Kinder, die endlich widerstrebend, -mit scheuen Blicken auf den Begleiter ihrer Mutter, -herbeikamen.</p> - -<p>Auch das Fräulein begrüßte jetzt ihre Herrin. -Das Gesicht des jungen Mädchens war breit und -gewöhnlich. Die Züge waren grob, selbst die freundlich -blickenden grauen Augen zu klein und zu tief -liegend, um dem Gesichte irgend welchen Reiz geben -zu können. Trotz der schönen Gestalt war das Mädchen -nicht hübsch, nur die Lippen waren blühend und -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -roth, die Zähne glänzend weiß, und ein Ausdruck von -Jugendlust, Frohsinn und Güte verklärte die ganze -Erscheinung.</p> - -<p>»Mein Gott, Fräulein, wie albern sich die Kinder -noch immer benehmen, wenn Gäste da sind, gewöhnen -Sie ihnen das doch ab,« tadelte die junge Frau.</p> - -<p>Die Bonne schwieg, sie wußte nur zu wohl, daß -die Kinder sich jedesmal weigerten, wenn sie ihre Spiele -verlassen sollten, um auf einen Augenblick der Mutter -zugeführt zu werden.</p> - -<p>Mit nervöser Hast streichelte Lydia die rosigen -Gesichter und die feuchten Blondhaare der Kleinen. -»Wie sie erhitzt sind, ist es hier denn so heiß?« -wandte sie sich wieder an Fräulein Wagner.</p> - -<p>»Wir haben Federball gespielt, gnädige Frau, wir -waren so sehr vergnügt dabei und haben uns so oft -gebückt, davon sind wir so roth.«</p> - -<p>Dabei strahlten die Augen des jungen Mädchens -und der Mund schien ein schelmisches Lächeln kaum -unterdrücken zu können.</p> - -<p>»Es ist gut Fräulein, beschäftigen Sie die Kinder -aber jetzt ruhiger,« entschied die todtenblasse Frau. -Dann wandte sie sich mit ihrem Begleiter von der -heiteren Gruppe der an das Mädchen geschmiegten -Kinder ab.</p> - -<p>»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?« -fragte sie dann den Doktor, der Hausthür zugehend.</p> - -<p>»Es ist mir unmöglich, gnädige Frau, ich bin -nicht wohl genug dazu.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -»So danke ich Ihnen um so herzlicher für Ihre -Begleitung.«</p> - -<p>»O bitte, das ist kein Umweg für mich, außerdem -will ich Ihnen auch im Vertrauen gestehen, gnädige -Frau, daß der kurze Aufenthalt in Ihrem Garten -für mich ein Genuß war.«</p> - -<p>»Ein Genuß? Ah – da wäre ich doch begierig.«</p> - -<p>»Ja, auf die Gefahr hin, daß Sie mich auslachen. -Es war ein Genuß für mich, Ihr neues Kinderfräulein -zu sehen.«</p> - -<p>Ein sehr erstaunter Blick der Geheimräthin suchte -das junge Mädchen. »Fräulein Wagner ist vorzüglich -gewachsen, sonst aber doch beinahe häßlich zu nennen,« -meinte sie dann.</p> - -<p>Doctor Turnau folgte mit einem unsagbar müden, -schwermüthigen Blicke der blühenden Mädchengestalt. -»Sehen Sie einmal das glatte, glänzende, natürliche -Haar an, gnädige Frau.«</p> - -<p>Lydia lachte auf. »Aber bester Doctor, dieses -schlichte, glatt zusammengedrehte braune Haar ist doch -etwas außerordentlich Gewöhnliches, was finden Sie -denn daran so schön?«</p> - -<p>»Die körperliche Gesundheit, die diesen Haarwuchs -bedingt,« antwortete er nachdrücklich. »Ich behaupte -durchaus nicht, daß diese junge Person schön sei; -ich weiß auch, was schön ist, aber sie ist gesund, durch -und durch gesund. Ein Hauch von Jugendfrische -und Kraft umgiebt sie und macht sie reizend.«</p> - -<p>»Wäre das etwa Ihr Geschmack?« Sie zweifelte -noch immer an dem Ernst seiner Worte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -»Ich bin schon seit mehreren Jahren Kliniker,« -antwortete er. »Alles, was mich umgiebt, ist krank -und hinfällig. Auch unsere Pflegerinnen sind zum -größten Theil überarbeitet und nervös, die meisten -Collegen sind noch nicht in den gewissermaßen behaglichen -Ruhestand der Privatpraxis eingetreten, sie arbeiten -mit Feuereifer, keiner schont sich. Die entsetzliche -Luft des Laboratoriums vergiftet uns alle. Viele -von uns bedürfen auch in dieser Zeit übermäßiger, -geistiger Anstrengung künstlicher Anregungsmittel. -Es vergehen oft Tage, an denen ich factisch keinen -einzigen normalen, gesunden Menschen sehe, – ist -es da nicht erklärlich, daß ein solches Bild blühender -jungfräulicher Frische und Kraft für mich etwas sehr -Anziehendes hat? Bitte, sehen sie nur die rothen -ausgearbeiteten Hände des Fräuleins, die leidet nicht -an Blutarmuth – ah, die ist schön!«</p> - -<p>»Ich gönne Ihnen den Anblick dieser Päonie von -Herzen, lieber Freund. Möchten Sie sich dadurch veranlaßt -fühlen, die Villa Bremer nicht mehr so zu vernachlässigen, -wie es bisher geschah.«</p> - -<p>»Ich werde von Ihrer gütigen Erlaubniß demnächst -Gebrauch machen, gnädige Frau.«</p> - -<p>Er berührte mit seinen Lippen einen Augenblick -die wachsbleiche Hand der Morphinistin, verbeugte -sich von weitem gegen Fräulein Wagner und verließ -darauf den Garten.</p> - -<p>»Bitte, liebes Fräulein, besorgen Sie mir etwas -Himbeerwasser,« sagte Lydia zur Bonne, dann setzte -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -sie sich auf einem bequemen Gartenstuhl und nahm -ihr zweijähriges Töchterchen auf den Schooß.</p> - -<p>»Der dumme Onkel« sagte der kleine Knabe, sich -jetzt auch der Mutter nähernd mit einem zornigen -Blick nach der Thür, hinter der soeben Doctor -Turnau verschwand.</p> - -<p>»So etwas sagen artige Kinder nicht,« tadelte die -junge Frau.</p> - -<p>Jetzt erschien die Bonne wieder mit der gewünschten -Erfrischung im Garten. Hinter ihr ging der Geheimrath -Bremer, ein schlanker, eleganter Mann mit schon -leicht ergrauendem, dunklen Haar.</p> - -<p>»Wie kam denn dieser blasirte Turnau dazu, Dich -zu begleiten?« fragte er, neben seiner Gattin Platz -nehmend. »Er hält es doch sonst für tief unter seiner -Würde, ein weibliches Wesen mit seiner interessanten -Unterhaltung zu beglücken.«</p> - -<p>»Ich traf ihn zufällig auf dem Kirchhofe, und -wir unterhielten uns so angenehm, daß mir seine -Begleitung natürlich erschien.«</p> - -<p>»Wie kann dieser unnatürliche, gezierte Mensch -eine vernünftige Frau angenehm unterhalten,« sagte -Bremer beinahe ärgerlich. »Unter Männern ist seine -Unterhaltung gar nicht geschätzt, das kann ich Dir -sagen. Jung und sorgenfrei wie er ist, sucht er etwas -darin einen Pessimismus zur Schau zu tragen, der -eines Greises würdig wäre, dem alles im Leben gescheitert -ist. Er leugnet jeden Genuß, jeden Glauben, -er leugnet die Liebe, er widerspricht der Natur – – –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -»Mit einem Worte, er ist Dir unsympathisch,« -unterbrach Lydia ihren Mann.</p> - -<p>»Gewiß, das ist er mir und vielen anderen -Leuten. Gefällt Dir zum Beispiel dieses Andeuten -einer geheimnißvollen Krankheit, dieses Spielen mit -dem Gedanken an Tod und Grab – – –«</p> - -<p>»Vielleicht fühlt er die Annäherung eines Gemüthsleidens.«</p> - -<p>»Ach was, Gemüthsleiden. Davon hat er Dich -wohl unterhalten? Er hat nichts zu thun, da steckt -die Wurzel des Uebels. Wenn er wie andere junge -Aerzte des Morgens in seiner Sprechstunde sitzen und -auf Patienten warten müßte, um seinen Lebensunterhalt -zu gewinnen, so würde er wohl frei bleiben von -seinen interessanten Ahnungen. An ihm siehst Du, -daß es unter Umständen sogar ein Unglück sein kann, -wenn Eltern ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen.«</p> - -<p>Die kleine Lotte wurde unruhig, als sie sah, -daß Fräulein Wagner mit dem größeren etwa vierjährigen -Bruder fortgehen wollte, ohne sie mitzunehmen.</p> - -<p>»Bitte, Fräulein, nehmen Sie Lottchen mit,« -sagte Lydia.</p> - -<p>Die kräftigen warmen Hände des jungen Mädchens -hoben die Kleine hoch empor, jauchzend legte -das Kind sein Gesichtchen an ihre weiche volle Wange, -dann entfernten sich die Kinder mit ihrer Bonne.</p> - -<p>»Eine allerliebste, frische Person,« bemerkte der -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -Geheimrath, »ich glaube, wir haben da einen glücklichen -Griff gethan.«</p> - -<p>»Auch Turnau fand sie reizend,« sagte Lydia -lachend. »Was für ein Geschmack – dieses Vollmondsgesicht!«</p> - -<p>»So! – Turnau auch? Solch einen unverdorbenen -Geschmack hätte ich diesem Wüstling nicht -zugetraut,« meinte Bremer nachdenklich. »Nun, er -wird keine Gelegenheit haben, ihr etwas in den Kopf -zu setzen; sonst wäre das Mädchen am Ende dumm -genug, ihr Herz an diesen abgelebten Egoisten zu -verlieren.«</p> - -<p>»Was für eine Idee!«</p> - -<p>Lydia fand den Gedankengang ihres Mannes -unbegreiflich trivial. Warum sollte es denn nicht -möglich sein, daß ein junges Mädchen einem Manne -gefiel, ohne daß das Herz dabei gleich in Frage kam.</p> - -<p>Sie schwieg und trank ihr ganzes Glas Limonade -leer, denn die Nachwirkung des Morphiums -ist Durst.</p> - -<p>Ein Diener brachte dem Geheimrath Zeitungen -und Briefe. Bald war der Hausherr in seine Lectüre -vertieft, während die junge Frau sich leise erhob, um -ihr Zimmer aufzusuchen. Dort vertauschte sie ihre -Straßentoilette mit einem bequemen Hauskleide und -legte sich nieder, einer bleiernen Müdigkeit, die in -ihren Gliedern lag, nachgebend.</p> - - -<h3><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -II.</h3> - -<p>Die Gewohnheit des Morphiumgebrauches hatte -allmählich dahin geführt, daß Lydia Bremer mit -freiem Kopfe, ohne irgend welche Nachwirkungen des -Genusses erwachte, auch wenn sie am Tage vorher -etwas mehr als die gewöhnliche Dosis ihres Mittels -gebraucht hatte. Die Lösung aber, die ihr Turnau -gegeben hatte, mußte doch wohl weit über das Maaß -hinausgehen, an das sie gewöhnt war.</p> - -<p>Sie hatte die Absicht gehabt, an Mariä Himmelfahrt -das Hochamt zu besuchen, das um 9 Uhr früh -statt fand. Das Stubenmädchen brachte ihr deshalb -den Kaffee zu einer etwas früheren Stunde als sonst -in ihr Schlafzimmer. Sie richtete sich im Bette auf, -um nach dem Servirbrett zu greifen; aber als sie -den Kopf vom Kissen erhob, sank sie sofort, von -heftigem Schwindel erfaßt, wieder zurück. Sie empfand -dabei keinen Schmerz, nur eine drückende Benommenheit -des Kopfes. In rasendem Wirbel schien sich -alles um sie zu drehen, Kälteschauer und Unbehaglichkeit -erfaßten ihren ganzen Körper.</p> - -<p>Sie schloß die Augen, um sich von diesem Zustande -zu befreien; es war vergeblich. Vorsichtig, -ohne sich aufzurichten, griff sie nun nach einer kleinen -Tasche, die zwischen ihren Matratzen lag. Kaum vermochten -die unsicher tastenden Hände das Morphiumglas -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -zu entkorken. Nach dem Gebrauche des Mittels -aber wurden ihre Bewegungen etwas fester, sie -konnte sich aufrichten, der Schwindel ließ nach, -aber so wie sonst war es doch immer noch nicht. -Kurz entschlossen griff sie zum zweiten Male zum -Morphium.</p> - -<p>Nun strömte ein unendliches Wohlbehagen durch -ihre Nerven. Sie streckte sich lächelnd aus, genoß -mit Bewußtsein die nun eintretende eigenthümliche -Leichtigkeit ihrer Glieder und richtete sich dann frisch -und elastisch auf. Sie ließ das Fräulein mit den -Kindern hereinkommen, erfreute sich an dem Jubel -der Kleinen bei den munteren Spielen, die das junge -Mädchen anzuregen verstand und schickte endlich die -fröhliche Gesellschaft in den Garten, um ihre Toilette -beenden zu können.</p> - -<p>Zur gegebenen Zeit rief sie ihren Mann ab zum -Kirchgang. Sie trug ein hellgraues Kleid, das zu -ihrem Teint eigentlich nicht paßte. Die Taille war -aber so geschickt mit weiß arrangirt, ebenso der Hut, -eine Nadel von funkelnden Rubinen schloß den Spitzenkragen, -so daß die Toilette doch tadellos und sogar -vortheilhaft war.</p> - -<p>»Du bist recht hübsch angezogen, Kind,« bemerkte -der Geheimrath wohlgefällig, als Lydia bei ihm eintrat, -»indessen finde ich, daß Du blaß und angegriffen -aussiehst. Ich habe auch in letzter Zeit -tüchtig gearbeitet und denke, die Erholung in Heringsdorf -wird uns Allen recht gut thun. Wie würde -Dir diese Wohnung gefallen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -Er reichte seiner Frau die Photographie und den -Grundriß einer kleinen Villa. »Die Wohnung ist -bis zum Ende der Saison frei.«</p> - -<p>»Es mag ganz hübsch dort sein, ich wußte aber -nicht, daß Du so bald reisen kannst.«</p> - -<p>»Die Saison ist schon halb zu Ende, Lydia, bist -Du etwa mit Deiner Toilette noch nicht ganz reisefertig?«</p> - -<p>Sie schien zu überlegen. »Für die Kinder wäre -noch einiges anzuschaffen, für mich weniger, ich möchte -auch dem Fräulein etwas Garderobengeld für die -Reise geben.« –</p> - -<p>»Brauchst Du vielleicht Geld?«</p> - -<p>»Nicht viel, fünfhundert Mark werden für den -Augenblick genügen.«</p> - -<p>Er gab ihr das Geld und sie sagte, daß sie gleich -nach der Kirche noch einige Besorgungen machen wolle.</p> - -<p>»Aber überanstrenge Dich nicht, ziehe Fräulein zu -Deiner Hülfe heran,« bat er.</p> - -<p>Während des Gottesdienstes ruhten die Blicke des -fürsorglich liebenden Mannes oft auf dem zarten -Gesichte der jungen Frau. Er wußte, daß ihr der -Hausarzt wegen häufiger Migräne-Anfälle ab und -zu den Gebrauch der Morphiumspritze gewährt hatte. -Dabei war er aber fest überzeugt, daß dieses Mittel -nur durch die Hand des Arztes und mit dessen Einverständniß -gebraucht würde. Daran, daß seine Frau -das Morphium selbst und heimlich gebrauchen könne, -dachte er nicht.</p> - -<p>Der alte Medicinalrath, der seinem Hause ein -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -lieber Freund war hatte ihm gesagt, daß eng zusammengezogene -Pupillen und breite glanzlose Iris -der Augen ein untrügliches Zeichen des Morphinismus -seien. An die Complication mit Atropin hatte der -gute alte Herr selbst nicht gedacht und so wurde auch -er durch die dunkel leuchtenden Augen der Kranken -getäuscht.</p> - -<p>Bremer war fest überzeugt, daß seine Frau krank -sei. Das schlaffe, gleichgültige Sich gehen lassen, -welches er seit einiger Zeit an ihr bemerkte, widersprach -ihrem sonstigen Wesen durchaus. Ehe er aber -einen Specialarzt für Nervenleiden zu Rathe zog, -beschloß er noch einmal eingehend mit dem Medicinalrath -zu sprechen.</p> - -<p>Nach der Kirche trennte sich der Geheimrath von -seiner Frau. Er hatte einige Besuche zu machen, und -Lydia ging, um Einkäufe zu besorgen nach der belebtesten -Straße, wo sich die größten Läden befanden.</p> - -<p>Ohne einen Blick auf die Auslagen in den Fenstern -zu werfen eilte sie vorwärts. Bald bog sie in einen -weniger belebten Seitenweg ein, durchschritt eine -öffentliche Promenade und betrat einen Stadttheil, -in dem ihre elegante Erscheinung überall auffiel. -Sie befand sich zwischen langen Reihen hoher unschöner -Häuser, die alle viele Fenstern hatten und von vielen -Menschen bewohnt wurden. Zuletzt trat sie in den -Thorweg einer Bierbrauerei, ging durch das Vorderhaus -über den Hof, zwischen Fässern und Rollwagen -hindurch nach dem Quergebäude.</p> - -<p>Sie drückte den Elfenbeingriff ihres weißen Spitzenschirmes -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -fest an die Brust, schob den Schleier vom -Gesichte zurück und stieg mit fliegendem Athem und -zitternden Knieen in nervöser Hast die schmale halbdunkle -steile Treppe hinauf.</p> - -<p>Bei jedem Stockwerk wurden die Entreethüren -niedriger, beengter, schmutziger. Nach drei Treppen -hörten die abgeschlossenen Wohnungen überhaupt auf. -Eine Menge Thüren mündeten in einen engen, langen -Gang. Es war unerträglich schwül in diesem Treppenhause, -aus jeder der zahlreichen Wohnungen drangen -Küchendämpfe und Lärm heraus. Es roch nach -Kaffee, nach angebranntem Fett, nach trocknender -Wäsche, nach Seife – vor allen Dingen aber nach -Menschen, nach zusammengedrängten, armen, schmutzigen -Menschen. An vielen Thüren befanden sich Visitenkarten -mit dem Namen des Zimmerbewohners.</p> - -<p>»Friedrich Rast,« stand auf einer dieser Karten -zu lesen. Lydia klopfte mit ihrem Schirm an die -Thür. Ein junger Mann öffnete ihr und ließ sie ein.</p> - -<p>Das Zimmer war ganz nett und freundlich möblirt: -Ein Sopha mit braunem Ripsüberzuge, zwei Schränke -von hellem Holz, ein Spiegel zwischen den Fenstern, ein -kleiner Teppich, auf einer Kommode eine Uhr und zwei -Leuchter. Das Stübchen schien für den Empfang -eines Besuches aufgeräumt worden zu sein, denn es -lag nichts von den Sachen des Bewohners umher. -Eine halb offene Thür ließ ein ebenfalls gut eingerichtetes -Schlafzimmer sehen. An den Fenstern -waren saubere Gardinen und einige blühende Pflanzen. -Die Aussicht über ein freies Feld und eine Reihe -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -Bäume entschädigte für die Häßlichkeit, die der Eingang -der Wohnung bot. Der Inhaber dieser Stuben, -ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, war -sorgfältig, wenn auch nicht elegant gekleidet.</p> - -<p>»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Herr Rast,« -sagte Lydia und sank erschöpft auf das kleine weiche -Sopha nieder.</p> - -<p>»Der Dienstmann hat alles richtig an mich telephonirt, -gnädige Frau,« antwortete Friedrich Rast -lächelnd. »Mein durchreisender Vater wünscht mich -zu sprechen, der Provisor hat mich daraufhin beurlaubt, -hier bin ich, und auf meinem bescheidenen -Sopha sitzt ja nun auch mein ehrwürdiger Alter.«</p> - -<p>»Lassen Sie die Scherze, Herr Rast, ich bin sehr -aufgeregt und habe es eilig. Mein Mann hat unsere -Abreise früher angesetzt, und mein Vorrath reicht höchstens -noch drei oder vier Tage. Ich brauche mindestens -zwölf Gramm für die Saison in Heringsdorf. -Rechnen Sie doch – sechs Gramm geben ein Fläschchen -für hundert Einspritzungen, eigentlich bekommt man -aber nur etwa achtzig heraus, durchschnittlich brauche -ich vier am Tage, also in drei Wochen ein Fläschchen, -das macht zwölf Gramm in sechs Wochen.«</p> - -<p>»Zwei Gramm jede Woche, das ist zu viel, gnädige -Frau.«</p> - -<p>»Was geht Sie denn das an? Hier sind Einhundertundzwanzig -Mark, das Gramm zu zehn Mark -gerechnet; bei unserer Medicinaltaxe von sechzig Pfennigen -für das Gramm können Sie doch mit dem -Geschäfte zufrieden sein.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Der junge Apotheker schob fünf von den Goldstücken -mit verlegener Miene zurück. »Ich habe nur -zwei Gramm. – –«</p> - -<p>»Aber Herr Rast!« Lydia wurde todtenbleich und -sah den jungen Mann so entsetzt an, daß er einiges -Mitleid empfand.</p> - -<p>»Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, Ihnen -Schwierigkeiten zu machen, Frau Geheimräthin, aber -heute war es nicht möglich. Es fehlt eine Menge -von hundert bis hundertundfünfzig Gramm in der -Apotheke. Der Chef hat gerast und getobt und uns -Alle Morphiomanen genannt. Einer von uns muß -es ja am Ende auch sein, denn ich habe noch nie -mehr als zehn Gramm auf einmal genommen. Es -giebt gewiß unter uns Apothekern ebenso viele Morphiumsüchtige -wie unter den Aerzten. Vielleicht aber -bin ich auch nicht der Einzige, der das Mittel heimlich -verkauft, – die Versuchung ist ja so groß.«</p> - -<p>Ein Zug, wie von körperlicher Qual trat auf -Lydias Gesicht. »Herr Rast, denken Sie noch an -den Abend, wo Sie auf der Brücke hinter dem -Theater standen?« fragte sie mühsam.</p> - -<p>»Ja, ich denke daran, so oft sich mein Gewissen -regt über das, was ich für Sie thue, gnädige Frau. -Meine Schulden betrugen damals nur etwa hundert -Mark, aber ich habe acht Geschwister, ich hätte doch -diese Schulden nicht machen dürfen. Das kleine -Kolonialwaarengeschäft meines Vaters ernährt kaum -die Familie. Anstatt von meinem ersten Gehalt -nach Hause abzugeben, was ich dank Ihrer Güte -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -jetzt kann, mußte ich von meinem armen Vater hundert -Mark fordern, die er mir natürlich nicht geben konnte. -Es war hart – eine furchtbare Strafe für meinen -Leichtsinn.« – –</p> - -<p>»Ich habe Sie damals vor einem Schritte der -Verzweiflung bewahrt, wollen Sie mich dafür jetzt -verzweifeln lassen, Herr Rast?«</p> - -<p>»Aber Frau Geheimräthin, verzweifeln Sie denn, -wenn Ihre Morphiumquelle einmal versagt?«</p> - -<p>»Ja,« antwortete sie dumpf. »Ohne Morphium -muß ich verzweifeln. O, mein Gott, man giebt doch -den Ärmsten Almosen, warum versagt man dem -Kranken das, was ihm Lebensbedürfniß, was ihm -nöthiger ist als das tägliche Brot!«</p> - -<p>»Es liegt eine große Härte in dem Verbot des -Verkaufes,« sagte der junge Mann mitleidig. »Es -ist auch eine ganz unnütze Härte, denn sie dient nur -dazu, die Verkäufer in Versuchung zu führen und -die Kranken zu Lug und Trug zu veranlassen. Ist -es nicht eine Schmach, daß eine Dame wie Sie, -gnädige Frau, in dieses Haus kommen muß, um so -einen armen Teufel wie mich für eine Handlung zu -bezahlen, die meine Existenz kosten kann?«</p> - -<p>»Ja es ist eine Erniedrigung, eine Schande für -uns Beide, für Hunderte außer uns, aber wir können -die Ungerechtigkeit nicht aus der Welt schaffen, die -dem Einen ruhig das anvertraut, wonach sich die -Sehnsucht des Anderen vergeblich verzehrt. Wenn -nur der Morphiumhunger nicht immer stärker und -stärker wiederkehrte bei dem, der einmal an das Reizmittel -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -gewöhnt ist. Ich kann nicht leben wenn ich -kein Morphium habe, sagen Sie mir, wie machen es -Andere, die dasselbe Bedürfniß empfinden?«</p> - -<p>»Andere fälschen Recepte.«</p> - -<p>»Und das geht?«</p> - -<p>»Ja, es geht oft. Die meisten Kranken greifen -zu diesem Mittel, denn Wartepersonal oder Droguisten -sind doch schließlich nur selten bestechlich. Noch seltener -aber sind gefällige Aerzte, die das Mittel aus der -Hand geben. Außerdem erhält man es auf ein gefälschtes -Recept hin auch zum landesüblichen Preise, -was ebenfalls die meisten Menschen berücksichtigen -müssen. Natürlich werden aber in allen Apotheken -die Recepte über Chloroform, Aether, Cocain, Chloral, -Morphium und ähnliche Mittel genauer angesehen als -andere Vorschriften.«</p> - -<p>»Und wenn man eine Fälschung entdeckt?«</p> - -<p>»Dann schickt in der Regel der Provisor das -Recept demjenigen Arzte zu, auf dessen Namen es -gefälscht wurde.«</p> - -<p>Lydia schlug die Hände in furchtbarer Aufregung -vor das Gesicht und schluchzte krampfhaft. »Ich -vermöchte eine solche Schmach nicht zu überleben.«</p> - -<p>»O, das passirt aber so oft,« meinte er gleichmüthig.</p> - -<p>Sie starrte fassungslos vor sich hin. »Herr Rast, -wie ist das, wie wird es gemacht – – Recepte zu -fälschen?«</p> - -<p>Er legte zwei abgestempelte Recepte vor sie hin. -»Da sehen Sie, das sind zwei echte Recepte von -zweien unserer ersten Chirurgen. Das eine lautet auf -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -eine fünf- das andere auf eine vierprocentige Lösung. -Stärkere Vorschriften sind gewöhnlich unecht. Hier -haben Sie Papier und Feder, gehen Sie an die Fensterscheibe -und pausen Sie die beiden Recepte durch, zur -Vorsicht machen Sie sich zwei Exemplare von jeder -Vorschrift. Dann können Sie durch Dienstmänner -oder Kinder, die Sie dafür bezahlen, die Recepte -beide machen lassen. Ich kann Ihnen leicht durch -Abdampfen in einem Filtrirapparat die dünnen -Lösungen etwas verstärken. Aber entschließen Sie -sich rasch, damit ich die Recepte in das Buch zurücklegen -kann, ehe sie vermißt werden.«</p> - -<p>Widerstrebend griff Lydia nach dem Schreibmaterial, -das ihr der junge Mann anbot. Sie kam sich maßlos -erniedrigt vor durch die gesetzwidrige Handlung, -die sie vor diesem Zeugen zu begehen im Begriff stand.</p> - -<p>Was mußte dieser, gesellschaftlich tief unter ihr -stehende leichtsinnige junge Mensch von ihr denken -– von ihr, die von dem eigenen Gatten, von allen -Menschen, die sie kannte mit Auszeichnung behandelt -wurde!</p> - -<p>Sie ließ die Feder, die schon einige Striche gemacht -hatte, sinken. Thränen stürzten ihr aus den -Augen. »Ich kann es nicht.« –</p> - -<p>»Dann müssen Sie aber eine Entziehungskur -durchmachen, auf einmal kann man dem Morphium -nicht entsagen,« erklärte der Apotheker. Dabei glitt -etwas wie Freude über sein energieloses, junges Gesicht.</p> - -<p>»Ich will aber garnicht entsagen,« schluchzte die -junge Frau. »Das Gesetz soll mich nicht dazu -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -zwingen, das Gesetz geht mich überhaupt garnichts an, -ich thue nichts, was irgend einem Menschen in der -Welt Schaden zufügen könnte.«</p> - -<p>»Sie schaden sich selbst.«</p> - -<p>»Das ist doch ausschließlich meine Sache. Nein -diese Bevormundung ist wirklich empörend!«</p> - -<p>»Wenn ich etwas bei Seite bringen kann, schicke -ich es Ihnen in einem Briefcouvert,« tröstete er, ihr -die zwei Gramm hinschiebend, die er besaß.</p> - -<p>Sie steckte das Pulver ein und trocknete ihre -Thränen. »Haben Sie keinen Bekannten, der mir -helfen könnte?« fragte sie aufstehend.</p> - -<p>»Vielleicht wäre das möglich,« sagte er nachdenklich. -»Außer in Apotheken wird das Morphium in -einzelnen größeren Droguengeschäften geführt. Dort -darf allerdings nur der Besitzer die Recepte machen, -die jungen Leute haben kein Examen gemacht und -dürfen es nicht.«</p> - -<p>»Ich mache mir ja die Lösung selbst zurecht, wenn -mir nur jemand die rohe Waare verschafft. Können -Sie mir wirklich niemanden empfehlen?«</p> - -<p>»O doch ich glaube, ich kann es. Ferdinand -Preyer ist ein so blutarmer Junge, daß er mehr als -hochachtbar sein müßte, wenn er einem Angebote von zehn -Mark für das Gramm zu widerstehen vermöchte.«</p> - -<p>»Ist er gewissenhaft und ängstlich?«</p> - -<p>»Ich fürchte allerdings, daß er das ist, aber -wenn er den Betrag für die entnommene Waare in -die Ladenkasse legt, so kann es seinem Principal -doch einerlei sein, was dafür verkauft wurde.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«</p> - -<p>»Ich will thun, was ich kann. Seine Mutter ist -eine arme Wittwe, zwei Schwestern von Preyer dienen -als Stütze der Hausfrau. Die Beiden und Ferdinand, -der neunzig Mark Gehalt im Monat hat, unterstützen -die Mutter. Drei Kinder gehen noch in die -Schule. Von irgend welchem Vergnügen ist für -Preyer niemals die Rede. Der arme Kerl ißt sich -kaum satt; – es wäre einfach übermenschlich, wenn -er Ihnen kein Morphium verschaffte; ich gönne ihm -auch den Verdienst.«</p> - -<p>Lydia ging nun, nachdem sie mit Friedrich Rast -verabredet hatte, Abends um acht Uhr wieder in -dessen Wohnung zu sein, um daselbst mit Ferdinand -Preyer zusammenzutreffen. Er versprach ihr den -jungen Mann herzubestellen und ihn auf das an ihn -gestellte Verlangen vorzubereiten.</p> - -<p>Nachdem sich der junge Apotheker überzeugt -hatte, daß der Corridor augenblicklich menschenleer -war, eilte seine Besucherin hastig die Treppe hinab, -ängstlich den Schleier vor ihr verweintes Gesicht -ziehend.</p> - -<p>In der Nähe des Hauses fand sie zufällig eine -leere Droschke. Von der Aufregung und Angst aufs -äußerste erschöpft, stieg sie ein und fuhr zu einer -Modistin. Darauf besuchte sie noch einige Ladengeschäfte; -sie zwang sich, dazu Einkäufe für ihre -und der Kinder Toiletten zu machen, um die wild -durch ihr Hirn stürmenden Gedanken und Besorgnisse -zu überwinden. Es gelang ihr schließlich auch, sich -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -wieder so weit zu fassen, daß sie ihren Kindern und -ihrem Manne unbefangen gegenübertreten und wie -gewöhnlich am Mittagessen theilnehmen konnte.</p> - -<p>Die Kinder waren so lebhaft, daß sie oft bei -Tische Veranlassung zu herzlichem Lachen der Eltern -wurden und auch heute führten sie wieder die Unterhaltung, -ohne von ihrem Fräulein, das selbst so gerne -lachte, erheblich daran gehindert zu werden.</p> - -<p>Nach dem Essen forderte Lydia das Fräulein auf, -mit ihr und den Kindern spazieren zu fahren, -während der Geheimrath, der später noch in sein -Büreau mußte, sich etwas zur Ruhe zurückzog.</p> - -<p>Unterwegs befestigte sich in Lydia die Überzeugung, -daß sie mit der Wahl des neuen Fräuleins ihren -Kindern eine wahre Wohlthat erwiesen hatte. Fräulein -Hedwig war so herzlich, von so natürlicher Heiterkeit -und selbstloser Hingabe, daß die Herzen der Kinder -sich ihr zuwandten wie Blumenkelche dem Sonnenlicht. -Während der Fahrt durch den warmen schattigen -Waldweg plauderten und jubelten die Kleinen -ununterbrochen, während die Mutter ihnen schweigend -und verstimmt gegenüber saß. Sie konnte ihre -Gedanken nicht davon losreißen, auf welche Weise sie -sich wohl für die Zukunft das Mittel verschaffen -könne, das doch nur ihr allein ein egoistisches Genießen -gewährte, an dem kein anderer Mensch Antheil -nahm.</p> - -<p>In fröhlicher Stimmung kehrte die kleine Gesellschaft -nach Hause zurück. Lydia fühlte ihre Nerven -etwas ruhiger werden; so vermochte sie ihrem Manne, -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -der die Seinen schon im Garten empfing, freundlich -entgegen zu treten.</p> - -<p>Er gab seiner zurückkehrenden Frau einen erbrochenen -Brief und entschuldigte sich, daß er so indiscret -gewesen war, denselben zu öffnen.</p> - -<p>»Der Überbringer sagte mir auf meine Frage, -daß er in einer Brauerei in der Humboltstraße -arbeite. Das erschien mir so eigenthümlich, daß ich -nur eine Bettelei vermuthen konnte. Ich wußte nicht, -daß Dein Schuster so weit draußen wohnt. Bist Du -denn mit Deinem bisherigen Lieferanten in der Hauptstraße -nicht mehr zufrieden?«</p> - -<p>Lydia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen -stieg bei dieser harmlosen Frage ihres Mannes. Was -für ein entsetzliches Verhängniß zwang sie doch, -Lügen – ganz gemeine Lügen zu ersinnen, wie unwürdig, -wie erbärmlich stand sie da vor sich selbst -und vor Friedrich Rast, der ihr auf diese Weise -eine Mittheilung zukommen ließ!</p> - -<p>Sie griff nach dem Blatte: »Gnädigste Frau -habe ich zu benachrichtigen, daß Ferdinand Preyer -die gewünschten Waaren nicht liefert. Weiß nun -nicht, ob die Schuhe mit Stahlperlen oder schwarzen -Schleifen garnirt werden sollen und bitte um weitere -Befehle. Hochachtend, Friedrich Rast.«</p> - -<p>Sie las, und es wurde ihr dunkel vor den Augen, -als sie zu Ende war. Ferdinand Preyer lieferte also -die gewünschten Waaren nicht! Der arme Commis, -der von seinem geringen Gehalte noch seine Mutter -unterstützte, verschmähte das Gold, das die reiche -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -Frau ihm bot, wenn er mühelos ein Vorrecht benutzte, -das der Zufall in seine Hand gelegt hatte. Sie hatte -versucht, einen armen Menschen zu bestechen, ihn zu -einer Pflichtverletzung zu verführen, sie bot ihm ein -Verdienst, das seine ganze Lage ändern, ihn und die -Seinen aller Sorgen entheben konnte und er – – – -»lieferte die gewünschten Waaren nicht.«</p> - -<p>Was für ein Ungethüm von Pedanterie mußte -dieser unbestechliche junge Mann sein! Was für eine -Willenskraft mußte er besitzen, um in seinem freudlosen -genußleeren Dasein nicht überhaupt für seine -eigene Person nach dem Morphium zu greifen, das -ihm doch erreichbar war! Ob er wohl in seiner -übertriebenen Pflichttreue Aehnlichkeit mit Fräulein -Hedwig hatte, die auch ein Leben der Armuth und Arbeit -mit innerer Befriedigung hinnahm, ohne zu einem Betäubungsmittel -zu greifen? Ob er wohl auch so -froh, so innerlich glücklich, so reich an Liebe war, -wie dieses Mädchen?</p> - -<p>Etwas wie Haß und Neid regte sich in Lydia's -Herzen. Sie hätte sich rächen mögen an dem, der -ihr diese Schwierigkeiten bereitete.</p> - -<p>»Du ärgerst Dich wohl über Ferdinand Preyer, der -Dir die letzte Ergänzung einer hübschen Toilette zu -versagen scheint, Kind?«</p> - -<p>Lydia starrte noch immer wie betäubt auf das -Briefblatt in ihrer Hand. Die Stimme ihres Mannes -schreckte sie auf, sie sah in sein gütig lächelndes Antlitz.</p> - -<p>»Es handelt sich um eine Lederstickerei, ehe der -zugeschnittene Schuh fertig gemacht wird, Arnold, -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -dieser Preyer ist langsam und ungefällig,« log sie, -halb bewußtlos vor lähmendem Schrecken.</p> - -<p>Bremer lachte. »Das Unglück scheint mir nicht -groß zu sein, Liebling,« tröstete er. »Schwarze Schuhe -sind doch immer das hübscheste für einen so zierlichen -Fuß, wie Du ihn besitzt.«</p> - -<p>Dann verabschiedete er sich von seiner Frau, die -sich kaum noch zu beherrschen vermochte, küßte die -Kinder und fuhr nach seinem Büreau.</p> - -<p>Als Lydia das Geräusch der sich entfernenden -Räder hörte, hielt sie nicht länger an sich. Sie wandte -sich jäh ab von den Kindern und dem Fräulein, stürzte -die Treppe hinauf, schloß sich in ihrem Schlafzimmer -ein und warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee.</p> - -<p>Auf irgend eine Weise mußte sie ihrer leidenschaftlichen -Aufregung Luft machen, so drückte sie denn ihr -Gesicht auf ein Kissen und schrie – schrie so laut -und so lange wie sie konnte, bis endlich die Thränen -kamen und ein krampfartiges hysterisches Weinen ihr -Erleichterung brachte. Dann setzte sie sich an den -Toilettentisch, nahm wieder Morphium, badete ihr -Gesicht in kaltem Wasser und versuchte mechanisch -ihren Anzug, ihr Haar und ihren Teint wieder in -Ordnung zu bringen. »Was nun?« fragte sie sich nach -Beendigung ihrer Toilette mit einem trüben, starren -Blick in den Spiegel. – Ja, was nun?</p> - -<p>Sie nahm eine Gebetschnur und kniete vor dem -Bilde der Mutter Gottes nieder. Heute an ihrem -höchsten Ehrentage würde die Heilige sicherlich die -Gebete der Menschen mit besonderer Gnade aufnehmen. -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -Sie wollte um Erleuchtung bitten, um Frieden, um -Ruhe der Seele. Mit Selbstüberwindung sprach sie -die vorgeschriebenen Worte, aber die Seele ließ sich -nicht zwingen, mit den Lippen zu beten. Ihre ganze -Seele schrie nach Morphium, nur allein nach dem -Mittel, auf dessen Erlangung sich jetzt nach den Enttäuschungen -dieses Tages eine krankhafte Leidenschaft -concentrirte. Sie ließ sich schließlich gehen in ihrem -unstillbaren Drange. Die hohe göttliche Jungfrau -versteht ja die Schwäche des Weibes, hat sie doch -selbst einst in der Gestalt einer irdischen Jungfrau -gelebt. So betete Lydia endlich ganz offen und -kindlich um Morphium. »Gieb es mir, Gebenedeiete,« -flehte sie, »ich will auch vor Dir wandeln wie eine -Christin und meine Kinder will ich lehren, Dich zu -lieben, Dich zu ehren und anzubeten.«</p> - -<p>Den Menschen bot sie Gold, der Himmlischen -bot sie die Seelen ihrer Kinder, für sich aber begehrte -sie nur das Eine – mochten es ihr Menschen oder -Engel gewähren – nur das, was sie nicht lassen -konnte, was sie haben mußte und was man ihr grausam -versagte.</p> - -<p>Beruhigt und gestärkt stand sie vom Gebet wieder -auf. Ein Gedanke, den ihr wahrscheinlich die Hochheilige -selber eingab, blitzte durch ihr Gehirn. Turnau -– Doctor Turnau mußte ihr helfen. Sie war fest -überzeugt, daß dieser Plan von der heiligen Jungfrau -selbst in ihr Herz gelegt war; so konnte er also nicht -fehlschlagen. Sie brauchte nur der Barmherzigen zu vertrauen, -so erhielt sie gewiß, was sie so glühend ersehnte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -Sie ließ eine Droschke holen und fuhr nach der -Nervenheilanstalt des Professors Schrödter, in der -Turnau wohnte.</p> - -<p>In dem ruhigen Vertrauen auf das Gelingen ihres -Planes war die fieberhafte Aufregung, die sie vorhin erfüllte, -gewichen. Sie ließ den Wagen einen Umweg -machen und fuhr am Kirchhofe vorbei. Eine Frau mit -mehreren Körben voller Kränze und Blumen hatte -für den Festtag an der Kirchhofsthür einen Verkauf -eingerichtet. Lydia stieg aus, kaufte zwei Kränze von -dunkelrothen Rosen und legte sie mit einem stillen -Gebet auf die Gräber ihrer Eltern.</p> - -<p>»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« -Das war die Antwort, die diese Stätte der Erinnerung -ihr gab, auf alle die bangen Fragen, die ihr Herz -durchstürmten. Möchte der Segen an ihr in Erfüllung -gehn auf dem Wege, den sie jetzt ging.</p> - -<p>Mit diesem Wunsche im Herzen betrat die junge, -bildschöne Frau gleich darauf die Junggesellenwohnung -eines eleganten Lebemannes. Die Leidenschaft, die -sie hierhergeführt hatte, ließ sie vergessen, was in ihrer -Lage peinlich und anstößig war.</p> - -<p>Auch Turnau trat ihr unbefangen entgegen, fast -als hätte er diesen ungewöhnlichen Besuch erwartet.</p> - -<p>Er ergriff Lydias Hände, sah ihr in die Augen -und mit einem milden gütigen Lächeln, das sein regelmäßiges -Gesicht außerordentlich schön erscheinen ließ, -fragte er leise: »Sie wollen Morphium haben, nicht -wahr, Frau Bremer?«</p> - -<p>Wenn er jetzt die Arme um sie gelegt und sie an -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -sich gezogen hätte, so wäre sie sein gewesen willenlos, -selig, ohne jedes Widerstreben. Sie hatte bei ihrem -Manne nie die wahre Gluth der Liebe kennen gelernt -und sie war nie ganz verstanden. Jetzt sah sie sich -verstanden und fand ein Entgegenkommen, das sie -bis in die Tiefe des Herzens tröstete und beglückte.</p> - -<p>Statt aller Antwort wandte sie sich von dem Freunde -ab und weinte bitterlich.</p> - -<p>Dieser Gefühlsausbruch setzte ihn nicht in Verlegenheit, -regte ihn aber auch nicht auf. Er versuchte -nicht, seine hübsche Freundin zu trösten, sondern -nahm ihr gegenüber Platz und erwartete mit -dem ruhig beobachtenden Blicke des Arztes, was sie -thun würde.</p> - -<p>Sie fühlte bald, daß ihr Benehmen nicht mit den -üblichen Formen des Verkehrs in Einklang zu bringen -sei und suchte sich gewaltsam zu fassen.</p> - -<p>»Wie hübsch Sie eingerichtet sind,« sagte sie, ihre -Thränen trocknend, »gar nicht wie ein Gelehrter, viel -eher wie ein die Schönheit liebender Künstler – sogar -Blumen finden bei Ihnen die nöthige Pflege ...«</p> - -<p>»Ich habe ein kleines Abonnement bei einem -Gärtner, gnädige Frau,« er nahm die Rücksicht, ihre -Erregung unbeachtet zu lassen und auf den Ton einzugehen, -den sie anzunehmen sich bemühte. »Persönlich -habe ich eigentlich kein Interesse für Botanik, nur -als Zimmerdekoration liebe ich Pflanzen. Ich verstehe -nämlich etwas vom Decorieren, mein Talent -dafür hätte sicherlich ausgereicht zum Tapezierer, wenn -nicht gar zum Regisseur.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -Die reiche, geschmackvolle Ausstattung des Zimmers -bestätigte seine Worte. »Ich sehe hier gar keine -anatomischen Präparate,« bemerkte Lydia, erstaunt -um sich blickend.</p> - -<p>»Nein, damit umgebe ich mich nicht. Die Anstalt -hat Räume genug, wo man solche Sachen aufstellen -kann, ohne damit die Harmonie des einzigen Zimmers -zu stören, das man wirklich bewohnt. Ich bin -nämlich sehr häuslich, gnädige Frau. Die Biergespräche -meiner Altersgenossen interessiren mich so wenig, daß -ich fast jeden Abend zu Hause bleibe, um mich derjenigen -Lectüre widmen zu können, die mich interessirt. -Ich wüßte kaum, was ich in einer Kneipe anfangen -sollte, da ich außerdem sehr mäßig in materiellen Genüssen -bin, ich trinke beispielsweise fast nichts.«</p> - -<p>»Und doch gelten Sie für recht unsolide, darf ich -es sagen – sogar für blasirt.«</p> - -<p>»Ich bin auch blasirt, meine gnädigste Frau, Sie -dürfen das ganz ruhig sagen. Eine ärmliche Umgebung -wäre mir unerträglich, und wenn ich mich -hier zwischen meinen eigenen Sachen am wohlsten -fühle, so ist das nicht etwa häusliche Tugend, sondern -Bequemlichkeit – Blasirtheit, wenn Sie wollen.«</p> - -<p>»Nein, nein, machen Sie sich nur nicht schlecht,« -sie konnte schon wieder lächeln, wie sie das sagte, »es -muß und wird noch dahin kommen, daß Ihre Tugend -allgemein anerkannt wird.«</p> - -<p>»Aber ich bin ein anspruchsvoller Genußmensch, -ich interessire mich für Kunst und Wissenschaft, huldige -dem Schönen unter allen Umständen, und bin außerdem -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -dem Morphinismus ergeben, und zwar mit Leib -und Seele, wie Sie ja wissen.«</p> - -<p>»Ich auch,« sagte sie bestimmt, beinahe trotzig.</p> - -<p>»Viele Morphinisten gehen zu Grunde.«</p> - -<p>»Das weiß ich.«</p> - -<p>»Manche werden auch schwachsinnig, oft sogar -wirklich gemüthskrank.«</p> - -<p>»Das weiß ich auch.«</p> - -<p>»Und Sie bleiben dennoch dabei?«</p> - -<p>»Ja, ich kann nicht davon lassen, ich will es auch -nicht.«</p> - -<p>»Nun, Sie sind erwachsen und gebildet genug, um -zu wissen was Sie thun. Weil ich Medicin studirt -habe, halte ich mich nicht für den Vormund anderer -Menschen; ebenso wenig würde ich das thun, wenn -ich zufällig Theologe wäre. Wenn Sie Ihre Lebenszeit -abkürzen wollen, so sehen Sie zu, wie Sie sich -mit Ihrer Lebensphilosophie darüber abfinden.«</p> - -<p>»Ich habe mich mit meiner Moral darüber abgefunden, -wie –, das geht niemanden etwas an.«</p> - -<p>»Gewiß nicht, es giebt ja andere Gelegenheiten -genug, um das Leben des Individuums zu verlängern. -Wir können als Mediciner die Infectionskrankheiten -bekämpfen, wir haben die herrlichen Fortschritte der -Chirurgie, wer leben will, dem können wir mit den -Mitteln der Wissenschaft helfen, seine Tage zu vermehren. -Wer sollte wohl darauf kommen, uns für -das vom nationalöconomischen Standpunkte geringfügige -Unglück verantwortlich zu machen, daß eine -beschränkte Anzahl von Menschen mit klarem Willen -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -und vollem Bewußtsein die Lebenszeit abkürzt, die -ihnen an sich zugemessen ist!«</p> - -<p>»Jeder Apothekerlehrling hält sich für verantwortlich -wegen dieses Unglückes,« sagte sie bitter. -»Wenn man da die äußerste Consequenz ziehen wollte, -müßte man jeden Schenkwirth bestrafen, in dessen -Local sich allnächtlich eine Anzahl Leute mit Branntwein -vergiften.«</p> - -<p>»Ah – das souveräne Volk – dem muß man -die Freiheit schon lassen.«</p> - -<p>»Man wird sie auch einst dem Gebildeten lassen, -der den verfeinerten Genuß sucht, unseren Genuß, -nicht wahr, Frau Bremer?«</p> - -<p>»Vorläufig scheint mir dazu sehr wenig Hoffnung -vorhanden zu sein,« sagte sie traurig.</p> - -<p>»Ich habe heute eine entsetzliche Enttäuschung erlebt, -eine Erniedrigung, einen Schmerz, der mich fast -verzweifelt zu Ihnen getrieben hat, in der Hoffnung -Verständniß und Hülfe bei Ihnen zu finden.«</p> - -<p>Auf seinen fragenden Blick erzählte sie ihm nun -von ihren Beziehungen zu Friedrich Rast und von -der unbestechlichen Tugend Ferdinand Preyers.</p> - -<p>»Und von den Ansichten eines solchen halbgebildeten -Jungen hängt das Wohl und Wehe einer sensitiven -vornehmen Natur ab. Eine Dame, wie Sie, -muß die Vorstadtwohnung eines bestechlichen Commis -aufsuchen, um eine Gesetzesvorschrift zu umgehen, die -in ihrem Widersinn schon viel entsetzlichere Folgen -gehabt hat als diese Demüthigung, unter der Sie -heute gelitten haben.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -»Noch schlimmere Folgen?«</p> - -<p>»Allerdings; bitte, wollen Sie dem Freunde, dem -Arzte, dem Psychologen verzeihen, wenn ich Sie frage: -würden Sie sich nicht schließlich verkaufen, wenn Sie -keine, keine andere Möglichkeit sähen, sich Morphium -zu verschaffen?«</p> - -<p>Sie wurde todtenbleich. »Ich würde sterben, -aber ich würde nicht fallen.«</p> - -<p>»Dann sind Sie eben noch nicht in dem Stadium, -in dem man fällt. Andere sind aber in dieses Stadium -gekommen. Das Morphiumgesetz hat schon manche -Frauenehre gekostet.«</p> - -<p>Lydia erhob sich. Sie fühlte das Nahen einer -furchtbaren Gefahr. Der Mann, mit dem sie allein -war, konnte ihre Wünsche erfüllen, er konnte aber -auch ihre Ehre fordern. Sie hätte sich ihm nicht -versagt, er verstand sie und sie fühlte, daß sie ihn liebte.</p> - -<p>Einen Augenblick lang kämpfte er mit der Versuchung, -das willenlose liebliche Weib an sich zu -reißen und ihre Liebe zu nehmen. Ah – wie sie -wohl zu lieben verstand!</p> - -<p>Er sah sie an und ein müdes Lächeln erschien -auf seinem Gesichte, die leichte Erregung der Sinne -war schon wieder vorüber. »Bitte, meine gnädige -Frau, verstehen Sie mich nicht falsch,« sagte er kühl.</p> - -<p>Dann trat er an seinen Schreibtisch und nahm -eine kleine Schachtel heraus, die er ihr gab.</p> - -<p>»Hier sind zehn Gramm Morphium, Ihre Mischung -wissen Sie sich ja zurechtzumachen. Beruhigen Sie -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -sich jetzt, solche furchtbaren Aufregungen sind Gift -für die überempfindlichen Nerven des Morphinisten.«</p> - -<p>»O, Gott, wie edel Sie sind – ich danke Ihnen.«</p> - -<p>»Nein, danken Sie mir nicht, ich werde Ihnen -ein anderes Mal ein Recept geben, Ihre Lösung -können Sie dann überall bekommen. Jetzt will ich -Ihnen noch einmal das geben, was Sie gestern -bekommen haben, damit Sie sich ganz beruhigen.«</p> - -<p>Mit einem Seufzer der Erleichterung und Wonne -empfand sie die Wohlthat, die er ihr zu theil -werden ließ.</p> - -<p>Sie fand keine Worte, um ihm zu danken. -Schweigend ließ sie sich von ihm die Treppe herunterführen, -schweigend stieg sie in den Wagen, der sie -erwartete, dann ein Händedruck, und ein Blick, der -dem erfahrenen Manne zeigte, was ihr Herz in -diesem Augenblicke empfand.</p> - -<p>Sie kehrte zurück zu Mann und Kindern, zurück -in das Haus, dessen Herrin sie war. Wie gleichgültig -war ihr das alles, wie wenig dachte sie daran, daß -sie nahe daran gewesen war, als eine Unwürdige -über diese Schwelle zu schreiten. Eine Fremde -war sie in diesen kurzen Stunden ihrem Heim -dennoch geworden.</p> - -<p>Sie hatte nun Morphium, was ihr weder ihr -Mann noch sonst jemand von ihren Angehörigen -gönnte. Sie brauchte nicht mehr um den Erwerb -des köstlichen Mittels zu zittern. Die tiefe Befriedigung -und die wohlthätige Ruhe, die sie im Gegensatze -zu dem bisherigen Leben der Aufregung und Angst -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -jetzt empfand, dankte sie ihm, dem selbstlosen Freunde. -Langsam nahm die Erinnerung an ihn, die Dankbarkeit, -die Freundschaft und Hingabe, die sie ihm -widmete, ihr ganzes Denken und Fühlen in Anspruch. -Sie war nun zufrieden, sie war ruhig und still, er -hatte sie glücklich gemacht. –</p> - - -<h3>III.</h3> - -<p>Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft -die Erlaubniß erhalten, eine durchreisende -Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In -freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging -eilig in der herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends -dahin. Selbst die belebtesten Verkehrsstraßen -waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der -großen grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts -von der wundervollen Temperatur zu bemerken, die -draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter -den von Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen -dieses Gebäudes.</p> - -<p>Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten -der sich drängenden Menschenmasse, um sie her brauste -und lärmte das Leben des großen Verkehrs. Ein -Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter. -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -Da gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft, -tausendstimmig wurde er von der Menge zurückgegeben -und brach sich wiederhallend an der Wölbung der -Decke.</p> - -<p>Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und -war unter die Räder des Zuges gekommen. Man -zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr -ab. Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet; -als man aber sah, daß keine Gefahr vorhanden sei, -beruhigte sich die Menschenmenge bald, die Panik -verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche -Gedränge, das auf den furchtbaren Schrei -gefolgt war, hörte sofort wieder auf. – Ein eigentliches -Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte -nur noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug -schon in Bewegung gesetzt hatte. Das alte Unglück, -es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl besonders -darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das -gräßliche Ende eines Einzelnen den fluthenden Strom -des großstädtischen Lebens ins Stocken gebracht.</p> - -<p>»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des -Professor Schrödter vermißt, hier ist das Signalement, -das seine Abreise verhindern soll,« sagte ein Schutzmann, -auf den Bahnhofsvorsteher zutretend.</p> - -<p>Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen -Sie uns den Verunglückten recognosciren, die Sache -wird stimmen.«</p> - -<p>Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg -durch die Menge. Der Tragkorb, in dem der Ueberfahrene -lag, wurde niedergesetzt, es wurde festgestellt, -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -daß man den vermißten Patienten der Nervenheilanstalt -vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die -Weisung, den Sterbenden dorthin zu bringen.</p> - -<p>Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber -die Freude war ihr doch durch das Unglück verleidet, -das sie mit angesehen hatte. –</p> - -<p>An der Thür der Klinik empfing der Professor -selbst den Kranken-Transport. Er war im Begriffe, -in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo er -einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten -hatte. In dem Verunglückten erkannte er sofort -einen Apotheker, der ihm von seinen Angehörigen als -Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft, -den Kranken bald als geheilt entlassen zu können; -nun sah er ihn sterbend vor sich, mit abgefahrenen -Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte -einen Vortrag zugesagt, er mußte fort.</p> - -<p>Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu -Turnau's Station gehörte, dem Assistentsarzte sofort zu -übergeben sei, in zwei Stunden werde er selbst nachsehen; -damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke.</p> - -<p>Der Oberwärter leitete den Transport nach dem, -in diesem Hause selten benutzten Operationszimmer; -die diensthabende Schwester erhielt den Auftrag, den -Stationsarzt zu benachrichtigen.</p> - -<p>Geräuschlos trat Schwester Clarissa in Turnau's -Zimmer. Er lag auf einem niedrigen, weichen Sopha -und erhob kaum den Kopf, um sich nach der Eintretenden -umzusehen.</p> - -<p>Die junge Nonne, der vielleicht noch von ihrem -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -weltlichen Leben her eine solche Formlosigkeit unangenehm -war, berichtete mit den knappsten, nothwendigsten -Worten von dem Unglücksfall und den Dispositionen, -die der Professor darüber getroffen hatte. Ohne eine -Antwort abzuwarten, verließ sie darauf den Arzt.</p> - -<p>Turnau richtete sich langsam und mit Mühe auf, -sein Gesicht bedeckte eine fahle Blässe, die Augen -waren glanzlos, die eiskalten Hände zitterten. -Die schönen, regelmäßigen Gesichtszüge waren entstellt -durch eine tödtliche Schwäche, die jeden Ausdruck -verwischte. Schlaff lagen die Muskeln unter der -welken Haut.</p> - -<p>Nur noch die allerconcentrirtesten Morphium-Lösungen -vermochten seinen abgestumpften Nerven -Anregung zu geben. Er combinirte seine Injectionen -mit Aether und sogar mit Chloroform. Trotzdem -versagte die Wirkung zuweilen schon nach ganz kurzer -Zeit. Es folgte dann eine an Bewußtlosigkeit streifende -Schwäche. Vorübergehend erinnerte dieser Zustand -an Schlaf, bald aber pflegte der Unglückliche zu -erwachen. Seine Pulse jagten, er hörte das Blut im -Kopfe brausen und hämmern, Sehstörungen quälten -ihn, Lichter und Funken sprangen vor ihm auf. Die -Geräusche des Blutes steigerten sich ihm zu geheimnißvollen, -grauenhaften Tönen, er glaubte, Worte daraus -hervorklingen zu hören, Worte und Rufe, die ihn in -Verzweiflung und Todesangst stürzten. Schließlich -steigerte sich dieser Zustand zu einer nervösen Aufregung, -die hart an die Grenze des Wahnsinns streifte -und ihn zwang, mit zitternden Händen, mit umflorten -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -Blicken und stockendem Herzschlag wieder und wieder -zur Morphiumspritze zu greifen.</p> - -<p>So abgestumpft auch schließlich die Nerven waren, -sie mußten angeregt, sie mußten künstlich gereizt -werden, weil der Zustand der Ernüchterung einfach -nicht mehr zu ertragen war.</p> - -<p>Man schläft nicht mehr, wenn man ein gewisses -Stadium des Morphinismus hinter sich hat.</p> - -<p>Tag und Nacht verlangen die zerrütteten Nerven -ihr Linderungsmittel, Tag und Nacht dauert die krankhafte -Erregung. Kommt aber dann einmal die Stunde, -wo die Nerven nicht mehr darauf reagiren, wo kein -Mittel mehr hilft, so kommt auch der Tod.</p> - -<p>Unter entsetzlichen Qualen, die nichts mehr zu -lindern vermag, geht der vergiftete Körper zu Grunde. -Den Geist umnachtet dann in der Regel der Wahnsinn.</p> - -<p>Turnau wußte, daß er diesem Ende nicht mehr -sehr fern war. Mit großer Energie versuchte er bisweilen -einzelne Stunden der Ernüchterung auszuhalten. -Je länger er die schmerzhafte Schwäche ertragen hatte, -um so genußreicher war dann nachher die Wirkung -der von neuem angewendeten Mittel.</p> - -<p>In einer solchen Stunde großer Leiden störte ihn -die Botschaft seines Chefs.</p> - -<p>Der farbige Schleier, der die Lampe verhüllte, -hatte die Schwester seinen Zustand übersehen lassen. -Er hatte von dem, was sie gesagt hatte, nichts verstanden. -Er wußte nur, daß sie ihn rief, daß die -Erfüllung ärztlicher Pflichten von ihm gefordert -wurde.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -Noch nie hatte er seine Stellung als Assistent -so drückend als Fessel empfunden. Seine Mittel -erlaubten ihm, ohne Ausübung eines Berufes zu -leben, wo und wie er wollte. Im Interesse seines -Buches, um der Studien willen, die er hier machte, -hatte er diese Abhängigkeit bis jetzt ertragen. Nun -fühlte er aber, daß es Zeit für ihn sei, sich frei zu -machen. Er war noch auf zwei Monate verpflichtet. -Wenn er jetzt auch beschloß, sich krank zu melden und -Ersatz für seine Thätigkeit zu stellen, so konnte ihm -das doch in diesem Augenblicke nicht helfen. Die -Stationsschwester hatte ihn gerufen – er mußte kommen.</p> - -<p>Mehrere Minuten vergingen, bis er dazu im -Stande war. Seine Mittel lagen bereit, aber ihre -Wirkung war keine unmittelbare. Erst nachdem er -mehrere combinirte Injectionen in ganz kurzen Zwischenräumen -angewendet hatte, war er soweit, daß er -wieder zusammenhängend zu denken vermochte.</p> - -<p>Im Operationszimmer ließ er sich den Vorfall, -der ihm schon berichtet war, noch einmal erzählen, -ehe er an die Bahre trat, auf der der Verunglückte -lag. Es war kein anderer Arzt zu Hülfe gekommen. -Dem hochmüthigen und blasirten Turnau kam ohne -eine Bitte von seiner Seite niemand auf die Station. -Er dachte indessen nicht daran, einem seiner Collegen -deshalb ein gutes Wort zu geben. Ein für alle Mal -hielt er sich von jeder Vertraulichkeit, von jedem zwanglosen -Verkehr fern. Jetzt war er geistig vollkommen -klar, er beherrschte sein Wissen und seine Gedanken, -er brauchte niemanden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -Der Anblick, den der Verwundete darbot, war -grauenhaft. Beide Beine waren an den Oberschenkeln -abgequetscht. Das eine lag bei den blutigen Sachen, -die das Wartepersonal von dem zerfetzten Körper lostrennte. -Das Andere hing noch lose durch Fleisch -und Muskeln verbunden am Körper, der zersplitterte -Knochen lag frei.</p> - -<p>Schwester Clarissa suchte dem enormen Blutverluste -vorläufig Einhalt zu thun.</p> - -<p>Turnau beugte sich über diese ächzenden, wimmernden -Ueberreste eines menschlichen Leibes, er erkannte -sofort, daß der Verwundete bei vollem Bewußtsein war.</p> - -<p>»Chloroform,« stöhnte der Mensch.</p> - -<p>»Gewiß, gleich, aber es könnte Ihnen die Besinnung -zu früh nehmen, ich will Ihnen erst etwas -anderes geben, was den Schmerz auch stillt; Sie haben -doch vielleicht noch irgend etwas zu sagen,« antwortete -Turnau.</p> - -<p>»Nein, jetzt nicht mehr, es ist zu spät, jetzt will -ich kein Morphium mehr. Jetzt lasse ich mich ja -heilen, rasch, rasch, heilt mich doch, ich halte ja still, -ich thu's nicht mehr heimlich,« kam es kaum vernehmlich -über die blaugrauen Lippen.</p> - -<p>Der junge Arzt legte die Flanellmaske auf. »Sind -Sie ein Selbstmörder?« fragte er dabei.</p> - -<p>»Nein, nein, es war nur ein Fluchtversuch – -ein Unglück. Man wollte mich heilen, gegen meinen -Willen – ich will nicht geheilt sein –«</p> - -<p>»Ja, ich verstehe Sie. Man wollte Sie zu einem -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -anderen Berufe zwingen, weil Sie als Apotheker -doch wieder dem Morphium verfallen wären, das -wollten Sie nicht.«</p> - -<p>»Ich will nicht – ich will nicht. – – –«</p> - -<p>Das Bewußtsein schwand, Turnau führte die -nothwendige Amputation aus, Schwester Clarissa -arbeitete ihm wunderbar in die Hand. Augenscheinlich -war der Körper, als die Beine unter ihm -weggerissen wurden, mit furchtbarer Wucht hintenüber -auf die Steinplatten des Bahnhofes geschleudert, denn -es wurde auch ein complicirter Schädelbruch festgestellt.</p> - -<p>Nachdem die Verbände angelegt waren, fragte -die Schwester, ob Turnau den Stumpf des anderen -Beines, der im Nothverband lag, nicht auch abnehmen -wolle.</p> - -<p>»Keinenfalls, ohne ausdrückliche Anweisung des -Professors,« antwortete der junge Mann, sich eifrig -die Hände waschend.</p> - -<p>»Chloroform,« stöhnte der Kranke, der schon -wieder zu sich kam, da er als Morphinist sehr unempfänglich -für die Einwirkung narkotischer Mittel -war.</p> - -<p>Turnau trat an den Tisch heran. »Ich darf -Ihnen jetzt höchstens Morphium geben,« erklärte er. -»Die Operation ist vorüber, eine andauernde Narkose -könnte höchstens den Erfolg haben, Ihr Leben abzukürzen, -vielleicht sehr rasch zu enden.«</p> - -<p>»Was liegt daran« – murmelte der Unglückliche. -Turnau wendete sich an die dienende Schwester. »Geben -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -Sie ihm immerhin Chloroform,« sagte er leise, »der -arme Kerl hat das Leben satt, ein Genuß mag es auch -in seiner Lage nicht sein.«</p> - -<p>»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie -bestimmt sagen, daß der Kranke verloren ist?«</p> - -<p>»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte -der junge Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen -erforderte, von der Chirurgie gelernt hatte. -»Ich will dem Menschen auch durchaus kein Todesurtheil -sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich -verantworten.«</p> - -<p>»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete -die Nonne mit ruhiger Würde.</p> - -<p>Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht. -Was für ein Räthsel war diese mitleidlose Härte den -furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei einer Schwester, -deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war.</p> - -<p>Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend.</p> - -<p>»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau.</p> - -<p>»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern, -was Gottes Wille ist. Wäre es nicht der Wille der -Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen zum -Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.«</p> - -<p>»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen -bei solchen Unglücksfällen auf der Stelle todt sind« -bemerkte Turnau.</p> - -<p>»Es steht auch geschrieben »der Tod ist der Sünde -Sold.«</p> - -<p>Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die -Nerven des kranken Mannes; er sah, daß mit der frommen -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -Schwester nichts anzufangen war; so ließ er sie bei ihrer -Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen griff er -selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal -an das Operationsbett heran.</p> - -<p>Er goß auf, nahm den Puls des Kranken in die -Hand und sah unwillkürlich um sich.</p> - -<p>Das ganze blutige Bild des Zimmers, der Geruch -der Maske, des Jodoforms und des Karbols -erregte ihm schon nach wenigen Augenblicken einen derartigen -Ekel, daß er sich vollständig außer Stand fühlte, -das einmal übernommene Liebeswerk zu Ende zu führen.</p> - -<p>Wie sollte er auch eigentlich dazu kommen, sich -kurz vor seinem Abgange noch möglicher Weise mit -dem Professor zu überwerfen um dieses fremden, gleichgültigen -Menschen willen!</p> - -<p>Freilich, auch dieser Kranke war Morphinist – -gegen seinen Willen wollte man ihn heilen – das -Resultat des Versuches war diese Flucht, vielleicht -war es dennoch eine Flucht aus dem Leben gewesen.</p> - -<p>Wie hatte doch die Schwester gesagt? »Der Tod -ist der Sünde Sold.« Vor langer Zeit hatte Wilhelm -Turnau diesen Spruch auch in der Schule gelernt. -Sollte er jetzt die Bedeutung der alten Lehre erkennen?</p> - -<p>Aber immerhin war dieser Kranke kein Opfer der Verkaufsbeschränkungen, -sondern nur ein Opfer verwandtschaftlicher -Vorurtheile. Soweit hatten ihn seine lieben -Angehörigen gebracht, nun versagte auch noch die erbarmende -Liebe der Nonne seinen Todesqualen gegenüber.</p> - -<p>Sollte die Einsicht des mit seinen Ansichten so -allein stehenden Sonderlings hier allein stand halten?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -Wieder schwand das Bewußtsein des Operirten. -Der Puls setzte aus.</p> - -<p>Wenn ich noch einmal aufgieße, ist er todt, sagte -sich der Arzt.</p> - -<p>Zögernd griff seine Hand nach der schwarzen Flasche.</p> - -<p>»Was liegt daran,« murmelte der Kranke in seiner -Betäubung noch einmal.</p> - -<p>»Was liegt mir daran,« setzte Turnau in seinem -Innern hinzu. Dann riß er dem Kranken die Maske -herunter. »Schwester Clarissa!«</p> - -<p>»Herr Doktor wünschen?«</p> - -<p>»Sorgen Sie für die Umbettung und wenn der -Professor kommt, so fragen Sie, ob Sie Morphium -geben dürfen. Ich gehe in mein Zimmer, im Nothfalle -rufen Sie mich.«</p> - -<p>»Ja, Herr Doctor.«</p> - -<p>Er ging, und sie that ihre Pflicht so still und -gelassen an dem Kranken, wie an alle ihren anderen -Pflegebefohlenen. Ihr war die einzelne Persönlichkeit -wirklich gleichgültig, sie sah in jedem Armen und -Elenden nur den ihr von Gott gesendeten Bruder, -in dessen Person sie dem Herrn diente. Turnau dagegen -war krankhaft erregt und nervös angegriffen -durch den Anblick der entsetzlichen Wunden, durch den -Geruch des Blutes und die ganze ungewohnte chirurgische -Thätigkeit, die an ihn herangetreten war.</p> - -<p>Abgespannt und erschöpft, dabei in hohem Grade -überreizt, kam er in seinem Zimmer wieder an. Er -begab sich zur Ruhe; aber die Nacht, die er darauf -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -zubrachte, war so, daß er sich selbst sagte, mehrere solche -Nächte würden ihn dem Tode schnell entgegenführen. -Die Ueberzeugung, daß Arbeit, Aufregung und gewaltsame -Selbstüberwindung ihn ruiniren mußten, -erregte ihn so, daß er der Verzweiflung nahe war. -Wenn seine körperlichen Leiden jetzt rascher, als er -geglaubt hatte, seine Auflösung herbeiführten, so hatte -er das der Rücksichtslosigkeit seines Vorgesetzten zu danken.</p> - -<p>Der ganze Egoismus seines Characters empörte -sich bei dieser Erkenntniß. Er gerieth in eine fieberhafte -Erregung. Wie oft hatte er mit dem Gedanken -an das Ende gespielt, wie oft hatte er geglaubt, Sehnsucht -nach dem Tode zu empfinden. Nun hatte er dem Tode -ins Auge gesehen, er fühlte die Nähe der Ewigkeit, und -es erfaßte ihn eine namenlose grauenhafte Angst.</p> - -<p>»Der Tod ist der Sünde Sold.«</p> - -<p>Immer wieder mußte er an die Nonne denken, -die so ruhig und fest auf dieses kalte Wort hingewiesen -hatte. Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie -der Spruch, den sie ihm zugerufen hatte, weiter hieß. -Nach langem Grübeln fiel es ihm ein. –</p> - -<p>Er, der elegante vornehme Mann, dem die Frauen -stets entgegengekommen waren, hätte sich ohne Zweifel -in denselben Todesqualen zu den Füßen der Schwester -Clarissa winden können, wie jener Elende, der sich -jetzt in ihrer Pflege befand – sie würde nichts bei -seinen Leiden empfinden, sie würde nichts thun, um -ihm das abzunehmen, was ihm nach ihrer Ansicht -bestimmt war zu leiden. Er würde ihr gleichgültig -sein, gleichgültig wie jeder Andere.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -Als er ihr zuflüsterte, daß das Fortleben für den -Verstümmelten wohl kaum wünschenswerth sei, hatte -sie ihn angesehen, und diesen Blick konnte er nicht -mehr vergessen.</p> - -<p>Die ganze Verachtung des irdischen Leides und -des menschlichen Willens, gegenüber einem höhern -Willen hatte in diesem Blicke gelegen. Und dabei -war sie schön – statuenhaft schön – schade um -solch ein Weib!</p> - -<p>Ob wohl das blühende freundliche Mädchen, das -er gestern bei Bremers bewundert hatte, im Stande -wäre Mitleid, wahres menschliches Mitleid zu fühlen? -Vielleicht wurde es für seine übersättigten Sinne einen -ganz neuen eigenen Reiz haben, die Liebe dieses -frischen Mädchens zu gewinnen. Er war ja jetzt ein -stets willkommener Gast bei Bremers, da konnte er -sich dem interessanten Studium dieser reinen jungfräulichen -Seele ab und zu widmen.</p> - -<p>Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas, die Spannung -der Nerven löste sich, die körperliche Erschöpfung bewältigte -die furchtbare Aufregung. Als der Morgen -dämmerte, trat ein leichtes wohlthuendes Ausruhen -an die Stelle der nervösen Ueberreiztheit.</p> - -<p>Er dachte jetzt auch über den verhängnißvollen Schritt -nach, den er gethan hatte, als er der Frau des von -ihm hochgeachteten Geheimrathes heimlich Morphium -gab. Würde diese Frau sich nicht wieder und wieder -mit der Bitte um Morphium an ihn wenden? Es -konnten ihm Unannehmlichkeiten daraus entstehen, er -bereute diese Verpflichtung übernommen zu haben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -Wie tief stand doch dieses genußsüchtige Weib -unter der sanften selbstlosen Nonne, unter der fröhlichen -treuen Gefährtin ihrer eigenen Kinder! Und diese -Frau war seine Gesinnungsgenossin, seine Freundin. -Er wußte, daß er nur die Hand nach ihrem Besitze -auszustrecken brauchte; deshalb erschien sie ihm verächtlich -und erbärmlich. Sie war schön, aber niemals -würde er sie deshalb lieben, es war seine feste Ueberzeugung, -daß er überhaupt niemanden lieben könne.</p> - -<p>Der Gedanke aber, die Hingabe eines Weibes zu -besitzen, erregte ihm einen Ueberdruß, der an Ekel -streifte. Lydia Bremer begehrte nichts als Genuß – -Genuß in der Liebe, Genuß im Morphium; Pflichten -kannte sie nicht. Sie hatte Mann und Kinder, aber -als sie von ihm Morphium empfing, als ihre Blicke -ihn zum Danke dafür Liebe ahnen ließen, konnte sie -das vergessen.</p> - -<p>Er aber, der im Interesse der leidenden Menschheit -für eine gute Sache kämpfte, er hatte sich dazu -hergegeben, diesem begehrlichen glühenden Weibe Genuß -zu gewähren!</p> - -<p>Immerhin hatte er nur mit dieser Handlungsweise -die Consequenzen seiner Gesinnung gezogen. Wenn -ihm nur weiter keine Verpflichtung daraus erwuchs, -wenn sie nur nicht etwa eine persönliche Verbindung -zwischen sich und ihm darin sah! Ihn graute davor. – -Und dann, dann mußte er lächeln. Wie sonderbar, daß -er in einer schlaflosen Nacht über das Wesen von drei -ihm gleichgültigen Frauen grübelte!</p> - -<p>Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nach -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -ihrer Pflichttreue, nach ihrer Moral? Was gingen -ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin -Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen -Kinderfräuleins an!</p> - -<p>Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genuß an -sie zu denken, sie zu sehen – –</p> - -<p>Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte -anfangs an eine nervöse Sinnestäuschung, bald aber -überzeugte er sich, daß das Klopfen, welches er hörte, -Wirklichkeit war – Professor Schrödter hatte die -Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assistenten morgens um -fünf Uhr wecken zu lassen!</p> - -<p>Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in -den drei Jahren seiner klinischen Thätigkeit nur sehr -selten vorgekommen. Er war außer sich darüber und -beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden -Preis von dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu -werden.</p> - -<p>Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon -der Professor unangemeldet bei ihm eintrat. Er -hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm -das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten -innerlich durchaus zuwider war. Aus sehr einfachen -Verhältnissen hatte er sich durch eigene Kraft zu -wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne -sich zugleich äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger -Formen zu fügen.</p> - -<p>»Störe ich Sie noch? – Es ist fast halb sechs, -sehr viele Menschen haben bereits ausgeschlafen,« begann -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -er mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte genau, -daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn -Uhr früh aufstand.</p> - -<p>Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in -tadelloser Haltung gegenüber. »Selbstverständlich stehe -ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.«</p> - -<p>»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt -haben, ist gestorben. Wenn Sie in der Nacht einmal -nachgesehen hätten, brauchte ich nicht hierherzukommen, -um Ihnen das zu sagen.«</p> - -<p>Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf.</p> - -<p>»Habe ich bei der Amputation einen Fehler -gemacht?«</p> - -<p>»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von -zwei abgequetschten Stümpfen haben Sie den Einen -amputirt und den Anderen ruhig liegen lassen. Als -ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät. -Nicht einmal alle Knochensplitter des Schädelbruches -waren ordnungsmäßig entfernt.«</p> - -<p>»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte, -wäre eine sehr lange Narkose nöthig gewesen. Das -war aber nicht opportun wegen einer Herzschwäche -des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.«</p> - -<p>»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?« -schrie der Professor grob. »Sie hätten sich aber -Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so viel -wie möglich geschehen konnte.«</p> - -<p>»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache -gewesen, Herr Professor. Sie haben den Verunglückten -vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftrage -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -in dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch -einer der Herren Collegen zur Seite gestellt werden.«</p> - -<p>»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station -vor. Sie hätten sich selbst die nöthige Hülfe verschaffen -müssen. Wir sind doch keine Soldaten, bei denen -jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe er -handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen -Herren benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall -von vornherein für hoffnungslos?«</p> - -<p>»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht -wagte, nach eigenem Ermessen irgend eine Aenderung -der von Ihnen getroffenen Dispositionen vorzunehmen.« -Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit -vollster Selbstbeherrschung, während der Professor -bei jedem Worte mehr seine Ruhe verlor.</p> - -<p>»So – Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß -ich allein Schuld bin?« fragte er wüthend.</p> - -<p>»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld -sein? Es war eben ein Unglücksfall mit tödtlichem -Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich gewesen, -wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.«</p> - -<p>»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor, -für einen Arzt ist das ja eine sehr eigenthümliche -Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen -Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist, -alle Hülfsmittel der Wissenschaft anzuwenden, um -das bedrohte Menschenleben zu verlängern und zu -erhalten?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische, -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -wenn Sie wollen eine religiöse, aber keine medicinische -Frage.« – – –</p> - -<p>»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen, -mein Herr College, nicht wahr?« höhnte -der aufs äußerste gereizte Mann. »In unserm Falle -liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der -Medicin, die Frage ist rein sachlich, und die Antwort -darauf ist es ebenfalls. Diese Antwort aber lautet -dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus -nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um -ein entfliehendes Menschenleben zurückzuhalten. Sie -sagen, daß ich als Chef hätte genauere Anordnungen -treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn -ich gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich -einbildet, man könnte kein guter Psychiatriker sein, -ohne zugleich als Chirurg die verhängnißvollsten -Fehlgriffe zu begehen.«</p> - -<p>Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende. -Eine grobe Antwort auf den groben Angriff vermochte -er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven -Natur zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich, -lehnte sich an einen Schrank, neben dem er stand -und schwieg.</p> - -<p>Der Professor, der trotz seines polternden Tones -nicht die Absicht gehabt hatte, den jungen Mann zu -beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner Worte -sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und -er hatte im Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen -wollen.</p> - -<p>»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthig -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -ein. »Es liegt mir ja fern, Ihnen die Schuld -an dem Tode eines Menschen aufbürden zu wollen. -Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht -einerlei ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt. -Es ist doch immerhin ein Privatunternehmen und -keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt gegenüber -alles, was hier unter meiner Leitung geschieht. -– Wir wollen nachher die Obduction vornehmen, -dann können wir den Fall noch eingehender und -ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.«</p> - -<p>Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor -seinem Vorgesetzten.</p> - -<p>»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert, -ich muß doch schelten, wenn nicht in meinem -Sinne operirt wird. Das passirt den jüngeren Herrn -überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,« -begann der Professor noch einmal.</p> - -<p>Das Schweigen des hochmüthigen jungen Menschen -war ihm furchtbar peinlich. Er hatte das Gefühl, -sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas vergeben -zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte -ihm das öfter, deshalb war ihm auch der in tadellos -vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr unangenehm.</p> - -<p>»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel -verdient habe, so muß ich ihn hinnehmen.« Turnau -sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er sich -durchaus nicht beleidigt fühle.</p> - -<p>Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest -seiner Sicherheit. »Bei der Obduction können Sie -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -den Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen, wie -um auf etwas anderes zu kommen.</p> - -<p>»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren -zu wollen. Ich hatte schon seit einiger Zeit -die Absicht, mich krank zu melden und bitte um die -Erlaubniß, für den Rest des Quartals einen Collegen -zu meiner Vertretung engagiren zu dürfen.«</p> - -<p>Er war also doch empfindlich! »Na meinetwegen -bleiben Sie von der Section weg. Wegen der Vertretung -suchen Sie mich wohl in meiner Wohnung auf.«</p> - -<p>»Wie Sie wünschen, Herr Professor.«</p> - -<p>»Auf Wiedersehen denn.«</p> - -<p>»Auf Wiedersehen, Herr Professor.«</p> - -<p>Noch eine durchaus salonmäßige Verbeugung, die -der Professor ziemlich ungeschickt erwiederte. Er war -es gewöhnt, seine Assistenten durch einen Händedruck -oder ein oberflächliches Kopfnicken zu grüßen. Bei -Turnau ging das natürlich nicht. Fataler Mensch, -hätte Offizier oder Diplomat werden sollen, blos -nicht Arzt, dachte der Professor, als die schwere -weiche Portiere von Turnaus Zimmer sich hinter ihm -schloß. Na, vielleicht wird er mal Modearzt bei -nervösen Damen – Specialität Migräne; – er war -im Grunde seines Herzens froh, daß er ihn los wurde.</p> - -<p>Turnau aber fühlte sich nach diesem erneuerten -Angriff auf seine künstlich überreizten Nerven ernstlich -und körperlich krank.</p> - -<p>In tiefster Erschöpfung streckte er sich auf seinem -weichen Schlafsopha aus, um körperlich wenigstens -auszuruhen. Die nöthigen Schritte zu seiner Ablösung -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -von dem Posten, den er nicht mehr auszufüllen -vermochte, beschloß er zu einer späteren Tagesstunde -zu thun.</p> - -<p>Er lag zeitweise in einer Art von Halbschlaf oder -Betäubung; er wußte nicht wie lange er gelegen hatte, -aber die Sonne schien ziemlich heiß durch die schweren -herabgelassenen Vorhänge, als ein ungewöhnliches -Geräusch ihn aufschreckte.</p> - -<p>Die Thür zu seinem Zimmer wurde hastig aufgerissen -und mit maßlosem Staunen sah er Lydia -Bremer unangemeldet eintreten. –</p> - -<p>Turnau verlangte von einer Dame in allererster -Linie elegante sorgfältige Toilette, nachlässig gekleidete -Frauen waren ihm gradezu abstoßend. Bisher war -ihm der Verkehr mit Frau Bremer angenehm -gewesen, weil sie in ihrer Erscheinung und in ihrem -Benehmen eine elegante vornehme Frau war; mit -Entsetzen bemerkte er jetzt bei ihrem ungestümen -Eintritt, wie unvortheilhaft und verändert sie aussah. -Das sonst sorgfältig frisirte Haar war nicht gebrannt, -man sah einzelne dünne Stellen, die die Haut kaum -bedeckten. Die Gesichtszüge waren durch eine maßlose -Aufregung verzerrt, von Thränenspuren entstellt, die -nothwendigsten Kunstgriffe der Toilette waren versäumt. -Ein loser Abendmantel bedeckte einen Schlafrock, dessen -zerdrückte Spitzen die deutlichen Spuren des Liegens -in Sophakissen oder gar auf dem Bette aufwiesen.</p> - -<p>Peinlich unangenehm berührt, erhob sich der Arzt. -Seine kühle Begrüßung durch eine ganz kurze Verbeugung -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -schien die erregte, vielleicht verzweifelte Frau -nicht zu sehen.</p> - -<p>»Alles ist verrathen, ich bin verloren, mein Mann -hat Verdacht geschöpft, Professor Schrödter war eben -bei uns. Mein Morphium, mein ganzer Vorrath« – –</p> - -<p>Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme -brach ihr.</p> - -<p>»Man hat Ihre Morphiumvorräthe gefunden und -confiscirt?« fragte er.</p> - -<p>»Ja, ja – es ist entsetzlich, ich kann nicht leben -ohne Morphium. Erbarmen Sie sich, helfen Sie -mir, ich habe ja nur Sie, alle Anderen verfolgen -mich, hassen und quälen mich, man treibt mich in -den Tod. O Gott, stehen Sie doch nicht so mitleidslos -da – erbarmen Sie sich.«</p> - -<p>»Das würde wenig helfen. Wenn ich Ihnen -heute wieder Morphium gebe, wird es morgen -wieder gefunden.«</p> - -<p>»Nein, geben Sie mir eine tödliche Dosis, ich -verspreche Ihnen, man wird den Rest Ihrer Gabe -nur bei meiner Leiche finden.«</p> - -<p>»Ich bedaure, gnädige Frau, einen derartigen -Wunsch, in einem Augenblicke der höchsten nervösen -Aufregung ausgesprochen, erfülle ich nicht.«</p> - -<p>»Ich werfe mich vor die Eisenbahn.«</p> - -<p>»Wenn Sie mir das vorher sagen, ist es meine -Pflicht die Ausführung dieser Absicht zu verhindern.«</p> - -<p>»So – sind Sie etwa mein Vormund?«</p> - -<p>»Nein – ich bin Irrenarzt.«</p> - -<p>Ein kurzer Schrei, dann ein krampfartiges -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -zorniges Weinen, folgte auf diese Ablehnung. Ruhig -stand Turnau ihr gegenüber. Er war empört und -angeekelt von dieser Scene.</p> - -<p>Wenn sie wirklich sterben wollte, so hatte sie -keinen Grund, erst hierherzukommen und ihm ein -Vertrauen aufzudrängen, nach dem er durchaus nicht -verlangte. Er war aber überzeugt, daß sie gar nicht -ernstlich daran dachte zu sterben. Wenn sie so ungeschickt -war, ihr Geheimniß entdecken zu lassen, so -fühlte er sich in keiner Weise berufen, ihr beizustehen. -Ungeduldig wartete er darauf, daß sie sich so weit -beruhigte, um auf gute Manier dahin gebracht zu -werden, ihn zu verlassen.</p> - -<p>Sie faßte sich mühsam. »Wissen Sie, was mein -Mann und der Professor beschlossen haben?«</p> - -<p>»Ich kann es mir denken. Sie sollen in eine -Anstalt, um eine Entziehungscur durchzumachen.«</p> - -<p>»Ja« – sie lächelte. »Ich werde auch ganz -fügsam sein und gehen.«</p> - -<p>»Das freut mich.«</p> - -<p>»Sie verstehen, was ich meine?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Schicken Sie mir postlagernd jede Woche, was -ich brauche. Sie wissen es ja.«</p> - -<p>»Das geht nicht, in solchen Anstalten ist die -Controlle zu streng, man würde jeden Stich an -Ihrem Körper entdecken. Ich würde damit riskiren, -daß mir die ärztliche Concession entzogen wird.«</p> - -<p>»So rathen Sie mir, helfen Sie mir!«</p> - -<p>»Ich kann Ihnen nicht helfen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -»Geben Sie mir Morphium, ich will abreisen, -ich werde mich irgendwo verstecken, wo mich kein -Mensch findet.«</p> - -<p>»Sind Sie denn mit Allem, was zu einer solchen -Flucht gehören würde, versehen?«</p> - -<p>»Im Augenblicke nicht, aber bis zum Abende -kann ich mir Geld und alles, was ich sonst noch -brauche, erschaffen.«</p> - -<p>»Bis zum Abend wird Ihr Herr Gemahl im -Verein mit den Aerzten die nöthigen Schritte gethan -haben, um eine derartige Flucht zu verhindern.«</p> - -<p>»So bin ich verloren.«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht.«</p> - -<p>Er zuckte gleichgültig die Achseln und trat ans -Fenster.</p> - -<p>Zitternd erhob sie sich und ging ihm nach. Sie -griff mit beiden Händen in die Fenstervorhänge, um -sich zu halten. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. -Er sah, daß ihre Haut stellenweise welk war. Ihre -Augen waren glasig und starr, plötzlich bildete er sich -ein, ihre Vorderzähne wären falsch. Das war eine -abscheuliche Ernüchterung, wenn er sie etwa bewundert -hätte, aber das hatte er ja doch eigentlich niemals -gethan.</p> - -<p>»Es gäbe eine Auskunft, eine einzige Rettung,« -flüsterte sie, nahe, ganz nahe an seinem Ohr.</p> - -<p>Er antwortete nicht.</p> - -<p>»Fliehen Sie mit mir, Wilhelm.«</p> - -<p>»Als was – als Ihr Arzt?«</p> - -<p>Da glitt sie an ihm nieder und umfaßte seine -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Kniee. »Nehmen Sie meine Liebe, aber geben Sie -mir Morphium.«</p> - -<p>Sie bot sich ihm an – sie war dahin gekommen, -sich zu verkaufen.</p> - -<p>Er machte sich los. »Das würde ehrlos von -mir sein. Ich kaufe keine Liebe, gnädige Frau.«</p> - -<p>»Sie brauchen auch meine Liebe nicht zu kaufen, -seit Sie mir Erbarmen gezeigt haben, liebe ich Sie.«</p> - -<p>»Ich will Ihnen noch einmal Morphium geben, -Frau Bremer, aber dann bitte, bitte, verlassen Sie -mich, werden Sie ruhiger, überlegen Sie, was Sie -thun wollen. Wenn man Sie hier fände, wären -Sie und ich compromittirt.«</p> - -<p>Das war seine Antwort auf das Geständniß -ihrer Liebe. Die Scham überwältigte sie; sie fühlte, -daß sie etwas darbot, was er gar nicht zu besitzen -wünschte. Sie hätte fliehen mögen und sich vor seinen, -vor aller Menschen Blicken verbergen, aber sie rührte -sich nicht. Wie gebannt blieb sie stehen und wartete – -wartete auf das Almosen, das er ihr geben wollte, -um sich von ihr zu befreien. – Sie fühlte die -furchtbare Erniedrigung ihrer Lage – aber für -Morphium hatte sie sich vor Friedrich Rast erniedrigt, -sie konnte nicht anders, sie mußte warten. –</p> - -<p>Turnau ging in sein Schlafzimmer, das keine -verschließbare Thür vom Salon trennt. Die Thür -vom Schlafzimmer nach dem Corridor war verschlossen.</p> - -<p>Mit einem scheuen Blick sah er sich um. Diese -Frau, die ihm ihre Liebe aufdrängen wollte, folgte ihm -also wenigstens nicht! Er sehnte sich nicht mehr -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -nach Liebe. Wie war es nur möglich, daß sie das -nicht begriff? Jede körperliche Lebensthätigkeit war -ja längst bei ihm erloschen; er hatte geglaubt, das -Weib müßte es fühlen, daß ihr in ihm überhaupt -kein Mann gegenüberstand – ein Gespenst, ein dem -Grabe entgegeneilender Schatten. – –</p> - -<p>Und an diesen Schatten wollte sie sich anklammern, -sich in ihrer Verzweiflung an ihm halten. Wie -gleichgültig sie ihm war! Er hätte über sie gelacht, -wenn er sich nicht so todtkrank gefühlt hätte.</p> - -<p>Vorhin, ihr gegenüber, war es ihm möglich gewesen, -sich bis zu sittlicher Entrüstung aufzuschwingen, -er hatte ihr gesagt, daß es für ihn eine Gemeinheit -sein würde, ihre Liebe zu kaufen.</p> - -<p>Vor sich selbst kam er nicht so weit – nicht bis -zum sittlichen Widerstreben, nur bis zum Ekel, zum -allgemeinen Lebensüberdruß, zu einer unsagbaren -Stumpfheit.</p> - -<p>In der tötlichen Erschöpfung seines Körpers und -Geistes suchte er jede Erregung zu vermeiden, jeder -Störung auszuweichen. Die Störungen aber verfolgten -ihn gradezu.</p> - -<p>Wenn ihn nur jemand von dieser Frau befreit -hätte, deren Ansprüche er sich durch sein Entgegenkommen -selbst aufgeladen hatte! Sie wartete da auf -ihn, aber er war nicht im Stande zu ihr zurückzukehren. -Ruhe verlangten seine Nerven, nichts als -Ruhe sein kranker Körper.</p> - -<p>Er trat an ein kleines Wandschränkchen und nahm -daraus einen Kasten, in dem sich verschiedene kleine -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -Flaschen befanden. Diese Flaschen enthielten alles, -was ihm in der letzten Zeit noch Genußfähigkeit, -noch eine scheinbare äußere Kraft zu geben vermochte. -Öfter und immer öfter aber war jetzt die Wirkung, -auch der stärksten Mittel, ausgeblieben. Die zerrütteten -Nerven waren tot – es war nicht mehr möglich -sie anzuregen. Er konnte nicht mehr genießen.</p> - -<p>Er schob den Kasten von sich. Im Nebenzimmer, -von welchem er nur durch eine Portière getrennt war, -hörte er ein Geräusch. – Richtig – man wartet da -auf ihn. Zitternd und verlangend verzehrte sich ein -Weib nach seiner Liebe. –</p> - -<p>Er konnte nicht mehr lieben. Er konnte ja seit -Wochen nicht mehr genießen, – nicht mehr schlafen.</p> - -<p>So müde, so todtmüde und doch keine Ruhe. –</p> - -<p>Nicht mehr genießen und nicht mehr leben!</p> - -<p>Hatte er das nicht immer gedacht, ausgesprochen -sogar vor ihr – und nun?</p> - -<p>Ja, nun war das Ende da, – nicht mehr -genießen! Es war unmöglich; weder die Morphiumspritze, -noch die Liebe, noch sonst irgend etwas im -Leben bot ihm noch irgend einen Genuß.</p> - -<p>Die kleine Freundin war da, so scharf, so spitz, -so vertraut. Vielleicht konnte sie ihm doch noch -eine – noch eine letzte Freude gewähren!</p> - -<p>Da war ein kleines Glas – das hatte er sich -reservirt für das Ende; das Ende – ja das war -doch nun da.</p> - -<p>Er entkorkt das Fläschchen. Ein scharfer Alkoholdunst -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -schlug ihm entgegen. Man kann Morphium -höchstens bis zu zwölf Procent in Wasser auflösen, -stärkere Lösungen erfordern Alkohol. Es ist ein -Schmerz, als ob man ein Glied in glühende Kohlen -legte, wenn man sich Alkohol unter die Haut spritzt. -Aber jetzt – du lieber Gott, war es denn nicht das -Ende?</p> - -<p>Er biß die Zähne zusammen. Der Arm wurde -dunkelroth, es war wie ein Brand. Aber es wirkte. -Das Gefühl, als ob die Knochen des Kopfes auseinanderfallen -wollten, ließ nach. Er vermochte beinah -wieder zu denken.</p> - -<p>Noch einmal also! Er zog die Spritze zurück, -sie rollte zur Erde.</p> - -<p>Ja richtig, um sie wieder zu erlangen, muß man -sich bücken.</p> - -<p>Mit blöden Blicken stierte er darauf hin – wozu, -wozu – wenn es doch nun einmal das Ende sein -mußte?</p> - -<p>Wenn sich das Weib nebenan doch nur ruhig -gehalten hätte! Herrgott, die Sache konnte doch nun -nicht mehr lange dauern!</p> - -<p>Ohne hinzusehen, griff er in ein kleines Fach -seines Schrankes. Er hielt nun einen Revolver in -der Hand. Müde setzte er sich auf den Rand seines -Bettes. Mit irrem Lächeln sah er die Waffe an. -»Der Tod ist der Sünde Sold« – es ging aber -noch weiter, der Spruch war damit nicht aus. Wie -doch?, wie doch?</p> - -<p>Richtig im Notizbuche, da mußte es stehn. – -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Aber das Notizbuch? Aufstehen und es holen, oder -sich bücken und die Spritze aufheben? Wozu? Wozu?</p> - -<p>Ein wahnsinniges Geräusch erfüllte plötzlich sein -Hirn, wie mit eisernen Schrauben fühlte er seine -Schläfen gepreßt. Die Alkohollösung war eine tötliche. -Aber für ihn doch wohl nicht. – – Das Ende, das -Ende! –</p> - -<p>Er fühlte nichts mehr, er dachte nichts mehr, -seine Blicke verdunkelten sich. Langsam hob er den -kurzen blanken Lauf des Revolvers in die Höhe, -setzte ihn fest an seine Schläfe und drückte ab. -Dumpf krachte der Schuß in dem kleinen von Teppichen -und schweren Stoffen verhängten Raum. –</p> - -<p>Eine Secunde nur stand Lydia Bremer wie erstarrt, -dann stürzte sie vorwärts.</p> - -<p>Ein Blick zeigte ihr, was geschehen war. Vielleicht -lebte der Mann noch, der ihr den Schimpf -angethan hatte, ihre Liebe zu verschmähen – es war -ihr gleichgültig; keine Minute ihrer Zeit widmete sie -ihm. Sie sah das Kästchen mit seinem Inhalte von -kleinen Flaschen. Geräuschlos glitt sie darauf zu und mit -einem einzigen gierigen Griff ließ sie die sämmtlichen -Gläser in ihrer Tasche verschwinden.</p> - -<p>Hastig durchwühlte sie noch den Auszug eines -Tisches, aber sie fand nichts mehr. Kaum eine Minute -blieb ihr Zeit; man hatte den Schuß im Hause -gehört; das Zimmer füllte sich mit Menschen.</p> - -<p>Professor Schrödter stellte den Tod seines Assistenten -fest. Er nahm an, daß Turnau in einem -Augenblicke geistiger Umnachtung gehandelt habe.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -Kopfschüttelnd blätterte er in dem Notizbuche, das -der Todte bei sich trug, während er geglaubt hatte, -es läge im Nebenzimmer. Der Professor hoffte eine -Aufklärung über die Beweggründe zu der traurigen -That darin zu finden.</p> - -<p>Endlich fand er eine Notiz, die das Datum der -vergangenen Nacht trug. »Der Tod ist der Sünde -Sold, aber die Gnade Gottes ist das ewige Leben in -Christo Jesu unserem Herrn.« Daneben stand, daß -er wünsche diesen Spruch auf seinen Grabstein setzen -zu lassen.</p> - -<p>Der Professor reichte Lydia das kleine Buch. -Sie las den Spruch und schlug wie verzweifelt die -Hände vor ihr Gesicht.</p> - -<p>»Sie waren dabei, Frau Geheimräthin, sollten -Sie den Zusammenhang nicht ahnen, wissen Sie nichts -– gar nichts?«</p> - -<p>Er sah sie durchdringend an. Sie fühlte, daß -Alles für sie auf dem Spiele stand – – ihre Ehre -– – von allen Seiten ruhten neugierige Blicke -auf ihr.</p> - -<p>»Morphium« stammelte sie, verzweifelt, außer -sich. –</p> - -<p>»Ah – also weiter brauchen wir nach Ihrer -Morphiumquelle nun nicht mehr zu suchen, Turnau -war der Schuldige, er gab Ihnen das Gift, er selbst -ging zu Grunde daran, o ich verstehe, ich verstehe.«</p> - -<p>Ueber das breite Gesicht einer Wärterin glitt ein -höhnisches Lächeln. Lydia sah es, das Blut stieg ihr -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -ins Gesicht, sie empfand eine leidenschaftliche Wuth, -die ihrem Wesen bis dahin fremd gewesen war.</p> - -<p>»Herr Professor, was müssen Ihre Leute von mir -denken, wenn Sie mich so fragen!«</p> - -<p>Sie bemühte sich, so kalt und so ruhig zu erscheinen -wie sonst – es war ihr nicht möglich. Der Professor -empfand, daß er sich in irgend einer Weise nicht -ganz correct benommen hatte. Sein Ton klang weniger -rücksichtslos schroff, als er sie fragte, wie sie dazu -gekommen sei, Turnau aufzusuchen, anstatt den jungen -Arzt zu sich zu bitten.</p> - -<p>»Sie haben mir selbst heute den letzten Tropfen -Morphium weggenommen, den ich besaß,« erklärte sie -rasch »nur durch ein heimliches Zusammentreffen mit -Turnau konnte ich hoffen, das Verlorene wieder zu -erlangen.«</p> - -<p>»Es wäre aber doch eine Gemeinheit von ihm -gewesen,« polterte Schrödter nun doch wieder los, -»Sie sind meine Patientin, mein Assistent mußte -darauf Rücksichten nehmen.«</p> - -<p>Lydias Blicke trübten sich, sie empfand mit bitterem -Schmerze ihre Ohnmacht gegenüber der ihr aufgezwungenen -Behandlung des Nervenarztes.</p> - -<p>»Doctor Turnau war heute sehr unzugänglich, -mein Besuch war vergeblich,« sagte sie kurz.</p> - -<p>»Ein Sterbender – das will ich glauben, – ich -habe heute zum ersten Male bemerkt, wie krank er -war – werfen wir keinen Stein auf den Todten.«</p> - -<p>»Wie meinen Sie das, Herr Professor?«</p> - -<p>In athemloser Spannung hingen die Augen aller -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -Anwesenden an den Lippen des Arztes. Schrödter -sah ein, daß es in diesem Augenblicke in seiner Hand -lag, eine Verdächtigung, einen Makel von dem Namen -der Geheimräthin fern zu halten – er dachte an den -Gatten der jungen Frau. Was für ein Heiligthum -war diese Frauenehre für diesen Mann!</p> - -<p>Gewissermaßen erklärend wandte er sich an das -Personal seiner Anstalt, das ihn jetzt fast vollzählig -umstand.</p> - -<p>»Herr Doctor Turnau ist schon längere Zeit leidend -gewesen, heute früh fand ich ihn unzurechnungsfähig, er -wird in der Aufregung, die seiner That voranging, kaum -erkannt haben, wer bei ihm war, vielleicht hat er -Sie überhaupt nicht bemerkt, gnädige Frau.«</p> - -<p>Lydia begriff. »Doch, er hat mich erkannt, aber -er ließ mich im Salon warten, während er die entsetzliche -That im Schlafzimmer vorbereitete; erst nach -dem Geräusch des Schusses wagte ich es, ihm zu folgen.«</p> - -<p>Nach dieser Erklärung athmete sie auf, man achtete -nicht mehr so auf sie. Die Leute beschäftigten sich -mit der Leiche, die Aerzte zogen sich zurück.</p> - -<p>Mit leidenschaftlichem Entzücken fühlte sie in ihrer -Tasche die kleinen Gläser. Auf Jahre hinaus würden -diese concentrirten Lösungen genügen, um daraus -das verhältnißmäßig schwache Mittel herzustellen, -dessen sie bedurfte. O, wie wollte sie diesen Schatz -hüten, wie sorglich und vorsichtig wollte sie alles -verstecken, man sollte sie nicht zum zweiten Mal -überlisten. Nun aber nach Hause und vor allen -Dingen Alles in Sicherheit bringen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -Die Freude, die sie erfüllte, ließ sie die entsetzliche -Demüthigung vergessen, die sie erlitten hatte. -Sie empfand auch keinen Schmerz über das jähe Ende -des Mannes, den sie noch vor einer Stunde zu lieben -geglaubt hatte. Sie liebte nichts mehr auf der Welt -außer dem Genusse, und genießen konnte sie jetzt – -maßlos, unbeschränkt, heimlich.</p> - -<p>Geräuschlos verließ sie das Zimmer des Verstorbenen -und eilte die Treppe hinab. Das Herz schlug -ihr bis zum Halse hinauf – fort, nur fort.</p> - -<p>»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte mir -gestatten, Sie zu begleiten,« Professor Schrödter stand -plötzlich neben ihr, kalt und mißtrauisch sah er sie an.</p> - -<p>O, wie sie ihn haßte – sie hätte ihn ins Gesicht -schlagen, ihn von sich stoßen mögen, sie war fassungslos.</p> - -<p>»Lassen Sie mich – der Schreck, die Aufregung -– ich möchte allein sein.«</p> - -<p>»Ich halte es für meine ärztliche Pflicht, Sie zu -begleiten, auch wenn Ihnen das direct unangenehm -sein sollte.«</p> - -<p>»Es ist mir so unangenehm, daß es eine Zudringlichkeit -wäre, wenn Sie darauf bestünden.«</p> - -<p>Das war eine Beleidigung, nun mußte er sie doch -lassen. Aber er wich nicht von ihrer Seite. »Ich -werde diese Zudringlichkeit vor Ihrem Herrn Gemahl -zu rechtfertigen wissen.«</p> - -<p>Mit diesen Worten hob er sie in den Wagen, stieg -zu ihr ein und fuhr an ihrer Seite ihrer Wohnung -zu. Es sah fast so aus, als ob er heimlich lächelte -über ihren ohnmächtigen Zorn. Sie wurde immer -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -bleicher, und in ihren Augen brannten verhaltene -Thränen.</p> - -<p>Der Geheimrath erschrak, als er an den Wagenschlag -trat und ihr verzerrtes, entstelltes Gesicht ihm -entgegensah. Sie sah alt und fast häßlich aus in -dieser wahnsinnigen Aufregung mit ihrem nachlässigen -Anzuge.</p> - -<p>»Um Gottes Willen, was ist denn mit meiner -Frau geschehen? Lydia, wie siehst Du aus! Herr -Professor erklären Sie doch – – –«</p> - -<p>»Deshalb bin ich gekommen,« antwortete Schrödter -mit überlegener Ruhe. »Unsere Kranke hat sich wieder -Morphium zu verschaffen gewußt, es wird Ihre Aufgabe -sein, Herr Geheimrath, alle Kleider der Patientin -sorgfältig durchsuchen und prüfen zu lassen, damit -nichts eingeschmuggelt werden kann, was wir nicht -wissen.«</p> - -<p>»Lydia!«</p> - -<p>Sie hörte den entsetzten Ausruf ihres Mannes -nicht mehr, denn sie war ohnmächtig zusammengebrochen -bei den rücksichtslosen Worten des Arztes.</p> - -<p>Der Geheimrath rief das Kinderfräulein an den -Wagen. Das junge Mädchen nahm rasch entschlossen -die zarte Gestalt ihrer Herrin in ihre Arme und trug -sie, ohne die Unterstützung der Herren in Anspruch -zu nehmen, ins Haus.</p> - -<p>Das Stubenmädchen kam der Bonne zu Hülfe. -Behutsam wurde die Ohnmächtige niedergelegt, Fräulein -Wagner knöpfte ihr den Schlafrock auf, um sie, wie -es der Arzt gewünscht hatte, zu entkleiden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Lydia kam dabei zur Besinnung.</p> - -<p>Ein kurzer Befehl ließ das Stubenmädchen zurücktreten, -das Fräulein aber wußte, um was es sich -handelte. Gewissenhaft wie sie war, ließ sie sich nicht -abweisen und versuchte der Kranken das Kleid von -den Schultern zu ziehen.</p> - -<p>Da nahm die verzweifelte Frau alle Kraft zusammen, -mit beiden Händen stieß sie das junge -Mädchen, das sich über sie gebeugt hatte, vor die -Brust und sprang auf.</p> - -<p>»Ich bin nicht Ihre Gefangene, rühren Sie mich -nicht an, gegen Gewalt wehre ich mich mit Gewalt.« -Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Zähne schlugen -wie im Fieberfrost zusammen, ihre Augen waren weit -aufgerissen, man sah das Weiße um die Pupille -herum.</p> - -<p>Das junge Mädchen war tödtlich erschrocken, sie -glaubte einer Wahnsinnigen gegenüberzustehen. Bleich -und eingeschüchtert lehnte sie sich an die Wand.</p> - -<p>»Gehen Sie,« herrschte die Geheimräthin das -Dienstmädchen an. »Rufen Sie den Herrn,« rief -das Fräulein ihr nach.</p> - -<p>Einen Augenblick schien es, als wollte sich die -Kranke in wildem Zorn auf das Fräulein losstürzen, -aber es war nur eine rasche Bewegung. Geräuschlos -bog sie sich an der Bonne vorbei, erreichte die -Thür und stürzte in ein anderes Zimmer, das sie -sofort hinter sich abschloß.</p> - -<p>Das Dienstmädchen hatte inzwischen dem Hausherrn -gemeldet, wie weit seine Frau sich gegen Fräulein -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -Wagner vergessen hatte. Professor Schrödter rieth -nun selbst keine Gewalt anzuwenden, sondern das -im Hause versteckte Morphium ohne Wissen der Erregten -später zu suchen.</p> - -<p>Der Professor gab der treuen, zuverlässigen Bonne -noch einige Verhaltungsmaßregeln, ehe er ging. -Bremer war wie gebrochen über das Unglück, das -über ihn hereinbrach.</p> - -<p>Den Morphinismus hielt er für ein Laster, und -einem Laster zu fröhnen war in seinen Augen eine -Schande für sein Haus und für seinen Namen. Dazu -kam das heimliche Einverständniß seiner Frau mit -Turnau. Vom sittlichen Standpunkte aus sah er -darin einen Makel, den auch der Tod des Schuldigen -von seiner Ehre nicht zu tilgen vermochte. Wie -Lydia als Weib zu Turnau gestanden hatte, wußte -er nicht, er glaubte darin den Versicherungen des Professors -nicht ganz. So krank, so todtkrank wie Schrödter -ihn schilderte, war Turnau nach Bremer's Ansicht -niemals gewesen.</p> - -<p>Es war doch nicht anzunehmen, daß dieser -junge Mann eine Dame in seiner Wohnung empfing, -nur um ihr selbstlos und in allen Ehren ein Mittel -in die Hand zu geben, von dem sie abhing mit Leib -und Seele.</p> - -<p>Diese Frage marterte den ruhigen, klaren, selbstbewußten -Mann furchtbar. Er beschloß, unter allen -Umständen ruhig und eingehend mit seiner Frau zu -sprechen. Er wollte die Wahrheit wissen um jeden -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -Preis; wie er sich nachher mit den Thatsachen abfinden -würde, war ihm jetzt noch nicht klar.</p> - -<p>Vorläufig mußte er warten, bis der wilde, leidenschaftliche -Sturm der Verzweiflung vorbei war.</p> - -<p>Er suchte seine Frau nicht auf, Fräulein Wagner -hielt ihr auch die Kinder fern. Gegen Abend -machte Professor Schrödter eine kurze, ärztliche -Visite bei der Geheimräthin; er gab ihr für die -Nacht so viel Morphium, wie sie gewohnt zu -sein angab. Von den versteckten Vorräthen sprach er -kein Wort.</p> - -<p>Lydia hatte die Empfindung, daß sie in ihrem -eigenen Hause von Spionen umgeben sei, sie warf -einen wahrhaft leidenschaftlichen Haß deswegen auf -Fräulein Wagner. Aber sie hatte doch einen Trost, -Turnaus Gläser gehörten jetzt ihr, wenn sie auch jetzt -noch nicht wagen konnte, deren Inhalt zu prüfen und -kennen zu lernen.</p> - -<p>Trotz der furchtbaren Erregungen, die ihr der -Tag gebracht hatte, schlief sie in der Nacht wie todt -und machte am Morgen sorgfältigere Toilette als an -dem Unglückstage vorher.</p> - -<p>Sie war fast ruhig, als ihr Schrödter seinen -Besuch machte, und versprach sogar, sich einigen seiner -Anordnungen fügen zu wollen.</p> - -<p>Gegen Mittag hielt es der Geheimrath für möglich, -sich mit seiner Frau auszusprechen. Er konnte -es nicht länger aushalten.</p> - -<p>Tiefernst, fast finster stand er vor ihr und forderte -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -Rechenschaft über die Ehre seines Hauses, die er in -ihre Hände gelegt hatte, als er ihr seinen Namen gab.</p> - -<p>Die sonst wenig erregbare, oberflächlich heitere -Frau befand sich in einer krankhaft gesteigerten Reizbarkeit. -Bremer aber besaß zu wenig Verständniß -für Krankheit und krankhafte psychologische Vorgänge, -um damit zu rechnen.</p> - -<p>»Es ist nichts vorgefallen, was gestern und vorgestern, -vor Wochen und vor Jahren nicht auch schon -gewesen wäre,« beharrte sie. »Turnau war selbst -Morphinist, er verstand meinen Kummer über die -Unmöglichkeit, mir das zu verschaffen, was ich brauchte, -um froh und um glücklich zu sein. Hättest Du mir -nicht diesen ordinären Professor Schrödter, den ich -verabscheue und von dem ich mich niemals behandeln -lassen werde, aufgedrängt, so wäre heute noch Alles -wie es war. Ich wäre ruhig und glücklich, und Dir -wäre Aufregung und Aerger erspart geblieben.«</p> - -<p>»Du hättest weiter gesündigt und Dich durch ein -Laster erniedrigt, daß Dich in der Achtung Deines -Mannes, Deiner Aerzte und sogar Deiner Dienstboten -tief herabsetzt.«</p> - -<p>»Wenn Du mit den Dienstboten vielleicht Fräulein -Wagner meinst, so will ich Dir doch nebenbei bemerken, -daß ich diese arrogante Person zu entlassen gedenke.«</p> - -<p>»Die pflichttreue Pflegerin ist meinen Kindern -unentbehrlich, so lange diese keine Mutter haben.«</p> - -<p>»Du stellst diese Person über Deine Frau!«</p> - -<p>Ihre Augen flackerten, ihre Wangen brannten, er -sah es, aber er begriff nicht, daß diese Anzeichen -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -Schonung und Ruhe für ihre kranken Nerven forderten; -er sah nur ihre Leidenschaft, ihren ungerechtfertigten -Zorn gegen ein unschuldiges, reines Wesen, das in -seinem Hause unter seinem Schutze stand.</p> - -<p>»Ja,« sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches -Mädchen steht sittlich viel höher, als eine -pflichtvergessene Mutter, die sich ihren Kindern entzieht, -um mit sinnlicher Gier in verbotenen Genüssen zu -schwelgen. Seit Du morphiumsüchtig bist, habe ich -kein Weib mehr, meine Kinder haben keine Mutter, -und die Ehre meines Namens lag bis heute in den -Händen eines charakterlosen Schwächlings, der in -seiner Erbärmlichkeit nicht anders enden konnte, wie -er geendet hat, als Selbstmörder.«</p> - -<p>Lydia sah ihn starr an. Es lag etwas Unheimliches -in ihren Augen, etwas wie verborgener Wahnsinn. -»Deine Ehre in Turnaus Händen?« sie lachte.</p> - -<p>»Von seinem Mitleid habe ich gelebt, von dem -Almosen, das er mir hinwarf. Ein willkürliches Gesetz -gab ihm in die Hände, was Anderen unerreichbar -ist. Großmüthig gab er mir von seinem Reichthum, -weiter nichts. O Gott, Arnold – muß ich Dir denn -schwören, daß Deine Ehre rein geblieben ist, daß mich -Turnau körperlich niemals berührt hat?«</p> - -<p>»Wenn das der Fall ist, so lag es wohl nicht an -dir; du hättest dich vor die Hunde geworfen, um -deiner Leidenschaft fröhnen zu können. Es ist nicht -das Verdienst einer Dirne, wenn ihre Reize keinen -Käufer finden.«</p> - -<p>Er erschrak selbst, als er die furchtbare Beleidigung -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -ausgesprochen hatte. Die Verachtung hatte ihn überwältigt, -maßlos wie seine Verzweiflung war der Vorwurf, -den er erhob.</p> - -<p>»Du begreifst, daß diese Aeußerung unsere Ehe nun -auch äußerlich scheidet. Innerlich getrennt sind wir, seit -Du heute früh Deine »Dienstboten« aufgehetzt hast, -mir den einzigen Genuß zu stehlen, den das Leben -an Deiner Seite für mich überhaupt hat.«</p> - -<p>Sie wunderte sich selbst, daß sie so ruhig sprechen -konnte. Wie aus weiter Ferne hörte sie ihre eigene -Stimme. Es war in ihr wie ein Morphiumrausch ohne -Morphium. Leise griff die Krankheit des Körpers -vom Nervensystem aus hinüber nach der Seele. Die -Grenze, die das körperliche und das Gemüthsleiden -trennt, verschob sich unmerklich, die Leidenschaft, der -Zorn und die Qual der Verzweiflung wurden zur -Krankheit. Sie konnte nicht mehr kämpfen, nur noch -leiden, nur noch dulden, nur noch schwach und vergehend -sich wehren, wenn man ihr allzu wehe that.</p> - -<p>»Ehescheidung?« Er fuhr in furchtbarer Heftigkeit -auf. »Glaubst Du, daß ich an meinen Kindern das -Verbrechen begehen werde, meine Ehe scheiden zu -lassen? Der Schwur, den ich am Altar geleistet habe, -ist mir heilig. Ich bin und ich bleibe Dein Gatte, -nur der Tod kann uns scheiden.«</p> - -<p>»Wenn das Deine Ansicht ist, so giebt es allerdings -für uns Beide nur einen Ausweg – tödte -mich – es wird mit meinem Einverständniß geschehen.«</p> - -<p>»Nein, ich will kein Verbrechen begehen, wie -Du. Dank dem krankhaften Zustande Turnaus -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -bist Du äußerlich wenigstens nicht entehrt, wenn -Du es auch innerlich bist durch den Willen zur -Sünde. Kehre um, bereue, bessere Dich und beginne -ein neues Leben.«</p> - -<p>»Was giebt Dir das Recht, eine solche beleidigende -Forderung an mich zu stellen? Ich war nicht Turnaus -Geliebte, ich war nur Morphinistin, das ist -eine Krankheit, eine Schuld ist es nicht.«</p> - -<p>»Als eine Krankheit fasse ich es auf und wie ein -Unglück, wie eine Krankheit will ich es bekämpfen.«</p> - -<p>»Glaubst Du, daß Zwang und Gewalt, die mich -zur Verzweiflung treiben, die mich sogar zur körperlichen -Gegenwehr zwingen, der richtige Weg sind, -um eine Krankheit zu heilen?«</p> - -<p>»Bedenke mein Entsetzen, Lydia, meine schmerzliche -Ueberraschung. Deine Tugend, Deine Vornehmheit, -Deine frauenhafte Lieblichkeit waren mein Heiligthum -und mein Glück. Mir ist, als ob sich ein Abgrund -aufgethan hätte, der das Alles in seine Tiefe -gerissen hat; mir ist, als ob ich selbst vor einem -Verhängniß stände, das mich zu Grunde richten -muß.«</p> - -<p>»Dein ganzer Kummer ist nichts als Einbildung,« -rief sie außer sich. »Laß morgen durch die Gnade -der Heiligen eine Erleuchtung in die Welt kommen, -die einen entsetzlichen Zwang aufhebt, laß den Morphiumverkauf -frei werden, und ich stehe gerechtfertigt, -ehrenhaft, glücklich und frei da, wie zuvor. Nur der -Zwang, ein Gesetz umgehen zu müssen, hat mich -unglücklich gemacht. Mit dem Fall dieses Gesetzes -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -würde ich und Tausende mit mir wieder ehrlich -und froh sein.«</p> - -<p>Arnold Bremer stampfte mit dem Fuße auf und -griff in maßloser Wuth mit beiden Händen in sein -graues Haar. Seine Stimme klang beinah wie -Schluchzen.</p> - -<p>»Lydia – wenn morgen die Strafe für Mörder -aufgehoben würde, würde dann der Mörder aufhören -ein Verbrecher zu sein?«</p> - -<p>Sie zuckte die Achseln. »Der Mörder schadet -Anderen an Leib und Leben; der Morphinist schadet -niemand, er genießt nur ein süßes Behagen, das ein -neidischer Zwang ihm verwehrt.«</p> - -<p>»Und schadet niemand?«</p> - -<p>»Nein.« Sie sah ihn fragend an.</p> - -<p>Er lachte höhnisch außer sich auf. »Also Du -glaubst, daß es nichts schadet, wenn ein Mensch -plötzlich aufhört, diejenigen Pflichten zu erfüllen, die -ihm Gott für sein Leben zugetheilt hat? Es schadet -wohl nichts, wenn eine Frau, anstatt ihren Mann -glücklich zu machen und ihre Kinder zu pflegen, in -zwecklosem Genießen nur noch körperlich fortvegetirt, -ohne geistig auf ihrem Posten zu stehen? Steht -nicht geschrieben: Wer nicht arbeitet, der soll auch -nicht essen?«</p> - -<p>»Nicht essen? – Lieber Arnold, muß ich Dich -daran erinnern, daß ich kein armes Mädchen war, -das geheirathet hat, um versorgt zu sein? Unsere -Renten sind ungefähr gleich. Was giebt Dir denn -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -das Recht, mir vorzuhalten, daß ich ohne Gegenleistung -dafür mir erlaube – – zu essen?«</p> - -<p>»Nimm das nicht buchstäblich, spiele nicht mit -Worten,« rief er außer sich, »es ist ein frivoles -Spiel. Jeder Mensch hat sein Leben zu durchkämpfen, -wenn es sein muß, zu durchleiden, um einen gewissen -Kreis von Pflichten zu erfüllen, die ihm zugefallen -sind. Nicht Jeder braucht um das tägliche Brod zu -arbeiten, Mancher ist zu mehr, zu Besserem, zu -Höherem berufen. Jedes Weib ist dem Himmel verantwortlich -für die Seelen ihrer Kinder, die sie dem -ewigen Heil zuführen muß. Man muß einen Lebenszweck -haben, begreifst Du das nicht?«</p> - -<p>Einen Lebenszweck – – wie eine Vision stand -der Kirchhof vor ihrem inneren Auge; sie saß am -Grabe ihrer Eltern, die rothen Sonnenstrahlen schimmerten -auf dem schwarzen Marmor des Grabsteins. -Neben ihr saß ein Mann, ein Freund, er verstand -sie, und sie – sie liebte ihn. Er war jetzt hinübergegangen -zu den Todten, und von ferne, aus einer -anderen Welt, jenseits des Grabes, aus der Welt der -Erinnerung drangen Worte an ihr inneres Ohr – -Worte, die er einstmals gesprochen, »der Genuß ist -auch ein Lebenszweck, so gut wie die Arbeit; es -kommt nur darauf an, daß man seine moralischen -Begriffe damit in Einklang zu bringen versteht – -– – – – – – – –«</p> - -<p>Mechanisch, halblaut, wie man nachspricht, was -jemand vorsagt, sprach sie sie aus, diese Worte des -Freundes.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -Der erzürnte Mann vor ihr hatte diese Antwort -doch nicht erwartet. Wie ein Schleier sank es ihm -plötzlich von den Augen. Diese Frau mit dem irren, -abwesenden, in's Leere starrenden Blick konnte er nicht -für die Worte verantwortlich machen, die so abgerissen -und ausdruckslos von den bleichen, zuckenden Lippen -fielen. Sie war krank, unzurechnungsfähig. – Mit -furchtbarer Ahnung durchblitzte sein Hirn der Gedanke, -sie könne wahnsinnig geworden sein durch die Verzweiflung, -in die sein rücksichtsloses Vorgehen sie gestürzt -hatte.</p> - -<p>»Du mußt in eine Anstalt, nachher wird Alles -besser werden,« und wie sie zusammenzuckte, fügte er -noch mitleidig und traurig hinzu: »ich will Dich -nicht quälen.«</p> - -<p>Dann ging er hinaus. Wenn er gewünscht und -gehofft hatte, seine Frau zu erschüttern, zu rühren -und der Bereuenden vielleicht dann verzeihen zu -können, so sah er sich bitter enttäuscht.</p> - -<p>Er hatte nichts erreicht, höchstens den Riß, den -nach seiner Ansicht ihre Morphiumsucht in die Ehe -gebracht hatte, unheilbar gemacht und endlos vergrößert. -Seinem Auge bot sich kein Ausweg. Er -wollte und mußte sie in eine Heilanstalt bringen, -aber selbst wenn sie dort körperlich geheilt werden -sollte, konnte er nicht hoffen, daß ihre Seele wieder -gesund werden würde.</p> - -<p>Er hatte sie geliebt, jetzt hatte er ihre Liebe verloren. -Mit heißem Schmerze fühlte er, daß seine -Liebe zu der Kranken, Unglücklichen unerschütterlich -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -treu in seinem Herzen fortleben würde, so lange er -lebte. Vielleicht konnte diese Liebe noch wachsen und -zunehmen, wenn sie jemals sich hülflos und verzweifelt -an ihn anklammern würde, aber er fühlte, -daß sie das, was ihm und auch ihr früher selbstverständlich -erschienen wäre, nicht thun würde – nie -wieder. – Es stand etwas zwischen ihnen, was er -nicht aus dem Wege zu räumen vermochte, weil es -überwältigend und unfaßbar war, eine Leidenschaft -– – »Morphium«. –</p> - -<p>Er dachte auch einen Augenblick an den blutigen -Schatten des todten Freundes. Nein, der stand nicht -zwischen ihm und ihr, den hätte die Liebe des Mannes -überwinden können; aber gegen den Dämon konnte -er nicht kämpfen, der ihre Seele gefesselt hatte. Mit -einem schweren Seufzer blieb er vor der Thür ihres -Zimmers stehen. Dann ging er mit festen Schritten -hinüber in's Kinderzimmer. Nacheinander hob er -beide Kinder zu sich empor, drückte sie fest an die -Brust und küßte sie innig.</p> - -<p>»Meine Frau ist schwer krank, Fräulein, die -armen Kinder werden manches entbehren müssen,« -sagte er ernst.</p> - -<p>»Was ich thun kann, um den Kindern die Mutter, -so lange es nöthig sein wird, zu ersetzen, soll geschehen,« -antwortete Hedwig Wagner einfach und -schlicht.</p> - -<p>In ihren grauen Augen standen Thränen, treu -und freimüthig legte sie ihr Versprechen ab. Der -Geheimrath gab ihr die Hand. Dann verließ er die -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -Kinder; es war ihm, als hätte er sie in die Obhut -eines Schutzengels gegeben.</p> - -<p>Um so schnell wie möglich die Unterbringung -seiner kranken Frau in einer geeigneten Anstalt zu -veranlassen, begab er sich gleich darauf zu Professor -Schrödter.</p> - -<p>Lydia war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, -träumend und regungslos stehen geblieben. Ein -weißes, langes Kleid floß weich herab an ihrer -schlanken Gestalt, der schöngeformte, hochfrisirte Kopf -sah reizend und jugendlich aus, aber die Augen -waren glanzlos, die vorher brennenden Wangen -waren fahl geworden, und die Hände hingen schlaff -und müde herab.</p> - -<p>Sie fühlte, daß Alles zu Ende war zwischen -ihrem Manne und ihr. Sie hatte, seit sie Morphinistin -war, nicht darüber nachgedacht, ob sie ihn noch liebe -oder nicht. Still und unmerklich war die Liebe -eingeschlafen in ihrem Herzen. Ein zartes verständnißvolles -Benehmen des Mannes hätte sie vielleicht leise -und sanft wieder erwecken können wie ein Sonnenstrahl -eine Blüthe, die ein Nachtfrost geschlossen hat, -aber seine brutale Moral, sein schroffer correcter -Ehrbegriff hatte die zarte, sterbende Blüthe zertreten.</p> - -<p>Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben und konnte -ihn auch nicht wieder lieben, nie, im Leben nicht -wieder.</p> - -<p>In erbittertem Kampfe stand er ihr gegenüber. -Verachtung hatte er ihr entgegengeschleudert. Um -ihr Laster auszurotten, wollte er sie in eine Heilanstalt -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -bringen. Gegen sie, das zarte kranke Weib, -rief er den rohen rücksichtslosen Arzt zu Hülfe, den -sie verabscheute.</p> - -<p>Es ist so leicht, einen wehrlosen, kranken Menschen -zu peinigen und zu verfolgen. Darin liegt aber -eine Gemeinheit, eine moralische Roheit, die doch -wohl eben so verächtlich ist, wie die Pflichtvergessenheit -einer Kranken. Lydia wußte, was das Wort in sich -schließt »eine Entziehungscur.« Professor Schrödter -garantirte zwar für seine »Entziehungscuren ohne -Qualen«, aber nur ein Morphiumkranker kann ermessen, -wie groß die Lüge ist, die in dieser Vorspiegelung -liegt.</p> - -<p>Ein Opfer dieser Qualen aber sollte sie nun -sein, um nach dem Willen ihres Mannes ihren -Pflichten zurückgegeben zu werden.</p> - -<p>Sie dachte an Turnau. Nicht mehr mit Liebe, -sondern mit Neid gedachte sie des glücklichen Todten. -Er hatte den Genuß, den das Morphium gewährt, -auskosten dürfen bis zum Ende, ihr dagegen riß man -den goldenen Kelch von den Lippen, jetzt wo sie noch -durstig war – durstiger als je.</p> - -<p>Ihre Seele lechzte nach Betäubung, um die -Schmach zu vergessen, die ihr angethan worden war. -Von ihrer Krankheit, von ihrer Verirrung sprach ihr -Mann; die Aerzte, die Welt würde davon sprechen; -Nachsicht und Mitleid würde man ihr zu Theil werden -lassen – und Achtung, äußere Achtung vielleicht -auch wieder, ja – das – –</p> - -<p>Der Todte aber hatte sie besser gekannt, als alle -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -lebenden Menschen. Er allein wußte, daß sie eine -Schuldige – eine Ehrlose war.</p> - -<p>»Der Tod ist der Sünde Sold«, das war das -letzte Wort, was er ihr zurief von seiner blutigen -Bahre. In frivolem Spotte hatte er gespielt mit -dem Gedanken an ewige Dinge, und als dann der -Tod kam, klammerte er, der Freigeist, sich an die -Verheißung des Christenthums von der Gnade Gottes -und dem ewigen Leben in Christus.</p> - -<p>O, wie sie sich schämte; in der Tiefe ihrer Seele -verging sie in Scham und in Reue. »Der Tod ist der -Sünde Sold.« Es war ihr plötzlich wie eine Offenbarung. -Auf seinen Grabstein sollte man den Spruch -setzen. Aber der Spruch war für sie. Wenn Menschen -schweigen, so reden die Steine. Zu ihr, nur zu ihr -sollte er sprechen, dieser Stein; nur für sie galt die -furchtbare Mahnung: »Der Tod ist der Sünde Sold.«</p> - -<p>Mit einem wilden Schrei griff sie nach ihren -hämmernden Schläfen. Dann stürzte sie vorwärts -und riß die Schnur von ihrem Halse, an der sie den -Schlüssel verbarg zu ihren »Schätzen.«</p> - -<p>Sie kniete nieder an dem Schränkchen und schloß -es mit zitternden Händen auf. Da standen sie alle, -alle die kleinen Gläser, die sie bei dem Todten gefunden, -es fehlte nicht eins.</p> - -<p>Das erste beste ergriff sie und setzte es an die -Lippen. Sie fühlte ein scharfes Brennen, aber sie -wollte es überwinden, das Gläschen leer trinken.</p> - -<p>Da ging hinter ihr eine Thür auf. Hedwig Wagner -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -trat ein, nahm ihr mit ruhiger Bestimmtheit das -Gläschen vom Munde und verschloß den -Schrank.</p> - -<p>»Das geht nicht, gnädige Frau. Der Professor -wird Ihnen so viel Morphium zutheilen, wie Sie -bedürfen, um nicht zu leiden,« sagte das -Mädchen.</p> - -<p>Lydia antwortete keine Silbe. Scheu und traurig -begegnete ihr Blick dem der Bonne. Dann verließ -sie das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinauf, mit -einer Hand hielt sie ihr Kleid, die andere lag an der -Stirn. »Die Steine reden, die Steine rufen.« – -Leise und stockend sagte sie das vor sich hin, wieder, -immer wieder.</p> - -<p>Sie ging die ganze Treppe hinauf, schritt über -den Boden, noch eine kleine Treppe höher und stieg -endlich durch eine Klappe auf das platte Dach des -hohen Hauses. Ein niedriges Geländer umgab die -Plattform.</p> - -<p>Lydia beugte sich darüber hinweg und starrte hinab -auf das Steinpflaster des Hofes vor den Stallungen -und Remisen.</p> - -<p>Die Steine da unten schimmerten grau zu ihr -empor. Ein röthlicher Sonnenstrahl glitt drüber hin.</p> - -<p>Der Tod ist der Sünde Sold; – »die Steine -reden, die Steine rufen.« Sie sah sich scheu um. -Nein, es war ihr niemand gefolgt, sie war allein, -frei, vielleicht zum letzten Male frei, ehe sie die Gefangenschaft -des Irrenhauses umgab.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -Wie wonnig ist doch die Freiheit, das edelste -Menschenrecht – – – Sie hatte die Freiheit -benutzt.</p> - -<p>Ein Schrei, ein Fall – die Steine der Tiefe -nahmen sie auf.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/p102i.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -<span class="fsl ge"><b>Nach dem Tode.</b></span></h2> - -<p class="ce mt4 mb4"><img src="images/p103i.jpg" alt="" /></p> - - -<p class="pb ce"><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -<img class="imwi2 bo" src="images/p105i.jpg" alt="" /></p> - -<p class="in0"><b>I</b>n der großen Universitätsklinik traten die Nachtwachen -an. Auf jeder Station wachte eine -Schwester, und an einzelnen Betten, wo es besonders -verordnet war, sollten Hülfswärterinnen wachen. -Vorläufig waren die zu diesem Dienste bestimmten -Schwestern im Operationssaale versammelt; sie präparirten -die nöthigen Medicamente, die Eisbeutel, die -Getränke, die Compressen, kurz alles das, was in der -Nacht möglicherweise gebraucht werden konnte.</p> - -<p>Die Wärterinnen hielten sich, so lange bis ihnen -eine genaue Angabe ihrer Arbeit zu Theil wurde, auf -dem breiten Corridor auf und klatschten.</p> - -<p>Das Elend einzelner Kranken, ihre Lebensverhältnisse, -sowie die persönlichen Angelegenheiten der -Aerzte und Schwestern bildeten den Gesprächsstoff. -Die schauerlichen Einzelheiten der schwersten Unglücksfälle -wurden mit wonnevollem Eifer besprochen, und -hatte eine von diesen Mädchen und Frauen ein entsetzliches -Menschenschicksal in kurzen Worten, und von den -Ausrufen der Anderen oft unterbrochen, geschildert, -so war auch gleich eine Andere da, die aus ihrer -Spitalerfahrung etwas noch Trostloseres, noch Krasseres -zu berichten wußte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -Trotz des tieftraurigen Gegenstandes, der bei -der Unterhaltung vorherrschte, klang doch zuweilen -ein unterdrücktes Kichern, ja sogar lautes Lachen aus -diesem Kreise.</p> - -<p>Die Oberschwester hatte den jüngeren Pflegerinnen -die nöthigsten Anweisungen für die Nacht ertheilt und -durchschritt nun den Corridor, um ihr Zimmer aufzusuchen. -Die Wärterinnen, obgleich sie »weltlich« -waren, drückten sich schweigend und zum Theil verlegen -an die Wände, um in tiefster Ehrfurcht die -würdige Dame an sich vorbeigehen zu lassen.</p> - -<p>In keinem von Männern versehenen Dienst- oder -Verwaltungszweige herrscht eine so unbedingte Unterordnung -unter die Person des Vorgesetzten, wie in -dem weiblichen Staatshaushalte eines kirchlichen -Jungfrauenordens.</p> - -<p>Das ganze weibliche Personal der Klinik unterwarf -sich bedingungslos den Befehlen und Anordnungen der -Schwester Domina, die als Leiterin der Anstalt hier -voll und ganz die Würde der »Frau Mutter« vertrat.</p> - -<p>Die Schwestern verließen das Operationszimmer, -in welchem sie die Anordnungen ihrer Oberin empfangen -hatten und traten auf den Corridor hinaus, -um sich nach den Wärterinnen umzusehen, die ihnen -für die schwersten Arbeitsleistungen der Nacht zur -Hilfe zugetheilt waren.</p> - -<p>Schwester Coelestina von der sechsten Männerstation -erhielt allein drei Gehilfinnen für ihren Saal, -Schwester Theophila ging mit zwei bewährten Hilfskräften -nach der Diphteritis-Abtheilung der Kinderstation. -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -Fast jede Schwester entfernte sich in Begleitung -einer Wärterin, nur Schwester Clarissa schlug -allein den Weg nach der dritten Frauenstation ein. -Die Schwester Domina war der Ansicht, daß auf dem -dritten Frauensaale momentan kein so schwerer Fall -vorliege, daß die Stationsschwester nicht allein damit -fertig werden sollte.</p> - -<p>Lautlos, fast wie schwebend bewegte sich die dunkle, -schlanke Gestalt der jungen Nonne durch die langen, -schwach beleuchteten Gänge des großen Krankenhauses.</p> - -<p>Im Hörsaale brannte das Gaslicht noch mit voller -Flamme. Das war eine Nachlässigkeit des Heilgehülfen, -dem die Reinigung und Ordnung dieses Raumes -oblag. Schwester Clarissa verzichtete darauf, den -Mann zur Erfüllung seiner Pflicht herbeizurufen, sie -stieg auf einen Stuhl und erhob die Arme, um das -Licht herunterzuschrauben. Wie ein dunkler Schatten -breitete sich bei dieser Bewegung der Nonnenschleier -aus, der ihren Oberkörper verhüllte; das Licht fiel -ihr grell in das Gesicht, das sonst durch den Rand -der Haube im Schatten gehalten wurde; unwillkürlich -legte sie die Hand über die müden, vom Nachtwachen -mit tiefen Ringen umgebenen Augen und blickte zur -Seite.</p> - -<p>Da stand das Gerippe, an dem die jungen -Anatomen die ersten allgemeinen Studien über den -Knochenbau des menschlichen Körpers zu machen -pflegten. Schwester Clarissa war unzählige Male -gleichgültig an dieser Erscheinung vorübergegangen, -aber jetzt, in der Stille der Nacht schrak sie zusammen, -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -als sie den grau-weißen Schädel so unmittelbar vor -sich sah.</p> - -<p>Sie schraubte die Gasflamme nieder, faßte mit -beiden Händen das Kreuz, das an ihrer Gebetschnur -hing und trat leise dem Gerippe gegenüber.</p> - -<p>»O Du unergründlicher Gott, wo mag die Seele -sein, die in diesem Körper gewohnt hat, ist sie bei -Dir? Was aber mag dieser Mensch verbrochen haben, -daß seine Gebeine nicht ruhen dürfen, wie die Gebeine -Anderer? Ich – eine arme demüthige Magd des -Herren – werde in wenigen Jahrzehnten auch nur -noch ein Häuflein Gebeine sein,« betete sie, »o Du heilige -Mutter, gieb meinem Leibe Ruhe und meiner Seele -Erlösung. Wir sind von Erde genommen, und wir -werden wieder zum Staube – wir – wir – aber -dieser nicht. Seine Knochen sind präparirt, daß sie -nicht zerfallen; sie sind mit Draht aneinander befestigt, -und statt der heiligen Ruhe des Friedhofes umgiebt -sie das lärmende Treiben der academischen Jugend, -die in diesem Saale ein und aus geht. Was hat -er verbrochen, welches ist die Schuld, die sich so -straft, daß der Leib keine Ruhe findet, nachdem das -müde Haupt dahingesunken ist auf das Kissen des -Sterbebettes?«</p> - -<p>Das schöne zarte Gesicht der jungen Schwester -nahm einen tief wehmüthigen Ausdruck an. Sie -wendete sich ab von dem Gerippe und nahm vom -Katheder eine runde flache Glasschale herab.</p> - -<p>In der Schale lag ein vom Haupte abgelöstes -menschliches Antlitz, ohne Unterkiefer. Die Frau -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -war an einem Krebsleiden gestorben, das sich vom -Nasenbein nach der Stirnhöhle ausgedehnt hatte. -Aus diesem Grunde hatte einer der Professoren das -Gesicht von der Leiche genommen, um an diesem -Präparate die Krankheit zu demonstriren.</p> - -<p>Rücksichtslos hatte das Secirmesser von den -Mundwinkeln aus die Wangen durchschnitten und -das Fleisch lag nun da, bläulich grau und eingeschrumpft. -Die Augenhöhlen waren tief eingesunken -und zeigten eine dunklere Farbe. Schwester Clarissa -hatte die Todte, die vor einem halben Jahre gestorben -war, gepflegt. Es war eine schöne, sanfte junge -Mutter gewesen. Sie hatte gräßlich gelitten, der -Gedanke an ihre Kinder, die mit dem Keime des -Krebsleidens geboren und nach ihrer Ansicht demselben -traurigen Schicksale wie ihre Mutter verfallen waren, -hatte ihr das Sterben erschwert. Die junge Nonne -hatte die Protestantin veranlaßt, das Abendmahl zu -nehmen und hatte ihr dann die Augen zugedrückt. -Diese Augen, die sie hier in der Hand hielt, in -Alkohol und Aether präparirt.</p> - -<p>Die Schwester glaubte an die Auferstehung des -Fleisches. Das war ihr gelehrt unter denjenigen -Dogmen der Kirche, an die zu glauben ein Erforderniß -zur Seeligkeit ist.</p> - -<p>Sie betrachtete sich als eine Braut des Herren -und in den Kranken, die sie pflegte, erbarmte sie sich -des irdischen Leibes dessen, auf den ihre Seele harrte. -Mit demüthiger Arbeit und gläubigem Beten wartete -sie auf die Stunde, in der der himmlische Bräutigam -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -sie rufen würde zum Hochzeitsfeste. Durch Tod, -Grab und Auferstehung hindurch hoffte sie einzugehen -zur ewigen Herrlichkeit. Das heilige Feuer eines -leidenschaftlichen Glaubens erfüllte die Seele dieses -stillen, der Welt abgewandten Mädchens.</p> - -<p>Jeder Buchstabe der kirchlichen Lehre war für sie -eine Säule, an der man nicht rütteln durfte, ohne -den ganzen Tempel zu gefährden, den sie dem Herrn -in ihrem Herzen erbaut hatte. Die Auferstehung des -Fleisches – ein Satz des Glaubensartikels selbst – -aber war einer der Grundpfeiler, auf dem die Lehren, -denen sie anhing, beruhten. Wie war dieser Lehrsatz -aber zu vereinen mit diesem künstlichen Erhalten -menschlicher Reste, das sie täglich und stündlich vor -Augen hatte?</p> - -<p>Sie erinnerte sich genau, daß ein junger Arzt -damals mit einem Photographen nach der Anatomie -gegangen war, um den Kopf der Todten, nachdem -das Gesicht bis auf Unterkiefer und Zunge abgenommen -war, zu photographiren. Die Theile, an denen die -Krankheit ihr Zerstörungswerk vollbracht hatte, waren -in der Photographie roth bezeichnet und das entsetzliche -Bild war im Hörsaale den Studenten erklärt worden.</p> - -<p>In grübelnden Gedanken verließ die Schwester -das Auditorium und begab sich nach ihrer Station, -um die Wache anzutreten.</p> - -<p>Zu beiden Seiten des Saales lagen im Halbdunkel -die Reihen der Betten. Die harten schmalen -Lagerstätten waren weiß gedeckt. Weiß und sauber -war die Kleidung der Kranken. Zwischen je zwei -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -Betten war ein genügend großer Zwischenraum, um -mehreren Personen freie Bewegung zu gestatten.</p> - -<p>Da war kein weiches Kissen, in das die Köpfe der -Schlafenden hätten einsinken können; keine Federdecke -verwischte die Linien der ruhenden Körper, die sich -hoch und meistens in unschönen Linien von den -Matratzen abhoben, auf denen sie nur durch eine -leichte wollene Decke verhüllt waren. Übrigens war -das kein Nachtheil, denn es war warm im Saale; -aber manche Kranke stöhnte doch und konnte keinen -Schlaf finden auf diesen hygienisch correcten jedoch -ungewohnt steifen Kissen.</p> - -<p>Zwanzig Frauen und Mädchen befanden sich in -dem Saale, darunter war indeß keine Schwerkranke. -Die Oberschwester hatte gesagt, daß auf keinen Fall -im Laufe der Nacht ein Todesfall zu erwarten sei.</p> - -<p>Das Isolirzimmer der Station war leer.</p> - -<p>Tröstend trat die bleiche Nonne an die verschiedenen -Betten. Sie legte hier das Polster zurecht, strich -dort die Tücher glatt, legte Eisbeutel auf die Stirn -der Fiebernden und hielt das Trinkglas an heiße, -durstige Lippen.</p> - -<p>Im Allgemeinen hatte sie keine schweren Hilfsleistungen -zu thun und ihre Vorgesetzte hatte Recht, -wenn sie meinte, daß eine Wärterin hier überflüssig -sei. Die Dienste der Wärterinnen mußten aus der -Hauskasse besonders bezahlt werden.</p> - -<p>Gegen zehn Uhr war es ziemlich still im Saale. -Schwester Clarissa kniete vor dem Muttergottesbilde -mit der kleinen Lampe in der Ecke und betete ihre -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -vorgeschriebene Zahl ab. Die Kranken waren ruhig, -zum größten Theil schliefen sie.</p> - -<p>Plötzlich war es der wachehabenden Nonne, als -höre sie das Glockensignal des Portiers. Sollte -irgendwo ein Mensch verunglückt sein und wurde in -der Nacht in die Klinik geschafft? Schwester Clarissa -hatte das oft erlebt, sie vermuthete es auch jetzt, aber -sie verließ ihren Saal nicht, um nachzusehen.</p> - -<p>»Was nicht zu Euch kommt, kümmert Euch nicht.«</p> - -<p>Dieser Grundsatz, der allerdings der weiblichen -Neugierde schnurstracks entgegenläuft, wird den Novizen -tausend und aber tausendmal eingeprägt. Bei -Schwester Clarissa war er in Fleisch und Blut übergegangen, -sie blieb ruhig bei ihrer Andachtsübung, -trotzdem sie deutlich hörte, daß Schritte und -Männerstimmen auf den Gängen der Station hörbar -wurden. Dazwischen klang zuweilen ein einzelner, -schriller, wie thierischer Laut.</p> - -<p>Einige Kranke richteten sich auf. »Bleiben Sie -ruhig liegen, es wird ein Kranker gebracht, unser Saal -ist voll, wir werden auf keinen Fall gestört,« – so -redete sie auf ihre Schutzbefohlenen ein.</p> - -<p>Einige ängstigten sich bei den wilden unarticulirten -Tönen, Andere wollten aus Neugierde aufstehen, aber -sanft und bestimmt brachte die Schwester Alle zur -Ruhe und hielt die Ordnung im Saale aufrecht.</p> - -<p>Jetzt erschien ein Arzt in der Thür. »Schwester -Clarissa, Sie bekommen jemanden in Ihr Isolirzimmer, -haben Sie keine Wärterin?« fragte er.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -»Nein, Herr Doktor, hier ist nichts Besonderes zu -thun,« antwortete sie freundlich.</p> - -<p>Einen Augenblick blieb die hohe, elegante Gestalt -des jungen Arztes zögernd in der Thür stehen. »Das -ist sehr unangenehm,« sagte er, »ich glaube, es ist -kein anderes Isolirzimmer im Hause frei.«</p> - -<p>»Auf den Frauenstationen nicht,« bemerkte ein -Wärter, der sich neugierig näherte.</p> - -<p>»Nun, dann müssen Sie eben Rath schaffen, -Schwester,« entschied der Stationsarzt.</p> - -<p>Er öffnete die Thür zum Isolirzimmer, und die -Nonne eilte noch einmal in den Saal zurück. Sie -trat an das Bett einer gutmüthig aussehenden Frau -in mittleren Jahren, die Reconvalescentin war. -»Wenn hier etwas nöthig ist, so klingeln Sie bitte, -Frau Schulz,« flüsterte sie, »ich habe hier nebenan zu -thun.«</p> - -<p>Die Frau nickte verständnißvoll, und Schwester -Clarissa huschte hinaus.</p> - -<p>Als sie das kleine überaus einfache Zimmer neben -dem großen Saale betrat, sah sie dort eine Bahre -stehen, auf der eine weibliche Gestalt in dunklen Umrissen -zu erkennen war. Die beiden Träger entfernten -sich, und der Schutzmann, der den Transport geleitet -hatte, blieb allein mit dem Arzte, dem Wärter und -der Schwester zurück.</p> - -<p>»Sie können mir also in keiner Weise Aufklärung -darüber geben, wer die Person ist?« fragte Dr. -Schlüter den Beamten.</p> - -<p>»Herr Doktor, ich habe sie in einer Scheune gefunden, -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -ganz verkommen, ohne Bewußtsein, ohne -Nahrung, niemand war bei ihr. Von der Polizeiwache -aus hat man mich mit ihr hierher geschickt. -Der Besitzer der Scheune wird ja wohl irgend eine -Auskunft geben können, es ist von der Polizei aus -schon nach ihm geschickt.«</p> - -<p>»Wenn wir die Kranke aufnehmen sollen, muß -ich doch wissen, wer für sie bezahlt,« entgegnete der -Arzt. »Alle Freistellen sind durch städtische Arme -besetzt und ohne meinen Chef zu fragen, darf ich -niemanden aufnehmen, dessen Papiere fehlen.«</p> - -<p>»Schicken Sie nach dem Armenvorstand. Herr -Doktor, die Polizei kann doch keinen todtkranken -Menschen auf der Straße verhungern lassen.«</p> - -<p>Doktor Schlüter sah das ein. »Für diese Nacht -will ich sie behalten,« erklärte er zögernd, »das Weitere -muß sich morgen früh finden.«</p> - -<p>»Zu Befehlen, Herr Doktor,« antwortete der -Schutzmann, machte kehrt und verließ mit dröhnenden -Schritten das stille Haus der Leiden und Schmerzen.</p> - -<p>Schwester Clarissa hatte wiederholt versucht, sich -der leblosen Gestalt zu nähern, aber ein fürchterlicher -Geruch, wie von einer verwesenden Leiche hatte sie -stets wieder von der Bahre verscheucht. Trotzdem -bewiesen die entsetzlichen Töne, die zuweilen aus dem -weit offenen Munde der Bewußtlosen drangen, daß -noch Leben in dieser schwarzen, formlosen Masse war.</p> - -<p>Mit einem Ausrufe des Ekels fuhr der Arzt zurück, -als er sich niederbeugte, um zu sehen, was für -eine Verletzung oder Krankheit hier eigentlich vorliege.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -»Ich kann sie erst untersuchen, wenn sie gebadet -ist,« sagte er. »Jahn, Sie müssen der Schwester -helfen. Hier kommt es nicht darauf an, ob ein Mann -oder eine Frau anfaßt; wenn Sie nicht fertig werden, -holen Sie noch einen Wärter.«</p> - -<p>Ohne sich weiter zu wundern, hing sich der Wärter -den Traggurt der Bahre über die Schultern; Schwester -Clarissa faßte am anderen Ende an, und der Arzt -folgte den Beiden nach der Badestube.</p> - -<p>Während die Schwester die Wasserleitung aufdrehte, -versuchte Jahn die klebrigen Lumpen von dem -menschlichen Körper zu entfernen, der da vor ihm -lag.</p> - -<p>Bei der völligen Unbeweglichkeit der Glieder ergriff -er eine Scheere und schnitt das Zeug streifenweise -vom Leibe der Bewußtlosen.</p> - -<p>Die Nonne hatte inzwischen das Bad zurechtgemacht -und wandte sich dem Wärter zu, um ihm behülflich -zu sein. Sie war seit zwei Jahren in der -Klinik und hatte schon manchen blutigen und manchen -widerwärtigen Anblick ertragen; aber als sie sich jetzt -mit der Scheere in der Hand über den stinkenden -Körper dieses Weibes beugte, stieß sie einen leisen Schrei -aus und sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl -nieder.</p> - -<p>Wie eine dunkle Flüssigkeit rieselte es aus den -Kleidern heraus, an der Bahre herab auf die Steine -des Bodens. Aber nicht Blut und Schlamm, sondern -jaucheartiger Schmutz und Haufen von Ungeziefer -bedeckten diese Gestalt und diese Kleider. – Doktor -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -Schlüter erkannte, daß die Aufgabe dieses Bades über -weibliche Kräfte ging und rücksichtslos schellte er nach -dem Oberwärter der nächsten Männerstation. Als -dieser erschien, zog er sich selbst zurück, denn die Luft -in dem kleinen, heißen Raume fing an unerträglich -zu werden.</p> - -<p>Die beiden Männer rissen die Reste der Lumpen -herunter, legten den kaum noch erkennbaren Frauenkörper -ins Wasser, bearbeiteten ihn mit Seife, Karbol -und Bürsten und die Schwester sammelte die schmutzigen -Zeugstücke in einen Sack, der später im Kesselhause -verbrannt wurde. Dann reinigte und desinfizirte -sie den Raum, schnitt die Haare der Gebadeten dicht -an der Kopfhaut ab, und die beiden Wärter erneuerten -mehrmals das Wasser in der Badewanne, ehe sie die -jetzt furchtbar schreiende und tobende Person abrieben -und auf der Bahre festbanden.</p> - -<p>Der Oberwärter wendete sich mitleidig an die -barmherzige Jungfrau: »Was, fromme Schwester, das -haben Sie sich nicht gedacht, als Sie ins Kloster -gingen, daß Ihnen mal so etwas – solche – erlauben -Sie gütigst – Schweinerei unter die Finger kommen -würde?«</p> - -<p>Schwester Clarissa neigte das Gesichtchen tief über -die Bahre. »Je schwerer die Arbeit ist, um so größer -ist die Abtödtung des irdischen Menschen und seiner -sündigen natürlichen Empfindungen,« antwortete sie. -»In unserem Brevier steht: Du sollst wie eine Leiche -werden.«</p> - -<p>»Meine Tochter möchte auch ins Kloster, aber -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -wenn sie nach einem solchen Brevier dort leben müssen, -dann werde ich mir doch erst noch einmal überlegen, -ob ich's erlaube,« brummte der Mann. Dann faßte -er mit Jahn die Bahre an, und der traurige Zug -bewegte sich langsam zurück nach der dritten Frauenstation.</p> - -<p>Dr. Schlüter wurde nun wieder geholt und die -beiden Wärter entfernten sich, als sie sahen, daß die -Unglückliche sich auf dem warmen, trockenen Lager -einigermaßen ruhig zu verhalten schien.</p> - -<p>»Da scheint uns ja die Polizei ein nettes Subject -hergeschickt zu haben,« bemerkte er im Eintreten, »Sie -haben mir wirklich leid gethan, Schwester Clarissa.«</p> - -<p>Die Kranke brüllte auf wie ein Thier.</p> - -<p>»Um Gotteswillen,« rief der Arzt nervös, »die -ganze Station kommt ja in Aufruhr, machen Sie -so schnell wie möglich eine Morphiumeinspritzung.«</p> - -<p>Die Schwester holte das kleine Etui aus der -Tasche, füllte die Spritze an einem Wandschranke und -kniete am Bette nieder, um an dem abgezehrten, -bräunlichen Körper eine geeignete Stelle zu suchen, -wo sie den Stich machen konnte.</p> - -<p>Der junge Mann ließ dabei unwillkürlich sein -Auge auf ihrem edlen, durchgeistigten Antlitze ruhen.</p> - -<p>Die Nonne war höchstens zwei oder dreiundzwanzig -Jahr alt; seit zwei Jahren war sie hier, -ein Jahr war sie als Lehrschwester im Mutterhause -gewesen, und drei Jahre hatte sie, wie jede Andere, -im Noviziate zubringen müssen. Sie hatte also mit -sechszehn oder siebenzehn Jahren schon die Welt verlassen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -Dr. Schlüter hatte sehr freie religiöse Ansichten -und glaubte eigentlich auch nicht an vollkommene -Frauentugend. Seit zwei Jahren aber sah er dieses -wunderschöne Mädchen in seinem frommen, aufopfernden -Wirken, in seinem stillen Entsagen.</p> - -<p>Er war ein sehr hübscher Mann und in der Gesellschaft, -sowie bei seinen Patientinnen fand er zuweilen -ein Entgegenkommen, das durchaus geeignet -war, seine wenig idealen Anschauungen von der Frauenwelt -zu bestätigen.</p> - -<p>Wie sonderbar war es doch, daß dieses junge -Mädchen ihn noch nie anders angesehen hatte, als -mit dem ruhigen Blick einer Gehülfin, die genau -aufpaßte, wenn er sprach, um seine Anordnung gewissenhaft -ausführen zu können. Sollte es denn -möglich sein, daß ein Weib wunschlos aufwuchs und -ohne Anfechtung durch's Leben gehen konnte, um -wunschlos zu bleiben und wie eine Heilige zu sterben?</p> - -<p>Er verglich das süße, fromme Gesicht mit den -verzerrten Zügen des verkommenen Weibes, dem sie -in liebevoller Selbstverleugnung diente. War es -möglich, daß diese beiden Frauen einer Welt, einer -Kultur, einem Vaterlande angehörten? Er sann und -sann, er begriff den Abgrund, in den das verlorene, -sterbende Geschöpf versunken war; aber er begriff die -Höhe nicht, auf die der Engelsfittich des Glaubens -das reine Mädchen gehoben hatte, hoch, hoch empor -über alle anderen Frauen, die er kannte und vor denen sie -doch bescheiden zurücktrat.</p> - -<p>Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -wäre doch der größte Geniestreich meines Lebens, wenn -ich mich in eine schöne Nonne verlieben würde, wie der -selige Luther,« sagte er zu sich selbst.</p> - -<p>Das Morphium hatte inzwischen seine Wirkung -gethan, und Schwester Clarissa fragte, ob sie etwas -zur Untersuchung holen solle.</p> - -<p>»Nein, nein, ich danke, ich habe Alles bei mir,« -sagte er hastig und setzte sein Hörrohr auf die Brust -der Kranken.</p> - -<p>Die Untersuchung dauerte ziemlich lange, es herrschte -Todtenstille in dem kleinen Zimmer. Doctor Schlüter -trat vom Bett zurück und sah sehr nachdenklich und -ernst aus.</p> - -<p>»Schwester,« sagte er, »es wäre ja eine Schmach -für die Armenpflege und schließlich sogar für die -Polizei, aber ich glaube, wir haben hier den Hungertod -vor uns.«</p> - -<p>»Sie lebt ja noch, wenn es das ist, wird sie zu -retten sein,« entgegnete die Schwester sanft.</p> - -<p>»Kaum,« antwortete er. »Sie ist am Typhus -erkrankt, hat sich vielleicht selbst in jene Scheune geschleppt, -wo man sie gefunden hat, und hat dort ganz -allein bewußtlos und ohne jede Pflege gelegen. Bewegen -konnte sie sich nicht, niemand sah nach ihr und -so ist sie am Ende verhungert. Es mögen neun -oder zehn Tage her sein, seit der Magen zum letzten -Male Nahrung erhalten hat, die Krankheit hat das -Uebrige gethan, und wir haben hier nun das letzte -Stadium des Hungertyphus. Versuchen Sie immerhin, -ihr etwas Rothwein oder Milch zu geben.« –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -Die Schwester war nicht entsetzt, lange nicht so -erschüttert wie der Arzt. Ein Menschenleben – was -war das denn in der Fülle der Ewigkeit? Aber -eine Menschenseele – sicher hatte die Unglückliche die -Tröstungen der Religion noch nicht empfangen. Sie -war im Begriffe, die letzte Reise anzutreten, ohne die -Wegzehrung, die die Kirche dafür spenden kann, -empfangen zu haben.</p> - -<p>»Wird sie noch einmal zu sich kommen?«</p> - -<p>Er sah überrascht auf bei der ängstlichen Frage, -dann lächelte er. – »Ach so, ich verstehe, sie soll -wohl noch communiciren? Nein, Schwester Clarissa, -dazu ist es zu spät. Das Bewußtsein wird wahrscheinlich -nicht zurückkehren, weil der körperliche -Widerstand gegen das Bad die letzten Kräfte verzehrt -hat. Wenn Sie noch etwas für sie thun wollen, so -geben sie ihr noch einmal Morphium, wenn die letzten -Schmerzen kommen. Gute Nacht, Schwester, ich -schicke Ihnen so bald wie möglich eine Ablösung.«</p> - -<p>Er wollte gehen, an der Thür kehrte er noch einmal -um und trat an das Bett. Er schlug die Decke -zurück und fuhr leicht mit der Hand über den erhöhten -und gekrümmten Rücken des scelettartig abgezehrten -Körpers.</p> - -<p>»Eine interessante Verbildung,« sagte er mehr zu -sich selbst, als zu der Pflegerin, »eine seitliche und -hochtretende Verkrümmung des Rückgrates und dabei -eine Verkümmerung des Brustkorbes, die eine höchst -anormale Lage aller inneren Theile bedingt. – -Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld, -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -daß sie so unheimlich fremdartig aussah, als sie auf -der Trage gebracht wurde. – Na, gute Nacht, hoffentlich -brauchen Sie mich nicht mehr.«</p> - -<p>Er ging jetzt wirklich, und die Schwester kniete -nieder mit dem Rosenkranze in beiden Händen. Sie -küßte das Kreuz und fing dann an, den theilweise -sinnlosen Text eines alten Sterbeliedes zu beten: -»O Du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns -jetzt und in der Stunde unseres Todes – -– – – – – – – – – – –«</p> - -<p>Sie betete so lange wie die Leidende ruhig blieb. -Bei dem ersten wilden Schrei, der aus dem noch -immer offenen Munde drang, erhob sie sich und führte -die Schlundsonde ein.</p> - -<p>Zuerst versuchte sie etwas Milch zu geben, aber -der erschöpfte Magen nahm sie nicht mehr an. Die -Pflegerin vermischte nun Rothwein mit einigen Tropfen -Morphium und flößte das ein.</p> - -<p>Der Versuch erwies sich als unausführbar, die -Rettung kam wirklich zu spät, die Auflösung hatte -augenscheinlich schon begonnen. Angstvoll betrachtete -die junge Schwester das gelbe, häßliche, von schwarzen -Flecken entstellte Gesicht. Sie wartete auf ein letztes -Wiederaufdämmern des Bewußtseins.</p> - -<p>Vergebens – geheimnißvoll und grausig trat der -Tod ein und erfüllte mit seiner Nähe das enge -Gemach.</p> - -<p>Sie fühlte die Gewalt der unsichtbaren Macht, -die dieses verlorene Leben an sich riß und erwürgte, -aber sie war hülflos dem Dämon gegenüber, den -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -sie so gerne verscheucht hätte bis der Tag kam, bis -ein Priester geholt werden konnte, der nach dem -Glauben der Nonne im Stande war, die Engel der -Verdammniß zu verscheuchen, die ihre Krallen ausstreckten, -um diese Seele zu sich hinabzuziehen in das -ewige Nichts.</p> - -<p>Sie hatte schon an manchem Sterbebette gebetet, -und sie kannte den Tod. Oft war ihr gewesen, als -wären drei Personen im Zimmer, sie und der -Sterbende und eine milde, himmlische Lichtgestalt, -die einen müden Erdenpilger mit sanfter Hand -hinüberführte in die ewige Heimath. Wie einen -trauten Freund hatte sie ihn oft willkommen geheißen -den Verklärer und Erlöser, dessen Nähe das Ende -aller Qual und den Anfang des wahren Lebens -bedeutete.</p> - -<p>Wie anders war das an diesem Sterbebette! In -ihrer jungfräulichen Reinheit ahnte sie, daß sie eine -Verlorene vor sich hatte. Die verfallenen Züge -sprachen von einem wüsten, wilden Leben in Elend -und Schuld. Diese wie Vogelklauen gekrümmten -Finger hatten gewiß niemals die Gebetschnur gehalten, -sich niemals gefaltet erhoben zum Altare des Herrn.</p> - -<p>Tiefer, tiefer Unfrieden, der ganze Jammer des -Lasters hatte diesen Zügen seinen Stempel aufgedrückt. -Dieses Weib war sicher eine entsetzliche Megäre -gewesen, vielleicht war sie nicht einmal vor den -gemeinsten Verbrechen zurückgeschreckt. –</p> - -<p>Nun kam der Tod. In finsterer Nacht der -Bewußtlosigkeit nahm er sie hin, die betende Nonne -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -fühlte seinen eisigen Hauch, der den Körper der -Sterbenden umhüllte.</p> - -<p>»O, wie furchtbar ist doch das Sterben derer, die -nicht Gottes Kinder sind,« seufzte sie und sah dann -zu, wie eine entsetzliche körperliche Qual die Brust -der Sterbenden umklammerte. Sie wischte ihr den -kalten Schweiß von der Stirn und lauschte auf ihr -Stöhnen und Aechzen.</p> - -<p>Jetzt bewegten sich die Lippen, die so starr und -bläulich bisher offen gestanden hatten. »Hund, verfluchter -Hund« tönte es leise und dann ein Fluch, der -halb erstickt und unverständlich blieb.</p> - -<p>Schwester Clarissa machte das Zeichen des Kreuzes -über das Bett, da fuhr die Hand der Sterbenden -gegen ihren Arm, das Kreuz blieb unvollendet und -der Schwester war es, als ob eine finstere, unheimliche -Macht diese Bewegung mit dem Gliede der Sünderin -ausgeführt habe, um das Heil zu hindern, das sich -mit dem Zeichen des Segens auf die Unglückliche -hätte hernieder senken können.</p> - -<p>Sie wagte nicht, den Kreuzschlag zu wiederholen, -sondern griff fast mechanisch nach der Morphiumspritze -in ihrer Tasche, um der Sterbenden die letzte Erleichterung -zu verschaffen, die Menschenhände ihr -gewähren konnten.</p> - -<p>Dann wachte sie an diesem Sterbebette die ganze -endlos lange Nacht hindurch. Sie war überzeugt, -eine ahnende Erkenntniß von den ewigen Qualen -der Unseligen erhalten zu haben und bat alle Heiligen -und Märtyrer, ihr Jammer und Leid im Erdenleben -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -zu Theil werden zu lassen, damit sie, wenn ihr Ende -nahte, dereinst mit dem Namen des Herrn auf den -Lippen aus diesem Leben scheiden könne.</p> - -<p>Die Verhungerte litt entsetzlich. Nie hatte die junge -Schwester einen ähnlichen Todeskampf gesehen. Wild -bäumte der verkrüppelte Körper der Sterbenden sich in die -Höhe, die Schwester mußte förmlich mit ihr ringen, um -sie nieder zu halten auf dem Lager. Schließlich legte -sie ihr einen Gurt über Brust und Beine und befestigte -die Schnallen unter der Bettstelle, wie bei einer Tobsüchtigen.</p> - -<p>Nun folgte ein leises Wimmern, dann ein Stöhnen -und Jammern der höchsten Angst, und doch war -der ganze Kampf nur körperliche Auflösung, der Geist -kehrte nicht wieder zurück in diese elende Hülle.</p> - -<p>Als der Morgen dämmerte, änderte sich die Farbe -des Gesichtes. Die große fleischige Nase wurde weiß, -die Wangen überzog eine fahle Blässe, die Schatten -um die Augen vertieften sich, die Lippen färbten sich -schwärzlich.</p> - -<p>Die Fittiche des Todesengels rauschten über dem -Lager – ein letzter wilder Schmerzensschrei erscholl, -ein Zucken fuhr durch alle Glieder .....</p> - -<p>O du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns -jetzt und in der Stunde unseres Todes ...</p> - -<p>Die Nonne betete an einem Todtenbette.</p> - -<p>Mit linder Hand drückte sie die Lider auf die -gebrochenen Augen herab, legte ein Tuch über das -Gesicht der Leiche und kehrte zurück an den Altar im -Saale, um vor dem Gnadenbilde ihre Gebete fortzusetzen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -Am anderen Morgen erschien ein evangelischer -Oberprediger in der Klinik. Die Vorstandsdamen -des Frauenvereins ließen durch ihn ihre Unterstützung -anbieten. Man hatte erfahren, daß eine unbekannte -Frauensperson in bewußtlosem Zustande eingeliefert -war, und man erklärte sich bereit für die Unglückliche -und Nothleidende einzutreten.</p> - -<p>Dr. Schlüter hörte die großmüthige, liebenswürdige -Rede des geistlichen Herrn ruhig an.</p> - -<p>»Ich bedaure, daß Sie sich umsonst bemüht haben, -Herr Oberprediger,« sagte er, »die fragliche Kranke -ist bereits im Laufe der Nacht gestorben.«</p> - -<p>»O, das bedaure ich aufrichtig. Hoffentlich wird -man die Leiche recognosciren – jedenfalls, wie dem -auch sein möge – die Begräbnißkosten – –«</p> - -<p>»O, bitte Hochwürden,« unterbrach ihn der lächelnde -Arzt, »von Begräbnißkosten kann gar keine Rede sein, -wir besorgen das schon von der Anatomie aus.«</p> - -<p>»Wirklich? Das ist ja sehr menschenfreundlich, -dann habe ich hier wohl nichts mehr zu thun und -werde meinen Damen Bericht erstatten.«</p> - -<p>Die Herren reichten sich in verbindlichster Weise -die Hände, und der Herr Pastor empfahl sich in der -festen Ueberzeugung, daß Alles vortrefflich erledigt sei.</p> - -<p>Bald nach ihm erschien bei dem Stationsarzte -wieder ein fremder wohlthätiger Herr.</p> - -<p>Die Armenverwaltung war von der Polizei benachrichtigt, -was für ein seltener und überaus trauriger -Fall sich der Wirksamkeit dieser hochgeschätzten, wohllöblichen -Behörde entzogen habe. Die Armenverwaltung -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -war bereit, die Verpflegungskosten für die Unbekannte -zu tragen. Man erwartete natürlich eine angemessene -Preisermäßigung.</p> - -<p>Wieder hörte der Arzt mit lächelnder, verbindlicher -Miene und Haltung die wohlgesetzte Rede des Herrn -Stadtrathes mit an. »In der That, Herr Stadtrath, -es ist im höchsten Maaße zu bedauern,« erwiderte er, -»die Armenverwaltung bekümmert sich doch sonst um -Schwerkranke, ihrem scharfen Auge entgeht selten ein -Fall von wirklicher Noth. Der lag hier vor.«</p> - -<p>»Gewiß, gewiß, verehrter Herr Doctor, ich habe das -bereits erfahren, es soll sofort etwas geschehen – –«</p> - -<p>»Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Stadtrath, -die Hilfe der Armenverwaltung kommt zu spät, die -unbekannte Arme ist bereits im Laufe der Nacht verstorben.«</p> - -<p>»Unglaublich! An welcher Krankheit denn?«</p> - -<p>»Am Typhus – wenigstens war das die Krankheit, -die hier vorlag. Gestorben ist die Person -eigentlich daran nicht direct.«</p> - -<p>Typhus! Der Herr Armenpfleger gerieth ganz -außer sich über die bodenlose Unwissenheit des Landstreichervolkes, -das in dieser Krankheit wahrscheinlich -nur ein ganz unbedenkliches Unwohlsein gesehen hatte, -das irgend welcher Pflege nicht bedurfte.</p> - -<p>»Denken Sie sich, Herr Doctor,« erklärte der -würdige Herr mit großem Eifer, »diese Scheune gehört -einem Ackerbürger, der sich in höchst reducirten -Verhältnissen befindet. Das Bauwerk ist vollständig -unbenutzbar und baufällig, aber der Besitzer scheut -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -die Reparaturkosten und hat die Baracke auch gar -nicht gebraucht, da er seine Ernte auf dem Halme -verkauft hat. Um wenigstens einen minimalen Nutzen -zu erzielen, vermiethet er das einsam gelegene Obdach -zuweilen an fahrendes Volk. Eine solche Bande, die -kürzlich dort hauste, muß die hilflose Schwerkranke -zurückgelassen haben.«</p> - -<p>»Man weiß keine Namen?«</p> - -<p>»Natürlich nicht, dieses Volk bezahlt einen Unterschlupf -um so besser, je weniger man es daselbst controllirt. -Kommen und gehen ohne Anmeldung und Abmeldung, -das lieben diese Leute, ihre Lasten dagegen, Krankenpflege, -Steuerzahlen und was dergleichen mehr ist, die -wissen sie von sich abzuschieben.«</p> - -<p>»Ein trostloses Leben,« bemerkte der jüngere Mann.</p> - -<p>»Lustig genug für diese Sorte,« entgegnete der -Andere ärgerlich.</p> - -<p>»Uebrigens ist es eine wahre Ehrenrettung für die -Behörden, die diesen Fall bedauerlicher Weise übersehen -haben, daß die Person wenigstens nicht verhungert -ist. Man fand Reste von Brod und Kartoffeln, die -man ihr wohl in dem Glauben hingelegt hatte, sie -würde sich erholen und sobald als möglich der Gesellschaft -nachkommen!«</p> - -<p>»Das ist anzunehmen, Herr Stadtrath.«</p> - -<p>»Gewiß. Uebrigens würde ja gradezu fahrlässige -Tödtung vorliegen, wenn einer der Angehörigen gewußt -hätte, daß die Person durch die Vernachlässigung, -der sie unterlag, dem Tode überliefert wurde. Aber -so ist dieses Volk, die Angst vor der Polizei ist -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -so groß, daß sie lieber sterben und verderben, als sich -an eine Behörde wenden, die bei aller Strenge gegen -ihre Vergehen, sie in ihrer letzten leiblichen Noth doch -nicht im Stiche lassen würde.«</p> - -<p>»Ja, es ist zu beklagen, daß das tiefste Elend -oft so lichtscheu ist, daß man es überhaupt nicht -sieht,« entgegnete der Arzt.</p> - -<p>»Glauben Sie mir, Herr Doctor,« versicherte der -alte Herr, der sich über das Verständniß freute, das -er hier fand, »das Amt eines Armenvaters ist dornenvoll -und verantwortungsreich. Es giebt Fälle von -Elend, denen man beim besten Willen kaum beizukommen -vermag, o Sie glauben gar nicht, was uns -da manchmal vor Augen gebracht wird – es ist zuweilen -gradezu himmelschreiend.«</p> - -<p>»Es giebt, wie ich hier auf meinem Posten als Polikliniker -ebenfalls erfahre, Fälle von Menschenleid und -Noth, von tiefster Verzweiflung und Verkommenheit, die -sich jeder öffentlichen Kenntniß entziehen, aber wer zu lesen -versteht, findet die Geschichte solcher Fälle oft zwischen -den Zeilen des kürzesten, trockensten Polizeiberichtes.« –</p> - -<p>»Sie meinen? O – hm indessen, die Heimathgemeinde -wird ja wohl aufzufinden sein, indeß vorläufig -– die Begräbnißkosten – –«</p> - -<p>»O bitte, Herr Stadtrath,« unterbrach Dr. Schlüter -lächelnd, »damit wird die städtische Armenkasse in -keiner Weise belästigt werden, das besorgt die -Universität.«</p> - -<p>»Wie meinen Sie das?«</p> - -<p>»Ich meine die Anatomie.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -»Ah so, ich verstehe, meinen verbindlichsten Dank.«</p> - -<p>Sehr befriedigt über die Wendung, die diese fatale -Sache für den Säckel einer hochlöblichen städtischen -Armenverwaltung genommen hatte, entfernte sich der -Herr Stadtrath. Dr. Schlüter begleitete ihn zur -Thür und sah dann nach der Uhr. Die beiden Besuche -hatten ihn länger aufgehalten, als er gedacht -hatte. Um zehn Uhr war die Section angesagt, und -er hatte kaum noch Zeit, sich dazu umzukleiden.</p> - -<p>Der Chef der Klinik hielt vor einem großen -Kreise junger Mediciner einen Vortrag an der Leiche. -Wegen der Mißbildung des Rückens lag der nackte -Körper auf der Seite. Der Secirtisch war blank -gescheuert und kalt. Die Leiche sah bei dem -elektrischen Lichte, das grell auf sie fiel, schauerlich -grün aus, mit grauschwarzen Todtenflecken am ganzen -Leibe. Der geschorene Kopf mit dem unedlen Profil -und dem offenen Munde machte einen fratzenhaften -Eindruck.</p> - -<p>Blitzend und eisig fuhr das Instrument des -Professors in den Körper hinein und machte den -ersten Schnitt. Die weitere anatomische Arbeit besorgten -die Assistenten und Diener, aber der Professor -erklärte, zeigte, sprach und lehrte. Der Vortrag war -äußerst geistvoll, der Gegenstand hochinteressant.</p> - -<p>Die Universitätskasse ruinirte sich nicht bei den -Begräbnißkosten dieser Todten, die inneren Organe, -die alle mißgestaltet und ungewöhnlich waren, kamen -fast ausnahmslos in Spiritus. Die Knochen des -ganzen Körpers einschließlich des Kopfes wurden vom -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Fleische befreit, präparirt, gekocht, mit Chlor abgerieben, -mit Draht verbunden, und es entstand aus -ihnen das schönste anormale Scelett, was je eine -medicinische Hochschule besessen hatte.</p> - -<p>Der Diener der Anatomie trug am späten Abend -eine festzugeschraubte Kiste mit menschlichen Resten -zum Todtengräber.</p> - -<p>Früh, ehe der Kirchhof belebt wurde, grub man -dort ein Loch und schüttete es zu. Die Winde des -Himmels aber trugen Samen darauf von Kräutern -und Gras. Es wächst überall eigenthümlich üppiges -Gras in den vergessensten Winkeln der Kirchhöfe.</p> - -<p>Die Polizei stellte unermüdliche Nachforschungen -an nach jenen Vagabunden, die ein sterbendes Weib -hülflos und allein in einer baufälligen Scheune verlassen -hatten.</p> - -<p>Die Schuldigen wurden ermittelt und wegen -fahrlässiger Tödtung verhört, man konnte ihnen aber -nichts nachweisen und ließ sie laufen.</p> - -<p>In der Klinik erschien ein Polizei-Commissar, um -in den Papieren der Anstalt nachträglich den Namen -jener Todten einzutragen, die hier geendet hatte, -ohne daß man wußte, wer sie war. Sie hieß Karoline -Schwarz; der Beamte theilte es dem Stationsarzte -mit, der gleichgültig die Achseln zuckte.</p> - -<p>»Ich kann sie Ihnen übrigens zeigen,« sagte -Dr. Schlüter und führte den Herrn in den Hörsaal -vor ein prachtvoll aufgebautes weibliches Gerippe. -Man sah die Fehler, die die Natur bei der Bildung -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -dieser Knochen gemacht hatte, und das erschien den -Herren außerordentlich interessant.</p> - -<p>Für Schwester Clarissa war die Aufstellung dieses -Präparates »eine Anfechtung« – wie der kirchliche -Ausdruck dafür lautet.</p> - -<p>Sie war nicht im Stande, daran vorüberzugehen -wie an den anderen anatomischen Gegenständen -ihrer Umgebung. Sie konnte diese grau-gelben -Knochen nicht sehen, ohne an den grausigen Todeskampf -zu denken, den sie mit angesehen hatte. Unaufhörlich -stellte sie sich vor, wie die Seele, nachdem -sie den Körper verlassen hatte, hindurchgeglitten sei -durch das kalte, schaurige, endlose Nichts des Jenseits, -um vergebens den Herrn zu suchen und seine -Gnade.</p> - -<p>Sie glaubte zu ahnen oder beinah zu wissen, wie -dann die Teufel die Seele ergriffen hätten und in -den ewigen Pfuhl des Fegefeuers geworfen. Und sie, -in der heiligen Armuth, die sie gelobt hatte, besaß -nicht die Mittel, um Seelen-Messen zu ihrer Erlösung -lesen zu lassen.</p> - -<p>Der dogmatische Glaube, der bis dahin Halt -und Stütze der Jungfrau bei ihrem schweren -Berufe gewesen war, bereitete ihr jetzt zum ersten Mal -auch Schmerzen.</p> - -<p>Hätte sie dem Dr. Schlüter die Unruhe anvertraut, -die sie innerlich verzehrte, so würde er wahrscheinlich -gesagt haben, sie sei durch Ueberanstrengung -in einen krankhaft nervösen Zustand gekommen. Er -würde ihr Diensterleichterung und Mittel für Nervenleiden -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -gegeben und sie vielleicht noch von ganzem -Herzen bedauert haben.</p> - -<p>Die Nonne aber vertraute ihr Leid nicht dem -Arzte, sondern dem Beichtvater. Der Priester hatte -nicht die Einsicht, sie seinerseits an einen Arzt zu -weisen, sondern sagte ihr, die ohnehin von drei Nächten -nur zwei schlief – sie möge ihren Leib kasteien und -von den Stunden, die ihr zum Schlafe gewährt seien, -noch eine in jeder Nacht der Fürbitte widmen.</p> - -<p>So betete und wachte das zarte junge Mädchen -und hoffte, eine Verdammte damit zu erlösen. Der -Kaplan aber hatte das Richtige getroffen, um ihr die -Ruhe zurückzugeben. Er kannte ganz genau den -Glaubenszwang, der auf die Seelen der Novizen ausgeübt -wird.</p> - -<p>»Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden -Gott schauen.« Nach diesem Grundsatze behandelte -er seine Beichtkinder, sofern sie Ordensleute waren.</p> - -<p>Schwester Clarissa glaubte, daß sie ein Werk zur -Seligkeit thue und fühlte sich glücklich dabei. Körperlich -aber überstieg die Sache ganz entschieden ihre -Kräfte.</p> - -<p>Ihr zartes Gesicht nahm eine durchsichtige Blässe -an, die Hände kamen wachsweiß aus den schwarzen -Aermeln hervor, und die großen grauen Augen leuchteten -mit verklärten Blicken unter dem dunklen Nonnenschleier, -der über der weißen Stirnbinde lag.</p> - -<p>Dr. Schlüter sah die Veränderung, die mit ihr -vorging. Er versuchte ihr Vertrauen zu erlangen, -aber das war ganz vergeblich.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -All seinen theilnehmenden ärztlichen Fragen nach -ihrem Befinden wich sie scheu und verlegen aus. Er -brachte nichts aus ihr heraus und wendete sich deshalb -an die Schwester Domina.</p> - -<p>Sofort befahl die Oberin, daß Schwester Clarissa -wegen nervöser Folgen von Ueberanstrengung auf -einen Monat von allen Nachtwachen zu dispensiren -sei. Außerdem wurde ihr erlaubt, jeden Nachmittag -eine Stunde im Garten der Anstalt zuzubringen.</p> - -<p>Diese Maßregeln waren der jungen Schwester -außerordentlich unangenehm, indessen die Gefühle der -Ordensleute werden so eingezwängt und eingeschraubt -durch die seelische Bevormundung, die ihnen zu jeder -Zeit zu Theil wird, daß eine Nonne ein für alle -Mal jede Aeußerung ihrer Gefühle unterdrückt und -sich schweigend fügt.</p> - -<p>Es war grade Hochsommer, und der Aufenthalt -in der freien Luft schien wirklich eine Spur von -rosiger Farbe auf das weiße Gesichtchen in der -düsteren Umrahmung zu zaubern. Dr. Schlüter sah -sie mit Befriedigung auf einer Bank sitzen unter einer -blühenden Linde. Die schmalen weißen Hände hielten -ein Buch. Unter den gesenkten Wimpern tropften -schwere Thränen hervor und fielen auf die Blätter.</p> - -<p>Der Arzt sah das reizende Geschöpf von seinem -Zimmer aus. Er bemerkte, daß sie weinte und ging -hinaus in den Garten, um sich ungenirt neben sie -auf die Bank zu setzen.</p> - -<p>»Warum weinen Sie, Schwester,« fragte er -freundlich. »Sie sind doch todt für die Welt. Wie -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -ist es möglich, daß ein irdischer Kummer den Frieden -stören kann, den Sie gefunden haben?«</p> - -<p>»Ich habe einen Zweifel.« – Zögernd, gepreßt -rang sich das Geständniß von ihren bebenden Lippen. -Der Zweifel mußte sie wohl sehr beunruhigen, daß -sie sich entschloß, ihn vor einem Kinde der Welt laut -werden zu lassen.</p> - -<p>»Sie – einen Zweifel?« Er war mehr als erstaunt. -»Natürlich meinen Sie einen religiösen Zweifel, -nicht wahr?«</p> - -<p>»Nicht ganz,« antwortete sie ängstlich, »es ist eigentlich -ein historischer Zweifel.«</p> - -<p>»Wie – was?«</p> - -<p>Sie erklärte ihm schnell, was sie meinte. »Sehen -Sie, ich lese das Leben der h. Agathe. Das Buch -ist mit hoher erzbischöflicher Genehmigung herausgegeben -und besonders für Ordensfrauen zum Lesen -bestimmt. Sie wissen ja, wie die Heilige verstümmelt -wurde, weil sie dem Kaiser Diocletian nicht als -Heidin anhängen wollte.</p> - -<p>Nach ihrer Marterung verließ sie der Kaiser, und -sie blieb sterbend in den Armen der ihren zurück. -Da – da schritt über den Markt die Jungfrau -Maria.« ....</p> - -<p>»Nun und was weiter?«</p> - -<p>»Herr Doctor, die Jungfrau Maria war schon -lange todt, als der Kaiser Diocletian lebte.«</p> - -<p>Der Arzt freute sich über die Entdeckung, daß die -einzige Schwester, die ihm interessant war, aus gebildeten -Kreisen zu stammen schien.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -Er lächelte. »Aber Schwester Clarissa, da würde -ja die Weltgeschichte aufhören.«</p> - -<p>»Bitte, lesen Sie.«</p> - -<p>Sie reichte ihm das Buch, und der freigeistige -junge Gelehrte las nun die Stelle.</p> - -<p>Er gab das Buch zurück. »Beruhigen Sie sich, -liebe Schwester,« sagte er, »eine solche Erscheinung -nach hundert Jahren macht der heiligen Jungfrau -weiter keine Schwierigkeiten. Sie ist ja seitdem öfter -erschienen, nach Bedarf wird sie auch noch ferner -erscheinen.«</p> - -<p>»Also Sie erklären das durch eine Erscheinung?« -fragte sie glücklich. Er wunderte sich, daß sie die -Ironie seines Tones nicht bemerkte.</p> - -<p>»Ja, ich denke, daß es hier so gemeint ist. Die -Mutter Gottes ist ja im Fleische auferstanden. Das -heißt, Sie glauben doch an die Auferstehung des -Fleisches?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>Sie sagte es so feierlich, so bestimmt; aus ihren -tiefen Augen leuchtete das Feuer einer so wahren -Askese, daß er plötzlich begann, sich unsicher ihr gegenüber -zu fühlen. Es war ja recht gut, daß sie -mit seiner Erklärung des Gegenstandes, der sie so -unglücklich gemacht hatte, zufrieden gewesen war.</p> - -<p>Er wollte den günstigen Eindruck nicht wieder -verwischen und versuchte es lieber zu ermitteln wie -weit dieser grüblerische, fanatisch beeinflußte Geist -eigentlich mit wirklicher Bildung ausgestattet sei.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -Ganz ohne Uebergang fragte er sie plötzlich, ob -sie jemals den Faust gelesen habe.</p> - -<p>Sie sah ihn verwundert an. »O ja, in der Welt, -ehe ich ins Noviziat eintrat.«</p> - -<p>»Wie alt waren Sie bei Ihrem Eintritte?«</p> - -<p>»Achtzehn Jahr.«</p> - -<p>»Was haben Sie seitdem gelesen?«</p> - -<p>»Nur religiöse Bücher, alles Andere ist uns verboten.«</p> - -<p>»Und genügt Ihnen das ein für alle Mal?«</p> - -<p>»Es muß mir genügen.«</p> - -<p>Diese energische Zucht, die die Kirche an dem -Geist derer übt, die sich ihr ganz widmen, imponirte ihm.</p> - -<p>Er fragte sie nach diesem und jenem und kam -zu dem Ergebniß, daß sie eine tüchtige Schulbildung -genossen habe, wie sie nur Töchter der höheren Stände -erhalten. Bei seinen Fragen nach ihren früheren Verhältnissen -schwieg sie.</p> - -<p>Einmal lächelte sie auch und sagte: »O ja, damals, -als ich noch lebte; aber sehen Sie, ich bin doch nun -todt für die Welt.«</p> - -<p>Er sah ihre lieblichen Lippen und ihre kleinen -weißen Zähne an, wie sie das so lächelnd sagte, und -der Sinn ihrer Worte blieb ihm in diesem Augenblicke -fremd. Er sah darin eine etwas überspannte, -mädchenhafte Auffassung des klösterlichen Berufes, -nicht eine Bestätigung des furchtbaren Befehls, den -die Kirche ihren Jüngern zuruft: Du sollst wie eine -Leiche werden.</p> - -<p>Die Schulbildung war da, aber dann war nichts -hinzugekommen, als einseitiges medicinisches Wissen, -<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -kirchliche Schulung aller Empfindungen und eine -gewisse trostlose Lebenserfahrung, deren einzigen Mittelpunkt -das Krankenbett bildete. Keine gesellschaftlichen -Formen, keine Fähigkeit zum Plaudern und Scherzen.</p> - -<p>Und dabei war dieses Mädchen so wunderbar schön! -Noch niemals hatte er um eines reizenden Gesichtes -willen geistig eine solche Forschungsreise nach Herz -und Bildung unternommen wie hier, bei diesem -frommen, tüchtigen, klugen Mädchen.</p> - -<p>Er bedauerte in seinem Herzen, daß sie Nonne -war, nicht weil sie ihn persönlich so sehr interessirte, -sondern weil es ihm leid that, daß diesem Geiste ein -für alle Mal die Flügel gebunden waren.</p> - -<p>Und so wie diese Eine, denken tausende von -Mädchen, die den Schleier tragen. Sie dienen der -Allgemeinheit still und entsagend. Niemand achtet -auf sie, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Die -Psychologie in der modernen Kunst dringt bis in die -tiefste Herzenstiefe der Weltkinder ein, die Kinder -der Kirche aber übersieht sie.</p> - -<p>»Weltdamen, Schauspielerinnen, Bauernmädchen, -Kellnerinnen, ja sogar Dirnen werden beachtet, ans -Licht gezogen und interessant gemacht durch das -Interesse, das Kunst und Wissenschaft an ihnen nehmen. -Ihr Aeußeres wie ihr Seelenleben wird geschildert, -wird studirt und wird schließlich rückwirkend durch -diese Beachtung, die es findet, beeinflußt. – Wer beachtet, -wer schildert das Seelenleben moderner Nonnen?«</p> - -<p>Der junge Kliniker machte hier einen schwachen -Versuch dazu. Er konnte sich der Ueberzeugung nicht -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -verschließen, daß auch die frommen Schwestern äußerlich -mit der Zeit fortschreiten. Sie besitzen, wie er -täglich sah, eine große chirurgische Geschicklichkeit und -so viel medicinische und sogar anatomische Kenntnisse, -daß sie die besten und beliebtesten Gehilfinnen der -Aerzte bei der Ausübung ihres Berufes bilden. Aber -dennoch war Dr. Schlüter der Ansicht, daß der -größte Theil der Schwestern im Denken und Fühlen, -im Glauben und Beten zurückgeblieben sei im tiefsten, -dunkelsten Mittelalter.</p> - -<p>Es würde ihn lebhaft interessirt haben, das Leben -der h. Agathe oder auch das der h. Elisabeth einmal -durchlesen zu können. Er wußte, daß Schwester -Clarissa diese Bücher zuweilen den Kranken, die ihres -Glaubens waren, zu lesen gab. Er sah prüfend auf -das Gesicht der neben ihm Sitzenden, ehe er es wagte, -um diese Bücher zu bitten.</p> - -<p>Auf den reinen lieblichen Zügen lag aber nichts, -als der Ausdruck himmlischen Friedens. Sie schien -mit ihren Gedanken so fern von ihm, so fern von -allen irdischen Dingen zu weilen, daß er es nicht -wagte, noch einmal wieder ein Gespräch mit ihr anzufangen. -Wie unschuldig rein war es doch, daß sie -so ruhig neben ihm sitzen blieb und nicht den geringsten -Anstoß daran nahm, daß er sie aufgesucht -hatte.</p> - -<p>Er verabschiedete sich freundlich und kehrte in sein -Zimmer zurück, ohne die Bücher, die ihn interessirten, -erbeten zu haben. –</p> - -<p>Im Laufe der Nacht starb in der Anstalt ein neugeborenes -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Kind. Es hatte nur wenige Stunden gelebt, -und die Mutter wurde, schwer krank an einem -typhösen Fieber, aus dem Saale der Wöchnerinnen -entfernt und in das Isolirzimmer der dritten Station -gebracht.</p> - -<p>Schwester Clarissa pflegte die Kranke mit aufopfernder -Pflichttreue, aber ohne persönliches Interesse. -Wäre das unglückliche Mädchen unter ihren Händen -gestorben, so würde sie ruhig für die rechtzeitige Ertheilung -der Sacramente gesorgt haben, hätte für ihre -Person die vorgeschriebenen Gebete gesprochen und im -Uebrigen nicht weiter an den Fall gedacht.</p> - -<p>Die Unglückliche starb aber nicht. Die pflegende -Schwester sah, wie leise, von Schwäche fast überwältigt, -daß Leben und die Besinnung zurückkehrte.</p> - -<p>Dr. Schlüter blickte freundlich auf die Kranke -herab, wie sie sich aufrichtete und ihn bat, ein paar -Minuten bei ihr zu bleiben.</p> - -<p>»Gerne Barbara« – er vermied es, sie Fräulein -zu nennen – »warum sollte ich wohl jetzt nicht -einige Minuten Zeit für Sie haben? Wissen Sie -nicht, daß Sie mich schon Stunden meiner Zeit gekostet -haben?«</p> - -<p>»Herr Doctor,« stotterte das Mädchen in tiefster -Verlegenheit, und über die eingesunkenen Wangen -huschte ein Schein von Erröthen. »Herr Doctor -waren Sie – Sie auch dabei?«</p> - -<p>»Sie meinen bei Ihrer Entbindung, Barbara?«</p> - -<p>Sie nickte und sah mit tief unglücklichem Ausdrucke -auf ihre mageren Hände herab.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -»Nun, mein Gott, was ist denn dabei, ich habe -das schon oft erlebt, deshalb brauchen Sie sich nicht -zu geniren.«</p> - -<p>Sie sah angstvoll zu ihm auf. »Lebte das -Kind?« hauchte sie.</p> - -<p>»Ja, es lebte, aber es war noch nicht lebensfähig, -es ist nach einigen Stunden gestorben. Machen Sie -sich keinen Kummer, das Unglück wäre größer, wenn -Sie das Kind jetzt hätten.«</p> - -<p>»Für dieses Leben ja,« erwiderte die Kranke, -»aber Schwester Clarissa sagt, das Unglück in diesem -Leben wäre ein Zeichen von der Liebe des Herrn.«</p> - -<p>»Ach, das haben Sie falsch verstanden,« versuchte -er zu trösten, »die Schwester hat gemeint, Sie möchten -dem Kinde weiter nicht nachtrauern, nicht wahr -Schwester Clarissa?«</p> - -<p>»Ich meine, dieses Leben ist nur eine Station -auf der Pilgerfahrt zur Heimath. Was wir hier erdulden, -ist vergänglich; das unvergängliche Leid oder -die ewige Freude beginnt erst nach dem Tode,« erwiderte -sie.</p> - -<p>Der Arzt sah sie mißbilligend an. »Schwester -ich muß Ihnen, als Ihr Stationschef, dessen Gehilfin -Sie sind, sagen, daß es nachtheilig für die Kranken -ist, wenn Sie mit ihnen über den Tod sprechen.«</p> - -<p>Die Schwester schwieg.</p> - -<p>»Das hat die Schwester nicht gethan,« sagte -Barbara.</p> - -<p>»Nun, wovon ist denn aber die Rede?«</p> - -<p>»Von dem Kinde, Herr Doctor. Sie haben das -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -Kind gesehen, sagen Sie mir, o Gott ich beschwöre -Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, sagen Sie mir -die Wahrheit, ist mein Kind vor seinem Tode getauft?«</p> - -<p>»Getauft? Aber ich bitte Sie, wer hätte es -denn taufen sollen?«</p> - -<p>Die arme Mutter schrie laut auf und warf sich -auf das Kissen zurück, sie weinte leidenschaftlich.</p> - -<p>»Barbara, werden Sie ruhig, Sie schaden sich, -ich befehle es, wenn Sie nicht aufhören zu schreien, -gehe ich mit der Schwester hinaus.«</p> - -<p>»O, mein Kind,« schluchzte sie, »mein Kind hat -nun keinen Antheil an dem Opfer Christi, es gehört -nicht zu ihm, es ist verloren, ich werde es nie – -niemals wiedersehen.«</p> - -<p>Er zögerte nun einen Augenblick, ob er etwas -sagen dürfe, was er selbst nicht glaubte, endlich entschloß -er sich es zu thun – als Arzt, um ihrer -Aufregung willen. »Was wollen Sie denn eigentlich,« -polterte er ein wenig ungeschickt – »wiedersehen? -Natürlich werden Sie Ihr todtes Kind in diesem Leben -nicht wiedersehen, aber später – – nach dem -Tode – – –«</p> - -<p>Sie richtete sich etwas auf, mit dem Rücken halb -nach oben, auf die Ellbogen gestützt. Um das bleiche -Gesicht hing das wirre blonde Haar, die tiefliegenden -blauen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der -höchsten Angst auf Schwester Clarissa.</p> - -<p>»Schwester,« stöhnte sie, »bei den Schmerzen der -heiligen Jungfrau, bei dem Blute Christi, sagen Sie -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -mir die Wahrheit – werde ich es wiedersehen, das -ungetaufte Kind – – nach dem Tode?«</p> - -<p>Ein harter Zug entstellte den Mund der Nonne. -»Nein,« sagte sie kurz und rauh.</p> - -<p>Die Kranke wurde bewußtlos, und die Pflegerin -ging dem besorgten Arzte sachgemäß und ruhig zur -Hand, wie immer. –</p> - -<p>Nach einer Viertelstunde verließ Dr. Schlüter das -Isolirzimmer. Die Kranke lag mit den nöthigen -Mitteln versehen ruhig athmend mit geschlossenen -Augen da. Er hatte keine ernstlichen Besorgnisse für -sie, das Interesse aber, das sich eine kurze Zeit für -die Tochter der römischen Kirche in seinem Herzen -geregt hatte, war erloschen.</p> - -<p>Er war hart angeprallt an die Scheidewand, durch -die der Glaube und das Gelübde der Nonne diese -von ihm, von der Welt und von allem Denken und -Thun der meisten Menschen trennte.</p> - -<p>Einen Augenblick hatte es ihm weh gethan, dieses -harte kalte »nein«, mit dem sie etwas bestätigte, was -sie für wahr hielt; aber von allen Liebesschmerzen, -die er je um dieses süßen Mädchenantlitzes willen -empfunden, hatte ihn dieser Augenblick geheilt.</p> - -<p>Ihm schien es jetzt auf einmal, als ob dieses Gesicht, -das er zuweilen von Locken umrahmt sich geträumt -hatte, gar nirgend anders hingehöre, als unter die -weiße Haube, die so kalt und streng vom schwarzen -Schleier rings umwallt, die Stirn verhüllte.</p> - -<p>Er sah nur noch die barmherzige Schwester, die -ihm zur Hand ging, düster in der Erscheinung, unnahbar -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -im Wesen und unergründlich räthselhaft im -Glauben. Er machte es jetzt wie alle anderen Aerzte. -Er bediente sich der Schwester, die ihm zur Verfügung -stand, wo er sie brauchte, aber ihre Person beschäftigte -ihn nicht mehr.</p> - -<p>Er hätte es selbst nicht gedacht, daß es ihm so -wenig zu Herzen gehen würde, als bald darauf die -schöne, junge Nonne in eine Irrenanstalt geschickt -wurde, wo ein noch viel schwererer Beruf ihrer -wartete, als hier.</p> - -<p>Auf die dritte Frauenstation kam Schwester -Maximile, die viel älter war als Schwester Clarissa, -und Dr. Schlüter lebte sich ganz gut ein mit dieser -neuen Arbeitskraft. Im Wesen und Benehmen hatte -er überhaupt noch nie eine Verschiedenheit zwischen -zwei Nonnen bemerkt, sie waren und gaben sich Alle -wie aus einer Schablone gepreßt.</p> - -<p>Schwester Clarissa war eigentlich gar nicht anders -gewesen, wie diese gewöhnlichen Schablonen-Schwestern; -sonderbar, daß er es versucht hatte, ihr näher zu -treten. Ihre Augen – ja das war es, in ihren -Augen hatte etwas gelegen, das er für Geist gehalten -hatte und das schließlich nichts Anderes gewesen war, -als Fanatismus.</p> - -<p>Der junge Gelehrte hatte übrigens nicht viel Zeit, -über diese Sache nachzudenken und die Pflegerinnen -in der Anstalt zu beobachten. Sein Beruf beschäftigte -ihn in hohem Maaße. Er besorgte die Station, hatte -oft bei seinem Chef zu assistiren und beschäftigte sich -außerdem mit anatomischen Arbeiten. Im Herbst -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -hielt er seine ersten gut besuchten Vorträge als Privatdocent; -die Bacteriologie kostete ihm unendlich viel -Zeit und complicirte seine Arbeiten ganz bedeutend.</p> - -<p>Von vielen Seiten wurde versucht, ihn in gesellige -Kreise zu ziehen, aber er wich allen Vergnügungen, -besonders solchen, wo er Damen treffen konnte, aus. -Schwester Clarissa hatte ihn unsagbar angezogen und -dann plötzlich seine ganze Seele zurückgestoßen. Eine -Wunde hatte das seinem Herzen nicht gerade zugefügt, -aber eine Wand hatte es errichtet zwischen ihm und -dem weiblichen Geschlechte. Sein Herz war fortan umpanzert, -und die schönsten Augen, die ihm oft -freundlich genug entgegen blickten, ließen ihn kalt.</p> - -<p>Er kam mit der Zeit zu der Ueberzeugung, daß -die fromme Schwester ganz unschuldig an der Enttäuschung -war, die er empfand. Er hielt es für das -höchste Ziel der Humanität, dem Menschen zu helfen, -ihn zu trösten und zu erfreuen, so lange er auf -Erden wandelte und sie – sie erachtete die Freuden -und Schätze dieser Welt gering, um jener herrlichen -Verheißung willen, die sie für sich und Andere erhoffte -– – nach dem Tode.</p> - -<p>Tod und Leben, Welt und Kirche, das waren die -Gegensätze, die ihn auf ewig von ihr schieden. Sie -aber war mit keinem Wort, mit keiner Miene, wahrscheinlich -mit keinem Gedanken sich selbst untreu geworden. -Wie die Nonne sein soll, so war sie – so -gab sie sich, so dachte und fühlte sie. Wenn je in -ihrer Brust eine Leidenschaft gelebt hatte, so hatte sie -sie überwunden. Das aber, was er zu überwinden -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -hatte, war nicht einmal eine Leidenschaft, sondern nur -ein inniges Wohlgefallen, ein Interesse – – – ach, -was – es war, so sagte er sich selbst und so glaubte -er es zuletzt auch, überhaupt kein persönliches, sondern -nur ein allgemeines Interesse gewesen. – Diese interessante -Species – eine moderne Nonne, war etwas -Besonderes, etwas, was man anderswo eben nicht -trifft, weder in Büchern, noch im Leben.</p> - -<p>Hier war ihm diese Erscheinung täglich vor Augen -getreten, der Psycholog in ihm war erwacht, er hatte -geforscht in dieser schwer zugänglichen keuschen Seele -und das Ergebniß – – – – ja, das Ergebniß -war hinter den Erwartungen des gelehrten Forschers -zurückgeblieben. Er dachte noch zuweilen mit leisem -Schauder an ihren starren dogmatischen Glauben zurück. -Das Fleisch abtödten und dem Geiste leben – -die Welt verachten, verlassen, vergessen, um einer -anderen Welt willen, von der wir nichts Bestimmtes -wissen, die vielleicht nichts ist als ein Traum. Wie -mittelalterlich, wie fremdartig das doch war!</p> - -<p>Als echt moderner Mann dachte er gar nicht -daran, einen Aufklärungsversuch oder sonst ein romantisches -Unternehmen zu riskiren, um die Seele, -die er auf einem Irrweg glaubte, zum Lichte der -Aufklärung und Wahrheit zurückzuführen. Er zuckte -die Achseln und wendete sich von der Jungfrau mit -den »unmöglichen Ansichten« bedauernd ab. Seine -eigene innere Ruhe und Selbstzufriedenheit wurden -nicht ernstlich dadurch bedroht.</p> - -<p>Er stand im Hörsaale, die letzten Strahlen der -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -Herbstsonne fielen auf sein blondes, wohlfrisirtes -Haupt und verloren sich hinter ihm in den leeren -Rippen des verkrümmten Scelettes, vor dem er stand. -Der Todtenschädel war weit vornüber geneigt und -hing beinahe über dem Kopfe des jungen Docenten. –</p> - -<p>Seine Vorlesung war zu Ende, die Studenten -entfernten sich, und einer von den jüngsten unter -ihnen, ein hübscher eleganter Pole, trat noch einmal -mit seinem Hefte in der Hand an den Lehrer heran, -ihn um irgend eine Erklärung zu bitten.</p> - -<p>Eifrig setzte dieser dem Jüngling die Sache auseinander, -um die es sich handelte, und so überhörten -Beide in dem Gewirre von Stimmen und Schritten -der sich entfernenden jungen Leute, wie ein bettelhaft -gekleideter Mann, von einem braunen, zigeunerhaft -aussehenden Mädchen begleitet, den Saal betrat. –</p> - -<p>Der Mann war Orgeldreher und trug sein schweres -Instrument an einem Riemen über die Schulter gehängt; -das Mädchen trug das Gestell, um den Leierkasten -aufzustellen, und eine zinnerne Schale zum -Einsammeln kleiner Geldstücke. –</p> - -<p>Es war niemand weiter im Saale wie der Mann -und das Mädchen, die beiden Herren und das graue -hohläugige Gerippe. Der Orgeldreher war kaum mehr -als fünfzig Jahre alt, aber seine Züge waren so verwittert -und durchfurcht, sein Rücken so gebeugt von -der schweren Last, die er zu tragen gewohnt war, -daß er aussah wie ein Greis. Nur das Haar war -noch nicht gebleicht. Wirr und in lockiger Fülle hing -es ihm tief in die Stirn und über den Nacken herab.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -Dasselbe lockige wilde Haar hatte das Mädchen. -Ihre Züge waren grob und gebräunt, sie hatte -brennende schwarze Augen, rothe etwas zu volle Lippen -und Glieder von einer gewissen Anmuth und Fülle, -wie sie diesen wandernden Mädchen auf eine kurze, -ganz kurze Zeit die Jugend verleiht.</p> - -<p>Dr. Schlüter bemerkte die Leute, als alle Studirenden -gegangen waren. »Die Armenbehandlung ist von -zehn bis zwölf Uhr, kommen Sie morgen um die -Zeit, wenn Sie krank sind,« wendete er sich an den -Mann.</p> - -<p>Der junge Pole betrachtete mit Wohlgefallen die -Gestalt des mit ärmlichem Putz gekleideten Mädchens.</p> - -<p>»Ich heiße Schwarz,« sagte der Mann mit einer -Sicherheit, als gebe ihm dieser Name ein Recht, hier -zu thun, als sei er zu Hause.</p> - -<p>Der Arzt wollte einen Scherz darüber machen, -ehe er, wenn es nöthig werden sollte, grob wurde, -aber die düstere Ruhe, die auf den Zügen dieses -Mannes lag, fiel ihm auf. Er trat einen Schritt -auf ihn zu.</p> - -<p>»Was wollen Sie hier?«</p> - -<p>»Ich will wissen, wo mein Weib begraben ist, -das soll hier gestorben sein,« sagte der Mann und -wie erklärend fügte das Mädchen hinzu: »Meine -Mutter.«</p> - -<p>»Soll? Ja wie ist denn das möglich. Kann es -denn einen Mann geben, der nicht weiß, wo seine -Frau begraben und gestorben ist?« rief Dr. Schlüter.</p> - -<p>Der Vagabund schwieg.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -»Nun?« fragte der Arzt noch einmal.</p> - -<p>Der Mann suchte immer noch vergeblich nach -Worten. Er hatte sich das einfacher gedacht, nach -seiner Frau zu forschen, er hatte geglaubt, in der -Klinik müsse jeder Mensch wissen, wer die Karoline -Schwarz war, die hier starb, und ihn als ihren -Mann erkennen.</p> - -<p>Nun wußte hier niemand etwas davon, und -dieser Herr Doctor hatte eine Art zu fragen, die ihn -lebhaft an das Unangenehmste, was er kannte, an -die Polizei, erinnerte. Es war ihm schon schwer -genug gewesen, auf die Polizei zu gehen, um sich -hierher schicken zu lassen, und nun mußte er es hier -erleben, daß man, anstatt ihm Auskunft zu geben, -Fragen über Fragen an ihn richtete.</p> - -<p>Er wußte nicht, an welchem Tage er seine Frau -zuletzt gesehen hatte, nur ganz allgemein erinnerte er -sich, daß es zu Anfang des Sommers gewesen sei.</p> - -<p>Noch viel weniger wußte er, wann und durch -wen die Frau in die Klinik gebracht und wann sie -gestorben war.</p> - -<p>Der Privatdocent legte die Hand an die Stirn -und besann sich: »Schwarz – Karoline Schwarz« – -wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht, den Namen -gehört zu haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß -sie auf meiner Station gestorben sei?«</p> - -<p>»Ein Herr auf dem Bureau.«</p> - -<p>Herbe Enttäuschung zeigte sich auf den Gesichtern -der Fremden. Sie sahen sich rathlos an und schienen -gehen zu wollen. Der Arzt empfand Mitleid und -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -mehr aus persönlicher Gutmüthigkeit, als aus dem -Gefühl einer Verpflichtung diesen unklaren Angelegenheiten -gegenüber, hielt er die Leute zurück.</p> - -<p>»Wie war denn das? was fehlte Ihrer Frau, -vielleicht fällt es mir wieder ein, erzählen Sie mir -etwas von ihrer Krankheit,« sagte er, »oft erinnert -man sich besser der Krankheit, als des Kranken, -wenigstens was den Namen betrifft.«</p> - -<p>Nun begann eine umständliche Erzählung. Das -junge Mädchen glaubte oft mit einigen Einzelheiten -den Bericht des Vaters ergänzen zu müssen. Die -beiden Zuhörer waren erschüttert von dem Bilde -menschlichen Leidens und Entsagens, das sich vor -ihnen entrollte.</p> - -<p>Der Winter war hart gewesen, und die Leute -besaßen keine Wohnung, kein Bett. Für die wenigen -Pfennige, die sie erbettelten, mietheten sie sich bald hier -bald da ein. In gesunden Tagen war ihnen das einerlei -gewesen, aber als die Frau krank und mühselig wurde, -schleppten sie sich kaum noch von Hof zu Hof. Wenn -die Töne der Drehorgel erklangen, fiel es selten einem -Menschen ein, die festgefrorenen Fenster zu öffnen -und den Hungernden und Frierenden da draußen -ein Almosen zu reichen. Sie hätten oft weder -Nahrung noch Obdach gehabt, wenn die Tochter, die -in Schenken allerniedrigster Art als Liedersängerin -auftrat, ihnen nicht zuweilen einige Groschen zugewendet -hätte. Die Mutter war schon lange gebrechlich -und arbeitsunfähig gewesen. Das mehr als ärmliche -Gewerbe des Mannes mußte sie mit ernähren. Etwas -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -Anderes als Brod, Schnaps und höchstens einmal -etwas Kaffee oder Kartoffeln hatten die Leute nicht -zu verzehren. Nun kam aber das Unglück. Als der -furchtbare Winter vorüber war, als das fahrende -Volk aufathmete und mit dem neuen Lenze ein neues -Leben zu fühlen begann, da wurde das Weib des -Orgeldrehers elender, mühseliger und schwächer als -je zuvor. Sie versuchte noch Weidenkörbe zu flicken, -wie in früheren Jahren, aber Messer und Zange -sanken ihr aus den kraftlosen Händen. Die Tochter -blieb in der Stadt, und der arbeitsscheue Mann -allein hatte für das Weib zu sorgen.</p> - -<p>Die Frau konnte kein Brod und keine Kartoffeln -mehr vertragen, der Magen verweigerte die Annahme -dieser Lebensmittel. – Einige Tage hielt sie sich noch -aufrecht durch den Genuß von Branntwein, dann -brach sie zusammen.</p> - -<p>»Wir hatten damals eine Scheune gemiethet, das -heißt, Herr Doctor, die Leute, denen das Caroussel -gehörte, bezahlten die Miethe, und wir durften mit -darin schlafen, das Weib und ich,« berichtete der -Mann. »Ich drehte meine Orgel bei dem Caroussel -und hatte einen schönen Verdienst. Da zog der -Herr Besitzer weiter. Wenn ich nicht mitging, hätte -er in einer Stunde einen anderen Musikanten gefunden, -das war doch klar, also was sollte ich machen?«</p> - -<p>»Sie zogen mit und ließen das todtkranke Weib -zurück, nicht wahr?« unterbrach ihn der Arzt, mit -vor Zorn funkelnden Augen. Jetzt wußte er, wen -er vor sich hatte. Er erinnerte sich an die nächtliche -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -Scene, wo ihm, von Schmutz starrend, die am Hungertyphus -sterbende Unbekannte von der Polizei zugeschickt -wurde. Er warf einen Blick auf das Antlitz -des Todtenschädels. Das war Karoline Schwarz, -die da hinter ihm stand, nach ihrem Tode als Gerippe -präparirt, und der Mann vor ihm erzählte ihm -die Vorgeschichte dieses Todes, eine Kette von Elend, -Hunger, armseligem Vortheil und gedankenlosem Egoismus. -Das Ende dieses Menschenlebens hatte er gesehen, -es war ihm furchtbar erschienen; jetzt aber -erschien ihm das, was diesem Ende vorangegangen -war, noch schauerlicher und trostloser. Ein Menschenschicksal -– – was für ein Schicksal.</p> - -<p>Der Leiermann hatte sein Instrument abgestellt. -Verlegen drehte er den breiten, schäbigen Hut zwischen -den Fingern.</p> - -<p>»Was will man machen,« stotterte er – »bei -den schlechten Zeiten, ein so schönes Stück Geld. Bei -manchen Jahrmärkten kam ich bis auf sechs Mark -an einem Tage, sollte ich das lassen, um so ein Weib -– ein schlechtes Weib, – Herr – sollte ich mit ihr -zusammen verhungern?«</p> - -<p>»Es war für Sie jedenfalls angenehmer, sie allein -verhungern zu lassen,« bemerkte der Arzt scharf.</p> - -<p>Das Mädchen fühlte hier den Drang, ihrem Vater -zu Hilfe zu kommen.</p> - -<p>»Ach, Herr Doctor,« schluchzte sie, »Mutter konnte -keinen Schritt mehr gehen. Sie fiel um, wenn sie -auf die Beine kam, und sie konnte so schimpfen, und -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -sie betrank sich immer und vergriff sich an uns und -sogar an meinem Schatz.«</p> - -<p>Diese ungeschickte, unkindliche Rede empörte die -beiden Herren mehr als alles Andere.</p> - -<p>»Ihre Mutter ist verhungert,« – rief der Student -rücksichtslos dem Mädchen ins Gesicht, ohne in seinem -Zorne erst abzuwarten, ob sein Lehrer geneigt war, -das so unumwunden auszusprechen.</p> - -<p>»Verhungert? Nein Herr,« widersprach der Vagabund, -»ich habe ihr Alles hingelegt, Brodscheiben -und noch Schnaps und einen Sack voll Kartoffeln. Bis -sie sich die alle gekocht hatte, konnte sie wohl soweit -sein, daß sie mir nachkam, sie wußte, wo wir hinzogen.«</p> - -<p>»Aber haben Sie uns denn nicht selbst gesagt, -daß die Frau Brod und Kartoffeln nicht genießen -konnte,« fuhr ihn der Jüngling wieder voller Entrüstung -an.</p> - -<p>»Ja Herr, ja Herr, Brod und Kartoffeln und -auch noch Schnaps, das sind gute Dinge. Die Carousselleute -meinten das auch, etwas Anderes haben arme -Menschen nicht zu verzehren.«</p> - -<p>»Sie mögen das ja ganz gut gemeint haben,« -begütigte Dr. Schlüter, »aber wer sollte denn nach -der Kranken sehen, warum brachten Sie sie nicht in -ein Krankenhaus?«</p> - -<p>»Wie soll unsereiner das anfangen, wir sind hier -nicht unterstützungs- und heimathberechtigt,« warf -das junge Mädchen ein.</p> - -<p>»Mutter hätte das auch nicht gethan,« erklärte -der Mann zuletzt energisch.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -»Nun kurz und gut, es ist nicht mehr zu ändern, -und ich will Ihnen erzählen, was daraus geworden -ist,« sagte der Stationsarzt. »Die Vorräthe -haben die Ratten, Fäulniß und Schimmel vertilgt, -den Branntwein mag die Frau selbst getrunken haben. -Dann wurde sie schwächer und schwächer, hatte fürchterliche -Schmerzen und den brennendsten Durst, den Sie -sich denken können.</p> - -<p>Kein Mensch brachte ihr einen Tropfen Wasser, -niemand sorgte für ihre Reinlichkeit, das Ungeziefer -kam und quälte sie auf ihrem nassen, schmutzigen -Stroh, und der Durst, der Fieberdurst, der Durst -derer, die das Trinken gewöhnt sind, kam hinzu.</p> - -<p>Dann ist sie vielleicht noch einmal wüthend geworden, -hat die Menschen und die Welt verflucht und -hat zuletzt nichts mehr von sich gewußt. So ist sie -verkommen und bei lebendigem Leibe verfault, bis die -Polizei sie fand. Die Polizei hatte Erbarmen und -brachte sie hierher. Wir konnten ihr aber nicht mehr -helfen, es war zu spät, sie starb nach einigen Stunden.«</p> - -<p>Er durchblätterte ein großes Buch. »Am elften -Juni ist sie Abends zum Todtengräber gebracht. Der -wird Ihnen wohl sagen können, wo sie liegt,« sagte -er, ohne von dem Buche aufzusehen.</p> - -<p>Der Mann und das Mädchen bekreuzten sich.</p> - -<p>»Ihr ist ja nun wohl in der Erde,« schluchzte -die Tochter.</p> - -<p>»Die Ruhe ist ihr zu gönnen,« fügte der Gatte -hinzu, und ohne Dank, fast ohne Gruß verließen sie -den Saal, um weiter zu suchen nach dem Stückchen -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -Erde, unter dem das müde Haupt des jammervollen -Weibes nach ihrer Ansicht ruhte.</p> - -<p>Der junge Student sprach noch einmal seine lebhafte -Entrüstung über dieses Gesindel aus und empfahl -sich dann dem Privatdocenten, der in Gedanken verloren -vor dem Scelett der unseligen Karoline Schwarz -stehen blieb.</p> - -<p>Er sah sie wieder vor sich auf der Bahre in ihrer -fast nicht mehr menschlichen Verkommenheit und Häßlichkeit -und herab geneigt über dieses Bild tiefsten -irdischen Leidens ein himmlisch verklärtes, durchgeistigtes -Antlitz, vom Nonnenschleier umrahmt, durchleuchtet -von Erbarmen und Liebe. Liebe? – – –</p> - -<p>Nein, Schwester Clarissa liebte die Menschen -nicht. Sie liebte nur ihren Herrn und Gott, die -Menschen, deren sie sich erbarmte, waren ihr nur -Mittel zum Zweck. – »Was ihr gethan habt dieser -Geringsten einem, das habt ihr Mir gethan.« – Das -war der Grundgedanke ihrer Barmherzigkeit. Auch in -diesem Falle war es so gewesen. Sie hatte ihre Pflicht -gethan, gefühlt hatte sie nichts für die Unglückliche, -und diese – diese gerade war wohl auch der Liebe -nicht werth gewesen.</p> - -<p>Er betrachtete eine von den subtil zusammengesetzten -Knochenhänden. Gegen Mann und Kind hatte -sie den Arm erhoben; nun stand sie da, todt, -ruhelos, mitten im Leben, ohne das Fleckchen Erde -gefunden zu haben, auf dem auch der Aermste Anspruch -hat zu ruhen – ruhen – nach dem Tode. –</p> - -<p>Schwere unsichere Schritte unterbrachen mit ihrem -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -Geräusche den sinnenden Mann. Sollte man ihm -einen Kranken bringen? Hier herein, wo doch -die Patienten im Allgemeinen nichts zu thun hatten?</p> - -<p>Aergerlich wandte er sich nach der Thür und sah -wieder den Straßenmusikanten mit seiner Tochter -eintreten.</p> - -<p>Das unregelmäßige Gesicht des Mädchens war -einen Schein blasser als vorher, und der Mann -schwankte ein wenig, wie ein Trunkener.</p> - -<p>Ohne auf die erstaunte Frage des Arztes, was er wolle, -zu antworten, ging er mit stierem Blicke und unsicheren -Schritten durch den ganzen Saal, grade auf -das Gerippe zu.</p> - -<p>Mit sichtbarem Erschauern blieb er hier stehen.</p> - -<p>»Line,« flüsterte er an der düsteren Gestalt herauf. –</p> - -<p>»Line, bist Du das denn wirklich? In lauter -Stücke haben sie Dich geschnitten und ausgenommen, -wie ein geschlachtetes Thier, und Deine Knochen blank -gescheuert, und dann haben sie Dir nicht die Ruhe -im Grabe gegönnt, und nun stehst Du da und bist -todt?«</p> - -<p>»Aber was wollen Sie denn,« rief Dr. Schlüter -zugleich entrüstet und erschrocken, »was faseln Sie, -was rütteln Sie an dem Scelett? Um Gotteswillen, -es ist mehrere hundert Mark werth, lassen Sie es -los, Sie zerbrechen es ja.«</p> - -<p>»So – es ist mehrere hundert Mark werth?«</p> - -<p>Der Respect vor dieser Summe lähmte den Arm -des Proletariers. Er trat scheu zurück, aber in seinen -Augen loderte eine wilde Drohung.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -»Sind das hier die Knochen von meiner Frau?« -fragte er mit finsterer Miene.</p> - -<p>»Ja,« entgegnete der Arzt, »aber wer hat Ihnen -das gesagt?«</p> - -<p>»Draußen Einer, ein Wärter wird es ja wohl -gewesen sein,« antwortete die Tochter für ihren Vater.</p> - -<p>»Warum ist das Weib nicht begraben? Es war -ein armes Weib und bös, ja sie war bös, aber ein -Grab war sie doch wohl werth, man scharrt ja einen -Hund ein,« grollte der Mann.</p> - -<p>»Darauf kommt es hier gar nicht an,« erklärte -der Kliniker. »Wenn hier jemand stirbt, für den -niemand die Verpflegungs- und die Begräbnißkosten -bezahlt, so kann das Institut – ich meine die -Doctoren können dann mit der Leiche machen, was -sie wollen.«</p> - -<p>»Das dürfen Sie nicht, das nicht,« kreischte das -Mädchen plötzlich wild auf, »wenn der jüngste Tag -kommt, und die Todten steigen aus ihren Gräbern, -und das Fleisch steht auf, wo soll da so ein – so -ein Knochengestell sein Fleisch hernehmen, um aufzustehen -von den Todten?«</p> - -<p>»Laß das Mila, das sind Glaubenssachen,« gebot -ihr der Vater, »das geht die Herren hier nicht -an, die glauben an nichts nach dem Tode.«</p> - -<p>»Nun also – was wollen Sie denn, wozu machen -Sie denn solchen Lärm?« fragte der Arzt erleichtert.</p> - -<p>»Was ich will?« höhnte der Mann. »Ich will -wissen, was für ein Verbrechen und was für eine -Schande es ist, wenn der Mensch arm ist. Wenn ein -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -Stück Vieh fällt, so ist immer Einer zu finden, -der es einscharrt, aber ein Mensch, – ein armer -Mensch? Wozu ist der gemacht? Im Leben zum -Hungern, zum Betteln, zum Frieren und nach dem -Tode? Nach dem Tode – zu dem, was die Herren -Doctoren für gut befinden, mit seinem armen Leibe -zu machen.« Er lachte laut und wild auf.</p> - -<p>Dr. Schlüter klingelte nach dem Oberwärter. -Dieser erschien. »Führen Sie den Mann hinaus, -er ist unverschämt geworden,« sagte der Arzt.</p> - -<p>»Ja ich gehe schon,« brüllte der wüthende Mensch, -»aber diese Knochen, diese Knochen sind mein, ich -nehme sie mit, ich scharre sie ein im freien Walde, -der niemanden gehört. Sie war kein gutes Weib, -aber Ruhe, das bischen Ruhe im Grabe, das soll -sie doch haben, sie soll.« – – –</p> - -<p>Er griff nach dem Scelett, das in seiner leichten -Zusammenfügung bereits erschüttert, ein wenig -schwankte. Der Oberwärter faßte den Tobenden mit -festem Griff und rief nach Jahn, seinem Gehülfen.</p> - -<p>Der Stationsarzt war im Begriffe, den Saal zu -verlassen. An der Thür drehte er sich noch einmal -um, riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und schrieb -einige Worte darauf.</p> - -<p>»Orgeldreher Schwarz,« sagte er laut, »gehen Sie -mit diesem Zettel nach dem Büreau. Man wird -Ihnen dort, nach Abzug eines Verpflegungstages, -fünfzig Mark auszahlen, weil Sie den Körper Ihrer -verstorbenen Frau der Klinik zu anatomischen Zwecken -überlassen haben. Adieu.« – –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -Er ging. Wie eine Pantherkatze stürzte Mila auf -den Zettel zu und riß ihn an sich.</p> - -<p>Fünfzig Mark! ......</p> - -<p>Der Oberwärter hatte nicht mehr nöthig, einen -Wüthenden zu halten. Mit respectvollem Gruß -entfernten sich Vater und Tochter.</p> - -<p>Einen scheuen Blick noch warfen sie zurück auf -das graue Gerippe der Gattin und Mutter. Es war -ja recht traurig, daß sie nun unbegraben blieb – -aber was wollte man machen!</p> - -<p>Fünfzig Mark erhielten sie dafür, und sie konnten -das brauchen – sie lebten und darbten.</p> - -<p>Die Mutter aber – – – – ja, die stand da -und sah ihnen nach aus ihren leeren, großen Augenhöhlen. -Sie war übel daran, aber sollte man deshalb -die fünfzig Mark verschmähen? – Ein solches -Opfer für sie, konnte sie das wohl verlangen, noch -dazu jetzt – – – nach dem Tode? – – –</p> - -<div class="nopb"> -<p class="ce mt2">Ende.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/p158i.jpg" alt="" /></p> -</div> - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -<span class="fsl ge"><b>Doctor Cäcilie.</b></span></h2> - -<p class="ce mt4 mb4"><img src="images/p159i.jpg" alt="" /></p> - - -<h3 class="pb mt0 mb0"><span class="fs0">I.</span></h3> - -<p class="pb ce"><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -<img class="imwi2 bo" src="images/p161i.jpg" alt="" /></p> - - -<div class="ci mt2 mb2"> -<p> Hochwürdigste, gnädige Frau!</p> - -<p>In tief trauriger Lage sehe ich keinen anderen -Ausweg, als den, Sie mit diesen Zeilen zu belästigen. -– Meine Frau ist nach einer, wie es leider den -Anschein hat – vergeblichen – Krebsoperation einer -sachgemäß geschulten Pflegerin dringend bedürftig.</p> - -<p>Alle Bemühungen meines Hausarztes, hier eine -geeignete Kraft ausfindig zu machen, sind von durchaus -ungenügendem Ergebnisse gewesen.</p> - -<p>Die Sterbende leidet furchtbar unter den ungeschickten -Händen einer ungebildeten Wärterin. Es -handelt sich vielleicht nur noch darum, ihr auf wenige -Tage und Nächte die letzten Qualen der Krankheit -leichter zu machen. Kein finanzielles Opfer würde -mir zu groß sein, wenn ich mein geliebtes Weib in -die sanften, weichen Hände einer treuen Schwester -geben könnte. Ich werde den wohlthätigen Einrichtungen -Ihrer Anstalt die Beweise meiner Dankbarkeit zuwenden; -in diesem Augenblicke aber flehe ich Sie an, gnädigste -Gräfin, helfen Sie mir, schicken Sie mir eine Diakonissin -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -und senden Sie mir ein Telegramm, mit -welchem Zuge die Ersehnte hier eintreffen wird.</p> - -<p> Mit hochachtungsvollster Ergebenheit</p> - -<p class="ce">Ihr gehorsamster</p> - -<p class="si"><em class="ge">v. Möbius</em>, Premierlieutenant.</p> -</div> - -<p>Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses -las diesen Brief nachdenklich durch. Auf ihrem -energischen klugen Gesichte zeigte sich ein Ausdruck -des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen -Briefschaften, die noch der Erledigung warteten, -vorläufig bei Seite und ging nach der Frauenstation -für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war, -wie immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt, -verließ aber ihre Arbeit, um an eines der großen -Saalfenster zu treten und dort mit ihrer Vorgesetzten -zu sprechen.</p> - -<p>Die Betten im Saale standen so weit von den -Fenstern entfernt, daß die Kranken von der Unterhaltung -der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen -vermochten.</p> - -<p>»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann -die Gräfin, nachdem die Schwester den Brief des -Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir schicken?«</p> - -<p>Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz -bestimmt den Kopf. »Niemanden, Frau Oberin,« -sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause sind belegt, -ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen -Anforderungen zu genügen. Wir können keine -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -Schwester entbehren; im Gegentheil, ich will froh -sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist, wir -haben nicht genug Schwestern.«</p> - -<p>»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht -anders werden. Von allen Seiten werde ich gebeten, -junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an neue -Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in -diesem Quartal von mir verlangt, und zwei Anmeldungen -von jungen Mädchen, die sich ausbilden -wollen, habe ich nur erhalten.«</p> - -<p>Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte -doch der Herr die Herzen christlicher Jungfrauen erleuchten -und segnen, daß sie in Schaaren herbeikommen, -um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu -helfen.«</p> - -<p>»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige -Freibetten einstellen zu können,« sagte die Oberin, -»bedenken Sie, daß Frau von Möbius die Tochter -eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie -für unsere Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr -günstig.«</p> - -<p>»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch -so einrichten können,« meinte Schwester Albertine. Die -Oberin aber schien dieser Frage gegenüber doch einen -praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute -alte Schwester.</p> - -<p>»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar -Tage, Schwester; ich schreibe nicht ab, ich schaffe Rath, -schicken Sie mir Schwester Elisabeth in mein Arbeitszimmer,« -entschied sie nach kurzem Nachdenken.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch. -Sie kehrte schweigend an ihre Arbeit zurück, und die -Gräfin verließ straff aufgerichtet mit raschen Schritten -den Saal.</p> - -<p>Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von -Möbius in der Hand. Sie wollte seinen Wunsch -erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich -zu machen. In dem breiten Corridor vor ihrem -Zimmer begegnete ihr einer von den Aerzten der Anstalt. -Der junge Mann grüßte die vornehme Frau -mit einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung.</p> - -<p>Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich, -Ihnen meine Theilnahme an dem Tode Ihres Herrn -Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie -reichte ihm freundlich die Hand.</p> - -<p>Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die -volle weiße Hand, die sie ihm gab. »Frau Oberin -sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein -armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren, -er sehnte sich oft nach dem Tode, der ihn nun leicht -und schmerzlos erlöst hat.«</p> - -<p>»Er war lange leidend, so? Das war mir -gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn in seiner -Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so -viel ich weiß, schon seit Jahren verstorben?«</p> - -<p>»Allerdings, gnädigste Frau, ich habe aber eine -Schwester, ein gesundes kräftiges Mädchen von zweiundzwanzig -Jahren. Die war durchaus zur Pflege -meines Vaters geeignet.«</p> - -<p>Die Gräfin wurde aufmerksam. »Ich habe nie -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -von Ihrem Fräulein Schwester gehört, sie muß sehr -zurückgezogen leben.«</p> - -<p>»Sie hat eigenthümliche Neigungen und hält sich -von ihren Altersgenossinnen fern. Wir Geschwister -stehen jetzt allein in der Welt; ich werde wohl genöthigt -sein, eine geeignete Stellung für meine Schwester -zu suchen.«</p> - -<p>»Das wird Ihnen schwer werden, lieber Doctor; -das Angebot gebildeter Damen für häusliche Stellungen -ist außerordentlich groß, während die Nachfrage sich -mehr auf weniger gebildete Kräfte richtet, die bei den -täglichen Arbeiten mit Hand anlegen.«</p> - -<p>»Frau Oberin meinen, höhere Dienstboten werden -gesucht, und Reisebegleiterinnen, Gesellschafterinnen -und Gouvernanten bieten sich an.«</p> - -<p>»Diese Thatsache ist doch nicht zu leugnen, es ist -ein eigenes Kapitel der sozialen Frage, die Frauen- -oder eigentlich Jungfrauenfrage. Hier bei uns aber -ist diese Frage gelöst. Sie wissen ja, wie erheblich -in unserem Berufe die Nachfrage das Angebot übersteigt. -Bringen Sie Ihre Schwester zu mir, Herr -Doctor, sie ist kräftig und gesund, wie Sie sagen, -steht grade im richtigen Alter und hat sich bereits in -häuslicher Krankenpflege bewährt. Das Mutterhaus -sieht in jeder neu eintretenden Schwester eine liebe -Tochter und heißt sie herzlich willkommen. Es ist -ein weites Arbeitsfeld da, helfen Sie mir, demselben -eine neue Kraft zuzuführen.«</p> - -<p>»Sie haben Recht, Frau Oberin, ich will mit -meiner Schwester sprechen. Sie hat kein Vermögen, -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -ist durchaus nicht hübsch, eine Versorgung durch die -Ehe ist also nicht wahrscheinlich. Sie wird vielleicht -Gott danken, wenn sie hier freundlich aufgenommen -wird.«</p> - -<p>»Dessen können Sie versichert sein, die Waise und -die Schwester eines Arztes ist uns doppelt willkommen.«</p> - -<p>Die Gräfin nickte dem jungen Manne wohlwollend -zu und trat in ihr Zimmer. Doctor Ehrhardt sah -lange hinter ihr her. Der Vorschlag der frommen -Dame entsprach so ganz seinen Wünschen. Wenn -doch seine Schwester ihr schroffes eigenwilliges Wesen -lassen und einmal, nur ein einziges Mal, auf ihn -hören, seinen Wünschen sich fügen wollte!</p> - -<p>Nie hatte Cäcilie ein weibliches weiches Empfinden -gezeigt, nie hatte sie nachzugeben gewußt. Alle Bekannten -des Bruders hatten, durch ihr unweibliches -Wesen abgestoßen, den Verkehr im Ehrhardt'schen -Hause beschränkt, wo sie nur konnten; und doch wußte -Otto, daß seine Schwester ein ernstes Streben verfolgte. -Sie verachtete die oberflächliche Existenz vergnügungssüchtiger, -kindlicher Mädchen. Sie sah, wie -Eine dieser Mädchen nach der Anderen, alle ihre -ehemaligen Schulgenossinnen sich verlobten und verheiratheten -und hatte nur ein verächtliches Achselzucken -für die Männer, die diese Wesen an ihre Seite zogen. -Sie wollte mehr sein, etwas Anderes – etwas Höheres. -Das konnte sie jetzt werden. – Es erschien dem -Bruder nun auf einmal wahrscheinlich, daß sie mit -Begeisterung auf den Vorschlag der Oberin eingehen -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -würde. Man rief sie, man bedurfte ihrer, warum -sollte sie zögern zu kommen!</p> - -<p>Ganz erfüllt von seinem Wunsche und fast überzeugt -von dessen Erfüllung eilte er nach Hause.</p> - -<p>Ein Möbelwagen stand vor der Thür, und fremde -Leute begegneten ihm im eigenen Heim. Es fiel -ihm jetzt erst ein, daß heute früh die freiwillige Versteigerung -von seines Vaters Nachlaß stattgefunden -hatte.</p> - -<p>Weder er noch seine Schwester waren in der Lage, -eine Wohnung für all die Möbel, Betten, Bücher, -Bilder u. s. w. zu miethen. Die Gegenstände, die so -lange er denken konnte durch die ganze Kindheit der -Geschwister Zeugen ihres Daseins gewesen waren, -wurden heute in alle Winde zerstreut. Die Heimath -war aufgelöst – freiwillig aufgegeben. Nun hieß -es wandern, ein neues Heim erwerben, den Kampf -mit dem Leben bestehen.</p> - -<p>Otto ging in das Arbeitszimmer des Vaters. -Die wissenschaftlichen Bücher, soweit sie nicht veraltet -waren, und die Instrumente des alten Medicinalrathes -lagen dort noch umher, ungeordnet, aber zum Glück -unberührt. Wie wenig Gefühl hatte doch Cäcilie -gezeigt, daß sie diese Andenken an den Verstorbenen, -die der Sohn zu behalten wünschte, nicht sorglich -zusammengeräumt und eingepackt hatte. Er wollte -seine Schwester jetzt aufsuchen, aber das bittere Wort -über ihren Mangel an Pietät unterdrückte er gewaltsam. -Es galt jetzt, alle ihre Gedanken auf das Ziel hinzulenken, -dem er sie entgegenzuführen gedachte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -In einem öden ausgeräumten Zimmer, zwischen -Koffern und Kisten fand er sie. Ueberall lag Packstroh, -Heu, Papier und dicker Staub. Ein weibliches Wesen -hätte in diesem Raume vor allen Dingen doch den -Wunsch empfinden müssen, Ordnung und wenigstens -etwas Sauberkeit herzustellen. Cäcilie Ehrhardt aber -empfand davon nichts.</p> - -<p>Die breite, knochige Gestalt des Mädchens saß auf -einer Kiste, die Arme waren auf die Fensterbank -aufgelehnt, ohne Rücksicht auf die schwarzen Aermel -des einfachen Trauerkleides. Der Kopf mit dem kurzgeschnittenen -Haar war über ein Buch gebeugt. Sie -sah nicht auf, als der Bruder eintrat.</p> - -<p>»Wenn Du Deine Lectüre unterbrechen kannst, -Cäcilie, so möchte ich Dich bitten, über eine wichtige -Frage mit mir zu sprechen.«</p> - -<p>Sie legte die griechische Grammatik, in der sie -gelesen hatte, aus der Hand. Ein kurzer fragender -Blick traf ihn durch die funkelnden Gläser ihrer Brille.</p> - -<p>»Ich habe Dir wenig Erfreuliches mitzutheilen,« -sagte sie. »Die Versteigerung des alten Hausrathes -hat fast nichts ergeben. Luxusgegenstände waren, wie -Du weißt, nicht vorhanden. Der Auctionator wird -uns morgen Rechnung ablegen.«</p> - -<p>Er nickte schmerzlich. »Ich habe von der Versteigerung -nichts erwartet, aber wir müssen doch den -Ballast los sein. Den Luxus pietätvoller -Erinnerung können wir uns noch nicht erlauben.«</p> - -<p>»Winsele nicht,« sagte sie schroff, und stand auf.</p> - -<p>Die Lippen in dem gelben Gesicht waren breit -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -und aufgeworfen, ein finsterer Zug lag zwischen den -schwarzen Augenbrauen, die Nase war kurz und -gewöhnlich geformt; das ganze Gesicht wäre häßlich -gewesen, ohne den Ausdruck hervorragender Klugheit, -der es belebte.</p> - -<p>»Dir wenigstens werde ich sicherlich nichts vorwinseln,« -gab er zurück, »aber ich wollte mit Dir -über meine Zukunft sprechen. Meine Existenz liegt -augenblicklich in Deiner Hand.«</p> - -<p>»Bitte, erkläre Dich deutlicher.«</p> - -<p>»Ich bin schon dabei. Vater hat schon seit -Jahren nicht mehr prakticirt. Von seinen Zinsen -konnten wir nicht leben, wir haben das Kapital -verbraucht. Wenn ich den Rest überschlage, die -Ausgaben abziehe, die Auction hinzurechne, so denke -ich, es wird uns ein baarer Rest von viertausend -Mark bleiben.«</p> - -<p>»Wenig genug, aber es muß reichen, wir müssen -uns einrichten, wir müssen Beide damit auskommen, -bis wir uns frei gearbeitet haben.«</p> - -<p>Auf dem feinen hübschen Gesichte des jungen -Mannes malte sich lebhaftes Staunen.</p> - -<p>»Das scheinst Du Dir sehr einfach zu denken,« -sagte er endlich. »Bitte höre aber wenigstens zu, -was ich mir für Lebenspläne gemacht habe.«</p> - -<p>Sie nickte und setzte sich wieder auf die Kiste. -Die Füße streckte sie weit von sich und betrachtete -augenscheinlich aufmerksam ihre großen derben Zugstiefel.</p> - -<p>Er drehte beinahe verlegen an seinem Schnurrbarte. -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -Ein Opfer wollte er von ihr fordern, – den -eigensinnigen Kopf mit den männlich kurzen Haaren -wollte er unter die weiblichste aller Trachten, unter -die schlichte Haube der Diakonissin beugen. Er sah -ängstlich auf die schwarzen kurzen Borsten herab. -Endlich aber begann er zu sprechen.</p> - -<p>»Ich kann nicht ewig am Diakonissenhause bleiben, -das mußt Du einsehen, Cäcilie.«</p> - -<p>»Sehe ich ein – weiter.«</p> - -<p>»Ich bleibe dort, bis ich eine Volontairstelle bei -einem Frauenarzt finde, ich will Specialist werden.«</p> - -<p>»Auch gut – weiter.«</p> - -<p>»Ich werde ungefähr zwei Jahre als Assistent -arbeiten, dann will ich versuchen, mich selbständig zu -machen. Zunächst muß ich dann auf Patienten warten, -mir eine Praxis begründen. Habe ich die, so errichte -ich eine Privatklinik, engagire dazu eine ehemalige -Diakonissin und kann, wenn ich Glück habe, ein -schönes Vermögen erwerben.«</p> - -<p>»Das will ich Dir wünschen.« –</p> - -<p>»Du sollst mehr thun, als es mir wünschen.«</p> - -<p>»Ah – ich wäre begierig.«</p> - -<p>»Ja, ich wollte dich bitten, mir dein Erbtheil zu -überlassen. Als Volontair muß ich mich selbst erhalten. -Sobald ich mich dann selbständig mache, -habe ich zunächst auch keinen Verdienst. Auch eine -Privatklinik kann ich nicht ganz ohne Vermögen übernehmen. -Der ganze Nachlaß unseres Vaters aber -würde genügen, mich über Wasser zu halten und -mich bescheiden zu ernähren, bis meine Hoffnungen -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -sich verwirklicht haben. Dann werde ich daran gehen -zu sparen und dir das Doppelte von der Summe -geben, die Du mir jetzt giebst.« –</p> - -<p>»Und ich kann mich für die nächsten zwanzig -Jahre als Stütze der Hausfrau vermiethen, mit der -verlockenden Aussicht nach Ablauf dieser Zeit von -meinem großmüthigen Bruder viertausend Mark zu -erhalten, von deren Zinsen ich dann in meinen alten -Tagen ein wahres Schlaraffenleben werde führen -können – nicht wahr?«</p> - -<p>Hämischer Spott entstellte ihren Mund, sie -lachte bitter auf, ihre Wangen glühten, sie war empört -über den naiven Egoismus des Bruders.</p> - -<p>»Nein, Du sollst Dich nicht als Stütze der Hausfrau -vermiethen; ich habe eine Versorgung für Dich, -die Du nur anzunehmen brauchst, um mein Schicksal -günstig und glücklich entscheiden zu können.«</p> - -<p>»Ich will Deine Versorgung nicht. Nach dem -Egoismus, den Du eben offenbart hast, verlange ich -nicht nach dem Almosen eines männlichen Schutzes. -Morgen theilen wir; ich gehe meinen Weg, und Du -gehst Deinen, dabei bleibt's.«</p> - -<p>»Cäcilie, ich komme niemals in die Höhe. Der -ärztliche Beruf ist ein freies Gewerbe; der Concurrenzkampf -ist rücksichtslos hart. Es ist ein Kampf -um Leben und Brod. Erleichtere ihn mir, arbeite -als Schwester an meiner Seite. Gieb mir die -Mittel, deren ich bedarf, um mich durchzuringen. In -fünf, sechs Jahren vielleicht schon rufe ich Dich zu -mir und sorge für Dich.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -»Ich soll dann wohl Deine Köchin werden? Danke -für die Ehre.«</p> - -<p>»Cäcilie, die Frau Oberin hat mir heute gesagt, -daß die Nachfrage nach jungen Diakonissinnen so -außerordentlich groß ist. Sie hat mich direct aufgefordert, -Dich ihr zuzuführen. Du hast ein gewisses -medicinisches Interesse. Du eignest Dich zur Schwester. -Geh hin, laß Dich ausbilden, und tritt dann auch in -eine Frauenklinik ein. Lerne, arbeite, und sobald ich -eine feste Stellung als Frauenarzt habe, komm zu -mir, um mit mir zusammen eine Privatklinik zu -gründen. Du weißt, ein Mann allein kann das nicht. -Man ist auf eine weibliche Mitarbeiterin angewiesen, -und eine geeignete Persönlichkeit ist nur mit den größten -Geldopfern aufzutreiben. Sei meine Verbündete liebe -Schwester, laß uns zusammen streben, zusammen erwerben.«</p> - -<p>Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an.</p> - -<p>»Du kommst Dir wohl noch sehr großmüthig -vor in Deinem männlichen Egoismus,« spottete sie. -»Also ich soll jetzt fromme Schwester werden, soll -mich ducken unter Bonzen und Pfaffen, soll Choräle -singen und Fenster putzen? Jede grobe Arbeit thun, -um Christi willen? Die Augen verdrehen, heucheln, -dienen – ha, ha, ha, und alles das, damit ich später -ausgebildet bin, wenn Du so weit bist, mich zu -rufen! Du willst dann der leitende Arzt einer Anstalt -sein, Anordnungen treffen, Befehle geben, und -ich als dienende Schwester bin grade gut genug, um -Dir – – zu gehorchen!« –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -Er trat erschrocken zurück vor der Wuth, die er, -ohne es zu wollen, zu diesem Ausbruch gebracht hatte.</p> - -<p>»Warum willst Du denn nicht als Schwester ärztliche -Anordnungen ausführen?« fragte er erstaunt. -»Glaubst Du denn als Lehrerin, oder in sonst einem -weiblichen Berufe freier und selbständiger handeln -zu können?«</p> - -<p>»Wer sagt Dir denn, daß ich einen sogenannten -»weiblichen« Beruf wählen werde? Ist nicht der -ärztliche Stand, wie Du selbst sagst, ein freies Gewerbe -– steht er mir nicht ebenso gut offen, wie Dir?«</p> - -<p>»Ich habe Dich für klüger gehalten, Cäcilie.«</p> - -<p>Sie lachte laut auf. »Ja für klug genug, um -blutiges Verbandzeug zu waschen, aber nicht für -klug genug, um selbst das Messer zu führen. Das -ist ja die geheiligte Tradition aller Männer. Zu -Handlangerdiensten ist die Frau gerne willkommen, -aber um sie als ebenbürtige Berufsgenossin anzusehen, -dazu lassen die Herren sich so leicht nicht herab!«</p> - -<p>Otto Ehrhardt versuchte es garnicht, seine Schwester -von ihrer Ueberzeugung der vollen Gleichberechtigung -der Geschlechter abzubringen. Sie hatte noch niemals -ihre Ansicht untergeordnet, in dieser Lebensfrage würde -sie es am wenigsten thun. Er appellierte deßhalb -nur an ihren, wie er wußte, stark entwickelten praktischen -Sinn.</p> - -<p>»Die letzte Steuereinschätzung,« begann er langsam, -»hat, wie Du vielleicht weißt, bei der größeren -Hälfte aller Berliner Aerzte ein Berufseinkommen -unter dreitausend Mark ergeben. Wenn die Aerzte -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -noch ferner unter den äußeren Lebensbedingungen -der höheren Stände weiter leben sollen, so darf dieses -Einkommen nicht noch weiter heruntergedrückt werden; -giebst Du das zu?«</p> - -<p>Sie kaute an ihren Nägeln und sah, ohne zu -antworten, zu ihm empor.</p> - -<p>»Da Du schweigst, hoffe ich, daß Du mir zustimmst,« -fuhr er fort. »Es bleibt mir also demnach -nur noch zu sagen, daß dieser, schon jetzt mehr als -überfüllte Beruf ruinirt wird, wenn noch die weibliche -Concurrenz eintritt.«</p> - -<p>»Für hiesige Verhältnisse mag das zutreffen, aber -Berlin ist nicht die Welt, es giebt andere Städte,« -sagte sie kurz.</p> - -<p>»Die kleinste Stadt hat so viel Aerzte, daß jeder -neue junge Concurrent Jahre lang ringen muß, bis -er ein einigermaßen genügendes Einkommen hat. -Sei klug Cäcilie, verschließe Dich nicht der Einsicht, -daß grade dieser Beruf keinen neuen Zudrang von Arbeitskräften -zu ertragen vermag. Vereinzelt mögen ja auch -Frauen sich in diesem Fache durchringen, aber nur, wenn -sie gegen die Möglichkeit des Mangels geschützt sind, -nur wenn sie Vermögen besitzen.«</p> - -<p>»Ich ringe mich durch – auch wenn ich keinen -Pfennig hätte – ich fühle den Beruf in mir, ich -weiß, daß ich hervorragen kann in dieser Wissenschaft, -ich erreiche das Ziel!«</p> - -<p>Er sah die Begeisterung, die ihr unschönes Gesicht -bei diesen energischen Worten verklärte, aber er -hatte kein Verständniß dafür. Er, für seine Person, -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -empfand kein leidenschaftliches Interesse für seinen -Beruf. Er hatte ihn ergriffen, weil es sein Vater -wünschte und weil er eben auch keine andere lebhafte -Neigung fühlte. Es lag ihm gänzlich fern, sich zu -einer Größe darin aufschwingen zu wollen, ihm fehlte -dazu der Eifer, wie auch die Begabung. Das einzige -Ziel seiner Wünsche war eine sorglose behagliche -Existenz, ein sicheres Auskommen – der glühende -Ehrgeiz seiner Schwester war ihm unverständlich.</p> - -<p>»O, hätte der Vater an mich gewendet, was er an -Dich wandte – ich wäre mehr geworden, wie Du.«</p> - -<p>Aus tiefstem Herzen kam ihr der Seufzer. Otto -sah sie verwundert an. »Und ich?« fragte er. »Ich, -der einzige Sohn des Medicinalrathes Ehrhardt, was -hätte ich werden sollen?«</p> - -<p>»Handlanger – das was ich jetzt werden soll. -Ist denn der einzige Sohn eines Mannes besser, -als desselben Mannes einzige Tochter? Ist es nicht -denkbar, daß die Tochter für denselben Beruf begabter -sein kann, wie der Sohn?«</p> - -<p>Otto war durchaus nicht geneigt, auf diese Frage -einzugehen. Das Vorrecht des Sohnes vor der -Tochter schien ihm so selbverständlich, so fest stehend, -daß er darüber kein Wort, keinen Gedanken verlor. -War es je vorgekommen, daß in einer ihm bekannten -Familie die Töchter von den Eltern besser für den -Kampf ums Dasein ausgerüstet worden wären, als -die Söhne – die Vertreter des starken Geschlechtes? -Das war nie und nirgend gewesen, nie und nirgend -würde es sein. –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -»Mein Gott – ich verlange ja nicht, daß Du -Diakonissin wirst,« meinte er ausweichend. »Es ist -aber der einzige geachtete Frauenberuf, in welchem -die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt, -außerdem bietet er eine Altersversorgung. -Oder glaubst Du etwa, daß Du jemals geheirathet -wirst?«</p> - -<p>Sie lachte höhnisch auf. »Geheirathet? Das war -wenigstens gut ausgedrückt, Otto. Nein lieber Bruder, -ich bin häßlich, mein knochiger Körper wird niemals -die sinnlichen Gefühle eines Mannes erregen. Niemand -wird, um meine Reize zu besitzen, bereit sein, -meinen Lebensunterhalt zu erwerben. Zum Glück -sind meine Nerven aber auch nicht geschlechtlich -erregbar – ich werde nicht geheirathet werden und – – -ich werde nicht lieben.«</p> - -<p>»Also – was hast Du denn eigentlich beschlossen?«</p> - -<p>»Mich durchzuarbeiten. Ich werde Medicin studiren, -werde mich auf die Augenheilkunde verlegen, werde -in orientalischen Ländern meinen Wirkungskreis suchen -und sicher – ganz sicher wird meine Kraft und -meine Begeisterung mich dahin bringen, daß ich -tausende und abertausende mittelmäßiger Männer, -träger gewissenloser Aerzte überflügeln werde und weit -hinter mir lassen werde. Ich dem Namen Ehrhardt in -der wissenschaftlichen Welt Glanz und Ansehen -schaffen – ich – aber niemals wird Dir das gelingen.«</p> - -<p>»Und das alles mit der Hälfte eines väterlichen -Erbes im Betrage von viertausend Mark?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht womit, aber ich will es, und -<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -was ich will, das führe ich durch. Ich werde entbehren -und arbeiten, aber ich werde siegen.«</p> - -<p>»Dann werde ich eben kein Specialist. Mein -Gott, auf den Knieen werde ich Dich nicht anflehen, -mir die Wege zu ebnen.«</p> - -<p>Er ging wüthend hinaus. Sie blieb zurück mit -einem glücklichen, stillen Lächeln. Aus ihren Augen -strahlte das Genie, das sich immer Bahn bricht im -Leben. – – Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!</p> - - -<h3>II.</h3> - -<p>Cäcilie Ehrhardt war als Zwischendeckspassagier -ausgewandert.</p> - -<p>Freilich, eine fatale Woche. Sie, die sonst wenig -Sinn für poetische Werke hatte, hielt sich in diesen -zehn Tagen immer wieder das Shakespeare'sche Wort -vor die Seele: »Die Stunde rollt auch durch den -schwersten Tag.« Es wurde ihr Leitstern, beinahe ihr -Halt dieses Wort: »Die Stunde rollt auch durch den -schwersten Tag.«</p> - -<p>Weiber und Kinder, die viel schwächer waren wie -sie, ertrugen diese Ueberfahrt in diesem Raume. Sie -glaubte wohl etwas Besseres zu sein wie diese, weil -sie ein höheres Streben besaß, aber gerade deßhalb -hielt sie sich auch für berufen zu zeigen, wie man -Widerwärtigkeiten und Unbequemlichkeiten erträgt.</p> - -<p>Die Mitreisenden schämten sich zu wimmern und -zu jammern, dieser Frauengestalt gegenüber, die mit -<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -stiller Resignation fast heiter sich zwischen ihnen bewegte, -zufrieden mit einem Winkel zum Ausruhen, -mit einer Brodrinde zum Essen.</p> - -<p>Schließlich landete man in der Heimath der Freiheit, -und Cäcilie Ehrhardt bekam Gelegenheit, sich zu -überzeugen, daß auch in Amerika eine hübsche Tochter -reicher Eltern glattere Wege vor sich sieht, als eine -arme geistige oder körperliche Arbeiterin.</p> - -<p>Sie that die nöthigen Schritte, um zum Studium -zugelassen zu werden. Ein Beamter der Universität, -ein ruhiger Geschäftsmann empfing sie.</p> - -<p>»Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf einige -statistische Thatsachen aufmerksam zu machen, mein -Fräulein,« begann er.</p> - -<p>»Ich bitte darum, Mr. Schäffer.«</p> - -<p>Er las ihr nun einen kürzlich veröffentlichten -Bericht des Rectors der Genfer Universität vor, wonach -von 215 Frauen, die Medicin studirten, nur 25 es bis -zum practischen Arzte gebracht haben und auch von -diesen nur wenige zu einer auskömmlichen Praxis.</p> - -<p>»Was glauben Sie wohl, mein Fräulein,« fragte -Herr Schäffer, »in welchem Abgrunde die übrigen 195 -gescheitert sind?«</p> - -<p>»In dem Abgrunde ihrer Mittelmäßigkeit,« antwortete -sie kalt.</p> - -<p>Ein prüfender Blick glitt über das breite, gelbe -Gesicht des häßlichen Mädchens. Wäre Cäcilie hübsch -gewesen, so hätte der fromme Mann jetzt vielleicht -seinen Arm um sie gelegt und gesagt: »Laß doch -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -gut sein, süße Krabbe, es giebt ja noch ganz andere -Wege, um zu etwas zu kommen.«</p> - -<p>Er rühmte sich mehrerer derartiger »Bekehrungen«. -Aber Cäcilie Ehrhardt war nicht hübsch, durchaus -nicht hübsch.</p> - -<p>Ein paar kluge, graue Augen funkelten hinter -schwach geschliffenen Brillengläsern. Höchst unangenehme, -scharfe, forschende Augen. – Herr Schäffer -fühlte gar keine Neigung, irgend eine Prüfung vor -diesem Blick zu bestehen. In gleichgültigem Nachgeben -kam er ihren Wünschen entgegen.</p> - -<p>Den Befähigungsnachweis zum Besuche der Universität -bestand sie glänzend, so ließ man sie zu – -du lieber Gott, eine Ueberspannte, Emancipirte mehr -als bisher. –</p> - -<p>Mit einer Arbeiterin, die Tags über in einer -Fabrik Cigarren wickelte, miethete sich die Studentin -zusammen in einer Dachkammer ein. Die Mitbewohnerin -war nur in der Nacht da, so störte sie wenig.</p> - -<p>Cäcilie verlangte für sich das Recht, so lange, -wie sie wollte, Abends Licht zu brennen. Da hatte -die Andere nichts dagegen; sie ihrerseits verlangte -gar nichts.</p> - -<p>Aber das war nur Schein. Schon nach wenigen -Tagen brachte Henriette Abends einen Kameraden -mit aus der Fabrik, und Beide profitirten von der -Studirlampe der Anderen.</p> - -<p>Was das für ein Lachen und Kichern, für ein -Küssen und Liebkosen war – gräßlich – Cäcilie -Ehrhardt wußte sich nicht anders zu helfen, als -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -einen Ofenschirm neben sich zu stellen und sich so zu -isoliren.</p> - -<p>Das zärtliche Liebespaar aber sah mit innigem -Mitleid auf die einsam Arbeitende hin.</p> - -<p>Schließlich ließ Charley sich durch sein gutes Herz -hinreißen, ihr ein höchst eigenthümliches Anerbieten -zu machen.</p> - -<p>Mit Henriette im Arm stellte er sich neben -Cäciliens schützende Schirmwand und trug ihr stockend -und zagend vor, in seiner Fabrik da wäre ein Werkführer, -der wäre Wittwer, hätte auch ein paar Kinder, -aber doch wohl ein ganz annehmbarer Mann, der -eine brave, fleißige Frau gerne nehmen würde. Nun -könne sie, Fräulein Ehrhardt, ja am Ende keinen -verliebten Jüngling beanspruchen, wäre vielleicht auch -schon ein bischen darüber hinaus, aber doch – sozusagen –</p> - -<p>Cäcilie begriff. Einen Mann – aus Gnade und -Barmherzigkeit bot man ihr, der Tüchtigen, Häßlichen, -einen Mann an, der nicht Liebesgetändel suchte, sondern -der eine thätige Frau brauchte!</p> - -<p>Die <em class="ge">erste</em>, vielleicht im Leben die einzige Möglichkeit -für sie, den Beruf der Frau als Gattin und -Mutter zu finden! –</p> - -<p>Die gesellschaftliche Zumuthung, daß man ihr, -der Tochter des Medicinalrathes Erhardt anbot, einen -Fabrikaufseher zu heirathen, die verletzte sie nicht. -Was mochten die Liebesleute dem guten Manne von -ihr vorphantasirt haben! Aber sie fühlte den Beruf -zur Gattin und Mutter nicht in sich. – Es ist doch -<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -auch nicht jeder Mann geeignet, Vaterpflichten zu -übernehmen, und nicht jedes Weib für Mutterpflichten -geschaffen.</p> - -<p>Sehr kurz, sehr kalt lehnte sie ab, auf's Innigste -bedauert von dem jungen Paare, das nichts Anderes -kannte, als seine Liebe.</p> - -<p>Ihr Leben war aber furchtbar hart auf diese Weise, -denn in den ersten beiden Jahren ihres Studiums -machte das Arbeitspensum, das sie zu erledigen hatte, -es ihr unmöglich, sich irgend einen Erwerb zu suchen.</p> - -<p>Sie mußte leben wie eine Arbeiterin, schlechter -wie eine solche, wenn sie zum Ziele kommen wollte.</p> - -<p>Henriette und Charley amüsirten sich Sonntags, -aßen und tranken wie Kinder, die plötzlich Geld bekommen -haben und nicht wissen, wo sie es lassen -sollen. Sie sprachen täglich von ihrer Hochzeit und -heiratheten nie.</p> - -<p>Cäcilie lebte Sonntags nicht besser wie Werktags -und nahm nichts von dem an, was die Anderen ihr -anboten.</p> - -<p>Die arme Person!</p> - -<p>Was das Leben wohl für einen Werth haben -soll, wenn man es garnicht genießt! –</p> - -<p>So philosophirte das Liebespaar; Cäcilie aber -arbeitete weiter allein, immer allein.</p> - -<p>An keinen Menschen in Deutschland hatte sie geschrieben, -keiner an sie.</p> - -<p>Sie war wie todt für die Welt.</p> - -<p>In Universitätskreisen hatte sie auch keinen Anschluß -gefunden, keinen gesucht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -Die jungen Studenten amüsirten sich wie -Kinder über die paar häßlichen Mädchen, die mit -wahrem »Biereifer« die Vorträge nachstenographirten, -um sie zu Hause auszuarbeiten. Cäcilie war von -diesen die eifrigste. Sie versäumte keine Vorlesung -– sie arbeitete immer, immer.</p> - -<p>Arbeiten und darben! Für die Blüthe einer -Jungfrau ist das nicht grade günstig.</p> - -<p>Mädchen blühen auf wie Maienrosen, tändeln, -lachen und finden ihre letzte Entfaltung, ihr süßestes -Geben erst in dem Verkehr mit dem Manne, in dem -Widerstreben und Hinneigen seiner Werbung gegenüber -und dann im Gewähren.</p> - -<p>Bete und arbeite! Keusche Mädchen blühen auf -wie Lilien, dienen dem Nächsten und geben sich in -süßer Schwärmerei ihrer Gottheit.</p> - -<p>Cäcilie achtete die Gottheit, soweit ihr deren -Cultus vernünftig und zweckmäßig erschien. Sie -achtete auch den Mann, wenn sie ihn streben, arbeiten, -nützen sah, aber sie dachte nicht daran, sich selbst zu -geben, weder Gott noch den Menschen.</p> - -<p>Wer hätte denn wohl auch den Wunsch gehabt, -sie zu besitzen!</p> - -<p>Sie sah nichts vor sich, als die Nothwendigkeit, -Andere bei Seite zu schieben, um für sich selbst Platz -zu gewinnen.</p> - -<p>In der Ferne, in gar nicht allzuweiter Ferne -sah sie die Möglichkeit, daß sie einmal nicht mehr -arbeiten würde, um zu leben, sondern um zu nützen. -Nicht sich selbst – Andern, das war ihre Religion -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -und ihre Liebe. Das richtete sie auf, wenn sie in -schwachen Stunden sich fragte: Wozu? – wozu -dieser Kampf, diese Arbeit, dieses Entbehren? –</p> - -<p>Sie hörte auf, ein Weib zu sein und konnte doch -kein Mann werden. Ein unhaltbares trostloses -Wesen! Aeußerlich wenigstens, innerlich blieb sie -jungfräulich keusch, nur vielleicht ein wenig zu -herb. –</p> - -<p>Sie sah Andere neben sich untergehn. Mit derselben -Gluth, wie sie, hatten sie angefangen, aber sie -hatten nicht dieselbe Ausdauer gehabt.</p> - -<p>Ein Mann drängt sich in die Gedankenwelt, in -das Innenleben des Mädchens. – Ein kurzes Widerstreben, -ein kurzes Gewähren und dann die -Erkenntniß! –</p> - -<p>Die Erkenntniß war, wo sie auch hinblicken -mochte immer das Ende des Genusses.</p> - -<p>Nach der Erkenntniß kam, wie bei dem ersten -Menschenpaare, der ewige Fluch: Mit Schmerzen -sollst Du ihm Kinder gebären. –</p> - -<p>Viele junge Studentinnen mußten die Universität -verlassen. Sie versanken in einem Abgrund, dessen -Tiefe dem guten Herrn Schäffer so räthselhaft schien.</p> - -<p>Andere verirrten sich in die Politik. »Gleichheit, -Gleichheit« – was sollen wir darben, wenn Andere -genießen dürfen?</p> - -<p>Anstatt eine vernünftige, mit logischer Folgerichtigkeit -und Nothwendigkeit sich vollziehende gesellschaftliche -Umwälzung abzuwarten, stürmten und drängten -sie dem Anarchismus entgegen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -Sie vergaßen, daß sie doch selbst persönlich danach -strebten, die Zugehörigkeit zu einem Stande zu erlangen, -der seinerseits den privilegirten höheren, den -sogenannten »besseren Ständen« sich zurechnete.</p> - -<p>Sie gingen unter – der geheimnißvolle, unergründliche -Abgrund nahm sie auf.</p> - -<p>Die Reihen lichteten sich, dem Ziel strebten nur -noch Wenige entgegen, aber Cäcilie Ehrhardt war -unter ihnen.</p> - -<p>Einmal fühlte sie sich krank. Der vom Vaterhause -her an bessere Kost gewöhnte Körper versagte, -als ihm bei dauernder geistiger Anspannung, bei nie -unterbrochener Arbeit stets nur solche Speisen zugeführt -wurden, die zu einer geeigneten Ernährung nicht ausreichend -waren.</p> - -<p>Cäcilie empfand nach und nach einen kaum zu -überwindenden Widerwillen gegen die billigen groben -Nahrungsmittel, zu denen sie sich zwang, so lange -sie von dem Gelde leben mußte, das sie nach Amerika -mitgebracht hatte.</p> - -<p>Mit eiserner Willenskraft überwand sie diese Abneigung, -berechnete genau, wieviel Eiweiß, wieviel -Zucker, Stickstoff etc. ihr Körper täglich bedürfe, wog das -Betreffende ab und schluckte es widerstrebend hinunter.</p> - -<p>Ihre Magennerven lieferten ihr bald den Beweis, -daß der menschliche Körper keine chemische Retorte ist.</p> - -<p>Todtelend, fiebernd blieb sie eines Tages auf dem -harten schmalen Bette in ihrer Dachkammer liegen, -und die gute Henriette stand händeringend dabei.</p> - -<p>Ohne sich die Sache wissenschaftlich erklären zu -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -können, fühlte die Arbeiterin heraus, daß ihr »Fräulein« -sich wohl erholen würde, wenn sie sich einmal erlaubte, -gut zu leben.</p> - -<p>Sie holte ein ordentliches Stück Braten aus -einem benachbarten Restaurant und besorgte auch Wein.</p> - -<p>Cäcilie konnte nicht widerstehn, mit der Gier -des Verhungernden griff sie nach den Nahrungsmitteln, -deren Genuß sie an das Elternhaus, an die Heimath -erinnerte.</p> - -<p>Und dann, als sie zum ersten Male seit langer -langer Zeit mit Behagen, fast mit Genuß gegessen -hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth – die -Nerven, wie sie meinte.</p> - -<p>Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit -und Verlassenheit. – Liebe – es gab überhaupt -nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen. -Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend, -sank das starke Mädchen zurück auf das dürftige Bett.</p> - -<p>Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß -doch das Fräulein, das immer so gut war und sie -niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt -bleiben möchte.</p> - -<p>Krankheit – für den sorglos lebenden Menschen -ist das oft ein Segen. – Die Ruhe, zu der der -Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer Einkehr -und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von -leichter Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese -Periode des Lebens, bleibt oft von einer Krankheit zurück.</p> - -<p>Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders -dar. Die Krankheit ist ein Dämon, der dem Kämpfer -<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos -niederstreckt. Krank werden heißt untergehn. – Der -machtvoll vorwärts Strebende wird gezwungen, demüthigendes -Almosen zu empfangen; die Ersparnisse -werden verzehrt; die darauf begründeten Zukunftshoffnungen -sind abgeschnitten. Niemand kann es dem -erkrankten Armen ersparen, die Seinigen darben und, -wenn es lange dauert, untergehn zu sehen.</p> - -<p>Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes, -über den sie einst so unnachsichtlich hart geurtheilt -hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres Besitzes -verzehrte, so war sie verloren.</p> - -<p>Sie machte sich das klar und in unbestimmter -Hoffnung auf irgend einen Erwerb fing sie an, besser -zu leben.</p> - -<p>Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde -ihr hier an diesem untergeordneten Punkte die Grenze -der menschlichen Willenskraft klar.</p> - -<p>Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur -einen Tag lag sie in dem ärmlichen Bette, von der -Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit aussetzte, mit -Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie -niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht -aufheben, nicht lesen, nicht arbeiten, nicht denken, -nicht einmal schlafen. Nur liegen und ausruhn.</p> - -<p>»Du sollst den Feiertag heiligen!«</p> - -<p>Dieser eine Krankheitstag war für sie wie ein -Feiertag, ein von der Natur ihr aufgezwungener Tag -der Ruhe.</p> - -<p>Sie wollte keinen Sonntag, keine Erholung als -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -nöthig anerkennen. Jetzt mußte sie lernen, daß der -Durchschnittsmensch neben der Arbeit auch die Erholung -haben muß, wenn er nicht zu Grunde gehn soll.</p> - -<p>Es war ein Ruhetag, ein einziger ganz vollkommener -Feiertag, ohne Arbeit, ohne Denken, ohne -Kampf.</p> - -<p>Am folgenden Tage raffte sie sich mit Gewalt -wieder auf und arbeitete weiter.</p> - -<p>Sie bestand ihr erstes ärztliches Examen mit Auszeichnung.</p> - -<p>Aber es lag noch ein Studienjahr vor ihr, das -ihr schwer werden mußte, weil ihre Mittel beinah -zu Ende waren.</p> - -<p>Man hatte an der Universität ihr heißes ernstes -Ringen erkannt. Nach und nach, zögernd und unwillig -fingen die Professoren an, in ihr eine der -wenigen »Gleichberechtigten«, eine Ausnahmenatur zu -erkennen.</p> - -<p>Es gelang ihr, bei einem sehr gesuchten Frauenarzte -täglich einige Stunden Beschäftigung zu finden.</p> - -<p>Das war der erste Erwerb. Vorläufig aber erlaubte -sie sich noch nicht, daraufhin ihre Lebensweise zu -ändern, denn sie hatte noch ein Examen vor sich und -wünschte sich speciell in der Augenheilkunde auszubilden.</p> - -<p>Aber sie fühlte doch nun Boden unter ihren -Füßen.</p> - -<p>Nach und nach lernte sie auch die praktischen -Seiten des so heiß erstrebten Berufes und zugleich -die socialen Unterschiede im Leben, über die sie noch -wenig nachgedacht hatte, kennen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -Der Augenarzt, bei dem sie ab und zu schon selbst -operiren durfte, theilte ihr eines Tages in großer Aufregung -mit, daß er wahrscheinlich am folgenden Tage -die Ehre haben würde, die Tochter eines der Eisenbahnkönige -des Landes zu operiren.</p> - -<p>Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame -erfuhr Cäcilie, daß es sich um einen leichten Fall -einseitigen Schielens handelte.</p> - -<p>Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten -da für ein hervorragendes Vertrauen geschenkt werde, -sie meinte sogar, das könnte jeder nahezu ausgebildete -Anfänger ausführen, aber sie sollte über die Wichtigkeit -dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden.</p> - -<p>Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus -des Milliardärs trat, wurden sie zunächst von einer -Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden -Dame engagirt war. Dann führte man die beiden -Aerzte zu der Kranken, die auf einem Ruhebette liegend, -von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der Chef -des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem -Arzte und seiner – »Gehülfin« – wie er Cäcilie -nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen Leben und -Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann -wurde von der Kranken ein allseitiger Abschied -genommen, als sollte sie zum Schaffot geführt werden, -und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer -Dienerin und der Nonne allein.</p> - -<p>Als dann der Schönheitsfehler des Auges thatsächlich -korrigirt wurde, bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß, -so lange wie die Narkose dauerte, die Hände ihres Vorgesetzten -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -eiskalt waren, während sein Puls vor innerer -Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts.</p> - -<p>Allerdings erhielt der Augenarzt später für die -gelungene Operation ein kleines Vermögen, und auch -Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt, daß sie endlich -ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer -für sich allein miethen konnte.</p> - -<p>Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren -eigenen Augen. Von allem, was das Leben ihr auferlegte, -erschien es ihr am schwersten niemals allein -sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in -sich selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit -ihr intimstes persönliches Dasein vor fremden Augen -führen zu müssen.</p> - -<p>Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr -ein Heim, ein trauliches warmes Stübchen, eine -eigene Lampe, ein eigenes Bett.</p> - -<p>Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie -diese selbsterworbene Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen -selbstverständlich erschien, fast wie Luxus.</p> - -<p>Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt -zum ersten Male in der Nähe sah, machte gleichfalls -einen tiefen Eindruck auf ihren scharf beobachtenden, -stets nach Erkenntniß strebenden Geist.</p> - -<p>Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch -einige Male zu der Reconvalescentin. Die große Zahl -wenig beschäftigter Dienstboten, die sie in diesem Hause -bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen.</p> - -<p>Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte -einer Anzahl Menschen zu miethen, zu bezahlen und -<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser reiche -Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der -Umsatz des Geldes jeder Zeit berechtigt ist, aber sie -hielt es für einen unberechtigten Eingriff in die -Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit -verloren ging; sie sah darin einen moralischen -Defect, der als bleibender Nachtheil diese vielen -Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten -Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung -des Hauses gewährte ihr dagegen eine unbefangene -Freude. Sie empfand es angenehm, die harmonischen -Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten. -Der Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die -weichen Teppiche, die Bilder, die Bronzen, diese -ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche -Glück zu vervollkommnen.</p> - -<p>Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung -befindlichen Tochter dieses Hauses nicht tauschen mögen.</p> - -<p>Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein -Streben, das Glück des schwer errungenen Erfolges -war ihr fremd.</p> - -<p>Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens -Begriffen todte Pracht, ein Luxus, der keinem Bedürfnisse -diente, der entbehrlich war, manchem Temperament -vielleicht sogar lästig.</p> - -<p>Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur -darauf warteten einen Befehl auszuführen, einem -Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen der -Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu -beschäftigen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen -nach dem Befinden, dieses Studium der Speisen und -Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle -am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die -gewohnt war das Essen als eine menschliche Unvollkommenheit -der man leider genügen müsse, zu betrachten. -Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte -sich das ruhige, kalt denkende Mädchen auch der -größten Pracht und dem ausgesuchtesten Raffinement -gegenüber nicht.</p> - -<p>Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand -des Studiums, weiter nichts. –</p> - -<p>Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen, -was die Anderen genossen, war ihrer Seele fremd. -Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in einem -Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer -Uebergangszeit befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt -hatte, und zweifelte nicht daran, daß auch für -sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe -nach situirt sein würde.</p> - -<p>Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth -derjenigen, die nicht das leisteten und wußten, was sie -sich in bitteren Kämpfen errungen hatte.</p> - -<p>Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen -Kampfe um das nackte Leben, sie beobachtete mit -voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden -unter den Armen.</p> - -<p>Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden -mehrere an den Augen Verletzte in die Klinik, an -der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines -<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt. -Zerfetzt, entzündet, von Ruß und Qualm beschmutzt, -hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln.</p> - -<p>Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich -schon eine ziemlich selbständige Stellung errungen -hatte, griff nach der Chloroformflasche, um den Verletzten -zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte.</p> - -<p>Da wurde ihr das Medicament weggenommen -und eine ärgerliche Stimme sagte: »Na Fräulein, -Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.« –</p> - -<p>Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker -war kein Arbeiter, für den natürlich jede Hülfeleistung -bezahlt worden wäre, sondern ein unbekannter -Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert -hatte.</p> - -<p>Und wie litt dieser Mensch! – Es war kaum -anzusehen. –</p> - -<p>Da wurde in ihr der Entschluß fest, groß, berühmt -und reich zu werden, um den Aermsten und Elendesten -in ihrer Noth helfen zu können.</p> - -<p>Die Liebe blieb ihr fern in jeder Gestalt. Als -sie die erste zögernde Anerkennung ihrer operativen -Geschicklichkeit, die erste staunende Bewunderung ihrer -sicheren Diagnose erfuhr, wurde ihr die rücksichtsvollste -Achtung der Männer zu Theil. Sie hätte -vielleicht jetzt noch einmal Gelegenheit finden können -zu heirathen, so wie im Anfange ihrer Laufbahn, -als der Cigarrenarbeiter für seinen Kameraden um -sie warb.</p> - -<p>Aber sie dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Die -<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -Männer waren ihr so uninteressant, so gleichgültig. – -Die Collegen interessirten sie wohl als solche, aber -nicht als Männer, keinen Gedanken hatte sie dafür -übrig.</p> - -<p>So erwarb sie sich nach und nach einen geachteten -Namen und ein weit über ihre Bedürfnisse hinaus -gehendes Einkommen.</p> - -<p>Ob sie glücklich dabei war oder nicht, wußte niemand -zu sagen, denn niemals sprach sie von sich -selbst, sie hatte überhaupt gar keine Privatangelegenheiten.</p> - - -<h3>III.</h3> - -<p>Otto Ehrhardt hatte bald nach Cäciliens Abreise -das Diakonissenhaus, an dem er angestellt war, verlassen.</p> - -<p>Er bildete sich ein, die Oberin hätte die ihm vorgesetzten -Aerzte gegen ihn eingenommen, aus Empfindlichkeit -darüber, daß er ihrer Aufforderung nicht -nachgekommen war und ihr seine Schwester Cäcilie -nicht zugeführt hatte.</p> - -<p>In Wirklichkeit lag der Gräfin eine solche kleinliche -Uebelnehmerei fern. Sie dachte gar nicht mehr -an Cäcilie Ehrhardt, die sie niemals gesehen hatte, -aber sie behandelte Otto geringschätzig, weil es ihrem -scharfen erfahrenen Blicke nicht entging, daß der -junge Mann für seinen Beruf nicht begabt war und -auch kein intensives Streben besaß.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -Er witterte überall Intriguen, nahm es furchtbar -übel, wenn bei einer wichtigen Operation ein jüngerer -Assistent herangezogen wurde und versäumte dann -aus Empfindlichkeit, wenigstens zuzusehen, um sich -zu belehren. Eine gewisse natürliche Trägheit hinderte -ihn, seine Studien fortzusetzen und sich den täglichen -Fortschritten seiner Wissenschaft anzuschließen.</p> - -<p>So suchte ihn niemand zu halten, als er ging. -Er miethete sich zwei hübsche Zimmer, annoncirte in -den Zeitungen und verdiente am Ende so viel in -seinen Sprechstunden, wie seine Garderobe ihn kostete. -Mehr aber nicht.</p> - -<p>Keine einzige angesehene und zahlungsfähige Familie -kam auf den Gedanken, ihn zum Hausarzt zu -wählen. Er fing schließlich an, die Zeitungen durchzusuchen -nach Annoncen, in denen Aerzte gesucht -wurden, denen eine bestimmte Einnahme von vornherein -zugesagt wurde. Er meldete sich überall, bekam -auch oft Antwort, stets aber wünschte man – -gewissermaßen als Zeugniß – ein empfehlendes Schreiben -seiner früheren Vorgesetzten. Schließlich bemühte er -sich um ein solches, aber es fiel so kühl und nichtssagend -aus, daß es ihm wenig half.</p> - -<p>Mehr und mehr schmolz die kleine Summe zusammen, -die ihn erhielt. Er sagte sich, daß die -Berliner Wohnung ein zu großer Luxus für ihn sei, -und ins Blaue hinein fuhr er nach einer kleinen -Stadt, miethete sich im Hotel ein und annoncirte in -der Zeitung.</p> - -<p>Es kamen arme Leute zu ihm und wollten Medicin -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -kaufen; man hielt ihn nach diesem Vorgehen -nicht für einen richtigen Arzt, sondern für einen Verkäufer -irgend welcher Geheimmittel. Die Aerzte in -der Stadt, denen er seine Visite machte, erwiderten -den Besuch nicht. Er fühlte, daß er nach diesem -Anfang im Orte unmöglich sei. Nach acht Tagen -kam kein Mensch mehr zu ihm.</p> - -<p>Kurz entschlossen setzte er sich ins Eisenbahncoupee -und fuhr nach dem Rhein. In einer mittleren Stadt -miethete er eine Wohnung, meldete sich ordnungsmäßig -auf der Polizei an und annoncirte dann erst in der -Zeitung. Man erwiderte seine Besuche. Ab und zu -holte man ihn zu einem Kranken.</p> - -<p>Hätte er diesen Weg doch gleich eingeschlagen, als -er noch zweitausend Mark besaß! Bis die verbraucht -waren, hätte er sich hier durchgearbeitet. Schon jetzt, -nach zwei Monaten verdiente er etwas, aber ach, das -väterliche Erbe war verbraucht, er stand vor dem -Nichts.</p> - -<p>Manchmal bezahlte man ihm eine Bemühung in -der Sprechstunde oder einen Besuch, dann konnte er -für einige Tage sein Mittagessen bezahlen, und der -Wirth borgte wieder weiter. Jede kleine Einnahme -legte er bei Seite, um am Anfang des Monats die -Miethe entrichten zu können. Als dann aber der -Zahlungstag kam, hatte er nur die Hälfte der erforderlichen -Summe.</p> - -<p>Der Hauswirth war gutmüthig, er versprach zu -warten, er erbot sich sogar, seinen Miether bei seinen -Bekannten zu empfehlen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -Wirklich brachte diese Empfehlung ihm Nutzen, er -wurde zu einer schweren Entbindung gerufen, bei der -außer ihm noch ein anderer Arzt zugegen war.</p> - -<p>Drei Tage später war die Wöchnerin todt, das -neugeborene Kind folgte ihr nach, und kein Mensch -in der Stadt schob die Schuld auf den einheimischen -Hausarzt der Familie, sondern jeder sah darin einen -Beweis der Untüchtigkeit des unglücklichen Fremden.</p> - -<p>Der arme Ehrhardt konnte im Grunde genommen -garnichts dafür. Eine Reihe unglücklicher Zufälle -war zusammengetroffen; sein Hauswirth aber, außer -sich darüber, daß er einen solchen Mann empfohlen -hatte, kündigte seinem Miether zum nächsten Termin.</p> - -<p>Leerer und leerer wurde das Wartezimmer während -der Sprechzeit. Ehrhardt verkaufte seine Uhr, um -seine Miethe bezahlen zu können, als er auszog.</p> - -<p>Seinen Wohnungswechsel zeigte er in der Zeitung -an und seinen Mittagstisch suchte er in der Nähe -der neuen Wohnung. Der Restaurateur, bei dem er -früher gegessen hatte, borgte nicht mehr.</p> - -<p>Wenn er doch jetzt in Berlin gewesen wäre, er -hätte vielleicht in ein Hospital eintreten können, -oder bei einem Professor. Wenigstens hätte er doch -einige Bekannte gehabt, die ihm vielleicht etwas geborgt -hätten, aber hier kannte er niemanden, alle Thüren -blieben für ihn verschlossen.</p> - -<p>Es wurde Winter. Die Wirthin, bei der er jetzt -wohnte, verlangte Vorschuß für Kohlen, sonst weigerte -sie sich, sein Zimmer zu heizen. Er konnte doch -seine Kranken nicht im Kalten empfangen und untersuchen; -<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -so verkaufte er denn, was er entbehren konnte -an Wäsche und Kleidungsstücken, und bezahlte Miethe -und Kohlen.</p> - -<p>Ein Arbeiter, dem er einen Armbruch behandelt -hatte, war ihm noch die Bezahlung schuldig. Er -ging hin, fand den Mann im Bette und in der Behandlung -eines anderen Arztes. Er hatte seinen -Arm zu früh wieder gebraucht, die üblen Folgen davon -aber schob er auf Doctor Ehrhardts falsche -Behandlung, und die Frau wies diesem schimpfend -die Thür.</p> - -<p>Wenn er etwas haben wolle, sollte er sie nur -verklagen, der Doctor Brauer, den man jetzt hätte, -der würde schon bezeugen, wie viel Schaden die Fehler -der ersten ärztlichen Behandlung ihrem Manne gethan -hätten.</p> - -<p>Ehrhardt war nicht in der Stimmung, irgend -einen Menschen zu verklagen. Er lebte jetzt von der -Hand in den Mund. Sein einziger Wunsch war, -daß er früh in der Sprechstunde eine Mark einnähme, -um mit der Hälfte davon sein Essen zu bezahlen und -die andere in seine Wohnungskasse zu legen.</p> - -<p>Im Januar bekam er einen Steuerzettel, er sollte -angeben, wie viel die Ausübung seines Berufes einbrächte, -um nach Maaßgabe dieser Schätzung zu den -gesetzlichen Abgaben herangezogen zu werden.</p> - -<p>Zuweilen dachte er an seine Schwester Cäcilie. -Das freie Gewerbe, bei dessen Ausübung er beinah -verhungerte, hatte sie so unwiderstehlich angezogen und -gereizt. Sie sah in der Zulassung zu dieser Thätigkeit -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -ein geistiges Ideal. Wie fern war doch für ihn die Wirklichkeit -von diesen phantastischen Mädchenträumen geblieben. -Aber Cäcilie war ein Weib, wenn sie in Noth kam, so blieb -ihr noch immer der Beruf einer Pflegerin, der ihr jede -Stunde ein sicheres Brod geben konnte – er dagegen, -er konnte doch nicht hingehen und Arbeiter werden.</p> - -<p>Er beneidete die Bergleute, die er früh nach ihren -Schächten gehen sah. Sie hatten alle ihr sicheres -Auskommen. Keiner hatte eine geringere Einnahme -als drei Mark jeden Tag.</p> - -<p>Er hatte dagegen momentan nichts. Wohl sagte -er sich, daß es mit der Zeit wieder anders und besser -werden würde; nach und nach würde er bekannt -werden und eine Stellung erringen, genau so wie -alle seine Collegen am Ort. Er mußte nur warten – -aber er konnte nicht warten. Man muß doch leben, -während man wartet, und er hatte nichts, wovon er -hätte leben können.</p> - -<p>Die Redaction einer medicinischen Zeitschrift -schickte ihm eine Abonnementseinladung und ein Probeheft -ihres Blattes. Mechanisch las er es durch. -Unter den Notizen am Schluß fand er die Nachricht, -daß Dr. Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende -junge Aerztin, nach mehreren glänzend -ausgeführten Operationen an der großen Augen-Klinik -der Universität Boston mit festem Gehalt als -Assistentin angestellt sei.</p> - -<p>Das Blatt fügte noch hinzu, daß diese Anstellung -der Dame Zeit genug lasse, ihre schon jetzt bedeutende -Privatpraxis ausüben zu können.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -Cäcilie! Also wirklich, sie hatte sich durchgearbeitet -und hatte studirt mit derselben Summe, die -ihm zugefallen war, als seine Studien vollendet -waren und er sich nur noch eine Praxis zu suchen -brauchte.</p> - -<p>War es nicht eigentlich eine Schmach, daß er sich -jetzt hinsetzte, um an sie zu schreiben und sie um -Unterstützung zu bitten?</p> - -<p>Zum Teufel auch, daran war er doch nicht schuld! -Cäcilie wußte ja auch, daß in Deutschland der Beruf -überfüllt war. Sie sollte ihm Reisegeld schicken, -vielleicht fand sich auch für ihn in Amerika noch ein -Wirkungskreis, der nur auf ihn harrte.</p> - -<p>Rasch entschlossen schrieb er den Brief, gar nicht -sehr sentimental, eher mit einem bitteren Humor -gewürzt und schickte ihn ab.</p> - -<p>Er überlegte, daß bis zum Eintreffen der Antwort -aus Amerika mindestens drei Wochen vergehen -würden, selbst wenn die Schwester sofort antwortete -und sofort half.</p> - -<p>Drei Wochen – wie sollte er leben, wie sollte -er drei Wochen noch warten! Er besaß nichts mehr, -es gab keinen Ausweg mehr als den, sich an die -öffentliche Wohlthätigkeit zu wenden. Es gab doch -Kassen, die dazu da waren, einen vollständig verarmten -Menschen vor dem Hungertode zu schützen.</p> - -<p>Mechanisch griff er noch einmal nach dem Zeitungsblatt, -das die Notiz über Cäcilie enthielt. Ihr ging -es also gut, nach deutschen Begriffen vielleicht glänzend -und er – er wollte jetzt betteln.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -Er sagte das Wort ganz laut vor sich hin, um -sich an den Klang zu gewöhnen: – »Betteln, betteln.« –</p> - -<p>Ein letzter innerer Kampf tobte durch seine Seele. -Der ganze Hochmuth seines Wesens, die ganzen Prinzipien -seiner Erziehung empörten sich in ihm, aber die -Ueberlegung siegte, es blieb ihm nichts anderes übrig -– – doch – eine Rettung – fast wäre er im -Gebet niedergesunken vor Dankbarkeit und Freude -über diesen Gedanken.</p> - -<p>Er brauchte nicht zu betteln, noch nicht. – Es war -ja doch möglich, daß ein College ihm auf diese -Zeitungsnotiz hin eine kleine Summe leihen würde, -wenn er nachwies, daß er sich um Unterstützung an -die zahlungsfähige Schwester gewendet hatte.</p> - -<p>Beinah leichten Herzens ging er aus, um diese -Hilfe zu suchen.</p> - -<p>Bald darauf stand er vor dem städtischen Kreisphysikus -und trug diesem sein Anliegen vor.</p> - -<p>Der ältere College war ein wohlwollender Mann, -der in auskömmlichen Verhältnissen lebte. Er hatte -aber zahlreiche Kinder, so daß er von seinen Einnahmen -nichts übrig hatte. Grade in der letzten Zeit hatte -er allerlei unvorhergesehene Ausgaben gehabt und so -gern wie er der Noth des jungen Mannes abgeholfen -hätte, sah er sich doch dazu nicht im Stande.</p> - -<p>Es war ein entsetzlich peinlicher Augenblick für -den Bittenden, das kühle ablehnende Achselzucken hinnehmen -zu müssen, mit dem der vorsichtige Familienvater -es ablehnte, sein Geld auf eine so unsichere Chance -wie diese amerikanische Unterstützung hin, auszuleihen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -Als Otto Ehrhardt wieder auf der Straße stand, -ohne einen Pfennig erhalten zu haben, sagte er, fast -ohne es zu wissen, wieder das furchtbare Wort vor -sich hin: »Betteln – betteln« –</p> - -<p>Dann ging er weiter. Er suchte jetzt einen -unverheiratheten Arzt auf, der gleichfalls für bequem -situirt galt. Als er sein Anliegen vorgetragen hatte, -lachte der etwas cynisch angelegte Junggeselle laut auf.</p> - -<p>»Was – auf einen weiblichen Concurrenten hin -soll ich Ihnen Kredit geben?«</p> - -<p>»Wie denn nun, wenn Fräulein Doctor Cäcilie -als echtes Weib es vorzieht, ihre Honorare in Toiletten -und Brillanten anzulegen? Glauben Sie denn wirklich, -bester Ehrhardt, daß diese europamüde junge Dame -sich für Geld und gute Worte einen Bruder zu ihrem -Schutze verschreiben wird, der« – –</p> - -<p>»Sie kann doch ihren Bruder nicht verhungern -lassen« –</p> - -<p>Fast schluchzend unterbrach der Unglückliche die -lebhafte Rede des als Weiberfeind bekannten Collegen. -Er wußte ja ganz genau, daß Dr. Brauer die -weiblichen Aerzte als Halbverrückte verachtete – aber -darauf kam es doch in diesem Augenblicke nicht an, -wenn er nur gab – gab – –</p> - -<p>Ganz verblüfft starrte Brauer seinen Besuch an. -»Aber, Herr College – verhungern, was für ein -Ausdruck, wahrhaftig« –</p> - -<p>Er lachte gezwungen, aber es wurde ihm äußerst -unbehaglich, als er den verzweifelten Ausdruck in -dem bleichen Gesichte des Anderen sah.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -»Wenn ich noch einen Groschen hätte, so würde -ich nicht« – er stockte, und dann mit grellem Lachen, -auf einmal stieß er das Wort aus. »Betteln,« er schrie -es förmlich dem Arzte in die Ohren: »betteln, betteln«; -es war ihm wie eine Erleichterung in seiner Folterqual, -als er es selbst hörte, dieses harte, entsetzliche -Wort. –</p> - -<p>Er – bettelte.</p> - -<p>Dr. Brauer war außerordentlich unangenehm -berührt. Eigentlich hatte er dem Collegen sagen -wollen, was schon der Kreisphysikus gesagt hatte, -daß man etwas für ihn thun werde, ihm Beschäftigung -verschaffen, sich erkundigen, über die Sache sprechen, -aber jetzt – der Mensch machte ihm ja eine Scene, -er bettelte ihn an, da war alles collegiale Entgegenkommen -unmöglich – und wie er aussah, wie ein -Irrsinniger, man konnte ihn vielleicht gar nicht beschäftigen. -– Dr. Brauer empfand nur noch den -lebhaften Wunsch, den lästigen Besucher los zu werden.</p> - -<p>»Nun, ich will Ihnen wünschen, daß Ihr Fräulein -Schwester Sie aus der Verlegenheit rettet, in der -Sie sich befinden,« sagte er. Dann schloß er sein -Pult auf, nahm Geld heraus und drückte Ehrhardt -zwei Goldstücke in die Hand.</p> - -<p>Ohne danken zu können, wie ein Betrunkener -taumelte der Beschenkte aus dem Zimmer. Er fühlte, -daß Thränen ihm heiß in die Augen traten, Brust -und Hals waren ihm wie zugeschnürt. Erst auf der -Straße fand er seine Besinnung wieder. In seiner -krampfhaft geschlossenen Hand befand sich ja Geld, -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -nun konnte er warten – auf Rettung, auf Erlösung -warten.</p> - -<p>Er war in der nächsten Zeit nicht im Stande, -sich mit irgend etwas zu beschäftigen. Er wartete -nur, zählte täglich, stündlich, wie viel Geld er noch -hatte, berechnete, wie weit es noch reichen würde -und wartete im Uebrigen mit unermüdlicher Geduld.</p> - -<p>Es war doch ganz unmöglich, daß die auf Cäcilie -gesetzte Hoffnung ihn täuschen sollte. Er erinnerte -sich an die gemeinsam mit der Schwester verlebte -Kindheit im Elternhause. Gutmüthig war Cäcilie -nie gewesen, aber sie hatte ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. -Wer ganz elend und hülflos war, -dem strebte sie zu helfen, ohne auf die Schuldfrage -des Unglücklichen einzugehn.</p> - -<p>Nun erfuhr sie, daß er ganz arm, ganz elend -war. Nach seinem Verschulden würde sie sich vielleicht -später erkundigen, aber zunächst würde sie helfen. -Immer fester redete er sich das ein, immer gewisser -rechnete er darauf.</p> - -<p>So verging die Zeit, und das Darlehn des Dr. -Brauer schmolz zusammen.</p> - -<p>Schließlich erkannte der Wartende, daß er, selbst -wenn er nur noch von Brod lebte, doch höchstens noch -fünf Tage warten könne.</p> - -<p>Auf der Post kannten ihn schon alle Beamten. -In Zwischenräumen von wenigen Stunden kam er -täglich mehrmals, um zu fragen, ob kein Brief für -ihn da sei.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -Er klammerte sich an die letzte Hoffnung des -Lebens, er wollte nicht untergehn.</p> - -<p>Und dann kam der Tag, an dem die letzte Brodrinde -verzehrt, der letzte Pfennig verausgabt war. -Er hatte mehrmals an Cäcilie geschrieben, sie hätte -längst antworten können, wenn sie seine Briefe erhalten -hätte.</p> - -<p>Aus der Zeitungsnotiz, die ihm Kunde von der -Schwester gebracht hatte, ging nur sehr ungenau deren -Adresse hervor. Er hatte bei der Redaction angefragt, -man hatte ihm Auskunft versprochen, aber diese Auskunft -war noch nicht eingetroffen. Und jetzt war das -Ende da, er stand vor dem Nichts. –</p> - -<p>In dumpfer Verzweiflung saß er in seinem Sprechzimmer -und wartete auf den Postboten. Auf Patienten -zu warten, hatte er längst aufgegeben.</p> - -<p>Es war aus mit ihm, er mußte es fassen, wenn -er auch das Leben liebte, sich mit der ganzen Kraft -seiner Jugend an das Leben zu klammern suchte, es -war doch aus, da war nichts mehr zu machen.</p> - -<p>Aber hier, in der unbehaglichen kalten Stube -konnte er nicht bleiben. Er wollte sein Ende -suchen, aber doch nicht hier.</p> - -<p>Ein Verlangen nach frischer Luft, nach der weiten -freien Natur erfüllte ihn plötzlich. So erhob er sich, -setzte seinen Hut auf und ging hinaus. Er besaß -schon lange keinen Ueberzieher mehr, und dabei war -es empfindlich kalt. So schritt er rasch vorwärts aus -der Stadt hinaus, immer weiter ins Freie. Die -starke Bewegung machte ihn warm. Er ging durch -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -einen vom Rauhfrost glitzernden Forst. Es war eine -Stille unter den weißen Bäumen, wie tief in der -Nacht. Die Sonne schimmerte und sprühte in all -den feenhaften Gebilden, die den Wald erfüllten. -Da hing ein Spinnennetz zwischen den Zweigen; wie -aus leuchtenden Seidenfäden schien es gestickt, mit -Brillantstaub bestreut. Alle Contouren waren gröber -als sonst und dadurch erst voll erkennbar in der -wunderbaren Schönheit ihrer Linien. Und keiner -Linie konnte man folgen; das Funkeln und Leuchten -der weißen glitzernden Crystalle that den Augen weh, -verwirrte und blendete wie die nackte Schönheit eines -menschlichen Leibes.</p> - -<p>Als es dunkel wurde, kehrte er langsam zurück -in die Stadt. Der lange Spaziergang in der frischen -Winterluft hatte ihn hungrig gemacht, der kurze Tag -ging zu Ende, man zündete in den Straßen die -Laternen an. Ehrhardt erinnerte sich, daß er heute -überhaupt noch nichts gegessen hatte. Er besaß kein -Geld mehr, zum ersten Male stand er vor dem Hunger.</p> - -<p>Er hatte nichts mehr, was er versetzen, was er -entbehren konnte. Nichts – – er besann sich, doch, -ein weiches seidenes Halstuch. Er hielt darauf, weil -er sehr empfindlich gegen Wind war, aber der Hunger -fiel ihn an wie ein Fieber. Er war ja doch ein -Bettler, wozu brauchte er da noch einen Luxusgegenstand, -ein Stück, das geradezu elegant war!</p> - -<p>Rasch entschlossen trat er in einen kleinen Laden -und verkaufte für zwei Mark das Tuch, welches das -Sechsfache gekostet hatte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -Nun hätte er essen können; aber wie er aus dem -engen heißen Laden des Althändlers herauskam, traf -ein scharfer Windstoß seinen Nacken, dem das warme -Tuch fehlte, so daß die Kälte ihn durchschauerte bis -ins Mark.</p> - -<p>Einige Arbeiter kamen sichtlich heiter mit tief gerötheten -Gesichtern aus einem Keller, an dem er -vorbeiging. Heiße mit Spiritusgeruch erfüllte Luft -strömte aus der Thür, die sie hinter sich schlossen.</p> - -<p>Ein Schüttelfrost, der die Glieder des Arztes erfaßte, -zwang ihn, in die Destillation einzutreten. Man -gab ihm ein Glas Schnaps, so groß wie er es noch -nie getrunken hatte; es war dabei so lächerlich billig, -daß er sich versucht fühlte, ein Trinkgeld zu geben; -aber er sah noch rechtzeitig, daß niemand das that -und unterließ es.</p> - -<p>Der Schnaps erwärmte ihn und beseitigte das -Gefühl des Hungers. Er überlegte, daß er ja nun -das Geld, mit dem er seinen Hunger hatte stillen -wollen, anderweitig verwenden könnte. Rasch entschlossen -trat er in eine Apotheke und kaufte ein -Medicament.</p> - -<p>Es blieben ihm noch einige kleine Münzen, die -er krampfhaft in der Hand hielt.</p> - -<p>Halb bewußtlos kehrte er in die Destille zurück -und forderte noch einmal Schnaps. Er trank, bis -der letzte Groschen, den er in der Hand hielt, vertrunken -war.</p> - -<p>Dann besaß er noch Klarheit genug, um sich zu -sagen, daß er, ohne die Aufmerksamkeit der Leute -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -auf sich zu lenken, nach seiner Wohnung gelangen -müßte.</p> - -<p>Er ging scheinbar energisch und sicher geradeaus.</p> - -<p>Zuweilen hatte er aber das Gefühl, als weiche -der Boden unter seinen Füßen zurück, so daß er in -tiefe Löcher treten müßte. Dann hielt er sich ängstlich -an der Mauer fest, wartete einen Augenblick und -hastete weiter.</p> - -<p>Die Vorübergehenden sahen sich zuweilen nach -ihm um, dann empfand er etwas wie Furcht und -strebte weiter.</p> - -<p>So gelangte er schließlich in seine Wohnung. An -der Schwelle seines dürftigen Zimmers empfing ihn -seine Wirthin, die Wittwe Lorbeer.</p> - -<p>»Morgen ist der Erste, Herr Doctor. Da man -von Ihnen doch wohl keine Miethe mehr bekommen -wird, so habe ich die Wohnung an einen anderen -Herrn vermiethet, das wollte ich Ihnen nur sagen, -Herr Doctor.«</p> - -<p>Otto Ehrhardt lachte. »So, so! Sie haben schon -wieder vermiethet? Nun, das freut mich,« sagte er.</p> - -<p>Die Frau starrte ihn ganz entsetzt an. »Herr -Du meines Lebens, nun betrinkt sich der Mensch -wohl noch gar,« zeterte sie. »Morgen Mittag um -zwölf muß die Stube geräumt sein, ich will anständige -Miether haben. Mit Leuten, die sich betrinken, -habe ich nichts zu thun, das merken Sie sich.«</p> - -<p>Er steckte die Hände in die Taschen und stellte -sich behaglich lachend vor das erboste Weib. »Ja, -sehn Sie mal Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache,« -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -begann er – »so gewissermaßen ein Wettlauf« – -»Schlafen Sie Ihren Rausch aus und dann packen -Sie sich,« schrie die Wittwe.</p> - -<p>Der grelle Ton, der Anblick des Zimmers, in -dem er alle Qualen des hoffnungslosen Wartens -durchlebt hatte, ernüchterten ihn plötzlich.</p> - -<p>»Ich bin nicht betrunken,« sagte er leise.</p> - -<p>Die Frau sah ihn mißtrauisch an und schwieg.</p> - -<p>»Also, wie Sie wollen, ich zieh' morgen aus, -wenn Sie Unkosten davon haben sollten, so wenden -Sie sich an meine Schwester, das wollte ich Ihnen -noch sagen.«</p> - -<p>Die Wirthsfrau wurde aufmerksam.</p> - -<p>»Ach, die Frau Schwester will wohl etwas für -Sie thun, Herr Doctor? Warum haben Sie mir -denn nicht gesagt, daß Sie noch Verwandte haben?«</p> - -<p>»Hier ist die Adresse meiner Schwester.«</p> - -<p>Er reichte der Frau ein Blatt Papier und sank -müde auf einen Stuhl.</p> - -<p>»Ich kann's nicht lesen ohne Brille, aber sagen -Sie mir doch, wo Ihre Schwester lebt – und was -ist denn der Herr Schwager, wenn man fragen darf?«</p> - -<p>Er achtete nicht auf die Fragen der Frau. Mit -halbgeschlossenen Augen lehnte er sich hintenüber und -sprach leise und eintönig vor sich hin.</p> - -<p>»Der Vater stirbt, und die Kinder müssen den -Kampf mit dem Leben aufnehmen. Beide haben die -gleichen, dürftigen Mittel, womit sie durchkommen -sollen. Der Mann hat einen Vorsprung, einen bedeutenden -Vorsprung.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -Der Kampf beginnt – aber die Kraft und den -Muth und die Ausdauer hat das Weib. Der Vorsprung -nützt dem Manne nichts – sie überholt ihn doch.</p> - -<p>Sie siegt – sie siegt, sie erreicht das Ziel. Als -ein Bettler sinkt ihr der Bruder zu Füßen und fleht -um Erbarmen. Sie aber, die Schwester, das siegreiche, -emancipirte Mannweib, stößt den Flehenden von sich. -Er stürzt, und über seine Leiche schreitet die – – -die Concurrentin, Fräulein Doctor Cäcilie Erhardt.«</p> - -<p>Er schwieg. Frau Lorbeer aber war felsenfest -überzeugt, daß ihr Zimmerherr trotz seiner gegentheiligen -Behauptung betrunken sei.</p> - -<p>Das, was er da erzählt hatte, war doch keine vernünftige -Auskunft über eine, möglicherweise zahlungsfähige -Verwandtschaft.</p> - -<p>Kopfschüttelnd verließ die Vermietherin das -Zimmer. Es gereichte ihr aber zur großen Beruhigung, -daß sie bald darauf hörte, wie Otto Ehrhardt -zu Bett ging. Ein Blick auf die Thürritze überzeugte -sie auch, daß er das Licht ausgelöscht hatte.</p> - -<p>Am anderen Morgen wunderte sie sich durchaus -nicht, daß er bis in den hellen Tag hinein schlief. -Sie wußte ja, daß er am Abend vorher ein Glas -über den Durst getrunken hatte.</p> - -<p>Gegen Mittag erschien der Geldbriefträger und -verlangte Herrn Dr. Erhardt zu sprechen.</p> - -<p>Die Lorbeer entschloß sich nun, ihren Miether zu -wecken. Alles Klopfen und Pochen an der Thür war -jedoch vergeblich. Zweifelnd sahen die Frau und -der Beamte sich an.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -»Was meinen Sie, Lorbeern, das Zimmerschloß -ist nicht viel werth?«</p> - -<p>»In Gottes Namen, drücken Sie's ein, er hat -mir ja gesagt, daß seine Schwester die Kosten bezahlt, -wenn was nöthig sein sollte,« sagte die Frau.</p> - -<p>»Na, dann wird das wohl die Schwester sein, -die das Geld schickt,« meinte der Briefbote, »seh'n -Sie mal, das kommt hier nämlich aus Amerika, vierhundert -Mark – was sagen Sie dazu, Lorbeern?«</p> - -<p>»Schnell, brechen Sie die Thür auf, ich weiß, -wie nöthig er es braucht, wird das eine Freude sein!«</p> - -<p>Mit einem einzigen Druck sprengte der Briefträger -den schwachen Thürriegel.</p> - -<p>Frau Lorbeer stürzte auf das Bett ihres Zimmerherrn -los, fuhr aber mit einem gellenden Aufschrei -zurück.</p> - -<p>Bläulich geschwollen und entstellt lag da eine -Leiche, die alle Spuren einer Vergiftung aufwies. –</p> - -<p>Die an den Todten adressirte Geldsumme wurde -von den Collegen desselben zur Beerdigung verwendet. -Als Absenderin auf dem Postabschnitt aber lasen die -Herren einen Namen, der ihnen bis dahin unbekannt -geblieben war. Nur Doctor Brauer wußte eine -Erklärung darüber zu geben. Der Name lautete: -»Doctor Cäcilie Erhardt. Boston – Amerika.«</p> - -<div class="nopb"> -<p class="ce mt2"><span class="ge">Ende!</span></p> - -<p class="ce mt2 fsxs">Druck von A. Klarbaum, Berlin SO. 26.</p> -</div> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Der Schmutztitel "Morphium" wurde an den Beginn des ersten Kapitels -verschoben. Das Inhaltsverzeichnis und das Portrait der Autorin, -die im Original hinter dem Schmutztitel stehen, wurden hinter die Titelseite -verschoben. </p> - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. -Darstellung abweichender Schriftarten: <span class="ge">gesperrt</span>. -Römische Zahlen sowie der Titel "Dr.", -die abweichend in Antiqua gesetzt sind, wurden in der Transkription nicht -gesondert gekennzeichnet.</p> - -<p class="in0">Das schließende Komma in wörtlicher Rede wurde einheitlich -an die Position vor dem Abführungszeichen gebracht.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise -"Brod" – "Brot", "danach" – "darnach, "Doctor" – "Doktor", -"erwiderte" – "erwiederte", "gerade" – "grade", -"tödlich" – "tödtlich" – "tötlich",</p> - -<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">im Inhaltsverzeichnis:<br /> -"150" geändert in "159"<br /> -(Doctor Cäcilie......159)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_003">3</a>:<br /> -"Freidhofes" geändert in "Friedhofes"<br /> -(um die Abfälle des Friedhofes dahin zu bringen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen Moden,«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br /> -"nneigennütziger" geändert in "uneigennütziger"<br /> -(In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige Leiter)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_012">12</a>:<br /> -"sie" geändert in "Sie"<br /> -(so wissen Sie auch, daß die Koketterie)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_012">12</a>:<br /> -"Ihrer" geändert in "ihrer"<br /> -(Nur Verurtheilung ihrer Leidenschaft)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_013">13</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(der jedes Laster fremd wäre.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_013">13</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(unter der Haut wie Sand, ein angstvolles Unbehagen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_014">14</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -( es wird mir schon wieder wohl – sehr wohl. –«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_014">14</a>:<br /> -"Genußes" geändert in "Genusses"<br /> -(die Steigerung des Genusses! –)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_014">14</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Ein Buch?« – Sie nahm alle Willenskraft zusammen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_014">14</a>:<br /> -"Leidens genossen" geändert in "Leidensgenossen"<br /> -(mit all ihren Leidensgenossen theilte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(allerdings meine jetzige Stellung verlassen.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br /> -"ihrem" geändert in "Ihrem"<br /> -(»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb lachen Sie?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br /> -"»" und "«" eingefügt<br /> -(»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer werden?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(das Werk seines ehemaligen Assistenten lesen wird.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br /> -"«" entfernt hinter "feierlich."<br /> -(sagte er nun beinahe feierlich.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_020">20</a>:<br /> -"sympatisch" geändert in "sympathisch"<br /> -(Ihre Anmuth und Grazie berührten ihn sympathisch)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_021">21</a>:<br /> -"nud" geändert in "und"<br /> -(an Turnaus Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_023">23</a>:<br /> -"sie" geändert in "Sie"<br /> -(»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_025">25</a>:<br /> -"eintreten" geändert in "eingetreten"<br /> -(behaglichen Ruhestand der Privatpraxis eingetreten)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_027">27</a>:<br /> -"Sohue" geändert in "Sohne"<br /> -(ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_027">27</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(an ihre weiche volle Wange, dann entfernten sich)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_028">28</a>:<br /> -"habeu" geändert in "haben"<br /> -(ich glaube, wir haben da einen glücklichen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_030">30</a>:<br /> -"ewas" geändert in "etwas"<br /> -(wurden ihre Bewegungen etwas fester)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_031">31</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(werden für den Augenblick genügen.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_035">35</a>:<br /> -"«" entfernt hinter "Geheimräthin,"<br /> -(Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_038">38</a>:<br /> -"sie" geändert in "Sie"<br /> -(gehen Sie an die Fensterscheibe)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_039">39</a>:<br /> -"einen" geändert in "einem"<br /> -(was irgend einem Menschen in der Welt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_039">39</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Außer in Apotheken wird das Morphium)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_044">44</a>:<br /> -"du" geändert in "Du"<br /> -(einen so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br /> -"ein" geändert in "eine"<br /> -(eine krankhafte Leidenschaft concentrirte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br /> -"Gebennedeiete«," geändert in "Gebenedeiete,«"<br /> -(»Gieb es mir, Gebenedeiete,« flehte sie)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_048">48/49</a>:<br /> -"außer dem" geändert in "außerdem"<br /> -(und bin außerdem dem Morphinismus ergeben)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_051">51</a>:<br /> -":" eingefügt<br /> -(wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br /> -"»" entfernt vor "Turnau"<br /> -(Turnau trat an den Tisch heran.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_066">66</a>:<br /> -"Gefährten" geändert in "Gefährtin"<br /> -(unter der fröhlichen treuen Gefährtin)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_070">70</a>:<br /> -"auf" geändert in "aufs"<br /> -(höhnte der aufs äußerste gereizte Mann)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_074">74</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(Mein Morphium, mein ganzer Vorrath)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_075">75</a>:<br /> -"den" geändert in "dem"<br /> -(nach dem er durchaus nicht verlangte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_079">79</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(so scharf, so spitz)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_080">80</a>:<br /> -"zuerlangen" geändert in "zu erlangen"<br /> -(um sie wieder zu erlangen, muß man)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_086">86</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(Herr Professor erklären Sie doch – – –«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br /> -"Fäulein" geändert in "Fräulein"<br /> -(rief das Fräulein ihr nach)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br /> -"uud" geändert in "und"<br /> -(erreichte die Thür und stürzte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_091">91</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_093">93</a>:<br /> -"du" geändert in "Du"<br /> -(wenn Du es auch innerlich bist)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_094">94</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(»Und schadet niemand?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_098">98</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_110">110</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_113">113</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(habe hier nebenan zu thun.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_114">114</a>:<br /> -"«" und "»" eingefügt<br /> -(wer für sie bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_120">120</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_120">120</a>:<br /> -"»" entfernt vor "Wissen"<br /> -(Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_124">124</a>:<br /> -"zulassen" geändert in "zu lassen"<br /> -(zu Theil werden zu lassen, damit sie)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_124">124</a>:<br /> -"in der Jetzt" geändert in "jetzt"<br /> -(bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_127">127</a>:<br /> -";" geändert in ",", "«" entfernt hinter "ärgerlich."<br /> -(diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich.</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_129">129</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(die inneren Organe, die alle mißgestaltet)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_133">133</a>:<br /> -"«" und "»" eingefügt<br /> -(Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_139">139</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_140">140</a>:<br /> -"," geändert in "?"<br /> -(»Lebte das Kind?« hauchte sie)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_144">144</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(er wich allen Vergnügungen, besonders solchen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_148">148</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_149">149</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(sagte er, »oft erinnert man sich besser)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_152">152</a>:<br /> -"«" entfernt hinter "ein."<br /> -(warf das junge Mädchen ein.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_157">157</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_165">165</a>:<br /> -"lebend" geändert in "leben"<br /> -(sie muß sehr zurückgezogen leben.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_165">165</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_167">167</a>:<br /> -"," geändert in "."<br /> -(etwas Anderes – etwas Höheres. Das konnte sie jetzt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_171">171</a>:<br /> -"«" entfernt hinter "Seite."<br /> -(arbeite als Schwester an meiner Seite. Gieb mir)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_172">172</a>:<br /> -Absatz entfernt vor "»Also"<br /> -(spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_173">173</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(begann er langsam, »hat)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_175">175</a>:<br /> -"," geändert in "."<br /> -(»Und ich?« fragte er. »Ich)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_176">176</a>:<br /> -"hönisch" geändert in "höhnisch"<br /> -(Sie lachte höhnisch auf.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_186">186</a>:<br /> -"begründete" geändert in "begründeten"<br /> -(die darauf begründeten Zukunftshoffnungen sind)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_198">198</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(Dr. Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende junge Aerztin)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_202">202</a>:<br /> -"." eingefügt, "," eingefügt<br /> -(stieß er das Wort aus. »Betteln«, er schrie es)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_207">207</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache,«)</p> - -<hr /> - -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MORPHIUM ***</div> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/64442-h/images/a001i.jpg b/old/64442-h/images/a001i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 158edaf..0000000 --- a/old/64442-h/images/a001i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64442-h/images/a002i.jpg b/old/64442-h/images/a002i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4a6af56..0000000 --- a/old/64442-h/images/a002i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64442-h/images/a003i.jpg b/old/64442-h/images/a003i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b396c61..0000000 --- a/old/64442-h/images/a003i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64442-h/images/cover.jpg b/old/64442-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 9abd611..0000000 --- a/old/64442-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64442-h/images/p001i.jpg b/old/64442-h/images/p001i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e8e9f21..0000000 --- a/old/64442-h/images/p001i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64442-h/images/p003i.jpg b/old/64442-h/images/p003i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f95224d..0000000 --- a/old/64442-h/images/p003i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64442-h/images/p102i.jpg b/old/64442-h/images/p102i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index db6a05c..0000000 --- a/old/64442-h/images/p102i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64442-h/images/p103i.jpg b/old/64442-h/images/p103i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 26a7fc9..0000000 --- a/old/64442-h/images/p103i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64442-h/images/p105i.jpg b/old/64442-h/images/p105i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4c97e6f..0000000 --- a/old/64442-h/images/p105i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64442-h/images/p158i.jpg b/old/64442-h/images/p158i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index fd3f269..0000000 --- a/old/64442-h/images/p158i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64442-h/images/p159i.jpg b/old/64442-h/images/p159i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 31b56f5..0000000 --- a/old/64442-h/images/p159i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64442-h/images/p161i.jpg b/old/64442-h/images/p161i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a81e2c8..0000000 --- a/old/64442-h/images/p161i.jpg +++ /dev/null |
