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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-23 14:46:15 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Die Heimat - Roman aus den schlesischen Bergen - -Author: Paul Keller - -Illustrator: Felix Schumacher - -Release Date: January 22, 2021 [eBook #64370] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEIMAT *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Die Heimat - - Roman aus den schlesischen Bergen - - von - - Paul Keller - - Mit Buchschmuck von Felix Schumacher - - 122. bis 136. Auflage. - - [Illustration] - - Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn - - _Breslau_ und _Leipzig_ - - - - - Alle Rechte, - insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. - ~Copyright 1915 by~ - Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau. - - -Druck von Wilh. Gottl. Korn in Breslau. - - - - -[Illustration: Kapitel 1] - - -Im Buchenhofe war ein Hühnchen ermordet worden. Der Verdacht lenkte -sich auf Waldmann, den Dachshund, der nach der Tat flüchtig geworden -war. Es war auch dem Schaffersohne Hannes, der sich sofort aufgemacht -hatte, die Spuren des Mörders zu verfolgen, nicht gelungen, des -Attentäters habhaft zu werden. - -»Der Gauner is ausgerückt,« meldete er niedergeschlagen dem Sohne -seines Herrn, dem vierzehnjährigen Heinrich Raschdorf, der zu den -Ferien daheim war. »Ich sag' Dir, a muß in a Fuchsloch gekrochen sein, -sonst hätt' ich 'n erwischt. Ich hab' gesucht wie verrückt!« - -»Wenn er Hunger haben wird, kommt er von selber nach Hause,« sagte voll -Überlegung Heinrich, der Quartaner. - -»Ja, und weißte was? Dann machen wir 'n Heidenulk! Wir machen Gericht! -Du bist der Richter, und ich bin der Poliziste, und Du verurteilst a -Dackel, daß ihm der Poliziste fünfe aufs Leder haut, und daß a ihn mit -der Schnauze a paarmal aufs tote Hühndel stampt, und daß a ihn 'ne -Stunde in a Kohlschuppen sperrt. Gelt, Heinrich, das machste?« - -»Ich werd' mir's überlegen,« antwortete in vornehmer Ruhe der Quartaner. - -Diese Zurückhaltung schien dem lebhaften Bauernburschen nicht zu -gefallen. Er sann über etwas anderes nach. Nicht lange, so hatte er's. - -»Ja, und weißte was, Heinrich? Das Hühndel werden wir begraben. So 'n -Begräbnis macht auch 'n riesigen Spaß! Du machst a Pfarrer --« - -»Das ist mir schon zu kindisch, das hab' ich früher gemacht,« erwiderte -Heinrich. - -»Na, hör' mal, wenn Du auch Quartaner bist, kannste doch noch 'n -Pfarrer machen. Siehste, ich bin der Totengräber. Wir machen 'n -Leichenzug, und ich setz' mir Vaters Zylinder auf und geh' so wackelig -vorm Zug her, gerade wie der alte Lempert. Was Ulkigeres wie 'n -Totengräber gibt's nich. Na, und die Mädel sind doch och dabei, die -Lene und die Lotte und die Liese. Die müssen flennen. Und wenn Du die -Rede hältst, müssen sie immer mehr flennen, und nachher lassen wir das -Hühndel ins Grab und die Mädel singen: »In der Blüte deiner Jahre«. Na, -wenn das nischt is! --« - -Der Quartaner überlegte. Die Beredsamkeit seines ländlichen Freundes -beeinflußte ihn. Skrupel hatte er ja freilich. Seine »Kollegen« in der -Quarta würden so etwas »einfach dämlich« gefunden haben. Also sagte er -langsam und bedächtig: - -»Eigentlich ist es kindisch! Aber Dir zu Gefallen können wir's ja noch -einmal machen. Doch es ist das letzte Mal, Hannes, das sag' ich Dir. -Und Vater und Mutter dürfen nichts wissen.« - -»Die wissen so wie so nischt,« sagte Hannes. »Der »Herr« sitzt drüben -beim Schräger, und die »Frau« hat 'n Kopfkrampf und liegt im Bette. -Besser kann sich's nich treffen.« - -»Na, denn meinetwegen, Hannes!« - -Hannes war von diesem Zugeständnis freudig berührt. Er hob einen -dürren Stecken aus dem Garten auf, rannte ans Fenster des stattlichen -Bauernhauses und klopfte dreimal feierlich an. - -Der Kopf eines dunkeläugigen, bildhübschen Mädchens von etwa zwölf -Jahren wurde sichtbar. - -»Was is 'n los?« - -Hannes senkte geheimnisvoll das Haupt und sagte mit der düsteren Stimme -eines »Grabebitters«: - -»Der Herr Raschdorf läßt schön grüßen, und a läßt bitten, daß die -Jungfer Magdalene so freundlich sein täte und 'm toten Hühndel 's -letzte Ehrengeleite geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!« - -»Macht Ihr wirklich Begräbnis?« fragte sie, nicht ohne Begeisterung. - -»Natürlich, Lene,« antwortete der Leichenbitter und fiel aus der Rolle. -»Es wird riesig ulkig. Heinrich is Pfarrer und ich Totengräber, und du -mußt das Hühndel in a Sarg legen. Auf 'm Kleiderschranke sind ja die -Zigarrenkisten; da nimmste eine, und da haste die Leiche!« - -Damit warf er dem Mädchen das tote Hühnchen, das er bisher in der -Hand getragen hatte, aufs Fensterbrett, schlug sich selber mit dem -»Grabebitterstöckel« ein paarmal auf die Waden und rannte davon. - -Der »Buchenkretscham« war vom »Buchenhofe«, auf dem Heinrich und -Magdalene die Kinder der Herrschaft waren, Hannes aber als Sohn des -»Schaffers« lebte, nur durch die Straße getrennt, die von der Stadt -her nach dem schlesischen Gebirgsdorfe führte. Früher waren beide Höfe -zu einer großen »Herrschaft« vereinigt gewesen. Der letzte Besitzer -war bankerott geworden, das Gut wurde dismembriert, einzelne Teile des -Ackers wurden an Bauern des Dorfes verkauft; aus dem Rest der Felder -und den Gebäuden aber entstanden zwei neue Besitztümer, immer noch -sehr stattlichen Umfanges: der Buchenhof Hermann Raschdorfs und der -Buchenkretscham des Julius Schräger. - -Vor dem Kretscham machte Hannes vorsichtig Halt. Er schlich an ein -Fenster der Gaststube und lugte vorsichtig durch die Scheiben. Die -Ausschau befriedigte ihn. Sein »Herr« und Schräger, der Gastwirt, -saßen beisammen und sprachen eifrig miteinander. Diese beiden würden -voraussichtlich die Trauerfeierlichkeit nicht stören. Also begab -sich Hannes Reichel nach dem Hausflur. Er hatte Glück und traf die -Schräger-Lotte, die er suchte. - -Das etwas blasse Kind erschrak ein wenig, als es Hannes dreimal mit -seinem Stecken auf den Arm klopfte und sagte: - -»Der Herr Raschdorf läßt schön grüßen, und ob die Jungfer Lotte -vielleichte so freundlich sein täte und 'm toten Hühndel 's letzte -Ehrengeleite geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!« - -»Was? Der Herr Raschdorf sitzt ja drin in unserer Stube. Und warum -hauste mich denn so auf den Arm?« - -Der Grabebitter fiel abermals aus der Rolle. - -»Tumme Gans, der Herr Raschdorf is der Heinrich, und wenn Du nich in -'ner halben Stunde drüben bist und mitmachst, da -- da sollst Du mal -sehen!« - -Das Mädchen wollte noch etwas fragen, aber Hannes »schmitzte« bereits -seine Waden und »sockte« ab. - -»Mit der Lotte is nischt los,« sagte er zu sich selbst. »Sie is 'ne -Tunte! Aber die Lene, die Lene!« - -Und das Bürschlein blieb einen Moment stehen und verdrehte verliebt die -Augen. Dann setzte es sich schnell wieder in Bewegung. - -Im grellhellen Licht des Julitags lag das Dorf langgestreckt drunten -im Tal. Die Nordseite war durch einen waldigen Hügelzug abgeschlossen, -an dessen Abhang, etwas abgesondert vom Dorfe, die Buchenhöfe lagen. -Drüben die südliche Einrandung der Talmulde war viel niedriger, -ganz mit gelben Saaten bestanden, über denen schwer und schwül die -Sommersonne lag. Und all die vollen Ähren standen wie im heißen Fieber, -in einem Fieber, welches das Leben zur Gluthitze bringt und doch die -besten Säfte und Kräfte verkalkt, verzuckert und vermehlt, so daß nach -dem heißen Rausch das Sterben kommt. - -Hannes rannte hinab ins Dorf. An ein paar Bauernhöfen lief er vorbei, -dann kam eine grüne Aue, auf der ein kleines, nettes Haus stand. - -Hannes reckte sich und klopfte mit seinem Stecken ans Fenster. Ein -schmächtiges, blasses Mädel erschien. - -»Der Herr Heinrich Raschdorf läßt schön grüßen, und ob die Jungfer -Liese nicht so freundlich sein wollen mögen täte, 'm toten Hühndel 's -letzte Ehrengeleite zu geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!« - -»Wenn is es denn? Wenn is es denn?« fragte das Kind mit vielem -Interesse. »Macht der Heinrich a Pfarrer?« - -»Natürlich, Liese, macht a 'n Pfarrer.« - -»Gelt, Du, Hannes, der is aber gar nich 'n bissel stolz geworden, und a -is doch schon Quartaner, hat doch jetzt immer Gamaschen an,« sagte das -Mädchen bewundernd. - -»Nu eben,« pflichtete Hannes bei. »Komm och balde nach, Liese; 's geht -gleich los! Ich muß bloß schnell 's Grab graben und 'n Zylinder suchen. -Wenn kommt 'n Dein Vater heim?« - -»Nu, a kommt balde! Ich müßte eigentlich --« - -»Gar nischt mußte! Bloß kommen! Kannste »In der Blüte deiner Jahre« -auswendig, Liese?« - -»Bloß drei Verse.« - -»Das langt! Bloß balde kommen! In einer reichlichen halben Stunde geht -der Rummel los. -- Nanu, wer is 'n das?« - -Zehn Meter von Hannes entfernt lag auf der Aue Waldmann, der Dackel. Er -lag mit der Schnauze auf der Erde, so daß seine langen Ohren den Boden -berührten, und schielte mit höchst durchtriebenem Gesicht den Hannes an. - -»A is schon a paar Stunden hier,« berichtete Liese. »Ich hab' ihm -Milchsuppe gegeben.« - -»Machste recht, Liese! So ein'm Lump, der 's Hühndel totgebissen hat, -Milchsuppe!« - -»Ja, das wußt' ich doch nicht, Hannes. Und ich denke, Du bist froh, daß -wir Begräbnis machen können.« - -»Natürlich, Liese, bin ich froh. Wenn der Dackel 's Hühndel nicht -erbissen hätte, wär's sehr schade; aber weil a 's erbissen hat, kriegt -a Hiebe. Das is nich mehr wie recht und billig. -- -- Dackel, nu -Dackerle, nu Waldmänndel, nu komm doch; siehste nich, daß ich Zucker -hab'? Zucker, Waldmänndel! Na, da komm her, Dackel!« - -Der Junge näherte sich Schritt für Schritt dem Hunde. Der lag lauernd -auf der Erde und schnitt ein über die Maßen schlaues Gesicht. Er lachte -geradezu. Und als der Hannes auf drei Schritte herangekommen war, -sprang der Dackel auf und lief davon, daß der Boden hinter ihm aufflog. -In dreißig Meter Entfernung legte et sich wieder nieder und grinste -seinen Verfolger mit überlegener Schadenfreude an. Der verbiß seinen -Ärger und beschloß zunächst, seinen Stecken wegzuwerfen und beide Hände -in die Taschen zu stecken, damit ersichtlich sei, daß er gar nichts -Übles im Sinne führe. Dabei verdoppelte er die Kosenamen und führte -alle Schätze der heimischen Speisekammer namentlich auf. Doch als er -sich dem Verfolgten wieder auf drei Schritte genähert hatte, brachte -dieser sein Leibliches abermals durch eine fabelhaft beschleunigte -Flucht in Sicherheit. - -Ein paar Knaben schlenderten müßig die Dorfstraße herab. Als Hannes -sie gewahrte, gab er die Verfolgung des Hundes auf und wandte sich den -Jungen zu in der Absicht, neue Teilnehmer an dem Begräbnis zu werben. -Seine ganze blühende Redekunst wandte er zu diesem Zweck auf. Ohne -Erfolg! - -»Mit 'm Heinrich Raschdorf spiel' ich nich,« sagte Ernst Riedel, »der -is a stolzer Affe!« - -»Ich geb' mich auch nich mit 'm ab,« sagte ein zweiter. - -»Und ich tät' überhaupt von mein'm Vater Wichse kriegen, wenn ich uff a -Buchenhof ging,« sagte der dritte. - -Hannes war wütend. - -»Das werd' ich 'm Herrn Lehrer sagen, der is Heinrichs Großvater,« -sagte er, nachdem er sich kurz die Unmöglichkeit zu Gemüte geführt -hatte, selbst die drei starken Bengel durchzuprügeln. - -»Wenn a mir was tut,« sagte Ernst Riedel, »geht mein Vater zum -Schulinspektor.« - -»Und meiner och!« - -Sie gingen. Hannes schaute ihnen eine Weile nach. Dann spuckte er aus -und schrie ihnen nach: »Ochsen, Ochsen, Dorfochsen!« - - * * * * * - -In der Gaststube des Buchenkretschams war es ganz still. Nur zwei -Männer saßen drin: Hermann Raschdorf, der Buchenbauer, und Julius -Schräger, der Wirt. Man hörte, wie am Leimstengel auf dem Fensterbrett -die gefangenen Fliegen zitterten. Die Sonne aber, die bei aller vielen -Arbeit immer noch Zeit findet, ein wenig Spaß zu treiben, wie alle -großen Leute, gestattete sich ein wunderliches Spiel. Sie beleuchtete -die großen Schnapsflaschen, die im Schanksims standen, und entlockte -ihnen wunderbare Lichter; und wer da genau hinsah auf die flimmernden -Flaschenleiber, konnte denken, er sähe lauter große Edelsteine. Da -war der Benediktiner, dunkel wie ein Orthoklas, und daneben glänzte -die Kirschflasche wie ein riesiger Rubin; der grüne Magenbitter kam -sich sicherlich selber vor wie ein märchenhafter Smaragd, und der -Eierkognak war so milchig hell und hatte so sanfte Mondscheinreflexe -wie ein echter Opal. Der Branntwein aber, von echtem »Wasser und -Feuer«, hielt sich ohne übermäßige Bescheidenheit für einen Diamanten. -Schade, daß so viele Menschen nicht darauf achten, wenn die Sonne -einmal witzig ist. Auch die beiden Männer nicht. - -»Die Hauptsache is, Hermann, daß Du mir keine Schuld gibst,« sagte der -Wirt. - -»Aber Du hast mir doch am meisten zugeredet, daß ich die verfluchten -Aktien gekauft hab'!« entgegnete der Buchenbauer. - -»Zugeredet, was heißt zugeredet? Hätt' ich Dir zugeredet, wenn ich nich -gedacht hätte, die Sache wär' gut, was? Hätt' ich das? Was? Selber -hätt' ich welche gekauft, wenn ich damals Geld liegen gehabt hätte.« - -»Und ich? Hatt' ich welches liegen? Hatt' ich's? Hab' ich nich 'ne neue -Hypothek aufgenommen? Fünftausend Taler, Mensch! Fünftausend Taler! Was -das heißen will bei mir!« - -Der Gastwirt sprang ärgerlich auf, steckte die Hände in die -Hosentaschen und trat ans Fenster. - -»So is 's! Wenn die Leute Pech haben, schieben sie's immer auf andere.« - -Er drehte sich rasch wieder um. - -»Nu, Mensch, siehste das nich ein, daß ich's bloß gut gemeint hab'? -Daß ich bloß Dein Bestes wollte? Was?! Wenn die Sache richtig gegangen -wär' --« - -»Wenn! Man soll sich mit solchen Lausekerlen nicht einlassen. Herrgott, -wenn wirklich, Schräger -- -- es is ja -- es is ja gar nich zum -Ausdenken --« - -Der kleine, dicke Gastwirt legte dem großen, stattlichen Bauern -beschwichtigend die Hand auf die Schulter. - -»Hermann! Was nutz't n das alles! Abwarten! ruhig abwarten!« - -»Abwarten! Du hast gut reden. Abwarten! Ich -- ich -- mir wird die Zeit -zur Ewigkeit; drüben liegt mein Weib krank, sie weiß nichts von all -dem, die Zinsen bin ich noch schuldig von Johanni, -- ich -- ich --« - -»Weißte, Hermann, trink'n wir 'n Kirsch!« - -»Ich mag nich, ich will nich, ich hab' schon genug!« - -»Trink'n wir halt 'n Kirsch! Das wirste mir doch nich abschlagen, -Hermann!« - -Der Wirt ging nach dem Schanksims, und der Rubin tauchte unter. - -»Na also!« sagte Schräger, indem er langsam mit den gefüllten Gläsern -zurückkam. »Nur nich 'n Kopp verlieren! Wird ja noch alles werden. So, -da! Na, trink mal, Hermann! Auf Dein Wohl!« - -Da tönten Schritte draußen im Hausflur. - -»Der Briefträger,« keuchte Raschdorf und stieß das gefüllte Glas um. Er -stand auf und stützte sich schwer auf den Tisch. Ein Landbriefträger -trat über die Schwelle, erhitzt und bestaubt. - -»Guten Tag!« sagte er; »'n Korn und a Glas Einfach --« - -»Is was an mich?« fragte Raschdorf schwer beklommen. Auch der Wirt -blickte aufs höchste gespannt nach der schwarzen Ledertasche. »Jawohl, -Herr Raschdorf, da ist ein Brief!« - -»Vom Rechtsanwalt,« sagte Raschdorf leise und langte über den Tisch. - -»Komm mit ins Stübel, Hermann!« riet der Wirt. - -Die beiden Männer gingen ins Wohnzimmer des Wirtes. Mit zitternden -Fingern löste Hermann Raschdorf den Umschlag des Briefes. - -»Setz' Dich, Hermann, setz' Dich!« Der Wirt zwang ihn aufs Sofa. - -Und Raschdorf las. Da wurde das Gesicht blaß, die Mundwinkel verzogen -sich, der Unterkiefer zitterte, und auf der Stirn brannte ein roter -Fleck wie eine Wunde. - -»Verflucht! Oh -- oh -- verflucht!« - -Das Papier entsank dem starken Mann, und er selbst fiel mit dem Gesicht -auf das Sofa und krallte seine Finger in die Polster. - -»Was is denn, Hermann, um Gottes willen, was is denn?« - -Keine Antwort. Der hünenhafte Körper nur zuckte krampfhaft auf und -nieder, die Hände fuhren wie irre hin und her, und der Kopf bohrte sich -in den Sofasitz. - -Der Wirt bückte sich, hob den Brief auf und las. - -Eine lange Pause entstand. - -»Fünfzehn Prozent, nur fünfzehn Prozent!« - -Schräger setzte sich auf einen Stuhl. Schweigend betrachtete er den -Unglücklichen, der in dumpfes Schluchzen ausbrach. In den grauen Augen -des Wirtes zuckte es sonderbar. Ein Weilchen blieb er so ganz still, -dann schlich er auf den Zehen hinaus und verkaufte drüben dem wartenden -Briefträger um zehn Pfennig Schnaps und Bier. - -»Sagen Sie einstweilen von dem Briefe nichts im Dorfe,« sagte er zu -dem Briefträger und kassierte die zehn Pfennig Zeche ein. Dann ging -er zurück nach der Wohnstube. Behutsam öffnete er die Tür. Raschdorf -lehnte auf dem Sofa, die Füße weit von sich gestreckt. - -»Hermann!« - -»Na, was sagste? Haste gelesen? Fünfzehn Prozent! Was? Das macht sich! -Diese Schweinebande!« - -»Aber 's muß doch 'n Gesetz geben, Hermann!« - -»Gesetz geben! Schafkopp! Gesetz! Wenn Du 'n Hund ohne Maulkorb -rumlaufen läßt, oder wenn Du die Wagentafel zu Hause vergessen hast, -da gibt's 'n Gesetz, da werden sie Dich schon fassen; aber wenn kleine -Leute von Spekulanten um ihr Geld begaunert werden, um Tausende, um -viele Tausende, um alles -- da gibt's kein Gesetz, da kräht kein Hahn -darüber, da kümmert sich kein Teufel drum -- Schweinebande!« - -Schräger trat nahe an den Sofatisch. - -»Es ist schrecklich, Hermann! Und das Schlimmste: nu werd' ich die -Schuld kriegen.« - -Raschdorf blickte auf. - -»Die Schuld kriegen! Du? Hä! Natürlich bist Du schuld!« - -»Hermann, das verbitt' ich --« - -»Ach, halt's Maul! Was hat's denn für 'n Zweck, wenn ich Dir die Schuld -geb'? Krieg' ich mein Geld wieder? Was? Nee! Hin is hin! Aber daß Du -mir zugeraten hast, daß Du mir in a Ohren gelegen hast Tag und Nacht, -das steht auf ein'm andern Brette, Schräger!« - -»Na, is gut, Hermann! Gut is! Ich werd' Dir ja nich mehr raten! Ich -sag' ja kein Sterbenswort mehr, und wenn Du --« - -»Und wenn ich gleich pleite geh'! Weiß ich, Schräger, weiß ich! Is auch -ganz gut so.« - -»Na, das is ja richtig! Das habe ich mir ja gerade um Dich verdient!« - -Schräger trat ans Fenster und blickte hinaus auf die staubige Straße. -Raschdorf erhob sich und dehnte die Arme. - -»So! Nu werd' ich's meinem kranken Weibe sagen, und nachher könn'n wir -ja die Klappe zumachen und fechten gehn.« - -Schräger drehte sich langsam um. - -»Hermann,« sagte er, und seine Stimme klang warm, »Hermann, wenn Du 'n -Freund brauchst!« - -Raschdorf sah ihn mit herbem Lächeln an. - -»Wenn ich 'n Freund brauch', komm ich zu Dir. Verlaß Dich darauf, -Schräger!« - -Sie sahen sich einige Sekunden in die Augen. - -»Adieu, Schräger!« -- -- - -Über die Straße ging Raschdorf und über seinen Hof. Er sah und hörte -nicht. Als er in den Hausflur kam, blieb er stehen, als ob er Mut -fassen müsse. Von oben herab klang ein hohles Husten. Da raffte sich -der Mann auf. Langsam stieg er die Treppe hinauf und öffnete eine Tür. -»Wie geht Dir's, Anna?« - -Die sanfte, zarte Frau, die im Bette lag, sah ihn erstaunt an und -fragte furchtsam: - -»Was ist Dir, Hermann?« - -»Mir? -- Was soll mir sein?« - -Die Kranke richtete sich auf. - -»Hermann, es ist was passiert! Dir ist was; Hermann, was ist Dir?« - -Er sank auf den Stuhl neben ihrem Bette und lehnte den Kopf an das -kühle Kissen. Und wie sich ein Schuldbekenntnis von Männerlippen immer -schwer und schmerzhaft losringt, so auch jetzt. - -»Anna, ich -- hab' spekuliert, -- und ich hab' verloren.« - -Eine heiße Röte zog über das weiße Frauengesicht. Sie sagte nicht -gleich etwas, aber dann fragte sie: - -»Ist es viel, Hermann?« - -»Viel, Anna! Sehr viel! Über -- über viertausend Taler.« - -Die Kranke sank in die Kissen zurück und legte den rechten Arm über -die Stirn und die Augen. Und der Mann saß in finsterem Schweigen an -ihrem Bette. Kein Laut. Nur die Frau hustete ein paarmal. Und die Sonne -schien schwül in die Stube. - -Da klang ein seltsam Tönen in diese Todestraurigkeit. Vom Garten unten -drang schwaches Kindersingen: »In der Blüte deiner Jahre«. - -Müde erhob sich Raschdorf. Er hatte nicht den Mut, seiner blassen Frau -in die Augen zu sehen. So trat er sachte ans Fenster und lehnte sich -gegen die Mauer. - -Ein wunderliches Bild bot sich ihm unten im Garten. Er sah nicht alles, -nicht den Hannes, der possenhaft aufgeputzt da unten stand, nicht die -fremden Kinder; er sah ein totes Hühnchen, das mit Myrtenzweigen und -blauen Bändern geschmückt über einer Grube stand, er sah sein schönes -Kind, die Magdalene, und er sah seinen einzigen Sohn, der wie ein -Geistlicher angezogen unten stand und vernehmlich sagte: »~Vita brevis! -Vita difficilis!~« - -»Das Leben ist kurz! Das Leben ist schwer!« - -Das Wort traf den Mann ins Herz. Er ging zurück zum Bette der kranken -Frau und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. -- - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 2] - - -Drüben im Buchenkretscham durchmaß der Wirt die einsame Gaststube. Er -war wohl in schwerer Erregung. An allen Tischen blieb er stehen und -trommelte mit den dicken, kurzen Fingern darauf. Immer lockte es ihn -ans Fenster, und er hatte doch nicht den Mut, ganz nahe hinzutreten. -Die Augen aber richteten sich immer aufs neue nach dem Buchenhofe. So -vertieft war er in seine Gedanken und in das Anschauen des stattlichen -Gehöftes, daß er nicht einmal bemerkte, wie sich die Tür öffnete und -ein Mann erschien, der ihn sekundenlang beobachtete. - -»Eine wunderschöne Besitzung, der Buchenhof, was, Schräger?« - -»Ah -- ah -- ja -- ja -- natürlich -- natürlich; ach, Du bist's, -Berger, Du hast mich ja --« - -»So erschreckt, gelt ja? Hähä! Is kaum zu glauben, daß 'n Gastwirt -erschrickt, wenn a Gast kommt.« - -»Ich -- ich dachte gerade nur --« - -»Du dachtest gerade nur darüber nach, was doch der Buchenhof für 'ne -riesig hübsche Wirtschaft wär', und da kam ich dummerweise und störte -Dich in Deiner Andacht.« - -»Bist doch halt a gespaßiger Mensch, Berger. Immer weißte 'n Witz. Was -kann ich Dir denn einschenken?« - -»Gar nischt! Ich will Dich bloß was fragen, Schräger. -- -- Weiß er's -schon?« Und er zeigte mit dem Daumen nach dem Buchenhofe. - -»Was -- was soll er denn wissen?« - -»Von der Pleite und den 15 Prozent!« - -»Berger, woher weißt denn Du das schon wieder? Das is ja gar nicht -möglich!« - -Der andere lachte. - -»Ja, weißte, wenn man Lumpenmann is wie ich und so mit einer -Kurier-Hunde-Post im ganzen Lande rumfuhrwerkt, da hört man vieles. Was -a richtiger Lumpenmann is, der weiß alles.« - -Der Wirt sah Berger mit unruhig flackernden Augen an. - -»Na, meinetwegen! A weiß schon. A hat halt Pech! Mich geht's ja nischt -an, Berger. Was?« - -»Nu je! O ja! Doch, doch!« - -Der Lumpenmann lachte bei dieser Rede. Schräger fuhr auf. - -»Mich soll's angehen? Mich? Was denn? Was denn zum Beispiel? Möcht' ich -wissen. Was denn, Berger?« - -Der lehnte sich gegen das Schenksims, kniff seine Äuglein ein wenig -zusammen und sagte ganz ruhig: »Ich werd' Dir mal was sagen, Schräger. -Siehste, es könnte einer auf den Gedanken kommen, es wär' eigentlich -ganz hübsch, wenn die beiden Buchenhöfe wieder zusammenkämen. -- Laß -mich reden, Schräger, reg' Dich nich uff! Also, wenn alles wieder eine -Herrschaft wär'! Das könnte schon einer denken. Nich? Na, aber 's wär' -'n sehr dummer Gedanke, Schräger, denn die Raschdorfs gehen da drüben -nich raus!« - -»Ich weiß nich, was Du hast, Berger. Ich denk' doch im Traume nich an -so was. Der Raschdorf is mein Freund.« - -»Is Dein Freund, Schräger. Das ist hübsch von Dir! Und weil Du nu -Deinen Freund mit den Aktien so in die Tinte geritten hast --« - -»Berger, das laß ich mir nich gefallen!« - -»Weil Du ihn so in die Tinte reingeritten hast, sag' ich, wirste ihn -wohl jetzt wieder rausreiten müssen.« - -»Das is 'ne Frechheit von Dir, Berger! Wie kommste denn dazu? Das geht -Dich doch gar nischt an!« - -»Geht mich gar nischt an, Schräger, da haste recht! Aber gerade das, -was mich nischt angeht, um das kümmer' ich mich. Schräger, ich will -Dir mal in aller Gemütlichkeit was sagen: Wenn Du etwa am Raschdorf -schuftig handelst, da mach' ich Dich schlecht im ganzen Vaterlande und -im ganzen Waldenburger Kreise. Verstehste? Ich verkauf' Dich als Lumpen -in jedem Hause.« - -»Nu is aber genug, Berger! Das sagste mir in meinem Hause? Ich verklag' -Dich, und wenn Du noch 'n einziges Wort sagst, da --« - -»Da schmeißte mich raus. Machste recht, Schräger, tät' ich auch machen! -Aber ich geh' schon alleine. Meine Meinung weißte! Leb' gesund, -Schräger!« - -Berger hörte noch, daß ihm der Wirt etwas nachzischelte, aber er -kümmerte sich nicht darum. Aus der sauersüß riechenden Wirtsstube trat -er wieder hinaus auf die sonnenbeglänzte, freie Straße. Ein kleiner -Planwagen stand da, vor den ein großer, schwarz- und weißhaariger -Hund gespannt war. Der schielte seinen Herrn mit einem verliebten -Seitenblick an und klopfte in drei gleichmäßigen Zwischenräumen mit -seinem mächtigen Schweife an die Wagendeichsel. Der Lumpenmann stutzte -und betrachtete aufmerksam sein Gefährt, in dem sich leise etwas regte. - -»Haste etwa a Raschdorf Heinrich gesehen, Pluto?« - -Der Hund bellte freudig. - -»Oder vielleichte gar a Schaffer-Hannes?« - -Der Hund bellte noch lauter. - -»Haste sie wirklich gesehen, Pluto? Möcht' ich wissen, wo sie stecken.« - -Der Hund bellte wie toll und zerrte und riß an seinem Geschirr. Der -Lumpenmann bückte sich und machte ihn frei. - -»Na, da such', Pluto, da such'!« - -Ein Satz, und der mächtige Hund war unter der Plane verschwunden. Ein -Zeter- und Mordgeschrei erhob sich in dem kleinen Wagen, dazwischen -tönte ein ganz rasendes Hundegebell. Der Lumpenmann stand da und -lachte, und die Tränen liefen ihm über das runzelige, bestaubte Gesicht. - -Ein paar Gamaschen wurden auf der Deichsel sichtbar, in denen steckten -zwei Quartanerfüße, und nach und nach kam der ganze junge Akademiker -zum Vorschein. Unterdessen war ein wüstes Gebrülle und Gebelle im Wagen. - -»Du bist verrückt, Pluto! Mein Gesicht, au, mein Gesicht!« - -Der kleine Wagen wankte und bebte von dem gewaltigen Kampfe, der -sich in ihm abspielte, und dann wurde in seiner dunklen Öffnung ein -animalischer Knäuel sichtbar, und rechts von der Deichsel fiel ein Hund -auf die Straße, und links von der Deichsel ein Junge. - -Hannes erhob sich mit zerkratztem Gesicht. - -»Wir kommen vom Begräbnis,« sagte er kläglich und betrachtete -zerknirscht den demolierten Paradehut seines Vaters. »Da macht man sich -'n kleinen Spaß und kriecht mal in den Lumpenwagen, und gleich hetzt a -mit Hunden. Was bloß mein Vater zu seinem Zylinder sagen wird! Pfui, -Mathias, das werd' ich mir merken! Das is ruppig von Ihn'n.« - -Der Lumpenmann lachte, daß er sich schüttelte. - -»Ihr Halunken! Gelt, das wär' a Spaß gewesen, wenn Euch der Mathias -Berger ins Dorf gezogen hätte! Na, heul' nich etwa, Hannes! Sagen wird -Dein Vater zum kaputen Zylinder nischt; a sagt ja nie was; höchstens -durchhauen wird a Dich.« - -In diesen Worten vermochte Hannes einen erheblichen Trost nicht zu -erblicken, und so versprach ihm Mathias Berger einen neuen Zylinderhut. -Er habe zwei Stück. Einer rühre von seiner Hochzeit her, den anderen -habe er geerbt. Der Hannes solle sich den schönsten gleich abholen, -ehe der Vater vom Felde heimkehre und gewahr werde, was mit seiner -»Trauertonne« passiert sei. - -Da war die Not des Buben behoben. Und nachdem Hannes durch einige -kritische Fragen, die das Erbstück betrafen, die tröstliche Zusicherung -erhalten hatte, daß die beiden Hüte Bergers wirklich Prachtexemplare -ihrer Art seien, spannte er sich selbst neben den von ihm sonst -heißgeliebten Pluto und zog mit ihm das Wägelchen die Straße hinab dem -Dorfe zu. - -Mathias Berger und Heinrich Raschdorf folgten in einiger Entfernung. Es -war Abend geworden. Einzelne Schnitter kamen heim vom Felde. Irgendwo -draußen waren die ersten Halme gefallen. Wie die Leute am Anfang der -Ernte so stolz daherschreiten! In ihren Muskeln ist aufgespeicherte -Kraft, und die frohe Gewißheit wohnt in ihren Herzen, daß ihr Körper -kräftig und tüchtig ist. Diese gesunden Menschen sind vielleicht -die glücklichsten Leute der Erde. Sicher aber die leidlosesten, die -ruhigsten, die ungeängstigtsten. Was ihnen fehlt, wissen sie nicht, -und was sie haben, steht über aller Wertung nach Geld. Die anderen -haben viel, was Plunder ist, und das Schlimmere ist: sie wissen, was -ihnen fehlt, und grübeln darüber nach und sehnen sich müde. Es ist kein -Wunder, daß ein verschlossener, wortkarger Stolz in den Bauern wohnt. -Lächelt der Städter über den Landmann, wenn er ihn unbeholfen über -seine Straßen troddeln sieht, der Bauer lacht unendlich verächtlicher -über den Städter, wenn der neben seinen Erdfurchen und strotzenden -Saaten so vorsichtig und blaß und müde daherwandelt. - -Mathias Berger sah seinen jungen Begleiter an, der einen grauen Anzug -mit kurzen Hosen, einen weißen Strohhut und Gamaschen trug. »Eigentlich -siehst Du Dich komisch an hier auf der Dorfstraße,« sagte er. - -»Ja, Mathias, wissen Sie, und ich wär' auch viel lieber wieder zu -Hause.« - -»Gefällt Dir's nicht auf der Schule in Breslau?« - -»O ja, wenn man der Siebente ist von achtunddreißig, das ist schon -ganz anständig. Im Französischen hab' ich bloß »genügend«, sonst steh' -ich ganz gut. Aber wissen Sie Mathias, das Schlimme ist, daß mir immer -so bange ist.« - -»Du hast wohl manchmal das Heimweh, Heinrich?« - -Der Knabe mäßigte seine Stimme. - -»Ja, aber das sag' ich bloß Ihnen, Mathias! Sonst müßt' ich mich ja zu -sehr schämen. Und meine Kollegen würden sagen, ich sei eine Memme, und -ich kriegte Klassenkeile. Aber mir ist halt immer so bange. Ich kann -nicht dafür. Überhaupt nach den Ferien! Einmal hab' ich nach den Ferien -meine Wochentagsschuhe vier Wochen lang nicht angehabt. Ich mochte sie -nicht abbürsten, weil -- weil Boden von zu Hause dran war.« - -Der Lumpenmann wandte sich ab und sagte mit verstellter, etwas heiserer -Stimme: - -»Das wirste schon noch überwinden lernen, Heinrich! Oder willste nicht -gern Doktor werden oder Pfarrer oder sowas?« - -»Nein, Mathias, ich will nicht! Ich will wieder zu Hause sein, wo Ihr -alle seid.« - -»Willste denn Bauer werden, Heinrich?« - -»Ja. Sehn Sie mal, Mathias, es wär' doch schade um unser schönes Gut. -Sehn Sie, hier gerade an dem wilden Kirschbaum kann man unsere ganzen -Felder übersehen. Das sind doch viel! Nicht, Mathias? Eigentlich sind -wir doch reich. Aber das sag' ich gar nicht in Breslau. Ich denk' bloß -immer dran, daß wir so ein schönes Gut haben.« - -Der Lumpenmann bückte sich hastig nach dem Wegrande, riß einen Stengel -Sauerampfer ab, biß darauf herum und spuckte dann alles weit von sich. - -»Was macht denn Deine Mutter?« fragte er. - -»Die ist wieder ganz krank. Am Mittwoch, wie Wochenmarkt in Waldenburg -war, war sie mit beim Doktor.« - -»Und was hat der gesagt?« - -»Das weiß ich nicht. Sie hat geweint, als sie heimkam. Das ist es auch, -was mir immer so bange macht, daß die Mutter nicht gesund ist.« - -Sie gingen eine Weile schweigend weiter. - -»Sieh nur, daß Du weiter auf der Schule fortkommst, Heinrich! Gelt, bis -in die Prima mußt Du, eh' Du den Einjährigen hast?« - -»Bloß bis Ober-Sekunda.« - -»Das wär'n also reichlich noch drei Jahre. Sieh och, Heinrich, 's is -schon gutt, wenn Du was lernst. Auf alle Fälle is gutt. 's is ja ganz -erbärmlich, wenn einer so tumm is wie zum Beispiel ich. Kannste denn -eine Stellung kriegen, wenn Du einjährig bist, Heinrich?« - -»O ja, es war einer mit auf unserer Bude, der ist nach 'm Einjährigen -abgegangen, und jetzt ist er Schreiber auf einem Landratsamte, und dann -wird er Kreissekretär oder so ähnlich. Aber ich mag nicht Kreissekretär -werden. Ich will Bauer werden.« - -»Schon, schon, Heinrich! Aber sieh mal, am Ende könnt'st Du Dich doch -später anders besinnen.« - -»Nie, Mathias, nie! Ich übernehm' das Gut. Das ist tausendmal besser, -als wenn ich so in einer Schreibstube sitzen muß.« - -Ein Blick des Lumpenmannes glitt über die goldenen Fluren, die sich -rechts und links von ihm ausdehnten und die alle jetzt noch den -Raschdorfs gehörten. - -»Wir werden schon sehen, daß Du ein Bauer werden kannst. Wir werden -schon sehen!« sagte er. -- -- - -Hannes hielt mit der Hundefuhre mitten auf dem Wege an. Aus einem -Feldraine bog ein Trupp Schnitter ein, und an ihrer Spitze schritt -schwer und gewichtig August Reichel, der Vater des Hannes. - -»Na, da komm mal schnell, Heinrich, sonst passiert da unten ein -Unglück!« sagte der Lumpenmann und schritt mit seinem Begleiter rüstig -aus. - -Sie kamen ziemlich gleichzeitig mit den Schnittern an dem Wagen an. -August Reichel, ein Riese von Gestalt, blieb stehen und betrachtete -höchst beängstigenden Blickes seinen Sprößling, der da beklommen vor -ihm stand und mit der einen Hand krampfhaft hinter dem Rücken etwas -versteckte. - -Der Riese reckte ein wenig den Hals und konnte so ganz bequem auch -aus einiger Entfernung die Rückseite seines Nachkommens einer genauen -Musterung unterziehen. Ein Zucken ging über das Gesicht des Goliath. - -»Her!« sagte er lakonisch und streckte die Hand aus. - -Hannes reichte ihm die ruinierte »Trauertonne« und schielte halb -ängstlich, halb abwartend durch die Haare, die ihm in die Stirn hingen, -zu seinem muskulösen Vater hinauf. - -Der betrachtete den Zylinder, nahm den Strohhut vom Kopfe, probierte -den Zylinder auf, fand, daß er ihm passe, prüfte dann das Schweißleder -und hieb plötzlich dem Knirps vor ihm den Hut mit solcher Wucht auf -den Kopf, daß dieser bis übers Kinn darin versank und mit beiden Beinen -zugleich auf der Straße kniete. - -»August, halb und halb bin ich schuld,« sagte der Lumpenmann -beschwichtigend, »ich hab' zwei Zylinderhüte zu Hause; ich schick' Dir -einen.« - -Über das breite Gesicht des Riesen ging ein Lächeln. - -»Ich brauch' keinen!« sagte er und nickte dem Lumpenmann freundlich zu. -Daran setzte er sich wieder an die Spitze seiner Schnitterschar und -schritt in breitbeiniger Majestät die Anhöhe hinauf dem Buchenhofe zu. - -Hannes arbeitete sich ans Tageslicht. Er sah seinem Vater halb -ärgerlich, halb schadenfroh nach und sagte, indem er sich die Stirn -rieb und dem Vater mit dem Finger nachdrohte: - -»Na wart' nur! Wenn ich heute abend Koppschmerzen hab', da wirste mir -ja Tee kochen müssen!« - -Mathias Berger lachte, Pluto bellte einen kleinen Jubelhymnus, Hannes -faßte ihn um den Hals, und die kleine Karawane zog weiter. - -So kamen sie bei dem kleinen Hause des Lumpenmannes an. Die Liese kam -ihnen entgegen. Eine ganze Woche lang hatte sie den Vater wieder nicht -gesehen. Nun schmiegte sie sich zärtlich an ihn. Er aber schlang den -Arm um sie und fuhr mit der Hand über ihren flachsblonden Kopf. - -»Liese! Nu, Liese! Nu, mei Madel du!« - -Ein ganzer Strom von Liebe ging durch diese paar Worte. Dann kam auch -die Schwester Bergers, die ihm seit dem frühen Tode seiner Frau die -Hauswirtschaft besorgte. Unterdessen spannten die Knaben den Hund aus -und schoben den Wagen in einen kleinen Schuppen. Mathias Berger folgte -ihnen. Er hob einen riesigen Sack aus dem Wagen, der prall mit Lumpen -gefüllt war, und schüttelte ihn aus. - -»Na, da seht mal! Wenn ich die sortieren werd', das ist ganz -int'ressant. Da ist alles dabei. Wollflecke von Großmutterkleidern und -Kattun von Kinderschürzen, Übrigbleibsel vom Brautstaate und Leinwand -von einem Totenhemde. A Lumpenmann kann alles sehen. Es kommt von allem -was in seinen Sack.« - -Heinrich folgte gedankenvoll diesen Worten; aber Hannes hörte nicht -darauf und machte sich mit einem kleinen Holzkasten zu schaffen. - -In der Stube wurde dieses Schatzkästlein geöffnet. Ein Kinderherz -konnte bei solchem Anblick selig sein. Es gab ja auch einige -langweilige Dinge in dem Kasten, wie: Fingerhüte, Nähnadeln, Zwirn, -Jerusalemer Balsam und Federhalter. Aber sonst! Soldatenbilder, -allerhand andere Bilder mit schönen Versen von Gustav Kühn aus Neu -Ruppin, Peitschenschnüre, Pfeifen, Kreisel, Spielmarken, Papierorden, -kleine Pistolen, Vogelpfeifen, »goldene und silberne« Uhren und -Fingerringe die schwere Masse mit den prachtvollsten Steinen. - -»Ich möchte gerne a Fingerringel für die Raschdorf-Lene« sagte Hannes, -»weil die mir ofte manchmal a Stückel Wurstschnitte gibt.« - -»Such' Dir einen aus, Hannes,« sagte der Lumpenmann. - -Der Knabe wühlte mit zitternden Fingern in den Schätzen. So mag den -Märchenprinzen zu Mute gewesen sein, die nach dem Wunderring suchten. - -Heinrich stand etwas abseits. Er hielt es wohl mit seiner -Gymnasiastenwürde unvereinbar, sich noch für solche Dinge zu -interessieren, aber er wandte doch kein Auge von dem Kasten. -Schließlich trat er mit gewaltsam erzwungener Gleichgültigkeit näher. - -»Was ist denn da eigentlich alles?« fragte er mit ungeheurem Gleichmut. - -»Wenn Dir was gefällt, Heinrich, such' Dir nur aus,« sagte Berger -freundlich. - -Heinrich tat so, als ob er das durchaus nicht beabsichtige, aber -schließlich prüfte er doch eine kleine Zündblattpistole und ließ sich -durch einiges Zureden Bergers bewegen, sie nebst einer Schachtel -Munition zu behalten. Auch einen silbernen Ordensstern nahm er noch an -sich. Dann aber fühlte er das Bedürfnis, wieder ernsthafter aufzutreten. - -»Wissen Sie, Mathias, wer die Lumpenmänner eigentlich in Schlesien -eingeführt hat?« - -»Nein,« sagte Mathias, »das weiß ich nicht.« - -»Das hat der Alte Fritz getan,« belehrte ihn Heinrich. »Vor der Zeit -des Alten Fritz gab's keine Lumpenmänner in Schlesien.« - -»Da hat der Alte Fritz was sehr Kluges gemacht,« entgegnete Berger. - -»Is überhaupt sehr tüchtig gewesen,« sagte Hannes wohlwollend, um damit -zu zeigen, daß er auch in der Geschichte bewandert sei. Dabei stellte -er drei Ringe in die engere Wahl: einen Diamantring, einen Rubinring -und einen einfachen Silberreif, auf dem das Wort »Liebe« eingeprägt war. - -»Ja,« nahm Heinrich wieder das Wort, »der Alte Fritz war sehr sparsam, -und er wollte nicht, daß die Leute was wegwarfen: Lumpen, Knochen, -altes Eisen und so ähnlich. Da setzte er die Lumpenmänner im Lande -ein. Und die mußten solche Dinge im Kasten haben wie Sie, Mathias. Und -das nennt man Tauschhandel. Wobei es auch auf die neuen Papierfabriken -ankam.« - -Bergers Augen leuchteten. »Sieh mal, Heinrich, das is doch hübsch, wenn -einer das alles weiß. Ich bin nu schon so lange Lumpenmann, und ich -bin es auch gerne; aber ich hab' noch nie gewußt, wer uns eigentlich -erfunden hat. Es wär' doch hübsch, wenn Du weiter studiertest und -ein Gelehrter würdest. Nich, Heinrich? Sieh mal, Bauern gibt's doch -massenhaft auf der Welt.« - -Der Knabe fühlte sich geschmeichelt, aber er schüttelte doch den Kopf. - -»Nein, ich will Bauer sein. Ich will den Hof übernehmen. Ich will immer -hier sein.« - -»Das is richtig,« stimmte Hannes bei; »wenn Du nich da bist, is nischt -los zu Hause. Sieh mal, Heinrich, welchen nehm' ich nu: den mit dem -weißen oder den mit dem roten Stein? Den silbernen mit »Liebe« mag ich -nich; da gäb' mir die Lene am Ende 'ne Backpfeife. Ich denke, ich nehm' -den roten.« - -»Nimm sie beide, Hannes,« sagte der Lumpenmann. »Wer die Wahl hat, hat -die Qual.« - -»Aber der silberne ist auch niedlich -- sehr hübsch ist er,« sagte -Heinrich. - -»So behalt' ihn,« sagte Berger. - -»Den mit »Liebe«?« fragte Hannes erstaunt. »Wem willste denn den mit -»Liebe« schenken, Heinrich?« - -Der Quartaner wurde blutrot. - -»Ach, niemand,« stotterte er, »niemand, vielleicht der Liese.« - -Und er gab das unechte, kleine Ringlein der Liese, der Tochter Bergers, -die schon lange mit roten Wangen hinter ihm gestanden hatte. - - * * * * * - -Am Abend noch, als die Sonne im Verlöschen war, ging Mathias Berger die -Dorfstraße hinab nach der Schule. Die beiden Knaben waren längst zu -Hause; die kleine Liese lag im Bett und schlief und hatte das silberne -Ringlein am Finger. - -Der alte Dorfkantor Johannes Henschel saß an einem Harmonium und -spielte aus einer Orgelpartitur. - -»Es ist eine schwere Sache, eine sehr schwere Sache, Herr Kontor, wegen -der ich komme,« sagte Berger. - -»Was ist denn?« - -»Herr Kantor, eh' 's Ihnen die anderen sagen: Ihr Schwiegersohn, der -Herr Raschdorf, verliert bei der Fabrik sein Geld.« - -Das blasse Gesicht des alten Lehrers wurde noch um einen Schein fahler, -und die welke Rechte fuhr nach der Brust. - -»Bei den Aktien?! Ist das möglich, Berger? Ist das möglich?« - -Mathias Berger sah den Alten mitleidig an. - -»Es ist so, Herr Kantor. In Altwasser drüben der Teichmann verliert -auch dreitausend. Von dem weiß ich's. Fünfzehn Prozent kriegen die -Aktionäre raus. Das ist alles.« - -Ein Zittern ging über das Antlitz des alten Mannes. Dann stützte er den -Kopf schwer auf die Hand. - -»O mein Gott!« - -Es war ganz still in der Stube, nur die Uhr tickte leise. Draußen erhob -sich ein matter Nachtwind und fuhr müde durch die alten Bäume des -Schulgartens. - -Mathias Berger nahm wieder das Wort. - -»Sehn Sie, Herr Kantor, das ist ja eigentlich nicht meine Sache. Es -geht mich gar nischt an. Aber Sie wissen ja, ich bin Ihn'n viel Dank -schuldig. Wie ich a blutarmer Junge war, ohne Vater und Mutter, da -haben Sie mich aufgenommen und mich großgefüttert. Das vergess' ich -nich, und wenn ich hundert Jahr' werd'. Was mir das jetzt leid tut, -kann ich gar nich sagen. Aber, Herr Kantor, der Herr Raschdorf sollte -sich nich mit 'm Schräger einlassen. Das is a grundschlechter Kerl!« - -»Der Gastwirt? Ach nein, Berger! Der hat ja meinem Schwiegersohn immer -noch ausgeholfen, wenn's einmal fehlte.« - -»Ausgeholfen, Herr Kantor! Warum denn? Warum denn? Weil a ihn nach und -nach ganz in seine Gewalt kriegen will. Bloß darum! Ich sag' Ihnen, dem -dicken Kerle wird erst ganz wohl sein, wenn a beide Höfe hat. Darauf -spekuliert a, darauf hat a's abgesehn! Schräger is Raschdorfs größter -Feind!« - -Der alte Kantor schüttelte unwillig den Kopf. - -»Das müssen Sie nicht sagen, Berger, das ist unrecht! Schräger hat sein -Geld auf die letzte Hypothek gegeben. Der ist ein Freund von meinem -Schwiegersohn.« - -Mathias Berger erhob sich. - -»Na, da -- da tut mir's leid, daß ich was gesagt hab'.« - -»Setzen Sie sich, Berger, setzen Sie sich doch wieder! Sie sehen zu -schwarz. Der Schräger und mein Schwiegersohn sind Freunde. Sie sind -zusammen in die Schule gegangen, sie sind zusammen aufgewachsen. -Schräger ist nicht schuld. Das ist halt Unglück, Berger, schreckliches -Unglück! O Gott, ich weiß ja nicht, was werden soll! Fünftausend Taler! -Und mir hat er immer nichts gesagt, wie's steht, nichts!« - -Eine Pause entstand. Beide Männer starrten vor sich hin. - -»Um Ihre Tochter tut mir's leid,« sagte Berger endlich leise. - -Der alte Lehrer wandte sich ab. - -»Und um den Jungen, um den Heinrich! Heute sagt a mir, a will nich -studieren; a will Bauer werden -- übernehmen die Wirtschaft --, das is -ja a Jammer.« - -Ernst und groß wandte der Alte die Augen dem schlichten Manne gegenüber -zu. - -»Ich hab' ein Unrecht begangen, Mathias -- ich, nicht der Schräger. -Ich mußte dem Raschdorf die Anna nicht geben. In so einem Gut muß Geld -sein! Was waren da die paar Pfennige, die ich ihr mitgeben konnte? Gar -nichts! Gar nichts! -- Und nun ist das Elend da. Ich bin schuld daran, -Mathias -- ich!« - -Berger richtete sich auf. - -»Herr Kantor, nehmen Sie's nich übel, aber das is -- das is Unsinn, was -Sie da sagen. Sie sind nich schuld! Der Raschdorf stand sehr gut da. -Der brauchte keine reiche Frau. Bei dem ging's ohne Mitgift. Aber wie -hat a gelebt? Wie a gnädiger Herr! Immer oben raus! Und das Schlimmste: -a hat sich mit dem Schräger eingelassen, und das is und bleibt ein -Malefiz-Lump, und wenn a noch so scheinheilig tut, und wenn Sie noch so -für ihn reden.« - -Der Kantor schüttelte den Kopf. - -»Es wäre schlecht, Mathias, einem zweiten die Schuld zu geben, wenn uns -ein Unglück trifft. Und selbst, wenn er ihm zugeredet hat, wer konnte -das ahnen? Den Ausgang konnte niemand wissen. Es ist eine bittere -Sache, Mathias, wenn man alt ist und ein einziges Kind hat, und dem -geht's so!« - - * * * * * - -Als der Lumpenmann heimging, lag die Sommernacht über dem schlummernden -Dorfe. Ernte! In schweren, schwülen Zügen atmete draußen das -todgeweihte Feld. - -Mathias Berger blieb stehen und sah noch einmal nach dem Schulhause -zurück, das ihm in seiner Kindheit ein zweites, besseres Vaterhaus -gewesen war und wohin ihn auch jetzt noch eine leise Sehnsucht immer -wieder führte. Er liebte den alten Mann dort, der so gutmütig und -kurzsichtig war, daß er die Bosheit der Menschen nicht erkannte, nicht -die Bosheit, aber auch nicht die geheimen, tiefen Leiden, die dicht -neben ihm bluteten. - -Als bettelarmes Kind hatte ihn der Kantor aufgenommen in sein Haus, ihn -erzogen, ihn auch außer der Schulzeit unterrichtet. Da war der Mathias -mit der Schul-Anna zusammen aufgewachsen, und sie hatten gelebt wie -Bruder und Schwester. Später ging Mathias als Bergmann in die Grube. -Aber wenn er einen freien Sonntag hatte, war er im Schulhause. Da war -leise, während er heranwuchs, die Liebe in sein Herz gekommen. Es hatte -niemand was gewußt, nicht der Kantor und auch nicht die Anna. Es wäre -ja so schrecklich frech und undankbar gewesen, wenn er etwas davon -gezeigt hätte, er, der arme Kohlenschlepper. - -Bis sie sich verlobte. Da war es zu Ende gewesen mit seiner Fassung. Er -brachte es nicht mehr über sich, ins Schulhaus zu gehen. Und damals hat -es dann die Anna gewußt. Der Kantor hat sich bloß gewundert und über -den Abtrünnigen geärgert. - -Ach, die furchtbare Arbeit in der Kohlengrube! So allein sein in den -düsteren Stollen unter der Erde und gar keine Hoffnung haben für alle -Zukunft. Das hielt Berger nicht aus. - -Ein Verwandter von ihm starb und hinterließ ihm ein Häuslein und das -Lumpenhandelgeschäft. Der Kantor wollte von dem Berufswechsel nichts -wissen; aber Mathias war froh, daß er nun immer im Freien sein konnte, -herumwandern in der Welt bei vielen Leuten und nicht mehr allein sein -mußte mit seinem Herzenskummer. Da wurde er allgemach wieder ruhiger -und heiterer. Nach einigen Jahren heiratete er ein braves Mädchen. Er -hatte ihr keine trübe Stunde bereitet, sie ihm auch nicht. Aber sie -starb schon nach einem Jahr, als die Liese geboren wurde. - -Da war er wieder einsam. Und über Ehe und Grab kam manchmal in stillen -Stunden aus der Jugendzeit die alte Liebe wieder, ganz wunschlos, -aber doch schmerzhaft tief -- so wie heute, da sie krank und schwach -nun doch der Armut entgegengehen sollte, der Armut, die allein ihm -einstmals verbot, sie zu begehren. - -Von fernher kam ein Gewitter, und Mathias ging heim. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 3] - - -Anfang des nächsten Oktober kam Heinrich wieder nach Hause. Es waren -Herbstferien. Ein Dienstjunge holte ihn mit einem kleinen Korbwagen vom -Bahnhof ab. Die großen, schwarzen Augen des Knaben hingen unverwandt -an den heimischen Bergen. Immer, wenn er von der flachen Oderebene -da unten kam und zum ersten Male wieder die Hügel des prächtigen, -reichgegliederten Waldenburger Berglandes aufsteigen sah, schlug sein -Herz schneller, gerade als ob auf den einsamsten jener Berge ein -heiliger Friede wohne, wo allein alle Bangigkeit gestillt und alle -Sehnsucht vergessen würde. - -Und doch war die Landschaft trübe. Die bunten Blätter zitterten an -den Bäumen, und weiße Nebelschleier zogen über die leeren Wiesen. Die -Weiden standen wie gebückte, krumme Greise an den Bächen und Teichen, -als wollten sie sich hinunterstürzen und sterben. Und der Wind sang -in den hohen Pappeln am Wege ein Lied vom fernen Sommer und von toter -Freude. - -Aber es war die Heimat, die Heimat, die dieser Knabe schmerzhaft -liebte, an die er alle Tage dachte, da er ihr fern sein mußte. - -Langsam fuhr der Wagen die sandige Straße entlang. Der Kirchturm des -Dorfes ragte auf; da lief ein Zittern über die Gestalt des Kindes, -und die feine Gestalt reckte und dehnte sich, mehr zu sehen, mehr von -der Heimat. Dann kam ein Grenzweg, und nun war Heinrich Raschdorf auf -väterlichem Boden. Ein glückseliges Leuchten brach aus seinen Augen. -Jetzt war es aus mit Sehnsucht, Heimweh und Herzeleid, jetzt fühlte er -sich sicher und geborgen. - -Hier auf heimischer Erde wäre er dem gefürchtetsten Lehrer sicher und -lächelnd entgegengetreten; hier hätte er sie nur einmal haben mögen, -alle seine Mitschüler; beide Hände würde er ausstrecken und sagen: - -»Seht Ihr, hier bin ich zu Hause! Hier wohnen mein Vater und meine -Mutter und mein Großvater und alle, die ich kenne. Und alle die Felder -sind unser, und dort drüben das ist unser Hof.« - -Ein Mann mit einem Jagdgewehr ging über die Felder, kaum zwei- oder -dreihundert Meter vom Wege entfernt. Der Dienstjunge hielt das Pferd -an. Heinrich aber sprang auf, riß den Hut vom Kopfe, winkte und schrie: -»Vater, Vater, Vater!« - -Der Mann unten blieb stehen, blinzelte durch das Herbstlicht herauf und -winkte ein wenig mit der Hand. Dann gab er ein Zeichen weiterzufahren -und setzte seinen Pirschgang fort. - -Knarrend fuhr der Wagen die Straße weiter. Der Knabe saß ganz still. -Ein Kartoffelfeld tauchte auf. Eine Anzahl arbeitender Menschen waren -da beschäftigt und wühlten geschäftig in der schwarzen Erde nach den -weißen, duftenden Knollen. August Reichel, der Schaffer, überwachte -das Ganze wie ein schweigender König. Aber allen nahm er die schweren, -gefüllten Körbe ab und schüttete deren Inhalt auf einen riesigen Wagen. - -Da trennte sich ein junger Bursche vom Arbeitstroß, rannte ein -Stückchen, fiel über einen Kartoffelsack, stand wieder auf, stolperte -noch einmal über eine Furche, riß dann die Mütze vom Kopfe, schlug in -einem ganz närrischen Tempo Räder damit in die Luft, sprang über den -Straßengraben, trat an den Wagen und sagte keuchend: - -»Na, Heinrich, das is aber fein, daß De kommst!« - -»Guten Tag, Hannes! Du hast ja so kalte Hände.« - -»Na, klaub' mal Kartoffeln, wenn der Boden so kalt is! Du kannst froh -sein, daß De immer Quartaner sein und in der Stube sitzen kannst.« - -»Hannes, Du mußt mitkommen!« - -Heinrich rief hinüber nach dem Felde: »He! -- Reichel! -- Schaffer! -- -Darf der Hannes mit mir fahren?« - -Der Riese verfiel in Nachdenken, schüttelte erst heftig den Kopf, -dachte aber weiter nach, zuckte dann unschlüssig die Achseln, machte -noch eine bedenkliche Pause, nickte darauf kurz und wandte sich ab. - -»Das wußt' ich schon,« sagte Hannes und kletterte auf den Wagen. »Ich -sag' Dir, a hätte sich geärgert, wenn ich nich mitgefahren wär', und -ich och. Los, Friedrich! Nu komm'n wir vom Gymnasium! Haste vielleicht -Zigaretten, Heinrich? Hier sieht's keen Mensch!« - -Auch der einsame Jäger ging heim. Er hatte kein Glück. Seine Jagdtasche -blieb leer. - -Glück! Raschdorf lachte. Er und Glück haben! Das gab's lange nicht mehr -für ihn. - -Müde lehnte er sich auf sein Gewehr und sah düsteren Blickes über -die kahlen, toten Felder und nach den Wolken, die schwer über die -bunten Berge herabsanken. So trübselig hüllten sie die schimmernde -Herrlichkeit ein, wie man dunkle Decken und Schleier zieht über goldene -Wände zur Zeit der Trauer. Nach Minuten erst merkte der Einsame, daß er -in Gefahr sei, denn die Hähne des Gewehrs, gegen dessen Lauf er sich -lehnte, waren gespannt. - -Ein herbes Zucken ging über das Gesicht des Mannes, dann riß er das -Gewehr herauf und feuerte beide Schüsse in die Luft. Er schloß die -Augen bei dem dumpfen Knall, dann ging er weiter. - -Und wie so häufig in letzter Zeit, ging er zum Schräger. Er traf den -Wirt allein, denn es war noch am zeitigen Nachmittag. - -»Nu, kommste mit a Zinsen, Hermann?« fragte Schräger freundlich. - -»Haste es so eilig mit a Zinsen? Ich dächte, Du brauchst 's nich so -nötig.« - -»Nu je, sein Geld braucht jeder; jeder, Hermann! Ich och!« - -Raschdorf setzte sich schwerfällig hinter einen Tisch. - -»Schneid' mir's aus der Haut! Ich hab's nich! Hexen kann's keiner!« - -Der Wirt wandte ihm verdrießlich den Rücken und sah mürrisch zum -Fenster hinaus. Draußen rumpelte eine Rübenfuhre langsam vorbei. Dann -wurde es still. Keiner der Männer sprach. - -Da öffnete sich die Tür, und ein etwa siebzehnjähriger Junge -trat herein, ein starker Bursche von auffallend idiotischem -Gesichtsausdruck. Das war der einzige Sohn Schrägers. - -»Hu, hu,« sagte er und rieb sich die Hände. »Is aber kalt heute! Mag -ich nich auf dem Felde sein -- mag ich nich -- mag ich gar nich a -bissel. -- Schön tumm! -- Schön tumm! -- Schön tumm!« - -»Du sollst machen, daß Du wieder rauskommst, Du Faulpelz!« sagte -Schräger. - -Aber der Sohn lachte ihn aus. - -»Selber Faulpelz! Och, es is kalt draußen. Und hier is warm! Hier is -viel schöner! Schön tumm! -- Schön tumm!« - -Er fing an zu pfeifen und hüpfte auf einem Bein die Stube entlang, -wobei er sich immer abwechselnd Ohren und Nase rieb. Dann setzte er -sich hinter einen Tisch und dröselte stumpf vor sich hin. Schräger -beachtete ihn nicht mehr. Er wandte sich wieder an Raschdorf. - -»Sieh mal, Hermann, Ordnung muß nu mal sein. In Geldsachen hört die -Gemütlichkeit auf. Das is nu mal so! Zum Wegschenken hat ja keiner was.« - -Raschdorf fuhr auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. - -»Wegschenken? Wer spricht denn vom Wegschenken? Mir braucht keiner was -zu schenken, und Du zu allerletzt. Das hab' ich noch nicht nötig!« - -Schräger zuckte die Achseln. - -»Immer gleich beleidigt! Immer der große Herr, der sich nischt sagen -läßt. Siehste, Hermann, das is Dein Fehler. Du hast Dir's nach und nach -mit allen Bauern verdorben. Wenn Du mehr Freunde hättest --« - -»Ach, halt's Maul, laß mich in Frieden mit den Schafköppen!« - -»Ihihihi -- Schafköppen, Schafköppen, Schafköppen!« lachte der Idiot. - -»Du sollst machen, daß Du rauskommst, Gustav!« - -Der Junge rührte sich nicht vom Platze. - -»Ne,« grinste er. »Es is kalt! Schön tumm!« - -Raschdorf nahm wieder das Wort. - -»Würde mir einer von den'n helfen? Was? Keiner! Sie würden sich hüten. -Sie borgen mir nicht einen Taler.« - -»Das macht bloß der Schräger,« sagte der Wirt bitter. »Der is der -Schafkopp.« - -Da wurde das Gesicht des Buchenbauern dunkelrot, und er fuhr jähzornig -auf: - -»Du -- Schräger -- ich -- ich -- geb' Dir 'ne Backpfeife!« - -»Gib ihm eine, gib ihm eine!« schrie der Idiot mit Begeisterung. - -Der dicke Leib des Wirtes zappelte vor Erregung. »So? -- Soso? -Backpfeifen -- Backpfeifen bietet mir der gnädige Herr an? So? -Backpfeifen für alles, was ich ihm schon zu Gefallen getan hab'? Is -gutt, Herr Raschdorf! Wenn ich bis morgen meine Zinsen hab' und zum -nächsten Quartal meine 20000 Mark, da -- da kann der gnädige Herr -backpfeifen, wen a will.« - -Es wurde still. Nur eine Zeitung knisterte, die der Idiot mit den -Händen bearbeitete. Schräger trat wieder ans Fenster und sah hinaus. -Langsam erhob sich Raschdorf und griff nach seinem Gewehr. Und so trat -er neben den Wirt. - -»Julius,« sagte er langsam und schwer, »ich werd' versuchen, daß Du zu -Deinem Gelde kommst. Was ich heute rede, weiß ich nich. Mir summt alles -im Koppe, und manchmal -- da -- da wird mir ganz trübe. Siehst Du, -vorhin, draußen auf 'm Felde, da hab' ich so auf der Büchse gelehnt -- -so --« - -»Sie is doch nich geladen?« kreischte der Wirt und trat ein paar -Schritte zurück. - -Raschdorf lächelte. »Vorhin war sie geladen -- jetzt nich!« - -Schräger betrachtete ihn mit unruhigen Augen. - -»Du mußt doch nich -- Du mußt doch nich, Hermann, hier in der Stube -- -leg' mal die Flinte weg und setz' Dich wieder! Wir wollen miteinander -reden.« - -Der andere folgte mechanisch. - -»Wieviel haste denn übrig, Hermann?« fragte der Wirt. - -»Übrig?« Raschdorf lachte. »Übrig is sehr gut! Ich häng' noch von -Johanni her, und dann in fünf Tagen is 'n Wechsel fällig über 500 Mark. -Ich -- ich weiß mir keinen Rat mehr. Es gelingt mir nischt mehr, es -geht nich mehr, alles geht krachen, Geld kommt nich ein -- es is zum -Verrücktwerden!« - -»Aber Du hast doch noch das ganze Getreide in den Scheunen. Warum läßte -denn nich ausdreschen?« - -»Eins -- zwei, links -- rechts, eins -- zwei, links -- rechts!« Der -Idiot hatte sich einen Helm aus Papier gemacht und marschierte durch -die Stube. - -»Mach' doch, daß Du rauskommst, Gustav,« fuhr ihn nun Raschdorf an. -»Man kann ja kein vernünftiges Wort reden, Du alberner Bengel!« - -Gustav schnitt ihm eine Grimasse. »Schön tumm! Gar nischt zu sagen! -Es is kalt draußen. Eins -- zwei, rechts -- links!« Dann hielt er -plötzlich inne, drohte dem Bauern mit der Faust und schrie: - -»Gar nischt zu sagen! Gar nischt rauszuschmeißen! Hu je, es is so kalt, -es is so sehr kalt!« - -Er heulte laut auf. Sein Vater sagte freundlich zu ihm: »Setz' Dich -still in den Winkel, Gustav! Du kannst hierbleiben!« - -Er war tief verstimmt. Er selbst schrie seine Kinder manchmal an, -aber von fremden Leuten ließ er ihnen nicht zu nahe treten. Der Idiot -setzte sich hinter einen Tisch und heulte stumpf eine Weile vor sich -hin. Von Zeit zu Zeit warf er einen grimmen Blick nach den Männern -und drohte mit der Faust. Dann nahm er den Papierhelm vom Kopfe und -entfaltete das Zeitungsblatt. Er fand ein Bild darin, das ihn offenbar -sehr interessierte, denn er stierte es unausgesetzt an, lachte, grunzte -zuweilen vergnügt und schnitt Gesichter dazu. - -Ein Bauer aus dem Dorfe trat in die Stube. - -»Guten Tag, Schräger! 'n Korn! Tag, Raschdorf!« - -»Guten Tag, Riedel!« - -»Na, wie geht's?« - -Raschdorf lachte. - -»Gutt geht's! Famos geht's! Wie soll's gehen?« - -Der Bauer nickte. - -»Na ja, wie soll's dem reichen Raschdorf gehn? Dem muß 's gutt gehn! -Habt Ihr's schon gehört? Beim Huhndorf sein'm Schwager hat's letzte -Nacht gebrannt. Die Scheune und die Stallung is abgebrannt.« - -»Ach, da is das dort gewesen?« sagte der Wirt. »Die Röte haben wir ja -gesehen; 's muß a riesiges Feuer gewesen sein. Nu, wie is denn das -zugegangen?« - -Riedel zuckte die Achseln und lächelte vielsagend. - -»Ja, wer weiß! Wenn einer gut versichert is, und die Gebäude taugen -nich mehr viel, da is ja das Abbrennen gar keen so großes Unglück nich.« - -Raschdorf lachte grimmig. - -»Da haste recht! Man möchte selber wünschen, daß's amal brennte!« - -»Versündigt Euch nur nicht!« sagte Schräger. - -Riedel blickte Raschdorf aufmerksam an. - -»Nu, bei Dir sind doch die Gebäude noch ganz gutt!« - -Raschdorf zuckte die Achseln. - -»Gutt? Was heißt gutt? Flickereien gibt's immerfort. Die Scheunen -möcht' ich neu decken lassen, und der Kuhstall is ganz erbärmlich -eingerichtet. Die alten Kerle haben keine Idee gehabt, wie a -vernünftiger Stall zu bau'n is. Na, und wie das beim Huhndorf sein'm -Schwager is -- a kriegt a schönes Stück Geld von der Versicherung, und -dann -- ein'm Abgebrannten hilft jeder. Das is gar nich so schlimm.« - -»Na, immerhin, jetzt vor'm Winter -- 'ne Zuckerlecke is das nich.« - -»Nu, ja, man red't halt so,« sagte Raschdorf achselzuckend; »ich für -mein Teil red' ihm ja auch nichts Böses nach.« - -Damit sprang die Unterhaltung auf etwas anderes über. Ein paar andere -Gäste kamen noch, und der dicke Wirt ging immer hin und her mit den -gefüllten Schnapsgläsern. Am meisten trank Hermann Raschdorf. - - * * * * * - -Drüben seine kranke Frau war allein. Am Nachmittag, als ihr Junge -heimgekommen war, hatte sie seit Wochen wieder einmal eine glückliche -Stunde gehabt. Den Hannes, der mitkam, hatte sie mit einem Auftrag ins -Nachbardorf geschickt. Es war ihr zu unruhig, und sie wollte auch ihren -Heinrich allein für sich haben. - -Sie war so einsam. Höchstens daß ihr Vater aus dem Dorfe kam und -sie besuchte. Den Mann sah sie selten, und wenn er da war, hatte -er schlechte Laune. Und das Kind, die Magdalene, war nicht fürs -Stillsitzen. Ihr gesunder Körper wollte hinaus zu Arbeit oder Spiel. - -So war sie eine stille Frau, immer sich selbst überlassen. Da kamen -so trübe Gedanken. Krank sein, immer krank, keine Hoffnung haben auf -völlige Heilung, machtlos zusehen, wie dem Manne sein Hab und Gut -langsam aus den Händen glitt und den Kindern die Heimat versank, das -war ihr Los. - -Aber die Märtyrerinnen murren nicht, und wenn sie jemand um ihr -Schicksal fragt, lächeln sie. Und es ist auch im ärmsten Leben etwas -Liebes und Lichtes. - -Der Heinrich! Er hing so zärtlich an ihr, er schrieb ihr alle drei -Tage einen Brief. Und wenn sie in stiller Nacht leidend und wachend -in ihrer tiefen Verlassenheit im Bette lag, dann suchte auch ihre -geängstigte Seele eine Heimat. Durch die Nacht flog ihre Sehnsucht, -hinab über Berge, hin über rauschende Wälder und schlummernde Dörfer, -bis zu einer großen, glänzenden Stadt an einem breiten, tiefen Strom, -dorthin, wo die hellen Lichter nicht erlöschten die ganze Nacht, wo -das Leben flutete auf den Straßen und Plätzen, und wo doch in einem -einsamen Stüblein ein müder Knabe schlief, dessen letzter Gedanke seine -Mutter gewesen. Am warmklopfenden, reinen Herzen dieses Kindes machten -Frau Annas Leid und Sehnsucht Halt und wurden stille -- denn dort war -ihre Heimat. - -Und heute war diese Heimat ihr wieder nähergerückt, heute war -eigentlich auch sie nach Hause gekommen. - -Es war so schön gewesen die zwei Stunden, so, als ob draußen goldener -Sonnenschein wäre und die blassen Astern im Garten strahlende Rosen -seien. Von ihrem Kummer und ihren Leiden hat sie ihm wenig erzählt, -fast gar nichts. Sie wollte sich diese Glücksstunde, auf die sie lange -gewartet hatte, nicht trüben. Sie fühlte ja auch nichts Schmerzliches, -sie war ganz gesund und glücklich. - -Aber dann war der Hannes zurückgekommen. Er hatte sich heute sehr -beeilt. Da hatte sie selbst dem Heinrich zugeredet, er solle ein -bißchen mit dem Hannes hinausgehen; sie wolle nun ruhen. - -So war sie wieder allein. Aber das stille Lächeln auf ihrem Gesichte -blieb. Die Lene kam und brachte die Lampe. Sie küßte die Mutter in -großer Eile und ging bald wieder hinaus. - -Es war so stille. Man hörte, wie die Lampe knisterte. Der Dackel war -verfroren vom Felde gekommen und vertrug sich heute sogar mit der -Katze, nur um ein Plätzchen am Ofen neben ihr in ungestörter Ruhe zu -genießen. - -Die Uhr schlug sieben. Da ging draußen knarrend das Hoftürchen, und ein -schwerer, unsicherer Schritt schlurrte über den Hof. Das war wohl ihr -Mann. Sie lauschte. Die Schritte verloren sich, er kam noch nicht ins -Haus. - -Erst nach einer knappen Viertelstunde trat er bei ihr ein. Er hing die -Mütze an einen Nagel und sah sich unsicher um. - -»Wo is der Heinrich?« - -»Er is ein bißchen drüben beim Schaffer.« - -»So. Beim Schaffer? Ge -- hört a da hin? Was? Hierher gehört a! Der -Schaffer is wohl wichtiger -- wie -- wie ich -- was?« - -Die Frau wandte sich ab. - -»Er kommt gleich wieder!« - -»So? Kommt gleich! -- Will ich auch -- will ich auch wünschen.« - -Da ging schon die Haustür, und Heinrich kam. Hannes war in seiner -Begleitung Aber wie er sah, daß der »Herr« in der Stube war, zog er es -vor, draußen zu bleiben. - -»Guten Abend, Vater!« - -»Nu, kommste endlich?« - -»Ja, ich war ein bißchen beim Schaffer, weil Du noch nicht da warst.« - -»Weil ich -- weil ich nicht da war? Werd' wohl noch amal fortgehen -können -- was?« - -»Ich bitte Dich, Hermann.« - -Der Junge setzte sich niedergeschlagen und verschüchtert an den Tisch. - -Sein Vater trat vor ihn, legte die Hand auf seine Schulter und -schüttelte ihn ein bißchen. Dann sagte er mit rauher Stimme: »Na, haste -schon die große Neuigkeit gehört, daß wir -- daß wir -- so gut wie -bankerott sind?« - -»Vater!« - -»Hermann, ich bitte Dich --« - -»Was is da zu schreien? In a paar Monaten da wissen's alle alten Weiber --- da pfeifen's die Sperlinge --« - -Der Knabe richtete die Augen auf den Vater -- entsetzt, fassungslos. - -»Vater! Was sagst Du? Das ist doch nicht wahr!« - -Er sprang auf, klammerte die Hände um den einen Arm des Vaters, und der -Mund verzog sich zu zuckendem Weinen. - -Raschdorf ließ schwer das Haupt sinken. - -»Es ist wahr -- ich sag's ja eben -- es ist nichts mehr zu machen --« - -»Vater, müssen wir da fort von unserem Hofe? Müssen wir da fort von zu -Hause?« - -Der Mann war plötzlich nüchterner geworden. - -»Ja,« sagte er, und seine Stimme ging schwer, »es geht hier mit uns zu -Ende.« - -Da ließ ihn der Knabe los und brach in bitterliches Weinen aus. Die -kranke Frau im Lehnstuhl sah ihn mit unbewegtem Gesichte an. Langsam -aus der tiefsten Quelle des Herzens stiegen zwei Tränen in ihre großen -Augen. Die galten ihrem Kinde, das einen Schicksalsspruch vernahm, der -es aus seiner Heimat verbannte, und das es nun nicht glauben wollte -und mit unschuldigen Tränen und Bitten sich dagegen vergebens wehrte. -- - -Draußen war Nacht. Ringsum am Himmel hing ein Kranz aus lichteren -Wolken. Aber über dem Buchenhofe drohte ein schwarzes Gewölk -- -finster, zerrissen. Regentropfen rieselten aus der Unheilswolke und -trafen den Buchenhof, als ob ein finsterer Geist mit seinem Weihwedel -dort oben stände und einen schrecklichen Segen spräche: das Weihewort -des Verderbens. - -Eine dunkle Gestalt jagte flatternd über den Hof. Ein Keuchen ging von -ihrem Munde. Sie fiel. Sie sprang auf. Die Haustür riß sie auf, die -Stubentür: - -»Jeses, es brennt -- es brennt in der Scheune!« - -»Es -- es brennt!« - -Ein schriller Laut aus dem Munde der Frau, die sich erhob und leblos -zurücksank. - -»Es brennt?! Es brennt?!« Ein lallendes Kinderwimmern. - -»Es brennt!« Ein lautes, gellendes Männerlachen! -- - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 4] - - -Im Garten unter einem Apfelbaume, abseits von der Menge stand Mathias -Berger, der Lumpenmann, und hielt mit seinen Armen Heinrich Raschdorf -umschlungen. Ringsum standen Tische, Schränke, Stühle, lagen Betten, -Kleider, Wirtschaftsgeräte verstreut im Garten. - -Der Markt der Unglücklichen! - -Die Fackeln des Unheils beleuchteten ihn. Das friedliche Laub der Bäume -zitterte vor der Höllenglut, färbte sich rot und sank zur Erde. Und -die kahlen Äste starrten dem Feuer entgegen, wie zitternde Tiere vor -ringelnden Schlangen beben. - -»Heinrich! Du mußt ins Haus! Sieh mal, das Wohnhaus brennt nich ab -- -das is nu vorbei! Du mußt ins Warme, Heinrich!« - -»Ich will nicht, Mathias -- ich -- ich muß Wasser tragen!« - -»Du kannst ja nicht mehr! Du bist ja durchnäßt, Du zitterst ja am -ganzen Leibe.« - -»Es ist ja unser Hof -- ich -- ich -- oh -- oh -- Mathias -- --« - -Der Knabe war ohnmächtig. - -Berger rief über den Garten: - -»Ehrenfried, he -- Ehrenfried!« - -Ein Bauer kam heran. - -»Ehrenfried, paß a bissel auf hier, daß niemand was stiehlt! Ich muß -den Jungen ins Warme bringen; er holt sich sonst den Tod.« - -Der Bauer war zu dem Dienst gern bereit. - -»Schaff' ihn doch zum Schräger rüber ins Wirtshaus,« riet er. - -Berger schüttelte den Kopf und trug den ohnmächtigen Knaben ins -Wohnhaus. Die Leute machten ihm scheu Platz. - -Ein donnerndes Krachen dröhnte durch den Hof. Eine hohe Mauer war -zusammengestürzt. Funken sprühten um das ohnmächtige Kind und seinen -Retter. - -Drinnen in der Wohnstube war der große Ofen noch warm, und Hund und -Katze lagen friedlich unter der Ofenbank. Sonst war alles ausgeräumt. -Nur die Petroleumlampe brannte noch. Aber ihr trautes Licht wurde -schrecklich überstrahlt von der roten Lohe, die von draußen -hereinleuchtete. - -Berger legte den Knaben auf den Fußboden und ging nach dem Garten -zurück. Dort raffte er eine Menge Betten auf und trug sie nach der -Stube. - -Fürsorglich bettete er das kranke Kind, nachdem er es der triefenden -Kleider entledigt. Dann kniete er neben dem Lager nieder und drückte -einen Kuß auf die kalte Stirn des Knaben. - -Da ging die Tür auf. Eine Frau trat langsam in die Stube. Ihre Stirn -war marmorweiß, aber auf den Wangen brannte das Fieber, und das Feuer -von draußen beleuchtete sie. - -»Berger! Was ist denn? O Gott, was ist?« - -Der Lumpenmann erhob sich und erschrak. - -»Frau Raschdorf, Sie! -- Sie sollen doch im Gasthause bleiben! Es ist -nicht gut für Sie --« - -»Was ist mit Heinrich? Berger, was ist mit Heinrich?« - -»Er ist ohnmächtig, gerade erst ohnmächtig geworden. Er hat sich so -sehr angestrengt, und dann die Aufregung --« - -»Heinrich, mein lieber Heinrich!« Und die Frau kniete aufweinend neben -dem Lager nieder. - -Berger schlich hinaus. Aus dem großen Durcheinander im Garten suchte er -den Lehnstuhl und eine Decke heraus und trug beides nach der Stube. - -»Ich bringe Ihnen Ihren Lehnstuhl, Frau Raschdorf.« - -Sie erhob sich. »Mathias, er kommt nicht zu sich. Was wird werden? Was -wird mit ihm werden?« - -Der Lumpenmann beugte sich über das Kind. - -»Er wird schon wärmer. Ich denke, er wird bald aufwachen, gut zugedeckt -ist er ja, da wird er schwitzen, und es wird ihm weiter nichts -passieren.« - -Zitternd stand ihm die Frau gegenüber. Ihre Augen leuchteten heiß auf, -als sie ihn ansah; ein Zittern flog über ihren Körper, und mit erregter -Stimme sagte sie: - -»Mathias -- Du -- Du hast das einzige gerettet -- was ich noch habe.« - -Sie streckte die Hände aus und schlug sie über seine Schultern, und ihr -Gesicht sank matt an seine Brust in halber Ohnmacht. - -Mathias Berger stand wie einer, der plötzlich stirbt und dem nur eine -heiße, letzte Lebenswoge noch schmerzhaft und warm durchs Herz schlägt. - -Doch er raffte sich rasch zusammen. »Setzen Sie sich, Frau -- Frau -Raschdorf und wachen Sie bei ihm!« - -Langsam ging er aus der Stube. -- - -Und immer noch stand die Unheilswolke über dem Buchenhofe. Die -Feuerflammen schlugen hinauf zu ihr und malten grellrote Lichter auf -ihren schwarzen Untergrund. Wie Blutstropfen fiel der leise Regen. - -Feuer von vollen Garben und duftendem Heu! In wahnsinniger, trunkener, -taumelnder Freude erhoben sich die Feuerflammen. Draußen lagen die -stillen, abgeernteten Felder, und nun war es, als ob jeder Halm in -der Scheuer, jede vertrocknete Blume im Heu sterbend noch einmal das -stille Plätzchen im Feldgrund grüßen wollte, da es gegrünt und geblüht -und mit Faltern und zarten Winden gekost hatte. Jetzt zuckten über die -beraubten Fluren stolze, jubelnde Flammensignale: - -»Triumph! Wir sterben einen roten, herrlichen Tod! Erspart bleiben uns -Tenne und Mühle. Die Natur ist groß, und der Mensch ist nichts!« - -Die Menschen, die mit der Natur gerungen hatten im langen, mühsamen -Kampfe, die ihr die Beute abjagten mit Schlauheit und Fleiß: sie -standen bleich als die Besiegten, die Geschlagenen, und die Beute war -ihnen entrissen, und ihr Bollwerk war zerstört. - -Frau Mutter Erde sah schweigend zu, aber die Witwenschleier, die noch -am Tage weiß und grau um ihre feuchte Stirn hingen, färbten sich rot. -Die Halme und Blumen sind ihre Lieblingskinder, und der Mensch ist der -Stiefsohn. -- -- - -Der Bauer Raschdorf saß auf einem umgestülpten Karren. Finsteren Auges -sah er der Verheerung zu. Nicht einen Finger rührte er zur Hilfe. Von -Zeit zu Zeit nur verzog sich sein Gesicht; seine Hände klammerten sich -an die Beine und gruben sich oft schmerzhaft ins Fleisch. Und neben -ihm kauerte, Entsetzen in den schönen Kinderaugen, die Magdalene, sein -Ebenbild, sein Liebling. - -Die beiden Scheuern lagen verwüstet; nun brannte der große Stall. Die -Rinder zogen hinab ins Dorf. Ihr Brüllen klang dumpf durch die Nacht. - -Vier oder fünf Spritzen aus dem Dorfe und aus den Nachbarorten waren -da. Sie hatten sich bemüht, als die Scheuern brannten, das Wohnhaus -und das Gesindehaus zu retten. Das war ihnen auch gelungen, denn der -Wind war günstig. Aber die Giebel waren geschwärzt, die Fensterscheiben -zerplatzt. - -Und abseits von denen, die das Unglück traf, stand die Menge mit ihren -Gefühlen. Ein lähmender Schreck hatte sie aus den Stuben gerissen, -als die Glocke vom Turme wimmerte und der Feuerruf durch die Gassen -heulte. Aber als sie sich überzeugten, daß sie selbst nicht in Gefahr -seien, legte sich die Angst sehr rasch. Mitleid kam, Lust zu helfen, -Lust zu schauen, Lust was zu erleben. Niemand von diesen Leuten war -müde, alle belebte die Sensation, und so kam es auch hier wie immer, -daß dicht neben das Grauen und die Vernichtung der Humor sich unter die -Gaffer stellte und sich sein Sprüchlein leistete. Jetzt war nichts mehr -zu retten; aber immer, wenn eine neue Spritze ankam, trat sie mit in -Tätigkeit, und so fuhren die Wasserstrahlen in den rettungslos weiter -brennenden Stall lustig hinein und erzeugten viel Zischen und Dampf. - -Zu ganz später Zeit, als das Feuer schon nachließ, kam die Spritze -eines Nachbarortes, der nur eine Viertelstunde weit entfernt lag. - -»Die sind auch schon munter!« sagte einer laut. - -»Um die is 's nich schade,« bemerkte sein Nachbar ebenso vernehmlich. -»Der ihre Spritze is a Unikum. Bei der vertrocknen im Sommer immer die -Messingventile.« - -Die verspäteten Rettungsmannschaften machten ob solch vorlauter und -sehr applaudierter Rede grimmige Gesichter. Aber da die Spötter recht -behielten, mühten sie sich ein wenig um ihre Spritze ab, pumpten, -schraubten, rüttelten, besahen sie mit verständigen Mienen von allen -Seiten, überzeugten sich aber, daß nichts zu machen sei, und fuhren -deshalb kopfschüttelnd wieder heim. Und das schöne Bewußtsein, das Gute -wenigstens gewollt zu haben, begleitete sie. - -Dort, wo die Weiber standen, war viel Lärm. Jede hohe, stolze Flamme -wurde mit viel Geschrei begleitet; über alles, was geschah, wurde laut -verhandelt, gezetert, gejammert oder gelacht. - -Als Mathias Berger den Heinrich ins Haus trug, wurden Rufe des Mitleids -laut, auch als Frau Anna müde und krank über die Straße geschritten -kam. Aber als Berger den Stuhl und die Decke holte, zwinkerten sich ein -paar Weiber wortlos zu. - -Und dann schritt der Bauer Raschdorf schweigend an ihnen vorbei, ohne -sie anzusehen. - -Die Weiber sahen ihm nach und atmeten schwerer; aber sie schwiegen, -bis er weit genug war. Dann wollten sie alle gern über ihn reden, aber -keine hatte den Mut, anzufangen. Nur zögernd, tropfenweise beginnend, -aber immer anwachsend, entstand ihre Rede, wie ein kunstgerecht -gezogener Wasserfall. - -»O je,« seufzte die Mutigste und Ungeduldigste. - -»Den trifft's auch ordentlich,« sagte eine zweite. - -»Nu, da!« sagte eine dritte. »Und wenn man bedenkt, wie er doch -- wie -er doch eigentlich --« - -Pause. Sie mochte nicht vollenden -- die dritte. Aber alle waren -gespannt, geladen, übervoll von innerem Rededrange. - -Inzwischen stürzte abermals eine Mauer dröhnend zusammen. Eine -Schuttwolke, durch die Millionen Funken blitzten, fuhr wirbelnd in -die Höhe. Die Weiber waren bei dem Knall zusammengefahren, aber sie -vergaßen deshalb nicht, was sie bewegte. Ein paar Sekunden sahen sie -nach dem rauchenden Trümmerhaufen, dann kehrte ihr Interesse zu Hermann -Raschdorf zurück. - -»Na, Gott verzeih' mir die Sünde!« sagte wieder die Erste, Mutigste, -Ungeduldigste. »Man soll ja keinem was Schlechtes nachsagen, überhaupt -bei so was, aber stolz war der Raschdorf --« - -Sie konnte nicht vollenden, der Bann war gebrochen, die Schleuse -gezogen, die Fluten dröhnten. Es war ein Chaos. Da kam über den -Garten eine häßliche, dürre Frau daher. Sie stellte sich zu ihren -Mitschwestern, hörte ihr Lärmen und lächelte fein. Das waren ja alles -dumme Gänse gegen das, was _sie_ wußte. - -Allmählich brauste der Wasserfall schwächer -- verlief sich. Die Weiber -sahen die Neue an. Sie ahnten mit feinem Instinkt, daß sie etwas -Besonderes wisse. - -»Was haste denn, Glasen?« fragte eine. »Haste was gesehen oder gehört?« - -»Sie weiß was!« »Natürlich weiß sie was!« »Na, seht och, wie sie tut!« -»Warum will sie's denn nich sagen?« »Wir sagen doch nischt weiter!« - -So sprudelte es durcheinander. - -Frau Glase blähte sich vor Stolz und Überlegenheit. - -»Was ich weiß, weiß niemand,« sagte sie kühl. - -Nun brach das Chaos wieder los. - -Das wäre doch unrecht, so was nicht zu sagen. Man hätte doch keine -Geheimnisse. Es wär' doch nichts dabei. Überhaupt sei das gar nicht -recht, erst so zu tun. Weitergesagt würde doch nichts. Es seien doch -alle immer sehr freundlich zur Glasen gewesen. Eine habe gar bei ihr -Pate gestanden. Und sie seien doch so unter sich. Oder vielleicht wisse -sie überhaupt nichts. - -Das letzte Argument allein zündete; Frau Glase richtete sich auf. -Sie sah die Zweiflerin verächtlich an und wandte sich darauf an die -Allgemeinheit. - -»Aber daß Ihr nischt weitersagt!« - -Über ein Schock Finger fuhren beteuernd nach der Gegend des -Schürzenlatzes. - -»Ich hab' durchs Fenster gesehen, bloß wegen des Jungen, es tut einem -doch leid um so ein Kind, es war ganz durchnäßt --« - -»Natürlich tut's einem schrecklich leid. Weiter!« - -»Na, also da war erst der Berger allein und dann --« - -»Dann? Weiter, Glasen!« - -»Dann kam die Frau.« - -»Wir haben sie gesehen! Wir haben ja gesehen! Weiter, Glasen! Dann kam -die Frau. Und, und was war da?« - -Frau Glase machte eine Kunstpause und weidete sich an der Spannung -ihrer Mitschwestern. So ein großes und stolzes Gefühl hatte sie noch -nie empfunden in ihrem Leben. - -»Weiter, Glasen! Erzähl' doch weiter!« - -»Um den Hals genommen hat a sie.« - -»Um den Hals genommen!« Das wieherten sie. - -»Um den Hals genommen und geküßt!« - -»Geküßt!« - -Das Wort kam von allen zu gleicher Zeit. Dann war es still. Es -arbeitete zu sehr in diesen Weibern; sie konnten nicht reden. Schreck, -Freude, Sensationslust fuhren wie ein jäher Sturm über ihre flachen -Seelen, und der eigene Schlamm rührte sich und warf Blasen. - -Allmählich nur beruhigten sie sich. Aber jetzt waren sie stiller. Sie -traten dichter zusammen und tuschelten und raunten und taten entrüstet -und verbargen ein Lachen und waren alle sehr vergnügt. - -Ein Riese nahte der Gruppe; er trug zwei schwere Eimer mit Wasser -in den Händen. Schweigend, ohne auch nur hinzusehen, wollte er -vorübergehen. - -Da drang ein Laut an sein Ohr, der ihn verwirrte. Er machte ein -unbeholfenes Gesicht und glaubte, er habe sich getäuscht; aber ein -zweites und drittes Wort fing er wider Willen auf. Da wurden ihm die -Eimer schwer, und er stellte sie auf die Erde. Noch so ein böses Wort, -noch eins. Da reckte sich der Riese. - -»Dreckschleudern, sauelendige! Wollt Ihr die Fresse halten! Wollt Ihr -wohl gleich die Fresse halten?!« - -Und ein Eimer eiskalten Wassers ergoß sich über die Köpfe der Weiber, -ihm folgte blitzschnell der zweite. - -Kreischen, Gellen, eilige Flucht, Lachen oder auch zornige Zurufe der -Männer, und August Reichel, der Schaffer, stand allein und zitterte zum -erstenmal in seinem Leben. - -Eine Weile stand er ganz stumm und dumm da. Hilflos blickte er in -die leeren Eimer. Es war richtig, er hatte sie ausgegossen und eine -laute, lange Rede dazu gehalten. Es wunderte ihn, daß er etwas gesagt -hatte. Das Ausgießen fand er ohne weiteres in Ordnung. Einem Manne, -der lachend herankam und fragte, was denn der Schaffer mit den Weibern -habe, gab er keine Antwort. Er ergriff nur seine Eimer und ging -verdrossen nach dem Bache zurück, von wo er gekommen war. - -Es soll wenig so peinliche Dinge auf der Welt geben, als wenn jemand, -der gerade mit Lust und Begeisterung schimpft, unvermutet mit Wasser -begossen wird. Bei irgendeinem Heidenvolke hatte einmal der Gott der -Gerechtigkeit den Einfall, das unverhoffte Wasserbad vom Himmel aus für -alle schimpfenden und verleumdenden Menschen einzuführen; aber der Gott -der Weisheit widerriet ihm und sagte, da käme die Welt aus der Sündflut -nicht mehr heraus. - -Ein Teil der Weiber schlich still nach Hause. Das waren jene, die nicht -bloß froren, sondern sich auch schämten, denn es waren auch viele -gutmütige dabei. Die anderen liefen zu ihren Männern und schimpften -mehr als zuvor, und die Männer nahmen sich der durchnäßten Ehefrauen an -und schimpften mit. - -So hatte August Reichel, der dumme, gute Riese, mit seinen zwei Eimern -Wasser nichts gelöscht, er hatte nur Öl in ein böses Feuer geschüttet. - -Die Aufgeregten zogen sich ein wenig zurück und standen beratend -beieinander. - -Und es kam einer heran, der bisher mit offenem Munde und blöden, -glänzenden Augen ganz dicht am Feuer gestanden hatte -- Gustav -Schräger, der idiotische Sohn des Gastwirts. Immer nach drei Schritten -blieb er stehen und starrte in die lodernde Glut. Und dann reckte er -die Hände in die Luft, als wolle er die Flammen aneifern, immer höher -empor zu schlagen. - -»O je, es wird kleiner! Es ist nicht groß! Uff! Uff! Hu! Brr! Aah!« - -Die Weiber deuteten auf den Idioten und lachten. Dann riefen sie ihn -an. Er kam langsam näher, grinste und sagte ganz unvermittelt: - -»Der Herr Raschdorf hat's angezündet!« - -Die Gesellschaft schrak bei diesem Wort zusammen. - -»Gustav, wirste still sein! Das sagt man doch nich! Aber Gustav!« - -Der Idiot schnitt eine Grimasse. - -»Ich weiß es! Er hat's angezündet! O! Ah! Dort, das is fein! Hoch! -Hoch! Brr!« - -Er wollte wieder zum Feuer zurück, aber ein Weib hielt ihn am Arm fest. - -»Wie kannste denn so was sagen, Gustav? Das darfste doch nich.« - -Er sah sie grinsend an. - -»Es is schön! Und es wird noch ein Mann verbrennen! Paß auf! Und sie -werden ihn tragen! Siehst Du! Siehst Du! Dort! Ooh -- oooh!« - -Er wollte sich losreißen, aber das Weib hielt ihn fest. - -»Gustav, Du mußt's uns sagen. Wie kannste denn sagen: der Herr -Raschdorf hat's angezündet? Du wirst ja eingesperrt, wenn das -rauskommt.« - -Der Idiot sah sie an und zog ein weinerliches Gesicht. - -»Ich laß mich nich einsperren! Ich will nich! Ich will zum Feuer! Ich -sag's meinem Vater! Laß mich doch los! Du zwickst mich in meinen Arm!« - -»Aber woher weißte denn das vom Herrn Raschdorf, Gustav?« - -»Er will mich rausschmeißen! Gar nischt zu sagen! Es war kalt! Es war -so kalt!« - -»Aber a hat doch nich angezündet?« - -»A hat's gesagt. A hat gesagt, a zünd't an. Laß mich los! A hat's -gesagt! Und ich soll raus -- raus -- Du zwickst mich so -- alte Gans!« - -Der Idiot brach in Heulen aus. Vergebens versuchten die Weiber ihn zu -beruhigen. Er riß sich los und lief nach Hause. - -Der Gastwirt Julius Schräger kam keuchend heran. - -»Was habt Ihr mit dem Jungen? Was habt Ihr mit dem unglücklichen Kinde?« - -Er war in riesiger Erregung. Ein Mann trat vor. - -»Herr Schräger, wir haben ihm bloß gutt zugered't, weil a -- weil a was -gesagt hat --« - -»Was hat a gesagt? Was hat a gesagt?« - -Sie schwiegen. - -»Was a gesagt hat, will ich wissen! Was Ihr mit mein'm Jungen habt, -will ich wissen!« - -Ein Mann faßte Mut. »Nu, ich sag's halt! Ich sag's ja bloß nach. Mir -kann keiner was anhaben.« - -»Was a gesagt hat, will ich wissen!« - -Schräger wurde feuerrot. Da trat der Mann an ihn heran und flüsterte -ihm etwas ins Ohr. Die anderen waren totenstill. - -»Das is Unsinn! Das sagt halt der dumme Junge so. Das hat a vielleicht -nich richtig verstanden. Gesagt hat der Raschdorf was; aber das war -gewiß nich so gemeint.« - -Schräger ging seinem Sohne nach, und die Menge blieb erregt in -flüsternder Unterhaltung zurück. Das Feuer ließ langsam nach, aber die -Unglückswolke stand über dem Buchenhof schwärzer als zuvor. - - * * * * * - -Ein grauer Herbstmorgen kam. Die Spritzen und alle die neugierigen -Zuschauer waren fort. Mathias Berger und August Reichel trugen aus -dem Garten die letzte Truhe ins Wohnhaus. Als sie den schweren Kasten -aufheben, sah Berger, daß ein umgebrochenes, hölzernes Kreuzlein -darunter lag; darauf stand zu lesen: »Hier ruht unser liebes Hühnchen.« - -Von der Herrschaft war nichts zu sehen. Die Frau lag schwerkrank zu -Bett, und der Herr hatte sich in eine Stube eingeschlossen. Auf einem -Sofa in feuchten Kleidern lag Magdalene Raschdorf und schlief. Sie -hatte rote Wangen und lachte im Traum. Zwei Schritte davon entfernt -hatte sich Hannes auf die bloße Diele gebettet und lag regungslos wie -ein Toter. - -Heinrich stand draußen mitten im Schutt. Ein Mädchen näherte sich ihm -und sah ihn mit großen Träumeraugen lange an. - -»Heinrich!« - -»Du -- ach Du bist's, Schräger-Lotte!« - -Sie kam näher und sah ihm mit tiefer Teilnahme ins Gesicht. Er schlug -die Augen nieder und preßte die Lippen fest aneinander. Er wollte sich -beherrschen. Da faßte sie ihn am Arm und lehnte den blonden Mädchenkopf -an seine Schulter. - -»Es tut mir leid um Euch, Heinrich! Ich hab' die ganze Nacht geweint. -Deine Mutter war bei uns und hat auch so geweint.« Sie schluchzte. - -Da hielt er sich nicht länger, ein krampfhafter, dumpfer Schrei kam ihm -vom Munde. - -»Lotte! Jetzt -- jetzt wissen wir nicht mehr, wohin.« - -Und er weinte bitterlich. - -»Heinrich -- lieber Heinrich!« - -Es lag ein guter, tröstender Klang in dieser Stimme. - -Nach einer Weile beruhigte er sich. Er nahm Lotte an der Hand und zog -sie mit sich bis zu dem umgestürzten Karren, auf dem in der Nacht sein -Vater gesessen hatte. Dort setzten sich die beiden Kinder nieder und -schmiegten sich dicht aneinander. - -Mit seltsamer Stimme sagte Heinrich: »Gestern, als ich dort oben fuhr, -dort oben auf der Straße, und unseren Hof sah, da war ich so stolz und -wollte ihn gern allen Bekannten in Breslau zeigen und sagen: »Seht Ihr, -das ist unser.« Und nachher sagte mein Vater, wir seien bankerott, und -in der Nacht brannten wir ab.« - -Er fröstelte in sich zusammen, und das Mädchen rückte ihm noch näher. -Mit flüsternder Stimme sagte sie: »Sei nur still, Heinrich! Der Vater -sagt, ich erb' einmal unser Haus und unsere Felder. Nachher schenk' ich -Dir alles.« - -Der Knabe rührte sich nicht. Aber es ging warm durch den jungen Körper. -Langsam wandte er den Kopf und sah Lotte an, die mit großen, schönen -Augen tröstend zu ihm aufschaute. Und da beugte er sich zu ihr und -küßte sie feierlich auf den Mund. - -»Wenn ich groß bin, werd' ich Dich heiraten, Lotte.« - -Das sagte er fest und bestimmt. - -Das Mädchen lächelte glücklich. »Aber den schönen Fingerring hast Du -der Liese geschenkt.« - -»Das war nur, weil ich mich vor dem Hannes und dem Mathias schämte. Ich -wollte ihn eigentlich für Dich.« - -Dann saßen sie schweigend. Ringsum war trüber Herbst, und der Wind fuhr -über die Ruinen und spielte mit Schutt und Staub. - -Da sah das Mädchen nach dem Dorfwege. - -»Du, Heinrich, da kommt Dein Großvater!« - -»Ja, er ist's,« sagte der Knabe. »Der hat Feuer läuten müssen in der -Nacht. Denk' mal, Lotte, was das ist, in der Nacht über den Kirchhof -gehen und auf den finstern Turm klettern. Und dann hat er mit seinen -alten Augen vom Turme auf das Feuer gesehen und gewiß an meine Mutter -gedacht.« - -Das Mädchen legte die Hand prüfend über die Augen. Auch der Knabe sah -wieder scharf nach dem Wege. - -»Sieh mal, Lotte, der Großvater kommt so schnell, und sonst kriegt er -doch so schwer Atem -- und da hinten, wer kommt da?« - -»Das ist der Wachtmeister, Heinrich!« - -»Der Wachtmeister? Was will der?« - -»Was will der?« wiederholte das Mädchen unschlüssig. - -Heinrich erhob sich erregt. »Ich will hinein, ich muß wissen, was das -bedeutet. Geh' auch heim, Lotte, es steht so eine finstere Wolke über -uns, und es fängt an zu regnen!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 5] - - -Das Verhör des Angeklagten war beendet. Hermann Raschdorf hatte die -Schuld, die ihm zugemessen wurde, nicht eingestanden. Der Zuhörerraum -war überfüllt. Wer aus dem Dorfe hatte abkommen können, war zur -Verhandlung gefahren. - -»A sieht riesig schlecht aus,« flüsterte der Schmied dem Krämer zu. - -»Na, das is aber och,« sagte der. »Das nimmt einen schon mit. Überhaupt -so eenen wie den! Na, seh och, was a für graue Haare gekriegt hat.« - -»Nich a eenzigesmal sieht a sich um,« sagte die Glasen. »A schamt sich -halt zu sehr!« - -»Da soll sich eener och nich --« - -»Ruhe im Zuhörerraum!« - -Der Gastwirt Julius Schräger wurde aufgerufen. Mit glühend rotem -Gesicht trat er vor den grünen Tisch. Nicht einen Blick sandte er nach -dem Angeklagten, der seinen Nachbar mit verängstigten Augen betrachtete. - -»Ich mache Sie auf die Heiligkeit und Wichtigkeit des Eides aufmerksam! -Sprechen Sie mir nach!« - -»Ich schwöre, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und -nichts hinzusetzen werde! So wahr mir Gott helfe!« - -Die Personalien des Zeugen wurden festgestellt, und dann wurde Schräger -aufgefordert, alles zu sagen, was er etwa über die Entstehung des -Brandes wisse. - -In unbeholfener Rede begann er. Er erzählte, daß Raschdorf am -Nachmittag des Brandtages bei ihm gewesen sei, daß sie zuerst über die -mißliche Vermögenslage des Angeklagten gesprochen hätten; dann sei der -Riedel-Bauer gekommen und hätte von einem Feuer in der Nachbarschaft -erzählt. Und da hätte der Raschdorf gesagt, so schlimm sei das -Abbrennen gar nicht, weil doch die Versicherung zahle und weil alle -Leute einem Abgebrannten helfen. - -»Was haben Sie zu solchen Redensarten gesagt?« - -»Ich hab' gesagt, er solle sich nich versündigen!« - -»Jawohl, das war auch das einzig Richtige, was Sie sagen konnten. -Erzählen Sie weiter!« - -Ja, weiter wisse er nicht viel. Der Riedel hätte gesagt, die Gebäude -des Raschdorf seien doch sehr gut; aber da hätte der Raschdorf -entgegnet, der Stall tauge nichts und die Dächer seien schadhaft; es -gäb' überhaupt immer Flickereien. Der Raschdorf sei etwas betrunken -gewesen. Um sieben Uhr sei er fortgegangen, und um halb acht Uhr sei -eine Magd vom Buchenhof gekommen und habe das Feuer gemeldet. - -»Sie haben mit dem Angeklagten in Geldgeschäften gestanden?« - -»Ja, ich hab' ihm manchmal borgen müssen.« - -»Zuletzt hat der Angeklagte einen großen Verlust durch Aktienkauf -gehabt. Es heißt, Sie hätten ihm zu diesem Geschäft dringend geraten. -Wie steht das?« - -Schräger wurde verlegen. Er erzählte, vor Jahren sei ein -Fabrikunternehmen als Aktiengesellschaft gegründet worden. Da hätte er -dem Raschdorf geraten, sich zu beteiligen. Der Raschdorf hätte das auch -getan. - -»Aber er hat damals eine Hypothek aufnehmen müssen, um die Aktien -zeichnen zu können?« - -»Ja, aber damals hat der Raschdorf noch sehr gut dagestanden.« - -»Es war ein gewagter Rat von Ihnen! Aber Sie meinten wohl, die Sache -sei sicher und werde rentabel werden?« - -»Ja -- ja, das meint' ich!« - -»Das is nich wahr! Das is a Schwindel!« - -»Ruhe im Zuhörerraum! Wenn das noch einmal vorkommt, laß ich den -Störenfried sofort hier vorführen!« - -Die Dorfleute duckten sich zusammen und rückten ein wenig von Mathias -weg, der zitternd an der Barriere stand und die Worte gerufen hatte. - -»Wissen Sie, Herr Schräger, wer der Brandstifter gewesen ist?« - -»Nein!« - -Der Verteidiger erhob sich. - -»Eine Frage! Herr Schräger, Sie sind ein Freund und Nachbar des -Angeklagten gewesen. Sie kennen ihn genau von Jugend auf. Halten Sie -ihn der Brandstiftung für fähig?« - -Schräger wurde sehr unruhig. »Ich -- ich weiß es nich genau. Aber ich -denke -- a wird's wohl gewest sein!« - -»Das is nich wahr! Das is 'ne Gemeinheit! Der Raschdorf war's nich! -Eher war's der Schräger schon selber!« - -Der Präsident fuhr empört in die Höhe. - -»Gerichtsdiener! Der Mann dort an der Barriere, der das gerufen hat, -ist sofort hier vorzuführen!« - -Ein Gerichtsdiener kam in den Zuhörerraum, und Mathias Berger wurde dem -Richter vorgeführt. Die Dorfleute wagten kaum noch zu atmen. - -Die Personalien Bergers wurden festgestellt. - -»Wie können Sie sich erdreisten, hier wiederholt die Verhandlung zu -stören?« - -»Ich -- ich halt' mich nicht, wenn ich seh', wie der -- der -- der Lump -da falsch aussagt!« - -»Ich werd' ihn verklagen!« sagte Schräger krebsrot vor Wut. - -»Das ist Ihr Recht, Zeuge!« - -Der Staatsanwalt erhob sich. - -»Ich beantrage gegen Mathias Berger wegen groben Unfugs vor Gericht -drei Tage sogleich zu vollstreckender Haft!« - -So wurde erkannt und Berger abgeführt. - -Draußen auf dem langen Gerichtskorridor lehnte in einer Fensternische -Heinrich Raschdorf. Mathias Berger, den der Gerichtsdiener sacht am -Arme hatte, ging an ihm vorüber und sah ihn mit einem wehen Blicke an. - -»Mathias -- Mathias, was ist --?« - -»Heinrich, Dein Vater ist verloren!« - -»Mathias, ich will -- ich -- ich --« - -Er klammerte sich verzweifelnd an den Lumpenmann. - -»Geh weg, mein Junge, laß los!« - -Er ließ nicht los, da schob ihn der Gerichtsdiener energisch zur Seite. - -Der Knabe sah den beiden nach, die in dem langen Korridor verschwanden. -Dann trat er ans Fenster und starrte hinab in den kahlen Gerichtshof. - -Drinnen im Gerichtssaal wurde eine Magd verhört. - -Sie habe im Kuhstall zu tun gehabt, aber dann habe sie einen Futterkorb -aus der Scheune holen wollen, und da habe sie gesehen, daß es brenne. -Da sei sie nach der Wohnstube gelaufen. - -»Was hat der Angeklagte gesagt, als Sie ihm die Meldung machten?« - -Die Magd schwieg. - -»Was Ihr Herr gesagt hat, als Sie ihm sagten, daß es brenne, frage ich.« - -»A -- -- a hat gesagt: »Es -- es brennt!« Und dann hat a -- hat a -- -gelacht!« - -Eine Bewegung ging durch den ganzen Gerichtssaal, und der Angeklagte -zuckte zusammen. - -Dann ein Knecht. Er sagte aus, der Herr sei in den Pferdestall zu -ihm gekommen und sehr lange dagewesen. Er hätte über alles mögliche -geschimpft, und dann sei er gegangen. Wohin, das wisse der Zeuge nicht. - -»Heinrich Raschdorf!« - -Kein Atemzug war hörbar im weiten Gerichtssaal. Der Angeklagte nur fuhr -herum und wandte sein erdfahles Gesicht der Tür zu. - -Gesenkten Kopfes, mit blutleerem Angesicht trat Heinrich Raschdorf -in den Gerichtssaal. Ein einziges Mal irrten seine dunklen Augen im -Kreise. Als er den Vater sah, öffnete sich ihm der Mund, das Gesicht -verzog sich, und er blieb stehen. Aber dann senkte er die Augen und -trat vor den Richter. - -Der betrachtete den bildschönen Knaben, und durch die kalten, -forschenden Juristenaugen zuckte ein warmer Strahl. - -»Mein Kind! Du bist als Zeuge vorgeladen. Der Angeklagte ist Dein -Vater. Du darfst das Zeugnis verweigern. Dann kannst Du bald wieder -gehen!« - -Der Knabe hob die Augen und sah den Richter ängstlich an. - -»Ich -- ich will alles -- alles sagen. Ich -- ich habe -- habe selber -angezündet!« - -Ein paar Schreie tönten aus dem Zuhörerraum, und der Präsident vergaß -den Ordnungsruf. - -»Du hast angezündet?« - -»Ja! -- Ich -- ich hab' Zigaretten -- Zigaretten rauchen wollen -- in -der Scheune -- und da -- da --« - -Der Angeklagte erhob die Hand. - -»Heinrich! Heinrich, ist das wahr?« - -Heinrich Raschdorf sah ihn nicht an und sagte: - -»Es ist wahr!« - -»Junge, wie kannst Du das so sagen? Du wirst ja sofort eingesperrt, -wenn das wahr ist. Bedenke doch das!« mahnte der Richter. - -»Es ist wahr!« wiederholte Heinrich. - -Daran wurde er blaß und fing an so heftig zu zittern, daß ihm der -Richter gebot, sich einstweilen zu setzen, bis er sich erholt habe. - -Die Verhandlung nahm ihren Fortgang. - -»August Reichel!« - -Der Riese tappte schwer in den Saal. Die Eidesformel murmelte er so -leise, daß ihn der Präsident ermahnen mußte, vernehmbar zu sprechen. - -Mit unbeholfenem, ängstlichem Gesicht stand er vor dem Gericht. Er -sollte erzählen, aber er knurrte nur, brummte unverständliches Zeug und -brachte keinen Satz heraus. Da verlegte sich der Richter aufs Abfragen. - -»Waren Sie zur Zeit der Tat im Hofe oder in den Wirtschaftsgebäuden?« - -Reichel starrte den Richter an und schwieg. - -»Ich frage, ob Sie an dem betreffenden Tage abends in der Zeit von 7 -bis ½8 Uhr sich im Hofe, im Stalle oder in der Scheune aufgehalten -haben?« - -Der Schaffer schüttelte den Kopf. - -»Nee!« - -»Wo waren Sie in dieser Zeit?« - -Reichel besann sich und sagte dann langsam: - -»Derheeme!« - -»Was heißt »derheeme?« Sie meinen, Sie waren zu Hause in Ihrer Stube?« - -Reichel nickte. - -»Wer war bei Ihnen?« - -»Der Hannes und der Heinrich!« - -»Was haben die Knaben bei Ihnen gemacht?« - -»Sechsundsechzig!« - -»Was?« - -»Sechsundsechzig! Ich bring's ihn' bei!« - -Ein paar Geschworene grinsten. - -»Also die Knaben haben Karten gespielt? Wie lange?« - -»Bis um halb achte!« - -»Wieso gerade bis ½8 Uhr?« - -»Wie's halb schlug, nahm ich die Karten weg.« - -»So! Und dann ist Heinrich Raschdorf fortgegangen? Allein?« - -»Nee, mit Hannes!« - -»Wissen Sie etwas über die Entstehung des Brandes?« - -Reichel schüttelte den Kopf. - -»Aber der Herr is 's nich gewesen!« sagte er. - -»Wieso ist er's nicht gewesen?« - -Reichel zuckte die Schultern. - -»Wissen Sie etwas, was dafür spricht, daß Ihr Herr unschuldig ist?« - -Reichel nickte bedeutsam. - -»Ich sprech's!« - -Der Richter fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. - -»Ich meine, Reichel, das ist doch nur Ihre Ansicht! Haben Sie -irgendeinen Beweis dafür?« - -»A tutt's nich! A tutt's nich!« - -»Setzen Sie sich!« - -Der Schaffer setzte sich auf die schmale Zeugenbank und streckte die -mächtigen Beine weit in den Saal. Er machte ein finsteres Gesicht, denn -das viele Reden hatte ihn verdrossen. -- - -»Johannes Reichel!« - -Hannes wurde halb zwangsweise in ganz jämmerlicher Verfassung -herbeitransportiert. Er zappelte an Händen und Beinen und heulte zum -Steinerweichen. Der Richter redete ihm gut zu, aber davon wurde das -Geheul ärger. Da brüllte ihn der Beamte riesig an, und das half. - -Der Richter stellte zunächst fest, daß Hannes mit seinem Vater und -Heinrich zusammen gewesen sei. - -»Was habt Ihr gemacht?« fragte der Richter in seiner wohlwollenden, -aber etwas kurzen Weise. - -Über diese Frage erschrak der gute Hannes mächtig. Er fing an zu -heulen, hob die Hände bittend auf und schluchzte: »Sechsundsechzig -gespielt -- aber ich werd's ja nich mehr machen -- ich werd's ja nich -mehr machen -- bloß nich einsperr'n -- och -- och je -- och je --« - -»Sei mal ruhig, Junge! Ob Ihr Karten gespielt habt, ist mir egal. Da -passiert Dir nichts. Erzähl' mal, wie der Heinrich Raschdorf nach Hause -gegangen ist. Aber nun sag' die Wahrheit! Wehe Dir, wenn Du lügst. Also -wie war das?« - -Hannes erzählte, er sei mit Heinrich sofort hinüber nach der Wohnstube -gegangen. - -»Sag' mal, mein Junge, Karten gespielt habt Ihr also; habt Ihr nicht -auch geraucht?« - -»Nee, geraucht haben wir nich -- gar nich geraucht -- gar nich a -kleenes bissel --« - -»Johannes, lüge nicht! Ihr habt geraucht?« - -»A eenziges Mal haben wir Zigaretten geraucht, aber das war im Sommer -auf'm Felde -- der Heinrich zwei und ich eine -- aber da wurd' uns so -schlecht --« - -»Ob Ihr an dem Tage geraucht habt, wie's bei Euch brannte?« - -»Nee, da nich, da hatten wir ja gar keene Zigaretten. Wahrhaftig nich!« - -»Seid Ihr nicht, ehe Ihr zu Raschdorf in die Wohnstube ginget, in der -Scheune gewesen?« - -»Nee, wir sind bald rübergegangen.« - -»Heinrich Raschdorf!« Der Knabe trat wieder vor. - -»Du hast gehört, was Dein Freund aussagt. Das ist gerade das Gegenteil -von dem, was Du sagst. Wer lügt nun von Euch beiden?« - -»Ich -- ich hab' geraucht -- allein geraucht -- in der Scheune --« - -»Du hast allein geraucht? Wann hast Du geraucht? Wann bist Du allein -gewesen?« - -Der Knabe kam in tödliche Verlegenheit und wußte keine Antwort. Hannes -faßte Courage und meldete sich mit dem Zeigefinger wie in der Schule. - -»Herr Lehrer, a schwindelt! A war ja immerfort bei uns, und dann, wie -wir rübergegangen sind, da is noch der Robert mit uns gegangen, der -Knecht.« - -»Robert Kirschner!« - -Der Knecht sagte aus, er sei aus dem Wagenschuppen gekommen, da habe -er die beiden Knaben aus dem Gesindehause kommen sehen, und weil er -den Heinrich, der gerade erst zu den Ferien gekommen sei, noch nicht -gesprochen habe, sei er mit den Knaben gegangen und habe sie bis zur -Tür begleitet. Den Heinrich habe er in die Stube gehen sehen, und mit -dem Hannes habe er noch geplaudert. Und da sei schon die Karoline -gekommen und habe gesagt, daß es brenne. - -»Heinrich Raschdorf! Warum lügst Du vor Gericht? Warum beschuldigst Du -Dich selbst?« - -»Mein Vater! Mein Vater!« - -»Du hast Deinen Vater retten wollen?« - -Der Knabe nickte unter heftigem Schluchzen. Es war aus mit seiner -Fassung. - -»Hat Dir jemand zugeredet zu einer solchen Aussage? Sag' jetzt die -Wahrheit, mein Junge! Du weißt, Gott sieht Dir ins Herz. Und Du darfst -Dein Herz nicht beflecken. Hat Dir jemand zugeredet, Dich selbst falsch -anzuklagen?« - -»Es hat mir niemand zugeredet!« - -»Wirklich nicht? Wie kamst Du darauf?« - -»Ich hab' so Angst -- so schrecklich Angst!« - -»Setz' Dich, Heinrich Raschdorf!« - -»Frau Anna Raschdorf!« - -Die schwindsüchtige Frau wankt in den Saal. Auf ihren Wangen blühten -die Kirchhofsrosen. - -»Wollen Sie von Ihrem Recht der Zeugnisverweigerung Gebrauch machen, -Frau Raschdorf?« - -»Nein!« - -Sie sagte aus, was sie wußte. Sie leugnete nicht, daß Ihr Mann nicht -nüchtern gewesen sei; aber als er dem Knaben mitgeteilt, der Ruin stehe -vor der Tür, habe er gebebt. Und durch den Brand sei es nur schlimmer -geworden. Maschinen seien verbrannt, die nicht versichert seien, die -ganze, reiche Ernte sei verbrannt, das Vieh müsse auswärts sein. Das -Elend sei erst durch den Brand voll geworden. - -Eine Reihe anderer Zeugen wurde noch vernommen, ohne daß etwas -Erhebliches zutage gefördert wurde. - -Die Plaidoyers begannen. - -Der Staatsanwalt führte aus: - -Der Angeklagte sei in einer verzweifelten Vermögenslage gewesen. -Er habe am Johannitermin die Zinsen nicht zahlen können und am -Michaelitermin auch nicht. Dazu sei eine Wechselschuld gekommen, -die er nicht habe tilgen können. Am Nachmittag des Brandtages nun -sei durch die Erzählung des Bauern Riedel die Phantasie Raschdorfs -angeregt worden; er habe in einem Brande einen günstigen Ausweg -erkannt und diesem Gedanken auch durch außerordentlich belastende -Worte Ausdruck verliehen. Sein Hirn sei durch reichlich genossenen -Alkohol weiter erhitzt worden, und so sei der Vertreter der Anklage -der vollen Überzeugung, der Angeklagte habe das Feuer in der Scheune -angelegt, sei darauf in den Pferdestall gegangen, wo er durch ganz -unmotiviertes Herumschimpfen sich habe gleichgültig und unverdächtig -stellen wollen, und habe sich dann nach der Wohnstube begeben. Im -Rausch hätte er es dann nicht verhindern können, zu lachen, als die -Magd das Feuer meldete. Welcher Bauer lache wohl, wenn ihm Feuer in -seinem Gehöft gemeldet würde? Die Tatsache, daß sich die Vermögenslage -des Angeklagten durch den Brand verschlechtert habe, könne entlastend -nicht ins Gewicht fallen. Raschdorf habe einen vorläufigen Aufschub, -eine Wendung der Dinge gewünscht; die Aussicht, viel bares Geld in -die Hand zu bekommen, habe ihn verlockt. Verdächtig erscheine dem -Staatsanwalt auch die Aussage des Heinrich Raschdorf. Welches Kind -klage sich selbst eines so furchtbaren Verbrechens an, wenn es nicht -dazu angeregt, geradezu verführt worden sei? Ein Kind habe Angst vor -dem Gericht; es suche sich eher reinzuwaschen als sich zu belasten. -Dieser Knabe Heinrich Raschdorf habe entlastend wirken wollen, aber das -Gegenteil sei eingetreten. Es sei eine verunglückte Komödie gewesen. -Auch den anderen Zwischenfall wolle der Staatsanwalt nicht unerwähnt -lassen. Vom Zuhörerraum sei Partei genommen worden für den Angeklagten, -und der Hauptbelastungszeuge Schräger sei beleidigt und geradezu selbst -beschuldigt worden. Gerade dieser Zeuge sei aber durchaus glaubwürdig. -Durch den Brand sei sein eigenes Gehöft, das ganz in der Nachbarschaft -liege, höchst gefährdet gewesen; dazu komme, daß Schräger den ganzen -Nachmittag in Gesellschaft seiner Gäste in der Wirtsstube gewesen sei -bis zum Ausbruch des Brandes. Und dieser Mann, der den Angeklagten -von Jugend auf kenne, der sein Freund sei und ihm dutzendmal aus -finanziellen Notlagen geholfen habe, der nun bei Verurteilung des -Angeklagten und dem daraus resultierenden finanziellen Zusammenbruch -wahrscheinlich sein Geld verliere, sei unter dem Druck des Eides doch -nicht fähig gewesen, auszusagen, daß er seinem Freund, Nachbar und -Schuldner die Tat nicht zutraue. Er, der Staatsanwalt, bitte die Herren -Geschworenen, das Schuldig auszusprechen, damit die Bestrafung des -Verbrechers erfolge. - -Ein Schrei. Heinrich Raschdorf lag mit weit ausgestreckten Armen im -Gerichtssaal, mit dem Gesicht auf der Erde. - -Der Schaffer hob ihn auf und trug ihn behutsam aus dem Saale. Ihm -folgte Frau Anna. - -So war Hermann Raschdorf allein. Weder Frau noch Kind hörten die Rede -des Verteidigers. Die Ausführungen dieses Mannes bestanden in der -Hauptsache darin, daß Hermann Raschdorf, der ein gewisses Maß von -Bildung besitze, nie und nimmer ein so plump angelegtes Verbrechen -begangen haben könne. Er würde sich, selbst im Rausche, gehütet haben, -kurz nachdem er die unvorsichtigen Worte gesprochen, eine Tat zu -begehen, deren er mit großer Wahrscheinlichkeit verdächtigt werden -mußte. Dazu komme, daß Raschdorf durch den Brand seine Vermögenslage -verschlechtert sehe. Er, Verteidiger, sei der Ansicht, daß das Feuer -schon angelegt gewesen sei, als Raschdorf noch in der Schenke saß. -Um seinen psychologischen Tiefblick könne der Verteidiger den Herrn -Staatsanwalt nicht beneiden. Es komme sehr wohl vor, daß ein Mensch, -dem ein furchtbares Unglück gemeldet würde, jäh auflache, das sei -ein viel intensiverer Ausdruck des Jammers als Tränen; denn so, wie -es Freudentränen gibt, so gibt es ein Lachen der Verzweiflung, und -das sei bei Hermann Raschdorf wohl vorauszusetzen gewesen, der kurz -vor der Meldung des Feuers seinem Sohne Mitteilung von dem drohenden -Bankrott gemacht und sich in schwerer Gemütsbewegung befunden habe. -Noch mehr tue es aber dem Verteidiger leid, daß der Herr Staatsanwalt -die Kindesliebe des kleinen Heinrich Raschdorf, die hier so echt und -ergreifend in Erscheinung getreten sei, eine verunglückte Komödie -genannt habe. So geschickt spiele auch der befähigtste Knabe nicht -Komödie, daß er ohnmächtig zusammenbricht, wenn er von schwerer Strafe -hört, zu der er den geliebten Vater schon verurteilt glaubte. Sehr -wohl komme es aber vor, daß ein Kind in der Angst seines Herzens sich -fälschlich selber anklage, um ein geliebtes Wesen zu retten. Der -Idealismus liege eben einer Kindesnatur näher als einem Staatsanwalt. -»Meine Herren Geschworenen! Ich erwarte von Ihrem Gerechtigkeitsgefühl -aufs bestimmteste, daß Sie diesen Mann nicht ins Zuchthaus schicken -werden auf einen bloßen Verdacht hin, dessen Beweis in keiner Weise -gelungen ist; daß Sie einem so heldenmütigen Knaben nicht den Vater, -einer so kranken Frau nicht den Mann, einem so verwüsteten Besitztum -nicht den Retter nehmen werden. Im ganzen aber appelliere ich nicht an -Ihr Mitleid, sondern an Ihre Gerechtigkeit und erwarte den Freispruch.« - -Die Geschworenen zogen sich zurück. Die Wintersonne schien strahlend in -den kahlen Gerichtsraum, Schellengeläute ertönte von draußen, und das -Lachen lustiger Menschen schallte von der Straße. - -Und hier saß ein Mann, dessen Schicksal in den Händen schwacher -Menschen lag. - -In der Ferne schlug eine dumpfe Glocke dreimal. - -»Drei! Paß auf, a kriegt drei Jahre,« flüsterte erregt die -abergläubische Glasen im Zuhörerraum. - -»Mir wird schlecht,« sagte die Krämerin und ging hinaus. - -Und nun wieder diese schwere Stille. Hin und wieder hörte man leise -die Feder des zurückgebliebenen Staatsanwalts kratzen, der gleichmütig -Akten las und unterschrieb. - -Die Geschworenen kamen zurück. Kein Laut ging durch den weiten Saal. -Auch draußen war's still. - -»Die Geschworenen haben die Schuldfragen verneint. Hermann Raschdorf -ist freigesprochen und alsbald aus der Haft zu entlassen.« - -Da begrub der Mann auf der Anklagebank sein Gesicht in beide Hände und -weinte wie ein Kind. Eine Qual taute auf, eine furchtbare, lange Qual. - - * * * * * - -Die große Gaststube des »Gelben Rosses« war überfüllt. Es war -nachmittags gegen 4 Uhr. Nur Bauern waren da, die von der -Schwurgerichts-Verhandlung kamen und im »Gelben Roß« ihre Pferde und -Fuhren untergebracht hatten. - -Da herrschte wüstes Stimmengewirr. Die Leute hatten alle rote -Gesichter, und auch die Langsamen und Schläfrigen unter ihnen waren -aufgeregt und redeten viel oder grunzten wenigstens viel öfter und -intensiver als sonst. Die viele innere Hitze brachte reichlichen -Alkoholgenuß und der Alkohol wiederum viel innere Hitze zuwege, und -die Bestellungszurufe an die Bedienung wie die Prostschreie waren das -einzige, was abseits der Affäre Raschdorf gesprochen wurde. - -Irgendein Verein zog draußen mit klingender Musik vorbei. Aber nur -wenige Weiber traten ans Fenster. Den Männern war das Schauspiel, das -sie sonst sicher über die Maßen interessiert hätte, heute gleichgültig. - -Ein Bauernbursche kam in die Stube und meldete seinem Herrn, das -»Handpferd tue so komisch, es kriege vielleicht die Kolik«. Zu jeder -anderen Zeit wäre eine solche Meldung ein Alarmsignal zu allgemeinem -Aufbruch nach dem Pferdestall gewesen, wo jeder seine Weisheit und -Erfahrung zeigen konnte; heute hatte der Besitzer Mühe, seinen Schwager -zu bereden, mit ihm »zum Rechten« zu sehen. - -Wie wenn eine Dreschmaschine in einem großen Hofe summt, zischt, -poltert, klappert, rasselt, qualmt, -- so war's. - -Aber eine Stimme im Bauernhofe gibt's, die selbst den Lärm der -Dreschmaschine übertönt, das ist, wenn ein rechter Hahn kräht, und -eine Stimme gab's auch in dieser Versammlung, die über all den wüsten -Skandal sich erhob, das war die des Barbiers. - -»Der Staatsanwalt, der -- der is mei Mann! Der Verteidiger -- äh, das -is 'n Jude. Der macht's fürs Geld! Aber der Staatsanwalt, der hat's ihm -gegeben! Donnerschlag, der Mann hat was weg!« - -Es wurde ein bißchen ruhiger, und der Barbier konnte fortfahren: »Wer -soll's denn eigentlich gewesen sein? Is 'n eenziger Bummler an dem Tage -im Dorfe gewesen? Was? Habt Ihr einen gesehen? Ich nich! Und einer -aus'm Dorfe? In unserm Dorfe gibt's kein'n Anzünder, es wär' denn -grade --« - -»Du, sag' bloß nischt vom Gastwirt Schräger,« warnte einer. - -»Wer spricht 'n vom Schräger? Höchstens der Berger! Und der wird ja -wissen, warum a zu Raschdorfen hält!« - -Da wurde es noch stiller. Nur einige lachten vor sich hin, und die -Glasen versuchte, verschämt auszusehen. - -Der Barbier nahm wieder das Wort: - -»Ich gönn' keinem was Schlechtes, aber dem Berger, dem is recht. Da hat -a doch amal was uff sei großes Maul. Damals, wie a das Schandgedichte -uff mich gemacht hat: »Versichert's Leben, der Bader kommt!« -- Ja, da -lacht Ihr schon wieder -- wie damals -- wie damals lacht Ihr, aber wen -läßt denn der Berger in Ruh'? Keenen! Keen' eenzigen! A bild't sich -ein, a is klüger wie a Bauer. So a Lumpenmann, so a Stromer! Jetzt hat -a Zeit, Gedichte zu machen, drei Tage lang! Der Staatsanwalt läßt sich -nischt vormachen. Jetzt kann a die Gefängnismauer abschmatzen!« - -»Der Barbier is a Hauptkerl!« sagte einer voll Anerkennung. - -»Na, ich sag' Euch,« fiel dieser geschmeichelt ein, »ich hätt' nich -Zeuge sein dürfen, da wär's anders gekommen, ganz anders; ich hätte -schon gered't, ich hätt' den Herren schon a Lichtel uffgesteckt. Aber -wenn solche Mohhörner dastehn wie der Reichel-Schaffer --« - -Alle lachten. - -»Vom Sechsundsechzigspiel'n quatscht das Rindvieh, als wenn das dazu -gehörte -- 's ganze Gericht hat ja gelacht, wie der sich blamierte. -Aber solche Zeugen brauchte der Raschdorf!« - -»Na, aber gutt sah der Raschdorf nich aus, wie a so uff der -Anklagebanke saß.« - -»I ja, da vergeht ein'm 's Dicketun! Früher da konnt' a nischt fein -genug haben. Ich durft' ihm die Haare und a Bart nich verschneiden. -»Sie schneiden mir Treppen in a Kopp,« sagt a, und da fuhr er in die -Stadt und gab 20 Pfennig fürs Haarschneiden. Na, wer's so häufig zum -Wegschmeißen hat!« - -»'n riesigen Stolz hatt' a, das is wahr,« sagte wieder ein anderer; -»wenn nich einer gerade auf der Schulbanke mit ihm gesessen hatte, mit -dem machte der nich Brüderschaft.« - -»Nee, nee, nee!« - -Es entstand wieder allgemeines Gespräch. - -Da kam Schräger. Wenn der Pfarrer in die Stube getreten wäre, es wäre -nicht halb so still geworden wie jetzt. - -Der Gastwirt sah sich verdrossen um und ging an einen Tisch. »'ne Tasse -Kaffee und a Paar Wiener!« bestellte er. - -»Prosit, Herr Schräger!« schrie der Barbier und näherte sich dem Tisch. - -Die andern sahen gespannt zu. - -»Prosit! Prosit!« antwortete Schräger kurz. In diesem Augenblick -öffnete sich die Tür, und hinter einer Dienstmagd, die flüchtig -hereinkam, trat Heinrich Raschdorf in die Stube. Niemand sah auf die -Magd und den Knaben; alle blickten nach dem Tisch Schrägers. Heinrich -blieb erst unschlüssig stehen, dann setzte er sich auf einen Stuhl, -der in einem Winkel am Schanksims stand. Die Mutter hatte ihn, als ihm -unwohl geworden war, nach dem Gasthause gebracht; aber er hatte sich -rasch wieder erholt. Dann war jemand gekommen, der gesagt hatte, der -Vater sei freigesprochen, und da war die Mutter gegangen, den Vater zu -holen. Er selbst mußte zurückbleiben und wartete hier auf die Eltern. - -»Nu, Herr Schräger, Sie sind ja so stille,« sagte der Barbier, »Sie -ärgern sich doch nich etwa?« - -»Da soll sich einer nich ärgern! Aber ich verklag' den Berger, ich -verklag' den Kerl! Das laß' ich mir nich gefall'n!« - -»Nu, das könn'n Sie sich ja gar nich gefall'n lassen. Wir haben gerade -davon gesprochen. Der Berger hat halt Ursache, daß a zu Raschdorfs hält --- na, Sie wissen ja -- und Sie haben ja glänzend dagestanden, Herr -Schräger. Wie Sie der Staatsanwalt rausgestrichen hat, und a hat doch -gesagt, Sie sind ganz unverdächtig.« - -»Das will ich meinen, daß der's nich gewesen is, der a ganzen Tag in -der Stube steckt und sein Geld zusetzt. Oder traut mir das überhaupt -jemand zu?« - -Schräger stand auf und musterte herausfordernd den Kreis. Ein lebhaftes -Protestieren ging los, und ein paar Bauern schüttelten dem Wirt die -Hände. - -»Wir wissen 's schon, wer 's gewesen ist,« krähte der Barbier; »und -wenn ihn 's Gericht zehnmal freispricht, der Raschdorf war's doch. Die -stolze Bande --« - -»Jeses, der Junge!« - -Ein Weib schrie es, und nun sahen alle nach dem dunklen Winkel, aus dem -Heinrich Raschdorf hervortrat. Mit glühenden Augen, wie ein gereiztes -Raubtier, so stand er da; die weißen Zähne blitzten und bissen -knirschend aufeinander; die Fäuste ballten sich -- er bückte sich ein -bißchen, sprang an, kletterte an dem langen Bader empor und hieb ihm -die Faust ein paarmal derart auf Mund und Nase, daß dem Manne das Blut -übers Gesicht rann. - -»Ich schlag' Dich tot, Bader, ich schlag' Dich tot!« - -Der Bader fluchte, schrie, wehrte sich und machte sich mühsam frei. Er -wollte sich auf das Kind stürzen, aber das Blut rann ihm so reichlich -und die Augen tränten ihm so stark, daß er hinaus nach dem Hofe mußte. - -Die anderen waren starr. - -Heinrich Raschdorf stand mitten in der Stube. - -»Wer das noch einmal sagt -- das von meinem Vater, den hau' ich gerade -so!« - -Ein paar Leute brummten oder lachten leise. - -»Mein Vater ist freigesprochen -- er ist unschuldig -- das Gericht -hat's gesagt, und das müßt Ihr glauben!« - -Niemand rührte sich. Heinrich schoß das Wasser in die Augen. - -»Ist jemand, der das nicht glaubt, daß mein Vater unschuldig ist?« -fragte er hilflos. - -Kein Laut in der Stube. - -»Aber er gehört doch zu Euch, Ihr müßt es doch glauben!« Das sagte er -in bettelndem Tone. - -Ein gegnerisches Gemurmel erhob sich. Kein freundlicher Zuruf erfolgte. -Da brach Heinrich Raschdorf in bittere, zornige Tränen aus: - -»Dann -- dann -- seid Ihr alle -- alle miteinander Schufte!« - -Und ehe noch die Männer sich schwerfällig und schimpfend erhoben, den -Knaben zu strafen, war Heinrich Raschdorf verschwunden. - - * * * * * - -Eine stille Straße entlang kam müde ein Mann gegangen, und neben ihm -ging eine hustende Frau. - -Ihnen trat Heinrich entgegen. - -Er blieb vor dem Vater stehen, aber er gab ihm nicht die Hand. Scheu -sah er mit seinen Kinderaugen den Vater an. - -»Vater, sag' mir, ob Du's gewesen bist?« - -Hermann Raschdorf fühlte die Wucht des Augenblicks. - -»Nein, Heinrich, ich war's nicht!« - -Er sagte es ruhig und fest. - -Da atmete der Knabe tief auf, erfaßte die Hand des Vaters und küßte sie. - -Bis vor die Stadt gingen die drei und warteten, bis der Schaffer kam -und sie in sein Gefährt aufnahm. - -Nicht ein Wort wurde gesprochen auf der langen Fahrt. Der frühe Abend -war schon angebrochen, als sie zu Hause ankamen. Einen langen, scheuen -Blick warf der Buchenbauer hinüber nach den verwüsteten Gebäuden. Da -fuhr ein kalter Windstoß über die Trümmer und traf den Buchenbauer ins -Gesicht, wie ein eisiges Urteil. - - * * * * * - -»Der Raschdorf is freigesprochen,« sagte auf dem Heimweg der Barbier. -»Aber ich räch' mich an ihm, und der Kanaille, dem Jungen, streich -ich's an. Wenn mir bloß nicht immer so leichte die Nase blut'te! Ich -hätt'n ermurkst! Aber den Alten bring' ich rein, und wenn a zehn Juden -bezahlt. Ich ruh' nich, bis alles raus is und bis a drinne sitzt!« - -Und ob der böse Schaumschläger seine lächerliche Drohung auch nicht -erfüllen konnte, er tat etwas Schlimmeres. Von Haus zu Haus führte sein -Geschäft, und in jedem Hause stahl er den Raschdorfs etwas von der -heiligen Erde, auf der wir allein unsere Heimat gründen können -- von -dem Herzenslande der Liebe und Sympathie der Gemeindegenossen. - -Wer keinen Hof und keinen Fuß breit eigenen Bodens besitzt, kann -doch eine Heimat haben, aber wem die Mitbürger ein Plätzchen idealen -Baugrundes in ihren Herzen verweigern, der ist heimatlos. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 6] - - -Es war Neujahrstag. Jahre gibt es, in denen die Zeit müde und schläfrig -an unserem Herde sitzt und ihre grauen Alltagsfäden spinnt, daß wir -nicht merken, wie Frühling und Sommer rinnen und wie wir in der -Gleichförmigkeit der Tage älter werden. Aber Jahre gibt es auch, wo -die Zeit wirtschaftet und schaltet wie ein veränderungswütiges Weib: -zerstört und aufbaut, rückt, schiebt, ändert, neue Blumen an unsere -Fenster pflanzt, Leute hinausdrängt und andere hereinruft und uns am -Ende ein Heim zeigt, das wir nicht wiedererkennen. - -So ein Jahr kam für den Buchenhof. - -Am Neujahrstage fing's an. Schräger war in die Stube getreten und hatte -von Raschdorf erfahren müssen, daß sich dieser weder die vertrauliche -Anrede »Hermann« noch das »Du« weiter von seinem Nachbar gefallen -lassen wolle. - -»So will ich mich auch nich erst setzen,« sagte Schräger gekränkt; »so -will ich bloß kurz und bündig sagen, daß ich die 20000 Mark kündige. -Ich werd' dann noch einen Brief schicken, daß es gesetzmäßig ist. -Adieu!« - -Raschdorf rührte sich nicht und sagte auch kein Wort. Schräger ging -langsam zur Tür. Er drehte sich noch einmal um und sah Raschdorf -fragend an. Aber der blieb völlig regungslos. Da ging Schräger aus der -Stube. - -Eine Stunde später brachte ein Knecht die schriftliche Kündigung -und gab sie dem Buchenbauer persönlich ab. Unter dem Schreiben -standen außer Schrägers Unterschrift noch die Worte: »Ernst Riedel, -Gutsbesitzer, als Zeuge.« - -Der Buchenbauer war ein anderer geworden, seit er aus dem Gefängnis -zurück war. Er sprach selten noch ein Wort, er ging nie in ein -Gasthaus, er schimpfte nicht mehr, er klagte auch nicht. Scheu und -gedrückt brachte er die Tage dahin. Das Vieh, das bei den Bauern im -Dorfe einquartiert gewesen war, hatte er verkauft. Er mochte keine -Gefälligkeiten. So war er ein Bauer, der kein Stück Rind und kein Pferd -mehr besaß und dessen Scheuern und Ställe in Schutt lagen. - -Und am Nachmittag dieses Neujahrstages kam noch ein Bote und brachte -einen Kündigungsbrief aus dem Dorfe über 5000 Mark, und außer dem -Namen des Gläubigers stand unter dem Schreiben noch ein anderer -unterschrieben »als Zeuge«. - -Da sah der Buchenbauer mit einem langen Blick hinüber nach dem -Kretscham und wußte, wer diesen zweiten Brief veranlaßt hatte. - -Am Abend war die Familie zusammen. Sonst waren am Neujahrsabend noch -einmal die Christbaumlichter angezündet worden. Dieses Jahr war es -vergessen worden, eine Tanne zu schmücken. - -So schwermütig tickte die Uhr diese ersten Stunden des neuen Jahres -herunter. Ein Brief lag auf dem Tische. Aus einer fernen Stadt wünschte -ein Zigarrenkaufmann dem Buchenbauer Glück zum neuen Jahr. Sonst hatte -niemand eine Karte geschickt. - -Ein paarmal versuchte die kranke Frau, ein Gespräch anzufangen. -Raschdorf gab ihr zerstreute, widersinnige Antworten. Er starrte immer -blinzelnd in das Lampenlicht, und dann las er die Glückwunschkarte des -Kaufmanns -- dutzendmal. - -Von den Kündigungen sagte er nichts. - -Auch drüben im Gesindehause war es traurig. Hannes lag auf einer Bank -und schlief; sein Vater rauchte Tabak und sah zuweilen schweigend auf -den Jungen. - -Am Ofen saßen zwei junge Mägde und weinten und wisperten leise. Morgen -war Ziehtag; sie kamen nach entfernten Orten und hatten hier im Dorfe -ihre Schätze. Da lag das neue Jahr und alle Zukunft trübe vor ihren -jungen Augen. - -Drüben im Buchenkretscham aber war viel Leben, und der Barbier, der -sich betrunken hatte, lärmte von Gericht und Staatsanwalt und sagte, -der Raschdorf müsse fort aus der Gemeinde. - -Am 2. Januar war Ziehtag. Viele große Wagen rumpelten durchs Dorf, die -neuen Knechte und Mägde abzuholen. An diesem »Sterztag« ist es Brauch, -daß sich die Dienstleute betrinken. Abschied wird getrunken und neue -Freundschaft geschlossen; so mancher, der aus dem Dorfe scheidet, -will sich Mut holen im Branntwein und fügt zu dem Heimweh, das ihn am -anderen Tage packen wird, noch den physischen Jammer. - -Der Gastwirt Schräger machte gute Geschäfte. Er verstand es auch, er -war ein »gemeenschaftlicher« Mann, klopfte die Mägde vertraulich auf -den Rücken und sprach mit jedem Pferdejungen; dabei horchte er und -fragte viel, wußte alles und war stolz, so populär zu sein. - -Noch einer zog seine Straße -- Mathias Berger, der Lumpenmann. Sein -Wägelchen hatte er in einen Schlitten umgewandelt, denn die Wege lagen -voll Schnee, und es schneite auch heute sacht. - -Bei den beiden Buchenhöfen war er rasch vorbeigefahren. Rechts drüben, -wo die Ruinen gähnten, war zu viel, was er liebte, und links drüben, wo -das Geschäft blühte, zu viel, was er haßte. - -Am 28. Dezember sollte er vor dem Schiedsrichter erscheinen. Er hatte -sich schön gehütet. Mochte ihn der Schräger auf dem ordentlichen -Gericht verklagen, wenn er die Courage hatte. Und wenn er wieder -eingesperrt würde --? - -Ah, wegen einer Beleidigung wird man nicht eingesperrt, da zahlt man -Strafe. Und Geld hatte Mathias Berger viel -- viel mehr, als die Leute -ahnten. - -Daß er die drei Tage Haft bekommen hatte, zehrte an ihm. Über das ganze -Weihnachtsfest war er zu keinem Menschen gegangen; er war auch jetzt -froh, daß er fortziehen konnte. - -Er hatte gesessen! Das war ein böses Wort. Er war der einzige gewesen, -den infolge des Brandes da unten eine gerichtliche Strafe getroffen -hatte. - -Daran dachte der Mathias jetzt, als er am Waldrande mit seinem -Hundeschlitten dahinfuhr. Und er blieb halten und zog ein Zeitungsblatt -aus der Tasche, worin zu lesen stand, daß ein Redakteur sechs Monate -lang eingesperrt worden sei, weil er seine Meinung gesagt habe. Nun -habe es sich herausgestellt, daß diese Meinung die richtige und der -Gefangene ein Märtyrer gewesen sei. Dieses Blatt war Bergers Trost. - -Er las es auch jetzt wieder und sagte sich, es sei doch eine schöne -Sache, für die Wahrheit zu leiden. Auch dann, wenn einen die Leute für -einen Lumpen halten. Dann erst recht! Nur muß man sich nicht selber -verlieren und hübsch stark und mutig -- - -Da -- ein Schuß. - -Gleichzeitig ein dumpfer Schrei nahe aus dem Walde. - -Berger ist zusammengefahren, als habe der Schuß ihn getroffen. Der Hund -bricht in ein heulendes Gebell aus. Was war das? Wem galt dieser Schuß? -Was war das für eine Stimme? - -Berger rafft sich auf und schirrt den Hund los. - -»Such', Pluto, such'!« - -Beide springen über den Grabenrand und verschwinden im Walde. - -Ein kurzes Suchen -- da finden sie ihn -- nicht weit vom Waldrande. - -Gegen eine Fichte liegt er mit blutender Brust, und neben ihm liegt das -Jagdgewehr im Schnee. - -»Raschdorf! Herr Raschdorf! O du großer Gott!« - -Der Lumpenmann beugt sich tief zu dem Verwundeten. Der rührt keine -Wimper. - -»Raschdorf! Hermann! Komm zu Dir! Komm zu Dir!« - -Der liegt mit verglasten Augen und röchelt schwer und schaurig. - -Berger reißt dem Verletzten Rock, Weste und Hemd auf und sieht das Blut -strömen aus vielen winzigen Wunden. Da nimmt er ein reines Taschentuch -und bindet es mit einer Schnur fest auf die Wunden. - -Nun rafft er ihn auf und trägt ihn mit furchtbarer Anstrengung nach der -Straße. Dort legt er ihn auf den Schnee und holt den kleinen Schlitten -herbei. Dahinein bettet er den Verwundeten und fährt behutsam zurück -nach dem Buchenhofe. Und der Hund geht gesenkten Hauptes nebenher, -denn er fühlt, daß sein Herr weint, fühlt, daß das eine traurige Fahrt -ohnegleichen ist. - -Der stolze Buchenbauer fährt heim auf Lumpenmanns kleinem Schlitten, -und nebenher geht der Tod, ein düsterer Wegegenoß, ein schauriger -Kamerad, den der dumpfe Feuerton des Gewehrs zur Stelle rief. Jetzt -noch schreitet er neben dem Buchenbauer über den weißen Schnee; aber -bald wird er die Führung übernehmen und auf seinen Wegen wandeln mit -dem anderen. - -Unten im Dorfe singen ein paar Knechte: - - »Nun ade, du mein lieb Heimatland, - Lieb Heimatland, ade; - Es geht jetzt fort zum fremden Strand, - Lieb Heimatland, ade!« - -Mathias Berger horcht hinunter und sagt erschüttert zu sich selbst: »Es -ist Ziehtag!« -- - -Am Nachmittag kam Raschdorf noch einmal auf Sekunden zu sich. - -»Raschdorf, um Christi willen bereuen Sie Ihre Sünden!« - -Und der Geistliche, der am Bette stand, hielt ihm ein Kreuz hin. - -Raschdorf starrte ihn gläsernen Auges an, dann verzog sich sein Gesicht -wie zum Weinen, und er versuchte, das Kreuz zu küssen. Aber dabei -verlor er schon wieder das Bewußtsein. - -»Durch diese heilige Salbung und durch seine mildreiche Barmherzigkeit -verzeihe Dir der Herr alles.« -- - -Gegen 4 Uhr war Hermann Raschdorf tot. - -Am Fenster lehnten Frau Anna und Heinrich. Sie hielten sich fest -umklammert. Der Winterabend lag auf der Flur, und über dem verschneiten -Walde ging fahl die Sonne unter, die ferne Sonne, die uns doch -unendlich näher ist als die Seelen der lieben Toten, die heimgegangen. -Mit weißem, unbewegtem Gesichte schaute Frau Anna nach dem gelben -Schimmer. Bald ging nun auch sie auf die weite Reise, und der Knabe, -den sie liebte, blieb einsam zurück, ohne Eltern und ohne Heimat. -In vielen Jahren aber, wenn auch er vollendet, würden sie sich -wiedersehen. Das sind die Stunden, in denen Gott mit den Menschen -spricht, er, der Trost und Frieden für die Trauernden hat, wenn die -Welt und all ihre Weisheit und all ihre Tröstung versagt. - - * * * * * - -Durchs Dorf flog die Kunde: »Raschdorf hat sich erschossen! Das -Gewissen hat ihm keine Ruhe gelassen!« - -Berger hatte es übernommen, die Träger der Leiche für das Begräbnis zu -besorgen. Bauern werden sonst von Bauern zu Grabe getragen. Aber der -erste Bauer, den Berger um den Liebesdienst ansprach, sagte, er habe -nicht Zeit, und der zweite meinte, er habe die Influenza. Da spuckte -Mathias Berger draußen vor dem Tore aus, fuhr nach der Stadt und -bestellte einen Leichenwagen nebst den Leichendienern. Die kosteten -viel Geld, aber sie kamen pünktlich. - -»Geld ist etwas Gutes,« sprach der schlichte Philosoph bei sich selbst, -»es ist oft viel zuverlässiger als die Nächstenliebe.« - -Am 5. Januar war das Begräbnis. Hunderte und Aberhunderte von -Zuschauern füllten den Friedhof. Der Geistliche sprach die üblichen -Gebete. Dann mußte die Rede kommen. Aller Augen hingen an dem Munde des -Priesters. Klar und deutlich sprach er: - -»Wir beten für den Verstorbenen und alle, die mit ihm hier schlummern, -jetzt noch ein Vaterunser.« - -Und sonst kein Wort. Bald nach dem Vaterunser ging der Geistliche fort. -Nicht einmal die übliche Danksagung für das »christliche Trauergeleite« -sprach er. Mathias Berger hatte sich außer der Einsegnung des Grabes -alles andere namens der Hinterbliebenen verbeten, auch die Danksagung. -Die Leute, die da hinkämen, meinte Berger, kämen aus Neugierde und -nicht aus Teilnahme, für die Neugier aber brauche sich niemand zu -bedanken. - -Eine große Enttäuschung bemächtigte sich der Teilnehmer am Begräbnis, -und die Männer suchten sich in etwas zu entschädigen und gingen ins -Wirtshaus. - -Dort wurden dann dem toten Hermann Raschdorf viele Leichenreden -gehalten. - - * * * * * - -Drüben im Buchenhof saß ein kleiner Kreis von Menschen und beriet über -die Zukunft: Frau Anna, Heinrich, der alte Kantor, der Schaffer und -Mathias Berger. - -Und auch der Lumpenmann hielt eine kleine Leichenrede. »Heinrich, wenn -Dir amal jemand sagt: Dein Vater hat sich erschossen, da sag': Ja, a -hat sich erschossen, aber ob a 's freiwillig gemacht hat oder ob a -verunglückt is, das weiß der liebe Herrgott alleine. Aber wenn Dir -jemand sagt: Dein Vater hat sich selber angezünd't, da spuck' ihm ins -Gesichte, denn das is die höllischste Lüge von der Welt. Wer angezünd't -hat, das wird noch amal lichterloh rauskommen. Und nu will ich noch was -sagen: der Buchenhof bleibt 'm Heinrich. A wird nich verkauft!« - -Frau Anna sah Berger wehmütig an. - -»Der Hof muß verkauft werden -- bald! Schräger hat seine 20000 Mark -gekündigt und der Müller seine 5000 Mark. Jetzt borgt uns niemand zur -letzten Hypothek hundert Taler.« - -Berger machte eine abwehrende Handbewegung. »Lassen Sie mich reden, -Frau Raschdorf. Wieviel sind Schulden?« - -»110000 Mark.« - -»So? Und der Hof is wert 150000! Wenigstens!« - -»Jetzt nicht! Jetzt gelten die Wirtschaften nichts! Und 's is kein -Vieh da, kein Ackerzeug, die Gebäude sind abgebrannt. Wer weiß, ob -wir mit den Schulden rauskommen, wenn wir verkaufen und noch das -Versicherungsgeld dazu rechnen.« - -Die Frau streckte beide Hände trostlos über den Tisch. Mathias Berger -nahm eine entschlossene Miene an. - -»Die Wirtschaften gelten jetzt nischt! Gutt! Also wird sie nich -verkloppt. Das wär' ja traurig. Und nu raus mit der Sprache! Erschreckt -nich! Ich borg' das nötige Geld selber!« - -»Von wem?« - -»Von wem? Von mir! Ich borg's selber! 10000 Taler borg' ich, das sind -30000 Mark.« - -Die anderen sahen ihn verständnislos an. - -»Ja, von wem wollen Sie's denn borgen?« - -»Nu, von niemand! Von mir selber! Ich hab' selber so viel Geld übrig!« - -»Machen Sie heute keine Scherze, Mathias,« mahnte der Kontor. Frau Anna -und Heinrich sahen betroffen vor sich nieder, und nur der Schaffer -grunzte ein wenig amüsiert. Da nahm Berger das Wort: - -»Da muß ich zuerst 'ne kleine Geschichte erzählen. Es geht oft recht -wunderbar zu im Leben. Also eines schönen Tages -- es sind jetzt -sechs Jahre her -- sitz' ich in Waldenburg in eener Kneipe. Kommt -der Schräger rein. Na, damals vertrugen wir uns noch besser, und a -plauderte immer gerne mit mir, denn a Lumpenmann weiß manches, was -a anderer nich weiß. Na, wie gesagt, der Schräger setzt sich zu mir. -'n kleenen Stiefel hatt' a sitzen. Auf 'm Tisch stand a Würfelbecher. -»Sind wir amal um 'n Böhm!« sagte er und warf siebzehn. Ich wollt' mich -nich blamieren, warf sechzehn und zahlte zehn Pfennige. »Revanche,« -sagte der Schräger und warf dreizehn; und ich revanchierte mich, schmiß -sieben und gab wieder zehn Pfennige. Das gefiel 'm Schräger; a würfelte -immer von neuem und ich immer mit, und ich bezahlte immer 'n Böhm, -bis 'ne Mark voll war. »Weißte, Berger, riskier'n wir amal 'ne Zicke, -setz'n wir jeder amal fünf Böhm. Wenn schon, denn schon!« »Wenn schon, -denn schon,« sagte ich und setzte fünfzig Pfennige, denn ich hatte och -'n kleenen Stiefel sitzen. Nu schmeißt a sechzehn und ich achtzehn, und -das ging so fort, bis ich ihm fünf Mark und fünfzig Pfennige abgeknöppt -hatte. Da war a wütend, nahm seine Mütze und ging. Ich freut' mich -natürlich nich schlecht, ließ mir gleich 'n telikaten Kalbsbraten für -40 Pfennige bringen und schickte mein'm Hunde für 10 Pfennige Knochen -aus der Küche. Dann fuhr ich los. Wie ich nu so durch die Stadt fuhr, -les' ich a großes Plakat: Marienburger Geldlotterie. Große Geldgewinne. -Los 3 Mark. Ich lehnte an meiner Hundekutsche und lernte so sachte das -Plakat auswendig. Und weil ich, wie gesagt, nicht ganz klar war, geh' -ich rein und kauf' a Los, von Schrägers Gelde. Wie ich' wieder rauskam, -sah mich mein Hund an, als wenn a sagen wollte: Du tummer Kerl, was -hätt'n wir für das Geld für 'ne Menge Kalbsbraten und Knochen haben -können. Aber na, 's Geschäft war gemacht. Damit nu wenigstens von dem -Gewinn was Reelles raushängen tät, kaufte ich von den zwee Mark, die -ich noch hatte, der Liese 'ne Puppe. Na und? -- Nach vier Wochen hatt' -ich mit mein'm Los 30000 Mark gewonnen, a dritten Hauptgewinn.« - -»Berger! Es is nich möglich!« - -»Ist denn das wahr, Mathias?« - -Die ganze Gesellschaft war aufs höchste erregt. - -Berger lächelte. »Es ist wahr. Und ich hab' das Geld Heller für Pfennig -ausgezahlt gekriegt. Aber ich hab' mir's nich in Waldenburg geholt; ich -bin nach Breslau gefahr'n. Denn ich mochte kein'n Lärm machen.« - -»Das is ja nicht zu glauben!« - -»Was is nich zu glauben? Daß jemand 'n Haupttreffer macht? Das kommt -bei jeder Lotterie vor. Und daß es mal 'n kleenen Mann trifft, das -kommt ooch vor. Ich hab' für das Geld Papiere gekauft. Vierprozentige! -Das macht zwölfhundert Mark Zinsen aufs Jahr. Die hab' ich fast alle -gespart. Das sind nun wieder gegen 7000 Mark. Gesagt hab' ich keinem -Menschen was. Nich amal meine Schwester weiß was und die Liese ooch -nischt.« - -»Aber warum -- warum haben Sie denn das verschwiegen?« - -Berger sah vor sich nieder. - -»Ja, warum? Na, das habt Ihr wohl schon oft gehört und gelesen, daß -mancher, den die Leute für 'nen blutarmen Kerl hielten, in Wirklichkeet -a kleener Krösus war. Bei manchem, der a Fechtbruder war, fand man -am Ende viel Gold und Silber unter seinen Lumpen. 's gibt solche -schnurrige Kerle. 's is a ganz besonderer Spaß, die Welt zum Narr'n -zu halten. Bei mir war's auch so. Aber 's war nich das alleene. Das -Geld kam zu spät. Zehn Jahre früher hätt's kommen müssen, wie ich noch -jünger war. Da hätt' ich's gebraucht.« - -Die andern sahen ihn verständnislos an; nur Frau Anna blickte vor sich -nieder. - -Berger zwang sich wieder zu einem launigeren Tone. - -»Ja, und für een'n Lumpenmann paßt sich's doch nich, wenn a reich -is. Ich schämte mich. Und Lumpenmann wollt' ich bleiben. So in der -Welt rumfahren und zu Leuten kommen, das paßt mir. Das is nich so -langweilig. Da gibt's alle Tage was Neues. Na, und das Geschäft ernährt -mich. Deswegen braucht' ich auch das Geld nich. Ich hab' mir immer -gedacht, so 'ne Lotterie is was Tummes. Immer gewinnt's einer, der's -nich braucht. Aber wiederum war 's nich so was Tummes. Immer, wenn mich -so eener scheel ansah, und dachte: »Ach, der arme Schlucker!« lacht' -ich mir eens im stillen. Und ich dachte an allerhand!« - -Die andern schwiegen. Bergers Augen begannen zu leuchten. - -»Und jetzt dank' ich Gott, daß ich das Geld hab'. Jetzt kann ich's -gebrauchen.« - -»Berger, Sie können ja nicht -- Sie dürfen nicht Ihr Geld auf eine so -unsichere Sache --« - -»Ich mach', was ich will! Ich borg's -- basta! Die Sache steht ganz -gut. Der Schräger und der Müller werden ausgezahlt, bleiben 85000 Mark -Schulden. Das is bloß reichlich die Hälfte von dem, was das Gut wert -is. Dann bleiben immer noch 5000 Mark zu dem Versicherungsgelde, daß -die Gebäude wieder ordentlich aufgebaut werden können. Und wenn ich -sterbe, haben die Liese und die Schwester noch 7000 Mark. Das ist viel -Geld. Und außerdem haben sie die Hypothek.« - -»Berger, es ist mir, als ob Sie ein Märchen erzählten,« sagte der alte -Kantor. »Sie müssen aber an Ihr Kind denken.« - -»An die Liese denk' ich schon. Der bleibt alles, jeder Pfennig. Wenn's -nich sicher wär', borgt' ich's nich. Denn ich bin geizig geworden, seit -ich das Geld hab'. Aber es is sicher!« - -»Das werden wir nicht annehmen, Berger.« - -»So? Und damals -- wie ich ins Gemeindehaus kommen sollte -- als -Dorfarmer? -- Sie denken wohl, a Lumpenmann hat keen Ehrgefühl? Das -merkt a sich, wenn ihn jemand nich hat verlumpen und verhungern lassen. -Und offen gesagt, ich weeß mir keen Rat mit 'm Gelde. Ich hab' mir ofte -gesagt, eigentlich könntest du was anfangen, die Liese aufputzen und so --- oder selbst 'n feinen Kerl rausbeißen. Ich hab' immer lachen müssen, -wenn mir so was einfiel. 's kam mir so riesig tumm vor. Na, und da hab' -ich's immer aufgeschoben. Kommt alles noch zurechte, dacht' ich immer. -Laß das Mädel! Besser is, sie denkt, sie is arm. Da wird sie a recht -braves Mädel werden. Kommt alles zurechte!« - -»Ich besauf' mich auch amal, und nachher tu ich würfeln,« nahm sich -Reichel, der Schaffer, vor. Es war das erste Mal, daß er begeistert war. - -Die anderen aber sahen ernst vor sich nieder. Sie waren alle in tiefer -Verlegenheit. Es entstand eine Pause. Frau Anna ergriff Bergers Hand. - -»Mathias, Sie wollen mir das Sterben leichter machen.« - -»Mutter!« - -»Kind! Anna, sprich nicht so! Ich kann's nicht hören!« - -Die Frau schüttelte leise den Kopf und bedeckte das Gesicht mit den -Händen. - -Mathias Berger sagte nichts. Ein Weilchen saß er ganz still da mit -rotem Gesicht. Dann stand er plötzlich auf und ging hinaus. - -Im öden Hofe stand er regungslos. - -Einmal, als er ein junger Bursche war, hatte er ein Mädchen geliebt. Es -wurde nicht sein. Ein reicher Nebenbuhler kam und riß sie in seine Arme. - -Jetzt ist sie arm geworden und er reich, und der andere ist begraben. -Aber wiederum wird sie nicht sein. Ein stärkerer Freier kommt -- der -Tod. Er steht wohl schon drüben auf den kahlen Wiesen. Bald schreitet -er über die Trümmer und den Hof und führt die Anna heim in sein stilles -Haus. Und die Menschen werden bei der Hochzeitsfeier läuten und singen -und hinterher lachen und zechen, wie jetzt die lauten Gäste drüben in -der Schenke. Der Mathias aber wird wieder mit seinem Handwagen in der -Welt herumziehen und das Vergessen suchen. - -»Mathias! Mathias, wo sind Sie denn?« - -»Heinrich! Komm mal her, Heinrich!« - -»Mathias, sind Sie krank?« - -»Es ist nichts, Heinrich! Ich hab' mir bloß so mancherlei überlegt. -Heinrich, wir zwei werden zusammenhalten!« - -»Ja, Mathias! Ich bin so froh, daß Sie mein Vormund werden sollen.« - -»Vormund nennen sie's auf 'm Gericht; wir heißen's Freund. Du sollst -jetzt »Du« zu mir sagen, Heinrich, und ich sag' auch »Du«, für immer. -Und uns zwei soll niemand auseinander bringen!« - -So reichten sie sich die Hände. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 7] - - -Es war nahe an Mitternacht. Der Buchenhof lag längst ganz still; auch -in der Wirtsstube des Kretschams waren die Lichter erloschen. Nur aus -der Giebelstube drang noch ein matter Schein. Julius Schräger war noch -wach. - -Das Bett war aufgedeckt; es war totenstill im Hause, und Schräger war -den ganzen Tag von früh an auf den Beinen gewesen. Aber er legte sich -nicht nieder. - -Langsam trat er ans Fenster. Der Mond war aufgegangen, und in seinem -halbhellen Licht lag drunten das Dorf. Der Kirchturm ragte deutlich in -die Luft. - -Dort unten, ganz nahe am Turme, lag Hermann Raschdorf die erste Nacht! -Er lag unter gefrorenen, harten Schollen in einem dünnen Totenhemd, und -seine Nachbarn zur Rechten und zur Linken waren Tote, Leute, die schon -lange dort unten schliefen. Wie still das dort sein mußte! Nur die -Würmer bohrten an Holz und Knochen, und zuweilen brach ein Sargdeckel. -Dann senkten sich die Schollen und -- drückten schwer. - -Schräger fröstelte und trat vom Fenster zurück. - -Er war ein Narr, sich so schwere Gedanken zu machen. Zu ändern war -nichts. So setzte er sich auf den Bettrand und legte sich auf die -Kissen nieder. Aber kein Schlaf kam über seine Augen. Er sah immer -in das rote, leise singende Licht. Als wenn das Licht blutete und -wimmerte, so war's. - -Schräger schloß die Augen. Warum dachte er immer an Raschdorf? Er war -fort. Er konnte ihm nichts anhaben. Kein Haar konnte er ihm krümmen. -Und bis dahin, daß er auch hinunter müßte, war's lange hin. Dann war -der andere längst zu Staub zerfallen. - -Da schlich draußen etwas heran. Schräger lauschte. Es kam näher -- -stockte -- war still. Aber jetzt kam's wieder -- es stieß an einen -Stuhl und war wieder still. Dann ächzte es deutlich vor der Tür. - -Schräger richtete sich halb auf. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn. -Steif und lahm stützten sich die Hände auf die Kissen. - -Da ächzte es wieder draußen. - -Und jetzt tastete es an die Tür und klinkte langsam auf. - -»Was? Wa--as? -- -- -- Ah -- Du -- Gustav! -- Was willst Du?« - -Der Idiot, der ganz dürftig angezogen war, legte den Finger auf den -Mund. - -»Pst! Still! Ich komm Dir was sagen.« - -Er schlich mit unheimlich glitzernden Augen zu seinem Vater und sagte -ihm leise ins Ohr: - -»A kommt wieder!« - -Schräger erblaßte. - -»Gustav, wie kannst Du Dich erdreisten, jetzt in der Nacht --« - -»Pst! Ich fürcht' mich! A kommt -- a rennt über die Felder -- mit der -Flinte -- ich hab' 'n gesehn -- a will mich schießen -- und da komm ich -zu Dir -- Du mußt mich verstecken -- und Du mußt ihm Geld geben, daß a -nich schießt.« - -Schräger wurde es brühheiß. - -»Gustav, augenblicklich gehst Du in Deine Kammer und legst Dich -schlafen. Das is Unsinn!« - -Der Idiot brach in Heulen aus, und Schräger mußte ihm den Mund zuhalten. - -»Still, Gustav, sei doch still! Es hört Dich sonst jemand. Du kannst ja -hierbleiben. Schrei nich -- schrei nich, Gustav! -- Komm, leg' Dich ins -Bette, ich zieh' Dir die Hosen runter -- so -- und nu leg' Dich um; ich -deck' Dich fest zu.« - -Der Idiot klapperte mit den Zähnen, als er im Bette lag. - -»Fürchte Dich nich, Gustav, fürchte Dich nich, es kommt kein Mensch. -Schlaf' ruhig ein! Es kommt niemand!« - -»Du, ich hab'n gesehn! A weiß jetzt, daß ich angezünd't hab'!« - -»Bist Du ruhig, Gustav, bist Du ruhig! Du hast ja gar nich angezünd't.« - -»O ja, ich hab'! Mit zwei Streichhölzeln! A wollte mich rausschmeißen --- uh, und es war doch so kalt.« - -»Wenn Du nich ruhig bist, Gustav, kommt der Gendarm. Das darfst Du -keinem sagen, sonst wirst Du fortgeholt. Niemand darfst Du das sagen, -hörst Du? Keinem Menschen!« - -Schräger zitterte vor Erregung. - -»Ich sag's nich. Sonst schießt a mich tot!« - -»Schlaf' ein, Gustav, schlaf' ein!« - -»Oh, es hat so gebrannt, so hoch und so heiß, und jetzt wird a kommen. --- Hörst Du? -- A kommt auf der Treppe -- Vater, versteck' mich!« - -Schräger setzte sich auf den Bettrand und ergriff die Hände des -Burschen. Leise redete er auf ihn ein und gebot ihm, die Augen zu -schließen. - -Der Idiot verbarg sich tief in den Betten und hielt krampfhaft des -Vaters Hand. Von Zeit zu Zeit schrie er auf, dann hielt ihm Schräger -den Mund zu. So verging eine qualvolle halbe Stunde, dann fing der -Bursche leise an zu weinen und schlief allmählich ein. - -Schräger erhob sich. Sein Gesicht war fahl. Ein leiser, schwerer Fluch -kam über seine Lippen. Dieser Mann erkannte, daß sich ein Wurm in sein -Lebensmark eingebohrt hatte, der nie mehr weichen werde. - -Langsam ging er an den Schreibtisch, der an der Wand stand, und nahm -ein Zeitungspapier heraus. Es war dasselbe Blatt, das Gustav am -Brandtage zuerst zu einem Heim geformt, dann entfaltet und so gierig -betrachtet hatte. - -Das Blatt enthielt ein Bild, das ein brennendes Haus darstellte, -aus dem ohnmächtige Menschen getragen wurden. Dieses Bild hatte die -Phantasie des Idioten erregt und ihn zu seiner Tat angestachelt, wozu -noch gekommen war, daß die Bauern von einem Brande gesprochen und -Raschdorf den Burschen gekränkt hatte. - -So war alles gekommen, und Schräger hatte noch am selben Abend die -furchtbare Wahrheit erfahren. Als Gustav vom Brande nach Hause lief, -war er ihm gefolgt. Da hatte der Knabe unter der Treppe im Hausflur -gekauert und gewimmert. Er hatte ihn mit sich in die Stube genommen und -ihn ausgefragt. Und da war ihm der unglückliche Bursche schreiend zu -Füßen gefallen und hatte ihm gestanden, er habe die Scheuer angezündet. - -Anfangs hatte es Schräger nicht geglaubt. Aber dann hatte er dem -Jungen die Taschen durchsucht und das Bild und ein ganzes Päckchen -Schwefelhölzer gefunden. Entsetzt hatte er noch einige Fragen gestellt -und mit Gewißheit die furchtbare Wahrheit erkannt, daß sein Sohn der -Brandstifter sei. - -Und doch hatte ihn damals nichts bewegt als die peinigende Sorge, die -Sache möchte offenbar werden. Der Verschleierung der Tatsache galt von -da an all sein Bemühen, hinter das sogar sein altes Bestreben, den -Buchenhof zu erwerben, weit zurücktrat. - -Nun trat er an das Bett des schlafenden Burschen. Auch im Schlafe war -dieses Gesicht häßlich und öde. Der Junge atmete schwer, und seine -struppigen Haare waren feucht von Schweiß. Er sah wohl auch im Traume -den schrecklichen Jäger, vor dem er sich fürchtete. - -Schrägers Kopf sank auf die Brust. Das war eine der schweren -Nachtstunden, da der Mensch Rechnung hält in seinem Herzen und vor -Schuld und Urteil erschrickt. - -Wenn Gustav plauderte! - -Sie konnten dem Jungen gerichtlich nichts tun, er konnte nicht -verantwortlich gemacht werden. Aber sie würden ihn in eine Anstalt -bringen, ihn unschädlich machen für immer. - -Und das fürchtete Schräger; dagegen sträubte er sich mit ganzer Seele. -Er liebte seine beiden Kinder abgöttisch, wie so oft Geizhälse, die in -ihrer Seele sonst nie einen Funken Idealismus haben, an ihren Kindern -mit einer unordentlichen Glut hängen, die anständigen Leuten fremd -ist. Das ist auch ein Zug, den die Geizhälse mit den Bestien gemeinsam -haben. Und noch eines kam hier dazu, die Gefahr, daß der Junge des -Vaters Mitwissenschaft verriet. - -Sein Eid! Sein Eid! Wie stand er da! - -Gewiß, er konnte im schlimmsten Falle alles abstreiten. Das Zeugnis des -Jungen galt vor Gericht nichts. Er konnte sagen, er habe nichts gewußt. -Aber die Dorfleute! Wenn ihr Vertrauen verschwunden war, war sein -Geschäft verloren -- alles verloren. Das durfte unter keinen Umständen -geschehen. - -Und sein alter Plan: den Buchenhof zu gewinnen! Es war ja gut, wenn der -Raschdorf unterging. Was ging ihn der Raschdorf an? Schließlich hatte -er sich doch selber ruiniert! - -Die Lampe ging aus. Schräger erschrak. Jetzt im Dunkeln würde auch er -sich fürchten. Er sann nach, wo er Licht hernehmen könnte. Es war, -ohne Geräusch zu verursachen, keines zu erlangen. So setzte sich der -Einsame in einen Lehnstuhl. - -Nur das eine nicht, nur nicht nach dem Fenster sehen! Das Mondlicht -fiel so gespenstisch herein, und dort unten ragte der Turm auf, -als wenn mitten aus dem Kirchhof sich ein geisterhaft drohender -Riesenfinger emporstrecke. - -Nur nicht nach dem Fenster sehen! - -Eine Weile saß Schräger grübelnd still. Dann begannen seine Lippen zu -zucken, Worte zu sprechen, ohne daß er's hindern konnte: »Ich schwöre -vor Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit -sagen, nichts verschweigen --« - -Ein Stöhnen; Schräger sprang auf. Was fiel ihm ein? Wie kam er dazu, -das zu sagen -- das? - -Er schloß die Augen und drückte den Kopf gegen die Kacheln des Ofens; -sie waren kalt. - -Kalt! Wenn das Feuer erlischt und wenn das Leben erlischt, kommt die -Kälte. - -»-- nichts verschweigen und nichts hinzusetzen --« - -Schräger raffte sich auf, und wie alle, die das Elend trifft, versuchte -er den Kampf mit der furchtbaren Furie, die das böse Gewissen heißt, -den nutzlosen, törichten Kampf, den auf die Dauer kein Sterblicher -besteht, wenn nicht die starke, heilige Gnadenhand Gottes die eisernen -Krallenfinger mächtig und linde aus den blutenden Schultern löst. - -»Was hab' ich denn getan? Was hab' ich denn gesagt? Ich hab' nur -erzählt, was ich wußte. Nur das!« - -»-- nichts verschweigen --« - -Schräger blickte scheu nach dem Bette. - -Eines hatte er verschwiegen: das, was alles gelöst hätte. - -»Wissen Sie, wer der Brandstifter ist?« - -»Nein!« - -Und die schwarze, hohläugige Gegnerin warf den Einsamen in den -Lehnstuhl zurück. Dort preßte er das Gesicht gegen die Lehne. - -Da, wie er sich sammelte, aufraffte, kam ihm eine neue Waffe. - -»Es ist niemand verpflichtet, gegen sein eigen Fleisch und Blut zu -zeugen. So sagt wenigstens das Gericht, wenn auch nicht die Religion.« - -Er atmete auf. Das würde die Erlösung sein, der Sieg! Der Dämon stand -an der Tür, als wolle er gehen. Aber er wandte sich noch einmal um. - -»Trauen Sie dem Angeklagten das Verbrechen zu?« - -Wie ein Lavastrom flutete die Frage durch die Seele des Einsamen, die -Frage und die meineidige Antwort, die er gegeben: »Ich weiß es nicht -genau. Er wird es wohl gewesen sein!« - -Leise kam der Dämon näher und beugte sich an Schrägers Ohr. Das Fenster -knackte und knisterte ein wenig. Das klang wie leises, böses Lachen. -Und es war, als ob die furchtbare Stimme zischelte: - -»Und weißt Du, was Du weiter getan hast? Das Geld hast Du ihm -gekündigt, ihn bankerott zu machen; zum Müller bist Du gegangen, -ihn aufzuhetzen, und da hat Dein Freund die Flinte genommen und ist -hinübergegangen. Und Gott hat gefragt: »Woher kommst Du? Ich habe Dich -nicht gerufen!« Mit Donnerstimme hat Gott es gefragt. Dein Freund aber -hat mit bleicher Hand hinabgezeigt auf Dich und gesagt: »Der hat mich -auf den Weg gezwungen zu Dir, der! ...«« - -»Gustav, wach' auf! Wach' auf, Gustav! Ich kann nicht allein sein!« - -Der Bursche fuhr erschrocken auf. - -Und Julius Schräger suchte bei ihm Hilfe, bei dem Idioten, der -verschlafen wimmerte und bald wieder einschlief. - -Ein wenig später rasselte draußen ein Fuhrwerk vorbei. Schräger -sprang ans Fenster. Wie eine Erlösung betrachtete er die brennenden -Wagenlichter. Da waren doch Menschen -- Menschen. - -Aber bald darauf kam noch ein Licht langsam über die Felder herauf, ein -einsames Licht, vor dem es dem erregten Manne schauerte. Wie gebannt -sah er hin; er konnte sich nicht wegrühren vom Fenster, als wenn jenes -Licht ihn zwinge. Er rieb sich die Augen, er wollte das Blendwerk -bannen. Es gelang nicht. Näher kam das Licht, immer näher, gerade auf -das Haus zu. Und nicht auf der Straße kam's, nein, über die Felder, ein -weißes, blasses, taumelndes Licht. - -Der Wind wimmerte draußen, und der Mond war untergegangen hinter -schwarzem Gewölk. Es war fast ganz dunkel. - -Jetzt war das Licht da. Wie eine Laterne war's und hatte doch nicht die -Form gewöhnlicher Laternen. - -Jetzt -- jetzt konnte er's sehen! Eine schwarze Gestalt trug die -Laterne, und ihr folgte eine weiße. Schräger sah es deutlich im -Lichtschein. - -Und jetzt verschwanden die Gestalten mit dem Lichte huschend drüben im -Buchenhofe. - -Mit verzerrtem Gesicht drehte sich Schräger um. - -Der Tod, der den Raschdorf heimführt, fiel ihm ein. - -Er war sonst nie furchtsam gewesen. Aber seit er einen unter dem Rasen -hatte, dem er den Atem genommen, kam die grauenhafte Angst -- die -wahnwitzige, abergläubische Furcht. - -Finster war's, schauerlich finster, und der Junge röchelte so schwer. - -Ein Mittel! Ein Mittel, um der Qual zu entgehen! - -An den Wänden tastete sich Schräger hin, zur Tür hinaus und dann leise -wie ein Dieb die Treppe hinunter nach der Gaststube. - -Dort atmete er auf. Es wurde ihm ein bißchen wohler. Vorsichtig schloß -er die Fensterläden, dann zündete er die Lampe an. Licht! Licht ist -allein schon eine Wohltat. - -Aber doch war's auch hier einsam und furchtsam. - -Da suchte er das Mittel. - -Zum ersten Male trank er viel Schnaps. Dadurch wurde er mutiger. -Schließlich füllte er eine Flasche, löschte das Licht aus, tappte nach -seiner Schlafstube zurück, um den Jungen nicht allein zu lassen, setzte -sich in den Lehnstuhl und trank -- trank aus der Flasche. - - * * * * * - -Am andern Morgen lag ein lichter Dreikönigstag über der winterlichen -Erde. - -Schräger erhob sich müde und zerschlagen aus dem Lehnstuhl, in dem er -ein paar Stunden im dumpfen Schlummer des Rausches gelegen hatte. Es -war acht Uhr vorbei. Er weckte seinen Sohn und gebot ihm noch einmal -eindringlich Schweigen. Dann versprach er ihm, er würde ein zweites -Bett in diese Stube schaffen lassen, und Gustav könne jetzt immer bei -ihm schlafen. Nur dürfe er nichts sagen. - -Drunten im Hause polterten die Dienstleute. Das tat Schräger wohl. Auch -das Licht beruhigte ihn. Mehr aber half ihm ein guter Gedanke, den er -in der Nacht gefaßt hatte: er wollte hinüber zur Frau Raschdorf gehen -und die Kündigung zurücknehmen. - -Schlafen mußte er wieder können, ruhig mußte er wieder sein, selbst auf -die Gefahr hin, daß er den Buchenhof nicht bekam. Sonst, meinte er, -würde er verrückt werden vor Furcht. - -So ging er gleich vor dem Frühstück nach dem Buchenhofe. Unter der Tür -traf er die Magdalene Raschdorf. - -Das schöne Kind sah ihn herb an. - -»Lene, ist Deine Mutter schon aufgestanden?« - -Das Mädchen schüttelte finster den Kopf. - -»Ich möchte mit Deiner Mutter gern sprechen.« - -»Sie ist krank!« sagte Lene und wandte ihm den Rücken. - -»Ganz wie der Vater,« dachte Schräger, »so stolz und abweisend.« Aber -er zwang sich, freundlich zu sein. - -»Lene, ist es schlimmer geworden mit der Mutter?« - -Das Kind nickte und schlug die Hände vors Gesicht; dann lief es ins -Haus. - -Eine Magd erschien und klärte Schräger auf. Die Frau hatte in der -Nacht Blutsturz bekommen. Ein Gespann hatte den Doktor geholt und eine -barmherzige Schwester aus der Stadt mitgebracht, und der Pfarrer und -der alte Kantor waren auch in der Nacht gekommen. - -»Mit einer Laterne?« fragte Schräger stockend. - -»Ja, mit einer Kirchenlaterne!« - -»Aah!« seufzte Schräger auf und nickte. - -Der Arzt kam die Treppe herab. - -»Was wünschen Sie?« fragte er Schräger. - -»Ich -- ich habe der Frau Raschdorf Geld gekündigt, und ich will die -Kündigung zurücknehmen.« - -»Lieber Freund, da kommen Sie leider zu spät. Frau Raschdorf ist eben -gestorben.« - -Ein schriller Schrei ertönte von oben. Das war die Lene, die es -auch jetzt eben erfuhr. -- Schräger ging mit schweren Schritten -heim. -- -- -- -- - -Wieder flog die Todeskunde durchs Dorf, und die Leute wurden still. Ein -Schrecken kam über die Menschen. - -So viel Trauer in einem Hause weckte überall Furcht. Ein leises Grauen -mischte sich drein, als sei hier eine Strafe des Himmels sichtbar und -offenkundig in Erscheinung getreten für Sünden, die die Menge nicht -genau kannte. Aber ein Mitleid regte sich in den weicheren Herzen für -die zwei verwaisten Kinder. Dieses Mitleid hätte zum Siege verhelfen -können im Kampfe um die Heimat. Durch Mitleid hätte Heinrich Raschdorf -sich jenen Herzboden bei den Mitgliedern der Gemeinde erkaufen können, -um den er lange Jahre hindurch so bitter kämpfen mußte. Es kam ein -günstiger Augenblick, wie er nicht mehr wiederkam. -- Ein paar -Sympathiekundgebungen kamen aus dem Dorfe. Gespanne wurden angeboten, -auch sonstige Unterstützung, und zwölf Männer meldeten sich freiwillig -als Träger der Leiche. Der Bauer, der sich vor Tagen wegen Influenza -entschuldigt hatte, hatte die zwölf Männer gesammelt. Er schickte eine -Magd und ließ fragen, ob die Träger gebraucht würden. - -Mathias Berger brachte seinem Mündel Heinrich die Nachricht aus der -Küche in die Wohnstube. - -»Die Leute werden vernünftig, Heinrich! Siehst Du, schlecht sind sie -gar nich. Sie haben sich bloß mit Deinem Vater nich verstehen können. -Es is schon gut, Heinrich, wenn Du mit den Leuten auskommst, denn sonst -bleibst Du in der Fremde, auch wenn Du zu Hause bist. Das kannst Du mir -glauben.« - -»Den Vater haben sie nich tragen mögen,« sagte der Junge finster. -»Warum nicht?« - -Mathias Berger wußte nicht gleich eine richtige Antwort. Eine -leidenschaftliche Röte flammte über das Knabengesicht. - -»Weil sie dumm sind, weil sie schlecht sind! Mathias, ich hab's gehört, -ich hab' gehört, wie sie auf meinen Vater schimpften, damals in der -Stadt. Alle haben sie gelacht über den schuftigen Barbier, und wie ich -ihm die Nase blutig gehau'n hab', da haben sie über mich herfallen -wollen -- zwanzig Männer über einen Jungen! Mathias, sie dürfen meine -Mutter nicht tragen. Ich leid's nicht!« - -Die stolze, herrische Art der Raschdorfs brach bei dem Knaben durch. -Mathias blieb ruhig und milde. - -»Heinrich, sie lassen sich selber anbieten. Es ist nun einmal so -Sitte auf dem Dorfe. Wenn wir das abschlagen, das is eine riesige -Beleidigung.« - -»Und die? Haben die meinen Vater nicht beleidigt? Gebettelt hab' ich, -gebettelt, Mathias, daß sie's glauben sollen, sie haben nicht gemuckst. -Ich leid's nicht, Mathias, ich leid's nicht, daß sie die Mutter tragen.« - -»Hör' mich mal an, Heinrich! Siehst Du, die Scheune werden wir wieder -aufbauen, den Stall auch. Das is nich schwer. Auch die Wirtschaft -kriegen wir wieder rauf. Das is auch nich schwer. Das läßt sich alles -machen, wenn man a bissel Geld hat und fleißig is. Aber Heinrich -- die -Leute, die Leute! Die müssen auch wieder lernen, freundlich mit uns zu -sein. Das is die Hauptsache, Heinrich! Das is wichtiger, als daß wir -die Wirtschaft wieder aufbauen. Sieh mal, ich war früher so a armer -Kerl. Ich hatte kaum a paar Sonntaghosen. Aber zu Hause war ich, 'ne -Heimat hatt' ich. Das war, weil mir die Leute gut waren. Dein Vater, -Heinrich, der hat keine solche Heimat gehabt.« - -»Willst Du auch auf den Vater schimpfen, Mathias?« - -»Wein' doch nich, Heinrich! Ich will ja bloß mit Dir reden, weil Du -doch schon ein großer, kluger Mensch bist. Sieh mal, ich sage, das war -eben das Unglück von Deinem Vater, daß a sich nich mit a Leuten im -Dorfe vertrug. Ich sag' ja nich, daß a schuld war. Ich sag' bloß, es -war sein Unglück. Denn siehst Du, immer alleine konnt' a nich sein, -immer in die Stadt fahren konnt' a auch nich, na, und da wurd' a -verdrossen und ging zum Schräger, und das war sein Verderben.« - -Der Knabe weinte leise vor sich hin. Berger schlang den Arm um seine -Schulter. - -»Heinrich, Du hängst so an zu Hause. Es ist notwendig, Heinrich, daß -wir gute Freunde im Dorfe haben. Ich bin zu a ungeschickter Kerl, ich -kann Dir's nich so beschreiben, wie ich mir's denke. Aber das weiß ich: -Wir brauchen die Leute, auch wenn wir sie nich brauchen. Wir müssen's -annehmen, Heinrich!« - -»Da -- da sag' ihnen, sie sollen die Mutter tragen; Du bist ja klüger, -Du mußt's ja wissen.« - -In demselben Augenblick öffnete sich die Tür, und Magdalene Raschdorf -trat hastig ein. - -Ihre braunen Augen standen voll Tränen. Die Stimme bebte ihr, als sie -sprach: »Mathias, sie hat gesagt -- sie hat zu unserer Martha gesagt -- -Sie -- Sie haben -- Sie haben unsere Mutter geküßt!« - -»Lene! Was fällt Dir ein! Wer sagt das?« rief Berger. - -»Wer sagt das, Lene?« stammelte Heinrich. - -»Die -- die Magd vom Perschke-Bauer, die da is -- die hat's zur Martha -gesagt -- und ich -- ich hab's gehört!« - -Mathias sprang aus der Stube hinüber nach der Küche. Eine junge Magd -stand schwatzend bei einer andern. - -»Frauenzimmer, erbärmliches, was hast Du gesagt? Zu dem Kinde? Zu dem -Kinde?« - -Die Magd wurde blaß und floh in einen Winkel. - -»Was ist denn? Was ist denn? Jeses! A will mich hau'n!« - -»Was hast Du gesagt von mir und der toten Frau Raschdorf -- Mädel?« - -Berger, der ihr gefolgt war, trat drohend und keuchend vor sie. - -»Ich hab' nichts gesagt -- ich hab' -- Jeses --!« - -Ein Schlag klatschte ihr auf die Wange. - -»Gesteh's, Frauenzimmer, oder --« - -»O Gott, o Gott, lassen Sie mich!« - -»Was Du gesagt hast, will ich wissen!« - -Wieder erhob er drohend die Faust. - -»Ich hab's bloß nachgesagt, der Herr sagt's, die Frau, 's ganze Dorf. -Ich kann nicht dafür --!« - -»Das ganze Dorf? Raus! Und sag' Deinem Herrn, wenn sich noch eins auf -dem Buchenhof sehen läßt, da hetz' ich die Hunde!« - -»Ich bring' sie um! Ich schlag' sie tot!« schrie Heinrich in rasender -Wut und klammerte sich an das Mädchen. Berger riß ihn los. - -»Laß sie! Laß sie laufen, Heinrich!« - -»Loslassen, Mathias, los! Ich schlag' sie tot!« - -Heinrich schlug mit den Füßen gegen Mathias, der ihn festhielt, während -das Mädchen heulend davonlief. - -Nach langer Zeit, als sie sich etwas beruhigt hatten, sagte Berger: - -»Es war unrecht, Heinrich! Das dumme Ding quatscht bloß nach, was ihr -die Leute vorreden. Aber, Heinrich, ich war ein großer Esel. Du hast -recht, die dürfen Deine Mutter nicht tragen. Sie sind zu schlecht!« - -Der Knabe wandte ihm den Rücken und stand in finsterem Groll und in -furchtbarem Nachgrübeln zitternd da. Berger betrachtete ihn und ahnte, -was in dieser Seele vorging. Da sagte er mild: - -»Heinrich, komm einmal mit zur Mutter!« - -In der kleinen Stube stand der Sarg. So friedlich lag die verklärte -Frau auf den weißen Kissen. Laut aufschluchzend kniete Heinrich am -Sarge nieder. Mathias Berger stand da mit gefalteten Händen, lange -- -in stummer Betrachtung. Das war ein tiefes Glück, daß er so ruhig hier -stehen konnte. - -»Heinrich,« sagte er leise, »ich hab' Deine Mutter sehr lieb gehabt, -aber küssen tu ich sie jetzt das erste Mal.« - -Und er beugte sich über den Sarg und küßte die lächelnde Tote. - -Dann faßte er den Knaben an der Hand und führte ihn hinaus. Und -Heinrich schmiegte sich fest an ihn an. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 8] - - -Neues Leben war auf den Buchenhof gezogen. Unten im Dorfe im -kleinen Schuppen stand unbenutzt der Lumpenwagen, und Pluto, der -»Bernhardiner«, lag faul im Buchenhofe und duldete mit lässiger, -gelangweilter Vornehmheit die Neckereien Waldmanns, des Dachses. - -Mathias Berger war nicht mehr auf den Lumpenhandel gezogen, er war der -Verweser des Buchenhofes geworden. - -Die Bauern im Dorfe lachten. Ein Lumpenmann Großbauer, das war auch -zum Lachen. Zum Bauer sein gehört Verstand und noch mehr Geld. Und -das hatte Mathias Berger beides nicht. Wenigstens nicht den richtigen -Verstand. Von Geld war sowieso nicht die Rede. - -Der Barbier hatte ein »Gedicht« gemacht; das hieß: - - »Der Herr vom Buchenhofe hat sechs Dreier und - Ein' Lumpenwagen und ein' großen Hund.« - -Dieses Gedicht fand starken Beifall im Dorfe, und selbst die kleinen -Kinder lernten es auswendig. Auch erfand ein Tonkünstler eine sinnige -Melodie dazu, so daß das Lied gesungen und gepfiffen werden konnte. -Den Dichter machte es populär, und alle hielten ihn für einen witzigen -Menschen, der einen helleren Kopf habe als die anderen Leute. - -Mathias Berger hörte von dem Spottverse und beschloß, in einem -wirklichen Gedichte, das der Redakteur des kleinen, landläufigen -Blättchens gewiß drucken würde, dem Barbier und den Dorfleuten eine -derbe öffentliche Antwort zu geben. - -Mathias war in seinen Feierstunden ein Dichter. Er verfaßte zwar meist -nur Gelegenheitsgedichte, wie Nachrufe, Festtagswünsche u. dergl.; aber -einige Gedichte hatten auch in der Zeitung gestanden, und so hoffte -Mathias, auch diesmal mit einem geharnischten Poem anzukommen. - -Da fand er am Tor des Buchenhofes mit Kreide die Worte angeschrieben: -»Der Barbiehr ist ein Esel!« Hannes, der Schaffersohn, bekannte -sich mit vergnügtem Schmunzeln als Urheber dieses Sinnspruches und -versicherte mit Wichtigkeit, daß er denselben Satz fast auf allen -Zäunen und Toren des Dorfes verewigt habe. Dafür erhielt er von Mathias -Berger eine unvermutete, aber sehr ausdrucksvolle Ohrfeige, und dieser -andererseits zog aus dem Vorfall die weise Lehre, daß es nicht gut sei, -sich mit Schubiacks in einen literarischen Kampf einzulassen. -- - -Auf Betreiben des alten Kantors war Mathias Berger zum gesetzlichen -Vormund über die beiden Kinder Heinrich und Magdalena Raschdorf -bestimmt worden. - -Einen Tumult gab es im Dorfe, als bekannt wurde, daß Berger für -Heinrich Raschdorf das Gut kaufe und der Knabe sich mit seiner -Schwester »auseinandersetze«. Das Gut war abgeschätzt worden, nicht -viel über die Gesamtschulden hinaus, die Heinrich Raschdorf übernahm. -Das Mädchen erhielt eine geringe Summe ausgezahlt, die fest angelegt -wurde. - -»Wenn es uns besser geht, Lene,« sagte Mathias, »dann bekommst Du -freiwillig, so viel wir Dir geben können. Jetzt dürfen wir den Hof nich -noch mehr belasten, sonst können wir ihn nich halten.« - -Das Mädchen verstand nichts davon; es war zufrieden, daß es auf dem -väterlichen Gute bleiben durfte. -- - -Und um diese Zeit geschah es, daß Hannes abermals Prügel kriegen mußte. -Das kam so: - -Er hatte einem Rudel Jungen, das ihm den Spottvers von den »sechs -Dreiern« in die Ohren sang, wütend und doch triumphierend zugeschrien, -der Mathias Berger habe mehr Geld als die ganze »Lumpenpakasche« der -Dorfleute, er hab' das ganze Dorf »gefünffingert«, denn er besitze 40- -oder gar 100000 Taler, und das habe kein Mensch gewußt. Und als die -Jungen lachten, fragte er sie schnippisch, woher denn etwa mit solcher -»Fixigkeit und Leichtigkeit« dem Schräger und dem Müller die Schulden -bezahlt würden, wenn nicht der Mathias das Geld gäb'. Denn sonst borgte -doch kein Mensch. - -Diese Straßendebatte hatte drei Folgeereignisse: - -1. Mathias Berger wurde zur Einkommen- und Kommunalsteuer herangezogen; -2. im Dorfe entstand eine neue, vielleicht überhaupt die stärkste -Sensation, und 3. Hannes bekam Hiebe. - -Das letzte Ereignis vollzog sich an einem trüben schwermütigen -Märzabend in des Schaffers Stube. Der Vater war sehr schweigsam dabei, -der Sohn nicht. Nach der Katastrophe ging Hannes hinaus, starrte in das -trübe Abendlicht und lehnte seinen verlängerten Rücken gegen eine kühle -Mauer. Da kam die Lene über den Hof, sah ihn verächtlich an und sprach -nur das eine Wort: »Quatschkopp«. - -Damit warf sie ihm etwas vor die Füße. Es war der Ring, den er ihr -ehemals verehrt hatte. - -Hannes rührte sich nicht. Für seinen Kampfesmut so schmählich behandelt -zu werden, hatte er nicht verdient. Er nahm sich fest vor, weder mit -seinem Vater noch mit Mathias noch mit der Lene jemals im Leben wieder -ein Wort zu reden, und dann kroch er in sein Bett und schlief mit wehem -Herzen und ebensolchem Rücken ein. - -Im Dorfe unten aber wurde nach drei Tagen eine romantische Mär erzählt. -Irgendwo -- den Ort wußte niemand genau -- habe eine alte, sehr -geizige Frau gelebt, die all ihr Lebtag gespart und sich eine große -Menge Papiergeld in einen alten, wollenen Unterrock eingenäht habe. -Niemand hätte von dem kostbaren Unterfutter des alten Rockes, den die -Frau beständig auf dem Leibe getragen habe, etwas gewußt, selbst die -eigenen Kinder nicht. Eines Tages sei die Frau plötzlich am Herzschlag -gestorben. Der Rock sei nebst anderem wertlosen Zeug einem gewissen -Lumpenmann verkauft worden, und das weitere könne sich jeder denken. - -Von dieser Geschichte erfuhr Mathias Berger vorläufig nichts. Er wußte, -daß die Sympathie, die er früher im Dorfe genossen, geschwunden war -seit dem Tage, da er sich der Raschdorfschen Sache annahm. Er hatte -sich in Widerspruch gesetzt mit der öffentlichen Meinung, und das -mußte er fühlen. Daß er einer ungeheuren Unehrlichkeit bezichtigt -wurde, ahnte er nicht, freute sich vielmehr, daß sich die Leute -schmerzlich den Kopf darüber zerbrechen würden, wie er zu so vielem -Gelde gekommen sei. - -Unterdes hatte er auch nicht Zeit, sich um das Gerede im Dorfe zu -kümmern. Die riesige Arbeitslast, dem zerrütteten Buchenhofe wieder -aufzuhelfen, lag auf seinen Schultern. Und da wuchs mit der Aufgabe -seine Kraft. Zum erstenmal im Leben stand er so schweren Forderungen -gegenüber, und sie stählten ihn. - -Im zeitigen Frühjahr schon begann der Aufbau der Gebäude. Mathias -Berger hatte einen tüchtigen, gewissenhaften Maurermeister gefunden, -der sein Werk solid, rasch und billig herstellte. - -Berger war von früh bis in die späte Nacht tätig. Jetzt war er in der -Stadt zu Verhandlungen, jetzt stand er draußen auf dem Felde, jetzt saß -er grübelnd und rechnend in der Stube, und dann stand er wieder unter -den Handlangern und rührte Kalk ein oder trug Ziegel. - -Ein Notstall wurde errichtet, die nötigen Ackerpferde gekauft, das -Ackerzeug ergänzt, und die Feldarbeit konnte neu beginnen. Reichel, der -Riese, arbeitete für drei. Aber er tat noch mehr. Er bot Mathias Berger -seine Ersparnisse an, die sich auf ein paar hundert Mark beliefen. - -»Reichel,« sagte Berger, »Dein Geld brauch' ich jetzt noch nich. -Vielleicht später! Dann pump' ich Dich an, das versprech' ich Dir -feierlich! Jetzt brauch' ich bloß Dich selber. Aber ganz notwendig, -Reichel!« - -Der Riese errötete über das Lob, das in diesen Worten lag, und -arbeitete wieder, als ob er die Welt zusammenreißen wolle. Es war, -als ob er seinen Charakter geändert habe, denn er tat alles mit einer -großen Hast, wenn er ging und arbeitete, und ließ die majestätische -Ruhe ganz außer acht, die sonst seinem Wesen eigen war. - -Auch die Kinder halfen emsig nach ihren Kräften, und Hannes benahm sich -in diesen Tagen tadellos, denn am Tage blieb ihm nicht eine Minute -Zeit, Allotria zu treiben, und am Abend war er todmüde. - -In all diesem emsigen Treiben fehlte nur Heinrich. Er war wieder auf -der Schule. Ein paarmal schrieb er dringende Briefe, er wolle nach -Hause, wolle helfen. Aber Berger, sein Vormund, ging darauf nicht ein. -Er antwortete ihm kaum. Einmal nur schrieb er auf eine Postkarte: -»Lieber Heinrich, sei Du nur so fleißig auf der Schule, wie wir hier -alle sind, dann wird alles gut werden.« - -So kam es, daß Heinrich trotz der heftigen Seelenerschütterungen, die -seine Schülerarbeit gehemmt hatten, zu Ostern das Versetzungszeugnis -als »Dritter der Klasse« nach Hause tragen konnte. - -Auf dem Bahnhof holte den Knaben niemand ab. Es war kein Pferd -übriggeblieben für die Fuhre. Aber da drüben hielt ein Wagen aus -Heinrichs Heimatsdorfe. Ein Bauer holte irgend jemand von der Bahn. -Heinrich stand mit seinem schweren Handkoffer da und wartete immer, -ob ihn der Bauer nicht auffordern würde, mitzufahren. Aber der sagte -kein Wort, und zu bitten schämte sich der Knabe. So fuhr der Bauer mit -seinem halbleeren Wagen heim, und Heinrich nahm den Koffer und machte -sich schwerbeladen auf den Weg nach Hause. - -Der Koffer zerrte an seinen Armen und Schultern. Aber dem Knaben war -doch, als ob er an dem Herzen in der Brust noch schwerer zu tragen -habe. Er kam das erstemal nach Hause seit dem Tode beider Eltern. - -Wie schwer sich das ging! Schwer und ohne alle Freude. Er hatte auch -jetzt keine Begierde, die Veränderungen zu sehen, die seitdem gemacht -worden waren. Es waren schon zu viel Veränderungen für eine Heimat. - -Als er den Buchenhof sehen konnte, blieb er tiefatmend stehen. Dann -begann er heftig zu weinen. War er dort unten zu Hause? War das -wirklich der Ort, nach dem er sich in seinen Heimwehstunden gesehnt -hatte? Oder war er nicht in die Irre gegangen, war das nicht die Fremde? - -Wenn sein Vater jetzt dort unten ginge und nur einmal hinaufnickte, das -wäre schön. - -Aber dort war der Kirchhof. Dort lagen Vater und Mutter. Dorthin mußte -der Heinrich gehen, wenn er nach Hause kommen wollte. - -Und die Tränen des Kindes flossen reichlicher. - -Da erhob sich etwas vom Straßenrande, ein Stückchen den Weg hinunter, -und kam rasch auf Heinrich zugelaufen. Es war Lotte Schräger. - -»Guten Tag, Heinrich! Guten Tag! Ach, ist das schön, daß Du kommst! -Siehst Du, ich hab' einen Strauß gemacht. Da -- nimm ihn! Warum -sagst Du denn nichts? Gefällt er Dir nicht? Es gibt jetzt noch keine -hübscheren Blumen.« - -»O ja, Lotte, er ist sehr schön. Wo kommst Du denn her?« - -»Ich hab' gewußt, daß Du kommst. Und es hat Dich doch niemand abgeholt, -da wollt' ich Dir ein bißchen entgegengehen.« - -Er wurde verlegen. - -»Na ja, Lotte, da seh' ich doch jemand, den ich kenne.« - -»Komm, ich werd' Dir den Koffer tragen. Oh, is der schwer!« - -»Laß, Lotte, den Koffer kannst Du nicht tragen, den trag' ich selber!« - -»Na nu, mal weg mit der Hand! Ich trag' den Koffer! Du mußt ja schon -schrecklich müde sein!« - -»Lotte, es geht nicht! Laß mich wenigstens am Henkel mit anfassen, da -wird's besser gehen!« - -So einigten sie sich und trugen den Koffer miteinander den Weg entlang. - -Der Frühling lachte aus dem Walde heraus, und Heinrich Raschdorf ward -auf einmal wohl ums Herz. Die Bangigkeit war verschwunden, und wie -durch ein Wunder war die Ferienfreude in sein Herz eingekehrt. - -»Lotte, ich freu' mich so, daß ich Dich getroffen habe.« - -Das Mädchen sah ihm unschuldig ins Gesicht und lachte. - -»Ja, sieh mal, Heinrich, das ist halt, weil ich doch eigentlich Deine -Braut bin. Weißt Du noch damals vom Feuer?« - -»Ich weiß es noch!« - -Der Knabe war rot geworden. Er war schon reifer als das Kind, und es -ging ihm jetzt wie eine langsame Lähmung durch die Glieder. Er hatte -immer jene Mitschüler für schlechte Subjekte gehalten, die davon -redeten, daß sie eine »Flamme« hätten. Es waren so fünf bis zehn Stück -davon in der Klasse. Und ein paar machten sogar Gedichte. Herauskommen -durfte so etwas nicht, da wäre einer einfach »abgesägt« worden. Eine -schlechte Nummer wäre das mindeste gewesen. - -Eine Angst packte Heinrich, ohne daß er doch ein heimliches -Glücksgefühl los wurde. Und der junge Herkules wußte gar nicht, daß er -da mit seinem Koffer auf einem Scheideweg herumlief. - -Lotte begann wieder zu reden. - -»Jetzt nach Ostern komm ich auch auf die Schule. In eine Höhere -Töchterschule. Weißt Du, Stunden hab' ich ja schon viel gehabt, auch -im Französischen, aber jetzt soll ich nu die richtige Bildung lernen. -Vielleicht auf vier Jahre komm ich fort.« - -»So, so, Lotte. Da wirst Du ja eine feine Dame werden.« - -»Ja, der Vater will's. Viel Spaß macht mir's nicht. Aber ich denke, -wenn Du doch so viel lernst, da muß ich auch nicht so dumm sein, wenn -wir uns schon einmal heiraten.« - -Das Mädchen ging von seinem Eheprojekt nicht ab. - -»Du hast doch niemand was erzählt, Lotte?« fragte Heinrich ängstlich. - -»Soll ich nicht?« - -»Nein, Lotte, Du darfst nichts erzählen -- niemand! Hörst Du -- -niemand: Das paßt sich nicht!« - -»Das paßt sich nicht?« - -Das Mädchen wurde nachdenklich. Zum ersten Male kam ihr ein dumpfes -Bewußtsein, daß es sich hier um etwas handele, was niemand wissen -dürfe. Und das tat ihr leid. - -»Aber -- aber so einen niedlichen Ring könntest Du mir auch schenken.« - -Dem Knaben wurde schwül, und er sah sich ängstlich um, ob auch niemand -in der Nähe sei. - -»Ich möchte schon, aber ich hab' keinen, und wenn's geht, schenk' ich -Dir einen.« - -»Ach, da würd' ich mich aber freuen, Du! Schrecklich tät ich mich -freuen!« - -Heinrich begann ein alltägliches Gespräch, und das setzten sie fort, -bis sie sich eine Strecke vom Buchenhofe entfernt verabschiedeten. - -Unterm Hoftor blieb Heinrich stehen. Er kannte das väterliche Gehöft -kaum wieder. Vieles war verändert. Eine Menge Baumaterialien war im -Hofe aufgeschichtet und eine Schar Arbeitsleute war geschäftig tätig. - -Abseits an einer Mauer saßen Hannes und Lene. Sie hatten ein jedes -einen Hammer in der Hand, und damit schlugen sie Kalk los von alten -Ziegeln. - -Als sie Heinrich sahen, kamen sie rasch auf ihn zu. Mit herzlicher -Freude begrüßten sie den Heimkehrenden. - -»Jesses,« schrie Hannes, »nu hat niemand an den Koffer gedacht. Na, da -haste gut schleppen können. Gib mal her! Schwerleck, der zieht! Na, -siehste, Heinrich, Du mußt nich immer so viel Bücher reintun, denn sie -sind schwer, und pauken tuste in den Ferien doch nich!« - -»Von wem haste denn den Strauß?« fragte Lene. - -Heinrich wurde rot und suchte nach einer Ausrede. Aber dann sagte er -mit möglichstem Gleichmut: - -»Ach, ich hab' die Schräger Lotte getroffen, und die hat ihn mir -geschenkt!« - -»Die Schräger Lotte?« fragte Lene streng. - -»Die Schräger Lotte?« wiederholte Hannes entrüstet. »Na, ich danke, mit -der gibst Du Dich noch ab und läßt Dir Sträuße schenken? Das hätt' ich -nich von Dir gedacht!« - -»Aber was -- was ist denn?« - -Hannes und Lene sahen sich an. - -»Er weiß noch nich. Na, ich werd' Dir's sagen, Heinrich. Rat' mal, wo -unser Mathias is!« - -»Unser Mathias? Zu Hause! Wo sonst?« - -Die Lene trat ganz dicht an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr: - -»Im Gefängnis is a!« - -»Im Gefängnis -- das ist nicht wahr!« - -»Ja! Der Schräger hat'n verklagt, und da hat a zehn Tage gekriegt. -Wegen der Beleidigung!« - -Der Knabe stand wie erstarrt. - -»Na, und Du läßt Dir von der Lotte 'n Strauß schenken?« - -Heinrich konnte kein Wort sagen, kein armseliges Wort. Ein Stückchen -Heimat hatte sich vor ihm aufgetan, als er mit dem Nachbarskinde vorhin -wanderte. Und das wurde ihm so grausam wieder genommen. - -»Seit wann ist er fort?« brachte er endlich heraus. - -»Heute is der vierte Tag. A hat sich gerade über die Feiertage -einsperr'n lassen, daß a dann wieder mit arbeiten kann. Na siehste, die -Schrägerleute, das sind eben alles Lumpe.« - -Jenseits des Hoftors schallte eine krächzende Stimme: - -»Eingesperrt -- eingesperrt! -- Sechs Dreier und einen Hund, einen -großen Hund!« - -»Das ist der Gustav, das blödsinnige Heft! -- Da! Hier habt Ihr Euren -Mist wieder!« - -Und Hannes riß Heinrich den Strauß aus der Hand und schleuderte ihn -über das Tor. - -»Was machst Du, Hannes, was --« - -Aber draußen schrie der Idiot schon wieder: »Blumen! Blumen! O, schöne -Blumen! A Pukettel! A Pukettel! Ich putz mich! Ich mach mich fein! -Sechs Dreier und einen Hund -- einen gro--o--o--ßen Hund!« - -Damit verschwand er singend im Kretscham. - -Heinrich stand mit gesenktem Kopfe da. - -»Unser Mathias! Aber das war doch nicht recht, Hannes! Die Lotte kann -doch nichts dafür.« - -Die Antwort gab seine Schwester Lene. - -»Das is ganz egal! Von den Schrägerleuten darfst Du keinen Strauß -nehmen. Das paßt sich nicht!« - -»Du wirst doch nich etwa zu den'n halten! Das hätt' sich der Mathias -gerade verdient. Na komm, Lene, wir müssen wieder Ziegeln abkratzen. -Geh nur in die Stube, Heinrich.« - -Die Kinder gingen fort, und Heinrich nahm den Koffer und trat ins Haus. - -Niemand war in der großen Wohnstube. Leer und einsam lag das Zimmer. Da -fühlte Heinrich Raschdorf, daß hier die Heimat nicht mehr war. - -Müde sank der Gast auf einen Stuhl und stützte sich auf den Tisch. Und -so saß er ohne klare Empfindungen. Nur eine große Bangigkeit war in ihm. - -Er hatte wohl auch Hunger. Aber es kam niemand, ihn zu fragen, ob ihm -etwas fehle. - -Der Lehnstuhl der Mutter stand am Fenster -- leer. Zuguterletzt ging -Heinrich mit zagen, scheuen Schritten näher und setzte sich in den -Stuhl. Das Gesicht preßte er gegen die Lehne. - -Und auch in dem Stuhle war nicht die Heimat. Nur eine wilde, quälende -Sehnsucht kam, indes es draußen langsam dunkelte. - - * * * * * - -Drüben über der Straße ging indes eine Kindheit unter. - -Die Kindheit Lottes. - -Wer von allen weiß, wie lange Kindheit dauert? Bei manchen Wesen ist -sie früh verloren; bei manchen dauert sie das ganze Leben. - -Wer ein Wissender wurde, ist kein Kind mehr. Nur die sind Kinder, die -vor den verschleierten Bildern des Lebens wunschlos stehen und nicht -fragen. - -Wer mit zweifelnder Hand den Schleier hob, oder wem ein Sturm die -großen, öden Bilder enthüllte, der ist weit von der Kindheit. - -Und wer weit von der Kindheit ist, ist nahe dem Tode. - -Die Scham war diesem Mädchen gekommen wie ein dunkelrotes Licht, -das ein trübes Erkennen brachte, das Erkennen, daß Lieb' und Treue -gemißhandelt werden können. - - O, ihr welken Anemonen! - O, ihr toten, traurigen Veilchen! - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 9] - - -Drei Jahre später. Die Osterglocken läuteten genau so wie damals, -als der Buchenhof wieder aufgebaut wurde. Ganz derselbe Akkord! Ganz -dasselbe Osterlied. Nur ein neuer Kantor ging vor der singenden Menge; -der andere war bei der stillen, großen Zuhörerschar, die ungesehen -hinter der frühlingsgrünen Rasengardine nach Auferstehungsliedern -lauscht. - -Vorweg im kirchlichen Zuge gingen die Musizierenden, dann kam der -Priester mit seiner Begleitung und dann die Gläubigen in Reihen zu fünf -oder sechs Leuten. - -Eine solche Reihe bestand aus Heinrich und Lene Raschdorf, Mathias -Berger, Liese, dem Schaffer und seinem Sohne Hannes. - -Die Buchenhofleute gingen immer für sich. Sie vermischten sich mit den -anderen nicht. - -Früher waren sie mit bei der Musikkapelle gewesen, jetzt schon lange -nicht mehr. Sie waren einmal beleidigt worden. - -»Das ist kein Schade,« hatte der Mathias damals gesagt, als er mit -seiner Trompete nach Hause kam, die sonst auf dem Chor neben der -Orgel hing, »gar kein Schade, denn die Sänger und Musikanten sind die -unandächtigsten Leute in der ganzen Kirche. Wenn sie musizieren, da -haben sie bloß immer aufzupassen, daß sie nich aus 'm Takt kommen, und -könn'n an a Herrgott nicht denken, und wenn Pause is, da schnaupen sie -sich die Nasen aus oder quatschen miteinander. Na, ich sage: Wenn der -Herr Jesus mal auf so 'n Chor käm', der schlüg' manchem die Baßgeige um -die Ohren.« - -»Is richtig,« hatte der Schaffer gesagt und sonst nichts, hatte aber -auch damit seine künstlerische Stellung als Paukenschläger begraben. - -Am nächsten Sonntag aber, als Reichel mit Mathias in der Kirche unten -im Schiff saß, schlief er ein. Da sagte Mathias auf dem Heimwege, -für den Schaffer wäre das Paukenschlagen immer noch der allerbeste -Gottesdienst. - -Nach der kirchlichen Feier an jenem Ostermorgen gingen die -Buchenhofleute miteinander heim. - -Sie waren sehr fröhlich, denn es ging ihnen gut. Heinrich war nun -endgültig von der Schule zurück. Er hatte die Berechtigung zum -Einjährigen-Dienst erworben, und Mathias Berger war zufrieden mit ihm. -Heinrich war ein hochgewachsener, etwas blasser, aber hübscher Bursche -geworden. - -»Nun kann's gehen, wie's will, Heinrich, nu find'st Du immer 'ne -Stelle.« - -Übrigens ging es gut. Der Hof war völlig neu eingerichtet, und ein -paar günstige Jahre sowie Fleiß und Anspruchslosigkeit, die keiner -Steigerung mehr fähig waren, hatten zuwege gebracht, daß Mathias -Berger nicht nur die Zinsen pünktlich bezahlen konnte, sondern immer -neue Verbesserungen im wirtschaftlichen Betrieb anlegte, wenn er auch -vorläufig noch kein Geld sparte. - -Wenn ihn aber Heinrich fragte, ob er sich auch gewissenhaft die Zinsen -für sein eigenes Kapital nähme, wurde er immer verstimmt und sagte: - -»Möchtest mir wohl auch gern Lohn geben wie einem Großknecht? Sei nur -still! Ich komm schon zu meiner Sache, wenn's erst besser geht. Später -rechnen wir ab. Ich schreib' alles auf. Und weißt Du, was ich brauche, -nehm' ich mir, und meiner Schwester und der Liese schick' ich Milch und -Butter, Kartoffeln und Speck. Das sind genug Zinsen.« - -Nun trug sich Mathias Berger mit großen Plänen. In einem Hügel, der -zum Buchenhof gehörte, hatte er ein Lehmlager entdeckt. Also wollte er -eine Ziegelei anlegen und erhoffte von dieser reichliche Erträge. Nur -klug und vorsichtig müsse man es anfangen. Jedenfalls sei die Sache -bei der regen Bautätigkeit, die im Kreise entfaltet werde, durchaus -aussichtsvoll. Als Anlagekapital wollte Mathias Berger seine letzten -7000 Mark zu Hilfe nehmen. - -»Und wenn das Geld verloren geht, wenn wir pleite werden, wenn Du -stirbst, was wird dann aus der Liese?« - -Bergers Gesicht verfinsterte sich etwas. - -»Aus der Liese?! Na ja! Aber sieh mal, da muß sie halt arbeiten -- -wie wär's, wenn ich das Geld nicht gewonnen hätte? Und dann is vom -Pleitewerden gar keine Rede. Geht der Krempel nicht, hör'n wir zur -rechten Zeit auf!« - -Heinrich dachte nach. - -»Jawohl, und ich würde ja auch die Liese nicht verlassen, ich würde -alles tun für sie -- alles!« - -Da leuchteten Mathias Bergers Augen. Es lag ein eigener Osterglanz -darin. Und er drückte Heinrich stumm die Hand. - -Der aber sah den Weg hinauf. - -Dort ging im jungen Morgenlicht eine schlanke, feine Mädchengestalt. -Sie trug ein lichtes Kleid und einen ganz modischen Hut. - -Neben ihr ging ein junger Bursche, und vornweg trollte der Idiot. -- - -»Du,« sagte Hannes zu Lene, die auch miteinander gingen, »eigentlich -ist doch die Schräger Lotte a sehr hübsches Mädel geworden.« - -Lene antwortete nicht. - -»Na, ich sag' ja, Lene, Du bist ja auch ganz hübsch, wenn Du och nich -so fein und klug bist. Und was die Hauptsache is, Du bist doch viel -kräftiger als wie die Lotte.« - -Das hielt Hannes für eine Schmeichelei. Die Lene aber fuhr ihn zornig -an, daß er es für ratsamer hielt, sich Heinrich anzuschließen, der -indes langsam herankam. - -»Was ist denn los? Ihr habt Euch wohl wieder gezankt? Könnt Ihr Euch -denn nicht vertragen?« - -»Nee, dazu is die Lene zu grob. Sie hat keene Bildung! Am besten is, -ich red' überhaupt nich mehr mit ihr.« - -»Was habt Ihr denn wieder mitsammen?« - -»Ach, ich hab' bloß gesagt, daß mir die Lotte gefällt, und da is se -wahrscheinlich eifersüchtig oder so was.« - -Heinrich sah vor sich nieder auf den Weg. - -»Damals hattest Du Lottes Strauß auf die Straße geworfen, alter Freund. -Weißt Du, daß sie seit der Zeit nie mehr mit mir gesprochen hat?« - -»Ja. Aber im Grunde genommen is 's ja besser so. Freundschaft -könn'n wir doch mit a Schräger-Leuten nich halten. -- Sieh mal a -jungen Riedel! Ich globe, der will se poussier'n. A lauft alle Tage -zum Schräger. Na, das wär' auch, als wenn sich der Ochse mit 'm -Kanarienvogel verheiratete!« - -In diesem Augenblick wandte sich Gustav Schräger um und brüllte aus -vollen Lungen den Bergweg herunter: - - »Sechs Dreier und einen Hund! - Einen gro...o...ßen Hund!« - -Man hörte den jungen Riedelbauer lachen, während Lotte den Idioten -offenbar scharf zur Ruhe wies. Da blieb er hinter ihr und ihrem -Begleiter zurück, drehte sich von Zeit zu Zeit um, drohte mit der Faust -nach den Buchenhofleuten oder warf Steine den Weg herab. - -»A wird immer blödsinniger,« sagte Hannes. »Aber das Versel vom Barbier -kann a immer noch. 's is das einzige, was a auswendig kann. Na, und -sein Vater is bald nich mehr klüger wie er.« - -»Du mußt nicht so reden, Hannes.« - -»Na, Du hast eben keine Ahnung, Heinrich, wie der Schräger sauft. Alle -Tage is a besoffen, manchmal schon frühmorgens. Und weißte, das is -komisch: a sauft gerade seit dem Tage, wo Deine Mutter gestorben is.« - -»Wieso?« - -»Früher hat doch der Schräger kaum amal genippt, und an dem Tage, wo -Deine Mutter frühmorgens starb, da war a mittags schon so besoffen und -hat so gelärmt im Kretscham, daß man's bis bei uns gehört hat. Weißte, -was Mathias sagt? Das is das böse Gewissen! Das will a totsaufen!« - -»Das kann kein Mensch behaupten.« - -»Behaupten wird's der Mathias nich mehr, dafür hat a ja zehn Tage -gekriegt. Weißte noch, jetzt sind's grade drei Jahre. Das war a -schlechtes Osterfest. Der Mathias kann alles vergessen, aber daß a hat -sitzen müssen, das frißt an 'm. Deswegen is a auch bloß mit a Leuten -im Dorfe nich mehr gutt. Die geh'n nu amal doch zum Schräger, und den -Schräger kann a nich leiden.« - -»Eigentlich ist es schlimm, daß wir uns mit den Leuten nicht vertragen, -aber ich hoffe, daß es doch mal besser werden wird!« - -»Da kannste lange hoffen! Wenn wir jetzt erst noch Ziegeleibesitzer -sind, da fressen sich die Leute selber uff vor Neid. Denn im Grunde -genommen nehmen sie's uns doch bloß übel, daß wir damals nich pleite -geworden sind. Wenn Dein Vater eingesperrt worden wär', und die -Wirtschaft hätte der Schräger, und Du wärst Knecht, da wär'n Dir die -Leute ganz gutt. So aber nich!« - -Heinrich seufzte. Hannes fuhr fort zu reden. - -»Und was haben sie alles gesagt: Dein Vater hat angezünd't oder Du! -Ja, ja, guck nur! Das sagen sie immer noch. Zwar nich laut, denn da -setzt's ja zehn Tage, aber sie sagen's. Du oder Dein Vater, oder beide! -Und dann, daß a sich erschossen hat. Und von Deiner Mutter und vom -Mathias --« - -»Hör' auf, Hannes, hör' auf! Ich mag nichts mehr hören -davon!« -- -- -- -- - -Ein Stückchen weiter den Weg hinauf sagte Lotte Schräger zum jungen -Riedel: »Es ist doch unrecht von den Dorfleuten, daß sie so garstig zu -den Raschdorfs sind.« - -»Unrecht, hä! Zu solchen Feuermachern und Selbstmördern?!« - -»Wer kann das beweisen? Kein Mensch!« - -»Beweisen! Hä! Das Gericht freilich nich. Aber wir wissen's alle. Und -der Berger. Wo hat a denn das Geld her? 40000 Mark a Lumpenmann! Was?« - -»Das weiß ich nicht.« - -»Nee, das weeß keen Mensch, das weeß a bloß selber. Da müßt' sich's -Gericht drum bekümmern; aber darum schert sich keen Teufel. Zu knapper -Not, daß a damals was aufs Maul kriegte, wie a 's Deinem Vater in die -Schuhe schieben wollte, ein'm Manne, der überhaupt nich aus der Stube -gekommen is. Das sind feine Leute, was?« - -Lotte schwieg. - -»Na, und dann -- a hat die Raschdorfen geküßt. Die Glasen hat's -gesehen. Und das, während der Hof brennt in der Nacht. Feine Leute!« - -»Riedel, bitte, nicht -- nicht so was --« - -»Und warum interessiert a sich denn gar so sehr für den Heinrich? Warum -nimmt a weder Lohn noch Zinsen?« - -»Das kann ich nich sagen.« - -»Na, und der alte Raschdorf hat mit kein'm Menschen Freundschaft -gehalten, und die jetzt scheinen auch drauf zu warten, daß sie's ganze -Dorf um Verzeihung bitten kommt. Hol' der Teufel die hochnäsige Bande!« - -»Riedel, ich leid' solche Redensarten nicht.« - -»Leid'st sie nich? Na, da -- da kann ich wohl gehen, da kann's ja -die Schräger-Lotte mit a Buchenhofleuten halten. Aber der studierte -Heinrich, der gefällt vielleicht der Lotte, da hält sie's lieber gegen -a Vater --« - -»Riedel, das leid' ich nicht! Solches Gerede paßt sich nicht, überhaupt -auf dem Kirchwege! Da geh lieber!« - -Der Bursche sah mit finsterem Gesicht auf den Boden. Zwanzig Schritte -weit ging er noch mit, dann bog er in einen Feldrain ein. Lotte ließ -ihn gehen und schritt ernst weiter. Der Idiot aber schlich dem jungen -Riedel nach. - -»Du,« sagte er tückisch, »wir werden sie schmeißen!« - -Riedel antwortete ihm nicht, aber er blieb stehen. Indessen kamen -Heinrich und Hannes näher, ein Stück dahinter Mathias und Lene. Der -junge Riedel sah Heinrich herausfordernd an. Dann lachte er roh und -rief laut herüber: - -»Die Schräger Lotte möchte lieber mit a Buchenhofleuten gehn!« - -»Die Schräger Lotte läßt a Herrn Raschdorf schön grüßen, und sie möchte -gern seine Liebste sein!« - -Heinrich blieb erschrocken stehen und wurde feuerrot. - -»Ja,« fing der junge Riedel wieder an, »und sie nimmt ihm gar nischt -übel, nich a Brand und rein gar nischt!« - -»Riedel! Ich -- ich --« Heinrich ging ein paar Schritte auf den rohen -Burschen zu und blieb dann stehen. Er schämte sich, tätlich zu werden. -Riedel hielt das für Feigheit. - -»Oho, komm nur her, fang' nur an; Du bist mir gerade recht!« - -Da kam der Schaffer. Er ging schweigend auf Riedel zu. Der stand -verlegen still, denn den Schaffer fürchtete er. - -»Mit Ihnen hab' ich nischt,« sagte er halb trotzig und halb beklommen. -Darauf bekam er keine Antwort. - -Der Schaffer faßte ihn an beiden Schultern und kommandierte: »Kehrt!« -Damit drehte er den jungen Mann mit einem gewaltigen Ruck um, gab ihm -einen freundlichen Stoß in den Rücken und sagte: »Marsch!« - -Der junge, starke Bauer kochte vor Wut. Aber es nützte nichts; diesem -Riesen war er bei weitem nicht gewachsen, und so mußte er einen Schritt -vor ihm hermarschieren den Berg hinab, wenn er nicht das Schlimmste -gewärtigen wollte. - -Jedesmal, wenn er sich widersetzen oder stehen bleiben wollte, bot ihm -der Schaffer in gutmütigem Tonfall eine riesige Tracht Prügel an. - -Und so mußte er gehen und konnte nur schimpfen, denn wenn er geprügelt -worden wäre, das wäre eine zu große Schande gewesen. - -Als sie ein großes Stück gegangen waren, sagte Reichel: - -»'s is heiliger Tag heute! Da soll man nich brüll'n, nich schimpfen und -überhaupt keene Stänkerei machen!« Mit dieser Ermahnung verließ der -tapfere Christ den wütenden jungen Riedel und ging schweigend zurück. - -Hannes hatte sich indessen aus hellem Vergnügen über das Bravourstück -seines Vaters lang auf den Wiesenrain geworfen und mit Füßen die Erde -getrommelt. Diese Beifallskundgebung trug ihm einen häßlichen Fleck auf -seinem neuen Sommeranzug und außerdem das bedrückende Bewußtsein ein, -daß er für seine Leute nicht Partei ergreifen dürfe, ohne Schaden zu -nehmen. Und es blieb ihm nichts übrig, als vorläufig auf das Benzin und -auf die Zukunft zu hoffen. - - * * * * * - -Fünf Tage nach diesem Ostermorgen begann Heinrichs Tätigkeit als Bauer. - -O du liebe, schwere Zeit! - -Eine Mahnung sollte jeder verständige Mensch beherzigen: Wenn du -geeignet bist, lateinische Schriften mit Geschick zu übersetzen und -algebraische Aufgaben mit Richtigkeit zu lösen, so unternimm es nicht, -Pferde anzuschirren, sonst kannst du an all deinen Talenten irre werden -und andere auch. - -Hannes stand als Lehrmeister neben Heinrich, der sich bemühte, einen -Ackergaul anzuschirren. Der junge Magister war schlechter Laune. - -»Heinrich, Du bist einfach 'n tapriger Hering. Hierum kommt der Riemen! -Hier mußte festschnallen! Nu, Mensch, siehste denn die Schnalle nich? -Nich zu locker! So, in das Loch! Herrjeh, Kerl, wenn Du als Primus -schon so tumm bist, wie mögen erst die andren sein!« - -»Bitte, Hannes, red' nicht so viel!« - -»Da soll einer nich reden! Sieh ock, wie sich der Schimmel umguckt! Der -lacht sich eens über Dich! Nanu a Zaum einmachen! Fürcht' Dich ock -nich! Der Schimmel beißt nich; höchstens Haber! Geh weg, ich mach' a -Zaum selber ein, das wär' mir a Gegratsche! Mach derweile a Mist aus a -Hufen raus.« - -»Was soll ich?« - -»A Mist aus a Hufen rausmachen!« - -»Womit denn -- womit soll ich denn, Hannes?« - -»Womit? Schafkopp! Mit a Händen! Mit was denn sonst?« - -»Pfui, das ist schrecklich unappetitlich!« - -Hannes schüttelte über seinen talentlosen Schüler melancholisch den -Kopf. - -»Unappetitlich! Mensch! Als wenn da was zum Essen wär'! Na, da sieh mal -her, so macht man a Mist aus a Hufen raus, schmeißt 'n natürlich weg -und wischt sich an a Hosen die Hände ab. Möcht' ich wissen, was dabei -unappetitlich is!« - -Heinrich sagte gar nichts; er seufzte nur schwer. Dann bestieg er mit -Hannes den Ackerwagen, und sie fuhren hinaus aufs Feld. Er selbst -behielt die Zügel. - -Wie sie ein Stückchen draußen waren, bückte sich der Schimmel nach -dem Wegrain und fing an zu grasen, während er den Wagen langsam, sehr -langsam hinter sich herzog. Heinrich ließ ihn gewähren, denn er meinte, -solch ein Gebahren sei bei den Ackerpferden allgemein üblich. - -Hannes aber saß stumm neben ihm mit verhaltenem Zorn und schwerer -Verachtung. Nach einer Weile hielt er's aber nicht länger aus und er -seufzte zynisch: - -»Na, da werden wir ja hoffentlich zu Mittage draußen sein.« - -Heinrich schrak aus seinen Träumen empor und wackelte energisch mit -der Leine. Der Schimmel ließ sich dadurch nicht stören, sondern -streckte gerade seine lüsterne Zunge nach einer frisch aufgeschossenen -Maiblumenstaude aus -- da hieb ihm unvermutet der Hannes die Peitsche -über den Rücken, daß er aufzuckte und sich in eine für sein Temperament -verblüffend schnelle Gangart setzte. - -Leider geschah es, daß Heinrich über den Hieb noch heftiger erschrak -als der Schimmel, und daß ihm deshalb die Leine entglitt, die nun unten -auf der Erde einherschleifte. Und in dieser für einen Kutscher sehr -trostlosen Verfassung begegnete das dahinsausende Gefährt dem Barbier. - -Der schlug ein Gelächter an und ging dann schnell dem Buchenkretscham -zu. -- - -Auf dem Felde draußen sagte Hannes finster: - -»Du plamierst ein'n kolussal!« - -Heinrich wußte nichts zu erwidern. Da war er nun der Herr und Besitzer -des Buchenhofes, hatte mehr gelernt als alle anderen Bauern und wußte -nicht einmal einen fetten Gaul zu regieren. - -Und nun kam die schwierigere Aufgabe. Heinrich sollte pflügen lernen. -Hannes spannte den Schimmel an den Pflug und sagte: - -»Den Rand mach' ich! Das is zu schwer für Dich. Geh mal nebenher und -paß auf! So -- also so wird der Pflug gehalten. Fest muß man ihn -halten, sonst springt a raus. Und 's Pferd muß immer'n Fuß breit weg -von der Furche gehn. Jüh!« - -Aufmerksam schritt Heinrich neben dem Pfluge einher. Er gab genau -acht, und die Sache erschien ihm kinderleicht. Hannes machte allerlei -Kunststückchen; er überbot sich in technischen Ausdrücken, namentlich -in den direkten Anreden, die er an das Pferd richtete, und ließ bald -die rechte, bald die linke Hand von den Holmen los, wie ein eitler -Radler auf der Straße, wenn er den Passanten zeigen will, wie sicher er -seiner Sache sei. - -Indessen kam Heinrich in eine schwermütige Stimmung. Seine Gedanken -flogen hinab nach Breslau. Heute begann das neue Schuljahr. Die -Ober-Sekunda! Jetzt mußte eigentlich alles erst recht interessant -werden. Der Ordinarius in Ober-Sekunda war bekannt als tüchtiger -Lehrer. Ach, er durfte seinem Unterricht nicht lauschen; er mußte -pflügen lernen, mußte stumpfsinnig die Furchen entlang gehen, immer hin -und her ohne alle Abwechslung, ohne jedes bißchen Geist. - -Aber er hatte es ja doch so gewollt; er hatte um jeden Preis in der -Heimat sein wollen. - -Und wieder dachte er nach, was für eine Bewandtnis es um die Heimat -habe. - -»Na, nu kommst Du dran, Heinrich; nu nimm Dich aber zusammen!« - -Heinrich trat an den Pflug, und sein Gesicht war so rot, als ob ihm -eine schwierige Examenaufgabe gestellt worden sei, von deren guter -Lösung alles abhing. Krampfhaft fest faßte er die Holmen des Pfluges. - -»Los!« sagte er mit erregter Stimme. - -»Los versteht der Schimmel nich,« korrigierte Hannes; »jüh mußte sagen.« - -»Jüh!« - -Das Pferd zog an. Ein paar Schritte ging es. Heinrich taumelte hinter -dem Pfluge hinüber und herüber wie ein Betrunkener; schließlich flog -die Pflugschar aus der Erde heraus, der Pflug fiel um, und Heinrich -sprang beiseite, um nicht geschlagen zu werden. - -Der Schimmel blieb verdutzt stehen und schaute sich mitleidig um. -Hannes aber zuckte empört die Schultern. - -»Schweinisch, sag' ich, einfach schweinisch!« - -Das war seine Kritik, dann zog er den Pflug zurück, verbesserte die -»verhunzte Furche«, fuhr bis auf die Mitte des Ackers und bot Heinrich -abermals den Pflug an. - -Ach, der Erfolg war nicht besser als vorher. Hannes schimpfte, und über -Heinrich kam tiefe Verzagtheit. - -»Es geht nicht, Hannes, es geht absolut nicht.« - -Hannes steckte sinnend die Hände in die Hosentaschen. - -»Heinrich, ich glaube, Du wirst a ganz miserabler Pauer werden.« - -Das fürchtete Heinrich auch, und die Frage, ob es nicht besser für ihn -gewesen wäre, bei den Büchern zu bleiben, tauchte ihm schon an diesem -ersten Tage seiner Bauerntätigkeit auf. - -Trotzdem nahm er mit großer Energie immer wieder das Geschäft des -Pflügens auf, und einmal gelang es ihm, eine ganze Furche entlang zu -fahren. Da rötete sich sein Gesicht vor Freude. Als er aber den Pflug -umwenden wollte, um zurückzufahren, geschah ein Unglück. Er setzte sich -das schwere Ackergerät heftig auf den Fuß. Laut auf schrie er, warf den -Pflug hin und setzte sich an den Feldrand. - -Wieder wandte sich der Schimmel um und machte eine so undeutliche -Miene, daß niemand wissen konnte, ob sie Mitleid oder Ironie bedeute. - -Hannes kam mit langen Schritten heran und besah sich den blutenden Fuß, -von dem Heinrich indessen den Stiefel gezogen hatte. Zorn und Mitleid -kämpften in ihm. - -»Das allerbeste is, Du gehst nach Hause. Das is ja lebensgefährlich für -Dich!« -- - -»Du -- dem Großbauern blutet der Fuß. A hat sich gewiß a Pflug drauf -gesetzt. Na und die Furche, sieh mal, die hat a gemacht.« - -Darauf ein schallendes Gelächter. - -Drüben am Wege standen der Barbier und der junge Riedel. - -Heinrich wandte sich ab vor Scham. Hannes aber, der die beiden Männer -auch nicht hatte kommen sehen, da das Ackerfeld hinter einem kleinen -Erlengebüsch lag, knirschte vor Zorn. - -»So 'ne lausige Plamage! Nu haben die Kerle zugesehn!« - -Aber dann wandte er sich nach dem Wege hinüber: - -»Macht, daß Ihr fortkommt! Das hier geht Euch gar nischt an. Der -Raschdorf Heinrich hat mehr Verstand in einer großen Zehe als Ihr in -der ganzen Figur, die Mütze noch mitgerechnet.« - -»Nu, so ein Lausejunge!« - -Der Barbier und Riedel kamen übers Feld. - -Hannes ergriff die Peitsche. - -»Heinrich, Du nimmst a Barbier, ich nehm' a Riedel!« - -Heinrich sprang auf. Mit dem blutenden, nackten Fuße stand er auf dem -schwarzen Boden. Aber er stand stolz und herrisch da. - -»Zurück! Das ist mein Grund und Boden! Ich verbiete Euch, daß Ihr ihn -betretet.« - -Die beiden Störenfriede blieben stehen. - -»Das is Hausfriedensbruch!« schrie Hannes. »Dafür setzt's Kittchen!«[1] - - [1] Gefängnis. - -Sie stutzten. Sie glaubten das von »Hausfriedensbruch« und kehrten um -mit der Drohung, der Hannes laufe ihnen schon noch in die Hände. - -Dann machten sie noch ein paar hämische Bemerkungen und gingen nach dem -Dorfe. - -Dort entstanden dem landwirtschaftlichen Erstlingswerk des jungen -Buchenbauern zwei üble Kritiker. -- - -»Nu werd' ich den Schimmel einspannen und Dich nach Hause fahr'n. -Laufen wirste wohl nich können.« - -So geschah es. Als Hannes wieder aufs Feld zurückkam und nun den Acker -in prächtigen, geraden Furchen pflügte, dachte er jedesmal, wenn er -voll Freude sein Werk betrachtete: - -»Bloß gut, daß ich nie aufs Gymnasium gegangen bin.« - - * * * * * - -Der junge Buchenbauer aber saß trostlos daheim in seiner Stube. Die -Liese verband ihm den Fuß. - -Mit zärtlicher Sorgfalt wusch sie die Wunde, und als sie den heilsamen -Arnikasaft darauf goß, sah sie ängstlich nach Heinrich, ob es ihm auch -nicht zu große Schmerzen verursachte. - -Mit geschickten Fingern legte sie den Verband an. - -Heinrich betrachtete das zarte, hübsche Mädchen. Sie war jetzt siebzehn -Jahre alt. Lichtblondes Haar fiel gescheitelt um die reine, weiße -Stirn. Das Gesicht war etwas blaß. - -Heinrich dachte daran, wie zärtlich Mathias dieses Mädchen liebte, und -er nahm sich vor, all sein Leben lang freundlich zur Liese zu sein. -Das, meinte er, erfordere schon die Dankbarkeit gegen Mathias, seinen -großen Wohltäter. - -Und dieser Gedanke, daß Mathias sich freuen würde, wenn er gut und lieb -zur Liese wäre, faßte ihn stark zu dieser Stunde. Bisher hatte er kaum -daran gedacht. Jetzt ward ihm die hohe Pflicht inne. - -Er strich dem knienden Mädchen sanft mit der Hand über den Scheitel. - -»Du bist so gut zu mir, Liese. Ich danke Dir!« - -Da sah sie ihn an mit strahlenden Augen, und ihre blassen Wangen -färbten sich ein wenig rot. - -»Ich tue es gern,« sagte sie schlicht. - -In diesem Augenblick sah Mathias zum Gartenfenster herein. Einen -Augenblick betrachtete er die beiden, dann trat er lautlos zurück. - -Im Garten lehnte er sich an einen Baum. Die ersten Knospen waren -aufgesprungen und schauten ihn an wie eben aufgegangene Sterne. -- - -Die folgenden Tage war Heinrich an die Stube gefesselt. Der Fuß war ihm -stark geschwollen. - -Da bat er die Liese, sie möchte ihm einige von seinen Büchern bringen. - -Wie die Bücher vor ihm lagen, strahlten die Augen des jungen -Buchenbauern. Es war, als ob er alte Freunde wiedersehe. - -Dann brachte der Postbote einen Brief. Er war von einem guten Freunde -Heinrichs aus Breslau, einem Schulkameraden, der in der Klasse neben -ihm gesessen und auch in derselben Pension mit ihm gewohnt hatte. - -Mit einem Jubelrufe empfing Heinrich das Schreiben und las mit -leuchtenden Augen. Lauter interessante Neuigkeiten von Leuten, die er -gut kannte. Und am Schluß kam die Schilderung des Lebens und Treibens -in der neuen Klasse. - -Über diesen Brief bekam Heinrich das Heimweh, und zwar so bitter und -stark, wie er es früher kaum gekannt hatte. Er schaute sich um. War -er denn nicht zu Hause? War das nicht seine Stube? War das nicht die -heimatliche Straße draußen? Wie konnte er Heimweh bekommen? Was war es -doch um die Heimat? - -Der Jüngling wußte es nicht; er glaubte immer noch, die Heimat sei ein -sichtbarer, bestimmter Raum. - -Als ein Weilchen später Mathias in die Stube trat, sagte Heinrich: -»Mathias, ich hab' ein Anliegen. Ich hab' hier einen Brief von einem -Freunde bekommen, der jetzt in Ober-Sekunda ist. Ich möchte mir gern -die Bücher von der neuen Klasse schicken lassen. Es interessiert mich -doch, was jetzt kommt, und dann, manchmal werd' ich ja doch Zeit haben, -ein wenig zu lernen.« - -»Ja, Heinrich, das machst Du recht, wenn Du weiter lernen willst.« - -So kam es, daß der junge Buchenbauer ein Studierender blieb. An all -den langen Abenden saß er bei den Büchern, auch an den Regentagen. Und -sein reger Geist faßte das meiste richtig. Dabei versäumte er nicht, -sich in den landwirtschaftlichen Arbeiten auszubilden; und es ging -auch ganz gut, seit er den schweigsamen, geduldigen Schaffer zu seinem -Lehrmeister gemacht hatte. Hannes hatte keine Unterrichtserfolge bei -ihm erzielen können, weil er ein zu heißsporniger, bissiger Pädagoge -war. Also ward ihm sein landwirtschaftliches Mentoramt auf Grund eines -Familienbeschlusses entzogen, und er fügte sich in diese Absetzung mit -Würde. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 10] - - -Und wieder waren Jahre vergangen, fünf Jahre, in denen sich wenig -geändert hatte. -- Dieselbe Heimat, dieselben Menschen! Nur die -Kinder waren vollends herangewachsen. Der Buchenhof war völlig wieder -ausgebaut und in tadellosem Zustande. Er war stattlicher und schöner -als je. So war die Prophezeiung des Mathias wahr geworden: daß es nicht -schwer sein würde, die Wirtschaft wieder emporzubringen. - -Auch die Ziegelei hatte sich gut bewährt. Das Lehmlager in dem -Hügel hatte sich als viel ergiebiger und besser herausgestellt, als -anfänglich erwartet worden war. Der Betrieb war geordnet, der Absatz -ausgezeichnet. So brachte das Unternehmen Überschüsse, und etliche -Leute rechneten aus, daß der Buchenbauer allein durch die Ziegelei ein -steinreicher Mann werden müsse. - -Da wurde es möglich, nach und nach Schulden zu tilgen. Heinrich bestand -darauf, daß Mathias Berger seine Zinsen und seinen Gewinnanteil von der -Ziegelei einkassierte und für Liese anlegte. Er selber sparte für seine -Schwester Lene. - -Also stand alles wohl. Geld ist am Ende von geschickten Leuten immer -leicht zu verdienen. - -Dagegen waren die Buchenhofleute in der Sympathie ihrer Mitbürger -kaum vorwärts gekommen. Die räumliche Heimat hatten sie gerettet, die -andere, wirkliche, ideelle war ihnen noch versagt. - -Es ist sehr schwer, bei schlichten Landleuten alte Vorurteile -auszurotten. Dazu kam, daß sich in all den Jahren im Dorfe nichts -Aufregendes ereignet hatte. Die Buchenhofaffäre war aktuell geblieben. -Das Unaufgeklärte, Ungewisse behielt den Reiz. Immer blieb die -Hoffnung, es werde noch einmal Licht kommen in die dunklen Geschehnisse. - -Es soll nicht gesagt sein, daß die Schuld ganz auf der Seite der -Dorfleute lag. Die Schlesier sind im allgemeinen gute, gemütliche -Menschen, nicht hart, finster und abgeschlossen, wie sonst die -Leute in der großen, nordischen Ebene vielfach sind, sondern leicht -zugänglich, lustig und eher den fröhlichen Süddeutschen vergleichbar. -Das Gebirgsvölklein namentlich ist von leichterem Schlage und hat viel -Sonne in der Seele. - -So war's auch hier im Dorfe. Aber die Buchenhofleute hielten -sich selbst abseits. Sie mochten nicht hingehen und um die -Heimatsgemeinschaft werben, und eine freundliche Einladung wurde ihnen -nicht zuteil. - -Mathias Berger wußte, daß noch jetzt in vielen Behausungen die -alten Zeitungsnummern aufbewahrt wurden, in denen die Verhandlung -des Brandprozesses geschildert war und seine zwangsweise Abbitte an -Schräger stand. Er hatte endlich auch gehört, daß er wegen seines -Geldes verdächtigt wurde. Da hatte er sich nicht enthalten können, -an Schräger einen Brief zu schreiben, in dem er ihm »spät, aber doch« -dafür dankte, daß er ihn ehemals habe fünf Mark gewinnen lassen, für -die er ein Glückslos gekauft habe. Das Geld habe gerade dazu gereicht, -den Buchenhof zu halten, der wohl sonst das Besitztum des Wirtes -unnütz vergrößert hätte. Der Brief war an einer neuen Injurie gerade -noch knapp vorbeigegangen. Schräger hatte gewettert und geflucht, und -die Dorfleute hatten die Lotteriegeschichte nicht geglaubt, sondern -desto eifriger nach einer recht abenteuerlichen Lösung der Bergerschen -Vermögensfrage gesucht. - -Am wenigsten fand Heinrich den Weg, obwohl seine weiche Seele ihn -suchte. Oftmals zwar redete er sich ein, er brauche die Gemeinschaft -nicht, er habe ja Gesellschaft auf dem Hofe, lauter liebe Leute, die's -treu zu ihm meinten. Aber er kam nicht um die alte Wahrheit herum, -daß der Mensch nicht immer mit denselben Menschen verkehren kann. Die -Schiffsleute, die lange auf demselben Fahrzeug eng zusammenlebten, -gehen auseinander, wenn sie ans Land kommen. Sie haben einmal das -Bedürfnis, die alltäglichen Gesichter auf eine Weile nicht zu sehen. -Und es gibt viele Leute, die in Bureaus, Geschäften, Schulen friedlich -und freundlich zusammenarbeiten und sich doch in ihren Freistunden -nicht sehen und treffen mögen, sondern lieber Fremde aufsuchen oder -allein sind. - -Die Buchenhofleute lebten zusammen wie auf einem großen, einsamen -Schiff. Im Winter vergingen Wochen, ohne daß sie ein Wort mit jemand -von auswärts wechselten. Und so kam es, daß ein Händler, wenn er sich -in das Gehöft verirrte, wie ein lieber Gast festgehalten und nach -allem möglichen befragt wurde. - -Am schwersten litt an solch trüben Wintertagen der Hannes. Es kam vor, -daß er sich auf die Ofenbank legte und vor lauter Einsamkeit heulte. -Dann schwor er hoch und teuer, wenn erst der Frühling käme, zöge er in -die Fremde. Wenn die Lene das hörte, sagte sie, er solle nur geschwind -machen, daß er fortkäme. Und das nahm er dann immer übel. - -Auch Mathias litt an der Einsamkeit. Manchmal, wenn er den alten Pluto -streichelte, der immer noch das Gnadenbrot bekam, dachte er an seine -Lumpenmannszeit, und da kam es ihm vor, als sei er damals ein junger, -glückseliger Vagant gewesen, der frei und unverdrossen auf grünen -Straßen fuhr, heute hier, morgen dort, immer wieder bei anderen Leuten, -immer lustig und überall gern gesehen. - -Heinrich saß zu solchen Zeiten hinter seinen Büchern und studierte. -Nur eine war glücklich und ganz zufrieden: das war die Liese. Diese -einsamen Stunden waren ihre seligste Zeit. Dann saß sie mit ihrem -Nähzeug still und freundlich da und hob nur manchmal die Augen, um nach -Heinrich zu schauen. - -Aber drüben im Buchenkretscham wohnte noch ein einsameres Menschenkind, -ein Kind, das gar keine Heimat hatte: das war Lotte Schräger. - -Sie hatte niemand. Der Vater war fast täglich betrunken, der Bruder ein -Idiot. Und ihr verhältnismäßig hohes Maß von Bildung vermehrte nur das -Unglück, erhöhte das Grauen, das ihre »Heimat« ihr einflößte. - -Von den Buchenhofleuten sah sie selten jemand. Sie wurde auch von ihnen -gar nicht beachtet. Die stolze Lene Raschdorf hatte ihr sogar zweimal -einen Gruß nicht erwidert. Aber die Lene blieb manchmal stehen und sah -sie mit ihren kohlschwarzen Augen herausfordernd und feindselig an. Sie -war ganz wie ihr Vater, der alte Raschdorf, vor dem sich die Lotte auch -immer ein wenig gefürchtet hatte. Und sie trug neuerdings am Sonntag -modische Kleider. Sie trug sie wie eine Dame, ohne Fehler. Aber Lotte -wußte, daß sie es ihr nachmache. - -Den Heinrich Raschdorf sah Lotte sehr selten. Gesprochen hatte sie -nicht mehr mit ihm nach jenem Tage, da sie ihm den Strauß geschenkt und -den Koffer getragen hatte. Damals war sie ja ein dummes Kind gewesen, -aber sie wurde jetzt noch rot, wenn sie an die alten Tage dachte. -Daß er sie geküßt hatte, daß sie ihm zugeredet hatte, er möchte sie -heiraten, daß er dann ihren Strauß auf die Straße geworfen hatte, daran -dachte sie oft. - -Wenn er sie jetzt traf, zog er mit städtischer Höflichkeit den Hut, und -sie neigte ebenso kalt-höflich den Kopf. Sie wußte kaum, wie er aussah; -nur daß er einen Schnurrbart trug, hatte sie einmal gesehen. - - * * * * * - -So war es wieder einmal Frühling geworden. Draußen war ein wunderbarer, -weicher Abend, aber der Kretscham war voll von Leuten. Die saßen alle -in üblem Tabaksqualm und sehnten sich nicht nach der herrlichen Luft -draußen, durch die die Nachtigallen sangen, durch die der Flieder -duftete, durch die die Sterne leuchteten. - -Bauern haben gern schlechte Stubenluft, viel lieber noch als die -Städter. Das ist merkwürdig genug, da doch die Luft im Freien, die sie -meist atmen, die Bauern wählerisch und verwöhnt machen müßte. Es ist -anzunehmen, der Tod habe das so eingerichtet, denn wenn die Bauern -auch noch gesund wohnten und schliefen, so wie sie gesund arbeiten, -würden wohl alle über hundert Jahre alt werden. Und das gäbe zu viele -Auszügler. -- -- -- -- - - * * * * * - -Es war Steuertag. »Gemeindegebot, Rente, Schulgeld, -Schornsteinfegergeld und Nachtwächtergeld« wurden eingenommen. Da -waren die meisten Hausväter persönlich erschienen, um ihre Steuer zu -bezahlen. Kam aber irgendeine Frau, so neckten sich alle mit ihr, und -Schräger mußte ihr einen Ingwer einschenken, den irgendeiner zum Besten -gab. Das ist bäuerliche Ritterlichkeit. - -Vom Buchenhofe brachte stets eine Magd die Steuer. Sie allein bekam -keinen Ingwer. - -An diesem Tage war im Buchenhofe große Aufregung gewesen, denn Hannes -hatte plötzlich und ohne alle äußere Veranlassung erklärt, er werde -selber gehen, um die Steuer abzuliefern. Er fügte noch die kühne -Behauptung hinzu, daß er sich auch vor dem Teufel nicht fürchte, und -daß er den Leuten beweisen wolle, daß der Buchenhof ebenso das heilige -Recht habe, seine Steuer persönlich zu zahlen wie alle anderen. Zudem -läge die Sache günstig, denn Mathias sei nicht zu Hause, der sonst -dagegen reden würde. - -Was Hannes zu seinem kühnen Plane begeistert hatte, ist, wie gesagt, -schwer zu bestimmen. Es war zum Teil Laune, zum Teil die Lust, endlich -einmal etwas Neues zu erleben und der Einsamkeit entrissen zu werden. - -Wie nun aber immer bei der Entscheidung »prinzipieller Fragen« viel und -klug geredet wird, so auch hier. Sogar der Schaffer beteiligte sich an -der Debatte, scheinbar gegen Hannes, im Grunde aber doch wie immer für -ihn. Heinrich war unschlüssig, und nur Lene widersprach aufs heftigste. -Aber schließlich siegte Hannes. Er bekam das Steuerbuch ausgehändigt, -und Lene zählte ihm aus der »Schwinge« den Steuerbetrag auf und noch -eine Mark darüber, wie Hannes wünschte. Sie mußte ihm sogar das große -Paradeportemonnaie des alten Raschdorf borgen, das dieser immer nur bei -besonders feierlichen Anlässen gebraucht hatte. - -Also ausgerüstet schritt Hannes in seinem Sonntagsanzug über die -Straße, stolz wie ein Held, der in den Kampf zieht, einer gegen alle. - -Die Buchenhofleute sahen ihm vom Fenster aus nach. Das Herz klopfte -allen, am meisten dem besorgten Vater des Helden. Am besten sei es, -meinte der Schaffer, er bewaffne sich mit einem tüchtigen Stecken und -stelle sich hinters Hoftor, damit er gleich hinüber könne, wenn er etwa -den Hannes schreien höre. - -Aber Hannes schrie nicht. Mit einem Ruck riß er drüben die Tür des -Kretschams auf und trat hocherhobenen Hauptes in die Stube. Sein -urplötzliches Erscheinen hatte wirklich den gewünschten Erfolg. Die -Bauern waren über die Maßen verblüfft, und es entstand eine große -Stille. - -Diese Wirkung gedachte Hannes noch zu steigern. Er schnitt also -ein Gesicht, das hoheitsvoll sein sollte, in Wirklichkeit aber -verunglückte, trat an den Gerichtstisch und grüßte mit nachlässiger -Stimme: - -»Mahlzeit!« - -In dem städtischen Gruße »Mahlzeit«, meinte Hannes, liege die ganze -Summe von Hoheit und Vornehmheit, über die ein Mensch verfügen könne, -klar ausgedrückt. - -»Mahlzeit!« wiederholte er, da niemand antwortete. »Ich bringe -persönlich die Steuer vom Buchenhofe, denn der Buchenhof hat das Recht -dazu!« - -Das bestritt niemand. Es antwortete überhaupt keiner der Anwesenden. - -»Wieviel macht es?« fragte Hannes und zog das riesige -Paradeportemonnaie des alten Raschdorf mit viel Umständlichkeit aus -der Tasche. Er wußte zwar die Summe ganz genau, aber er hatte durch -seine Frage Gelegenheit, das Portemonnaie herausfordernd in der Hand zu -halten, während der Gerichtsschreiber die Summe ausrechnete. - -»Also so?« sagte er, als er den Steuerbetrag erfahren hatte, und fing -an, das Geld langsam aufzuzählen, wobei er jedes Stück einzeln aus dem -Portemonnaie nahm. Gegen Ende hin aber wurde er plötzlich unruhig, -überflog den aufgezählten Betrag, guckte betroffen ins Portemonnaie, -zählte nochmals, verfärbte sich ein wenig und fragte beklommen: - -»Wieviel macht es?« - -Der Gemeindeschreiber wiederholte den Betrag. - -O, ihr lieben Heiligen! Hannes hatte eine Mark zu wenig, statt einer -Mark zu viel. Wie ein greller Blitz fuhr ihm die Erkenntnis durch den -Kopf, die Lene habe einen Taler für ein Fünfmarkstück angesehen. - -»Es langt nicht!« flüsterte irgendwo eine Stimme unter den gespannt -zuschauenden Bauern, und ein heimliches Kichern brach an. Hannes -richtete sich wütend empor. - -»Was? Es langt nich? Bei wem langt's nich?« - -Und er wandte sich wieder an die Ortsbehörde. - -»Das Kleingeld langt allerdings nich,« sagte er und strich den -aufgezählten Betrag wieder ein. »Können Sie auf einen Hundertmarkschein -herausgeben?« - -»O ja,« sagte der Schulze, »das können wir schon. Wo ist der -Hundertmarkschein?« - -Das hatte Hannes nicht erwartet. Er wurde fürchterlich verlegen. Als -aber nun die Bauern und die Steuerbeamten in eine unbändige Heiterkeit -ausbrachen, raffte er sich auf und schrie: - -»Hundertmarkschein? Wir haben massig Hundertmarkscheine! Aber ich muß -meinen unterwegs verloren haben. Wer ihn find't, kann ihn behalten. -Versteht Ihr? Kann ihn behalten! Und ich geh einen neuen holen.« - -Er gab sich Mühe, mit möglichster Würde wieder hinauszuschreiten, was -die Bauern nicht hinderte, in ein dröhnendes Gelächter auszubrechen. - -Wütend schritt Hannes über die Straße, nicht, ohne sich ein paarmal -umzusehen, als ob er etwas suche. Hinter dem Tor traf er seinen Vater, -der einen dicken Knüppel in der Hand hatte. - -»Haben sie Dir etwas getan?« fragte der Schaffer. - -»Laß mich!« knurrte Hannes und stampfte nach der Stube. Dort wurde er -mit erwartungsvollen Gesichtern empfangen. - -»Plamiert sind wir!« schrie der heimgekehrte Gesandte und sank auf -einen Stuhl. »Bis auf die Knochen plamiert! Ich hab' 'ne Mark zu wenig -gehabt; die Lene hat mir 'n Taler für 'n Fünfmarkstück gegeben.« - -Der Schaffer hieb mit seinem Knüppel auf den Tisch, daß die Stube -dröhnte. Heinrich knurrte verdrießlich etwas von Albernheiten, und nur -die Lene lachte. - -Da fuhr Hannes zornig auf: - -»Lene,« keuchte er, »hast Du das etwa gar absichtlich gemacht?« - -Das Mädchen schaute ihn blitzend an. - -»Meinste etwa, ich kann nich zählen? Meinste, ich kenne das Geld nich?« - -»Lene, das is frech; das is -- ich -- ich -- o, da habt Ihr den Quark; -ich -- ich -- das is 'ne Gemeenheet -- das laß ich mir nich gefallen -- -zum Vierteljahr zieh ich fort -- werden schon sehen --« - -»Werden schon sehen!« stimmte der Schaffer bei und stampfte hinter -Hannes aus der Stube. - -Auf dem Boden lag das Paradeportemonnaie des alten Raschdorf. - -Die beiden Geschwister waren allein. Auch Heinrich war aufgebracht. - -»Warum machst Du das, Lene? Warum blamierst Du ihn und uns?« - -Das Mädchen sah ihn zornig an. - -»Von uns hat niemand was bei den Leuten dort drüben zu suchen. Wenn's -keiner versteht, ich versteh's! So ein Esel -- es ist ihm recht!« - -Sie schob das Portemonnaie mit dem Fuße beiseite und ging hinaus. - -Der junge Buchenbauer sah ihr nach. Zum erstenmal fiel ihm auf, wie -wenig er im Grunde genommen auf seinem Hofe zu sagen habe. Er war -nicht der Herr. Kein Mensch kümmerte sich um seine Meinung, höchstens -Mathias. Sie waren alle Herren: Hannes, der Schaffer, am meisten Lene. -Er hatte immer geschwiegen in dem Gefühl, daß die anderen es ja besser -verstünden, und daß er ihnen doch zur Dankbarkeit verpflichtet sei. - -Aber jetzt regte sich in seiner weichen Seele der Trotz. Er hob das -Portemonnaie seines Vaters auf und schüttelte den Inhalt in seinen -eigenen Geldbeutel. - -Nun würde er selber zur Steuer gehen! Jawohl! - -Die Berger-Liese kam herein. - -»Heinrich, es muß jemand zur Steuer; es is die höchste Zeit. Ich werd -geh'n. Mir werden sie ja nischt tun.« - -»Nein, Liese, Du gehst nicht! Du am allerwenigsten! Aber Du bist ein -vernünftiges Mädel!« - -Er reichte ihr die Hand. Liese errötete, denn Heinrich sprach selten -mit ihr. - -»Wer soll denn aber gehn? Hannes mag nicht; ich hab' ihm schon -zugeredet, aber er will nicht, und der Schaffer ist furchtbar böse.« - -»Ich gehe selber!« - -In diesem Augenblick kam Lene wieder in die Stube. - -»Ich gehe selber zur Steuer!« wiederholte Heinrich. - -Da wurde das Mädel blaß. - -»Du gehst nicht!« sagte sie bestimmt und heftig. - -»Jawohl, ich gehe! Ich gehe bald!« - -»Du gehst nicht, sage ich!« - -Er sah sie an. - -»Lene, der Herr bin ich! Merk' Dir das!« - -Sie ging auf ihn zu und faßte ihn ins Auge. - -»Heinrich, wenn Du zur Steuer gehst, lauf' ich fort!« - -»Dann laufe fort!« sagte er gleichgültig. - -Und er ging aus der Stube mit festem Schritt. - -Dennoch zitterte ihm die Hand, als er die Türklinke zum Buchenkretscham -berührte. Seit seiner Kindheit Tagen war er in diesem Raume, der doch -bloß auf der anderen Seite der Straße lag, nicht gewesen. - -Die Tür ging auf. - -Einige Sekunden sah Heinrich nichts als Rauch. - -»Guten Abend!« - -Niemand antwortete. Alle sahen verblüfft auf den jungen Herrn vom -Buchenhof, und Schräger, der schon wieder betrunken war, torkelte gegen -das Schanksims und stierte den Eintretenden an, der einige Sekunden an -der Tür stehen blieb. - -Da sprach endlich einer: »Der Hundertmarkschein kommt!« - -Das war der Bader. Aber nur der junge Riedel lachte; die anderen -schwiegen. - -Heinrich ging durch die Stube zum Gemeindetisch. - -»Ich bringe die Steuer,« sagte er leise und zählte den Betrag auf. - -Der Gemeindeschreiber quittierte. - -»Sechs Dreier und einen Hund!« sang in einer Ecke der Idiot. Es lachten -zwei. Aber Heinrich beachtete es nicht. - -»Guten Abend!« sagte er, nahm das Steuerbuch und wandte sich zum Gehen. - -Da trat ihm einer entgegen. Es war der alte, grauhaarige Hirsel-Bauer. -Er streckte ihm die Hand hin. - -»Herr Raschdorf,« sagte er freundlich, »mögen Sie einen Schnaps mit mir -trinken?« - -Heinrich war ganz erschrocken. Unschlüssig blickte er nach links und -rechts auf die vielen Leute und sagte dann stockend: »Nein, ich -- ich -muß Ihnen danken, Herr Hirsel! Gute Nacht!« - -Und er drückte ihm flüchtig die Hand und ging schnell hinaus. - -Kopfschüttelnd setzte sich der alte, freundliche Mann. Der Bader aber -sprang auf den Stuhl. - -»Habt Ihr's gesehen? Das hat nu der Hirsel davon! Der Raschdorf und -ein'n Schnaps mit jemand trinken! Da müßt' a keen Raschdorf sein! Das -is un bleibt 'ne hochnäsige Bande!« - -Und nun hatte der Bader wieder alle für sich. -- - -Draußen vor der Haustür traf Heinrich Lotte Schräger. - -Er blieb betroffen stehen. - -Auch sie sagte kein Wort. - -Aber dann sahen sie sich scheu an wie zwei Menschen, die sich gekannt -haben vor langer Zeit und sich wiedertreffen und nun nicht wissen, ob -sie Freunde sind oder Feinde. - -»Guten Abend!« sagte Heinrich und zog den Hut. Damit wollte er gehen. -Aber er besann sich. - -»Fräulein Lotte,« sagte er leise und hastig, »ich -- ich hab' Ihnen -immer noch was zu sagen.« - -Er brach ab. Er wartete wohl auf ein Wort von ihr, aber sie sagte -nichts. Da begann er wieder: - -»Sie sind einmal sehr freundlich zu mir gewesen -- Sie wissen wohl -- -damals, als wir noch Kinder waren -- es ist ja jetzt an die acht Jahre -her -- aber ich wollte Ihnen bloß sagen, den Strauß hab' ich nicht auf -die Straße geworfen -- ich nicht! Sie sind mir gewiß recht böse gewesen -die lange Zeit.« - -Sie sah ihn errötend an, schüttelte den Kopf und ging rasch ins Haus. - -Langsam schritt Heinrich über die Straße. Beim Hoftor blieb er stehen -und holte tief Atem. Nach dem Buchenkretscham schaute er, hinter dessen -erhellten Fenstern ein wüster Lärm war. Es war ihm doch sehr wohl. - -Daß er ihr das hatte sagen können, das machte ihn froh. Es hatte ihn -bedrückt all die Jahre. - -Sie war ein herrlich schönes Mädchen geworden. Das hatte er erst heute -so recht gesehen. So reif und so schön! - -Warum klopfte ihm das Herz so laut? - -Er sah immer hinüber nach der Stelle, wo er mit ihr gestanden hatte. -Sie hatte kein Wort gesagt, sie hatte ihn nur angesehen. - -In einer Giebelstube des Buchenkretschams wurde es hell. Heinrich -schaute hinauf. - -Jetzt kam eine Gestalt ans Fenster. - -Das war Lotte! - -Sie lehnte sich an die Scheiben und schaute hinüber nach dem Buchenhofe. - -O, wie ihm das Herz schlug! Er betrachtete ihr dunkles Schattenbild und -vermochte sich nicht zu rühren. - -Da sah sie ihn unten im Mondlicht stehen. - -Erschreckt legte sie eine Hand auf die Stirn. Bald darauf ging sie vom -Fenster hinweg, und das Licht erlosch. - -Eine Minute lang stand Heinrich noch still, dann ging er. - -Im Hausflur auf der Treppe saß seine Schwester Lene. Sie hatte den Kopf -auf beide Hände gestützt. Neben ihr stand Mathias, der in der Stadt -gewesen und eben heimgekommen war. - -»Du warst im Kretscham, Heinrich?« - -»Ja, ich habe die Steuer hinübergetragen!« - -Mathias sah ihn milde an. - -»Es ist schon recht, Heinrich, Du kannst ja tun, was Du willst.« - -»Aber ich -- ich lauf' fort!« rief Lene. - -Sie sprang auf. - -»Geh in die Stube, Heinrich! Die Lene laß mir! Fortlaufen darf sie ja -nich. Sie gehört ja ebensogut hierher wie Du!« - -Heinrich ging nach der Stube. Liese Berger brachte ihm das Abendessen. -Freundlich sah sie ihn an. - -»Ist es gut gegangen?« fragte sie. - -»Ja, Liese, ganz gut.« - -Das blasse Mädchen nickte freudig. - -»Und die Lene wird schon dableiben, wir reden ihr ja alle gut zu.« - -Sie bediente ihn mit ihrer großen Freundlichkeit und ihrem stillen -Eifer. Sie reichte ihm alles zu und fragte, ob es ihm auch schmecke. - -Er mußte sich zwingen zum Essen. Und er wünschte fast, die freundliche -Liese sei nicht bei ihm. Ihre Freundlichkeit tat ihm heute weh! - -Sie sah ihn besorgt an. - -»Du mußt Dich nicht so ärgern, Heinrich. Es wird ja alles wieder gut. -Du mußt essen, Heinrich!« - -Bald darauf ging er nach seinem Zimmer. Er mußte allein sein. Um alles -in der Welt wollte er jetzt mit niemand sprechen, auch mit der Lene -nicht. Er dachte kaum an sie. - -Er wollte nachdenken, aber er vermochte nicht auf seinem Stuhle -stillzusitzen. Angekleidet warf er sich aufs Bett und blinzelte in das -Lampenlicht. - -Ja, es war so. Er war froh, daß er in den Kretscham gegangen war. Er -war froh, auch wenn es allen anderen nicht paßte. - -Er war mutig gewesen. Und dieses schöne Bewußtsein trieb ihm, wie allen -weichherzigen Leuten, die es nicht gewöhnt sind, das Blut in den Kopf. -Wie ein Rausch war's. Denn das ist ja wahr, daß Mut trunken macht, -einen früher, einen später, je nachdem, wieviel er verträgt. - -Sie hatten geschwiegen; nur zwei hatten über ihn gelacht, die zwei -kläglichsten. Die anderen nicht. Und einer hatte ihn sogar zu einem -Trunke eingeladen. Der gute alte Mann! Es war schade, daß er es -ausschlagen mußte, aber sich da hinsetzen, unter diese Leute, das wär' -ja unmöglich gewesen. - -Ob's der Hirsel übel genommen hatte? Vielleicht! Wahrscheinlich sogar! - -Heinrich sprang auf, setzte sich an den Tisch und schrieb an Hirsel -einen langen Entschuldigungsbrief. - -Ein Gefühl der Liebe für den alten Mann flutete durch das Herz des -Jünglings. Wenn er jetzt einmal ins Dorf hinabsah, wußte er doch, daß -dort unten jemand war, der's gut mit ihm meinte. - -Ach, er war so glücklich, daß er ein ganz kleines Stückchen Heimat -gewonnen hatte. - -Als die Mitternacht vorbei war, hatte der junge Buchenbauer noch immer -keinen Schlaf gefunden. Er mußte jetzt doch an seine Leute denken. -Zum ersten Male hatte er sich in Widerspruch zu ihnen gestellt, zum -ersten Male war er aufgeregt und glücklich, während sie gewiß alle mit -bedrückten Herzen zur Ruhe gegangen waren. - -Eine leise Reue kam, oder doch der Wunsch, sie recht bald alle wieder -zu versöhnen, auch die Lene. - -Freilich hatten sie ja nichts verloren. - -Nichts? - -Die Lotte fiel ihm ein. - -Was sie wohl sagen würden, wenn sie wüßten, daß er mit Lotte Schräger -gesprochen hatte? Eigentlich mußte er es ihnen erzählen. Das wäre -aufrichtig. - -Aber er schämte sich und beschloß, die Begegnung für sich zu behalten. - -Was war auch geschehen? Entschuldigt hatte er sich wegen einer -Ungezogenheit, wahrlich spät genug entschuldigt. Sonst nichts. - -Und nun war er quitt mit Lotte Schräger. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 11] - - -So ist ein neuer Kampf in Heinrich Raschdorfs junges Leben getreten. -Und im alten Kampf um die Heimat rückten die Bundesgenossen einen -Schritt von ihm ab. Seine Schwester Lene weit! Sie sprach nicht mehr -mit Heinrich; sie ging immer mit finsterem, verschlossenem Gesichte -herum. Es kränkte ihren Stolz, daß sie gedroht und dann die Drohung -nicht ausgeführt hatte. - -Sie war schwach gewesen und unterlegen. - -Und es war nicht bloß der beleidigte Trotz, daß ihr Wille nicht -durchgegangen war; es lebte in diesem Mädchen auch das feine Empfinden, -daß in die starke Position der Buchenhofleute eine Bresche geschlagen -worden sei durch eigene Schuld. - -Das wußte auch Mathias. - -Einmal war er selbst es gewesen, der den Frieden gepredigt hatte, -damals, als die tote Frau noch auf der Bahre lag, als er die Kinder -übernahm und einen Weg für sie nach der Heimat suchte. Da erkannte sein -kluger Sinn allein im Frieden mit den Leuten das Heil. - -Wie eine stolze, halbzerstörte Festung kam ihm der Buchenhof damals -vor, ein gar schwacher Platz, der nicht zu halten war, wenn ihn die -Gegner unten im Tal mit zäher Feindseligkeit belagerten und ihn -qualvoll aushungerten an Liebe und Freude. - -Ein Tag mußte kommen, an dem sich die Burgleute ergaben auf Gnade und -Ungnade, um in die Verbannung zu ziehen. - -Deshalb wollte sich Mathias vergleichen. Aber als er einen Weg hinüber -suchte, mit der weißen Fahne in der Hand, wurde er heimtückisch -angefallen, er und Heinrich, und auch nach der lieben Toten warfen sie -ihre schmutzigen Geschosse. - -Da wußte Mathias nichts mehr von Frieden, da kam der Groll, der Trotz, -und er baute den Buchenhof neu, stark, unantastbar, wie er meinte. - -So war es gut gegangen all die Jahre. Gut? - -Hatten sie nicht alle quälenden Hunger gelitten nach Liebe, nach -Freundlichkeit, nach menschlicher Gemeinschaft? - -Eine Festung ist keine Heimat. Heimat braucht offene Tore, breite, -freie Straßen, an denen keine Fangeisen liegen und an denen keine -Warnungstafeln stehen, sondern freundliche Wegweiser. - -Jetzt also ging der junge Herr ins feindliche Lager. Er ging nicht, -Verrat zu üben, er ging nur, Vertrauen zu zeigen und nach und nach -Vertrauen zu gewinnen. - -War er nicht zu loben? - -Aber eine quälende Unruhe war in Mathias, der junge Herr vom Buchenhofe -werde da drüben verunglücken. - -Der Unfriede war auf den Buchenhof gekommen aus winzigem Anlaß. Auch -der Schaffer war finster und sprach kein Wort. Er zürnte schwer mit -Lene, und es war anzunehmen, daß er den schlimmen Streich, den sie -seinem Sohne gespielt, nie mehr im Leben vergessen würde. - -Hannes betrug sich ganz ungebärdig. Zunächst beschloß er, einen Tag -»blau« zu machen. Ferner nahm er sich vor, am anderen Tage in den -Buchenkretscham zu gehen und ein Säuferleben anzufangen, der Lene -zum Trotz. Da er sich aber schließlich schämte, das Lokal wieder zu -betreten, in dem er eine so wenig rühmliche Rolle gespielt hatte, ging -er nach dem Nachbarort, trank in einem Gasthause drei Glas Bier und kam -auch wirklich schwer betrunken nach Hause. - -In der Nacht war er sehr krank, und sein stämmiger Vater betrachtete -mit besorgten Blicken den Sohn, von dem er annahm, daß er nun dicht am -Abgrunde des körperlichen und seelischen Verderbens stehe. - -Am anderen Morgen glaubte Hannes selbst, seine allmähliche Auflösung -sei nahe. Die Krankheit in ihren wilden Erscheinungen war zwar vorüber, -dafür hatte sich aber ein Zustand eingestellt, der ihn befürchten ließ, -daß seine Kräfte sich langsam vollends abschwächen würden. - -Um so freudiger überrascht war er, als er gegen Mittag Hunger bekam und -sich nach der Mahlzeit wieder recht leidlich fühlte. Also beschloß er, -sich langsam wieder ans Leben zu gewöhnen und auch das Arbeiten wieder -aufzunehmen. - -Eine Woche lang schmollte er mit Lene, dann hielt er es nicht länger -aus und sagte zu dem Mädchen: »Lene, das is auf die Dauer zu tumm. -Reden wir lieber wieder!« - -Die Lene lachte und sprach auch wieder mit dem Hannes, aber sie dachte -bei sich selbst: »Er ist kein rechter Mann. Das durfte er sich nicht -gefallen lassen. Er hätte mich müssen laufen lassen; so ist er ein -Trottel.« - -Und der gute Hannes pfiff derweil vergnügt und hatte gar keine Ahnung, -daß er ein Trottel war. Er kannte das Leben nicht, er kannte das -Bier nicht, er kannte das Weib nicht. Er war ein harmloser, lustiger -Bursche, dem es sicher noch einmal sehr schlecht gehen mußte, ehe er -dieses gutmütige, dumme Pfeifen sein lassen würde. - - * * * * * - -Es war an einem sommerheißen Maitag, kaum eine Woche später. Heinrich -war nach der Stadt gefahren, um etliches zu besorgen. Nun war er auf -dem Heimwege. Ganz allein saß er auf der kleinen Droschke und ließ das -Pferd gemächlich seines Weges ziehen. Dabei konnte er ungestört seinen -Gedanken nachhängen. - -Daran dachte er, daß der junge Riedel sich um die Lotte bewarb. Und -obwohl sich der Buchenbauer alle zwei Minuten sagte, daß ihn die Sache -nichts angehe, gab er sich doch immer wieder Mühe, mit hundert Gründen -und Einwendungen das Unsinnige einer solchen Verbindung zu beweisen. -Und er redete sich selber in großen Zorn. - -So kam es, daß er heftig erschrak, als er plötzlich die Lotte kaum -dreihundert Schritte weit vor sich auf der Straße gehen sah. Sie war -offenbar auch in der Stadt gewesen. In der Hand trug sie ein kleines -Paket. - -Dem Buchenbauer wackelten die Zügel in der Hand, und er wußte nicht, ob -dieses Zusammentreffen ein Glück oder ein großes Unglück sei. - -Was sollte er tun? Was sollte er nur tun? - -Sie auffordern, mitzufahren, sie und er ganz allein -- sie, die -Schräger Lotte, und er, ein Raschdorf? Seine Leute, was würden die -sagen? Das kam doch heraus, das ging doch nicht zu verheimlichen. Der -Mathias, die Lene -- alle -- was würden sie sagen? - -Heinrich zupfte an der Leine, und das Pferd schlich langsam im -Tritt. Es war ein bequemes Rößlein, das seinerseits sich gegen ein -vorsichtiges, abwartendes Tempo nicht sträubte. - -Aber trotzdem -- in wenigen Minuten mußte er sie eingeholt haben! Was -dann? Sollte er an ihr vorüberfahren? Sie laufen lassen in diesem -Staub und in dieser Hitze? Sie, die ihm einstmals den schweren Koffer -getragen hatte? Und ganz abgesehen davon -- vorüberfahren, unhöflich -sein, grob -- das ging nicht, das ging nicht! - -Kurz entschlossen rückte sich Heinrich stramm auf und hieb auf das -Pferd ein. Und in kaum zwei Minuten war er an Lottes Seite. - -»Guten Tag, Fräulein! Darf ich Sie auffordern, mit mir zu fahren?« - -Sie schaute zu ihm auf. Ihr Gesicht glühte von der Anstrengung des -Laufens, und sie zitterte ein wenig, als sie sagte: - -»Ich -- ich danke, Herr Raschdorf -- ich werde jetzt gleich den Feldweg -gehen. Es ist ja nur eine halbe Stunde nach Hause. Ich danke!« - -»So schlagen Sie mir's ab?« - -»Ich -- ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten, Herr -Raschdorf!« - -»Ungelegenheiten? Wieso?« - -»Ja! Sie wissen ja -- es ist um die Ihrigen -- es war mir so furchtbar -peinlich, als ich sah, daß Sie hinter mir --« - -Da sprang er auf die Straße. - -»Lotte, Sie müssen mit mir fahren, jawohl, Sie müssen! Sie kränken -mich, wenn Sie mir's abschlagen. Wir haben doch nichts gegeneinander -- -nichts -- nichts -- rein gar nichts!« - -Sie schaute ihn mit ihren großen, dunkelgrauen Augen eine Sekunde an. - -»Nein, wir haben wohl nichts, aber es ist besser, ich danke, Herr -Raschdorf, ich bin ja in einer halben Stunde zu Hause.« - -»Lotte!« - -Er ergriff sie an der Hand. - -»Lotte -- Fräulein Lotte, wissen Sie noch -- damals vor acht Jahren, -als ich heimkam, auf diesem selben Wege, als wir den Koffer miteinander -trugen, wissen Sie noch?« - -»Ja, aber da waren wir Kinder -- jetzt -- es ist schon besser, wenn ich -zu Fuß gehe.« - -Er ließ ihre Hand los. Tonlos sagte er: - -»Ja, vielleicht ist's besser; vielleicht wär's eine Schande für Sie, -wenn Sie mit mir führen.« - -»Heinrich Raschdorf!« - -»Was sehen Sie mich so an? Es ist doch so! Von dem Raschdorf Heinrich -mag kein Mensch im Dorfe was, keine Gefälligkeit, keinen kleinen -Dienst, keine Freundlichkeit; der ist ja ausgestoßen.« - -»Herr Raschdorf! Sagen Sie nicht so was! Ich fahre mit!« - -»Lotte, das will ich Ihnen danken!« - -Er half ihr auf den Wagen und stieg nach. Zitternd ergriff er die Zügel -wieder. Es war nur ein Sitz da. So saßen Sie dicht nebeneinander. -Minutenlang fuhren sie die Straße entlang, ohne daß eines ein Wort -gefunden hätte. Und die Maisonne lachte, und das Rößlein ging so wonnig -sachte. - -So war dem jungen Buchenbauer noch niemals im Leben zu mute gewesen. -Das Herz war ihm übervoll, und doch fand er kein armseliges Wörtlein. -Endlich raffte er sich auf: - -»Sie müssen mir noch sagen, Fräulein Lotte, ob Sie mir wegen des -Straußes böse gewesen sind!« - -»Ach, ich habe mich damals wohl sehr geärgert. Aber ich weiß ja jetzt, -daß Sie ihn nicht weggeworfen haben!« - -»Nein, wirklich nicht, ich wollte, ich besäße ihn noch jetzt.« - -»Den armseligen Kinderstrauß?« - -»Ja, denn damals war doch noch eine bessere Zeit. Da war ich noch nicht -gar so einsam.« - -»Fühlen Sie sich einsam?« fragte sie leise. - -»O, Lotte, Sie wissen gar nicht, Sie können gar nicht glauben, was das -heißt: so leben wie ich.« - -»Sie haben eine Schwester und gute Freunde.« - -»Ja, das weiß ich, das schätze ich auch, aber das langt nicht, das -langt nicht auf so viele lange Jahre. Ein bißchen Vertrauen, ein -bißchen Freundlichkeit von den Leuten, sehen Sie, das fehlt mir.« - -Sie schwieg. - -Er sah sie schmerzlich an. Dann sprach er leidenschaftlich: - -»Und doch schwör' ich Ihnen, Lotte: Ich war unschuldig an dem Unglück, -und mein toter Vater auch!« - -Sie war tief erschüttert. Leise sprach sie: - -»Das weiß ich, das hab' ich auch immer geglaubt.« - -»Lotte, das ist gut von Ihnen!« - -Er preßte ihre Hand. Ein Weilchen hielt er sie so fest, dann erschrak -er und gab sie frei. - -Einige Minuten fuhren sie wieder schweigend dahin, dann sagte Lotte -leise: - -»Und wie denken Sie, daß mir's geht?« - -Er suchte nach einer Antwort. Der trunksüchtige Vater fiel ihm ein, der -idiotische Bruder, und ihre ganze trostlose Verlassenheit kam ihm zum -Bewußtsein. - -»Ja, ich weiß wohl, ich ahne es, es tut mir leid, Lotte, aber die Leute -im Dorfe, die achten und ehren Sie doch.« - -»Die Leute im Dorfe! Wenn ich eine rechte Heimat hätte, brauchte ich -keine Leute aus dem Dorfe. Ich will sie nicht.« - -Der Widerspruch zwischen ihr und ihm selbst fiel ihm auf. - -»Lotte, ich glaube, wir sind beide nicht glücklich. Wir haben beide ein -Haus, in dem wir wohnen, und haben doch beide keine Heimat.« - -Sie sah zu ihm auf. Ähnliche Gedanken hatte sie schon oft gehabt; nur -diese klare Form hatte sie ihnen nicht geben können. - -»Ja,« sagte sie, »Sie haben recht!« - -Dann sprachen sie von der Kinderzeit, von jenen goldenen Tagen, als sie -noch glücklich waren, als sie beide noch eine Heimat hatten. - -Darüber vergaßen sie ihren Kummer, und manchmal schauten sie -sich heimlich und schnell in die Augen -- so, wie man ein altes, -heimgekehrtes Glück herzklopfend betrachtet. Und sie waren beide rot -im Gesicht, und tief in den Augen strahlte es wie eine ganz leise -Erlösungshoffnung. - -Die Straße führte durch den Wald. Da schwiegen sie wieder. - -Über den Schattenweg huschten einzelne goldene Lichter, und fern sang -ein Brünnlein durch die Mittagsstille. - -Ganz langsam fuhr das Gefährt die weiche Straße entlang, und die beiden -jungen Menschenkinder schauten hinab nach dem blühenden Wegrande. Dort, -wo die Maiglöckchen blühten, hielt er an, sprang hinab, pflückte drei -Stengel und reichte sie ihr. - -»Wir haben keine Feindschaft, Lotte!« sagte er bewegt. - -»Nein -- nein, Heinrich!« - -Und dann wieder weiter, den grünen Frühlingswald entlang, der still in -blühender Freundlichkeit die beiden anschaute aus märchentiefen Augen. -Zwei bunte, seltsame Schmetterlinge gaukelten vor ihnen her; denen -schauten sie nach mit träumenden Augen, und ihre Hände lagen dicht -beieinander und berührten sich leise. - -Da war ihnen wohl. Sie waren zu Hause. Auf diesem kleinen Wagen war die -Heimat. - -Als sie aber hinaus ins Lichte kamen und die Buchenhöfe sahen, -fröstelten sie vor dem grellen, heißen Sonnenlicht. Da wußten sie, daß -sie dort beide wieder in der Fremde sein würden. - -Er faßte wieder ihre Hand. - -»Lotte, wenn wir uns manchmal -- nur manchmal sprechen könnten, das -wär' ein Glück!« - -»Es ist ja nicht möglich!« - -»Es muß möglich sein, Lotte! Wir wollen Freunde sein!« - - * * * * * - -»Hallo! Hallo! Hallo!« - -Der Idiot sprang aus dem Walde. Er hatte eine riesige Tüte in der Hand, -ganz gefüllt mit Maikäfern. - -Die beiden erschraken, und auch der Idiot blieb erstaunt stehen. Er -sperrte den Mund auf. - -»Und -- und -- und einen Hund,« grunzte er überrascht, das einzige, was -ihm immer einfiel, wenn er jemanden vom Buchenhofe sah. - -»Mein Bruder! O Gott, mein Bruder!« - -Auch Heinrich war peinlich überrascht. - -»Die Lotte und der -- und der -- und einen Hund, einen großen Hund!« -krähte der Idiot. - -»Lassen Sie mich absteigen, Herr Raschdorf -- ich muß mit ihm reden.« - -Heinrich Raschdorf hielt an. »Bleiben Sie, Lotte! -- Gustav, Gustav, -komm einmal her!« - -»Schön tumm! Du schmeißt mich ins Feuer. Du sperrst mich ein. Und einen -gro--o--ßen Hund!« - -»Ich will hinab, Herr Raschdorf -- ich muß zu ihm, adieu -- Sie wissen -nicht --« - -»Wann sehen wir uns, Lotte?« - -»Ich weiß nicht! Lassen Sie meine Hand los, ich will absteigen.« - -Der Idiot war inzwischen tückisch herangeschlichen und schleuderte -urplötzlich dem Pferde die Tüte mit den Maikäfern an den Kopf. Das -Pferd fuhr auf, rückte an und raste davon, während Lotte, die im -Absteigen begriffen war, mit einem Aufschrei auf die Straße stürzte. - -Mit verzweifelter Kraft brachte Heinrich das zitternde Tier zum Stehen -und lief den Weg zurück. - -Da lag Lotte Schräger auf der Straße. Das Hinterrad war ihr über den -linken Fuß gegangen. - -»Lotte, um Gottes willen, was ist geschehen?« - -»Mein Fuß -- mein Fuß -- überfahren -- ach, mir wird schwindelig --« - -»Lotte, geliebte Lotte!« - -Er tastete nach ihrem Fuße; aus dem niederen Schuh quoll das Blut. Da -raffte er das Mädchen auf und trug es nach dem Wagen. - -Der Idiot stand mit entsetztem Gesichte da und schrie: - -»Es blutet! Es blutet!« - -Und er verkroch sich im Walde. - -Vorsichtig hob Heinrich die Verwundete auf den Wagen. Ein Frösteln ging -durch seine Seele. - -An derselben Stelle hatte vor Jahren Mathias Berger seinen sterbenden -Vater auf seinen kleinen Schlitten geladen. Und nun ging es wie damals -behutsam die Anhöhe hinab den Buchenhöfen zu. - -»Heinrich!« - -Sie klammerte sich fest an ihn. - -»Lotte, Lotte! Geliebte Lotte!« - -Sie war ohnmächtig. - -Er bettete sie an seine Brust und schlang den rechten Arm um sie. Mit -der linken Hand hielt er die Zügel. - -So bleich und so schön war sie, und sie atmete schwer, aber doch nicht -schwerer als der junge Buchenbauer. Er betrachtete immer ihr süßes, -bleiches Gesicht. Und einmal bückte er sich hastig scheu über sie und -küßte sie auf den Mund. Ein Seligkeitsschauer glühte ihm durch den -Körper. -- - -Als sie in die Nähe des Buchenhofes kamen, gingen zwei durch den Garten --- Mathias und Liese. - -Sie hielten Ausschau. Und nun gewahrten sie ihn. Die Hände legten sie -über die Augen, um besser sehen zu können. So standen sie regungslos -wie Bildsäulen. - -Aber plötzlich kam Leben in die beiden Leute. Sie sprachen erregt -miteinander, zeigten nach ihm, und auf einmal wandte sich die Liese um -und lief ins Haus. - -Mathias Berger aber ging langsam nach dem nächsten Baume und lehnte -sich an. - -Heinrich hatte das alles wohl gesehen, aber es war ihm so, als ob es -ihn nichts anginge. Er nickte nur grüßend und fuhr vorbei, hinüber zum -Kretscham. - -Zwei Mägde und die alte Wirtschafterin sahen durchs Küchenfenster und -kamen schreiend herausgelaufen. Heinrich unterrichtete sie kurz und -übergab ihnen Lotte. Dann fragte er nach Schräger. - -Der saß in der Gaststube und schlief. Er hatte sich am Vormittag schon -wieder betrunken. - -Heinrich rüttelte den Schlafenden. Der öffnete die Augen, sah den -jungen Raschdorf und grunzte auf. - -»Erschrecken Sie nicht, Herr Schräger, es ist ein Unglück passiert. -Fräulein Lotte ist ein Stück mit mir gefahren, und als sie absteigen -wollte, hat der Gustav das Pferd scheu gemacht. Da ist sie gefallen, -und der Fuß ist ihr überfahren worden.« - -Schräger starrte ihn verständnislos an. - -»Herr Schräger, es muß augenblicklich jemand nach dem Arzt fahren!« - -»Nach -- nach dem -- dem Arzte fahren?« - -Heinrich sah, daß der Mann betrunken war. - -»Ja, es ist keine Zeit zu verlieren! Hören Sie, Herr Schräger, ich -werde selbst den Arzt holen. Hören Sie?« - -»Ja -- ja -- den -- Doktor --« - -Heinrich war schon draußen. Der Wirtschafterin schärfte er ein, den -Schuh und den Strumpf vorsichtig abzuziehen und den Fuß immerfort mit -kaltem Wasser zu kühlen. Er fahre nach dem Arzt. - -Dann sprang er auf die Droschke und fuhr nach dem Buchenhof. Auf den -Stufen vor der Haustür standen Hannes und Lene. Mathias und Liese waren -nicht zu sehen. - -»Hannes, schnell die beiden Rappen einspannen! Ich fahr' nach dem Arzt. -Fräulein Schräger ist verunglückt.« - -Hannes und Lene sahen ihn wortlos an. - -»So steht doch nicht so blöde da! Sie ist ein Stück mit mir gefahren, -und als sie absteigen wollte, ist sie gefallen, und der Fuß ist ihr -überfahren.« - -»Sie haben ja selber Fuhrwerk drüben,« sagte Hannes. - -»Ja, aber das dauert alles zu lange; ich fahre, das ist doch -Christenpflicht.« - -Lene lachte laut und spöttisch auf. - -»Christenpflicht!« - -»Hannes, willst Du helfen oder nicht?« - -»Wehe Dir, Hannes, wenn Du eine Hand rührst!« - -»Hannes, bin ich der Herr oder die? Und läßt Du Dich von einem Weibe -kommandieren?« - -Hannes war in schwerer Verlegenheit. Aber schließlich sagte er: »Es ist -ja Mumpitz, aber helfen tu ich!« - -Lene warf ihm einen verächtlichen Blick zu und ging ins Haus. Wenige -Minuten später sauste das Gefährt Heinrichs nach der Stadt. - -In ganz verhältnismäßig kurzer Zeit brachte er den Arzt. - -Unten im Hausflur stand er und wartete auf Nachricht. Die -Wirtschafterin kam. - -Der Fuß wäre gebrochen, aber es sei keine Gefahr. Bei guter Pflege -würde alles recht schön heilen. - -»Werden Sie das Fräulein auch gut pflegen, Stenzeln?« - -Die Alte sah den jungen Mann freundlich an und versprach ihr Bestes. Er -gab ihr ein Geldstück. - -»Hier, nehmen Sie das! Sagen Sie aber keinem Menschen davon! Und grüßen -Sie das Fräulein! Sie soll nicht böse sein auf mich. Mir tut das -Unglück sehr leid. Und, Stenzeln, alle Abende um neun Uhr kommen Sie -mal an die Haustür. Ich will Sie fragen, wie's geht!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 12] - - -Durch die Mainacht ging der Mond. - -Drunten im Dorfe schlug es Mitternacht. Da hatten die Buchenhofleute -den Frieden des Schlafes noch nicht gefunden. Und doch war ein jeder in -seiner Kammer seit langen Stunden. - -Droben im ersten Stock lehnte der junge Buchenbauer am Fenster und -schaute hinüber nach der Giebelstube des Kretschams. - -Ein Licht schimmerte durch die Nacht herüber. - -Dort war sie! - -Der junge Träumer schloß die Augen. - -Da sah er ein Meer und in dem Meer ein fernes Eiland. Von diesem Eiland -schien das Licht wie ein winkendes Leuchtturmfeuer, das den Weg zeigt -zu einem heimatlichen Hafen. - -Aber wenn Heinrich Raschdorf die Augen öffnete, sah er die Dorfstraße. -Die lag zwischen ihm und ihr wie ein unüberbrückbarer Abgrund. Er riß -das Fenster auf. Schwerer Duft traf ihn, das Silberlicht gaukelte vor -seinen Augen, und ein Vogel in der Nähe sang ein wonniges Lied. - -Da schlug die Liebe in das junge Blut, und all ihr taumelndes, -berauschendes Glück kam über den Einsamen. Eine heiße Röte flammte über -Heinrichs Gesicht, und ein Vorsatz formte sich in seinem Herzen, sein -Glück zu suchen. Und immer wieder ging er die wenigen Minuten im Geiste -durch, die er mit ihr verlebt hatte, brachte sich alles in Erinnerung, -was sie gesprochen, und war ganz außer sich vor lauter Aufregung, Liebe -und Mitleid. - -Da klopfte es an die Tür. - -Heinrich lauschte, aber er rührte sich nicht. - -Abermaliges Klopfen. - -Nun ging er und öffnete. - -Seine Schwester Lene stand draußen, völlig angekleidet. Das Erstaunen -Heinrichs war groß; die Schwester hatte mit ihm seit dem Tage, da er im -Buchenkretscham zur Steuer war, nicht mehr gesprochen. - -»Du bist es, Lene? Was willst Du?« - -»Mit Dir reden! Ich sah, daß Du noch wachst.« - -»Komm herein!« - -Er schloß die Tür hinter ihr. Sie schaute sich um und bemerkte alsbald -das offenstehende Fenster und das Licht drüben über der Straße. - -Sie sah ihn scharf an, und er konnte nicht hindern, daß er errötete. Er -mußte an den Vater denken, wie sie so stolz und kalt vor ihm stand. - -»Willst Du sie heiraten?« fragte sie unvermittelt. Ihre Stimme klang -heiser. - -»Heiraten? Wen?« - -»Wen?« - -Sie lachte scharf und kurz, trat ans Fenster und schloß es. Da überkam -ihn der Trotz wieder. - -»Lene, ich will Dir was sagen: so lasse ich mich nicht behandeln. -Verstehst Du? Was ich tue oder lasse, ist schließlich meine Sache.« - -»Nein!« Das sagte sie laut und heftig. »Es ist nicht Deine Sache, es -geht uns alle an! Wir haben alle für Dich gearbeitet. Was Du hast, hast -Du von uns!« - -»Von Euch! Das weiß ich. Du kommst also, um mir zu sagen, was ich Euch -alles schuldig bin, kommst, um mir das vorzurechnen?« - -Ihr war jede Sentimentalität fremd. - -»Ja, deswegen komm ich! Du bist uns genug schuldig, das Meiste! Beinah -alles! Und ich red' nicht von mir, aber vom Mathias red' ich.« - -»Vom Mathias? Was schadet es denn, wenn ich -- wenn ich --« - -»Wenn Du zum Schräger laufst? Hinter der Lotte her bist? Es ist wahr! -Es wird sich hübsch machen, wenn Du mit der Lotte zur Trauung gehn -wirst.« - -»Sei still, Lene! Das geht Dich nichts an, solches Gerede leid' ich -nicht!« - -Sie ließ sich nicht stören. - -»Ja, und der besoffene Schräger wird als Schwiegervater hinterher -geh'n.« - -»Lene, ich werf' Dich raus!« - -»Erst red' ich! Es wird hübsch sein, wenn Ihr bei Vaters Grab -vorbeigehn werdet, den die Bande auf 'm Gewissen hat, und -- und der -Mathias wird auch zusehn müssen, den sie ins Gefängnis gebracht haben. -Sehr hübsch wird's sein! Du bist ein Staatskerl, Heinrich!« - -»Hör' auf, Lene! Du machst mich verrückt!« - -Er setzte sich auf einen Stuhl. Sie sagte nichts, lehnte sich an die -Wand und sah ihn streng, ja haßerfüllt an. Ihn aber hatte sie mit dem -einzigen Hinweis auf den Vater geschlagen. Da begann er endlich: »Es -ist nichts erwiesen!« - -»Daß der Vater tot is, das is erwiesen!« - -Darauf wußte er nichts zu entgegnen. Endlich sagte er: »Der Vater ist -verunglückt.« - -»Nein!« - -Dieses »Nein« klang furchtbar in der Stille der Nacht. Heinrich traf es -wie ein Schlag, und er fröstelte in sich zusammen. Er hatte nie dieser -schrecklichen Frage gegenüberstehen können, ohne eine versöhnliche -Antwort mit aller Macht zu erzwingen. Dieses herbe Mädchen gab die -Antwort. Er sah sie scheu an. - -»Wie kannst Du -- wie kannst Du das nur sagen, Lene? Vom Vater?« - -Auf einen Augenblick kämpfte sie mit Tränen. Dann kam der Groll wieder -über sie. - -»Vaters Tod ist ganz klar. Und der Schräger hat's gewollt. Der hat -unseren Vater ums Geld gebracht, dann hat er falsch geschworen, und -zuletzt hat er das Geld gekündigt. Da wußt' sich der Vater keinen Rat -mehr. Und jetzt -- jetzt laufst Du hin -- der einzige Sohn --« - -Es war aus mit ihrer Fassung. Sie sank auf einen Stuhl, bedeckte das -Gesicht mit beiden Händen und fing leidenschaftlich an zu weinen. - -Er saß ihr in zusammengesunkener Stellung und mit unbewegtem Gesicht -gegenüber. Endlich sagte er tonlos: »Hör' auf zu weinen, Lene. Es ist -ja nichts geschehen. Ich will nicht leugnen, daß ich der Lotte gut bin --- lange schon, länger, als ich's selber weiß, aber das -- das wird -sich ja überwinden lassen -- weil es muß -- weil es muß --« - -Er stand auf und wandte sich ab. Da war sie plötzlich hinter ihm, -umschlang seinen Hals und küßte heiß seine Wange. - -»Heinrich, weißte denn gar nichts -- gar nichts von der Liese?« - -»Wie? Was? Was soll ich von der Liese wissen?« - -»Daß sie Dir -- daß sie Dir so unendlich gut is, Heinrich!« - -Er fuhr herum. »Mir? Die Liese? Mir gut? Lene!« - -»Und der Mathias hat immer drauf gehofft.« - -Er sah sie erstaunt an. Eine grelle, wehe Erkenntnis kam ihm. »O Lene, -das -- das hätt' ich nicht gedacht!« - -Schwer setzte er sich wieder auf den Stuhl. - -Sie legte den Arm auf seine Schulter. - -»Du mußt nicht denken, Heinrich, daß der Mathias alles bloß deswegen -gemacht hat. Das wär' schlecht, so was von ihm zu denken. Aber ich -weiß, daß a drauf gehofft hat. Und nu -- Heinrich, es hat mir das Herz -umgedreht, wie a heute rumgegangen is, so weiß im Gesichte, und a -wollt' nichts zeigen, und a wollt' immer mit der Liese lustig sein -- -das war zum Erbarmen --« - -Er starrte sie an, schüttelte sich und schloß die Augen. - -»Lene, das -- das könnt Ihr nicht von mir verlangen.« - -Sie sah wehmütig vor sich hin. - -»Das verlangen wir ja nicht, aber das andere, Heinrich, das darfste uns -nich antun.« - -Es entstand eine lange Pause. - -Draußen sang immer noch der kleine Vogel sein süßes Lied. Und über der -Straße schimmerte das warme Licht. - -Das Mädchen war verändert. Mit scheuer Zärtlichkeit ergriff sie die -Hand des Bruders. - -»Heinrich, fällt Dir's so schwer?« - -Er antwortete heiser: - -»Ich weiß es erst jetzt -- jetzt, da ich sie nicht haben darf, wie lieb -ich sie hab', wie unsinnig lieb!« - -Und nach einer Weile schluchzte er auf: - -»Lene, wir haben ein schreckliches Leben!« - -Ihr Gesicht verzog sich. - -»Ich weiß ja, ich bin häßlich zu Dir und zu allen Leuten, ich ärgere -Euch alle -- alle, aber ich kann nicht dafür.« - -Er antwortete nicht. - -»Aber ich mein's auch gut, bloß ich kann's nicht so zeigen, ich bin ein -so schrecklich grobes, dummes Ding. Und mich kann niemand leiden!« - -Sie fing wieder leidenschaftlich an zu weinen. Trotz seines eigenen -Leides fühlte er, daß auch die Schwester einsam und glücklos sei. - -»Lene,« sagte er, »wir wollen versuchen, daß wir uns jetzt besser -vertragen. Ich weiß schon, was ich Euch schuldig bin. Ich werd' mir -Mühe geben, Lene, in jeder Weise Mühe geben!« - - * * * * * - -Und drüben über der Straße? - -Die alte Stenzeln war eingeschlafen bei der Krankenwache. Jetzt -schreckte sie empor. - -»Ach Gott, ich bin wohl -- ich bin wohl eingeschlafen? Fehlt was, -Lotte?« - -Das schöne Mädchen schüttelte den Kopf. - -»Ich bin ganz zufrieden.« - -Auch sie hörte den kleinen Vogel, der draußen sang. Und auch sie dachte -daran, wie sie mit Heinrich durch den Wald gefahren war. Wie sie da -beide so still und glückselig waren. Die Maiglöckchen, die er ihr -gepflückt, standen in einer kleinen Vase am Bette. Sie waren ihr teuer. -Und sie freute sich, daß sie bei dem Sturze vom Wagen nur ihre goldene -Brosche verloren hatte, nicht diese drei Blumenstengel. - -»Wie kam es denn, Stenzeln, daß Herr Raschdorf nach dem Arzte gefahren -ist und nicht jemand von uns?« - -»I du meine Güte, das hätt' lange gedauert! Na, Du weißt ja, Lotte! -Aber der junge Herr drüben is gefahren wie a Toller.« - -Lotte lächelte. - -»Weiß er schon, daß ich den Fuß gebrochen habe?« - -»Freilich, freilich! A hat ja unten im Hause gewartet, bis ich ihm -alles gesagt hab'. Na, und a läßt Dich schön grüßen, und es tät ihm -schrecklich leid!« - -Lotte lächelte wieder. - -»Ja, Stenzeln, das glaub' ich, daß es ihm leid tut; er ist ein sehr -guter Mensch.« - -Die Stenzeln nickte und dröselte ein Weilchen für sich hin. Dann -hustete sie und sagte: »Na, eigentlich soll ich's ja nich sagen, aber -Du wirst ja nischt verraten -- da sieh mal!« - -Sie zeigte ein Fünfmarkstück und mäßigte ihre Stimme zu einem Flüstern: -»Das hat a mir geschenkt, der junge Raschdorf, und ich soll Dich nur -gut pflegen, hat a gesagt --« - -Eine tiefe Röte zog über das Gesicht der Kranken, und ein glückliches -Leuchten brach aus ihren Augen. - -»Ja, und jeden Abend um neune will a mich unten an der Haustür fragen -kommen, wie's Dir geht.« - -»Hat er das gesagt?« - -»Freilich hat a! A hat 'ne schreckliche Bangigkeet um Dich.« - -Die Stenzeln seufzte. - -»Schade is! Schade, daß a nu grade der Raschdorf is. Sonst is a -wirklich a sehr schmucker Mensch.« - -Lotte antwortete nicht; nur die Hand irrte auf dem Deckbett hin und -her, und auf ihren Wangen brannte die Röte. - -»Ja, und gewundert hab' ich mich, daß Dein Vater weiter nischt gesagt -hat. Na, aber bei dem kommt's vielleichte noch. O, das wird a Aufsehen -sein im Dorfe! Da werden sie ja wieder was zusammenquatschen. Is doch -aber nischt dabei. Denn an was anderes is ja hier gar nich zu denken.« - -Lotte lag ganz still. Ihre Augen wurden ernst und traurig. - -»An etwas anderes ist ja hier gar nicht zu denken!« - -Eine heiße, qualvolle Unruhe kam, die mehr weh tat als die Schmerzen -des kranken Fußes. - -Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Da -- mitten durch ihr -Herzeleid schimmerte es immer wieder duftig und silbern -- - -Ein paar Blumen! Ein glänzendes Geldstück! - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 13] - - -Droben im Walde stand ein uraltes, verwittertes Heiligenbild. Es wußte -niemand, wer es da hingestellt, wußte niemand mehr, ob es aus Freud' -oder Leid geschehen, ob es ein Dank sein sollte oder eine Bitte, ob -eine fromme Seele es errichtet habe oder einer, dem eine Schuld im -Herzen schrie. - -Es stand da die Jahrhunderte hindurch. Und der Frühling stellte seine -Blüten rund umher; die Sommersonne vergoldete den grauen Stein; an -seinem Fuße legten sich die Käfer schlafen zur Herbsteszeit ins grüne -Moos, und wenn die Weihnachtsglocken aus dem Tale klangen, flimmerten -Eis und Schnee um das alte Bild, wie auf dem Altar in der Kirche weiße -Decken und glänzende Steine. Manchmal zog ein einsamer Wanderer die -Mütze ab vor dem alten Bilde. Das ist kein Götzendienst, wenn ein -Mensch das Haupt entblößt an so ehrwürdigem Orte, wo so viel Leid und -Lust ausgerungen wurden, so viel Friede und Andacht, aber auch so viel -Kampf und Reue zu Hause waren seit langen Jahren. - -An diesem Heiligenbilde kniete Liese Berger. Der Abend war nicht weit. -Da lag ein roter, verklärender Schein über ihr und dem grauen Stein. -Von fern sangen ein paar Vögel. Sonst war alles still. Und der Wald -blühte über ihr. - -Ein langes, stummes Gebet lag in den Augen des Mädchens, ein Gebet voll -Qualen. Aber wie sie auf das Bild hinschaute, wurden ihre Augen stiller. - -»Wenn es eine Sünde war, verzeih' es mir, heilige Mutter Gottes!« - -Das Bild gab keine Antwort; aber in die Augen der Betenden kam -Friede. -- - -Es stand einer von fern. Er war der Liese heimlich nachgegangen. -Mathias, ihr Vater. - -Er störte sie nicht -- o nein! Er wußte, was sie betete. Er wußte, daß -es ein Totengebet war für seine und ihre liebste Lebenshoffnung. - -Jetzt erhob sie sich und sah ihn. Ein wenig erschrak sie, aber er ging -auf sie zu und nahm sie in seine Arme. - -»Liese!« - -Kein Wort redeten sie. Sie standen ganz still. Ein Vogel, der auf dem -Aste saß, hielt inne in seinem Liede, neigte das Köpflein zur Seite -und schaute die beiden verwundert an. Und als sie endlich fortgingen, -flog er hinüber zum Heiligenbild, wo sein Weiblein im Neste saß, und -erzählte ihr, daß es Menschen gäbe, die ganz still stehen und nicht -reden. Das Weiblein zwinkerte ihn verständnisvoll an und wies mit dem -Schnabel hinab auf das zerdrückte Gras vor dem Bilde. - -Und dann sprachen sie von ihren eigenen Sorgen. -- - -Die beiden Menschen aber gingen schweigend den Bergpfad hinab. Nach -einer Weile blieb die Liese stehen. - -»Vater, ich will ins Kloster gehen!« - -Er erschrak wie vor einem Blitz. - -»Mädel!« - -Sie klammerte sich an seinen Arm. - -»Es ist nicht -- es ist ja nicht erst seit gestern -- es ist viel -länger, ich hab's schon immer gedacht, schon als Schulkind -- aber -jetzt -- Vater, ich will gern ins Kloster!« - -»Nein, Liese! Auf keinen Fall! Das geb' ich nicht zu!« - -Sie senkte den Kopf. Er aber schlang erschüttert den Arm um ihre -Schulter. - -»Deswegen nich, Liese! Meine Einzige! Nein, eher will ich --« Die -Sprache versagte ihm. - -»Es ist ja nicht bloß deswegen, Vater!« - -»Ja! Ich weiß schon! Ich weiß genau! Nein, Liese, das geb' ich nich zu. -Eher ziehn wir weit fort! Du bist mir die Nächste. Das kann nich sein! -Deswegen nich!« - -Stumm ging die Liese neben dem Vater her. - -»Meinst Du, daß ich's nicht mehr wert bin?« - -»Nich wert? Du, mei' frommes, goldenes Kind, Du! Aber mei' Tochter, 's -kann ja alles noch gut werden. 's is ja doch nischt weiter passiert, es -kann ja alles noch werden.« - -Sie sah ihm hell in die Augen und schüttelte den Kopf. Dabei sagte sie -ruhig: »Nein, es ist vorbei!« - -»Es is nich vorbei! Wieso denn?« - -»Wenn a mich auch noch wollte -- jetzt wollt' ich nich mehr!« - -Er sah sie erschüttert an. - -»Wir sind nich füreinander! Ich weiß jetzt. Es war unrecht von mir, -daran zu denken, und ich will schon lange ins Kloster.« - -»Liese, ich geb's nich zu!« - -»Warum nicht, Vater? Ich hab's da ganz gut. Ich geh Kranke pflegen, -das tue ich gern. Da kann ich was nützen. Und ich bin vielleicht ganz -glücklich. Und so -- wenn ich in der Welt bleib'?« - -Er sagte nichts mehr. Die stillen Frauen tauchten vor seiner Seele -auf, die Siegerinnen, die in sich die Welt überwunden haben. Es liegt -alles hinter ihnen, was die Menschenkinder erregt: sie wollen kein -Geld, keinen Ruhm, kein Vergnügen, keine Bequemlichkeit, keine irdische -Liebe. Sie wollen nur das Gute. Vielleicht, daß eine hie und da mit -sich kämpft; die meisten haben Frieden. Und gegen den Frieden ist doch -alles andere armer Tand. - -Und wenn die Liese in der Welt blieb ohne Beruf, ohne Liebe, ohne -Frieden? - -Vielleicht, daß es ihr gut wäre im Kloster, vielleicht! - -Aber er? -- Aber er! -- - -»Liese, wir wollen weder »ja« noch »nein« sagen; wir wollen abwarten, -noch lange abwarten.« - - * * * * * - -Vom Dorfe herauf nach dem Buchenkretscham zu kamen der junge Riedel und -der Barbier. - -»Wenn wir's ins Reine bringen, fünfzig Taler sind Deine,« sagte Riedel. - -»So leicht wird's gar nich sein,« meinte der Barbier, »Du hast a alten -Schräger schon zu ofte geärgert. Und dann der Raschdorf!« - -»Quatsch' nich, Mensch! Mehr wie fünfzig Taler gibt's nich! Das mit'm -Raschdorf is Mumpitz. Die Schräger Lotte und der Raschdorf! So was -gibt's nich. Da red' mir nischt vor.« -- -- -- - -Schräger war allein. Er war bereits wieder nicht mehr nüchtern. Die -beiden eintretenden Männer grüßten und bestellten sich etwas. - -»Na, man hört ja schöne Dinge,« fing der Barbier an. - -»Was, schöne Dinge?« fragte Schräger stupid. - -»Nu, von der Lotte. Seit wann fährt'n die mit'm Raschdorf Heinrich -spazieren?« - -»Ja, seit wann fährt'n die mit'm Raschdorf Heinrich spazieren?« -wiederholte Riedel spitzig. - -»Weeß ich nich,« sagte Schräger pomadig und trank einen Schnaps. - -»Weeß a nich,« sagten die anderen beiden gleichzeitig und sehr -betroffen. - -»Ja, kümmerst Du Dich denn nich drum, Schräger, wenn Dei' Mädel zum -Spektakel mit 'm Raschdorf in der Welt rumfährt?« - -»Nee,« sagte Schräger, »mir is alles ganz piepe. Ganz egal is mir -alles! Hol' alles der Teifel! Prost!« - -»Der Kerl is besoffen,« sagte der Freiersmann leise. - -»Sag' mal, Schräger, das kann Dir doch nich egal sein. Die Leute im -Dorfe reden ja riesig. Sie sagen, die Lotte hat mit 'm Heinrich a -Verhältnis.« - -»Verhältnis? Weeß ich nich! Kann sein! Kann schon sein! Is mir alles -Wurst!« - -Riedel und der Barbier sahen sich ratlos an. - -»Nu, Schräger, Du bist wohl nich gescheit? Du wirst doch nich zugeben, -daß der Raschdorf mit der Lotte a Verhältnis hat? Du bist wohl -verrückt?« - -»Nee, ich bin gar nich verrückt! 's is ganz gutt so. Kommt alles -zusammen, alles zusammen. Is alles gutt! Freut mich! Freut mich -wirklich!« - -Er rieb sich die Hände. - -»A is wirklich verrückt geworden,« sagte Riedel. - -»Ich werd' Dir was sagen, Schräger,« fing der Barbier in scharfem -Tonfall an. »Du bist a Schafskopp! Der Raschdorf denkt gar nich an -die Lotte, der hat 'ne ganz andere. Und Du kannst Dir mit solchem -blödsinnigen Getue bloß Läuse n a Pelz setzen. Wenn das rauskommt, daß -Du uff a Raschdorf spekulierst, da --« - -»Was da?« - -»Na so und so --« - -»Was so und so?« - -Der Wirt wurde etwas nüchterner. - -»Na, ich will ja nich zuviel sagen; aber das weißte vielleicht, daß der -Mathias gesagt hat, Du spekulierst drauf, daß die Güter zusammenkommen, -und hättest deswegen a alten Raschdorf so reingebracht.« - -Schräger fuhr wütend auf. - -»Der Teifel hol' a Mathias; ich spekulier' nich! Hab' ich nie gemacht! -Das is Schwindel!« - -»Ja, aber die Leute werden's sagen; sie werden jetzt 'm Mathias recht -geben --« - -»Wer? Wer? Ich verklag' 'n!« - -»Kannste nich! Und dann, wenn wirklich was draus würde, da tränk' keen -Mensch mehr bei Dir für fünf Pfennige Schnaps. Mit a Buchenhofleuten -will niemand was zu tun haben.« - -Der Wirt glotzte die beiden an. Er wollte etwas sagen, schimpfen, -abstreiten, aber schließlich wandte er sich ab und trat ans Fenster. - -Heute früh, als er ausgeschlafen hatte und sich der Vorkommnisse vom -vorhergehenden Tage bei nüchternem Geiste erinnerte, war er zuerst in -Wut geraten und hatte großen Spektakel schlagen wollen. Aber dann, als -er sich alles genauer ausmalte und auch unterdes wieder viel Schnaps -getrunken hatte, war ihm urplötzlich seine alte, längst aufgegebene -Lieblingsidee wieder eingefallen: die beiden Buchenhöfe miteinander -zu vereinigen. Es war seit Jahren der erste Gedanke gewesen, der -ihn aus seiner Säuferlethargie aufrüttelte und etwas wie eine frohe -Begeisterung über ihn brachte. - -Zwar die Sache schien auch ihm wahnwitzig, er wußte ja auch nichts -Bestimmtes, nur den kurzen Bericht der alten Stenzeln, und so beschloß -er, der Sache freien Lauf zu lassen. Jetzt kamen diese beiden und -verdarben ihm den Plan. Er wandte sich um. - -»Was habt Ihr eigentlich? Sie is a Stückel mit ihm gefahr'n. Weiter -nischt!« - -»Ja, und a hat's Pferd nich gehalten, wie sie abstieg. A feiner -Kutscher is a, das wissen wir alle. Aber wie a sie heimgebracht hat, -wie a sie um a Hals gehabt hat --« - -»Schwindel! Halt's Maul!« - -»Wir wissen's! Und alle Leute wissen's!« - -Der junge Riedel sprang auf. - -»Herr Schräger, es -- es muß raus! Ich bin der Lotte gutt, sie gefällt -mir, wenn sie auch das Arbeiten nich gelernt hat, und ich wollte heute --- heute anfragen, wie's denn wär', wenn wir a Kram zusammenschmissen; -aber wenn die Leute so reden, und wenn Sie nischt dagegen haben, und -wenn so 'ne Wirtschaft hier is, da -- da könnt's sein, ich besänn' mich -noch anders.« - -Schräger wurde krebsrot. - -»Riedel! Pauerjunge! Denkste, das laß ich mir gefall'n? Das soll wohl -'ne Brautwerbung sein? Besänn a sich noch anders, der Schafkopp! Hab' -ich dazu gespart und gearbeit't und die Lotte so viel lern'n lassen, -daß mir so a Lausejunge so kommt? Mir, 'm Vater? Raus!« - -»Menschenkinder, vertragt Euch, vertragt Euch!« beschwor der Barbier. - -»Raus!« brüllte Schräger. - -Der junge Riedel kochte vor Wut. - -»Behalt' sie!« schrie er. »Behalt' sie! Pack schlägt sich, Pack -verträgt sich.« Damit war er hinaus. Der Begleiter folgte ihm. - -Schräger war wieder allein. Ein paarmal ging er durch die Stube -und sprach vor sich hin. Dann sank er auf einen Stuhl. Er wollte -nachdenken. Es ging aber nicht. So holte er sich Schnaps und trank. - -Allmählich flaute seine Erregung ab. - -Eigentlich war's dumm, daß er den Riedel hinausgeworfen hatte. Der -Riedel hatte Geld. - -Aber Raschdorf hatte mehr. Viel mehr! Und die Ziegelei! Und die Höfe -kamen zusammen! - -Die Höfe! -- -- -- Wenn er nur nicht Raschdorf hieß! - -Ein Frösteln kam den Säufer an. - -Der Sohn von dem anderen! - -Manchmal kam er ja noch -- der andere -- in der Nacht, manchmal, wenn -Schräger zu wenig getrunken hatte, oder wenn er krank war und nicht -schlafen konnte. - -Der Sohn! War das möglich? Würd's da besser mit ihm werden oder -schlechter? Würde er sich mehr fürchten oder weniger? Damals, als der -junge Raschdorf zur Steuer gewesen war, hatte Schräger in der Nacht gut -geschlafen. -- -- - -Und auftrumpfen läßt er sich nicht! Und nichts auf die Lotte sagen, -nichts! Auch nicht auf den Jungen! Es sind die Kinder! Er hat's danach; -er braucht sich und den Kindern nichts sagen zu lassen! Wieder ringt -er nach einem klaren Gedanken, will einen bestimmten Vorsatz fassen. -Es ist nicht möglich, es bleibt alles verworren. Er trinkt, und dann -spricht er wieder mit sich selbst. Alles durcheinander. Manchmal gegen -den Riedel, manchmal gegen den Raschdorf. Zuletzt lallt er: - -»Hol' der Teifel! Egal, ganz egal! Aber Geld muß sein! Geld!« Und er -greift nach der Rumflasche. - - * * * * * - -Es war Abend. Droben im Krankenzimmer lag die Lotte mit roten Wangen. -Sie sah immer nach der Uhr und betrachtete mit qualvoller Ungeduld, wie -träge die Zeiger weiterrückten. Jetzt schlug die Uhr neunmal. - -Die alte Stenzeln rührte sich nicht vom Platze und bastelte an ihrem -Strickstrumpf. - -»Es ist neun, Stenzeln,« sagte die Lotte stockend. - -»Ja, ja,« erwiderte die Alte, »die Zeit vergeht.« - -Sie vergaß es. Wenn er jetzt kam und die Stenzeln nicht traf! - -»Stenzeln. Es ist mir doch, als ob Ihr gestern gesagt hättet, um neun -wollte der Raschdorf Heinrich --« - -»Jesses, das hätt' ich vergessen! Na, die Uhr geht ja a bissel zu -zeitig. Will ich doch gleich runter.« Sie ging. - -»Stenzeln! Sagt ihm doch, ich -- ich ließ mich bedanken, daß er mich -heimgebracht hat, und daß er den Doktor geholt hat.« - -»Werd's ausrichten!« - -»Stenzeln! Fragt ihn doch auch, ob nicht seine Leute -- ob sie nicht -böse gewesen sind -- ja?« - -»Was sollen sie böse sein? Aber ich werd's ausrichten.« - -»Stenzeln! Und dann, ich laß ihn wieder schön grüßen. Das muß ich doch, -Stenzeln, nicht wahr?« - -»Ja, freilich! Sonst noch was?« - -»Nein! Geht nur schnell, daß Ihr ihn nicht verpasset.« - -Die Stenzeln ging, und Lotte horchte hinab. Ihre Wangen brannten und -ihre Augen waren weit geöffnet. Langsam verrann die Zeit. Wenn sie -aufkönnte, ein einziges Mal ans Fenster könnte! Aber sie durfte sich ja -nicht rühren. Jetzt war eine ganze Viertelstunde vergangen. Wo nur die -Stenzeln blieb? Hatte er sich verspätet? Oder hatte er ihr so viel zu -sagen? So viel? -- -- - -Die Stenzeln stand etwas abseits von der Haustür und hielt Umschau. -Es war niemand zu sehen. Das Tor und die Tür vom Buchenhof waren -geschlossen. Es war auch drüben in keiner Stube mehr Licht. - -Wo blieb er? Der Stenzeln wurde die Zeit lang, und sie lief die Straße -ein bißchen auf und ab und guckte sich um. Da kam jemand. Es war der -Barbier. - -»Ah -- Stenzeln! Ich denke, Sie haben Krankenwache? Da steht man doch -nicht auf der Straße und guckt sich um, als wenn wunder jemand kommen -sollte?« - -»Das geht kein'n Menschen was an! Und auf Sie hab' ich nich gewart't.« - -»Das glaub' ich. Nur nicht gleich so ruppig, Großmutter! Ich wunder -mich halt. Wie geht's der Lotte?« - -»Schlecht!« - -»Großmutter, Sie sind zwar 'ne stachelige Distel, aber wenn's Ihn'n -recht is, wart' ich a bissel mit hier.« - -»Nö! Ich brauch' niemanden. Ich schnapp' bloß a bissel Luft. Gehn -Sie nur rein und löschen Sie Ihren Durst! Hier sein Sie a sehr -überflüssiges Möbel! Gehn Sie rein!« - -»Denke ja nich dran! Ich bin neugierig, auf wen Sie warten. Woll'n Sie -etwa gar wieder heiraten und warten auf a Schatz?« - -»Altes Schandmaul! Wissen Sie was? Jetzt geh' ich rein. Sie verderben -mir die Luft, Sie windige Seifenblase!« - -»Nu, so 'ne alte Säge! Hör'n Sie mal, Großmutter, ich will Ihn'n noch -was sagen. Im Dorfe wird riesig gered't über a jungen Raschdorf und die -Lotte --« - -»Mögen sie reden! Der Schlimmste is jetzt nich dabei. 's böseste Maul -is jetzt nich im Dorfe.« - -»Hör'n Sie mal, Großmutter, warten Sie doch noch 'n Schlag! Es tut mir -leid um die Lotte, denn der Raschdorf bringt sie bloß ins Gerede, na, -und a is doch so gutt wie verheirat't mit der Liese.« - -»Mit wem?« - -»Nu, mit der Berger Liese. Na, Stenzeln, wissen Sie das nich?« - -»Sie sind wohl beduselt?« - -»Nu, was is da so zu wundern? Denken Sie, der alte Mathias hat was -umsonste gemacht? Der hat nich schlecht spekuliert. Na, und der -Heinrich, der kann ja gar nich anders, den hält doch der Mathias feste. -Großmutter, na, warten Sie doch -- -- Fort is se, die alte Schwarte!« - - * * * * * - -»Nun, Stenzeln, Sie waren so lange?« - -»Ja! A is nich gekommen.« - -»Nicht gekommen? Ist das möglich?« - -»A war nich da! Vielleicht hat a's vergessen.« - -»Vergessen?« - -»Lotte, 's beste is, ich geh nich mehr runter. 's hat ja kein'n Zweck. -'s kann mich auch jemand erwischen. Heute hat mich schon der Bader -gesehn. Der hat gesagt, die Leute reden über Dich und über a Raschdorf -Heinrich, und der wär' doch so gut wie verheirat't mit der Liese.« - -»Was? -- -- Mit wem? -- -- Stenzeln! Ooh!« - -»Was is denn, Lotte, was schreiste denn?« - -»Ach, mein Fuß -- mein Fuß tut mir weh!« - -»Der Fuß? Aber a liegt richtig! Na, 's beste wär' schon gewesen, Du -hätt'st a Heinrich nich getroffen. Das tut amal nischt Guttes. Na, und -da hat ja der Barbier recht, 'm Berger Mathias is es der Raschdorf -schuldig, denn dem verdankt a ja alles.« - -»Ja! -- Ja, Stenzeln! -- Es ist genug! -- -- Ich will schlafen! Seid -jetzt ganz stille -- ich bin so sehr müde!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 14] - - -Drüben im Buchenhofe hatte Heinrich Raschdorf die Stenzeln wohl -gesehen. Am Fenster hatte er gestanden, oben in seinem Zimmer. Als wenn -er das Fieber hatte, so hatte es ihn geschüttelt. Ein paarmal war er -nach der Tür gegangen, aber immer wieder umgekehrt; ein paarmal hatte -er die Hand am Fensterwirbel gehabt, aber doch nicht geöffnet. - -Dann, als sie fort war, hatte er sich auf sein Sofa geworfen. Er war -tief unglücklich. Eine schwere Verachtung gegen sich selber bäumte sich -in seinem Herzen auf. Er war kein Mann, kein Charakter, er hatte keinen -Willen. Warum ging er nicht? Warum fragte er nicht die Stenzeln? Warum -hielt er sein Versprechen nicht? - -Warum? Er durfte nicht; es ging gegen sein Gewissen. Er mußte diese -Liebe ausrotten mit Stumpf und Stiel; er durfte ihr nicht die mindeste -Nahrung geben. - -Denn es war unmöglich! Ganz unmöglich! - -Die Heimat, die er noch gehabt hatte, würde er verlieren, die wenigen -Menschen, die treu und ehrlich zu ihm hielten, würde er sich -entfremden, und er würde auch ihnen die Heimat nehmen. - -So mußte er sich opfern, sich und -- sie. - -Sie? Nein, sie nicht! Sie wußte nichts von Liebe. Wenn ihr Fuß geheilt -war, war sie wieder ganz gesund. - -Aber unglücklich war sie auch, das hatte sie gesagt. - -Der junge Buchenbauer verbrachte eine Nacht voller Kämpfe. - -Er wollte sich rasch und stark durchringen zur Gerechtigkeit und zum -Frieden. Der junge, weiche Mann! Er wußte nicht, was solche Kämpfe -bedeuten, die Kämpfe, die alle Menschen mit klugem Kopf oder mit -weichem Herzen zu bestehen haben, und bei denen der Sieg gar nicht -kommt oder oft spät, wenn schon viele Wunden geschlagen sind. - -Zum Frühstück brachte ihm die Liese den Kaffee. Sie war ein wenig -blässer als sonst, aber ihr Gesicht war freundlich wie immer. - -Ehe sie hinausging, sagte sie: - -»Wie ich vorhin aus der Kirche kam, hab' ich die Stenzeln getroffen. -Sie läßt sagen, gestern wär' es sehr gut mit der Lotte gegangen, aber -in der Nacht hätte sie Fieber gehabt.« - -Der Buchenbauer wurde rot. - -»Ja -- ja -- ich danke, Liese -- es ist mir ja ganz lieb, daß ich -- -daß ich etwas höre!« - -»Ja, und dann läßt die Stenzeln noch sagen, sie will nicht mehr -herunterkommen abends um neun, weil Du gestern nicht gekommen wärst, -und weil es Aufsehen machen könnte.« - -Heinrich starrte das Mädchen an und war nicht fähig, ein Wort zu -sprechen. - -»Willst Du noch mehr Brot haben, Heinrich?« - -»Liese!« - -Er sprang auf und ergriff ihre Hand. Das Mädchen erschrak und wich -zurück. - -»Liese! Du bist so engelsgut, und ich bin ein unglücklicher, schlechter -Mensch!« - -»Was ist mit Dir, Heinrich? Du bist doch nicht schlecht! Was hast Du?« - -Er ließ ihre Hand frei. - -»Ich weiß, ich bin undankbar, sprich nicht, ich weiß; Ihr tut mir alle -Gutes, und ich --« - -»Du tust uns allen auch Gutes, Heinrich!« - -Sie war sehr rot und sehr verwirrt und ging schnell hinaus. - -Er sah ihr nach. In diesem Augenblick wohnte ein hohes Gefühl für sie -in seiner Brust. Er wäre imstande gewesen, alles für sie zu opfern, was -er besaß. Maßlose Dankbarkeit erfüllte ihn, auch tiefes Mitleid. - -Sie brachte ihm Nachricht von der anderen. Wie uneigennützig war dieses -Wesen! Er dachte nur an sich, immer an sich. - -Es mußte anders werden. Freundlich wollte er sein zu allen, er wollte -sich selbst überwinden. - -Was nur die Lene sagen würde, wenn sie erführe, daß er die Stenzeln -bestellt habe? -- Sie sagte nichts, als sie ihn traf. Die Liese hatte -nichts verraten. Und da war er wieder dem blassen Mädel dankbar. - - * * * * * - -Mathias Berger ging einsam aufs Feld hinaus. Sehr langsam ging er. Es -war, als ob etwas in ihm erstorben wäre. Eine alte, längstvergangene -Zeit fiel ihm ein, da er als junger Bergmann tief unter der Erde war -und mit tausend Qualen an seine verlorene Liebe dachte. - -Ganz ähnlich war ihm jetzt wieder zumute. Im Grunde genommen ist -verlorene Liebe ja doch immer verlorener Glaube. - -Wo war für ihn noch eine Aussicht? - -Doch nicht an sich dachte er nur. Heute oder morgen konnte er sein -müdes Haupt zur Ruhe legen. Aber das Leben der anderen war lang ... - -Ein Mann sprach ihn an -- der Barbier. - -»Mathias,« sagte er scheinheilig, »ich weiß nich, ob Du mit mir reden -magst. Getan hab' ich Dir ja eigentlich nischt, na, aber Du weißt ja --« - -»Was willst Du von mir?« - -»Mathias, es läßt sich eigentlich schwer sagen. Sieh mal, Du weißt ja, -daß ich damals zum Schräger gehalten hab' --« - -»Ja, das weiß ich!« - -»Natürlich haste mir das übelgenommen. Aber ich hab' halt wirklich -gedacht, der Schräger is ganz und gar unschuldig, und es tät ihm -unrecht geschehn.« - -Er machte eine Pause und sah lauernd auf seinen Begleiter. Aber der -sagte kein Wort. - -»Ja, aber jetzt --« - -Mathias konnte doch nicht verhindern, daß er aufsah. - -Der Barbier mäßigte seine Stimme. - -»Behaupten will ich ja nichts, man muß ja sehr vorsichtig sein, aber es -bleibt ja wohl unter uns.« - -»Barbier, 's beste is, Du behältst Deine Geheimnisse für Dich. Ich will -sie nich wissen.« - -Die schroffe Abweisung verschlug dem andern nichts. - -»Geheimnisse sind's ja eigentlich nich. Aber das möcht' ich im -Vertrauen sagen: ich halt auf a Schräger nich mehr so große Stücke; ich -glaub' nich mehr alles. Na, glauben kann man ja, was man will -- was?« - -Dem schlichten, ehrlichen Manne waren die versteckten Andeutungen -zuwider. - -»Sag' nur, was Du von mir willst; was Du mit 'm Schräger hast, is mir -egal.« - -»Na ja, ich hab' nischt mit ihm. Aber das will ich Dir sagen, der -Schräger spekuliert wieder, daß die Höfe zusammenkommen sollen --« - -»Was? Wieso?« - -Der Barbier war froh, nun endlich doch das Interesse seines Begleiters -geweckt zu haben. Deswegen sagte er eifrig: »Na, Mathias, mir is immer -gewesen, als hätt' ich was mit Dir wieder gutt zu machen. Früher haste -gesagt, der Schräger will die beiden Höfe haben; da biste bestraft -worden, und die Leute haben sich gefreut, na, und ich: gefreut hab' ich -mich ja nicht, aber ich hab' doch gedacht, der Schräger hätte recht --« - -»Wozu die alten Geschichten?« - -»Na, ich will Dir's sagen: Gestern hat der Schräger im öffentlichen -Gasthause gesagt, daß a die Höfe zusammenbringen will.« - -Berger blieb stehen. - -»Wie kann a das sagen? Der Buchenhof ist in fester Hand.« - -Der Barbier lachte vertraulich. - -»Das sag' ich eben auch. Der Buchenhof ist in festen Händen, in guten -Händen, und wie lange wird's dauern, da heirat't der Raschdorf Heinrich -Deine Tochter und da --« - -»Barbier, das verbitt' ich mir! Das geht keinen Menschen was an! Das -will ich nich hören! Verstehst Du?« - -Dem alten Manne zitterte die Stimme. Der andere blieb geschmeidig. - -»Ja, nimm's nur nich übel, angehen tut's mich ja nischt, das is wahr, -und ich red' ja kein Wert darüber, wahrhaftig nich 'n Wort, aber 's is -ja selbstverständlich --« - -»Was selbstverständlich? Wer sagt das? Wer kann das sagen?« - -»Nu ja, die Leute sagen's, Du hast so viel für a Heinrich getan, und 's -is vernünftig.« - -»Die Leute! Die Leute geht nischt von uns an -- nischt! Jetzt sag' -mir endlich, was das alles zu bedeuten hat, und was Du eigentlich -bezweckst?« - -»Na, also sag' ich's halt gerade raus: Der Schräger hat sich gestern im -offnen Lokale gerühmt, daß der Heinrich um seine Lotte geht.« - -Berger schrak doch ein wenig zusammen. - -»Gerühmt? Wieso gerühmt? Das würd' doch der Schräger gar nich zugeben!« - -»Zugeben? Na, täusch' Dich nich, Mathias! Wenn der Schräger Geld -spürt, da is a zu allem fähig. Und a hat's ja öffentlich gesagt. -A hat gesagt, dem Lumpenmannmädel würd' a den Goldfisch schon noch -wegschnappen.« - -Berger verlor die Fassung. - -»Barbier -- das -- das -- meine Tochter will den Heinrich gar nich -- -verstehst Du -- mag ihn gar nich -- sag' das den Leuten! Und jetzt geh' -Deiner Wege! Wie kommst Du überhaupt dazu, Deinen Freund bei mir zu -verraten? Ich will nischt mehr wissen -- nischt!« - -Er bog in einen Seitenweg ein, und der Barbier sah ihm nach. - -»Der hat sein'n Hieb weg,« dachte er, »der wird jetzt schnell zulangen. -Wär' der Geier, wenn wir den Raschdorf nich wegkriegten. Der könnte -mir gerade passen im Kretscham. Und dann -- die fünfzig Taler vom -Riedel-Bauer!« - - * * * * * - -Die Straße entlang zogen singende, junge Männer. Sie waren in der Stadt -zur Aushebung gewesen. Das ist ein Wendepunkt in dem Leben dieser -Leute. Zum Militär kommen oder nicht, das bedeutet viel. - -Da taten diese Leute, was unser guter, deutscher Stammesgenosse immer -tut, wenn ihm etwas Außergewöhnliches passiert -- sie tranken. Ob aus -Schmerz oder Freude, das bleibt sich für den Durst gleich. Es wird -getrunken, und je wichtiger das Ereignis ist, desto mehr wird getrunken. - -Das ist nun schon ein schnurriger Kerl, der Herr Alkohol. Er ist -überall auf der Welt ein bißchen zu Hause, betrügt im schönen -Türkenlande den Mohammed und ist die einzige Person in der -Grönländerhütte, für die etwas Erkleckliches ausgegeben wird; er -schwimmt auf allen Meeren, kraxelt auf alle Berge und marschiert auf -allen Straßen. - -Gar im lieben Deutschland hat er Ehrenbürgerrechte, denn er zahlt -die meiste Steuer, ist populär beim Volke und ~persona gratissima~ -bei Edeln und Fürsten. Da macht er sich breit bei Kindtaufen und -Leichenschmaus, sitzt zwischen Bräutigam und Braut, wetzt dem einen das -Rowdymesser und fungiert bei zwei anderen, die Brüderschaft trinken, -als gemütlicher Ehrenzeuge. - -Und den jungen Rekruten, die der König warb, kommandiert er auf dem -Heimwege noch lange, ehe sie vereidet und eingekleidet sind, wie ein -recht launiger Unteroffizier, bald »Rechts schwenkt«, bald »Links -schwenkt«, bald »Beine hebt«, bald »Arme streckt« und manchmal auch -»Knie beugt« oder »Legt Euch nieder«. -- - -Einer ging abseits -- Hannes. Er hatte sich nicht betrunken und auch -keine bunten Papierbänder an den Hut geheftet wie die anderen. Und doch -hätte er nach landesüblichem Begriff das Recht dazu gehabt, denn er war -»ausgezeichnet« worden. - -Mit sehr gemischten Gefühlen schritt Hannes seines Weges. Daß er -fortkam in die Stadt, fort aus der Einsamkeit, und eine bunte Uniform -mit glänzenden Knöpfen tragen sollte, freute ihn. Eine Fülle von -Vorstellungen, Plänen und Hoffnungen schwirrte durch seinen Kopf. Und -doch war auch eine große Bangigkeit in ihm. - -Da traf er die Lene, die den Leuten das Vesperbrot aufs Feld getragen -hatte. Er erzählte ihr, daß er nun »ausgehoben« sei und zum Herbst -fortkäme. - -Das Mädchen wurde um einen leichten Schein blasser, als sie das hörte. - -»Da freuste Dich wohl, daß Du endlich amal fortkommst?« - -»Och ja! Ich freu' mich schon, Lene! 's soll ja sehr hübsch sein bei a -Soldaten!« - -Sie antwortete nicht und schritt schnell weiter. - -Nach einer Weile sagte er: »Eigentlich freu' ich mich gar nich, Lene.« - -Sie antwortete etwas hastig und stoßweise: »Warum nich? Du kommst fort -zu Leuten; Du siehst und hörst was, und Sonntags kannst Du tanzen gehn -mit a Stadtmädeln. Das wird Dir schon gefall'n.« - -Er sprang vom hohen Wegrande herab und faßte sie erregt am Arme: »Nein, -Lene, nein! Ich tanz' nich mit a Stadtmädeln, mit keiner einzigen tanz' -ich, ich bin bloß Dir gutt, bloß Dir!« - -»Nu, Hannes! Was fällt Dir denn ein?« - -»Ich muß Dir's sagen, Lene, eh' ich fortkomm'! Sonst halt ich's nich -aus; sonst lauf' ich fort am ersten Tage. Ich bin Dir so sehr gutt, und -wenn Du mir nich wieder gutt bist, da wär's besser, ich wär' tot. Und -du mußt mich heiraten, Du mußt, Lene!« - -Sie sah ihn an und brach in ein schallendes Lachen aus. - -»Lene, lach' nich! Lach' nich, Lene! Es is mei Ernst! Hör' auf zu -lachen! Du machst mich verrückt!« - -Aber sie lachte immer weiter. - -»Warum lachst Du mich denn aus? Weil ich der arme Schafferjunge bin, -und Du die Raschdorf Lene? Deswegen?« - -Da wurde sie ernster. - -»Na, deswegen grade nich! Aber daß Du Dir einbild'st, Du bist mir gutt, -das is lustig. Da muß ich schon lachen. Mir is niemand gutt. Das weiß -ich! Und Du zuallerletzt, denn Dich hab' ich am allermeisten geärgert.« - -»Aber ich bin Dir gutt, Lene! Das muß ich doch besser wissen als Du. -Immer schon! Schon, wie wir noch in die Schule gingen --« - -»Weil Du keine andere kennst! Wenn Du in der Stadt sein wirst, da wirst -Du schon eine andere finden.« Sie lachte wieder laut auf; dann fuhr sie -fort: »Du bist doch a komischer Kerl, Hannes! Also wirklich, heiraten -willste mich? Von was denn leben? Du hast nischt, ich hab' nischt! Und -Du weißt wohl gar nich, daß ich beim Heinrich bleiben muß?« - -Er blieb stehen. - -»Lene, wenn ich a reicher Pauersohn wär', tät'st Du mich da mögen?« - -»O ja! Kann sein! Da hätten wir was zu leben! Denn das muß sein, -Hannes! Von nischt is nischt. Sieh mal, das is nich anders. Praktisch -muß man schon sein, und wir zwei so als Knechtsleute auf 'm Buchenhofe, -das tät mir nich passen.« - -»Na, da -- da warte, bis Dich a Reicher nimmt!« - -Ihr Gesicht wurde weicher und ihre Stimme leiser. - -»Ich hab' nich gesagt, daß ich ein'n andern will. Da biste sicher! Denn -da hast Du das erste Anrecht auf mich, wo ihr uns so geholfen habt.« - -Er lachte bitter. - -»Geholfen! Wenn's darum wär'! Der Vater hat sein'n Lohn gekriegt und -ich mein'n. Ihr seid uns nischt schuldig.« - -Damit wandte er sich ab. Ganz ernst sagte sie: - -»Wenn Du's nich glaubst, tut mir's leid. Ich tät's schon, aber es geht -nich, und was nich geht, muß man sich aus 'm Sinn schlagen; sonst ist -man dumm!« - -Sie wartete auf eine Antwort; aber er setzte sich auf den Feldrain und -sagte kein Wort. - -»Hannes, wirste so im Zorne von mir fortgehn?« - -»Ja!« - -»Und da wirste mich für schlecht halten, Hannes?« - -»Nein! Ich werd' bloß denken, daß ich Dir zu arm bin, und daß Du mich -nich leiden kannst, und daß es für mich besser gewesen wär', ich wär' -nie auf 'm Buchenhofe gewesen.« - -Sie besann sich ein bißchen. Leise sagte sie: - -»Hannes, wenn's ging, da tät ich Dich nehmen, wenn ich Dich auch nicht -leiden könnt'. So viel hab' ich schon Dankbarkeit in mir, wenn's auch -keiner glaubt. Aber 's geht nich, wir sind beide zu arm, und da hat's -keinen Zweck. Und daß Du sagst, es wär' besser für Dich gewesen, wenn -Du nie bei uns gewesen wärst, damit haste recht, denn bei uns is nischt -zu holen wie Arbeit und Kummer.« - -Ein paar Sekunden blieb sie noch stehen und wartete. - -»Kommste mit?« - -»Nein!« - -Da ging sie. Als sie weit genug fort war, warf sich der »lustige -Hannes« auf den blühenden Feldrain und weinte bitterlich. - -Drüben auf der Straße sangen ein paar Burschen: - - »Als ich zur Fahne fortgemüßt, - Hat sie so zärtlich mich geküßt, - Mit Bändern meinen Hut geschmückt - Und mich ans treue Herz gedrückt!« - -Da blieb unten am Berge die Lene stehen, und auch sie horchte auf das -Lied. Dabei kam ihr Wasser in die Augen. - -»Das haben sie davon, die Liese und der Hannes und auch der Schaffer -und der Mathias. Das haben sie für ihre Schinderei all die Zeit! -Undank! Undank! Der Heinrich will nich, und ich kann nich!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 15] - - -Frühling und Sommer waren vergangen, der Herbst stand vor der Tür. Es -war eine arbeitsreiche Zeit gewesen. Die Buchenhofleute waren noch viel -stiller geworden als sonst, und sie gingen alle nebeneinander her wie -Fremde. - -Die Liese war vom Buchenhof weggezogen und wohnte unten im Dorf bei -ihrer Tante. Und an einem trüben Herbsttag hatte auch Hannes Abschied -genommen. Mit seinem kleinen Handkoffer war er in die Wohnstube -getreten. - -»Ich -- ich komme bloß noch Adieu sagen. Es is Zeit auf die Bahn.« - -Heinrich reichte ihm mit Herzlichkeit die Hand. - -»Leb' gesund, Hannes! Laß Dir's gut gehen bei den Soldaten! Und hab' -viel tausend Dank für alles!« - -Hannes wandte sich ab. - -»Ich -- ich dank' auch für alles!« - -»Du wirst uns fehlen, Hannes. Mir am meisten! Aber wenn die zwei Jahre -um sind, kommst Du wieder zu uns.« - -Hannes stand mit gesenktem Haupte da. Er sagte nicht ja noch nein. Er -wollte sich beherrschen, aber der Atem ging ihm schwer, und er zitterte -leise. - -»Wenn Dir was fehlt, schreibst Du! Du darfst keine Not leiden. Hörst -Du, Hannes?« - -Der sagte kein Wort und stand nur mit bleichem Gesichte da und -zerdrückte den Hut zwischen seinen Fingern. - -»Hast Du mir noch was zu sagen, Hannes?« - -»Nein! -- Ich muß gehen! -- Es -- es ist Zeit. Adieu, Heinrich!« - -»Lebe wohl, lieber Hannes!« - -Er drehte sich um. Auf der Ofenbank saß die Lene und schälte Kartoffeln. - -»Adieu, Lene!« - -Das Mädchen wischte sich an der Schürze die Hand ab und reichte sie ihm -hin. - -»Leb' gesund, Hannes!« - -Sie schaute nicht auf. So ging er aus der Stube, und Heinrich -begleitete ihn bis in den Hof. Dort saß der alte Schaffer als Kutscher -auf dem kleinen Korbwagen und tat ganz gleichgültig, hatte aber doch -einen dunkelroten Kopf. - -Bald darauf zogen die Pferde an. Ade, alte Heimat! - - * * * * * - -Es war eine »Mission« im Dorfe abgehalten worden. Ein paar fremde, -tüchtige Geistliche hatten täglich mehrere Predigten abgehalten, und -die Leute waren scharenweise zur Kirche gegangen. - -Ein alter Franziskanermönch hatte auch gesprochen über den »Beruf« und -also geschlossen: - -»Gott hat einem jeden Menschen seinen Beruf ins Herz gelegt. Ihr aber, -wenn Ihr seine Stimme höret, verhärtet Eure Herzen nicht!« - -Danach war es zwischen Liese und ihrem Vater zu einer letzten -Aussprache gekommen. - -Mathias hatte unter allen in den letzten Monaten am meisten gelitten. -Ihm war die Veränderung wohl aufgefallen, die mit Heinrich vorgegangen -war. Er hatte gesehen, wie der junge Mann mit sich rang; wie er niemals -wieder das Haus Schrägers betrat und dafür immer die Gesellschaft der -Liese suchte. Er war so freundlich mit ihr in allen Dingen, und der -kluge Mathias wußte wohl, daß Heinrich einen Weg, eine Möglichkeit -suchte, daß er sich selbst bezwingen wollte, um schließlich, wenn er -ein wärmeres Gefühl für die Liese hätte, doch noch den Herzenswunsch -des Mathias zu erfüllen. - -Und da hatte unverhofft eines Tages die Liese ihren Vater gebeten, daß -sie vom Buchenhof weggehen und zur Tante hinunterziehen dürfe ins Dorf. - -Mathias wußte, was das bedeutete, und er hatte sich gefügt. Er konnte -dem stillen Mädchen nichts mehr versagen. Und ob das Kind all seine -irdische Liebe bekämpft hatte und nun täglich in der Kirche kniete -- -die Frage quälte ihr zartes Gewissen: ob sie noch würdig sei, eine -Dienerin Gottes zu werden. - -Da kam ein recht stiller, schwermütiger Abend. Draußen auf der Dorfaue -spielte der Wind mit welkem Laub, trug es hin durch den Staub der -Straße und senkte es drüben in den tiefen, schlummernden Teich. - -Die Liese hatte lange hinausgesehen, auch nach den grauen Wolken, die -am Himmel hingen. Dann wandte sie sich langsam um. - -»Vater, ich will heut' zur Beicht', ich will fragen.« - -Mathias sagte nichts. Er hatte darauf gewartet. - -Er wandte sich ab und hörte kaum, was ihm die Liese noch einmal sagte -von Beruf und Gnade, von Nächstenliebe und Herzensfrieden. - -Zuletzt sagte er nur die Worte: - -»Geh' in Gottes Namen!« - -Dann ging er fort -- in den Herbst hinaus, über die kahlen Felder bis -in den gelben Wald. Aber wie er eine Weile gewandert war, faßte ihn -eine furchtbare Bangigkeit und eine zehrende Sehnsucht nach seinem -Kinde, und er kehrte um und ging dorthin, wo sie war. - -Dunkel lag die Kirche. Das ewige Licht nur brannte rot und magisch vor -dem Altar; hie und da flammte ein Lichtlein in den Bänken der Beter, -und große Schatten huschten über die alten Bilder. - -Mathias Berger kniete in eine Bank und durchlebte die schwersten -Minuten seines Lebens. - -Im Winkel dahinten im Beichtstuhl, bei dem Franziskaner, war seine -Liese, und dort wurde entschieden über sie und über ihn. - -Qualvoll langsam verging die Zeit. Sie war so lange, so lange! -Freilich, ihre Frage war schwer. - -Jetzt kam sie. - -Er wandte sich um -- sah sie an -- fragend -- bittend. - -Sie lächelte leise und neigte bejahend das Haupt. - -Dann kniete sie zu dem Bilde der schmerzhaften Madonna. - -Mathias Berger legte das Gesicht auf seine Hände. - -Und draußen klang die Abendglocke. - - * * * * * - -In der großen Wohnstube des Buchenhofes brannte die Petroleumlampe. -Heinrich saß, wie fast immer an den Abenden, über einem Lehrbuch, und -Lene nähte. Sonst war niemand da. - -Da trat Mathias Berger ein. Lene erhob sich: - -»Ich bring' Dir gleich das Essen, Mathias.« - -»Laß, Lene, laß! Ich will nich essen.« - -Sie sah ihn betroffen an. - -»Was ist mit Dir, Mathias? Bist Du krank? Du bist ja kreideweiß im -Gesichte.« - -»Nein, ich bin nicht krank! Aber es -- es ist was passiert, und ich muß -mit Euch reden, mit Euch beiden.« - -Die Geschwister schauten ihn fragend an. Mathias Berger setzte sich. Er -sah sie an mit seinen guten, treuen Augen, weh und schmerzlich. -- So -würgte er hervor: - -»Denkt amal: Meine -- meine Liese geht ins Kloster!« - -»Mathias!« - -»Mathias!« - -Sekundenlang war es still. - -Mathias sprach weiter: - -»Es geht ja schon lange drum, und ich hätt' auch schon was gesagt, aber -es hat sich heute erst richtig entschieden.« - -»Mathias, das -- das ist ja nicht wahr, das kann ja nicht sein, das ist -ja Unsinn, was Du sprichst.« - -»Es ist wahr, Lene, es ist wirklich wahr!« - -Heinrich hatte bis jetzt wie versteinert dagestanden. Nun sprach er -gepreßt: - -»Warum? Warum tut sie das?« - -Mathias Berger schlug die Augen nieder. - -»Sie sagt, sie hat Beruf dazu. Und das is ja wahr; sie war immer a -frommes, guttes Kind, gar nich so für schöne Kleider und Vergnügen, und -sie war auch immer gern bei Kranken, das is schon wahr!« - -»Darum ist es?« fragte Heinrich. »Bloß einzig darum?« - -Mathias antwortete nicht. Die Lene hatte die Schürze vor das Gesicht -gepreßt. Wieder blieb es eine Weile still. Da schaute das Mädchen -zornig und leidenschaftlich auf: »Nein, nich bloß deswegen! Sie is ihm -gutt gewest -- dem! Sie hat ihm alles zuliebe getan, immer freundlich, -immer so freundlich, aber der hat nischt von ihr wissen woll'n. -Tagelang, wochenlang hat a nich mit ihr gered't -- und da -- und da --« - -Sie brach in einen Strom von Tränen aus. Und vor der leidenschaftlichen -Anklage verstummte der, den sie anging, und auch der andere, der kein -Wort der Entgegnung wußte. - -Lene sprach weiter: - -»Weißte, Mathias, was wir sind? Lumpe sind wir! Du -- Du hätt'st uns -damals sollen betteln gehen lassen -- rausschmeißen lassen -- verkommen --- da -- da wär's für Dich viel besser gewest! Jetzt haste a Dank!« - -»So -- so is das nich zu nehmen, Lene! Ihr seid immer freundlich und -dankbar zu mir gewest -- o ja! -- Du mußt 'm Heinrich nich solche -Vorwürfe machen; a kann doch nich dafür.« - -»Wohl kann a dafür! A is a Mann! A kann durchsetzen, was a will! Und -a hätt' a schmuckes, braves Weib gehabt an der Liese. Nein, a wollte -nich! A gafft über die Gasse zu der Bande, auf die gezierte Gans.« - -»Lene!« - -Heinrich rief es, der bisher kein Wort zur Verteidigung gesagt hatte. - -»Lene, das verbiet' ich Dir! Mir kannst Du antun, was Du willst, dem -Mädel nichts -- nichts! Ruhe biet' ich! Sie hat Dir nichts getan, -mir nichts getan, uns allen nichts getan! Verdreh' die Augen, wie Du -willst, vergreif' Dich meinetwegen an mir, wenn Du's wagst. Ich sag' -Dir's geradezu ins Gesicht, auch dem Mathias: Ich kann nicht dafür, ich -konnte die Liese nicht heiraten, weil wir beide unglücklich geworden -wären.« - -»Mensch, wagst Du das wirklich jetzt zu sagen, jetzt? Nein! Weil Du an -der anderen hängst, an der -- an der --« - -»Ja, ich hab' sie lieb! Sehr lieb! Ich fürcht' mich nicht, das auch zu -sagen. Ich hab' sie gern, und ich hab' genug gelernt, daß ich weiß, daß -sich so was nicht ändern läßt. Aber ich hab' mir Mühe gegeben; ich hab' -mit mir gekämpft, das weiß Gott! Es ist nicht gelungen.« - -»Nich gelungen? Und das is alles? Und Du -- Du sagst wenigstens nich -jetzt -- jetzt in der letzten Stunde noch, eh' es zu spät is, daß Du -die Liese haben willst, daß Du sie dem Mathias erhalten willst?« - -»Nein! Ich kann nicht! Was auch passiert -- ich kann es nicht!« - -»Dann bist Du ein ganz ehrloser Kerl!« - -Sie wandte sich nach der Tür, aber Mathias hielt sie zurück. - -»Lene, geh nich fort! Bleib hier! Du tust ihm unrecht, Lene! Wenn a -auch wollte, es wär' zu spät. Die Liese will ihn nich mehr, schon lange -nich mehr, Lene!« - -Das erbitterte Mädchen antwortete dem Mathias nicht, sondern wandte -sich wieder an Heinrich. - -»A ehrloser Kerl! Ich sag's noch amal! Dem Manne, dem wir alles danken, -ohne den wir verhungert, verlaust, verlumpt wären, sein Kind nehmen und -dann sich großspurig hinstell'n und nischt anderes sagen, wie von der -andern reden, kein einziges guttes Wort -- pfui -- mir würd' der Bissen -Brot im Halse stecken bleiben, den ich hier noch äß'. Wir sind fertig -mitsammen, wir zwei, für immer fertig!« - -»Lene, aber Lene, hör' doch --« - -»Mathias, laß mich! Mir graut! Mir graut vor dem da! Ich komm morgen -noch amal zu Dir und der Liese runter in Euer Häusel, hier is Zeit, daß -ich fortkomme!« - -»Lene, wart' doch --« - -Sie war hinaus. Heinrich ging auf Mathias zu und streckte ihm beide -Hände hin. - -»Mathias! Jetzt woll'n wir mitsammen reden, jetzt, da sie raus ist -- -sie ist ja toll -- jetzt mußt Du mir sagen, Mathias, ob Du mich auch -für einen ehrlosen Kerl hältst.« - -Mathias schüttelte den Kopf. - -»Nein, Heinrich! Ich weiß, Du kannst nich dafür.« - -Heinrich zitterte vor Erregung. - -»Mathias, das schwör' ich Dir: Ich kann keinen Mann mehr achten und -keinem mehr dankbar sein als Dir, das ist ja selbstverständlich, und -ich hab' die Liese gern gehabt und eine Verehrung für sie gehabt, wie -gegen kein anderes Mädel -- aber, Mathias, zum Heiraten gehört doch die -richtige Liebe, und wenn ich -- wenn ich so -- nein, das ging nicht! -Mathias, das ist wahr, ich hab' Tag für Tag mir eingeredet, ich kann -die Liese heiraten, und manchmal da war mir's auch so, als ob es gehen -würde, aber dann -- wenn ich bloß die Lotte einmal zufällig von weitem -sah -- da -- da -- -- Mathias, es wär' ja gar nicht darum, ob ich -glücklich bin oder unglücklich; ich bin ja mein Leben lang wenig oder -gar nicht glücklich gewesen, aber konnt' ich denn Dich und die Liese so -betrügen, konnt' ich das? -- Und daß sie fortgehen würde ins Kloster, -das hab' ich ja nicht gewußt.« - -Mathias Berger sah den aufs höchste erregten, jungen Mann ruhig an. - -»Setz' Dich, Heinrich, setz' Dich zu mir! Wir wollen ruhig miteinander -reden. Es is gutt, daß Du so ganz offen zu mir bist, und ich will Dir -auch alles sagen. -- Ja, ich hab' darauf gehofft. Wie das so gekommen -ist, weiß ich nich. Ich hab' Dir schon gesagt, daß ich Deiner Mutter -gutt gewesen bin, als ich jung war. Ich war a armer Kerl und konnt' -sie nich haben. Ich weiß, Heinrich, was das heißt, ich weiß! Dann -hab' ich doch eine andere geheirat't. Sie hat nur noch a Jahr gelebt; -aber ich glaube, wir wär'n gutt zusammen ausgekommen. Wenn man jung -is, denkt man, 's geht ohne so eine große Liebe nich. Ach ja, es geht -doch, 's geht manchmal besser wie bei solchen Leuten, die vor der -Hochzeit ganz vernarrt ineinander sind. Daran dacht' ich, wie ich sah, -daß meine Liese an Dir hing, und daß Du so gar nischt davon wußtest -und nich daran dachtest. Ich hoffte immer, es kann werden, es kann -noch gutt werden. Nu is alles anders gekommen. Ich verhehl' Dir nich, -Heinrich, mir is heute zumute wie zum Sterben, weil's doch gerade meine -Allereinzige is.« - -»Mathias! Mathias! Daß ich Dir das antun mußte, das ist schrecklich! -Das ist zum Verzweifeln!« - -»Heinrich, flenne nich! Böse bin ich ja gar nich auf Dich. Ich kenn' -Dich schon. Das is halt gekommen, wie's kommen muß. Und sieh mal, die -Liese wird ja nich unglücklich. Die geht ins Kloster; sie is glücklich -darüber, das is ja mein Trost. Ich hab' immer die Mütze abgenommen, -wenn ich 'ne Krankenschwester traf. Und wenn ich mich erst werd' besser -reingefunden haben, da werd' ich ganz zufrieden sein. Bloß fürs erste -fällt's halt schwer.« - -Heinrich sah seinen alten Freund plötzlich verängstigt an. - -»Mathias! Du wirst doch aber auch bei mir bleiben?« - -»Nein! Erschrick nich! 's beste is, wir sprechen heute gleich alles -aus.« - -»Du willst fort? Fort von uns?« - -»Ja, Heinrich! Reg' Dich nich so auf! Wir wollen ruhig reden. Sieh mal, -ich muß fort!« - -»Das ist die Strafe? Das?« - -»Aber doch keine Strafe, Heinrich! Wir gehn in Friede und Freundschaft -auseinander.« - -Ein verzweiflungsvolles Lachen brach dem jungen Buchenbauer vom Munde. - -»In Friede und Freundschaft! Und ich bleib' allein! Und hab' zuletzt -niemand mehr auf der ganzen Welt! Und verlier' meinen einzigen Freund! -In Friede und Freundschaft!« - -Er sprang auf, trat ans Fenster und sah hinaus in die Nacht. Plötzlich -wandte er sich um. Mit bitterer Stimme sagte er: - -»Deshalb hast Du uns aufgezogen, den Hof aufgebaut, alles in Ordnung -gebracht, daß Du jetzt fort willst, weil die eine Sache fehl ging? Und -Du sagst doch selbst, ich kann nicht dafür!« - -»Ja, Heinrich! Sieh mal, Mensch is Mensch! Ich könnte hier nich mehr -sein. Ich würd' immer an die Liese denken müssen. Und dann, es is zu -einsam. Es is mir so schon manchmal schwer geworden. Jetzt hielt ich's -gar nich mehr aus. Glaub' mir's. Ich hab' darüber nachgedacht. Es geht -nich! Rein verdüstern tät' ich. Ich will wieder fort zu Leuten.« - -»Doch nicht wieder --« - -»Als Lumpenmann? Jawohl, Heinrich! Gerade das! Das hat mir damals auch -geholfen.« - -»Das kannst Du nicht, Mathias? Was werden die Leute sagen?« - -»Die Leute? Mögen sie sagen, was sie wollen. Das kümmert mich nischt. -Ich bin's gewöhnt.« - -Heinrich eilte auf den alten Mann zu und faßte ihn an beiden Schultern: - -»Mathias! Wenn Du mir das antust, ich weiß nicht, was ich anfange. -Mathias, kannst Du mir's nicht verzeihen im Herzen? Du sagst ja, Du -bist nicht böse auf mich; aber Du bleibst nicht bei mir, Du willst -fort, läßt mich allein, weißt, daß ich Dich brauch' wie das tägliche -Brot, nicht bloß in der Wirtschaft, nein, tausendmal mehr als Mensch -und als Freund, und Du willst fort! Besinn' Dich, Mathias, besinn' Dich -anders, und wenn ich ein grundschlechter Kerl wär' -- bleib' bei mir!« - -Der Alte wandte den Kopf zur Seite. - -»Bleib' da, Mathias! Ich bitt' Dich kniefällig!« - -»Ich -- ich kann nich, Heinrich! Ich brächt's nich fertig. 's geht über -meine Kräfte. Und für Dich wär's auch nich gutt, wenn Du mich immer so -sähest, und dann, wenn Du die Lotte heirat'st, ging' ich doch.« - -»Wer sagt denn, daß ich die Lotte heiraten will? Daß ich ihr gut bin, -das kann ich nicht ändern. Aber ich will sie doch nicht heiraten! Das -denkt doch bloß die Lene!« - -»Es kommt, Heinrich, es kommt bestimmt! Aber es is besser, wir reden -lieber nich darüber. Für mich is heute schon a bissel viel gewest. Aber -das hatt' ich mir schon lange vorgenommen, Dir's bald zu sagen, wenn -sich's mit der Liese entschieden hätte, daß ich da fort will. Und daran -will ich auch nichts ändern. Das muß jetzt sein!« - -Heinrich trat zurück und lehnte sich bleich an den Tisch. - -»So geh! Geht alle! Laßt mich allein, wenn Ihr denkt, daß ich das -verdiene! -- So sind also auch wir beide mitsammen fertig.« -- - -Es entstand eine schwere Pause. - -»Und Du willst nicht, daß wir weiter Freunde sind, Heinrich?« - -»Nein! Wenn Du mir das antust, dann tust Du mir mehr an als mein -ärgster Feind!« - -»So -- so leb' gesund, Heinrich!« - -Heinrich antwortete ihm nicht. - -Da verließ Mathias Berger den Buchenhof. - - * * * * * - -Droben in ihrem Stübchen saß Lene Raschdorf und schrieb einen Brief. -Dieser lautete: - - Lieber Hannes! - - Die Liese geht zu den Grauen Schwestern. Der Mathias sagt, sie - habe Beruf und gehe gern ins Kloster. Aber ich weiß, daß die - Liese unserem Heinrich gut gewesen ist und daß er sie nicht - gemocht hat. Er sagt, er wäre mit ihr unglücklich geworden. Das - ist aber nicht wahr, denn die Liese ist ein braves, tüchtiges - Mädchen. Und er hat es bloß deshalb getan, weil er in die - Lotte Schräger vernarrt ist und sie gern heiraten will. Lieber - Hannes! Das ist eine solche Schande, daß der Heinrich so etwas - tut und daß er unserem guten Mathias solches Herzeleid macht, - daß er von jetzt ab nicht mehr mein Bruder ist. Und deshalb - schreib' ich an Dich, daß ich Dich heiraten werd', wenn Du vom - Militär los bist und wenn wir ein Auskommen haben. Ich denke, - Du gehst in die Kohlengrube. Wenn Du Dich eingerichtet hast, - verdienst Du 15 Mark die Woche. Und ich werde für die Leute - nähen. Da werden wir schon auskommen. Lieber Hannes! Ich will - Dir heute schreiben, daß ich Dich lieb hab' und auch wirklich - gern heirate. Aber damals, als Du von der Gestellung kamst, - konnte ich es Dir nicht sagen, denn ich dachte, ich müßte immer - beim Heinrich bleiben und ihm helfen und beistehen, wie es - immer war. Aber Heinrich ist schlecht und verdient's nicht, und - deshalb gehe ich fort, und es ist mir ganz egal, was jetzt aus - unserem Hofe wird. Ich fahre zur Tante Emilie nach Waldenburg. - Dort werde ich auch das Nähen lernen und bleiben, bis wir - heiraten. Lieber Hannes! Du mußt mir aber versprechen, daß Du - immer brav und ordentlich sein wirst, damit wir auskommen. - Sonst sollst Du aber lustig sein, denn das habe ich an Dir - immer gern gehabt, weil ich selber nicht lustig sein kann. Und - ich werde Dich auch nicht ärgern, sondern gut mit Dir sein. - - Besten Gruß - - Lene Raschdorf. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 16] - - -Am Tage war der Novembersturm jäh und tückisch zur Höhe gefahren -und hatte die Wolken angefaucht wie ein bissiger Steppenwolf eine -Herde weißer, schwarzer und scheckiger Rosse, so daß alle ratlos -durcheinander rannten, sich stießen und ängstlich drängten und -alle in großer Not waren, während die ersten, vordersten von dem -Ungetüm zerrissen wurden. Aber dann hatte sich die Herde gesammelt, -war vorgerückt gegen den Feind, hatte ihn zurückgedrängt, langsam, -schrittweise, und ihn erdrückt, als sie ihn am Erdboden traf. - -Jetzt lagen die Himmelsrosse müde und sicher auf Feldern und Wiesen, -und ein Mensch, der hinausging, mußte sich durchdrängen zwischen ihren -weißen und grauen Leibern. - -In trübseligem, grauem Licht lag die Wohnstube des Buchenhofes. -Heinrich Raschdorf war allein. Lange war er für sich auf- und -abgegangen; jetzt lehnte er am Ofen und sah hinaus in den nebligen Tag. - -Im ungewissen Licht des trüben Novembertages sah der Buchenbauer -erschreckend aus. Die Augen waren tief eingefallen und hatten einen -krankhaften Fieberglanz, die Wangen waren farblos, welk, und die ganze -Gestalt matt und schlaff. - -Das kam vom vielen Grämen am Tage und langen Wachen in der Nacht. Das -kam von der Einsamkeit, kam davon, daß Heinrich Raschdorf erst in -diesen Tagen ein gänzlich Heimatloser geworden war. - -Lene war fort. - -Einmal hatte er noch versucht, sich mit ihr auseinanderzusetzen, ihr -alles zu erklären. Es war erfolglos gewesen. Nur in neuen Zorn waren -beide geraten, und die Kluft zwischen ihnen hatte sich vertieft. - -So war sie fortgegangen aus der Heimat. Fest und sicher war sie aus -der Tür getreten und hatte den Wagen bestiegen, ohne sich noch einmal -umzusehen. - -Sie hatte auch keine Träne vergossen auf der ganzen Fahrt. So sagte der -Knecht. Nur beim Mathias unten im Dorfe war sie abgestiegen und über -eine Stunde geblieben. - -Seit der Zeit war Mathias nicht mehr heraufgekommen, und Heinrich hatte -ihn auch nicht aufgesucht. Ein bitterer Hochmut hatte ihn erfaßt, der -allen denen als Helfer kommt, die sich ungerecht verurteilt glauben. - -Was hatte er getan? Er war gegen sich selbst und gegen sein bestes -Gefühl nicht treulos geworden. Deshalb hatten sie ihn verlassen, alle -verlassen in wenigen Tagen. Manchmal lachte er auf, wenn er daran -dachte. - -So mochte es sein! So würde er sich darein fügen und keinem mehr ein -gutes Wort geben, so tot sein für sie alle, wie sie für ihn waren. - -Die Einsamkeit spann ihn ein, aber sie brachte ihm keinen Frieden; sie -band nur seine Seele fest, daß er alle Qualen widerstandslos erdulden -mußte wie ein Kranker, der auf die Bank geschnallt wurde, an sich -schneiden und brennen läßt. - -Solange er draußen auf dem Felde war, war's erträglich, aber in dem -leeren Hause packte ihn oft das Grauen. Und wenn die Abende kamen, saß -er allein und fürchtete sich am eigenen Herde. - -Dann meinte er, es gäbe nur einen Ort auf der Welt, wo es schrecklich -sei: diese Heimat. - -Oft überdachte er sein Schicksal. Schuldlos hatte er die Heimat -verloren, hatte um eine neue Heimat gelitten, gekämpft, gebangt, hatte -von allen den Millionen auf der großen, weiten Erde ein paar Menschen -gefunden, die es gut mit ihm meinten, und auch diese wenigen wieder -verloren. - -Warum? Darüber brütete er. Wenn ihn ein Groll erfaßte gegen seine -früheren Leute, dann war ihm noch wohl. Da war doch ein Kraftgefühl in -seiner matten, vereinsamten Seele. Aber Stunden kamen, wo sich neben -die graue, schweigende Frau Einsamkeit jene andere an seinen Herd -setzte, ihre Tochter: die Reue. - -Das sind die Quälerinnen. Die alte, häßliche, dürre Mutter Einsamkeit -hält den Armen fest mit ihren Spinnenfingern, bindet ihm jedes -Glied, lähmt ihm jeden Muskel, umschließt ihm Mund und Ohren, daß er -nicht schreien, nicht fortlaufen, nicht Hilfe holen kann, und derweil -treibt ihr grausames Kind, die Reue, ein bestialisches Spiel, sticht -und kratzt, brennt und schneidet, preßt das Herz zusammen mit rauhen -Händen, greift durch die Stirn in den Kopf hinein, lockert dort Faden -auf Faden, zerreißt die Stränge des Willens, trübt und verrückt die -Bilder klarer Vorstellungen und gießt ein schleichendes, tödliches Gift -in das wallende Gefühl. Wer sich nicht aufrafft mit energischer Kraft, -die Alte beiseite schleudert, ihre Bande zerreißt und zu gesunden, -frohen Menschen flüchtet, der ist verloren. Im günstigsten Falle ruft -die Alte eine neue Tochter: die Schwermut, ein untüchtiges, krankes -Weib mit lahmen Händen und traurigen Augen, und vermählt sie dem Opfer -zu unlöslicher Ehe, oder ihr scheußlichster Sohn, der Wahnsinn, kommt -und mordet ihn ab. - -Heinrich Raschdorf hielt still. Manchmal dehnte er ein wenig die -Glieder gegen die Bande, aber als der trübe November kam, gab er sich -mutlos verloren. - -Es waren gute, liebe Menschen gewesen. Sie waren gegangen. Folglich war -er schuld, war er der Schlechte, sie die Gerechten. In diesem Zirkel -bewegten sich schließlich beständig seine Gedanken. - -So stand er an den Ofen gelehnt, indes draußen der weiße Nebel braute. -Seit Mittag hatte er mit keinem Menschen ein Wort gesprochen. Und da -war es auch nur ein Knecht gewesen, den er etwas gefragt hatte. - -Wo war seine Kraft geblieben, der Mut, den er noch hatte, als er -mit Mathias und Lene sprach, der Trotz, mit dem er schließlich die -Schwester ziehen ließ? - -Die Einsamkeit hatte ihn mürbe gemacht. - -Jetzt trat er ans Fenster. Vielleicht, daß er einen Menschen -vorbeigehen sah. Das würde ihm wohltun. Und dann -- dort drüben wohnte -das Mädchen, um dessentwillen alles gekommen war. Als Mathias und Lene -ihn verlassen hatten, war stundenweise eine wilde Lust in ihm gewesen, -ein Freiheitsgefühl, der Gedanke, erlöst zu sein von einer falschen -Heimat, die Möglichkeit zu besitzen, nun sein Glück zu suchen, sein -einziges, sein wahrhaftiges Glück. - -O, wie liebte er die Lotte! Seit jenem Maitage war ihr Bild nicht mehr -aus seiner Seele gewichen, was er auch getan hatte, es zu verhüllen. -Eine taumelnde Freude hatte ihn erfaßt, wenn er das Mädchen einmal sah, -und ob er das Gefühl bekämpfte wie Versuchung und Sünde, es kam immer -wieder, immer in tiefgeheimer süßer Wonne. - -Und auch jetzt, wie er so hinüberblickte, sah er sie. Sie trat, zum -Ausgehen angekleidet, in die Haustür und spähte nach den Fenstern des -Buchenhofes herüber. Heinrich wollte zurücktreten in die Stube, aber -sie hatte ihn schon gesehen. So sahen sie sich ins Gesicht, wohl eine -halbe Minute lang. Sie stand ganz bewegungslos, und ihr Blick hatte -etwas Forschendes. Dann neigte sie grüßend ein wenig das Haupt und ging -hinab nach dem Dorfe. - -Heinrich geriet in schwere Aufregung. Die Stunde war da, wo er tobte -gegen die Fesseln der Einsamkeit. Mit tausend Armen winkte es ihn -hinaus aus diesem fürchterlichen Hause, das keine Heimat war, das nie -eine gewesen war. - -Wie ein Rausch kam es über ihn; die Bangigkeit fiel von ihm ab wie ein -toter Plunder, das Blut floß wieder jung und schnell durch die Adern, -und der Wille straffte sich zu dem Entschluß: Geh ihr nach! Geh zu dem -jungen, schönen Mädchen! Bei ihr ist Rettung und Glück! - -Er suchte den Hut und band einen Kragen um. - -Da grinste ihn warnend der alte Zweifel an. - -Hinter einem Bilde seines toten Vaters sah er hervor. -- - -Er stand still. Er wagte nicht, sich umzusehen. Es war ihm, als ständen -an der Stubentür all die Seinigen: Lene mit zürnend abwehrenden Armen, -Mathias mit einer stummen Bitte in den guten Augen, die Liese mit -traurigem Gesicht, und ganz im Hintergrunde, draußen auf dem dämmerigen -Hausflur, schemenhaft die Toten: Vater und Mutter. - -Entmutigt sank er auf einen Stuhl und stöhnte laut. Und die Einsamkeit -ging und schloß die Tür, nahm ihm den Hut vom Kopfe und sang ihr -monotones, totes Lied. - -Aber sie täuschte sich. Sie sang das Lied um eine Nuance zu -schauerlich, um ein klein wenig zu hart, um ein paar Grade zu höhnisch. -Sie sang es unerträglich für den, der es anhören mußte. - -»Ich ertrag's nicht länger; und wenn's unter tausend Flüchen wär' -- -ich geh ihr nach!« - -Mit wenigen Schritten war er draußen. Mit roten Wangen stürmte er durch -den Herbstnebel. Das Blut brauste ihm im Herzen und im Kopfe. Der Nebel -hüllte ihn ein, er konnte den Weg ins Dorf nicht übersehen. - -So lief er, jagte dahin, wie einer, der auf verzweiflungsvoller Flucht -ist, oder einer, der dem letzten, rettenden Heil nachjagt, das er zu -verlieren glaubt. - -Jetzt -- jetzt tauchte die Gestalt eines Mädchens aus dem Nebel auf. -Ein paar Schritte noch, dann erkannte er sie deutlich. - -»Lotte!« - -Wie ein Schrei tönte der Name durch die stille Luft. - -Sie wandte sich erschreckt um. Mit großen Schritten und glühendem -Gesicht kam er ihr näher. - -»Lotte -- sei nicht böse -- ich muß Dir nach -- ich werde verrückt -allein!« - -»Heinrich, o Gott, Heinrich, was ist Ihnen? Wie sehen Sie aus?« - -»Tu mir den Gefallen, Lotte, sprich »Du« zu mir, wie früher; sei ein -klein bißchen freundlich! Ich halte so das Leben nicht mehr aus! Ich -gehe zugrunde!« - -»Heinrich! Lieber Heinrich!« - -Sie sah ihn mit ihren schönen Augen mitleidsvoll an, und er stand vor -ihr zitternd, bebend; der Atem ging ihm schwer, die Augen glühten ihm, -und sie war so schön, so herrlich schön, und da riß er sie wortlos in -seine Arme mit einer Wut und Glut, wie das Tier sein Opfer faßt aus -schmerzhaftem Hunger, und überdeckte ihr Gesicht mit rasenden Küssen. - -Wie mit eisernen Armen hielt er sie fest; wie ein Ertrinkender sich -an seinen Retter klammert, so klammerte er sich an sie, und mit dem -ganzen fiebernden Heißhunger einer glücksgierigen Seele küßte er sie. -Sein Gesicht veränderte sich, seine Augen bekamen einen fremden, -unheimlichen Glanz; all die Leidenschaft, die jahrelang zurückgedämmt -war, brach durch, all der brennende Durst nach Glück und Liebe wollte -sich sättigen. - -Sie lag erschreckt, aber glückselig an seiner Brust. - -»Heinrich! Lieber Heinrich!« - -»Du mußt mein sein, Lotte, und wenn die Welt in Stücke geht, und wenn -sie mich ausstoßen wie einen Lump, und wenn's ein Verbrechen ist -- Du -mußt mein werden!« - -Sie sah zu dem zitternden Manne auf. - -»Hast Du mich lieb, Lotte? Ein bißchen lieb?« - -»Ja, ich hab' Dich lieb, Heinrich!« - -»Lotte!« - -Ein jauchzender Jubelruf, ein Erlösungsschrei durchtönte die fahle -Herbstluft. Der Heimatlose hielt das Glück in seinen zitternden Armen -und schaute es an und hätte laut lachen mögen vor übergroßer Freude. - -»Lotte, jetzt bin ich reich! Jetzt hab' ich alles gewonnen! Jetzt ist -mir wohl! Jetzt werd' ich wieder leben können! Jetzt ist alles andere -ganz gleichgültig.« - -Sie sah ihn an, und ihre Augen glänzten feucht. - -Eine lange, selige Pause kam, jene große Stille, in der alles tot ist, -außer der Freude. - -Doch allmählich breitete sich ein Schatten über ihr Gesicht. - -»Heinrich! Sind sie wirklich alle fortgegangen von Dir um meinetwillen?« - -»Ja, Lotte! Aber laß sie, sprich nicht von ihnen, denk' nicht an sie! -Wenn ich Dich hab', mögen sie fort sein; alle -- alle --!« - -Er lachte wieder, ließ sie los und schüttelte sich, als ob er etwas -Unsichtbares von sich abzuwälzen hätte. - -»Komm, wir wollen ein Stück gehen, wir wollen alles miteinander -besprechen.« - -Sie gingen Hand in Hand, und die Nebel hüllten sie schützend ein. Er -erzählte ihr von seiner Liebe zu ihr, wie sie eigentlich immer in ihm -gelebt hätte seit den Tagen der Kindheit, wie er sie nur all die Zeit -zurückgedrängt habe in langen, schmerzhaften Kämpfen, und wie diese -Kämpfe furchtbar geworden seien nach jenen Tagen im Mai. Dann erzählte -er ihr auch von der Liese, vom Mathias, von der Lene und von dem Ende. - -Sie blieb stehen. Leise und bang fragte sie: - -»So hab' ich Dir wirklich die Heimat zerstört, Heinrich? Ich?« - -Er schüttelte nachdenklich das Haupt. - -»Nein! Ich hab' viel darüber nachgedacht. Was ist überhaupt die Heimat? -Ich weiß es nicht! Ich weiß bloß, daß ich nie eine gehabt hab', es wär' -denn als Kind. Wir haben kein glückliches Leben gehabt -- alle nicht! -Und so wär' es geblieben, wenn ich die Liese genommen hätte. Nein, es -wär' noch viel schlimmer geworden. Denn Dich hätt' ich doch nie aus dem -Sinn gebracht, niemals!« - -Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, und er küßte sie wieder. - -Tief aufatmend richtete er sich auf und stand still, als ob er sich -besinnen müsse. Wie war ihm? Frei, leicht, stark war ihm zumute, so, -als ob Lasten von seiner Seele geglitten und neue, heitere Wege ihm -eröffnet wären. - -»Lotte, jetzt wird das Glück kommen!« - -Sie schmiegte sich an ihn und erzählte nun von sich, von ihrem -trostlosen Heim, von der Seligkeit, die sie im Mai trotz ihres kranken -Fußes empfunden über seine Fürsorge, von der langen, glücklosen Zeit, -als täglich der Barbier aufs neue erzählt habe, wie sehr sich der -Heinrich um die Liese bemühe, und der junge Riedelbauer sie mit seinen -Zudringlichkeiten belästigt, und dann davon, wie sie gehört habe, die -Liese gehe ins Kloster und Mathias habe sich mit Heinrich verfeindet. -Da habe sich eine neue Hoffnung in ihr Herz geschlichen. In den Wochen -darauf aber, als auch die Lene fort war und sie ihn so müde und krank -herumgehen sah, da hätten die Mägde erzählt, der junge Buchenbauer -werde tiefsinnig, er esse nicht mehr und wache ganze Nächte in seinem -Zimmer, und dann sei wieder der Barbier gekommen und habe gesagt, -der Heinrich gräme sich zu Tode um die Liese. Da sei es freilich aus -gewesen mit all ihrer Hoffnung. - -»Aber jetzt, Heinrich, jetzt ist doch alles anders!« - -Die Glückseligkeit der Liebe strahlte auf dem Gesicht des Mädchens. - -Er blieb stehen. - -»Es ist mir etwas eingefallen, Lotte: Wo zwei Heimatlose sich treffen, -die sich lieb haben, da wird eine Heimat.« - -Sie sah ihn an voll Vertrauen und Glauben und nickte mit dem Kopfe. - -Sie gingen ein Stückchen weiter. Das Mädchen kämpfte mit einem -Gedanken, der endlich hervorbrach: - -»Eines muß ich wissen, Heinrich: Was macht Ihr meinem Vater zum -Vorwurf? Das mußt Du mir sagen!« - -»Lotte, liebe Lotte, quälen wir uns doch jetzt in unserer ersten guten -Stunde nicht mit den alten Geschichten.« - -Sie senkte den Kopf. - -»Doch, Heinrich, es ist nötig! Darüber müssen wir klar sein. Da darf -nichts zwischen uns liegen! Dieses unausgesprochene Mißtrauen zwischen -den beiden Höfen, das war ja das Schlimme. Das darf zwischen uns beiden -nicht sein!« - -»Es wird nicht sein, Lotte!« - -»Aber wir müssen uns aussprechen!« - -Sie machte wieder eine Pause. Dann brachte sie mit großer Überwindung -heraus: - -»Glaubt Ihr, daß -- daß mein Vater -- Euren Hof angezündet hat?« - -»Nein, Lotte! Das ist ja gar nicht möglich! Er war ja immerfort zu -Hause!« - -»Aber -- aber Ihr denkt, daß er jemand dazu angestiftet hat oder daß er -davon gewußt hat?« - -Heinrich zögerte. - -»Du weißt, Lotte, daß Mathias das behauptet hat und darum auch bestraft -worden ist.« - -»Und Du?« - -Sie sah ihm angstvoll in die Augen. - -»Ich, Lotte -- ich glaube es nicht! Es kann irgend jemand gewesen sein: -ein Dienstbote aus Unvorsichtigkeit, ein Bummler, ein unbekannter -Feind. Weiß Gott!« - -»Es ist gut, Heinrich, denn sonst -- und was macht Ihr ihm weiter zum -Vorwurf? Was sagt die Lene? Sag' mir alles! Ich bitte Dich, Heinrich!« - -»Lotte, es fällt mir schwer -- gerade schon heut --« - -»Ja, schon heut! Wenn es herunter ist vom Herzen, dann werden wir erst -ganz glücklich sein. Was sagt die Lene?« - -»Sie sagt -- unser -- unser Vater hat sich erschossen, weil ihm Dein -Vater das Geld gekündigt hat.« - -Lotte nickte. - -»Ja, ich weiß! Der Vater hat mir's erzählt. Er ist bei Euch drüben -gewesen und hat gut mit Deinem Vater reden wollen; aber der ist -vergrämt gewesen und hat ihm sogar das »Du« gekündigt, und da -- da -hat mein Vater das Geld verlangt. Daß aber alles so kommen würde, hat -er aber nicht geahnt. Und, Heinrich, daß das gekommen ist wie ein -unvorhergesehenes Unglück, deshalb trinkt ja der Vater, das hat ihn ja -zugrunde gerichtet.« - -Sie weinte. - -»Lotte, liebe Lotte! Du hast auch schon bittere Dinge erlebt.« - -»O, Heinrich! Und ich hab' keine Seele gehabt, zu der ich mich -aussprechen konnte. Niemand! Ich hab' alles für mich tragen müssen. Und -der einzige, den ich lieb hatte, warst Du -- und -- und --« - -»Liebes, liebes Mädel!« - -Er küßte sie wieder, lange und innig. - -»Ich bin so glücklich, Heinrich, daß wir das ausgesprochen haben. Wenn -Du so schlecht von meinem Vater gedacht hättest, hätten wir uns ja -nicht haben dürfen. Nein, Heinrich, gewiß nicht, dann wär' ich Deiner -nicht wert, dann wär' es ganz unmöglich. Aber das kannst Du glauben: -Mein Vater hat seine Fehler; aber etwas Schlechtes hat er nicht getan. -Deine Leute tun ihm unrecht, das kann ich Dir beteuern, und deshalb -kann ich auch Deine Frau werden! Wenn Du's nur fest glaubst.« - -»Ich glaube es, Lotte!« - -Sie nickte glücklich, und sie gingen wieder ein paar Schritte weiter. - -»Und was nun weiter, Lotte? Was wird Dein Vater sagen, wenn ich komme -und Dich zum Weibe haben will?« - -Sie senkte das Haupt. - -»Er wird erschrecken, vielleicht auch sehr schimpfen. Das mußt Du nicht -übel nehmen. Das ist ja natürlich. Aber er wird nicht »Nein« sagen, -nicht auf die Dauer. Er kann mir keine einzige Bitte abschlagen -- -keine! Und Du -- wie wird's bei Dir sein?« - -»Ich? Ich bin mein eigener Herr! Ich hab's durchgesetzt bis jetzt und -führ's zu Ende. Mit den andern hab' ich gebrochen. Ich bin jetzt zwar -einsam, aber ich bin frei! Wenn ich Dich hab', Lotte, verschmerz' ich -alles. Und die Zeit ändert manches. Meine Leute werden sich allmählich -anders besinnen.« - -»Hoffen wir es!« -- - -Lotte hatte im Dorfe einen Besuch machen wollen. Sie gab die Absicht -auf. - -Auf einem breiten, stillen Feldrain ging das junge Paar, und die Nebel -schützten es vor neugierigen Augen. Von ihrer Zukunft sprachen sie und -bauten an einer neuen Heimat. Von Westen leuchtete durch die weißen -Nebel ein roter Schein. Dort ging die Sonne unter. - -»Ich muß jetzt heim,« sagte Lotte. »Vielleicht, wenn der Vater allein -ist, sag ich's ihm schon heute.« - -»Lotte! Willst Du das wagen? Oder ist's nicht besser, wenn ich es tue?« - -»Nein, Heinrich! Wenn's der Vater zugibt, tut er's bloß, weil er mich -lieb hat und mir nichts abschlägt. Ich geb Dir Nachricht.« - -Sie gingen ganz langsam heim. Als die Buchenhöfe aus dem dicken Nebel -auftauchten, nahmen sie einen langen Abschied. - - * * * * * - -Als Heinrich in seine Stube trat, war's, als ob eine Trunkenheit ihn -fasse. - -Er vermochte nicht stehen zu bleiben an einem Ort, nicht zu sitzen; er -ging immer hin und her in seliger Unrast, und manchmal schlug er die -Hände vor das glühende Gesicht, und immer wieder trat er ans Fenster -und sah hinüber über die Straße. - -Er fühlte auch jetzt noch ihren weichen, warmen Mund. Das liebe -Mädchen. Wenn sie sein würde, dann war alles gut, dann kam ein ganzes -Meer von Sonne und Wonne in diese leere Stube, dann mußte hier eine -herrliche Heimat sein. - -Wenn er nur mit jemand reden könnte, jetzt nicht wieder allein sein -müßte! Er besann sich und ging hinüber zum Schaffer. - -Der Schaffer saß an seinem Tisch und studierte an einem Briefe. Er -wollte das Schriftstück verstecken, aber dann besann er sich, schob es -Heinrich hin und knurrte: - -»Is egal! Da! Vom Hannes!« - -Heinrich las: - - Lieber Vater! - - Indem ich Dir auch wieder einmal schreibe. Du sollst keinen - Kummer um mich haben. Es geht mir gut. Aber ich hab drei Tage - Arrest gekriegt. Du mußt aber keinen Kummer haben, denn sie - sind schon rum. Und es war zum Aushalten. Weil nämlich die - Lene an mich geschrieben hat, daß sie mich heiraten wird, da - hab ich die Knöpfe nicht geputzt und bin zum Appell zu spät - gekommen. Wobei einen der Unteroffizier gleich klemmt. Wogegen - ich mir eins gepfiffen hab, wie ich im Kasten war. Denn ich - freu mich so, daß mich die Lene heiraten tut, weil ich ihr gut - bin, und weil sie ein schönes, starkes Mädel ist. Dann werde - ich Bergmann, und sie näht. Da kommen wir aus, weil ich nicht - trinke und auch nicht tanze. Lieber Vater, es tut mir sehr - leid, daß die Lene mit dem Heinrich so Krach gemacht hat und - weg ist. Die Tante Emilie, bei der sie jetzt ist, kann ich - nicht gut leiden, sie ist eine alte Kröte. Aber ich muß jetzt - tun wie tulpe und zu der Lene halten, weshalb ich ihr Bräutigam - bin. Wo ich ja jetzt auch auf den Heinrich schimpfen muß, indem - sie mich sonst nicht nimmt. Was aber alles bloß Getue ist. Denn - der Heinrich ist immer mein Freund gewesen, und das laß ich - nicht. Aber jetzt tu ich so und schimpf auf ihn, soviel ich - kann. Das mußt Du ihm sagen, daß er's nicht übel nimmt, wenn - er mal was hört. Wenn ich die Lene werd geheiratet haben, bin - ich der Herr im Hause. Da wird's anders, da gibt's dann keinen - Krach mit dem Heinrich mehr. Hauptsache, erst heiraten! Daß - Mathias auch weg ist und die Liese, das ist sehr schade. Indem - sich das aber nicht ändern läßt. Und Du mußt bleiben auf dem - Buchenhof, sonst geht alles pleite. Lieber Vater, wenn ich zu - Weihnachten Urlaub krieg, fahr ich nach Waldenburg. Da mußt Du - am ersten Feiertag hinkommen. Denn auf den Buchenhof komme ich - wegen der Feindschaft nicht. Und wenn ich keinen Urlaub krieg, - da komm ich überhaupt nicht. Wegen der drei Tage! Und mußt - keinen Kummer haben und den Heinrich schön grüßen und ja nichts - der Lene sagen von allem. Dann kannst Du mir nötig zehn Mark - schicken. - - Besten Gruß - - Dein Sohn - - Johannes Reichel. - -»Weißt Du was, Schaffer,« rief Heinrich glücklich, »schick' ihm dreißig -Mark! Da sind sie! Schick's ihm! Er ist ein Prachtkerl!« - -Heinrich legte das Geld auf den Tisch. - -Der Riese starrte ihn blöde an, aber dann grinste er und stützte je -einen Finger seiner rechten Hand schwer auf die Goldstücke, als fürchte -er, ein Luftzug könne sie wegblasen. - -»Und Du, Reichel, Du bleibst mir treu? Was auch kommen mag? Ja? Du -bleibst bei mir, wenn sie auch alle gehen -- alle!« - -Der Riese sann schwer nach. Dann sagte er: - -»A alter Kater geht nich weg vom Hofe!« - -»Das ist hübsch von Dir, Reichel! Wir bleiben Freunde! Und jetzt kommst -Du mit hinüber. Wir wollen eine Flasche Wein mitsammen trinken, weil -sich der Hannes verloben wird. Auf Hannes' Wohl, hörst Du? Nur auf -Hannes' Wohl! Der hat's uns ja angezeigt.« - -Reichel meinte, wenn er Wein trinken solle, müsse er sich erst waschen -und die Sonntagsjacke anziehen und sein gesticktes Vorhemdchen -ummachen, sonst ginge es nicht. Dann werde er aber kommen. - -Als Heinrich wieder in den Hof trat, traf er die alte Stenzeln. - -»Pst! Das is gutt! Da macht's kein Aufsehen! Hier! Vom Fräulein! Gute -Nacht!« - -Sie huschte davon. - -In der Wohnstube erbrach Heinrich den Brief. - - Lieber Heinrich! - - Es ist alles gut. Der Vater wird einwilligen. Komm morgen früh - um 10 Uhr zu uns herüber. Gute Nacht, Liebster! Es küßt Dich - herzlich - - Deine überglückliche Lotte. - -Heinrich hob den Brief hoch und preßte ihn an seine Stirn. Dann sah er -auf das große Bild seines Vaters, das an der Wand hing. - -»Vater, du mußt »Ja und Amen« sagen. Ich bin zu glücklich, zu -glücklich!« - -Einsamkeit und Reue waren weit. - - * * * * * - -Der Mond hatte die Nebel vertrieben. In später Nacht lugte er in drei -Stuben der Buchenhöfe. - -Da sah er, wie der alte Schaffer seinem jungen Herrn die Hand gab und -mit noch schwererer Zunge als sonst sagte: - -»Die Lotte is gutt! Sie kann für nischt! Und es geht mich nischt an. -Und ich bin Schaffer.« - -Da schien er auch dem alten Schräger ins Gesicht, der heute nüchtern -oben am Giebelfenster stand und hinuntersah nach dem Kirchhof und sagte: - -»Nun sei zufrieden und laß mich in Ruh'.« - -Und er streute silberne Funken auf Stirn und Mund der Lotte, die -glückselig in ihrem Bette lag und von einer neuen, schönen Heimat -träumte. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 17] - - -Draußen flockte leise der Schnee. Im Wohnzimmer des Buchenkretschams -war es wohlig warm, und Lotte bereitete den Vespertisch. Heinrich sah -ihr lächelnd zu. Jetzt setzte sie eine goldgeränderte Tasse vor ihn -hin, darauf war geschrieben: »Dem Bräutigam«, und daneben stellte sie -eine Tasse mit der Aufschrift: »Der Braut«. - -»Aus den Tassen haben Vater und Mutter bei ihrer Hochzeit getrunken,« -sagte sie. - -Er sah sie an, wie sie in herziger Hausfrauenschönheit vor ihm stand, -und legte den Arm um ihre Schultern. - -»Lotte! Ich kann Dir nicht sagen, wie mir zumute ist. Ich denke, so -mag einem sein, der aus einem Schiffbruch gerettet wurde und in einer -sicheren, warmen Stube sitzt.« - -Erst als sie draußen den Vater kommen hörten, gingen sie auseinander. - -Mißmutig trat Schräger in die Stube. - -»Was sagt man dazu -- die Bande kommt nich! Alle lassen sie absagen, -alle; der einzige Hirsel will kommen.« - -Heinrich biß die Zähne aufeinander. Der Wirt hatte seine früheren -Stammgäste, die in letzter Zeit immer mehr und mehr ausgeblieben waren, -zu einer Verlobungsfeier eingeladen und zu diesem Zwecke ein Faß echten -Bieres kommen lassen. - -Nun wollte niemand erscheinen. - -»Ja, es ist arg,« sagte Heinrich. »Ich hätte nicht gedacht, daß sie -es so weit treiben würden. Aber der Riedel hat heute ein Fest unten -im Dorfe in Polers Wirtshaus angesagt und Freibier versprochen, -und der Barbier ist durchs ganze Dorf, um dazu einzuladen. Das ist -niederträchtig, das ist einfach niederträchtig!« - -Schräger grub die Hände tief in die Hosentaschen. - -»Bankrott wird man noch werden,« knurrte er in tiefstem Unmut. - -Ein Schatten flog über Heinrichs Gesicht. Lotte bemerkte es wohl und -legte ihrem Vater die Hände auf die Schultern. - -»Vater, sei nicht mürrisch! Nicht heute! Die Leute werden schon -wiederkommen. Lange wird's ihnen beim Poler nicht gefallen. Dann kommen -alle wieder zu Dir.« - -Schräger knurrte etwas und ging hinüber nach der Wirtsstube. Dort goß -er ein großes Glas voll Rum und trank es aus. - -Das Mädchen ging nach der Küche, und Heinrich war allein. Er trat ans -Fenster und sah nach seinem Hofe hinüber. Je eher, je besser wollte -er die Lotte hinüberholen. Denn mit Schräger war auf die Dauer nicht -auszukommen. - -Wie er so dastand und in das Schneewetter hinaussah, dachte Heinrich -an die letzten Tage und konnte sich keiner Stunde erinnern, die -er glücklich und zufrieden mit seinem zukünftigen Schwiegervater -zugebracht hätte, angefangen von dem Augenblick, wo ihm dieser Mann mit -schwerer, lallender Zunge das Jawort gab, bis heute. Damals hatte er -ihn angewidert. Nicht einmal an dem wichtigen Tage, da eine jahrelange -Feindschaft begraben und die Verbindung seiner einzigen Tochter mit dem -Gegner beschlossen werden sollte, konnte dieser Mann nüchtern bleiben. -Und es war vormittags 10 Uhr gewesen. Aber die Lotte hatte auch damals -ihren Vater zu entschuldigen gesucht und gesagt, er habe wohl in -übergroßer Aufregung getrunken. - -Er hatte sich das so schön, so feierlich, so groß vorgestellt, diese -Stunde der Aussöhnung, und der -- war betrunken. Er hatte nichts -anderes sagen können als immer dasselbe: »Laß die Toten ruhen! Laß die -alten Geschichten! Nehmt Euch! Alles is gutt! Ich kann für nischt! Laßt -mich in Ruh'! Meinetwegen macht, was Ihr wollt.« - -Und dann hatte er nach der Ziegelei und nach den Überschüssen des -Gutes so gierig und interessiert gefragt, trotz seiner Trunkenheit, -daß dem jungen Freiersmanne gegraut hatte. Und er hatte immer nach der -lieblichen, unschuldigen Lotte sehen müssen, die mit schwerverhaltenen -Tränen neben ihm saß, daß er nur Herr seiner selbst blieb. - -Auch der schwachsinnige Bruder machte es ihm schwer. Dieser Bursche -hatte eine ganz unbegreifliche Scheu vor ihm. Immer lief er fort, wenn -er ihn nur witterte, und einmal, als die Lotte ihn eingeschlossen -hatte, um eine Begegnung zu erzwingen, und Heinrich ein ganzes Paket -Schokolade mitbrachte, die der Bursche sehr gern aß, war er im letzten -Augenblick schreiend durch das Fenster entflohen. - -Eine ganze Nacht war er fortgewesen und erst am Morgen wiedergekommen. -Seit der Zeit wurde er außer acht gelassen. - -Der Buchenhof! Wie er so sacht einschneite und nun so friedlich dalag, -so recht lockend und einladend, einzutreten und allen Sturm und alles -böse Wetter draußen zu lassen, heimisch zu sein in diesen festen -Mauern. Recht wie eine Heimat sah das Haus aus. Aber der, dem es -gehörte, wußte, daß es keine Heimat war. - -Jetzt eben dachte er wieder darüber nach, und ein Gedanke ging ihm -durch die grübelnde Seele: Heimat ist nicht Raum! Heimat ist auch nicht -Freundschaft! Wird Heimat Liebe sein? -- - -»Lotte, wenn es Dir recht ist, wollen wir bald nach Weihnachten -heiraten,« sagte er zu seiner Braut, als sie zurückkam. - -Das Mädchen sah ihn freundlich an. - -»Ja, Heinrich; ich weiß auch, warum. Und Du hast recht.« Sie kam ganz -nahe an ihn heran. - -»Aber gar zu böse mußt Du nicht sein mit ihm. Im Grunde ist's ja doch -aus Gram um Deinen Vater!« - -»Ja, Lotte, ich weiß es!« - -»Ist es Dir unlieb, wenn ich immer für ihn spreche?« - -»Nein! Er ist Dein Vater. Wer keine gute Tochter war, wird kein gutes -Weib.« - - * * * * * - -Heinrichs Verlobungsabend war gekommen. Schräger hatte trotz dringender -Abwehr das große Bierfaß in die Wirtsstube heraufschaffen lassen. -Das stand nun in seiner ganzen tragikomischen Größe in der einsamen -Gaststube. - -Die Stenzeln hatte ein gutes Abendbrot bereitet, das hatten Heinrich, -Lotte und Schräger schweigend verzehrt. Zuweilen nur fluchte der Wirt -stumpf vor sich hin. - -Gegen sieben Uhr kam der alte Hirselbauer. Schräger lachte spöttisch. - -»Na, Hirsel,« sagte er in grimmiger Selbstironie und klopfte auf das -große Faß, »da kannste trinken, da kannste aber trinken!« - -»Wird niemand kommen, niemand sonst?« fragte Heinrich. Hirsel -schüttelte verlegen den Kopf. - -»Verhetzt! Alle verhetzt! Der Barbier is a Schandkerl.« - -»So setzen Sie sich, Herr Hirsel: ich werd's Ihnen nicht vergessen, daß -Sie gekommen sind.« - -Es war eine trübselige Verlobungsstimmung. Schräger stierte immer vor -sich hin und schimpfte in sich hinein, Heinrich und Lotte hielten -sich an den Händen, und der alte Hirsel saß vor seinem Bierglase und -wollte nicht trinken. Vom Wetter sprachen sie schließlich, von den -Rübenpreisen, von ein paar nebensächlichen Ereignissen aus dem Dorfe. -Dann waren wieder lange Pausen, und die alte Wanduhr tickte trostlos, -einförmig. Niemand wollte reden, niemand wußte etwas zu sagen. - -Mitten in all dieser Stille war Heinrich in schwerer Erregung. Zuweilen -preßte er die Hand des geliebten Mädchens. Da wünschte er sich weit -fort mit ihr. Wenn er einen einzigen Freund gehabt hätte, jemand, -der sich mit ihm freute! So war er allein. Und das war der Abend, der -für die meisten Menschen der strahlendste und glücklichste des Lebens -ist, an welchem sich an jeden ein paar gute Menschen drängen, um -Freundschaft zu zeigen, um Glück zu wünschen. - -Hier war es so erschreckend öde. Kaum, daß ihm der alte Hirsel manchmal -ein wenig zulächelte. - -Dann dachte er daran, daß nun doch die eigentliche Verlobung vollzogen -werden müsse. Wer sollte das tun? Wer? Schräger würde nicht anfangen. - -Also er selbst! Aber es fiel ihm maßlos schwer, in solcher Umgebung und -solcher Stimmung ein so schweres, entscheidendes Wort zu sprechen. Und -dann, wie sollte er den Mann anreden? Jetzt mußte er »Vater« zu ihm -sagen! Und es war ihm, als ob vor seiner Seele eine bleiche Gestalt -auftauche und ihm mit gebietendem Blick sage: »Mißbrauche nicht meinen -Namen!« - -So schob er's auf in innerer Unrast, und es verging eine halbe Stunde -und noch eine. Die Uhr schnarrte durchs Zimmer, und dann war wieder -diese bedrückende Stille. Da, als ihn Lotte einmal bang anschaute, -stand Heinrich auf: »Va-- Vater, Sie haben mir Ihr Jawort gegeben bei -meiner Werbung, und Lotte und ich werden uns jetzt mit Ihrer Zustimmung -verloben.« - -Er wartete auf eine Antwort. Schräger stierte auf. - -»Ja,« sagte er, »ja, meinethalben! Prosit!« - -Und er trank. - -Heinrich wurden die Augen heiß, und Lotte fing leise an zu weinen. So -steckte er ihr den goldenen Ring an den Finger und sie ihm den seinen. -Der alte Hirsel stand auf und sprach ein paar Glückwunschworte. Und -dann war es wieder still. -- - -Da klopfte es ans Fenster. - -»Und einen Hund, einen gro...o...oßen Hund!« - -Der Bruder! Den ganzen Nachmittag war er schon wieder abwesend und -nicht aufzufinden gewesen. Jetzt stand er draußen am Fenster und blökte -die Zunge herein. Schimpfend erhob sich Schräger und ging hinaus. -Nach kurzer Zeit kam er wieder und sagte, der Junge sei verschwunden. -Vielleicht sei er nun schlafen gegangen. Man solle ihn sein lassen. - - * * * * * - -Draußen aber an der Gartenmauer des Buchenhofes kauerte Gustav -Schräger. Er war unten im Dorfe gewesen in Polers Gasthaus, der Barbier -hatte ihm viel Bier zu trinken gegeben, und alle hatten über den -Idioten gelacht, bis ihn ein vernünftiger Bauer nach Hause jagte. - -Jetzt kauerte der Bursche in halbem Dusel an der Gartenmauer. Manchmal -sah er nach den erleuchteten Fenstern der Wirtsstube, ballte die -Fäuste, knirschte mit den Zähnen oder blökte die Zunge heraus. - -Dann suchte er in seinen Hosentaschen nach und brachte eine Schachtel -Streichhölzer heraus. Ein böses Grinsen ging über das verblödete -Gesicht, und die Fäuste ballten sich wieder. - -Der Idiot betrachtete die Streichholzschachtel mit funkelnden Augen. -Dann hielt er sie gegen das Ohr, schüttelte sie und freute sich an dem -leisen Geklapper. - -»Viel sind's,« grunzte er, »viel!« - -Leise richtete er sich auf, wandte lauernd und spähend den Kopf und -schlich endlich lautlos und gebückt die Gartenmauer entlang. Das -Hoftürchen zum Buchenhof öffnete er. Es knarrte laut. Aber der Bursche -ließ sich nicht abschrecken. Er sah sich nur ein wenig um und rannte -dann schnell über den Hof bis zur Scheune. - -Das Tor war nicht verschlossen, aber es verursachte ein Geräusch, als -er öffnete. Nun war er in der Scheune. Er blieb stehen, holte tief -Atem, und seine Augen funkelten. - -»Oh! Ooh! Hoch! Hoch! Es wird brennen! Brennen!« Und er reckte die Arme -in die Höhe. - -Dann strich er ein Streichholz an. Es zerbrach und fiel verlöschend auf -die leere Tenne. Ein zweites Streichholz! Es brannte, und in seinem -Schein ging der Idiot nach dem getreidegefüllten Bansen. - -»Du! Was machst Du da?« - -»Jeses!« - -Ein Schrei! Ein zweiter! - -Das Streichholz erlosch. Eine Jagd ging los. Voran der Idiot, hinterher -ein Knecht des Buchenhofes, der das Geräusch der Tore gehört hatte und -dem Burschen nachgeschlichen war. - -»Stehen bleiben! Halt! Stehen bleiben!« - -Ein furchtbares Brüllen kam dem Jungen vom Munde. Er fiel über einen -Gegenstand, stand auf, sprang weiter und fand in der Angst nicht das -Tor. Es war rabenfinster. Man hörte das Keuchen der beiden Menschen. -Ein paarmal streifte der Knecht mit der Hand den Jungen. Der aber wich -immer geschickt aus. Es war ein furchtbares, entsetzliches Suchen und -Haschen. -- Eine Leiter stand da, die nach dem Getreideboden führte -- -jetzt faßte der Idiot die Leiter und stieg hinauf, lautlos wie eine -Katze. - -Der Knecht stand unten lauschend still. Wo war er? - -»Wo bist Du, Lump? Wart', vielleicht auf der Leiter -- wart', da krieg -ich Dich!« - -Ein Rutschen -- ein schwaches Knacken -- dann ein markerschütternder -Schrei, und ein schwerer Körper sauste aus der Höhe auf die Tenne. -Einen lallenden Schreckenslaut stieß der Knecht aus. Dann war -Totenstille. - - * * * * * - -Auf das Schreien des Knechtes kamen die Leute mit Lichtern nach der -Scheune gestürzt, dann eilte eine Magd über die Straße hinüber nach dem -Kretscham. Sie riß die Tür auf und schrie in die Stube: - -»Jeses, a Unglück, a Unglück! Der Gustav hat unsre Scheune anzünden -woll'n, und da is a von der Leiter gestürzt und hat a Hals gebrochen!« - -»Du -- Du -- o Du -- ich -- i -- was -- was? --« - -Lotte stierte in wahnsinnigem Entsetzen die Magd an; wollte reden, -schreien, fragen, konnte es aber nicht. - -Heinrich nahm sie fest am Arm. - -»Schräger! Herr Schräger! Ihr Gustav! Ach Gott, ach Gott! Den Hals -gebrochen!« wimmerte die Magd. - -Schräger saß da wie ein Bild aus Stein, gänzlich wortlos. Er stöhnte -nur. Ein dumpfes Gurgeln drang ihm aus der Kehle; die Augen stierten -entsetzt die Magd an, die immerfort weiter schrie, weiter jammerte, -dann fingen seine Hände an zu tasten, seine Füße an zu rutschen, und -so glitt er schwer unter den Tisch. - -Ein paar Minuten später brachten sie den Verunglückten auf einer -Futtertrage herüber. Er war tot. - -Auf die Diele der Gaststube legten sie ihn und standen dann alle stumm -an der Tür. Schräger, dem Hirsel und Heinrich auf die Bank geholfen -hatten, hatte lautlos zugesehen. Jetzt erhob er sich. Er wollte -hingehen, aber die Glieder versagten ihm. Mitten in der Stube fiel er -nieder, und ehe ihn die anderen aufrichten konnten, kroch er wie ein -Tier auf Händen und Füßen zu seinem toten Kinde, legte sich mit seinem -Körper über die Leiche und blieb zuckend und wimmernd liegen. Lotte -führten die Frauen hinüber nach der Wohnstube. -- - -In später Nacht ging Heinrich Raschdorf heim. Als er die Lampe -angezündet hatte, sah er sich scheu um. Das große Bild seines Vaters -schaute von der Wand herunter. Und der Sohn sah das Bild an in der -Stille dieser seiner Verlobungsnacht, und ein tiefes Schauern ging ihm -durch Leib und Seele. - -»Nun bist Du gerechtfertigt, Vater! Gerechtfertigt und gerächt!« - -Dann stieg er langsam wie ein Kranker hinauf in seine Stube. - - * * * * * - -Ein stürmischer Tag folgte dieser Nacht. Der Wind jagte die -Schneewolken über Wald und Dorf und peitschte Häuser und Bäume. -Und also stürmte es auch in den Geistern der Leute. Wie ein Blitz -ein schwarzes, enges Tal, in das kein Auge zu schauen vermochte, -urplötzlich durchleuchtet, so war es hier. Die Leute erkannten nun, wer -das erste Mal der Brandstifter gewesen war. - -Die Arbeit ging an diesem Tage lässig in allen Häusern, denn alle Leute -redeten, standen zusammen und plauderten erregt. Das fühlten alle: daß -an den Buchenhofleuten schwer gesündigt worden sei. So manchen kam die -Reue an, und er nahm sich vor, wieder gut zu machen, wo er etwa gefehlt -habe. Die Männer namentlich bedauerten, daß sie der Einladung zur -Verlobung im Kretscham nicht Folge geleistet hätten, weil sie dadurch -den Raschdorf-Heinrich aufs neue gekränkt hatten. Den Barbier aber -trafen die schwersten Vorwürfe, weil er dem Idioten Bier gegeben hatte, -und alle meinten nun, er sei schuld an Gustav Schrägers grauenvollem -Tode, er sei überhaupt immer der Hetzer und der Schuldige gewesen; ohne -ihn wäre alles nicht so schlimm geworden. - -So kam es, daß der Barbier in dieser Zeit seine Heimat verlor. Schon -nach wenigen Wochen ließ sich ein flinker Konkurrent im Dorfe nieder, -und ein wenig später zog der Barbier verachtet und heimatlos von -dannen. Auch im Dorfleben ist die öffentliche Meinung souverän; wer -bei ihr in Ungnade fällt, dem steht keine Berufung zu; er zieht in die -Verbannung. - -Über Schräger waren sich die Leute nicht einig. Seine Person blieb im -Dunkel. Die Weiber waren geneigt, ihn zu verurteilen, aber die Männer -meinten, nun sei es angebracht, recht oft in den Buchenkretscham zu -gehen, um am Ende einmal etwas herauszukriegen oder zu erleben. -- - -Gegen neun Uhr vormittags ging Heinrich Raschdorf nach dem Kretscham. -Die Leute hatten eben den Toten in eine leere Kammer zu ebener Erde -gelegt. Eine Öllampe hatten sie ihm zu Häupten gestellt, die brannte in -trübem Schein. - -Erschüttert betrachtete Heinrich die Leiche. Der Verderber seines -Hauses, der Bruder seiner Braut und alles in allem ein unglücklicher, -beklagenswerter Mensch! - -Draußen traf er die Stenzeln und fragte sie nach Lotte. Das Weiblein -wischte sich mit der Schürze übers Gesicht. »Ach, du mein Gott! Die hat -sich in ihre Stube geschlossen und kommt nicht heraus und gibt keine -Antwort.« - -Er stieg die Treppe hinauf und klopfte an ihre Türe. - -»Lotte! Lotte!« - -Ein leises Weinen. - -»Lotte! Gib Antwort! Bist Du krank?« - -»Heinrich, ich kann nicht heute -- nicht heute --« - -»Bist Du krank, Lotte? Sollen wir einen Arzt holen?« - -»Nein, nicht -- nicht! Ich bin nur müde -- müde!« - -»Reg' Dich doch nicht so auf, liebe Lotte! Ich bitte Dich!« - -»Ja, Heinrich, ja!« - -Er stand noch ein Weilchen an der Tür, aber sie sagte nichts mehr. So -ging er und schärfte der Stenzeln ein, die Lotte nicht allein zu lassen. - -Schräger war noch nicht zu sehen. Auch er hatte sich in seine Stube -eingeschlossen und kam nicht heraus; er gab auch keine Antwort. Nur -sein schlürfender Schritt war manchmal zu hören. - -Schon gegen drei Uhr nachmittags erlosch der Tag. Heinrich kam aus der -Stadt zurück, wo er einiges für das Begräbnis besorgt hatte. Wieder -verlangte er Lotte zu sehen. Aber die Stenzeln überbrachte ihm nur die -Bitte, sie ganz allein zu lassen. - -»Stenzeln! Was macht sie denn? Was tut sie so allein?« - -Die Frau zuckte die Schultern. - -»O du mein lieber Gott! Was wird sie machen? Nischt! Sie sitzt da und -grübelt und sagt kein Wort!« - -»Stenzeln, bringen Sie ihr die Rosen und sagen Sie, ich will ihr heute -Ruhe gönnen; aber morgen muß ich sie sehen. Auf jeden Fall! Und sie -soll sich nicht grämen, der Gustav war ein armer, unglücklicher Mensch; -er hat's nicht besser verstanden.« - -Die Stenzeln nickte und versprach alles auszurichten. Dann ging -Heinrich nach Hause. - -Gegen sieben Uhr klopfte die Stenzeln an Schrägers Tür. »Herr Schräger, -machen Sie auf! Sie müssen doch was essen!« - -Er öffnete. Entsetzt wich die Stenzeln zurück. Dieser Mann sah aus wie -ein zusammengeducktes, furchtsames Tier. - -»Herr Schräger! Jeses! Wie sehn Sie denn aus?« - -Er lehnte sich an die Wand und sah sie lauernd an. - -»Ist jemand gekommen? Hat jemand gefragt?« - -»Wer soll denn gekommen sein?« - -»Niemand gefragt? Nach mir? Nach mir, Stenzeln?« - -»Wer denn? O Gott, wer denn?« - -»Stenzeln, wenn der Wachtmeister kommt, ich -- ich bin nicht da! Hörst -Du? -- Nich da! -- Fort -- verreist! -- Hörst Du?« - -»O du mein Himmel, er kommt ja nicht! Ach Gott, so ein Unglück, so ein -schreckliches Unglück!« - -Er kam ihr ganz nahe. - -»Stenzeln! Sagen die Leute was über mich?« - -»Was sollen sie denn sagen?« - -»Ich hab' nischt gewußt, Stenzeln! Hörst Du? Nischt gewußt! Sag's den -Leuten! Ich -- ich kann nich dafür, ich bin unschuldig! Hörst Du? Sag's -den Leuten, sonst verklag' ich sie, sonst verklag' ich sie alle! Sag' -ihnen das!« - -Er sank auf einen Stuhl. Die Stenzeln fing an zu weinen. - -»Kommen Sie doch mit herunter, Herr Schräger! Bleiben Sie doch nich so -alleine!« - -Er schüttelte sich. - -»Geh' Stenzeln, geh' raus! Es kommt jemand im Hausflur. Geh'! Sachte! -Sachte! Sag' nischt, Stenzeln, sag' nischt! Ich bin nich da! Hörst Du? -Geh', geh' raus! Stenzeln, geh' raus!« - -Er drängte sie durch die Tür und schloß hinter sich ab. - - * * * * * - -Tief in der Nacht war's. Die Lotte lag mit weit geöffneten Augen -im Bett. Es war stockfinster in der Stube, und die Uhr war stehen -geblieben. Draußen stieß der Sturm an den Giebel, und die Äste eines -hohen Baumes schlugen manchmal an die Fenster. - -Das Mädchen faltete die Hände. Da drückte sie etwas -- das war der -goldene Ring! - -Sein Ring! Und drunten lag ihr Bruder! - -Wie die Rosen dufteten! - -»Er hat's nicht besser verstanden, der arme, unglückliche Mensch!« - -So edel war der Heinrich! - -Aber sie -- sie? War es nicht ein Verbrechen, daß sie diesen Ring trug? -Daß sie in einer Familie Liebe und Glück suchte, wohin ihr Bruder -Armut, Not, Tod und Schande getragen? - -Die Lene! O Gott, was würde die Lene sagen! Wenn sie das jetzt erfuhr, -dann ruhte ihr Fluch über ihrer und Heinrichs Liebe, jetzt mit Recht. - -Der Ring! Wie er grausam drückte! - -Wenn sie sterben könnte, und das auslöschen könnte, dann stürbe sie -gern, noch diese Nacht! - -Da! -- Draußen ging ein Schritt, ein ganz leiser Schritt! -- Jetzt! -- -Ein matter Lichtschein huschte unten an der Türschwelle vorbei. Was war -das? -- Was war das? -- Und nun ein Wimmern, ein furchtbares, schwer -unterdrücktes Wimmern unten im Hausflur. - -»O Gott, der Vater!« - -Nach kurzer Zeit schlich sie die Treppe hinab. Sie beugte sich über das -Geländer. Da sah sie ihn. In der offenen Tür zu der Totenkammer kniete -er, zusammengekauert, den Kopf an den Türpfosten gepreßt. - -Das Licht, das er getragen hatte, war erloschen; nur das Totenlämplein -schien fahl aus dem Gewölbe. - -»Vater! Vater!« - -Sie flüsterte es. Entsetzt zuckte er zusammen. - -»Wer ruft mich? O, Du Lotte, Du -- bloß Du -- bloß Du!« - -Sie eilte hinab und faßte ihn an der Hand. - -»Komm mit! Komm mit zu mir herauf!« - -»Ja! -- Ja! -- Ja! -- Lotte -- zu Dir -- oh -- da -- da --« - -Er sah noch einmal auf den Toten, auf sein schreckliches, -angstverzerrtes Gesicht und die zertrümmerte Stirn. Da schloß Lotte das -Gewölbe. - -Droben zündete sie mit bebenden Händen die Lampe an. - -Als Licht wurde, stöhnte er auf. Dann würgte er um Worte. - -»Ich halt's nich aus -- ich muß Dir's sagen, es erwürgt mich -- ich -hab' so schrecklich Angst -- Lotte -- ich -- ich bin schuld an allem!« - -Sie sah ihn verständnislos an. - -»Lotte, ich hab's ja gewußt, ich hab's ja immer gewußt.« - -»Was? -- Was?« - -»Daß er -- daß unser Gustav angezündet hat!« - -»Das hast Du gewußt?« - -Sie stammelte es. - -Er sah sie an, duckte sich zusammen und stand wortlos da. - -»Rede! Rede! Sag' alles! Alles! Rede! Sag's! Sofort! Sag' alles! Ich -will's!« - -Er ächzte, aber er brachte kein Wort heraus. - -»Wann hast Du's gewußt?« - -Der Verbrecher stand vor ihren zürnenden Richteraugen. - -»Lotte! Hab' -- hab' Erbarmen, Lotte!« - -»Wann hast Du's gewußt?« - -»Gleich -- gleich am ersten Tage!« - -»Vor dem Gerichtstag?« - -»Ih -- ih -- ja -- ja -- vor dem Gerichtstag!« - -Eine furchtbare Pause. Mit ganz leisem, teuflischem Pfeifen zog der -Wind um die Ecke des Hauses. - -»Du! -- Du! -- Du!« - -Sie ging auf ihn zu mit furchtbarem Haß in den Augen. - -»Sag' alles! Alles!« - -»Ich -- ich -- ich hab' falsch -- falsch geschworen, Lotte!« - -Sie sprach nicht. Sie hörte nur --! Ein Posaunenstoß dröhnte übers -Haus, ein Knirschen und Klappern und ein winselndes Wimmern. - -»Falsch geschworen? Warum?« - -»Den Buchenhof wollt' ich -- den Buchenhof -- für -- für Euch.« - -»Den Buchenhof wolltest Du?« - -Das sagte sie mit gebrochener Stimme. - -Dann ging sie langsam durch die Stube, schob den Vorhang vom Fenster -weg und sah hinüber nach dem Buchenhofe. - -Schräger setzte sich auf den Rand ihres Bettes und starrte sie an. - -Sie stand regungslos, die Hände hingen ihr schlaff herab. - -Nach langen Minuten wandte sie sich um. Langsam kam sie vom Fenster -zurück und trat an den Tisch. Dort zog sie den goldenen Ring vom -Finger, küßte ihn und legte ihn neben die Rosen. - -»Was machst Du, Lotte?« - -Sie sah ihn mit toten Augen an. - -»Das ist jetzt natürlich aus! Die Tochter und die Schwester von solchen --- solchen Verbrechern -- -- kann er nicht heiraten.« - -»Was willst Du tun, Lotte?« - -»Ich werd' ihm alles sagen!« - -Er stöhnte auf. - -»Ihm sagen!« - -Dann war es still. Die Lampe qualmte auf. Nach einer Weile schlug ein -Ast ans Fenster, und es sprang eine Scheibe. Da stand Schräger auf. -Langsam ging er durch die Stube bis zu einem Korbe, nach dem er in der -Zwischenzeit hingestarrt hatte. - -Aus dem Korbe nahm er eine Wäscheleine. Lotte hörte das leise Geräusch, -blickte auf und sah den Vater mit dem grauen Strick in der Hand. - -»Vater!« - -Er drehte sich nicht um. - -»Vater!« - -Sie war bei ihm, riß ihm den Strick aus der Hand und schleuderte ihn -hinter sich. Er fiel auf ihr Bett und lag wie eine graue Schlange über -den weißen Kissen. - -»Wenn Du's ihm sagst, komme ich auf meine alten Tage ins Zuchthaus! Da -is es besser -- Schluß!« - -»Vater, ich sag's ihm nicht -- ich werd's ihm nicht sagen, ich werd' -Dich ja nicht verraten, aber Du mußt alles tun, was ich will -- alles!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 18] - - -Im Buchenhofe schlug eine Uhr die dritte Morgenstunde. Heinrich -Raschdorf lag wach im Bett. Aus dem Dämmerlicht leuchtete matt eine -Silberschrift von der Wand: »Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser.« - -Der Ruhelose schloß die Augen und sprach mit sich selbst, weil er -sprechen mußte. - -Der schuld war, lag drüben stumm und kühl. Seine arme Seele war -hinüber. Und den Reinen gehört das Leben. Das zertrümmert nichts: kein -Freundeszorn, kein Schwesterfluch. Auf ein reines Leben kommt kein -Unsegen hernieder, auch nicht von einem Geopferten. - -So kämpfte Heinrich Raschdorf wider sein empfindsames Herz. Er kämpfte -lange vergebens. Drunten schlug die heisere Uhr viermal, dann fünfmal, -ohne daß sich die Qual des jungen Mannes vermindert hatte. Erst gegen -Morgen fiel er in schweren Schlummer. - -Als der Tag lange schon ins Zimmer leuchtete, wachte Heinrich Raschdorf -auf. Es war zehn Uhr vorbei. Hastig kleidete er sich an und ging sofort -hinüber nach dem Kretscham. - -»Ich hab's verschlafen, Stenzeln. Wie geht's? Was macht Lotte?« - -Die Stenzeln ging nach der Kommode. - -»'n Brief schickt sie, sie is in die Stadt. Um sieben schon. Sie muß -sich ja die Trauersachen besorgen. Und der Herr is in seiner Stube -und kommt nich raus. Da is der Brief! 's is a Jammer, wie das Kind -ausgesehen hat heute früh.« - -Heinrich zerriß den Briefumschlag und las einen Satz. Dabei schluckte -er heftig, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und trat mit -dem Briefe ans Fenster. - -»Sie! -- Sie! -- Sie! -- -- Stenzeln! -- -- Da -- da -- sie ist ja fort --- sie ist ja fort, Stenzeln!« - -»Herr Raschdorf! Jeses, was reden Sie denn?« - -»Stenzeln, sie ist fort! Sie kommt nicht wieder! Sie kommt nicht -wieder!« - -»Ach Gott, Herr Raschdorf, ach Gott. Das ist ja nich möglich -- was --« - -Er schob sie beiseite und stürmte die Treppe hinauf. - -»Herr Schräger! Machen Sie auf!« - -Von den Schlägen seiner Fäuste dröhnte die Tür. - -Ein Stöhnen kam aus der Stube. - -»Aufmachen! Ich hau' die Tür ein! Ich hau' wahrhaftig die Tür ein!« - -Die Tür ging auf. - -»Da -- der Brief! Sie ist fort! Sie schreibt, sie will mich nicht -heiraten! Sie kommt nicht wieder! Das ist ja verrückt! Das ist ja total -verrückt!« - -Schräger starrte mit bleichem Gesicht und weitgeöffneten Augen den -rasenden jungen Mann an. - -»So reden Sie doch! Reden Sie doch ein einziges Wort! Wissen sie, daß -sie fort ist, daß sie nicht wiederkommt?« - -Schräger keuchte. - -»Ja!« - -»Sie wissen's? Und Sie sagen mir nichts? Sie lassen sie fort? Sie -lassen mich schlafen? Mensch!« - -Er erhob die Fäuste gegen ihn. Schräger duckte sich zusammen. - -»Wegen 'm Gustav! Bloß wegen 'm Gustav,« stammelte er. - -»Wohin?! Wohin ist sie?« - -»Ich -- ich weiß nich.« - -»Das ist nicht wahr! Das ist Schwindel! Das ist 'ne Lüge! Ich will's -wissen! Wohin ist sie? Wohin ist die Lotte?« - -»Sie -- sie hat mir's nich gesagt.« - -»Wohin ist sie?!« - -Das schrie er. - -»Ich weiß nich, wahrhaftig, ich weiß ja nich! Ich kann nischt dafür! -Ich kann ja gar nischt dafür!« - -Heinrich Raschdorf stand zitternd vor ihm. Auf Sekunden mußte er mit -sich kämpfen, den Mann nicht zu mißhandeln, ihm nicht mit Gewalt das -Geständnis zu entreißen. Dann aber warf er den Kopf zurück, grub die -Hände in die Taschen und ging ein paarmal rasch durch die Stube. -Schließlich setzte er sich auf einen Stuhl, Schräger gegenüber. - -»Ich will ja vernünftig sein, ich will ja nicht schreien, ich will ja -alles auf mich nehmen, aber das müssen Sie mir sagen, wohin sie ist. Es -ist ganz klar, daß Sie mir das sagen müssen. Sie ist doch meine Braut!« - -»Heinrich, ich weiß nich! Sie will weit fort. Und ich soll die -Wirtschaft verkaufen, und dann soll ich nachkommen.« - -»Wohin sollen Sie nachkommen?« - -»Das weiß ich nich. Das wird sie erst viel später schreiben, sagte sie. -Sie wird erst einen Ort suchen.« - -Es wurde still. Heinrich Raschdorf starrte mit bewegungslosem Gesichte -den alten Schräger an. Unten wurde die Tür geöffnet; -- zwei Männer -stapften in den Hausflur und setzten etwas nieder. - -»Guten Tag! Wir bringen den Sarg!« sagten sie. - -Der alte Schräger hörte es und legte die Hände über das Gesicht. »Ich -wollte, es gält' mir!« - -Heinrich hörte von alledem nichts. Nach einer Weile erhob er sich. - -»Und sie hat nichts für mich hinterlassen als den Brief?« - -»Sonst nichts!« - -»Sagen Sie: Können Sie mir schwören, daß Sie nicht wissen, wohin sie -ist, warum sie fortgeht, schon vor dem Begräbnis? Können Sie mir das -schwören?« - -»Schwören?! Nein, schwören tu ich nich! Nein! Aber ich weiß nich, wo -sie hin ist. Ich hab' sie selber gefragt; sie sagte, ich würd' es Ihnen -verraten, und gerade deshalb sagte sie mir's nich.« - -»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Ich hab' hier weiter nichts mehr zu -tun.« - -»Heinrich! Herr Raschdorf! Bleiben Sie noch, bleiben Sie noch ein -kleines bißchen! Es ist schrecklich so alleine. Und dann -- ich hab' -eine Bitte, die hat mir noch die Lotte aufgegeben.« - -»Was?« - -Schrägers Gesicht wurde feuerrot, und das Wasser stieg ihm in die Augen. - -»Was für eine Bitte?« drängte Heinrich. - -»Kaufen Sie mir -- kaufen Sie mir meine Wirtschaft ab. Ich -- laß' sie -Ihnen für das halbe Geld.« - -Die Tränen liefen dem Manne übers Gesicht, und man sah, wie er die -Worte unter furchtbarem Schmerz und schwerer Überwindung hervorbrachte. - -»Ihre Wirtschaft? Das will die Lotte?« - -»Ja! Ich hab's ihr in die Hand versprochen. Und wenn ich's nich tue, -seh' ich sie nich wieder.« - -Heinrich war nicht gleich fähig, etwas zu sagen. Nach einer Weile erst -fragte er: - -»Warum will sie das?« - -»Sie meint, weil Ihr -- weil die Raschdorfs durch uns -- ich will sagen -durch unseren armen Gustav geschädigt worden sind.« - -»Ja so! Und vielleicht auch, weil sie mich ohne Abschied im Stich läßt. -Da soll ich eine Wirtschaft zu halbem Preis kriegen. Eine Abfindung -soll ich bekommen.« - -Er lachte bitter. Sie ging nicht nur ohne Abschied von ihm, sie schied -mit einer Beleidigung. - -»Herr Schräger, ich mag Ihre Wirtschaft nicht, ja, Sie können -erleichtert aufatmen! Ich mag sie nicht umsonst! Sie ist auch umsonst -noch zu teuer. Wenn die Lotte das Gewissen drückte, dann hätte sie -wissen müssen, daß es einen einzigen Schadenersatz für mich gab, und -das war sie selbst. Mit einer Wirtschaft ist mir nicht gedient. Im -Gegenteil! Wenn Sie den Buchenhof haben wollen, spottbillig haben -wollen, können Sie ihn heute oder morgen haben. Heute oder morgen, je -eher, je lieber!« - -Ein ganz leises, verirrtes Leuchten blitzte durch die Äuglein des alten -Wirts; es erlosch gleich wieder. - -»Den Buchenhof? Billig? -- Was nützt's! Es is zu spät! Es geht nich -mehr!« - -»Und hat Ihnen die Lotte nicht gesagt, wann sie Ihnen Nachricht geben -will?« - -»Ja! Zeitigstens in einem Jahre! Ich hab' ihr tausend Mark mitgeben -müssen. So lange das reicht, schreibt sie nich.« - -»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Lassen Sie sich's gut gehen!« - -»Bleiben Sie noch ein bißchen, ein kleines bißchen.« - -»Nein! Ich hab' keine Zeit. Ich habe schon zu viel Zeit hier -zugebracht. Leben Sie wohl!« - -Die Treppe ging er hinab. Er hielt sich fest an das Geländer und -schwankte doch und trat schwer auf. - -Unten aus dem Hausflur klang Schritteschlürfen und gedämpftes Sprechen. -Sie legten den Toten in den Sarg. - -Heinrich wandte sich nicht um, und als die Stenzeln kam und ihn in der -Haustür am Ärmel faßte, schüttelte er sie ab. - -Drüben in seiner Wohnstube sah er sich um. - -Da war er! Da kam er wieder! Er kam von drüben, kam wieder nach Hause. - -Sein Lachen schallte unheimlich auf. - -»Ist das schön! Ist das schön zu Hause!« - -Langsam setzte er sich hinter den Tisch und lehnte den heißen Kopf -gegen die kühle Mauer. Die Augen starrten ausdruckslos nach der Decke; -der Mund war ein wenig geöffnet. Wie schwere Betäubung lag's auf seiner -Stirn. Eine graue Spinne kroch aus einem Winkel, blieb an der Decke -gerade über ihm stehen und starrte ihn mit ihren unbeweglichen Augen -unheimlich an. - -Lange saß er so am Tisch, ohne sich zu rühren. Dann ging er schwer -durch die Stube, zog Lottes Brief aus der Tasche, öffnete den Ofen und -warf den Brief hinein. - -»Da, du verfluchter Wisch! Da brennst du, brennst wie Schwefel! Oho, da -steht das Wort »Liebe«! Siehst du, wie schön eine Lüge brennt? O ja! -Und jetzt ist's gut, jetzt ist's aus!« - -Er setzte sich auf die Ofenbank. Des Vaters Jagdgewehr fiel ihm ein. Es -war zweiläufig. Die eine Patrone war abgeschossen, die andere steckte -noch. Am Ende wäre sie noch brauchbar. Schade um so eine Patrone, wenn -sie jahrelang unbenutzt in einem Laufe steckt! - -Er sah hinüber nach des Vaters Bilde. - -»Jawohl, du -- wir haben hübsche Nachbarsleute! Da ist was zu holen, -etwas ganz Bestimmtes, das keiner zweimal braucht!« - -Eine halbe Stunde verging. Grauen, Schmerz, Wut wechselten in -seiner Seele ab, über alles ging eine riesengroße Verwunderung, die -Verwunderung, daß ein Mensch so handeln könne wie die Lotte, die -Verwunderung, daß einen Menschen ein so jammervolles Schicksal treffen -könne wie ihn. -- - -Das Hoftürchen ging draußen, und ein Männerkopf wurde an den Fenstern -sichtbar -- Mathias! - -Heinrich rührte sich nicht, sagte auch kein Wort, als es leise an die -Tür klopfte. Da öffnete Mathias behutsam und trat ein. - -»Heinrich!« - -Der regte sich nicht und sah auf den Fußboden. - -»Heinrich, die Lotte schickt mich zu Dir! Sie hat mir einen Brief -geschrieben.« - -»So? Dir auch? Da kannst Du lachen! Mein Brief steckt schon im Ofen!« - -Mathias trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. - -»Wir müssen miteinander reden, Heinrich!« - -»Reden? Nein! Ich will nicht! Tu mir den Gefallen und geh' wieder. -Was kommst Du wieder? Ich kann niemand gebrauchen. Dich auch nicht! -Wirklich nicht! Sieh mich nicht so an! Es ist mir lästig!« - -Mathias legte ihm beide Hände auf die Schultern. - -»Nein, alter Heinrich! Ich geh' nich! Ich geh' bestimmt nich! Ich geh' -überhaupt nich mehr!« - -Heinrich schüttelte die Hände ab. - -»Gehst überhaupt nich mehr? Meinetwegen! Mir ist's egal! So bleib' -halt!« - -Mathias ging nach dem Tische, nahm sich einen Stuhl und setzte sich. - -»Weißte was, Heinrich, ich hab' mir's auf 'm Wege hierher überlegt -- -Du mußt fort!« - -Heinrich hob das Haupt und sah den Alten kurz und scheu an. - -»Fort? Stimmt! Ich muß fort! Da hast Du recht.« - -»Ja, wenigstens auf a Jahr. Nach Breslau mußt Du! Fort hier aus dem -Loche, wo Dir das Leben leid wird. In Breslau mußte Dich amüsieren oder -a bissel studier'n oder Geld totschlagen, is alles egal, bloß, Du mußt -hin!« - -Heinrich lachte. - -»Täusch' Dich bloß nicht! Ich geh' schon, geh' schon, aber nach -Breslau? Nein! Täusch' Dich bloß nicht!« - -»Da is gar nischt zu täuschen! Du bist a ganz verpfuschter Kunde, -Heinrich! Zum Bauer taugste nich, mit a Leuten verstehste Dich nich, -der alte Großknecht und die Schwester laufen Dir fort, die Braut rückt -och aus -- Du paßt höchstens in die große Stadt. Dort wirste noch als a -Staatskerl gelten, dort gibt's viele solche Knöppe wie Du einer bist!« - -Heinrich sah auf. - -»Weißt Du nicht sonst noch ein paar Witze, Mathias?« - -»Witze sind das nich, Heinrich! Sieh mal, darauf kannste nu Gift -nehmen: die allermeisten Menschen sind riesig dumm. Ich och und Du erst -recht! Ich alter Esel rück' aus, weil mir was nich paßt, und Du junger -Kerl sitzt dort, wo für Dich 's meiste Pech hingeschmiert is. Und das -sag' ich Dir: die Schräger-Lotte hat zehnmal mehr Verstand im Leibe, -wie Du und ich zusamm'n.« - -Heinrich lachte höhnisch. - -»Ja, das muß man sagen!« - -»Man muß wirklich sagen! Die hat 'n Charakter! Das is amal eine, die -nich an sich denkt. Dagegen sind wir alle klunkrige Kerle. Und was das -Schlimmste is, daß ich das erst einseh'n lern', wo sie fort is. Das is -a Prachtmädel, die Lotte!« - -Heinrich stand von der Ofenbank auf. - -»Ich möchte wissen, was das alberne Gerede für einen Zweck hat. In -Wirklichkeit ist sie eine dumme Gans, oder religiös-verrückt, oder -so -- alles dasselbe! Weil ihr blödsinniger Bruder meinem Vater die -Scheune angezündet hat, läuft sie mir fort, macht sie mich unglücklich. -Damit sühnt sie das! Na, Mensch, siehst Du nicht ein, daß das -hirnverbrannt ist?!« - -Er lachte, daß er sich schüttelte. - -Mathias sah ihn milde an. - -»Auf a bissel Geschimpfe kommt's nich an, Heinrich. Aber das sag' ich -Dir: wenn Du Dich etwa umbringen tät'st, wärste a Schmachtlappen!« - -Der junge Buchenbauer fuhr wild auf. - -»Was?! Wie?! Wer sagt das! Was geht Dich das an? Was? Hast Du mir was -zu sagen? Du?!« - -»Nö! Aber raten möcht' ich Dir was: Leg' Dich a bissel schlafen!« - -»Mathias! Bist Du denn besoffen? Wie kommst Du denn bei meiner jetzigen -Lage zu solch dämlichem Gerede?« - -»Es wär' Dir sehr gutt, wenn Du a bissel schlafen tät'st, nachher -könnt' man doch mit Dir reden. Ob Du nu willst oder nich, das is egal. -Wir müssen auch endlich amal miteinander verrechnen. Wer weiß, was nu -aus Dir wird, und um mein Geld möcht' ich nich kommen.« - -Der Buchenbauer sah Mathias unsicher an. - -»Das sind Ausreden! Um das Geld ist Dir's nicht. Ich versteh' Dich -schon!« - -»Schön, wenn Du mich verstehst! Jawohl, ich geh' Dir nich vom Halse, -bis Du schläfst, oder bis Du wieder andere Augen hast -- nich solche! -Verstehste mich? Und rausschmeißen kannste mich nich, keen Knecht -packt an, und alleine biste zu schwach. Ich geh' Dir nich vom Leder, -Heinrich, Du magst machen, was Du willst.« - -Heinrich Raschdorf trat mit verbissenem Zorn ans Fenster. Der Mann -wollte ihn durch das Gerede um seine Stimmung bringen, um seine -Stimmung. Das merkte er. - -»Mathias, Du hast mich seither nicht gefunden, warum kommst Du jetzt? -Ich brauch' Dich nich, ich will Dich nich! Ich will, daß Du mich -machen läßt, was ich Lust hab'! Ich nehm' von Dir keine Lehre mehr an, -verstehst Du! Und wenn Du durchaus hier bleiben willst, gehe ich!« - -»Wenn Du gehst, geh'n wir zusammen, Heinrich,« sagte Mathias und erhob -sich. - -Voll Ingrimm sank der junge Buchenbauer auf einen Stuhl. - - * * * * * - -Bis gegen zwei Uhr nachmittags zankten sie miteinander. Gegen drei Uhr -schlief Heinrich Raschdorf wirklich auf dem Sofa ein. Seit drei Nächten -hatte er nicht mehr ordentlich geschlafen, und es lag wie schwere -Betäubung auf seinem Hirn. - -Mathias setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster und wachte bei ihm. -Durch den tiefen Ernst seines Gesichtes schimmerte ein Lächeln über den -Sieg, den er errungen. Nach einiger Zeit kam der Schaffer in die Stube -getappt. - -»Pst! Tritt doch nich so auf, Mensch!« - -Der Schaffer zog die Holzpantinen aus und nahm sie in die Hand. - -»Is wahr?« fragte er leise und zeigte mit den Pantinen erst auf -Heinrich und dann nach dem Kretscham. - -Mathias nickte. - -»Ja, sie is fort! Weil ihr Bruder angezünd't hat, denkt sie, sie darf -nich als Frau uff a Buchenhof kommen. Sie hat zuviel Ehrgefühl.« - -Dem Schaffer fiel eine Pantine auf den Fußboden. - -»Pst -- Mensch! Halt' doch Deine Latschen feste! A muß schlafen!« - -»A is wull -- a is wull -- ganz disperate um a Kopp?« - -»Ja, aber geh' lieber raus! Ich erzähl' Dir's heute abend.« - -Der Riese bückte sich gehorsam nach seinem verlorenen Pantoffel und -schlich aus der Stube. - - * * * * * - -Der Abend kam. Mathias saß noch immer im Lehnstuhl und sah nach dem -Schlafenden, manchmal sehr sorgenvoll, aber dann auch wieder mit all -seiner zärtlichen Liebe. Es war doch sein guter, lieber Heinrich! Er -hatte ihn schwer vermißt die wenigen Wochen und nur immer keinen Mut -gefunden, wieder zu ihm zu gehen. Jetzt kann er ihn ohne allen Groll -anschauen. Die Liese ist im Frieden. Die einzige von allen, die im -Frieden ist! Die anderen alle sind zerstreut in der Fremde. - -Nun war es schon ganz finster, und Heinrich schlief noch immer. Draußen -pfiff der Wind durch die Äste der Bäume. - -Da ging die Tür leise auf. Eine dunkle Gestalt erschien und blieb -regungslos stehen. - -»Wer kommt? Wer ist da?« flüsterte Mathias. - -Ein leises Schluchzen kam von der Tür. - -»Mathias! Ich bin's!« - -»Lene! Du?« - -Er ging hin, faßte sie an der Hand, zog sie nach dem Hausflur und -schloß vorsichtig die Tür. - -»Wo kommst Du her? Was willst Du?« - -»Die -- die Schräger-Lotte hat an mich geschrieben. Heute nachmittag -kriegt' ich den Brief.« - -»Auch an Dich? Komm mit 'rauf, Lene; da drinnen schläft der Heinrich.« - -In der Giebelstube saßen sie beide zusammen. Lene lag mit dem Gesicht -auf dem Tisch. Mathias las den Brief. - - Liebes Fräulein Raschdorf! - - Eine Unglückliche schreibt an Sie. Ich bin die Braut Ihres - Bruders geworden, weil ich ihn liebte und weil ich des festen - Glaubens war, daß die Vorwürfe, die Sie und Mathias Berger - meiner Familie machten, unbegründet seien. Durch den Tod - meines unglücklichen Bruders habe ich die traurige Gewißheit - gewonnen, daß ich mich getäuscht habe und daß Sie im Recht - waren. Deshalb gebe ich die Verlobung auf, weil ich nicht in - ein Haus eindringen will, das durch meine Familie so schwer - geschädigt worden ist. Ich gehe in die Fremde und bin, wenn Sie - diesen Brief bekommen, schon weit von der Heimat, wohin ich - nie zurückkehren will. Ich gehe fort, weil Ihr Bruder alles - versuchen würde, mich umzustimmen, weil ich mich zu schwach - fühle, auf die Dauer zu widerstehen, unfähig, ihm auch nur - noch einmal unter die Augen zu treten, und weil ich nicht sein - werden könnte, ohne ihn zu betrügen. Ich bitte Sie um alles - Kummers willen, den Sie durch uns erfahren haben, um Verzeihung - und flehe Sie an, zu Ihrem unglücklichen Bruder zurückzukehren, - da er jetzt nicht allein sein kann und darf. - - Charlotte Schräger. - -Mathias Berger schob den Brief zurück und wurde rot im Gesicht. - -»Lene, wir haben ihr unrecht getan. So -- so wie die wird selten eine -sein.« - -Das Mädchen antwortete nicht; sie schluchzte nur heftig. Nach einer -Weile sagte sie: - -»Sie muß zurück -- sie muß zurück zu ihm!« - -»Geht nich, Lene, geht ja nich! Es weiß niemand, wo sie is, nich amal -ihr Vater!« - -Und an den zwei Menschen erfüllte sich wieder, was so alt ist wie die -Welt: In allen Feindseligkeiten der Menschenkinder ist es die edle Tat -allein, die den Sieg findet, die hinübergeht ins feindliche Lager, den -Gegner anschaut mit milden, magnetischen Augen und, während sie ihn -verwirrt und bestürzt macht, ihm die Waffen sacht, aber unwiderstehlich -aus der Hand nimmt. - -Die beiden schämten sich voreinander und vor sich selbst. Dann suchten -sie einen Trost herbei: sie hätten's nicht besser gewußt. - -Sie sprachen eine Weile miteinander, dann gingen sie leise hinab nach -der Wohnstube. Die Lampe brannte, und Heinrich saß am Tisch. Er schaute -nicht auf, als sie eintraten. - -Wieder blieb die Lene an der Tür stehen; dann plötzlich eilte sie durch -die Stube und kniete vor dem Tisch nieder. - -»Heinrich!« - -Er sah sie überrascht an. - -»Lene -- was willst Du hier?« - -Das Mädchen war unfähig, ein Wort zu reden. - -Mathias faßte Heinrich um die Schultern. - -»Sei gut, Heinrich! Die Lotte hat an sie geschrieben. Sie sieht ja -jetzt auch ein, daß sie der Lotte unrecht getan hat, und ich auch.« - -Heinrich lachte. - -»Das ist alles, was sein kann, daß Ihr das einseht! Das ist ja gerade -noch zeitig genug. Nachdem alles kaput gegangen ist, sehen sie's ein!« - -»Heinrich, laß mich wieder hier, laß mich wieder bei Dir!« schluchzte -Lene. - -»Nein! Wer fortläuft, braucht nicht wiederzukommen! Niemand! Nicht -Mathias, nicht Du und auch die drüben nicht! Sie hätte nicht nötig -gehabt, so heimlich zu tun; ich hätt' sie nicht geholt. Und Dich -brauch' ich nicht mehr! Ich brauch' niemand!« - -Die Lene erhob sich. - -»Soll ich -- soll ich wirklich gehen, Heinrich?« - -»Ja!« - -»Nein, sie geht nich, und ich geh' auch nich! Wir bleiben hier. Morgen -früh, wenn Du willst, werden wir gehen. Nich jetzt in dem Wetter und -in der Nacht! Das kannste nich verlangen!« - -Heinrich antwortete nicht. So setzten sich beide an den Tisch. Eine -Weile waren alle stumm, dann sagte Mathias: - -»Heinrich, willste uns nich sagen, was Du machen wirst?« - -»Ist nicht nötig!« - -Da sagte Mathias nichts mehr. Er wußte, daß der junge Buchenbauer, in -dem es fürchterlich arbeitete, von selbst sprechen würde. So kam es -auch. Er sprang nach einer Weile auf und reckte die Arme in die Luft. - -»Fort muß ich -- fort, fort aus diesem elenden, verfluchten Hause -- -oder -- oder --« - -»Heinrich, sieh mal, es wär' schon gutt, wenn Du vernünftig mit uns -reden tät'st. 's beste is, Du verkaufst a Hof, und bis Du ihn los -bist --« - -»Soll ich hier bleiben? Hier? Nicht einen Tag! Nicht einen halben Tag -mehr!« - -»Das sag' ich auch. Du mußt bald fort! Morgen! Und daß die Wirtschaft -nich allein is, bleiben die Lene und ich hier, bis wir sie los sind. -Dann schicken wir Dir das Geld, und Du brauchst Dich um nichts weiter -mehr zu kümmern, auch um uns nich.« - -Darauf hörte Heinrich, und es kam eine Unterredung zustande, bei -welcher Mathias Berger fast ganz allein sprach, in deren Verlauf er -aber doch den jungen Buchenbauer vollends für seine Pläne zu bestimmen -wußte. - - * * * * * - -So nahm Heinrich Raschdorf am anderen Tage Abschied vom Buchenhofe. Er -war blaß, sonst verriet keine Miene seine Aufregung. Mit Mathias und -Lene sprach er nur von rein geschäftlichen Dingen. Dem Mathias würde -er alsbald eine gerichtliche Vollmacht schicken, den Buchenhof zu -verkaufen. - -Kurz nach Mittag gab er dem Schaffer den Befehl, anzuspannen. Er selbst -trat noch einmal in die Wohnstube. - -»Meine Kleider und Bücher schickt Ihr mir nach, wenn ich Euch meine -Adresse werde geschrieben haben!« - -»Ja, Heinrich!« - -»Sonst bleibt alles hier! Ihr könnt ja Auktion machen. Und wenn Ihr -selbst was zum Andenken behalten wollt, nehmt Ihr's Euch vorweg. Ich -will nichts.« - -»Ja, Heinrich!« - -Er ging noch einmal durch die Stube und sah auf einige Sekunden zum -Fenster hinaus. Dann wandte er sich um. - -»So lebt wohl! Der Schaffer wird fertig sein.« - -Die Lene brach in leidenschaftliches, lautes Weinen aus, und Mathias -hielt sich bleich an der Tischecke fest. - -Heinrich blieb mitten in der Stube stehen. Ein paarmal hob sich seine -Brust krampfhaft, dann zuckte er die Schultern und ging rasch hinaus. - -Unhörbar glitt der Schlitten aus dem weitgeöffneten Tor des -Buchenhofes, das bald darauf ein Knecht verriegelte. - -Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich Raschdorf den Bergweg entlang; -erst als er in den Wald kam, blickte er auf. - -Jetzt war nichts mehr von den Höfen zu sehen, nichts mehr vom Dorfe. Es -lag alles hinter ihm begraben dort unten in dem verschneiten Tal. Nur -die Stelle sah er, wo er ihr einmal die Maiglöckchen gepflückt hatte. -Dort lag jetzt eine Schneeschanze. Und das Brünnlein, das damals so -lieblich durch die Mittagsstille sang, war tot und still. - -Ein Weilchen später tagte ein Turm auf. In dessen Nähe war der Bahnhof. -Dort liefen in die weiße, dunstige Ferne die Eisenschienen hinaus in -die Welt. - -Gestern sie -- heute er! Jedes seinen Weg! Viel Schienen laufen vom -gleichen Platz, die sich auf keiner Station der Welt mehr kreuzen. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 19] - - -Auf dem Freiburger Bahnhof in Breslau stand ein Rekrut. Zwei -Bahnschaffner und drei Frauen hatte er bereits gefragt, ob denn der Zug -von Waldenburg her immer noch nicht komme, und jedesmal erfahren, daß -er sich noch gedulden müsse. So setzte er sich verdrossen auf eine Bank -der zugigen Halle, zog ein Telegramm aus der Tasche und las: - -»Heinrich kommt vier Uhr nach Breslau. Abholen! Wichtiges vorgefallen. -Mathias.« - -Hannes befühlte seine Soldatenbeine. Es steckte jetzt noch ein -furchtbarer Schreck darin, denn er hatte immer gedacht, ein -Telegramm könne bloß kommen, wenn jemand gestorben sei. Er hatte auch -augenblicklich angefangen zu heulen, als ihm das Telegramm übergeben -wurde, und dafür von seinem Hauptmann, der zufällig anwesend war, einen -Rüffel und gleich hinterher »Nachturlaub« bekommen, als dieser das -Telegramm gelesen hatte. So war der Alte: erst anschnauzen und dann von -selber Urlaub geben! - -Die Beine, die Beine! Hannes ist fest überzeugt, daß er hinkt, wie er -so in schweren Gedanken wieder durch die Halle schreitet. Wichtiges -vorgefallen! Er ahnte, daß es nichts Gutes sein könne, und war -überhaupt nicht für »wichtige« Dinge. - -Da fuhr der Zug donnernd in den Bahnhof! Der junge -Vaterlandsverteidiger lehnte sich an eine Säule und ließ die Leute an -sich vorübergehen. Nicht lange, da sah er ihn, den er suchte. - -»Heinrich! Heinrich, was ist denn passiert? Was ist denn Wichtiges -passiert?« - -»Du -- Hannes! Wo kommst Du her? Woher weißt Du denn, daß ich --« - -»Vorsicht! Platz da! Vorsicht!« - -Sie gingen hinaus auf den freien Platz vor dem Bahnhof. - -»Heinrich, sag' mir, ist jemand gestorben?« - -Der sah ihn ernst und wortlos an. - -»Heinrich, sag' mir's doch! Ist -- ist vielleicht mein Vater gestorben?« - -Dem Rekruten schoß das Wasser in die Augen. - -»Nein, Hannes! Sie sind alle gesund. Nur ich -- nur ich wäre beinahe -gestorben.« - -»Du? Was fehlt Dir?« - -»Jetzt nichts mehr! Jetzt fehlt mir gar nichts mehr!« - -In einem Gasthause fanden sie einen stillen Winkel. Dort erzählte -Heinrich kurz, hart, oft vom eigenen Lachen unterbrochen, was ihn -hergeführt habe. Was er hier wolle, wisse er nicht. Nur von Hause -wolle er fort sein. Es sei ja so herrlich in Breslau. Dann gingen sie -auf Heinrichs Wunsch in ein Variété. Und ob Hannes noch im Gasthause -steinunglücklich gewesen war, hier war er überrascht von den blendenden -Dingen, die auf der Bühne vor sich gingen, und er vergaß vor lauter -Staunen allen Kummer. - -Heinrich saß still neben ihm. Er fühlte den Hohn dieser Lage. Vor einer -Woche, ja noch gestern früh hätte er das nicht gedacht. - -Eine Tiroler Sängertruppe trat auf. Sie sang ein Heimwehlied. Da ging -Heinrich nach dem Büfett und trank ein Glas Bier, während Hannes in -stummer Andacht dasaß. Die ganze Nacht saßen sie in Gasthäusern herum, -und beiden glühte der Kopf. Bis zur Kaserne begleitete Heinrich seinen -Freund. - -»Gute Nacht, Hannes! Du warst noch der einzige, der mir treu geblieben -ist, Du und Dein Vater. Jetzt werden wir uns ja hier auch manchmal -sehen!« - -Dann, wie er durch die nächtlichen Straßen irrte, wußte er: Es gibt -keinen Ort, wo man so sterbensallein sein kann, wie in der großen Stadt. - - * * * * * - -Der Gymnasialdirektor war von jeher Heinrich Raschdorf sehr gewogen -gewesen. Er erinnerte sich seiner sehr wohl; denn Heinrich war ehemals -ein Freund seines Neffen und als solcher auch einigemal im Hause des -Direktors zu Besuch gewesen. - -Jetzt, als er die Lebens- und Leidensgeschichte seines früheren -Schülers erfuhr, wurde sein Interesse wieder in hohem Maße wach. Es -ergab sich, daß die jahrelangen, eifrigen Studien Heinrichs von großem -Erfolg gewesen waren, und der Direktor versicherte, wenn Heinrich -Privatunterricht nähme und fleißig studiere, würde er alle Aussicht -haben, beim nächsten Abiturium als Hospitant das Examen zu bestehen. - -So mietete sich Heinrich ein Zimmer und ergab sich eifrig dem Studium. -Es wunderte ihn, daß eine heimliche Freude in ihm aufgeblitzt war, als -der Direktor ihm die erfreuliche Aussicht eröffnet hatte. Und als er -sich selbst einen Stunden- und Arbeitsplan entwarf und seine Bücher -ordnete und aufstellte, mutete ihn das neue, fremde Zimmer ein ganz -klein wenig heimatlich an. - -So kam es, daß Heinrich Raschdorf ein stiller Mann wurde, einer, der -nie lachte, aber auch nicht mehr klagte oder mit dem Schicksal grollte. - -An den Sonntagen besuchte ihn Hannes. Der brachte immer ein gut Teil -urwüchsiger Laune mit. Heinrich ließ ihn plaudern und lachen. Nur von -der Heimat durfte er nicht reden. Und Heinrich Raschdorf wußte gar -nicht, daß er in diesem schlichten, gutmütigen Hannes immer noch ein -Teilchen Heimat liebte und für seine Sonntagssehnsucht begehrte, denn -ohne Hannes wäre kein Sonntag gewesen. - -Kleine Episoden ereigneten sich, die den Kampf ums Vergessen -erschwerten. Einmal stiegen die jungen Freunde auf die Liebichshöhe. -Es steht da ein stattlicher Aussichtsturm, von dem man das Häusermeer -der Stadt Breslau gut übersehen kann und auch einen schönen Fernblick -genießt. Hannes verfiel wieder ins Staunen, Heinrich aber schaute -über die Stadt hinaus. Weit in dunstiger Ferne, im Südwest waren die -Waldenburger Berge sichtbar, die Berge seiner Heimat. Das wußte er noch -von seiner ersten Gymnasialzeit her, wo er oft dort oben seine Träumer- -und Heimwehstunden gehabt hatte. Und auch jetzt konnte sich seine -verbitterte Seele der tiefen Poesie, die von den Bergen der Heimat -herüberstrahlte, nicht ganz verschließen. - -Ja, es ist so: Wenn uns Menschen eine Sehnsucht faßt, stehen wir immer -auf einem hohen Turm, von dem wir nach der Heimat schauen. - -»Du, Heinrich, wo guckst Du hin? Dort nach dem großen Hause mit dem -runden Dache und dem Stern oben? Das is die Synagoge, das is nämlich -die Judenkirche.« - -Heinrich antwortete nicht, er stand ins Schauen versunken stumm da. - -Da legte auch Hannes die Hand über die Augen und sah in die Ferne. Und -da kam eine große Beweglichkeit in ihn. - -»Du, Heinrich, was -- was sind denn das für Berge ganz da hinten? Dort? -Dort drüben!« - -»Rat' mal, Hannes, rat' mal!« - -»Ich weiß nich -- es sind doch nich, es sind doch nich etwa --« - -»Ja! Die Waldenburger Berge sind's!« - -»Heinrich!« - -Der stieg schon rasch die Treppe hinab, während der Rekrut wie gebannt -dort oben stand und keinen einzigen Blick mehr übrig hatte für die -große Stadt, sondern mit sehnsüchtigen Augen nach dem Horizont schaute, -an dem doch nichts zu sehen war als ein paar matt abgegrenzte, -graublaue Linien. -- - -Ein andermal kam Hannes zu Heinrich, legte ein Paket auf den Tisch und -sagte: - -»Da! Es ist Wurst! Es ist a Schiff von Hause gekommen, und da haste die -Hälfte!« - -Heinrich sah ihn unwillig an. - -»Wer heißt Dich das, Hannes?« - -»Niemand! Ich selber! Ich will mich auch amal nobel machen, weil Du -mich doch immer freihältst.« - -»Du nimmst das Zeug wieder mit, Hannes! Ich hab' genug zu essen!« - -»Ich och! Und zu trinken och! Und für mich braucht keen Mensch mehr zu -bezahl'n, wenn Du das nich nimmst; ich hab' meine Löhnung. Verstehste?!« - -Heinrich mußte die Wurst behalten; aber an dem Abend, da er davon aß, -konnte er nicht studieren. So schenkte er den ganzen Vorrat seiner -Wirtin. -- - -Als das Frühjahr kam, wurde Heinrich unruhig: der Bauer regte sich -in ihm. Täglich dachte er an die Feldarbeiten, für die nun die Zeit -gekommen war, und einmal ging er soweit spazieren, bis er einen -pflügenden Bauer traf. Dem sah er länger als eine halbe Stunde zu. -Langsam und in tiefen Gedanken ging er dann noch am Oderfluß entlang, -und als er heimkam, schrieb er an Mathias, er solle einstweilen seine -Bemühungen um den Verkauf des Buchenhofes einstellen. Er selbst werde -allerdings nie nach Hause zurückkehren, aber es könne doch sein, daß er -für den Hof noch eine andere Bestimmung träfe. -- So kam die Zeit des -Examens heran. In den letzten Monaten arbeitete Heinrich mit Anspannung -aller Kräfte, und sein Gesicht wurde blaß und schmal. Die Hände waren -längst wieder weiß und weich. - -Einige Zeit später erhielt Hannes wieder ein Telegramm. Er erschrak -abermals heftig, beschloß aber, sich diesmal in keine vorzeitige Trauer -zu stürzen, sondern öffnete und las: - -»Examen bestanden. Komme so bald als möglich zu mir. Heinrich.« - -Der junge Kriegsmann stand ganz fassungslos, erstens, weil der Heinrich -nun ein wirklicher Student war, und zweitens, weil es möglich war, aus -demselben Ort, wo man lebt, ein Telegramm zu erhalten. - -Er besorgte sich Urlaub, überzählte sein Geld, lieh sich noch drei Mark -hinzu, kaufte einen Bierkrug und machte sich mit dem Geschenk auf den -Weg zu Heinrich. - -»Heinrich! Mensch! Ich bring' Dir ein sehr schönes, teures Bierseidel, -weil Du doch jetzt Studente bist!« - -Da lachte Heinrich Raschdorf seit langer Zeit wieder das erste Mal. - -Er schüttelte dem Freunde die Hand. - -»Hannes, alter Kerl! Freust Du Dich wirklich so?« - -»Freuen? Ich freu' mich so schrecklich, daß ich jetzt bestimmt wieder -mal Arrest krieg'. Denn ich hatte ganz gewiß gedacht, Du fällst durch!« - -Als sie dann beisammen saßen und Heinrich aus dem neuen Kruge getrunken -hatte, sagte er: - -»Hör' mal, Hannes, nun wollen wir mal über die Zukunft reden. Bis jetzt -war mir alles so recht egal, aber heute will ich wieder mal Pläne -machen. Also ich studiere Medizin.« - -»Was?« - -»Weißt Du, ich werd' ein Doktor. Kranken Menschen helfen, das ist noch -etwas, was sich lohnt. Die Liese ist auch glücklich, weil sie bei -Kranken ist. Und Du, Hannes, wirst wieder Bauer, wenn Du vom Militär -los bist. Mit dem Bergmann werden, das ist nichts für Dich.« - -»Nee, wirklich nich! Aber es is um die fünfzehn Mark wöchentlich und um -die Lene. Die will ich doch heiraten.« - -»Ja natürlich! Also kurz gesagt: Du pachtest mir den Buchenhof ab.« - -Hannes zwinkerte ihn wehmütig an. - -»Den Buchenhof abpachten? Das wär' was! Mein ganzes Vermögen is a Taler -Schulden.« - -»Vermögen brauchst Du nicht; etwas hat ja die Lene. Du bezahlst die -Zinsen, und was von dem Gute und von der Ziegelei jährlich heraushängt, -das heißt, was übrig ist, davon gibst Du mir die Hälfte als Pacht, wenn -das Jahr um ist.« - -Wenn Heinrich Raschdorf dem Hannes seine mathematische Prüfungsaufgabe -vorgerechnet hätte, so hätte ihm der mit keinem fassungsloseren Gesicht -gegenüber sitzen können als jetzt. Also gab ihm Heinrich einen langen, -deutlichen Bericht über alle Ausgaben, die der Buchenhof erforderte, -über die durchschnittlichen Erträgnisse und über den voraussichtlichen -Gewinn, mit dem beide zufrieden sein könnten, wenn sie sich bescheiden -einrichteten. - -Das Ende vom Liede war, daß Hannes dem Heinrich um den Hals fiel und -zum Steinerweichen zu heulen anfing. Erst allmählich gewöhnte er sich -an das riesengroße Glück, das ihm bevorstand. Pächter vom Buchenhofe! -Er, der arme Sohn des Schaffers! Und die Lene sein! Und er konnte -wieder aufs alte, heimatliche Feld! - -Nach einer Weile machte er plötzlich ein auffällig schlaues Gesicht, -entschuldigte sich, ging auf eine Viertelstunde fort und kehrte mit vor -Aufregung glühenden Wangen zurück. - -»Weißte, was ich gemacht hab'?« fragte er, noch keuchend vor Aufregung. -»Telegraphiert hab' ich! Nach Hause telegraphiert, daß ich Pächter bin. -Die könn'n auch amal erschrecken, und ich kann mir das Telegraphieren -leisten!« - - * * * * * - -Ein paar Tage später kam ein langer Brief des alten Mathias an -Heinrich. Eine Stelle darin hieß: - -»Ich bin so froh, daß Du Arzt wirst. Du wirst ein guter Doktor sein, -weil Du fleißig und gewissenhaft bist. Es ist gut, daß Du hier los bist -von der Landwirtschaft. Es war nicht Deine Sache. Die Liese ist jetzt -als Schwester eingekleidet. Ich habe sie besucht, und ich schreibe -Dir, lieber Heinrich, daß ich ganz glücklich und froh wiedergekommen -bin. Ich werde auf meine alten Tage zufrieden sein, denn der Liese -geht es gut. Und es wird alles gut sein, wenn Hannes und die Lene die -Wirtschaft haben. Ich will gern bei ihnen bleiben, ich bin viel zu alt, -daß ich jetzt wieder so herumfahre. Und ich hab' gesagt: »Das ist unser -guter Heinrich«, wie ich es von Hannes und der Lene hörte. Von Lene -liegt ein Brief bei. Der Schaffer wollte auch gern einen schreiben, -aber er bringt nichts zustande. Er arbeitet jetzt von früh bis spät -und will bald gar nicht mehr schlafen gehen. Und manchmal, wenn er -auch ganz allein ist, fängt er ganz laut an zu lachen. Sagen läßt er -Dir bloß: er läßt sich schön bedanken. Aber da steckt alles darin. Die -Dorfleute sind jetzt ganz verändert zu uns. Sie sind sehr freundlich -zu mir, und wenn sie die Lene sehen, ziehen sie von großer Weite die -Mützen. Und die Ziegeln kaufen sie auch aus dem Dorfe alle von uns. Das -war ja früher nicht. Lieber Heinrich! Ich halte es für meine Pflicht, -Dir jetzt noch zu schreiben, daß seit vorgestern die Lotte Schräger -wieder zu Hause ist. Der alte Schräger hat die Wassersucht. Er hat -ihr nicht nachreisen können. Da ist sie ihn pflegen gekommen. Sie ist -in Pommern gewesen, bei einer Verwandten von ihrer Mutter. Wer es ihr -vom Vater geschrieben hat, weiß niemand. Wir haben sie noch nicht -gesehen, ich schäme mich jetzt, hinüber zu gehen. Wir haben jetzt mit -dem Schräger manchmal verkehrt. Er hat von selbst mit uns angefangen. -Er wollte mir immer für Dich den Kretscham verkaufen. Aber wie er dann -krank wurde, wollte er nicht mehr fort von zu Hause. Die Lene ist auch -manchmal drüben gewesen, als er krank war. Und wie jetzt die Lotte -heimgekommen ist, hat die Lene fragen lassen, ob sie etwas helfen -kann. Aber die Lotte hat sagen lassen: Nein, sie lasse sich bedanken -für den guten Willen. So mag alles Gott befohlen sein, und am meisten -Du, mein lieber Heinrich.« - -Zehnmal, zwanzigmal las Heinrich Raschdorf diesen Brief. Zuletzt setzte -er sich auf das Sofa und schloß die Augen. - -Sie war wieder zu Hause! - -Zuerst war es ganz still in ihm. -- Aber dann begann das Blut zu -hämmern in seiner Brust und in seinen Schläfen. Ein Wirbeln faßte -ihn an, und nach der dumpfen Gewitterschwüle trostloser, heißer -Arbeitstage erhob sich ein Sturm, der jäh durch seine junge Seele ging. -Unaufhörlich dachte er an sie und gab sich keine Mühe, wie sonst, den -Gedanken los zu werden. Deutlich traten ihre Gestalt, ihr Gesicht vor -seine Seele; er hörte ihre Stimme, fühlte wieder ihren Kuß. - -Sie war zu Hause, war nahe, erreichbar! Lotte! - -Was war geschehen mit ihm, in ihm? Der wonnige Schreck, den ihm -die kurze Nachricht gebracht, hatte allen Trotz, alle Bitterkeit -niedergebrochen, hatte liebe verschleierte Bilder enthüllt. Im -leuchtenden Blitzfeuer seiner neu erwachten Leidenschaft lag das alte -Land erhellt vor seinen Augen, das Land, aus dem er geflohen war und -nach dem ihn seine Sehnsucht doch alle Tage wieder zurückwies. - -Er vermochte an seinen trotzigen Prinzipien nicht festzuhalten, da das -Blut dagegen revoltierte; denn er war jung, und all sein Kampf gegen -sich war greisenhaft gegen das Gefühl, das ihn mit elementarer Kraft -wieder faßte. - -Ein kleiner, kurzer Zweifel kam noch, dann kniete er schon vor einer -Kiste, warf Bücher und Briefe heraus und fand ein kleines Bild. - -Das war die Lotte! Jetzt schauten ihn diese süßen Augen an, jetzt -lächelte ihm dieser Mund zu, und ehe er Zeit hatte, sich Rechenschaft -zu geben, riß er das Bild, das er in all den langen Monaten nicht -einmal angesehen hatte, an die Lippen und küßte es, küßte es mit jenem -Glückshunger, mit jener verzweifelten Gier, wie er einst die Lotte -selbst geküßt hatte im Herbstnebel. - -Ein weinendes Jauchzen ging ihm durch die Seele, die Liebe lohte heiß, -flammend, leuchtend wieder auf in seinem Herzen. Die Stube ward ihm zu -eng, er rannte hinaus, fuhr vor die Stadt, lief stundenweit und kam -ebenso erregt, wie er gegangen war, wieder nach Hause. - -Die Nacht kam, er fand keine Ruhe. Auch die Zweifel kamen wieder, -die Kämpfe. Ehrlich wollte er sein, ehrlich auch mit sich selbst. -Wieder rief er sich ihren Treubruch vor die Seele, den tiefen Jammer, -den sie ihm gebracht, aber der Groll blieb aus, der Zorn, das -Feindschaftsgefühl kam nicht wieder, die Hoffnung fegte sie weg wie -dürres Laub. Er rief sich alles ins Gedächtnis, was Mathias und Lene zu -ihrer Rechtfertigung gesagt, dachte erst jetzt zum erstenmal darüber -redlich nach, wie groß das Leid für sie gewesen, ihn aufzugeben und -fortzugehen. Denn sie hatte ihn geliebt, wahr und wahrhaftig geliebt, -wie ein Weib nur einen Mann lieben kann. - -O, er mußte sie wieder haben! - -Sollte er nach Hause? Hin zu ihr? In kaum drei Stunden konnte er sie -sehen! - -In drei Stunden! Sie sehen, sie haben, sie nicht mehr loslassen! - -Ein Zittern überlief ihn. Er zog sich an, sagte seiner Wirtin ein -paar Worte und stürmte fort. Der Nachtzug mußte noch da sein. Ja! Er -kaufte die Fahrkarte. Die Stimme zitterte ihm, als er die heimische -Station nannte. Er kam noch zu zeitig. Die kühle Nachtluft strich um -seine Stirn. Er ging erregt auf dem Bahnsteig auf und ab und blieb dann -plötzlich stehen. - -Machte er sich lächerlich? Wie würde das sein, wenn er jetzt in tiefer -Nacht nach Hause käme? Dorthin, wohin er nie mehr zurückkehren wollte? -Wohl, sie war auch wieder heimgekommen. Aber der todkranke Vater hatte -sie zurückgerufen! Und was würde sie sagen? Die Schwester hatte sie -nicht sehen wollen! Und ihn? Wenn sie ihn wieder abwies oder gar vor -ihm aufs neue floh? War das nicht eine furchtbare Übereilung? Mußte er -sich's nicht erst genauer überlegen? - -So war er plötzlich wieder mitten drin in tollen Zweifeln. - -»Steigen Sie ein, mein Herr!« - -»Danke -- danke, ich fahre nicht mit!« - -Ein Pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr in die Nacht -hinaus, der Heimat zu -- ohne ihn. - -Langsam schlich Heinrich die erhellten Straßen heim. Überall lustige, -lachende Leute. Keiner von diesen allen sah ihn auch nur an. Eine -schwere Verachtung gegen sich selbst wollte in ihm aufkeimen, aber es -blieb bei dem Gefühl der Ratlosigkeit. - -In seiner Stube brütete Heinrich lange vor sich hin. Es war indes -Mitternacht vorbei. An Ruhe war nicht zu denken. So kam er auf den -Gedanken, an Lotte zu schreiben. Er schrieb einen Brief um den andern. -Gefallen wollte ihm keiner. Endlich gegen vier Uhr glaubte er das -richtige gefunden zu haben. - -Er setzte sich ganz mit ihr auseinander. Er schrieb ihr von allen -seinen Qualen und Leiden. Und er suchte ihre Bedenken zu zerstreuen. -Der Bruder sei für seine Tat nicht verantwortlich; sie aber, Lotte, sei -doch ganz unschuldig. Und wenn etwas zu sühnen wäre, so könne es nur -dadurch geschehen, daß sie ihn glücklich mache. Auch die Stellung der -Seinen zu ihr habe sich gänzlich geändert, nachdem diese eingesehen, -eine wie rechtliebende Seele die Lotte sei. Und so schrieb er am Schluß: - -»Ich will nicht ungeduldig sein; ich will Dir Zeit gönnen und Dich erst -dann sehen, wenn Du es willst. Um eines aber bitte ich Dich, Lotte: -Du hast noch meinen Ring. Steck' ihn wieder an, wenn Du diesen Brief -gelesen hast; sei wieder meine Braut!« - -Die Sterne glänzten am Himmel, die Straßen waren ganz leer. Da ging -Heinrich Raschdorf abermals zum Bahnhof. Noch einmal las er die -Briefaufschrift, die für ihn den teuersten Namen der Welt enthielt, und -legte den Brief in den Kasten. Um neun Uhr am Vormittag würde sie ihn -schon haben. Das war in vier Stunden. In nur vier Stunden! - -Ein qualvoller Tag verging, eine lange Nacht. Mit überwachten Augen und -doch mit brennend roten Wangen saß Heinrich Raschdorf frühmorgens am -Fenster seiner Stube und lugte aus nach dem Briefträger. Endlich kam -er; er kam auf das Haus zu. Heinrich Raschdorf ging durch die Stube -hinaus ins Entree und lehnte sich an die Tür. Jetzt! -- Da! -- »Herrn -Heinrich Raschdorf!« - -In seiner Stube besah er den Brief. - -»Inliegend ein goldener Ring.« - -Er tastete nach einem Stuhl. Dort öffnete er den Brief. Ein goldener -Ring fiel heraus, klang kurz auf und rollte über die Diele. -- Er las -bruchstückweise: - -»Sie beurteilen mich falsch, Sie können mir nicht in die Seele sehen --- Sie wissen nicht alles -- ich kann Sie nicht betrügen -- kommen Sie -nicht her --« - -Als die Vermieterin in die Stube trat, fand sie ihren Zimmerherrn -bewußtlos auf dem Fußboden liegen. Die Erschöpfung und Erregung war zu -groß, die Enttäuschung zu grausam gewesen. - - * * * * * - -Es war ein Jahr später. Hannes saß bei Heinrich in der Stube und trug -seinen Zivilanzug. Er war heute vom Militär entlassen worden. - -Melancholisch starrte der Bursche vor sich hin. - -»Nu freu' ich mich gar nich mehr a bissel, daß ich nach Hause komme.« - -»Wart' nur, Du wirst Dich schon freuen! Wenn Du erst auf der Bahn bist -und gar, wenn Du das Dorf sehen wirst --« - -»Aber die Lene, Heinrich, die Lene! Das verwindet die ihr Lebtag nicht, -daß Du nich zu unserer Hochzeit kommst, und ich -- ich auch nich.« - -Heinrich schwieg eine Weile; dann sagte er: - -»Sieh mal, Hannes, es geht nicht! Wenn »sie« nicht mehr dort wäre, oder -wenigstens nicht so in der Nachbarschaft, dann bestimmt. Aber so ist's -unmöglich.« - -»Und willste überhaupt nich mehr heimkommen?« - -»Kaum! Vielleicht später einmal. Aber Ihr müßt mich besuchen, so oft -Ihr könnt!« - -Sie saßen wieder eine Weile stumm da. - -»Daß mir's schwer fällt, Hannes, das kannst Du mir schon glauben. Ich -hätte die Lene gern einmal wiedergesehen nach so langer Zeit und gar an -ihrem Hochzeitstage. Sie ist meine einzige Schwester!« - -Hannes seufzte beklommen. Dann sagte er: - -»Der alte Schräger macht nich mehr lange. A hat jetzt auch noch -Leberkrebs. Mathias hat's geschrieben. Na, und wenn a tot ist, wird ja -die Lotte fort aus 'm Dorfe. Dann kannste wieder heimkommen.« - -»Ja, dann komme ich wieder nach Hause.« - -Beim Abschied weinte Hannes. - -»Heinrich, vergelt' Dir Gott alles! Gerade, wenn Du halt noch zur -Hochzeit gekommen wärst, da wär' unser Glück voll gewest.« - -»Weine nicht, Hannes! Auf einen Hochzeitsgast kommt's ja nicht an. Sei -halt froh, daß Du heiraten kannst. Grüß' schön und reise glücklich!« - - * * * * * - -Einige Wochen darauf klopfte es an Heinrichs Tür. Eine Frauensperson -trat ein. - -»Heinrich!« - -»Lene! Du -- Mädel -- Du?« - -Die Geschwister lagen sich in den Armen und küßten sich innig. - -»Lene, was willst Du, was willst Du heute? Du hast doch morgen -Hochzeit.« - -»Ja, und ich komme Dich holen. Du mußt dabei sein, Du mußt! Ohne Dich -mach' ich nich Hochzeit. Ich hab' keinen Vater, keine Mutter, keine -Schwester, bloß ein'n einzigen Bruder, und der -- der will auch noch -nich mit mir in die Kirche gehn?« - -»Lene, ich kann ja nicht, ich kann ja nicht --« - -»Du kannst, und Du mußt auch! Im geschloss'nen Wagen fahr'n wir nach -Hause, im geschloss'nen Wagen fährst Du mit in die Kirche; sie sieht -Dich nicht, sie sieht keine Spur von Dir, und nach der Trauung kannst -Du ja bald wieder fort.« - -»Aber Lene, heute kommst Du, heute?« - -»Ja! Vormittags sind wir auf dem Standesamt gewesen, und dann bin ich -gleich nach Breslau.« - -»Aber Mädel, warum kommst Du denn gerade an Deinem eigenen Polterabend?« - -»Daraus mach' ich mir nichts, und wenn ich früher gekommen wär', -hätt'st Du Dir's wieder noch anders besonnen. Jetzt mußt Du mit, jetzt -nehm' ich Dich bald mit.« - -Er sah das gesunde energische Mädchen an und konnte nicht hindern, daß -seine Augen glänzten. - -»Lene, was bist Du für eine hübsche Braut! Und dann, Courage hast Du, -das muß ich sagen. Lene, ich freu' mich über Dich -- ich bin stolz auf -Dich -- ich komme mit Dir!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 20] - - -Mit dem Abendzuge fuhren sie heim. Sie redeten kaum miteinander. -Zuweilen faßte Lene leise seine Hand. Und er lehnte im Winkel und sah -hinaus in die Finsternis, aus der nur die Bahnlaternen oder Lichter -eines friedlichen Dörfleins zuweilen aufblitzten. - -Von Königszelt an waren sie allein im Wagen. Die Lichter von Freiburg -schimmerten auf, dann keuchte der Zug hinauf auf die Waldenburger -Hochebene. - -»Ist es Dir ein so schweres Opfer, Heinrich?« - -Er sah sie freundlich an. - -»Wohl! Ach ja! Aber Du bist's wert, Lene!« - -Sie faßte heftig seine Hand. - -»Heinrich, Du glaubst gar nich, wie ich schon deswegen gelitten hab', -daß Du gerade mein Glück gemacht hast, und daß ich Dir früher so im -Wege gestanden hab'.« - -»Laß gut sein, Lene! Ohne Dich wär's gerade so gekommen, wie's gekommen -ist. Und das sind alte Geschichten und nun vorbei.« - -Auf dem Bahnhof wartete der Schaffer. Als er den Heinrich mitkommen -sah, geschah etwas, was noch nie in seinem Leben passiert war: die -Tabakspfeife fiel aus seinem sonst so hermetisch geschlossenen Munde. -Er hatte das erste Mal in all seinen Erdentagen so etwas Ähnliches wie -einen Juchzer getan. - -»Hübsch is, hübsch is! Schön willkomm'!« Das war seine ganze -Begrüßungsrede. Und Heinrich fühlte das Herz heftig schlagen, als er -dem guten Riesen die Hand gab. - -Dann ging es nach Hause. Eine schwere Aufregung ergriff den -Heimkehrenden, und doch hätte er diese Reise jetzt nicht mögen -ungeschehen machen. In alle Aufregung hinein wallte ein Gefühl der -Freude, das auch dem ärmsten aller Menschen nicht ganz fern bleibt, -wenn er nach Hause zieht. - -Jetzt verließen sie den Wald; Lichter blitzten dort unten. - -Die Buchenhöfe! - -Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich am Kretscham vorbei und in seinen -Hof hinein. Dort sprang er rasch aus dem Wagen und trat ins Haus. - -»Der Heinrich kommt! Der Heinrich kommt! Hurra!« - -Das war der Bräutigam. Er fiel dem Freunde um den Hals und war ganz -außer sich vor Freude. - -Und es trat einer leise heran: Mathias. Heinrich reichte ihm die Hand -und wollte etwas sagen. Aber die Lippen zuckten ihm nur, und er brachte -kein Wort heraus. So schlang Mathias den Arm um ihn, und die alten -Freunde standen eine Weile stumm und still. - -Etwas später stand Heinrich mitten in der Wohnstube und schaute sich -um. Es war noch alles wie sonst: der Ofen strahlte eine behagliche -Wärme aus, die große Petroleumlampe brannte, und draußen polterte der -Herbststurm mit den Weinspalieren. - -Um ihn herum aber standen liebe Menschen mit strahlenden Gesichtern. - -Da war es Heinrich Raschdorf doch, als ob er in eine Heimat gekommen -sei. - -Dann saßen sie um den großen Tisch und plauderten, und er wurde warm -dabei und sagte auf einmal: - -»Ich freu' mich, daß ich bei Euch bin!« - -Wie sie darüber glücklich waren! - -»So bleib' ein paar Tage hier, Heinrich!« - -»Nein, Lene! Bald nach der Trauung fahr' ich. Du weißt schon, das ist -Verabredung.« - -»Und Du wirst gar nich amal mit aufs Feld oder in die Ziegelei?« - -»Nein, Mathias; aber in die Ställe und in die Scheune gehe ich morgen -früh einmal, wenn Du willst.« - -Es war schon tief in der Nacht, da saßen noch alle beisammen. - - * * * * * - -Drüben im Kretscham hatte sich ein Schwerkranker im Bett aufgerichtet, -als die Fuhre Heinrichs vorbeikam. - -»Das is a -- Lotte, das is a!« - -Das Mädchen antwortete nicht. - -»Geh, geh ans Fenster, Lotte! Sieh, ob a das is!« - -»Nein, Vater! Ich gehe nicht ans Fenster.« - -Der Kranke stöhnte und sank in die Kissen zurück. - -»Ich -- ich muß mit ihm -- mit ihm reden; ich halt's nich aus -- -ooooh --« - -Ein Schmerzensanfall kam. Das Mädchen beugte sich über den Kranken. Die -Lampe beleuchtete ihr Gesicht. Es war so weiß und durchsichtig, als sei -diese Pflegerin selbst eine Schwerkranke. Die Stenzeln kam ins Zimmer. - -»Is a gekommen, Stenzeln?« fragte der Kranke. - -»Ja! Ich hab' 'n geseh'n. A ging ganz schnell ins Haus rein. Aber a -war's.« - -Ein Zittern ging über den Körper Lottes. - -»Stenzeln, geh wieder raus!« - -Als er mit der Tochter allein war, keuchte Schräger: - -»Schreib' ihm, Lotte -- schreib' ihm 'n Brief -- a soll rüberkommen zu -mir -- a soll kommen --« - -»Ich kann ihm nicht schreiben, Vater -- nein, ich kann nicht! Sei doch -ruhig, sei doch ruhig!« - -»Du weißt nich, Lotte, wie das is -- ich kann nich sterben; ich kann ja -nich sterben!« - -Das bleiche Mädchen stand regungslos an dem Bette. Nur ein Zucken ging -um ihren Mund. Tränen hatte sie nicht mehr. »Was willst Du denn von -ihm, Vater?« - -»Sagen will ich's ihm, alles sagen!« - -»Vater!« - -»Alles sagen -- ich -- ich -- kann sonst nich sterben!« - -»Du willst Dich selber verraten? Vater!« - -»Die Schmerzen, Lotte -- oooh, und der alte Raschdorf -- mein -- mein -Freund -- a kommt mir immer wieder ein -- und nu soll ich runter -- -runter unter die Erde zu ihm -- runter --« - -Eine furchtbare Nacht kam, eine Nacht voll Qual und Gewissensangst und -Furcht. Aber doch lebte in diesem schmerzzerrütteten, todgeweihten -Mann die Hoffnung, es würde leichter und besser sein, wenn er die Last -von seinem Herzen abwälzte. - -Gegen Morgen schrieb Lotte an Heinrich: »Mein schwerkranker Vater läßt -Sie bitten, ihn vor Ihrer Abreise auf wenige Minuten zu besuchen. -Charlotte Schräger.« - -Schräger ergriff ihre Hand. - -»Wirste dabei sein, Lotte, Kind -- mei einziges, wirste dabei sein, -wenn ich -- wenn ich's ihm sag'? Sonst bring' ich's nich raus -- sonst -verzweifele ich!« - -»Ja, ich werde dabei sein!« - -Das sagte sie leise, aber fest. - -Am Morgen ging die Stenzeln mit dem Brief nach dem Buchenhofe. Nicht -lange, so kehrte sie mit der Antwort zurück. - -»Ich reise sofort nach der Trauung meiner Schwester wieder ab und kann -Ihren Vater, dem ich gute Besserung wünsche, nicht besuchen. Heinrich -Raschdorf.« - -Sie las es dem Vater vor. Der starrte sie mit weitgeöffneten Augen an. -Dann lallte er: - -»A kommt nich? A kommt nich?« - -Sie schwieg. Nach einer Weile lachte er heiser. - -»Da geh' ich halt so -- halt so -- so -- hinüber -- runter --« - -Lotte stand am Fenster und hatte die Gardinen weit zurückgeschlagen. -Jetzt fuhren drüben die zwei Hochzeitswagen vor. - -Heinrich kam zuerst aus dem Hause und sah hinüber nach dem Fenster, an -dem Lotte stand. Er erschrak und zog den Hut, auch Mathias, der dabei -war. Lotte rührte sich nicht. Dann kam das Brautpaar. So fuhren die -Wagen hinab nach der Kirche. - -Auch der alte Schräger hörte sie fahren. - -»Nu sind sie fort,« sagte er mit einem irren Lächeln; »nu is der alte -Raschdorf Brautvater!« - -Lotte stand immer noch regungslos da. - -»Brautvater!« Er fröstelte in sich hinein. - -Eine Stunde verging. Da rief Lotte die Stenzeln ins Zimmer und ging -selbst hinaus. - -Über die Straße huschte sie -- nach dem Buchenhofe. - -»Ich werde hier auf Herrn Raschdorf warten, ich hab' mit ihm zu reden. -Sagen Sie's ihm, wenn er kommt,« befahl sie einer Magd und setzte sich -in den Lehnstuhl am Fenster der Wohnstube des Buchenhofes. - -Sie sah sich um. Als kleines Mädchen war sie manchmal hier gewesen, -seitdem nicht mehr. Das Bild des alten Raschdorf sah auf sie herab. Sie -blickte es ruhig an. Es war alles teuer gesühnt. - -Jetzt rollten die Wagen in den Hof. Im Hausflur erfolgte eine -Begrüßung der Brautleute durch die Dienstleute, dann stieg die kleine -Gesellschaft die Treppe hinauf. - -»Was? -- Was? -- Wo?« - -Das war er. Bald darauf trat er in die Stube im Hochzeitsanzug, den -Zylinderhut in der Hand. Ein paar Sekunden lang stand er Lotte wortlos -gegenüber; dann trat sie rasch ein paar Schritte auf ihn zu und sagte -schnell und hastig: »Bitte um Verzeihung, aber ich muß Sie nochmals -persönlich bitten, meinen Vater zu besuchen, er ist ein Sterbender, -und er hat dringend mit Ihnen zu reden.« - -Er sah sie mit großen Augen und tieferschreckt an und sagte kein Wort. -Da errötete sie und begann wieder: - -»Nur auf wenige Minuten, er ist ein Sterbender --« - -»Ich werde kommen --« - -»Ich danke!« - -Und sie ging rasch aus der Stube. Regungslos stand er noch auf seinem -Platz, als sie schon über die Straße zurück war. - -Mit Mathias sprach er noch ein paar heimliche Worte, dann ging er nach -dem Buchenkretscham. - -Er traf Schräger und Lotte allein. Der Kranke schloß die Augen, als -er eintrat, er öffnete ein wenig den Mund, und der schwere, sieche -Körper hob sich im Stuhl. Lotte lehnte bleich und bewegungslos an einem -Schrank. - -Heinrich ging rasch durch die Stube und streckte dem Kranken die Hand -bin. - -»Guten Tag, Herr Schräger! Wie geht es Ihnen?« - -Der erregte Mann sah ihn furchtsam an. - -»Danke, ganz gutt -- geht mir's.« - -Der Gast setzte sich auf einen Stuhl neben den Kranken und sprach mit -ihm von seiner Krankheit. Schräger antwortete und fing an, selbst zu -erzählen. Minute auf Minute verging. Von dem Bekenntnis kein Wort! Da -blickte Heinrich auf die große Wanduhr und erhob sich. - -»Meine Zeit ist sehr knapp. Ich wünsche Ihnen, Herr Schräger --« - -»Sie woll'n geh'n?« - -Angstvoll fragte es der Kranke. - -»Ich muß gehen, ich blieb sonst noch ein wenig bei Ihnen --« - -»Ich muß Ihnen -- ich muß Ihnen ja was sagen --« - -Ein furchtbarer Schmerzensanfall kam, und Lotte mußte dem Vater zu -Hilfe eilen. Mit bleichem Gesicht beobachtete Heinrich die Szene. - -»Lotte -- Lotte -- sag' -- sag' Du's ihm -- Du's ihm -- ich -- ich -- -ooooh --« - -»Was ist denn -- um Gottes willen, was ist denn?« - -Lotte wandte sich zu Heinrich. Mit tonloser, schneller Stimme sagte sie: - -»Mein Vater hat Ihnen ein Bekenntnis zu machen. Er hat von vornherein -gewußt, daß mein Bruder die Scheuer angezündet hat, hat es vor der -Gerichtsverhandlung gewußt -- er hat falsch geschworen -- er wollte den -Buchenhof -- daher alles -- jetzt wissen Sie's!« - -Sie hielt sich an dem Tisch fest; der Kranke starrte auf Heinrich, der -wie eine Bildsäule dastand. - -»Ich hab' -- a Raschdorf reinbringen woll'n -- mit den Aktien -- und -auch später -- und ich hab' falsch geschwor'n.« - -Heinrich setzte sich langsam auf den Stuhl zurück. - -»Nu -- nu gehen Sie auf die Polizei -- ich -- ich -- es ist ja doch aus -mit mir! Aus! Eh' sie mich -- eh' sie mich reinbringen in die Stadt, -bin ich tot.« - -»Schräger!« - -Eine lange Pause kam. Die drei Personen starrten sich nur an. - -»Und das sagen Sie mir ins Gesicht?« - -»Der -- der Tod -- Sie wissen nicht -- wenn man sterben soll, nachher -wird alles mit einem Male anders -- anders wie sonst --« - -»Und Sie haben wirklich meinen Vater in den Tod gehetzt? Sie -- Sie --« - -»Nein -- daß -- daß er sich erschießt, das wollt' ich nich -- das -wollt' ich nich -- bloß -- bloß a Hof -- a schönen Hof!« - -Heinrich Raschdorf erhob sich. Ein Fluch schwebte auf seinen Lippen, -ein Fluch, der den Mann ins Grab und in alle Ewigkeit hinein begleiten -sollte. - -Da kniete Lotte vor ihm und küßte ihm die herabhängende Hand mit -zuckenden Lippen. - -»Und Du, Lotte, Du hast das auch gewußt?« - -Es lag ein Entsetzen in dieser Frage. - -»Ich weiß es seit der Nacht, da ich fortging.« - -Er starrte sie an. Ein Licht ging ihm auf. - -»Darum?! -- Darum gingst Du fort? Nicht wegen des Bruders? Wegen des -Vaters?« - -»Ja!« - -Er nickte langsam mit dem Kopfe. - -»Ja, dann begreif' ich's! Du mußtest gehen! Mußtest! Es ist klar!« - -Als ob er sich selbst Rechnung legen müßte, sprach er halblaut vor sich -hin, und seine Augen stierten: - -»Meinen Vater ins Gefängnis -- dem Zuchthause nahe -- in den Tod, uns -alle ins Elend, in Not, Haß, Feindschaft -- ooh -- sterben Sie -- -sterben Sie, wie Sie wollen, Sie elende Kreatur!« - -Lotte sprang auf. - -»Nun bitten wir nicht mehr, Vater! Jetzt nicht mehr! Jetzt ist's genug! -Jetzt haben wir bekannt und gesühnt! Gehen Sie, Herr Raschdorf!« - -Er starrte sie an. - -»Ja! Gehen Sie, gehen Sie!« - -»Nich gehen -- nich gehen -- oooh -- die Schmerzen -- der Tod -- der -Raschdorf! -- Nich gehen, Heinrich! Die Angst --« - -Der Kranke stand auf vom Lehnstuhl, wollte auf Heinrich zu und fiel -schwer auf den Fußboden. - -Eine zuckende, stöhnende, sterbende Masse! - -Da kam das Grauen, das stärker ist als alles andere, und einigte -sie. Gemeinsam faßten sie an und hoben den Kranken in den Lehnstuhl -zurück. Dessen Gesicht war blau, und seine Hände tasteten in die -Luft. Und Heinrich Raschdorf, der so dem Tod ins verzerrte Gesicht -sah, faßte eine maßlose Angst, ein grauenhaft Entsetzen. Es ging ihm -wie so manchem Unglücklichen: Wenn ein schwerer Schreck die Rinde auf -dem vereisten Herzen sprengt, dann springt wieder stark und klar die -heilige Quelle der Barmherzigkeit. - -»Herr Schräger, kommen Sie zu sich -- zu sich -- Schräger! Nicht -sterben, nicht so!« - -»Vater! O Gott, hörst Du's? Hörst Du's?« - -Er hörte es nicht. Bewußtlos lag er in den Betten. Die Stenzeln kam. -Sie bemühten sich alle um den Kranken. Keines konnte sprechen, nur -Heinrich murmelte unverständliche Worte. Da -- nach einer Viertelstunde -kam Schräger zu sich. Er sah auf Heinrich und stöhnte entsetzt. - -»Herr Schräger, geben Sie mir die Hand, es ist alles gut, alles gut!« - -Der sah ihn verständnislos an. - -»Ich hab' mich bloß übereilt, bloß im ersten Schreck so geredet -- ich -verzeih' Ihnen ja -- Sie können ruhig sein, ganz ruhig --« - -»Ruhig!« - -Ein stammelndes Lachen kam dem Kranken vom Munde. - -»Der Mathias -- die Lene!« lallte er. - -»Sie werden Ihnen auch verzeihen. Soll ich's ihnen sagen, ihnen gut -zureden? Sollen sie kommen?« - -Der Kranke nickte. - -»Kommen! Bald kommen!« - -Wenige Minuten später war Heinrich im Buchenhofe. - -Die Lene weinte heftig. Dann nahm sie den Brautkranz vom Kopfe und ging -mit Mathias und Heinrich hinüber in den Kretscham. - -Der Kranke sah die Eintretenden mit großen Augen an. Er streckte ihnen -die Hände hin, die sie stumm ergriffen. Dann sank er zurück und schloß -die Augen. - -Stumm und erschüttert standen alle. Die Uhr zählte Schlag um Schlag. -Sie zählte nicht weit, da war Schräger hinüber. Lotte kniete bei ihm -nieder, und Heinrich trat zu ihr und legte die Hand auf ihre Schulter. - -Die anderen gingen leise hinaus. - -Und die Uhr zählte -- zählte. - -Schwer und heiß lag seine Hand auf ihr. - -Sie erhob sich. Sie drückte dem Vater das eine Auge zu und er das -andere. Nun lag er mit geschlossenen Augen, nun sah er nichts mehr. - -Die beiden Lebenden schauten sich an. - -Klein ist die Rache! - -Ja, die Menschenrache ist klein! - -Er führte sie hinaus. - -Draußen auf dem Flur küßte er sie auf die Stirn. - -»Der Kampf ist aus, Lotte! Jetzt muß endlich Friede sein!« - -Drei Tage darauf wurde Julius Schräger begraben. Neben seinem Sohne -fand er die letzte Ruhestätte. Nicht weit davon weg lag der alte -Raschdorf. So waren sie auch im Tode Nachbarn. - -Beim Begräbnis standen die Buchenhofleute vollzählig an Schrägers -Grabe. Und die Dorfgemeinde sah es und erkannte darin ein Beispiel, wie -Menschen vergeben und vergessen sollen. - -Auf dem Heimwege ging Heinrich mit Lotte. Oben am wilden Kirschbaum -blieb er stehen. - -»Lotte, nun frag' ich Dich in dieser schweren, ernsten Stunde das -dritte und letzte Mal, ob Du mein sein willst!« - -Sie erschrak und wollte reden. - -»Sprich nicht, Lotte! Was Du dagegen sagen kannst, gilt nichts -- gar -nichts mehr! Es ist alles oft gedacht, oft leidenschaftlich gesagt -worden. Ich hab' selber alles gedacht, alles gesagt. Aber Leben und Tod -haben uns alle widerlegt. Die Väter, die sich gestritten haben, liegen -dort unten; zwischen uns ist nichts, was uns trennt.« - -Der schwarze Schleier flatterte um sie; kalt pfiff der Wind über die -Felder. Vor ihr lag der Weg in die Fremde, in eine öde, schwere -Zukunft. Und neben ihr ging der, den sie liebte, und der sie erretten -konnte von allem Leid, der allein sie aus dieser Nacht führen konnte -auf die strahlende Straße des Glückes. - -Da sprach sie leise: - -»Wenn Du mich nach allem noch haben willst -- ich wäre glücklich -- ich -wär' ja so glücklich!« - -Er sagte nichts, er küßte sie nicht, er faßte sie nur fest an der Hand -und führte sie heim nach dem Buchenhofe. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 21] - - -Das ist Heimat -- Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, -Heimat ist nicht Liebe. Was ist Heimat? -- Der Doktor Heinrich -Raschdorf sann diesem Gedanken nach, als er an einem prächtigen -Frühherbstnachmittag viele Jahre später dem Buchenhofe zuschritt. - -Er war ein anderer geworden. Das weiche Gesicht hatte einen festen, -männlichen Ausdruck bekommen. Ein sonniges Lächeln lag in seinen Augen, -wie man es bei jenen reifen, gefestigten Menschen findet, die sich -selbst und das Leben überwunden haben, das stille Lächeln, das jene -haben, die viel lernten und vor nichts mehr so leicht freudig oder -traurig erschrecken. Ein Stiller, ein Reifer und Kluger war er geworden. - -Er war heute unten im Dorfe bei einer armen Kranken gewesen. Wenn er -nach Hause kam, wollte er anordnen, daß ihr einige Nahrungsmittel -hinabgesandt würden, das tat am meisten not. Es ist gut, wenn einer -zugleich Bauer und Arzt ist, da läßt sich manche glückliche Kur machen. - -Heinrich Raschdorf liebte seinen neuen Beruf, er hatte auch in der -Gegend genug Gelegenheit, ihn auszuüben. Aber es blieb ihm zuweilen -auch ein bißchen Muße, Bauer zu sein wie in alter Zeit. - -Der junge Arzt blieb stehen und sah ins Dorf. Dort unten hatte er -keinen Feind mehr. Lauter Freunde, lauter Verehrer, alles Leute, die -sich freuten, wenn er mit ihnen sprach. Sogar der junge Riedel grüßte -ihn. - -Heinrich war frei von Selbstgefälligkeit, wenn ihm das Goethesche Wort -jetzt einfiel: - - »Mußt Ruhm gewinnen, - Werden sich die Leute anders besinnen.« - -Er freute sich nur des endlichen Sieges nach so langen Kämpfen. - -Ein Wagen kam einen Feldweg entlang. Hannes saß darauf und machte ein -mißvergnügtes Gesicht. Er hatte den Kretscham mit den dazu gehörigen -Äckern gepachtet, seit Heinrich auf dem Buchenhofe selbst wieder als -Herr eingezogen war. - -»Nu, Hannes, fährst Du aufs Feld?« - -Der brummte. - -»Gar nich nötig wär's! 's sind Leute genug draußen, und wenn dann a -Haufen Gäste in den Kretscham kommt, da is der Mathias alleine zum -Einschenken. Das is gar keen richtiger Betrieb.« - -»Ja, warum fährst Du denn aufs Feld, wenn Du im Kretscham so nötig -bist?« - -»Warum?! Schlaue Frage! Ich werd' mir immerfort von meinem Weibe die -Gesichter ansehen und das Gebrumme anhören!« - -»Aha! Deine Frau --« - -Es entstand eine Pause. Heinrich lachte leise vor sich hin, während -Hannes' Miene sich mehr und mehr umdüsterte. - -»Ja, meine Frau! Sie is ja ganz gut und tüchtig, ja -- aber ich och! -Und kneipen tu ich doch nich; ich unterhalt' mich doch bloß mit a -Gästen. Na, und das muß a Gastwirt. Sonst is keen Betrieb. Aber die, -immer aufs Feld, immer aufs Feld jagt sie einen.« - -»Sag' mal, Hannes, Du klagtest doch dieser Tage über Kopfschmerzen.« - -»Ja, die hab' ich auch noch.« - -»Du, dann tut Dir Bewegung in freier Luft sehr gut.« - -»Jüh!« - -Hannes hieb dem Pferde die Peitsche auf den Rücken und fuhr rasch davon. - -Der junge Arzt sah ihm lachend nach. Ein guter, lustiger Kerl war der -Hannes immer noch. Aber daß er das Regiment in seinem Hause führe, -konnte nicht gut jemand behaupten. Und es schadete auch vielleicht -nichts. Die Lene war bei aller Energie in ihren Mann so verliebt, wie -nur je eine Frau. Sie kamen sehr gut fort in ihrer Wirtschaft. Nicht -lange mehr, so würde Hannes den Kretscham kaufen können. Dann war -der Traum des alten Schräger, die beiden Buchenhöfe zu vereinigen, -endgültig zunichte. Über die Pläne des Menschen, die aufs Geld -gegründet sind, schreitet die Zeit, die größte Mammonsfeindin, lachend -hinweg. - -Eine hohe Gestalt ragte in der Ferne auf. Das war der Schaffer. Als -sein Sohn Hannes die Wirtschaft übernahm, zog er mit ihm nach dem -Kretscham. Aber schon nach acht Tagen kam er nach dem Buchenhofe -zurück. Er hatte das Heimweh bekommen. Er konnte sich nicht an eine -neue Wohnung, an neue Wirtschaftsräume und am allerwenigsten an neue -Felder gewöhnen. Und wieder tat er den bedeutsamen Ausspruch: »A alter -Kater geht nich weg vom Hofe« -- und blieb Schaffer auf dem Buchenhofe, -wo er sein Leben lang gehaust hatte. Abends nur ging er manchmal nach -dem Kretscham und ließ seinen Sohn »etwas verdienen«. - -Dann sah er mit Stolz, wie Hannes den Wirt spielte und mehr redete -als alle seine Gäste zusammen. Am allerschönsten war's immer, wenn -Hannes von Breslau erzählte, von der herrlichen Soldatenzeit und von -seinen zahlreichen anderen Besuchen in der Hauptstadt, da Heinrich -als verheirateter Student mit der Lotte dort gewohnt hatte. Und wenn -der Schaffer den Sohn also seine schöne Redegabe entfalten sah, ging -ihm das Herz auf, und er selbst war ganz schweigsam gegenüber solchen -Talenten. - -Der junge Doktor näherte sich den Buchenhöfen. Hannes' zahlreiche -Nachkommenschaft spielte auf der Straße, und auch sein eigenes, -dreijähriges Söhnchen war dabei. Sein Einziger! Der Knabe lief ihm -jauchzend entgegen, und er hob ihn zärtlich auf den Arm. - -Der alte Mathias guckte durchs Kretschamfenster. Er war abwechselnd -bald hier, bald dort, wo er eben gebraucht wurde. Sein Liebling unter -allen aber war immer noch der Heinrich. Alle Jahre vor der Ernte -besuchte Mathias einmal bei den Grauen Schwestern seine Liese, und alle -Jahre zu Weihnachten bekam er einen Brief von ihr. Und ob er selbst alt -wurde, er war hinaus über alle Bitterkeit und zufrieden mit der Art, in -der sich die Schicksale um ihn her erfüllt hatten. - -Jetzt glänzten seine guten Augen, als er den Heinrich sah. - -»Ich bin wieder amal Vize-Gastwirt,« schmunzelte er. - -»Ja, ich hab's schon gehört, daß Ihr den Hannes rausgegrault habt.« - -»Das nich! Aber 's is ganz gutt so! Wenn a den ganzen Tag und a ganzen -Abend hier sitzt, red't a sich kaputt! Lange wird a ja nich draußen -sein. Dann komm' ich zu Euch rüber.« - -»Schön, Mathias. Komme nicht zu spät!« - -Frau Lotte erschien drüben im Buchenhofe in der Haustür, und Heinrich -ging mit dem Knaben hinüber und reichte seinem strahlenden, jungen -Weibe die Hand. Ein Schwarm Wandervögel zog rauschend über sie hinweg, -weit in die Fremde. - -»Siehst Du die Vögel? Nun wird es bald Winter werden.« - -»Ich freu' mich auf den Winter,« sagte sie schlicht. - -Sie verstanden sich. Ein freundliches, liebes Haus hat bunte -Zauberfenster. Ewig malt sich durch sie die Welt draußen goldig und -schön, ob der Regen rinnt oder die Sonne lacht; im Herbst und Winter -sieht das Auge nichts Trübes durch seine magischen Scheiben. - -Er zog sie an der Hand heraus in den Hof. Das Wohnhaus hatte einen -neuen Anstrich bekommen, und über der Tür war eine Tafel in die Wand -eingelassen worden, die noch auf eine Inschrift harrte. - -Heinrich wies auf die Tafel und sagte: - -»Weißt Du, was ich da eingraben lasse?« - -Sie sah ihn fragend an, und er schaute ihr ernst, aber mit tiefer -Liebe in die schönen Augen und sagte langsam und mit jener leisen -Feierlichkeit, mit der man eine schwer gewonnene Lebensweisheit -ausspricht: - - »_Heimat ist Friede!_« - -[Illustration] - - - - - _Der Künstler_ soll seine Kunst rein halten wie der Geistliche - seine Kirche, der Lehrer seine Schule, sonst begeht auch er - »ein _Verbrechen im Amt_«. - - Aus Paul Keller »Hubertus«. - - -Paul-Keller-Bücher - - =In fremden Spiegeln= Roman - - =Hubertus= Ein Waldroman - - =Ferien vom Ich= Roman - - =Das letzte Märchen= Ein Idyll - - =Die alte Krone= Roman aus dem Wendenlande - - =Die Insel der Einsamen= Eine romantische Geschichte - - =Der Sohn der Hagar= Roman mit dem Bilde des Verfassers - - =Waldwinter= } Romane aus den - } schlesischen Bergen - =Die Heimat= } - - =Altenroda= Bergstadtgeschichten. 31.--52. Aufl. gebunden - - =Die fünf Waldstädte= Ein Buch für Menschen, die jung sind. - Mit Bildern. Gebunden - - =Stille Straßen= Ein Buch von kleinen Leuten und - großen Dingen. Mit Bildern. - Gebunden - - =Das Kgl. Seminartheater= Ein Stück eigener - Lebensgeschichte - und andere Erzählungen. Gebunden - - =Von Hause= Ein Päckchen Humor aus den Werken von - Paul Keller. - Gebunden - - Bisheriger Absatz all. Paul-Keller-Bücher - =rund zwei Millionen= - - -Bergstadtverlag in Breslau 1. - - - - -Nanni Gschaftlhuber - -Ein Wiener Roman - -von =Anna Hilaria von Eckhel= - -6.--10. Auflage gebunden. - -... _Wer recht von Herzen lachen will und zugleich innere Erhebung -sucht, der lese diese Nanni Gschaftlhuber._ - - Alice Freiin von Gaudy. - -... Wer eine so köstliche Figur zu schaffen gewußt hat, wie diese Nanni -Gschaftlhuber, die alles im Schnellzugstempo erledigt, die das Mundwerk -und das Herz auf dem rechten Fleck hat, die auf dem Sterbebette -die Schrecken des Todes über der Liebe des Lebens vergißt, wer das -Wiener Kleinbürgertum mit soviel Humor so anschaulich und liebevoll -zu schildern weiß, ohne je trivial zu werden, von dem kann man noch -Schönes erwarten. - - »Was man wissen muß.« - - -Benedikt Patzenberger - -Aus der Komödie seines Lebens von =Roland Betsch=. - -6.--10. Auflage gebunden. - -... Der Leser wird den Eindruck eines echten Kunstwerkes empfangen. -Kein Dichter und Phantast hat je in seinen kühnsten und sternenfernsten -Träumen das Leben übertroffen und die Ereignisse verwickelter und -einfacher gestalten können. - - Blätter für Volksbildung, Lesehallen. - -... Hier ist ein deutsches, ein fröhliches und ein künstlerisch -wertvolles Buch! ... - - K. von Perfall in der Kölnischen Zeitung - -... Ein Werk voll des sprühendsten Witzes ... - - Volkslesehalle, Wien. - - -Zwischen Wellen u. Steinen - -Novellen von =Anna Hilaria von Eckhel=. - -1.--6. Auflage gebunden. - -Triest, der Karst und das nahe Küstenland bilden den Schauplatz von -fünf zu einem Ganzen vereinigten Novellen. Ihnen ist eine kurze -poesievolle Widmung vorangestellt, die mit den Versen beginnt: - - »Zwischen Wellen und Steinen meine Wiege stand, - Zwischen Wellen und Steinen: mein Kindheitland!« - -und mit jeder weiteren Zeile deutlich macht, mit welch großer -Liebe Anna Hilaria an ihrer Heimat hängt. Ihr sind die Stoffe zu -den Erzählungen entlehnt. In jeder ist ein tiefernstes Problem in -herzbewegender Weise gelöst ... - - Wiener Zeitung. - -... Die Handlung ist immer spannend, so daß sie den Leser zum seelisch -bewegten Miterleben fortreißt ... - - Bayrischer Kurier. - - -Die Eine Liebe - -von =Annie Herzog=. - -Geschichten vom Haus am Rhein - -1.--3. Auflage. - -... Schlicht in der Form sind diese Erzählungen, aber durchglüht vom -brausenden Strom des Blutes, auch die sanfte Heiterkeit fehlt nicht -darin ... - - Hamburger Nachrichten. - -Eine frische echte Heimatgabe! Frisch in Formen und Farben! In »Semele« -erzählt die Verfasserin in stiller versonnener Dämmerstunde die -keusch selige und unselige Studentenliebe, die Züricher Universität, -das Restaurant »Rigiblick«, der Zürichberg erhält Leben und Seele. -Plastisch wie aus Marmor und lebenswahr und -warm ist die Gestalt der -Großtante am Rhein, skizzenhaft umrissen ihr Häuschen; durch sie, wie -durch »Fräulein Doktor«, die »Stille Geschichte« geht die eine Liebe, -die Frauenliebe, die in Sturm und Stille treu bleibt -- zum Tode, nein: -über das Grab hinaus. - - Illustr. Schweizer Hausztg. - - -Bergstadtverlag in Breslau 1 - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Der Schmutztitel - wurde entfernt. Zur besseren Navigation wurden unsichtbare - Kapitelüberschriften ergänzt. - - Korrekturen: - - S. 65: s eh → seh - Na, {seh} och, was a für graue Haare gekriegt hat - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEIMAT *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> - -<table style='padding:0; margin-left:0; border-collapse:collapse'> - <tr><td>Title:</td><td>Die Heimat</td></tr> - <tr><td></td><td>Roman aus den schlesischen Bergen</td></tr> -</table> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Paul Keller</div> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Illustrator: Felix Schumacher</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: January 22, 2021 [eBook #64370]</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div> - -<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div> - -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEIMAT ***</div> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="chapter"> - -<h1>Die Heimat</h1> - -<p class="center">Roman aus den schlesischen Bergen</p> - -<p class="center smaller">von</p> - -<p class="h2">Paul Keller</p> - -<p class="center">Mit Buchschmuck von Felix Schumacher</p> - -<p class="center p2">122. bis 136. Auflage.</p> - -<div class="figcenter" id="signet"> - <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center">Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn</p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Breslau</em> und <em class="gesperrt">Leipzig</em> -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center"> -Alle Rechte,<br /> -insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br /> -<em class="antiqua">Copyright 1915 by</em><br /> -Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau. -</p> - -<p class="center p2 smaller">Druck von Wilh. Gottl. Korn in Breslau.</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1"></a>[1]</span></p> -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_1">Kapitel 1</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-003"> -<div class="boxu box005u"> -<img src="images/illu-005.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box005l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Im Buchenhofe war ein Hühnchen ermordet -worden. Der Verdacht lenkte sich auf Waldmann, -den Dachshund, der nach der Tat -flüchtig geworden war. Es war auch dem Schaffersohne -Hannes, der sich sofort aufgemacht hatte, die Spuren des -Mörders zu verfolgen, nicht gelungen, des Attentäters -habhaft zu werden.</p> -<p>»Der Gauner is ausgerückt,« meldete er niedergeschlagen -dem Sohne seines Herrn, dem vierzehnjährigen Heinrich -Raschdorf, der zu den Ferien daheim war. »Ich sag' Dir, -a muß in a Fuchsloch gekrochen sein, sonst hätt' ich 'n erwischt. -Ich hab' gesucht wie verrückt!«</p> - -<p>»Wenn er Hunger haben wird, kommt er von selber -nach Hause,« sagte voll Überlegung Heinrich, der Quartaner.</p> - -<p>»Ja, und weißte was? Dann machen wir 'n Heidenulk! -Wir machen Gericht! Du bist der Richter, und ich bin der -Poliziste, und Du verurteilst a Dackel, daß ihm der Poliziste -fünfe aufs Leder haut, und daß a ihn mit der Schnauze a -paarmal aufs tote Hühndel stampt, und daß a ihn 'ne Stunde -in a Kohlschuppen sperrt. Gelt, Heinrich, das machste?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2"></a>[2]</span></p> - -<p>»Ich werd' mir's überlegen,« antwortete in vornehmer -Ruhe der Quartaner.</p> - -<p>Diese Zurückhaltung schien dem lebhaften Bauernburschen -nicht zu gefallen. Er sann über etwas anderes nach. Nicht -lange, so hatte er's.</p> - -<p>»Ja, und weißte was, Heinrich? Das Hühndel werden -wir begraben. So 'n Begräbnis macht auch 'n riesigen -Spaß! Du machst a Pfarrer –«</p> - -<p>»Das ist mir schon zu kindisch, das hab' ich früher gemacht,« -erwiderte Heinrich.</p> - -<p>»Na, hör' mal, wenn Du auch Quartaner bist, kannste -doch noch 'n Pfarrer machen. Siehste, ich bin der Totengräber. -Wir machen 'n Leichenzug, und ich setz' mir Vaters -Zylinder auf und geh' so wackelig vorm Zug her, gerade -wie der alte Lempert. Was Ulkigeres wie 'n Totengräber -gibt's nich. Na, und die Mädel sind doch och dabei, die -Lene und die Lotte und die Liese. Die müssen flennen. -Und wenn Du die Rede hältst, müssen sie immer mehr flennen, -und nachher lassen wir das Hühndel ins Grab und die Mädel -singen: »In der Blüte deiner Jahre«. Na, wenn das -nischt is! –«</p> - -<p>Der Quartaner überlegte. Die Beredsamkeit seines ländlichen -Freundes beeinflußte ihn. Skrupel hatte er ja freilich. -Seine »Kollegen« in der Quarta würden so etwas »einfach -dämlich« gefunden haben. Also sagte er langsam und bedächtig:</p> - -<p>»Eigentlich ist es kindisch! Aber Dir zu Gefallen können -wir's ja noch einmal machen. Doch es ist das letzte Mal, -Hannes, das sag' ich Dir. Und Vater und Mutter dürfen -nichts wissen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3"></a>[3]</span></p> - -<p>»Die wissen so wie so nischt,« sagte Hannes. »Der -»Herr« sitzt drüben beim Schräger, und die »Frau« hat -'n Kopfkrampf und liegt im Bette. Besser kann sich's nich -treffen.«</p> - -<p>»Na, denn meinetwegen, Hannes!«</p> - -<p>Hannes war von diesem Zugeständnis freudig berührt. -Er hob einen dürren Stecken aus dem Garten auf, rannte -ans Fenster des stattlichen Bauernhauses und klopfte dreimal -feierlich an.</p> - -<p>Der Kopf eines dunkeläugigen, bildhübschen Mädchens -von etwa zwölf Jahren wurde sichtbar.</p> - -<p>»Was is 'n los?«</p> - -<p>Hannes senkte geheimnisvoll das Haupt und sagte mit -der düsteren Stimme eines »Grabebitters«:</p> - -<p>»Der Herr Raschdorf läßt schön grüßen, und a läßt -bitten, daß die Jungfer Magdalene so freundlich sein täte -und 'm toten Hühndel 's letzte Ehrengeleite geben. Der -Pfarr' und die Schule gehn mit!«</p> - -<p>»Macht Ihr wirklich Begräbnis?« fragte sie, nicht ohne -Begeisterung.</p> - -<p>»Natürlich, Lene,« antwortete der Leichenbitter und fiel -aus der Rolle. »Es wird riesig ulkig. Heinrich is Pfarrer -und ich Totengräber, und du mußt das Hühndel in a Sarg -legen. Auf 'm Kleiderschranke sind ja die Zigarrenkisten; -da nimmste eine, und da haste die Leiche!«</p> - -<p>Damit warf er dem Mädchen das tote Hühnchen, das -er bisher in der Hand getragen hatte, aufs Fensterbrett, -schlug sich selber mit dem »Grabebitterstöckel« ein paarmal -auf die Waden und rannte davon.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a>[4]</span></p> - -<p>Der »Buchenkretscham« war vom »Buchenhofe«, auf -dem Heinrich und Magdalene die Kinder der Herrschaft -waren, Hannes aber als Sohn des »Schaffers« lebte, nur -durch die Straße getrennt, die von der Stadt her nach dem -schlesischen Gebirgsdorfe führte. Früher waren beide Höfe -zu einer großen »Herrschaft« vereinigt gewesen. Der letzte -Besitzer war bankerott geworden, das Gut wurde dismembriert, -einzelne Teile des Ackers wurden an Bauern des -Dorfes verkauft; aus dem Rest der Felder und den Gebäuden -aber entstanden zwei neue Besitztümer, immer noch sehr -stattlichen Umfanges: der Buchenhof Hermann Raschdorfs -und der Buchenkretscham des Julius Schräger.</p> - -<p>Vor dem Kretscham machte Hannes vorsichtig Halt. -Er schlich an ein Fenster der Gaststube und lugte vorsichtig -durch die Scheiben. Die Ausschau befriedigte ihn. Sein -»Herr« und Schräger, der Gastwirt, saßen beisammen und -sprachen eifrig miteinander. Diese beiden würden voraussichtlich -die Trauerfeierlichkeit nicht stören. Also begab sich -Hannes Reichel nach dem Hausflur. Er hatte Glück und -traf die Schräger-Lotte, die er suchte.</p> - -<p>Das etwas blasse Kind erschrak ein wenig, als es -Hannes dreimal mit seinem Stecken auf den Arm klopfte -und sagte:</p> - -<p>»Der Herr Raschdorf läßt schön grüßen, und ob die -Jungfer Lotte vielleichte so freundlich sein täte und 'm -toten Hühndel 's letzte Ehrengeleite geben. Der Pfarr' -und die Schule gehn mit!«</p> - -<p>»Was? Der Herr Raschdorf sitzt ja drin in unserer -Stube. Und warum hauste mich denn so auf den Arm?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span></p> - -<p>Der Grabebitter fiel abermals aus der Rolle.</p> - -<p>»Tumme Gans, der Herr Raschdorf is der Heinrich, -und wenn Du nich in 'ner halben Stunde drüben bist und -mitmachst, da – da sollst Du mal sehen!«</p> - -<p>Das Mädchen wollte noch etwas fragen, aber Hannes -»schmitzte« bereits seine Waden und »sockte« ab.</p> - -<p>»Mit der Lotte is nischt los,« sagte er zu sich selbst. -»Sie is 'ne Tunte! Aber die Lene, die Lene!«</p> - -<p>Und das Bürschlein blieb einen Moment stehen und -verdrehte verliebt die Augen. Dann setzte es sich schnell -wieder in Bewegung.</p> - -<p>Im grellhellen Licht des Julitags lag das Dorf langgestreckt -drunten im Tal. Die Nordseite war durch einen -waldigen Hügelzug abgeschlossen, an dessen Abhang, etwas -abgesondert vom Dorfe, die Buchenhöfe lagen. Drüben die -südliche Einrandung der Talmulde war viel niedriger, ganz -mit gelben Saaten bestanden, über denen schwer und schwül -die Sommersonne lag. Und all die vollen Ähren standen -wie im heißen Fieber, in einem Fieber, welches das Leben -zur Gluthitze bringt und doch die besten Säfte und Kräfte -verkalkt, verzuckert und vermehlt, so daß nach dem heißen -Rausch das Sterben kommt.</p> - -<p>Hannes rannte hinab ins Dorf. An ein paar Bauernhöfen -lief er vorbei, dann kam eine grüne Aue, auf der -ein kleines, nettes Haus stand.</p> - -<p>Hannes reckte sich und klopfte mit seinem Stecken ans -Fenster. Ein schmächtiges, blasses Mädel erschien.</p> - -<p>»Der Herr Heinrich Raschdorf läßt schön grüßen, und -ob die Jungfer Liese nicht so freundlich sein wollen mögen<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[6]</span> -täte, 'm toten Hühndel 's letzte Ehrengeleite zu geben. Der -Pfarr' und die Schule gehn mit!«</p> - -<p>»Wenn is es denn? Wenn is es denn?« fragte das -Kind mit vielem Interesse. »Macht der Heinrich a Pfarrer?«</p> - -<p>»Natürlich, Liese, macht a 'n Pfarrer.«</p> - -<p>»Gelt, Du, Hannes, der is aber gar nich 'n bissel stolz -geworden, und a is doch schon Quartaner, hat doch jetzt -immer Gamaschen an,« sagte das Mädchen bewundernd.</p> - -<p>»Nu eben,« pflichtete Hannes bei. »Komm och balde -nach, Liese; 's geht gleich los! Ich muß bloß schnell 's -Grab graben und 'n Zylinder suchen. Wenn kommt 'n -Dein Vater heim?«</p> - -<p>»Nu, a kommt balde! Ich müßte eigentlich –«</p> - -<p>»Gar nischt mußte! Bloß kommen! Kannste »In der -Blüte deiner Jahre« auswendig, Liese?«</p> - -<p>»Bloß drei Verse.«</p> - -<p>»Das langt! Bloß balde kommen! In einer reichlichen -halben Stunde geht der Rummel los. – Nanu, wer is 'n -das?«</p> - -<p>Zehn Meter von Hannes entfernt lag auf der Aue -Waldmann, der Dackel. Er lag mit der Schnauze auf der -Erde, so daß seine langen Ohren den Boden berührten, und -schielte mit höchst durchtriebenem Gesicht den Hannes an.</p> - -<p>»A is schon a paar Stunden hier,« berichtete Liese. -»Ich hab' ihm Milchsuppe gegeben.«</p> - -<p>»Machste recht, Liese! So ein'm Lump, der 's Hühndel -totgebissen hat, Milchsuppe!«</p> - -<p>»Ja, das wußt' ich doch nicht, Hannes. Und ich denke, -Du bist froh, daß wir Begräbnis machen können.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span></p> - -<p>»Natürlich, Liese, bin ich froh. Wenn der Dackel 's -Hühndel nicht erbissen hätte, wär's sehr schade; aber weil -a 's erbissen hat, kriegt a Hiebe. Das is nich mehr wie -recht und billig. – – Dackel, nu Dackerle, nu Waldmänndel, -nu komm doch; siehste nich, daß ich Zucker hab'? Zucker, -Waldmänndel! Na, da komm her, Dackel!«</p> - -<p>Der Junge näherte sich Schritt für Schritt dem Hunde. -Der lag lauernd auf der Erde und schnitt ein über die Maßen -schlaues Gesicht. Er lachte geradezu. Und als der Hannes -auf drei Schritte herangekommen war, sprang der Dackel auf -und lief davon, daß der Boden hinter ihm aufflog. In -dreißig Meter Entfernung legte et sich wieder nieder und -grinste seinen Verfolger mit überlegener Schadenfreude an. -Der verbiß seinen Ärger und beschloß zunächst, seinen Stecken -wegzuwerfen und beide Hände in die Taschen zu stecken, -damit ersichtlich sei, daß er gar nichts Übles im Sinne führe. -Dabei verdoppelte er die Kosenamen und führte alle Schätze -der heimischen Speisekammer namentlich auf. Doch als er -sich dem Verfolgten wieder auf drei Schritte genähert hatte, -brachte dieser sein Leibliches abermals durch eine fabelhaft -beschleunigte Flucht in Sicherheit.</p> - -<p>Ein paar Knaben schlenderten müßig die Dorfstraße -herab. Als Hannes sie gewahrte, gab er die Verfolgung -des Hundes auf und wandte sich den Jungen zu in der Absicht, -neue Teilnehmer an dem Begräbnis zu werben. Seine -ganze blühende Redekunst wandte er zu diesem Zweck auf. -Ohne Erfolg!</p> - -<p>»Mit 'm Heinrich Raschdorf spiel' ich nich,« sagte Ernst -Riedel, »der is a stolzer Affe!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[8]</span></p> - -<p>»Ich geb' mich auch nich mit 'm ab,« sagte ein zweiter.</p> - -<p>»Und ich tät' überhaupt von mein'm Vater Wichse -kriegen, wenn ich uff a Buchenhof ging,« sagte der dritte.</p> - -<p>Hannes war wütend.</p> - -<p>»Das werd' ich 'm Herrn Lehrer sagen, der is Heinrichs -Großvater,« sagte er, nachdem er sich kurz die Unmöglichkeit -zu Gemüte geführt hatte, selbst die drei starken Bengel -durchzuprügeln.</p> - -<p>»Wenn a mir was tut,« sagte Ernst Riedel, »geht mein -Vater zum Schulinspektor.«</p> - -<p>»Und meiner och!«</p> - -<p>Sie gingen. Hannes schaute ihnen eine Weile nach. -Dann spuckte er aus und schrie ihnen nach: »Ochsen, Ochsen, -Dorfochsen!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In der Gaststube des Buchenkretschams war es ganz -still. Nur zwei Männer saßen drin: Hermann Raschdorf, -der Buchenbauer, und Julius Schräger, der Wirt. Man hörte, -wie am Leimstengel auf dem Fensterbrett die gefangenen -Fliegen zitterten. Die Sonne aber, die bei aller vielen -Arbeit immer noch Zeit findet, ein wenig Spaß zu treiben, -wie alle großen Leute, gestattete sich ein wunderliches Spiel. -Sie beleuchtete die großen Schnapsflaschen, die im Schanksims -standen, und entlockte ihnen wunderbare Lichter; und -wer da genau hinsah auf die flimmernden Flaschenleiber, -konnte denken, er sähe lauter große Edelsteine. Da war -der Benediktiner, dunkel wie ein Orthoklas, und daneben -glänzte die Kirschflasche wie ein riesiger Rubin; der grüne -Magenbitter kam sich sicherlich selber vor wie ein märchenhafter<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span> -Smaragd, und der Eierkognak war so milchig hell und -hatte so sanfte Mondscheinreflexe wie ein echter Opal. Der -Branntwein aber, von echtem »Wasser und Feuer«, hielt -sich ohne übermäßige Bescheidenheit für einen Diamanten. -Schade, daß so viele Menschen nicht darauf achten, wenn die -Sonne einmal witzig ist. Auch die beiden Männer nicht.</p> - -<p>»Die Hauptsache is, Hermann, daß Du mir keine Schuld -gibst,« sagte der Wirt.</p> - -<p>»Aber Du hast mir doch am meisten zugeredet, daß ich -die verfluchten Aktien gekauft hab'!« entgegnete der Buchenbauer.</p> - -<p>»Zugeredet, was heißt zugeredet? Hätt' ich Dir zugeredet, -wenn ich nich gedacht hätte, die Sache wär' gut, was? Hätt' -ich das? Was? Selber hätt' ich welche gekauft, wenn ich -damals Geld liegen gehabt hätte.«</p> - -<p>»Und ich? Hatt' ich welches liegen? Hatt' ich's? Hab' ich -nich 'ne neue Hypothek aufgenommen? Fünftausend Taler, -Mensch! Fünftausend Taler! Was das heißen will bei mir!«</p> - -<p>Der Gastwirt sprang ärgerlich auf, steckte die Hände -in die Hosentaschen und trat ans Fenster.</p> - -<p>»So is 's! Wenn die Leute Pech haben, schieben sie's -immer auf andere.«</p> - -<p>Er drehte sich rasch wieder um.</p> - -<p>»Nu, Mensch, siehste das nich ein, daß ich's bloß gut -gemeint hab'? Daß ich bloß Dein Bestes wollte? Was?! -Wenn die Sache richtig gegangen wär' –«</p> - -<p>»Wenn! Man soll sich mit solchen Lausekerlen nicht -einlassen. Herrgott, wenn wirklich, Schräger – – es is -ja – es is ja gar nich zum Ausdenken –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span></p> - -<p>Der kleine, dicke Gastwirt legte dem großen, stattlichen -Bauern beschwichtigend die Hand auf die Schulter.</p> - -<p>»Hermann! Was nutz't n das alles! Abwarten! ruhig -abwarten!«</p> - -<p>»Abwarten! Du hast gut reden. Abwarten! Ich – -ich – mir wird die Zeit zur Ewigkeit; drüben liegt mein -Weib krank, sie weiß nichts von all dem, die Zinsen bin -ich noch schuldig von Johanni, – ich – ich –«</p> - -<p>»Weißte, Hermann, trink'n wir 'n Kirsch!«</p> - -<p>»Ich mag nich, ich will nich, ich hab' schon genug!«</p> - -<p>»Trink'n wir halt 'n Kirsch! Das wirste mir doch nich -abschlagen, Hermann!«</p> - -<p>Der Wirt ging nach dem Schanksims, und der Rubin -tauchte unter.</p> - -<p>»Na also!« sagte Schräger, indem er langsam mit den gefüllten -Gläsern zurückkam. »Nur nich 'n Kopp verlieren! -Wird ja noch alles werden. So, da! Na, trink mal, Hermann! -Auf Dein Wohl!«</p> - -<p>Da tönten Schritte draußen im Hausflur.</p> - -<p>»Der Briefträger,« keuchte Raschdorf und stieß das -gefüllte Glas um. Er stand auf und stützte sich schwer auf -den Tisch. Ein Landbriefträger trat über die Schwelle, erhitzt -und bestaubt.</p> - -<p>»Guten Tag!« sagte er; »'n Korn und a Glas Einfach –«</p> - -<p>»Is was an mich?« fragte Raschdorf schwer beklommen. -Auch der Wirt blickte aufs höchste gespannt nach der schwarzen -Ledertasche. »Jawohl, Herr Raschdorf, da ist ein Brief!«</p> - -<p>»Vom Rechtsanwalt,« sagte Raschdorf leise und langte -über den Tisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span></p> - -<p>»Komm mit ins Stübel, Hermann!« riet der Wirt.</p> - -<p>Die beiden Männer gingen ins Wohnzimmer des Wirtes. -Mit zitternden Fingern löste Hermann Raschdorf den Umschlag -des Briefes.</p> - -<p>»Setz' Dich, Hermann, setz' Dich!« Der Wirt zwang -ihn aufs Sofa.</p> - -<p>Und Raschdorf las. Da wurde das Gesicht blaß, die -Mundwinkel verzogen sich, der Unterkiefer zitterte, und -auf der Stirn brannte ein roter Fleck wie eine Wunde.</p> - -<p>»Verflucht! Oh – oh – verflucht!«</p> - -<p>Das Papier entsank dem starken Mann, und er selbst -fiel mit dem Gesicht auf das Sofa und krallte seine Finger -in die Polster.</p> - -<p>»Was is denn, Hermann, um Gottes willen, was is -denn?«</p> - -<p>Keine Antwort. Der hünenhafte Körper nur zuckte -krampfhaft auf und nieder, die Hände fuhren wie irre hin -und her, und der Kopf bohrte sich in den Sofasitz.</p> - -<p>Der Wirt bückte sich, hob den Brief auf und las.</p> - -<p>Eine lange Pause entstand.</p> - -<p>»Fünfzehn Prozent, nur fünfzehn Prozent!«</p> - -<p>Schräger setzte sich auf einen Stuhl. Schweigend betrachtete -er den Unglücklichen, der in dumpfes Schluchzen -ausbrach. In den grauen Augen des Wirtes zuckte es sonderbar. -Ein Weilchen blieb er so ganz still, dann schlich er auf -den Zehen hinaus und verkaufte drüben dem wartenden -Briefträger um zehn Pfennig Schnaps und Bier.</p> - -<p>»Sagen Sie einstweilen von dem Briefe nichts im -Dorfe,« sagte er zu dem Briefträger und kassierte die zehn<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span> -Pfennig Zeche ein. Dann ging er zurück nach der Wohnstube. -Behutsam öffnete er die Tür. Raschdorf lehnte auf dem -Sofa, die Füße weit von sich gestreckt.</p> - -<p>»Hermann!«</p> - -<p>»Na, was sagste? Haste gelesen? Fünfzehn Prozent! -Was? Das macht sich! Diese Schweinebande!«</p> - -<p>»Aber 's muß doch 'n Gesetz geben, Hermann!«</p> - -<p>»Gesetz geben! Schafkopp! Gesetz! Wenn Du 'n Hund -ohne Maulkorb rumlaufen läßt, oder wenn Du die Wagentafel -zu Hause vergessen hast, da gibt's 'n Gesetz, da werden -sie Dich schon fassen; aber wenn kleine Leute von Spekulanten -um ihr Geld begaunert werden, um Tausende, um -viele Tausende, um alles – da gibt's kein Gesetz, da kräht -kein Hahn darüber, da kümmert sich kein Teufel drum – -Schweinebande!«</p> - -<p>Schräger trat nahe an den Sofatisch.</p> - -<p>»Es ist schrecklich, Hermann! Und das Schlimmste: nu -werd' ich die Schuld kriegen.«</p> - -<p>Raschdorf blickte auf.</p> - -<p>»Die Schuld kriegen! Du? Hä! Natürlich bist Du schuld!«</p> - -<p>»Hermann, das verbitt' ich –«</p> - -<p>»Ach, halt's Maul! Was hat's denn für 'n Zweck, -wenn ich Dir die Schuld geb'? Krieg' ich mein Geld wieder? -Was? Nee! Hin is hin! Aber daß Du mir zugeraten -hast, daß Du mir in a Ohren gelegen hast Tag und Nacht, -das steht auf ein'm andern Brette, Schräger!«</p> - -<p>»Na, is gut, Hermann! Gut is! Ich werd' Dir ja -nich mehr raten! Ich sag' ja kein Sterbenswort mehr, und -wenn Du –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span></p> - -<p>»Und wenn ich gleich pleite geh'! Weiß ich, Schräger, -weiß ich! Is auch ganz gut so.«</p> - -<p>»Na, das is ja richtig! Das habe ich mir ja gerade -um Dich verdient!«</p> - -<p>Schräger trat ans Fenster und blickte hinaus auf die -staubige Straße. Raschdorf erhob sich und dehnte die -Arme.</p> - -<p>»So! Nu werd' ich's meinem kranken Weibe sagen, -und nachher könn'n wir ja die Klappe zumachen und fechten -gehn.«</p> - -<p>Schräger drehte sich langsam um.</p> - -<p>»Hermann,« sagte er, und seine Stimme klang warm, -»Hermann, wenn Du 'n Freund brauchst!«</p> - -<p>Raschdorf sah ihn mit herbem Lächeln an.</p> - -<p>»Wenn ich 'n Freund brauch', komm ich zu Dir. Verlaß -Dich darauf, Schräger!«</p> - -<p>Sie sahen sich einige Sekunden in die Augen.</p> - -<p>»Adieu, Schräger!« – –</p> - -<p>Über die Straße ging Raschdorf und über seinen Hof. -Er sah und hörte nicht. Als er in den Hausflur kam, blieb -er stehen, als ob er Mut fassen müsse. Von oben herab -klang ein hohles Husten. Da raffte sich der Mann auf. Langsam -stieg er die Treppe hinauf und öffnete eine Tür. »Wie -geht Dir's, Anna?«</p> - -<p>Die sanfte, zarte Frau, die im Bette lag, sah ihn erstaunt -an und fragte furchtsam:</p> - -<p>»Was ist Dir, Hermann?«</p> - -<p>»Mir? – Was soll mir sein?«</p> - -<p>Die Kranke richtete sich auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span></p> - -<p>»Hermann, es ist was passiert! Dir ist was; Hermann, -was ist Dir?«</p> - -<p>Er sank auf den Stuhl neben ihrem Bette und lehnte -den Kopf an das kühle Kissen. Und wie sich ein Schuldbekenntnis -von Männerlippen immer schwer und schmerzhaft -losringt, so auch jetzt.</p> - -<p>»Anna, ich – hab' spekuliert, – und ich hab' verloren.«</p> - -<p>Eine heiße Röte zog über das weiße Frauengesicht. -Sie sagte nicht gleich etwas, aber dann fragte sie:</p> - -<p>»Ist es viel, Hermann?«</p> - -<p>»Viel, Anna! Sehr viel! Über – über viertausend -Taler.«</p> - -<p>Die Kranke sank in die Kissen zurück und legte den -rechten Arm über die Stirn und die Augen. Und der Mann -saß in finsterem Schweigen an ihrem Bette. Kein Laut. -Nur die Frau hustete ein paarmal. Und die Sonne schien -schwül in die Stube.</p> - -<p>Da klang ein seltsam Tönen in diese Todestraurigkeit. -Vom Garten unten drang schwaches Kindersingen: »In -der Blüte deiner Jahre«.</p> - -<p>Müde erhob sich Raschdorf. Er hatte nicht den Mut, -seiner blassen Frau in die Augen zu sehen. So trat er -sachte ans Fenster und lehnte sich gegen die Mauer.</p> - -<p>Ein wunderliches Bild bot sich ihm unten im Garten. -Er sah nicht alles, nicht den Hannes, der possenhaft aufgeputzt -da unten stand, nicht die fremden Kinder; er sah -ein totes Hühnchen, das mit Myrtenzweigen und blauen -Bändern geschmückt über einer Grube stand, er sah sein<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span> -schönes Kind, die Magdalene, und er sah seinen einzigen -Sohn, der wie ein Geistlicher angezogen unten stand und -vernehmlich sagte: »<em class="antiqua">Vita brevis! Vita difficilis!</em>«</p> - -<p>»Das Leben ist kurz! Das Leben ist schwer!«</p> - -<p>Das Wort traf den Mann ins Herz. Er ging zurück -zum Bette der kranken Frau und bedeckte sein Gesicht mit -beiden Händen. –</p> - -<div class="figcenter" id="illu-019"> - <img src="images/illu-019.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span></p> -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_2">Kapitel 2</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-020"> -<div class="boxu box020u"> -<img src="images/illu-020.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box020l"></div> -</div> -</div> -<p class="drop">Drüben im Buchenkretscham durchmaß -der Wirt die einsame Gaststube. -Er war wohl in schwerer -Erregung. An allen Tischen blieb er stehen und -trommelte mit den dicken, kurzen Fingern darauf. -Immer lockte es ihn ans Fenster, und er hatte -doch nicht den Mut, ganz nahe hinzutreten. Die Augen -aber richteten sich immer aufs neue nach dem Buchenhofe. -So vertieft war er in seine Gedanken und in das -Anschauen des stattlichen Gehöftes, daß er nicht einmal -bemerkte, wie sich die Tür öffnete und ein Mann erschien, -der ihn sekundenlang beobachtete.</p> - -<p>»Eine wunderschöne Besitzung, der Buchenhof, was, -Schräger?«</p> - -<p>»Ah – ah – ja – ja – natürlich – natürlich; ach, -Du bist's, Berger, Du hast mich ja –«</p> - -<p>»So erschreckt, gelt ja? Hähä! Is kaum zu glauben, -daß 'n Gastwirt erschrickt, wenn a Gast kommt.«</p> - -<p>»Ich – ich dachte gerade nur –«</p> - -<p>»Du dachtest gerade nur darüber nach, was doch der -Buchenhof für 'ne riesig hübsche Wirtschaft wär', und da -kam ich dummerweise und störte Dich in Deiner Andacht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span></p> - -<p>»Bist doch halt a gespaßiger Mensch, Berger. Immer -weißte 'n Witz. Was kann ich Dir denn einschenken?«</p> - -<p>»Gar nischt! Ich will Dich bloß was fragen, Schräger. -– – Weiß er's schon?« Und er zeigte mit dem Daumen -nach dem Buchenhofe.</p> - -<p>»Was – was soll er denn wissen?«</p> - -<p>»Von der Pleite und den 15 Prozent!«</p> - -<p>»Berger, woher weißt denn Du das schon wieder? Das -is ja gar nicht möglich!«</p> - -<p>Der andere lachte.</p> - -<p>»Ja, weißte, wenn man Lumpenmann is wie ich und -so mit einer Kurier-Hunde-Post im ganzen Lande rumfuhrwerkt, -da hört man vieles. Was a richtiger Lumpenmann -is, der weiß alles.«</p> - -<p>Der Wirt sah Berger mit unruhig flackernden Augen an.</p> - -<p>»Na, meinetwegen! A weiß schon. A hat halt Pech! -Mich geht's ja nischt an, Berger. Was?«</p> - -<p>»Nu je! O ja! Doch, doch!«</p> - -<p>Der Lumpenmann lachte bei dieser Rede. Schräger -fuhr auf.</p> - -<p>»Mich soll's angehen? Mich? Was denn? Was denn -zum Beispiel? Möcht' ich wissen. Was denn, Berger?«</p> - -<p>Der lehnte sich gegen das Schenksims, kniff seine Äuglein -ein wenig zusammen und sagte ganz ruhig: »Ich werd' -Dir mal was sagen, Schräger. Siehste, es könnte einer auf den -Gedanken kommen, es wär' eigentlich ganz hübsch, wenn -die beiden Buchenhöfe wieder zusammenkämen. – Laß -mich reden, Schräger, reg' Dich nich uff! Also, wenn alles -wieder eine Herrschaft wär'! Das könnte schon einer denken.<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span> -Nich? Na, aber 's wär' 'n sehr dummer Gedanke, Schräger, -denn die Raschdorfs gehen da drüben nich raus!«</p> - -<p>»Ich weiß nich, was Du hast, Berger. Ich denk' doch -im Traume nich an so was. Der Raschdorf is mein Freund.«</p> - -<p>»Is Dein Freund, Schräger. Das ist hübsch von Dir! -Und weil Du nu Deinen Freund mit den Aktien so in die -Tinte geritten hast –«</p> - -<p>»Berger, das laß ich mir nich gefallen!«</p> - -<p>»Weil Du ihn so in die Tinte reingeritten hast, sag' -ich, wirste ihn wohl jetzt wieder rausreiten müssen.«</p> - -<p>»Das is 'ne Frechheit von Dir, Berger! Wie kommste -denn dazu? Das geht Dich doch gar nischt an!«</p> - -<p>»Geht mich gar nischt an, Schräger, da haste recht! -Aber gerade das, was mich nischt angeht, um das kümmer' -ich mich. Schräger, ich will Dir mal in aller Gemütlichkeit -was sagen: Wenn Du etwa am Raschdorf schuftig handelst, -da mach' ich Dich schlecht im ganzen Vaterlande und -im ganzen Waldenburger Kreise. Verstehste? Ich verkauf' -Dich als Lumpen in jedem Hause.«</p> - -<p>»Nu is aber genug, Berger! Das sagste mir in meinem -Hause? Ich verklag' Dich, und wenn Du noch 'n einziges -Wort sagst, da –«</p> - -<p>»Da schmeißte mich raus. Machste recht, Schräger, -tät' ich auch machen! Aber ich geh' schon alleine. Meine -Meinung weißte! Leb' gesund, Schräger!«</p> - -<p>Berger hörte noch, daß ihm der Wirt etwas nachzischelte, -aber er kümmerte sich nicht darum. Aus der sauersüß -riechenden Wirtsstube trat er wieder hinaus auf die -sonnenbeglänzte, freie Straße. Ein kleiner Planwagen stand<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span> -da, vor den ein großer, schwarz- und weißhaariger Hund gespannt -war. Der schielte seinen Herrn mit einem verliebten -Seitenblick an und klopfte in drei gleichmäßigen Zwischenräumen -mit seinem mächtigen Schweife an die Wagendeichsel. -Der Lumpenmann stutzte und betrachtete aufmerksam -sein Gefährt, in dem sich leise etwas regte.</p> - -<p>»Haste etwa a Raschdorf Heinrich gesehen, Pluto?«</p> - -<p>Der Hund bellte freudig.</p> - -<p>»Oder vielleichte gar a Schaffer-Hannes?«</p> - -<p>Der Hund bellte noch lauter.</p> - -<p>»Haste sie wirklich gesehen, Pluto? Möcht' ich wissen, -wo sie stecken.«</p> - -<p>Der Hund bellte wie toll und zerrte und riß an seinem -Geschirr. Der Lumpenmann bückte sich und machte ihn -frei.</p> - -<p>»Na, da such', Pluto, da such'!«</p> - -<p>Ein Satz, und der mächtige Hund war unter der Plane -verschwunden. Ein Zeter- und Mordgeschrei erhob sich in -dem kleinen Wagen, dazwischen tönte ein ganz rasendes -Hundegebell. Der Lumpenmann stand da und lachte, und die -Tränen liefen ihm über das runzelige, bestaubte Gesicht.</p> - -<p>Ein paar Gamaschen wurden auf der Deichsel sichtbar, -in denen steckten zwei Quartanerfüße, und nach und nach -kam der ganze junge Akademiker zum Vorschein. Unterdessen -war ein wüstes Gebrülle und Gebelle im Wagen.</p> - -<p>»Du bist verrückt, Pluto! Mein Gesicht, au, mein Gesicht!«</p> - -<p>Der kleine Wagen wankte und bebte von dem gewaltigen -Kampfe, der sich in ihm abspielte, und dann wurde in<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span> -seiner dunklen Öffnung ein animalischer Knäuel sichtbar, -und rechts von der Deichsel fiel ein Hund auf die Straße, -und links von der Deichsel ein Junge.</p> - -<p>Hannes erhob sich mit zerkratztem Gesicht.</p> - -<p>»Wir kommen vom Begräbnis,« sagte er kläglich und -betrachtete zerknirscht den demolierten Paradehut seines -Vaters. »Da macht man sich 'n kleinen Spaß und kriecht -mal in den Lumpenwagen, und gleich hetzt a mit Hunden. -Was bloß mein Vater zu seinem Zylinder sagen wird! -Pfui, Mathias, das werd' ich mir merken! Das is ruppig -von Ihn'n.«</p> - -<p>Der Lumpenmann lachte, daß er sich schüttelte.</p> - -<p>»Ihr Halunken! Gelt, das wär' a Spaß gewesen, wenn -Euch der Mathias Berger ins Dorf gezogen hätte! Na, -heul' nich etwa, Hannes! Sagen wird Dein Vater zum -kaputen Zylinder nischt; a sagt ja nie was; höchstens durchhauen -wird a Dich.«</p> - -<p>In diesen Worten vermochte Hannes einen erheblichen -Trost nicht zu erblicken, und so versprach ihm Mathias -Berger einen neuen Zylinderhut. Er habe zwei Stück. -Einer rühre von seiner Hochzeit her, den anderen habe -er geerbt. Der Hannes solle sich den schönsten gleich abholen, -ehe der Vater vom Felde heimkehre und gewahr -werde, was mit seiner »Trauertonne« passiert sei.</p> - -<p>Da war die Not des Buben behoben. Und nachdem -Hannes durch einige kritische Fragen, die das Erbstück betrafen, -die tröstliche Zusicherung erhalten hatte, daß die -beiden Hüte Bergers wirklich Prachtexemplare ihrer Art -seien, spannte er sich selbst neben den von ihm sonst heißgeliebten<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span> -Pluto und zog mit ihm das Wägelchen die Straße -hinab dem Dorfe zu.</p> - -<p>Mathias Berger und Heinrich Raschdorf folgten in einiger -Entfernung. Es war Abend geworden. Einzelne Schnitter -kamen heim vom Felde. Irgendwo draußen waren die -ersten Halme gefallen. Wie die Leute am Anfang der Ernte -so stolz daherschreiten! In ihren Muskeln ist aufgespeicherte -Kraft, und die frohe Gewißheit wohnt in ihren Herzen, -daß ihr Körper kräftig und tüchtig ist. Diese gesunden Menschen -sind vielleicht die glücklichsten Leute der Erde. Sicher -aber die leidlosesten, die ruhigsten, die ungeängstigtsten. -Was ihnen fehlt, wissen sie nicht, und was sie haben, steht -über aller Wertung nach Geld. Die anderen haben viel, -was Plunder ist, und das Schlimmere ist: sie wissen, was -ihnen fehlt, und grübeln darüber nach und sehnen sich müde. -Es ist kein Wunder, daß ein verschlossener, wortkarger Stolz -in den Bauern wohnt. Lächelt der Städter über den Landmann, -wenn er ihn unbeholfen über seine Straßen troddeln -sieht, der Bauer lacht unendlich verächtlicher über den Städter, -wenn der neben seinen Erdfurchen und strotzenden Saaten -so vorsichtig und blaß und müde daherwandelt.</p> - -<p>Mathias Berger sah seinen jungen Begleiter an, der -einen grauen Anzug mit kurzen Hosen, einen weißen Strohhut -und Gamaschen trug. »Eigentlich siehst Du Dich komisch -an hier auf der Dorfstraße,« sagte er.</p> - -<p>»Ja, Mathias, wissen Sie, und ich wär' auch viel lieber -wieder zu Hause.«</p> - -<p>»Gefällt Dir's nicht auf der Schule in Breslau?«</p> - -<p>»O ja, wenn man der Siebente ist von achtunddreißig,<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span> -das ist schon ganz anständig. Im Französischen hab' ich bloß -»genügend«, sonst steh' ich ganz gut. Aber wissen Sie -Mathias, das Schlimme ist, daß mir immer so bange ist.«</p> - -<p>»Du hast wohl manchmal das Heimweh, Heinrich?«</p> - -<p>Der Knabe mäßigte seine Stimme.</p> - -<p>»Ja, aber das sag' ich bloß Ihnen, Mathias! Sonst -müßt' ich mich ja zu sehr schämen. Und meine Kollegen -würden sagen, ich sei eine Memme, und ich kriegte Klassenkeile. -Aber mir ist halt immer so bange. Ich kann nicht dafür. -Überhaupt nach den Ferien! Einmal hab' ich nach den -Ferien meine Wochentagsschuhe vier Wochen lang nicht angehabt. -Ich mochte sie nicht abbürsten, weil – weil Boden -von zu Hause dran war.«</p> - -<p>Der Lumpenmann wandte sich ab und sagte mit verstellter, -etwas heiserer Stimme:</p> - -<p>»Das wirste schon noch überwinden lernen, Heinrich! -Oder willste nicht gern Doktor werden oder Pfarrer oder -sowas?«</p> - -<p>»Nein, Mathias, ich will nicht! Ich will wieder zu -Hause sein, wo Ihr alle seid.«</p> - -<p>»Willste denn Bauer werden, Heinrich?«</p> - -<p>»Ja. Sehn Sie mal, Mathias, es wär' doch schade -um unser schönes Gut. Sehn Sie, hier gerade an dem -wilden Kirschbaum kann man unsere ganzen Felder übersehen. -Das sind doch viel! Nicht, Mathias? Eigentlich -sind wir doch reich. Aber das sag' ich gar nicht in Breslau. -Ich denk' bloß immer dran, daß wir so ein schönes Gut -haben.«</p> - -<p>Der Lumpenmann bückte sich hastig nach dem Wegrande,<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span> -riß einen Stengel Sauerampfer ab, biß darauf herum -und spuckte dann alles weit von sich.</p> - -<p>»Was macht denn Deine Mutter?« fragte er.</p> - -<p>»Die ist wieder ganz krank. Am Mittwoch, wie Wochenmarkt -in Waldenburg war, war sie mit beim Doktor.«</p> - -<p>»Und was hat der gesagt?«</p> - -<p>»Das weiß ich nicht. Sie hat geweint, als sie heimkam. -Das ist es auch, was mir immer so bange macht, -daß die Mutter nicht gesund ist.«</p> - -<p>Sie gingen eine Weile schweigend weiter.</p> - -<p>»Sieh nur, daß Du weiter auf der Schule fortkommst, -Heinrich! Gelt, bis in die Prima mußt Du, eh' Du den -Einjährigen hast?«</p> - -<p>»Bloß bis Ober-Sekunda.«</p> - -<p>»Das wär'n also reichlich noch drei Jahre. Sieh och, -Heinrich, 's is schon gutt, wenn Du was lernst. Auf alle -Fälle is gutt. 's is ja ganz erbärmlich, wenn einer so tumm -is wie zum Beispiel ich. Kannste denn eine Stellung kriegen, -wenn Du einjährig bist, Heinrich?«</p> - -<p>»O ja, es war einer mit auf unserer Bude, der ist nach -'m Einjährigen abgegangen, und jetzt ist er Schreiber auf -einem Landratsamte, und dann wird er Kreissekretär oder -so ähnlich. Aber ich mag nicht Kreissekretär werden. Ich -will Bauer werden.«</p> - -<p>»Schon, schon, Heinrich! Aber sieh mal, am Ende -könnt'st Du Dich doch später anders besinnen.«</p> - -<p>»Nie, Mathias, nie! Ich übernehm' das Gut. Das -ist tausendmal besser, als wenn ich so in einer Schreibstube -sitzen muß.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span></p> - -<p>Ein Blick des Lumpenmannes glitt über die goldenen -Fluren, die sich rechts und links von ihm ausdehnten und die -alle jetzt noch den Raschdorfs gehörten.</p> - -<p>»Wir werden schon sehen, daß Du ein Bauer werden -kannst. Wir werden schon sehen!« sagte er. – –</p> - -<p>Hannes hielt mit der Hundefuhre mitten auf dem Wege -an. Aus einem Feldraine bog ein Trupp Schnitter ein, -und an ihrer Spitze schritt schwer und gewichtig August -Reichel, der Vater des Hannes.</p> - -<p>»Na, da komm mal schnell, Heinrich, sonst passiert da -unten ein Unglück!« sagte der Lumpenmann und schritt -mit seinem Begleiter rüstig aus.</p> - -<p>Sie kamen ziemlich gleichzeitig mit den Schnittern an -dem Wagen an. August Reichel, ein Riese von Gestalt, -blieb stehen und betrachtete höchst beängstigenden Blickes -seinen Sprößling, der da beklommen vor ihm stand und -mit der einen Hand krampfhaft hinter dem Rücken etwas -versteckte.</p> - -<p>Der Riese reckte ein wenig den Hals und konnte so -ganz bequem auch aus einiger Entfernung die Rückseite -seines Nachkommens einer genauen Musterung unterziehen. -Ein Zucken ging über das Gesicht des Goliath.</p> - -<p>»Her!« sagte er lakonisch und streckte die Hand aus.</p> - -<p>Hannes reichte ihm die ruinierte »Trauertonne« und -schielte halb ängstlich, halb abwartend durch die Haare, die -ihm in die Stirn hingen, zu seinem muskulösen Vater hinauf.</p> - -<p>Der betrachtete den Zylinder, nahm den Strohhut vom -Kopfe, probierte den Zylinder auf, fand, daß er ihm passe, -prüfte dann das Schweißleder und hieb plötzlich dem Knirps<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span> -vor ihm den Hut mit solcher Wucht auf den Kopf, daß dieser -bis übers Kinn darin versank und mit beiden Beinen zugleich -auf der Straße kniete.</p> - -<p>»August, halb und halb bin ich schuld,« sagte der Lumpenmann -beschwichtigend, »ich hab' zwei Zylinderhüte zu -Hause; ich schick' Dir einen.«</p> - -<p>Über das breite Gesicht des Riesen ging ein Lächeln.</p> - -<p>»Ich brauch' keinen!« sagte er und nickte dem Lumpenmann -freundlich zu. Daran setzte er sich wieder an die -Spitze seiner Schnitterschar und schritt in breitbeiniger -Majestät die Anhöhe hinauf dem Buchenhofe zu.</p> - -<p>Hannes arbeitete sich ans Tageslicht. Er sah seinem -Vater halb ärgerlich, halb schadenfroh nach und sagte, indem -er sich die Stirn rieb und dem Vater mit dem Finger -nachdrohte:</p> - -<p>»Na wart' nur! Wenn ich heute abend Koppschmerzen -hab', da wirste mir ja Tee kochen müssen!«</p> - -<p>Mathias Berger lachte, Pluto bellte einen kleinen Jubelhymnus, -Hannes faßte ihn um den Hals, und die kleine -Karawane zog weiter.</p> - -<p>So kamen sie bei dem kleinen Hause des Lumpenmannes -an. Die Liese kam ihnen entgegen. Eine ganze -Woche lang hatte sie den Vater wieder nicht gesehen. Nun -schmiegte sie sich zärtlich an ihn. Er aber schlang den Arm -um sie und fuhr mit der Hand über ihren flachsblonden -Kopf.</p> - -<p>»Liese! Nu, Liese! Nu, mei Madel du!«</p> - -<p>Ein ganzer Strom von Liebe ging durch diese paar -Worte. Dann kam auch die Schwester Bergers, die ihm seit<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span> -dem frühen Tode seiner Frau die Hauswirtschaft besorgte. -Unterdessen spannten die Knaben den Hund aus und schoben -den Wagen in einen kleinen Schuppen. Mathias Berger -folgte ihnen. Er hob einen riesigen Sack aus dem Wagen, -der prall mit Lumpen gefüllt war, und schüttelte ihn aus.</p> - -<p>»Na, da seht mal! Wenn ich die sortieren werd', das -ist ganz int'ressant. Da ist alles dabei. Wollflecke von -Großmutterkleidern und Kattun von Kinderschürzen, Übrigbleibsel -vom Brautstaate und Leinwand von einem Totenhemde. -A Lumpenmann kann alles sehen. Es kommt von -allem was in seinen Sack.«</p> - -<p>Heinrich folgte gedankenvoll diesen Worten; aber -Hannes hörte nicht darauf und machte sich mit einem kleinen -Holzkasten zu schaffen.</p> - -<p>In der Stube wurde dieses Schatzkästlein geöffnet. Ein -Kinderherz konnte bei solchem Anblick selig sein. Es gab -ja auch einige langweilige Dinge in dem Kasten, wie: Fingerhüte, -Nähnadeln, Zwirn, Jerusalemer Balsam und Federhalter. -Aber sonst! Soldatenbilder, allerhand andere Bilder -mit schönen Versen von Gustav Kühn aus Neu Ruppin, -Peitschenschnüre, Pfeifen, Kreisel, Spielmarken, Papierorden, -kleine Pistolen, Vogelpfeifen, »goldene und silberne« -Uhren und Fingerringe die schwere Masse mit den prachtvollsten -Steinen.</p> - -<p>»Ich möchte gerne a Fingerringel für die Raschdorf-Lene« -sagte Hannes, »weil die mir ofte manchmal a Stückel -Wurstschnitte gibt.«</p> - -<p>»Such' Dir einen aus, Hannes,« sagte der Lumpenmann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span></p> - -<p>Der Knabe wühlte mit zitternden Fingern in den Schätzen. -So mag den Märchenprinzen zu Mute gewesen sein, die nach -dem Wunderring suchten.</p> - -<p>Heinrich stand etwas abseits. Er hielt es wohl mit -seiner Gymnasiastenwürde unvereinbar, sich noch für solche -Dinge zu interessieren, aber er wandte doch kein Auge von -dem Kasten. Schließlich trat er mit gewaltsam erzwungener -Gleichgültigkeit näher.</p> - -<p>»Was ist denn da eigentlich alles?« fragte er mit ungeheurem -Gleichmut.</p> - -<p>»Wenn Dir was gefällt, Heinrich, such' Dir nur aus,« -sagte Berger freundlich.</p> - -<p>Heinrich tat so, als ob er das durchaus nicht beabsichtige, -aber schließlich prüfte er doch eine kleine Zündblattpistole -und ließ sich durch einiges Zureden Bergers bewegen, -sie nebst einer Schachtel Munition zu behalten. Auch -einen silbernen Ordensstern nahm er noch an sich. Dann -aber fühlte er das Bedürfnis, wieder ernsthafter aufzutreten.</p> - -<p>»Wissen Sie, Mathias, wer die Lumpenmänner eigentlich -in Schlesien eingeführt hat?«</p> - -<p>»Nein,« sagte Mathias, »das weiß ich nicht.«</p> - -<p>»Das hat der Alte Fritz getan,« belehrte ihn Heinrich. -»Vor der Zeit des Alten Fritz gab's keine Lumpenmänner -in Schlesien.«</p> - -<p>»Da hat der Alte Fritz was sehr Kluges gemacht,« entgegnete -Berger.</p> - -<p>»Is überhaupt sehr tüchtig gewesen,« sagte Hannes -wohlwollend, um damit zu zeigen, daß er auch in der Geschichte -bewandert sei. Dabei stellte er drei Ringe in die<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span> -engere Wahl: einen Diamantring, einen Rubinring und -einen einfachen Silberreif, auf dem das Wort »Liebe« eingeprägt -war.</p> - -<p>»Ja,« nahm Heinrich wieder das Wort, »der Alte Fritz -war sehr sparsam, und er wollte nicht, daß die Leute was -wegwarfen: Lumpen, Knochen, altes Eisen und so ähnlich. -Da setzte er die Lumpenmänner im Lande ein. Und die -mußten solche Dinge im Kasten haben wie Sie, Mathias. -Und das nennt man Tauschhandel. Wobei es auch auf -die neuen Papierfabriken ankam.«</p> - -<p>Bergers Augen leuchteten. »Sieh mal, Heinrich, das -is doch hübsch, wenn einer das alles weiß. Ich bin nu -schon so lange Lumpenmann, und ich bin es auch gerne; -aber ich hab' noch nie gewußt, wer uns eigentlich erfunden -hat. Es wär' doch hübsch, wenn Du weiter studiertest und -ein Gelehrter würdest. Nich, Heinrich? Sieh mal, Bauern -gibt's doch massenhaft auf der Welt.«</p> - -<p>Der Knabe fühlte sich geschmeichelt, aber er schüttelte -doch den Kopf.</p> - -<p>»Nein, ich will Bauer sein. Ich will den Hof übernehmen. -Ich will immer hier sein.«</p> - -<p>»Das is richtig,« stimmte Hannes bei; »wenn Du nich -da bist, is nischt los zu Hause. Sieh mal, Heinrich, welchen -nehm' ich nu: den mit dem weißen oder den mit dem roten -Stein? Den silbernen mit »Liebe« mag ich nich; da gäb' -mir die Lene am Ende 'ne Backpfeife. Ich denke, ich nehm' -den roten.«</p> - -<p>»Nimm sie beide, Hannes,« sagte der Lumpenmann. -»Wer die Wahl hat, hat die Qual.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[29]</span></p> - -<p>»Aber der silberne ist auch niedlich – sehr hübsch ist -er,« sagte Heinrich.</p> - -<p>»So behalt' ihn,« sagte Berger.</p> - -<p>»Den mit »Liebe«?« fragte Hannes erstaunt. »Wem -willste denn den mit »Liebe« schenken, Heinrich?«</p> - -<p>Der Quartaner wurde blutrot.</p> - -<p>»Ach, niemand,« stotterte er, »niemand, vielleicht der -Liese.«</p> - -<p>Und er gab das unechte, kleine Ringlein der Liese, -der Tochter Bergers, die schon lange mit roten Wangen -hinter ihm gestanden hatte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am Abend noch, als die Sonne im Verlöschen war, -ging Mathias Berger die Dorfstraße hinab nach der Schule. -Die beiden Knaben waren längst zu Hause; die kleine Liese -lag im Bett und schlief und hatte das silberne Ringlein am -Finger.</p> - -<p>Der alte Dorfkantor Johannes Henschel saß an einem -Harmonium und spielte aus einer Orgelpartitur.</p> - -<p>»Es ist eine schwere Sache, eine sehr schwere Sache, -Herr Kontor, wegen der ich komme,« sagte Berger.</p> - -<p>»Was ist denn?«</p> - -<p>»Herr Kantor, eh' 's Ihnen die anderen sagen: Ihr -Schwiegersohn, der Herr Raschdorf, verliert bei der Fabrik -sein Geld.«</p> - -<p>Das blasse Gesicht des alten Lehrers wurde noch um einen -Schein fahler, und die welke Rechte fuhr nach der Brust.</p> - -<p>»Bei den Aktien?! Ist das möglich, Berger? Ist das -möglich?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[30]</span></p> - -<p>Mathias Berger sah den Alten mitleidig an.</p> - -<p>»Es ist so, Herr Kantor. In Altwasser drüben der -Teichmann verliert auch dreitausend. Von dem weiß ich's. -Fünfzehn Prozent kriegen die Aktionäre raus. Das ist -alles.«</p> - -<p>Ein Zittern ging über das Antlitz des alten Mannes. -Dann stützte er den Kopf schwer auf die Hand.</p> - -<p>»O mein Gott!«</p> - -<p>Es war ganz still in der Stube, nur die Uhr tickte leise. -Draußen erhob sich ein matter Nachtwind und fuhr müde -durch die alten Bäume des Schulgartens.</p> - -<p>Mathias Berger nahm wieder das Wort.</p> - -<p>»Sehn Sie, Herr Kantor, das ist ja eigentlich nicht meine -Sache. Es geht mich gar nischt an. Aber Sie wissen ja, -ich bin Ihn'n viel Dank schuldig. Wie ich a blutarmer -Junge war, ohne Vater und Mutter, da haben Sie mich aufgenommen -und mich großgefüttert. Das vergess' ich nich, -und wenn ich hundert Jahr' werd'. Was mir das jetzt leid -tut, kann ich gar nich sagen. Aber, Herr Kantor, der Herr -Raschdorf sollte sich nich mit 'm Schräger einlassen. Das is -a grundschlechter Kerl!«</p> - -<p>»Der Gastwirt? Ach nein, Berger! Der hat ja meinem -Schwiegersohn immer noch ausgeholfen, wenn's einmal fehlte.«</p> - -<p>»Ausgeholfen, Herr Kantor! Warum denn? Warum -denn? Weil a ihn nach und nach ganz in seine Gewalt -kriegen will. Bloß darum! Ich sag' Ihnen, dem dicken -Kerle wird erst ganz wohl sein, wenn a beide Höfe hat. -Darauf spekuliert a, darauf hat a's abgesehn! Schräger -is Raschdorfs größter Feind!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[31]</span></p> - -<p>Der alte Kantor schüttelte unwillig den Kopf.</p> - -<p>»Das müssen Sie nicht sagen, Berger, das ist unrecht! -Schräger hat sein Geld auf die letzte Hypothek gegeben. -Der ist ein Freund von meinem Schwiegersohn.«</p> - -<p>Mathias Berger erhob sich.</p> - -<p>»Na, da – da tut mir's leid, daß ich was gesagt hab'.«</p> - -<p>»Setzen Sie sich, Berger, setzen Sie sich doch wieder! -Sie sehen zu schwarz. Der Schräger und mein Schwiegersohn -sind Freunde. Sie sind zusammen in die Schule gegangen, -sie sind zusammen aufgewachsen. Schräger ist -nicht schuld. Das ist halt Unglück, Berger, schreckliches Unglück! -O Gott, ich weiß ja nicht, was werden soll! Fünftausend -Taler! Und mir hat er immer nichts gesagt, wie's steht, -nichts!«</p> - -<p>Eine Pause entstand. Beide Männer starrten vor sich hin.</p> - -<p>»Um Ihre Tochter tut mir's leid,« sagte Berger endlich -leise.</p> - -<p>Der alte Lehrer wandte sich ab.</p> - -<p>»Und um den Jungen, um den Heinrich! Heute sagt -a mir, a will nich studieren; a will Bauer werden – übernehmen -die Wirtschaft –, das is ja a Jammer.«</p> - -<p>Ernst und groß wandte der Alte die Augen dem schlichten -Manne gegenüber zu.</p> - -<p>»Ich hab' ein Unrecht begangen, Mathias – ich, nicht -der Schräger. Ich mußte dem Raschdorf die Anna nicht -geben. In so einem Gut muß Geld sein! Was waren -da die paar Pfennige, die ich ihr mitgeben konnte? Gar -nichts! Gar nichts! – Und nun ist das Elend da. Ich bin -schuld daran, Mathias – ich!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[32]</span></p> - -<p>Berger richtete sich auf.</p> - -<p>»Herr Kantor, nehmen Sie's nich übel, aber das is – -das is Unsinn, was Sie da sagen. Sie sind nich schuld! -Der Raschdorf stand sehr gut da. Der brauchte keine reiche -Frau. Bei dem ging's ohne Mitgift. Aber wie hat a gelebt? -Wie a gnädiger Herr! Immer oben raus! Und das -Schlimmste: a hat sich mit dem Schräger eingelassen, und -das is und bleibt ein Malefiz-Lump, und wenn a noch so -scheinheilig tut, und wenn Sie noch so für ihn reden.«</p> - -<p>Der Kantor schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Es wäre schlecht, Mathias, einem zweiten die Schuld -zu geben, wenn uns ein Unglück trifft. Und selbst, wenn -er ihm zugeredet hat, wer konnte das ahnen? Den Ausgang -konnte niemand wissen. Es ist eine bittere Sache, Mathias, -wenn man alt ist und ein einziges Kind hat, und dem -geht's so!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als der Lumpenmann heimging, lag die Sommernacht -über dem schlummernden Dorfe. Ernte! In schweren, -schwülen Zügen atmete draußen das todgeweihte Feld.</p> - -<p>Mathias Berger blieb stehen und sah noch einmal nach -dem Schulhause zurück, das ihm in seiner Kindheit ein -zweites, besseres Vaterhaus gewesen war und wohin ihn -auch jetzt noch eine leise Sehnsucht immer wieder führte. -Er liebte den alten Mann dort, der so gutmütig und kurzsichtig -war, daß er die Bosheit der Menschen nicht erkannte, -nicht die Bosheit, aber auch nicht die geheimen, tiefen Leiden, -die dicht neben ihm bluteten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[33]</span></p> - -<p>Als bettelarmes Kind hatte ihn der Kantor aufgenommen -in sein Haus, ihn erzogen, ihn auch außer der Schulzeit -unterrichtet. Da war der Mathias mit der Schul-Anna -zusammen aufgewachsen, und sie hatten gelebt wie Bruder -und Schwester. Später ging Mathias als Bergmann in -die Grube. Aber wenn er einen freien Sonntag hatte, war -er im Schulhause. Da war leise, während er heranwuchs, -die Liebe in sein Herz gekommen. Es hatte niemand -was gewußt, nicht der Kantor und auch nicht die Anna. -Es wäre ja so schrecklich frech und undankbar gewesen, -wenn er etwas davon gezeigt hätte, er, der arme Kohlenschlepper.</p> - -<p>Bis sie sich verlobte. Da war es zu Ende gewesen mit -seiner Fassung. Er brachte es nicht mehr über sich, ins -Schulhaus zu gehen. Und damals hat es dann die Anna gewußt. -Der Kantor hat sich bloß gewundert und über den -Abtrünnigen geärgert.</p> - -<p>Ach, die furchtbare Arbeit in der Kohlengrube! So -allein sein in den düsteren Stollen unter der Erde und gar -keine Hoffnung haben für alle Zukunft. Das hielt Berger -nicht aus.</p> - -<p>Ein Verwandter von ihm starb und hinterließ ihm ein -Häuslein und das Lumpenhandelgeschäft. Der Kantor wollte -von dem Berufswechsel nichts wissen; aber Mathias war -froh, daß er nun immer im Freien sein konnte, herumwandern -in der Welt bei vielen Leuten und nicht mehr allein -sein mußte mit seinem Herzenskummer. Da wurde er allgemach -wieder ruhiger und heiterer. Nach einigen Jahren -heiratete er ein braves Mädchen. Er hatte ihr keine trübe<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[34]</span> -Stunde bereitet, sie ihm auch nicht. Aber sie starb schon -nach einem Jahr, als die Liese geboren wurde.</p> - -<p>Da war er wieder einsam. Und über Ehe und Grab -kam manchmal in stillen Stunden aus der Jugendzeit die -alte Liebe wieder, ganz wunschlos, aber doch schmerzhaft -tief – so wie heute, da sie krank und schwach nun doch der -Armut entgegengehen sollte, der Armut, die allein ihm einstmals -verbot, sie zu begehren.</p> - -<p>Von fernher kam ein Gewitter, und Mathias ging heim.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-038"> - <img src="images/illu-038.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[35]</span></p> -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_3">Kapitel 3</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-039"> -<div class="boxu box039u"> -<img src="images/illu-039.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box039l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Anfang des nächsten Oktober kam Heinrich -wieder nach Hause. Es waren Herbstferien. -Ein Dienstjunge holte ihn mit -einem kleinen Korbwagen vom Bahnhof -ab. Die großen, schwarzen Augen des -Knaben hingen unverwandt an den heimischen Bergen. -Immer, wenn er von der flachen Oderebene da unten kam -und zum ersten Male wieder die Hügel des prächtigen, reichgegliederten -Waldenburger Berglandes aufsteigen sah, schlug -sein Herz schneller, gerade als ob auf den einsamsten jener -Berge ein heiliger Friede wohne, wo allein alle Bangigkeit -gestillt und alle Sehnsucht vergessen würde.</p> - -<p>Und doch war die Landschaft trübe. Die bunten Blätter -zitterten an den Bäumen, und weiße Nebelschleier zogen -über die leeren Wiesen. Die Weiden standen -wie gebückte, krumme Greise an den Bächen und Teichen, -als wollten sie sich hinunterstürzen und sterben. Und der -Wind sang in den hohen Pappeln am Wege ein Lied vom -fernen Sommer und von toter Freude.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[36]</span></p> - -<p>Aber es war die Heimat, die Heimat, die dieser Knabe -schmerzhaft liebte, an die er alle Tage dachte, da er ihr fern -sein mußte.</p> - -<p>Langsam fuhr der Wagen die sandige Straße entlang. -Der Kirchturm des Dorfes ragte auf; da lief ein Zittern -über die Gestalt des Kindes, und die feine Gestalt reckte -und dehnte sich, mehr zu sehen, mehr von der Heimat. Dann -kam ein Grenzweg, und nun war Heinrich Raschdorf auf -väterlichem Boden. Ein glückseliges Leuchten brach aus -seinen Augen. Jetzt war es aus mit Sehnsucht, Heimweh -und Herzeleid, jetzt fühlte er sich sicher und geborgen.</p> - -<p>Hier auf heimischer Erde wäre er dem gefürchtetsten -Lehrer sicher und lächelnd entgegengetreten; hier hätte er -sie nur einmal haben mögen, alle seine Mitschüler; beide -Hände würde er ausstrecken und sagen:</p> - -<p>»Seht Ihr, hier bin ich zu Hause! Hier wohnen mein -Vater und meine Mutter und mein Großvater und alle, -die ich kenne. Und alle die Felder sind unser, und dort -drüben das ist unser Hof.«</p> - -<p>Ein Mann mit einem Jagdgewehr ging über die Felder, -kaum zwei- oder dreihundert Meter vom Wege entfernt. -Der Dienstjunge hielt das Pferd an. Heinrich aber sprang -auf, riß den Hut vom Kopfe, winkte und schrie: »Vater, -Vater, Vater!«</p> - -<p>Der Mann unten blieb stehen, blinzelte durch das Herbstlicht -herauf und winkte ein wenig mit der Hand. Dann gab er -ein Zeichen weiterzufahren und setzte seinen Pirschgang fort.</p> - -<p>Knarrend fuhr der Wagen die Straße weiter. Der -Knabe saß ganz still. Ein Kartoffelfeld tauchte auf. Eine<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[37]</span> -Anzahl arbeitender Menschen waren da beschäftigt und -wühlten geschäftig in der schwarzen Erde nach den weißen, -duftenden Knollen. August Reichel, der Schaffer, überwachte -das Ganze wie ein schweigender König. Aber allen -nahm er die schweren, gefüllten Körbe ab und schüttete -deren Inhalt auf einen riesigen Wagen.</p> - -<p>Da trennte sich ein junger Bursche vom Arbeitstroß, -rannte ein Stückchen, fiel über einen Kartoffelsack, stand -wieder auf, stolperte noch einmal über eine Furche, riß dann -die Mütze vom Kopfe, schlug in einem ganz närrischen -Tempo Räder damit in die Luft, sprang über den Straßengraben, -trat an den Wagen und sagte keuchend:</p> - -<p>»Na, Heinrich, das is aber fein, daß De kommst!«</p> - -<p>»Guten Tag, Hannes! Du hast ja so kalte Hände.«</p> - -<p>»Na, klaub' mal Kartoffeln, wenn der Boden so kalt -is! Du kannst froh sein, daß De immer Quartaner sein und -in der Stube sitzen kannst.«</p> - -<p>»Hannes, Du mußt mitkommen!«</p> - -<p>Heinrich rief hinüber nach dem Felde: »He! – Reichel! -– Schaffer! – Darf der Hannes mit mir fahren?«</p> - -<p>Der Riese verfiel in Nachdenken, schüttelte erst heftig -den Kopf, dachte aber weiter nach, zuckte dann unschlüssig -die Achseln, machte noch eine bedenkliche Pause, nickte darauf -kurz und wandte sich ab.</p> - -<p>»Das wußt' ich schon,« sagte Hannes und kletterte auf -den Wagen. »Ich sag' Dir, a hätte sich geärgert, wenn -ich nich mitgefahren wär', und ich och. Los, Friedrich! Nu -komm'n wir vom Gymnasium! Haste vielleicht Zigaretten, -Heinrich? Hier sieht's keen Mensch!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[38]</span></p> - -<p>Auch der einsame Jäger ging heim. Er hatte kein Glück. -Seine Jagdtasche blieb leer.</p> - -<p>Glück! Raschdorf lachte. Er und Glück haben! Das -gab's lange nicht mehr für ihn.</p> - -<p>Müde lehnte er sich auf sein Gewehr und sah düsteren -Blickes über die kahlen, toten Felder und nach den Wolken, -die schwer über die bunten Berge herabsanken. So trübselig -hüllten sie die schimmernde Herrlichkeit ein, wie man dunkle -Decken und Schleier zieht über goldene Wände zur Zeit der -Trauer. Nach Minuten erst merkte der Einsame, daß er -in Gefahr sei, denn die Hähne des Gewehrs, gegen dessen -Lauf er sich lehnte, waren gespannt.</p> - -<p>Ein herbes Zucken ging über das Gesicht des Mannes, -dann riß er das Gewehr herauf und feuerte beide Schüsse -in die Luft. Er schloß die Augen bei dem dumpfen Knall, -dann ging er weiter.</p> - -<p>Und wie so häufig in letzter Zeit, ging er zum Schräger. -Er traf den Wirt allein, denn es war noch am zeitigen Nachmittag.</p> - -<p>»Nu, kommste mit a Zinsen, Hermann?« fragte Schräger -freundlich.</p> - -<p>»Haste es so eilig mit a Zinsen? Ich dächte, Du brauchst 's -nich so nötig.«</p> - -<p>»Nu je, sein Geld braucht jeder; jeder, Hermann! Ich och!«</p> - -<p>Raschdorf setzte sich schwerfällig hinter einen Tisch.</p> - -<p>»Schneid' mir's aus der Haut! Ich hab's nich! Hexen -kann's keiner!«</p> - -<p>Der Wirt wandte ihm verdrießlich den Rücken und sah -mürrisch zum Fenster hinaus. Draußen rumpelte eine Rübenfuhre<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[39]</span> -langsam vorbei. Dann wurde es still. Keiner der -Männer sprach.</p> - -<p>Da öffnete sich die Tür, und ein etwa siebzehnjähriger -Junge trat herein, ein starker Bursche von auffallend idiotischem -Gesichtsausdruck. Das war der einzige Sohn Schrägers.</p> - -<p>»Hu, hu,« sagte er und rieb sich die Hände. »Is aber -kalt heute! Mag ich nich auf dem Felde sein – mag ich -nich – mag ich gar nich a bissel. – Schön tumm! – Schön -tumm! – Schön tumm!«</p> - -<p>»Du sollst machen, daß Du wieder rauskommst, Du -Faulpelz!« sagte Schräger.</p> - -<p>Aber der Sohn lachte ihn aus.</p> - -<p>»Selber Faulpelz! Och, es is kalt draußen. Und hier -is warm! Hier is viel schöner! Schön tumm! – Schön -tumm!«</p> - -<p>Er fing an zu pfeifen und hüpfte auf einem Bein die -Stube entlang, wobei er sich immer abwechselnd Ohren -und Nase rieb. Dann setzte er sich hinter einen Tisch und -dröselte stumpf vor sich hin. Schräger beachtete ihn nicht -mehr. Er wandte sich wieder an Raschdorf.</p> - -<p>»Sieh mal, Hermann, Ordnung muß nu mal sein. In -Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf. Das is nu mal so! -Zum Wegschenken hat ja keiner was.«</p> - -<p>Raschdorf fuhr auf und schlug mit der Faust auf den -Tisch.</p> - -<p>»Wegschenken? Wer spricht denn vom Wegschenken? -Mir braucht keiner was zu schenken, und Du zu allerletzt. -Das hab' ich noch nicht nötig!«</p> - -<p>Schräger zuckte die Achseln.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[40]</span></p> - -<p>»Immer gleich beleidigt! Immer der große Herr, der -sich nischt sagen läßt. Siehste, Hermann, das is Dein Fehler. -Du hast Dir's nach und nach mit allen Bauern verdorben. -Wenn Du mehr Freunde hättest –«</p> - -<p>»Ach, halt's Maul, laß mich in Frieden mit den Schafköppen!«</p> - -<p>»Ihihihi – Schafköppen, Schafköppen, Schafköppen!« -lachte der Idiot.</p> - -<p>»Du sollst machen, daß Du rauskommst, Gustav!«</p> - -<p>Der Junge rührte sich nicht vom Platze.</p> - -<p>»Ne,« grinste er. »Es is kalt! Schön tumm!«</p> - -<p>Raschdorf nahm wieder das Wort.</p> - -<p>»Würde mir einer von den'n helfen? Was? Keiner! -Sie würden sich hüten. Sie borgen mir nicht einen Taler.«</p> - -<p>»Das macht bloß der Schräger,« sagte der Wirt bitter. -»Der is der Schafkopp.«</p> - -<p>Da wurde das Gesicht des Buchenbauern dunkelrot, und -er fuhr jähzornig auf:</p> - -<p>»Du – Schräger – ich – ich – geb' Dir 'ne Backpfeife!«</p> - -<p>»Gib ihm eine, gib ihm eine!« schrie der Idiot mit -Begeisterung.</p> - -<p>Der dicke Leib des Wirtes zappelte vor Erregung. -»So? – Soso? Backpfeifen – Backpfeifen bietet mir der -gnädige Herr an? So? Backpfeifen für alles, was ich ihm -schon zu Gefallen getan hab'? Is gutt, Herr Raschdorf! -Wenn ich bis morgen meine Zinsen hab' und zum nächsten -Quartal meine 20 000 Mark, da – da kann der gnädige -Herr backpfeifen, wen a will.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[41]</span></p> - -<p>Es wurde still. Nur eine Zeitung knisterte, die der -Idiot mit den Händen bearbeitete. Schräger trat wieder -ans Fenster und sah hinaus. Langsam erhob sich Raschdorf -und griff nach seinem Gewehr. Und so trat er neben den -Wirt.</p> - -<p>»Julius,« sagte er langsam und schwer, »ich werd' versuchen, -daß Du zu Deinem Gelde kommst. Was ich heute -rede, weiß ich nich. Mir summt alles im Koppe, und manchmal -– da – da wird mir ganz trübe. Siehst Du, vorhin, -draußen auf 'm Felde, da hab' ich so auf der Büchse -gelehnt – so –«</p> - -<p>»Sie is doch nich geladen?« kreischte der Wirt und -trat ein paar Schritte zurück.</p> - -<p>Raschdorf lächelte. »Vorhin war sie geladen – jetzt -nich!«</p> - -<p>Schräger betrachtete ihn mit unruhigen Augen.</p> - -<p>»Du mußt doch nich – Du mußt doch nich, Hermann, -hier in der Stube – leg' mal die Flinte weg und setz' Dich -wieder! Wir wollen miteinander reden.«</p> - -<p>Der andere folgte mechanisch.</p> - -<p>»Wieviel haste denn übrig, Hermann?« fragte der Wirt.</p> - -<p>»Übrig?« Raschdorf lachte. »Übrig is sehr gut! Ich -häng' noch von Johanni her, und dann in fünf Tagen is 'n -Wechsel fällig über 500 Mark. Ich – ich weiß mir keinen -Rat mehr. Es gelingt mir nischt mehr, es geht nich mehr, -alles geht krachen, Geld kommt nich ein – es is zum Verrücktwerden!«</p> - -<p>»Aber Du hast doch noch das ganze Getreide in den -Scheunen. Warum läßte denn nich ausdreschen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[42]</span></p> - -<p>»Eins – zwei, links – rechts, eins – zwei, links – -rechts!« Der Idiot hatte sich einen Helm aus Papier gemacht -und marschierte durch die Stube.</p> - -<p>»Mach' doch, daß Du rauskommst, Gustav,« fuhr ihn -nun Raschdorf an. »Man kann ja kein vernünftiges Wort -reden, Du alberner Bengel!«</p> - -<p>Gustav schnitt ihm eine Grimasse. »Schön tumm! -Gar nischt zu sagen! Es is kalt draußen. Eins – zwei, -rechts – links!« Dann hielt er plötzlich inne, drohte dem -Bauern mit der Faust und schrie:</p> - -<p>»Gar nischt zu sagen! Gar nischt rauszuschmeißen! Hu -je, es is so kalt, es is so sehr kalt!«</p> - -<p>Er heulte laut auf. Sein Vater sagte freundlich zu ihm: -»Setz' Dich still in den Winkel, Gustav! Du kannst hierbleiben!«</p> - -<p>Er war tief verstimmt. Er selbst schrie seine Kinder -manchmal an, aber von fremden Leuten ließ er ihnen nicht -zu nahe treten. Der Idiot setzte sich hinter einen Tisch und -heulte stumpf eine Weile vor sich hin. Von Zeit zu Zeit warf -er einen grimmen Blick nach den Männern und drohte mit -der Faust. Dann nahm er den Papierhelm vom Kopfe und -entfaltete das Zeitungsblatt. Er fand ein Bild darin, das -ihn offenbar sehr interessierte, denn er stierte es unausgesetzt -an, lachte, grunzte zuweilen vergnügt und schnitt Gesichter dazu.</p> - -<p>Ein Bauer aus dem Dorfe trat in die Stube.</p> - -<p>»Guten Tag, Schräger! 'n Korn! Tag, Raschdorf!«</p> - -<p>»Guten Tag, Riedel!«</p> - -<p>»Na, wie geht's?«</p> - -<p>Raschdorf lachte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[43]</span></p> - -<p>»Gutt geht's! Famos geht's! Wie soll's gehen?«</p> - -<p>Der Bauer nickte.</p> - -<p>»Na ja, wie soll's dem reichen Raschdorf gehn? Dem -muß 's gutt gehn! Habt Ihr's schon gehört? Beim Huhndorf -sein'm Schwager hat's letzte Nacht gebrannt. Die -Scheune und die Stallung is abgebrannt.«</p> - -<p>»Ach, da is das dort gewesen?« sagte der Wirt. »Die -Röte haben wir ja gesehen; 's muß a riesiges Feuer gewesen -sein. Nu, wie is denn das zugegangen?«</p> - -<p>Riedel zuckte die Achseln und lächelte vielsagend.</p> - -<p>»Ja, wer weiß! Wenn einer gut versichert is, und die -Gebäude taugen nich mehr viel, da is ja das Abbrennen -gar keen so großes Unglück nich.«</p> - -<p>Raschdorf lachte grimmig.</p> - -<p>»Da haste recht! Man möchte selber wünschen, daß's -amal brennte!«</p> - -<p>»Versündigt Euch nur nicht!« sagte Schräger.</p> - -<p>Riedel blickte Raschdorf aufmerksam an.</p> - -<p>»Nu, bei Dir sind doch die Gebäude noch ganz gutt!«</p> - -<p>Raschdorf zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Gutt? Was heißt gutt? Flickereien gibt's immerfort. -Die Scheunen möcht' ich neu decken lassen, und der Kuhstall -is ganz erbärmlich eingerichtet. Die alten Kerle haben keine -Idee gehabt, wie a vernünftiger Stall zu bau'n is. Na, -und wie das beim Huhndorf sein'm Schwager is – a kriegt -a schönes Stück Geld von der Versicherung, und dann – -ein'm Abgebrannten hilft jeder. Das is gar nich so schlimm.«</p> - -<p>»Na, immerhin, jetzt vor'm Winter – 'ne Zuckerlecke -is das nich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[44]</span></p> - -<p>»Nu, ja, man red't halt so,« sagte Raschdorf achselzuckend; -»ich für mein Teil red' ihm ja auch nichts Böses nach.«</p> - -<p>Damit sprang die Unterhaltung auf etwas anderes -über. Ein paar andere Gäste kamen noch, und der dicke Wirt -ging immer hin und her mit den gefüllten Schnapsgläsern. -Am meisten trank Hermann Raschdorf.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Drüben seine kranke Frau war allein. Am Nachmittag, -als ihr Junge heimgekommen war, hatte sie seit Wochen -wieder einmal eine glückliche Stunde gehabt. Den Hannes, -der mitkam, hatte sie mit einem Auftrag ins Nachbardorf -geschickt. Es war ihr zu unruhig, und sie wollte auch ihren -Heinrich allein für sich haben.</p> - -<p>Sie war so einsam. Höchstens daß ihr Vater aus dem -Dorfe kam und sie besuchte. Den Mann sah sie selten, und -wenn er da war, hatte er schlechte Laune. Und das Kind, -die Magdalene, war nicht fürs Stillsitzen. Ihr gesunder Körper -wollte hinaus zu Arbeit oder Spiel.</p> - -<p>So war sie eine stille Frau, immer sich selbst überlassen. -Da kamen so trübe Gedanken. Krank sein, immer krank, -keine Hoffnung haben auf völlige Heilung, machtlos zusehen, -wie dem Manne sein Hab und Gut langsam aus den Händen -glitt und den Kindern die Heimat versank, das war ihr Los.</p> - -<p>Aber die Märtyrerinnen murren nicht, und wenn sie -jemand um ihr Schicksal fragt, lächeln sie. Und es ist auch -im ärmsten Leben etwas Liebes und Lichtes.</p> - -<p>Der Heinrich! Er hing so zärtlich an ihr, er schrieb ihr -alle drei Tage einen Brief. Und wenn sie in stiller Nacht<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[45]</span> -leidend und wachend in ihrer tiefen Verlassenheit im Bette -lag, dann suchte auch ihre geängstigte Seele eine Heimat. -Durch die Nacht flog ihre Sehnsucht, hinab über Berge, hin -über rauschende Wälder und schlummernde Dörfer, bis zu -einer großen, glänzenden Stadt an einem breiten, tiefen -Strom, dorthin, wo die hellen Lichter nicht erlöschten die ganze -Nacht, wo das Leben flutete auf den Straßen und Plätzen, -und wo doch in einem einsamen Stüblein ein müder Knabe -schlief, dessen letzter Gedanke seine Mutter gewesen. Am -warmklopfenden, reinen Herzen dieses Kindes machten Frau -Annas Leid und Sehnsucht Halt und wurden stille – denn -dort war ihre Heimat.</p> - -<p>Und heute war diese Heimat ihr wieder nähergerückt, -heute war eigentlich auch sie nach Hause gekommen.</p> - -<p>Es war so schön gewesen die zwei Stunden, so, als ob -draußen goldener Sonnenschein wäre und die blassen Astern -im Garten strahlende Rosen seien. Von ihrem Kummer -und ihren Leiden hat sie ihm wenig erzählt, fast gar nichts. -Sie wollte sich diese Glücksstunde, auf die sie lange gewartet -hatte, nicht trüben. Sie fühlte ja auch nichts Schmerzliches, -sie war ganz gesund und glücklich.</p> - -<p>Aber dann war der Hannes zurückgekommen. Er hatte -sich heute sehr beeilt. Da hatte sie selbst dem Heinrich zugeredet, -er solle ein bißchen mit dem Hannes hinausgehen; -sie wolle nun ruhen.</p> - -<p>So war sie wieder allein. Aber das stille Lächeln auf -ihrem Gesichte blieb. Die Lene kam und brachte die Lampe. -Sie küßte die Mutter in großer Eile und ging bald wieder -hinaus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[46]</span></p> - -<p>Es war so stille. Man hörte, wie die Lampe knisterte. -Der Dackel war verfroren vom Felde gekommen und vertrug -sich heute sogar mit der Katze, nur um ein Plätzchen -am Ofen neben ihr in ungestörter Ruhe zu genießen.</p> - -<p>Die Uhr schlug sieben. Da ging draußen knarrend das -Hoftürchen, und ein schwerer, unsicherer Schritt schlurrte über -den Hof. Das war wohl ihr Mann. Sie lauschte. Die -Schritte verloren sich, er kam noch nicht ins Haus.</p> - -<p>Erst nach einer knappen Viertelstunde trat er bei ihr ein. -Er hing die Mütze an einen Nagel und sah sich unsicher um.</p> - -<p>»Wo is der Heinrich?«</p> - -<p>»Er is ein bißchen drüben beim Schaffer.«</p> - -<p>»So. Beim Schaffer? Ge – hört a da hin? Was? -Hierher gehört a! Der Schaffer is wohl wichtiger – wie -– wie ich – was?«</p> - -<p>Die Frau wandte sich ab.</p> - -<p>»Er kommt gleich wieder!«</p> - -<p>»So? Kommt gleich! – Will ich auch – will ich auch -wünschen.«</p> - -<p>Da ging schon die Haustür, und Heinrich kam. Hannes -war in seiner Begleitung Aber wie er sah, daß der »Herr« -in der Stube war, zog er es vor, draußen zu bleiben.</p> - -<p>»Guten Abend, Vater!«</p> - -<p>»Nu, kommste endlich?«</p> - -<p>»Ja, ich war ein bißchen beim Schaffer, weil Du noch -nicht da warst.«</p> - -<p>»Weil ich – weil ich nicht da war? Werd' wohl noch -amal fortgehen können – was?«</p> - -<p>»Ich bitte Dich, Hermann.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[47]</span></p> - -<p>Der Junge setzte sich niedergeschlagen und verschüchtert -an den Tisch.</p> - -<p>Sein Vater trat vor ihn, legte die Hand auf seine Schulter -und schüttelte ihn ein bißchen. Dann sagte er mit rauher -Stimme: »Na, haste schon die große Neuigkeit gehört, daß -wir – daß wir – so gut wie bankerott sind?«</p> - -<p>»Vater!«</p> - -<p>»Hermann, ich bitte Dich –«</p> - -<p>»Was is da zu schreien? In a paar Monaten da -wissen's alle alten Weiber – da pfeifen's die Sperlinge –«</p> - -<p>Der Knabe richtete die Augen auf den Vater – entsetzt, -fassungslos.</p> - -<p>»Vater! Was sagst Du? Das ist doch nicht wahr!«</p> - -<p>Er sprang auf, klammerte die Hände um den einen Arm -des Vaters, und der Mund verzog sich zu zuckendem Weinen.</p> - -<p>Raschdorf ließ schwer das Haupt sinken.</p> - -<p>»Es ist wahr – ich sag's ja eben – es ist nichts mehr -zu machen –«</p> - -<p>»Vater, müssen wir da fort von unserem Hofe? Müssen -wir da fort von zu Hause?«</p> - -<p>Der Mann war plötzlich nüchterner geworden.</p> - -<p>»Ja,« sagte er, und seine Stimme ging schwer, »es -geht hier mit uns zu Ende.«</p> - -<p>Da ließ ihn der Knabe los und brach in bitterliches -Weinen aus. Die kranke Frau im Lehnstuhl sah ihn mit -unbewegtem Gesichte an. Langsam aus der tiefsten Quelle -des Herzens stiegen zwei Tränen in ihre großen Augen. -Die galten ihrem Kinde, das einen Schicksalsspruch vernahm, -der es aus seiner Heimat verbannte, und das es nun nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[48]</span> -glauben wollte und mit unschuldigen Tränen und Bitten -sich dagegen vergebens wehrte. –</p> - -<p>Draußen war Nacht. Ringsum am Himmel hing ein -Kranz aus lichteren Wolken. Aber über dem Buchenhofe drohte -ein schwarzes Gewölk – finster, zerrissen. Regentropfen -rieselten aus der Unheilswolke und trafen den Buchenhof, -als ob ein finsterer Geist mit seinem Weihwedel dort oben -stände und einen schrecklichen Segen spräche: das Weihewort -des Verderbens.</p> - -<p>Eine dunkle Gestalt jagte flatternd über den Hof. Ein -Keuchen ging von ihrem Munde. Sie fiel. Sie sprang auf. -Die Haustür riß sie auf, die Stubentür:</p> - -<p>»Jeses, es brennt – es brennt in der Scheune!«</p> - -<p>»Es – es brennt!«</p> - -<p>Ein schriller Laut aus dem Munde der Frau, die sich -erhob und leblos zurücksank.</p> - -<p>»Es brennt?! Es brennt?!« Ein lallendes Kinderwimmern.</p> - -<p>»Es brennt!« Ein lautes, gellendes Männerlachen! –</p> - -<div class="figcenter" id="illu-052"> - <img src="images/illu-052.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[49]</span></p> -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_4">Kapitel 4</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-053"> -<div class="boxu box053u"> -<img src="images/illu-053.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box053l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Im Garten unter einem Apfelbaume, abseits von der -Menge stand Mathias Berger, der Lumpenmann, -und hielt mit seinen Armen Heinrich Raschdorf umschlungen. -Ringsum standen Tische, Schränke, Stühle, lagen Betten, -Kleider, Wirtschaftsgeräte verstreut im Garten.</p> - -<p>Der Markt der Unglücklichen!</p> - -<p>Die Fackeln des Unheils beleuchteten ihn. Das friedliche -Laub der Bäume zitterte vor der Höllenglut, färbte -sich rot und sank zur Erde. Und die kahlen Äste starrten dem -Feuer entgegen, wie zitternde Tiere vor ringelnden Schlangen -beben.</p> - -<p>»Heinrich! Du mußt ins Haus! Sieh mal, das Wohnhaus -brennt nich ab – das is nu vorbei! Du mußt ins -Warme, Heinrich!«</p> - -<p>»Ich will nicht, Mathias – ich – ich muß Wasser -tragen!«</p> - -<p>»Du kannst ja nicht mehr! Du bist ja durchnäßt, Du -zitterst ja am ganzen Leibe.«</p> - -<p>»Es ist ja unser Hof – ich – ich – oh – oh – -Mathias – –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[50]</span></p> - -<p>Der Knabe war ohnmächtig.</p> - -<p>Berger rief über den Garten:</p> - -<p>»Ehrenfried, he – Ehrenfried!«</p> - -<p>Ein Bauer kam heran.</p> - -<p>»Ehrenfried, paß a bissel auf hier, daß niemand was -stiehlt! Ich muß den Jungen ins Warme bringen; er holt -sich sonst den Tod.«</p> - -<p>Der Bauer war zu dem Dienst gern bereit.</p> - -<p>»Schaff' ihn doch zum Schräger rüber ins Wirtshaus,« -riet er.</p> - -<p>Berger schüttelte den Kopf und trug den ohnmächtigen -Knaben ins Wohnhaus. Die Leute machten ihm scheu Platz.</p> - -<p>Ein donnerndes Krachen dröhnte durch den Hof. Eine -hohe Mauer war zusammengestürzt. Funken sprühten um -das ohnmächtige Kind und seinen Retter.</p> - -<p>Drinnen in der Wohnstube war der große Ofen noch -warm, und Hund und Katze lagen friedlich unter der Ofenbank. -Sonst war alles ausgeräumt. Nur die Petroleumlampe -brannte noch. Aber ihr trautes Licht wurde schrecklich überstrahlt -von der roten Lohe, die von draußen hereinleuchtete.</p> - -<p>Berger legte den Knaben auf den Fußboden und ging -nach dem Garten zurück. Dort raffte er eine Menge Betten -auf und trug sie nach der Stube.</p> - -<p>Fürsorglich bettete er das kranke Kind, nachdem er es -der triefenden Kleider entledigt. Dann kniete er neben dem -Lager nieder und drückte einen Kuß auf die kalte Stirn des -Knaben.</p> - -<p>Da ging die Tür auf. Eine Frau trat langsam in die -Stube. Ihre Stirn war marmorweiß, aber auf den Wangen<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[51]</span> -brannte das Fieber, und das Feuer von draußen beleuchtete -sie.</p> - -<p>»Berger! Was ist denn? O Gott, was ist?«</p> - -<p>Der Lumpenmann erhob sich und erschrak.</p> - -<p>»Frau Raschdorf, Sie! – Sie sollen doch im Gasthause -bleiben! Es ist nicht gut für Sie –«</p> - -<p>»Was ist mit Heinrich? Berger, was ist mit Heinrich?«</p> - -<p>»Er ist ohnmächtig, gerade erst ohnmächtig geworden. -Er hat sich so sehr angestrengt, und dann die Aufregung –«</p> - -<p>»Heinrich, mein lieber Heinrich!« Und die Frau kniete -aufweinend neben dem Lager nieder.</p> - -<p>Berger schlich hinaus. Aus dem großen Durcheinander -im Garten suchte er den Lehnstuhl und eine Decke heraus -und trug beides nach der Stube.</p> - -<p>»Ich bringe Ihnen Ihren Lehnstuhl, Frau Raschdorf.«</p> - -<p>Sie erhob sich. »Mathias, er kommt nicht zu sich. Was -wird werden? Was wird mit ihm werden?«</p> - -<p>Der Lumpenmann beugte sich über das Kind.</p> - -<p>»Er wird schon wärmer. Ich denke, er wird bald aufwachen, -gut zugedeckt ist er ja, da wird er schwitzen, und -es wird ihm weiter nichts passieren.«</p> - -<p>Zitternd stand ihm die Frau gegenüber. Ihre Augen -leuchteten heiß auf, als sie ihn ansah; ein Zittern flog über -ihren Körper, und mit erregter Stimme sagte sie:</p> - -<p>»Mathias – Du – Du hast das einzige gerettet – -was ich noch habe.«</p> - -<p>Sie streckte die Hände aus und schlug sie über seine -Schultern, und ihr Gesicht sank matt an seine Brust in halber -Ohnmacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[52]</span></p> - -<p>Mathias Berger stand wie einer, der plötzlich stirbt -und dem nur eine heiße, letzte Lebenswoge noch schmerzhaft -und warm durchs Herz schlägt.</p> - -<p>Doch er raffte sich rasch zusammen. »Setzen Sie sich, -Frau – Frau Raschdorf und wachen Sie bei ihm!«</p> - -<p>Langsam ging er aus der Stube. –</p> - -<p>Und immer noch stand die Unheilswolke über dem -Buchenhofe. Die Feuerflammen schlugen hinauf zu ihr und -malten grellrote Lichter auf ihren schwarzen Untergrund. -Wie Blutstropfen fiel der leise Regen.</p> - -<p>Feuer von vollen Garben und duftendem Heu! In -wahnsinniger, trunkener, taumelnder Freude erhoben sich die -Feuerflammen. Draußen lagen die stillen, abgeernteten -Felder, und nun war es, als ob jeder Halm in der Scheuer, -jede vertrocknete Blume im Heu sterbend noch einmal das -stille Plätzchen im Feldgrund grüßen wollte, da es gegrünt -und geblüht und mit Faltern und zarten Winden gekost hatte. -Jetzt zuckten über die beraubten Fluren stolze, jubelnde -Flammensignale:</p> - -<p>»Triumph! Wir sterben einen roten, herrlichen Tod! -Erspart bleiben uns Tenne und Mühle. Die Natur ist groß, -und der Mensch ist nichts!«</p> - -<p>Die Menschen, die mit der Natur gerungen hatten im -langen, mühsamen Kampfe, die ihr die Beute abjagten mit -Schlauheit und Fleiß: sie standen bleich als die Besiegten, -die Geschlagenen, und die Beute war ihnen entrissen, und -ihr Bollwerk war zerstört.</p> - -<p>Frau Mutter Erde sah schweigend zu, aber die Witwenschleier, -die noch am Tage weiß und grau um ihre feuchte<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[53]</span> -Stirn hingen, färbten sich rot. Die Halme und Blumen sind -ihre Lieblingskinder, und der Mensch ist der Stiefsohn. – –</p> - -<p>Der Bauer Raschdorf saß auf einem umgestülpten -Karren. Finsteren Auges sah er der Verheerung zu. Nicht -einen Finger rührte er zur Hilfe. Von Zeit zu Zeit nur verzog -sich sein Gesicht; seine Hände klammerten sich an die -Beine und gruben sich oft schmerzhaft ins Fleisch. Und -neben ihm kauerte, Entsetzen in den schönen Kinderaugen, -die Magdalene, sein Ebenbild, sein Liebling.</p> - -<p>Die beiden Scheuern lagen verwüstet; nun brannte der -große Stall. Die Rinder zogen hinab ins Dorf. Ihr Brüllen -klang dumpf durch die Nacht.</p> - -<p>Vier oder fünf Spritzen aus dem Dorfe und aus den -Nachbarorten waren da. Sie hatten sich bemüht, als die -Scheuern brannten, das Wohnhaus und das Gesindehaus zu -retten. Das war ihnen auch gelungen, denn der Wind -war günstig. Aber die Giebel waren geschwärzt, die Fensterscheiben -zerplatzt.</p> - -<p>Und abseits von denen, die das Unglück traf, stand die -Menge mit ihren Gefühlen. Ein lähmender Schreck hatte -sie aus den Stuben gerissen, als die Glocke vom Turme -wimmerte und der Feuerruf durch die Gassen heulte. Aber -als sie sich überzeugten, daß sie selbst nicht in Gefahr seien, -legte sich die Angst sehr rasch. Mitleid kam, Lust zu helfen, -Lust zu schauen, Lust was zu erleben. Niemand von -diesen Leuten war müde, alle belebte die Sensation, und -so kam es auch hier wie immer, daß dicht neben das Grauen -und die Vernichtung der Humor sich unter die Gaffer stellte -und sich sein Sprüchlein leistete. Jetzt war nichts mehr zu<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[54]</span> -retten; aber immer, wenn eine neue Spritze ankam, trat -sie mit in Tätigkeit, und so fuhren die Wasserstrahlen in -den rettungslos weiter brennenden Stall lustig hinein und erzeugten -viel Zischen und Dampf.</p> - -<p>Zu ganz später Zeit, als das Feuer schon nachließ, kam -die Spritze eines Nachbarortes, der nur eine Viertelstunde -weit entfernt lag.</p> - -<p>»Die sind auch schon munter!« sagte einer laut.</p> - -<p>»Um die is 's nich schade,« bemerkte sein Nachbar ebenso -vernehmlich. »Der ihre Spritze is a Unikum. Bei der vertrocknen -im Sommer immer die Messingventile.«</p> - -<p>Die verspäteten Rettungsmannschaften machten ob -solch vorlauter und sehr applaudierter Rede grimmige Gesichter. -Aber da die Spötter recht behielten, mühten sie sich -ein wenig um ihre Spritze ab, pumpten, schraubten, rüttelten, -besahen sie mit verständigen Mienen von allen Seiten, überzeugten -sich aber, daß nichts zu machen sei, und fuhren deshalb -kopfschüttelnd wieder heim. Und das schöne Bewußtsein, -das Gute wenigstens gewollt zu haben, begleitete sie.</p> - -<p>Dort, wo die Weiber standen, war viel Lärm. Jede -hohe, stolze Flamme wurde mit viel Geschrei begleitet; über -alles, was geschah, wurde laut verhandelt, gezetert, gejammert -oder gelacht.</p> - -<p>Als Mathias Berger den Heinrich ins Haus trug, wurden -Rufe des Mitleids laut, auch als Frau Anna müde und krank -über die Straße geschritten kam. Aber als Berger den Stuhl und -die Decke holte, zwinkerten sich ein paar Weiber wortlos zu.</p> - -<p>Und dann schritt der Bauer Raschdorf schweigend an -ihnen vorbei, ohne sie anzusehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[55]</span></p> - -<p>Die Weiber sahen ihm nach und atmeten schwerer; aber -sie schwiegen, bis er weit genug war. Dann wollten sie alle -gern über ihn reden, aber keine hatte den Mut, anzufangen. -Nur zögernd, tropfenweise beginnend, aber immer anwachsend, -entstand ihre Rede, wie ein kunstgerecht gezogener Wasserfall.</p> - -<p>»O je,« seufzte die Mutigste und Ungeduldigste.</p> - -<p>»Den trifft's auch ordentlich,« sagte eine zweite.</p> - -<p>»Nu, da!« sagte eine dritte. »Und wenn man bedenkt, -wie er doch – wie er doch eigentlich –«</p> - -<p>Pause. Sie mochte nicht vollenden – die dritte. Aber -alle waren gespannt, geladen, übervoll von innerem Rededrange.</p> - -<p>Inzwischen stürzte abermals eine Mauer dröhnend zusammen. -Eine Schuttwolke, durch die Millionen Funken -blitzten, fuhr wirbelnd in die Höhe. Die Weiber waren bei -dem Knall zusammengefahren, aber sie vergaßen deshalb -nicht, was sie bewegte. Ein paar Sekunden sahen sie nach -dem rauchenden Trümmerhaufen, dann kehrte ihr Interesse -zu Hermann Raschdorf zurück.</p> - -<p>»Na, Gott verzeih' mir die Sünde!« sagte wieder die -Erste, Mutigste, Ungeduldigste. »Man soll ja keinem was -Schlechtes nachsagen, überhaupt bei so was, aber stolz war -der Raschdorf –«</p> - -<p>Sie konnte nicht vollenden, der Bann war gebrochen, -die Schleuse gezogen, die Fluten dröhnten. Es war ein -Chaos. Da kam über den Garten eine häßliche, dürre Frau -daher. Sie stellte sich zu ihren Mitschwestern, hörte ihr -Lärmen und lächelte fein. Das waren ja alles dumme Gänse -gegen das, was <em class="gesperrt">sie</em> wußte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[56]</span></p> - -<p>Allmählich brauste der Wasserfall schwächer – verlief -sich. Die Weiber sahen die Neue an. Sie ahnten mit feinem -Instinkt, daß sie etwas Besonderes wisse.</p> - -<p>»Was haste denn, Glasen?« fragte eine. »Haste was -gesehen oder gehört?«</p> - -<p>»Sie weiß was!« »Natürlich weiß sie was!« »Na, -seht och, wie sie tut!« »Warum will sie's denn nich sagen?« -»Wir sagen doch nischt weiter!«</p> - -<p>So sprudelte es durcheinander.</p> - -<p>Frau Glase blähte sich vor Stolz und Überlegenheit.</p> - -<p>»Was ich weiß, weiß niemand,« sagte sie kühl.</p> - -<p>Nun brach das Chaos wieder los.</p> - -<p>Das wäre doch unrecht, so was nicht zu sagen. Man -hätte doch keine Geheimnisse. Es wär' doch nichts dabei. -Überhaupt sei das gar nicht recht, erst so zu tun. Weitergesagt -würde doch nichts. Es seien doch alle immer sehr -freundlich zur Glasen gewesen. Eine habe gar bei ihr Pate -gestanden. Und sie seien doch so unter sich. Oder vielleicht -wisse sie überhaupt nichts.</p> - -<p>Das letzte Argument allein zündete; Frau Glase richtete -sich auf. Sie sah die Zweiflerin verächtlich an und -wandte sich darauf an die Allgemeinheit.</p> - -<p>»Aber daß Ihr nischt weitersagt!«</p> - -<p>Über ein Schock Finger fuhren beteuernd nach der -Gegend des Schürzenlatzes.</p> - -<p>»Ich hab' durchs Fenster gesehen, bloß wegen des -Jungen, es tut einem doch leid um so ein Kind, es war -ganz durchnäßt –«</p> - -<p>»Natürlich tut's einem schrecklich leid. Weiter!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[57]</span></p> - -<p>»Na, also da war erst der Berger allein und dann –«</p> - -<p>»Dann? Weiter, Glasen!«</p> - -<p>»Dann kam die Frau.«</p> - -<p>»Wir haben sie gesehen! Wir haben ja gesehen! Weiter, -Glasen! Dann kam die Frau. Und, und was war da?«</p> - -<p>Frau Glase machte eine Kunstpause und weidete sich -an der Spannung ihrer Mitschwestern. So ein großes und -stolzes Gefühl hatte sie noch nie empfunden in ihrem Leben.</p> - -<p>»Weiter, Glasen! Erzähl' doch weiter!«</p> - -<p>»Um den Hals genommen hat a sie.«</p> - -<p>»Um den Hals genommen!« Das wieherten sie.</p> - -<p>»Um den Hals genommen und geküßt!«</p> - -<p>»Geküßt!«</p> - -<p>Das Wort kam von allen zu gleicher Zeit. Dann war -es still. Es arbeitete zu sehr in diesen Weibern; sie konnten -nicht reden. Schreck, Freude, Sensationslust fuhren wie ein -jäher Sturm über ihre flachen Seelen, und der eigene Schlamm -rührte sich und warf Blasen.</p> - -<p>Allmählich nur beruhigten sie sich. Aber jetzt waren -sie stiller. Sie traten dichter zusammen und tuschelten und -raunten und taten entrüstet und verbargen ein Lachen und -waren alle sehr vergnügt.</p> - -<p>Ein Riese nahte der Gruppe; er trug zwei schwere Eimer -mit Wasser in den Händen. Schweigend, ohne auch nur -hinzusehen, wollte er vorübergehen.</p> - -<p>Da drang ein Laut an sein Ohr, der ihn verwirrte. -Er machte ein unbeholfenes Gesicht und glaubte, er habe -sich getäuscht; aber ein zweites und drittes Wort fing er -wider Willen auf. Da wurden ihm die Eimer schwer, und<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[58]</span> -er stellte sie auf die Erde. Noch so ein böses Wort, noch -eins. Da reckte sich der Riese.</p> - -<p>»Dreckschleudern, sauelendige! Wollt Ihr die Fresse -halten! Wollt Ihr wohl gleich die Fresse halten?!«</p> - -<p>Und ein Eimer eiskalten Wassers ergoß sich über die -Köpfe der Weiber, ihm folgte blitzschnell der zweite.</p> - -<p>Kreischen, Gellen, eilige Flucht, Lachen oder auch -zornige Zurufe der Männer, und August Reichel, der Schaffer, -stand allein und zitterte zum erstenmal in seinem Leben.</p> - -<p>Eine Weile stand er ganz stumm und dumm da. Hilflos -blickte er in die leeren Eimer. Es war richtig, er hatte -sie ausgegossen und eine laute, lange Rede dazu gehalten. -Es wunderte ihn, daß er etwas gesagt hatte. Das Ausgießen -fand er ohne weiteres in Ordnung. Einem Manne, -der lachend herankam und fragte, was denn der Schaffer mit -den Weibern habe, gab er keine Antwort. Er ergriff nur seine -Eimer und ging verdrossen nach dem Bache zurück, von wo -er gekommen war.</p> - -<p>Es soll wenig so peinliche Dinge auf der Welt geben, -als wenn jemand, der gerade mit Lust und Begeisterung -schimpft, unvermutet mit Wasser begossen wird. Bei irgendeinem -Heidenvolke hatte einmal der Gott der Gerechtigkeit -den Einfall, das unverhoffte Wasserbad vom Himmel aus -für alle schimpfenden und verleumdenden Menschen einzuführen; -aber der Gott der Weisheit widerriet ihm und sagte, -da käme die Welt aus der Sündflut nicht mehr heraus.</p> - -<p>Ein Teil der Weiber schlich still nach Hause. Das waren -jene, die nicht bloß froren, sondern sich auch schämten, denn -es waren auch viele gutmütige dabei. Die anderen liefen zu<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[59]</span> -ihren Männern und schimpften mehr als zuvor, und die -Männer nahmen sich der durchnäßten Ehefrauen an und -schimpften mit.</p> - -<p>So hatte August Reichel, der dumme, gute Riese, mit -seinen zwei Eimern Wasser nichts gelöscht, er hatte nur Öl -in ein böses Feuer geschüttet.</p> - -<p>Die Aufgeregten zogen sich ein wenig zurück und standen -beratend beieinander.</p> - -<p>Und es kam einer heran, der bisher mit offenem Munde -und blöden, glänzenden Augen ganz dicht am Feuer gestanden -hatte – Gustav Schräger, der idiotische Sohn des -Gastwirts. Immer nach drei Schritten blieb er stehen und -starrte in die lodernde Glut. Und dann reckte er die Hände -in die Luft, als wolle er die Flammen aneifern, immer -höher empor zu schlagen.</p> - -<p>»O je, es wird kleiner! Es ist nicht groß! Uff! Uff! -Hu! Brr! Aah!«</p> - -<p>Die Weiber deuteten auf den Idioten und lachten. -Dann riefen sie ihn an. Er kam langsam näher, grinste und -sagte ganz unvermittelt:</p> - -<p>»Der Herr Raschdorf hat's angezündet!«</p> - -<p>Die Gesellschaft schrak bei diesem Wort zusammen.</p> - -<p>»Gustav, wirste still sein! Das sagt man doch nich! -Aber Gustav!«</p> - -<p>Der Idiot schnitt eine Grimasse.</p> - -<p>»Ich weiß es! Er hat's angezündet! O! Ah! Dort, -das is fein! Hoch! Hoch! Brr!«</p> - -<p>Er wollte wieder zum Feuer zurück, aber ein Weib -hielt ihn am Arm fest.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[60]</span></p> - -<p>»Wie kannste denn so was sagen, Gustav? Das darfste -doch nich.«</p> - -<p>Er sah sie grinsend an.</p> - -<p>»Es is schön! Und es wird noch ein Mann verbrennen! -Paß auf! Und sie werden ihn tragen! Siehst Du! Siehst -Du! Dort! Ooh – oooh!«</p> - -<p>Er wollte sich losreißen, aber das Weib hielt ihn fest.</p> - -<p>»Gustav, Du mußt's uns sagen. Wie kannste denn -sagen: der Herr Raschdorf hat's angezündet? Du wirst ja -eingesperrt, wenn das rauskommt.«</p> - -<p>Der Idiot sah sie an und zog ein weinerliches Gesicht.</p> - -<p>»Ich laß mich nich einsperren! Ich will nich! Ich will -zum Feuer! Ich sag's meinem Vater! Laß mich doch los! -Du zwickst mich in meinen Arm!«</p> - -<p>»Aber woher weißte denn das vom Herrn Raschdorf, -Gustav?«</p> - -<p>»Er will mich rausschmeißen! Gar nischt zu sagen! -Es war kalt! Es war so kalt!«</p> - -<p>»Aber a hat doch nich angezündet?«</p> - -<p>»A hat's gesagt. A hat gesagt, a zünd't an. Laß mich -los! A hat's gesagt! Und ich soll raus – raus – Du -zwickst mich so – alte Gans!«</p> - -<p>Der Idiot brach in Heulen aus. Vergebens versuchten -die Weiber ihn zu beruhigen. Er riß sich los und -lief nach Hause.</p> - -<p>Der Gastwirt Julius Schräger kam keuchend heran.</p> - -<p>»Was habt Ihr mit dem Jungen? Was habt Ihr mit -dem unglücklichen Kinde?«</p> - -<p>Er war in riesiger Erregung. Ein Mann trat vor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[61]</span></p> - -<p>»Herr Schräger, wir haben ihm bloß gutt zugered't, -weil a – weil a was gesagt hat –«</p> - -<p>»Was hat a gesagt? Was hat a gesagt?«</p> - -<p>Sie schwiegen.</p> - -<p>»Was a gesagt hat, will ich wissen! Was Ihr mit -mein'm Jungen habt, will ich wissen!«</p> - -<p>Ein Mann faßte Mut. »Nu, ich sag's halt! Ich sag's -ja bloß nach. Mir kann keiner was anhaben.«</p> - -<p>»Was a gesagt hat, will ich wissen!«</p> - -<p>Schräger wurde feuerrot. Da trat der Mann an ihn -heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Die anderen waren -totenstill.</p> - -<p>»Das is Unsinn! Das sagt halt der dumme Junge so. -Das hat a vielleicht nich richtig verstanden. Gesagt hat der -Raschdorf was; aber das war gewiß nich so gemeint.«</p> - -<p>Schräger ging seinem Sohne nach, und die Menge blieb -erregt in flüsternder Unterhaltung zurück. Das Feuer ließ -langsam nach, aber die Unglückswolke stand über dem Buchenhof -schwärzer als zuvor.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein grauer Herbstmorgen kam. Die Spritzen und alle -die neugierigen Zuschauer waren fort. Mathias Berger und -August Reichel trugen aus dem Garten die letzte Truhe ins -Wohnhaus. Als sie den schweren Kasten aufheben, sah -Berger, daß ein umgebrochenes, hölzernes Kreuzlein darunter -lag; darauf stand zu lesen: »Hier ruht unser liebes Hühnchen.«</p> - -<p>Von der Herrschaft war nichts zu sehen. Die Frau lag -schwerkrank zu Bett, und der Herr hatte sich in eine Stube<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[62]</span> -eingeschlossen. Auf einem Sofa in feuchten Kleidern lag -Magdalene Raschdorf und schlief. Sie hatte rote Wangen -und lachte im Traum. Zwei Schritte davon entfernt hatte -sich Hannes auf die bloße Diele gebettet und lag regungslos -wie ein Toter.</p> - -<p>Heinrich stand draußen mitten im Schutt. Ein Mädchen -näherte sich ihm und sah ihn mit großen Träumeraugen -lange an.</p> - -<p>»Heinrich!«</p> - -<p>»Du – ach Du bist's, Schräger-Lotte!«</p> - -<p>Sie kam näher und sah ihm mit tiefer Teilnahme ins -Gesicht. Er schlug die Augen nieder und preßte die Lippen -fest aneinander. Er wollte sich beherrschen. Da faßte sie -ihn am Arm und lehnte den blonden Mädchenkopf an seine -Schulter.</p> - -<p>»Es tut mir leid um Euch, Heinrich! Ich hab' die -ganze Nacht geweint. Deine Mutter war bei uns und hat -auch so geweint.« Sie schluchzte.</p> - -<p>Da hielt er sich nicht länger, ein krampfhafter, dumpfer -Schrei kam ihm vom Munde.</p> - -<p>»Lotte! Jetzt – jetzt wissen wir nicht mehr, wohin.«</p> - -<p>Und er weinte bitterlich.</p> - -<p>»Heinrich – lieber Heinrich!«</p> - -<p>Es lag ein guter, tröstender Klang in dieser Stimme.</p> - -<p>Nach einer Weile beruhigte er sich. Er nahm Lotte -an der Hand und zog sie mit sich bis zu dem umgestürzten -Karren, auf dem in der Nacht sein Vater gesessen hatte. -Dort setzten sich die beiden Kinder nieder und schmiegten -sich dicht aneinander.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[63]</span></p> - -<p>Mit seltsamer Stimme sagte Heinrich: »Gestern, als ich -dort oben fuhr, dort oben auf der Straße, und unseren Hof -sah, da war ich so stolz und wollte ihn gern allen Bekannten -in Breslau zeigen und sagen: »Seht Ihr, das ist unser.« -Und nachher sagte mein Vater, wir seien bankerott, und in -der Nacht brannten wir ab.«</p> - -<p>Er fröstelte in sich zusammen, und das Mädchen rückte -ihm noch näher. Mit flüsternder Stimme sagte sie: »Sei -nur still, Heinrich! Der Vater sagt, ich erb' einmal unser -Haus und unsere Felder. Nachher schenk' ich Dir alles.«</p> - -<p>Der Knabe rührte sich nicht. Aber es ging warm durch -den jungen Körper. Langsam wandte er den Kopf und sah -Lotte an, die mit großen, schönen Augen tröstend zu ihm -aufschaute. Und da beugte er sich zu ihr und küßte sie feierlich -auf den Mund.</p> - -<p>»Wenn ich groß bin, werd' ich Dich heiraten, Lotte.«</p> - -<p>Das sagte er fest und bestimmt.</p> - -<p>Das Mädchen lächelte glücklich. »Aber den schönen -Fingerring hast Du der Liese geschenkt.«</p> - -<p>»Das war nur, weil ich mich vor dem Hannes und dem -Mathias schämte. Ich wollte ihn eigentlich für Dich.«</p> - -<p>Dann saßen sie schweigend. Ringsum war trüber Herbst, -und der Wind fuhr über die Ruinen und spielte mit Schutt -und Staub.</p> - -<p>Da sah das Mädchen nach dem Dorfwege.</p> - -<p>»Du, Heinrich, da kommt Dein Großvater!«</p> - -<p>»Ja, er ist's,« sagte der Knabe. »Der hat Feuer läuten -müssen in der Nacht. Denk' mal, Lotte, was das ist, in der -Nacht über den Kirchhof gehen und auf den finstern Turm<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[64]</span> -klettern. Und dann hat er mit seinen alten Augen vom -Turme auf das Feuer gesehen und gewiß an meine Mutter -gedacht.«</p> - -<p>Das Mädchen legte die Hand prüfend über die Augen. -Auch der Knabe sah wieder scharf nach dem Wege.</p> - -<p>»Sieh mal, Lotte, der Großvater kommt so schnell, und -sonst kriegt er doch so schwer Atem – und da hinten, wer -kommt da?«</p> - -<p>»Das ist der Wachtmeister, Heinrich!«</p> - -<p>»Der Wachtmeister? Was will der?«</p> - -<p>»Was will der?« wiederholte das Mädchen unschlüssig.</p> - -<p>Heinrich erhob sich erregt. »Ich will hinein, ich muß -wissen, was das bedeutet. Geh' auch heim, Lotte, es steht -so eine finstere Wolke über uns, und es fängt an zu regnen!«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-068"> - <img src="images/illu-068.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[65]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_5">Kapitel 5</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-069"> -<div class="boxu box069u"> -<img src="images/illu-069.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box069l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Das Verhör des Angeklagten war beendet. -Hermann Raschdorf hatte die Schuld, die -ihm zugemessen wurde, nicht eingestanden. -Der Zuhörerraum war überfüllt. -Wer aus dem Dorfe hatte abkommen -können, war zur Verhandlung gefahren.</p> - -<p>»A sieht riesig schlecht aus,« flüsterte der Schmied dem -Krämer zu.</p> - -<p>»Na, das is aber och,« sagte der. »Das nimmt einen -schon mit. Überhaupt so eenen wie den! Na, <span id="corr065">seh</span> och, was -a für graue Haare gekriegt hat.«</p> - -<p>»Nich a eenzigesmal sieht a sich um,« sagte die Glasen. -»A schamt sich halt zu sehr!«</p> - -<p>»Da soll sich eener och nich –«</p> - -<p>»Ruhe im Zuhörerraum!«</p> - -<p>Der Gastwirt Julius Schräger wurde aufgerufen. Mit -glühend rotem Gesicht trat er vor den grünen Tisch. Nicht -einen Blick sandte er nach dem Angeklagten, der seinen -Nachbar mit verängstigten Augen betrachtete.</p> - -<p>»Ich mache Sie auf die Heiligkeit und Wichtigkeit des -Eides aufmerksam! Sprechen Sie mir nach!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[66]</span></p> - -<p>»Ich schwöre, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts -verschweigen und nichts hinzusetzen werde! So wahr mir -Gott helfe!«</p> - -<p>Die Personalien des Zeugen wurden festgestellt, und -dann wurde Schräger aufgefordert, alles zu sagen, was er -etwa über die Entstehung des Brandes wisse.</p> - -<p>In unbeholfener Rede begann er. Er erzählte, daß -Raschdorf am Nachmittag des Brandtages bei ihm gewesen -sei, daß sie zuerst über die mißliche Vermögenslage des Angeklagten -gesprochen hätten; dann sei der Riedel-Bauer gekommen -und hätte von einem Feuer in der Nachbarschaft -erzählt. Und da hätte der Raschdorf gesagt, so schlimm sei -das Abbrennen gar nicht, weil doch die Versicherung zahle -und weil alle Leute einem Abgebrannten helfen.</p> - -<p>»Was haben Sie zu solchen Redensarten gesagt?«</p> - -<p>»Ich hab' gesagt, er solle sich nich versündigen!«</p> - -<p>»Jawohl, das war auch das einzig Richtige, was Sie -sagen konnten. Erzählen Sie weiter!«</p> - -<p>Ja, weiter wisse er nicht viel. Der Riedel hätte gesagt, -die Gebäude des Raschdorf seien doch sehr gut; aber da -hätte der Raschdorf entgegnet, der Stall tauge nichts und -die Dächer seien schadhaft; es gäb' überhaupt immer Flickereien. -Der Raschdorf sei etwas betrunken gewesen. Um -sieben Uhr sei er fortgegangen, und um halb acht Uhr sei eine -Magd vom Buchenhof gekommen und habe das Feuer gemeldet.</p> - -<p>»Sie haben mit dem Angeklagten in Geldgeschäften gestanden?«</p> - -<p>»Ja, ich hab' ihm manchmal borgen müssen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[67]</span></p> - -<p>»Zuletzt hat der Angeklagte einen großen Verlust durch -Aktienkauf gehabt. Es heißt, Sie hätten ihm zu diesem Geschäft -dringend geraten. Wie steht das?«</p> - -<p>Schräger wurde verlegen. Er erzählte, vor Jahren sei -ein Fabrikunternehmen als Aktiengesellschaft gegründet worden. -Da hätte er dem Raschdorf geraten, sich zu beteiligen. -Der Raschdorf hätte das auch getan.</p> - -<p>»Aber er hat damals eine Hypothek aufnehmen müssen, -um die Aktien zeichnen zu können?«</p> - -<p>»Ja, aber damals hat der Raschdorf noch sehr gut dagestanden.«</p> - -<p>»Es war ein gewagter Rat von Ihnen! Aber Sie meinten -wohl, die Sache sei sicher und werde rentabel werden?«</p> - -<p>»Ja – ja, das meint' ich!«</p> - -<p>»Das is nich wahr! Das is a Schwindel!«</p> - -<p>»Ruhe im Zuhörerraum! Wenn das noch einmal vorkommt, -laß ich den Störenfried sofort hier vorführen!«</p> - -<p>Die Dorfleute duckten sich zusammen und rückten ein -wenig von Mathias weg, der zitternd an der Barriere stand -und die Worte gerufen hatte.</p> - -<p>»Wissen Sie, Herr Schräger, wer der Brandstifter gewesen -ist?«</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p>Der Verteidiger erhob sich.</p> - -<p>»Eine Frage! Herr Schräger, Sie sind ein Freund und -Nachbar des Angeklagten gewesen. Sie kennen ihn genau -von Jugend auf. Halten Sie ihn der Brandstiftung für fähig?«</p> - -<p>Schräger wurde sehr unruhig. »Ich – ich weiß es -nich genau. Aber ich denke – a wird's wohl gewest sein!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[68]</span></p> - -<p>»Das is nich wahr! Das is 'ne Gemeinheit! Der Raschdorf -war's nich! Eher war's der Schräger schon selber!«</p> - -<p>Der Präsident fuhr empört in die Höhe.</p> - -<p>»Gerichtsdiener! Der Mann dort an der Barriere, der -das gerufen hat, ist sofort hier vorzuführen!«</p> - -<p>Ein Gerichtsdiener kam in den Zuhörerraum, und -Mathias Berger wurde dem Richter vorgeführt. Die Dorfleute -wagten kaum noch zu atmen.</p> - -<p>Die Personalien Bergers wurden festgestellt.</p> - -<p>»Wie können Sie sich erdreisten, hier wiederholt die -Verhandlung zu stören?«</p> - -<p>»Ich – ich halt' mich nicht, wenn ich seh', wie der – -der – der Lump da falsch aussagt!«</p> - -<p>»Ich werd' ihn verklagen!« sagte Schräger krebsrot vor -Wut.</p> - -<p>»Das ist Ihr Recht, Zeuge!«</p> - -<p>Der Staatsanwalt erhob sich.</p> - -<p>»Ich beantrage gegen Mathias Berger wegen groben -Unfugs vor Gericht drei Tage sogleich zu vollstreckender Haft!«</p> - -<p>So wurde erkannt und Berger abgeführt.</p> - -<p>Draußen auf dem langen Gerichtskorridor lehnte in -einer Fensternische Heinrich Raschdorf. Mathias Berger, den -der Gerichtsdiener sacht am Arme hatte, ging an ihm vorüber -und sah ihn mit einem wehen Blicke an.</p> - -<p>»Mathias – Mathias, was ist –?«</p> - -<p>»Heinrich, Dein Vater ist verloren!«</p> - -<p>»Mathias, ich will – ich – ich –«</p> - -<p>Er klammerte sich verzweifelnd an den Lumpenmann.</p> - -<p>»Geh weg, mein Junge, laß los!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[69]</span></p> - -<p>Er ließ nicht los, da schob ihn der Gerichtsdiener energisch -zur Seite.</p> - -<p>Der Knabe sah den beiden nach, die in dem langen -Korridor verschwanden. Dann trat er ans Fenster und starrte -hinab in den kahlen Gerichtshof.</p> - -<p>Drinnen im Gerichtssaal wurde eine Magd verhört.</p> - -<p>Sie habe im Kuhstall zu tun gehabt, aber dann habe sie -einen Futterkorb aus der Scheune holen wollen, und da -habe sie gesehen, daß es brenne. Da sei sie nach der Wohnstube -gelaufen.</p> - -<p>»Was hat der Angeklagte gesagt, als Sie ihm die Meldung -machten?«</p> - -<p>Die Magd schwieg.</p> - -<p>»Was Ihr Herr gesagt hat, als Sie ihm sagten, daß es -brenne, frage ich.«</p> - -<p>»A – – a hat gesagt: »Es – es brennt!« Und dann -hat a – hat a – gelacht!«</p> - -<p>Eine Bewegung ging durch den ganzen Gerichtssaal, -und der Angeklagte zuckte zusammen.</p> - -<p>Dann ein Knecht. Er sagte aus, der Herr sei in den -Pferdestall zu ihm gekommen und sehr lange dagewesen. -Er hätte über alles mögliche geschimpft, und dann sei er -gegangen. Wohin, das wisse der Zeuge nicht.</p> - -<p>»Heinrich Raschdorf!«</p> - -<p>Kein Atemzug war hörbar im weiten Gerichtssaal. Der -Angeklagte nur fuhr herum und wandte sein erdfahles Gesicht -der Tür zu.</p> - -<p>Gesenkten Kopfes, mit blutleerem Angesicht trat Heinrich -Raschdorf in den Gerichtssaal. Ein einziges Mal irrten<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[70]</span> -seine dunklen Augen im Kreise. Als er den Vater sah, öffnete -sich ihm der Mund, das Gesicht verzog sich, und er blieb -stehen. Aber dann senkte er die Augen und trat vor den -Richter.</p> - -<p>Der betrachtete den bildschönen Knaben, und durch die -kalten, forschenden Juristenaugen zuckte ein warmer Strahl.</p> - -<p>»Mein Kind! Du bist als Zeuge vorgeladen. Der Angeklagte -ist Dein Vater. Du darfst das Zeugnis verweigern. -Dann kannst Du bald wieder gehen!«</p> - -<p>Der Knabe hob die Augen und sah den Richter ängstlich -an.</p> - -<p>»Ich – ich will alles – alles sagen. Ich – ich habe -– habe selber angezündet!«</p> - -<p>Ein paar Schreie tönten aus dem Zuhörerraum, und -der Präsident vergaß den Ordnungsruf.</p> - -<p>»Du hast angezündet?«</p> - -<p>»Ja! – Ich – ich hab' Zigaretten – Zigaretten -rauchen wollen – in der Scheune – und da – da –«</p> - -<p>Der Angeklagte erhob die Hand.</p> - -<p>»Heinrich! Heinrich, ist das wahr?«</p> - -<p>Heinrich Raschdorf sah ihn nicht an und sagte:</p> - -<p>»Es ist wahr!«</p> - -<p>»Junge, wie kannst Du das so sagen? Du wirst ja -sofort eingesperrt, wenn das wahr ist. Bedenke doch das!« -mahnte der Richter.</p> - -<p>»Es ist wahr!« wiederholte Heinrich.</p> - -<p>Daran wurde er blaß und fing an so heftig zu zittern, -daß ihm der Richter gebot, sich einstweilen zu setzen, bis er -sich erholt habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[71]</span></p> - -<p>Die Verhandlung nahm ihren Fortgang.</p> - -<p>»August Reichel!«</p> - -<p>Der Riese tappte schwer in den Saal. Die Eidesformel -murmelte er so leise, daß ihn der Präsident ermahnen mußte, -vernehmbar zu sprechen.</p> - -<p>Mit unbeholfenem, ängstlichem Gesicht stand er vor -dem Gericht. Er sollte erzählen, aber er knurrte nur, brummte -unverständliches Zeug und brachte keinen Satz heraus. Da -verlegte sich der Richter aufs Abfragen.</p> - -<p>»Waren Sie zur Zeit der Tat im Hofe oder in den Wirtschaftsgebäuden?«</p> - -<p>Reichel starrte den Richter an und schwieg.</p> - -<p>»Ich frage, ob Sie an dem betreffenden Tage abends -in der Zeit von 7 bis ½8 Uhr sich im Hofe, im Stalle oder -in der Scheune aufgehalten haben?«</p> - -<p>Der Schaffer schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Nee!«</p> - -<p>»Wo waren Sie in dieser Zeit?«</p> - -<p>Reichel besann sich und sagte dann langsam:</p> - -<p>»Derheeme!«</p> - -<p>»Was heißt »derheeme?« Sie meinen, Sie waren zu -Hause in Ihrer Stube?«</p> - -<p>Reichel nickte.</p> - -<p>»Wer war bei Ihnen?«</p> - -<p>»Der Hannes und der Heinrich!«</p> - -<p>»Was haben die Knaben bei Ihnen gemacht?«</p> - -<p>»Sechsundsechzig!«</p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>»Sechsundsechzig! Ich bring's ihn' bei!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[72]</span></p> - -<p>Ein paar Geschworene grinsten.</p> - -<p>»Also die Knaben haben Karten gespielt? Wie lange?«</p> - -<p>»Bis um halb achte!«</p> - -<p>»Wieso gerade bis ½8 Uhr?«</p> - -<p>»Wie's halb schlug, nahm ich die Karten weg.«</p> - -<p>»So! Und dann ist Heinrich Raschdorf fortgegangen? -Allein?«</p> - -<p>»Nee, mit Hannes!«</p> - -<p>»Wissen Sie etwas über die Entstehung des Brandes?«</p> - -<p>Reichel schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Aber der Herr is 's nich gewesen!« sagte er.</p> - -<p>»Wieso ist er's nicht gewesen?«</p> - -<p>Reichel zuckte die Schultern.</p> - -<p>»Wissen Sie etwas, was dafür spricht, daß Ihr Herr -unschuldig ist?«</p> - -<p>Reichel nickte bedeutsam.</p> - -<p>»Ich sprech's!«</p> - -<p>Der Richter fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.</p> - -<p>»Ich meine, Reichel, das ist doch nur Ihre Ansicht! -Haben Sie irgendeinen Beweis dafür?«</p> - -<p>»A tutt's nich! A tutt's nich!«</p> - -<p>»Setzen Sie sich!«</p> - -<p>Der Schaffer setzte sich auf die schmale Zeugenbank -und streckte die mächtigen Beine weit in den Saal. Er machte -ein finsteres Gesicht, denn das viele Reden hatte ihn verdrossen. –</p> - -<p>»Johannes Reichel!«</p> - -<p>Hannes wurde halb zwangsweise in ganz jämmerlicher -Verfassung herbeitransportiert. Er zappelte an Händen<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[73]</span> -und Beinen und heulte zum Steinerweichen. Der Richter -redete ihm gut zu, aber davon wurde das Geheul ärger. -Da brüllte ihn der Beamte riesig an, und das half.</p> - -<p>Der Richter stellte zunächst fest, daß Hannes mit seinem -Vater und Heinrich zusammen gewesen sei.</p> - -<p>»Was habt Ihr gemacht?« fragte der Richter in seiner -wohlwollenden, aber etwas kurzen Weise.</p> - -<p>Über diese Frage erschrak der gute Hannes mächtig. -Er fing an zu heulen, hob die Hände bittend auf und schluchzte: -»Sechsundsechzig gespielt – aber ich werd's ja nich mehr -machen – ich werd's ja nich mehr machen – bloß nich einsperr'n -– och – och je – och je –«</p> - -<p>»Sei mal ruhig, Junge! Ob Ihr Karten gespielt habt, -ist mir egal. Da passiert Dir nichts. Erzähl' mal, wie der -Heinrich Raschdorf nach Hause gegangen ist. Aber nun sag' -die Wahrheit! Wehe Dir, wenn Du lügst. Also wie war -das?«</p> - -<p>Hannes erzählte, er sei mit Heinrich sofort hinüber nach -der Wohnstube gegangen.</p> - -<p>»Sag' mal, mein Junge, Karten gespielt habt Ihr also; -habt Ihr nicht auch geraucht?«</p> - -<p>»Nee, geraucht haben wir nich – gar nich geraucht -– gar nich a kleenes bissel –«</p> - -<p>»Johannes, lüge nicht! Ihr habt geraucht?«</p> - -<p>»A eenziges Mal haben wir Zigaretten geraucht, aber -das war im Sommer auf'm Felde – der Heinrich zwei und -ich eine – aber da wurd' uns so schlecht –«</p> - -<p>»Ob Ihr an dem Tage geraucht habt, wie's bei Euch -brannte?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[74]</span></p> - -<p>»Nee, da nich, da hatten wir ja gar keene Zigaretten. -Wahrhaftig nich!«</p> - -<p>»Seid Ihr nicht, ehe Ihr zu Raschdorf in die Wohnstube -ginget, in der Scheune gewesen?«</p> - -<p>»Nee, wir sind bald rübergegangen.«</p> - -<p>»Heinrich Raschdorf!« Der Knabe trat wieder vor.</p> - -<p>»Du hast gehört, was Dein Freund aussagt. Das ist -gerade das Gegenteil von dem, was Du sagst. Wer lügt -nun von Euch beiden?«</p> - -<p>»Ich – ich hab' geraucht – allein geraucht – in der -Scheune –«</p> - -<p>»Du hast allein geraucht? Wann hast Du geraucht? -Wann bist Du allein gewesen?«</p> - -<p>Der Knabe kam in tödliche Verlegenheit und wußte keine -Antwort. Hannes faßte Courage und meldete sich mit dem -Zeigefinger wie in der Schule.</p> - -<p>»Herr Lehrer, a schwindelt! A war ja immerfort bei -uns, und dann, wie wir rübergegangen sind, da is noch der -Robert mit uns gegangen, der Knecht.«</p> - -<p>»Robert Kirschner!«</p> - -<p>Der Knecht sagte aus, er sei aus dem Wagenschuppen -gekommen, da habe er die beiden Knaben aus dem Gesindehause -kommen sehen, und weil er den Heinrich, der gerade -erst zu den Ferien gekommen sei, noch nicht gesprochen habe, -sei er mit den Knaben gegangen und habe sie bis zur Tür -begleitet. Den Heinrich habe er in die Stube gehen sehen, -und mit dem Hannes habe er noch geplaudert. Und da sei -schon die Karoline gekommen und habe gesagt, daß es -brenne.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[75]</span></p> - -<p>»Heinrich Raschdorf! Warum lügst Du vor Gericht? -Warum beschuldigst Du Dich selbst?«</p> - -<p>»Mein Vater! Mein Vater!«</p> - -<p>»Du hast Deinen Vater retten wollen?«</p> - -<p>Der Knabe nickte unter heftigem Schluchzen. Es war -aus mit seiner Fassung.</p> - -<p>»Hat Dir jemand zugeredet zu einer solchen Aussage? -Sag' jetzt die Wahrheit, mein Junge! Du weißt, Gott sieht -Dir ins Herz. Und Du darfst Dein Herz nicht beflecken. Hat -Dir jemand zugeredet, Dich selbst falsch anzuklagen?«</p> - -<p>»Es hat mir niemand zugeredet!«</p> - -<p>»Wirklich nicht? Wie kamst Du darauf?«</p> - -<p>»Ich hab' so Angst – so schrecklich Angst!«</p> - -<p>»Setz' Dich, Heinrich Raschdorf!«</p> - -<p>»Frau Anna Raschdorf!«</p> - -<p>Die schwindsüchtige Frau wankt in den Saal. Auf ihren -Wangen blühten die Kirchhofsrosen.</p> - -<p>»Wollen Sie von Ihrem Recht der Zeugnisverweigerung -Gebrauch machen, Frau Raschdorf?«</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p>Sie sagte aus, was sie wußte. Sie leugnete nicht, daß -Ihr Mann nicht nüchtern gewesen sei; aber als er dem -Knaben mitgeteilt, der Ruin stehe vor der Tür, habe er gebebt. -Und durch den Brand sei es nur schlimmer geworden. -Maschinen seien verbrannt, die nicht versichert seien, die -ganze, reiche Ernte sei verbrannt, das Vieh müsse auswärts -sein. Das Elend sei erst durch den Brand voll geworden.</p> - -<p>Eine Reihe anderer Zeugen wurde noch vernommen, -ohne daß etwas Erhebliches zutage gefördert wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[76]</span></p> - -<p>Die Plaidoyers begannen.</p> - -<p>Der Staatsanwalt führte aus:</p> - -<p>Der Angeklagte sei in einer verzweifelten Vermögenslage -gewesen. Er habe am Johannitermin die Zinsen nicht zahlen -können und am Michaelitermin auch nicht. Dazu sei eine -Wechselschuld gekommen, die er nicht habe tilgen können. -Am Nachmittag des Brandtages nun sei durch die Erzählung -des Bauern Riedel die Phantasie Raschdorfs angeregt worden; -er habe in einem Brande einen günstigen Ausweg erkannt -und diesem Gedanken auch durch außerordentlich belastende -Worte Ausdruck verliehen. Sein Hirn sei durch reichlich genossenen -Alkohol weiter erhitzt worden, und so sei der Vertreter -der Anklage der vollen Überzeugung, der Angeklagte -habe das Feuer in der Scheune angelegt, sei darauf in den -Pferdestall gegangen, wo er durch ganz unmotiviertes Herumschimpfen -sich habe gleichgültig und unverdächtig stellen -wollen, und habe sich dann nach der Wohnstube begeben. -Im Rausch hätte er es dann nicht verhindern können, zu -lachen, als die Magd das Feuer meldete. Welcher Bauer -lache wohl, wenn ihm Feuer in seinem Gehöft gemeldet -würde? Die Tatsache, daß sich die Vermögenslage des Angeklagten -durch den Brand verschlechtert habe, könne entlastend -nicht ins Gewicht fallen. Raschdorf habe einen vorläufigen -Aufschub, eine Wendung der Dinge gewünscht; -die Aussicht, viel bares Geld in die Hand zu bekommen, -habe ihn verlockt. Verdächtig erscheine dem Staatsanwalt -auch die Aussage des Heinrich Raschdorf. Welches Kind klage -sich selbst eines so furchtbaren Verbrechens an, wenn es nicht -dazu angeregt, geradezu verführt worden sei? Ein Kind habe<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[77]</span> -Angst vor dem Gericht; es suche sich eher reinzuwaschen als -sich zu belasten. Dieser Knabe Heinrich Raschdorf habe entlastend -wirken wollen, aber das Gegenteil sei eingetreten. -Es sei eine verunglückte Komödie gewesen. Auch den anderen -Zwischenfall wolle der Staatsanwalt nicht unerwähnt lassen. -Vom Zuhörerraum sei Partei genommen worden für den -Angeklagten, und der Hauptbelastungszeuge Schräger sei -beleidigt und geradezu selbst beschuldigt worden. Gerade -dieser Zeuge sei aber durchaus glaubwürdig. Durch den -Brand sei sein eigenes Gehöft, das ganz in der Nachbarschaft -liege, höchst gefährdet gewesen; dazu komme, daß Schräger -den ganzen Nachmittag in Gesellschaft seiner Gäste in der -Wirtsstube gewesen sei bis zum Ausbruch des Brandes. -Und dieser Mann, der den Angeklagten von Jugend auf -kenne, der sein Freund sei und ihm dutzendmal aus finanziellen -Notlagen geholfen habe, der nun bei Verurteilung des -Angeklagten und dem daraus resultierenden finanziellen -Zusammenbruch wahrscheinlich sein Geld verliere, sei unter -dem Druck des Eides doch nicht fähig gewesen, auszusagen, -daß er seinem Freund, Nachbar und Schuldner die Tat nicht -zutraue. Er, der Staatsanwalt, bitte die Herren Geschworenen, -das Schuldig auszusprechen, damit die Bestrafung des -Verbrechers erfolge.</p> - -<p>Ein Schrei. Heinrich Raschdorf lag mit weit ausgestreckten -Armen im Gerichtssaal, mit dem Gesicht auf der Erde.</p> - -<p>Der Schaffer hob ihn auf und trug ihn behutsam aus dem -Saale. Ihm folgte Frau Anna.</p> - -<p>So war Hermann Raschdorf allein. Weder Frau noch -Kind hörten die Rede des Verteidigers. Die Ausführungen<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[78]</span> -dieses Mannes bestanden in der Hauptsache darin, daß Hermann -Raschdorf, der ein gewisses Maß von Bildung besitze, -nie und nimmer ein so plump angelegtes Verbrechen begangen -haben könne. Er würde sich, selbst im Rausche, gehütet -haben, kurz nachdem er die unvorsichtigen Worte gesprochen, -eine Tat zu begehen, deren er mit großer Wahrscheinlichkeit -verdächtigt werden mußte. Dazu komme, daß -Raschdorf durch den Brand seine Vermögenslage verschlechtert -sehe. Er, Verteidiger, sei der Ansicht, daß das Feuer schon -angelegt gewesen sei, als Raschdorf noch in der Schenke saß. -Um seinen psychologischen Tiefblick könne der Verteidiger -den Herrn Staatsanwalt nicht beneiden. Es komme sehr wohl -vor, daß ein Mensch, dem ein furchtbares Unglück gemeldet -würde, jäh auflache, das sei ein viel intensiverer Ausdruck -des Jammers als Tränen; denn so, wie es Freudentränen -gibt, so gibt es ein Lachen der Verzweiflung, und das sei -bei Hermann Raschdorf wohl vorauszusetzen gewesen, der -kurz vor der Meldung des Feuers seinem Sohne Mitteilung -von dem drohenden Bankrott gemacht und sich in schwerer -Gemütsbewegung befunden habe. Noch mehr tue es aber -dem Verteidiger leid, daß der Herr Staatsanwalt die Kindesliebe -des kleinen Heinrich Raschdorf, die hier so echt und ergreifend -in Erscheinung getreten sei, eine verunglückte Komödie -genannt habe. So geschickt spiele auch der befähigtste -Knabe nicht Komödie, daß er ohnmächtig zusammenbricht, -wenn er von schwerer Strafe hört, zu der er den geliebten -Vater schon verurteilt glaubte. Sehr wohl komme es aber -vor, daß ein Kind in der Angst seines Herzens sich fälschlich -selber anklage, um ein geliebtes Wesen zu retten. Der Idealismus<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[79]</span> -liege eben einer Kindesnatur näher als einem Staatsanwalt. -»Meine Herren Geschworenen! Ich erwarte von -Ihrem Gerechtigkeitsgefühl aufs bestimmteste, daß Sie diesen -Mann nicht ins Zuchthaus schicken werden auf einen bloßen -Verdacht hin, dessen Beweis in keiner Weise gelungen ist; -daß Sie einem so heldenmütigen Knaben nicht den Vater, -einer so kranken Frau nicht den Mann, einem so verwüsteten -Besitztum nicht den Retter nehmen werden. Im ganzen aber -appelliere ich nicht an Ihr Mitleid, sondern an Ihre Gerechtigkeit -und erwarte den Freispruch.«</p> - -<p>Die Geschworenen zogen sich zurück. Die Wintersonne -schien strahlend in den kahlen Gerichtsraum, Schellengeläute -ertönte von draußen, und das Lachen lustiger Menschen -schallte von der Straße.</p> - -<p>Und hier saß ein Mann, dessen Schicksal in den Händen -schwacher Menschen lag.</p> - -<p>In der Ferne schlug eine dumpfe Glocke dreimal.</p> - -<p>»Drei! Paß auf, a kriegt drei Jahre,« flüsterte erregt -die abergläubische Glasen im Zuhörerraum.</p> - -<p>»Mir wird schlecht,« sagte die Krämerin und ging hinaus.</p> - -<p>Und nun wieder diese schwere Stille. Hin und wieder -hörte man leise die Feder des zurückgebliebenen Staatsanwalts -kratzen, der gleichmütig Akten las und unterschrieb.</p> - -<p>Die Geschworenen kamen zurück. Kein Laut ging durch -den weiten Saal. Auch draußen war's still.</p> - -<p>»Die Geschworenen haben die Schuldfragen verneint. -Hermann Raschdorf ist freigesprochen und alsbald aus der -Haft zu entlassen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[80]</span></p> - -<p>Da begrub der Mann auf der Anklagebank sein Gesicht -in beide Hände und weinte wie ein Kind. Eine Qual taute -auf, eine furchtbare, lange Qual.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die große Gaststube des »Gelben Rosses« war überfüllt. -Es war nachmittags gegen 4 Uhr. Nur Bauern waren -da, die von der Schwurgerichts-Verhandlung kamen und im -»Gelben Roß« ihre Pferde und Fuhren untergebracht hatten.</p> - -<p>Da herrschte wüstes Stimmengewirr. Die Leute hatten -alle rote Gesichter, und auch die Langsamen und Schläfrigen -unter ihnen waren aufgeregt und redeten viel oder grunzten -wenigstens viel öfter und intensiver als sonst. Die viele innere -Hitze brachte reichlichen Alkoholgenuß und der Alkohol wiederum -viel innere Hitze zuwege, und die Bestellungszurufe -an die Bedienung wie die Prostschreie waren das einzige, -was abseits der Affäre Raschdorf gesprochen wurde.</p> - -<p>Irgendein Verein zog draußen mit klingender Musik -vorbei. Aber nur wenige Weiber traten ans Fenster. Den -Männern war das Schauspiel, das sie sonst sicher über die -Maßen interessiert hätte, heute gleichgültig.</p> - -<p>Ein Bauernbursche kam in die Stube und meldete seinem -Herrn, das »Handpferd tue so komisch, es kriege vielleicht -die Kolik«. Zu jeder anderen Zeit wäre eine solche Meldung -ein Alarmsignal zu allgemeinem Aufbruch nach dem Pferdestall -gewesen, wo jeder seine Weisheit und Erfahrung zeigen -konnte; heute hatte der Besitzer Mühe, seinen Schwager zu -bereden, mit ihm »zum Rechten« zu sehen.</p> - -<p>Wie wenn eine Dreschmaschine in einem großen Hofe -summt, zischt, poltert, klappert, rasselt, qualmt, – so war's.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[81]</span></p> - -<p>Aber eine Stimme im Bauernhofe gibt's, die selbst den -Lärm der Dreschmaschine übertönt, das ist, wenn ein rechter -Hahn kräht, und eine Stimme gab's auch in dieser Versammlung, -die über all den wüsten Skandal sich erhob, das war die des -Barbiers.</p> - -<p>»Der Staatsanwalt, der – der is mei Mann! Der Verteidiger -– äh, das is 'n Jude. Der macht's fürs Geld! Aber -der Staatsanwalt, der hat's ihm gegeben! Donnerschlag, -der Mann hat was weg!«</p> - -<p>Es wurde ein bißchen ruhiger, und der Barbier konnte -fortfahren: »Wer soll's denn eigentlich gewesen sein? Is -'n eenziger Bummler an dem Tage im Dorfe gewesen? Was? -Habt Ihr einen gesehen? Ich nich! Und einer aus'm Dorfe? -In unserm Dorfe gibt's kein'n Anzünder, es wär' denn -grade –«</p> - -<p>»Du, sag' bloß nischt vom Gastwirt Schräger,« warnte -einer.</p> - -<p>»Wer spricht 'n vom Schräger? Höchstens der Berger! -Und der wird ja wissen, warum a zu Raschdorfen hält!«</p> - -<p>Da wurde es noch stiller. Nur einige lachten vor sich -hin, und die Glasen versuchte, verschämt auszusehen.</p> - -<p>Der Barbier nahm wieder das Wort:</p> - -<p>»Ich gönn' keinem was Schlechtes, aber dem Berger, -dem is recht. Da hat a doch amal was uff sei großes Maul. -Damals, wie a das Schandgedichte uff mich gemacht hat: -»Versichert's Leben, der Bader kommt!« – Ja, da lacht -Ihr schon wieder – wie damals – wie damals lacht Ihr, -aber wen läßt denn der Berger in Ruh'? Keenen! Keen' -eenzigen! A bild't sich ein, a is klüger wie a Bauer. So a<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[82]</span> -Lumpenmann, so a Stromer! Jetzt hat a Zeit, Gedichte -zu machen, drei Tage lang! Der Staatsanwalt läßt sich -nischt vormachen. Jetzt kann a die Gefängnismauer abschmatzen!«</p> - -<p>»Der Barbier is a Hauptkerl!« sagte einer voll Anerkennung.</p> - -<p>»Na, ich sag' Euch,« fiel dieser geschmeichelt ein, »ich -hätt' nich Zeuge sein dürfen, da wär's anders gekommen, -ganz anders; ich hätte schon gered't, ich hätt' den Herren -schon a Lichtel uffgesteckt. Aber wenn solche Mohhörner -dastehn wie der Reichel-Schaffer –«</p> - -<p>Alle lachten.</p> - -<p>»Vom Sechsundsechzigspiel'n quatscht das Rindvieh, -als wenn das dazu gehörte – 's ganze Gericht hat ja gelacht, -wie der sich blamierte. Aber solche Zeugen brauchte der -Raschdorf!«</p> - -<p>»Na, aber gutt sah der Raschdorf nich aus, wie a so uff -der Anklagebanke saß.«</p> - -<p>»I ja, da vergeht ein'm 's Dicketun! Früher da konnt' -a nischt fein genug haben. Ich durft' ihm die Haare und a -Bart nich verschneiden. »Sie schneiden mir Treppen in a -Kopp,« sagt a, und da fuhr er in die Stadt und gab 20 Pfennig -fürs Haarschneiden. Na, wer's so häufig zum Wegschmeißen -hat!«</p> - -<p>»'n riesigen Stolz hatt' a, das is wahr,« sagte wieder ein -anderer; »wenn nich einer gerade auf der Schulbanke mit -ihm gesessen hatte, mit dem machte der nich Brüderschaft.«</p> - -<p>»Nee, nee, nee!«</p> - -<p>Es entstand wieder allgemeines Gespräch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[83]</span></p> - -<p>Da kam Schräger. Wenn der Pfarrer in die Stube -getreten wäre, es wäre nicht halb so still geworden -wie jetzt.</p> - -<p>Der Gastwirt sah sich verdrossen um und ging an -einen Tisch. »'ne Tasse Kaffee und a Paar Wiener!« bestellte -er.</p> - -<p>»Prosit, Herr Schräger!« schrie der Barbier und näherte -sich dem Tisch.</p> - -<p>Die andern sahen gespannt zu.</p> - -<p>»Prosit! Prosit!« antwortete Schräger kurz. In diesem -Augenblick öffnete sich die Tür, und hinter einer Dienstmagd, -die flüchtig hereinkam, trat Heinrich Raschdorf in die Stube. -Niemand sah auf die Magd und den Knaben; alle blickten -nach dem Tisch Schrägers. Heinrich blieb erst unschlüssig -stehen, dann setzte er sich auf einen Stuhl, der in einem Winkel -am Schanksims stand. Die Mutter hatte ihn, als ihm unwohl -geworden war, nach dem Gasthause gebracht; aber er hatte -sich rasch wieder erholt. Dann war jemand gekommen, der -gesagt hatte, der Vater sei freigesprochen, und da war die -Mutter gegangen, den Vater zu holen. Er selbst mußte zurückbleiben -und wartete hier auf die Eltern.</p> - -<p>»Nu, Herr Schräger, Sie sind ja so stille,« sagte der -Barbier, »Sie ärgern sich doch nich etwa?«</p> - -<p>»Da soll sich einer nich ärgern! Aber ich verklag' den -Berger, ich verklag' den Kerl! Das laß' ich mir nich gefall'n!«</p> - -<p>»Nu, das könn'n Sie sich ja gar nich gefall'n lassen. -Wir haben gerade davon gesprochen. Der Berger hat halt -Ursache, daß a zu Raschdorfs hält – na, Sie wissen ja – -und Sie haben ja glänzend dagestanden, Herr Schräger.<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[84]</span> -Wie Sie der Staatsanwalt rausgestrichen hat, und a hat doch -gesagt, Sie sind ganz unverdächtig.«</p> - -<p>»Das will ich meinen, daß der's nich gewesen is, der -a ganzen Tag in der Stube steckt und sein Geld zusetzt. Oder -traut mir das überhaupt jemand zu?«</p> - -<p>Schräger stand auf und musterte herausfordernd den -Kreis. Ein lebhaftes Protestieren ging los, und ein paar -Bauern schüttelten dem Wirt die Hände.</p> - -<p>»Wir wissen 's schon, wer 's gewesen ist,« krähte der Barbier; -»und wenn ihn 's Gericht zehnmal freispricht, der -Raschdorf war's doch. Die stolze Bande –«</p> - -<p>»Jeses, der Junge!«</p> - -<p>Ein Weib schrie es, und nun sahen alle nach dem dunklen -Winkel, aus dem Heinrich Raschdorf hervortrat. Mit glühenden -Augen, wie ein gereiztes Raubtier, so stand er da; die weißen -Zähne blitzten und bissen knirschend aufeinander; die Fäuste -ballten sich – er bückte sich ein bißchen, sprang an, kletterte -an dem langen Bader empor und hieb ihm die Faust ein -paarmal derart auf Mund und Nase, daß dem Manne das -Blut übers Gesicht rann.</p> - -<p>»Ich schlag' Dich tot, Bader, ich schlag' Dich tot!«</p> - -<p>Der Bader fluchte, schrie, wehrte sich und machte sich -mühsam frei. Er wollte sich auf das Kind stürzen, aber das -Blut rann ihm so reichlich und die Augen tränten ihm so -stark, daß er hinaus nach dem Hofe mußte.</p> - -<p>Die anderen waren starr.</p> - -<p>Heinrich Raschdorf stand mitten in der Stube.</p> - -<p>»Wer das noch einmal sagt – das von meinem Vater, -den hau' ich gerade so!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[85]</span></p> - -<p>Ein paar Leute brummten oder lachten leise.</p> - -<p>»Mein Vater ist freigesprochen – er ist unschuldig – -das Gericht hat's gesagt, und das müßt Ihr glauben!«</p> - -<p>Niemand rührte sich. Heinrich schoß das Wasser in die -Augen.</p> - -<p>»Ist jemand, der das nicht glaubt, daß mein Vater unschuldig -ist?« fragte er hilflos.</p> - -<p>Kein Laut in der Stube.</p> - -<p>»Aber er gehört doch zu Euch, Ihr müßt es doch glauben!« -Das sagte er in bettelndem Tone.</p> - -<p>Ein gegnerisches Gemurmel erhob sich. Kein freundlicher -Zuruf erfolgte. Da brach Heinrich Raschdorf in bittere, zornige -Tränen aus:</p> - -<p>»Dann – dann – seid Ihr alle – alle miteinander -Schufte!«</p> - -<p>Und ehe noch die Männer sich schwerfällig und schimpfend -erhoben, den Knaben zu strafen, war Heinrich Raschdorf -verschwunden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Eine stille Straße entlang kam müde ein Mann gegangen, -und neben ihm ging eine hustende Frau.</p> - -<p>Ihnen trat Heinrich entgegen.</p> - -<p>Er blieb vor dem Vater stehen, aber er gab ihm nicht -die Hand. Scheu sah er mit seinen Kinderaugen den Vater an.</p> - -<p>»Vater, sag' mir, ob Du's gewesen bist?«</p> - -<p>Hermann Raschdorf fühlte die Wucht des Augenblicks.</p> - -<p>»Nein, Heinrich, ich war's nicht!«</p> - -<p>Er sagte es ruhig und fest.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[86]</span></p> - -<p>Da atmete der Knabe tief auf, erfaßte die Hand des -Vaters und küßte sie.</p> - -<p>Bis vor die Stadt gingen die drei und warteten, bis der -Schaffer kam und sie in sein Gefährt aufnahm.</p> - -<p>Nicht ein Wort wurde gesprochen auf der langen Fahrt. -Der frühe Abend war schon angebrochen, als sie zu Hause -ankamen. Einen langen, scheuen Blick warf der Buchenbauer -hinüber nach den verwüsteten Gebäuden. Da fuhr ein kalter -Windstoß über die Trümmer und traf den Buchenbauer -ins Gesicht, wie ein eisiges Urteil.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Der Raschdorf is freigesprochen,« sagte auf dem Heimweg -der Barbier. »Aber ich räch' mich an ihm, und der Kanaille, -dem Jungen, streich ich's an. Wenn mir bloß nicht -immer so leichte die Nase blut'te! Ich hätt'n ermurkst! -Aber den Alten bring' ich rein, und wenn a zehn Juden bezahlt. -Ich ruh' nich, bis alles raus is und bis a drinne sitzt!«</p> - -<p>Und ob der böse Schaumschläger seine lächerliche Drohung -auch nicht erfüllen konnte, er tat etwas Schlimmeres. Von -Haus zu Haus führte sein Geschäft, und in jedem Hause stahl -er den Raschdorfs etwas von der heiligen Erde, auf der wir -allein unsere Heimat gründen können – von dem Herzenslande -der Liebe und Sympathie der Gemeindegenossen.</p> - -<p>Wer keinen Hof und keinen Fuß breit eigenen Bodens -besitzt, kann doch eine Heimat haben, aber wem die Mitbürger -ein Plätzchen idealen Baugrundes in ihren Herzen -verweigern, der ist heimatlos.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-090"> - <img src="images/illu-090.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[87]</span></p> -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_6">Kapitel 6</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-091"> -<div class="boxu box091u"> -<img src="images/illu-091.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box091l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Es war Neujahrstag. Jahre gibt es, in denen -die Zeit müde und schläfrig an unserem Herde -sitzt und ihre grauen Alltagsfäden spinnt, daß wir -nicht merken, wie Frühling und Sommer rinnen -und wie wir in der Gleichförmigkeit der Tage älter -werden. Aber Jahre gibt es auch, wo die Zeit -wirtschaftet und schaltet wie ein veränderungswütiges -Weib: zerstört und aufbaut, rückt, schiebt, -ändert, neue Blumen an unsere Fenster pflanzt, -Leute hinausdrängt und andere hereinruft und -uns am Ende ein Heim zeigt, das wir nicht -wiedererkennen.</p> - -<p>So ein Jahr kam für den Buchenhof.</p> - -<p>Am Neujahrstage fing's an. Schräger war in die -Stube getreten und hatte von Raschdorf erfahren müssen, -daß sich dieser weder die vertrauliche Anrede »Hermann« -noch das »Du« weiter von seinem Nachbar gefallen lassen -wolle.</p> - -<p>»So will ich mich auch nich erst setzen,« sagte Schräger -gekränkt; »so will ich bloß kurz und bündig sagen, daß ich die<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[88]</span> -20 000 Mark kündige. Ich werd' dann noch einen Brief -schicken, daß es gesetzmäßig ist. Adieu!«</p> - -<p>Raschdorf rührte sich nicht und sagte auch kein Wort. -Schräger ging langsam zur Tür. Er drehte sich noch einmal -um und sah Raschdorf fragend an. Aber der blieb völlig -regungslos. Da ging Schräger aus der Stube.</p> - -<p>Eine Stunde später brachte ein Knecht die schriftliche -Kündigung und gab sie dem Buchenbauer persönlich ab. -Unter dem Schreiben standen außer Schrägers Unterschrift -noch die Worte: »Ernst Riedel, Gutsbesitzer, als Zeuge.«</p> - -<p>Der Buchenbauer war ein anderer geworden, seit er -aus dem Gefängnis zurück war. Er sprach selten noch ein -Wort, er ging nie in ein Gasthaus, er schimpfte nicht mehr, -er klagte auch nicht. Scheu und gedrückt brachte er die Tage -dahin. Das Vieh, das bei den Bauern im Dorfe einquartiert -gewesen war, hatte er verkauft. Er mochte keine Gefälligkeiten. -So war er ein Bauer, der kein Stück Rind und kein -Pferd mehr besaß und dessen Scheuern und Ställe in Schutt -lagen.</p> - -<p>Und am Nachmittag dieses Neujahrstages kam noch ein -Bote und brachte einen Kündigungsbrief aus dem Dorfe -über 5000 Mark, und außer dem Namen des Gläubigers -stand unter dem Schreiben noch ein anderer unterschrieben -»als Zeuge«.</p> - -<p>Da sah der Buchenbauer mit einem langen Blick hinüber -nach dem Kretscham und wußte, wer diesen zweiten -Brief veranlaßt hatte.</p> - -<p>Am Abend war die Familie zusammen. Sonst waren -am Neujahrsabend noch einmal die Christbaumlichter angezündet<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[89]</span> -worden. Dieses Jahr war es vergessen worden, -eine Tanne zu schmücken.</p> - -<p>So schwermütig tickte die Uhr diese ersten Stunden des -neuen Jahres herunter. Ein Brief lag auf dem Tische. Aus -einer fernen Stadt wünschte ein Zigarrenkaufmann dem -Buchenbauer Glück zum neuen Jahr. Sonst hatte niemand -eine Karte geschickt.</p> - -<p>Ein paarmal versuchte die kranke Frau, ein Gespräch anzufangen. -Raschdorf gab ihr zerstreute, widersinnige Antworten. -Er starrte immer blinzelnd in das Lampenlicht, und -dann las er die Glückwunschkarte des Kaufmanns – dutzendmal.</p> - -<p>Von den Kündigungen sagte er nichts.</p> - -<p>Auch drüben im Gesindehause war es traurig. Hannes -lag auf einer Bank und schlief; sein Vater rauchte Tabak -und sah zuweilen schweigend auf den Jungen.</p> - -<p>Am Ofen saßen zwei junge Mägde und weinten und -wisperten leise. Morgen war Ziehtag; sie kamen nach entfernten -Orten und hatten hier im Dorfe ihre Schätze. Da lag -das neue Jahr und alle Zukunft trübe vor ihren jungen -Augen.</p> - -<p>Drüben im Buchenkretscham aber war viel Leben, und -der Barbier, der sich betrunken hatte, lärmte von Gericht -und Staatsanwalt und sagte, der Raschdorf müsse fort aus -der Gemeinde.</p> - -<p>Am 2. Januar war Ziehtag. Viele große Wagen rumpelten -durchs Dorf, die neuen Knechte und Mägde abzuholen. -An diesem »Sterztag« ist es Brauch, daß sich die Dienstleute -betrinken. Abschied wird getrunken und neue Freundschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[90]</span> -geschlossen; so mancher, der aus dem Dorfe scheidet, will sich -Mut holen im Branntwein und fügt zu dem Heimweh, das -ihn am anderen Tage packen wird, noch den physischen -Jammer.</p> - -<p>Der Gastwirt Schräger machte gute Geschäfte. Er verstand -es auch, er war ein »gemeenschaftlicher« Mann, klopfte -die Mägde vertraulich auf den Rücken und sprach mit jedem -Pferdejungen; dabei horchte er und fragte viel, wußte alles -und war stolz, so populär zu sein.</p> - -<p>Noch einer zog seine Straße – Mathias Berger, der -Lumpenmann. Sein Wägelchen hatte er in einen Schlitten -umgewandelt, denn die Wege lagen voll Schnee, und es schneite -auch heute sacht.</p> - -<p>Bei den beiden Buchenhöfen war er rasch vorbeigefahren. -Rechts drüben, wo die Ruinen gähnten, war zu viel, was -er liebte, und links drüben, wo das Geschäft blühte, zu viel, -was er haßte.</p> - -<p>Am 28. Dezember sollte er vor dem Schiedsrichter erscheinen. -Er hatte sich schön gehütet. Mochte ihn der -Schräger auf dem ordentlichen Gericht verklagen, wenn er -die Courage hatte. Und wenn er wieder eingesperrt -würde –?</p> - -<p>Ah, wegen einer Beleidigung wird man nicht eingesperrt, -da zahlt man Strafe. Und Geld hatte Mathias Berger viel -– viel mehr, als die Leute ahnten.</p> - -<p>Daß er die drei Tage Haft bekommen hatte, zehrte an -ihm. Über das ganze Weihnachtsfest war er zu keinem -Menschen gegangen; er war auch jetzt froh, daß er fortziehen -konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[91]</span></p> - -<p>Er hatte gesessen! Das war ein böses Wort. Er war -der einzige gewesen, den infolge des Brandes da unten eine -gerichtliche Strafe getroffen hatte.</p> - -<p>Daran dachte der Mathias jetzt, als er am Waldrande -mit seinem Hundeschlitten dahinfuhr. Und er blieb halten -und zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, worin zu lesen -stand, daß ein Redakteur sechs Monate lang eingesperrt -worden sei, weil er seine Meinung gesagt habe. Nun habe es -sich herausgestellt, daß diese Meinung die richtige und der -Gefangene ein Märtyrer gewesen sei. Dieses Blatt war -Bergers Trost.</p> - -<p>Er las es auch jetzt wieder und sagte sich, es sei doch eine -schöne Sache, für die Wahrheit zu leiden. Auch dann, wenn -einen die Leute für einen Lumpen halten. Dann erst recht! -Nur muß man sich nicht selber verlieren und hübsch stark -und mutig –</p> - -<p>Da – ein Schuß.</p> - -<p>Gleichzeitig ein dumpfer Schrei nahe aus dem -Walde.</p> - -<p>Berger ist zusammengefahren, als habe der Schuß ihn -getroffen. Der Hund bricht in ein heulendes Gebell aus. -Was war das? Wem galt dieser Schuß? Was war das für -eine Stimme?</p> - -<p>Berger rafft sich auf und schirrt den Hund los.</p> - -<p>»Such', Pluto, such'!«</p> - -<p>Beide springen über den Grabenrand und verschwinden -im Walde.</p> - -<p>Ein kurzes Suchen – da finden sie ihn – nicht weit -vom Waldrande.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[92]</span></p> - -<p>Gegen eine Fichte liegt er mit blutender Brust, und -neben ihm liegt das Jagdgewehr im Schnee.</p> - -<p>»Raschdorf! Herr Raschdorf! O du großer Gott!«</p> - -<p>Der Lumpenmann beugt sich tief zu dem Verwundeten. -Der rührt keine Wimper.</p> - -<p>»Raschdorf! Hermann! Komm zu Dir! Komm zu -Dir!«</p> - -<p>Der liegt mit verglasten Augen und röchelt schwer und -schaurig.</p> - -<p>Berger reißt dem Verletzten Rock, Weste und Hemd -auf und sieht das Blut strömen aus vielen winzigen Wunden. -Da nimmt er ein reines Taschentuch und bindet es mit einer -Schnur fest auf die Wunden.</p> - -<p>Nun rafft er ihn auf und trägt ihn mit furchtbarer Anstrengung -nach der Straße. Dort legt er ihn auf den Schnee -und holt den kleinen Schlitten herbei. Dahinein bettet er -den Verwundeten und fährt behutsam zurück nach dem -Buchenhofe. Und der Hund geht gesenkten Hauptes nebenher, -denn er fühlt, daß sein Herr weint, fühlt, daß das eine -traurige Fahrt ohnegleichen ist.</p> - -<p>Der stolze Buchenbauer fährt heim auf Lumpenmanns -kleinem Schlitten, und nebenher geht der Tod, ein düsterer -Wegegenoß, ein schauriger Kamerad, den der dumpfe Feuerton -des Gewehrs zur Stelle rief. Jetzt noch schreitet er neben -dem Buchenbauer über den weißen Schnee; aber bald wird -er die Führung übernehmen und auf seinen Wegen wandeln -mit dem anderen.</p> - -<p>Unten im Dorfe singen ein paar Knechte:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Nun ade, du mein lieb Heimatland,</div><span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[93]</span> - <div class="verse indent0">Lieb Heimatland, ade;</div> - <div class="verse indent0">Es geht jetzt fort zum fremden Strand,</div> - <div class="verse indent0">Lieb Heimatland, ade!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Mathias Berger horcht hinunter und sagt erschüttert zu -sich selbst: »Es ist Ziehtag!« –</p> - -<p>Am Nachmittag kam Raschdorf noch einmal auf Sekunden -zu sich.</p> - -<p>»Raschdorf, um Christi willen bereuen Sie Ihre Sünden!«</p> - -<p>Und der Geistliche, der am Bette stand, hielt ihm ein -Kreuz hin.</p> - -<p>Raschdorf starrte ihn gläsernen Auges an, dann verzog -sich sein Gesicht wie zum Weinen, und er versuchte, das -Kreuz zu küssen. Aber dabei verlor er schon wieder das -Bewußtsein.</p> - -<p>»Durch diese heilige Salbung und durch seine mildreiche -Barmherzigkeit verzeihe Dir der Herr alles.« –</p> - -<p>Gegen 4 Uhr war Hermann Raschdorf tot.</p> - -<p>Am Fenster lehnten Frau Anna und Heinrich. Sie -hielten sich fest umklammert. Der Winterabend lag auf der -Flur, und über dem verschneiten Walde ging fahl die Sonne -unter, die ferne Sonne, die uns doch unendlich näher ist als -die Seelen der lieben Toten, die heimgegangen. Mit weißem, -unbewegtem Gesichte schaute Frau Anna nach dem gelben -Schimmer. Bald ging nun auch sie auf die weite Reise, und -der Knabe, den sie liebte, blieb einsam zurück, ohne Eltern -und ohne Heimat. In vielen Jahren aber, wenn auch er vollendet, -würden sie sich wiedersehen. Das sind die Stunden, -in denen Gott mit den Menschen spricht, er, der Trost und<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[94]</span> -Frieden für die Trauernden hat, wenn die Welt und all -ihre Weisheit und all ihre Tröstung versagt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Durchs Dorf flog die Kunde: »Raschdorf hat sich erschossen! -Das Gewissen hat ihm keine Ruhe gelassen!«</p> - -<p>Berger hatte es übernommen, die Träger der Leiche -für das Begräbnis zu besorgen. Bauern werden sonst von -Bauern zu Grabe getragen. Aber der erste Bauer, den Berger -um den Liebesdienst ansprach, sagte, er habe nicht Zeit, -und der zweite meinte, er habe die Influenza. Da spuckte -Mathias Berger draußen vor dem Tore aus, fuhr nach der -Stadt und bestellte einen Leichenwagen nebst den Leichendienern. -Die kosteten viel Geld, aber sie kamen pünktlich.</p> - -<p>»Geld ist etwas Gutes,« sprach der schlichte Philosoph -bei sich selbst, »es ist oft viel zuverlässiger als die Nächstenliebe.«</p> - -<p>Am 5. Januar war das Begräbnis. Hunderte und Aberhunderte -von Zuschauern füllten den Friedhof. Der Geistliche -sprach die üblichen Gebete. Dann mußte die Rede kommen. -Aller Augen hingen an dem Munde des Priesters. -Klar und deutlich sprach er:</p> - -<p>»Wir beten für den Verstorbenen und alle, die mit ihm -hier schlummern, jetzt noch ein Vaterunser.«</p> - -<p>Und sonst kein Wort. Bald nach dem Vaterunser ging -der Geistliche fort. Nicht einmal die übliche Danksagung für -das »christliche Trauergeleite« sprach er. Mathias Berger -hatte sich außer der Einsegnung des Grabes alles andere -namens der Hinterbliebenen verbeten, auch die Danksagung.<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[95]</span> -Die Leute, die da hinkämen, meinte Berger, kämen aus -Neugierde und nicht aus Teilnahme, für die Neugier aber -brauche sich niemand zu bedanken.</p> - -<p>Eine große Enttäuschung bemächtigte sich der Teilnehmer -am Begräbnis, und die Männer suchten sich in etwas -zu entschädigen und gingen ins Wirtshaus.</p> - -<p>Dort wurden dann dem toten Hermann Raschdorf viele -Leichenreden gehalten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Drüben im Buchenhof saß ein kleiner Kreis von Menschen -und beriet über die Zukunft: Frau Anna, Heinrich, der -alte Kantor, der Schaffer und Mathias Berger.</p> - -<p>Und auch der Lumpenmann hielt eine kleine Leichenrede. -»Heinrich, wenn Dir amal jemand sagt: Dein Vater -hat sich erschossen, da sag': Ja, a hat sich erschossen, aber ob -a 's freiwillig gemacht hat oder ob a verunglückt is, das weiß -der liebe Herrgott alleine. Aber wenn Dir jemand sagt: -Dein Vater hat sich selber angezünd't, da spuck' ihm ins Gesichte, -denn das is die höllischste Lüge von der Welt. Wer -angezünd't hat, das wird noch amal lichterloh rauskommen. -Und nu will ich noch was sagen: der Buchenhof bleibt 'm -Heinrich. A wird nich verkauft!«</p> - -<p>Frau Anna sah Berger wehmütig an.</p> - -<p>»Der Hof muß verkauft werden – bald! Schräger -hat seine 20 000 Mark gekündigt und der Müller seine 5000 -Mark. Jetzt borgt uns niemand zur letzten Hypothek hundert -Taler.«</p> - -<p>Berger machte eine abwehrende Handbewegung. »Lassen -Sie mich reden, Frau Raschdorf. Wieviel sind Schulden?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[96]</span></p> - -<p>»110 000 Mark.«</p> - -<p>»So? Und der Hof is wert 150 000! Wenigstens!«</p> - -<p>»Jetzt nicht! Jetzt gelten die Wirtschaften nichts! Und -'s is kein Vieh da, kein Ackerzeug, die Gebäude sind abgebrannt. -Wer weiß, ob wir mit den Schulden rauskommen, -wenn wir verkaufen und noch das Versicherungsgeld dazu -rechnen.«</p> - -<p>Die Frau streckte beide Hände trostlos über den Tisch. -Mathias Berger nahm eine entschlossene Miene an.</p> - -<p>»Die Wirtschaften gelten jetzt nischt! Gutt! Also wird -sie nich verkloppt. Das wär' ja traurig. Und nu raus mit -der Sprache! Erschreckt nich! Ich borg' das nötige Geld -selber!«</p> - -<p>»Von wem?«</p> - -<p>»Von wem? Von mir! Ich borg's selber! 10 000 Taler -borg' ich, das sind 30 000 Mark.«</p> - -<p>Die anderen sahen ihn verständnislos an.</p> - -<p>»Ja, von wem wollen Sie's denn borgen?«</p> - -<p>»Nu, von niemand! Von mir selber! Ich hab' selber -so viel Geld übrig!«</p> - -<p>»Machen Sie heute keine Scherze, Mathias,« mahnte der -Kontor. Frau Anna und Heinrich sahen betroffen vor sich -nieder, und nur der Schaffer grunzte ein wenig amüsiert. -Da nahm Berger das Wort:</p> - -<p>»Da muß ich zuerst 'ne kleine Geschichte erzählen. Es -geht oft recht wunderbar zu im Leben. Also eines schönen -Tages – es sind jetzt sechs Jahre her – sitz' ich in Waldenburg -in eener Kneipe. Kommt der Schräger rein. Na, damals -vertrugen wir uns noch besser, und a plauderte immer<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[97]</span> -gerne mit mir, denn a Lumpenmann weiß manches, was a -anderer nich weiß. Na, wie gesagt, der Schräger setzt sich -zu mir. 'n kleenen Stiefel hatt' a sitzen. Auf 'm Tisch stand -a Würfelbecher. »Sind wir amal um 'n Böhm!« sagte er -und warf siebzehn. Ich wollt' mich nich blamieren, warf -sechzehn und zahlte zehn Pfennige. »Revanche,« sagte der -Schräger und warf dreizehn; und ich revanchierte mich, schmiß -sieben und gab wieder zehn Pfennige. Das gefiel 'm Schräger; -a würfelte immer von neuem und ich immer mit, und ich -bezahlte immer 'n Böhm, bis 'ne Mark voll war. »Weißte, -Berger, riskier'n wir amal 'ne Zicke, setz'n wir jeder amal -fünf Böhm. Wenn schon, denn schon!« »Wenn schon, denn -schon,« sagte ich und setzte fünfzig Pfennige, denn ich hatte -och 'n kleenen Stiefel sitzen. Nu schmeißt a sechzehn und ich -achtzehn, und das ging so fort, bis ich ihm fünf Mark und -fünfzig Pfennige abgeknöppt hatte. Da war a wütend, nahm -seine Mütze und ging. Ich freut' mich natürlich nich schlecht, -ließ mir gleich 'n telikaten Kalbsbraten für 40 Pfennige -bringen und schickte mein'm Hunde für 10 Pfennige Knochen -aus der Küche. Dann fuhr ich los. Wie ich nu so durch die -Stadt fuhr, les' ich a großes Plakat: Marienburger Geldlotterie. -Große Geldgewinne. Los 3 Mark. Ich lehnte an -meiner Hundekutsche und lernte so sachte das Plakat auswendig. -Und weil ich, wie gesagt, nicht ganz klar war, geh' -ich rein und kauf' a Los, von Schrägers Gelde. Wie ich' -wieder rauskam, sah mich mein Hund an, als wenn a sagen -wollte: Du tummer Kerl, was hätt'n wir für das Geld für -'ne Menge Kalbsbraten und Knochen haben können. Aber -na, 's Geschäft war gemacht. Damit nu wenigstens von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[98]</span> -Gewinn was Reelles raushängen tät, kaufte ich von den zwee -Mark, die ich noch hatte, der Liese 'ne Puppe. Na und? – -Nach vier Wochen hatt' ich mit mein'm Los 30 000 Mark -gewonnen, a dritten Hauptgewinn.«</p> - -<p>»Berger! Es is nich möglich!«</p> - -<p>»Ist denn das wahr, Mathias?«</p> - -<p>Die ganze Gesellschaft war aufs höchste erregt.</p> - -<p>Berger lächelte. »Es ist wahr. Und ich hab' das Geld -Heller für Pfennig ausgezahlt gekriegt. Aber ich hab' mir's -nich in Waldenburg geholt; ich bin nach Breslau gefahr'n. -Denn ich mochte kein'n Lärm machen.«</p> - -<p>»Das is ja nicht zu glauben!«</p> - -<p>»Was is nich zu glauben? Daß jemand 'n Haupttreffer -macht? Das kommt bei jeder Lotterie vor. Und daß es -mal 'n kleenen Mann trifft, das kommt ooch vor. Ich hab' -für das Geld Papiere gekauft. Vierprozentige! Das macht -zwölfhundert Mark Zinsen aufs Jahr. Die hab' ich fast -alle gespart. Das sind nun wieder gegen 7000 Mark. Gesagt -hab' ich keinem Menschen was. Nich amal meine -Schwester weiß was und die Liese ooch nischt.«</p> - -<p>»Aber warum – warum haben Sie denn das verschwiegen?«</p> - -<p>Berger sah vor sich nieder.</p> - -<p>»Ja, warum? Na, das habt Ihr wohl schon oft gehört -und gelesen, daß mancher, den die Leute für 'nen blutarmen -Kerl hielten, in Wirklichkeet a kleener Krösus war. -Bei manchem, der a Fechtbruder war, fand man am Ende -viel Gold und Silber unter seinen Lumpen. 's gibt solche -schnurrige Kerle. 's is a ganz besonderer Spaß, die Welt<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[99]</span> -zum Narr'n zu halten. Bei mir war's auch so. Aber 's war -nich das alleene. Das Geld kam zu spät. Zehn Jahre -früher hätt's kommen müssen, wie ich noch jünger war. Da -hätt' ich's gebraucht.«</p> - -<p>Die andern sahen ihn verständnislos an; nur Frau Anna -blickte vor sich nieder.</p> - -<p>Berger zwang sich wieder zu einem launigeren Tone.</p> - -<p>»Ja, und für een'n Lumpenmann paßt sich's doch nich, -wenn a reich is. Ich schämte mich. Und Lumpenmann -wollt' ich bleiben. So in der Welt rumfahren und zu Leuten -kommen, das paßt mir. Das is nich so langweilig. Da gibt's -alle Tage was Neues. Na, und das Geschäft ernährt mich. -Deswegen braucht' ich auch das Geld nich. Ich hab' mir -immer gedacht, so 'ne Lotterie is was Tummes. Immer -gewinnt's einer, der's nich braucht. Aber wiederum war 's -nich so was Tummes. Immer, wenn mich so eener scheel -ansah, und dachte: »Ach, der arme Schlucker!« lacht' ich -mir eens im stillen. Und ich dachte an allerhand!«</p> - -<p>Die andern schwiegen. Bergers Augen begannen zu -leuchten.</p> - -<p>»Und jetzt dank' ich Gott, daß ich das Geld hab'. Jetzt -kann ich's gebrauchen.«</p> - -<p>»Berger, Sie können ja nicht – Sie dürfen nicht Ihr -Geld auf eine so unsichere Sache –«</p> - -<p>»Ich mach', was ich will! Ich borg's – basta! Die -Sache steht ganz gut. Der Schräger und der Müller werden -ausgezahlt, bleiben 85 000 Mark Schulden. Das is bloß reichlich -die Hälfte von dem, was das Gut wert is. Dann bleiben -immer noch 5000 Mark zu dem Versicherungsgelde, daß die<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[100]</span> -Gebäude wieder ordentlich aufgebaut werden können. Und -wenn ich sterbe, haben die Liese und die Schwester noch -7000 Mark. Das ist viel Geld. Und außerdem haben sie die -Hypothek.«</p> - -<p>»Berger, es ist mir, als ob Sie ein Märchen erzählten,« -sagte der alte Kantor. »Sie müssen aber an Ihr Kind -denken.«</p> - -<p>»An die Liese denk' ich schon. Der bleibt alles, jeder -Pfennig. Wenn's nich sicher wär', borgt' ich's nich. Denn ich bin -geizig geworden, seit ich das Geld hab'. Aber es is sicher!«</p> - -<p>»Das werden wir nicht annehmen, Berger.«</p> - -<p>»So? Und damals – wie ich ins Gemeindehaus kommen -sollte – als Dorfarmer? – Sie denken wohl, a Lumpenmann -hat keen Ehrgefühl? Das merkt a sich, wenn ihn jemand -nich hat verlumpen und verhungern lassen. Und offen -gesagt, ich weeß mir keen Rat mit 'm Gelde. Ich hab' mir ofte -gesagt, eigentlich könntest du was anfangen, die Liese aufputzen -und so – oder selbst 'n feinen Kerl rausbeißen. Ich -hab' immer lachen müssen, wenn mir so was einfiel. 's -kam mir so riesig tumm vor. Na, und da hab' ich's immer aufgeschoben. -Kommt alles noch zurechte, dacht' ich immer. -Laß das Mädel! Besser is, sie denkt, sie is arm. Da wird -sie a recht braves Mädel werden. Kommt alles zurechte!«</p> - -<p>»Ich besauf' mich auch amal, und nachher tu ich würfeln,« -nahm sich Reichel, der Schaffer, vor. Es war das -erste Mal, daß er begeistert war.</p> - -<p>Die anderen aber sahen ernst vor sich nieder. Sie waren -alle in tiefer Verlegenheit. Es entstand eine Pause. Frau -Anna ergriff Bergers Hand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[101]</span></p> - -<p>»Mathias, Sie wollen mir das Sterben leichter machen.«</p> - -<p>»Mutter!«</p> - -<p>»Kind! Anna, sprich nicht so! Ich kann's nicht hören!«</p> - -<p>Die Frau schüttelte leise den Kopf und bedeckte das -Gesicht mit den Händen.</p> - -<p>Mathias Berger sagte nichts. Ein Weilchen saß er ganz -still da mit rotem Gesicht. Dann stand er plötzlich auf und -ging hinaus.</p> - -<p>Im öden Hofe stand er regungslos.</p> - -<p>Einmal, als er ein junger Bursche war, hatte er ein -Mädchen geliebt. Es wurde nicht sein. Ein reicher Nebenbuhler -kam und riß sie in seine Arme.</p> - -<p>Jetzt ist sie arm geworden und er reich, und der andere -ist begraben. Aber wiederum wird sie nicht sein. Ein stärkerer -Freier kommt – der Tod. Er steht wohl schon drüben auf den -kahlen Wiesen. Bald schreitet er über die Trümmer und den -Hof und führt die Anna heim in sein stilles Haus. Und die -Menschen werden bei der Hochzeitsfeier läuten und singen -und hinterher lachen und zechen, wie jetzt die lauten Gäste -drüben in der Schenke. Der Mathias aber wird wieder mit -seinem Handwagen in der Welt herumziehen und das Vergessen -suchen.</p> - -<p>»Mathias! Mathias, wo sind Sie denn?«</p> - -<p>»Heinrich! Komm mal her, Heinrich!«</p> - -<p>»Mathias, sind Sie krank?«</p> - -<p>»Es ist nichts, Heinrich! Ich hab' mir bloß so mancherlei -überlegt. Heinrich, wir zwei werden zusammenhalten!«</p> - -<p>»Ja, Mathias! Ich bin so froh, daß Sie mein Vormund -werden sollen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[102]</span></p> - -<p>»Vormund nennen sie's auf 'm Gericht; wir heißen's -Freund. Du sollst jetzt »Du« zu mir sagen, Heinrich, und ich -sag' auch »Du«, für immer. Und uns zwei soll niemand -auseinander bringen!«</p> - -<p>So reichten sie sich die Hände.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-106"> - <img src="images/illu-106.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[103]</span></p> -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_7">Kapitel 7</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-107"> -<div class="boxu box107u"> -<img src="images/illu-107.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box107l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Es war nahe an -Mitternacht. -Der Buchenhof -lag längst ganz -still; auch in -der Wirtsstube -des Kretschams -waren die Lichter erloschen. Nur -aus der Giebelstube drang noch -ein matter Schein. Julius Schräger -war noch wach.</p> - -<p>Das Bett war aufgedeckt; es war -totenstill im Hause, und Schräger -war den ganzen Tag von früh an -auf den Beinen gewesen. Aber er -legte sich nicht nieder.</p> - -<p>Langsam trat er ans Fenster. -Der Mond war aufgegangen, und in -seinem halbhellen Licht lag drunten -das Dorf. Der Kirchturm ragte -deutlich in die Luft.</p> - -<p>Dort unten, ganz nahe am -Turme, lag Hermann Raschdorf -die erste Nacht! Er lag unter gefrorenen, -harten Schollen in einem -dünnen Totenhemd, und seine<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[104]</span> -Nachbarn zur Rechten und zur Linken waren Tote, Leute, die -schon lange dort unten schliefen. Wie still das dort sein -mußte! Nur die Würmer bohrten an Holz und Knochen, -und zuweilen brach ein Sargdeckel. Dann senkten sich die -Schollen und – drückten schwer.</p> - -<p>Schräger fröstelte und trat vom Fenster zurück.</p> - -<p>Er war ein Narr, sich so schwere Gedanken zu machen. -Zu ändern war nichts. So setzte er sich auf den Bettrand -und legte sich auf die Kissen nieder. Aber kein Schlaf kam über -seine Augen. Er sah immer in das rote, leise singende Licht. -Als wenn das Licht blutete und wimmerte, so war's.</p> - -<p>Schräger schloß die Augen. Warum dachte er immer -an Raschdorf? Er war fort. Er konnte ihm nichts anhaben. -Kein Haar konnte er ihm krümmen. Und bis dahin, daß er -auch hinunter müßte, war's lange hin. Dann war der andere -längst zu Staub zerfallen.</p> - -<p>Da schlich draußen etwas heran. Schräger lauschte. Es -kam näher – stockte – war still. Aber jetzt kam's wieder -– es stieß an einen Stuhl und war wieder still. Dann ächzte -es deutlich vor der Tür.</p> - -<p>Schräger richtete sich halb auf. Kalter Schweiß trat auf -seine Stirn. Steif und lahm stützten sich die Hände auf die -Kissen.</p> - -<p>Da ächzte es wieder draußen.</p> - -<p>Und jetzt tastete es an die Tür und klinkte langsam auf.</p> - -<p>»Was? Wa–as? – – – Ah – Du – Gustav! – -Was willst Du?«</p> - -<p>Der Idiot, der ganz dürftig angezogen war, legte den -Finger auf den Mund.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[105]</span></p> - -<p>»Pst! Still! Ich komm Dir was sagen.«</p> - -<p>Er schlich mit unheimlich glitzernden Augen zu seinem -Vater und sagte ihm leise ins Ohr:</p> - -<p>»A kommt wieder!«</p> - -<p>Schräger erblaßte.</p> - -<p>»Gustav, wie kannst Du Dich erdreisten, jetzt in der -Nacht –«</p> - -<p>»Pst! Ich fürcht' mich! A kommt – a rennt über die -Felder – mit der Flinte – ich hab' 'n gesehn – a will -mich schießen – und da komm ich zu Dir – Du mußt mich -verstecken – und Du mußt ihm Geld geben, daß a nich -schießt.«</p> - -<p>Schräger wurde es brühheiß.</p> - -<p>»Gustav, augenblicklich gehst Du in Deine Kammer und -legst Dich schlafen. Das is Unsinn!«</p> - -<p>Der Idiot brach in Heulen aus, und Schräger mußte -ihm den Mund zuhalten.</p> - -<p>»Still, Gustav, sei doch still! Es hört Dich sonst jemand. -Du kannst ja hierbleiben. Schrei nich – schrei nich, Gustav! -– Komm, leg' Dich ins Bette, ich zieh' Dir die Hosen runter -– so – und nu leg' Dich um; ich deck' Dich fest zu.«</p> - -<p>Der Idiot klapperte mit den Zähnen, als er im Bette -lag.</p> - -<p>»Fürchte Dich nich, Gustav, fürchte Dich nich, es kommt -kein Mensch. Schlaf' ruhig ein! Es kommt niemand!«</p> - -<p>»Du, ich hab'n gesehn! A weiß jetzt, daß ich angezünd't -hab'!«</p> - -<p>»Bist Du ruhig, Gustav, bist Du ruhig! Du hast ja gar -nich angezünd't.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[106]</span></p> - -<p>»O ja, ich hab'! Mit zwei Streichhölzeln! A wollte -mich rausschmeißen – uh, und es war doch so kalt.«</p> - -<p>»Wenn Du nich ruhig bist, Gustav, kommt der Gendarm. -Das darfst Du keinem sagen, sonst wirst Du fortgeholt. -Niemand darfst Du das sagen, hörst Du? Keinem -Menschen!«</p> - -<p>Schräger zitterte vor Erregung.</p> - -<p>»Ich sag's nich. Sonst schießt a mich tot!«</p> - -<p>»Schlaf' ein, Gustav, schlaf' ein!«</p> - -<p>»Oh, es hat so gebrannt, so hoch und so heiß, und jetzt -wird a kommen. – Hörst Du? – A kommt auf der Treppe -– Vater, versteck' mich!«</p> - -<p>Schräger setzte sich auf den Bettrand und ergriff die -Hände des Burschen. Leise redete er auf ihn ein und gebot -ihm, die Augen zu schließen.</p> - -<p>Der Idiot verbarg sich tief in den Betten und hielt -krampfhaft des Vaters Hand. Von Zeit zu Zeit schrie er auf, -dann hielt ihm Schräger den Mund zu. So verging eine qualvolle -halbe Stunde, dann fing der Bursche leise an zu weinen -und schlief allmählich ein.</p> - -<p>Schräger erhob sich. Sein Gesicht war fahl. Ein leiser, -schwerer Fluch kam über seine Lippen. Dieser Mann erkannte, -daß sich ein Wurm in sein Lebensmark eingebohrt -hatte, der nie mehr weichen werde.</p> - -<p>Langsam ging er an den Schreibtisch, der an der Wand -stand, und nahm ein Zeitungspapier heraus. Es war -dasselbe Blatt, das Gustav am Brandtage zuerst zu -einem Heim geformt, dann entfaltet und so gierig betrachtet -hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[107]</span></p> - -<p>Das Blatt enthielt ein Bild, das ein brennendes Haus -darstellte, aus dem ohnmächtige Menschen getragen wurden. -Dieses Bild hatte die Phantasie des Idioten erregt und ihn -zu seiner Tat angestachelt, wozu noch gekommen war, daß -die Bauern von einem Brande gesprochen und Raschdorf den -Burschen gekränkt hatte.</p> - -<p>So war alles gekommen, und Schräger hatte noch am -selben Abend die furchtbare Wahrheit erfahren. Als Gustav -vom Brande nach Hause lief, war er ihm gefolgt. Da hatte -der Knabe unter der Treppe im Hausflur gekauert und gewimmert. -Er hatte ihn mit sich in die Stube genommen und -ihn ausgefragt. Und da war ihm der unglückliche Bursche -schreiend zu Füßen gefallen und hatte ihm gestanden, er -habe die Scheuer angezündet.</p> - -<p>Anfangs hatte es Schräger nicht geglaubt. Aber dann -hatte er dem Jungen die Taschen durchsucht und das Bild -und ein ganzes Päckchen Schwefelhölzer gefunden. Entsetzt -hatte er noch einige Fragen gestellt und mit Gewißheit die -furchtbare Wahrheit erkannt, daß sein Sohn der Brandstifter sei.</p> - -<p>Und doch hatte ihn damals nichts bewegt als die peinigende -Sorge, die Sache möchte offenbar werden. Der -Verschleierung der Tatsache galt von da an all sein Bemühen, -hinter das sogar sein altes Bestreben, den Buchenhof -zu erwerben, weit zurücktrat.</p> - -<p>Nun trat er an das Bett des schlafenden Burschen. Auch -im Schlafe war dieses Gesicht häßlich und öde. Der Junge -atmete schwer, und seine struppigen Haare waren feucht von -Schweiß. Er sah wohl auch im Traume den schrecklichen -Jäger, vor dem er sich fürchtete.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[108]</span></p> - -<p>Schrägers Kopf sank auf die Brust. Das war eine der -schweren Nachtstunden, da der Mensch Rechnung hält in -seinem Herzen und vor Schuld und Urteil erschrickt.</p> - -<p>Wenn Gustav plauderte!</p> - -<p>Sie konnten dem Jungen gerichtlich nichts tun, er -konnte nicht verantwortlich gemacht werden. Aber sie würden -ihn in eine Anstalt bringen, ihn unschädlich machen für -immer.</p> - -<p>Und das fürchtete Schräger; dagegen sträubte er sich -mit ganzer Seele. Er liebte seine beiden Kinder abgöttisch, -wie so oft Geizhälse, die in ihrer Seele sonst nie einen Funken -Idealismus haben, an ihren Kindern mit einer unordentlichen -Glut hängen, die anständigen Leuten fremd ist. Das -ist auch ein Zug, den die Geizhälse mit den Bestien gemeinsam -haben. Und noch eines kam hier dazu, die Gefahr, daß -der Junge des Vaters Mitwissenschaft verriet.</p> - -<p>Sein Eid! Sein Eid! Wie stand er da!</p> - -<p>Gewiß, er konnte im schlimmsten Falle alles abstreiten. -Das Zeugnis des Jungen galt vor Gericht nichts. Er konnte -sagen, er habe nichts gewußt. Aber die Dorfleute! Wenn -ihr Vertrauen verschwunden war, war sein Geschäft verloren -– alles verloren. Das durfte unter keinen Umständen geschehen.</p> - -<p>Und sein alter Plan: den Buchenhof zu gewinnen! Es -war ja gut, wenn der Raschdorf unterging. Was ging ihn -der Raschdorf an? Schließlich hatte er sich doch selber -ruiniert!</p> - -<p>Die Lampe ging aus. Schräger erschrak. Jetzt im Dunkeln -würde auch er sich fürchten. Er sann nach, wo er Licht<span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[109]</span> -hernehmen könnte. Es war, ohne Geräusch zu verursachen, -keines zu erlangen. So setzte sich der Einsame in einen Lehnstuhl.</p> - -<p>Nur das eine nicht, nur nicht nach dem Fenster sehen! -Das Mondlicht fiel so gespenstisch herein, und dort unten -ragte der Turm auf, als wenn mitten aus dem Kirchhof -sich ein geisterhaft drohender Riesenfinger emporstrecke.</p> - -<p>Nur nicht nach dem Fenster sehen!</p> - -<p>Eine Weile saß Schräger grübelnd still. Dann begannen -seine Lippen zu zucken, Worte zu sprechen, ohne daß er's -hindern konnte: »Ich schwöre vor Gott dem Allmächtigen -und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts -verschweigen –«</p> - -<p>Ein Stöhnen; Schräger sprang auf. Was fiel ihm ein? -Wie kam er dazu, das zu sagen – das?</p> - -<p>Er schloß die Augen und drückte den Kopf gegen die -Kacheln des Ofens; sie waren kalt.</p> - -<p>Kalt! Wenn das Feuer erlischt und wenn das Leben -erlischt, kommt die Kälte.</p> - -<p>»– nichts verschweigen und nichts hinzusetzen –«</p> - -<p>Schräger raffte sich auf, und wie alle, die das Elend -trifft, versuchte er den Kampf mit der furchtbaren Furie, -die das böse Gewissen heißt, den nutzlosen, törichten Kampf, -den auf die Dauer kein Sterblicher besteht, wenn nicht die -starke, heilige Gnadenhand Gottes die eisernen Krallenfinger -mächtig und linde aus den blutenden Schultern löst.</p> - -<p>»Was hab' ich denn getan? Was hab' ich denn gesagt? -Ich hab' nur erzählt, was ich wußte. Nur das!«</p> - -<p>»– nichts verschweigen –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[110]</span></p> - -<p>Schräger blickte scheu nach dem Bette.</p> - -<p>Eines hatte er verschwiegen: das, was alles gelöst hätte.</p> - -<p>»Wissen Sie, wer der Brandstifter ist?«</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p>Und die schwarze, hohläugige Gegnerin warf den Einsamen -in den Lehnstuhl zurück. Dort preßte er das Gesicht -gegen die Lehne.</p> - -<p>Da, wie er sich sammelte, aufraffte, kam ihm eine neue -Waffe.</p> - -<p>»Es ist niemand verpflichtet, gegen sein eigen Fleisch -und Blut zu zeugen. So sagt wenigstens das Gericht, wenn -auch nicht die Religion.«</p> - -<p>Er atmete auf. Das würde die Erlösung sein, der Sieg! -Der Dämon stand an der Tür, als wolle er gehen. Aber -er wandte sich noch einmal um.</p> - -<p>»Trauen Sie dem Angeklagten das Verbrechen zu?«</p> - -<p>Wie ein Lavastrom flutete die Frage durch die Seele -des Einsamen, die Frage und die meineidige Antwort, die -er gegeben: »Ich weiß es nicht genau. Er wird es wohl -gewesen sein!«</p> - -<p>Leise kam der Dämon näher und beugte sich an Schrägers -Ohr. Das Fenster knackte und knisterte ein wenig. Das -klang wie leises, böses Lachen. Und es war, als ob die -furchtbare Stimme zischelte:</p> - -<p>»Und weißt Du, was Du weiter getan hast? Das Geld -hast Du ihm gekündigt, ihn bankerott zu machen; zum Müller -bist Du gegangen, ihn aufzuhetzen, und da hat Dein Freund -die Flinte genommen und ist hinübergegangen. Und Gott -hat gefragt: »Woher kommst Du? Ich habe Dich nicht gerufen!«<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[111]</span> -Mit Donnerstimme hat Gott es gefragt. Dein Freund -aber hat mit bleicher Hand hinabgezeigt auf Dich und gesagt: -»Der hat mich auf den Weg gezwungen zu Dir, der! …««</p> - -<p>»Gustav, wach' auf! Wach' auf, Gustav! Ich kann -nicht allein sein!«</p> - -<p>Der Bursche fuhr erschrocken auf.</p> - -<p>Und Julius Schräger suchte bei ihm Hilfe, bei dem -Idioten, der verschlafen wimmerte und bald wieder einschlief.</p> - -<p>Ein wenig später rasselte draußen ein Fuhrwerk vorbei. -Schräger sprang ans Fenster. Wie eine Erlösung betrachtete -er die brennenden Wagenlichter. Da waren doch Menschen -– Menschen.</p> - -<p>Aber bald darauf kam noch ein Licht langsam über die -Felder herauf, ein einsames Licht, vor dem es dem erregten -Manne schauerte. Wie gebannt sah er hin; er konnte sich nicht -wegrühren vom Fenster, als wenn jenes Licht ihn zwinge. -Er rieb sich die Augen, er wollte das Blendwerk bannen. -Es gelang nicht. Näher kam das Licht, immer näher, gerade -auf das Haus zu. Und nicht auf der Straße kam's, nein, -über die Felder, ein weißes, blasses, taumelndes Licht.</p> - -<p>Der Wind wimmerte draußen, und der Mond war -untergegangen hinter schwarzem Gewölk. Es war fast ganz -dunkel.</p> - -<p>Jetzt war das Licht da. Wie eine Laterne war's und -hatte doch nicht die Form gewöhnlicher Laternen.</p> - -<p>Jetzt – jetzt konnte er's sehen! Eine schwarze Gestalt -trug die Laterne, und ihr folgte eine weiße. Schräger -sah es deutlich im Lichtschein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[112]</span></p> - -<p>Und jetzt verschwanden die Gestalten mit dem Lichte -huschend drüben im Buchenhofe.</p> - -<p>Mit verzerrtem Gesicht drehte sich Schräger um.</p> - -<p>Der Tod, der den Raschdorf heimführt, fiel ihm ein.</p> - -<p>Er war sonst nie furchtsam gewesen. Aber seit er einen -unter dem Rasen hatte, dem er den Atem genommen, kam -die grauenhafte Angst – die wahnwitzige, abergläubische -Furcht.</p> - -<p>Finster war's, schauerlich finster, und der Junge röchelte -so schwer.</p> - -<p>Ein Mittel! Ein Mittel, um der Qual zu entgehen!</p> - -<p>An den Wänden tastete sich Schräger hin, zur Tür hinaus -und dann leise wie ein Dieb die Treppe hinunter nach -der Gaststube.</p> - -<p>Dort atmete er auf. Es wurde ihm ein bißchen wohler. -Vorsichtig schloß er die Fensterläden, dann zündete er die -Lampe an. Licht! Licht ist allein schon eine Wohltat.</p> - -<p>Aber doch war's auch hier einsam und furchtsam.</p> - -<p>Da suchte er das Mittel.</p> - -<p>Zum ersten Male trank er viel Schnaps. Dadurch wurde -er mutiger. Schließlich füllte er eine Flasche, löschte das -Licht aus, tappte nach seiner Schlafstube zurück, um den -Jungen nicht allein zu lassen, setzte sich in den Lehnstuhl und -trank – trank aus der Flasche.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am andern Morgen lag ein lichter Dreikönigstag über -der winterlichen Erde.</p> - -<p>Schräger erhob sich müde und zerschlagen aus dem -Lehnstuhl, in dem er ein paar Stunden im dumpfen Schlummer<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[113]</span> -des Rausches gelegen hatte. Es war acht Uhr vorbei. -Er weckte seinen Sohn und gebot ihm noch einmal eindringlich -Schweigen. Dann versprach er ihm, er würde ein zweites -Bett in diese Stube schaffen lassen, und Gustav könne jetzt -immer bei ihm schlafen. Nur dürfe er nichts sagen.</p> - -<p>Drunten im Hause polterten die Dienstleute. Das tat -Schräger wohl. Auch das Licht beruhigte ihn. Mehr aber half -ihm ein guter Gedanke, den er in der Nacht gefaßt hatte: -er wollte hinüber zur Frau Raschdorf gehen und die Kündigung -zurücknehmen.</p> - -<p>Schlafen mußte er wieder können, ruhig mußte er -wieder sein, selbst auf die Gefahr hin, daß er den Buchenhof -nicht bekam. Sonst, meinte er, würde er verrückt werden -vor Furcht.</p> - -<p>So ging er gleich vor dem Frühstück nach dem Buchenhofe. -Unter der Tür traf er die Magdalene Raschdorf.</p> - -<p>Das schöne Kind sah ihn herb an.</p> - -<p>»Lene, ist Deine Mutter schon aufgestanden?«</p> - -<p>Das Mädchen schüttelte finster den Kopf.</p> - -<p>»Ich möchte mit Deiner Mutter gern sprechen.«</p> - -<p>»Sie ist krank!« sagte Lene und wandte ihm den Rücken.</p> - -<p>»Ganz wie der Vater,« dachte Schräger, »so stolz und -abweisend.« Aber er zwang sich, freundlich zu sein.</p> - -<p>»Lene, ist es schlimmer geworden mit der Mutter?«</p> - -<p>Das Kind nickte und schlug die Hände vors Gesicht; -dann lief es ins Haus.</p> - -<p>Eine Magd erschien und klärte Schräger auf. Die Frau -hatte in der Nacht Blutsturz bekommen. Ein Gespann hatte -den Doktor geholt und eine barmherzige Schwester aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[114]</span> -Stadt mitgebracht, und der Pfarrer und der alte Kantor -waren auch in der Nacht gekommen.</p> - -<p>»Mit einer Laterne?« fragte Schräger stockend.</p> - -<p>»Ja, mit einer Kirchenlaterne!«</p> - -<p>»Aah!« seufzte Schräger auf und nickte.</p> - -<p>Der Arzt kam die Treppe herab.</p> - -<p>»Was wünschen Sie?« fragte er Schräger.</p> - -<p>»Ich – ich habe der Frau Raschdorf Geld gekündigt, -und ich will die Kündigung zurücknehmen.«</p> - -<p>»Lieber Freund, da kommen Sie leider zu spät. Frau -Raschdorf ist eben gestorben.«</p> - -<p>Ein schriller Schrei ertönte von oben. Das war die -Lene, die es auch jetzt eben erfuhr. – Schräger ging mit -schweren Schritten heim. – – – –</p> - -<p>Wieder flog die Todeskunde durchs Dorf, und die Leute -wurden still. Ein Schrecken kam über die Menschen.</p> - -<p>So viel Trauer in einem Hause weckte überall Furcht. -Ein leises Grauen mischte sich drein, als sei hier eine Strafe -des Himmels sichtbar und offenkundig in Erscheinung getreten -für Sünden, die die Menge nicht genau kannte. Aber -ein Mitleid regte sich in den weicheren Herzen für die zwei -verwaisten Kinder. Dieses Mitleid hätte zum Siege verhelfen -können im Kampfe um die Heimat. Durch Mitleid hätte Heinrich -Raschdorf sich jenen Herzboden bei den Mitgliedern der -Gemeinde erkaufen können, um den er lange Jahre hindurch -so bitter kämpfen mußte. Es kam ein günstiger Augenblick, -wie er nicht mehr wiederkam. – Ein paar Sympathiekundgebungen -kamen aus dem Dorfe. Gespanne wurden angeboten, -auch sonstige Unterstützung, und zwölf Männer meldeten<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[115]</span> -sich freiwillig als Träger der Leiche. Der Bauer, der -sich vor Tagen wegen Influenza entschuldigt hatte, hatte die -zwölf Männer gesammelt. Er schickte eine Magd und ließ -fragen, ob die Träger gebraucht würden.</p> - -<p>Mathias Berger brachte seinem Mündel Heinrich die -Nachricht aus der Küche in die Wohnstube.</p> - -<p>»Die Leute werden vernünftig, Heinrich! Siehst Du, -schlecht sind sie gar nich. Sie haben sich bloß mit Deinem -Vater nich verstehen können. Es is schon gut, Heinrich, wenn -Du mit den Leuten auskommst, denn sonst bleibst Du in -der Fremde, auch wenn Du zu Hause bist. Das kannst Du -mir glauben.«</p> - -<p>»Den Vater haben sie nich tragen mögen,« sagte der -Junge finster. »Warum nicht?«</p> - -<p>Mathias Berger wußte nicht gleich eine richtige Antwort. -Eine leidenschaftliche Röte flammte über das -Knabengesicht.</p> - -<p>»Weil sie dumm sind, weil sie schlecht sind! Mathias, -ich hab's gehört, ich hab' gehört, wie sie auf meinen Vater -schimpften, damals in der Stadt. Alle haben sie gelacht über -den schuftigen Barbier, und wie ich ihm die Nase blutig -gehau'n hab', da haben sie über mich herfallen wollen – -zwanzig Männer über einen Jungen! Mathias, sie dürfen -meine Mutter nicht tragen. Ich leid's nicht!«</p> - -<p>Die stolze, herrische Art der Raschdorfs brach bei dem -Knaben durch. Mathias blieb ruhig und milde.</p> - -<p>»Heinrich, sie lassen sich selber anbieten. Es ist nun -einmal so Sitte auf dem Dorfe. Wenn wir das abschlagen, -das is eine riesige Beleidigung.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[116]</span></p> - -<p>»Und die? Haben die meinen Vater nicht beleidigt? -Gebettelt hab' ich, gebettelt, Mathias, daß sie's glauben -sollen, sie haben nicht gemuckst. Ich leid's nicht, Mathias, -ich leid's nicht, daß sie die Mutter tragen.«</p> - -<p>»Hör' mich mal an, Heinrich! Siehst Du, die Scheune -werden wir wieder aufbauen, den Stall auch. Das is nich -schwer. Auch die Wirtschaft kriegen wir wieder rauf. Das -is auch nich schwer. Das läßt sich alles machen, wenn man -a bissel Geld hat und fleißig is. Aber Heinrich – die Leute, -die Leute! Die müssen auch wieder lernen, freundlich mit -uns zu sein. Das is die Hauptsache, Heinrich! Das is wichtiger, -als daß wir die Wirtschaft wieder aufbauen. Sieh mal, -ich war früher so a armer Kerl. Ich hatte kaum a paar -Sonntaghosen. Aber zu Hause war ich, 'ne Heimat hatt' ich. -Das war, weil mir die Leute gut waren. Dein Vater, Heinrich, -der hat keine solche Heimat gehabt.«</p> - -<p>»Willst Du auch auf den Vater schimpfen, Mathias?«</p> - -<p>»Wein' doch nich, Heinrich! Ich will ja bloß mit Dir -reden, weil Du doch schon ein großer, kluger Mensch bist. -Sieh mal, ich sage, das war eben das Unglück von Deinem -Vater, daß a sich nich mit a Leuten im Dorfe vertrug. Ich -sag' ja nich, daß a schuld war. Ich sag' bloß, es war sein -Unglück. Denn siehst Du, immer alleine konnt' a nich sein, -immer in die Stadt fahren konnt' a auch nich, na, und da -wurd' a verdrossen und ging zum Schräger, und das war -sein Verderben.«</p> - -<p>Der Knabe weinte leise vor sich hin. Berger schlang -den Arm um seine Schulter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[117]</span></p> - -<p>»Heinrich, Du hängst so an zu Hause. Es ist notwendig, -Heinrich, daß wir gute Freunde im Dorfe haben. Ich bin -zu a ungeschickter Kerl, ich kann Dir's nich so beschreiben, -wie ich mir's denke. Aber das weiß ich: Wir brauchen die -Leute, auch wenn wir sie nich brauchen. Wir müssen's annehmen, -Heinrich!«</p> - -<p>»Da – da sag' ihnen, sie sollen die Mutter tragen; -Du bist ja klüger, Du mußt's ja wissen.«</p> - -<p>In demselben Augenblick öffnete sich die Tür, und -Magdalene Raschdorf trat hastig ein.</p> - -<p>Ihre braunen Augen standen voll Tränen. Die Stimme -bebte ihr, als sie sprach: »Mathias, sie hat gesagt – sie hat -zu unserer Martha gesagt – Sie – Sie haben – Sie haben -unsere Mutter geküßt!«</p> - -<p>»Lene! Was fällt Dir ein! Wer sagt das?« rief Berger.</p> - -<p>»Wer sagt das, Lene?« stammelte Heinrich.</p> - -<p>»Die – die Magd vom Perschke-Bauer, die da is – -die hat's zur Martha gesagt – und ich – ich hab's gehört!«</p> - -<p>Mathias sprang aus der Stube hinüber nach der Küche. -Eine junge Magd stand schwatzend bei einer andern.</p> - -<p>»Frauenzimmer, erbärmliches, was hast Du gesagt? Zu -dem Kinde? Zu dem Kinde?«</p> - -<p>Die Magd wurde blaß und floh in einen Winkel.</p> - -<p>»Was ist denn? Was ist denn? Jeses! A will mich -hau'n!«</p> - -<p>»Was hast Du gesagt von mir und der toten Frau Raschdorf -– Mädel?«</p> - -<p>Berger, der ihr gefolgt war, trat drohend und keuchend -vor sie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[118]</span></p> - -<p>»Ich hab' nichts gesagt – ich hab' – Jeses –!«</p> - -<p>Ein Schlag klatschte ihr auf die Wange.</p> - -<p>»Gesteh's, Frauenzimmer, oder –«</p> - -<p>»O Gott, o Gott, lassen Sie mich!«</p> - -<p>»Was Du gesagt hast, will ich wissen!«</p> - -<p>Wieder erhob er drohend die Faust.</p> - -<p>»Ich hab's bloß nachgesagt, der Herr sagt's, die Frau, -'s ganze Dorf. Ich kann nicht dafür –!«</p> - -<p>»Das ganze Dorf? Raus! Und sag' Deinem Herrn, -wenn sich noch eins auf dem Buchenhof sehen läßt, da hetz' -ich die Hunde!«</p> - -<p>»Ich bring' sie um! Ich schlag' sie tot!« schrie Heinrich -in rasender Wut und klammerte sich an das Mädchen. -Berger riß ihn los.</p> - -<p>»Laß sie! Laß sie laufen, Heinrich!«</p> - -<p>»Loslassen, Mathias, los! Ich schlag' sie tot!«</p> - -<p>Heinrich schlug mit den Füßen gegen Mathias, der ihn -festhielt, während das Mädchen heulend davonlief.</p> - -<p>Nach langer Zeit, als sie sich etwas beruhigt hatten, -sagte Berger:</p> - -<p>»Es war unrecht, Heinrich! Das dumme Ding quatscht -bloß nach, was ihr die Leute vorreden. Aber, Heinrich, ich -war ein großer Esel. Du hast recht, die dürfen Deine Mutter -nicht tragen. Sie sind zu schlecht!«</p> - -<p>Der Knabe wandte ihm den Rücken und stand in finsterem -Groll und in furchtbarem Nachgrübeln zitternd da. -Berger betrachtete ihn und ahnte, was in dieser Seele vorging. -Da sagte er mild:</p> - -<p>»Heinrich, komm einmal mit zur Mutter!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[119]</span></p> - -<p>In der kleinen Stube stand der Sarg. So friedlich lag -die verklärte Frau auf den weißen Kissen. Laut aufschluchzend -kniete Heinrich am Sarge nieder. Mathias Berger -stand da mit gefalteten Händen, lange – in stummer Betrachtung. -Das war ein tiefes Glück, daß er so ruhig hier stehen -konnte.</p> - -<p>»Heinrich,« sagte er leise, »ich hab' Deine Mutter sehr -lieb gehabt, aber küssen tu ich sie jetzt das erste Mal.«</p> - -<p>Und er beugte sich über den Sarg und küßte die lächelnde -Tote.</p> - -<p>Dann faßte er den Knaben an der Hand und führte -ihn hinaus. Und Heinrich schmiegte sich fest an ihn an.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-123"> - <img src="images/illu-123.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[120]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_8">Kapitel 8</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-124"> -<div class="boxu box124u"> -<img src="images/illu-124.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box124l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Neues Leben war auf den Buchenhof -gezogen. Unten im Dorfe im kleinen -Schuppen stand unbenutzt der Lumpenwagen, -und Pluto, der »Bernhardiner«, -lag faul im Buchenhofe -und duldete mit lässiger, gelangweilter Vornehmheit die -Neckereien Waldmanns, des Dachses.</p> - -<p>Mathias Berger war nicht mehr auf den Lumpenhandel -gezogen, er war der Verweser des Buchenhofes geworden.</p> - -<p>Die Bauern im Dorfe lachten. Ein Lumpenmann Großbauer, -das war auch zum Lachen. Zum Bauer sein gehört -Verstand und noch mehr Geld. Und das hatte Mathias -Berger beides nicht. Wenigstens nicht den richtigen Verstand. -Von Geld war sowieso nicht die Rede.</p> - -<p>Der Barbier hatte ein »Gedicht« gemacht; das hieß:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Der Herr vom Buchenhofe hat sechs Dreier und</div> - <div class="verse indent0">Ein' Lumpenwagen und ein' großen Hund.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Dieses Gedicht fand starken Beifall im Dorfe, und selbst -die kleinen Kinder lernten es auswendig. Auch erfand ein<span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[121]</span> -Tonkünstler eine sinnige Melodie dazu, so daß das Lied gesungen -und gepfiffen werden konnte. Den Dichter machte -es populär, und alle hielten ihn für einen witzigen Menschen, -der einen helleren Kopf habe als die anderen Leute.</p> - -<p>Mathias Berger hörte von dem Spottverse und beschloß, -in einem wirklichen Gedichte, das der Redakteur des -kleinen, landläufigen Blättchens gewiß drucken würde, dem -Barbier und den Dorfleuten eine derbe öffentliche Antwort -zu geben.</p> - -<p>Mathias war in seinen Feierstunden ein Dichter. Er -verfaßte zwar meist nur Gelegenheitsgedichte, wie Nachrufe, -Festtagswünsche u. dergl.; aber einige Gedichte hatten -auch in der Zeitung gestanden, und so hoffte Mathias, auch -diesmal mit einem geharnischten Poem anzukommen.</p> - -<p>Da fand er am Tor des Buchenhofes mit Kreide die Worte -angeschrieben: »Der Barbiehr ist ein Esel!« Hannes, der -Schaffersohn, bekannte sich mit vergnügtem Schmunzeln als -Urheber dieses Sinnspruches und versicherte mit Wichtigkeit, -daß er denselben Satz fast auf allen Zäunen und Toren des -Dorfes verewigt habe. Dafür erhielt er von Mathias Berger -eine unvermutete, aber sehr ausdrucksvolle Ohrfeige, und -dieser andererseits zog aus dem Vorfall die weise Lehre, -daß es nicht gut sei, sich mit Schubiacks in einen literarischen -Kampf einzulassen. –</p> - -<p>Auf Betreiben des alten Kantors war Mathias Berger -zum gesetzlichen Vormund über die beiden Kinder Heinrich -und Magdalena Raschdorf bestimmt worden.</p> - -<p>Einen Tumult gab es im Dorfe, als bekannt wurde, -daß Berger für Heinrich Raschdorf das Gut kaufe und der<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[122]</span> -Knabe sich mit seiner Schwester »auseinandersetze«. Das Gut -war abgeschätzt worden, nicht viel über die Gesamtschulden -hinaus, die Heinrich Raschdorf übernahm. Das Mädchen erhielt -eine geringe Summe ausgezahlt, die fest angelegt wurde.</p> - -<p>»Wenn es uns besser geht, Lene,« sagte Mathias, »dann -bekommst Du freiwillig, so viel wir Dir geben können. Jetzt -dürfen wir den Hof nich noch mehr belasten, sonst können -wir ihn nich halten.«</p> - -<p>Das Mädchen verstand nichts davon; es war zufrieden, -daß es auf dem väterlichen Gute bleiben durfte. –</p> - -<p>Und um diese Zeit geschah es, daß Hannes abermals -Prügel kriegen mußte. Das kam so:</p> - -<p>Er hatte einem Rudel Jungen, das ihm den Spottvers -von den »sechs Dreiern« in die Ohren sang, wütend und doch -triumphierend zugeschrien, der Mathias Berger habe mehr -Geld als die ganze »Lumpenpakasche« der Dorfleute, er hab' -das ganze Dorf »gefünffingert«, denn er besitze 40- oder gar -100 000 Taler, und das habe kein Mensch gewußt. Und als -die Jungen lachten, fragte er sie schnippisch, woher denn etwa -mit solcher »Fixigkeit und Leichtigkeit« dem Schräger und -dem Müller die Schulden bezahlt würden, wenn nicht der -Mathias das Geld gäb'. Denn sonst borgte doch kein Mensch.</p> - -<p>Diese Straßendebatte hatte drei Folgeereignisse:</p> - -<p>1. Mathias Berger wurde zur Einkommen- und Kommunalsteuer -herangezogen; 2. im Dorfe entstand eine neue, -vielleicht überhaupt die stärkste Sensation, und 3. Hannes -bekam Hiebe.</p> - -<p>Das letzte Ereignis vollzog sich an einem trüben schwermütigen -Märzabend in des Schaffers Stube. Der Vater war<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[123]</span> -sehr schweigsam dabei, der Sohn nicht. Nach der Katastrophe -ging Hannes hinaus, starrte in das trübe Abendlicht und -lehnte seinen verlängerten Rücken gegen eine kühle Mauer. -Da kam die Lene über den Hof, sah ihn verächtlich an und -sprach nur das eine Wort: »Quatschkopp«.</p> - -<p>Damit warf sie ihm etwas vor die Füße. Es war der -Ring, den er ihr ehemals verehrt hatte.</p> - -<p>Hannes rührte sich nicht. Für seinen Kampfesmut so -schmählich behandelt zu werden, hatte er nicht verdient. Er -nahm sich fest vor, weder mit seinem Vater noch mit Mathias -noch mit der Lene jemals im Leben wieder ein Wort zu -reden, und dann kroch er in sein Bett und schlief mit wehem -Herzen und ebensolchem Rücken ein.</p> - -<p>Im Dorfe unten aber wurde nach drei Tagen eine -romantische Mär erzählt. Irgendwo – den Ort wußte niemand -genau – habe eine alte, sehr geizige Frau gelebt, -die all ihr Lebtag gespart und sich eine große Menge Papiergeld -in einen alten, wollenen Unterrock eingenäht habe. -Niemand hätte von dem kostbaren Unterfutter des alten -Rockes, den die Frau beständig auf dem Leibe getragen -habe, etwas gewußt, selbst die eigenen Kinder nicht. Eines -Tages sei die Frau plötzlich am Herzschlag gestorben. Der -Rock sei nebst anderem wertlosen Zeug einem gewissen Lumpenmann -verkauft worden, und das weitere könne sich -jeder denken.</p> - -<p>Von dieser Geschichte erfuhr Mathias Berger vorläufig -nichts. Er wußte, daß die Sympathie, die er früher im Dorfe -genossen, geschwunden war seit dem Tage, da er sich der -Raschdorfschen Sache annahm. Er hatte sich in Widerspruch<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[124]</span> -gesetzt mit der öffentlichen Meinung, und das mußte er -fühlen. Daß er einer ungeheuren Unehrlichkeit bezichtigt -wurde, ahnte er nicht, freute sich vielmehr, daß sich die Leute -schmerzlich den Kopf darüber zerbrechen würden, wie er zu -so vielem Gelde gekommen sei.</p> - -<p>Unterdes hatte er auch nicht Zeit, sich um das Gerede -im Dorfe zu kümmern. Die riesige Arbeitslast, dem zerrütteten -Buchenhofe wieder aufzuhelfen, lag auf seinen Schultern. -Und da wuchs mit der Aufgabe seine Kraft. Zum erstenmal -im Leben stand er so schweren Forderungen gegenüber, -und sie stählten ihn.</p> - -<p>Im zeitigen Frühjahr schon begann der Aufbau der -Gebäude. Mathias Berger hatte einen tüchtigen, gewissenhaften -Maurermeister gefunden, der sein Werk solid, rasch -und billig herstellte.</p> - -<p>Berger war von früh bis in die späte Nacht tätig. Jetzt -war er in der Stadt zu Verhandlungen, jetzt stand er draußen -auf dem Felde, jetzt saß er grübelnd und rechnend in der -Stube, und dann stand er wieder unter den Handlangern -und rührte Kalk ein oder trug Ziegel.</p> - -<p>Ein Notstall wurde errichtet, die nötigen Ackerpferde gekauft, -das Ackerzeug ergänzt, und die Feldarbeit konnte neu -beginnen. Reichel, der Riese, arbeitete für drei. Aber er -tat noch mehr. Er bot Mathias Berger seine Ersparnisse an, -die sich auf ein paar hundert Mark beliefen.</p> - -<p>»Reichel,« sagte Berger, »Dein Geld brauch' ich jetzt -noch nich. Vielleicht später! Dann pump' ich Dich an, das versprech' -ich Dir feierlich! Jetzt brauch' ich bloß Dich selber. -Aber ganz notwendig, Reichel!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[125]</span></p> - -<p>Der Riese errötete über das Lob, das in diesen Worten -lag, und arbeitete wieder, als ob er die Welt zusammenreißen -wolle. Es war, als ob er seinen Charakter geändert habe, -denn er tat alles mit einer großen Hast, wenn er ging und -arbeitete, und ließ die majestätische Ruhe ganz außer acht, -die sonst seinem Wesen eigen war.</p> - -<p>Auch die Kinder halfen emsig nach ihren Kräften, und -Hannes benahm sich in diesen Tagen tadellos, denn am Tage -blieb ihm nicht eine Minute Zeit, Allotria zu treiben, und -am Abend war er todmüde.</p> - -<p>In all diesem emsigen Treiben fehlte nur Heinrich. Er -war wieder auf der Schule. Ein paarmal schrieb er dringende -Briefe, er wolle nach Hause, wolle helfen. Aber Berger, -sein Vormund, ging darauf nicht ein. Er antwortete ihm -kaum. Einmal nur schrieb er auf eine Postkarte: »Lieber -Heinrich, sei Du nur so fleißig auf der Schule, wie wir hier -alle sind, dann wird alles gut werden.«</p> - -<p>So kam es, daß Heinrich trotz der heftigen Seelenerschütterungen, -die seine Schülerarbeit gehemmt hatten, zu -Ostern das Versetzungszeugnis als »Dritter der Klasse« nach -Hause tragen konnte.</p> - -<p>Auf dem Bahnhof holte den Knaben niemand ab. Es -war kein Pferd übriggeblieben für die Fuhre. Aber da drüben -hielt ein Wagen aus Heinrichs Heimatsdorfe. Ein Bauer -holte irgend jemand von der Bahn. Heinrich stand mit seinem -schweren Handkoffer da und wartete immer, ob ihn der -Bauer nicht auffordern würde, mitzufahren. Aber der sagte -kein Wort, und zu bitten schämte sich der Knabe. So fuhr -der Bauer mit seinem halbleeren Wagen heim, und Heinrich<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[126]</span> -nahm den Koffer und machte sich schwerbeladen auf den -Weg nach Hause.</p> - -<p>Der Koffer zerrte an seinen Armen und Schultern. -Aber dem Knaben war doch, als ob er an dem Herzen in -der Brust noch schwerer zu tragen habe. Er kam das erstemal -nach Hause seit dem Tode beider Eltern.</p> - -<p>Wie schwer sich das ging! Schwer und ohne alle Freude. -Er hatte auch jetzt keine Begierde, die Veränderungen zu -sehen, die seitdem gemacht worden waren. Es waren schon -zu viel Veränderungen für eine Heimat.</p> - -<p>Als er den Buchenhof sehen konnte, blieb er tiefatmend -stehen. Dann begann er heftig zu weinen. War er dort -unten zu Hause? War das wirklich der Ort, nach dem er sich -in seinen Heimwehstunden gesehnt hatte? Oder war er -nicht in die Irre gegangen, war das nicht die Fremde?</p> - -<p>Wenn sein Vater jetzt dort unten ginge und nur einmal -hinaufnickte, das wäre schön.</p> - -<p>Aber dort war der Kirchhof. Dort lagen Vater und -Mutter. Dorthin mußte der Heinrich gehen, wenn er nach -Hause kommen wollte.</p> - -<p>Und die Tränen des Kindes flossen reichlicher.</p> - -<p>Da erhob sich etwas vom Straßenrande, ein Stückchen -den Weg hinunter, und kam rasch auf Heinrich zugelaufen. -Es war Lotte Schräger.</p> - -<p>»Guten Tag, Heinrich! Guten Tag! Ach, ist das schön, -daß Du kommst! Siehst Du, ich hab' einen Strauß gemacht. -Da – nimm ihn! Warum sagst Du denn nichts? Gefällt -er Dir nicht? Es gibt jetzt noch keine hübscheren Blumen.«</p> - -<p>»O ja, Lotte, er ist sehr schön. Wo kommst Du denn her?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[127]</span></p> - -<p>»Ich hab' gewußt, daß Du kommst. Und es hat Dich -doch niemand abgeholt, da wollt' ich Dir ein bißchen entgegengehen.«</p> - -<p>Er wurde verlegen.</p> - -<p>»Na ja, Lotte, da seh' ich doch jemand, den ich kenne.«</p> - -<p>»Komm, ich werd' Dir den Koffer tragen. Oh, is der -schwer!«</p> - -<p>»Laß, Lotte, den Koffer kannst Du nicht tragen, den -trag' ich selber!«</p> - -<p>»Na nu, mal weg mit der Hand! Ich trag' den Koffer! -Du mußt ja schon schrecklich müde sein!«</p> - -<p>»Lotte, es geht nicht! Laß mich wenigstens am Henkel -mit anfassen, da wird's besser gehen!«</p> - -<p>So einigten sie sich und trugen den Koffer miteinander -den Weg entlang.</p> - -<p>Der Frühling lachte aus dem Walde heraus, und Heinrich -Raschdorf ward auf einmal wohl ums Herz. Die Bangigkeit -war verschwunden, und wie durch ein Wunder war die -Ferienfreude in sein Herz eingekehrt.</p> - -<p>»Lotte, ich freu' mich so, daß ich Dich getroffen habe.«</p> - -<p>Das Mädchen sah ihm unschuldig ins Gesicht und lachte.</p> - -<p>»Ja, sieh mal, Heinrich, das ist halt, weil ich doch -eigentlich Deine Braut bin. Weißt Du noch damals vom -Feuer?«</p> - -<p>»Ich weiß es noch!«</p> - -<p>Der Knabe war rot geworden. Er war schon reifer als -das Kind, und es ging ihm jetzt wie eine langsame Lähmung -durch die Glieder. Er hatte immer jene Mitschüler für schlechte -Subjekte gehalten, die davon redeten, daß sie eine »Flamme«<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[128]</span> -hätten. Es waren so fünf bis zehn Stück davon in der Klasse. -Und ein paar machten sogar Gedichte. Herauskommen -durfte so etwas nicht, da wäre einer einfach »abgesägt« -worden. Eine schlechte Nummer wäre das mindeste gewesen.</p> - -<p>Eine Angst packte Heinrich, ohne daß er doch ein heimliches -Glücksgefühl los wurde. Und der junge Herkules wußte -gar nicht, daß er da mit seinem Koffer auf einem Scheideweg -herumlief.</p> - -<p>Lotte begann wieder zu reden.</p> - -<p>»Jetzt nach Ostern komm ich auch auf die Schule. In -eine Höhere Töchterschule. Weißt Du, Stunden hab' ich -ja schon viel gehabt, auch im Französischen, aber jetzt soll -ich nu die richtige Bildung lernen. Vielleicht auf vier Jahre -komm ich fort.«</p> - -<p>»So, so, Lotte. Da wirst Du ja eine feine Dame werden.«</p> - -<p>»Ja, der Vater will's. Viel Spaß macht mir's nicht. -Aber ich denke, wenn Du doch so viel lernst, da muß ich auch -nicht so dumm sein, wenn wir uns schon einmal heiraten.«</p> - -<p>Das Mädchen ging von seinem Eheprojekt nicht ab.</p> - -<p>»Du hast doch niemand was erzählt, Lotte?« fragte Heinrich -ängstlich.</p> - -<p>»Soll ich nicht?«</p> - -<p>»Nein, Lotte, Du darfst nichts erzählen – niemand! -Hörst Du – niemand: Das paßt sich nicht!«</p> - -<p>»Das paßt sich nicht?«</p> - -<p>Das Mädchen wurde nachdenklich. Zum ersten Male -kam ihr ein dumpfes Bewußtsein, daß es sich hier um etwas -handele, was niemand wissen dürfe. Und das tat ihr leid.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[129]</span></p> - -<p>»Aber – aber so einen niedlichen Ring könntest Du -mir auch schenken.«</p> - -<p>Dem Knaben wurde schwül, und er sah sich ängstlich um, -ob auch niemand in der Nähe sei.</p> - -<p>»Ich möchte schon, aber ich hab' keinen, und wenn's -geht, schenk' ich Dir einen.«</p> - -<p>»Ach, da würd' ich mich aber freuen, Du! Schrecklich -tät ich mich freuen!«</p> - -<p>Heinrich begann ein alltägliches Gespräch, und das -setzten sie fort, bis sie sich eine Strecke vom Buchenhofe entfernt -verabschiedeten.</p> - -<p>Unterm Hoftor blieb Heinrich stehen. Er kannte das -väterliche Gehöft kaum wieder. Vieles war verändert. Eine -Menge Baumaterialien war im Hofe aufgeschichtet und eine -Schar Arbeitsleute war geschäftig tätig.</p> - -<p>Abseits an einer Mauer saßen Hannes und Lene. Sie -hatten ein jedes einen Hammer in der Hand, und damit -schlugen sie Kalk los von alten Ziegeln.</p> - -<p>Als sie Heinrich sahen, kamen sie rasch auf ihn zu. Mit -herzlicher Freude begrüßten sie den Heimkehrenden.</p> - -<p>»Jesses,« schrie Hannes, »nu hat niemand an den -Koffer gedacht. Na, da haste gut schleppen können. Gib -mal her! Schwerleck, der zieht! Na, siehste, Heinrich, Du -mußt nich immer so viel Bücher reintun, denn sie sind schwer, -und pauken tuste in den Ferien doch nich!«</p> - -<p>»Von wem haste denn den Strauß?« fragte Lene.</p> - -<p>Heinrich wurde rot und suchte nach einer Ausrede. -Aber dann sagte er mit möglichstem Gleichmut:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[130]</span></p> - -<p>»Ach, ich hab' die Schräger Lotte getroffen, und die -hat ihn mir geschenkt!«</p> - -<p>»Die Schräger Lotte?« fragte Lene streng.</p> - -<p>»Die Schräger Lotte?« wiederholte Hannes entrüstet. -»Na, ich danke, mit der gibst Du Dich noch ab und läßt Dir -Sträuße schenken? Das hätt' ich nich von Dir gedacht!«</p> - -<p>»Aber was – was ist denn?«</p> - -<p>Hannes und Lene sahen sich an.</p> - -<p>»Er weiß noch nich. Na, ich werd' Dir's sagen, Heinrich. -Rat' mal, wo unser Mathias is!«</p> - -<p>»Unser Mathias? Zu Hause! Wo sonst?«</p> - -<p>Die Lene trat ganz dicht an ihn heran und flüsterte -ihm ins Ohr:</p> - -<p>»Im Gefängnis is a!«</p> - -<p>»Im Gefängnis – das ist nicht wahr!«</p> - -<p>»Ja! Der Schräger hat'n verklagt, und da hat a zehn -Tage gekriegt. Wegen der Beleidigung!«</p> - -<p>Der Knabe stand wie erstarrt.</p> - -<p>»Na, und Du läßt Dir von der Lotte 'n Strauß -schenken?«</p> - -<p>Heinrich konnte kein Wort sagen, kein armseliges Wort. -Ein Stückchen Heimat hatte sich vor ihm aufgetan, als er -mit dem Nachbarskinde vorhin wanderte. Und das wurde -ihm so grausam wieder genommen.</p> - -<p>»Seit wann ist er fort?« brachte er endlich heraus.</p> - -<p>»Heute is der vierte Tag. A hat sich gerade über die -Feiertage einsperr'n lassen, daß a dann wieder mit arbeiten -kann. Na siehste, die Schrägerleute, das sind eben alles -Lumpe.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[131]</span></p> - -<p>Jenseits des Hoftors schallte eine krächzende Stimme:</p> - -<p>»Eingesperrt – eingesperrt! – Sechs Dreier und einen -Hund, einen großen Hund!«</p> - -<p>»Das ist der Gustav, das blödsinnige Heft! – Da! Hier -habt Ihr Euren Mist wieder!«</p> - -<p>Und Hannes riß Heinrich den Strauß aus der Hand und -schleuderte ihn über das Tor.</p> - -<p>»Was machst Du, Hannes, was –«</p> - -<p>Aber draußen schrie der Idiot schon wieder: »Blumen! -Blumen! O, schöne Blumen! A Pukettel! A Pukettel! -Ich putz mich! Ich mach mich fein! Sechs Dreier und einen -Hund – einen gro–o–o–ßen Hund!«</p> - -<p>Damit verschwand er singend im Kretscham.</p> - -<p>Heinrich stand mit gesenktem Kopfe da.</p> - -<p>»Unser Mathias! Aber das war doch nicht recht, Hannes! -Die Lotte kann doch nichts dafür.«</p> - -<p>Die Antwort gab seine Schwester Lene.</p> - -<p>»Das is ganz egal! Von den Schrägerleuten darfst Du -keinen Strauß nehmen. Das paßt sich nicht!«</p> - -<p>»Du wirst doch nich etwa zu den'n halten! Das hätt' -sich der Mathias gerade verdient. Na komm, Lene, wir -müssen wieder Ziegeln abkratzen. Geh nur in die Stube, -Heinrich.«</p> - -<p>Die Kinder gingen fort, und Heinrich nahm den Koffer -und trat ins Haus.</p> - -<p>Niemand war in der großen Wohnstube. Leer und -einsam lag das Zimmer. Da fühlte Heinrich Raschdorf, daß -hier die Heimat nicht mehr war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[132]</span></p> - -<p>Müde sank der Gast auf einen Stuhl und stützte sich auf -den Tisch. Und so saß er ohne klare Empfindungen. Nur eine -große Bangigkeit war in ihm.</p> - -<p>Er hatte wohl auch Hunger. Aber es kam niemand, -ihn zu fragen, ob ihm etwas fehle.</p> - -<p>Der Lehnstuhl der Mutter stand am Fenster – leer. -Zuguterletzt ging Heinrich mit zagen, scheuen Schritten näher -und setzte sich in den Stuhl. Das Gesicht preßte er gegen die -Lehne.</p> - -<p>Und auch in dem Stuhle war nicht die Heimat. Nur -eine wilde, quälende Sehnsucht kam, indes es draußen langsam -dunkelte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Drüben über der Straße ging indes eine Kindheit -unter.</p> - -<p>Die Kindheit Lottes.</p> - -<p>Wer von allen weiß, wie lange Kindheit dauert? Bei -manchen Wesen ist sie früh verloren; bei manchen dauert -sie das ganze Leben.</p> - -<p>Wer ein Wissender wurde, ist kein Kind mehr. Nur -die sind Kinder, die vor den verschleierten Bildern des Lebens -wunschlos stehen und nicht fragen.</p> - -<p>Wer mit zweifelnder Hand den Schleier hob, oder wem -ein Sturm die großen, öden Bilder enthüllte, der ist weit -von der Kindheit.</p> - -<p>Und wer weit von der Kindheit ist, ist nahe dem -Tode.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[133]</span></p> - -<p>Die Scham war diesem Mädchen gekommen wie ein -dunkelrotes Licht, das ein trübes Erkennen brachte, das Erkennen, -daß Lieb' und Treue gemißhandelt werden können.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">O, ihr welken Anemonen!</div> - <div class="verse indent0">O, ihr toten, traurigen Veilchen!</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="figcenter" id="illu-137"> - <img src="images/illu-137.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[134]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_9">Kapitel 9</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-138"> -<div class="boxu box138u"> -<img src="images/illu-138.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box138l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Drei Jahre später. Die Osterglocken läuteten -genau so wie damals, als der Buchenhof -wieder aufgebaut wurde. Ganz derselbe Akkord! Ganz -dasselbe Osterlied. Nur ein neuer Kantor ging vor der -singenden Menge; der andere war bei der stillen, großen -Zuhörerschar, die ungesehen hinter der frühlingsgrünen -Rasengardine nach Auferstehungsliedern lauscht.</p> - -<p>Vorweg im kirchlichen Zuge gingen die Musizierenden, -dann kam der Priester mit seiner Begleitung und dann die -Gläubigen in Reihen zu fünf oder sechs Leuten.</p> - -<p>Eine solche Reihe bestand aus Heinrich und Lene Raschdorf, -Mathias Berger, Liese, dem Schaffer und seinem -Sohne Hannes.</p> - -<p>Die Buchenhofleute gingen immer für sich. Sie vermischten -sich mit den anderen nicht.</p> - -<p>Früher waren sie mit bei der Musikkapelle gewesen, -jetzt schon lange nicht mehr. Sie waren einmal beleidigt -worden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[135]</span></p> - -<p>»Das ist kein Schade,« hatte der Mathias damals gesagt, -als er mit seiner Trompete nach Hause kam, die sonst -auf dem Chor neben der Orgel hing, »gar kein Schade, denn -die Sänger und Musikanten sind die unandächtigsten Leute -in der ganzen Kirche. Wenn sie musizieren, da haben sie -bloß immer aufzupassen, daß sie nich aus 'm Takt kommen, -und könn'n an a Herrgott nicht denken, und wenn Pause is, -da schnaupen sie sich die Nasen aus oder quatschen miteinander. -Na, ich sage: Wenn der Herr Jesus mal auf so -'n Chor käm', der schlüg' manchem die Baßgeige um die -Ohren.«</p> - -<p>»Is richtig,« hatte der Schaffer gesagt und sonst nichts, -hatte aber auch damit seine künstlerische Stellung als Paukenschläger -begraben.</p> - -<p>Am nächsten Sonntag aber, als Reichel mit Mathias in -der Kirche unten im Schiff saß, schlief er ein. Da sagte Mathias -auf dem Heimwege, für den Schaffer wäre das Paukenschlagen -immer noch der allerbeste Gottesdienst.</p> - -<p>Nach der kirchlichen Feier an jenem Ostermorgen gingen -die Buchenhofleute miteinander heim.</p> - -<p>Sie waren sehr fröhlich, denn es ging ihnen gut. Heinrich -war nun endgültig von der Schule zurück. Er hatte die -Berechtigung zum Einjährigen-Dienst erworben, und Mathias -Berger war zufrieden mit ihm. Heinrich war ein hochgewachsener, -etwas blasser, aber hübscher Bursche geworden.</p> - -<p>»Nun kann's gehen, wie's will, Heinrich, nu find'st Du -immer 'ne Stelle.«</p> - -<p>Übrigens ging es gut. Der Hof war völlig neu eingerichtet, -und ein paar günstige Jahre sowie Fleiß und Anspruchslosigkeit,<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[136]</span> -die keiner Steigerung mehr fähig waren, -hatten zuwege gebracht, daß Mathias Berger nicht nur die -Zinsen pünktlich bezahlen konnte, sondern immer neue Verbesserungen -im wirtschaftlichen Betrieb anlegte, wenn er -auch vorläufig noch kein Geld sparte.</p> - -<p>Wenn ihn aber Heinrich fragte, ob er sich auch gewissenhaft -die Zinsen für sein eigenes Kapital nähme, wurde er -immer verstimmt und sagte:</p> - -<p>»Möchtest mir wohl auch gern Lohn geben wie einem -Großknecht? Sei nur still! Ich komm schon zu meiner -Sache, wenn's erst besser geht. Später rechnen wir ab. -Ich schreib' alles auf. Und weißt Du, was ich brauche, -nehm' ich mir, und meiner Schwester und der Liese schick' -ich Milch und Butter, Kartoffeln und Speck. Das sind -genug Zinsen.«</p> - -<p>Nun trug sich Mathias Berger mit großen Plänen. -In einem Hügel, der zum Buchenhof gehörte, hatte er ein -Lehmlager entdeckt. Also wollte er eine Ziegelei anlegen -und erhoffte von dieser reichliche Erträge. Nur klug und vorsichtig -müsse man es anfangen. Jedenfalls sei die Sache -bei der regen Bautätigkeit, die im Kreise entfaltet werde, -durchaus aussichtsvoll. Als Anlagekapital wollte Mathias -Berger seine letzten 7000 Mark zu Hilfe nehmen.</p> - -<p>»Und wenn das Geld verloren geht, wenn wir pleite -werden, wenn Du stirbst, was wird dann aus der Liese?«</p> - -<p>Bergers Gesicht verfinsterte sich etwas.</p> - -<p>»Aus der Liese?! Na ja! Aber sieh mal, da muß sie -halt arbeiten – wie wär's, wenn ich das Geld nicht gewonnen -hätte? Und dann is vom Pleitewerden gar keine<span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[137]</span> -Rede. Geht der Krempel nicht, hör'n wir zur rechten Zeit -auf!«</p> - -<p>Heinrich dachte nach.</p> - -<p>»Jawohl, und ich würde ja auch die Liese nicht verlassen, -ich würde alles tun für sie – alles!«</p> - -<p>Da leuchteten Mathias Bergers Augen. Es lag ein -eigener Osterglanz darin. Und er drückte Heinrich stumm -die Hand.</p> - -<p>Der aber sah den Weg hinauf.</p> - -<p>Dort ging im jungen Morgenlicht eine schlanke, feine -Mädchengestalt. Sie trug ein lichtes Kleid und einen ganz -modischen Hut.</p> - -<p>Neben ihr ging ein junger Bursche, und vornweg trollte -der Idiot. –</p> - -<p>»Du,« sagte Hannes zu Lene, die auch miteinander -gingen, »eigentlich ist doch die Schräger Lotte a sehr hübsches -Mädel geworden.«</p> - -<p>Lene antwortete nicht.</p> - -<p>»Na, ich sag' ja, Lene, Du bist ja auch ganz hübsch, wenn -Du och nich so fein und klug bist. Und was die Hauptsache -is, Du bist doch viel kräftiger als wie die Lotte.«</p> - -<p>Das hielt Hannes für eine Schmeichelei. Die Lene aber -fuhr ihn zornig an, daß er es für ratsamer hielt, sich Heinrich -anzuschließen, der indes langsam herankam.</p> - -<p>»Was ist denn los? Ihr habt Euch wohl wieder gezankt? -Könnt Ihr Euch denn nicht vertragen?«</p> - -<p>»Nee, dazu is die Lene zu grob. Sie hat keene Bildung! -Am besten is, ich red' überhaupt nich mehr mit ihr.«</p> - -<p>»Was habt Ihr denn wieder mitsammen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[138]</span></p> - -<p>»Ach, ich hab' bloß gesagt, daß mir die Lotte gefällt, -und da is se wahrscheinlich eifersüchtig oder so was.«</p> - -<p>Heinrich sah vor sich nieder auf den Weg.</p> - -<p>»Damals hattest Du Lottes Strauß auf die Straße geworfen, -alter Freund. Weißt Du, daß sie seit der Zeit nie -mehr mit mir gesprochen hat?«</p> - -<p>»Ja. Aber im Grunde genommen is 's ja besser so. -Freundschaft könn'n wir doch mit a Schräger-Leuten nich -halten. – Sieh mal a jungen Riedel! Ich globe, der will -se poussier'n. A lauft alle Tage zum Schräger. Na, das -wär' auch, als wenn sich der Ochse mit 'm Kanarienvogel -verheiratete!«</p> - -<p>In diesem Augenblick wandte sich Gustav Schräger um -und brüllte aus vollen Lungen den Bergweg herunter:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Sechs Dreier und einen Hund!</div> - <div class="verse indent0">Einen gro…o…ßen Hund!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Man hörte den jungen Riedelbauer lachen, während -Lotte den Idioten offenbar scharf zur Ruhe wies. Da blieb -er hinter ihr und ihrem Begleiter zurück, drehte sich von -Zeit zu Zeit um, drohte mit der Faust nach den Buchenhofleuten -oder warf Steine den Weg herab.</p> - -<p>»A wird immer blödsinniger,« sagte Hannes. »Aber -das Versel vom Barbier kann a immer noch. 's is das einzige, -was a auswendig kann. Na, und sein Vater is bald -nich mehr klüger wie er.«</p> - -<p>»Du mußt nicht so reden, Hannes.«</p> - -<p>»Na, Du hast eben keine Ahnung, Heinrich, wie der -Schräger sauft. Alle Tage is a besoffen, manchmal schon<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[139]</span> -frühmorgens. Und weißte, das is komisch: a sauft gerade -seit dem Tage, wo Deine Mutter gestorben is.«</p> - -<p>»Wieso?«</p> - -<p>»Früher hat doch der Schräger kaum amal genippt, und -an dem Tage, wo Deine Mutter frühmorgens starb, da war -a mittags schon so besoffen und hat so gelärmt im Kretscham, -daß man's bis bei uns gehört hat. Weißte, was Mathias -sagt? Das is das böse Gewissen! Das will a totsaufen!«</p> - -<p>»Das kann kein Mensch behaupten.«</p> - -<p>»Behaupten wird's der Mathias nich mehr, dafür hat -a ja zehn Tage gekriegt. Weißte noch, jetzt sind's grade -drei Jahre. Das war a schlechtes Osterfest. Der Mathias -kann alles vergessen, aber daß a hat sitzen müssen, das frißt -an 'm. Deswegen is a auch bloß mit a Leuten im Dorfe -nich mehr gutt. Die geh'n nu amal doch zum Schräger, -und den Schräger kann a nich leiden.«</p> - -<p>»Eigentlich ist es schlimm, daß wir uns mit den Leuten -nicht vertragen, aber ich hoffe, daß es doch mal besser werden -wird!«</p> - -<p>»Da kannste lange hoffen! Wenn wir jetzt erst noch -Ziegeleibesitzer sind, da fressen sich die Leute selber uff vor -Neid. Denn im Grunde genommen nehmen sie's uns doch -bloß übel, daß wir damals nich pleite geworden sind. Wenn -Dein Vater eingesperrt worden wär', und die Wirtschaft -hätte der Schräger, und Du wärst Knecht, da wär'n Dir die -Leute ganz gutt. So aber nich!«</p> - -<p>Heinrich seufzte. Hannes fuhr fort zu reden.</p> - -<p>»Und was haben sie alles gesagt: Dein Vater hat angezünd't -oder Du! Ja, ja, guck nur! Das sagen sie immer<span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[140]</span> -noch. Zwar nich laut, denn da setzt's ja zehn Tage, aber -sie sagen's. Du oder Dein Vater, oder beide! Und dann, -daß a sich erschossen hat. Und von Deiner Mutter und vom -Mathias –«</p> - -<p>»Hör' auf, Hannes, hör' auf! Ich mag nichts mehr -hören davon!« – – – –</p> - -<p>Ein Stückchen weiter den Weg hinauf sagte Lotte Schräger -zum jungen Riedel: »Es ist doch unrecht von den Dorfleuten, -daß sie so garstig zu den Raschdorfs sind.«</p> - -<p>»Unrecht, hä! Zu solchen Feuermachern und Selbstmördern?!«</p> - -<p>»Wer kann das beweisen? Kein Mensch!«</p> - -<p>»Beweisen! Hä! Das Gericht freilich nich. Aber wir -wissen's alle. Und der Berger. Wo hat a denn das Geld -her? 40 000 Mark a Lumpenmann! Was?«</p> - -<p>»Das weiß ich nicht.«</p> - -<p>»Nee, das weeß keen Mensch, das weeß a bloß selber. -Da müßt' sich's Gericht drum bekümmern; aber darum schert -sich keen Teufel. Zu knapper Not, daß a damals was aufs -Maul kriegte, wie a 's Deinem Vater in die Schuhe schieben -wollte, ein'm Manne, der überhaupt nich aus der Stube gekommen -is. Das sind feine Leute, was?«</p> - -<p>Lotte schwieg.</p> - -<p>»Na, und dann – a hat die Raschdorfen geküßt. Die -Glasen hat's gesehen. Und das, während der Hof brennt -in der Nacht. Feine Leute!«</p> - -<p>»Riedel, bitte, nicht – nicht so was –«</p> - -<p>»Und warum interessiert a sich denn gar so sehr für -den Heinrich? Warum nimmt a weder Lohn noch Zinsen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[141]</span></p> - -<p>»Das kann ich nich sagen.«</p> - -<p>»Na, und der alte Raschdorf hat mit kein'm Menschen -Freundschaft gehalten, und die jetzt scheinen auch drauf zu -warten, daß sie's ganze Dorf um Verzeihung bitten kommt. -Hol' der Teufel die hochnäsige Bande!«</p> - -<p>»Riedel, ich leid' solche Redensarten nicht.«</p> - -<p>»Leid'st sie nich? Na, da – da kann ich wohl gehen, -da kann's ja die Schräger-Lotte mit a Buchenhofleuten halten. -Aber der studierte Heinrich, der gefällt vielleicht der Lotte, -da hält sie's lieber gegen a Vater –«</p> - -<p>»Riedel, das leid' ich nicht! Solches Gerede paßt sich -nicht, überhaupt auf dem Kirchwege! Da geh lieber!«</p> - -<p>Der Bursche sah mit finsterem Gesicht auf den Boden. -Zwanzig Schritte weit ging er noch mit, dann bog er in einen -Feldrain ein. Lotte ließ ihn gehen und schritt ernst weiter. -Der Idiot aber schlich dem jungen Riedel nach.</p> - -<p>»Du,« sagte er tückisch, »wir werden sie schmeißen!«</p> - -<p>Riedel antwortete ihm nicht, aber er blieb stehen. -Indessen kamen Heinrich und Hannes näher, ein Stück -dahinter Mathias und Lene. Der junge Riedel sah Heinrich -herausfordernd an. Dann lachte er roh und rief laut -herüber:</p> - -<p>»Die Schräger Lotte möchte lieber mit a Buchenhofleuten -gehn!«</p> - -<p>»Die Schräger Lotte läßt a Herrn Raschdorf schön -grüßen, und sie möchte gern seine Liebste sein!«</p> - -<p>Heinrich blieb erschrocken stehen und wurde feuerrot.</p> - -<p>»Ja,« fing der junge Riedel wieder an, »und sie nimmt -ihm gar nischt übel, nich a Brand und rein gar nischt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[142]</span></p> - -<p>»Riedel! Ich – ich –« Heinrich ging ein paar -Schritte auf den rohen Burschen zu und blieb dann stehen. -Er schämte sich, tätlich zu werden. Riedel hielt das für -Feigheit.</p> - -<p>»Oho, komm nur her, fang' nur an; Du bist mir gerade -recht!«</p> - -<p>Da kam der Schaffer. Er ging schweigend auf Riedel -zu. Der stand verlegen still, denn den Schaffer fürchtete er.</p> - -<p>»Mit Ihnen hab' ich nischt,« sagte er halb trotzig und -halb beklommen. Darauf bekam er keine Antwort.</p> - -<p>Der Schaffer faßte ihn an beiden Schultern und kommandierte: -»Kehrt!« Damit drehte er den jungen Mann -mit einem gewaltigen Ruck um, gab ihm einen freundlichen -Stoß in den Rücken und sagte: »Marsch!«</p> - -<p>Der junge, starke Bauer kochte vor Wut. Aber es nützte -nichts; diesem Riesen war er bei weitem nicht gewachsen, -und so mußte er einen Schritt vor ihm hermarschieren den -Berg hinab, wenn er nicht das Schlimmste gewärtigen wollte.</p> - -<p>Jedesmal, wenn er sich widersetzen oder stehen bleiben -wollte, bot ihm der Schaffer in gutmütigem Tonfall eine -riesige Tracht Prügel an.</p> - -<p>Und so mußte er gehen und konnte nur schimpfen, denn -wenn er geprügelt worden wäre, das wäre eine zu große -Schande gewesen.</p> - -<p>Als sie ein großes Stück gegangen waren, sagte Reichel:</p> - -<p>»'s is heiliger Tag heute! Da soll man nich brüll'n, -nich schimpfen und überhaupt keene Stänkerei machen!« -Mit dieser Ermahnung verließ der tapfere Christ den wütenden -jungen Riedel und ging schweigend zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[143]</span></p> - -<p>Hannes hatte sich indessen aus hellem Vergnügen über -das Bravourstück seines Vaters lang auf den Wiesenrain geworfen -und mit Füßen die Erde getrommelt. Diese Beifallskundgebung -trug ihm einen häßlichen Fleck auf seinem neuen -Sommeranzug und außerdem das bedrückende Bewußtsein -ein, daß er für seine Leute nicht Partei ergreifen dürfe, ohne -Schaden zu nehmen. Und es blieb ihm nichts übrig, als vorläufig -auf das Benzin und auf die Zukunft zu hoffen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Fünf Tage nach diesem Ostermorgen begann Heinrichs -Tätigkeit als Bauer.</p> - -<p>O du liebe, schwere Zeit!</p> - -<p>Eine Mahnung sollte jeder verständige Mensch beherzigen: -Wenn du geeignet bist, lateinische Schriften mit -Geschick zu übersetzen und algebraische Aufgaben mit Richtigkeit -zu lösen, so unternimm es nicht, Pferde anzuschirren, -sonst kannst du an all deinen Talenten irre werden und -andere auch.</p> - -<p>Hannes stand als Lehrmeister neben Heinrich, der sich -bemühte, einen Ackergaul anzuschirren. Der junge Magister -war schlechter Laune.</p> - -<p>»Heinrich, Du bist einfach 'n tapriger Hering. Hierum -kommt der Riemen! Hier mußte festschnallen! Nu, Mensch, -siehste denn die Schnalle nich? Nich zu locker! So, in das -Loch! Herrjeh, Kerl, wenn Du als Primus schon so tumm -bist, wie mögen erst die andren sein!«</p> - -<p>»Bitte, Hannes, red' nicht so viel!«</p> - -<p>»Da soll einer nich reden! Sieh ock, wie sich der Schimmel -umguckt! Der lacht sich eens über Dich! Nanu a Zaum<span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[144]</span> -einmachen! Fürcht' Dich ock nich! Der Schimmel beißt nich; -höchstens Haber! Geh weg, ich mach' a Zaum selber ein, -das wär' mir a Gegratsche! Mach derweile a Mist aus a -Hufen raus.«</p> - -<p>»Was soll ich?«</p> - -<p>»A Mist aus a Hufen rausmachen!«</p> - -<p>»Womit denn – womit soll ich denn, Hannes?«</p> - -<p>»Womit? Schafkopp! Mit a Händen! Mit was denn sonst?«</p> - -<p>»Pfui, das ist schrecklich unappetitlich!«</p> - -<p>Hannes schüttelte über seinen talentlosen Schüler melancholisch -den Kopf.</p> - -<p>»Unappetitlich! Mensch! Als wenn da was zum -Essen wär'! Na, da sieh mal her, so macht man a Mist aus -a Hufen raus, schmeißt 'n natürlich weg und wischt sich an -a Hosen die Hände ab. Möcht' ich wissen, was dabei unappetitlich -is!«</p> - -<p>Heinrich sagte gar nichts; er seufzte nur schwer. Dann -bestieg er mit Hannes den Ackerwagen, und sie fuhren hinaus -aufs Feld. Er selbst behielt die Zügel.</p> - -<p>Wie sie ein Stückchen draußen waren, bückte sich der -Schimmel nach dem Wegrain und fing an zu grasen, während -er den Wagen langsam, sehr langsam hinter sich herzog. -Heinrich ließ ihn gewähren, denn er meinte, solch ein Gebahren -sei bei den Ackerpferden allgemein üblich.</p> - -<p>Hannes aber saß stumm neben ihm mit verhaltenem -Zorn und schwerer Verachtung. Nach einer Weile hielt er's -aber nicht länger aus und er seufzte zynisch:</p> - -<p>»Na, da werden wir ja hoffentlich zu Mittage draußen -sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[145]</span></p> - -<p>Heinrich schrak aus seinen Träumen empor und wackelte -energisch mit der Leine. Der Schimmel ließ sich dadurch -nicht stören, sondern streckte gerade seine lüsterne Zunge nach -einer frisch aufgeschossenen Maiblumenstaude aus – da hieb -ihm unvermutet der Hannes die Peitsche über den Rücken, -daß er aufzuckte und sich in eine für sein Temperament verblüffend -schnelle Gangart setzte.</p> - -<p>Leider geschah es, daß Heinrich über den Hieb noch heftiger -erschrak als der Schimmel, und daß ihm deshalb die -Leine entglitt, die nun unten auf der Erde einherschleifte. -Und in dieser für einen Kutscher sehr trostlosen Verfassung -begegnete das dahinsausende Gefährt dem Barbier.</p> - -<p>Der schlug ein Gelächter an und ging dann schnell dem -Buchenkretscham zu. –</p> - -<p>Auf dem Felde draußen sagte Hannes finster:</p> - -<p>»Du plamierst ein'n kolussal!«</p> - -<p>Heinrich wußte nichts zu erwidern. Da war er nun der -Herr und Besitzer des Buchenhofes, hatte mehr gelernt als -alle anderen Bauern und wußte nicht einmal einen fetten -Gaul zu regieren.</p> - -<p>Und nun kam die schwierigere Aufgabe. Heinrich sollte -pflügen lernen. Hannes spannte den Schimmel an den -Pflug und sagte:</p> - -<p>»Den Rand mach' ich! Das is zu schwer für Dich. Geh -mal nebenher und paß auf! So – also so wird der Pflug gehalten. -Fest muß man ihn halten, sonst springt a raus. Und 's -Pferd muß immer'n Fuß breit weg von der Furche gehn. Jüh!«</p> - -<p>Aufmerksam schritt Heinrich neben dem Pfluge einher. -Er gab genau acht, und die Sache erschien ihm kinderleicht.<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[146]</span> -Hannes machte allerlei Kunststückchen; er überbot sich in -technischen Ausdrücken, namentlich in den direkten Anreden, -die er an das Pferd richtete, und ließ bald die rechte, bald -die linke Hand von den Holmen los, wie ein eitler Radler -auf der Straße, wenn er den Passanten zeigen will, wie -sicher er seiner Sache sei.</p> - -<p>Indessen kam Heinrich in eine schwermütige Stimmung. -Seine Gedanken flogen hinab nach Breslau. Heute begann -das neue Schuljahr. Die Ober-Sekunda! Jetzt mußte eigentlich -alles erst recht interessant werden. Der Ordinarius in -Ober-Sekunda war bekannt als tüchtiger Lehrer. Ach, er -durfte seinem Unterricht nicht lauschen; er mußte pflügen -lernen, mußte stumpfsinnig die Furchen entlang gehen, -immer hin und her ohne alle Abwechslung, ohne jedes bißchen -Geist.</p> - -<p>Aber er hatte es ja doch so gewollt; er hatte um jeden -Preis in der Heimat sein wollen.</p> - -<p>Und wieder dachte er nach, was für eine Bewandtnis es -um die Heimat habe.</p> - -<p>»Na, nu kommst Du dran, Heinrich; nu nimm Dich aber -zusammen!«</p> - -<p>Heinrich trat an den Pflug, und sein Gesicht war so -rot, als ob ihm eine schwierige Examenaufgabe gestellt -worden sei, von deren guter Lösung alles abhing. Krampfhaft -fest faßte er die Holmen des Pfluges.</p> - -<p>»Los!« sagte er mit erregter Stimme.</p> - -<p>»Los versteht der Schimmel nich,« korrigierte Hannes; -»jüh mußte sagen.«</p> - -<p>»Jüh!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[147]</span></p> - -<p>Das Pferd zog an. Ein paar Schritte ging es. Heinrich -taumelte hinter dem Pfluge hinüber und herüber wie ein -Betrunkener; schließlich flog die Pflugschar aus der Erde -heraus, der Pflug fiel um, und Heinrich sprang beiseite, -um nicht geschlagen zu werden.</p> - -<p>Der Schimmel blieb verdutzt stehen und schaute sich -mitleidig um. Hannes aber zuckte empört die Schultern.</p> - -<p>»Schweinisch, sag' ich, einfach schweinisch!«</p> - -<p>Das war seine Kritik, dann zog er den Pflug zurück, -verbesserte die »verhunzte Furche«, fuhr bis auf die Mitte -des Ackers und bot Heinrich abermals den Pflug an.</p> - -<p>Ach, der Erfolg war nicht besser als vorher. Hannes -schimpfte, und über Heinrich kam tiefe Verzagtheit.</p> - -<p>»Es geht nicht, Hannes, es geht absolut nicht.«</p> - -<p>Hannes steckte sinnend die Hände in die Hosentaschen.</p> - -<p>»Heinrich, ich glaube, Du wirst a ganz miserabler Pauer -werden.«</p> - -<p>Das fürchtete Heinrich auch, und die Frage, ob es nicht -besser für ihn gewesen wäre, bei den Büchern zu bleiben, -tauchte ihm schon an diesem ersten Tage seiner Bauerntätigkeit -auf.</p> - -<p>Trotzdem nahm er mit großer Energie immer wieder -das Geschäft des Pflügens auf, und einmal gelang es ihm, -eine ganze Furche entlang zu fahren. Da rötete sich sein -Gesicht vor Freude. Als er aber den Pflug umwenden -wollte, um zurückzufahren, geschah ein Unglück. Er setzte -sich das schwere Ackergerät heftig auf den Fuß. Laut -auf schrie er, warf den Pflug hin und setzte sich an -den Feldrand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[148]</span></p> - -<p>Wieder wandte sich der Schimmel um und machte eine -so undeutliche Miene, daß niemand wissen konnte, ob sie -Mitleid oder Ironie bedeute.</p> - -<p>Hannes kam mit langen Schritten heran und besah sich -den blutenden Fuß, von dem Heinrich indessen den Stiefel -gezogen hatte. Zorn und Mitleid kämpften in ihm.</p> - -<p>»Das allerbeste is, Du gehst nach Hause. Das is ja -lebensgefährlich für Dich!« –</p> - -<p>»Du – dem Großbauern blutet der Fuß. A hat sich -gewiß a Pflug drauf gesetzt. Na und die Furche, sieh mal, -die hat a gemacht.«</p> - -<p>Darauf ein schallendes Gelächter.</p> - -<p>Drüben am Wege standen der Barbier und der junge -Riedel.</p> - -<p>Heinrich wandte sich ab vor Scham. Hannes aber, der -die beiden Männer auch nicht hatte kommen sehen, da das -Ackerfeld hinter einem kleinen Erlengebüsch lag, knirschte -vor Zorn.</p> - -<p>»So 'ne lausige Plamage! Nu haben die Kerle zugesehn!«</p> - -<p>Aber dann wandte er sich nach dem Wege hinüber:</p> - -<p>»Macht, daß Ihr fortkommt! Das hier geht Euch gar -nischt an. Der Raschdorf Heinrich hat mehr Verstand in -einer großen Zehe als Ihr in der ganzen Figur, die Mütze -noch mitgerechnet.«</p> - -<p>»Nu, so ein Lausejunge!«</p> - -<p>Der Barbier und Riedel kamen übers Feld.</p> - -<p>Hannes ergriff die Peitsche.</p> - -<p>»Heinrich, Du nimmst a Barbier, ich nehm' a Riedel!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[149]</span></p> - -<p>Heinrich sprang auf. Mit dem blutenden, nackten Fuße -stand er auf dem schwarzen Boden. Aber er stand stolz und -herrisch da.</p> - -<p>»Zurück! Das ist mein Grund und Boden! Ich verbiete -Euch, daß Ihr ihn betretet.«</p> - -<p>Die beiden Störenfriede blieben stehen.</p> - -<p>»Das is Hausfriedensbruch!« schrie Hannes. »Dafür -setzt's Kittchen!«<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Gefängnis.</p> -</div> -</div> - -<p>Sie stutzten. Sie glaubten das von »Hausfriedensbruch« -und kehrten um mit der Drohung, der Hannes laufe ihnen -schon noch in die Hände.</p> - -<p>Dann machten sie noch ein paar hämische Bemerkungen -und gingen nach dem Dorfe.</p> - -<p>Dort entstanden dem landwirtschaftlichen Erstlingswerk -des jungen Buchenbauern zwei üble Kritiker. –</p> - -<p>»Nu werd' ich den Schimmel einspannen und Dich -nach Hause fahr'n. Laufen wirste wohl nich können.«</p> - -<p>So geschah es. Als Hannes wieder aufs Feld zurückkam -und nun den Acker in prächtigen, geraden Furchen -pflügte, dachte er jedesmal, wenn er voll Freude sein Werk -betrachtete:</p> - -<p>»Bloß gut, daß ich nie aufs Gymnasium gegangen bin.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der junge Buchenbauer aber saß trostlos daheim in -seiner Stube. Die Liese verband ihm den Fuß.</p> - -<p>Mit zärtlicher Sorgfalt wusch sie die Wunde, und als -sie den heilsamen Arnikasaft darauf goß, sah sie ängstlich<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[150]</span> -nach Heinrich, ob es ihm auch nicht zu große Schmerzen verursachte.</p> - -<p>Mit geschickten Fingern legte sie den Verband an.</p> - -<p>Heinrich betrachtete das zarte, hübsche Mädchen. Sie -war jetzt siebzehn Jahre alt. Lichtblondes Haar fiel gescheitelt -um die reine, weiße Stirn. Das Gesicht war etwas -blaß.</p> - -<p>Heinrich dachte daran, wie zärtlich Mathias dieses -Mädchen liebte, und er nahm sich vor, all sein Leben lang -freundlich zur Liese zu sein. Das, meinte er, erfordere schon -die Dankbarkeit gegen Mathias, seinen großen Wohltäter.</p> - -<p>Und dieser Gedanke, daß Mathias sich freuen würde, -wenn er gut und lieb zur Liese wäre, faßte ihn stark zu -dieser Stunde. Bisher hatte er kaum daran gedacht. Jetzt -ward ihm die hohe Pflicht inne.</p> - -<p>Er strich dem knienden Mädchen sanft mit der Hand -über den Scheitel.</p> - -<p>»Du bist so gut zu mir, Liese. Ich danke Dir!«</p> - -<p>Da sah sie ihn an mit strahlenden Augen, und ihre -blassen Wangen färbten sich ein wenig rot.</p> - -<p>»Ich tue es gern,« sagte sie schlicht.</p> - -<p>In diesem Augenblick sah Mathias zum Gartenfenster -herein. Einen Augenblick betrachtete er die beiden, dann -trat er lautlos zurück.</p> - -<p>Im Garten lehnte er sich an einen Baum. Die ersten -Knospen waren aufgesprungen und schauten ihn an wie -eben aufgegangene Sterne. –</p> - -<p>Die folgenden Tage war Heinrich an die Stube gefesselt. -Der Fuß war ihm stark geschwollen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[151]</span></p> - -<p>Da bat er die Liese, sie möchte ihm einige von seinen -Büchern bringen.</p> - -<p>Wie die Bücher vor ihm lagen, strahlten die Augen -des jungen Buchenbauern. Es war, als ob er alte Freunde -wiedersehe.</p> - -<p>Dann brachte der Postbote einen Brief. Er war von -einem guten Freunde Heinrichs aus Breslau, einem Schulkameraden, -der in der Klasse neben ihm gesessen und auch -in derselben Pension mit ihm gewohnt hatte.</p> - -<p>Mit einem Jubelrufe empfing Heinrich das Schreiben -und las mit leuchtenden Augen. Lauter interessante Neuigkeiten -von Leuten, die er gut kannte. Und am Schluß -kam die Schilderung des Lebens und Treibens in der neuen -Klasse.</p> - -<p>Über diesen Brief bekam Heinrich das Heimweh, und -zwar so bitter und stark, wie er es früher kaum gekannt -hatte. Er schaute sich um. War er denn nicht zu Hause? -War das nicht seine Stube? War das nicht die heimatliche -Straße draußen? Wie konnte er Heimweh bekommen? -Was war es doch um die Heimat?</p> - -<p>Der Jüngling wußte es nicht; er glaubte immer noch, -die Heimat sei ein sichtbarer, bestimmter Raum.</p> - -<p>Als ein Weilchen später Mathias in die Stube trat, sagte -Heinrich: »Mathias, ich hab' ein Anliegen. Ich hab' hier -einen Brief von einem Freunde bekommen, der jetzt in -Ober-Sekunda ist. Ich möchte mir gern die Bücher von der -neuen Klasse schicken lassen. Es interessiert mich doch, was -jetzt kommt, und dann, manchmal werd' ich ja doch Zeit -haben, ein wenig zu lernen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[152]</span></p> - -<p>»Ja, Heinrich, das machst Du recht, wenn Du weiter -lernen willst.«</p> - -<p>So kam es, daß der junge Buchenbauer ein Studierender -blieb. An all den langen Abenden saß er bei den Büchern, -auch an den Regentagen. Und sein reger Geist faßte das meiste -richtig. Dabei versäumte er nicht, sich in den landwirtschaftlichen -Arbeiten auszubilden; und es ging auch ganz gut, seit -er den schweigsamen, geduldigen Schaffer zu seinem Lehrmeister -gemacht hatte. Hannes hatte keine Unterrichtserfolge -bei ihm erzielen können, weil er ein zu heißsporniger, bissiger -Pädagoge war. Also ward ihm sein landwirtschaftliches Mentoramt -auf Grund eines Familienbeschlusses entzogen, und -er fügte sich in diese Absetzung mit Würde.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-156"> - <img src="images/illu-156.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[153]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_10">Kapitel 10</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-157"> -<div class="boxu box157u"> -<img src="images/illu-157.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box157l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Und wieder waren Jahre vergangen, fünf -Jahre, in denen sich wenig geändert -hatte. – Dieselbe Heimat, dieselben -Menschen! Nur die Kinder waren -vollends herangewachsen. Der Buchenhof -war völlig wieder ausgebaut und in tadellosem Zustande. -Er war stattlicher und schöner als je. So war die -Prophezeiung des Mathias wahr geworden: daß es nicht -schwer sein würde, die Wirtschaft wieder emporzubringen.</p> - -<p>Auch die Ziegelei hatte sich gut bewährt. Das Lehmlager -in dem Hügel hatte sich als viel ergiebiger und besser -herausgestellt, als anfänglich erwartet worden war. Der -Betrieb war geordnet, der Absatz ausgezeichnet. So brachte -das Unternehmen Überschüsse, und etliche Leute rechneten -aus, daß der Buchenbauer allein durch die Ziegelei ein steinreicher -Mann werden müsse.</p> - -<p>Da wurde es möglich, nach und nach Schulden zu tilgen. -Heinrich bestand darauf, daß Mathias Berger seine Zinsen -und seinen Gewinnanteil von der Ziegelei einkassierte und -für Liese anlegte. Er selber sparte für seine Schwester Lene.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[154]</span></p> - -<p>Also stand alles wohl. Geld ist am Ende von geschickten -Leuten immer leicht zu verdienen.</p> - -<p>Dagegen waren die Buchenhofleute in der Sympathie -ihrer Mitbürger kaum vorwärts gekommen. Die räumliche -Heimat hatten sie gerettet, die andere, wirkliche, ideelle war -ihnen noch versagt.</p> - -<p>Es ist sehr schwer, bei schlichten Landleuten alte Vorurteile -auszurotten. Dazu kam, daß sich in all den Jahren -im Dorfe nichts Aufregendes ereignet hatte. Die Buchenhofaffäre -war aktuell geblieben. Das Unaufgeklärte, Ungewisse -behielt den Reiz. Immer blieb die Hoffnung, es -werde noch einmal Licht kommen in die dunklen Geschehnisse.</p> - -<p>Es soll nicht gesagt sein, daß die Schuld ganz auf der -Seite der Dorfleute lag. Die Schlesier sind im allgemeinen -gute, gemütliche Menschen, nicht hart, finster und abgeschlossen, -wie sonst die Leute in der großen, nordischen Ebene vielfach -sind, sondern leicht zugänglich, lustig und eher den fröhlichen -Süddeutschen vergleichbar. Das Gebirgsvölklein -namentlich ist von leichterem Schlage und hat viel Sonne in -der Seele.</p> - -<p>So war's auch hier im Dorfe. Aber die Buchenhofleute -hielten sich selbst abseits. Sie mochten nicht hingehen und um -die Heimatsgemeinschaft werben, und eine freundliche Einladung -wurde ihnen nicht zuteil.</p> - -<p>Mathias Berger wußte, daß noch jetzt in vielen Behausungen -die alten Zeitungsnummern aufbewahrt wurden, -in denen die Verhandlung des Brandprozesses geschildert war -und seine zwangsweise Abbitte an Schräger stand. Er hatte -endlich auch gehört, daß er wegen seines Geldes verdächtigt<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[155]</span> -wurde. Da hatte er sich nicht enthalten können, an Schräger -einen Brief zu schreiben, in dem er ihm »spät, aber doch« -dafür dankte, daß er ihn ehemals habe fünf Mark gewinnen -lassen, für die er ein Glückslos gekauft habe. Das Geld habe -gerade dazu gereicht, den Buchenhof zu halten, der wohl -sonst das Besitztum des Wirtes unnütz vergrößert hätte. Der -Brief war an einer neuen Injurie gerade noch knapp vorbeigegangen. -Schräger hatte gewettert und geflucht, und die -Dorfleute hatten die Lotteriegeschichte nicht geglaubt, sondern -desto eifriger nach einer recht abenteuerlichen Lösung der -Bergerschen Vermögensfrage gesucht.</p> - -<p>Am wenigsten fand Heinrich den Weg, obwohl seine -weiche Seele ihn suchte. Oftmals zwar redete er sich ein, -er brauche die Gemeinschaft nicht, er habe ja Gesellschaft -auf dem Hofe, lauter liebe Leute, die's treu zu ihm meinten. -Aber er kam nicht um die alte Wahrheit herum, daß der Mensch -nicht immer mit denselben Menschen verkehren kann. -Die Schiffsleute, die lange auf demselben Fahrzeug eng zusammenlebten, -gehen auseinander, wenn sie ans Land -kommen. Sie haben einmal das Bedürfnis, die alltäglichen -Gesichter auf eine Weile nicht zu sehen. Und es gibt viele -Leute, die in Bureaus, Geschäften, Schulen friedlich und -freundlich zusammenarbeiten und sich doch in ihren Freistunden -nicht sehen und treffen mögen, sondern lieber Fremde -aufsuchen oder allein sind.</p> - -<p>Die Buchenhofleute lebten zusammen wie auf einem -großen, einsamen Schiff. Im Winter vergingen Wochen, -ohne daß sie ein Wort mit jemand von auswärts wechselten. -Und so kam es, daß ein Händler, wenn er sich in das Gehöft<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[156]</span> -verirrte, wie ein lieber Gast festgehalten und nach allem -möglichen befragt wurde.</p> - -<p>Am schwersten litt an solch trüben Wintertagen der -Hannes. Es kam vor, daß er sich auf die Ofenbank legte -und vor lauter Einsamkeit heulte. Dann schwor er hoch -und teuer, wenn erst der Frühling käme, zöge er in die -Fremde. Wenn die Lene das hörte, sagte sie, er solle nur -geschwind machen, daß er fortkäme. Und das nahm er dann -immer übel.</p> - -<p>Auch Mathias litt an der Einsamkeit. Manchmal, wenn -er den alten Pluto streichelte, der immer noch das Gnadenbrot -bekam, dachte er an seine Lumpenmannszeit, und da -kam es ihm vor, als sei er damals ein junger, glückseliger -Vagant gewesen, der frei und unverdrossen auf grünen -Straßen fuhr, heute hier, morgen dort, immer wieder bei -anderen Leuten, immer lustig und überall gern gesehen.</p> - -<p>Heinrich saß zu solchen Zeiten hinter seinen Büchern -und studierte. Nur eine war glücklich und ganz zufrieden: -das war die Liese. Diese einsamen Stunden waren ihre -seligste Zeit. Dann saß sie mit ihrem Nähzeug still und -freundlich da und hob nur manchmal die Augen, um nach -Heinrich zu schauen.</p> - -<p>Aber drüben im Buchenkretscham wohnte noch ein -einsameres Menschenkind, ein Kind, das gar keine Heimat -hatte: das war Lotte Schräger.</p> - -<p>Sie hatte niemand. Der Vater war fast täglich betrunken, -der Bruder ein Idiot. Und ihr verhältnismäßig -hohes Maß von Bildung vermehrte nur das Unglück, erhöhte -das Grauen, das ihre »Heimat« ihr einflößte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[157]</span></p> - -<p>Von den Buchenhofleuten sah sie selten jemand. Sie -wurde auch von ihnen gar nicht beachtet. Die stolze Lene -Raschdorf hatte ihr sogar zweimal einen Gruß nicht erwidert. -Aber die Lene blieb manchmal stehen und sah sie -mit ihren kohlschwarzen Augen herausfordernd und feindselig -an. Sie war ganz wie ihr Vater, der alte Raschdorf, -vor dem sich die Lotte auch immer ein wenig gefürchtet -hatte. Und sie trug neuerdings am Sonntag modische Kleider. -Sie trug sie wie eine Dame, ohne Fehler. Aber Lotte wußte, -daß sie es ihr nachmache.</p> - -<p>Den Heinrich Raschdorf sah Lotte sehr selten. Gesprochen -hatte sie nicht mehr mit ihm nach jenem Tage, da -sie ihm den Strauß geschenkt und den Koffer getragen hatte. -Damals war sie ja ein dummes Kind gewesen, aber sie -wurde jetzt noch rot, wenn sie an die alten Tage dachte. -Daß er sie geküßt hatte, daß sie ihm zugeredet hatte, er -möchte sie heiraten, daß er dann ihren Strauß auf die Straße -geworfen hatte, daran dachte sie oft.</p> - -<p>Wenn er sie jetzt traf, zog er mit städtischer Höflichkeit -den Hut, und sie neigte ebenso kalt-höflich den Kopf. Sie -wußte kaum, wie er aussah; nur daß er einen Schnurrbart -trug, hatte sie einmal gesehen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So war es wieder einmal Frühling geworden. Draußen -war ein wunderbarer, weicher Abend, aber der Kretscham -war voll von Leuten. Die saßen alle in üblem Tabaksqualm -und sehnten sich nicht nach der herrlichen Luft draußen, durch -die die Nachtigallen sangen, durch die der Flieder duftete, -durch die die Sterne leuchteten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[158]</span></p> - -<p>Bauern haben gern schlechte Stubenluft, viel lieber noch -als die Städter. Das ist merkwürdig genug, da doch die Luft -im Freien, die sie meist atmen, die Bauern wählerisch und -verwöhnt machen müßte. Es ist anzunehmen, der Tod habe -das so eingerichtet, denn wenn die Bauern auch noch gesund -wohnten und schliefen, so wie sie gesund arbeiten, -würden wohl alle über hundert Jahre alt werden. Und -das gäbe zu viele Auszügler. – – – –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es war Steuertag. »Gemeindegebot, Rente, Schulgeld, -Schornsteinfegergeld und Nachtwächtergeld« wurden eingenommen. -Da waren die meisten Hausväter persönlich erschienen, -um ihre Steuer zu bezahlen. Kam aber irgendeine -Frau, so neckten sich alle mit ihr, und Schräger mußte ihr -einen Ingwer einschenken, den irgendeiner zum Besten gab. -Das ist bäuerliche Ritterlichkeit.</p> - -<p>Vom Buchenhofe brachte stets eine Magd die Steuer. -Sie allein bekam keinen Ingwer.</p> - -<p>An diesem Tage war im Buchenhofe große Aufregung -gewesen, denn Hannes hatte plötzlich und ohne alle äußere -Veranlassung erklärt, er werde selber gehen, um die Steuer -abzuliefern. Er fügte noch die kühne Behauptung hinzu, -daß er sich auch vor dem Teufel nicht fürchte, und daß er -den Leuten beweisen wolle, daß der Buchenhof ebenso das -heilige Recht habe, seine Steuer persönlich zu zahlen wie -alle anderen. Zudem läge die Sache günstig, denn Mathias -sei nicht zu Hause, der sonst dagegen reden würde.</p> - -<p>Was Hannes zu seinem kühnen Plane begeistert hatte, -ist, wie gesagt, schwer zu bestimmen. Es war zum Teil<span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[159]</span> -Laune, zum Teil die Lust, endlich einmal etwas Neues zu -erleben und der Einsamkeit entrissen zu werden.</p> - -<p>Wie nun aber immer bei der Entscheidung »prinzipieller -Fragen« viel und klug geredet wird, so auch hier. Sogar der -Schaffer beteiligte sich an der Debatte, scheinbar gegen Hannes, -im Grunde aber doch wie immer für ihn. Heinrich -war unschlüssig, und nur Lene widersprach aufs heftigste. -Aber schließlich siegte Hannes. Er bekam das Steuerbuch -ausgehändigt, und Lene zählte ihm aus der »Schwinge« den -Steuerbetrag auf und noch eine Mark darüber, wie Hannes -wünschte. Sie mußte ihm sogar das große Paradeportemonnaie -des alten Raschdorf borgen, das dieser immer nur -bei besonders feierlichen Anlässen gebraucht hatte.</p> - -<p>Also ausgerüstet schritt Hannes in seinem Sonntagsanzug -über die Straße, stolz wie ein Held, der in den Kampf -zieht, einer gegen alle.</p> - -<p>Die Buchenhofleute sahen ihm vom Fenster aus nach. -Das Herz klopfte allen, am meisten dem besorgten Vater des -Helden. Am besten sei es, meinte der Schaffer, er bewaffne -sich mit einem tüchtigen Stecken und stelle sich hinters Hoftor, -damit er gleich hinüber könne, wenn er etwa den Hannes -schreien höre.</p> - -<p>Aber Hannes schrie nicht. Mit einem Ruck riß er drüben -die Tür des Kretschams auf und trat hocherhobenen Hauptes -in die Stube. Sein urplötzliches Erscheinen hatte wirklich -den gewünschten Erfolg. Die Bauern waren über die Maßen -verblüfft, und es entstand eine große Stille.</p> - -<p>Diese Wirkung gedachte Hannes noch zu steigern. Er -schnitt also ein Gesicht, das hoheitsvoll sein sollte, in Wirklichkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[160]</span> -aber verunglückte, trat an den Gerichtstisch und grüßte -mit nachlässiger Stimme:</p> - -<p>»Mahlzeit!«</p> - -<p>In dem städtischen Gruße »Mahlzeit«, meinte Hannes, -liege die ganze Summe von Hoheit und Vornehmheit, über -die ein Mensch verfügen könne, klar ausgedrückt.</p> - -<p>»Mahlzeit!« wiederholte er, da niemand antwortete. -»Ich bringe persönlich die Steuer vom Buchenhofe, denn -der Buchenhof hat das Recht dazu!«</p> - -<p>Das bestritt niemand. Es antwortete überhaupt keiner -der Anwesenden.</p> - -<p>»Wieviel macht es?« fragte Hannes und zog das riesige -Paradeportemonnaie des alten Raschdorf mit viel Umständlichkeit -aus der Tasche. Er wußte zwar die Summe ganz genau, -aber er hatte durch seine Frage Gelegenheit, das Portemonnaie -herausfordernd in der Hand zu halten, während -der Gerichtsschreiber die Summe ausrechnete.</p> - -<p>»Also so?« sagte er, als er den Steuerbetrag erfahren -hatte, und fing an, das Geld langsam aufzuzählen, wobei -er jedes Stück einzeln aus dem Portemonnaie nahm. Gegen -Ende hin aber wurde er plötzlich unruhig, überflog den aufgezählten -Betrag, guckte betroffen ins Portemonnaie, zählte -nochmals, verfärbte sich ein wenig und fragte beklommen:</p> - -<p>»Wieviel macht es?«</p> - -<p>Der Gemeindeschreiber wiederholte den Betrag.</p> - -<p>O, ihr lieben Heiligen! Hannes hatte eine Mark zu -wenig, statt einer Mark zu viel. Wie ein greller Blitz fuhr -ihm die Erkenntnis durch den Kopf, die Lene habe einen -Taler für ein Fünfmarkstück angesehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[161]</span></p> - -<p>»Es langt nicht!« flüsterte irgendwo eine Stimme unter -den gespannt zuschauenden Bauern, und ein heimliches Kichern -brach an. Hannes richtete sich wütend empor.</p> - -<p>»Was? Es langt nich? Bei wem langt's nich?«</p> - -<p>Und er wandte sich wieder an die Ortsbehörde.</p> - -<p>»Das Kleingeld langt allerdings nich,« sagte er und -strich den aufgezählten Betrag wieder ein. »Können Sie -auf einen Hundertmarkschein herausgeben?«</p> - -<p>»O ja,« sagte der Schulze, »das können wir schon. Wo -ist der Hundertmarkschein?«</p> - -<p>Das hatte Hannes nicht erwartet. Er wurde fürchterlich -verlegen. Als aber nun die Bauern und die Steuerbeamten -in eine unbändige Heiterkeit ausbrachen, raffte er sich auf -und schrie:</p> - -<p>»Hundertmarkschein? Wir haben massig Hundertmarkscheine! -Aber ich muß meinen unterwegs verloren haben. -Wer ihn find't, kann ihn behalten. Versteht Ihr? Kann ihn -behalten! Und ich geh einen neuen holen.«</p> - -<p>Er gab sich Mühe, mit möglichster Würde wieder hinauszuschreiten, -was die Bauern nicht hinderte, in ein dröhnendes -Gelächter auszubrechen.</p> - -<p>Wütend schritt Hannes über die Straße, nicht, ohne sich -ein paarmal umzusehen, als ob er etwas suche. Hinter dem -Tor traf er seinen Vater, der einen dicken Knüppel in der -Hand hatte.</p> - -<p>»Haben sie Dir etwas getan?« fragte der Schaffer.</p> - -<p>»Laß mich!« knurrte Hannes und stampfte nach der -Stube. Dort wurde er mit erwartungsvollen Gesichtern -empfangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[162]</span></p> - -<p>»Plamiert sind wir!« schrie der heimgekehrte Gesandte -und sank auf einen Stuhl. »Bis auf die Knochen plamiert! -Ich hab' 'ne Mark zu wenig gehabt; die Lene hat mir 'n -Taler für 'n Fünfmarkstück gegeben.«</p> - -<p>Der Schaffer hieb mit seinem Knüppel auf den Tisch, -daß die Stube dröhnte. Heinrich knurrte verdrießlich etwas -von Albernheiten, und nur die Lene lachte.</p> - -<p>Da fuhr Hannes zornig auf:</p> - -<p>»Lene,« keuchte er, »hast Du das etwa gar absichtlich -gemacht?«</p> - -<p>Das Mädchen schaute ihn blitzend an.</p> - -<p>»Meinste etwa, ich kann nich zählen? Meinste, ich kenne -das Geld nich?«</p> - -<p>»Lene, das is frech; das is – ich – ich – o, da habt -Ihr den Quark; ich – ich – das is 'ne Gemeenheet – -das laß ich mir nich gefallen – zum Vierteljahr zieh ich -fort – werden schon sehen –«</p> - -<p>»Werden schon sehen!« stimmte der Schaffer bei und -stampfte hinter Hannes aus der Stube.</p> - -<p>Auf dem Boden lag das Paradeportemonnaie des alten -Raschdorf.</p> - -<p>Die beiden Geschwister waren allein. Auch Heinrich -war aufgebracht.</p> - -<p>»Warum machst Du das, Lene? Warum blamierst Du -ihn und uns?«</p> - -<p>Das Mädchen sah ihn zornig an.</p> - -<p>»Von uns hat niemand was bei den Leuten dort drüben -zu suchen. Wenn's keiner versteht, ich versteh's! So ein -Esel – es ist ihm recht!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[163]</span></p> - -<p>Sie schob das Portemonnaie mit dem Fuße beiseite und -ging hinaus.</p> - -<p>Der junge Buchenbauer sah ihr nach. Zum erstenmal -fiel ihm auf, wie wenig er im Grunde genommen auf seinem -Hofe zu sagen habe. Er war nicht der Herr. Kein Mensch -kümmerte sich um seine Meinung, höchstens Mathias. Sie -waren alle Herren: Hannes, der Schaffer, am meisten Lene. -Er hatte immer geschwiegen in dem Gefühl, daß die anderen -es ja besser verstünden, und daß er ihnen doch zur Dankbarkeit -verpflichtet sei.</p> - -<p>Aber jetzt regte sich in seiner weichen Seele der Trotz. -Er hob das Portemonnaie seines Vaters auf und schüttelte -den Inhalt in seinen eigenen Geldbeutel.</p> - -<p>Nun würde er selber zur Steuer gehen! Jawohl!</p> - -<p>Die Berger-Liese kam herein.</p> - -<p>»Heinrich, es muß jemand zur Steuer; es is die höchste -Zeit. Ich werd geh'n. Mir werden sie ja nischt tun.«</p> - -<p>»Nein, Liese, Du gehst nicht! Du am allerwenigsten! -Aber Du bist ein vernünftiges Mädel!«</p> - -<p>Er reichte ihr die Hand. Liese errötete, denn Heinrich -sprach selten mit ihr.</p> - -<p>»Wer soll denn aber gehn? Hannes mag nicht; ich -hab' ihm schon zugeredet, aber er will nicht, und der Schaffer -ist furchtbar böse.«</p> - -<p>»Ich gehe selber!«</p> - -<p>In diesem Augenblick kam Lene wieder in die Stube.</p> - -<p>»Ich gehe selber zur Steuer!« wiederholte Heinrich.</p> - -<p>Da wurde das Mädel blaß.</p> - -<p>»Du gehst nicht!« sagte sie bestimmt und heftig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[164]</span></p> - -<p>»Jawohl, ich gehe! Ich gehe bald!«</p> - -<p>»Du gehst nicht, sage ich!«</p> - -<p>Er sah sie an.</p> - -<p>»Lene, der Herr bin ich! Merk' Dir das!«</p> - -<p>Sie ging auf ihn zu und faßte ihn ins Auge.</p> - -<p>»Heinrich, wenn Du zur Steuer gehst, lauf' ich -fort!«</p> - -<p>»Dann laufe fort!« sagte er gleichgültig.</p> - -<p>Und er ging aus der Stube mit festem Schritt.</p> - -<p>Dennoch zitterte ihm die Hand, als er die Türklinke zum -Buchenkretscham berührte. Seit seiner Kindheit Tagen war -er in diesem Raume, der doch bloß auf der anderen Seite -der Straße lag, nicht gewesen.</p> - -<p>Die Tür ging auf.</p> - -<p>Einige Sekunden sah Heinrich nichts als Rauch.</p> - -<p>»Guten Abend!«</p> - -<p>Niemand antwortete. Alle sahen verblüfft auf den -jungen Herrn vom Buchenhof, und Schräger, der schon wieder -betrunken war, torkelte gegen das Schanksims und stierte den -Eintretenden an, der einige Sekunden an der Tür stehen -blieb.</p> - -<p>Da sprach endlich einer: »Der Hundertmarkschein -kommt!«</p> - -<p>Das war der Bader. Aber nur der junge Riedel lachte; -die anderen schwiegen.</p> - -<p>Heinrich ging durch die Stube zum Gemeindetisch.</p> - -<p>»Ich bringe die Steuer,« sagte er leise und zählte den -Betrag auf.</p> - -<p>Der Gemeindeschreiber quittierte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[165]</span></p> - -<p>»Sechs Dreier und einen Hund!« sang in einer Ecke -der Idiot. Es lachten zwei. Aber Heinrich beachtete es -nicht.</p> - -<p>»Guten Abend!« sagte er, nahm das Steuerbuch und -wandte sich zum Gehen.</p> - -<p>Da trat ihm einer entgegen. Es war der alte, grauhaarige -Hirsel-Bauer. Er streckte ihm die Hand hin.</p> - -<p>»Herr Raschdorf,« sagte er freundlich, »mögen Sie einen -Schnaps mit mir trinken?«</p> - -<p>Heinrich war ganz erschrocken. Unschlüssig blickte er -nach links und rechts auf die vielen Leute und sagte dann -stockend: »Nein, ich – ich muß Ihnen danken, Herr Hirsel! -Gute Nacht!«</p> - -<p>Und er drückte ihm flüchtig die Hand und ging schnell -hinaus.</p> - -<p>Kopfschüttelnd setzte sich der alte, freundliche Mann. -Der Bader aber sprang auf den Stuhl.</p> - -<p>»Habt Ihr's gesehen? Das hat nu der Hirsel davon! -Der Raschdorf und ein'n Schnaps mit jemand trinken! Da -müßt' a keen Raschdorf sein! Das is un bleibt 'ne hochnäsige -Bande!«</p> - -<p>Und nun hatte der Bader wieder alle für sich. –</p> - -<p>Draußen vor der Haustür traf Heinrich Lotte Schräger.</p> - -<p>Er blieb betroffen stehen.</p> - -<p>Auch sie sagte kein Wort.</p> - -<p>Aber dann sahen sie sich scheu an wie zwei Menschen, -die sich gekannt haben vor langer Zeit und sich wiedertreffen -und nun nicht wissen, ob sie Freunde sind oder -Feinde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[166]</span></p> - -<p>»Guten Abend!« sagte Heinrich und zog den Hut. Damit -wollte er gehen. Aber er besann sich.</p> - -<p>»Fräulein Lotte,« sagte er leise und hastig, »ich – ich -hab' Ihnen immer noch was zu sagen.«</p> - -<p>Er brach ab. Er wartete wohl auf ein Wort von ihr, -aber sie sagte nichts. Da begann er wieder:</p> - -<p>»Sie sind einmal sehr freundlich zu mir gewesen – -Sie wissen wohl – damals, als wir noch Kinder waren – -es ist ja jetzt an die acht Jahre her – aber ich wollte Ihnen -bloß sagen, den Strauß hab' ich nicht auf die Straße geworfen -– ich nicht! Sie sind mir gewiß recht böse gewesen -die lange Zeit.«</p> - -<p>Sie sah ihn errötend an, schüttelte den Kopf und ging -rasch ins Haus.</p> - -<p>Langsam schritt Heinrich über die Straße. Beim Hoftor -blieb er stehen und holte tief Atem. Nach dem Buchenkretscham -schaute er, hinter dessen erhellten Fenstern ein -wüster Lärm war. Es war ihm doch sehr wohl.</p> - -<p>Daß er ihr das hatte sagen können, das machte ihn -froh. Es hatte ihn bedrückt all die Jahre.</p> - -<p>Sie war ein herrlich schönes Mädchen geworden. Das -hatte er erst heute so recht gesehen. So reif und so schön!</p> - -<p>Warum klopfte ihm das Herz so laut?</p> - -<p>Er sah immer hinüber nach der Stelle, wo er mit ihr -gestanden hatte. Sie hatte kein Wort gesagt, sie hatte ihn -nur angesehen.</p> - -<p>In einer Giebelstube des Buchenkretschams wurde es -hell. Heinrich schaute hinauf.</p> - -<p>Jetzt kam eine Gestalt ans Fenster.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[167]</span></p> - -<p>Das war Lotte!</p> - -<p>Sie lehnte sich an die Scheiben und schaute hinüber -nach dem Buchenhofe.</p> - -<p>O, wie ihm das Herz schlug! Er betrachtete ihr dunkles -Schattenbild und vermochte sich nicht zu rühren.</p> - -<p>Da sah sie ihn unten im Mondlicht stehen.</p> - -<p>Erschreckt legte sie eine Hand auf die Stirn. Bald darauf -ging sie vom Fenster hinweg, und das Licht erlosch.</p> - -<p>Eine Minute lang stand Heinrich noch still, dann -ging er.</p> - -<p>Im Hausflur auf der Treppe saß seine Schwester Lene. -Sie hatte den Kopf auf beide Hände gestützt. Neben ihr -stand Mathias, der in der Stadt gewesen und eben heimgekommen -war.</p> - -<p>»Du warst im Kretscham, Heinrich?«</p> - -<p>»Ja, ich habe die Steuer hinübergetragen!«</p> - -<p>Mathias sah ihn milde an.</p> - -<p>»Es ist schon recht, Heinrich, Du kannst ja tun, was -Du willst.«</p> - -<p>»Aber ich – ich lauf' fort!« rief Lene.</p> - -<p>Sie sprang auf.</p> - -<p>»Geh in die Stube, Heinrich! Die Lene laß mir! Fortlaufen -darf sie ja nich. Sie gehört ja ebensogut hierher wie -Du!«</p> - -<p>Heinrich ging nach der Stube. Liese Berger brachte -ihm das Abendessen. Freundlich sah sie ihn an.</p> - -<p>»Ist es gut gegangen?« fragte sie.</p> - -<p>»Ja, Liese, ganz gut.«</p> - -<p>Das blasse Mädchen nickte freudig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[168]</span></p> - -<p>»Und die Lene wird schon dableiben, wir reden ihr ja -alle gut zu.«</p> - -<p>Sie bediente ihn mit ihrer großen Freundlichkeit und -ihrem stillen Eifer. Sie reichte ihm alles zu und fragte, -ob es ihm auch schmecke.</p> - -<p>Er mußte sich zwingen zum Essen. Und er wünschte -fast, die freundliche Liese sei nicht bei ihm. Ihre Freundlichkeit -tat ihm heute weh!</p> - -<p>Sie sah ihn besorgt an.</p> - -<p>»Du mußt Dich nicht so ärgern, Heinrich. Es wird ja -alles wieder gut. Du mußt essen, Heinrich!«</p> - -<p>Bald darauf ging er nach seinem Zimmer. Er mußte -allein sein. Um alles in der Welt wollte er jetzt mit niemand -sprechen, auch mit der Lene nicht. Er dachte kaum -an sie.</p> - -<p>Er wollte nachdenken, aber er vermochte nicht auf -seinem Stuhle stillzusitzen. Angekleidet warf er sich aufs -Bett und blinzelte in das Lampenlicht.</p> - -<p>Ja, es war so. Er war froh, daß er in den Kretscham -gegangen war. Er war froh, auch wenn es allen anderen -nicht paßte.</p> - -<p>Er war mutig gewesen. Und dieses schöne Bewußtsein -trieb ihm, wie allen weichherzigen Leuten, die es nicht gewöhnt -sind, das Blut in den Kopf. Wie ein Rausch war's. -Denn das ist ja wahr, daß Mut trunken macht, einen früher, -einen später, je nachdem, wieviel er verträgt.</p> - -<p>Sie hatten geschwiegen; nur zwei hatten über ihn gelacht, -die zwei kläglichsten. Die anderen nicht. Und einer -hatte ihn sogar zu einem Trunke eingeladen. Der gute alte<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[169]</span> -Mann! Es war schade, daß er es ausschlagen mußte, aber -sich da hinsetzen, unter diese Leute, das wär' ja unmöglich -gewesen.</p> - -<p>Ob's der Hirsel übel genommen hatte? Vielleicht! -Wahrscheinlich sogar!</p> - -<p>Heinrich sprang auf, setzte sich an den Tisch und schrieb -an Hirsel einen langen Entschuldigungsbrief.</p> - -<p>Ein Gefühl der Liebe für den alten Mann flutete durch -das Herz des Jünglings. Wenn er jetzt einmal ins Dorf -hinabsah, wußte er doch, daß dort unten jemand war, der's -gut mit ihm meinte.</p> - -<p>Ach, er war so glücklich, daß er ein ganz kleines Stückchen -Heimat gewonnen hatte.</p> - -<p>Als die Mitternacht vorbei war, hatte der junge Buchenbauer -noch immer keinen Schlaf gefunden. Er mußte jetzt -doch an seine Leute denken. Zum ersten Male hatte er sich -in Widerspruch zu ihnen gestellt, zum ersten Male war er -aufgeregt und glücklich, während sie gewiß alle mit bedrückten -Herzen zur Ruhe gegangen waren.</p> - -<p>Eine leise Reue kam, oder doch der Wunsch, sie recht -bald alle wieder zu versöhnen, auch die Lene.</p> - -<p>Freilich hatten sie ja nichts verloren.</p> - -<p>Nichts?</p> - -<p>Die Lotte fiel ihm ein.</p> - -<p>Was sie wohl sagen würden, wenn sie wüßten, daß er -mit Lotte Schräger gesprochen hatte? Eigentlich mußte er -es ihnen erzählen. Das wäre aufrichtig.</p> - -<p>Aber er schämte sich und beschloß, die Begegnung für -sich zu behalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[170]</span></p> - -<p>Was war auch geschehen? Entschuldigt hatte er sich -wegen einer Ungezogenheit, wahrlich spät genug entschuldigt. -Sonst nichts.</p> - -<p>Und nun war er quitt mit Lotte Schräger.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-174"> - <img src="images/illu-174.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[171]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_11">Kapitel 11</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-175"> -<div class="boxu box175u"> -<img src="images/illu-175.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box175l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">So ist ein neuer Kampf in Heinrich Raschdorfs -junges Leben getreten. Und im -alten Kampf um die Heimat rückten die -Bundesgenossen einen Schritt von ihm ab. -Seine Schwester Lene weit! Sie sprach nicht mehr mit -Heinrich; sie ging immer mit finsterem, verschlossenem Gesichte -herum. Es kränkte ihren Stolz, daß sie gedroht und -dann die Drohung nicht ausgeführt hatte.</p> - -<p>Sie war schwach gewesen und unterlegen.</p> - -<p>Und es war nicht bloß der beleidigte Trotz, daß ihr -Wille nicht durchgegangen war; es lebte in diesem Mädchen -auch das feine Empfinden, daß in die starke Position der Buchenhofleute -eine Bresche geschlagen worden sei durch eigene Schuld.</p> - -<p>Das wußte auch Mathias.</p> - -<p>Einmal war er selbst es gewesen, der den Frieden gepredigt -hatte, damals, als die tote Frau noch auf der Bahre -lag, als er die Kinder übernahm und einen Weg für sie nach -der Heimat suchte. Da erkannte sein kluger Sinn allein im -Frieden mit den Leuten das Heil.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[172]</span></p> - -<p>Wie eine stolze, halbzerstörte Festung kam ihm der -Buchenhof damals vor, ein gar schwacher Platz, der nicht -zu halten war, wenn ihn die Gegner unten im Tal mit -zäher Feindseligkeit belagerten und ihn qualvoll aushungerten -an Liebe und Freude.</p> - -<p>Ein Tag mußte kommen, an dem sich die Burgleute -ergaben auf Gnade und Ungnade, um in die Verbannung -zu ziehen.</p> - -<p>Deshalb wollte sich Mathias vergleichen. Aber als er -einen Weg hinüber suchte, mit der weißen Fahne in der -Hand, wurde er heimtückisch angefallen, er und Heinrich, -und auch nach der lieben Toten warfen sie ihre schmutzigen -Geschosse.</p> - -<p>Da wußte Mathias nichts mehr von Frieden, da kam -der Groll, der Trotz, und er baute den Buchenhof neu, stark, -unantastbar, wie er meinte.</p> - -<p>So war es gut gegangen all die Jahre. Gut?</p> - -<p>Hatten sie nicht alle quälenden Hunger gelitten nach -Liebe, nach Freundlichkeit, nach menschlicher Gemeinschaft?</p> - -<p>Eine Festung ist keine Heimat. Heimat braucht offene -Tore, breite, freie Straßen, an denen keine Fangeisen liegen -und an denen keine Warnungstafeln stehen, sondern freundliche -Wegweiser.</p> - -<p>Jetzt also ging der junge Herr ins feindliche Lager. -Er ging nicht, Verrat zu üben, er ging nur, Vertrauen zu -zeigen und nach und nach Vertrauen zu gewinnen.</p> - -<p>War er nicht zu loben?</p> - -<p>Aber eine quälende Unruhe war in Mathias, der junge -Herr vom Buchenhofe werde da drüben verunglücken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[173]</span></p> - -<p>Der Unfriede war auf den Buchenhof gekommen aus -winzigem Anlaß. Auch der Schaffer war finster und sprach -kein Wort. Er zürnte schwer mit Lene, und es war anzunehmen, -daß er den schlimmen Streich, den sie seinem Sohne -gespielt, nie mehr im Leben vergessen würde.</p> - -<p>Hannes betrug sich ganz ungebärdig. Zunächst beschloß -er, einen Tag »blau« zu machen. Ferner nahm er sich vor, -am anderen Tage in den Buchenkretscham zu gehen und -ein Säuferleben anzufangen, der Lene zum Trotz. Da er -sich aber schließlich schämte, das Lokal wieder zu betreten, -in dem er eine so wenig rühmliche Rolle gespielt hatte, ging -er nach dem Nachbarort, trank in einem Gasthause drei Glas -Bier und kam auch wirklich schwer betrunken nach Hause.</p> - -<p>In der Nacht war er sehr krank, und sein stämmiger -Vater betrachtete mit besorgten Blicken den Sohn, von dem -er annahm, daß er nun dicht am Abgrunde des körperlichen -und seelischen Verderbens stehe.</p> - -<p>Am anderen Morgen glaubte Hannes selbst, seine allmähliche -Auflösung sei nahe. Die Krankheit in ihren wilden -Erscheinungen war zwar vorüber, dafür hatte sich aber ein -Zustand eingestellt, der ihn befürchten ließ, daß seine Kräfte -sich langsam vollends abschwächen würden.</p> - -<p>Um so freudiger überrascht war er, als er gegen Mittag -Hunger bekam und sich nach der Mahlzeit wieder recht leidlich -fühlte. Also beschloß er, sich langsam wieder ans Leben -zu gewöhnen und auch das Arbeiten wieder aufzunehmen.</p> - -<p>Eine Woche lang schmollte er mit Lene, dann hielt er -es nicht länger aus und sagte zu dem Mädchen: »Lene, das -is auf die Dauer zu tumm. Reden wir lieber wieder!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[174]</span></p> - -<p>Die Lene lachte und sprach auch wieder mit dem Hannes, -aber sie dachte bei sich selbst: »Er ist kein rechter Mann. -Das durfte er sich nicht gefallen lassen. Er hätte mich müssen -laufen lassen; so ist er ein Trottel.«</p> - -<p>Und der gute Hannes pfiff derweil vergnügt und hatte -gar keine Ahnung, daß er ein Trottel war. Er kannte das -Leben nicht, er kannte das Bier nicht, er kannte das Weib -nicht. Er war ein harmloser, lustiger Bursche, dem es sicher -noch einmal sehr schlecht gehen mußte, ehe er dieses gutmütige, -dumme Pfeifen sein lassen würde.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es war an einem sommerheißen Maitag, kaum eine -Woche später. Heinrich war nach der Stadt gefahren, um -etliches zu besorgen. Nun war er auf dem Heimwege. Ganz -allein saß er auf der kleinen Droschke und ließ das Pferd -gemächlich seines Weges ziehen. Dabei konnte er ungestört -seinen Gedanken nachhängen.</p> - -<p>Daran dachte er, daß der junge Riedel sich um die Lotte -bewarb. Und obwohl sich der Buchenbauer alle zwei Minuten -sagte, daß ihn die Sache nichts angehe, gab er sich doch immer -wieder Mühe, mit hundert Gründen und Einwendungen -das Unsinnige einer solchen Verbindung zu beweisen. Und -er redete sich selber in großen Zorn.</p> - -<p>So kam es, daß er heftig erschrak, als er plötzlich die -Lotte kaum dreihundert Schritte weit vor sich auf der Straße -gehen sah. Sie war offenbar auch in der Stadt gewesen. -In der Hand trug sie ein kleines Paket.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[175]</span></p> - -<p>Dem Buchenbauer wackelten die Zügel in der Hand, und -er wußte nicht, ob dieses Zusammentreffen ein Glück oder -ein großes Unglück sei.</p> - -<p>Was sollte er tun? Was sollte er nur tun?</p> - -<p>Sie auffordern, mitzufahren, sie und er ganz allein -– sie, die Schräger Lotte, und er, ein Raschdorf? Seine -Leute, was würden die sagen? Das kam doch heraus, das -ging doch nicht zu verheimlichen. Der Mathias, die Lene -– alle – was würden sie sagen?</p> - -<p>Heinrich zupfte an der Leine, und das Pferd schlich -langsam im Tritt. Es war ein bequemes Rößlein, das -seinerseits sich gegen ein vorsichtiges, abwartendes Tempo -nicht sträubte.</p> - -<p>Aber trotzdem – in wenigen Minuten mußte er sie -eingeholt haben! Was dann? Sollte er an ihr vorüberfahren? -Sie laufen lassen in diesem Staub und in dieser -Hitze? Sie, die ihm einstmals den schweren Koffer getragen -hatte? Und ganz abgesehen davon – vorüberfahren, unhöflich -sein, grob – das ging nicht, das ging nicht!</p> - -<p>Kurz entschlossen rückte sich Heinrich stramm auf und -hieb auf das Pferd ein. Und in kaum zwei Minuten war er -an Lottes Seite.</p> - -<p>»Guten Tag, Fräulein! Darf ich Sie auffordern, mit -mir zu fahren?«</p> - -<p>Sie schaute zu ihm auf. Ihr Gesicht glühte von der Anstrengung -des Laufens, und sie zitterte ein wenig, als sie sagte:</p> - -<p>»Ich – ich danke, Herr Raschdorf – ich werde jetzt -gleich den Feldweg gehen. Es ist ja nur eine halbe Stunde -nach Hause. Ich danke!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[176]</span></p> - -<p>»So schlagen Sie mir's ab?«</p> - -<p>»Ich – ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten, -Herr Raschdorf!«</p> - -<p>»Ungelegenheiten? Wieso?«</p> - -<p>»Ja! Sie wissen ja – es ist um die Ihrigen – es war -mir so furchtbar peinlich, als ich sah, daß Sie hinter mir –«</p> - -<p>Da sprang er auf die Straße.</p> - -<p>»Lotte, Sie müssen mit mir fahren, jawohl, Sie müssen! -Sie kränken mich, wenn Sie mir's abschlagen. Wir haben -doch nichts gegeneinander – nichts – nichts – rein -gar nichts!«</p> - -<p>Sie schaute ihn mit ihren großen, dunkelgrauen Augen -eine Sekunde an.</p> - -<p>»Nein, wir haben wohl nichts, aber es ist besser, ich -danke, Herr Raschdorf, ich bin ja in einer halben Stunde -zu Hause.«</p> - -<p>»Lotte!«</p> - -<p>Er ergriff sie an der Hand.</p> - -<p>»Lotte – Fräulein Lotte, wissen Sie noch – damals -vor acht Jahren, als ich heimkam, auf diesem selben Wege, -als wir den Koffer miteinander trugen, wissen Sie noch?«</p> - -<p>»Ja, aber da waren wir Kinder – jetzt – es ist schon -besser, wenn ich zu Fuß gehe.«</p> - -<p>Er ließ ihre Hand los. Tonlos sagte er:</p> - -<p>»Ja, vielleicht ist's besser; vielleicht wär's eine Schande -für Sie, wenn Sie mit mir führen.«</p> - -<p>»Heinrich Raschdorf!«</p> - -<p>»Was sehen Sie mich so an? Es ist doch so! Von dem -Raschdorf Heinrich mag kein Mensch im Dorfe was, keine<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[177]</span> -Gefälligkeit, keinen kleinen Dienst, keine Freundlichkeit; der -ist ja ausgestoßen.«</p> - -<p>»Herr Raschdorf! Sagen Sie nicht so was! Ich fahre mit!«</p> - -<p>»Lotte, das will ich Ihnen danken!«</p> - -<p>Er half ihr auf den Wagen und stieg nach. Zitternd -ergriff er die Zügel wieder. Es war nur ein Sitz da. So -saßen Sie dicht nebeneinander. Minutenlang fuhren sie die -Straße entlang, ohne daß eines ein Wort gefunden hätte. -Und die Maisonne lachte, und das Rößlein ging so wonnig -sachte.</p> - -<p>So war dem jungen Buchenbauer noch niemals im -Leben zu mute gewesen. Das Herz war ihm übervoll, und -doch fand er kein armseliges Wörtlein. Endlich raffte er -sich auf:</p> - -<p>»Sie müssen mir noch sagen, Fräulein Lotte, ob Sie -mir wegen des Straußes böse gewesen sind!«</p> - -<p>»Ach, ich habe mich damals wohl sehr geärgert. Aber -ich weiß ja jetzt, daß Sie ihn nicht weggeworfen haben!«</p> - -<p>»Nein, wirklich nicht, ich wollte, ich besäße ihn noch -jetzt.«</p> - -<p>»Den armseligen Kinderstrauß?«</p> - -<p>»Ja, denn damals war doch noch eine bessere Zeit. -Da war ich noch nicht gar so einsam.«</p> - -<p>»Fühlen Sie sich einsam?« fragte sie leise.</p> - -<p>»O, Lotte, Sie wissen gar nicht, Sie können gar nicht -glauben, was das heißt: so leben wie ich.«</p> - -<p>»Sie haben eine Schwester und gute Freunde.«</p> - -<p>»Ja, das weiß ich, das schätze ich auch, aber das langt -nicht, das langt nicht auf so viele lange Jahre. Ein bißchen<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[178]</span> -Vertrauen, ein bißchen Freundlichkeit von den Leuten, -sehen Sie, das fehlt mir.«</p> - -<p>Sie schwieg.</p> - -<p>Er sah sie schmerzlich an. Dann sprach er leidenschaftlich:</p> - -<p>»Und doch schwör' ich Ihnen, Lotte: Ich war unschuldig -an dem Unglück, und mein toter Vater auch!«</p> - -<p>Sie war tief erschüttert. Leise sprach sie:</p> - -<p>»Das weiß ich, das hab' ich auch immer geglaubt.«</p> - -<p>»Lotte, das ist gut von Ihnen!«</p> - -<p>Er preßte ihre Hand. Ein Weilchen hielt er sie so fest, -dann erschrak er und gab sie frei.</p> - -<p>Einige Minuten fuhren sie wieder schweigend dahin, -dann sagte Lotte leise:</p> - -<p>»Und wie denken Sie, daß mir's geht?«</p> - -<p>Er suchte nach einer Antwort. Der trunksüchtige Vater -fiel ihm ein, der idiotische Bruder, und ihre ganze trostlose -Verlassenheit kam ihm zum Bewußtsein.</p> - -<p>»Ja, ich weiß wohl, ich ahne es, es tut mir leid, -Lotte, aber die Leute im Dorfe, die achten und ehren Sie -doch.«</p> - -<p>»Die Leute im Dorfe! Wenn ich eine rechte Heimat -hätte, brauchte ich keine Leute aus dem Dorfe. Ich will -sie nicht.«</p> - -<p>Der Widerspruch zwischen ihr und ihm selbst fiel ihm -auf.</p> - -<p>»Lotte, ich glaube, wir sind beide nicht glücklich. Wir -haben beide ein Haus, in dem wir wohnen, und haben doch -beide keine Heimat.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[179]</span></p> - -<p>Sie sah zu ihm auf. Ähnliche Gedanken hatte sie schon -oft gehabt; nur diese klare Form hatte sie ihnen nicht geben -können.</p> - -<p>»Ja,« sagte sie, »Sie haben recht!«</p> - -<p>Dann sprachen sie von der Kinderzeit, von jenen goldenen -Tagen, als sie noch glücklich waren, als sie beide noch -eine Heimat hatten.</p> - -<p>Darüber vergaßen sie ihren Kummer, und manchmal -schauten sie sich heimlich und schnell in die Augen – so, -wie man ein altes, heimgekehrtes Glück herzklopfend betrachtet. -Und sie waren beide rot im Gesicht, und tief in -den Augen strahlte es wie eine ganz leise Erlösungshoffnung.</p> - -<p>Die Straße führte durch den Wald. Da schwiegen sie -wieder.</p> - -<p>Über den Schattenweg huschten einzelne goldene Lichter, -und fern sang ein Brünnlein durch die Mittagsstille.</p> - -<p>Ganz langsam fuhr das Gefährt die weiche Straße -entlang, und die beiden jungen Menschenkinder schauten -hinab nach dem blühenden Wegrande. Dort, wo die Maiglöckchen -blühten, hielt er an, sprang hinab, pflückte drei -Stengel und reichte sie ihr.</p> - -<p>»Wir haben keine Feindschaft, Lotte!« sagte er bewegt.</p> - -<p>»Nein – nein, Heinrich!«</p> - -<p>Und dann wieder weiter, den grünen Frühlingswald -entlang, der still in blühender Freundlichkeit die beiden anschaute -aus märchentiefen Augen. Zwei bunte, seltsame -Schmetterlinge gaukelten vor ihnen her; denen schauten sie -nach mit träumenden Augen, und ihre Hände lagen dicht -beieinander und berührten sich leise.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[180]</span></p> - -<p>Da war ihnen wohl. Sie waren zu Hause. Auf diesem -kleinen Wagen war die Heimat.</p> - -<p>Als sie aber hinaus ins Lichte kamen und die Buchenhöfe -sahen, fröstelten sie vor dem grellen, heißen Sonnenlicht. -Da wußten sie, daß sie dort beide wieder in der -Fremde sein würden.</p> - -<p>Er faßte wieder ihre Hand.</p> - -<p>»Lotte, wenn wir uns manchmal – nur manchmal -sprechen könnten, das wär' ein Glück!«</p> - -<p>»Es ist ja nicht möglich!«</p> - -<p>»Es muß möglich sein, Lotte! Wir wollen Freunde -sein!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Hallo! Hallo! Hallo!«</p> - -<p>Der Idiot sprang aus dem Walde. Er hatte eine riesige -Tüte in der Hand, ganz gefüllt mit Maikäfern.</p> - -<p>Die beiden erschraken, und auch der Idiot blieb erstaunt -stehen. Er sperrte den Mund auf.</p> - -<p>»Und – und – und einen Hund,« grunzte er überrascht, -das einzige, was ihm immer einfiel, wenn er -jemanden vom Buchenhofe sah.</p> - -<p>»Mein Bruder! O Gott, mein Bruder!«</p> - -<p>Auch Heinrich war peinlich überrascht.</p> - -<p>»Die Lotte und der – und der – und einen Hund, -einen großen Hund!« krähte der Idiot.</p> - -<p>»Lassen Sie mich absteigen, Herr Raschdorf – ich muß -mit ihm reden.«</p> - -<p>Heinrich Raschdorf hielt an. »Bleiben Sie, Lotte! – -Gustav, Gustav, komm einmal her!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[181]</span></p> - -<p>»Schön tumm! Du schmeißt mich ins Feuer. Du sperrst -mich ein. Und einen gro–o–ßen Hund!«</p> - -<p>»Ich will hinab, Herr Raschdorf – ich muß zu ihm, -adieu – Sie wissen nicht –«</p> - -<p>»Wann sehen wir uns, Lotte?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht! Lassen Sie meine Hand los, ich will -absteigen.«</p> - -<p>Der Idiot war inzwischen tückisch herangeschlichen und -schleuderte urplötzlich dem Pferde die Tüte mit den Maikäfern -an den Kopf. Das Pferd fuhr auf, rückte an und -raste davon, während Lotte, die im Absteigen begriffen war, -mit einem Aufschrei auf die Straße stürzte.</p> - -<p>Mit verzweifelter Kraft brachte Heinrich das zitternde -Tier zum Stehen und lief den Weg zurück.</p> - -<p>Da lag Lotte Schräger auf der Straße. Das Hinterrad -war ihr über den linken Fuß gegangen.</p> - -<p>»Lotte, um Gottes willen, was ist geschehen?«</p> - -<p>»Mein Fuß – mein Fuß – überfahren – ach, mir -wird schwindelig –«</p> - -<p>»Lotte, geliebte Lotte!«</p> - -<p>Er tastete nach ihrem Fuße; aus dem niederen Schuh -quoll das Blut. Da raffte er das Mädchen auf und trug -es nach dem Wagen.</p> - -<p>Der Idiot stand mit entsetztem Gesichte da und -schrie:</p> - -<p>»Es blutet! Es blutet!«</p> - -<p>Und er verkroch sich im Walde.</p> - -<p>Vorsichtig hob Heinrich die Verwundete auf den Wagen. -Ein Frösteln ging durch seine Seele.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[182]</span></p> - -<p>An derselben Stelle hatte vor Jahren Mathias Berger -seinen sterbenden Vater auf seinen kleinen Schlitten geladen. -Und nun ging es wie damals behutsam die Anhöhe -hinab den Buchenhöfen zu.</p> - -<p>»Heinrich!«</p> - -<p>Sie klammerte sich fest an ihn.</p> - -<p>»Lotte, Lotte! Geliebte Lotte!«</p> - -<p>Sie war ohnmächtig.</p> - -<p>Er bettete sie an seine Brust und schlang den rechten -Arm um sie. Mit der linken Hand hielt er die Zügel.</p> - -<p>So bleich und so schön war sie, und sie atmete schwer, -aber doch nicht schwerer als der junge Buchenbauer. Er -betrachtete immer ihr süßes, bleiches Gesicht. Und einmal -bückte er sich hastig scheu über sie und küßte sie auf -den Mund. Ein Seligkeitsschauer glühte ihm durch den -Körper. –</p> - -<p>Als sie in die Nähe des Buchenhofes kamen, gingen -zwei durch den Garten – Mathias und Liese.</p> - -<p>Sie hielten Ausschau. Und nun gewahrten sie ihn. -Die Hände legten sie über die Augen, um besser sehen zu -können. So standen sie regungslos wie Bildsäulen.</p> - -<p>Aber plötzlich kam Leben in die beiden Leute. Sie -sprachen erregt miteinander, zeigten nach ihm, und auf einmal -wandte sich die Liese um und lief ins Haus.</p> - -<p>Mathias Berger aber ging langsam nach dem nächsten -Baume und lehnte sich an.</p> - -<p>Heinrich hatte das alles wohl gesehen, aber es war -ihm so, als ob es ihn nichts anginge. Er nickte nur grüßend -und fuhr vorbei, hinüber zum Kretscham.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[183]</span></p> - -<p>Zwei Mägde und die alte Wirtschafterin sahen durchs -Küchenfenster und kamen schreiend herausgelaufen. Heinrich -unterrichtete sie kurz und übergab ihnen Lotte. Dann fragte -er nach Schräger.</p> - -<p>Der saß in der Gaststube und schlief. Er hatte sich am -Vormittag schon wieder betrunken.</p> - -<p>Heinrich rüttelte den Schlafenden. Der öffnete die -Augen, sah den jungen Raschdorf und grunzte auf.</p> - -<p>»Erschrecken Sie nicht, Herr Schräger, es ist ein Unglück -passiert. Fräulein Lotte ist ein Stück mit mir gefahren, -und als sie absteigen wollte, hat der Gustav das Pferd scheu -gemacht. Da ist sie gefallen, und der Fuß ist ihr überfahren -worden.«</p> - -<p>Schräger starrte ihn verständnislos an.</p> - -<p>»Herr Schräger, es muß augenblicklich jemand nach dem -Arzt fahren!«</p> - -<p>»Nach – nach dem – dem Arzte fahren?«</p> - -<p>Heinrich sah, daß der Mann betrunken war.</p> - -<p>»Ja, es ist keine Zeit zu verlieren! Hören Sie, Herr -Schräger, ich werde selbst den Arzt holen. Hören Sie?«</p> - -<p>»Ja – ja – den – Doktor –«</p> - -<p>Heinrich war schon draußen. Der Wirtschafterin schärfte -er ein, den Schuh und den Strumpf vorsichtig abzuziehen und -den Fuß immerfort mit kaltem Wasser zu kühlen. Er fahre -nach dem Arzt.</p> - -<p>Dann sprang er auf die Droschke und fuhr nach dem -Buchenhof. Auf den Stufen vor der Haustür standen -Hannes und Lene. Mathias und Liese waren nicht zu -sehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[184]</span></p> - -<p>»Hannes, schnell die beiden Rappen einspannen! Ich -fahr' nach dem Arzt. Fräulein Schräger ist verunglückt.«</p> - -<p>Hannes und Lene sahen ihn wortlos an.</p> - -<p>»So steht doch nicht so blöde da! Sie ist ein Stück mit -mir gefahren, und als sie absteigen wollte, ist sie gefallen, -und der Fuß ist ihr überfahren.«</p> - -<p>»Sie haben ja selber Fuhrwerk drüben,« sagte Hannes.</p> - -<p>»Ja, aber das dauert alles zu lange; ich fahre, das ist -doch Christenpflicht.«</p> - -<p>Lene lachte laut und spöttisch auf.</p> - -<p>»Christenpflicht!«</p> - -<p>»Hannes, willst Du helfen oder nicht?«</p> - -<p>»Wehe Dir, Hannes, wenn Du eine Hand rührst!«</p> - -<p>»Hannes, bin ich der Herr oder die? Und läßt Du Dich -von einem Weibe kommandieren?«</p> - -<p>Hannes war in schwerer Verlegenheit. Aber schließlich -sagte er: »Es ist ja Mumpitz, aber helfen tu ich!«</p> - -<p>Lene warf ihm einen verächtlichen Blick zu und ging -ins Haus. Wenige Minuten später sauste das Gefährt Heinrichs -nach der Stadt.</p> - -<p>In ganz verhältnismäßig kurzer Zeit brachte er den -Arzt.</p> - -<p>Unten im Hausflur stand er und wartete auf Nachricht. -Die Wirtschafterin kam.</p> - -<p>Der Fuß wäre gebrochen, aber es sei keine Gefahr. -Bei guter Pflege würde alles recht schön heilen.</p> - -<p>»Werden Sie das Fräulein auch gut pflegen, Stenzeln?«</p> - -<p>Die Alte sah den jungen Mann freundlich an und versprach -ihr Bestes. Er gab ihr ein Geldstück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[185]</span></p> - -<p>»Hier, nehmen Sie das! Sagen Sie aber keinem Menschen -davon! Und grüßen Sie das Fräulein! Sie soll nicht böse -sein auf mich. Mir tut das Unglück sehr leid. Und, Stenzeln, -alle Abende um neun Uhr kommen Sie mal an die Haustür. -Ich will Sie fragen, wie's geht!«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-189"> - <img src="images/illu-189.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[186]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_12">Kapitel 12</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-190"> -<div class="boxu box190u"> -<img src="images/illu-190.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box190l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Durch die Mainacht ging der Mond.</p> - -<p>Drunten im Dorfe schlug es Mitternacht. -Da hatten die Buchenhofleute -den Frieden des Schlafes noch nicht gefunden. -Und doch war ein jeder in -seiner Kammer seit langen Stunden.</p> - -<p>Droben im ersten Stock lehnte der junge Buchenbauer -am Fenster und schaute hinüber nach der Giebelstube des -Kretschams.</p> - -<p>Ein Licht schimmerte durch die Nacht herüber.</p> - -<p>Dort war sie!</p> - -<p>Der junge Träumer schloß die Augen.</p> - -<p>Da sah er ein Meer und in dem Meer ein fernes Eiland. -Von diesem Eiland schien das Licht wie ein winkendes Leuchtturmfeuer, -das den Weg zeigt zu einem heimatlichen Hafen.</p> - -<p>Aber wenn Heinrich Raschdorf die Augen öffnete, sah -er die Dorfstraße. Die lag zwischen ihm und ihr wie ein -unüberbrückbarer Abgrund. Er riß das Fenster auf. Schwerer -Duft traf ihn, das Silberlicht gaukelte vor seinen Augen, -und ein Vogel in der Nähe sang ein wonniges Lied.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[187]</span></p> - -<p>Da schlug die Liebe in das junge Blut, und all ihr -taumelndes, berauschendes Glück kam über den Einsamen. -Eine heiße Röte flammte über Heinrichs Gesicht, und ein -Vorsatz formte sich in seinem Herzen, sein Glück zu suchen. -Und immer wieder ging er die wenigen Minuten im Geiste -durch, die er mit ihr verlebt hatte, brachte sich alles in Erinnerung, -was sie gesprochen, und war ganz außer sich vor -lauter Aufregung, Liebe und Mitleid.</p> - -<p>Da klopfte es an die Tür.</p> - -<p>Heinrich lauschte, aber er rührte sich nicht.</p> - -<p>Abermaliges Klopfen.</p> - -<p>Nun ging er und öffnete.</p> - -<p>Seine Schwester Lene stand draußen, völlig angekleidet. -Das Erstaunen Heinrichs war groß; die Schwester hatte mit -ihm seit dem Tage, da er im Buchenkretscham zur Steuer -war, nicht mehr gesprochen.</p> - -<p>»Du bist es, Lene? Was willst Du?«</p> - -<p>»Mit Dir reden! Ich sah, daß Du noch wachst.«</p> - -<p>»Komm herein!«</p> - -<p>Er schloß die Tür hinter ihr. Sie schaute sich um und -bemerkte alsbald das offenstehende Fenster und das Licht -drüben über der Straße.</p> - -<p>Sie sah ihn scharf an, und er konnte nicht hindern, daß -er errötete. Er mußte an den Vater denken, wie sie so stolz -und kalt vor ihm stand.</p> - -<p>»Willst Du sie heiraten?« fragte sie unvermittelt. Ihre -Stimme klang heiser.</p> - -<p>»Heiraten? Wen?«</p> - -<p>»Wen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[188]</span></p> - -<p>Sie lachte scharf und kurz, trat ans Fenster und schloß -es. Da überkam ihn der Trotz wieder.</p> - -<p>»Lene, ich will Dir was sagen: so lasse ich mich nicht -behandeln. Verstehst Du? Was ich tue oder lasse, ist schließlich -meine Sache.«</p> - -<p>»Nein!« Das sagte sie laut und heftig. »Es ist nicht -Deine Sache, es geht uns alle an! Wir haben alle für Dich -gearbeitet. Was Du hast, hast Du von uns!«</p> - -<p>»Von Euch! Das weiß ich. Du kommst also, um mir -zu sagen, was ich Euch alles schuldig bin, kommst, um mir -das vorzurechnen?«</p> - -<p>Ihr war jede Sentimentalität fremd.</p> - -<p>»Ja, deswegen komm ich! Du bist uns genug schuldig, -das Meiste! Beinah alles! Und ich red' nicht von mir, -aber vom Mathias red' ich.«</p> - -<p>»Vom Mathias? Was schadet es denn, wenn ich – -wenn ich –«</p> - -<p>»Wenn Du zum Schräger laufst? Hinter der Lotte -her bist? Es ist wahr! Es wird sich hübsch machen, wenn -Du mit der Lotte zur Trauung gehn wirst.«</p> - -<p>»Sei still, Lene! Das geht Dich nichts an, solches Gerede -leid' ich nicht!«</p> - -<p>Sie ließ sich nicht stören.</p> - -<p>»Ja, und der besoffene Schräger wird als Schwiegervater -hinterher geh'n.«</p> - -<p>»Lene, ich werf' Dich raus!«</p> - -<p>»Erst red' ich! Es wird hübsch sein, wenn Ihr bei Vaters -Grab vorbeigehn werdet, den die Bande auf 'm Gewissen -hat, und – und der Mathias wird auch zusehn müssen,<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[189]</span> -den sie ins Gefängnis gebracht haben. Sehr hübsch wird's -sein! Du bist ein Staatskerl, Heinrich!«</p> - -<p>»Hör' auf, Lene! Du machst mich verrückt!«</p> - -<p>Er setzte sich auf einen Stuhl. Sie sagte nichts, lehnte -sich an die Wand und sah ihn streng, ja haßerfüllt an. Ihn -aber hatte sie mit dem einzigen Hinweis auf den Vater geschlagen. -Da begann er endlich: »Es ist nichts erwiesen!«</p> - -<p>»Daß der Vater tot is, das is erwiesen!«</p> - -<p>Darauf wußte er nichts zu entgegnen. Endlich sagte er: -»Der Vater ist verunglückt.«</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p>Dieses »Nein« klang furchtbar in der Stille der Nacht. -Heinrich traf es wie ein Schlag, und er fröstelte in sich -zusammen. Er hatte nie dieser schrecklichen Frage gegenüberstehen -können, ohne eine versöhnliche Antwort mit -aller Macht zu erzwingen. Dieses herbe Mädchen gab die -Antwort. Er sah sie scheu an.</p> - -<p>»Wie kannst Du – wie kannst Du das nur sagen, Lene? -Vom Vater?«</p> - -<p>Auf einen Augenblick kämpfte sie mit Tränen. Dann -kam der Groll wieder über sie.</p> - -<p>»Vaters Tod ist ganz klar. Und der Schräger hat's -gewollt. Der hat unseren Vater ums Geld gebracht, dann -hat er falsch geschworen, und zuletzt hat er das Geld gekündigt. -Da wußt' sich der Vater keinen Rat mehr. Und -jetzt – jetzt laufst Du hin – der einzige Sohn –«</p> - -<p>Es war aus mit ihrer Fassung. Sie sank auf einen -Stuhl, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und fing -leidenschaftlich an zu weinen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[190]</span></p> - -<p>Er saß ihr in zusammengesunkener Stellung und mit -unbewegtem Gesicht gegenüber. Endlich sagte er tonlos: -»Hör' auf zu weinen, Lene. Es ist ja nichts geschehen. Ich -will nicht leugnen, daß ich der Lotte gut bin – lange schon, -länger, als ich's selber weiß, aber das – das wird sich ja -überwinden lassen – weil es muß – weil es muß –«</p> - -<p>Er stand auf und wandte sich ab. Da war sie plötzlich -hinter ihm, umschlang seinen Hals und küßte heiß seine -Wange.</p> - -<p>»Heinrich, weißte denn gar nichts – gar nichts von -der Liese?«</p> - -<p>»Wie? Was? Was soll ich von der Liese wissen?«</p> - -<p>»Daß sie Dir – daß sie Dir so unendlich gut is, -Heinrich!«</p> - -<p>Er fuhr herum. »Mir? Die Liese? Mir gut? Lene!«</p> - -<p>»Und der Mathias hat immer drauf gehofft.«</p> - -<p>Er sah sie erstaunt an. Eine grelle, wehe Erkenntnis -kam ihm. »O Lene, das – das hätt' ich nicht gedacht!«</p> - -<p>Schwer setzte er sich wieder auf den Stuhl.</p> - -<p>Sie legte den Arm auf seine Schulter.</p> - -<p>»Du mußt nicht denken, Heinrich, daß der Mathias -alles bloß deswegen gemacht hat. Das wär' schlecht, so -was von ihm zu denken. Aber ich weiß, daß a drauf gehofft -hat. Und nu – Heinrich, es hat mir das Herz umgedreht, -wie a heute rumgegangen is, so weiß im Gesichte, und a -wollt' nichts zeigen, und a wollt' immer mit der Liese lustig -sein – das war zum Erbarmen –«</p> - -<p>Er starrte sie an, schüttelte sich und schloß die Augen.</p> - -<p>»Lene, das – das könnt Ihr nicht von mir verlangen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[191]</span></p> - -<p>Sie sah wehmütig vor sich hin.</p> - -<p>»Das verlangen wir ja nicht, aber das andere, Heinrich, -das darfste uns nich antun.«</p> - -<p>Es entstand eine lange Pause.</p> - -<p>Draußen sang immer noch der kleine Vogel sein süßes -Lied. Und über der Straße schimmerte das warme Licht.</p> - -<p>Das Mädchen war verändert. Mit scheuer Zärtlichkeit -ergriff sie die Hand des Bruders.</p> - -<p>»Heinrich, fällt Dir's so schwer?«</p> - -<p>Er antwortete heiser:</p> - -<p>»Ich weiß es erst jetzt – jetzt, da ich sie nicht haben -darf, wie lieb ich sie hab', wie unsinnig lieb!«</p> - -<p>Und nach einer Weile schluchzte er auf:</p> - -<p>»Lene, wir haben ein schreckliches Leben!«</p> - -<p>Ihr Gesicht verzog sich.</p> - -<p>»Ich weiß ja, ich bin häßlich zu Dir und zu allen Leuten, -ich ärgere Euch alle – alle, aber ich kann nicht dafür.«</p> - -<p>Er antwortete nicht.</p> - -<p>»Aber ich mein's auch gut, bloß ich kann's nicht so -zeigen, ich bin ein so schrecklich grobes, dummes Ding. Und -mich kann niemand leiden!«</p> - -<p>Sie fing wieder leidenschaftlich an zu weinen. Trotz -seines eigenen Leides fühlte er, daß auch die Schwester einsam -und glücklos sei.</p> - -<p>»Lene,« sagte er, »wir wollen versuchen, daß wir uns -jetzt besser vertragen. Ich weiß schon, was ich Euch schuldig -bin. Ich werd' mir Mühe geben, Lene, in jeder Weise -Mühe geben!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[192]</span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Und drüben über der Straße?</p> - -<p>Die alte Stenzeln war eingeschlafen bei der Krankenwache. -Jetzt schreckte sie empor.</p> - -<p>»Ach Gott, ich bin wohl – ich bin wohl eingeschlafen? -Fehlt was, Lotte?«</p> - -<p>Das schöne Mädchen schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Ich bin ganz zufrieden.«</p> - -<p>Auch sie hörte den kleinen Vogel, der draußen sang. -Und auch sie dachte daran, wie sie mit Heinrich durch den -Wald gefahren war. Wie sie da beide so still und glückselig -waren. Die Maiglöckchen, die er ihr gepflückt, standen in -einer kleinen Vase am Bette. Sie waren ihr teuer. Und -sie freute sich, daß sie bei dem Sturze vom Wagen nur ihre -goldene Brosche verloren hatte, nicht diese drei Blumenstengel.</p> - -<p>»Wie kam es denn, Stenzeln, daß Herr Raschdorf nach -dem Arzte gefahren ist und nicht jemand von uns?«</p> - -<p>»I du meine Güte, das hätt' lange gedauert! Na, Du -weißt ja, Lotte! Aber der junge Herr drüben is gefahren -wie a Toller.«</p> - -<p>Lotte lächelte.</p> - -<p>»Weiß er schon, daß ich den Fuß gebrochen habe?«</p> - -<p>»Freilich, freilich! A hat ja unten im Hause gewartet, -bis ich ihm alles gesagt hab'. Na, und a läßt Dich schön -grüßen, und es tät ihm schrecklich leid!«</p> - -<p>Lotte lächelte wieder.</p> - -<p>»Ja, Stenzeln, das glaub' ich, daß es ihm leid tut; er -ist ein sehr guter Mensch.«</p> - -<p>Die Stenzeln nickte und dröselte ein Weilchen für sich -hin. Dann hustete sie und sagte: »Na, eigentlich soll ich's ja<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[193]</span> -nich sagen, aber Du wirst ja nischt verraten – da sieh -mal!«</p> - -<p>Sie zeigte ein Fünfmarkstück und mäßigte ihre Stimme -zu einem Flüstern: »Das hat a mir geschenkt, der junge -Raschdorf, und ich soll Dich nur gut pflegen, hat a gesagt –«</p> - -<p>Eine tiefe Röte zog über das Gesicht der Kranken, und -ein glückliches Leuchten brach aus ihren Augen.</p> - -<p>»Ja, und jeden Abend um neune will a mich unten an -der Haustür fragen kommen, wie's Dir geht.«</p> - -<p>»Hat er das gesagt?«</p> - -<p>»Freilich hat a! A hat 'ne schreckliche Bangigkeet um -Dich.«</p> - -<p>Die Stenzeln seufzte.</p> - -<p>»Schade is! Schade, daß a nu grade der Raschdorf is. -Sonst is a wirklich a sehr schmucker Mensch.«</p> - -<p>Lotte antwortete nicht; nur die Hand irrte auf dem -Deckbett hin und her, und auf ihren Wangen brannte die -Röte.</p> - -<p>»Ja, und gewundert hab' ich mich, daß Dein Vater -weiter nischt gesagt hat. Na, aber bei dem kommt's vielleichte -noch. O, das wird a Aufsehen sein im Dorfe! Da werden -sie ja wieder was zusammenquatschen. Is doch aber nischt -dabei. Denn an was anderes is ja hier gar nich zu -denken.«</p> - -<p>Lotte lag ganz still. Ihre Augen wurden ernst und -traurig.</p> - -<p>»An etwas anderes ist ja hier gar nicht zu denken!«</p> - -<p>Eine heiße, qualvolle Unruhe kam, die mehr weh tat -als die Schmerzen des kranken Fußes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[194]</span></p> - -<p>Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Da – mitten -durch ihr Herzeleid schimmerte es immer wieder duftig und -silbern –</p> - -<p>Ein paar Blumen! Ein glänzendes Geldstück!</p> - -<div class="figcenter" id="illu-198"> - <img src="images/illu-198.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[195]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_13">Kapitel 13</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-199"> -<div class="boxu box199u"> -<img src="images/illu-199.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box199l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Droben im Walde -stand ein uraltes, -verwittertes Heiligenbild. -Es wußte niemand, wer -es da hingestellt, wußte niemand -mehr, ob es aus Freud' oder -Leid geschehen, ob es ein Dank -sein sollte oder eine Bitte, ob -eine fromme Seele es errichtet -habe oder einer, dem eine Schuld -im Herzen schrie.</p> - -<p>Es stand da die Jahrhunderte -hindurch. Und der Frühling stellte -seine Blüten rund umher; die -Sommersonne vergoldete den -grauen Stein; an seinem Fuße -legten sich die Käfer schlafen zur -Herbsteszeit ins grüne Moos, -und wenn die Weihnachtsglocken -aus dem Tale klangen, flimmerten -Eis und Schnee um das -alte Bild, wie auf dem Altar in -der Kirche weiße Decken und<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[196]</span> -glänzende Steine. Manchmal zog ein einsamer Wanderer -die Mütze ab vor dem alten Bilde. Das ist kein Götzendienst, -wenn ein Mensch das Haupt entblößt an so ehrwürdigem -Orte, wo so viel Leid und Lust ausgerungen -wurden, so viel Friede und Andacht, aber auch so viel -Kampf und Reue zu Hause waren seit langen Jahren.</p> - -<p>An diesem Heiligenbilde kniete Liese Berger. Der -Abend war nicht weit. Da lag ein roter, verklärender Schein -über ihr und dem grauen Stein. Von fern sangen ein paar -Vögel. Sonst war alles still. Und der Wald blühte über ihr.</p> - -<p>Ein langes, stummes Gebet lag in den Augen des -Mädchens, ein Gebet voll Qualen. Aber wie sie auf das -Bild hinschaute, wurden ihre Augen stiller.</p> - -<p>»Wenn es eine Sünde war, verzeih' es mir, heilige -Mutter Gottes!«</p> - -<p>Das Bild gab keine Antwort; aber in die Augen der -Betenden kam Friede. –</p> - -<p>Es stand einer von fern. Er war der Liese heimlich -nachgegangen. Mathias, ihr Vater.</p> - -<p>Er störte sie nicht – o nein! Er wußte, was sie betete. -Er wußte, daß es ein Totengebet war für seine und ihre -liebste Lebenshoffnung.</p> - -<p>Jetzt erhob sie sich und sah ihn. Ein wenig erschrak sie, -aber er ging auf sie zu und nahm sie in seine Arme.</p> - -<p>»Liese!«</p> - -<p>Kein Wort redeten sie. Sie standen ganz still. Ein -Vogel, der auf dem Aste saß, hielt inne in seinem Liede, -neigte das Köpflein zur Seite und schaute die beiden verwundert -an. Und als sie endlich fortgingen, flog er hinüber<span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[197]</span> -zum Heiligenbild, wo sein Weiblein im Neste saß, und erzählte -ihr, daß es Menschen gäbe, die ganz still stehen und nicht -reden. Das Weiblein zwinkerte ihn verständnisvoll an und -wies mit dem Schnabel hinab auf das zerdrückte Gras vor -dem Bilde.</p> - -<p>Und dann sprachen sie von ihren eigenen Sorgen. –</p> - -<p>Die beiden Menschen aber gingen schweigend den Bergpfad -hinab. Nach einer Weile blieb die Liese stehen.</p> - -<p>»Vater, ich will ins Kloster gehen!«</p> - -<p>Er erschrak wie vor einem Blitz.</p> - -<p>»Mädel!«</p> - -<p>Sie klammerte sich an seinen Arm.</p> - -<p>»Es ist nicht – es ist ja nicht erst seit gestern – es ist -viel länger, ich hab's schon immer gedacht, schon als Schulkind -– aber jetzt – Vater, ich will gern ins Kloster!«</p> - -<p>»Nein, Liese! Auf keinen Fall! Das geb' ich nicht zu!«</p> - -<p>Sie senkte den Kopf. Er aber schlang erschüttert den -Arm um ihre Schulter.</p> - -<p>»Deswegen nich, Liese! Meine Einzige! Nein, eher -will ich –« Die Sprache versagte ihm.</p> - -<p>»Es ist ja nicht bloß deswegen, Vater!«</p> - -<p>»Ja! Ich weiß schon! Ich weiß genau! Nein, Liese, -das geb' ich nich zu. Eher ziehn wir weit fort! Du bist mir -die Nächste. Das kann nich sein! Deswegen nich!«</p> - -<p>Stumm ging die Liese neben dem Vater her.</p> - -<p>»Meinst Du, daß ich's nicht mehr wert bin?«</p> - -<p>»Nich wert? Du, mei' frommes, goldenes Kind, Du! -Aber mei' Tochter, 's kann ja alles noch gut werden. 's -is ja doch nischt weiter passiert, es kann ja alles noch werden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[198]</span></p> - -<p>Sie sah ihm hell in die Augen und schüttelte den Kopf. -Dabei sagte sie ruhig: »Nein, es ist vorbei!«</p> - -<p>»Es is nich vorbei! Wieso denn?«</p> - -<p>»Wenn a mich auch noch wollte – jetzt wollt' ich nich -mehr!«</p> - -<p>Er sah sie erschüttert an.</p> - -<p>»Wir sind nich füreinander! Ich weiß jetzt. Es war -unrecht von mir, daran zu denken, und ich will schon lange -ins Kloster.«</p> - -<p>»Liese, ich geb's nich zu!«</p> - -<p>»Warum nicht, Vater? Ich hab's da ganz gut. Ich -geh Kranke pflegen, das tue ich gern. Da kann ich was -nützen. Und ich bin vielleicht ganz glücklich. Und so – -wenn ich in der Welt bleib'?«</p> - -<p>Er sagte nichts mehr. Die stillen Frauen tauchten vor -seiner Seele auf, die Siegerinnen, die in sich die Welt überwunden -haben. Es liegt alles hinter ihnen, was die Menschenkinder -erregt: sie wollen kein Geld, keinen Ruhm, kein Vergnügen, -keine Bequemlichkeit, keine irdische Liebe. Sie wollen -nur das Gute. Vielleicht, daß eine hie und da mit sich kämpft; -die meisten haben Frieden. Und gegen den Frieden ist doch -alles andere armer Tand.</p> - -<p>Und wenn die Liese in der Welt blieb ohne Beruf, -ohne Liebe, ohne Frieden?</p> - -<p>Vielleicht, daß es ihr gut wäre im Kloster, vielleicht!</p> - -<p>Aber er? – Aber er! –</p> - -<p>»Liese, wir wollen weder »ja« noch »nein« sagen; wir -wollen abwarten, noch lange abwarten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[199]</span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Vom Dorfe herauf nach dem Buchenkretscham zu kamen -der junge Riedel und der Barbier.</p> - -<p>»Wenn wir's ins Reine bringen, fünfzig Taler sind -Deine,« sagte Riedel.</p> - -<p>»So leicht wird's gar nich sein,« meinte der Barbier, -»Du hast a alten Schräger schon zu ofte geärgert. Und dann -der Raschdorf!«</p> - -<p>»Quatsch' nich, Mensch! Mehr wie fünfzig Taler gibt's -nich! Das mit'm Raschdorf is Mumpitz. Die Schräger -Lotte und der Raschdorf! So was gibt's nich. Da red' mir -nischt vor.« – – –</p> - -<p>Schräger war allein. Er war bereits wieder nicht mehr -nüchtern. Die beiden eintretenden Männer grüßten und bestellten -sich etwas.</p> - -<p>»Na, man hört ja schöne Dinge,« fing der Barbier an.</p> - -<p>»Was, schöne Dinge?« fragte Schräger stupid.</p> - -<p>»Nu, von der Lotte. Seit wann fährt'n die mit'm -Raschdorf Heinrich spazieren?«</p> - -<p>»Ja, seit wann fährt'n die mit'm Raschdorf Heinrich -spazieren?« wiederholte Riedel spitzig.</p> - -<p>»Weeß ich nich,« sagte Schräger pomadig und trank -einen Schnaps.</p> - -<p>»Weeß a nich,« sagten die anderen beiden gleichzeitig -und sehr betroffen.</p> - -<p>»Ja, kümmerst Du Dich denn nich drum, Schräger, -wenn Dei' Mädel zum Spektakel mit 'm Raschdorf in der -Welt rumfährt?«</p> - -<p>»Nee,« sagte Schräger, »mir is alles ganz piepe. Ganz -egal is mir alles! Hol' alles der Teifel! Prost!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[200]</span></p> - -<p>»Der Kerl is besoffen,« sagte der Freiersmann leise.</p> - -<p>»Sag' mal, Schräger, das kann Dir doch nich egal sein. -Die Leute im Dorfe reden ja riesig. Sie sagen, die Lotte -hat mit 'm Heinrich a Verhältnis.«</p> - -<p>»Verhältnis? Weeß ich nich! Kann sein! Kann schon -sein! Is mir alles Wurst!«</p> - -<p>Riedel und der Barbier sahen sich ratlos an.</p> - -<p>»Nu, Schräger, Du bist wohl nich gescheit? Du wirst -doch nich zugeben, daß der Raschdorf mit der Lotte a Verhältnis -hat? Du bist wohl verrückt?«</p> - -<p>»Nee, ich bin gar nich verrückt! 's is ganz gutt so. -Kommt alles zusammen, alles zusammen. Is alles gutt! -Freut mich! Freut mich wirklich!«</p> - -<p>Er rieb sich die Hände.</p> - -<p>»A is wirklich verrückt geworden,« sagte Riedel.</p> - -<p>»Ich werd' Dir was sagen, Schräger,« fing der Barbier -in scharfem Tonfall an. »Du bist a Schafskopp! Der Raschdorf -denkt gar nich an die Lotte, der hat 'ne ganz andere. -Und Du kannst Dir mit solchem blödsinnigen Getue bloß -Läuse n a Pelz setzen. Wenn das rauskommt, daß Du uff -a Raschdorf spekulierst, da –«</p> - -<p>»Was da?«</p> - -<p>»Na so und so –«</p> - -<p>»Was so und so?«</p> - -<p>Der Wirt wurde etwas nüchterner.</p> - -<p>»Na, ich will ja nich zuviel sagen; aber das weißte -vielleicht, daß der Mathias gesagt hat, Du spekulierst drauf, -daß die Güter zusammenkommen, und hättest deswegen a -alten Raschdorf so reingebracht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[201]</span></p> - -<p>Schräger fuhr wütend auf.</p> - -<p>»Der Teifel hol' a Mathias; ich spekulier' nich! Hab' -ich nie gemacht! Das is Schwindel!«</p> - -<p>»Ja, aber die Leute werden's sagen; sie werden jetzt -'m Mathias recht geben –«</p> - -<p>»Wer? Wer? Ich verklag' 'n!«</p> - -<p>»Kannste nich! Und dann, wenn wirklich was draus -würde, da tränk' keen Mensch mehr bei Dir für fünf Pfennige -Schnaps. Mit a Buchenhofleuten will niemand was zu tun -haben.«</p> - -<p>Der Wirt glotzte die beiden an. Er wollte etwas sagen, -schimpfen, abstreiten, aber schließlich wandte er sich ab und -trat ans Fenster.</p> - -<p>Heute früh, als er ausgeschlafen hatte und sich der Vorkommnisse -vom vorhergehenden Tage bei nüchternem Geiste -erinnerte, war er zuerst in Wut geraten und hatte großen -Spektakel schlagen wollen. Aber dann, als er sich alles genauer -ausmalte und auch unterdes wieder viel Schnaps getrunken -hatte, war ihm urplötzlich seine alte, längst aufgegebene -Lieblingsidee wieder eingefallen: die beiden Buchenhöfe -miteinander zu vereinigen. Es war seit Jahren der erste -Gedanke gewesen, der ihn aus seiner Säuferlethargie aufrüttelte -und etwas wie eine frohe Begeisterung über ihn -brachte.</p> - -<p>Zwar die Sache schien auch ihm wahnwitzig, er wußte -ja auch nichts Bestimmtes, nur den kurzen Bericht der alten -Stenzeln, und so beschloß er, der Sache freien Lauf zu lassen. -Jetzt kamen diese beiden und verdarben ihm den Plan. Er -wandte sich um.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[202]</span></p> - -<p>»Was habt Ihr eigentlich? Sie is a Stückel mit ihm -gefahr'n. Weiter nischt!«</p> - -<p>»Ja, und a hat's Pferd nich gehalten, wie sie abstieg. -A feiner Kutscher is a, das wissen wir alle. Aber wie a sie -heimgebracht hat, wie a sie um a Hals gehabt hat –«</p> - -<p>»Schwindel! Halt's Maul!«</p> - -<p>»Wir wissen's! Und alle Leute wissen's!«</p> - -<p>Der junge Riedel sprang auf.</p> - -<p>»Herr Schräger, es – es muß raus! Ich bin der Lotte -gutt, sie gefällt mir, wenn sie auch das Arbeiten nich gelernt -hat, und ich wollte heute – heute anfragen, wie's denn -wär', wenn wir a Kram zusammenschmissen; aber wenn -die Leute so reden, und wenn Sie nischt dagegen haben, -und wenn so 'ne Wirtschaft hier is, da – da könnt's sein, -ich besänn' mich noch anders.«</p> - -<p>Schräger wurde krebsrot.</p> - -<p>»Riedel! Pauerjunge! Denkste, das laß ich mir gefall'n? -Das soll wohl 'ne Brautwerbung sein? Besänn a -sich noch anders, der Schafkopp! Hab' ich dazu gespart und -gearbeit't und die Lotte so viel lern'n lassen, daß mir so -a Lausejunge so kommt? Mir, 'm Vater? Raus!«</p> - -<p>»Menschenkinder, vertragt Euch, vertragt Euch!« beschwor -der Barbier.</p> - -<p>»Raus!« brüllte Schräger.</p> - -<p>Der junge Riedel kochte vor Wut.</p> - -<p>»Behalt' sie!« schrie er. »Behalt' sie! Pack schlägt sich, Pack -verträgt sich.« Damit war er hinaus. Der Begleiter folgte ihm.</p> - -<p>Schräger war wieder allein. Ein paarmal ging er durch -die Stube und sprach vor sich hin. Dann sank er auf einen<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[203]</span> -Stuhl. Er wollte nachdenken. Es ging aber nicht. So holte -er sich Schnaps und trank.</p> - -<p>Allmählich flaute seine Erregung ab.</p> - -<p>Eigentlich war's dumm, daß er den Riedel hinausgeworfen -hatte. Der Riedel hatte Geld.</p> - -<p>Aber Raschdorf hatte mehr. Viel mehr! Und die -Ziegelei! Und die Höfe kamen zusammen!</p> - -<p>Die Höfe! – – – Wenn er nur nicht Raschdorf hieß!</p> - -<p>Ein Frösteln kam den Säufer an.</p> - -<p>Der Sohn von dem anderen!</p> - -<p>Manchmal kam er ja noch – der andere – in der Nacht, -manchmal, wenn Schräger zu wenig getrunken hatte, oder -wenn er krank war und nicht schlafen konnte.</p> - -<p>Der Sohn! War das möglich? Würd's da besser mit -ihm werden oder schlechter? Würde er sich mehr fürchten oder -weniger? Damals, als der junge Raschdorf zur Steuer gewesen -war, hatte Schräger in der Nacht gut geschlafen. – –</p> - -<p>Und auftrumpfen läßt er sich nicht! Und nichts auf -die Lotte sagen, nichts! Auch nicht auf den Jungen! Es -sind die Kinder! Er hat's danach; er braucht sich und den -Kindern nichts sagen zu lassen! Wieder ringt er nach einem -klaren Gedanken, will einen bestimmten Vorsatz fassen. Es -ist nicht möglich, es bleibt alles verworren. Er trinkt, und dann -spricht er wieder mit sich selbst. Alles durcheinander. Manchmal -gegen den Riedel, manchmal gegen den Raschdorf. -Zuletzt lallt er:</p> - -<p>»Hol' der Teifel! Egal, ganz egal! Aber Geld muß -sein! Geld!« Und er greift nach der Rumflasche.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[204]</span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es war Abend. Droben im Krankenzimmer lag die -Lotte mit roten Wangen. Sie sah immer nach der Uhr und -betrachtete mit qualvoller Ungeduld, wie träge die Zeiger -weiterrückten. Jetzt schlug die Uhr neunmal.</p> - -<p>Die alte Stenzeln rührte sich nicht vom Platze und -bastelte an ihrem Strickstrumpf.</p> - -<p>»Es ist neun, Stenzeln,« sagte die Lotte stockend.</p> - -<p>»Ja, ja,« erwiderte die Alte, »die Zeit vergeht.«</p> - -<p>Sie vergaß es. Wenn er jetzt kam und die Stenzeln -nicht traf!</p> - -<p>»Stenzeln. Es ist mir doch, als ob Ihr gestern gesagt -hättet, um neun wollte der Raschdorf Heinrich –«</p> - -<p>»Jesses, das hätt' ich vergessen! Na, die Uhr geht ja -a bissel zu zeitig. Will ich doch gleich runter.« Sie ging.</p> - -<p>»Stenzeln! Sagt ihm doch, ich – ich ließ mich bedanken, -daß er mich heimgebracht hat, und daß er den Doktor geholt -hat.«</p> - -<p>»Werd's ausrichten!«</p> - -<p>»Stenzeln! Fragt ihn doch auch, ob nicht seine Leute -– ob sie nicht böse gewesen sind – ja?«</p> - -<p>»Was sollen sie böse sein? Aber ich werd's ausrichten.«</p> - -<p>»Stenzeln! Und dann, ich laß ihn wieder schön grüßen. -Das muß ich doch, Stenzeln, nicht wahr?«</p> - -<p>»Ja, freilich! Sonst noch was?«</p> - -<p>»Nein! Geht nur schnell, daß Ihr ihn nicht verpasset.«</p> - -<p>Die Stenzeln ging, und Lotte horchte hinab. Ihre -Wangen brannten und ihre Augen waren weit geöffnet. -Langsam verrann die Zeit. Wenn sie aufkönnte, ein einziges -Mal ans Fenster könnte! Aber sie durfte sich ja nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[205]</span> -rühren. Jetzt war eine ganze Viertelstunde vergangen. Wo -nur die Stenzeln blieb? Hatte er sich verspätet? Oder hatte -er ihr so viel zu sagen? So viel? – –</p> - -<p>Die Stenzeln stand etwas abseits von der Haustür und -hielt Umschau. Es war niemand zu sehen. Das Tor und -die Tür vom Buchenhof waren geschlossen. Es war auch -drüben in keiner Stube mehr Licht.</p> - -<p>Wo blieb er? Der Stenzeln wurde die Zeit lang, und -sie lief die Straße ein bißchen auf und ab und guckte sich -um. Da kam jemand. Es war der Barbier.</p> - -<p>»Ah – Stenzeln! Ich denke, Sie haben Krankenwache? -Da steht man doch nicht auf der Straße und guckt sich um, -als wenn wunder jemand kommen sollte?«</p> - -<p>»Das geht kein'n Menschen was an! Und auf Sie -hab' ich nich gewart't.«</p> - -<p>»Das glaub' ich. Nur nicht gleich so ruppig, Großmutter! -Ich wunder mich halt. Wie geht's der Lotte?«</p> - -<p>»Schlecht!«</p> - -<p>»Großmutter, Sie sind zwar 'ne stachelige Distel, aber -wenn's Ihn'n recht is, wart' ich a bissel mit hier.«</p> - -<p>»Nö! Ich brauch' niemanden. Ich schnapp' bloß a -bissel Luft. Gehn Sie nur rein und löschen Sie Ihren -Durst! Hier sein Sie a sehr überflüssiges Möbel! Gehn Sie -rein!«</p> - -<p>»Denke ja nich dran! Ich bin neugierig, auf wen Sie -warten. Woll'n Sie etwa gar wieder heiraten und warten -auf a Schatz?«</p> - -<p>»Altes Schandmaul! Wissen Sie was? Jetzt geh' ich -rein. Sie verderben mir die Luft, Sie windige Seifenblase!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[206]</span></p> - -<p>»Nu, so 'ne alte Säge! Hör'n Sie mal, Großmutter, -ich will Ihn'n noch was sagen. Im Dorfe wird riesig gered't -über a jungen Raschdorf und die Lotte –«</p> - -<p>»Mögen sie reden! Der Schlimmste is jetzt nich dabei. -'s böseste Maul is jetzt nich im Dorfe.«</p> - -<p>»Hör'n Sie mal, Großmutter, warten Sie doch noch 'n -Schlag! Es tut mir leid um die Lotte, denn der Raschdorf -bringt sie bloß ins Gerede, na, und a is doch so gutt wie -verheirat't mit der Liese.«</p> - -<p>»Mit wem?«</p> - -<p>»Nu, mit der Berger Liese. Na, Stenzeln, wissen Sie -das nich?«</p> - -<p>»Sie sind wohl beduselt?«</p> - -<p>»Nu, was is da so zu wundern? Denken Sie, der alte -Mathias hat was umsonste gemacht? Der hat nich schlecht -spekuliert. Na, und der Heinrich, der kann ja gar nich anders, -den hält doch der Mathias feste. Großmutter, na, warten -Sie doch – – Fort is se, die alte Schwarte!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Nun, Stenzeln, Sie waren so lange?«</p> - -<p>»Ja! A is nich gekommen.«</p> - -<p>»Nicht gekommen? Ist das möglich?«</p> - -<p>»A war nich da! Vielleicht hat a's vergessen.«</p> - -<p>»Vergessen?«</p> - -<p>»Lotte, 's beste is, ich geh nich mehr runter. 's hat ja -kein'n Zweck. 's kann mich auch jemand erwischen. Heute -hat mich schon der Bader gesehn. Der hat gesagt, die -Leute reden über Dich und über a Raschdorf Heinrich, und -der wär' doch so gut wie verheirat't mit der Liese.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[207]</span></p> - -<p>»Was? – – Mit wem? – – Stenzeln! Ooh!«</p> - -<p>»Was is denn, Lotte, was schreiste denn?«</p> - -<p>»Ach, mein Fuß – mein Fuß tut mir weh!«</p> - -<p>»Der Fuß? Aber a liegt richtig! Na, 's beste wär' -schon gewesen, Du hätt'st a Heinrich nich getroffen. Das -tut amal nischt Guttes. Na, und da hat ja der Barbier recht, -'m Berger Mathias is es der Raschdorf schuldig, denn dem -verdankt a ja alles.«</p> - -<p>»Ja! – Ja, Stenzeln! – Es ist genug! – – Ich will -schlafen! Seid jetzt ganz stille – ich bin so sehr müde!«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-211"> - <img src="images/illu-211.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[208]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_14">Kapitel 14</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-212"> -<div class="boxu box212u"> -<img src="images/illu-212.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box212l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Drüben im Buchenhofe hatte Heinrich Raschdorf -die Stenzeln wohl gesehen. Am Fenster -hatte er gestanden, oben in seinem Zimmer. Als -wenn er das Fieber hatte, so hatte es ihn geschüttelt. Ein -paarmal war er nach der Tür gegangen, aber immer wieder -umgekehrt; ein paarmal hatte er die Hand am Fensterwirbel -gehabt, aber doch nicht geöffnet.</p> - -<p>Dann, als sie fort war, hatte er sich auf sein Sofa geworfen. -Er war tief unglücklich. Eine schwere Verachtung -gegen sich selber bäumte sich in seinem Herzen auf. Er war -kein Mann, kein Charakter, er hatte keinen Willen. Warum -ging er nicht? Warum fragte er nicht die Stenzeln? Warum -hielt er sein Versprechen nicht?</p> - -<p>Warum? Er durfte nicht; es ging gegen sein Gewissen. -Er mußte diese Liebe ausrotten mit Stumpf und Stiel; er -durfte ihr nicht die mindeste Nahrung geben.</p> - -<p>Denn es war unmöglich! Ganz unmöglich!</p> - -<p>Die Heimat, die er noch gehabt hatte, würde er verlieren, -die wenigen Menschen, die treu und ehrlich zu ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[209]</span> -hielten, würde er sich entfremden, und er würde auch ihnen -die Heimat nehmen.</p> - -<p>So mußte er sich opfern, sich und – sie.</p> - -<p>Sie? Nein, sie nicht! Sie wußte nichts von Liebe. -Wenn ihr Fuß geheilt war, war sie wieder ganz gesund.</p> - -<p>Aber unglücklich war sie auch, das hatte sie gesagt.</p> - -<p>Der junge Buchenbauer verbrachte eine Nacht voller -Kämpfe.</p> - -<p>Er wollte sich rasch und stark durchringen zur Gerechtigkeit -und zum Frieden. Der junge, weiche Mann! Er wußte -nicht, was solche Kämpfe bedeuten, die Kämpfe, die alle -Menschen mit klugem Kopf oder mit weichem Herzen zu -bestehen haben, und bei denen der Sieg gar nicht kommt -oder oft spät, wenn schon viele Wunden geschlagen sind.</p> - -<p>Zum Frühstück brachte ihm die Liese den Kaffee. Sie -war ein wenig blässer als sonst, aber ihr Gesicht war freundlich -wie immer.</p> - -<p>Ehe sie hinausging, sagte sie:</p> - -<p>»Wie ich vorhin aus der Kirche kam, hab' ich die Stenzeln -getroffen. Sie läßt sagen, gestern wär' es sehr gut mit der -Lotte gegangen, aber in der Nacht hätte sie Fieber gehabt.«</p> - -<p>Der Buchenbauer wurde rot.</p> - -<p>»Ja – ja – ich danke, Liese – es ist mir ja ganz lieb, -daß ich – daß ich etwas höre!«</p> - -<p>»Ja, und dann läßt die Stenzeln noch sagen, sie will nicht -mehr herunterkommen abends um neun, weil Du gestern -nicht gekommen wärst, und weil es Aufsehen machen könnte.«</p> - -<p>Heinrich starrte das Mädchen an und war nicht fähig, -ein Wort zu sprechen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[210]</span></p> - -<p>»Willst Du noch mehr Brot haben, Heinrich?«</p> - -<p>»Liese!«</p> - -<p>Er sprang auf und ergriff ihre Hand. Das Mädchen -erschrak und wich zurück.</p> - -<p>»Liese! Du bist so engelsgut, und ich bin ein unglücklicher, -schlechter Mensch!«</p> - -<p>»Was ist mit Dir, Heinrich? Du bist doch nicht schlecht! -Was hast Du?«</p> - -<p>Er ließ ihre Hand frei.</p> - -<p>»Ich weiß, ich bin undankbar, sprich nicht, ich weiß; -Ihr tut mir alle Gutes, und ich –«</p> - -<p>»Du tust uns allen auch Gutes, Heinrich!«</p> - -<p>Sie war sehr rot und sehr verwirrt und ging schnell -hinaus.</p> - -<p>Er sah ihr nach. In diesem Augenblick wohnte ein -hohes Gefühl für sie in seiner Brust. Er wäre imstande gewesen, -alles für sie zu opfern, was er besaß. Maßlose Dankbarkeit -erfüllte ihn, auch tiefes Mitleid.</p> - -<p>Sie brachte ihm Nachricht von der anderen. Wie uneigennützig -war dieses Wesen! Er dachte nur an sich, immer -an sich.</p> - -<p>Es mußte anders werden. Freundlich wollte er sein zu -allen, er wollte sich selbst überwinden.</p> - -<p>Was nur die Lene sagen würde, wenn sie erführe, daß -er die Stenzeln bestellt habe? – Sie sagte nichts, als sie -ihn traf. Die Liese hatte nichts verraten. Und da war er -wieder dem blassen Mädel dankbar.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[211]</span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Mathias Berger ging einsam aufs Feld hinaus. Sehr -langsam ging er. Es war, als ob etwas in ihm erstorben -wäre. Eine alte, längstvergangene Zeit fiel ihm ein, da -er als junger Bergmann tief unter der Erde war und mit -tausend Qualen an seine verlorene Liebe dachte.</p> - -<p>Ganz ähnlich war ihm jetzt wieder zumute. Im Grunde -genommen ist verlorene Liebe ja doch immer verlorener -Glaube.</p> - -<p>Wo war für ihn noch eine Aussicht?</p> - -<p>Doch nicht an sich dachte er nur. Heute oder morgen -konnte er sein müdes Haupt zur Ruhe legen. Aber das -Leben der anderen war lang …</p> - -<p>Ein Mann sprach ihn an – der Barbier.</p> - -<p>»Mathias,« sagte er scheinheilig, »ich weiß nich, ob -Du mit mir reden magst. Getan hab' ich Dir ja eigentlich -nischt, na, aber Du weißt ja –«</p> - -<p>»Was willst Du von mir?«</p> - -<p>»Mathias, es läßt sich eigentlich schwer sagen. Sieh -mal, Du weißt ja, daß ich damals zum Schräger gehalten -hab' –«</p> - -<p>»Ja, das weiß ich!«</p> - -<p>»Natürlich haste mir das übelgenommen. Aber ich hab' -halt wirklich gedacht, der Schräger is ganz und gar unschuldig, -und es tät ihm unrecht geschehn.«</p> - -<p>Er machte eine Pause und sah lauernd auf seinen Begleiter. -Aber der sagte kein Wort.</p> - -<p>»Ja, aber jetzt –«</p> - -<p>Mathias konnte doch nicht verhindern, daß er aufsah.</p> - -<p>Der Barbier mäßigte seine Stimme.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[212]</span></p> - -<p>»Behaupten will ich ja nichts, man muß ja sehr vorsichtig -sein, aber es bleibt ja wohl unter uns.«</p> - -<p>»Barbier, 's beste is, Du behältst Deine Geheimnisse für -Dich. Ich will sie nich wissen.«</p> - -<p>Die schroffe Abweisung verschlug dem andern nichts.</p> - -<p>»Geheimnisse sind's ja eigentlich nich. Aber das möcht' -ich im Vertrauen sagen: ich halt auf a Schräger nich mehr -so große Stücke; ich glaub' nich mehr alles. Na, glauben -kann man ja, was man will – was?«</p> - -<p>Dem schlichten, ehrlichen Manne waren die versteckten -Andeutungen zuwider.</p> - -<p>»Sag' nur, was Du von mir willst; was Du mit 'm -Schräger hast, is mir egal.«</p> - -<p>»Na ja, ich hab' nischt mit ihm. Aber das will ich Dir -sagen, der Schräger spekuliert wieder, daß die Höfe zusammenkommen -sollen –«</p> - -<p>»Was? Wieso?«</p> - -<p>Der Barbier war froh, nun endlich doch das Interesse -seines Begleiters geweckt zu haben. Deswegen sagte er -eifrig: »Na, Mathias, mir is immer gewesen, als hätt' ich -was mit Dir wieder gutt zu machen. Früher haste gesagt, -der Schräger will die beiden Höfe haben; da biste bestraft -worden, und die Leute haben sich gefreut, na, und ich: gefreut -hab' ich mich ja nicht, aber ich hab' doch gedacht, der -Schräger hätte recht –«</p> - -<p>»Wozu die alten Geschichten?«</p> - -<p>»Na, ich will Dir's sagen: Gestern hat der Schräger im -öffentlichen Gasthause gesagt, daß a die Höfe zusammenbringen -will.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[213]</span></p> - -<p>Berger blieb stehen.</p> - -<p>»Wie kann a das sagen? Der Buchenhof ist in fester -Hand.«</p> - -<p>Der Barbier lachte vertraulich.</p> - -<p>»Das sag' ich eben auch. Der Buchenhof ist in festen -Händen, in guten Händen, und wie lange wird's dauern, -da heirat't der Raschdorf Heinrich Deine Tochter und da –«</p> - -<p>»Barbier, das verbitt' ich mir! Das geht keinen Menschen -was an! Das will ich nich hören! Verstehst Du?«</p> - -<p>Dem alten Manne zitterte die Stimme. Der andere -blieb geschmeidig.</p> - -<p>»Ja, nimm's nur nich übel, angehen tut's mich ja -nischt, das is wahr, und ich red' ja kein Wert darüber, wahrhaftig -nich 'n Wort, aber 's is ja selbstverständlich –«</p> - -<p>»Was selbstverständlich? Wer sagt das? Wer kann das -sagen?«</p> - -<p>»Nu ja, die Leute sagen's, Du hast so viel für a Heinrich -getan, und 's is vernünftig.«</p> - -<p>»Die Leute! Die Leute geht nischt von uns an – -nischt! Jetzt sag' mir endlich, was das alles zu bedeuten -hat, und was Du eigentlich bezweckst?«</p> - -<p>»Na, also sag' ich's halt gerade raus: Der Schräger hat -sich gestern im offnen Lokale gerühmt, daß der Heinrich -um seine Lotte geht.«</p> - -<p>Berger schrak doch ein wenig zusammen.</p> - -<p>»Gerühmt? Wieso gerühmt? Das würd' doch der -Schräger gar nich zugeben!«</p> - -<p>»Zugeben? Na, täusch' Dich nich, Mathias! Wenn der -Schräger Geld spürt, da is a zu allem fähig. Und a hat's<span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[214]</span> -ja öffentlich gesagt. A hat gesagt, dem Lumpenmannmädel -würd' a den Goldfisch schon noch wegschnappen.«</p> - -<p>Berger verlor die Fassung.</p> - -<p>»Barbier – das – das – meine Tochter will den -Heinrich gar nich – verstehst Du – mag ihn gar nich – -sag' das den Leuten! Und jetzt geh' Deiner Wege! Wie -kommst Du überhaupt dazu, Deinen Freund bei mir zu verraten? -Ich will nischt mehr wissen – nischt!«</p> - -<p>Er bog in einen Seitenweg ein, und der Barbier sah -ihm nach.</p> - -<p>»Der hat sein'n Hieb weg,« dachte er, »der wird jetzt -schnell zulangen. Wär' der Geier, wenn wir den Raschdorf -nich wegkriegten. Der könnte mir gerade passen im Kretscham. -Und dann – die fünfzig Taler vom Riedel-Bauer!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Straße entlang zogen singende, junge Männer. -Sie waren in der Stadt zur Aushebung gewesen. Das ist -ein Wendepunkt in dem Leben dieser Leute. Zum Militär -kommen oder nicht, das bedeutet viel.</p> - -<p>Da taten diese Leute, was unser guter, deutscher -Stammesgenosse immer tut, wenn ihm etwas Außergewöhnliches -passiert – sie tranken. Ob aus Schmerz oder Freude, -das bleibt sich für den Durst gleich. Es wird getrunken, und -je wichtiger das Ereignis ist, desto mehr wird getrunken.</p> - -<p>Das ist nun schon ein schnurriger Kerl, der Herr Alkohol. -Er ist überall auf der Welt ein bißchen zu Hause, betrügt -im schönen Türkenlande den Mohammed und ist die einzige -Person in der Grönländerhütte, für die etwas Erkleckliches ausgegeben<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[215]</span> -wird; er schwimmt auf allen Meeren, kraxelt auf -alle Berge und marschiert auf allen Straßen.</p> - -<p>Gar im lieben Deutschland hat er Ehrenbürgerrechte, -denn er zahlt die meiste Steuer, ist populär beim Volke und -<em class="antiqua">persona gratissima</em> bei Edeln und Fürsten. Da macht er -sich breit bei Kindtaufen und Leichenschmaus, sitzt zwischen -Bräutigam und Braut, wetzt dem einen das Rowdymesser -und fungiert bei zwei anderen, die Brüderschaft trinken, als -gemütlicher Ehrenzeuge.</p> - -<p>Und den jungen Rekruten, die der König warb, kommandiert -er auf dem Heimwege noch lange, ehe sie vereidet -und eingekleidet sind, wie ein recht launiger Unteroffizier, -bald »Rechts schwenkt«, bald »Links schwenkt«, -bald »Beine hebt«, bald »Arme streckt« und manchmal auch -»Knie beugt« oder »Legt Euch nieder«. –</p> - -<p>Einer ging abseits – Hannes. Er hatte sich nicht betrunken -und auch keine bunten Papierbänder an den Hut -geheftet wie die anderen. Und doch hätte er nach landesüblichem -Begriff das Recht dazu gehabt, denn er war »ausgezeichnet« -worden.</p> - -<p>Mit sehr gemischten Gefühlen schritt Hannes seines -Weges. Daß er fortkam in die Stadt, fort aus der Einsamkeit, -und eine bunte Uniform mit glänzenden Knöpfen tragen -sollte, freute ihn. Eine Fülle von Vorstellungen, Plänen -und Hoffnungen schwirrte durch seinen Kopf. Und doch -war auch eine große Bangigkeit in ihm.</p> - -<p>Da traf er die Lene, die den Leuten das Vesperbrot -aufs Feld getragen hatte. Er erzählte ihr, daß er nun »ausgehoben« -sei und zum Herbst fortkäme.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[216]</span></p> - -<p>Das Mädchen wurde um einen leichten Schein blasser, -als sie das hörte.</p> - -<p>»Da freuste Dich wohl, daß Du endlich amal fortkommst?«</p> - -<p>»Och ja! Ich freu' mich schon, Lene! 's soll ja sehr -hübsch sein bei a Soldaten!«</p> - -<p>Sie antwortete nicht und schritt schnell weiter.</p> - -<p>Nach einer Weile sagte er: »Eigentlich freu' ich mich -gar nich, Lene.«</p> - -<p>Sie antwortete etwas hastig und stoßweise: »Warum -nich? Du kommst fort zu Leuten; Du siehst und hörst was, -und Sonntags kannst Du tanzen gehn mit a Stadtmädeln. -Das wird Dir schon gefall'n.«</p> - -<p>Er sprang vom hohen Wegrande herab und faßte sie -erregt am Arme: »Nein, Lene, nein! Ich tanz' nich mit a -Stadtmädeln, mit keiner einzigen tanz' ich, ich bin bloß Dir -gutt, bloß Dir!«</p> - -<p>»Nu, Hannes! Was fällt Dir denn ein?«</p> - -<p>»Ich muß Dir's sagen, Lene, eh' ich fortkomm'! Sonst -halt ich's nich aus; sonst lauf' ich fort am ersten Tage. Ich -bin Dir so sehr gutt, und wenn Du mir nich wieder gutt bist, -da wär's besser, ich wär' tot. Und du mußt mich heiraten, -Du mußt, Lene!«</p> - -<p>Sie sah ihn an und brach in ein schallendes Lachen -aus.</p> - -<p>»Lene, lach' nich! Lach' nich, Lene! Es is mei Ernst! -Hör' auf zu lachen! Du machst mich verrückt!«</p> - -<p>Aber sie lachte immer weiter.</p> - -<p>»Warum lachst Du mich denn aus? Weil ich der arme -Schafferjunge bin, und Du die Raschdorf Lene? Deswegen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[217]</span></p> - -<p>Da wurde sie ernster.</p> - -<p>»Na, deswegen grade nich! Aber daß Du Dir einbild'st, -Du bist mir gutt, das is lustig. Da muß ich schon lachen. -Mir is niemand gutt. Das weiß ich! Und Du zuallerletzt, -denn Dich hab' ich am allermeisten geärgert.«</p> - -<p>»Aber ich bin Dir gutt, Lene! Das muß ich doch besser -wissen als Du. Immer schon! Schon, wie wir noch in die -Schule gingen –«</p> - -<p>»Weil Du keine andere kennst! Wenn Du in der Stadt -sein wirst, da wirst Du schon eine andere finden.« Sie -lachte wieder laut auf; dann fuhr sie fort: »Du bist doch a -komischer Kerl, Hannes! Also wirklich, heiraten willste -mich? Von was denn leben? Du hast nischt, ich hab' -nischt! Und Du weißt wohl gar nich, daß ich beim Heinrich -bleiben muß?«</p> - -<p>Er blieb stehen.</p> - -<p>»Lene, wenn ich a reicher Pauersohn wär', tät'st Du -mich da mögen?«</p> - -<p>»O ja! Kann sein! Da hätten wir was zu leben! Denn -das muß sein, Hannes! Von nischt is nischt. Sieh mal, das -is nich anders. Praktisch muß man schon sein, und wir -zwei so als Knechtsleute auf 'm Buchenhofe, das tät mir -nich passen.«</p> - -<p>»Na, da – da warte, bis Dich a Reicher nimmt!«</p> - -<p>Ihr Gesicht wurde weicher und ihre Stimme leiser.</p> - -<p>»Ich hab' nich gesagt, daß ich ein'n andern will. Da -biste sicher! Denn da hast Du das erste Anrecht auf mich, -wo ihr uns so geholfen habt.«</p> - -<p>Er lachte bitter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[218]</span></p> - -<p>»Geholfen! Wenn's darum wär'! Der Vater hat sein'n -Lohn gekriegt und ich mein'n. Ihr seid uns nischt schuldig.«</p> - -<p>Damit wandte er sich ab. Ganz ernst sagte sie:</p> - -<p>»Wenn Du's nich glaubst, tut mir's leid. Ich tät's -schon, aber es geht nich, und was nich geht, muß man sich -aus 'm Sinn schlagen; sonst ist man dumm!«</p> - -<p>Sie wartete auf eine Antwort; aber er setzte sich auf den -Feldrain und sagte kein Wort.</p> - -<p>»Hannes, wirste so im Zorne von mir fortgehn?«</p> - -<p>»Ja!«</p> - -<p>»Und da wirste mich für schlecht halten, Hannes?«</p> - -<p>»Nein! Ich werd' bloß denken, daß ich Dir zu arm -bin, und daß Du mich nich leiden kannst, und daß es für -mich besser gewesen wär', ich wär' nie auf 'm Buchenhofe -gewesen.«</p> - -<p>Sie besann sich ein bißchen. Leise sagte sie:</p> - -<p>»Hannes, wenn's ging, da tät ich Dich nehmen, wenn -ich Dich auch nicht leiden könnt'. So viel hab' ich schon Dankbarkeit -in mir, wenn's auch keiner glaubt. Aber 's geht nich, -wir sind beide zu arm, und da hat's keinen Zweck. Und daß -Du sagst, es wär' besser für Dich gewesen, wenn Du nie bei -uns gewesen wärst, damit haste recht, denn bei uns is nischt -zu holen wie Arbeit und Kummer.«</p> - -<p>Ein paar Sekunden blieb sie noch stehen und wartete.</p> - -<p>»Kommste mit?«</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p>Da ging sie. Als sie weit genug fort war, warf sich -der »lustige Hannes« auf den blühenden Feldrain und weinte -bitterlich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[219]</span></p> - -<p>Drüben auf der Straße sangen ein paar Burschen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Als ich zur Fahne fortgemüßt,</div> - <div class="verse indent0">Hat sie so zärtlich mich geküßt,</div> - <div class="verse indent0">Mit Bändern meinen Hut geschmückt</div> - <div class="verse indent0">Und mich ans treue Herz gedrückt!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Da blieb unten am Berge die Lene stehen, und auch -sie horchte auf das Lied. Dabei kam ihr Wasser in die Augen.</p> - -<p>»Das haben sie davon, die Liese und der Hannes und -auch der Schaffer und der Mathias. Das haben sie für ihre -Schinderei all die Zeit! Undank! Undank! Der Heinrich -will nich, und ich kann nich!«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-223"> - <img src="images/illu-223.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[220]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_15">Kapitel 15</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-224"> -<div class="boxu box224u"> -<img src="images/illu-224.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box224l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Frühling und Sommer -waren vergangen, -der Herbst stand vor -der Tür. Es war -eine arbeitsreiche -Zeit gewesen. Die -Buchenhofleute waren noch viel stiller geworden als sonst, -und sie gingen alle nebeneinander her wie Fremde.</p> - -<p>Die Liese war vom Buchenhof weggezogen und wohnte -unten im Dorf bei ihrer Tante. Und an einem trüben Herbsttag -hatte auch Hannes Abschied genommen. Mit seinem -kleinen Handkoffer war er in die Wohnstube getreten.</p> - -<p>»Ich – ich komme bloß noch Adieu sagen. Es is Zeit -auf die Bahn.«</p> - -<p>Heinrich reichte ihm mit Herzlichkeit die Hand.</p> - -<p>»Leb' gesund, Hannes! Laß Dir's gut gehen bei den -Soldaten! Und hab' viel tausend Dank für alles!«</p> - -<p>Hannes wandte sich ab.</p> - -<p>»Ich – ich dank' auch für alles!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[221]</span></p> - -<p>»Du wirst uns fehlen, Hannes. Mir am meisten! Aber -wenn die zwei Jahre um sind, kommst Du wieder zu uns.«</p> - -<p>Hannes stand mit gesenktem Haupte da. Er sagte nicht -ja noch nein. Er wollte sich beherrschen, aber der Atem -ging ihm schwer, und er zitterte leise.</p> - -<p>»Wenn Dir was fehlt, schreibst Du! Du darfst keine -Not leiden. Hörst Du, Hannes?«</p> - -<p>Der sagte kein Wort und stand nur mit bleichem Gesichte -da und zerdrückte den Hut zwischen seinen Fingern.</p> - -<p>»Hast Du mir noch was zu sagen, Hannes?«</p> - -<p>»Nein! – Ich muß gehen! – Es – es ist Zeit. Adieu, -Heinrich!«</p> - -<p>»Lebe wohl, lieber Hannes!«</p> - -<p>Er drehte sich um. Auf der Ofenbank saß die Lene und -schälte Kartoffeln.</p> - -<p>»Adieu, Lene!«</p> - -<p>Das Mädchen wischte sich an der Schürze die Hand ab -und reichte sie ihm hin.</p> - -<p>»Leb' gesund, Hannes!«</p> - -<p>Sie schaute nicht auf. So ging er aus der Stube, und -Heinrich begleitete ihn bis in den Hof. Dort saß der alte -Schaffer als Kutscher auf dem kleinen Korbwagen und tat -ganz gleichgültig, hatte aber doch einen dunkelroten Kopf.</p> - -<p>Bald darauf zogen die Pferde an. Ade, alte Heimat!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es war eine »Mission« im Dorfe abgehalten worden. -Ein paar fremde, tüchtige Geistliche hatten täglich mehrere -Predigten abgehalten, und die Leute waren scharenweise -zur Kirche gegangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[222]</span></p> - -<p>Ein alter Franziskanermönch hatte auch gesprochen über -den »Beruf« und also geschlossen:</p> - -<p>»Gott hat einem jeden Menschen seinen Beruf ins Herz -gelegt. Ihr aber, wenn Ihr seine Stimme höret, verhärtet -Eure Herzen nicht!«</p> - -<p>Danach war es zwischen Liese und ihrem Vater zu einer -letzten Aussprache gekommen.</p> - -<p>Mathias hatte unter allen in den letzten Monaten am -meisten gelitten. Ihm war die Veränderung wohl aufgefallen, -die mit Heinrich vorgegangen war. Er hatte gesehen, wie der -junge Mann mit sich rang; wie er niemals wieder das Haus -Schrägers betrat und dafür immer die Gesellschaft der Liese -suchte. Er war so freundlich mit ihr in allen Dingen, und -der kluge Mathias wußte wohl, daß Heinrich einen Weg, -eine Möglichkeit suchte, daß er sich selbst bezwingen wollte, -um schließlich, wenn er ein wärmeres Gefühl für die Liese -hätte, doch noch den Herzenswunsch des Mathias zu erfüllen.</p> - -<p>Und da hatte unverhofft eines Tages die Liese ihren -Vater gebeten, daß sie vom Buchenhof weggehen und zur -Tante hinunterziehen dürfe ins Dorf.</p> - -<p>Mathias wußte, was das bedeutete, und er hatte sich -gefügt. Er konnte dem stillen Mädchen nichts mehr versagen. -Und ob das Kind all seine irdische Liebe bekämpft hatte -und nun täglich in der Kirche kniete – die Frage quälte -ihr zartes Gewissen: ob sie noch würdig sei, eine Dienerin -Gottes zu werden.</p> - -<p>Da kam ein recht stiller, schwermütiger Abend. Draußen -auf der Dorfaue spielte der Wind mit welkem Laub, trug<span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[223]</span> -es hin durch den Staub der Straße und senkte es drüben -in den tiefen, schlummernden Teich.</p> - -<p>Die Liese hatte lange hinausgesehen, auch nach den -grauen Wolken, die am Himmel hingen. Dann wandte sie -sich langsam um.</p> - -<p>»Vater, ich will heut' zur Beicht', ich will fragen.«</p> - -<p>Mathias sagte nichts. Er hatte darauf gewartet.</p> - -<p>Er wandte sich ab und hörte kaum, was ihm die Liese -noch einmal sagte von Beruf und Gnade, von Nächstenliebe -und Herzensfrieden.</p> - -<p>Zuletzt sagte er nur die Worte:</p> - -<p>»Geh' in Gottes Namen!«</p> - -<p>Dann ging er fort – in den Herbst hinaus, über die -kahlen Felder bis in den gelben Wald. Aber wie er eine -Weile gewandert war, faßte ihn eine furchtbare Bangigkeit -und eine zehrende Sehnsucht nach seinem Kinde, und er -kehrte um und ging dorthin, wo sie war.</p> - -<p>Dunkel lag die Kirche. Das ewige Licht nur brannte -rot und magisch vor dem Altar; hie und da flammte ein -Lichtlein in den Bänken der Beter, und große Schatten huschten -über die alten Bilder.</p> - -<p>Mathias Berger kniete in eine Bank und durchlebte die -schwersten Minuten seines Lebens.</p> - -<p>Im Winkel dahinten im Beichtstuhl, bei dem Franziskaner, -war seine Liese, und dort wurde entschieden über sie -und über ihn.</p> - -<p>Qualvoll langsam verging die Zeit. Sie war so lange, -so lange! Freilich, ihre Frage war schwer.</p> - -<p>Jetzt kam sie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[224]</span></p> - -<p>Er wandte sich um – sah sie an – fragend – bittend.</p> - -<p>Sie lächelte leise und neigte bejahend das Haupt.</p> - -<p>Dann kniete sie zu dem Bilde der schmerzhaften Madonna.</p> - -<p>Mathias Berger legte das Gesicht auf seine Hände.</p> - -<p>Und draußen klang die Abendglocke.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In der großen Wohnstube des Buchenhofes brannte die -Petroleumlampe. Heinrich saß, wie fast immer an den -Abenden, über einem Lehrbuch, und Lene nähte. Sonst war -niemand da.</p> - -<p>Da trat Mathias Berger ein. Lene erhob sich:</p> - -<p>»Ich bring' Dir gleich das Essen, Mathias.«</p> - -<p>»Laß, Lene, laß! Ich will nich essen.«</p> - -<p>Sie sah ihn betroffen an.</p> - -<p>»Was ist mit Dir, Mathias? Bist Du krank? Du bist -ja kreideweiß im Gesichte.«</p> - -<p>»Nein, ich bin nicht krank! Aber es – es ist was passiert, -und ich muß mit Euch reden, mit Euch beiden.«</p> - -<p>Die Geschwister schauten ihn fragend an. Mathias -Berger setzte sich. Er sah sie an mit seinen guten, treuen -Augen, weh und schmerzlich. – So würgte er hervor:</p> - -<p>»Denkt amal: Meine – meine Liese geht ins Kloster!«</p> - -<p>»Mathias!«</p> - -<p>»Mathias!«</p> - -<p>Sekundenlang war es still.</p> - -<p>Mathias sprach weiter:</p> - -<p>»Es geht ja schon lange drum, und ich hätt' auch schon -was gesagt, aber es hat sich heute erst richtig entschieden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[225]</span></p> - -<p>»Mathias, das – das ist ja nicht wahr, das kann ja -nicht sein, das ist ja Unsinn, was Du sprichst.«</p> - -<p>»Es ist wahr, Lene, es ist wirklich wahr!«</p> - -<p>Heinrich hatte bis jetzt wie versteinert dagestanden. -Nun sprach er gepreßt:</p> - -<p>»Warum? Warum tut sie das?«</p> - -<p>Mathias Berger schlug die Augen nieder.</p> - -<p>»Sie sagt, sie hat Beruf dazu. Und das is ja wahr; -sie war immer a frommes, guttes Kind, gar nich so für -schöne Kleider und Vergnügen, und sie war auch immer -gern bei Kranken, das is schon wahr!«</p> - -<p>»Darum ist es?« fragte Heinrich. »Bloß einzig darum?«</p> - -<p>Mathias antwortete nicht. Die Lene hatte die Schürze -vor das Gesicht gepreßt. Wieder blieb es eine Weile still. -Da schaute das Mädchen zornig und leidenschaftlich auf: -»Nein, nich bloß deswegen! Sie is ihm gutt gewest – dem! -Sie hat ihm alles zuliebe getan, immer freundlich, immer -so freundlich, aber der hat nischt von ihr wissen woll'n. -Tagelang, wochenlang hat a nich mit ihr gered't – und -da – und da –«</p> - -<p>Sie brach in einen Strom von Tränen aus. Und vor -der leidenschaftlichen Anklage verstummte der, den sie anging, -und auch der andere, der kein Wort der Entgegnung -wußte.</p> - -<p>Lene sprach weiter:</p> - -<p>»Weißte, Mathias, was wir sind? Lumpe sind wir! -Du – Du hätt'st uns damals sollen betteln gehen lassen -– rausschmeißen lassen – verkommen – da – da wär's -für Dich viel besser gewest! Jetzt haste a Dank!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[226]</span></p> - -<p>»So – so is das nich zu nehmen, Lene! Ihr seid -immer freundlich und dankbar zu mir gewest – o ja! – -Du mußt 'm Heinrich nich solche Vorwürfe machen; a kann -doch nich dafür.«</p> - -<p>»Wohl kann a dafür! A is a Mann! A kann durchsetzen, -was a will! Und a hätt' a schmuckes, braves Weib -gehabt an der Liese. Nein, a wollte nich! A gafft über -die Gasse zu der Bande, auf die gezierte Gans.«</p> - -<p>»Lene!«</p> - -<p>Heinrich rief es, der bisher kein Wort zur Verteidigung -gesagt hatte.</p> - -<p>»Lene, das verbiet' ich Dir! Mir kannst Du antun, -was Du willst, dem Mädel nichts – nichts! Ruhe biet' -ich! Sie hat Dir nichts getan, mir nichts getan, uns allen -nichts getan! Verdreh' die Augen, wie Du willst, vergreif' -Dich meinetwegen an mir, wenn Du's wagst. Ich sag' -Dir's geradezu ins Gesicht, auch dem Mathias: Ich kann -nicht dafür, ich konnte die Liese nicht heiraten, weil wir -beide unglücklich geworden wären.«</p> - -<p>»Mensch, wagst Du das wirklich jetzt zu sagen, jetzt? -Nein! Weil Du an der anderen hängst, an der – an -der –«</p> - -<p>»Ja, ich hab' sie lieb! Sehr lieb! Ich fürcht' mich nicht, -das auch zu sagen. Ich hab' sie gern, und ich hab' genug -gelernt, daß ich weiß, daß sich so was nicht ändern läßt. -Aber ich hab' mir Mühe gegeben; ich hab' mit mir gekämpft, -das weiß Gott! Es ist nicht gelungen.«</p> - -<p>»Nich gelungen? Und das is alles? Und Du – Du -sagst wenigstens nich jetzt – jetzt in der letzten Stunde noch,<span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[227]</span> -eh' es zu spät is, daß Du die Liese haben willst, daß Du sie -dem Mathias erhalten willst?«</p> - -<p>»Nein! Ich kann nicht! Was auch passiert – ich kann -es nicht!«</p> - -<p>»Dann bist Du ein ganz ehrloser Kerl!«</p> - -<p>Sie wandte sich nach der Tür, aber Mathias hielt sie -zurück.</p> - -<p>»Lene, geh nich fort! Bleib hier! Du tust ihm unrecht, -Lene! Wenn a auch wollte, es wär' zu spät. Die Liese will -ihn nich mehr, schon lange nich mehr, Lene!«</p> - -<p>Das erbitterte Mädchen antwortete dem Mathias nicht, -sondern wandte sich wieder an Heinrich.</p> - -<p>»A ehrloser Kerl! Ich sag's noch amal! Dem Manne, -dem wir alles danken, ohne den wir verhungert, verlaust, -verlumpt wären, sein Kind nehmen und dann sich großspurig -hinstell'n und nischt anderes sagen, wie von der andern -reden, kein einziges guttes Wort – pfui – mir würd' der -Bissen Brot im Halse stecken bleiben, den ich hier noch äß'. -Wir sind fertig mitsammen, wir zwei, für immer fertig!«</p> - -<p>»Lene, aber Lene, hör' doch –«</p> - -<p>»Mathias, laß mich! Mir graut! Mir graut vor dem -da! Ich komm morgen noch amal zu Dir und der Liese -runter in Euer Häusel, hier is Zeit, daß ich fortkomme!«</p> - -<p>»Lene, wart' doch –«</p> - -<p>Sie war hinaus. Heinrich ging auf Mathias zu und -streckte ihm beide Hände hin.</p> - -<p>»Mathias! Jetzt woll'n wir mitsammen reden, jetzt, da -sie raus ist – sie ist ja toll – jetzt mußt Du mir sagen, Mathias, -ob Du mich auch für einen ehrlosen Kerl hältst.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[228]</span></p> - -<p>Mathias schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Nein, Heinrich! Ich weiß, Du kannst nich dafür.«</p> - -<p>Heinrich zitterte vor Erregung.</p> - -<p>»Mathias, das schwör' ich Dir: Ich kann keinen Mann -mehr achten und keinem mehr dankbar sein als Dir, das ist -ja selbstverständlich, und ich hab' die Liese gern gehabt und -eine Verehrung für sie gehabt, wie gegen kein anderes Mädel -– aber, Mathias, zum Heiraten gehört doch die richtige -Liebe, und wenn ich – wenn ich so – nein, das ging nicht! -Mathias, das ist wahr, ich hab' Tag für Tag mir eingeredet, -ich kann die Liese heiraten, und manchmal da war mir's auch -so, als ob es gehen würde, aber dann – wenn ich bloß die -Lotte einmal zufällig von weitem sah – da – da – – -Mathias, es wär' ja gar nicht darum, ob ich glücklich bin oder -unglücklich; ich bin ja mein Leben lang wenig oder gar nicht -glücklich gewesen, aber konnt' ich denn Dich und die Liese -so betrügen, konnt' ich das? – Und daß sie fortgehen würde -ins Kloster, das hab' ich ja nicht gewußt.«</p> - -<p>Mathias Berger sah den aufs höchste erregten, jungen -Mann ruhig an.</p> - -<p>»Setz' Dich, Heinrich, setz' Dich zu mir! Wir wollen -ruhig miteinander reden. Es is gutt, daß Du so ganz offen -zu mir bist, und ich will Dir auch alles sagen. – Ja, ich -hab' darauf gehofft. Wie das so gekommen ist, weiß ich nich. -Ich hab' Dir schon gesagt, daß ich Deiner Mutter gutt gewesen -bin, als ich jung war. Ich war a armer Kerl und -konnt' sie nich haben. Ich weiß, Heinrich, was das heißt, -ich weiß! Dann hab' ich doch eine andere geheirat't. Sie hat -nur noch a Jahr gelebt; aber ich glaube, wir wär'n gutt<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[229]</span> -zusammen ausgekommen. Wenn man jung is, denkt man, -'s geht ohne so eine große Liebe nich. Ach ja, es geht doch, -'s geht manchmal besser wie bei solchen Leuten, die vor -der Hochzeit ganz vernarrt ineinander sind. Daran dacht' -ich, wie ich sah, daß meine Liese an Dir hing, und daß Du -so gar nischt davon wußtest und nich daran dachtest. Ich hoffte -immer, es kann werden, es kann noch gutt werden. Nu is -alles anders gekommen. Ich verhehl' Dir nich, Heinrich, -mir is heute zumute wie zum Sterben, weil's doch gerade -meine Allereinzige is.«</p> - -<p>»Mathias! Mathias! Daß ich Dir das antun mußte, -das ist schrecklich! Das ist zum Verzweifeln!«</p> - -<p>»Heinrich, flenne nich! Böse bin ich ja gar nich auf -Dich. Ich kenn' Dich schon. Das is halt gekommen, wie's -kommen muß. Und sieh mal, die Liese wird ja nich unglücklich. -Die geht ins Kloster; sie is glücklich darüber, -das is ja mein Trost. Ich hab' immer die Mütze abgenommen, -wenn ich 'ne Krankenschwester traf. Und wenn ich mich -erst werd' besser reingefunden haben, da werd' ich ganz -zufrieden sein. Bloß fürs erste fällt's halt schwer.«</p> - -<p>Heinrich sah seinen alten Freund plötzlich verängstigt -an.</p> - -<p>»Mathias! Du wirst doch aber auch bei mir bleiben?«</p> - -<p>»Nein! Erschrick nich! 's beste is, wir sprechen heute -gleich alles aus.«</p> - -<p>»Du willst fort? Fort von uns?«</p> - -<p>»Ja, Heinrich! Reg' Dich nich so auf! Wir wollen -ruhig reden. Sieh mal, ich muß fort!«</p> - -<p>»Das ist die Strafe? Das?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[230]</span></p> - -<p>»Aber doch keine Strafe, Heinrich! Wir gehn in Friede -und Freundschaft auseinander.«</p> - -<p>Ein verzweiflungsvolles Lachen brach dem jungen -Buchenbauer vom Munde.</p> - -<p>»In Friede und Freundschaft! Und ich bleib' allein! -Und hab' zuletzt niemand mehr auf der ganzen Welt! Und -verlier' meinen einzigen Freund! In Friede und Freundschaft!«</p> - -<p>Er sprang auf, trat ans Fenster und sah hinaus in die -Nacht. Plötzlich wandte er sich um. Mit bitterer Stimme -sagte er:</p> - -<p>»Deshalb hast Du uns aufgezogen, den Hof aufgebaut, -alles in Ordnung gebracht, daß Du jetzt fort willst, weil -die eine Sache fehl ging? Und Du sagst doch selbst, ich kann -nicht dafür!«</p> - -<p>»Ja, Heinrich! Sieh mal, Mensch is Mensch! Ich -könnte hier nich mehr sein. Ich würd' immer an die Liese -denken müssen. Und dann, es is zu einsam. Es is mir so schon -manchmal schwer geworden. Jetzt hielt ich's gar nich mehr -aus. Glaub' mir's. Ich hab' darüber nachgedacht. Es -geht nich! Rein verdüstern tät' ich. Ich will wieder fort -zu Leuten.«</p> - -<p>»Doch nicht wieder –«</p> - -<p>»Als Lumpenmann? Jawohl, Heinrich! Gerade das! -Das hat mir damals auch geholfen.«</p> - -<p>»Das kannst Du nicht, Mathias? Was werden die -Leute sagen?«</p> - -<p>»Die Leute? Mögen sie sagen, was sie wollen. Das -kümmert mich nischt. Ich bin's gewöhnt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[231]</span></p> - -<p>Heinrich eilte auf den alten Mann zu und faßte ihn an -beiden Schultern:</p> - -<p>»Mathias! Wenn Du mir das antust, ich weiß nicht, -was ich anfange. Mathias, kannst Du mir's nicht verzeihen -im Herzen? Du sagst ja, Du bist nicht böse auf mich; aber -Du bleibst nicht bei mir, Du willst fort, läßt mich allein, weißt, -daß ich Dich brauch' wie das tägliche Brot, nicht bloß in -der Wirtschaft, nein, tausendmal mehr als Mensch und als -Freund, und Du willst fort! Besinn' Dich, Mathias, besinn' -Dich anders, und wenn ich ein grundschlechter Kerl wär' -– bleib' bei mir!«</p> - -<p>Der Alte wandte den Kopf zur Seite.</p> - -<p>»Bleib' da, Mathias! Ich bitt' Dich kniefällig!«</p> - -<p>»Ich – ich kann nich, Heinrich! Ich brächt's nich fertig. -'s geht über meine Kräfte. Und für Dich wär's auch nich -gutt, wenn Du mich immer so sähest, und dann, wenn Du -die Lotte heirat'st, ging' ich doch.«</p> - -<p>»Wer sagt denn, daß ich die Lotte heiraten will? Daß -ich ihr gut bin, das kann ich nicht ändern. Aber ich will sie -doch nicht heiraten! Das denkt doch bloß die Lene!«</p> - -<p>»Es kommt, Heinrich, es kommt bestimmt! Aber es is -besser, wir reden lieber nich darüber. Für mich is heute -schon a bissel viel gewest. Aber das hatt' ich mir schon lange -vorgenommen, Dir's bald zu sagen, wenn sich's mit der -Liese entschieden hätte, daß ich da fort will. Und daran will -ich auch nichts ändern. Das muß jetzt sein!«</p> - -<p>Heinrich trat zurück und lehnte sich bleich an den -Tisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[232]</span></p> - -<p>»So geh! Geht alle! Laßt mich allein, wenn Ihr -denkt, daß ich das verdiene! – So sind also auch wir beide -mitsammen fertig.« –</p> - -<p>Es entstand eine schwere Pause.</p> - -<p>»Und Du willst nicht, daß wir weiter Freunde sind, -Heinrich?«</p> - -<p>»Nein! Wenn Du mir das antust, dann tust Du mir -mehr an als mein ärgster Feind!«</p> - -<p>»So – so leb' gesund, Heinrich!«</p> - -<p>Heinrich antwortete ihm nicht.</p> - -<p>Da verließ Mathias Berger den Buchenhof.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Droben in ihrem Stübchen saß Lene Raschdorf und -schrieb einen Brief. Dieser lautete:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Lieber Hannes! -</p> - -<p>Die Liese geht zu den Grauen Schwestern. Der -Mathias sagt, sie habe Beruf und gehe gern ins Kloster. -Aber ich weiß, daß die Liese unserem Heinrich gut gewesen -ist und daß er sie nicht gemocht hat. Er sagt, er -wäre mit ihr unglücklich geworden. Das ist aber nicht wahr, -denn die Liese ist ein braves, tüchtiges Mädchen. Und -er hat es bloß deshalb getan, weil er in die Lotte Schräger -vernarrt ist und sie gern heiraten will. Lieber Hannes! -Das ist eine solche Schande, daß der Heinrich so etwas tut -und daß er unserem guten Mathias solches Herzeleid -macht, daß er von jetzt ab nicht mehr mein Bruder ist. -Und deshalb schreib' ich an Dich, daß ich Dich heiraten -werd', wenn Du vom Militär los bist und wenn wir ein<span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[233]</span> -Auskommen haben. Ich denke, Du gehst in die Kohlengrube. -Wenn Du Dich eingerichtet hast, verdienst Du 15 Mark -die Woche. Und ich werde für die Leute nähen. Da -werden wir schon auskommen. Lieber Hannes! Ich will -Dir heute schreiben, daß ich Dich lieb hab' und auch wirklich -gern heirate. Aber damals, als Du von der Gestellung -kamst, konnte ich es Dir nicht sagen, denn ich dachte, ich -müßte immer beim Heinrich bleiben und ihm helfen und -beistehen, wie es immer war. Aber Heinrich ist schlecht -und verdient's nicht, und deshalb gehe ich fort, und es -ist mir ganz egal, was jetzt aus unserem Hofe wird. Ich -fahre zur Tante Emilie nach Waldenburg. Dort werde -ich auch das Nähen lernen und bleiben, bis wir heiraten. -Lieber Hannes! Du mußt mir aber versprechen, daß Du -immer brav und ordentlich sein wirst, damit wir auskommen. -Sonst sollst Du aber lustig sein, denn das habe -ich an Dir immer gern gehabt, weil ich selber nicht lustig -sein kann. Und ich werde Dich auch nicht ärgern, sondern -gut mit Dir sein.</p> - -<p class="center"> -Besten Gruß</p> -<p class="right"> -Lene Raschdorf. -</p></div> - -<div class="figcenter" id="illu-237"> - <img src="images/illu-237.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[234]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_16">Kapitel 16</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-238"> -<div class="boxu box238u"> -<img src="images/illu-238.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box238l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Am Tage war der Novembersturm -jäh und tückisch zur Höhe gefahren -und hatte die Wolken angefaucht -wie ein bissiger Steppenwolf -eine Herde weißer, schwarzer und -scheckiger Rosse, so daß alle ratlos durcheinander rannten, -sich stießen und ängstlich drängten und alle in großer Not -waren, während die ersten, vordersten von dem Ungetüm -zerrissen wurden. Aber dann hatte sich die Herde gesammelt, -war vorgerückt gegen den Feind, hatte ihn zurückgedrängt, -langsam, schrittweise, und ihn erdrückt, als sie ihn am Erdboden -traf.</p> - -<p>Jetzt lagen die Himmelsrosse müde und sicher auf -Feldern und Wiesen, und ein Mensch, der hinausging, mußte -sich durchdrängen zwischen ihren weißen und grauen -Leibern.</p> - -<p>In trübseligem, grauem Licht lag die Wohnstube des -Buchenhofes. Heinrich Raschdorf war allein. Lange war<span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[235]</span> -er für sich auf- und abgegangen; jetzt lehnte er am Ofen -und sah hinaus in den nebligen Tag.</p> - -<p>Im ungewissen Licht des trüben Novembertages sah -der Buchenbauer erschreckend aus. Die Augen waren tief -eingefallen und hatten einen krankhaften Fieberglanz, die -Wangen waren farblos, welk, und die ganze Gestalt matt -und schlaff.</p> - -<p>Das kam vom vielen Grämen am Tage und langen -Wachen in der Nacht. Das kam von der Einsamkeit, kam -davon, daß Heinrich Raschdorf erst in diesen Tagen ein -gänzlich Heimatloser geworden war.</p> - -<p>Lene war fort.</p> - -<p>Einmal hatte er noch versucht, sich mit ihr auseinanderzusetzen, -ihr alles zu erklären. Es war erfolglos gewesen. -Nur in neuen Zorn waren beide geraten, und die Kluft -zwischen ihnen hatte sich vertieft.</p> - -<p>So war sie fortgegangen aus der Heimat. Fest und -sicher war sie aus der Tür getreten und hatte den Wagen -bestiegen, ohne sich noch einmal umzusehen.</p> - -<p>Sie hatte auch keine Träne vergossen auf der ganzen -Fahrt. So sagte der Knecht. Nur beim Mathias unten -im Dorfe war sie abgestiegen und über eine Stunde geblieben.</p> - -<p>Seit der Zeit war Mathias nicht mehr heraufgekommen, -und Heinrich hatte ihn auch nicht aufgesucht. Ein bitterer -Hochmut hatte ihn erfaßt, der allen denen als Helfer kommt, -die sich ungerecht verurteilt glauben.</p> - -<p>Was hatte er getan? Er war gegen sich selbst und gegen -sein bestes Gefühl nicht treulos geworden. Deshalb hatten<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[236]</span> -sie ihn verlassen, alle verlassen in wenigen Tagen. Manchmal -lachte er auf, wenn er daran dachte.</p> - -<p>So mochte es sein! So würde er sich darein fügen und -keinem mehr ein gutes Wort geben, so tot sein für sie alle, -wie sie für ihn waren.</p> - -<p>Die Einsamkeit spann ihn ein, aber sie brachte ihm -keinen Frieden; sie band nur seine Seele fest, daß er alle -Qualen widerstandslos erdulden mußte wie ein Kranker, -der auf die Bank geschnallt wurde, an sich schneiden und -brennen läßt.</p> - -<p>Solange er draußen auf dem Felde war, war's erträglich, -aber in dem leeren Hause packte ihn oft das Grauen. -Und wenn die Abende kamen, saß er allein und fürchtete -sich am eigenen Herde.</p> - -<p>Dann meinte er, es gäbe nur einen Ort auf der Welt, -wo es schrecklich sei: diese Heimat.</p> - -<p>Oft überdachte er sein Schicksal. Schuldlos hatte er die -Heimat verloren, hatte um eine neue Heimat gelitten, gekämpft, -gebangt, hatte von allen den Millionen auf der -großen, weiten Erde ein paar Menschen gefunden, die es gut -mit ihm meinten, und auch diese wenigen wieder verloren.</p> - -<p>Warum? Darüber brütete er. Wenn ihn ein Groll -erfaßte gegen seine früheren Leute, dann war ihm noch -wohl. Da war doch ein Kraftgefühl in seiner matten, vereinsamten -Seele. Aber Stunden kamen, wo sich neben die -graue, schweigende Frau Einsamkeit jene andere an seinen -Herd setzte, ihre Tochter: die Reue.</p> - -<p>Das sind die Quälerinnen. Die alte, häßliche, dürre -Mutter Einsamkeit hält den Armen fest mit ihren Spinnenfingern,<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[237]</span> -bindet ihm jedes Glied, lähmt ihm jeden Muskel, -umschließt ihm Mund und Ohren, daß er nicht schreien, -nicht fortlaufen, nicht Hilfe holen kann, und derweil treibt -ihr grausames Kind, die Reue, ein bestialisches Spiel, sticht -und kratzt, brennt und schneidet, preßt das Herz zusammen -mit rauhen Händen, greift durch die Stirn in den Kopf hinein, -lockert dort Faden auf Faden, zerreißt die Stränge des -Willens, trübt und verrückt die Bilder klarer Vorstellungen -und gießt ein schleichendes, tödliches Gift in das wallende -Gefühl. Wer sich nicht aufrafft mit energischer Kraft, die Alte -beiseite schleudert, ihre Bande zerreißt und zu gesunden, -frohen Menschen flüchtet, der ist verloren. Im günstigsten -Falle ruft die Alte eine neue Tochter: die Schwermut, ein -untüchtiges, krankes Weib mit lahmen Händen und traurigen -Augen, und vermählt sie dem Opfer zu unlöslicher Ehe, -oder ihr scheußlichster Sohn, der Wahnsinn, kommt und -mordet ihn ab.</p> - -<p>Heinrich Raschdorf hielt still. Manchmal dehnte er ein -wenig die Glieder gegen die Bande, aber als der trübe -November kam, gab er sich mutlos verloren.</p> - -<p>Es waren gute, liebe Menschen gewesen. Sie waren -gegangen. Folglich war er schuld, war er der Schlechte, sie -die Gerechten. In diesem Zirkel bewegten sich schließlich -beständig seine Gedanken.</p> - -<p>So stand er an den Ofen gelehnt, indes draußen der -weiße Nebel braute. Seit Mittag hatte er mit keinem -Menschen ein Wort gesprochen. Und da war es auch nur -ein Knecht gewesen, den er etwas gefragt hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[238]</span></p> - -<p>Wo war seine Kraft geblieben, der Mut, den er noch -hatte, als er mit Mathias und Lene sprach, der Trotz, mit -dem er schließlich die Schwester ziehen ließ?</p> - -<p>Die Einsamkeit hatte ihn mürbe gemacht.</p> - -<p>Jetzt trat er ans Fenster. Vielleicht, daß er einen -Menschen vorbeigehen sah. Das würde ihm wohltun. Und -dann – dort drüben wohnte das Mädchen, um dessentwillen -alles gekommen war. Als Mathias und Lene ihn verlassen -hatten, war stundenweise eine wilde Lust in ihm gewesen, -ein Freiheitsgefühl, der Gedanke, erlöst zu sein von einer -falschen Heimat, die Möglichkeit zu besitzen, nun sein Glück -zu suchen, sein einziges, sein wahrhaftiges Glück.</p> - -<p>O, wie liebte er die Lotte! Seit jenem Maitage war -ihr Bild nicht mehr aus seiner Seele gewichen, was er auch -getan hatte, es zu verhüllen. Eine taumelnde Freude hatte -ihn erfaßt, wenn er das Mädchen einmal sah, und ob er -das Gefühl bekämpfte wie Versuchung und Sünde, es kam -immer wieder, immer in tiefgeheimer süßer Wonne.</p> - -<p>Und auch jetzt, wie er so hinüberblickte, sah er sie. Sie -trat, zum Ausgehen angekleidet, in die Haustür und spähte -nach den Fenstern des Buchenhofes herüber. Heinrich wollte -zurücktreten in die Stube, aber sie hatte ihn schon gesehen. -So sahen sie sich ins Gesicht, wohl eine halbe Minute lang. -Sie stand ganz bewegungslos, und ihr Blick hatte etwas -Forschendes. Dann neigte sie grüßend ein wenig das Haupt -und ging hinab nach dem Dorfe.</p> - -<p>Heinrich geriet in schwere Aufregung. Die Stunde war -da, wo er tobte gegen die Fesseln der Einsamkeit. Mit -tausend Armen winkte es ihn hinaus aus diesem fürchterlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[239]</span> -Hause, das keine Heimat war, das nie eine gewesen -war.</p> - -<p>Wie ein Rausch kam es über ihn; die Bangigkeit fiel -von ihm ab wie ein toter Plunder, das Blut floß wieder -jung und schnell durch die Adern, und der Wille straffte sich -zu dem Entschluß: Geh ihr nach! Geh zu dem jungen, -schönen Mädchen! Bei ihr ist Rettung und Glück!</p> - -<p>Er suchte den Hut und band einen Kragen um.</p> - -<p>Da grinste ihn warnend der alte Zweifel an.</p> - -<p>Hinter einem Bilde seines toten Vaters sah er hervor. –</p> - -<p>Er stand still. Er wagte nicht, sich umzusehen. Es war -ihm, als ständen an der Stubentür all die Seinigen: Lene -mit zürnend abwehrenden Armen, Mathias mit einer stummen -Bitte in den guten Augen, die Liese mit traurigem Gesicht, -und ganz im Hintergrunde, draußen auf dem dämmerigen -Hausflur, schemenhaft die Toten: Vater und Mutter.</p> - -<p>Entmutigt sank er auf einen Stuhl und stöhnte laut. -Und die Einsamkeit ging und schloß die Tür, nahm ihm den -Hut vom Kopfe und sang ihr monotones, totes Lied.</p> - -<p>Aber sie täuschte sich. Sie sang das Lied um eine Nuance -zu schauerlich, um ein klein wenig zu hart, um ein paar -Grade zu höhnisch. Sie sang es unerträglich für den, der es -anhören mußte.</p> - -<p>»Ich ertrag's nicht länger; und wenn's unter tausend -Flüchen wär' – ich geh ihr nach!«</p> - -<p>Mit wenigen Schritten war er draußen. Mit roten -Wangen stürmte er durch den Herbstnebel. Das Blut brauste -ihm im Herzen und im Kopfe. Der Nebel hüllte ihn ein, -er konnte den Weg ins Dorf nicht übersehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[240]</span></p> - -<p>So lief er, jagte dahin, wie einer, der auf verzweiflungsvoller -Flucht ist, oder einer, der dem letzten, rettenden Heil -nachjagt, das er zu verlieren glaubt.</p> - -<p>Jetzt – jetzt tauchte die Gestalt eines Mädchens aus -dem Nebel auf. Ein paar Schritte noch, dann erkannte er -sie deutlich.</p> - -<p>»Lotte!«</p> - -<p>Wie ein Schrei tönte der Name durch die stille Luft.</p> - -<p>Sie wandte sich erschreckt um. Mit großen Schritten -und glühendem Gesicht kam er ihr näher.</p> - -<p>»Lotte – sei nicht böse – ich muß Dir nach – ich -werde verrückt allein!«</p> - -<p>»Heinrich, o Gott, Heinrich, was ist Ihnen? Wie sehen -Sie aus?«</p> - -<p>»Tu mir den Gefallen, Lotte, sprich »Du« zu mir, wie -früher; sei ein klein bißchen freundlich! Ich halte so das -Leben nicht mehr aus! Ich gehe zugrunde!«</p> - -<p>»Heinrich! Lieber Heinrich!«</p> - -<p>Sie sah ihn mit ihren schönen Augen mitleidsvoll an, -und er stand vor ihr zitternd, bebend; der Atem ging ihm -schwer, die Augen glühten ihm, und sie war so schön, so -herrlich schön, und da riß er sie wortlos in seine Arme mit -einer Wut und Glut, wie das Tier sein Opfer faßt aus -schmerzhaftem Hunger, und überdeckte ihr Gesicht mit -rasenden Küssen.</p> - -<p>Wie mit eisernen Armen hielt er sie fest; wie ein Ertrinkender -sich an seinen Retter klammert, so klammerte er -sich an sie, und mit dem ganzen fiebernden Heißhunger -einer glücksgierigen Seele küßte er sie. Sein Gesicht veränderte<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[241]</span> -sich, seine Augen bekamen einen fremden, unheimlichen -Glanz; all die Leidenschaft, die jahrelang zurückgedämmt -war, brach durch, all der brennende Durst nach -Glück und Liebe wollte sich sättigen.</p> - -<p>Sie lag erschreckt, aber glückselig an seiner Brust.</p> - -<p>»Heinrich! Lieber Heinrich!«</p> - -<p>»Du mußt mein sein, Lotte, und wenn die Welt in -Stücke geht, und wenn sie mich ausstoßen wie einen Lump, -und wenn's ein Verbrechen ist – Du mußt mein werden!«</p> - -<p>Sie sah zu dem zitternden Manne auf.</p> - -<p>»Hast Du mich lieb, Lotte? Ein bißchen lieb?«</p> - -<p>»Ja, ich hab' Dich lieb, Heinrich!«</p> - -<p>»Lotte!«</p> - -<p>Ein jauchzender Jubelruf, ein Erlösungsschrei durchtönte -die fahle Herbstluft. Der Heimatlose hielt das Glück -in seinen zitternden Armen und schaute es an und hätte -laut lachen mögen vor übergroßer Freude.</p> - -<p>»Lotte, jetzt bin ich reich! Jetzt hab' ich alles gewonnen! -Jetzt ist mir wohl! Jetzt werd' ich wieder leben können! -Jetzt ist alles andere ganz gleichgültig.«</p> - -<p>Sie sah ihn an, und ihre Augen glänzten feucht.</p> - -<p>Eine lange, selige Pause kam, jene große Stille, in der -alles tot ist, außer der Freude.</p> - -<p>Doch allmählich breitete sich ein Schatten über ihr Gesicht.</p> - -<p>»Heinrich! Sind sie wirklich alle fortgegangen von -Dir um meinetwillen?«</p> - -<p>»Ja, Lotte! Aber laß sie, sprich nicht von ihnen, denk' -nicht an sie! Wenn ich Dich hab', mögen sie fort sein; alle -– alle –!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[242]</span></p> - -<p>Er lachte wieder, ließ sie los und schüttelte sich, als -ob er etwas Unsichtbares von sich abzuwälzen hätte.</p> - -<p>»Komm, wir wollen ein Stück gehen, wir wollen alles -miteinander besprechen.«</p> - -<p>Sie gingen Hand in Hand, und die Nebel hüllten sie -schützend ein. Er erzählte ihr von seiner Liebe zu ihr, wie -sie eigentlich immer in ihm gelebt hätte seit den Tagen -der Kindheit, wie er sie nur all die Zeit zurückgedrängt habe -in langen, schmerzhaften Kämpfen, und wie diese Kämpfe -furchtbar geworden seien nach jenen Tagen im Mai. Dann -erzählte er ihr auch von der Liese, vom Mathias, von der -Lene und von dem Ende.</p> - -<p>Sie blieb stehen. Leise und bang fragte sie:</p> - -<p>»So hab' ich Dir wirklich die Heimat zerstört, Heinrich? -Ich?«</p> - -<p>Er schüttelte nachdenklich das Haupt.</p> - -<p>»Nein! Ich hab' viel darüber nachgedacht. Was ist -überhaupt die Heimat? Ich weiß es nicht! Ich weiß bloß, -daß ich nie eine gehabt hab', es wär' denn als Kind. Wir -haben kein glückliches Leben gehabt – alle nicht! Und so -wär' es geblieben, wenn ich die Liese genommen hätte. -Nein, es wär' noch viel schlimmer geworden. Denn Dich -hätt' ich doch nie aus dem Sinn gebracht, niemals!«</p> - -<p>Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, und er küßte -sie wieder.</p> - -<p>Tief aufatmend richtete er sich auf und stand still, als -ob er sich besinnen müsse. Wie war ihm? Frei, leicht, stark -war ihm zumute, so, als ob Lasten von seiner Seele geglitten -und neue, heitere Wege ihm eröffnet wären.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[243]</span></p> - -<p>»Lotte, jetzt wird das Glück kommen!«</p> - -<p>Sie schmiegte sich an ihn und erzählte nun von sich, -von ihrem trostlosen Heim, von der Seligkeit, die sie im Mai -trotz ihres kranken Fußes empfunden über seine Fürsorge, -von der langen, glücklosen Zeit, als täglich der Barbier aufs -neue erzählt habe, wie sehr sich der Heinrich um die Liese -bemühe, und der junge Riedelbauer sie mit seinen Zudringlichkeiten -belästigt, und dann davon, wie sie gehört habe, -die Liese gehe ins Kloster und Mathias habe sich mit Heinrich -verfeindet. Da habe sich eine neue Hoffnung in ihr -Herz geschlichen. In den Wochen darauf aber, als auch die -Lene fort war und sie ihn so müde und krank herumgehen -sah, da hätten die Mägde erzählt, der junge Buchenbauer -werde tiefsinnig, er esse nicht mehr und wache ganze Nächte in -seinem Zimmer, und dann sei wieder der Barbier gekommen -und habe gesagt, der Heinrich gräme sich zu Tode um die -Liese. Da sei es freilich aus gewesen mit all ihrer Hoffnung.</p> - -<p>»Aber jetzt, Heinrich, jetzt ist doch alles anders!«</p> - -<p>Die Glückseligkeit der Liebe strahlte auf dem Gesicht -des Mädchens.</p> - -<p>Er blieb stehen.</p> - -<p>»Es ist mir etwas eingefallen, Lotte: Wo zwei Heimatlose -sich treffen, die sich lieb haben, da wird eine Heimat.«</p> - -<p>Sie sah ihn an voll Vertrauen und Glauben und nickte -mit dem Kopfe.</p> - -<p>Sie gingen ein Stückchen weiter. Das Mädchen kämpfte -mit einem Gedanken, der endlich hervorbrach:</p> - -<p>»Eines muß ich wissen, Heinrich: Was macht Ihr -meinem Vater zum Vorwurf? Das mußt Du mir sagen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[244]</span></p> - -<p>»Lotte, liebe Lotte, quälen wir uns doch jetzt in unserer -ersten guten Stunde nicht mit den alten Geschichten.«</p> - -<p>Sie senkte den Kopf.</p> - -<p>»Doch, Heinrich, es ist nötig! Darüber müssen wir -klar sein. Da darf nichts zwischen uns liegen! Dieses unausgesprochene -Mißtrauen zwischen den beiden Höfen, das war -ja das Schlimme. Das darf zwischen uns beiden nicht sein!«</p> - -<p>»Es wird nicht sein, Lotte!«</p> - -<p>»Aber wir müssen uns aussprechen!«</p> - -<p>Sie machte wieder eine Pause. Dann brachte sie mit -großer Überwindung heraus:</p> - -<p>»Glaubt Ihr, daß – daß mein Vater – Euren Hof -angezündet hat?«</p> - -<p>»Nein, Lotte! Das ist ja gar nicht möglich! Er war -ja immerfort zu Hause!«</p> - -<p>»Aber – aber Ihr denkt, daß er jemand dazu angestiftet -hat oder daß er davon gewußt hat?«</p> - -<p>Heinrich zögerte.</p> - -<p>»Du weißt, Lotte, daß Mathias das behauptet hat und -darum auch bestraft worden ist.«</p> - -<p>»Und Du?«</p> - -<p>Sie sah ihm angstvoll in die Augen.</p> - -<p>»Ich, Lotte – ich glaube es nicht! Es kann irgend -jemand gewesen sein: ein Dienstbote aus Unvorsichtigkeit, -ein Bummler, ein unbekannter Feind. Weiß Gott!«</p> - -<p>»Es ist gut, Heinrich, denn sonst – und was macht -Ihr ihm weiter zum Vorwurf? Was sagt die Lene? Sag' -mir alles! Ich bitte Dich, Heinrich!«</p> - -<p>»Lotte, es fällt mir schwer – gerade schon heut –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[245]</span></p> - -<p>»Ja, schon heut! Wenn es herunter ist vom Herzen, -dann werden wir erst ganz glücklich sein. Was sagt die -Lene?«</p> - -<p>»Sie sagt – unser – unser Vater hat sich erschossen, -weil ihm Dein Vater das Geld gekündigt hat.«</p> - -<p>Lotte nickte.</p> - -<p>»Ja, ich weiß! Der Vater hat mir's erzählt. Er ist bei -Euch drüben gewesen und hat gut mit Deinem Vater reden -wollen; aber der ist vergrämt gewesen und hat ihm sogar -das »Du« gekündigt, und da – da hat mein Vater das -Geld verlangt. Daß aber alles so kommen würde, hat er -aber nicht geahnt. Und, Heinrich, daß das gekommen ist -wie ein unvorhergesehenes Unglück, deshalb trinkt ja der -Vater, das hat ihn ja zugrunde gerichtet.«</p> - -<p>Sie weinte.</p> - -<p>»Lotte, liebe Lotte! Du hast auch schon bittere Dinge -erlebt.«</p> - -<p>»O, Heinrich! Und ich hab' keine Seele gehabt, zu der -ich mich aussprechen konnte. Niemand! Ich hab' alles für -mich tragen müssen. Und der einzige, den ich lieb hatte, -warst Du – und – und –«</p> - -<p>»Liebes, liebes Mädel!«</p> - -<p>Er küßte sie wieder, lange und innig.</p> - -<p>»Ich bin so glücklich, Heinrich, daß wir das ausgesprochen -haben. Wenn Du so schlecht von meinem Vater gedacht -hättest, hätten wir uns ja nicht haben dürfen. Nein, Heinrich, -gewiß nicht, dann wär' ich Deiner nicht wert, dann wär' -es ganz unmöglich. Aber das kannst Du glauben: Mein -Vater hat seine Fehler; aber etwas Schlechtes hat er nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[246]</span> -getan. Deine Leute tun ihm unrecht, das kann ich Dir beteuern, -und deshalb kann ich auch Deine Frau werden! -Wenn Du's nur fest glaubst.«</p> - -<p>»Ich glaube es, Lotte!«</p> - -<p>Sie nickte glücklich, und sie gingen wieder ein paar -Schritte weiter.</p> - -<p>»Und was nun weiter, Lotte? Was wird Dein Vater -sagen, wenn ich komme und Dich zum Weibe haben -will?«</p> - -<p>Sie senkte das Haupt.</p> - -<p>»Er wird erschrecken, vielleicht auch sehr schimpfen. -Das mußt Du nicht übel nehmen. Das ist ja natürlich. Aber -er wird nicht »Nein« sagen, nicht auf die Dauer. Er kann -mir keine einzige Bitte abschlagen – keine! Und Du – -wie wird's bei Dir sein?«</p> - -<p>»Ich? Ich bin mein eigener Herr! Ich hab's durchgesetzt -bis jetzt und führ's zu Ende. Mit den andern hab' -ich gebrochen. Ich bin jetzt zwar einsam, aber ich bin frei! -Wenn ich Dich hab', Lotte, verschmerz' ich alles. Und die -Zeit ändert manches. Meine Leute werden sich allmählich -anders besinnen.«</p> - -<p>»Hoffen wir es!« –</p> - -<p>Lotte hatte im Dorfe einen Besuch machen wollen. Sie -gab die Absicht auf.</p> - -<p>Auf einem breiten, stillen Feldrain ging das junge -Paar, und die Nebel schützten es vor neugierigen Augen. -Von ihrer Zukunft sprachen sie und bauten an einer neuen -Heimat. Von Westen leuchtete durch die weißen Nebel ein -roter Schein. Dort ging die Sonne unter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[247]</span></p> - -<p>»Ich muß jetzt heim,« sagte Lotte. »Vielleicht, wenn -der Vater allein ist, sag ich's ihm schon heute.«</p> - -<p>»Lotte! Willst Du das wagen? Oder ist's nicht besser, -wenn ich es tue?«</p> - -<p>»Nein, Heinrich! Wenn's der Vater zugibt, tut er's -bloß, weil er mich lieb hat und mir nichts abschlägt. Ich -geb Dir Nachricht.«</p> - -<p>Sie gingen ganz langsam heim. Als die Buchenhöfe -aus dem dicken Nebel auftauchten, nahmen sie einen langen -Abschied.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als Heinrich in seine Stube trat, war's, als ob eine -Trunkenheit ihn fasse.</p> - -<p>Er vermochte nicht stehen zu bleiben an einem Ort, -nicht zu sitzen; er ging immer hin und her in seliger Unrast, -und manchmal schlug er die Hände vor das glühende Gesicht, -und immer wieder trat er ans Fenster und sah hinüber -über die Straße.</p> - -<p>Er fühlte auch jetzt noch ihren weichen, warmen Mund. -Das liebe Mädchen. Wenn sie sein würde, dann war alles -gut, dann kam ein ganzes Meer von Sonne und Wonne in -diese leere Stube, dann mußte hier eine herrliche Heimat -sein.</p> - -<p>Wenn er nur mit jemand reden könnte, jetzt nicht wieder -allein sein müßte! Er besann sich und ging hinüber zum -Schaffer.</p> - -<p>Der Schaffer saß an seinem Tisch und studierte an einem -Briefe. Er wollte das Schriftstück verstecken, aber dann besann -er sich, schob es Heinrich hin und knurrte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[248]</span></p> - -<p>»Is egal! Da! Vom Hannes!«</p> - -<p>Heinrich las:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Lieber Vater! -</p> - -<p>Indem ich Dir auch wieder einmal schreibe. Du -sollst keinen Kummer um mich haben. Es geht mir gut. -Aber ich hab drei Tage Arrest gekriegt. Du mußt aber -keinen Kummer haben, denn sie sind schon rum. Und es -war zum Aushalten. Weil nämlich die Lene an mich -geschrieben hat, daß sie mich heiraten wird, da hab ich -die Knöpfe nicht geputzt und bin zum Appell zu spät gekommen. -Wobei einen der Unteroffizier gleich klemmt. -Wogegen ich mir eins gepfiffen hab, wie ich im Kasten -war. Denn ich freu mich so, daß mich die Lene heiraten -tut, weil ich ihr gut bin, und weil sie ein schönes, starkes -Mädel ist. Dann werde ich Bergmann, und sie näht. Da -kommen wir aus, weil ich nicht trinke und auch nicht tanze. -Lieber Vater, es tut mir sehr leid, daß die Lene mit dem -Heinrich so Krach gemacht hat und weg ist. Die Tante -Emilie, bei der sie jetzt ist, kann ich nicht gut leiden, sie -ist eine alte Kröte. Aber ich muß jetzt tun wie tulpe und -zu der Lene halten, weshalb ich ihr Bräutigam bin. Wo ich -ja jetzt auch auf den Heinrich schimpfen muß, indem sie -mich sonst nicht nimmt. Was aber alles bloß Getue ist. -Denn der Heinrich ist immer mein Freund gewesen, und -das laß ich nicht. Aber jetzt tu ich so und schimpf auf ihn, -soviel ich kann. Das mußt Du ihm sagen, daß er's nicht -übel nimmt, wenn er mal was hört. Wenn ich die Lene -werd geheiratet haben, bin ich der Herr im Hause. Da -wird's anders, da gibt's dann keinen Krach mit dem<span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[249]</span> -Heinrich mehr. Hauptsache, erst heiraten! Daß Mathias -auch weg ist und die Liese, das ist sehr schade. Indem -sich das aber nicht ändern läßt. Und Du mußt bleiben -auf dem Buchenhof, sonst geht alles pleite. Lieber Vater, -wenn ich zu Weihnachten Urlaub krieg, fahr ich nach Waldenburg. -Da mußt Du am ersten Feiertag hinkommen. -Denn auf den Buchenhof komme ich wegen der Feindschaft -nicht. Und wenn ich keinen Urlaub krieg, da komm -ich überhaupt nicht. Wegen der drei Tage! Und mußt -keinen Kummer haben und den Heinrich schön grüßen -und ja nichts der Lene sagen von allem. Dann kannst -Du mir nötig zehn Mark schicken.</p> - -<p class="center"> -Besten Gruß</p> -<p class="mright"> -Dein Sohn</p> -<p class="right"> -Johannes Reichel. -</p></div> - -<p>»Weißt Du was, Schaffer,« rief Heinrich glücklich, »schick' -ihm dreißig Mark! Da sind sie! Schick's ihm! Er ist ein -Prachtkerl!«</p> - -<p>Heinrich legte das Geld auf den Tisch.</p> - -<p>Der Riese starrte ihn blöde an, aber dann grinste er -und stützte je einen Finger seiner rechten Hand schwer auf -die Goldstücke, als fürchte er, ein Luftzug könne sie wegblasen.</p> - -<p>»Und Du, Reichel, Du bleibst mir treu? Was auch -kommen mag? Ja? Du bleibst bei mir, wenn sie auch alle -gehen – alle!«</p> - -<p>Der Riese sann schwer nach. Dann sagte er:</p> - -<p>»A alter Kater geht nich weg vom Hofe!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[250]</span></p> - -<p>»Das ist hübsch von Dir, Reichel! Wir bleiben Freunde! -Und jetzt kommst Du mit hinüber. Wir wollen eine Flasche -Wein mitsammen trinken, weil sich der Hannes verloben -wird. Auf Hannes' Wohl, hörst Du? Nur auf Hannes' Wohl! -Der hat's uns ja angezeigt.«</p> - -<p>Reichel meinte, wenn er Wein trinken solle, müsse er -sich erst waschen und die Sonntagsjacke anziehen und sein -gesticktes Vorhemdchen ummachen, sonst ginge es nicht. -Dann werde er aber kommen.</p> - -<p>Als Heinrich wieder in den Hof trat, traf er die alte -Stenzeln.</p> - -<p>»Pst! Das is gutt! Da macht's kein Aufsehen! Hier! -Vom Fräulein! Gute Nacht!«</p> - -<p>Sie huschte davon.</p> - -<p>In der Wohnstube erbrach Heinrich den Brief.</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Lieber Heinrich! -</p> - -<p>Es ist alles gut. Der Vater wird einwilligen. Komm -morgen früh um 10 Uhr zu uns herüber. Gute Nacht, -Liebster! Es küßt Dich herzlich</p> - -<p class="right"> -Deine überglückliche Lotte. -</p></div> - -<p>Heinrich hob den Brief hoch und preßte ihn an seine -Stirn. Dann sah er auf das große Bild seines Vaters, das -an der Wand hing.</p> - -<p>»Vater, du mußt »Ja und Amen« sagen. Ich bin zu -glücklich, zu glücklich!«</p> - -<p>Einsamkeit und Reue waren weit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[251]</span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Mond hatte die Nebel vertrieben. In später Nacht -lugte er in drei Stuben der Buchenhöfe.</p> - -<p>Da sah er, wie der alte Schaffer seinem jungen Herrn -die Hand gab und mit noch schwererer Zunge als sonst -sagte:</p> - -<p>»Die Lotte is gutt! Sie kann für nischt! Und es geht -mich nischt an. Und ich bin Schaffer.«</p> - -<p>Da schien er auch dem alten Schräger ins Gesicht, der -heute nüchtern oben am Giebelfenster stand und hinuntersah -nach dem Kirchhof und sagte:</p> - -<p>»Nun sei zufrieden und laß mich in Ruh'.«</p> - -<p>Und er streute silberne Funken auf Stirn und Mund -der Lotte, die glückselig in ihrem Bette lag und von einer -neuen, schönen Heimat träumte.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-255"> - <img src="images/illu-255.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[252]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_17">Kapitel 17</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-256"> -<div class="boxu box256u"> -<img src="images/illu-256.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box256l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Draußen flockte leise der Schnee. Im Wohnzimmer -des Buchenkretschams war es -wohlig warm, und Lotte bereitete den -Vespertisch. Heinrich sah ihr lächelnd zu. Jetzt setzte sie -eine goldgeränderte Tasse vor ihn hin, darauf war geschrieben: -»Dem Bräutigam«, und daneben stellte sie eine -Tasse mit der Aufschrift: »Der Braut«.</p> - -<p>»Aus den Tassen haben Vater und Mutter bei ihrer -Hochzeit getrunken,« sagte sie.</p> - -<p>Er sah sie an, wie sie in herziger Hausfrauenschönheit -vor ihm stand, und legte den Arm um ihre Schultern.</p> - -<p>»Lotte! Ich kann Dir nicht sagen, wie mir zumute ist. -Ich denke, so mag einem sein, der aus einem Schiffbruch -gerettet wurde und in einer sicheren, warmen Stube -sitzt.«</p> - -<p>Erst als sie draußen den Vater kommen hörten, gingen -sie auseinander.</p> - -<p>Mißmutig trat Schräger in die Stube.</p> - -<p>»Was sagt man dazu – die Bande kommt nich! Alle -lassen sie absagen, alle; der einzige Hirsel will kommen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[253]</span></p> - -<p>Heinrich biß die Zähne aufeinander. Der Wirt hatte -seine früheren Stammgäste, die in letzter Zeit immer mehr -und mehr ausgeblieben waren, zu einer Verlobungsfeier -eingeladen und zu diesem Zwecke ein Faß echten Bieres -kommen lassen.</p> - -<p>Nun wollte niemand erscheinen.</p> - -<p>»Ja, es ist arg,« sagte Heinrich. »Ich hätte nicht gedacht, -daß sie es so weit treiben würden. Aber der Riedel hat -heute ein Fest unten im Dorfe in Polers Wirtshaus angesagt -und Freibier versprochen, und der Barbier ist durchs ganze -Dorf, um dazu einzuladen. Das ist niederträchtig, das ist -einfach niederträchtig!«</p> - -<p>Schräger grub die Hände tief in die Hosentaschen.</p> - -<p>»Bankrott wird man noch werden,« knurrte er in -tiefstem Unmut.</p> - -<p>Ein Schatten flog über Heinrichs Gesicht. Lotte bemerkte -es wohl und legte ihrem Vater die Hände auf die -Schultern.</p> - -<p>»Vater, sei nicht mürrisch! Nicht heute! Die Leute -werden schon wiederkommen. Lange wird's ihnen beim -Poler nicht gefallen. Dann kommen alle wieder zu Dir.«</p> - -<p>Schräger knurrte etwas und ging hinüber nach der Wirtsstube. -Dort goß er ein großes Glas voll Rum und trank -es aus.</p> - -<p>Das Mädchen ging nach der Küche, und Heinrich war -allein. Er trat ans Fenster und sah nach seinem Hofe hinüber. -Je eher, je besser wollte er die Lotte hinüberholen. -Denn mit Schräger war auf die Dauer nicht auszukommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[254]</span></p> - -<p>Wie er so dastand und in das Schneewetter hinaussah, -dachte Heinrich an die letzten Tage und konnte sich keiner -Stunde erinnern, die er glücklich und zufrieden mit seinem -zukünftigen Schwiegervater zugebracht hätte, angefangen von -dem Augenblick, wo ihm dieser Mann mit schwerer, lallender -Zunge das Jawort gab, bis heute. Damals hatte er ihn -angewidert. Nicht einmal an dem wichtigen Tage, da eine -jahrelange Feindschaft begraben und die Verbindung seiner -einzigen Tochter mit dem Gegner beschlossen werden sollte, -konnte dieser Mann nüchtern bleiben. Und es war vormittags -10 Uhr gewesen. Aber die Lotte hatte auch damals -ihren Vater zu entschuldigen gesucht und gesagt, er habe -wohl in übergroßer Aufregung getrunken.</p> - -<p>Er hatte sich das so schön, so feierlich, so groß vorgestellt, -diese Stunde der Aussöhnung, und der – war betrunken. -Er hatte nichts anderes sagen können als immer dasselbe: -»Laß die Toten ruhen! Laß die alten Geschichten! Nehmt -Euch! Alles is gutt! Ich kann für nischt! Laßt mich in -Ruh'! Meinetwegen macht, was Ihr wollt.«</p> - -<p>Und dann hatte er nach der Ziegelei und nach den Überschüssen -des Gutes so gierig und interessiert gefragt, trotz -seiner Trunkenheit, daß dem jungen Freiersmanne gegraut -hatte. Und er hatte immer nach der lieblichen, unschuldigen -Lotte sehen müssen, die mit schwerverhaltenen Tränen neben -ihm saß, daß er nur Herr seiner selbst blieb.</p> - -<p>Auch der schwachsinnige Bruder machte es ihm schwer. -Dieser Bursche hatte eine ganz unbegreifliche Scheu vor -ihm. Immer lief er fort, wenn er ihn nur witterte, und -einmal, als die Lotte ihn eingeschlossen hatte, um eine Begegnung<span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[255]</span> -zu erzwingen, und Heinrich ein ganzes Paket -Schokolade mitbrachte, die der Bursche sehr gern aß, war er -im letzten Augenblick schreiend durch das Fenster entflohen.</p> - -<p>Eine ganze Nacht war er fortgewesen und erst am -Morgen wiedergekommen. Seit der Zeit wurde er außer -acht gelassen.</p> - -<p>Der Buchenhof! Wie er so sacht einschneite und nun -so friedlich dalag, so recht lockend und einladend, einzutreten -und allen Sturm und alles böse Wetter draußen zu -lassen, heimisch zu sein in diesen festen Mauern. Recht wie -eine Heimat sah das Haus aus. Aber der, dem es gehörte, -wußte, daß es keine Heimat war.</p> - -<p>Jetzt eben dachte er wieder darüber nach, und ein Gedanke -ging ihm durch die grübelnde Seele: Heimat ist nicht -Raum! Heimat ist auch nicht Freundschaft! Wird Heimat -Liebe sein? –</p> - -<p>»Lotte, wenn es Dir recht ist, wollen wir bald nach -Weihnachten heiraten,« sagte er zu seiner Braut, als sie -zurückkam.</p> - -<p>Das Mädchen sah ihn freundlich an.</p> - -<p>»Ja, Heinrich; ich weiß auch, warum. Und Du hast -recht.« Sie kam ganz nahe an ihn heran.</p> - -<p>»Aber gar zu böse mußt Du nicht sein mit ihm. Im -Grunde ist's ja doch aus Gram um Deinen Vater!«</p> - -<p>»Ja, Lotte, ich weiß es!«</p> - -<p>»Ist es Dir unlieb, wenn ich immer für ihn spreche?«</p> - -<p>»Nein! Er ist Dein Vater. Wer keine gute Tochter -war, wird kein gutes Weib.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[256]</span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Heinrichs Verlobungsabend war gekommen. Schräger -hatte trotz dringender Abwehr das große Bierfaß in die -Wirtsstube heraufschaffen lassen. Das stand nun in seiner -ganzen tragikomischen Größe in der einsamen Gaststube.</p> - -<p>Die Stenzeln hatte ein gutes Abendbrot bereitet, das -hatten Heinrich, Lotte und Schräger schweigend verzehrt. -Zuweilen nur fluchte der Wirt stumpf vor sich hin.</p> - -<p>Gegen sieben Uhr kam der alte Hirselbauer. Schräger -lachte spöttisch.</p> - -<p>»Na, Hirsel,« sagte er in grimmiger Selbstironie und -klopfte auf das große Faß, »da kannste trinken, da kannste -aber trinken!«</p> - -<p>»Wird niemand kommen, niemand sonst?« fragte Heinrich. -Hirsel schüttelte verlegen den Kopf.</p> - -<p>»Verhetzt! Alle verhetzt! Der Barbier is a Schandkerl.«</p> - -<p>»So setzen Sie sich, Herr Hirsel: ich werd's Ihnen nicht -vergessen, daß Sie gekommen sind.«</p> - -<p>Es war eine trübselige Verlobungsstimmung. Schräger -stierte immer vor sich hin und schimpfte in sich hinein, -Heinrich und Lotte hielten sich an den Händen, und der -alte Hirsel saß vor seinem Bierglase und wollte nicht trinken. -Vom Wetter sprachen sie schließlich, von den Rübenpreisen, -von ein paar nebensächlichen Ereignissen aus dem Dorfe. -Dann waren wieder lange Pausen, und die alte Wanduhr -tickte trostlos, einförmig. Niemand wollte reden, niemand -wußte etwas zu sagen.</p> - -<p>Mitten in all dieser Stille war Heinrich in schwerer Erregung. -Zuweilen preßte er die Hand des geliebten Mädchens. -Da wünschte er sich weit fort mit ihr. Wenn er einen<span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[257]</span> -einzigen Freund gehabt hätte, jemand, der sich mit ihm -freute! So war er allein. Und das war der Abend, der für -die meisten Menschen der strahlendste und glücklichste des -Lebens ist, an welchem sich an jeden ein paar gute Menschen -drängen, um Freundschaft zu zeigen, um Glück zu wünschen.</p> - -<p>Hier war es so erschreckend öde. Kaum, daß ihm der -alte Hirsel manchmal ein wenig zulächelte.</p> - -<p>Dann dachte er daran, daß nun doch die eigentliche -Verlobung vollzogen werden müsse. Wer sollte das tun? -Wer? Schräger würde nicht anfangen.</p> - -<p>Also er selbst! Aber es fiel ihm maßlos schwer, in -solcher Umgebung und solcher Stimmung ein so schweres, -entscheidendes Wort zu sprechen. Und dann, wie sollte er -den Mann anreden? Jetzt mußte er »Vater« zu ihm sagen! -Und es war ihm, als ob vor seiner Seele eine bleiche Gestalt -auftauche und ihm mit gebietendem Blick sage: »Mißbrauche -nicht meinen Namen!«</p> - -<p>So schob er's auf in innerer Unrast, und es verging -eine halbe Stunde und noch eine. Die Uhr schnarrte durchs -Zimmer, und dann war wieder diese bedrückende Stille. -Da, als ihn Lotte einmal bang anschaute, stand Heinrich auf: -»Va– Vater, Sie haben mir Ihr Jawort gegeben bei meiner -Werbung, und Lotte und ich werden uns jetzt mit Ihrer -Zustimmung verloben.«</p> - -<p>Er wartete auf eine Antwort. Schräger stierte auf.</p> - -<p>»Ja,« sagte er, »ja, meinethalben! Prosit!«</p> - -<p>Und er trank.</p> - -<p>Heinrich wurden die Augen heiß, und Lotte fing leise -an zu weinen. So steckte er ihr den goldenen Ring an den<span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[258]</span> -Finger und sie ihm den seinen. Der alte Hirsel stand auf -und sprach ein paar Glückwunschworte. Und dann war -es wieder still. –</p> - -<p>Da klopfte es ans Fenster.</p> - -<p>»Und einen Hund, einen gro…o…oßen Hund!«</p> - -<p>Der Bruder! Den ganzen Nachmittag war er schon -wieder abwesend und nicht aufzufinden gewesen. Jetzt -stand er draußen am Fenster und blökte die Zunge herein. -Schimpfend erhob sich Schräger und ging hinaus. Nach -kurzer Zeit kam er wieder und sagte, der Junge sei verschwunden. -Vielleicht sei er nun schlafen gegangen. Man -solle ihn sein lassen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Draußen aber an der Gartenmauer des Buchenhofes -kauerte Gustav Schräger. Er war unten im Dorfe gewesen -in Polers Gasthaus, der Barbier hatte ihm viel Bier zu -trinken gegeben, und alle hatten über den Idioten gelacht, -bis ihn ein vernünftiger Bauer nach Hause jagte.</p> - -<p>Jetzt kauerte der Bursche in halbem Dusel an der Gartenmauer. -Manchmal sah er nach den erleuchteten Fenstern -der Wirtsstube, ballte die Fäuste, knirschte mit den Zähnen -oder blökte die Zunge heraus.</p> - -<p>Dann suchte er in seinen Hosentaschen nach und brachte -eine Schachtel Streichhölzer heraus. Ein böses Grinsen ging -über das verblödete Gesicht, und die Fäuste ballten sich -wieder.</p> - -<p>Der Idiot betrachtete die Streichholzschachtel mit funkelnden -Augen. Dann hielt er sie gegen das Ohr, schüttelte -sie und freute sich an dem leisen Geklapper.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[259]</span></p> - -<p>»Viel sind's,« grunzte er, »viel!«</p> - -<p>Leise richtete er sich auf, wandte lauernd und spähend -den Kopf und schlich endlich lautlos und gebückt die Gartenmauer -entlang. Das Hoftürchen zum Buchenhof öffnete er. -Es knarrte laut. Aber der Bursche ließ sich nicht abschrecken. -Er sah sich nur ein wenig um und rannte dann schnell über -den Hof bis zur Scheune.</p> - -<p>Das Tor war nicht verschlossen, aber es verursachte ein -Geräusch, als er öffnete. Nun war er in der Scheune. Er -blieb stehen, holte tief Atem, und seine Augen funkelten.</p> - -<p>»Oh! Ooh! Hoch! Hoch! Es wird brennen! Brennen!« -Und er reckte die Arme in die Höhe.</p> - -<p>Dann strich er ein Streichholz an. Es zerbrach und -fiel verlöschend auf die leere Tenne. Ein zweites Streichholz! -Es brannte, und in seinem Schein ging der Idiot nach -dem getreidegefüllten Bansen.</p> - -<p>»Du! Was machst Du da?«</p> - -<p>»Jeses!«</p> - -<p>Ein Schrei! Ein zweiter!</p> - -<p>Das Streichholz erlosch. Eine Jagd ging los. Voran -der Idiot, hinterher ein Knecht des Buchenhofes, der das -Geräusch der Tore gehört hatte und dem Burschen nachgeschlichen -war.</p> - -<p>»Stehen bleiben! Halt! Stehen bleiben!«</p> - -<p>Ein furchtbares Brüllen kam dem Jungen vom Munde. -Er fiel über einen Gegenstand, stand auf, sprang weiter und -fand in der Angst nicht das Tor. Es war rabenfinster. Man -hörte das Keuchen der beiden Menschen. Ein paarmal -streifte der Knecht mit der Hand den Jungen. Der aber<span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[260]</span> -wich immer geschickt aus. Es war ein furchtbares, entsetzliches -Suchen und Haschen. – Eine Leiter stand da, die nach dem -Getreideboden führte – jetzt faßte der Idiot die Leiter und -stieg hinauf, lautlos wie eine Katze.</p> - -<p>Der Knecht stand unten lauschend still. Wo war er?</p> - -<p>»Wo bist Du, Lump? Wart', vielleicht auf der Leiter -– wart', da krieg ich Dich!«</p> - -<p>Ein Rutschen – ein schwaches Knacken – dann ein -markerschütternder Schrei, und ein schwerer Körper sauste -aus der Höhe auf die Tenne. Einen lallenden Schreckenslaut -stieß der Knecht aus. Dann war Totenstille.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Auf das Schreien des Knechtes kamen die Leute mit -Lichtern nach der Scheune gestürzt, dann eilte eine Magd -über die Straße hinüber nach dem Kretscham. Sie riß die -Tür auf und schrie in die Stube:</p> - -<p>»Jeses, a Unglück, a Unglück! Der Gustav hat unsre -Scheune anzünden woll'n, und da is a von der Leiter gestürzt -und hat a Hals gebrochen!«</p> - -<p>»Du – Du – o Du – ich – i – was – was? –«</p> - -<p>Lotte stierte in wahnsinnigem Entsetzen die Magd an; -wollte reden, schreien, fragen, konnte es aber nicht.</p> - -<p>Heinrich nahm sie fest am Arm.</p> - -<p>»Schräger! Herr Schräger! Ihr Gustav! Ach Gott, -ach Gott! Den Hals gebrochen!« wimmerte die Magd.</p> - -<p>Schräger saß da wie ein Bild aus Stein, gänzlich wortlos. -Er stöhnte nur. Ein dumpfes Gurgeln drang ihm aus der -Kehle; die Augen stierten entsetzt die Magd an, die immerfort -weiter schrie, weiter jammerte, dann fingen seine Hände<span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[261]</span> -an zu tasten, seine Füße an zu rutschen, und so glitt er schwer -unter den Tisch.</p> - -<p>Ein paar Minuten später brachten sie den Verunglückten -auf einer Futtertrage herüber. Er war tot.</p> - -<p>Auf die Diele der Gaststube legten sie ihn und standen -dann alle stumm an der Tür. Schräger, dem Hirsel und -Heinrich auf die Bank geholfen hatten, hatte lautlos zugesehen. -Jetzt erhob er sich. Er wollte hingehen, aber die -Glieder versagten ihm. Mitten in der Stube fiel er nieder, -und ehe ihn die anderen aufrichten konnten, kroch er wie ein -Tier auf Händen und Füßen zu seinem toten Kinde, legte -sich mit seinem Körper über die Leiche und blieb zuckend -und wimmernd liegen. Lotte führten die Frauen hinüber -nach der Wohnstube. –</p> - -<p>In später Nacht ging Heinrich Raschdorf heim. Als -er die Lampe angezündet hatte, sah er sich scheu um. Das -große Bild seines Vaters schaute von der Wand herunter. -Und der Sohn sah das Bild an in der Stille dieser seiner -Verlobungsnacht, und ein tiefes Schauern ging ihm durch -Leib und Seele.</p> - -<p>»Nun bist Du gerechtfertigt, Vater! Gerechtfertigt und -gerächt!«</p> - -<p>Dann stieg er langsam wie ein Kranker hinauf in seine -Stube.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein stürmischer Tag folgte dieser Nacht. Der Wind -jagte die Schneewolken über Wald und Dorf und peitschte -Häuser und Bäume. Und also stürmte es auch in den<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[262]</span> -Geistern der Leute. Wie ein Blitz ein schwarzes, enges Tal, -in das kein Auge zu schauen vermochte, urplötzlich durchleuchtet, -so war es hier. Die Leute erkannten nun, wer das erste -Mal der Brandstifter gewesen war.</p> - -<p>Die Arbeit ging an diesem Tage lässig in allen Häusern, -denn alle Leute redeten, standen zusammen und plauderten -erregt. Das fühlten alle: daß an den Buchenhofleuten schwer -gesündigt worden sei. So manchen kam die Reue an, und -er nahm sich vor, wieder gut zu machen, wo er etwa gefehlt -habe. Die Männer namentlich bedauerten, daß sie -der Einladung zur Verlobung im Kretscham nicht Folge -geleistet hätten, weil sie dadurch den Raschdorf-Heinrich aufs -neue gekränkt hatten. Den Barbier aber trafen die schwersten -Vorwürfe, weil er dem Idioten Bier gegeben hatte, und alle -meinten nun, er sei schuld an Gustav Schrägers grauenvollem -Tode, er sei überhaupt immer der Hetzer und der Schuldige -gewesen; ohne ihn wäre alles nicht so schlimm geworden.</p> - -<p>So kam es, daß der Barbier in dieser Zeit seine Heimat -verlor. Schon nach wenigen Wochen ließ sich ein flinker Konkurrent -im Dorfe nieder, und ein wenig später zog der -Barbier verachtet und heimatlos von dannen. Auch im -Dorfleben ist die öffentliche Meinung souverän; wer bei ihr -in Ungnade fällt, dem steht keine Berufung zu; er zieht in -die Verbannung.</p> - -<p>Über Schräger waren sich die Leute nicht einig. Seine -Person blieb im Dunkel. Die Weiber waren geneigt, ihn -zu verurteilen, aber die Männer meinten, nun sei es angebracht, -recht oft in den Buchenkretscham zu gehen, um -am Ende einmal etwas herauszukriegen oder zu erleben. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[263]</span></p> - -<p>Gegen neun Uhr vormittags ging Heinrich Raschdorf -nach dem Kretscham. Die Leute hatten eben den Toten in -eine leere Kammer zu ebener Erde gelegt. Eine Öllampe -hatten sie ihm zu Häupten gestellt, die brannte in trübem -Schein.</p> - -<p>Erschüttert betrachtete Heinrich die Leiche. Der Verderber -seines Hauses, der Bruder seiner Braut und alles -in allem ein unglücklicher, beklagenswerter Mensch!</p> - -<p>Draußen traf er die Stenzeln und fragte sie nach Lotte. -Das Weiblein wischte sich mit der Schürze übers Gesicht. -»Ach, du mein Gott! Die hat sich in ihre Stube geschlossen -und kommt nicht heraus und gibt keine Antwort.«</p> - -<p>Er stieg die Treppe hinauf und klopfte an ihre Türe.</p> - -<p>»Lotte! Lotte!«</p> - -<p>Ein leises Weinen.</p> - -<p>»Lotte! Gib Antwort! Bist Du krank?«</p> - -<p>»Heinrich, ich kann nicht heute – nicht heute –«</p> - -<p>»Bist Du krank, Lotte? Sollen wir einen Arzt holen?«</p> - -<p>»Nein, nicht – nicht! Ich bin nur müde – müde!«</p> - -<p>»Reg' Dich doch nicht so auf, liebe Lotte! Ich bitte -Dich!«</p> - -<p>»Ja, Heinrich, ja!«</p> - -<p>Er stand noch ein Weilchen an der Tür, aber sie sagte -nichts mehr. So ging er und schärfte der Stenzeln ein, die -Lotte nicht allein zu lassen.</p> - -<p>Schräger war noch nicht zu sehen. Auch er hatte sich -in seine Stube eingeschlossen und kam nicht heraus; er gab -auch keine Antwort. Nur sein schlürfender Schritt war -manchmal zu hören.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[264]</span></p> - -<p>Schon gegen drei Uhr nachmittags erlosch der Tag. -Heinrich kam aus der Stadt zurück, wo er einiges für das -Begräbnis besorgt hatte. Wieder verlangte er Lotte zu -sehen. Aber die Stenzeln überbrachte ihm nur die Bitte, -sie ganz allein zu lassen.</p> - -<p>»Stenzeln! Was macht sie denn? Was tut sie so allein?«</p> - -<p>Die Frau zuckte die Schultern.</p> - -<p>»O du mein lieber Gott! Was wird sie machen? Nischt! -Sie sitzt da und grübelt und sagt kein Wort!«</p> - -<p>»Stenzeln, bringen Sie ihr die Rosen und sagen Sie, -ich will ihr heute Ruhe gönnen; aber morgen muß ich sie -sehen. Auf jeden Fall! Und sie soll sich nicht grämen, der -Gustav war ein armer, unglücklicher Mensch; er hat's nicht -besser verstanden.«</p> - -<p>Die Stenzeln nickte und versprach alles auszurichten. -Dann ging Heinrich nach Hause.</p> - -<p>Gegen sieben Uhr klopfte die Stenzeln an Schrägers Tür. -»Herr Schräger, machen Sie auf! Sie müssen doch was essen!«</p> - -<p>Er öffnete. Entsetzt wich die Stenzeln zurück. Dieser -Mann sah aus wie ein zusammengeducktes, furchtsames Tier.</p> - -<p>»Herr Schräger! Jeses! Wie sehn Sie denn aus?«</p> - -<p>Er lehnte sich an die Wand und sah sie lauernd an.</p> - -<p>»Ist jemand gekommen? Hat jemand gefragt?«</p> - -<p>»Wer soll denn gekommen sein?«</p> - -<p>»Niemand gefragt? Nach mir? Nach mir, Stenzeln?«</p> - -<p>»Wer denn? O Gott, wer denn?«</p> - -<p>»Stenzeln, wenn der Wachtmeister kommt, ich – ich -bin nicht da! Hörst Du? – Nich da! – Fort – verreist! -– Hörst Du?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[265]</span></p> - -<p>»O du mein Himmel, er kommt ja nicht! Ach Gott, -so ein Unglück, so ein schreckliches Unglück!«</p> - -<p>Er kam ihr ganz nahe.</p> - -<p>»Stenzeln! Sagen die Leute was über mich?«</p> - -<p>»Was sollen sie denn sagen?«</p> - -<p>»Ich hab' nischt gewußt, Stenzeln! Hörst Du? Nischt -gewußt! Sag's den Leuten! Ich – ich kann nich dafür, -ich bin unschuldig! Hörst Du? Sag's den Leuten, sonst verklag' -ich sie, sonst verklag' ich sie alle! Sag' ihnen das!«</p> - -<p>Er sank auf einen Stuhl. Die Stenzeln fing an zu -weinen.</p> - -<p>»Kommen Sie doch mit herunter, Herr Schräger! -Bleiben Sie doch nich so alleine!«</p> - -<p>Er schüttelte sich.</p> - -<p>»Geh' Stenzeln, geh' raus! Es kommt jemand im -Hausflur. Geh'! Sachte! Sachte! Sag' nischt, Stenzeln, -sag' nischt! Ich bin nich da! Hörst Du? Geh', geh' raus! -Stenzeln, geh' raus!«</p> - -<p>Er drängte sie durch die Tür und schloß hinter sich ab.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Tief in der Nacht war's. Die Lotte lag mit weit geöffneten -Augen im Bett. Es war stockfinster in der Stube, -und die Uhr war stehen geblieben. Draußen stieß der Sturm -an den Giebel, und die Äste eines hohen Baumes schlugen -manchmal an die Fenster.</p> - -<p>Das Mädchen faltete die Hände. Da drückte sie etwas -– das war der goldene Ring!</p> - -<p>Sein Ring! Und drunten lag ihr Bruder!</p> - -<p>Wie die Rosen dufteten!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[266]</span></p> - -<p>»Er hat's nicht besser verstanden, der arme, unglückliche -Mensch!«</p> - -<p>So edel war der Heinrich!</p> - -<p>Aber sie – sie? War es nicht ein Verbrechen, daß sie -diesen Ring trug? Daß sie in einer Familie Liebe und -Glück suchte, wohin ihr Bruder Armut, Not, Tod und -Schande getragen?</p> - -<p>Die Lene! O Gott, was würde die Lene sagen! Wenn -sie das jetzt erfuhr, dann ruhte ihr Fluch über ihrer und -Heinrichs Liebe, jetzt mit Recht.</p> - -<p>Der Ring! Wie er grausam drückte!</p> - -<p>Wenn sie sterben könnte, und das auslöschen könnte, -dann stürbe sie gern, noch diese Nacht!</p> - -<p>Da! – Draußen ging ein Schritt, ein ganz leiser Schritt! -– Jetzt! – Ein matter Lichtschein huschte unten an der -Türschwelle vorbei. Was war das? – Was war das? – -Und nun ein Wimmern, ein furchtbares, schwer unterdrücktes -Wimmern unten im Hausflur.</p> - -<p>»O Gott, der Vater!«</p> - -<p>Nach kurzer Zeit schlich sie die Treppe hinab. Sie beugte -sich über das Geländer. Da sah sie ihn. In der offenen -Tür zu der Totenkammer kniete er, zusammengekauert, den -Kopf an den Türpfosten gepreßt.</p> - -<p>Das Licht, das er getragen hatte, war erloschen; nur -das Totenlämplein schien fahl aus dem Gewölbe.</p> - -<p>»Vater! Vater!«</p> - -<p>Sie flüsterte es. Entsetzt zuckte er zusammen.</p> - -<p>»Wer ruft mich? O, Du Lotte, Du – bloß Du – bloß -Du!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[267]</span></p> - -<p>Sie eilte hinab und faßte ihn an der Hand.</p> - -<p>»Komm mit! Komm mit zu mir herauf!«</p> - -<p>»Ja! – Ja! – Ja! – Lotte – zu Dir – oh – da -– da –«</p> - -<p>Er sah noch einmal auf den Toten, auf sein schreckliches, -angstverzerrtes Gesicht und die zertrümmerte Stirn. -Da schloß Lotte das Gewölbe.</p> - -<p>Droben zündete sie mit bebenden Händen die Lampe an.</p> - -<p>Als Licht wurde, stöhnte er auf. Dann würgte er um -Worte.</p> - -<p>»Ich halt's nich aus – ich muß Dir's sagen, es erwürgt -mich – ich hab' so schrecklich Angst – Lotte – ich -– ich bin schuld an allem!«</p> - -<p>Sie sah ihn verständnislos an.</p> - -<p>»Lotte, ich hab's ja gewußt, ich hab's ja immer gewußt.«</p> - -<p>»Was? – Was?«</p> - -<p>»Daß er – daß unser Gustav angezündet hat!«</p> - -<p>»Das hast Du gewußt?«</p> - -<p>Sie stammelte es.</p> - -<p>Er sah sie an, duckte sich zusammen und stand wortlos -da.</p> - -<p>»Rede! Rede! Sag' alles! Alles! Rede! Sag's! -Sofort! Sag' alles! Ich will's!«</p> - -<p>Er ächzte, aber er brachte kein Wort heraus.</p> - -<p>»Wann hast Du's gewußt?«</p> - -<p>Der Verbrecher stand vor ihren zürnenden Richteraugen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[268]</span></p> - -<p>»Lotte! Hab' – hab' Erbarmen, Lotte!«</p> - -<p>»Wann hast Du's gewußt?«</p> - -<p>»Gleich – gleich am ersten Tage!«</p> - -<p>»Vor dem Gerichtstag?«</p> - -<p>»Ih – ih – ja – ja – vor dem Gerichtstag!«</p> - -<p>Eine furchtbare Pause. Mit ganz leisem, teuflischem -Pfeifen zog der Wind um die Ecke des Hauses.</p> - -<p>»Du! – Du! – Du!«</p> - -<p>Sie ging auf ihn zu mit furchtbarem Haß in den -Augen.</p> - -<p>»Sag' alles! Alles!«</p> - -<p>»Ich – ich – ich hab' falsch – falsch geschworen, -Lotte!«</p> - -<p>Sie sprach nicht. Sie hörte nur –! Ein Posaunenstoß -dröhnte übers Haus, ein Knirschen und Klappern und -ein winselndes Wimmern.</p> - -<p>»Falsch geschworen? Warum?«</p> - -<p>»Den Buchenhof wollt' ich – den Buchenhof – für -– für Euch.«</p> - -<p>»Den Buchenhof wolltest Du?«</p> - -<p>Das sagte sie mit gebrochener Stimme.</p> - -<p>Dann ging sie langsam durch die Stube, schob den Vorhang -vom Fenster weg und sah hinüber nach dem Buchenhofe.</p> - -<p>Schräger setzte sich auf den Rand ihres Bettes und -starrte sie an.</p> - -<p>Sie stand regungslos, die Hände hingen ihr schlaff -herab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[269]</span></p> - -<p>Nach langen Minuten wandte sie sich um. Langsam -kam sie vom Fenster zurück und trat an den Tisch. Dort -zog sie den goldenen Ring vom Finger, küßte ihn und legte -ihn neben die Rosen.</p> - -<p>»Was machst Du, Lotte?«</p> - -<p>Sie sah ihn mit toten Augen an.</p> - -<p>»Das ist jetzt natürlich aus! Die Tochter und die -Schwester von solchen – solchen Verbrechern – – kann -er nicht heiraten.«</p> - -<p>»Was willst Du tun, Lotte?«</p> - -<p>»Ich werd' ihm alles sagen!«</p> - -<p>Er stöhnte auf.</p> - -<p>»Ihm sagen!«</p> - -<p>Dann war es still. Die Lampe qualmte auf. Nach -einer Weile schlug ein Ast ans Fenster, und es sprang eine -Scheibe. Da stand Schräger auf. Langsam ging er durch -die Stube bis zu einem Korbe, nach dem er in der Zwischenzeit -hingestarrt hatte.</p> - -<p>Aus dem Korbe nahm er eine Wäscheleine. Lotte -hörte das leise Geräusch, blickte auf und sah den Vater mit -dem grauen Strick in der Hand.</p> - -<p>»Vater!«</p> - -<p>Er drehte sich nicht um.</p> - -<p>»Vater!«</p> - -<p>Sie war bei ihm, riß ihm den Strick aus der Hand und -schleuderte ihn hinter sich. Er fiel auf ihr Bett und lag wie -eine graue Schlange über den weißen Kissen.</p> - -<p>»Wenn Du's ihm sagst, komme ich auf meine alten -Tage ins Zuchthaus! Da is es besser – Schluß!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[270]</span></p> - -<p>»Vater, ich sag's ihm nicht – ich werd's ihm nicht -sagen, ich werd' Dich ja nicht verraten, aber Du mußt alles -tun, was ich will – alles!«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-274"> - <img src="images/illu-274.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[271]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_18">Kapitel 18</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-275"> -<div class="boxu box275u"> -<img src="images/illu-275.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box275l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Im Buchenhofe schlug eine Uhr die dritte Morgenstunde. -Heinrich Raschdorf lag wach im Bett. -Aus dem Dämmerlicht leuchtete matt eine Silberschrift -von der Wand: »Des Vaters Segen bauet -den Kindern Häuser.«</p> - -<p>Der Ruhelose schloß die Augen und sprach -mit sich selbst, weil er sprechen mußte.</p> - -<p>Der schuld war, lag drüben stumm und kühl. Seine -arme Seele war hinüber. Und den Reinen gehört das Leben. -Das zertrümmert nichts: kein Freundeszorn, kein Schwesterfluch. -Auf ein reines Leben kommt kein Unsegen hernieder, -auch nicht von einem Geopferten.</p> - -<p>So kämpfte Heinrich Raschdorf wider sein empfindsames -Herz. Er kämpfte lange vergebens. Drunten schlug die -heisere Uhr viermal, dann fünfmal, ohne daß sich die Qual -des jungen Mannes vermindert hatte. Erst gegen Morgen -fiel er in schweren Schlummer.</p> - -<p>Als der Tag lange schon ins Zimmer leuchtete, wachte -Heinrich Raschdorf auf. Es war zehn Uhr vorbei. Hastig -kleidete er sich an und ging sofort hinüber nach dem Kretscham.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[272]</span></p> - -<p>»Ich hab's verschlafen, Stenzeln. Wie geht's? Was -macht Lotte?«</p> - -<p>Die Stenzeln ging nach der Kommode.</p> - -<p>»'n Brief schickt sie, sie is in die Stadt. Um sieben schon. -Sie muß sich ja die Trauersachen besorgen. Und der Herr -is in seiner Stube und kommt nich raus. Da is der Brief! -'s is a Jammer, wie das Kind ausgesehen hat heute früh.«</p> - -<p>Heinrich zerriß den Briefumschlag und las einen Satz. -Dabei schluckte er heftig, wischte sich mit dem Handrücken -über die Augen und trat mit dem Briefe ans Fenster.</p> - -<p>»Sie! – Sie! – Sie! – – Stenzeln! – – Da – -da – sie ist ja fort – sie ist ja fort, Stenzeln!«</p> - -<p>»Herr Raschdorf! Jeses, was reden Sie denn?«</p> - -<p>»Stenzeln, sie ist fort! Sie kommt nicht wieder! Sie -kommt nicht wieder!«</p> - -<p>»Ach Gott, Herr Raschdorf, ach Gott. Das ist ja nich -möglich – was –«</p> - -<p>Er schob sie beiseite und stürmte die Treppe hinauf.</p> - -<p>»Herr Schräger! Machen Sie auf!«</p> - -<p>Von den Schlägen seiner Fäuste dröhnte die Tür.</p> - -<p>Ein Stöhnen kam aus der Stube.</p> - -<p>»Aufmachen! Ich hau' die Tür ein! Ich hau' wahrhaftig -die Tür ein!«</p> - -<p>Die Tür ging auf.</p> - -<p>»Da – der Brief! Sie ist fort! Sie schreibt, sie will -mich nicht heiraten! Sie kommt nicht wieder! Das ist ja -verrückt! Das ist ja total verrückt!«</p> - -<p>Schräger starrte mit bleichem Gesicht und weitgeöffneten -Augen den rasenden jungen Mann an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[273]</span></p> - -<p>»So reden Sie doch! Reden Sie doch ein einziges Wort! -Wissen sie, daß sie fort ist, daß sie nicht wiederkommt?«</p> - -<p>Schräger keuchte.</p> - -<p>»Ja!«</p> - -<p>»Sie wissen's? Und Sie sagen mir nichts? Sie lassen -sie fort? Sie lassen mich schlafen? Mensch!«</p> - -<p>Er erhob die Fäuste gegen ihn. Schräger duckte sich -zusammen.</p> - -<p>»Wegen 'm Gustav! Bloß wegen 'm Gustav,« stammelte -er.</p> - -<p>»Wohin?! Wohin ist sie?«</p> - -<p>»Ich – ich weiß nich.«</p> - -<p>»Das ist nicht wahr! Das ist Schwindel! Das ist 'ne -Lüge! Ich will's wissen! Wohin ist sie? Wohin ist die Lotte?«</p> - -<p>»Sie – sie hat mir's nich gesagt.«</p> - -<p>»Wohin ist sie?!«</p> - -<p>Das schrie er.</p> - -<p>»Ich weiß nich, wahrhaftig, ich weiß ja nich! Ich -kann nischt dafür! Ich kann ja gar nischt dafür!«</p> - -<p>Heinrich Raschdorf stand zitternd vor ihm. Auf Sekunden -mußte er mit sich kämpfen, den Mann nicht zu mißhandeln, -ihm nicht mit Gewalt das Geständnis zu entreißen. -Dann aber warf er den Kopf zurück, grub die Hände -in die Taschen und ging ein paarmal rasch durch die Stube. -Schließlich setzte er sich auf einen Stuhl, Schräger gegenüber.</p> - -<p>»Ich will ja vernünftig sein, ich will ja nicht schreien, -ich will ja alles auf mich nehmen, aber das müssen Sie mir -sagen, wohin sie ist. Es ist ganz klar, daß Sie mir das sagen -müssen. Sie ist doch meine Braut!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[274]</span></p> - -<p>»Heinrich, ich weiß nich! Sie will weit fort. Und ich -soll die Wirtschaft verkaufen, und dann soll ich nachkommen.«</p> - -<p>»Wohin sollen Sie nachkommen?«</p> - -<p>»Das weiß ich nich. Das wird sie erst viel später schreiben, -sagte sie. Sie wird erst einen Ort suchen.«</p> - -<p>Es wurde still. Heinrich Raschdorf starrte mit bewegungslosem -Gesichte den alten Schräger an. Unten wurde -die Tür geöffnet; – zwei Männer stapften in den Hausflur -und setzten etwas nieder.</p> - -<p>»Guten Tag! Wir bringen den Sarg!« sagten sie.</p> - -<p>Der alte Schräger hörte es und legte die Hände über das -Gesicht. »Ich wollte, es gält' mir!«</p> - -<p>Heinrich hörte von alledem nichts. Nach einer Weile -erhob er sich.</p> - -<p>»Und sie hat nichts für mich hinterlassen als den Brief?«</p> - -<p>»Sonst nichts!«</p> - -<p>»Sagen Sie: Können Sie mir schwören, daß Sie nicht -wissen, wohin sie ist, warum sie fortgeht, schon vor dem -Begräbnis? Können Sie mir das schwören?«</p> - -<p>»Schwören?! Nein, schwören tu ich nich! Nein! -Aber ich weiß nich, wo sie hin ist. Ich hab' sie selber gefragt; -sie sagte, ich würd' es Ihnen verraten, und gerade deshalb -sagte sie mir's nich.«</p> - -<p>»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Ich hab' hier -weiter nichts mehr zu tun.«</p> - -<p>»Heinrich! Herr Raschdorf! Bleiben Sie noch, bleiben -Sie noch ein kleines bißchen! Es ist schrecklich so alleine. -Und dann – ich hab' eine Bitte, die hat mir noch die Lotte -aufgegeben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[275]</span></p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>Schrägers Gesicht wurde feuerrot, und das Wasser stieg -ihm in die Augen.</p> - -<p>»Was für eine Bitte?« drängte Heinrich.</p> - -<p>»Kaufen Sie mir – kaufen Sie mir meine Wirtschaft -ab. Ich – laß' sie Ihnen für das halbe Geld.«</p> - -<p>Die Tränen liefen dem Manne übers Gesicht, und -man sah, wie er die Worte unter furchtbarem Schmerz und -schwerer Überwindung hervorbrachte.</p> - -<p>»Ihre Wirtschaft? Das will die Lotte?«</p> - -<p>»Ja! Ich hab's ihr in die Hand versprochen. Und wenn -ich's nich tue, seh' ich sie nich wieder.«</p> - -<p>Heinrich war nicht gleich fähig, etwas zu sagen. Nach -einer Weile erst fragte er:</p> - -<p>»Warum will sie das?«</p> - -<p>»Sie meint, weil Ihr – weil die Raschdorfs durch uns -– ich will sagen durch unseren armen Gustav geschädigt -worden sind.«</p> - -<p>»Ja so! Und vielleicht auch, weil sie mich ohne Abschied -im Stich läßt. Da soll ich eine Wirtschaft zu halbem -Preis kriegen. Eine Abfindung soll ich bekommen.«</p> - -<p>Er lachte bitter. Sie ging nicht nur ohne Abschied von -ihm, sie schied mit einer Beleidigung.</p> - -<p>»Herr Schräger, ich mag Ihre Wirtschaft nicht, ja, Sie -können erleichtert aufatmen! Ich mag sie nicht umsonst! -Sie ist auch umsonst noch zu teuer. Wenn die Lotte das -Gewissen drückte, dann hätte sie wissen müssen, daß es einen -einzigen Schadenersatz für mich gab, und das war sie selbst. -Mit einer Wirtschaft ist mir nicht gedient. Im Gegenteil!<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[276]</span> -Wenn Sie den Buchenhof haben wollen, spottbillig haben -wollen, können Sie ihn heute oder morgen haben. Heute -oder morgen, je eher, je lieber!«</p> - -<p>Ein ganz leises, verirrtes Leuchten blitzte durch die -Äuglein des alten Wirts; es erlosch gleich wieder.</p> - -<p>»Den Buchenhof? Billig? – Was nützt's! Es is zu -spät! Es geht nich mehr!«</p> - -<p>»Und hat Ihnen die Lotte nicht gesagt, wann sie Ihnen -Nachricht geben will?«</p> - -<p>»Ja! Zeitigstens in einem Jahre! Ich hab' ihr tausend -Mark mitgeben müssen. So lange das reicht, schreibt sie -nich.«</p> - -<p>»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Lassen Sie sich's -gut gehen!«</p> - -<p>»Bleiben Sie noch ein bißchen, ein kleines bißchen.«</p> - -<p>»Nein! Ich hab' keine Zeit. Ich habe schon zu viel -Zeit hier zugebracht. Leben Sie wohl!«</p> - -<p>Die Treppe ging er hinab. Er hielt sich fest an das -Geländer und schwankte doch und trat schwer auf.</p> - -<p>Unten aus dem Hausflur klang Schritteschlürfen und -gedämpftes Sprechen. Sie legten den Toten in den Sarg.</p> - -<p>Heinrich wandte sich nicht um, und als die Stenzeln -kam und ihn in der Haustür am Ärmel faßte, schüttelte er -sie ab.</p> - -<p>Drüben in seiner Wohnstube sah er sich um.</p> - -<p>Da war er! Da kam er wieder! Er kam von drüben, -kam wieder nach Hause.</p> - -<p>Sein Lachen schallte unheimlich auf.</p> - -<p>»Ist das schön! Ist das schön zu Hause!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[277]</span></p> - -<p>Langsam setzte er sich hinter den Tisch und lehnte den -heißen Kopf gegen die kühle Mauer. Die Augen starrten -ausdruckslos nach der Decke; der Mund war ein wenig geöffnet. -Wie schwere Betäubung lag's auf seiner Stirn. Eine -graue Spinne kroch aus einem Winkel, blieb an der Decke -gerade über ihm stehen und starrte ihn mit ihren unbeweglichen -Augen unheimlich an.</p> - -<p>Lange saß er so am Tisch, ohne sich zu rühren. Dann -ging er schwer durch die Stube, zog Lottes Brief aus der -Tasche, öffnete den Ofen und warf den Brief hinein.</p> - -<p>»Da, du verfluchter Wisch! Da brennst du, brennst -wie Schwefel! Oho, da steht das Wort »Liebe«! Siehst du, -wie schön eine Lüge brennt? O ja! Und jetzt ist's gut, -jetzt ist's aus!«</p> - -<p>Er setzte sich auf die Ofenbank. Des Vaters Jagdgewehr -fiel ihm ein. Es war zweiläufig. Die eine Patrone war -abgeschossen, die andere steckte noch. Am Ende wäre sie noch -brauchbar. Schade um so eine Patrone, wenn sie jahrelang -unbenutzt in einem Laufe steckt!</p> - -<p>Er sah hinüber nach des Vaters Bilde.</p> - -<p>»Jawohl, du – wir haben hübsche Nachbarsleute! Da -ist was zu holen, etwas ganz Bestimmtes, das keiner zweimal -braucht!«</p> - -<p>Eine halbe Stunde verging. Grauen, Schmerz, Wut -wechselten in seiner Seele ab, über alles ging eine riesengroße -Verwunderung, die Verwunderung, daß ein Mensch -so handeln könne wie die Lotte, die Verwunderung, daß -einen Menschen ein so jammervolles Schicksal treffen könne -wie ihn. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[278]</span></p> - -<p>Das Hoftürchen ging draußen, und ein Männerkopf -wurde an den Fenstern sichtbar – Mathias!</p> - -<p>Heinrich rührte sich nicht, sagte auch kein Wort, als es leise -an die Tür klopfte. Da öffnete Mathias behutsam und trat ein.</p> - -<p>»Heinrich!«</p> - -<p>Der regte sich nicht und sah auf den Fußboden.</p> - -<p>»Heinrich, die Lotte schickt mich zu Dir! Sie hat mir -einen Brief geschrieben.«</p> - -<p>»So? Dir auch? Da kannst Du lachen! Mein Brief -steckt schon im Ofen!«</p> - -<p>Mathias trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die -Schulter.</p> - -<p>»Wir müssen miteinander reden, Heinrich!«</p> - -<p>»Reden? Nein! Ich will nicht! Tu mir den Gefallen -und geh' wieder. Was kommst Du wieder? Ich kann niemand -gebrauchen. Dich auch nicht! Wirklich nicht! Sieh -mich nicht so an! Es ist mir lästig!«</p> - -<p>Mathias legte ihm beide Hände auf die Schultern.</p> - -<p>»Nein, alter Heinrich! Ich geh' nich! Ich geh' bestimmt -nich! Ich geh' überhaupt nich mehr!«</p> - -<p>Heinrich schüttelte die Hände ab.</p> - -<p>»Gehst überhaupt nich mehr? Meinetwegen! Mir -ist's egal! So bleib' halt!«</p> - -<p>Mathias ging nach dem Tische, nahm sich einen Stuhl -und setzte sich.</p> - -<p>»Weißte was, Heinrich, ich hab' mir's auf 'm Wege -hierher überlegt – Du mußt fort!«</p> - -<p>Heinrich hob das Haupt und sah den Alten kurz und -scheu an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[279]</span></p> - -<p>»Fort? Stimmt! Ich muß fort! Da hast Du recht.«</p> - -<p>»Ja, wenigstens auf a Jahr. Nach Breslau mußt Du! -Fort hier aus dem Loche, wo Dir das Leben leid wird. In -Breslau mußte Dich amüsieren oder a bissel studier'n oder -Geld totschlagen, is alles egal, bloß, Du mußt hin!«</p> - -<p>Heinrich lachte.</p> - -<p>»Täusch' Dich bloß nicht! Ich geh' schon, geh' schon, -aber nach Breslau? Nein! Täusch' Dich bloß nicht!«</p> - -<p>»Da is gar nischt zu täuschen! Du bist a ganz verpfuschter -Kunde, Heinrich! Zum Bauer taugste nich, mit a Leuten -verstehste Dich nich, der alte Großknecht und die Schwester -laufen Dir fort, die Braut rückt och aus – Du paßt höchstens -in die große Stadt. Dort wirste noch als a Staatskerl gelten, -dort gibt's viele solche Knöppe wie Du einer bist!«</p> - -<p>Heinrich sah auf.</p> - -<p>»Weißt Du nicht sonst noch ein paar Witze, Mathias?«</p> - -<p>»Witze sind das nich, Heinrich! Sieh mal, darauf kannste -nu Gift nehmen: die allermeisten Menschen sind riesig -dumm. Ich och und Du erst recht! Ich alter Esel rück' aus, -weil mir was nich paßt, und Du junger Kerl sitzt dort, wo -für Dich 's meiste Pech hingeschmiert is. Und das sag' ich -Dir: die Schräger-Lotte hat zehnmal mehr Verstand im -Leibe, wie Du und ich zusamm'n.«</p> - -<p>Heinrich lachte höhnisch.</p> - -<p>»Ja, das muß man sagen!«</p> - -<p>»Man muß wirklich sagen! Die hat 'n Charakter! Das -is amal eine, die nich an sich denkt. Dagegen sind wir alle -klunkrige Kerle. Und was das Schlimmste is, daß ich das erst -einseh'n lern', wo sie fort is. Das is a Prachtmädel, die Lotte!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[280]</span></p> - -<p>Heinrich stand von der Ofenbank auf.</p> - -<p>»Ich möchte wissen, was das alberne Gerede für einen -Zweck hat. In Wirklichkeit ist sie eine dumme Gans, oder -religiös-verrückt, oder so – alles dasselbe! Weil ihr blödsinniger -Bruder meinem Vater die Scheune angezündet hat, -läuft sie mir fort, macht sie mich unglücklich. Damit sühnt -sie das! Na, Mensch, siehst Du nicht ein, daß das hirnverbrannt -ist?!«</p> - -<p>Er lachte, daß er sich schüttelte.</p> - -<p>Mathias sah ihn milde an.</p> - -<p>»Auf a bissel Geschimpfe kommt's nich an, Heinrich. -Aber das sag' ich Dir: wenn Du Dich etwa umbringen tät'st, -wärste a Schmachtlappen!«</p> - -<p>Der junge Buchenbauer fuhr wild auf.</p> - -<p>»Was?! Wie?! Wer sagt das! Was geht Dich das -an? Was? Hast Du mir was zu sagen? Du?!«</p> - -<p>»Nö! Aber raten möcht' ich Dir was: Leg' Dich a -bissel schlafen!«</p> - -<p>»Mathias! Bist Du denn besoffen? Wie kommst Du -denn bei meiner jetzigen Lage zu solch dämlichem Gerede?«</p> - -<p>»Es wär' Dir sehr gutt, wenn Du a bissel schlafen tät'st, -nachher könnt' man doch mit Dir reden. Ob Du nu willst -oder nich, das is egal. Wir müssen auch endlich amal miteinander -verrechnen. Wer weiß, was nu aus Dir wird, -und um mein Geld möcht' ich nich kommen.«</p> - -<p>Der Buchenbauer sah Mathias unsicher an.</p> - -<p>»Das sind Ausreden! Um das Geld ist Dir's nicht. -Ich versteh' Dich schon!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[281]</span></p> - -<p>»Schön, wenn Du mich verstehst! Jawohl, ich geh' Dir -nich vom Halse, bis Du schläfst, oder bis Du wieder andere -Augen hast – nich solche! Verstehste mich? Und rausschmeißen -kannste mich nich, keen Knecht packt an, und alleine -biste zu schwach. Ich geh' Dir nich vom Leder, Heinrich, -Du magst machen, was Du willst.«</p> - -<p>Heinrich Raschdorf trat mit verbissenem Zorn ans -Fenster. Der Mann wollte ihn durch das Gerede um seine -Stimmung bringen, um seine Stimmung. Das merkte er.</p> - -<p>»Mathias, Du hast mich seither nicht gefunden, warum -kommst Du jetzt? Ich brauch' Dich nich, ich will Dich nich! -Ich will, daß Du mich machen läßt, was ich Lust hab'! Ich -nehm' von Dir keine Lehre mehr an, verstehst Du! Und -wenn Du durchaus hier bleiben willst, gehe ich!«</p> - -<p>»Wenn Du gehst, geh'n wir zusammen, Heinrich,« -sagte Mathias und erhob sich.</p> - -<p>Voll Ingrimm sank der junge Buchenbauer auf einen -Stuhl.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Bis gegen zwei Uhr nachmittags zankten sie miteinander. -Gegen drei Uhr schlief Heinrich Raschdorf wirklich -auf dem Sofa ein. Seit drei Nächten hatte er nicht mehr -ordentlich geschlafen, und es lag wie schwere Betäubung auf -seinem Hirn.</p> - -<p>Mathias setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster und -wachte bei ihm. Durch den tiefen Ernst seines Gesichtes -schimmerte ein Lächeln über den Sieg, den er errungen. -Nach einiger Zeit kam der Schaffer in die Stube getappt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[282]</span></p> - -<p>»Pst! Tritt doch nich so auf, Mensch!«</p> - -<p>Der Schaffer zog die Holzpantinen aus und nahm sie in -die Hand.</p> - -<p>»Is wahr?« fragte er leise und zeigte mit den Pantinen -erst auf Heinrich und dann nach dem Kretscham.</p> - -<p>Mathias nickte.</p> - -<p>»Ja, sie is fort! Weil ihr Bruder angezünd't hat, denkt -sie, sie darf nich als Frau uff a Buchenhof kommen. Sie -hat zuviel Ehrgefühl.«</p> - -<p>Dem Schaffer fiel eine Pantine auf den Fußboden.</p> - -<p>»Pst – Mensch! Halt' doch Deine Latschen feste! A -muß schlafen!«</p> - -<p>»A is wull – a is wull – ganz disperate um a Kopp?«</p> - -<p>»Ja, aber geh' lieber raus! Ich erzähl' Dir's heute -abend.«</p> - -<p>Der Riese bückte sich gehorsam nach seinem verlorenen -Pantoffel und schlich aus der Stube.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Abend kam. Mathias saß noch immer im Lehnstuhl -und sah nach dem Schlafenden, manchmal sehr sorgenvoll, -aber dann auch wieder mit all seiner zärtlichen Liebe. Es -war doch sein guter, lieber Heinrich! Er hatte ihn schwer -vermißt die wenigen Wochen und nur immer keinen Mut -gefunden, wieder zu ihm zu gehen. Jetzt kann er ihn ohne -allen Groll anschauen. Die Liese ist im Frieden. Die einzige -von allen, die im Frieden ist! Die anderen alle sind zerstreut -in der Fremde.</p> - -<p>Nun war es schon ganz finster, und Heinrich schlief noch -immer. Draußen pfiff der Wind durch die Äste der Bäume.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[283]</span></p> - -<p>Da ging die Tür leise auf. Eine dunkle Gestalt erschien -und blieb regungslos stehen.</p> - -<p>»Wer kommt? Wer ist da?« flüsterte Mathias.</p> - -<p>Ein leises Schluchzen kam von der Tür.</p> - -<p>»Mathias! Ich bin's!«</p> - -<p>»Lene! Du?«</p> - -<p>Er ging hin, faßte sie an der Hand, zog sie nach dem -Hausflur und schloß vorsichtig die Tür.</p> - -<p>»Wo kommst Du her? Was willst Du?«</p> - -<p>»Die – die Schräger-Lotte hat an mich geschrieben. -Heute nachmittag kriegt' ich den Brief.«</p> - -<p>»Auch an Dich? Komm mit 'rauf, Lene; da drinnen -schläft der Heinrich.«</p> - -<p>In der Giebelstube saßen sie beide zusammen. Lene -lag mit dem Gesicht auf dem Tisch. Mathias las den Brief.</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Liebes Fräulein Raschdorf! -</p> - -<p>Eine Unglückliche schreibt an Sie. Ich bin die Braut -Ihres Bruders geworden, weil ich ihn liebte und weil -ich des festen Glaubens war, daß die Vorwürfe, die Sie -und Mathias Berger meiner Familie machten, unbegründet -seien. Durch den Tod meines unglücklichen Bruders habe -ich die traurige Gewißheit gewonnen, daß ich mich getäuscht -habe und daß Sie im Recht waren. Deshalb gebe -ich die Verlobung auf, weil ich nicht in ein Haus eindringen -will, das durch meine Familie so schwer geschädigt -worden ist. Ich gehe in die Fremde und bin, wenn Sie -diesen Brief bekommen, schon weit von der Heimat, wohin -ich nie zurückkehren will. Ich gehe fort, weil Ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[284]</span> -Bruder alles versuchen würde, mich umzustimmen, weil -ich mich zu schwach fühle, auf die Dauer zu widerstehen, -unfähig, ihm auch nur noch einmal unter die Augen zu -treten, und weil ich nicht sein werden könnte, ohne ihn -zu betrügen. Ich bitte Sie um alles Kummers willen, -den Sie durch uns erfahren haben, um Verzeihung und -flehe Sie an, zu Ihrem unglücklichen Bruder zurückzukehren, -da er jetzt nicht allein sein kann und darf.</p> - -<p class="right"> -Charlotte Schräger. -</p></div> - -<p>Mathias Berger schob den Brief zurück und wurde rot -im Gesicht.</p> - -<p>»Lene, wir haben ihr unrecht getan. So – so wie -die wird selten eine sein.«</p> - -<p>Das Mädchen antwortete nicht; sie schluchzte nur heftig. -Nach einer Weile sagte sie:</p> - -<p>»Sie muß zurück – sie muß zurück zu ihm!«</p> - -<p>»Geht nich, Lene, geht ja nich! Es weiß niemand, wo -sie is, nich amal ihr Vater!«</p> - -<p>Und an den zwei Menschen erfüllte sich wieder, was so -alt ist wie die Welt: In allen Feindseligkeiten der Menschenkinder -ist es die edle Tat allein, die den Sieg findet, die hinübergeht -ins feindliche Lager, den Gegner anschaut mit -milden, magnetischen Augen und, während sie ihn verwirrt -und bestürzt macht, ihm die Waffen sacht, aber unwiderstehlich -aus der Hand nimmt.</p> - -<p>Die beiden schämten sich voreinander und vor sich selbst. -Dann suchten sie einen Trost herbei: sie hätten's nicht besser -gewußt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[285]</span></p> - -<p>Sie sprachen eine Weile miteinander, dann gingen sie -leise hinab nach der Wohnstube. Die Lampe brannte, und -Heinrich saß am Tisch. Er schaute nicht auf, als sie eintraten.</p> - -<p>Wieder blieb die Lene an der Tür stehen; dann plötzlich -eilte sie durch die Stube und kniete vor dem Tisch nieder.</p> - -<p>»Heinrich!«</p> - -<p>Er sah sie überrascht an.</p> - -<p>»Lene – was willst Du hier?«</p> - -<p>Das Mädchen war unfähig, ein Wort zu reden.</p> - -<p>Mathias faßte Heinrich um die Schultern.</p> - -<p>»Sei gut, Heinrich! Die Lotte hat an sie geschrieben. -Sie sieht ja jetzt auch ein, daß sie der Lotte unrecht getan -hat, und ich auch.«</p> - -<p>Heinrich lachte.</p> - -<p>»Das ist alles, was sein kann, daß Ihr das einseht! -Das ist ja gerade noch zeitig genug. Nachdem alles kaput -gegangen ist, sehen sie's ein!«</p> - -<p>»Heinrich, laß mich wieder hier, laß mich wieder bei -Dir!« schluchzte Lene.</p> - -<p>»Nein! Wer fortläuft, braucht nicht wiederzukommen! -Niemand! Nicht Mathias, nicht Du und auch die drüben -nicht! Sie hätte nicht nötig gehabt, so heimlich zu tun; ich -hätt' sie nicht geholt. Und Dich brauch' ich nicht mehr! Ich -brauch' niemand!«</p> - -<p>Die Lene erhob sich.</p> - -<p>»Soll ich – soll ich wirklich gehen, Heinrich?«</p> - -<p>»Ja!«</p> - -<p>»Nein, sie geht nich, und ich geh' auch nich! Wir bleiben -hier. Morgen früh, wenn Du willst, werden wir gehen.<span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[286]</span> -Nich jetzt in dem Wetter und in der Nacht! Das kannste -nich verlangen!«</p> - -<p>Heinrich antwortete nicht. So setzten sich beide an den -Tisch. Eine Weile waren alle stumm, dann sagte Mathias:</p> - -<p>»Heinrich, willste uns nich sagen, was Du machen -wirst?«</p> - -<p>»Ist nicht nötig!«</p> - -<p>Da sagte Mathias nichts mehr. Er wußte, daß der -junge Buchenbauer, in dem es fürchterlich arbeitete, von -selbst sprechen würde. So kam es auch. Er sprang nach -einer Weile auf und reckte die Arme in die Luft.</p> - -<p>»Fort muß ich – fort, fort aus diesem elenden, verfluchten -Hause – oder – oder –«</p> - -<p>»Heinrich, sieh mal, es wär' schon gutt, wenn Du vernünftig -mit uns reden tät'st. 's beste is, Du verkaufst a -Hof, und bis Du ihn los bist –«</p> - -<p>»Soll ich hier bleiben? Hier? Nicht einen Tag! Nicht -einen halben Tag mehr!«</p> - -<p>»Das sag' ich auch. Du mußt bald fort! Morgen! Und -daß die Wirtschaft nich allein is, bleiben die Lene und ich -hier, bis wir sie los sind. Dann schicken wir Dir das Geld, -und Du brauchst Dich um nichts weiter mehr zu kümmern, -auch um uns nich.«</p> - -<p>Darauf hörte Heinrich, und es kam eine Unterredung -zustande, bei welcher Mathias Berger fast ganz allein sprach, -in deren Verlauf er aber doch den jungen Buchenbauer -vollends für seine Pläne zu bestimmen wußte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[287]</span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So nahm Heinrich Raschdorf am anderen Tage Abschied -vom Buchenhofe. Er war blaß, sonst verriet keine Miene -seine Aufregung. Mit Mathias und Lene sprach er nur -von rein geschäftlichen Dingen. Dem Mathias würde er alsbald -eine gerichtliche Vollmacht schicken, den Buchenhof zu -verkaufen.</p> - -<p>Kurz nach Mittag gab er dem Schaffer den Befehl, anzuspannen. -Er selbst trat noch einmal in die Wohnstube.</p> - -<p>»Meine Kleider und Bücher schickt Ihr mir nach, wenn -ich Euch meine Adresse werde geschrieben haben!«</p> - -<p>»Ja, Heinrich!«</p> - -<p>»Sonst bleibt alles hier! Ihr könnt ja Auktion machen. -Und wenn Ihr selbst was zum Andenken behalten wollt, -nehmt Ihr's Euch vorweg. Ich will nichts.«</p> - -<p>»Ja, Heinrich!«</p> - -<p>Er ging noch einmal durch die Stube und sah auf einige -Sekunden zum Fenster hinaus. Dann wandte er sich um.</p> - -<p>»So lebt wohl! Der Schaffer wird fertig sein.«</p> - -<p>Die Lene brach in leidenschaftliches, lautes Weinen -aus, und Mathias hielt sich bleich an der Tischecke fest.</p> - -<p>Heinrich blieb mitten in der Stube stehen. Ein paarmal -hob sich seine Brust krampfhaft, dann zuckte er die Schultern -und ging rasch hinaus.</p> - -<p>Unhörbar glitt der Schlitten aus dem weitgeöffneten -Tor des Buchenhofes, das bald darauf ein Knecht verriegelte.</p> - -<p>Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich Raschdorf den -Bergweg entlang; erst als er in den Wald kam, blickte er -auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[288]</span></p> - -<p>Jetzt war nichts mehr von den Höfen zu sehen, nichts -mehr vom Dorfe. Es lag alles hinter ihm begraben dort -unten in dem verschneiten Tal. Nur die Stelle sah er, wo -er ihr einmal die Maiglöckchen gepflückt hatte. Dort lag -jetzt eine Schneeschanze. Und das Brünnlein, das damals -so lieblich durch die Mittagsstille sang, war tot und still.</p> - -<p>Ein Weilchen später tagte ein Turm auf. In dessen -Nähe war der Bahnhof. Dort liefen in die weiße, dunstige -Ferne die Eisenschienen hinaus in die Welt.</p> - -<p>Gestern sie – heute er! Jedes seinen Weg! Viel -Schienen laufen vom gleichen Platz, die sich auf keiner Station -der Welt mehr kreuzen.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-292"> - <img src="images/illu-292.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[289]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_19">Kapitel 19</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-293"> -<div class="boxu box293u"> -<img src="images/illu-293.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box293l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Auf dem Freiburger -Bahnhof in Breslau -stand ein Rekrut. -Zwei Bahnschaffner -und drei -Frauen hatte er bereits gefragt, -ob denn der Zug von Waldenburg -her immer noch nicht -komme, und jedesmal erfahren, -daß er sich noch gedulden müsse. -So setzte er sich verdrossen auf -eine Bank der zugigen Halle, -zog ein Telegramm aus der -Tasche und las:</p> - -<p>»Heinrich kommt vier Uhr -nach Breslau. Abholen! Wichtiges vorgefallen. Mathias.«</p> - -<p>Hannes befühlte seine Soldatenbeine. Es steckte jetzt -noch ein furchtbarer Schreck darin, denn er hatte immer<span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[290]</span> -gedacht, ein Telegramm könne bloß kommen, wenn jemand -gestorben sei. Er hatte auch augenblicklich angefangen zu -heulen, als ihm das Telegramm übergeben wurde, und -dafür von seinem Hauptmann, der zufällig anwesend war, -einen Rüffel und gleich hinterher »Nachturlaub« bekommen, -als dieser das Telegramm gelesen hatte. So war der Alte: -erst anschnauzen und dann von selber Urlaub geben!</p> - -<p>Die Beine, die Beine! Hannes ist fest überzeugt, daß -er hinkt, wie er so in schweren Gedanken wieder durch die -Halle schreitet. Wichtiges vorgefallen! Er ahnte, daß es -nichts Gutes sein könne, und war überhaupt nicht für »wichtige« -Dinge.</p> - -<p>Da fuhr der Zug donnernd in den Bahnhof! Der junge -Vaterlandsverteidiger lehnte sich an eine Säule und ließ die -Leute an sich vorübergehen. Nicht lange, da sah er ihn, -den er suchte.</p> - -<p>»Heinrich! Heinrich, was ist denn passiert? Was ist -denn Wichtiges passiert?«</p> - -<p>»Du – Hannes! Wo kommst Du her? Woher weißt -Du denn, daß ich –«</p> - -<p>»Vorsicht! Platz da! Vorsicht!«</p> - -<p>Sie gingen hinaus auf den freien Platz vor dem Bahnhof.</p> - -<p>»Heinrich, sag' mir, ist jemand gestorben?«</p> - -<p>Der sah ihn ernst und wortlos an.</p> - -<p>»Heinrich, sag' mir's doch! Ist – ist vielleicht mein -Vater gestorben?«</p> - -<p>Dem Rekruten schoß das Wasser in die Augen.</p> - -<p>»Nein, Hannes! Sie sind alle gesund. Nur ich – nur -ich wäre beinahe gestorben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[291]</span></p> - -<p>»Du? Was fehlt Dir?«</p> - -<p>»Jetzt nichts mehr! Jetzt fehlt mir gar nichts mehr!«</p> - -<p>In einem Gasthause fanden sie einen stillen Winkel. -Dort erzählte Heinrich kurz, hart, oft vom eigenen Lachen -unterbrochen, was ihn hergeführt habe. Was er hier wolle, -wisse er nicht. Nur von Hause wolle er fort sein. Es sei -ja so herrlich in Breslau. Dann gingen sie auf Heinrichs -Wunsch in ein Variété. Und ob Hannes noch im Gasthause -steinunglücklich gewesen war, hier war er überrascht von -den blendenden Dingen, die auf der Bühne vor sich gingen, -und er vergaß vor lauter Staunen allen Kummer.</p> - -<p>Heinrich saß still neben ihm. Er fühlte den Hohn dieser -Lage. Vor einer Woche, ja noch gestern früh hätte er das -nicht gedacht.</p> - -<p>Eine Tiroler Sängertruppe trat auf. Sie sang ein -Heimwehlied. Da ging Heinrich nach dem Büfett und trank -ein Glas Bier, während Hannes in stummer Andacht dasaß. -Die ganze Nacht saßen sie in Gasthäusern herum, und beiden -glühte der Kopf. Bis zur Kaserne begleitete Heinrich -seinen Freund.</p> - -<p>»Gute Nacht, Hannes! Du warst noch der einzige, der -mir treu geblieben ist, Du und Dein Vater. Jetzt werden -wir uns ja hier auch manchmal sehen!«</p> - -<p>Dann, wie er durch die nächtlichen Straßen irrte, wußte -er: Es gibt keinen Ort, wo man so sterbensallein sein kann, -wie in der großen Stadt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Gymnasialdirektor war von jeher Heinrich Raschdorf -sehr gewogen gewesen. Er erinnerte sich seiner sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[292]</span> -wohl; denn Heinrich war ehemals ein Freund seines Neffen -und als solcher auch einigemal im Hause des Direktors zu -Besuch gewesen.</p> - -<p>Jetzt, als er die Lebens- und Leidensgeschichte seines -früheren Schülers erfuhr, wurde sein Interesse wieder in -hohem Maße wach. Es ergab sich, daß die jahrelangen, -eifrigen Studien Heinrichs von großem Erfolg gewesen -waren, und der Direktor versicherte, wenn Heinrich Privatunterricht -nähme und fleißig studiere, würde er alle Aussicht -haben, beim nächsten Abiturium als Hospitant das -Examen zu bestehen.</p> - -<p>So mietete sich Heinrich ein Zimmer und ergab sich -eifrig dem Studium. Es wunderte ihn, daß eine heimliche -Freude in ihm aufgeblitzt war, als der Direktor ihm die -erfreuliche Aussicht eröffnet hatte. Und als er sich selbst einen -Stunden- und Arbeitsplan entwarf und seine Bücher ordnete -und aufstellte, mutete ihn das neue, fremde Zimmer ein -ganz klein wenig heimatlich an.</p> - -<p>So kam es, daß Heinrich Raschdorf ein stiller Mann -wurde, einer, der nie lachte, aber auch nicht mehr klagte -oder mit dem Schicksal grollte.</p> - -<p>An den Sonntagen besuchte ihn Hannes. Der brachte -immer ein gut Teil urwüchsiger Laune mit. Heinrich ließ -ihn plaudern und lachen. Nur von der Heimat durfte er -nicht reden. Und Heinrich Raschdorf wußte gar nicht, daß -er in diesem schlichten, gutmütigen Hannes immer noch -ein Teilchen Heimat liebte und für seine Sonntagssehnsucht -begehrte, denn ohne Hannes wäre kein Sonntag gewesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[293]</span></p> - -<p>Kleine Episoden ereigneten sich, die den Kampf ums -Vergessen erschwerten. Einmal stiegen die jungen Freunde -auf die Liebichshöhe. Es steht da ein stattlicher Aussichtsturm, -von dem man das Häusermeer der Stadt Breslau gut -übersehen kann und auch einen schönen Fernblick genießt. -Hannes verfiel wieder ins Staunen, Heinrich aber schaute -über die Stadt hinaus. Weit in dunstiger Ferne, im Südwest -waren die Waldenburger Berge sichtbar, die Berge seiner -Heimat. Das wußte er noch von seiner ersten Gymnasialzeit -her, wo er oft dort oben seine Träumer- und Heimwehstunden -gehabt hatte. Und auch jetzt konnte sich seine verbitterte -Seele der tiefen Poesie, die von den Bergen der -Heimat herüberstrahlte, nicht ganz verschließen.</p> - -<p>Ja, es ist so: Wenn uns Menschen eine Sehnsucht faßt, -stehen wir immer auf einem hohen Turm, von dem wir -nach der Heimat schauen.</p> - -<p>»Du, Heinrich, wo guckst Du hin? Dort nach dem großen -Hause mit dem runden Dache und dem Stern oben? Das -is die Synagoge, das is nämlich die Judenkirche.«</p> - -<p>Heinrich antwortete nicht, er stand ins Schauen versunken -stumm da.</p> - -<p>Da legte auch Hannes die Hand über die Augen und -sah in die Ferne. Und da kam eine große Beweglichkeit -in ihn.</p> - -<p>»Du, Heinrich, was – was sind denn das für Berge -ganz da hinten? Dort? Dort drüben!«</p> - -<p>»Rat' mal, Hannes, rat' mal!«</p> - -<p>»Ich weiß nich – es sind doch nich, es sind doch nich -etwa –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[294]</span></p> - -<p>»Ja! Die Waldenburger Berge sind's!«</p> - -<p>»Heinrich!«</p> - -<p>Der stieg schon rasch die Treppe hinab, während der -Rekrut wie gebannt dort oben stand und keinen einzigen -Blick mehr übrig hatte für die große Stadt, sondern mit -sehnsüchtigen Augen nach dem Horizont schaute, an dem -doch nichts zu sehen war als ein paar matt abgegrenzte, -graublaue Linien. –</p> - -<p>Ein andermal kam Hannes zu Heinrich, legte ein Paket -auf den Tisch und sagte:</p> - -<p>»Da! Es ist Wurst! Es ist a Schiff von Hause gekommen, -und da haste die Hälfte!«</p> - -<p>Heinrich sah ihn unwillig an.</p> - -<p>»Wer heißt Dich das, Hannes?«</p> - -<p>»Niemand! Ich selber! Ich will mich auch amal nobel -machen, weil Du mich doch immer freihältst.«</p> - -<p>»Du nimmst das Zeug wieder mit, Hannes! Ich hab' -genug zu essen!«</p> - -<p>»Ich och! Und zu trinken och! Und für mich braucht -keen Mensch mehr zu bezahl'n, wenn Du das nich nimmst; -ich hab' meine Löhnung. Verstehste?!«</p> - -<p>Heinrich mußte die Wurst behalten; aber an dem Abend, -da er davon aß, konnte er nicht studieren. So schenkte er -den ganzen Vorrat seiner Wirtin. –</p> - -<p>Als das Frühjahr kam, wurde Heinrich unruhig: der -Bauer regte sich in ihm. Täglich dachte er an die Feldarbeiten, -für die nun die Zeit gekommen war, und einmal ging er -soweit spazieren, bis er einen pflügenden Bauer traf. Dem -sah er länger als eine halbe Stunde zu. Langsam und in<span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[295]</span> -tiefen Gedanken ging er dann noch am Oderfluß entlang, -und als er heimkam, schrieb er an Mathias, er solle einstweilen -seine Bemühungen um den Verkauf des Buchenhofes einstellen. -Er selbst werde allerdings nie nach Hause zurückkehren, -aber es könne doch sein, daß er für den Hof noch eine -andere Bestimmung träfe. – So kam die Zeit des Examens -heran. In den letzten Monaten arbeitete Heinrich mit Anspannung -aller Kräfte, und sein Gesicht wurde blaß und -schmal. Die Hände waren längst wieder weiß und -weich.</p> - -<p>Einige Zeit später erhielt Hannes wieder ein Telegramm. -Er erschrak abermals heftig, beschloß aber, sich -diesmal in keine vorzeitige Trauer zu stürzen, sondern öffnete -und las:</p> - -<p>»Examen bestanden. Komme so bald als möglich zu -mir. Heinrich.«</p> - -<p>Der junge Kriegsmann stand ganz fassungslos, erstens, -weil der Heinrich nun ein wirklicher Student war, und -zweitens, weil es möglich war, aus demselben Ort, wo man -lebt, ein Telegramm zu erhalten.</p> - -<p>Er besorgte sich Urlaub, überzählte sein Geld, lieh sich -noch drei Mark hinzu, kaufte einen Bierkrug und machte sich -mit dem Geschenk auf den Weg zu Heinrich.</p> - -<p>»Heinrich! Mensch! Ich bring' Dir ein sehr schönes, -teures Bierseidel, weil Du doch jetzt Studente bist!«</p> - -<p>Da lachte Heinrich Raschdorf seit langer Zeit wieder -das erste Mal.</p> - -<p>Er schüttelte dem Freunde die Hand.</p> - -<p>»Hannes, alter Kerl! Freust Du Dich wirklich so?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[296]</span></p> - -<p>»Freuen? Ich freu' mich so schrecklich, daß ich jetzt -bestimmt wieder mal Arrest krieg'. Denn ich hatte ganz -gewiß gedacht, Du fällst durch!«</p> - -<p>Als sie dann beisammen saßen und Heinrich aus dem -neuen Kruge getrunken hatte, sagte er:</p> - -<p>»Hör' mal, Hannes, nun wollen wir mal über die Zukunft -reden. Bis jetzt war mir alles so recht egal, aber heute -will ich wieder mal Pläne machen. Also ich studiere Medizin.«</p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>»Weißt Du, ich werd' ein Doktor. Kranken Menschen -helfen, das ist noch etwas, was sich lohnt. Die Liese ist auch -glücklich, weil sie bei Kranken ist. Und Du, Hannes, wirst -wieder Bauer, wenn Du vom Militär los bist. Mit dem -Bergmann werden, das ist nichts für Dich.«</p> - -<p>»Nee, wirklich nich! Aber es is um die fünfzehn Mark -wöchentlich und um die Lene. Die will ich doch heiraten.«</p> - -<p>»Ja natürlich! Also kurz gesagt: Du pachtest mir den -Buchenhof ab.«</p> - -<p>Hannes zwinkerte ihn wehmütig an.</p> - -<p>»Den Buchenhof abpachten? Das wär' was! Mein -ganzes Vermögen is a Taler Schulden.«</p> - -<p>»Vermögen brauchst Du nicht; etwas hat ja die Lene. -Du bezahlst die Zinsen, und was von dem Gute und von -der Ziegelei jährlich heraushängt, das heißt, was übrig ist, -davon gibst Du mir die Hälfte als Pacht, wenn das Jahr -um ist.«</p> - -<p>Wenn Heinrich Raschdorf dem Hannes seine mathematische -Prüfungsaufgabe vorgerechnet hätte, so hätte ihm -der mit keinem fassungsloseren Gesicht gegenüber sitzen<span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[297]</span> -können als jetzt. Also gab ihm Heinrich einen langen, deutlichen -Bericht über alle Ausgaben, die der Buchenhof erforderte, -über die durchschnittlichen Erträgnisse und über den -voraussichtlichen Gewinn, mit dem beide zufrieden sein -könnten, wenn sie sich bescheiden einrichteten.</p> - -<p>Das Ende vom Liede war, daß Hannes dem Heinrich -um den Hals fiel und zum Steinerweichen zu heulen anfing. -Erst allmählich gewöhnte er sich an das riesengroße -Glück, das ihm bevorstand. Pächter vom Buchenhofe! Er, -der arme Sohn des Schaffers! Und die Lene sein! Und -er konnte wieder aufs alte, heimatliche Feld!</p> - -<p>Nach einer Weile machte er plötzlich ein auffällig -schlaues Gesicht, entschuldigte sich, ging auf eine Viertelstunde -fort und kehrte mit vor Aufregung glühenden Wangen -zurück.</p> - -<p>»Weißte, was ich gemacht hab'?« fragte er, noch keuchend -vor Aufregung. »Telegraphiert hab' ich! Nach Hause telegraphiert, -daß ich Pächter bin. Die könn'n auch amal erschrecken, -und ich kann mir das Telegraphieren leisten!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein paar Tage später kam ein langer Brief des alten -Mathias an Heinrich. Eine Stelle darin hieß:</p> - -<p>»Ich bin so froh, daß Du Arzt wirst. Du wirst ein -guter Doktor sein, weil Du fleißig und gewissenhaft bist. -Es ist gut, daß Du hier los bist von der Landwirtschaft. -Es war nicht Deine Sache. Die Liese ist jetzt als Schwester -eingekleidet. Ich habe sie besucht, und ich schreibe Dir, lieber -Heinrich, daß ich ganz glücklich und froh wiedergekommen -bin. Ich werde auf meine alten Tage zufrieden sein, denn<span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[298]</span> -der Liese geht es gut. Und es wird alles gut sein, wenn -Hannes und die Lene die Wirtschaft haben. Ich will gern -bei ihnen bleiben, ich bin viel zu alt, daß ich jetzt wieder so -herumfahre. Und ich hab' gesagt: »Das ist unser guter Heinrich«, -wie ich es von Hannes und der Lene hörte. Von Lene -liegt ein Brief bei. Der Schaffer wollte auch gern einen -schreiben, aber er bringt nichts zustande. Er arbeitet jetzt von -früh bis spät und will bald gar nicht mehr schlafen gehen. -Und manchmal, wenn er auch ganz allein ist, fängt er ganz -laut an zu lachen. Sagen läßt er Dir bloß: er läßt sich schön -bedanken. Aber da steckt alles darin. Die Dorfleute sind jetzt -ganz verändert zu uns. Sie sind sehr freundlich zu mir, und -wenn sie die Lene sehen, ziehen sie von großer Weite die -Mützen. Und die Ziegeln kaufen sie auch aus dem Dorfe -alle von uns. Das war ja früher nicht. Lieber Heinrich! -Ich halte es für meine Pflicht, Dir jetzt noch zu schreiben, -daß seit vorgestern die Lotte Schräger wieder zu Hause ist. -Der alte Schräger hat die Wassersucht. Er hat ihr nicht nachreisen -können. Da ist sie ihn pflegen gekommen. Sie ist -in Pommern gewesen, bei einer Verwandten von ihrer -Mutter. Wer es ihr vom Vater geschrieben hat, weiß niemand. -Wir haben sie noch nicht gesehen, ich schäme mich -jetzt, hinüber zu gehen. Wir haben jetzt mit dem Schräger -manchmal verkehrt. Er hat von selbst mit uns angefangen. -Er wollte mir immer für Dich den Kretscham verkaufen. -Aber wie er dann krank wurde, wollte er nicht mehr fort -von zu Hause. Die Lene ist auch manchmal drüben gewesen, -als er krank war. Und wie jetzt die Lotte heimgekommen -ist, hat die Lene fragen lassen, ob sie etwas helfen kann.<span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[299]</span> -Aber die Lotte hat sagen lassen: Nein, sie lasse sich bedanken -für den guten Willen. So mag alles Gott befohlen -sein, und am meisten Du, mein lieber Heinrich.«</p> - -<p>Zehnmal, zwanzigmal las Heinrich Raschdorf diesen -Brief. Zuletzt setzte er sich auf das Sofa und schloß die Augen.</p> - -<p>Sie war wieder zu Hause!</p> - -<p>Zuerst war es ganz still in ihm. – Aber dann begann -das Blut zu hämmern in seiner Brust und in seinen -Schläfen. Ein Wirbeln faßte ihn an, und nach der dumpfen -Gewitterschwüle trostloser, heißer Arbeitstage erhob sich ein -Sturm, der jäh durch seine junge Seele ging. Unaufhörlich -dachte er an sie und gab sich keine Mühe, wie sonst, den Gedanken -los zu werden. Deutlich traten ihre Gestalt, ihr Gesicht -vor seine Seele; er hörte ihre Stimme, fühlte wieder ihren Kuß.</p> - -<p>Sie war zu Hause, war nahe, erreichbar! Lotte!</p> - -<p>Was war geschehen mit ihm, in ihm? Der wonnige -Schreck, den ihm die kurze Nachricht gebracht, hatte allen -Trotz, alle Bitterkeit niedergebrochen, hatte liebe verschleierte -Bilder enthüllt. Im leuchtenden Blitzfeuer seiner neu erwachten -Leidenschaft lag das alte Land erhellt vor seinen -Augen, das Land, aus dem er geflohen war und nach dem -ihn seine Sehnsucht doch alle Tage wieder zurückwies.</p> - -<p>Er vermochte an seinen trotzigen Prinzipien nicht festzuhalten, -da das Blut dagegen revoltierte; denn er war -jung, und all sein Kampf gegen sich war greisenhaft gegen -das Gefühl, das ihn mit elementarer Kraft wieder faßte.</p> - -<p>Ein kleiner, kurzer Zweifel kam noch, dann kniete er -schon vor einer Kiste, warf Bücher und Briefe heraus und -fand ein kleines Bild.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300"></a>[300]</span></p> - -<p>Das war die Lotte! Jetzt schauten ihn diese süßen -Augen an, jetzt lächelte ihm dieser Mund zu, und ehe er -Zeit hatte, sich Rechenschaft zu geben, riß er das Bild, das -er in all den langen Monaten nicht einmal angesehen hatte, -an die Lippen und küßte es, küßte es mit jenem Glückshunger, -mit jener verzweifelten Gier, wie er einst die Lotte -selbst geküßt hatte im Herbstnebel.</p> - -<p>Ein weinendes Jauchzen ging ihm durch die Seele, -die Liebe lohte heiß, flammend, leuchtend wieder auf in -seinem Herzen. Die Stube ward ihm zu eng, er rannte -hinaus, fuhr vor die Stadt, lief stundenweit und kam ebenso -erregt, wie er gegangen war, wieder nach Hause.</p> - -<p>Die Nacht kam, er fand keine Ruhe. Auch die Zweifel -kamen wieder, die Kämpfe. Ehrlich wollte er sein, ehrlich -auch mit sich selbst. Wieder rief er sich ihren Treubruch vor -die Seele, den tiefen Jammer, den sie ihm gebracht, aber -der Groll blieb aus, der Zorn, das Feindschaftsgefühl kam -nicht wieder, die Hoffnung fegte sie weg wie dürres Laub. -Er rief sich alles ins Gedächtnis, was Mathias und Lene -zu ihrer Rechtfertigung gesagt, dachte erst jetzt zum erstenmal -darüber redlich nach, wie groß das Leid für sie gewesen, -ihn aufzugeben und fortzugehen. Denn sie hatte ihn geliebt, -wahr und wahrhaftig geliebt, wie ein Weib nur einen -Mann lieben kann.</p> - -<p>O, er mußte sie wieder haben!</p> - -<p>Sollte er nach Hause? Hin zu ihr? In kaum drei -Stunden konnte er sie sehen!</p> - -<p>In drei Stunden! Sie sehen, sie haben, sie nicht mehr -loslassen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_301"></a>[301]</span></p> - -<p>Ein Zittern überlief ihn. Er zog sich an, sagte seiner -Wirtin ein paar Worte und stürmte fort. Der Nachtzug -mußte noch da sein. Ja! Er kaufte die Fahrkarte. Die -Stimme zitterte ihm, als er die heimische Station nannte. -Er kam noch zu zeitig. Die kühle Nachtluft strich um seine -Stirn. Er ging erregt auf dem Bahnsteig auf und ab und -blieb dann plötzlich stehen.</p> - -<p>Machte er sich lächerlich? Wie würde das sein, wenn -er jetzt in tiefer Nacht nach Hause käme? Dorthin, wohin -er nie mehr zurückkehren wollte? Wohl, sie war auch wieder -heimgekommen. Aber der todkranke Vater hatte sie zurückgerufen! -Und was würde sie sagen? Die Schwester hatte -sie nicht sehen wollen! Und ihn? Wenn sie ihn wieder abwies -oder gar vor ihm aufs neue floh? War das nicht eine -furchtbare Übereilung? Mußte er sich's nicht erst genauer -überlegen?</p> - -<p>So war er plötzlich wieder mitten drin in tollen -Zweifeln.</p> - -<p>»Steigen Sie ein, mein Herr!«</p> - -<p>»Danke – danke, ich fahre nicht mit!«</p> - -<p>Ein Pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr -in die Nacht hinaus, der Heimat zu – ohne ihn.</p> - -<p>Langsam schlich Heinrich die erhellten Straßen heim. -Überall lustige, lachende Leute. Keiner von diesen allen -sah ihn auch nur an. Eine schwere Verachtung gegen sich -selbst wollte in ihm aufkeimen, aber es blieb bei dem Gefühl -der Ratlosigkeit.</p> - -<p>In seiner Stube brütete Heinrich lange vor sich hin. -Es war indes Mitternacht vorbei. An Ruhe war nicht zu<span class="pagenum"><a id="Seite_302"></a>[302]</span> -denken. So kam er auf den Gedanken, an Lotte zu schreiben. -Er schrieb einen Brief um den andern. Gefallen wollte -ihm keiner. Endlich gegen vier Uhr glaubte er das richtige -gefunden zu haben.</p> - -<p>Er setzte sich ganz mit ihr auseinander. Er schrieb ihr -von allen seinen Qualen und Leiden. Und er suchte ihre -Bedenken zu zerstreuen. Der Bruder sei für seine Tat nicht -verantwortlich; sie aber, Lotte, sei doch ganz unschuldig. -Und wenn etwas zu sühnen wäre, so könne es nur dadurch -geschehen, daß sie ihn glücklich mache. Auch die Stellung -der Seinen zu ihr habe sich gänzlich geändert, nachdem diese -eingesehen, eine wie rechtliebende Seele die Lotte sei. Und -so schrieb er am Schluß:</p> - -<p>»Ich will nicht ungeduldig sein; ich will Dir Zeit gönnen -und Dich erst dann sehen, wenn Du es willst. Um eines aber -bitte ich Dich, Lotte: Du hast noch meinen Ring. Steck' ihn -wieder an, wenn Du diesen Brief gelesen hast; sei wieder -meine Braut!«</p> - -<p>Die Sterne glänzten am Himmel, die Straßen waren -ganz leer. Da ging Heinrich Raschdorf abermals zum Bahnhof. -Noch einmal las er die Briefaufschrift, die für ihn den -teuersten Namen der Welt enthielt, und legte den Brief in -den Kasten. Um neun Uhr am Vormittag würde sie ihn schon -haben. Das war in vier Stunden. In nur vier Stunden!</p> - -<p>Ein qualvoller Tag verging, eine lange Nacht. Mit -überwachten Augen und doch mit brennend roten Wangen -saß Heinrich Raschdorf frühmorgens am Fenster seiner Stube -und lugte aus nach dem Briefträger. Endlich kam er; er kam -auf das Haus zu. Heinrich Raschdorf ging durch die Stube<span class="pagenum"><a id="Seite_303"></a>[303]</span> -hinaus ins Entree und lehnte sich an die Tür. Jetzt! – -Da! – »Herrn Heinrich Raschdorf!«</p> - -<p>In seiner Stube besah er den Brief.</p> - -<p>»Inliegend ein goldener Ring.«</p> - -<p>Er tastete nach einem Stuhl. Dort öffnete er den Brief. -Ein goldener Ring fiel heraus, klang kurz auf und rollte -über die Diele. – Er las bruchstückweise:</p> - -<p>»Sie beurteilen mich falsch, Sie können mir nicht in -die Seele sehen – Sie wissen nicht alles – ich kann Sie nicht -betrügen – kommen Sie nicht her –«</p> - -<p>Als die Vermieterin in die Stube trat, fand sie ihren -Zimmerherrn bewußtlos auf dem Fußboden liegen. Die -Erschöpfung und Erregung war zu groß, die Enttäuschung -zu grausam gewesen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es war ein Jahr später. Hannes saß bei Heinrich in -der Stube und trug seinen Zivilanzug. Er war heute vom -Militär entlassen worden.</p> - -<p>Melancholisch starrte der Bursche vor sich hin.</p> - -<p>»Nu freu' ich mich gar nich mehr a bissel, daß ich nach -Hause komme.«</p> - -<p>»Wart' nur, Du wirst Dich schon freuen! Wenn Du -erst auf der Bahn bist und gar, wenn Du das Dorf sehen -wirst –«</p> - -<p>»Aber die Lene, Heinrich, die Lene! Das verwindet -die ihr Lebtag nicht, daß Du nich zu unserer Hochzeit -kommst, und ich – ich auch nich.«</p> - -<p>Heinrich schwieg eine Weile; dann sagte er:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_304"></a>[304]</span></p> - -<p>»Sieh mal, Hannes, es geht nicht! Wenn »sie« nicht -mehr dort wäre, oder wenigstens nicht so in der Nachbarschaft, -dann bestimmt. Aber so ist's unmöglich.«</p> - -<p>»Und willste überhaupt nich mehr heimkommen?«</p> - -<p>»Kaum! Vielleicht später einmal. Aber Ihr müßt mich -besuchen, so oft Ihr könnt!«</p> - -<p>Sie saßen wieder eine Weile stumm da.</p> - -<p>»Daß mir's schwer fällt, Hannes, das kannst Du mir -schon glauben. Ich hätte die Lene gern einmal wiedergesehen -nach so langer Zeit und gar an ihrem Hochzeitstage. -Sie ist meine einzige Schwester!«</p> - -<p>Hannes seufzte beklommen. Dann sagte er:</p> - -<p>»Der alte Schräger macht nich mehr lange. A hat jetzt -auch noch Leberkrebs. Mathias hat's geschrieben. Na, -und wenn a tot ist, wird ja die Lotte fort aus 'm Dorfe. -Dann kannste wieder heimkommen.«</p> - -<p>»Ja, dann komme ich wieder nach Hause.«</p> - -<p>Beim Abschied weinte Hannes.</p> - -<p>»Heinrich, vergelt' Dir Gott alles! Gerade, wenn Du -halt noch zur Hochzeit gekommen wärst, da wär' unser Glück -voll gewest.«</p> - -<p>»Weine nicht, Hannes! Auf einen Hochzeitsgast kommt's -ja nicht an. Sei halt froh, daß Du heiraten kannst. Grüß' -schön und reise glücklich!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305"></a>[305]</span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Einige Wochen darauf klopfte es an Heinrichs Tür. -Eine Frauensperson trat ein.</p> - -<p>»Heinrich!«</p> - -<p>»Lene! Du – Mädel – Du?«</p> - -<p>Die Geschwister lagen sich in den Armen und küßten -sich innig.</p> - -<p>»Lene, was willst Du, was willst Du heute? Du hast -doch morgen Hochzeit.«</p> - -<p>»Ja, und ich komme Dich holen. Du mußt dabei sein, -Du mußt! Ohne Dich mach' ich nich Hochzeit. Ich hab' -keinen Vater, keine Mutter, keine Schwester, bloß ein'n -einzigen Bruder, und der – der will auch noch nich mit -mir in die Kirche gehn?«</p> - -<p>»Lene, ich kann ja nicht, ich kann ja nicht –«</p> - -<p>»Du kannst, und Du mußt auch! Im geschloss'nen -Wagen fahr'n wir nach Hause, im geschloss'nen Wagen -fährst Du mit in die Kirche; sie sieht Dich nicht, sie sieht keine -Spur von Dir, und nach der Trauung kannst Du ja bald -wieder fort.«</p> - -<p>»Aber Lene, heute kommst Du, heute?«</p> - -<p>»Ja! Vormittags sind wir auf dem Standesamt gewesen, -und dann bin ich gleich nach Breslau.«</p> - -<p>»Aber Mädel, warum kommst Du denn gerade an -Deinem eigenen Polterabend?«</p> - -<p>»Daraus mach' ich mir nichts, und wenn ich früher -gekommen wär', hätt'st Du Dir's wieder noch anders besonnen. -Jetzt mußt Du mit, jetzt nehm' ich Dich bald mit.«</p> - -<p>Er sah das gesunde energische Mädchen an und konnte -nicht hindern, daß seine Augen glänzten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_306"></a>[306]</span></p> - -<p>»Lene, was bist Du für eine hübsche Braut! Und -dann, Courage hast Du, das muß ich sagen. Lene, ich -freu' mich über Dich – ich bin stolz auf Dich – ich komme -mit Dir!«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-310"> - <img src="images/illu-310.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_307"></a>[307]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_20">Kapitel 20</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-311"> -<div class="boxu box311u"> -<img src="images/illu-311.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box311l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Mit dem Abendzuge fuhren sie heim. Sie -redeten kaum miteinander. Zuweilen faßte -Lene leise seine Hand. Und er lehnte im -Winkel und sah hinaus in die Finsternis, aus -der nur die Bahnlaternen oder Lichter eines -friedlichen Dörfleins zuweilen aufblitzten.</p> - -<p>Von Königszelt an waren sie allein im Wagen. Die -Lichter von Freiburg schimmerten auf, dann keuchte der -Zug hinauf auf die Waldenburger Hochebene.</p> - -<p>»Ist es Dir ein so schweres Opfer, Heinrich?«</p> - -<p>Er sah sie freundlich an.</p> - -<p>»Wohl! Ach ja! Aber Du bist's wert, Lene!«</p> - -<p>Sie faßte heftig seine Hand.</p> - -<p>»Heinrich, Du glaubst gar nich, wie ich schon deswegen -gelitten hab', daß Du gerade mein Glück gemacht hast, und -daß ich Dir früher so im Wege gestanden hab'.«</p> - -<p>»Laß gut sein, Lene! Ohne Dich wär's gerade so gekommen, -wie's gekommen ist. Und das sind alte Geschichten -und nun vorbei.«</p> - -<p>Auf dem Bahnhof wartete der Schaffer. Als er den -Heinrich mitkommen sah, geschah etwas, was noch nie in<span class="pagenum"><a id="Seite_308"></a>[308]</span> -seinem Leben passiert war: die Tabakspfeife fiel aus seinem -sonst so hermetisch geschlossenen Munde. Er hatte das erste -Mal in all seinen Erdentagen so etwas Ähnliches wie einen -Juchzer getan.</p> - -<p>»Hübsch is, hübsch is! Schön willkomm'!« Das war -seine ganze Begrüßungsrede. Und Heinrich fühlte das Herz -heftig schlagen, als er dem guten Riesen die Hand gab.</p> - -<p>Dann ging es nach Hause. Eine schwere Aufregung -ergriff den Heimkehrenden, und doch hätte er diese Reise -jetzt nicht mögen ungeschehen machen. In alle Aufregung -hinein wallte ein Gefühl der Freude, das auch dem ärmsten -aller Menschen nicht ganz fern bleibt, wenn er nach Hause -zieht.</p> - -<p>Jetzt verließen sie den Wald; Lichter blitzten dort unten.</p> - -<p>Die Buchenhöfe!</p> - -<p>Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich am Kretscham -vorbei und in seinen Hof hinein. Dort sprang er rasch aus -dem Wagen und trat ins Haus.</p> - -<p>»Der Heinrich kommt! Der Heinrich kommt! Hurra!«</p> - -<p>Das war der Bräutigam. Er fiel dem Freunde um -den Hals und war ganz außer sich vor Freude.</p> - -<p>Und es trat einer leise heran: Mathias. Heinrich reichte -ihm die Hand und wollte etwas sagen. Aber die Lippen -zuckten ihm nur, und er brachte kein Wort heraus. So -schlang Mathias den Arm um ihn, und die alten Freunde -standen eine Weile stumm und still.</p> - -<p>Etwas später stand Heinrich mitten in der Wohnstube -und schaute sich um. Es war noch alles wie sonst: der Ofen -strahlte eine behagliche Wärme aus, die große Petroleumlampe<span class="pagenum"><a id="Seite_309"></a>[309]</span> -brannte, und draußen polterte der Herbststurm mit -den Weinspalieren.</p> - -<p>Um ihn herum aber standen liebe Menschen mit strahlenden -Gesichtern.</p> - -<p>Da war es Heinrich Raschdorf doch, als ob er in eine -Heimat gekommen sei.</p> - -<p>Dann saßen sie um den großen Tisch und plauderten, -und er wurde warm dabei und sagte auf einmal:</p> - -<p>»Ich freu' mich, daß ich bei Euch bin!«</p> - -<p>Wie sie darüber glücklich waren!</p> - -<p>»So bleib' ein paar Tage hier, Heinrich!«</p> - -<p>»Nein, Lene! Bald nach der Trauung fahr' ich. Du -weißt schon, das ist Verabredung.«</p> - -<p>»Und Du wirst gar nich amal mit aufs Feld oder in -die Ziegelei?«</p> - -<p>»Nein, Mathias; aber in die Ställe und in die Scheune -gehe ich morgen früh einmal, wenn Du willst.«</p> - -<p>Es war schon tief in der Nacht, da saßen noch alle beisammen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Drüben im Kretscham hatte sich ein Schwerkranker im -Bett aufgerichtet, als die Fuhre Heinrichs vorbeikam.</p> - -<p>»Das is a – Lotte, das is a!«</p> - -<p>Das Mädchen antwortete nicht.</p> - -<p>»Geh, geh ans Fenster, Lotte! Sieh, ob a das is!«</p> - -<p>»Nein, Vater! Ich gehe nicht ans Fenster.«</p> - -<p>Der Kranke stöhnte und sank in die Kissen zurück.</p> - -<p>»Ich – ich muß mit ihm – mit ihm reden; ich halt's -nich aus – ooooh –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_310"></a>[310]</span></p> - -<p>Ein Schmerzensanfall kam. Das Mädchen beugte sich -über den Kranken. Die Lampe beleuchtete ihr Gesicht. Es -war so weiß und durchsichtig, als sei diese Pflegerin selbst -eine Schwerkranke. Die Stenzeln kam ins Zimmer.</p> - -<p>»Is a gekommen, Stenzeln?« fragte der Kranke.</p> - -<p>»Ja! Ich hab' 'n geseh'n. A ging ganz schnell ins -Haus rein. Aber a war's.«</p> - -<p>Ein Zittern ging über den Körper Lottes.</p> - -<p>»Stenzeln, geh wieder raus!«</p> - -<p>Als er mit der Tochter allein war, keuchte Schräger:</p> - -<p>»Schreib' ihm, Lotte – schreib' ihm 'n Brief – a soll -rüberkommen zu mir – a soll kommen –«</p> - -<p>»Ich kann ihm nicht schreiben, Vater – nein, ich kann -nicht! Sei doch ruhig, sei doch ruhig!«</p> - -<p>»Du weißt nich, Lotte, wie das is – ich kann nich -sterben; ich kann ja nich sterben!«</p> - -<p>Das bleiche Mädchen stand regungslos an dem Bette. -Nur ein Zucken ging um ihren Mund. Tränen hatte sie -nicht mehr. »Was willst Du denn von ihm, Vater?«</p> - -<p>»Sagen will ich's ihm, alles sagen!«</p> - -<p>»Vater!«</p> - -<p>»Alles sagen – ich – ich – kann sonst nich sterben!«</p> - -<p>»Du willst Dich selber verraten? Vater!«</p> - -<p>»Die Schmerzen, Lotte – oooh, und der alte Raschdorf -– mein – mein Freund – a kommt mir immer -wieder ein – und nu soll ich runter – runter unter die -Erde zu ihm – runter –«</p> - -<p>Eine furchtbare Nacht kam, eine Nacht voll Qual und -Gewissensangst und Furcht. Aber doch lebte in diesem<span class="pagenum"><a id="Seite_311"></a>[311]</span> -schmerzzerrütteten, todgeweihten Mann die Hoffnung, es -würde leichter und besser sein, wenn er die Last von seinem -Herzen abwälzte.</p> - -<p>Gegen Morgen schrieb Lotte an Heinrich: »Mein schwerkranker -Vater läßt Sie bitten, ihn vor Ihrer Abreise auf -wenige Minuten zu besuchen. Charlotte Schräger.«</p> - -<p>Schräger ergriff ihre Hand.</p> - -<p>»Wirste dabei sein, Lotte, Kind – mei einziges, wirste -dabei sein, wenn ich – wenn ich's ihm sag'? Sonst bring' -ich's nich raus – sonst verzweifele ich!«</p> - -<p>»Ja, ich werde dabei sein!«</p> - -<p>Das sagte sie leise, aber fest.</p> - -<p>Am Morgen ging die Stenzeln mit dem Brief nach -dem Buchenhofe. Nicht lange, so kehrte sie mit der Antwort -zurück.</p> - -<p>»Ich reise sofort nach der Trauung meiner Schwester -wieder ab und kann Ihren Vater, dem ich gute Besserung -wünsche, nicht besuchen. Heinrich Raschdorf.«</p> - -<p>Sie las es dem Vater vor. Der starrte sie mit weitgeöffneten -Augen an. Dann lallte er:</p> - -<p>»A kommt nich? A kommt nich?«</p> - -<p>Sie schwieg. Nach einer Weile lachte er heiser.</p> - -<p>»Da geh' ich halt so – halt so – so – hinüber – -runter –«</p> - -<p>Lotte stand am Fenster und hatte die Gardinen weit -zurückgeschlagen. Jetzt fuhren drüben die zwei Hochzeitswagen -vor.</p> - -<p>Heinrich kam zuerst aus dem Hause und sah hinüber -nach dem Fenster, an dem Lotte stand. Er erschrak und<span class="pagenum"><a id="Seite_312"></a>[312]</span> -zog den Hut, auch Mathias, der dabei war. Lotte rührte -sich nicht. Dann kam das Brautpaar. So fuhren die Wagen -hinab nach der Kirche.</p> - -<p>Auch der alte Schräger hörte sie fahren.</p> - -<p>»Nu sind sie fort,« sagte er mit einem irren Lächeln; -»nu is der alte Raschdorf Brautvater!«</p> - -<p>Lotte stand immer noch regungslos da.</p> - -<p>»Brautvater!« Er fröstelte in sich hinein.</p> - -<p>Eine Stunde verging. Da rief Lotte die Stenzeln ins -Zimmer und ging selbst hinaus.</p> - -<p>Über die Straße huschte sie – nach dem Buchenhofe.</p> - -<p>»Ich werde hier auf Herrn Raschdorf warten, ich hab' -mit ihm zu reden. Sagen Sie's ihm, wenn er kommt,« befahl -sie einer Magd und setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster -der Wohnstube des Buchenhofes.</p> - -<p>Sie sah sich um. Als kleines Mädchen war sie manchmal -hier gewesen, seitdem nicht mehr. Das Bild des alten Raschdorf -sah auf sie herab. Sie blickte es ruhig an. Es war alles -teuer gesühnt.</p> - -<p>Jetzt rollten die Wagen in den Hof. Im Hausflur erfolgte -eine Begrüßung der Brautleute durch die Dienstleute, -dann stieg die kleine Gesellschaft die Treppe hinauf.</p> - -<p>»Was? – Was? – Wo?«</p> - -<p>Das war er. Bald darauf trat er in die Stube im -Hochzeitsanzug, den Zylinderhut in der Hand. Ein paar -Sekunden lang stand er Lotte wortlos gegenüber; dann -trat sie rasch ein paar Schritte auf ihn zu und sagte schnell -und hastig: »Bitte um Verzeihung, aber ich muß Sie nochmals -persönlich bitten, meinen Vater zu besuchen, er ist<span class="pagenum"><a id="Seite_313"></a>[313]</span> -ein Sterbender, und er hat dringend mit Ihnen zu -reden.«</p> - -<p>Er sah sie mit großen Augen und tieferschreckt an und -sagte kein Wort. Da errötete sie und begann wieder:</p> - -<p>»Nur auf wenige Minuten, er ist ein Sterbender –«</p> - -<p>»Ich werde kommen –«</p> - -<p>»Ich danke!«</p> - -<p>Und sie ging rasch aus der Stube. Regungslos stand -er noch auf seinem Platz, als sie schon über die Straße zurück -war.</p> - -<p>Mit Mathias sprach er noch ein paar heimliche Worte, -dann ging er nach dem Buchenkretscham.</p> - -<p>Er traf Schräger und Lotte allein. Der Kranke schloß -die Augen, als er eintrat, er öffnete ein wenig den Mund, -und der schwere, sieche Körper hob sich im Stuhl. Lotte -lehnte bleich und bewegungslos an einem Schrank.</p> - -<p>Heinrich ging rasch durch die Stube und streckte dem -Kranken die Hand bin.</p> - -<p>»Guten Tag, Herr Schräger! Wie geht es Ihnen?«</p> - -<p>Der erregte Mann sah ihn furchtsam an.</p> - -<p>»Danke, ganz gutt – geht mir's.«</p> - -<p>Der Gast setzte sich auf einen Stuhl neben den Kranken -und sprach mit ihm von seiner Krankheit. Schräger antwortete -und fing an, selbst zu erzählen. Minute auf Minute -verging. Von dem Bekenntnis kein Wort! Da blickte Heinrich -auf die große Wanduhr und erhob sich.</p> - -<p>»Meine Zeit ist sehr knapp. Ich wünsche Ihnen, Herr -Schräger –«</p> - -<p>»Sie woll'n geh'n?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_314"></a>[314]</span></p> - -<p>Angstvoll fragte es der Kranke.</p> - -<p>»Ich muß gehen, ich blieb sonst noch ein wenig bei -Ihnen –«</p> - -<p>»Ich muß Ihnen – ich muß Ihnen ja was sagen –«</p> - -<p>Ein furchtbarer Schmerzensanfall kam, und Lotte mußte -dem Vater zu Hilfe eilen. Mit bleichem Gesicht beobachtete -Heinrich die Szene.</p> - -<p>»Lotte – Lotte – sag' – sag' Du's ihm – Du's ihm -– ich – ich – ooooh –«</p> - -<p>»Was ist denn – um Gottes willen, was ist denn?«</p> - -<p>Lotte wandte sich zu Heinrich. Mit tonloser, schneller -Stimme sagte sie:</p> - -<p>»Mein Vater hat Ihnen ein Bekenntnis zu machen. -Er hat von vornherein gewußt, daß mein Bruder die Scheuer -angezündet hat, hat es vor der Gerichtsverhandlung gewußt -– er hat falsch geschworen – er wollte den Buchenhof – -daher alles – jetzt wissen Sie's!«</p> - -<p>Sie hielt sich an dem Tisch fest; der Kranke starrte auf -Heinrich, der wie eine Bildsäule dastand.</p> - -<p>»Ich hab' – a Raschdorf reinbringen woll'n – mit -den Aktien – und auch später – und ich hab' falsch geschwor'n.«</p> - -<p>Heinrich setzte sich langsam auf den Stuhl zurück.</p> - -<p>»Nu – nu gehen Sie auf die Polizei – ich – ich – -es ist ja doch aus mit mir! Aus! Eh' sie mich – eh' sie -mich reinbringen in die Stadt, bin ich tot.«</p> - -<p>»Schräger!«</p> - -<p>Eine lange Pause kam. Die drei Personen starrten -sich nur an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_315"></a>[315]</span></p> - -<p>»Und das sagen Sie mir ins Gesicht?«</p> - -<p>»Der – der Tod – Sie wissen nicht – wenn man -sterben soll, nachher wird alles mit einem Male anders – -anders wie sonst –«</p> - -<p>»Und Sie haben wirklich meinen Vater in den Tod -gehetzt? Sie – Sie –«</p> - -<p>»Nein – daß – daß er sich erschießt, das wollt' ich nich -– das wollt' ich nich – bloß – bloß a Hof – a schönen Hof!«</p> - -<p>Heinrich Raschdorf erhob sich. Ein Fluch schwebte auf -seinen Lippen, ein Fluch, der den Mann ins Grab und in -alle Ewigkeit hinein begleiten sollte.</p> - -<p>Da kniete Lotte vor ihm und küßte ihm die herabhängende -Hand mit zuckenden Lippen.</p> - -<p>»Und Du, Lotte, Du hast das auch gewußt?«</p> - -<p>Es lag ein Entsetzen in dieser Frage.</p> - -<p>»Ich weiß es seit der Nacht, da ich fortging.«</p> - -<p>Er starrte sie an. Ein Licht ging ihm auf.</p> - -<p>»Darum?! – Darum gingst Du fort? Nicht wegen -des Bruders? Wegen des Vaters?«</p> - -<p>»Ja!«</p> - -<p>Er nickte langsam mit dem Kopfe.</p> - -<p>»Ja, dann begreif' ich's! Du mußtest gehen! Mußtest! -Es ist klar!«</p> - -<p>Als ob er sich selbst Rechnung legen müßte, sprach er -halblaut vor sich hin, und seine Augen stierten:</p> - -<p>»Meinen Vater ins Gefängnis – dem Zuchthause nahe -– in den Tod, uns alle ins Elend, in Not, Haß, Feindschaft -– ooh – sterben Sie – sterben Sie, wie Sie wollen, -Sie elende Kreatur!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_316"></a>[316]</span></p> - -<p>Lotte sprang auf.</p> - -<p>»Nun bitten wir nicht mehr, Vater! Jetzt nicht mehr! -Jetzt ist's genug! Jetzt haben wir bekannt und gesühnt! -Gehen Sie, Herr Raschdorf!«</p> - -<p>Er starrte sie an.</p> - -<p>»Ja! Gehen Sie, gehen Sie!«</p> - -<p>»Nich gehen – nich gehen – oooh – die Schmerzen -– der Tod – der Raschdorf! – Nich gehen, Heinrich! -Die Angst –«</p> - -<p>Der Kranke stand auf vom Lehnstuhl, wollte auf Heinrich -zu und fiel schwer auf den Fußboden.</p> - -<p>Eine zuckende, stöhnende, sterbende Masse!</p> - -<p>Da kam das Grauen, das stärker ist als alles andere, -und einigte sie. Gemeinsam faßten sie an und hoben den -Kranken in den Lehnstuhl zurück. Dessen Gesicht war blau, -und seine Hände tasteten in die Luft. Und Heinrich Raschdorf, -der so dem Tod ins verzerrte Gesicht sah, faßte eine -maßlose Angst, ein grauenhaft Entsetzen. Es ging ihm wie -so manchem Unglücklichen: Wenn ein schwerer Schreck -die Rinde auf dem vereisten Herzen sprengt, dann springt -wieder stark und klar die heilige Quelle der Barmherzigkeit.</p> - -<p>»Herr Schräger, kommen Sie zu sich – zu sich – -Schräger! Nicht sterben, nicht so!«</p> - -<p>»Vater! O Gott, hörst Du's? Hörst Du's?«</p> - -<p>Er hörte es nicht. Bewußtlos lag er in den Betten. -Die Stenzeln kam. Sie bemühten sich alle um den Kranken. -Keines konnte sprechen, nur Heinrich murmelte unverständliche -Worte. Da – nach einer Viertelstunde kam Schräger -zu sich. Er sah auf Heinrich und stöhnte entsetzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_317"></a>[317]</span></p> - -<p>»Herr Schräger, geben Sie mir die Hand, es ist alles -gut, alles gut!«</p> - -<p>Der sah ihn verständnislos an.</p> - -<p>»Ich hab' mich bloß übereilt, bloß im ersten Schreck -so geredet – ich verzeih' Ihnen ja – Sie können ruhig sein, -ganz ruhig –«</p> - -<p>»Ruhig!«</p> - -<p>Ein stammelndes Lachen kam dem Kranken vom -Munde.</p> - -<p>»Der Mathias – die Lene!« lallte er.</p> - -<p>»Sie werden Ihnen auch verzeihen. Soll ich's ihnen -sagen, ihnen gut zureden? Sollen sie kommen?«</p> - -<p>Der Kranke nickte.</p> - -<p>»Kommen! Bald kommen!«</p> - -<p>Wenige Minuten später war Heinrich im Buchenhofe.</p> - -<p>Die Lene weinte heftig. Dann nahm sie den Brautkranz -vom Kopfe und ging mit Mathias und Heinrich hinüber -in den Kretscham.</p> - -<p>Der Kranke sah die Eintretenden mit großen Augen -an. Er streckte ihnen die Hände hin, die sie stumm ergriffen. -Dann sank er zurück und schloß die Augen.</p> - -<p>Stumm und erschüttert standen alle. Die Uhr zählte -Schlag um Schlag. Sie zählte nicht weit, da war Schräger -hinüber. Lotte kniete bei ihm nieder, und Heinrich trat -zu ihr und legte die Hand auf ihre Schulter.</p> - -<p>Die anderen gingen leise hinaus.</p> - -<p>Und die Uhr zählte – zählte.</p> - -<p>Schwer und heiß lag seine Hand auf ihr.</p> - -<p>Sie erhob sich. Sie drückte dem Vater das eine Auge<span class="pagenum"><a id="Seite_318"></a>[318]</span> -zu und er das andere. Nun lag er mit geschlossenen Augen, -nun sah er nichts mehr.</p> - -<p>Die beiden Lebenden schauten sich an.</p> - -<p>Klein ist die Rache!</p> - -<p>Ja, die Menschenrache ist klein!</p> - -<p>Er führte sie hinaus.</p> - -<p>Draußen auf dem Flur küßte er sie auf die Stirn.</p> - -<p>»Der Kampf ist aus, Lotte! Jetzt muß endlich Friede sein!«</p> - -<p>Drei Tage darauf wurde Julius Schräger begraben. -Neben seinem Sohne fand er die letzte Ruhestätte. Nicht -weit davon weg lag der alte Raschdorf. So waren sie auch -im Tode Nachbarn.</p> - -<p>Beim Begräbnis standen die Buchenhofleute vollzählig -an Schrägers Grabe. Und die Dorfgemeinde sah es und -erkannte darin ein Beispiel, wie Menschen vergeben und -vergessen sollen.</p> - -<p>Auf dem Heimwege ging Heinrich mit Lotte. Oben -am wilden Kirschbaum blieb er stehen.</p> - -<p>»Lotte, nun frag' ich Dich in dieser schweren, ernsten -Stunde das dritte und letzte Mal, ob Du mein sein willst!«</p> - -<p>Sie erschrak und wollte reden.</p> - -<p>»Sprich nicht, Lotte! Was Du dagegen sagen kannst, -gilt nichts – gar nichts mehr! Es ist alles oft gedacht, oft -leidenschaftlich gesagt worden. Ich hab' selber alles gedacht, -alles gesagt. Aber Leben und Tod haben uns alle -widerlegt. Die Väter, die sich gestritten haben, liegen dort -unten; zwischen uns ist nichts, was uns trennt.«</p> - -<p>Der schwarze Schleier flatterte um sie; kalt pfiff der -Wind über die Felder. Vor ihr lag der Weg in die Fremde,<span class="pagenum"><a id="Seite_319"></a>[319]</span> -in eine öde, schwere Zukunft. Und neben ihr ging der, den -sie liebte, und der sie erretten konnte von allem Leid, der -allein sie aus dieser Nacht führen konnte auf die strahlende -Straße des Glückes.</p> - -<p>Da sprach sie leise:</p> - -<p>»Wenn Du mich nach allem noch haben willst – ich -wäre glücklich – ich wär' ja so glücklich!«</p> - -<p>Er sagte nichts, er küßte sie nicht, er faßte sie nur fest -an der Hand und führte sie heim nach dem Buchenhofe.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-323"> - <img src="images/illu-323.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_320"></a>[320]</span></p> - -<h2 class="nobreak hidden" id="Kapitel_21">Kapitel 21</h2> -<div class="ulshapepic" id="illu-324"> -<div class="boxu box324u"> -<img src="images/illu-324.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box324l"></div> -</div> -</div> - -<p class="drop">Das ist Heimat – Heimat ist nicht Raum, -Heimat ist nicht Freundschaft, Heimat ist -nicht Liebe. Was ist Heimat? – Der -Doktor Heinrich Raschdorf sann diesem Gedanken -nach, als er an einem prächtigen Frühherbstnachmittag -viele Jahre später dem Buchenhofe zuschritt.</p> - -<p>Er war ein anderer geworden. Das weiche Gesicht -hatte einen festen, männlichen Ausdruck bekommen. Ein -sonniges Lächeln lag in seinen Augen, wie man es bei jenen -reifen, gefestigten Menschen findet, die sich selbst und das -Leben überwunden haben, das stille Lächeln, das jene haben, -die viel lernten und vor nichts mehr so leicht freudig oder -traurig erschrecken. Ein Stiller, ein Reifer und Kluger war -er geworden.</p> - -<p>Er war heute unten im Dorfe bei einer armen Kranken -gewesen. Wenn er nach Hause kam, wollte er anordnen, -daß ihr einige Nahrungsmittel hinabgesandt würden, das -tat am meisten not. Es ist gut, wenn einer zugleich -Bauer und Arzt ist, da läßt sich manche glückliche Kur -machen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_321"></a>[321]</span></p> - -<p>Heinrich Raschdorf liebte seinen neuen Beruf, er hatte -auch in der Gegend genug Gelegenheit, ihn auszuüben. -Aber es blieb ihm zuweilen auch ein bißchen Muße, Bauer -zu sein wie in alter Zeit.</p> - -<p>Der junge Arzt blieb stehen und sah ins Dorf. Dort -unten hatte er keinen Feind mehr. Lauter Freunde, lauter -Verehrer, alles Leute, die sich freuten, wenn er mit ihnen -sprach. Sogar der junge Riedel grüßte ihn.</p> - -<p>Heinrich war frei von Selbstgefälligkeit, wenn ihm das -Goethesche Wort jetzt einfiel:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Mußt Ruhm gewinnen,</div> - <div class="verse indent0">Werden sich die Leute anders besinnen.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Er freute sich nur des endlichen Sieges nach so langen -Kämpfen.</p> - -<p>Ein Wagen kam einen Feldweg entlang. Hannes saß -darauf und machte ein mißvergnügtes Gesicht. Er hatte -den Kretscham mit den dazu gehörigen Äckern gepachtet, -seit Heinrich auf dem Buchenhofe selbst wieder als Herr -eingezogen war.</p> - -<p>»Nu, Hannes, fährst Du aufs Feld?«</p> - -<p>Der brummte.</p> - -<p>»Gar nich nötig wär's! 's sind Leute genug draußen, -und wenn dann a Haufen Gäste in den Kretscham kommt, -da is der Mathias alleine zum Einschenken. Das is gar -keen richtiger Betrieb.«</p> - -<p>»Ja, warum fährst Du denn aufs Feld, wenn Du im -Kretscham so nötig bist?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_322"></a>[322]</span></p> - -<p>»Warum?! Schlaue Frage! Ich werd' mir immerfort -von meinem Weibe die Gesichter ansehen und das -Gebrumme anhören!«</p> - -<p>»Aha! Deine Frau –«</p> - -<p>Es entstand eine Pause. Heinrich lachte leise vor sich -hin, während Hannes' Miene sich mehr und mehr umdüsterte.</p> - -<p>»Ja, meine Frau! Sie is ja ganz gut und tüchtig, -ja – aber ich och! Und kneipen tu ich doch nich; ich unterhalt' -mich doch bloß mit a Gästen. Na, und das muß -a Gastwirt. Sonst is keen Betrieb. Aber die, immer aufs -Feld, immer aufs Feld jagt sie einen.«</p> - -<p>»Sag' mal, Hannes, Du klagtest doch dieser Tage über -Kopfschmerzen.«</p> - -<p>»Ja, die hab' ich auch noch.«</p> - -<p>»Du, dann tut Dir Bewegung in freier Luft sehr gut.«</p> - -<p>»Jüh!«</p> - -<p>Hannes hieb dem Pferde die Peitsche auf den Rücken -und fuhr rasch davon.</p> - -<p>Der junge Arzt sah ihm lachend nach. Ein guter, lustiger -Kerl war der Hannes immer noch. Aber daß er das Regiment -in seinem Hause führe, konnte nicht gut jemand behaupten. -Und es schadete auch vielleicht nichts. Die Lene -war bei aller Energie in ihren Mann so verliebt, wie nur -je eine Frau. Sie kamen sehr gut fort in ihrer Wirtschaft. -Nicht lange mehr, so würde Hannes den Kretscham kaufen -können. Dann war der Traum des alten Schräger, die -beiden Buchenhöfe zu vereinigen, endgültig zunichte. Über -die Pläne des Menschen, die aufs Geld gegründet sind,<span class="pagenum"><a id="Seite_323"></a>[323]</span> -schreitet die Zeit, die größte Mammonsfeindin, lachend hinweg.</p> - -<p>Eine hohe Gestalt ragte in der Ferne auf. Das war -der Schaffer. Als sein Sohn Hannes die Wirtschaft übernahm, -zog er mit ihm nach dem Kretscham. Aber schon -nach acht Tagen kam er nach dem Buchenhofe zurück. Er -hatte das Heimweh bekommen. Er konnte sich nicht an eine -neue Wohnung, an neue Wirtschaftsräume und am allerwenigsten -an neue Felder gewöhnen. Und wieder tat er -den bedeutsamen Ausspruch: »A alter Kater geht nich weg -vom Hofe« – und blieb Schaffer auf dem Buchenhofe, wo er -sein Leben lang gehaust hatte. Abends nur ging er manchmal -nach dem Kretscham und ließ seinen Sohn »etwas verdienen«.</p> - -<p>Dann sah er mit Stolz, wie Hannes den Wirt spielte -und mehr redete als alle seine Gäste zusammen. Am -allerschönsten war's immer, wenn Hannes von Breslau erzählte, -von der herrlichen Soldatenzeit und von seinen zahlreichen -anderen Besuchen in der Hauptstadt, da Heinrich als -verheirateter Student mit der Lotte dort gewohnt hatte. -Und wenn der Schaffer den Sohn also seine schöne Redegabe -entfalten sah, ging ihm das Herz auf, und er selbst -war ganz schweigsam gegenüber solchen Talenten.</p> - -<p>Der junge Doktor näherte sich den Buchenhöfen. Hannes' -zahlreiche Nachkommenschaft spielte auf der Straße, und auch -sein eigenes, dreijähriges Söhnchen war dabei. Sein Einziger! -Der Knabe lief ihm jauchzend entgegen, und er hob -ihn zärtlich auf den Arm.</p> - -<p>Der alte Mathias guckte durchs Kretschamfenster. Er -war abwechselnd bald hier, bald dort, wo er eben gebraucht<span class="pagenum"><a id="Seite_324"></a>[324]</span> -wurde. Sein Liebling unter allen aber war immer noch der -Heinrich. Alle Jahre vor der Ernte besuchte Mathias einmal -bei den Grauen Schwestern seine Liese, und alle Jahre -zu Weihnachten bekam er einen Brief von ihr. Und ob er -selbst alt wurde, er war hinaus über alle Bitterkeit und zufrieden -mit der Art, in der sich die Schicksale um ihn her -erfüllt hatten.</p> - -<p>Jetzt glänzten seine guten Augen, als er den Heinrich sah.</p> - -<p>»Ich bin wieder amal Vize-Gastwirt,« schmunzelte er.</p> - -<p>»Ja, ich hab's schon gehört, daß Ihr den Hannes rausgegrault -habt.«</p> - -<p>»Das nich! Aber 's is ganz gutt so! Wenn a den -ganzen Tag und a ganzen Abend hier sitzt, red't a sich -kaputt! Lange wird a ja nich draußen sein. Dann komm' -ich zu Euch rüber.«</p> - -<p>»Schön, Mathias. Komme nicht zu spät!«</p> - -<p>Frau Lotte erschien drüben im Buchenhofe in der Haustür, -und Heinrich ging mit dem Knaben hinüber und reichte -seinem strahlenden, jungen Weibe die Hand. Ein Schwarm -Wandervögel zog rauschend über sie hinweg, weit in -die Fremde.</p> - -<p>»Siehst Du die Vögel? Nun wird es bald Winter -werden.«</p> - -<p>»Ich freu' mich auf den Winter,« sagte sie schlicht.</p> - -<p>Sie verstanden sich. Ein freundliches, liebes Haus hat -bunte Zauberfenster. Ewig malt sich durch sie die Welt -draußen goldig und schön, ob der Regen rinnt oder die -Sonne lacht; im Herbst und Winter sieht das Auge nichts -Trübes durch seine magischen Scheiben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_325"></a>[325]</span></p> - -<p>Er zog sie an der Hand heraus in den Hof. Das Wohnhaus -hatte einen neuen Anstrich bekommen, und über der -Tür war eine Tafel in die Wand eingelassen worden, die -noch auf eine Inschrift harrte.</p> - -<p>Heinrich wies auf die Tafel und sagte:</p> - -<p>»Weißt Du, was ich da eingraben lasse?«</p> - -<p>Sie sah ihn fragend an, und er schaute ihr ernst, aber -mit tiefer Liebe in die schönen Augen und sagte langsam -und mit jener leisen Feierlichkeit, mit der man eine schwer -gewonnene Lebensweisheit ausspricht:</p> - -<p class="center"> -»<em class="gesperrt">Heimat ist Friede!</em>« -</p> - -<div class="figcenter" id="illu-329"> - <img src="images/illu-329.jpg" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<div class="quote"> - -<p class="noind"><em class="gesperrt">Der Künstler</em> soll seine Kunst rein -halten wie der Geistliche seine Kirche, -der Lehrer seine Schule, sonst begeht -auch er »ein <em class="gesperrt">Verbrechen im Amt</em>«.</p> - -<p class="center"> -Aus Paul Keller »Hubertus«. -</p></div> -</div> - -<p class="h2">Paul-Keller-Bücher</p> - -<p class="noind"> -<b>In fremden Spiegeln</b> Roman</p> -<p class="noind"> -<b>Hubertus</b> Ein Waldroman</p> -<p class="noind"> -<b>Ferien vom Ich</b> Roman</p> -<p class="noind"> -<b>Das letzte Märchen</b> Ein Idyll</p> -<p class="noind"> -<b>Die alte Krone</b> Roman aus dem Wendenlande</p> -<p class="noind"> -<b>Die Insel der Einsamen</b> Eine romantische Geschichte</p> -<p class="noind"> -<b>Der Sohn der Hagar</b> Roman mit dem Bilde des Verfassers -</p> -<table class="tableft" summary="Romane aus den schlesischen Bergen"> -<tr> - <td><b>Waldwinter</b></td><td class="tdm" rowspan="2"><span class="s150">}</span></td> - <td class="tdm" rowspan="2">Romane aus den schlesischen Bergen</td> -</tr> -<tr> - <td><b>Die Heimat</b></td> -</tr> -</table> -<p class="noind"> -<b>Altenroda</b> Bergstadtgeschichten. 31.–52. Aufl. gebunden</p> -<p class="noind"> -<b>Die fünf Waldstädte</b> Ein Buch für Menschen, die jung sind. -Mit Bildern. Gebunden</p> -<p class="noind"> -<b>Stille Straßen</b> Ein Buch von kleinen Leuten und -großen Dingen. Mit Bildern. -Gebunden</p> -<p class="noind"> -<b>Das Kgl. Seminartheater</b> Ein Stück eigener -Lebensgeschichte -und andere Erzählungen. Gebunden</p> -<p class="noind"> -<b>Von Hause</b> Ein Päckchen Humor aus den Werken von -Paul Keller. -Gebunden -</p> - -<p class="center p2"> -Bisheriger Absatz all. -Paul-Keller-Bücher -<b class="larger">rund zwei Millionen</b> -</p> - -<p class="center larger p2">Bergstadtverlag in Breslau 1.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Nanni Gschaftlhuber</p> -</div> - -<p class="center">Ein Wiener Roman</p> - -<p class="center">von <b>Anna Hilaria von Eckhel</b></p> - -<p class="center">6.–10. Auflage gebunden.</p> - -<p>… <em class="gesperrt">Wer recht von Herzen lachen will -und zugleich innere Erhebung sucht, der -lese diese Nanni Gschaftlhuber.</em></p> - -<p class="right"> -Alice Freiin von Gaudy. -</p> - -<p>… Wer eine so köstliche Figur zu schaffen gewußt -hat, wie diese Nanni Gschaftlhuber, die alles im -Schnellzugstempo erledigt, die das Mundwerk und das -Herz auf dem rechten Fleck hat, die auf dem Sterbebette -die Schrecken des Todes über der Liebe des -Lebens vergißt, wer das Wiener Kleinbürgertum mit -soviel Humor so anschaulich und liebevoll zu schildern -weiß, ohne je trivial zu werden, von dem kann man -noch Schönes erwarten.</p> - -<p class="right"> -»Was man wissen muß.« -</p> - -<p class="h2">Benedikt Patzenberger</p> - -<p class="center">Aus der Komödie seines Lebens -von <b>Roland Betsch</b>.</p> - -<p class="center">6.–10. Auflage gebunden.</p> - -<p>… Der Leser wird den Eindruck eines echten -Kunstwerkes empfangen. Kein Dichter und Phantast -hat je in seinen kühnsten und sternenfernsten Träumen -das Leben übertroffen und die Ereignisse verwickelter -und einfacher gestalten können.</p> - -<p class="right"> -Blätter für Volksbildung, Lesehallen. -</p> - -<p>… Hier ist ein deutsches, ein fröhliches und ein -künstlerisch wertvolles Buch! …</p> - -<p class="right"> -K. von Perfall in der Kölnischen Zeitung -</p> - -<p>… Ein Werk voll des sprühendsten Witzes …</p> - -<p class="right"> -Volkslesehalle, Wien. -</p> - -<p class="h2">Zwischen Wellen u. Steinen</p> - -<p class="center">Novellen von <b>Anna Hilaria von Eckhel</b>.</p> - -<p class="center">1.–6. Auflage gebunden.</p> - -<p>Triest, der Karst und das nahe Küstenland bilden -den Schauplatz von fünf zu einem Ganzen vereinigten -Novellen. Ihnen ist eine kurze poesievolle Widmung -vorangestellt, die mit den Versen beginnt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Zwischen Wellen und Steinen meine Wiege stand,</div> - <div class="verse indent0">Zwischen Wellen und Steinen: mein Kindheitland!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>und mit jeder weiteren Zeile deutlich macht, mit welch -großer Liebe Anna Hilaria an ihrer Heimat hängt. -Ihr sind die Stoffe zu den Erzählungen entlehnt. In -jeder ist ein tiefernstes Problem in herzbewegender -Weise gelöst …</p> - -<p class="right"> -Wiener Zeitung. -</p> - -<p>… Die Handlung ist immer spannend, so -daß sie den Leser zum seelisch bewegten Miterleben -fortreißt …</p> - -<p class="right"> -Bayrischer Kurier. -</p> - -<p class="h2">Die Eine Liebe</p> - -<p class="center">von <b>Annie Herzog</b>.</p> - -<p class="center larger">Geschichten vom Haus am Rhein</p> - -<p class="center">1.–3. Auflage.</p> - -<p>… Schlicht in der Form sind diese Erzählungen, -aber durchglüht vom brausenden Strom des Blutes, -auch die sanfte Heiterkeit fehlt nicht darin …</p> - -<p class="right"> -Hamburger Nachrichten. -</p> - -<p>Eine frische echte Heimatgabe! Frisch in Formen -und Farben! In »Semele« erzählt die Verfasserin in -stiller versonnener Dämmerstunde die keusch selige und -unselige Studentenliebe, die Züricher Universität, das -Restaurant »Rigiblick«, der Zürichberg erhält Leben -und Seele. Plastisch wie aus Marmor und lebenswahr -und -warm ist die Gestalt der Großtante am -Rhein, skizzenhaft umrissen ihr Häuschen; durch sie, -wie durch »Fräulein Doktor«, die »Stille Geschichte« -geht die eine Liebe, die Frauenliebe, die in Sturm und -Stille treu bleibt – zum Tode, nein: über das Grab -hinaus.</p> - -<p class="right"> -Illustr. Schweizer Hausztg. -</p> - -<p class="center larger p2">Bergstadtverlag in Breslau 1</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. -Der Schmutztitel wurde entfernt. -Zur besseren Navigation wurden unsichtbare Kapitelüberschriften -ergänzt.</p> - -<p> -Korrekturen: -</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 65: s eh → seh<br /> -Na, <a href="#corr065">seh</a> och, was a für graue Haare gekriegt hat</p> -</div></div> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEIMAT ***</div> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This Web site includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/64370-h/images/cover.jpg b/old/64370-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 072ff53..0000000 --- a/old/64370-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64370-h/images/illu-005.jpg b/old/64370-h/images/illu-005.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d73731d..0000000 --- a/old/64370-h/images/illu-005.jpg +++ 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