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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Die Heimat - Roman aus den schlesischen Bergen - -Author: Paul Keller - -Illustrator: Felix Schumacher - -Release Date: January 22, 2021 [eBook #64370] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEIMAT *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Die Heimat - - Roman aus den schlesischen Bergen - - von - - Paul Keller - - Mit Buchschmuck von Felix Schumacher - - 122. bis 136. Auflage. - - [Illustration] - - Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn - - _Breslau_ und _Leipzig_ - - - - - Alle Rechte, - insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. - ~Copyright 1915 by~ - Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau. - - -Druck von Wilh. Gottl. Korn in Breslau. - - - - -[Illustration: Kapitel 1] - - -Im Buchenhofe war ein Hühnchen ermordet worden. Der Verdacht lenkte -sich auf Waldmann, den Dachshund, der nach der Tat flüchtig geworden -war. Es war auch dem Schaffersohne Hannes, der sich sofort aufgemacht -hatte, die Spuren des Mörders zu verfolgen, nicht gelungen, des -Attentäters habhaft zu werden. - -»Der Gauner is ausgerückt,« meldete er niedergeschlagen dem Sohne -seines Herrn, dem vierzehnjährigen Heinrich Raschdorf, der zu den -Ferien daheim war. »Ich sag' Dir, a muß in a Fuchsloch gekrochen sein, -sonst hätt' ich 'n erwischt. Ich hab' gesucht wie verrückt!« - -»Wenn er Hunger haben wird, kommt er von selber nach Hause,« sagte voll -Überlegung Heinrich, der Quartaner. - -»Ja, und weißte was? Dann machen wir 'n Heidenulk! Wir machen Gericht! -Du bist der Richter, und ich bin der Poliziste, und Du verurteilst a -Dackel, daß ihm der Poliziste fünfe aufs Leder haut, und daß a ihn mit -der Schnauze a paarmal aufs tote Hühndel stampt, und daß a ihn 'ne -Stunde in a Kohlschuppen sperrt. Gelt, Heinrich, das machste?« - -»Ich werd' mir's überlegen,« antwortete in vornehmer Ruhe der Quartaner. - -Diese Zurückhaltung schien dem lebhaften Bauernburschen nicht zu -gefallen. Er sann über etwas anderes nach. Nicht lange, so hatte er's. - -»Ja, und weißte was, Heinrich? Das Hühndel werden wir begraben. So 'n -Begräbnis macht auch 'n riesigen Spaß! Du machst a Pfarrer --« - -»Das ist mir schon zu kindisch, das hab' ich früher gemacht,« erwiderte -Heinrich. - -»Na, hör' mal, wenn Du auch Quartaner bist, kannste doch noch 'n -Pfarrer machen. Siehste, ich bin der Totengräber. Wir machen 'n -Leichenzug, und ich setz' mir Vaters Zylinder auf und geh' so wackelig -vorm Zug her, gerade wie der alte Lempert. Was Ulkigeres wie 'n -Totengräber gibt's nich. Na, und die Mädel sind doch och dabei, die -Lene und die Lotte und die Liese. Die müssen flennen. Und wenn Du die -Rede hältst, müssen sie immer mehr flennen, und nachher lassen wir das -Hühndel ins Grab und die Mädel singen: »In der Blüte deiner Jahre«. Na, -wenn das nischt is! --« - -Der Quartaner überlegte. Die Beredsamkeit seines ländlichen Freundes -beeinflußte ihn. Skrupel hatte er ja freilich. Seine »Kollegen« in der -Quarta würden so etwas »einfach dämlich« gefunden haben. Also sagte er -langsam und bedächtig: - -»Eigentlich ist es kindisch! Aber Dir zu Gefallen können wir's ja noch -einmal machen. Doch es ist das letzte Mal, Hannes, das sag' ich Dir. -Und Vater und Mutter dürfen nichts wissen.« - -»Die wissen so wie so nischt,« sagte Hannes. »Der »Herr« sitzt drüben -beim Schräger, und die »Frau« hat 'n Kopfkrampf und liegt im Bette. -Besser kann sich's nich treffen.« - -»Na, denn meinetwegen, Hannes!« - -Hannes war von diesem Zugeständnis freudig berührt. Er hob einen -dürren Stecken aus dem Garten auf, rannte ans Fenster des stattlichen -Bauernhauses und klopfte dreimal feierlich an. - -Der Kopf eines dunkeläugigen, bildhübschen Mädchens von etwa zwölf -Jahren wurde sichtbar. - -»Was is 'n los?« - -Hannes senkte geheimnisvoll das Haupt und sagte mit der düsteren Stimme -eines »Grabebitters«: - -»Der Herr Raschdorf läßt schön grüßen, und a läßt bitten, daß die -Jungfer Magdalene so freundlich sein täte und 'm toten Hühndel 's -letzte Ehrengeleite geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!« - -»Macht Ihr wirklich Begräbnis?« fragte sie, nicht ohne Begeisterung. - -»Natürlich, Lene,« antwortete der Leichenbitter und fiel aus der Rolle. -»Es wird riesig ulkig. Heinrich is Pfarrer und ich Totengräber, und du -mußt das Hühndel in a Sarg legen. Auf 'm Kleiderschranke sind ja die -Zigarrenkisten; da nimmste eine, und da haste die Leiche!« - -Damit warf er dem Mädchen das tote Hühnchen, das er bisher in der -Hand getragen hatte, aufs Fensterbrett, schlug sich selber mit dem -»Grabebitterstöckel« ein paarmal auf die Waden und rannte davon. - -Der »Buchenkretscham« war vom »Buchenhofe«, auf dem Heinrich und -Magdalene die Kinder der Herrschaft waren, Hannes aber als Sohn des -»Schaffers« lebte, nur durch die Straße getrennt, die von der Stadt -her nach dem schlesischen Gebirgsdorfe führte. Früher waren beide Höfe -zu einer großen »Herrschaft« vereinigt gewesen. Der letzte Besitzer -war bankerott geworden, das Gut wurde dismembriert, einzelne Teile des -Ackers wurden an Bauern des Dorfes verkauft; aus dem Rest der Felder -und den Gebäuden aber entstanden zwei neue Besitztümer, immer noch -sehr stattlichen Umfanges: der Buchenhof Hermann Raschdorfs und der -Buchenkretscham des Julius Schräger. - -Vor dem Kretscham machte Hannes vorsichtig Halt. Er schlich an ein -Fenster der Gaststube und lugte vorsichtig durch die Scheiben. Die -Ausschau befriedigte ihn. Sein »Herr« und Schräger, der Gastwirt, -saßen beisammen und sprachen eifrig miteinander. Diese beiden würden -voraussichtlich die Trauerfeierlichkeit nicht stören. Also begab -sich Hannes Reichel nach dem Hausflur. Er hatte Glück und traf die -Schräger-Lotte, die er suchte. - -Das etwas blasse Kind erschrak ein wenig, als es Hannes dreimal mit -seinem Stecken auf den Arm klopfte und sagte: - -»Der Herr Raschdorf läßt schön grüßen, und ob die Jungfer Lotte -vielleichte so freundlich sein täte und 'm toten Hühndel 's letzte -Ehrengeleite geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!« - -»Was? Der Herr Raschdorf sitzt ja drin in unserer Stube. Und warum -hauste mich denn so auf den Arm?« - -Der Grabebitter fiel abermals aus der Rolle. - -»Tumme Gans, der Herr Raschdorf is der Heinrich, und wenn Du nich in -'ner halben Stunde drüben bist und mitmachst, da -- da sollst Du mal -sehen!« - -Das Mädchen wollte noch etwas fragen, aber Hannes »schmitzte« bereits -seine Waden und »sockte« ab. - -»Mit der Lotte is nischt los,« sagte er zu sich selbst. »Sie is 'ne -Tunte! Aber die Lene, die Lene!« - -Und das Bürschlein blieb einen Moment stehen und verdrehte verliebt die -Augen. Dann setzte es sich schnell wieder in Bewegung. - -Im grellhellen Licht des Julitags lag das Dorf langgestreckt drunten -im Tal. Die Nordseite war durch einen waldigen Hügelzug abgeschlossen, -an dessen Abhang, etwas abgesondert vom Dorfe, die Buchenhöfe lagen. -Drüben die südliche Einrandung der Talmulde war viel niedriger, -ganz mit gelben Saaten bestanden, über denen schwer und schwül die -Sommersonne lag. Und all die vollen Ähren standen wie im heißen Fieber, -in einem Fieber, welches das Leben zur Gluthitze bringt und doch die -besten Säfte und Kräfte verkalkt, verzuckert und vermehlt, so daß nach -dem heißen Rausch das Sterben kommt. - -Hannes rannte hinab ins Dorf. An ein paar Bauernhöfen lief er vorbei, -dann kam eine grüne Aue, auf der ein kleines, nettes Haus stand. - -Hannes reckte sich und klopfte mit seinem Stecken ans Fenster. Ein -schmächtiges, blasses Mädel erschien. - -»Der Herr Heinrich Raschdorf läßt schön grüßen, und ob die Jungfer -Liese nicht so freundlich sein wollen mögen täte, 'm toten Hühndel 's -letzte Ehrengeleite zu geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!« - -»Wenn is es denn? Wenn is es denn?« fragte das Kind mit vielem -Interesse. »Macht der Heinrich a Pfarrer?« - -»Natürlich, Liese, macht a 'n Pfarrer.« - -»Gelt, Du, Hannes, der is aber gar nich 'n bissel stolz geworden, und a -is doch schon Quartaner, hat doch jetzt immer Gamaschen an,« sagte das -Mädchen bewundernd. - -»Nu eben,« pflichtete Hannes bei. »Komm och balde nach, Liese; 's geht -gleich los! Ich muß bloß schnell 's Grab graben und 'n Zylinder suchen. -Wenn kommt 'n Dein Vater heim?« - -»Nu, a kommt balde! Ich müßte eigentlich --« - -»Gar nischt mußte! Bloß kommen! Kannste »In der Blüte deiner Jahre« -auswendig, Liese?« - -»Bloß drei Verse.« - -»Das langt! Bloß balde kommen! In einer reichlichen halben Stunde geht -der Rummel los. -- Nanu, wer is 'n das?« - -Zehn Meter von Hannes entfernt lag auf der Aue Waldmann, der Dackel. Er -lag mit der Schnauze auf der Erde, so daß seine langen Ohren den Boden -berührten, und schielte mit höchst durchtriebenem Gesicht den Hannes an. - -»A is schon a paar Stunden hier,« berichtete Liese. »Ich hab' ihm -Milchsuppe gegeben.« - -»Machste recht, Liese! So ein'm Lump, der 's Hühndel totgebissen hat, -Milchsuppe!« - -»Ja, das wußt' ich doch nicht, Hannes. Und ich denke, Du bist froh, daß -wir Begräbnis machen können.« - -»Natürlich, Liese, bin ich froh. Wenn der Dackel 's Hühndel nicht -erbissen hätte, wär's sehr schade; aber weil a 's erbissen hat, kriegt -a Hiebe. Das is nich mehr wie recht und billig. -- -- Dackel, nu -Dackerle, nu Waldmänndel, nu komm doch; siehste nich, daß ich Zucker -hab'? Zucker, Waldmänndel! Na, da komm her, Dackel!« - -Der Junge näherte sich Schritt für Schritt dem Hunde. Der lag lauernd -auf der Erde und schnitt ein über die Maßen schlaues Gesicht. Er lachte -geradezu. Und als der Hannes auf drei Schritte herangekommen war, -sprang der Dackel auf und lief davon, daß der Boden hinter ihm aufflog. -In dreißig Meter Entfernung legte et sich wieder nieder und grinste -seinen Verfolger mit überlegener Schadenfreude an. Der verbiß seinen -Ärger und beschloß zunächst, seinen Stecken wegzuwerfen und beide Hände -in die Taschen zu stecken, damit ersichtlich sei, daß er gar nichts -Übles im Sinne führe. Dabei verdoppelte er die Kosenamen und führte -alle Schätze der heimischen Speisekammer namentlich auf. Doch als er -sich dem Verfolgten wieder auf drei Schritte genähert hatte, brachte -dieser sein Leibliches abermals durch eine fabelhaft beschleunigte -Flucht in Sicherheit. - -Ein paar Knaben schlenderten müßig die Dorfstraße herab. Als Hannes -sie gewahrte, gab er die Verfolgung des Hundes auf und wandte sich den -Jungen zu in der Absicht, neue Teilnehmer an dem Begräbnis zu werben. -Seine ganze blühende Redekunst wandte er zu diesem Zweck auf. Ohne -Erfolg! - -»Mit 'm Heinrich Raschdorf spiel' ich nich,« sagte Ernst Riedel, »der -is a stolzer Affe!« - -»Ich geb' mich auch nich mit 'm ab,« sagte ein zweiter. - -»Und ich tät' überhaupt von mein'm Vater Wichse kriegen, wenn ich uff a -Buchenhof ging,« sagte der dritte. - -Hannes war wütend. - -»Das werd' ich 'm Herrn Lehrer sagen, der is Heinrichs Großvater,« -sagte er, nachdem er sich kurz die Unmöglichkeit zu Gemüte geführt -hatte, selbst die drei starken Bengel durchzuprügeln. - -»Wenn a mir was tut,« sagte Ernst Riedel, »geht mein Vater zum -Schulinspektor.« - -»Und meiner och!« - -Sie gingen. Hannes schaute ihnen eine Weile nach. Dann spuckte er aus -und schrie ihnen nach: »Ochsen, Ochsen, Dorfochsen!« - - * * * * * - -In der Gaststube des Buchenkretschams war es ganz still. Nur zwei -Männer saßen drin: Hermann Raschdorf, der Buchenbauer, und Julius -Schräger, der Wirt. Man hörte, wie am Leimstengel auf dem Fensterbrett -die gefangenen Fliegen zitterten. Die Sonne aber, die bei aller vielen -Arbeit immer noch Zeit findet, ein wenig Spaß zu treiben, wie alle -großen Leute, gestattete sich ein wunderliches Spiel. Sie beleuchtete -die großen Schnapsflaschen, die im Schanksims standen, und entlockte -ihnen wunderbare Lichter; und wer da genau hinsah auf die flimmernden -Flaschenleiber, konnte denken, er sähe lauter große Edelsteine. Da -war der Benediktiner, dunkel wie ein Orthoklas, und daneben glänzte -die Kirschflasche wie ein riesiger Rubin; der grüne Magenbitter kam -sich sicherlich selber vor wie ein märchenhafter Smaragd, und der -Eierkognak war so milchig hell und hatte so sanfte Mondscheinreflexe -wie ein echter Opal. Der Branntwein aber, von echtem »Wasser und -Feuer«, hielt sich ohne übermäßige Bescheidenheit für einen Diamanten. -Schade, daß so viele Menschen nicht darauf achten, wenn die Sonne -einmal witzig ist. Auch die beiden Männer nicht. - -»Die Hauptsache is, Hermann, daß Du mir keine Schuld gibst,« sagte der -Wirt. - -»Aber Du hast mir doch am meisten zugeredet, daß ich die verfluchten -Aktien gekauft hab'!« entgegnete der Buchenbauer. - -»Zugeredet, was heißt zugeredet? Hätt' ich Dir zugeredet, wenn ich nich -gedacht hätte, die Sache wär' gut, was? Hätt' ich das? Was? Selber -hätt' ich welche gekauft, wenn ich damals Geld liegen gehabt hätte.« - -»Und ich? Hatt' ich welches liegen? Hatt' ich's? Hab' ich nich 'ne neue -Hypothek aufgenommen? Fünftausend Taler, Mensch! Fünftausend Taler! Was -das heißen will bei mir!« - -Der Gastwirt sprang ärgerlich auf, steckte die Hände in die -Hosentaschen und trat ans Fenster. - -»So is 's! Wenn die Leute Pech haben, schieben sie's immer auf andere.« - -Er drehte sich rasch wieder um. - -»Nu, Mensch, siehste das nich ein, daß ich's bloß gut gemeint hab'? -Daß ich bloß Dein Bestes wollte? Was?! Wenn die Sache richtig gegangen -wär' --« - -»Wenn! Man soll sich mit solchen Lausekerlen nicht einlassen. Herrgott, -wenn wirklich, Schräger -- -- es is ja -- es is ja gar nich zum -Ausdenken --« - -Der kleine, dicke Gastwirt legte dem großen, stattlichen Bauern -beschwichtigend die Hand auf die Schulter. - -»Hermann! Was nutz't n das alles! Abwarten! ruhig abwarten!« - -»Abwarten! Du hast gut reden. Abwarten! Ich -- ich -- mir wird die Zeit -zur Ewigkeit; drüben liegt mein Weib krank, sie weiß nichts von all -dem, die Zinsen bin ich noch schuldig von Johanni, -- ich -- ich --« - -»Weißte, Hermann, trink'n wir 'n Kirsch!« - -»Ich mag nich, ich will nich, ich hab' schon genug!« - -»Trink'n wir halt 'n Kirsch! Das wirste mir doch nich abschlagen, -Hermann!« - -Der Wirt ging nach dem Schanksims, und der Rubin tauchte unter. - -»Na also!« sagte Schräger, indem er langsam mit den gefüllten Gläsern -zurückkam. »Nur nich 'n Kopp verlieren! Wird ja noch alles werden. So, -da! Na, trink mal, Hermann! Auf Dein Wohl!« - -Da tönten Schritte draußen im Hausflur. - -»Der Briefträger,« keuchte Raschdorf und stieß das gefüllte Glas um. Er -stand auf und stützte sich schwer auf den Tisch. Ein Landbriefträger -trat über die Schwelle, erhitzt und bestaubt. - -»Guten Tag!« sagte er; »'n Korn und a Glas Einfach --« - -»Is was an mich?« fragte Raschdorf schwer beklommen. Auch der Wirt -blickte aufs höchste gespannt nach der schwarzen Ledertasche. »Jawohl, -Herr Raschdorf, da ist ein Brief!« - -»Vom Rechtsanwalt,« sagte Raschdorf leise und langte über den Tisch. - -»Komm mit ins Stübel, Hermann!« riet der Wirt. - -Die beiden Männer gingen ins Wohnzimmer des Wirtes. Mit zitternden -Fingern löste Hermann Raschdorf den Umschlag des Briefes. - -»Setz' Dich, Hermann, setz' Dich!« Der Wirt zwang ihn aufs Sofa. - -Und Raschdorf las. Da wurde das Gesicht blaß, die Mundwinkel verzogen -sich, der Unterkiefer zitterte, und auf der Stirn brannte ein roter -Fleck wie eine Wunde. - -»Verflucht! Oh -- oh -- verflucht!« - -Das Papier entsank dem starken Mann, und er selbst fiel mit dem Gesicht -auf das Sofa und krallte seine Finger in die Polster. - -»Was is denn, Hermann, um Gottes willen, was is denn?« - -Keine Antwort. Der hünenhafte Körper nur zuckte krampfhaft auf und -nieder, die Hände fuhren wie irre hin und her, und der Kopf bohrte sich -in den Sofasitz. - -Der Wirt bückte sich, hob den Brief auf und las. - -Eine lange Pause entstand. - -»Fünfzehn Prozent, nur fünfzehn Prozent!« - -Schräger setzte sich auf einen Stuhl. Schweigend betrachtete er den -Unglücklichen, der in dumpfes Schluchzen ausbrach. In den grauen Augen -des Wirtes zuckte es sonderbar. Ein Weilchen blieb er so ganz still, -dann schlich er auf den Zehen hinaus und verkaufte drüben dem wartenden -Briefträger um zehn Pfennig Schnaps und Bier. - -»Sagen Sie einstweilen von dem Briefe nichts im Dorfe,« sagte er zu -dem Briefträger und kassierte die zehn Pfennig Zeche ein. Dann ging -er zurück nach der Wohnstube. Behutsam öffnete er die Tür. Raschdorf -lehnte auf dem Sofa, die Füße weit von sich gestreckt. - -»Hermann!« - -»Na, was sagste? Haste gelesen? Fünfzehn Prozent! Was? Das macht sich! -Diese Schweinebande!« - -»Aber 's muß doch 'n Gesetz geben, Hermann!« - -»Gesetz geben! Schafkopp! Gesetz! Wenn Du 'n Hund ohne Maulkorb -rumlaufen läßt, oder wenn Du die Wagentafel zu Hause vergessen hast, -da gibt's 'n Gesetz, da werden sie Dich schon fassen; aber wenn kleine -Leute von Spekulanten um ihr Geld begaunert werden, um Tausende, um -viele Tausende, um alles -- da gibt's kein Gesetz, da kräht kein Hahn -darüber, da kümmert sich kein Teufel drum -- Schweinebande!« - -Schräger trat nahe an den Sofatisch. - -»Es ist schrecklich, Hermann! Und das Schlimmste: nu werd' ich die -Schuld kriegen.« - -Raschdorf blickte auf. - -»Die Schuld kriegen! Du? Hä! Natürlich bist Du schuld!« - -»Hermann, das verbitt' ich --« - -»Ach, halt's Maul! Was hat's denn für 'n Zweck, wenn ich Dir die Schuld -geb'? Krieg' ich mein Geld wieder? Was? Nee! Hin is hin! Aber daß Du -mir zugeraten hast, daß Du mir in a Ohren gelegen hast Tag und Nacht, -das steht auf ein'm andern Brette, Schräger!« - -»Na, is gut, Hermann! Gut is! Ich werd' Dir ja nich mehr raten! Ich -sag' ja kein Sterbenswort mehr, und wenn Du --« - -»Und wenn ich gleich pleite geh'! Weiß ich, Schräger, weiß ich! Is auch -ganz gut so.« - -»Na, das is ja richtig! Das habe ich mir ja gerade um Dich verdient!« - -Schräger trat ans Fenster und blickte hinaus auf die staubige Straße. -Raschdorf erhob sich und dehnte die Arme. - -»So! Nu werd' ich's meinem kranken Weibe sagen, und nachher könn'n wir -ja die Klappe zumachen und fechten gehn.« - -Schräger drehte sich langsam um. - -»Hermann,« sagte er, und seine Stimme klang warm, »Hermann, wenn Du 'n -Freund brauchst!« - -Raschdorf sah ihn mit herbem Lächeln an. - -»Wenn ich 'n Freund brauch', komm ich zu Dir. Verlaß Dich darauf, -Schräger!« - -Sie sahen sich einige Sekunden in die Augen. - -»Adieu, Schräger!« -- -- - -Über die Straße ging Raschdorf und über seinen Hof. Er sah und hörte -nicht. Als er in den Hausflur kam, blieb er stehen, als ob er Mut -fassen müsse. Von oben herab klang ein hohles Husten. Da raffte sich -der Mann auf. Langsam stieg er die Treppe hinauf und öffnete eine Tür. -»Wie geht Dir's, Anna?« - -Die sanfte, zarte Frau, die im Bette lag, sah ihn erstaunt an und -fragte furchtsam: - -»Was ist Dir, Hermann?« - -»Mir? -- Was soll mir sein?« - -Die Kranke richtete sich auf. - -»Hermann, es ist was passiert! Dir ist was; Hermann, was ist Dir?« - -Er sank auf den Stuhl neben ihrem Bette und lehnte den Kopf an das -kühle Kissen. Und wie sich ein Schuldbekenntnis von Männerlippen immer -schwer und schmerzhaft losringt, so auch jetzt. - -»Anna, ich -- hab' spekuliert, -- und ich hab' verloren.« - -Eine heiße Röte zog über das weiße Frauengesicht. Sie sagte nicht -gleich etwas, aber dann fragte sie: - -»Ist es viel, Hermann?« - -»Viel, Anna! Sehr viel! Über -- über viertausend Taler.« - -Die Kranke sank in die Kissen zurück und legte den rechten Arm über -die Stirn und die Augen. Und der Mann saß in finsterem Schweigen an -ihrem Bette. Kein Laut. Nur die Frau hustete ein paarmal. Und die Sonne -schien schwül in die Stube. - -Da klang ein seltsam Tönen in diese Todestraurigkeit. Vom Garten unten -drang schwaches Kindersingen: »In der Blüte deiner Jahre«. - -Müde erhob sich Raschdorf. Er hatte nicht den Mut, seiner blassen Frau -in die Augen zu sehen. So trat er sachte ans Fenster und lehnte sich -gegen die Mauer. - -Ein wunderliches Bild bot sich ihm unten im Garten. Er sah nicht alles, -nicht den Hannes, der possenhaft aufgeputzt da unten stand, nicht die -fremden Kinder; er sah ein totes Hühnchen, das mit Myrtenzweigen und -blauen Bändern geschmückt über einer Grube stand, er sah sein schönes -Kind, die Magdalene, und er sah seinen einzigen Sohn, der wie ein -Geistlicher angezogen unten stand und vernehmlich sagte: »~Vita brevis! -Vita difficilis!~« - -»Das Leben ist kurz! Das Leben ist schwer!« - -Das Wort traf den Mann ins Herz. Er ging zurück zum Bette der kranken -Frau und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. -- - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 2] - - -Drüben im Buchenkretscham durchmaß der Wirt die einsame Gaststube. Er -war wohl in schwerer Erregung. An allen Tischen blieb er stehen und -trommelte mit den dicken, kurzen Fingern darauf. Immer lockte es ihn -ans Fenster, und er hatte doch nicht den Mut, ganz nahe hinzutreten. -Die Augen aber richteten sich immer aufs neue nach dem Buchenhofe. So -vertieft war er in seine Gedanken und in das Anschauen des stattlichen -Gehöftes, daß er nicht einmal bemerkte, wie sich die Tür öffnete und -ein Mann erschien, der ihn sekundenlang beobachtete. - -»Eine wunderschöne Besitzung, der Buchenhof, was, Schräger?« - -»Ah -- ah -- ja -- ja -- natürlich -- natürlich; ach, Du bist's, -Berger, Du hast mich ja --« - -»So erschreckt, gelt ja? Hähä! Is kaum zu glauben, daß 'n Gastwirt -erschrickt, wenn a Gast kommt.« - -»Ich -- ich dachte gerade nur --« - -»Du dachtest gerade nur darüber nach, was doch der Buchenhof für 'ne -riesig hübsche Wirtschaft wär', und da kam ich dummerweise und störte -Dich in Deiner Andacht.« - -»Bist doch halt a gespaßiger Mensch, Berger. Immer weißte 'n Witz. Was -kann ich Dir denn einschenken?« - -»Gar nischt! Ich will Dich bloß was fragen, Schräger. -- -- Weiß er's -schon?« Und er zeigte mit dem Daumen nach dem Buchenhofe. - -»Was -- was soll er denn wissen?« - -»Von der Pleite und den 15 Prozent!« - -»Berger, woher weißt denn Du das schon wieder? Das is ja gar nicht -möglich!« - -Der andere lachte. - -»Ja, weißte, wenn man Lumpenmann is wie ich und so mit einer -Kurier-Hunde-Post im ganzen Lande rumfuhrwerkt, da hört man vieles. Was -a richtiger Lumpenmann is, der weiß alles.« - -Der Wirt sah Berger mit unruhig flackernden Augen an. - -»Na, meinetwegen! A weiß schon. A hat halt Pech! Mich geht's ja nischt -an, Berger. Was?« - -»Nu je! O ja! Doch, doch!« - -Der Lumpenmann lachte bei dieser Rede. Schräger fuhr auf. - -»Mich soll's angehen? Mich? Was denn? Was denn zum Beispiel? Möcht' ich -wissen. Was denn, Berger?« - -Der lehnte sich gegen das Schenksims, kniff seine Äuglein ein wenig -zusammen und sagte ganz ruhig: »Ich werd' Dir mal was sagen, Schräger. -Siehste, es könnte einer auf den Gedanken kommen, es wär' eigentlich -ganz hübsch, wenn die beiden Buchenhöfe wieder zusammenkämen. -- Laß -mich reden, Schräger, reg' Dich nich uff! Also, wenn alles wieder eine -Herrschaft wär'! Das könnte schon einer denken. Nich? Na, aber 's wär' -'n sehr dummer Gedanke, Schräger, denn die Raschdorfs gehen da drüben -nich raus!« - -»Ich weiß nich, was Du hast, Berger. Ich denk' doch im Traume nich an -so was. Der Raschdorf is mein Freund.« - -»Is Dein Freund, Schräger. Das ist hübsch von Dir! Und weil Du nu -Deinen Freund mit den Aktien so in die Tinte geritten hast --« - -»Berger, das laß ich mir nich gefallen!« - -»Weil Du ihn so in die Tinte reingeritten hast, sag' ich, wirste ihn -wohl jetzt wieder rausreiten müssen.« - -»Das is 'ne Frechheit von Dir, Berger! Wie kommste denn dazu? Das geht -Dich doch gar nischt an!« - -»Geht mich gar nischt an, Schräger, da haste recht! Aber gerade das, -was mich nischt angeht, um das kümmer' ich mich. Schräger, ich will -Dir mal in aller Gemütlichkeit was sagen: Wenn Du etwa am Raschdorf -schuftig handelst, da mach' ich Dich schlecht im ganzen Vaterlande und -im ganzen Waldenburger Kreise. Verstehste? Ich verkauf' Dich als Lumpen -in jedem Hause.« - -»Nu is aber genug, Berger! Das sagste mir in meinem Hause? Ich verklag' -Dich, und wenn Du noch 'n einziges Wort sagst, da --« - -»Da schmeißte mich raus. Machste recht, Schräger, tät' ich auch machen! -Aber ich geh' schon alleine. Meine Meinung weißte! Leb' gesund, -Schräger!« - -Berger hörte noch, daß ihm der Wirt etwas nachzischelte, aber er -kümmerte sich nicht darum. Aus der sauersüß riechenden Wirtsstube trat -er wieder hinaus auf die sonnenbeglänzte, freie Straße. Ein kleiner -Planwagen stand da, vor den ein großer, schwarz- und weißhaariger -Hund gespannt war. Der schielte seinen Herrn mit einem verliebten -Seitenblick an und klopfte in drei gleichmäßigen Zwischenräumen mit -seinem mächtigen Schweife an die Wagendeichsel. Der Lumpenmann stutzte -und betrachtete aufmerksam sein Gefährt, in dem sich leise etwas regte. - -»Haste etwa a Raschdorf Heinrich gesehen, Pluto?« - -Der Hund bellte freudig. - -»Oder vielleichte gar a Schaffer-Hannes?« - -Der Hund bellte noch lauter. - -»Haste sie wirklich gesehen, Pluto? Möcht' ich wissen, wo sie stecken.« - -Der Hund bellte wie toll und zerrte und riß an seinem Geschirr. Der -Lumpenmann bückte sich und machte ihn frei. - -»Na, da such', Pluto, da such'!« - -Ein Satz, und der mächtige Hund war unter der Plane verschwunden. Ein -Zeter- und Mordgeschrei erhob sich in dem kleinen Wagen, dazwischen -tönte ein ganz rasendes Hundegebell. Der Lumpenmann stand da und -lachte, und die Tränen liefen ihm über das runzelige, bestaubte Gesicht. - -Ein paar Gamaschen wurden auf der Deichsel sichtbar, in denen steckten -zwei Quartanerfüße, und nach und nach kam der ganze junge Akademiker -zum Vorschein. Unterdessen war ein wüstes Gebrülle und Gebelle im Wagen. - -»Du bist verrückt, Pluto! Mein Gesicht, au, mein Gesicht!« - -Der kleine Wagen wankte und bebte von dem gewaltigen Kampfe, der -sich in ihm abspielte, und dann wurde in seiner dunklen Öffnung ein -animalischer Knäuel sichtbar, und rechts von der Deichsel fiel ein Hund -auf die Straße, und links von der Deichsel ein Junge. - -Hannes erhob sich mit zerkratztem Gesicht. - -»Wir kommen vom Begräbnis,« sagte er kläglich und betrachtete -zerknirscht den demolierten Paradehut seines Vaters. »Da macht man sich -'n kleinen Spaß und kriecht mal in den Lumpenwagen, und gleich hetzt a -mit Hunden. Was bloß mein Vater zu seinem Zylinder sagen wird! Pfui, -Mathias, das werd' ich mir merken! Das is ruppig von Ihn'n.« - -Der Lumpenmann lachte, daß er sich schüttelte. - -»Ihr Halunken! Gelt, das wär' a Spaß gewesen, wenn Euch der Mathias -Berger ins Dorf gezogen hätte! Na, heul' nich etwa, Hannes! Sagen wird -Dein Vater zum kaputen Zylinder nischt; a sagt ja nie was; höchstens -durchhauen wird a Dich.« - -In diesen Worten vermochte Hannes einen erheblichen Trost nicht zu -erblicken, und so versprach ihm Mathias Berger einen neuen Zylinderhut. -Er habe zwei Stück. Einer rühre von seiner Hochzeit her, den anderen -habe er geerbt. Der Hannes solle sich den schönsten gleich abholen, -ehe der Vater vom Felde heimkehre und gewahr werde, was mit seiner -»Trauertonne« passiert sei. - -Da war die Not des Buben behoben. Und nachdem Hannes durch einige -kritische Fragen, die das Erbstück betrafen, die tröstliche Zusicherung -erhalten hatte, daß die beiden Hüte Bergers wirklich Prachtexemplare -ihrer Art seien, spannte er sich selbst neben den von ihm sonst -heißgeliebten Pluto und zog mit ihm das Wägelchen die Straße hinab dem -Dorfe zu. - -Mathias Berger und Heinrich Raschdorf folgten in einiger Entfernung. Es -war Abend geworden. Einzelne Schnitter kamen heim vom Felde. Irgendwo -draußen waren die ersten Halme gefallen. Wie die Leute am Anfang der -Ernte so stolz daherschreiten! In ihren Muskeln ist aufgespeicherte -Kraft, und die frohe Gewißheit wohnt in ihren Herzen, daß ihr Körper -kräftig und tüchtig ist. Diese gesunden Menschen sind vielleicht -die glücklichsten Leute der Erde. Sicher aber die leidlosesten, die -ruhigsten, die ungeängstigtsten. Was ihnen fehlt, wissen sie nicht, -und was sie haben, steht über aller Wertung nach Geld. Die anderen -haben viel, was Plunder ist, und das Schlimmere ist: sie wissen, was -ihnen fehlt, und grübeln darüber nach und sehnen sich müde. Es ist kein -Wunder, daß ein verschlossener, wortkarger Stolz in den Bauern wohnt. -Lächelt der Städter über den Landmann, wenn er ihn unbeholfen über -seine Straßen troddeln sieht, der Bauer lacht unendlich verächtlicher -über den Städter, wenn der neben seinen Erdfurchen und strotzenden -Saaten so vorsichtig und blaß und müde daherwandelt. - -Mathias Berger sah seinen jungen Begleiter an, der einen grauen Anzug -mit kurzen Hosen, einen weißen Strohhut und Gamaschen trug. »Eigentlich -siehst Du Dich komisch an hier auf der Dorfstraße,« sagte er. - -»Ja, Mathias, wissen Sie, und ich wär' auch viel lieber wieder zu -Hause.« - -»Gefällt Dir's nicht auf der Schule in Breslau?« - -»O ja, wenn man der Siebente ist von achtunddreißig, das ist schon -ganz anständig. Im Französischen hab' ich bloß »genügend«, sonst steh' -ich ganz gut. Aber wissen Sie Mathias, das Schlimme ist, daß mir immer -so bange ist.« - -»Du hast wohl manchmal das Heimweh, Heinrich?« - -Der Knabe mäßigte seine Stimme. - -»Ja, aber das sag' ich bloß Ihnen, Mathias! Sonst müßt' ich mich ja zu -sehr schämen. Und meine Kollegen würden sagen, ich sei eine Memme, und -ich kriegte Klassenkeile. Aber mir ist halt immer so bange. Ich kann -nicht dafür. Überhaupt nach den Ferien! Einmal hab' ich nach den Ferien -meine Wochentagsschuhe vier Wochen lang nicht angehabt. Ich mochte sie -nicht abbürsten, weil -- weil Boden von zu Hause dran war.« - -Der Lumpenmann wandte sich ab und sagte mit verstellter, etwas heiserer -Stimme: - -»Das wirste schon noch überwinden lernen, Heinrich! Oder willste nicht -gern Doktor werden oder Pfarrer oder sowas?« - -»Nein, Mathias, ich will nicht! Ich will wieder zu Hause sein, wo Ihr -alle seid.« - -»Willste denn Bauer werden, Heinrich?« - -»Ja. Sehn Sie mal, Mathias, es wär' doch schade um unser schönes Gut. -Sehn Sie, hier gerade an dem wilden Kirschbaum kann man unsere ganzen -Felder übersehen. Das sind doch viel! Nicht, Mathias? Eigentlich sind -wir doch reich. Aber das sag' ich gar nicht in Breslau. Ich denk' bloß -immer dran, daß wir so ein schönes Gut haben.« - -Der Lumpenmann bückte sich hastig nach dem Wegrande, riß einen Stengel -Sauerampfer ab, biß darauf herum und spuckte dann alles weit von sich. - -»Was macht denn Deine Mutter?« fragte er. - -»Die ist wieder ganz krank. Am Mittwoch, wie Wochenmarkt in Waldenburg -war, war sie mit beim Doktor.« - -»Und was hat der gesagt?« - -»Das weiß ich nicht. Sie hat geweint, als sie heimkam. Das ist es auch, -was mir immer so bange macht, daß die Mutter nicht gesund ist.« - -Sie gingen eine Weile schweigend weiter. - -»Sieh nur, daß Du weiter auf der Schule fortkommst, Heinrich! Gelt, bis -in die Prima mußt Du, eh' Du den Einjährigen hast?« - -»Bloß bis Ober-Sekunda.« - -»Das wär'n also reichlich noch drei Jahre. Sieh och, Heinrich, 's is -schon gutt, wenn Du was lernst. Auf alle Fälle is gutt. 's is ja ganz -erbärmlich, wenn einer so tumm is wie zum Beispiel ich. Kannste denn -eine Stellung kriegen, wenn Du einjährig bist, Heinrich?« - -»O ja, es war einer mit auf unserer Bude, der ist nach 'm Einjährigen -abgegangen, und jetzt ist er Schreiber auf einem Landratsamte, und dann -wird er Kreissekretär oder so ähnlich. Aber ich mag nicht Kreissekretär -werden. Ich will Bauer werden.« - -»Schon, schon, Heinrich! Aber sieh mal, am Ende könnt'st Du Dich doch -später anders besinnen.« - -»Nie, Mathias, nie! Ich übernehm' das Gut. Das ist tausendmal besser, -als wenn ich so in einer Schreibstube sitzen muß.« - -Ein Blick des Lumpenmannes glitt über die goldenen Fluren, die sich -rechts und links von ihm ausdehnten und die alle jetzt noch den -Raschdorfs gehörten. - -»Wir werden schon sehen, daß Du ein Bauer werden kannst. Wir werden -schon sehen!« sagte er. -- -- - -Hannes hielt mit der Hundefuhre mitten auf dem Wege an. Aus einem -Feldraine bog ein Trupp Schnitter ein, und an ihrer Spitze schritt -schwer und gewichtig August Reichel, der Vater des Hannes. - -»Na, da komm mal schnell, Heinrich, sonst passiert da unten ein -Unglück!« sagte der Lumpenmann und schritt mit seinem Begleiter rüstig -aus. - -Sie kamen ziemlich gleichzeitig mit den Schnittern an dem Wagen an. -August Reichel, ein Riese von Gestalt, blieb stehen und betrachtete -höchst beängstigenden Blickes seinen Sprößling, der da beklommen vor -ihm stand und mit der einen Hand krampfhaft hinter dem Rücken etwas -versteckte. - -Der Riese reckte ein wenig den Hals und konnte so ganz bequem auch -aus einiger Entfernung die Rückseite seines Nachkommens einer genauen -Musterung unterziehen. Ein Zucken ging über das Gesicht des Goliath. - -»Her!« sagte er lakonisch und streckte die Hand aus. - -Hannes reichte ihm die ruinierte »Trauertonne« und schielte halb -ängstlich, halb abwartend durch die Haare, die ihm in die Stirn hingen, -zu seinem muskulösen Vater hinauf. - -Der betrachtete den Zylinder, nahm den Strohhut vom Kopfe, probierte -den Zylinder auf, fand, daß er ihm passe, prüfte dann das Schweißleder -und hieb plötzlich dem Knirps vor ihm den Hut mit solcher Wucht auf -den Kopf, daß dieser bis übers Kinn darin versank und mit beiden Beinen -zugleich auf der Straße kniete. - -»August, halb und halb bin ich schuld,« sagte der Lumpenmann -beschwichtigend, »ich hab' zwei Zylinderhüte zu Hause; ich schick' Dir -einen.« - -Über das breite Gesicht des Riesen ging ein Lächeln. - -»Ich brauch' keinen!« sagte er und nickte dem Lumpenmann freundlich zu. -Daran setzte er sich wieder an die Spitze seiner Schnitterschar und -schritt in breitbeiniger Majestät die Anhöhe hinauf dem Buchenhofe zu. - -Hannes arbeitete sich ans Tageslicht. Er sah seinem Vater halb -ärgerlich, halb schadenfroh nach und sagte, indem er sich die Stirn -rieb und dem Vater mit dem Finger nachdrohte: - -»Na wart' nur! Wenn ich heute abend Koppschmerzen hab', da wirste mir -ja Tee kochen müssen!« - -Mathias Berger lachte, Pluto bellte einen kleinen Jubelhymnus, Hannes -faßte ihn um den Hals, und die kleine Karawane zog weiter. - -So kamen sie bei dem kleinen Hause des Lumpenmannes an. Die Liese kam -ihnen entgegen. Eine ganze Woche lang hatte sie den Vater wieder nicht -gesehen. Nun schmiegte sie sich zärtlich an ihn. Er aber schlang den -Arm um sie und fuhr mit der Hand über ihren flachsblonden Kopf. - -»Liese! Nu, Liese! Nu, mei Madel du!« - -Ein ganzer Strom von Liebe ging durch diese paar Worte. Dann kam auch -die Schwester Bergers, die ihm seit dem frühen Tode seiner Frau die -Hauswirtschaft besorgte. Unterdessen spannten die Knaben den Hund aus -und schoben den Wagen in einen kleinen Schuppen. Mathias Berger folgte -ihnen. Er hob einen riesigen Sack aus dem Wagen, der prall mit Lumpen -gefüllt war, und schüttelte ihn aus. - -»Na, da seht mal! Wenn ich die sortieren werd', das ist ganz -int'ressant. Da ist alles dabei. Wollflecke von Großmutterkleidern und -Kattun von Kinderschürzen, Übrigbleibsel vom Brautstaate und Leinwand -von einem Totenhemde. A Lumpenmann kann alles sehen. Es kommt von allem -was in seinen Sack.« - -Heinrich folgte gedankenvoll diesen Worten; aber Hannes hörte nicht -darauf und machte sich mit einem kleinen Holzkasten zu schaffen. - -In der Stube wurde dieses Schatzkästlein geöffnet. Ein Kinderherz -konnte bei solchem Anblick selig sein. Es gab ja auch einige -langweilige Dinge in dem Kasten, wie: Fingerhüte, Nähnadeln, Zwirn, -Jerusalemer Balsam und Federhalter. Aber sonst! Soldatenbilder, -allerhand andere Bilder mit schönen Versen von Gustav Kühn aus Neu -Ruppin, Peitschenschnüre, Pfeifen, Kreisel, Spielmarken, Papierorden, -kleine Pistolen, Vogelpfeifen, »goldene und silberne« Uhren und -Fingerringe die schwere Masse mit den prachtvollsten Steinen. - -»Ich möchte gerne a Fingerringel für die Raschdorf-Lene« sagte Hannes, -»weil die mir ofte manchmal a Stückel Wurstschnitte gibt.« - -»Such' Dir einen aus, Hannes,« sagte der Lumpenmann. - -Der Knabe wühlte mit zitternden Fingern in den Schätzen. So mag den -Märchenprinzen zu Mute gewesen sein, die nach dem Wunderring suchten. - -Heinrich stand etwas abseits. Er hielt es wohl mit seiner -Gymnasiastenwürde unvereinbar, sich noch für solche Dinge zu -interessieren, aber er wandte doch kein Auge von dem Kasten. -Schließlich trat er mit gewaltsam erzwungener Gleichgültigkeit näher. - -»Was ist denn da eigentlich alles?« fragte er mit ungeheurem Gleichmut. - -»Wenn Dir was gefällt, Heinrich, such' Dir nur aus,« sagte Berger -freundlich. - -Heinrich tat so, als ob er das durchaus nicht beabsichtige, aber -schließlich prüfte er doch eine kleine Zündblattpistole und ließ sich -durch einiges Zureden Bergers bewegen, sie nebst einer Schachtel -Munition zu behalten. Auch einen silbernen Ordensstern nahm er noch an -sich. Dann aber fühlte er das Bedürfnis, wieder ernsthafter aufzutreten. - -»Wissen Sie, Mathias, wer die Lumpenmänner eigentlich in Schlesien -eingeführt hat?« - -»Nein,« sagte Mathias, »das weiß ich nicht.« - -»Das hat der Alte Fritz getan,« belehrte ihn Heinrich. »Vor der Zeit -des Alten Fritz gab's keine Lumpenmänner in Schlesien.« - -»Da hat der Alte Fritz was sehr Kluges gemacht,« entgegnete Berger. - -»Is überhaupt sehr tüchtig gewesen,« sagte Hannes wohlwollend, um damit -zu zeigen, daß er auch in der Geschichte bewandert sei. Dabei stellte -er drei Ringe in die engere Wahl: einen Diamantring, einen Rubinring -und einen einfachen Silberreif, auf dem das Wort »Liebe« eingeprägt war. - -»Ja,« nahm Heinrich wieder das Wort, »der Alte Fritz war sehr sparsam, -und er wollte nicht, daß die Leute was wegwarfen: Lumpen, Knochen, -altes Eisen und so ähnlich. Da setzte er die Lumpenmänner im Lande -ein. Und die mußten solche Dinge im Kasten haben wie Sie, Mathias. Und -das nennt man Tauschhandel. Wobei es auch auf die neuen Papierfabriken -ankam.« - -Bergers Augen leuchteten. »Sieh mal, Heinrich, das is doch hübsch, wenn -einer das alles weiß. Ich bin nu schon so lange Lumpenmann, und ich -bin es auch gerne; aber ich hab' noch nie gewußt, wer uns eigentlich -erfunden hat. Es wär' doch hübsch, wenn Du weiter studiertest und -ein Gelehrter würdest. Nich, Heinrich? Sieh mal, Bauern gibt's doch -massenhaft auf der Welt.« - -Der Knabe fühlte sich geschmeichelt, aber er schüttelte doch den Kopf. - -»Nein, ich will Bauer sein. Ich will den Hof übernehmen. Ich will immer -hier sein.« - -»Das is richtig,« stimmte Hannes bei; »wenn Du nich da bist, is nischt -los zu Hause. Sieh mal, Heinrich, welchen nehm' ich nu: den mit dem -weißen oder den mit dem roten Stein? Den silbernen mit »Liebe« mag ich -nich; da gäb' mir die Lene am Ende 'ne Backpfeife. Ich denke, ich nehm' -den roten.« - -»Nimm sie beide, Hannes,« sagte der Lumpenmann. »Wer die Wahl hat, hat -die Qual.« - -»Aber der silberne ist auch niedlich -- sehr hübsch ist er,« sagte -Heinrich. - -»So behalt' ihn,« sagte Berger. - -»Den mit »Liebe«?« fragte Hannes erstaunt. »Wem willste denn den mit -»Liebe« schenken, Heinrich?« - -Der Quartaner wurde blutrot. - -»Ach, niemand,« stotterte er, »niemand, vielleicht der Liese.« - -Und er gab das unechte, kleine Ringlein der Liese, der Tochter Bergers, -die schon lange mit roten Wangen hinter ihm gestanden hatte. - - * * * * * - -Am Abend noch, als die Sonne im Verlöschen war, ging Mathias Berger die -Dorfstraße hinab nach der Schule. Die beiden Knaben waren längst zu -Hause; die kleine Liese lag im Bett und schlief und hatte das silberne -Ringlein am Finger. - -Der alte Dorfkantor Johannes Henschel saß an einem Harmonium und -spielte aus einer Orgelpartitur. - -»Es ist eine schwere Sache, eine sehr schwere Sache, Herr Kontor, wegen -der ich komme,« sagte Berger. - -»Was ist denn?« - -»Herr Kantor, eh' 's Ihnen die anderen sagen: Ihr Schwiegersohn, der -Herr Raschdorf, verliert bei der Fabrik sein Geld.« - -Das blasse Gesicht des alten Lehrers wurde noch um einen Schein fahler, -und die welke Rechte fuhr nach der Brust. - -»Bei den Aktien?! Ist das möglich, Berger? Ist das möglich?« - -Mathias Berger sah den Alten mitleidig an. - -»Es ist so, Herr Kantor. In Altwasser drüben der Teichmann verliert -auch dreitausend. Von dem weiß ich's. Fünfzehn Prozent kriegen die -Aktionäre raus. Das ist alles.« - -Ein Zittern ging über das Antlitz des alten Mannes. Dann stützte er den -Kopf schwer auf die Hand. - -»O mein Gott!« - -Es war ganz still in der Stube, nur die Uhr tickte leise. Draußen erhob -sich ein matter Nachtwind und fuhr müde durch die alten Bäume des -Schulgartens. - -Mathias Berger nahm wieder das Wort. - -»Sehn Sie, Herr Kantor, das ist ja eigentlich nicht meine Sache. Es -geht mich gar nischt an. Aber Sie wissen ja, ich bin Ihn'n viel Dank -schuldig. Wie ich a blutarmer Junge war, ohne Vater und Mutter, da -haben Sie mich aufgenommen und mich großgefüttert. Das vergess' ich -nich, und wenn ich hundert Jahr' werd'. Was mir das jetzt leid tut, -kann ich gar nich sagen. Aber, Herr Kantor, der Herr Raschdorf sollte -sich nich mit 'm Schräger einlassen. Das is a grundschlechter Kerl!« - -»Der Gastwirt? Ach nein, Berger! Der hat ja meinem Schwiegersohn immer -noch ausgeholfen, wenn's einmal fehlte.« - -»Ausgeholfen, Herr Kantor! Warum denn? Warum denn? Weil a ihn nach und -nach ganz in seine Gewalt kriegen will. Bloß darum! Ich sag' Ihnen, dem -dicken Kerle wird erst ganz wohl sein, wenn a beide Höfe hat. Darauf -spekuliert a, darauf hat a's abgesehn! Schräger is Raschdorfs größter -Feind!« - -Der alte Kantor schüttelte unwillig den Kopf. - -»Das müssen Sie nicht sagen, Berger, das ist unrecht! Schräger hat sein -Geld auf die letzte Hypothek gegeben. Der ist ein Freund von meinem -Schwiegersohn.« - -Mathias Berger erhob sich. - -»Na, da -- da tut mir's leid, daß ich was gesagt hab'.« - -»Setzen Sie sich, Berger, setzen Sie sich doch wieder! Sie sehen zu -schwarz. Der Schräger und mein Schwiegersohn sind Freunde. Sie sind -zusammen in die Schule gegangen, sie sind zusammen aufgewachsen. -Schräger ist nicht schuld. Das ist halt Unglück, Berger, schreckliches -Unglück! O Gott, ich weiß ja nicht, was werden soll! Fünftausend Taler! -Und mir hat er immer nichts gesagt, wie's steht, nichts!« - -Eine Pause entstand. Beide Männer starrten vor sich hin. - -»Um Ihre Tochter tut mir's leid,« sagte Berger endlich leise. - -Der alte Lehrer wandte sich ab. - -»Und um den Jungen, um den Heinrich! Heute sagt a mir, a will nich -studieren; a will Bauer werden -- übernehmen die Wirtschaft --, das is -ja a Jammer.« - -Ernst und groß wandte der Alte die Augen dem schlichten Manne gegenüber -zu. - -»Ich hab' ein Unrecht begangen, Mathias -- ich, nicht der Schräger. -Ich mußte dem Raschdorf die Anna nicht geben. In so einem Gut muß Geld -sein! Was waren da die paar Pfennige, die ich ihr mitgeben konnte? Gar -nichts! Gar nichts! -- Und nun ist das Elend da. Ich bin schuld daran, -Mathias -- ich!« - -Berger richtete sich auf. - -»Herr Kantor, nehmen Sie's nich übel, aber das is -- das is Unsinn, was -Sie da sagen. Sie sind nich schuld! Der Raschdorf stand sehr gut da. -Der brauchte keine reiche Frau. Bei dem ging's ohne Mitgift. Aber wie -hat a gelebt? Wie a gnädiger Herr! Immer oben raus! Und das Schlimmste: -a hat sich mit dem Schräger eingelassen, und das is und bleibt ein -Malefiz-Lump, und wenn a noch so scheinheilig tut, und wenn Sie noch so -für ihn reden.« - -Der Kantor schüttelte den Kopf. - -»Es wäre schlecht, Mathias, einem zweiten die Schuld zu geben, wenn uns -ein Unglück trifft. Und selbst, wenn er ihm zugeredet hat, wer konnte -das ahnen? Den Ausgang konnte niemand wissen. Es ist eine bittere -Sache, Mathias, wenn man alt ist und ein einziges Kind hat, und dem -geht's so!« - - * * * * * - -Als der Lumpenmann heimging, lag die Sommernacht über dem schlummernden -Dorfe. Ernte! In schweren, schwülen Zügen atmete draußen das -todgeweihte Feld. - -Mathias Berger blieb stehen und sah noch einmal nach dem Schulhause -zurück, das ihm in seiner Kindheit ein zweites, besseres Vaterhaus -gewesen war und wohin ihn auch jetzt noch eine leise Sehnsucht immer -wieder führte. Er liebte den alten Mann dort, der so gutmütig und -kurzsichtig war, daß er die Bosheit der Menschen nicht erkannte, nicht -die Bosheit, aber auch nicht die geheimen, tiefen Leiden, die dicht -neben ihm bluteten. - -Als bettelarmes Kind hatte ihn der Kantor aufgenommen in sein Haus, ihn -erzogen, ihn auch außer der Schulzeit unterrichtet. Da war der Mathias -mit der Schul-Anna zusammen aufgewachsen, und sie hatten gelebt wie -Bruder und Schwester. Später ging Mathias als Bergmann in die Grube. -Aber wenn er einen freien Sonntag hatte, war er im Schulhause. Da war -leise, während er heranwuchs, die Liebe in sein Herz gekommen. Es hatte -niemand was gewußt, nicht der Kantor und auch nicht die Anna. Es wäre -ja so schrecklich frech und undankbar gewesen, wenn er etwas davon -gezeigt hätte, er, der arme Kohlenschlepper. - -Bis sie sich verlobte. Da war es zu Ende gewesen mit seiner Fassung. Er -brachte es nicht mehr über sich, ins Schulhaus zu gehen. Und damals hat -es dann die Anna gewußt. Der Kantor hat sich bloß gewundert und über -den Abtrünnigen geärgert. - -Ach, die furchtbare Arbeit in der Kohlengrube! So allein sein in den -düsteren Stollen unter der Erde und gar keine Hoffnung haben für alle -Zukunft. Das hielt Berger nicht aus. - -Ein Verwandter von ihm starb und hinterließ ihm ein Häuslein und das -Lumpenhandelgeschäft. Der Kantor wollte von dem Berufswechsel nichts -wissen; aber Mathias war froh, daß er nun immer im Freien sein konnte, -herumwandern in der Welt bei vielen Leuten und nicht mehr allein sein -mußte mit seinem Herzenskummer. Da wurde er allgemach wieder ruhiger -und heiterer. Nach einigen Jahren heiratete er ein braves Mädchen. Er -hatte ihr keine trübe Stunde bereitet, sie ihm auch nicht. Aber sie -starb schon nach einem Jahr, als die Liese geboren wurde. - -Da war er wieder einsam. Und über Ehe und Grab kam manchmal in stillen -Stunden aus der Jugendzeit die alte Liebe wieder, ganz wunschlos, -aber doch schmerzhaft tief -- so wie heute, da sie krank und schwach -nun doch der Armut entgegengehen sollte, der Armut, die allein ihm -einstmals verbot, sie zu begehren. - -Von fernher kam ein Gewitter, und Mathias ging heim. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 3] - - -Anfang des nächsten Oktober kam Heinrich wieder nach Hause. Es waren -Herbstferien. Ein Dienstjunge holte ihn mit einem kleinen Korbwagen vom -Bahnhof ab. Die großen, schwarzen Augen des Knaben hingen unverwandt -an den heimischen Bergen. Immer, wenn er von der flachen Oderebene -da unten kam und zum ersten Male wieder die Hügel des prächtigen, -reichgegliederten Waldenburger Berglandes aufsteigen sah, schlug sein -Herz schneller, gerade als ob auf den einsamsten jener Berge ein -heiliger Friede wohne, wo allein alle Bangigkeit gestillt und alle -Sehnsucht vergessen würde. - -Und doch war die Landschaft trübe. Die bunten Blätter zitterten an -den Bäumen, und weiße Nebelschleier zogen über die leeren Wiesen. Die -Weiden standen wie gebückte, krumme Greise an den Bächen und Teichen, -als wollten sie sich hinunterstürzen und sterben. Und der Wind sang -in den hohen Pappeln am Wege ein Lied vom fernen Sommer und von toter -Freude. - -Aber es war die Heimat, die Heimat, die dieser Knabe schmerzhaft -liebte, an die er alle Tage dachte, da er ihr fern sein mußte. - -Langsam fuhr der Wagen die sandige Straße entlang. Der Kirchturm des -Dorfes ragte auf; da lief ein Zittern über die Gestalt des Kindes, -und die feine Gestalt reckte und dehnte sich, mehr zu sehen, mehr von -der Heimat. Dann kam ein Grenzweg, und nun war Heinrich Raschdorf auf -väterlichem Boden. Ein glückseliges Leuchten brach aus seinen Augen. -Jetzt war es aus mit Sehnsucht, Heimweh und Herzeleid, jetzt fühlte er -sich sicher und geborgen. - -Hier auf heimischer Erde wäre er dem gefürchtetsten Lehrer sicher und -lächelnd entgegengetreten; hier hätte er sie nur einmal haben mögen, -alle seine Mitschüler; beide Hände würde er ausstrecken und sagen: - -»Seht Ihr, hier bin ich zu Hause! Hier wohnen mein Vater und meine -Mutter und mein Großvater und alle, die ich kenne. Und alle die Felder -sind unser, und dort drüben das ist unser Hof.« - -Ein Mann mit einem Jagdgewehr ging über die Felder, kaum zwei- oder -dreihundert Meter vom Wege entfernt. Der Dienstjunge hielt das Pferd -an. Heinrich aber sprang auf, riß den Hut vom Kopfe, winkte und schrie: -»Vater, Vater, Vater!« - -Der Mann unten blieb stehen, blinzelte durch das Herbstlicht herauf und -winkte ein wenig mit der Hand. Dann gab er ein Zeichen weiterzufahren -und setzte seinen Pirschgang fort. - -Knarrend fuhr der Wagen die Straße weiter. Der Knabe saß ganz still. -Ein Kartoffelfeld tauchte auf. Eine Anzahl arbeitender Menschen waren -da beschäftigt und wühlten geschäftig in der schwarzen Erde nach den -weißen, duftenden Knollen. August Reichel, der Schaffer, überwachte -das Ganze wie ein schweigender König. Aber allen nahm er die schweren, -gefüllten Körbe ab und schüttete deren Inhalt auf einen riesigen Wagen. - -Da trennte sich ein junger Bursche vom Arbeitstroß, rannte ein -Stückchen, fiel über einen Kartoffelsack, stand wieder auf, stolperte -noch einmal über eine Furche, riß dann die Mütze vom Kopfe, schlug in -einem ganz närrischen Tempo Räder damit in die Luft, sprang über den -Straßengraben, trat an den Wagen und sagte keuchend: - -»Na, Heinrich, das is aber fein, daß De kommst!« - -»Guten Tag, Hannes! Du hast ja so kalte Hände.« - -»Na, klaub' mal Kartoffeln, wenn der Boden so kalt is! Du kannst froh -sein, daß De immer Quartaner sein und in der Stube sitzen kannst.« - -»Hannes, Du mußt mitkommen!« - -Heinrich rief hinüber nach dem Felde: »He! -- Reichel! -- Schaffer! -- -Darf der Hannes mit mir fahren?« - -Der Riese verfiel in Nachdenken, schüttelte erst heftig den Kopf, -dachte aber weiter nach, zuckte dann unschlüssig die Achseln, machte -noch eine bedenkliche Pause, nickte darauf kurz und wandte sich ab. - -»Das wußt' ich schon,« sagte Hannes und kletterte auf den Wagen. »Ich -sag' Dir, a hätte sich geärgert, wenn ich nich mitgefahren wär', und -ich och. Los, Friedrich! Nu komm'n wir vom Gymnasium! Haste vielleicht -Zigaretten, Heinrich? Hier sieht's keen Mensch!« - -Auch der einsame Jäger ging heim. Er hatte kein Glück. Seine Jagdtasche -blieb leer. - -Glück! Raschdorf lachte. Er und Glück haben! Das gab's lange nicht mehr -für ihn. - -Müde lehnte er sich auf sein Gewehr und sah düsteren Blickes über -die kahlen, toten Felder und nach den Wolken, die schwer über die -bunten Berge herabsanken. So trübselig hüllten sie die schimmernde -Herrlichkeit ein, wie man dunkle Decken und Schleier zieht über goldene -Wände zur Zeit der Trauer. Nach Minuten erst merkte der Einsame, daß er -in Gefahr sei, denn die Hähne des Gewehrs, gegen dessen Lauf er sich -lehnte, waren gespannt. - -Ein herbes Zucken ging über das Gesicht des Mannes, dann riß er das -Gewehr herauf und feuerte beide Schüsse in die Luft. Er schloß die -Augen bei dem dumpfen Knall, dann ging er weiter. - -Und wie so häufig in letzter Zeit, ging er zum Schräger. Er traf den -Wirt allein, denn es war noch am zeitigen Nachmittag. - -»Nu, kommste mit a Zinsen, Hermann?« fragte Schräger freundlich. - -»Haste es so eilig mit a Zinsen? Ich dächte, Du brauchst 's nich so -nötig.« - -»Nu je, sein Geld braucht jeder; jeder, Hermann! Ich och!« - -Raschdorf setzte sich schwerfällig hinter einen Tisch. - -»Schneid' mir's aus der Haut! Ich hab's nich! Hexen kann's keiner!« - -Der Wirt wandte ihm verdrießlich den Rücken und sah mürrisch zum -Fenster hinaus. Draußen rumpelte eine Rübenfuhre langsam vorbei. Dann -wurde es still. Keiner der Männer sprach. - -Da öffnete sich die Tür, und ein etwa siebzehnjähriger Junge -trat herein, ein starker Bursche von auffallend idiotischem -Gesichtsausdruck. Das war der einzige Sohn Schrägers. - -»Hu, hu,« sagte er und rieb sich die Hände. »Is aber kalt heute! Mag -ich nich auf dem Felde sein -- mag ich nich -- mag ich gar nich a -bissel. -- Schön tumm! -- Schön tumm! -- Schön tumm!« - -»Du sollst machen, daß Du wieder rauskommst, Du Faulpelz!« sagte -Schräger. - -Aber der Sohn lachte ihn aus. - -»Selber Faulpelz! Och, es is kalt draußen. Und hier is warm! Hier is -viel schöner! Schön tumm! -- Schön tumm!« - -Er fing an zu pfeifen und hüpfte auf einem Bein die Stube entlang, -wobei er sich immer abwechselnd Ohren und Nase rieb. Dann setzte er -sich hinter einen Tisch und dröselte stumpf vor sich hin. Schräger -beachtete ihn nicht mehr. Er wandte sich wieder an Raschdorf. - -»Sieh mal, Hermann, Ordnung muß nu mal sein. In Geldsachen hört die -Gemütlichkeit auf. Das is nu mal so! Zum Wegschenken hat ja keiner was.« - -Raschdorf fuhr auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. - -»Wegschenken? Wer spricht denn vom Wegschenken? Mir braucht keiner was -zu schenken, und Du zu allerletzt. Das hab' ich noch nicht nötig!« - -Schräger zuckte die Achseln. - -»Immer gleich beleidigt! Immer der große Herr, der sich nischt sagen -läßt. Siehste, Hermann, das is Dein Fehler. Du hast Dir's nach und nach -mit allen Bauern verdorben. Wenn Du mehr Freunde hättest --« - -»Ach, halt's Maul, laß mich in Frieden mit den Schafköppen!« - -»Ihihihi -- Schafköppen, Schafköppen, Schafköppen!« lachte der Idiot. - -»Du sollst machen, daß Du rauskommst, Gustav!« - -Der Junge rührte sich nicht vom Platze. - -»Ne,« grinste er. »Es is kalt! Schön tumm!« - -Raschdorf nahm wieder das Wort. - -»Würde mir einer von den'n helfen? Was? Keiner! Sie würden sich hüten. -Sie borgen mir nicht einen Taler.« - -»Das macht bloß der Schräger,« sagte der Wirt bitter. »Der is der -Schafkopp.« - -Da wurde das Gesicht des Buchenbauern dunkelrot, und er fuhr jähzornig -auf: - -»Du -- Schräger -- ich -- ich -- geb' Dir 'ne Backpfeife!« - -»Gib ihm eine, gib ihm eine!« schrie der Idiot mit Begeisterung. - -Der dicke Leib des Wirtes zappelte vor Erregung. »So? -- Soso? -Backpfeifen -- Backpfeifen bietet mir der gnädige Herr an? So? -Backpfeifen für alles, was ich ihm schon zu Gefallen getan hab'? Is -gutt, Herr Raschdorf! Wenn ich bis morgen meine Zinsen hab' und zum -nächsten Quartal meine 20000 Mark, da -- da kann der gnädige Herr -backpfeifen, wen a will.« - -Es wurde still. Nur eine Zeitung knisterte, die der Idiot mit den -Händen bearbeitete. Schräger trat wieder ans Fenster und sah hinaus. -Langsam erhob sich Raschdorf und griff nach seinem Gewehr. Und so trat -er neben den Wirt. - -»Julius,« sagte er langsam und schwer, »ich werd' versuchen, daß Du zu -Deinem Gelde kommst. Was ich heute rede, weiß ich nich. Mir summt alles -im Koppe, und manchmal -- da -- da wird mir ganz trübe. Siehst Du, -vorhin, draußen auf 'm Felde, da hab' ich so auf der Büchse gelehnt -- -so --« - -»Sie is doch nich geladen?« kreischte der Wirt und trat ein paar -Schritte zurück. - -Raschdorf lächelte. »Vorhin war sie geladen -- jetzt nich!« - -Schräger betrachtete ihn mit unruhigen Augen. - -»Du mußt doch nich -- Du mußt doch nich, Hermann, hier in der Stube -- -leg' mal die Flinte weg und setz' Dich wieder! Wir wollen miteinander -reden.« - -Der andere folgte mechanisch. - -»Wieviel haste denn übrig, Hermann?« fragte der Wirt. - -»Übrig?« Raschdorf lachte. »Übrig is sehr gut! Ich häng' noch von -Johanni her, und dann in fünf Tagen is 'n Wechsel fällig über 500 Mark. -Ich -- ich weiß mir keinen Rat mehr. Es gelingt mir nischt mehr, es -geht nich mehr, alles geht krachen, Geld kommt nich ein -- es is zum -Verrücktwerden!« - -»Aber Du hast doch noch das ganze Getreide in den Scheunen. Warum läßte -denn nich ausdreschen?« - -»Eins -- zwei, links -- rechts, eins -- zwei, links -- rechts!« Der -Idiot hatte sich einen Helm aus Papier gemacht und marschierte durch -die Stube. - -»Mach' doch, daß Du rauskommst, Gustav,« fuhr ihn nun Raschdorf an. -»Man kann ja kein vernünftiges Wort reden, Du alberner Bengel!« - -Gustav schnitt ihm eine Grimasse. »Schön tumm! Gar nischt zu sagen! -Es is kalt draußen. Eins -- zwei, rechts -- links!« Dann hielt er -plötzlich inne, drohte dem Bauern mit der Faust und schrie: - -»Gar nischt zu sagen! Gar nischt rauszuschmeißen! Hu je, es is so kalt, -es is so sehr kalt!« - -Er heulte laut auf. Sein Vater sagte freundlich zu ihm: »Setz' Dich -still in den Winkel, Gustav! Du kannst hierbleiben!« - -Er war tief verstimmt. Er selbst schrie seine Kinder manchmal an, -aber von fremden Leuten ließ er ihnen nicht zu nahe treten. Der Idiot -setzte sich hinter einen Tisch und heulte stumpf eine Weile vor sich -hin. Von Zeit zu Zeit warf er einen grimmen Blick nach den Männern -und drohte mit der Faust. Dann nahm er den Papierhelm vom Kopfe und -entfaltete das Zeitungsblatt. Er fand ein Bild darin, das ihn offenbar -sehr interessierte, denn er stierte es unausgesetzt an, lachte, grunzte -zuweilen vergnügt und schnitt Gesichter dazu. - -Ein Bauer aus dem Dorfe trat in die Stube. - -»Guten Tag, Schräger! 'n Korn! Tag, Raschdorf!« - -»Guten Tag, Riedel!« - -»Na, wie geht's?« - -Raschdorf lachte. - -»Gutt geht's! Famos geht's! Wie soll's gehen?« - -Der Bauer nickte. - -»Na ja, wie soll's dem reichen Raschdorf gehn? Dem muß 's gutt gehn! -Habt Ihr's schon gehört? Beim Huhndorf sein'm Schwager hat's letzte -Nacht gebrannt. Die Scheune und die Stallung is abgebrannt.« - -»Ach, da is das dort gewesen?« sagte der Wirt. »Die Röte haben wir ja -gesehen; 's muß a riesiges Feuer gewesen sein. Nu, wie is denn das -zugegangen?« - -Riedel zuckte die Achseln und lächelte vielsagend. - -»Ja, wer weiß! Wenn einer gut versichert is, und die Gebäude taugen -nich mehr viel, da is ja das Abbrennen gar keen so großes Unglück nich.« - -Raschdorf lachte grimmig. - -»Da haste recht! Man möchte selber wünschen, daß's amal brennte!« - -»Versündigt Euch nur nicht!« sagte Schräger. - -Riedel blickte Raschdorf aufmerksam an. - -»Nu, bei Dir sind doch die Gebäude noch ganz gutt!« - -Raschdorf zuckte die Achseln. - -»Gutt? Was heißt gutt? Flickereien gibt's immerfort. Die Scheunen -möcht' ich neu decken lassen, und der Kuhstall is ganz erbärmlich -eingerichtet. Die alten Kerle haben keine Idee gehabt, wie a -vernünftiger Stall zu bau'n is. Na, und wie das beim Huhndorf sein'm -Schwager is -- a kriegt a schönes Stück Geld von der Versicherung, und -dann -- ein'm Abgebrannten hilft jeder. Das is gar nich so schlimm.« - -»Na, immerhin, jetzt vor'm Winter -- 'ne Zuckerlecke is das nich.« - -»Nu, ja, man red't halt so,« sagte Raschdorf achselzuckend; »ich für -mein Teil red' ihm ja auch nichts Böses nach.« - -Damit sprang die Unterhaltung auf etwas anderes über. Ein paar andere -Gäste kamen noch, und der dicke Wirt ging immer hin und her mit den -gefüllten Schnapsgläsern. Am meisten trank Hermann Raschdorf. - - * * * * * - -Drüben seine kranke Frau war allein. Am Nachmittag, als ihr Junge -heimgekommen war, hatte sie seit Wochen wieder einmal eine glückliche -Stunde gehabt. Den Hannes, der mitkam, hatte sie mit einem Auftrag ins -Nachbardorf geschickt. Es war ihr zu unruhig, und sie wollte auch ihren -Heinrich allein für sich haben. - -Sie war so einsam. Höchstens daß ihr Vater aus dem Dorfe kam und -sie besuchte. Den Mann sah sie selten, und wenn er da war, hatte -er schlechte Laune. Und das Kind, die Magdalene, war nicht fürs -Stillsitzen. Ihr gesunder Körper wollte hinaus zu Arbeit oder Spiel. - -So war sie eine stille Frau, immer sich selbst überlassen. Da kamen -so trübe Gedanken. Krank sein, immer krank, keine Hoffnung haben auf -völlige Heilung, machtlos zusehen, wie dem Manne sein Hab und Gut -langsam aus den Händen glitt und den Kindern die Heimat versank, das -war ihr Los. - -Aber die Märtyrerinnen murren nicht, und wenn sie jemand um ihr -Schicksal fragt, lächeln sie. Und es ist auch im ärmsten Leben etwas -Liebes und Lichtes. - -Der Heinrich! Er hing so zärtlich an ihr, er schrieb ihr alle drei -Tage einen Brief. Und wenn sie in stiller Nacht leidend und wachend -in ihrer tiefen Verlassenheit im Bette lag, dann suchte auch ihre -geängstigte Seele eine Heimat. Durch die Nacht flog ihre Sehnsucht, -hinab über Berge, hin über rauschende Wälder und schlummernde Dörfer, -bis zu einer großen, glänzenden Stadt an einem breiten, tiefen Strom, -dorthin, wo die hellen Lichter nicht erlöschten die ganze Nacht, wo -das Leben flutete auf den Straßen und Plätzen, und wo doch in einem -einsamen Stüblein ein müder Knabe schlief, dessen letzter Gedanke seine -Mutter gewesen. Am warmklopfenden, reinen Herzen dieses Kindes machten -Frau Annas Leid und Sehnsucht Halt und wurden stille -- denn dort war -ihre Heimat. - -Und heute war diese Heimat ihr wieder nähergerückt, heute war -eigentlich auch sie nach Hause gekommen. - -Es war so schön gewesen die zwei Stunden, so, als ob draußen goldener -Sonnenschein wäre und die blassen Astern im Garten strahlende Rosen -seien. Von ihrem Kummer und ihren Leiden hat sie ihm wenig erzählt, -fast gar nichts. Sie wollte sich diese Glücksstunde, auf die sie lange -gewartet hatte, nicht trüben. Sie fühlte ja auch nichts Schmerzliches, -sie war ganz gesund und glücklich. - -Aber dann war der Hannes zurückgekommen. Er hatte sich heute sehr -beeilt. Da hatte sie selbst dem Heinrich zugeredet, er solle ein -bißchen mit dem Hannes hinausgehen; sie wolle nun ruhen. - -So war sie wieder allein. Aber das stille Lächeln auf ihrem Gesichte -blieb. Die Lene kam und brachte die Lampe. Sie küßte die Mutter in -großer Eile und ging bald wieder hinaus. - -Es war so stille. Man hörte, wie die Lampe knisterte. Der Dackel war -verfroren vom Felde gekommen und vertrug sich heute sogar mit der -Katze, nur um ein Plätzchen am Ofen neben ihr in ungestörter Ruhe zu -genießen. - -Die Uhr schlug sieben. Da ging draußen knarrend das Hoftürchen, und ein -schwerer, unsicherer Schritt schlurrte über den Hof. Das war wohl ihr -Mann. Sie lauschte. Die Schritte verloren sich, er kam noch nicht ins -Haus. - -Erst nach einer knappen Viertelstunde trat er bei ihr ein. Er hing die -Mütze an einen Nagel und sah sich unsicher um. - -»Wo is der Heinrich?« - -»Er is ein bißchen drüben beim Schaffer.« - -»So. Beim Schaffer? Ge -- hört a da hin? Was? Hierher gehört a! Der -Schaffer is wohl wichtiger -- wie -- wie ich -- was?« - -Die Frau wandte sich ab. - -»Er kommt gleich wieder!« - -»So? Kommt gleich! -- Will ich auch -- will ich auch wünschen.« - -Da ging schon die Haustür, und Heinrich kam. Hannes war in seiner -Begleitung Aber wie er sah, daß der »Herr« in der Stube war, zog er es -vor, draußen zu bleiben. - -»Guten Abend, Vater!« - -»Nu, kommste endlich?« - -»Ja, ich war ein bißchen beim Schaffer, weil Du noch nicht da warst.« - -»Weil ich -- weil ich nicht da war? Werd' wohl noch amal fortgehen -können -- was?« - -»Ich bitte Dich, Hermann.« - -Der Junge setzte sich niedergeschlagen und verschüchtert an den Tisch. - -Sein Vater trat vor ihn, legte die Hand auf seine Schulter und -schüttelte ihn ein bißchen. Dann sagte er mit rauher Stimme: »Na, haste -schon die große Neuigkeit gehört, daß wir -- daß wir -- so gut wie -bankerott sind?« - -»Vater!« - -»Hermann, ich bitte Dich --« - -»Was is da zu schreien? In a paar Monaten da wissen's alle alten Weiber --- da pfeifen's die Sperlinge --« - -Der Knabe richtete die Augen auf den Vater -- entsetzt, fassungslos. - -»Vater! Was sagst Du? Das ist doch nicht wahr!« - -Er sprang auf, klammerte die Hände um den einen Arm des Vaters, und der -Mund verzog sich zu zuckendem Weinen. - -Raschdorf ließ schwer das Haupt sinken. - -»Es ist wahr -- ich sag's ja eben -- es ist nichts mehr zu machen --« - -»Vater, müssen wir da fort von unserem Hofe? Müssen wir da fort von zu -Hause?« - -Der Mann war plötzlich nüchterner geworden. - -»Ja,« sagte er, und seine Stimme ging schwer, »es geht hier mit uns zu -Ende.« - -Da ließ ihn der Knabe los und brach in bitterliches Weinen aus. Die -kranke Frau im Lehnstuhl sah ihn mit unbewegtem Gesichte an. Langsam -aus der tiefsten Quelle des Herzens stiegen zwei Tränen in ihre großen -Augen. Die galten ihrem Kinde, das einen Schicksalsspruch vernahm, der -es aus seiner Heimat verbannte, und das es nun nicht glauben wollte -und mit unschuldigen Tränen und Bitten sich dagegen vergebens wehrte. -- - -Draußen war Nacht. Ringsum am Himmel hing ein Kranz aus lichteren -Wolken. Aber über dem Buchenhofe drohte ein schwarzes Gewölk -- -finster, zerrissen. Regentropfen rieselten aus der Unheilswolke und -trafen den Buchenhof, als ob ein finsterer Geist mit seinem Weihwedel -dort oben stände und einen schrecklichen Segen spräche: das Weihewort -des Verderbens. - -Eine dunkle Gestalt jagte flatternd über den Hof. Ein Keuchen ging von -ihrem Munde. Sie fiel. Sie sprang auf. Die Haustür riß sie auf, die -Stubentür: - -»Jeses, es brennt -- es brennt in der Scheune!« - -»Es -- es brennt!« - -Ein schriller Laut aus dem Munde der Frau, die sich erhob und leblos -zurücksank. - -»Es brennt?! Es brennt?!« Ein lallendes Kinderwimmern. - -»Es brennt!« Ein lautes, gellendes Männerlachen! -- - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 4] - - -Im Garten unter einem Apfelbaume, abseits von der Menge stand Mathias -Berger, der Lumpenmann, und hielt mit seinen Armen Heinrich Raschdorf -umschlungen. Ringsum standen Tische, Schränke, Stühle, lagen Betten, -Kleider, Wirtschaftsgeräte verstreut im Garten. - -Der Markt der Unglücklichen! - -Die Fackeln des Unheils beleuchteten ihn. Das friedliche Laub der Bäume -zitterte vor der Höllenglut, färbte sich rot und sank zur Erde. Und -die kahlen Äste starrten dem Feuer entgegen, wie zitternde Tiere vor -ringelnden Schlangen beben. - -»Heinrich! Du mußt ins Haus! Sieh mal, das Wohnhaus brennt nich ab -- -das is nu vorbei! Du mußt ins Warme, Heinrich!« - -»Ich will nicht, Mathias -- ich -- ich muß Wasser tragen!« - -»Du kannst ja nicht mehr! Du bist ja durchnäßt, Du zitterst ja am -ganzen Leibe.« - -»Es ist ja unser Hof -- ich -- ich -- oh -- oh -- Mathias -- --« - -Der Knabe war ohnmächtig. - -Berger rief über den Garten: - -»Ehrenfried, he -- Ehrenfried!« - -Ein Bauer kam heran. - -»Ehrenfried, paß a bissel auf hier, daß niemand was stiehlt! Ich muß -den Jungen ins Warme bringen; er holt sich sonst den Tod.« - -Der Bauer war zu dem Dienst gern bereit. - -»Schaff' ihn doch zum Schräger rüber ins Wirtshaus,« riet er. - -Berger schüttelte den Kopf und trug den ohnmächtigen Knaben ins -Wohnhaus. Die Leute machten ihm scheu Platz. - -Ein donnerndes Krachen dröhnte durch den Hof. Eine hohe Mauer war -zusammengestürzt. Funken sprühten um das ohnmächtige Kind und seinen -Retter. - -Drinnen in der Wohnstube war der große Ofen noch warm, und Hund und -Katze lagen friedlich unter der Ofenbank. Sonst war alles ausgeräumt. -Nur die Petroleumlampe brannte noch. Aber ihr trautes Licht wurde -schrecklich überstrahlt von der roten Lohe, die von draußen -hereinleuchtete. - -Berger legte den Knaben auf den Fußboden und ging nach dem Garten -zurück. Dort raffte er eine Menge Betten auf und trug sie nach der -Stube. - -Fürsorglich bettete er das kranke Kind, nachdem er es der triefenden -Kleider entledigt. Dann kniete er neben dem Lager nieder und drückte -einen Kuß auf die kalte Stirn des Knaben. - -Da ging die Tür auf. Eine Frau trat langsam in die Stube. Ihre Stirn -war marmorweiß, aber auf den Wangen brannte das Fieber, und das Feuer -von draußen beleuchtete sie. - -»Berger! Was ist denn? O Gott, was ist?« - -Der Lumpenmann erhob sich und erschrak. - -»Frau Raschdorf, Sie! -- Sie sollen doch im Gasthause bleiben! Es ist -nicht gut für Sie --« - -»Was ist mit Heinrich? Berger, was ist mit Heinrich?« - -»Er ist ohnmächtig, gerade erst ohnmächtig geworden. Er hat sich so -sehr angestrengt, und dann die Aufregung --« - -»Heinrich, mein lieber Heinrich!« Und die Frau kniete aufweinend neben -dem Lager nieder. - -Berger schlich hinaus. Aus dem großen Durcheinander im Garten suchte er -den Lehnstuhl und eine Decke heraus und trug beides nach der Stube. - -»Ich bringe Ihnen Ihren Lehnstuhl, Frau Raschdorf.« - -Sie erhob sich. »Mathias, er kommt nicht zu sich. Was wird werden? Was -wird mit ihm werden?« - -Der Lumpenmann beugte sich über das Kind. - -»Er wird schon wärmer. Ich denke, er wird bald aufwachen, gut zugedeckt -ist er ja, da wird er schwitzen, und es wird ihm weiter nichts -passieren.« - -Zitternd stand ihm die Frau gegenüber. Ihre Augen leuchteten heiß auf, -als sie ihn ansah; ein Zittern flog über ihren Körper, und mit erregter -Stimme sagte sie: - -»Mathias -- Du -- Du hast das einzige gerettet -- was ich noch habe.« - -Sie streckte die Hände aus und schlug sie über seine Schultern, und ihr -Gesicht sank matt an seine Brust in halber Ohnmacht. - -Mathias Berger stand wie einer, der plötzlich stirbt und dem nur eine -heiße, letzte Lebenswoge noch schmerzhaft und warm durchs Herz schlägt. - -Doch er raffte sich rasch zusammen. »Setzen Sie sich, Frau -- Frau -Raschdorf und wachen Sie bei ihm!« - -Langsam ging er aus der Stube. -- - -Und immer noch stand die Unheilswolke über dem Buchenhofe. Die -Feuerflammen schlugen hinauf zu ihr und malten grellrote Lichter auf -ihren schwarzen Untergrund. Wie Blutstropfen fiel der leise Regen. - -Feuer von vollen Garben und duftendem Heu! In wahnsinniger, trunkener, -taumelnder Freude erhoben sich die Feuerflammen. Draußen lagen die -stillen, abgeernteten Felder, und nun war es, als ob jeder Halm in -der Scheuer, jede vertrocknete Blume im Heu sterbend noch einmal das -stille Plätzchen im Feldgrund grüßen wollte, da es gegrünt und geblüht -und mit Faltern und zarten Winden gekost hatte. Jetzt zuckten über die -beraubten Fluren stolze, jubelnde Flammensignale: - -»Triumph! Wir sterben einen roten, herrlichen Tod! Erspart bleiben uns -Tenne und Mühle. Die Natur ist groß, und der Mensch ist nichts!« - -Die Menschen, die mit der Natur gerungen hatten im langen, mühsamen -Kampfe, die ihr die Beute abjagten mit Schlauheit und Fleiß: sie -standen bleich als die Besiegten, die Geschlagenen, und die Beute war -ihnen entrissen, und ihr Bollwerk war zerstört. - -Frau Mutter Erde sah schweigend zu, aber die Witwenschleier, die noch -am Tage weiß und grau um ihre feuchte Stirn hingen, färbten sich rot. -Die Halme und Blumen sind ihre Lieblingskinder, und der Mensch ist der -Stiefsohn. -- -- - -Der Bauer Raschdorf saß auf einem umgestülpten Karren. Finsteren Auges -sah er der Verheerung zu. Nicht einen Finger rührte er zur Hilfe. Von -Zeit zu Zeit nur verzog sich sein Gesicht; seine Hände klammerten sich -an die Beine und gruben sich oft schmerzhaft ins Fleisch. Und neben -ihm kauerte, Entsetzen in den schönen Kinderaugen, die Magdalene, sein -Ebenbild, sein Liebling. - -Die beiden Scheuern lagen verwüstet; nun brannte der große Stall. Die -Rinder zogen hinab ins Dorf. Ihr Brüllen klang dumpf durch die Nacht. - -Vier oder fünf Spritzen aus dem Dorfe und aus den Nachbarorten waren -da. Sie hatten sich bemüht, als die Scheuern brannten, das Wohnhaus -und das Gesindehaus zu retten. Das war ihnen auch gelungen, denn der -Wind war günstig. Aber die Giebel waren geschwärzt, die Fensterscheiben -zerplatzt. - -Und abseits von denen, die das Unglück traf, stand die Menge mit ihren -Gefühlen. Ein lähmender Schreck hatte sie aus den Stuben gerissen, -als die Glocke vom Turme wimmerte und der Feuerruf durch die Gassen -heulte. Aber als sie sich überzeugten, daß sie selbst nicht in Gefahr -seien, legte sich die Angst sehr rasch. Mitleid kam, Lust zu helfen, -Lust zu schauen, Lust was zu erleben. Niemand von diesen Leuten war -müde, alle belebte die Sensation, und so kam es auch hier wie immer, -daß dicht neben das Grauen und die Vernichtung der Humor sich unter die -Gaffer stellte und sich sein Sprüchlein leistete. Jetzt war nichts mehr -zu retten; aber immer, wenn eine neue Spritze ankam, trat sie mit in -Tätigkeit, und so fuhren die Wasserstrahlen in den rettungslos weiter -brennenden Stall lustig hinein und erzeugten viel Zischen und Dampf. - -Zu ganz später Zeit, als das Feuer schon nachließ, kam die Spritze -eines Nachbarortes, der nur eine Viertelstunde weit entfernt lag. - -»Die sind auch schon munter!« sagte einer laut. - -»Um die is 's nich schade,« bemerkte sein Nachbar ebenso vernehmlich. -»Der ihre Spritze is a Unikum. Bei der vertrocknen im Sommer immer die -Messingventile.« - -Die verspäteten Rettungsmannschaften machten ob solch vorlauter und -sehr applaudierter Rede grimmige Gesichter. Aber da die Spötter recht -behielten, mühten sie sich ein wenig um ihre Spritze ab, pumpten, -schraubten, rüttelten, besahen sie mit verständigen Mienen von allen -Seiten, überzeugten sich aber, daß nichts zu machen sei, und fuhren -deshalb kopfschüttelnd wieder heim. Und das schöne Bewußtsein, das Gute -wenigstens gewollt zu haben, begleitete sie. - -Dort, wo die Weiber standen, war viel Lärm. Jede hohe, stolze Flamme -wurde mit viel Geschrei begleitet; über alles, was geschah, wurde laut -verhandelt, gezetert, gejammert oder gelacht. - -Als Mathias Berger den Heinrich ins Haus trug, wurden Rufe des Mitleids -laut, auch als Frau Anna müde und krank über die Straße geschritten -kam. Aber als Berger den Stuhl und die Decke holte, zwinkerten sich ein -paar Weiber wortlos zu. - -Und dann schritt der Bauer Raschdorf schweigend an ihnen vorbei, ohne -sie anzusehen. - -Die Weiber sahen ihm nach und atmeten schwerer; aber sie schwiegen, -bis er weit genug war. Dann wollten sie alle gern über ihn reden, aber -keine hatte den Mut, anzufangen. Nur zögernd, tropfenweise beginnend, -aber immer anwachsend, entstand ihre Rede, wie ein kunstgerecht -gezogener Wasserfall. - -»O je,« seufzte die Mutigste und Ungeduldigste. - -»Den trifft's auch ordentlich,« sagte eine zweite. - -»Nu, da!« sagte eine dritte. »Und wenn man bedenkt, wie er doch -- wie -er doch eigentlich --« - -Pause. Sie mochte nicht vollenden -- die dritte. Aber alle waren -gespannt, geladen, übervoll von innerem Rededrange. - -Inzwischen stürzte abermals eine Mauer dröhnend zusammen. Eine -Schuttwolke, durch die Millionen Funken blitzten, fuhr wirbelnd in -die Höhe. Die Weiber waren bei dem Knall zusammengefahren, aber sie -vergaßen deshalb nicht, was sie bewegte. Ein paar Sekunden sahen sie -nach dem rauchenden Trümmerhaufen, dann kehrte ihr Interesse zu Hermann -Raschdorf zurück. - -»Na, Gott verzeih' mir die Sünde!« sagte wieder die Erste, Mutigste, -Ungeduldigste. »Man soll ja keinem was Schlechtes nachsagen, überhaupt -bei so was, aber stolz war der Raschdorf --« - -Sie konnte nicht vollenden, der Bann war gebrochen, die Schleuse -gezogen, die Fluten dröhnten. Es war ein Chaos. Da kam über den -Garten eine häßliche, dürre Frau daher. Sie stellte sich zu ihren -Mitschwestern, hörte ihr Lärmen und lächelte fein. Das waren ja alles -dumme Gänse gegen das, was _sie_ wußte. - -Allmählich brauste der Wasserfall schwächer -- verlief sich. Die Weiber -sahen die Neue an. Sie ahnten mit feinem Instinkt, daß sie etwas -Besonderes wisse. - -»Was haste denn, Glasen?« fragte eine. »Haste was gesehen oder gehört?« - -»Sie weiß was!« »Natürlich weiß sie was!« »Na, seht och, wie sie tut!« -»Warum will sie's denn nich sagen?« »Wir sagen doch nischt weiter!« - -So sprudelte es durcheinander. - -Frau Glase blähte sich vor Stolz und Überlegenheit. - -»Was ich weiß, weiß niemand,« sagte sie kühl. - -Nun brach das Chaos wieder los. - -Das wäre doch unrecht, so was nicht zu sagen. Man hätte doch keine -Geheimnisse. Es wär' doch nichts dabei. Überhaupt sei das gar nicht -recht, erst so zu tun. Weitergesagt würde doch nichts. Es seien doch -alle immer sehr freundlich zur Glasen gewesen. Eine habe gar bei ihr -Pate gestanden. Und sie seien doch so unter sich. Oder vielleicht wisse -sie überhaupt nichts. - -Das letzte Argument allein zündete; Frau Glase richtete sich auf. -Sie sah die Zweiflerin verächtlich an und wandte sich darauf an die -Allgemeinheit. - -»Aber daß Ihr nischt weitersagt!« - -Über ein Schock Finger fuhren beteuernd nach der Gegend des -Schürzenlatzes. - -»Ich hab' durchs Fenster gesehen, bloß wegen des Jungen, es tut einem -doch leid um so ein Kind, es war ganz durchnäßt --« - -»Natürlich tut's einem schrecklich leid. Weiter!« - -»Na, also da war erst der Berger allein und dann --« - -»Dann? Weiter, Glasen!« - -»Dann kam die Frau.« - -»Wir haben sie gesehen! Wir haben ja gesehen! Weiter, Glasen! Dann kam -die Frau. Und, und was war da?« - -Frau Glase machte eine Kunstpause und weidete sich an der Spannung -ihrer Mitschwestern. So ein großes und stolzes Gefühl hatte sie noch -nie empfunden in ihrem Leben. - -»Weiter, Glasen! Erzähl' doch weiter!« - -»Um den Hals genommen hat a sie.« - -»Um den Hals genommen!« Das wieherten sie. - -»Um den Hals genommen und geküßt!« - -»Geküßt!« - -Das Wort kam von allen zu gleicher Zeit. Dann war es still. Es -arbeitete zu sehr in diesen Weibern; sie konnten nicht reden. Schreck, -Freude, Sensationslust fuhren wie ein jäher Sturm über ihre flachen -Seelen, und der eigene Schlamm rührte sich und warf Blasen. - -Allmählich nur beruhigten sie sich. Aber jetzt waren sie stiller. Sie -traten dichter zusammen und tuschelten und raunten und taten entrüstet -und verbargen ein Lachen und waren alle sehr vergnügt. - -Ein Riese nahte der Gruppe; er trug zwei schwere Eimer mit Wasser -in den Händen. Schweigend, ohne auch nur hinzusehen, wollte er -vorübergehen. - -Da drang ein Laut an sein Ohr, der ihn verwirrte. Er machte ein -unbeholfenes Gesicht und glaubte, er habe sich getäuscht; aber ein -zweites und drittes Wort fing er wider Willen auf. Da wurden ihm die -Eimer schwer, und er stellte sie auf die Erde. Noch so ein böses Wort, -noch eins. Da reckte sich der Riese. - -»Dreckschleudern, sauelendige! Wollt Ihr die Fresse halten! Wollt Ihr -wohl gleich die Fresse halten?!« - -Und ein Eimer eiskalten Wassers ergoß sich über die Köpfe der Weiber, -ihm folgte blitzschnell der zweite. - -Kreischen, Gellen, eilige Flucht, Lachen oder auch zornige Zurufe der -Männer, und August Reichel, der Schaffer, stand allein und zitterte zum -erstenmal in seinem Leben. - -Eine Weile stand er ganz stumm und dumm da. Hilflos blickte er in -die leeren Eimer. Es war richtig, er hatte sie ausgegossen und eine -laute, lange Rede dazu gehalten. Es wunderte ihn, daß er etwas gesagt -hatte. Das Ausgießen fand er ohne weiteres in Ordnung. Einem Manne, -der lachend herankam und fragte, was denn der Schaffer mit den Weibern -habe, gab er keine Antwort. Er ergriff nur seine Eimer und ging -verdrossen nach dem Bache zurück, von wo er gekommen war. - -Es soll wenig so peinliche Dinge auf der Welt geben, als wenn jemand, -der gerade mit Lust und Begeisterung schimpft, unvermutet mit Wasser -begossen wird. Bei irgendeinem Heidenvolke hatte einmal der Gott der -Gerechtigkeit den Einfall, das unverhoffte Wasserbad vom Himmel aus für -alle schimpfenden und verleumdenden Menschen einzuführen; aber der Gott -der Weisheit widerriet ihm und sagte, da käme die Welt aus der Sündflut -nicht mehr heraus. - -Ein Teil der Weiber schlich still nach Hause. Das waren jene, die nicht -bloß froren, sondern sich auch schämten, denn es waren auch viele -gutmütige dabei. Die anderen liefen zu ihren Männern und schimpften -mehr als zuvor, und die Männer nahmen sich der durchnäßten Ehefrauen an -und schimpften mit. - -So hatte August Reichel, der dumme, gute Riese, mit seinen zwei Eimern -Wasser nichts gelöscht, er hatte nur Öl in ein böses Feuer geschüttet. - -Die Aufgeregten zogen sich ein wenig zurück und standen beratend -beieinander. - -Und es kam einer heran, der bisher mit offenem Munde und blöden, -glänzenden Augen ganz dicht am Feuer gestanden hatte -- Gustav -Schräger, der idiotische Sohn des Gastwirts. Immer nach drei Schritten -blieb er stehen und starrte in die lodernde Glut. Und dann reckte er -die Hände in die Luft, als wolle er die Flammen aneifern, immer höher -empor zu schlagen. - -»O je, es wird kleiner! Es ist nicht groß! Uff! Uff! Hu! Brr! Aah!« - -Die Weiber deuteten auf den Idioten und lachten. Dann riefen sie ihn -an. Er kam langsam näher, grinste und sagte ganz unvermittelt: - -»Der Herr Raschdorf hat's angezündet!« - -Die Gesellschaft schrak bei diesem Wort zusammen. - -»Gustav, wirste still sein! Das sagt man doch nich! Aber Gustav!« - -Der Idiot schnitt eine Grimasse. - -»Ich weiß es! Er hat's angezündet! O! Ah! Dort, das is fein! Hoch! -Hoch! Brr!« - -Er wollte wieder zum Feuer zurück, aber ein Weib hielt ihn am Arm fest. - -»Wie kannste denn so was sagen, Gustav? Das darfste doch nich.« - -Er sah sie grinsend an. - -»Es is schön! Und es wird noch ein Mann verbrennen! Paß auf! Und sie -werden ihn tragen! Siehst Du! Siehst Du! Dort! Ooh -- oooh!« - -Er wollte sich losreißen, aber das Weib hielt ihn fest. - -»Gustav, Du mußt's uns sagen. Wie kannste denn sagen: der Herr -Raschdorf hat's angezündet? Du wirst ja eingesperrt, wenn das -rauskommt.« - -Der Idiot sah sie an und zog ein weinerliches Gesicht. - -»Ich laß mich nich einsperren! Ich will nich! Ich will zum Feuer! Ich -sag's meinem Vater! Laß mich doch los! Du zwickst mich in meinen Arm!« - -»Aber woher weißte denn das vom Herrn Raschdorf, Gustav?« - -»Er will mich rausschmeißen! Gar nischt zu sagen! Es war kalt! Es war -so kalt!« - -»Aber a hat doch nich angezündet?« - -»A hat's gesagt. A hat gesagt, a zünd't an. Laß mich los! A hat's -gesagt! Und ich soll raus -- raus -- Du zwickst mich so -- alte Gans!« - -Der Idiot brach in Heulen aus. Vergebens versuchten die Weiber ihn zu -beruhigen. Er riß sich los und lief nach Hause. - -Der Gastwirt Julius Schräger kam keuchend heran. - -»Was habt Ihr mit dem Jungen? Was habt Ihr mit dem unglücklichen Kinde?« - -Er war in riesiger Erregung. Ein Mann trat vor. - -»Herr Schräger, wir haben ihm bloß gutt zugered't, weil a -- weil a was -gesagt hat --« - -»Was hat a gesagt? Was hat a gesagt?« - -Sie schwiegen. - -»Was a gesagt hat, will ich wissen! Was Ihr mit mein'm Jungen habt, -will ich wissen!« - -Ein Mann faßte Mut. »Nu, ich sag's halt! Ich sag's ja bloß nach. Mir -kann keiner was anhaben.« - -»Was a gesagt hat, will ich wissen!« - -Schräger wurde feuerrot. Da trat der Mann an ihn heran und flüsterte -ihm etwas ins Ohr. Die anderen waren totenstill. - -»Das is Unsinn! Das sagt halt der dumme Junge so. Das hat a vielleicht -nich richtig verstanden. Gesagt hat der Raschdorf was; aber das war -gewiß nich so gemeint.« - -Schräger ging seinem Sohne nach, und die Menge blieb erregt in -flüsternder Unterhaltung zurück. Das Feuer ließ langsam nach, aber die -Unglückswolke stand über dem Buchenhof schwärzer als zuvor. - - * * * * * - -Ein grauer Herbstmorgen kam. Die Spritzen und alle die neugierigen -Zuschauer waren fort. Mathias Berger und August Reichel trugen aus -dem Garten die letzte Truhe ins Wohnhaus. Als sie den schweren Kasten -aufheben, sah Berger, daß ein umgebrochenes, hölzernes Kreuzlein -darunter lag; darauf stand zu lesen: »Hier ruht unser liebes Hühnchen.« - -Von der Herrschaft war nichts zu sehen. Die Frau lag schwerkrank zu -Bett, und der Herr hatte sich in eine Stube eingeschlossen. Auf einem -Sofa in feuchten Kleidern lag Magdalene Raschdorf und schlief. Sie -hatte rote Wangen und lachte im Traum. Zwei Schritte davon entfernt -hatte sich Hannes auf die bloße Diele gebettet und lag regungslos wie -ein Toter. - -Heinrich stand draußen mitten im Schutt. Ein Mädchen näherte sich ihm -und sah ihn mit großen Träumeraugen lange an. - -»Heinrich!« - -»Du -- ach Du bist's, Schräger-Lotte!« - -Sie kam näher und sah ihm mit tiefer Teilnahme ins Gesicht. Er schlug -die Augen nieder und preßte die Lippen fest aneinander. Er wollte sich -beherrschen. Da faßte sie ihn am Arm und lehnte den blonden Mädchenkopf -an seine Schulter. - -»Es tut mir leid um Euch, Heinrich! Ich hab' die ganze Nacht geweint. -Deine Mutter war bei uns und hat auch so geweint.« Sie schluchzte. - -Da hielt er sich nicht länger, ein krampfhafter, dumpfer Schrei kam ihm -vom Munde. - -»Lotte! Jetzt -- jetzt wissen wir nicht mehr, wohin.« - -Und er weinte bitterlich. - -»Heinrich -- lieber Heinrich!« - -Es lag ein guter, tröstender Klang in dieser Stimme. - -Nach einer Weile beruhigte er sich. Er nahm Lotte an der Hand und zog -sie mit sich bis zu dem umgestürzten Karren, auf dem in der Nacht sein -Vater gesessen hatte. Dort setzten sich die beiden Kinder nieder und -schmiegten sich dicht aneinander. - -Mit seltsamer Stimme sagte Heinrich: »Gestern, als ich dort oben fuhr, -dort oben auf der Straße, und unseren Hof sah, da war ich so stolz und -wollte ihn gern allen Bekannten in Breslau zeigen und sagen: »Seht Ihr, -das ist unser.« Und nachher sagte mein Vater, wir seien bankerott, und -in der Nacht brannten wir ab.« - -Er fröstelte in sich zusammen, und das Mädchen rückte ihm noch näher. -Mit flüsternder Stimme sagte sie: »Sei nur still, Heinrich! Der Vater -sagt, ich erb' einmal unser Haus und unsere Felder. Nachher schenk' ich -Dir alles.« - -Der Knabe rührte sich nicht. Aber es ging warm durch den jungen Körper. -Langsam wandte er den Kopf und sah Lotte an, die mit großen, schönen -Augen tröstend zu ihm aufschaute. Und da beugte er sich zu ihr und -küßte sie feierlich auf den Mund. - -»Wenn ich groß bin, werd' ich Dich heiraten, Lotte.« - -Das sagte er fest und bestimmt. - -Das Mädchen lächelte glücklich. »Aber den schönen Fingerring hast Du -der Liese geschenkt.« - -»Das war nur, weil ich mich vor dem Hannes und dem Mathias schämte. Ich -wollte ihn eigentlich für Dich.« - -Dann saßen sie schweigend. Ringsum war trüber Herbst, und der Wind fuhr -über die Ruinen und spielte mit Schutt und Staub. - -Da sah das Mädchen nach dem Dorfwege. - -»Du, Heinrich, da kommt Dein Großvater!« - -»Ja, er ist's,« sagte der Knabe. »Der hat Feuer läuten müssen in der -Nacht. Denk' mal, Lotte, was das ist, in der Nacht über den Kirchhof -gehen und auf den finstern Turm klettern. Und dann hat er mit seinen -alten Augen vom Turme auf das Feuer gesehen und gewiß an meine Mutter -gedacht.« - -Das Mädchen legte die Hand prüfend über die Augen. Auch der Knabe sah -wieder scharf nach dem Wege. - -»Sieh mal, Lotte, der Großvater kommt so schnell, und sonst kriegt er -doch so schwer Atem -- und da hinten, wer kommt da?« - -»Das ist der Wachtmeister, Heinrich!« - -»Der Wachtmeister? Was will der?« - -»Was will der?« wiederholte das Mädchen unschlüssig. - -Heinrich erhob sich erregt. »Ich will hinein, ich muß wissen, was das -bedeutet. Geh' auch heim, Lotte, es steht so eine finstere Wolke über -uns, und es fängt an zu regnen!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 5] - - -Das Verhör des Angeklagten war beendet. Hermann Raschdorf hatte die -Schuld, die ihm zugemessen wurde, nicht eingestanden. Der Zuhörerraum -war überfüllt. Wer aus dem Dorfe hatte abkommen können, war zur -Verhandlung gefahren. - -»A sieht riesig schlecht aus,« flüsterte der Schmied dem Krämer zu. - -»Na, das is aber och,« sagte der. »Das nimmt einen schon mit. Überhaupt -so eenen wie den! Na, seh och, was a für graue Haare gekriegt hat.« - -»Nich a eenzigesmal sieht a sich um,« sagte die Glasen. »A schamt sich -halt zu sehr!« - -»Da soll sich eener och nich --« - -»Ruhe im Zuhörerraum!« - -Der Gastwirt Julius Schräger wurde aufgerufen. Mit glühend rotem -Gesicht trat er vor den grünen Tisch. Nicht einen Blick sandte er nach -dem Angeklagten, der seinen Nachbar mit verängstigten Augen betrachtete. - -»Ich mache Sie auf die Heiligkeit und Wichtigkeit des Eides aufmerksam! -Sprechen Sie mir nach!« - -»Ich schwöre, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und -nichts hinzusetzen werde! So wahr mir Gott helfe!« - -Die Personalien des Zeugen wurden festgestellt, und dann wurde Schräger -aufgefordert, alles zu sagen, was er etwa über die Entstehung des -Brandes wisse. - -In unbeholfener Rede begann er. Er erzählte, daß Raschdorf am -Nachmittag des Brandtages bei ihm gewesen sei, daß sie zuerst über die -mißliche Vermögenslage des Angeklagten gesprochen hätten; dann sei der -Riedel-Bauer gekommen und hätte von einem Feuer in der Nachbarschaft -erzählt. Und da hätte der Raschdorf gesagt, so schlimm sei das -Abbrennen gar nicht, weil doch die Versicherung zahle und weil alle -Leute einem Abgebrannten helfen. - -»Was haben Sie zu solchen Redensarten gesagt?« - -»Ich hab' gesagt, er solle sich nich versündigen!« - -»Jawohl, das war auch das einzig Richtige, was Sie sagen konnten. -Erzählen Sie weiter!« - -Ja, weiter wisse er nicht viel. Der Riedel hätte gesagt, die Gebäude -des Raschdorf seien doch sehr gut; aber da hätte der Raschdorf -entgegnet, der Stall tauge nichts und die Dächer seien schadhaft; es -gäb' überhaupt immer Flickereien. Der Raschdorf sei etwas betrunken -gewesen. Um sieben Uhr sei er fortgegangen, und um halb acht Uhr sei -eine Magd vom Buchenhof gekommen und habe das Feuer gemeldet. - -»Sie haben mit dem Angeklagten in Geldgeschäften gestanden?« - -»Ja, ich hab' ihm manchmal borgen müssen.« - -»Zuletzt hat der Angeklagte einen großen Verlust durch Aktienkauf -gehabt. Es heißt, Sie hätten ihm zu diesem Geschäft dringend geraten. -Wie steht das?« - -Schräger wurde verlegen. Er erzählte, vor Jahren sei ein -Fabrikunternehmen als Aktiengesellschaft gegründet worden. Da hätte er -dem Raschdorf geraten, sich zu beteiligen. Der Raschdorf hätte das auch -getan. - -»Aber er hat damals eine Hypothek aufnehmen müssen, um die Aktien -zeichnen zu können?« - -»Ja, aber damals hat der Raschdorf noch sehr gut dagestanden.« - -»Es war ein gewagter Rat von Ihnen! Aber Sie meinten wohl, die Sache -sei sicher und werde rentabel werden?« - -»Ja -- ja, das meint' ich!« - -»Das is nich wahr! Das is a Schwindel!« - -»Ruhe im Zuhörerraum! Wenn das noch einmal vorkommt, laß ich den -Störenfried sofort hier vorführen!« - -Die Dorfleute duckten sich zusammen und rückten ein wenig von Mathias -weg, der zitternd an der Barriere stand und die Worte gerufen hatte. - -»Wissen Sie, Herr Schräger, wer der Brandstifter gewesen ist?« - -»Nein!« - -Der Verteidiger erhob sich. - -»Eine Frage! Herr Schräger, Sie sind ein Freund und Nachbar des -Angeklagten gewesen. Sie kennen ihn genau von Jugend auf. Halten Sie -ihn der Brandstiftung für fähig?« - -Schräger wurde sehr unruhig. »Ich -- ich weiß es nich genau. Aber ich -denke -- a wird's wohl gewest sein!« - -»Das is nich wahr! Das is 'ne Gemeinheit! Der Raschdorf war's nich! -Eher war's der Schräger schon selber!« - -Der Präsident fuhr empört in die Höhe. - -»Gerichtsdiener! Der Mann dort an der Barriere, der das gerufen hat, -ist sofort hier vorzuführen!« - -Ein Gerichtsdiener kam in den Zuhörerraum, und Mathias Berger wurde dem -Richter vorgeführt. Die Dorfleute wagten kaum noch zu atmen. - -Die Personalien Bergers wurden festgestellt. - -»Wie können Sie sich erdreisten, hier wiederholt die Verhandlung zu -stören?« - -»Ich -- ich halt' mich nicht, wenn ich seh', wie der -- der -- der Lump -da falsch aussagt!« - -»Ich werd' ihn verklagen!« sagte Schräger krebsrot vor Wut. - -»Das ist Ihr Recht, Zeuge!« - -Der Staatsanwalt erhob sich. - -»Ich beantrage gegen Mathias Berger wegen groben Unfugs vor Gericht -drei Tage sogleich zu vollstreckender Haft!« - -So wurde erkannt und Berger abgeführt. - -Draußen auf dem langen Gerichtskorridor lehnte in einer Fensternische -Heinrich Raschdorf. Mathias Berger, den der Gerichtsdiener sacht am -Arme hatte, ging an ihm vorüber und sah ihn mit einem wehen Blicke an. - -»Mathias -- Mathias, was ist --?« - -»Heinrich, Dein Vater ist verloren!« - -»Mathias, ich will -- ich -- ich --« - -Er klammerte sich verzweifelnd an den Lumpenmann. - -»Geh weg, mein Junge, laß los!« - -Er ließ nicht los, da schob ihn der Gerichtsdiener energisch zur Seite. - -Der Knabe sah den beiden nach, die in dem langen Korridor verschwanden. -Dann trat er ans Fenster und starrte hinab in den kahlen Gerichtshof. - -Drinnen im Gerichtssaal wurde eine Magd verhört. - -Sie habe im Kuhstall zu tun gehabt, aber dann habe sie einen Futterkorb -aus der Scheune holen wollen, und da habe sie gesehen, daß es brenne. -Da sei sie nach der Wohnstube gelaufen. - -»Was hat der Angeklagte gesagt, als Sie ihm die Meldung machten?« - -Die Magd schwieg. - -»Was Ihr Herr gesagt hat, als Sie ihm sagten, daß es brenne, frage ich.« - -»A -- -- a hat gesagt: »Es -- es brennt!« Und dann hat a -- hat a -- -gelacht!« - -Eine Bewegung ging durch den ganzen Gerichtssaal, und der Angeklagte -zuckte zusammen. - -Dann ein Knecht. Er sagte aus, der Herr sei in den Pferdestall zu -ihm gekommen und sehr lange dagewesen. Er hätte über alles mögliche -geschimpft, und dann sei er gegangen. Wohin, das wisse der Zeuge nicht. - -»Heinrich Raschdorf!« - -Kein Atemzug war hörbar im weiten Gerichtssaal. Der Angeklagte nur fuhr -herum und wandte sein erdfahles Gesicht der Tür zu. - -Gesenkten Kopfes, mit blutleerem Angesicht trat Heinrich Raschdorf -in den Gerichtssaal. Ein einziges Mal irrten seine dunklen Augen im -Kreise. Als er den Vater sah, öffnete sich ihm der Mund, das Gesicht -verzog sich, und er blieb stehen. Aber dann senkte er die Augen und -trat vor den Richter. - -Der betrachtete den bildschönen Knaben, und durch die kalten, -forschenden Juristenaugen zuckte ein warmer Strahl. - -»Mein Kind! Du bist als Zeuge vorgeladen. Der Angeklagte ist Dein -Vater. Du darfst das Zeugnis verweigern. Dann kannst Du bald wieder -gehen!« - -Der Knabe hob die Augen und sah den Richter ängstlich an. - -»Ich -- ich will alles -- alles sagen. Ich -- ich habe -- habe selber -angezündet!« - -Ein paar Schreie tönten aus dem Zuhörerraum, und der Präsident vergaß -den Ordnungsruf. - -»Du hast angezündet?« - -»Ja! -- Ich -- ich hab' Zigaretten -- Zigaretten rauchen wollen -- in -der Scheune -- und da -- da --« - -Der Angeklagte erhob die Hand. - -»Heinrich! Heinrich, ist das wahr?« - -Heinrich Raschdorf sah ihn nicht an und sagte: - -»Es ist wahr!« - -»Junge, wie kannst Du das so sagen? Du wirst ja sofort eingesperrt, -wenn das wahr ist. Bedenke doch das!« mahnte der Richter. - -»Es ist wahr!« wiederholte Heinrich. - -Daran wurde er blaß und fing an so heftig zu zittern, daß ihm der -Richter gebot, sich einstweilen zu setzen, bis er sich erholt habe. - -Die Verhandlung nahm ihren Fortgang. - -»August Reichel!« - -Der Riese tappte schwer in den Saal. Die Eidesformel murmelte er so -leise, daß ihn der Präsident ermahnen mußte, vernehmbar zu sprechen. - -Mit unbeholfenem, ängstlichem Gesicht stand er vor dem Gericht. Er -sollte erzählen, aber er knurrte nur, brummte unverständliches Zeug und -brachte keinen Satz heraus. Da verlegte sich der Richter aufs Abfragen. - -»Waren Sie zur Zeit der Tat im Hofe oder in den Wirtschaftsgebäuden?« - -Reichel starrte den Richter an und schwieg. - -»Ich frage, ob Sie an dem betreffenden Tage abends in der Zeit von 7 -bis ½8 Uhr sich im Hofe, im Stalle oder in der Scheune aufgehalten -haben?« - -Der Schaffer schüttelte den Kopf. - -»Nee!« - -»Wo waren Sie in dieser Zeit?« - -Reichel besann sich und sagte dann langsam: - -»Derheeme!« - -»Was heißt »derheeme?« Sie meinen, Sie waren zu Hause in Ihrer Stube?« - -Reichel nickte. - -»Wer war bei Ihnen?« - -»Der Hannes und der Heinrich!« - -»Was haben die Knaben bei Ihnen gemacht?« - -»Sechsundsechzig!« - -»Was?« - -»Sechsundsechzig! Ich bring's ihn' bei!« - -Ein paar Geschworene grinsten. - -»Also die Knaben haben Karten gespielt? Wie lange?« - -»Bis um halb achte!« - -»Wieso gerade bis ½8 Uhr?« - -»Wie's halb schlug, nahm ich die Karten weg.« - -»So! Und dann ist Heinrich Raschdorf fortgegangen? Allein?« - -»Nee, mit Hannes!« - -»Wissen Sie etwas über die Entstehung des Brandes?« - -Reichel schüttelte den Kopf. - -»Aber der Herr is 's nich gewesen!« sagte er. - -»Wieso ist er's nicht gewesen?« - -Reichel zuckte die Schultern. - -»Wissen Sie etwas, was dafür spricht, daß Ihr Herr unschuldig ist?« - -Reichel nickte bedeutsam. - -»Ich sprech's!« - -Der Richter fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. - -»Ich meine, Reichel, das ist doch nur Ihre Ansicht! Haben Sie -irgendeinen Beweis dafür?« - -»A tutt's nich! A tutt's nich!« - -»Setzen Sie sich!« - -Der Schaffer setzte sich auf die schmale Zeugenbank und streckte die -mächtigen Beine weit in den Saal. Er machte ein finsteres Gesicht, denn -das viele Reden hatte ihn verdrossen. -- - -»Johannes Reichel!« - -Hannes wurde halb zwangsweise in ganz jämmerlicher Verfassung -herbeitransportiert. Er zappelte an Händen und Beinen und heulte zum -Steinerweichen. Der Richter redete ihm gut zu, aber davon wurde das -Geheul ärger. Da brüllte ihn der Beamte riesig an, und das half. - -Der Richter stellte zunächst fest, daß Hannes mit seinem Vater und -Heinrich zusammen gewesen sei. - -»Was habt Ihr gemacht?« fragte der Richter in seiner wohlwollenden, -aber etwas kurzen Weise. - -Über diese Frage erschrak der gute Hannes mächtig. Er fing an zu -heulen, hob die Hände bittend auf und schluchzte: »Sechsundsechzig -gespielt -- aber ich werd's ja nich mehr machen -- ich werd's ja nich -mehr machen -- bloß nich einsperr'n -- och -- och je -- och je --« - -»Sei mal ruhig, Junge! Ob Ihr Karten gespielt habt, ist mir egal. Da -passiert Dir nichts. Erzähl' mal, wie der Heinrich Raschdorf nach Hause -gegangen ist. Aber nun sag' die Wahrheit! Wehe Dir, wenn Du lügst. Also -wie war das?« - -Hannes erzählte, er sei mit Heinrich sofort hinüber nach der Wohnstube -gegangen. - -»Sag' mal, mein Junge, Karten gespielt habt Ihr also; habt Ihr nicht -auch geraucht?« - -»Nee, geraucht haben wir nich -- gar nich geraucht -- gar nich a -kleenes bissel --« - -»Johannes, lüge nicht! Ihr habt geraucht?« - -»A eenziges Mal haben wir Zigaretten geraucht, aber das war im Sommer -auf'm Felde -- der Heinrich zwei und ich eine -- aber da wurd' uns so -schlecht --« - -»Ob Ihr an dem Tage geraucht habt, wie's bei Euch brannte?« - -»Nee, da nich, da hatten wir ja gar keene Zigaretten. Wahrhaftig nich!« - -»Seid Ihr nicht, ehe Ihr zu Raschdorf in die Wohnstube ginget, in der -Scheune gewesen?« - -»Nee, wir sind bald rübergegangen.« - -»Heinrich Raschdorf!« Der Knabe trat wieder vor. - -»Du hast gehört, was Dein Freund aussagt. Das ist gerade das Gegenteil -von dem, was Du sagst. Wer lügt nun von Euch beiden?« - -»Ich -- ich hab' geraucht -- allein geraucht -- in der Scheune --« - -»Du hast allein geraucht? Wann hast Du geraucht? Wann bist Du allein -gewesen?« - -Der Knabe kam in tödliche Verlegenheit und wußte keine Antwort. Hannes -faßte Courage und meldete sich mit dem Zeigefinger wie in der Schule. - -»Herr Lehrer, a schwindelt! A war ja immerfort bei uns, und dann, wie -wir rübergegangen sind, da is noch der Robert mit uns gegangen, der -Knecht.« - -»Robert Kirschner!« - -Der Knecht sagte aus, er sei aus dem Wagenschuppen gekommen, da habe -er die beiden Knaben aus dem Gesindehause kommen sehen, und weil er -den Heinrich, der gerade erst zu den Ferien gekommen sei, noch nicht -gesprochen habe, sei er mit den Knaben gegangen und habe sie bis zur -Tür begleitet. Den Heinrich habe er in die Stube gehen sehen, und mit -dem Hannes habe er noch geplaudert. Und da sei schon die Karoline -gekommen und habe gesagt, daß es brenne. - -»Heinrich Raschdorf! Warum lügst Du vor Gericht? Warum beschuldigst Du -Dich selbst?« - -»Mein Vater! Mein Vater!« - -»Du hast Deinen Vater retten wollen?« - -Der Knabe nickte unter heftigem Schluchzen. Es war aus mit seiner -Fassung. - -»Hat Dir jemand zugeredet zu einer solchen Aussage? Sag' jetzt die -Wahrheit, mein Junge! Du weißt, Gott sieht Dir ins Herz. Und Du darfst -Dein Herz nicht beflecken. Hat Dir jemand zugeredet, Dich selbst falsch -anzuklagen?« - -»Es hat mir niemand zugeredet!« - -»Wirklich nicht? Wie kamst Du darauf?« - -»Ich hab' so Angst -- so schrecklich Angst!« - -»Setz' Dich, Heinrich Raschdorf!« - -»Frau Anna Raschdorf!« - -Die schwindsüchtige Frau wankt in den Saal. Auf ihren Wangen blühten -die Kirchhofsrosen. - -»Wollen Sie von Ihrem Recht der Zeugnisverweigerung Gebrauch machen, -Frau Raschdorf?« - -»Nein!« - -Sie sagte aus, was sie wußte. Sie leugnete nicht, daß Ihr Mann nicht -nüchtern gewesen sei; aber als er dem Knaben mitgeteilt, der Ruin stehe -vor der Tür, habe er gebebt. Und durch den Brand sei es nur schlimmer -geworden. Maschinen seien verbrannt, die nicht versichert seien, die -ganze, reiche Ernte sei verbrannt, das Vieh müsse auswärts sein. Das -Elend sei erst durch den Brand voll geworden. - -Eine Reihe anderer Zeugen wurde noch vernommen, ohne daß etwas -Erhebliches zutage gefördert wurde. - -Die Plaidoyers begannen. - -Der Staatsanwalt führte aus: - -Der Angeklagte sei in einer verzweifelten Vermögenslage gewesen. -Er habe am Johannitermin die Zinsen nicht zahlen können und am -Michaelitermin auch nicht. Dazu sei eine Wechselschuld gekommen, -die er nicht habe tilgen können. Am Nachmittag des Brandtages nun -sei durch die Erzählung des Bauern Riedel die Phantasie Raschdorfs -angeregt worden; er habe in einem Brande einen günstigen Ausweg -erkannt und diesem Gedanken auch durch außerordentlich belastende -Worte Ausdruck verliehen. Sein Hirn sei durch reichlich genossenen -Alkohol weiter erhitzt worden, und so sei der Vertreter der Anklage -der vollen Überzeugung, der Angeklagte habe das Feuer in der Scheune -angelegt, sei darauf in den Pferdestall gegangen, wo er durch ganz -unmotiviertes Herumschimpfen sich habe gleichgültig und unverdächtig -stellen wollen, und habe sich dann nach der Wohnstube begeben. Im -Rausch hätte er es dann nicht verhindern können, zu lachen, als die -Magd das Feuer meldete. Welcher Bauer lache wohl, wenn ihm Feuer in -seinem Gehöft gemeldet würde? Die Tatsache, daß sich die Vermögenslage -des Angeklagten durch den Brand verschlechtert habe, könne entlastend -nicht ins Gewicht fallen. Raschdorf habe einen vorläufigen Aufschub, -eine Wendung der Dinge gewünscht; die Aussicht, viel bares Geld in -die Hand zu bekommen, habe ihn verlockt. Verdächtig erscheine dem -Staatsanwalt auch die Aussage des Heinrich Raschdorf. Welches Kind -klage sich selbst eines so furchtbaren Verbrechens an, wenn es nicht -dazu angeregt, geradezu verführt worden sei? Ein Kind habe Angst vor -dem Gericht; es suche sich eher reinzuwaschen als sich zu belasten. -Dieser Knabe Heinrich Raschdorf habe entlastend wirken wollen, aber das -Gegenteil sei eingetreten. Es sei eine verunglückte Komödie gewesen. -Auch den anderen Zwischenfall wolle der Staatsanwalt nicht unerwähnt -lassen. Vom Zuhörerraum sei Partei genommen worden für den Angeklagten, -und der Hauptbelastungszeuge Schräger sei beleidigt und geradezu selbst -beschuldigt worden. Gerade dieser Zeuge sei aber durchaus glaubwürdig. -Durch den Brand sei sein eigenes Gehöft, das ganz in der Nachbarschaft -liege, höchst gefährdet gewesen; dazu komme, daß Schräger den ganzen -Nachmittag in Gesellschaft seiner Gäste in der Wirtsstube gewesen sei -bis zum Ausbruch des Brandes. Und dieser Mann, der den Angeklagten -von Jugend auf kenne, der sein Freund sei und ihm dutzendmal aus -finanziellen Notlagen geholfen habe, der nun bei Verurteilung des -Angeklagten und dem daraus resultierenden finanziellen Zusammenbruch -wahrscheinlich sein Geld verliere, sei unter dem Druck des Eides doch -nicht fähig gewesen, auszusagen, daß er seinem Freund, Nachbar und -Schuldner die Tat nicht zutraue. Er, der Staatsanwalt, bitte die Herren -Geschworenen, das Schuldig auszusprechen, damit die Bestrafung des -Verbrechers erfolge. - -Ein Schrei. Heinrich Raschdorf lag mit weit ausgestreckten Armen im -Gerichtssaal, mit dem Gesicht auf der Erde. - -Der Schaffer hob ihn auf und trug ihn behutsam aus dem Saale. Ihm -folgte Frau Anna. - -So war Hermann Raschdorf allein. Weder Frau noch Kind hörten die Rede -des Verteidigers. Die Ausführungen dieses Mannes bestanden in der -Hauptsache darin, daß Hermann Raschdorf, der ein gewisses Maß von -Bildung besitze, nie und nimmer ein so plump angelegtes Verbrechen -begangen haben könne. Er würde sich, selbst im Rausche, gehütet haben, -kurz nachdem er die unvorsichtigen Worte gesprochen, eine Tat zu -begehen, deren er mit großer Wahrscheinlichkeit verdächtigt werden -mußte. Dazu komme, daß Raschdorf durch den Brand seine Vermögenslage -verschlechtert sehe. Er, Verteidiger, sei der Ansicht, daß das Feuer -schon angelegt gewesen sei, als Raschdorf noch in der Schenke saß. -Um seinen psychologischen Tiefblick könne der Verteidiger den Herrn -Staatsanwalt nicht beneiden. Es komme sehr wohl vor, daß ein Mensch, -dem ein furchtbares Unglück gemeldet würde, jäh auflache, das sei -ein viel intensiverer Ausdruck des Jammers als Tränen; denn so, wie -es Freudentränen gibt, so gibt es ein Lachen der Verzweiflung, und -das sei bei Hermann Raschdorf wohl vorauszusetzen gewesen, der kurz -vor der Meldung des Feuers seinem Sohne Mitteilung von dem drohenden -Bankrott gemacht und sich in schwerer Gemütsbewegung befunden habe. -Noch mehr tue es aber dem Verteidiger leid, daß der Herr Staatsanwalt -die Kindesliebe des kleinen Heinrich Raschdorf, die hier so echt und -ergreifend in Erscheinung getreten sei, eine verunglückte Komödie -genannt habe. So geschickt spiele auch der befähigtste Knabe nicht -Komödie, daß er ohnmächtig zusammenbricht, wenn er von schwerer Strafe -hört, zu der er den geliebten Vater schon verurteilt glaubte. Sehr -wohl komme es aber vor, daß ein Kind in der Angst seines Herzens sich -fälschlich selber anklage, um ein geliebtes Wesen zu retten. Der -Idealismus liege eben einer Kindesnatur näher als einem Staatsanwalt. -»Meine Herren Geschworenen! Ich erwarte von Ihrem Gerechtigkeitsgefühl -aufs bestimmteste, daß Sie diesen Mann nicht ins Zuchthaus schicken -werden auf einen bloßen Verdacht hin, dessen Beweis in keiner Weise -gelungen ist; daß Sie einem so heldenmütigen Knaben nicht den Vater, -einer so kranken Frau nicht den Mann, einem so verwüsteten Besitztum -nicht den Retter nehmen werden. Im ganzen aber appelliere ich nicht an -Ihr Mitleid, sondern an Ihre Gerechtigkeit und erwarte den Freispruch.« - -Die Geschworenen zogen sich zurück. Die Wintersonne schien strahlend in -den kahlen Gerichtsraum, Schellengeläute ertönte von draußen, und das -Lachen lustiger Menschen schallte von der Straße. - -Und hier saß ein Mann, dessen Schicksal in den Händen schwacher -Menschen lag. - -In der Ferne schlug eine dumpfe Glocke dreimal. - -»Drei! Paß auf, a kriegt drei Jahre,« flüsterte erregt die -abergläubische Glasen im Zuhörerraum. - -»Mir wird schlecht,« sagte die Krämerin und ging hinaus. - -Und nun wieder diese schwere Stille. Hin und wieder hörte man leise -die Feder des zurückgebliebenen Staatsanwalts kratzen, der gleichmütig -Akten las und unterschrieb. - -Die Geschworenen kamen zurück. Kein Laut ging durch den weiten Saal. -Auch draußen war's still. - -»Die Geschworenen haben die Schuldfragen verneint. Hermann Raschdorf -ist freigesprochen und alsbald aus der Haft zu entlassen.« - -Da begrub der Mann auf der Anklagebank sein Gesicht in beide Hände und -weinte wie ein Kind. Eine Qual taute auf, eine furchtbare, lange Qual. - - * * * * * - -Die große Gaststube des »Gelben Rosses« war überfüllt. Es war -nachmittags gegen 4 Uhr. Nur Bauern waren da, die von der -Schwurgerichts-Verhandlung kamen und im »Gelben Roß« ihre Pferde und -Fuhren untergebracht hatten. - -Da herrschte wüstes Stimmengewirr. Die Leute hatten alle rote -Gesichter, und auch die Langsamen und Schläfrigen unter ihnen waren -aufgeregt und redeten viel oder grunzten wenigstens viel öfter und -intensiver als sonst. Die viele innere Hitze brachte reichlichen -Alkoholgenuß und der Alkohol wiederum viel innere Hitze zuwege, und -die Bestellungszurufe an die Bedienung wie die Prostschreie waren das -einzige, was abseits der Affäre Raschdorf gesprochen wurde. - -Irgendein Verein zog draußen mit klingender Musik vorbei. Aber nur -wenige Weiber traten ans Fenster. Den Männern war das Schauspiel, das -sie sonst sicher über die Maßen interessiert hätte, heute gleichgültig. - -Ein Bauernbursche kam in die Stube und meldete seinem Herrn, das -»Handpferd tue so komisch, es kriege vielleicht die Kolik«. Zu jeder -anderen Zeit wäre eine solche Meldung ein Alarmsignal zu allgemeinem -Aufbruch nach dem Pferdestall gewesen, wo jeder seine Weisheit und -Erfahrung zeigen konnte; heute hatte der Besitzer Mühe, seinen Schwager -zu bereden, mit ihm »zum Rechten« zu sehen. - -Wie wenn eine Dreschmaschine in einem großen Hofe summt, zischt, -poltert, klappert, rasselt, qualmt, -- so war's. - -Aber eine Stimme im Bauernhofe gibt's, die selbst den Lärm der -Dreschmaschine übertönt, das ist, wenn ein rechter Hahn kräht, und -eine Stimme gab's auch in dieser Versammlung, die über all den wüsten -Skandal sich erhob, das war die des Barbiers. - -»Der Staatsanwalt, der -- der is mei Mann! Der Verteidiger -- äh, das -is 'n Jude. Der macht's fürs Geld! Aber der Staatsanwalt, der hat's ihm -gegeben! Donnerschlag, der Mann hat was weg!« - -Es wurde ein bißchen ruhiger, und der Barbier konnte fortfahren: »Wer -soll's denn eigentlich gewesen sein? Is 'n eenziger Bummler an dem Tage -im Dorfe gewesen? Was? Habt Ihr einen gesehen? Ich nich! Und einer -aus'm Dorfe? In unserm Dorfe gibt's kein'n Anzünder, es wär' denn -grade --« - -»Du, sag' bloß nischt vom Gastwirt Schräger,« warnte einer. - -»Wer spricht 'n vom Schräger? Höchstens der Berger! Und der wird ja -wissen, warum a zu Raschdorfen hält!« - -Da wurde es noch stiller. Nur einige lachten vor sich hin, und die -Glasen versuchte, verschämt auszusehen. - -Der Barbier nahm wieder das Wort: - -»Ich gönn' keinem was Schlechtes, aber dem Berger, dem is recht. Da hat -a doch amal was uff sei großes Maul. Damals, wie a das Schandgedichte -uff mich gemacht hat: »Versichert's Leben, der Bader kommt!« -- Ja, da -lacht Ihr schon wieder -- wie damals -- wie damals lacht Ihr, aber wen -läßt denn der Berger in Ruh'? Keenen! Keen' eenzigen! A bild't sich -ein, a is klüger wie a Bauer. So a Lumpenmann, so a Stromer! Jetzt hat -a Zeit, Gedichte zu machen, drei Tage lang! Der Staatsanwalt läßt sich -nischt vormachen. Jetzt kann a die Gefängnismauer abschmatzen!« - -»Der Barbier is a Hauptkerl!« sagte einer voll Anerkennung. - -»Na, ich sag' Euch,« fiel dieser geschmeichelt ein, »ich hätt' nich -Zeuge sein dürfen, da wär's anders gekommen, ganz anders; ich hätte -schon gered't, ich hätt' den Herren schon a Lichtel uffgesteckt. Aber -wenn solche Mohhörner dastehn wie der Reichel-Schaffer --« - -Alle lachten. - -»Vom Sechsundsechzigspiel'n quatscht das Rindvieh, als wenn das dazu -gehörte -- 's ganze Gericht hat ja gelacht, wie der sich blamierte. -Aber solche Zeugen brauchte der Raschdorf!« - -»Na, aber gutt sah der Raschdorf nich aus, wie a so uff der -Anklagebanke saß.« - -»I ja, da vergeht ein'm 's Dicketun! Früher da konnt' a nischt fein -genug haben. Ich durft' ihm die Haare und a Bart nich verschneiden. -»Sie schneiden mir Treppen in a Kopp,« sagt a, und da fuhr er in die -Stadt und gab 20 Pfennig fürs Haarschneiden. Na, wer's so häufig zum -Wegschmeißen hat!« - -»'n riesigen Stolz hatt' a, das is wahr,« sagte wieder ein anderer; -»wenn nich einer gerade auf der Schulbanke mit ihm gesessen hatte, mit -dem machte der nich Brüderschaft.« - -»Nee, nee, nee!« - -Es entstand wieder allgemeines Gespräch. - -Da kam Schräger. Wenn der Pfarrer in die Stube getreten wäre, es wäre -nicht halb so still geworden wie jetzt. - -Der Gastwirt sah sich verdrossen um und ging an einen Tisch. »'ne Tasse -Kaffee und a Paar Wiener!« bestellte er. - -»Prosit, Herr Schräger!« schrie der Barbier und näherte sich dem Tisch. - -Die andern sahen gespannt zu. - -»Prosit! Prosit!« antwortete Schräger kurz. In diesem Augenblick -öffnete sich die Tür, und hinter einer Dienstmagd, die flüchtig -hereinkam, trat Heinrich Raschdorf in die Stube. Niemand sah auf die -Magd und den Knaben; alle blickten nach dem Tisch Schrägers. Heinrich -blieb erst unschlüssig stehen, dann setzte er sich auf einen Stuhl, -der in einem Winkel am Schanksims stand. Die Mutter hatte ihn, als ihm -unwohl geworden war, nach dem Gasthause gebracht; aber er hatte sich -rasch wieder erholt. Dann war jemand gekommen, der gesagt hatte, der -Vater sei freigesprochen, und da war die Mutter gegangen, den Vater zu -holen. Er selbst mußte zurückbleiben und wartete hier auf die Eltern. - -»Nu, Herr Schräger, Sie sind ja so stille,« sagte der Barbier, »Sie -ärgern sich doch nich etwa?« - -»Da soll sich einer nich ärgern! Aber ich verklag' den Berger, ich -verklag' den Kerl! Das laß' ich mir nich gefall'n!« - -»Nu, das könn'n Sie sich ja gar nich gefall'n lassen. Wir haben gerade -davon gesprochen. Der Berger hat halt Ursache, daß a zu Raschdorfs hält --- na, Sie wissen ja -- und Sie haben ja glänzend dagestanden, Herr -Schräger. Wie Sie der Staatsanwalt rausgestrichen hat, und a hat doch -gesagt, Sie sind ganz unverdächtig.« - -»Das will ich meinen, daß der's nich gewesen is, der a ganzen Tag in -der Stube steckt und sein Geld zusetzt. Oder traut mir das überhaupt -jemand zu?« - -Schräger stand auf und musterte herausfordernd den Kreis. Ein lebhaftes -Protestieren ging los, und ein paar Bauern schüttelten dem Wirt die -Hände. - -»Wir wissen 's schon, wer 's gewesen ist,« krähte der Barbier; »und -wenn ihn 's Gericht zehnmal freispricht, der Raschdorf war's doch. Die -stolze Bande --« - -»Jeses, der Junge!« - -Ein Weib schrie es, und nun sahen alle nach dem dunklen Winkel, aus dem -Heinrich Raschdorf hervortrat. Mit glühenden Augen, wie ein gereiztes -Raubtier, so stand er da; die weißen Zähne blitzten und bissen -knirschend aufeinander; die Fäuste ballten sich -- er bückte sich ein -bißchen, sprang an, kletterte an dem langen Bader empor und hieb ihm -die Faust ein paarmal derart auf Mund und Nase, daß dem Manne das Blut -übers Gesicht rann. - -»Ich schlag' Dich tot, Bader, ich schlag' Dich tot!« - -Der Bader fluchte, schrie, wehrte sich und machte sich mühsam frei. Er -wollte sich auf das Kind stürzen, aber das Blut rann ihm so reichlich -und die Augen tränten ihm so stark, daß er hinaus nach dem Hofe mußte. - -Die anderen waren starr. - -Heinrich Raschdorf stand mitten in der Stube. - -»Wer das noch einmal sagt -- das von meinem Vater, den hau' ich gerade -so!« - -Ein paar Leute brummten oder lachten leise. - -»Mein Vater ist freigesprochen -- er ist unschuldig -- das Gericht -hat's gesagt, und das müßt Ihr glauben!« - -Niemand rührte sich. Heinrich schoß das Wasser in die Augen. - -»Ist jemand, der das nicht glaubt, daß mein Vater unschuldig ist?« -fragte er hilflos. - -Kein Laut in der Stube. - -»Aber er gehört doch zu Euch, Ihr müßt es doch glauben!« Das sagte er -in bettelndem Tone. - -Ein gegnerisches Gemurmel erhob sich. Kein freundlicher Zuruf erfolgte. -Da brach Heinrich Raschdorf in bittere, zornige Tränen aus: - -»Dann -- dann -- seid Ihr alle -- alle miteinander Schufte!« - -Und ehe noch die Männer sich schwerfällig und schimpfend erhoben, den -Knaben zu strafen, war Heinrich Raschdorf verschwunden. - - * * * * * - -Eine stille Straße entlang kam müde ein Mann gegangen, und neben ihm -ging eine hustende Frau. - -Ihnen trat Heinrich entgegen. - -Er blieb vor dem Vater stehen, aber er gab ihm nicht die Hand. Scheu -sah er mit seinen Kinderaugen den Vater an. - -»Vater, sag' mir, ob Du's gewesen bist?« - -Hermann Raschdorf fühlte die Wucht des Augenblicks. - -»Nein, Heinrich, ich war's nicht!« - -Er sagte es ruhig und fest. - -Da atmete der Knabe tief auf, erfaßte die Hand des Vaters und küßte sie. - -Bis vor die Stadt gingen die drei und warteten, bis der Schaffer kam -und sie in sein Gefährt aufnahm. - -Nicht ein Wort wurde gesprochen auf der langen Fahrt. Der frühe Abend -war schon angebrochen, als sie zu Hause ankamen. Einen langen, scheuen -Blick warf der Buchenbauer hinüber nach den verwüsteten Gebäuden. Da -fuhr ein kalter Windstoß über die Trümmer und traf den Buchenbauer ins -Gesicht, wie ein eisiges Urteil. - - * * * * * - -»Der Raschdorf is freigesprochen,« sagte auf dem Heimweg der Barbier. -»Aber ich räch' mich an ihm, und der Kanaille, dem Jungen, streich -ich's an. Wenn mir bloß nicht immer so leichte die Nase blut'te! Ich -hätt'n ermurkst! Aber den Alten bring' ich rein, und wenn a zehn Juden -bezahlt. Ich ruh' nich, bis alles raus is und bis a drinne sitzt!« - -Und ob der böse Schaumschläger seine lächerliche Drohung auch nicht -erfüllen konnte, er tat etwas Schlimmeres. Von Haus zu Haus führte sein -Geschäft, und in jedem Hause stahl er den Raschdorfs etwas von der -heiligen Erde, auf der wir allein unsere Heimat gründen können -- von -dem Herzenslande der Liebe und Sympathie der Gemeindegenossen. - -Wer keinen Hof und keinen Fuß breit eigenen Bodens besitzt, kann -doch eine Heimat haben, aber wem die Mitbürger ein Plätzchen idealen -Baugrundes in ihren Herzen verweigern, der ist heimatlos. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 6] - - -Es war Neujahrstag. Jahre gibt es, in denen die Zeit müde und schläfrig -an unserem Herde sitzt und ihre grauen Alltagsfäden spinnt, daß wir -nicht merken, wie Frühling und Sommer rinnen und wie wir in der -Gleichförmigkeit der Tage älter werden. Aber Jahre gibt es auch, wo -die Zeit wirtschaftet und schaltet wie ein veränderungswütiges Weib: -zerstört und aufbaut, rückt, schiebt, ändert, neue Blumen an unsere -Fenster pflanzt, Leute hinausdrängt und andere hereinruft und uns am -Ende ein Heim zeigt, das wir nicht wiedererkennen. - -So ein Jahr kam für den Buchenhof. - -Am Neujahrstage fing's an. Schräger war in die Stube getreten und hatte -von Raschdorf erfahren müssen, daß sich dieser weder die vertrauliche -Anrede »Hermann« noch das »Du« weiter von seinem Nachbar gefallen -lassen wolle. - -»So will ich mich auch nich erst setzen,« sagte Schräger gekränkt; »so -will ich bloß kurz und bündig sagen, daß ich die 20000 Mark kündige. -Ich werd' dann noch einen Brief schicken, daß es gesetzmäßig ist. -Adieu!« - -Raschdorf rührte sich nicht und sagte auch kein Wort. Schräger ging -langsam zur Tür. Er drehte sich noch einmal um und sah Raschdorf -fragend an. Aber der blieb völlig regungslos. Da ging Schräger aus der -Stube. - -Eine Stunde später brachte ein Knecht die schriftliche Kündigung -und gab sie dem Buchenbauer persönlich ab. Unter dem Schreiben -standen außer Schrägers Unterschrift noch die Worte: »Ernst Riedel, -Gutsbesitzer, als Zeuge.« - -Der Buchenbauer war ein anderer geworden, seit er aus dem Gefängnis -zurück war. Er sprach selten noch ein Wort, er ging nie in ein -Gasthaus, er schimpfte nicht mehr, er klagte auch nicht. Scheu und -gedrückt brachte er die Tage dahin. Das Vieh, das bei den Bauern im -Dorfe einquartiert gewesen war, hatte er verkauft. Er mochte keine -Gefälligkeiten. So war er ein Bauer, der kein Stück Rind und kein Pferd -mehr besaß und dessen Scheuern und Ställe in Schutt lagen. - -Und am Nachmittag dieses Neujahrstages kam noch ein Bote und brachte -einen Kündigungsbrief aus dem Dorfe über 5000 Mark, und außer dem -Namen des Gläubigers stand unter dem Schreiben noch ein anderer -unterschrieben »als Zeuge«. - -Da sah der Buchenbauer mit einem langen Blick hinüber nach dem -Kretscham und wußte, wer diesen zweiten Brief veranlaßt hatte. - -Am Abend war die Familie zusammen. Sonst waren am Neujahrsabend noch -einmal die Christbaumlichter angezündet worden. Dieses Jahr war es -vergessen worden, eine Tanne zu schmücken. - -So schwermütig tickte die Uhr diese ersten Stunden des neuen Jahres -herunter. Ein Brief lag auf dem Tische. Aus einer fernen Stadt wünschte -ein Zigarrenkaufmann dem Buchenbauer Glück zum neuen Jahr. Sonst hatte -niemand eine Karte geschickt. - -Ein paarmal versuchte die kranke Frau, ein Gespräch anzufangen. -Raschdorf gab ihr zerstreute, widersinnige Antworten. Er starrte immer -blinzelnd in das Lampenlicht, und dann las er die Glückwunschkarte des -Kaufmanns -- dutzendmal. - -Von den Kündigungen sagte er nichts. - -Auch drüben im Gesindehause war es traurig. Hannes lag auf einer Bank -und schlief; sein Vater rauchte Tabak und sah zuweilen schweigend auf -den Jungen. - -Am Ofen saßen zwei junge Mägde und weinten und wisperten leise. Morgen -war Ziehtag; sie kamen nach entfernten Orten und hatten hier im Dorfe -ihre Schätze. Da lag das neue Jahr und alle Zukunft trübe vor ihren -jungen Augen. - -Drüben im Buchenkretscham aber war viel Leben, und der Barbier, der -sich betrunken hatte, lärmte von Gericht und Staatsanwalt und sagte, -der Raschdorf müsse fort aus der Gemeinde. - -Am 2. Januar war Ziehtag. Viele große Wagen rumpelten durchs Dorf, die -neuen Knechte und Mägde abzuholen. An diesem »Sterztag« ist es Brauch, -daß sich die Dienstleute betrinken. Abschied wird getrunken und neue -Freundschaft geschlossen; so mancher, der aus dem Dorfe scheidet, -will sich Mut holen im Branntwein und fügt zu dem Heimweh, das ihn am -anderen Tage packen wird, noch den physischen Jammer. - -Der Gastwirt Schräger machte gute Geschäfte. Er verstand es auch, er -war ein »gemeenschaftlicher« Mann, klopfte die Mägde vertraulich auf -den Rücken und sprach mit jedem Pferdejungen; dabei horchte er und -fragte viel, wußte alles und war stolz, so populär zu sein. - -Noch einer zog seine Straße -- Mathias Berger, der Lumpenmann. Sein -Wägelchen hatte er in einen Schlitten umgewandelt, denn die Wege lagen -voll Schnee, und es schneite auch heute sacht. - -Bei den beiden Buchenhöfen war er rasch vorbeigefahren. Rechts drüben, -wo die Ruinen gähnten, war zu viel, was er liebte, und links drüben, wo -das Geschäft blühte, zu viel, was er haßte. - -Am 28. Dezember sollte er vor dem Schiedsrichter erscheinen. Er hatte -sich schön gehütet. Mochte ihn der Schräger auf dem ordentlichen -Gericht verklagen, wenn er die Courage hatte. Und wenn er wieder -eingesperrt würde --? - -Ah, wegen einer Beleidigung wird man nicht eingesperrt, da zahlt man -Strafe. Und Geld hatte Mathias Berger viel -- viel mehr, als die Leute -ahnten. - -Daß er die drei Tage Haft bekommen hatte, zehrte an ihm. Über das ganze -Weihnachtsfest war er zu keinem Menschen gegangen; er war auch jetzt -froh, daß er fortziehen konnte. - -Er hatte gesessen! Das war ein böses Wort. Er war der einzige gewesen, -den infolge des Brandes da unten eine gerichtliche Strafe getroffen -hatte. - -Daran dachte der Mathias jetzt, als er am Waldrande mit seinem -Hundeschlitten dahinfuhr. Und er blieb halten und zog ein Zeitungsblatt -aus der Tasche, worin zu lesen stand, daß ein Redakteur sechs Monate -lang eingesperrt worden sei, weil er seine Meinung gesagt habe. Nun -habe es sich herausgestellt, daß diese Meinung die richtige und der -Gefangene ein Märtyrer gewesen sei. Dieses Blatt war Bergers Trost. - -Er las es auch jetzt wieder und sagte sich, es sei doch eine schöne -Sache, für die Wahrheit zu leiden. Auch dann, wenn einen die Leute für -einen Lumpen halten. Dann erst recht! Nur muß man sich nicht selber -verlieren und hübsch stark und mutig -- - -Da -- ein Schuß. - -Gleichzeitig ein dumpfer Schrei nahe aus dem Walde. - -Berger ist zusammengefahren, als habe der Schuß ihn getroffen. Der Hund -bricht in ein heulendes Gebell aus. Was war das? Wem galt dieser Schuß? -Was war das für eine Stimme? - -Berger rafft sich auf und schirrt den Hund los. - -»Such', Pluto, such'!« - -Beide springen über den Grabenrand und verschwinden im Walde. - -Ein kurzes Suchen -- da finden sie ihn -- nicht weit vom Waldrande. - -Gegen eine Fichte liegt er mit blutender Brust, und neben ihm liegt das -Jagdgewehr im Schnee. - -»Raschdorf! Herr Raschdorf! O du großer Gott!« - -Der Lumpenmann beugt sich tief zu dem Verwundeten. Der rührt keine -Wimper. - -»Raschdorf! Hermann! Komm zu Dir! Komm zu Dir!« - -Der liegt mit verglasten Augen und röchelt schwer und schaurig. - -Berger reißt dem Verletzten Rock, Weste und Hemd auf und sieht das Blut -strömen aus vielen winzigen Wunden. Da nimmt er ein reines Taschentuch -und bindet es mit einer Schnur fest auf die Wunden. - -Nun rafft er ihn auf und trägt ihn mit furchtbarer Anstrengung nach der -Straße. Dort legt er ihn auf den Schnee und holt den kleinen Schlitten -herbei. Dahinein bettet er den Verwundeten und fährt behutsam zurück -nach dem Buchenhofe. Und der Hund geht gesenkten Hauptes nebenher, -denn er fühlt, daß sein Herr weint, fühlt, daß das eine traurige Fahrt -ohnegleichen ist. - -Der stolze Buchenbauer fährt heim auf Lumpenmanns kleinem Schlitten, -und nebenher geht der Tod, ein düsterer Wegegenoß, ein schauriger -Kamerad, den der dumpfe Feuerton des Gewehrs zur Stelle rief. Jetzt -noch schreitet er neben dem Buchenbauer über den weißen Schnee; aber -bald wird er die Führung übernehmen und auf seinen Wegen wandeln mit -dem anderen. - -Unten im Dorfe singen ein paar Knechte: - - »Nun ade, du mein lieb Heimatland, - Lieb Heimatland, ade; - Es geht jetzt fort zum fremden Strand, - Lieb Heimatland, ade!« - -Mathias Berger horcht hinunter und sagt erschüttert zu sich selbst: »Es -ist Ziehtag!« -- - -Am Nachmittag kam Raschdorf noch einmal auf Sekunden zu sich. - -»Raschdorf, um Christi willen bereuen Sie Ihre Sünden!« - -Und der Geistliche, der am Bette stand, hielt ihm ein Kreuz hin. - -Raschdorf starrte ihn gläsernen Auges an, dann verzog sich sein Gesicht -wie zum Weinen, und er versuchte, das Kreuz zu küssen. Aber dabei -verlor er schon wieder das Bewußtsein. - -»Durch diese heilige Salbung und durch seine mildreiche Barmherzigkeit -verzeihe Dir der Herr alles.« -- - -Gegen 4 Uhr war Hermann Raschdorf tot. - -Am Fenster lehnten Frau Anna und Heinrich. Sie hielten sich fest -umklammert. Der Winterabend lag auf der Flur, und über dem verschneiten -Walde ging fahl die Sonne unter, die ferne Sonne, die uns doch -unendlich näher ist als die Seelen der lieben Toten, die heimgegangen. -Mit weißem, unbewegtem Gesichte schaute Frau Anna nach dem gelben -Schimmer. Bald ging nun auch sie auf die weite Reise, und der Knabe, -den sie liebte, blieb einsam zurück, ohne Eltern und ohne Heimat. -In vielen Jahren aber, wenn auch er vollendet, würden sie sich -wiedersehen. Das sind die Stunden, in denen Gott mit den Menschen -spricht, er, der Trost und Frieden für die Trauernden hat, wenn die -Welt und all ihre Weisheit und all ihre Tröstung versagt. - - * * * * * - -Durchs Dorf flog die Kunde: »Raschdorf hat sich erschossen! Das -Gewissen hat ihm keine Ruhe gelassen!« - -Berger hatte es übernommen, die Träger der Leiche für das Begräbnis zu -besorgen. Bauern werden sonst von Bauern zu Grabe getragen. Aber der -erste Bauer, den Berger um den Liebesdienst ansprach, sagte, er habe -nicht Zeit, und der zweite meinte, er habe die Influenza. Da spuckte -Mathias Berger draußen vor dem Tore aus, fuhr nach der Stadt und -bestellte einen Leichenwagen nebst den Leichendienern. Die kosteten -viel Geld, aber sie kamen pünktlich. - -»Geld ist etwas Gutes,« sprach der schlichte Philosoph bei sich selbst, -»es ist oft viel zuverlässiger als die Nächstenliebe.« - -Am 5. Januar war das Begräbnis. Hunderte und Aberhunderte von -Zuschauern füllten den Friedhof. Der Geistliche sprach die üblichen -Gebete. Dann mußte die Rede kommen. Aller Augen hingen an dem Munde des -Priesters. Klar und deutlich sprach er: - -»Wir beten für den Verstorbenen und alle, die mit ihm hier schlummern, -jetzt noch ein Vaterunser.« - -Und sonst kein Wort. Bald nach dem Vaterunser ging der Geistliche fort. -Nicht einmal die übliche Danksagung für das »christliche Trauergeleite« -sprach er. Mathias Berger hatte sich außer der Einsegnung des Grabes -alles andere namens der Hinterbliebenen verbeten, auch die Danksagung. -Die Leute, die da hinkämen, meinte Berger, kämen aus Neugierde und -nicht aus Teilnahme, für die Neugier aber brauche sich niemand zu -bedanken. - -Eine große Enttäuschung bemächtigte sich der Teilnehmer am Begräbnis, -und die Männer suchten sich in etwas zu entschädigen und gingen ins -Wirtshaus. - -Dort wurden dann dem toten Hermann Raschdorf viele Leichenreden -gehalten. - - * * * * * - -Drüben im Buchenhof saß ein kleiner Kreis von Menschen und beriet über -die Zukunft: Frau Anna, Heinrich, der alte Kantor, der Schaffer und -Mathias Berger. - -Und auch der Lumpenmann hielt eine kleine Leichenrede. »Heinrich, wenn -Dir amal jemand sagt: Dein Vater hat sich erschossen, da sag': Ja, a -hat sich erschossen, aber ob a 's freiwillig gemacht hat oder ob a -verunglückt is, das weiß der liebe Herrgott alleine. Aber wenn Dir -jemand sagt: Dein Vater hat sich selber angezünd't, da spuck' ihm ins -Gesichte, denn das is die höllischste Lüge von der Welt. Wer angezünd't -hat, das wird noch amal lichterloh rauskommen. Und nu will ich noch was -sagen: der Buchenhof bleibt 'm Heinrich. A wird nich verkauft!« - -Frau Anna sah Berger wehmütig an. - -»Der Hof muß verkauft werden -- bald! Schräger hat seine 20000 Mark -gekündigt und der Müller seine 5000 Mark. Jetzt borgt uns niemand zur -letzten Hypothek hundert Taler.« - -Berger machte eine abwehrende Handbewegung. »Lassen Sie mich reden, -Frau Raschdorf. Wieviel sind Schulden?« - -»110000 Mark.« - -»So? Und der Hof is wert 150000! Wenigstens!« - -»Jetzt nicht! Jetzt gelten die Wirtschaften nichts! Und 's is kein -Vieh da, kein Ackerzeug, die Gebäude sind abgebrannt. Wer weiß, ob -wir mit den Schulden rauskommen, wenn wir verkaufen und noch das -Versicherungsgeld dazu rechnen.« - -Die Frau streckte beide Hände trostlos über den Tisch. Mathias Berger -nahm eine entschlossene Miene an. - -»Die Wirtschaften gelten jetzt nischt! Gutt! Also wird sie nich -verkloppt. Das wär' ja traurig. Und nu raus mit der Sprache! Erschreckt -nich! Ich borg' das nötige Geld selber!« - -»Von wem?« - -»Von wem? Von mir! Ich borg's selber! 10000 Taler borg' ich, das sind -30000 Mark.« - -Die anderen sahen ihn verständnislos an. - -»Ja, von wem wollen Sie's denn borgen?« - -»Nu, von niemand! Von mir selber! Ich hab' selber so viel Geld übrig!« - -»Machen Sie heute keine Scherze, Mathias,« mahnte der Kontor. Frau Anna -und Heinrich sahen betroffen vor sich nieder, und nur der Schaffer -grunzte ein wenig amüsiert. Da nahm Berger das Wort: - -»Da muß ich zuerst 'ne kleine Geschichte erzählen. Es geht oft recht -wunderbar zu im Leben. Also eines schönen Tages -- es sind jetzt -sechs Jahre her -- sitz' ich in Waldenburg in eener Kneipe. Kommt -der Schräger rein. Na, damals vertrugen wir uns noch besser, und a -plauderte immer gerne mit mir, denn a Lumpenmann weiß manches, was -a anderer nich weiß. Na, wie gesagt, der Schräger setzt sich zu mir. -'n kleenen Stiefel hatt' a sitzen. Auf 'm Tisch stand a Würfelbecher. -»Sind wir amal um 'n Böhm!« sagte er und warf siebzehn. Ich wollt' mich -nich blamieren, warf sechzehn und zahlte zehn Pfennige. »Revanche,« -sagte der Schräger und warf dreizehn; und ich revanchierte mich, schmiß -sieben und gab wieder zehn Pfennige. Das gefiel 'm Schräger; a würfelte -immer von neuem und ich immer mit, und ich bezahlte immer 'n Böhm, -bis 'ne Mark voll war. »Weißte, Berger, riskier'n wir amal 'ne Zicke, -setz'n wir jeder amal fünf Böhm. Wenn schon, denn schon!« »Wenn schon, -denn schon,« sagte ich und setzte fünfzig Pfennige, denn ich hatte och -'n kleenen Stiefel sitzen. Nu schmeißt a sechzehn und ich achtzehn, und -das ging so fort, bis ich ihm fünf Mark und fünfzig Pfennige abgeknöppt -hatte. Da war a wütend, nahm seine Mütze und ging. Ich freut' mich -natürlich nich schlecht, ließ mir gleich 'n telikaten Kalbsbraten für -40 Pfennige bringen und schickte mein'm Hunde für 10 Pfennige Knochen -aus der Küche. Dann fuhr ich los. Wie ich nu so durch die Stadt fuhr, -les' ich a großes Plakat: Marienburger Geldlotterie. Große Geldgewinne. -Los 3 Mark. Ich lehnte an meiner Hundekutsche und lernte so sachte das -Plakat auswendig. Und weil ich, wie gesagt, nicht ganz klar war, geh' -ich rein und kauf' a Los, von Schrägers Gelde. Wie ich' wieder rauskam, -sah mich mein Hund an, als wenn a sagen wollte: Du tummer Kerl, was -hätt'n wir für das Geld für 'ne Menge Kalbsbraten und Knochen haben -können. Aber na, 's Geschäft war gemacht. Damit nu wenigstens von dem -Gewinn was Reelles raushängen tät, kaufte ich von den zwee Mark, die -ich noch hatte, der Liese 'ne Puppe. Na und? -- Nach vier Wochen hatt' -ich mit mein'm Los 30000 Mark gewonnen, a dritten Hauptgewinn.« - -»Berger! Es is nich möglich!« - -»Ist denn das wahr, Mathias?« - -Die ganze Gesellschaft war aufs höchste erregt. - -Berger lächelte. »Es ist wahr. Und ich hab' das Geld Heller für Pfennig -ausgezahlt gekriegt. Aber ich hab' mir's nich in Waldenburg geholt; ich -bin nach Breslau gefahr'n. Denn ich mochte kein'n Lärm machen.« - -»Das is ja nicht zu glauben!« - -»Was is nich zu glauben? Daß jemand 'n Haupttreffer macht? Das kommt -bei jeder Lotterie vor. Und daß es mal 'n kleenen Mann trifft, das -kommt ooch vor. Ich hab' für das Geld Papiere gekauft. Vierprozentige! -Das macht zwölfhundert Mark Zinsen aufs Jahr. Die hab' ich fast alle -gespart. Das sind nun wieder gegen 7000 Mark. Gesagt hab' ich keinem -Menschen was. Nich amal meine Schwester weiß was und die Liese ooch -nischt.« - -»Aber warum -- warum haben Sie denn das verschwiegen?« - -Berger sah vor sich nieder. - -»Ja, warum? Na, das habt Ihr wohl schon oft gehört und gelesen, daß -mancher, den die Leute für 'nen blutarmen Kerl hielten, in Wirklichkeet -a kleener Krösus war. Bei manchem, der a Fechtbruder war, fand man -am Ende viel Gold und Silber unter seinen Lumpen. 's gibt solche -schnurrige Kerle. 's is a ganz besonderer Spaß, die Welt zum Narr'n -zu halten. Bei mir war's auch so. Aber 's war nich das alleene. Das -Geld kam zu spät. Zehn Jahre früher hätt's kommen müssen, wie ich noch -jünger war. Da hätt' ich's gebraucht.« - -Die andern sahen ihn verständnislos an; nur Frau Anna blickte vor sich -nieder. - -Berger zwang sich wieder zu einem launigeren Tone. - -»Ja, und für een'n Lumpenmann paßt sich's doch nich, wenn a reich -is. Ich schämte mich. Und Lumpenmann wollt' ich bleiben. So in der -Welt rumfahren und zu Leuten kommen, das paßt mir. Das is nich so -langweilig. Da gibt's alle Tage was Neues. Na, und das Geschäft ernährt -mich. Deswegen braucht' ich auch das Geld nich. Ich hab' mir immer -gedacht, so 'ne Lotterie is was Tummes. Immer gewinnt's einer, der's -nich braucht. Aber wiederum war 's nich so was Tummes. Immer, wenn mich -so eener scheel ansah, und dachte: »Ach, der arme Schlucker!« lacht' -ich mir eens im stillen. Und ich dachte an allerhand!« - -Die andern schwiegen. Bergers Augen begannen zu leuchten. - -»Und jetzt dank' ich Gott, daß ich das Geld hab'. Jetzt kann ich's -gebrauchen.« - -»Berger, Sie können ja nicht -- Sie dürfen nicht Ihr Geld auf eine so -unsichere Sache --« - -»Ich mach', was ich will! Ich borg's -- basta! Die Sache steht ganz -gut. Der Schräger und der Müller werden ausgezahlt, bleiben 85000 Mark -Schulden. Das is bloß reichlich die Hälfte von dem, was das Gut wert -is. Dann bleiben immer noch 5000 Mark zu dem Versicherungsgelde, daß -die Gebäude wieder ordentlich aufgebaut werden können. Und wenn ich -sterbe, haben die Liese und die Schwester noch 7000 Mark. Das ist viel -Geld. Und außerdem haben sie die Hypothek.« - -»Berger, es ist mir, als ob Sie ein Märchen erzählten,« sagte der alte -Kantor. »Sie müssen aber an Ihr Kind denken.« - -»An die Liese denk' ich schon. Der bleibt alles, jeder Pfennig. Wenn's -nich sicher wär', borgt' ich's nich. Denn ich bin geizig geworden, seit -ich das Geld hab'. Aber es is sicher!« - -»Das werden wir nicht annehmen, Berger.« - -»So? Und damals -- wie ich ins Gemeindehaus kommen sollte -- als -Dorfarmer? -- Sie denken wohl, a Lumpenmann hat keen Ehrgefühl? Das -merkt a sich, wenn ihn jemand nich hat verlumpen und verhungern lassen. -Und offen gesagt, ich weeß mir keen Rat mit 'm Gelde. Ich hab' mir ofte -gesagt, eigentlich könntest du was anfangen, die Liese aufputzen und so --- oder selbst 'n feinen Kerl rausbeißen. Ich hab' immer lachen müssen, -wenn mir so was einfiel. 's kam mir so riesig tumm vor. Na, und da hab' -ich's immer aufgeschoben. Kommt alles noch zurechte, dacht' ich immer. -Laß das Mädel! Besser is, sie denkt, sie is arm. Da wird sie a recht -braves Mädel werden. Kommt alles zurechte!« - -»Ich besauf' mich auch amal, und nachher tu ich würfeln,« nahm sich -Reichel, der Schaffer, vor. Es war das erste Mal, daß er begeistert war. - -Die anderen aber sahen ernst vor sich nieder. Sie waren alle in tiefer -Verlegenheit. Es entstand eine Pause. Frau Anna ergriff Bergers Hand. - -»Mathias, Sie wollen mir das Sterben leichter machen.« - -»Mutter!« - -»Kind! Anna, sprich nicht so! Ich kann's nicht hören!« - -Die Frau schüttelte leise den Kopf und bedeckte das Gesicht mit den -Händen. - -Mathias Berger sagte nichts. Ein Weilchen saß er ganz still da mit -rotem Gesicht. Dann stand er plötzlich auf und ging hinaus. - -Im öden Hofe stand er regungslos. - -Einmal, als er ein junger Bursche war, hatte er ein Mädchen geliebt. Es -wurde nicht sein. Ein reicher Nebenbuhler kam und riß sie in seine Arme. - -Jetzt ist sie arm geworden und er reich, und der andere ist begraben. -Aber wiederum wird sie nicht sein. Ein stärkerer Freier kommt -- der -Tod. Er steht wohl schon drüben auf den kahlen Wiesen. Bald schreitet -er über die Trümmer und den Hof und führt die Anna heim in sein stilles -Haus. Und die Menschen werden bei der Hochzeitsfeier läuten und singen -und hinterher lachen und zechen, wie jetzt die lauten Gäste drüben in -der Schenke. Der Mathias aber wird wieder mit seinem Handwagen in der -Welt herumziehen und das Vergessen suchen. - -»Mathias! Mathias, wo sind Sie denn?« - -»Heinrich! Komm mal her, Heinrich!« - -»Mathias, sind Sie krank?« - -»Es ist nichts, Heinrich! Ich hab' mir bloß so mancherlei überlegt. -Heinrich, wir zwei werden zusammenhalten!« - -»Ja, Mathias! Ich bin so froh, daß Sie mein Vormund werden sollen.« - -»Vormund nennen sie's auf 'm Gericht; wir heißen's Freund. Du sollst -jetzt »Du« zu mir sagen, Heinrich, und ich sag' auch »Du«, für immer. -Und uns zwei soll niemand auseinander bringen!« - -So reichten sie sich die Hände. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 7] - - -Es war nahe an Mitternacht. Der Buchenhof lag längst ganz still; auch -in der Wirtsstube des Kretschams waren die Lichter erloschen. Nur aus -der Giebelstube drang noch ein matter Schein. Julius Schräger war noch -wach. - -Das Bett war aufgedeckt; es war totenstill im Hause, und Schräger war -den ganzen Tag von früh an auf den Beinen gewesen. Aber er legte sich -nicht nieder. - -Langsam trat er ans Fenster. Der Mond war aufgegangen, und in seinem -halbhellen Licht lag drunten das Dorf. Der Kirchturm ragte deutlich in -die Luft. - -Dort unten, ganz nahe am Turme, lag Hermann Raschdorf die erste Nacht! -Er lag unter gefrorenen, harten Schollen in einem dünnen Totenhemd, und -seine Nachbarn zur Rechten und zur Linken waren Tote, Leute, die schon -lange dort unten schliefen. Wie still das dort sein mußte! Nur die -Würmer bohrten an Holz und Knochen, und zuweilen brach ein Sargdeckel. -Dann senkten sich die Schollen und -- drückten schwer. - -Schräger fröstelte und trat vom Fenster zurück. - -Er war ein Narr, sich so schwere Gedanken zu machen. Zu ändern war -nichts. So setzte er sich auf den Bettrand und legte sich auf die -Kissen nieder. Aber kein Schlaf kam über seine Augen. Er sah immer -in das rote, leise singende Licht. Als wenn das Licht blutete und -wimmerte, so war's. - -Schräger schloß die Augen. Warum dachte er immer an Raschdorf? Er war -fort. Er konnte ihm nichts anhaben. Kein Haar konnte er ihm krümmen. -Und bis dahin, daß er auch hinunter müßte, war's lange hin. Dann war -der andere längst zu Staub zerfallen. - -Da schlich draußen etwas heran. Schräger lauschte. Es kam näher -- -stockte -- war still. Aber jetzt kam's wieder -- es stieß an einen -Stuhl und war wieder still. Dann ächzte es deutlich vor der Tür. - -Schräger richtete sich halb auf. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn. -Steif und lahm stützten sich die Hände auf die Kissen. - -Da ächzte es wieder draußen. - -Und jetzt tastete es an die Tür und klinkte langsam auf. - -»Was? Wa--as? -- -- -- Ah -- Du -- Gustav! -- Was willst Du?« - -Der Idiot, der ganz dürftig angezogen war, legte den Finger auf den -Mund. - -»Pst! Still! Ich komm Dir was sagen.« - -Er schlich mit unheimlich glitzernden Augen zu seinem Vater und sagte -ihm leise ins Ohr: - -»A kommt wieder!« - -Schräger erblaßte. - -»Gustav, wie kannst Du Dich erdreisten, jetzt in der Nacht --« - -»Pst! Ich fürcht' mich! A kommt -- a rennt über die Felder -- mit der -Flinte -- ich hab' 'n gesehn -- a will mich schießen -- und da komm ich -zu Dir -- Du mußt mich verstecken -- und Du mußt ihm Geld geben, daß a -nich schießt.« - -Schräger wurde es brühheiß. - -»Gustav, augenblicklich gehst Du in Deine Kammer und legst Dich -schlafen. Das is Unsinn!« - -Der Idiot brach in Heulen aus, und Schräger mußte ihm den Mund zuhalten. - -»Still, Gustav, sei doch still! Es hört Dich sonst jemand. Du kannst ja -hierbleiben. Schrei nich -- schrei nich, Gustav! -- Komm, leg' Dich ins -Bette, ich zieh' Dir die Hosen runter -- so -- und nu leg' Dich um; ich -deck' Dich fest zu.« - -Der Idiot klapperte mit den Zähnen, als er im Bette lag. - -»Fürchte Dich nich, Gustav, fürchte Dich nich, es kommt kein Mensch. -Schlaf' ruhig ein! Es kommt niemand!« - -»Du, ich hab'n gesehn! A weiß jetzt, daß ich angezünd't hab'!« - -»Bist Du ruhig, Gustav, bist Du ruhig! Du hast ja gar nich angezünd't.« - -»O ja, ich hab'! Mit zwei Streichhölzeln! A wollte mich rausschmeißen --- uh, und es war doch so kalt.« - -»Wenn Du nich ruhig bist, Gustav, kommt der Gendarm. Das darfst Du -keinem sagen, sonst wirst Du fortgeholt. Niemand darfst Du das sagen, -hörst Du? Keinem Menschen!« - -Schräger zitterte vor Erregung. - -»Ich sag's nich. Sonst schießt a mich tot!« - -»Schlaf' ein, Gustav, schlaf' ein!« - -»Oh, es hat so gebrannt, so hoch und so heiß, und jetzt wird a kommen. --- Hörst Du? -- A kommt auf der Treppe -- Vater, versteck' mich!« - -Schräger setzte sich auf den Bettrand und ergriff die Hände des -Burschen. Leise redete er auf ihn ein und gebot ihm, die Augen zu -schließen. - -Der Idiot verbarg sich tief in den Betten und hielt krampfhaft des -Vaters Hand. Von Zeit zu Zeit schrie er auf, dann hielt ihm Schräger -den Mund zu. So verging eine qualvolle halbe Stunde, dann fing der -Bursche leise an zu weinen und schlief allmählich ein. - -Schräger erhob sich. Sein Gesicht war fahl. Ein leiser, schwerer Fluch -kam über seine Lippen. Dieser Mann erkannte, daß sich ein Wurm in sein -Lebensmark eingebohrt hatte, der nie mehr weichen werde. - -Langsam ging er an den Schreibtisch, der an der Wand stand, und nahm -ein Zeitungspapier heraus. Es war dasselbe Blatt, das Gustav am -Brandtage zuerst zu einem Heim geformt, dann entfaltet und so gierig -betrachtet hatte. - -Das Blatt enthielt ein Bild, das ein brennendes Haus darstellte, -aus dem ohnmächtige Menschen getragen wurden. Dieses Bild hatte die -Phantasie des Idioten erregt und ihn zu seiner Tat angestachelt, wozu -noch gekommen war, daß die Bauern von einem Brande gesprochen und -Raschdorf den Burschen gekränkt hatte. - -So war alles gekommen, und Schräger hatte noch am selben Abend die -furchtbare Wahrheit erfahren. Als Gustav vom Brande nach Hause lief, -war er ihm gefolgt. Da hatte der Knabe unter der Treppe im Hausflur -gekauert und gewimmert. Er hatte ihn mit sich in die Stube genommen und -ihn ausgefragt. Und da war ihm der unglückliche Bursche schreiend zu -Füßen gefallen und hatte ihm gestanden, er habe die Scheuer angezündet. - -Anfangs hatte es Schräger nicht geglaubt. Aber dann hatte er dem -Jungen die Taschen durchsucht und das Bild und ein ganzes Päckchen -Schwefelhölzer gefunden. Entsetzt hatte er noch einige Fragen gestellt -und mit Gewißheit die furchtbare Wahrheit erkannt, daß sein Sohn der -Brandstifter sei. - -Und doch hatte ihn damals nichts bewegt als die peinigende Sorge, die -Sache möchte offenbar werden. Der Verschleierung der Tatsache galt von -da an all sein Bemühen, hinter das sogar sein altes Bestreben, den -Buchenhof zu erwerben, weit zurücktrat. - -Nun trat er an das Bett des schlafenden Burschen. Auch im Schlafe war -dieses Gesicht häßlich und öde. Der Junge atmete schwer, und seine -struppigen Haare waren feucht von Schweiß. Er sah wohl auch im Traume -den schrecklichen Jäger, vor dem er sich fürchtete. - -Schrägers Kopf sank auf die Brust. Das war eine der schweren -Nachtstunden, da der Mensch Rechnung hält in seinem Herzen und vor -Schuld und Urteil erschrickt. - -Wenn Gustav plauderte! - -Sie konnten dem Jungen gerichtlich nichts tun, er konnte nicht -verantwortlich gemacht werden. Aber sie würden ihn in eine Anstalt -bringen, ihn unschädlich machen für immer. - -Und das fürchtete Schräger; dagegen sträubte er sich mit ganzer Seele. -Er liebte seine beiden Kinder abgöttisch, wie so oft Geizhälse, die in -ihrer Seele sonst nie einen Funken Idealismus haben, an ihren Kindern -mit einer unordentlichen Glut hängen, die anständigen Leuten fremd -ist. Das ist auch ein Zug, den die Geizhälse mit den Bestien gemeinsam -haben. Und noch eines kam hier dazu, die Gefahr, daß der Junge des -Vaters Mitwissenschaft verriet. - -Sein Eid! Sein Eid! Wie stand er da! - -Gewiß, er konnte im schlimmsten Falle alles abstreiten. Das Zeugnis des -Jungen galt vor Gericht nichts. Er konnte sagen, er habe nichts gewußt. -Aber die Dorfleute! Wenn ihr Vertrauen verschwunden war, war sein -Geschäft verloren -- alles verloren. Das durfte unter keinen Umständen -geschehen. - -Und sein alter Plan: den Buchenhof zu gewinnen! Es war ja gut, wenn der -Raschdorf unterging. Was ging ihn der Raschdorf an? Schließlich hatte -er sich doch selber ruiniert! - -Die Lampe ging aus. Schräger erschrak. Jetzt im Dunkeln würde auch er -sich fürchten. Er sann nach, wo er Licht hernehmen könnte. Es war, -ohne Geräusch zu verursachen, keines zu erlangen. So setzte sich der -Einsame in einen Lehnstuhl. - -Nur das eine nicht, nur nicht nach dem Fenster sehen! Das Mondlicht -fiel so gespenstisch herein, und dort unten ragte der Turm auf, -als wenn mitten aus dem Kirchhof sich ein geisterhaft drohender -Riesenfinger emporstrecke. - -Nur nicht nach dem Fenster sehen! - -Eine Weile saß Schräger grübelnd still. Dann begannen seine Lippen zu -zucken, Worte zu sprechen, ohne daß er's hindern konnte: »Ich schwöre -vor Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit -sagen, nichts verschweigen --« - -Ein Stöhnen; Schräger sprang auf. Was fiel ihm ein? Wie kam er dazu, -das zu sagen -- das? - -Er schloß die Augen und drückte den Kopf gegen die Kacheln des Ofens; -sie waren kalt. - -Kalt! Wenn das Feuer erlischt und wenn das Leben erlischt, kommt die -Kälte. - -»-- nichts verschweigen und nichts hinzusetzen --« - -Schräger raffte sich auf, und wie alle, die das Elend trifft, versuchte -er den Kampf mit der furchtbaren Furie, die das böse Gewissen heißt, -den nutzlosen, törichten Kampf, den auf die Dauer kein Sterblicher -besteht, wenn nicht die starke, heilige Gnadenhand Gottes die eisernen -Krallenfinger mächtig und linde aus den blutenden Schultern löst. - -»Was hab' ich denn getan? Was hab' ich denn gesagt? Ich hab' nur -erzählt, was ich wußte. Nur das!« - -»-- nichts verschweigen --« - -Schräger blickte scheu nach dem Bette. - -Eines hatte er verschwiegen: das, was alles gelöst hätte. - -»Wissen Sie, wer der Brandstifter ist?« - -»Nein!« - -Und die schwarze, hohläugige Gegnerin warf den Einsamen in den -Lehnstuhl zurück. Dort preßte er das Gesicht gegen die Lehne. - -Da, wie er sich sammelte, aufraffte, kam ihm eine neue Waffe. - -»Es ist niemand verpflichtet, gegen sein eigen Fleisch und Blut zu -zeugen. So sagt wenigstens das Gericht, wenn auch nicht die Religion.« - -Er atmete auf. Das würde die Erlösung sein, der Sieg! Der Dämon stand -an der Tür, als wolle er gehen. Aber er wandte sich noch einmal um. - -»Trauen Sie dem Angeklagten das Verbrechen zu?« - -Wie ein Lavastrom flutete die Frage durch die Seele des Einsamen, die -Frage und die meineidige Antwort, die er gegeben: »Ich weiß es nicht -genau. Er wird es wohl gewesen sein!« - -Leise kam der Dämon näher und beugte sich an Schrägers Ohr. Das Fenster -knackte und knisterte ein wenig. Das klang wie leises, böses Lachen. -Und es war, als ob die furchtbare Stimme zischelte: - -»Und weißt Du, was Du weiter getan hast? Das Geld hast Du ihm -gekündigt, ihn bankerott zu machen; zum Müller bist Du gegangen, -ihn aufzuhetzen, und da hat Dein Freund die Flinte genommen und ist -hinübergegangen. Und Gott hat gefragt: »Woher kommst Du? Ich habe Dich -nicht gerufen!« Mit Donnerstimme hat Gott es gefragt. Dein Freund aber -hat mit bleicher Hand hinabgezeigt auf Dich und gesagt: »Der hat mich -auf den Weg gezwungen zu Dir, der! ...«« - -»Gustav, wach' auf! Wach' auf, Gustav! Ich kann nicht allein sein!« - -Der Bursche fuhr erschrocken auf. - -Und Julius Schräger suchte bei ihm Hilfe, bei dem Idioten, der -verschlafen wimmerte und bald wieder einschlief. - -Ein wenig später rasselte draußen ein Fuhrwerk vorbei. Schräger -sprang ans Fenster. Wie eine Erlösung betrachtete er die brennenden -Wagenlichter. Da waren doch Menschen -- Menschen. - -Aber bald darauf kam noch ein Licht langsam über die Felder herauf, ein -einsames Licht, vor dem es dem erregten Manne schauerte. Wie gebannt -sah er hin; er konnte sich nicht wegrühren vom Fenster, als wenn jenes -Licht ihn zwinge. Er rieb sich die Augen, er wollte das Blendwerk -bannen. Es gelang nicht. Näher kam das Licht, immer näher, gerade auf -das Haus zu. Und nicht auf der Straße kam's, nein, über die Felder, ein -weißes, blasses, taumelndes Licht. - -Der Wind wimmerte draußen, und der Mond war untergegangen hinter -schwarzem Gewölk. Es war fast ganz dunkel. - -Jetzt war das Licht da. Wie eine Laterne war's und hatte doch nicht die -Form gewöhnlicher Laternen. - -Jetzt -- jetzt konnte er's sehen! Eine schwarze Gestalt trug die -Laterne, und ihr folgte eine weiße. Schräger sah es deutlich im -Lichtschein. - -Und jetzt verschwanden die Gestalten mit dem Lichte huschend drüben im -Buchenhofe. - -Mit verzerrtem Gesicht drehte sich Schräger um. - -Der Tod, der den Raschdorf heimführt, fiel ihm ein. - -Er war sonst nie furchtsam gewesen. Aber seit er einen unter dem Rasen -hatte, dem er den Atem genommen, kam die grauenhafte Angst -- die -wahnwitzige, abergläubische Furcht. - -Finster war's, schauerlich finster, und der Junge röchelte so schwer. - -Ein Mittel! Ein Mittel, um der Qual zu entgehen! - -An den Wänden tastete sich Schräger hin, zur Tür hinaus und dann leise -wie ein Dieb die Treppe hinunter nach der Gaststube. - -Dort atmete er auf. Es wurde ihm ein bißchen wohler. Vorsichtig schloß -er die Fensterläden, dann zündete er die Lampe an. Licht! Licht ist -allein schon eine Wohltat. - -Aber doch war's auch hier einsam und furchtsam. - -Da suchte er das Mittel. - -Zum ersten Male trank er viel Schnaps. Dadurch wurde er mutiger. -Schließlich füllte er eine Flasche, löschte das Licht aus, tappte nach -seiner Schlafstube zurück, um den Jungen nicht allein zu lassen, setzte -sich in den Lehnstuhl und trank -- trank aus der Flasche. - - * * * * * - -Am andern Morgen lag ein lichter Dreikönigstag über der winterlichen -Erde. - -Schräger erhob sich müde und zerschlagen aus dem Lehnstuhl, in dem er -ein paar Stunden im dumpfen Schlummer des Rausches gelegen hatte. Es -war acht Uhr vorbei. Er weckte seinen Sohn und gebot ihm noch einmal -eindringlich Schweigen. Dann versprach er ihm, er würde ein zweites -Bett in diese Stube schaffen lassen, und Gustav könne jetzt immer bei -ihm schlafen. Nur dürfe er nichts sagen. - -Drunten im Hause polterten die Dienstleute. Das tat Schräger wohl. Auch -das Licht beruhigte ihn. Mehr aber half ihm ein guter Gedanke, den er -in der Nacht gefaßt hatte: er wollte hinüber zur Frau Raschdorf gehen -und die Kündigung zurücknehmen. - -Schlafen mußte er wieder können, ruhig mußte er wieder sein, selbst auf -die Gefahr hin, daß er den Buchenhof nicht bekam. Sonst, meinte er, -würde er verrückt werden vor Furcht. - -So ging er gleich vor dem Frühstück nach dem Buchenhofe. Unter der Tür -traf er die Magdalene Raschdorf. - -Das schöne Kind sah ihn herb an. - -»Lene, ist Deine Mutter schon aufgestanden?« - -Das Mädchen schüttelte finster den Kopf. - -»Ich möchte mit Deiner Mutter gern sprechen.« - -»Sie ist krank!« sagte Lene und wandte ihm den Rücken. - -»Ganz wie der Vater,« dachte Schräger, »so stolz und abweisend.« Aber -er zwang sich, freundlich zu sein. - -»Lene, ist es schlimmer geworden mit der Mutter?« - -Das Kind nickte und schlug die Hände vors Gesicht; dann lief es ins -Haus. - -Eine Magd erschien und klärte Schräger auf. Die Frau hatte in der -Nacht Blutsturz bekommen. Ein Gespann hatte den Doktor geholt und eine -barmherzige Schwester aus der Stadt mitgebracht, und der Pfarrer und -der alte Kantor waren auch in der Nacht gekommen. - -»Mit einer Laterne?« fragte Schräger stockend. - -»Ja, mit einer Kirchenlaterne!« - -»Aah!« seufzte Schräger auf und nickte. - -Der Arzt kam die Treppe herab. - -»Was wünschen Sie?« fragte er Schräger. - -»Ich -- ich habe der Frau Raschdorf Geld gekündigt, und ich will die -Kündigung zurücknehmen.« - -»Lieber Freund, da kommen Sie leider zu spät. Frau Raschdorf ist eben -gestorben.« - -Ein schriller Schrei ertönte von oben. Das war die Lene, die es -auch jetzt eben erfuhr. -- Schräger ging mit schweren Schritten -heim. -- -- -- -- - -Wieder flog die Todeskunde durchs Dorf, und die Leute wurden still. Ein -Schrecken kam über die Menschen. - -So viel Trauer in einem Hause weckte überall Furcht. Ein leises Grauen -mischte sich drein, als sei hier eine Strafe des Himmels sichtbar und -offenkundig in Erscheinung getreten für Sünden, die die Menge nicht -genau kannte. Aber ein Mitleid regte sich in den weicheren Herzen für -die zwei verwaisten Kinder. Dieses Mitleid hätte zum Siege verhelfen -können im Kampfe um die Heimat. Durch Mitleid hätte Heinrich Raschdorf -sich jenen Herzboden bei den Mitgliedern der Gemeinde erkaufen können, -um den er lange Jahre hindurch so bitter kämpfen mußte. Es kam ein -günstiger Augenblick, wie er nicht mehr wiederkam. -- Ein paar -Sympathiekundgebungen kamen aus dem Dorfe. Gespanne wurden angeboten, -auch sonstige Unterstützung, und zwölf Männer meldeten sich freiwillig -als Träger der Leiche. Der Bauer, der sich vor Tagen wegen Influenza -entschuldigt hatte, hatte die zwölf Männer gesammelt. Er schickte eine -Magd und ließ fragen, ob die Träger gebraucht würden. - -Mathias Berger brachte seinem Mündel Heinrich die Nachricht aus der -Küche in die Wohnstube. - -»Die Leute werden vernünftig, Heinrich! Siehst Du, schlecht sind sie -gar nich. Sie haben sich bloß mit Deinem Vater nich verstehen können. -Es is schon gut, Heinrich, wenn Du mit den Leuten auskommst, denn sonst -bleibst Du in der Fremde, auch wenn Du zu Hause bist. Das kannst Du mir -glauben.« - -»Den Vater haben sie nich tragen mögen,« sagte der Junge finster. -»Warum nicht?« - -Mathias Berger wußte nicht gleich eine richtige Antwort. Eine -leidenschaftliche Röte flammte über das Knabengesicht. - -»Weil sie dumm sind, weil sie schlecht sind! Mathias, ich hab's gehört, -ich hab' gehört, wie sie auf meinen Vater schimpften, damals in der -Stadt. Alle haben sie gelacht über den schuftigen Barbier, und wie ich -ihm die Nase blutig gehau'n hab', da haben sie über mich herfallen -wollen -- zwanzig Männer über einen Jungen! Mathias, sie dürfen meine -Mutter nicht tragen. Ich leid's nicht!« - -Die stolze, herrische Art der Raschdorfs brach bei dem Knaben durch. -Mathias blieb ruhig und milde. - -»Heinrich, sie lassen sich selber anbieten. Es ist nun einmal so -Sitte auf dem Dorfe. Wenn wir das abschlagen, das is eine riesige -Beleidigung.« - -»Und die? Haben die meinen Vater nicht beleidigt? Gebettelt hab' ich, -gebettelt, Mathias, daß sie's glauben sollen, sie haben nicht gemuckst. -Ich leid's nicht, Mathias, ich leid's nicht, daß sie die Mutter tragen.« - -»Hör' mich mal an, Heinrich! Siehst Du, die Scheune werden wir wieder -aufbauen, den Stall auch. Das is nich schwer. Auch die Wirtschaft -kriegen wir wieder rauf. Das is auch nich schwer. Das läßt sich alles -machen, wenn man a bissel Geld hat und fleißig is. Aber Heinrich -- die -Leute, die Leute! Die müssen auch wieder lernen, freundlich mit uns zu -sein. Das is die Hauptsache, Heinrich! Das is wichtiger, als daß wir -die Wirtschaft wieder aufbauen. Sieh mal, ich war früher so a armer -Kerl. Ich hatte kaum a paar Sonntaghosen. Aber zu Hause war ich, 'ne -Heimat hatt' ich. Das war, weil mir die Leute gut waren. Dein Vater, -Heinrich, der hat keine solche Heimat gehabt.« - -»Willst Du auch auf den Vater schimpfen, Mathias?« - -»Wein' doch nich, Heinrich! Ich will ja bloß mit Dir reden, weil Du -doch schon ein großer, kluger Mensch bist. Sieh mal, ich sage, das war -eben das Unglück von Deinem Vater, daß a sich nich mit a Leuten im -Dorfe vertrug. Ich sag' ja nich, daß a schuld war. Ich sag' bloß, es -war sein Unglück. Denn siehst Du, immer alleine konnt' a nich sein, -immer in die Stadt fahren konnt' a auch nich, na, und da wurd' a -verdrossen und ging zum Schräger, und das war sein Verderben.« - -Der Knabe weinte leise vor sich hin. Berger schlang den Arm um seine -Schulter. - -»Heinrich, Du hängst so an zu Hause. Es ist notwendig, Heinrich, daß -wir gute Freunde im Dorfe haben. Ich bin zu a ungeschickter Kerl, ich -kann Dir's nich so beschreiben, wie ich mir's denke. Aber das weiß ich: -Wir brauchen die Leute, auch wenn wir sie nich brauchen. Wir müssen's -annehmen, Heinrich!« - -»Da -- da sag' ihnen, sie sollen die Mutter tragen; Du bist ja klüger, -Du mußt's ja wissen.« - -In demselben Augenblick öffnete sich die Tür, und Magdalene Raschdorf -trat hastig ein. - -Ihre braunen Augen standen voll Tränen. Die Stimme bebte ihr, als sie -sprach: »Mathias, sie hat gesagt -- sie hat zu unserer Martha gesagt -- -Sie -- Sie haben -- Sie haben unsere Mutter geküßt!« - -»Lene! Was fällt Dir ein! Wer sagt das?« rief Berger. - -»Wer sagt das, Lene?« stammelte Heinrich. - -»Die -- die Magd vom Perschke-Bauer, die da is -- die hat's zur Martha -gesagt -- und ich -- ich hab's gehört!« - -Mathias sprang aus der Stube hinüber nach der Küche. Eine junge Magd -stand schwatzend bei einer andern. - -»Frauenzimmer, erbärmliches, was hast Du gesagt? Zu dem Kinde? Zu dem -Kinde?« - -Die Magd wurde blaß und floh in einen Winkel. - -»Was ist denn? Was ist denn? Jeses! A will mich hau'n!« - -»Was hast Du gesagt von mir und der toten Frau Raschdorf -- Mädel?« - -Berger, der ihr gefolgt war, trat drohend und keuchend vor sie. - -»Ich hab' nichts gesagt -- ich hab' -- Jeses --!« - -Ein Schlag klatschte ihr auf die Wange. - -»Gesteh's, Frauenzimmer, oder --« - -»O Gott, o Gott, lassen Sie mich!« - -»Was Du gesagt hast, will ich wissen!« - -Wieder erhob er drohend die Faust. - -»Ich hab's bloß nachgesagt, der Herr sagt's, die Frau, 's ganze Dorf. -Ich kann nicht dafür --!« - -»Das ganze Dorf? Raus! Und sag' Deinem Herrn, wenn sich noch eins auf -dem Buchenhof sehen läßt, da hetz' ich die Hunde!« - -»Ich bring' sie um! Ich schlag' sie tot!« schrie Heinrich in rasender -Wut und klammerte sich an das Mädchen. Berger riß ihn los. - -»Laß sie! Laß sie laufen, Heinrich!« - -»Loslassen, Mathias, los! Ich schlag' sie tot!« - -Heinrich schlug mit den Füßen gegen Mathias, der ihn festhielt, während -das Mädchen heulend davonlief. - -Nach langer Zeit, als sie sich etwas beruhigt hatten, sagte Berger: - -»Es war unrecht, Heinrich! Das dumme Ding quatscht bloß nach, was ihr -die Leute vorreden. Aber, Heinrich, ich war ein großer Esel. Du hast -recht, die dürfen Deine Mutter nicht tragen. Sie sind zu schlecht!« - -Der Knabe wandte ihm den Rücken und stand in finsterem Groll und in -furchtbarem Nachgrübeln zitternd da. Berger betrachtete ihn und ahnte, -was in dieser Seele vorging. Da sagte er mild: - -»Heinrich, komm einmal mit zur Mutter!« - -In der kleinen Stube stand der Sarg. So friedlich lag die verklärte -Frau auf den weißen Kissen. Laut aufschluchzend kniete Heinrich am -Sarge nieder. Mathias Berger stand da mit gefalteten Händen, lange -- -in stummer Betrachtung. Das war ein tiefes Glück, daß er so ruhig hier -stehen konnte. - -»Heinrich,« sagte er leise, »ich hab' Deine Mutter sehr lieb gehabt, -aber küssen tu ich sie jetzt das erste Mal.« - -Und er beugte sich über den Sarg und küßte die lächelnde Tote. - -Dann faßte er den Knaben an der Hand und führte ihn hinaus. Und -Heinrich schmiegte sich fest an ihn an. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 8] - - -Neues Leben war auf den Buchenhof gezogen. Unten im Dorfe im -kleinen Schuppen stand unbenutzt der Lumpenwagen, und Pluto, der -»Bernhardiner«, lag faul im Buchenhofe und duldete mit lässiger, -gelangweilter Vornehmheit die Neckereien Waldmanns, des Dachses. - -Mathias Berger war nicht mehr auf den Lumpenhandel gezogen, er war der -Verweser des Buchenhofes geworden. - -Die Bauern im Dorfe lachten. Ein Lumpenmann Großbauer, das war auch -zum Lachen. Zum Bauer sein gehört Verstand und noch mehr Geld. Und -das hatte Mathias Berger beides nicht. Wenigstens nicht den richtigen -Verstand. Von Geld war sowieso nicht die Rede. - -Der Barbier hatte ein »Gedicht« gemacht; das hieß: - - »Der Herr vom Buchenhofe hat sechs Dreier und - Ein' Lumpenwagen und ein' großen Hund.« - -Dieses Gedicht fand starken Beifall im Dorfe, und selbst die kleinen -Kinder lernten es auswendig. Auch erfand ein Tonkünstler eine sinnige -Melodie dazu, so daß das Lied gesungen und gepfiffen werden konnte. -Den Dichter machte es populär, und alle hielten ihn für einen witzigen -Menschen, der einen helleren Kopf habe als die anderen Leute. - -Mathias Berger hörte von dem Spottverse und beschloß, in einem -wirklichen Gedichte, das der Redakteur des kleinen, landläufigen -Blättchens gewiß drucken würde, dem Barbier und den Dorfleuten eine -derbe öffentliche Antwort zu geben. - -Mathias war in seinen Feierstunden ein Dichter. Er verfaßte zwar meist -nur Gelegenheitsgedichte, wie Nachrufe, Festtagswünsche u. dergl.; aber -einige Gedichte hatten auch in der Zeitung gestanden, und so hoffte -Mathias, auch diesmal mit einem geharnischten Poem anzukommen. - -Da fand er am Tor des Buchenhofes mit Kreide die Worte angeschrieben: -»Der Barbiehr ist ein Esel!« Hannes, der Schaffersohn, bekannte -sich mit vergnügtem Schmunzeln als Urheber dieses Sinnspruches und -versicherte mit Wichtigkeit, daß er denselben Satz fast auf allen -Zäunen und Toren des Dorfes verewigt habe. Dafür erhielt er von Mathias -Berger eine unvermutete, aber sehr ausdrucksvolle Ohrfeige, und dieser -andererseits zog aus dem Vorfall die weise Lehre, daß es nicht gut sei, -sich mit Schubiacks in einen literarischen Kampf einzulassen. -- - -Auf Betreiben des alten Kantors war Mathias Berger zum gesetzlichen -Vormund über die beiden Kinder Heinrich und Magdalena Raschdorf -bestimmt worden. - -Einen Tumult gab es im Dorfe, als bekannt wurde, daß Berger für -Heinrich Raschdorf das Gut kaufe und der Knabe sich mit seiner -Schwester »auseinandersetze«. Das Gut war abgeschätzt worden, nicht -viel über die Gesamtschulden hinaus, die Heinrich Raschdorf übernahm. -Das Mädchen erhielt eine geringe Summe ausgezahlt, die fest angelegt -wurde. - -»Wenn es uns besser geht, Lene,« sagte Mathias, »dann bekommst Du -freiwillig, so viel wir Dir geben können. Jetzt dürfen wir den Hof nich -noch mehr belasten, sonst können wir ihn nich halten.« - -Das Mädchen verstand nichts davon; es war zufrieden, daß es auf dem -väterlichen Gute bleiben durfte. -- - -Und um diese Zeit geschah es, daß Hannes abermals Prügel kriegen mußte. -Das kam so: - -Er hatte einem Rudel Jungen, das ihm den Spottvers von den »sechs -Dreiern« in die Ohren sang, wütend und doch triumphierend zugeschrien, -der Mathias Berger habe mehr Geld als die ganze »Lumpenpakasche« der -Dorfleute, er hab' das ganze Dorf »gefünffingert«, denn er besitze 40- -oder gar 100000 Taler, und das habe kein Mensch gewußt. Und als die -Jungen lachten, fragte er sie schnippisch, woher denn etwa mit solcher -»Fixigkeit und Leichtigkeit« dem Schräger und dem Müller die Schulden -bezahlt würden, wenn nicht der Mathias das Geld gäb'. Denn sonst borgte -doch kein Mensch. - -Diese Straßendebatte hatte drei Folgeereignisse: - -1. Mathias Berger wurde zur Einkommen- und Kommunalsteuer herangezogen; -2. im Dorfe entstand eine neue, vielleicht überhaupt die stärkste -Sensation, und 3. Hannes bekam Hiebe. - -Das letzte Ereignis vollzog sich an einem trüben schwermütigen -Märzabend in des Schaffers Stube. Der Vater war sehr schweigsam dabei, -der Sohn nicht. Nach der Katastrophe ging Hannes hinaus, starrte in das -trübe Abendlicht und lehnte seinen verlängerten Rücken gegen eine kühle -Mauer. Da kam die Lene über den Hof, sah ihn verächtlich an und sprach -nur das eine Wort: »Quatschkopp«. - -Damit warf sie ihm etwas vor die Füße. Es war der Ring, den er ihr -ehemals verehrt hatte. - -Hannes rührte sich nicht. Für seinen Kampfesmut so schmählich behandelt -zu werden, hatte er nicht verdient. Er nahm sich fest vor, weder mit -seinem Vater noch mit Mathias noch mit der Lene jemals im Leben wieder -ein Wort zu reden, und dann kroch er in sein Bett und schlief mit wehem -Herzen und ebensolchem Rücken ein. - -Im Dorfe unten aber wurde nach drei Tagen eine romantische Mär erzählt. -Irgendwo -- den Ort wußte niemand genau -- habe eine alte, sehr -geizige Frau gelebt, die all ihr Lebtag gespart und sich eine große -Menge Papiergeld in einen alten, wollenen Unterrock eingenäht habe. -Niemand hätte von dem kostbaren Unterfutter des alten Rockes, den die -Frau beständig auf dem Leibe getragen habe, etwas gewußt, selbst die -eigenen Kinder nicht. Eines Tages sei die Frau plötzlich am Herzschlag -gestorben. Der Rock sei nebst anderem wertlosen Zeug einem gewissen -Lumpenmann verkauft worden, und das weitere könne sich jeder denken. - -Von dieser Geschichte erfuhr Mathias Berger vorläufig nichts. Er wußte, -daß die Sympathie, die er früher im Dorfe genossen, geschwunden war -seit dem Tage, da er sich der Raschdorfschen Sache annahm. Er hatte -sich in Widerspruch gesetzt mit der öffentlichen Meinung, und das -mußte er fühlen. Daß er einer ungeheuren Unehrlichkeit bezichtigt -wurde, ahnte er nicht, freute sich vielmehr, daß sich die Leute -schmerzlich den Kopf darüber zerbrechen würden, wie er zu so vielem -Gelde gekommen sei. - -Unterdes hatte er auch nicht Zeit, sich um das Gerede im Dorfe zu -kümmern. Die riesige Arbeitslast, dem zerrütteten Buchenhofe wieder -aufzuhelfen, lag auf seinen Schultern. Und da wuchs mit der Aufgabe -seine Kraft. Zum erstenmal im Leben stand er so schweren Forderungen -gegenüber, und sie stählten ihn. - -Im zeitigen Frühjahr schon begann der Aufbau der Gebäude. Mathias -Berger hatte einen tüchtigen, gewissenhaften Maurermeister gefunden, -der sein Werk solid, rasch und billig herstellte. - -Berger war von früh bis in die späte Nacht tätig. Jetzt war er in der -Stadt zu Verhandlungen, jetzt stand er draußen auf dem Felde, jetzt saß -er grübelnd und rechnend in der Stube, und dann stand er wieder unter -den Handlangern und rührte Kalk ein oder trug Ziegel. - -Ein Notstall wurde errichtet, die nötigen Ackerpferde gekauft, das -Ackerzeug ergänzt, und die Feldarbeit konnte neu beginnen. Reichel, der -Riese, arbeitete für drei. Aber er tat noch mehr. Er bot Mathias Berger -seine Ersparnisse an, die sich auf ein paar hundert Mark beliefen. - -»Reichel,« sagte Berger, »Dein Geld brauch' ich jetzt noch nich. -Vielleicht später! Dann pump' ich Dich an, das versprech' ich Dir -feierlich! Jetzt brauch' ich bloß Dich selber. Aber ganz notwendig, -Reichel!« - -Der Riese errötete über das Lob, das in diesen Worten lag, und -arbeitete wieder, als ob er die Welt zusammenreißen wolle. Es war, -als ob er seinen Charakter geändert habe, denn er tat alles mit einer -großen Hast, wenn er ging und arbeitete, und ließ die majestätische -Ruhe ganz außer acht, die sonst seinem Wesen eigen war. - -Auch die Kinder halfen emsig nach ihren Kräften, und Hannes benahm sich -in diesen Tagen tadellos, denn am Tage blieb ihm nicht eine Minute -Zeit, Allotria zu treiben, und am Abend war er todmüde. - -In all diesem emsigen Treiben fehlte nur Heinrich. Er war wieder auf -der Schule. Ein paarmal schrieb er dringende Briefe, er wolle nach -Hause, wolle helfen. Aber Berger, sein Vormund, ging darauf nicht ein. -Er antwortete ihm kaum. Einmal nur schrieb er auf eine Postkarte: -»Lieber Heinrich, sei Du nur so fleißig auf der Schule, wie wir hier -alle sind, dann wird alles gut werden.« - -So kam es, daß Heinrich trotz der heftigen Seelenerschütterungen, die -seine Schülerarbeit gehemmt hatten, zu Ostern das Versetzungszeugnis -als »Dritter der Klasse« nach Hause tragen konnte. - -Auf dem Bahnhof holte den Knaben niemand ab. Es war kein Pferd -übriggeblieben für die Fuhre. Aber da drüben hielt ein Wagen aus -Heinrichs Heimatsdorfe. Ein Bauer holte irgend jemand von der Bahn. -Heinrich stand mit seinem schweren Handkoffer da und wartete immer, -ob ihn der Bauer nicht auffordern würde, mitzufahren. Aber der sagte -kein Wort, und zu bitten schämte sich der Knabe. So fuhr der Bauer mit -seinem halbleeren Wagen heim, und Heinrich nahm den Koffer und machte -sich schwerbeladen auf den Weg nach Hause. - -Der Koffer zerrte an seinen Armen und Schultern. Aber dem Knaben war -doch, als ob er an dem Herzen in der Brust noch schwerer zu tragen -habe. Er kam das erstemal nach Hause seit dem Tode beider Eltern. - -Wie schwer sich das ging! Schwer und ohne alle Freude. Er hatte auch -jetzt keine Begierde, die Veränderungen zu sehen, die seitdem gemacht -worden waren. Es waren schon zu viel Veränderungen für eine Heimat. - -Als er den Buchenhof sehen konnte, blieb er tiefatmend stehen. Dann -begann er heftig zu weinen. War er dort unten zu Hause? War das -wirklich der Ort, nach dem er sich in seinen Heimwehstunden gesehnt -hatte? Oder war er nicht in die Irre gegangen, war das nicht die Fremde? - -Wenn sein Vater jetzt dort unten ginge und nur einmal hinaufnickte, das -wäre schön. - -Aber dort war der Kirchhof. Dort lagen Vater und Mutter. Dorthin mußte -der Heinrich gehen, wenn er nach Hause kommen wollte. - -Und die Tränen des Kindes flossen reichlicher. - -Da erhob sich etwas vom Straßenrande, ein Stückchen den Weg hinunter, -und kam rasch auf Heinrich zugelaufen. Es war Lotte Schräger. - -»Guten Tag, Heinrich! Guten Tag! Ach, ist das schön, daß Du kommst! -Siehst Du, ich hab' einen Strauß gemacht. Da -- nimm ihn! Warum -sagst Du denn nichts? Gefällt er Dir nicht? Es gibt jetzt noch keine -hübscheren Blumen.« - -»O ja, Lotte, er ist sehr schön. Wo kommst Du denn her?« - -»Ich hab' gewußt, daß Du kommst. Und es hat Dich doch niemand abgeholt, -da wollt' ich Dir ein bißchen entgegengehen.« - -Er wurde verlegen. - -»Na ja, Lotte, da seh' ich doch jemand, den ich kenne.« - -»Komm, ich werd' Dir den Koffer tragen. Oh, is der schwer!« - -»Laß, Lotte, den Koffer kannst Du nicht tragen, den trag' ich selber!« - -»Na nu, mal weg mit der Hand! Ich trag' den Koffer! Du mußt ja schon -schrecklich müde sein!« - -»Lotte, es geht nicht! Laß mich wenigstens am Henkel mit anfassen, da -wird's besser gehen!« - -So einigten sie sich und trugen den Koffer miteinander den Weg entlang. - -Der Frühling lachte aus dem Walde heraus, und Heinrich Raschdorf ward -auf einmal wohl ums Herz. Die Bangigkeit war verschwunden, und wie -durch ein Wunder war die Ferienfreude in sein Herz eingekehrt. - -»Lotte, ich freu' mich so, daß ich Dich getroffen habe.« - -Das Mädchen sah ihm unschuldig ins Gesicht und lachte. - -»Ja, sieh mal, Heinrich, das ist halt, weil ich doch eigentlich Deine -Braut bin. Weißt Du noch damals vom Feuer?« - -»Ich weiß es noch!« - -Der Knabe war rot geworden. Er war schon reifer als das Kind, und es -ging ihm jetzt wie eine langsame Lähmung durch die Glieder. Er hatte -immer jene Mitschüler für schlechte Subjekte gehalten, die davon -redeten, daß sie eine »Flamme« hätten. Es waren so fünf bis zehn Stück -davon in der Klasse. Und ein paar machten sogar Gedichte. Herauskommen -durfte so etwas nicht, da wäre einer einfach »abgesägt« worden. Eine -schlechte Nummer wäre das mindeste gewesen. - -Eine Angst packte Heinrich, ohne daß er doch ein heimliches -Glücksgefühl los wurde. Und der junge Herkules wußte gar nicht, daß er -da mit seinem Koffer auf einem Scheideweg herumlief. - -Lotte begann wieder zu reden. - -»Jetzt nach Ostern komm ich auch auf die Schule. In eine Höhere -Töchterschule. Weißt Du, Stunden hab' ich ja schon viel gehabt, auch -im Französischen, aber jetzt soll ich nu die richtige Bildung lernen. -Vielleicht auf vier Jahre komm ich fort.« - -»So, so, Lotte. Da wirst Du ja eine feine Dame werden.« - -»Ja, der Vater will's. Viel Spaß macht mir's nicht. Aber ich denke, -wenn Du doch so viel lernst, da muß ich auch nicht so dumm sein, wenn -wir uns schon einmal heiraten.« - -Das Mädchen ging von seinem Eheprojekt nicht ab. - -»Du hast doch niemand was erzählt, Lotte?« fragte Heinrich ängstlich. - -»Soll ich nicht?« - -»Nein, Lotte, Du darfst nichts erzählen -- niemand! Hörst Du -- -niemand: Das paßt sich nicht!« - -»Das paßt sich nicht?« - -Das Mädchen wurde nachdenklich. Zum ersten Male kam ihr ein dumpfes -Bewußtsein, daß es sich hier um etwas handele, was niemand wissen -dürfe. Und das tat ihr leid. - -»Aber -- aber so einen niedlichen Ring könntest Du mir auch schenken.« - -Dem Knaben wurde schwül, und er sah sich ängstlich um, ob auch niemand -in der Nähe sei. - -»Ich möchte schon, aber ich hab' keinen, und wenn's geht, schenk' ich -Dir einen.« - -»Ach, da würd' ich mich aber freuen, Du! Schrecklich tät ich mich -freuen!« - -Heinrich begann ein alltägliches Gespräch, und das setzten sie fort, -bis sie sich eine Strecke vom Buchenhofe entfernt verabschiedeten. - -Unterm Hoftor blieb Heinrich stehen. Er kannte das väterliche Gehöft -kaum wieder. Vieles war verändert. Eine Menge Baumaterialien war im -Hofe aufgeschichtet und eine Schar Arbeitsleute war geschäftig tätig. - -Abseits an einer Mauer saßen Hannes und Lene. Sie hatten ein jedes -einen Hammer in der Hand, und damit schlugen sie Kalk los von alten -Ziegeln. - -Als sie Heinrich sahen, kamen sie rasch auf ihn zu. Mit herzlicher -Freude begrüßten sie den Heimkehrenden. - -»Jesses,« schrie Hannes, »nu hat niemand an den Koffer gedacht. Na, da -haste gut schleppen können. Gib mal her! Schwerleck, der zieht! Na, -siehste, Heinrich, Du mußt nich immer so viel Bücher reintun, denn sie -sind schwer, und pauken tuste in den Ferien doch nich!« - -»Von wem haste denn den Strauß?« fragte Lene. - -Heinrich wurde rot und suchte nach einer Ausrede. Aber dann sagte er -mit möglichstem Gleichmut: - -»Ach, ich hab' die Schräger Lotte getroffen, und die hat ihn mir -geschenkt!« - -»Die Schräger Lotte?« fragte Lene streng. - -»Die Schräger Lotte?« wiederholte Hannes entrüstet. »Na, ich danke, mit -der gibst Du Dich noch ab und läßt Dir Sträuße schenken? Das hätt' ich -nich von Dir gedacht!« - -»Aber was -- was ist denn?« - -Hannes und Lene sahen sich an. - -»Er weiß noch nich. Na, ich werd' Dir's sagen, Heinrich. Rat' mal, wo -unser Mathias is!« - -»Unser Mathias? Zu Hause! Wo sonst?« - -Die Lene trat ganz dicht an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr: - -»Im Gefängnis is a!« - -»Im Gefängnis -- das ist nicht wahr!« - -»Ja! Der Schräger hat'n verklagt, und da hat a zehn Tage gekriegt. -Wegen der Beleidigung!« - -Der Knabe stand wie erstarrt. - -»Na, und Du läßt Dir von der Lotte 'n Strauß schenken?« - -Heinrich konnte kein Wort sagen, kein armseliges Wort. Ein Stückchen -Heimat hatte sich vor ihm aufgetan, als er mit dem Nachbarskinde vorhin -wanderte. Und das wurde ihm so grausam wieder genommen. - -»Seit wann ist er fort?« brachte er endlich heraus. - -»Heute is der vierte Tag. A hat sich gerade über die Feiertage -einsperr'n lassen, daß a dann wieder mit arbeiten kann. Na siehste, die -Schrägerleute, das sind eben alles Lumpe.« - -Jenseits des Hoftors schallte eine krächzende Stimme: - -»Eingesperrt -- eingesperrt! -- Sechs Dreier und einen Hund, einen -großen Hund!« - -»Das ist der Gustav, das blödsinnige Heft! -- Da! Hier habt Ihr Euren -Mist wieder!« - -Und Hannes riß Heinrich den Strauß aus der Hand und schleuderte ihn -über das Tor. - -»Was machst Du, Hannes, was --« - -Aber draußen schrie der Idiot schon wieder: »Blumen! Blumen! O, schöne -Blumen! A Pukettel! A Pukettel! Ich putz mich! Ich mach mich fein! -Sechs Dreier und einen Hund -- einen gro--o--o--ßen Hund!« - -Damit verschwand er singend im Kretscham. - -Heinrich stand mit gesenktem Kopfe da. - -»Unser Mathias! Aber das war doch nicht recht, Hannes! Die Lotte kann -doch nichts dafür.« - -Die Antwort gab seine Schwester Lene. - -»Das is ganz egal! Von den Schrägerleuten darfst Du keinen Strauß -nehmen. Das paßt sich nicht!« - -»Du wirst doch nich etwa zu den'n halten! Das hätt' sich der Mathias -gerade verdient. Na komm, Lene, wir müssen wieder Ziegeln abkratzen. -Geh nur in die Stube, Heinrich.« - -Die Kinder gingen fort, und Heinrich nahm den Koffer und trat ins Haus. - -Niemand war in der großen Wohnstube. Leer und einsam lag das Zimmer. Da -fühlte Heinrich Raschdorf, daß hier die Heimat nicht mehr war. - -Müde sank der Gast auf einen Stuhl und stützte sich auf den Tisch. Und -so saß er ohne klare Empfindungen. Nur eine große Bangigkeit war in ihm. - -Er hatte wohl auch Hunger. Aber es kam niemand, ihn zu fragen, ob ihm -etwas fehle. - -Der Lehnstuhl der Mutter stand am Fenster -- leer. Zuguterletzt ging -Heinrich mit zagen, scheuen Schritten näher und setzte sich in den -Stuhl. Das Gesicht preßte er gegen die Lehne. - -Und auch in dem Stuhle war nicht die Heimat. Nur eine wilde, quälende -Sehnsucht kam, indes es draußen langsam dunkelte. - - * * * * * - -Drüben über der Straße ging indes eine Kindheit unter. - -Die Kindheit Lottes. - -Wer von allen weiß, wie lange Kindheit dauert? Bei manchen Wesen ist -sie früh verloren; bei manchen dauert sie das ganze Leben. - -Wer ein Wissender wurde, ist kein Kind mehr. Nur die sind Kinder, die -vor den verschleierten Bildern des Lebens wunschlos stehen und nicht -fragen. - -Wer mit zweifelnder Hand den Schleier hob, oder wem ein Sturm die -großen, öden Bilder enthüllte, der ist weit von der Kindheit. - -Und wer weit von der Kindheit ist, ist nahe dem Tode. - -Die Scham war diesem Mädchen gekommen wie ein dunkelrotes Licht, -das ein trübes Erkennen brachte, das Erkennen, daß Lieb' und Treue -gemißhandelt werden können. - - O, ihr welken Anemonen! - O, ihr toten, traurigen Veilchen! - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 9] - - -Drei Jahre später. Die Osterglocken läuteten genau so wie damals, -als der Buchenhof wieder aufgebaut wurde. Ganz derselbe Akkord! Ganz -dasselbe Osterlied. Nur ein neuer Kantor ging vor der singenden Menge; -der andere war bei der stillen, großen Zuhörerschar, die ungesehen -hinter der frühlingsgrünen Rasengardine nach Auferstehungsliedern -lauscht. - -Vorweg im kirchlichen Zuge gingen die Musizierenden, dann kam der -Priester mit seiner Begleitung und dann die Gläubigen in Reihen zu fünf -oder sechs Leuten. - -Eine solche Reihe bestand aus Heinrich und Lene Raschdorf, Mathias -Berger, Liese, dem Schaffer und seinem Sohne Hannes. - -Die Buchenhofleute gingen immer für sich. Sie vermischten sich mit den -anderen nicht. - -Früher waren sie mit bei der Musikkapelle gewesen, jetzt schon lange -nicht mehr. Sie waren einmal beleidigt worden. - -»Das ist kein Schade,« hatte der Mathias damals gesagt, als er mit -seiner Trompete nach Hause kam, die sonst auf dem Chor neben der -Orgel hing, »gar kein Schade, denn die Sänger und Musikanten sind die -unandächtigsten Leute in der ganzen Kirche. Wenn sie musizieren, da -haben sie bloß immer aufzupassen, daß sie nich aus 'm Takt kommen, und -könn'n an a Herrgott nicht denken, und wenn Pause is, da schnaupen sie -sich die Nasen aus oder quatschen miteinander. Na, ich sage: Wenn der -Herr Jesus mal auf so 'n Chor käm', der schlüg' manchem die Baßgeige um -die Ohren.« - -»Is richtig,« hatte der Schaffer gesagt und sonst nichts, hatte aber -auch damit seine künstlerische Stellung als Paukenschläger begraben. - -Am nächsten Sonntag aber, als Reichel mit Mathias in der Kirche unten -im Schiff saß, schlief er ein. Da sagte Mathias auf dem Heimwege, -für den Schaffer wäre das Paukenschlagen immer noch der allerbeste -Gottesdienst. - -Nach der kirchlichen Feier an jenem Ostermorgen gingen die -Buchenhofleute miteinander heim. - -Sie waren sehr fröhlich, denn es ging ihnen gut. Heinrich war nun -endgültig von der Schule zurück. Er hatte die Berechtigung zum -Einjährigen-Dienst erworben, und Mathias Berger war zufrieden mit ihm. -Heinrich war ein hochgewachsener, etwas blasser, aber hübscher Bursche -geworden. - -»Nun kann's gehen, wie's will, Heinrich, nu find'st Du immer 'ne -Stelle.« - -Übrigens ging es gut. Der Hof war völlig neu eingerichtet, und ein -paar günstige Jahre sowie Fleiß und Anspruchslosigkeit, die keiner -Steigerung mehr fähig waren, hatten zuwege gebracht, daß Mathias -Berger nicht nur die Zinsen pünktlich bezahlen konnte, sondern immer -neue Verbesserungen im wirtschaftlichen Betrieb anlegte, wenn er auch -vorläufig noch kein Geld sparte. - -Wenn ihn aber Heinrich fragte, ob er sich auch gewissenhaft die Zinsen -für sein eigenes Kapital nähme, wurde er immer verstimmt und sagte: - -»Möchtest mir wohl auch gern Lohn geben wie einem Großknecht? Sei nur -still! Ich komm schon zu meiner Sache, wenn's erst besser geht. Später -rechnen wir ab. Ich schreib' alles auf. Und weißt Du, was ich brauche, -nehm' ich mir, und meiner Schwester und der Liese schick' ich Milch und -Butter, Kartoffeln und Speck. Das sind genug Zinsen.« - -Nun trug sich Mathias Berger mit großen Plänen. In einem Hügel, der -zum Buchenhof gehörte, hatte er ein Lehmlager entdeckt. Also wollte er -eine Ziegelei anlegen und erhoffte von dieser reichliche Erträge. Nur -klug und vorsichtig müsse man es anfangen. Jedenfalls sei die Sache -bei der regen Bautätigkeit, die im Kreise entfaltet werde, durchaus -aussichtsvoll. Als Anlagekapital wollte Mathias Berger seine letzten -7000 Mark zu Hilfe nehmen. - -»Und wenn das Geld verloren geht, wenn wir pleite werden, wenn Du -stirbst, was wird dann aus der Liese?« - -Bergers Gesicht verfinsterte sich etwas. - -»Aus der Liese?! Na ja! Aber sieh mal, da muß sie halt arbeiten -- -wie wär's, wenn ich das Geld nicht gewonnen hätte? Und dann is vom -Pleitewerden gar keine Rede. Geht der Krempel nicht, hör'n wir zur -rechten Zeit auf!« - -Heinrich dachte nach. - -»Jawohl, und ich würde ja auch die Liese nicht verlassen, ich würde -alles tun für sie -- alles!« - -Da leuchteten Mathias Bergers Augen. Es lag ein eigener Osterglanz -darin. Und er drückte Heinrich stumm die Hand. - -Der aber sah den Weg hinauf. - -Dort ging im jungen Morgenlicht eine schlanke, feine Mädchengestalt. -Sie trug ein lichtes Kleid und einen ganz modischen Hut. - -Neben ihr ging ein junger Bursche, und vornweg trollte der Idiot. -- - -»Du,« sagte Hannes zu Lene, die auch miteinander gingen, »eigentlich -ist doch die Schräger Lotte a sehr hübsches Mädel geworden.« - -Lene antwortete nicht. - -»Na, ich sag' ja, Lene, Du bist ja auch ganz hübsch, wenn Du och nich -so fein und klug bist. Und was die Hauptsache is, Du bist doch viel -kräftiger als wie die Lotte.« - -Das hielt Hannes für eine Schmeichelei. Die Lene aber fuhr ihn zornig -an, daß er es für ratsamer hielt, sich Heinrich anzuschließen, der -indes langsam herankam. - -»Was ist denn los? Ihr habt Euch wohl wieder gezankt? Könnt Ihr Euch -denn nicht vertragen?« - -»Nee, dazu is die Lene zu grob. Sie hat keene Bildung! Am besten is, -ich red' überhaupt nich mehr mit ihr.« - -»Was habt Ihr denn wieder mitsammen?« - -»Ach, ich hab' bloß gesagt, daß mir die Lotte gefällt, und da is se -wahrscheinlich eifersüchtig oder so was.« - -Heinrich sah vor sich nieder auf den Weg. - -»Damals hattest Du Lottes Strauß auf die Straße geworfen, alter Freund. -Weißt Du, daß sie seit der Zeit nie mehr mit mir gesprochen hat?« - -»Ja. Aber im Grunde genommen is 's ja besser so. Freundschaft -könn'n wir doch mit a Schräger-Leuten nich halten. -- Sieh mal a -jungen Riedel! Ich globe, der will se poussier'n. A lauft alle Tage -zum Schräger. Na, das wär' auch, als wenn sich der Ochse mit 'm -Kanarienvogel verheiratete!« - -In diesem Augenblick wandte sich Gustav Schräger um und brüllte aus -vollen Lungen den Bergweg herunter: - - »Sechs Dreier und einen Hund! - Einen gro...o...ßen Hund!« - -Man hörte den jungen Riedelbauer lachen, während Lotte den Idioten -offenbar scharf zur Ruhe wies. Da blieb er hinter ihr und ihrem -Begleiter zurück, drehte sich von Zeit zu Zeit um, drohte mit der Faust -nach den Buchenhofleuten oder warf Steine den Weg herab. - -»A wird immer blödsinniger,« sagte Hannes. »Aber das Versel vom Barbier -kann a immer noch. 's is das einzige, was a auswendig kann. Na, und -sein Vater is bald nich mehr klüger wie er.« - -»Du mußt nicht so reden, Hannes.« - -»Na, Du hast eben keine Ahnung, Heinrich, wie der Schräger sauft. Alle -Tage is a besoffen, manchmal schon frühmorgens. Und weißte, das is -komisch: a sauft gerade seit dem Tage, wo Deine Mutter gestorben is.« - -»Wieso?« - -»Früher hat doch der Schräger kaum amal genippt, und an dem Tage, wo -Deine Mutter frühmorgens starb, da war a mittags schon so besoffen und -hat so gelärmt im Kretscham, daß man's bis bei uns gehört hat. Weißte, -was Mathias sagt? Das is das böse Gewissen! Das will a totsaufen!« - -»Das kann kein Mensch behaupten.« - -»Behaupten wird's der Mathias nich mehr, dafür hat a ja zehn Tage -gekriegt. Weißte noch, jetzt sind's grade drei Jahre. Das war a -schlechtes Osterfest. Der Mathias kann alles vergessen, aber daß a hat -sitzen müssen, das frißt an 'm. Deswegen is a auch bloß mit a Leuten -im Dorfe nich mehr gutt. Die geh'n nu amal doch zum Schräger, und den -Schräger kann a nich leiden.« - -»Eigentlich ist es schlimm, daß wir uns mit den Leuten nicht vertragen, -aber ich hoffe, daß es doch mal besser werden wird!« - -»Da kannste lange hoffen! Wenn wir jetzt erst noch Ziegeleibesitzer -sind, da fressen sich die Leute selber uff vor Neid. Denn im Grunde -genommen nehmen sie's uns doch bloß übel, daß wir damals nich pleite -geworden sind. Wenn Dein Vater eingesperrt worden wär', und die -Wirtschaft hätte der Schräger, und Du wärst Knecht, da wär'n Dir die -Leute ganz gutt. So aber nich!« - -Heinrich seufzte. Hannes fuhr fort zu reden. - -»Und was haben sie alles gesagt: Dein Vater hat angezünd't oder Du! -Ja, ja, guck nur! Das sagen sie immer noch. Zwar nich laut, denn da -setzt's ja zehn Tage, aber sie sagen's. Du oder Dein Vater, oder beide! -Und dann, daß a sich erschossen hat. Und von Deiner Mutter und vom -Mathias --« - -»Hör' auf, Hannes, hör' auf! Ich mag nichts mehr hören -davon!« -- -- -- -- - -Ein Stückchen weiter den Weg hinauf sagte Lotte Schräger zum jungen -Riedel: »Es ist doch unrecht von den Dorfleuten, daß sie so garstig zu -den Raschdorfs sind.« - -»Unrecht, hä! Zu solchen Feuermachern und Selbstmördern?!« - -»Wer kann das beweisen? Kein Mensch!« - -»Beweisen! Hä! Das Gericht freilich nich. Aber wir wissen's alle. Und -der Berger. Wo hat a denn das Geld her? 40000 Mark a Lumpenmann! Was?« - -»Das weiß ich nicht.« - -»Nee, das weeß keen Mensch, das weeß a bloß selber. Da müßt' sich's -Gericht drum bekümmern; aber darum schert sich keen Teufel. Zu knapper -Not, daß a damals was aufs Maul kriegte, wie a 's Deinem Vater in die -Schuhe schieben wollte, ein'm Manne, der überhaupt nich aus der Stube -gekommen is. Das sind feine Leute, was?« - -Lotte schwieg. - -»Na, und dann -- a hat die Raschdorfen geküßt. Die Glasen hat's -gesehen. Und das, während der Hof brennt in der Nacht. Feine Leute!« - -»Riedel, bitte, nicht -- nicht so was --« - -»Und warum interessiert a sich denn gar so sehr für den Heinrich? Warum -nimmt a weder Lohn noch Zinsen?« - -»Das kann ich nich sagen.« - -»Na, und der alte Raschdorf hat mit kein'm Menschen Freundschaft -gehalten, und die jetzt scheinen auch drauf zu warten, daß sie's ganze -Dorf um Verzeihung bitten kommt. Hol' der Teufel die hochnäsige Bande!« - -»Riedel, ich leid' solche Redensarten nicht.« - -»Leid'st sie nich? Na, da -- da kann ich wohl gehen, da kann's ja -die Schräger-Lotte mit a Buchenhofleuten halten. Aber der studierte -Heinrich, der gefällt vielleicht der Lotte, da hält sie's lieber gegen -a Vater --« - -»Riedel, das leid' ich nicht! Solches Gerede paßt sich nicht, überhaupt -auf dem Kirchwege! Da geh lieber!« - -Der Bursche sah mit finsterem Gesicht auf den Boden. Zwanzig Schritte -weit ging er noch mit, dann bog er in einen Feldrain ein. Lotte ließ -ihn gehen und schritt ernst weiter. Der Idiot aber schlich dem jungen -Riedel nach. - -»Du,« sagte er tückisch, »wir werden sie schmeißen!« - -Riedel antwortete ihm nicht, aber er blieb stehen. Indessen kamen -Heinrich und Hannes näher, ein Stück dahinter Mathias und Lene. Der -junge Riedel sah Heinrich herausfordernd an. Dann lachte er roh und -rief laut herüber: - -»Die Schräger Lotte möchte lieber mit a Buchenhofleuten gehn!« - -»Die Schräger Lotte läßt a Herrn Raschdorf schön grüßen, und sie möchte -gern seine Liebste sein!« - -Heinrich blieb erschrocken stehen und wurde feuerrot. - -»Ja,« fing der junge Riedel wieder an, »und sie nimmt ihm gar nischt -übel, nich a Brand und rein gar nischt!« - -»Riedel! Ich -- ich --« Heinrich ging ein paar Schritte auf den rohen -Burschen zu und blieb dann stehen. Er schämte sich, tätlich zu werden. -Riedel hielt das für Feigheit. - -»Oho, komm nur her, fang' nur an; Du bist mir gerade recht!« - -Da kam der Schaffer. Er ging schweigend auf Riedel zu. Der stand -verlegen still, denn den Schaffer fürchtete er. - -»Mit Ihnen hab' ich nischt,« sagte er halb trotzig und halb beklommen. -Darauf bekam er keine Antwort. - -Der Schaffer faßte ihn an beiden Schultern und kommandierte: »Kehrt!« -Damit drehte er den jungen Mann mit einem gewaltigen Ruck um, gab ihm -einen freundlichen Stoß in den Rücken und sagte: »Marsch!« - -Der junge, starke Bauer kochte vor Wut. Aber es nützte nichts; diesem -Riesen war er bei weitem nicht gewachsen, und so mußte er einen Schritt -vor ihm hermarschieren den Berg hinab, wenn er nicht das Schlimmste -gewärtigen wollte. - -Jedesmal, wenn er sich widersetzen oder stehen bleiben wollte, bot ihm -der Schaffer in gutmütigem Tonfall eine riesige Tracht Prügel an. - -Und so mußte er gehen und konnte nur schimpfen, denn wenn er geprügelt -worden wäre, das wäre eine zu große Schande gewesen. - -Als sie ein großes Stück gegangen waren, sagte Reichel: - -»'s is heiliger Tag heute! Da soll man nich brüll'n, nich schimpfen und -überhaupt keene Stänkerei machen!« Mit dieser Ermahnung verließ der -tapfere Christ den wütenden jungen Riedel und ging schweigend zurück. - -Hannes hatte sich indessen aus hellem Vergnügen über das Bravourstück -seines Vaters lang auf den Wiesenrain geworfen und mit Füßen die Erde -getrommelt. Diese Beifallskundgebung trug ihm einen häßlichen Fleck auf -seinem neuen Sommeranzug und außerdem das bedrückende Bewußtsein ein, -daß er für seine Leute nicht Partei ergreifen dürfe, ohne Schaden zu -nehmen. Und es blieb ihm nichts übrig, als vorläufig auf das Benzin und -auf die Zukunft zu hoffen. - - * * * * * - -Fünf Tage nach diesem Ostermorgen begann Heinrichs Tätigkeit als Bauer. - -O du liebe, schwere Zeit! - -Eine Mahnung sollte jeder verständige Mensch beherzigen: Wenn du -geeignet bist, lateinische Schriften mit Geschick zu übersetzen und -algebraische Aufgaben mit Richtigkeit zu lösen, so unternimm es nicht, -Pferde anzuschirren, sonst kannst du an all deinen Talenten irre werden -und andere auch. - -Hannes stand als Lehrmeister neben Heinrich, der sich bemühte, einen -Ackergaul anzuschirren. Der junge Magister war schlechter Laune. - -»Heinrich, Du bist einfach 'n tapriger Hering. Hierum kommt der Riemen! -Hier mußte festschnallen! Nu, Mensch, siehste denn die Schnalle nich? -Nich zu locker! So, in das Loch! Herrjeh, Kerl, wenn Du als Primus -schon so tumm bist, wie mögen erst die andren sein!« - -»Bitte, Hannes, red' nicht so viel!« - -»Da soll einer nich reden! Sieh ock, wie sich der Schimmel umguckt! Der -lacht sich eens über Dich! Nanu a Zaum einmachen! Fürcht' Dich ock -nich! Der Schimmel beißt nich; höchstens Haber! Geh weg, ich mach' a -Zaum selber ein, das wär' mir a Gegratsche! Mach derweile a Mist aus a -Hufen raus.« - -»Was soll ich?« - -»A Mist aus a Hufen rausmachen!« - -»Womit denn -- womit soll ich denn, Hannes?« - -»Womit? Schafkopp! Mit a Händen! Mit was denn sonst?« - -»Pfui, das ist schrecklich unappetitlich!« - -Hannes schüttelte über seinen talentlosen Schüler melancholisch den -Kopf. - -»Unappetitlich! Mensch! Als wenn da was zum Essen wär'! Na, da sieh mal -her, so macht man a Mist aus a Hufen raus, schmeißt 'n natürlich weg -und wischt sich an a Hosen die Hände ab. Möcht' ich wissen, was dabei -unappetitlich is!« - -Heinrich sagte gar nichts; er seufzte nur schwer. Dann bestieg er mit -Hannes den Ackerwagen, und sie fuhren hinaus aufs Feld. Er selbst -behielt die Zügel. - -Wie sie ein Stückchen draußen waren, bückte sich der Schimmel nach -dem Wegrain und fing an zu grasen, während er den Wagen langsam, sehr -langsam hinter sich herzog. Heinrich ließ ihn gewähren, denn er meinte, -solch ein Gebahren sei bei den Ackerpferden allgemein üblich. - -Hannes aber saß stumm neben ihm mit verhaltenem Zorn und schwerer -Verachtung. Nach einer Weile hielt er's aber nicht länger aus und er -seufzte zynisch: - -»Na, da werden wir ja hoffentlich zu Mittage draußen sein.« - -Heinrich schrak aus seinen Träumen empor und wackelte energisch mit -der Leine. Der Schimmel ließ sich dadurch nicht stören, sondern -streckte gerade seine lüsterne Zunge nach einer frisch aufgeschossenen -Maiblumenstaude aus -- da hieb ihm unvermutet der Hannes die Peitsche -über den Rücken, daß er aufzuckte und sich in eine für sein Temperament -verblüffend schnelle Gangart setzte. - -Leider geschah es, daß Heinrich über den Hieb noch heftiger erschrak -als der Schimmel, und daß ihm deshalb die Leine entglitt, die nun unten -auf der Erde einherschleifte. Und in dieser für einen Kutscher sehr -trostlosen Verfassung begegnete das dahinsausende Gefährt dem Barbier. - -Der schlug ein Gelächter an und ging dann schnell dem Buchenkretscham -zu. -- - -Auf dem Felde draußen sagte Hannes finster: - -»Du plamierst ein'n kolussal!« - -Heinrich wußte nichts zu erwidern. Da war er nun der Herr und Besitzer -des Buchenhofes, hatte mehr gelernt als alle anderen Bauern und wußte -nicht einmal einen fetten Gaul zu regieren. - -Und nun kam die schwierigere Aufgabe. Heinrich sollte pflügen lernen. -Hannes spannte den Schimmel an den Pflug und sagte: - -»Den Rand mach' ich! Das is zu schwer für Dich. Geh mal nebenher und -paß auf! So -- also so wird der Pflug gehalten. Fest muß man ihn -halten, sonst springt a raus. Und 's Pferd muß immer'n Fuß breit weg -von der Furche gehn. Jüh!« - -Aufmerksam schritt Heinrich neben dem Pfluge einher. Er gab genau -acht, und die Sache erschien ihm kinderleicht. Hannes machte allerlei -Kunststückchen; er überbot sich in technischen Ausdrücken, namentlich -in den direkten Anreden, die er an das Pferd richtete, und ließ bald -die rechte, bald die linke Hand von den Holmen los, wie ein eitler -Radler auf der Straße, wenn er den Passanten zeigen will, wie sicher er -seiner Sache sei. - -Indessen kam Heinrich in eine schwermütige Stimmung. Seine Gedanken -flogen hinab nach Breslau. Heute begann das neue Schuljahr. Die -Ober-Sekunda! Jetzt mußte eigentlich alles erst recht interessant -werden. Der Ordinarius in Ober-Sekunda war bekannt als tüchtiger -Lehrer. Ach, er durfte seinem Unterricht nicht lauschen; er mußte -pflügen lernen, mußte stumpfsinnig die Furchen entlang gehen, immer hin -und her ohne alle Abwechslung, ohne jedes bißchen Geist. - -Aber er hatte es ja doch so gewollt; er hatte um jeden Preis in der -Heimat sein wollen. - -Und wieder dachte er nach, was für eine Bewandtnis es um die Heimat -habe. - -»Na, nu kommst Du dran, Heinrich; nu nimm Dich aber zusammen!« - -Heinrich trat an den Pflug, und sein Gesicht war so rot, als ob ihm -eine schwierige Examenaufgabe gestellt worden sei, von deren guter -Lösung alles abhing. Krampfhaft fest faßte er die Holmen des Pfluges. - -»Los!« sagte er mit erregter Stimme. - -»Los versteht der Schimmel nich,« korrigierte Hannes; »jüh mußte sagen.« - -»Jüh!« - -Das Pferd zog an. Ein paar Schritte ging es. Heinrich taumelte hinter -dem Pfluge hinüber und herüber wie ein Betrunkener; schließlich flog -die Pflugschar aus der Erde heraus, der Pflug fiel um, und Heinrich -sprang beiseite, um nicht geschlagen zu werden. - -Der Schimmel blieb verdutzt stehen und schaute sich mitleidig um. -Hannes aber zuckte empört die Schultern. - -»Schweinisch, sag' ich, einfach schweinisch!« - -Das war seine Kritik, dann zog er den Pflug zurück, verbesserte die -»verhunzte Furche«, fuhr bis auf die Mitte des Ackers und bot Heinrich -abermals den Pflug an. - -Ach, der Erfolg war nicht besser als vorher. Hannes schimpfte, und über -Heinrich kam tiefe Verzagtheit. - -»Es geht nicht, Hannes, es geht absolut nicht.« - -Hannes steckte sinnend die Hände in die Hosentaschen. - -»Heinrich, ich glaube, Du wirst a ganz miserabler Pauer werden.« - -Das fürchtete Heinrich auch, und die Frage, ob es nicht besser für ihn -gewesen wäre, bei den Büchern zu bleiben, tauchte ihm schon an diesem -ersten Tage seiner Bauerntätigkeit auf. - -Trotzdem nahm er mit großer Energie immer wieder das Geschäft des -Pflügens auf, und einmal gelang es ihm, eine ganze Furche entlang zu -fahren. Da rötete sich sein Gesicht vor Freude. Als er aber den Pflug -umwenden wollte, um zurückzufahren, geschah ein Unglück. Er setzte sich -das schwere Ackergerät heftig auf den Fuß. Laut auf schrie er, warf den -Pflug hin und setzte sich an den Feldrand. - -Wieder wandte sich der Schimmel um und machte eine so undeutliche -Miene, daß niemand wissen konnte, ob sie Mitleid oder Ironie bedeute. - -Hannes kam mit langen Schritten heran und besah sich den blutenden Fuß, -von dem Heinrich indessen den Stiefel gezogen hatte. Zorn und Mitleid -kämpften in ihm. - -»Das allerbeste is, Du gehst nach Hause. Das is ja lebensgefährlich für -Dich!« -- - -»Du -- dem Großbauern blutet der Fuß. A hat sich gewiß a Pflug drauf -gesetzt. Na und die Furche, sieh mal, die hat a gemacht.« - -Darauf ein schallendes Gelächter. - -Drüben am Wege standen der Barbier und der junge Riedel. - -Heinrich wandte sich ab vor Scham. Hannes aber, der die beiden Männer -auch nicht hatte kommen sehen, da das Ackerfeld hinter einem kleinen -Erlengebüsch lag, knirschte vor Zorn. - -»So 'ne lausige Plamage! Nu haben die Kerle zugesehn!« - -Aber dann wandte er sich nach dem Wege hinüber: - -»Macht, daß Ihr fortkommt! Das hier geht Euch gar nischt an. Der -Raschdorf Heinrich hat mehr Verstand in einer großen Zehe als Ihr in -der ganzen Figur, die Mütze noch mitgerechnet.« - -»Nu, so ein Lausejunge!« - -Der Barbier und Riedel kamen übers Feld. - -Hannes ergriff die Peitsche. - -»Heinrich, Du nimmst a Barbier, ich nehm' a Riedel!« - -Heinrich sprang auf. Mit dem blutenden, nackten Fuße stand er auf dem -schwarzen Boden. Aber er stand stolz und herrisch da. - -»Zurück! Das ist mein Grund und Boden! Ich verbiete Euch, daß Ihr ihn -betretet.« - -Die beiden Störenfriede blieben stehen. - -»Das is Hausfriedensbruch!« schrie Hannes. »Dafür setzt's Kittchen!«[1] - - [1] Gefängnis. - -Sie stutzten. Sie glaubten das von »Hausfriedensbruch« und kehrten um -mit der Drohung, der Hannes laufe ihnen schon noch in die Hände. - -Dann machten sie noch ein paar hämische Bemerkungen und gingen nach dem -Dorfe. - -Dort entstanden dem landwirtschaftlichen Erstlingswerk des jungen -Buchenbauern zwei üble Kritiker. -- - -»Nu werd' ich den Schimmel einspannen und Dich nach Hause fahr'n. -Laufen wirste wohl nich können.« - -So geschah es. Als Hannes wieder aufs Feld zurückkam und nun den Acker -in prächtigen, geraden Furchen pflügte, dachte er jedesmal, wenn er -voll Freude sein Werk betrachtete: - -»Bloß gut, daß ich nie aufs Gymnasium gegangen bin.« - - * * * * * - -Der junge Buchenbauer aber saß trostlos daheim in seiner Stube. Die -Liese verband ihm den Fuß. - -Mit zärtlicher Sorgfalt wusch sie die Wunde, und als sie den heilsamen -Arnikasaft darauf goß, sah sie ängstlich nach Heinrich, ob es ihm auch -nicht zu große Schmerzen verursachte. - -Mit geschickten Fingern legte sie den Verband an. - -Heinrich betrachtete das zarte, hübsche Mädchen. Sie war jetzt siebzehn -Jahre alt. Lichtblondes Haar fiel gescheitelt um die reine, weiße -Stirn. Das Gesicht war etwas blaß. - -Heinrich dachte daran, wie zärtlich Mathias dieses Mädchen liebte, und -er nahm sich vor, all sein Leben lang freundlich zur Liese zu sein. -Das, meinte er, erfordere schon die Dankbarkeit gegen Mathias, seinen -großen Wohltäter. - -Und dieser Gedanke, daß Mathias sich freuen würde, wenn er gut und lieb -zur Liese wäre, faßte ihn stark zu dieser Stunde. Bisher hatte er kaum -daran gedacht. Jetzt ward ihm die hohe Pflicht inne. - -Er strich dem knienden Mädchen sanft mit der Hand über den Scheitel. - -»Du bist so gut zu mir, Liese. Ich danke Dir!« - -Da sah sie ihn an mit strahlenden Augen, und ihre blassen Wangen -färbten sich ein wenig rot. - -»Ich tue es gern,« sagte sie schlicht. - -In diesem Augenblick sah Mathias zum Gartenfenster herein. Einen -Augenblick betrachtete er die beiden, dann trat er lautlos zurück. - -Im Garten lehnte er sich an einen Baum. Die ersten Knospen waren -aufgesprungen und schauten ihn an wie eben aufgegangene Sterne. -- - -Die folgenden Tage war Heinrich an die Stube gefesselt. Der Fuß war ihm -stark geschwollen. - -Da bat er die Liese, sie möchte ihm einige von seinen Büchern bringen. - -Wie die Bücher vor ihm lagen, strahlten die Augen des jungen -Buchenbauern. Es war, als ob er alte Freunde wiedersehe. - -Dann brachte der Postbote einen Brief. Er war von einem guten Freunde -Heinrichs aus Breslau, einem Schulkameraden, der in der Klasse neben -ihm gesessen und auch in derselben Pension mit ihm gewohnt hatte. - -Mit einem Jubelrufe empfing Heinrich das Schreiben und las mit -leuchtenden Augen. Lauter interessante Neuigkeiten von Leuten, die er -gut kannte. Und am Schluß kam die Schilderung des Lebens und Treibens -in der neuen Klasse. - -Über diesen Brief bekam Heinrich das Heimweh, und zwar so bitter und -stark, wie er es früher kaum gekannt hatte. Er schaute sich um. War -er denn nicht zu Hause? War das nicht seine Stube? War das nicht die -heimatliche Straße draußen? Wie konnte er Heimweh bekommen? Was war es -doch um die Heimat? - -Der Jüngling wußte es nicht; er glaubte immer noch, die Heimat sei ein -sichtbarer, bestimmter Raum. - -Als ein Weilchen später Mathias in die Stube trat, sagte Heinrich: -»Mathias, ich hab' ein Anliegen. Ich hab' hier einen Brief von einem -Freunde bekommen, der jetzt in Ober-Sekunda ist. Ich möchte mir gern -die Bücher von der neuen Klasse schicken lassen. Es interessiert mich -doch, was jetzt kommt, und dann, manchmal werd' ich ja doch Zeit haben, -ein wenig zu lernen.« - -»Ja, Heinrich, das machst Du recht, wenn Du weiter lernen willst.« - -So kam es, daß der junge Buchenbauer ein Studierender blieb. An all -den langen Abenden saß er bei den Büchern, auch an den Regentagen. Und -sein reger Geist faßte das meiste richtig. Dabei versäumte er nicht, -sich in den landwirtschaftlichen Arbeiten auszubilden; und es ging -auch ganz gut, seit er den schweigsamen, geduldigen Schaffer zu seinem -Lehrmeister gemacht hatte. Hannes hatte keine Unterrichtserfolge bei -ihm erzielen können, weil er ein zu heißsporniger, bissiger Pädagoge -war. Also ward ihm sein landwirtschaftliches Mentoramt auf Grund eines -Familienbeschlusses entzogen, und er fügte sich in diese Absetzung mit -Würde. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 10] - - -Und wieder waren Jahre vergangen, fünf Jahre, in denen sich wenig -geändert hatte. -- Dieselbe Heimat, dieselben Menschen! Nur die -Kinder waren vollends herangewachsen. Der Buchenhof war völlig wieder -ausgebaut und in tadellosem Zustande. Er war stattlicher und schöner -als je. So war die Prophezeiung des Mathias wahr geworden: daß es nicht -schwer sein würde, die Wirtschaft wieder emporzubringen. - -Auch die Ziegelei hatte sich gut bewährt. Das Lehmlager in dem -Hügel hatte sich als viel ergiebiger und besser herausgestellt, als -anfänglich erwartet worden war. Der Betrieb war geordnet, der Absatz -ausgezeichnet. So brachte das Unternehmen Überschüsse, und etliche -Leute rechneten aus, daß der Buchenbauer allein durch die Ziegelei ein -steinreicher Mann werden müsse. - -Da wurde es möglich, nach und nach Schulden zu tilgen. Heinrich bestand -darauf, daß Mathias Berger seine Zinsen und seinen Gewinnanteil von der -Ziegelei einkassierte und für Liese anlegte. Er selber sparte für seine -Schwester Lene. - -Also stand alles wohl. Geld ist am Ende von geschickten Leuten immer -leicht zu verdienen. - -Dagegen waren die Buchenhofleute in der Sympathie ihrer Mitbürger -kaum vorwärts gekommen. Die räumliche Heimat hatten sie gerettet, die -andere, wirkliche, ideelle war ihnen noch versagt. - -Es ist sehr schwer, bei schlichten Landleuten alte Vorurteile -auszurotten. Dazu kam, daß sich in all den Jahren im Dorfe nichts -Aufregendes ereignet hatte. Die Buchenhofaffäre war aktuell geblieben. -Das Unaufgeklärte, Ungewisse behielt den Reiz. Immer blieb die -Hoffnung, es werde noch einmal Licht kommen in die dunklen Geschehnisse. - -Es soll nicht gesagt sein, daß die Schuld ganz auf der Seite der -Dorfleute lag. Die Schlesier sind im allgemeinen gute, gemütliche -Menschen, nicht hart, finster und abgeschlossen, wie sonst die -Leute in der großen, nordischen Ebene vielfach sind, sondern leicht -zugänglich, lustig und eher den fröhlichen Süddeutschen vergleichbar. -Das Gebirgsvölklein namentlich ist von leichterem Schlage und hat viel -Sonne in der Seele. - -So war's auch hier im Dorfe. Aber die Buchenhofleute hielten -sich selbst abseits. Sie mochten nicht hingehen und um die -Heimatsgemeinschaft werben, und eine freundliche Einladung wurde ihnen -nicht zuteil. - -Mathias Berger wußte, daß noch jetzt in vielen Behausungen die -alten Zeitungsnummern aufbewahrt wurden, in denen die Verhandlung -des Brandprozesses geschildert war und seine zwangsweise Abbitte an -Schräger stand. Er hatte endlich auch gehört, daß er wegen seines -Geldes verdächtigt wurde. Da hatte er sich nicht enthalten können, -an Schräger einen Brief zu schreiben, in dem er ihm »spät, aber doch« -dafür dankte, daß er ihn ehemals habe fünf Mark gewinnen lassen, für -die er ein Glückslos gekauft habe. Das Geld habe gerade dazu gereicht, -den Buchenhof zu halten, der wohl sonst das Besitztum des Wirtes -unnütz vergrößert hätte. Der Brief war an einer neuen Injurie gerade -noch knapp vorbeigegangen. Schräger hatte gewettert und geflucht, und -die Dorfleute hatten die Lotteriegeschichte nicht geglaubt, sondern -desto eifriger nach einer recht abenteuerlichen Lösung der Bergerschen -Vermögensfrage gesucht. - -Am wenigsten fand Heinrich den Weg, obwohl seine weiche Seele ihn -suchte. Oftmals zwar redete er sich ein, er brauche die Gemeinschaft -nicht, er habe ja Gesellschaft auf dem Hofe, lauter liebe Leute, die's -treu zu ihm meinten. Aber er kam nicht um die alte Wahrheit herum, -daß der Mensch nicht immer mit denselben Menschen verkehren kann. Die -Schiffsleute, die lange auf demselben Fahrzeug eng zusammenlebten, -gehen auseinander, wenn sie ans Land kommen. Sie haben einmal das -Bedürfnis, die alltäglichen Gesichter auf eine Weile nicht zu sehen. -Und es gibt viele Leute, die in Bureaus, Geschäften, Schulen friedlich -und freundlich zusammenarbeiten und sich doch in ihren Freistunden -nicht sehen und treffen mögen, sondern lieber Fremde aufsuchen oder -allein sind. - -Die Buchenhofleute lebten zusammen wie auf einem großen, einsamen -Schiff. Im Winter vergingen Wochen, ohne daß sie ein Wort mit jemand -von auswärts wechselten. Und so kam es, daß ein Händler, wenn er sich -in das Gehöft verirrte, wie ein lieber Gast festgehalten und nach -allem möglichen befragt wurde. - -Am schwersten litt an solch trüben Wintertagen der Hannes. Es kam vor, -daß er sich auf die Ofenbank legte und vor lauter Einsamkeit heulte. -Dann schwor er hoch und teuer, wenn erst der Frühling käme, zöge er in -die Fremde. Wenn die Lene das hörte, sagte sie, er solle nur geschwind -machen, daß er fortkäme. Und das nahm er dann immer übel. - -Auch Mathias litt an der Einsamkeit. Manchmal, wenn er den alten Pluto -streichelte, der immer noch das Gnadenbrot bekam, dachte er an seine -Lumpenmannszeit, und da kam es ihm vor, als sei er damals ein junger, -glückseliger Vagant gewesen, der frei und unverdrossen auf grünen -Straßen fuhr, heute hier, morgen dort, immer wieder bei anderen Leuten, -immer lustig und überall gern gesehen. - -Heinrich saß zu solchen Zeiten hinter seinen Büchern und studierte. -Nur eine war glücklich und ganz zufrieden: das war die Liese. Diese -einsamen Stunden waren ihre seligste Zeit. Dann saß sie mit ihrem -Nähzeug still und freundlich da und hob nur manchmal die Augen, um nach -Heinrich zu schauen. - -Aber drüben im Buchenkretscham wohnte noch ein einsameres Menschenkind, -ein Kind, das gar keine Heimat hatte: das war Lotte Schräger. - -Sie hatte niemand. Der Vater war fast täglich betrunken, der Bruder ein -Idiot. Und ihr verhältnismäßig hohes Maß von Bildung vermehrte nur das -Unglück, erhöhte das Grauen, das ihre »Heimat« ihr einflößte. - -Von den Buchenhofleuten sah sie selten jemand. Sie wurde auch von ihnen -gar nicht beachtet. Die stolze Lene Raschdorf hatte ihr sogar zweimal -einen Gruß nicht erwidert. Aber die Lene blieb manchmal stehen und sah -sie mit ihren kohlschwarzen Augen herausfordernd und feindselig an. Sie -war ganz wie ihr Vater, der alte Raschdorf, vor dem sich die Lotte auch -immer ein wenig gefürchtet hatte. Und sie trug neuerdings am Sonntag -modische Kleider. Sie trug sie wie eine Dame, ohne Fehler. Aber Lotte -wußte, daß sie es ihr nachmache. - -Den Heinrich Raschdorf sah Lotte sehr selten. Gesprochen hatte sie -nicht mehr mit ihm nach jenem Tage, da sie ihm den Strauß geschenkt und -den Koffer getragen hatte. Damals war sie ja ein dummes Kind gewesen, -aber sie wurde jetzt noch rot, wenn sie an die alten Tage dachte. -Daß er sie geküßt hatte, daß sie ihm zugeredet hatte, er möchte sie -heiraten, daß er dann ihren Strauß auf die Straße geworfen hatte, daran -dachte sie oft. - -Wenn er sie jetzt traf, zog er mit städtischer Höflichkeit den Hut, und -sie neigte ebenso kalt-höflich den Kopf. Sie wußte kaum, wie er aussah; -nur daß er einen Schnurrbart trug, hatte sie einmal gesehen. - - * * * * * - -So war es wieder einmal Frühling geworden. Draußen war ein wunderbarer, -weicher Abend, aber der Kretscham war voll von Leuten. Die saßen alle -in üblem Tabaksqualm und sehnten sich nicht nach der herrlichen Luft -draußen, durch die die Nachtigallen sangen, durch die der Flieder -duftete, durch die die Sterne leuchteten. - -Bauern haben gern schlechte Stubenluft, viel lieber noch als die -Städter. Das ist merkwürdig genug, da doch die Luft im Freien, die sie -meist atmen, die Bauern wählerisch und verwöhnt machen müßte. Es ist -anzunehmen, der Tod habe das so eingerichtet, denn wenn die Bauern -auch noch gesund wohnten und schliefen, so wie sie gesund arbeiten, -würden wohl alle über hundert Jahre alt werden. Und das gäbe zu viele -Auszügler. -- -- -- -- - - * * * * * - -Es war Steuertag. »Gemeindegebot, Rente, Schulgeld, -Schornsteinfegergeld und Nachtwächtergeld« wurden eingenommen. Da -waren die meisten Hausväter persönlich erschienen, um ihre Steuer zu -bezahlen. Kam aber irgendeine Frau, so neckten sich alle mit ihr, und -Schräger mußte ihr einen Ingwer einschenken, den irgendeiner zum Besten -gab. Das ist bäuerliche Ritterlichkeit. - -Vom Buchenhofe brachte stets eine Magd die Steuer. Sie allein bekam -keinen Ingwer. - -An diesem Tage war im Buchenhofe große Aufregung gewesen, denn Hannes -hatte plötzlich und ohne alle äußere Veranlassung erklärt, er werde -selber gehen, um die Steuer abzuliefern. Er fügte noch die kühne -Behauptung hinzu, daß er sich auch vor dem Teufel nicht fürchte, und -daß er den Leuten beweisen wolle, daß der Buchenhof ebenso das heilige -Recht habe, seine Steuer persönlich zu zahlen wie alle anderen. Zudem -läge die Sache günstig, denn Mathias sei nicht zu Hause, der sonst -dagegen reden würde. - -Was Hannes zu seinem kühnen Plane begeistert hatte, ist, wie gesagt, -schwer zu bestimmen. Es war zum Teil Laune, zum Teil die Lust, endlich -einmal etwas Neues zu erleben und der Einsamkeit entrissen zu werden. - -Wie nun aber immer bei der Entscheidung »prinzipieller Fragen« viel und -klug geredet wird, so auch hier. Sogar der Schaffer beteiligte sich an -der Debatte, scheinbar gegen Hannes, im Grunde aber doch wie immer für -ihn. Heinrich war unschlüssig, und nur Lene widersprach aufs heftigste. -Aber schließlich siegte Hannes. Er bekam das Steuerbuch ausgehändigt, -und Lene zählte ihm aus der »Schwinge« den Steuerbetrag auf und noch -eine Mark darüber, wie Hannes wünschte. Sie mußte ihm sogar das große -Paradeportemonnaie des alten Raschdorf borgen, das dieser immer nur bei -besonders feierlichen Anlässen gebraucht hatte. - -Also ausgerüstet schritt Hannes in seinem Sonntagsanzug über die -Straße, stolz wie ein Held, der in den Kampf zieht, einer gegen alle. - -Die Buchenhofleute sahen ihm vom Fenster aus nach. Das Herz klopfte -allen, am meisten dem besorgten Vater des Helden. Am besten sei es, -meinte der Schaffer, er bewaffne sich mit einem tüchtigen Stecken und -stelle sich hinters Hoftor, damit er gleich hinüber könne, wenn er etwa -den Hannes schreien höre. - -Aber Hannes schrie nicht. Mit einem Ruck riß er drüben die Tür des -Kretschams auf und trat hocherhobenen Hauptes in die Stube. Sein -urplötzliches Erscheinen hatte wirklich den gewünschten Erfolg. Die -Bauern waren über die Maßen verblüfft, und es entstand eine große -Stille. - -Diese Wirkung gedachte Hannes noch zu steigern. Er schnitt also -ein Gesicht, das hoheitsvoll sein sollte, in Wirklichkeit aber -verunglückte, trat an den Gerichtstisch und grüßte mit nachlässiger -Stimme: - -»Mahlzeit!« - -In dem städtischen Gruße »Mahlzeit«, meinte Hannes, liege die ganze -Summe von Hoheit und Vornehmheit, über die ein Mensch verfügen könne, -klar ausgedrückt. - -»Mahlzeit!« wiederholte er, da niemand antwortete. »Ich bringe -persönlich die Steuer vom Buchenhofe, denn der Buchenhof hat das Recht -dazu!« - -Das bestritt niemand. Es antwortete überhaupt keiner der Anwesenden. - -»Wieviel macht es?« fragte Hannes und zog das riesige -Paradeportemonnaie des alten Raschdorf mit viel Umständlichkeit aus -der Tasche. Er wußte zwar die Summe ganz genau, aber er hatte durch -seine Frage Gelegenheit, das Portemonnaie herausfordernd in der Hand zu -halten, während der Gerichtsschreiber die Summe ausrechnete. - -»Also so?« sagte er, als er den Steuerbetrag erfahren hatte, und fing -an, das Geld langsam aufzuzählen, wobei er jedes Stück einzeln aus dem -Portemonnaie nahm. Gegen Ende hin aber wurde er plötzlich unruhig, -überflog den aufgezählten Betrag, guckte betroffen ins Portemonnaie, -zählte nochmals, verfärbte sich ein wenig und fragte beklommen: - -»Wieviel macht es?« - -Der Gemeindeschreiber wiederholte den Betrag. - -O, ihr lieben Heiligen! Hannes hatte eine Mark zu wenig, statt einer -Mark zu viel. Wie ein greller Blitz fuhr ihm die Erkenntnis durch den -Kopf, die Lene habe einen Taler für ein Fünfmarkstück angesehen. - -»Es langt nicht!« flüsterte irgendwo eine Stimme unter den gespannt -zuschauenden Bauern, und ein heimliches Kichern brach an. Hannes -richtete sich wütend empor. - -»Was? Es langt nich? Bei wem langt's nich?« - -Und er wandte sich wieder an die Ortsbehörde. - -»Das Kleingeld langt allerdings nich,« sagte er und strich den -aufgezählten Betrag wieder ein. »Können Sie auf einen Hundertmarkschein -herausgeben?« - -»O ja,« sagte der Schulze, »das können wir schon. Wo ist der -Hundertmarkschein?« - -Das hatte Hannes nicht erwartet. Er wurde fürchterlich verlegen. Als -aber nun die Bauern und die Steuerbeamten in eine unbändige Heiterkeit -ausbrachen, raffte er sich auf und schrie: - -»Hundertmarkschein? Wir haben massig Hundertmarkscheine! Aber ich muß -meinen unterwegs verloren haben. Wer ihn find't, kann ihn behalten. -Versteht Ihr? Kann ihn behalten! Und ich geh einen neuen holen.« - -Er gab sich Mühe, mit möglichster Würde wieder hinauszuschreiten, was -die Bauern nicht hinderte, in ein dröhnendes Gelächter auszubrechen. - -Wütend schritt Hannes über die Straße, nicht, ohne sich ein paarmal -umzusehen, als ob er etwas suche. Hinter dem Tor traf er seinen Vater, -der einen dicken Knüppel in der Hand hatte. - -»Haben sie Dir etwas getan?« fragte der Schaffer. - -»Laß mich!« knurrte Hannes und stampfte nach der Stube. Dort wurde er -mit erwartungsvollen Gesichtern empfangen. - -»Plamiert sind wir!« schrie der heimgekehrte Gesandte und sank auf -einen Stuhl. »Bis auf die Knochen plamiert! Ich hab' 'ne Mark zu wenig -gehabt; die Lene hat mir 'n Taler für 'n Fünfmarkstück gegeben.« - -Der Schaffer hieb mit seinem Knüppel auf den Tisch, daß die Stube -dröhnte. Heinrich knurrte verdrießlich etwas von Albernheiten, und nur -die Lene lachte. - -Da fuhr Hannes zornig auf: - -»Lene,« keuchte er, »hast Du das etwa gar absichtlich gemacht?« - -Das Mädchen schaute ihn blitzend an. - -»Meinste etwa, ich kann nich zählen? Meinste, ich kenne das Geld nich?« - -»Lene, das is frech; das is -- ich -- ich -- o, da habt Ihr den Quark; -ich -- ich -- das is 'ne Gemeenheet -- das laß ich mir nich gefallen -- -zum Vierteljahr zieh ich fort -- werden schon sehen --« - -»Werden schon sehen!« stimmte der Schaffer bei und stampfte hinter -Hannes aus der Stube. - -Auf dem Boden lag das Paradeportemonnaie des alten Raschdorf. - -Die beiden Geschwister waren allein. Auch Heinrich war aufgebracht. - -»Warum machst Du das, Lene? Warum blamierst Du ihn und uns?« - -Das Mädchen sah ihn zornig an. - -»Von uns hat niemand was bei den Leuten dort drüben zu suchen. Wenn's -keiner versteht, ich versteh's! So ein Esel -- es ist ihm recht!« - -Sie schob das Portemonnaie mit dem Fuße beiseite und ging hinaus. - -Der junge Buchenbauer sah ihr nach. Zum erstenmal fiel ihm auf, wie -wenig er im Grunde genommen auf seinem Hofe zu sagen habe. Er war -nicht der Herr. Kein Mensch kümmerte sich um seine Meinung, höchstens -Mathias. Sie waren alle Herren: Hannes, der Schaffer, am meisten Lene. -Er hatte immer geschwiegen in dem Gefühl, daß die anderen es ja besser -verstünden, und daß er ihnen doch zur Dankbarkeit verpflichtet sei. - -Aber jetzt regte sich in seiner weichen Seele der Trotz. Er hob das -Portemonnaie seines Vaters auf und schüttelte den Inhalt in seinen -eigenen Geldbeutel. - -Nun würde er selber zur Steuer gehen! Jawohl! - -Die Berger-Liese kam herein. - -»Heinrich, es muß jemand zur Steuer; es is die höchste Zeit. Ich werd -geh'n. Mir werden sie ja nischt tun.« - -»Nein, Liese, Du gehst nicht! Du am allerwenigsten! Aber Du bist ein -vernünftiges Mädel!« - -Er reichte ihr die Hand. Liese errötete, denn Heinrich sprach selten -mit ihr. - -»Wer soll denn aber gehn? Hannes mag nicht; ich hab' ihm schon -zugeredet, aber er will nicht, und der Schaffer ist furchtbar böse.« - -»Ich gehe selber!« - -In diesem Augenblick kam Lene wieder in die Stube. - -»Ich gehe selber zur Steuer!« wiederholte Heinrich. - -Da wurde das Mädel blaß. - -»Du gehst nicht!« sagte sie bestimmt und heftig. - -»Jawohl, ich gehe! Ich gehe bald!« - -»Du gehst nicht, sage ich!« - -Er sah sie an. - -»Lene, der Herr bin ich! Merk' Dir das!« - -Sie ging auf ihn zu und faßte ihn ins Auge. - -»Heinrich, wenn Du zur Steuer gehst, lauf' ich fort!« - -»Dann laufe fort!« sagte er gleichgültig. - -Und er ging aus der Stube mit festem Schritt. - -Dennoch zitterte ihm die Hand, als er die Türklinke zum Buchenkretscham -berührte. Seit seiner Kindheit Tagen war er in diesem Raume, der doch -bloß auf der anderen Seite der Straße lag, nicht gewesen. - -Die Tür ging auf. - -Einige Sekunden sah Heinrich nichts als Rauch. - -»Guten Abend!« - -Niemand antwortete. Alle sahen verblüfft auf den jungen Herrn vom -Buchenhof, und Schräger, der schon wieder betrunken war, torkelte gegen -das Schanksims und stierte den Eintretenden an, der einige Sekunden an -der Tür stehen blieb. - -Da sprach endlich einer: »Der Hundertmarkschein kommt!« - -Das war der Bader. Aber nur der junge Riedel lachte; die anderen -schwiegen. - -Heinrich ging durch die Stube zum Gemeindetisch. - -»Ich bringe die Steuer,« sagte er leise und zählte den Betrag auf. - -Der Gemeindeschreiber quittierte. - -»Sechs Dreier und einen Hund!« sang in einer Ecke der Idiot. Es lachten -zwei. Aber Heinrich beachtete es nicht. - -»Guten Abend!« sagte er, nahm das Steuerbuch und wandte sich zum Gehen. - -Da trat ihm einer entgegen. Es war der alte, grauhaarige Hirsel-Bauer. -Er streckte ihm die Hand hin. - -»Herr Raschdorf,« sagte er freundlich, »mögen Sie einen Schnaps mit mir -trinken?« - -Heinrich war ganz erschrocken. Unschlüssig blickte er nach links und -rechts auf die vielen Leute und sagte dann stockend: »Nein, ich -- ich -muß Ihnen danken, Herr Hirsel! Gute Nacht!« - -Und er drückte ihm flüchtig die Hand und ging schnell hinaus. - -Kopfschüttelnd setzte sich der alte, freundliche Mann. Der Bader aber -sprang auf den Stuhl. - -»Habt Ihr's gesehen? Das hat nu der Hirsel davon! Der Raschdorf und -ein'n Schnaps mit jemand trinken! Da müßt' a keen Raschdorf sein! Das -is un bleibt 'ne hochnäsige Bande!« - -Und nun hatte der Bader wieder alle für sich. -- - -Draußen vor der Haustür traf Heinrich Lotte Schräger. - -Er blieb betroffen stehen. - -Auch sie sagte kein Wort. - -Aber dann sahen sie sich scheu an wie zwei Menschen, die sich gekannt -haben vor langer Zeit und sich wiedertreffen und nun nicht wissen, ob -sie Freunde sind oder Feinde. - -»Guten Abend!« sagte Heinrich und zog den Hut. Damit wollte er gehen. -Aber er besann sich. - -»Fräulein Lotte,« sagte er leise und hastig, »ich -- ich hab' Ihnen -immer noch was zu sagen.« - -Er brach ab. Er wartete wohl auf ein Wort von ihr, aber sie sagte -nichts. Da begann er wieder: - -»Sie sind einmal sehr freundlich zu mir gewesen -- Sie wissen wohl -- -damals, als wir noch Kinder waren -- es ist ja jetzt an die acht Jahre -her -- aber ich wollte Ihnen bloß sagen, den Strauß hab' ich nicht auf -die Straße geworfen -- ich nicht! Sie sind mir gewiß recht böse gewesen -die lange Zeit.« - -Sie sah ihn errötend an, schüttelte den Kopf und ging rasch ins Haus. - -Langsam schritt Heinrich über die Straße. Beim Hoftor blieb er stehen -und holte tief Atem. Nach dem Buchenkretscham schaute er, hinter dessen -erhellten Fenstern ein wüster Lärm war. Es war ihm doch sehr wohl. - -Daß er ihr das hatte sagen können, das machte ihn froh. Es hatte ihn -bedrückt all die Jahre. - -Sie war ein herrlich schönes Mädchen geworden. Das hatte er erst heute -so recht gesehen. So reif und so schön! - -Warum klopfte ihm das Herz so laut? - -Er sah immer hinüber nach der Stelle, wo er mit ihr gestanden hatte. -Sie hatte kein Wort gesagt, sie hatte ihn nur angesehen. - -In einer Giebelstube des Buchenkretschams wurde es hell. Heinrich -schaute hinauf. - -Jetzt kam eine Gestalt ans Fenster. - -Das war Lotte! - -Sie lehnte sich an die Scheiben und schaute hinüber nach dem Buchenhofe. - -O, wie ihm das Herz schlug! Er betrachtete ihr dunkles Schattenbild und -vermochte sich nicht zu rühren. - -Da sah sie ihn unten im Mondlicht stehen. - -Erschreckt legte sie eine Hand auf die Stirn. Bald darauf ging sie vom -Fenster hinweg, und das Licht erlosch. - -Eine Minute lang stand Heinrich noch still, dann ging er. - -Im Hausflur auf der Treppe saß seine Schwester Lene. Sie hatte den Kopf -auf beide Hände gestützt. Neben ihr stand Mathias, der in der Stadt -gewesen und eben heimgekommen war. - -»Du warst im Kretscham, Heinrich?« - -»Ja, ich habe die Steuer hinübergetragen!« - -Mathias sah ihn milde an. - -»Es ist schon recht, Heinrich, Du kannst ja tun, was Du willst.« - -»Aber ich -- ich lauf' fort!« rief Lene. - -Sie sprang auf. - -»Geh in die Stube, Heinrich! Die Lene laß mir! Fortlaufen darf sie ja -nich. Sie gehört ja ebensogut hierher wie Du!« - -Heinrich ging nach der Stube. Liese Berger brachte ihm das Abendessen. -Freundlich sah sie ihn an. - -»Ist es gut gegangen?« fragte sie. - -»Ja, Liese, ganz gut.« - -Das blasse Mädchen nickte freudig. - -»Und die Lene wird schon dableiben, wir reden ihr ja alle gut zu.« - -Sie bediente ihn mit ihrer großen Freundlichkeit und ihrem stillen -Eifer. Sie reichte ihm alles zu und fragte, ob es ihm auch schmecke. - -Er mußte sich zwingen zum Essen. Und er wünschte fast, die freundliche -Liese sei nicht bei ihm. Ihre Freundlichkeit tat ihm heute weh! - -Sie sah ihn besorgt an. - -»Du mußt Dich nicht so ärgern, Heinrich. Es wird ja alles wieder gut. -Du mußt essen, Heinrich!« - -Bald darauf ging er nach seinem Zimmer. Er mußte allein sein. Um alles -in der Welt wollte er jetzt mit niemand sprechen, auch mit der Lene -nicht. Er dachte kaum an sie. - -Er wollte nachdenken, aber er vermochte nicht auf seinem Stuhle -stillzusitzen. Angekleidet warf er sich aufs Bett und blinzelte in das -Lampenlicht. - -Ja, es war so. Er war froh, daß er in den Kretscham gegangen war. Er -war froh, auch wenn es allen anderen nicht paßte. - -Er war mutig gewesen. Und dieses schöne Bewußtsein trieb ihm, wie allen -weichherzigen Leuten, die es nicht gewöhnt sind, das Blut in den Kopf. -Wie ein Rausch war's. Denn das ist ja wahr, daß Mut trunken macht, -einen früher, einen später, je nachdem, wieviel er verträgt. - -Sie hatten geschwiegen; nur zwei hatten über ihn gelacht, die zwei -kläglichsten. Die anderen nicht. Und einer hatte ihn sogar zu einem -Trunke eingeladen. Der gute alte Mann! Es war schade, daß er es -ausschlagen mußte, aber sich da hinsetzen, unter diese Leute, das wär' -ja unmöglich gewesen. - -Ob's der Hirsel übel genommen hatte? Vielleicht! Wahrscheinlich sogar! - -Heinrich sprang auf, setzte sich an den Tisch und schrieb an Hirsel -einen langen Entschuldigungsbrief. - -Ein Gefühl der Liebe für den alten Mann flutete durch das Herz des -Jünglings. Wenn er jetzt einmal ins Dorf hinabsah, wußte er doch, daß -dort unten jemand war, der's gut mit ihm meinte. - -Ach, er war so glücklich, daß er ein ganz kleines Stückchen Heimat -gewonnen hatte. - -Als die Mitternacht vorbei war, hatte der junge Buchenbauer noch immer -keinen Schlaf gefunden. Er mußte jetzt doch an seine Leute denken. -Zum ersten Male hatte er sich in Widerspruch zu ihnen gestellt, zum -ersten Male war er aufgeregt und glücklich, während sie gewiß alle mit -bedrückten Herzen zur Ruhe gegangen waren. - -Eine leise Reue kam, oder doch der Wunsch, sie recht bald alle wieder -zu versöhnen, auch die Lene. - -Freilich hatten sie ja nichts verloren. - -Nichts? - -Die Lotte fiel ihm ein. - -Was sie wohl sagen würden, wenn sie wüßten, daß er mit Lotte Schräger -gesprochen hatte? Eigentlich mußte er es ihnen erzählen. Das wäre -aufrichtig. - -Aber er schämte sich und beschloß, die Begegnung für sich zu behalten. - -Was war auch geschehen? Entschuldigt hatte er sich wegen einer -Ungezogenheit, wahrlich spät genug entschuldigt. Sonst nichts. - -Und nun war er quitt mit Lotte Schräger. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 11] - - -So ist ein neuer Kampf in Heinrich Raschdorfs junges Leben getreten. -Und im alten Kampf um die Heimat rückten die Bundesgenossen einen -Schritt von ihm ab. Seine Schwester Lene weit! Sie sprach nicht mehr -mit Heinrich; sie ging immer mit finsterem, verschlossenem Gesichte -herum. Es kränkte ihren Stolz, daß sie gedroht und dann die Drohung -nicht ausgeführt hatte. - -Sie war schwach gewesen und unterlegen. - -Und es war nicht bloß der beleidigte Trotz, daß ihr Wille nicht -durchgegangen war; es lebte in diesem Mädchen auch das feine Empfinden, -daß in die starke Position der Buchenhofleute eine Bresche geschlagen -worden sei durch eigene Schuld. - -Das wußte auch Mathias. - -Einmal war er selbst es gewesen, der den Frieden gepredigt hatte, -damals, als die tote Frau noch auf der Bahre lag, als er die Kinder -übernahm und einen Weg für sie nach der Heimat suchte. Da erkannte sein -kluger Sinn allein im Frieden mit den Leuten das Heil. - -Wie eine stolze, halbzerstörte Festung kam ihm der Buchenhof damals -vor, ein gar schwacher Platz, der nicht zu halten war, wenn ihn die -Gegner unten im Tal mit zäher Feindseligkeit belagerten und ihn -qualvoll aushungerten an Liebe und Freude. - -Ein Tag mußte kommen, an dem sich die Burgleute ergaben auf Gnade und -Ungnade, um in die Verbannung zu ziehen. - -Deshalb wollte sich Mathias vergleichen. Aber als er einen Weg hinüber -suchte, mit der weißen Fahne in der Hand, wurde er heimtückisch -angefallen, er und Heinrich, und auch nach der lieben Toten warfen sie -ihre schmutzigen Geschosse. - -Da wußte Mathias nichts mehr von Frieden, da kam der Groll, der Trotz, -und er baute den Buchenhof neu, stark, unantastbar, wie er meinte. - -So war es gut gegangen all die Jahre. Gut? - -Hatten sie nicht alle quälenden Hunger gelitten nach Liebe, nach -Freundlichkeit, nach menschlicher Gemeinschaft? - -Eine Festung ist keine Heimat. Heimat braucht offene Tore, breite, -freie Straßen, an denen keine Fangeisen liegen und an denen keine -Warnungstafeln stehen, sondern freundliche Wegweiser. - -Jetzt also ging der junge Herr ins feindliche Lager. Er ging nicht, -Verrat zu üben, er ging nur, Vertrauen zu zeigen und nach und nach -Vertrauen zu gewinnen. - -War er nicht zu loben? - -Aber eine quälende Unruhe war in Mathias, der junge Herr vom Buchenhofe -werde da drüben verunglücken. - -Der Unfriede war auf den Buchenhof gekommen aus winzigem Anlaß. Auch -der Schaffer war finster und sprach kein Wort. Er zürnte schwer mit -Lene, und es war anzunehmen, daß er den schlimmen Streich, den sie -seinem Sohne gespielt, nie mehr im Leben vergessen würde. - -Hannes betrug sich ganz ungebärdig. Zunächst beschloß er, einen Tag -»blau« zu machen. Ferner nahm er sich vor, am anderen Tage in den -Buchenkretscham zu gehen und ein Säuferleben anzufangen, der Lene -zum Trotz. Da er sich aber schließlich schämte, das Lokal wieder zu -betreten, in dem er eine so wenig rühmliche Rolle gespielt hatte, ging -er nach dem Nachbarort, trank in einem Gasthause drei Glas Bier und kam -auch wirklich schwer betrunken nach Hause. - -In der Nacht war er sehr krank, und sein stämmiger Vater betrachtete -mit besorgten Blicken den Sohn, von dem er annahm, daß er nun dicht am -Abgrunde des körperlichen und seelischen Verderbens stehe. - -Am anderen Morgen glaubte Hannes selbst, seine allmähliche Auflösung -sei nahe. Die Krankheit in ihren wilden Erscheinungen war zwar vorüber, -dafür hatte sich aber ein Zustand eingestellt, der ihn befürchten ließ, -daß seine Kräfte sich langsam vollends abschwächen würden. - -Um so freudiger überrascht war er, als er gegen Mittag Hunger bekam und -sich nach der Mahlzeit wieder recht leidlich fühlte. Also beschloß er, -sich langsam wieder ans Leben zu gewöhnen und auch das Arbeiten wieder -aufzunehmen. - -Eine Woche lang schmollte er mit Lene, dann hielt er es nicht länger -aus und sagte zu dem Mädchen: »Lene, das is auf die Dauer zu tumm. -Reden wir lieber wieder!« - -Die Lene lachte und sprach auch wieder mit dem Hannes, aber sie dachte -bei sich selbst: »Er ist kein rechter Mann. Das durfte er sich nicht -gefallen lassen. Er hätte mich müssen laufen lassen; so ist er ein -Trottel.« - -Und der gute Hannes pfiff derweil vergnügt und hatte gar keine Ahnung, -daß er ein Trottel war. Er kannte das Leben nicht, er kannte das -Bier nicht, er kannte das Weib nicht. Er war ein harmloser, lustiger -Bursche, dem es sicher noch einmal sehr schlecht gehen mußte, ehe er -dieses gutmütige, dumme Pfeifen sein lassen würde. - - * * * * * - -Es war an einem sommerheißen Maitag, kaum eine Woche später. Heinrich -war nach der Stadt gefahren, um etliches zu besorgen. Nun war er auf -dem Heimwege. Ganz allein saß er auf der kleinen Droschke und ließ das -Pferd gemächlich seines Weges ziehen. Dabei konnte er ungestört seinen -Gedanken nachhängen. - -Daran dachte er, daß der junge Riedel sich um die Lotte bewarb. Und -obwohl sich der Buchenbauer alle zwei Minuten sagte, daß ihn die Sache -nichts angehe, gab er sich doch immer wieder Mühe, mit hundert Gründen -und Einwendungen das Unsinnige einer solchen Verbindung zu beweisen. -Und er redete sich selber in großen Zorn. - -So kam es, daß er heftig erschrak, als er plötzlich die Lotte kaum -dreihundert Schritte weit vor sich auf der Straße gehen sah. Sie war -offenbar auch in der Stadt gewesen. In der Hand trug sie ein kleines -Paket. - -Dem Buchenbauer wackelten die Zügel in der Hand, und er wußte nicht, ob -dieses Zusammentreffen ein Glück oder ein großes Unglück sei. - -Was sollte er tun? Was sollte er nur tun? - -Sie auffordern, mitzufahren, sie und er ganz allein -- sie, die -Schräger Lotte, und er, ein Raschdorf? Seine Leute, was würden die -sagen? Das kam doch heraus, das ging doch nicht zu verheimlichen. Der -Mathias, die Lene -- alle -- was würden sie sagen? - -Heinrich zupfte an der Leine, und das Pferd schlich langsam im -Tritt. Es war ein bequemes Rößlein, das seinerseits sich gegen ein -vorsichtiges, abwartendes Tempo nicht sträubte. - -Aber trotzdem -- in wenigen Minuten mußte er sie eingeholt haben! Was -dann? Sollte er an ihr vorüberfahren? Sie laufen lassen in diesem -Staub und in dieser Hitze? Sie, die ihm einstmals den schweren Koffer -getragen hatte? Und ganz abgesehen davon -- vorüberfahren, unhöflich -sein, grob -- das ging nicht, das ging nicht! - -Kurz entschlossen rückte sich Heinrich stramm auf und hieb auf das -Pferd ein. Und in kaum zwei Minuten war er an Lottes Seite. - -»Guten Tag, Fräulein! Darf ich Sie auffordern, mit mir zu fahren?« - -Sie schaute zu ihm auf. Ihr Gesicht glühte von der Anstrengung des -Laufens, und sie zitterte ein wenig, als sie sagte: - -»Ich -- ich danke, Herr Raschdorf -- ich werde jetzt gleich den Feldweg -gehen. Es ist ja nur eine halbe Stunde nach Hause. Ich danke!« - -»So schlagen Sie mir's ab?« - -»Ich -- ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten, Herr -Raschdorf!« - -»Ungelegenheiten? Wieso?« - -»Ja! Sie wissen ja -- es ist um die Ihrigen -- es war mir so furchtbar -peinlich, als ich sah, daß Sie hinter mir --« - -Da sprang er auf die Straße. - -»Lotte, Sie müssen mit mir fahren, jawohl, Sie müssen! Sie kränken -mich, wenn Sie mir's abschlagen. Wir haben doch nichts gegeneinander -- -nichts -- nichts -- rein gar nichts!« - -Sie schaute ihn mit ihren großen, dunkelgrauen Augen eine Sekunde an. - -»Nein, wir haben wohl nichts, aber es ist besser, ich danke, Herr -Raschdorf, ich bin ja in einer halben Stunde zu Hause.« - -»Lotte!« - -Er ergriff sie an der Hand. - -»Lotte -- Fräulein Lotte, wissen Sie noch -- damals vor acht Jahren, -als ich heimkam, auf diesem selben Wege, als wir den Koffer miteinander -trugen, wissen Sie noch?« - -»Ja, aber da waren wir Kinder -- jetzt -- es ist schon besser, wenn ich -zu Fuß gehe.« - -Er ließ ihre Hand los. Tonlos sagte er: - -»Ja, vielleicht ist's besser; vielleicht wär's eine Schande für Sie, -wenn Sie mit mir führen.« - -»Heinrich Raschdorf!« - -»Was sehen Sie mich so an? Es ist doch so! Von dem Raschdorf Heinrich -mag kein Mensch im Dorfe was, keine Gefälligkeit, keinen kleinen -Dienst, keine Freundlichkeit; der ist ja ausgestoßen.« - -»Herr Raschdorf! Sagen Sie nicht so was! Ich fahre mit!« - -»Lotte, das will ich Ihnen danken!« - -Er half ihr auf den Wagen und stieg nach. Zitternd ergriff er die Zügel -wieder. Es war nur ein Sitz da. So saßen Sie dicht nebeneinander. -Minutenlang fuhren sie die Straße entlang, ohne daß eines ein Wort -gefunden hätte. Und die Maisonne lachte, und das Rößlein ging so wonnig -sachte. - -So war dem jungen Buchenbauer noch niemals im Leben zu mute gewesen. -Das Herz war ihm übervoll, und doch fand er kein armseliges Wörtlein. -Endlich raffte er sich auf: - -»Sie müssen mir noch sagen, Fräulein Lotte, ob Sie mir wegen des -Straußes böse gewesen sind!« - -»Ach, ich habe mich damals wohl sehr geärgert. Aber ich weiß ja jetzt, -daß Sie ihn nicht weggeworfen haben!« - -»Nein, wirklich nicht, ich wollte, ich besäße ihn noch jetzt.« - -»Den armseligen Kinderstrauß?« - -»Ja, denn damals war doch noch eine bessere Zeit. Da war ich noch nicht -gar so einsam.« - -»Fühlen Sie sich einsam?« fragte sie leise. - -»O, Lotte, Sie wissen gar nicht, Sie können gar nicht glauben, was das -heißt: so leben wie ich.« - -»Sie haben eine Schwester und gute Freunde.« - -»Ja, das weiß ich, das schätze ich auch, aber das langt nicht, das -langt nicht auf so viele lange Jahre. Ein bißchen Vertrauen, ein -bißchen Freundlichkeit von den Leuten, sehen Sie, das fehlt mir.« - -Sie schwieg. - -Er sah sie schmerzlich an. Dann sprach er leidenschaftlich: - -»Und doch schwör' ich Ihnen, Lotte: Ich war unschuldig an dem Unglück, -und mein toter Vater auch!« - -Sie war tief erschüttert. Leise sprach sie: - -»Das weiß ich, das hab' ich auch immer geglaubt.« - -»Lotte, das ist gut von Ihnen!« - -Er preßte ihre Hand. Ein Weilchen hielt er sie so fest, dann erschrak -er und gab sie frei. - -Einige Minuten fuhren sie wieder schweigend dahin, dann sagte Lotte -leise: - -»Und wie denken Sie, daß mir's geht?« - -Er suchte nach einer Antwort. Der trunksüchtige Vater fiel ihm ein, der -idiotische Bruder, und ihre ganze trostlose Verlassenheit kam ihm zum -Bewußtsein. - -»Ja, ich weiß wohl, ich ahne es, es tut mir leid, Lotte, aber die Leute -im Dorfe, die achten und ehren Sie doch.« - -»Die Leute im Dorfe! Wenn ich eine rechte Heimat hätte, brauchte ich -keine Leute aus dem Dorfe. Ich will sie nicht.« - -Der Widerspruch zwischen ihr und ihm selbst fiel ihm auf. - -»Lotte, ich glaube, wir sind beide nicht glücklich. Wir haben beide ein -Haus, in dem wir wohnen, und haben doch beide keine Heimat.« - -Sie sah zu ihm auf. Ähnliche Gedanken hatte sie schon oft gehabt; nur -diese klare Form hatte sie ihnen nicht geben können. - -»Ja,« sagte sie, »Sie haben recht!« - -Dann sprachen sie von der Kinderzeit, von jenen goldenen Tagen, als sie -noch glücklich waren, als sie beide noch eine Heimat hatten. - -Darüber vergaßen sie ihren Kummer, und manchmal schauten sie -sich heimlich und schnell in die Augen -- so, wie man ein altes, -heimgekehrtes Glück herzklopfend betrachtet. Und sie waren beide rot -im Gesicht, und tief in den Augen strahlte es wie eine ganz leise -Erlösungshoffnung. - -Die Straße führte durch den Wald. Da schwiegen sie wieder. - -Über den Schattenweg huschten einzelne goldene Lichter, und fern sang -ein Brünnlein durch die Mittagsstille. - -Ganz langsam fuhr das Gefährt die weiche Straße entlang, und die beiden -jungen Menschenkinder schauten hinab nach dem blühenden Wegrande. Dort, -wo die Maiglöckchen blühten, hielt er an, sprang hinab, pflückte drei -Stengel und reichte sie ihr. - -»Wir haben keine Feindschaft, Lotte!« sagte er bewegt. - -»Nein -- nein, Heinrich!« - -Und dann wieder weiter, den grünen Frühlingswald entlang, der still in -blühender Freundlichkeit die beiden anschaute aus märchentiefen Augen. -Zwei bunte, seltsame Schmetterlinge gaukelten vor ihnen her; denen -schauten sie nach mit träumenden Augen, und ihre Hände lagen dicht -beieinander und berührten sich leise. - -Da war ihnen wohl. Sie waren zu Hause. Auf diesem kleinen Wagen war die -Heimat. - -Als sie aber hinaus ins Lichte kamen und die Buchenhöfe sahen, -fröstelten sie vor dem grellen, heißen Sonnenlicht. Da wußten sie, daß -sie dort beide wieder in der Fremde sein würden. - -Er faßte wieder ihre Hand. - -»Lotte, wenn wir uns manchmal -- nur manchmal sprechen könnten, das -wär' ein Glück!« - -»Es ist ja nicht möglich!« - -»Es muß möglich sein, Lotte! Wir wollen Freunde sein!« - - * * * * * - -»Hallo! Hallo! Hallo!« - -Der Idiot sprang aus dem Walde. Er hatte eine riesige Tüte in der Hand, -ganz gefüllt mit Maikäfern. - -Die beiden erschraken, und auch der Idiot blieb erstaunt stehen. Er -sperrte den Mund auf. - -»Und -- und -- und einen Hund,« grunzte er überrascht, das einzige, was -ihm immer einfiel, wenn er jemanden vom Buchenhofe sah. - -»Mein Bruder! O Gott, mein Bruder!« - -Auch Heinrich war peinlich überrascht. - -»Die Lotte und der -- und der -- und einen Hund, einen großen Hund!« -krähte der Idiot. - -»Lassen Sie mich absteigen, Herr Raschdorf -- ich muß mit ihm reden.« - -Heinrich Raschdorf hielt an. »Bleiben Sie, Lotte! -- Gustav, Gustav, -komm einmal her!« - -»Schön tumm! Du schmeißt mich ins Feuer. Du sperrst mich ein. Und einen -gro--o--ßen Hund!« - -»Ich will hinab, Herr Raschdorf -- ich muß zu ihm, adieu -- Sie wissen -nicht --« - -»Wann sehen wir uns, Lotte?« - -»Ich weiß nicht! Lassen Sie meine Hand los, ich will absteigen.« - -Der Idiot war inzwischen tückisch herangeschlichen und schleuderte -urplötzlich dem Pferde die Tüte mit den Maikäfern an den Kopf. Das -Pferd fuhr auf, rückte an und raste davon, während Lotte, die im -Absteigen begriffen war, mit einem Aufschrei auf die Straße stürzte. - -Mit verzweifelter Kraft brachte Heinrich das zitternde Tier zum Stehen -und lief den Weg zurück. - -Da lag Lotte Schräger auf der Straße. Das Hinterrad war ihr über den -linken Fuß gegangen. - -»Lotte, um Gottes willen, was ist geschehen?« - -»Mein Fuß -- mein Fuß -- überfahren -- ach, mir wird schwindelig --« - -»Lotte, geliebte Lotte!« - -Er tastete nach ihrem Fuße; aus dem niederen Schuh quoll das Blut. Da -raffte er das Mädchen auf und trug es nach dem Wagen. - -Der Idiot stand mit entsetztem Gesichte da und schrie: - -»Es blutet! Es blutet!« - -Und er verkroch sich im Walde. - -Vorsichtig hob Heinrich die Verwundete auf den Wagen. Ein Frösteln ging -durch seine Seele. - -An derselben Stelle hatte vor Jahren Mathias Berger seinen sterbenden -Vater auf seinen kleinen Schlitten geladen. Und nun ging es wie damals -behutsam die Anhöhe hinab den Buchenhöfen zu. - -»Heinrich!« - -Sie klammerte sich fest an ihn. - -»Lotte, Lotte! Geliebte Lotte!« - -Sie war ohnmächtig. - -Er bettete sie an seine Brust und schlang den rechten Arm um sie. Mit -der linken Hand hielt er die Zügel. - -So bleich und so schön war sie, und sie atmete schwer, aber doch nicht -schwerer als der junge Buchenbauer. Er betrachtete immer ihr süßes, -bleiches Gesicht. Und einmal bückte er sich hastig scheu über sie und -küßte sie auf den Mund. Ein Seligkeitsschauer glühte ihm durch den -Körper. -- - -Als sie in die Nähe des Buchenhofes kamen, gingen zwei durch den Garten --- Mathias und Liese. - -Sie hielten Ausschau. Und nun gewahrten sie ihn. Die Hände legten sie -über die Augen, um besser sehen zu können. So standen sie regungslos -wie Bildsäulen. - -Aber plötzlich kam Leben in die beiden Leute. Sie sprachen erregt -miteinander, zeigten nach ihm, und auf einmal wandte sich die Liese um -und lief ins Haus. - -Mathias Berger aber ging langsam nach dem nächsten Baume und lehnte -sich an. - -Heinrich hatte das alles wohl gesehen, aber es war ihm so, als ob es -ihn nichts anginge. Er nickte nur grüßend und fuhr vorbei, hinüber zum -Kretscham. - -Zwei Mägde und die alte Wirtschafterin sahen durchs Küchenfenster und -kamen schreiend herausgelaufen. Heinrich unterrichtete sie kurz und -übergab ihnen Lotte. Dann fragte er nach Schräger. - -Der saß in der Gaststube und schlief. Er hatte sich am Vormittag schon -wieder betrunken. - -Heinrich rüttelte den Schlafenden. Der öffnete die Augen, sah den -jungen Raschdorf und grunzte auf. - -»Erschrecken Sie nicht, Herr Schräger, es ist ein Unglück passiert. -Fräulein Lotte ist ein Stück mit mir gefahren, und als sie absteigen -wollte, hat der Gustav das Pferd scheu gemacht. Da ist sie gefallen, -und der Fuß ist ihr überfahren worden.« - -Schräger starrte ihn verständnislos an. - -»Herr Schräger, es muß augenblicklich jemand nach dem Arzt fahren!« - -»Nach -- nach dem -- dem Arzte fahren?« - -Heinrich sah, daß der Mann betrunken war. - -»Ja, es ist keine Zeit zu verlieren! Hören Sie, Herr Schräger, ich -werde selbst den Arzt holen. Hören Sie?« - -»Ja -- ja -- den -- Doktor --« - -Heinrich war schon draußen. Der Wirtschafterin schärfte er ein, den -Schuh und den Strumpf vorsichtig abzuziehen und den Fuß immerfort mit -kaltem Wasser zu kühlen. Er fahre nach dem Arzt. - -Dann sprang er auf die Droschke und fuhr nach dem Buchenhof. Auf den -Stufen vor der Haustür standen Hannes und Lene. Mathias und Liese waren -nicht zu sehen. - -»Hannes, schnell die beiden Rappen einspannen! Ich fahr' nach dem Arzt. -Fräulein Schräger ist verunglückt.« - -Hannes und Lene sahen ihn wortlos an. - -»So steht doch nicht so blöde da! Sie ist ein Stück mit mir gefahren, -und als sie absteigen wollte, ist sie gefallen, und der Fuß ist ihr -überfahren.« - -»Sie haben ja selber Fuhrwerk drüben,« sagte Hannes. - -»Ja, aber das dauert alles zu lange; ich fahre, das ist doch -Christenpflicht.« - -Lene lachte laut und spöttisch auf. - -»Christenpflicht!« - -»Hannes, willst Du helfen oder nicht?« - -»Wehe Dir, Hannes, wenn Du eine Hand rührst!« - -»Hannes, bin ich der Herr oder die? Und läßt Du Dich von einem Weibe -kommandieren?« - -Hannes war in schwerer Verlegenheit. Aber schließlich sagte er: »Es ist -ja Mumpitz, aber helfen tu ich!« - -Lene warf ihm einen verächtlichen Blick zu und ging ins Haus. Wenige -Minuten später sauste das Gefährt Heinrichs nach der Stadt. - -In ganz verhältnismäßig kurzer Zeit brachte er den Arzt. - -Unten im Hausflur stand er und wartete auf Nachricht. Die -Wirtschafterin kam. - -Der Fuß wäre gebrochen, aber es sei keine Gefahr. Bei guter Pflege -würde alles recht schön heilen. - -»Werden Sie das Fräulein auch gut pflegen, Stenzeln?« - -Die Alte sah den jungen Mann freundlich an und versprach ihr Bestes. Er -gab ihr ein Geldstück. - -»Hier, nehmen Sie das! Sagen Sie aber keinem Menschen davon! Und grüßen -Sie das Fräulein! Sie soll nicht böse sein auf mich. Mir tut das -Unglück sehr leid. Und, Stenzeln, alle Abende um neun Uhr kommen Sie -mal an die Haustür. Ich will Sie fragen, wie's geht!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 12] - - -Durch die Mainacht ging der Mond. - -Drunten im Dorfe schlug es Mitternacht. Da hatten die Buchenhofleute -den Frieden des Schlafes noch nicht gefunden. Und doch war ein jeder in -seiner Kammer seit langen Stunden. - -Droben im ersten Stock lehnte der junge Buchenbauer am Fenster und -schaute hinüber nach der Giebelstube des Kretschams. - -Ein Licht schimmerte durch die Nacht herüber. - -Dort war sie! - -Der junge Träumer schloß die Augen. - -Da sah er ein Meer und in dem Meer ein fernes Eiland. Von diesem Eiland -schien das Licht wie ein winkendes Leuchtturmfeuer, das den Weg zeigt -zu einem heimatlichen Hafen. - -Aber wenn Heinrich Raschdorf die Augen öffnete, sah er die Dorfstraße. -Die lag zwischen ihm und ihr wie ein unüberbrückbarer Abgrund. Er riß -das Fenster auf. Schwerer Duft traf ihn, das Silberlicht gaukelte vor -seinen Augen, und ein Vogel in der Nähe sang ein wonniges Lied. - -Da schlug die Liebe in das junge Blut, und all ihr taumelndes, -berauschendes Glück kam über den Einsamen. Eine heiße Röte flammte über -Heinrichs Gesicht, und ein Vorsatz formte sich in seinem Herzen, sein -Glück zu suchen. Und immer wieder ging er die wenigen Minuten im Geiste -durch, die er mit ihr verlebt hatte, brachte sich alles in Erinnerung, -was sie gesprochen, und war ganz außer sich vor lauter Aufregung, Liebe -und Mitleid. - -Da klopfte es an die Tür. - -Heinrich lauschte, aber er rührte sich nicht. - -Abermaliges Klopfen. - -Nun ging er und öffnete. - -Seine Schwester Lene stand draußen, völlig angekleidet. Das Erstaunen -Heinrichs war groß; die Schwester hatte mit ihm seit dem Tage, da er im -Buchenkretscham zur Steuer war, nicht mehr gesprochen. - -»Du bist es, Lene? Was willst Du?« - -»Mit Dir reden! Ich sah, daß Du noch wachst.« - -»Komm herein!« - -Er schloß die Tür hinter ihr. Sie schaute sich um und bemerkte alsbald -das offenstehende Fenster und das Licht drüben über der Straße. - -Sie sah ihn scharf an, und er konnte nicht hindern, daß er errötete. Er -mußte an den Vater denken, wie sie so stolz und kalt vor ihm stand. - -»Willst Du sie heiraten?« fragte sie unvermittelt. Ihre Stimme klang -heiser. - -»Heiraten? Wen?« - -»Wen?« - -Sie lachte scharf und kurz, trat ans Fenster und schloß es. Da überkam -ihn der Trotz wieder. - -»Lene, ich will Dir was sagen: so lasse ich mich nicht behandeln. -Verstehst Du? Was ich tue oder lasse, ist schließlich meine Sache.« - -»Nein!« Das sagte sie laut und heftig. »Es ist nicht Deine Sache, es -geht uns alle an! Wir haben alle für Dich gearbeitet. Was Du hast, hast -Du von uns!« - -»Von Euch! Das weiß ich. Du kommst also, um mir zu sagen, was ich Euch -alles schuldig bin, kommst, um mir das vorzurechnen?« - -Ihr war jede Sentimentalität fremd. - -»Ja, deswegen komm ich! Du bist uns genug schuldig, das Meiste! Beinah -alles! Und ich red' nicht von mir, aber vom Mathias red' ich.« - -»Vom Mathias? Was schadet es denn, wenn ich -- wenn ich --« - -»Wenn Du zum Schräger laufst? Hinter der Lotte her bist? Es ist wahr! -Es wird sich hübsch machen, wenn Du mit der Lotte zur Trauung gehn -wirst.« - -»Sei still, Lene! Das geht Dich nichts an, solches Gerede leid' ich -nicht!« - -Sie ließ sich nicht stören. - -»Ja, und der besoffene Schräger wird als Schwiegervater hinterher -geh'n.« - -»Lene, ich werf' Dich raus!« - -»Erst red' ich! Es wird hübsch sein, wenn Ihr bei Vaters Grab -vorbeigehn werdet, den die Bande auf 'm Gewissen hat, und -- und der -Mathias wird auch zusehn müssen, den sie ins Gefängnis gebracht haben. -Sehr hübsch wird's sein! Du bist ein Staatskerl, Heinrich!« - -»Hör' auf, Lene! Du machst mich verrückt!« - -Er setzte sich auf einen Stuhl. Sie sagte nichts, lehnte sich an die -Wand und sah ihn streng, ja haßerfüllt an. Ihn aber hatte sie mit dem -einzigen Hinweis auf den Vater geschlagen. Da begann er endlich: »Es -ist nichts erwiesen!« - -»Daß der Vater tot is, das is erwiesen!« - -Darauf wußte er nichts zu entgegnen. Endlich sagte er: »Der Vater ist -verunglückt.« - -»Nein!« - -Dieses »Nein« klang furchtbar in der Stille der Nacht. Heinrich traf es -wie ein Schlag, und er fröstelte in sich zusammen. Er hatte nie dieser -schrecklichen Frage gegenüberstehen können, ohne eine versöhnliche -Antwort mit aller Macht zu erzwingen. Dieses herbe Mädchen gab die -Antwort. Er sah sie scheu an. - -»Wie kannst Du -- wie kannst Du das nur sagen, Lene? Vom Vater?« - -Auf einen Augenblick kämpfte sie mit Tränen. Dann kam der Groll wieder -über sie. - -»Vaters Tod ist ganz klar. Und der Schräger hat's gewollt. Der hat -unseren Vater ums Geld gebracht, dann hat er falsch geschworen, und -zuletzt hat er das Geld gekündigt. Da wußt' sich der Vater keinen Rat -mehr. Und jetzt -- jetzt laufst Du hin -- der einzige Sohn --« - -Es war aus mit ihrer Fassung. Sie sank auf einen Stuhl, bedeckte das -Gesicht mit beiden Händen und fing leidenschaftlich an zu weinen. - -Er saß ihr in zusammengesunkener Stellung und mit unbewegtem Gesicht -gegenüber. Endlich sagte er tonlos: »Hör' auf zu weinen, Lene. Es ist -ja nichts geschehen. Ich will nicht leugnen, daß ich der Lotte gut bin --- lange schon, länger, als ich's selber weiß, aber das -- das wird -sich ja überwinden lassen -- weil es muß -- weil es muß --« - -Er stand auf und wandte sich ab. Da war sie plötzlich hinter ihm, -umschlang seinen Hals und küßte heiß seine Wange. - -»Heinrich, weißte denn gar nichts -- gar nichts von der Liese?« - -»Wie? Was? Was soll ich von der Liese wissen?« - -»Daß sie Dir -- daß sie Dir so unendlich gut is, Heinrich!« - -Er fuhr herum. »Mir? Die Liese? Mir gut? Lene!« - -»Und der Mathias hat immer drauf gehofft.« - -Er sah sie erstaunt an. Eine grelle, wehe Erkenntnis kam ihm. »O Lene, -das -- das hätt' ich nicht gedacht!« - -Schwer setzte er sich wieder auf den Stuhl. - -Sie legte den Arm auf seine Schulter. - -»Du mußt nicht denken, Heinrich, daß der Mathias alles bloß deswegen -gemacht hat. Das wär' schlecht, so was von ihm zu denken. Aber ich -weiß, daß a drauf gehofft hat. Und nu -- Heinrich, es hat mir das Herz -umgedreht, wie a heute rumgegangen is, so weiß im Gesichte, und a -wollt' nichts zeigen, und a wollt' immer mit der Liese lustig sein -- -das war zum Erbarmen --« - -Er starrte sie an, schüttelte sich und schloß die Augen. - -»Lene, das -- das könnt Ihr nicht von mir verlangen.« - -Sie sah wehmütig vor sich hin. - -»Das verlangen wir ja nicht, aber das andere, Heinrich, das darfste uns -nich antun.« - -Es entstand eine lange Pause. - -Draußen sang immer noch der kleine Vogel sein süßes Lied. Und über der -Straße schimmerte das warme Licht. - -Das Mädchen war verändert. Mit scheuer Zärtlichkeit ergriff sie die -Hand des Bruders. - -»Heinrich, fällt Dir's so schwer?« - -Er antwortete heiser: - -»Ich weiß es erst jetzt -- jetzt, da ich sie nicht haben darf, wie lieb -ich sie hab', wie unsinnig lieb!« - -Und nach einer Weile schluchzte er auf: - -»Lene, wir haben ein schreckliches Leben!« - -Ihr Gesicht verzog sich. - -»Ich weiß ja, ich bin häßlich zu Dir und zu allen Leuten, ich ärgere -Euch alle -- alle, aber ich kann nicht dafür.« - -Er antwortete nicht. - -»Aber ich mein's auch gut, bloß ich kann's nicht so zeigen, ich bin ein -so schrecklich grobes, dummes Ding. Und mich kann niemand leiden!« - -Sie fing wieder leidenschaftlich an zu weinen. Trotz seines eigenen -Leides fühlte er, daß auch die Schwester einsam und glücklos sei. - -»Lene,« sagte er, »wir wollen versuchen, daß wir uns jetzt besser -vertragen. Ich weiß schon, was ich Euch schuldig bin. Ich werd' mir -Mühe geben, Lene, in jeder Weise Mühe geben!« - - * * * * * - -Und drüben über der Straße? - -Die alte Stenzeln war eingeschlafen bei der Krankenwache. Jetzt -schreckte sie empor. - -»Ach Gott, ich bin wohl -- ich bin wohl eingeschlafen? Fehlt was, -Lotte?« - -Das schöne Mädchen schüttelte den Kopf. - -»Ich bin ganz zufrieden.« - -Auch sie hörte den kleinen Vogel, der draußen sang. Und auch sie dachte -daran, wie sie mit Heinrich durch den Wald gefahren war. Wie sie da -beide so still und glückselig waren. Die Maiglöckchen, die er ihr -gepflückt, standen in einer kleinen Vase am Bette. Sie waren ihr teuer. -Und sie freute sich, daß sie bei dem Sturze vom Wagen nur ihre goldene -Brosche verloren hatte, nicht diese drei Blumenstengel. - -»Wie kam es denn, Stenzeln, daß Herr Raschdorf nach dem Arzte gefahren -ist und nicht jemand von uns?« - -»I du meine Güte, das hätt' lange gedauert! Na, Du weißt ja, Lotte! -Aber der junge Herr drüben is gefahren wie a Toller.« - -Lotte lächelte. - -»Weiß er schon, daß ich den Fuß gebrochen habe?« - -»Freilich, freilich! A hat ja unten im Hause gewartet, bis ich ihm -alles gesagt hab'. Na, und a läßt Dich schön grüßen, und es tät ihm -schrecklich leid!« - -Lotte lächelte wieder. - -»Ja, Stenzeln, das glaub' ich, daß es ihm leid tut; er ist ein sehr -guter Mensch.« - -Die Stenzeln nickte und dröselte ein Weilchen für sich hin. Dann -hustete sie und sagte: »Na, eigentlich soll ich's ja nich sagen, aber -Du wirst ja nischt verraten -- da sieh mal!« - -Sie zeigte ein Fünfmarkstück und mäßigte ihre Stimme zu einem Flüstern: -»Das hat a mir geschenkt, der junge Raschdorf, und ich soll Dich nur -gut pflegen, hat a gesagt --« - -Eine tiefe Röte zog über das Gesicht der Kranken, und ein glückliches -Leuchten brach aus ihren Augen. - -»Ja, und jeden Abend um neune will a mich unten an der Haustür fragen -kommen, wie's Dir geht.« - -»Hat er das gesagt?« - -»Freilich hat a! A hat 'ne schreckliche Bangigkeet um Dich.« - -Die Stenzeln seufzte. - -»Schade is! Schade, daß a nu grade der Raschdorf is. Sonst is a -wirklich a sehr schmucker Mensch.« - -Lotte antwortete nicht; nur die Hand irrte auf dem Deckbett hin und -her, und auf ihren Wangen brannte die Röte. - -»Ja, und gewundert hab' ich mich, daß Dein Vater weiter nischt gesagt -hat. Na, aber bei dem kommt's vielleichte noch. O, das wird a Aufsehen -sein im Dorfe! Da werden sie ja wieder was zusammenquatschen. Is doch -aber nischt dabei. Denn an was anderes is ja hier gar nich zu denken.« - -Lotte lag ganz still. Ihre Augen wurden ernst und traurig. - -»An etwas anderes ist ja hier gar nicht zu denken!« - -Eine heiße, qualvolle Unruhe kam, die mehr weh tat als die Schmerzen -des kranken Fußes. - -Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Da -- mitten durch ihr -Herzeleid schimmerte es immer wieder duftig und silbern -- - -Ein paar Blumen! Ein glänzendes Geldstück! - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 13] - - -Droben im Walde stand ein uraltes, verwittertes Heiligenbild. Es wußte -niemand, wer es da hingestellt, wußte niemand mehr, ob es aus Freud' -oder Leid geschehen, ob es ein Dank sein sollte oder eine Bitte, ob -eine fromme Seele es errichtet habe oder einer, dem eine Schuld im -Herzen schrie. - -Es stand da die Jahrhunderte hindurch. Und der Frühling stellte seine -Blüten rund umher; die Sommersonne vergoldete den grauen Stein; an -seinem Fuße legten sich die Käfer schlafen zur Herbsteszeit ins grüne -Moos, und wenn die Weihnachtsglocken aus dem Tale klangen, flimmerten -Eis und Schnee um das alte Bild, wie auf dem Altar in der Kirche weiße -Decken und glänzende Steine. Manchmal zog ein einsamer Wanderer die -Mütze ab vor dem alten Bilde. Das ist kein Götzendienst, wenn ein -Mensch das Haupt entblößt an so ehrwürdigem Orte, wo so viel Leid und -Lust ausgerungen wurden, so viel Friede und Andacht, aber auch so viel -Kampf und Reue zu Hause waren seit langen Jahren. - -An diesem Heiligenbilde kniete Liese Berger. Der Abend war nicht weit. -Da lag ein roter, verklärender Schein über ihr und dem grauen Stein. -Von fern sangen ein paar Vögel. Sonst war alles still. Und der Wald -blühte über ihr. - -Ein langes, stummes Gebet lag in den Augen des Mädchens, ein Gebet voll -Qualen. Aber wie sie auf das Bild hinschaute, wurden ihre Augen stiller. - -»Wenn es eine Sünde war, verzeih' es mir, heilige Mutter Gottes!« - -Das Bild gab keine Antwort; aber in die Augen der Betenden kam -Friede. -- - -Es stand einer von fern. Er war der Liese heimlich nachgegangen. -Mathias, ihr Vater. - -Er störte sie nicht -- o nein! Er wußte, was sie betete. Er wußte, daß -es ein Totengebet war für seine und ihre liebste Lebenshoffnung. - -Jetzt erhob sie sich und sah ihn. Ein wenig erschrak sie, aber er ging -auf sie zu und nahm sie in seine Arme. - -»Liese!« - -Kein Wort redeten sie. Sie standen ganz still. Ein Vogel, der auf dem -Aste saß, hielt inne in seinem Liede, neigte das Köpflein zur Seite -und schaute die beiden verwundert an. Und als sie endlich fortgingen, -flog er hinüber zum Heiligenbild, wo sein Weiblein im Neste saß, und -erzählte ihr, daß es Menschen gäbe, die ganz still stehen und nicht -reden. Das Weiblein zwinkerte ihn verständnisvoll an und wies mit dem -Schnabel hinab auf das zerdrückte Gras vor dem Bilde. - -Und dann sprachen sie von ihren eigenen Sorgen. -- - -Die beiden Menschen aber gingen schweigend den Bergpfad hinab. Nach -einer Weile blieb die Liese stehen. - -»Vater, ich will ins Kloster gehen!« - -Er erschrak wie vor einem Blitz. - -»Mädel!« - -Sie klammerte sich an seinen Arm. - -»Es ist nicht -- es ist ja nicht erst seit gestern -- es ist viel -länger, ich hab's schon immer gedacht, schon als Schulkind -- aber -jetzt -- Vater, ich will gern ins Kloster!« - -»Nein, Liese! Auf keinen Fall! Das geb' ich nicht zu!« - -Sie senkte den Kopf. Er aber schlang erschüttert den Arm um ihre -Schulter. - -»Deswegen nich, Liese! Meine Einzige! Nein, eher will ich --« Die -Sprache versagte ihm. - -»Es ist ja nicht bloß deswegen, Vater!« - -»Ja! Ich weiß schon! Ich weiß genau! Nein, Liese, das geb' ich nich zu. -Eher ziehn wir weit fort! Du bist mir die Nächste. Das kann nich sein! -Deswegen nich!« - -Stumm ging die Liese neben dem Vater her. - -»Meinst Du, daß ich's nicht mehr wert bin?« - -»Nich wert? Du, mei' frommes, goldenes Kind, Du! Aber mei' Tochter, 's -kann ja alles noch gut werden. 's is ja doch nischt weiter passiert, es -kann ja alles noch werden.« - -Sie sah ihm hell in die Augen und schüttelte den Kopf. Dabei sagte sie -ruhig: »Nein, es ist vorbei!« - -»Es is nich vorbei! Wieso denn?« - -»Wenn a mich auch noch wollte -- jetzt wollt' ich nich mehr!« - -Er sah sie erschüttert an. - -»Wir sind nich füreinander! Ich weiß jetzt. Es war unrecht von mir, -daran zu denken, und ich will schon lange ins Kloster.« - -»Liese, ich geb's nich zu!« - -»Warum nicht, Vater? Ich hab's da ganz gut. Ich geh Kranke pflegen, -das tue ich gern. Da kann ich was nützen. Und ich bin vielleicht ganz -glücklich. Und so -- wenn ich in der Welt bleib'?« - -Er sagte nichts mehr. Die stillen Frauen tauchten vor seiner Seele -auf, die Siegerinnen, die in sich die Welt überwunden haben. Es liegt -alles hinter ihnen, was die Menschenkinder erregt: sie wollen kein -Geld, keinen Ruhm, kein Vergnügen, keine Bequemlichkeit, keine irdische -Liebe. Sie wollen nur das Gute. Vielleicht, daß eine hie und da mit -sich kämpft; die meisten haben Frieden. Und gegen den Frieden ist doch -alles andere armer Tand. - -Und wenn die Liese in der Welt blieb ohne Beruf, ohne Liebe, ohne -Frieden? - -Vielleicht, daß es ihr gut wäre im Kloster, vielleicht! - -Aber er? -- Aber er! -- - -»Liese, wir wollen weder »ja« noch »nein« sagen; wir wollen abwarten, -noch lange abwarten.« - - * * * * * - -Vom Dorfe herauf nach dem Buchenkretscham zu kamen der junge Riedel und -der Barbier. - -»Wenn wir's ins Reine bringen, fünfzig Taler sind Deine,« sagte Riedel. - -»So leicht wird's gar nich sein,« meinte der Barbier, »Du hast a alten -Schräger schon zu ofte geärgert. Und dann der Raschdorf!« - -»Quatsch' nich, Mensch! Mehr wie fünfzig Taler gibt's nich! Das mit'm -Raschdorf is Mumpitz. Die Schräger Lotte und der Raschdorf! So was -gibt's nich. Da red' mir nischt vor.« -- -- -- - -Schräger war allein. Er war bereits wieder nicht mehr nüchtern. Die -beiden eintretenden Männer grüßten und bestellten sich etwas. - -»Na, man hört ja schöne Dinge,« fing der Barbier an. - -»Was, schöne Dinge?« fragte Schräger stupid. - -»Nu, von der Lotte. Seit wann fährt'n die mit'm Raschdorf Heinrich -spazieren?« - -»Ja, seit wann fährt'n die mit'm Raschdorf Heinrich spazieren?« -wiederholte Riedel spitzig. - -»Weeß ich nich,« sagte Schräger pomadig und trank einen Schnaps. - -»Weeß a nich,« sagten die anderen beiden gleichzeitig und sehr -betroffen. - -»Ja, kümmerst Du Dich denn nich drum, Schräger, wenn Dei' Mädel zum -Spektakel mit 'm Raschdorf in der Welt rumfährt?« - -»Nee,« sagte Schräger, »mir is alles ganz piepe. Ganz egal is mir -alles! Hol' alles der Teifel! Prost!« - -»Der Kerl is besoffen,« sagte der Freiersmann leise. - -»Sag' mal, Schräger, das kann Dir doch nich egal sein. Die Leute im -Dorfe reden ja riesig. Sie sagen, die Lotte hat mit 'm Heinrich a -Verhältnis.« - -»Verhältnis? Weeß ich nich! Kann sein! Kann schon sein! Is mir alles -Wurst!« - -Riedel und der Barbier sahen sich ratlos an. - -»Nu, Schräger, Du bist wohl nich gescheit? Du wirst doch nich zugeben, -daß der Raschdorf mit der Lotte a Verhältnis hat? Du bist wohl -verrückt?« - -»Nee, ich bin gar nich verrückt! 's is ganz gutt so. Kommt alles -zusammen, alles zusammen. Is alles gutt! Freut mich! Freut mich -wirklich!« - -Er rieb sich die Hände. - -»A is wirklich verrückt geworden,« sagte Riedel. - -»Ich werd' Dir was sagen, Schräger,« fing der Barbier in scharfem -Tonfall an. »Du bist a Schafskopp! Der Raschdorf denkt gar nich an -die Lotte, der hat 'ne ganz andere. Und Du kannst Dir mit solchem -blödsinnigen Getue bloß Läuse n a Pelz setzen. Wenn das rauskommt, daß -Du uff a Raschdorf spekulierst, da --« - -»Was da?« - -»Na so und so --« - -»Was so und so?« - -Der Wirt wurde etwas nüchterner. - -»Na, ich will ja nich zuviel sagen; aber das weißte vielleicht, daß der -Mathias gesagt hat, Du spekulierst drauf, daß die Güter zusammenkommen, -und hättest deswegen a alten Raschdorf so reingebracht.« - -Schräger fuhr wütend auf. - -»Der Teifel hol' a Mathias; ich spekulier' nich! Hab' ich nie gemacht! -Das is Schwindel!« - -»Ja, aber die Leute werden's sagen; sie werden jetzt 'm Mathias recht -geben --« - -»Wer? Wer? Ich verklag' 'n!« - -»Kannste nich! Und dann, wenn wirklich was draus würde, da tränk' keen -Mensch mehr bei Dir für fünf Pfennige Schnaps. Mit a Buchenhofleuten -will niemand was zu tun haben.« - -Der Wirt glotzte die beiden an. Er wollte etwas sagen, schimpfen, -abstreiten, aber schließlich wandte er sich ab und trat ans Fenster. - -Heute früh, als er ausgeschlafen hatte und sich der Vorkommnisse vom -vorhergehenden Tage bei nüchternem Geiste erinnerte, war er zuerst in -Wut geraten und hatte großen Spektakel schlagen wollen. Aber dann, als -er sich alles genauer ausmalte und auch unterdes wieder viel Schnaps -getrunken hatte, war ihm urplötzlich seine alte, längst aufgegebene -Lieblingsidee wieder eingefallen: die beiden Buchenhöfe miteinander -zu vereinigen. Es war seit Jahren der erste Gedanke gewesen, der -ihn aus seiner Säuferlethargie aufrüttelte und etwas wie eine frohe -Begeisterung über ihn brachte. - -Zwar die Sache schien auch ihm wahnwitzig, er wußte ja auch nichts -Bestimmtes, nur den kurzen Bericht der alten Stenzeln, und so beschloß -er, der Sache freien Lauf zu lassen. Jetzt kamen diese beiden und -verdarben ihm den Plan. Er wandte sich um. - -»Was habt Ihr eigentlich? Sie is a Stückel mit ihm gefahr'n. Weiter -nischt!« - -»Ja, und a hat's Pferd nich gehalten, wie sie abstieg. A feiner -Kutscher is a, das wissen wir alle. Aber wie a sie heimgebracht hat, -wie a sie um a Hals gehabt hat --« - -»Schwindel! Halt's Maul!« - -»Wir wissen's! Und alle Leute wissen's!« - -Der junge Riedel sprang auf. - -»Herr Schräger, es -- es muß raus! Ich bin der Lotte gutt, sie gefällt -mir, wenn sie auch das Arbeiten nich gelernt hat, und ich wollte heute --- heute anfragen, wie's denn wär', wenn wir a Kram zusammenschmissen; -aber wenn die Leute so reden, und wenn Sie nischt dagegen haben, und -wenn so 'ne Wirtschaft hier is, da -- da könnt's sein, ich besänn' mich -noch anders.« - -Schräger wurde krebsrot. - -»Riedel! Pauerjunge! Denkste, das laß ich mir gefall'n? Das soll wohl -'ne Brautwerbung sein? Besänn a sich noch anders, der Schafkopp! Hab' -ich dazu gespart und gearbeit't und die Lotte so viel lern'n lassen, -daß mir so a Lausejunge so kommt? Mir, 'm Vater? Raus!« - -»Menschenkinder, vertragt Euch, vertragt Euch!« beschwor der Barbier. - -»Raus!« brüllte Schräger. - -Der junge Riedel kochte vor Wut. - -»Behalt' sie!« schrie er. »Behalt' sie! Pack schlägt sich, Pack -verträgt sich.« Damit war er hinaus. Der Begleiter folgte ihm. - -Schräger war wieder allein. Ein paarmal ging er durch die Stube -und sprach vor sich hin. Dann sank er auf einen Stuhl. Er wollte -nachdenken. Es ging aber nicht. So holte er sich Schnaps und trank. - -Allmählich flaute seine Erregung ab. - -Eigentlich war's dumm, daß er den Riedel hinausgeworfen hatte. Der -Riedel hatte Geld. - -Aber Raschdorf hatte mehr. Viel mehr! Und die Ziegelei! Und die Höfe -kamen zusammen! - -Die Höfe! -- -- -- Wenn er nur nicht Raschdorf hieß! - -Ein Frösteln kam den Säufer an. - -Der Sohn von dem anderen! - -Manchmal kam er ja noch -- der andere -- in der Nacht, manchmal, wenn -Schräger zu wenig getrunken hatte, oder wenn er krank war und nicht -schlafen konnte. - -Der Sohn! War das möglich? Würd's da besser mit ihm werden oder -schlechter? Würde er sich mehr fürchten oder weniger? Damals, als der -junge Raschdorf zur Steuer gewesen war, hatte Schräger in der Nacht gut -geschlafen. -- -- - -Und auftrumpfen läßt er sich nicht! Und nichts auf die Lotte sagen, -nichts! Auch nicht auf den Jungen! Es sind die Kinder! Er hat's danach; -er braucht sich und den Kindern nichts sagen zu lassen! Wieder ringt -er nach einem klaren Gedanken, will einen bestimmten Vorsatz fassen. -Es ist nicht möglich, es bleibt alles verworren. Er trinkt, und dann -spricht er wieder mit sich selbst. Alles durcheinander. Manchmal gegen -den Riedel, manchmal gegen den Raschdorf. Zuletzt lallt er: - -»Hol' der Teifel! Egal, ganz egal! Aber Geld muß sein! Geld!« Und er -greift nach der Rumflasche. - - * * * * * - -Es war Abend. Droben im Krankenzimmer lag die Lotte mit roten Wangen. -Sie sah immer nach der Uhr und betrachtete mit qualvoller Ungeduld, wie -träge die Zeiger weiterrückten. Jetzt schlug die Uhr neunmal. - -Die alte Stenzeln rührte sich nicht vom Platze und bastelte an ihrem -Strickstrumpf. - -»Es ist neun, Stenzeln,« sagte die Lotte stockend. - -»Ja, ja,« erwiderte die Alte, »die Zeit vergeht.« - -Sie vergaß es. Wenn er jetzt kam und die Stenzeln nicht traf! - -»Stenzeln. Es ist mir doch, als ob Ihr gestern gesagt hättet, um neun -wollte der Raschdorf Heinrich --« - -»Jesses, das hätt' ich vergessen! Na, die Uhr geht ja a bissel zu -zeitig. Will ich doch gleich runter.« Sie ging. - -»Stenzeln! Sagt ihm doch, ich -- ich ließ mich bedanken, daß er mich -heimgebracht hat, und daß er den Doktor geholt hat.« - -»Werd's ausrichten!« - -»Stenzeln! Fragt ihn doch auch, ob nicht seine Leute -- ob sie nicht -böse gewesen sind -- ja?« - -»Was sollen sie böse sein? Aber ich werd's ausrichten.« - -»Stenzeln! Und dann, ich laß ihn wieder schön grüßen. Das muß ich doch, -Stenzeln, nicht wahr?« - -»Ja, freilich! Sonst noch was?« - -»Nein! Geht nur schnell, daß Ihr ihn nicht verpasset.« - -Die Stenzeln ging, und Lotte horchte hinab. Ihre Wangen brannten und -ihre Augen waren weit geöffnet. Langsam verrann die Zeit. Wenn sie -aufkönnte, ein einziges Mal ans Fenster könnte! Aber sie durfte sich ja -nicht rühren. Jetzt war eine ganze Viertelstunde vergangen. Wo nur die -Stenzeln blieb? Hatte er sich verspätet? Oder hatte er ihr so viel zu -sagen? So viel? -- -- - -Die Stenzeln stand etwas abseits von der Haustür und hielt Umschau. -Es war niemand zu sehen. Das Tor und die Tür vom Buchenhof waren -geschlossen. Es war auch drüben in keiner Stube mehr Licht. - -Wo blieb er? Der Stenzeln wurde die Zeit lang, und sie lief die Straße -ein bißchen auf und ab und guckte sich um. Da kam jemand. Es war der -Barbier. - -»Ah -- Stenzeln! Ich denke, Sie haben Krankenwache? Da steht man doch -nicht auf der Straße und guckt sich um, als wenn wunder jemand kommen -sollte?« - -»Das geht kein'n Menschen was an! Und auf Sie hab' ich nich gewart't.« - -»Das glaub' ich. Nur nicht gleich so ruppig, Großmutter! Ich wunder -mich halt. Wie geht's der Lotte?« - -»Schlecht!« - -»Großmutter, Sie sind zwar 'ne stachelige Distel, aber wenn's Ihn'n -recht is, wart' ich a bissel mit hier.« - -»Nö! Ich brauch' niemanden. Ich schnapp' bloß a bissel Luft. Gehn -Sie nur rein und löschen Sie Ihren Durst! Hier sein Sie a sehr -überflüssiges Möbel! Gehn Sie rein!« - -»Denke ja nich dran! Ich bin neugierig, auf wen Sie warten. Woll'n Sie -etwa gar wieder heiraten und warten auf a Schatz?« - -»Altes Schandmaul! Wissen Sie was? Jetzt geh' ich rein. Sie verderben -mir die Luft, Sie windige Seifenblase!« - -»Nu, so 'ne alte Säge! Hör'n Sie mal, Großmutter, ich will Ihn'n noch -was sagen. Im Dorfe wird riesig gered't über a jungen Raschdorf und die -Lotte --« - -»Mögen sie reden! Der Schlimmste is jetzt nich dabei. 's böseste Maul -is jetzt nich im Dorfe.« - -»Hör'n Sie mal, Großmutter, warten Sie doch noch 'n Schlag! Es tut mir -leid um die Lotte, denn der Raschdorf bringt sie bloß ins Gerede, na, -und a is doch so gutt wie verheirat't mit der Liese.« - -»Mit wem?« - -»Nu, mit der Berger Liese. Na, Stenzeln, wissen Sie das nich?« - -»Sie sind wohl beduselt?« - -»Nu, was is da so zu wundern? Denken Sie, der alte Mathias hat was -umsonste gemacht? Der hat nich schlecht spekuliert. Na, und der -Heinrich, der kann ja gar nich anders, den hält doch der Mathias feste. -Großmutter, na, warten Sie doch -- -- Fort is se, die alte Schwarte!« - - * * * * * - -»Nun, Stenzeln, Sie waren so lange?« - -»Ja! A is nich gekommen.« - -»Nicht gekommen? Ist das möglich?« - -»A war nich da! Vielleicht hat a's vergessen.« - -»Vergessen?« - -»Lotte, 's beste is, ich geh nich mehr runter. 's hat ja kein'n Zweck. -'s kann mich auch jemand erwischen. Heute hat mich schon der Bader -gesehn. Der hat gesagt, die Leute reden über Dich und über a Raschdorf -Heinrich, und der wär' doch so gut wie verheirat't mit der Liese.« - -»Was? -- -- Mit wem? -- -- Stenzeln! Ooh!« - -»Was is denn, Lotte, was schreiste denn?« - -»Ach, mein Fuß -- mein Fuß tut mir weh!« - -»Der Fuß? Aber a liegt richtig! Na, 's beste wär' schon gewesen, Du -hätt'st a Heinrich nich getroffen. Das tut amal nischt Guttes. Na, und -da hat ja der Barbier recht, 'm Berger Mathias is es der Raschdorf -schuldig, denn dem verdankt a ja alles.« - -»Ja! -- Ja, Stenzeln! -- Es ist genug! -- -- Ich will schlafen! Seid -jetzt ganz stille -- ich bin so sehr müde!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 14] - - -Drüben im Buchenhofe hatte Heinrich Raschdorf die Stenzeln wohl -gesehen. Am Fenster hatte er gestanden, oben in seinem Zimmer. Als wenn -er das Fieber hatte, so hatte es ihn geschüttelt. Ein paarmal war er -nach der Tür gegangen, aber immer wieder umgekehrt; ein paarmal hatte -er die Hand am Fensterwirbel gehabt, aber doch nicht geöffnet. - -Dann, als sie fort war, hatte er sich auf sein Sofa geworfen. Er war -tief unglücklich. Eine schwere Verachtung gegen sich selber bäumte sich -in seinem Herzen auf. Er war kein Mann, kein Charakter, er hatte keinen -Willen. Warum ging er nicht? Warum fragte er nicht die Stenzeln? Warum -hielt er sein Versprechen nicht? - -Warum? Er durfte nicht; es ging gegen sein Gewissen. Er mußte diese -Liebe ausrotten mit Stumpf und Stiel; er durfte ihr nicht die mindeste -Nahrung geben. - -Denn es war unmöglich! Ganz unmöglich! - -Die Heimat, die er noch gehabt hatte, würde er verlieren, die wenigen -Menschen, die treu und ehrlich zu ihm hielten, würde er sich -entfremden, und er würde auch ihnen die Heimat nehmen. - -So mußte er sich opfern, sich und -- sie. - -Sie? Nein, sie nicht! Sie wußte nichts von Liebe. Wenn ihr Fuß geheilt -war, war sie wieder ganz gesund. - -Aber unglücklich war sie auch, das hatte sie gesagt. - -Der junge Buchenbauer verbrachte eine Nacht voller Kämpfe. - -Er wollte sich rasch und stark durchringen zur Gerechtigkeit und zum -Frieden. Der junge, weiche Mann! Er wußte nicht, was solche Kämpfe -bedeuten, die Kämpfe, die alle Menschen mit klugem Kopf oder mit -weichem Herzen zu bestehen haben, und bei denen der Sieg gar nicht -kommt oder oft spät, wenn schon viele Wunden geschlagen sind. - -Zum Frühstück brachte ihm die Liese den Kaffee. Sie war ein wenig -blässer als sonst, aber ihr Gesicht war freundlich wie immer. - -Ehe sie hinausging, sagte sie: - -»Wie ich vorhin aus der Kirche kam, hab' ich die Stenzeln getroffen. -Sie läßt sagen, gestern wär' es sehr gut mit der Lotte gegangen, aber -in der Nacht hätte sie Fieber gehabt.« - -Der Buchenbauer wurde rot. - -»Ja -- ja -- ich danke, Liese -- es ist mir ja ganz lieb, daß ich -- -daß ich etwas höre!« - -»Ja, und dann läßt die Stenzeln noch sagen, sie will nicht mehr -herunterkommen abends um neun, weil Du gestern nicht gekommen wärst, -und weil es Aufsehen machen könnte.« - -Heinrich starrte das Mädchen an und war nicht fähig, ein Wort zu -sprechen. - -»Willst Du noch mehr Brot haben, Heinrich?« - -»Liese!« - -Er sprang auf und ergriff ihre Hand. Das Mädchen erschrak und wich -zurück. - -»Liese! Du bist so engelsgut, und ich bin ein unglücklicher, schlechter -Mensch!« - -»Was ist mit Dir, Heinrich? Du bist doch nicht schlecht! Was hast Du?« - -Er ließ ihre Hand frei. - -»Ich weiß, ich bin undankbar, sprich nicht, ich weiß; Ihr tut mir alle -Gutes, und ich --« - -»Du tust uns allen auch Gutes, Heinrich!« - -Sie war sehr rot und sehr verwirrt und ging schnell hinaus. - -Er sah ihr nach. In diesem Augenblick wohnte ein hohes Gefühl für sie -in seiner Brust. Er wäre imstande gewesen, alles für sie zu opfern, was -er besaß. Maßlose Dankbarkeit erfüllte ihn, auch tiefes Mitleid. - -Sie brachte ihm Nachricht von der anderen. Wie uneigennützig war dieses -Wesen! Er dachte nur an sich, immer an sich. - -Es mußte anders werden. Freundlich wollte er sein zu allen, er wollte -sich selbst überwinden. - -Was nur die Lene sagen würde, wenn sie erführe, daß er die Stenzeln -bestellt habe? -- Sie sagte nichts, als sie ihn traf. Die Liese hatte -nichts verraten. Und da war er wieder dem blassen Mädel dankbar. - - * * * * * - -Mathias Berger ging einsam aufs Feld hinaus. Sehr langsam ging er. Es -war, als ob etwas in ihm erstorben wäre. Eine alte, längstvergangene -Zeit fiel ihm ein, da er als junger Bergmann tief unter der Erde war -und mit tausend Qualen an seine verlorene Liebe dachte. - -Ganz ähnlich war ihm jetzt wieder zumute. Im Grunde genommen ist -verlorene Liebe ja doch immer verlorener Glaube. - -Wo war für ihn noch eine Aussicht? - -Doch nicht an sich dachte er nur. Heute oder morgen konnte er sein -müdes Haupt zur Ruhe legen. Aber das Leben der anderen war lang ... - -Ein Mann sprach ihn an -- der Barbier. - -»Mathias,« sagte er scheinheilig, »ich weiß nich, ob Du mit mir reden -magst. Getan hab' ich Dir ja eigentlich nischt, na, aber Du weißt ja --« - -»Was willst Du von mir?« - -»Mathias, es läßt sich eigentlich schwer sagen. Sieh mal, Du weißt ja, -daß ich damals zum Schräger gehalten hab' --« - -»Ja, das weiß ich!« - -»Natürlich haste mir das übelgenommen. Aber ich hab' halt wirklich -gedacht, der Schräger is ganz und gar unschuldig, und es tät ihm -unrecht geschehn.« - -Er machte eine Pause und sah lauernd auf seinen Begleiter. Aber der -sagte kein Wort. - -»Ja, aber jetzt --« - -Mathias konnte doch nicht verhindern, daß er aufsah. - -Der Barbier mäßigte seine Stimme. - -»Behaupten will ich ja nichts, man muß ja sehr vorsichtig sein, aber es -bleibt ja wohl unter uns.« - -»Barbier, 's beste is, Du behältst Deine Geheimnisse für Dich. Ich will -sie nich wissen.« - -Die schroffe Abweisung verschlug dem andern nichts. - -»Geheimnisse sind's ja eigentlich nich. Aber das möcht' ich im -Vertrauen sagen: ich halt auf a Schräger nich mehr so große Stücke; ich -glaub' nich mehr alles. Na, glauben kann man ja, was man will -- was?« - -Dem schlichten, ehrlichen Manne waren die versteckten Andeutungen -zuwider. - -»Sag' nur, was Du von mir willst; was Du mit 'm Schräger hast, is mir -egal.« - -»Na ja, ich hab' nischt mit ihm. Aber das will ich Dir sagen, der -Schräger spekuliert wieder, daß die Höfe zusammenkommen sollen --« - -»Was? Wieso?« - -Der Barbier war froh, nun endlich doch das Interesse seines Begleiters -geweckt zu haben. Deswegen sagte er eifrig: »Na, Mathias, mir is immer -gewesen, als hätt' ich was mit Dir wieder gutt zu machen. Früher haste -gesagt, der Schräger will die beiden Höfe haben; da biste bestraft -worden, und die Leute haben sich gefreut, na, und ich: gefreut hab' ich -mich ja nicht, aber ich hab' doch gedacht, der Schräger hätte recht --« - -»Wozu die alten Geschichten?« - -»Na, ich will Dir's sagen: Gestern hat der Schräger im öffentlichen -Gasthause gesagt, daß a die Höfe zusammenbringen will.« - -Berger blieb stehen. - -»Wie kann a das sagen? Der Buchenhof ist in fester Hand.« - -Der Barbier lachte vertraulich. - -»Das sag' ich eben auch. Der Buchenhof ist in festen Händen, in guten -Händen, und wie lange wird's dauern, da heirat't der Raschdorf Heinrich -Deine Tochter und da --« - -»Barbier, das verbitt' ich mir! Das geht keinen Menschen was an! Das -will ich nich hören! Verstehst Du?« - -Dem alten Manne zitterte die Stimme. Der andere blieb geschmeidig. - -»Ja, nimm's nur nich übel, angehen tut's mich ja nischt, das is wahr, -und ich red' ja kein Wert darüber, wahrhaftig nich 'n Wort, aber 's is -ja selbstverständlich --« - -»Was selbstverständlich? Wer sagt das? Wer kann das sagen?« - -»Nu ja, die Leute sagen's, Du hast so viel für a Heinrich getan, und 's -is vernünftig.« - -»Die Leute! Die Leute geht nischt von uns an -- nischt! Jetzt sag' -mir endlich, was das alles zu bedeuten hat, und was Du eigentlich -bezweckst?« - -»Na, also sag' ich's halt gerade raus: Der Schräger hat sich gestern im -offnen Lokale gerühmt, daß der Heinrich um seine Lotte geht.« - -Berger schrak doch ein wenig zusammen. - -»Gerühmt? Wieso gerühmt? Das würd' doch der Schräger gar nich zugeben!« - -»Zugeben? Na, täusch' Dich nich, Mathias! Wenn der Schräger Geld -spürt, da is a zu allem fähig. Und a hat's ja öffentlich gesagt. -A hat gesagt, dem Lumpenmannmädel würd' a den Goldfisch schon noch -wegschnappen.« - -Berger verlor die Fassung. - -»Barbier -- das -- das -- meine Tochter will den Heinrich gar nich -- -verstehst Du -- mag ihn gar nich -- sag' das den Leuten! Und jetzt geh' -Deiner Wege! Wie kommst Du überhaupt dazu, Deinen Freund bei mir zu -verraten? Ich will nischt mehr wissen -- nischt!« - -Er bog in einen Seitenweg ein, und der Barbier sah ihm nach. - -»Der hat sein'n Hieb weg,« dachte er, »der wird jetzt schnell zulangen. -Wär' der Geier, wenn wir den Raschdorf nich wegkriegten. Der könnte -mir gerade passen im Kretscham. Und dann -- die fünfzig Taler vom -Riedel-Bauer!« - - * * * * * - -Die Straße entlang zogen singende, junge Männer. Sie waren in der Stadt -zur Aushebung gewesen. Das ist ein Wendepunkt in dem Leben dieser -Leute. Zum Militär kommen oder nicht, das bedeutet viel. - -Da taten diese Leute, was unser guter, deutscher Stammesgenosse immer -tut, wenn ihm etwas Außergewöhnliches passiert -- sie tranken. Ob aus -Schmerz oder Freude, das bleibt sich für den Durst gleich. Es wird -getrunken, und je wichtiger das Ereignis ist, desto mehr wird getrunken. - -Das ist nun schon ein schnurriger Kerl, der Herr Alkohol. Er ist -überall auf der Welt ein bißchen zu Hause, betrügt im schönen -Türkenlande den Mohammed und ist die einzige Person in der -Grönländerhütte, für die etwas Erkleckliches ausgegeben wird; er -schwimmt auf allen Meeren, kraxelt auf alle Berge und marschiert auf -allen Straßen. - -Gar im lieben Deutschland hat er Ehrenbürgerrechte, denn er zahlt -die meiste Steuer, ist populär beim Volke und ~persona gratissima~ -bei Edeln und Fürsten. Da macht er sich breit bei Kindtaufen und -Leichenschmaus, sitzt zwischen Bräutigam und Braut, wetzt dem einen das -Rowdymesser und fungiert bei zwei anderen, die Brüderschaft trinken, -als gemütlicher Ehrenzeuge. - -Und den jungen Rekruten, die der König warb, kommandiert er auf dem -Heimwege noch lange, ehe sie vereidet und eingekleidet sind, wie ein -recht launiger Unteroffizier, bald »Rechts schwenkt«, bald »Links -schwenkt«, bald »Beine hebt«, bald »Arme streckt« und manchmal auch -»Knie beugt« oder »Legt Euch nieder«. -- - -Einer ging abseits -- Hannes. Er hatte sich nicht betrunken und auch -keine bunten Papierbänder an den Hut geheftet wie die anderen. Und doch -hätte er nach landesüblichem Begriff das Recht dazu gehabt, denn er war -»ausgezeichnet« worden. - -Mit sehr gemischten Gefühlen schritt Hannes seines Weges. Daß er -fortkam in die Stadt, fort aus der Einsamkeit, und eine bunte Uniform -mit glänzenden Knöpfen tragen sollte, freute ihn. Eine Fülle von -Vorstellungen, Plänen und Hoffnungen schwirrte durch seinen Kopf. Und -doch war auch eine große Bangigkeit in ihm. - -Da traf er die Lene, die den Leuten das Vesperbrot aufs Feld getragen -hatte. Er erzählte ihr, daß er nun »ausgehoben« sei und zum Herbst -fortkäme. - -Das Mädchen wurde um einen leichten Schein blasser, als sie das hörte. - -»Da freuste Dich wohl, daß Du endlich amal fortkommst?« - -»Och ja! Ich freu' mich schon, Lene! 's soll ja sehr hübsch sein bei a -Soldaten!« - -Sie antwortete nicht und schritt schnell weiter. - -Nach einer Weile sagte er: »Eigentlich freu' ich mich gar nich, Lene.« - -Sie antwortete etwas hastig und stoßweise: »Warum nich? Du kommst fort -zu Leuten; Du siehst und hörst was, und Sonntags kannst Du tanzen gehn -mit a Stadtmädeln. Das wird Dir schon gefall'n.« - -Er sprang vom hohen Wegrande herab und faßte sie erregt am Arme: »Nein, -Lene, nein! Ich tanz' nich mit a Stadtmädeln, mit keiner einzigen tanz' -ich, ich bin bloß Dir gutt, bloß Dir!« - -»Nu, Hannes! Was fällt Dir denn ein?« - -»Ich muß Dir's sagen, Lene, eh' ich fortkomm'! Sonst halt ich's nich -aus; sonst lauf' ich fort am ersten Tage. Ich bin Dir so sehr gutt, und -wenn Du mir nich wieder gutt bist, da wär's besser, ich wär' tot. Und -du mußt mich heiraten, Du mußt, Lene!« - -Sie sah ihn an und brach in ein schallendes Lachen aus. - -»Lene, lach' nich! Lach' nich, Lene! Es is mei Ernst! Hör' auf zu -lachen! Du machst mich verrückt!« - -Aber sie lachte immer weiter. - -»Warum lachst Du mich denn aus? Weil ich der arme Schafferjunge bin, -und Du die Raschdorf Lene? Deswegen?« - -Da wurde sie ernster. - -»Na, deswegen grade nich! Aber daß Du Dir einbild'st, Du bist mir gutt, -das is lustig. Da muß ich schon lachen. Mir is niemand gutt. Das weiß -ich! Und Du zuallerletzt, denn Dich hab' ich am allermeisten geärgert.« - -»Aber ich bin Dir gutt, Lene! Das muß ich doch besser wissen als Du. -Immer schon! Schon, wie wir noch in die Schule gingen --« - -»Weil Du keine andere kennst! Wenn Du in der Stadt sein wirst, da wirst -Du schon eine andere finden.« Sie lachte wieder laut auf; dann fuhr sie -fort: »Du bist doch a komischer Kerl, Hannes! Also wirklich, heiraten -willste mich? Von was denn leben? Du hast nischt, ich hab' nischt! Und -Du weißt wohl gar nich, daß ich beim Heinrich bleiben muß?« - -Er blieb stehen. - -»Lene, wenn ich a reicher Pauersohn wär', tät'st Du mich da mögen?« - -»O ja! Kann sein! Da hätten wir was zu leben! Denn das muß sein, -Hannes! Von nischt is nischt. Sieh mal, das is nich anders. Praktisch -muß man schon sein, und wir zwei so als Knechtsleute auf 'm Buchenhofe, -das tät mir nich passen.« - -»Na, da -- da warte, bis Dich a Reicher nimmt!« - -Ihr Gesicht wurde weicher und ihre Stimme leiser. - -»Ich hab' nich gesagt, daß ich ein'n andern will. Da biste sicher! Denn -da hast Du das erste Anrecht auf mich, wo ihr uns so geholfen habt.« - -Er lachte bitter. - -»Geholfen! Wenn's darum wär'! Der Vater hat sein'n Lohn gekriegt und -ich mein'n. Ihr seid uns nischt schuldig.« - -Damit wandte er sich ab. Ganz ernst sagte sie: - -»Wenn Du's nich glaubst, tut mir's leid. Ich tät's schon, aber es geht -nich, und was nich geht, muß man sich aus 'm Sinn schlagen; sonst ist -man dumm!« - -Sie wartete auf eine Antwort; aber er setzte sich auf den Feldrain und -sagte kein Wort. - -»Hannes, wirste so im Zorne von mir fortgehn?« - -»Ja!« - -»Und da wirste mich für schlecht halten, Hannes?« - -»Nein! Ich werd' bloß denken, daß ich Dir zu arm bin, und daß Du mich -nich leiden kannst, und daß es für mich besser gewesen wär', ich wär' -nie auf 'm Buchenhofe gewesen.« - -Sie besann sich ein bißchen. Leise sagte sie: - -»Hannes, wenn's ging, da tät ich Dich nehmen, wenn ich Dich auch nicht -leiden könnt'. So viel hab' ich schon Dankbarkeit in mir, wenn's auch -keiner glaubt. Aber 's geht nich, wir sind beide zu arm, und da hat's -keinen Zweck. Und daß Du sagst, es wär' besser für Dich gewesen, wenn -Du nie bei uns gewesen wärst, damit haste recht, denn bei uns is nischt -zu holen wie Arbeit und Kummer.« - -Ein paar Sekunden blieb sie noch stehen und wartete. - -»Kommste mit?« - -»Nein!« - -Da ging sie. Als sie weit genug fort war, warf sich der »lustige -Hannes« auf den blühenden Feldrain und weinte bitterlich. - -Drüben auf der Straße sangen ein paar Burschen: - - »Als ich zur Fahne fortgemüßt, - Hat sie so zärtlich mich geküßt, - Mit Bändern meinen Hut geschmückt - Und mich ans treue Herz gedrückt!« - -Da blieb unten am Berge die Lene stehen, und auch sie horchte auf das -Lied. Dabei kam ihr Wasser in die Augen. - -»Das haben sie davon, die Liese und der Hannes und auch der Schaffer -und der Mathias. Das haben sie für ihre Schinderei all die Zeit! -Undank! Undank! Der Heinrich will nich, und ich kann nich!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 15] - - -Frühling und Sommer waren vergangen, der Herbst stand vor der Tür. Es -war eine arbeitsreiche Zeit gewesen. Die Buchenhofleute waren noch viel -stiller geworden als sonst, und sie gingen alle nebeneinander her wie -Fremde. - -Die Liese war vom Buchenhof weggezogen und wohnte unten im Dorf bei -ihrer Tante. Und an einem trüben Herbsttag hatte auch Hannes Abschied -genommen. Mit seinem kleinen Handkoffer war er in die Wohnstube -getreten. - -»Ich -- ich komme bloß noch Adieu sagen. Es is Zeit auf die Bahn.« - -Heinrich reichte ihm mit Herzlichkeit die Hand. - -»Leb' gesund, Hannes! Laß Dir's gut gehen bei den Soldaten! Und hab' -viel tausend Dank für alles!« - -Hannes wandte sich ab. - -»Ich -- ich dank' auch für alles!« - -»Du wirst uns fehlen, Hannes. Mir am meisten! Aber wenn die zwei Jahre -um sind, kommst Du wieder zu uns.« - -Hannes stand mit gesenktem Haupte da. Er sagte nicht ja noch nein. Er -wollte sich beherrschen, aber der Atem ging ihm schwer, und er zitterte -leise. - -»Wenn Dir was fehlt, schreibst Du! Du darfst keine Not leiden. Hörst -Du, Hannes?« - -Der sagte kein Wort und stand nur mit bleichem Gesichte da und -zerdrückte den Hut zwischen seinen Fingern. - -»Hast Du mir noch was zu sagen, Hannes?« - -»Nein! -- Ich muß gehen! -- Es -- es ist Zeit. Adieu, Heinrich!« - -»Lebe wohl, lieber Hannes!« - -Er drehte sich um. Auf der Ofenbank saß die Lene und schälte Kartoffeln. - -»Adieu, Lene!« - -Das Mädchen wischte sich an der Schürze die Hand ab und reichte sie ihm -hin. - -»Leb' gesund, Hannes!« - -Sie schaute nicht auf. So ging er aus der Stube, und Heinrich -begleitete ihn bis in den Hof. Dort saß der alte Schaffer als Kutscher -auf dem kleinen Korbwagen und tat ganz gleichgültig, hatte aber doch -einen dunkelroten Kopf. - -Bald darauf zogen die Pferde an. Ade, alte Heimat! - - * * * * * - -Es war eine »Mission« im Dorfe abgehalten worden. Ein paar fremde, -tüchtige Geistliche hatten täglich mehrere Predigten abgehalten, und -die Leute waren scharenweise zur Kirche gegangen. - -Ein alter Franziskanermönch hatte auch gesprochen über den »Beruf« und -also geschlossen: - -»Gott hat einem jeden Menschen seinen Beruf ins Herz gelegt. Ihr aber, -wenn Ihr seine Stimme höret, verhärtet Eure Herzen nicht!« - -Danach war es zwischen Liese und ihrem Vater zu einer letzten -Aussprache gekommen. - -Mathias hatte unter allen in den letzten Monaten am meisten gelitten. -Ihm war die Veränderung wohl aufgefallen, die mit Heinrich vorgegangen -war. Er hatte gesehen, wie der junge Mann mit sich rang; wie er niemals -wieder das Haus Schrägers betrat und dafür immer die Gesellschaft der -Liese suchte. Er war so freundlich mit ihr in allen Dingen, und der -kluge Mathias wußte wohl, daß Heinrich einen Weg, eine Möglichkeit -suchte, daß er sich selbst bezwingen wollte, um schließlich, wenn er -ein wärmeres Gefühl für die Liese hätte, doch noch den Herzenswunsch -des Mathias zu erfüllen. - -Und da hatte unverhofft eines Tages die Liese ihren Vater gebeten, daß -sie vom Buchenhof weggehen und zur Tante hinunterziehen dürfe ins Dorf. - -Mathias wußte, was das bedeutete, und er hatte sich gefügt. Er konnte -dem stillen Mädchen nichts mehr versagen. Und ob das Kind all seine -irdische Liebe bekämpft hatte und nun täglich in der Kirche kniete -- -die Frage quälte ihr zartes Gewissen: ob sie noch würdig sei, eine -Dienerin Gottes zu werden. - -Da kam ein recht stiller, schwermütiger Abend. Draußen auf der Dorfaue -spielte der Wind mit welkem Laub, trug es hin durch den Staub der -Straße und senkte es drüben in den tiefen, schlummernden Teich. - -Die Liese hatte lange hinausgesehen, auch nach den grauen Wolken, die -am Himmel hingen. Dann wandte sie sich langsam um. - -»Vater, ich will heut' zur Beicht', ich will fragen.« - -Mathias sagte nichts. Er hatte darauf gewartet. - -Er wandte sich ab und hörte kaum, was ihm die Liese noch einmal sagte -von Beruf und Gnade, von Nächstenliebe und Herzensfrieden. - -Zuletzt sagte er nur die Worte: - -»Geh' in Gottes Namen!« - -Dann ging er fort -- in den Herbst hinaus, über die kahlen Felder bis -in den gelben Wald. Aber wie er eine Weile gewandert war, faßte ihn -eine furchtbare Bangigkeit und eine zehrende Sehnsucht nach seinem -Kinde, und er kehrte um und ging dorthin, wo sie war. - -Dunkel lag die Kirche. Das ewige Licht nur brannte rot und magisch vor -dem Altar; hie und da flammte ein Lichtlein in den Bänken der Beter, -und große Schatten huschten über die alten Bilder. - -Mathias Berger kniete in eine Bank und durchlebte die schwersten -Minuten seines Lebens. - -Im Winkel dahinten im Beichtstuhl, bei dem Franziskaner, war seine -Liese, und dort wurde entschieden über sie und über ihn. - -Qualvoll langsam verging die Zeit. Sie war so lange, so lange! -Freilich, ihre Frage war schwer. - -Jetzt kam sie. - -Er wandte sich um -- sah sie an -- fragend -- bittend. - -Sie lächelte leise und neigte bejahend das Haupt. - -Dann kniete sie zu dem Bilde der schmerzhaften Madonna. - -Mathias Berger legte das Gesicht auf seine Hände. - -Und draußen klang die Abendglocke. - - * * * * * - -In der großen Wohnstube des Buchenhofes brannte die Petroleumlampe. -Heinrich saß, wie fast immer an den Abenden, über einem Lehrbuch, und -Lene nähte. Sonst war niemand da. - -Da trat Mathias Berger ein. Lene erhob sich: - -»Ich bring' Dir gleich das Essen, Mathias.« - -»Laß, Lene, laß! Ich will nich essen.« - -Sie sah ihn betroffen an. - -»Was ist mit Dir, Mathias? Bist Du krank? Du bist ja kreideweiß im -Gesichte.« - -»Nein, ich bin nicht krank! Aber es -- es ist was passiert, und ich muß -mit Euch reden, mit Euch beiden.« - -Die Geschwister schauten ihn fragend an. Mathias Berger setzte sich. Er -sah sie an mit seinen guten, treuen Augen, weh und schmerzlich. -- So -würgte er hervor: - -»Denkt amal: Meine -- meine Liese geht ins Kloster!« - -»Mathias!« - -»Mathias!« - -Sekundenlang war es still. - -Mathias sprach weiter: - -»Es geht ja schon lange drum, und ich hätt' auch schon was gesagt, aber -es hat sich heute erst richtig entschieden.« - -»Mathias, das -- das ist ja nicht wahr, das kann ja nicht sein, das ist -ja Unsinn, was Du sprichst.« - -»Es ist wahr, Lene, es ist wirklich wahr!« - -Heinrich hatte bis jetzt wie versteinert dagestanden. Nun sprach er -gepreßt: - -»Warum? Warum tut sie das?« - -Mathias Berger schlug die Augen nieder. - -»Sie sagt, sie hat Beruf dazu. Und das is ja wahr; sie war immer a -frommes, guttes Kind, gar nich so für schöne Kleider und Vergnügen, und -sie war auch immer gern bei Kranken, das is schon wahr!« - -»Darum ist es?« fragte Heinrich. »Bloß einzig darum?« - -Mathias antwortete nicht. Die Lene hatte die Schürze vor das Gesicht -gepreßt. Wieder blieb es eine Weile still. Da schaute das Mädchen -zornig und leidenschaftlich auf: »Nein, nich bloß deswegen! Sie is ihm -gutt gewest -- dem! Sie hat ihm alles zuliebe getan, immer freundlich, -immer so freundlich, aber der hat nischt von ihr wissen woll'n. -Tagelang, wochenlang hat a nich mit ihr gered't -- und da -- und da --« - -Sie brach in einen Strom von Tränen aus. Und vor der leidenschaftlichen -Anklage verstummte der, den sie anging, und auch der andere, der kein -Wort der Entgegnung wußte. - -Lene sprach weiter: - -»Weißte, Mathias, was wir sind? Lumpe sind wir! Du -- Du hätt'st uns -damals sollen betteln gehen lassen -- rausschmeißen lassen -- verkommen --- da -- da wär's für Dich viel besser gewest! Jetzt haste a Dank!« - -»So -- so is das nich zu nehmen, Lene! Ihr seid immer freundlich und -dankbar zu mir gewest -- o ja! -- Du mußt 'm Heinrich nich solche -Vorwürfe machen; a kann doch nich dafür.« - -»Wohl kann a dafür! A is a Mann! A kann durchsetzen, was a will! Und -a hätt' a schmuckes, braves Weib gehabt an der Liese. Nein, a wollte -nich! A gafft über die Gasse zu der Bande, auf die gezierte Gans.« - -»Lene!« - -Heinrich rief es, der bisher kein Wort zur Verteidigung gesagt hatte. - -»Lene, das verbiet' ich Dir! Mir kannst Du antun, was Du willst, dem -Mädel nichts -- nichts! Ruhe biet' ich! Sie hat Dir nichts getan, -mir nichts getan, uns allen nichts getan! Verdreh' die Augen, wie Du -willst, vergreif' Dich meinetwegen an mir, wenn Du's wagst. Ich sag' -Dir's geradezu ins Gesicht, auch dem Mathias: Ich kann nicht dafür, ich -konnte die Liese nicht heiraten, weil wir beide unglücklich geworden -wären.« - -»Mensch, wagst Du das wirklich jetzt zu sagen, jetzt? Nein! Weil Du an -der anderen hängst, an der -- an der --« - -»Ja, ich hab' sie lieb! Sehr lieb! Ich fürcht' mich nicht, das auch zu -sagen. Ich hab' sie gern, und ich hab' genug gelernt, daß ich weiß, daß -sich so was nicht ändern läßt. Aber ich hab' mir Mühe gegeben; ich hab' -mit mir gekämpft, das weiß Gott! Es ist nicht gelungen.« - -»Nich gelungen? Und das is alles? Und Du -- Du sagst wenigstens nich -jetzt -- jetzt in der letzten Stunde noch, eh' es zu spät is, daß Du -die Liese haben willst, daß Du sie dem Mathias erhalten willst?« - -»Nein! Ich kann nicht! Was auch passiert -- ich kann es nicht!« - -»Dann bist Du ein ganz ehrloser Kerl!« - -Sie wandte sich nach der Tür, aber Mathias hielt sie zurück. - -»Lene, geh nich fort! Bleib hier! Du tust ihm unrecht, Lene! Wenn a -auch wollte, es wär' zu spät. Die Liese will ihn nich mehr, schon lange -nich mehr, Lene!« - -Das erbitterte Mädchen antwortete dem Mathias nicht, sondern wandte -sich wieder an Heinrich. - -»A ehrloser Kerl! Ich sag's noch amal! Dem Manne, dem wir alles danken, -ohne den wir verhungert, verlaust, verlumpt wären, sein Kind nehmen und -dann sich großspurig hinstell'n und nischt anderes sagen, wie von der -andern reden, kein einziges guttes Wort -- pfui -- mir würd' der Bissen -Brot im Halse stecken bleiben, den ich hier noch äß'. Wir sind fertig -mitsammen, wir zwei, für immer fertig!« - -»Lene, aber Lene, hör' doch --« - -»Mathias, laß mich! Mir graut! Mir graut vor dem da! Ich komm morgen -noch amal zu Dir und der Liese runter in Euer Häusel, hier is Zeit, daß -ich fortkomme!« - -»Lene, wart' doch --« - -Sie war hinaus. Heinrich ging auf Mathias zu und streckte ihm beide -Hände hin. - -»Mathias! Jetzt woll'n wir mitsammen reden, jetzt, da sie raus ist -- -sie ist ja toll -- jetzt mußt Du mir sagen, Mathias, ob Du mich auch -für einen ehrlosen Kerl hältst.« - -Mathias schüttelte den Kopf. - -»Nein, Heinrich! Ich weiß, Du kannst nich dafür.« - -Heinrich zitterte vor Erregung. - -»Mathias, das schwör' ich Dir: Ich kann keinen Mann mehr achten und -keinem mehr dankbar sein als Dir, das ist ja selbstverständlich, und -ich hab' die Liese gern gehabt und eine Verehrung für sie gehabt, wie -gegen kein anderes Mädel -- aber, Mathias, zum Heiraten gehört doch die -richtige Liebe, und wenn ich -- wenn ich so -- nein, das ging nicht! -Mathias, das ist wahr, ich hab' Tag für Tag mir eingeredet, ich kann -die Liese heiraten, und manchmal da war mir's auch so, als ob es gehen -würde, aber dann -- wenn ich bloß die Lotte einmal zufällig von weitem -sah -- da -- da -- -- Mathias, es wär' ja gar nicht darum, ob ich -glücklich bin oder unglücklich; ich bin ja mein Leben lang wenig oder -gar nicht glücklich gewesen, aber konnt' ich denn Dich und die Liese so -betrügen, konnt' ich das? -- Und daß sie fortgehen würde ins Kloster, -das hab' ich ja nicht gewußt.« - -Mathias Berger sah den aufs höchste erregten, jungen Mann ruhig an. - -»Setz' Dich, Heinrich, setz' Dich zu mir! Wir wollen ruhig miteinander -reden. Es is gutt, daß Du so ganz offen zu mir bist, und ich will Dir -auch alles sagen. -- Ja, ich hab' darauf gehofft. Wie das so gekommen -ist, weiß ich nich. Ich hab' Dir schon gesagt, daß ich Deiner Mutter -gutt gewesen bin, als ich jung war. Ich war a armer Kerl und konnt' -sie nich haben. Ich weiß, Heinrich, was das heißt, ich weiß! Dann -hab' ich doch eine andere geheirat't. Sie hat nur noch a Jahr gelebt; -aber ich glaube, wir wär'n gutt zusammen ausgekommen. Wenn man jung -is, denkt man, 's geht ohne so eine große Liebe nich. Ach ja, es geht -doch, 's geht manchmal besser wie bei solchen Leuten, die vor der -Hochzeit ganz vernarrt ineinander sind. Daran dacht' ich, wie ich sah, -daß meine Liese an Dir hing, und daß Du so gar nischt davon wußtest -und nich daran dachtest. Ich hoffte immer, es kann werden, es kann -noch gutt werden. Nu is alles anders gekommen. Ich verhehl' Dir nich, -Heinrich, mir is heute zumute wie zum Sterben, weil's doch gerade meine -Allereinzige is.« - -»Mathias! Mathias! Daß ich Dir das antun mußte, das ist schrecklich! -Das ist zum Verzweifeln!« - -»Heinrich, flenne nich! Böse bin ich ja gar nich auf Dich. Ich kenn' -Dich schon. Das is halt gekommen, wie's kommen muß. Und sieh mal, die -Liese wird ja nich unglücklich. Die geht ins Kloster; sie is glücklich -darüber, das is ja mein Trost. Ich hab' immer die Mütze abgenommen, -wenn ich 'ne Krankenschwester traf. Und wenn ich mich erst werd' besser -reingefunden haben, da werd' ich ganz zufrieden sein. Bloß fürs erste -fällt's halt schwer.« - -Heinrich sah seinen alten Freund plötzlich verängstigt an. - -»Mathias! Du wirst doch aber auch bei mir bleiben?« - -»Nein! Erschrick nich! 's beste is, wir sprechen heute gleich alles -aus.« - -»Du willst fort? Fort von uns?« - -»Ja, Heinrich! Reg' Dich nich so auf! Wir wollen ruhig reden. Sieh mal, -ich muß fort!« - -»Das ist die Strafe? Das?« - -»Aber doch keine Strafe, Heinrich! Wir gehn in Friede und Freundschaft -auseinander.« - -Ein verzweiflungsvolles Lachen brach dem jungen Buchenbauer vom Munde. - -»In Friede und Freundschaft! Und ich bleib' allein! Und hab' zuletzt -niemand mehr auf der ganzen Welt! Und verlier' meinen einzigen Freund! -In Friede und Freundschaft!« - -Er sprang auf, trat ans Fenster und sah hinaus in die Nacht. Plötzlich -wandte er sich um. Mit bitterer Stimme sagte er: - -»Deshalb hast Du uns aufgezogen, den Hof aufgebaut, alles in Ordnung -gebracht, daß Du jetzt fort willst, weil die eine Sache fehl ging? Und -Du sagst doch selbst, ich kann nicht dafür!« - -»Ja, Heinrich! Sieh mal, Mensch is Mensch! Ich könnte hier nich mehr -sein. Ich würd' immer an die Liese denken müssen. Und dann, es is zu -einsam. Es is mir so schon manchmal schwer geworden. Jetzt hielt ich's -gar nich mehr aus. Glaub' mir's. Ich hab' darüber nachgedacht. Es geht -nich! Rein verdüstern tät' ich. Ich will wieder fort zu Leuten.« - -»Doch nicht wieder --« - -»Als Lumpenmann? Jawohl, Heinrich! Gerade das! Das hat mir damals auch -geholfen.« - -»Das kannst Du nicht, Mathias? Was werden die Leute sagen?« - -»Die Leute? Mögen sie sagen, was sie wollen. Das kümmert mich nischt. -Ich bin's gewöhnt.« - -Heinrich eilte auf den alten Mann zu und faßte ihn an beiden Schultern: - -»Mathias! Wenn Du mir das antust, ich weiß nicht, was ich anfange. -Mathias, kannst Du mir's nicht verzeihen im Herzen? Du sagst ja, Du -bist nicht böse auf mich; aber Du bleibst nicht bei mir, Du willst -fort, läßt mich allein, weißt, daß ich Dich brauch' wie das tägliche -Brot, nicht bloß in der Wirtschaft, nein, tausendmal mehr als Mensch -und als Freund, und Du willst fort! Besinn' Dich, Mathias, besinn' Dich -anders, und wenn ich ein grundschlechter Kerl wär' -- bleib' bei mir!« - -Der Alte wandte den Kopf zur Seite. - -»Bleib' da, Mathias! Ich bitt' Dich kniefällig!« - -»Ich -- ich kann nich, Heinrich! Ich brächt's nich fertig. 's geht über -meine Kräfte. Und für Dich wär's auch nich gutt, wenn Du mich immer so -sähest, und dann, wenn Du die Lotte heirat'st, ging' ich doch.« - -»Wer sagt denn, daß ich die Lotte heiraten will? Daß ich ihr gut bin, -das kann ich nicht ändern. Aber ich will sie doch nicht heiraten! Das -denkt doch bloß die Lene!« - -»Es kommt, Heinrich, es kommt bestimmt! Aber es is besser, wir reden -lieber nich darüber. Für mich is heute schon a bissel viel gewest. Aber -das hatt' ich mir schon lange vorgenommen, Dir's bald zu sagen, wenn -sich's mit der Liese entschieden hätte, daß ich da fort will. Und daran -will ich auch nichts ändern. Das muß jetzt sein!« - -Heinrich trat zurück und lehnte sich bleich an den Tisch. - -»So geh! Geht alle! Laßt mich allein, wenn Ihr denkt, daß ich das -verdiene! -- So sind also auch wir beide mitsammen fertig.« -- - -Es entstand eine schwere Pause. - -»Und Du willst nicht, daß wir weiter Freunde sind, Heinrich?« - -»Nein! Wenn Du mir das antust, dann tust Du mir mehr an als mein -ärgster Feind!« - -»So -- so leb' gesund, Heinrich!« - -Heinrich antwortete ihm nicht. - -Da verließ Mathias Berger den Buchenhof. - - * * * * * - -Droben in ihrem Stübchen saß Lene Raschdorf und schrieb einen Brief. -Dieser lautete: - - Lieber Hannes! - - Die Liese geht zu den Grauen Schwestern. Der Mathias sagt, sie - habe Beruf und gehe gern ins Kloster. Aber ich weiß, daß die - Liese unserem Heinrich gut gewesen ist und daß er sie nicht - gemocht hat. Er sagt, er wäre mit ihr unglücklich geworden. Das - ist aber nicht wahr, denn die Liese ist ein braves, tüchtiges - Mädchen. Und er hat es bloß deshalb getan, weil er in die - Lotte Schräger vernarrt ist und sie gern heiraten will. Lieber - Hannes! Das ist eine solche Schande, daß der Heinrich so etwas - tut und daß er unserem guten Mathias solches Herzeleid macht, - daß er von jetzt ab nicht mehr mein Bruder ist. Und deshalb - schreib' ich an Dich, daß ich Dich heiraten werd', wenn Du vom - Militär los bist und wenn wir ein Auskommen haben. Ich denke, - Du gehst in die Kohlengrube. Wenn Du Dich eingerichtet hast, - verdienst Du 15 Mark die Woche. Und ich werde für die Leute - nähen. Da werden wir schon auskommen. Lieber Hannes! Ich will - Dir heute schreiben, daß ich Dich lieb hab' und auch wirklich - gern heirate. Aber damals, als Du von der Gestellung kamst, - konnte ich es Dir nicht sagen, denn ich dachte, ich müßte immer - beim Heinrich bleiben und ihm helfen und beistehen, wie es - immer war. Aber Heinrich ist schlecht und verdient's nicht, und - deshalb gehe ich fort, und es ist mir ganz egal, was jetzt aus - unserem Hofe wird. Ich fahre zur Tante Emilie nach Waldenburg. - Dort werde ich auch das Nähen lernen und bleiben, bis wir - heiraten. Lieber Hannes! Du mußt mir aber versprechen, daß Du - immer brav und ordentlich sein wirst, damit wir auskommen. - Sonst sollst Du aber lustig sein, denn das habe ich an Dir - immer gern gehabt, weil ich selber nicht lustig sein kann. Und - ich werde Dich auch nicht ärgern, sondern gut mit Dir sein. - - Besten Gruß - - Lene Raschdorf. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 16] - - -Am Tage war der Novembersturm jäh und tückisch zur Höhe gefahren -und hatte die Wolken angefaucht wie ein bissiger Steppenwolf eine -Herde weißer, schwarzer und scheckiger Rosse, so daß alle ratlos -durcheinander rannten, sich stießen und ängstlich drängten und -alle in großer Not waren, während die ersten, vordersten von dem -Ungetüm zerrissen wurden. Aber dann hatte sich die Herde gesammelt, -war vorgerückt gegen den Feind, hatte ihn zurückgedrängt, langsam, -schrittweise, und ihn erdrückt, als sie ihn am Erdboden traf. - -Jetzt lagen die Himmelsrosse müde und sicher auf Feldern und Wiesen, -und ein Mensch, der hinausging, mußte sich durchdrängen zwischen ihren -weißen und grauen Leibern. - -In trübseligem, grauem Licht lag die Wohnstube des Buchenhofes. -Heinrich Raschdorf war allein. Lange war er für sich auf- und -abgegangen; jetzt lehnte er am Ofen und sah hinaus in den nebligen Tag. - -Im ungewissen Licht des trüben Novembertages sah der Buchenbauer -erschreckend aus. Die Augen waren tief eingefallen und hatten einen -krankhaften Fieberglanz, die Wangen waren farblos, welk, und die ganze -Gestalt matt und schlaff. - -Das kam vom vielen Grämen am Tage und langen Wachen in der Nacht. Das -kam von der Einsamkeit, kam davon, daß Heinrich Raschdorf erst in -diesen Tagen ein gänzlich Heimatloser geworden war. - -Lene war fort. - -Einmal hatte er noch versucht, sich mit ihr auseinanderzusetzen, ihr -alles zu erklären. Es war erfolglos gewesen. Nur in neuen Zorn waren -beide geraten, und die Kluft zwischen ihnen hatte sich vertieft. - -So war sie fortgegangen aus der Heimat. Fest und sicher war sie aus -der Tür getreten und hatte den Wagen bestiegen, ohne sich noch einmal -umzusehen. - -Sie hatte auch keine Träne vergossen auf der ganzen Fahrt. So sagte der -Knecht. Nur beim Mathias unten im Dorfe war sie abgestiegen und über -eine Stunde geblieben. - -Seit der Zeit war Mathias nicht mehr heraufgekommen, und Heinrich hatte -ihn auch nicht aufgesucht. Ein bitterer Hochmut hatte ihn erfaßt, der -allen denen als Helfer kommt, die sich ungerecht verurteilt glauben. - -Was hatte er getan? Er war gegen sich selbst und gegen sein bestes -Gefühl nicht treulos geworden. Deshalb hatten sie ihn verlassen, alle -verlassen in wenigen Tagen. Manchmal lachte er auf, wenn er daran -dachte. - -So mochte es sein! So würde er sich darein fügen und keinem mehr ein -gutes Wort geben, so tot sein für sie alle, wie sie für ihn waren. - -Die Einsamkeit spann ihn ein, aber sie brachte ihm keinen Frieden; sie -band nur seine Seele fest, daß er alle Qualen widerstandslos erdulden -mußte wie ein Kranker, der auf die Bank geschnallt wurde, an sich -schneiden und brennen läßt. - -Solange er draußen auf dem Felde war, war's erträglich, aber in dem -leeren Hause packte ihn oft das Grauen. Und wenn die Abende kamen, saß -er allein und fürchtete sich am eigenen Herde. - -Dann meinte er, es gäbe nur einen Ort auf der Welt, wo es schrecklich -sei: diese Heimat. - -Oft überdachte er sein Schicksal. Schuldlos hatte er die Heimat -verloren, hatte um eine neue Heimat gelitten, gekämpft, gebangt, hatte -von allen den Millionen auf der großen, weiten Erde ein paar Menschen -gefunden, die es gut mit ihm meinten, und auch diese wenigen wieder -verloren. - -Warum? Darüber brütete er. Wenn ihn ein Groll erfaßte gegen seine -früheren Leute, dann war ihm noch wohl. Da war doch ein Kraftgefühl in -seiner matten, vereinsamten Seele. Aber Stunden kamen, wo sich neben -die graue, schweigende Frau Einsamkeit jene andere an seinen Herd -setzte, ihre Tochter: die Reue. - -Das sind die Quälerinnen. Die alte, häßliche, dürre Mutter Einsamkeit -hält den Armen fest mit ihren Spinnenfingern, bindet ihm jedes -Glied, lähmt ihm jeden Muskel, umschließt ihm Mund und Ohren, daß er -nicht schreien, nicht fortlaufen, nicht Hilfe holen kann, und derweil -treibt ihr grausames Kind, die Reue, ein bestialisches Spiel, sticht -und kratzt, brennt und schneidet, preßt das Herz zusammen mit rauhen -Händen, greift durch die Stirn in den Kopf hinein, lockert dort Faden -auf Faden, zerreißt die Stränge des Willens, trübt und verrückt die -Bilder klarer Vorstellungen und gießt ein schleichendes, tödliches Gift -in das wallende Gefühl. Wer sich nicht aufrafft mit energischer Kraft, -die Alte beiseite schleudert, ihre Bande zerreißt und zu gesunden, -frohen Menschen flüchtet, der ist verloren. Im günstigsten Falle ruft -die Alte eine neue Tochter: die Schwermut, ein untüchtiges, krankes -Weib mit lahmen Händen und traurigen Augen, und vermählt sie dem Opfer -zu unlöslicher Ehe, oder ihr scheußlichster Sohn, der Wahnsinn, kommt -und mordet ihn ab. - -Heinrich Raschdorf hielt still. Manchmal dehnte er ein wenig die -Glieder gegen die Bande, aber als der trübe November kam, gab er sich -mutlos verloren. - -Es waren gute, liebe Menschen gewesen. Sie waren gegangen. Folglich war -er schuld, war er der Schlechte, sie die Gerechten. In diesem Zirkel -bewegten sich schließlich beständig seine Gedanken. - -So stand er an den Ofen gelehnt, indes draußen der weiße Nebel braute. -Seit Mittag hatte er mit keinem Menschen ein Wort gesprochen. Und da -war es auch nur ein Knecht gewesen, den er etwas gefragt hatte. - -Wo war seine Kraft geblieben, der Mut, den er noch hatte, als er -mit Mathias und Lene sprach, der Trotz, mit dem er schließlich die -Schwester ziehen ließ? - -Die Einsamkeit hatte ihn mürbe gemacht. - -Jetzt trat er ans Fenster. Vielleicht, daß er einen Menschen -vorbeigehen sah. Das würde ihm wohltun. Und dann -- dort drüben wohnte -das Mädchen, um dessentwillen alles gekommen war. Als Mathias und Lene -ihn verlassen hatten, war stundenweise eine wilde Lust in ihm gewesen, -ein Freiheitsgefühl, der Gedanke, erlöst zu sein von einer falschen -Heimat, die Möglichkeit zu besitzen, nun sein Glück zu suchen, sein -einziges, sein wahrhaftiges Glück. - -O, wie liebte er die Lotte! Seit jenem Maitage war ihr Bild nicht mehr -aus seiner Seele gewichen, was er auch getan hatte, es zu verhüllen. -Eine taumelnde Freude hatte ihn erfaßt, wenn er das Mädchen einmal sah, -und ob er das Gefühl bekämpfte wie Versuchung und Sünde, es kam immer -wieder, immer in tiefgeheimer süßer Wonne. - -Und auch jetzt, wie er so hinüberblickte, sah er sie. Sie trat, zum -Ausgehen angekleidet, in die Haustür und spähte nach den Fenstern des -Buchenhofes herüber. Heinrich wollte zurücktreten in die Stube, aber -sie hatte ihn schon gesehen. So sahen sie sich ins Gesicht, wohl eine -halbe Minute lang. Sie stand ganz bewegungslos, und ihr Blick hatte -etwas Forschendes. Dann neigte sie grüßend ein wenig das Haupt und ging -hinab nach dem Dorfe. - -Heinrich geriet in schwere Aufregung. Die Stunde war da, wo er tobte -gegen die Fesseln der Einsamkeit. Mit tausend Armen winkte es ihn -hinaus aus diesem fürchterlichen Hause, das keine Heimat war, das nie -eine gewesen war. - -Wie ein Rausch kam es über ihn; die Bangigkeit fiel von ihm ab wie ein -toter Plunder, das Blut floß wieder jung und schnell durch die Adern, -und der Wille straffte sich zu dem Entschluß: Geh ihr nach! Geh zu dem -jungen, schönen Mädchen! Bei ihr ist Rettung und Glück! - -Er suchte den Hut und band einen Kragen um. - -Da grinste ihn warnend der alte Zweifel an. - -Hinter einem Bilde seines toten Vaters sah er hervor. -- - -Er stand still. Er wagte nicht, sich umzusehen. Es war ihm, als ständen -an der Stubentür all die Seinigen: Lene mit zürnend abwehrenden Armen, -Mathias mit einer stummen Bitte in den guten Augen, die Liese mit -traurigem Gesicht, und ganz im Hintergrunde, draußen auf dem dämmerigen -Hausflur, schemenhaft die Toten: Vater und Mutter. - -Entmutigt sank er auf einen Stuhl und stöhnte laut. Und die Einsamkeit -ging und schloß die Tür, nahm ihm den Hut vom Kopfe und sang ihr -monotones, totes Lied. - -Aber sie täuschte sich. Sie sang das Lied um eine Nuance zu -schauerlich, um ein klein wenig zu hart, um ein paar Grade zu höhnisch. -Sie sang es unerträglich für den, der es anhören mußte. - -»Ich ertrag's nicht länger; und wenn's unter tausend Flüchen wär' -- -ich geh ihr nach!« - -Mit wenigen Schritten war er draußen. Mit roten Wangen stürmte er durch -den Herbstnebel. Das Blut brauste ihm im Herzen und im Kopfe. Der Nebel -hüllte ihn ein, er konnte den Weg ins Dorf nicht übersehen. - -So lief er, jagte dahin, wie einer, der auf verzweiflungsvoller Flucht -ist, oder einer, der dem letzten, rettenden Heil nachjagt, das er zu -verlieren glaubt. - -Jetzt -- jetzt tauchte die Gestalt eines Mädchens aus dem Nebel auf. -Ein paar Schritte noch, dann erkannte er sie deutlich. - -»Lotte!« - -Wie ein Schrei tönte der Name durch die stille Luft. - -Sie wandte sich erschreckt um. Mit großen Schritten und glühendem -Gesicht kam er ihr näher. - -»Lotte -- sei nicht böse -- ich muß Dir nach -- ich werde verrückt -allein!« - -»Heinrich, o Gott, Heinrich, was ist Ihnen? Wie sehen Sie aus?« - -»Tu mir den Gefallen, Lotte, sprich »Du« zu mir, wie früher; sei ein -klein bißchen freundlich! Ich halte so das Leben nicht mehr aus! Ich -gehe zugrunde!« - -»Heinrich! Lieber Heinrich!« - -Sie sah ihn mit ihren schönen Augen mitleidsvoll an, und er stand vor -ihr zitternd, bebend; der Atem ging ihm schwer, die Augen glühten ihm, -und sie war so schön, so herrlich schön, und da riß er sie wortlos in -seine Arme mit einer Wut und Glut, wie das Tier sein Opfer faßt aus -schmerzhaftem Hunger, und überdeckte ihr Gesicht mit rasenden Küssen. - -Wie mit eisernen Armen hielt er sie fest; wie ein Ertrinkender sich -an seinen Retter klammert, so klammerte er sich an sie, und mit dem -ganzen fiebernden Heißhunger einer glücksgierigen Seele küßte er sie. -Sein Gesicht veränderte sich, seine Augen bekamen einen fremden, -unheimlichen Glanz; all die Leidenschaft, die jahrelang zurückgedämmt -war, brach durch, all der brennende Durst nach Glück und Liebe wollte -sich sättigen. - -Sie lag erschreckt, aber glückselig an seiner Brust. - -»Heinrich! Lieber Heinrich!« - -»Du mußt mein sein, Lotte, und wenn die Welt in Stücke geht, und wenn -sie mich ausstoßen wie einen Lump, und wenn's ein Verbrechen ist -- Du -mußt mein werden!« - -Sie sah zu dem zitternden Manne auf. - -»Hast Du mich lieb, Lotte? Ein bißchen lieb?« - -»Ja, ich hab' Dich lieb, Heinrich!« - -»Lotte!« - -Ein jauchzender Jubelruf, ein Erlösungsschrei durchtönte die fahle -Herbstluft. Der Heimatlose hielt das Glück in seinen zitternden Armen -und schaute es an und hätte laut lachen mögen vor übergroßer Freude. - -»Lotte, jetzt bin ich reich! Jetzt hab' ich alles gewonnen! Jetzt ist -mir wohl! Jetzt werd' ich wieder leben können! Jetzt ist alles andere -ganz gleichgültig.« - -Sie sah ihn an, und ihre Augen glänzten feucht. - -Eine lange, selige Pause kam, jene große Stille, in der alles tot ist, -außer der Freude. - -Doch allmählich breitete sich ein Schatten über ihr Gesicht. - -»Heinrich! Sind sie wirklich alle fortgegangen von Dir um meinetwillen?« - -»Ja, Lotte! Aber laß sie, sprich nicht von ihnen, denk' nicht an sie! -Wenn ich Dich hab', mögen sie fort sein; alle -- alle --!« - -Er lachte wieder, ließ sie los und schüttelte sich, als ob er etwas -Unsichtbares von sich abzuwälzen hätte. - -»Komm, wir wollen ein Stück gehen, wir wollen alles miteinander -besprechen.« - -Sie gingen Hand in Hand, und die Nebel hüllten sie schützend ein. Er -erzählte ihr von seiner Liebe zu ihr, wie sie eigentlich immer in ihm -gelebt hätte seit den Tagen der Kindheit, wie er sie nur all die Zeit -zurückgedrängt habe in langen, schmerzhaften Kämpfen, und wie diese -Kämpfe furchtbar geworden seien nach jenen Tagen im Mai. Dann erzählte -er ihr auch von der Liese, vom Mathias, von der Lene und von dem Ende. - -Sie blieb stehen. Leise und bang fragte sie: - -»So hab' ich Dir wirklich die Heimat zerstört, Heinrich? Ich?« - -Er schüttelte nachdenklich das Haupt. - -»Nein! Ich hab' viel darüber nachgedacht. Was ist überhaupt die Heimat? -Ich weiß es nicht! Ich weiß bloß, daß ich nie eine gehabt hab', es wär' -denn als Kind. Wir haben kein glückliches Leben gehabt -- alle nicht! -Und so wär' es geblieben, wenn ich die Liese genommen hätte. Nein, es -wär' noch viel schlimmer geworden. Denn Dich hätt' ich doch nie aus dem -Sinn gebracht, niemals!« - -Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, und er küßte sie wieder. - -Tief aufatmend richtete er sich auf und stand still, als ob er sich -besinnen müsse. Wie war ihm? Frei, leicht, stark war ihm zumute, so, -als ob Lasten von seiner Seele geglitten und neue, heitere Wege ihm -eröffnet wären. - -»Lotte, jetzt wird das Glück kommen!« - -Sie schmiegte sich an ihn und erzählte nun von sich, von ihrem -trostlosen Heim, von der Seligkeit, die sie im Mai trotz ihres kranken -Fußes empfunden über seine Fürsorge, von der langen, glücklosen Zeit, -als täglich der Barbier aufs neue erzählt habe, wie sehr sich der -Heinrich um die Liese bemühe, und der junge Riedelbauer sie mit seinen -Zudringlichkeiten belästigt, und dann davon, wie sie gehört habe, die -Liese gehe ins Kloster und Mathias habe sich mit Heinrich verfeindet. -Da habe sich eine neue Hoffnung in ihr Herz geschlichen. In den Wochen -darauf aber, als auch die Lene fort war und sie ihn so müde und krank -herumgehen sah, da hätten die Mägde erzählt, der junge Buchenbauer -werde tiefsinnig, er esse nicht mehr und wache ganze Nächte in seinem -Zimmer, und dann sei wieder der Barbier gekommen und habe gesagt, -der Heinrich gräme sich zu Tode um die Liese. Da sei es freilich aus -gewesen mit all ihrer Hoffnung. - -»Aber jetzt, Heinrich, jetzt ist doch alles anders!« - -Die Glückseligkeit der Liebe strahlte auf dem Gesicht des Mädchens. - -Er blieb stehen. - -»Es ist mir etwas eingefallen, Lotte: Wo zwei Heimatlose sich treffen, -die sich lieb haben, da wird eine Heimat.« - -Sie sah ihn an voll Vertrauen und Glauben und nickte mit dem Kopfe. - -Sie gingen ein Stückchen weiter. Das Mädchen kämpfte mit einem -Gedanken, der endlich hervorbrach: - -»Eines muß ich wissen, Heinrich: Was macht Ihr meinem Vater zum -Vorwurf? Das mußt Du mir sagen!« - -»Lotte, liebe Lotte, quälen wir uns doch jetzt in unserer ersten guten -Stunde nicht mit den alten Geschichten.« - -Sie senkte den Kopf. - -»Doch, Heinrich, es ist nötig! Darüber müssen wir klar sein. Da darf -nichts zwischen uns liegen! Dieses unausgesprochene Mißtrauen zwischen -den beiden Höfen, das war ja das Schlimme. Das darf zwischen uns beiden -nicht sein!« - -»Es wird nicht sein, Lotte!« - -»Aber wir müssen uns aussprechen!« - -Sie machte wieder eine Pause. Dann brachte sie mit großer Überwindung -heraus: - -»Glaubt Ihr, daß -- daß mein Vater -- Euren Hof angezündet hat?« - -»Nein, Lotte! Das ist ja gar nicht möglich! Er war ja immerfort zu -Hause!« - -»Aber -- aber Ihr denkt, daß er jemand dazu angestiftet hat oder daß er -davon gewußt hat?« - -Heinrich zögerte. - -»Du weißt, Lotte, daß Mathias das behauptet hat und darum auch bestraft -worden ist.« - -»Und Du?« - -Sie sah ihm angstvoll in die Augen. - -»Ich, Lotte -- ich glaube es nicht! Es kann irgend jemand gewesen sein: -ein Dienstbote aus Unvorsichtigkeit, ein Bummler, ein unbekannter -Feind. Weiß Gott!« - -»Es ist gut, Heinrich, denn sonst -- und was macht Ihr ihm weiter zum -Vorwurf? Was sagt die Lene? Sag' mir alles! Ich bitte Dich, Heinrich!« - -»Lotte, es fällt mir schwer -- gerade schon heut --« - -»Ja, schon heut! Wenn es herunter ist vom Herzen, dann werden wir erst -ganz glücklich sein. Was sagt die Lene?« - -»Sie sagt -- unser -- unser Vater hat sich erschossen, weil ihm Dein -Vater das Geld gekündigt hat.« - -Lotte nickte. - -»Ja, ich weiß! Der Vater hat mir's erzählt. Er ist bei Euch drüben -gewesen und hat gut mit Deinem Vater reden wollen; aber der ist -vergrämt gewesen und hat ihm sogar das »Du« gekündigt, und da -- da -hat mein Vater das Geld verlangt. Daß aber alles so kommen würde, hat -er aber nicht geahnt. Und, Heinrich, daß das gekommen ist wie ein -unvorhergesehenes Unglück, deshalb trinkt ja der Vater, das hat ihn ja -zugrunde gerichtet.« - -Sie weinte. - -»Lotte, liebe Lotte! Du hast auch schon bittere Dinge erlebt.« - -»O, Heinrich! Und ich hab' keine Seele gehabt, zu der ich mich -aussprechen konnte. Niemand! Ich hab' alles für mich tragen müssen. Und -der einzige, den ich lieb hatte, warst Du -- und -- und --« - -»Liebes, liebes Mädel!« - -Er küßte sie wieder, lange und innig. - -»Ich bin so glücklich, Heinrich, daß wir das ausgesprochen haben. Wenn -Du so schlecht von meinem Vater gedacht hättest, hätten wir uns ja -nicht haben dürfen. Nein, Heinrich, gewiß nicht, dann wär' ich Deiner -nicht wert, dann wär' es ganz unmöglich. Aber das kannst Du glauben: -Mein Vater hat seine Fehler; aber etwas Schlechtes hat er nicht getan. -Deine Leute tun ihm unrecht, das kann ich Dir beteuern, und deshalb -kann ich auch Deine Frau werden! Wenn Du's nur fest glaubst.« - -»Ich glaube es, Lotte!« - -Sie nickte glücklich, und sie gingen wieder ein paar Schritte weiter. - -»Und was nun weiter, Lotte? Was wird Dein Vater sagen, wenn ich komme -und Dich zum Weibe haben will?« - -Sie senkte das Haupt. - -»Er wird erschrecken, vielleicht auch sehr schimpfen. Das mußt Du nicht -übel nehmen. Das ist ja natürlich. Aber er wird nicht »Nein« sagen, -nicht auf die Dauer. Er kann mir keine einzige Bitte abschlagen -- -keine! Und Du -- wie wird's bei Dir sein?« - -»Ich? Ich bin mein eigener Herr! Ich hab's durchgesetzt bis jetzt und -führ's zu Ende. Mit den andern hab' ich gebrochen. Ich bin jetzt zwar -einsam, aber ich bin frei! Wenn ich Dich hab', Lotte, verschmerz' ich -alles. Und die Zeit ändert manches. Meine Leute werden sich allmählich -anders besinnen.« - -»Hoffen wir es!« -- - -Lotte hatte im Dorfe einen Besuch machen wollen. Sie gab die Absicht -auf. - -Auf einem breiten, stillen Feldrain ging das junge Paar, und die Nebel -schützten es vor neugierigen Augen. Von ihrer Zukunft sprachen sie und -bauten an einer neuen Heimat. Von Westen leuchtete durch die weißen -Nebel ein roter Schein. Dort ging die Sonne unter. - -»Ich muß jetzt heim,« sagte Lotte. »Vielleicht, wenn der Vater allein -ist, sag ich's ihm schon heute.« - -»Lotte! Willst Du das wagen? Oder ist's nicht besser, wenn ich es tue?« - -»Nein, Heinrich! Wenn's der Vater zugibt, tut er's bloß, weil er mich -lieb hat und mir nichts abschlägt. Ich geb Dir Nachricht.« - -Sie gingen ganz langsam heim. Als die Buchenhöfe aus dem dicken Nebel -auftauchten, nahmen sie einen langen Abschied. - - * * * * * - -Als Heinrich in seine Stube trat, war's, als ob eine Trunkenheit ihn -fasse. - -Er vermochte nicht stehen zu bleiben an einem Ort, nicht zu sitzen; er -ging immer hin und her in seliger Unrast, und manchmal schlug er die -Hände vor das glühende Gesicht, und immer wieder trat er ans Fenster -und sah hinüber über die Straße. - -Er fühlte auch jetzt noch ihren weichen, warmen Mund. Das liebe -Mädchen. Wenn sie sein würde, dann war alles gut, dann kam ein ganzes -Meer von Sonne und Wonne in diese leere Stube, dann mußte hier eine -herrliche Heimat sein. - -Wenn er nur mit jemand reden könnte, jetzt nicht wieder allein sein -müßte! Er besann sich und ging hinüber zum Schaffer. - -Der Schaffer saß an seinem Tisch und studierte an einem Briefe. Er -wollte das Schriftstück verstecken, aber dann besann er sich, schob es -Heinrich hin und knurrte: - -»Is egal! Da! Vom Hannes!« - -Heinrich las: - - Lieber Vater! - - Indem ich Dir auch wieder einmal schreibe. Du sollst keinen - Kummer um mich haben. Es geht mir gut. Aber ich hab drei Tage - Arrest gekriegt. Du mußt aber keinen Kummer haben, denn sie - sind schon rum. Und es war zum Aushalten. Weil nämlich die - Lene an mich geschrieben hat, daß sie mich heiraten wird, da - hab ich die Knöpfe nicht geputzt und bin zum Appell zu spät - gekommen. Wobei einen der Unteroffizier gleich klemmt. Wogegen - ich mir eins gepfiffen hab, wie ich im Kasten war. Denn ich - freu mich so, daß mich die Lene heiraten tut, weil ich ihr gut - bin, und weil sie ein schönes, starkes Mädel ist. Dann werde - ich Bergmann, und sie näht. Da kommen wir aus, weil ich nicht - trinke und auch nicht tanze. Lieber Vater, es tut mir sehr - leid, daß die Lene mit dem Heinrich so Krach gemacht hat und - weg ist. Die Tante Emilie, bei der sie jetzt ist, kann ich - nicht gut leiden, sie ist eine alte Kröte. Aber ich muß jetzt - tun wie tulpe und zu der Lene halten, weshalb ich ihr Bräutigam - bin. Wo ich ja jetzt auch auf den Heinrich schimpfen muß, indem - sie mich sonst nicht nimmt. Was aber alles bloß Getue ist. Denn - der Heinrich ist immer mein Freund gewesen, und das laß ich - nicht. Aber jetzt tu ich so und schimpf auf ihn, soviel ich - kann. Das mußt Du ihm sagen, daß er's nicht übel nimmt, wenn - er mal was hört. Wenn ich die Lene werd geheiratet haben, bin - ich der Herr im Hause. Da wird's anders, da gibt's dann keinen - Krach mit dem Heinrich mehr. Hauptsache, erst heiraten! Daß - Mathias auch weg ist und die Liese, das ist sehr schade. Indem - sich das aber nicht ändern läßt. Und Du mußt bleiben auf dem - Buchenhof, sonst geht alles pleite. Lieber Vater, wenn ich zu - Weihnachten Urlaub krieg, fahr ich nach Waldenburg. Da mußt Du - am ersten Feiertag hinkommen. Denn auf den Buchenhof komme ich - wegen der Feindschaft nicht. Und wenn ich keinen Urlaub krieg, - da komm ich überhaupt nicht. Wegen der drei Tage! Und mußt - keinen Kummer haben und den Heinrich schön grüßen und ja nichts - der Lene sagen von allem. Dann kannst Du mir nötig zehn Mark - schicken. - - Besten Gruß - - Dein Sohn - - Johannes Reichel. - -»Weißt Du was, Schaffer,« rief Heinrich glücklich, »schick' ihm dreißig -Mark! Da sind sie! Schick's ihm! Er ist ein Prachtkerl!« - -Heinrich legte das Geld auf den Tisch. - -Der Riese starrte ihn blöde an, aber dann grinste er und stützte je -einen Finger seiner rechten Hand schwer auf die Goldstücke, als fürchte -er, ein Luftzug könne sie wegblasen. - -»Und Du, Reichel, Du bleibst mir treu? Was auch kommen mag? Ja? Du -bleibst bei mir, wenn sie auch alle gehen -- alle!« - -Der Riese sann schwer nach. Dann sagte er: - -»A alter Kater geht nich weg vom Hofe!« - -»Das ist hübsch von Dir, Reichel! Wir bleiben Freunde! Und jetzt kommst -Du mit hinüber. Wir wollen eine Flasche Wein mitsammen trinken, weil -sich der Hannes verloben wird. Auf Hannes' Wohl, hörst Du? Nur auf -Hannes' Wohl! Der hat's uns ja angezeigt.« - -Reichel meinte, wenn er Wein trinken solle, müsse er sich erst waschen -und die Sonntagsjacke anziehen und sein gesticktes Vorhemdchen -ummachen, sonst ginge es nicht. Dann werde er aber kommen. - -Als Heinrich wieder in den Hof trat, traf er die alte Stenzeln. - -»Pst! Das is gutt! Da macht's kein Aufsehen! Hier! Vom Fräulein! Gute -Nacht!« - -Sie huschte davon. - -In der Wohnstube erbrach Heinrich den Brief. - - Lieber Heinrich! - - Es ist alles gut. Der Vater wird einwilligen. Komm morgen früh - um 10 Uhr zu uns herüber. Gute Nacht, Liebster! Es küßt Dich - herzlich - - Deine überglückliche Lotte. - -Heinrich hob den Brief hoch und preßte ihn an seine Stirn. Dann sah er -auf das große Bild seines Vaters, das an der Wand hing. - -»Vater, du mußt »Ja und Amen« sagen. Ich bin zu glücklich, zu -glücklich!« - -Einsamkeit und Reue waren weit. - - * * * * * - -Der Mond hatte die Nebel vertrieben. In später Nacht lugte er in drei -Stuben der Buchenhöfe. - -Da sah er, wie der alte Schaffer seinem jungen Herrn die Hand gab und -mit noch schwererer Zunge als sonst sagte: - -»Die Lotte is gutt! Sie kann für nischt! Und es geht mich nischt an. -Und ich bin Schaffer.« - -Da schien er auch dem alten Schräger ins Gesicht, der heute nüchtern -oben am Giebelfenster stand und hinuntersah nach dem Kirchhof und sagte: - -»Nun sei zufrieden und laß mich in Ruh'.« - -Und er streute silberne Funken auf Stirn und Mund der Lotte, die -glückselig in ihrem Bette lag und von einer neuen, schönen Heimat -träumte. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 17] - - -Draußen flockte leise der Schnee. Im Wohnzimmer des Buchenkretschams -war es wohlig warm, und Lotte bereitete den Vespertisch. Heinrich sah -ihr lächelnd zu. Jetzt setzte sie eine goldgeränderte Tasse vor ihn -hin, darauf war geschrieben: »Dem Bräutigam«, und daneben stellte sie -eine Tasse mit der Aufschrift: »Der Braut«. - -»Aus den Tassen haben Vater und Mutter bei ihrer Hochzeit getrunken,« -sagte sie. - -Er sah sie an, wie sie in herziger Hausfrauenschönheit vor ihm stand, -und legte den Arm um ihre Schultern. - -»Lotte! Ich kann Dir nicht sagen, wie mir zumute ist. Ich denke, so -mag einem sein, der aus einem Schiffbruch gerettet wurde und in einer -sicheren, warmen Stube sitzt.« - -Erst als sie draußen den Vater kommen hörten, gingen sie auseinander. - -Mißmutig trat Schräger in die Stube. - -»Was sagt man dazu -- die Bande kommt nich! Alle lassen sie absagen, -alle; der einzige Hirsel will kommen.« - -Heinrich biß die Zähne aufeinander. Der Wirt hatte seine früheren -Stammgäste, die in letzter Zeit immer mehr und mehr ausgeblieben waren, -zu einer Verlobungsfeier eingeladen und zu diesem Zwecke ein Faß echten -Bieres kommen lassen. - -Nun wollte niemand erscheinen. - -»Ja, es ist arg,« sagte Heinrich. »Ich hätte nicht gedacht, daß sie -es so weit treiben würden. Aber der Riedel hat heute ein Fest unten -im Dorfe in Polers Wirtshaus angesagt und Freibier versprochen, -und der Barbier ist durchs ganze Dorf, um dazu einzuladen. Das ist -niederträchtig, das ist einfach niederträchtig!« - -Schräger grub die Hände tief in die Hosentaschen. - -»Bankrott wird man noch werden,« knurrte er in tiefstem Unmut. - -Ein Schatten flog über Heinrichs Gesicht. Lotte bemerkte es wohl und -legte ihrem Vater die Hände auf die Schultern. - -»Vater, sei nicht mürrisch! Nicht heute! Die Leute werden schon -wiederkommen. Lange wird's ihnen beim Poler nicht gefallen. Dann kommen -alle wieder zu Dir.« - -Schräger knurrte etwas und ging hinüber nach der Wirtsstube. Dort goß -er ein großes Glas voll Rum und trank es aus. - -Das Mädchen ging nach der Küche, und Heinrich war allein. Er trat ans -Fenster und sah nach seinem Hofe hinüber. Je eher, je besser wollte -er die Lotte hinüberholen. Denn mit Schräger war auf die Dauer nicht -auszukommen. - -Wie er so dastand und in das Schneewetter hinaussah, dachte Heinrich -an die letzten Tage und konnte sich keiner Stunde erinnern, die -er glücklich und zufrieden mit seinem zukünftigen Schwiegervater -zugebracht hätte, angefangen von dem Augenblick, wo ihm dieser Mann mit -schwerer, lallender Zunge das Jawort gab, bis heute. Damals hatte er -ihn angewidert. Nicht einmal an dem wichtigen Tage, da eine jahrelange -Feindschaft begraben und die Verbindung seiner einzigen Tochter mit dem -Gegner beschlossen werden sollte, konnte dieser Mann nüchtern bleiben. -Und es war vormittags 10 Uhr gewesen. Aber die Lotte hatte auch damals -ihren Vater zu entschuldigen gesucht und gesagt, er habe wohl in -übergroßer Aufregung getrunken. - -Er hatte sich das so schön, so feierlich, so groß vorgestellt, diese -Stunde der Aussöhnung, und der -- war betrunken. Er hatte nichts -anderes sagen können als immer dasselbe: »Laß die Toten ruhen! Laß die -alten Geschichten! Nehmt Euch! Alles is gutt! Ich kann für nischt! Laßt -mich in Ruh'! Meinetwegen macht, was Ihr wollt.« - -Und dann hatte er nach der Ziegelei und nach den Überschüssen des -Gutes so gierig und interessiert gefragt, trotz seiner Trunkenheit, -daß dem jungen Freiersmanne gegraut hatte. Und er hatte immer nach der -lieblichen, unschuldigen Lotte sehen müssen, die mit schwerverhaltenen -Tränen neben ihm saß, daß er nur Herr seiner selbst blieb. - -Auch der schwachsinnige Bruder machte es ihm schwer. Dieser Bursche -hatte eine ganz unbegreifliche Scheu vor ihm. Immer lief er fort, wenn -er ihn nur witterte, und einmal, als die Lotte ihn eingeschlossen -hatte, um eine Begegnung zu erzwingen, und Heinrich ein ganzes Paket -Schokolade mitbrachte, die der Bursche sehr gern aß, war er im letzten -Augenblick schreiend durch das Fenster entflohen. - -Eine ganze Nacht war er fortgewesen und erst am Morgen wiedergekommen. -Seit der Zeit wurde er außer acht gelassen. - -Der Buchenhof! Wie er so sacht einschneite und nun so friedlich dalag, -so recht lockend und einladend, einzutreten und allen Sturm und alles -böse Wetter draußen zu lassen, heimisch zu sein in diesen festen -Mauern. Recht wie eine Heimat sah das Haus aus. Aber der, dem es -gehörte, wußte, daß es keine Heimat war. - -Jetzt eben dachte er wieder darüber nach, und ein Gedanke ging ihm -durch die grübelnde Seele: Heimat ist nicht Raum! Heimat ist auch nicht -Freundschaft! Wird Heimat Liebe sein? -- - -»Lotte, wenn es Dir recht ist, wollen wir bald nach Weihnachten -heiraten,« sagte er zu seiner Braut, als sie zurückkam. - -Das Mädchen sah ihn freundlich an. - -»Ja, Heinrich; ich weiß auch, warum. Und Du hast recht.« Sie kam ganz -nahe an ihn heran. - -»Aber gar zu böse mußt Du nicht sein mit ihm. Im Grunde ist's ja doch -aus Gram um Deinen Vater!« - -»Ja, Lotte, ich weiß es!« - -»Ist es Dir unlieb, wenn ich immer für ihn spreche?« - -»Nein! Er ist Dein Vater. Wer keine gute Tochter war, wird kein gutes -Weib.« - - * * * * * - -Heinrichs Verlobungsabend war gekommen. Schräger hatte trotz dringender -Abwehr das große Bierfaß in die Wirtsstube heraufschaffen lassen. -Das stand nun in seiner ganzen tragikomischen Größe in der einsamen -Gaststube. - -Die Stenzeln hatte ein gutes Abendbrot bereitet, das hatten Heinrich, -Lotte und Schräger schweigend verzehrt. Zuweilen nur fluchte der Wirt -stumpf vor sich hin. - -Gegen sieben Uhr kam der alte Hirselbauer. Schräger lachte spöttisch. - -»Na, Hirsel,« sagte er in grimmiger Selbstironie und klopfte auf das -große Faß, »da kannste trinken, da kannste aber trinken!« - -»Wird niemand kommen, niemand sonst?« fragte Heinrich. Hirsel -schüttelte verlegen den Kopf. - -»Verhetzt! Alle verhetzt! Der Barbier is a Schandkerl.« - -»So setzen Sie sich, Herr Hirsel: ich werd's Ihnen nicht vergessen, daß -Sie gekommen sind.« - -Es war eine trübselige Verlobungsstimmung. Schräger stierte immer vor -sich hin und schimpfte in sich hinein, Heinrich und Lotte hielten -sich an den Händen, und der alte Hirsel saß vor seinem Bierglase und -wollte nicht trinken. Vom Wetter sprachen sie schließlich, von den -Rübenpreisen, von ein paar nebensächlichen Ereignissen aus dem Dorfe. -Dann waren wieder lange Pausen, und die alte Wanduhr tickte trostlos, -einförmig. Niemand wollte reden, niemand wußte etwas zu sagen. - -Mitten in all dieser Stille war Heinrich in schwerer Erregung. Zuweilen -preßte er die Hand des geliebten Mädchens. Da wünschte er sich weit -fort mit ihr. Wenn er einen einzigen Freund gehabt hätte, jemand, -der sich mit ihm freute! So war er allein. Und das war der Abend, der -für die meisten Menschen der strahlendste und glücklichste des Lebens -ist, an welchem sich an jeden ein paar gute Menschen drängen, um -Freundschaft zu zeigen, um Glück zu wünschen. - -Hier war es so erschreckend öde. Kaum, daß ihm der alte Hirsel manchmal -ein wenig zulächelte. - -Dann dachte er daran, daß nun doch die eigentliche Verlobung vollzogen -werden müsse. Wer sollte das tun? Wer? Schräger würde nicht anfangen. - -Also er selbst! Aber es fiel ihm maßlos schwer, in solcher Umgebung und -solcher Stimmung ein so schweres, entscheidendes Wort zu sprechen. Und -dann, wie sollte er den Mann anreden? Jetzt mußte er »Vater« zu ihm -sagen! Und es war ihm, als ob vor seiner Seele eine bleiche Gestalt -auftauche und ihm mit gebietendem Blick sage: »Mißbrauche nicht meinen -Namen!« - -So schob er's auf in innerer Unrast, und es verging eine halbe Stunde -und noch eine. Die Uhr schnarrte durchs Zimmer, und dann war wieder -diese bedrückende Stille. Da, als ihn Lotte einmal bang anschaute, -stand Heinrich auf: »Va-- Vater, Sie haben mir Ihr Jawort gegeben bei -meiner Werbung, und Lotte und ich werden uns jetzt mit Ihrer Zustimmung -verloben.« - -Er wartete auf eine Antwort. Schräger stierte auf. - -»Ja,« sagte er, »ja, meinethalben! Prosit!« - -Und er trank. - -Heinrich wurden die Augen heiß, und Lotte fing leise an zu weinen. So -steckte er ihr den goldenen Ring an den Finger und sie ihm den seinen. -Der alte Hirsel stand auf und sprach ein paar Glückwunschworte. Und -dann war es wieder still. -- - -Da klopfte es ans Fenster. - -»Und einen Hund, einen gro...o...oßen Hund!« - -Der Bruder! Den ganzen Nachmittag war er schon wieder abwesend und -nicht aufzufinden gewesen. Jetzt stand er draußen am Fenster und blökte -die Zunge herein. Schimpfend erhob sich Schräger und ging hinaus. -Nach kurzer Zeit kam er wieder und sagte, der Junge sei verschwunden. -Vielleicht sei er nun schlafen gegangen. Man solle ihn sein lassen. - - * * * * * - -Draußen aber an der Gartenmauer des Buchenhofes kauerte Gustav -Schräger. Er war unten im Dorfe gewesen in Polers Gasthaus, der Barbier -hatte ihm viel Bier zu trinken gegeben, und alle hatten über den -Idioten gelacht, bis ihn ein vernünftiger Bauer nach Hause jagte. - -Jetzt kauerte der Bursche in halbem Dusel an der Gartenmauer. Manchmal -sah er nach den erleuchteten Fenstern der Wirtsstube, ballte die -Fäuste, knirschte mit den Zähnen oder blökte die Zunge heraus. - -Dann suchte er in seinen Hosentaschen nach und brachte eine Schachtel -Streichhölzer heraus. Ein böses Grinsen ging über das verblödete -Gesicht, und die Fäuste ballten sich wieder. - -Der Idiot betrachtete die Streichholzschachtel mit funkelnden Augen. -Dann hielt er sie gegen das Ohr, schüttelte sie und freute sich an dem -leisen Geklapper. - -»Viel sind's,« grunzte er, »viel!« - -Leise richtete er sich auf, wandte lauernd und spähend den Kopf und -schlich endlich lautlos und gebückt die Gartenmauer entlang. Das -Hoftürchen zum Buchenhof öffnete er. Es knarrte laut. Aber der Bursche -ließ sich nicht abschrecken. Er sah sich nur ein wenig um und rannte -dann schnell über den Hof bis zur Scheune. - -Das Tor war nicht verschlossen, aber es verursachte ein Geräusch, als -er öffnete. Nun war er in der Scheune. Er blieb stehen, holte tief -Atem, und seine Augen funkelten. - -»Oh! Ooh! Hoch! Hoch! Es wird brennen! Brennen!« Und er reckte die Arme -in die Höhe. - -Dann strich er ein Streichholz an. Es zerbrach und fiel verlöschend auf -die leere Tenne. Ein zweites Streichholz! Es brannte, und in seinem -Schein ging der Idiot nach dem getreidegefüllten Bansen. - -»Du! Was machst Du da?« - -»Jeses!« - -Ein Schrei! Ein zweiter! - -Das Streichholz erlosch. Eine Jagd ging los. Voran der Idiot, hinterher -ein Knecht des Buchenhofes, der das Geräusch der Tore gehört hatte und -dem Burschen nachgeschlichen war. - -»Stehen bleiben! Halt! Stehen bleiben!« - -Ein furchtbares Brüllen kam dem Jungen vom Munde. Er fiel über einen -Gegenstand, stand auf, sprang weiter und fand in der Angst nicht das -Tor. Es war rabenfinster. Man hörte das Keuchen der beiden Menschen. -Ein paarmal streifte der Knecht mit der Hand den Jungen. Der aber wich -immer geschickt aus. Es war ein furchtbares, entsetzliches Suchen und -Haschen. -- Eine Leiter stand da, die nach dem Getreideboden führte -- -jetzt faßte der Idiot die Leiter und stieg hinauf, lautlos wie eine -Katze. - -Der Knecht stand unten lauschend still. Wo war er? - -»Wo bist Du, Lump? Wart', vielleicht auf der Leiter -- wart', da krieg -ich Dich!« - -Ein Rutschen -- ein schwaches Knacken -- dann ein markerschütternder -Schrei, und ein schwerer Körper sauste aus der Höhe auf die Tenne. -Einen lallenden Schreckenslaut stieß der Knecht aus. Dann war -Totenstille. - - * * * * * - -Auf das Schreien des Knechtes kamen die Leute mit Lichtern nach der -Scheune gestürzt, dann eilte eine Magd über die Straße hinüber nach dem -Kretscham. Sie riß die Tür auf und schrie in die Stube: - -»Jeses, a Unglück, a Unglück! Der Gustav hat unsre Scheune anzünden -woll'n, und da is a von der Leiter gestürzt und hat a Hals gebrochen!« - -»Du -- Du -- o Du -- ich -- i -- was -- was? --« - -Lotte stierte in wahnsinnigem Entsetzen die Magd an; wollte reden, -schreien, fragen, konnte es aber nicht. - -Heinrich nahm sie fest am Arm. - -»Schräger! Herr Schräger! Ihr Gustav! Ach Gott, ach Gott! Den Hals -gebrochen!« wimmerte die Magd. - -Schräger saß da wie ein Bild aus Stein, gänzlich wortlos. Er stöhnte -nur. Ein dumpfes Gurgeln drang ihm aus der Kehle; die Augen stierten -entsetzt die Magd an, die immerfort weiter schrie, weiter jammerte, -dann fingen seine Hände an zu tasten, seine Füße an zu rutschen, und -so glitt er schwer unter den Tisch. - -Ein paar Minuten später brachten sie den Verunglückten auf einer -Futtertrage herüber. Er war tot. - -Auf die Diele der Gaststube legten sie ihn und standen dann alle stumm -an der Tür. Schräger, dem Hirsel und Heinrich auf die Bank geholfen -hatten, hatte lautlos zugesehen. Jetzt erhob er sich. Er wollte -hingehen, aber die Glieder versagten ihm. Mitten in der Stube fiel er -nieder, und ehe ihn die anderen aufrichten konnten, kroch er wie ein -Tier auf Händen und Füßen zu seinem toten Kinde, legte sich mit seinem -Körper über die Leiche und blieb zuckend und wimmernd liegen. Lotte -führten die Frauen hinüber nach der Wohnstube. -- - -In später Nacht ging Heinrich Raschdorf heim. Als er die Lampe -angezündet hatte, sah er sich scheu um. Das große Bild seines Vaters -schaute von der Wand herunter. Und der Sohn sah das Bild an in der -Stille dieser seiner Verlobungsnacht, und ein tiefes Schauern ging ihm -durch Leib und Seele. - -»Nun bist Du gerechtfertigt, Vater! Gerechtfertigt und gerächt!« - -Dann stieg er langsam wie ein Kranker hinauf in seine Stube. - - * * * * * - -Ein stürmischer Tag folgte dieser Nacht. Der Wind jagte die -Schneewolken über Wald und Dorf und peitschte Häuser und Bäume. -Und also stürmte es auch in den Geistern der Leute. Wie ein Blitz -ein schwarzes, enges Tal, in das kein Auge zu schauen vermochte, -urplötzlich durchleuchtet, so war es hier. Die Leute erkannten nun, wer -das erste Mal der Brandstifter gewesen war. - -Die Arbeit ging an diesem Tage lässig in allen Häusern, denn alle Leute -redeten, standen zusammen und plauderten erregt. Das fühlten alle: daß -an den Buchenhofleuten schwer gesündigt worden sei. So manchen kam die -Reue an, und er nahm sich vor, wieder gut zu machen, wo er etwa gefehlt -habe. Die Männer namentlich bedauerten, daß sie der Einladung zur -Verlobung im Kretscham nicht Folge geleistet hätten, weil sie dadurch -den Raschdorf-Heinrich aufs neue gekränkt hatten. Den Barbier aber -trafen die schwersten Vorwürfe, weil er dem Idioten Bier gegeben hatte, -und alle meinten nun, er sei schuld an Gustav Schrägers grauenvollem -Tode, er sei überhaupt immer der Hetzer und der Schuldige gewesen; ohne -ihn wäre alles nicht so schlimm geworden. - -So kam es, daß der Barbier in dieser Zeit seine Heimat verlor. Schon -nach wenigen Wochen ließ sich ein flinker Konkurrent im Dorfe nieder, -und ein wenig später zog der Barbier verachtet und heimatlos von -dannen. Auch im Dorfleben ist die öffentliche Meinung souverän; wer -bei ihr in Ungnade fällt, dem steht keine Berufung zu; er zieht in die -Verbannung. - -Über Schräger waren sich die Leute nicht einig. Seine Person blieb im -Dunkel. Die Weiber waren geneigt, ihn zu verurteilen, aber die Männer -meinten, nun sei es angebracht, recht oft in den Buchenkretscham zu -gehen, um am Ende einmal etwas herauszukriegen oder zu erleben. -- - -Gegen neun Uhr vormittags ging Heinrich Raschdorf nach dem Kretscham. -Die Leute hatten eben den Toten in eine leere Kammer zu ebener Erde -gelegt. Eine Öllampe hatten sie ihm zu Häupten gestellt, die brannte in -trübem Schein. - -Erschüttert betrachtete Heinrich die Leiche. Der Verderber seines -Hauses, der Bruder seiner Braut und alles in allem ein unglücklicher, -beklagenswerter Mensch! - -Draußen traf er die Stenzeln und fragte sie nach Lotte. Das Weiblein -wischte sich mit der Schürze übers Gesicht. »Ach, du mein Gott! Die hat -sich in ihre Stube geschlossen und kommt nicht heraus und gibt keine -Antwort.« - -Er stieg die Treppe hinauf und klopfte an ihre Türe. - -»Lotte! Lotte!« - -Ein leises Weinen. - -»Lotte! Gib Antwort! Bist Du krank?« - -»Heinrich, ich kann nicht heute -- nicht heute --« - -»Bist Du krank, Lotte? Sollen wir einen Arzt holen?« - -»Nein, nicht -- nicht! Ich bin nur müde -- müde!« - -»Reg' Dich doch nicht so auf, liebe Lotte! Ich bitte Dich!« - -»Ja, Heinrich, ja!« - -Er stand noch ein Weilchen an der Tür, aber sie sagte nichts mehr. So -ging er und schärfte der Stenzeln ein, die Lotte nicht allein zu lassen. - -Schräger war noch nicht zu sehen. Auch er hatte sich in seine Stube -eingeschlossen und kam nicht heraus; er gab auch keine Antwort. Nur -sein schlürfender Schritt war manchmal zu hören. - -Schon gegen drei Uhr nachmittags erlosch der Tag. Heinrich kam aus der -Stadt zurück, wo er einiges für das Begräbnis besorgt hatte. Wieder -verlangte er Lotte zu sehen. Aber die Stenzeln überbrachte ihm nur die -Bitte, sie ganz allein zu lassen. - -»Stenzeln! Was macht sie denn? Was tut sie so allein?« - -Die Frau zuckte die Schultern. - -»O du mein lieber Gott! Was wird sie machen? Nischt! Sie sitzt da und -grübelt und sagt kein Wort!« - -»Stenzeln, bringen Sie ihr die Rosen und sagen Sie, ich will ihr heute -Ruhe gönnen; aber morgen muß ich sie sehen. Auf jeden Fall! Und sie -soll sich nicht grämen, der Gustav war ein armer, unglücklicher Mensch; -er hat's nicht besser verstanden.« - -Die Stenzeln nickte und versprach alles auszurichten. Dann ging -Heinrich nach Hause. - -Gegen sieben Uhr klopfte die Stenzeln an Schrägers Tür. »Herr Schräger, -machen Sie auf! Sie müssen doch was essen!« - -Er öffnete. Entsetzt wich die Stenzeln zurück. Dieser Mann sah aus wie -ein zusammengeducktes, furchtsames Tier. - -»Herr Schräger! Jeses! Wie sehn Sie denn aus?« - -Er lehnte sich an die Wand und sah sie lauernd an. - -»Ist jemand gekommen? Hat jemand gefragt?« - -»Wer soll denn gekommen sein?« - -»Niemand gefragt? Nach mir? Nach mir, Stenzeln?« - -»Wer denn? O Gott, wer denn?« - -»Stenzeln, wenn der Wachtmeister kommt, ich -- ich bin nicht da! Hörst -Du? -- Nich da! -- Fort -- verreist! -- Hörst Du?« - -»O du mein Himmel, er kommt ja nicht! Ach Gott, so ein Unglück, so ein -schreckliches Unglück!« - -Er kam ihr ganz nahe. - -»Stenzeln! Sagen die Leute was über mich?« - -»Was sollen sie denn sagen?« - -»Ich hab' nischt gewußt, Stenzeln! Hörst Du? Nischt gewußt! Sag's den -Leuten! Ich -- ich kann nich dafür, ich bin unschuldig! Hörst Du? Sag's -den Leuten, sonst verklag' ich sie, sonst verklag' ich sie alle! Sag' -ihnen das!« - -Er sank auf einen Stuhl. Die Stenzeln fing an zu weinen. - -»Kommen Sie doch mit herunter, Herr Schräger! Bleiben Sie doch nich so -alleine!« - -Er schüttelte sich. - -»Geh' Stenzeln, geh' raus! Es kommt jemand im Hausflur. Geh'! Sachte! -Sachte! Sag' nischt, Stenzeln, sag' nischt! Ich bin nich da! Hörst Du? -Geh', geh' raus! Stenzeln, geh' raus!« - -Er drängte sie durch die Tür und schloß hinter sich ab. - - * * * * * - -Tief in der Nacht war's. Die Lotte lag mit weit geöffneten Augen -im Bett. Es war stockfinster in der Stube, und die Uhr war stehen -geblieben. Draußen stieß der Sturm an den Giebel, und die Äste eines -hohen Baumes schlugen manchmal an die Fenster. - -Das Mädchen faltete die Hände. Da drückte sie etwas -- das war der -goldene Ring! - -Sein Ring! Und drunten lag ihr Bruder! - -Wie die Rosen dufteten! - -»Er hat's nicht besser verstanden, der arme, unglückliche Mensch!« - -So edel war der Heinrich! - -Aber sie -- sie? War es nicht ein Verbrechen, daß sie diesen Ring trug? -Daß sie in einer Familie Liebe und Glück suchte, wohin ihr Bruder -Armut, Not, Tod und Schande getragen? - -Die Lene! O Gott, was würde die Lene sagen! Wenn sie das jetzt erfuhr, -dann ruhte ihr Fluch über ihrer und Heinrichs Liebe, jetzt mit Recht. - -Der Ring! Wie er grausam drückte! - -Wenn sie sterben könnte, und das auslöschen könnte, dann stürbe sie -gern, noch diese Nacht! - -Da! -- Draußen ging ein Schritt, ein ganz leiser Schritt! -- Jetzt! -- -Ein matter Lichtschein huschte unten an der Türschwelle vorbei. Was war -das? -- Was war das? -- Und nun ein Wimmern, ein furchtbares, schwer -unterdrücktes Wimmern unten im Hausflur. - -»O Gott, der Vater!« - -Nach kurzer Zeit schlich sie die Treppe hinab. Sie beugte sich über das -Geländer. Da sah sie ihn. In der offenen Tür zu der Totenkammer kniete -er, zusammengekauert, den Kopf an den Türpfosten gepreßt. - -Das Licht, das er getragen hatte, war erloschen; nur das Totenlämplein -schien fahl aus dem Gewölbe. - -»Vater! Vater!« - -Sie flüsterte es. Entsetzt zuckte er zusammen. - -»Wer ruft mich? O, Du Lotte, Du -- bloß Du -- bloß Du!« - -Sie eilte hinab und faßte ihn an der Hand. - -»Komm mit! Komm mit zu mir herauf!« - -»Ja! -- Ja! -- Ja! -- Lotte -- zu Dir -- oh -- da -- da --« - -Er sah noch einmal auf den Toten, auf sein schreckliches, -angstverzerrtes Gesicht und die zertrümmerte Stirn. Da schloß Lotte das -Gewölbe. - -Droben zündete sie mit bebenden Händen die Lampe an. - -Als Licht wurde, stöhnte er auf. Dann würgte er um Worte. - -»Ich halt's nich aus -- ich muß Dir's sagen, es erwürgt mich -- ich -hab' so schrecklich Angst -- Lotte -- ich -- ich bin schuld an allem!« - -Sie sah ihn verständnislos an. - -»Lotte, ich hab's ja gewußt, ich hab's ja immer gewußt.« - -»Was? -- Was?« - -»Daß er -- daß unser Gustav angezündet hat!« - -»Das hast Du gewußt?« - -Sie stammelte es. - -Er sah sie an, duckte sich zusammen und stand wortlos da. - -»Rede! Rede! Sag' alles! Alles! Rede! Sag's! Sofort! Sag' alles! Ich -will's!« - -Er ächzte, aber er brachte kein Wort heraus. - -»Wann hast Du's gewußt?« - -Der Verbrecher stand vor ihren zürnenden Richteraugen. - -»Lotte! Hab' -- hab' Erbarmen, Lotte!« - -»Wann hast Du's gewußt?« - -»Gleich -- gleich am ersten Tage!« - -»Vor dem Gerichtstag?« - -»Ih -- ih -- ja -- ja -- vor dem Gerichtstag!« - -Eine furchtbare Pause. Mit ganz leisem, teuflischem Pfeifen zog der -Wind um die Ecke des Hauses. - -»Du! -- Du! -- Du!« - -Sie ging auf ihn zu mit furchtbarem Haß in den Augen. - -»Sag' alles! Alles!« - -»Ich -- ich -- ich hab' falsch -- falsch geschworen, Lotte!« - -Sie sprach nicht. Sie hörte nur --! Ein Posaunenstoß dröhnte übers -Haus, ein Knirschen und Klappern und ein winselndes Wimmern. - -»Falsch geschworen? Warum?« - -»Den Buchenhof wollt' ich -- den Buchenhof -- für -- für Euch.« - -»Den Buchenhof wolltest Du?« - -Das sagte sie mit gebrochener Stimme. - -Dann ging sie langsam durch die Stube, schob den Vorhang vom Fenster -weg und sah hinüber nach dem Buchenhofe. - -Schräger setzte sich auf den Rand ihres Bettes und starrte sie an. - -Sie stand regungslos, die Hände hingen ihr schlaff herab. - -Nach langen Minuten wandte sie sich um. Langsam kam sie vom Fenster -zurück und trat an den Tisch. Dort zog sie den goldenen Ring vom -Finger, küßte ihn und legte ihn neben die Rosen. - -»Was machst Du, Lotte?« - -Sie sah ihn mit toten Augen an. - -»Das ist jetzt natürlich aus! Die Tochter und die Schwester von solchen --- solchen Verbrechern -- -- kann er nicht heiraten.« - -»Was willst Du tun, Lotte?« - -»Ich werd' ihm alles sagen!« - -Er stöhnte auf. - -»Ihm sagen!« - -Dann war es still. Die Lampe qualmte auf. Nach einer Weile schlug ein -Ast ans Fenster, und es sprang eine Scheibe. Da stand Schräger auf. -Langsam ging er durch die Stube bis zu einem Korbe, nach dem er in der -Zwischenzeit hingestarrt hatte. - -Aus dem Korbe nahm er eine Wäscheleine. Lotte hörte das leise Geräusch, -blickte auf und sah den Vater mit dem grauen Strick in der Hand. - -»Vater!« - -Er drehte sich nicht um. - -»Vater!« - -Sie war bei ihm, riß ihm den Strick aus der Hand und schleuderte ihn -hinter sich. Er fiel auf ihr Bett und lag wie eine graue Schlange über -den weißen Kissen. - -»Wenn Du's ihm sagst, komme ich auf meine alten Tage ins Zuchthaus! Da -is es besser -- Schluß!« - -»Vater, ich sag's ihm nicht -- ich werd's ihm nicht sagen, ich werd' -Dich ja nicht verraten, aber Du mußt alles tun, was ich will -- alles!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 18] - - -Im Buchenhofe schlug eine Uhr die dritte Morgenstunde. Heinrich -Raschdorf lag wach im Bett. Aus dem Dämmerlicht leuchtete matt eine -Silberschrift von der Wand: »Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser.« - -Der Ruhelose schloß die Augen und sprach mit sich selbst, weil er -sprechen mußte. - -Der schuld war, lag drüben stumm und kühl. Seine arme Seele war -hinüber. Und den Reinen gehört das Leben. Das zertrümmert nichts: kein -Freundeszorn, kein Schwesterfluch. Auf ein reines Leben kommt kein -Unsegen hernieder, auch nicht von einem Geopferten. - -So kämpfte Heinrich Raschdorf wider sein empfindsames Herz. Er kämpfte -lange vergebens. Drunten schlug die heisere Uhr viermal, dann fünfmal, -ohne daß sich die Qual des jungen Mannes vermindert hatte. Erst gegen -Morgen fiel er in schweren Schlummer. - -Als der Tag lange schon ins Zimmer leuchtete, wachte Heinrich Raschdorf -auf. Es war zehn Uhr vorbei. Hastig kleidete er sich an und ging sofort -hinüber nach dem Kretscham. - -»Ich hab's verschlafen, Stenzeln. Wie geht's? Was macht Lotte?« - -Die Stenzeln ging nach der Kommode. - -»'n Brief schickt sie, sie is in die Stadt. Um sieben schon. Sie muß -sich ja die Trauersachen besorgen. Und der Herr is in seiner Stube -und kommt nich raus. Da is der Brief! 's is a Jammer, wie das Kind -ausgesehen hat heute früh.« - -Heinrich zerriß den Briefumschlag und las einen Satz. Dabei schluckte -er heftig, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und trat mit -dem Briefe ans Fenster. - -»Sie! -- Sie! -- Sie! -- -- Stenzeln! -- -- Da -- da -- sie ist ja fort --- sie ist ja fort, Stenzeln!« - -»Herr Raschdorf! Jeses, was reden Sie denn?« - -»Stenzeln, sie ist fort! Sie kommt nicht wieder! Sie kommt nicht -wieder!« - -»Ach Gott, Herr Raschdorf, ach Gott. Das ist ja nich möglich -- was --« - -Er schob sie beiseite und stürmte die Treppe hinauf. - -»Herr Schräger! Machen Sie auf!« - -Von den Schlägen seiner Fäuste dröhnte die Tür. - -Ein Stöhnen kam aus der Stube. - -»Aufmachen! Ich hau' die Tür ein! Ich hau' wahrhaftig die Tür ein!« - -Die Tür ging auf. - -»Da -- der Brief! Sie ist fort! Sie schreibt, sie will mich nicht -heiraten! Sie kommt nicht wieder! Das ist ja verrückt! Das ist ja total -verrückt!« - -Schräger starrte mit bleichem Gesicht und weitgeöffneten Augen den -rasenden jungen Mann an. - -»So reden Sie doch! Reden Sie doch ein einziges Wort! Wissen sie, daß -sie fort ist, daß sie nicht wiederkommt?« - -Schräger keuchte. - -»Ja!« - -»Sie wissen's? Und Sie sagen mir nichts? Sie lassen sie fort? Sie -lassen mich schlafen? Mensch!« - -Er erhob die Fäuste gegen ihn. Schräger duckte sich zusammen. - -»Wegen 'm Gustav! Bloß wegen 'm Gustav,« stammelte er. - -»Wohin?! Wohin ist sie?« - -»Ich -- ich weiß nich.« - -»Das ist nicht wahr! Das ist Schwindel! Das ist 'ne Lüge! Ich will's -wissen! Wohin ist sie? Wohin ist die Lotte?« - -»Sie -- sie hat mir's nich gesagt.« - -»Wohin ist sie?!« - -Das schrie er. - -»Ich weiß nich, wahrhaftig, ich weiß ja nich! Ich kann nischt dafür! -Ich kann ja gar nischt dafür!« - -Heinrich Raschdorf stand zitternd vor ihm. Auf Sekunden mußte er mit -sich kämpfen, den Mann nicht zu mißhandeln, ihm nicht mit Gewalt das -Geständnis zu entreißen. Dann aber warf er den Kopf zurück, grub die -Hände in die Taschen und ging ein paarmal rasch durch die Stube. -Schließlich setzte er sich auf einen Stuhl, Schräger gegenüber. - -»Ich will ja vernünftig sein, ich will ja nicht schreien, ich will ja -alles auf mich nehmen, aber das müssen Sie mir sagen, wohin sie ist. Es -ist ganz klar, daß Sie mir das sagen müssen. Sie ist doch meine Braut!« - -»Heinrich, ich weiß nich! Sie will weit fort. Und ich soll die -Wirtschaft verkaufen, und dann soll ich nachkommen.« - -»Wohin sollen Sie nachkommen?« - -»Das weiß ich nich. Das wird sie erst viel später schreiben, sagte sie. -Sie wird erst einen Ort suchen.« - -Es wurde still. Heinrich Raschdorf starrte mit bewegungslosem Gesichte -den alten Schräger an. Unten wurde die Tür geöffnet; -- zwei Männer -stapften in den Hausflur und setzten etwas nieder. - -»Guten Tag! Wir bringen den Sarg!« sagten sie. - -Der alte Schräger hörte es und legte die Hände über das Gesicht. »Ich -wollte, es gält' mir!« - -Heinrich hörte von alledem nichts. Nach einer Weile erhob er sich. - -»Und sie hat nichts für mich hinterlassen als den Brief?« - -»Sonst nichts!« - -»Sagen Sie: Können Sie mir schwören, daß Sie nicht wissen, wohin sie -ist, warum sie fortgeht, schon vor dem Begräbnis? Können Sie mir das -schwören?« - -»Schwören?! Nein, schwören tu ich nich! Nein! Aber ich weiß nich, wo -sie hin ist. Ich hab' sie selber gefragt; sie sagte, ich würd' es Ihnen -verraten, und gerade deshalb sagte sie mir's nich.« - -»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Ich hab' hier weiter nichts mehr zu -tun.« - -»Heinrich! Herr Raschdorf! Bleiben Sie noch, bleiben Sie noch ein -kleines bißchen! Es ist schrecklich so alleine. Und dann -- ich hab' -eine Bitte, die hat mir noch die Lotte aufgegeben.« - -»Was?« - -Schrägers Gesicht wurde feuerrot, und das Wasser stieg ihm in die Augen. - -»Was für eine Bitte?« drängte Heinrich. - -»Kaufen Sie mir -- kaufen Sie mir meine Wirtschaft ab. Ich -- laß' sie -Ihnen für das halbe Geld.« - -Die Tränen liefen dem Manne übers Gesicht, und man sah, wie er die -Worte unter furchtbarem Schmerz und schwerer Überwindung hervorbrachte. - -»Ihre Wirtschaft? Das will die Lotte?« - -»Ja! Ich hab's ihr in die Hand versprochen. Und wenn ich's nich tue, -seh' ich sie nich wieder.« - -Heinrich war nicht gleich fähig, etwas zu sagen. Nach einer Weile erst -fragte er: - -»Warum will sie das?« - -»Sie meint, weil Ihr -- weil die Raschdorfs durch uns -- ich will sagen -durch unseren armen Gustav geschädigt worden sind.« - -»Ja so! Und vielleicht auch, weil sie mich ohne Abschied im Stich läßt. -Da soll ich eine Wirtschaft zu halbem Preis kriegen. Eine Abfindung -soll ich bekommen.« - -Er lachte bitter. Sie ging nicht nur ohne Abschied von ihm, sie schied -mit einer Beleidigung. - -»Herr Schräger, ich mag Ihre Wirtschaft nicht, ja, Sie können -erleichtert aufatmen! Ich mag sie nicht umsonst! Sie ist auch umsonst -noch zu teuer. Wenn die Lotte das Gewissen drückte, dann hätte sie -wissen müssen, daß es einen einzigen Schadenersatz für mich gab, und -das war sie selbst. Mit einer Wirtschaft ist mir nicht gedient. Im -Gegenteil! Wenn Sie den Buchenhof haben wollen, spottbillig haben -wollen, können Sie ihn heute oder morgen haben. Heute oder morgen, je -eher, je lieber!« - -Ein ganz leises, verirrtes Leuchten blitzte durch die Äuglein des alten -Wirts; es erlosch gleich wieder. - -»Den Buchenhof? Billig? -- Was nützt's! Es is zu spät! Es geht nich -mehr!« - -»Und hat Ihnen die Lotte nicht gesagt, wann sie Ihnen Nachricht geben -will?« - -»Ja! Zeitigstens in einem Jahre! Ich hab' ihr tausend Mark mitgeben -müssen. So lange das reicht, schreibt sie nich.« - -»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Lassen Sie sich's gut gehen!« - -»Bleiben Sie noch ein bißchen, ein kleines bißchen.« - -»Nein! Ich hab' keine Zeit. Ich habe schon zu viel Zeit hier -zugebracht. Leben Sie wohl!« - -Die Treppe ging er hinab. Er hielt sich fest an das Geländer und -schwankte doch und trat schwer auf. - -Unten aus dem Hausflur klang Schritteschlürfen und gedämpftes Sprechen. -Sie legten den Toten in den Sarg. - -Heinrich wandte sich nicht um, und als die Stenzeln kam und ihn in der -Haustür am Ärmel faßte, schüttelte er sie ab. - -Drüben in seiner Wohnstube sah er sich um. - -Da war er! Da kam er wieder! Er kam von drüben, kam wieder nach Hause. - -Sein Lachen schallte unheimlich auf. - -»Ist das schön! Ist das schön zu Hause!« - -Langsam setzte er sich hinter den Tisch und lehnte den heißen Kopf -gegen die kühle Mauer. Die Augen starrten ausdruckslos nach der Decke; -der Mund war ein wenig geöffnet. Wie schwere Betäubung lag's auf seiner -Stirn. Eine graue Spinne kroch aus einem Winkel, blieb an der Decke -gerade über ihm stehen und starrte ihn mit ihren unbeweglichen Augen -unheimlich an. - -Lange saß er so am Tisch, ohne sich zu rühren. Dann ging er schwer -durch die Stube, zog Lottes Brief aus der Tasche, öffnete den Ofen und -warf den Brief hinein. - -»Da, du verfluchter Wisch! Da brennst du, brennst wie Schwefel! Oho, da -steht das Wort »Liebe«! Siehst du, wie schön eine Lüge brennt? O ja! -Und jetzt ist's gut, jetzt ist's aus!« - -Er setzte sich auf die Ofenbank. Des Vaters Jagdgewehr fiel ihm ein. Es -war zweiläufig. Die eine Patrone war abgeschossen, die andere steckte -noch. Am Ende wäre sie noch brauchbar. Schade um so eine Patrone, wenn -sie jahrelang unbenutzt in einem Laufe steckt! - -Er sah hinüber nach des Vaters Bilde. - -»Jawohl, du -- wir haben hübsche Nachbarsleute! Da ist was zu holen, -etwas ganz Bestimmtes, das keiner zweimal braucht!« - -Eine halbe Stunde verging. Grauen, Schmerz, Wut wechselten in -seiner Seele ab, über alles ging eine riesengroße Verwunderung, die -Verwunderung, daß ein Mensch so handeln könne wie die Lotte, die -Verwunderung, daß einen Menschen ein so jammervolles Schicksal treffen -könne wie ihn. -- - -Das Hoftürchen ging draußen, und ein Männerkopf wurde an den Fenstern -sichtbar -- Mathias! - -Heinrich rührte sich nicht, sagte auch kein Wort, als es leise an die -Tür klopfte. Da öffnete Mathias behutsam und trat ein. - -»Heinrich!« - -Der regte sich nicht und sah auf den Fußboden. - -»Heinrich, die Lotte schickt mich zu Dir! Sie hat mir einen Brief -geschrieben.« - -»So? Dir auch? Da kannst Du lachen! Mein Brief steckt schon im Ofen!« - -Mathias trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. - -»Wir müssen miteinander reden, Heinrich!« - -»Reden? Nein! Ich will nicht! Tu mir den Gefallen und geh' wieder. -Was kommst Du wieder? Ich kann niemand gebrauchen. Dich auch nicht! -Wirklich nicht! Sieh mich nicht so an! Es ist mir lästig!« - -Mathias legte ihm beide Hände auf die Schultern. - -»Nein, alter Heinrich! Ich geh' nich! Ich geh' bestimmt nich! Ich geh' -überhaupt nich mehr!« - -Heinrich schüttelte die Hände ab. - -»Gehst überhaupt nich mehr? Meinetwegen! Mir ist's egal! So bleib' -halt!« - -Mathias ging nach dem Tische, nahm sich einen Stuhl und setzte sich. - -»Weißte was, Heinrich, ich hab' mir's auf 'm Wege hierher überlegt -- -Du mußt fort!« - -Heinrich hob das Haupt und sah den Alten kurz und scheu an. - -»Fort? Stimmt! Ich muß fort! Da hast Du recht.« - -»Ja, wenigstens auf a Jahr. Nach Breslau mußt Du! Fort hier aus dem -Loche, wo Dir das Leben leid wird. In Breslau mußte Dich amüsieren oder -a bissel studier'n oder Geld totschlagen, is alles egal, bloß, Du mußt -hin!« - -Heinrich lachte. - -»Täusch' Dich bloß nicht! Ich geh' schon, geh' schon, aber nach -Breslau? Nein! Täusch' Dich bloß nicht!« - -»Da is gar nischt zu täuschen! Du bist a ganz verpfuschter Kunde, -Heinrich! Zum Bauer taugste nich, mit a Leuten verstehste Dich nich, -der alte Großknecht und die Schwester laufen Dir fort, die Braut rückt -och aus -- Du paßt höchstens in die große Stadt. Dort wirste noch als a -Staatskerl gelten, dort gibt's viele solche Knöppe wie Du einer bist!« - -Heinrich sah auf. - -»Weißt Du nicht sonst noch ein paar Witze, Mathias?« - -»Witze sind das nich, Heinrich! Sieh mal, darauf kannste nu Gift -nehmen: die allermeisten Menschen sind riesig dumm. Ich och und Du erst -recht! Ich alter Esel rück' aus, weil mir was nich paßt, und Du junger -Kerl sitzt dort, wo für Dich 's meiste Pech hingeschmiert is. Und das -sag' ich Dir: die Schräger-Lotte hat zehnmal mehr Verstand im Leibe, -wie Du und ich zusamm'n.« - -Heinrich lachte höhnisch. - -»Ja, das muß man sagen!« - -»Man muß wirklich sagen! Die hat 'n Charakter! Das is amal eine, die -nich an sich denkt. Dagegen sind wir alle klunkrige Kerle. Und was das -Schlimmste is, daß ich das erst einseh'n lern', wo sie fort is. Das is -a Prachtmädel, die Lotte!« - -Heinrich stand von der Ofenbank auf. - -»Ich möchte wissen, was das alberne Gerede für einen Zweck hat. In -Wirklichkeit ist sie eine dumme Gans, oder religiös-verrückt, oder -so -- alles dasselbe! Weil ihr blödsinniger Bruder meinem Vater die -Scheune angezündet hat, läuft sie mir fort, macht sie mich unglücklich. -Damit sühnt sie das! Na, Mensch, siehst Du nicht ein, daß das -hirnverbrannt ist?!« - -Er lachte, daß er sich schüttelte. - -Mathias sah ihn milde an. - -»Auf a bissel Geschimpfe kommt's nich an, Heinrich. Aber das sag' ich -Dir: wenn Du Dich etwa umbringen tät'st, wärste a Schmachtlappen!« - -Der junge Buchenbauer fuhr wild auf. - -»Was?! Wie?! Wer sagt das! Was geht Dich das an? Was? Hast Du mir was -zu sagen? Du?!« - -»Nö! Aber raten möcht' ich Dir was: Leg' Dich a bissel schlafen!« - -»Mathias! Bist Du denn besoffen? Wie kommst Du denn bei meiner jetzigen -Lage zu solch dämlichem Gerede?« - -»Es wär' Dir sehr gutt, wenn Du a bissel schlafen tät'st, nachher -könnt' man doch mit Dir reden. Ob Du nu willst oder nich, das is egal. -Wir müssen auch endlich amal miteinander verrechnen. Wer weiß, was nu -aus Dir wird, und um mein Geld möcht' ich nich kommen.« - -Der Buchenbauer sah Mathias unsicher an. - -»Das sind Ausreden! Um das Geld ist Dir's nicht. Ich versteh' Dich -schon!« - -»Schön, wenn Du mich verstehst! Jawohl, ich geh' Dir nich vom Halse, -bis Du schläfst, oder bis Du wieder andere Augen hast -- nich solche! -Verstehste mich? Und rausschmeißen kannste mich nich, keen Knecht -packt an, und alleine biste zu schwach. Ich geh' Dir nich vom Leder, -Heinrich, Du magst machen, was Du willst.« - -Heinrich Raschdorf trat mit verbissenem Zorn ans Fenster. Der Mann -wollte ihn durch das Gerede um seine Stimmung bringen, um seine -Stimmung. Das merkte er. - -»Mathias, Du hast mich seither nicht gefunden, warum kommst Du jetzt? -Ich brauch' Dich nich, ich will Dich nich! Ich will, daß Du mich -machen läßt, was ich Lust hab'! Ich nehm' von Dir keine Lehre mehr an, -verstehst Du! Und wenn Du durchaus hier bleiben willst, gehe ich!« - -»Wenn Du gehst, geh'n wir zusammen, Heinrich,« sagte Mathias und erhob -sich. - -Voll Ingrimm sank der junge Buchenbauer auf einen Stuhl. - - * * * * * - -Bis gegen zwei Uhr nachmittags zankten sie miteinander. Gegen drei Uhr -schlief Heinrich Raschdorf wirklich auf dem Sofa ein. Seit drei Nächten -hatte er nicht mehr ordentlich geschlafen, und es lag wie schwere -Betäubung auf seinem Hirn. - -Mathias setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster und wachte bei ihm. -Durch den tiefen Ernst seines Gesichtes schimmerte ein Lächeln über den -Sieg, den er errungen. Nach einiger Zeit kam der Schaffer in die Stube -getappt. - -»Pst! Tritt doch nich so auf, Mensch!« - -Der Schaffer zog die Holzpantinen aus und nahm sie in die Hand. - -»Is wahr?« fragte er leise und zeigte mit den Pantinen erst auf -Heinrich und dann nach dem Kretscham. - -Mathias nickte. - -»Ja, sie is fort! Weil ihr Bruder angezünd't hat, denkt sie, sie darf -nich als Frau uff a Buchenhof kommen. Sie hat zuviel Ehrgefühl.« - -Dem Schaffer fiel eine Pantine auf den Fußboden. - -»Pst -- Mensch! Halt' doch Deine Latschen feste! A muß schlafen!« - -»A is wull -- a is wull -- ganz disperate um a Kopp?« - -»Ja, aber geh' lieber raus! Ich erzähl' Dir's heute abend.« - -Der Riese bückte sich gehorsam nach seinem verlorenen Pantoffel und -schlich aus der Stube. - - * * * * * - -Der Abend kam. Mathias saß noch immer im Lehnstuhl und sah nach dem -Schlafenden, manchmal sehr sorgenvoll, aber dann auch wieder mit all -seiner zärtlichen Liebe. Es war doch sein guter, lieber Heinrich! Er -hatte ihn schwer vermißt die wenigen Wochen und nur immer keinen Mut -gefunden, wieder zu ihm zu gehen. Jetzt kann er ihn ohne allen Groll -anschauen. Die Liese ist im Frieden. Die einzige von allen, die im -Frieden ist! Die anderen alle sind zerstreut in der Fremde. - -Nun war es schon ganz finster, und Heinrich schlief noch immer. Draußen -pfiff der Wind durch die Äste der Bäume. - -Da ging die Tür leise auf. Eine dunkle Gestalt erschien und blieb -regungslos stehen. - -»Wer kommt? Wer ist da?« flüsterte Mathias. - -Ein leises Schluchzen kam von der Tür. - -»Mathias! Ich bin's!« - -»Lene! Du?« - -Er ging hin, faßte sie an der Hand, zog sie nach dem Hausflur und -schloß vorsichtig die Tür. - -»Wo kommst Du her? Was willst Du?« - -»Die -- die Schräger-Lotte hat an mich geschrieben. Heute nachmittag -kriegt' ich den Brief.« - -»Auch an Dich? Komm mit 'rauf, Lene; da drinnen schläft der Heinrich.« - -In der Giebelstube saßen sie beide zusammen. Lene lag mit dem Gesicht -auf dem Tisch. Mathias las den Brief. - - Liebes Fräulein Raschdorf! - - Eine Unglückliche schreibt an Sie. Ich bin die Braut Ihres - Bruders geworden, weil ich ihn liebte und weil ich des festen - Glaubens war, daß die Vorwürfe, die Sie und Mathias Berger - meiner Familie machten, unbegründet seien. Durch den Tod - meines unglücklichen Bruders habe ich die traurige Gewißheit - gewonnen, daß ich mich getäuscht habe und daß Sie im Recht - waren. Deshalb gebe ich die Verlobung auf, weil ich nicht in - ein Haus eindringen will, das durch meine Familie so schwer - geschädigt worden ist. Ich gehe in die Fremde und bin, wenn Sie - diesen Brief bekommen, schon weit von der Heimat, wohin ich - nie zurückkehren will. Ich gehe fort, weil Ihr Bruder alles - versuchen würde, mich umzustimmen, weil ich mich zu schwach - fühle, auf die Dauer zu widerstehen, unfähig, ihm auch nur - noch einmal unter die Augen zu treten, und weil ich nicht sein - werden könnte, ohne ihn zu betrügen. Ich bitte Sie um alles - Kummers willen, den Sie durch uns erfahren haben, um Verzeihung - und flehe Sie an, zu Ihrem unglücklichen Bruder zurückzukehren, - da er jetzt nicht allein sein kann und darf. - - Charlotte Schräger. - -Mathias Berger schob den Brief zurück und wurde rot im Gesicht. - -»Lene, wir haben ihr unrecht getan. So -- so wie die wird selten eine -sein.« - -Das Mädchen antwortete nicht; sie schluchzte nur heftig. Nach einer -Weile sagte sie: - -»Sie muß zurück -- sie muß zurück zu ihm!« - -»Geht nich, Lene, geht ja nich! Es weiß niemand, wo sie is, nich amal -ihr Vater!« - -Und an den zwei Menschen erfüllte sich wieder, was so alt ist wie die -Welt: In allen Feindseligkeiten der Menschenkinder ist es die edle Tat -allein, die den Sieg findet, die hinübergeht ins feindliche Lager, den -Gegner anschaut mit milden, magnetischen Augen und, während sie ihn -verwirrt und bestürzt macht, ihm die Waffen sacht, aber unwiderstehlich -aus der Hand nimmt. - -Die beiden schämten sich voreinander und vor sich selbst. Dann suchten -sie einen Trost herbei: sie hätten's nicht besser gewußt. - -Sie sprachen eine Weile miteinander, dann gingen sie leise hinab nach -der Wohnstube. Die Lampe brannte, und Heinrich saß am Tisch. Er schaute -nicht auf, als sie eintraten. - -Wieder blieb die Lene an der Tür stehen; dann plötzlich eilte sie durch -die Stube und kniete vor dem Tisch nieder. - -»Heinrich!« - -Er sah sie überrascht an. - -»Lene -- was willst Du hier?« - -Das Mädchen war unfähig, ein Wort zu reden. - -Mathias faßte Heinrich um die Schultern. - -»Sei gut, Heinrich! Die Lotte hat an sie geschrieben. Sie sieht ja -jetzt auch ein, daß sie der Lotte unrecht getan hat, und ich auch.« - -Heinrich lachte. - -»Das ist alles, was sein kann, daß Ihr das einseht! Das ist ja gerade -noch zeitig genug. Nachdem alles kaput gegangen ist, sehen sie's ein!« - -»Heinrich, laß mich wieder hier, laß mich wieder bei Dir!« schluchzte -Lene. - -»Nein! Wer fortläuft, braucht nicht wiederzukommen! Niemand! Nicht -Mathias, nicht Du und auch die drüben nicht! Sie hätte nicht nötig -gehabt, so heimlich zu tun; ich hätt' sie nicht geholt. Und Dich -brauch' ich nicht mehr! Ich brauch' niemand!« - -Die Lene erhob sich. - -»Soll ich -- soll ich wirklich gehen, Heinrich?« - -»Ja!« - -»Nein, sie geht nich, und ich geh' auch nich! Wir bleiben hier. Morgen -früh, wenn Du willst, werden wir gehen. Nich jetzt in dem Wetter und -in der Nacht! Das kannste nich verlangen!« - -Heinrich antwortete nicht. So setzten sich beide an den Tisch. Eine -Weile waren alle stumm, dann sagte Mathias: - -»Heinrich, willste uns nich sagen, was Du machen wirst?« - -»Ist nicht nötig!« - -Da sagte Mathias nichts mehr. Er wußte, daß der junge Buchenbauer, in -dem es fürchterlich arbeitete, von selbst sprechen würde. So kam es -auch. Er sprang nach einer Weile auf und reckte die Arme in die Luft. - -»Fort muß ich -- fort, fort aus diesem elenden, verfluchten Hause -- -oder -- oder --« - -»Heinrich, sieh mal, es wär' schon gutt, wenn Du vernünftig mit uns -reden tät'st. 's beste is, Du verkaufst a Hof, und bis Du ihn los -bist --« - -»Soll ich hier bleiben? Hier? Nicht einen Tag! Nicht einen halben Tag -mehr!« - -»Das sag' ich auch. Du mußt bald fort! Morgen! Und daß die Wirtschaft -nich allein is, bleiben die Lene und ich hier, bis wir sie los sind. -Dann schicken wir Dir das Geld, und Du brauchst Dich um nichts weiter -mehr zu kümmern, auch um uns nich.« - -Darauf hörte Heinrich, und es kam eine Unterredung zustande, bei -welcher Mathias Berger fast ganz allein sprach, in deren Verlauf er -aber doch den jungen Buchenbauer vollends für seine Pläne zu bestimmen -wußte. - - * * * * * - -So nahm Heinrich Raschdorf am anderen Tage Abschied vom Buchenhofe. Er -war blaß, sonst verriet keine Miene seine Aufregung. Mit Mathias und -Lene sprach er nur von rein geschäftlichen Dingen. Dem Mathias würde -er alsbald eine gerichtliche Vollmacht schicken, den Buchenhof zu -verkaufen. - -Kurz nach Mittag gab er dem Schaffer den Befehl, anzuspannen. Er selbst -trat noch einmal in die Wohnstube. - -»Meine Kleider und Bücher schickt Ihr mir nach, wenn ich Euch meine -Adresse werde geschrieben haben!« - -»Ja, Heinrich!« - -»Sonst bleibt alles hier! Ihr könnt ja Auktion machen. Und wenn Ihr -selbst was zum Andenken behalten wollt, nehmt Ihr's Euch vorweg. Ich -will nichts.« - -»Ja, Heinrich!« - -Er ging noch einmal durch die Stube und sah auf einige Sekunden zum -Fenster hinaus. Dann wandte er sich um. - -»So lebt wohl! Der Schaffer wird fertig sein.« - -Die Lene brach in leidenschaftliches, lautes Weinen aus, und Mathias -hielt sich bleich an der Tischecke fest. - -Heinrich blieb mitten in der Stube stehen. Ein paarmal hob sich seine -Brust krampfhaft, dann zuckte er die Schultern und ging rasch hinaus. - -Unhörbar glitt der Schlitten aus dem weitgeöffneten Tor des -Buchenhofes, das bald darauf ein Knecht verriegelte. - -Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich Raschdorf den Bergweg entlang; -erst als er in den Wald kam, blickte er auf. - -Jetzt war nichts mehr von den Höfen zu sehen, nichts mehr vom Dorfe. Es -lag alles hinter ihm begraben dort unten in dem verschneiten Tal. Nur -die Stelle sah er, wo er ihr einmal die Maiglöckchen gepflückt hatte. -Dort lag jetzt eine Schneeschanze. Und das Brünnlein, das damals so -lieblich durch die Mittagsstille sang, war tot und still. - -Ein Weilchen später tagte ein Turm auf. In dessen Nähe war der Bahnhof. -Dort liefen in die weiße, dunstige Ferne die Eisenschienen hinaus in -die Welt. - -Gestern sie -- heute er! Jedes seinen Weg! Viel Schienen laufen vom -gleichen Platz, die sich auf keiner Station der Welt mehr kreuzen. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 19] - - -Auf dem Freiburger Bahnhof in Breslau stand ein Rekrut. Zwei -Bahnschaffner und drei Frauen hatte er bereits gefragt, ob denn der Zug -von Waldenburg her immer noch nicht komme, und jedesmal erfahren, daß -er sich noch gedulden müsse. So setzte er sich verdrossen auf eine Bank -der zugigen Halle, zog ein Telegramm aus der Tasche und las: - -»Heinrich kommt vier Uhr nach Breslau. Abholen! Wichtiges vorgefallen. -Mathias.« - -Hannes befühlte seine Soldatenbeine. Es steckte jetzt noch ein -furchtbarer Schreck darin, denn er hatte immer gedacht, ein -Telegramm könne bloß kommen, wenn jemand gestorben sei. Er hatte auch -augenblicklich angefangen zu heulen, als ihm das Telegramm übergeben -wurde, und dafür von seinem Hauptmann, der zufällig anwesend war, einen -Rüffel und gleich hinterher »Nachturlaub« bekommen, als dieser das -Telegramm gelesen hatte. So war der Alte: erst anschnauzen und dann von -selber Urlaub geben! - -Die Beine, die Beine! Hannes ist fest überzeugt, daß er hinkt, wie er -so in schweren Gedanken wieder durch die Halle schreitet. Wichtiges -vorgefallen! Er ahnte, daß es nichts Gutes sein könne, und war -überhaupt nicht für »wichtige« Dinge. - -Da fuhr der Zug donnernd in den Bahnhof! Der junge -Vaterlandsverteidiger lehnte sich an eine Säule und ließ die Leute an -sich vorübergehen. Nicht lange, da sah er ihn, den er suchte. - -»Heinrich! Heinrich, was ist denn passiert? Was ist denn Wichtiges -passiert?« - -»Du -- Hannes! Wo kommst Du her? Woher weißt Du denn, daß ich --« - -»Vorsicht! Platz da! Vorsicht!« - -Sie gingen hinaus auf den freien Platz vor dem Bahnhof. - -»Heinrich, sag' mir, ist jemand gestorben?« - -Der sah ihn ernst und wortlos an. - -»Heinrich, sag' mir's doch! Ist -- ist vielleicht mein Vater gestorben?« - -Dem Rekruten schoß das Wasser in die Augen. - -»Nein, Hannes! Sie sind alle gesund. Nur ich -- nur ich wäre beinahe -gestorben.« - -»Du? Was fehlt Dir?« - -»Jetzt nichts mehr! Jetzt fehlt mir gar nichts mehr!« - -In einem Gasthause fanden sie einen stillen Winkel. Dort erzählte -Heinrich kurz, hart, oft vom eigenen Lachen unterbrochen, was ihn -hergeführt habe. Was er hier wolle, wisse er nicht. Nur von Hause -wolle er fort sein. Es sei ja so herrlich in Breslau. Dann gingen sie -auf Heinrichs Wunsch in ein Variété. Und ob Hannes noch im Gasthause -steinunglücklich gewesen war, hier war er überrascht von den blendenden -Dingen, die auf der Bühne vor sich gingen, und er vergaß vor lauter -Staunen allen Kummer. - -Heinrich saß still neben ihm. Er fühlte den Hohn dieser Lage. Vor einer -Woche, ja noch gestern früh hätte er das nicht gedacht. - -Eine Tiroler Sängertruppe trat auf. Sie sang ein Heimwehlied. Da ging -Heinrich nach dem Büfett und trank ein Glas Bier, während Hannes in -stummer Andacht dasaß. Die ganze Nacht saßen sie in Gasthäusern herum, -und beiden glühte der Kopf. Bis zur Kaserne begleitete Heinrich seinen -Freund. - -»Gute Nacht, Hannes! Du warst noch der einzige, der mir treu geblieben -ist, Du und Dein Vater. Jetzt werden wir uns ja hier auch manchmal -sehen!« - -Dann, wie er durch die nächtlichen Straßen irrte, wußte er: Es gibt -keinen Ort, wo man so sterbensallein sein kann, wie in der großen Stadt. - - * * * * * - -Der Gymnasialdirektor war von jeher Heinrich Raschdorf sehr gewogen -gewesen. Er erinnerte sich seiner sehr wohl; denn Heinrich war ehemals -ein Freund seines Neffen und als solcher auch einigemal im Hause des -Direktors zu Besuch gewesen. - -Jetzt, als er die Lebens- und Leidensgeschichte seines früheren -Schülers erfuhr, wurde sein Interesse wieder in hohem Maße wach. Es -ergab sich, daß die jahrelangen, eifrigen Studien Heinrichs von großem -Erfolg gewesen waren, und der Direktor versicherte, wenn Heinrich -Privatunterricht nähme und fleißig studiere, würde er alle Aussicht -haben, beim nächsten Abiturium als Hospitant das Examen zu bestehen. - -So mietete sich Heinrich ein Zimmer und ergab sich eifrig dem Studium. -Es wunderte ihn, daß eine heimliche Freude in ihm aufgeblitzt war, als -der Direktor ihm die erfreuliche Aussicht eröffnet hatte. Und als er -sich selbst einen Stunden- und Arbeitsplan entwarf und seine Bücher -ordnete und aufstellte, mutete ihn das neue, fremde Zimmer ein ganz -klein wenig heimatlich an. - -So kam es, daß Heinrich Raschdorf ein stiller Mann wurde, einer, der -nie lachte, aber auch nicht mehr klagte oder mit dem Schicksal grollte. - -An den Sonntagen besuchte ihn Hannes. Der brachte immer ein gut Teil -urwüchsiger Laune mit. Heinrich ließ ihn plaudern und lachen. Nur von -der Heimat durfte er nicht reden. Und Heinrich Raschdorf wußte gar -nicht, daß er in diesem schlichten, gutmütigen Hannes immer noch ein -Teilchen Heimat liebte und für seine Sonntagssehnsucht begehrte, denn -ohne Hannes wäre kein Sonntag gewesen. - -Kleine Episoden ereigneten sich, die den Kampf ums Vergessen -erschwerten. Einmal stiegen die jungen Freunde auf die Liebichshöhe. -Es steht da ein stattlicher Aussichtsturm, von dem man das Häusermeer -der Stadt Breslau gut übersehen kann und auch einen schönen Fernblick -genießt. Hannes verfiel wieder ins Staunen, Heinrich aber schaute -über die Stadt hinaus. Weit in dunstiger Ferne, im Südwest waren die -Waldenburger Berge sichtbar, die Berge seiner Heimat. Das wußte er noch -von seiner ersten Gymnasialzeit her, wo er oft dort oben seine Träumer- -und Heimwehstunden gehabt hatte. Und auch jetzt konnte sich seine -verbitterte Seele der tiefen Poesie, die von den Bergen der Heimat -herüberstrahlte, nicht ganz verschließen. - -Ja, es ist so: Wenn uns Menschen eine Sehnsucht faßt, stehen wir immer -auf einem hohen Turm, von dem wir nach der Heimat schauen. - -»Du, Heinrich, wo guckst Du hin? Dort nach dem großen Hause mit dem -runden Dache und dem Stern oben? Das is die Synagoge, das is nämlich -die Judenkirche.« - -Heinrich antwortete nicht, er stand ins Schauen versunken stumm da. - -Da legte auch Hannes die Hand über die Augen und sah in die Ferne. Und -da kam eine große Beweglichkeit in ihn. - -»Du, Heinrich, was -- was sind denn das für Berge ganz da hinten? Dort? -Dort drüben!« - -»Rat' mal, Hannes, rat' mal!« - -»Ich weiß nich -- es sind doch nich, es sind doch nich etwa --« - -»Ja! Die Waldenburger Berge sind's!« - -»Heinrich!« - -Der stieg schon rasch die Treppe hinab, während der Rekrut wie gebannt -dort oben stand und keinen einzigen Blick mehr übrig hatte für die -große Stadt, sondern mit sehnsüchtigen Augen nach dem Horizont schaute, -an dem doch nichts zu sehen war als ein paar matt abgegrenzte, -graublaue Linien. -- - -Ein andermal kam Hannes zu Heinrich, legte ein Paket auf den Tisch und -sagte: - -»Da! Es ist Wurst! Es ist a Schiff von Hause gekommen, und da haste die -Hälfte!« - -Heinrich sah ihn unwillig an. - -»Wer heißt Dich das, Hannes?« - -»Niemand! Ich selber! Ich will mich auch amal nobel machen, weil Du -mich doch immer freihältst.« - -»Du nimmst das Zeug wieder mit, Hannes! Ich hab' genug zu essen!« - -»Ich och! Und zu trinken och! Und für mich braucht keen Mensch mehr zu -bezahl'n, wenn Du das nich nimmst; ich hab' meine Löhnung. Verstehste?!« - -Heinrich mußte die Wurst behalten; aber an dem Abend, da er davon aß, -konnte er nicht studieren. So schenkte er den ganzen Vorrat seiner -Wirtin. -- - -Als das Frühjahr kam, wurde Heinrich unruhig: der Bauer regte sich -in ihm. Täglich dachte er an die Feldarbeiten, für die nun die Zeit -gekommen war, und einmal ging er soweit spazieren, bis er einen -pflügenden Bauer traf. Dem sah er länger als eine halbe Stunde zu. -Langsam und in tiefen Gedanken ging er dann noch am Oderfluß entlang, -und als er heimkam, schrieb er an Mathias, er solle einstweilen seine -Bemühungen um den Verkauf des Buchenhofes einstellen. Er selbst werde -allerdings nie nach Hause zurückkehren, aber es könne doch sein, daß er -für den Hof noch eine andere Bestimmung träfe. -- So kam die Zeit des -Examens heran. In den letzten Monaten arbeitete Heinrich mit Anspannung -aller Kräfte, und sein Gesicht wurde blaß und schmal. Die Hände waren -längst wieder weiß und weich. - -Einige Zeit später erhielt Hannes wieder ein Telegramm. Er erschrak -abermals heftig, beschloß aber, sich diesmal in keine vorzeitige Trauer -zu stürzen, sondern öffnete und las: - -»Examen bestanden. Komme so bald als möglich zu mir. Heinrich.« - -Der junge Kriegsmann stand ganz fassungslos, erstens, weil der Heinrich -nun ein wirklicher Student war, und zweitens, weil es möglich war, aus -demselben Ort, wo man lebt, ein Telegramm zu erhalten. - -Er besorgte sich Urlaub, überzählte sein Geld, lieh sich noch drei Mark -hinzu, kaufte einen Bierkrug und machte sich mit dem Geschenk auf den -Weg zu Heinrich. - -»Heinrich! Mensch! Ich bring' Dir ein sehr schönes, teures Bierseidel, -weil Du doch jetzt Studente bist!« - -Da lachte Heinrich Raschdorf seit langer Zeit wieder das erste Mal. - -Er schüttelte dem Freunde die Hand. - -»Hannes, alter Kerl! Freust Du Dich wirklich so?« - -»Freuen? Ich freu' mich so schrecklich, daß ich jetzt bestimmt wieder -mal Arrest krieg'. Denn ich hatte ganz gewiß gedacht, Du fällst durch!« - -Als sie dann beisammen saßen und Heinrich aus dem neuen Kruge getrunken -hatte, sagte er: - -»Hör' mal, Hannes, nun wollen wir mal über die Zukunft reden. Bis jetzt -war mir alles so recht egal, aber heute will ich wieder mal Pläne -machen. Also ich studiere Medizin.« - -»Was?« - -»Weißt Du, ich werd' ein Doktor. Kranken Menschen helfen, das ist noch -etwas, was sich lohnt. Die Liese ist auch glücklich, weil sie bei -Kranken ist. Und Du, Hannes, wirst wieder Bauer, wenn Du vom Militär -los bist. Mit dem Bergmann werden, das ist nichts für Dich.« - -»Nee, wirklich nich! Aber es is um die fünfzehn Mark wöchentlich und um -die Lene. Die will ich doch heiraten.« - -»Ja natürlich! Also kurz gesagt: Du pachtest mir den Buchenhof ab.« - -Hannes zwinkerte ihn wehmütig an. - -»Den Buchenhof abpachten? Das wär' was! Mein ganzes Vermögen is a Taler -Schulden.« - -»Vermögen brauchst Du nicht; etwas hat ja die Lene. Du bezahlst die -Zinsen, und was von dem Gute und von der Ziegelei jährlich heraushängt, -das heißt, was übrig ist, davon gibst Du mir die Hälfte als Pacht, wenn -das Jahr um ist.« - -Wenn Heinrich Raschdorf dem Hannes seine mathematische Prüfungsaufgabe -vorgerechnet hätte, so hätte ihm der mit keinem fassungsloseren Gesicht -gegenüber sitzen können als jetzt. Also gab ihm Heinrich einen langen, -deutlichen Bericht über alle Ausgaben, die der Buchenhof erforderte, -über die durchschnittlichen Erträgnisse und über den voraussichtlichen -Gewinn, mit dem beide zufrieden sein könnten, wenn sie sich bescheiden -einrichteten. - -Das Ende vom Liede war, daß Hannes dem Heinrich um den Hals fiel und -zum Steinerweichen zu heulen anfing. Erst allmählich gewöhnte er sich -an das riesengroße Glück, das ihm bevorstand. Pächter vom Buchenhofe! -Er, der arme Sohn des Schaffers! Und die Lene sein! Und er konnte -wieder aufs alte, heimatliche Feld! - -Nach einer Weile machte er plötzlich ein auffällig schlaues Gesicht, -entschuldigte sich, ging auf eine Viertelstunde fort und kehrte mit vor -Aufregung glühenden Wangen zurück. - -»Weißte, was ich gemacht hab'?« fragte er, noch keuchend vor Aufregung. -»Telegraphiert hab' ich! Nach Hause telegraphiert, daß ich Pächter bin. -Die könn'n auch amal erschrecken, und ich kann mir das Telegraphieren -leisten!« - - * * * * * - -Ein paar Tage später kam ein langer Brief des alten Mathias an -Heinrich. Eine Stelle darin hieß: - -»Ich bin so froh, daß Du Arzt wirst. Du wirst ein guter Doktor sein, -weil Du fleißig und gewissenhaft bist. Es ist gut, daß Du hier los bist -von der Landwirtschaft. Es war nicht Deine Sache. Die Liese ist jetzt -als Schwester eingekleidet. Ich habe sie besucht, und ich schreibe -Dir, lieber Heinrich, daß ich ganz glücklich und froh wiedergekommen -bin. Ich werde auf meine alten Tage zufrieden sein, denn der Liese -geht es gut. Und es wird alles gut sein, wenn Hannes und die Lene die -Wirtschaft haben. Ich will gern bei ihnen bleiben, ich bin viel zu alt, -daß ich jetzt wieder so herumfahre. Und ich hab' gesagt: »Das ist unser -guter Heinrich«, wie ich es von Hannes und der Lene hörte. Von Lene -liegt ein Brief bei. Der Schaffer wollte auch gern einen schreiben, -aber er bringt nichts zustande. Er arbeitet jetzt von früh bis spät -und will bald gar nicht mehr schlafen gehen. Und manchmal, wenn er -auch ganz allein ist, fängt er ganz laut an zu lachen. Sagen läßt er -Dir bloß: er läßt sich schön bedanken. Aber da steckt alles darin. Die -Dorfleute sind jetzt ganz verändert zu uns. Sie sind sehr freundlich -zu mir, und wenn sie die Lene sehen, ziehen sie von großer Weite die -Mützen. Und die Ziegeln kaufen sie auch aus dem Dorfe alle von uns. Das -war ja früher nicht. Lieber Heinrich! Ich halte es für meine Pflicht, -Dir jetzt noch zu schreiben, daß seit vorgestern die Lotte Schräger -wieder zu Hause ist. Der alte Schräger hat die Wassersucht. Er hat -ihr nicht nachreisen können. Da ist sie ihn pflegen gekommen. Sie ist -in Pommern gewesen, bei einer Verwandten von ihrer Mutter. Wer es ihr -vom Vater geschrieben hat, weiß niemand. Wir haben sie noch nicht -gesehen, ich schäme mich jetzt, hinüber zu gehen. Wir haben jetzt mit -dem Schräger manchmal verkehrt. Er hat von selbst mit uns angefangen. -Er wollte mir immer für Dich den Kretscham verkaufen. Aber wie er dann -krank wurde, wollte er nicht mehr fort von zu Hause. Die Lene ist auch -manchmal drüben gewesen, als er krank war. Und wie jetzt die Lotte -heimgekommen ist, hat die Lene fragen lassen, ob sie etwas helfen -kann. Aber die Lotte hat sagen lassen: Nein, sie lasse sich bedanken -für den guten Willen. So mag alles Gott befohlen sein, und am meisten -Du, mein lieber Heinrich.« - -Zehnmal, zwanzigmal las Heinrich Raschdorf diesen Brief. Zuletzt setzte -er sich auf das Sofa und schloß die Augen. - -Sie war wieder zu Hause! - -Zuerst war es ganz still in ihm. -- Aber dann begann das Blut zu -hämmern in seiner Brust und in seinen Schläfen. Ein Wirbeln faßte -ihn an, und nach der dumpfen Gewitterschwüle trostloser, heißer -Arbeitstage erhob sich ein Sturm, der jäh durch seine junge Seele ging. -Unaufhörlich dachte er an sie und gab sich keine Mühe, wie sonst, den -Gedanken los zu werden. Deutlich traten ihre Gestalt, ihr Gesicht vor -seine Seele; er hörte ihre Stimme, fühlte wieder ihren Kuß. - -Sie war zu Hause, war nahe, erreichbar! Lotte! - -Was war geschehen mit ihm, in ihm? Der wonnige Schreck, den ihm -die kurze Nachricht gebracht, hatte allen Trotz, alle Bitterkeit -niedergebrochen, hatte liebe verschleierte Bilder enthüllt. Im -leuchtenden Blitzfeuer seiner neu erwachten Leidenschaft lag das alte -Land erhellt vor seinen Augen, das Land, aus dem er geflohen war und -nach dem ihn seine Sehnsucht doch alle Tage wieder zurückwies. - -Er vermochte an seinen trotzigen Prinzipien nicht festzuhalten, da das -Blut dagegen revoltierte; denn er war jung, und all sein Kampf gegen -sich war greisenhaft gegen das Gefühl, das ihn mit elementarer Kraft -wieder faßte. - -Ein kleiner, kurzer Zweifel kam noch, dann kniete er schon vor einer -Kiste, warf Bücher und Briefe heraus und fand ein kleines Bild. - -Das war die Lotte! Jetzt schauten ihn diese süßen Augen an, jetzt -lächelte ihm dieser Mund zu, und ehe er Zeit hatte, sich Rechenschaft -zu geben, riß er das Bild, das er in all den langen Monaten nicht -einmal angesehen hatte, an die Lippen und küßte es, küßte es mit jenem -Glückshunger, mit jener verzweifelten Gier, wie er einst die Lotte -selbst geküßt hatte im Herbstnebel. - -Ein weinendes Jauchzen ging ihm durch die Seele, die Liebe lohte heiß, -flammend, leuchtend wieder auf in seinem Herzen. Die Stube ward ihm zu -eng, er rannte hinaus, fuhr vor die Stadt, lief stundenweit und kam -ebenso erregt, wie er gegangen war, wieder nach Hause. - -Die Nacht kam, er fand keine Ruhe. Auch die Zweifel kamen wieder, -die Kämpfe. Ehrlich wollte er sein, ehrlich auch mit sich selbst. -Wieder rief er sich ihren Treubruch vor die Seele, den tiefen Jammer, -den sie ihm gebracht, aber der Groll blieb aus, der Zorn, das -Feindschaftsgefühl kam nicht wieder, die Hoffnung fegte sie weg wie -dürres Laub. Er rief sich alles ins Gedächtnis, was Mathias und Lene zu -ihrer Rechtfertigung gesagt, dachte erst jetzt zum erstenmal darüber -redlich nach, wie groß das Leid für sie gewesen, ihn aufzugeben und -fortzugehen. Denn sie hatte ihn geliebt, wahr und wahrhaftig geliebt, -wie ein Weib nur einen Mann lieben kann. - -O, er mußte sie wieder haben! - -Sollte er nach Hause? Hin zu ihr? In kaum drei Stunden konnte er sie -sehen! - -In drei Stunden! Sie sehen, sie haben, sie nicht mehr loslassen! - -Ein Zittern überlief ihn. Er zog sich an, sagte seiner Wirtin ein -paar Worte und stürmte fort. Der Nachtzug mußte noch da sein. Ja! Er -kaufte die Fahrkarte. Die Stimme zitterte ihm, als er die heimische -Station nannte. Er kam noch zu zeitig. Die kühle Nachtluft strich um -seine Stirn. Er ging erregt auf dem Bahnsteig auf und ab und blieb dann -plötzlich stehen. - -Machte er sich lächerlich? Wie würde das sein, wenn er jetzt in tiefer -Nacht nach Hause käme? Dorthin, wohin er nie mehr zurückkehren wollte? -Wohl, sie war auch wieder heimgekommen. Aber der todkranke Vater hatte -sie zurückgerufen! Und was würde sie sagen? Die Schwester hatte sie -nicht sehen wollen! Und ihn? Wenn sie ihn wieder abwies oder gar vor -ihm aufs neue floh? War das nicht eine furchtbare Übereilung? Mußte er -sich's nicht erst genauer überlegen? - -So war er plötzlich wieder mitten drin in tollen Zweifeln. - -»Steigen Sie ein, mein Herr!« - -»Danke -- danke, ich fahre nicht mit!« - -Ein Pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr in die Nacht -hinaus, der Heimat zu -- ohne ihn. - -Langsam schlich Heinrich die erhellten Straßen heim. Überall lustige, -lachende Leute. Keiner von diesen allen sah ihn auch nur an. Eine -schwere Verachtung gegen sich selbst wollte in ihm aufkeimen, aber es -blieb bei dem Gefühl der Ratlosigkeit. - -In seiner Stube brütete Heinrich lange vor sich hin. Es war indes -Mitternacht vorbei. An Ruhe war nicht zu denken. So kam er auf den -Gedanken, an Lotte zu schreiben. Er schrieb einen Brief um den andern. -Gefallen wollte ihm keiner. Endlich gegen vier Uhr glaubte er das -richtige gefunden zu haben. - -Er setzte sich ganz mit ihr auseinander. Er schrieb ihr von allen -seinen Qualen und Leiden. Und er suchte ihre Bedenken zu zerstreuen. -Der Bruder sei für seine Tat nicht verantwortlich; sie aber, Lotte, sei -doch ganz unschuldig. Und wenn etwas zu sühnen wäre, so könne es nur -dadurch geschehen, daß sie ihn glücklich mache. Auch die Stellung der -Seinen zu ihr habe sich gänzlich geändert, nachdem diese eingesehen, -eine wie rechtliebende Seele die Lotte sei. Und so schrieb er am Schluß: - -»Ich will nicht ungeduldig sein; ich will Dir Zeit gönnen und Dich erst -dann sehen, wenn Du es willst. Um eines aber bitte ich Dich, Lotte: -Du hast noch meinen Ring. Steck' ihn wieder an, wenn Du diesen Brief -gelesen hast; sei wieder meine Braut!« - -Die Sterne glänzten am Himmel, die Straßen waren ganz leer. Da ging -Heinrich Raschdorf abermals zum Bahnhof. Noch einmal las er die -Briefaufschrift, die für ihn den teuersten Namen der Welt enthielt, und -legte den Brief in den Kasten. Um neun Uhr am Vormittag würde sie ihn -schon haben. Das war in vier Stunden. In nur vier Stunden! - -Ein qualvoller Tag verging, eine lange Nacht. Mit überwachten Augen und -doch mit brennend roten Wangen saß Heinrich Raschdorf frühmorgens am -Fenster seiner Stube und lugte aus nach dem Briefträger. Endlich kam -er; er kam auf das Haus zu. Heinrich Raschdorf ging durch die Stube -hinaus ins Entree und lehnte sich an die Tür. Jetzt! -- Da! -- »Herrn -Heinrich Raschdorf!« - -In seiner Stube besah er den Brief. - -»Inliegend ein goldener Ring.« - -Er tastete nach einem Stuhl. Dort öffnete er den Brief. Ein goldener -Ring fiel heraus, klang kurz auf und rollte über die Diele. -- Er las -bruchstückweise: - -»Sie beurteilen mich falsch, Sie können mir nicht in die Seele sehen --- Sie wissen nicht alles -- ich kann Sie nicht betrügen -- kommen Sie -nicht her --« - -Als die Vermieterin in die Stube trat, fand sie ihren Zimmerherrn -bewußtlos auf dem Fußboden liegen. Die Erschöpfung und Erregung war zu -groß, die Enttäuschung zu grausam gewesen. - - * * * * * - -Es war ein Jahr später. Hannes saß bei Heinrich in der Stube und trug -seinen Zivilanzug. Er war heute vom Militär entlassen worden. - -Melancholisch starrte der Bursche vor sich hin. - -»Nu freu' ich mich gar nich mehr a bissel, daß ich nach Hause komme.« - -»Wart' nur, Du wirst Dich schon freuen! Wenn Du erst auf der Bahn bist -und gar, wenn Du das Dorf sehen wirst --« - -»Aber die Lene, Heinrich, die Lene! Das verwindet die ihr Lebtag nicht, -daß Du nich zu unserer Hochzeit kommst, und ich -- ich auch nich.« - -Heinrich schwieg eine Weile; dann sagte er: - -»Sieh mal, Hannes, es geht nicht! Wenn »sie« nicht mehr dort wäre, oder -wenigstens nicht so in der Nachbarschaft, dann bestimmt. Aber so ist's -unmöglich.« - -»Und willste überhaupt nich mehr heimkommen?« - -»Kaum! Vielleicht später einmal. Aber Ihr müßt mich besuchen, so oft -Ihr könnt!« - -Sie saßen wieder eine Weile stumm da. - -»Daß mir's schwer fällt, Hannes, das kannst Du mir schon glauben. Ich -hätte die Lene gern einmal wiedergesehen nach so langer Zeit und gar an -ihrem Hochzeitstage. Sie ist meine einzige Schwester!« - -Hannes seufzte beklommen. Dann sagte er: - -»Der alte Schräger macht nich mehr lange. A hat jetzt auch noch -Leberkrebs. Mathias hat's geschrieben. Na, und wenn a tot ist, wird ja -die Lotte fort aus 'm Dorfe. Dann kannste wieder heimkommen.« - -»Ja, dann komme ich wieder nach Hause.« - -Beim Abschied weinte Hannes. - -»Heinrich, vergelt' Dir Gott alles! Gerade, wenn Du halt noch zur -Hochzeit gekommen wärst, da wär' unser Glück voll gewest.« - -»Weine nicht, Hannes! Auf einen Hochzeitsgast kommt's ja nicht an. Sei -halt froh, daß Du heiraten kannst. Grüß' schön und reise glücklich!« - - * * * * * - -Einige Wochen darauf klopfte es an Heinrichs Tür. Eine Frauensperson -trat ein. - -»Heinrich!« - -»Lene! Du -- Mädel -- Du?« - -Die Geschwister lagen sich in den Armen und küßten sich innig. - -»Lene, was willst Du, was willst Du heute? Du hast doch morgen -Hochzeit.« - -»Ja, und ich komme Dich holen. Du mußt dabei sein, Du mußt! Ohne Dich -mach' ich nich Hochzeit. Ich hab' keinen Vater, keine Mutter, keine -Schwester, bloß ein'n einzigen Bruder, und der -- der will auch noch -nich mit mir in die Kirche gehn?« - -»Lene, ich kann ja nicht, ich kann ja nicht --« - -»Du kannst, und Du mußt auch! Im geschloss'nen Wagen fahr'n wir nach -Hause, im geschloss'nen Wagen fährst Du mit in die Kirche; sie sieht -Dich nicht, sie sieht keine Spur von Dir, und nach der Trauung kannst -Du ja bald wieder fort.« - -»Aber Lene, heute kommst Du, heute?« - -»Ja! Vormittags sind wir auf dem Standesamt gewesen, und dann bin ich -gleich nach Breslau.« - -»Aber Mädel, warum kommst Du denn gerade an Deinem eigenen Polterabend?« - -»Daraus mach' ich mir nichts, und wenn ich früher gekommen wär', -hätt'st Du Dir's wieder noch anders besonnen. Jetzt mußt Du mit, jetzt -nehm' ich Dich bald mit.« - -Er sah das gesunde energische Mädchen an und konnte nicht hindern, daß -seine Augen glänzten. - -»Lene, was bist Du für eine hübsche Braut! Und dann, Courage hast Du, -das muß ich sagen. Lene, ich freu' mich über Dich -- ich bin stolz auf -Dich -- ich komme mit Dir!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 20] - - -Mit dem Abendzuge fuhren sie heim. Sie redeten kaum miteinander. -Zuweilen faßte Lene leise seine Hand. Und er lehnte im Winkel und sah -hinaus in die Finsternis, aus der nur die Bahnlaternen oder Lichter -eines friedlichen Dörfleins zuweilen aufblitzten. - -Von Königszelt an waren sie allein im Wagen. Die Lichter von Freiburg -schimmerten auf, dann keuchte der Zug hinauf auf die Waldenburger -Hochebene. - -»Ist es Dir ein so schweres Opfer, Heinrich?« - -Er sah sie freundlich an. - -»Wohl! Ach ja! Aber Du bist's wert, Lene!« - -Sie faßte heftig seine Hand. - -»Heinrich, Du glaubst gar nich, wie ich schon deswegen gelitten hab', -daß Du gerade mein Glück gemacht hast, und daß ich Dir früher so im -Wege gestanden hab'.« - -»Laß gut sein, Lene! Ohne Dich wär's gerade so gekommen, wie's gekommen -ist. Und das sind alte Geschichten und nun vorbei.« - -Auf dem Bahnhof wartete der Schaffer. Als er den Heinrich mitkommen -sah, geschah etwas, was noch nie in seinem Leben passiert war: die -Tabakspfeife fiel aus seinem sonst so hermetisch geschlossenen Munde. -Er hatte das erste Mal in all seinen Erdentagen so etwas Ähnliches wie -einen Juchzer getan. - -»Hübsch is, hübsch is! Schön willkomm'!« Das war seine ganze -Begrüßungsrede. Und Heinrich fühlte das Herz heftig schlagen, als er -dem guten Riesen die Hand gab. - -Dann ging es nach Hause. Eine schwere Aufregung ergriff den -Heimkehrenden, und doch hätte er diese Reise jetzt nicht mögen -ungeschehen machen. In alle Aufregung hinein wallte ein Gefühl der -Freude, das auch dem ärmsten aller Menschen nicht ganz fern bleibt, -wenn er nach Hause zieht. - -Jetzt verließen sie den Wald; Lichter blitzten dort unten. - -Die Buchenhöfe! - -Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich am Kretscham vorbei und in seinen -Hof hinein. Dort sprang er rasch aus dem Wagen und trat ins Haus. - -»Der Heinrich kommt! Der Heinrich kommt! Hurra!« - -Das war der Bräutigam. Er fiel dem Freunde um den Hals und war ganz -außer sich vor Freude. - -Und es trat einer leise heran: Mathias. Heinrich reichte ihm die Hand -und wollte etwas sagen. Aber die Lippen zuckten ihm nur, und er brachte -kein Wort heraus. So schlang Mathias den Arm um ihn, und die alten -Freunde standen eine Weile stumm und still. - -Etwas später stand Heinrich mitten in der Wohnstube und schaute sich -um. Es war noch alles wie sonst: der Ofen strahlte eine behagliche -Wärme aus, die große Petroleumlampe brannte, und draußen polterte der -Herbststurm mit den Weinspalieren. - -Um ihn herum aber standen liebe Menschen mit strahlenden Gesichtern. - -Da war es Heinrich Raschdorf doch, als ob er in eine Heimat gekommen -sei. - -Dann saßen sie um den großen Tisch und plauderten, und er wurde warm -dabei und sagte auf einmal: - -»Ich freu' mich, daß ich bei Euch bin!« - -Wie sie darüber glücklich waren! - -»So bleib' ein paar Tage hier, Heinrich!« - -»Nein, Lene! Bald nach der Trauung fahr' ich. Du weißt schon, das ist -Verabredung.« - -»Und Du wirst gar nich amal mit aufs Feld oder in die Ziegelei?« - -»Nein, Mathias; aber in die Ställe und in die Scheune gehe ich morgen -früh einmal, wenn Du willst.« - -Es war schon tief in der Nacht, da saßen noch alle beisammen. - - * * * * * - -Drüben im Kretscham hatte sich ein Schwerkranker im Bett aufgerichtet, -als die Fuhre Heinrichs vorbeikam. - -»Das is a -- Lotte, das is a!« - -Das Mädchen antwortete nicht. - -»Geh, geh ans Fenster, Lotte! Sieh, ob a das is!« - -»Nein, Vater! Ich gehe nicht ans Fenster.« - -Der Kranke stöhnte und sank in die Kissen zurück. - -»Ich -- ich muß mit ihm -- mit ihm reden; ich halt's nich aus -- -ooooh --« - -Ein Schmerzensanfall kam. Das Mädchen beugte sich über den Kranken. Die -Lampe beleuchtete ihr Gesicht. Es war so weiß und durchsichtig, als sei -diese Pflegerin selbst eine Schwerkranke. Die Stenzeln kam ins Zimmer. - -»Is a gekommen, Stenzeln?« fragte der Kranke. - -»Ja! Ich hab' 'n geseh'n. A ging ganz schnell ins Haus rein. Aber a -war's.« - -Ein Zittern ging über den Körper Lottes. - -»Stenzeln, geh wieder raus!« - -Als er mit der Tochter allein war, keuchte Schräger: - -»Schreib' ihm, Lotte -- schreib' ihm 'n Brief -- a soll rüberkommen zu -mir -- a soll kommen --« - -»Ich kann ihm nicht schreiben, Vater -- nein, ich kann nicht! Sei doch -ruhig, sei doch ruhig!« - -»Du weißt nich, Lotte, wie das is -- ich kann nich sterben; ich kann ja -nich sterben!« - -Das bleiche Mädchen stand regungslos an dem Bette. Nur ein Zucken ging -um ihren Mund. Tränen hatte sie nicht mehr. »Was willst Du denn von -ihm, Vater?« - -»Sagen will ich's ihm, alles sagen!« - -»Vater!« - -»Alles sagen -- ich -- ich -- kann sonst nich sterben!« - -»Du willst Dich selber verraten? Vater!« - -»Die Schmerzen, Lotte -- oooh, und der alte Raschdorf -- mein -- mein -Freund -- a kommt mir immer wieder ein -- und nu soll ich runter -- -runter unter die Erde zu ihm -- runter --« - -Eine furchtbare Nacht kam, eine Nacht voll Qual und Gewissensangst und -Furcht. Aber doch lebte in diesem schmerzzerrütteten, todgeweihten -Mann die Hoffnung, es würde leichter und besser sein, wenn er die Last -von seinem Herzen abwälzte. - -Gegen Morgen schrieb Lotte an Heinrich: »Mein schwerkranker Vater läßt -Sie bitten, ihn vor Ihrer Abreise auf wenige Minuten zu besuchen. -Charlotte Schräger.« - -Schräger ergriff ihre Hand. - -»Wirste dabei sein, Lotte, Kind -- mei einziges, wirste dabei sein, -wenn ich -- wenn ich's ihm sag'? Sonst bring' ich's nich raus -- sonst -verzweifele ich!« - -»Ja, ich werde dabei sein!« - -Das sagte sie leise, aber fest. - -Am Morgen ging die Stenzeln mit dem Brief nach dem Buchenhofe. Nicht -lange, so kehrte sie mit der Antwort zurück. - -»Ich reise sofort nach der Trauung meiner Schwester wieder ab und kann -Ihren Vater, dem ich gute Besserung wünsche, nicht besuchen. Heinrich -Raschdorf.« - -Sie las es dem Vater vor. Der starrte sie mit weitgeöffneten Augen an. -Dann lallte er: - -»A kommt nich? A kommt nich?« - -Sie schwieg. Nach einer Weile lachte er heiser. - -»Da geh' ich halt so -- halt so -- so -- hinüber -- runter --« - -Lotte stand am Fenster und hatte die Gardinen weit zurückgeschlagen. -Jetzt fuhren drüben die zwei Hochzeitswagen vor. - -Heinrich kam zuerst aus dem Hause und sah hinüber nach dem Fenster, an -dem Lotte stand. Er erschrak und zog den Hut, auch Mathias, der dabei -war. Lotte rührte sich nicht. Dann kam das Brautpaar. So fuhren die -Wagen hinab nach der Kirche. - -Auch der alte Schräger hörte sie fahren. - -»Nu sind sie fort,« sagte er mit einem irren Lächeln; »nu is der alte -Raschdorf Brautvater!« - -Lotte stand immer noch regungslos da. - -»Brautvater!« Er fröstelte in sich hinein. - -Eine Stunde verging. Da rief Lotte die Stenzeln ins Zimmer und ging -selbst hinaus. - -Über die Straße huschte sie -- nach dem Buchenhofe. - -»Ich werde hier auf Herrn Raschdorf warten, ich hab' mit ihm zu reden. -Sagen Sie's ihm, wenn er kommt,« befahl sie einer Magd und setzte sich -in den Lehnstuhl am Fenster der Wohnstube des Buchenhofes. - -Sie sah sich um. Als kleines Mädchen war sie manchmal hier gewesen, -seitdem nicht mehr. Das Bild des alten Raschdorf sah auf sie herab. Sie -blickte es ruhig an. Es war alles teuer gesühnt. - -Jetzt rollten die Wagen in den Hof. Im Hausflur erfolgte eine -Begrüßung der Brautleute durch die Dienstleute, dann stieg die kleine -Gesellschaft die Treppe hinauf. - -»Was? -- Was? -- Wo?« - -Das war er. Bald darauf trat er in die Stube im Hochzeitsanzug, den -Zylinderhut in der Hand. Ein paar Sekunden lang stand er Lotte wortlos -gegenüber; dann trat sie rasch ein paar Schritte auf ihn zu und sagte -schnell und hastig: »Bitte um Verzeihung, aber ich muß Sie nochmals -persönlich bitten, meinen Vater zu besuchen, er ist ein Sterbender, -und er hat dringend mit Ihnen zu reden.« - -Er sah sie mit großen Augen und tieferschreckt an und sagte kein Wort. -Da errötete sie und begann wieder: - -»Nur auf wenige Minuten, er ist ein Sterbender --« - -»Ich werde kommen --« - -»Ich danke!« - -Und sie ging rasch aus der Stube. Regungslos stand er noch auf seinem -Platz, als sie schon über die Straße zurück war. - -Mit Mathias sprach er noch ein paar heimliche Worte, dann ging er nach -dem Buchenkretscham. - -Er traf Schräger und Lotte allein. Der Kranke schloß die Augen, als -er eintrat, er öffnete ein wenig den Mund, und der schwere, sieche -Körper hob sich im Stuhl. Lotte lehnte bleich und bewegungslos an einem -Schrank. - -Heinrich ging rasch durch die Stube und streckte dem Kranken die Hand -bin. - -»Guten Tag, Herr Schräger! Wie geht es Ihnen?« - -Der erregte Mann sah ihn furchtsam an. - -»Danke, ganz gutt -- geht mir's.« - -Der Gast setzte sich auf einen Stuhl neben den Kranken und sprach mit -ihm von seiner Krankheit. Schräger antwortete und fing an, selbst zu -erzählen. Minute auf Minute verging. Von dem Bekenntnis kein Wort! Da -blickte Heinrich auf die große Wanduhr und erhob sich. - -»Meine Zeit ist sehr knapp. Ich wünsche Ihnen, Herr Schräger --« - -»Sie woll'n geh'n?« - -Angstvoll fragte es der Kranke. - -»Ich muß gehen, ich blieb sonst noch ein wenig bei Ihnen --« - -»Ich muß Ihnen -- ich muß Ihnen ja was sagen --« - -Ein furchtbarer Schmerzensanfall kam, und Lotte mußte dem Vater zu -Hilfe eilen. Mit bleichem Gesicht beobachtete Heinrich die Szene. - -»Lotte -- Lotte -- sag' -- sag' Du's ihm -- Du's ihm -- ich -- ich -- -ooooh --« - -»Was ist denn -- um Gottes willen, was ist denn?« - -Lotte wandte sich zu Heinrich. Mit tonloser, schneller Stimme sagte sie: - -»Mein Vater hat Ihnen ein Bekenntnis zu machen. Er hat von vornherein -gewußt, daß mein Bruder die Scheuer angezündet hat, hat es vor der -Gerichtsverhandlung gewußt -- er hat falsch geschworen -- er wollte den -Buchenhof -- daher alles -- jetzt wissen Sie's!« - -Sie hielt sich an dem Tisch fest; der Kranke starrte auf Heinrich, der -wie eine Bildsäule dastand. - -»Ich hab' -- a Raschdorf reinbringen woll'n -- mit den Aktien -- und -auch später -- und ich hab' falsch geschwor'n.« - -Heinrich setzte sich langsam auf den Stuhl zurück. - -»Nu -- nu gehen Sie auf die Polizei -- ich -- ich -- es ist ja doch aus -mit mir! Aus! Eh' sie mich -- eh' sie mich reinbringen in die Stadt, -bin ich tot.« - -»Schräger!« - -Eine lange Pause kam. Die drei Personen starrten sich nur an. - -»Und das sagen Sie mir ins Gesicht?« - -»Der -- der Tod -- Sie wissen nicht -- wenn man sterben soll, nachher -wird alles mit einem Male anders -- anders wie sonst --« - -»Und Sie haben wirklich meinen Vater in den Tod gehetzt? Sie -- Sie --« - -»Nein -- daß -- daß er sich erschießt, das wollt' ich nich -- das -wollt' ich nich -- bloß -- bloß a Hof -- a schönen Hof!« - -Heinrich Raschdorf erhob sich. Ein Fluch schwebte auf seinen Lippen, -ein Fluch, der den Mann ins Grab und in alle Ewigkeit hinein begleiten -sollte. - -Da kniete Lotte vor ihm und küßte ihm die herabhängende Hand mit -zuckenden Lippen. - -»Und Du, Lotte, Du hast das auch gewußt?« - -Es lag ein Entsetzen in dieser Frage. - -»Ich weiß es seit der Nacht, da ich fortging.« - -Er starrte sie an. Ein Licht ging ihm auf. - -»Darum?! -- Darum gingst Du fort? Nicht wegen des Bruders? Wegen des -Vaters?« - -»Ja!« - -Er nickte langsam mit dem Kopfe. - -»Ja, dann begreif' ich's! Du mußtest gehen! Mußtest! Es ist klar!« - -Als ob er sich selbst Rechnung legen müßte, sprach er halblaut vor sich -hin, und seine Augen stierten: - -»Meinen Vater ins Gefängnis -- dem Zuchthause nahe -- in den Tod, uns -alle ins Elend, in Not, Haß, Feindschaft -- ooh -- sterben Sie -- -sterben Sie, wie Sie wollen, Sie elende Kreatur!« - -Lotte sprang auf. - -»Nun bitten wir nicht mehr, Vater! Jetzt nicht mehr! Jetzt ist's genug! -Jetzt haben wir bekannt und gesühnt! Gehen Sie, Herr Raschdorf!« - -Er starrte sie an. - -»Ja! Gehen Sie, gehen Sie!« - -»Nich gehen -- nich gehen -- oooh -- die Schmerzen -- der Tod -- der -Raschdorf! -- Nich gehen, Heinrich! Die Angst --« - -Der Kranke stand auf vom Lehnstuhl, wollte auf Heinrich zu und fiel -schwer auf den Fußboden. - -Eine zuckende, stöhnende, sterbende Masse! - -Da kam das Grauen, das stärker ist als alles andere, und einigte -sie. Gemeinsam faßten sie an und hoben den Kranken in den Lehnstuhl -zurück. Dessen Gesicht war blau, und seine Hände tasteten in die -Luft. Und Heinrich Raschdorf, der so dem Tod ins verzerrte Gesicht -sah, faßte eine maßlose Angst, ein grauenhaft Entsetzen. Es ging ihm -wie so manchem Unglücklichen: Wenn ein schwerer Schreck die Rinde auf -dem vereisten Herzen sprengt, dann springt wieder stark und klar die -heilige Quelle der Barmherzigkeit. - -»Herr Schräger, kommen Sie zu sich -- zu sich -- Schräger! Nicht -sterben, nicht so!« - -»Vater! O Gott, hörst Du's? Hörst Du's?« - -Er hörte es nicht. Bewußtlos lag er in den Betten. Die Stenzeln kam. -Sie bemühten sich alle um den Kranken. Keines konnte sprechen, nur -Heinrich murmelte unverständliche Worte. Da -- nach einer Viertelstunde -kam Schräger zu sich. Er sah auf Heinrich und stöhnte entsetzt. - -»Herr Schräger, geben Sie mir die Hand, es ist alles gut, alles gut!« - -Der sah ihn verständnislos an. - -»Ich hab' mich bloß übereilt, bloß im ersten Schreck so geredet -- ich -verzeih' Ihnen ja -- Sie können ruhig sein, ganz ruhig --« - -»Ruhig!« - -Ein stammelndes Lachen kam dem Kranken vom Munde. - -»Der Mathias -- die Lene!« lallte er. - -»Sie werden Ihnen auch verzeihen. Soll ich's ihnen sagen, ihnen gut -zureden? Sollen sie kommen?« - -Der Kranke nickte. - -»Kommen! Bald kommen!« - -Wenige Minuten später war Heinrich im Buchenhofe. - -Die Lene weinte heftig. Dann nahm sie den Brautkranz vom Kopfe und ging -mit Mathias und Heinrich hinüber in den Kretscham. - -Der Kranke sah die Eintretenden mit großen Augen an. Er streckte ihnen -die Hände hin, die sie stumm ergriffen. Dann sank er zurück und schloß -die Augen. - -Stumm und erschüttert standen alle. Die Uhr zählte Schlag um Schlag. -Sie zählte nicht weit, da war Schräger hinüber. Lotte kniete bei ihm -nieder, und Heinrich trat zu ihr und legte die Hand auf ihre Schulter. - -Die anderen gingen leise hinaus. - -Und die Uhr zählte -- zählte. - -Schwer und heiß lag seine Hand auf ihr. - -Sie erhob sich. Sie drückte dem Vater das eine Auge zu und er das -andere. Nun lag er mit geschlossenen Augen, nun sah er nichts mehr. - -Die beiden Lebenden schauten sich an. - -Klein ist die Rache! - -Ja, die Menschenrache ist klein! - -Er führte sie hinaus. - -Draußen auf dem Flur küßte er sie auf die Stirn. - -»Der Kampf ist aus, Lotte! Jetzt muß endlich Friede sein!« - -Drei Tage darauf wurde Julius Schräger begraben. Neben seinem Sohne -fand er die letzte Ruhestätte. Nicht weit davon weg lag der alte -Raschdorf. So waren sie auch im Tode Nachbarn. - -Beim Begräbnis standen die Buchenhofleute vollzählig an Schrägers -Grabe. Und die Dorfgemeinde sah es und erkannte darin ein Beispiel, wie -Menschen vergeben und vergessen sollen. - -Auf dem Heimwege ging Heinrich mit Lotte. Oben am wilden Kirschbaum -blieb er stehen. - -»Lotte, nun frag' ich Dich in dieser schweren, ernsten Stunde das -dritte und letzte Mal, ob Du mein sein willst!« - -Sie erschrak und wollte reden. - -»Sprich nicht, Lotte! Was Du dagegen sagen kannst, gilt nichts -- gar -nichts mehr! Es ist alles oft gedacht, oft leidenschaftlich gesagt -worden. Ich hab' selber alles gedacht, alles gesagt. Aber Leben und Tod -haben uns alle widerlegt. Die Väter, die sich gestritten haben, liegen -dort unten; zwischen uns ist nichts, was uns trennt.« - -Der schwarze Schleier flatterte um sie; kalt pfiff der Wind über die -Felder. Vor ihr lag der Weg in die Fremde, in eine öde, schwere -Zukunft. Und neben ihr ging der, den sie liebte, und der sie erretten -konnte von allem Leid, der allein sie aus dieser Nacht führen konnte -auf die strahlende Straße des Glückes. - -Da sprach sie leise: - -»Wenn Du mich nach allem noch haben willst -- ich wäre glücklich -- ich -wär' ja so glücklich!« - -Er sagte nichts, er küßte sie nicht, er faßte sie nur fest an der Hand -und führte sie heim nach dem Buchenhofe. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kapitel 21] - - -Das ist Heimat -- Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, -Heimat ist nicht Liebe. Was ist Heimat? -- Der Doktor Heinrich -Raschdorf sann diesem Gedanken nach, als er an einem prächtigen -Frühherbstnachmittag viele Jahre später dem Buchenhofe zuschritt. - -Er war ein anderer geworden. Das weiche Gesicht hatte einen festen, -männlichen Ausdruck bekommen. Ein sonniges Lächeln lag in seinen Augen, -wie man es bei jenen reifen, gefestigten Menschen findet, die sich -selbst und das Leben überwunden haben, das stille Lächeln, das jene -haben, die viel lernten und vor nichts mehr so leicht freudig oder -traurig erschrecken. Ein Stiller, ein Reifer und Kluger war er geworden. - -Er war heute unten im Dorfe bei einer armen Kranken gewesen. Wenn er -nach Hause kam, wollte er anordnen, daß ihr einige Nahrungsmittel -hinabgesandt würden, das tat am meisten not. Es ist gut, wenn einer -zugleich Bauer und Arzt ist, da läßt sich manche glückliche Kur machen. - -Heinrich Raschdorf liebte seinen neuen Beruf, er hatte auch in der -Gegend genug Gelegenheit, ihn auszuüben. Aber es blieb ihm zuweilen -auch ein bißchen Muße, Bauer zu sein wie in alter Zeit. - -Der junge Arzt blieb stehen und sah ins Dorf. Dort unten hatte er -keinen Feind mehr. Lauter Freunde, lauter Verehrer, alles Leute, die -sich freuten, wenn er mit ihnen sprach. Sogar der junge Riedel grüßte -ihn. - -Heinrich war frei von Selbstgefälligkeit, wenn ihm das Goethesche Wort -jetzt einfiel: - - »Mußt Ruhm gewinnen, - Werden sich die Leute anders besinnen.« - -Er freute sich nur des endlichen Sieges nach so langen Kämpfen. - -Ein Wagen kam einen Feldweg entlang. Hannes saß darauf und machte ein -mißvergnügtes Gesicht. Er hatte den Kretscham mit den dazu gehörigen -Äckern gepachtet, seit Heinrich auf dem Buchenhofe selbst wieder als -Herr eingezogen war. - -»Nu, Hannes, fährst Du aufs Feld?« - -Der brummte. - -»Gar nich nötig wär's! 's sind Leute genug draußen, und wenn dann a -Haufen Gäste in den Kretscham kommt, da is der Mathias alleine zum -Einschenken. Das is gar keen richtiger Betrieb.« - -»Ja, warum fährst Du denn aufs Feld, wenn Du im Kretscham so nötig -bist?« - -»Warum?! Schlaue Frage! Ich werd' mir immerfort von meinem Weibe die -Gesichter ansehen und das Gebrumme anhören!« - -»Aha! Deine Frau --« - -Es entstand eine Pause. Heinrich lachte leise vor sich hin, während -Hannes' Miene sich mehr und mehr umdüsterte. - -»Ja, meine Frau! Sie is ja ganz gut und tüchtig, ja -- aber ich och! -Und kneipen tu ich doch nich; ich unterhalt' mich doch bloß mit a -Gästen. Na, und das muß a Gastwirt. Sonst is keen Betrieb. Aber die, -immer aufs Feld, immer aufs Feld jagt sie einen.« - -»Sag' mal, Hannes, Du klagtest doch dieser Tage über Kopfschmerzen.« - -»Ja, die hab' ich auch noch.« - -»Du, dann tut Dir Bewegung in freier Luft sehr gut.« - -»Jüh!« - -Hannes hieb dem Pferde die Peitsche auf den Rücken und fuhr rasch davon. - -Der junge Arzt sah ihm lachend nach. Ein guter, lustiger Kerl war der -Hannes immer noch. Aber daß er das Regiment in seinem Hause führe, -konnte nicht gut jemand behaupten. Und es schadete auch vielleicht -nichts. Die Lene war bei aller Energie in ihren Mann so verliebt, wie -nur je eine Frau. Sie kamen sehr gut fort in ihrer Wirtschaft. Nicht -lange mehr, so würde Hannes den Kretscham kaufen können. Dann war -der Traum des alten Schräger, die beiden Buchenhöfe zu vereinigen, -endgültig zunichte. Über die Pläne des Menschen, die aufs Geld -gegründet sind, schreitet die Zeit, die größte Mammonsfeindin, lachend -hinweg. - -Eine hohe Gestalt ragte in der Ferne auf. Das war der Schaffer. Als -sein Sohn Hannes die Wirtschaft übernahm, zog er mit ihm nach dem -Kretscham. Aber schon nach acht Tagen kam er nach dem Buchenhofe -zurück. Er hatte das Heimweh bekommen. Er konnte sich nicht an eine -neue Wohnung, an neue Wirtschaftsräume und am allerwenigsten an neue -Felder gewöhnen. Und wieder tat er den bedeutsamen Ausspruch: »A alter -Kater geht nich weg vom Hofe« -- und blieb Schaffer auf dem Buchenhofe, -wo er sein Leben lang gehaust hatte. Abends nur ging er manchmal nach -dem Kretscham und ließ seinen Sohn »etwas verdienen«. - -Dann sah er mit Stolz, wie Hannes den Wirt spielte und mehr redete -als alle seine Gäste zusammen. Am allerschönsten war's immer, wenn -Hannes von Breslau erzählte, von der herrlichen Soldatenzeit und von -seinen zahlreichen anderen Besuchen in der Hauptstadt, da Heinrich -als verheirateter Student mit der Lotte dort gewohnt hatte. Und wenn -der Schaffer den Sohn also seine schöne Redegabe entfalten sah, ging -ihm das Herz auf, und er selbst war ganz schweigsam gegenüber solchen -Talenten. - -Der junge Doktor näherte sich den Buchenhöfen. Hannes' zahlreiche -Nachkommenschaft spielte auf der Straße, und auch sein eigenes, -dreijähriges Söhnchen war dabei. Sein Einziger! Der Knabe lief ihm -jauchzend entgegen, und er hob ihn zärtlich auf den Arm. - -Der alte Mathias guckte durchs Kretschamfenster. Er war abwechselnd -bald hier, bald dort, wo er eben gebraucht wurde. Sein Liebling unter -allen aber war immer noch der Heinrich. Alle Jahre vor der Ernte -besuchte Mathias einmal bei den Grauen Schwestern seine Liese, und alle -Jahre zu Weihnachten bekam er einen Brief von ihr. Und ob er selbst alt -wurde, er war hinaus über alle Bitterkeit und zufrieden mit der Art, in -der sich die Schicksale um ihn her erfüllt hatten. - -Jetzt glänzten seine guten Augen, als er den Heinrich sah. - -»Ich bin wieder amal Vize-Gastwirt,« schmunzelte er. - -»Ja, ich hab's schon gehört, daß Ihr den Hannes rausgegrault habt.« - -»Das nich! Aber 's is ganz gutt so! Wenn a den ganzen Tag und a ganzen -Abend hier sitzt, red't a sich kaputt! Lange wird a ja nich draußen -sein. Dann komm' ich zu Euch rüber.« - -»Schön, Mathias. Komme nicht zu spät!« - -Frau Lotte erschien drüben im Buchenhofe in der Haustür, und Heinrich -ging mit dem Knaben hinüber und reichte seinem strahlenden, jungen -Weibe die Hand. Ein Schwarm Wandervögel zog rauschend über sie hinweg, -weit in die Fremde. - -»Siehst Du die Vögel? Nun wird es bald Winter werden.« - -»Ich freu' mich auf den Winter,« sagte sie schlicht. - -Sie verstanden sich. Ein freundliches, liebes Haus hat bunte -Zauberfenster. Ewig malt sich durch sie die Welt draußen goldig und -schön, ob der Regen rinnt oder die Sonne lacht; im Herbst und Winter -sieht das Auge nichts Trübes durch seine magischen Scheiben. - -Er zog sie an der Hand heraus in den Hof. Das Wohnhaus hatte einen -neuen Anstrich bekommen, und über der Tür war eine Tafel in die Wand -eingelassen worden, die noch auf eine Inschrift harrte. - -Heinrich wies auf die Tafel und sagte: - -»Weißt Du, was ich da eingraben lasse?« - -Sie sah ihn fragend an, und er schaute ihr ernst, aber mit tiefer -Liebe in die schönen Augen und sagte langsam und mit jener leisen -Feierlichkeit, mit der man eine schwer gewonnene Lebensweisheit -ausspricht: - - »_Heimat ist Friede!_« - -[Illustration] - - - - - _Der Künstler_ soll seine Kunst rein halten wie der Geistliche - seine Kirche, der Lehrer seine Schule, sonst begeht auch er - »ein _Verbrechen im Amt_«. - - Aus Paul Keller »Hubertus«. - - -Paul-Keller-Bücher - - =In fremden Spiegeln= Roman - - =Hubertus= Ein Waldroman - - =Ferien vom Ich= Roman - - =Das letzte Märchen= Ein Idyll - - =Die alte Krone= Roman aus dem Wendenlande - - =Die Insel der Einsamen= Eine romantische Geschichte - - =Der Sohn der Hagar= Roman mit dem Bilde des Verfassers - - =Waldwinter= } Romane aus den - } schlesischen Bergen - =Die Heimat= } - - =Altenroda= Bergstadtgeschichten. 31.--52. Aufl. gebunden - - =Die fünf Waldstädte= Ein Buch für Menschen, die jung sind. - Mit Bildern. Gebunden - - =Stille Straßen= Ein Buch von kleinen Leuten und - großen Dingen. Mit Bildern. - Gebunden - - =Das Kgl. Seminartheater= Ein Stück eigener - Lebensgeschichte - und andere Erzählungen. Gebunden - - =Von Hause= Ein Päckchen Humor aus den Werken von - Paul Keller. - Gebunden - - Bisheriger Absatz all. Paul-Keller-Bücher - =rund zwei Millionen= - - -Bergstadtverlag in Breslau 1. - - - - -Nanni Gschaftlhuber - -Ein Wiener Roman - -von =Anna Hilaria von Eckhel= - -6.--10. Auflage gebunden. - -... _Wer recht von Herzen lachen will und zugleich innere Erhebung -sucht, der lese diese Nanni Gschaftlhuber._ - - Alice Freiin von Gaudy. - -... Wer eine so köstliche Figur zu schaffen gewußt hat, wie diese Nanni -Gschaftlhuber, die alles im Schnellzugstempo erledigt, die das Mundwerk -und das Herz auf dem rechten Fleck hat, die auf dem Sterbebette -die Schrecken des Todes über der Liebe des Lebens vergißt, wer das -Wiener Kleinbürgertum mit soviel Humor so anschaulich und liebevoll -zu schildern weiß, ohne je trivial zu werden, von dem kann man noch -Schönes erwarten. - - »Was man wissen muß.« - - -Benedikt Patzenberger - -Aus der Komödie seines Lebens von =Roland Betsch=. - -6.--10. Auflage gebunden. - -... Der Leser wird den Eindruck eines echten Kunstwerkes empfangen. -Kein Dichter und Phantast hat je in seinen kühnsten und sternenfernsten -Träumen das Leben übertroffen und die Ereignisse verwickelter und -einfacher gestalten können. - - Blätter für Volksbildung, Lesehallen. - -... Hier ist ein deutsches, ein fröhliches und ein künstlerisch -wertvolles Buch! ... - - K. von Perfall in der Kölnischen Zeitung - -... Ein Werk voll des sprühendsten Witzes ... - - Volkslesehalle, Wien. - - -Zwischen Wellen u. Steinen - -Novellen von =Anna Hilaria von Eckhel=. - -1.--6. Auflage gebunden. - -Triest, der Karst und das nahe Küstenland bilden den Schauplatz von -fünf zu einem Ganzen vereinigten Novellen. Ihnen ist eine kurze -poesievolle Widmung vorangestellt, die mit den Versen beginnt: - - »Zwischen Wellen und Steinen meine Wiege stand, - Zwischen Wellen und Steinen: mein Kindheitland!« - -und mit jeder weiteren Zeile deutlich macht, mit welch großer -Liebe Anna Hilaria an ihrer Heimat hängt. Ihr sind die Stoffe zu -den Erzählungen entlehnt. In jeder ist ein tiefernstes Problem in -herzbewegender Weise gelöst ... - - Wiener Zeitung. - -... Die Handlung ist immer spannend, so daß sie den Leser zum seelisch -bewegten Miterleben fortreißt ... - - Bayrischer Kurier. - - -Die Eine Liebe - -von =Annie Herzog=. - -Geschichten vom Haus am Rhein - -1.--3. Auflage. - -... Schlicht in der Form sind diese Erzählungen, aber durchglüht vom -brausenden Strom des Blutes, auch die sanfte Heiterkeit fehlt nicht -darin ... - - Hamburger Nachrichten. - -Eine frische echte Heimatgabe! Frisch in Formen und Farben! In »Semele« -erzählt die Verfasserin in stiller versonnener Dämmerstunde die -keusch selige und unselige Studentenliebe, die Züricher Universität, -das Restaurant »Rigiblick«, der Zürichberg erhält Leben und Seele. -Plastisch wie aus Marmor und lebenswahr und -warm ist die Gestalt der -Großtante am Rhein, skizzenhaft umrissen ihr Häuschen; durch sie, wie -durch »Fräulein Doktor«, die »Stille Geschichte« geht die eine Liebe, -die Frauenliebe, die in Sturm und Stille treu bleibt -- zum Tode, nein: -über das Grab hinaus. - - Illustr. Schweizer Hausztg. - - -Bergstadtverlag in Breslau 1 - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Der Schmutztitel - wurde entfernt. Zur besseren Navigation wurden unsichtbare - Kapitelüberschriften ergänzt. - - Korrekturen: - - S. 65: s eh → seh - Na, {seh} och, was a für graue Haare gekriegt hat - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEIMAT *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation's web site -and official page at www.gutenberg.org/contact - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
