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-The Project Gutenberg eBook of Die Heimat, by Paul Keller
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-using this eBook.
-
-Title: Die Heimat
- Roman aus den schlesischen Bergen
-
-Author: Paul Keller
-
-Illustrator: Felix Schumacher
-
-Release Date: January 22, 2021 [eBook #64370]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEIMAT ***
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Die Heimat
-
- Roman aus den schlesischen Bergen
-
- von
-
- Paul Keller
-
- Mit Buchschmuck von Felix Schumacher
-
- 122. bis 136. Auflage.
-
- [Illustration]
-
- Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn
-
- _Breslau_ und _Leipzig_
-
-
-
-
- Alle Rechte,
- insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
- ~Copyright 1915 by~
- Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau.
-
-
-Druck von Wilh. Gottl. Korn in Breslau.
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 1]
-
-
-Im Buchenhofe war ein Hühnchen ermordet worden. Der Verdacht lenkte
-sich auf Waldmann, den Dachshund, der nach der Tat flüchtig geworden
-war. Es war auch dem Schaffersohne Hannes, der sich sofort aufgemacht
-hatte, die Spuren des Mörders zu verfolgen, nicht gelungen, des
-Attentäters habhaft zu werden.
-
-»Der Gauner is ausgerückt,« meldete er niedergeschlagen dem Sohne
-seines Herrn, dem vierzehnjährigen Heinrich Raschdorf, der zu den
-Ferien daheim war. »Ich sag' Dir, a muß in a Fuchsloch gekrochen sein,
-sonst hätt' ich 'n erwischt. Ich hab' gesucht wie verrückt!«
-
-»Wenn er Hunger haben wird, kommt er von selber nach Hause,« sagte voll
-Überlegung Heinrich, der Quartaner.
-
-»Ja, und weißte was? Dann machen wir 'n Heidenulk! Wir machen Gericht!
-Du bist der Richter, und ich bin der Poliziste, und Du verurteilst a
-Dackel, daß ihm der Poliziste fünfe aufs Leder haut, und daß a ihn mit
-der Schnauze a paarmal aufs tote Hühndel stampt, und daß a ihn 'ne
-Stunde in a Kohlschuppen sperrt. Gelt, Heinrich, das machste?«
-
-»Ich werd' mir's überlegen,« antwortete in vornehmer Ruhe der Quartaner.
-
-Diese Zurückhaltung schien dem lebhaften Bauernburschen nicht zu
-gefallen. Er sann über etwas anderes nach. Nicht lange, so hatte er's.
-
-»Ja, und weißte was, Heinrich? Das Hühndel werden wir begraben. So 'n
-Begräbnis macht auch 'n riesigen Spaß! Du machst a Pfarrer --«
-
-»Das ist mir schon zu kindisch, das hab' ich früher gemacht,« erwiderte
-Heinrich.
-
-»Na, hör' mal, wenn Du auch Quartaner bist, kannste doch noch 'n
-Pfarrer machen. Siehste, ich bin der Totengräber. Wir machen 'n
-Leichenzug, und ich setz' mir Vaters Zylinder auf und geh' so wackelig
-vorm Zug her, gerade wie der alte Lempert. Was Ulkigeres wie 'n
-Totengräber gibt's nich. Na, und die Mädel sind doch och dabei, die
-Lene und die Lotte und die Liese. Die müssen flennen. Und wenn Du die
-Rede hältst, müssen sie immer mehr flennen, und nachher lassen wir das
-Hühndel ins Grab und die Mädel singen: »In der Blüte deiner Jahre«. Na,
-wenn das nischt is! --«
-
-Der Quartaner überlegte. Die Beredsamkeit seines ländlichen Freundes
-beeinflußte ihn. Skrupel hatte er ja freilich. Seine »Kollegen« in der
-Quarta würden so etwas »einfach dämlich« gefunden haben. Also sagte er
-langsam und bedächtig:
-
-»Eigentlich ist es kindisch! Aber Dir zu Gefallen können wir's ja noch
-einmal machen. Doch es ist das letzte Mal, Hannes, das sag' ich Dir.
-Und Vater und Mutter dürfen nichts wissen.«
-
-»Die wissen so wie so nischt,« sagte Hannes. »Der »Herr« sitzt drüben
-beim Schräger, und die »Frau« hat 'n Kopfkrampf und liegt im Bette.
-Besser kann sich's nich treffen.«
-
-»Na, denn meinetwegen, Hannes!«
-
-Hannes war von diesem Zugeständnis freudig berührt. Er hob einen
-dürren Stecken aus dem Garten auf, rannte ans Fenster des stattlichen
-Bauernhauses und klopfte dreimal feierlich an.
-
-Der Kopf eines dunkeläugigen, bildhübschen Mädchens von etwa zwölf
-Jahren wurde sichtbar.
-
-»Was is 'n los?«
-
-Hannes senkte geheimnisvoll das Haupt und sagte mit der düsteren Stimme
-eines »Grabebitters«:
-
-»Der Herr Raschdorf läßt schön grüßen, und a läßt bitten, daß die
-Jungfer Magdalene so freundlich sein täte und 'm toten Hühndel 's
-letzte Ehrengeleite geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!«
-
-»Macht Ihr wirklich Begräbnis?« fragte sie, nicht ohne Begeisterung.
-
-»Natürlich, Lene,« antwortete der Leichenbitter und fiel aus der Rolle.
-»Es wird riesig ulkig. Heinrich is Pfarrer und ich Totengräber, und du
-mußt das Hühndel in a Sarg legen. Auf 'm Kleiderschranke sind ja die
-Zigarrenkisten; da nimmste eine, und da haste die Leiche!«
-
-Damit warf er dem Mädchen das tote Hühnchen, das er bisher in der
-Hand getragen hatte, aufs Fensterbrett, schlug sich selber mit dem
-»Grabebitterstöckel« ein paarmal auf die Waden und rannte davon.
-
-Der »Buchenkretscham« war vom »Buchenhofe«, auf dem Heinrich und
-Magdalene die Kinder der Herrschaft waren, Hannes aber als Sohn des
-»Schaffers« lebte, nur durch die Straße getrennt, die von der Stadt
-her nach dem schlesischen Gebirgsdorfe führte. Früher waren beide Höfe
-zu einer großen »Herrschaft« vereinigt gewesen. Der letzte Besitzer
-war bankerott geworden, das Gut wurde dismembriert, einzelne Teile des
-Ackers wurden an Bauern des Dorfes verkauft; aus dem Rest der Felder
-und den Gebäuden aber entstanden zwei neue Besitztümer, immer noch
-sehr stattlichen Umfanges: der Buchenhof Hermann Raschdorfs und der
-Buchenkretscham des Julius Schräger.
-
-Vor dem Kretscham machte Hannes vorsichtig Halt. Er schlich an ein
-Fenster der Gaststube und lugte vorsichtig durch die Scheiben. Die
-Ausschau befriedigte ihn. Sein »Herr« und Schräger, der Gastwirt,
-saßen beisammen und sprachen eifrig miteinander. Diese beiden würden
-voraussichtlich die Trauerfeierlichkeit nicht stören. Also begab
-sich Hannes Reichel nach dem Hausflur. Er hatte Glück und traf die
-Schräger-Lotte, die er suchte.
-
-Das etwas blasse Kind erschrak ein wenig, als es Hannes dreimal mit
-seinem Stecken auf den Arm klopfte und sagte:
-
-»Der Herr Raschdorf läßt schön grüßen, und ob die Jungfer Lotte
-vielleichte so freundlich sein täte und 'm toten Hühndel 's letzte
-Ehrengeleite geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!«
-
-»Was? Der Herr Raschdorf sitzt ja drin in unserer Stube. Und warum
-hauste mich denn so auf den Arm?«
-
-Der Grabebitter fiel abermals aus der Rolle.
-
-»Tumme Gans, der Herr Raschdorf is der Heinrich, und wenn Du nich in
-'ner halben Stunde drüben bist und mitmachst, da -- da sollst Du mal
-sehen!«
-
-Das Mädchen wollte noch etwas fragen, aber Hannes »schmitzte« bereits
-seine Waden und »sockte« ab.
-
-»Mit der Lotte is nischt los,« sagte er zu sich selbst. »Sie is 'ne
-Tunte! Aber die Lene, die Lene!«
-
-Und das Bürschlein blieb einen Moment stehen und verdrehte verliebt die
-Augen. Dann setzte es sich schnell wieder in Bewegung.
-
-Im grellhellen Licht des Julitags lag das Dorf langgestreckt drunten
-im Tal. Die Nordseite war durch einen waldigen Hügelzug abgeschlossen,
-an dessen Abhang, etwas abgesondert vom Dorfe, die Buchenhöfe lagen.
-Drüben die südliche Einrandung der Talmulde war viel niedriger,
-ganz mit gelben Saaten bestanden, über denen schwer und schwül die
-Sommersonne lag. Und all die vollen Ähren standen wie im heißen Fieber,
-in einem Fieber, welches das Leben zur Gluthitze bringt und doch die
-besten Säfte und Kräfte verkalkt, verzuckert und vermehlt, so daß nach
-dem heißen Rausch das Sterben kommt.
-
-Hannes rannte hinab ins Dorf. An ein paar Bauernhöfen lief er vorbei,
-dann kam eine grüne Aue, auf der ein kleines, nettes Haus stand.
-
-Hannes reckte sich und klopfte mit seinem Stecken ans Fenster. Ein
-schmächtiges, blasses Mädel erschien.
-
-»Der Herr Heinrich Raschdorf läßt schön grüßen, und ob die Jungfer
-Liese nicht so freundlich sein wollen mögen täte, 'm toten Hühndel 's
-letzte Ehrengeleite zu geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!«
-
-»Wenn is es denn? Wenn is es denn?« fragte das Kind mit vielem
-Interesse. »Macht der Heinrich a Pfarrer?«
-
-»Natürlich, Liese, macht a 'n Pfarrer.«
-
-»Gelt, Du, Hannes, der is aber gar nich 'n bissel stolz geworden, und a
-is doch schon Quartaner, hat doch jetzt immer Gamaschen an,« sagte das
-Mädchen bewundernd.
-
-»Nu eben,« pflichtete Hannes bei. »Komm och balde nach, Liese; 's geht
-gleich los! Ich muß bloß schnell 's Grab graben und 'n Zylinder suchen.
-Wenn kommt 'n Dein Vater heim?«
-
-»Nu, a kommt balde! Ich müßte eigentlich --«
-
-»Gar nischt mußte! Bloß kommen! Kannste »In der Blüte deiner Jahre«
-auswendig, Liese?«
-
-»Bloß drei Verse.«
-
-»Das langt! Bloß balde kommen! In einer reichlichen halben Stunde geht
-der Rummel los. -- Nanu, wer is 'n das?«
-
-Zehn Meter von Hannes entfernt lag auf der Aue Waldmann, der Dackel. Er
-lag mit der Schnauze auf der Erde, so daß seine langen Ohren den Boden
-berührten, und schielte mit höchst durchtriebenem Gesicht den Hannes an.
-
-»A is schon a paar Stunden hier,« berichtete Liese. »Ich hab' ihm
-Milchsuppe gegeben.«
-
-»Machste recht, Liese! So ein'm Lump, der 's Hühndel totgebissen hat,
-Milchsuppe!«
-
-»Ja, das wußt' ich doch nicht, Hannes. Und ich denke, Du bist froh, daß
-wir Begräbnis machen können.«
-
-»Natürlich, Liese, bin ich froh. Wenn der Dackel 's Hühndel nicht
-erbissen hätte, wär's sehr schade; aber weil a 's erbissen hat, kriegt
-a Hiebe. Das is nich mehr wie recht und billig. -- -- Dackel, nu
-Dackerle, nu Waldmänndel, nu komm doch; siehste nich, daß ich Zucker
-hab'? Zucker, Waldmänndel! Na, da komm her, Dackel!«
-
-Der Junge näherte sich Schritt für Schritt dem Hunde. Der lag lauernd
-auf der Erde und schnitt ein über die Maßen schlaues Gesicht. Er lachte
-geradezu. Und als der Hannes auf drei Schritte herangekommen war,
-sprang der Dackel auf und lief davon, daß der Boden hinter ihm aufflog.
-In dreißig Meter Entfernung legte et sich wieder nieder und grinste
-seinen Verfolger mit überlegener Schadenfreude an. Der verbiß seinen
-Ärger und beschloß zunächst, seinen Stecken wegzuwerfen und beide Hände
-in die Taschen zu stecken, damit ersichtlich sei, daß er gar nichts
-Übles im Sinne führe. Dabei verdoppelte er die Kosenamen und führte
-alle Schätze der heimischen Speisekammer namentlich auf. Doch als er
-sich dem Verfolgten wieder auf drei Schritte genähert hatte, brachte
-dieser sein Leibliches abermals durch eine fabelhaft beschleunigte
-Flucht in Sicherheit.
-
-Ein paar Knaben schlenderten müßig die Dorfstraße herab. Als Hannes
-sie gewahrte, gab er die Verfolgung des Hundes auf und wandte sich den
-Jungen zu in der Absicht, neue Teilnehmer an dem Begräbnis zu werben.
-Seine ganze blühende Redekunst wandte er zu diesem Zweck auf. Ohne
-Erfolg!
-
-»Mit 'm Heinrich Raschdorf spiel' ich nich,« sagte Ernst Riedel, »der
-is a stolzer Affe!«
-
-»Ich geb' mich auch nich mit 'm ab,« sagte ein zweiter.
-
-»Und ich tät' überhaupt von mein'm Vater Wichse kriegen, wenn ich uff a
-Buchenhof ging,« sagte der dritte.
-
-Hannes war wütend.
-
-»Das werd' ich 'm Herrn Lehrer sagen, der is Heinrichs Großvater,«
-sagte er, nachdem er sich kurz die Unmöglichkeit zu Gemüte geführt
-hatte, selbst die drei starken Bengel durchzuprügeln.
-
-»Wenn a mir was tut,« sagte Ernst Riedel, »geht mein Vater zum
-Schulinspektor.«
-
-»Und meiner och!«
-
-Sie gingen. Hannes schaute ihnen eine Weile nach. Dann spuckte er aus
-und schrie ihnen nach: »Ochsen, Ochsen, Dorfochsen!«
-
- * * * * *
-
-In der Gaststube des Buchenkretschams war es ganz still. Nur zwei
-Männer saßen drin: Hermann Raschdorf, der Buchenbauer, und Julius
-Schräger, der Wirt. Man hörte, wie am Leimstengel auf dem Fensterbrett
-die gefangenen Fliegen zitterten. Die Sonne aber, die bei aller vielen
-Arbeit immer noch Zeit findet, ein wenig Spaß zu treiben, wie alle
-großen Leute, gestattete sich ein wunderliches Spiel. Sie beleuchtete
-die großen Schnapsflaschen, die im Schanksims standen, und entlockte
-ihnen wunderbare Lichter; und wer da genau hinsah auf die flimmernden
-Flaschenleiber, konnte denken, er sähe lauter große Edelsteine. Da
-war der Benediktiner, dunkel wie ein Orthoklas, und daneben glänzte
-die Kirschflasche wie ein riesiger Rubin; der grüne Magenbitter kam
-sich sicherlich selber vor wie ein märchenhafter Smaragd, und der
-Eierkognak war so milchig hell und hatte so sanfte Mondscheinreflexe
-wie ein echter Opal. Der Branntwein aber, von echtem »Wasser und
-Feuer«, hielt sich ohne übermäßige Bescheidenheit für einen Diamanten.
-Schade, daß so viele Menschen nicht darauf achten, wenn die Sonne
-einmal witzig ist. Auch die beiden Männer nicht.
-
-»Die Hauptsache is, Hermann, daß Du mir keine Schuld gibst,« sagte der
-Wirt.
-
-»Aber Du hast mir doch am meisten zugeredet, daß ich die verfluchten
-Aktien gekauft hab'!« entgegnete der Buchenbauer.
-
-»Zugeredet, was heißt zugeredet? Hätt' ich Dir zugeredet, wenn ich nich
-gedacht hätte, die Sache wär' gut, was? Hätt' ich das? Was? Selber
-hätt' ich welche gekauft, wenn ich damals Geld liegen gehabt hätte.«
-
-»Und ich? Hatt' ich welches liegen? Hatt' ich's? Hab' ich nich 'ne neue
-Hypothek aufgenommen? Fünftausend Taler, Mensch! Fünftausend Taler! Was
-das heißen will bei mir!«
-
-Der Gastwirt sprang ärgerlich auf, steckte die Hände in die
-Hosentaschen und trat ans Fenster.
-
-»So is 's! Wenn die Leute Pech haben, schieben sie's immer auf andere.«
-
-Er drehte sich rasch wieder um.
-
-»Nu, Mensch, siehste das nich ein, daß ich's bloß gut gemeint hab'?
-Daß ich bloß Dein Bestes wollte? Was?! Wenn die Sache richtig gegangen
-wär' --«
-
-»Wenn! Man soll sich mit solchen Lausekerlen nicht einlassen. Herrgott,
-wenn wirklich, Schräger -- -- es is ja -- es is ja gar nich zum
-Ausdenken --«
-
-Der kleine, dicke Gastwirt legte dem großen, stattlichen Bauern
-beschwichtigend die Hand auf die Schulter.
-
-»Hermann! Was nutz't n das alles! Abwarten! ruhig abwarten!«
-
-»Abwarten! Du hast gut reden. Abwarten! Ich -- ich -- mir wird die Zeit
-zur Ewigkeit; drüben liegt mein Weib krank, sie weiß nichts von all
-dem, die Zinsen bin ich noch schuldig von Johanni, -- ich -- ich --«
-
-»Weißte, Hermann, trink'n wir 'n Kirsch!«
-
-»Ich mag nich, ich will nich, ich hab' schon genug!«
-
-»Trink'n wir halt 'n Kirsch! Das wirste mir doch nich abschlagen,
-Hermann!«
-
-Der Wirt ging nach dem Schanksims, und der Rubin tauchte unter.
-
-»Na also!« sagte Schräger, indem er langsam mit den gefüllten Gläsern
-zurückkam. »Nur nich 'n Kopp verlieren! Wird ja noch alles werden. So,
-da! Na, trink mal, Hermann! Auf Dein Wohl!«
-
-Da tönten Schritte draußen im Hausflur.
-
-»Der Briefträger,« keuchte Raschdorf und stieß das gefüllte Glas um. Er
-stand auf und stützte sich schwer auf den Tisch. Ein Landbriefträger
-trat über die Schwelle, erhitzt und bestaubt.
-
-»Guten Tag!« sagte er; »'n Korn und a Glas Einfach --«
-
-»Is was an mich?« fragte Raschdorf schwer beklommen. Auch der Wirt
-blickte aufs höchste gespannt nach der schwarzen Ledertasche. »Jawohl,
-Herr Raschdorf, da ist ein Brief!«
-
-»Vom Rechtsanwalt,« sagte Raschdorf leise und langte über den Tisch.
-
-»Komm mit ins Stübel, Hermann!« riet der Wirt.
-
-Die beiden Männer gingen ins Wohnzimmer des Wirtes. Mit zitternden
-Fingern löste Hermann Raschdorf den Umschlag des Briefes.
-
-»Setz' Dich, Hermann, setz' Dich!« Der Wirt zwang ihn aufs Sofa.
-
-Und Raschdorf las. Da wurde das Gesicht blaß, die Mundwinkel verzogen
-sich, der Unterkiefer zitterte, und auf der Stirn brannte ein roter
-Fleck wie eine Wunde.
-
-»Verflucht! Oh -- oh -- verflucht!«
-
-Das Papier entsank dem starken Mann, und er selbst fiel mit dem Gesicht
-auf das Sofa und krallte seine Finger in die Polster.
-
-»Was is denn, Hermann, um Gottes willen, was is denn?«
-
-Keine Antwort. Der hünenhafte Körper nur zuckte krampfhaft auf und
-nieder, die Hände fuhren wie irre hin und her, und der Kopf bohrte sich
-in den Sofasitz.
-
-Der Wirt bückte sich, hob den Brief auf und las.
-
-Eine lange Pause entstand.
-
-»Fünfzehn Prozent, nur fünfzehn Prozent!«
-
-Schräger setzte sich auf einen Stuhl. Schweigend betrachtete er den
-Unglücklichen, der in dumpfes Schluchzen ausbrach. In den grauen Augen
-des Wirtes zuckte es sonderbar. Ein Weilchen blieb er so ganz still,
-dann schlich er auf den Zehen hinaus und verkaufte drüben dem wartenden
-Briefträger um zehn Pfennig Schnaps und Bier.
-
-»Sagen Sie einstweilen von dem Briefe nichts im Dorfe,« sagte er zu
-dem Briefträger und kassierte die zehn Pfennig Zeche ein. Dann ging
-er zurück nach der Wohnstube. Behutsam öffnete er die Tür. Raschdorf
-lehnte auf dem Sofa, die Füße weit von sich gestreckt.
-
-»Hermann!«
-
-»Na, was sagste? Haste gelesen? Fünfzehn Prozent! Was? Das macht sich!
-Diese Schweinebande!«
-
-»Aber 's muß doch 'n Gesetz geben, Hermann!«
-
-»Gesetz geben! Schafkopp! Gesetz! Wenn Du 'n Hund ohne Maulkorb
-rumlaufen läßt, oder wenn Du die Wagentafel zu Hause vergessen hast,
-da gibt's 'n Gesetz, da werden sie Dich schon fassen; aber wenn kleine
-Leute von Spekulanten um ihr Geld begaunert werden, um Tausende, um
-viele Tausende, um alles -- da gibt's kein Gesetz, da kräht kein Hahn
-darüber, da kümmert sich kein Teufel drum -- Schweinebande!«
-
-Schräger trat nahe an den Sofatisch.
-
-»Es ist schrecklich, Hermann! Und das Schlimmste: nu werd' ich die
-Schuld kriegen.«
-
-Raschdorf blickte auf.
-
-»Die Schuld kriegen! Du? Hä! Natürlich bist Du schuld!«
-
-»Hermann, das verbitt' ich --«
-
-»Ach, halt's Maul! Was hat's denn für 'n Zweck, wenn ich Dir die Schuld
-geb'? Krieg' ich mein Geld wieder? Was? Nee! Hin is hin! Aber daß Du
-mir zugeraten hast, daß Du mir in a Ohren gelegen hast Tag und Nacht,
-das steht auf ein'm andern Brette, Schräger!«
-
-»Na, is gut, Hermann! Gut is! Ich werd' Dir ja nich mehr raten! Ich
-sag' ja kein Sterbenswort mehr, und wenn Du --«
-
-»Und wenn ich gleich pleite geh'! Weiß ich, Schräger, weiß ich! Is auch
-ganz gut so.«
-
-»Na, das is ja richtig! Das habe ich mir ja gerade um Dich verdient!«
-
-Schräger trat ans Fenster und blickte hinaus auf die staubige Straße.
-Raschdorf erhob sich und dehnte die Arme.
-
-»So! Nu werd' ich's meinem kranken Weibe sagen, und nachher könn'n wir
-ja die Klappe zumachen und fechten gehn.«
-
-Schräger drehte sich langsam um.
-
-»Hermann,« sagte er, und seine Stimme klang warm, »Hermann, wenn Du 'n
-Freund brauchst!«
-
-Raschdorf sah ihn mit herbem Lächeln an.
-
-»Wenn ich 'n Freund brauch', komm ich zu Dir. Verlaß Dich darauf,
-Schräger!«
-
-Sie sahen sich einige Sekunden in die Augen.
-
-»Adieu, Schräger!« -- --
-
-Über die Straße ging Raschdorf und über seinen Hof. Er sah und hörte
-nicht. Als er in den Hausflur kam, blieb er stehen, als ob er Mut
-fassen müsse. Von oben herab klang ein hohles Husten. Da raffte sich
-der Mann auf. Langsam stieg er die Treppe hinauf und öffnete eine Tür.
-»Wie geht Dir's, Anna?«
-
-Die sanfte, zarte Frau, die im Bette lag, sah ihn erstaunt an und
-fragte furchtsam:
-
-»Was ist Dir, Hermann?«
-
-»Mir? -- Was soll mir sein?«
-
-Die Kranke richtete sich auf.
-
-»Hermann, es ist was passiert! Dir ist was; Hermann, was ist Dir?«
-
-Er sank auf den Stuhl neben ihrem Bette und lehnte den Kopf an das
-kühle Kissen. Und wie sich ein Schuldbekenntnis von Männerlippen immer
-schwer und schmerzhaft losringt, so auch jetzt.
-
-»Anna, ich -- hab' spekuliert, -- und ich hab' verloren.«
-
-Eine heiße Röte zog über das weiße Frauengesicht. Sie sagte nicht
-gleich etwas, aber dann fragte sie:
-
-»Ist es viel, Hermann?«
-
-»Viel, Anna! Sehr viel! Über -- über viertausend Taler.«
-
-Die Kranke sank in die Kissen zurück und legte den rechten Arm über
-die Stirn und die Augen. Und der Mann saß in finsterem Schweigen an
-ihrem Bette. Kein Laut. Nur die Frau hustete ein paarmal. Und die Sonne
-schien schwül in die Stube.
-
-Da klang ein seltsam Tönen in diese Todestraurigkeit. Vom Garten unten
-drang schwaches Kindersingen: »In der Blüte deiner Jahre«.
-
-Müde erhob sich Raschdorf. Er hatte nicht den Mut, seiner blassen Frau
-in die Augen zu sehen. So trat er sachte ans Fenster und lehnte sich
-gegen die Mauer.
-
-Ein wunderliches Bild bot sich ihm unten im Garten. Er sah nicht alles,
-nicht den Hannes, der possenhaft aufgeputzt da unten stand, nicht die
-fremden Kinder; er sah ein totes Hühnchen, das mit Myrtenzweigen und
-blauen Bändern geschmückt über einer Grube stand, er sah sein schönes
-Kind, die Magdalene, und er sah seinen einzigen Sohn, der wie ein
-Geistlicher angezogen unten stand und vernehmlich sagte: »~Vita brevis!
-Vita difficilis!~«
-
-»Das Leben ist kurz! Das Leben ist schwer!«
-
-Das Wort traf den Mann ins Herz. Er ging zurück zum Bette der kranken
-Frau und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 2]
-
-
-Drüben im Buchenkretscham durchmaß der Wirt die einsame Gaststube. Er
-war wohl in schwerer Erregung. An allen Tischen blieb er stehen und
-trommelte mit den dicken, kurzen Fingern darauf. Immer lockte es ihn
-ans Fenster, und er hatte doch nicht den Mut, ganz nahe hinzutreten.
-Die Augen aber richteten sich immer aufs neue nach dem Buchenhofe. So
-vertieft war er in seine Gedanken und in das Anschauen des stattlichen
-Gehöftes, daß er nicht einmal bemerkte, wie sich die Tür öffnete und
-ein Mann erschien, der ihn sekundenlang beobachtete.
-
-»Eine wunderschöne Besitzung, der Buchenhof, was, Schräger?«
-
-»Ah -- ah -- ja -- ja -- natürlich -- natürlich; ach, Du bist's,
-Berger, Du hast mich ja --«
-
-»So erschreckt, gelt ja? Hähä! Is kaum zu glauben, daß 'n Gastwirt
-erschrickt, wenn a Gast kommt.«
-
-»Ich -- ich dachte gerade nur --«
-
-»Du dachtest gerade nur darüber nach, was doch der Buchenhof für 'ne
-riesig hübsche Wirtschaft wär', und da kam ich dummerweise und störte
-Dich in Deiner Andacht.«
-
-»Bist doch halt a gespaßiger Mensch, Berger. Immer weißte 'n Witz. Was
-kann ich Dir denn einschenken?«
-
-»Gar nischt! Ich will Dich bloß was fragen, Schräger. -- -- Weiß er's
-schon?« Und er zeigte mit dem Daumen nach dem Buchenhofe.
-
-»Was -- was soll er denn wissen?«
-
-»Von der Pleite und den 15 Prozent!«
-
-»Berger, woher weißt denn Du das schon wieder? Das is ja gar nicht
-möglich!«
-
-Der andere lachte.
-
-»Ja, weißte, wenn man Lumpenmann is wie ich und so mit einer
-Kurier-Hunde-Post im ganzen Lande rumfuhrwerkt, da hört man vieles. Was
-a richtiger Lumpenmann is, der weiß alles.«
-
-Der Wirt sah Berger mit unruhig flackernden Augen an.
-
-»Na, meinetwegen! A weiß schon. A hat halt Pech! Mich geht's ja nischt
-an, Berger. Was?«
-
-»Nu je! O ja! Doch, doch!«
-
-Der Lumpenmann lachte bei dieser Rede. Schräger fuhr auf.
-
-»Mich soll's angehen? Mich? Was denn? Was denn zum Beispiel? Möcht' ich
-wissen. Was denn, Berger?«
-
-Der lehnte sich gegen das Schenksims, kniff seine Äuglein ein wenig
-zusammen und sagte ganz ruhig: »Ich werd' Dir mal was sagen, Schräger.
-Siehste, es könnte einer auf den Gedanken kommen, es wär' eigentlich
-ganz hübsch, wenn die beiden Buchenhöfe wieder zusammenkämen. -- Laß
-mich reden, Schräger, reg' Dich nich uff! Also, wenn alles wieder eine
-Herrschaft wär'! Das könnte schon einer denken. Nich? Na, aber 's wär'
-'n sehr dummer Gedanke, Schräger, denn die Raschdorfs gehen da drüben
-nich raus!«
-
-»Ich weiß nich, was Du hast, Berger. Ich denk' doch im Traume nich an
-so was. Der Raschdorf is mein Freund.«
-
-»Is Dein Freund, Schräger. Das ist hübsch von Dir! Und weil Du nu
-Deinen Freund mit den Aktien so in die Tinte geritten hast --«
-
-»Berger, das laß ich mir nich gefallen!«
-
-»Weil Du ihn so in die Tinte reingeritten hast, sag' ich, wirste ihn
-wohl jetzt wieder rausreiten müssen.«
-
-»Das is 'ne Frechheit von Dir, Berger! Wie kommste denn dazu? Das geht
-Dich doch gar nischt an!«
-
-»Geht mich gar nischt an, Schräger, da haste recht! Aber gerade das,
-was mich nischt angeht, um das kümmer' ich mich. Schräger, ich will
-Dir mal in aller Gemütlichkeit was sagen: Wenn Du etwa am Raschdorf
-schuftig handelst, da mach' ich Dich schlecht im ganzen Vaterlande und
-im ganzen Waldenburger Kreise. Verstehste? Ich verkauf' Dich als Lumpen
-in jedem Hause.«
-
-»Nu is aber genug, Berger! Das sagste mir in meinem Hause? Ich verklag'
-Dich, und wenn Du noch 'n einziges Wort sagst, da --«
-
-»Da schmeißte mich raus. Machste recht, Schräger, tät' ich auch machen!
-Aber ich geh' schon alleine. Meine Meinung weißte! Leb' gesund,
-Schräger!«
-
-Berger hörte noch, daß ihm der Wirt etwas nachzischelte, aber er
-kümmerte sich nicht darum. Aus der sauersüß riechenden Wirtsstube trat
-er wieder hinaus auf die sonnenbeglänzte, freie Straße. Ein kleiner
-Planwagen stand da, vor den ein großer, schwarz- und weißhaariger
-Hund gespannt war. Der schielte seinen Herrn mit einem verliebten
-Seitenblick an und klopfte in drei gleichmäßigen Zwischenräumen mit
-seinem mächtigen Schweife an die Wagendeichsel. Der Lumpenmann stutzte
-und betrachtete aufmerksam sein Gefährt, in dem sich leise etwas regte.
-
-»Haste etwa a Raschdorf Heinrich gesehen, Pluto?«
-
-Der Hund bellte freudig.
-
-»Oder vielleichte gar a Schaffer-Hannes?«
-
-Der Hund bellte noch lauter.
-
-»Haste sie wirklich gesehen, Pluto? Möcht' ich wissen, wo sie stecken.«
-
-Der Hund bellte wie toll und zerrte und riß an seinem Geschirr. Der
-Lumpenmann bückte sich und machte ihn frei.
-
-»Na, da such', Pluto, da such'!«
-
-Ein Satz, und der mächtige Hund war unter der Plane verschwunden. Ein
-Zeter- und Mordgeschrei erhob sich in dem kleinen Wagen, dazwischen
-tönte ein ganz rasendes Hundegebell. Der Lumpenmann stand da und
-lachte, und die Tränen liefen ihm über das runzelige, bestaubte Gesicht.
-
-Ein paar Gamaschen wurden auf der Deichsel sichtbar, in denen steckten
-zwei Quartanerfüße, und nach und nach kam der ganze junge Akademiker
-zum Vorschein. Unterdessen war ein wüstes Gebrülle und Gebelle im Wagen.
-
-»Du bist verrückt, Pluto! Mein Gesicht, au, mein Gesicht!«
-
-Der kleine Wagen wankte und bebte von dem gewaltigen Kampfe, der
-sich in ihm abspielte, und dann wurde in seiner dunklen Öffnung ein
-animalischer Knäuel sichtbar, und rechts von der Deichsel fiel ein Hund
-auf die Straße, und links von der Deichsel ein Junge.
-
-Hannes erhob sich mit zerkratztem Gesicht.
-
-»Wir kommen vom Begräbnis,« sagte er kläglich und betrachtete
-zerknirscht den demolierten Paradehut seines Vaters. »Da macht man sich
-'n kleinen Spaß und kriecht mal in den Lumpenwagen, und gleich hetzt a
-mit Hunden. Was bloß mein Vater zu seinem Zylinder sagen wird! Pfui,
-Mathias, das werd' ich mir merken! Das is ruppig von Ihn'n.«
-
-Der Lumpenmann lachte, daß er sich schüttelte.
-
-»Ihr Halunken! Gelt, das wär' a Spaß gewesen, wenn Euch der Mathias
-Berger ins Dorf gezogen hätte! Na, heul' nich etwa, Hannes! Sagen wird
-Dein Vater zum kaputen Zylinder nischt; a sagt ja nie was; höchstens
-durchhauen wird a Dich.«
-
-In diesen Worten vermochte Hannes einen erheblichen Trost nicht zu
-erblicken, und so versprach ihm Mathias Berger einen neuen Zylinderhut.
-Er habe zwei Stück. Einer rühre von seiner Hochzeit her, den anderen
-habe er geerbt. Der Hannes solle sich den schönsten gleich abholen,
-ehe der Vater vom Felde heimkehre und gewahr werde, was mit seiner
-»Trauertonne« passiert sei.
-
-Da war die Not des Buben behoben. Und nachdem Hannes durch einige
-kritische Fragen, die das Erbstück betrafen, die tröstliche Zusicherung
-erhalten hatte, daß die beiden Hüte Bergers wirklich Prachtexemplare
-ihrer Art seien, spannte er sich selbst neben den von ihm sonst
-heißgeliebten Pluto und zog mit ihm das Wägelchen die Straße hinab dem
-Dorfe zu.
-
-Mathias Berger und Heinrich Raschdorf folgten in einiger Entfernung. Es
-war Abend geworden. Einzelne Schnitter kamen heim vom Felde. Irgendwo
-draußen waren die ersten Halme gefallen. Wie die Leute am Anfang der
-Ernte so stolz daherschreiten! In ihren Muskeln ist aufgespeicherte
-Kraft, und die frohe Gewißheit wohnt in ihren Herzen, daß ihr Körper
-kräftig und tüchtig ist. Diese gesunden Menschen sind vielleicht
-die glücklichsten Leute der Erde. Sicher aber die leidlosesten, die
-ruhigsten, die ungeängstigtsten. Was ihnen fehlt, wissen sie nicht,
-und was sie haben, steht über aller Wertung nach Geld. Die anderen
-haben viel, was Plunder ist, und das Schlimmere ist: sie wissen, was
-ihnen fehlt, und grübeln darüber nach und sehnen sich müde. Es ist kein
-Wunder, daß ein verschlossener, wortkarger Stolz in den Bauern wohnt.
-Lächelt der Städter über den Landmann, wenn er ihn unbeholfen über
-seine Straßen troddeln sieht, der Bauer lacht unendlich verächtlicher
-über den Städter, wenn der neben seinen Erdfurchen und strotzenden
-Saaten so vorsichtig und blaß und müde daherwandelt.
-
-Mathias Berger sah seinen jungen Begleiter an, der einen grauen Anzug
-mit kurzen Hosen, einen weißen Strohhut und Gamaschen trug. »Eigentlich
-siehst Du Dich komisch an hier auf der Dorfstraße,« sagte er.
-
-»Ja, Mathias, wissen Sie, und ich wär' auch viel lieber wieder zu
-Hause.«
-
-»Gefällt Dir's nicht auf der Schule in Breslau?«
-
-»O ja, wenn man der Siebente ist von achtunddreißig, das ist schon
-ganz anständig. Im Französischen hab' ich bloß »genügend«, sonst steh'
-ich ganz gut. Aber wissen Sie Mathias, das Schlimme ist, daß mir immer
-so bange ist.«
-
-»Du hast wohl manchmal das Heimweh, Heinrich?«
-
-Der Knabe mäßigte seine Stimme.
-
-»Ja, aber das sag' ich bloß Ihnen, Mathias! Sonst müßt' ich mich ja zu
-sehr schämen. Und meine Kollegen würden sagen, ich sei eine Memme, und
-ich kriegte Klassenkeile. Aber mir ist halt immer so bange. Ich kann
-nicht dafür. Überhaupt nach den Ferien! Einmal hab' ich nach den Ferien
-meine Wochentagsschuhe vier Wochen lang nicht angehabt. Ich mochte sie
-nicht abbürsten, weil -- weil Boden von zu Hause dran war.«
-
-Der Lumpenmann wandte sich ab und sagte mit verstellter, etwas heiserer
-Stimme:
-
-»Das wirste schon noch überwinden lernen, Heinrich! Oder willste nicht
-gern Doktor werden oder Pfarrer oder sowas?«
-
-»Nein, Mathias, ich will nicht! Ich will wieder zu Hause sein, wo Ihr
-alle seid.«
-
-»Willste denn Bauer werden, Heinrich?«
-
-»Ja. Sehn Sie mal, Mathias, es wär' doch schade um unser schönes Gut.
-Sehn Sie, hier gerade an dem wilden Kirschbaum kann man unsere ganzen
-Felder übersehen. Das sind doch viel! Nicht, Mathias? Eigentlich sind
-wir doch reich. Aber das sag' ich gar nicht in Breslau. Ich denk' bloß
-immer dran, daß wir so ein schönes Gut haben.«
-
-Der Lumpenmann bückte sich hastig nach dem Wegrande, riß einen Stengel
-Sauerampfer ab, biß darauf herum und spuckte dann alles weit von sich.
-
-»Was macht denn Deine Mutter?« fragte er.
-
-»Die ist wieder ganz krank. Am Mittwoch, wie Wochenmarkt in Waldenburg
-war, war sie mit beim Doktor.«
-
-»Und was hat der gesagt?«
-
-»Das weiß ich nicht. Sie hat geweint, als sie heimkam. Das ist es auch,
-was mir immer so bange macht, daß die Mutter nicht gesund ist.«
-
-Sie gingen eine Weile schweigend weiter.
-
-»Sieh nur, daß Du weiter auf der Schule fortkommst, Heinrich! Gelt, bis
-in die Prima mußt Du, eh' Du den Einjährigen hast?«
-
-»Bloß bis Ober-Sekunda.«
-
-»Das wär'n also reichlich noch drei Jahre. Sieh och, Heinrich, 's is
-schon gutt, wenn Du was lernst. Auf alle Fälle is gutt. 's is ja ganz
-erbärmlich, wenn einer so tumm is wie zum Beispiel ich. Kannste denn
-eine Stellung kriegen, wenn Du einjährig bist, Heinrich?«
-
-»O ja, es war einer mit auf unserer Bude, der ist nach 'm Einjährigen
-abgegangen, und jetzt ist er Schreiber auf einem Landratsamte, und dann
-wird er Kreissekretär oder so ähnlich. Aber ich mag nicht Kreissekretär
-werden. Ich will Bauer werden.«
-
-»Schon, schon, Heinrich! Aber sieh mal, am Ende könnt'st Du Dich doch
-später anders besinnen.«
-
-»Nie, Mathias, nie! Ich übernehm' das Gut. Das ist tausendmal besser,
-als wenn ich so in einer Schreibstube sitzen muß.«
-
-Ein Blick des Lumpenmannes glitt über die goldenen Fluren, die sich
-rechts und links von ihm ausdehnten und die alle jetzt noch den
-Raschdorfs gehörten.
-
-»Wir werden schon sehen, daß Du ein Bauer werden kannst. Wir werden
-schon sehen!« sagte er. -- --
-
-Hannes hielt mit der Hundefuhre mitten auf dem Wege an. Aus einem
-Feldraine bog ein Trupp Schnitter ein, und an ihrer Spitze schritt
-schwer und gewichtig August Reichel, der Vater des Hannes.
-
-»Na, da komm mal schnell, Heinrich, sonst passiert da unten ein
-Unglück!« sagte der Lumpenmann und schritt mit seinem Begleiter rüstig
-aus.
-
-Sie kamen ziemlich gleichzeitig mit den Schnittern an dem Wagen an.
-August Reichel, ein Riese von Gestalt, blieb stehen und betrachtete
-höchst beängstigenden Blickes seinen Sprößling, der da beklommen vor
-ihm stand und mit der einen Hand krampfhaft hinter dem Rücken etwas
-versteckte.
-
-Der Riese reckte ein wenig den Hals und konnte so ganz bequem auch
-aus einiger Entfernung die Rückseite seines Nachkommens einer genauen
-Musterung unterziehen. Ein Zucken ging über das Gesicht des Goliath.
-
-»Her!« sagte er lakonisch und streckte die Hand aus.
-
-Hannes reichte ihm die ruinierte »Trauertonne« und schielte halb
-ängstlich, halb abwartend durch die Haare, die ihm in die Stirn hingen,
-zu seinem muskulösen Vater hinauf.
-
-Der betrachtete den Zylinder, nahm den Strohhut vom Kopfe, probierte
-den Zylinder auf, fand, daß er ihm passe, prüfte dann das Schweißleder
-und hieb plötzlich dem Knirps vor ihm den Hut mit solcher Wucht auf
-den Kopf, daß dieser bis übers Kinn darin versank und mit beiden Beinen
-zugleich auf der Straße kniete.
-
-»August, halb und halb bin ich schuld,« sagte der Lumpenmann
-beschwichtigend, »ich hab' zwei Zylinderhüte zu Hause; ich schick' Dir
-einen.«
-
-Über das breite Gesicht des Riesen ging ein Lächeln.
-
-»Ich brauch' keinen!« sagte er und nickte dem Lumpenmann freundlich zu.
-Daran setzte er sich wieder an die Spitze seiner Schnitterschar und
-schritt in breitbeiniger Majestät die Anhöhe hinauf dem Buchenhofe zu.
-
-Hannes arbeitete sich ans Tageslicht. Er sah seinem Vater halb
-ärgerlich, halb schadenfroh nach und sagte, indem er sich die Stirn
-rieb und dem Vater mit dem Finger nachdrohte:
-
-»Na wart' nur! Wenn ich heute abend Koppschmerzen hab', da wirste mir
-ja Tee kochen müssen!«
-
-Mathias Berger lachte, Pluto bellte einen kleinen Jubelhymnus, Hannes
-faßte ihn um den Hals, und die kleine Karawane zog weiter.
-
-So kamen sie bei dem kleinen Hause des Lumpenmannes an. Die Liese kam
-ihnen entgegen. Eine ganze Woche lang hatte sie den Vater wieder nicht
-gesehen. Nun schmiegte sie sich zärtlich an ihn. Er aber schlang den
-Arm um sie und fuhr mit der Hand über ihren flachsblonden Kopf.
-
-»Liese! Nu, Liese! Nu, mei Madel du!«
-
-Ein ganzer Strom von Liebe ging durch diese paar Worte. Dann kam auch
-die Schwester Bergers, die ihm seit dem frühen Tode seiner Frau die
-Hauswirtschaft besorgte. Unterdessen spannten die Knaben den Hund aus
-und schoben den Wagen in einen kleinen Schuppen. Mathias Berger folgte
-ihnen. Er hob einen riesigen Sack aus dem Wagen, der prall mit Lumpen
-gefüllt war, und schüttelte ihn aus.
-
-»Na, da seht mal! Wenn ich die sortieren werd', das ist ganz
-int'ressant. Da ist alles dabei. Wollflecke von Großmutterkleidern und
-Kattun von Kinderschürzen, Übrigbleibsel vom Brautstaate und Leinwand
-von einem Totenhemde. A Lumpenmann kann alles sehen. Es kommt von allem
-was in seinen Sack.«
-
-Heinrich folgte gedankenvoll diesen Worten; aber Hannes hörte nicht
-darauf und machte sich mit einem kleinen Holzkasten zu schaffen.
-
-In der Stube wurde dieses Schatzkästlein geöffnet. Ein Kinderherz
-konnte bei solchem Anblick selig sein. Es gab ja auch einige
-langweilige Dinge in dem Kasten, wie: Fingerhüte, Nähnadeln, Zwirn,
-Jerusalemer Balsam und Federhalter. Aber sonst! Soldatenbilder,
-allerhand andere Bilder mit schönen Versen von Gustav Kühn aus Neu
-Ruppin, Peitschenschnüre, Pfeifen, Kreisel, Spielmarken, Papierorden,
-kleine Pistolen, Vogelpfeifen, »goldene und silberne« Uhren und
-Fingerringe die schwere Masse mit den prachtvollsten Steinen.
-
-»Ich möchte gerne a Fingerringel für die Raschdorf-Lene« sagte Hannes,
-»weil die mir ofte manchmal a Stückel Wurstschnitte gibt.«
-
-»Such' Dir einen aus, Hannes,« sagte der Lumpenmann.
-
-Der Knabe wühlte mit zitternden Fingern in den Schätzen. So mag den
-Märchenprinzen zu Mute gewesen sein, die nach dem Wunderring suchten.
-
-Heinrich stand etwas abseits. Er hielt es wohl mit seiner
-Gymnasiastenwürde unvereinbar, sich noch für solche Dinge zu
-interessieren, aber er wandte doch kein Auge von dem Kasten.
-Schließlich trat er mit gewaltsam erzwungener Gleichgültigkeit näher.
-
-»Was ist denn da eigentlich alles?« fragte er mit ungeheurem Gleichmut.
-
-»Wenn Dir was gefällt, Heinrich, such' Dir nur aus,« sagte Berger
-freundlich.
-
-Heinrich tat so, als ob er das durchaus nicht beabsichtige, aber
-schließlich prüfte er doch eine kleine Zündblattpistole und ließ sich
-durch einiges Zureden Bergers bewegen, sie nebst einer Schachtel
-Munition zu behalten. Auch einen silbernen Ordensstern nahm er noch an
-sich. Dann aber fühlte er das Bedürfnis, wieder ernsthafter aufzutreten.
-
-»Wissen Sie, Mathias, wer die Lumpenmänner eigentlich in Schlesien
-eingeführt hat?«
-
-»Nein,« sagte Mathias, »das weiß ich nicht.«
-
-»Das hat der Alte Fritz getan,« belehrte ihn Heinrich. »Vor der Zeit
-des Alten Fritz gab's keine Lumpenmänner in Schlesien.«
-
-»Da hat der Alte Fritz was sehr Kluges gemacht,« entgegnete Berger.
-
-»Is überhaupt sehr tüchtig gewesen,« sagte Hannes wohlwollend, um damit
-zu zeigen, daß er auch in der Geschichte bewandert sei. Dabei stellte
-er drei Ringe in die engere Wahl: einen Diamantring, einen Rubinring
-und einen einfachen Silberreif, auf dem das Wort »Liebe« eingeprägt war.
-
-»Ja,« nahm Heinrich wieder das Wort, »der Alte Fritz war sehr sparsam,
-und er wollte nicht, daß die Leute was wegwarfen: Lumpen, Knochen,
-altes Eisen und so ähnlich. Da setzte er die Lumpenmänner im Lande
-ein. Und die mußten solche Dinge im Kasten haben wie Sie, Mathias. Und
-das nennt man Tauschhandel. Wobei es auch auf die neuen Papierfabriken
-ankam.«
-
-Bergers Augen leuchteten. »Sieh mal, Heinrich, das is doch hübsch, wenn
-einer das alles weiß. Ich bin nu schon so lange Lumpenmann, und ich
-bin es auch gerne; aber ich hab' noch nie gewußt, wer uns eigentlich
-erfunden hat. Es wär' doch hübsch, wenn Du weiter studiertest und
-ein Gelehrter würdest. Nich, Heinrich? Sieh mal, Bauern gibt's doch
-massenhaft auf der Welt.«
-
-Der Knabe fühlte sich geschmeichelt, aber er schüttelte doch den Kopf.
-
-»Nein, ich will Bauer sein. Ich will den Hof übernehmen. Ich will immer
-hier sein.«
-
-»Das is richtig,« stimmte Hannes bei; »wenn Du nich da bist, is nischt
-los zu Hause. Sieh mal, Heinrich, welchen nehm' ich nu: den mit dem
-weißen oder den mit dem roten Stein? Den silbernen mit »Liebe« mag ich
-nich; da gäb' mir die Lene am Ende 'ne Backpfeife. Ich denke, ich nehm'
-den roten.«
-
-»Nimm sie beide, Hannes,« sagte der Lumpenmann. »Wer die Wahl hat, hat
-die Qual.«
-
-»Aber der silberne ist auch niedlich -- sehr hübsch ist er,« sagte
-Heinrich.
-
-»So behalt' ihn,« sagte Berger.
-
-»Den mit »Liebe«?« fragte Hannes erstaunt. »Wem willste denn den mit
-»Liebe« schenken, Heinrich?«
-
-Der Quartaner wurde blutrot.
-
-»Ach, niemand,« stotterte er, »niemand, vielleicht der Liese.«
-
-Und er gab das unechte, kleine Ringlein der Liese, der Tochter Bergers,
-die schon lange mit roten Wangen hinter ihm gestanden hatte.
-
- * * * * *
-
-Am Abend noch, als die Sonne im Verlöschen war, ging Mathias Berger die
-Dorfstraße hinab nach der Schule. Die beiden Knaben waren längst zu
-Hause; die kleine Liese lag im Bett und schlief und hatte das silberne
-Ringlein am Finger.
-
-Der alte Dorfkantor Johannes Henschel saß an einem Harmonium und
-spielte aus einer Orgelpartitur.
-
-»Es ist eine schwere Sache, eine sehr schwere Sache, Herr Kontor, wegen
-der ich komme,« sagte Berger.
-
-»Was ist denn?«
-
-»Herr Kantor, eh' 's Ihnen die anderen sagen: Ihr Schwiegersohn, der
-Herr Raschdorf, verliert bei der Fabrik sein Geld.«
-
-Das blasse Gesicht des alten Lehrers wurde noch um einen Schein fahler,
-und die welke Rechte fuhr nach der Brust.
-
-»Bei den Aktien?! Ist das möglich, Berger? Ist das möglich?«
-
-Mathias Berger sah den Alten mitleidig an.
-
-»Es ist so, Herr Kantor. In Altwasser drüben der Teichmann verliert
-auch dreitausend. Von dem weiß ich's. Fünfzehn Prozent kriegen die
-Aktionäre raus. Das ist alles.«
-
-Ein Zittern ging über das Antlitz des alten Mannes. Dann stützte er den
-Kopf schwer auf die Hand.
-
-»O mein Gott!«
-
-Es war ganz still in der Stube, nur die Uhr tickte leise. Draußen erhob
-sich ein matter Nachtwind und fuhr müde durch die alten Bäume des
-Schulgartens.
-
-Mathias Berger nahm wieder das Wort.
-
-»Sehn Sie, Herr Kantor, das ist ja eigentlich nicht meine Sache. Es
-geht mich gar nischt an. Aber Sie wissen ja, ich bin Ihn'n viel Dank
-schuldig. Wie ich a blutarmer Junge war, ohne Vater und Mutter, da
-haben Sie mich aufgenommen und mich großgefüttert. Das vergess' ich
-nich, und wenn ich hundert Jahr' werd'. Was mir das jetzt leid tut,
-kann ich gar nich sagen. Aber, Herr Kantor, der Herr Raschdorf sollte
-sich nich mit 'm Schräger einlassen. Das is a grundschlechter Kerl!«
-
-»Der Gastwirt? Ach nein, Berger! Der hat ja meinem Schwiegersohn immer
-noch ausgeholfen, wenn's einmal fehlte.«
-
-»Ausgeholfen, Herr Kantor! Warum denn? Warum denn? Weil a ihn nach und
-nach ganz in seine Gewalt kriegen will. Bloß darum! Ich sag' Ihnen, dem
-dicken Kerle wird erst ganz wohl sein, wenn a beide Höfe hat. Darauf
-spekuliert a, darauf hat a's abgesehn! Schräger is Raschdorfs größter
-Feind!«
-
-Der alte Kantor schüttelte unwillig den Kopf.
-
-»Das müssen Sie nicht sagen, Berger, das ist unrecht! Schräger hat sein
-Geld auf die letzte Hypothek gegeben. Der ist ein Freund von meinem
-Schwiegersohn.«
-
-Mathias Berger erhob sich.
-
-»Na, da -- da tut mir's leid, daß ich was gesagt hab'.«
-
-»Setzen Sie sich, Berger, setzen Sie sich doch wieder! Sie sehen zu
-schwarz. Der Schräger und mein Schwiegersohn sind Freunde. Sie sind
-zusammen in die Schule gegangen, sie sind zusammen aufgewachsen.
-Schräger ist nicht schuld. Das ist halt Unglück, Berger, schreckliches
-Unglück! O Gott, ich weiß ja nicht, was werden soll! Fünftausend Taler!
-Und mir hat er immer nichts gesagt, wie's steht, nichts!«
-
-Eine Pause entstand. Beide Männer starrten vor sich hin.
-
-»Um Ihre Tochter tut mir's leid,« sagte Berger endlich leise.
-
-Der alte Lehrer wandte sich ab.
-
-»Und um den Jungen, um den Heinrich! Heute sagt a mir, a will nich
-studieren; a will Bauer werden -- übernehmen die Wirtschaft --, das is
-ja a Jammer.«
-
-Ernst und groß wandte der Alte die Augen dem schlichten Manne gegenüber
-zu.
-
-»Ich hab' ein Unrecht begangen, Mathias -- ich, nicht der Schräger.
-Ich mußte dem Raschdorf die Anna nicht geben. In so einem Gut muß Geld
-sein! Was waren da die paar Pfennige, die ich ihr mitgeben konnte? Gar
-nichts! Gar nichts! -- Und nun ist das Elend da. Ich bin schuld daran,
-Mathias -- ich!«
-
-Berger richtete sich auf.
-
-»Herr Kantor, nehmen Sie's nich übel, aber das is -- das is Unsinn, was
-Sie da sagen. Sie sind nich schuld! Der Raschdorf stand sehr gut da.
-Der brauchte keine reiche Frau. Bei dem ging's ohne Mitgift. Aber wie
-hat a gelebt? Wie a gnädiger Herr! Immer oben raus! Und das Schlimmste:
-a hat sich mit dem Schräger eingelassen, und das is und bleibt ein
-Malefiz-Lump, und wenn a noch so scheinheilig tut, und wenn Sie noch so
-für ihn reden.«
-
-Der Kantor schüttelte den Kopf.
-
-»Es wäre schlecht, Mathias, einem zweiten die Schuld zu geben, wenn uns
-ein Unglück trifft. Und selbst, wenn er ihm zugeredet hat, wer konnte
-das ahnen? Den Ausgang konnte niemand wissen. Es ist eine bittere
-Sache, Mathias, wenn man alt ist und ein einziges Kind hat, und dem
-geht's so!«
-
- * * * * *
-
-Als der Lumpenmann heimging, lag die Sommernacht über dem schlummernden
-Dorfe. Ernte! In schweren, schwülen Zügen atmete draußen das
-todgeweihte Feld.
-
-Mathias Berger blieb stehen und sah noch einmal nach dem Schulhause
-zurück, das ihm in seiner Kindheit ein zweites, besseres Vaterhaus
-gewesen war und wohin ihn auch jetzt noch eine leise Sehnsucht immer
-wieder führte. Er liebte den alten Mann dort, der so gutmütig und
-kurzsichtig war, daß er die Bosheit der Menschen nicht erkannte, nicht
-die Bosheit, aber auch nicht die geheimen, tiefen Leiden, die dicht
-neben ihm bluteten.
-
-Als bettelarmes Kind hatte ihn der Kantor aufgenommen in sein Haus, ihn
-erzogen, ihn auch außer der Schulzeit unterrichtet. Da war der Mathias
-mit der Schul-Anna zusammen aufgewachsen, und sie hatten gelebt wie
-Bruder und Schwester. Später ging Mathias als Bergmann in die Grube.
-Aber wenn er einen freien Sonntag hatte, war er im Schulhause. Da war
-leise, während er heranwuchs, die Liebe in sein Herz gekommen. Es hatte
-niemand was gewußt, nicht der Kantor und auch nicht die Anna. Es wäre
-ja so schrecklich frech und undankbar gewesen, wenn er etwas davon
-gezeigt hätte, er, der arme Kohlenschlepper.
-
-Bis sie sich verlobte. Da war es zu Ende gewesen mit seiner Fassung. Er
-brachte es nicht mehr über sich, ins Schulhaus zu gehen. Und damals hat
-es dann die Anna gewußt. Der Kantor hat sich bloß gewundert und über
-den Abtrünnigen geärgert.
-
-Ach, die furchtbare Arbeit in der Kohlengrube! So allein sein in den
-düsteren Stollen unter der Erde und gar keine Hoffnung haben für alle
-Zukunft. Das hielt Berger nicht aus.
-
-Ein Verwandter von ihm starb und hinterließ ihm ein Häuslein und das
-Lumpenhandelgeschäft. Der Kantor wollte von dem Berufswechsel nichts
-wissen; aber Mathias war froh, daß er nun immer im Freien sein konnte,
-herumwandern in der Welt bei vielen Leuten und nicht mehr allein sein
-mußte mit seinem Herzenskummer. Da wurde er allgemach wieder ruhiger
-und heiterer. Nach einigen Jahren heiratete er ein braves Mädchen. Er
-hatte ihr keine trübe Stunde bereitet, sie ihm auch nicht. Aber sie
-starb schon nach einem Jahr, als die Liese geboren wurde.
-
-Da war er wieder einsam. Und über Ehe und Grab kam manchmal in stillen
-Stunden aus der Jugendzeit die alte Liebe wieder, ganz wunschlos,
-aber doch schmerzhaft tief -- so wie heute, da sie krank und schwach
-nun doch der Armut entgegengehen sollte, der Armut, die allein ihm
-einstmals verbot, sie zu begehren.
-
-Von fernher kam ein Gewitter, und Mathias ging heim.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 3]
-
-
-Anfang des nächsten Oktober kam Heinrich wieder nach Hause. Es waren
-Herbstferien. Ein Dienstjunge holte ihn mit einem kleinen Korbwagen vom
-Bahnhof ab. Die großen, schwarzen Augen des Knaben hingen unverwandt
-an den heimischen Bergen. Immer, wenn er von der flachen Oderebene
-da unten kam und zum ersten Male wieder die Hügel des prächtigen,
-reichgegliederten Waldenburger Berglandes aufsteigen sah, schlug sein
-Herz schneller, gerade als ob auf den einsamsten jener Berge ein
-heiliger Friede wohne, wo allein alle Bangigkeit gestillt und alle
-Sehnsucht vergessen würde.
-
-Und doch war die Landschaft trübe. Die bunten Blätter zitterten an
-den Bäumen, und weiße Nebelschleier zogen über die leeren Wiesen. Die
-Weiden standen wie gebückte, krumme Greise an den Bächen und Teichen,
-als wollten sie sich hinunterstürzen und sterben. Und der Wind sang
-in den hohen Pappeln am Wege ein Lied vom fernen Sommer und von toter
-Freude.
-
-Aber es war die Heimat, die Heimat, die dieser Knabe schmerzhaft
-liebte, an die er alle Tage dachte, da er ihr fern sein mußte.
-
-Langsam fuhr der Wagen die sandige Straße entlang. Der Kirchturm des
-Dorfes ragte auf; da lief ein Zittern über die Gestalt des Kindes,
-und die feine Gestalt reckte und dehnte sich, mehr zu sehen, mehr von
-der Heimat. Dann kam ein Grenzweg, und nun war Heinrich Raschdorf auf
-väterlichem Boden. Ein glückseliges Leuchten brach aus seinen Augen.
-Jetzt war es aus mit Sehnsucht, Heimweh und Herzeleid, jetzt fühlte er
-sich sicher und geborgen.
-
-Hier auf heimischer Erde wäre er dem gefürchtetsten Lehrer sicher und
-lächelnd entgegengetreten; hier hätte er sie nur einmal haben mögen,
-alle seine Mitschüler; beide Hände würde er ausstrecken und sagen:
-
-»Seht Ihr, hier bin ich zu Hause! Hier wohnen mein Vater und meine
-Mutter und mein Großvater und alle, die ich kenne. Und alle die Felder
-sind unser, und dort drüben das ist unser Hof.«
-
-Ein Mann mit einem Jagdgewehr ging über die Felder, kaum zwei- oder
-dreihundert Meter vom Wege entfernt. Der Dienstjunge hielt das Pferd
-an. Heinrich aber sprang auf, riß den Hut vom Kopfe, winkte und schrie:
-»Vater, Vater, Vater!«
-
-Der Mann unten blieb stehen, blinzelte durch das Herbstlicht herauf und
-winkte ein wenig mit der Hand. Dann gab er ein Zeichen weiterzufahren
-und setzte seinen Pirschgang fort.
-
-Knarrend fuhr der Wagen die Straße weiter. Der Knabe saß ganz still.
-Ein Kartoffelfeld tauchte auf. Eine Anzahl arbeitender Menschen waren
-da beschäftigt und wühlten geschäftig in der schwarzen Erde nach den
-weißen, duftenden Knollen. August Reichel, der Schaffer, überwachte
-das Ganze wie ein schweigender König. Aber allen nahm er die schweren,
-gefüllten Körbe ab und schüttete deren Inhalt auf einen riesigen Wagen.
-
-Da trennte sich ein junger Bursche vom Arbeitstroß, rannte ein
-Stückchen, fiel über einen Kartoffelsack, stand wieder auf, stolperte
-noch einmal über eine Furche, riß dann die Mütze vom Kopfe, schlug in
-einem ganz närrischen Tempo Räder damit in die Luft, sprang über den
-Straßengraben, trat an den Wagen und sagte keuchend:
-
-»Na, Heinrich, das is aber fein, daß De kommst!«
-
-»Guten Tag, Hannes! Du hast ja so kalte Hände.«
-
-»Na, klaub' mal Kartoffeln, wenn der Boden so kalt is! Du kannst froh
-sein, daß De immer Quartaner sein und in der Stube sitzen kannst.«
-
-»Hannes, Du mußt mitkommen!«
-
-Heinrich rief hinüber nach dem Felde: »He! -- Reichel! -- Schaffer! --
-Darf der Hannes mit mir fahren?«
-
-Der Riese verfiel in Nachdenken, schüttelte erst heftig den Kopf,
-dachte aber weiter nach, zuckte dann unschlüssig die Achseln, machte
-noch eine bedenkliche Pause, nickte darauf kurz und wandte sich ab.
-
-»Das wußt' ich schon,« sagte Hannes und kletterte auf den Wagen. »Ich
-sag' Dir, a hätte sich geärgert, wenn ich nich mitgefahren wär', und
-ich och. Los, Friedrich! Nu komm'n wir vom Gymnasium! Haste vielleicht
-Zigaretten, Heinrich? Hier sieht's keen Mensch!«
-
-Auch der einsame Jäger ging heim. Er hatte kein Glück. Seine Jagdtasche
-blieb leer.
-
-Glück! Raschdorf lachte. Er und Glück haben! Das gab's lange nicht mehr
-für ihn.
-
-Müde lehnte er sich auf sein Gewehr und sah düsteren Blickes über
-die kahlen, toten Felder und nach den Wolken, die schwer über die
-bunten Berge herabsanken. So trübselig hüllten sie die schimmernde
-Herrlichkeit ein, wie man dunkle Decken und Schleier zieht über goldene
-Wände zur Zeit der Trauer. Nach Minuten erst merkte der Einsame, daß er
-in Gefahr sei, denn die Hähne des Gewehrs, gegen dessen Lauf er sich
-lehnte, waren gespannt.
-
-Ein herbes Zucken ging über das Gesicht des Mannes, dann riß er das
-Gewehr herauf und feuerte beide Schüsse in die Luft. Er schloß die
-Augen bei dem dumpfen Knall, dann ging er weiter.
-
-Und wie so häufig in letzter Zeit, ging er zum Schräger. Er traf den
-Wirt allein, denn es war noch am zeitigen Nachmittag.
-
-»Nu, kommste mit a Zinsen, Hermann?« fragte Schräger freundlich.
-
-»Haste es so eilig mit a Zinsen? Ich dächte, Du brauchst 's nich so
-nötig.«
-
-»Nu je, sein Geld braucht jeder; jeder, Hermann! Ich och!«
-
-Raschdorf setzte sich schwerfällig hinter einen Tisch.
-
-»Schneid' mir's aus der Haut! Ich hab's nich! Hexen kann's keiner!«
-
-Der Wirt wandte ihm verdrießlich den Rücken und sah mürrisch zum
-Fenster hinaus. Draußen rumpelte eine Rübenfuhre langsam vorbei. Dann
-wurde es still. Keiner der Männer sprach.
-
-Da öffnete sich die Tür, und ein etwa siebzehnjähriger Junge
-trat herein, ein starker Bursche von auffallend idiotischem
-Gesichtsausdruck. Das war der einzige Sohn Schrägers.
-
-»Hu, hu,« sagte er und rieb sich die Hände. »Is aber kalt heute! Mag
-ich nich auf dem Felde sein -- mag ich nich -- mag ich gar nich a
-bissel. -- Schön tumm! -- Schön tumm! -- Schön tumm!«
-
-»Du sollst machen, daß Du wieder rauskommst, Du Faulpelz!« sagte
-Schräger.
-
-Aber der Sohn lachte ihn aus.
-
-»Selber Faulpelz! Och, es is kalt draußen. Und hier is warm! Hier is
-viel schöner! Schön tumm! -- Schön tumm!«
-
-Er fing an zu pfeifen und hüpfte auf einem Bein die Stube entlang,
-wobei er sich immer abwechselnd Ohren und Nase rieb. Dann setzte er
-sich hinter einen Tisch und dröselte stumpf vor sich hin. Schräger
-beachtete ihn nicht mehr. Er wandte sich wieder an Raschdorf.
-
-»Sieh mal, Hermann, Ordnung muß nu mal sein. In Geldsachen hört die
-Gemütlichkeit auf. Das is nu mal so! Zum Wegschenken hat ja keiner was.«
-
-Raschdorf fuhr auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.
-
-»Wegschenken? Wer spricht denn vom Wegschenken? Mir braucht keiner was
-zu schenken, und Du zu allerletzt. Das hab' ich noch nicht nötig!«
-
-Schräger zuckte die Achseln.
-
-»Immer gleich beleidigt! Immer der große Herr, der sich nischt sagen
-läßt. Siehste, Hermann, das is Dein Fehler. Du hast Dir's nach und nach
-mit allen Bauern verdorben. Wenn Du mehr Freunde hättest --«
-
-»Ach, halt's Maul, laß mich in Frieden mit den Schafköppen!«
-
-»Ihihihi -- Schafköppen, Schafköppen, Schafköppen!« lachte der Idiot.
-
-»Du sollst machen, daß Du rauskommst, Gustav!«
-
-Der Junge rührte sich nicht vom Platze.
-
-»Ne,« grinste er. »Es is kalt! Schön tumm!«
-
-Raschdorf nahm wieder das Wort.
-
-»Würde mir einer von den'n helfen? Was? Keiner! Sie würden sich hüten.
-Sie borgen mir nicht einen Taler.«
-
-»Das macht bloß der Schräger,« sagte der Wirt bitter. »Der is der
-Schafkopp.«
-
-Da wurde das Gesicht des Buchenbauern dunkelrot, und er fuhr jähzornig
-auf:
-
-»Du -- Schräger -- ich -- ich -- geb' Dir 'ne Backpfeife!«
-
-»Gib ihm eine, gib ihm eine!« schrie der Idiot mit Begeisterung.
-
-Der dicke Leib des Wirtes zappelte vor Erregung. »So? -- Soso?
-Backpfeifen -- Backpfeifen bietet mir der gnädige Herr an? So?
-Backpfeifen für alles, was ich ihm schon zu Gefallen getan hab'? Is
-gutt, Herr Raschdorf! Wenn ich bis morgen meine Zinsen hab' und zum
-nächsten Quartal meine 20000 Mark, da -- da kann der gnädige Herr
-backpfeifen, wen a will.«
-
-Es wurde still. Nur eine Zeitung knisterte, die der Idiot mit den
-Händen bearbeitete. Schräger trat wieder ans Fenster und sah hinaus.
-Langsam erhob sich Raschdorf und griff nach seinem Gewehr. Und so trat
-er neben den Wirt.
-
-»Julius,« sagte er langsam und schwer, »ich werd' versuchen, daß Du zu
-Deinem Gelde kommst. Was ich heute rede, weiß ich nich. Mir summt alles
-im Koppe, und manchmal -- da -- da wird mir ganz trübe. Siehst Du,
-vorhin, draußen auf 'm Felde, da hab' ich so auf der Büchse gelehnt --
-so --«
-
-»Sie is doch nich geladen?« kreischte der Wirt und trat ein paar
-Schritte zurück.
-
-Raschdorf lächelte. »Vorhin war sie geladen -- jetzt nich!«
-
-Schräger betrachtete ihn mit unruhigen Augen.
-
-»Du mußt doch nich -- Du mußt doch nich, Hermann, hier in der Stube --
-leg' mal die Flinte weg und setz' Dich wieder! Wir wollen miteinander
-reden.«
-
-Der andere folgte mechanisch.
-
-»Wieviel haste denn übrig, Hermann?« fragte der Wirt.
-
-»Übrig?« Raschdorf lachte. »Übrig is sehr gut! Ich häng' noch von
-Johanni her, und dann in fünf Tagen is 'n Wechsel fällig über 500 Mark.
-Ich -- ich weiß mir keinen Rat mehr. Es gelingt mir nischt mehr, es
-geht nich mehr, alles geht krachen, Geld kommt nich ein -- es is zum
-Verrücktwerden!«
-
-»Aber Du hast doch noch das ganze Getreide in den Scheunen. Warum läßte
-denn nich ausdreschen?«
-
-»Eins -- zwei, links -- rechts, eins -- zwei, links -- rechts!« Der
-Idiot hatte sich einen Helm aus Papier gemacht und marschierte durch
-die Stube.
-
-»Mach' doch, daß Du rauskommst, Gustav,« fuhr ihn nun Raschdorf an.
-»Man kann ja kein vernünftiges Wort reden, Du alberner Bengel!«
-
-Gustav schnitt ihm eine Grimasse. »Schön tumm! Gar nischt zu sagen!
-Es is kalt draußen. Eins -- zwei, rechts -- links!« Dann hielt er
-plötzlich inne, drohte dem Bauern mit der Faust und schrie:
-
-»Gar nischt zu sagen! Gar nischt rauszuschmeißen! Hu je, es is so kalt,
-es is so sehr kalt!«
-
-Er heulte laut auf. Sein Vater sagte freundlich zu ihm: »Setz' Dich
-still in den Winkel, Gustav! Du kannst hierbleiben!«
-
-Er war tief verstimmt. Er selbst schrie seine Kinder manchmal an,
-aber von fremden Leuten ließ er ihnen nicht zu nahe treten. Der Idiot
-setzte sich hinter einen Tisch und heulte stumpf eine Weile vor sich
-hin. Von Zeit zu Zeit warf er einen grimmen Blick nach den Männern
-und drohte mit der Faust. Dann nahm er den Papierhelm vom Kopfe und
-entfaltete das Zeitungsblatt. Er fand ein Bild darin, das ihn offenbar
-sehr interessierte, denn er stierte es unausgesetzt an, lachte, grunzte
-zuweilen vergnügt und schnitt Gesichter dazu.
-
-Ein Bauer aus dem Dorfe trat in die Stube.
-
-»Guten Tag, Schräger! 'n Korn! Tag, Raschdorf!«
-
-»Guten Tag, Riedel!«
-
-»Na, wie geht's?«
-
-Raschdorf lachte.
-
-»Gutt geht's! Famos geht's! Wie soll's gehen?«
-
-Der Bauer nickte.
-
-»Na ja, wie soll's dem reichen Raschdorf gehn? Dem muß 's gutt gehn!
-Habt Ihr's schon gehört? Beim Huhndorf sein'm Schwager hat's letzte
-Nacht gebrannt. Die Scheune und die Stallung is abgebrannt.«
-
-»Ach, da is das dort gewesen?« sagte der Wirt. »Die Röte haben wir ja
-gesehen; 's muß a riesiges Feuer gewesen sein. Nu, wie is denn das
-zugegangen?«
-
-Riedel zuckte die Achseln und lächelte vielsagend.
-
-»Ja, wer weiß! Wenn einer gut versichert is, und die Gebäude taugen
-nich mehr viel, da is ja das Abbrennen gar keen so großes Unglück nich.«
-
-Raschdorf lachte grimmig.
-
-»Da haste recht! Man möchte selber wünschen, daß's amal brennte!«
-
-»Versündigt Euch nur nicht!« sagte Schräger.
-
-Riedel blickte Raschdorf aufmerksam an.
-
-»Nu, bei Dir sind doch die Gebäude noch ganz gutt!«
-
-Raschdorf zuckte die Achseln.
-
-»Gutt? Was heißt gutt? Flickereien gibt's immerfort. Die Scheunen
-möcht' ich neu decken lassen, und der Kuhstall is ganz erbärmlich
-eingerichtet. Die alten Kerle haben keine Idee gehabt, wie a
-vernünftiger Stall zu bau'n is. Na, und wie das beim Huhndorf sein'm
-Schwager is -- a kriegt a schönes Stück Geld von der Versicherung, und
-dann -- ein'm Abgebrannten hilft jeder. Das is gar nich so schlimm.«
-
-»Na, immerhin, jetzt vor'm Winter -- 'ne Zuckerlecke is das nich.«
-
-»Nu, ja, man red't halt so,« sagte Raschdorf achselzuckend; »ich für
-mein Teil red' ihm ja auch nichts Böses nach.«
-
-Damit sprang die Unterhaltung auf etwas anderes über. Ein paar andere
-Gäste kamen noch, und der dicke Wirt ging immer hin und her mit den
-gefüllten Schnapsgläsern. Am meisten trank Hermann Raschdorf.
-
- * * * * *
-
-Drüben seine kranke Frau war allein. Am Nachmittag, als ihr Junge
-heimgekommen war, hatte sie seit Wochen wieder einmal eine glückliche
-Stunde gehabt. Den Hannes, der mitkam, hatte sie mit einem Auftrag ins
-Nachbardorf geschickt. Es war ihr zu unruhig, und sie wollte auch ihren
-Heinrich allein für sich haben.
-
-Sie war so einsam. Höchstens daß ihr Vater aus dem Dorfe kam und
-sie besuchte. Den Mann sah sie selten, und wenn er da war, hatte
-er schlechte Laune. Und das Kind, die Magdalene, war nicht fürs
-Stillsitzen. Ihr gesunder Körper wollte hinaus zu Arbeit oder Spiel.
-
-So war sie eine stille Frau, immer sich selbst überlassen. Da kamen
-so trübe Gedanken. Krank sein, immer krank, keine Hoffnung haben auf
-völlige Heilung, machtlos zusehen, wie dem Manne sein Hab und Gut
-langsam aus den Händen glitt und den Kindern die Heimat versank, das
-war ihr Los.
-
-Aber die Märtyrerinnen murren nicht, und wenn sie jemand um ihr
-Schicksal fragt, lächeln sie. Und es ist auch im ärmsten Leben etwas
-Liebes und Lichtes.
-
-Der Heinrich! Er hing so zärtlich an ihr, er schrieb ihr alle drei
-Tage einen Brief. Und wenn sie in stiller Nacht leidend und wachend
-in ihrer tiefen Verlassenheit im Bette lag, dann suchte auch ihre
-geängstigte Seele eine Heimat. Durch die Nacht flog ihre Sehnsucht,
-hinab über Berge, hin über rauschende Wälder und schlummernde Dörfer,
-bis zu einer großen, glänzenden Stadt an einem breiten, tiefen Strom,
-dorthin, wo die hellen Lichter nicht erlöschten die ganze Nacht, wo
-das Leben flutete auf den Straßen und Plätzen, und wo doch in einem
-einsamen Stüblein ein müder Knabe schlief, dessen letzter Gedanke seine
-Mutter gewesen. Am warmklopfenden, reinen Herzen dieses Kindes machten
-Frau Annas Leid und Sehnsucht Halt und wurden stille -- denn dort war
-ihre Heimat.
-
-Und heute war diese Heimat ihr wieder nähergerückt, heute war
-eigentlich auch sie nach Hause gekommen.
-
-Es war so schön gewesen die zwei Stunden, so, als ob draußen goldener
-Sonnenschein wäre und die blassen Astern im Garten strahlende Rosen
-seien. Von ihrem Kummer und ihren Leiden hat sie ihm wenig erzählt,
-fast gar nichts. Sie wollte sich diese Glücksstunde, auf die sie lange
-gewartet hatte, nicht trüben. Sie fühlte ja auch nichts Schmerzliches,
-sie war ganz gesund und glücklich.
-
-Aber dann war der Hannes zurückgekommen. Er hatte sich heute sehr
-beeilt. Da hatte sie selbst dem Heinrich zugeredet, er solle ein
-bißchen mit dem Hannes hinausgehen; sie wolle nun ruhen.
-
-So war sie wieder allein. Aber das stille Lächeln auf ihrem Gesichte
-blieb. Die Lene kam und brachte die Lampe. Sie küßte die Mutter in
-großer Eile und ging bald wieder hinaus.
-
-Es war so stille. Man hörte, wie die Lampe knisterte. Der Dackel war
-verfroren vom Felde gekommen und vertrug sich heute sogar mit der
-Katze, nur um ein Plätzchen am Ofen neben ihr in ungestörter Ruhe zu
-genießen.
-
-Die Uhr schlug sieben. Da ging draußen knarrend das Hoftürchen, und ein
-schwerer, unsicherer Schritt schlurrte über den Hof. Das war wohl ihr
-Mann. Sie lauschte. Die Schritte verloren sich, er kam noch nicht ins
-Haus.
-
-Erst nach einer knappen Viertelstunde trat er bei ihr ein. Er hing die
-Mütze an einen Nagel und sah sich unsicher um.
-
-»Wo is der Heinrich?«
-
-»Er is ein bißchen drüben beim Schaffer.«
-
-»So. Beim Schaffer? Ge -- hört a da hin? Was? Hierher gehört a! Der
-Schaffer is wohl wichtiger -- wie -- wie ich -- was?«
-
-Die Frau wandte sich ab.
-
-»Er kommt gleich wieder!«
-
-»So? Kommt gleich! -- Will ich auch -- will ich auch wünschen.«
-
-Da ging schon die Haustür, und Heinrich kam. Hannes war in seiner
-Begleitung Aber wie er sah, daß der »Herr« in der Stube war, zog er es
-vor, draußen zu bleiben.
-
-»Guten Abend, Vater!«
-
-»Nu, kommste endlich?«
-
-»Ja, ich war ein bißchen beim Schaffer, weil Du noch nicht da warst.«
-
-»Weil ich -- weil ich nicht da war? Werd' wohl noch amal fortgehen
-können -- was?«
-
-»Ich bitte Dich, Hermann.«
-
-Der Junge setzte sich niedergeschlagen und verschüchtert an den Tisch.
-
-Sein Vater trat vor ihn, legte die Hand auf seine Schulter und
-schüttelte ihn ein bißchen. Dann sagte er mit rauher Stimme: »Na, haste
-schon die große Neuigkeit gehört, daß wir -- daß wir -- so gut wie
-bankerott sind?«
-
-»Vater!«
-
-»Hermann, ich bitte Dich --«
-
-»Was is da zu schreien? In a paar Monaten da wissen's alle alten Weiber
--- da pfeifen's die Sperlinge --«
-
-Der Knabe richtete die Augen auf den Vater -- entsetzt, fassungslos.
-
-»Vater! Was sagst Du? Das ist doch nicht wahr!«
-
-Er sprang auf, klammerte die Hände um den einen Arm des Vaters, und der
-Mund verzog sich zu zuckendem Weinen.
-
-Raschdorf ließ schwer das Haupt sinken.
-
-»Es ist wahr -- ich sag's ja eben -- es ist nichts mehr zu machen --«
-
-»Vater, müssen wir da fort von unserem Hofe? Müssen wir da fort von zu
-Hause?«
-
-Der Mann war plötzlich nüchterner geworden.
-
-»Ja,« sagte er, und seine Stimme ging schwer, »es geht hier mit uns zu
-Ende.«
-
-Da ließ ihn der Knabe los und brach in bitterliches Weinen aus. Die
-kranke Frau im Lehnstuhl sah ihn mit unbewegtem Gesichte an. Langsam
-aus der tiefsten Quelle des Herzens stiegen zwei Tränen in ihre großen
-Augen. Die galten ihrem Kinde, das einen Schicksalsspruch vernahm, der
-es aus seiner Heimat verbannte, und das es nun nicht glauben wollte
-und mit unschuldigen Tränen und Bitten sich dagegen vergebens wehrte. --
-
-Draußen war Nacht. Ringsum am Himmel hing ein Kranz aus lichteren
-Wolken. Aber über dem Buchenhofe drohte ein schwarzes Gewölk --
-finster, zerrissen. Regentropfen rieselten aus der Unheilswolke und
-trafen den Buchenhof, als ob ein finsterer Geist mit seinem Weihwedel
-dort oben stände und einen schrecklichen Segen spräche: das Weihewort
-des Verderbens.
-
-Eine dunkle Gestalt jagte flatternd über den Hof. Ein Keuchen ging von
-ihrem Munde. Sie fiel. Sie sprang auf. Die Haustür riß sie auf, die
-Stubentür:
-
-»Jeses, es brennt -- es brennt in der Scheune!«
-
-»Es -- es brennt!«
-
-Ein schriller Laut aus dem Munde der Frau, die sich erhob und leblos
-zurücksank.
-
-»Es brennt?! Es brennt?!« Ein lallendes Kinderwimmern.
-
-»Es brennt!« Ein lautes, gellendes Männerlachen! --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 4]
-
-
-Im Garten unter einem Apfelbaume, abseits von der Menge stand Mathias
-Berger, der Lumpenmann, und hielt mit seinen Armen Heinrich Raschdorf
-umschlungen. Ringsum standen Tische, Schränke, Stühle, lagen Betten,
-Kleider, Wirtschaftsgeräte verstreut im Garten.
-
-Der Markt der Unglücklichen!
-
-Die Fackeln des Unheils beleuchteten ihn. Das friedliche Laub der Bäume
-zitterte vor der Höllenglut, färbte sich rot und sank zur Erde. Und
-die kahlen Äste starrten dem Feuer entgegen, wie zitternde Tiere vor
-ringelnden Schlangen beben.
-
-»Heinrich! Du mußt ins Haus! Sieh mal, das Wohnhaus brennt nich ab --
-das is nu vorbei! Du mußt ins Warme, Heinrich!«
-
-»Ich will nicht, Mathias -- ich -- ich muß Wasser tragen!«
-
-»Du kannst ja nicht mehr! Du bist ja durchnäßt, Du zitterst ja am
-ganzen Leibe.«
-
-»Es ist ja unser Hof -- ich -- ich -- oh -- oh -- Mathias -- --«
-
-Der Knabe war ohnmächtig.
-
-Berger rief über den Garten:
-
-»Ehrenfried, he -- Ehrenfried!«
-
-Ein Bauer kam heran.
-
-»Ehrenfried, paß a bissel auf hier, daß niemand was stiehlt! Ich muß
-den Jungen ins Warme bringen; er holt sich sonst den Tod.«
-
-Der Bauer war zu dem Dienst gern bereit.
-
-»Schaff' ihn doch zum Schräger rüber ins Wirtshaus,« riet er.
-
-Berger schüttelte den Kopf und trug den ohnmächtigen Knaben ins
-Wohnhaus. Die Leute machten ihm scheu Platz.
-
-Ein donnerndes Krachen dröhnte durch den Hof. Eine hohe Mauer war
-zusammengestürzt. Funken sprühten um das ohnmächtige Kind und seinen
-Retter.
-
-Drinnen in der Wohnstube war der große Ofen noch warm, und Hund und
-Katze lagen friedlich unter der Ofenbank. Sonst war alles ausgeräumt.
-Nur die Petroleumlampe brannte noch. Aber ihr trautes Licht wurde
-schrecklich überstrahlt von der roten Lohe, die von draußen
-hereinleuchtete.
-
-Berger legte den Knaben auf den Fußboden und ging nach dem Garten
-zurück. Dort raffte er eine Menge Betten auf und trug sie nach der
-Stube.
-
-Fürsorglich bettete er das kranke Kind, nachdem er es der triefenden
-Kleider entledigt. Dann kniete er neben dem Lager nieder und drückte
-einen Kuß auf die kalte Stirn des Knaben.
-
-Da ging die Tür auf. Eine Frau trat langsam in die Stube. Ihre Stirn
-war marmorweiß, aber auf den Wangen brannte das Fieber, und das Feuer
-von draußen beleuchtete sie.
-
-»Berger! Was ist denn? O Gott, was ist?«
-
-Der Lumpenmann erhob sich und erschrak.
-
-»Frau Raschdorf, Sie! -- Sie sollen doch im Gasthause bleiben! Es ist
-nicht gut für Sie --«
-
-»Was ist mit Heinrich? Berger, was ist mit Heinrich?«
-
-»Er ist ohnmächtig, gerade erst ohnmächtig geworden. Er hat sich so
-sehr angestrengt, und dann die Aufregung --«
-
-»Heinrich, mein lieber Heinrich!« Und die Frau kniete aufweinend neben
-dem Lager nieder.
-
-Berger schlich hinaus. Aus dem großen Durcheinander im Garten suchte er
-den Lehnstuhl und eine Decke heraus und trug beides nach der Stube.
-
-»Ich bringe Ihnen Ihren Lehnstuhl, Frau Raschdorf.«
-
-Sie erhob sich. »Mathias, er kommt nicht zu sich. Was wird werden? Was
-wird mit ihm werden?«
-
-Der Lumpenmann beugte sich über das Kind.
-
-»Er wird schon wärmer. Ich denke, er wird bald aufwachen, gut zugedeckt
-ist er ja, da wird er schwitzen, und es wird ihm weiter nichts
-passieren.«
-
-Zitternd stand ihm die Frau gegenüber. Ihre Augen leuchteten heiß auf,
-als sie ihn ansah; ein Zittern flog über ihren Körper, und mit erregter
-Stimme sagte sie:
-
-»Mathias -- Du -- Du hast das einzige gerettet -- was ich noch habe.«
-
-Sie streckte die Hände aus und schlug sie über seine Schultern, und ihr
-Gesicht sank matt an seine Brust in halber Ohnmacht.
-
-Mathias Berger stand wie einer, der plötzlich stirbt und dem nur eine
-heiße, letzte Lebenswoge noch schmerzhaft und warm durchs Herz schlägt.
-
-Doch er raffte sich rasch zusammen. »Setzen Sie sich, Frau -- Frau
-Raschdorf und wachen Sie bei ihm!«
-
-Langsam ging er aus der Stube. --
-
-Und immer noch stand die Unheilswolke über dem Buchenhofe. Die
-Feuerflammen schlugen hinauf zu ihr und malten grellrote Lichter auf
-ihren schwarzen Untergrund. Wie Blutstropfen fiel der leise Regen.
-
-Feuer von vollen Garben und duftendem Heu! In wahnsinniger, trunkener,
-taumelnder Freude erhoben sich die Feuerflammen. Draußen lagen die
-stillen, abgeernteten Felder, und nun war es, als ob jeder Halm in
-der Scheuer, jede vertrocknete Blume im Heu sterbend noch einmal das
-stille Plätzchen im Feldgrund grüßen wollte, da es gegrünt und geblüht
-und mit Faltern und zarten Winden gekost hatte. Jetzt zuckten über die
-beraubten Fluren stolze, jubelnde Flammensignale:
-
-»Triumph! Wir sterben einen roten, herrlichen Tod! Erspart bleiben uns
-Tenne und Mühle. Die Natur ist groß, und der Mensch ist nichts!«
-
-Die Menschen, die mit der Natur gerungen hatten im langen, mühsamen
-Kampfe, die ihr die Beute abjagten mit Schlauheit und Fleiß: sie
-standen bleich als die Besiegten, die Geschlagenen, und die Beute war
-ihnen entrissen, und ihr Bollwerk war zerstört.
-
-Frau Mutter Erde sah schweigend zu, aber die Witwenschleier, die noch
-am Tage weiß und grau um ihre feuchte Stirn hingen, färbten sich rot.
-Die Halme und Blumen sind ihre Lieblingskinder, und der Mensch ist der
-Stiefsohn. -- --
-
-Der Bauer Raschdorf saß auf einem umgestülpten Karren. Finsteren Auges
-sah er der Verheerung zu. Nicht einen Finger rührte er zur Hilfe. Von
-Zeit zu Zeit nur verzog sich sein Gesicht; seine Hände klammerten sich
-an die Beine und gruben sich oft schmerzhaft ins Fleisch. Und neben
-ihm kauerte, Entsetzen in den schönen Kinderaugen, die Magdalene, sein
-Ebenbild, sein Liebling.
-
-Die beiden Scheuern lagen verwüstet; nun brannte der große Stall. Die
-Rinder zogen hinab ins Dorf. Ihr Brüllen klang dumpf durch die Nacht.
-
-Vier oder fünf Spritzen aus dem Dorfe und aus den Nachbarorten waren
-da. Sie hatten sich bemüht, als die Scheuern brannten, das Wohnhaus
-und das Gesindehaus zu retten. Das war ihnen auch gelungen, denn der
-Wind war günstig. Aber die Giebel waren geschwärzt, die Fensterscheiben
-zerplatzt.
-
-Und abseits von denen, die das Unglück traf, stand die Menge mit ihren
-Gefühlen. Ein lähmender Schreck hatte sie aus den Stuben gerissen,
-als die Glocke vom Turme wimmerte und der Feuerruf durch die Gassen
-heulte. Aber als sie sich überzeugten, daß sie selbst nicht in Gefahr
-seien, legte sich die Angst sehr rasch. Mitleid kam, Lust zu helfen,
-Lust zu schauen, Lust was zu erleben. Niemand von diesen Leuten war
-müde, alle belebte die Sensation, und so kam es auch hier wie immer,
-daß dicht neben das Grauen und die Vernichtung der Humor sich unter die
-Gaffer stellte und sich sein Sprüchlein leistete. Jetzt war nichts mehr
-zu retten; aber immer, wenn eine neue Spritze ankam, trat sie mit in
-Tätigkeit, und so fuhren die Wasserstrahlen in den rettungslos weiter
-brennenden Stall lustig hinein und erzeugten viel Zischen und Dampf.
-
-Zu ganz später Zeit, als das Feuer schon nachließ, kam die Spritze
-eines Nachbarortes, der nur eine Viertelstunde weit entfernt lag.
-
-»Die sind auch schon munter!« sagte einer laut.
-
-»Um die is 's nich schade,« bemerkte sein Nachbar ebenso vernehmlich.
-»Der ihre Spritze is a Unikum. Bei der vertrocknen im Sommer immer die
-Messingventile.«
-
-Die verspäteten Rettungsmannschaften machten ob solch vorlauter und
-sehr applaudierter Rede grimmige Gesichter. Aber da die Spötter recht
-behielten, mühten sie sich ein wenig um ihre Spritze ab, pumpten,
-schraubten, rüttelten, besahen sie mit verständigen Mienen von allen
-Seiten, überzeugten sich aber, daß nichts zu machen sei, und fuhren
-deshalb kopfschüttelnd wieder heim. Und das schöne Bewußtsein, das Gute
-wenigstens gewollt zu haben, begleitete sie.
-
-Dort, wo die Weiber standen, war viel Lärm. Jede hohe, stolze Flamme
-wurde mit viel Geschrei begleitet; über alles, was geschah, wurde laut
-verhandelt, gezetert, gejammert oder gelacht.
-
-Als Mathias Berger den Heinrich ins Haus trug, wurden Rufe des Mitleids
-laut, auch als Frau Anna müde und krank über die Straße geschritten
-kam. Aber als Berger den Stuhl und die Decke holte, zwinkerten sich ein
-paar Weiber wortlos zu.
-
-Und dann schritt der Bauer Raschdorf schweigend an ihnen vorbei, ohne
-sie anzusehen.
-
-Die Weiber sahen ihm nach und atmeten schwerer; aber sie schwiegen,
-bis er weit genug war. Dann wollten sie alle gern über ihn reden, aber
-keine hatte den Mut, anzufangen. Nur zögernd, tropfenweise beginnend,
-aber immer anwachsend, entstand ihre Rede, wie ein kunstgerecht
-gezogener Wasserfall.
-
-»O je,« seufzte die Mutigste und Ungeduldigste.
-
-»Den trifft's auch ordentlich,« sagte eine zweite.
-
-»Nu, da!« sagte eine dritte. »Und wenn man bedenkt, wie er doch -- wie
-er doch eigentlich --«
-
-Pause. Sie mochte nicht vollenden -- die dritte. Aber alle waren
-gespannt, geladen, übervoll von innerem Rededrange.
-
-Inzwischen stürzte abermals eine Mauer dröhnend zusammen. Eine
-Schuttwolke, durch die Millionen Funken blitzten, fuhr wirbelnd in
-die Höhe. Die Weiber waren bei dem Knall zusammengefahren, aber sie
-vergaßen deshalb nicht, was sie bewegte. Ein paar Sekunden sahen sie
-nach dem rauchenden Trümmerhaufen, dann kehrte ihr Interesse zu Hermann
-Raschdorf zurück.
-
-»Na, Gott verzeih' mir die Sünde!« sagte wieder die Erste, Mutigste,
-Ungeduldigste. »Man soll ja keinem was Schlechtes nachsagen, überhaupt
-bei so was, aber stolz war der Raschdorf --«
-
-Sie konnte nicht vollenden, der Bann war gebrochen, die Schleuse
-gezogen, die Fluten dröhnten. Es war ein Chaos. Da kam über den
-Garten eine häßliche, dürre Frau daher. Sie stellte sich zu ihren
-Mitschwestern, hörte ihr Lärmen und lächelte fein. Das waren ja alles
-dumme Gänse gegen das, was _sie_ wußte.
-
-Allmählich brauste der Wasserfall schwächer -- verlief sich. Die Weiber
-sahen die Neue an. Sie ahnten mit feinem Instinkt, daß sie etwas
-Besonderes wisse.
-
-»Was haste denn, Glasen?« fragte eine. »Haste was gesehen oder gehört?«
-
-»Sie weiß was!« »Natürlich weiß sie was!« »Na, seht och, wie sie tut!«
-»Warum will sie's denn nich sagen?« »Wir sagen doch nischt weiter!«
-
-So sprudelte es durcheinander.
-
-Frau Glase blähte sich vor Stolz und Überlegenheit.
-
-»Was ich weiß, weiß niemand,« sagte sie kühl.
-
-Nun brach das Chaos wieder los.
-
-Das wäre doch unrecht, so was nicht zu sagen. Man hätte doch keine
-Geheimnisse. Es wär' doch nichts dabei. Überhaupt sei das gar nicht
-recht, erst so zu tun. Weitergesagt würde doch nichts. Es seien doch
-alle immer sehr freundlich zur Glasen gewesen. Eine habe gar bei ihr
-Pate gestanden. Und sie seien doch so unter sich. Oder vielleicht wisse
-sie überhaupt nichts.
-
-Das letzte Argument allein zündete; Frau Glase richtete sich auf.
-Sie sah die Zweiflerin verächtlich an und wandte sich darauf an die
-Allgemeinheit.
-
-»Aber daß Ihr nischt weitersagt!«
-
-Über ein Schock Finger fuhren beteuernd nach der Gegend des
-Schürzenlatzes.
-
-»Ich hab' durchs Fenster gesehen, bloß wegen des Jungen, es tut einem
-doch leid um so ein Kind, es war ganz durchnäßt --«
-
-»Natürlich tut's einem schrecklich leid. Weiter!«
-
-»Na, also da war erst der Berger allein und dann --«
-
-»Dann? Weiter, Glasen!«
-
-»Dann kam die Frau.«
-
-»Wir haben sie gesehen! Wir haben ja gesehen! Weiter, Glasen! Dann kam
-die Frau. Und, und was war da?«
-
-Frau Glase machte eine Kunstpause und weidete sich an der Spannung
-ihrer Mitschwestern. So ein großes und stolzes Gefühl hatte sie noch
-nie empfunden in ihrem Leben.
-
-»Weiter, Glasen! Erzähl' doch weiter!«
-
-»Um den Hals genommen hat a sie.«
-
-»Um den Hals genommen!« Das wieherten sie.
-
-»Um den Hals genommen und geküßt!«
-
-»Geküßt!«
-
-Das Wort kam von allen zu gleicher Zeit. Dann war es still. Es
-arbeitete zu sehr in diesen Weibern; sie konnten nicht reden. Schreck,
-Freude, Sensationslust fuhren wie ein jäher Sturm über ihre flachen
-Seelen, und der eigene Schlamm rührte sich und warf Blasen.
-
-Allmählich nur beruhigten sie sich. Aber jetzt waren sie stiller. Sie
-traten dichter zusammen und tuschelten und raunten und taten entrüstet
-und verbargen ein Lachen und waren alle sehr vergnügt.
-
-Ein Riese nahte der Gruppe; er trug zwei schwere Eimer mit Wasser
-in den Händen. Schweigend, ohne auch nur hinzusehen, wollte er
-vorübergehen.
-
-Da drang ein Laut an sein Ohr, der ihn verwirrte. Er machte ein
-unbeholfenes Gesicht und glaubte, er habe sich getäuscht; aber ein
-zweites und drittes Wort fing er wider Willen auf. Da wurden ihm die
-Eimer schwer, und er stellte sie auf die Erde. Noch so ein böses Wort,
-noch eins. Da reckte sich der Riese.
-
-»Dreckschleudern, sauelendige! Wollt Ihr die Fresse halten! Wollt Ihr
-wohl gleich die Fresse halten?!«
-
-Und ein Eimer eiskalten Wassers ergoß sich über die Köpfe der Weiber,
-ihm folgte blitzschnell der zweite.
-
-Kreischen, Gellen, eilige Flucht, Lachen oder auch zornige Zurufe der
-Männer, und August Reichel, der Schaffer, stand allein und zitterte zum
-erstenmal in seinem Leben.
-
-Eine Weile stand er ganz stumm und dumm da. Hilflos blickte er in
-die leeren Eimer. Es war richtig, er hatte sie ausgegossen und eine
-laute, lange Rede dazu gehalten. Es wunderte ihn, daß er etwas gesagt
-hatte. Das Ausgießen fand er ohne weiteres in Ordnung. Einem Manne,
-der lachend herankam und fragte, was denn der Schaffer mit den Weibern
-habe, gab er keine Antwort. Er ergriff nur seine Eimer und ging
-verdrossen nach dem Bache zurück, von wo er gekommen war.
-
-Es soll wenig so peinliche Dinge auf der Welt geben, als wenn jemand,
-der gerade mit Lust und Begeisterung schimpft, unvermutet mit Wasser
-begossen wird. Bei irgendeinem Heidenvolke hatte einmal der Gott der
-Gerechtigkeit den Einfall, das unverhoffte Wasserbad vom Himmel aus für
-alle schimpfenden und verleumdenden Menschen einzuführen; aber der Gott
-der Weisheit widerriet ihm und sagte, da käme die Welt aus der Sündflut
-nicht mehr heraus.
-
-Ein Teil der Weiber schlich still nach Hause. Das waren jene, die nicht
-bloß froren, sondern sich auch schämten, denn es waren auch viele
-gutmütige dabei. Die anderen liefen zu ihren Männern und schimpften
-mehr als zuvor, und die Männer nahmen sich der durchnäßten Ehefrauen an
-und schimpften mit.
-
-So hatte August Reichel, der dumme, gute Riese, mit seinen zwei Eimern
-Wasser nichts gelöscht, er hatte nur Öl in ein böses Feuer geschüttet.
-
-Die Aufgeregten zogen sich ein wenig zurück und standen beratend
-beieinander.
-
-Und es kam einer heran, der bisher mit offenem Munde und blöden,
-glänzenden Augen ganz dicht am Feuer gestanden hatte -- Gustav
-Schräger, der idiotische Sohn des Gastwirts. Immer nach drei Schritten
-blieb er stehen und starrte in die lodernde Glut. Und dann reckte er
-die Hände in die Luft, als wolle er die Flammen aneifern, immer höher
-empor zu schlagen.
-
-»O je, es wird kleiner! Es ist nicht groß! Uff! Uff! Hu! Brr! Aah!«
-
-Die Weiber deuteten auf den Idioten und lachten. Dann riefen sie ihn
-an. Er kam langsam näher, grinste und sagte ganz unvermittelt:
-
-»Der Herr Raschdorf hat's angezündet!«
-
-Die Gesellschaft schrak bei diesem Wort zusammen.
-
-»Gustav, wirste still sein! Das sagt man doch nich! Aber Gustav!«
-
-Der Idiot schnitt eine Grimasse.
-
-»Ich weiß es! Er hat's angezündet! O! Ah! Dort, das is fein! Hoch!
-Hoch! Brr!«
-
-Er wollte wieder zum Feuer zurück, aber ein Weib hielt ihn am Arm fest.
-
-»Wie kannste denn so was sagen, Gustav? Das darfste doch nich.«
-
-Er sah sie grinsend an.
-
-»Es is schön! Und es wird noch ein Mann verbrennen! Paß auf! Und sie
-werden ihn tragen! Siehst Du! Siehst Du! Dort! Ooh -- oooh!«
-
-Er wollte sich losreißen, aber das Weib hielt ihn fest.
-
-»Gustav, Du mußt's uns sagen. Wie kannste denn sagen: der Herr
-Raschdorf hat's angezündet? Du wirst ja eingesperrt, wenn das
-rauskommt.«
-
-Der Idiot sah sie an und zog ein weinerliches Gesicht.
-
-»Ich laß mich nich einsperren! Ich will nich! Ich will zum Feuer! Ich
-sag's meinem Vater! Laß mich doch los! Du zwickst mich in meinen Arm!«
-
-»Aber woher weißte denn das vom Herrn Raschdorf, Gustav?«
-
-»Er will mich rausschmeißen! Gar nischt zu sagen! Es war kalt! Es war
-so kalt!«
-
-»Aber a hat doch nich angezündet?«
-
-»A hat's gesagt. A hat gesagt, a zünd't an. Laß mich los! A hat's
-gesagt! Und ich soll raus -- raus -- Du zwickst mich so -- alte Gans!«
-
-Der Idiot brach in Heulen aus. Vergebens versuchten die Weiber ihn zu
-beruhigen. Er riß sich los und lief nach Hause.
-
-Der Gastwirt Julius Schräger kam keuchend heran.
-
-»Was habt Ihr mit dem Jungen? Was habt Ihr mit dem unglücklichen Kinde?«
-
-Er war in riesiger Erregung. Ein Mann trat vor.
-
-»Herr Schräger, wir haben ihm bloß gutt zugered't, weil a -- weil a was
-gesagt hat --«
-
-»Was hat a gesagt? Was hat a gesagt?«
-
-Sie schwiegen.
-
-»Was a gesagt hat, will ich wissen! Was Ihr mit mein'm Jungen habt,
-will ich wissen!«
-
-Ein Mann faßte Mut. »Nu, ich sag's halt! Ich sag's ja bloß nach. Mir
-kann keiner was anhaben.«
-
-»Was a gesagt hat, will ich wissen!«
-
-Schräger wurde feuerrot. Da trat der Mann an ihn heran und flüsterte
-ihm etwas ins Ohr. Die anderen waren totenstill.
-
-»Das is Unsinn! Das sagt halt der dumme Junge so. Das hat a vielleicht
-nich richtig verstanden. Gesagt hat der Raschdorf was; aber das war
-gewiß nich so gemeint.«
-
-Schräger ging seinem Sohne nach, und die Menge blieb erregt in
-flüsternder Unterhaltung zurück. Das Feuer ließ langsam nach, aber die
-Unglückswolke stand über dem Buchenhof schwärzer als zuvor.
-
- * * * * *
-
-Ein grauer Herbstmorgen kam. Die Spritzen und alle die neugierigen
-Zuschauer waren fort. Mathias Berger und August Reichel trugen aus
-dem Garten die letzte Truhe ins Wohnhaus. Als sie den schweren Kasten
-aufheben, sah Berger, daß ein umgebrochenes, hölzernes Kreuzlein
-darunter lag; darauf stand zu lesen: »Hier ruht unser liebes Hühnchen.«
-
-Von der Herrschaft war nichts zu sehen. Die Frau lag schwerkrank zu
-Bett, und der Herr hatte sich in eine Stube eingeschlossen. Auf einem
-Sofa in feuchten Kleidern lag Magdalene Raschdorf und schlief. Sie
-hatte rote Wangen und lachte im Traum. Zwei Schritte davon entfernt
-hatte sich Hannes auf die bloße Diele gebettet und lag regungslos wie
-ein Toter.
-
-Heinrich stand draußen mitten im Schutt. Ein Mädchen näherte sich ihm
-und sah ihn mit großen Träumeraugen lange an.
-
-»Heinrich!«
-
-»Du -- ach Du bist's, Schräger-Lotte!«
-
-Sie kam näher und sah ihm mit tiefer Teilnahme ins Gesicht. Er schlug
-die Augen nieder und preßte die Lippen fest aneinander. Er wollte sich
-beherrschen. Da faßte sie ihn am Arm und lehnte den blonden Mädchenkopf
-an seine Schulter.
-
-»Es tut mir leid um Euch, Heinrich! Ich hab' die ganze Nacht geweint.
-Deine Mutter war bei uns und hat auch so geweint.« Sie schluchzte.
-
-Da hielt er sich nicht länger, ein krampfhafter, dumpfer Schrei kam ihm
-vom Munde.
-
-»Lotte! Jetzt -- jetzt wissen wir nicht mehr, wohin.«
-
-Und er weinte bitterlich.
-
-»Heinrich -- lieber Heinrich!«
-
-Es lag ein guter, tröstender Klang in dieser Stimme.
-
-Nach einer Weile beruhigte er sich. Er nahm Lotte an der Hand und zog
-sie mit sich bis zu dem umgestürzten Karren, auf dem in der Nacht sein
-Vater gesessen hatte. Dort setzten sich die beiden Kinder nieder und
-schmiegten sich dicht aneinander.
-
-Mit seltsamer Stimme sagte Heinrich: »Gestern, als ich dort oben fuhr,
-dort oben auf der Straße, und unseren Hof sah, da war ich so stolz und
-wollte ihn gern allen Bekannten in Breslau zeigen und sagen: »Seht Ihr,
-das ist unser.« Und nachher sagte mein Vater, wir seien bankerott, und
-in der Nacht brannten wir ab.«
-
-Er fröstelte in sich zusammen, und das Mädchen rückte ihm noch näher.
-Mit flüsternder Stimme sagte sie: »Sei nur still, Heinrich! Der Vater
-sagt, ich erb' einmal unser Haus und unsere Felder. Nachher schenk' ich
-Dir alles.«
-
-Der Knabe rührte sich nicht. Aber es ging warm durch den jungen Körper.
-Langsam wandte er den Kopf und sah Lotte an, die mit großen, schönen
-Augen tröstend zu ihm aufschaute. Und da beugte er sich zu ihr und
-küßte sie feierlich auf den Mund.
-
-»Wenn ich groß bin, werd' ich Dich heiraten, Lotte.«
-
-Das sagte er fest und bestimmt.
-
-Das Mädchen lächelte glücklich. »Aber den schönen Fingerring hast Du
-der Liese geschenkt.«
-
-»Das war nur, weil ich mich vor dem Hannes und dem Mathias schämte. Ich
-wollte ihn eigentlich für Dich.«
-
-Dann saßen sie schweigend. Ringsum war trüber Herbst, und der Wind fuhr
-über die Ruinen und spielte mit Schutt und Staub.
-
-Da sah das Mädchen nach dem Dorfwege.
-
-»Du, Heinrich, da kommt Dein Großvater!«
-
-»Ja, er ist's,« sagte der Knabe. »Der hat Feuer läuten müssen in der
-Nacht. Denk' mal, Lotte, was das ist, in der Nacht über den Kirchhof
-gehen und auf den finstern Turm klettern. Und dann hat er mit seinen
-alten Augen vom Turme auf das Feuer gesehen und gewiß an meine Mutter
-gedacht.«
-
-Das Mädchen legte die Hand prüfend über die Augen. Auch der Knabe sah
-wieder scharf nach dem Wege.
-
-»Sieh mal, Lotte, der Großvater kommt so schnell, und sonst kriegt er
-doch so schwer Atem -- und da hinten, wer kommt da?«
-
-»Das ist der Wachtmeister, Heinrich!«
-
-»Der Wachtmeister? Was will der?«
-
-»Was will der?« wiederholte das Mädchen unschlüssig.
-
-Heinrich erhob sich erregt. »Ich will hinein, ich muß wissen, was das
-bedeutet. Geh' auch heim, Lotte, es steht so eine finstere Wolke über
-uns, und es fängt an zu regnen!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 5]
-
-
-Das Verhör des Angeklagten war beendet. Hermann Raschdorf hatte die
-Schuld, die ihm zugemessen wurde, nicht eingestanden. Der Zuhörerraum
-war überfüllt. Wer aus dem Dorfe hatte abkommen können, war zur
-Verhandlung gefahren.
-
-»A sieht riesig schlecht aus,« flüsterte der Schmied dem Krämer zu.
-
-»Na, das is aber och,« sagte der. »Das nimmt einen schon mit. Überhaupt
-so eenen wie den! Na, seh och, was a für graue Haare gekriegt hat.«
-
-»Nich a eenzigesmal sieht a sich um,« sagte die Glasen. »A schamt sich
-halt zu sehr!«
-
-»Da soll sich eener och nich --«
-
-»Ruhe im Zuhörerraum!«
-
-Der Gastwirt Julius Schräger wurde aufgerufen. Mit glühend rotem
-Gesicht trat er vor den grünen Tisch. Nicht einen Blick sandte er nach
-dem Angeklagten, der seinen Nachbar mit verängstigten Augen betrachtete.
-
-»Ich mache Sie auf die Heiligkeit und Wichtigkeit des Eides aufmerksam!
-Sprechen Sie mir nach!«
-
-»Ich schwöre, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und
-nichts hinzusetzen werde! So wahr mir Gott helfe!«
-
-Die Personalien des Zeugen wurden festgestellt, und dann wurde Schräger
-aufgefordert, alles zu sagen, was er etwa über die Entstehung des
-Brandes wisse.
-
-In unbeholfener Rede begann er. Er erzählte, daß Raschdorf am
-Nachmittag des Brandtages bei ihm gewesen sei, daß sie zuerst über die
-mißliche Vermögenslage des Angeklagten gesprochen hätten; dann sei der
-Riedel-Bauer gekommen und hätte von einem Feuer in der Nachbarschaft
-erzählt. Und da hätte der Raschdorf gesagt, so schlimm sei das
-Abbrennen gar nicht, weil doch die Versicherung zahle und weil alle
-Leute einem Abgebrannten helfen.
-
-»Was haben Sie zu solchen Redensarten gesagt?«
-
-»Ich hab' gesagt, er solle sich nich versündigen!«
-
-»Jawohl, das war auch das einzig Richtige, was Sie sagen konnten.
-Erzählen Sie weiter!«
-
-Ja, weiter wisse er nicht viel. Der Riedel hätte gesagt, die Gebäude
-des Raschdorf seien doch sehr gut; aber da hätte der Raschdorf
-entgegnet, der Stall tauge nichts und die Dächer seien schadhaft; es
-gäb' überhaupt immer Flickereien. Der Raschdorf sei etwas betrunken
-gewesen. Um sieben Uhr sei er fortgegangen, und um halb acht Uhr sei
-eine Magd vom Buchenhof gekommen und habe das Feuer gemeldet.
-
-»Sie haben mit dem Angeklagten in Geldgeschäften gestanden?«
-
-»Ja, ich hab' ihm manchmal borgen müssen.«
-
-»Zuletzt hat der Angeklagte einen großen Verlust durch Aktienkauf
-gehabt. Es heißt, Sie hätten ihm zu diesem Geschäft dringend geraten.
-Wie steht das?«
-
-Schräger wurde verlegen. Er erzählte, vor Jahren sei ein
-Fabrikunternehmen als Aktiengesellschaft gegründet worden. Da hätte er
-dem Raschdorf geraten, sich zu beteiligen. Der Raschdorf hätte das auch
-getan.
-
-»Aber er hat damals eine Hypothek aufnehmen müssen, um die Aktien
-zeichnen zu können?«
-
-»Ja, aber damals hat der Raschdorf noch sehr gut dagestanden.«
-
-»Es war ein gewagter Rat von Ihnen! Aber Sie meinten wohl, die Sache
-sei sicher und werde rentabel werden?«
-
-»Ja -- ja, das meint' ich!«
-
-»Das is nich wahr! Das is a Schwindel!«
-
-»Ruhe im Zuhörerraum! Wenn das noch einmal vorkommt, laß ich den
-Störenfried sofort hier vorführen!«
-
-Die Dorfleute duckten sich zusammen und rückten ein wenig von Mathias
-weg, der zitternd an der Barriere stand und die Worte gerufen hatte.
-
-»Wissen Sie, Herr Schräger, wer der Brandstifter gewesen ist?«
-
-»Nein!«
-
-Der Verteidiger erhob sich.
-
-»Eine Frage! Herr Schräger, Sie sind ein Freund und Nachbar des
-Angeklagten gewesen. Sie kennen ihn genau von Jugend auf. Halten Sie
-ihn der Brandstiftung für fähig?«
-
-Schräger wurde sehr unruhig. »Ich -- ich weiß es nich genau. Aber ich
-denke -- a wird's wohl gewest sein!«
-
-»Das is nich wahr! Das is 'ne Gemeinheit! Der Raschdorf war's nich!
-Eher war's der Schräger schon selber!«
-
-Der Präsident fuhr empört in die Höhe.
-
-»Gerichtsdiener! Der Mann dort an der Barriere, der das gerufen hat,
-ist sofort hier vorzuführen!«
-
-Ein Gerichtsdiener kam in den Zuhörerraum, und Mathias Berger wurde dem
-Richter vorgeführt. Die Dorfleute wagten kaum noch zu atmen.
-
-Die Personalien Bergers wurden festgestellt.
-
-»Wie können Sie sich erdreisten, hier wiederholt die Verhandlung zu
-stören?«
-
-»Ich -- ich halt' mich nicht, wenn ich seh', wie der -- der -- der Lump
-da falsch aussagt!«
-
-»Ich werd' ihn verklagen!« sagte Schräger krebsrot vor Wut.
-
-»Das ist Ihr Recht, Zeuge!«
-
-Der Staatsanwalt erhob sich.
-
-»Ich beantrage gegen Mathias Berger wegen groben Unfugs vor Gericht
-drei Tage sogleich zu vollstreckender Haft!«
-
-So wurde erkannt und Berger abgeführt.
-
-Draußen auf dem langen Gerichtskorridor lehnte in einer Fensternische
-Heinrich Raschdorf. Mathias Berger, den der Gerichtsdiener sacht am
-Arme hatte, ging an ihm vorüber und sah ihn mit einem wehen Blicke an.
-
-»Mathias -- Mathias, was ist --?«
-
-»Heinrich, Dein Vater ist verloren!«
-
-»Mathias, ich will -- ich -- ich --«
-
-Er klammerte sich verzweifelnd an den Lumpenmann.
-
-»Geh weg, mein Junge, laß los!«
-
-Er ließ nicht los, da schob ihn der Gerichtsdiener energisch zur Seite.
-
-Der Knabe sah den beiden nach, die in dem langen Korridor verschwanden.
-Dann trat er ans Fenster und starrte hinab in den kahlen Gerichtshof.
-
-Drinnen im Gerichtssaal wurde eine Magd verhört.
-
-Sie habe im Kuhstall zu tun gehabt, aber dann habe sie einen Futterkorb
-aus der Scheune holen wollen, und da habe sie gesehen, daß es brenne.
-Da sei sie nach der Wohnstube gelaufen.
-
-»Was hat der Angeklagte gesagt, als Sie ihm die Meldung machten?«
-
-Die Magd schwieg.
-
-»Was Ihr Herr gesagt hat, als Sie ihm sagten, daß es brenne, frage ich.«
-
-»A -- -- a hat gesagt: »Es -- es brennt!« Und dann hat a -- hat a --
-gelacht!«
-
-Eine Bewegung ging durch den ganzen Gerichtssaal, und der Angeklagte
-zuckte zusammen.
-
-Dann ein Knecht. Er sagte aus, der Herr sei in den Pferdestall zu
-ihm gekommen und sehr lange dagewesen. Er hätte über alles mögliche
-geschimpft, und dann sei er gegangen. Wohin, das wisse der Zeuge nicht.
-
-»Heinrich Raschdorf!«
-
-Kein Atemzug war hörbar im weiten Gerichtssaal. Der Angeklagte nur fuhr
-herum und wandte sein erdfahles Gesicht der Tür zu.
-
-Gesenkten Kopfes, mit blutleerem Angesicht trat Heinrich Raschdorf
-in den Gerichtssaal. Ein einziges Mal irrten seine dunklen Augen im
-Kreise. Als er den Vater sah, öffnete sich ihm der Mund, das Gesicht
-verzog sich, und er blieb stehen. Aber dann senkte er die Augen und
-trat vor den Richter.
-
-Der betrachtete den bildschönen Knaben, und durch die kalten,
-forschenden Juristenaugen zuckte ein warmer Strahl.
-
-»Mein Kind! Du bist als Zeuge vorgeladen. Der Angeklagte ist Dein
-Vater. Du darfst das Zeugnis verweigern. Dann kannst Du bald wieder
-gehen!«
-
-Der Knabe hob die Augen und sah den Richter ängstlich an.
-
-»Ich -- ich will alles -- alles sagen. Ich -- ich habe -- habe selber
-angezündet!«
-
-Ein paar Schreie tönten aus dem Zuhörerraum, und der Präsident vergaß
-den Ordnungsruf.
-
-»Du hast angezündet?«
-
-»Ja! -- Ich -- ich hab' Zigaretten -- Zigaretten rauchen wollen -- in
-der Scheune -- und da -- da --«
-
-Der Angeklagte erhob die Hand.
-
-»Heinrich! Heinrich, ist das wahr?«
-
-Heinrich Raschdorf sah ihn nicht an und sagte:
-
-»Es ist wahr!«
-
-»Junge, wie kannst Du das so sagen? Du wirst ja sofort eingesperrt,
-wenn das wahr ist. Bedenke doch das!« mahnte der Richter.
-
-»Es ist wahr!« wiederholte Heinrich.
-
-Daran wurde er blaß und fing an so heftig zu zittern, daß ihm der
-Richter gebot, sich einstweilen zu setzen, bis er sich erholt habe.
-
-Die Verhandlung nahm ihren Fortgang.
-
-»August Reichel!«
-
-Der Riese tappte schwer in den Saal. Die Eidesformel murmelte er so
-leise, daß ihn der Präsident ermahnen mußte, vernehmbar zu sprechen.
-
-Mit unbeholfenem, ängstlichem Gesicht stand er vor dem Gericht. Er
-sollte erzählen, aber er knurrte nur, brummte unverständliches Zeug und
-brachte keinen Satz heraus. Da verlegte sich der Richter aufs Abfragen.
-
-»Waren Sie zur Zeit der Tat im Hofe oder in den Wirtschaftsgebäuden?«
-
-Reichel starrte den Richter an und schwieg.
-
-»Ich frage, ob Sie an dem betreffenden Tage abends in der Zeit von 7
-bis ½8 Uhr sich im Hofe, im Stalle oder in der Scheune aufgehalten
-haben?«
-
-Der Schaffer schüttelte den Kopf.
-
-»Nee!«
-
-»Wo waren Sie in dieser Zeit?«
-
-Reichel besann sich und sagte dann langsam:
-
-»Derheeme!«
-
-»Was heißt »derheeme?« Sie meinen, Sie waren zu Hause in Ihrer Stube?«
-
-Reichel nickte.
-
-»Wer war bei Ihnen?«
-
-»Der Hannes und der Heinrich!«
-
-»Was haben die Knaben bei Ihnen gemacht?«
-
-»Sechsundsechzig!«
-
-»Was?«
-
-»Sechsundsechzig! Ich bring's ihn' bei!«
-
-Ein paar Geschworene grinsten.
-
-»Also die Knaben haben Karten gespielt? Wie lange?«
-
-»Bis um halb achte!«
-
-»Wieso gerade bis ½8 Uhr?«
-
-»Wie's halb schlug, nahm ich die Karten weg.«
-
-»So! Und dann ist Heinrich Raschdorf fortgegangen? Allein?«
-
-»Nee, mit Hannes!«
-
-»Wissen Sie etwas über die Entstehung des Brandes?«
-
-Reichel schüttelte den Kopf.
-
-»Aber der Herr is 's nich gewesen!« sagte er.
-
-»Wieso ist er's nicht gewesen?«
-
-Reichel zuckte die Schultern.
-
-»Wissen Sie etwas, was dafür spricht, daß Ihr Herr unschuldig ist?«
-
-Reichel nickte bedeutsam.
-
-»Ich sprech's!«
-
-Der Richter fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
-
-»Ich meine, Reichel, das ist doch nur Ihre Ansicht! Haben Sie
-irgendeinen Beweis dafür?«
-
-»A tutt's nich! A tutt's nich!«
-
-»Setzen Sie sich!«
-
-Der Schaffer setzte sich auf die schmale Zeugenbank und streckte die
-mächtigen Beine weit in den Saal. Er machte ein finsteres Gesicht, denn
-das viele Reden hatte ihn verdrossen. --
-
-»Johannes Reichel!«
-
-Hannes wurde halb zwangsweise in ganz jämmerlicher Verfassung
-herbeitransportiert. Er zappelte an Händen und Beinen und heulte zum
-Steinerweichen. Der Richter redete ihm gut zu, aber davon wurde das
-Geheul ärger. Da brüllte ihn der Beamte riesig an, und das half.
-
-Der Richter stellte zunächst fest, daß Hannes mit seinem Vater und
-Heinrich zusammen gewesen sei.
-
-»Was habt Ihr gemacht?« fragte der Richter in seiner wohlwollenden,
-aber etwas kurzen Weise.
-
-Über diese Frage erschrak der gute Hannes mächtig. Er fing an zu
-heulen, hob die Hände bittend auf und schluchzte: »Sechsundsechzig
-gespielt -- aber ich werd's ja nich mehr machen -- ich werd's ja nich
-mehr machen -- bloß nich einsperr'n -- och -- och je -- och je --«
-
-»Sei mal ruhig, Junge! Ob Ihr Karten gespielt habt, ist mir egal. Da
-passiert Dir nichts. Erzähl' mal, wie der Heinrich Raschdorf nach Hause
-gegangen ist. Aber nun sag' die Wahrheit! Wehe Dir, wenn Du lügst. Also
-wie war das?«
-
-Hannes erzählte, er sei mit Heinrich sofort hinüber nach der Wohnstube
-gegangen.
-
-»Sag' mal, mein Junge, Karten gespielt habt Ihr also; habt Ihr nicht
-auch geraucht?«
-
-»Nee, geraucht haben wir nich -- gar nich geraucht -- gar nich a
-kleenes bissel --«
-
-»Johannes, lüge nicht! Ihr habt geraucht?«
-
-»A eenziges Mal haben wir Zigaretten geraucht, aber das war im Sommer
-auf'm Felde -- der Heinrich zwei und ich eine -- aber da wurd' uns so
-schlecht --«
-
-»Ob Ihr an dem Tage geraucht habt, wie's bei Euch brannte?«
-
-»Nee, da nich, da hatten wir ja gar keene Zigaretten. Wahrhaftig nich!«
-
-»Seid Ihr nicht, ehe Ihr zu Raschdorf in die Wohnstube ginget, in der
-Scheune gewesen?«
-
-»Nee, wir sind bald rübergegangen.«
-
-»Heinrich Raschdorf!« Der Knabe trat wieder vor.
-
-»Du hast gehört, was Dein Freund aussagt. Das ist gerade das Gegenteil
-von dem, was Du sagst. Wer lügt nun von Euch beiden?«
-
-»Ich -- ich hab' geraucht -- allein geraucht -- in der Scheune --«
-
-»Du hast allein geraucht? Wann hast Du geraucht? Wann bist Du allein
-gewesen?«
-
-Der Knabe kam in tödliche Verlegenheit und wußte keine Antwort. Hannes
-faßte Courage und meldete sich mit dem Zeigefinger wie in der Schule.
-
-»Herr Lehrer, a schwindelt! A war ja immerfort bei uns, und dann, wie
-wir rübergegangen sind, da is noch der Robert mit uns gegangen, der
-Knecht.«
-
-»Robert Kirschner!«
-
-Der Knecht sagte aus, er sei aus dem Wagenschuppen gekommen, da habe
-er die beiden Knaben aus dem Gesindehause kommen sehen, und weil er
-den Heinrich, der gerade erst zu den Ferien gekommen sei, noch nicht
-gesprochen habe, sei er mit den Knaben gegangen und habe sie bis zur
-Tür begleitet. Den Heinrich habe er in die Stube gehen sehen, und mit
-dem Hannes habe er noch geplaudert. Und da sei schon die Karoline
-gekommen und habe gesagt, daß es brenne.
-
-»Heinrich Raschdorf! Warum lügst Du vor Gericht? Warum beschuldigst Du
-Dich selbst?«
-
-»Mein Vater! Mein Vater!«
-
-»Du hast Deinen Vater retten wollen?«
-
-Der Knabe nickte unter heftigem Schluchzen. Es war aus mit seiner
-Fassung.
-
-»Hat Dir jemand zugeredet zu einer solchen Aussage? Sag' jetzt die
-Wahrheit, mein Junge! Du weißt, Gott sieht Dir ins Herz. Und Du darfst
-Dein Herz nicht beflecken. Hat Dir jemand zugeredet, Dich selbst falsch
-anzuklagen?«
-
-»Es hat mir niemand zugeredet!«
-
-»Wirklich nicht? Wie kamst Du darauf?«
-
-»Ich hab' so Angst -- so schrecklich Angst!«
-
-»Setz' Dich, Heinrich Raschdorf!«
-
-»Frau Anna Raschdorf!«
-
-Die schwindsüchtige Frau wankt in den Saal. Auf ihren Wangen blühten
-die Kirchhofsrosen.
-
-»Wollen Sie von Ihrem Recht der Zeugnisverweigerung Gebrauch machen,
-Frau Raschdorf?«
-
-»Nein!«
-
-Sie sagte aus, was sie wußte. Sie leugnete nicht, daß Ihr Mann nicht
-nüchtern gewesen sei; aber als er dem Knaben mitgeteilt, der Ruin stehe
-vor der Tür, habe er gebebt. Und durch den Brand sei es nur schlimmer
-geworden. Maschinen seien verbrannt, die nicht versichert seien, die
-ganze, reiche Ernte sei verbrannt, das Vieh müsse auswärts sein. Das
-Elend sei erst durch den Brand voll geworden.
-
-Eine Reihe anderer Zeugen wurde noch vernommen, ohne daß etwas
-Erhebliches zutage gefördert wurde.
-
-Die Plaidoyers begannen.
-
-Der Staatsanwalt führte aus:
-
-Der Angeklagte sei in einer verzweifelten Vermögenslage gewesen.
-Er habe am Johannitermin die Zinsen nicht zahlen können und am
-Michaelitermin auch nicht. Dazu sei eine Wechselschuld gekommen,
-die er nicht habe tilgen können. Am Nachmittag des Brandtages nun
-sei durch die Erzählung des Bauern Riedel die Phantasie Raschdorfs
-angeregt worden; er habe in einem Brande einen günstigen Ausweg
-erkannt und diesem Gedanken auch durch außerordentlich belastende
-Worte Ausdruck verliehen. Sein Hirn sei durch reichlich genossenen
-Alkohol weiter erhitzt worden, und so sei der Vertreter der Anklage
-der vollen Überzeugung, der Angeklagte habe das Feuer in der Scheune
-angelegt, sei darauf in den Pferdestall gegangen, wo er durch ganz
-unmotiviertes Herumschimpfen sich habe gleichgültig und unverdächtig
-stellen wollen, und habe sich dann nach der Wohnstube begeben. Im
-Rausch hätte er es dann nicht verhindern können, zu lachen, als die
-Magd das Feuer meldete. Welcher Bauer lache wohl, wenn ihm Feuer in
-seinem Gehöft gemeldet würde? Die Tatsache, daß sich die Vermögenslage
-des Angeklagten durch den Brand verschlechtert habe, könne entlastend
-nicht ins Gewicht fallen. Raschdorf habe einen vorläufigen Aufschub,
-eine Wendung der Dinge gewünscht; die Aussicht, viel bares Geld in
-die Hand zu bekommen, habe ihn verlockt. Verdächtig erscheine dem
-Staatsanwalt auch die Aussage des Heinrich Raschdorf. Welches Kind
-klage sich selbst eines so furchtbaren Verbrechens an, wenn es nicht
-dazu angeregt, geradezu verführt worden sei? Ein Kind habe Angst vor
-dem Gericht; es suche sich eher reinzuwaschen als sich zu belasten.
-Dieser Knabe Heinrich Raschdorf habe entlastend wirken wollen, aber das
-Gegenteil sei eingetreten. Es sei eine verunglückte Komödie gewesen.
-Auch den anderen Zwischenfall wolle der Staatsanwalt nicht unerwähnt
-lassen. Vom Zuhörerraum sei Partei genommen worden für den Angeklagten,
-und der Hauptbelastungszeuge Schräger sei beleidigt und geradezu selbst
-beschuldigt worden. Gerade dieser Zeuge sei aber durchaus glaubwürdig.
-Durch den Brand sei sein eigenes Gehöft, das ganz in der Nachbarschaft
-liege, höchst gefährdet gewesen; dazu komme, daß Schräger den ganzen
-Nachmittag in Gesellschaft seiner Gäste in der Wirtsstube gewesen sei
-bis zum Ausbruch des Brandes. Und dieser Mann, der den Angeklagten
-von Jugend auf kenne, der sein Freund sei und ihm dutzendmal aus
-finanziellen Notlagen geholfen habe, der nun bei Verurteilung des
-Angeklagten und dem daraus resultierenden finanziellen Zusammenbruch
-wahrscheinlich sein Geld verliere, sei unter dem Druck des Eides doch
-nicht fähig gewesen, auszusagen, daß er seinem Freund, Nachbar und
-Schuldner die Tat nicht zutraue. Er, der Staatsanwalt, bitte die Herren
-Geschworenen, das Schuldig auszusprechen, damit die Bestrafung des
-Verbrechers erfolge.
-
-Ein Schrei. Heinrich Raschdorf lag mit weit ausgestreckten Armen im
-Gerichtssaal, mit dem Gesicht auf der Erde.
-
-Der Schaffer hob ihn auf und trug ihn behutsam aus dem Saale. Ihm
-folgte Frau Anna.
-
-So war Hermann Raschdorf allein. Weder Frau noch Kind hörten die Rede
-des Verteidigers. Die Ausführungen dieses Mannes bestanden in der
-Hauptsache darin, daß Hermann Raschdorf, der ein gewisses Maß von
-Bildung besitze, nie und nimmer ein so plump angelegtes Verbrechen
-begangen haben könne. Er würde sich, selbst im Rausche, gehütet haben,
-kurz nachdem er die unvorsichtigen Worte gesprochen, eine Tat zu
-begehen, deren er mit großer Wahrscheinlichkeit verdächtigt werden
-mußte. Dazu komme, daß Raschdorf durch den Brand seine Vermögenslage
-verschlechtert sehe. Er, Verteidiger, sei der Ansicht, daß das Feuer
-schon angelegt gewesen sei, als Raschdorf noch in der Schenke saß.
-Um seinen psychologischen Tiefblick könne der Verteidiger den Herrn
-Staatsanwalt nicht beneiden. Es komme sehr wohl vor, daß ein Mensch,
-dem ein furchtbares Unglück gemeldet würde, jäh auflache, das sei
-ein viel intensiverer Ausdruck des Jammers als Tränen; denn so, wie
-es Freudentränen gibt, so gibt es ein Lachen der Verzweiflung, und
-das sei bei Hermann Raschdorf wohl vorauszusetzen gewesen, der kurz
-vor der Meldung des Feuers seinem Sohne Mitteilung von dem drohenden
-Bankrott gemacht und sich in schwerer Gemütsbewegung befunden habe.
-Noch mehr tue es aber dem Verteidiger leid, daß der Herr Staatsanwalt
-die Kindesliebe des kleinen Heinrich Raschdorf, die hier so echt und
-ergreifend in Erscheinung getreten sei, eine verunglückte Komödie
-genannt habe. So geschickt spiele auch der befähigtste Knabe nicht
-Komödie, daß er ohnmächtig zusammenbricht, wenn er von schwerer Strafe
-hört, zu der er den geliebten Vater schon verurteilt glaubte. Sehr
-wohl komme es aber vor, daß ein Kind in der Angst seines Herzens sich
-fälschlich selber anklage, um ein geliebtes Wesen zu retten. Der
-Idealismus liege eben einer Kindesnatur näher als einem Staatsanwalt.
-»Meine Herren Geschworenen! Ich erwarte von Ihrem Gerechtigkeitsgefühl
-aufs bestimmteste, daß Sie diesen Mann nicht ins Zuchthaus schicken
-werden auf einen bloßen Verdacht hin, dessen Beweis in keiner Weise
-gelungen ist; daß Sie einem so heldenmütigen Knaben nicht den Vater,
-einer so kranken Frau nicht den Mann, einem so verwüsteten Besitztum
-nicht den Retter nehmen werden. Im ganzen aber appelliere ich nicht an
-Ihr Mitleid, sondern an Ihre Gerechtigkeit und erwarte den Freispruch.«
-
-Die Geschworenen zogen sich zurück. Die Wintersonne schien strahlend in
-den kahlen Gerichtsraum, Schellengeläute ertönte von draußen, und das
-Lachen lustiger Menschen schallte von der Straße.
-
-Und hier saß ein Mann, dessen Schicksal in den Händen schwacher
-Menschen lag.
-
-In der Ferne schlug eine dumpfe Glocke dreimal.
-
-»Drei! Paß auf, a kriegt drei Jahre,« flüsterte erregt die
-abergläubische Glasen im Zuhörerraum.
-
-»Mir wird schlecht,« sagte die Krämerin und ging hinaus.
-
-Und nun wieder diese schwere Stille. Hin und wieder hörte man leise
-die Feder des zurückgebliebenen Staatsanwalts kratzen, der gleichmütig
-Akten las und unterschrieb.
-
-Die Geschworenen kamen zurück. Kein Laut ging durch den weiten Saal.
-Auch draußen war's still.
-
-»Die Geschworenen haben die Schuldfragen verneint. Hermann Raschdorf
-ist freigesprochen und alsbald aus der Haft zu entlassen.«
-
-Da begrub der Mann auf der Anklagebank sein Gesicht in beide Hände und
-weinte wie ein Kind. Eine Qual taute auf, eine furchtbare, lange Qual.
-
- * * * * *
-
-Die große Gaststube des »Gelben Rosses« war überfüllt. Es war
-nachmittags gegen 4 Uhr. Nur Bauern waren da, die von der
-Schwurgerichts-Verhandlung kamen und im »Gelben Roß« ihre Pferde und
-Fuhren untergebracht hatten.
-
-Da herrschte wüstes Stimmengewirr. Die Leute hatten alle rote
-Gesichter, und auch die Langsamen und Schläfrigen unter ihnen waren
-aufgeregt und redeten viel oder grunzten wenigstens viel öfter und
-intensiver als sonst. Die viele innere Hitze brachte reichlichen
-Alkoholgenuß und der Alkohol wiederum viel innere Hitze zuwege, und
-die Bestellungszurufe an die Bedienung wie die Prostschreie waren das
-einzige, was abseits der Affäre Raschdorf gesprochen wurde.
-
-Irgendein Verein zog draußen mit klingender Musik vorbei. Aber nur
-wenige Weiber traten ans Fenster. Den Männern war das Schauspiel, das
-sie sonst sicher über die Maßen interessiert hätte, heute gleichgültig.
-
-Ein Bauernbursche kam in die Stube und meldete seinem Herrn, das
-»Handpferd tue so komisch, es kriege vielleicht die Kolik«. Zu jeder
-anderen Zeit wäre eine solche Meldung ein Alarmsignal zu allgemeinem
-Aufbruch nach dem Pferdestall gewesen, wo jeder seine Weisheit und
-Erfahrung zeigen konnte; heute hatte der Besitzer Mühe, seinen Schwager
-zu bereden, mit ihm »zum Rechten« zu sehen.
-
-Wie wenn eine Dreschmaschine in einem großen Hofe summt, zischt,
-poltert, klappert, rasselt, qualmt, -- so war's.
-
-Aber eine Stimme im Bauernhofe gibt's, die selbst den Lärm der
-Dreschmaschine übertönt, das ist, wenn ein rechter Hahn kräht, und
-eine Stimme gab's auch in dieser Versammlung, die über all den wüsten
-Skandal sich erhob, das war die des Barbiers.
-
-»Der Staatsanwalt, der -- der is mei Mann! Der Verteidiger -- äh, das
-is 'n Jude. Der macht's fürs Geld! Aber der Staatsanwalt, der hat's ihm
-gegeben! Donnerschlag, der Mann hat was weg!«
-
-Es wurde ein bißchen ruhiger, und der Barbier konnte fortfahren: »Wer
-soll's denn eigentlich gewesen sein? Is 'n eenziger Bummler an dem Tage
-im Dorfe gewesen? Was? Habt Ihr einen gesehen? Ich nich! Und einer
-aus'm Dorfe? In unserm Dorfe gibt's kein'n Anzünder, es wär' denn
-grade --«
-
-»Du, sag' bloß nischt vom Gastwirt Schräger,« warnte einer.
-
-»Wer spricht 'n vom Schräger? Höchstens der Berger! Und der wird ja
-wissen, warum a zu Raschdorfen hält!«
-
-Da wurde es noch stiller. Nur einige lachten vor sich hin, und die
-Glasen versuchte, verschämt auszusehen.
-
-Der Barbier nahm wieder das Wort:
-
-»Ich gönn' keinem was Schlechtes, aber dem Berger, dem is recht. Da hat
-a doch amal was uff sei großes Maul. Damals, wie a das Schandgedichte
-uff mich gemacht hat: »Versichert's Leben, der Bader kommt!« -- Ja, da
-lacht Ihr schon wieder -- wie damals -- wie damals lacht Ihr, aber wen
-läßt denn der Berger in Ruh'? Keenen! Keen' eenzigen! A bild't sich
-ein, a is klüger wie a Bauer. So a Lumpenmann, so a Stromer! Jetzt hat
-a Zeit, Gedichte zu machen, drei Tage lang! Der Staatsanwalt läßt sich
-nischt vormachen. Jetzt kann a die Gefängnismauer abschmatzen!«
-
-»Der Barbier is a Hauptkerl!« sagte einer voll Anerkennung.
-
-»Na, ich sag' Euch,« fiel dieser geschmeichelt ein, »ich hätt' nich
-Zeuge sein dürfen, da wär's anders gekommen, ganz anders; ich hätte
-schon gered't, ich hätt' den Herren schon a Lichtel uffgesteckt. Aber
-wenn solche Mohhörner dastehn wie der Reichel-Schaffer --«
-
-Alle lachten.
-
-»Vom Sechsundsechzigspiel'n quatscht das Rindvieh, als wenn das dazu
-gehörte -- 's ganze Gericht hat ja gelacht, wie der sich blamierte.
-Aber solche Zeugen brauchte der Raschdorf!«
-
-»Na, aber gutt sah der Raschdorf nich aus, wie a so uff der
-Anklagebanke saß.«
-
-»I ja, da vergeht ein'm 's Dicketun! Früher da konnt' a nischt fein
-genug haben. Ich durft' ihm die Haare und a Bart nich verschneiden.
-»Sie schneiden mir Treppen in a Kopp,« sagt a, und da fuhr er in die
-Stadt und gab 20 Pfennig fürs Haarschneiden. Na, wer's so häufig zum
-Wegschmeißen hat!«
-
-»'n riesigen Stolz hatt' a, das is wahr,« sagte wieder ein anderer;
-»wenn nich einer gerade auf der Schulbanke mit ihm gesessen hatte, mit
-dem machte der nich Brüderschaft.«
-
-»Nee, nee, nee!«
-
-Es entstand wieder allgemeines Gespräch.
-
-Da kam Schräger. Wenn der Pfarrer in die Stube getreten wäre, es wäre
-nicht halb so still geworden wie jetzt.
-
-Der Gastwirt sah sich verdrossen um und ging an einen Tisch. »'ne Tasse
-Kaffee und a Paar Wiener!« bestellte er.
-
-»Prosit, Herr Schräger!« schrie der Barbier und näherte sich dem Tisch.
-
-Die andern sahen gespannt zu.
-
-»Prosit! Prosit!« antwortete Schräger kurz. In diesem Augenblick
-öffnete sich die Tür, und hinter einer Dienstmagd, die flüchtig
-hereinkam, trat Heinrich Raschdorf in die Stube. Niemand sah auf die
-Magd und den Knaben; alle blickten nach dem Tisch Schrägers. Heinrich
-blieb erst unschlüssig stehen, dann setzte er sich auf einen Stuhl,
-der in einem Winkel am Schanksims stand. Die Mutter hatte ihn, als ihm
-unwohl geworden war, nach dem Gasthause gebracht; aber er hatte sich
-rasch wieder erholt. Dann war jemand gekommen, der gesagt hatte, der
-Vater sei freigesprochen, und da war die Mutter gegangen, den Vater zu
-holen. Er selbst mußte zurückbleiben und wartete hier auf die Eltern.
-
-»Nu, Herr Schräger, Sie sind ja so stille,« sagte der Barbier, »Sie
-ärgern sich doch nich etwa?«
-
-»Da soll sich einer nich ärgern! Aber ich verklag' den Berger, ich
-verklag' den Kerl! Das laß' ich mir nich gefall'n!«
-
-»Nu, das könn'n Sie sich ja gar nich gefall'n lassen. Wir haben gerade
-davon gesprochen. Der Berger hat halt Ursache, daß a zu Raschdorfs hält
--- na, Sie wissen ja -- und Sie haben ja glänzend dagestanden, Herr
-Schräger. Wie Sie der Staatsanwalt rausgestrichen hat, und a hat doch
-gesagt, Sie sind ganz unverdächtig.«
-
-»Das will ich meinen, daß der's nich gewesen is, der a ganzen Tag in
-der Stube steckt und sein Geld zusetzt. Oder traut mir das überhaupt
-jemand zu?«
-
-Schräger stand auf und musterte herausfordernd den Kreis. Ein lebhaftes
-Protestieren ging los, und ein paar Bauern schüttelten dem Wirt die
-Hände.
-
-»Wir wissen 's schon, wer 's gewesen ist,« krähte der Barbier; »und
-wenn ihn 's Gericht zehnmal freispricht, der Raschdorf war's doch. Die
-stolze Bande --«
-
-»Jeses, der Junge!«
-
-Ein Weib schrie es, und nun sahen alle nach dem dunklen Winkel, aus dem
-Heinrich Raschdorf hervortrat. Mit glühenden Augen, wie ein gereiztes
-Raubtier, so stand er da; die weißen Zähne blitzten und bissen
-knirschend aufeinander; die Fäuste ballten sich -- er bückte sich ein
-bißchen, sprang an, kletterte an dem langen Bader empor und hieb ihm
-die Faust ein paarmal derart auf Mund und Nase, daß dem Manne das Blut
-übers Gesicht rann.
-
-»Ich schlag' Dich tot, Bader, ich schlag' Dich tot!«
-
-Der Bader fluchte, schrie, wehrte sich und machte sich mühsam frei. Er
-wollte sich auf das Kind stürzen, aber das Blut rann ihm so reichlich
-und die Augen tränten ihm so stark, daß er hinaus nach dem Hofe mußte.
-
-Die anderen waren starr.
-
-Heinrich Raschdorf stand mitten in der Stube.
-
-»Wer das noch einmal sagt -- das von meinem Vater, den hau' ich gerade
-so!«
-
-Ein paar Leute brummten oder lachten leise.
-
-»Mein Vater ist freigesprochen -- er ist unschuldig -- das Gericht
-hat's gesagt, und das müßt Ihr glauben!«
-
-Niemand rührte sich. Heinrich schoß das Wasser in die Augen.
-
-»Ist jemand, der das nicht glaubt, daß mein Vater unschuldig ist?«
-fragte er hilflos.
-
-Kein Laut in der Stube.
-
-»Aber er gehört doch zu Euch, Ihr müßt es doch glauben!« Das sagte er
-in bettelndem Tone.
-
-Ein gegnerisches Gemurmel erhob sich. Kein freundlicher Zuruf erfolgte.
-Da brach Heinrich Raschdorf in bittere, zornige Tränen aus:
-
-»Dann -- dann -- seid Ihr alle -- alle miteinander Schufte!«
-
-Und ehe noch die Männer sich schwerfällig und schimpfend erhoben, den
-Knaben zu strafen, war Heinrich Raschdorf verschwunden.
-
- * * * * *
-
-Eine stille Straße entlang kam müde ein Mann gegangen, und neben ihm
-ging eine hustende Frau.
-
-Ihnen trat Heinrich entgegen.
-
-Er blieb vor dem Vater stehen, aber er gab ihm nicht die Hand. Scheu
-sah er mit seinen Kinderaugen den Vater an.
-
-»Vater, sag' mir, ob Du's gewesen bist?«
-
-Hermann Raschdorf fühlte die Wucht des Augenblicks.
-
-»Nein, Heinrich, ich war's nicht!«
-
-Er sagte es ruhig und fest.
-
-Da atmete der Knabe tief auf, erfaßte die Hand des Vaters und küßte sie.
-
-Bis vor die Stadt gingen die drei und warteten, bis der Schaffer kam
-und sie in sein Gefährt aufnahm.
-
-Nicht ein Wort wurde gesprochen auf der langen Fahrt. Der frühe Abend
-war schon angebrochen, als sie zu Hause ankamen. Einen langen, scheuen
-Blick warf der Buchenbauer hinüber nach den verwüsteten Gebäuden. Da
-fuhr ein kalter Windstoß über die Trümmer und traf den Buchenbauer ins
-Gesicht, wie ein eisiges Urteil.
-
- * * * * *
-
-»Der Raschdorf is freigesprochen,« sagte auf dem Heimweg der Barbier.
-»Aber ich räch' mich an ihm, und der Kanaille, dem Jungen, streich
-ich's an. Wenn mir bloß nicht immer so leichte die Nase blut'te! Ich
-hätt'n ermurkst! Aber den Alten bring' ich rein, und wenn a zehn Juden
-bezahlt. Ich ruh' nich, bis alles raus is und bis a drinne sitzt!«
-
-Und ob der böse Schaumschläger seine lächerliche Drohung auch nicht
-erfüllen konnte, er tat etwas Schlimmeres. Von Haus zu Haus führte sein
-Geschäft, und in jedem Hause stahl er den Raschdorfs etwas von der
-heiligen Erde, auf der wir allein unsere Heimat gründen können -- von
-dem Herzenslande der Liebe und Sympathie der Gemeindegenossen.
-
-Wer keinen Hof und keinen Fuß breit eigenen Bodens besitzt, kann
-doch eine Heimat haben, aber wem die Mitbürger ein Plätzchen idealen
-Baugrundes in ihren Herzen verweigern, der ist heimatlos.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 6]
-
-
-Es war Neujahrstag. Jahre gibt es, in denen die Zeit müde und schläfrig
-an unserem Herde sitzt und ihre grauen Alltagsfäden spinnt, daß wir
-nicht merken, wie Frühling und Sommer rinnen und wie wir in der
-Gleichförmigkeit der Tage älter werden. Aber Jahre gibt es auch, wo
-die Zeit wirtschaftet und schaltet wie ein veränderungswütiges Weib:
-zerstört und aufbaut, rückt, schiebt, ändert, neue Blumen an unsere
-Fenster pflanzt, Leute hinausdrängt und andere hereinruft und uns am
-Ende ein Heim zeigt, das wir nicht wiedererkennen.
-
-So ein Jahr kam für den Buchenhof.
-
-Am Neujahrstage fing's an. Schräger war in die Stube getreten und hatte
-von Raschdorf erfahren müssen, daß sich dieser weder die vertrauliche
-Anrede »Hermann« noch das »Du« weiter von seinem Nachbar gefallen
-lassen wolle.
-
-»So will ich mich auch nich erst setzen,« sagte Schräger gekränkt; »so
-will ich bloß kurz und bündig sagen, daß ich die 20000 Mark kündige.
-Ich werd' dann noch einen Brief schicken, daß es gesetzmäßig ist.
-Adieu!«
-
-Raschdorf rührte sich nicht und sagte auch kein Wort. Schräger ging
-langsam zur Tür. Er drehte sich noch einmal um und sah Raschdorf
-fragend an. Aber der blieb völlig regungslos. Da ging Schräger aus der
-Stube.
-
-Eine Stunde später brachte ein Knecht die schriftliche Kündigung
-und gab sie dem Buchenbauer persönlich ab. Unter dem Schreiben
-standen außer Schrägers Unterschrift noch die Worte: »Ernst Riedel,
-Gutsbesitzer, als Zeuge.«
-
-Der Buchenbauer war ein anderer geworden, seit er aus dem Gefängnis
-zurück war. Er sprach selten noch ein Wort, er ging nie in ein
-Gasthaus, er schimpfte nicht mehr, er klagte auch nicht. Scheu und
-gedrückt brachte er die Tage dahin. Das Vieh, das bei den Bauern im
-Dorfe einquartiert gewesen war, hatte er verkauft. Er mochte keine
-Gefälligkeiten. So war er ein Bauer, der kein Stück Rind und kein Pferd
-mehr besaß und dessen Scheuern und Ställe in Schutt lagen.
-
-Und am Nachmittag dieses Neujahrstages kam noch ein Bote und brachte
-einen Kündigungsbrief aus dem Dorfe über 5000 Mark, und außer dem
-Namen des Gläubigers stand unter dem Schreiben noch ein anderer
-unterschrieben »als Zeuge«.
-
-Da sah der Buchenbauer mit einem langen Blick hinüber nach dem
-Kretscham und wußte, wer diesen zweiten Brief veranlaßt hatte.
-
-Am Abend war die Familie zusammen. Sonst waren am Neujahrsabend noch
-einmal die Christbaumlichter angezündet worden. Dieses Jahr war es
-vergessen worden, eine Tanne zu schmücken.
-
-So schwermütig tickte die Uhr diese ersten Stunden des neuen Jahres
-herunter. Ein Brief lag auf dem Tische. Aus einer fernen Stadt wünschte
-ein Zigarrenkaufmann dem Buchenbauer Glück zum neuen Jahr. Sonst hatte
-niemand eine Karte geschickt.
-
-Ein paarmal versuchte die kranke Frau, ein Gespräch anzufangen.
-Raschdorf gab ihr zerstreute, widersinnige Antworten. Er starrte immer
-blinzelnd in das Lampenlicht, und dann las er die Glückwunschkarte des
-Kaufmanns -- dutzendmal.
-
-Von den Kündigungen sagte er nichts.
-
-Auch drüben im Gesindehause war es traurig. Hannes lag auf einer Bank
-und schlief; sein Vater rauchte Tabak und sah zuweilen schweigend auf
-den Jungen.
-
-Am Ofen saßen zwei junge Mägde und weinten und wisperten leise. Morgen
-war Ziehtag; sie kamen nach entfernten Orten und hatten hier im Dorfe
-ihre Schätze. Da lag das neue Jahr und alle Zukunft trübe vor ihren
-jungen Augen.
-
-Drüben im Buchenkretscham aber war viel Leben, und der Barbier, der
-sich betrunken hatte, lärmte von Gericht und Staatsanwalt und sagte,
-der Raschdorf müsse fort aus der Gemeinde.
-
-Am 2. Januar war Ziehtag. Viele große Wagen rumpelten durchs Dorf, die
-neuen Knechte und Mägde abzuholen. An diesem »Sterztag« ist es Brauch,
-daß sich die Dienstleute betrinken. Abschied wird getrunken und neue
-Freundschaft geschlossen; so mancher, der aus dem Dorfe scheidet,
-will sich Mut holen im Branntwein und fügt zu dem Heimweh, das ihn am
-anderen Tage packen wird, noch den physischen Jammer.
-
-Der Gastwirt Schräger machte gute Geschäfte. Er verstand es auch, er
-war ein »gemeenschaftlicher« Mann, klopfte die Mägde vertraulich auf
-den Rücken und sprach mit jedem Pferdejungen; dabei horchte er und
-fragte viel, wußte alles und war stolz, so populär zu sein.
-
-Noch einer zog seine Straße -- Mathias Berger, der Lumpenmann. Sein
-Wägelchen hatte er in einen Schlitten umgewandelt, denn die Wege lagen
-voll Schnee, und es schneite auch heute sacht.
-
-Bei den beiden Buchenhöfen war er rasch vorbeigefahren. Rechts drüben,
-wo die Ruinen gähnten, war zu viel, was er liebte, und links drüben, wo
-das Geschäft blühte, zu viel, was er haßte.
-
-Am 28. Dezember sollte er vor dem Schiedsrichter erscheinen. Er hatte
-sich schön gehütet. Mochte ihn der Schräger auf dem ordentlichen
-Gericht verklagen, wenn er die Courage hatte. Und wenn er wieder
-eingesperrt würde --?
-
-Ah, wegen einer Beleidigung wird man nicht eingesperrt, da zahlt man
-Strafe. Und Geld hatte Mathias Berger viel -- viel mehr, als die Leute
-ahnten.
-
-Daß er die drei Tage Haft bekommen hatte, zehrte an ihm. Über das ganze
-Weihnachtsfest war er zu keinem Menschen gegangen; er war auch jetzt
-froh, daß er fortziehen konnte.
-
-Er hatte gesessen! Das war ein böses Wort. Er war der einzige gewesen,
-den infolge des Brandes da unten eine gerichtliche Strafe getroffen
-hatte.
-
-Daran dachte der Mathias jetzt, als er am Waldrande mit seinem
-Hundeschlitten dahinfuhr. Und er blieb halten und zog ein Zeitungsblatt
-aus der Tasche, worin zu lesen stand, daß ein Redakteur sechs Monate
-lang eingesperrt worden sei, weil er seine Meinung gesagt habe. Nun
-habe es sich herausgestellt, daß diese Meinung die richtige und der
-Gefangene ein Märtyrer gewesen sei. Dieses Blatt war Bergers Trost.
-
-Er las es auch jetzt wieder und sagte sich, es sei doch eine schöne
-Sache, für die Wahrheit zu leiden. Auch dann, wenn einen die Leute für
-einen Lumpen halten. Dann erst recht! Nur muß man sich nicht selber
-verlieren und hübsch stark und mutig --
-
-Da -- ein Schuß.
-
-Gleichzeitig ein dumpfer Schrei nahe aus dem Walde.
-
-Berger ist zusammengefahren, als habe der Schuß ihn getroffen. Der Hund
-bricht in ein heulendes Gebell aus. Was war das? Wem galt dieser Schuß?
-Was war das für eine Stimme?
-
-Berger rafft sich auf und schirrt den Hund los.
-
-»Such', Pluto, such'!«
-
-Beide springen über den Grabenrand und verschwinden im Walde.
-
-Ein kurzes Suchen -- da finden sie ihn -- nicht weit vom Waldrande.
-
-Gegen eine Fichte liegt er mit blutender Brust, und neben ihm liegt das
-Jagdgewehr im Schnee.
-
-»Raschdorf! Herr Raschdorf! O du großer Gott!«
-
-Der Lumpenmann beugt sich tief zu dem Verwundeten. Der rührt keine
-Wimper.
-
-»Raschdorf! Hermann! Komm zu Dir! Komm zu Dir!«
-
-Der liegt mit verglasten Augen und röchelt schwer und schaurig.
-
-Berger reißt dem Verletzten Rock, Weste und Hemd auf und sieht das Blut
-strömen aus vielen winzigen Wunden. Da nimmt er ein reines Taschentuch
-und bindet es mit einer Schnur fest auf die Wunden.
-
-Nun rafft er ihn auf und trägt ihn mit furchtbarer Anstrengung nach der
-Straße. Dort legt er ihn auf den Schnee und holt den kleinen Schlitten
-herbei. Dahinein bettet er den Verwundeten und fährt behutsam zurück
-nach dem Buchenhofe. Und der Hund geht gesenkten Hauptes nebenher,
-denn er fühlt, daß sein Herr weint, fühlt, daß das eine traurige Fahrt
-ohnegleichen ist.
-
-Der stolze Buchenbauer fährt heim auf Lumpenmanns kleinem Schlitten,
-und nebenher geht der Tod, ein düsterer Wegegenoß, ein schauriger
-Kamerad, den der dumpfe Feuerton des Gewehrs zur Stelle rief. Jetzt
-noch schreitet er neben dem Buchenbauer über den weißen Schnee; aber
-bald wird er die Führung übernehmen und auf seinen Wegen wandeln mit
-dem anderen.
-
-Unten im Dorfe singen ein paar Knechte:
-
- »Nun ade, du mein lieb Heimatland,
- Lieb Heimatland, ade;
- Es geht jetzt fort zum fremden Strand,
- Lieb Heimatland, ade!«
-
-Mathias Berger horcht hinunter und sagt erschüttert zu sich selbst: »Es
-ist Ziehtag!« --
-
-Am Nachmittag kam Raschdorf noch einmal auf Sekunden zu sich.
-
-»Raschdorf, um Christi willen bereuen Sie Ihre Sünden!«
-
-Und der Geistliche, der am Bette stand, hielt ihm ein Kreuz hin.
-
-Raschdorf starrte ihn gläsernen Auges an, dann verzog sich sein Gesicht
-wie zum Weinen, und er versuchte, das Kreuz zu küssen. Aber dabei
-verlor er schon wieder das Bewußtsein.
-
-»Durch diese heilige Salbung und durch seine mildreiche Barmherzigkeit
-verzeihe Dir der Herr alles.« --
-
-Gegen 4 Uhr war Hermann Raschdorf tot.
-
-Am Fenster lehnten Frau Anna und Heinrich. Sie hielten sich fest
-umklammert. Der Winterabend lag auf der Flur, und über dem verschneiten
-Walde ging fahl die Sonne unter, die ferne Sonne, die uns doch
-unendlich näher ist als die Seelen der lieben Toten, die heimgegangen.
-Mit weißem, unbewegtem Gesichte schaute Frau Anna nach dem gelben
-Schimmer. Bald ging nun auch sie auf die weite Reise, und der Knabe,
-den sie liebte, blieb einsam zurück, ohne Eltern und ohne Heimat.
-In vielen Jahren aber, wenn auch er vollendet, würden sie sich
-wiedersehen. Das sind die Stunden, in denen Gott mit den Menschen
-spricht, er, der Trost und Frieden für die Trauernden hat, wenn die
-Welt und all ihre Weisheit und all ihre Tröstung versagt.
-
- * * * * *
-
-Durchs Dorf flog die Kunde: »Raschdorf hat sich erschossen! Das
-Gewissen hat ihm keine Ruhe gelassen!«
-
-Berger hatte es übernommen, die Träger der Leiche für das Begräbnis zu
-besorgen. Bauern werden sonst von Bauern zu Grabe getragen. Aber der
-erste Bauer, den Berger um den Liebesdienst ansprach, sagte, er habe
-nicht Zeit, und der zweite meinte, er habe die Influenza. Da spuckte
-Mathias Berger draußen vor dem Tore aus, fuhr nach der Stadt und
-bestellte einen Leichenwagen nebst den Leichendienern. Die kosteten
-viel Geld, aber sie kamen pünktlich.
-
-»Geld ist etwas Gutes,« sprach der schlichte Philosoph bei sich selbst,
-»es ist oft viel zuverlässiger als die Nächstenliebe.«
-
-Am 5. Januar war das Begräbnis. Hunderte und Aberhunderte von
-Zuschauern füllten den Friedhof. Der Geistliche sprach die üblichen
-Gebete. Dann mußte die Rede kommen. Aller Augen hingen an dem Munde des
-Priesters. Klar und deutlich sprach er:
-
-»Wir beten für den Verstorbenen und alle, die mit ihm hier schlummern,
-jetzt noch ein Vaterunser.«
-
-Und sonst kein Wort. Bald nach dem Vaterunser ging der Geistliche fort.
-Nicht einmal die übliche Danksagung für das »christliche Trauergeleite«
-sprach er. Mathias Berger hatte sich außer der Einsegnung des Grabes
-alles andere namens der Hinterbliebenen verbeten, auch die Danksagung.
-Die Leute, die da hinkämen, meinte Berger, kämen aus Neugierde und
-nicht aus Teilnahme, für die Neugier aber brauche sich niemand zu
-bedanken.
-
-Eine große Enttäuschung bemächtigte sich der Teilnehmer am Begräbnis,
-und die Männer suchten sich in etwas zu entschädigen und gingen ins
-Wirtshaus.
-
-Dort wurden dann dem toten Hermann Raschdorf viele Leichenreden
-gehalten.
-
- * * * * *
-
-Drüben im Buchenhof saß ein kleiner Kreis von Menschen und beriet über
-die Zukunft: Frau Anna, Heinrich, der alte Kantor, der Schaffer und
-Mathias Berger.
-
-Und auch der Lumpenmann hielt eine kleine Leichenrede. »Heinrich, wenn
-Dir amal jemand sagt: Dein Vater hat sich erschossen, da sag': Ja, a
-hat sich erschossen, aber ob a 's freiwillig gemacht hat oder ob a
-verunglückt is, das weiß der liebe Herrgott alleine. Aber wenn Dir
-jemand sagt: Dein Vater hat sich selber angezünd't, da spuck' ihm ins
-Gesichte, denn das is die höllischste Lüge von der Welt. Wer angezünd't
-hat, das wird noch amal lichterloh rauskommen. Und nu will ich noch was
-sagen: der Buchenhof bleibt 'm Heinrich. A wird nich verkauft!«
-
-Frau Anna sah Berger wehmütig an.
-
-»Der Hof muß verkauft werden -- bald! Schräger hat seine 20000 Mark
-gekündigt und der Müller seine 5000 Mark. Jetzt borgt uns niemand zur
-letzten Hypothek hundert Taler.«
-
-Berger machte eine abwehrende Handbewegung. »Lassen Sie mich reden,
-Frau Raschdorf. Wieviel sind Schulden?«
-
-»110000 Mark.«
-
-»So? Und der Hof is wert 150000! Wenigstens!«
-
-»Jetzt nicht! Jetzt gelten die Wirtschaften nichts! Und 's is kein
-Vieh da, kein Ackerzeug, die Gebäude sind abgebrannt. Wer weiß, ob
-wir mit den Schulden rauskommen, wenn wir verkaufen und noch das
-Versicherungsgeld dazu rechnen.«
-
-Die Frau streckte beide Hände trostlos über den Tisch. Mathias Berger
-nahm eine entschlossene Miene an.
-
-»Die Wirtschaften gelten jetzt nischt! Gutt! Also wird sie nich
-verkloppt. Das wär' ja traurig. Und nu raus mit der Sprache! Erschreckt
-nich! Ich borg' das nötige Geld selber!«
-
-»Von wem?«
-
-»Von wem? Von mir! Ich borg's selber! 10000 Taler borg' ich, das sind
-30000 Mark.«
-
-Die anderen sahen ihn verständnislos an.
-
-»Ja, von wem wollen Sie's denn borgen?«
-
-»Nu, von niemand! Von mir selber! Ich hab' selber so viel Geld übrig!«
-
-»Machen Sie heute keine Scherze, Mathias,« mahnte der Kontor. Frau Anna
-und Heinrich sahen betroffen vor sich nieder, und nur der Schaffer
-grunzte ein wenig amüsiert. Da nahm Berger das Wort:
-
-»Da muß ich zuerst 'ne kleine Geschichte erzählen. Es geht oft recht
-wunderbar zu im Leben. Also eines schönen Tages -- es sind jetzt
-sechs Jahre her -- sitz' ich in Waldenburg in eener Kneipe. Kommt
-der Schräger rein. Na, damals vertrugen wir uns noch besser, und a
-plauderte immer gerne mit mir, denn a Lumpenmann weiß manches, was
-a anderer nich weiß. Na, wie gesagt, der Schräger setzt sich zu mir.
-'n kleenen Stiefel hatt' a sitzen. Auf 'm Tisch stand a Würfelbecher.
-»Sind wir amal um 'n Böhm!« sagte er und warf siebzehn. Ich wollt' mich
-nich blamieren, warf sechzehn und zahlte zehn Pfennige. »Revanche,«
-sagte der Schräger und warf dreizehn; und ich revanchierte mich, schmiß
-sieben und gab wieder zehn Pfennige. Das gefiel 'm Schräger; a würfelte
-immer von neuem und ich immer mit, und ich bezahlte immer 'n Böhm,
-bis 'ne Mark voll war. »Weißte, Berger, riskier'n wir amal 'ne Zicke,
-setz'n wir jeder amal fünf Böhm. Wenn schon, denn schon!« »Wenn schon,
-denn schon,« sagte ich und setzte fünfzig Pfennige, denn ich hatte och
-'n kleenen Stiefel sitzen. Nu schmeißt a sechzehn und ich achtzehn, und
-das ging so fort, bis ich ihm fünf Mark und fünfzig Pfennige abgeknöppt
-hatte. Da war a wütend, nahm seine Mütze und ging. Ich freut' mich
-natürlich nich schlecht, ließ mir gleich 'n telikaten Kalbsbraten für
-40 Pfennige bringen und schickte mein'm Hunde für 10 Pfennige Knochen
-aus der Küche. Dann fuhr ich los. Wie ich nu so durch die Stadt fuhr,
-les' ich a großes Plakat: Marienburger Geldlotterie. Große Geldgewinne.
-Los 3 Mark. Ich lehnte an meiner Hundekutsche und lernte so sachte das
-Plakat auswendig. Und weil ich, wie gesagt, nicht ganz klar war, geh'
-ich rein und kauf' a Los, von Schrägers Gelde. Wie ich' wieder rauskam,
-sah mich mein Hund an, als wenn a sagen wollte: Du tummer Kerl, was
-hätt'n wir für das Geld für 'ne Menge Kalbsbraten und Knochen haben
-können. Aber na, 's Geschäft war gemacht. Damit nu wenigstens von dem
-Gewinn was Reelles raushängen tät, kaufte ich von den zwee Mark, die
-ich noch hatte, der Liese 'ne Puppe. Na und? -- Nach vier Wochen hatt'
-ich mit mein'm Los 30000 Mark gewonnen, a dritten Hauptgewinn.«
-
-»Berger! Es is nich möglich!«
-
-»Ist denn das wahr, Mathias?«
-
-Die ganze Gesellschaft war aufs höchste erregt.
-
-Berger lächelte. »Es ist wahr. Und ich hab' das Geld Heller für Pfennig
-ausgezahlt gekriegt. Aber ich hab' mir's nich in Waldenburg geholt; ich
-bin nach Breslau gefahr'n. Denn ich mochte kein'n Lärm machen.«
-
-»Das is ja nicht zu glauben!«
-
-»Was is nich zu glauben? Daß jemand 'n Haupttreffer macht? Das kommt
-bei jeder Lotterie vor. Und daß es mal 'n kleenen Mann trifft, das
-kommt ooch vor. Ich hab' für das Geld Papiere gekauft. Vierprozentige!
-Das macht zwölfhundert Mark Zinsen aufs Jahr. Die hab' ich fast alle
-gespart. Das sind nun wieder gegen 7000 Mark. Gesagt hab' ich keinem
-Menschen was. Nich amal meine Schwester weiß was und die Liese ooch
-nischt.«
-
-»Aber warum -- warum haben Sie denn das verschwiegen?«
-
-Berger sah vor sich nieder.
-
-»Ja, warum? Na, das habt Ihr wohl schon oft gehört und gelesen, daß
-mancher, den die Leute für 'nen blutarmen Kerl hielten, in Wirklichkeet
-a kleener Krösus war. Bei manchem, der a Fechtbruder war, fand man
-am Ende viel Gold und Silber unter seinen Lumpen. 's gibt solche
-schnurrige Kerle. 's is a ganz besonderer Spaß, die Welt zum Narr'n
-zu halten. Bei mir war's auch so. Aber 's war nich das alleene. Das
-Geld kam zu spät. Zehn Jahre früher hätt's kommen müssen, wie ich noch
-jünger war. Da hätt' ich's gebraucht.«
-
-Die andern sahen ihn verständnislos an; nur Frau Anna blickte vor sich
-nieder.
-
-Berger zwang sich wieder zu einem launigeren Tone.
-
-»Ja, und für een'n Lumpenmann paßt sich's doch nich, wenn a reich
-is. Ich schämte mich. Und Lumpenmann wollt' ich bleiben. So in der
-Welt rumfahren und zu Leuten kommen, das paßt mir. Das is nich so
-langweilig. Da gibt's alle Tage was Neues. Na, und das Geschäft ernährt
-mich. Deswegen braucht' ich auch das Geld nich. Ich hab' mir immer
-gedacht, so 'ne Lotterie is was Tummes. Immer gewinnt's einer, der's
-nich braucht. Aber wiederum war 's nich so was Tummes. Immer, wenn mich
-so eener scheel ansah, und dachte: »Ach, der arme Schlucker!« lacht'
-ich mir eens im stillen. Und ich dachte an allerhand!«
-
-Die andern schwiegen. Bergers Augen begannen zu leuchten.
-
-»Und jetzt dank' ich Gott, daß ich das Geld hab'. Jetzt kann ich's
-gebrauchen.«
-
-»Berger, Sie können ja nicht -- Sie dürfen nicht Ihr Geld auf eine so
-unsichere Sache --«
-
-»Ich mach', was ich will! Ich borg's -- basta! Die Sache steht ganz
-gut. Der Schräger und der Müller werden ausgezahlt, bleiben 85000 Mark
-Schulden. Das is bloß reichlich die Hälfte von dem, was das Gut wert
-is. Dann bleiben immer noch 5000 Mark zu dem Versicherungsgelde, daß
-die Gebäude wieder ordentlich aufgebaut werden können. Und wenn ich
-sterbe, haben die Liese und die Schwester noch 7000 Mark. Das ist viel
-Geld. Und außerdem haben sie die Hypothek.«
-
-»Berger, es ist mir, als ob Sie ein Märchen erzählten,« sagte der alte
-Kantor. »Sie müssen aber an Ihr Kind denken.«
-
-»An die Liese denk' ich schon. Der bleibt alles, jeder Pfennig. Wenn's
-nich sicher wär', borgt' ich's nich. Denn ich bin geizig geworden, seit
-ich das Geld hab'. Aber es is sicher!«
-
-»Das werden wir nicht annehmen, Berger.«
-
-»So? Und damals -- wie ich ins Gemeindehaus kommen sollte -- als
-Dorfarmer? -- Sie denken wohl, a Lumpenmann hat keen Ehrgefühl? Das
-merkt a sich, wenn ihn jemand nich hat verlumpen und verhungern lassen.
-Und offen gesagt, ich weeß mir keen Rat mit 'm Gelde. Ich hab' mir ofte
-gesagt, eigentlich könntest du was anfangen, die Liese aufputzen und so
--- oder selbst 'n feinen Kerl rausbeißen. Ich hab' immer lachen müssen,
-wenn mir so was einfiel. 's kam mir so riesig tumm vor. Na, und da hab'
-ich's immer aufgeschoben. Kommt alles noch zurechte, dacht' ich immer.
-Laß das Mädel! Besser is, sie denkt, sie is arm. Da wird sie a recht
-braves Mädel werden. Kommt alles zurechte!«
-
-»Ich besauf' mich auch amal, und nachher tu ich würfeln,« nahm sich
-Reichel, der Schaffer, vor. Es war das erste Mal, daß er begeistert war.
-
-Die anderen aber sahen ernst vor sich nieder. Sie waren alle in tiefer
-Verlegenheit. Es entstand eine Pause. Frau Anna ergriff Bergers Hand.
-
-»Mathias, Sie wollen mir das Sterben leichter machen.«
-
-»Mutter!«
-
-»Kind! Anna, sprich nicht so! Ich kann's nicht hören!«
-
-Die Frau schüttelte leise den Kopf und bedeckte das Gesicht mit den
-Händen.
-
-Mathias Berger sagte nichts. Ein Weilchen saß er ganz still da mit
-rotem Gesicht. Dann stand er plötzlich auf und ging hinaus.
-
-Im öden Hofe stand er regungslos.
-
-Einmal, als er ein junger Bursche war, hatte er ein Mädchen geliebt. Es
-wurde nicht sein. Ein reicher Nebenbuhler kam und riß sie in seine Arme.
-
-Jetzt ist sie arm geworden und er reich, und der andere ist begraben.
-Aber wiederum wird sie nicht sein. Ein stärkerer Freier kommt -- der
-Tod. Er steht wohl schon drüben auf den kahlen Wiesen. Bald schreitet
-er über die Trümmer und den Hof und führt die Anna heim in sein stilles
-Haus. Und die Menschen werden bei der Hochzeitsfeier läuten und singen
-und hinterher lachen und zechen, wie jetzt die lauten Gäste drüben in
-der Schenke. Der Mathias aber wird wieder mit seinem Handwagen in der
-Welt herumziehen und das Vergessen suchen.
-
-»Mathias! Mathias, wo sind Sie denn?«
-
-»Heinrich! Komm mal her, Heinrich!«
-
-»Mathias, sind Sie krank?«
-
-»Es ist nichts, Heinrich! Ich hab' mir bloß so mancherlei überlegt.
-Heinrich, wir zwei werden zusammenhalten!«
-
-»Ja, Mathias! Ich bin so froh, daß Sie mein Vormund werden sollen.«
-
-»Vormund nennen sie's auf 'm Gericht; wir heißen's Freund. Du sollst
-jetzt »Du« zu mir sagen, Heinrich, und ich sag' auch »Du«, für immer.
-Und uns zwei soll niemand auseinander bringen!«
-
-So reichten sie sich die Hände.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 7]
-
-
-Es war nahe an Mitternacht. Der Buchenhof lag längst ganz still; auch
-in der Wirtsstube des Kretschams waren die Lichter erloschen. Nur aus
-der Giebelstube drang noch ein matter Schein. Julius Schräger war noch
-wach.
-
-Das Bett war aufgedeckt; es war totenstill im Hause, und Schräger war
-den ganzen Tag von früh an auf den Beinen gewesen. Aber er legte sich
-nicht nieder.
-
-Langsam trat er ans Fenster. Der Mond war aufgegangen, und in seinem
-halbhellen Licht lag drunten das Dorf. Der Kirchturm ragte deutlich in
-die Luft.
-
-Dort unten, ganz nahe am Turme, lag Hermann Raschdorf die erste Nacht!
-Er lag unter gefrorenen, harten Schollen in einem dünnen Totenhemd, und
-seine Nachbarn zur Rechten und zur Linken waren Tote, Leute, die schon
-lange dort unten schliefen. Wie still das dort sein mußte! Nur die
-Würmer bohrten an Holz und Knochen, und zuweilen brach ein Sargdeckel.
-Dann senkten sich die Schollen und -- drückten schwer.
-
-Schräger fröstelte und trat vom Fenster zurück.
-
-Er war ein Narr, sich so schwere Gedanken zu machen. Zu ändern war
-nichts. So setzte er sich auf den Bettrand und legte sich auf die
-Kissen nieder. Aber kein Schlaf kam über seine Augen. Er sah immer
-in das rote, leise singende Licht. Als wenn das Licht blutete und
-wimmerte, so war's.
-
-Schräger schloß die Augen. Warum dachte er immer an Raschdorf? Er war
-fort. Er konnte ihm nichts anhaben. Kein Haar konnte er ihm krümmen.
-Und bis dahin, daß er auch hinunter müßte, war's lange hin. Dann war
-der andere längst zu Staub zerfallen.
-
-Da schlich draußen etwas heran. Schräger lauschte. Es kam näher --
-stockte -- war still. Aber jetzt kam's wieder -- es stieß an einen
-Stuhl und war wieder still. Dann ächzte es deutlich vor der Tür.
-
-Schräger richtete sich halb auf. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.
-Steif und lahm stützten sich die Hände auf die Kissen.
-
-Da ächzte es wieder draußen.
-
-Und jetzt tastete es an die Tür und klinkte langsam auf.
-
-»Was? Wa--as? -- -- -- Ah -- Du -- Gustav! -- Was willst Du?«
-
-Der Idiot, der ganz dürftig angezogen war, legte den Finger auf den
-Mund.
-
-»Pst! Still! Ich komm Dir was sagen.«
-
-Er schlich mit unheimlich glitzernden Augen zu seinem Vater und sagte
-ihm leise ins Ohr:
-
-»A kommt wieder!«
-
-Schräger erblaßte.
-
-»Gustav, wie kannst Du Dich erdreisten, jetzt in der Nacht --«
-
-»Pst! Ich fürcht' mich! A kommt -- a rennt über die Felder -- mit der
-Flinte -- ich hab' 'n gesehn -- a will mich schießen -- und da komm ich
-zu Dir -- Du mußt mich verstecken -- und Du mußt ihm Geld geben, daß a
-nich schießt.«
-
-Schräger wurde es brühheiß.
-
-»Gustav, augenblicklich gehst Du in Deine Kammer und legst Dich
-schlafen. Das is Unsinn!«
-
-Der Idiot brach in Heulen aus, und Schräger mußte ihm den Mund zuhalten.
-
-»Still, Gustav, sei doch still! Es hört Dich sonst jemand. Du kannst ja
-hierbleiben. Schrei nich -- schrei nich, Gustav! -- Komm, leg' Dich ins
-Bette, ich zieh' Dir die Hosen runter -- so -- und nu leg' Dich um; ich
-deck' Dich fest zu.«
-
-Der Idiot klapperte mit den Zähnen, als er im Bette lag.
-
-»Fürchte Dich nich, Gustav, fürchte Dich nich, es kommt kein Mensch.
-Schlaf' ruhig ein! Es kommt niemand!«
-
-»Du, ich hab'n gesehn! A weiß jetzt, daß ich angezünd't hab'!«
-
-»Bist Du ruhig, Gustav, bist Du ruhig! Du hast ja gar nich angezünd't.«
-
-»O ja, ich hab'! Mit zwei Streichhölzeln! A wollte mich rausschmeißen
--- uh, und es war doch so kalt.«
-
-»Wenn Du nich ruhig bist, Gustav, kommt der Gendarm. Das darfst Du
-keinem sagen, sonst wirst Du fortgeholt. Niemand darfst Du das sagen,
-hörst Du? Keinem Menschen!«
-
-Schräger zitterte vor Erregung.
-
-»Ich sag's nich. Sonst schießt a mich tot!«
-
-»Schlaf' ein, Gustav, schlaf' ein!«
-
-»Oh, es hat so gebrannt, so hoch und so heiß, und jetzt wird a kommen.
--- Hörst Du? -- A kommt auf der Treppe -- Vater, versteck' mich!«
-
-Schräger setzte sich auf den Bettrand und ergriff die Hände des
-Burschen. Leise redete er auf ihn ein und gebot ihm, die Augen zu
-schließen.
-
-Der Idiot verbarg sich tief in den Betten und hielt krampfhaft des
-Vaters Hand. Von Zeit zu Zeit schrie er auf, dann hielt ihm Schräger
-den Mund zu. So verging eine qualvolle halbe Stunde, dann fing der
-Bursche leise an zu weinen und schlief allmählich ein.
-
-Schräger erhob sich. Sein Gesicht war fahl. Ein leiser, schwerer Fluch
-kam über seine Lippen. Dieser Mann erkannte, daß sich ein Wurm in sein
-Lebensmark eingebohrt hatte, der nie mehr weichen werde.
-
-Langsam ging er an den Schreibtisch, der an der Wand stand, und nahm
-ein Zeitungspapier heraus. Es war dasselbe Blatt, das Gustav am
-Brandtage zuerst zu einem Heim geformt, dann entfaltet und so gierig
-betrachtet hatte.
-
-Das Blatt enthielt ein Bild, das ein brennendes Haus darstellte,
-aus dem ohnmächtige Menschen getragen wurden. Dieses Bild hatte die
-Phantasie des Idioten erregt und ihn zu seiner Tat angestachelt, wozu
-noch gekommen war, daß die Bauern von einem Brande gesprochen und
-Raschdorf den Burschen gekränkt hatte.
-
-So war alles gekommen, und Schräger hatte noch am selben Abend die
-furchtbare Wahrheit erfahren. Als Gustav vom Brande nach Hause lief,
-war er ihm gefolgt. Da hatte der Knabe unter der Treppe im Hausflur
-gekauert und gewimmert. Er hatte ihn mit sich in die Stube genommen und
-ihn ausgefragt. Und da war ihm der unglückliche Bursche schreiend zu
-Füßen gefallen und hatte ihm gestanden, er habe die Scheuer angezündet.
-
-Anfangs hatte es Schräger nicht geglaubt. Aber dann hatte er dem
-Jungen die Taschen durchsucht und das Bild und ein ganzes Päckchen
-Schwefelhölzer gefunden. Entsetzt hatte er noch einige Fragen gestellt
-und mit Gewißheit die furchtbare Wahrheit erkannt, daß sein Sohn der
-Brandstifter sei.
-
-Und doch hatte ihn damals nichts bewegt als die peinigende Sorge, die
-Sache möchte offenbar werden. Der Verschleierung der Tatsache galt von
-da an all sein Bemühen, hinter das sogar sein altes Bestreben, den
-Buchenhof zu erwerben, weit zurücktrat.
-
-Nun trat er an das Bett des schlafenden Burschen. Auch im Schlafe war
-dieses Gesicht häßlich und öde. Der Junge atmete schwer, und seine
-struppigen Haare waren feucht von Schweiß. Er sah wohl auch im Traume
-den schrecklichen Jäger, vor dem er sich fürchtete.
-
-Schrägers Kopf sank auf die Brust. Das war eine der schweren
-Nachtstunden, da der Mensch Rechnung hält in seinem Herzen und vor
-Schuld und Urteil erschrickt.
-
-Wenn Gustav plauderte!
-
-Sie konnten dem Jungen gerichtlich nichts tun, er konnte nicht
-verantwortlich gemacht werden. Aber sie würden ihn in eine Anstalt
-bringen, ihn unschädlich machen für immer.
-
-Und das fürchtete Schräger; dagegen sträubte er sich mit ganzer Seele.
-Er liebte seine beiden Kinder abgöttisch, wie so oft Geizhälse, die in
-ihrer Seele sonst nie einen Funken Idealismus haben, an ihren Kindern
-mit einer unordentlichen Glut hängen, die anständigen Leuten fremd
-ist. Das ist auch ein Zug, den die Geizhälse mit den Bestien gemeinsam
-haben. Und noch eines kam hier dazu, die Gefahr, daß der Junge des
-Vaters Mitwissenschaft verriet.
-
-Sein Eid! Sein Eid! Wie stand er da!
-
-Gewiß, er konnte im schlimmsten Falle alles abstreiten. Das Zeugnis des
-Jungen galt vor Gericht nichts. Er konnte sagen, er habe nichts gewußt.
-Aber die Dorfleute! Wenn ihr Vertrauen verschwunden war, war sein
-Geschäft verloren -- alles verloren. Das durfte unter keinen Umständen
-geschehen.
-
-Und sein alter Plan: den Buchenhof zu gewinnen! Es war ja gut, wenn der
-Raschdorf unterging. Was ging ihn der Raschdorf an? Schließlich hatte
-er sich doch selber ruiniert!
-
-Die Lampe ging aus. Schräger erschrak. Jetzt im Dunkeln würde auch er
-sich fürchten. Er sann nach, wo er Licht hernehmen könnte. Es war,
-ohne Geräusch zu verursachen, keines zu erlangen. So setzte sich der
-Einsame in einen Lehnstuhl.
-
-Nur das eine nicht, nur nicht nach dem Fenster sehen! Das Mondlicht
-fiel so gespenstisch herein, und dort unten ragte der Turm auf,
-als wenn mitten aus dem Kirchhof sich ein geisterhaft drohender
-Riesenfinger emporstrecke.
-
-Nur nicht nach dem Fenster sehen!
-
-Eine Weile saß Schräger grübelnd still. Dann begannen seine Lippen zu
-zucken, Worte zu sprechen, ohne daß er's hindern konnte: »Ich schwöre
-vor Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit
-sagen, nichts verschweigen --«
-
-Ein Stöhnen; Schräger sprang auf. Was fiel ihm ein? Wie kam er dazu,
-das zu sagen -- das?
-
-Er schloß die Augen und drückte den Kopf gegen die Kacheln des Ofens;
-sie waren kalt.
-
-Kalt! Wenn das Feuer erlischt und wenn das Leben erlischt, kommt die
-Kälte.
-
-»-- nichts verschweigen und nichts hinzusetzen --«
-
-Schräger raffte sich auf, und wie alle, die das Elend trifft, versuchte
-er den Kampf mit der furchtbaren Furie, die das böse Gewissen heißt,
-den nutzlosen, törichten Kampf, den auf die Dauer kein Sterblicher
-besteht, wenn nicht die starke, heilige Gnadenhand Gottes die eisernen
-Krallenfinger mächtig und linde aus den blutenden Schultern löst.
-
-»Was hab' ich denn getan? Was hab' ich denn gesagt? Ich hab' nur
-erzählt, was ich wußte. Nur das!«
-
-»-- nichts verschweigen --«
-
-Schräger blickte scheu nach dem Bette.
-
-Eines hatte er verschwiegen: das, was alles gelöst hätte.
-
-»Wissen Sie, wer der Brandstifter ist?«
-
-»Nein!«
-
-Und die schwarze, hohläugige Gegnerin warf den Einsamen in den
-Lehnstuhl zurück. Dort preßte er das Gesicht gegen die Lehne.
-
-Da, wie er sich sammelte, aufraffte, kam ihm eine neue Waffe.
-
-»Es ist niemand verpflichtet, gegen sein eigen Fleisch und Blut zu
-zeugen. So sagt wenigstens das Gericht, wenn auch nicht die Religion.«
-
-Er atmete auf. Das würde die Erlösung sein, der Sieg! Der Dämon stand
-an der Tür, als wolle er gehen. Aber er wandte sich noch einmal um.
-
-»Trauen Sie dem Angeklagten das Verbrechen zu?«
-
-Wie ein Lavastrom flutete die Frage durch die Seele des Einsamen, die
-Frage und die meineidige Antwort, die er gegeben: »Ich weiß es nicht
-genau. Er wird es wohl gewesen sein!«
-
-Leise kam der Dämon näher und beugte sich an Schrägers Ohr. Das Fenster
-knackte und knisterte ein wenig. Das klang wie leises, böses Lachen.
-Und es war, als ob die furchtbare Stimme zischelte:
-
-»Und weißt Du, was Du weiter getan hast? Das Geld hast Du ihm
-gekündigt, ihn bankerott zu machen; zum Müller bist Du gegangen,
-ihn aufzuhetzen, und da hat Dein Freund die Flinte genommen und ist
-hinübergegangen. Und Gott hat gefragt: »Woher kommst Du? Ich habe Dich
-nicht gerufen!« Mit Donnerstimme hat Gott es gefragt. Dein Freund aber
-hat mit bleicher Hand hinabgezeigt auf Dich und gesagt: »Der hat mich
-auf den Weg gezwungen zu Dir, der! ...««
-
-»Gustav, wach' auf! Wach' auf, Gustav! Ich kann nicht allein sein!«
-
-Der Bursche fuhr erschrocken auf.
-
-Und Julius Schräger suchte bei ihm Hilfe, bei dem Idioten, der
-verschlafen wimmerte und bald wieder einschlief.
-
-Ein wenig später rasselte draußen ein Fuhrwerk vorbei. Schräger
-sprang ans Fenster. Wie eine Erlösung betrachtete er die brennenden
-Wagenlichter. Da waren doch Menschen -- Menschen.
-
-Aber bald darauf kam noch ein Licht langsam über die Felder herauf, ein
-einsames Licht, vor dem es dem erregten Manne schauerte. Wie gebannt
-sah er hin; er konnte sich nicht wegrühren vom Fenster, als wenn jenes
-Licht ihn zwinge. Er rieb sich die Augen, er wollte das Blendwerk
-bannen. Es gelang nicht. Näher kam das Licht, immer näher, gerade auf
-das Haus zu. Und nicht auf der Straße kam's, nein, über die Felder, ein
-weißes, blasses, taumelndes Licht.
-
-Der Wind wimmerte draußen, und der Mond war untergegangen hinter
-schwarzem Gewölk. Es war fast ganz dunkel.
-
-Jetzt war das Licht da. Wie eine Laterne war's und hatte doch nicht die
-Form gewöhnlicher Laternen.
-
-Jetzt -- jetzt konnte er's sehen! Eine schwarze Gestalt trug die
-Laterne, und ihr folgte eine weiße. Schräger sah es deutlich im
-Lichtschein.
-
-Und jetzt verschwanden die Gestalten mit dem Lichte huschend drüben im
-Buchenhofe.
-
-Mit verzerrtem Gesicht drehte sich Schräger um.
-
-Der Tod, der den Raschdorf heimführt, fiel ihm ein.
-
-Er war sonst nie furchtsam gewesen. Aber seit er einen unter dem Rasen
-hatte, dem er den Atem genommen, kam die grauenhafte Angst -- die
-wahnwitzige, abergläubische Furcht.
-
-Finster war's, schauerlich finster, und der Junge röchelte so schwer.
-
-Ein Mittel! Ein Mittel, um der Qual zu entgehen!
-
-An den Wänden tastete sich Schräger hin, zur Tür hinaus und dann leise
-wie ein Dieb die Treppe hinunter nach der Gaststube.
-
-Dort atmete er auf. Es wurde ihm ein bißchen wohler. Vorsichtig schloß
-er die Fensterläden, dann zündete er die Lampe an. Licht! Licht ist
-allein schon eine Wohltat.
-
-Aber doch war's auch hier einsam und furchtsam.
-
-Da suchte er das Mittel.
-
-Zum ersten Male trank er viel Schnaps. Dadurch wurde er mutiger.
-Schließlich füllte er eine Flasche, löschte das Licht aus, tappte nach
-seiner Schlafstube zurück, um den Jungen nicht allein zu lassen, setzte
-sich in den Lehnstuhl und trank -- trank aus der Flasche.
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen lag ein lichter Dreikönigstag über der winterlichen
-Erde.
-
-Schräger erhob sich müde und zerschlagen aus dem Lehnstuhl, in dem er
-ein paar Stunden im dumpfen Schlummer des Rausches gelegen hatte. Es
-war acht Uhr vorbei. Er weckte seinen Sohn und gebot ihm noch einmal
-eindringlich Schweigen. Dann versprach er ihm, er würde ein zweites
-Bett in diese Stube schaffen lassen, und Gustav könne jetzt immer bei
-ihm schlafen. Nur dürfe er nichts sagen.
-
-Drunten im Hause polterten die Dienstleute. Das tat Schräger wohl. Auch
-das Licht beruhigte ihn. Mehr aber half ihm ein guter Gedanke, den er
-in der Nacht gefaßt hatte: er wollte hinüber zur Frau Raschdorf gehen
-und die Kündigung zurücknehmen.
-
-Schlafen mußte er wieder können, ruhig mußte er wieder sein, selbst auf
-die Gefahr hin, daß er den Buchenhof nicht bekam. Sonst, meinte er,
-würde er verrückt werden vor Furcht.
-
-So ging er gleich vor dem Frühstück nach dem Buchenhofe. Unter der Tür
-traf er die Magdalene Raschdorf.
-
-Das schöne Kind sah ihn herb an.
-
-»Lene, ist Deine Mutter schon aufgestanden?«
-
-Das Mädchen schüttelte finster den Kopf.
-
-»Ich möchte mit Deiner Mutter gern sprechen.«
-
-»Sie ist krank!« sagte Lene und wandte ihm den Rücken.
-
-»Ganz wie der Vater,« dachte Schräger, »so stolz und abweisend.« Aber
-er zwang sich, freundlich zu sein.
-
-»Lene, ist es schlimmer geworden mit der Mutter?«
-
-Das Kind nickte und schlug die Hände vors Gesicht; dann lief es ins
-Haus.
-
-Eine Magd erschien und klärte Schräger auf. Die Frau hatte in der
-Nacht Blutsturz bekommen. Ein Gespann hatte den Doktor geholt und eine
-barmherzige Schwester aus der Stadt mitgebracht, und der Pfarrer und
-der alte Kantor waren auch in der Nacht gekommen.
-
-»Mit einer Laterne?« fragte Schräger stockend.
-
-»Ja, mit einer Kirchenlaterne!«
-
-»Aah!« seufzte Schräger auf und nickte.
-
-Der Arzt kam die Treppe herab.
-
-»Was wünschen Sie?« fragte er Schräger.
-
-»Ich -- ich habe der Frau Raschdorf Geld gekündigt, und ich will die
-Kündigung zurücknehmen.«
-
-»Lieber Freund, da kommen Sie leider zu spät. Frau Raschdorf ist eben
-gestorben.«
-
-Ein schriller Schrei ertönte von oben. Das war die Lene, die es
-auch jetzt eben erfuhr. -- Schräger ging mit schweren Schritten
-heim. -- -- -- --
-
-Wieder flog die Todeskunde durchs Dorf, und die Leute wurden still. Ein
-Schrecken kam über die Menschen.
-
-So viel Trauer in einem Hause weckte überall Furcht. Ein leises Grauen
-mischte sich drein, als sei hier eine Strafe des Himmels sichtbar und
-offenkundig in Erscheinung getreten für Sünden, die die Menge nicht
-genau kannte. Aber ein Mitleid regte sich in den weicheren Herzen für
-die zwei verwaisten Kinder. Dieses Mitleid hätte zum Siege verhelfen
-können im Kampfe um die Heimat. Durch Mitleid hätte Heinrich Raschdorf
-sich jenen Herzboden bei den Mitgliedern der Gemeinde erkaufen können,
-um den er lange Jahre hindurch so bitter kämpfen mußte. Es kam ein
-günstiger Augenblick, wie er nicht mehr wiederkam. -- Ein paar
-Sympathiekundgebungen kamen aus dem Dorfe. Gespanne wurden angeboten,
-auch sonstige Unterstützung, und zwölf Männer meldeten sich freiwillig
-als Träger der Leiche. Der Bauer, der sich vor Tagen wegen Influenza
-entschuldigt hatte, hatte die zwölf Männer gesammelt. Er schickte eine
-Magd und ließ fragen, ob die Träger gebraucht würden.
-
-Mathias Berger brachte seinem Mündel Heinrich die Nachricht aus der
-Küche in die Wohnstube.
-
-»Die Leute werden vernünftig, Heinrich! Siehst Du, schlecht sind sie
-gar nich. Sie haben sich bloß mit Deinem Vater nich verstehen können.
-Es is schon gut, Heinrich, wenn Du mit den Leuten auskommst, denn sonst
-bleibst Du in der Fremde, auch wenn Du zu Hause bist. Das kannst Du mir
-glauben.«
-
-»Den Vater haben sie nich tragen mögen,« sagte der Junge finster.
-»Warum nicht?«
-
-Mathias Berger wußte nicht gleich eine richtige Antwort. Eine
-leidenschaftliche Röte flammte über das Knabengesicht.
-
-»Weil sie dumm sind, weil sie schlecht sind! Mathias, ich hab's gehört,
-ich hab' gehört, wie sie auf meinen Vater schimpften, damals in der
-Stadt. Alle haben sie gelacht über den schuftigen Barbier, und wie ich
-ihm die Nase blutig gehau'n hab', da haben sie über mich herfallen
-wollen -- zwanzig Männer über einen Jungen! Mathias, sie dürfen meine
-Mutter nicht tragen. Ich leid's nicht!«
-
-Die stolze, herrische Art der Raschdorfs brach bei dem Knaben durch.
-Mathias blieb ruhig und milde.
-
-»Heinrich, sie lassen sich selber anbieten. Es ist nun einmal so
-Sitte auf dem Dorfe. Wenn wir das abschlagen, das is eine riesige
-Beleidigung.«
-
-»Und die? Haben die meinen Vater nicht beleidigt? Gebettelt hab' ich,
-gebettelt, Mathias, daß sie's glauben sollen, sie haben nicht gemuckst.
-Ich leid's nicht, Mathias, ich leid's nicht, daß sie die Mutter tragen.«
-
-»Hör' mich mal an, Heinrich! Siehst Du, die Scheune werden wir wieder
-aufbauen, den Stall auch. Das is nich schwer. Auch die Wirtschaft
-kriegen wir wieder rauf. Das is auch nich schwer. Das läßt sich alles
-machen, wenn man a bissel Geld hat und fleißig is. Aber Heinrich -- die
-Leute, die Leute! Die müssen auch wieder lernen, freundlich mit uns zu
-sein. Das is die Hauptsache, Heinrich! Das is wichtiger, als daß wir
-die Wirtschaft wieder aufbauen. Sieh mal, ich war früher so a armer
-Kerl. Ich hatte kaum a paar Sonntaghosen. Aber zu Hause war ich, 'ne
-Heimat hatt' ich. Das war, weil mir die Leute gut waren. Dein Vater,
-Heinrich, der hat keine solche Heimat gehabt.«
-
-»Willst Du auch auf den Vater schimpfen, Mathias?«
-
-»Wein' doch nich, Heinrich! Ich will ja bloß mit Dir reden, weil Du
-doch schon ein großer, kluger Mensch bist. Sieh mal, ich sage, das war
-eben das Unglück von Deinem Vater, daß a sich nich mit a Leuten im
-Dorfe vertrug. Ich sag' ja nich, daß a schuld war. Ich sag' bloß, es
-war sein Unglück. Denn siehst Du, immer alleine konnt' a nich sein,
-immer in die Stadt fahren konnt' a auch nich, na, und da wurd' a
-verdrossen und ging zum Schräger, und das war sein Verderben.«
-
-Der Knabe weinte leise vor sich hin. Berger schlang den Arm um seine
-Schulter.
-
-»Heinrich, Du hängst so an zu Hause. Es ist notwendig, Heinrich, daß
-wir gute Freunde im Dorfe haben. Ich bin zu a ungeschickter Kerl, ich
-kann Dir's nich so beschreiben, wie ich mir's denke. Aber das weiß ich:
-Wir brauchen die Leute, auch wenn wir sie nich brauchen. Wir müssen's
-annehmen, Heinrich!«
-
-»Da -- da sag' ihnen, sie sollen die Mutter tragen; Du bist ja klüger,
-Du mußt's ja wissen.«
-
-In demselben Augenblick öffnete sich die Tür, und Magdalene Raschdorf
-trat hastig ein.
-
-Ihre braunen Augen standen voll Tränen. Die Stimme bebte ihr, als sie
-sprach: »Mathias, sie hat gesagt -- sie hat zu unserer Martha gesagt --
-Sie -- Sie haben -- Sie haben unsere Mutter geküßt!«
-
-»Lene! Was fällt Dir ein! Wer sagt das?« rief Berger.
-
-»Wer sagt das, Lene?« stammelte Heinrich.
-
-»Die -- die Magd vom Perschke-Bauer, die da is -- die hat's zur Martha
-gesagt -- und ich -- ich hab's gehört!«
-
-Mathias sprang aus der Stube hinüber nach der Küche. Eine junge Magd
-stand schwatzend bei einer andern.
-
-»Frauenzimmer, erbärmliches, was hast Du gesagt? Zu dem Kinde? Zu dem
-Kinde?«
-
-Die Magd wurde blaß und floh in einen Winkel.
-
-»Was ist denn? Was ist denn? Jeses! A will mich hau'n!«
-
-»Was hast Du gesagt von mir und der toten Frau Raschdorf -- Mädel?«
-
-Berger, der ihr gefolgt war, trat drohend und keuchend vor sie.
-
-»Ich hab' nichts gesagt -- ich hab' -- Jeses --!«
-
-Ein Schlag klatschte ihr auf die Wange.
-
-»Gesteh's, Frauenzimmer, oder --«
-
-»O Gott, o Gott, lassen Sie mich!«
-
-»Was Du gesagt hast, will ich wissen!«
-
-Wieder erhob er drohend die Faust.
-
-»Ich hab's bloß nachgesagt, der Herr sagt's, die Frau, 's ganze Dorf.
-Ich kann nicht dafür --!«
-
-»Das ganze Dorf? Raus! Und sag' Deinem Herrn, wenn sich noch eins auf
-dem Buchenhof sehen läßt, da hetz' ich die Hunde!«
-
-»Ich bring' sie um! Ich schlag' sie tot!« schrie Heinrich in rasender
-Wut und klammerte sich an das Mädchen. Berger riß ihn los.
-
-»Laß sie! Laß sie laufen, Heinrich!«
-
-»Loslassen, Mathias, los! Ich schlag' sie tot!«
-
-Heinrich schlug mit den Füßen gegen Mathias, der ihn festhielt, während
-das Mädchen heulend davonlief.
-
-Nach langer Zeit, als sie sich etwas beruhigt hatten, sagte Berger:
-
-»Es war unrecht, Heinrich! Das dumme Ding quatscht bloß nach, was ihr
-die Leute vorreden. Aber, Heinrich, ich war ein großer Esel. Du hast
-recht, die dürfen Deine Mutter nicht tragen. Sie sind zu schlecht!«
-
-Der Knabe wandte ihm den Rücken und stand in finsterem Groll und in
-furchtbarem Nachgrübeln zitternd da. Berger betrachtete ihn und ahnte,
-was in dieser Seele vorging. Da sagte er mild:
-
-»Heinrich, komm einmal mit zur Mutter!«
-
-In der kleinen Stube stand der Sarg. So friedlich lag die verklärte
-Frau auf den weißen Kissen. Laut aufschluchzend kniete Heinrich am
-Sarge nieder. Mathias Berger stand da mit gefalteten Händen, lange --
-in stummer Betrachtung. Das war ein tiefes Glück, daß er so ruhig hier
-stehen konnte.
-
-»Heinrich,« sagte er leise, »ich hab' Deine Mutter sehr lieb gehabt,
-aber küssen tu ich sie jetzt das erste Mal.«
-
-Und er beugte sich über den Sarg und küßte die lächelnde Tote.
-
-Dann faßte er den Knaben an der Hand und führte ihn hinaus. Und
-Heinrich schmiegte sich fest an ihn an.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 8]
-
-
-Neues Leben war auf den Buchenhof gezogen. Unten im Dorfe im
-kleinen Schuppen stand unbenutzt der Lumpenwagen, und Pluto, der
-»Bernhardiner«, lag faul im Buchenhofe und duldete mit lässiger,
-gelangweilter Vornehmheit die Neckereien Waldmanns, des Dachses.
-
-Mathias Berger war nicht mehr auf den Lumpenhandel gezogen, er war der
-Verweser des Buchenhofes geworden.
-
-Die Bauern im Dorfe lachten. Ein Lumpenmann Großbauer, das war auch
-zum Lachen. Zum Bauer sein gehört Verstand und noch mehr Geld. Und
-das hatte Mathias Berger beides nicht. Wenigstens nicht den richtigen
-Verstand. Von Geld war sowieso nicht die Rede.
-
-Der Barbier hatte ein »Gedicht« gemacht; das hieß:
-
- »Der Herr vom Buchenhofe hat sechs Dreier und
- Ein' Lumpenwagen und ein' großen Hund.«
-
-Dieses Gedicht fand starken Beifall im Dorfe, und selbst die kleinen
-Kinder lernten es auswendig. Auch erfand ein Tonkünstler eine sinnige
-Melodie dazu, so daß das Lied gesungen und gepfiffen werden konnte.
-Den Dichter machte es populär, und alle hielten ihn für einen witzigen
-Menschen, der einen helleren Kopf habe als die anderen Leute.
-
-Mathias Berger hörte von dem Spottverse und beschloß, in einem
-wirklichen Gedichte, das der Redakteur des kleinen, landläufigen
-Blättchens gewiß drucken würde, dem Barbier und den Dorfleuten eine
-derbe öffentliche Antwort zu geben.
-
-Mathias war in seinen Feierstunden ein Dichter. Er verfaßte zwar meist
-nur Gelegenheitsgedichte, wie Nachrufe, Festtagswünsche u. dergl.; aber
-einige Gedichte hatten auch in der Zeitung gestanden, und so hoffte
-Mathias, auch diesmal mit einem geharnischten Poem anzukommen.
-
-Da fand er am Tor des Buchenhofes mit Kreide die Worte angeschrieben:
-»Der Barbiehr ist ein Esel!« Hannes, der Schaffersohn, bekannte
-sich mit vergnügtem Schmunzeln als Urheber dieses Sinnspruches und
-versicherte mit Wichtigkeit, daß er denselben Satz fast auf allen
-Zäunen und Toren des Dorfes verewigt habe. Dafür erhielt er von Mathias
-Berger eine unvermutete, aber sehr ausdrucksvolle Ohrfeige, und dieser
-andererseits zog aus dem Vorfall die weise Lehre, daß es nicht gut sei,
-sich mit Schubiacks in einen literarischen Kampf einzulassen. --
-
-Auf Betreiben des alten Kantors war Mathias Berger zum gesetzlichen
-Vormund über die beiden Kinder Heinrich und Magdalena Raschdorf
-bestimmt worden.
-
-Einen Tumult gab es im Dorfe, als bekannt wurde, daß Berger für
-Heinrich Raschdorf das Gut kaufe und der Knabe sich mit seiner
-Schwester »auseinandersetze«. Das Gut war abgeschätzt worden, nicht
-viel über die Gesamtschulden hinaus, die Heinrich Raschdorf übernahm.
-Das Mädchen erhielt eine geringe Summe ausgezahlt, die fest angelegt
-wurde.
-
-»Wenn es uns besser geht, Lene,« sagte Mathias, »dann bekommst Du
-freiwillig, so viel wir Dir geben können. Jetzt dürfen wir den Hof nich
-noch mehr belasten, sonst können wir ihn nich halten.«
-
-Das Mädchen verstand nichts davon; es war zufrieden, daß es auf dem
-väterlichen Gute bleiben durfte. --
-
-Und um diese Zeit geschah es, daß Hannes abermals Prügel kriegen mußte.
-Das kam so:
-
-Er hatte einem Rudel Jungen, das ihm den Spottvers von den »sechs
-Dreiern« in die Ohren sang, wütend und doch triumphierend zugeschrien,
-der Mathias Berger habe mehr Geld als die ganze »Lumpenpakasche« der
-Dorfleute, er hab' das ganze Dorf »gefünffingert«, denn er besitze 40-
-oder gar 100000 Taler, und das habe kein Mensch gewußt. Und als die
-Jungen lachten, fragte er sie schnippisch, woher denn etwa mit solcher
-»Fixigkeit und Leichtigkeit« dem Schräger und dem Müller die Schulden
-bezahlt würden, wenn nicht der Mathias das Geld gäb'. Denn sonst borgte
-doch kein Mensch.
-
-Diese Straßendebatte hatte drei Folgeereignisse:
-
-1. Mathias Berger wurde zur Einkommen- und Kommunalsteuer herangezogen;
-2. im Dorfe entstand eine neue, vielleicht überhaupt die stärkste
-Sensation, und 3. Hannes bekam Hiebe.
-
-Das letzte Ereignis vollzog sich an einem trüben schwermütigen
-Märzabend in des Schaffers Stube. Der Vater war sehr schweigsam dabei,
-der Sohn nicht. Nach der Katastrophe ging Hannes hinaus, starrte in das
-trübe Abendlicht und lehnte seinen verlängerten Rücken gegen eine kühle
-Mauer. Da kam die Lene über den Hof, sah ihn verächtlich an und sprach
-nur das eine Wort: »Quatschkopp«.
-
-Damit warf sie ihm etwas vor die Füße. Es war der Ring, den er ihr
-ehemals verehrt hatte.
-
-Hannes rührte sich nicht. Für seinen Kampfesmut so schmählich behandelt
-zu werden, hatte er nicht verdient. Er nahm sich fest vor, weder mit
-seinem Vater noch mit Mathias noch mit der Lene jemals im Leben wieder
-ein Wort zu reden, und dann kroch er in sein Bett und schlief mit wehem
-Herzen und ebensolchem Rücken ein.
-
-Im Dorfe unten aber wurde nach drei Tagen eine romantische Mär erzählt.
-Irgendwo -- den Ort wußte niemand genau -- habe eine alte, sehr
-geizige Frau gelebt, die all ihr Lebtag gespart und sich eine große
-Menge Papiergeld in einen alten, wollenen Unterrock eingenäht habe.
-Niemand hätte von dem kostbaren Unterfutter des alten Rockes, den die
-Frau beständig auf dem Leibe getragen habe, etwas gewußt, selbst die
-eigenen Kinder nicht. Eines Tages sei die Frau plötzlich am Herzschlag
-gestorben. Der Rock sei nebst anderem wertlosen Zeug einem gewissen
-Lumpenmann verkauft worden, und das weitere könne sich jeder denken.
-
-Von dieser Geschichte erfuhr Mathias Berger vorläufig nichts. Er wußte,
-daß die Sympathie, die er früher im Dorfe genossen, geschwunden war
-seit dem Tage, da er sich der Raschdorfschen Sache annahm. Er hatte
-sich in Widerspruch gesetzt mit der öffentlichen Meinung, und das
-mußte er fühlen. Daß er einer ungeheuren Unehrlichkeit bezichtigt
-wurde, ahnte er nicht, freute sich vielmehr, daß sich die Leute
-schmerzlich den Kopf darüber zerbrechen würden, wie er zu so vielem
-Gelde gekommen sei.
-
-Unterdes hatte er auch nicht Zeit, sich um das Gerede im Dorfe zu
-kümmern. Die riesige Arbeitslast, dem zerrütteten Buchenhofe wieder
-aufzuhelfen, lag auf seinen Schultern. Und da wuchs mit der Aufgabe
-seine Kraft. Zum erstenmal im Leben stand er so schweren Forderungen
-gegenüber, und sie stählten ihn.
-
-Im zeitigen Frühjahr schon begann der Aufbau der Gebäude. Mathias
-Berger hatte einen tüchtigen, gewissenhaften Maurermeister gefunden,
-der sein Werk solid, rasch und billig herstellte.
-
-Berger war von früh bis in die späte Nacht tätig. Jetzt war er in der
-Stadt zu Verhandlungen, jetzt stand er draußen auf dem Felde, jetzt saß
-er grübelnd und rechnend in der Stube, und dann stand er wieder unter
-den Handlangern und rührte Kalk ein oder trug Ziegel.
-
-Ein Notstall wurde errichtet, die nötigen Ackerpferde gekauft, das
-Ackerzeug ergänzt, und die Feldarbeit konnte neu beginnen. Reichel, der
-Riese, arbeitete für drei. Aber er tat noch mehr. Er bot Mathias Berger
-seine Ersparnisse an, die sich auf ein paar hundert Mark beliefen.
-
-»Reichel,« sagte Berger, »Dein Geld brauch' ich jetzt noch nich.
-Vielleicht später! Dann pump' ich Dich an, das versprech' ich Dir
-feierlich! Jetzt brauch' ich bloß Dich selber. Aber ganz notwendig,
-Reichel!«
-
-Der Riese errötete über das Lob, das in diesen Worten lag, und
-arbeitete wieder, als ob er die Welt zusammenreißen wolle. Es war,
-als ob er seinen Charakter geändert habe, denn er tat alles mit einer
-großen Hast, wenn er ging und arbeitete, und ließ die majestätische
-Ruhe ganz außer acht, die sonst seinem Wesen eigen war.
-
-Auch die Kinder halfen emsig nach ihren Kräften, und Hannes benahm sich
-in diesen Tagen tadellos, denn am Tage blieb ihm nicht eine Minute
-Zeit, Allotria zu treiben, und am Abend war er todmüde.
-
-In all diesem emsigen Treiben fehlte nur Heinrich. Er war wieder auf
-der Schule. Ein paarmal schrieb er dringende Briefe, er wolle nach
-Hause, wolle helfen. Aber Berger, sein Vormund, ging darauf nicht ein.
-Er antwortete ihm kaum. Einmal nur schrieb er auf eine Postkarte:
-»Lieber Heinrich, sei Du nur so fleißig auf der Schule, wie wir hier
-alle sind, dann wird alles gut werden.«
-
-So kam es, daß Heinrich trotz der heftigen Seelenerschütterungen, die
-seine Schülerarbeit gehemmt hatten, zu Ostern das Versetzungszeugnis
-als »Dritter der Klasse« nach Hause tragen konnte.
-
-Auf dem Bahnhof holte den Knaben niemand ab. Es war kein Pferd
-übriggeblieben für die Fuhre. Aber da drüben hielt ein Wagen aus
-Heinrichs Heimatsdorfe. Ein Bauer holte irgend jemand von der Bahn.
-Heinrich stand mit seinem schweren Handkoffer da und wartete immer,
-ob ihn der Bauer nicht auffordern würde, mitzufahren. Aber der sagte
-kein Wort, und zu bitten schämte sich der Knabe. So fuhr der Bauer mit
-seinem halbleeren Wagen heim, und Heinrich nahm den Koffer und machte
-sich schwerbeladen auf den Weg nach Hause.
-
-Der Koffer zerrte an seinen Armen und Schultern. Aber dem Knaben war
-doch, als ob er an dem Herzen in der Brust noch schwerer zu tragen
-habe. Er kam das erstemal nach Hause seit dem Tode beider Eltern.
-
-Wie schwer sich das ging! Schwer und ohne alle Freude. Er hatte auch
-jetzt keine Begierde, die Veränderungen zu sehen, die seitdem gemacht
-worden waren. Es waren schon zu viel Veränderungen für eine Heimat.
-
-Als er den Buchenhof sehen konnte, blieb er tiefatmend stehen. Dann
-begann er heftig zu weinen. War er dort unten zu Hause? War das
-wirklich der Ort, nach dem er sich in seinen Heimwehstunden gesehnt
-hatte? Oder war er nicht in die Irre gegangen, war das nicht die Fremde?
-
-Wenn sein Vater jetzt dort unten ginge und nur einmal hinaufnickte, das
-wäre schön.
-
-Aber dort war der Kirchhof. Dort lagen Vater und Mutter. Dorthin mußte
-der Heinrich gehen, wenn er nach Hause kommen wollte.
-
-Und die Tränen des Kindes flossen reichlicher.
-
-Da erhob sich etwas vom Straßenrande, ein Stückchen den Weg hinunter,
-und kam rasch auf Heinrich zugelaufen. Es war Lotte Schräger.
-
-»Guten Tag, Heinrich! Guten Tag! Ach, ist das schön, daß Du kommst!
-Siehst Du, ich hab' einen Strauß gemacht. Da -- nimm ihn! Warum
-sagst Du denn nichts? Gefällt er Dir nicht? Es gibt jetzt noch keine
-hübscheren Blumen.«
-
-»O ja, Lotte, er ist sehr schön. Wo kommst Du denn her?«
-
-»Ich hab' gewußt, daß Du kommst. Und es hat Dich doch niemand abgeholt,
-da wollt' ich Dir ein bißchen entgegengehen.«
-
-Er wurde verlegen.
-
-»Na ja, Lotte, da seh' ich doch jemand, den ich kenne.«
-
-»Komm, ich werd' Dir den Koffer tragen. Oh, is der schwer!«
-
-»Laß, Lotte, den Koffer kannst Du nicht tragen, den trag' ich selber!«
-
-»Na nu, mal weg mit der Hand! Ich trag' den Koffer! Du mußt ja schon
-schrecklich müde sein!«
-
-»Lotte, es geht nicht! Laß mich wenigstens am Henkel mit anfassen, da
-wird's besser gehen!«
-
-So einigten sie sich und trugen den Koffer miteinander den Weg entlang.
-
-Der Frühling lachte aus dem Walde heraus, und Heinrich Raschdorf ward
-auf einmal wohl ums Herz. Die Bangigkeit war verschwunden, und wie
-durch ein Wunder war die Ferienfreude in sein Herz eingekehrt.
-
-»Lotte, ich freu' mich so, daß ich Dich getroffen habe.«
-
-Das Mädchen sah ihm unschuldig ins Gesicht und lachte.
-
-»Ja, sieh mal, Heinrich, das ist halt, weil ich doch eigentlich Deine
-Braut bin. Weißt Du noch damals vom Feuer?«
-
-»Ich weiß es noch!«
-
-Der Knabe war rot geworden. Er war schon reifer als das Kind, und es
-ging ihm jetzt wie eine langsame Lähmung durch die Glieder. Er hatte
-immer jene Mitschüler für schlechte Subjekte gehalten, die davon
-redeten, daß sie eine »Flamme« hätten. Es waren so fünf bis zehn Stück
-davon in der Klasse. Und ein paar machten sogar Gedichte. Herauskommen
-durfte so etwas nicht, da wäre einer einfach »abgesägt« worden. Eine
-schlechte Nummer wäre das mindeste gewesen.
-
-Eine Angst packte Heinrich, ohne daß er doch ein heimliches
-Glücksgefühl los wurde. Und der junge Herkules wußte gar nicht, daß er
-da mit seinem Koffer auf einem Scheideweg herumlief.
-
-Lotte begann wieder zu reden.
-
-»Jetzt nach Ostern komm ich auch auf die Schule. In eine Höhere
-Töchterschule. Weißt Du, Stunden hab' ich ja schon viel gehabt, auch
-im Französischen, aber jetzt soll ich nu die richtige Bildung lernen.
-Vielleicht auf vier Jahre komm ich fort.«
-
-»So, so, Lotte. Da wirst Du ja eine feine Dame werden.«
-
-»Ja, der Vater will's. Viel Spaß macht mir's nicht. Aber ich denke,
-wenn Du doch so viel lernst, da muß ich auch nicht so dumm sein, wenn
-wir uns schon einmal heiraten.«
-
-Das Mädchen ging von seinem Eheprojekt nicht ab.
-
-»Du hast doch niemand was erzählt, Lotte?« fragte Heinrich ängstlich.
-
-»Soll ich nicht?«
-
-»Nein, Lotte, Du darfst nichts erzählen -- niemand! Hörst Du --
-niemand: Das paßt sich nicht!«
-
-»Das paßt sich nicht?«
-
-Das Mädchen wurde nachdenklich. Zum ersten Male kam ihr ein dumpfes
-Bewußtsein, daß es sich hier um etwas handele, was niemand wissen
-dürfe. Und das tat ihr leid.
-
-»Aber -- aber so einen niedlichen Ring könntest Du mir auch schenken.«
-
-Dem Knaben wurde schwül, und er sah sich ängstlich um, ob auch niemand
-in der Nähe sei.
-
-»Ich möchte schon, aber ich hab' keinen, und wenn's geht, schenk' ich
-Dir einen.«
-
-»Ach, da würd' ich mich aber freuen, Du! Schrecklich tät ich mich
-freuen!«
-
-Heinrich begann ein alltägliches Gespräch, und das setzten sie fort,
-bis sie sich eine Strecke vom Buchenhofe entfernt verabschiedeten.
-
-Unterm Hoftor blieb Heinrich stehen. Er kannte das väterliche Gehöft
-kaum wieder. Vieles war verändert. Eine Menge Baumaterialien war im
-Hofe aufgeschichtet und eine Schar Arbeitsleute war geschäftig tätig.
-
-Abseits an einer Mauer saßen Hannes und Lene. Sie hatten ein jedes
-einen Hammer in der Hand, und damit schlugen sie Kalk los von alten
-Ziegeln.
-
-Als sie Heinrich sahen, kamen sie rasch auf ihn zu. Mit herzlicher
-Freude begrüßten sie den Heimkehrenden.
-
-»Jesses,« schrie Hannes, »nu hat niemand an den Koffer gedacht. Na, da
-haste gut schleppen können. Gib mal her! Schwerleck, der zieht! Na,
-siehste, Heinrich, Du mußt nich immer so viel Bücher reintun, denn sie
-sind schwer, und pauken tuste in den Ferien doch nich!«
-
-»Von wem haste denn den Strauß?« fragte Lene.
-
-Heinrich wurde rot und suchte nach einer Ausrede. Aber dann sagte er
-mit möglichstem Gleichmut:
-
-»Ach, ich hab' die Schräger Lotte getroffen, und die hat ihn mir
-geschenkt!«
-
-»Die Schräger Lotte?« fragte Lene streng.
-
-»Die Schräger Lotte?« wiederholte Hannes entrüstet. »Na, ich danke, mit
-der gibst Du Dich noch ab und läßt Dir Sträuße schenken? Das hätt' ich
-nich von Dir gedacht!«
-
-»Aber was -- was ist denn?«
-
-Hannes und Lene sahen sich an.
-
-»Er weiß noch nich. Na, ich werd' Dir's sagen, Heinrich. Rat' mal, wo
-unser Mathias is!«
-
-»Unser Mathias? Zu Hause! Wo sonst?«
-
-Die Lene trat ganz dicht an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr:
-
-»Im Gefängnis is a!«
-
-»Im Gefängnis -- das ist nicht wahr!«
-
-»Ja! Der Schräger hat'n verklagt, und da hat a zehn Tage gekriegt.
-Wegen der Beleidigung!«
-
-Der Knabe stand wie erstarrt.
-
-»Na, und Du läßt Dir von der Lotte 'n Strauß schenken?«
-
-Heinrich konnte kein Wort sagen, kein armseliges Wort. Ein Stückchen
-Heimat hatte sich vor ihm aufgetan, als er mit dem Nachbarskinde vorhin
-wanderte. Und das wurde ihm so grausam wieder genommen.
-
-»Seit wann ist er fort?« brachte er endlich heraus.
-
-»Heute is der vierte Tag. A hat sich gerade über die Feiertage
-einsperr'n lassen, daß a dann wieder mit arbeiten kann. Na siehste, die
-Schrägerleute, das sind eben alles Lumpe.«
-
-Jenseits des Hoftors schallte eine krächzende Stimme:
-
-»Eingesperrt -- eingesperrt! -- Sechs Dreier und einen Hund, einen
-großen Hund!«
-
-»Das ist der Gustav, das blödsinnige Heft! -- Da! Hier habt Ihr Euren
-Mist wieder!«
-
-Und Hannes riß Heinrich den Strauß aus der Hand und schleuderte ihn
-über das Tor.
-
-»Was machst Du, Hannes, was --«
-
-Aber draußen schrie der Idiot schon wieder: »Blumen! Blumen! O, schöne
-Blumen! A Pukettel! A Pukettel! Ich putz mich! Ich mach mich fein!
-Sechs Dreier und einen Hund -- einen gro--o--o--ßen Hund!«
-
-Damit verschwand er singend im Kretscham.
-
-Heinrich stand mit gesenktem Kopfe da.
-
-»Unser Mathias! Aber das war doch nicht recht, Hannes! Die Lotte kann
-doch nichts dafür.«
-
-Die Antwort gab seine Schwester Lene.
-
-»Das is ganz egal! Von den Schrägerleuten darfst Du keinen Strauß
-nehmen. Das paßt sich nicht!«
-
-»Du wirst doch nich etwa zu den'n halten! Das hätt' sich der Mathias
-gerade verdient. Na komm, Lene, wir müssen wieder Ziegeln abkratzen.
-Geh nur in die Stube, Heinrich.«
-
-Die Kinder gingen fort, und Heinrich nahm den Koffer und trat ins Haus.
-
-Niemand war in der großen Wohnstube. Leer und einsam lag das Zimmer. Da
-fühlte Heinrich Raschdorf, daß hier die Heimat nicht mehr war.
-
-Müde sank der Gast auf einen Stuhl und stützte sich auf den Tisch. Und
-so saß er ohne klare Empfindungen. Nur eine große Bangigkeit war in ihm.
-
-Er hatte wohl auch Hunger. Aber es kam niemand, ihn zu fragen, ob ihm
-etwas fehle.
-
-Der Lehnstuhl der Mutter stand am Fenster -- leer. Zuguterletzt ging
-Heinrich mit zagen, scheuen Schritten näher und setzte sich in den
-Stuhl. Das Gesicht preßte er gegen die Lehne.
-
-Und auch in dem Stuhle war nicht die Heimat. Nur eine wilde, quälende
-Sehnsucht kam, indes es draußen langsam dunkelte.
-
- * * * * *
-
-Drüben über der Straße ging indes eine Kindheit unter.
-
-Die Kindheit Lottes.
-
-Wer von allen weiß, wie lange Kindheit dauert? Bei manchen Wesen ist
-sie früh verloren; bei manchen dauert sie das ganze Leben.
-
-Wer ein Wissender wurde, ist kein Kind mehr. Nur die sind Kinder, die
-vor den verschleierten Bildern des Lebens wunschlos stehen und nicht
-fragen.
-
-Wer mit zweifelnder Hand den Schleier hob, oder wem ein Sturm die
-großen, öden Bilder enthüllte, der ist weit von der Kindheit.
-
-Und wer weit von der Kindheit ist, ist nahe dem Tode.
-
-Die Scham war diesem Mädchen gekommen wie ein dunkelrotes Licht,
-das ein trübes Erkennen brachte, das Erkennen, daß Lieb' und Treue
-gemißhandelt werden können.
-
- O, ihr welken Anemonen!
- O, ihr toten, traurigen Veilchen!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 9]
-
-
-Drei Jahre später. Die Osterglocken läuteten genau so wie damals,
-als der Buchenhof wieder aufgebaut wurde. Ganz derselbe Akkord! Ganz
-dasselbe Osterlied. Nur ein neuer Kantor ging vor der singenden Menge;
-der andere war bei der stillen, großen Zuhörerschar, die ungesehen
-hinter der frühlingsgrünen Rasengardine nach Auferstehungsliedern
-lauscht.
-
-Vorweg im kirchlichen Zuge gingen die Musizierenden, dann kam der
-Priester mit seiner Begleitung und dann die Gläubigen in Reihen zu fünf
-oder sechs Leuten.
-
-Eine solche Reihe bestand aus Heinrich und Lene Raschdorf, Mathias
-Berger, Liese, dem Schaffer und seinem Sohne Hannes.
-
-Die Buchenhofleute gingen immer für sich. Sie vermischten sich mit den
-anderen nicht.
-
-Früher waren sie mit bei der Musikkapelle gewesen, jetzt schon lange
-nicht mehr. Sie waren einmal beleidigt worden.
-
-»Das ist kein Schade,« hatte der Mathias damals gesagt, als er mit
-seiner Trompete nach Hause kam, die sonst auf dem Chor neben der
-Orgel hing, »gar kein Schade, denn die Sänger und Musikanten sind die
-unandächtigsten Leute in der ganzen Kirche. Wenn sie musizieren, da
-haben sie bloß immer aufzupassen, daß sie nich aus 'm Takt kommen, und
-könn'n an a Herrgott nicht denken, und wenn Pause is, da schnaupen sie
-sich die Nasen aus oder quatschen miteinander. Na, ich sage: Wenn der
-Herr Jesus mal auf so 'n Chor käm', der schlüg' manchem die Baßgeige um
-die Ohren.«
-
-»Is richtig,« hatte der Schaffer gesagt und sonst nichts, hatte aber
-auch damit seine künstlerische Stellung als Paukenschläger begraben.
-
-Am nächsten Sonntag aber, als Reichel mit Mathias in der Kirche unten
-im Schiff saß, schlief er ein. Da sagte Mathias auf dem Heimwege,
-für den Schaffer wäre das Paukenschlagen immer noch der allerbeste
-Gottesdienst.
-
-Nach der kirchlichen Feier an jenem Ostermorgen gingen die
-Buchenhofleute miteinander heim.
-
-Sie waren sehr fröhlich, denn es ging ihnen gut. Heinrich war nun
-endgültig von der Schule zurück. Er hatte die Berechtigung zum
-Einjährigen-Dienst erworben, und Mathias Berger war zufrieden mit ihm.
-Heinrich war ein hochgewachsener, etwas blasser, aber hübscher Bursche
-geworden.
-
-»Nun kann's gehen, wie's will, Heinrich, nu find'st Du immer 'ne
-Stelle.«
-
-Übrigens ging es gut. Der Hof war völlig neu eingerichtet, und ein
-paar günstige Jahre sowie Fleiß und Anspruchslosigkeit, die keiner
-Steigerung mehr fähig waren, hatten zuwege gebracht, daß Mathias
-Berger nicht nur die Zinsen pünktlich bezahlen konnte, sondern immer
-neue Verbesserungen im wirtschaftlichen Betrieb anlegte, wenn er auch
-vorläufig noch kein Geld sparte.
-
-Wenn ihn aber Heinrich fragte, ob er sich auch gewissenhaft die Zinsen
-für sein eigenes Kapital nähme, wurde er immer verstimmt und sagte:
-
-»Möchtest mir wohl auch gern Lohn geben wie einem Großknecht? Sei nur
-still! Ich komm schon zu meiner Sache, wenn's erst besser geht. Später
-rechnen wir ab. Ich schreib' alles auf. Und weißt Du, was ich brauche,
-nehm' ich mir, und meiner Schwester und der Liese schick' ich Milch und
-Butter, Kartoffeln und Speck. Das sind genug Zinsen.«
-
-Nun trug sich Mathias Berger mit großen Plänen. In einem Hügel, der
-zum Buchenhof gehörte, hatte er ein Lehmlager entdeckt. Also wollte er
-eine Ziegelei anlegen und erhoffte von dieser reichliche Erträge. Nur
-klug und vorsichtig müsse man es anfangen. Jedenfalls sei die Sache
-bei der regen Bautätigkeit, die im Kreise entfaltet werde, durchaus
-aussichtsvoll. Als Anlagekapital wollte Mathias Berger seine letzten
-7000 Mark zu Hilfe nehmen.
-
-»Und wenn das Geld verloren geht, wenn wir pleite werden, wenn Du
-stirbst, was wird dann aus der Liese?«
-
-Bergers Gesicht verfinsterte sich etwas.
-
-»Aus der Liese?! Na ja! Aber sieh mal, da muß sie halt arbeiten --
-wie wär's, wenn ich das Geld nicht gewonnen hätte? Und dann is vom
-Pleitewerden gar keine Rede. Geht der Krempel nicht, hör'n wir zur
-rechten Zeit auf!«
-
-Heinrich dachte nach.
-
-»Jawohl, und ich würde ja auch die Liese nicht verlassen, ich würde
-alles tun für sie -- alles!«
-
-Da leuchteten Mathias Bergers Augen. Es lag ein eigener Osterglanz
-darin. Und er drückte Heinrich stumm die Hand.
-
-Der aber sah den Weg hinauf.
-
-Dort ging im jungen Morgenlicht eine schlanke, feine Mädchengestalt.
-Sie trug ein lichtes Kleid und einen ganz modischen Hut.
-
-Neben ihr ging ein junger Bursche, und vornweg trollte der Idiot. --
-
-»Du,« sagte Hannes zu Lene, die auch miteinander gingen, »eigentlich
-ist doch die Schräger Lotte a sehr hübsches Mädel geworden.«
-
-Lene antwortete nicht.
-
-»Na, ich sag' ja, Lene, Du bist ja auch ganz hübsch, wenn Du och nich
-so fein und klug bist. Und was die Hauptsache is, Du bist doch viel
-kräftiger als wie die Lotte.«
-
-Das hielt Hannes für eine Schmeichelei. Die Lene aber fuhr ihn zornig
-an, daß er es für ratsamer hielt, sich Heinrich anzuschließen, der
-indes langsam herankam.
-
-»Was ist denn los? Ihr habt Euch wohl wieder gezankt? Könnt Ihr Euch
-denn nicht vertragen?«
-
-»Nee, dazu is die Lene zu grob. Sie hat keene Bildung! Am besten is,
-ich red' überhaupt nich mehr mit ihr.«
-
-»Was habt Ihr denn wieder mitsammen?«
-
-»Ach, ich hab' bloß gesagt, daß mir die Lotte gefällt, und da is se
-wahrscheinlich eifersüchtig oder so was.«
-
-Heinrich sah vor sich nieder auf den Weg.
-
-»Damals hattest Du Lottes Strauß auf die Straße geworfen, alter Freund.
-Weißt Du, daß sie seit der Zeit nie mehr mit mir gesprochen hat?«
-
-»Ja. Aber im Grunde genommen is 's ja besser so. Freundschaft
-könn'n wir doch mit a Schräger-Leuten nich halten. -- Sieh mal a
-jungen Riedel! Ich globe, der will se poussier'n. A lauft alle Tage
-zum Schräger. Na, das wär' auch, als wenn sich der Ochse mit 'm
-Kanarienvogel verheiratete!«
-
-In diesem Augenblick wandte sich Gustav Schräger um und brüllte aus
-vollen Lungen den Bergweg herunter:
-
- »Sechs Dreier und einen Hund!
- Einen gro...o...ßen Hund!«
-
-Man hörte den jungen Riedelbauer lachen, während Lotte den Idioten
-offenbar scharf zur Ruhe wies. Da blieb er hinter ihr und ihrem
-Begleiter zurück, drehte sich von Zeit zu Zeit um, drohte mit der Faust
-nach den Buchenhofleuten oder warf Steine den Weg herab.
-
-»A wird immer blödsinniger,« sagte Hannes. »Aber das Versel vom Barbier
-kann a immer noch. 's is das einzige, was a auswendig kann. Na, und
-sein Vater is bald nich mehr klüger wie er.«
-
-»Du mußt nicht so reden, Hannes.«
-
-»Na, Du hast eben keine Ahnung, Heinrich, wie der Schräger sauft. Alle
-Tage is a besoffen, manchmal schon frühmorgens. Und weißte, das is
-komisch: a sauft gerade seit dem Tage, wo Deine Mutter gestorben is.«
-
-»Wieso?«
-
-»Früher hat doch der Schräger kaum amal genippt, und an dem Tage, wo
-Deine Mutter frühmorgens starb, da war a mittags schon so besoffen und
-hat so gelärmt im Kretscham, daß man's bis bei uns gehört hat. Weißte,
-was Mathias sagt? Das is das böse Gewissen! Das will a totsaufen!«
-
-»Das kann kein Mensch behaupten.«
-
-»Behaupten wird's der Mathias nich mehr, dafür hat a ja zehn Tage
-gekriegt. Weißte noch, jetzt sind's grade drei Jahre. Das war a
-schlechtes Osterfest. Der Mathias kann alles vergessen, aber daß a hat
-sitzen müssen, das frißt an 'm. Deswegen is a auch bloß mit a Leuten
-im Dorfe nich mehr gutt. Die geh'n nu amal doch zum Schräger, und den
-Schräger kann a nich leiden.«
-
-»Eigentlich ist es schlimm, daß wir uns mit den Leuten nicht vertragen,
-aber ich hoffe, daß es doch mal besser werden wird!«
-
-»Da kannste lange hoffen! Wenn wir jetzt erst noch Ziegeleibesitzer
-sind, da fressen sich die Leute selber uff vor Neid. Denn im Grunde
-genommen nehmen sie's uns doch bloß übel, daß wir damals nich pleite
-geworden sind. Wenn Dein Vater eingesperrt worden wär', und die
-Wirtschaft hätte der Schräger, und Du wärst Knecht, da wär'n Dir die
-Leute ganz gutt. So aber nich!«
-
-Heinrich seufzte. Hannes fuhr fort zu reden.
-
-»Und was haben sie alles gesagt: Dein Vater hat angezünd't oder Du!
-Ja, ja, guck nur! Das sagen sie immer noch. Zwar nich laut, denn da
-setzt's ja zehn Tage, aber sie sagen's. Du oder Dein Vater, oder beide!
-Und dann, daß a sich erschossen hat. Und von Deiner Mutter und vom
-Mathias --«
-
-»Hör' auf, Hannes, hör' auf! Ich mag nichts mehr hören
-davon!« -- -- -- --
-
-Ein Stückchen weiter den Weg hinauf sagte Lotte Schräger zum jungen
-Riedel: »Es ist doch unrecht von den Dorfleuten, daß sie so garstig zu
-den Raschdorfs sind.«
-
-»Unrecht, hä! Zu solchen Feuermachern und Selbstmördern?!«
-
-»Wer kann das beweisen? Kein Mensch!«
-
-»Beweisen! Hä! Das Gericht freilich nich. Aber wir wissen's alle. Und
-der Berger. Wo hat a denn das Geld her? 40000 Mark a Lumpenmann! Was?«
-
-»Das weiß ich nicht.«
-
-»Nee, das weeß keen Mensch, das weeß a bloß selber. Da müßt' sich's
-Gericht drum bekümmern; aber darum schert sich keen Teufel. Zu knapper
-Not, daß a damals was aufs Maul kriegte, wie a 's Deinem Vater in die
-Schuhe schieben wollte, ein'm Manne, der überhaupt nich aus der Stube
-gekommen is. Das sind feine Leute, was?«
-
-Lotte schwieg.
-
-»Na, und dann -- a hat die Raschdorfen geküßt. Die Glasen hat's
-gesehen. Und das, während der Hof brennt in der Nacht. Feine Leute!«
-
-»Riedel, bitte, nicht -- nicht so was --«
-
-»Und warum interessiert a sich denn gar so sehr für den Heinrich? Warum
-nimmt a weder Lohn noch Zinsen?«
-
-»Das kann ich nich sagen.«
-
-»Na, und der alte Raschdorf hat mit kein'm Menschen Freundschaft
-gehalten, und die jetzt scheinen auch drauf zu warten, daß sie's ganze
-Dorf um Verzeihung bitten kommt. Hol' der Teufel die hochnäsige Bande!«
-
-»Riedel, ich leid' solche Redensarten nicht.«
-
-»Leid'st sie nich? Na, da -- da kann ich wohl gehen, da kann's ja
-die Schräger-Lotte mit a Buchenhofleuten halten. Aber der studierte
-Heinrich, der gefällt vielleicht der Lotte, da hält sie's lieber gegen
-a Vater --«
-
-»Riedel, das leid' ich nicht! Solches Gerede paßt sich nicht, überhaupt
-auf dem Kirchwege! Da geh lieber!«
-
-Der Bursche sah mit finsterem Gesicht auf den Boden. Zwanzig Schritte
-weit ging er noch mit, dann bog er in einen Feldrain ein. Lotte ließ
-ihn gehen und schritt ernst weiter. Der Idiot aber schlich dem jungen
-Riedel nach.
-
-»Du,« sagte er tückisch, »wir werden sie schmeißen!«
-
-Riedel antwortete ihm nicht, aber er blieb stehen. Indessen kamen
-Heinrich und Hannes näher, ein Stück dahinter Mathias und Lene. Der
-junge Riedel sah Heinrich herausfordernd an. Dann lachte er roh und
-rief laut herüber:
-
-»Die Schräger Lotte möchte lieber mit a Buchenhofleuten gehn!«
-
-»Die Schräger Lotte läßt a Herrn Raschdorf schön grüßen, und sie möchte
-gern seine Liebste sein!«
-
-Heinrich blieb erschrocken stehen und wurde feuerrot.
-
-»Ja,« fing der junge Riedel wieder an, »und sie nimmt ihm gar nischt
-übel, nich a Brand und rein gar nischt!«
-
-»Riedel! Ich -- ich --« Heinrich ging ein paar Schritte auf den rohen
-Burschen zu und blieb dann stehen. Er schämte sich, tätlich zu werden.
-Riedel hielt das für Feigheit.
-
-»Oho, komm nur her, fang' nur an; Du bist mir gerade recht!«
-
-Da kam der Schaffer. Er ging schweigend auf Riedel zu. Der stand
-verlegen still, denn den Schaffer fürchtete er.
-
-»Mit Ihnen hab' ich nischt,« sagte er halb trotzig und halb beklommen.
-Darauf bekam er keine Antwort.
-
-Der Schaffer faßte ihn an beiden Schultern und kommandierte: »Kehrt!«
-Damit drehte er den jungen Mann mit einem gewaltigen Ruck um, gab ihm
-einen freundlichen Stoß in den Rücken und sagte: »Marsch!«
-
-Der junge, starke Bauer kochte vor Wut. Aber es nützte nichts; diesem
-Riesen war er bei weitem nicht gewachsen, und so mußte er einen Schritt
-vor ihm hermarschieren den Berg hinab, wenn er nicht das Schlimmste
-gewärtigen wollte.
-
-Jedesmal, wenn er sich widersetzen oder stehen bleiben wollte, bot ihm
-der Schaffer in gutmütigem Tonfall eine riesige Tracht Prügel an.
-
-Und so mußte er gehen und konnte nur schimpfen, denn wenn er geprügelt
-worden wäre, das wäre eine zu große Schande gewesen.
-
-Als sie ein großes Stück gegangen waren, sagte Reichel:
-
-»'s is heiliger Tag heute! Da soll man nich brüll'n, nich schimpfen und
-überhaupt keene Stänkerei machen!« Mit dieser Ermahnung verließ der
-tapfere Christ den wütenden jungen Riedel und ging schweigend zurück.
-
-Hannes hatte sich indessen aus hellem Vergnügen über das Bravourstück
-seines Vaters lang auf den Wiesenrain geworfen und mit Füßen die Erde
-getrommelt. Diese Beifallskundgebung trug ihm einen häßlichen Fleck auf
-seinem neuen Sommeranzug und außerdem das bedrückende Bewußtsein ein,
-daß er für seine Leute nicht Partei ergreifen dürfe, ohne Schaden zu
-nehmen. Und es blieb ihm nichts übrig, als vorläufig auf das Benzin und
-auf die Zukunft zu hoffen.
-
- * * * * *
-
-Fünf Tage nach diesem Ostermorgen begann Heinrichs Tätigkeit als Bauer.
-
-O du liebe, schwere Zeit!
-
-Eine Mahnung sollte jeder verständige Mensch beherzigen: Wenn du
-geeignet bist, lateinische Schriften mit Geschick zu übersetzen und
-algebraische Aufgaben mit Richtigkeit zu lösen, so unternimm es nicht,
-Pferde anzuschirren, sonst kannst du an all deinen Talenten irre werden
-und andere auch.
-
-Hannes stand als Lehrmeister neben Heinrich, der sich bemühte, einen
-Ackergaul anzuschirren. Der junge Magister war schlechter Laune.
-
-»Heinrich, Du bist einfach 'n tapriger Hering. Hierum kommt der Riemen!
-Hier mußte festschnallen! Nu, Mensch, siehste denn die Schnalle nich?
-Nich zu locker! So, in das Loch! Herrjeh, Kerl, wenn Du als Primus
-schon so tumm bist, wie mögen erst die andren sein!«
-
-»Bitte, Hannes, red' nicht so viel!«
-
-»Da soll einer nich reden! Sieh ock, wie sich der Schimmel umguckt! Der
-lacht sich eens über Dich! Nanu a Zaum einmachen! Fürcht' Dich ock
-nich! Der Schimmel beißt nich; höchstens Haber! Geh weg, ich mach' a
-Zaum selber ein, das wär' mir a Gegratsche! Mach derweile a Mist aus a
-Hufen raus.«
-
-»Was soll ich?«
-
-»A Mist aus a Hufen rausmachen!«
-
-»Womit denn -- womit soll ich denn, Hannes?«
-
-»Womit? Schafkopp! Mit a Händen! Mit was denn sonst?«
-
-»Pfui, das ist schrecklich unappetitlich!«
-
-Hannes schüttelte über seinen talentlosen Schüler melancholisch den
-Kopf.
-
-»Unappetitlich! Mensch! Als wenn da was zum Essen wär'! Na, da sieh mal
-her, so macht man a Mist aus a Hufen raus, schmeißt 'n natürlich weg
-und wischt sich an a Hosen die Hände ab. Möcht' ich wissen, was dabei
-unappetitlich is!«
-
-Heinrich sagte gar nichts; er seufzte nur schwer. Dann bestieg er mit
-Hannes den Ackerwagen, und sie fuhren hinaus aufs Feld. Er selbst
-behielt die Zügel.
-
-Wie sie ein Stückchen draußen waren, bückte sich der Schimmel nach
-dem Wegrain und fing an zu grasen, während er den Wagen langsam, sehr
-langsam hinter sich herzog. Heinrich ließ ihn gewähren, denn er meinte,
-solch ein Gebahren sei bei den Ackerpferden allgemein üblich.
-
-Hannes aber saß stumm neben ihm mit verhaltenem Zorn und schwerer
-Verachtung. Nach einer Weile hielt er's aber nicht länger aus und er
-seufzte zynisch:
-
-»Na, da werden wir ja hoffentlich zu Mittage draußen sein.«
-
-Heinrich schrak aus seinen Träumen empor und wackelte energisch mit
-der Leine. Der Schimmel ließ sich dadurch nicht stören, sondern
-streckte gerade seine lüsterne Zunge nach einer frisch aufgeschossenen
-Maiblumenstaude aus -- da hieb ihm unvermutet der Hannes die Peitsche
-über den Rücken, daß er aufzuckte und sich in eine für sein Temperament
-verblüffend schnelle Gangart setzte.
-
-Leider geschah es, daß Heinrich über den Hieb noch heftiger erschrak
-als der Schimmel, und daß ihm deshalb die Leine entglitt, die nun unten
-auf der Erde einherschleifte. Und in dieser für einen Kutscher sehr
-trostlosen Verfassung begegnete das dahinsausende Gefährt dem Barbier.
-
-Der schlug ein Gelächter an und ging dann schnell dem Buchenkretscham
-zu. --
-
-Auf dem Felde draußen sagte Hannes finster:
-
-»Du plamierst ein'n kolussal!«
-
-Heinrich wußte nichts zu erwidern. Da war er nun der Herr und Besitzer
-des Buchenhofes, hatte mehr gelernt als alle anderen Bauern und wußte
-nicht einmal einen fetten Gaul zu regieren.
-
-Und nun kam die schwierigere Aufgabe. Heinrich sollte pflügen lernen.
-Hannes spannte den Schimmel an den Pflug und sagte:
-
-»Den Rand mach' ich! Das is zu schwer für Dich. Geh mal nebenher und
-paß auf! So -- also so wird der Pflug gehalten. Fest muß man ihn
-halten, sonst springt a raus. Und 's Pferd muß immer'n Fuß breit weg
-von der Furche gehn. Jüh!«
-
-Aufmerksam schritt Heinrich neben dem Pfluge einher. Er gab genau
-acht, und die Sache erschien ihm kinderleicht. Hannes machte allerlei
-Kunststückchen; er überbot sich in technischen Ausdrücken, namentlich
-in den direkten Anreden, die er an das Pferd richtete, und ließ bald
-die rechte, bald die linke Hand von den Holmen los, wie ein eitler
-Radler auf der Straße, wenn er den Passanten zeigen will, wie sicher er
-seiner Sache sei.
-
-Indessen kam Heinrich in eine schwermütige Stimmung. Seine Gedanken
-flogen hinab nach Breslau. Heute begann das neue Schuljahr. Die
-Ober-Sekunda! Jetzt mußte eigentlich alles erst recht interessant
-werden. Der Ordinarius in Ober-Sekunda war bekannt als tüchtiger
-Lehrer. Ach, er durfte seinem Unterricht nicht lauschen; er mußte
-pflügen lernen, mußte stumpfsinnig die Furchen entlang gehen, immer hin
-und her ohne alle Abwechslung, ohne jedes bißchen Geist.
-
-Aber er hatte es ja doch so gewollt; er hatte um jeden Preis in der
-Heimat sein wollen.
-
-Und wieder dachte er nach, was für eine Bewandtnis es um die Heimat
-habe.
-
-»Na, nu kommst Du dran, Heinrich; nu nimm Dich aber zusammen!«
-
-Heinrich trat an den Pflug, und sein Gesicht war so rot, als ob ihm
-eine schwierige Examenaufgabe gestellt worden sei, von deren guter
-Lösung alles abhing. Krampfhaft fest faßte er die Holmen des Pfluges.
-
-»Los!« sagte er mit erregter Stimme.
-
-»Los versteht der Schimmel nich,« korrigierte Hannes; »jüh mußte sagen.«
-
-»Jüh!«
-
-Das Pferd zog an. Ein paar Schritte ging es. Heinrich taumelte hinter
-dem Pfluge hinüber und herüber wie ein Betrunkener; schließlich flog
-die Pflugschar aus der Erde heraus, der Pflug fiel um, und Heinrich
-sprang beiseite, um nicht geschlagen zu werden.
-
-Der Schimmel blieb verdutzt stehen und schaute sich mitleidig um.
-Hannes aber zuckte empört die Schultern.
-
-»Schweinisch, sag' ich, einfach schweinisch!«
-
-Das war seine Kritik, dann zog er den Pflug zurück, verbesserte die
-»verhunzte Furche«, fuhr bis auf die Mitte des Ackers und bot Heinrich
-abermals den Pflug an.
-
-Ach, der Erfolg war nicht besser als vorher. Hannes schimpfte, und über
-Heinrich kam tiefe Verzagtheit.
-
-»Es geht nicht, Hannes, es geht absolut nicht.«
-
-Hannes steckte sinnend die Hände in die Hosentaschen.
-
-»Heinrich, ich glaube, Du wirst a ganz miserabler Pauer werden.«
-
-Das fürchtete Heinrich auch, und die Frage, ob es nicht besser für ihn
-gewesen wäre, bei den Büchern zu bleiben, tauchte ihm schon an diesem
-ersten Tage seiner Bauerntätigkeit auf.
-
-Trotzdem nahm er mit großer Energie immer wieder das Geschäft des
-Pflügens auf, und einmal gelang es ihm, eine ganze Furche entlang zu
-fahren. Da rötete sich sein Gesicht vor Freude. Als er aber den Pflug
-umwenden wollte, um zurückzufahren, geschah ein Unglück. Er setzte sich
-das schwere Ackergerät heftig auf den Fuß. Laut auf schrie er, warf den
-Pflug hin und setzte sich an den Feldrand.
-
-Wieder wandte sich der Schimmel um und machte eine so undeutliche
-Miene, daß niemand wissen konnte, ob sie Mitleid oder Ironie bedeute.
-
-Hannes kam mit langen Schritten heran und besah sich den blutenden Fuß,
-von dem Heinrich indessen den Stiefel gezogen hatte. Zorn und Mitleid
-kämpften in ihm.
-
-»Das allerbeste is, Du gehst nach Hause. Das is ja lebensgefährlich für
-Dich!« --
-
-»Du -- dem Großbauern blutet der Fuß. A hat sich gewiß a Pflug drauf
-gesetzt. Na und die Furche, sieh mal, die hat a gemacht.«
-
-Darauf ein schallendes Gelächter.
-
-Drüben am Wege standen der Barbier und der junge Riedel.
-
-Heinrich wandte sich ab vor Scham. Hannes aber, der die beiden Männer
-auch nicht hatte kommen sehen, da das Ackerfeld hinter einem kleinen
-Erlengebüsch lag, knirschte vor Zorn.
-
-»So 'ne lausige Plamage! Nu haben die Kerle zugesehn!«
-
-Aber dann wandte er sich nach dem Wege hinüber:
-
-»Macht, daß Ihr fortkommt! Das hier geht Euch gar nischt an. Der
-Raschdorf Heinrich hat mehr Verstand in einer großen Zehe als Ihr in
-der ganzen Figur, die Mütze noch mitgerechnet.«
-
-»Nu, so ein Lausejunge!«
-
-Der Barbier und Riedel kamen übers Feld.
-
-Hannes ergriff die Peitsche.
-
-»Heinrich, Du nimmst a Barbier, ich nehm' a Riedel!«
-
-Heinrich sprang auf. Mit dem blutenden, nackten Fuße stand er auf dem
-schwarzen Boden. Aber er stand stolz und herrisch da.
-
-»Zurück! Das ist mein Grund und Boden! Ich verbiete Euch, daß Ihr ihn
-betretet.«
-
-Die beiden Störenfriede blieben stehen.
-
-»Das is Hausfriedensbruch!« schrie Hannes. »Dafür setzt's Kittchen!«[1]
-
- [1] Gefängnis.
-
-Sie stutzten. Sie glaubten das von »Hausfriedensbruch« und kehrten um
-mit der Drohung, der Hannes laufe ihnen schon noch in die Hände.
-
-Dann machten sie noch ein paar hämische Bemerkungen und gingen nach dem
-Dorfe.
-
-Dort entstanden dem landwirtschaftlichen Erstlingswerk des jungen
-Buchenbauern zwei üble Kritiker. --
-
-»Nu werd' ich den Schimmel einspannen und Dich nach Hause fahr'n.
-Laufen wirste wohl nich können.«
-
-So geschah es. Als Hannes wieder aufs Feld zurückkam und nun den Acker
-in prächtigen, geraden Furchen pflügte, dachte er jedesmal, wenn er
-voll Freude sein Werk betrachtete:
-
-»Bloß gut, daß ich nie aufs Gymnasium gegangen bin.«
-
- * * * * *
-
-Der junge Buchenbauer aber saß trostlos daheim in seiner Stube. Die
-Liese verband ihm den Fuß.
-
-Mit zärtlicher Sorgfalt wusch sie die Wunde, und als sie den heilsamen
-Arnikasaft darauf goß, sah sie ängstlich nach Heinrich, ob es ihm auch
-nicht zu große Schmerzen verursachte.
-
-Mit geschickten Fingern legte sie den Verband an.
-
-Heinrich betrachtete das zarte, hübsche Mädchen. Sie war jetzt siebzehn
-Jahre alt. Lichtblondes Haar fiel gescheitelt um die reine, weiße
-Stirn. Das Gesicht war etwas blaß.
-
-Heinrich dachte daran, wie zärtlich Mathias dieses Mädchen liebte, und
-er nahm sich vor, all sein Leben lang freundlich zur Liese zu sein.
-Das, meinte er, erfordere schon die Dankbarkeit gegen Mathias, seinen
-großen Wohltäter.
-
-Und dieser Gedanke, daß Mathias sich freuen würde, wenn er gut und lieb
-zur Liese wäre, faßte ihn stark zu dieser Stunde. Bisher hatte er kaum
-daran gedacht. Jetzt ward ihm die hohe Pflicht inne.
-
-Er strich dem knienden Mädchen sanft mit der Hand über den Scheitel.
-
-»Du bist so gut zu mir, Liese. Ich danke Dir!«
-
-Da sah sie ihn an mit strahlenden Augen, und ihre blassen Wangen
-färbten sich ein wenig rot.
-
-»Ich tue es gern,« sagte sie schlicht.
-
-In diesem Augenblick sah Mathias zum Gartenfenster herein. Einen
-Augenblick betrachtete er die beiden, dann trat er lautlos zurück.
-
-Im Garten lehnte er sich an einen Baum. Die ersten Knospen waren
-aufgesprungen und schauten ihn an wie eben aufgegangene Sterne. --
-
-Die folgenden Tage war Heinrich an die Stube gefesselt. Der Fuß war ihm
-stark geschwollen.
-
-Da bat er die Liese, sie möchte ihm einige von seinen Büchern bringen.
-
-Wie die Bücher vor ihm lagen, strahlten die Augen des jungen
-Buchenbauern. Es war, als ob er alte Freunde wiedersehe.
-
-Dann brachte der Postbote einen Brief. Er war von einem guten Freunde
-Heinrichs aus Breslau, einem Schulkameraden, der in der Klasse neben
-ihm gesessen und auch in derselben Pension mit ihm gewohnt hatte.
-
-Mit einem Jubelrufe empfing Heinrich das Schreiben und las mit
-leuchtenden Augen. Lauter interessante Neuigkeiten von Leuten, die er
-gut kannte. Und am Schluß kam die Schilderung des Lebens und Treibens
-in der neuen Klasse.
-
-Über diesen Brief bekam Heinrich das Heimweh, und zwar so bitter und
-stark, wie er es früher kaum gekannt hatte. Er schaute sich um. War
-er denn nicht zu Hause? War das nicht seine Stube? War das nicht die
-heimatliche Straße draußen? Wie konnte er Heimweh bekommen? Was war es
-doch um die Heimat?
-
-Der Jüngling wußte es nicht; er glaubte immer noch, die Heimat sei ein
-sichtbarer, bestimmter Raum.
-
-Als ein Weilchen später Mathias in die Stube trat, sagte Heinrich:
-»Mathias, ich hab' ein Anliegen. Ich hab' hier einen Brief von einem
-Freunde bekommen, der jetzt in Ober-Sekunda ist. Ich möchte mir gern
-die Bücher von der neuen Klasse schicken lassen. Es interessiert mich
-doch, was jetzt kommt, und dann, manchmal werd' ich ja doch Zeit haben,
-ein wenig zu lernen.«
-
-»Ja, Heinrich, das machst Du recht, wenn Du weiter lernen willst.«
-
-So kam es, daß der junge Buchenbauer ein Studierender blieb. An all
-den langen Abenden saß er bei den Büchern, auch an den Regentagen. Und
-sein reger Geist faßte das meiste richtig. Dabei versäumte er nicht,
-sich in den landwirtschaftlichen Arbeiten auszubilden; und es ging
-auch ganz gut, seit er den schweigsamen, geduldigen Schaffer zu seinem
-Lehrmeister gemacht hatte. Hannes hatte keine Unterrichtserfolge bei
-ihm erzielen können, weil er ein zu heißsporniger, bissiger Pädagoge
-war. Also ward ihm sein landwirtschaftliches Mentoramt auf Grund eines
-Familienbeschlusses entzogen, und er fügte sich in diese Absetzung mit
-Würde.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 10]
-
-
-Und wieder waren Jahre vergangen, fünf Jahre, in denen sich wenig
-geändert hatte. -- Dieselbe Heimat, dieselben Menschen! Nur die
-Kinder waren vollends herangewachsen. Der Buchenhof war völlig wieder
-ausgebaut und in tadellosem Zustande. Er war stattlicher und schöner
-als je. So war die Prophezeiung des Mathias wahr geworden: daß es nicht
-schwer sein würde, die Wirtschaft wieder emporzubringen.
-
-Auch die Ziegelei hatte sich gut bewährt. Das Lehmlager in dem
-Hügel hatte sich als viel ergiebiger und besser herausgestellt, als
-anfänglich erwartet worden war. Der Betrieb war geordnet, der Absatz
-ausgezeichnet. So brachte das Unternehmen Überschüsse, und etliche
-Leute rechneten aus, daß der Buchenbauer allein durch die Ziegelei ein
-steinreicher Mann werden müsse.
-
-Da wurde es möglich, nach und nach Schulden zu tilgen. Heinrich bestand
-darauf, daß Mathias Berger seine Zinsen und seinen Gewinnanteil von der
-Ziegelei einkassierte und für Liese anlegte. Er selber sparte für seine
-Schwester Lene.
-
-Also stand alles wohl. Geld ist am Ende von geschickten Leuten immer
-leicht zu verdienen.
-
-Dagegen waren die Buchenhofleute in der Sympathie ihrer Mitbürger
-kaum vorwärts gekommen. Die räumliche Heimat hatten sie gerettet, die
-andere, wirkliche, ideelle war ihnen noch versagt.
-
-Es ist sehr schwer, bei schlichten Landleuten alte Vorurteile
-auszurotten. Dazu kam, daß sich in all den Jahren im Dorfe nichts
-Aufregendes ereignet hatte. Die Buchenhofaffäre war aktuell geblieben.
-Das Unaufgeklärte, Ungewisse behielt den Reiz. Immer blieb die
-Hoffnung, es werde noch einmal Licht kommen in die dunklen Geschehnisse.
-
-Es soll nicht gesagt sein, daß die Schuld ganz auf der Seite der
-Dorfleute lag. Die Schlesier sind im allgemeinen gute, gemütliche
-Menschen, nicht hart, finster und abgeschlossen, wie sonst die
-Leute in der großen, nordischen Ebene vielfach sind, sondern leicht
-zugänglich, lustig und eher den fröhlichen Süddeutschen vergleichbar.
-Das Gebirgsvölklein namentlich ist von leichterem Schlage und hat viel
-Sonne in der Seele.
-
-So war's auch hier im Dorfe. Aber die Buchenhofleute hielten
-sich selbst abseits. Sie mochten nicht hingehen und um die
-Heimatsgemeinschaft werben, und eine freundliche Einladung wurde ihnen
-nicht zuteil.
-
-Mathias Berger wußte, daß noch jetzt in vielen Behausungen die
-alten Zeitungsnummern aufbewahrt wurden, in denen die Verhandlung
-des Brandprozesses geschildert war und seine zwangsweise Abbitte an
-Schräger stand. Er hatte endlich auch gehört, daß er wegen seines
-Geldes verdächtigt wurde. Da hatte er sich nicht enthalten können,
-an Schräger einen Brief zu schreiben, in dem er ihm »spät, aber doch«
-dafür dankte, daß er ihn ehemals habe fünf Mark gewinnen lassen, für
-die er ein Glückslos gekauft habe. Das Geld habe gerade dazu gereicht,
-den Buchenhof zu halten, der wohl sonst das Besitztum des Wirtes
-unnütz vergrößert hätte. Der Brief war an einer neuen Injurie gerade
-noch knapp vorbeigegangen. Schräger hatte gewettert und geflucht, und
-die Dorfleute hatten die Lotteriegeschichte nicht geglaubt, sondern
-desto eifriger nach einer recht abenteuerlichen Lösung der Bergerschen
-Vermögensfrage gesucht.
-
-Am wenigsten fand Heinrich den Weg, obwohl seine weiche Seele ihn
-suchte. Oftmals zwar redete er sich ein, er brauche die Gemeinschaft
-nicht, er habe ja Gesellschaft auf dem Hofe, lauter liebe Leute, die's
-treu zu ihm meinten. Aber er kam nicht um die alte Wahrheit herum,
-daß der Mensch nicht immer mit denselben Menschen verkehren kann. Die
-Schiffsleute, die lange auf demselben Fahrzeug eng zusammenlebten,
-gehen auseinander, wenn sie ans Land kommen. Sie haben einmal das
-Bedürfnis, die alltäglichen Gesichter auf eine Weile nicht zu sehen.
-Und es gibt viele Leute, die in Bureaus, Geschäften, Schulen friedlich
-und freundlich zusammenarbeiten und sich doch in ihren Freistunden
-nicht sehen und treffen mögen, sondern lieber Fremde aufsuchen oder
-allein sind.
-
-Die Buchenhofleute lebten zusammen wie auf einem großen, einsamen
-Schiff. Im Winter vergingen Wochen, ohne daß sie ein Wort mit jemand
-von auswärts wechselten. Und so kam es, daß ein Händler, wenn er sich
-in das Gehöft verirrte, wie ein lieber Gast festgehalten und nach
-allem möglichen befragt wurde.
-
-Am schwersten litt an solch trüben Wintertagen der Hannes. Es kam vor,
-daß er sich auf die Ofenbank legte und vor lauter Einsamkeit heulte.
-Dann schwor er hoch und teuer, wenn erst der Frühling käme, zöge er in
-die Fremde. Wenn die Lene das hörte, sagte sie, er solle nur geschwind
-machen, daß er fortkäme. Und das nahm er dann immer übel.
-
-Auch Mathias litt an der Einsamkeit. Manchmal, wenn er den alten Pluto
-streichelte, der immer noch das Gnadenbrot bekam, dachte er an seine
-Lumpenmannszeit, und da kam es ihm vor, als sei er damals ein junger,
-glückseliger Vagant gewesen, der frei und unverdrossen auf grünen
-Straßen fuhr, heute hier, morgen dort, immer wieder bei anderen Leuten,
-immer lustig und überall gern gesehen.
-
-Heinrich saß zu solchen Zeiten hinter seinen Büchern und studierte.
-Nur eine war glücklich und ganz zufrieden: das war die Liese. Diese
-einsamen Stunden waren ihre seligste Zeit. Dann saß sie mit ihrem
-Nähzeug still und freundlich da und hob nur manchmal die Augen, um nach
-Heinrich zu schauen.
-
-Aber drüben im Buchenkretscham wohnte noch ein einsameres Menschenkind,
-ein Kind, das gar keine Heimat hatte: das war Lotte Schräger.
-
-Sie hatte niemand. Der Vater war fast täglich betrunken, der Bruder ein
-Idiot. Und ihr verhältnismäßig hohes Maß von Bildung vermehrte nur das
-Unglück, erhöhte das Grauen, das ihre »Heimat« ihr einflößte.
-
-Von den Buchenhofleuten sah sie selten jemand. Sie wurde auch von ihnen
-gar nicht beachtet. Die stolze Lene Raschdorf hatte ihr sogar zweimal
-einen Gruß nicht erwidert. Aber die Lene blieb manchmal stehen und sah
-sie mit ihren kohlschwarzen Augen herausfordernd und feindselig an. Sie
-war ganz wie ihr Vater, der alte Raschdorf, vor dem sich die Lotte auch
-immer ein wenig gefürchtet hatte. Und sie trug neuerdings am Sonntag
-modische Kleider. Sie trug sie wie eine Dame, ohne Fehler. Aber Lotte
-wußte, daß sie es ihr nachmache.
-
-Den Heinrich Raschdorf sah Lotte sehr selten. Gesprochen hatte sie
-nicht mehr mit ihm nach jenem Tage, da sie ihm den Strauß geschenkt und
-den Koffer getragen hatte. Damals war sie ja ein dummes Kind gewesen,
-aber sie wurde jetzt noch rot, wenn sie an die alten Tage dachte.
-Daß er sie geküßt hatte, daß sie ihm zugeredet hatte, er möchte sie
-heiraten, daß er dann ihren Strauß auf die Straße geworfen hatte, daran
-dachte sie oft.
-
-Wenn er sie jetzt traf, zog er mit städtischer Höflichkeit den Hut, und
-sie neigte ebenso kalt-höflich den Kopf. Sie wußte kaum, wie er aussah;
-nur daß er einen Schnurrbart trug, hatte sie einmal gesehen.
-
- * * * * *
-
-So war es wieder einmal Frühling geworden. Draußen war ein wunderbarer,
-weicher Abend, aber der Kretscham war voll von Leuten. Die saßen alle
-in üblem Tabaksqualm und sehnten sich nicht nach der herrlichen Luft
-draußen, durch die die Nachtigallen sangen, durch die der Flieder
-duftete, durch die die Sterne leuchteten.
-
-Bauern haben gern schlechte Stubenluft, viel lieber noch als die
-Städter. Das ist merkwürdig genug, da doch die Luft im Freien, die sie
-meist atmen, die Bauern wählerisch und verwöhnt machen müßte. Es ist
-anzunehmen, der Tod habe das so eingerichtet, denn wenn die Bauern
-auch noch gesund wohnten und schliefen, so wie sie gesund arbeiten,
-würden wohl alle über hundert Jahre alt werden. Und das gäbe zu viele
-Auszügler. -- -- -- --
-
- * * * * *
-
-Es war Steuertag. »Gemeindegebot, Rente, Schulgeld,
-Schornsteinfegergeld und Nachtwächtergeld« wurden eingenommen. Da
-waren die meisten Hausväter persönlich erschienen, um ihre Steuer zu
-bezahlen. Kam aber irgendeine Frau, so neckten sich alle mit ihr, und
-Schräger mußte ihr einen Ingwer einschenken, den irgendeiner zum Besten
-gab. Das ist bäuerliche Ritterlichkeit.
-
-Vom Buchenhofe brachte stets eine Magd die Steuer. Sie allein bekam
-keinen Ingwer.
-
-An diesem Tage war im Buchenhofe große Aufregung gewesen, denn Hannes
-hatte plötzlich und ohne alle äußere Veranlassung erklärt, er werde
-selber gehen, um die Steuer abzuliefern. Er fügte noch die kühne
-Behauptung hinzu, daß er sich auch vor dem Teufel nicht fürchte, und
-daß er den Leuten beweisen wolle, daß der Buchenhof ebenso das heilige
-Recht habe, seine Steuer persönlich zu zahlen wie alle anderen. Zudem
-läge die Sache günstig, denn Mathias sei nicht zu Hause, der sonst
-dagegen reden würde.
-
-Was Hannes zu seinem kühnen Plane begeistert hatte, ist, wie gesagt,
-schwer zu bestimmen. Es war zum Teil Laune, zum Teil die Lust, endlich
-einmal etwas Neues zu erleben und der Einsamkeit entrissen zu werden.
-
-Wie nun aber immer bei der Entscheidung »prinzipieller Fragen« viel und
-klug geredet wird, so auch hier. Sogar der Schaffer beteiligte sich an
-der Debatte, scheinbar gegen Hannes, im Grunde aber doch wie immer für
-ihn. Heinrich war unschlüssig, und nur Lene widersprach aufs heftigste.
-Aber schließlich siegte Hannes. Er bekam das Steuerbuch ausgehändigt,
-und Lene zählte ihm aus der »Schwinge« den Steuerbetrag auf und noch
-eine Mark darüber, wie Hannes wünschte. Sie mußte ihm sogar das große
-Paradeportemonnaie des alten Raschdorf borgen, das dieser immer nur bei
-besonders feierlichen Anlässen gebraucht hatte.
-
-Also ausgerüstet schritt Hannes in seinem Sonntagsanzug über die
-Straße, stolz wie ein Held, der in den Kampf zieht, einer gegen alle.
-
-Die Buchenhofleute sahen ihm vom Fenster aus nach. Das Herz klopfte
-allen, am meisten dem besorgten Vater des Helden. Am besten sei es,
-meinte der Schaffer, er bewaffne sich mit einem tüchtigen Stecken und
-stelle sich hinters Hoftor, damit er gleich hinüber könne, wenn er etwa
-den Hannes schreien höre.
-
-Aber Hannes schrie nicht. Mit einem Ruck riß er drüben die Tür des
-Kretschams auf und trat hocherhobenen Hauptes in die Stube. Sein
-urplötzliches Erscheinen hatte wirklich den gewünschten Erfolg. Die
-Bauern waren über die Maßen verblüfft, und es entstand eine große
-Stille.
-
-Diese Wirkung gedachte Hannes noch zu steigern. Er schnitt also
-ein Gesicht, das hoheitsvoll sein sollte, in Wirklichkeit aber
-verunglückte, trat an den Gerichtstisch und grüßte mit nachlässiger
-Stimme:
-
-»Mahlzeit!«
-
-In dem städtischen Gruße »Mahlzeit«, meinte Hannes, liege die ganze
-Summe von Hoheit und Vornehmheit, über die ein Mensch verfügen könne,
-klar ausgedrückt.
-
-»Mahlzeit!« wiederholte er, da niemand antwortete. »Ich bringe
-persönlich die Steuer vom Buchenhofe, denn der Buchenhof hat das Recht
-dazu!«
-
-Das bestritt niemand. Es antwortete überhaupt keiner der Anwesenden.
-
-»Wieviel macht es?« fragte Hannes und zog das riesige
-Paradeportemonnaie des alten Raschdorf mit viel Umständlichkeit aus
-der Tasche. Er wußte zwar die Summe ganz genau, aber er hatte durch
-seine Frage Gelegenheit, das Portemonnaie herausfordernd in der Hand zu
-halten, während der Gerichtsschreiber die Summe ausrechnete.
-
-»Also so?« sagte er, als er den Steuerbetrag erfahren hatte, und fing
-an, das Geld langsam aufzuzählen, wobei er jedes Stück einzeln aus dem
-Portemonnaie nahm. Gegen Ende hin aber wurde er plötzlich unruhig,
-überflog den aufgezählten Betrag, guckte betroffen ins Portemonnaie,
-zählte nochmals, verfärbte sich ein wenig und fragte beklommen:
-
-»Wieviel macht es?«
-
-Der Gemeindeschreiber wiederholte den Betrag.
-
-O, ihr lieben Heiligen! Hannes hatte eine Mark zu wenig, statt einer
-Mark zu viel. Wie ein greller Blitz fuhr ihm die Erkenntnis durch den
-Kopf, die Lene habe einen Taler für ein Fünfmarkstück angesehen.
-
-»Es langt nicht!« flüsterte irgendwo eine Stimme unter den gespannt
-zuschauenden Bauern, und ein heimliches Kichern brach an. Hannes
-richtete sich wütend empor.
-
-»Was? Es langt nich? Bei wem langt's nich?«
-
-Und er wandte sich wieder an die Ortsbehörde.
-
-»Das Kleingeld langt allerdings nich,« sagte er und strich den
-aufgezählten Betrag wieder ein. »Können Sie auf einen Hundertmarkschein
-herausgeben?«
-
-»O ja,« sagte der Schulze, »das können wir schon. Wo ist der
-Hundertmarkschein?«
-
-Das hatte Hannes nicht erwartet. Er wurde fürchterlich verlegen. Als
-aber nun die Bauern und die Steuerbeamten in eine unbändige Heiterkeit
-ausbrachen, raffte er sich auf und schrie:
-
-»Hundertmarkschein? Wir haben massig Hundertmarkscheine! Aber ich muß
-meinen unterwegs verloren haben. Wer ihn find't, kann ihn behalten.
-Versteht Ihr? Kann ihn behalten! Und ich geh einen neuen holen.«
-
-Er gab sich Mühe, mit möglichster Würde wieder hinauszuschreiten, was
-die Bauern nicht hinderte, in ein dröhnendes Gelächter auszubrechen.
-
-Wütend schritt Hannes über die Straße, nicht, ohne sich ein paarmal
-umzusehen, als ob er etwas suche. Hinter dem Tor traf er seinen Vater,
-der einen dicken Knüppel in der Hand hatte.
-
-»Haben sie Dir etwas getan?« fragte der Schaffer.
-
-»Laß mich!« knurrte Hannes und stampfte nach der Stube. Dort wurde er
-mit erwartungsvollen Gesichtern empfangen.
-
-»Plamiert sind wir!« schrie der heimgekehrte Gesandte und sank auf
-einen Stuhl. »Bis auf die Knochen plamiert! Ich hab' 'ne Mark zu wenig
-gehabt; die Lene hat mir 'n Taler für 'n Fünfmarkstück gegeben.«
-
-Der Schaffer hieb mit seinem Knüppel auf den Tisch, daß die Stube
-dröhnte. Heinrich knurrte verdrießlich etwas von Albernheiten, und nur
-die Lene lachte.
-
-Da fuhr Hannes zornig auf:
-
-»Lene,« keuchte er, »hast Du das etwa gar absichtlich gemacht?«
-
-Das Mädchen schaute ihn blitzend an.
-
-»Meinste etwa, ich kann nich zählen? Meinste, ich kenne das Geld nich?«
-
-»Lene, das is frech; das is -- ich -- ich -- o, da habt Ihr den Quark;
-ich -- ich -- das is 'ne Gemeenheet -- das laß ich mir nich gefallen --
-zum Vierteljahr zieh ich fort -- werden schon sehen --«
-
-»Werden schon sehen!« stimmte der Schaffer bei und stampfte hinter
-Hannes aus der Stube.
-
-Auf dem Boden lag das Paradeportemonnaie des alten Raschdorf.
-
-Die beiden Geschwister waren allein. Auch Heinrich war aufgebracht.
-
-»Warum machst Du das, Lene? Warum blamierst Du ihn und uns?«
-
-Das Mädchen sah ihn zornig an.
-
-»Von uns hat niemand was bei den Leuten dort drüben zu suchen. Wenn's
-keiner versteht, ich versteh's! So ein Esel -- es ist ihm recht!«
-
-Sie schob das Portemonnaie mit dem Fuße beiseite und ging hinaus.
-
-Der junge Buchenbauer sah ihr nach. Zum erstenmal fiel ihm auf, wie
-wenig er im Grunde genommen auf seinem Hofe zu sagen habe. Er war
-nicht der Herr. Kein Mensch kümmerte sich um seine Meinung, höchstens
-Mathias. Sie waren alle Herren: Hannes, der Schaffer, am meisten Lene.
-Er hatte immer geschwiegen in dem Gefühl, daß die anderen es ja besser
-verstünden, und daß er ihnen doch zur Dankbarkeit verpflichtet sei.
-
-Aber jetzt regte sich in seiner weichen Seele der Trotz. Er hob das
-Portemonnaie seines Vaters auf und schüttelte den Inhalt in seinen
-eigenen Geldbeutel.
-
-Nun würde er selber zur Steuer gehen! Jawohl!
-
-Die Berger-Liese kam herein.
-
-»Heinrich, es muß jemand zur Steuer; es is die höchste Zeit. Ich werd
-geh'n. Mir werden sie ja nischt tun.«
-
-»Nein, Liese, Du gehst nicht! Du am allerwenigsten! Aber Du bist ein
-vernünftiges Mädel!«
-
-Er reichte ihr die Hand. Liese errötete, denn Heinrich sprach selten
-mit ihr.
-
-»Wer soll denn aber gehn? Hannes mag nicht; ich hab' ihm schon
-zugeredet, aber er will nicht, und der Schaffer ist furchtbar böse.«
-
-»Ich gehe selber!«
-
-In diesem Augenblick kam Lene wieder in die Stube.
-
-»Ich gehe selber zur Steuer!« wiederholte Heinrich.
-
-Da wurde das Mädel blaß.
-
-»Du gehst nicht!« sagte sie bestimmt und heftig.
-
-»Jawohl, ich gehe! Ich gehe bald!«
-
-»Du gehst nicht, sage ich!«
-
-Er sah sie an.
-
-»Lene, der Herr bin ich! Merk' Dir das!«
-
-Sie ging auf ihn zu und faßte ihn ins Auge.
-
-»Heinrich, wenn Du zur Steuer gehst, lauf' ich fort!«
-
-»Dann laufe fort!« sagte er gleichgültig.
-
-Und er ging aus der Stube mit festem Schritt.
-
-Dennoch zitterte ihm die Hand, als er die Türklinke zum Buchenkretscham
-berührte. Seit seiner Kindheit Tagen war er in diesem Raume, der doch
-bloß auf der anderen Seite der Straße lag, nicht gewesen.
-
-Die Tür ging auf.
-
-Einige Sekunden sah Heinrich nichts als Rauch.
-
-»Guten Abend!«
-
-Niemand antwortete. Alle sahen verblüfft auf den jungen Herrn vom
-Buchenhof, und Schräger, der schon wieder betrunken war, torkelte gegen
-das Schanksims und stierte den Eintretenden an, der einige Sekunden an
-der Tür stehen blieb.
-
-Da sprach endlich einer: »Der Hundertmarkschein kommt!«
-
-Das war der Bader. Aber nur der junge Riedel lachte; die anderen
-schwiegen.
-
-Heinrich ging durch die Stube zum Gemeindetisch.
-
-»Ich bringe die Steuer,« sagte er leise und zählte den Betrag auf.
-
-Der Gemeindeschreiber quittierte.
-
-»Sechs Dreier und einen Hund!« sang in einer Ecke der Idiot. Es lachten
-zwei. Aber Heinrich beachtete es nicht.
-
-»Guten Abend!« sagte er, nahm das Steuerbuch und wandte sich zum Gehen.
-
-Da trat ihm einer entgegen. Es war der alte, grauhaarige Hirsel-Bauer.
-Er streckte ihm die Hand hin.
-
-»Herr Raschdorf,« sagte er freundlich, »mögen Sie einen Schnaps mit mir
-trinken?«
-
-Heinrich war ganz erschrocken. Unschlüssig blickte er nach links und
-rechts auf die vielen Leute und sagte dann stockend: »Nein, ich -- ich
-muß Ihnen danken, Herr Hirsel! Gute Nacht!«
-
-Und er drückte ihm flüchtig die Hand und ging schnell hinaus.
-
-Kopfschüttelnd setzte sich der alte, freundliche Mann. Der Bader aber
-sprang auf den Stuhl.
-
-»Habt Ihr's gesehen? Das hat nu der Hirsel davon! Der Raschdorf und
-ein'n Schnaps mit jemand trinken! Da müßt' a keen Raschdorf sein! Das
-is un bleibt 'ne hochnäsige Bande!«
-
-Und nun hatte der Bader wieder alle für sich. --
-
-Draußen vor der Haustür traf Heinrich Lotte Schräger.
-
-Er blieb betroffen stehen.
-
-Auch sie sagte kein Wort.
-
-Aber dann sahen sie sich scheu an wie zwei Menschen, die sich gekannt
-haben vor langer Zeit und sich wiedertreffen und nun nicht wissen, ob
-sie Freunde sind oder Feinde.
-
-»Guten Abend!« sagte Heinrich und zog den Hut. Damit wollte er gehen.
-Aber er besann sich.
-
-»Fräulein Lotte,« sagte er leise und hastig, »ich -- ich hab' Ihnen
-immer noch was zu sagen.«
-
-Er brach ab. Er wartete wohl auf ein Wort von ihr, aber sie sagte
-nichts. Da begann er wieder:
-
-»Sie sind einmal sehr freundlich zu mir gewesen -- Sie wissen wohl --
-damals, als wir noch Kinder waren -- es ist ja jetzt an die acht Jahre
-her -- aber ich wollte Ihnen bloß sagen, den Strauß hab' ich nicht auf
-die Straße geworfen -- ich nicht! Sie sind mir gewiß recht böse gewesen
-die lange Zeit.«
-
-Sie sah ihn errötend an, schüttelte den Kopf und ging rasch ins Haus.
-
-Langsam schritt Heinrich über die Straße. Beim Hoftor blieb er stehen
-und holte tief Atem. Nach dem Buchenkretscham schaute er, hinter dessen
-erhellten Fenstern ein wüster Lärm war. Es war ihm doch sehr wohl.
-
-Daß er ihr das hatte sagen können, das machte ihn froh. Es hatte ihn
-bedrückt all die Jahre.
-
-Sie war ein herrlich schönes Mädchen geworden. Das hatte er erst heute
-so recht gesehen. So reif und so schön!
-
-Warum klopfte ihm das Herz so laut?
-
-Er sah immer hinüber nach der Stelle, wo er mit ihr gestanden hatte.
-Sie hatte kein Wort gesagt, sie hatte ihn nur angesehen.
-
-In einer Giebelstube des Buchenkretschams wurde es hell. Heinrich
-schaute hinauf.
-
-Jetzt kam eine Gestalt ans Fenster.
-
-Das war Lotte!
-
-Sie lehnte sich an die Scheiben und schaute hinüber nach dem Buchenhofe.
-
-O, wie ihm das Herz schlug! Er betrachtete ihr dunkles Schattenbild und
-vermochte sich nicht zu rühren.
-
-Da sah sie ihn unten im Mondlicht stehen.
-
-Erschreckt legte sie eine Hand auf die Stirn. Bald darauf ging sie vom
-Fenster hinweg, und das Licht erlosch.
-
-Eine Minute lang stand Heinrich noch still, dann ging er.
-
-Im Hausflur auf der Treppe saß seine Schwester Lene. Sie hatte den Kopf
-auf beide Hände gestützt. Neben ihr stand Mathias, der in der Stadt
-gewesen und eben heimgekommen war.
-
-»Du warst im Kretscham, Heinrich?«
-
-»Ja, ich habe die Steuer hinübergetragen!«
-
-Mathias sah ihn milde an.
-
-»Es ist schon recht, Heinrich, Du kannst ja tun, was Du willst.«
-
-»Aber ich -- ich lauf' fort!« rief Lene.
-
-Sie sprang auf.
-
-»Geh in die Stube, Heinrich! Die Lene laß mir! Fortlaufen darf sie ja
-nich. Sie gehört ja ebensogut hierher wie Du!«
-
-Heinrich ging nach der Stube. Liese Berger brachte ihm das Abendessen.
-Freundlich sah sie ihn an.
-
-»Ist es gut gegangen?« fragte sie.
-
-»Ja, Liese, ganz gut.«
-
-Das blasse Mädchen nickte freudig.
-
-»Und die Lene wird schon dableiben, wir reden ihr ja alle gut zu.«
-
-Sie bediente ihn mit ihrer großen Freundlichkeit und ihrem stillen
-Eifer. Sie reichte ihm alles zu und fragte, ob es ihm auch schmecke.
-
-Er mußte sich zwingen zum Essen. Und er wünschte fast, die freundliche
-Liese sei nicht bei ihm. Ihre Freundlichkeit tat ihm heute weh!
-
-Sie sah ihn besorgt an.
-
-»Du mußt Dich nicht so ärgern, Heinrich. Es wird ja alles wieder gut.
-Du mußt essen, Heinrich!«
-
-Bald darauf ging er nach seinem Zimmer. Er mußte allein sein. Um alles
-in der Welt wollte er jetzt mit niemand sprechen, auch mit der Lene
-nicht. Er dachte kaum an sie.
-
-Er wollte nachdenken, aber er vermochte nicht auf seinem Stuhle
-stillzusitzen. Angekleidet warf er sich aufs Bett und blinzelte in das
-Lampenlicht.
-
-Ja, es war so. Er war froh, daß er in den Kretscham gegangen war. Er
-war froh, auch wenn es allen anderen nicht paßte.
-
-Er war mutig gewesen. Und dieses schöne Bewußtsein trieb ihm, wie allen
-weichherzigen Leuten, die es nicht gewöhnt sind, das Blut in den Kopf.
-Wie ein Rausch war's. Denn das ist ja wahr, daß Mut trunken macht,
-einen früher, einen später, je nachdem, wieviel er verträgt.
-
-Sie hatten geschwiegen; nur zwei hatten über ihn gelacht, die zwei
-kläglichsten. Die anderen nicht. Und einer hatte ihn sogar zu einem
-Trunke eingeladen. Der gute alte Mann! Es war schade, daß er es
-ausschlagen mußte, aber sich da hinsetzen, unter diese Leute, das wär'
-ja unmöglich gewesen.
-
-Ob's der Hirsel übel genommen hatte? Vielleicht! Wahrscheinlich sogar!
-
-Heinrich sprang auf, setzte sich an den Tisch und schrieb an Hirsel
-einen langen Entschuldigungsbrief.
-
-Ein Gefühl der Liebe für den alten Mann flutete durch das Herz des
-Jünglings. Wenn er jetzt einmal ins Dorf hinabsah, wußte er doch, daß
-dort unten jemand war, der's gut mit ihm meinte.
-
-Ach, er war so glücklich, daß er ein ganz kleines Stückchen Heimat
-gewonnen hatte.
-
-Als die Mitternacht vorbei war, hatte der junge Buchenbauer noch immer
-keinen Schlaf gefunden. Er mußte jetzt doch an seine Leute denken.
-Zum ersten Male hatte er sich in Widerspruch zu ihnen gestellt, zum
-ersten Male war er aufgeregt und glücklich, während sie gewiß alle mit
-bedrückten Herzen zur Ruhe gegangen waren.
-
-Eine leise Reue kam, oder doch der Wunsch, sie recht bald alle wieder
-zu versöhnen, auch die Lene.
-
-Freilich hatten sie ja nichts verloren.
-
-Nichts?
-
-Die Lotte fiel ihm ein.
-
-Was sie wohl sagen würden, wenn sie wüßten, daß er mit Lotte Schräger
-gesprochen hatte? Eigentlich mußte er es ihnen erzählen. Das wäre
-aufrichtig.
-
-Aber er schämte sich und beschloß, die Begegnung für sich zu behalten.
-
-Was war auch geschehen? Entschuldigt hatte er sich wegen einer
-Ungezogenheit, wahrlich spät genug entschuldigt. Sonst nichts.
-
-Und nun war er quitt mit Lotte Schräger.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 11]
-
-
-So ist ein neuer Kampf in Heinrich Raschdorfs junges Leben getreten.
-Und im alten Kampf um die Heimat rückten die Bundesgenossen einen
-Schritt von ihm ab. Seine Schwester Lene weit! Sie sprach nicht mehr
-mit Heinrich; sie ging immer mit finsterem, verschlossenem Gesichte
-herum. Es kränkte ihren Stolz, daß sie gedroht und dann die Drohung
-nicht ausgeführt hatte.
-
-Sie war schwach gewesen und unterlegen.
-
-Und es war nicht bloß der beleidigte Trotz, daß ihr Wille nicht
-durchgegangen war; es lebte in diesem Mädchen auch das feine Empfinden,
-daß in die starke Position der Buchenhofleute eine Bresche geschlagen
-worden sei durch eigene Schuld.
-
-Das wußte auch Mathias.
-
-Einmal war er selbst es gewesen, der den Frieden gepredigt hatte,
-damals, als die tote Frau noch auf der Bahre lag, als er die Kinder
-übernahm und einen Weg für sie nach der Heimat suchte. Da erkannte sein
-kluger Sinn allein im Frieden mit den Leuten das Heil.
-
-Wie eine stolze, halbzerstörte Festung kam ihm der Buchenhof damals
-vor, ein gar schwacher Platz, der nicht zu halten war, wenn ihn die
-Gegner unten im Tal mit zäher Feindseligkeit belagerten und ihn
-qualvoll aushungerten an Liebe und Freude.
-
-Ein Tag mußte kommen, an dem sich die Burgleute ergaben auf Gnade und
-Ungnade, um in die Verbannung zu ziehen.
-
-Deshalb wollte sich Mathias vergleichen. Aber als er einen Weg hinüber
-suchte, mit der weißen Fahne in der Hand, wurde er heimtückisch
-angefallen, er und Heinrich, und auch nach der lieben Toten warfen sie
-ihre schmutzigen Geschosse.
-
-Da wußte Mathias nichts mehr von Frieden, da kam der Groll, der Trotz,
-und er baute den Buchenhof neu, stark, unantastbar, wie er meinte.
-
-So war es gut gegangen all die Jahre. Gut?
-
-Hatten sie nicht alle quälenden Hunger gelitten nach Liebe, nach
-Freundlichkeit, nach menschlicher Gemeinschaft?
-
-Eine Festung ist keine Heimat. Heimat braucht offene Tore, breite,
-freie Straßen, an denen keine Fangeisen liegen und an denen keine
-Warnungstafeln stehen, sondern freundliche Wegweiser.
-
-Jetzt also ging der junge Herr ins feindliche Lager. Er ging nicht,
-Verrat zu üben, er ging nur, Vertrauen zu zeigen und nach und nach
-Vertrauen zu gewinnen.
-
-War er nicht zu loben?
-
-Aber eine quälende Unruhe war in Mathias, der junge Herr vom Buchenhofe
-werde da drüben verunglücken.
-
-Der Unfriede war auf den Buchenhof gekommen aus winzigem Anlaß. Auch
-der Schaffer war finster und sprach kein Wort. Er zürnte schwer mit
-Lene, und es war anzunehmen, daß er den schlimmen Streich, den sie
-seinem Sohne gespielt, nie mehr im Leben vergessen würde.
-
-Hannes betrug sich ganz ungebärdig. Zunächst beschloß er, einen Tag
-»blau« zu machen. Ferner nahm er sich vor, am anderen Tage in den
-Buchenkretscham zu gehen und ein Säuferleben anzufangen, der Lene
-zum Trotz. Da er sich aber schließlich schämte, das Lokal wieder zu
-betreten, in dem er eine so wenig rühmliche Rolle gespielt hatte, ging
-er nach dem Nachbarort, trank in einem Gasthause drei Glas Bier und kam
-auch wirklich schwer betrunken nach Hause.
-
-In der Nacht war er sehr krank, und sein stämmiger Vater betrachtete
-mit besorgten Blicken den Sohn, von dem er annahm, daß er nun dicht am
-Abgrunde des körperlichen und seelischen Verderbens stehe.
-
-Am anderen Morgen glaubte Hannes selbst, seine allmähliche Auflösung
-sei nahe. Die Krankheit in ihren wilden Erscheinungen war zwar vorüber,
-dafür hatte sich aber ein Zustand eingestellt, der ihn befürchten ließ,
-daß seine Kräfte sich langsam vollends abschwächen würden.
-
-Um so freudiger überrascht war er, als er gegen Mittag Hunger bekam und
-sich nach der Mahlzeit wieder recht leidlich fühlte. Also beschloß er,
-sich langsam wieder ans Leben zu gewöhnen und auch das Arbeiten wieder
-aufzunehmen.
-
-Eine Woche lang schmollte er mit Lene, dann hielt er es nicht länger
-aus und sagte zu dem Mädchen: »Lene, das is auf die Dauer zu tumm.
-Reden wir lieber wieder!«
-
-Die Lene lachte und sprach auch wieder mit dem Hannes, aber sie dachte
-bei sich selbst: »Er ist kein rechter Mann. Das durfte er sich nicht
-gefallen lassen. Er hätte mich müssen laufen lassen; so ist er ein
-Trottel.«
-
-Und der gute Hannes pfiff derweil vergnügt und hatte gar keine Ahnung,
-daß er ein Trottel war. Er kannte das Leben nicht, er kannte das
-Bier nicht, er kannte das Weib nicht. Er war ein harmloser, lustiger
-Bursche, dem es sicher noch einmal sehr schlecht gehen mußte, ehe er
-dieses gutmütige, dumme Pfeifen sein lassen würde.
-
- * * * * *
-
-Es war an einem sommerheißen Maitag, kaum eine Woche später. Heinrich
-war nach der Stadt gefahren, um etliches zu besorgen. Nun war er auf
-dem Heimwege. Ganz allein saß er auf der kleinen Droschke und ließ das
-Pferd gemächlich seines Weges ziehen. Dabei konnte er ungestört seinen
-Gedanken nachhängen.
-
-Daran dachte er, daß der junge Riedel sich um die Lotte bewarb. Und
-obwohl sich der Buchenbauer alle zwei Minuten sagte, daß ihn die Sache
-nichts angehe, gab er sich doch immer wieder Mühe, mit hundert Gründen
-und Einwendungen das Unsinnige einer solchen Verbindung zu beweisen.
-Und er redete sich selber in großen Zorn.
-
-So kam es, daß er heftig erschrak, als er plötzlich die Lotte kaum
-dreihundert Schritte weit vor sich auf der Straße gehen sah. Sie war
-offenbar auch in der Stadt gewesen. In der Hand trug sie ein kleines
-Paket.
-
-Dem Buchenbauer wackelten die Zügel in der Hand, und er wußte nicht, ob
-dieses Zusammentreffen ein Glück oder ein großes Unglück sei.
-
-Was sollte er tun? Was sollte er nur tun?
-
-Sie auffordern, mitzufahren, sie und er ganz allein -- sie, die
-Schräger Lotte, und er, ein Raschdorf? Seine Leute, was würden die
-sagen? Das kam doch heraus, das ging doch nicht zu verheimlichen. Der
-Mathias, die Lene -- alle -- was würden sie sagen?
-
-Heinrich zupfte an der Leine, und das Pferd schlich langsam im
-Tritt. Es war ein bequemes Rößlein, das seinerseits sich gegen ein
-vorsichtiges, abwartendes Tempo nicht sträubte.
-
-Aber trotzdem -- in wenigen Minuten mußte er sie eingeholt haben! Was
-dann? Sollte er an ihr vorüberfahren? Sie laufen lassen in diesem
-Staub und in dieser Hitze? Sie, die ihm einstmals den schweren Koffer
-getragen hatte? Und ganz abgesehen davon -- vorüberfahren, unhöflich
-sein, grob -- das ging nicht, das ging nicht!
-
-Kurz entschlossen rückte sich Heinrich stramm auf und hieb auf das
-Pferd ein. Und in kaum zwei Minuten war er an Lottes Seite.
-
-»Guten Tag, Fräulein! Darf ich Sie auffordern, mit mir zu fahren?«
-
-Sie schaute zu ihm auf. Ihr Gesicht glühte von der Anstrengung des
-Laufens, und sie zitterte ein wenig, als sie sagte:
-
-»Ich -- ich danke, Herr Raschdorf -- ich werde jetzt gleich den Feldweg
-gehen. Es ist ja nur eine halbe Stunde nach Hause. Ich danke!«
-
-»So schlagen Sie mir's ab?«
-
-»Ich -- ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten, Herr
-Raschdorf!«
-
-»Ungelegenheiten? Wieso?«
-
-»Ja! Sie wissen ja -- es ist um die Ihrigen -- es war mir so furchtbar
-peinlich, als ich sah, daß Sie hinter mir --«
-
-Da sprang er auf die Straße.
-
-»Lotte, Sie müssen mit mir fahren, jawohl, Sie müssen! Sie kränken
-mich, wenn Sie mir's abschlagen. Wir haben doch nichts gegeneinander --
-nichts -- nichts -- rein gar nichts!«
-
-Sie schaute ihn mit ihren großen, dunkelgrauen Augen eine Sekunde an.
-
-»Nein, wir haben wohl nichts, aber es ist besser, ich danke, Herr
-Raschdorf, ich bin ja in einer halben Stunde zu Hause.«
-
-»Lotte!«
-
-Er ergriff sie an der Hand.
-
-»Lotte -- Fräulein Lotte, wissen Sie noch -- damals vor acht Jahren,
-als ich heimkam, auf diesem selben Wege, als wir den Koffer miteinander
-trugen, wissen Sie noch?«
-
-»Ja, aber da waren wir Kinder -- jetzt -- es ist schon besser, wenn ich
-zu Fuß gehe.«
-
-Er ließ ihre Hand los. Tonlos sagte er:
-
-»Ja, vielleicht ist's besser; vielleicht wär's eine Schande für Sie,
-wenn Sie mit mir führen.«
-
-»Heinrich Raschdorf!«
-
-»Was sehen Sie mich so an? Es ist doch so! Von dem Raschdorf Heinrich
-mag kein Mensch im Dorfe was, keine Gefälligkeit, keinen kleinen
-Dienst, keine Freundlichkeit; der ist ja ausgestoßen.«
-
-»Herr Raschdorf! Sagen Sie nicht so was! Ich fahre mit!«
-
-»Lotte, das will ich Ihnen danken!«
-
-Er half ihr auf den Wagen und stieg nach. Zitternd ergriff er die Zügel
-wieder. Es war nur ein Sitz da. So saßen Sie dicht nebeneinander.
-Minutenlang fuhren sie die Straße entlang, ohne daß eines ein Wort
-gefunden hätte. Und die Maisonne lachte, und das Rößlein ging so wonnig
-sachte.
-
-So war dem jungen Buchenbauer noch niemals im Leben zu mute gewesen.
-Das Herz war ihm übervoll, und doch fand er kein armseliges Wörtlein.
-Endlich raffte er sich auf:
-
-»Sie müssen mir noch sagen, Fräulein Lotte, ob Sie mir wegen des
-Straußes böse gewesen sind!«
-
-»Ach, ich habe mich damals wohl sehr geärgert. Aber ich weiß ja jetzt,
-daß Sie ihn nicht weggeworfen haben!«
-
-»Nein, wirklich nicht, ich wollte, ich besäße ihn noch jetzt.«
-
-»Den armseligen Kinderstrauß?«
-
-»Ja, denn damals war doch noch eine bessere Zeit. Da war ich noch nicht
-gar so einsam.«
-
-»Fühlen Sie sich einsam?« fragte sie leise.
-
-»O, Lotte, Sie wissen gar nicht, Sie können gar nicht glauben, was das
-heißt: so leben wie ich.«
-
-»Sie haben eine Schwester und gute Freunde.«
-
-»Ja, das weiß ich, das schätze ich auch, aber das langt nicht, das
-langt nicht auf so viele lange Jahre. Ein bißchen Vertrauen, ein
-bißchen Freundlichkeit von den Leuten, sehen Sie, das fehlt mir.«
-
-Sie schwieg.
-
-Er sah sie schmerzlich an. Dann sprach er leidenschaftlich:
-
-»Und doch schwör' ich Ihnen, Lotte: Ich war unschuldig an dem Unglück,
-und mein toter Vater auch!«
-
-Sie war tief erschüttert. Leise sprach sie:
-
-»Das weiß ich, das hab' ich auch immer geglaubt.«
-
-»Lotte, das ist gut von Ihnen!«
-
-Er preßte ihre Hand. Ein Weilchen hielt er sie so fest, dann erschrak
-er und gab sie frei.
-
-Einige Minuten fuhren sie wieder schweigend dahin, dann sagte Lotte
-leise:
-
-»Und wie denken Sie, daß mir's geht?«
-
-Er suchte nach einer Antwort. Der trunksüchtige Vater fiel ihm ein, der
-idiotische Bruder, und ihre ganze trostlose Verlassenheit kam ihm zum
-Bewußtsein.
-
-»Ja, ich weiß wohl, ich ahne es, es tut mir leid, Lotte, aber die Leute
-im Dorfe, die achten und ehren Sie doch.«
-
-»Die Leute im Dorfe! Wenn ich eine rechte Heimat hätte, brauchte ich
-keine Leute aus dem Dorfe. Ich will sie nicht.«
-
-Der Widerspruch zwischen ihr und ihm selbst fiel ihm auf.
-
-»Lotte, ich glaube, wir sind beide nicht glücklich. Wir haben beide ein
-Haus, in dem wir wohnen, und haben doch beide keine Heimat.«
-
-Sie sah zu ihm auf. Ähnliche Gedanken hatte sie schon oft gehabt; nur
-diese klare Form hatte sie ihnen nicht geben können.
-
-»Ja,« sagte sie, »Sie haben recht!«
-
-Dann sprachen sie von der Kinderzeit, von jenen goldenen Tagen, als sie
-noch glücklich waren, als sie beide noch eine Heimat hatten.
-
-Darüber vergaßen sie ihren Kummer, und manchmal schauten sie
-sich heimlich und schnell in die Augen -- so, wie man ein altes,
-heimgekehrtes Glück herzklopfend betrachtet. Und sie waren beide rot
-im Gesicht, und tief in den Augen strahlte es wie eine ganz leise
-Erlösungshoffnung.
-
-Die Straße führte durch den Wald. Da schwiegen sie wieder.
-
-Über den Schattenweg huschten einzelne goldene Lichter, und fern sang
-ein Brünnlein durch die Mittagsstille.
-
-Ganz langsam fuhr das Gefährt die weiche Straße entlang, und die beiden
-jungen Menschenkinder schauten hinab nach dem blühenden Wegrande. Dort,
-wo die Maiglöckchen blühten, hielt er an, sprang hinab, pflückte drei
-Stengel und reichte sie ihr.
-
-»Wir haben keine Feindschaft, Lotte!« sagte er bewegt.
-
-»Nein -- nein, Heinrich!«
-
-Und dann wieder weiter, den grünen Frühlingswald entlang, der still in
-blühender Freundlichkeit die beiden anschaute aus märchentiefen Augen.
-Zwei bunte, seltsame Schmetterlinge gaukelten vor ihnen her; denen
-schauten sie nach mit träumenden Augen, und ihre Hände lagen dicht
-beieinander und berührten sich leise.
-
-Da war ihnen wohl. Sie waren zu Hause. Auf diesem kleinen Wagen war die
-Heimat.
-
-Als sie aber hinaus ins Lichte kamen und die Buchenhöfe sahen,
-fröstelten sie vor dem grellen, heißen Sonnenlicht. Da wußten sie, daß
-sie dort beide wieder in der Fremde sein würden.
-
-Er faßte wieder ihre Hand.
-
-»Lotte, wenn wir uns manchmal -- nur manchmal sprechen könnten, das
-wär' ein Glück!«
-
-»Es ist ja nicht möglich!«
-
-»Es muß möglich sein, Lotte! Wir wollen Freunde sein!«
-
- * * * * *
-
-»Hallo! Hallo! Hallo!«
-
-Der Idiot sprang aus dem Walde. Er hatte eine riesige Tüte in der Hand,
-ganz gefüllt mit Maikäfern.
-
-Die beiden erschraken, und auch der Idiot blieb erstaunt stehen. Er
-sperrte den Mund auf.
-
-»Und -- und -- und einen Hund,« grunzte er überrascht, das einzige, was
-ihm immer einfiel, wenn er jemanden vom Buchenhofe sah.
-
-»Mein Bruder! O Gott, mein Bruder!«
-
-Auch Heinrich war peinlich überrascht.
-
-»Die Lotte und der -- und der -- und einen Hund, einen großen Hund!«
-krähte der Idiot.
-
-»Lassen Sie mich absteigen, Herr Raschdorf -- ich muß mit ihm reden.«
-
-Heinrich Raschdorf hielt an. »Bleiben Sie, Lotte! -- Gustav, Gustav,
-komm einmal her!«
-
-»Schön tumm! Du schmeißt mich ins Feuer. Du sperrst mich ein. Und einen
-gro--o--ßen Hund!«
-
-»Ich will hinab, Herr Raschdorf -- ich muß zu ihm, adieu -- Sie wissen
-nicht --«
-
-»Wann sehen wir uns, Lotte?«
-
-»Ich weiß nicht! Lassen Sie meine Hand los, ich will absteigen.«
-
-Der Idiot war inzwischen tückisch herangeschlichen und schleuderte
-urplötzlich dem Pferde die Tüte mit den Maikäfern an den Kopf. Das
-Pferd fuhr auf, rückte an und raste davon, während Lotte, die im
-Absteigen begriffen war, mit einem Aufschrei auf die Straße stürzte.
-
-Mit verzweifelter Kraft brachte Heinrich das zitternde Tier zum Stehen
-und lief den Weg zurück.
-
-Da lag Lotte Schräger auf der Straße. Das Hinterrad war ihr über den
-linken Fuß gegangen.
-
-»Lotte, um Gottes willen, was ist geschehen?«
-
-»Mein Fuß -- mein Fuß -- überfahren -- ach, mir wird schwindelig --«
-
-»Lotte, geliebte Lotte!«
-
-Er tastete nach ihrem Fuße; aus dem niederen Schuh quoll das Blut. Da
-raffte er das Mädchen auf und trug es nach dem Wagen.
-
-Der Idiot stand mit entsetztem Gesichte da und schrie:
-
-»Es blutet! Es blutet!«
-
-Und er verkroch sich im Walde.
-
-Vorsichtig hob Heinrich die Verwundete auf den Wagen. Ein Frösteln ging
-durch seine Seele.
-
-An derselben Stelle hatte vor Jahren Mathias Berger seinen sterbenden
-Vater auf seinen kleinen Schlitten geladen. Und nun ging es wie damals
-behutsam die Anhöhe hinab den Buchenhöfen zu.
-
-»Heinrich!«
-
-Sie klammerte sich fest an ihn.
-
-»Lotte, Lotte! Geliebte Lotte!«
-
-Sie war ohnmächtig.
-
-Er bettete sie an seine Brust und schlang den rechten Arm um sie. Mit
-der linken Hand hielt er die Zügel.
-
-So bleich und so schön war sie, und sie atmete schwer, aber doch nicht
-schwerer als der junge Buchenbauer. Er betrachtete immer ihr süßes,
-bleiches Gesicht. Und einmal bückte er sich hastig scheu über sie und
-küßte sie auf den Mund. Ein Seligkeitsschauer glühte ihm durch den
-Körper. --
-
-Als sie in die Nähe des Buchenhofes kamen, gingen zwei durch den Garten
--- Mathias und Liese.
-
-Sie hielten Ausschau. Und nun gewahrten sie ihn. Die Hände legten sie
-über die Augen, um besser sehen zu können. So standen sie regungslos
-wie Bildsäulen.
-
-Aber plötzlich kam Leben in die beiden Leute. Sie sprachen erregt
-miteinander, zeigten nach ihm, und auf einmal wandte sich die Liese um
-und lief ins Haus.
-
-Mathias Berger aber ging langsam nach dem nächsten Baume und lehnte
-sich an.
-
-Heinrich hatte das alles wohl gesehen, aber es war ihm so, als ob es
-ihn nichts anginge. Er nickte nur grüßend und fuhr vorbei, hinüber zum
-Kretscham.
-
-Zwei Mägde und die alte Wirtschafterin sahen durchs Küchenfenster und
-kamen schreiend herausgelaufen. Heinrich unterrichtete sie kurz und
-übergab ihnen Lotte. Dann fragte er nach Schräger.
-
-Der saß in der Gaststube und schlief. Er hatte sich am Vormittag schon
-wieder betrunken.
-
-Heinrich rüttelte den Schlafenden. Der öffnete die Augen, sah den
-jungen Raschdorf und grunzte auf.
-
-»Erschrecken Sie nicht, Herr Schräger, es ist ein Unglück passiert.
-Fräulein Lotte ist ein Stück mit mir gefahren, und als sie absteigen
-wollte, hat der Gustav das Pferd scheu gemacht. Da ist sie gefallen,
-und der Fuß ist ihr überfahren worden.«
-
-Schräger starrte ihn verständnislos an.
-
-»Herr Schräger, es muß augenblicklich jemand nach dem Arzt fahren!«
-
-»Nach -- nach dem -- dem Arzte fahren?«
-
-Heinrich sah, daß der Mann betrunken war.
-
-»Ja, es ist keine Zeit zu verlieren! Hören Sie, Herr Schräger, ich
-werde selbst den Arzt holen. Hören Sie?«
-
-»Ja -- ja -- den -- Doktor --«
-
-Heinrich war schon draußen. Der Wirtschafterin schärfte er ein, den
-Schuh und den Strumpf vorsichtig abzuziehen und den Fuß immerfort mit
-kaltem Wasser zu kühlen. Er fahre nach dem Arzt.
-
-Dann sprang er auf die Droschke und fuhr nach dem Buchenhof. Auf den
-Stufen vor der Haustür standen Hannes und Lene. Mathias und Liese waren
-nicht zu sehen.
-
-»Hannes, schnell die beiden Rappen einspannen! Ich fahr' nach dem Arzt.
-Fräulein Schräger ist verunglückt.«
-
-Hannes und Lene sahen ihn wortlos an.
-
-»So steht doch nicht so blöde da! Sie ist ein Stück mit mir gefahren,
-und als sie absteigen wollte, ist sie gefallen, und der Fuß ist ihr
-überfahren.«
-
-»Sie haben ja selber Fuhrwerk drüben,« sagte Hannes.
-
-»Ja, aber das dauert alles zu lange; ich fahre, das ist doch
-Christenpflicht.«
-
-Lene lachte laut und spöttisch auf.
-
-»Christenpflicht!«
-
-»Hannes, willst Du helfen oder nicht?«
-
-»Wehe Dir, Hannes, wenn Du eine Hand rührst!«
-
-»Hannes, bin ich der Herr oder die? Und läßt Du Dich von einem Weibe
-kommandieren?«
-
-Hannes war in schwerer Verlegenheit. Aber schließlich sagte er: »Es ist
-ja Mumpitz, aber helfen tu ich!«
-
-Lene warf ihm einen verächtlichen Blick zu und ging ins Haus. Wenige
-Minuten später sauste das Gefährt Heinrichs nach der Stadt.
-
-In ganz verhältnismäßig kurzer Zeit brachte er den Arzt.
-
-Unten im Hausflur stand er und wartete auf Nachricht. Die
-Wirtschafterin kam.
-
-Der Fuß wäre gebrochen, aber es sei keine Gefahr. Bei guter Pflege
-würde alles recht schön heilen.
-
-»Werden Sie das Fräulein auch gut pflegen, Stenzeln?«
-
-Die Alte sah den jungen Mann freundlich an und versprach ihr Bestes. Er
-gab ihr ein Geldstück.
-
-»Hier, nehmen Sie das! Sagen Sie aber keinem Menschen davon! Und grüßen
-Sie das Fräulein! Sie soll nicht böse sein auf mich. Mir tut das
-Unglück sehr leid. Und, Stenzeln, alle Abende um neun Uhr kommen Sie
-mal an die Haustür. Ich will Sie fragen, wie's geht!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 12]
-
-
-Durch die Mainacht ging der Mond.
-
-Drunten im Dorfe schlug es Mitternacht. Da hatten die Buchenhofleute
-den Frieden des Schlafes noch nicht gefunden. Und doch war ein jeder in
-seiner Kammer seit langen Stunden.
-
-Droben im ersten Stock lehnte der junge Buchenbauer am Fenster und
-schaute hinüber nach der Giebelstube des Kretschams.
-
-Ein Licht schimmerte durch die Nacht herüber.
-
-Dort war sie!
-
-Der junge Träumer schloß die Augen.
-
-Da sah er ein Meer und in dem Meer ein fernes Eiland. Von diesem Eiland
-schien das Licht wie ein winkendes Leuchtturmfeuer, das den Weg zeigt
-zu einem heimatlichen Hafen.
-
-Aber wenn Heinrich Raschdorf die Augen öffnete, sah er die Dorfstraße.
-Die lag zwischen ihm und ihr wie ein unüberbrückbarer Abgrund. Er riß
-das Fenster auf. Schwerer Duft traf ihn, das Silberlicht gaukelte vor
-seinen Augen, und ein Vogel in der Nähe sang ein wonniges Lied.
-
-Da schlug die Liebe in das junge Blut, und all ihr taumelndes,
-berauschendes Glück kam über den Einsamen. Eine heiße Röte flammte über
-Heinrichs Gesicht, und ein Vorsatz formte sich in seinem Herzen, sein
-Glück zu suchen. Und immer wieder ging er die wenigen Minuten im Geiste
-durch, die er mit ihr verlebt hatte, brachte sich alles in Erinnerung,
-was sie gesprochen, und war ganz außer sich vor lauter Aufregung, Liebe
-und Mitleid.
-
-Da klopfte es an die Tür.
-
-Heinrich lauschte, aber er rührte sich nicht.
-
-Abermaliges Klopfen.
-
-Nun ging er und öffnete.
-
-Seine Schwester Lene stand draußen, völlig angekleidet. Das Erstaunen
-Heinrichs war groß; die Schwester hatte mit ihm seit dem Tage, da er im
-Buchenkretscham zur Steuer war, nicht mehr gesprochen.
-
-»Du bist es, Lene? Was willst Du?«
-
-»Mit Dir reden! Ich sah, daß Du noch wachst.«
-
-»Komm herein!«
-
-Er schloß die Tür hinter ihr. Sie schaute sich um und bemerkte alsbald
-das offenstehende Fenster und das Licht drüben über der Straße.
-
-Sie sah ihn scharf an, und er konnte nicht hindern, daß er errötete. Er
-mußte an den Vater denken, wie sie so stolz und kalt vor ihm stand.
-
-»Willst Du sie heiraten?« fragte sie unvermittelt. Ihre Stimme klang
-heiser.
-
-»Heiraten? Wen?«
-
-»Wen?«
-
-Sie lachte scharf und kurz, trat ans Fenster und schloß es. Da überkam
-ihn der Trotz wieder.
-
-»Lene, ich will Dir was sagen: so lasse ich mich nicht behandeln.
-Verstehst Du? Was ich tue oder lasse, ist schließlich meine Sache.«
-
-»Nein!« Das sagte sie laut und heftig. »Es ist nicht Deine Sache, es
-geht uns alle an! Wir haben alle für Dich gearbeitet. Was Du hast, hast
-Du von uns!«
-
-»Von Euch! Das weiß ich. Du kommst also, um mir zu sagen, was ich Euch
-alles schuldig bin, kommst, um mir das vorzurechnen?«
-
-Ihr war jede Sentimentalität fremd.
-
-»Ja, deswegen komm ich! Du bist uns genug schuldig, das Meiste! Beinah
-alles! Und ich red' nicht von mir, aber vom Mathias red' ich.«
-
-»Vom Mathias? Was schadet es denn, wenn ich -- wenn ich --«
-
-»Wenn Du zum Schräger laufst? Hinter der Lotte her bist? Es ist wahr!
-Es wird sich hübsch machen, wenn Du mit der Lotte zur Trauung gehn
-wirst.«
-
-»Sei still, Lene! Das geht Dich nichts an, solches Gerede leid' ich
-nicht!«
-
-Sie ließ sich nicht stören.
-
-»Ja, und der besoffene Schräger wird als Schwiegervater hinterher
-geh'n.«
-
-»Lene, ich werf' Dich raus!«
-
-»Erst red' ich! Es wird hübsch sein, wenn Ihr bei Vaters Grab
-vorbeigehn werdet, den die Bande auf 'm Gewissen hat, und -- und der
-Mathias wird auch zusehn müssen, den sie ins Gefängnis gebracht haben.
-Sehr hübsch wird's sein! Du bist ein Staatskerl, Heinrich!«
-
-»Hör' auf, Lene! Du machst mich verrückt!«
-
-Er setzte sich auf einen Stuhl. Sie sagte nichts, lehnte sich an die
-Wand und sah ihn streng, ja haßerfüllt an. Ihn aber hatte sie mit dem
-einzigen Hinweis auf den Vater geschlagen. Da begann er endlich: »Es
-ist nichts erwiesen!«
-
-»Daß der Vater tot is, das is erwiesen!«
-
-Darauf wußte er nichts zu entgegnen. Endlich sagte er: »Der Vater ist
-verunglückt.«
-
-»Nein!«
-
-Dieses »Nein« klang furchtbar in der Stille der Nacht. Heinrich traf es
-wie ein Schlag, und er fröstelte in sich zusammen. Er hatte nie dieser
-schrecklichen Frage gegenüberstehen können, ohne eine versöhnliche
-Antwort mit aller Macht zu erzwingen. Dieses herbe Mädchen gab die
-Antwort. Er sah sie scheu an.
-
-»Wie kannst Du -- wie kannst Du das nur sagen, Lene? Vom Vater?«
-
-Auf einen Augenblick kämpfte sie mit Tränen. Dann kam der Groll wieder
-über sie.
-
-»Vaters Tod ist ganz klar. Und der Schräger hat's gewollt. Der hat
-unseren Vater ums Geld gebracht, dann hat er falsch geschworen, und
-zuletzt hat er das Geld gekündigt. Da wußt' sich der Vater keinen Rat
-mehr. Und jetzt -- jetzt laufst Du hin -- der einzige Sohn --«
-
-Es war aus mit ihrer Fassung. Sie sank auf einen Stuhl, bedeckte das
-Gesicht mit beiden Händen und fing leidenschaftlich an zu weinen.
-
-Er saß ihr in zusammengesunkener Stellung und mit unbewegtem Gesicht
-gegenüber. Endlich sagte er tonlos: »Hör' auf zu weinen, Lene. Es ist
-ja nichts geschehen. Ich will nicht leugnen, daß ich der Lotte gut bin
--- lange schon, länger, als ich's selber weiß, aber das -- das wird
-sich ja überwinden lassen -- weil es muß -- weil es muß --«
-
-Er stand auf und wandte sich ab. Da war sie plötzlich hinter ihm,
-umschlang seinen Hals und küßte heiß seine Wange.
-
-»Heinrich, weißte denn gar nichts -- gar nichts von der Liese?«
-
-»Wie? Was? Was soll ich von der Liese wissen?«
-
-»Daß sie Dir -- daß sie Dir so unendlich gut is, Heinrich!«
-
-Er fuhr herum. »Mir? Die Liese? Mir gut? Lene!«
-
-»Und der Mathias hat immer drauf gehofft.«
-
-Er sah sie erstaunt an. Eine grelle, wehe Erkenntnis kam ihm. »O Lene,
-das -- das hätt' ich nicht gedacht!«
-
-Schwer setzte er sich wieder auf den Stuhl.
-
-Sie legte den Arm auf seine Schulter.
-
-»Du mußt nicht denken, Heinrich, daß der Mathias alles bloß deswegen
-gemacht hat. Das wär' schlecht, so was von ihm zu denken. Aber ich
-weiß, daß a drauf gehofft hat. Und nu -- Heinrich, es hat mir das Herz
-umgedreht, wie a heute rumgegangen is, so weiß im Gesichte, und a
-wollt' nichts zeigen, und a wollt' immer mit der Liese lustig sein --
-das war zum Erbarmen --«
-
-Er starrte sie an, schüttelte sich und schloß die Augen.
-
-»Lene, das -- das könnt Ihr nicht von mir verlangen.«
-
-Sie sah wehmütig vor sich hin.
-
-»Das verlangen wir ja nicht, aber das andere, Heinrich, das darfste uns
-nich antun.«
-
-Es entstand eine lange Pause.
-
-Draußen sang immer noch der kleine Vogel sein süßes Lied. Und über der
-Straße schimmerte das warme Licht.
-
-Das Mädchen war verändert. Mit scheuer Zärtlichkeit ergriff sie die
-Hand des Bruders.
-
-»Heinrich, fällt Dir's so schwer?«
-
-Er antwortete heiser:
-
-»Ich weiß es erst jetzt -- jetzt, da ich sie nicht haben darf, wie lieb
-ich sie hab', wie unsinnig lieb!«
-
-Und nach einer Weile schluchzte er auf:
-
-»Lene, wir haben ein schreckliches Leben!«
-
-Ihr Gesicht verzog sich.
-
-»Ich weiß ja, ich bin häßlich zu Dir und zu allen Leuten, ich ärgere
-Euch alle -- alle, aber ich kann nicht dafür.«
-
-Er antwortete nicht.
-
-»Aber ich mein's auch gut, bloß ich kann's nicht so zeigen, ich bin ein
-so schrecklich grobes, dummes Ding. Und mich kann niemand leiden!«
-
-Sie fing wieder leidenschaftlich an zu weinen. Trotz seines eigenen
-Leides fühlte er, daß auch die Schwester einsam und glücklos sei.
-
-»Lene,« sagte er, »wir wollen versuchen, daß wir uns jetzt besser
-vertragen. Ich weiß schon, was ich Euch schuldig bin. Ich werd' mir
-Mühe geben, Lene, in jeder Weise Mühe geben!«
-
- * * * * *
-
-Und drüben über der Straße?
-
-Die alte Stenzeln war eingeschlafen bei der Krankenwache. Jetzt
-schreckte sie empor.
-
-»Ach Gott, ich bin wohl -- ich bin wohl eingeschlafen? Fehlt was,
-Lotte?«
-
-Das schöne Mädchen schüttelte den Kopf.
-
-»Ich bin ganz zufrieden.«
-
-Auch sie hörte den kleinen Vogel, der draußen sang. Und auch sie dachte
-daran, wie sie mit Heinrich durch den Wald gefahren war. Wie sie da
-beide so still und glückselig waren. Die Maiglöckchen, die er ihr
-gepflückt, standen in einer kleinen Vase am Bette. Sie waren ihr teuer.
-Und sie freute sich, daß sie bei dem Sturze vom Wagen nur ihre goldene
-Brosche verloren hatte, nicht diese drei Blumenstengel.
-
-»Wie kam es denn, Stenzeln, daß Herr Raschdorf nach dem Arzte gefahren
-ist und nicht jemand von uns?«
-
-»I du meine Güte, das hätt' lange gedauert! Na, Du weißt ja, Lotte!
-Aber der junge Herr drüben is gefahren wie a Toller.«
-
-Lotte lächelte.
-
-»Weiß er schon, daß ich den Fuß gebrochen habe?«
-
-»Freilich, freilich! A hat ja unten im Hause gewartet, bis ich ihm
-alles gesagt hab'. Na, und a läßt Dich schön grüßen, und es tät ihm
-schrecklich leid!«
-
-Lotte lächelte wieder.
-
-»Ja, Stenzeln, das glaub' ich, daß es ihm leid tut; er ist ein sehr
-guter Mensch.«
-
-Die Stenzeln nickte und dröselte ein Weilchen für sich hin. Dann
-hustete sie und sagte: »Na, eigentlich soll ich's ja nich sagen, aber
-Du wirst ja nischt verraten -- da sieh mal!«
-
-Sie zeigte ein Fünfmarkstück und mäßigte ihre Stimme zu einem Flüstern:
-»Das hat a mir geschenkt, der junge Raschdorf, und ich soll Dich nur
-gut pflegen, hat a gesagt --«
-
-Eine tiefe Röte zog über das Gesicht der Kranken, und ein glückliches
-Leuchten brach aus ihren Augen.
-
-»Ja, und jeden Abend um neune will a mich unten an der Haustür fragen
-kommen, wie's Dir geht.«
-
-»Hat er das gesagt?«
-
-»Freilich hat a! A hat 'ne schreckliche Bangigkeet um Dich.«
-
-Die Stenzeln seufzte.
-
-»Schade is! Schade, daß a nu grade der Raschdorf is. Sonst is a
-wirklich a sehr schmucker Mensch.«
-
-Lotte antwortete nicht; nur die Hand irrte auf dem Deckbett hin und
-her, und auf ihren Wangen brannte die Röte.
-
-»Ja, und gewundert hab' ich mich, daß Dein Vater weiter nischt gesagt
-hat. Na, aber bei dem kommt's vielleichte noch. O, das wird a Aufsehen
-sein im Dorfe! Da werden sie ja wieder was zusammenquatschen. Is doch
-aber nischt dabei. Denn an was anderes is ja hier gar nich zu denken.«
-
-Lotte lag ganz still. Ihre Augen wurden ernst und traurig.
-
-»An etwas anderes ist ja hier gar nicht zu denken!«
-
-Eine heiße, qualvolle Unruhe kam, die mehr weh tat als die Schmerzen
-des kranken Fußes.
-
-Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Da -- mitten durch ihr
-Herzeleid schimmerte es immer wieder duftig und silbern --
-
-Ein paar Blumen! Ein glänzendes Geldstück!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 13]
-
-
-Droben im Walde stand ein uraltes, verwittertes Heiligenbild. Es wußte
-niemand, wer es da hingestellt, wußte niemand mehr, ob es aus Freud'
-oder Leid geschehen, ob es ein Dank sein sollte oder eine Bitte, ob
-eine fromme Seele es errichtet habe oder einer, dem eine Schuld im
-Herzen schrie.
-
-Es stand da die Jahrhunderte hindurch. Und der Frühling stellte seine
-Blüten rund umher; die Sommersonne vergoldete den grauen Stein; an
-seinem Fuße legten sich die Käfer schlafen zur Herbsteszeit ins grüne
-Moos, und wenn die Weihnachtsglocken aus dem Tale klangen, flimmerten
-Eis und Schnee um das alte Bild, wie auf dem Altar in der Kirche weiße
-Decken und glänzende Steine. Manchmal zog ein einsamer Wanderer die
-Mütze ab vor dem alten Bilde. Das ist kein Götzendienst, wenn ein
-Mensch das Haupt entblößt an so ehrwürdigem Orte, wo so viel Leid und
-Lust ausgerungen wurden, so viel Friede und Andacht, aber auch so viel
-Kampf und Reue zu Hause waren seit langen Jahren.
-
-An diesem Heiligenbilde kniete Liese Berger. Der Abend war nicht weit.
-Da lag ein roter, verklärender Schein über ihr und dem grauen Stein.
-Von fern sangen ein paar Vögel. Sonst war alles still. Und der Wald
-blühte über ihr.
-
-Ein langes, stummes Gebet lag in den Augen des Mädchens, ein Gebet voll
-Qualen. Aber wie sie auf das Bild hinschaute, wurden ihre Augen stiller.
-
-»Wenn es eine Sünde war, verzeih' es mir, heilige Mutter Gottes!«
-
-Das Bild gab keine Antwort; aber in die Augen der Betenden kam
-Friede. --
-
-Es stand einer von fern. Er war der Liese heimlich nachgegangen.
-Mathias, ihr Vater.
-
-Er störte sie nicht -- o nein! Er wußte, was sie betete. Er wußte, daß
-es ein Totengebet war für seine und ihre liebste Lebenshoffnung.
-
-Jetzt erhob sie sich und sah ihn. Ein wenig erschrak sie, aber er ging
-auf sie zu und nahm sie in seine Arme.
-
-»Liese!«
-
-Kein Wort redeten sie. Sie standen ganz still. Ein Vogel, der auf dem
-Aste saß, hielt inne in seinem Liede, neigte das Köpflein zur Seite
-und schaute die beiden verwundert an. Und als sie endlich fortgingen,
-flog er hinüber zum Heiligenbild, wo sein Weiblein im Neste saß, und
-erzählte ihr, daß es Menschen gäbe, die ganz still stehen und nicht
-reden. Das Weiblein zwinkerte ihn verständnisvoll an und wies mit dem
-Schnabel hinab auf das zerdrückte Gras vor dem Bilde.
-
-Und dann sprachen sie von ihren eigenen Sorgen. --
-
-Die beiden Menschen aber gingen schweigend den Bergpfad hinab. Nach
-einer Weile blieb die Liese stehen.
-
-»Vater, ich will ins Kloster gehen!«
-
-Er erschrak wie vor einem Blitz.
-
-»Mädel!«
-
-Sie klammerte sich an seinen Arm.
-
-»Es ist nicht -- es ist ja nicht erst seit gestern -- es ist viel
-länger, ich hab's schon immer gedacht, schon als Schulkind -- aber
-jetzt -- Vater, ich will gern ins Kloster!«
-
-»Nein, Liese! Auf keinen Fall! Das geb' ich nicht zu!«
-
-Sie senkte den Kopf. Er aber schlang erschüttert den Arm um ihre
-Schulter.
-
-»Deswegen nich, Liese! Meine Einzige! Nein, eher will ich --« Die
-Sprache versagte ihm.
-
-»Es ist ja nicht bloß deswegen, Vater!«
-
-»Ja! Ich weiß schon! Ich weiß genau! Nein, Liese, das geb' ich nich zu.
-Eher ziehn wir weit fort! Du bist mir die Nächste. Das kann nich sein!
-Deswegen nich!«
-
-Stumm ging die Liese neben dem Vater her.
-
-»Meinst Du, daß ich's nicht mehr wert bin?«
-
-»Nich wert? Du, mei' frommes, goldenes Kind, Du! Aber mei' Tochter, 's
-kann ja alles noch gut werden. 's is ja doch nischt weiter passiert, es
-kann ja alles noch werden.«
-
-Sie sah ihm hell in die Augen und schüttelte den Kopf. Dabei sagte sie
-ruhig: »Nein, es ist vorbei!«
-
-»Es is nich vorbei! Wieso denn?«
-
-»Wenn a mich auch noch wollte -- jetzt wollt' ich nich mehr!«
-
-Er sah sie erschüttert an.
-
-»Wir sind nich füreinander! Ich weiß jetzt. Es war unrecht von mir,
-daran zu denken, und ich will schon lange ins Kloster.«
-
-»Liese, ich geb's nich zu!«
-
-»Warum nicht, Vater? Ich hab's da ganz gut. Ich geh Kranke pflegen,
-das tue ich gern. Da kann ich was nützen. Und ich bin vielleicht ganz
-glücklich. Und so -- wenn ich in der Welt bleib'?«
-
-Er sagte nichts mehr. Die stillen Frauen tauchten vor seiner Seele
-auf, die Siegerinnen, die in sich die Welt überwunden haben. Es liegt
-alles hinter ihnen, was die Menschenkinder erregt: sie wollen kein
-Geld, keinen Ruhm, kein Vergnügen, keine Bequemlichkeit, keine irdische
-Liebe. Sie wollen nur das Gute. Vielleicht, daß eine hie und da mit
-sich kämpft; die meisten haben Frieden. Und gegen den Frieden ist doch
-alles andere armer Tand.
-
-Und wenn die Liese in der Welt blieb ohne Beruf, ohne Liebe, ohne
-Frieden?
-
-Vielleicht, daß es ihr gut wäre im Kloster, vielleicht!
-
-Aber er? -- Aber er! --
-
-»Liese, wir wollen weder »ja« noch »nein« sagen; wir wollen abwarten,
-noch lange abwarten.«
-
- * * * * *
-
-Vom Dorfe herauf nach dem Buchenkretscham zu kamen der junge Riedel und
-der Barbier.
-
-»Wenn wir's ins Reine bringen, fünfzig Taler sind Deine,« sagte Riedel.
-
-»So leicht wird's gar nich sein,« meinte der Barbier, »Du hast a alten
-Schräger schon zu ofte geärgert. Und dann der Raschdorf!«
-
-»Quatsch' nich, Mensch! Mehr wie fünfzig Taler gibt's nich! Das mit'm
-Raschdorf is Mumpitz. Die Schräger Lotte und der Raschdorf! So was
-gibt's nich. Da red' mir nischt vor.« -- -- --
-
-Schräger war allein. Er war bereits wieder nicht mehr nüchtern. Die
-beiden eintretenden Männer grüßten und bestellten sich etwas.
-
-»Na, man hört ja schöne Dinge,« fing der Barbier an.
-
-»Was, schöne Dinge?« fragte Schräger stupid.
-
-»Nu, von der Lotte. Seit wann fährt'n die mit'm Raschdorf Heinrich
-spazieren?«
-
-»Ja, seit wann fährt'n die mit'm Raschdorf Heinrich spazieren?«
-wiederholte Riedel spitzig.
-
-»Weeß ich nich,« sagte Schräger pomadig und trank einen Schnaps.
-
-»Weeß a nich,« sagten die anderen beiden gleichzeitig und sehr
-betroffen.
-
-»Ja, kümmerst Du Dich denn nich drum, Schräger, wenn Dei' Mädel zum
-Spektakel mit 'm Raschdorf in der Welt rumfährt?«
-
-»Nee,« sagte Schräger, »mir is alles ganz piepe. Ganz egal is mir
-alles! Hol' alles der Teifel! Prost!«
-
-»Der Kerl is besoffen,« sagte der Freiersmann leise.
-
-»Sag' mal, Schräger, das kann Dir doch nich egal sein. Die Leute im
-Dorfe reden ja riesig. Sie sagen, die Lotte hat mit 'm Heinrich a
-Verhältnis.«
-
-»Verhältnis? Weeß ich nich! Kann sein! Kann schon sein! Is mir alles
-Wurst!«
-
-Riedel und der Barbier sahen sich ratlos an.
-
-»Nu, Schräger, Du bist wohl nich gescheit? Du wirst doch nich zugeben,
-daß der Raschdorf mit der Lotte a Verhältnis hat? Du bist wohl
-verrückt?«
-
-»Nee, ich bin gar nich verrückt! 's is ganz gutt so. Kommt alles
-zusammen, alles zusammen. Is alles gutt! Freut mich! Freut mich
-wirklich!«
-
-Er rieb sich die Hände.
-
-»A is wirklich verrückt geworden,« sagte Riedel.
-
-»Ich werd' Dir was sagen, Schräger,« fing der Barbier in scharfem
-Tonfall an. »Du bist a Schafskopp! Der Raschdorf denkt gar nich an
-die Lotte, der hat 'ne ganz andere. Und Du kannst Dir mit solchem
-blödsinnigen Getue bloß Läuse n a Pelz setzen. Wenn das rauskommt, daß
-Du uff a Raschdorf spekulierst, da --«
-
-»Was da?«
-
-»Na so und so --«
-
-»Was so und so?«
-
-Der Wirt wurde etwas nüchterner.
-
-»Na, ich will ja nich zuviel sagen; aber das weißte vielleicht, daß der
-Mathias gesagt hat, Du spekulierst drauf, daß die Güter zusammenkommen,
-und hättest deswegen a alten Raschdorf so reingebracht.«
-
-Schräger fuhr wütend auf.
-
-»Der Teifel hol' a Mathias; ich spekulier' nich! Hab' ich nie gemacht!
-Das is Schwindel!«
-
-»Ja, aber die Leute werden's sagen; sie werden jetzt 'm Mathias recht
-geben --«
-
-»Wer? Wer? Ich verklag' 'n!«
-
-»Kannste nich! Und dann, wenn wirklich was draus würde, da tränk' keen
-Mensch mehr bei Dir für fünf Pfennige Schnaps. Mit a Buchenhofleuten
-will niemand was zu tun haben.«
-
-Der Wirt glotzte die beiden an. Er wollte etwas sagen, schimpfen,
-abstreiten, aber schließlich wandte er sich ab und trat ans Fenster.
-
-Heute früh, als er ausgeschlafen hatte und sich der Vorkommnisse vom
-vorhergehenden Tage bei nüchternem Geiste erinnerte, war er zuerst in
-Wut geraten und hatte großen Spektakel schlagen wollen. Aber dann, als
-er sich alles genauer ausmalte und auch unterdes wieder viel Schnaps
-getrunken hatte, war ihm urplötzlich seine alte, längst aufgegebene
-Lieblingsidee wieder eingefallen: die beiden Buchenhöfe miteinander
-zu vereinigen. Es war seit Jahren der erste Gedanke gewesen, der
-ihn aus seiner Säuferlethargie aufrüttelte und etwas wie eine frohe
-Begeisterung über ihn brachte.
-
-Zwar die Sache schien auch ihm wahnwitzig, er wußte ja auch nichts
-Bestimmtes, nur den kurzen Bericht der alten Stenzeln, und so beschloß
-er, der Sache freien Lauf zu lassen. Jetzt kamen diese beiden und
-verdarben ihm den Plan. Er wandte sich um.
-
-»Was habt Ihr eigentlich? Sie is a Stückel mit ihm gefahr'n. Weiter
-nischt!«
-
-»Ja, und a hat's Pferd nich gehalten, wie sie abstieg. A feiner
-Kutscher is a, das wissen wir alle. Aber wie a sie heimgebracht hat,
-wie a sie um a Hals gehabt hat --«
-
-»Schwindel! Halt's Maul!«
-
-»Wir wissen's! Und alle Leute wissen's!«
-
-Der junge Riedel sprang auf.
-
-»Herr Schräger, es -- es muß raus! Ich bin der Lotte gutt, sie gefällt
-mir, wenn sie auch das Arbeiten nich gelernt hat, und ich wollte heute
--- heute anfragen, wie's denn wär', wenn wir a Kram zusammenschmissen;
-aber wenn die Leute so reden, und wenn Sie nischt dagegen haben, und
-wenn so 'ne Wirtschaft hier is, da -- da könnt's sein, ich besänn' mich
-noch anders.«
-
-Schräger wurde krebsrot.
-
-»Riedel! Pauerjunge! Denkste, das laß ich mir gefall'n? Das soll wohl
-'ne Brautwerbung sein? Besänn a sich noch anders, der Schafkopp! Hab'
-ich dazu gespart und gearbeit't und die Lotte so viel lern'n lassen,
-daß mir so a Lausejunge so kommt? Mir, 'm Vater? Raus!«
-
-»Menschenkinder, vertragt Euch, vertragt Euch!« beschwor der Barbier.
-
-»Raus!« brüllte Schräger.
-
-Der junge Riedel kochte vor Wut.
-
-»Behalt' sie!« schrie er. »Behalt' sie! Pack schlägt sich, Pack
-verträgt sich.« Damit war er hinaus. Der Begleiter folgte ihm.
-
-Schräger war wieder allein. Ein paarmal ging er durch die Stube
-und sprach vor sich hin. Dann sank er auf einen Stuhl. Er wollte
-nachdenken. Es ging aber nicht. So holte er sich Schnaps und trank.
-
-Allmählich flaute seine Erregung ab.
-
-Eigentlich war's dumm, daß er den Riedel hinausgeworfen hatte. Der
-Riedel hatte Geld.
-
-Aber Raschdorf hatte mehr. Viel mehr! Und die Ziegelei! Und die Höfe
-kamen zusammen!
-
-Die Höfe! -- -- -- Wenn er nur nicht Raschdorf hieß!
-
-Ein Frösteln kam den Säufer an.
-
-Der Sohn von dem anderen!
-
-Manchmal kam er ja noch -- der andere -- in der Nacht, manchmal, wenn
-Schräger zu wenig getrunken hatte, oder wenn er krank war und nicht
-schlafen konnte.
-
-Der Sohn! War das möglich? Würd's da besser mit ihm werden oder
-schlechter? Würde er sich mehr fürchten oder weniger? Damals, als der
-junge Raschdorf zur Steuer gewesen war, hatte Schräger in der Nacht gut
-geschlafen. -- --
-
-Und auftrumpfen läßt er sich nicht! Und nichts auf die Lotte sagen,
-nichts! Auch nicht auf den Jungen! Es sind die Kinder! Er hat's danach;
-er braucht sich und den Kindern nichts sagen zu lassen! Wieder ringt
-er nach einem klaren Gedanken, will einen bestimmten Vorsatz fassen.
-Es ist nicht möglich, es bleibt alles verworren. Er trinkt, und dann
-spricht er wieder mit sich selbst. Alles durcheinander. Manchmal gegen
-den Riedel, manchmal gegen den Raschdorf. Zuletzt lallt er:
-
-»Hol' der Teifel! Egal, ganz egal! Aber Geld muß sein! Geld!« Und er
-greift nach der Rumflasche.
-
- * * * * *
-
-Es war Abend. Droben im Krankenzimmer lag die Lotte mit roten Wangen.
-Sie sah immer nach der Uhr und betrachtete mit qualvoller Ungeduld, wie
-träge die Zeiger weiterrückten. Jetzt schlug die Uhr neunmal.
-
-Die alte Stenzeln rührte sich nicht vom Platze und bastelte an ihrem
-Strickstrumpf.
-
-»Es ist neun, Stenzeln,« sagte die Lotte stockend.
-
-»Ja, ja,« erwiderte die Alte, »die Zeit vergeht.«
-
-Sie vergaß es. Wenn er jetzt kam und die Stenzeln nicht traf!
-
-»Stenzeln. Es ist mir doch, als ob Ihr gestern gesagt hättet, um neun
-wollte der Raschdorf Heinrich --«
-
-»Jesses, das hätt' ich vergessen! Na, die Uhr geht ja a bissel zu
-zeitig. Will ich doch gleich runter.« Sie ging.
-
-»Stenzeln! Sagt ihm doch, ich -- ich ließ mich bedanken, daß er mich
-heimgebracht hat, und daß er den Doktor geholt hat.«
-
-»Werd's ausrichten!«
-
-»Stenzeln! Fragt ihn doch auch, ob nicht seine Leute -- ob sie nicht
-böse gewesen sind -- ja?«
-
-»Was sollen sie böse sein? Aber ich werd's ausrichten.«
-
-»Stenzeln! Und dann, ich laß ihn wieder schön grüßen. Das muß ich doch,
-Stenzeln, nicht wahr?«
-
-»Ja, freilich! Sonst noch was?«
-
-»Nein! Geht nur schnell, daß Ihr ihn nicht verpasset.«
-
-Die Stenzeln ging, und Lotte horchte hinab. Ihre Wangen brannten und
-ihre Augen waren weit geöffnet. Langsam verrann die Zeit. Wenn sie
-aufkönnte, ein einziges Mal ans Fenster könnte! Aber sie durfte sich ja
-nicht rühren. Jetzt war eine ganze Viertelstunde vergangen. Wo nur die
-Stenzeln blieb? Hatte er sich verspätet? Oder hatte er ihr so viel zu
-sagen? So viel? -- --
-
-Die Stenzeln stand etwas abseits von der Haustür und hielt Umschau.
-Es war niemand zu sehen. Das Tor und die Tür vom Buchenhof waren
-geschlossen. Es war auch drüben in keiner Stube mehr Licht.
-
-Wo blieb er? Der Stenzeln wurde die Zeit lang, und sie lief die Straße
-ein bißchen auf und ab und guckte sich um. Da kam jemand. Es war der
-Barbier.
-
-»Ah -- Stenzeln! Ich denke, Sie haben Krankenwache? Da steht man doch
-nicht auf der Straße und guckt sich um, als wenn wunder jemand kommen
-sollte?«
-
-»Das geht kein'n Menschen was an! Und auf Sie hab' ich nich gewart't.«
-
-»Das glaub' ich. Nur nicht gleich so ruppig, Großmutter! Ich wunder
-mich halt. Wie geht's der Lotte?«
-
-»Schlecht!«
-
-»Großmutter, Sie sind zwar 'ne stachelige Distel, aber wenn's Ihn'n
-recht is, wart' ich a bissel mit hier.«
-
-»Nö! Ich brauch' niemanden. Ich schnapp' bloß a bissel Luft. Gehn
-Sie nur rein und löschen Sie Ihren Durst! Hier sein Sie a sehr
-überflüssiges Möbel! Gehn Sie rein!«
-
-»Denke ja nich dran! Ich bin neugierig, auf wen Sie warten. Woll'n Sie
-etwa gar wieder heiraten und warten auf a Schatz?«
-
-»Altes Schandmaul! Wissen Sie was? Jetzt geh' ich rein. Sie verderben
-mir die Luft, Sie windige Seifenblase!«
-
-»Nu, so 'ne alte Säge! Hör'n Sie mal, Großmutter, ich will Ihn'n noch
-was sagen. Im Dorfe wird riesig gered't über a jungen Raschdorf und die
-Lotte --«
-
-»Mögen sie reden! Der Schlimmste is jetzt nich dabei. 's böseste Maul
-is jetzt nich im Dorfe.«
-
-»Hör'n Sie mal, Großmutter, warten Sie doch noch 'n Schlag! Es tut mir
-leid um die Lotte, denn der Raschdorf bringt sie bloß ins Gerede, na,
-und a is doch so gutt wie verheirat't mit der Liese.«
-
-»Mit wem?«
-
-»Nu, mit der Berger Liese. Na, Stenzeln, wissen Sie das nich?«
-
-»Sie sind wohl beduselt?«
-
-»Nu, was is da so zu wundern? Denken Sie, der alte Mathias hat was
-umsonste gemacht? Der hat nich schlecht spekuliert. Na, und der
-Heinrich, der kann ja gar nich anders, den hält doch der Mathias feste.
-Großmutter, na, warten Sie doch -- -- Fort is se, die alte Schwarte!«
-
- * * * * *
-
-»Nun, Stenzeln, Sie waren so lange?«
-
-»Ja! A is nich gekommen.«
-
-»Nicht gekommen? Ist das möglich?«
-
-»A war nich da! Vielleicht hat a's vergessen.«
-
-»Vergessen?«
-
-»Lotte, 's beste is, ich geh nich mehr runter. 's hat ja kein'n Zweck.
-'s kann mich auch jemand erwischen. Heute hat mich schon der Bader
-gesehn. Der hat gesagt, die Leute reden über Dich und über a Raschdorf
-Heinrich, und der wär' doch so gut wie verheirat't mit der Liese.«
-
-»Was? -- -- Mit wem? -- -- Stenzeln! Ooh!«
-
-»Was is denn, Lotte, was schreiste denn?«
-
-»Ach, mein Fuß -- mein Fuß tut mir weh!«
-
-»Der Fuß? Aber a liegt richtig! Na, 's beste wär' schon gewesen, Du
-hätt'st a Heinrich nich getroffen. Das tut amal nischt Guttes. Na, und
-da hat ja der Barbier recht, 'm Berger Mathias is es der Raschdorf
-schuldig, denn dem verdankt a ja alles.«
-
-»Ja! -- Ja, Stenzeln! -- Es ist genug! -- -- Ich will schlafen! Seid
-jetzt ganz stille -- ich bin so sehr müde!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 14]
-
-
-Drüben im Buchenhofe hatte Heinrich Raschdorf die Stenzeln wohl
-gesehen. Am Fenster hatte er gestanden, oben in seinem Zimmer. Als wenn
-er das Fieber hatte, so hatte es ihn geschüttelt. Ein paarmal war er
-nach der Tür gegangen, aber immer wieder umgekehrt; ein paarmal hatte
-er die Hand am Fensterwirbel gehabt, aber doch nicht geöffnet.
-
-Dann, als sie fort war, hatte er sich auf sein Sofa geworfen. Er war
-tief unglücklich. Eine schwere Verachtung gegen sich selber bäumte sich
-in seinem Herzen auf. Er war kein Mann, kein Charakter, er hatte keinen
-Willen. Warum ging er nicht? Warum fragte er nicht die Stenzeln? Warum
-hielt er sein Versprechen nicht?
-
-Warum? Er durfte nicht; es ging gegen sein Gewissen. Er mußte diese
-Liebe ausrotten mit Stumpf und Stiel; er durfte ihr nicht die mindeste
-Nahrung geben.
-
-Denn es war unmöglich! Ganz unmöglich!
-
-Die Heimat, die er noch gehabt hatte, würde er verlieren, die wenigen
-Menschen, die treu und ehrlich zu ihm hielten, würde er sich
-entfremden, und er würde auch ihnen die Heimat nehmen.
-
-So mußte er sich opfern, sich und -- sie.
-
-Sie? Nein, sie nicht! Sie wußte nichts von Liebe. Wenn ihr Fuß geheilt
-war, war sie wieder ganz gesund.
-
-Aber unglücklich war sie auch, das hatte sie gesagt.
-
-Der junge Buchenbauer verbrachte eine Nacht voller Kämpfe.
-
-Er wollte sich rasch und stark durchringen zur Gerechtigkeit und zum
-Frieden. Der junge, weiche Mann! Er wußte nicht, was solche Kämpfe
-bedeuten, die Kämpfe, die alle Menschen mit klugem Kopf oder mit
-weichem Herzen zu bestehen haben, und bei denen der Sieg gar nicht
-kommt oder oft spät, wenn schon viele Wunden geschlagen sind.
-
-Zum Frühstück brachte ihm die Liese den Kaffee. Sie war ein wenig
-blässer als sonst, aber ihr Gesicht war freundlich wie immer.
-
-Ehe sie hinausging, sagte sie:
-
-»Wie ich vorhin aus der Kirche kam, hab' ich die Stenzeln getroffen.
-Sie läßt sagen, gestern wär' es sehr gut mit der Lotte gegangen, aber
-in der Nacht hätte sie Fieber gehabt.«
-
-Der Buchenbauer wurde rot.
-
-»Ja -- ja -- ich danke, Liese -- es ist mir ja ganz lieb, daß ich --
-daß ich etwas höre!«
-
-»Ja, und dann läßt die Stenzeln noch sagen, sie will nicht mehr
-herunterkommen abends um neun, weil Du gestern nicht gekommen wärst,
-und weil es Aufsehen machen könnte.«
-
-Heinrich starrte das Mädchen an und war nicht fähig, ein Wort zu
-sprechen.
-
-»Willst Du noch mehr Brot haben, Heinrich?«
-
-»Liese!«
-
-Er sprang auf und ergriff ihre Hand. Das Mädchen erschrak und wich
-zurück.
-
-»Liese! Du bist so engelsgut, und ich bin ein unglücklicher, schlechter
-Mensch!«
-
-»Was ist mit Dir, Heinrich? Du bist doch nicht schlecht! Was hast Du?«
-
-Er ließ ihre Hand frei.
-
-»Ich weiß, ich bin undankbar, sprich nicht, ich weiß; Ihr tut mir alle
-Gutes, und ich --«
-
-»Du tust uns allen auch Gutes, Heinrich!«
-
-Sie war sehr rot und sehr verwirrt und ging schnell hinaus.
-
-Er sah ihr nach. In diesem Augenblick wohnte ein hohes Gefühl für sie
-in seiner Brust. Er wäre imstande gewesen, alles für sie zu opfern, was
-er besaß. Maßlose Dankbarkeit erfüllte ihn, auch tiefes Mitleid.
-
-Sie brachte ihm Nachricht von der anderen. Wie uneigennützig war dieses
-Wesen! Er dachte nur an sich, immer an sich.
-
-Es mußte anders werden. Freundlich wollte er sein zu allen, er wollte
-sich selbst überwinden.
-
-Was nur die Lene sagen würde, wenn sie erführe, daß er die Stenzeln
-bestellt habe? -- Sie sagte nichts, als sie ihn traf. Die Liese hatte
-nichts verraten. Und da war er wieder dem blassen Mädel dankbar.
-
- * * * * *
-
-Mathias Berger ging einsam aufs Feld hinaus. Sehr langsam ging er. Es
-war, als ob etwas in ihm erstorben wäre. Eine alte, längstvergangene
-Zeit fiel ihm ein, da er als junger Bergmann tief unter der Erde war
-und mit tausend Qualen an seine verlorene Liebe dachte.
-
-Ganz ähnlich war ihm jetzt wieder zumute. Im Grunde genommen ist
-verlorene Liebe ja doch immer verlorener Glaube.
-
-Wo war für ihn noch eine Aussicht?
-
-Doch nicht an sich dachte er nur. Heute oder morgen konnte er sein
-müdes Haupt zur Ruhe legen. Aber das Leben der anderen war lang ...
-
-Ein Mann sprach ihn an -- der Barbier.
-
-»Mathias,« sagte er scheinheilig, »ich weiß nich, ob Du mit mir reden
-magst. Getan hab' ich Dir ja eigentlich nischt, na, aber Du weißt ja --«
-
-»Was willst Du von mir?«
-
-»Mathias, es läßt sich eigentlich schwer sagen. Sieh mal, Du weißt ja,
-daß ich damals zum Schräger gehalten hab' --«
-
-»Ja, das weiß ich!«
-
-»Natürlich haste mir das übelgenommen. Aber ich hab' halt wirklich
-gedacht, der Schräger is ganz und gar unschuldig, und es tät ihm
-unrecht geschehn.«
-
-Er machte eine Pause und sah lauernd auf seinen Begleiter. Aber der
-sagte kein Wort.
-
-»Ja, aber jetzt --«
-
-Mathias konnte doch nicht verhindern, daß er aufsah.
-
-Der Barbier mäßigte seine Stimme.
-
-»Behaupten will ich ja nichts, man muß ja sehr vorsichtig sein, aber es
-bleibt ja wohl unter uns.«
-
-»Barbier, 's beste is, Du behältst Deine Geheimnisse für Dich. Ich will
-sie nich wissen.«
-
-Die schroffe Abweisung verschlug dem andern nichts.
-
-»Geheimnisse sind's ja eigentlich nich. Aber das möcht' ich im
-Vertrauen sagen: ich halt auf a Schräger nich mehr so große Stücke; ich
-glaub' nich mehr alles. Na, glauben kann man ja, was man will -- was?«
-
-Dem schlichten, ehrlichen Manne waren die versteckten Andeutungen
-zuwider.
-
-»Sag' nur, was Du von mir willst; was Du mit 'm Schräger hast, is mir
-egal.«
-
-»Na ja, ich hab' nischt mit ihm. Aber das will ich Dir sagen, der
-Schräger spekuliert wieder, daß die Höfe zusammenkommen sollen --«
-
-»Was? Wieso?«
-
-Der Barbier war froh, nun endlich doch das Interesse seines Begleiters
-geweckt zu haben. Deswegen sagte er eifrig: »Na, Mathias, mir is immer
-gewesen, als hätt' ich was mit Dir wieder gutt zu machen. Früher haste
-gesagt, der Schräger will die beiden Höfe haben; da biste bestraft
-worden, und die Leute haben sich gefreut, na, und ich: gefreut hab' ich
-mich ja nicht, aber ich hab' doch gedacht, der Schräger hätte recht --«
-
-»Wozu die alten Geschichten?«
-
-»Na, ich will Dir's sagen: Gestern hat der Schräger im öffentlichen
-Gasthause gesagt, daß a die Höfe zusammenbringen will.«
-
-Berger blieb stehen.
-
-»Wie kann a das sagen? Der Buchenhof ist in fester Hand.«
-
-Der Barbier lachte vertraulich.
-
-»Das sag' ich eben auch. Der Buchenhof ist in festen Händen, in guten
-Händen, und wie lange wird's dauern, da heirat't der Raschdorf Heinrich
-Deine Tochter und da --«
-
-»Barbier, das verbitt' ich mir! Das geht keinen Menschen was an! Das
-will ich nich hören! Verstehst Du?«
-
-Dem alten Manne zitterte die Stimme. Der andere blieb geschmeidig.
-
-»Ja, nimm's nur nich übel, angehen tut's mich ja nischt, das is wahr,
-und ich red' ja kein Wert darüber, wahrhaftig nich 'n Wort, aber 's is
-ja selbstverständlich --«
-
-»Was selbstverständlich? Wer sagt das? Wer kann das sagen?«
-
-»Nu ja, die Leute sagen's, Du hast so viel für a Heinrich getan, und 's
-is vernünftig.«
-
-»Die Leute! Die Leute geht nischt von uns an -- nischt! Jetzt sag'
-mir endlich, was das alles zu bedeuten hat, und was Du eigentlich
-bezweckst?«
-
-»Na, also sag' ich's halt gerade raus: Der Schräger hat sich gestern im
-offnen Lokale gerühmt, daß der Heinrich um seine Lotte geht.«
-
-Berger schrak doch ein wenig zusammen.
-
-»Gerühmt? Wieso gerühmt? Das würd' doch der Schräger gar nich zugeben!«
-
-»Zugeben? Na, täusch' Dich nich, Mathias! Wenn der Schräger Geld
-spürt, da is a zu allem fähig. Und a hat's ja öffentlich gesagt.
-A hat gesagt, dem Lumpenmannmädel würd' a den Goldfisch schon noch
-wegschnappen.«
-
-Berger verlor die Fassung.
-
-»Barbier -- das -- das -- meine Tochter will den Heinrich gar nich --
-verstehst Du -- mag ihn gar nich -- sag' das den Leuten! Und jetzt geh'
-Deiner Wege! Wie kommst Du überhaupt dazu, Deinen Freund bei mir zu
-verraten? Ich will nischt mehr wissen -- nischt!«
-
-Er bog in einen Seitenweg ein, und der Barbier sah ihm nach.
-
-»Der hat sein'n Hieb weg,« dachte er, »der wird jetzt schnell zulangen.
-Wär' der Geier, wenn wir den Raschdorf nich wegkriegten. Der könnte
-mir gerade passen im Kretscham. Und dann -- die fünfzig Taler vom
-Riedel-Bauer!«
-
- * * * * *
-
-Die Straße entlang zogen singende, junge Männer. Sie waren in der Stadt
-zur Aushebung gewesen. Das ist ein Wendepunkt in dem Leben dieser
-Leute. Zum Militär kommen oder nicht, das bedeutet viel.
-
-Da taten diese Leute, was unser guter, deutscher Stammesgenosse immer
-tut, wenn ihm etwas Außergewöhnliches passiert -- sie tranken. Ob aus
-Schmerz oder Freude, das bleibt sich für den Durst gleich. Es wird
-getrunken, und je wichtiger das Ereignis ist, desto mehr wird getrunken.
-
-Das ist nun schon ein schnurriger Kerl, der Herr Alkohol. Er ist
-überall auf der Welt ein bißchen zu Hause, betrügt im schönen
-Türkenlande den Mohammed und ist die einzige Person in der
-Grönländerhütte, für die etwas Erkleckliches ausgegeben wird; er
-schwimmt auf allen Meeren, kraxelt auf alle Berge und marschiert auf
-allen Straßen.
-
-Gar im lieben Deutschland hat er Ehrenbürgerrechte, denn er zahlt
-die meiste Steuer, ist populär beim Volke und ~persona gratissima~
-bei Edeln und Fürsten. Da macht er sich breit bei Kindtaufen und
-Leichenschmaus, sitzt zwischen Bräutigam und Braut, wetzt dem einen das
-Rowdymesser und fungiert bei zwei anderen, die Brüderschaft trinken,
-als gemütlicher Ehrenzeuge.
-
-Und den jungen Rekruten, die der König warb, kommandiert er auf dem
-Heimwege noch lange, ehe sie vereidet und eingekleidet sind, wie ein
-recht launiger Unteroffizier, bald »Rechts schwenkt«, bald »Links
-schwenkt«, bald »Beine hebt«, bald »Arme streckt« und manchmal auch
-»Knie beugt« oder »Legt Euch nieder«. --
-
-Einer ging abseits -- Hannes. Er hatte sich nicht betrunken und auch
-keine bunten Papierbänder an den Hut geheftet wie die anderen. Und doch
-hätte er nach landesüblichem Begriff das Recht dazu gehabt, denn er war
-»ausgezeichnet« worden.
-
-Mit sehr gemischten Gefühlen schritt Hannes seines Weges. Daß er
-fortkam in die Stadt, fort aus der Einsamkeit, und eine bunte Uniform
-mit glänzenden Knöpfen tragen sollte, freute ihn. Eine Fülle von
-Vorstellungen, Plänen und Hoffnungen schwirrte durch seinen Kopf. Und
-doch war auch eine große Bangigkeit in ihm.
-
-Da traf er die Lene, die den Leuten das Vesperbrot aufs Feld getragen
-hatte. Er erzählte ihr, daß er nun »ausgehoben« sei und zum Herbst
-fortkäme.
-
-Das Mädchen wurde um einen leichten Schein blasser, als sie das hörte.
-
-»Da freuste Dich wohl, daß Du endlich amal fortkommst?«
-
-»Och ja! Ich freu' mich schon, Lene! 's soll ja sehr hübsch sein bei a
-Soldaten!«
-
-Sie antwortete nicht und schritt schnell weiter.
-
-Nach einer Weile sagte er: »Eigentlich freu' ich mich gar nich, Lene.«
-
-Sie antwortete etwas hastig und stoßweise: »Warum nich? Du kommst fort
-zu Leuten; Du siehst und hörst was, und Sonntags kannst Du tanzen gehn
-mit a Stadtmädeln. Das wird Dir schon gefall'n.«
-
-Er sprang vom hohen Wegrande herab und faßte sie erregt am Arme: »Nein,
-Lene, nein! Ich tanz' nich mit a Stadtmädeln, mit keiner einzigen tanz'
-ich, ich bin bloß Dir gutt, bloß Dir!«
-
-»Nu, Hannes! Was fällt Dir denn ein?«
-
-»Ich muß Dir's sagen, Lene, eh' ich fortkomm'! Sonst halt ich's nich
-aus; sonst lauf' ich fort am ersten Tage. Ich bin Dir so sehr gutt, und
-wenn Du mir nich wieder gutt bist, da wär's besser, ich wär' tot. Und
-du mußt mich heiraten, Du mußt, Lene!«
-
-Sie sah ihn an und brach in ein schallendes Lachen aus.
-
-»Lene, lach' nich! Lach' nich, Lene! Es is mei Ernst! Hör' auf zu
-lachen! Du machst mich verrückt!«
-
-Aber sie lachte immer weiter.
-
-»Warum lachst Du mich denn aus? Weil ich der arme Schafferjunge bin,
-und Du die Raschdorf Lene? Deswegen?«
-
-Da wurde sie ernster.
-
-»Na, deswegen grade nich! Aber daß Du Dir einbild'st, Du bist mir gutt,
-das is lustig. Da muß ich schon lachen. Mir is niemand gutt. Das weiß
-ich! Und Du zuallerletzt, denn Dich hab' ich am allermeisten geärgert.«
-
-»Aber ich bin Dir gutt, Lene! Das muß ich doch besser wissen als Du.
-Immer schon! Schon, wie wir noch in die Schule gingen --«
-
-»Weil Du keine andere kennst! Wenn Du in der Stadt sein wirst, da wirst
-Du schon eine andere finden.« Sie lachte wieder laut auf; dann fuhr sie
-fort: »Du bist doch a komischer Kerl, Hannes! Also wirklich, heiraten
-willste mich? Von was denn leben? Du hast nischt, ich hab' nischt! Und
-Du weißt wohl gar nich, daß ich beim Heinrich bleiben muß?«
-
-Er blieb stehen.
-
-»Lene, wenn ich a reicher Pauersohn wär', tät'st Du mich da mögen?«
-
-»O ja! Kann sein! Da hätten wir was zu leben! Denn das muß sein,
-Hannes! Von nischt is nischt. Sieh mal, das is nich anders. Praktisch
-muß man schon sein, und wir zwei so als Knechtsleute auf 'm Buchenhofe,
-das tät mir nich passen.«
-
-»Na, da -- da warte, bis Dich a Reicher nimmt!«
-
-Ihr Gesicht wurde weicher und ihre Stimme leiser.
-
-»Ich hab' nich gesagt, daß ich ein'n andern will. Da biste sicher! Denn
-da hast Du das erste Anrecht auf mich, wo ihr uns so geholfen habt.«
-
-Er lachte bitter.
-
-»Geholfen! Wenn's darum wär'! Der Vater hat sein'n Lohn gekriegt und
-ich mein'n. Ihr seid uns nischt schuldig.«
-
-Damit wandte er sich ab. Ganz ernst sagte sie:
-
-»Wenn Du's nich glaubst, tut mir's leid. Ich tät's schon, aber es geht
-nich, und was nich geht, muß man sich aus 'm Sinn schlagen; sonst ist
-man dumm!«
-
-Sie wartete auf eine Antwort; aber er setzte sich auf den Feldrain und
-sagte kein Wort.
-
-»Hannes, wirste so im Zorne von mir fortgehn?«
-
-»Ja!«
-
-»Und da wirste mich für schlecht halten, Hannes?«
-
-»Nein! Ich werd' bloß denken, daß ich Dir zu arm bin, und daß Du mich
-nich leiden kannst, und daß es für mich besser gewesen wär', ich wär'
-nie auf 'm Buchenhofe gewesen.«
-
-Sie besann sich ein bißchen. Leise sagte sie:
-
-»Hannes, wenn's ging, da tät ich Dich nehmen, wenn ich Dich auch nicht
-leiden könnt'. So viel hab' ich schon Dankbarkeit in mir, wenn's auch
-keiner glaubt. Aber 's geht nich, wir sind beide zu arm, und da hat's
-keinen Zweck. Und daß Du sagst, es wär' besser für Dich gewesen, wenn
-Du nie bei uns gewesen wärst, damit haste recht, denn bei uns is nischt
-zu holen wie Arbeit und Kummer.«
-
-Ein paar Sekunden blieb sie noch stehen und wartete.
-
-»Kommste mit?«
-
-»Nein!«
-
-Da ging sie. Als sie weit genug fort war, warf sich der »lustige
-Hannes« auf den blühenden Feldrain und weinte bitterlich.
-
-Drüben auf der Straße sangen ein paar Burschen:
-
- »Als ich zur Fahne fortgemüßt,
- Hat sie so zärtlich mich geküßt,
- Mit Bändern meinen Hut geschmückt
- Und mich ans treue Herz gedrückt!«
-
-Da blieb unten am Berge die Lene stehen, und auch sie horchte auf das
-Lied. Dabei kam ihr Wasser in die Augen.
-
-»Das haben sie davon, die Liese und der Hannes und auch der Schaffer
-und der Mathias. Das haben sie für ihre Schinderei all die Zeit!
-Undank! Undank! Der Heinrich will nich, und ich kann nich!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 15]
-
-
-Frühling und Sommer waren vergangen, der Herbst stand vor der Tür. Es
-war eine arbeitsreiche Zeit gewesen. Die Buchenhofleute waren noch viel
-stiller geworden als sonst, und sie gingen alle nebeneinander her wie
-Fremde.
-
-Die Liese war vom Buchenhof weggezogen und wohnte unten im Dorf bei
-ihrer Tante. Und an einem trüben Herbsttag hatte auch Hannes Abschied
-genommen. Mit seinem kleinen Handkoffer war er in die Wohnstube
-getreten.
-
-»Ich -- ich komme bloß noch Adieu sagen. Es is Zeit auf die Bahn.«
-
-Heinrich reichte ihm mit Herzlichkeit die Hand.
-
-»Leb' gesund, Hannes! Laß Dir's gut gehen bei den Soldaten! Und hab'
-viel tausend Dank für alles!«
-
-Hannes wandte sich ab.
-
-»Ich -- ich dank' auch für alles!«
-
-»Du wirst uns fehlen, Hannes. Mir am meisten! Aber wenn die zwei Jahre
-um sind, kommst Du wieder zu uns.«
-
-Hannes stand mit gesenktem Haupte da. Er sagte nicht ja noch nein. Er
-wollte sich beherrschen, aber der Atem ging ihm schwer, und er zitterte
-leise.
-
-»Wenn Dir was fehlt, schreibst Du! Du darfst keine Not leiden. Hörst
-Du, Hannes?«
-
-Der sagte kein Wort und stand nur mit bleichem Gesichte da und
-zerdrückte den Hut zwischen seinen Fingern.
-
-»Hast Du mir noch was zu sagen, Hannes?«
-
-»Nein! -- Ich muß gehen! -- Es -- es ist Zeit. Adieu, Heinrich!«
-
-»Lebe wohl, lieber Hannes!«
-
-Er drehte sich um. Auf der Ofenbank saß die Lene und schälte Kartoffeln.
-
-»Adieu, Lene!«
-
-Das Mädchen wischte sich an der Schürze die Hand ab und reichte sie ihm
-hin.
-
-»Leb' gesund, Hannes!«
-
-Sie schaute nicht auf. So ging er aus der Stube, und Heinrich
-begleitete ihn bis in den Hof. Dort saß der alte Schaffer als Kutscher
-auf dem kleinen Korbwagen und tat ganz gleichgültig, hatte aber doch
-einen dunkelroten Kopf.
-
-Bald darauf zogen die Pferde an. Ade, alte Heimat!
-
- * * * * *
-
-Es war eine »Mission« im Dorfe abgehalten worden. Ein paar fremde,
-tüchtige Geistliche hatten täglich mehrere Predigten abgehalten, und
-die Leute waren scharenweise zur Kirche gegangen.
-
-Ein alter Franziskanermönch hatte auch gesprochen über den »Beruf« und
-also geschlossen:
-
-»Gott hat einem jeden Menschen seinen Beruf ins Herz gelegt. Ihr aber,
-wenn Ihr seine Stimme höret, verhärtet Eure Herzen nicht!«
-
-Danach war es zwischen Liese und ihrem Vater zu einer letzten
-Aussprache gekommen.
-
-Mathias hatte unter allen in den letzten Monaten am meisten gelitten.
-Ihm war die Veränderung wohl aufgefallen, die mit Heinrich vorgegangen
-war. Er hatte gesehen, wie der junge Mann mit sich rang; wie er niemals
-wieder das Haus Schrägers betrat und dafür immer die Gesellschaft der
-Liese suchte. Er war so freundlich mit ihr in allen Dingen, und der
-kluge Mathias wußte wohl, daß Heinrich einen Weg, eine Möglichkeit
-suchte, daß er sich selbst bezwingen wollte, um schließlich, wenn er
-ein wärmeres Gefühl für die Liese hätte, doch noch den Herzenswunsch
-des Mathias zu erfüllen.
-
-Und da hatte unverhofft eines Tages die Liese ihren Vater gebeten, daß
-sie vom Buchenhof weggehen und zur Tante hinunterziehen dürfe ins Dorf.
-
-Mathias wußte, was das bedeutete, und er hatte sich gefügt. Er konnte
-dem stillen Mädchen nichts mehr versagen. Und ob das Kind all seine
-irdische Liebe bekämpft hatte und nun täglich in der Kirche kniete --
-die Frage quälte ihr zartes Gewissen: ob sie noch würdig sei, eine
-Dienerin Gottes zu werden.
-
-Da kam ein recht stiller, schwermütiger Abend. Draußen auf der Dorfaue
-spielte der Wind mit welkem Laub, trug es hin durch den Staub der
-Straße und senkte es drüben in den tiefen, schlummernden Teich.
-
-Die Liese hatte lange hinausgesehen, auch nach den grauen Wolken, die
-am Himmel hingen. Dann wandte sie sich langsam um.
-
-»Vater, ich will heut' zur Beicht', ich will fragen.«
-
-Mathias sagte nichts. Er hatte darauf gewartet.
-
-Er wandte sich ab und hörte kaum, was ihm die Liese noch einmal sagte
-von Beruf und Gnade, von Nächstenliebe und Herzensfrieden.
-
-Zuletzt sagte er nur die Worte:
-
-»Geh' in Gottes Namen!«
-
-Dann ging er fort -- in den Herbst hinaus, über die kahlen Felder bis
-in den gelben Wald. Aber wie er eine Weile gewandert war, faßte ihn
-eine furchtbare Bangigkeit und eine zehrende Sehnsucht nach seinem
-Kinde, und er kehrte um und ging dorthin, wo sie war.
-
-Dunkel lag die Kirche. Das ewige Licht nur brannte rot und magisch vor
-dem Altar; hie und da flammte ein Lichtlein in den Bänken der Beter,
-und große Schatten huschten über die alten Bilder.
-
-Mathias Berger kniete in eine Bank und durchlebte die schwersten
-Minuten seines Lebens.
-
-Im Winkel dahinten im Beichtstuhl, bei dem Franziskaner, war seine
-Liese, und dort wurde entschieden über sie und über ihn.
-
-Qualvoll langsam verging die Zeit. Sie war so lange, so lange!
-Freilich, ihre Frage war schwer.
-
-Jetzt kam sie.
-
-Er wandte sich um -- sah sie an -- fragend -- bittend.
-
-Sie lächelte leise und neigte bejahend das Haupt.
-
-Dann kniete sie zu dem Bilde der schmerzhaften Madonna.
-
-Mathias Berger legte das Gesicht auf seine Hände.
-
-Und draußen klang die Abendglocke.
-
- * * * * *
-
-In der großen Wohnstube des Buchenhofes brannte die Petroleumlampe.
-Heinrich saß, wie fast immer an den Abenden, über einem Lehrbuch, und
-Lene nähte. Sonst war niemand da.
-
-Da trat Mathias Berger ein. Lene erhob sich:
-
-»Ich bring' Dir gleich das Essen, Mathias.«
-
-»Laß, Lene, laß! Ich will nich essen.«
-
-Sie sah ihn betroffen an.
-
-»Was ist mit Dir, Mathias? Bist Du krank? Du bist ja kreideweiß im
-Gesichte.«
-
-»Nein, ich bin nicht krank! Aber es -- es ist was passiert, und ich muß
-mit Euch reden, mit Euch beiden.«
-
-Die Geschwister schauten ihn fragend an. Mathias Berger setzte sich. Er
-sah sie an mit seinen guten, treuen Augen, weh und schmerzlich. -- So
-würgte er hervor:
-
-»Denkt amal: Meine -- meine Liese geht ins Kloster!«
-
-»Mathias!«
-
-»Mathias!«
-
-Sekundenlang war es still.
-
-Mathias sprach weiter:
-
-»Es geht ja schon lange drum, und ich hätt' auch schon was gesagt, aber
-es hat sich heute erst richtig entschieden.«
-
-»Mathias, das -- das ist ja nicht wahr, das kann ja nicht sein, das ist
-ja Unsinn, was Du sprichst.«
-
-»Es ist wahr, Lene, es ist wirklich wahr!«
-
-Heinrich hatte bis jetzt wie versteinert dagestanden. Nun sprach er
-gepreßt:
-
-»Warum? Warum tut sie das?«
-
-Mathias Berger schlug die Augen nieder.
-
-»Sie sagt, sie hat Beruf dazu. Und das is ja wahr; sie war immer a
-frommes, guttes Kind, gar nich so für schöne Kleider und Vergnügen, und
-sie war auch immer gern bei Kranken, das is schon wahr!«
-
-»Darum ist es?« fragte Heinrich. »Bloß einzig darum?«
-
-Mathias antwortete nicht. Die Lene hatte die Schürze vor das Gesicht
-gepreßt. Wieder blieb es eine Weile still. Da schaute das Mädchen
-zornig und leidenschaftlich auf: »Nein, nich bloß deswegen! Sie is ihm
-gutt gewest -- dem! Sie hat ihm alles zuliebe getan, immer freundlich,
-immer so freundlich, aber der hat nischt von ihr wissen woll'n.
-Tagelang, wochenlang hat a nich mit ihr gered't -- und da -- und da --«
-
-Sie brach in einen Strom von Tränen aus. Und vor der leidenschaftlichen
-Anklage verstummte der, den sie anging, und auch der andere, der kein
-Wort der Entgegnung wußte.
-
-Lene sprach weiter:
-
-»Weißte, Mathias, was wir sind? Lumpe sind wir! Du -- Du hätt'st uns
-damals sollen betteln gehen lassen -- rausschmeißen lassen -- verkommen
--- da -- da wär's für Dich viel besser gewest! Jetzt haste a Dank!«
-
-»So -- so is das nich zu nehmen, Lene! Ihr seid immer freundlich und
-dankbar zu mir gewest -- o ja! -- Du mußt 'm Heinrich nich solche
-Vorwürfe machen; a kann doch nich dafür.«
-
-»Wohl kann a dafür! A is a Mann! A kann durchsetzen, was a will! Und
-a hätt' a schmuckes, braves Weib gehabt an der Liese. Nein, a wollte
-nich! A gafft über die Gasse zu der Bande, auf die gezierte Gans.«
-
-»Lene!«
-
-Heinrich rief es, der bisher kein Wort zur Verteidigung gesagt hatte.
-
-»Lene, das verbiet' ich Dir! Mir kannst Du antun, was Du willst, dem
-Mädel nichts -- nichts! Ruhe biet' ich! Sie hat Dir nichts getan,
-mir nichts getan, uns allen nichts getan! Verdreh' die Augen, wie Du
-willst, vergreif' Dich meinetwegen an mir, wenn Du's wagst. Ich sag'
-Dir's geradezu ins Gesicht, auch dem Mathias: Ich kann nicht dafür, ich
-konnte die Liese nicht heiraten, weil wir beide unglücklich geworden
-wären.«
-
-»Mensch, wagst Du das wirklich jetzt zu sagen, jetzt? Nein! Weil Du an
-der anderen hängst, an der -- an der --«
-
-»Ja, ich hab' sie lieb! Sehr lieb! Ich fürcht' mich nicht, das auch zu
-sagen. Ich hab' sie gern, und ich hab' genug gelernt, daß ich weiß, daß
-sich so was nicht ändern läßt. Aber ich hab' mir Mühe gegeben; ich hab'
-mit mir gekämpft, das weiß Gott! Es ist nicht gelungen.«
-
-»Nich gelungen? Und das is alles? Und Du -- Du sagst wenigstens nich
-jetzt -- jetzt in der letzten Stunde noch, eh' es zu spät is, daß Du
-die Liese haben willst, daß Du sie dem Mathias erhalten willst?«
-
-»Nein! Ich kann nicht! Was auch passiert -- ich kann es nicht!«
-
-»Dann bist Du ein ganz ehrloser Kerl!«
-
-Sie wandte sich nach der Tür, aber Mathias hielt sie zurück.
-
-»Lene, geh nich fort! Bleib hier! Du tust ihm unrecht, Lene! Wenn a
-auch wollte, es wär' zu spät. Die Liese will ihn nich mehr, schon lange
-nich mehr, Lene!«
-
-Das erbitterte Mädchen antwortete dem Mathias nicht, sondern wandte
-sich wieder an Heinrich.
-
-»A ehrloser Kerl! Ich sag's noch amal! Dem Manne, dem wir alles danken,
-ohne den wir verhungert, verlaust, verlumpt wären, sein Kind nehmen und
-dann sich großspurig hinstell'n und nischt anderes sagen, wie von der
-andern reden, kein einziges guttes Wort -- pfui -- mir würd' der Bissen
-Brot im Halse stecken bleiben, den ich hier noch äß'. Wir sind fertig
-mitsammen, wir zwei, für immer fertig!«
-
-»Lene, aber Lene, hör' doch --«
-
-»Mathias, laß mich! Mir graut! Mir graut vor dem da! Ich komm morgen
-noch amal zu Dir und der Liese runter in Euer Häusel, hier is Zeit, daß
-ich fortkomme!«
-
-»Lene, wart' doch --«
-
-Sie war hinaus. Heinrich ging auf Mathias zu und streckte ihm beide
-Hände hin.
-
-»Mathias! Jetzt woll'n wir mitsammen reden, jetzt, da sie raus ist --
-sie ist ja toll -- jetzt mußt Du mir sagen, Mathias, ob Du mich auch
-für einen ehrlosen Kerl hältst.«
-
-Mathias schüttelte den Kopf.
-
-»Nein, Heinrich! Ich weiß, Du kannst nich dafür.«
-
-Heinrich zitterte vor Erregung.
-
-»Mathias, das schwör' ich Dir: Ich kann keinen Mann mehr achten und
-keinem mehr dankbar sein als Dir, das ist ja selbstverständlich, und
-ich hab' die Liese gern gehabt und eine Verehrung für sie gehabt, wie
-gegen kein anderes Mädel -- aber, Mathias, zum Heiraten gehört doch die
-richtige Liebe, und wenn ich -- wenn ich so -- nein, das ging nicht!
-Mathias, das ist wahr, ich hab' Tag für Tag mir eingeredet, ich kann
-die Liese heiraten, und manchmal da war mir's auch so, als ob es gehen
-würde, aber dann -- wenn ich bloß die Lotte einmal zufällig von weitem
-sah -- da -- da -- -- Mathias, es wär' ja gar nicht darum, ob ich
-glücklich bin oder unglücklich; ich bin ja mein Leben lang wenig oder
-gar nicht glücklich gewesen, aber konnt' ich denn Dich und die Liese so
-betrügen, konnt' ich das? -- Und daß sie fortgehen würde ins Kloster,
-das hab' ich ja nicht gewußt.«
-
-Mathias Berger sah den aufs höchste erregten, jungen Mann ruhig an.
-
-»Setz' Dich, Heinrich, setz' Dich zu mir! Wir wollen ruhig miteinander
-reden. Es is gutt, daß Du so ganz offen zu mir bist, und ich will Dir
-auch alles sagen. -- Ja, ich hab' darauf gehofft. Wie das so gekommen
-ist, weiß ich nich. Ich hab' Dir schon gesagt, daß ich Deiner Mutter
-gutt gewesen bin, als ich jung war. Ich war a armer Kerl und konnt'
-sie nich haben. Ich weiß, Heinrich, was das heißt, ich weiß! Dann
-hab' ich doch eine andere geheirat't. Sie hat nur noch a Jahr gelebt;
-aber ich glaube, wir wär'n gutt zusammen ausgekommen. Wenn man jung
-is, denkt man, 's geht ohne so eine große Liebe nich. Ach ja, es geht
-doch, 's geht manchmal besser wie bei solchen Leuten, die vor der
-Hochzeit ganz vernarrt ineinander sind. Daran dacht' ich, wie ich sah,
-daß meine Liese an Dir hing, und daß Du so gar nischt davon wußtest
-und nich daran dachtest. Ich hoffte immer, es kann werden, es kann
-noch gutt werden. Nu is alles anders gekommen. Ich verhehl' Dir nich,
-Heinrich, mir is heute zumute wie zum Sterben, weil's doch gerade meine
-Allereinzige is.«
-
-»Mathias! Mathias! Daß ich Dir das antun mußte, das ist schrecklich!
-Das ist zum Verzweifeln!«
-
-»Heinrich, flenne nich! Böse bin ich ja gar nich auf Dich. Ich kenn'
-Dich schon. Das is halt gekommen, wie's kommen muß. Und sieh mal, die
-Liese wird ja nich unglücklich. Die geht ins Kloster; sie is glücklich
-darüber, das is ja mein Trost. Ich hab' immer die Mütze abgenommen,
-wenn ich 'ne Krankenschwester traf. Und wenn ich mich erst werd' besser
-reingefunden haben, da werd' ich ganz zufrieden sein. Bloß fürs erste
-fällt's halt schwer.«
-
-Heinrich sah seinen alten Freund plötzlich verängstigt an.
-
-»Mathias! Du wirst doch aber auch bei mir bleiben?«
-
-»Nein! Erschrick nich! 's beste is, wir sprechen heute gleich alles
-aus.«
-
-»Du willst fort? Fort von uns?«
-
-»Ja, Heinrich! Reg' Dich nich so auf! Wir wollen ruhig reden. Sieh mal,
-ich muß fort!«
-
-»Das ist die Strafe? Das?«
-
-»Aber doch keine Strafe, Heinrich! Wir gehn in Friede und Freundschaft
-auseinander.«
-
-Ein verzweiflungsvolles Lachen brach dem jungen Buchenbauer vom Munde.
-
-»In Friede und Freundschaft! Und ich bleib' allein! Und hab' zuletzt
-niemand mehr auf der ganzen Welt! Und verlier' meinen einzigen Freund!
-In Friede und Freundschaft!«
-
-Er sprang auf, trat ans Fenster und sah hinaus in die Nacht. Plötzlich
-wandte er sich um. Mit bitterer Stimme sagte er:
-
-»Deshalb hast Du uns aufgezogen, den Hof aufgebaut, alles in Ordnung
-gebracht, daß Du jetzt fort willst, weil die eine Sache fehl ging? Und
-Du sagst doch selbst, ich kann nicht dafür!«
-
-»Ja, Heinrich! Sieh mal, Mensch is Mensch! Ich könnte hier nich mehr
-sein. Ich würd' immer an die Liese denken müssen. Und dann, es is zu
-einsam. Es is mir so schon manchmal schwer geworden. Jetzt hielt ich's
-gar nich mehr aus. Glaub' mir's. Ich hab' darüber nachgedacht. Es geht
-nich! Rein verdüstern tät' ich. Ich will wieder fort zu Leuten.«
-
-»Doch nicht wieder --«
-
-»Als Lumpenmann? Jawohl, Heinrich! Gerade das! Das hat mir damals auch
-geholfen.«
-
-»Das kannst Du nicht, Mathias? Was werden die Leute sagen?«
-
-»Die Leute? Mögen sie sagen, was sie wollen. Das kümmert mich nischt.
-Ich bin's gewöhnt.«
-
-Heinrich eilte auf den alten Mann zu und faßte ihn an beiden Schultern:
-
-»Mathias! Wenn Du mir das antust, ich weiß nicht, was ich anfange.
-Mathias, kannst Du mir's nicht verzeihen im Herzen? Du sagst ja, Du
-bist nicht böse auf mich; aber Du bleibst nicht bei mir, Du willst
-fort, läßt mich allein, weißt, daß ich Dich brauch' wie das tägliche
-Brot, nicht bloß in der Wirtschaft, nein, tausendmal mehr als Mensch
-und als Freund, und Du willst fort! Besinn' Dich, Mathias, besinn' Dich
-anders, und wenn ich ein grundschlechter Kerl wär' -- bleib' bei mir!«
-
-Der Alte wandte den Kopf zur Seite.
-
-»Bleib' da, Mathias! Ich bitt' Dich kniefällig!«
-
-»Ich -- ich kann nich, Heinrich! Ich brächt's nich fertig. 's geht über
-meine Kräfte. Und für Dich wär's auch nich gutt, wenn Du mich immer so
-sähest, und dann, wenn Du die Lotte heirat'st, ging' ich doch.«
-
-»Wer sagt denn, daß ich die Lotte heiraten will? Daß ich ihr gut bin,
-das kann ich nicht ändern. Aber ich will sie doch nicht heiraten! Das
-denkt doch bloß die Lene!«
-
-»Es kommt, Heinrich, es kommt bestimmt! Aber es is besser, wir reden
-lieber nich darüber. Für mich is heute schon a bissel viel gewest. Aber
-das hatt' ich mir schon lange vorgenommen, Dir's bald zu sagen, wenn
-sich's mit der Liese entschieden hätte, daß ich da fort will. Und daran
-will ich auch nichts ändern. Das muß jetzt sein!«
-
-Heinrich trat zurück und lehnte sich bleich an den Tisch.
-
-»So geh! Geht alle! Laßt mich allein, wenn Ihr denkt, daß ich das
-verdiene! -- So sind also auch wir beide mitsammen fertig.« --
-
-Es entstand eine schwere Pause.
-
-»Und Du willst nicht, daß wir weiter Freunde sind, Heinrich?«
-
-»Nein! Wenn Du mir das antust, dann tust Du mir mehr an als mein
-ärgster Feind!«
-
-»So -- so leb' gesund, Heinrich!«
-
-Heinrich antwortete ihm nicht.
-
-Da verließ Mathias Berger den Buchenhof.
-
- * * * * *
-
-Droben in ihrem Stübchen saß Lene Raschdorf und schrieb einen Brief.
-Dieser lautete:
-
- Lieber Hannes!
-
- Die Liese geht zu den Grauen Schwestern. Der Mathias sagt, sie
- habe Beruf und gehe gern ins Kloster. Aber ich weiß, daß die
- Liese unserem Heinrich gut gewesen ist und daß er sie nicht
- gemocht hat. Er sagt, er wäre mit ihr unglücklich geworden. Das
- ist aber nicht wahr, denn die Liese ist ein braves, tüchtiges
- Mädchen. Und er hat es bloß deshalb getan, weil er in die
- Lotte Schräger vernarrt ist und sie gern heiraten will. Lieber
- Hannes! Das ist eine solche Schande, daß der Heinrich so etwas
- tut und daß er unserem guten Mathias solches Herzeleid macht,
- daß er von jetzt ab nicht mehr mein Bruder ist. Und deshalb
- schreib' ich an Dich, daß ich Dich heiraten werd', wenn Du vom
- Militär los bist und wenn wir ein Auskommen haben. Ich denke,
- Du gehst in die Kohlengrube. Wenn Du Dich eingerichtet hast,
- verdienst Du 15 Mark die Woche. Und ich werde für die Leute
- nähen. Da werden wir schon auskommen. Lieber Hannes! Ich will
- Dir heute schreiben, daß ich Dich lieb hab' und auch wirklich
- gern heirate. Aber damals, als Du von der Gestellung kamst,
- konnte ich es Dir nicht sagen, denn ich dachte, ich müßte immer
- beim Heinrich bleiben und ihm helfen und beistehen, wie es
- immer war. Aber Heinrich ist schlecht und verdient's nicht, und
- deshalb gehe ich fort, und es ist mir ganz egal, was jetzt aus
- unserem Hofe wird. Ich fahre zur Tante Emilie nach Waldenburg.
- Dort werde ich auch das Nähen lernen und bleiben, bis wir
- heiraten. Lieber Hannes! Du mußt mir aber versprechen, daß Du
- immer brav und ordentlich sein wirst, damit wir auskommen.
- Sonst sollst Du aber lustig sein, denn das habe ich an Dir
- immer gern gehabt, weil ich selber nicht lustig sein kann. Und
- ich werde Dich auch nicht ärgern, sondern gut mit Dir sein.
-
- Besten Gruß
-
- Lene Raschdorf.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 16]
-
-
-Am Tage war der Novembersturm jäh und tückisch zur Höhe gefahren
-und hatte die Wolken angefaucht wie ein bissiger Steppenwolf eine
-Herde weißer, schwarzer und scheckiger Rosse, so daß alle ratlos
-durcheinander rannten, sich stießen und ängstlich drängten und
-alle in großer Not waren, während die ersten, vordersten von dem
-Ungetüm zerrissen wurden. Aber dann hatte sich die Herde gesammelt,
-war vorgerückt gegen den Feind, hatte ihn zurückgedrängt, langsam,
-schrittweise, und ihn erdrückt, als sie ihn am Erdboden traf.
-
-Jetzt lagen die Himmelsrosse müde und sicher auf Feldern und Wiesen,
-und ein Mensch, der hinausging, mußte sich durchdrängen zwischen ihren
-weißen und grauen Leibern.
-
-In trübseligem, grauem Licht lag die Wohnstube des Buchenhofes.
-Heinrich Raschdorf war allein. Lange war er für sich auf- und
-abgegangen; jetzt lehnte er am Ofen und sah hinaus in den nebligen Tag.
-
-Im ungewissen Licht des trüben Novembertages sah der Buchenbauer
-erschreckend aus. Die Augen waren tief eingefallen und hatten einen
-krankhaften Fieberglanz, die Wangen waren farblos, welk, und die ganze
-Gestalt matt und schlaff.
-
-Das kam vom vielen Grämen am Tage und langen Wachen in der Nacht. Das
-kam von der Einsamkeit, kam davon, daß Heinrich Raschdorf erst in
-diesen Tagen ein gänzlich Heimatloser geworden war.
-
-Lene war fort.
-
-Einmal hatte er noch versucht, sich mit ihr auseinanderzusetzen, ihr
-alles zu erklären. Es war erfolglos gewesen. Nur in neuen Zorn waren
-beide geraten, und die Kluft zwischen ihnen hatte sich vertieft.
-
-So war sie fortgegangen aus der Heimat. Fest und sicher war sie aus
-der Tür getreten und hatte den Wagen bestiegen, ohne sich noch einmal
-umzusehen.
-
-Sie hatte auch keine Träne vergossen auf der ganzen Fahrt. So sagte der
-Knecht. Nur beim Mathias unten im Dorfe war sie abgestiegen und über
-eine Stunde geblieben.
-
-Seit der Zeit war Mathias nicht mehr heraufgekommen, und Heinrich hatte
-ihn auch nicht aufgesucht. Ein bitterer Hochmut hatte ihn erfaßt, der
-allen denen als Helfer kommt, die sich ungerecht verurteilt glauben.
-
-Was hatte er getan? Er war gegen sich selbst und gegen sein bestes
-Gefühl nicht treulos geworden. Deshalb hatten sie ihn verlassen, alle
-verlassen in wenigen Tagen. Manchmal lachte er auf, wenn er daran
-dachte.
-
-So mochte es sein! So würde er sich darein fügen und keinem mehr ein
-gutes Wort geben, so tot sein für sie alle, wie sie für ihn waren.
-
-Die Einsamkeit spann ihn ein, aber sie brachte ihm keinen Frieden; sie
-band nur seine Seele fest, daß er alle Qualen widerstandslos erdulden
-mußte wie ein Kranker, der auf die Bank geschnallt wurde, an sich
-schneiden und brennen läßt.
-
-Solange er draußen auf dem Felde war, war's erträglich, aber in dem
-leeren Hause packte ihn oft das Grauen. Und wenn die Abende kamen, saß
-er allein und fürchtete sich am eigenen Herde.
-
-Dann meinte er, es gäbe nur einen Ort auf der Welt, wo es schrecklich
-sei: diese Heimat.
-
-Oft überdachte er sein Schicksal. Schuldlos hatte er die Heimat
-verloren, hatte um eine neue Heimat gelitten, gekämpft, gebangt, hatte
-von allen den Millionen auf der großen, weiten Erde ein paar Menschen
-gefunden, die es gut mit ihm meinten, und auch diese wenigen wieder
-verloren.
-
-Warum? Darüber brütete er. Wenn ihn ein Groll erfaßte gegen seine
-früheren Leute, dann war ihm noch wohl. Da war doch ein Kraftgefühl in
-seiner matten, vereinsamten Seele. Aber Stunden kamen, wo sich neben
-die graue, schweigende Frau Einsamkeit jene andere an seinen Herd
-setzte, ihre Tochter: die Reue.
-
-Das sind die Quälerinnen. Die alte, häßliche, dürre Mutter Einsamkeit
-hält den Armen fest mit ihren Spinnenfingern, bindet ihm jedes
-Glied, lähmt ihm jeden Muskel, umschließt ihm Mund und Ohren, daß er
-nicht schreien, nicht fortlaufen, nicht Hilfe holen kann, und derweil
-treibt ihr grausames Kind, die Reue, ein bestialisches Spiel, sticht
-und kratzt, brennt und schneidet, preßt das Herz zusammen mit rauhen
-Händen, greift durch die Stirn in den Kopf hinein, lockert dort Faden
-auf Faden, zerreißt die Stränge des Willens, trübt und verrückt die
-Bilder klarer Vorstellungen und gießt ein schleichendes, tödliches Gift
-in das wallende Gefühl. Wer sich nicht aufrafft mit energischer Kraft,
-die Alte beiseite schleudert, ihre Bande zerreißt und zu gesunden,
-frohen Menschen flüchtet, der ist verloren. Im günstigsten Falle ruft
-die Alte eine neue Tochter: die Schwermut, ein untüchtiges, krankes
-Weib mit lahmen Händen und traurigen Augen, und vermählt sie dem Opfer
-zu unlöslicher Ehe, oder ihr scheußlichster Sohn, der Wahnsinn, kommt
-und mordet ihn ab.
-
-Heinrich Raschdorf hielt still. Manchmal dehnte er ein wenig die
-Glieder gegen die Bande, aber als der trübe November kam, gab er sich
-mutlos verloren.
-
-Es waren gute, liebe Menschen gewesen. Sie waren gegangen. Folglich war
-er schuld, war er der Schlechte, sie die Gerechten. In diesem Zirkel
-bewegten sich schließlich beständig seine Gedanken.
-
-So stand er an den Ofen gelehnt, indes draußen der weiße Nebel braute.
-Seit Mittag hatte er mit keinem Menschen ein Wort gesprochen. Und da
-war es auch nur ein Knecht gewesen, den er etwas gefragt hatte.
-
-Wo war seine Kraft geblieben, der Mut, den er noch hatte, als er
-mit Mathias und Lene sprach, der Trotz, mit dem er schließlich die
-Schwester ziehen ließ?
-
-Die Einsamkeit hatte ihn mürbe gemacht.
-
-Jetzt trat er ans Fenster. Vielleicht, daß er einen Menschen
-vorbeigehen sah. Das würde ihm wohltun. Und dann -- dort drüben wohnte
-das Mädchen, um dessentwillen alles gekommen war. Als Mathias und Lene
-ihn verlassen hatten, war stundenweise eine wilde Lust in ihm gewesen,
-ein Freiheitsgefühl, der Gedanke, erlöst zu sein von einer falschen
-Heimat, die Möglichkeit zu besitzen, nun sein Glück zu suchen, sein
-einziges, sein wahrhaftiges Glück.
-
-O, wie liebte er die Lotte! Seit jenem Maitage war ihr Bild nicht mehr
-aus seiner Seele gewichen, was er auch getan hatte, es zu verhüllen.
-Eine taumelnde Freude hatte ihn erfaßt, wenn er das Mädchen einmal sah,
-und ob er das Gefühl bekämpfte wie Versuchung und Sünde, es kam immer
-wieder, immer in tiefgeheimer süßer Wonne.
-
-Und auch jetzt, wie er so hinüberblickte, sah er sie. Sie trat, zum
-Ausgehen angekleidet, in die Haustür und spähte nach den Fenstern des
-Buchenhofes herüber. Heinrich wollte zurücktreten in die Stube, aber
-sie hatte ihn schon gesehen. So sahen sie sich ins Gesicht, wohl eine
-halbe Minute lang. Sie stand ganz bewegungslos, und ihr Blick hatte
-etwas Forschendes. Dann neigte sie grüßend ein wenig das Haupt und ging
-hinab nach dem Dorfe.
-
-Heinrich geriet in schwere Aufregung. Die Stunde war da, wo er tobte
-gegen die Fesseln der Einsamkeit. Mit tausend Armen winkte es ihn
-hinaus aus diesem fürchterlichen Hause, das keine Heimat war, das nie
-eine gewesen war.
-
-Wie ein Rausch kam es über ihn; die Bangigkeit fiel von ihm ab wie ein
-toter Plunder, das Blut floß wieder jung und schnell durch die Adern,
-und der Wille straffte sich zu dem Entschluß: Geh ihr nach! Geh zu dem
-jungen, schönen Mädchen! Bei ihr ist Rettung und Glück!
-
-Er suchte den Hut und band einen Kragen um.
-
-Da grinste ihn warnend der alte Zweifel an.
-
-Hinter einem Bilde seines toten Vaters sah er hervor. --
-
-Er stand still. Er wagte nicht, sich umzusehen. Es war ihm, als ständen
-an der Stubentür all die Seinigen: Lene mit zürnend abwehrenden Armen,
-Mathias mit einer stummen Bitte in den guten Augen, die Liese mit
-traurigem Gesicht, und ganz im Hintergrunde, draußen auf dem dämmerigen
-Hausflur, schemenhaft die Toten: Vater und Mutter.
-
-Entmutigt sank er auf einen Stuhl und stöhnte laut. Und die Einsamkeit
-ging und schloß die Tür, nahm ihm den Hut vom Kopfe und sang ihr
-monotones, totes Lied.
-
-Aber sie täuschte sich. Sie sang das Lied um eine Nuance zu
-schauerlich, um ein klein wenig zu hart, um ein paar Grade zu höhnisch.
-Sie sang es unerträglich für den, der es anhören mußte.
-
-»Ich ertrag's nicht länger; und wenn's unter tausend Flüchen wär' --
-ich geh ihr nach!«
-
-Mit wenigen Schritten war er draußen. Mit roten Wangen stürmte er durch
-den Herbstnebel. Das Blut brauste ihm im Herzen und im Kopfe. Der Nebel
-hüllte ihn ein, er konnte den Weg ins Dorf nicht übersehen.
-
-So lief er, jagte dahin, wie einer, der auf verzweiflungsvoller Flucht
-ist, oder einer, der dem letzten, rettenden Heil nachjagt, das er zu
-verlieren glaubt.
-
-Jetzt -- jetzt tauchte die Gestalt eines Mädchens aus dem Nebel auf.
-Ein paar Schritte noch, dann erkannte er sie deutlich.
-
-»Lotte!«
-
-Wie ein Schrei tönte der Name durch die stille Luft.
-
-Sie wandte sich erschreckt um. Mit großen Schritten und glühendem
-Gesicht kam er ihr näher.
-
-»Lotte -- sei nicht böse -- ich muß Dir nach -- ich werde verrückt
-allein!«
-
-»Heinrich, o Gott, Heinrich, was ist Ihnen? Wie sehen Sie aus?«
-
-»Tu mir den Gefallen, Lotte, sprich »Du« zu mir, wie früher; sei ein
-klein bißchen freundlich! Ich halte so das Leben nicht mehr aus! Ich
-gehe zugrunde!«
-
-»Heinrich! Lieber Heinrich!«
-
-Sie sah ihn mit ihren schönen Augen mitleidsvoll an, und er stand vor
-ihr zitternd, bebend; der Atem ging ihm schwer, die Augen glühten ihm,
-und sie war so schön, so herrlich schön, und da riß er sie wortlos in
-seine Arme mit einer Wut und Glut, wie das Tier sein Opfer faßt aus
-schmerzhaftem Hunger, und überdeckte ihr Gesicht mit rasenden Küssen.
-
-Wie mit eisernen Armen hielt er sie fest; wie ein Ertrinkender sich
-an seinen Retter klammert, so klammerte er sich an sie, und mit dem
-ganzen fiebernden Heißhunger einer glücksgierigen Seele küßte er sie.
-Sein Gesicht veränderte sich, seine Augen bekamen einen fremden,
-unheimlichen Glanz; all die Leidenschaft, die jahrelang zurückgedämmt
-war, brach durch, all der brennende Durst nach Glück und Liebe wollte
-sich sättigen.
-
-Sie lag erschreckt, aber glückselig an seiner Brust.
-
-»Heinrich! Lieber Heinrich!«
-
-»Du mußt mein sein, Lotte, und wenn die Welt in Stücke geht, und wenn
-sie mich ausstoßen wie einen Lump, und wenn's ein Verbrechen ist -- Du
-mußt mein werden!«
-
-Sie sah zu dem zitternden Manne auf.
-
-»Hast Du mich lieb, Lotte? Ein bißchen lieb?«
-
-»Ja, ich hab' Dich lieb, Heinrich!«
-
-»Lotte!«
-
-Ein jauchzender Jubelruf, ein Erlösungsschrei durchtönte die fahle
-Herbstluft. Der Heimatlose hielt das Glück in seinen zitternden Armen
-und schaute es an und hätte laut lachen mögen vor übergroßer Freude.
-
-»Lotte, jetzt bin ich reich! Jetzt hab' ich alles gewonnen! Jetzt ist
-mir wohl! Jetzt werd' ich wieder leben können! Jetzt ist alles andere
-ganz gleichgültig.«
-
-Sie sah ihn an, und ihre Augen glänzten feucht.
-
-Eine lange, selige Pause kam, jene große Stille, in der alles tot ist,
-außer der Freude.
-
-Doch allmählich breitete sich ein Schatten über ihr Gesicht.
-
-»Heinrich! Sind sie wirklich alle fortgegangen von Dir um meinetwillen?«
-
-»Ja, Lotte! Aber laß sie, sprich nicht von ihnen, denk' nicht an sie!
-Wenn ich Dich hab', mögen sie fort sein; alle -- alle --!«
-
-Er lachte wieder, ließ sie los und schüttelte sich, als ob er etwas
-Unsichtbares von sich abzuwälzen hätte.
-
-»Komm, wir wollen ein Stück gehen, wir wollen alles miteinander
-besprechen.«
-
-Sie gingen Hand in Hand, und die Nebel hüllten sie schützend ein. Er
-erzählte ihr von seiner Liebe zu ihr, wie sie eigentlich immer in ihm
-gelebt hätte seit den Tagen der Kindheit, wie er sie nur all die Zeit
-zurückgedrängt habe in langen, schmerzhaften Kämpfen, und wie diese
-Kämpfe furchtbar geworden seien nach jenen Tagen im Mai. Dann erzählte
-er ihr auch von der Liese, vom Mathias, von der Lene und von dem Ende.
-
-Sie blieb stehen. Leise und bang fragte sie:
-
-»So hab' ich Dir wirklich die Heimat zerstört, Heinrich? Ich?«
-
-Er schüttelte nachdenklich das Haupt.
-
-»Nein! Ich hab' viel darüber nachgedacht. Was ist überhaupt die Heimat?
-Ich weiß es nicht! Ich weiß bloß, daß ich nie eine gehabt hab', es wär'
-denn als Kind. Wir haben kein glückliches Leben gehabt -- alle nicht!
-Und so wär' es geblieben, wenn ich die Liese genommen hätte. Nein, es
-wär' noch viel schlimmer geworden. Denn Dich hätt' ich doch nie aus dem
-Sinn gebracht, niemals!«
-
-Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, und er küßte sie wieder.
-
-Tief aufatmend richtete er sich auf und stand still, als ob er sich
-besinnen müsse. Wie war ihm? Frei, leicht, stark war ihm zumute, so,
-als ob Lasten von seiner Seele geglitten und neue, heitere Wege ihm
-eröffnet wären.
-
-»Lotte, jetzt wird das Glück kommen!«
-
-Sie schmiegte sich an ihn und erzählte nun von sich, von ihrem
-trostlosen Heim, von der Seligkeit, die sie im Mai trotz ihres kranken
-Fußes empfunden über seine Fürsorge, von der langen, glücklosen Zeit,
-als täglich der Barbier aufs neue erzählt habe, wie sehr sich der
-Heinrich um die Liese bemühe, und der junge Riedelbauer sie mit seinen
-Zudringlichkeiten belästigt, und dann davon, wie sie gehört habe, die
-Liese gehe ins Kloster und Mathias habe sich mit Heinrich verfeindet.
-Da habe sich eine neue Hoffnung in ihr Herz geschlichen. In den Wochen
-darauf aber, als auch die Lene fort war und sie ihn so müde und krank
-herumgehen sah, da hätten die Mägde erzählt, der junge Buchenbauer
-werde tiefsinnig, er esse nicht mehr und wache ganze Nächte in seinem
-Zimmer, und dann sei wieder der Barbier gekommen und habe gesagt,
-der Heinrich gräme sich zu Tode um die Liese. Da sei es freilich aus
-gewesen mit all ihrer Hoffnung.
-
-»Aber jetzt, Heinrich, jetzt ist doch alles anders!«
-
-Die Glückseligkeit der Liebe strahlte auf dem Gesicht des Mädchens.
-
-Er blieb stehen.
-
-»Es ist mir etwas eingefallen, Lotte: Wo zwei Heimatlose sich treffen,
-die sich lieb haben, da wird eine Heimat.«
-
-Sie sah ihn an voll Vertrauen und Glauben und nickte mit dem Kopfe.
-
-Sie gingen ein Stückchen weiter. Das Mädchen kämpfte mit einem
-Gedanken, der endlich hervorbrach:
-
-»Eines muß ich wissen, Heinrich: Was macht Ihr meinem Vater zum
-Vorwurf? Das mußt Du mir sagen!«
-
-»Lotte, liebe Lotte, quälen wir uns doch jetzt in unserer ersten guten
-Stunde nicht mit den alten Geschichten.«
-
-Sie senkte den Kopf.
-
-»Doch, Heinrich, es ist nötig! Darüber müssen wir klar sein. Da darf
-nichts zwischen uns liegen! Dieses unausgesprochene Mißtrauen zwischen
-den beiden Höfen, das war ja das Schlimme. Das darf zwischen uns beiden
-nicht sein!«
-
-»Es wird nicht sein, Lotte!«
-
-»Aber wir müssen uns aussprechen!«
-
-Sie machte wieder eine Pause. Dann brachte sie mit großer Überwindung
-heraus:
-
-»Glaubt Ihr, daß -- daß mein Vater -- Euren Hof angezündet hat?«
-
-»Nein, Lotte! Das ist ja gar nicht möglich! Er war ja immerfort zu
-Hause!«
-
-»Aber -- aber Ihr denkt, daß er jemand dazu angestiftet hat oder daß er
-davon gewußt hat?«
-
-Heinrich zögerte.
-
-»Du weißt, Lotte, daß Mathias das behauptet hat und darum auch bestraft
-worden ist.«
-
-»Und Du?«
-
-Sie sah ihm angstvoll in die Augen.
-
-»Ich, Lotte -- ich glaube es nicht! Es kann irgend jemand gewesen sein:
-ein Dienstbote aus Unvorsichtigkeit, ein Bummler, ein unbekannter
-Feind. Weiß Gott!«
-
-»Es ist gut, Heinrich, denn sonst -- und was macht Ihr ihm weiter zum
-Vorwurf? Was sagt die Lene? Sag' mir alles! Ich bitte Dich, Heinrich!«
-
-»Lotte, es fällt mir schwer -- gerade schon heut --«
-
-»Ja, schon heut! Wenn es herunter ist vom Herzen, dann werden wir erst
-ganz glücklich sein. Was sagt die Lene?«
-
-»Sie sagt -- unser -- unser Vater hat sich erschossen, weil ihm Dein
-Vater das Geld gekündigt hat.«
-
-Lotte nickte.
-
-»Ja, ich weiß! Der Vater hat mir's erzählt. Er ist bei Euch drüben
-gewesen und hat gut mit Deinem Vater reden wollen; aber der ist
-vergrämt gewesen und hat ihm sogar das »Du« gekündigt, und da -- da
-hat mein Vater das Geld verlangt. Daß aber alles so kommen würde, hat
-er aber nicht geahnt. Und, Heinrich, daß das gekommen ist wie ein
-unvorhergesehenes Unglück, deshalb trinkt ja der Vater, das hat ihn ja
-zugrunde gerichtet.«
-
-Sie weinte.
-
-»Lotte, liebe Lotte! Du hast auch schon bittere Dinge erlebt.«
-
-»O, Heinrich! Und ich hab' keine Seele gehabt, zu der ich mich
-aussprechen konnte. Niemand! Ich hab' alles für mich tragen müssen. Und
-der einzige, den ich lieb hatte, warst Du -- und -- und --«
-
-»Liebes, liebes Mädel!«
-
-Er küßte sie wieder, lange und innig.
-
-»Ich bin so glücklich, Heinrich, daß wir das ausgesprochen haben. Wenn
-Du so schlecht von meinem Vater gedacht hättest, hätten wir uns ja
-nicht haben dürfen. Nein, Heinrich, gewiß nicht, dann wär' ich Deiner
-nicht wert, dann wär' es ganz unmöglich. Aber das kannst Du glauben:
-Mein Vater hat seine Fehler; aber etwas Schlechtes hat er nicht getan.
-Deine Leute tun ihm unrecht, das kann ich Dir beteuern, und deshalb
-kann ich auch Deine Frau werden! Wenn Du's nur fest glaubst.«
-
-»Ich glaube es, Lotte!«
-
-Sie nickte glücklich, und sie gingen wieder ein paar Schritte weiter.
-
-»Und was nun weiter, Lotte? Was wird Dein Vater sagen, wenn ich komme
-und Dich zum Weibe haben will?«
-
-Sie senkte das Haupt.
-
-»Er wird erschrecken, vielleicht auch sehr schimpfen. Das mußt Du nicht
-übel nehmen. Das ist ja natürlich. Aber er wird nicht »Nein« sagen,
-nicht auf die Dauer. Er kann mir keine einzige Bitte abschlagen --
-keine! Und Du -- wie wird's bei Dir sein?«
-
-»Ich? Ich bin mein eigener Herr! Ich hab's durchgesetzt bis jetzt und
-führ's zu Ende. Mit den andern hab' ich gebrochen. Ich bin jetzt zwar
-einsam, aber ich bin frei! Wenn ich Dich hab', Lotte, verschmerz' ich
-alles. Und die Zeit ändert manches. Meine Leute werden sich allmählich
-anders besinnen.«
-
-»Hoffen wir es!« --
-
-Lotte hatte im Dorfe einen Besuch machen wollen. Sie gab die Absicht
-auf.
-
-Auf einem breiten, stillen Feldrain ging das junge Paar, und die Nebel
-schützten es vor neugierigen Augen. Von ihrer Zukunft sprachen sie und
-bauten an einer neuen Heimat. Von Westen leuchtete durch die weißen
-Nebel ein roter Schein. Dort ging die Sonne unter.
-
-»Ich muß jetzt heim,« sagte Lotte. »Vielleicht, wenn der Vater allein
-ist, sag ich's ihm schon heute.«
-
-»Lotte! Willst Du das wagen? Oder ist's nicht besser, wenn ich es tue?«
-
-»Nein, Heinrich! Wenn's der Vater zugibt, tut er's bloß, weil er mich
-lieb hat und mir nichts abschlägt. Ich geb Dir Nachricht.«
-
-Sie gingen ganz langsam heim. Als die Buchenhöfe aus dem dicken Nebel
-auftauchten, nahmen sie einen langen Abschied.
-
- * * * * *
-
-Als Heinrich in seine Stube trat, war's, als ob eine Trunkenheit ihn
-fasse.
-
-Er vermochte nicht stehen zu bleiben an einem Ort, nicht zu sitzen; er
-ging immer hin und her in seliger Unrast, und manchmal schlug er die
-Hände vor das glühende Gesicht, und immer wieder trat er ans Fenster
-und sah hinüber über die Straße.
-
-Er fühlte auch jetzt noch ihren weichen, warmen Mund. Das liebe
-Mädchen. Wenn sie sein würde, dann war alles gut, dann kam ein ganzes
-Meer von Sonne und Wonne in diese leere Stube, dann mußte hier eine
-herrliche Heimat sein.
-
-Wenn er nur mit jemand reden könnte, jetzt nicht wieder allein sein
-müßte! Er besann sich und ging hinüber zum Schaffer.
-
-Der Schaffer saß an seinem Tisch und studierte an einem Briefe. Er
-wollte das Schriftstück verstecken, aber dann besann er sich, schob es
-Heinrich hin und knurrte:
-
-»Is egal! Da! Vom Hannes!«
-
-Heinrich las:
-
- Lieber Vater!
-
- Indem ich Dir auch wieder einmal schreibe. Du sollst keinen
- Kummer um mich haben. Es geht mir gut. Aber ich hab drei Tage
- Arrest gekriegt. Du mußt aber keinen Kummer haben, denn sie
- sind schon rum. Und es war zum Aushalten. Weil nämlich die
- Lene an mich geschrieben hat, daß sie mich heiraten wird, da
- hab ich die Knöpfe nicht geputzt und bin zum Appell zu spät
- gekommen. Wobei einen der Unteroffizier gleich klemmt. Wogegen
- ich mir eins gepfiffen hab, wie ich im Kasten war. Denn ich
- freu mich so, daß mich die Lene heiraten tut, weil ich ihr gut
- bin, und weil sie ein schönes, starkes Mädel ist. Dann werde
- ich Bergmann, und sie näht. Da kommen wir aus, weil ich nicht
- trinke und auch nicht tanze. Lieber Vater, es tut mir sehr
- leid, daß die Lene mit dem Heinrich so Krach gemacht hat und
- weg ist. Die Tante Emilie, bei der sie jetzt ist, kann ich
- nicht gut leiden, sie ist eine alte Kröte. Aber ich muß jetzt
- tun wie tulpe und zu der Lene halten, weshalb ich ihr Bräutigam
- bin. Wo ich ja jetzt auch auf den Heinrich schimpfen muß, indem
- sie mich sonst nicht nimmt. Was aber alles bloß Getue ist. Denn
- der Heinrich ist immer mein Freund gewesen, und das laß ich
- nicht. Aber jetzt tu ich so und schimpf auf ihn, soviel ich
- kann. Das mußt Du ihm sagen, daß er's nicht übel nimmt, wenn
- er mal was hört. Wenn ich die Lene werd geheiratet haben, bin
- ich der Herr im Hause. Da wird's anders, da gibt's dann keinen
- Krach mit dem Heinrich mehr. Hauptsache, erst heiraten! Daß
- Mathias auch weg ist und die Liese, das ist sehr schade. Indem
- sich das aber nicht ändern läßt. Und Du mußt bleiben auf dem
- Buchenhof, sonst geht alles pleite. Lieber Vater, wenn ich zu
- Weihnachten Urlaub krieg, fahr ich nach Waldenburg. Da mußt Du
- am ersten Feiertag hinkommen. Denn auf den Buchenhof komme ich
- wegen der Feindschaft nicht. Und wenn ich keinen Urlaub krieg,
- da komm ich überhaupt nicht. Wegen der drei Tage! Und mußt
- keinen Kummer haben und den Heinrich schön grüßen und ja nichts
- der Lene sagen von allem. Dann kannst Du mir nötig zehn Mark
- schicken.
-
- Besten Gruß
-
- Dein Sohn
-
- Johannes Reichel.
-
-»Weißt Du was, Schaffer,« rief Heinrich glücklich, »schick' ihm dreißig
-Mark! Da sind sie! Schick's ihm! Er ist ein Prachtkerl!«
-
-Heinrich legte das Geld auf den Tisch.
-
-Der Riese starrte ihn blöde an, aber dann grinste er und stützte je
-einen Finger seiner rechten Hand schwer auf die Goldstücke, als fürchte
-er, ein Luftzug könne sie wegblasen.
-
-»Und Du, Reichel, Du bleibst mir treu? Was auch kommen mag? Ja? Du
-bleibst bei mir, wenn sie auch alle gehen -- alle!«
-
-Der Riese sann schwer nach. Dann sagte er:
-
-»A alter Kater geht nich weg vom Hofe!«
-
-»Das ist hübsch von Dir, Reichel! Wir bleiben Freunde! Und jetzt kommst
-Du mit hinüber. Wir wollen eine Flasche Wein mitsammen trinken, weil
-sich der Hannes verloben wird. Auf Hannes' Wohl, hörst Du? Nur auf
-Hannes' Wohl! Der hat's uns ja angezeigt.«
-
-Reichel meinte, wenn er Wein trinken solle, müsse er sich erst waschen
-und die Sonntagsjacke anziehen und sein gesticktes Vorhemdchen
-ummachen, sonst ginge es nicht. Dann werde er aber kommen.
-
-Als Heinrich wieder in den Hof trat, traf er die alte Stenzeln.
-
-»Pst! Das is gutt! Da macht's kein Aufsehen! Hier! Vom Fräulein! Gute
-Nacht!«
-
-Sie huschte davon.
-
-In der Wohnstube erbrach Heinrich den Brief.
-
- Lieber Heinrich!
-
- Es ist alles gut. Der Vater wird einwilligen. Komm morgen früh
- um 10 Uhr zu uns herüber. Gute Nacht, Liebster! Es küßt Dich
- herzlich
-
- Deine überglückliche Lotte.
-
-Heinrich hob den Brief hoch und preßte ihn an seine Stirn. Dann sah er
-auf das große Bild seines Vaters, das an der Wand hing.
-
-»Vater, du mußt »Ja und Amen« sagen. Ich bin zu glücklich, zu
-glücklich!«
-
-Einsamkeit und Reue waren weit.
-
- * * * * *
-
-Der Mond hatte die Nebel vertrieben. In später Nacht lugte er in drei
-Stuben der Buchenhöfe.
-
-Da sah er, wie der alte Schaffer seinem jungen Herrn die Hand gab und
-mit noch schwererer Zunge als sonst sagte:
-
-»Die Lotte is gutt! Sie kann für nischt! Und es geht mich nischt an.
-Und ich bin Schaffer.«
-
-Da schien er auch dem alten Schräger ins Gesicht, der heute nüchtern
-oben am Giebelfenster stand und hinuntersah nach dem Kirchhof und sagte:
-
-»Nun sei zufrieden und laß mich in Ruh'.«
-
-Und er streute silberne Funken auf Stirn und Mund der Lotte, die
-glückselig in ihrem Bette lag und von einer neuen, schönen Heimat
-träumte.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 17]
-
-
-Draußen flockte leise der Schnee. Im Wohnzimmer des Buchenkretschams
-war es wohlig warm, und Lotte bereitete den Vespertisch. Heinrich sah
-ihr lächelnd zu. Jetzt setzte sie eine goldgeränderte Tasse vor ihn
-hin, darauf war geschrieben: »Dem Bräutigam«, und daneben stellte sie
-eine Tasse mit der Aufschrift: »Der Braut«.
-
-»Aus den Tassen haben Vater und Mutter bei ihrer Hochzeit getrunken,«
-sagte sie.
-
-Er sah sie an, wie sie in herziger Hausfrauenschönheit vor ihm stand,
-und legte den Arm um ihre Schultern.
-
-»Lotte! Ich kann Dir nicht sagen, wie mir zumute ist. Ich denke, so
-mag einem sein, der aus einem Schiffbruch gerettet wurde und in einer
-sicheren, warmen Stube sitzt.«
-
-Erst als sie draußen den Vater kommen hörten, gingen sie auseinander.
-
-Mißmutig trat Schräger in die Stube.
-
-»Was sagt man dazu -- die Bande kommt nich! Alle lassen sie absagen,
-alle; der einzige Hirsel will kommen.«
-
-Heinrich biß die Zähne aufeinander. Der Wirt hatte seine früheren
-Stammgäste, die in letzter Zeit immer mehr und mehr ausgeblieben waren,
-zu einer Verlobungsfeier eingeladen und zu diesem Zwecke ein Faß echten
-Bieres kommen lassen.
-
-Nun wollte niemand erscheinen.
-
-»Ja, es ist arg,« sagte Heinrich. »Ich hätte nicht gedacht, daß sie
-es so weit treiben würden. Aber der Riedel hat heute ein Fest unten
-im Dorfe in Polers Wirtshaus angesagt und Freibier versprochen,
-und der Barbier ist durchs ganze Dorf, um dazu einzuladen. Das ist
-niederträchtig, das ist einfach niederträchtig!«
-
-Schräger grub die Hände tief in die Hosentaschen.
-
-»Bankrott wird man noch werden,« knurrte er in tiefstem Unmut.
-
-Ein Schatten flog über Heinrichs Gesicht. Lotte bemerkte es wohl und
-legte ihrem Vater die Hände auf die Schultern.
-
-»Vater, sei nicht mürrisch! Nicht heute! Die Leute werden schon
-wiederkommen. Lange wird's ihnen beim Poler nicht gefallen. Dann kommen
-alle wieder zu Dir.«
-
-Schräger knurrte etwas und ging hinüber nach der Wirtsstube. Dort goß
-er ein großes Glas voll Rum und trank es aus.
-
-Das Mädchen ging nach der Küche, und Heinrich war allein. Er trat ans
-Fenster und sah nach seinem Hofe hinüber. Je eher, je besser wollte
-er die Lotte hinüberholen. Denn mit Schräger war auf die Dauer nicht
-auszukommen.
-
-Wie er so dastand und in das Schneewetter hinaussah, dachte Heinrich
-an die letzten Tage und konnte sich keiner Stunde erinnern, die
-er glücklich und zufrieden mit seinem zukünftigen Schwiegervater
-zugebracht hätte, angefangen von dem Augenblick, wo ihm dieser Mann mit
-schwerer, lallender Zunge das Jawort gab, bis heute. Damals hatte er
-ihn angewidert. Nicht einmal an dem wichtigen Tage, da eine jahrelange
-Feindschaft begraben und die Verbindung seiner einzigen Tochter mit dem
-Gegner beschlossen werden sollte, konnte dieser Mann nüchtern bleiben.
-Und es war vormittags 10 Uhr gewesen. Aber die Lotte hatte auch damals
-ihren Vater zu entschuldigen gesucht und gesagt, er habe wohl in
-übergroßer Aufregung getrunken.
-
-Er hatte sich das so schön, so feierlich, so groß vorgestellt, diese
-Stunde der Aussöhnung, und der -- war betrunken. Er hatte nichts
-anderes sagen können als immer dasselbe: »Laß die Toten ruhen! Laß die
-alten Geschichten! Nehmt Euch! Alles is gutt! Ich kann für nischt! Laßt
-mich in Ruh'! Meinetwegen macht, was Ihr wollt.«
-
-Und dann hatte er nach der Ziegelei und nach den Überschüssen des
-Gutes so gierig und interessiert gefragt, trotz seiner Trunkenheit,
-daß dem jungen Freiersmanne gegraut hatte. Und er hatte immer nach der
-lieblichen, unschuldigen Lotte sehen müssen, die mit schwerverhaltenen
-Tränen neben ihm saß, daß er nur Herr seiner selbst blieb.
-
-Auch der schwachsinnige Bruder machte es ihm schwer. Dieser Bursche
-hatte eine ganz unbegreifliche Scheu vor ihm. Immer lief er fort, wenn
-er ihn nur witterte, und einmal, als die Lotte ihn eingeschlossen
-hatte, um eine Begegnung zu erzwingen, und Heinrich ein ganzes Paket
-Schokolade mitbrachte, die der Bursche sehr gern aß, war er im letzten
-Augenblick schreiend durch das Fenster entflohen.
-
-Eine ganze Nacht war er fortgewesen und erst am Morgen wiedergekommen.
-Seit der Zeit wurde er außer acht gelassen.
-
-Der Buchenhof! Wie er so sacht einschneite und nun so friedlich dalag,
-so recht lockend und einladend, einzutreten und allen Sturm und alles
-böse Wetter draußen zu lassen, heimisch zu sein in diesen festen
-Mauern. Recht wie eine Heimat sah das Haus aus. Aber der, dem es
-gehörte, wußte, daß es keine Heimat war.
-
-Jetzt eben dachte er wieder darüber nach, und ein Gedanke ging ihm
-durch die grübelnde Seele: Heimat ist nicht Raum! Heimat ist auch nicht
-Freundschaft! Wird Heimat Liebe sein? --
-
-»Lotte, wenn es Dir recht ist, wollen wir bald nach Weihnachten
-heiraten,« sagte er zu seiner Braut, als sie zurückkam.
-
-Das Mädchen sah ihn freundlich an.
-
-»Ja, Heinrich; ich weiß auch, warum. Und Du hast recht.« Sie kam ganz
-nahe an ihn heran.
-
-»Aber gar zu böse mußt Du nicht sein mit ihm. Im Grunde ist's ja doch
-aus Gram um Deinen Vater!«
-
-»Ja, Lotte, ich weiß es!«
-
-»Ist es Dir unlieb, wenn ich immer für ihn spreche?«
-
-»Nein! Er ist Dein Vater. Wer keine gute Tochter war, wird kein gutes
-Weib.«
-
- * * * * *
-
-Heinrichs Verlobungsabend war gekommen. Schräger hatte trotz dringender
-Abwehr das große Bierfaß in die Wirtsstube heraufschaffen lassen.
-Das stand nun in seiner ganzen tragikomischen Größe in der einsamen
-Gaststube.
-
-Die Stenzeln hatte ein gutes Abendbrot bereitet, das hatten Heinrich,
-Lotte und Schräger schweigend verzehrt. Zuweilen nur fluchte der Wirt
-stumpf vor sich hin.
-
-Gegen sieben Uhr kam der alte Hirselbauer. Schräger lachte spöttisch.
-
-»Na, Hirsel,« sagte er in grimmiger Selbstironie und klopfte auf das
-große Faß, »da kannste trinken, da kannste aber trinken!«
-
-»Wird niemand kommen, niemand sonst?« fragte Heinrich. Hirsel
-schüttelte verlegen den Kopf.
-
-»Verhetzt! Alle verhetzt! Der Barbier is a Schandkerl.«
-
-»So setzen Sie sich, Herr Hirsel: ich werd's Ihnen nicht vergessen, daß
-Sie gekommen sind.«
-
-Es war eine trübselige Verlobungsstimmung. Schräger stierte immer vor
-sich hin und schimpfte in sich hinein, Heinrich und Lotte hielten
-sich an den Händen, und der alte Hirsel saß vor seinem Bierglase und
-wollte nicht trinken. Vom Wetter sprachen sie schließlich, von den
-Rübenpreisen, von ein paar nebensächlichen Ereignissen aus dem Dorfe.
-Dann waren wieder lange Pausen, und die alte Wanduhr tickte trostlos,
-einförmig. Niemand wollte reden, niemand wußte etwas zu sagen.
-
-Mitten in all dieser Stille war Heinrich in schwerer Erregung. Zuweilen
-preßte er die Hand des geliebten Mädchens. Da wünschte er sich weit
-fort mit ihr. Wenn er einen einzigen Freund gehabt hätte, jemand,
-der sich mit ihm freute! So war er allein. Und das war der Abend, der
-für die meisten Menschen der strahlendste und glücklichste des Lebens
-ist, an welchem sich an jeden ein paar gute Menschen drängen, um
-Freundschaft zu zeigen, um Glück zu wünschen.
-
-Hier war es so erschreckend öde. Kaum, daß ihm der alte Hirsel manchmal
-ein wenig zulächelte.
-
-Dann dachte er daran, daß nun doch die eigentliche Verlobung vollzogen
-werden müsse. Wer sollte das tun? Wer? Schräger würde nicht anfangen.
-
-Also er selbst! Aber es fiel ihm maßlos schwer, in solcher Umgebung und
-solcher Stimmung ein so schweres, entscheidendes Wort zu sprechen. Und
-dann, wie sollte er den Mann anreden? Jetzt mußte er »Vater« zu ihm
-sagen! Und es war ihm, als ob vor seiner Seele eine bleiche Gestalt
-auftauche und ihm mit gebietendem Blick sage: »Mißbrauche nicht meinen
-Namen!«
-
-So schob er's auf in innerer Unrast, und es verging eine halbe Stunde
-und noch eine. Die Uhr schnarrte durchs Zimmer, und dann war wieder
-diese bedrückende Stille. Da, als ihn Lotte einmal bang anschaute,
-stand Heinrich auf: »Va-- Vater, Sie haben mir Ihr Jawort gegeben bei
-meiner Werbung, und Lotte und ich werden uns jetzt mit Ihrer Zustimmung
-verloben.«
-
-Er wartete auf eine Antwort. Schräger stierte auf.
-
-»Ja,« sagte er, »ja, meinethalben! Prosit!«
-
-Und er trank.
-
-Heinrich wurden die Augen heiß, und Lotte fing leise an zu weinen. So
-steckte er ihr den goldenen Ring an den Finger und sie ihm den seinen.
-Der alte Hirsel stand auf und sprach ein paar Glückwunschworte. Und
-dann war es wieder still. --
-
-Da klopfte es ans Fenster.
-
-»Und einen Hund, einen gro...o...oßen Hund!«
-
-Der Bruder! Den ganzen Nachmittag war er schon wieder abwesend und
-nicht aufzufinden gewesen. Jetzt stand er draußen am Fenster und blökte
-die Zunge herein. Schimpfend erhob sich Schräger und ging hinaus.
-Nach kurzer Zeit kam er wieder und sagte, der Junge sei verschwunden.
-Vielleicht sei er nun schlafen gegangen. Man solle ihn sein lassen.
-
- * * * * *
-
-Draußen aber an der Gartenmauer des Buchenhofes kauerte Gustav
-Schräger. Er war unten im Dorfe gewesen in Polers Gasthaus, der Barbier
-hatte ihm viel Bier zu trinken gegeben, und alle hatten über den
-Idioten gelacht, bis ihn ein vernünftiger Bauer nach Hause jagte.
-
-Jetzt kauerte der Bursche in halbem Dusel an der Gartenmauer. Manchmal
-sah er nach den erleuchteten Fenstern der Wirtsstube, ballte die
-Fäuste, knirschte mit den Zähnen oder blökte die Zunge heraus.
-
-Dann suchte er in seinen Hosentaschen nach und brachte eine Schachtel
-Streichhölzer heraus. Ein böses Grinsen ging über das verblödete
-Gesicht, und die Fäuste ballten sich wieder.
-
-Der Idiot betrachtete die Streichholzschachtel mit funkelnden Augen.
-Dann hielt er sie gegen das Ohr, schüttelte sie und freute sich an dem
-leisen Geklapper.
-
-»Viel sind's,« grunzte er, »viel!«
-
-Leise richtete er sich auf, wandte lauernd und spähend den Kopf und
-schlich endlich lautlos und gebückt die Gartenmauer entlang. Das
-Hoftürchen zum Buchenhof öffnete er. Es knarrte laut. Aber der Bursche
-ließ sich nicht abschrecken. Er sah sich nur ein wenig um und rannte
-dann schnell über den Hof bis zur Scheune.
-
-Das Tor war nicht verschlossen, aber es verursachte ein Geräusch, als
-er öffnete. Nun war er in der Scheune. Er blieb stehen, holte tief
-Atem, und seine Augen funkelten.
-
-»Oh! Ooh! Hoch! Hoch! Es wird brennen! Brennen!« Und er reckte die Arme
-in die Höhe.
-
-Dann strich er ein Streichholz an. Es zerbrach und fiel verlöschend auf
-die leere Tenne. Ein zweites Streichholz! Es brannte, und in seinem
-Schein ging der Idiot nach dem getreidegefüllten Bansen.
-
-»Du! Was machst Du da?«
-
-»Jeses!«
-
-Ein Schrei! Ein zweiter!
-
-Das Streichholz erlosch. Eine Jagd ging los. Voran der Idiot, hinterher
-ein Knecht des Buchenhofes, der das Geräusch der Tore gehört hatte und
-dem Burschen nachgeschlichen war.
-
-»Stehen bleiben! Halt! Stehen bleiben!«
-
-Ein furchtbares Brüllen kam dem Jungen vom Munde. Er fiel über einen
-Gegenstand, stand auf, sprang weiter und fand in der Angst nicht das
-Tor. Es war rabenfinster. Man hörte das Keuchen der beiden Menschen.
-Ein paarmal streifte der Knecht mit der Hand den Jungen. Der aber wich
-immer geschickt aus. Es war ein furchtbares, entsetzliches Suchen und
-Haschen. -- Eine Leiter stand da, die nach dem Getreideboden führte --
-jetzt faßte der Idiot die Leiter und stieg hinauf, lautlos wie eine
-Katze.
-
-Der Knecht stand unten lauschend still. Wo war er?
-
-»Wo bist Du, Lump? Wart', vielleicht auf der Leiter -- wart', da krieg
-ich Dich!«
-
-Ein Rutschen -- ein schwaches Knacken -- dann ein markerschütternder
-Schrei, und ein schwerer Körper sauste aus der Höhe auf die Tenne.
-Einen lallenden Schreckenslaut stieß der Knecht aus. Dann war
-Totenstille.
-
- * * * * *
-
-Auf das Schreien des Knechtes kamen die Leute mit Lichtern nach der
-Scheune gestürzt, dann eilte eine Magd über die Straße hinüber nach dem
-Kretscham. Sie riß die Tür auf und schrie in die Stube:
-
-»Jeses, a Unglück, a Unglück! Der Gustav hat unsre Scheune anzünden
-woll'n, und da is a von der Leiter gestürzt und hat a Hals gebrochen!«
-
-»Du -- Du -- o Du -- ich -- i -- was -- was? --«
-
-Lotte stierte in wahnsinnigem Entsetzen die Magd an; wollte reden,
-schreien, fragen, konnte es aber nicht.
-
-Heinrich nahm sie fest am Arm.
-
-»Schräger! Herr Schräger! Ihr Gustav! Ach Gott, ach Gott! Den Hals
-gebrochen!« wimmerte die Magd.
-
-Schräger saß da wie ein Bild aus Stein, gänzlich wortlos. Er stöhnte
-nur. Ein dumpfes Gurgeln drang ihm aus der Kehle; die Augen stierten
-entsetzt die Magd an, die immerfort weiter schrie, weiter jammerte,
-dann fingen seine Hände an zu tasten, seine Füße an zu rutschen, und
-so glitt er schwer unter den Tisch.
-
-Ein paar Minuten später brachten sie den Verunglückten auf einer
-Futtertrage herüber. Er war tot.
-
-Auf die Diele der Gaststube legten sie ihn und standen dann alle stumm
-an der Tür. Schräger, dem Hirsel und Heinrich auf die Bank geholfen
-hatten, hatte lautlos zugesehen. Jetzt erhob er sich. Er wollte
-hingehen, aber die Glieder versagten ihm. Mitten in der Stube fiel er
-nieder, und ehe ihn die anderen aufrichten konnten, kroch er wie ein
-Tier auf Händen und Füßen zu seinem toten Kinde, legte sich mit seinem
-Körper über die Leiche und blieb zuckend und wimmernd liegen. Lotte
-führten die Frauen hinüber nach der Wohnstube. --
-
-In später Nacht ging Heinrich Raschdorf heim. Als er die Lampe
-angezündet hatte, sah er sich scheu um. Das große Bild seines Vaters
-schaute von der Wand herunter. Und der Sohn sah das Bild an in der
-Stille dieser seiner Verlobungsnacht, und ein tiefes Schauern ging ihm
-durch Leib und Seele.
-
-»Nun bist Du gerechtfertigt, Vater! Gerechtfertigt und gerächt!«
-
-Dann stieg er langsam wie ein Kranker hinauf in seine Stube.
-
- * * * * *
-
-Ein stürmischer Tag folgte dieser Nacht. Der Wind jagte die
-Schneewolken über Wald und Dorf und peitschte Häuser und Bäume.
-Und also stürmte es auch in den Geistern der Leute. Wie ein Blitz
-ein schwarzes, enges Tal, in das kein Auge zu schauen vermochte,
-urplötzlich durchleuchtet, so war es hier. Die Leute erkannten nun, wer
-das erste Mal der Brandstifter gewesen war.
-
-Die Arbeit ging an diesem Tage lässig in allen Häusern, denn alle Leute
-redeten, standen zusammen und plauderten erregt. Das fühlten alle: daß
-an den Buchenhofleuten schwer gesündigt worden sei. So manchen kam die
-Reue an, und er nahm sich vor, wieder gut zu machen, wo er etwa gefehlt
-habe. Die Männer namentlich bedauerten, daß sie der Einladung zur
-Verlobung im Kretscham nicht Folge geleistet hätten, weil sie dadurch
-den Raschdorf-Heinrich aufs neue gekränkt hatten. Den Barbier aber
-trafen die schwersten Vorwürfe, weil er dem Idioten Bier gegeben hatte,
-und alle meinten nun, er sei schuld an Gustav Schrägers grauenvollem
-Tode, er sei überhaupt immer der Hetzer und der Schuldige gewesen; ohne
-ihn wäre alles nicht so schlimm geworden.
-
-So kam es, daß der Barbier in dieser Zeit seine Heimat verlor. Schon
-nach wenigen Wochen ließ sich ein flinker Konkurrent im Dorfe nieder,
-und ein wenig später zog der Barbier verachtet und heimatlos von
-dannen. Auch im Dorfleben ist die öffentliche Meinung souverän; wer
-bei ihr in Ungnade fällt, dem steht keine Berufung zu; er zieht in die
-Verbannung.
-
-Über Schräger waren sich die Leute nicht einig. Seine Person blieb im
-Dunkel. Die Weiber waren geneigt, ihn zu verurteilen, aber die Männer
-meinten, nun sei es angebracht, recht oft in den Buchenkretscham zu
-gehen, um am Ende einmal etwas herauszukriegen oder zu erleben. --
-
-Gegen neun Uhr vormittags ging Heinrich Raschdorf nach dem Kretscham.
-Die Leute hatten eben den Toten in eine leere Kammer zu ebener Erde
-gelegt. Eine Öllampe hatten sie ihm zu Häupten gestellt, die brannte in
-trübem Schein.
-
-Erschüttert betrachtete Heinrich die Leiche. Der Verderber seines
-Hauses, der Bruder seiner Braut und alles in allem ein unglücklicher,
-beklagenswerter Mensch!
-
-Draußen traf er die Stenzeln und fragte sie nach Lotte. Das Weiblein
-wischte sich mit der Schürze übers Gesicht. »Ach, du mein Gott! Die hat
-sich in ihre Stube geschlossen und kommt nicht heraus und gibt keine
-Antwort.«
-
-Er stieg die Treppe hinauf und klopfte an ihre Türe.
-
-»Lotte! Lotte!«
-
-Ein leises Weinen.
-
-»Lotte! Gib Antwort! Bist Du krank?«
-
-»Heinrich, ich kann nicht heute -- nicht heute --«
-
-»Bist Du krank, Lotte? Sollen wir einen Arzt holen?«
-
-»Nein, nicht -- nicht! Ich bin nur müde -- müde!«
-
-»Reg' Dich doch nicht so auf, liebe Lotte! Ich bitte Dich!«
-
-»Ja, Heinrich, ja!«
-
-Er stand noch ein Weilchen an der Tür, aber sie sagte nichts mehr. So
-ging er und schärfte der Stenzeln ein, die Lotte nicht allein zu lassen.
-
-Schräger war noch nicht zu sehen. Auch er hatte sich in seine Stube
-eingeschlossen und kam nicht heraus; er gab auch keine Antwort. Nur
-sein schlürfender Schritt war manchmal zu hören.
-
-Schon gegen drei Uhr nachmittags erlosch der Tag. Heinrich kam aus der
-Stadt zurück, wo er einiges für das Begräbnis besorgt hatte. Wieder
-verlangte er Lotte zu sehen. Aber die Stenzeln überbrachte ihm nur die
-Bitte, sie ganz allein zu lassen.
-
-»Stenzeln! Was macht sie denn? Was tut sie so allein?«
-
-Die Frau zuckte die Schultern.
-
-»O du mein lieber Gott! Was wird sie machen? Nischt! Sie sitzt da und
-grübelt und sagt kein Wort!«
-
-»Stenzeln, bringen Sie ihr die Rosen und sagen Sie, ich will ihr heute
-Ruhe gönnen; aber morgen muß ich sie sehen. Auf jeden Fall! Und sie
-soll sich nicht grämen, der Gustav war ein armer, unglücklicher Mensch;
-er hat's nicht besser verstanden.«
-
-Die Stenzeln nickte und versprach alles auszurichten. Dann ging
-Heinrich nach Hause.
-
-Gegen sieben Uhr klopfte die Stenzeln an Schrägers Tür. »Herr Schräger,
-machen Sie auf! Sie müssen doch was essen!«
-
-Er öffnete. Entsetzt wich die Stenzeln zurück. Dieser Mann sah aus wie
-ein zusammengeducktes, furchtsames Tier.
-
-»Herr Schräger! Jeses! Wie sehn Sie denn aus?«
-
-Er lehnte sich an die Wand und sah sie lauernd an.
-
-»Ist jemand gekommen? Hat jemand gefragt?«
-
-»Wer soll denn gekommen sein?«
-
-»Niemand gefragt? Nach mir? Nach mir, Stenzeln?«
-
-»Wer denn? O Gott, wer denn?«
-
-»Stenzeln, wenn der Wachtmeister kommt, ich -- ich bin nicht da! Hörst
-Du? -- Nich da! -- Fort -- verreist! -- Hörst Du?«
-
-»O du mein Himmel, er kommt ja nicht! Ach Gott, so ein Unglück, so ein
-schreckliches Unglück!«
-
-Er kam ihr ganz nahe.
-
-»Stenzeln! Sagen die Leute was über mich?«
-
-»Was sollen sie denn sagen?«
-
-»Ich hab' nischt gewußt, Stenzeln! Hörst Du? Nischt gewußt! Sag's den
-Leuten! Ich -- ich kann nich dafür, ich bin unschuldig! Hörst Du? Sag's
-den Leuten, sonst verklag' ich sie, sonst verklag' ich sie alle! Sag'
-ihnen das!«
-
-Er sank auf einen Stuhl. Die Stenzeln fing an zu weinen.
-
-»Kommen Sie doch mit herunter, Herr Schräger! Bleiben Sie doch nich so
-alleine!«
-
-Er schüttelte sich.
-
-»Geh' Stenzeln, geh' raus! Es kommt jemand im Hausflur. Geh'! Sachte!
-Sachte! Sag' nischt, Stenzeln, sag' nischt! Ich bin nich da! Hörst Du?
-Geh', geh' raus! Stenzeln, geh' raus!«
-
-Er drängte sie durch die Tür und schloß hinter sich ab.
-
- * * * * *
-
-Tief in der Nacht war's. Die Lotte lag mit weit geöffneten Augen
-im Bett. Es war stockfinster in der Stube, und die Uhr war stehen
-geblieben. Draußen stieß der Sturm an den Giebel, und die Äste eines
-hohen Baumes schlugen manchmal an die Fenster.
-
-Das Mädchen faltete die Hände. Da drückte sie etwas -- das war der
-goldene Ring!
-
-Sein Ring! Und drunten lag ihr Bruder!
-
-Wie die Rosen dufteten!
-
-»Er hat's nicht besser verstanden, der arme, unglückliche Mensch!«
-
-So edel war der Heinrich!
-
-Aber sie -- sie? War es nicht ein Verbrechen, daß sie diesen Ring trug?
-Daß sie in einer Familie Liebe und Glück suchte, wohin ihr Bruder
-Armut, Not, Tod und Schande getragen?
-
-Die Lene! O Gott, was würde die Lene sagen! Wenn sie das jetzt erfuhr,
-dann ruhte ihr Fluch über ihrer und Heinrichs Liebe, jetzt mit Recht.
-
-Der Ring! Wie er grausam drückte!
-
-Wenn sie sterben könnte, und das auslöschen könnte, dann stürbe sie
-gern, noch diese Nacht!
-
-Da! -- Draußen ging ein Schritt, ein ganz leiser Schritt! -- Jetzt! --
-Ein matter Lichtschein huschte unten an der Türschwelle vorbei. Was war
-das? -- Was war das? -- Und nun ein Wimmern, ein furchtbares, schwer
-unterdrücktes Wimmern unten im Hausflur.
-
-»O Gott, der Vater!«
-
-Nach kurzer Zeit schlich sie die Treppe hinab. Sie beugte sich über das
-Geländer. Da sah sie ihn. In der offenen Tür zu der Totenkammer kniete
-er, zusammengekauert, den Kopf an den Türpfosten gepreßt.
-
-Das Licht, das er getragen hatte, war erloschen; nur das Totenlämplein
-schien fahl aus dem Gewölbe.
-
-»Vater! Vater!«
-
-Sie flüsterte es. Entsetzt zuckte er zusammen.
-
-»Wer ruft mich? O, Du Lotte, Du -- bloß Du -- bloß Du!«
-
-Sie eilte hinab und faßte ihn an der Hand.
-
-»Komm mit! Komm mit zu mir herauf!«
-
-»Ja! -- Ja! -- Ja! -- Lotte -- zu Dir -- oh -- da -- da --«
-
-Er sah noch einmal auf den Toten, auf sein schreckliches,
-angstverzerrtes Gesicht und die zertrümmerte Stirn. Da schloß Lotte das
-Gewölbe.
-
-Droben zündete sie mit bebenden Händen die Lampe an.
-
-Als Licht wurde, stöhnte er auf. Dann würgte er um Worte.
-
-»Ich halt's nich aus -- ich muß Dir's sagen, es erwürgt mich -- ich
-hab' so schrecklich Angst -- Lotte -- ich -- ich bin schuld an allem!«
-
-Sie sah ihn verständnislos an.
-
-»Lotte, ich hab's ja gewußt, ich hab's ja immer gewußt.«
-
-»Was? -- Was?«
-
-»Daß er -- daß unser Gustav angezündet hat!«
-
-»Das hast Du gewußt?«
-
-Sie stammelte es.
-
-Er sah sie an, duckte sich zusammen und stand wortlos da.
-
-»Rede! Rede! Sag' alles! Alles! Rede! Sag's! Sofort! Sag' alles! Ich
-will's!«
-
-Er ächzte, aber er brachte kein Wort heraus.
-
-»Wann hast Du's gewußt?«
-
-Der Verbrecher stand vor ihren zürnenden Richteraugen.
-
-»Lotte! Hab' -- hab' Erbarmen, Lotte!«
-
-»Wann hast Du's gewußt?«
-
-»Gleich -- gleich am ersten Tage!«
-
-»Vor dem Gerichtstag?«
-
-»Ih -- ih -- ja -- ja -- vor dem Gerichtstag!«
-
-Eine furchtbare Pause. Mit ganz leisem, teuflischem Pfeifen zog der
-Wind um die Ecke des Hauses.
-
-»Du! -- Du! -- Du!«
-
-Sie ging auf ihn zu mit furchtbarem Haß in den Augen.
-
-»Sag' alles! Alles!«
-
-»Ich -- ich -- ich hab' falsch -- falsch geschworen, Lotte!«
-
-Sie sprach nicht. Sie hörte nur --! Ein Posaunenstoß dröhnte übers
-Haus, ein Knirschen und Klappern und ein winselndes Wimmern.
-
-»Falsch geschworen? Warum?«
-
-»Den Buchenhof wollt' ich -- den Buchenhof -- für -- für Euch.«
-
-»Den Buchenhof wolltest Du?«
-
-Das sagte sie mit gebrochener Stimme.
-
-Dann ging sie langsam durch die Stube, schob den Vorhang vom Fenster
-weg und sah hinüber nach dem Buchenhofe.
-
-Schräger setzte sich auf den Rand ihres Bettes und starrte sie an.
-
-Sie stand regungslos, die Hände hingen ihr schlaff herab.
-
-Nach langen Minuten wandte sie sich um. Langsam kam sie vom Fenster
-zurück und trat an den Tisch. Dort zog sie den goldenen Ring vom
-Finger, küßte ihn und legte ihn neben die Rosen.
-
-»Was machst Du, Lotte?«
-
-Sie sah ihn mit toten Augen an.
-
-»Das ist jetzt natürlich aus! Die Tochter und die Schwester von solchen
--- solchen Verbrechern -- -- kann er nicht heiraten.«
-
-»Was willst Du tun, Lotte?«
-
-»Ich werd' ihm alles sagen!«
-
-Er stöhnte auf.
-
-»Ihm sagen!«
-
-Dann war es still. Die Lampe qualmte auf. Nach einer Weile schlug ein
-Ast ans Fenster, und es sprang eine Scheibe. Da stand Schräger auf.
-Langsam ging er durch die Stube bis zu einem Korbe, nach dem er in der
-Zwischenzeit hingestarrt hatte.
-
-Aus dem Korbe nahm er eine Wäscheleine. Lotte hörte das leise Geräusch,
-blickte auf und sah den Vater mit dem grauen Strick in der Hand.
-
-»Vater!«
-
-Er drehte sich nicht um.
-
-»Vater!«
-
-Sie war bei ihm, riß ihm den Strick aus der Hand und schleuderte ihn
-hinter sich. Er fiel auf ihr Bett und lag wie eine graue Schlange über
-den weißen Kissen.
-
-»Wenn Du's ihm sagst, komme ich auf meine alten Tage ins Zuchthaus! Da
-is es besser -- Schluß!«
-
-»Vater, ich sag's ihm nicht -- ich werd's ihm nicht sagen, ich werd'
-Dich ja nicht verraten, aber Du mußt alles tun, was ich will -- alles!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 18]
-
-
-Im Buchenhofe schlug eine Uhr die dritte Morgenstunde. Heinrich
-Raschdorf lag wach im Bett. Aus dem Dämmerlicht leuchtete matt eine
-Silberschrift von der Wand: »Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser.«
-
-Der Ruhelose schloß die Augen und sprach mit sich selbst, weil er
-sprechen mußte.
-
-Der schuld war, lag drüben stumm und kühl. Seine arme Seele war
-hinüber. Und den Reinen gehört das Leben. Das zertrümmert nichts: kein
-Freundeszorn, kein Schwesterfluch. Auf ein reines Leben kommt kein
-Unsegen hernieder, auch nicht von einem Geopferten.
-
-So kämpfte Heinrich Raschdorf wider sein empfindsames Herz. Er kämpfte
-lange vergebens. Drunten schlug die heisere Uhr viermal, dann fünfmal,
-ohne daß sich die Qual des jungen Mannes vermindert hatte. Erst gegen
-Morgen fiel er in schweren Schlummer.
-
-Als der Tag lange schon ins Zimmer leuchtete, wachte Heinrich Raschdorf
-auf. Es war zehn Uhr vorbei. Hastig kleidete er sich an und ging sofort
-hinüber nach dem Kretscham.
-
-»Ich hab's verschlafen, Stenzeln. Wie geht's? Was macht Lotte?«
-
-Die Stenzeln ging nach der Kommode.
-
-»'n Brief schickt sie, sie is in die Stadt. Um sieben schon. Sie muß
-sich ja die Trauersachen besorgen. Und der Herr is in seiner Stube
-und kommt nich raus. Da is der Brief! 's is a Jammer, wie das Kind
-ausgesehen hat heute früh.«
-
-Heinrich zerriß den Briefumschlag und las einen Satz. Dabei schluckte
-er heftig, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und trat mit
-dem Briefe ans Fenster.
-
-»Sie! -- Sie! -- Sie! -- -- Stenzeln! -- -- Da -- da -- sie ist ja fort
--- sie ist ja fort, Stenzeln!«
-
-»Herr Raschdorf! Jeses, was reden Sie denn?«
-
-»Stenzeln, sie ist fort! Sie kommt nicht wieder! Sie kommt nicht
-wieder!«
-
-»Ach Gott, Herr Raschdorf, ach Gott. Das ist ja nich möglich -- was --«
-
-Er schob sie beiseite und stürmte die Treppe hinauf.
-
-»Herr Schräger! Machen Sie auf!«
-
-Von den Schlägen seiner Fäuste dröhnte die Tür.
-
-Ein Stöhnen kam aus der Stube.
-
-»Aufmachen! Ich hau' die Tür ein! Ich hau' wahrhaftig die Tür ein!«
-
-Die Tür ging auf.
-
-»Da -- der Brief! Sie ist fort! Sie schreibt, sie will mich nicht
-heiraten! Sie kommt nicht wieder! Das ist ja verrückt! Das ist ja total
-verrückt!«
-
-Schräger starrte mit bleichem Gesicht und weitgeöffneten Augen den
-rasenden jungen Mann an.
-
-»So reden Sie doch! Reden Sie doch ein einziges Wort! Wissen sie, daß
-sie fort ist, daß sie nicht wiederkommt?«
-
-Schräger keuchte.
-
-»Ja!«
-
-»Sie wissen's? Und Sie sagen mir nichts? Sie lassen sie fort? Sie
-lassen mich schlafen? Mensch!«
-
-Er erhob die Fäuste gegen ihn. Schräger duckte sich zusammen.
-
-»Wegen 'm Gustav! Bloß wegen 'm Gustav,« stammelte er.
-
-»Wohin?! Wohin ist sie?«
-
-»Ich -- ich weiß nich.«
-
-»Das ist nicht wahr! Das ist Schwindel! Das ist 'ne Lüge! Ich will's
-wissen! Wohin ist sie? Wohin ist die Lotte?«
-
-»Sie -- sie hat mir's nich gesagt.«
-
-»Wohin ist sie?!«
-
-Das schrie er.
-
-»Ich weiß nich, wahrhaftig, ich weiß ja nich! Ich kann nischt dafür!
-Ich kann ja gar nischt dafür!«
-
-Heinrich Raschdorf stand zitternd vor ihm. Auf Sekunden mußte er mit
-sich kämpfen, den Mann nicht zu mißhandeln, ihm nicht mit Gewalt das
-Geständnis zu entreißen. Dann aber warf er den Kopf zurück, grub die
-Hände in die Taschen und ging ein paarmal rasch durch die Stube.
-Schließlich setzte er sich auf einen Stuhl, Schräger gegenüber.
-
-»Ich will ja vernünftig sein, ich will ja nicht schreien, ich will ja
-alles auf mich nehmen, aber das müssen Sie mir sagen, wohin sie ist. Es
-ist ganz klar, daß Sie mir das sagen müssen. Sie ist doch meine Braut!«
-
-»Heinrich, ich weiß nich! Sie will weit fort. Und ich soll die
-Wirtschaft verkaufen, und dann soll ich nachkommen.«
-
-»Wohin sollen Sie nachkommen?«
-
-»Das weiß ich nich. Das wird sie erst viel später schreiben, sagte sie.
-Sie wird erst einen Ort suchen.«
-
-Es wurde still. Heinrich Raschdorf starrte mit bewegungslosem Gesichte
-den alten Schräger an. Unten wurde die Tür geöffnet; -- zwei Männer
-stapften in den Hausflur und setzten etwas nieder.
-
-»Guten Tag! Wir bringen den Sarg!« sagten sie.
-
-Der alte Schräger hörte es und legte die Hände über das Gesicht. »Ich
-wollte, es gält' mir!«
-
-Heinrich hörte von alledem nichts. Nach einer Weile erhob er sich.
-
-»Und sie hat nichts für mich hinterlassen als den Brief?«
-
-»Sonst nichts!«
-
-»Sagen Sie: Können Sie mir schwören, daß Sie nicht wissen, wohin sie
-ist, warum sie fortgeht, schon vor dem Begräbnis? Können Sie mir das
-schwören?«
-
-»Schwören?! Nein, schwören tu ich nich! Nein! Aber ich weiß nich, wo
-sie hin ist. Ich hab' sie selber gefragt; sie sagte, ich würd' es Ihnen
-verraten, und gerade deshalb sagte sie mir's nich.«
-
-»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Ich hab' hier weiter nichts mehr zu
-tun.«
-
-»Heinrich! Herr Raschdorf! Bleiben Sie noch, bleiben Sie noch ein
-kleines bißchen! Es ist schrecklich so alleine. Und dann -- ich hab'
-eine Bitte, die hat mir noch die Lotte aufgegeben.«
-
-»Was?«
-
-Schrägers Gesicht wurde feuerrot, und das Wasser stieg ihm in die Augen.
-
-»Was für eine Bitte?« drängte Heinrich.
-
-»Kaufen Sie mir -- kaufen Sie mir meine Wirtschaft ab. Ich -- laß' sie
-Ihnen für das halbe Geld.«
-
-Die Tränen liefen dem Manne übers Gesicht, und man sah, wie er die
-Worte unter furchtbarem Schmerz und schwerer Überwindung hervorbrachte.
-
-»Ihre Wirtschaft? Das will die Lotte?«
-
-»Ja! Ich hab's ihr in die Hand versprochen. Und wenn ich's nich tue,
-seh' ich sie nich wieder.«
-
-Heinrich war nicht gleich fähig, etwas zu sagen. Nach einer Weile erst
-fragte er:
-
-»Warum will sie das?«
-
-»Sie meint, weil Ihr -- weil die Raschdorfs durch uns -- ich will sagen
-durch unseren armen Gustav geschädigt worden sind.«
-
-»Ja so! Und vielleicht auch, weil sie mich ohne Abschied im Stich läßt.
-Da soll ich eine Wirtschaft zu halbem Preis kriegen. Eine Abfindung
-soll ich bekommen.«
-
-Er lachte bitter. Sie ging nicht nur ohne Abschied von ihm, sie schied
-mit einer Beleidigung.
-
-»Herr Schräger, ich mag Ihre Wirtschaft nicht, ja, Sie können
-erleichtert aufatmen! Ich mag sie nicht umsonst! Sie ist auch umsonst
-noch zu teuer. Wenn die Lotte das Gewissen drückte, dann hätte sie
-wissen müssen, daß es einen einzigen Schadenersatz für mich gab, und
-das war sie selbst. Mit einer Wirtschaft ist mir nicht gedient. Im
-Gegenteil! Wenn Sie den Buchenhof haben wollen, spottbillig haben
-wollen, können Sie ihn heute oder morgen haben. Heute oder morgen, je
-eher, je lieber!«
-
-Ein ganz leises, verirrtes Leuchten blitzte durch die Äuglein des alten
-Wirts; es erlosch gleich wieder.
-
-»Den Buchenhof? Billig? -- Was nützt's! Es is zu spät! Es geht nich
-mehr!«
-
-»Und hat Ihnen die Lotte nicht gesagt, wann sie Ihnen Nachricht geben
-will?«
-
-»Ja! Zeitigstens in einem Jahre! Ich hab' ihr tausend Mark mitgeben
-müssen. So lange das reicht, schreibt sie nich.«
-
-»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Lassen Sie sich's gut gehen!«
-
-»Bleiben Sie noch ein bißchen, ein kleines bißchen.«
-
-»Nein! Ich hab' keine Zeit. Ich habe schon zu viel Zeit hier
-zugebracht. Leben Sie wohl!«
-
-Die Treppe ging er hinab. Er hielt sich fest an das Geländer und
-schwankte doch und trat schwer auf.
-
-Unten aus dem Hausflur klang Schritteschlürfen und gedämpftes Sprechen.
-Sie legten den Toten in den Sarg.
-
-Heinrich wandte sich nicht um, und als die Stenzeln kam und ihn in der
-Haustür am Ärmel faßte, schüttelte er sie ab.
-
-Drüben in seiner Wohnstube sah er sich um.
-
-Da war er! Da kam er wieder! Er kam von drüben, kam wieder nach Hause.
-
-Sein Lachen schallte unheimlich auf.
-
-»Ist das schön! Ist das schön zu Hause!«
-
-Langsam setzte er sich hinter den Tisch und lehnte den heißen Kopf
-gegen die kühle Mauer. Die Augen starrten ausdruckslos nach der Decke;
-der Mund war ein wenig geöffnet. Wie schwere Betäubung lag's auf seiner
-Stirn. Eine graue Spinne kroch aus einem Winkel, blieb an der Decke
-gerade über ihm stehen und starrte ihn mit ihren unbeweglichen Augen
-unheimlich an.
-
-Lange saß er so am Tisch, ohne sich zu rühren. Dann ging er schwer
-durch die Stube, zog Lottes Brief aus der Tasche, öffnete den Ofen und
-warf den Brief hinein.
-
-»Da, du verfluchter Wisch! Da brennst du, brennst wie Schwefel! Oho, da
-steht das Wort »Liebe«! Siehst du, wie schön eine Lüge brennt? O ja!
-Und jetzt ist's gut, jetzt ist's aus!«
-
-Er setzte sich auf die Ofenbank. Des Vaters Jagdgewehr fiel ihm ein. Es
-war zweiläufig. Die eine Patrone war abgeschossen, die andere steckte
-noch. Am Ende wäre sie noch brauchbar. Schade um so eine Patrone, wenn
-sie jahrelang unbenutzt in einem Laufe steckt!
-
-Er sah hinüber nach des Vaters Bilde.
-
-»Jawohl, du -- wir haben hübsche Nachbarsleute! Da ist was zu holen,
-etwas ganz Bestimmtes, das keiner zweimal braucht!«
-
-Eine halbe Stunde verging. Grauen, Schmerz, Wut wechselten in
-seiner Seele ab, über alles ging eine riesengroße Verwunderung, die
-Verwunderung, daß ein Mensch so handeln könne wie die Lotte, die
-Verwunderung, daß einen Menschen ein so jammervolles Schicksal treffen
-könne wie ihn. --
-
-Das Hoftürchen ging draußen, und ein Männerkopf wurde an den Fenstern
-sichtbar -- Mathias!
-
-Heinrich rührte sich nicht, sagte auch kein Wort, als es leise an die
-Tür klopfte. Da öffnete Mathias behutsam und trat ein.
-
-»Heinrich!«
-
-Der regte sich nicht und sah auf den Fußboden.
-
-»Heinrich, die Lotte schickt mich zu Dir! Sie hat mir einen Brief
-geschrieben.«
-
-»So? Dir auch? Da kannst Du lachen! Mein Brief steckt schon im Ofen!«
-
-Mathias trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
-
-»Wir müssen miteinander reden, Heinrich!«
-
-»Reden? Nein! Ich will nicht! Tu mir den Gefallen und geh' wieder.
-Was kommst Du wieder? Ich kann niemand gebrauchen. Dich auch nicht!
-Wirklich nicht! Sieh mich nicht so an! Es ist mir lästig!«
-
-Mathias legte ihm beide Hände auf die Schultern.
-
-»Nein, alter Heinrich! Ich geh' nich! Ich geh' bestimmt nich! Ich geh'
-überhaupt nich mehr!«
-
-Heinrich schüttelte die Hände ab.
-
-»Gehst überhaupt nich mehr? Meinetwegen! Mir ist's egal! So bleib'
-halt!«
-
-Mathias ging nach dem Tische, nahm sich einen Stuhl und setzte sich.
-
-»Weißte was, Heinrich, ich hab' mir's auf 'm Wege hierher überlegt --
-Du mußt fort!«
-
-Heinrich hob das Haupt und sah den Alten kurz und scheu an.
-
-»Fort? Stimmt! Ich muß fort! Da hast Du recht.«
-
-»Ja, wenigstens auf a Jahr. Nach Breslau mußt Du! Fort hier aus dem
-Loche, wo Dir das Leben leid wird. In Breslau mußte Dich amüsieren oder
-a bissel studier'n oder Geld totschlagen, is alles egal, bloß, Du mußt
-hin!«
-
-Heinrich lachte.
-
-»Täusch' Dich bloß nicht! Ich geh' schon, geh' schon, aber nach
-Breslau? Nein! Täusch' Dich bloß nicht!«
-
-»Da is gar nischt zu täuschen! Du bist a ganz verpfuschter Kunde,
-Heinrich! Zum Bauer taugste nich, mit a Leuten verstehste Dich nich,
-der alte Großknecht und die Schwester laufen Dir fort, die Braut rückt
-och aus -- Du paßt höchstens in die große Stadt. Dort wirste noch als a
-Staatskerl gelten, dort gibt's viele solche Knöppe wie Du einer bist!«
-
-Heinrich sah auf.
-
-»Weißt Du nicht sonst noch ein paar Witze, Mathias?«
-
-»Witze sind das nich, Heinrich! Sieh mal, darauf kannste nu Gift
-nehmen: die allermeisten Menschen sind riesig dumm. Ich och und Du erst
-recht! Ich alter Esel rück' aus, weil mir was nich paßt, und Du junger
-Kerl sitzt dort, wo für Dich 's meiste Pech hingeschmiert is. Und das
-sag' ich Dir: die Schräger-Lotte hat zehnmal mehr Verstand im Leibe,
-wie Du und ich zusamm'n.«
-
-Heinrich lachte höhnisch.
-
-»Ja, das muß man sagen!«
-
-»Man muß wirklich sagen! Die hat 'n Charakter! Das is amal eine, die
-nich an sich denkt. Dagegen sind wir alle klunkrige Kerle. Und was das
-Schlimmste is, daß ich das erst einseh'n lern', wo sie fort is. Das is
-a Prachtmädel, die Lotte!«
-
-Heinrich stand von der Ofenbank auf.
-
-»Ich möchte wissen, was das alberne Gerede für einen Zweck hat. In
-Wirklichkeit ist sie eine dumme Gans, oder religiös-verrückt, oder
-so -- alles dasselbe! Weil ihr blödsinniger Bruder meinem Vater die
-Scheune angezündet hat, läuft sie mir fort, macht sie mich unglücklich.
-Damit sühnt sie das! Na, Mensch, siehst Du nicht ein, daß das
-hirnverbrannt ist?!«
-
-Er lachte, daß er sich schüttelte.
-
-Mathias sah ihn milde an.
-
-»Auf a bissel Geschimpfe kommt's nich an, Heinrich. Aber das sag' ich
-Dir: wenn Du Dich etwa umbringen tät'st, wärste a Schmachtlappen!«
-
-Der junge Buchenbauer fuhr wild auf.
-
-»Was?! Wie?! Wer sagt das! Was geht Dich das an? Was? Hast Du mir was
-zu sagen? Du?!«
-
-»Nö! Aber raten möcht' ich Dir was: Leg' Dich a bissel schlafen!«
-
-»Mathias! Bist Du denn besoffen? Wie kommst Du denn bei meiner jetzigen
-Lage zu solch dämlichem Gerede?«
-
-»Es wär' Dir sehr gutt, wenn Du a bissel schlafen tät'st, nachher
-könnt' man doch mit Dir reden. Ob Du nu willst oder nich, das is egal.
-Wir müssen auch endlich amal miteinander verrechnen. Wer weiß, was nu
-aus Dir wird, und um mein Geld möcht' ich nich kommen.«
-
-Der Buchenbauer sah Mathias unsicher an.
-
-»Das sind Ausreden! Um das Geld ist Dir's nicht. Ich versteh' Dich
-schon!«
-
-»Schön, wenn Du mich verstehst! Jawohl, ich geh' Dir nich vom Halse,
-bis Du schläfst, oder bis Du wieder andere Augen hast -- nich solche!
-Verstehste mich? Und rausschmeißen kannste mich nich, keen Knecht
-packt an, und alleine biste zu schwach. Ich geh' Dir nich vom Leder,
-Heinrich, Du magst machen, was Du willst.«
-
-Heinrich Raschdorf trat mit verbissenem Zorn ans Fenster. Der Mann
-wollte ihn durch das Gerede um seine Stimmung bringen, um seine
-Stimmung. Das merkte er.
-
-»Mathias, Du hast mich seither nicht gefunden, warum kommst Du jetzt?
-Ich brauch' Dich nich, ich will Dich nich! Ich will, daß Du mich
-machen läßt, was ich Lust hab'! Ich nehm' von Dir keine Lehre mehr an,
-verstehst Du! Und wenn Du durchaus hier bleiben willst, gehe ich!«
-
-»Wenn Du gehst, geh'n wir zusammen, Heinrich,« sagte Mathias und erhob
-sich.
-
-Voll Ingrimm sank der junge Buchenbauer auf einen Stuhl.
-
- * * * * *
-
-Bis gegen zwei Uhr nachmittags zankten sie miteinander. Gegen drei Uhr
-schlief Heinrich Raschdorf wirklich auf dem Sofa ein. Seit drei Nächten
-hatte er nicht mehr ordentlich geschlafen, und es lag wie schwere
-Betäubung auf seinem Hirn.
-
-Mathias setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster und wachte bei ihm.
-Durch den tiefen Ernst seines Gesichtes schimmerte ein Lächeln über den
-Sieg, den er errungen. Nach einiger Zeit kam der Schaffer in die Stube
-getappt.
-
-»Pst! Tritt doch nich so auf, Mensch!«
-
-Der Schaffer zog die Holzpantinen aus und nahm sie in die Hand.
-
-»Is wahr?« fragte er leise und zeigte mit den Pantinen erst auf
-Heinrich und dann nach dem Kretscham.
-
-Mathias nickte.
-
-»Ja, sie is fort! Weil ihr Bruder angezünd't hat, denkt sie, sie darf
-nich als Frau uff a Buchenhof kommen. Sie hat zuviel Ehrgefühl.«
-
-Dem Schaffer fiel eine Pantine auf den Fußboden.
-
-»Pst -- Mensch! Halt' doch Deine Latschen feste! A muß schlafen!«
-
-»A is wull -- a is wull -- ganz disperate um a Kopp?«
-
-»Ja, aber geh' lieber raus! Ich erzähl' Dir's heute abend.«
-
-Der Riese bückte sich gehorsam nach seinem verlorenen Pantoffel und
-schlich aus der Stube.
-
- * * * * *
-
-Der Abend kam. Mathias saß noch immer im Lehnstuhl und sah nach dem
-Schlafenden, manchmal sehr sorgenvoll, aber dann auch wieder mit all
-seiner zärtlichen Liebe. Es war doch sein guter, lieber Heinrich! Er
-hatte ihn schwer vermißt die wenigen Wochen und nur immer keinen Mut
-gefunden, wieder zu ihm zu gehen. Jetzt kann er ihn ohne allen Groll
-anschauen. Die Liese ist im Frieden. Die einzige von allen, die im
-Frieden ist! Die anderen alle sind zerstreut in der Fremde.
-
-Nun war es schon ganz finster, und Heinrich schlief noch immer. Draußen
-pfiff der Wind durch die Äste der Bäume.
-
-Da ging die Tür leise auf. Eine dunkle Gestalt erschien und blieb
-regungslos stehen.
-
-»Wer kommt? Wer ist da?« flüsterte Mathias.
-
-Ein leises Schluchzen kam von der Tür.
-
-»Mathias! Ich bin's!«
-
-»Lene! Du?«
-
-Er ging hin, faßte sie an der Hand, zog sie nach dem Hausflur und
-schloß vorsichtig die Tür.
-
-»Wo kommst Du her? Was willst Du?«
-
-»Die -- die Schräger-Lotte hat an mich geschrieben. Heute nachmittag
-kriegt' ich den Brief.«
-
-»Auch an Dich? Komm mit 'rauf, Lene; da drinnen schläft der Heinrich.«
-
-In der Giebelstube saßen sie beide zusammen. Lene lag mit dem Gesicht
-auf dem Tisch. Mathias las den Brief.
-
- Liebes Fräulein Raschdorf!
-
- Eine Unglückliche schreibt an Sie. Ich bin die Braut Ihres
- Bruders geworden, weil ich ihn liebte und weil ich des festen
- Glaubens war, daß die Vorwürfe, die Sie und Mathias Berger
- meiner Familie machten, unbegründet seien. Durch den Tod
- meines unglücklichen Bruders habe ich die traurige Gewißheit
- gewonnen, daß ich mich getäuscht habe und daß Sie im Recht
- waren. Deshalb gebe ich die Verlobung auf, weil ich nicht in
- ein Haus eindringen will, das durch meine Familie so schwer
- geschädigt worden ist. Ich gehe in die Fremde und bin, wenn Sie
- diesen Brief bekommen, schon weit von der Heimat, wohin ich
- nie zurückkehren will. Ich gehe fort, weil Ihr Bruder alles
- versuchen würde, mich umzustimmen, weil ich mich zu schwach
- fühle, auf die Dauer zu widerstehen, unfähig, ihm auch nur
- noch einmal unter die Augen zu treten, und weil ich nicht sein
- werden könnte, ohne ihn zu betrügen. Ich bitte Sie um alles
- Kummers willen, den Sie durch uns erfahren haben, um Verzeihung
- und flehe Sie an, zu Ihrem unglücklichen Bruder zurückzukehren,
- da er jetzt nicht allein sein kann und darf.
-
- Charlotte Schräger.
-
-Mathias Berger schob den Brief zurück und wurde rot im Gesicht.
-
-»Lene, wir haben ihr unrecht getan. So -- so wie die wird selten eine
-sein.«
-
-Das Mädchen antwortete nicht; sie schluchzte nur heftig. Nach einer
-Weile sagte sie:
-
-»Sie muß zurück -- sie muß zurück zu ihm!«
-
-»Geht nich, Lene, geht ja nich! Es weiß niemand, wo sie is, nich amal
-ihr Vater!«
-
-Und an den zwei Menschen erfüllte sich wieder, was so alt ist wie die
-Welt: In allen Feindseligkeiten der Menschenkinder ist es die edle Tat
-allein, die den Sieg findet, die hinübergeht ins feindliche Lager, den
-Gegner anschaut mit milden, magnetischen Augen und, während sie ihn
-verwirrt und bestürzt macht, ihm die Waffen sacht, aber unwiderstehlich
-aus der Hand nimmt.
-
-Die beiden schämten sich voreinander und vor sich selbst. Dann suchten
-sie einen Trost herbei: sie hätten's nicht besser gewußt.
-
-Sie sprachen eine Weile miteinander, dann gingen sie leise hinab nach
-der Wohnstube. Die Lampe brannte, und Heinrich saß am Tisch. Er schaute
-nicht auf, als sie eintraten.
-
-Wieder blieb die Lene an der Tür stehen; dann plötzlich eilte sie durch
-die Stube und kniete vor dem Tisch nieder.
-
-»Heinrich!«
-
-Er sah sie überrascht an.
-
-»Lene -- was willst Du hier?«
-
-Das Mädchen war unfähig, ein Wort zu reden.
-
-Mathias faßte Heinrich um die Schultern.
-
-»Sei gut, Heinrich! Die Lotte hat an sie geschrieben. Sie sieht ja
-jetzt auch ein, daß sie der Lotte unrecht getan hat, und ich auch.«
-
-Heinrich lachte.
-
-»Das ist alles, was sein kann, daß Ihr das einseht! Das ist ja gerade
-noch zeitig genug. Nachdem alles kaput gegangen ist, sehen sie's ein!«
-
-»Heinrich, laß mich wieder hier, laß mich wieder bei Dir!« schluchzte
-Lene.
-
-»Nein! Wer fortläuft, braucht nicht wiederzukommen! Niemand! Nicht
-Mathias, nicht Du und auch die drüben nicht! Sie hätte nicht nötig
-gehabt, so heimlich zu tun; ich hätt' sie nicht geholt. Und Dich
-brauch' ich nicht mehr! Ich brauch' niemand!«
-
-Die Lene erhob sich.
-
-»Soll ich -- soll ich wirklich gehen, Heinrich?«
-
-»Ja!«
-
-»Nein, sie geht nich, und ich geh' auch nich! Wir bleiben hier. Morgen
-früh, wenn Du willst, werden wir gehen. Nich jetzt in dem Wetter und
-in der Nacht! Das kannste nich verlangen!«
-
-Heinrich antwortete nicht. So setzten sich beide an den Tisch. Eine
-Weile waren alle stumm, dann sagte Mathias:
-
-»Heinrich, willste uns nich sagen, was Du machen wirst?«
-
-»Ist nicht nötig!«
-
-Da sagte Mathias nichts mehr. Er wußte, daß der junge Buchenbauer, in
-dem es fürchterlich arbeitete, von selbst sprechen würde. So kam es
-auch. Er sprang nach einer Weile auf und reckte die Arme in die Luft.
-
-»Fort muß ich -- fort, fort aus diesem elenden, verfluchten Hause --
-oder -- oder --«
-
-»Heinrich, sieh mal, es wär' schon gutt, wenn Du vernünftig mit uns
-reden tät'st. 's beste is, Du verkaufst a Hof, und bis Du ihn los
-bist --«
-
-»Soll ich hier bleiben? Hier? Nicht einen Tag! Nicht einen halben Tag
-mehr!«
-
-»Das sag' ich auch. Du mußt bald fort! Morgen! Und daß die Wirtschaft
-nich allein is, bleiben die Lene und ich hier, bis wir sie los sind.
-Dann schicken wir Dir das Geld, und Du brauchst Dich um nichts weiter
-mehr zu kümmern, auch um uns nich.«
-
-Darauf hörte Heinrich, und es kam eine Unterredung zustande, bei
-welcher Mathias Berger fast ganz allein sprach, in deren Verlauf er
-aber doch den jungen Buchenbauer vollends für seine Pläne zu bestimmen
-wußte.
-
- * * * * *
-
-So nahm Heinrich Raschdorf am anderen Tage Abschied vom Buchenhofe. Er
-war blaß, sonst verriet keine Miene seine Aufregung. Mit Mathias und
-Lene sprach er nur von rein geschäftlichen Dingen. Dem Mathias würde
-er alsbald eine gerichtliche Vollmacht schicken, den Buchenhof zu
-verkaufen.
-
-Kurz nach Mittag gab er dem Schaffer den Befehl, anzuspannen. Er selbst
-trat noch einmal in die Wohnstube.
-
-»Meine Kleider und Bücher schickt Ihr mir nach, wenn ich Euch meine
-Adresse werde geschrieben haben!«
-
-»Ja, Heinrich!«
-
-»Sonst bleibt alles hier! Ihr könnt ja Auktion machen. Und wenn Ihr
-selbst was zum Andenken behalten wollt, nehmt Ihr's Euch vorweg. Ich
-will nichts.«
-
-»Ja, Heinrich!«
-
-Er ging noch einmal durch die Stube und sah auf einige Sekunden zum
-Fenster hinaus. Dann wandte er sich um.
-
-»So lebt wohl! Der Schaffer wird fertig sein.«
-
-Die Lene brach in leidenschaftliches, lautes Weinen aus, und Mathias
-hielt sich bleich an der Tischecke fest.
-
-Heinrich blieb mitten in der Stube stehen. Ein paarmal hob sich seine
-Brust krampfhaft, dann zuckte er die Schultern und ging rasch hinaus.
-
-Unhörbar glitt der Schlitten aus dem weitgeöffneten Tor des
-Buchenhofes, das bald darauf ein Knecht verriegelte.
-
-Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich Raschdorf den Bergweg entlang;
-erst als er in den Wald kam, blickte er auf.
-
-Jetzt war nichts mehr von den Höfen zu sehen, nichts mehr vom Dorfe. Es
-lag alles hinter ihm begraben dort unten in dem verschneiten Tal. Nur
-die Stelle sah er, wo er ihr einmal die Maiglöckchen gepflückt hatte.
-Dort lag jetzt eine Schneeschanze. Und das Brünnlein, das damals so
-lieblich durch die Mittagsstille sang, war tot und still.
-
-Ein Weilchen später tagte ein Turm auf. In dessen Nähe war der Bahnhof.
-Dort liefen in die weiße, dunstige Ferne die Eisenschienen hinaus in
-die Welt.
-
-Gestern sie -- heute er! Jedes seinen Weg! Viel Schienen laufen vom
-gleichen Platz, die sich auf keiner Station der Welt mehr kreuzen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 19]
-
-
-Auf dem Freiburger Bahnhof in Breslau stand ein Rekrut. Zwei
-Bahnschaffner und drei Frauen hatte er bereits gefragt, ob denn der Zug
-von Waldenburg her immer noch nicht komme, und jedesmal erfahren, daß
-er sich noch gedulden müsse. So setzte er sich verdrossen auf eine Bank
-der zugigen Halle, zog ein Telegramm aus der Tasche und las:
-
-»Heinrich kommt vier Uhr nach Breslau. Abholen! Wichtiges vorgefallen.
-Mathias.«
-
-Hannes befühlte seine Soldatenbeine. Es steckte jetzt noch ein
-furchtbarer Schreck darin, denn er hatte immer gedacht, ein
-Telegramm könne bloß kommen, wenn jemand gestorben sei. Er hatte auch
-augenblicklich angefangen zu heulen, als ihm das Telegramm übergeben
-wurde, und dafür von seinem Hauptmann, der zufällig anwesend war, einen
-Rüffel und gleich hinterher »Nachturlaub« bekommen, als dieser das
-Telegramm gelesen hatte. So war der Alte: erst anschnauzen und dann von
-selber Urlaub geben!
-
-Die Beine, die Beine! Hannes ist fest überzeugt, daß er hinkt, wie er
-so in schweren Gedanken wieder durch die Halle schreitet. Wichtiges
-vorgefallen! Er ahnte, daß es nichts Gutes sein könne, und war
-überhaupt nicht für »wichtige« Dinge.
-
-Da fuhr der Zug donnernd in den Bahnhof! Der junge
-Vaterlandsverteidiger lehnte sich an eine Säule und ließ die Leute an
-sich vorübergehen. Nicht lange, da sah er ihn, den er suchte.
-
-»Heinrich! Heinrich, was ist denn passiert? Was ist denn Wichtiges
-passiert?«
-
-»Du -- Hannes! Wo kommst Du her? Woher weißt Du denn, daß ich --«
-
-»Vorsicht! Platz da! Vorsicht!«
-
-Sie gingen hinaus auf den freien Platz vor dem Bahnhof.
-
-»Heinrich, sag' mir, ist jemand gestorben?«
-
-Der sah ihn ernst und wortlos an.
-
-»Heinrich, sag' mir's doch! Ist -- ist vielleicht mein Vater gestorben?«
-
-Dem Rekruten schoß das Wasser in die Augen.
-
-»Nein, Hannes! Sie sind alle gesund. Nur ich -- nur ich wäre beinahe
-gestorben.«
-
-»Du? Was fehlt Dir?«
-
-»Jetzt nichts mehr! Jetzt fehlt mir gar nichts mehr!«
-
-In einem Gasthause fanden sie einen stillen Winkel. Dort erzählte
-Heinrich kurz, hart, oft vom eigenen Lachen unterbrochen, was ihn
-hergeführt habe. Was er hier wolle, wisse er nicht. Nur von Hause
-wolle er fort sein. Es sei ja so herrlich in Breslau. Dann gingen sie
-auf Heinrichs Wunsch in ein Variété. Und ob Hannes noch im Gasthause
-steinunglücklich gewesen war, hier war er überrascht von den blendenden
-Dingen, die auf der Bühne vor sich gingen, und er vergaß vor lauter
-Staunen allen Kummer.
-
-Heinrich saß still neben ihm. Er fühlte den Hohn dieser Lage. Vor einer
-Woche, ja noch gestern früh hätte er das nicht gedacht.
-
-Eine Tiroler Sängertruppe trat auf. Sie sang ein Heimwehlied. Da ging
-Heinrich nach dem Büfett und trank ein Glas Bier, während Hannes in
-stummer Andacht dasaß. Die ganze Nacht saßen sie in Gasthäusern herum,
-und beiden glühte der Kopf. Bis zur Kaserne begleitete Heinrich seinen
-Freund.
-
-»Gute Nacht, Hannes! Du warst noch der einzige, der mir treu geblieben
-ist, Du und Dein Vater. Jetzt werden wir uns ja hier auch manchmal
-sehen!«
-
-Dann, wie er durch die nächtlichen Straßen irrte, wußte er: Es gibt
-keinen Ort, wo man so sterbensallein sein kann, wie in der großen Stadt.
-
- * * * * *
-
-Der Gymnasialdirektor war von jeher Heinrich Raschdorf sehr gewogen
-gewesen. Er erinnerte sich seiner sehr wohl; denn Heinrich war ehemals
-ein Freund seines Neffen und als solcher auch einigemal im Hause des
-Direktors zu Besuch gewesen.
-
-Jetzt, als er die Lebens- und Leidensgeschichte seines früheren
-Schülers erfuhr, wurde sein Interesse wieder in hohem Maße wach. Es
-ergab sich, daß die jahrelangen, eifrigen Studien Heinrichs von großem
-Erfolg gewesen waren, und der Direktor versicherte, wenn Heinrich
-Privatunterricht nähme und fleißig studiere, würde er alle Aussicht
-haben, beim nächsten Abiturium als Hospitant das Examen zu bestehen.
-
-So mietete sich Heinrich ein Zimmer und ergab sich eifrig dem Studium.
-Es wunderte ihn, daß eine heimliche Freude in ihm aufgeblitzt war, als
-der Direktor ihm die erfreuliche Aussicht eröffnet hatte. Und als er
-sich selbst einen Stunden- und Arbeitsplan entwarf und seine Bücher
-ordnete und aufstellte, mutete ihn das neue, fremde Zimmer ein ganz
-klein wenig heimatlich an.
-
-So kam es, daß Heinrich Raschdorf ein stiller Mann wurde, einer, der
-nie lachte, aber auch nicht mehr klagte oder mit dem Schicksal grollte.
-
-An den Sonntagen besuchte ihn Hannes. Der brachte immer ein gut Teil
-urwüchsiger Laune mit. Heinrich ließ ihn plaudern und lachen. Nur von
-der Heimat durfte er nicht reden. Und Heinrich Raschdorf wußte gar
-nicht, daß er in diesem schlichten, gutmütigen Hannes immer noch ein
-Teilchen Heimat liebte und für seine Sonntagssehnsucht begehrte, denn
-ohne Hannes wäre kein Sonntag gewesen.
-
-Kleine Episoden ereigneten sich, die den Kampf ums Vergessen
-erschwerten. Einmal stiegen die jungen Freunde auf die Liebichshöhe.
-Es steht da ein stattlicher Aussichtsturm, von dem man das Häusermeer
-der Stadt Breslau gut übersehen kann und auch einen schönen Fernblick
-genießt. Hannes verfiel wieder ins Staunen, Heinrich aber schaute
-über die Stadt hinaus. Weit in dunstiger Ferne, im Südwest waren die
-Waldenburger Berge sichtbar, die Berge seiner Heimat. Das wußte er noch
-von seiner ersten Gymnasialzeit her, wo er oft dort oben seine Träumer-
-und Heimwehstunden gehabt hatte. Und auch jetzt konnte sich seine
-verbitterte Seele der tiefen Poesie, die von den Bergen der Heimat
-herüberstrahlte, nicht ganz verschließen.
-
-Ja, es ist so: Wenn uns Menschen eine Sehnsucht faßt, stehen wir immer
-auf einem hohen Turm, von dem wir nach der Heimat schauen.
-
-»Du, Heinrich, wo guckst Du hin? Dort nach dem großen Hause mit dem
-runden Dache und dem Stern oben? Das is die Synagoge, das is nämlich
-die Judenkirche.«
-
-Heinrich antwortete nicht, er stand ins Schauen versunken stumm da.
-
-Da legte auch Hannes die Hand über die Augen und sah in die Ferne. Und
-da kam eine große Beweglichkeit in ihn.
-
-»Du, Heinrich, was -- was sind denn das für Berge ganz da hinten? Dort?
-Dort drüben!«
-
-»Rat' mal, Hannes, rat' mal!«
-
-»Ich weiß nich -- es sind doch nich, es sind doch nich etwa --«
-
-»Ja! Die Waldenburger Berge sind's!«
-
-»Heinrich!«
-
-Der stieg schon rasch die Treppe hinab, während der Rekrut wie gebannt
-dort oben stand und keinen einzigen Blick mehr übrig hatte für die
-große Stadt, sondern mit sehnsüchtigen Augen nach dem Horizont schaute,
-an dem doch nichts zu sehen war als ein paar matt abgegrenzte,
-graublaue Linien. --
-
-Ein andermal kam Hannes zu Heinrich, legte ein Paket auf den Tisch und
-sagte:
-
-»Da! Es ist Wurst! Es ist a Schiff von Hause gekommen, und da haste die
-Hälfte!«
-
-Heinrich sah ihn unwillig an.
-
-»Wer heißt Dich das, Hannes?«
-
-»Niemand! Ich selber! Ich will mich auch amal nobel machen, weil Du
-mich doch immer freihältst.«
-
-»Du nimmst das Zeug wieder mit, Hannes! Ich hab' genug zu essen!«
-
-»Ich och! Und zu trinken och! Und für mich braucht keen Mensch mehr zu
-bezahl'n, wenn Du das nich nimmst; ich hab' meine Löhnung. Verstehste?!«
-
-Heinrich mußte die Wurst behalten; aber an dem Abend, da er davon aß,
-konnte er nicht studieren. So schenkte er den ganzen Vorrat seiner
-Wirtin. --
-
-Als das Frühjahr kam, wurde Heinrich unruhig: der Bauer regte sich
-in ihm. Täglich dachte er an die Feldarbeiten, für die nun die Zeit
-gekommen war, und einmal ging er soweit spazieren, bis er einen
-pflügenden Bauer traf. Dem sah er länger als eine halbe Stunde zu.
-Langsam und in tiefen Gedanken ging er dann noch am Oderfluß entlang,
-und als er heimkam, schrieb er an Mathias, er solle einstweilen seine
-Bemühungen um den Verkauf des Buchenhofes einstellen. Er selbst werde
-allerdings nie nach Hause zurückkehren, aber es könne doch sein, daß er
-für den Hof noch eine andere Bestimmung träfe. -- So kam die Zeit des
-Examens heran. In den letzten Monaten arbeitete Heinrich mit Anspannung
-aller Kräfte, und sein Gesicht wurde blaß und schmal. Die Hände waren
-längst wieder weiß und weich.
-
-Einige Zeit später erhielt Hannes wieder ein Telegramm. Er erschrak
-abermals heftig, beschloß aber, sich diesmal in keine vorzeitige Trauer
-zu stürzen, sondern öffnete und las:
-
-»Examen bestanden. Komme so bald als möglich zu mir. Heinrich.«
-
-Der junge Kriegsmann stand ganz fassungslos, erstens, weil der Heinrich
-nun ein wirklicher Student war, und zweitens, weil es möglich war, aus
-demselben Ort, wo man lebt, ein Telegramm zu erhalten.
-
-Er besorgte sich Urlaub, überzählte sein Geld, lieh sich noch drei Mark
-hinzu, kaufte einen Bierkrug und machte sich mit dem Geschenk auf den
-Weg zu Heinrich.
-
-»Heinrich! Mensch! Ich bring' Dir ein sehr schönes, teures Bierseidel,
-weil Du doch jetzt Studente bist!«
-
-Da lachte Heinrich Raschdorf seit langer Zeit wieder das erste Mal.
-
-Er schüttelte dem Freunde die Hand.
-
-»Hannes, alter Kerl! Freust Du Dich wirklich so?«
-
-»Freuen? Ich freu' mich so schrecklich, daß ich jetzt bestimmt wieder
-mal Arrest krieg'. Denn ich hatte ganz gewiß gedacht, Du fällst durch!«
-
-Als sie dann beisammen saßen und Heinrich aus dem neuen Kruge getrunken
-hatte, sagte er:
-
-»Hör' mal, Hannes, nun wollen wir mal über die Zukunft reden. Bis jetzt
-war mir alles so recht egal, aber heute will ich wieder mal Pläne
-machen. Also ich studiere Medizin.«
-
-»Was?«
-
-»Weißt Du, ich werd' ein Doktor. Kranken Menschen helfen, das ist noch
-etwas, was sich lohnt. Die Liese ist auch glücklich, weil sie bei
-Kranken ist. Und Du, Hannes, wirst wieder Bauer, wenn Du vom Militär
-los bist. Mit dem Bergmann werden, das ist nichts für Dich.«
-
-»Nee, wirklich nich! Aber es is um die fünfzehn Mark wöchentlich und um
-die Lene. Die will ich doch heiraten.«
-
-»Ja natürlich! Also kurz gesagt: Du pachtest mir den Buchenhof ab.«
-
-Hannes zwinkerte ihn wehmütig an.
-
-»Den Buchenhof abpachten? Das wär' was! Mein ganzes Vermögen is a Taler
-Schulden.«
-
-»Vermögen brauchst Du nicht; etwas hat ja die Lene. Du bezahlst die
-Zinsen, und was von dem Gute und von der Ziegelei jährlich heraushängt,
-das heißt, was übrig ist, davon gibst Du mir die Hälfte als Pacht, wenn
-das Jahr um ist.«
-
-Wenn Heinrich Raschdorf dem Hannes seine mathematische Prüfungsaufgabe
-vorgerechnet hätte, so hätte ihm der mit keinem fassungsloseren Gesicht
-gegenüber sitzen können als jetzt. Also gab ihm Heinrich einen langen,
-deutlichen Bericht über alle Ausgaben, die der Buchenhof erforderte,
-über die durchschnittlichen Erträgnisse und über den voraussichtlichen
-Gewinn, mit dem beide zufrieden sein könnten, wenn sie sich bescheiden
-einrichteten.
-
-Das Ende vom Liede war, daß Hannes dem Heinrich um den Hals fiel und
-zum Steinerweichen zu heulen anfing. Erst allmählich gewöhnte er sich
-an das riesengroße Glück, das ihm bevorstand. Pächter vom Buchenhofe!
-Er, der arme Sohn des Schaffers! Und die Lene sein! Und er konnte
-wieder aufs alte, heimatliche Feld!
-
-Nach einer Weile machte er plötzlich ein auffällig schlaues Gesicht,
-entschuldigte sich, ging auf eine Viertelstunde fort und kehrte mit vor
-Aufregung glühenden Wangen zurück.
-
-»Weißte, was ich gemacht hab'?« fragte er, noch keuchend vor Aufregung.
-»Telegraphiert hab' ich! Nach Hause telegraphiert, daß ich Pächter bin.
-Die könn'n auch amal erschrecken, und ich kann mir das Telegraphieren
-leisten!«
-
- * * * * *
-
-Ein paar Tage später kam ein langer Brief des alten Mathias an
-Heinrich. Eine Stelle darin hieß:
-
-»Ich bin so froh, daß Du Arzt wirst. Du wirst ein guter Doktor sein,
-weil Du fleißig und gewissenhaft bist. Es ist gut, daß Du hier los bist
-von der Landwirtschaft. Es war nicht Deine Sache. Die Liese ist jetzt
-als Schwester eingekleidet. Ich habe sie besucht, und ich schreibe
-Dir, lieber Heinrich, daß ich ganz glücklich und froh wiedergekommen
-bin. Ich werde auf meine alten Tage zufrieden sein, denn der Liese
-geht es gut. Und es wird alles gut sein, wenn Hannes und die Lene die
-Wirtschaft haben. Ich will gern bei ihnen bleiben, ich bin viel zu alt,
-daß ich jetzt wieder so herumfahre. Und ich hab' gesagt: »Das ist unser
-guter Heinrich«, wie ich es von Hannes und der Lene hörte. Von Lene
-liegt ein Brief bei. Der Schaffer wollte auch gern einen schreiben,
-aber er bringt nichts zustande. Er arbeitet jetzt von früh bis spät
-und will bald gar nicht mehr schlafen gehen. Und manchmal, wenn er
-auch ganz allein ist, fängt er ganz laut an zu lachen. Sagen läßt er
-Dir bloß: er läßt sich schön bedanken. Aber da steckt alles darin. Die
-Dorfleute sind jetzt ganz verändert zu uns. Sie sind sehr freundlich
-zu mir, und wenn sie die Lene sehen, ziehen sie von großer Weite die
-Mützen. Und die Ziegeln kaufen sie auch aus dem Dorfe alle von uns. Das
-war ja früher nicht. Lieber Heinrich! Ich halte es für meine Pflicht,
-Dir jetzt noch zu schreiben, daß seit vorgestern die Lotte Schräger
-wieder zu Hause ist. Der alte Schräger hat die Wassersucht. Er hat
-ihr nicht nachreisen können. Da ist sie ihn pflegen gekommen. Sie ist
-in Pommern gewesen, bei einer Verwandten von ihrer Mutter. Wer es ihr
-vom Vater geschrieben hat, weiß niemand. Wir haben sie noch nicht
-gesehen, ich schäme mich jetzt, hinüber zu gehen. Wir haben jetzt mit
-dem Schräger manchmal verkehrt. Er hat von selbst mit uns angefangen.
-Er wollte mir immer für Dich den Kretscham verkaufen. Aber wie er dann
-krank wurde, wollte er nicht mehr fort von zu Hause. Die Lene ist auch
-manchmal drüben gewesen, als er krank war. Und wie jetzt die Lotte
-heimgekommen ist, hat die Lene fragen lassen, ob sie etwas helfen
-kann. Aber die Lotte hat sagen lassen: Nein, sie lasse sich bedanken
-für den guten Willen. So mag alles Gott befohlen sein, und am meisten
-Du, mein lieber Heinrich.«
-
-Zehnmal, zwanzigmal las Heinrich Raschdorf diesen Brief. Zuletzt setzte
-er sich auf das Sofa und schloß die Augen.
-
-Sie war wieder zu Hause!
-
-Zuerst war es ganz still in ihm. -- Aber dann begann das Blut zu
-hämmern in seiner Brust und in seinen Schläfen. Ein Wirbeln faßte
-ihn an, und nach der dumpfen Gewitterschwüle trostloser, heißer
-Arbeitstage erhob sich ein Sturm, der jäh durch seine junge Seele ging.
-Unaufhörlich dachte er an sie und gab sich keine Mühe, wie sonst, den
-Gedanken los zu werden. Deutlich traten ihre Gestalt, ihr Gesicht vor
-seine Seele; er hörte ihre Stimme, fühlte wieder ihren Kuß.
-
-Sie war zu Hause, war nahe, erreichbar! Lotte!
-
-Was war geschehen mit ihm, in ihm? Der wonnige Schreck, den ihm
-die kurze Nachricht gebracht, hatte allen Trotz, alle Bitterkeit
-niedergebrochen, hatte liebe verschleierte Bilder enthüllt. Im
-leuchtenden Blitzfeuer seiner neu erwachten Leidenschaft lag das alte
-Land erhellt vor seinen Augen, das Land, aus dem er geflohen war und
-nach dem ihn seine Sehnsucht doch alle Tage wieder zurückwies.
-
-Er vermochte an seinen trotzigen Prinzipien nicht festzuhalten, da das
-Blut dagegen revoltierte; denn er war jung, und all sein Kampf gegen
-sich war greisenhaft gegen das Gefühl, das ihn mit elementarer Kraft
-wieder faßte.
-
-Ein kleiner, kurzer Zweifel kam noch, dann kniete er schon vor einer
-Kiste, warf Bücher und Briefe heraus und fand ein kleines Bild.
-
-Das war die Lotte! Jetzt schauten ihn diese süßen Augen an, jetzt
-lächelte ihm dieser Mund zu, und ehe er Zeit hatte, sich Rechenschaft
-zu geben, riß er das Bild, das er in all den langen Monaten nicht
-einmal angesehen hatte, an die Lippen und küßte es, küßte es mit jenem
-Glückshunger, mit jener verzweifelten Gier, wie er einst die Lotte
-selbst geküßt hatte im Herbstnebel.
-
-Ein weinendes Jauchzen ging ihm durch die Seele, die Liebe lohte heiß,
-flammend, leuchtend wieder auf in seinem Herzen. Die Stube ward ihm zu
-eng, er rannte hinaus, fuhr vor die Stadt, lief stundenweit und kam
-ebenso erregt, wie er gegangen war, wieder nach Hause.
-
-Die Nacht kam, er fand keine Ruhe. Auch die Zweifel kamen wieder,
-die Kämpfe. Ehrlich wollte er sein, ehrlich auch mit sich selbst.
-Wieder rief er sich ihren Treubruch vor die Seele, den tiefen Jammer,
-den sie ihm gebracht, aber der Groll blieb aus, der Zorn, das
-Feindschaftsgefühl kam nicht wieder, die Hoffnung fegte sie weg wie
-dürres Laub. Er rief sich alles ins Gedächtnis, was Mathias und Lene zu
-ihrer Rechtfertigung gesagt, dachte erst jetzt zum erstenmal darüber
-redlich nach, wie groß das Leid für sie gewesen, ihn aufzugeben und
-fortzugehen. Denn sie hatte ihn geliebt, wahr und wahrhaftig geliebt,
-wie ein Weib nur einen Mann lieben kann.
-
-O, er mußte sie wieder haben!
-
-Sollte er nach Hause? Hin zu ihr? In kaum drei Stunden konnte er sie
-sehen!
-
-In drei Stunden! Sie sehen, sie haben, sie nicht mehr loslassen!
-
-Ein Zittern überlief ihn. Er zog sich an, sagte seiner Wirtin ein
-paar Worte und stürmte fort. Der Nachtzug mußte noch da sein. Ja! Er
-kaufte die Fahrkarte. Die Stimme zitterte ihm, als er die heimische
-Station nannte. Er kam noch zu zeitig. Die kühle Nachtluft strich um
-seine Stirn. Er ging erregt auf dem Bahnsteig auf und ab und blieb dann
-plötzlich stehen.
-
-Machte er sich lächerlich? Wie würde das sein, wenn er jetzt in tiefer
-Nacht nach Hause käme? Dorthin, wohin er nie mehr zurückkehren wollte?
-Wohl, sie war auch wieder heimgekommen. Aber der todkranke Vater hatte
-sie zurückgerufen! Und was würde sie sagen? Die Schwester hatte sie
-nicht sehen wollen! Und ihn? Wenn sie ihn wieder abwies oder gar vor
-ihm aufs neue floh? War das nicht eine furchtbare Übereilung? Mußte er
-sich's nicht erst genauer überlegen?
-
-So war er plötzlich wieder mitten drin in tollen Zweifeln.
-
-»Steigen Sie ein, mein Herr!«
-
-»Danke -- danke, ich fahre nicht mit!«
-
-Ein Pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr in die Nacht
-hinaus, der Heimat zu -- ohne ihn.
-
-Langsam schlich Heinrich die erhellten Straßen heim. Überall lustige,
-lachende Leute. Keiner von diesen allen sah ihn auch nur an. Eine
-schwere Verachtung gegen sich selbst wollte in ihm aufkeimen, aber es
-blieb bei dem Gefühl der Ratlosigkeit.
-
-In seiner Stube brütete Heinrich lange vor sich hin. Es war indes
-Mitternacht vorbei. An Ruhe war nicht zu denken. So kam er auf den
-Gedanken, an Lotte zu schreiben. Er schrieb einen Brief um den andern.
-Gefallen wollte ihm keiner. Endlich gegen vier Uhr glaubte er das
-richtige gefunden zu haben.
-
-Er setzte sich ganz mit ihr auseinander. Er schrieb ihr von allen
-seinen Qualen und Leiden. Und er suchte ihre Bedenken zu zerstreuen.
-Der Bruder sei für seine Tat nicht verantwortlich; sie aber, Lotte, sei
-doch ganz unschuldig. Und wenn etwas zu sühnen wäre, so könne es nur
-dadurch geschehen, daß sie ihn glücklich mache. Auch die Stellung der
-Seinen zu ihr habe sich gänzlich geändert, nachdem diese eingesehen,
-eine wie rechtliebende Seele die Lotte sei. Und so schrieb er am Schluß:
-
-»Ich will nicht ungeduldig sein; ich will Dir Zeit gönnen und Dich erst
-dann sehen, wenn Du es willst. Um eines aber bitte ich Dich, Lotte:
-Du hast noch meinen Ring. Steck' ihn wieder an, wenn Du diesen Brief
-gelesen hast; sei wieder meine Braut!«
-
-Die Sterne glänzten am Himmel, die Straßen waren ganz leer. Da ging
-Heinrich Raschdorf abermals zum Bahnhof. Noch einmal las er die
-Briefaufschrift, die für ihn den teuersten Namen der Welt enthielt, und
-legte den Brief in den Kasten. Um neun Uhr am Vormittag würde sie ihn
-schon haben. Das war in vier Stunden. In nur vier Stunden!
-
-Ein qualvoller Tag verging, eine lange Nacht. Mit überwachten Augen und
-doch mit brennend roten Wangen saß Heinrich Raschdorf frühmorgens am
-Fenster seiner Stube und lugte aus nach dem Briefträger. Endlich kam
-er; er kam auf das Haus zu. Heinrich Raschdorf ging durch die Stube
-hinaus ins Entree und lehnte sich an die Tür. Jetzt! -- Da! -- »Herrn
-Heinrich Raschdorf!«
-
-In seiner Stube besah er den Brief.
-
-»Inliegend ein goldener Ring.«
-
-Er tastete nach einem Stuhl. Dort öffnete er den Brief. Ein goldener
-Ring fiel heraus, klang kurz auf und rollte über die Diele. -- Er las
-bruchstückweise:
-
-»Sie beurteilen mich falsch, Sie können mir nicht in die Seele sehen
--- Sie wissen nicht alles -- ich kann Sie nicht betrügen -- kommen Sie
-nicht her --«
-
-Als die Vermieterin in die Stube trat, fand sie ihren Zimmerherrn
-bewußtlos auf dem Fußboden liegen. Die Erschöpfung und Erregung war zu
-groß, die Enttäuschung zu grausam gewesen.
-
- * * * * *
-
-Es war ein Jahr später. Hannes saß bei Heinrich in der Stube und trug
-seinen Zivilanzug. Er war heute vom Militär entlassen worden.
-
-Melancholisch starrte der Bursche vor sich hin.
-
-»Nu freu' ich mich gar nich mehr a bissel, daß ich nach Hause komme.«
-
-»Wart' nur, Du wirst Dich schon freuen! Wenn Du erst auf der Bahn bist
-und gar, wenn Du das Dorf sehen wirst --«
-
-»Aber die Lene, Heinrich, die Lene! Das verwindet die ihr Lebtag nicht,
-daß Du nich zu unserer Hochzeit kommst, und ich -- ich auch nich.«
-
-Heinrich schwieg eine Weile; dann sagte er:
-
-»Sieh mal, Hannes, es geht nicht! Wenn »sie« nicht mehr dort wäre, oder
-wenigstens nicht so in der Nachbarschaft, dann bestimmt. Aber so ist's
-unmöglich.«
-
-»Und willste überhaupt nich mehr heimkommen?«
-
-»Kaum! Vielleicht später einmal. Aber Ihr müßt mich besuchen, so oft
-Ihr könnt!«
-
-Sie saßen wieder eine Weile stumm da.
-
-»Daß mir's schwer fällt, Hannes, das kannst Du mir schon glauben. Ich
-hätte die Lene gern einmal wiedergesehen nach so langer Zeit und gar an
-ihrem Hochzeitstage. Sie ist meine einzige Schwester!«
-
-Hannes seufzte beklommen. Dann sagte er:
-
-»Der alte Schräger macht nich mehr lange. A hat jetzt auch noch
-Leberkrebs. Mathias hat's geschrieben. Na, und wenn a tot ist, wird ja
-die Lotte fort aus 'm Dorfe. Dann kannste wieder heimkommen.«
-
-»Ja, dann komme ich wieder nach Hause.«
-
-Beim Abschied weinte Hannes.
-
-»Heinrich, vergelt' Dir Gott alles! Gerade, wenn Du halt noch zur
-Hochzeit gekommen wärst, da wär' unser Glück voll gewest.«
-
-»Weine nicht, Hannes! Auf einen Hochzeitsgast kommt's ja nicht an. Sei
-halt froh, daß Du heiraten kannst. Grüß' schön und reise glücklich!«
-
- * * * * *
-
-Einige Wochen darauf klopfte es an Heinrichs Tür. Eine Frauensperson
-trat ein.
-
-»Heinrich!«
-
-»Lene! Du -- Mädel -- Du?«
-
-Die Geschwister lagen sich in den Armen und küßten sich innig.
-
-»Lene, was willst Du, was willst Du heute? Du hast doch morgen
-Hochzeit.«
-
-»Ja, und ich komme Dich holen. Du mußt dabei sein, Du mußt! Ohne Dich
-mach' ich nich Hochzeit. Ich hab' keinen Vater, keine Mutter, keine
-Schwester, bloß ein'n einzigen Bruder, und der -- der will auch noch
-nich mit mir in die Kirche gehn?«
-
-»Lene, ich kann ja nicht, ich kann ja nicht --«
-
-»Du kannst, und Du mußt auch! Im geschloss'nen Wagen fahr'n wir nach
-Hause, im geschloss'nen Wagen fährst Du mit in die Kirche; sie sieht
-Dich nicht, sie sieht keine Spur von Dir, und nach der Trauung kannst
-Du ja bald wieder fort.«
-
-»Aber Lene, heute kommst Du, heute?«
-
-»Ja! Vormittags sind wir auf dem Standesamt gewesen, und dann bin ich
-gleich nach Breslau.«
-
-»Aber Mädel, warum kommst Du denn gerade an Deinem eigenen Polterabend?«
-
-»Daraus mach' ich mir nichts, und wenn ich früher gekommen wär',
-hätt'st Du Dir's wieder noch anders besonnen. Jetzt mußt Du mit, jetzt
-nehm' ich Dich bald mit.«
-
-Er sah das gesunde energische Mädchen an und konnte nicht hindern, daß
-seine Augen glänzten.
-
-»Lene, was bist Du für eine hübsche Braut! Und dann, Courage hast Du,
-das muß ich sagen. Lene, ich freu' mich über Dich -- ich bin stolz auf
-Dich -- ich komme mit Dir!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 20]
-
-
-Mit dem Abendzuge fuhren sie heim. Sie redeten kaum miteinander.
-Zuweilen faßte Lene leise seine Hand. Und er lehnte im Winkel und sah
-hinaus in die Finsternis, aus der nur die Bahnlaternen oder Lichter
-eines friedlichen Dörfleins zuweilen aufblitzten.
-
-Von Königszelt an waren sie allein im Wagen. Die Lichter von Freiburg
-schimmerten auf, dann keuchte der Zug hinauf auf die Waldenburger
-Hochebene.
-
-»Ist es Dir ein so schweres Opfer, Heinrich?«
-
-Er sah sie freundlich an.
-
-»Wohl! Ach ja! Aber Du bist's wert, Lene!«
-
-Sie faßte heftig seine Hand.
-
-»Heinrich, Du glaubst gar nich, wie ich schon deswegen gelitten hab',
-daß Du gerade mein Glück gemacht hast, und daß ich Dir früher so im
-Wege gestanden hab'.«
-
-»Laß gut sein, Lene! Ohne Dich wär's gerade so gekommen, wie's gekommen
-ist. Und das sind alte Geschichten und nun vorbei.«
-
-Auf dem Bahnhof wartete der Schaffer. Als er den Heinrich mitkommen
-sah, geschah etwas, was noch nie in seinem Leben passiert war: die
-Tabakspfeife fiel aus seinem sonst so hermetisch geschlossenen Munde.
-Er hatte das erste Mal in all seinen Erdentagen so etwas Ähnliches wie
-einen Juchzer getan.
-
-»Hübsch is, hübsch is! Schön willkomm'!« Das war seine ganze
-Begrüßungsrede. Und Heinrich fühlte das Herz heftig schlagen, als er
-dem guten Riesen die Hand gab.
-
-Dann ging es nach Hause. Eine schwere Aufregung ergriff den
-Heimkehrenden, und doch hätte er diese Reise jetzt nicht mögen
-ungeschehen machen. In alle Aufregung hinein wallte ein Gefühl der
-Freude, das auch dem ärmsten aller Menschen nicht ganz fern bleibt,
-wenn er nach Hause zieht.
-
-Jetzt verließen sie den Wald; Lichter blitzten dort unten.
-
-Die Buchenhöfe!
-
-Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich am Kretscham vorbei und in seinen
-Hof hinein. Dort sprang er rasch aus dem Wagen und trat ins Haus.
-
-»Der Heinrich kommt! Der Heinrich kommt! Hurra!«
-
-Das war der Bräutigam. Er fiel dem Freunde um den Hals und war ganz
-außer sich vor Freude.
-
-Und es trat einer leise heran: Mathias. Heinrich reichte ihm die Hand
-und wollte etwas sagen. Aber die Lippen zuckten ihm nur, und er brachte
-kein Wort heraus. So schlang Mathias den Arm um ihn, und die alten
-Freunde standen eine Weile stumm und still.
-
-Etwas später stand Heinrich mitten in der Wohnstube und schaute sich
-um. Es war noch alles wie sonst: der Ofen strahlte eine behagliche
-Wärme aus, die große Petroleumlampe brannte, und draußen polterte der
-Herbststurm mit den Weinspalieren.
-
-Um ihn herum aber standen liebe Menschen mit strahlenden Gesichtern.
-
-Da war es Heinrich Raschdorf doch, als ob er in eine Heimat gekommen
-sei.
-
-Dann saßen sie um den großen Tisch und plauderten, und er wurde warm
-dabei und sagte auf einmal:
-
-»Ich freu' mich, daß ich bei Euch bin!«
-
-Wie sie darüber glücklich waren!
-
-»So bleib' ein paar Tage hier, Heinrich!«
-
-»Nein, Lene! Bald nach der Trauung fahr' ich. Du weißt schon, das ist
-Verabredung.«
-
-»Und Du wirst gar nich amal mit aufs Feld oder in die Ziegelei?«
-
-»Nein, Mathias; aber in die Ställe und in die Scheune gehe ich morgen
-früh einmal, wenn Du willst.«
-
-Es war schon tief in der Nacht, da saßen noch alle beisammen.
-
- * * * * *
-
-Drüben im Kretscham hatte sich ein Schwerkranker im Bett aufgerichtet,
-als die Fuhre Heinrichs vorbeikam.
-
-»Das is a -- Lotte, das is a!«
-
-Das Mädchen antwortete nicht.
-
-»Geh, geh ans Fenster, Lotte! Sieh, ob a das is!«
-
-»Nein, Vater! Ich gehe nicht ans Fenster.«
-
-Der Kranke stöhnte und sank in die Kissen zurück.
-
-»Ich -- ich muß mit ihm -- mit ihm reden; ich halt's nich aus --
-ooooh --«
-
-Ein Schmerzensanfall kam. Das Mädchen beugte sich über den Kranken. Die
-Lampe beleuchtete ihr Gesicht. Es war so weiß und durchsichtig, als sei
-diese Pflegerin selbst eine Schwerkranke. Die Stenzeln kam ins Zimmer.
-
-»Is a gekommen, Stenzeln?« fragte der Kranke.
-
-»Ja! Ich hab' 'n geseh'n. A ging ganz schnell ins Haus rein. Aber a
-war's.«
-
-Ein Zittern ging über den Körper Lottes.
-
-»Stenzeln, geh wieder raus!«
-
-Als er mit der Tochter allein war, keuchte Schräger:
-
-»Schreib' ihm, Lotte -- schreib' ihm 'n Brief -- a soll rüberkommen zu
-mir -- a soll kommen --«
-
-»Ich kann ihm nicht schreiben, Vater -- nein, ich kann nicht! Sei doch
-ruhig, sei doch ruhig!«
-
-»Du weißt nich, Lotte, wie das is -- ich kann nich sterben; ich kann ja
-nich sterben!«
-
-Das bleiche Mädchen stand regungslos an dem Bette. Nur ein Zucken ging
-um ihren Mund. Tränen hatte sie nicht mehr. »Was willst Du denn von
-ihm, Vater?«
-
-»Sagen will ich's ihm, alles sagen!«
-
-»Vater!«
-
-»Alles sagen -- ich -- ich -- kann sonst nich sterben!«
-
-»Du willst Dich selber verraten? Vater!«
-
-»Die Schmerzen, Lotte -- oooh, und der alte Raschdorf -- mein -- mein
-Freund -- a kommt mir immer wieder ein -- und nu soll ich runter --
-runter unter die Erde zu ihm -- runter --«
-
-Eine furchtbare Nacht kam, eine Nacht voll Qual und Gewissensangst und
-Furcht. Aber doch lebte in diesem schmerzzerrütteten, todgeweihten
-Mann die Hoffnung, es würde leichter und besser sein, wenn er die Last
-von seinem Herzen abwälzte.
-
-Gegen Morgen schrieb Lotte an Heinrich: »Mein schwerkranker Vater läßt
-Sie bitten, ihn vor Ihrer Abreise auf wenige Minuten zu besuchen.
-Charlotte Schräger.«
-
-Schräger ergriff ihre Hand.
-
-»Wirste dabei sein, Lotte, Kind -- mei einziges, wirste dabei sein,
-wenn ich -- wenn ich's ihm sag'? Sonst bring' ich's nich raus -- sonst
-verzweifele ich!«
-
-»Ja, ich werde dabei sein!«
-
-Das sagte sie leise, aber fest.
-
-Am Morgen ging die Stenzeln mit dem Brief nach dem Buchenhofe. Nicht
-lange, so kehrte sie mit der Antwort zurück.
-
-»Ich reise sofort nach der Trauung meiner Schwester wieder ab und kann
-Ihren Vater, dem ich gute Besserung wünsche, nicht besuchen. Heinrich
-Raschdorf.«
-
-Sie las es dem Vater vor. Der starrte sie mit weitgeöffneten Augen an.
-Dann lallte er:
-
-»A kommt nich? A kommt nich?«
-
-Sie schwieg. Nach einer Weile lachte er heiser.
-
-»Da geh' ich halt so -- halt so -- so -- hinüber -- runter --«
-
-Lotte stand am Fenster und hatte die Gardinen weit zurückgeschlagen.
-Jetzt fuhren drüben die zwei Hochzeitswagen vor.
-
-Heinrich kam zuerst aus dem Hause und sah hinüber nach dem Fenster, an
-dem Lotte stand. Er erschrak und zog den Hut, auch Mathias, der dabei
-war. Lotte rührte sich nicht. Dann kam das Brautpaar. So fuhren die
-Wagen hinab nach der Kirche.
-
-Auch der alte Schräger hörte sie fahren.
-
-»Nu sind sie fort,« sagte er mit einem irren Lächeln; »nu is der alte
-Raschdorf Brautvater!«
-
-Lotte stand immer noch regungslos da.
-
-»Brautvater!« Er fröstelte in sich hinein.
-
-Eine Stunde verging. Da rief Lotte die Stenzeln ins Zimmer und ging
-selbst hinaus.
-
-Über die Straße huschte sie -- nach dem Buchenhofe.
-
-»Ich werde hier auf Herrn Raschdorf warten, ich hab' mit ihm zu reden.
-Sagen Sie's ihm, wenn er kommt,« befahl sie einer Magd und setzte sich
-in den Lehnstuhl am Fenster der Wohnstube des Buchenhofes.
-
-Sie sah sich um. Als kleines Mädchen war sie manchmal hier gewesen,
-seitdem nicht mehr. Das Bild des alten Raschdorf sah auf sie herab. Sie
-blickte es ruhig an. Es war alles teuer gesühnt.
-
-Jetzt rollten die Wagen in den Hof. Im Hausflur erfolgte eine
-Begrüßung der Brautleute durch die Dienstleute, dann stieg die kleine
-Gesellschaft die Treppe hinauf.
-
-»Was? -- Was? -- Wo?«
-
-Das war er. Bald darauf trat er in die Stube im Hochzeitsanzug, den
-Zylinderhut in der Hand. Ein paar Sekunden lang stand er Lotte wortlos
-gegenüber; dann trat sie rasch ein paar Schritte auf ihn zu und sagte
-schnell und hastig: »Bitte um Verzeihung, aber ich muß Sie nochmals
-persönlich bitten, meinen Vater zu besuchen, er ist ein Sterbender,
-und er hat dringend mit Ihnen zu reden.«
-
-Er sah sie mit großen Augen und tieferschreckt an und sagte kein Wort.
-Da errötete sie und begann wieder:
-
-»Nur auf wenige Minuten, er ist ein Sterbender --«
-
-»Ich werde kommen --«
-
-»Ich danke!«
-
-Und sie ging rasch aus der Stube. Regungslos stand er noch auf seinem
-Platz, als sie schon über die Straße zurück war.
-
-Mit Mathias sprach er noch ein paar heimliche Worte, dann ging er nach
-dem Buchenkretscham.
-
-Er traf Schräger und Lotte allein. Der Kranke schloß die Augen, als
-er eintrat, er öffnete ein wenig den Mund, und der schwere, sieche
-Körper hob sich im Stuhl. Lotte lehnte bleich und bewegungslos an einem
-Schrank.
-
-Heinrich ging rasch durch die Stube und streckte dem Kranken die Hand
-bin.
-
-»Guten Tag, Herr Schräger! Wie geht es Ihnen?«
-
-Der erregte Mann sah ihn furchtsam an.
-
-»Danke, ganz gutt -- geht mir's.«
-
-Der Gast setzte sich auf einen Stuhl neben den Kranken und sprach mit
-ihm von seiner Krankheit. Schräger antwortete und fing an, selbst zu
-erzählen. Minute auf Minute verging. Von dem Bekenntnis kein Wort! Da
-blickte Heinrich auf die große Wanduhr und erhob sich.
-
-»Meine Zeit ist sehr knapp. Ich wünsche Ihnen, Herr Schräger --«
-
-»Sie woll'n geh'n?«
-
-Angstvoll fragte es der Kranke.
-
-»Ich muß gehen, ich blieb sonst noch ein wenig bei Ihnen --«
-
-»Ich muß Ihnen -- ich muß Ihnen ja was sagen --«
-
-Ein furchtbarer Schmerzensanfall kam, und Lotte mußte dem Vater zu
-Hilfe eilen. Mit bleichem Gesicht beobachtete Heinrich die Szene.
-
-»Lotte -- Lotte -- sag' -- sag' Du's ihm -- Du's ihm -- ich -- ich --
-ooooh --«
-
-»Was ist denn -- um Gottes willen, was ist denn?«
-
-Lotte wandte sich zu Heinrich. Mit tonloser, schneller Stimme sagte sie:
-
-»Mein Vater hat Ihnen ein Bekenntnis zu machen. Er hat von vornherein
-gewußt, daß mein Bruder die Scheuer angezündet hat, hat es vor der
-Gerichtsverhandlung gewußt -- er hat falsch geschworen -- er wollte den
-Buchenhof -- daher alles -- jetzt wissen Sie's!«
-
-Sie hielt sich an dem Tisch fest; der Kranke starrte auf Heinrich, der
-wie eine Bildsäule dastand.
-
-»Ich hab' -- a Raschdorf reinbringen woll'n -- mit den Aktien -- und
-auch später -- und ich hab' falsch geschwor'n.«
-
-Heinrich setzte sich langsam auf den Stuhl zurück.
-
-»Nu -- nu gehen Sie auf die Polizei -- ich -- ich -- es ist ja doch aus
-mit mir! Aus! Eh' sie mich -- eh' sie mich reinbringen in die Stadt,
-bin ich tot.«
-
-»Schräger!«
-
-Eine lange Pause kam. Die drei Personen starrten sich nur an.
-
-»Und das sagen Sie mir ins Gesicht?«
-
-»Der -- der Tod -- Sie wissen nicht -- wenn man sterben soll, nachher
-wird alles mit einem Male anders -- anders wie sonst --«
-
-»Und Sie haben wirklich meinen Vater in den Tod gehetzt? Sie -- Sie --«
-
-»Nein -- daß -- daß er sich erschießt, das wollt' ich nich -- das
-wollt' ich nich -- bloß -- bloß a Hof -- a schönen Hof!«
-
-Heinrich Raschdorf erhob sich. Ein Fluch schwebte auf seinen Lippen,
-ein Fluch, der den Mann ins Grab und in alle Ewigkeit hinein begleiten
-sollte.
-
-Da kniete Lotte vor ihm und küßte ihm die herabhängende Hand mit
-zuckenden Lippen.
-
-»Und Du, Lotte, Du hast das auch gewußt?«
-
-Es lag ein Entsetzen in dieser Frage.
-
-»Ich weiß es seit der Nacht, da ich fortging.«
-
-Er starrte sie an. Ein Licht ging ihm auf.
-
-»Darum?! -- Darum gingst Du fort? Nicht wegen des Bruders? Wegen des
-Vaters?«
-
-»Ja!«
-
-Er nickte langsam mit dem Kopfe.
-
-»Ja, dann begreif' ich's! Du mußtest gehen! Mußtest! Es ist klar!«
-
-Als ob er sich selbst Rechnung legen müßte, sprach er halblaut vor sich
-hin, und seine Augen stierten:
-
-»Meinen Vater ins Gefängnis -- dem Zuchthause nahe -- in den Tod, uns
-alle ins Elend, in Not, Haß, Feindschaft -- ooh -- sterben Sie --
-sterben Sie, wie Sie wollen, Sie elende Kreatur!«
-
-Lotte sprang auf.
-
-»Nun bitten wir nicht mehr, Vater! Jetzt nicht mehr! Jetzt ist's genug!
-Jetzt haben wir bekannt und gesühnt! Gehen Sie, Herr Raschdorf!«
-
-Er starrte sie an.
-
-»Ja! Gehen Sie, gehen Sie!«
-
-»Nich gehen -- nich gehen -- oooh -- die Schmerzen -- der Tod -- der
-Raschdorf! -- Nich gehen, Heinrich! Die Angst --«
-
-Der Kranke stand auf vom Lehnstuhl, wollte auf Heinrich zu und fiel
-schwer auf den Fußboden.
-
-Eine zuckende, stöhnende, sterbende Masse!
-
-Da kam das Grauen, das stärker ist als alles andere, und einigte
-sie. Gemeinsam faßten sie an und hoben den Kranken in den Lehnstuhl
-zurück. Dessen Gesicht war blau, und seine Hände tasteten in die
-Luft. Und Heinrich Raschdorf, der so dem Tod ins verzerrte Gesicht
-sah, faßte eine maßlose Angst, ein grauenhaft Entsetzen. Es ging ihm
-wie so manchem Unglücklichen: Wenn ein schwerer Schreck die Rinde auf
-dem vereisten Herzen sprengt, dann springt wieder stark und klar die
-heilige Quelle der Barmherzigkeit.
-
-»Herr Schräger, kommen Sie zu sich -- zu sich -- Schräger! Nicht
-sterben, nicht so!«
-
-»Vater! O Gott, hörst Du's? Hörst Du's?«
-
-Er hörte es nicht. Bewußtlos lag er in den Betten. Die Stenzeln kam.
-Sie bemühten sich alle um den Kranken. Keines konnte sprechen, nur
-Heinrich murmelte unverständliche Worte. Da -- nach einer Viertelstunde
-kam Schräger zu sich. Er sah auf Heinrich und stöhnte entsetzt.
-
-»Herr Schräger, geben Sie mir die Hand, es ist alles gut, alles gut!«
-
-Der sah ihn verständnislos an.
-
-»Ich hab' mich bloß übereilt, bloß im ersten Schreck so geredet -- ich
-verzeih' Ihnen ja -- Sie können ruhig sein, ganz ruhig --«
-
-»Ruhig!«
-
-Ein stammelndes Lachen kam dem Kranken vom Munde.
-
-»Der Mathias -- die Lene!« lallte er.
-
-»Sie werden Ihnen auch verzeihen. Soll ich's ihnen sagen, ihnen gut
-zureden? Sollen sie kommen?«
-
-Der Kranke nickte.
-
-»Kommen! Bald kommen!«
-
-Wenige Minuten später war Heinrich im Buchenhofe.
-
-Die Lene weinte heftig. Dann nahm sie den Brautkranz vom Kopfe und ging
-mit Mathias und Heinrich hinüber in den Kretscham.
-
-Der Kranke sah die Eintretenden mit großen Augen an. Er streckte ihnen
-die Hände hin, die sie stumm ergriffen. Dann sank er zurück und schloß
-die Augen.
-
-Stumm und erschüttert standen alle. Die Uhr zählte Schlag um Schlag.
-Sie zählte nicht weit, da war Schräger hinüber. Lotte kniete bei ihm
-nieder, und Heinrich trat zu ihr und legte die Hand auf ihre Schulter.
-
-Die anderen gingen leise hinaus.
-
-Und die Uhr zählte -- zählte.
-
-Schwer und heiß lag seine Hand auf ihr.
-
-Sie erhob sich. Sie drückte dem Vater das eine Auge zu und er das
-andere. Nun lag er mit geschlossenen Augen, nun sah er nichts mehr.
-
-Die beiden Lebenden schauten sich an.
-
-Klein ist die Rache!
-
-Ja, die Menschenrache ist klein!
-
-Er führte sie hinaus.
-
-Draußen auf dem Flur küßte er sie auf die Stirn.
-
-»Der Kampf ist aus, Lotte! Jetzt muß endlich Friede sein!«
-
-Drei Tage darauf wurde Julius Schräger begraben. Neben seinem Sohne
-fand er die letzte Ruhestätte. Nicht weit davon weg lag der alte
-Raschdorf. So waren sie auch im Tode Nachbarn.
-
-Beim Begräbnis standen die Buchenhofleute vollzählig an Schrägers
-Grabe. Und die Dorfgemeinde sah es und erkannte darin ein Beispiel, wie
-Menschen vergeben und vergessen sollen.
-
-Auf dem Heimwege ging Heinrich mit Lotte. Oben am wilden Kirschbaum
-blieb er stehen.
-
-»Lotte, nun frag' ich Dich in dieser schweren, ernsten Stunde das
-dritte und letzte Mal, ob Du mein sein willst!«
-
-Sie erschrak und wollte reden.
-
-»Sprich nicht, Lotte! Was Du dagegen sagen kannst, gilt nichts -- gar
-nichts mehr! Es ist alles oft gedacht, oft leidenschaftlich gesagt
-worden. Ich hab' selber alles gedacht, alles gesagt. Aber Leben und Tod
-haben uns alle widerlegt. Die Väter, die sich gestritten haben, liegen
-dort unten; zwischen uns ist nichts, was uns trennt.«
-
-Der schwarze Schleier flatterte um sie; kalt pfiff der Wind über die
-Felder. Vor ihr lag der Weg in die Fremde, in eine öde, schwere
-Zukunft. Und neben ihr ging der, den sie liebte, und der sie erretten
-konnte von allem Leid, der allein sie aus dieser Nacht führen konnte
-auf die strahlende Straße des Glückes.
-
-Da sprach sie leise:
-
-»Wenn Du mich nach allem noch haben willst -- ich wäre glücklich -- ich
-wär' ja so glücklich!«
-
-Er sagte nichts, er küßte sie nicht, er faßte sie nur fest an der Hand
-und führte sie heim nach dem Buchenhofe.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kapitel 21]
-
-
-Das ist Heimat -- Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft,
-Heimat ist nicht Liebe. Was ist Heimat? -- Der Doktor Heinrich
-Raschdorf sann diesem Gedanken nach, als er an einem prächtigen
-Frühherbstnachmittag viele Jahre später dem Buchenhofe zuschritt.
-
-Er war ein anderer geworden. Das weiche Gesicht hatte einen festen,
-männlichen Ausdruck bekommen. Ein sonniges Lächeln lag in seinen Augen,
-wie man es bei jenen reifen, gefestigten Menschen findet, die sich
-selbst und das Leben überwunden haben, das stille Lächeln, das jene
-haben, die viel lernten und vor nichts mehr so leicht freudig oder
-traurig erschrecken. Ein Stiller, ein Reifer und Kluger war er geworden.
-
-Er war heute unten im Dorfe bei einer armen Kranken gewesen. Wenn er
-nach Hause kam, wollte er anordnen, daß ihr einige Nahrungsmittel
-hinabgesandt würden, das tat am meisten not. Es ist gut, wenn einer
-zugleich Bauer und Arzt ist, da läßt sich manche glückliche Kur machen.
-
-Heinrich Raschdorf liebte seinen neuen Beruf, er hatte auch in der
-Gegend genug Gelegenheit, ihn auszuüben. Aber es blieb ihm zuweilen
-auch ein bißchen Muße, Bauer zu sein wie in alter Zeit.
-
-Der junge Arzt blieb stehen und sah ins Dorf. Dort unten hatte er
-keinen Feind mehr. Lauter Freunde, lauter Verehrer, alles Leute, die
-sich freuten, wenn er mit ihnen sprach. Sogar der junge Riedel grüßte
-ihn.
-
-Heinrich war frei von Selbstgefälligkeit, wenn ihm das Goethesche Wort
-jetzt einfiel:
-
- »Mußt Ruhm gewinnen,
- Werden sich die Leute anders besinnen.«
-
-Er freute sich nur des endlichen Sieges nach so langen Kämpfen.
-
-Ein Wagen kam einen Feldweg entlang. Hannes saß darauf und machte ein
-mißvergnügtes Gesicht. Er hatte den Kretscham mit den dazu gehörigen
-Äckern gepachtet, seit Heinrich auf dem Buchenhofe selbst wieder als
-Herr eingezogen war.
-
-»Nu, Hannes, fährst Du aufs Feld?«
-
-Der brummte.
-
-»Gar nich nötig wär's! 's sind Leute genug draußen, und wenn dann a
-Haufen Gäste in den Kretscham kommt, da is der Mathias alleine zum
-Einschenken. Das is gar keen richtiger Betrieb.«
-
-»Ja, warum fährst Du denn aufs Feld, wenn Du im Kretscham so nötig
-bist?«
-
-»Warum?! Schlaue Frage! Ich werd' mir immerfort von meinem Weibe die
-Gesichter ansehen und das Gebrumme anhören!«
-
-»Aha! Deine Frau --«
-
-Es entstand eine Pause. Heinrich lachte leise vor sich hin, während
-Hannes' Miene sich mehr und mehr umdüsterte.
-
-»Ja, meine Frau! Sie is ja ganz gut und tüchtig, ja -- aber ich och!
-Und kneipen tu ich doch nich; ich unterhalt' mich doch bloß mit a
-Gästen. Na, und das muß a Gastwirt. Sonst is keen Betrieb. Aber die,
-immer aufs Feld, immer aufs Feld jagt sie einen.«
-
-»Sag' mal, Hannes, Du klagtest doch dieser Tage über Kopfschmerzen.«
-
-»Ja, die hab' ich auch noch.«
-
-»Du, dann tut Dir Bewegung in freier Luft sehr gut.«
-
-»Jüh!«
-
-Hannes hieb dem Pferde die Peitsche auf den Rücken und fuhr rasch davon.
-
-Der junge Arzt sah ihm lachend nach. Ein guter, lustiger Kerl war der
-Hannes immer noch. Aber daß er das Regiment in seinem Hause führe,
-konnte nicht gut jemand behaupten. Und es schadete auch vielleicht
-nichts. Die Lene war bei aller Energie in ihren Mann so verliebt, wie
-nur je eine Frau. Sie kamen sehr gut fort in ihrer Wirtschaft. Nicht
-lange mehr, so würde Hannes den Kretscham kaufen können. Dann war
-der Traum des alten Schräger, die beiden Buchenhöfe zu vereinigen,
-endgültig zunichte. Über die Pläne des Menschen, die aufs Geld
-gegründet sind, schreitet die Zeit, die größte Mammonsfeindin, lachend
-hinweg.
-
-Eine hohe Gestalt ragte in der Ferne auf. Das war der Schaffer. Als
-sein Sohn Hannes die Wirtschaft übernahm, zog er mit ihm nach dem
-Kretscham. Aber schon nach acht Tagen kam er nach dem Buchenhofe
-zurück. Er hatte das Heimweh bekommen. Er konnte sich nicht an eine
-neue Wohnung, an neue Wirtschaftsräume und am allerwenigsten an neue
-Felder gewöhnen. Und wieder tat er den bedeutsamen Ausspruch: »A alter
-Kater geht nich weg vom Hofe« -- und blieb Schaffer auf dem Buchenhofe,
-wo er sein Leben lang gehaust hatte. Abends nur ging er manchmal nach
-dem Kretscham und ließ seinen Sohn »etwas verdienen«.
-
-Dann sah er mit Stolz, wie Hannes den Wirt spielte und mehr redete
-als alle seine Gäste zusammen. Am allerschönsten war's immer, wenn
-Hannes von Breslau erzählte, von der herrlichen Soldatenzeit und von
-seinen zahlreichen anderen Besuchen in der Hauptstadt, da Heinrich
-als verheirateter Student mit der Lotte dort gewohnt hatte. Und wenn
-der Schaffer den Sohn also seine schöne Redegabe entfalten sah, ging
-ihm das Herz auf, und er selbst war ganz schweigsam gegenüber solchen
-Talenten.
-
-Der junge Doktor näherte sich den Buchenhöfen. Hannes' zahlreiche
-Nachkommenschaft spielte auf der Straße, und auch sein eigenes,
-dreijähriges Söhnchen war dabei. Sein Einziger! Der Knabe lief ihm
-jauchzend entgegen, und er hob ihn zärtlich auf den Arm.
-
-Der alte Mathias guckte durchs Kretschamfenster. Er war abwechselnd
-bald hier, bald dort, wo er eben gebraucht wurde. Sein Liebling unter
-allen aber war immer noch der Heinrich. Alle Jahre vor der Ernte
-besuchte Mathias einmal bei den Grauen Schwestern seine Liese, und alle
-Jahre zu Weihnachten bekam er einen Brief von ihr. Und ob er selbst alt
-wurde, er war hinaus über alle Bitterkeit und zufrieden mit der Art, in
-der sich die Schicksale um ihn her erfüllt hatten.
-
-Jetzt glänzten seine guten Augen, als er den Heinrich sah.
-
-»Ich bin wieder amal Vize-Gastwirt,« schmunzelte er.
-
-»Ja, ich hab's schon gehört, daß Ihr den Hannes rausgegrault habt.«
-
-»Das nich! Aber 's is ganz gutt so! Wenn a den ganzen Tag und a ganzen
-Abend hier sitzt, red't a sich kaputt! Lange wird a ja nich draußen
-sein. Dann komm' ich zu Euch rüber.«
-
-»Schön, Mathias. Komme nicht zu spät!«
-
-Frau Lotte erschien drüben im Buchenhofe in der Haustür, und Heinrich
-ging mit dem Knaben hinüber und reichte seinem strahlenden, jungen
-Weibe die Hand. Ein Schwarm Wandervögel zog rauschend über sie hinweg,
-weit in die Fremde.
-
-»Siehst Du die Vögel? Nun wird es bald Winter werden.«
-
-»Ich freu' mich auf den Winter,« sagte sie schlicht.
-
-Sie verstanden sich. Ein freundliches, liebes Haus hat bunte
-Zauberfenster. Ewig malt sich durch sie die Welt draußen goldig und
-schön, ob der Regen rinnt oder die Sonne lacht; im Herbst und Winter
-sieht das Auge nichts Trübes durch seine magischen Scheiben.
-
-Er zog sie an der Hand heraus in den Hof. Das Wohnhaus hatte einen
-neuen Anstrich bekommen, und über der Tür war eine Tafel in die Wand
-eingelassen worden, die noch auf eine Inschrift harrte.
-
-Heinrich wies auf die Tafel und sagte:
-
-»Weißt Du, was ich da eingraben lasse?«
-
-Sie sah ihn fragend an, und er schaute ihr ernst, aber mit tiefer
-Liebe in die schönen Augen und sagte langsam und mit jener leisen
-Feierlichkeit, mit der man eine schwer gewonnene Lebensweisheit
-ausspricht:
-
- »_Heimat ist Friede!_«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- _Der Künstler_ soll seine Kunst rein halten wie der Geistliche
- seine Kirche, der Lehrer seine Schule, sonst begeht auch er
- »ein _Verbrechen im Amt_«.
-
- Aus Paul Keller »Hubertus«.
-
-
-Paul-Keller-Bücher
-
- =In fremden Spiegeln= Roman
-
- =Hubertus= Ein Waldroman
-
- =Ferien vom Ich= Roman
-
- =Das letzte Märchen= Ein Idyll
-
- =Die alte Krone= Roman aus dem Wendenlande
-
- =Die Insel der Einsamen= Eine romantische Geschichte
-
- =Der Sohn der Hagar= Roman mit dem Bilde des Verfassers
-
- =Waldwinter= } Romane aus den
- } schlesischen Bergen
- =Die Heimat= }
-
- =Altenroda= Bergstadtgeschichten. 31.--52. Aufl. gebunden
-
- =Die fünf Waldstädte= Ein Buch für Menschen, die jung sind.
- Mit Bildern. Gebunden
-
- =Stille Straßen= Ein Buch von kleinen Leuten und
- großen Dingen. Mit Bildern.
- Gebunden
-
- =Das Kgl. Seminartheater= Ein Stück eigener
- Lebensgeschichte
- und andere Erzählungen. Gebunden
-
- =Von Hause= Ein Päckchen Humor aus den Werken von
- Paul Keller.
- Gebunden
-
- Bisheriger Absatz all. Paul-Keller-Bücher
- =rund zwei Millionen=
-
-
-Bergstadtverlag in Breslau 1.
-
-
-
-
-Nanni Gschaftlhuber
-
-Ein Wiener Roman
-
-von =Anna Hilaria von Eckhel=
-
-6.--10. Auflage gebunden.
-
-... _Wer recht von Herzen lachen will und zugleich innere Erhebung
-sucht, der lese diese Nanni Gschaftlhuber._
-
- Alice Freiin von Gaudy.
-
-... Wer eine so köstliche Figur zu schaffen gewußt hat, wie diese Nanni
-Gschaftlhuber, die alles im Schnellzugstempo erledigt, die das Mundwerk
-und das Herz auf dem rechten Fleck hat, die auf dem Sterbebette
-die Schrecken des Todes über der Liebe des Lebens vergißt, wer das
-Wiener Kleinbürgertum mit soviel Humor so anschaulich und liebevoll
-zu schildern weiß, ohne je trivial zu werden, von dem kann man noch
-Schönes erwarten.
-
- »Was man wissen muß.«
-
-
-Benedikt Patzenberger
-
-Aus der Komödie seines Lebens von =Roland Betsch=.
-
-6.--10. Auflage gebunden.
-
-... Der Leser wird den Eindruck eines echten Kunstwerkes empfangen.
-Kein Dichter und Phantast hat je in seinen kühnsten und sternenfernsten
-Träumen das Leben übertroffen und die Ereignisse verwickelter und
-einfacher gestalten können.
-
- Blätter für Volksbildung, Lesehallen.
-
-... Hier ist ein deutsches, ein fröhliches und ein künstlerisch
-wertvolles Buch! ...
-
- K. von Perfall in der Kölnischen Zeitung
-
-... Ein Werk voll des sprühendsten Witzes ...
-
- Volkslesehalle, Wien.
-
-
-Zwischen Wellen u. Steinen
-
-Novellen von =Anna Hilaria von Eckhel=.
-
-1.--6. Auflage gebunden.
-
-Triest, der Karst und das nahe Küstenland bilden den Schauplatz von
-fünf zu einem Ganzen vereinigten Novellen. Ihnen ist eine kurze
-poesievolle Widmung vorangestellt, die mit den Versen beginnt:
-
- »Zwischen Wellen und Steinen meine Wiege stand,
- Zwischen Wellen und Steinen: mein Kindheitland!«
-
-und mit jeder weiteren Zeile deutlich macht, mit welch großer
-Liebe Anna Hilaria an ihrer Heimat hängt. Ihr sind die Stoffe zu
-den Erzählungen entlehnt. In jeder ist ein tiefernstes Problem in
-herzbewegender Weise gelöst ...
-
- Wiener Zeitung.
-
-... Die Handlung ist immer spannend, so daß sie den Leser zum seelisch
-bewegten Miterleben fortreißt ...
-
- Bayrischer Kurier.
-
-
-Die Eine Liebe
-
-von =Annie Herzog=.
-
-Geschichten vom Haus am Rhein
-
-1.--3. Auflage.
-
-... Schlicht in der Form sind diese Erzählungen, aber durchglüht vom
-brausenden Strom des Blutes, auch die sanfte Heiterkeit fehlt nicht
-darin ...
-
- Hamburger Nachrichten.
-
-Eine frische echte Heimatgabe! Frisch in Formen und Farben! In »Semele«
-erzählt die Verfasserin in stiller versonnener Dämmerstunde die
-keusch selige und unselige Studentenliebe, die Züricher Universität,
-das Restaurant »Rigiblick«, der Zürichberg erhält Leben und Seele.
-Plastisch wie aus Marmor und lebenswahr und -warm ist die Gestalt der
-Großtante am Rhein, skizzenhaft umrissen ihr Häuschen; durch sie, wie
-durch »Fräulein Doktor«, die »Stille Geschichte« geht die eine Liebe,
-die Frauenliebe, die in Sturm und Stille treu bleibt -- zum Tode, nein:
-über das Grab hinaus.
-
- Illustr. Schweizer Hausztg.
-
-
-Bergstadtverlag in Breslau 1
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Der Schmutztitel
- wurde entfernt. Zur besseren Navigation wurden unsichtbare
- Kapitelüberschriften ergänzt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 65: s eh → seh
- Na, {seh} och, was a für graue Haare gekriegt hat
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEIMAT ***
-
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-Archive Foundation
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's web site
-and official page at www.gutenberg.org/contact
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-Literary Archive Foundation
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